A Ne da Prietrichs-Gumnnsinm 2u Gassel. 4 Unir-Bibl Jahresbericht über das vchuljahr 1894 95 V von dem Direktor „ Dr. Friedrich Heußner. 3 I Voraus geht eine Abhandlung des Profeſſors Adolf Stoll 1 über den Hiſtoriker Friedrich Wilken. Abt. II. CAAOESoͤN; Caſſel, 1895. V 2 Druck von L. Döll.§ 5 1895. Progr. Nr. 388. 1816—1823. Bereits unterm 18. Dezember 1814 hatten Rektor und Senat der Univerſität Berlin in einem Berichte an das Departement des Kultus im Miniſterium des Innern die Notwendigkeit einer Reform der Königlichen Bib⸗ liothek, die ſich in nicht geringer Verwirrung befand, aus⸗ einandergeſetzt, einer Reform, die unabweisbar ſei, wenn dieſe Anſtalt ihrem Zwecke und dem Gebrauche, den die neubegründete Univerſität von derſelben zu machen habe, ent⸗ ſprechen ſolle; als Haupterfordernis war dabei eine kräftige und ausſchließlich dem Inſtitute gewidmete Direktion hinge⸗ ſtellt worden. Als vorzüglich geeignet zur Übernahme einer ſolchen wurde ſchon damals neben dem bekannten Germa⸗ niſten G. F. Benecke in GCöttingen auch Friedrich Wilken genannt. Leiter der Anſtalt war in jener Zeit ſeit 1784 der im 66. Lebensjahre ſtehende, auch als Schriftſteller bekannte Bibliothekar J. E. Bieſter, mit Nicolai ein Hauptvertreter der„Berliner Aufklärung“, ein Mann, der ſich manche Verdienſte um die Bibliothek erworben hatte und den man daher, obwohl er der größeren Aufgabe nicht mehr ge⸗ wachſen war, durch Entlaſſung oder Penſionierung nun nicht kränken wollte. Da ſtarb dieſer am 20. Februar 1816, und noch am ſelben Tage erneuerten Rektor und Ober⸗Bibliothekars und Profeſſors bey der Univerſität, wozu ohne Senat in einer zweiten Eingabe ihren früheren Antrag. Zwar bewarb ſich nunmehr der bisherige zweite Bibliothekar Henry um Bieſters Stelle, und es ſcheint auch, als ob er Hardenberg für ſich zu gewinnen gewußt habe, der wenigſtens den damaligen Chef des Kultus⸗Departements, von Schuckmann, eſſuchte, ſich vor Wiederbeſetzung der⸗ ſelben mit ihm zu benehmen. Indeſſen beabſichtigte Schuck⸗ mann keinen der vier damaligen Bibliotheksbeamten in dieſe Stellung zu befördern. In ſeiner Antwort an den Staats⸗ kanzler erklärt er, Henry ſei derſelben nicht gewachſen, auch der bisherige dritte Bibliothekar, Buttmann, ſei trotz ſeiner Gelehrſamkeit nicht dafür geeignet ¹), der Cheva⸗ ¹) Es fehlte Buttmann an der nötigen Ordnungsliebe; ich laſſe es alſo dahingeſtellt, ob es in allen Punkten zutrifft, wenn A. Butt⸗ mann in der Allg. D. Biogr. von ſeinem Vater erzählt:„Seine liebſte und tägliche Beſchäftigung war fortwährend die auf der König⸗ lier Liàno, der bisherige vierte Bibliothekar, ſei gar nicht zu gebrauchen, und Spiker, als der jüngſte, ſei ſelbſt⸗ redend nicht zu berückſichtigen. Während Schuckmann nun zunächſt den Profeſſor J. S. Vater in Königsberg, den Vorſtand der dortigen Univerſitäts⸗Bibliothek, ins Auge faßte, über den auf des Miniſters Aufforderung der Oberpräſident von Auerswald auch einen ſehr günſtigen Bericht einſandte, wandte er ſich doch bald auf die Anregung de Wettes lieber Wilken zu. Inzwiſchen hatte nämlich de Wette, den es noch ſehr ſchmerzte, fünf Jahre vorher, wenn auch in beſter Abſicht, Wilken eine Enttäuſchung bereitet zu haben(ſ. o. S. 22, Sp. 2), und der ſchon durch ſeine Beiträge zu den Heidelberger Jahrbüchern in Verbindung mit ihm geblieben war, in dem oben(ſ. S. 30, Sp. 2) erwähnten Briefe vom 2. März 1816, der den Adreſſaten freilich erſt in Rom erreichte ¹), einem lichen Bibliothek, deren leitende Seele er nach Bieſters 1816 erfolgtem Tode blieb, obwohl er in richtiger Würdigung ſeines Veſens die Stelle eines erſten Bibliothekars beharrlich ausſchlug und ſtatt ſeiner den berühmten Hiſtoriker Friedrich Wilken in Vorſchlag brachte.“— Das Verhältnis zwiſchen beiden Gelehrten und ihren Familien war jedenfalls ſtets das beſte. ¹)„Haben Sie Luſt“, heißt es darin,„die doppelte Stelle eines Zweifel auch noch die eines Mitgliedes der Kgl. Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften kommen wird, anzunehmen? In Anſehung des Gehaltes wird man Sie zu entſchädigen, gewiß auch zu verbeſſern ſuchen. Nehmen Sie zuerſt an, daß Sie von der ganzen Univerſität einmüthig ver⸗ langt ſind— alle hoffen von Ihnen die Herſtellung der Bibliothek und werden Sie gern als Hiſtoriker und Orientaliſt thätig ſehen. Unſer Corpus iſt nicht vom ſchlechteſten Geiſte beſeelt, und es iſt ehrenvoll, von einem ſolchen Verein einmüthig gleichſam mit offenen Armen erwartet zu werden! „Sodann der Auftrag, eine Bibliothek, welche mit der Göttinger wetteifern ſoll, einzurichten, zu ſchaffen. Sie ſollen der Schöpfer dieſes Werkes ſeyn, auf Sie ſind aller Augen ſehnend gerichtet, nur auf Sie iſt alles Vertrauen geſetzt! Ich darf ſagen, daß es für Sie im Namen der Viſſenſchaft Pflicht iſt, dieſem Rufe zu folgen, ohne Sie kann das nicht geſchehen, was geſchehen ſoll.“ Er bittet ſodann ihn nicht bloßzuſtellen, da er immer verſichert habe, Wilken ſei zu kommen bereit, und da auf ſeine Anregung die Sache ſo weit ge⸗ diehen ſei.„Es könnten freilich“, fährt er fort,„Umſtände eingetreten ſein, die Ihnen die Neigung hierher zu kommen benommen haben 5* ihm erteilten Auftrage gemäß vertraulich ſich bei Wilken er⸗ kundigt, ob er jetzt geneigt ſei einen erneuten Ruf nach Berlin anzunehmen. Wilken hatte am 5. April von Rom aus geantwortet und ſich bereit erklärt dem Rufe zu folgen; dazu beſtimme ihn, ſchreibt er, ganz beſonders die Hoff⸗ nung, hinſichtlich eines wiſſenſchaftlich anregenden Umgangs unendlich zu gewinnen. Dieſen Brief hatte de Wette dem Miniſter vorgelegt, und daraufhin berichtete dieſer nun unter dem 24. Mai 1816 an den König und beantragte Wilkens Ernennung. „Vor allen ſcheint,“ ſo heißt es in dieſem Schriftſtück, „der Profeſſor Wilken in Heidelberg Berückſichtigung zu verdienen. Er hat in den Fächern der Geſchichte und der orientaliſchen Litteratur durch Vortrag und Schriften ſich einen wohlbegründeten Ruf erworben, und die von ihm angefangene und vollendete muſterhafte Organiſation und Ordnung der bedeutenden Heidelberger Univerſitätsbibliothek zeugt von ſeiner Thätigkeit und ſeiner umfaſſenden prak⸗ tiſchen Kenntnis des Bibliotheksweſens.“ Der Antrag war auf Wilkens Ernennung zum erſten Bibliothekar mit einem Jahrgehalt von 750 Thalern und zum ordentlichen Pro⸗ feſſor in der philoſophiſchen Fakultät mit 1000 Thalern jährlichen Gehalts gerichtet. In Heidelberg wieder eingetroffen, fand Wilken auch einen Brief Boeckhs vor, der beauftragt war ihm gleich falls zuzureden und ſich dieſes Auftrags auch geſchickt ent⸗ ledigte.„Ich glaube nicht“, ſchreibt dieſer am 1. Mai,„daß der Gelehrte irgendwo ſo angenehm als hier und in einem ſo freien wiſſenſchaftlichen Umgange leben kann; ſoll ich nicht allein nach mir, ſondern auch nach allen übrigen urtheilen, ſo werden Sie es niemals bereuen, hierher ge⸗ kommen zu ſein, wenigſtens iſt kein einziger unter allen Profeſſoren hier mit ſeiner Lage unzufrieden. Ohne Zweifel wird auch die Akademie der Wiſſenſchaften, ſobald Sie den könnten: bedenken Sie aber, unter welchen weit günſtigeren Umſtänden als im J. 1811 Sie hierher gehen würden! Damals war alles in ahnender banger Erwartung, und der Boden ſchwankte unter den Füßen. Sollten jetzt auch noch ſtürmiſche Zeiten kommen, ſo ſind uns dieſe gerade erwünſcht, ein vollkommener Friede iſt uns noch nicht heilſam, der gute Geiſt muß erſt noch mächtiger und die alten Feig⸗ und Finſterlinge, die ſich jetzt wieder erheben wollen, in ihr Nichts zurückgeſchreckt werden. Für das Ganze aber iſt nichts zu fürchten, Preußen iſt durch ſeine innere Kraft unüberwindlich. Und welche Ausſichten eröffnen ſich für die Künſte und Viſſenſchaften! Der König hat von ſeinen Feldzügen große liberale Ideen mit⸗ gebracht, wohin die Errichtung eines Muſeums, der Bau einer großen Kirche gehört. Die Bibliothek muß auch weit größer werden, und Sie ſollen der Baumeiſter ſeyn!“— Dieſe begeiſterten Zeilen be⸗ rühren eigentümlich, wenn man daran denkt, daß wenige Jahre nach⸗ her ihr Schreiber aus Berlin ins Elend wandern mußte! 36 Ruf hierher angenommen haben, Sie zum Mitglied ernennen, da Sie bisher Correſpondent waren und als Hiſtoriker eine weſentliche Lücke ausfüllen. Auch ſcheint es mir doch unvermeidlich, daß Heidelberg abnehmen wird, zumal die juriſtiſche Dreieinigkeit ¹) auseinandergeriſſen iſt und nur noch eine Perſon dieſer Gottheit dort ihren Sitz hat. Allerdings werden hier durch die hohen Preiſe der Studenten⸗ wohnungen vorzüglich die Theologen verſcheucht, welche die Halliſchen Freitiſche unwiderſtehlich anlocken; aber unſere Anzahl im Ganzen iſt doch bedeutend, jetzt ſchon über 500. Hoffentlich ſollen ſich auch die politiſchen Verhältniſſe aus der Stagnation, in welche ſie gerathen ſind, wieder hervor⸗ arbeiten.“ Auch von de Wette liefen neue Briefe vom 7. Mai und vom 1. Juni ein, in denen er weiter zuredet.„Schleier⸗ macher,“ heißt es in dem erſten,„läßt Sie grüßen und Ihnen ſagen, daß Sie auf die Erwählung zum Mitglied der Akademie zählen können, und daß Ihnen demzufolge ein Gehalt von anfangs 200 Thlr.(wenigſtens nach einem Jahr), worüber der Miniſter nicht zu disponieren hat, gewiß iſt.“ In Heidelberg hatte ſich in der Zwiſchenzeit, vielleicht gerade durch Boeckhs Beziehungen zu ſeiner badiſchen Heimat, die Nachricht von dem an Wilken ergangenen Rufe ſo verbreitet, daß dieſer zu ſeiner peinlichen Verlegenheit von vielen Seiten mit Fragen angegangen wurde, ohne ſie doch, bevor er etwas Offizielles darüber in Händen hatte, aufrichtig beantworten zu dürfen. Beſonders drückend war ihm dies Reizenſtein gegenüber, dem er für ſein hohes Wohlwollen beſonderes Vertrauen ſchuldig war. De Wette, dem er ſeine Bedrängnis ſchilderte, ſtellte daher dem Miniſter vor, daß durch eine Verzögerung Wilken leicht wieder ver⸗ loren gehen könne, und ſo erging denn unterm 3. Juni wirklich eine vorläufige Benachrichtigung von ſeiten Schuck⸗ manns an dieſen, daß ſeine Ernennung mit dem oben⸗ erwähnten Gehalte, neben dem ihm auch eine ziemlich be⸗ queme Wohnung im Bibliotheksgebäude angewieſen und eine Reiſeentſchädigung von 500 Thalern bewilligt werden ſolle an allerhöchſter Stelle beantragt worden ſei. Am 19. er⸗ teilte auch der König dieſem Antrag des Miniſters die Ge⸗ nehmigung,„da er ſich von der Nothwendigkeit überzeuge, einen durch ſeine Eigenſchaften bewährten Gelehrten an die Stelle des erſten Bibliothekars zu ernennen“ ²). Unter dem 27. Juni wurde Wilken endlich ſeine Ernennung in einem ¹) Heiſe und Martin hatten Heidelberg verlaſſen, Thibaut blieb zeitlebens da. ²) In derſelben Kabinettsordre wurde auch die von dem Biblio⸗ thekar Henry nachgeſuchte Dienſtentlaſſung ausgeſprochen; derſelbe führte 37 von Nicolovius unterfertigten Miniſterialſchreiben kund⸗ gethan und eine baldige Erklärung über die Annahme erbeten. Wenn nun auch die gehoffte Verbeſſerung ſeiner äußeren Lage den Erwartungen Wilkens nicht voll ent⸗ ſprach, zumal da ihm auf die Kunde ſeiner Berufung nach Berlin auch von der badiſchen Regierung eine Gehalts⸗ erhöhung von 300 Gulden angeboten worden war, ſo erklärte er doch am 14. Juni auf de Wettes Rat ¹) ſich damit begnügen zu wollen, wenn ihm nur eine Erhöhung ſeiner Bezüge innerhalb einer angemeſſenen Zeit zugeſichert werde; auch bat er um eine gewiſſe Entſchädigung für den bei dem raſchen Verkauf ſeines Hauſes zu erwartenden Verluſt, wie ſie ihm etwa durch frühere Anweiſung ſeines Gehalts zugewandt werden könne, und machte endlich noch die Vor⸗ teile geltend, die ſeine Heidelberger Stellung für den Fall ſeines Todes ſeinen Hinterbliebenen verbürge, für die er ſchon das Recht auf Bezug von 400 Thalern erworben habe. Auch ſei es nicht angängig, daß er, dem Wunſche des Miniſters folgend, ſchon im Herbſt 1816 ſein neues Amt antrete, da er von der badiſchen Regierung zu gut behandelt worden ſei, als daß er ſie durch einen ſo plötz⸗ lichen Abgang in Verlegenheit bringen dürfe, die um ſo ſtärker ſein würde, als durch den Abgang von Fries auch das philoſophiſche Fach im nächſten Winter verwaiſt ſein werde. Ferner habe er wegen ſeiner Reiſen nach Paris und Rom ſchon in drei Halbjahren ſeine Vorleſungen nicht vollſtändig halten können und müſſe dies noch aus⸗ indeſſen die 1794 ihm übertragene Aufſicht über die Sammlungen der Münzen und der Antiken weiter. S. Gelehrtes Berlin, 1825, S. 102 f. Liäno wurde 1822 aus dem Dienſt entlaſſen und zog nach Neuwied, wo er erſt nach Wilkens Tode geſtorben iſt. Dieſer hatte bis zu deſſen Abgang viele Not mit dem ſpaniſchen Kollegen, der an keine Ordnung zu gewöhnen war; einmal mußte derſelbe ganze Waſchkörbe voll Bücher aus ſeinem Hauſe wieder in die Bibliothek ſchaffen, da er über dieſelben keine Entleihſcheine ausgeſtellt hatte.— Varnhagen, Blätter aus der preuß. Geſch. II. 237 erzählt darüber:„Herr Liagno iſt mit Genuß ſeines Gehaltes auf mehrere Jahre nach Paris gegangen; er hatte 1800 Bände von der Bibliothek zu ſich nach Hauſe genommen, viele ſind verſchleppt, vielleicht verloren. Wilken hat ihn mehrmals bei der Behörde verklagt, aber niemand wollte ihm etwas anhaben, da man ihn ſehr in der Gunſt des Königs wußte; der Kronprinz ſoll fortwährend ſein großer Gönner ſein; dabei iſt Liagno ein heftiger Liebhaber der ſpaniſchen Revolution und Conſtitution und ſpricht offen in dieſem Sinn.“— Er ſchied im Zorn von Wilken, ſah aber ſpäter ſein Unrecht ein und ſuchte ſich der Familie wieder zu nähern. ¹) In einem Briefe vom 2. Juli, in dem er ihm auch rät die unmittelbare Unterſtellung unter das Miniſterium zu verlangen und ihm über die Bibliothekare die nötigen Mitteilungen macht, ſo z. B., Buttmann ſei ſelbſt ſo vernünie zu wünſchen, daß Wilken das Direktorium erhalte. zugleichen ſuchen; zudem habe er auch noch einige Biblio⸗ theksarbeiten angefangen, die er weder unvollendet liegen laſſen noch auch vor dem nächſten Winter beendigen könne. Endlich bedingte er ſich aus, als Bibliothekar hinſichtlich der Neuanſchaffungen ſelbſtändig verfügen zu dürfen, in der Leitung der Anſtalt nicht an eine Kommiſſion gebunden, vielmehr direkt dem Departement des öffentlichen Unter⸗ richts unterſtellt zu werden. Daß dagegen ein Mann wie Buttmann, auf deſſen Rat und Beiſtand er ſehr rechne, die unmittelbare Direktion mit ihm teile, ſei ſein dringendſter Wunſch. Darauf ſchrieb Schuckmann, dem de Wette auch dieſes Schreiben Wilkens vorgelegt hatte, am 15. Auguſt, daß durch Einkauf in die Univerſitäts⸗Witwenkaſſe ſeiner Witwe eine jährliche Penſion von 240 Thalern geſichert ſei, die er ſelbſt durch Eintritt in die Allgemeine Witwenverpfle⸗ gungsanſtalt nach Belieben erhöhen und auch auf ſeine Kinder ausdehnen könne. Ein Verſprechen künftiger Zulagen könne er nicht erteilen, werde aber Wilkens Verdienſte nach Möglichkeit gern berückſichtigen; doch müſſe er bitten, wegen des Zuſtandes der Bibliothek mit Beginn des Winter⸗ halbjahres in Berlin einzutreffen, wogegen er ihm ſein Gehalt ſchon vom 1. Juli 1816 ab anweiſen wolle ¹). In einem Schreiben vom 24. Auguſt an den Miniſter ſelbſt, den er ſchon vorher perſönlich kannte ²), nahm Wilken zwar die Stelle unter den genannten Bedingungen an, erklärte es aber für unmöglich, vor Oſtern 1817 ſein Amt anzutreten, da die badiſche Regierung, wie er ſowohl aus vielfältiger Erfahrung, die auch Boeckh beſtätigen werde, ¹) Wilken reichte dann ſpäter in Berlin, am 17. April 1817, noch einmal eine Vorſtellung ein, in der er beſonders geltend machte, daß er beim Verkauf ſeines Hauſes in Heidelberg 800 Gulden einge⸗ büßt, auf den Erlös aus ſeinem Mobiliar in Heidelberg bei deſſen Neubeſchaffung in Berlin etwa 400 Thlr. habe zulegen müſſen, daß er, obwohl er viele Bücher zur Erſparung der Koſten um geringen Preis verkauft, für Transport ſeiner Effekten und ſeine Reiſe allein ſchon 292 Thlr. bezahlt und daß das ihm verwilligte Reiſegeld ſomit kaum ausgereicht habe; daß er ſodann an Bieſters Wittwe etwa 60 Thlr. für zu übernehmende Einrichtungen in deſſen Amtswohnung zu vergüten habe, daß er weiter infolge ſeines Weggangs von Heidelberg nur eine ſehr unvollſtändige Entſchädigung für ſeine Reiſe nach Rom, die ihm ſchon zugeſagte Gehaltserhöhung von 300 Gulden und die gleich⸗ falls von Eichrodt am 9. Juli 1816 ihm verheißene Belohnung von 100 Dukaten überhaupt nicht erhalten habe. Auf dieſe Eingabe hin wies Schuckmann am 1. Mai 1817 Wilken ſein Gehalt ſchon auf den 1. Januar 1817 an. ²) Woher, kann ich nicht feſtſtellen; am 18. April 1812 ſchreibt Arnim an Wilken, aus einer Unterredung mit Schuckmann habe er erſehen, daß Wilken auf diefen als auf einen Freund rechnen könne, wenn er in Berlin etwas wünſchen ſolle. als auch aus ganz beſtimmten ihn ſelbſt betreffenden Äuße⸗ rungen wiſſe, ihn zum Herbſt des Jahres nicht entlaſſen werde. Dagegen erklärte er ſich bereit, die nächſten Herbſtferien in Berlin zuzubringen, um ſich vorläufig vom Zuſtand der Bibliothek zu unterrichten. Nachdem dann der treue de Wette inzwiſchen unermüdlich weiter den Vermittler für den Freund gemacht und bei der Abneigung des Miniſters gegen eine ſolche Verzögerung von Wilkens Amtsantritt einen ſchweren Stand dabei gehabt hatte, ſchreibt Schuckmann dieſem unter dem 5. September, hinſichtlich des fraglichen Zeit⸗ punktes gebe er denn, wenngleich ungern, nach, nehme aber ſein Anerbieten, nach Berlin zu kommen, mit Vergnügen an, da die vorläufige Überſicht, die er ſich von der Biblio⸗ thek verſchaffen werde, nicht anders als von Nutzen für dieſe Anſtalt ſein könne, und werde ihm zu dieſer Reiſe auch die Summe von 300 Thalern anweiſen laſſen ¹). 38 Am 24. September 1816 reiſte denn Wilken für einige Wochen nach Berlin und zwar in Geſellſchaft des alten Komponiſten Karl Friedrich Zelter, der von einer Badereiſe, auf der er auch in Heidelberg ſich aufhielt, nach Berlin heimkehrte ²). Unweit Weimar begegnete ihnen Luiſe Im hoff, die jüngſte Schweſter Amalie von Helvigs in Berlin, die gerade nach Heidelberg zu ihrer damals dort wohnenden älteſten Schweſter Marianne de Ron reiſte ³); Wilken kannte auch Luiſe von Heidelberg her, da er engbefreundet mit Amalie war ⁴), und erhielt ſchon jetzt auf der Landſtraße deren Brief, den erſten Willkommensgruß aus Berlin. Am 28. September kamen ſie in Weimar an. Von dort ſchreibt Wilken dann ſelbſt am 29. an ſeine Frau: „Mein alter Reiſegefährte hat mir die Reiſe gar Sreundes, deſſen Geſpräch über orientaliſche Dinge ohne Zweifel Werth angenehm gemacht; ich weiß nicht, wie die 6 Tage, die wir bis hierher gebraucht haben, verfloſſen ſind; ſeine Heiterkeit und gute Laune iſt unverwüſtlich. Goethe hat mich ſehr freundlich aufgenommen ⁵³); wir kamen geſtern früh kurz ¹) Die ganze Angelegenheit, nächſt den erwähnten Briefen und Urkunden, nach den Miniſterialakten.— Hiernach iſt auch Köpke, Die Gründung der Univerſität Berlin, zu berichtigen, der S. 124 als Datum der Berufung Wilkens den 19. Januar 1816 angiebt. über die Verhandlungen mit dieſem in den Jahren 1810 und 1811 ſagt er nichts. ²) Vergl. Goethes und Zelters Briefwechſel II. 282 ff. ³) H. v. Biſſing, Amalie v. Helvig, S. 371. ¹) Daſ. S. 279. 325. *) Er brachte ihm auch eine Empfehlung von Sulpiz Boiſſerée, der Goethe auch ſchon über Wilkens Pariſer Reiſe Mitteilungen ge⸗ macht hatte(Sulp. Boiſſerée II. 67); unter dem 21. September ſchreibt er an Goethe:„Hofrat Wilken, der als künftiger Bibliothekar in Berlin Zelter begleitet, wünſcht Ihre Bekanntſchaft zu machen; er war zufällig jedesmal verreiſt, als Sie uns hier beſuchten; da er vor 12 Uhr hier an und aßen gleich den Mittag oben bei ihm; er wurde ſelbſt ſehr bald vertraulich, und den Abend, den ich mit ihm in der Comödie war, bin ich faſt nicht aus dem Lachen gekommen über die Schwänke und Poſſen, die er vorbrachte. „Leider hatte aber Goethe mir gleich eine gar traurige Nachricht für meinen guten alten Zelter mitzutheilen und ging mit mir zu Rath über die beſte Weiſe, ſie ihm bei⸗ zubringen. Man hatte Goethe um dieſen traurigen Dienſt gebeten. Seine jüngſte Tochter nämlich, ein Mädchen von 17 Jahren, ſein Liebling, iſt vor wenigen Tagen geſtorben; er hat nicht die leiſeſte Ahnung nur davon, daß ſie krank war; er erzählte mir auf der Reiſe gar viel von dieſer Tochter und von ſeiner Sehnſucht ſie wieder zu ſehen. Eben war er bey mir und ſagte, daß er mir einen Brief an ſie mitgeben wollte, um dieſen in Leipzig auf die Poſt zu ſchicken. Ich reiſe heute noch weiter nach Leipzig; Goethe hat ihn faſt mit Gewalt gezwungen, heute zu ihm zu ziehen, er will ihm dann die Trauerbotſchaft auf die beſte Weiſe beybringen und ihn ſo lange bey ſich behalten als es nur irgend möglich iſt. Wahrſcheinlich werde ich alſo ohne ihn nach Berlin gehn.“ ¹) Den Seinigen hat Wilken ſpäter dann erzählt, daß Goethes warme, herzliche Teilnahme für den unglücklichen Vater wahrhaft ergreifend geweſen ſei²). Einige Stunden war Wilken auch mit Goethe allein, und während derſelben ward viel über orientaliſche Litteratur geſprochen; für dieſe intereſſierte ſich Goethe damals um ſo mehr, als er von 1814— 18 ſeinen„weſtöſtlichen Divan“ dichtete. Am Abend mit Zelter reiſt, ſo bedarf es keiner weiteren Empfehlung dieſes für Sie haben wird.“ Sulp. Boiſſerée II. 138. ¹) Über dieſen Beſuch Zelters und Wilkens ſchreibt auch Goethe an Sulpiz Boiſſerée(a. a. O. II. 143):„Es ſoll mir eben diefes Jahr nichts von Glück ſchlagen. Indem ich Zeltern mit Verlangen erwarte, kommt ein Brief von Berlin, der den Tod ſeiner jüngſten und liebſten Tochter ankündigt, die ihm als haushaltend ſo nötig war. Das mußte ich ihm nun zum Empfang melden. Zwar, wie Sie ihn kennen, ſtand er bei dieſem Schlag wie eine alte Eiche, der es auf einen Aſt mehr oder weniger nicht ankommt. Ich von meiner Seite holte hervor, was ich vermochte, um irgend ein augenblickliches Intereſſe zu erregen, nach zwei Tagen eilte er Herrn Wilken nach und ſo endigte ſich eine heitere und glücklich vollbrachte Reiſe an einem Trauervorhang.“ Goethe hat auch in den„Tages⸗ und Jahres⸗ heften“, Hempel'ſche Ausgabe Bd. 27, S. 228, der Begegnung mit Zelter und Wilken gedacht.— ²) Die erſte Mitteilung über ſeinen Verluſt machte Goethe dem unglücklichen Vater doch ſchriftlich; der Brief, mit dem er jenes Schreiben von Zelters Schüler Lichtenſtein begleitete, findet ſich im Briefwechſel Goethes mit Zelter, herausgeg. von Riemer, II. 318, dieſes letztere daſelbſt S. 318— 20. habe Goethe, ſo erzählte Wilken weiter, in der Loge des Theaters, in dem Körners Trauerſpiel„Roſamunde“ ge⸗ geben wurde, geiſtigen Getränken ſehr lebhaft zugeſprochen und ſei ſehr ausgelaſſen in ſeinen Reden geworden. Montag den 30. September traf Wilken in Leipzig bei der Familie Kunze ein, mit der auch Sophie Tiſchbein Ein nach dem Tode ihres Mannes zuſammengezogen war. gewiſſes Intereſſe für Wilkens damalige äußere Erſcheinung bietet ein Brief Betty Kunzes vom 2. Oktober an ihre Schweſter in Heidelberg, in dem es heißt:„Wilken hat eine ſtattliche Corpulenz erworben, daß ich ganz ſtutzig ge⸗ worden bin; er bekommt noch einen rechten Prälaten⸗ bauch!“ Über andere Einzelheiten der Berliner Reiſe, ihre .Dauer, Ergebniſſe, über Bekanntſchaften, die er am künftigen Heimatsort etwa gemacht, liegen ſonſt keinerlei Mitteilungen vor. Nur an einen unangenehmen Vorfall wurde er ſpäter Jahre lang immer wieder in peinlichſter Weiſe erinnert: die 39 kaum erhobene Reiſeentſchädigung von 300 Thalern wurde ihm nämlich aus einer Kommode ſeines Zimmers im Hotel QDarſtellung noch erwas unbeholfen ſei, als fleſsiger Forſcher de Rome geſtohlen, und es entſtand über die Frage, wer den Schaden zu tragen habe, ein Prozeß, der ſich bis zum 9. März 1820 hinzog und damit endete, daß der Hotel⸗ mußte, manches Verſehen im einzelnen mit unterlief, iſt nicht zu verwundern ¹). Unterm 7. Januar 1817 erhielt Wilken die nach⸗ geſuchte Entlaſſung aus dem badiſchen Staatsdienſte mit Bezeugung beſonderer Zufriedenheit„über ſeinen im Groß⸗ herzoglichen Dienſt bezeigten Eifer und gute Kenntniſſe.“ „Ihre Entlaſſung,“ ſchreibt Staatsrat Eichrodt am 9. Januar 1817,„iſt ganz anders gefaßt als jene für Herrn Martin und Herrn Profeſſor Fries, und ich hoffe, Sie werden damit vollkommen zufrieden ſein und auch daraus den Beweis entnehmen, daß man mit Ihren ſo vielfältigen, nützlichen und erſprießlichen Dienſtleiſtungen zufrieden war und daß wir Sie äußerſt ungern verlieren.“ Über die Wiederbeſetzung ſeiner Stelle hatte Eich⸗ rodt ſich ſchon vorher Wilkens eigene Ratſchläge erbeten und von dieſem die Antwort erhalten, unter den damaligen Hiſtorikern kenne er nur einen, der auch zugleich Biblio⸗ thekar ſein könne, nämlich Friedrich Chriſtoph Schloſſer in Frankfurt, der ſich um die dortige Stadtbibliothek viele Verdienſte erworben, in der Geſchichte ſich, wenn auch ſeine gezeigt habe, auch Lehrer der Geſchichte am Frankfurter beſitzer Kerſten in allen Inſtanzen zur Erſetzung der Summe und in alle Koſten verurteilt ward. Über die augenblick⸗ liche Verlegenheit half ein Vorſchuß von 200 Thalern weg, Raumer in Breslau und Dahlmann in Kiel.„Der erſte den Schuckmann bereitwillig anwies. Vor dem 20. Oktober iſt Wilken, wahrſcheinlich auch wieder auf demſelben Wege, nach Hauſe gereiſt ¹). dann in Heidelberg noch die mehrerwähnte„Geſchichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der Heidelberger Bücherſammlungen“ aus, die im folgenden Jahre noch vor ſeinem Abgange nach Berlin erſchien. mit der der vielbeſchäftigte Mann, ohne ſich auf viele Vor⸗ arbeiten anderer ſtützen zu können, dieſe immerhin verdienſt⸗ liche und auch heute noch nicht wertloſe Arbeit anfertigen ¹) Siehe Goethe⸗Zelters Briefwechſel II. 325, wo der Alte unterm 20. Oktober ſchreibt:„Wilken iſt abgereiſet ohne von mir Ab⸗ ſchied zu nehmen, ich wollte ihm einen Brief mitgeben; man hat ihm hier 300 Thaler aus ſeinem Hotel geſtohlen; doch ſoll er überwieſen ſeyn ſeine Stube zweimal nicht(ſoll heißen: nicht zweimal) verſchloſſen zu haben. Der Fall iſt höchſt unangenehm, und in Heidelberg werden ſie ſagen, daß es in Berlin nichts wie Diebe gibt. Doch was geht das mich an? Ich habe 100 Friedrichsd'or verreiſet und ſie mir vor⸗ her verdienen müſſen. Er hat die 300 Rthlr. zur Reiſe aus der Caſſe angewieſen bekommen.“ Lyceum oder der von dem vormaligen Großherzog gegrün⸗ deten Akademiſchen Anſtalt und bei ſeinen Zuhörern ſehr beliebt geweſen ſei. An zweiter Stelle empfiehlt er Luden in Jena, iſt ſehr geſchätzt wegen ſeines ſchönen belebten Vortrags, wenn er auch nicht eigentlich zu den gelehrten Hiſtorikern zählt und zuweilen ſehr phantaſtiſch iſt. Der zweite iſt beſonders ein ſehr Im Laufe des Winters 1816/17 arbeitete Wilken Daß bei der Eile guter Politiker und könnte außer den hiſtoriſchen Vorträgen unendlich beſſere und nützlichere kameraliſtiſche und politiſche Collegia leſen, als bisher hier geleſen worden; der dritte iſt ein noch junger Mann, der außer einigen Aufſätzen in ¹) Berichtigungen im einzelnen ſ. Zang emeiſter, Bericht über die Bibliothek vom 10. Juni 1875(als Manuſtkr. gedruckt) S. 25; vergl. auch daſelbſt S. 4 u. 5. Über den Irrtum Wilkens, infolge deſſen er in Paris bloß 38 ſtatt 39 Handſchriften reklamierte(ſ. o. S. 27, Sp. 1, A. 4) und ein koſtbarer Vergilkodex(Palat. Lat. Nr. 1631) wieder nach Rom wanderte, ſ. Beil. z. Allg. Zeitung Nr. 30 vom 30. Januar 1876, beſonders Fortſetzung S. 447; über 13 hebräiſche Manuſkripte aus der Palatina, die denſelben Weg gingen, ſ. Allg. Zeitung Nr. 310 vom 6. November 1862; über die eine nicht voll⸗ ſtändig zurückgegebene Handſchrift der Anthologie, von deren letzten 48 Blättern die badiſche Regierung auf Anregung und unter Leitung Zangemeiſters wenigſtens die genaueſten Photogramme herſtellen ließ, die dann ſamt Negativen an die Heidelberger Bibliothek überwieſen wurden, ſ. Allg. Zeitung daſ. S. 448 und den erwähnten Bericht Zangemeiſters S. 5 f. Vergl. auch Toepke, Die Matrikel der Uni⸗ verſität Heidelberg I. 655 A. 3 ff., 656 A. 5, 660. 663. 665, A. 4. den Kieler Blättern, ſoviel mir bekannt, noch nichts ge⸗ ſchrieben hat; aber nach ſehr gewichtigen Urtheilen ¹) iſt er ein Mann von vielen Talenten.“ Wenn einer der drei letzten berufen werden ſollte, ſo müſſe die Direktion der Bibliothek von der hiſtoriſchen Profeſſur getrennt werden; in dieſem Falle ſchlage er für das erſte Amt Hegel vor, rate jedoch, Creuzer die Aufſicht über die zurückgebrachten lateiniſchen und griechiſchen Handſchriften anzuvertrauen, da ſich dieſer andernfalls ſicherlich ſehr gekränkt fühlen werde ²). Durch den Abgang des vielſeitigen Mannes war auch noch ein drittes Fach verwaiſt; für die Profeſſur der alt⸗ teſtamentlichen Exegeſe und der morgenländiſchen Litteratur ſchlug Wilken daher endlich den Dr. J. F. Winzer’) vor. Doch wurde für dieſes Fach kein beſonderer Dozent berufen; vielmehr teilten ſich Paulus und Lauter in die be⸗ treffenden Vorleſungen. Eichrodt hatte früher ſchon mit dem Hiſtoriker Hüll⸗ mann unterhandelt; dieſer ſagte aber im letzten Augen⸗ blicke ab und ging nach Bonn; auf Raumer reflektierte er nicht, weil dieſer gerade in Italien war und die Unterhand⸗ lungen mit ihm ſich aus dieſem Grunde zu ſehr in die Länge gezogen hätten. Auch mit Luden zerſchlugen ſich die Verhandlungen, und ſo griff man auf Schloſſer, der auch bekanntlich den Ruf annahm und bis zu ſeinem Tode im Jahre 1861 mit wachſendem Ruhme die geſchichtliche Profeſſur in Heidelberg bekleidete, wenn er auch nach dem Jahr 1852 nicht mehr geleſen hat. Er übernahm auch zunächſt die Bibliothek, gab ſie aber 1825 wieder auf). ¹) Es wird wohl dasjenige ſeines Freundes Thi baut ſein, der in den Heidelberger Jahrb. 1815 S. 1009 die Kieler Blätter mit höchſter Anerkennung beſpricht. S. über die allerdings klaſſiſchen Auf⸗ ſätze Dahlmanns auch die Rede von L. Weiland, J. C. Dahl⸗ mann, 1885, S. 8 u. 9, und Spring er, Dahlmann, I. 86.— Mit Wilken zugleich empfahl auch der eben von Kiel nach Heidelberg be⸗ rufene K. Th. Welcker ſeinen Frennd Dahlmann dem badiſchen Dezernenten zur Berufung. Der ſagte auch zu, wenn Luden ab⸗ lehne, mit Dahlmann verhandeln zu wollen, trat aber dann doch mit Schloſſer in Verbindung.- Übrigens wäre Dahlmann doch ſchwerlich gekommen, ſ. Springer I. 104, 5. ²) Über Creuzers Intereſſe für dieſe ſ. ſeine Selbſtbio⸗ graphie S. 100 f. ²) Über ihn ſ. Herzogs Real⸗Encyclopädie. ⁴) Schloſſer ſtand mit Wilken durch die Heidelberger Jahr⸗ bücher in Verbindung, für die er einige Rezenſionen eingeſandt hatte, kam auch alle Jahre zweimal nach Heidelberg, wo auch Creuzer und Daub ihm nahe ſtanden; ſ. ſeine Selbſtbiogr. b. Vahlen II. 64. 69. 74. über ſeine Berufung und die erſte Zeit ſeines Heidelberger Lebens erzählt Schloſſer daſelbſt S. 75:„Unvermuthet ward Wilken von Heidelberg weggerufen; Wilken ſelbſt, beſonders aber Creuzer und 40 Ein Jahr nach Wilken ging auch Hegel nach Berlin; überhaupt wurde Heidelberg, wie Creuzer a. a. O. S. 94 ſchreibt,„nachgerade als Pflanzſchule für Berlin betrachtet, und wir mußten treffliche Männer an dieſe neugeſtiftete Univerſität abgeben, Böckh, Wilken, Marheineke, Neander, de Wette und ſpäterauch Hegel.“ Wohl waren alſo manche guten Freunde des Wilken⸗ ſchen Hauſes in den letzten Jahren von Heidelberg geſchieden, und die Zahl der ihm näher ſtehenden Familien war kleiner geworden; auch mochte es in der nach mehreren Lagern auseinandergehenden Heidelberger Geſellſchaft nicht an allerlei Kabalen und Klatſchereien fehlen ¹); aber die Trennung von der reizvollen Neckarſtadt und den befreundeten Fa⸗ milien, beſonders derjenigen Thibauts und Nägeles, bewegte das gegen Ende März 1817 ſcheidende Ehepaar doch auf das ſchmerzlichſte. Auf der Reiſe indeſſen, die ſie über Gelnhauſen, Fulda, Eiſenach, Weimar, wo auch Goethe ein kurzer Beſuch gemacht wurde*), und Leipzig führte, wo man einen Tag bei Karolinens Mutter und der Familie Kunze blieb, brach die gute Laune alsbald wieder durch, und wohlbehalten kam man am 2. April in Berlin an. Schon in den nächſten Tagen konnte die Familie aus dem Hotel„Zur Stadt Petersburg“ unter den Linden in Wilkens Amtswohnung überſiedeln, die in dem unmittelbar an die Bibliothek ſtoßenden, auch heute noch als Nr. 40 bezeichneten Hauſe der Behrenſtraße belegen und wenigſtens nach des Miniſters Schuckmann Ausdruck„ziemlich bequem“ war; dies Haus bildete damals den gewöhnlichen Eingang Daub wünſchten mich an ſeine Stelle, und ich erhielt im Juni 1817 den Ruf, dem ich im September folgte. Wilken hatte mir manches vor⸗ ausgeſagt, was ich nachher völlig beſtätigt fand. Er hinterließ mir eine Bibliotheksdirektion mit 5000 Gulden Schulden und 1500 Gulden fixe Einnahme, ohne alles Perſonal als einen einzigen Sekretair, der nur zwei Stunden da ſein konnte und ſollte und während der Zeit bloß mit Ausgeben der Bücher zu thun hatte.— Ich wollte anfangs ſelbſt arbeiten, als ich aber merkte, daß man das nachher als Pflicht fordern würde, hielt ich mich ſtreng an die Beſtimmung meiner Inſtruktion. Ich that indeſſen, ohne zu prahlen, ohne davon zu reden, im Stillen was ich konnte, ward aber dabei ſo chicanirt, daß ich die ganze läſtige Sache aufgab, was ich ſchon nach dem erſten Jahre hätte thun ſollen.“ — Wilken war nicht beſſer geſtellt und hat der Anſtalt doch mehr Intereſſe, Zeit und Mühe gewidmet! ¹)„Das elende Weſen kleiner Univerſitäten kannte ich aus Wilkens Berichten,“ Schloſſer a. a. O. S. 69. ²) Sulpiz Boiſſerée an Goethe, Heidelberg den 19. März 1817 a. a. O. II. 165:„Ich kann Wilken nicht reiſen laſſen, ohne ihm ein Zeichen des Andenkens an Sie mitzugeben, es iſt zwar nur eine Kleinigkeit(es war eine Medaille); die mir gütigſt geliehenen Abhandlungen über das Handwerksweſen konnte ich wegen ihrer Dick⸗ leibigkeit Wilken nicht mitgeben, da er ſeinen Wagen ſchon ſo voll hat wie die Arche Noä.“ 41 zur Königlichen Bibliothek, was die Annehmlichkeit der Dienſtwohnung nicht gerade erhöhte, und enthielt im zweiten Stock ſpäter namentlich das Leſezimmer; Wilkens Hauptwohn⸗ räume lagen im erſten Stock; doch waren ihm auch noch zwei Zimmer im zweiten Stock, von denen eins ſein Arbeits⸗ zimmer bildete, und einige Entreſolräume des anſtoßenden, von Schuckmann bewohnten Gebäudes überwieſen, das indeſſen ſpäter umgebaut und zu dem Palais des Prinzen Wilhelm, nachmaligen Kaiſers, gezogen ward. Zu Wilkens Amts⸗ wohnung gehörte auch ein kleiner, nur allzuſehr beſchatteter Garten, der an das damals von Tauentzien bewohnte Haus unter den Linden ſtieß und ſpäter, als der Prinz Wilhelm jenes Haus einreißen und an deſſen Stelle das obenerwähnte beſcheidene, aber doch weltberühmt gewordene Palais bauen ließ, mit zu demſelben geſchlagen ward; dafür zahlte der Prinz übrigens an Wilken eine Entſchädigung von einigen hundert Thalern ¹). Im Erdgeſchoß und in einigen Zimmern des zweiten Stockes wohnte der oben erwähnte ehemalige Bibliothekar Henry, ein ſchon alter Mann, der aber außer ſeiner Stellung am Münz⸗ und Antikenkabinet auch noch ein Predigtamt an der franzöſiſchen Kolonie verſah. Deſſen ebenfalls ſchon be⸗ jahrte Frau, eine Tochter des Kupferſtechers Chodowiecky, ſelbſt eine talentvolle Malerin ²), nahm die kunſtverwandte Karoline freundlich auf und ſchloß ſie bald ſehr ins Herz, er⸗ ſetzte auch durch Güte und Freundlichkeit, was ihr Mann, der ſich gegen Wilken zurückgeſetzt fühlte, an Entgegenkommen etwa vermiſſen ließ, und weilte faſt allabendlich im Wilken⸗ ſchen Familienkreiſe, bis ihr Mann ſeine Studien jedesmal beendet hatte und ſie rufen ließ ³). Nach dem Tode Henrys, etwa im Jahr 1830, wurden Wilken, der inzwiſchen wegen einer Erweiterung des Leſezimmers ſeine beiden Zimmer im zweiten Stock verloren hatte, die von jenem bewohnt geweſenen Räume zu ebener Erde und im zweiten Stocke auch noch zur Benutzung überwieſen. Am 9. April 1817 wurde Wilken in den Senat ein⸗ geführt, und am 26. April konnte er dem nicht öffentlichen Akte der feierlichen übergabe des neuen Statuts vom 31. Oktober 1816 ⁴) anwohnen, das anſtatt des Reglements vom 10. November 1810 von Michaelis 1817 ab gelten ſollte und am 29. April in einer Verſammlung der Lehrer verleſen ¹) S. über die ganze Ortlichkeit auch Parthey, Jugenderinne⸗ rungen II. 235. ²) Ein Bild von Karoline und Sophie Wilken hat ſie ange⸗ fangen, aber leider nicht vollendet. ³) Eine Tochter dieſes Paares war an den bei der Neu⸗ chateler Verwaltung beſchäftigten Hofrat Dubois verheiratet und iſt ward. Jener Akt ward als die eigentliche Einweihung der neuen Univerſität betrachtet. An demſelben nahmen die Miniſter mit ihren Räten, die Dozenten, Beamten und Studierenden teil ¹). Berlin war damals, im zweiten und dritten Jahrzehnt unſeres Jahrhunderts, noch keine wahre und eigentliche Groß⸗ ſtadt; es fand ſich noch wenig Reichtum und wenig Luxus dort; die großen Kunſtſammlungen und ihre heutigen glänzen⸗ den Heimſtätten beſtanden noch nicht; wie das geſellſchaft⸗ liche Leben nur von kleinen Intereſſen bewegt und erfüllt war, ſo war auch das geiſtige noch wenig entwickelt. Wohl begegneten die darſtellenden Künſte, beſonders die dramatiſche, die indeſſen bloß von den zwei königlichen Bühnen und ſeit der Mitte der zwanziger Jahre noch von dem Königſtädtiſchen Theater vertreten war, einem regeren Intereſſe; wohl fand auch gute Muſik in beſonderen Inſtituten, neben der Königlichen Oper, wo der vielfach angefochtene Spontini den Taktſtock ſchwang, an der von Zelter geleiteten Singakademie, und in Privatkreiſen, wie in dem Beerſchen und dem Mendelsſohnſchen Hauſe, ver⸗ ſtändnisvolle Pflege; auch litterariſche Cirkel hatten ſich wohl um Arnim und Chamiſſo, Streckfuß und Stägemann, Willibald Alexis und Varnhagen ge⸗ ſchloſſen, Vereinigungen, in denen meiſt mehr oder weniger die Romantik fortlebte, und die gelehrte Welt hatte ihre Mittel⸗ punkte in der Akademie und der Univerſität: aber ein reger Ver⸗ kehr und Ideenaustauſch fand unter allen dieſen Kreiſen und zwiſchen ihnen und einem größeren Publikum nicht ſtatt, eine gemeinſame Atmoſphäre allgemeiner Bildung, wie ſie die deutſchen Künſtler und Gelehrten, wenn ſie nach Paris kamen, einen Humboldt, Raumer, Hegel, Holtei u. A., in der franzö⸗ ſiſchen Hauptſtadt ſo wohlthuend umfing, war in Berlin da⸗ mals noch nicht vorhanden. Dem Verlangen nach allgemeiner Bildung und der Befriedigung des geringen politiſchen In⸗ tereſſes, das faſt nur die herrſchenden Kreiſe und die höhere Beamtenwelt erfüllte, zu dienen waren gegenüber den nahezu 1200 Berliner Blättern der Jetztzeit damals bloß zwei Zeitungen, die Voſſiſche und die Spenerſche, bemüht, und dem Unterhaltungsbedürfniſſe der Berliner und der Pro⸗ die Mutter des Phyſiologen Emil und des Mathematikers Paul Du Bois⸗Reymond; ein Sohn, gleichfalls Prediger der franzöſiſchen Ge⸗ meinde, hat ſich durch eine Biographie Calvins bekannt gemacht. ⁴) Koch, Die preuß. Univerſitäten I. S. 41. vinzial⸗Leſewelt boten ihre Hof⸗ und Theaternachrichten will⸗ kommenen, aber auch ausreichenden Stoff. Wer die Mühe nicht ſcheut, durch die Varnhagenſchen Bücher, ſeine eigenen wie die aus ſeinem Nachlaſſe zuſammengeſtellten, ſich hindurchzu⸗ leſen, der kann da mit Fleiß gebucht ſehen, wie Berlin weinte und lachte, wie es lobte und tadelte, beſonders auch ſchalt und ſchimpfte, wird aber wohl daran thun, wenn er vieles nur mit Vorſicht aufnimmt ²). 11 S. Köpke, a. a. O. S. 128. ²) Strenge urteilt über Varnhagen Haym in den Preuß. Jahrb. XI.(1863) S. 445— 515.— Vergl. auch den eben zur Aus⸗ 6 42 Die wiſſenſchaftlichen Kreiſe ſpannen ſich meiſt in Reglement für die Benutzung der Bibliothek in einzelnen ihre beſonderen Fachintereſſen ein, ohne in der Berührung V mit breiteren Schichten des Publikums, mitteilend und empfangend zugleich, ihren Sinn für die Allgemeinheit zu ſtärken und zu entwickeln. Man hat vielleicht nicht mit Unrecht geſagt, daß erſt mit Alexander von Humboldts dauerndem Aufenthalt in Berlin, alſo ſeit 1827, namentlich mit ſeinen berühmten Vorleſungen in der Singakademie im Jahre 1828 das geiſtige Leben Berlins einen höheren Aufſchwung zu nehmen begann. An der neuen Univerſität waren die meiſten Wiſſen⸗ ſchaften bei Wilkens Eintritt ſchon rühmlich vertreten, ſo die Philologie durch Fr. A. Wolff, Boeckh und Bekker,— Buttmann gehörte nur der Akademie an—, die Germa⸗ niſtik durch von der Hagen, die Philoſophie durch S olger, die Geſchichte durch Rühs, während die Theologie in Schleiermacher und de Wette, Neander und Mar⸗ heineke, die Rechtswiſſenſchaft in Savigny, die Medizin und die Naturwiſſenſchaften in Hufeland und Gräfe, Bode und Ermann, Weiß und Link Vertreter von wohlbegründetem Rufe beſaßen. Während ſeiner 23jährigen Zugehörigkeit zu den gelehrten Körperſchaften der Haupt⸗ ſtadt ſah Wilken nun noch gar viele kommen und bleiben oder gehen, zum Teil dahin, von wannen kein Wiederkommen iſt, wie beſonders Hegel und Gans, Lachmann und Klenze, Jakob Grimm, Bopp und Ideler, Ranke, Raumer und Ritter und noch manche andere. Mit allen dieſen und vielen anderen geiſtigen Größen der Hauptſtadt und der Monarchie und über deren Grenzen hinaus trat nun Wilken, wie meiſt ſchon die in ſeinem Nachlaſſe ſich findenden Briefe erkennen laſſen, in mehr oder weniger nahe Beziehungen durch ſeine Stellung als Leiter einer Anſtalt, die wie keine andere allen geiſtigen Intereſſen im Lande— leider immer noch nicht im Reiche!— die wichtigſte Förderung und Unterſtützung zu leihen berufen iſt. Dieſe Stellung als Leiter der Königlichen Bibliothek nahm ihn zunächſt ſehr in Anſpruch. Nachdem er, am 10. April 1817 unter Mitteilung des Breslauer Reglements mit der Anfertigung einer Inſtruktion für den Oberbiblio⸗ thekar beauftragt, ſeinen Entwurf am 23. April eingereicht hatte, der denn auch die Genehmigung des Miniſteriums erhielt, wurde Wilken am 12. Mai durch den Staatsrat von Uhden, der von 1813 ab mit der Oberaufſicht über die Anſtalt betraut geweſen war, in ſein Amt eingeführt und auf die Inſtruktion verpflichtet. Noch im ſelben Jahre ward das gabe gelangenden zweiten Band des Buches von L. Geiger, Berlin von 1688— 1840, den ich indes leider nicht mehr habe benutzen können. über Wilken ſ. daſ. S. 596. ¹ Punkten abgeändert, ebenſo in den beiden folgenden Jahren; im Sommer 1818 wurde eine neue Anordnung der Bücher begonnen, 1819 ein Leſezimmer eingerichtet. Eine neue Katalogiſierung zeigte ſich auch bald als notwendig, die ebenſo wie die Umſtellung mit Energie und unter Heran⸗ ziehung einer Anzahl jüngerer Gelehrten und Studierender begonnen ward ¹). Bei dieſen anſtrengenden Arbeiten fand Wilken ſeitens der drei Bibliothekare keine beſondere Unterſtützung; der treff⸗ liche und kenntnisreiche Buttmann verwirrte bei allem guten Willen mehr als er ordnete; Spiker, der mehrere Zeit⸗ ſchriften, ſpäter auch, durch Erbſchaft reich geworden, die von ihm angekaufte Haude⸗ und Spenerſche Zeitung re⸗ digierte, auch als Schriftſteller, beſonders als Überſetzer auftrat), zeigte für eigentliche Berufsarbeit keinen glühenden Eifer, und der ſüdländiſche Chevalier Liäno hatte von Ordnung und Arbeit vollends keinen Begriff. Von den anderen Gehülfen Wilkens, die teils aus Neigung, teils in amtlicher Stellung auf ſeinen Vorſchlag an der Bibliothek beſchäftigt wurden ³), nenne ich noch den ſpäteren Profeſſor am Johanneum in Hamburg Ulrich, den Juriſten Klenze, der auch viel in Wilkens Hauſe verkehrte und ſpäter ſein Kollege an der Univerſität wurde; in der Folge waren an der Bibliothek noch angeſtellt Wilhelm Dindorf, Max Duncker“¹), Valentin Schmidt, Heinrich Stieglitz und ganz beſonders auch Heinrich Leo; dieſer begabte, aber unruhige und ſeiner Leidenſchaft zu ſehr nach⸗ gebende, dabei aber doch grundgutmütige), lebensfrohe junge ¹) S. K. A. Böttiger in Eberts überlieferungen zur Ge⸗ ſchichte, Litteratur und Kunſt der Vor⸗ und Mitwelt, Bd. II. Stück 1, S. 33— 46, wo es in den Erinnerungen an Wilkens Vorgänger J. E. Bieſter bei Beſprechung des früheren kläglichen Zuſtandes der Bibliothek S. 46 heißt:„Wilken brachte es durch Anſtellung von 50(2) auserleſenen dazu tüchtigen Studierenden, die eine Gratifikation erhielten, in einem Jahre dahin, daß außer dem alphabetiſchen Katalog auch ein Real⸗ katalogus fertig wurde, den ſoviel andere Bibliotheken noch ent⸗ behren.“ Die raſche und geſchickte Ausführung dieſer Arbeit wurde denn auch am 9. Dez. 1819 von Altenſtein, der inzwiſchen, Ende 1817, an die Spitze des ſelbſtſtändig gewordenen Miniſteriums für die geiſtlichen, Unterrichts⸗ und Medizinal⸗Angelegenheiten getreten war, unter Bewilligung einer Gratifikation von 200 Thlrn. lobend an⸗ erkannt. S. 44 a. a. O. erzählt Böttiger weiter:„Es war im Vor⸗ ſchlag, die famöſe Inſchrift der Bibliothek„nutrimentum spiritus“ mit einer neuen angemeſſenen zu vertauſchen. Allein der jetzige Ober⸗ bibliothekar proteſtierte dagegen, weil ſo etwas für alle Zeiten ſtereo⸗ typirt bleiben müſſe.“ ²) S. Gelehrtes Berlin i. J. 1845, S. 332 f. ³) S. Wilken, Geſch. d. Kgl. Bibl. in Berlin, S. 182, und Bericht vor dem Verzeichnis der Neuanſchaffungen 1837 u. 38. S. XXf. ⁴) S. Brode, Max Duncker, ein Gedenkblatt, S. 10. ⁵) S S. Julian Schmidt, Preuß. Jahrb. 1878 I. S. 550 f. 43 Mann unterbrach zwar ſeine Thätigkeit an der Bibliothek im Jahr 1823, um eine wiſſenſchaftliche Reiſe nach Italien zu machen, nahm ſie aber nach ſeiner Rückkehr wieder auf und war eine Zeitlang als Cuſtos angeſtellt ¹). Auch Hoffmann von Fallersleben machte ver⸗ ſchiedene Verſuche, eine Anſtellung an der Bibliothek zu erhalten, und hat dieſelben ſowie ſeine Beſuche bei Wilken und dem Geheimen Ober⸗Regierungsrat und Wirklichen vor⸗ tragenden Rat im Miniſterium Johannes Schulze, auch ſeine Unterredungen mit dieſen beiden Männern geſchildert in ſeiner Selbſtbiographie 1. 163— 67 u. 173. 178. Neben ſeiner umfangreichen Thätigkeit als Bibliothekar ſtellten auch ſeine Vorleſungen an der Univerſität bedeutende Anforderungen an Wilkens Kraft und Zeit. Als Hiſtoriker trat er da dem verdienten Friedrich Rühs, der auch Hiſtoriograph des preußiſchen Staates war, zur Seite. Gewöhnlich hielt er, und zwar in den erſten Jahren in wöchentlich 8— 11, ſpäter in weniger Stunden, zwei oder drei Kollegien in jedem Halbjahr, meiſt hiſtoriſche, gelegent⸗ lich, im ganzen fünfmal, ſoweit ich es nach den Zuhörerliſten verfolgen kann, ein ſolches über arabiſche Sprache. Zu perſiſchen und hebräiſchen Kollegien hat er ſich zwar mehr⸗ fach im Lektionskatalog erboten, indeſſen ſcheint ein ſolches nicht zu ſtande gekommen zu ſein. In ſeiner fünf⸗ oder ſechsſtündigen Vorleſung über die deutſche Geſchichte legte er bis zum Jahre 1200 ſein eigenes geſchichtliches Lehrbuch, von da ab das Mannertſche oder den Pütterſchen Grundriß der Staatsveränderungen des deutſchen Reichs, in ſeinem zweiſtündigen Arabicum Roſen⸗ müllers Elementa oder Koſegartens Chreſtomathie zu grunde. In der Geſchichte des Altertums folgte er Zumpts Annales veterum regnorum et populorum. Im ganzen las er achtmal über die Geſchichte des Alter⸗ tums, vierzehnmal über das Mittelalter, achtmal über die deutſche Geſchichte, viermal über die Neuzeit ²). Dreimal findet ſich eine Vorleſung über Paläographie, verbunden mit Heraldik. Seit dem Jahre 1820 leitete er auch hiſtoriſch⸗prak⸗ tiſche Übungen, in denen er, wenn er auch ſelbſt nicht 1 Im November 1827 verließ er Berlin plötzlich in über⸗ raſchender Weiſe: er war mit der Tochter des Phyſikers Thomas Seebeck verlobt, und ſchon war die Hochzeit feſtgeſetzt, da erklärte er brieflich, er könne ſeine Braut nicht heiraten, und verſchwand aus Berlin. Wilken erhielt zugleich einen Brief von ihm, in dem er ſein Wegbleiben ohne Urlaub zu entſchuldigen ſuchte. In deſſen Hauſe „Mein Leben“ 310, II. rief die ganze Sache, da Leo von groß und klein geliebt und geſchätzt wurde, große Aufregung hervor. ²) Den Anfang des letztgenannten Kollegs vom Sommer 1820 giebt K. Michelet, Wahrheit aus meinem Leben, S. 57 wieder. eigentlich Schule gemacht hat, doch eine Anzahl jüngerer Hiſtoriker, ſpäter namentlich ſolche, die der Schule ſeines jüngeren Kollegen Leopold Ranke angehören, hat aus⸗ bilden helfen. Während an der Berliner Hochſchule die hiſtoriſchen Kollegien bis zum Jahr 1816 ſich ſelten über 10 Zuhörer erhoben hatten oder ganz ausgefallen waren ¹), zählte Wilken in ſeinen Hauptvorleſungen in den Jahren ſeiner Kraft, etwa bis 1830, immerhin einige dreißig Zuhörer, eine Zahl, die ſich in dem Kolleg über deutſche Geſchichte einmal ſogar auf 46 hob, und zwar gehörten die Hörer häufig, beſonders in den Vorleſungen über das Mittelalter, über deutſche und neuere Geſchichte ihrer Mehrzahl nach der juriſtiſchen Fakultät an; daneben finden ſich auch Theologen, vereinzelt ſogar Medi⸗ ziner, Lehrer, Beamte, Offiziere in und außer Dienſt in die Liſten eingetragen. Von hervorragenden Namen unter Wilkens Zuhörern iſt namentlich Fr. W. Barthold zu erwähnen, der gerade auf ſeine Veranlaſſung die Theologie mit der Geſchichte ver⸗ tauſchte; insbeſondere iſt ſein Buch über den Römerzug König Heinrichs VII. unter Anregungen Wilkens entſtanden ²). Dafür wie für viele andere Bemühungen Wilkens zu ſeinen Gunſten hat Barthold ihm ſtets die größte Dankbarkeit und Verehrung entgegengebracht. Neben Barthold ſind weiter zu nennen die Hiſtoriker Heinrich Leo, Droyſen ³), Ratjen, Theodor Hirſch, A. Fr. Riedel, Max Duncker ¹), Richard Röpell, Felix Papencordt, Georg Waitz, Rudolf Köpke, Wilhelm Dönniges; die ſpäteren Miniſter Bornemann, Hein⸗ rich Graf v. Itzenplitz, Graf Adolf Heinrich von Arnim; die Juriſten Ph. E. Huſchke, Fr. Keller. Adolf Las⸗ peyres; die Philologen Ed. Bonnell, M. Pinder, H. Reinganum, K. E. Meinicke, der Archäolog Pa⸗ nofka; die Mathematiker J. Jacobi und Auguſt; die Litterarhiſtoriker K. A. Koberſtein, A. Wollheim, Adolf Laun; die Philoſophen R. Michelet, Schnaaſe, H. Ulrici; die Schriftſteller Wilhelm Häring(W. Alexis), Th. Mundt, O. Fr. Gruppe, J. G. Kühne, Hermann Marggraf; der Pädagog L. Wieſe; der Theolog Bleek; die Geographen Kiepert und Kutzen; die Orientaliſten Poley und F. Wüſtenfeld. Der letzte Schüler Wilkens und zwar in den hiſtoriſch⸗kritiſchen Ubungen des Winters 1838/39 iſt der im Jahr 1894 verſtorbene be⸗ rühmte Nationalökonom Wilhelm Roſcher geweſen. Nach ¹) S. Köpke a. a. O. S. 131. ²) S. Wegele über Barthold in der ADBiogr. ) S. Duncker, J. G. Droyſen, 1885, S. 4. 4) S. Brode, Max Duncker, S. 7. 9. 6* dieſer Zeit iſt Wilken, obwohl der Lektionskatalog der beiden folgenden Jahre noch Vorleſungen von ihm ankündigt, als Univerſitäts⸗Lehrer nicht mehr thätig geweſen. Bald nach der längeren Unterbrechung ſeiner Vor⸗ leſungen, welche ſeine weiter unten zu erwähnende ſchwere Erkrankung mit ſich brachte, hat ſich die Zahl ſeiner Zu⸗ 44 hörer vermindert; teils die Verſtimmung darüber, teils die Rückſicht auf ſeine immer mehr verfallende Geſundheit mag es veranlaßt haben, daß in den nächſten Jahren ſtatt eigentlicher Vorleſungen jene hiſtoriſch⸗kritiſchen Übungen in den Vordergrund ſeiner Lehrthätigkeit traten, in denen Köpke, Röpell und Dönniges, welcher letztere ihm wie ſeinem älteſten Sohne beſonders nahe trat, einen Stamm ihm treu anhangender, reichbegabter Schüler beſaß, die ihm die Berufsarbeit zur Freude machten. Allmählich erweiterte ſich noch der Umfang ſeiner Thätigkeit. Zufolge einer Urkunde vom 1. Januar 1819 wurde er, zugleich mit dem Hiſtoriker Rühs und dem Phy⸗ verhängt wurde. Sie erbitterte die ſeit den Befreiungskriegen immer mehr enttäuſchten Gemüter durch vielfach unver⸗ nünftige und lächerliche Strenge und brachte Schriftſteller, Redakteure und Verleger manchmal zur Verzweiflung. Von dem Ausſpruch der Cenſoren konnte nun zunächſt an den Oberpräſidenten und von dieſem an das Ober⸗Cenſur⸗ kollegium appelliert werden, das auch den Cenſoren Direk⸗ tiven geben und ſie zurechtweiſen durfte. Nach Friedrich von Raumers Darſiellung in ſeiner Rektoratsrede zum 25 jährigen Jubiläum der Regierung Friedrich Wilhelms III. ¹), wo die preußiſche Cenſur nur ein zweifelhaftes Lob erntet, er an Th. Hirſch, Riedel, Papencordt, Waitz und hatte der Verfaſſer einer Schrift dann ſeine Sache ge⸗ wonnen, wenn nur eine jener drei Behörden die Drucker⸗ laubnis gab; auch erkennt Raumer es wenigſtens als ver⸗ trauenerweckend an, wenn gerade in letzter Inſtanz kein einzelner, ſondern eine Art von Geſchworenengericht ent⸗ ſchied, das aus lauter wiſſenſchaftlich und dabei doch ver⸗ ſchieden gebildeten Männern beſtehe und ſo eine Bürgſchaft ſiker Seebeck, zu einem der etwa 30 ordentlichen Mitglieder der hiſtoriſch⸗philoſophiſchen Klaſſe der Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften kooptiert. Mit der Mitgliedſchaft war auch ein Einkommen von 200 Thlrn. verbunden. Die Worte, die er bei ſeiner Einführung in der Leibniz⸗Sitzung am 5. Juli geſprochen, liegen mir noch vor; ſie wurden von Butt⸗ mann beantwortet. Weniger erfreulich war es für ihn, daß er durch Kabinettsordre vom 25. November 1819 auch zum Mitglied des damals zunächſt auf fünf Jahre errichteten Obercenſur⸗ kollegiums ernannt wurde, deſſen Präſident der Wirkliche Seite. Geheime Legationsrat Karl Georg von Raumer ¹), ein Ver⸗ trauter Wittgenſteins, und deſſen übrigen Mitglieder namentlich Ancillon, der Biſchof Eylert, der Geheime Juſtizrat, ſpätere Präſident des Obertribunals, Sack, der Litterarhiſtoriker und Geſchichtsſchreiber M. S. Friedrich Schöll, der Geheime Ober⸗Regierungsrat Ch. G. Körner, der Vater des Dichters, der Hofrat Beckedorff und der 1819 von Breslau zur Berliner Hochſchule verſetzte Hiſtoriker Friedrich von Raumer waren. Dieſe Behörde ſtellte die oberſte Inſtanz in Angelegen⸗ heiten der Cenſur dar, die beſonders ſeit 1819, nach ſubjek⸗ tivem Ermeſſen von hinſichtlich ihrer Geiſtesbildung und ihres Charakters ſehr verſchiedenen Cenſoren ſehr ungleich gehand⸗ habt, weit mehr hinderte als ſie eigentlich ſollte ²) und ſelbſt über die Univerſitäten, vorübergehend ſogar über die Akademie ¹) S. über ihn Friedländer in der Allg. D. Biogr. ²) S. Perthes' Leben, III. 379. gegen einſeitige Tyrannei gebe. Freilich kam doch alles auf die Perſönlichkeit der Mitglieder des Kollegs an, und in dieſer Beziehung begegneten namentlich Leute wie der Präſident Raumer, Schöll, Beckedorff und der Achſelträger Ancillon, der ſich nur liberal ſtellte ²), einem nicht unbegründeten Mißtrauen. Ihr liberalſtes Mitglied war zweifellos Fried⸗ rich von Raumer, den Heine witzig den königlich preußiſchen Revolutionär genannt hat. Auch Wilken, der zwar nicht ſehr politiſch und fortſchrittlich angelegt war, aber jeden gegen die Geiſtesfreiheit und die Wiſſenſchaft ausgeübten Druck verabſcheute, befand ſich in der Regel auf Raumers Als Mitglied des Kollegs verfaßte Wilken z. B. auch ein Gutachten über Görres' 1821 erſchienene Schrift „Europa und die Revolution“, in dem er trotz aller Maß⸗ loſigkeiten des Buches ſich doch, weil es in ſeiner Weiſe wiſſenſchaftlich ſei, gegen ein Verbot ausſpricht; es wurde freilich dennoch ein ſolches über die Schrift verhängt. Die neue Behörde hatte anfangs viel zu thun und hielt wöchentlich eine meiſt ſehr lange Sitzung ab; anfangs fielen auch ihre Entſcheidungen meiſt in freiem Sinne aus. „Ich bin doch begierig“, ſagte einmal Wilken zu Varn⸗ hagen ³),„zu ſehen, wie lange man uns die Sachen noch ſo liberal treiben läßt.“ Später wurden denn auch die Urteile doch reaktionärer, obwohl in der das Kollegium einſetzenden Kabinettsordre vom 25. November 1819 ausdrücklich ſtand, daß die Preß⸗ ¹) Kl. Schriften I. S. 14. S. über die Rede und den Akt auch Varnhagen, Blitter aus der preuß. Geſch., II. 247 f. ²) S. Varnhagen, I. 73 neben S. 78. ³) Daſ. I. 69. 45 freiheit möglichſt erhalten und nur ihren Mißbräuchen geſteuert werden ſolle. So trat es z. B. auf die Seite des üblen Cenſors Grano, als dieſer dem Verleger Reimer den Druck von Fichtes Reden an die deutſche Nation verbot ¹). Freiere Entſcheidungen des Kollegs wurden ferner öfter nicht berückſichtigt, neben und trotz ihm trafen das Miniſterium des Innern und die Polizei ſelbſtändige Maßregeln, wie z. B. die Ausſchließung der Brockhausſchen Verlagswerke von der preußiſchen Monarchie, die ſogar vom Vorſitzenden des Kollegs mißbilligt ward ²), und im Verdruß über das alles trat daher der energiſche Friedrich von Raumer im in der Wohnung und unter dem Vorſitze Steins in Frank⸗ furt die förmliche Gründung der Geſellſchaft für Deutſch⸗ lands ältere Geſchichtskunde ſtatt ¹). Eine von dem badiſchen Archiv⸗Sekretär Dümge, dem ſpäteren Redakteur jener berühmten Sammlung, verfaßte Anzeige und eine Denkſchrift aus der Feder des Sekretärs der Geſellſchaft, des badiſchen Legationsrats Büchler, Jahr 1831, unbekümmert um das Aufſehen, das ſein Legationsrat, ſpätere Kultusminiſter Eichhorn Wilkens Schritt errege, aus dem Kollegium aus). Wilken konnte, durch ſeine Krankheit gehindert, nahezu vier Jahre lang den Sitzungen des Kollegiums nicht an⸗ wohnen, die übrigens auch manchmal längere Zeit ausfielen oder auch durch Befragung bloß einzelner Mitglieder oder durch ſchriftliche Abſtimmungen der einzelnen erſetzt wurden). Er hatte zwar wenig Freude an ſeiner Zugehörigkeit zu dem Kollegium, wagte aber auch bei ſeiner zaghafteren Natur nicht, nachdem der König einmal an ſeinen patriotiſchen Eifer appelliert hatte, Raumers entſchiedenen Schritt nach⸗ zuthun. Ja nach dem im Jahre 1833 erfolgten Tode des Geheimen Rats von Raumer mußtte er ſelbſt das Altersprä⸗ daher am 16. April Stein anheim, die Vorſchläge Dümges einer Kommiſſion zur Prüfung zu unterbreiten und ſchlug vor, zu dem Ende Wilken, Karl Friedrich Eichhorn in Göttingen ²) ſidium übernehmen, hat aber bei zunehmender körperlichen Schwäche in ſeinen letzten Lebensjahren, während deren übrigens der Druck der Cenſur allmählich nachließ, das Kol⸗ legium auch nicht ſo zu leiten vermocht, daß es ſich durch wirkſame Abwehr von Willkür einer beſonderen Popularität erfreut hätte. Mehr Zutrauen fand ſpäter nach Wilkens Tode Leben Steins, V. 316 auszugsweiſe mitgeteilt iſt, Wilken dieſe oberſte Behörde erſt dann, nachdem ſie im Jahr 1843 zu einem Ober⸗Cenſurgericht umgeformt worden war ⁵).— Lebhaften Anteil nahm Wilken ſodann an der Be⸗ ſich dann aber mit Wilken darin einverſtanden, daß die gründung der Monumenta Germaniae historica durch den Freiherrn vom Stein. Seit ſeinem Rücktritt aus den öffentlichen Verhält⸗ niſſen hatte dieſer daran gedacht, zur Erleichterung des Geſchichtsſtudiums und zur Förderung hiſtoriſchen und patriotiſchen Sinnes die Quellenſchriftſteller für die deutſche Geſchichte in einer großen Sammlung zu vereinigen; und nachdem im Januar 1819 die Vorbereitungen zum Ab⸗ ſchluß gekommen waren, fand am 20. desſelben Monats ¹) Treitſchke in den Preuß. Jahrb. Bd. 44, S. 3 ff. ²) Varnhagen, a. a. O. II. 161. ³) S. Fr. Raumers Kl. Schr. I. S. 24. A. ¹) Varnhagen, a. a. O. II. 53, IV. 10, V. 61. ³) Wagener, Staatslexic. XVI. 163 und Gubit, Erlebniſſe, III. 83. 88. 89. 3 wurden alsbald an eine Anzahl von Gelehrten geſandt, um dieſelben zur Mitwirkung, zur Einſendung von Gutachten und zu Beitrittserklärungen aufzufordern. Sie gelangten auch an Wilken. Dieſer faßte die Sache mit Lebhaftigkeit auf, und ſchon am 7. März konnte der damalige Geheime Beitrittserklärung und Meinungsäußerung neben derjenigen von Savigny einſenden. Wilken tadelte in ſeiner Erklärung die Aufnahme des Waltharius unter die in jener Anzeige für die Sammlung in Ausſicht genommenen etwa 140 Schriftſteller, ſowie die Aufnahme der ſchon bei Bouquet abgedruckten Quellen, die doch nicht entbehrlich gemacht werden ſollten; er äußerte weiter ſeine Beſorgnis über den Einfluß, den nach ſeiner Erfahrung die Wahl des in Ausſicht genommenen Leiters der Unternehmung, Dümge, auf das Gelingen haben werde, da dieſer ſchwerhörig und argwöhniſch, dabei launiſch und unbiegſam⸗eigenſinnig ſei. Eichhorn gab und zwei Gelehrte in Wien und München zu wählen. Darauf dankt Stein in einem Briefe an Eichhorn vom 3. Mai 1819, der mir in Abſchrift vorliegt und bei Pertz, auf das verbindlichſte für ſeine Bemerkungen, verteidigt die vita Waltharii und nimmt Dümge in Schutz 3), erklärt Hauptſchriftſteller unverkürzt zu geben ſeien ¹). Eine Stelle aus einem Briefe Steins an Büchler vom 2. Juli 1819(bei Pertz, V. 410) läßt dann auf einen ¹) S. Pertz, Leben Steins, V. 264 ff. ²) Dieſer berühmte Rechtsgelehrte war der Sohn von Wilkens Gönner, dem Orientaliſten E. in Göttingen, und mit dem Staats⸗ miniſter nicht näher verwandt. ³) Doch mußte er bald einſehen, daß Wilken mit ſeinen Be⸗ denken gegen dieſen doch recht gehabt hatte, ſ. Pertz, V. 491 f., 497. 499 und beſonders 675 u. 676. Portion ab urbe condita“ dar. glauben könnte, ſondern die 4) Die Stelle mit dem auffallenden„ab orbe condito“ bei Pertz ſtellt ſich im Original als„42 Chroniken ab orbe und noch eine gute Die bei Pertz, V. 364 u. 367 er⸗ wähnten Bemerkungen Wilkens ſind übrigens keine neuen, wie man S. 315 u. 316 ſchon behandelten. 46 weiteren Brief Wilkens ſchließen, deſſen Rat, Jornandes und Paul Warnefrieds in die Sammlung aufzunehmen, Stein hier beitritt. Als nun der preußiſchen Regierung durch Anregung von verſchiedenen Seiten her eine Unter⸗ ſtützung des Unternehmens nahe gelegt wurde und Alten⸗ ſtein in einem Erlaß vom 19. September 1819 von der Akademie der Wiſſenſchaften ein Gutachten über das⸗ ſelbe eingefordert hatte, arbeitete Wilken im Namen dieſer Körperſchaft einen vom 26. Oktober 1819 datierten Bericht aus, den Stein im„Archiv“ der Geſellſchaft, Bd. II. Heft 1 u. 2, S. 3— 18 abdrucken ließ ¹). Unter Berufung auch auf dieſes Gutachten trug dann Stein ſpäter, am 21. Juni 1821, dem König, und in einem faſt gleichlautenden, aber noch mit den ſtärkſten Ausdrücken gegen den von ihm gründlich verachteten Staatskanzler ge⸗ würzten Briefe ²) auch dem Kronprinzen die Bitte um Unter⸗ ſtützung ſeines Werkes vor, worauf der König denn auch eine ſolche, wenn auch nicht in dem erwarteten Maße, gewährte ³). Weiter empfahl Wilken in einer Zuſchrift(Pertz, V. 484) den ihm ſehr naheſtehenden damaligen Privatdozenten in Berlin G. A. H. Stenzel als für die Zwecke der Direktion geeignet. Dieſer konnte indeſſen, weil er damals ſchon einen Ruf nach Breslau angenommen hatte, doch V nicht gewonnen werden. Wilken ſandte dann auch(daſ. 490) ein Verzeichnis der für die Sammlung wichtigen Berliner Handſchriften ein, deutſche Geſchichtskunde“ II. 75—78 abgedruckt iſt. Als ſich dann gezeigt hatte, daß Dümge in der That ſeiner Aufgabe nicht gewachſen ſei, kam Stein wieder auf den erwähnten Rat Eichhorns zurück, eine kleine Anzahl von Gelehrten, Wilken, K. Fr. Eichhorn, Savigny und Aretin, dem bisherigen Redakteur beizugeben und ihm nur die Bearbeitung von Quellen, die Leitung des Drucks und die Korrektur zu belaſſen. Am 7. März 1821 forderte er daher Wilken auf(ſ. Pertz, V. 493), ſich über die Teil⸗ nahme einer Kommiſſion an der Leitung des Werkes und über ſeine eigene Beteiligung an derſelben zu äußern. Wilken erwiderte, durch Gichtſchmerzen an früherer Antwort gehindert, erſt am 30. April mit dem bei Pertz, V. 503 ausgezogenen Brief ⁴), deſſen Konzept mir noch vorliegt, und warnt in demſelben namentlich vor der Zuziehung Aretins. Darauf erhielt er den vom 15. Mai aus Naſſau datierten, bei Perd. V. 503 u. 4 im Auszug wiedergegebenen Brief des 1) übrigens iſt dies Gutachten nicht etwa, wie man nach Pertz, V. 493 annehmen ſollte, die Antwort auf den unten zu erwähnenden Brief Steins an Wilken vom 7. März 1820. ²) S. Pertz, V. 364— 67. ³) S. Pertz, V. 567. 790. 806. ⁴) Auch im„Archiv“, II. 55— 57. welches im„Archiv für ältere * Freiherrn; er iſt der einzige im Nachlaſſe erhaltene Brief von Steins Hand ¹); ich gebe ſeinen Wortlaut im Anhang, da auch aus ihm erhellt, wie tief der große Mann ſelbſt in die Einzelheiten des Unternehmens und der hiſtoriſchen Litteratur einging. Eine weitere Teilnahme Wilkens an den Monumenta iſt nur bis in den März 1821, und zwar durch zwei Briefe Büchlers, zu erweiſen. Leider kam dann durch die Laſt von Arbeiten und Obliegenheiten der verſchiedenſten Art, die Wilken ein halbes Jahr ſpäter als Rektor der Univerſität unter beſonders ſchwierigen Umſtänden auf ſich nehmen mußte, ſeine Thätig⸗ keit für die Sammlung der deutſchen Geſchichtſchreiber ins Stocken, was Stein, der dies nicht wußte, zu einer un⸗ willigen Bemerkung über den geringen Eifer der deutſchen Gelehrten(bei Pertz, V. 701) veranlaßte. Und im folgenden Jahre trat die langwierige Erkrankung Wilkens ein, die ihm auf lange Zeit jede Beteiligung an dieſer ihm ſelbſt werten Sache unmöglich machte; doch waren trefkliche Männer, vor allen Pertz, für die inzwiſchen erſtarkte und geſicherte Unternehmung gewonnen, ſo daß man ſeiner nicht mehr bedurfte. Auch nach ſeiner Wiederherſtellung iſt er, da ihm ärztlicherſeits keine außeramtliche Thätigkeit mehr geſtattet war, ihr nicht wieder näher getreten. Stein blieb Vilken aber für die lebhafte und ſachkundige Unterſtützung, die dieſer gerade in den erſten, ſchwierigſten Zeiten ſeiner Herzens⸗ ſache zugewandt hatte, dankbar, und mit Bedauern gedenkt er ſeiner auf die Kunde von dem Unglück, das ihn betroffen, in einem Briefe an Niebuhr vom 21. Mai 1824(bei Pertz, VI. 1, S. 41) mit den Worten:„Mit des guten Wilken Krankheit hat unſer Unternehmen einen kräftigen Vertreter verloren.“— Als Altenſtein 1820 den Plan faßte, die merkwür⸗ digſten Ereigniſſe im Leben König Friedrich Wilhelms III. in einer Reihe von Denkmünzen durch den Hof⸗Medailleur V Brandt verewigen zu laſſen, und die Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften einen Kommiſſar dazu ernennen hieß, der gemein⸗ ſchaftlich mit den von der Akademie der Künſte dazu er⸗ wählten Kommiſſaren Schinkel, Rauch und Levezow den Gegenſtand beraten ſollte, worauf die Kommiſſion vollſtändige Entwürfe zu Denkmünzen mit paſſenden In⸗ ſchriften in lateiniſcher und deutſcher Sprache einzureichen hatte, wurde Wilken von der Akademie zu ihrem Vertreter erwählt; doch kam die ganze Unternehmung nicht über den erſten Anlauf hinaus ²).— Am 3. März 1821 wurde Wilken zum Hiſtorio⸗ graphen des preußiſchen Staates ernannt, eine Würde, die zuerſt Pufendorf, ſpäter Paul Gundling, Jo⸗ ) Wilken hat die anderen an Falkenſtein in Dresden geſchenkt, und deren Verbleib iſt nicht feſtzuſtellen. ²) S. Eggers, Rauch, II. 319. 47 hannes von Müller und unmittelbar vor Wilken ſein Freund und Kollege Friedrich Rühs bekleidet hatte, und in der Leopold Ranke und Heinrich von Treitſchke ſeine Nachfolger wurden. Die unmittelbare Veranlaſſung zu dieſer Ernennung war wohl der Umſtand, daß Wilken die Geſchichte der Stadt Berlin be⸗ arbeitet und das erſte, 15 Druckbogen ausmachende Stück der Arbeit im Hiſtoriſch⸗genealogiſchen Kalender für 1821 hatte erſcheinen laſſen; dieſe Arbeit ſetzte er in den beiden nächſten Jahrgängen des Kalenders fort und erhielt 1823 vom Könige für die ihm überreichten Exemplare mit dem üblichen Dankſchreiben auch eine Medaille zum Geſchenk. Dieſe Arbeit Wilkens fand überhaupt großen Beifall und war die erſte geſchmackvollere Darſtellung auf dieſem Ge⸗ biete, indem frühere, an ſich auch wertvolle Aufſätze von Küſter und Nicolai wenig lesbar erſchienen waren. Wenn dieſe neue Würde auch mit dem Vorteile einer jährlichen Beſoldung von 300 Thalern verbunden war, ohne daß ſie ſpezielle Verpflichtungen auferlegt hätte, ſo verlieh ſie doch auch keine beſonderen Rechte; das ſollte Wilken bald erfahren, als er die freie Benutzung des Staats⸗ archivs, auf die er aus ſeiner Beſtallungsurkunde eine Be⸗ rechtigung herleiten zu können glaubte, in Anſpruch nahm und der Leitung einer großen Bibliothek zu genießen.“ unterbrach er auch ſeine wiſſenſchaftliche Arbeit nicht und nun der Staatskanzler, Fürſt von Hardenberg, die Frage unter dem 30. April dahin entſchied, dieſes dem Hiſtorio⸗ graphen zuſtehende Recht ſei nur dahin zu verſtehen, daß derſelbe der Archivverwaltung diejenigen Archivalien, die er zu benützen wünſche, näher zu bezeichnen und die Ent⸗ ſcheidung, ob die Mitteilung erfolgen könne, von dieſer zu erwarten habe, ein ſo kümmerliches Recht, daß damit für Wilken nichts oder nur wenig gewonnen war. Zu ſeinen gewöhnlichen Amtspflichten kam infolge des beſonderen Vertrauens, das Altenſtein in ihn ſetzte, noch eine Menge anderer Arbeiten hinzu, die, wenn dieſes Zutrauen ihn auch ehren und freuen mochte, doch ſeine Zeit zum Nachteil ſeiner ohnehin ſchon wankenden Geſundheit ſehr in Anſpruch nahm; ſo arbeitete er in den erſten Jahren in Berlin Gutachten aus über Stenzels Geſchichte der Kriegsverfaſſung Deutſchlands, über die Verwendung der Papiere des verſtorbenen Orientaliſten Schröner, über Freytags Regierung des Saahd Aldaula zu Aleppo, über Rhodes Sagen und Religionsſyſtem des Zendvolks, über Klaproths Würdigung der Aſiatiſchen Geſchicht⸗ ſchreiber, ſogar über Stärks Stenographie u. a.; mit Ideler hatte er die wiſſenſchaftlichen Leiſtungen des Orientaliſten Bernſtein zu beurteilen; umfaſſendere Ar⸗ beiten waren die auf Veranlaſſung des Miniſters im Namen der Akademie der Wiſſenſchaften ausgearbeiteten Gutachten über die Einrichtung des auf Vinckes Vorſchlag in Aus⸗ ſicht genommenen weſtfäliſchen Archivs, ein anderes über die Einrichtung und Benutzung der preußiſchen Archive über⸗ haupt, in dem er liberalſte Grundſätze empfahl, ein Ent⸗ wurf für eine ins Leben zu rufende Berliner wiſſenſchaft⸗ liche Zeitſchrift, ein Gutachten über die Gründung einer beſonderen akademiſchen Druckerei, mit deren Einrichtung erals⸗ dann ſogar ſelbſt betraut ward ¹). Auch ſorgte er in den Jahren 1818 und 1819 im Verein mit Marheineke, Schmalz und Hufeland für paſſende Einrichtung von Freitiſchen für Studierende, deren zunächſt 28 aus freiwilligen Bei⸗ trägen wohlwollender Gönner beſchafft werden konnten. Trotz dieſer ausgedehnten amtlichen Thätigkeit, zu der auch noch ein ausgebreiteter Briefwechſel mit vielen in⸗ und ausländiſchen Gelehrten hinzukam, fühlte Wilken ſich in Berlin überaus wohl; am 15. Mai 1821 ſchreibt er an S. Boiſſerée(a. a. O, I. 390 ff.):„Meine Verhält⸗ niſſe hier ſind immer noch überaus angenehm, ſodaß ich es nicht bereue, Heidelberg verlaſſen zu haben, und ſind wirklich immer angenehmer geworden; auch habe ich in der Bibliothek das eigentlich Beſchwerliche überſtanden, ſodaß ich von nun an hoffen kann, mehr das Angenehme Dabei beendete bis zum Jahre 1819 den dritten Band ſeiner Geſchichte der Kreuzzüge, deſſen erſte Abteilung 1817 erſchienen war, während die Ausgabe der zweiten erſt 1819 erfolgen konnte. In demſelben Jahre 1819 arbeitete er noch eine Ab⸗ handlung„Ueber die Verfaſſung, den Urſprung und die Geſchichte der Afghanen“ aus, die am 24. Januar 1820, am Geburtstage Friedrichs II., in der Akademie von ihm verleſen wurde und in den Abhandlungen der philoſophiſch⸗ hiſtoriſchen Klaſſe derſelben von 1818 und 1819, Seite 237— 267, gedruckt iſt.*)— Schon im erſten Jahre ſeiner Berliner Thätigkeit, von Michaelis 1817 bis dahin 1818, war Wilken Dekan der philoſophiſchen Fakultät geweſen und hatte als ſolcher neben drei anderen Doktoranden im Frühjahr 1817 auch namentlich Karl Otfried Müller promoviert. Nunmehr ward er, nachdem er ſchon in den Jahren zuvor eine immer wachſende Stimmenzahl bei den Wahlen gehabt hatte, für das 12. Jahr der Anſtalt, von Michaelis 1821 bis ebendahin 1822, mit 13 von 21 Stimmen zum Rektor der Univerſität erwählt. ¹) Dilthey, Aus Schleiermachers Leben, IV. 307. ²) Sie iſt gewürdigt in Ritters Erdkunde VIII. S. 195— 206 und in ihren Grundzügen geradezu dahin übergegangen. 48 Sein Rektorat war zwar wegen des großen Zuwachſes ihrer Auftraggeber moraliſchen Bankerott erklärte 1). an Studierenden einträglich,— es wurden 724 immatriku⸗ liert, während die größte Zahl der Immatrikulierten bis dahin, und zwar im Jahr 1818, nur 614 betragen hatte — war aber überaus mühevoll, aufregend und wenig dankbar; war es doch die Zeit, wo die Univerſität unter den Wirkungen der verhängnisvollen Ereigniſſe von 1819 und 1820 ganz beſonders litt. Nach der Blutthat des Burſchenſchafters Sand hatte nämlich das Beſtreben des Fürſten Wittgenſtein, den König Friedrich Wilhelm III. mit Mißtrauen gegen alle liberalen Beſtrebungen zu erfüllen, den beſten Erfolg gehabt. Im Bunde mit ihm ſtand Kamptz, der Direktor der Polizei⸗ V abteilung im Miniſterium des Innern, der den Studenten ſchon wegen der Verbrennung ſeines Gensdarmerie⸗Kodex beim Wartburgfeſt grollte. Metternich vollendete im Juli 1819 beider Werk in Teplitz: der König ſtimmte ſeinen Vor⸗ ſchlägen zu, neben der Preſſe auch die Univerſitäten in Feſſeln zu legen. Schon im nächſten Monate wurden von den Miniſtern der bedeutenderen Bundesſtaaten die dahin zielenden Karlsbader Beſchlüſſe gefaßt und dieſe am 20. September vom Bundestag angenommen. Beſchlüſſen wurden zur Überwachung der Lehrenden wie der Lernenden an den Univerſitäten außerordentliche Re⸗ gierungsbevollmächtigte, die zugleich als Kuratoren fungieren ſollten, eingeſetzt. Dieſe und die von den neuen Behörden zur Unterdrückung aller burſchenſchaftlichen Verbindungen ge⸗ troffenen ſtrengen Maßregeln erfüllten ſelbſt ſolche Männer, die, wie Stein und Niebuhr, die Ausſchreitungen des Zeit⸗ geiſtes verdammten, mit Entrüſtung und drängten die er⸗ bitterte Jugend, die in ihrer unendlichen Mehrheit nicht im entfernteſten die bei ihr vorausgeſetzte gefährliche, vielmehr trotz mancher phantaſtiſchen Schwärmereien und Ver⸗ irrungen eine ideale, patriotiſche Geſinnung hegte, geradezu zu Ungeſetzlichkeiten. In verbotenen geheimen Bünden ver⸗ folgten ſie, nicht zum Vorteil ihrer Sittlichkeit und in einer mit den Zwecken der Univerſitäten unvereinbaren Weiſe, ihre politiſchen Zwecke weiter ¹). Stelle zuweilen verſtärkte, von einer Miniſterialkommiſſion kontrolierte und geleitete Druck dauerte, wenn auch zuweilen ſtein, Schuckmann, Kamptz ſich in Geltung erhielt. Nach dieſen in ihren Berichten an den Bundestag geradezu ihren und Die Verfolgungen der ſtudentiſchen Jugend waren durchaus nicht nach dem Sinn des wohlmeinenden und ver⸗ ſtändigen Kultusminiſters von Altenſtein, der ihre un⸗ heilvollen Folgen vorausſah und ſich vergeblich gegen den Druck von oben ſträubte, wo der Einfluß eines Wittgen⸗ Der von dieſen ſchwer angefeindete und bedrohte, trotz kleiner Schwächen doch treffliche Mann ²) blieb überhaupt, vom König ſelbſt mit Recht gehalten, nur in der Abſicht auf V ſeinem nicht beneidenswerten Poſten, um dieſen nicht in die Hände eines Mitgliedes der Rückſchrittspartei geraten zu laſſen. Dieſe Partei wußte nun durch Vermittelung Wittgen⸗ ſteins ſich ein brauchbares Werkzeug zu gewinnen in der Perſon des gewandten und durchaus tüchtigen Staatsrats Schultz, eines feingebildeten und vielſeitigen Mannes, der ein Feind jeder Richtung war, die eine Teilnahme des Volkes und nun gar der akademiſchen Jugend an politiſchen Dingen erſtrebte; er war eine leidenſchaftliche, durch häufige Kränklichkeit doppelt reizbar gewordene Natur, die ſich in ſtetem, ihm faſt zum Bedürfnis gewordenen Kampfe aufrieb. Er trat nunmehr dem ihm lange Jahre herzlich zugethanen Alttenſtein, obwohl vielfältig ihm verpflichtet, als entſchiedener, auch wohl überzeugungstreuer Angreifer gegenüber, ein Spiel, das er freilich doch zuletzt, von ſeinen Hinter⸗ männern preisgegeben, verlor und mit ſeinem Lebensglück bezahlen mußte. Altenſtein ſelbſt hatte ihn, ſeinen langjährigen reund. dem König als Regierungsbevollmächtigten bei der jungen, kräftig aufſtrebenden Berliner Hochſchule vertrauensvoll in Vorſchlag gebracht; ſeine Wahl wurde anfangs auch all⸗ gemein gebilligt; die Enttäuſchung ließ aber nicht lange warten: alsbald brach der Neuernannte mit ſeinen alten Freunden, Schleiermacher und Savigny beſonders, und wurde ein grimmiger Gegner wie des Miniſters und ſeiner Dieſer von allerhöchſter nachlaſſend und allmählich ſich abſchwächend, zum ſchweren Schaden des Staates wie heſonders der Hocßſchulen und Mann die Verhaftung zweier Studierenden ⁴¹) und die zum Unglück von Hunderten von Familien bis zum Jahre 1848 fort²) und hatte doch ſo wenig Berechtigung, daß ſogar die in Mainz eingeſetzte Unterſuchungskommiſſion bei Varrentrapp, Johannes Schulze, S. 274 f. ¹) S. Karl v. Raumer, Selbſtbiogr. S. 306—8. ²) S. Schrader, Geſch. der Univ. Halle, II. 116. Räte, ſo auch des akademiſchen Senats und vieler Pro⸗ feſſoren, die er— beſonders Schleiermacher und Savigny — in ſeiner Verblendung als Beförderer der ihm tödlich verhaßten Burſchenſchaft anſah ³). Am 23. Februar 1820 ſetzte der leidenſchaftlich eifernde ¹) S. Ilſe, Geſch. d. polit. Unterſuchungen ꝛc. S. 53. ²) Eine ſchöne Charakteriſtik von Altenſtein findet ſich Leſonders ³) S. Varnhagen, a. a. O. I. 104. ¹) S. auch Varnhagen, a. a. O. I. 93. 116. Schließung eines burſchenſchaftlichen Leſezirkels durch, konnte aber den Miniſter nicht zur Beſtrafung der Burſchenſchaft bewegen. Darüber ſchon erregt, wurde er noch mehr er⸗ bittert durch die Schwierigkeiten, die er fand, als er die Stelle des vor Arger erkrankten und zurückgetretenen Univerſitätsrichters Scheffer deſſen Nachfolger Braſſert ſogar nach 24 Stunden ſchon wieder zurück⸗ getreten war— durchaus nach ſeinem Sinne beſetzt ſehen wollte. So ließ er ſich von der reaktionären Clique ver⸗ leiten, im Winter 1820/21 hinter dem Rücken Altenſteins als Mitglied und im Namen einer beſonderen, durch eine geheime Kabinettsordre vom 24. Dezember 1820 beſtimmten Kommiſſion einen Bericht an den König auszuarbeiten, in dem dieſer unter heftigen Angriffen auf den Miniſter zu reaktionärſtem Eingreifen, beſonders zu einer völligen Um⸗ geſtaltung des Miniſteriums und wenn auch nicht geradezu zur Abſetzung Altenſteins ſelbſt, ſo doch zur Entlaſſung von deſſen Räten Nicolovius und Süvern, Johannes Schulze und Frick aufgefordert wurde. Schon war wirklich die Kabinettsordre vom König unterſchrieben, in welcher Schultz zum Wirklichen Ober⸗Regierungsrat und Direktor der Abteilungen der geiſtlichen und der Unterrichts⸗ Angelegenheiten ernannt und die genannten Räte alle vier auf Wartegeld geſetzt waren: da wurde der Staatskanzler doch bedenklich, und die Ordre blieb unausgeführt. So weit waren die Dinge gediehen, als Wilken am 21. Oktober 1821 ſein Amt als Rektor antrat und ſich an den ſchon in Szene geſetzten unerquicklichen Unter⸗ ſuchungen beſonders gegen die Burſchenſchaft Arminia zu beteiligen hatte, die im April jenes Jahres in Berlin ent⸗ deckt worden war ¹). In der That war die preußiſche und neben der Königsberger gerade die Berliner Studentenſchaft in das burſchenſchaftliche Treiben noch am wenigſten ver⸗ wickelt; die Arminia insbeſondere begnügte ſich im Gegen⸗ ſatz zu der mehr politiſchen Germania gerade mit der Pflege fröhlicher Geſelligkeit oder mit akademiſchen Reformbe⸗ ſtrebungen ²). Und doch ſchreibt der überreizte Schultz ſchon wenige Tage ſpäter, am 29. Oktober, an Wittgenſtein), es ſei auffallend, in welchem Grade die Unordnungen bei der Univerſität von Tag zu Tag zunähmen. Zwei Wochen ſpäter, am 10. November, fordert er ſogar, weil er von ¹) Varnhagen, a. a. O. I. 287. ²) Vergl. das Lob der Studenten vonſeiten Raumers und Boeckhs im Briefwechſel zwiſchen letzterem und K. O. Müller, S. 129— 31; Hippel, Beitr. zur Charakt. Friedrich Wilhelms III., S. 163.— Stahr, Aus der Jugendzeit, II. 185.— Ernſt Förſter, Aus der Jugendzeit, 176, 219— 224.— Parthey, Jugenderinne⸗ rungen, II. 225; vergl. auch Leo, Meine Jugendzeit, S. 189— 192. ³) Düntzer, Briefwechſel zwiſchen Goethe und Schultz, S. 86. 49 Altenſtein lahm gelegt werde, vom König ſeine Entlaſſung als Regierungsbevollmächtigter und erzwang ſo wenigſtens, daß am 17. Dezember zu ſeinem Beiſtand der von ihm ſchon lange gewünſchte Regierungsrat Krauſe zum Univerſitäts⸗ richter ernannt wurde, der ſich denn bald auch als würdiger Genoß von Dambach, Grano u. a. gründlich verrufen und verhaßt gemacht hat ¹). Dadurch wie durch die ſeinem Eifer gezollte Aner⸗ kennung und die ihm gewordene ausdrückliche Aufforderung, die allerhöchſten Verfügungen auch ferner aufrecht zu er⸗ halten, fühlte ſich Schultz, wenn auch jener geplante Schlag gegen Altenſtein mißlungen war, zu eifrigſter Weiterführung ſeines Dienſtes ermutigt, und die Unterſuchungen gegen die Arminia wurden mit Hochdruck weiter betrieben, was dem zur Mitwirkung gezwungenen Wilken viel Sorgen, Kummer und Mühen verurſachte. Beinahe täglich fanden Verhaftungen von Studenten ²), deutſchen und polniſchen, darunter auch eines Verwandten von Wilken Namens Schmidt), und vielfache Relegierungen ⁴) ſtatt, wozu die Regierungsbevollmächtigten laut ihrer Dienſtanweiſung(ſ. Koch, d. preuß. Univerſ. I. 16 ff.) allerdings ein faſt unbe⸗ ſchränktes Recht hatten; daneben wurden von den Gerichten auch monate⸗, ſelbſt jahre⸗ und jahrzehntelange Feſtungsſtrafen verhängt. Allerdings kamen ja auch wohl einmal Begnadi⸗ gungen vor, wie z. B. im Jahre 1823 40 Arminen auf einmal eine ſolche erfuhren ⁵). Die Verhafteten wurden zunächſt in der Hausvogtei in Berlin und in dem zum Gefängnis eingerichteten alten Köpenicker Schloſſe ⁵³) ein⸗ gekerkert; Tage und Nächte lang?) mußte Wilken den end⸗ loſen Verhören anwohnen oder ſelbſt daran teilnehmen. Am 12. April trat noch eine Verſchärfung der Re⸗ gierungsmaßregeln ein, indem der König durch eine Kabinetts⸗ ordres) alle Teilnehmer an„demagogiſchen Umtrieben“, ¹) Varnhagen, II. 39. 42 u. ö. ²) Varnhagen, II. 4. 47. 56. 61— 65. 72. 155. 156. ³) Varnhagen, II. 61. ⁴) Am 12. Juni 1822 ſpricht Varnhagen(II. 37) von 26, nach anderen Berichten mehr als 30, die relegiert worden ſeien. s) Varnhagen, a. a. O. II. 428.— Ilſe, a. a. O. 157— 59. ⁴) Über die ſtudentiſchen Beſtrebungen, über die Leos Buch „Meine Jugendzeit“ eine Hauptquelle iſt, iſt auch der ganze 2. Band von A. Ruges„Aus früherer Zeit“ ſehr belehrend; im 3. Band liefert dieſer(S. 3— 214) ein anſchauliches Bild ſeiner 6 jährigen Haft in Berlin, Köpenick und Kolberg, ein Seitenſtück zu Reuters Feſtungstid; auch Krauſe und Kamptz ſind da gezeichnet(S. 27 ff., 31 ff.). *) Varnhagen, II. 64 f. ) Varnhagen, II. 105. 50 wie der von Kamptz erfundene Ausdruck lautete, von jeder gut war, ſich gezeigt haben; er war überhaupt keine ſo Staatsanſtellung ausſchloß 1). Die nicht einmal immer in regelrechten Verhörsformen erhaltenen, manchmal von Schultz und Krauſe geradezu erpreßten*) Ergebniſſe der Unterſuchungen wurden ſpäter wohl den Gerichten, z. B. in Berlin dem Kriminalſenat des Kammergerichts, übergeben, aber auch von dieſen die ſtrengſten Strafen verhängt 3³). Wer damals zur Mitwirkung bei ſolchen Verhand⸗ lungen amtlich gezwungen war und dieſe im Herzen doch mißbilligte, mochte wohl freudloſe Tage verbringen. Nach einigen Notizen in Wilkens Papieren ſcheint er ja aller⸗ dings mit vielen anderen durchaus verſtändigen Männern den Glauben an das Vorhandenſein wirklich gefährlicher Verbindungen geteilt zu haben, den die beſtunterrichteten Behörden und zweifellos kluge Männer, wie Kamptz und Tzſchoppe, wenn ſie auch ſelbſt vielleicht nicht daran glaubten, doch wenigſtens überall zu wecken ſuchten ⁴). Wilken hat jedenfalls optima fide bei ſeiner ohnedies pflichtmäßigen ⁵) Anteilnahme an dieſen leidigen Vorgängen gehandelt und ehrlichen Herzens geglaubt, wer die verblendeten jungen Leute lieb habe, der müſſe ſie auch mit Strenge von ihren verderblichen Wegen abzubringen ſuchen. Daher iſt es mir denn auch nirgends entgegengetreten, daß er wegen ſeiner Teilnahme an jenen Verhandlungen bei der Studentenſchaft oder dem Publikum Gegenſtand einer beſonderen Abneigung geworden wäre, wie es Steffens von ſich erzählt). Allerdings mag Wilken bei der ihm eigentümlichen ganz beſonders ſtrengen Anſicht von dem Reſpekt, der hoch⸗ ſtehenden Beamten gebühre, dem Regierungsbevollmäch⸗ tigten gegenüber manchmal gefügiger, als gerade nötig oder ¹) Am 6. April 1822 wurde auch Ernſt Förſter aus ſeiner etwa vierwöchigen Haft befreit, und zwar durch zwei kleine Mädchen, die den grimmen Schultz in ſeinem eigenen Hauſe aufſuchten und ihren Freund losbaten. S. die hübſche Geſchichte bei E. Förſter, a. a. O. S. 222 ff. ²) E. Förſter, a. a. O. 221 f.— Schlimmer iſt, was Varnhagen, a. a. O. II. 72 f. und öfter über grauſame und willkürliche Behandlung der Eingekerkerten erzählt. ³) Zur Beurteilung des Verfahrens der Gerichte, unter denen gerade die preußiſchen vermöge der drakoniſchen Strenge des preuß. Landrechts in Hochverratsſachen die allerhärteſten Urteile fällten, vergl. indeſſen Schrader, a. a. O., II. 124 f. ⁴) Umgekehrt hat E. Th. A. Hoffmann zwar über die Demagogen⸗ verfolgungen in ſeinem„Floh“ geſpottet, aber doch an die Gefährlichkeit der Verbindungen geglaubt, ſ. Hippel, a. a. O., S. 148. ⁵) S. Koch, a. a. O., I. S. 22 f. ⁶) Gegen dieſelbe Arminia mußte Steffens damals als Rektor in Breslau die Unterſuchung führen, zu deren Kontrolle und Ver⸗ ſchärfung freilich der bewährte Inquirent Krauſe geſchickt wurde; über den Hergang ſ. Steffens, Was ich erlebte, IX. 81— 97. ſtahlharte Natur wie Schleiermacher, kein ſo kaltblütiger Frondeur wie Raumer, dem es gar nicht darauf ankam, ob es auch einmal eine heftige Szene mit dem Miniſter abſetze. Zu ſeinem Leidweſen geriet er durch dieſes Ver⸗ halten mit einem ſeiner liebſten Kollegen, Schleiermacher, für eine Weile in ein etwas geſpanntes Verhältnis ¹). Da Wilken während ſeiner Rektorthätigkeit vielfach die Erfahrung gemacht hatte, daß die Unbekanntſchaft mit den Landesgeſetzen über die ſtudentiſchen Verhältniſſe den Stu⸗ dierenden ſehr nachteilig war, ſo verſchaffte er ſich die Geſetze aller anderen Univerſitäten, deren Erfahrungen er nützen wollte, und beantragte am 20. Juli bei dem Regierungs⸗ bevollmächtigten die Abfaſſung eines geeigneten Geſetzaus⸗ zugs, der den Studierenden bei ihrer Immatrikulation zu behändigen ſei. Dieſer Anregung gab Schultz unter leb⸗ haften Dankesäußerungen ſofort Folge. Zwiſchen dieſem und dem Miniſter ſetzte ſich inzwiſchen der begonnene Streit während Wilkens Rektorat immer erbitterter fort. Nachdem es am 22. Januar 1822 zwiſchen beiden wieder einmal zu heftigen Erörterungen gekommen war, erklärte Schultz am 8. Auguſt dem Miniſter abermals, daß dieſen eigentlich die Schuld der Mitglieder der geheimen Verbindungen treffe, und der König, dem die Camarilla trotz ſeines Feſthaltens an Altenſtein doch ein gewiſſes Mißtrauen gegen dieſen einzuflößen wußte, gab ſogar dem unbotmäßigen Manne in einer Kabinettsordre vom 18. September 1822 inſofern auch noch recht, als er Altenſtein die Veröffent⸗ lichung der über die Mitglieder der Arminia verhängten Strafen befahl. In der folgenden, gerade auch Wilken be⸗ treffenden Angelegenheit ſtellte ſich dagegen der zwiſchen den Parteien ſchwankende König wieder auf die Seite des Miniſters. ¹) Als Wilken einſt mit dieſem aus der ſogenannten griechiſchen Geſellſchaft nach Hauſe ging und gerade am Schultzſchen Wohnhauſe in der Wilhelmsſtraße hinter den anderen etwas zurückgeblieben war, fragte ihn Schleiermacher boshaft, ob er an jenem Hauſe erſt einen Knie⸗ fall habe thun müſſen. Wilken war frei von dem„Laſter des Übel⸗ nehmens“, wie Buttmann es bezeichnete, und trug es ihm nicht nach, freute ſich vielmehr, vermöge ſeines guten Verhältniſſes zu Alten⸗ ſtein, der übrigens auch nicht etwa Schleiermachers Feind war, dazu beitragen zu können, eine unangenehme Maßregel, welche die Witt⸗ genſteinſche Camarilla gegen den ihr verhaßten, überhaupt lange Jahre verdächtigten Mann etwas ſpäter in Szene ſetzen wollte, von ihm abzuwenden.— Umgekehrt hat auch Schleiermacher, als im Frühjahr 1823 alle Freunde Wilkens abwechſelnd an ſeinem Kranken⸗ bette wachten, ihm dieſen Liebesdienſt erwieſen. Später kamen beide als Sekretäre der Akademie der Wiſſenſchaften ſich noch näher und blieben lebenslang im beſten Einvernehmen.— Wer durch Servilität einmal ſeine Achtung verſcherzt hätte, zu dem hätte ſich ein Schleier⸗ macher nie wieder dauernd ſo freundlich geſtellt. Noch waren nämlich die ſchwebenden Unterſuchungen gegen die Burſchenſchaft nicht abgeſchloſſen, als Wilkens Rektorat ſich ſeinem Ende nahte. Schultz, der ſich ſeines Beiſtandes ungern beraubt ſah, bat daher in einem Bericht vom 28. Juli 1822 den Miniſter, die Verlängerung des Rektorates um ein weiteres Jahr für Wilken zu er⸗ wirken, worauf Altenſtein in der That am 29. Juli den akademiſchen Senat anwies, die Vorbereitungen zur Neu⸗ wahl einſtweilen zu unterlaſſen. Nachdem Wilken ſelbſt anfangs, wenn auch mit offener Darlegung ſeiner Bedenken, mündlich ſich bereit erklärt hatte, dem etwaigen allerhöchſten Befehle zur Fortführung des Rektorats ſich zu fügen, ſo reichte er doch bald eine ſchriftliche offene und ſehr drin⸗ gende Vorſtellung ein, in der er auf das Mißliche einer ſolchen Abweichung von den Statuten der Univerſität hinwies und zu bedenken gab, welche Kränkung durch eine ſolche Maßregel den anderen Profeſſoren unzweifelhaft zu⸗ gefügt werde, die, wie er beſcheiden hinzufügte, großenteils an Talent und Geſchicklichkeit ihm überlegen ſeien und von denen ein jeder etwa Erwählte die Regierung nach allen Kräften und nachdrücklicher, als er ſelbſt vermöge, unter⸗ ſtützen werde. Er wußte dadurch den Miniſter doch zu beſtimmen, daß er den ſchon am 29. Juli von Süvern entworfenen Immediatbericht, in dem Altenſtein zwar auch ſchon angedeutet hatte, eine ſolche Maßregel habe doch auch ihre bedenkliche Seite, aber doch die Entſcheidung dem Könige anheimſtellte, am 31. Juli durch einen anderen erſetzte, in welchem er unter Aneignung von Wilkens und Hinzufügung von neuen Gründen ſich gegen den Schultz⸗ ſchen Antrag erklärte. Der König, von dem man einen gegenteiligen Entſchluß befürchtete ¹), entſchied denn auch wirklich am 15. Auguſt in Teplitz, daß es bei der ſtatuten⸗ mäßigen Neuwahl verbleiben ſolle, welche am 22. Auguſt vorgenommen ward und auf Friedrich von Raumer fiel. Inzwiſchen hatte Wilken als Rektor ſchon am 2. Auguſt mit dem Senat dem Miniſter die Bitte unterbreitet, ihnen den Genuß des verfaſſungsmäßigen Rechtes der Univerſität erhalten zu helfen, eine Vorſtellung, die der durch ſie geärgerte Schultz dem Miniſter mit der Randbemerkung einreichte, daß der Senat dieſen Bericht wohl ſo lange hätte ausſetzen ſollen, bis er über die Gründe der Maßregel belehrt worden wäre; das Schriftſtück wurde denn auch vorläufig ad acta gelegt. Nachdem jedoch auch noch die Entſcheidung des Königs vom 15. Auguſt gegen ihn ausgefallen war, hielt Schultz in ſeinem Ärger den ihm ſchon am 27. Auguſt überreichten Bericht des Senats über den Ausfall der am 22. ſtattge⸗ ) Dilthev, Aus Schleiermachers Leben, IV. 300. habten Rektorwahl wenigſtens noch eine Weile zurück; als dann aber der Miniſter auf ſeine Erinnerung am 13. Sep⸗ tember vom Senat den Thatbeſtand erfuhr und Schultz zu ſofortiger Einſendung des Senatberichtes aufforderte, und dieſer ihn endlich am 17. September mit der Randbemerkung einreichte, daß er Raumers Wahl wie jede ſolche ſo betriebene als verderblich für Univerſität und Staat anſehe, erteilte Altenſtein, nachdem auch der König am 26. September ſeine Mißbilligung über jene Verzögerung ausgeſprochen, Schultz am 2. Oktober einen Verweis in der denkbar ſchärfſten Form und mit Androhung ſtrengſter Ahndung, wenn er ſich Ahn⸗ liches wieder herausnehmen ſollte. Die gleichzeitig darin geforderte ungeſäumte Anzeige, was er mit der Art ver⸗ ſtehe, in der die fragliche Wahl betrieben worden ſei, hat Schultz trotz mehrfacher Erinnerungen bis zum Juni 1823 wenigſtens nicht und wahrſcheinlich überhaupt nie erſtattet 1¹). Noch in den letzten Tagen von Wilkens Rektorat machte dann Schultz einen neuen Angriff auf den Miniſter, indem er in einem Bericht an den König vom 10. Oktober ſich, diesmal freilich in Übereinſtimmung mit dem Senat, der von Altenſtein verfügten Ausnahme zweier Studierenden von der Relegation widerſetzte und glücklich damit durchdrang. Als er dann aber in einem neuen, allerdings ſchon in Raumers Rektorat fallenden Bericht vom 6. Dezember 1822 den entſcheidenden Schlag gegen Altenſtein führen wollte, in⸗ dem er dieſem abermals alle Schuld an den ſtudentiſchen Vergehungen beimaß, da ließ, als der König ſich entſchieden für den Miniſter ausgeſprochen, die Camarilla ihren un⸗ glücklichen Kämpen fallen, und nach mehreren weiteren Zuſammenſtößen und aufregenden Verhandlungen in den Jahren 1823 und 1824 erhielt endlich Schultz durch Kabinettsordre vom 6. Juli 1824 zu ſeinem tiefſten Schmerz ſeine völlige Entlaſſung aus allen Dienſten. Er zog, im Genuß ſeiner Bezüge außer ſeinem Gehalt als Regierungs⸗ bevollmächtigter belaſſen, auf den argliſtigen Vorſchlag Wittgenſteins, der dieſem wandelnden Vorwurf in Berlin nicht weiter begegnen mochte, 1825 nach Wetzlar und 1831 nach Bonn, wo er, litterariſch trotz ſeiner Begabung wegen ſeines trotzig⸗eigenſinnigen Weſens ohne Glück thätig, bis zu ſeinem am 19. Juni 1834 erfolgten Tode lebte. Seiner verwaiſten zahlreichen Familie nahm ſich Altenſtein in alter Treue an ²). Hegel blieb mit Schultz auch nach deſſen ¹) Dieſe Düntzer nicht bekannte, wenigſtens von ihm nicht erwähnte, aber bei Varnhagen a. a. O., II. 226 geſtreifte Epiſode nach den Akten des Kultusminiſteriums. ²) Der bedeutende Mann hat auffallender Weiſe in der Allg. Deutſchen Biographie keinen Platz gefunden; wohl aber hat Düntzer in der Einleitung zu ſeiner Ausgabe des Goethe⸗Schultzſchen Brief⸗ 7* Sturz noch in Verbindung, und in einem Briefe an dieſen Hauſe; es verging faſt kein Tag, an dem nicht Boeckhs vom 6. Dezember 1830 läßt Schultz auch Wilken noch ſchen Hauſe vorgeſprochen hätte. Sie war die Tochter des Eine bei Varnhagen a. a. O. II. 50 ſich findende freundſchaftlichſt grüßen 1). Notiz, wonach Wilken in ſeinem Rektorat ſich im Senate mit dem Geheimrat Schmalz überworfen und bittere Briefe gewechſelt haben ſoll, bin ich nicht in der Lage, über thaten, fühlte ſie ſich zu Boeckh, der ein nicht ſehr ge⸗ Am 21. Oktober 1822 übergab Wilken im großen das daſelbſt beliebte Maß hinaus auszuführen. Hörſaal der Univerſität mit einer noch vorhandenen latei⸗ niſchen Rede, in der er die wichtigſten Ereigniſſe des ver⸗ gangenen Jahres berührte, das Rektorat an Raumer, der die Feierlichkeit mit einer lateiniſchen Rede ſchloß.— datiert, zum Profeſſor der Geſchichte auch an der König⸗ lichen Kriegsſchule zu Berlin ernannt. Er bekleidete dieſes jährlich 800 Thaler eintragende, aber auch mit ſtarker, beſonders Korrekturarbeit verbundene Amt übrigens nur Frau, eine geſcheite und liebenswürdige Dame, im Wilken⸗ General⸗Superintendenten Wagemann in Göttingen und hatte Boeckh bei einem Beſuch ihrer Verwandten in Heidel⸗ berg kennen gelernt; eine feine, elegante Erſcheinung mit einem Tituskopfe, der ihre Pockennarben nicht viel Eintrag fälliges und elegantes Ausſehen hatte, nicht ſehr hingezogen und war nur durch das Drängen der Ihrigen beſtimmt worden, ihm ihre Hand zu reichen ¹); auch in der Ehe mit ihm fühlte ſie ſich nicht allzu glücklich, obwohl ſie für ſeinen wachſenden Ruhm empfänglich war. Sie ſtarb ſchon 1829. Noch während des Rektoratsjahres wurde Wilken durch Kabinettsordre vom 27. Auguſt 1822, aus Teplitz fach verdiente de Wette nahe. Wilken ſelbſt ſtand beſonders der um ihn ſo viel— Es war daher für ihn ein bitterer Schmerz, als de Wette nach ſeinem im Ausdruck ſich vergreifenden Troſtbriefe an die Mutter des unſeligen Mörders von Kotzebue, Karl Sand, mit der er befreundet war und deren Gaſtfreundſchaft er noch im Jahre zuvor bis zu ſeiner Erkrankung im Frühjahr 1823.²)— Unterbrochen wurde die Berliner Thätigkeit Wilkens in den Jahren 1817 bis 1823 nur durch eine Reiſe, die er, wahrſcheinlich im Auftrag der Regierung, nach Pommern genoſſen hatte, ſeines Amtes entſetzt ward. Wilken hatte an dem edlen Mann mit dem reinen Herzen nichts zu tadeln ²), als daß er mit den Studenten ſich zu ſehr ein⸗ gelaſſen und von ihnen habe aufregen laſſen; wie de Wette und Rügen machte, und auf der ihn ſeine Gattin und ſeine älteſte Tochter Sophie ſowie der Komponiſt Zelter begleiteten, und durch eine zweite, die ihn im Juni 1822 ebenfalls in amtlicher Eigenſchaft zum Studium der Biblio⸗ theken nach Breslau, Prag und Dresden führte. Seine Familie hatte ſich inzwiſchen am 17. Mai 1818 durch die Geburt ſeines vierten und letzten Kindes ver⸗ größert, ſeiner Tochter Eliſabeth, die als Wittwe des Re⸗ gierungsrats Dr. med. Edmund von Pochhammer noch heute in Gernsbach in Baden lebt.— Was den Kreis der geſelligen Beziehungen des Wilken⸗ ſchen Hauſes anlangt, ſo umfaßte derſelbe zunächſt die alten Heidelberger Freunde, vor allem de Wette und die Familien Boeckhs und Marheinekes, die ſchon vor Wilken nach Berlin übergeſiedelt waren, ſowie diejenige Hegels, der ein Jahr nach ihm dort eingetroffen und nach Ausweis der Briefe bei ſeiner Einrichtung in Berlin von Wilken eifrig unterſtützt worden war. Ganz be⸗ ſonders eng war die Freundſchaft mit dem Boeckhſchen wechſels S. 3— 130 ihm ein Denkmal und die ehrenwerten Seiten ſeiner Perſönlichkeit in das rechte Licht geſetzt. Die hierher gehörigen Darlegungen Düntzers finden ſich S. 72— 103.— Vergl. auch Varn⸗ hagen, Denkw., I. 463— 471. 11) Briefe von und an Hegel II. 354. ²) Ein Schüler von ihm war damals der ſpätere Feldmarſchall von Steinmetz. es gemeint, war ihm völlig klar. Ebenſo wie der charakter⸗ volle Schleiermacher, der früher de Wette nicht ſehr freund⸗ lich geweſen war, jetzt aber, wo dieſer bedroht war, feſt zu ihm hielt, ſo ließ auch das Wilkenſche Ehepaar es ſich nicht nehmen, wenige Tage vor de Wettes Abreiſe von Berlin nach Weimar noch eine große Abendgeſellſchaft zu ſeinen Ehren zu geben, an der beſonders alle gemeinſamen Freunde von der Univerſität teilnahmen ³). Daß bei der Geldſammlung der Berliner Freunde, die de Wette fürs erſte vor Not ſichern ſollte und von ¹) Karikiert erſcheinen dieſe Verhältniſſe bei G. Parthey, Jugenderinnerungen, II. 221 f. Vergl. auch Heinrici, Tweſten 404.— Beſonders eines Beſuches der niedlichen Frau erinnerte ſich der jüngere Wilken noch ſehr deutlich, als ſie am 6. Februar 1823 in äußerſter Aufregung ihnen die ſoeben zwiſchen dem Schauſpieler Stich, der mit der Familie Boeckh dasſelbe Haus in der Mohrenſtraße am Gensdarmenmarkt bewohnte, und dem Grafen Blücher, Enkel des Feldmarſchalls, vorgefallenen Szene berichtete; dieſer hatte ein Ver⸗ hältnis mit Stichs Frau, der ſpäter berühmt gewordenen Auguſte Crelinger, traf mit dem beleidigten Gatten auf der Treppe zuſammen und brachte ihm, der ihn feſthalten wollte, mit einem Dolche eine Wunde bei, infolge deren der an der Lunge verletzte Mann fortab⸗ kränkelte und nach einigen Jahren ſtarb.— Etwas anders ſtellt der Artikel der Allg. D. Biogr. über die berühmte Schauſpielerin die Sache dar. Vergl. auch Varnhagen, II. 291— 3. 353. 429. ²) S. Varnhagen I. 77. ²) Außer Hegel, der de Wettes Schickſal für verdient erklärte. 53 Buttmann geleitet ward ¹), auch Wilkens Beitrag nicht fehlte, war ſelbſtverſtändlich. Auch dem äußerlich etwas derb ausſehenden Aſthetiker Solger und ſeiner feingebildeten Frau ſtand das Ehepaar Wilken nahe; freilich wurde er ſchon 1819 im beſten Mannes⸗ alter den Seinen durch den Tod entriſſen; den Verkehr mit ſeiner Gattin, die nach Dresden überſiedelte, nahmen ſie ſpäter dort wieder auf. üfters erſchien der alte Zelter bei Wilken im Hauſe, und es ward ſpäter von den beiden, im Bunde mit Hegel, manches Whiſtſpiel zuſammen gemacht, nachdem Wilken in den Jahren ſeiner Krankheit in Dresden und Wien das Kartenſpiel erlernt hatte; da kam es wohl vor, daß der durch ſeine Derbheit und ſeinen Humor all⸗ bekannte Komponiſt ſeinen Mitſpielern erboſt zurief, ſie ſpielten wie die dummen Jungen. Als Friedrich Auguſt Wolf, der Wilken auch befreundet war, im Vorgefühl ſeines Todes den Alten einſt bat, für ſeine Totenfeier ein Requiem zu ſchreiben, ſagte dieſer kurz:„Sterb' Er nur erſt!“ Zelter fand bei Wilkens Gattin beſonders viel muſikaliſches Verſtändnis, machte auch, wie oben erwähnt, mit der Fa⸗ milie eine Reiſe nach Pommern und Rügen und unter⸗ richtete längere Zeit die älteſte Tochter Wilkens, Sophie, die er ſehr lieb hatte, in der Muſik. Eines Tages traf Zelter im Wilkenſchen Hauſe eine Damengeſellſchaft an, unter der ſich auch Amalie von Helvig befand, und verur⸗ ſachte lange Geſichter, als er ſie, wie ſie eben zum Kaffee⸗ trinken ſich niederließen, mit den Worten anfuhr:„Was, wollt Ihr ſchon wieder Kaffee ſaufen?“ Ebenſo unterhielten Wilken und ſeine Frau einen be⸗ ſonders gemütlichen Verkehr mit der Familie ſeines Spezial⸗ kollegen Friedrich Rühs, der ihm ſchon infolge ſeiner Teil⸗ nahme an den Heidelberger Jahrbüchern bekannt war. Als dieſer ſich wegen eines Lungenleidens im Jahr 1819 nach Italien begeben mußte, wo er leider ſchon im nächſten Jahre in Florenz ſtarb, vertraute er Wilken und ſeiner Gattin ſeine älteſte Tochter Auguſte an, die dann Jahr und Tag bei ihnen im Hauſe blieb, völlig ein Glied der Familie wurde und andauernd— ſie wurde ſpäter die Gattin des Pro⸗ feſſors der Medizin Kneip in Greifswald— mit den Wilkenſchen Kindern in geſchwiſterlichen Verhältniſſen blieb. Durch Rühs wurde wieder die Familie des Phyſiologen Rudolphi ihnen bekannt, und auch die des Chemikers Hermbſtädt) ſchloß ſich ihnen an. Schon von Leipzig her datierten weiter die Beziehungen, die Wilken und be⸗ ſonders ſeine Frau mit den Eltern Theodor Körners verbanden; zwei Jahre nach ſeines berühmten Sohnes Tod ¹) Dilthey, Aus Schleiermachers Leben, II. 264. ²) Über beide ſ. d. Allg. D. Biogr. war nämlich Chriſtian Gottfried Körner als Geheimer Ober⸗Regierungsrat in preußiſche Dienſte übergegangen und im Kultusminiſterium angeſtellt worden; der Verkehr mit ihm und ſeiner noch immer ſchönen Frau, wie mit ſeiner Tochter Emma und ſeiner geiſtreichen Schwägerin Dora Stock, die eine geſchickte Zeichnerin war, wurde namentlich dann immer ein beſonders reger, wenn Karolinens Mutter, Sophie Tiſchbein, die alte Freundin der Körnerſchen Damen, bei ihrer Tochter in Berlin verweilte, was oft monatelang der Fall war. Von den Profeſſoren der Hochſchule gehörten zum Umgangskreiſe Wilkens noch die Juriſten Haſſe, der aber 1821 nach Bonn ¹), und Göſchen, der 1822 nach Göt⸗ tingen überſiedelte; die Freundſchaft mit dem letzteren und ſeiner Frau übertrug ſich auch dauernd auf die Kinder beider Paare. Ofter erſchien auch Klenze, zuweilen auch der Juriſt Bluhme in ſeinem Hauſe, und auch mit Friedrich von Raumer, der 1819 von Breslau nach Berlin verſetzt worden war, unterhielt er dauernde Beziehungen. Von den Räten des Unterrichtsminiſteriums ſtanden Johannes Schulze und die Staatsräte Süvern und Uhden mit ihm in freundſchaftlichem Verhältnis. Einer ſeiner genaueren Bekannten war ferner noch der treffliche Buchhändler Georg Andreas Reimer. Unter den Künſtlern, die in ſeinem Hauſe aus⸗ und eingingen, nenne ich noch den ſchon von Heidelberg her ihm bekannten Landſchaftsmaler Samuel Röſel²), einen Hausfreund Zelters, einen kleinen buckligen, ſehr witzigen Mann, der nie kam, ohne eine Mappe voll ſeiner Zeich⸗ nungen zur Betrachtung mitzubringen, ferner die Bildhauer Rauch, der wie Wilkens Gattin in Arolſen geboren war, und Schadow, den Komponiſten und Univerſitäts⸗Muſikdirektor Bernhard Klein, den Schwager Guſtav Partheys und Schwiegervater von Richard Lepſius ³). Von alten Heidelberger Freunden fanden ſich noch in Berlin und ſetzten den Umgang mit ihnen fort Amalie von Helvig, die auch einmal“) Schillers jüngſte Tochter Emilie ⁵), nachmalige Frau von Gleichen⸗Rußwurm, ¹) Als Mitglied si non Bononiensis at Bonnensis facultatis, wie der ihm aufſäſſige Gans ſagte. ²) Goethe hat ihn in zwei launigen Gedichten angeſungen, Hempelſche Ausg. III. 170 f. ²) Auch die beiden letztgenannten erſchienen ſpäter öfter bei Wilken, und beſonders Lepſius trat ſeinem Familienkreiſe ſehr nahe und iſt ſeinem älteſten Sohne bis zu deſſen Tode ein treuer Freund geweſen. *) Es wird wohl im März 1828 geweſen ſein; ſ. Varnhagen, a. a. O., V. 53.(S. 58 ſoll A. v. Humboldt ſie heiraten!) ⁵³) Nach der Erinnerung von Friedrich Franz Wilken war ſie 54 bei ihnen einführte, Achim von Arnim mit ſeiner Frau, Bettine ¹), und der berühmte Theologe Auguſt Neander, ein ſtiller, ſinniger Mann, der mit ſeiner Schweſter zu⸗ ſammenlebte. Von Paris her kannte Wilken, wie oben erzählt, auch Wilhelm von Humboldt, der indeſſen ebenſo wie Beyme von Hardenberg im Bunde mit Wittgenſtein am 31. Dezember 1819 aus dem Miniſterium hinausgedrängt wurde und ſich hierauf ins Privatleben und zu ſeinen Studien zurückzog. nahe, was zu häufigen gegenſeitigen Beſuchen in Tegel und ſtören ließ, oder ſogar von ihm aufgefordert wurde, noch Berlin führte. Auch Alexander von Humboldt kam nach ſeiner dauernden Anſiedelung in Berlin im Jahre 1827 mit Wilken in häufige Berührung, wovon auch beſonders die Menge von noch vorhandenen Briefen und Billeten Hum⸗ boldts an Wilken, mehr als 70 an der Zahl, Zeugnis gibt. Die Bibliotheksleitung brachte Wilken auch in häufige Beziehungen zu einzelnen Mitgliedern des Hofes, und be⸗ ſonders waren es der Kronprinz Friedrich Wilhelm, 8 4 5 1 4 de, ante der Prinz Auguſt und die Prinzeß Wilhelm, Schwägerin andere; Spiel— außer Schach— und Tabakrauch waren des Königs, Marianne, geborne Prinzeß von Heſſen⸗ Homburg, die ihm dauernd ihre Gunſt zuwandten 9). Dasjenige Haus indeſſen, mit welchem Wilkens, Eltern wie Kinder, den gemütlichſten und regſten Verkehr unterhielten, war das von Wilkens Kollegen Buttmann. Buttmann war von kleiner, gedrungener Geſtalt, ſein aus⸗ drucksvoller Kopf mit dunklem krauſen Haar ſaß auf kurzem Halſe; dabei war er äußerſt beweglich und von ſchlagendſtem Witze, aß und trank gerne und liebte luſtiger Geſellſchaft in ſeinem Hauſe, wo er es gern ungeniert hergehen ſah und ſeine gelehrten Freunde, zu denen beſonders noch Schleiermacher, Boeckh und Hirt gehörten, mit Vor⸗ liebe zu ſo langen Sitzungen verſammelte, daß ſeine ſtille und beſcheidene Frau, eine Tochter des Leibarztes Friedrichs II., Chr. Selle ³), der den großen König noch in ſeiner letzten Krankheit behandelt hatte, oft den Gäſten eine gar hübſche, intereſſante Erſcheinung, hoch und ſchlank gewachſen, mit blendend weißer Hautfarbe und dunklem Haar. ¹) Von ſeiner Mutter einſt zu einem Beſuche bei Frau von Helvig mitgenommen, geriet Friedrich Franz Wilken in höchſtes Erſtaunen, als ſich plötzlich die Thür öffnete und eine kleine zarte Geſtalt herein⸗ hüpfte, die dann ſogleich auf einen Platz auf dem Sopha ſprang und die Beine unter ſich zuſammenſchlug— Bettine von Arnim, geb. Brentano! ²) Von Intereſſe für das Maß des Bücherkaufs der Zeit iſt, daß die Prinzeſſinnen, z. B. Alexandrine und Louiſe, häufig einzelne Bände Schillers auf der Bibliothek holen ließen. Varnhagen, II. 336. ²) S. über ihn die Allg. D. Biographie. noch den Morgenkaffee kochen mußte. Buttmann holte wenn er von der Bibliothek kam, die Vorräte von Fleiſch, Fiſch und Käſe gewöhnlich ſelbſt vom Markte, und zwar in den großmächtigen Taſchen ¹) ſeines langen grauen— dies war ſtets die Farbe ſeiner Kleidung— Leibrocks. Häufig veranſtaltete Buttmann auch für die befreun⸗ deten Familien Ausflüge in die Umgegend; faſt täglich waren Wilkens Kinder im Buttmannſchen Hanſe, und es kam wohl vor, daß die ganze Schar, während er ſein Mittags⸗ mehr Lärm zu machen, weil er da beſſer arbeiten könne. Endlich war Wilken Mitglied mehrerer geſelligen Ver⸗ einigungen, zunächſt des ſogenannten Montagsklubs, einer einfachen Geſellſchaft, die im Jahr 1748 von einem Schweizer Theologen Schultheß geſtiftet war und während ihres faſt 100 jährigen Beſtehens die berühmteſten Namen Berlins aus allen Berufskreiſen zu ihren Mitgliedern gezählt hat, wie Sulzer, Ramler, Leſſing, Nicolai und viele verpönt; man kam Montags abends zwiſchen 6 und 7 Uhr zuſammen, und um 8 oder ½ 9 Uhr ward gemeinſchaftlich zu Abend gegeſſen; auf eigentlich gelehrte Unterhaltung war es nicht abgeſehen, man wollte nur harmlos fröhlich mit einander verkehrend ſich erholen. Wilken wurde 1818 aufgenommen, wohl von Zelter eingeführt, weil er als Nach⸗ folger Bieſters, der auch Mitglied und fünf Jahre lang Senior geweſen war, gewiſſermaßen auch hier zur Mitglied⸗ ſchaft berechtigt ſchien. Im Jahr 1828 gab der Klub, der übrigens nicht mit dem 1824 von Hitzig gegründeten Dichterklub zu verwechſeln iſt, der anfangs Mittwochs, dann aber ebenfalls Montags zuſammenkam, ſeinen letzten Kalender heraus und löſte ſich dann allmählich auf ²). Weiter gehörte Wilken zur ſogenannten„griechiſchen Geſellſchaft“; dieſe leitete ihren Urſprung von dem Leſe⸗ verein Spaldings und Idelers ab, die gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts als„Urgriechen“ den— römiſchen Dichter Manilius laſen³); nachdem allmählich dieſer Kreis ſich erweitert, gehörten der Geſellſchaft, deren Mitglieder ſich durch Liebe zu den Alten und feinen Sinn für klaſſiſche Bildung verbunden fühlten, zu Wilkens Zeit außer Buttmann beſonders noch Schleiermacher, Boeckh, ¹) S. auch Eberty, Erinnerungen eines alten Berliners, S. 10. ²) S. über ihn den Aufſatz in der Voſſiſchen Zeitung, 1881, Sonntagsbeilage Nr. 26 u. 27. *) G. Parthey, Origines graecitatis Berolinensis, 1861, S. 3. 5 5 Hirt, Süvern, Immanuel Bekker, Rühs, Göſchen, Johannes aber auch ſcharf die Tagesereigniſſe wie die litterariſchen Schulze, Ideler, Klenze, Lachmann, Kortüm, Meineke, Erſcheinungen beſprochen wurden ¹). Leopold Ranke, Wilkens Schwiegerſohn Moritz Pinder und Der Verkehr mit ſo vielen geiſtig hervorragenden noch manche andere an, beſonders auch der Geſchichts⸗ Perſönlichkeiten konnte, wenn er auch dem vielfach Be⸗ ſchreiber der Geſellſchaft, der Buchhändler und Schriftſteller Guſtav Parthey. Man kam jeden Freitag gegen Abend nach regelmäßigem Wechſel bei den einzelnen Mitgliedern zu⸗ ſchäftigten manche Stunde entzog, die er gerne ſeiner wiſſen⸗ ſchaftlichen Thätigkeit gewidmet hätte, doch nicht ohne mannigfache Anregung und Förderung für ihn bleiben und ſammen und las und erklärte einen griechiſchen Schriftſteller, bot auch die durchaus notwendige geiſtige und körperliche worauf man dann den Abend beim Mahle und fröhlicher Geſelligkeit vereint blieb ¹). Endlich nahm Wilken auch noch an der ſogenannten „geſetzloſen Geſellſchaft“ teil, die, 14 Mitglieder ſtark, am 4. November 1809„ſich geſetzt hatte“ und ihre Entſtehung Wilkens Kollegen, dem jovialen Philipp Buttmann ver⸗ dankte; ſie hatte lange Zeit ihren Sitz in der Kemperſchen Wirtſchaft im Tiergarten, an der Stelle der heutigen Viktoria⸗ ſtraße. Buttmann hatte ihre„Pragmatiſchen Statuten“ entworfen, die in witziger Weiſe den Widerſpruch zwiſchen geſetzloſer Geſellſchaft und Statuten umgehen. Zum Mit⸗ glied der Geſellſchaft wurde niemand gewählt, auch konnte niemand austreten; wer aufgenommen werden ſollte, wurde einfach als geſetzloſer Menſch anerkannt und konnte ſich dieſer Anerkennung nicht entziehen; er konnte nun kommen oder fernbleiben, wie er wollte. Tage Sonnabends ſtattfanden, waren von heiterſter Un⸗ gebundenheit und von geiſtreicher Laune belebt. Die „unſichtbare Lenkung“ der Geſellſchaft lag— zum Hohn der Geſetzloſigkeit— in der Hand eines„Zwingherrn“; zuerſt war das natürlich Buttmann; er blieb auch, ſo lange er lebte, der Mittelpunkt der Geſellſchaft, die ſich fortwährend aus den durch Intelligenz und geſellſchaftliche Stellung hervorragendſten Männern der Hauptſtadt er⸗ gänzte. Wie geſetz⸗ und zwanglos es, beſonders zu Zeiten der Buttmannſchen„Tyrannei“, in ihr zuging, zeigen Vor⸗ fälle, wie der, daß einmal Buttmann dem ſehr laut wer⸗ denden Rudolphi zurief, Quiesce, vesanum pecus“, oder daß Boeckh einſt ſeinen Pfeifenkopf auf die allerdings ver⸗ führeriſche Glatze Rudolphis ausſchüttete ²). Jahrelang erſchien Wilken auch alltäglich, von ſeinem Mopſe begleitet, um die Kaffeeſtunde in der Stehelyſchen Konditorei am Gensdarmenmarkte, wo er die Zeitungen las oder mit an„der ſcharfen Ecke“ ſaß, an der humorvoll ¹1) M. Hertz, K. Lachmann, S. 211. ²) Vergl. die Schrift Klenzes, der ſelbſt Mitglied der Geſell⸗ ſchaft war,„Philipp Buttmann und die Geſetzloſen“, Berlin, Reimer, 1834, und M. Hertz, a. a. O., 214— 217. Ihre Mahle, die alle 14 Erholung von aufreibenden Geſchäften dar. Nahm ihm endlich noch die Zugehörigkeit zu anderen Vereinen, wie z. B. zur Märkiſchen ökonomiſchen Geſell⸗ V ſchaft zu Potsdam, die ihn 1820 zu ihrem Ehrenmitglied wählte, zur Humanitäts⸗Geſellſchaft und zur Berliner Ge⸗ ſellſchaft für deutſche Sprache, denen beiden er ſeit 1818 angehörte, auch noch, wenn auch weniger regelmäßig und weniger oft, manche Stunde ſeiner koſtbaren Zeit weg. ſo verſteht man, daß eine ſolche vielfältige Inanſpruchnahme eine ungemein aufreibende und aufregende Wirkung auf einen ſenſiblen Geiſt haben mußte. Sie trat denn auch, gefördert durch oben ſchon angedeutete körperliche Störungen, leider ſchon nach wenigen Jahren in erſchreckender Weiſe bei ihm zu Tage. 1823—1827. Im Jahre 1823 brach urplötzlich eine ſchwere Prüfung über Wilken und ſeine ganze Familie herein. Schon wäh⸗ rend ſeiner italieniſchen Reiſe im Jahre 1816 oder bald nachher hatten ſich gichtiſche Knochenauftreibungen bei ihm gezeigt, die man wohl für eine Folge der Feuchtigkeit ſeines Heidelberger Hauſes hielt. Wohl wichen ſie von Zeit zu Zeit den angewandten Mitteln, beſonders nachdem er ſich etwa im Anfang der zwanziger Jahre einer Art von Hungerkur unterzogen hatte, und ließen nur die Verkürzung eines Fingers zurück. Aber in den Jahren 1821 und 1822 wurde er wieder viel von ſeinen gichtiſchen Beſchwerden heimgeſucht, und da er ihrer ungeachtet fortwährend in der angeſtrengteſten Weiſe thätig war, auch dabei in ſeinen amtlichen Verhältniſſen viele Gemütsaufregungen unan⸗ genehmſter Art erfuhr ²), ſo konnte ſich leicht etwas Schweres vorbereiten. ¹) M. Hertz, a. a. O., S. 220. ²) Als Gründe ſeiner Erkrankung nennt er ſelbſt in einer aus Wien vom 6. Mai 1826 datierten und zwar noch im Irrſinn ver⸗ faßten, für den Fürſten Metternich beſtimmten Denkſchrift— die neben verſchrobenen Behauptungen auch merkwürdige, völlig klare Äuße⸗ rungen über ſeine Krankheit enthält— die ſchmerzlichen Gemüts⸗ erregungen, welche die langwierigen Unterſuchungen gegen die Burſchen⸗ Am Sonnabend vor Palmſonntag des Jahres 1823 ſprang er frühmorgens, nachdem er am Abend vorher beim Thee zum Schrecken ſeiner Gattin und ſeiner älteren Kinder ſchon die größte Aufregung gezeigt hatte, von wirren Ideen verfolgt, aus dem Bette, und eine ſchwere Gehirn⸗ erkrankung— die Aerzte meinten, die Gicht habe ſich auf das Gehirn geworfen— brach bei ihm aus. und kindiſche Reden ¹) folgten zuweilen maßloſe Zornaus⸗ brüche, und wenn auch bald dieſer, bald jener Freund in dem grenzenlos verſtörten Hauſe erſchien, um bei der Pflege des Kranken zu helfen und auch wohl die Nachtwache bei ihm zu übernehmen, ſo verlebte die unglückliche, ſelbſt zarte und kränkliche Frau doch viele Tage, ja Monate unter entſetzlichen Mühſalen und tiefſter Seelenqual. Die ihn behandelnden Ärzte waren Dr. Heinrich Meyer, Staatsrat Berends und Generalarzt Ruſt, auf deren Rat nach einigen Wochen beſchloſſen ward, den Kranken ²) zum Kurgebrauch nach Marienbad zu bringen. Dorthin reiſte er denn nun zu Anfang Juni 1823 in Begleitung und unter Aufſicht eines an der Bibliothek als Gehülfen beſchäftigten Kandidaten der Medizin, Dr. Hentzſchel, der ſich gleich vom Beginn der Krankheit ab bei der Pflege Wilkens ſehr treu und hülfreich erwieſen hatte. Da dieſe Kur ſich in⸗ deſſen als ganz erfolglos erwies, ſo geleitete Hentzſchel auf den Rat der AÄrzte, zu denen noch der Geheimrat Horn hinzugetreten war, Ende Dezember den Kranken nach Pirna und übergab ihn der von dem damals be⸗ rühmten Dr. Pienitz) geleiteten Irrenanſtalt auf dem Sonnenſtein 4). ſchaft ihm bereitet, ferner den Verdruß ſowohl über unverdienten Tadel und gehäſſige Vorwürfe, die ihn wegen dieſer Unterſuchungen ſeitens einzelner Kollegen getroffen, als auch über die mehr und mehr um ſich greifenden Unordnungen, Mißbräuche, Diebereien und Verſchleppungen auf der Königl. Bibliothek, denen er nicht zu ſteuern gewußt habe, endlich die furchtbare Heftigkeit ſeiner Gichtſchmerzen, beſonders in dem harten Winter 1822/23, die ihn oft den Tod hätten wünſchen laſſen und ihn, verbunden mit ſchwerer Arbeit, körperlich wie geiſtig geradezu gebrochen hätten. ¹) Varnhagen II. 329 notiert am 3. April 1823:„Herr Pro⸗ feſſor Wilken, von Gehirnentzündung befallen und von lauter Ver⸗ ſchwörungen und Umtrieben phantaſirend, ſoll in der Beſſerung ſein.“ ²) In ſeiner Vertretung ward der Stadtrat von Uhden mit der Oberaufſicht über die Bibliothek betraut. ³) S. Helmine v. Chezy, Lebenserinnerungen II. 17. ⁴) Auf die Bitte Karolinens hatte der allzeit hülfsbereite Freund Böttiger durch Vermittelung des Miniſters von Noſtitz, — als Dichter unter dem Namen Arthur von Nordſtern bekannt— der die Anſtalt reorganiſiert und ihr einen europäiſchen Ruf verſchafft hatte, eine mäßige Herabſetzung der Penſionsgebühr für den Kranken erwirkt, nachdem die Koſten der achtmonatigen Krankheit überſchwäng⸗ lich groß geweſen(Brief Karolinens an Böttiger auf der Königl. Auf irre Schon vom Januar 1824 ab beſſerte ſich bei An⸗ wendung lindernder und die Gicht vom Kopfe ableitender Mittel und von Bädern ſein Zuſtand zuſehends, nur daß er den unglückſeligen Gedanken nicht aufgab, er ſei überhaupt nicht geiſteskrank, ſondern nur durch Kabalen, denen ſeine Gattin nicht den nötigen Widerſtand geleiſtet habe, in die Anſtalt gebracht worden. Da er auf das lebhafteſte wünſchte, die Anſtalt ver⸗ laſſen zu dürfen, ſo geſtattete Pienitz bei ſonſt fortſchrei⸗ tender Beſſerung, daß er im April 1824 wenigſtens in die Stadt Pirna hinunterzog. Ende desſelben Monats durfte auch ſeine Frau mit den übrigen Kindern— der 13 jährige Friedrich Franz war bald nach der Erkrankung des Vaters der mit dem Friedrich⸗Wilhelmsgymnaſium verbundenen Penſionsanſtalt übergeben worden— ihn beſuchen; ja nach einigen Wochen entließ Pienitz ihn ganz aus ſeiner Aufſicht, worauf Wilken zu Anfang Mai mit ſeiner Familie für eine Zeitlang nach Dresden zog, um ſich dort vor Wiedereintritt in ſein Amt völlig wieder zu erholen. Zu ſolcher Erholung ließ ihm der Miniſter von Altenſtein in der freundlichſten und ent⸗ gegenkommendſten Weiſe alle Zeit, deren er benötigt zu ſein glaube; in deſſen Auftrag ſchrieb ihm auch Süvern, der wie Johannes Schulze, Buttmann und andere Freunde ihm oft die teilnahmvollſten Briefe ſandte, ſchon unterm 25. März 1824 in der herzlichſten Weiſe und forderte ihn auf, unbeſorgt um ſeine Ämter, die inzwiſchen ihm un⸗ geſchmälert erhalten und von treuen Freunden und Kollegen verſehen würden, ganz nur ſeiner völligen Wiederherſtellung zu leben. In Dresden bezog Wilken eine in der Neuſtadt dicht bei der Brücke im Hauſe der Generalin von Gutſchmid belegene Mietwohnung mit köſtlicher Ausſicht auf die Elbe und die Brühlſche Terraſſe. Sofort nahm er dort ſeine wiſſenſchaftliche Thätigkeit wieder auf, und zwar begann er mit großem Eifer an dem vierten Teile der Kreuzzüge zu arbeiten. Seine Studien brachten ihn in rege Beziehungen mit Böttiger, zu dem ſein erſter Gang in Dresden ihn geführt hatte; dieſer war Wilken auch zur Erlangung ſeiner litterariſchen Bedürfniſſe behülflich und führte auch die Familie bei der trefflichen Eliſe von der Recke und dem bei dieſer wohnenden Tiedge ein ¹); in dieſem gaſtlichen Hauſe verbrachte das Ehepaar manche ſchöne Stunde. Auf den dringenden Rat des Dr. Pienitz und zur Jörderung ſeiner Studien hatte Wilken eine Reiſe nach öffentlichen Bibliothek in Dresden.). Penſionspreis noch auf 600 Thlr. ¹) S. Falkenſtein, Tiedges Leben, II. 178. Immerhin berechnete ſich der Wien und Ober⸗Italien unternehmen wollen und hierzu ſich um eine Unterſtützung an den König gewandt; obwohl Süvern und Johannes Schulze, auch wiederholt der Miniſter ſelbſt ſein Geſuch nach Kräften unterſtützten, ſo wurde doch vom König, der ihn wohl noch nicht für völlig hergeſtellt halten und noch keine rechten Früchte von einer ſo weit ausſehenden Unternehmung erwarten mochte, ein Urlaub für weitere vier Monate zwar gern bewilligt, eine Unter⸗ ſtützung aber verweigert. Den Rat, den ihm Altenſtein unter der Hand durch Schulze brieflich geben ließ, dem König, wenn dieſer bei ſeiner alljährlichen Reiſe zur Bade⸗ kur in Teplitz durch Dresden käme, ſein Geſuch durch den Fürſten von Wittgenſtein oder den General von Witzleben nochmals zu unterbreiten, mochte Wilken nicht befolgen. Doch wies ihm der Miniſter, dem Wilken offen mitgeteilt, wie die großen mit ſeiner Krankheit verbundenen Aufwendungen ſeine geringen Erſparniſſe aus den letzten Jahren ſchon mehr als erſchöpft hätten, unter dem 19. Juli 1824 noch 200 Thaler aus ſeinen Fonds zu einer kleineren Reiſe an. Hierdurch wurde es Wilken ermöglicht, vor ſeiner Rückkehr wie dieſe wichen, jene gichtiſchen Gliederſchmerzen wieder ein⸗ traten. Schon in einem zum amtlichen Gebrauche beſtimmten Atteſte vom 10. Februar 1825 bezeugt der Arzt, daß des Kranken Seelenäußerungen vollkommen geſund und von allen Symptomen der früheren Geiſteszerrüttung nur noch einige ſchiefe Anſichten, die ihn durch ſeine ganze Krankheit begleitet hätten, übrig geblieben ſeien. Aber auch dieſe Überbleibſel würden ſich bei fortgeſetzter ärztlichen Einwirkung bald ver⸗ lieren, ſodaß eine völlige Herſtellung ſchon in einigen Mo⸗ naten zu erwarten ſei. Auch nahm damals der Arzt eine längere Nachkur, bei der der Patient von anſtrengenden Geiſtesarbeiten, ja ſelbſt vom Ort und der Umgebung, in der er erkrankt ſei, ferngehalten werde, in Ausſicht und er⸗ klärte eine möglichſt ausgedehnte, mit einem paſſenden Be⸗ gleiter unternommene Reiſe für das beſte Mittel zur völligen Herſtellung. Trotzdem geſtattete Pienit im Frühjahr 1825 doch nur, daß Wilkens älteſte Tochter einen längeren Aufenthalt nach Berlin noch Leipzig, Jena und Gotha zu beſuchen. An letzterem Orte machte er ſich mit den morgenländiſchen und anderen Handſchriften der herzoglichen Bibliothek, die er einſt meiſt ſelbſt geordnet hatte(ſ. S. 7, Sp. 1), näher bekannt. Am 13. September 1824 traf er wieder in der Heimat ein und trat alsbald, von Altenſtein am 15. September mit einer freudigen Teilnahmebezeugung begrüßt und auf das wohlwollendſte zu ſchonendem Gebrauch ſeiner Kräfte ermahnt, in ſeine Ämter wieder ein ¹). Doch bald verfiel er wieder den ſtärkſten Gichtſchmerzen), und ſchon nach zwei Monaten, im November, bekam der unglückliche Mann einen Rückfall in ſeine Krankheit und mußte aufs neue in die Anſtalt auf den Sonnenſtein gebracht werden ³); ein Bibliotheksdiener Morano brachte ihn dorthin; bald nachher folgte Wilkens Gattin mit der älteſten Tochter und dem jüngſten Knaben ihm wenigſtens nach Dresden, während der ältere Sohn Friedrich Franz in der Penſion verblieb und die jüngere Tochter bei den Verwandten in Leipzig untergebracht wurde. In der That trat unter der Behand⸗ lung des Dr. Pienitz nach kurzer Zeit wieder eine Beſſerung ſeines Zuſtandes ein; wie ſchon öfter, wechſelten ſchwere gich⸗ tiſche Leiden mit exaltierten Zuſtänden, ſodaß in dem Maße, ¹) Am 25. September prüfte er K. Michelet in deſſen Doktor⸗ prüfung(ſ. deſſen„Wahrheit aus meinem Leben“, S. 77). ²) Am 9. November ſchreibt Creuzer an Görres a. a. O.: „Wilken in Berlin, nachdem er geiſtig kuriert, leidet nun ſchrecklich an Gicht und Kopfweh, ſodaß man für ſein Leben fürchtet“. ) S. Varnhagen, III. 191. bei ihrem Vater nahm, und der Kranke mußte ſich trotz aller Sehnſucht nach Wiedervereinigung mit den Seinigen damit begnügen, ſeine Gattin nur vorübergehend bei gegenſeitigen Beſuchen in Pirna und Dresden zu ſehen. Die arme Frau war in dieſer ſchweren Zeit ſelbſt viel kränklich; eine an⸗ genehme und aufrichtende Zerſtreuung fand ſie faſt nur in der Anwendung ihres Kunſttalents; ſie zeichnete mit bunter Kreide ſehr hübſche Porträts vieler Perſönlichkeiten aus den vornehmen Kreiſen Dresdens ¹). Dieſe Zeichnungen fanden nicht nur großen Beifall, ſondern wurden auch gut hono⸗ riert, was ihr über manche äußere Sorge mit hinweghalf. Zur Ausführung der größeren von Pienitz angeratenen Reiſe, die ihn auch zu wiſſenſchaftlichen Zwecken nach Wien und Oberitalien führen ſollte, bat Wilken unterm 17. April 1825 den Miniſter um eine Unterſtützung von 400 Thlrn., indem er ſich darauf berief, daß er ſeit länger als zwei Jahre keinerlei Nebenverdienſte, wohl aber die bedeutendſten außerordentlichen Ausgaben gehabt habe. Altenſtein for⸗ derte darauf Pienitz zu einem weiteren Gutachten auf, welches von dieſem am 16. Mai abgegeben, auch vom Geheimen Obermedizinalrat Berends völlig gebilligt und am 21. Mai dem Miniſter eingereicht wurde. Beide Ärzte empfahlen darin auf das dringendſte, dem Patienten eine längere Reiſe zu ermöglichen. Am 14. Juni beantragte darauf Altenſtein in ſeiner Herzensgüte ſogar die Zuwendung eines Gnadengeſchenkes von 800 Thlrn., wovon aber der König unterm 15. Juli nur die Hälfte bewilligte. So begab ſich Wilken denn noch im ſelben Monat mit einem Begleiter nach Wien. Er ſtudierte daſelbſt vier Wochen ¹) Unter anderen auch ein ſolches von Eliſa von der Recke. 8 58 lang mit allem Fleiß und fand namentlich in der Kaiſerlichen Bibliothek eine in Hinſicht der Kreuzzüge ſehr reichhaltige arabiſche Chronik des Ebn Ferat. Beſonders erwünſcht für ſeine wiſſenſchaftlichen Arbeiten wäre ihm ein Verkehr mit dem berühmten Orientaliſten Hammer geweſen; aber zu ſeinem großen Bedauern war dieſer ebenſo wie Friedrich Schlegel und die meiſten andern Gelehrten Wiens, deren Bekanntſchaft er gerne gemacht hätte, auf Reiſen abweſend. Doch lernte er wenigſtens die Bibliothek und ihre Schätze und Einrichtungen gründlich kennen und war auch für die Zwecke der neuen Berliner Akademiſchen Druckerei thätig. Beim Eintritt der Studienferien in den kaiſerlichen Landen aber, die ihm einen Monat lang alle Arbeiten in einer öſterreichiſchen Stadt, auch in der Lombardei, unmöglich machten, reiſte er am 29. Auguſt über Prag, wo ſeine Studien etwa fünf Tage in Anſpruch nahmen, nach Dresden zurück. Leider traf ihn erſt hier eine Verfügung Altenſteins, in der dieſer ihn inzwiſchen am 1. September unter Erteilung verſchie⸗ dener wiſſenſchaftlicher Aufträge zur Weiterreiſe nach Italien aufforderte und ihm zu deren Ermöglichung die vom König nicht bewilligten 400 Thlr. aus ſeinen eigenen Fonds zuwies. Dieſe Verfügung, durch den Miniſter der auswärtigen An⸗ gelegenheiten, Grafen Bernſtorff, zur Beförderung an Wilken nach Wien überſandt, hatte dieſen, der die Kaiſer⸗ ſtadt ſchon wieder verlaſſen, dort nicht mehr angetroffen, war dann am 17. September von Bernſtorff an Altenſtein wieder zurückgegeben worden und gelangte jetzt erſt in Dresden in Wilkens Hände. Hocherfreut erbat dieſer ſich daraufhin die Erlaubnis zur Erneuerung ſeiner Reiſe und die Erwirkung des Zutritts zum kaiſerlichen Hofarchiv, in deſſen Venetianiſcher Abteilung viele wichtige Denkmäler für die Geſchichte der Kreuzzüge enthalten ſeien. Altenſtein geſtattete ihm auf das gütigſte am 6. Oktober, die Reiſe nach Wien ganz nach eigenem Willen und nach dem Rat ſeines Arztes anzutreten, worauf Wilken mit Rückſicht auf die ſchlechte Jahreszeit dieſelbe auf das Frühjahr 1826 verſchob. In Dresden hatte indeſſen die Gräfin Eliſe von der Recke mit der ihr eigenen Güte und Freundlichkeit dem ſchwergeprüften, ihr überaus wert gewordenen Ehepaar eine möblierte Wohnung für ungemein geringes Entgelt in ihrem in der Neuſtadt, Kohlenmarkt 11, gelegenen Hauſe zur Miete angeboten. Das erſte Stockwerk deſſelben hatte ſie ſelbſt inne, während im Erdgeſchoß ein damals in Dresden für einige Zeit in ſtaatlichem Auftrag ſich auf⸗ haltender Oberlandgerichtsrat Pinder aus Naumburg ſich eingemietet hatte. Das Anerbieten wurde freudig an⸗ genommen und die in dem zweiten Stock belegene Wohnung alsbald bezogen. In dieſer verbrachte die Familie den Winter 1825/26 in regem Verkehr mit Eliſe, Tiedge und dem Pinderſchen Hauſe, mit dem ſpäter ſogar nahe verwandtſchaftliche Bande ſie verknüpfen ſollten. Wilken ſelbſt arbeitete mit dem ganzen Eifer, den das ſchmerzliche Gefühl lange gehemmter Thätigkeit ihm gab, an den Kreuzzügen, ſodaß deren vierter Band damals zu Ende geführt ward und im Frühjahr 1826 erſcheinen konnte.1) Vom König wurde ihm nach überreichung eines Exemplars des ganzen bis dahin erſchienenen Werkes neben einem Dankſchreiben vom 22. Auguſt 1826 auch eine ſchöne goldene Doſe zum Andenken überſandt. Er begann in Dresden auch noch den fünften Teil des Werkes. Die Weihnachtszeit 1825 durfte auch der in Berlin in Penſion gebliebene älteſte, nunmehr vierzehnjährige Sohn Friedrich Franz, der in Begleitung des in Berlin ſtudierenden Sohnes des Oberlandgerichtsrates Pinder, Moritz, angereiſt kam, mit den Eltern verbringen, die inzwiſchen auch ihre jüngere Tochter aus Leipzig hatten zu ſich kommen laſſen, und ſo lächelte die Sonne des Glücks doch endlich wieder einmal— leider nur kurze Monate!— über der ſchwer heimgeſuchten Familie. An den faſt täglichen Abendgeſellſchaften oder zwang⸗ loſen Vereinigungen bei Eliſe von der Recke, in denen ſich außer dem ſeine eigne Hofhaltung führenden Tieck die er⸗ leſenſten Kreiſe Dresdens trafen und auch faſt jeder durch⸗ reiſende Fremde von Diſtinktion vorſprach, nahm Wilken mit ſeiner Frau und ſeinen älteren Kindern ſehr häufig teil; mit der herzensguten und liebenswürdigen Frau, die ſich für alles Edle und Schöne intereſſierte, wie mit ihrem Freunde Tiedge, einem kleinen, wenig ſchönen, auch mit einem Klumpfuß be⸗ hafteten Mann von wahrem Kindergemüt und einer faſt rührenden Unbefangenheit und Unerfahrenheit in allen äuße⸗ ren Dingen, in der er alle Sorgen für ſein Daſein auf die Freundin geworfen hatte, kamen die Wilkenſchen Ehegatten, auch ihre älteren Kinder, in ein täglich vertrauteres Ver⸗ hältnis, das auch nie getrübt worden iſt. Ebenſo erſchien Wilken mit ſeiner Gattin auch in den Abendgeſellſchaften Tiecks, in denen man deſſen Meiſterſchaft im Vorleſen be⸗ wundern konnte und immer ausgezeichnete Leute traf. Sonſt gehörten zu den Freunden Wilkens der Hiſtoriker und ſpätere Oberbibliothekar K. Falkenſtein, der Profeſſor der Geſchichte an der Kriegsſchule Auguſt Leberecht Herr⸗ ¹) Eine Kritik ſiehe in Becks Repertorium I. Bd. V. Stück, 1827. Die vier erſten Bände der Kreuzzüge ſind außerdem in der engliſchen Zeitſchrift„koreign quaterly review“ vom 10. Febr. 1830 kritiſiert und zwar hier in ausgedehnter Vergleichung mit Michauds Werk. 59 mann, der Oberbibliothekar Ebert, der Dichter und Schriftſteller Karl Förſter“), welcher ebenfalls Lehrer an der Kriegsſchule war, der Juriſt und Hiſtoriker Langenn, der Buchhändler und Schriftſteller Gottlob Eberhard) u. A. Bis zum April 1826 blieb Wilken in Dresden, ehe er die Reiſe nach Wien unternahm, die ihn von da weiter nach Mailand, Venedig und Rom und durch die Schweiz zurückführen ſollte und zu der ihm neuer Urlaub inzwiſchen vom Miniſter bewilligt und der erwähnte Geldzuſchuß überſandt worden war. Obwohl die Witterung ungünſtig war, ſo ließ er ſich doch von ſeiner beſorgten Frau nicht länger zurückhalten, zumal da Raumer bei einem ſeiner häufigen Beſuche in Dresden, wo er ſich beſonders dem Tieckſchen Kreiſe angeſchloſſen hatte ³), Wilken— mit wieviel Recht, bleibe dahingeſtellt— erzählt hatte, daß die preußiſche Regierung nunmehr den endlichen Antritt der Reiſe von ihm erwarte und eine weitere Zögerung übel vermerken werde. Nachdem die jüngeren Kinder, Sulpiz in eine Penſions⸗ anſtalt in Dresden, die jüngere Tochter zu den Verwandten in Leipzig gebracht worden waren, brach Wilken mit ſeiner Gattin und ſeiner älteren Tochter Sophie, begleitet von ſeinem ſpäteren Schwiegerſohn Moritz Pinder, der zu ſeiner weiteren wiſſenſchaftlichen Ausbildung Italien be⸗ ſuchen ſollte, am 22. April 1826 zu der langgeplanten Reiſe auf. Leider ſollte dieſelbe bald zu einer Quelle neuen Elendes V V b V für ihn und ſeine Familie werden. Aus einer Aufzeichnung, die Karoline Wilken im Jahre 1830 für ihre Kinder über ihre Erlebniſſe auf dieſer Reiſe machte, entnehme ich folgende Einzelheiten. Nachdem die Reiſenden froher Hoffnungen voll von Dresden abgefahren waren, harrte ihrer in Pirna ſchon der erſte Schrecken. Sie beſuchten dort Dr. Pienitz, der ſich nach den guten Erfahrungen des Winters nach wie vor für die Reiſe ausſprach, jedoch nach einer Unterredung mit Wilken deſſen Gattin zur Seite führte und ſie fragte, ob ſie in der Stimmung ihres Mannes, der ihm aufgeregt und unſtät erſcheine, nichts Befremdliches gemerkt habe. Ihr war eine gewiſſe Gereiztheit ihres Mannes in den letzten Wochen wohl bemerkbar geweſen, aber nicht auf⸗ fallend erſchienen, da er in ſeinen jüngeren Jahren faſt noch reizbarer geweſen war. Trotz der dringenden Bitten der ängſtlich gewordenen Frau, ihr, wenn irgend eine Gefahr ¹) S. L. Förſter, Skizzen aus dem Leben K. Förſters. S. 307. 320. 349. ²) Er iſt der Verfaſſer des bekannten Idylls„Hannchen und die Küchlein“. ³) Frieſen, Tieck, I. 21. Köpke, Tieck, I. 368. vorliege, dies offen zu ſagen, damit die Reiſe unter irgend einem Vorwand abgebrochen werde, beſtand Pienitz auf deren Fortſetzung: ſo fuhr man alſo weiter und langte am zweiten Tage mittags in Prag an, wo Wilken während eines zwei⸗ tägigen Aufenthaltes mehrere Gelehrte, wie den Probſt Dom⸗ browski und den Slawiſten Hanka, beſuchte und mit ſeinen Reiſegenoſſen die Merkwürdigkeiten der Stadt beſichtigte. Während der Weiterreiſe jedoch zeigte ſich ſchon am 26. um die Mittagszeit eine Veränderung in ſeinen Zügen und in ſeinem Weſen, indem er beſonders viel und ſchnell ſprach; dieſe nahm ſo raſch zu, daß ſchon am 27. ſeine Begleiter die entſetzliche Gewißheit hatten, daß die Krankheit wieder in der ſchlimmſten Form ſeinen Geiſt umfangen halte. Bei der Entſchiedenheit, mit der der Kranke auf Weiterreiſe drang, war eine Umkehr nicht mehr möglich, und bei dem entſetzlichſten Wetter— es ſchneite der⸗ artig und war ſo kalt, daß die Damen am dritten Tage beim Ausſteigen aus dem Wagen getragen werden mußten— und bei fortwährender Steigerung der Krankheit Wilkens, deſſen rückſichtsloſe Heftigkeit keine Grenzen mehr kannte, ohne Arzt, ohne Hülfe, ging es immer, immer vorwärts, bis ſie, nach peinlichen Szenen im Gaſthaus zu Kornneu⸗ burg und bei der Einfahrt in die Barrière, endlich, wohl am 29. April, gegen Abend in der Kaiſerſtadt anlangten und in der Stadt London, dem feinſten Gaſthofe, in dem Wilken ſchon im Sommer zuvor gewohnt hatte und auf dem er auch jetzt mit Heftigkeit beſtand, abſtiegen, was wieder nicht ohne das peinlichſte Aufſehen abging. Während die Damen, beſonders Wilkens ohnehin kränkelnde Gattin, in einem Zuſtande der äußerſten körper⸗ lichen und geiſtigen Erſchöpfung ſich befanden, letztere auch bald, geradezu betäubt und doch in vollem Bewußtſein ihrer troſtloſen Lage zu Bett gebracht werden mußte, der immer aufgeregter gewordene Kranke aber zu einem Beſuche bei Hammer fortſtürmte und mehrere Stunden ausblieb(ohne indeſſen Hammer zu ſehen), gelang es Moritz Pinder, der in der verzweifelten Lage als die einzige Stütze der Frauen eine über ſeine Jahre gehende Umſicht und Kraft bewies, endlich abends um ½ 10 Uhr einen Arzt herbeizuſchaffen; dieſer, ein menſchenfreundlicher, lieber Mann, nahm ſich der Armen auf das wärmſte an, verordnete für Wilken ein beruhigendes Mittel, der denn auch, von Moritz Pinder bewacht, um Mitternacht einſchlief, und wußte auch den Frauen körperlich und geiſtig aufzuhelfen. Am andern Morgen ſehr früh erſchien der von Karoline benachrichtigte Hammer und erwies ſich hülfreich, ebenſo der Baron von Maltzahn von der preußiſchen Geſandtſchaft; der letztere war vom preußiſchen Geſandten Fürſten von 8* 60 Hatzfeld, welchem Pinder Wilkens Empfehlungsbriefe gebracht und nähere Mitteilungen über dieſe Vorfälle gemacht hatte, abgeſandt worden, um den Bedrängten jede mögliche Hülfe zu leiſten. Da auch nach dem Ausſpruche des Arztes an dem völligen Wahnſinn Wilkens nicht mehr zu zweifeln war, eine Wahrnehmung, bei der ſeine Tochter ohnmächtig zuſammen⸗ brach, ſo mußte die Weiterreiſe, auf welche doch der immer noch exaltierter werdende Kranke heftig drang, natürlich ſchlimmſtenfalls mit Gewalt verhindert werden; es fragte ſich nur, ob man bleiben oder die Rückreiſe antreten ſollte. Schon war letztere beſchloſſen und hatte auch der bei zu⸗ nehmender Verwirrung endlich doch fügſamer gewordene Kranke ihr zugeſtimmt, und zwar auf eine von Maltzahn überbrachte Ordre Hatzfelds hin, in der dieſer angeblich auf Veranlaſſung Altenſteins ihn zur Einſtellung ſeiner Reiſe und zur Rückkehr nach Dresden aufforderte, wo ihm die unvermuteten Gründe dafür näher bekannt gegeben werden ſollten; ſchon war ein zuverläſſiger Mann zur Begleitung gefunden, und es brauchten nur noch Poſtpferde beſtellt zu werden, da erfuhr Karoline bei einem Beſuch bei dem früher weimariſchen Miniſterreſidenten, damaligen preußiſchen Legationsrat von Piquot, welcher die von Böttiger ihm empfohlene Wilkenſche Familie täglich beſucht und mit ſeiner Gattin ſich ihrer auf das gütigſte angenommen hatte, durch Frau von Piquot von der trefflichen Anſtalt des Dr. Görgen in Gumpendorf bei Wien, eilte ſofort zu dieſem, beſprach ſich mit ihm und entſchloß ſich, nachdem ſie völliges Vertrauen zu ihm gefaßt, ihren Mann ſeiner Pflege zu übergeben. Am folgenden Tage ward Wilken unter irgend einem Vorwand in Dr. Görgens Anſtalt gebracht; es war ein geſegneter Entſchluß der unglücklichen Frau; ihm war die endliche völlige Herſtellung ihres Gatten zu danken: wenn auch nicht in voller, ſo doch in guter körperlicher Kraft und jedenfalls in völliger dauernder Klarheit des Geiſtes wurde er ſeiner Familie, der Wiſſenſchaft und dem Staate von dieſem trefflichen Manne noch einmal zurückgegeben. Am folgenden Morgen erſchien zur freudigen Über⸗ raſchung Karolinens auch noch ein alter Freund des Hauſes, ein Herr Grebner'“) bei ihr, der als Görgens künftiger Schwiegerſohn bei ihm in der Anſtalt wohnte, den Kranken dort mit in Empfang genommen hatte und auch von ihm erkannt worden war; als auch dieſer die unglückliche Frau ¹) Er hatte 1815 bei Wilken in Heidelberg im Quartier ge⸗ legen und war auch ein Freund der Familie Kunze und der Mutter Karolinens in Leipzig. V völlig von der Vortrefflichkeit der Pflege, welcher ſie ihren Mann übergeben hatte, und von dem wahrſcheinlich guten Erfolg dieſes ihres Schrittes zu überzeugen wußte, da lobte ſie laut Gott und fühlte ſich plötzlich ſo geſtärkt und von neuem Mute beſeelt, daß ſie nun getroſter dem freud⸗ loſen neuen Lebensabſchnitt, der nun für ſie begann, ent⸗ gegenſah. Obwohl der Zuſtand des Kranken ſich auch diesmal bald zu beſſern begann, ſo konnte Karoline, die während ihres Auf⸗ enthalts in Wien außer an Maltzahn ¹), Hammer und der Familie Piquot auch noch bei dem von alters her ihr be⸗ freundeten Friedrich Schlegel und ſeiner geiſtreichen Frau Dorothea, geſchiedenen Veit, Tochter von Moſes Mendelsſohn, freundlichen Rat und Beiſtand fand, die von Görgen zwar in ſichere Ausſicht geſtellte, immerhin aber ſich verzögernde Herſtellung ihres Gatten doch in Wien nicht abwarten; es war eine traurige Zeit für ſie: körperlich ſchwach, war ſie geiſtig trotz alledem ſtark und zu allem bereit; ſie hätte gern wieder wie einſt in Dresden durch Zeichnen dazu ge⸗ holfen, die Geldſorgen zu beſchwören; doch war der Kreis ihrer Bekannten nicht groß genug und ihre Kräfte erſchöpft; namentlich erregte ſie der Gedanke, daß ſie jede Stunde die Nachricht von der Verſetzung ihres Mannes in den Ruhe⸗ ſtand erwarten dürfe. So trat ſie denn nach vier Monaten, am 10. September 1826, mit ihrer Tochter ihre Heimreiſe nach Berlin an, auf der Moritz Pinder die Frauen wenigſtens bis Leipzig begleitete. Außer durch die Rückſicht auf ihre drei jüngeren Kinder ſah ſie ſich zur Rückkehr nach Berlin auch beſtimmt durch die Notwendigkeit, über die künftigen Dienſtverhältniſſe ihres Gatten ſich zu vergewiſſern, die allerdings nicht außer Frage ſtanden. War Wilkens Krankheit doch ſchon von allem Anfang an manchem als unheilbar erſchienen²); mit Rückſicht darauf hatte ſogar ſchon im Dezember 1823 die philoſophiſche Fakultät in Berlin auf Anregung von Boeckh und Raumer beim Miniſterium die Berufung von K. O. Müller beantragt, damit das Fach der alten Geſchichte nicht unvertreten ſei; und mit Genehmigung des Miniſters hatten die beiden genannten Freunde Wilkens den damals ſchon berühmten jungen Göttinger Gelehrten in der That nach Berlin zu ziehen geſucht ¹), freilich ohne Erfolg¹); in ¹) Dieſer hatte ihr zwei freundliche Zimmer ſeines Hauſes mietweiſe überlaſſen. ²¹) S. Savigny an Görres am 6. Dezember 1823, Görres⸗ briefe III. 124, Varnhagen, a. a. O. IV. 67, Goethe⸗Zelters Briefwechſel, III. 311. ²) S. Boeckhs Briefwechſel mit K. O. Müller, S. 129— 131. ⁴) S. daſ. S. 133 und Müllers Kl. Schr. I. p. LIII. 61 Heidelberg fürchtete man, Schloſſer werde zur Erſetzung Wilkens nach Berlin gerufen werden und, verlockt durch die große Berliner Bibliothek, auch hingehen ¹); aber allen Zweifeln an der Herſtellung Wilkens zum Trotz hatte der Miniſter in ſeiner Menſchenfreundlichkeit bisher keinerlei Anſtalten zu einer Abänderung von Wilkens Amtsthätigkeit gemacht oder ihm etwa die Niederlegung ſeiner Ämter irgendwie nahe gelegt, vielmehr durch Anordnung einer Vertretung ihm den Genuß aller ſeiner Bezüge zu erhalten gewußt, ohne die bei den faſt nicht abbrechenden beſonderen Ausgaben Wilkens Ver⸗ hältniſſe völlig zerrüttet worden wären. Nunmehr aber war Altenſtein beim zweiten Rückfall Wilkens doch zweifelhaft geworden, ob nicht wenigſtens eine andere Stellung für ihn in Ausſicht zu nehmen ſei. die endliche Heilung ihres Mannes feſt glaubte, in Berlin für das Verbleiben desſelben in ſeinen Ämtern zu wirken und wurde auch in mehreren Audienzen von dem Miniſter auf das freundlichſte empfangen, auch durch die Zuſicherung getröſtet und beruhigt, daß man einen ſo treuen Staatsdiener mit ſeiner Familie in unverſchuldetem Unglück nicht ver⸗ laſſen werde. Überhaupt wurde der ſorgenbedrückten Frau durch die allgemeinſte Teilnahme an ihrem ſchweren Looſe wenigſtens ein gewiſſer, ſie aufrichtender Troſt zu teil: wie der König ſich oft anteilvoll nach Wilkens Befinden erkundigen ließ, ſo ſtanden beſonders alle Freunde ihres Mannes mit treuer Anhänglichkeit ihr zur ſeite, und zwar faſt keiner mit ſo warmem Mitgefühl wie gerade Hegel und deſſen treffliche Frau; auch ihr alter Freund Klenze hätte ihr gern Gutes erwieſen und forderte ſie z. B. auf, mit ihren Kindern zu ihm und ſeiner Familie in ſein Haus zu ziehen, was ſie aber doch nicht annehmen konnte. ²)— Eine Veränderung in ſeiner amtlichen Thätigkeit wünſchte übrigens Wilken ſelbſt bei fortſchreitender Beſſerung in keiner Weiſe, wenn er auch zu Zeiten entſchloſſen geweſen war, die nach Görgens Anſicht ihm am wenigſten zuträg⸗ lichen Bibliotheksgeſchäfte, übrigens erſt nach Vollendung gewiſſer Arbeiten, abzugeben. Unter dieſen Umſtänden und auf die Berichte Görgens über die erfreulichen Fortſchritte in Wilkens Befinden gab der Miniſter denn auch allmählich den Plan einer Anderung in deſſen amtlicher Stellung auf. Ende Januar 1827 erhielt Wilken nämlich von Görgen die Erlaubnis, täglich etwa vier Stunden lang ſeinen wiſſenſchaftlichen Arbeiten in der kaiſerlichen Bibliothek und ¹) S. Briefe von und an Hegel, II. 121. ²) Brief Karolinens an Böttiger v. 26. Okt. 1826 in der er Kal öffentl. Bibl. z. Dresden. Eliſe von der Recke zuſenden. Karoline ſuchte daher, da ſie ſelbſt zum Glück auf Görgens beſtimmte Verſicherungen hin an ihm den Glauben zu benehmen, daß er gar nicht wirklich im Archiv, zu welchem auf Fürſt Hatzfelds Verwendung Fürſt Metternich ihm auf das artigſte den Zutritt geſtattet hatte, wieder obzuliegen. Dieſe Arbeiten ſetzte er ſo lange fort, bis er die Hülfsmittel beider Anſtalten für ſeine Zwecke vollſtändig ausgenutzt hatte. Er fand in beiden manche wert⸗ volle Ausbeute und zog beſonders die zahlreichen auf das Verhältnis der Republik Venedig zum oſtrömiſchen Reiche und zu den Fürſten der Kreuzfahrer in Syrien ſich be⸗ ziehenden Handſchriften, Briefe, z. B. die des Patriarchen Gregorius, und Urkunden aus; auch ließ er ſich ſeine in Dresden liegenden Papiere zur Geſchichte der Kreuzzüge von Eine gute Gelegenheit be⸗ nutzend, hatte er zudem im Laufe des Winters 1826/27 die ungariſche und die neugriechiſche Sprache erlernt. Am meiſten Mühe koſtete es auch diesmal den Arzt, krank geweſen ſei und daß ſeine Gattin ihn ohne Grund einer Anſtalt übergeben habe, ein Wahn, von dem er vor ſeiner dritten Erkrankung überhaupt nicht abließ und mit dem er der unglücklichen Frau manche bittere Stunde be⸗ reitet hatte. Diesmal aber wußte Görgen ihn von deſſen Irrigkeit gründlich und für die Dauer zu überzeugen. Dieſer war übrigens von Anfang an und blieb auch immer der Meinung, daß Pienitz in Pirna den Kranken beidemale nur gebeſſert, nicht aber geheilt entlaſſen habe, und hielt ihn deshalb diesmal ſolange bei ſich zurück, bis jeder Zweifel an ſeiner völligen Geneſung für ihn gehoben war. Auch er erklärte übrigens Wilkens Krankheit für eine in ihrer Art ſeltene Gichtmetamorphoſe und bemühte ſich ſein Leiden auf die gewöhnlichen, reinen Gichtformen wieder zurückzuführen. Solche ſtellten ſich bei einer Beſſerung ſeines anderen Leidens denn auch ſofort wieder ein, geſtatteten ihm aber voraus⸗ ſichtlich wenigſtens, ſeinen Amtspflichten Genüge zu leiſten. Wilken bewegte ſich in den letzten Monaten völlig frei, verkehrte viel mit Hammer, Piquot und Maltzahn, auch mit Friedrich Schlegel, ſehnte ſich aber unendlich nach der Heimat zurück. Daß viel auf der Bibliothek zu thun ſein werde, ſchreibt er an Böttiger, ¹) habe er aus einem Bericht erſehen, den er ſich habe erſtatten laſſen; aber ſtark und kräftig, wie er jetzt ſei, ſcheue er keine Arbeit. Nach⸗ dem er dann von Altenſtein unter dem 1. Mai 1827 zur Heimkehr und zum Wiedereintritt in alle ſeine früheren Amtsverhältniſſe ermächtigt worden war, trat er, von Görgen mit genauen Vorſchriften für ſein zukünftiges Leben und Arbeiten verſehen, an die der nun ängſtlich gewordene Mann ſich fortab auch ſtreng band, am 1. Juni 1827 die Reiſe in die Heimat an. Am 5. Juni ¹) Brief v. 27. Mai 1827, Kgl. Bibliothek z. Dresden. langte er über Prag in Karlsbad an, ward hier von der dort weilenden Eliſe von der Recke und Tiedge auf das freudigſte begrüßt und war am 9. in Dresden, wo er ſeinen dort in Penſion befindlichen Sohn Sulpiz aufſuchte und auch einige von ſeinen alten Freunden, wie Herrmann und Böttiger, wiederſah. Endlich, etwa am 15. Juni 1827, traf der lange und ſchwer geprüfte Mann, von den be⸗ glückten Seinigen in Potsdam abgeholt, vollſtändig her⸗ geſtellt und auch körperlich in friſcheſtem und geſündeſtem Ausſehen, wieder in der Heimat ein. ¹) Und doch war ſeit jenen traurigen Jahren, wenn auch nicht jedem ſichtbar, ſeine Lebenskraft tief erſchüttert, wie es ſich nach einiger Zeit durch die häufige Wiederkehr körperlicher Leiden und die dadurch bedingte langſame Abnahme ſeiner Kräfte zeigen ſollte. 1827—-1830. In Berlin wurde Wilken vom Miniſter Altenſtein und vom Geheimen Legationsrat von Raumer mit den freund⸗ lichſten Glückwunſchſchreiben und von allen ſeinen Freunden mit herzlicher Freude perſönlich begrüßt. Dem Verſprechen gemäß, das er Dr. Görgen gegeben, bemühte er ſich, möglichſt langſam nur und allmählich ſich wieder in alle ſeine Amts⸗ geſchäfte und wiſſenſchaftlichen Arbeiten einzuleben, und ging und ritt ſogar pflichtmäßig ſpazieren. Die falſche Scham über ſeine Erkrankung hatte Görgen ihm zu benehmen gewußt, und er beywegte ſich all⸗ mählich auch wieder freier und ungezwungener, wenngleich ein gewiſſer Ernſt, eine Art von Zurückhaltung in ſeinem urſprünglich ſo offenen, mitteilſamen, ſelbſt heiteren Weſen doch fortab bemerkbar blieb.— Sein erſtes Geſchäft, das er auch alsbald vornahm, war die Ausarbeitung einer Geſchichte der König⸗ lichen Bibliothek in Berlin, von der man ſeit den 1752 erſchienenen, ohnehin wenig befriedigenden Arbeiten Oelrichs keine genügenden Nachrichten mehr beſaß. Die Schrift war ſchon im Dezember 1827 vollendet, erſchien im folgenden Jahre bei Duncker und Humblot in Berlin ²) und wird von Spiker in dem Wilken gewidmeten Nachruf im ¹) Am 21. Juni hat Varnhagen ſeine Rückkehr vermerkt, ſ. Blätter ꝛc. IV. 248; er läßt ihn da„aus Italien, für den Augen⸗ blick hergeſtellt, zurückkehren“. Von da mag denn die unrichtige An⸗ gabe im Piererſchen Konverſ.⸗Lex. 1879 herrühren, daß Wilken im Jahre 1826 Italien bereiſt habe. ²) 242 SS. 80; in Beilage! giebt er daſelbſt ein Verzeichnis der überhaupt vorhandenen Schriften über die Bibliothek. 62 Mithräenfunde von Heddernheim zu veranlaſſen. Jahre 1841 als eine der vollſtändigſten Bibliotheksge⸗ ſchichten bezeichnet, die es überhaupt gebe ¹). Am 20. Dezember hielt Wilken auch in der Akademie der Wiſſenſchaften eine Vorleſung über die Parteien der Rennbahn, vornehmlich im byzantiniſchen Kaiſerreiche, die in den Abhandlungen der Akademie vom J. 1827, S. 217 bis 243, gedruckt, unter Weglaſſung der Noten in Raumers hiſtoriſchem Taſchenbuche von 1830 wieder abgedruckt wie auch 1829 in einer Sonderausgabe erſchienen iſt ²). Indeſſen war Wilken am 12. Juli 1827 auch von der Berliner„Sozietät für wiſſenſchaftliche Kritik“, welche im weſentlichen von Gans begründet worden war ³), von Varnhagen beſonders geſtützt wurde und in den„Berliner Jahrbüchern für wiſſenſchaftliche Kritik“ der Hegelſchen Philoſophie einen Mittel⸗ und Sammelpunkt gegeben hatte, zum ordentlichen redigierenden Mitgliede für das geſchichtliche Fach erwählt worden. Wie weit ſich Wilkens redigierende Thätigkeit an dieſem zwar vornehmen und angeſehenen, aber trotzdem nicht zu beſonderer Verbreitung und erheblichem Einfluß gelangten Blatte erſtreckt hat, entzieht ſich meiner Kenntnis; doch hat er der Zeitſchrift mehrere größere Beiträge, beſonders eine Rezenſion des erſten Teils von Joſeph von Hammers Geſchichte des osmaniſchen Reiches im Jahrgang 1829 ⁴) zugewandt, über die Hammer— beiläufig ſei es er⸗ wähnt— nicht beſonders erbaut geweſen ſein ſoll. Am 7. Januar 1828 nahm der Naſſauiſche Alter⸗ tumsverein zu Wiesbaden ihn als Ehrenmitglied auf, wahr⸗ ſcheinlich um auch ihn zu beurteilenden Außerungen über die In dieſer Eigenſchaft wohl machte er ſpäter einmal in der Akademie Mitteilung über eine vom naſſauiſchen Archivar Habel in Frankfurt a. M. gefundene alte geographiſche Karte). Nach ſeiner Rückkehr von Wien traf Wilken in Berlin auch A. W. Schlegel an, der ſich damals mehrere Monate lang dort aufhielt und in der Singakademie ſiebzehn Vor⸗ leſungen über die Theorie und Geſchichte der bildenden Künſte hielt, Vorträge, die übrigens im großen und ganzen die ihnen entgegengebrachten Erwartungen nicht befriedigten ⁰*); ſchon im Mai hatte Karoline Wilken, die Freundin von Schlegels erſter ¹) Vergl. auch die Beſprechung in der Jenaer Allg. Litt. Ztg. 1830. I. 499— 502. ²) Gewürdigt von Ranke, Weltgeſch. IV. 2. 24. ³) Vergl. Gans, Rückblicke auf Perſonen u. Zuſtände, S. 215 bis 256. ¹) S. 278— 304 u. 372— 396. ⁵) S. Monatsberichte der Akad. 1838. S. 136. ) Varnhagen, Blätter ꝛc. IV. 229— 37. 267. Die Skizzen der Vorleſungen ſtehen im Berliner Konverſ.⸗Blatt, 1827, Nr. 113 ff. Gattin Karoline, verwittweten Böhmer, geborenen Michaelis, und ſeiner Stieftochter Auguſte Böhmer, ihrem Manne über ihn nach Wien geſchrieben:„Ich habe bis jetzt von Schlegel nur gehört und zwar am meiſten von ſeinen welken geſchminkten Wangen und ſeiner allerliebſten blonden Perrücke, welche hier, nebſt einer mit Spiegel verſehenen Tabatière, worin er alle Augenblicke einmal ſein angenehmes Geſicht bewundert, höchliches Aufſehen erregt“. Schlegel war denn auch ein häufiger Gaſt in Wilkens Haus und erklärte bei ſeinem erſten Beſuch Karolinen ganz naiv, daß ſein Haar nicht ächt ſei ¹). Wilkens älteſter Sohn, Friedrich Franz, wurde einige Jahre ſpäter, als er die Univerſität Bonn bezog, auf das freundlichſte von Schlegel in ſein Haus gezogen; in dieſem fehlte freilich die Frau, da Schlegels zweite Gattin, die ſchöne Sophie Paulus, Tochter des Heidelberger Theologen, ſchon wenige Wochen nach ihrer Hochzeit ſich geweigert hatte, ihm nach Bonn zu folgen und ſeitdem getrennt von ihm lebte, ohne daß es indeſſen zu einer Scheidung gekommen wäre. Seit April 1827 war während Wilkens Abweſenheit auch der Dichter Heinrich Stieglitz bei der Bibliothek als Gehülfe angeſtellt worden. Er verkehrte bald viel in Wilkens Hauſe und führte nach ſeiner Verheiratung mit der hübſchen und liebenswürdigen Charlotte Willhöft auch dieſe daſelbſt ein; die junge Frau wurde auch wegen ihres ſchönen Geſangstalentes dort ſehr geſchätzt und befreundete ſich beſonders enge mit Sophie Wilken; der genaue Verkehr mit dem Paare dauerte mehrere Jahre*). Aus ſeiner Stellung an der Bibliothek ſchied Stieglitz erſt nach dem tragiſchen Tode ſeiner Frau aus ³). —) In der That fiel Schlegel durch nichts ſo ſehr auf wie durch ſeine Eitelkeit und die Geziertheit ſeines Weſens; ſ. Varn⸗ hagen, Tagebücher I. 247. Blätter ꝛc. IV. 244. 247. Gubitz, Er⸗ lebniſſe III. 151— 3. Holtei, 40 Jahre, V. 23. ²) In ſeiner von Curtze 1865 herausgegebenen Selbſtbio⸗ graphie hat Stieglitz von dieſem Verkehr zwar kein Wort erzählt. Er ſcheute ſich wohl die Art zu berühren, wie dieſer aufhörte. Er hatte einem ihm bekannten Irländer die Abſchrift eines ungedruckten Raupachſchen Stückes, die Stieglitz ſelbſt gegen ſein Verſprechen von dem durch den Regiſſeur Weiß ihm geliehenen Manuſkript ge⸗ nommen, um einen ſehr hohen, angeblich vom Dichter ſelbſt geforderten Preis verkauft; als der Betrogene den Sachverhalt ſpäter erfuhr, bewirkte er die Einleitung einer Unterſuchung, die nur durch den Ein⸗ fluß des einem Verwandten Stieglitzens verpflichteten Fürſten Wittgen⸗ ſtein niedergeſchlagen wurde. Wilken, bei dem der Kläger im exal⸗ tierteſten Zuſtand auch erſchien mit dem ihn ſehr erluſtigenden Ver⸗ langen, er möge Stieglitz hängen laſſen, brach da wenigſtens den Verkehr mit ihm ab. ³) Dieſer wurde noch am ſelben Abend(29. Dezember 1834) durch die direkt aus dem Sterbehauſe am Schiffbauerdamm kommen⸗ de Frau Hegel im Wilkenſchen Hauſe bekannt und erregte dort tiefen Schmerz. Man war hier der im neſſntlichen auch richtigen Meinung, die Unglückliche habe ſich nicht deshalb den tötlichen Dolch⸗ 63 Im Oktober 1827 kehrte Moritz Pinder aus Paris, wo er in Niebuhrs Auftrag Handſchriften für das Corpus scriptorum historiae Byzantinae verglichen hatte, zurück und wurde nun von Wilken zu den Arbeiten bei der Königlichen Bibliothek zugezogen, an der er ſpäter lange Zeit als Cuſtos und Bibliothekar angeſtellt war. Er führte in Wilkens Haus, in dem er ſelbſt, beſonders von Sophie angezogen, faſt ein täglicher Gaſt war, auch einen jungen Pariſer ein, den Sohn des berühmten Phyſikers André Marie Ampère, Jean Jacques Ampoère, der ein warmer Verehrer der deutſchen Sprache und auf einer längeren Bildungsreiſe in Deutſchland begriffen war; er trat ſpäter als Überſetzer z. B. gewiſſer Schriften Goethes auf und wurde ein Litterarhiſtoriker von Ruf; als ein geiſtreicher, liebenswürdiger Menſch war er in der Wilkenſchen Familie gern geſehen ¹). Auch mit dem Mineralogen Weiß und deſſen Frau ſtellte ſich um dieſe Zeit gleichfalls durch die Vermittlung des jungen Pinder ein reger Familien⸗ verkehr her. Ein nicht zu erſetzender Verluſt traf die Familie dagegen durch den im Jahre 1829 erfolgten Tod von Boeckhs trefflicher Frau und von Buttmann, der ſchon während Wilkens Abweſenheit vom Schlage getroffen worden war und nun nach längerem Kränkeln ſtarb; beide wurden von groß und klein im Hauſe ſchmerzlich betrauert. Wilken widmete dem Freund auch einen warmen Nachruf in der Spenerſchen und in der Voſſiſchen Zeitung vom 27. Juni 1829. Bei Gelegenheit des Ordensfeſtes 1828 erhielt Wilken den roten Adlerorden dritter Klaſſe*); unter den Gratulanten findet ſich beſonders neben Kamptz, der ihm einen ſehr freundlichen Brief ſchrieb, auch Alexander von Humboldt, der, allerdings in ſeinem ſchmeichleriſchen Hofton,„den Tag nicht verſtreichen laſſen will, ohne ihm einen innigen Glück⸗ ſtoß ins Herz beigebracht, um— wie ſie in ihren letzten Zeilen an ihren Mann ausſprach— dieſen durch einen ſtarken Schmerz zu regerem Schaffen anzuſtacheln, ſondern in tiefer, wenn auch vielleicht nicht völlig bewußter Schwermut über ihre Ehe.— Wilken verſtand die Erzählerin erſt ſo, als habe Stieglitz ſelbſt ſich den Tod gegeben, und fand dies auch gar nicht verwunderlich!— Eines Abends war das Paar ins Wilkenſche Haus gekommen; Charlotte ſah ſehr aufgeregt aus und beichtete Karolinen, Stieglitz habe ſich wieder ſehr ungeberdig gezeigt und ſich erſtechen wollen; da habe ſie ihm eine kräftige Ohrfeige gegeben und ſo ihn wieder zur Vernunft gebracht. — Die Beurteilung der Sache und der Perſonen bei Treitſchke, Deutſche Geſch., IV. 435 f. würde Wilken unterſchrieben haben. ¹) Über ihn nnd ſeinen Aufenthalt in Weimar, auch über ſeine Reiſe von da nach Berlin ſ. ſeines Freundes und Begleiters K. v. Holtei 40 Jahre, III. 394. 399 ff.; vergl. auch Varnhagen, Blätter ꝛc. IV. 254. 265. 319. ²) Varnhagen, Blätter ꝛc. V. 13. Die vierte Klaſſe exiſtierte damals noch nicht. 64 wunſch zu der Auszeichnung gehorſamſt darzubringen, welche ihm ſo lange ſchon als großem Sprach⸗ und geiſtreichem gelehrten Geſchichtsforſcher und als dem Schöpfer einer öffentlichen Bibliothek“ von ſeinem Bruder und ihm ge⸗ wünſcht worden ſei. Ein halbes Jahr ſpäter wurde auch Wilkens Gehalt als Bibliothekar auf 1200 Thlr. erhöht, eine Stufe, auf der er bis zu ſeinem Tode verblieben iſt. Ende Auguſt 1828 machte er dann im Auftrag des Miniſters in Begleitung des Bibliothekſekretärs Kießling zur Inſpizierung der Univerſitätsbibliothek eine Reiſe nach Halle, auf die er auch ſeinen ſiebzehnjährigen, zu Oſtern des Jahres von Schleiermacher eingeſegneten Sohn Friedrich Franz mitnahm. Der Halliſche Oberbibliothekar, der Hiſtoriker Profeſſor Voigtel ¹), machte bei der Reviſion ein langes Geſicht, als bei der erſten Stichprobe der Bote das geforderte Buch nicht finden konnte und dieſer Vorgang bei der zweiten Probe ſich wiederholte. Im Gaſthof zum Kronprinzen traf Wilken bei der Tafel unver⸗ mutet mit Leo zuſammen und mit deſſen damals nächſten Be⸗ kannten, dem hochbegabten Philologen Reiſig, der ebenſo wie Leo für einen etwas lockeren Vogel galt ²), ſowie mit dem vollends berüchtigten Privatdozenten Dr. Eylert ³), dem einzigen Sohne des Biſchofs. Wilken hatte dem Ausreißer perſönlich längſt verziehen und war recht vergnügt mit ihm; damals ließ der immer noch burſchikoſe, enragierte ehemalige Burſchenſchafter Leo, der die friſchen Jugenderinnerungen ge⸗ ſchrieben hat, nicht ahnen, daß er einſt als Vorkämpfer der ſtrengkirchlichen und konſervativen Richtung in Preußen daſtehn werde. Mit Wilken blieb er immer auf gutem Fuße, und ſeine erhaltenen Briefe zeigen, mit welcher Achtung und Verehrung er zu dem älteren Manne emporblickte. Er und Voigtel machten damals die Führer in Halle und Umgegend. Mit letzterem war Wilken z. B. in Giebichenſtein, wo er in der berühmten„Traube“ mit dem Orientaliſten Samuel Friedrich Günther Wahl zu⸗ ſammentraf. Dieſer hatte einſt ſeine perſiſche Grammatik bitter beurteilt, und Wilken hatte ſpäter mit ihm wegen eines der Königlichen Bibliothek gehörigen, nach ſeiner Anſicht von Wahl unrechtmäßiger Weiſe behaltenen orientaliſchen Manuſkripts jahrelange verdrießliche Händel gehabt), unterhielt ſich aber jetzt recht unbefangen und freundlich ¹) S. über den nicht allzu hoch zu ſtellenden Mann Schrader, Geſch. d. Univerſ. Halle, I. 411. 463. II. 7. 36. 43. ²) S. auch Schrader a. a. O. II. 73. *) Er ſtand i. J. 1848 auf den Berliner Barrikaden und wird wohl identiſch ſein mit dem aus ſeinem Amte verſtoßenen Diviſions⸗ pfarrer Eylert in Frankfurt a./ Oder, der völlig verkommen iſt. ¹) Abſchrift von den Akten des Kultusminiſteriums darüber liegt mir noch vor. mit ihm, während jener erſichtlich bedrückt und verlegen erſchien. Auf der Rückfahrt von Giebichenſtein wurden die Reiſenden von Voigtel auch zu dem bekannten Roman⸗ ſchriftſteller Auguſt Lafontaine ¹) geführt und von dem überaus liebenswürdigen und gutherzigen alten Mann mit friſchem blühenden Angeſicht und ſchneeweißen Haaren, der ſich, nachdem die Zeiten ſeines Ruhmes längſt vorüber waren, philologiſchen Studien zugewandt hatte, auf das herzlichſte aufgenommen. Nach einem weiteren Beſuch in Halle bei dem Wilken ſchon von Jena her bekannten Philologen Chriſtian Gottfried Schütz ²), bei dem ſie auch ſeine als Wirtſchafterin bei ihm weilende, von ſeinem Sohne geſchiedene Schwiegertochter, die berühmte Hendel⸗Schütz, immer noch eine ſtattliche Erſcheinung ³), kennen lernten, fuhren ſie noch für 8 Tage nach Leipzig, wo ſie bei der Familie Kunze wohnten; Wilken durchmuſterte die Büchervorräte Weigels, beſuchte Gottfried Hermann und wohnte auch mehrere Male deſſen Vorleſungen über Ariſtophanes' Vögel an, und zwar mit ſeinem Sohn, auf den die Figur des im langen gelben Rocke und mit hohen Sporenſtiefeln auf dem Katheder ſtehenden Philologen einen großen Eindruck machte. Im Jahre 1829 ſtarb in hohem Alter in Ratzeburg Wilkens Mutter, die er ſeit ſeinem Beſuche daſelbſt im Jahre 1805 nicht mehr geſehen hatte. Wilken war darüber um ſo betrübter, da er gerade damals Gelegenheit ge⸗ funden haben würde, ſie auf einer größeren Reiſe endlich einmal wieder aufzuſuchen. Nachdem er nämlich am 15. Dezember 1828 dem Miniſterium berichtet hatte, daß das dringende Bedürfnis der Bibliothek, das Fach der engliſchen Litteratur im ganzen Umfang ſeiner Verzweigungen zu vervollſtändigen, ihn wünſchen laſſen müſſe, ſich eine anſchauliche Kenntnis von dem Zuſtande, den Einrichtungen und Verhältniſſen des engliſchen Buchhandels zu verſchaffen, auch eine nähere Bekanntſchaft mit den wichtigſten engliſchen Bibliotheken ihm für ſeine Amtsführung weſentlichen Nutzen gewähren würde, erhielt er am 30. Dezember einen etwa zweimonatlichen Urlaub zu einer derartigen Reiſe, und zwar von Ende März 1829 ab, unter Anweiſung der Koſten auf den Fonds ¹) S. m. Abhandlung im Progr. des Caſſeler Friedrichs⸗ gymnaſiums v. 1890, S. 20. ²) S. o. S. 7; er war mit der von ihm begründeten Allge⸗ meinen Litteraturzeitung(ſ. Progr. v. 1890. S. 15 f.) 1805 nach Halle übergeſiedelt, während Eichſtädt die mit dieſer nunmehr kon⸗ kurrierende Jenaer Litteraturzeitung übernahm. ⁴) Eine hübſche Schilderung von ihr und ihren mimiſchen Künſten giebt W. Kügelgen in den„Jugenderinnerungen eines alten Mannes“, S. 242—46. der Bibliothek. Auf dieſer Reiſe, die ihn über Paris, das er damals zum drittenmale beſuchte, nach England führte, war der junge, als Orientaliſt und beſonders als Kenner des Armeniſchen ſpäter berühmte Dr. J. H. Petermann— er iſt 1876 als Profeſſor in Berlin geſtorben— ihm ein angenehmer und aufmerkſamer, wißbegieriger und doch beſcheidener Be⸗ gleiter. Ein noch vorhandenes Tagebuch Wilkens bietet über die am 25. März 1829 angetretene Reiſe folgende Aus⸗ führungen. Uber Magdeburg, wo er die dem Domgymnaſium über⸗ wieſene Bibliothek des ehemaligen Domſtiftes beſichtigte, und Wolfenbüttel, wo er von dem Bibliothekar Eigener umher⸗ geführt ward, Braunſchweig und Hildesheim langte er am 30. März in Hannover an. Hier beſuchte er den Sohn ſeines Paten, den Oberſtallmeiſter Grafen von Kiel⸗ mannsegg, den Arzt Dr. Johann Stieglitz,“) der, auch ein genauer Freund Wilhelm von Humboldts, einſt mit dieſem zuſammen faſt ertrunken war, den Archivrat Keſtner, einen Sohn von Goethes Lotte, der eine in⸗ tereſſante Porträtſammlung beſaß, und den Oberbibliothekar Pertz, ſeinen ſpäteren Nachfolger in Berlin, einen ſtattlichen Mann von gerader Haltung und ernſtem Weſen. Dieſer zeigte ihm die Bibliothek und lud für den Abend zu einer ihm zu Ehren veranſtalteten Geſellſchaft ihm auch ſeinen alten Univerſitätsfreund Grotefend ein. In Göttingen beſuchte er, überall ſich in angenehmen Erinnerungen ergehend, die Bibliothek, den Bibliothekar Reuß, ſowie den Sohn ſeines alten Gönners und väterlichen Freundes, den berühmten Rechtsgelehrten Karl Friedrich Eichhorn, und ſah auch zum erſtenmale den Hiſtoriker Heeren, mit dem er indeſſen brieflich ſchon oft verkehrt hatte. Von Caſſel, wo er Jakob Grimm auf der Bibliothek fand und ſeinen alten Bekannten, den Hiſtoriker Rommel wieder begrüßte, fuhr er nach Arolſen zum Beſuch der Verwandten ſeiner Frau und der Eltern von Heinrich Stieglitz und fand auf der fürſtlichen Bibliothek zu ſeiner Überraſchung manches Schöne und Merkwürdige. Von da ging die Reiſe nach Cöln. Hier verbrachte er einen Nachmittag in angenehmſter Geſellſchaft bei dem Freunde Steins, dem für die Monumenta Germaniae ſich intereſſie⸗ renden Erzbiſchof Grafen von Spiegel, einem hochgewachſenen zuthunlichen Mann von liberaler Geſinnung, und beſichtigte die Syndikats⸗, die Wallramiſche und die Jeſuitenbibliothek. In Aachen beſah er die Merkwürdigkeiten, darunter auch die Rathausbibliothek, unter Führung eines ehemaligen Zu⸗ hörers, Dr. Menge, und langte, nachdem er den 9. April in Brüſſel verbracht und dort die etwa 80 000 Bände zählende Bibliothek beſucht hatte, nach faſt ununterbrochener ) S. über ihn die Allg. D. Biogr. 65 Fahrt über Valenciennes, Péronne und Senlis am 11. April in der franzöſiſchen Hauptſtadt an. Während ſeines Aufenthalts in Paris, der bis zum 25. April ausgedehnt und mit jedem Tage anziehender für ihn ward, knüpfte Wilken Beziehungen mit bedeutenden Buch⸗ händlern an und erhielt beſonders von Truchy vorteilhafte Bedingungen für Lieferung von Büchern an die Berliner Bibliothek; er verkehrte oft in dem Hauſe des feingebildeten Buchhändlers Tilliard, mit dem er in geſchäftlichen Be⸗ ziehungen ſtand, auch mit Landsleuten, wie den Orientaliſten Klaproth, Neumann, Vullers, dem Mediziner Koreff, den Philologen K. B. Haſe und von Sinner aus München; mit dem jüngeren Ampdre war er öfter zuſammen und traf ſich beſonders auch häufig mit ſeinem alten Heidelberger Bekannten, dem Publiziſten Ferdinand von Eckſtein. In⸗ tereſſant war ja dieſer viel umhergekommene, damals im franzöſiſchen Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten angeſtellte jüdiſch⸗lutheriſche Konvertit, der nebenbei noch die Zeitſchrift le Catholique herausgab, Metternich gegen einen Sold von 3000 Gulden beſſere Pariſer Nachrichten ſandte als der öſtereichiſche Geſandte für ſein ungeheures Gehalt ¹) und außerdem auch noch Zeit und Intereſſe für orientaliſche Studien hatte. Wilken lernte die franzöſiſchen Orientaliſten Reinaud, Abel Rémuſat, Garcin de Taſſy, den Sanskritiker Eugen Burnouf, den Alter⸗ tumsforſcher Champollion den älteren, den Philo⸗ logen und Dichter Raynouard und— was ihm von großem Intereſſe war— auch den Hiſtoriker Michaud kennen, ſeinen Nebenbuhler auf ſeinem eigenſten Gebiete, der ihm ſofort die neue Ausgabe ſeiner Geſchichte der Kreuz⸗ züge in fünf Bänden zum Geſchenk machte. Auch beſuchte er den ihm von ſeinem früheren Aufenthalt in Paris her be⸗ kannten ehemaligen Biſchof von Blois wieder, Grégoire, deſſen Schrift de la constitution française de l' an 1814 er in den Heidelberger Jahrbüchern“) einſt beſprochen hatte, und wurde von ihm mit großer Herzlichkeit aufgenommen. Von dem Legationsrat Arnim in die preußiſche Geſandtſchaft eingeführt, wurde er von dem Geſandten von Werther zu einer ſehr langweiligen Mittagsgeſellſchaft eingeladen, erhielt aber deſſen Eintrittkarte für die von dem beredten und imponierenden Royer Collard geleiteten Kammerverhandlungen, denen er auch zweimal auf der Tribune des ambassadeurs beiwohnte; ebenſo wurde er auch in eine Sitzung der Académie des sciences eingeführt und beſuchte die ſehr intereſſanten Abendgeſellſchaften des an der Bibliothek angeſtellten Geo⸗ ¹) S. Varnhagen, Blätter II. 437 f. Vergl. auch Gans, Rückblicke ꝛc., S. 9— 11. ²) 18 14. Nr. 32. graphen und Altertumsforſchers Jomard und des Natur⸗ forſchers Baron Féruſſac. Nachdem er außerdem die wichtigſten Sehenswürdigkeiten betrachtet und verſchiedene Theater beſucht hatte, verließ er die reizvolle Stadt am 26. April und fuhr in ununterbrochener, faſt 40ſtündiger Fahrt über Beauvais, Abbeville, Montreuil und Boulogne nach Calais, wo er am 27. April um 8 Uhr abends ein⸗ traf. Die Überfahrt über den Kanal machte er auf dem ſelben Dampfer mit dem Naturforſcher John Brettingham Sowerby und mit der berühmten Henriette Sontag, die ihn auch in liebenswürdiger Weiſe anredete ¹); Dover wurde in Geſellſchaft und unter Führung Sowerbys be⸗ ſichtigt, worauf eine zehnſtündige Fahrt die Reiſenden über Canterbury und Rocheſter am 29. früh nach London brachte. Hier ſuchte Wilken zunächſt den ihm ſchon bekannten preußiſchen Geſandten, ſpäteren Miniſter des Außeren Heinrich von Bülow auf, den Gatten von Wilhelm von Humboldts Tochter Gabriele; er fand freundliche Auf⸗ nahme und brachte gleich den erſten und noch manchen anderen Abend bei dem geiſtreichen und trefflichen Ehepaar zu ²). Für den nächſten Abend war er zu dem hannöverſchen Premierminiſter Grafen Münſter, der die Schweſter ſeines ehemaligen Zöglings, des Fürſten von Schaumburg⸗Lippe, zur Frau hatte, geladen und traf da, wie nochmals am 5. Mai abends bei Bülow auch ſeinen berühmten jungen Landsmann Felix Mendelsſohn, der ſich von April bis November 1829 in England aufhielt ³). Auch bei dem engliſchen General Sir Charles Imhoff, dem Bruder von Amalie von Helvig, verkehrte er viel und erhielt von ihm ein Bildnis ſeines Stief⸗ und Adoptivvaters, des berühmten Generalgouver⸗ neurs von Bengalen Warren Haſtings ⁴), zum Geſchenk. Daß ihn auch die engliſchen Gelehrten durchaus nicht mit der von ihm erwarteten Kälte aufnahmen, ſchrieb er dem Umſtande zu, daß ihn eben erſt die Aſiatiſche Geſellſchaft in London zu ihrem Mitgliede ernannt hatte. In einer ¹) Von Dover bis Rocheſter ſchimpfte die Diva aber„wie ein Keſſelflicker“, weil man eine nicht ihr gehörige Kiſte auf ihre Diligence geladen hatte. Daß Wilken die kurze Begegnung mit ihr ſofort nicht nur ſeiner Frau, ſondern auch Böttiger mitteilte, verſteht man, wenn man erfährt, welchen Sturm der Begeiſterung die gefeierte Sängerin überall entfeſſelte; vergl. Holtei, Vierzig Jahre, IV. 185, 213; Börne, Geſ. Schr. V. 17—32. u. a. Sie brachte von dieſer ihrer engliſchen Konzertreiſe 20000 Thlr. Reinertrag mit. ²) Vergl. über dasſelbe die 1894 bei Mittler in Berlin er⸗ ſchienene Schrift„Gabriele v. Bülow“, und A. Stern in den Grenz⸗ boten 1894, S. 447— 57. Da erledigt ſich auch der bei Varnhagen Blätter ꝛc. IV. 195 gebuchte Klatſch über ſie. ³) S. S. Henſel, Die Familie Mendelsſohn. I. 214— 94. *) Vergl. Biſſing, A. v. Imhoff, S. 1 ff. 66 Sitzung dieſer Geſellſchaft lernte er den Kartographen Alexander Johnſton kennen und traf dann in des letzteren Haus den Sohn ſeines Detmolder Freundes, den Orien⸗ taliſten Friedrich Auguſt Roſen an, der ihm vielfache Ge⸗ fälligkeiten erwies. Wilken fand zwar in England nicht ſo viele Gelehrte wie in Paris, beſonders nicht ſo viele Orien⸗ taliſten; aber intereſſant war es ihm beſonders, wie er an Böttiger ſchrieb ¹), dort ſoviel Männer kennen zu lernen, die einen beträchtlichen Teil von Aſien aus eigener Anſchauung kannten und Perſiſch oder Hinduſtaniſche Dialekte mit großer Geläufigkeit redeten. Bei den Buchhändlern Treuttel und Würtz, Solly, Koller und Cahlmann fand er die geſuchte Belehrung über die Verhältniſſe des engliſchen Buchhandels und in dem Teilhaber der erſtgenannten Firma, Richter, einen liebens⸗ würdigen Führer zu den Merkwürdigkeiten Londons, neben dem auch Roſen und ein gewiſſer Mühlenfels*) freundliche Cicerone⸗Dienſte leiſteten. Neben dem britiſchen Muſeum, dem Tower, St. Paul und der Weſtminſterabtei, der Nationalgalerie und der Kunſtausſtellung in Somerſet⸗ houſe, neben Privatſammlungen, Ateliers, wie dem des Bild⸗ hauers Weſtmacott, wo ihn die Gräfin Münſter einführte, und gewerblichen Anſtalten, Theatern und Banken, Docks, Schiffen und Bazaren beſichtigte er namentlich die große Bibliothek im britiſchen Muſeum. Hier ſah er außer anderen Arbeiten auch die Handſchrift über die Einnahme von Damiette aus der Harleyſchen Sammlung durch und veranlaßte für die Berliner Akademie die Vergleichung einer Pliniushandſchrift. In der Bibliothek in Eaſt Indiahouſe⸗ zogen ihn die Mirkhondhandſchriften beſonders an. In Kenſington Palace führte ihn der gutmüthige Herzog. von Suſſex, der Bruder Georgs IV. und Wilhelms IV., der auf ſeines ehemaligen Reiſementors, Grafen Münſter, Bitte ihn ſofort zum Beſuch ſeiner Bücher⸗ und beſonders ſeiner Bibelſammlung eingeladen hatte, zugleich mit dem Biſchof von Briſtol, Dr. Gray, in der liebenswürdigſten Weiſe in der ſtattlichen Bibliothek ſelbſt umher. Weiter lernte Wilken den Philologen Baker, die Orientaliſten Bernhard Dorn, Sir Ouſeley, der eine wertvolle Sammlung perſiſcher Handſchriften beſaß, Wilkins und Huttmann kennen. Auch wohnte er, auf Münſters Bitte von Tyrrwith eingeführt, einer Sitzung des Ober⸗ hauſes bei, wo er auch Wellington, die Herzöge von Suſſex und von Cumberland ſah, eine Rede Lord Eldons hörte und beſonders die Klarheit, mit der Lord Lindhurſt ¹) Brief vom 3. Juni 1829, auf der Kgl. Bibl. in Dresden. ²) Vielleicht iſt es der als Demagog verhaftete und aus Köpe⸗ nick entflohene Prokurator aus Köln. die Gebrechen der engliſchen Rechtspflege entwickelte, genußreich fand; auch mehreren Sitzungen des Unterhauſes wohnte er an, hatte aber zu beklagen, zu den ſehr intereſſanten Debatten über die Katholiken⸗Emancipation zu ſpät gekommen zu ſein. Durch ein Billet Münſters und von Richter eingeführt, nahm er an einer großen Tafel der society of friends of foreigness in distress teil, verbrachte einen Abend in der deutſchen Geſellſchaft und machte am 14. Mai auch einen Abſtecher nach Oxford. Hier erhielt er in der Bodleiana auf Pertz' Empfehlungsbrief den Codex des Niketas, deſſen er für den fünften Band der Kreuzzüge bedurfte, und verglich ihn mit aller möglichen Sorgfalt; auch lernte er bei einem Beſuche den Hebraiſten Puſey kennen, deſſen religiöſe, ſpäter als Puſeyismus bezeichnete Richtung freilich damals noch nicht hervortrat; er beſuchte ferner mehrere Buchhändler und war am 16. abends nach ſiebenſtündiger Poſtfahrt wieder in London. Nachdem er hier noch wie in Paris eine Anzahl von Bücherkäufen abgeſchloſſen hatte ¹), fuhr er am 23. Mai früh um 3 Uhr in 60 Stunden(für 7 Guineen) nach Ham⸗ burg, ſah dort die Schröder⸗Devrient als Donna Anna in Don Juan, beſichtigte die Stadtbibliothek, wohnte, wahr⸗ ſcheinlich auf Veranlaſſung Ulrichs(ſ. o. S. 42 Sp. 2), einem Redeakt des Hamburger Gymnaſiums bei und traf am 29. Mai wieder in der Heimat ein. Gerade dieſe letzte größere Reiſe war für Wilken noch in der ganzen Folgezeit eine Quelle der angenehmſten Erinnerungen. Unter dem 4. September erſtattete er dem Miniſterium ſeinen Reiſebericht; er erklärte darin unter anderem, keine der von ihm beſuchten Bibliotheken außer der Göttinger erfreue ſich einer muſterhaften Anordnung, und der Beſuch derſelben habe ihm neben reichſter Belehrung zugleich die aufmunternde Üüberzeugung verſchafft, daß die Berliner Bibliothek ſchon jetzt einen ſehr ausgezeichneten Platz unter den europäiſchen Bücherſammlungen einnehme. Auch für die übrigen großen preußiſchen Biblio⸗ theken machte er die Reiſe inſofern nutzbar, als die Buch⸗ händler, mit denen er geſchäftliche Verbindungen ange⸗ knüpft hatte, auch an dieſe zu denſelben Bedingungen wie an die Berliner Bibliothek Bücher zu liefern ver⸗ ſprachen, eine Vergünſtigung, wovon die Univerſitäts⸗ bibliotheken alsbald in Kenntnis geſetzt wurden. In einer Verfügung vom 12. September wurden auf ſeinen Bericht hin unter Bewilligung von rund 700 Thlrn. zum Erſatz ſeiner auf 660 Thlr. ſich belaufenden Reiſeaus⸗ lagen ſeine Bemühungen vom Miniſter lobend anerkannt.— ¹) Die Kaufſumme belief ſich einſchließlich der Pariſer Er⸗ werbungen auf etwa 4000 Thlr. Nach den drei obengenannten ſchmerzlichen Todes⸗ fällen brachte das Jahr 1829 der Familie doch auch noch ein freudiges Ereignis: nachdem Moritz Pinder am 3. September promoviert hatte, veröffentlichte er ſeine Verlobung mit Wilkens älteſter Tochter Sophie; dieſe Verlobung war freilich ſchon einige Zeit ein öffentliches Geheimnis geweſen. In dem vielbewährten Schwiegerſohn, der mit gründlichſtem Wiſſen auch praktiſche Geſchicklichkeit verband und ſich über⸗ all der größten Beliebtheit erfreute, fand auch Wilken während der bald über ihn hereinbrechenden Plagen lang⸗ jähriger gichtiſcher Leiden und eines dadurch bedingten frühen Alters einen mit Troſt und anziehender Unter⸗ haltung in kindlicher Liebe treu ihm zur Seite ſtehenden Freund und Gehülfen ¹). Dieſe Verlobung brachte ein fröhliches Leben und Treiben in das Wilkenſche Haus, in dem ſo lange Trauer und Sorge geherrſcht hatten. Unter Pinders Freunden war es beſonders Adolf Schöll, der viel in der Familie der Braut verkehrte, und ein Enkel von Wilkens väterlichem Freund Eichhorn in Göttingen, ein Herr von Hieronimy, der damals mit Louiſe Müller, der ſpäter berühmten Louiſe Mühlbach, verlobt war, ein Verhältnis, das übrigens durch den leichtfertigen Dieffenbach, den genialen Chirurgen, geſprengt ward. Auch der bekannte Sinologe und Hiſtoriker C. Fr. Neu⸗ mann, ein merkwürdig häßlicher, aber ſehr intereſſanter Mann, mit dem Wilken im Frühjahr in Paris bekannt geworden war, hielt ſich um dieſe Zeit einige Monate in Berlin auf, wo er auf Wilkens Verwendung von der preußiſchen Regierung Aufträge und Unterſtützung für eine Reiſe nach China erhielt, und ſuchte ihn während dieſer Zeit faſt täglich in ſeinem Hauſe auf. ²) Noch im Herbſte 1829 ließ Wilken den fünften Band ſeiner Geſchichte der Kreuzzügge erſcheinen, für die er ¹) Moritz Pinder war 1807 geboren, ſtudierte von 1824 ab in Berlin, wo er auch unter Schadows Leitung zeichnete und malte und die Kupferſtecherkunſt erlernte; 1829 bei der Kgl. Bibliothek angeſtellt, übernahm er daneben auch die Verwaltung der neuge⸗ gründeten Univerſitätsbibliothek, wurde 1851 Mitglied der Akademie, 1858 Nachfolger Kuglers als Geheimer Regierungsrat und vortragender Rat im Kultusminiſterium und ſtarb als Geh. Ober⸗Regierungsrat am 30. Auguſt 1871; vergl. auch die Allg. D. Biogr. Von den vier Kindern des Paares wurde die zweite Tochter die Gattin des Juriſten Johannes Merkel in Halle und die Mutter des Profeſſors der Rechte Johannes Merkel in Göttingen; der einzige Sohn Eduard Pinder iſt am 18. September 1890 als Muſeumsdirektor in Caſſel geſtorben. ²) Das hinderte Wilken aber nicht, die Ausführung der Auf⸗ träge, wie ſie Neumann beliebt hatte, auf das freimütigſte öffentlich zu tadeln im Bericht über die Bibliothek vor dem Verzeichnis der Neuanſchaffungen 1837 u. 38. S. X f. 9. 1827 im Wiener Archive wertvolle und bis dahin unbekannte Materialien gefunden hatte; ferner hielt er in fünf Sitzungen der Akademie in den Jahren 1829 und 1830 über die „Verhältniſſe der Ruſſen zum byzantiniſchen Reiche in dem Zeitraume vom 9. bis zum 12. Jahr⸗ hundert“ eine Reihe von Vorträgen, die in den Abhand⸗ lungen der Akademie von 1829, S. 75— 135 gedruckt ſind. Während des Univerſitätsjahres 1829/30 gehörte er dem akademiſchen Senat an und wurde im März 1830 von der hiſtoriſch⸗philoſophiſchen Klaſſe der Akademie an Stelle Buttmanns zu ihrem ſtändigen, alſo zu einem der vier Sekretäre gewählt, welche abwechſelnd das Präſidium des Inſtituts führen; dieſe ihn ehrende Vertrauensſtellung trug ihm daneben ein Gehalt von jährlich 300 Thlrn. ein. Im Jahre 1830 gab Wilken Nachbildungen zarter und feiner Bleiſtiftzeichnungen eines niederländiſchen Meiſters aus dem 15. Jahrhundert heraus, meiſt Studien nach Köpfen. Die Zeichnungen waren mit Genehmigung des Miniſters nach den auf der Bibliothek befindlichen Origi⸗ nalen, kleinen Schreibtafeln aus Ahornholz, von Paalzow auf Stein übertragen und erſchienen, von Wilken mit einer kurzen hiſtoriſchen Nachweiſung begleitet, in bloß 150 Ab⸗ drücken in Queroktav ¹). Weiter gab er damals die Erzählung des Niketas von den antiken Statuen, welche die Kreuzfahrer nach der Eroberung Conſtantinopels im Jahre 1204 zerſtört hatten, in einer neuen Redaktion heraus, und zwar verbeſſert nach dem im Jahr zuvor in Oxford verglichenen Bodleianus. Immanuel Bekker hat in ſeiner Ausgabe des Niketas in der Bonner Sammlung byzantiniſcher Geſchichtsſchreiber (S. 854— 868) dieſe Redaktion Wilkens mit Noten von dieſem wieder abdrucken laſſen. Und endlich erſchien, noch kein Jahr nach der Ver⸗ öffentlichung des fünften, im Auguſt 1830 ſchon der ſechſte Band der Geſchichte der Kreuzzüge ², als ein Beweis des angeſtrengten und hingebenden Fleißes, den Wilken — obwohl überall beengt durch ärztliche Vorſchriften— dem Hauptgegenſtande ſeiner Studien doch in den letzten Jahren zugewendet hatte. So durfte er es für eine wohlverdiente Anerkennung halten, als ihm am 14. Nov. 1830 von Friedrich Wilhelm III. der Titel eines Geheimen Regierungsrats verliehen wurde. ¹) Beſprechung fanden dieſe„Entwürfe und Studien eines niederländiſchen Meiſters“ durch Böttiger in ſeinem Artiſtiſchen Notizenblatt 1830. Nr. 16. ²) S. die Kritik von Aſchbach in den Jahrb. f. wiſſſnſch. Kritik 1831 Nr. 52 u. 53, S. 409— 22, und von Koſegarten, der alle ſechs Bände beſpricht, in der Allg. Litt. Ztg.(Halleſche) 1832. II. 585— 602. 68 1831—P—1835. Im Sommer 1831 erhielt Wilken den Auftrag, die ganz in Vergeſſenheit und Verfall geratene Bibliothek der ehemaligen Herzöge von Sachſen⸗Weißenfels, welche ſich im Amtsgebäude zu Sangerhauſen befand, anzuſehen und das Brauchbare für die Bibliothek in Berlin auszuwählen. Er reiſte daher am 16. Juli in Begleitung ſeines älteſten Sohnes, der zu Michaelis 1830 die Reifeprüfung beſtanden hatte und ſeitdem auf der heimiſchen Univerſität die Rechte ſtudierte, und des Bibliothekſekretärs Kießling zunächſt nach Halle. Dort lernte er den ehemaligen Privatdozenten Friedrich Ritſchl¹) kennen und traf in einer Abend⸗ geſellſchaft bei ſeinem Freund M. E. Meier, dem Heraus⸗ geber von Erſch und Grubers Encyeclopädie, für die auch Wilken manchen Artikel geliefert hat, mit den be⸗ rühmteſten Halleſchen Gelehrten, Geſenius, Bernhardy, Heffter, Leo u. a. zuſammen. Nachdem dann in Sangerhauſen unter anſtrengender Arbeit manches Wertvolle ausgeſucht und nach Berlin geſchickt, darauf der Kyffhäuſer beſucht worden war, fuhr er über Artern und Weißenſee noch nach Erfurt, ließ ſich da von dem Philologen Kritz in die Auguſtina und in die Stadtbibliothek führen, langte dann über Weimar und Naumburg am 22. Juli in Leipzig an, von wo Kießling nach Berlin zurückkehrte, und fuhr endlich über Meißen und Dresden nach Teplitz, um gegen ſeine inzwiſchen wieder eingetretenen gichtiſchen Leiden, die wieder eine anſehnliche Beule an ſeinem Arm aufgetrieben hatten, dort eine Kur zu gebrauchen. Denn wenn auch die beſondere Rüſtigkeit und Kraft, die Wilken als Frucht der ſorgſamſten körperlichen Pflege 1827 von Wien mitgebracht hatte, etwa bis ins Jahr 1830 ſich erhalten hatte, ſo zeigte ſich doch um dieſe Zeit, daß ſeine Geſund⸗ heit wieder ſtark erſchüttert war; er hat auch in dem nun beginnenden letzten Jahrzehnt ſeines Lebens nie wieder vollſtändige Heilung, ſondern nur vorübergehende Linderung⸗ ſeiner Leiden gefunden. Gegen Ende der Reiſe, im böhmiſchen Dorfe Arbeſau, wo Friedrich Wilhelm III. das Denkmal zur Erinnerung. an die Schlacht bei Kulm hatte aufſtellen laſſen, befreun⸗ deten er und ſein Sohn ſich mit dem Leipziger Muſiklehrer, früheren Theologen Wieck und deſſen zwölfjähriger Tochter Clara, einem zierlichen Mädchen von blühender Geſichtsfarbe, ¹) Dieſer verlebte dann die Weihnachtsferien 1831 in Berlin und brachte einen Abend auch bei Wilken, einen anderen bei Pinder zu; Ribbeck, Ritſchl, I. 91. Wilkens Intereſſe für Ritſchl und das von dieſem entdeckte Prinzip der Stichometrie bekundet auch ein Brief Wilkens an ihn vom 14. Juni 1838, b. Ribbeck, II. 242. 69 ſchwarzen Haaren und klugen Augen; der Vater war nicht wenig ſtolz auf dies Kind, das als Klavierſpielerin ſchon öffentlich aufgetreten war und ſpäter die Virtuoſin werden ſollte, die ihren berühmten Mitſchüler Robert Schumann heiratete und noch in Frankfurt a. M. lebt; Vater und Tochter weilten noch eine Zeitlang bei ihnen in Teplitz; zu einem Konzert, das die muntere Kleine nach dem Wunſche des Vaters dort geben ſollte, kam es indeſſen doch nicht. Außerdem fand Wilken in Tepxlitz noch an⸗ regenden Verkehr mit dem Profeſſor und ſpäteren Direktor des Gymnaſiums zum Grauen Kloſter in Berlin, J. Fr. Bellermann, und mit dem Prager Hiſtoriker Profeſſor Schottky; beſonders erfreute ihn auch ein Beſuch des Grafen Reinhard, damaligen franzöſiſchen Geſandten in Dresden; dieſer ſtand mit Wilkens Freunden Hammer und Eliſe von der Recke auf vertrautem Fuße, und Wilken fand in den Geſprächen mit dem feingebildeten, liebens⸗ würdigen Manne großen Rciz. ¹) Durch die Badekur in ſeinem Befinden weſentlich gebeſſert und geſtärkt, verließ er Teplitz am 23. Auguſt und kam über Dresden, wo er von den alten Freunden Böttiger, Herrmann, Eliſa und Tiedge freudig begrüßt, von Reinhard ſofort eingeladen wurde und auch den Be⸗ ſuch des berühmten Kriminaliſten Anſelm von Feuerbach, eines vertrauten Freundes von Eliſe von der Recke, empfing, am 28. Auguſt wieder in Berlin an. Hier fand er alles in Sorge und Aufregung wegen der aus Rußland allmählich vordringenden Cholera. Die Eltern Pinders wünſchten daher, damit ihr Sohn in der befürchteten ſchlimmen Zeit nicht allein ſtehe und etwa der richtigen Pflege entbehre, deſſen baldige Verheiratung und halfen dieſelbe ermöglichen; ſo fand denn dieſe auch am 25. September 1831 in Wilkens Hauſe ſtatt. Auf die Trauung, die Schleiermacher vollzog, folgte ein Mit⸗ tagsmahl in illuſtrer Geſellſchaft; außer Schleiermacher nahmen auch Hegel, Zelter, Boeckh, Johannes Schulze u. a. daran teil, und trotz Cholerafurcht ging es ſehr heiter dabei zu. Und doch hatte ſich die furchtbare Krank⸗ heit, die in der That ſchon im nächſten Monat, erſt ver⸗ einzelt, bald aber geradezu verheerend in Berlin auftrat, ein berühmtes Glied des fröhlichen Kreiſes zum Opfer ¹) Am 6. Auguſt 1831 ſchreibt Wilkens Frau ihm über Ber⸗ liner Univerſitätsangelegenheiten:„Von Gans muß ich Dir doch etwas Hübſches erzählen. Er iſt Dekan geworden, und daß er es wurde, verdankt er mit der edlen Dreiſtigkeit, ſich ſelbſt ſeine Stimme zu geben. Auch Böckh findet dies denn doch etwas ſtark. Gans aber ſagt ganz unbefangen:„Ich weiß nicht, was die Leute wollen, ich wollte Dekan ſein, wollte keinen andern, folglich gab ich mir ſelbſt meine Stimme.“ auserſehen; am 14. November ſchon erlag ihr Hegel, zum V tiefen Schmerz auch der Wilkenſchen Familie. ¹) Auch der Kollege Wilkens, der Kuſtos an der Bibliothek und Profeſſor Fr. W. Valentin Schmidt, ſtarb als eines der erſten Opfer der Krankheit.²) Im nächſten Jahre mußte die Familie noch einen treuen Freund dahingeben, den alten Zelter. ³) Nachdem im Januar 1831 auch Niebuhr in Bonn geſtorben war, ging die Oberaufſicht über die von demſelben begonnene Ausgabe der byzantiniſchen Geſchichtsſchreiber an die Akademie der Wiſſenſchaften in Berlin über, und in deren Auftrag übernahm nunmehr Wilken dieſelbe und führte ſie bis zu ſeinem Tode fort. Dieſes Geſchäft brachte ihn namentlich mit dem ihm ſchon perſönlich bekannten Philologen Karl Benedikt Haſe in Paris in vielfache Berührung. Im Frühjahr 1832 erſchien dann endlich, nachdem die Gicht ihn im Winter ſchwer geplagt und wochenlang des Gebrauches der Hand und des Armes beraubt hatte, ¹) Vor mir liegt ein Brief von Hegels Sohn Immanuel.„Im Namen meiner tiefgebeugten Mutter übernehme ich die traurige Pflicht, Ihnen das heut um 5 Uhr erfolgte Dahinſcheiden meines vielgeliebten Vaters anzuzeigen. Er entſchlummerte nach kurzem, kaum zwei⸗ tägigem Leiden und ohne Todeskampf an der Cholera. Das Be⸗ gräbnis wird morgen Abend um 6 Uhr erfolgen. Berlin den 14. November 1821. J. Hegel.“ Über die Cholera in Berlin 1831 vergl. auch beſonders Gutzkow, Rückblicke, S. 33 f., Eylert, Charakter⸗ züge aus dem Leben Friedrich Wilhelms III. Bd. II. 2. 359 ff. ²) S. über ihn die Allg. D. Biogr. 32. 14 f. und über ſeinen übertritt zum Katholizismus Holtei, Briefe von u. an Tieck II. 363. ³)„Der alte Goethe“, ſchreibt Zelters ihn hochverehrende Schülerin Sophie Pinder ihrem Bruder nach Bonn,„hat unſern ehrlichen Zelter bald nach ſich gezogen; alle ſind überzeugt, daß er noch länger gelebt haben würde, wenn nicht das Verlangen nach dem verlorenen Freund ſeinen Heimgang beſchleunigt hätte. Den Abend vorher, ehe er krank wurde, ſoll er lange in Gedanken vor Goethes Büſte geſtanden haben und endlich mit den Worten geſchieden ſein: „Nun gute Nacht, Excellenz, lange ſollſt Du nicht auf mich warten.“ Seine Töchter haben dies der Mutter erzählt.“— Und Karoline fügt zu:„Geſtern früh um 6 Uhr iſt er verſchieden, ſehr ſanft. In der Nacht vor ſeinem Tode hat er noch einmal Wein begehrt und als man ihm dieſen gereicht, geſagt: Das ſchmeckt beſſer als all euer verfluchtes Zeug von Tränken, das ihr mich habt ſchlucken laſſen.“— So beliebt Zelter in ſeinem Leben war, ſo erregte doch ſein Briefwechſel mit Goethe, der nach ſeinem Tode veröffentlicht wurde, in Berlin großes Ärgernis, da der Alte in jenen Briefen, um Goethe zu amüſieren, auf Koſten ſeiner übrigen Freunde ſeinem Humor alle Zügel hatte ſchießen laſſen. Auch Wilken hätte Grund ſinden können, ſich über ihn zu beklagen, weil Zelter am 22. April 1823 an Goethe ge⸗ ſchrieben hatte:„So fällt mir unſer Oberbibliothekar ein, der ſeit 4 Wochen geiſteskrank iſt, und die Arzte befürchten einen permanenten Zuſtand. Drey bis vier Unterbibliothekare ſind leidtragend in Freuden, den vorgezogenen Obervorſtand ad minus uihilum degradirt zu ſehen.“ (III. 311.). auch der ſiebente Band von Wilkens Geſchichte der Kreuzzüge, und zwar in zwei Abteilungen. Damit fand das vor einem Vierteljahrhundert begonnene große Hauptwerk ſeines Lebens ſeinen Abſchluß ¹). In demſelben Jahre ließ er auch noch nach Göttinger, Pariſer und Berliner Handſchriften die erſte Ausgabe 70 der Geſchichte der Gasneviden von dem perſiſchen Ge⸗ ſchichtsſchreiber Mirkhond erſcheinen, über deren Verdienſt⸗ lichkeit ſchon oben die Rede war; ²) für die beiden letztge⸗ nannten Arbeiten ließ der König unter dem 9. September ihm einen koſtbaren Ring überreichen. Und endlich enthalten die Abhandlungen der Königlichen Akademie vom Jahre 1831 auf S. 29— 46 einen am 28. April 1831 von ihm in der Akademie geleſenen Aufſatz über die venetianiſchen Konſuln in Alexandrien im 15. und 16. Jahrhundert. Im Frühjahr 1832 erſchien ein gar liebenswürdiger alter Freund der Familie aus der Heidelberger Zeit in Berlin, Sulpiz Boiſſerée, und verweilte während ſeiner „Das längeren Anweſenheit häufig in ihrem Kreiſe. Wiederſehen mit Wilkens“, ſchreibt er ſeiner Frau,„(und Seebecks) war Freude(und Schmerz zugleich). Wilken iſt körperlich abgeſpannt, aber ſein Geiſt ungeſchwächt. Die Frau empfing mich mit der Zärtlichkeit einer Schweſter“ ³). Auch wohnte um dieſe Zeit ein Bruder Moritz Pinders bei Wilken, Julius Pinder, der etwa 1848 Oberpräſident von Schleſien war. Dagegen bezog im April 1832 ſein Sohn Friedrich Franz die Univerſität Bonn. Die immer wieder ſich zeigende, aber glücklicherweiſe ihm ſtets nur körperliche Pein verurſachende Gicht nötigte Wilken im Spätſommer 1832 zu einer Reiſe nach Eilſen ¹) Eine eingehende und anerkennende— nach Idelers Aus⸗ druck in einem Briefe an Wilken freilich„in lächerlich vornehmem Tone geſchriebene“— Kritik des Bandes gab Hammer in den Wiener Jahrbüchern der Litteratur, Bd. LX. 1832, S. 199— 222; andere brachten Koſegarten in der Allgem. Litt. Ztg. 1834 I., 97 bis 108, und Aſchbach in den Berliner Jahrb. für wiſſenſchaftliche Kritik, 1833, Oktober, S. 500— 517. ²) S. o. S. 19 Sp. 2. Der Titel lautet: Mohammedi, filii Chondschahi, vulgo Mirchondi historia Gasnevidarum persice ed. Fr. Wilken; mit lateiniſcher Überſetzung XVI. u. 280 pp. 4°. Berlin, 1832, Duncker u. Humblot. Rezenſion von v. Bohlen in d. Berl. Jahrb. f. wiſſ. Kritik, 1833, Mai, S. 753— 763. ³) Sulpiz Boiſſer e I. 589. Daſelbſt S. 592 u. 598(an ſeinen Bruder Melchior):„Ich habe während der Manöver das Königspalais und das Palais des Prinzen Karl, ſowie auch das Zeughaus geſehen. Wilken war nie in dieſen Gebäuden geweſen und freute ſich mich begleiten zu können. Er hat mich dagegen in eine Sitzung der Akademie geführt, von welcher er für dieſes halbe Jahr als Sekretär der hiſtoriſch⸗philoſophiſchen Klaſſe Präſident iſt.“ in der Nähe von Bückeburg, wo er Schlamm⸗ und Schwefel⸗ bäder brauchen ſollte. Der Fürſt von Schaumburg⸗Lippe mit ſeiner Familie empfing ihn dort ſehr herzlich und be⸗ mühte ſich, dem alten Lehrer den Aufenthalt in ſeinem Bade ſo angenehm als möglich zu machen. Eine beſondere Freude fand Wilken und ſeine Familie— ſeine Frau und ſeine jüngere Tochter und auch der von Bonn zurückkehrende Sohn fanden ſich nämlich gleichfalls in Eilſen ein— im Verkehr mit Karolinens Bruder Karl Wilhelm Tiſchbein, der ein angeſehener Hiſtorienmaler geworden war und, dem als ein Zeichen ſeines Dankes und ſeiner Anerkennung konnte. Fürſten naheſtehend und von ihm zum Hofrat ernannt, dauernd in Bückeburg lebte. Das Jahr 1833 brachte ihm die Erwählung zum Mitglied der Geſellſchaft für Schleswig⸗Holſteiniſche Ge⸗ ſchichte, des thüringiſch⸗ſächſiſchen Vereins für Erforſchung des vaterländiſchen Altertums, der deutſchen Geſellſchaft zur Erforſchung vaterländiſcher Sprache und Altertümer zu Leipzig und der Königlichen Nordiſchen Altertums⸗ geſellſchaft in Kopenpagen; im folgenden Jahre wurde er zum Korreſpondenten der Königlichen Académie des sciences et belles-lettres zu Brüſſel erwählt. Erwähnt wurde ſchon, daß er nach dem Tod des Wirklichen Geheimen Rates von Raumer im Jahre 1833 auch den Altersvorſitz im Obercenſur⸗Kollegium übernehmen mußte. Im folgenden Winter 1833/34 nahm ihn die leidige Gicht, die ihn ſeit Herbſt 1832 faſt nicht verlaſſen, ihn faſt bloß auf ſeine Amtsgeſchäfte beſchränkt, ja monate⸗ lang zur Unthätigkeit verdammt hatte, wieder derart mit, daß im Frühjahr 1834 ſein Arzt, Geheimrat Barez, auf erneuerten Gebrauch von Teplitz drang. Wilken war beim Antritt der Reiſe am 10. Juni ſo ſchwach und elend, daß er in den Wagen getragen werden mußte. Aber ſchon die Reiſe, die er bei gutem Wetter in Begleitung ſeines älteſten Sohnes machte, der ſeit einem Jahr Auskultator bei dem Berliner Stadtgericht war, äußerte bald eine gute Wirkung. Obwohl er in Dresden den Gaſthof noch nicht verlaſſen konnte und auch gleich in den erſten Tagen nach ſeiner Ankunft in Teplitz durch eine Erkrankung ſeines Sohnes erſchreckt und wieder etwas zurückgebracht ward, ſo wirkten die Bäder doch bald ſo heilſam auf ihn ein, daß er ſich mit vielem Genuß den Annehnlichkeiten des Badelebens und eines ausgedehnten Verkehrs hingeben Nächſt dem alten Tiedge, der noch in tiefer Trauer über den im Jahr zuvor erfolgten Tod ſeiner fürſorg⸗ lichen, edlen Freundin Eliſe von der Recke ¹) war und nur ¹) Ihre Briefe, Tagebücher und Manuſtripte hatte ſie der von ihrem Freunde Wilken geleiteten Berliner Bibliothek vermacht. 71 noch wenige Tage in Teplitz verweilte, fand Wilken Sulpiz Boiſſerée und deſſen ebenſo liebenswürdige Gattin, eine Nichte Danneckers, mit denen mancher Ausflug, wie nach der alten Bernhardinerabtei Oſſegg gemacht wurde ¹), ferner Böttiger, den alten Tauchnitz, Karl Förſter und deſſen Frau Luiſe, die Schweſter von Friedrich und Ernſt Förſter, weiter den Mediziner Geheimrat Weigel aus Dresden, den oben⸗ erwähnten ehemaligen ſächſiſchen Miniſter von Noſtitz, Schorn, den liberalen Philoſophen Krug aus Leipzig, welcher der Gatte von Heinrich von Kleiſts ehemaliger Braut geworden und ein genauer Freund der Kunzeſchen Familie war, u. a., mit denen man ſich täglich traf und unterhielt. Zuweilen erſchien auch aus der Umgebung des ebenfalls in Teplitz zur Kur weilenden Königs von Preußen der Fürſt von Wittgenſtein bei ihm, und ſehr häufig ſuchte ihn des Nachmittags Alexander von Humboldt auf, um, wie er ſagte, zur Erholung von den Hofkreiſen*) ſich mit ihm auszuſprechen, was denn manchmal ſtundenlang währte. Krug, der, obwohl Mitglied der ſächſiſchen Kammer, doch keine beſondere politiſche Rolle ſpielte, hatte kurz vor⸗ her einen Brief erhalten, der ihm den Tod androhte, wenn er in ſeiner politiſchen Haltung beharre. Er las das offenbar nur zu ſeiner Verhöhnung ihm zugeſchickte Schrift⸗ ſtück, das mit den Worten begann:„Herr Profeſſor Krug, Sie ſind und bleiben ein Schwe....... d“, im Kolleg vor und knüpfte eine pathetiſche Anſprache daran, die er mit⸗ ſamt dem Brief drucken ließ. Auch Wilken brachte er ſo⸗ fort ein Exemplar dieſes Abdrucks; der unmittelbar nach Krug bei dieſem vorkommende Humboldt bat ſich dasſelbe ſofort aus, um es dem König zu zeigen. Am andern Tage brachte er Wilken die Schrift zurück und erzählte ihm, der König habe, nachdem er ſie geleſen, geſagt:„Sonderbarer Menſch, da hätte ich viel Briefe drucken laſſen können!“„Es iſt drollig“, ſchloß Humboldt,„daß Herr Profeſſor Krug überall ſeinen „Schw....... d“ als Viſitenkarte abgibt! Dies hat er nämlich ſelbſt bei dem Fürſten Wittgenſtein und dem Ge⸗ heimen Kabinetsrat Albrecht gethan und bei vielen anderen ihm ganz fremden Leuten. Wie kann ein verſtändiger und ernſthafter Mann ſich ſo lächerlich machen?“ ³) Die Kur hatte wahre Wunder an Wilken gethan; friſch und geſund traf er mit ſeinem Sohne am 24. Juli ¹) S. Boiſſerée I. 631. ²) Über Humboldts Mißachtung gegen den Hof und den Adel ſ. Bruhns, Al. v. H., II. S. 129, Varnhagen, a. a. O. V. 135. ³) Der etwas langweilige und eitele, aber wohlmeinende viel⸗ ſchreibende Leipziger Profeſſor erzählt in ſeiner etwas breiten„Lebens⸗ reiſe in 6 Stazionen, von ihm ſelbſt beſchrieben“, öfter von den vielen Drohbriefen, die er erhalten habe(S. 232. 237. 238); von dem hier er⸗ wähnten ſpricht er S. 244 u. 45, aber mit Weglaſſung des Schw... hds. wieder in Dresden ein; der letztere kehrte dann nach einigen Tagen, während deren er Tiedges Gaſt war, über Leipzig nach Berlin zurück, während Wilken ſelbſt mit ſeiner Gattin und ſeiner jüngeren Tochter, die von Leipzig aus zu den Eltern gekommen war, in der ihm ſo lieb gewordenen Stadt in einem ſehr hübſchen, von einem Garten umgebenen kleinen Miethauſe noch mehrere Wochen lang verweilte. Bei der Heimfahrt, Ende Auguſt, trafen ſie auf der Heer⸗ ſtraße bei Treuenbriezen die Pinderſche Familie, die auf der Fahrt nach Naumburg begriffen war. Die Folgen der Kur hielten diesmal erfreulicherweiſe noch den folgenden Winter an. Am Ordensfeſte 1835 erhielt er die damals neu auf⸗ gekommene Schleife zum roten Adlerorden. Im ſelben Frühjahr ließ er zwei akademiſche Reden, von denen er die erſte für Königs Geburtstag am 8. Auguſt 1833 verfaßt, aber wegen Unpäßlichkeit nicht ſelber hatte vortragen können, die zweite aber zur Jahresfeier Fried⸗ richs des Großen am 29. Januar 1835 gehalten hatte, im Druck erſcheinen. ¹) Die erſte behandelt die drei Perioden der Akademie der Wiſſenſchaften ſeit ihrer Errichtung durch König Friedrich I., die zweite Friedrich den Großen als Geſchichtsſchreiber; beſonders die letztere hatte lebhaften Beifall gefunden, was ihn zur Herausgabe beſtimmte. Beide Reden waren wohl hergebrachtermaßen ſogenannte Eloges, aber nicht mit Unrecht weiſt Schloſſer in ſeiner den Ton, die Manier und die Wahrhaftigkeit der Rede lobenden Anzeige in den Heidelberger Jahrbüchern ²), darauf hin, wie dieſe widrige Gattung im Munde eines deutſchen Gelehrten und in deutſcher Sprache nie ſo aus⸗ arte, wie in den berühmten oder berüchtigten Reden der franzöſiſchen Akademiker. ³) Außerdem ließ Wilken in dieſem Jahre auch noch die Geſchichte der Sultane aus dem Hauſe Bujeh nach dem perſiſchen Geſchichtsſchreiber Mirkhond, und zwar zu⸗ nächſt in den Abhandlungen der Akademie von 1835, S. 1— 120, dann aber auch in einer Sonderausgabe erſcheinen ⁴). ¹) Berlin 1835. Bei Duncker u. Humblot. 40 SS. 8o. ²) 1835. I. Hälfte, S. 389. s) S. über die Reden auch Varnhagen, Denkwürdigk., II. 455— 461 u. Allg. Litt. Ztg.(Halleſche) 1836, 1. 569— 571. ⁴) Um die Richtung, die Wilkens Studien in ſeinen letzten Lebensjahren nahmen, etwas näher zu bezeichnen, erwähne ich zu⸗ ſammenfaſſend hier noch, daß er in der Akademie noch geſprochen hat über die dem Leo Allatius zur Übernahme der Palatina erteilte Inſtruktion(ſ. Monatsberichte der Akademie, 1837. S. 1 u. 2) und über die Geſchichte der Guridiſchen Dynaſtie von Bamian 1175 bis 1215, nach Mirkhond(daſ. 1838, S. 136), ſowie daß Encke am 24. Januar 1839 wegen Erkrankung Wilkens eine von dieſem ver⸗ faßte Rede über die Anſichten Friedrichs des Großen von wiſſen⸗ 72 Am 8. April 1835 ſtarb Wilhelm von Humboldt, ein Todesfall, der Wilken bei ſeiner hohen Verehrung für dieſen ausgezeichneten Mann und ſeinen freundſchaftlichen Beziehungen zu ihm ſehr nahe ging. Lebensjahre hatte Humboldt ihn nicht ſelten beſucht.„Wenn er vorfuhr“, erzählt Friedrich Franz Wilken,„kam ich wohl hinzu und half ihm beim Ausſteigen; er war in den Extremitäten faſt vollſtändig gelähmt, und faſt wie einen Klumpen hob ich mit ſeinem Bedienten ihn aus dem Wagen und trug ihn halb in die ebener Erde gelegenen Zimmer des Vaters. Wenn er dann aber bei dieſem auf dem Sopha ſaß und den mächtigen Kopf mit den großen, durch⸗ dringenden Augen aufrecht hielt, begriff man nicht, daß Denn alles ſchien es derſelbe hülfloſe Menſch ſein konnte. bei ihm Leben und Kraft.“ ¹) Im Juli mußte Wilken zu einer Kur wieder nach Teplitz reiſen, wo er, von ſeinem älteſten Sohne begleitet, nach kurzem Aufenthalt in Dresden am 13. Juli anlangte. Sie trafen in Teplitz ſchon den alten Tiedge an, der trotz ſeiner 83 Jahre noch ſehr munter und geiſtesfriſch war. Mit ihm und Böttiger, der einige Tage ſpäter mit dem alten Tauchnitz auch erſchien, verkehrten ſie täglich. ²) ſchaftlichen Beſtrebungen und abermals, am 9. Juli 1840, ebenfalls wegen Verhinderung Wilkens, eine andere Rede desſelben zur Ver⸗ leſung brachte, welche von der politiſchen Wirkſamkeit von Leibniz handelte(ſ. daſ. 1839, S. 14 und 1840, S. 152). über ſonſtige Teilnahme Wilkens an Verhandlungen der Akademie vergl. deren Monatsber. 1836, S. 57. 1837, S. 119. 1838, S. 136 und Abhand⸗ lungen der Akademie 1835, S. X. ¹) Am 10. Juli 1835 ſchrieb Alexander v. Humboldt an Wilken, der ein Erſcheinen der Akademie in corpore beim Begräbnis Wilhelm v. Humboldts angeboten hatte:„Ich kann, theurer Freund, die ehren⸗ volle Anerkennung der Akademie nicht annehmen. Die Familie hat kaum 12—14 der genauſten Freunde von dem Tag des Begräbniſſes (Sonntag 11 Uhr Morgens) avertieren laſſen, niemand vom Staatsrat, Miniſterium. Da die Töchter dabei ſein wollen, ſo wünſchen ſie mehr Einſamkeit in ihrem tiefen Elende. Aber auf Sie, Verehrteſter, Bopp, Böckh u. ſ. w. rechnen ſie mit Dank, wenn Sie kommen können ohne Ihrer Geſundheit zu ſchaden.—— Sie erhalten, wie Sie wiſſen, ein wichtiges Verzeichnis aller Sprachbücher für die Bibliothek. Er ließ noch im Sterben mich den Katalog der geſchenkten Bücher beſonders legen. „Man muß“, ſagte er heiter,„nicht bloß der Bibliothek verſprechen, man muß auch halten und alles ordentlich. Die Sache iſt von Werth, vielleicht thun ſie dann auch etwas mehr für den braven Buſchmann.“ [Dieſer wurde wirklich noch 1835 als Kuſtos angeſtellt.] Einige Tage darauf(denn ach, wir ſahen ihn 10 Tage ſterben) fragte er wieder nach dem Verzeichniſſe ſeiner Sprachbücher. Es exiſtiert gewiß keine vollſtändigere Sammlung in Europa, den ganzen Erd⸗ kreis umfaſſend. Dankbarſt Ihr Al. Humboldt.“ über das Verhältnis Wilkens zu W. v. Humboldt ſ. auch Schleſier, Erinnerungen an W. v. H. II. 545. ²) Damals machte Tiedge ihnen auch über die letzten Tage des 1810 in Teplitz verſtorbenen Seume einige Mitteilungen, welche Seine Perſönlichleit imponierte mir ſehr. An ſeine von gutem Erfolg begleitete Kur beſchloß Wilken dann noch eine Reiſe nach Süddeutſchland anzu⸗ ſchließen und verließ mit ſeinem Sohn Teplitz am 6. Auguſt, Bis in ſeine letzten kam am 7. nach Karlsbad, wo er— aus welcher Veranlaſſung, iſt nicht zu erſehen— dem ruſſiſchen Staatsrat Paul von Schilling⸗Cannſtadt, dem Erfinder des elektriſchen Zeiger⸗ telegraphen, einen Beſuch machte, darauf über Eger, wo die Stätten der Erinnerung an Wallenſtein aufgeſucht wurden, nach Regensburg und langte am 13. abends über Landshut in München an. Schon am folgenden Morgen beſuchte er den Oberbibliothekar Lichtenthaler; Sulpiz Boiſſerée war leider mit ſeiner Frau auf einer Rheinreiſe abweſend, aber noch gähnend begrüßte den Beſuch das Faktotum der Brüder, der ſeltſame Bertram, der die Nächte gewöhnlich, mit einer großen Anzahl von Katzen beſchäftigt, durchwachte¹); bald kam auch Melchior Boiſſerée aus der Stadt zurück und nahm ſie mit lebhafteſter Freude auf; er vermittelte ihnen auch eine Mietwohnung in ſeinem Hauſe. Nicht lange, ſo fand ſich auch Neumann dort ein und der Chemiker Profeſſor V Heinrich Auguſt Vogel, ein Jugendgeſpiele Wilkens aus der Ratzeburger Zeit; ebenſo leiſtete Eduard Gerhard aus Berlin ihnen häufig Geſellſchaft. Auch Künſtler lernte er kennen, die Maler Neher, Ruben und Zimmermann und den italieniſchen Bildhauer Fr. Sanguinetti, und beſuchte ebenſo den Architekten Gärtner, der eben die neue Bibliothek baute. Mit Melchior Boiſſerée fuhr Wilken endlich auch nach Neuhauſen, dem eine Stunde von München entfernten Land⸗ aufenthalt Schellings.„Wir trafen anfangs nur Schellings Frau,“ ſchreibt Friedrich Franz,„eine Tochter des Dichters Gotter, eine zarte und feine Erſcheinung, und eine ihrer Schweſtern; bald aber kam auch Schelling vom Spazier⸗ gang zurück, und wir blieben bis in den Abend hinein. Auf einem ge⸗ die Darſtellung von Clodius in Seumes„Mein Leben“, Ausg. d. Bibl. Inſtituts S. 102 ergänzen: Seume war mit ihm und Eliſe von der Recke bei dem Prälaten in Oſſeg zur Tafel geladen worden. Er hatte vom Arzte die Vorſchrift erhalten ſtreng diät zu leben, und Frau von der Recke daher die Einladung für ihn abgelehnt. Aber Seume erfuhr davon, machte ihr heftige Vorwürfe, und die Einladung wurde nun für ihn angenommen. Man fuhr hinaus, nachdem Seume der Freundin die bündigſten Verſprechungen ſeiner Enthaltſamkeit hatte geben müſſen; er blieb ihnen auch zunächſt treu, aber als ihm ein Glas Bier vorgeſetzt wurde, das er gern trank, leerte er es auf einen Zug. Faſt unmittelbar darauf wurde er un⸗ wohl und mußte in ein Seitenzimmer gebracht werden; Ärzte wurden geholt, richteten aber nichts mehr aus. Man konnte ihn noch nach Teplitz bringen, aber zwei Tage darauf war er tot. ¹) Von niemand wird er beſſer charakteriſiert als von Amalie von Helvig bei Biſſing, a. a. O. S. 327— 28. drungenem Körper ſaß ein mächtiger Kopf mit faſt löwen⸗ artigen Zügen und etwas gewelltem reichen blonden Haar.“ Mit Schelling traf Wilken nochmals bei einem großen Mittagsmahl zuſammen, welches der bekannte Staatsrat von Maurer, ein ehemaliger Schüler Wilkens in Heidelberg, zu Ehren ſeines alten Lehrers veranſtaltete; bei dieſem lernte er auch Cornelius kennen, in deſſen Atelier er alsdann auch die Cartons zu ſeinem jüngſten Gericht anſah, ſowie den Juriſten Phillips. Auf der Hof⸗ und Staats⸗ bibliothek zeigte ihm der treffliche Schmeller deren Merk⸗ würdigkeiten, und Wilken wählte aus den Dubletten dieſer Anſtalt eine beträchtliche Anzahl ſeltener Werke für die Berliner Bibliothek aus, z. B. die dritte, ſiebente und achte Ausgabe der vorlutheriſchen deutſchen Bibelüberſetzung; dafür wurden eine Anzahl von Dubletten in Tauſch gege⸗ ben und dreihundert Gulden aufbezahlt. Auch Görres gab, um Wilken zu ehren, eine große Geſellſchaft, in der es ſehr lebhaft zuging.„Bertram gab allerlei komiſche Dinge zum beſten,“ erzählt Friedrich Franz, „und Görres ſelbſt warf zuweilen eine Derbheit hinein. Ich habe übrigens kaum je einen gröberen Menſchen geſehen als dieſen berühmten Mann, und ſein Sohn Guido ahmte ihm nach. Man ſah dort übrigens, daß man ſich in echt katholiſcher Luft bewege: wohin man blickte, Madonnen⸗ bilder und Crucifixe.“ ¹) Am 24. Auguſt wurde die Heimreiſe angetreten. Die⸗ ſelbe führte über Nürnberg, Bamberg, Koburg und Rudol⸗ ſtadt zunächſt nach Jena, wo Wilken von ſeinem alten, leider ſtocktaub gewordenen Freunde Gries und von ſeinem Univer⸗ ſitätsgenoſſen Luden freudig empfangen wurde. Nach ein paar ſchönen Tagen in Naumburg, wo unterdeſſen Karoline mit der jüngſten Tochter und das Ehepaar Pinder mit ſeinen drei Kindern ſich eingefunden hatten, langte man end⸗ dann am dritten September über Leipzig wieder in Berlin an. Am 22. November erhielt Wilken von Altenſtein den Auftrag, zufolge der Kabinettsordre vom 31. Oktober an den Beratungen der Kommiſſion teilzunehmen, welche die an dem Rauchſchen Denkmal Friedrichs des Großen dar⸗ zuſtellenden geſchichtlichen Momente begutachten ſollte. Wilken fertigte dabei auch für Rauch auf deſſen Bitte eine Liſte der an dem Denkmal bildlich anzubringenden Generale des großen Königs an, welche einundzwanzig Namen um⸗ faßte; Rauch fügte als zweiundzwanzigſten noch Winter⸗ ¹) Über Görres in ſeinem Alter, wo er gar abergläubiſch ge⸗ worden war und der Teufel eine große Rolle bei ihm ſpielte, ſ. Friedrich in der Allg. D. Biogr. S. 387; über ihn als wenig bedeutenden Geſchichtslehrer, der nur geiſtliche Zuhörer hatte, ſ. L. Feuerbach im Leben ſeines Vaters Anſelm F., II. 269. 73 V feld zu, und alle außer Schmettau ſind denn auch, freilich erſt nach zehnjährigen unerquicklichen Verhandlungen, während deren unter Mitwirkung von Preuß, Schöning und Adolf Menzel die Zahl der Namen endgültig ſich auf 105 erhöhte, auf dem Denkmal entweder bildlich oder inſchriftlich an deſſen Fußgeſtell verherrlicht worden. ¹) 1836—1840. Etwa im Juni 1836 bezog Wilken zwar eine Sommer⸗ wohnung im Dorf Schöneberg bei Berlin, reiſte aber im Auguſt doch ſchon wieder mit ſeinen beiden jüngſten Kindern zum Kurgebrauch nach Teplitz, wo er auch Savigny antraf. Hier wurde er durch folgendes Handſchreiben des Königs vom 2. September überraſcht:„Ich habe in Erfahrung gebracht, daß Ihre Geſundheits⸗Umſtände Sie genöthigt haben, eine Badereiſe zu unternehmen, von welcher Ich Ihnen den beſten Erfolg wünſche. Da die Anſtrengungen in Ihren vielſeitigen Dienſtgeſchäften Mir nicht entgangen ſind, ſo habe Ich Ihnen die Aeußerung Meiner Zufrieden⸗ heit mit letzteren nicht verſagen wollen und füge ein Ge⸗ ſchenk von Vierhundert Thalern hinzu, von welchem Ich vorausſetze, daß es Ihnen willkommen ſein werde. Der Chef des Finanz⸗Miniſterii hat den Auftrag zur Zahlung erhalten.“ Im Dezember des Jahres ernannte ihn die Ruſſiſche Akademie der Wiſſenſchaften zu ihrem Korreſpondenten, nachdem er kurz vorher auch von der Akademiſchen Geſell⸗ ſchaft in Troyes zum Mitglied erwählt worden war. Im folgenden Sommer, 1837, wurde er wieder nach den Soolbädern von Köſen geſchickt, wohin ihm ſeine Gattin und ſeine jüngſte Tochter folgten; da ſeine Tochter Sophie mit ihren drei Kindern und ihrem Schwiegervater ebenfalls daſelbſt weilte, ſo verlebte er dort bis um die Mitte September ein paar angenehme Wochen. Seine jüngere Tochter hatte ſich zu einer trefflichen Sängerin ausgebildet, feierte in Köſen und in dem nahen Naumburg wahre Triumphe und bereitete dadurch ihrem Vater große Freude. Der Juli 1838 gab ihnen den Verluſt ihres Freundes Klenze zu betrauern, der ganz plötzlich nach einem Krank⸗ ſein von nur wenigen Stunden an der Cholera ſtarb, nach⸗ dem er noch am Abend zuvor mit Moritz Pinder munter und guter Dinge aus der griechiſchen Geſellſchaft heimge⸗ wandert war. Seinen längſt unentbehrlich gewordenen ſommerlichen Kuraufenthalt nahm Wilken in dieſem Jahre in Wiesbaden, ¹) S. Eggers, Rauch, IV. 81, 106-110, wo(106) Wilken indeſſen als Geheimer Regierungsrat im Kriegsminiſterium bezeichnet iſt. 10 deſſen Bäder auch ſo wohlthätig auf ihn wirkten, daß er ſich entſchloß, wieder einmal Heidelberg aufzuſuchen. Von Anfang Auguſt bis Mitte September weilte er mit ſeiner Gattin und ſeiner Tochter wieder in der ſchönen Neckarſtadt, wo zu ihrer Freude noch viele gute Freunde ihnen die anhänglichſte Geſinnung bewahrt hatten; es war, als falle noch einmal ein Sonnenſtrahl des Glücks in die Dämmerung ſeines hinſinkenden Lebens, als der früher ſo blühende ¹), jetzt durch unaufhörliche Schmerzen vorzeitig zum Greiſe gealterte Mann ſich wieder mit den Freunden ſeiner ſchönſten Jahre vereinigt ſah. Die Familien Nägele und Gmelin hatten ihnen auf ihre Bitte eine Wohnung in der Vorſtadt gemietet und aufs freundlichſte mit Blumen ausgeſchmückt, hatten ſie auch in dieſer erwarten und empfangen wollen; indeſſen kamen ihnen die Reiſenden zu früh an, aber ſchon eine Viertel⸗ ſtunde nach deren Ankunft erſchienen die alten Freunde, Thibauts und Nägeles und Gmelins, mit Blumen⸗ und Kuchenkörben und umgaben ſie mit freudigem Jubel. Es begann eine Zeit genußreichſten Verkehrs mit dieſen wie mit den Familien von Schloſſer— der nur leider mit Thibaut ſich überworfen hatte— und von Creuzer, der ſich wieder mit einer netten jungen Frau verheiratet hatte ²), Abegg und Ullmann, Paulus und Chelius; die oben⸗ erwähnte(S. 63 Sp. 1) ehemals ſo ſchöne Sophie Paulus, damalige Frau von Schlegel, fand Karoline„auf eine höchſt unangenehme Weiſe veraltet“, während der alte Creuzer„unter ſeiner roten Perrücke blühte wie ein friſcher Baum.“„Ich lebe hier in Herrlichkeit und Freuden“, ſchreibt Wilken ſelbſt;„ſowohl meine ehemaligen hieſigen Kollegen als die ſpäter hier angeſtellten Profeſſoren, ſo⸗ viel ich deren kennen gelernt habe, haben mich mit der größten Herzlichkeit aufgenommen, und es iſt mir überaus erfreulich, zu ſehen, daß ich hier noch in gutem Andenken ſtehe.“ Betty Wilken gewann ſich auch durch ihren ſchönen Sopran und durch ihre Liederkunſt des alten Thibaut ganzes Herz.„Vater Thibaut iſt ganz außer ſich über ihren Geſang und ihre Stimme“, ſchreibt ihre Mutter. Dieſer ſelbſt war es rührend, zu vernehmen, daß der alte Freund ſich alle ihre Lieblingslieder geſammelt hatte und ¹) S. Jakob u. Wilhelm Grimms Jugendbriefe, S. 216, wo Jakob über Wilken am 8. Januar 1814 ſchreibt, er ſehe nicht wie ein Gelehrter, ſondern wie ein Geſchäftsmann mit roten Backen aus, und S. 362, wo es in einem Briefe Wilhelms vom 13. Oktober 1814 heißt:„Creuzer und Wilken kamen einen Abend zu mir; dieſen hab' ich an Deiner Beſchreibung erkannt“. ²) S. meine Abhandlung im Progr. d. Caſſeler Friedr.⸗Gymnaſ. von 1890 S. 5. 74 oft ſpielte. Etwa Mitte September wurde die Rückreiſe angetreten, und am 20. traf man über Frankfurt, Geln⸗ hauſen, Naumburg und Leipzig fröhlicher Eindrücke voll wieder in Berlin ein. Im Jahre 1839 ließ Wilken ſeine letzte litterariſche Arbeit erſcheinen, die Fortſetzung der im Jahre 1828 heraus⸗ gegebenen Geſchichte der Berliner Bibliothek; ſie umfaßt auf 30 Quartſeiten die Jahre 1827—1839 und iſt dem Verzeichniſſe der neuen Erwerbungen der Biblio⸗ thek während der Jahre 1837 und 1838 vorgedruckt. Juli und Auguſt dieſes Jahres verbrachte Wilken, diesmal von ſeiner Gattin begleitet, wieder in gewohnter Weiſe in Teplitz, wo unter anderen Bekannten auch be⸗ ſonders der Chronolog Ideler mit ihnen zuſammen weilte; doch fühlte Wilken ſich matt und hinfällig.„Einen Beweis“, heißt es in einem Briefe ſeiner Gattin,„wie wenig den Vater jetzt alles, was ihn ſonſt doch noch an⸗ regte, jetzt intereſſiert, gibt die Anweſenheit des Königs. Dieſer war dem Vater in ſeinem Rollſtuhle begegnet und hatte ſich gleich an dem Tage durch Fürſt Wittgenſtein und Humboldt nach ihm erkundigen laſſen. Den Nach⸗ mittag kam Humboldt ſelbſt und erzählte, der König habe mit großem Antheil vom Vater geſprochen, fragte auch den Vater, ob er ſich wohl getraue in den Schloßgarten zu gehen. Der Vater verneinte dies letztere, und obwohl. ihn die Güte des Königs und Humboldts Beſuch für den Tag ſehr erheiterte, zeigte er doch am andern Tage nicht die mindeſte Luſt, den König im Schloßgarten zu ſehen.“ Auf der Rückreiſe hielten ſie ſich wieder eine Zeitlang in Dresden auf und zwar in lebhaftem Verkehr mit den alten Freunden, unter denen freilich der alte getreue Böttiger, der im Jahre 1835 heimgegangen war, ſchmerzlich vermißt ward. Ein gewiſſer Erſatz für dieſen wurde ihnen in deſſen Namensvetter zu teil, dem durch ſeine zarten lyriſchen Poeſien bekannten ſchwediſchen Dichter Karl Wilhelm Böttiger, dem Freund und Biographen Tegnérs; dieſer ſchloß ſich während ihres Aufenthalts in Dresden ihnen ſo an, daß er ihnen bald nach Berlin nachfolgte, ſogar in ihr Haus zu ihnen zog und den Wilkenſchen Kindern ein lieber, treuer Freund für das Leben wurde. In Dresden hatte Wilken ferner die Freude, den alten Heidelberger Freund Grafen Wolf Baudiſſin wieder einmal länger bei ſich zu ſehen. Eine Einladung Tiecks, bei dem Steffens war, konnte Wilken nicht annehmen, da ihm ſein Leiden Vor⸗ ſicht gebot. Aber ſonſt fühlte er ſich in Dresden ſehr wohl.„Ich kann Dir gar nicht beſchreiben, wie heiter der Vater hier iſt“, ſchreibt Karoline.„Geſtern hatten wir bei Tiedge ein gar hübſches Diner, nur war unſer alter 75 Freund zuerſt wieder ſehr konfus. Alles verwirrt ſich in ſeinem Kopfe, und dazwiſchen brechen dann wieder Strahlen eines höheren geiſtigen Lebens und Bewußtſeins hervor, die höchſt merkwürdig ſind und ſich ſtets an das An⸗ denken der Gräfin knüpfen; wie man ihrer erwähnt, wird ſein Geiſt klarer.“ ¹) Um Wilken ſelbſt war es Abend, war es ſtille geworden. Schon nach ſeiner Rückkehr aus Wien und unter den Eindrücken der erſchütternden Ereigniſſe jener Jahre er⸗ ſchien er ſelbſt ſtiller, zurückhaltender und zeigte ein noch ernſteres und mehr in ſich gekehrtes Weſen. Der Kreis der Berliner Familien, mit denen er jahrelang ſo ver⸗ traut gelebt, war zuſammengeſchmolzen, an andere, neue ſchloß er ſich nicht mehr ſo leicht an, ganz abgeſehen da⸗ von, daß ſchon ſein faſt beſtändiges qualvolles Gicht⸗ leiden ihm einen größeren geſellſchaftlichen Verkehr nicht mehr geſtattete. In ſeinem Arbeitszimmer auf der Bib⸗ liothek und im Kreiſe der eigenen, der engeren wie der weiteren Familie fand er ſeine ſchönſten Freuden und volle Genüge. Es war richtig, was Heinrich Laube in ſeinen„Modernen Charakteriſtiken“, ²) wo er die deutſchen Hiſtoriker kurz kennzeichnet, von ihm ſagt:„Wilken, der Hiſtoriker der Kreuzzüge, arbeitet ſchweigſam auf der Berliner Bibliothek.“ Aber deshalb entbehrte er nicht jedes anregenden Verkehrs in ſeinem Hauſe; hier waren häufige Gäſte in dieſen letzten Jahren der Archäologe Eduard Gerhard und der berühmte Philologe Karl Lachmann, welche beide, zumal den letzteren, Wilken ſehr hoch ſchätzte. Sie pflegten des Abends zur Theeſtunde zu kommen, wo Wilken, der ſelten oder kaum des Abends mehr ausging, immer gern Beſuch empfing. Er ſaß dann im Schlafrock, ein ſchwarzes rundes Käppchen auf dem Kopfe, mit ſeiner Frau auf dem Sopha und um ſie herum ſeine Gäſte und ſeine Kinder; es waren dies ſehr behagliche und intereſſante Stunden, und Wilken ſelbſt, dem die körperlichen Leiden ſonſt oft die Stimmung verdarben, zeigte ſich dann ſehr unter⸗ haltend und geſprächig. Lachmann trat öfter vor ſeinem Beſuch bei Wilken ſelbſt in das ebener Erde gelegene Zimmer von deſſen Sohn Friedrich Franz ein, um ſich eine „gute Geſchichte“ auszubitten, von denen er ein großer ¹) Eliſe hatte ihm ein ſorgenloſes Leben in ihren und in ſeinen völlig unverändert gelaſſenen Räumen geſichert. Seit einem ſchweren Fall im Jahre zuvor, bei dem der alte Mann das Naſenbein zer⸗ brochen und eine Gehirnerſchütterung davongetragen hatte, war die Abnahme ſeiner geiſtigen Kräfte beſonders ſichtbar geworden. ²) Mannheim, 1835, II. 53. Freund war ¹) und die dieſer daher für ihn auf Vorrat zu halten bemüht war. Ebenſo erſchien des Abends oft ein penſionierter Deſſauiſcher Hofrat Kuhn, ein Freund Karolinens ſchon von der Zeit her, wo ſie noch mit ihren Eltern in Deſſau gelebt hatte, der von ſeinen großen und vielen Reiſen gar hübſch zu erzählen wußte. Auch der berühmte Geognoſt Leopold von Buch beſuchte Wilken oft, ein etwas ſonderbarer Mann, der im Winter nie anders als mit einem großmächtigen Muff ausging; er hatte eine ſcharfe Zunge und amüſierte Wilken oft höchlich; ebenſo ſtellte ſich öfter der Statiſtiker Profeſſor Dieterici ein, der ihm überhaupt viel Anhänglich⸗ keit bewies und ſich auch ſeine Schrift über die Waldenſer von ihm durchſehen, überarbeiten und anzeigen ließ. ²) Ab und zu ließ ſich ſogar der mehrerwähnte, als Verfolger burſchenſchaft⸗ licher und überhaupt liberaler Beſtrebungen berüchtigte Geheim⸗ rat Tzſchoppe bei ihm ſehen, ein wohlfriſiertes, glattes und bewegliches Männchen, das ſich in ſeiner Eitelkeit auch für einen Geſchichtsſchreiber hielt, weil es mit Stenzel zuſammen eine Urkundenſammlung für Schleſien und die Lauſitz herausgab, wobei aber letzterer die wiſſenſchaftliche Arbeit leiſtete..) Der unheimliche Mann ſtarb bald nach Wilken, nachdem er aus Verdruß über ſeine Penſionierung unter dem ihm ſehr abgeneigten Friedrich Wilhelm IV. in Wahn⸗ ſinn verfallen war, in deſſen Anfängen er z. B. auch ein⸗ mal zu Boeckh ſagte, dieſer ſei der zweitgrößte Gelehrte, indem er ſich ſelber ſtillſchweigend als den größten anſah. Unter den Familien der Kollegen ſtand in den letzten zehn Jahren die des Zoologen Lichtenſtein und eine Zeitlang auch der Profeſſor Levezow ihnen beſonders nahe; gar angenehm war der ganzen Wilkenſchen Familie auch der Umgang mit dem Maler Profeſſor Schleſinger und ſeiner Frau, welch letztere mit Karoline ſchon in Heidelberg befreundet geweſen war.) Sulpiz Wilken, der zweite Sohn, der ſich der Kunſt⸗ gärtnerei gewidmet hatte, führte ferner die beiden Brüder Stahlknecht, talentvolle Muſiker, in das Elternhaus ein, und durch den älteſten Sohn erhielt auch deſſen ge⸗ ¹) S. M. Hertz, Lachmann, S. 226. Bekannt iſt der hübſche Scherz, den Wilkens Schwiegerſohn Pinder mit Parthey infolge einer Wette mit Lachmann, der behauptet hatte, das Wort„jedenfalls“ komme vor dem Jahre 1810 nicht vor, durch Interpolation eines das frag⸗ liche Wort vielmals enthaltenden Artikels„Gelaſander“(Lach⸗mann) in das Jöcherſche Lexikon ausführte, daſ. 212 ff. u. die Beilagen D u. E. ²) Berliner Jahrb. f. wiſſ. Kritik 1831. S. 812— 16. ³) S. die ergötzliche Schilderung Tzſchoppes als eitlen Autors bei Gutzkow, Rückblicke, S. 251 f. ⁴) S. Jakob u. Charlotte Schleſinger, ein Gedenk⸗ blatt, Berlin b. Schade. 10* 76 nauer Freund, Wilkens Schüler, der Hiſtoriker und ſpätere Diplomat Wilhelm Dönniges daſelbſt Zutritt, der, ein friſcher, kerniger Menſch, im Jahre 1833 als Privatdozent nach Berlin gekommen war und nun bei ſeiner großen Ver⸗ ehrung für Wilken häufig in deſſen Familienkreiſe erſchien. Im Winter 1839/40 beſchäftigte ſich Wilken mit einer Durchſicht und weiteren Ausarbeitung ſeiner in den Berliner Hiſtoriſch⸗genealogiſchen Kalendern von 1820—1823 er⸗ ſchienenen Beiträge zur Geſchichte Berlins, wegen deren er auch inzwiſchen zum ordentlichen Mitglied des Vereins für Geſchichte der Mark Brandenburg erwählt worden war. Der Buchhändler Gropius wollte dieſe Arbeit in Verlag nehmen, und der Vertrag darüber war ſchon abgeſchloſſen. Nach Akten des Staatsarchivs und von Parthey aus den Papieren von deſſen Großvater Nicolai ihm mitgeteilten Sammlungen zur Geſchichte Berlins wurden Studien gemacht, die Ausführung ſelbſt gedieh aber bloß bis zur Umände⸗ rung weniger Seiten des erſten Aufſatzes. Seine Geſundheit war im Winter leidlich und auch ſeine Stimmung heiter und zur Mitteilung geneigt. Hierzu trug beſonders der Um⸗ ſtand bei, daß der obengenannte ſchwediſche Dichter Karl Wilhelm Böttiger wieder den Winter in Berlin verbrachte, der Wilken wie einen Vater verehrte, auch von ihm ſehr geſchätzt und geliebt ward und eine Zeitlang auch ganz bei ihm im Hauſe wohnte; dieſer konnte, wenn er ſich körperlich wohl fühlte, außerordentlich munter und unterhaltend ſein. Seine Abreiſe am 2. Juni 1840— während man ihn zur Poſt brachte und durch die Linden kam, wurde eben der Grundſtein zum Denkmal Friedrichs des Großen gelegt— verſetzte das ganze Haus in wahre Trauer. Dieſes Jahr 1840, Wilkens letztes Lebensjahr, be⸗ gann ſchon und verlief unter vielen ſchmerzlichen Ein⸗ drücken; am 1. März ſtarb nach langem qualvollen Leiden in Leipzig Karolinens treffliche Mutter, die mit ihrem tapferen und tüchtigen Sinne, ihrem verſtändigen und humorvollen Weſen für die Tochter in vielen trüben Tagen die wertvollſte, nie verſagende Stütze geweſen war; am 28. März folgte ihr der alte Thibaut in Heidelberg. Auf das ſchmerzlichſte fühlte ſich Wilken ſelbſt berührt durch den Tod ſeines Gönners, des Miniſters von Alten⸗ ſtein, den er immer wegen ſeiner trefflichen Herzenseigen⸗ ſchaften und ſeiner hohen und freien Anſchauungen von der Wiſſenſchaft mit Recht auf das höchſte geſchätzt und verehrt hatte,— ganz abgeſehen von ſeiner nie erlöſchenden Dankbarkeit gegen den Mann, der ihn in ſchwerer Zeit mit Geduld und Menſchenfreundlichkeit, unentwegt durch Beweiſe von Vertrauen und Zuneigung gegeben hatte. Altenſtein ſtarb am 13. Mai, und ſchon am 7. Juni folgte ihm König Friedrich Wilhelm III. nach, ebenfalls tiefbetrauert von Wilken, der auch ihm für vieles Gute dankbar verpflichtet war.— Am 23. Mai feierte er ſelbſt ſeinen 64. Geburtstag. in Heiterkeit und bei leidlichem Wohlſein, und als Lach⸗ mann ihn zu beglückwünſchen kam, äußerte er zu dieſem, nun werde es noch weitere ſieben Jahre mit ihm gehen, da er das Stufenjahr, ſein 63ſtes, glücklich vollendet habe.„Von ſolchem Aberglauben“, ſchreibt Friedrich Franz,„war mein guter Vater nicht frei, wie er ſich denn auch nicht gerne entſchließen mochte, an einem Freitag eine Reiſe anzu⸗ treten.“ t Wilkens Hoffnung ſollte ſich nicht erfüllen. Schon im Juni nahmen ſeine gichtiſchen Leiden, die ſich nach dem Ausſpruche des Arztes Dr. Barez auf innere Teile ge⸗ worfen hatten, wieder überhand, ſodaß Barez auf erneuten Gebrauch von Teplitz drängte. Aber hierzu war Wilken nicht zu bewegen, ſondern ließ ſich endlich nur zum Gebrauche der Soolbäder in Suderode am Harze be⸗ ſtimmen. Am 21. Juni mit ſeiner Gattin daſelbſt ange⸗ langt, konnte er indeſſen in dem damals noch ſehr wenig beachteten Orte kein geeignetes Unterkommen finden, und auch die Wohnung, die er in dem eine Viertelſtunde ent⸗ fernten Städtchen Gernrode endlich fand, erwies ſich als kalt und für ſeinen Zuſtand nicht recht paſſend. Die Sool⸗ bäder, die er ſich von Suderode herüberkommen laſſen mußte, verfehlten ihre Wirkung, und wie ſich auf der ganzen Fahrt ſeine ſonſtige gute Reiſelaune nicht hatte ein⸗ finden wollen, ſo beſſerte ſich auch in Gernrode, wo er ſich⸗ durchaus unbehaglich fühlte, ſein körperliches Befinden nicht. Zwar fanden ſich manche angenehme Perſönlich⸗ keiten dort ein, mit denen ſich ein erheiternder Verkehr an⸗- knüpfte; Lichtblicke bildeten ſo die Ankunft von Friedrich⸗ Franz, der mit einem Freunde, und von Betty Wilken, die mit der befreundeten Familie des Profeſſors Lichtenſtein eine Harzreiſe machte und durch ihre Liederkunſt— ſie mit ihrem köſtlichen Sopran und ihre vertraute Freundin Marie Lichtenſtein mit ihrer ſchönen Altſtimme waren ſo mit einander eingeſungen, daß es eine Luſt war, beide zumal Volkslieder ſingen zu hören— auch dem leidenden Vater frohere Stunden bereitete. Beiden Kindern machte deſſen Zuſtand ernſte Sorge, und als nun gar von Berlin die verſtimmende Nachricht kam, daß wegen eines allerdings ſchon länger nötigen und nicht unerwarteten eigene oder fremde Zweifel, gehalten, in ſeiner bürger⸗ Ausbaues des Bibliotheksgebäudes, deſſen unteres hohes lichen Exiſtenz geſchützt und gerettet und ihm ſo viele Stockwerk ausgebaut und in Erdgeſchoß und Zwiſchen⸗ ſtock geteilt werden ſollte ¹), Wilken ſeine Amtswohnung für einige Zeit und zwar ſchon am 1. Oktober räumen müſſe, da mochte Wilken zwar noch nicht nach Berlin zurückkehren, aber auch nicht mehr in Gernrode weilen. Schon öfter hatte er den Wunſch geäußert, Deſſau näher kennen zu lernen, und ſo wurde dort von Ende Auguſt ab ein weiterer Aufenthalt genommen, der ſich noch über das erſte Drittel des Oktober ausdehnte. Inzwiſchen war Friedrich Franz mit der Schweſter nach Berlin zurückgekehrt, und beide hatten in der Nähe der Bibliothek in einem Hauſe hinter der katholiſchen Kirche(Nummer 2), das ſeitdem längſt abgeriſſen iſt, eine paſſende Wohnung für die Familie gemietet. In Deſſau fand ſich unterdeſſen eine Anzahl ange⸗ nehmer Familien, mit denen Karoline teilweiſe ſchon als junges Mädchen, als ſie mit ihren Eltern von 1795 bis 1800 dort wohnte, in Beziehungen geſtanden hatte. Zu ihnen trat noch der Gymnaſialprofeſſor Heinrich Lindner, der im Jahre 1819 Wilkens Schüler in ſeinem Arabicum geweſen war ²), und der ſehr muſikaliſche Prediger Schubring, ein Freund Mendelsſohns, dem er weſentlich den Text zum Paulus und zum Elias zurechtlegen half ³). Auch aus⸗ wärtige Bekannte, wie Friedrich von Raumer, der ſeine in Deſſau wohnenden Brüder beſuchte, und Adolf Stahr aus Berlin fanden ſich ein. Doch wurde Wilkens Zuſtand in Deſſau mehr und mehr bedenklich; ſeine Schwäche nahm unverkennbar zu, und der Deſſauer wie auch der Berliner Hausarzt erblickten darin bedenkliche Anzeigen einer Verſchlimmerung ſeines Zuſtandes. Daher eilten Friedrich Franz und ſeine Schweſter wieder von Berlin herbei, um die Eltern abzuholen, und am 10. Oktober ward die Rückreiſe angetreten. Dieſe erſchien bei dem Zuſtande des Kranken und wegen der üblen Be⸗ ſchaffenheit des Reiſewagens, den man nur mit Mühe hatte auftreiben können, nicht unbedenklich und war ſehr beſchwer⸗ lich. Nach einem Nachtquartier in Treuenbriezen kam man am 11. Oktober in Berlin an, und in ſehr angegriffenem Zuſtande wurde Wilken nur mühſam in die neue, zwei Treppen hoch belegene Wohnung hinaufgebracht. Er ſollte ſie lebend nicht mehr verlaſſen. Schon an einem der erſten Tage befiel ihn ein ſchwerer, mit einer Ohnmacht verbundener ¹) Pertz, Die Kgl. Bibl. in Berlin, 1842—67, S. 7. ²) S. über ihn Dietel in den Mitteilungen des Vereins für Anhaltiſche Geſchichte, IV. 500— 509, und Schmidt, Ankhalt. Schriftſt.⸗ Lex. S. 518. ³) S. ſ. Briefwechſel mit Mendelsſohn, herausg. v. J. Schubring, 1892. Wilken kannte ihn wohl von Berlin her, wo Schubring Lehrer der Kinder Schleiermachers geweſen war. Doch hatte auch Karoline in ihrer Jugend mit einer der in Deſſau lebenden Familien dieſes Namens verkehrt; ſ. Anhang. 77 ſchlagflußähnlicher Zufall, von dem er ſich aber nach ein paar Tagen wieder einigermaßen erholte. Dann beſſerte ſich ſein Zuſtand wohl noch ein wenig, ſodaß er ſogar in ſeine Geſchäfte wieder inſoweit ein⸗ treten konnte, als dieſe von ſeinem Zimmer aus zu erledigen waren ¹). Doch die Schwäche blieb, und er magerte ſichtlich ab. In den nächſten ſechs Wochen konnte er den Tag über wenigſtens noch außer Bette ſein; aber am 15. Dezember legte er ſich, um das Bett nicht wieder zu verlaſſen, und am 22. abends erklärte Dr. Barez ſeinen Zuſtand für hoffnungslos. An dieſem Tage erſt richtete der Kranke an den Miniſter Eichhorn die Bitte, ihm die Übergabe der Bibliotheksleitung an ſeinen Kollegen Dr. Spiker zu ge⸗ ſtatten. Am ſelben Tage empfing er auch noch Beſuche von Lachmann und von Jakob Grimm; der letztere fand ihn geiſtig ſo kräftig, daß er beim Weggang zu Friedrich Franz äußerte, er könne es nicht faſſen, daß der Zuſtand des Kranken hoffnungslos ſein ſollte.*) Bis zum Abend ſeines vorletzten Lebenstages war aber ſein Geiſt klar und ſeine Stimmung heiter und ergeben; kein Wort der Klage oder des Unmuts kam über ſeine Lippen. Erſt als er am letzten Tage ſeines Lebens erwachte, war er nicht mehr recht bei Bewußtſein. Nach kurzer Beſſerung am 23. De⸗ zember waren an dieſem Tage, am 24. in der Frühe, die Zeichen der nahenden Auflöſung wahrzunehmen. Wenn er auch keine Schmerzen litt, ſo ſtellten ſich doch Beklem⸗ mungen ein, und mehrmals fragte er den jungen Arzt Dr. von Pochhammer, den nachmaligen Gatten ſeiner jüngeren Tochter, ängſtlich, ob dieſer fatale Anfall nicht bald vorübergehen werde. Alle die Seinigen, mit Ausnahme ſeines jüngeren, damals auf Reiſen abweſenden Sohnes Sulpiz ³), um⸗ gaben ſein Lager. Um 12 Uhr mittags ſagte er ganz ver⸗ nehmlich, indem er ſeine Umgebung hell anſah:„Nun trete ich bald eine große Reiſe an.“ Mangel an Luft quälte ihn ſehr, er mußte bald ſo, bald anders gelegt werden; ſeine erkaltenden Hände wollten ſich in denen der Gattin nicht mehr erwärmen. Plötzlich ſagte er:„Jetzt iſt es bald Zeit“, und wieder nach einer Weile ſah er ſeinen Schwiegerſohn Pinder an ¹) Das folgende meiſt nach einem Briefe Karolinens vom 26. Dezbr. 1840 an ihren Bruder Karl Wilhelm Tiſchbein in Bückeburg. ²) Vergl. auch den Briefwechſel Friedrich Lückes mit den Brüdern Grimm, herausg. v. Sander, 1891, S. 33. ³) Dieſer weilte damals gerade in Heidelberg und trat auf die Kunde von der ſchlimmen Wendung in des Vaters Krankheit ſofort die Heimreiſe an; als er aber in Halle in die Poſtſtube trat und ein Zeitungsblatt in die Hand nahm, fand er darin ſchon die Nachricht von des Vaters Tode. und ſagte:„Es iſt zwei Uhr“; dieſer zog die Uhr: es war genau zwei Uhr. Bald rief er mehrmals laut nach Poch⸗ hammer, er möge ihn bequem legen; als dies geſchehen war, nickte er auf die Frage, ob es ſo recht ſei, noch ein⸗ mal freundlich und verfiel dann in einen trotz ſchwerer Atmung doch ſanften und friedlichen Schlaf: es war ſein letzter. Die Glocken der nahen katholiſchen und der Werderſchen Kirche läuteten das Weihnachtsfeſt an; bei ihren Klängen wurde ſein Athem ſchwächer und ſchwächer, und genau um 5 Uhr hatte er vollendet. Während eben in den benachbarten Häuſern die Chriſtbäume angezündet wurden, hatte hier der Tod ſeinen Einzug gehalten.— Am 28. Dezember morgens 8 Uhr fand das Begräb⸗ nis ſtatt. Ein zahlreiches, ausgezeichnetes Leichengefolge, viele bedeutende Vertreter der Wiſſenſchaft, insbeſondere die Mitglieder der Akademie und der Univerſität faſt voll⸗ ſtändig, auch Alexander von Humboldt, waren erſchienen. Im Hauſe hielt der langjährige Freund Wilkens, der Kon⸗ ſiſtorialrat Hoßbach, die Leichenpredigt. Auf dem Doro⸗ theenſtädtiſchen Kirchhofe, wo viele ſeiner Amtsgenoſſen und Freunde ruhten, fand auch er ſeine letzte Ruheſtätte. Am Grabe ſelbſt ſprach der Sohn ſeines alten Freundes, der Prediger Philipp Buttmann. Unweit ſeines Grabes iſt auch ſein Amtsvorgänger bei der Bibliothek, J. E. Bieſter, etwas entfernter ſind Fichte und Hegel, Gans und Gott⸗ fried Schadow beſtattet; noch etwas weiter entfernt ruhen auch Boeckh, Buttmann, Amalie von Helvig, Johannes Schulze. Neben Wilkens Grabhügel, den ein Kreuz von grünen ſchle⸗ ſiſchen Marmor bezeichnet, haben auch ſeine ihm bald nachgefolgte Gattin ¹) und ſeine älteſte frühverblichene Enkelin Thekla Pinder ihre letzte Ruheſtätte gefunden. Seitdem Wilken in Berlin lebte, bildete die Leitung der ihm anvertrauten Bibliothek die nach außen hin immer ¹) Sie ſtarb nach längerem Siechtum am 29. April 1842. Durch die Verlobung ihrer noch heute in Gernsbach in Baden lebenden Tochter Betty mit Dr. von Pochhammer, deren Vermählung im folgenden Jahre ſtattfand, hatte ſie auch noch ihr jüngſtes Kind verſorgt geſehen.— Wilkens Tod veranlaßte eine Anzahl kleinerer biogra⸗ phiſcher Skizzen in der Tageslitteratur, die teilweiſe nicht ohne Wert ſind, da ſie von Männern wie Friedrich Wilhelm Barthold(Allg. Zeitung v. 12. Jan. 1841), Otto Friedrich Gruppe(Allg. Preuß. Staatszeitung v. 4. Febr. 1841), Perſchke(Kgl. Privileg. Berl. Ztg. v. 4. Jan. 1841), Spiker(Haude u. Spenerſche Zeitung v. 2. Jan. 1841), Brandis(Litterar. Zeitung 1841. Nr. 1) u. a. herrühren. Sonſt finden ſich noch biographiſche Skizzen über ihn in Hübners Zeitungslexikon, 31. Aufl. v. Rüder, IV. S. 946, in Lübkers und Schröders Lexikon der ſchlesw.⸗holſt.⸗lauenburgiſchen Schriftſteller S. 756— 59, Franz Liebers Encyclop. Americana Bd. XIII. u. a. m. 78 mehr ſich geltend machende Seite ſeiner amtlichen Be⸗ ſchäftigung, hinter die ſogar ſeine akademiſche Lehrthätigkeit in gewiſſem Maße zurücktrat. Es iſt oben ſchon darauf hingewieſen worden, daß infolge ſeiner mehrmaligen ſchweren Erkrankung in den Jahren 1823—27 ſeine Zuhörerſchaft der Zahl nach zurückging; hierzu trug auch der Umſtand bei, daß er wegen ſeiner vom Jahre 1830 ab immer ſich ſteigernden körperlichen Beſchwerden zu ſeinem eigenen Bedauern faſt alljährlich gezwungen war, zum Gebrauche einer Badekur um einen Urlaub nachzuſuchen und dieſe bei noch guter Jahreszeit zu beginnen, was ihn wiederum nötigte, ſeine Vorleſungen früher abzubrechen oder weſentlich abzukürzen, wenn er nicht überhaupt vorzog, von einem größeren Kolleg ganz abzuſehen. Daß ſich noch vor ſeiner Erkrankung und während der Jahre, wo der vom Schickſal ſchwer ge⸗ troffene Mann im Auslande weilen mußte, andere Dozenten der Geſchichte an der Hochſchule aufthaten, wie 1819 Raumer und 1825 Ranke, that ihm fürs erſte noch keinen ſonderlichen Abbruch, da ſelbſt des letzteren anfäng⸗ liche Erfolge von 1825— 1827, wo er Berlin wieder verließ, auch nicht ſehr groß waren; auch Raumers nur mäßige Vortragskunſt war nicht gerade geeignet ihn ſehr zurückzu⸗ drängen, beſonders da Wilken als Hiſtoriker bei ſeinem wohlverdienten Rufe ſorgſamſter Gründlichkeit dem zwar glänzender darſtellenden, aber häufig oberflächlich arbeiten⸗ den ¹) Geſchichtſchreiber der Staufer von allen Kennern vorgezogen ward. Später freilich, als Ranke von ſeiner großen Studienreiſe nach Berlin zurückgekehrt war und nun die jungen Hiſtoriker um ſich ſammelte, welche die Jahr⸗ bücher des deutſchen Reiches bearbeiteten und vorzugsweiſe den Namen der Rankeſchen Schule erhielten, da trat gegen den Glanz des Meiſters derſelben, den in ſeinen Vorleſungen auch zahlreiche Hörerverſammlungen um⸗ drängten, Wilkens Lehrthätigkeit um ſo mehr zurück, als trotz langjähriger Übung die oben(S. 15 Sp. 1) erwähnten Mängel ſeiner Vortragsweiſe ſich nicht gebeſſert hatten. ²) ¹) Wie ihm namentlich Stenzel(Geſch. der fränkiſchen Kaiſer, II. S. 156— 178) zuerſt nachwies. Vergl. auch Stägemanns Ur⸗ teile in den Briefen Chamiſſos, Gneiſenaus u. a.(aus dem Nachlaſſe Varnhagens), II. 111. ²) Von Intereſſe wäre es wohl, genauer feſtzuſtellen, welche Beziehungen zwiſchen Wilken und Ranke obwalteten. Ein näheres Verhältnis beider war dadurch erſchwert, daß, als letzterer 1825 ſich in Berlin habilitierte, Wilken gerade jahrelang abweſend war und ein halbes Jahr etwa nach ſeiner Rückkehr Ranke wiederum für Jahre Berlin verließ. Vom Jahre 1832 an waren beide Kollegen an der Hochſchule wie an der Akademie. Friedrich Franz Wilken erwähnt in ſeinen Aufzeichnungen Ranke nirgends; auch Briefe desſelben ſind in Wilkens Nachlaß nicht enthalten; doch finden ſich auch von ſeinen vertrauteſten Freunden Boeckh und Buttmann nur ſolche Wer, vom Ruhm des Verfaſſers der Geſchichte der Kreuzzüge beſtimmt, die auch von ſtrebſamen Schülern gern geleſen wurde ¹), eine geſchichtliche Vorleſung von ihm belegt hatte, der mochte wohl wie Ludwig Wieſe ²) ent⸗ täuſcht ſein über die kleine, allmählich ſich noch mindernde Zahl der Hörer, über den alternden Mann ohne Friſche, der noch dazu durch ſein nervöſes Schurren auf dem hohlen Boden des Katheders den Hörern manches Wort unver⸗ ſtändlich machte; wer wie H. Kiepert³) gar erſt im Jahre 1837 ſich zu einem Kolleg über Paläographie ein⸗ fand, der fühlte ſich durch den trockenen und eintönigen aus der Zeit von Wilkens Abweſenheit von Berlin; auch gedruckte gegenſeitige Erwähnungen finde ich faſt nicht. Daß Wilken, weil von Ranke überſtrahlt, ſich unmutig von ihm ferngehalten hätte, wäre an ſich denkbar, entſpricht aber durchaus deſſen Charakter nicht und iſt durch nichts nachzuweiſen; daß der Ranke feindliche Leo im Sommer 1827(ſ. o. S. 42 f.) in Wilkens Haus ein⸗ und ausging, könnte jenen von da ferngehalten haben. Ranke beſuchte bei ſeiner konſtitutionellen Geſinnung faſt nur politiſierende Kreiſe, Wilken dagegen hielt in den letzten acht Jahren ſeines Lebens ſich faſt nur innerhalb ſeiner vier Wände. Auch berührten die Studien beider ſich wenig; der überlegenheit der Rankeſchen Kritik bei der Verarbeitung der abendländiſchen Quellen konnte Wilken ſich nicht verſchließen, war auch gern bereit Irrtümer zurückzunehmen(vergl. Monatsber. d. Berl. Akad. 1837. 1.(9. Januar) gegenüber Ranke, Päpſte, III. 363. 4); auf Wilkens eigenſtes Gebiet konnte Ranke wiederum ihm nicht folgen. Daß Ranke im Jahre 1837 den Übungsſtoff für ſeine hiſtoriſche Geſellſchaft dem erſten Kreuzzuge entnahm und ſo gegen Wilken und ſeine Darſtellung des Zuges eine gewiſſe Spitze richtete(ſ. Sybel, Der erſte Kreuzzug, Vorrede), mußte dieſem nicht gerade bekannt werden und hätte ihn nicht getroffen, da er dieſe Jugendarbeit ſelbſt längſt preisgegeben hatte; daß Ranke die andern Bände von Wilkens Hauptwerk jederzeit für ſeine Kollegien⸗ hefte benutzt hat, hätte dieſen entwaffnen müſſen. Es iſt nach alle⸗ dem kein Grund vorhanden, ein unfreundliches Verhältnis beider an⸗ zunehmen. Dagegen verdanke ich der Güte Alfred Doves die Kennt⸗ nis folgender Stelle aus einem Briefe Rankes an Stenzel vom 3. Auguſt 1841(in der Beilage Nr. 70 der Allg. Zeitung 1892 v. 23. März), welche doch auf ein vertrauensvolles Zuſammenwirken beider hin⸗ deutet:„Ich hatte die Akademiſche Angelegenheit damals Wilken überlaſſen, mit dem ich ſie auch durchgeführt hatte. Jetzt ohne ihn iſt die Sache ſchwerer geworden.“ Auch nennt Ranke in den„Päpſten des 16. u. 17. Ihrhdts.“, III. 393, Wilken ſeinen„gelehrten Mit⸗ bürger und Freund“. So gingen alſo beide Männer, die auch im Alter faſt zwei Jahrzehnte von einander verſchieden waren und von denen der eine, arbeitbelaſtet und gewaltiger Pläne voll in mächtig aufſtrebender Linie ſich bewegte, der andere nach vollbrachtem Lebens⸗ werk ſchon ſtill dem Ziel ſeines Daſeins entgegenſah, gewiß friedlich und freundlich nebeneinander ihres Weges dahin. ¹) S. d. autobiogr. Skizze v. Üchtritz, bei Sybel, Erinnerungen an Friedrich v. U. ²) Nach einer gütigen Zuſchrift vom 27. Novbr. 1894 an den Verfaſſer. Wieſe beſuchte 1828 die Vorleſung über Geſchichte des Altertums. Vergl. auch Parthey a. o. O. II. 236. ³) Nach einem freundlichen Briefe desſelben an den Verfaſſer vom 5. Dezember 1894. 79 Vortrag des früh gealterten, wenig rüſtigen kleinen Mannes unter Mittelgröße, der neben ſeinen Ausführungen die Zuhörer in den Handſchriften Leſeverſuche anſtellen ließ, wenig angezogen. Anders, beſſer war es aber in ſeinen hiſtoriſchen und orientaliſch⸗grammatiſchen ÜUbungen. Fehlte ihm das Hinreißende und Begeiſternde der freien Rede, wie ſie ſpäter einem Ranke, einem Droyſen gegeben war und jetzt einem andern Nachfolger von ihm, Heinrich von Treitſchke, eignet, ſo war Wilken mehr das, was man wohl einen Profeſſoren⸗Profeſſor genannt hat: er bildete Ge⸗ lehrte. Seine geſchichtlichen Vorträge konnten auf Laien, auf ſolche Zuhörer, die gern in wenigen geiſtreichen Sätzen die Quinteſſenz einer geſchichtlichen Periode mit nach Hauſe genommen hätten, keine Anziehung üben; dieſe Vorträge waren nicht ſo eingerichtet, daß ſie zugleich als allgemeine Überſichten über größere Zeiträume gelten konnten oder in einer allge⸗ meiner anziehenden Weiſe politiſche und philoſophiſche Ge⸗ ſichtspunkte eröffnet hätten. Seine Weiſe ſchmeichelte der Phantaſie nicht, entbehrte allen Effekts, verzichtete auf jeden rhetoriſchen Schmuck und erließ dem Hörer nicht die Fülle der Einzelheiten, die er in fleißiger Forſchung ſorgſam zu⸗ ſammen getragen hatte. Er wünſchte ſeine Zuhörer lediglich auch zu Forſchern zu bilden und Leiſtungen hervorzurufen, wie er ſie ſelbſt gegeben hatte, Leiſtungen, die manche freilich mehr als Geſchichtsforſchung denn als Geſchichtsſchreibung glaubten bezeichnen zu ſollen. Dieſe Abſicht machte die freie Rede nicht unbedingt nötig, erforderte dagegen von dem Hörer eine beſondere Neigung und Hingebung an den Gegenſtand und eine geſpannte auf das Einzelne gerichtete Aufmerk⸗ ſamkeit. Dieſe fand er mehr bei denen, die ſpäter ſelbſt die Wiſſenſchaft zu fördern gedachten, und ſolche waren es auch, die er gerade im letzten Jahrzehnt ſeiner Thätigkeit vorzüglich zu geſchichtlichen, orientaliſchen und paläo⸗ graphiſchen Übungen um ſich vereinigte und zu ſelbſt⸗ ſtändigen Unterſuchungen anregte; ihnen, einem kleinen Kreiſe erleſener, ſtrebſamer Zuhörer waren ſeine Vorträge, wenn auch damals ſeine ſonſt bedeutende Perſönlichkeit nicht zu den lebendigſten gehörte, durch den Ernſt ſeiner Forſchung und die eindringende liebevolle Vertiefung in die Quellen doch anziehend. In dieſem Sinne ſind viele, die in der Folgezeit an deutſchen Univerſitäten Geſchichte und orientaliſche Sprachen gelehrt haben, doch ſeine Schüler geweſen. 1¹) ¹) Eine freundliche und wohlthuende Erinnerung daran hat der wohl ͤlteſte ſeiner noch lebenden Schüler, der ehrwürdige 87jährige Orientaliſt Geheimrat Profeſſor Ferdinand Wüſtenfeld in Göt⸗ tingen bewahrt, der unterm 5. Dezember 1894 dem Verfaſſer fol⸗ gende gütige Notiz zuſandte:„In Wilken fand ich— nach Ewald Seine freundliche Fürſorge für ſeine Schüler war auch ſpäter eine anhaltende und nie ermüdende; ſie richtete ſich wie auf ihre wiſſenſchaftliche Förderung und ihre Unterſtützung mit litterariſchen Hülfsmitteln auch auf ihre materielle Lage und iſt durch zahlreiche dankbare Briefe von Barthold, Ernſt Herrmann, Wüſtenfeld, Bialloblotzky u. a. zu erweiſen, trug ihm auch zahl⸗ reiche Widmungen von Schriften ein ¹)—. Für die andere Seite ſeiner öffentlichen Wirkſamkeit, ſein mit weit größeren Kreiſen ihn in Verbindung bringendes bibliothekariſches Amt, brachte Wilken eine Reihe von Eigenſchaften mit, die ihn zur Entfaltung einer frucht⸗ bringenden Thätigkeit befähigten. Neben der Beherrſchung der wichtigſten neueren Sprachen, der franzöſiſchen, engliſchen und italieniſchen, die er mündlich und ſchriftlich mit gleicher Gewandtheit handhabte und zu denen im Jahre 1827 auch noch das Neugriechiſche und das Ungariſche kamen, neben der genauen Kenntnis der beiden klaſſiſchen und mehrerer orien⸗ taliſchen Sprachen und einer gründlichen theologiſchen Durch⸗ bildung machte ihn der Umfang und die Gediegenheit ſeines Wiſſens, ſeine Umſicht und ein gewiſſer mit Gelehrſamkeit gerade nicht immer verbundener praktiſcher Verwaltungsſinn, namentlich ein ausgeſprochenes Organiſationstalent für die Leitung einer derartigen großen Anſtalt beſonders geeignet. ²) Damit verband er Ordnungsſinn, Sparſamkeit, Pünktlich⸗ keit und Gewandtheit in Geſchäften. Es unterliegt keinem Zweifel, daß er dem ihm erteilten Auftrag, eine gar ſehr im Argen kirdende Bibliothek gemäß den vergrößerten An⸗ in Göttingen— im Winter 1829/30 den Mann, der mir erſt den rechten Geſchmack am Arabiſchen beibrachte; er war damals von ſeinem mehrjährigen Gemütsleiden, das er ſich durch übermäßige An⸗ ſtrengungen zugezogen, gänzlich hergeſtellt; geiſtig und körperlich friſch, hatte er ſich doch aus der Geſellſchaft faſt gänzlich zurückgezogen und lebte nur ſeinem hohen Berufe als Oberbibliothekar und der Fortſetzung ſeiner hiſtoriſchen Werke. Ich las bei ihm die arabiſche Chreſtomathie von Koſegarten; er hatte die richtige Methode, uns überſetzen zu laſſen, half da nach, wo wir anſtießen, erklärte die Konſtruktionen und fragte uns nach den ſchwierigen grammatiſchen Formen. Er ging dabei in der Bank, auf welcher wir ſaßen, be⸗ ſtändig auf und nieder und war ſo liebenswürdig und zuvorkommend, daß bei uns die größte Unbefangenheit herrſchte und wir frei ihm antworteten und ihn fragten.“ ¹) Verzeichnis der letzteren ſ. im Anhang. ²) Bei dieſer Vielſeitigkeit Wilkens hat auch Alexander von Humboldt, dem dieſe bei ſeiner nahen Beziehung zu demſelben nicht unbe⸗ kannt war, ums Jahr 1840 bei ſeiner Radikalverurteilung der Berliner Gelehrtenwelt, bei der er mit wenigen rühmlichen Ausnahmen, wie z. B. Boeckhs, univerſelle Bildung und Humanität vermißte (ſ. Gutzkow, Verm. Schriften I. 213, und Rückblicke S. 243), es gewiß nur vergeſſen, Wilken gleichfalls auszunehmen; wenigſtens hätte er ihm die erwähnten Eigenſchaften nimmermehr ausdrücklich abgeſprochen. 80 ſprüchen, die ſich ſeit der Gründung der Univerſität an ſie erhoben, einzurichten und zu leiten, nach dem Urteil ſeiner Vorgeſetzten und des Publikums, insbeſondere der zahl⸗ reichen Gelehrten, denen er ſie nutzbar zu machen wußte, mit Eifer. Geſchick und Glück nachgekommen iſt. Zugänglich für jedermann, leutſelig, zuvorkommend nicht nur gegen Höherſtehende und Amtsgenoſſen, ſondern namentlich auch gegen Jüngere, noch wenig Gekannte und Empfohlene, hat er die verſchiedenſten wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen kräftig gefördert und ſo die oft verkannte Bedeutung ſeines Amtes recht anſchaulich gemacht. Allerdings ſtanden ihm größere Mittel als ſeinen Amtsvorgängern zur Verfügung ¹), und er wußte ſich eine größere Selbſtändigkeit in der Verwen⸗ dung derſelben zu ſichern²); aber es bedurfte doch be⸗ ſonderer Sachkenntnis und Umſicht, um die Lücken der Sammlung zu erkennen und dann in geeigneter Weiſe aus⸗ zufüllen; er wußte die Benutzung der aufgehäuften Schätze zu erleichtern, ſodaß wenige Bibliotheken ſich einer ſo fleißigen Benutzung wie gerade die Berliner erfreuten, und die immer vielſeitiger werdenden gelehrten Bedürfniſſe gleichmäßig zu befriedigen. Daß mancher einzelne Wunſch unerfüllt bleiben, dagegen aber auf Verlangen von höherer Seite her manche nicht im allgemeinen Intereſſe liegende Aufwendung gemacht werden mußte, hat ihn ſelbſt am meiſten geſchmerzt. ³) Bis zum Jahre 1828 hatte ſich der Beſtand der ¹) Von 1818 ab durften jahrlich 4000 Thlr., von 1827 ab 7000 Thlr., daneben noch ein Averſum von 1000 Thlr. und ein außerordentlicher Betrag von 15000 Thlr. für die drei bis fünf nächſten Jahre für Neuanſchaffungen verwandt werden. S. Wilkens Geſch. d. Berl. Bibl., S. 132 und Varnhagen a. a. O. IV. 321. über die Geſamtkoſten der Bibliothek in den Jahren 1834—36 ſ. Koch a. a. O. I. 40. ²) Er verfügte über die für Bücheranſchaffungen beſtimm ten Fonds ohne Anfrage bei dem Miniſter und ſollte bloß den Rat der übrigen Bibliothekare und etwaige Vorſchläge der Mitglieder der Akademie der Wiſſenſchaften und der Profeſſoren der Univerſität berück⸗ ſichtigen(daſ. S. 165). ²) So war es für Wilken z. B. verdrießlich, daß Altenſtein bei ſeiner Vorliebe für naturwiſſenſchaftliche, beſonders botaniſche Studien unverhältnismäßig viel für dieſes Fach anſchaffen ließ; er klagt in einem Brief an Ebert in Dresden vom 13. Jan. 1830(auf der Kgl. öffentl. Bibl. zu Dresden), daß er im Jahre 1829 eine un⸗ geheure Summe zur Ergänzung der botaniſchen Litteratur habe ver⸗ wenden müſſen; die Berliner Botaniker ſeien eben unerſättlich und nie zufrieden zu ſtellen, und das AÄrgerlichſte ſei, daß ſie gewöhnlich die Bücher, die 3— 400 Thlr. koſteten, bloß einmal anſähen und dann ſich nicht mehr um ſie kümmerten.— Doch erklärt ſich Wilken mit ſeiner Stellung überhaupt zufrieden, in der er mit Zutrauen be⸗ handelt werde. Manche Vorteile für die Bibliothek mußten freilich dennoch auf Umwegen erreicht werden, wie z. B. durch Fürſprache Dietericis beim Miniſter u. a. m. Anſtalt ſchon um ein Dritteil vermehrt ¹), dank der Er⸗ höhung der Fonds, den außerordentlichen Zuwendungen, vielen Schenkungen beſonders von ſeiten des Königs und zahlreicher Privatleute; im folgenden Jahre konnte Wilken auf ſeiner Reiſe mit ſtolzer Befriedigung wahrnehmen, welch einen angeſehenen Platz ſie unter den europäiſchen Biblio⸗ theken ſchon einnahm. Auf ſeinen Reiſen und während ſeines Aufenthalts in Bädern ließ er ſich ſtets wöchentlich fort⸗ laufende, genaue Berichte über die Geſchäfte der Bibliothek von ſeinen Gehülfen, dem treuen Kießling, Friedländer und Brandes, einſenden und behielt ſo, nach Bedürfnis aus der Ferne eingreifend, die Leitung der Anſtalt auch in dieſen Zeiten in der Hand, obwohl er die unmittelbare Verwaltung den von ihm geſchulten tüchtigen Kräften, be⸗ ſonders Pinder, Friedländer und Buſchmann, mit Vertrauen überlaſſen konnte; dieſem Amte widmete er die letzten Kräfte ſeines ſinkenden Lebens und brauchte es nicht als ein leeres Kompliment hinzunehmen, wenn Alexander von Humboldt ihn als den Schöpfer der Berliner Bibliothek bezeichnete. Zu Wilkens Obliegenheiten gehörte auch noch die Ober⸗ aufſicht über die Univerſitätsbibliothek ²), deren Gründung er ſelbſt mit Klenze und dem akademiſchen Senate im Jahre 1830 beantragt hatte; mit der Verwaltung dieſer Tochter⸗ anſtalt, welche ſofort mit vielen Dubletten der Königlichen Bibliothek ausgeſtattet worden war, wurde Moritz Pinder im Nebenamt betraut. Überhaupt vertrat dieſer als erſter Kuſtos der Königlichen Bibliothek in den letzten Lebensjahren ¹) Damals zählte ſie 4611 Bände Handſchriften und etwa 250000 Bände gedruckte Bücher. Namentlich führte Wilken auch eine genaue Aufſicht über die einzuliefernden inländiſchen Verlagsartikel (ſ. Koch a. a. O. II. 617), nachdem die 1819 aufgehobene Verpflichtung zu deren Ablieferung an die Königliche Bibliothek durch Kabinettsordre vom 28. Dez. 1824 wieder eingeführt worden war. Im Jahre 1839 betrug die Zahl der gedruckten Bücher etwa 320000 Bände. S. Wilkens (deutſch geſchriebene) Historia bibl. regiae a. 1828— 39 vor dem Index librorum——— quibus bibl. reg. aucta est annis 1837 et 1838, S. XVII. Der große alphabetiſche von Wilken angelegte Katalog der gedruckten Bücher umfaßte im Jahre 1828 162, im Jahre 1839 354 Bände. Von Intereſſe für die Geſchichte der Bibliothek iſt der Aufſatz von Treitſchke in den Preußiſchen Jahrbüchern, 1884. I. S. 473- 92, der nur die Zahl der Bände im Jahre 1884 ſchätzungs⸗ weiſe auf 900,000 angiebt, während doch dieſelbe erſt 1895 auf dieſe Zahl, allerdings reichlich, gelangt iſt. Die Zahl der wiſſenſchaftlichen Beamten beträgt zur Zeit 52, zu denen noch 4 Bureau⸗ und 26 Unterbeamte kommen. Bei der von 1844—81 durchgeführten Um⸗ arbeitung aller Realkataloge, einer gewaltigen und ſchwierigen Arbeit, die trefflich gelungen iſt, hat ſich der jetzt noch lebende, ſchon unter Wilken thätige Bibliothekar Dr. J. Schrader hervorragende Ver⸗ dienſte erworben. ²) S. Koch, a. a. O. II. 615. ſeines Schwiegervaters nach außen hin dieſen immer mehr, ſo daß er dem Publikum faſt mehr denn dieſer als der Leiter des Inſtituts erſcheinen konnte. Ebenſo wird aber auch, wer das Maß körperlichen Leidens kennt, das in dieſer Zeit Wilken niederdrückte, ermeſſen können, wie viel Schuld dieſen trifft, wenn Jakob Grimm u) bei aller ausdrücklichen Anerkennung von Wilkens großen Verdienſten um die An⸗ ſtalt ihm vorwirft, in den letzten Jahren alt und läſſig ge⸗ worden zu ſein, und wenn die etwas erſchlafften Zügel darum fortab ſchienen ſtärker angezogen werden zu müſſen. Wilkens Nachfolger haben es weniger ſchwer gehabt als er; eine Beſoldung von jährlich 3000 Thlrn., die Pertz von Anfang an angeboten wurde ²), da wo jener 1200 gehabt hatte, überhob dieſen jeder Sorge um weiteren Erwerb und wurde doch noch nicht als ausreichender Ent⸗ gelt für ſeine Thätigkeit von ihm angeſehen; ein zahlreicheres Perſonal ſtand Pertz zur Seite als das nach Zahl wie Eigenſchaften dem Urteil Jakob Grimms ³) zufolge nicht ausreichende, über das Wilken verfügt hatte. Und doch iſt es dem ſo hochverdienten Hiſtoriker und ebenſo deſſen Nachfolger R. Lepſius in geringerem Maße als Wilken gelungen, ihrer Amtsführung den dauernden Beifall weiter Kreiſe zu gewinnen. 4)— Die private wiſſenſchaftliche Thätigkeit Wilkens wurde zwar durch die oben erwähnten zahlreichen Erkrankungen und die dadurch bedingten Reiſen und Badekuren zu ſeinem großen Kummer auf das ſtärkſte beeinträchtigt und er⸗ ſchwert, aber die trotzdem lange Reihe ſeiner Werke ſpricht doch für ſeine bedeutende geiſtige Kraft und ſein nie nach laſſendes, ernſtes wiſſenſchaftliches Streben. Selbſt unter unſäglichen körperlichen Leiden verzichtete er nie ganz auf litterariſche Arbeit, und man kann nicht ohne Rührung ſehen, wie der eben noch ſchwer durch die Hand des Schick⸗ ſals getroffene, aus der Heimat, aus ſeiner Familie, aus allen ſeinen Ideenkreiſen herausgeworfene, gebeugte Mann aus ſeinem Leide ſich aufzuraffen, gleichſam im Unwillen über die ihm auferlegt geweſene Unthätigkeit in verdoppelten ernſten Studien wieder Halt zu gewinnen und ſich aufzu⸗ richten ſucht, und wie er dann, anfangs in ſcheuer Un⸗ ſicherheit gegenüber ſeiner Mitwelt, als ob er des doch ¹) Brief an Pertz vom 26. Juni 1841(in der Viſſenſchaftl. Beilage der Leipziger Zeitung Nr. 93 vom 19. November 1882, S. 557). ²) S. Jakob Grimm a. a. O. S. 558. ³) Daſ. S. 557. ⁴) S. Ranke, Zur eigenen Lebensgeſchichte, Bd. LIII/IV der S. W., S. 611 und Ebers, R. Lepſius, S. 244; vergl. auch Treitſchke a. a. O. a. betr. St. 11 82 wahrlich unverſchuldeten Leidens vor ihr ſich ſchämen müſſe, getroſt und unverbittert dem Leben und ſeinen Pflichten ſich wieder zuwendet. Von Jugend auf an ernſte Arbeit gewöhnt, empfindet er dieſe nicht als Laſt, ſondern als Luſt, und jede nur zu gewinnende Freiſtunde wird von dem Vielbeſchäftigten ihr gewidmet; unterſtützt von einem vortrefflichen Gedächtnis, von dem er oft überraſchende Proben gab, war er zunächſt ohne Rückſicht auf unmittelbare ſchriftſtelleriſche Verwertung ſeiner Studien zu ſeiner eigenen Weiterbildung thätig; die frühen Morgenſtunden— der Schlaf floh ſein Lager nur zu oft!— verwandte er regelmäßig auf das Studium der orientaliſchen Sprachen, in denen er ſich von Jahr zu Jahr weiter ausbreitete. Erſt in den beiden letzten leidenreichen Jahren bricht die Reihe ſeiner litterariſchen Arbeiten ab, welche, wie wir ſie im Anhang der Zeitfolge nach verzeichnet haben, ſeine Studien wie in ſeinen erſten Mannesjahren, ſo auch in ſpäterer Zeit in erſter Linie dem Gebiet der Kreuzzüge wie des byzantiniſchen Reiches, überhaupt des Orients, zuge⸗ wandt erſcheinen laſſen; da er jedoch gewöhnt iſt, alles hiſtoriſch aufzufaſſen, ſo wird ihm auch das eigne Volk, der Staat, dem er angehört, den Boden, auf dem er wohnt, werden ihm auch die Anſtalten, an denen er wirkt, derart Gegenſtand geſchichtlichen Intereſſes, daß er ſeine Forſchung ihnen widmet. Wachſend mit der Größe ſeines Zieles, mit zuſehends erſtarkendem kritiſchen Sinn wußte er die Geſchichte der Kreuzzüge nach ſchwächerem Anfang in den nachfolgenden Bänden auf immer feſterem hiſtoriſchen Boden quellenmäßig zu gründen, und indem er zur Erfüllung dieſer ſeiner wiſſenſchaftlichen Lebensaufgabe ſeine Studien mit ruhiger Planmäßigkeit auf dieſes eine Gebiet konzentrierte, hat er als erſter eine gründliche und umfaſſende Kenntnis über dieſe erhebendſte Periode der mittelalterlichen Geſchichte, in der die Welten des Oſtens und des Weſtens feindlich aufeinanderſtießen, errungen und verbreitet. Wenn man geſagt hat, daß ſeine Werke mehr Geſchichtsforſchung als Geſchichtsſchreibung ſeien, ſo darf man dem entgegenhalten, daß allein ſchon die gewaltige Vermehrung des Materials und die notwendige Sichtung des⸗ ſelben eine leichtere Verarbeitung in erſter Hand faſt un⸗ möglich machten. Und wenn eine kunſtvollere Kompoſition, wenn Schmuck und Prunk ebenſo wenig ſeiner ſchriftlichen Darſtellung wie ſeinem mündlichen Vortrage eigen ſind, ſo iſt ſein Werk doch auch keine bloße Ablagerung von Stoff, dem der Geiſt etwa nur deshalb mangelte, weil er nicht auf der Oberfläche erſcheint. Ein geiſtreiches Räſonnement, welches V über dem Bemühen um geſchichtsphiloſophiſche Konſtruktionen leicht die notwendige Unterlage verliert, vertrug ſich nicht V mit dem ſoliden Charakter ſeiner gelehrten Forſchung. Dieſer von Leiden nicht zu lähmende Arbeitstrieb, dieſe volle Hingebung an ſeine Pflichten als Beamter, als Lehrer und als Schriftſteller, dieſe raſtloſe Thätigkeit, von Jugend auf ihm ein Bedürfnis, waren wohl ein Aus⸗ fluß ſeines natürlichen Temperaments, aber auch erworben, ſelbſterrungen, erſtarkt im Kampf mit der Ungunſt des Schickſals und gegründet auf eine aufrichtige Religioſität. über ſeine religiöſen Üüberzeugungen liebte er nicht zu reden; wohl wenige, nicht einmal ſein älteſter, ſonſt ſeinem Herzen ſo naheſtehender Sohn, haben ihn darüber ſich äußern hören; im Gegenſatz zu den während ſeiner Univerſitäts⸗ jahre in Göttingen herrſchenden, auch beſonders von ſeinem hochverehrten Lehrer Eichhorn geteilten rationaliſtiſchen Anſchauungen ruhte ſein religiöſes Leben auf einer anderen, entſchiedener kirchlichen Baſis. Er war bis in die letzten Tage ſeines Lebens ein fleißiger Bibelleſer; jeden Morgen begann er ſein Tagewerk damit, daß er ein Kapitel aus dem griechiſchen neuen Teſtamente las, und auf dem Tiſche vor ſeinem Bette lag ſtets der Thomas a Kempis. Unter den theologiſchen Richtungen ſeiner ſpäteren Zeit ſchloß er ſich am meiſten an diejenige Schleiermachers an, und deſſen Predigten beſuchte er oft und gern.— Bei einer heiteren, friſchen Lebensanſchauung war ihm doch in ſeinen jüngeren Jahren— eine nicht un⸗ gewöhnliche Erſcheinung bei Autodidakten und ſolchen Männern, die aus eigener Kraft ſich durchgerungen und zur Geltung gebracht haben— eine gewiſſe Herbheit und Eckigkeit des Weſens eigen, wie ſie auch dem niederſächſiſchen Volkscharakter anhaftet; er konnte, wie z. B. mit dem noch viel hitzigeren Thibaut, ſtreiten bis zur Erbitterung. Und wenn auch die peinigenden körperlichen Schmerzen, die ihn oft länger ans Haus feſſelten und ihm das Gehen, ja auch das Schreiben erſchwerten oder unmöglich machten, ihm die Stimmung häufig verdarben und ihn grämlich und reizbar erſcheinen ließen, ſo verbreitete ſich doch mit zu⸗ nehmenden Jahren eine größere Weichheit, eine einnehmende Milde und Freundlichkeit über ſein Weſen; insbeſondere war er ein liebenswürdiger, ſehr unterhaltender und an⸗ regender Geſellſchafter, heiter und umgänglich, und fröh⸗ lichem Verkehr mit geiſtesverwandten Freunden wie auch, mit deren Familien ſehr zugethan; einfach und natür⸗ lich, harmlos und ungezwungen gab er ſich dabei. Hier, im Kreis vertrauter Freunde, fiel auch der Bann, der ihm über politiſche Fragen ſich freier zu äußern verwehrte. Denn obwohl, am Maßſtabe unſerer Zeit gemeſſen, es ein gar ſtilles und unpolitiſches Leben war, welches man in der Zeit nach den Befreiungskriegen, 83 beſonders ſeit dem Jahre 1819 bis zu dem durch den Thron⸗ wechſel in Preußen bedeutſamen Todesjahre Wilkens in der preußiſchen Hauptſtadt lebte, ſo fehlte es doch auch in den Kreiſen der Gebildeten nicht an jedem politiſchen Unter⸗ haltungsſtoff. Freilich war das Gebiet der Politik wenig erfreulich; man vermißte große Perſönlichkeiten im ſtaatlichen Leben und einen großen Gang der öffentlichen Angelegen⸗ heiten; man ſah unter dem auf den Gemütern laſtenden Drucke der vielfach von dem Geiſt der Karlsbader Beſchlüſſe diktierten Regierungsmaßregeln alle Dinge trüb und miß⸗ trauiſch an; und wenn gerade unter den Gelehrten ſich auch ſolche fanden, die lebhaft politiſierten, wie Raumer und Ranke, ſo ſah doch wohl die Mehrzahl von ihnen die Be⸗ ſchäftigung mit den politiſchen Tagesfragen als ihrem Berufe fremd und ihn ſtörend an, und vollends eine thätige Teil⸗ nahme am politiſchen Getriebe lag ihnen gänzlich fern; zu dieſen gehörte auch Wilken. Die Richtung, die ſeine auf den Orient, die Heimat der Despotien, gerichteten Studien nahmen, führten ihn nicht, wie einen Dahlmann, Droyſen, Ranke, auf die Tagespolitik hin. Ein Feind politiſcher Agitation, die er für unvereinbar mit ſeiner Beamtenſtellung hielt, erwartete er mit Geduld das Maß von Freiheit, welches ein patriarchaliſcher Monarch vom Throne herab den Unterthanen etwa verleihen werde. Ein Verfaſſungsfeind iſt er, der Bewunderer des engliſchen Parla⸗ ments, deshalb aber nicht geweſen; wie er für den Gelehrten, den Hiſtoriker Freiheit der Forſchung und der Beurteilung begehrte, ſo wünſchte er auch für den Staatsbürger ein gewiſſes Maß freier Bewegung und politiſcher Rechte. Und wenn er auch in Geſellſchaft gleichdenkender Freunde die ſonſtige Zurückhaltung aufgab und bei gar manchen politiſchen Maßregeln und Vorgängen das auch ihn er⸗ füllende Mißvergnügen ausſprach, ſo hinderte dies ander⸗ ſeits nicht, daß er mit Treue dem Könige und dem Staat, der ſeine Heimat geworden, anhing. Treu und zuverläſſig war auch ſonſt ſein Sinn; ein ſchöner Zug ſeines Gemütes war Dankbarkeit; Kränkungen vergaß er; von Bitterkeit über erlittene Schickſalsſchläge, „Kampfluſt gegen Gott“, wie Böttiger ſie nannte, wußte er nichts; er verſtand zu rechter Zeit mit den Dingen abzuſchließen.— Einfach in ſeiner Lebensweiſe, war er einem erlaubten frohen Lebensgenuß nicht gerade abhold; im allgemeinen ſpar⸗ ſam und haushälteriſch und ein Freund geordneter Lebens⸗ führung, ſah er zu Zeiten das Geld nicht an und erwog nicht ängſtlich die Möglichkeit einer Ausgabe; doch ließ er ſeit ſeinen Studentenjahren, wo ihn die Not dazu ge⸗ zwungen hatte, niemals mehr ſich dazu verleiten, Schulden zu machen. Obwohl er in den letzten Jahrzehnten ſich einer auskömmlichen äußeren Lage erfreute, ſo machten doch die Krankheiten, die ihn ſelbſt befielen und auch in ſeiner Familie ſonſt nicht aufhörten, ſowie die Nötigung, ſeine Kinder jahrelang in Penſionen zu erhalten, ferner eine ausgedehnte Geſelligkeit, der er ſich nicht entziehen konnte, eine gern geübte Gaſtlichkeit und endlich die faſt alljährlich ſich aufzwingenden Kuren in entfernten Bädern derartige Anſprüche an ſeine Kaſſe, daß er keine Seide ſpinnen konnte, beſonders da ſeine Gattin, einer Künſtlerfamilie entſtammend, Finanzfragen etwas leichteren Herzens er⸗ ledigt zu haben ſcheint. So hinterließ er ſo wenig Ver⸗ mögen ¹), daß ſeine Gattin es als eine Erlöſung von ſchweren Sorgen empfinden mußte, als es der treuen Für⸗ ſorge des edlen Alexander von Humboldt gelang, von König Friedrich Wilhelm IV., der ſchon als Kronprinz für Wilkens litterariſche Arbeiten ſtets Intereſſe bekundet hatte, ſeiner Wittwe eine außerordentliche Penſion zu erwirken und ſie ſo der andernfalls ſie bedrohenden Dürftigkeit zu entreißen ²). Bei eignen knappen Mitteln verleugnete Wilken auch nie ſein Mitgefühl für fremde Not und war beſonders ſtets bereit, ſeinen Einfluß zur Erwirkung von Unterſtützungen für jüngere ſtrebſame Gelehrte geltend zu machen, wie zahlreiche Konzepte von derartigen Geſuchen beweiſen; er hatte auch oft die Freude, ſeinen Verwendungen Folge gegeben zu ſehen. Durch eigenen Erfolg nicht ſtolz ge⸗ macht, voll Beſcheidenheit auf ſeine eigenen Werke blickend, hat er fremde Leiſtungen ſtets neidlos anerkannt, weder in der Wiſſenſchaft noch in ſeinem praktiſchen Wirken von ¹) Aus ſeiner Privatbibliothek, die nach dem Katalog des Auktionators Ra. u ch 2352 gedruckte Bücher und 11 Handſchriften umfaßte, und von der ſeine Familie 182 Werke behielt, wurden 1436 Thlr. 5 Sgr. erlöſt. ²)„Ich habe geſtern“, ſo heißt es in dem auch den Schreiber ſelbſt ehrenden Briefe Humboldts an Karoline,„einen ſehr warmen, dringenden empfehlenden Privatbrief an den König geſchrieben und nicht blos von dem Ruhme Ihres Gatten geſprochen und von dem zärtlichen Anteil, den auch der verewigte Monarch ihm überall(zuletzt in Teplitz) bezeugte: ich habe auch der Leiden erwähnt, die Sie er⸗ tragen, ſo männlich ertragen haben bei der Pflege des zweymal ſo betrübend erkrankten Gatten, ich habe Ihre traurige pekuniäre Lage mit unverſorgten braven Kindern geſchildert u. ſ. w. Heute nach der Tafel beym Könige habe ich mündlich wieder Gelegenheit gehabt meine Bitte zu wiederholen. Sie ſehen, daß alles geſchehen iſt, was mir mein Dankgefühl für den Verewigten einflößte.“— Der König er⸗ höhte die der Wittwe zuſtehende Penſion von 240 auf 600 Thlr. und beſtimmte auch ihrer jüngſten Tochter Betty, wenn ſie beim Ab⸗ leben ihrer Mutter unverſorgt hinterbliebe, eine jährliche Penſion von 100 Thlrn. 84 Vorurteil, Parteimeinung oder Leidenſchaft eingenommen. So hat er gemäß ſeinem ausgeſprochen friedlichen Sinn niemals eine litterariſche Fehde gehabt, obwohl er auch Freunden wie Hammer gegenüber in öffentlichen Beſprechungen ihrer Werke ſeine kritiſchen Bedenken und Ausſtellungen nicht unterdrückte; während er berechtigte Kritik ſelbſt ſehr wohl vertragen konnte, lehnte er ſich gegen unverdienten Tadel oder ihm unangemeſſen erſcheinende Behandlung mit Selbſt⸗ gefühl auch Vorgeſetzten gegenüber auf ¹). Wo er anklagen mußte, wie in der übrigens ganz vereinzelt daſtehenden oben erwähnten Wahlſchen Angelegenheit, verfuhr er ſtreng ſachlich.—. Daß Wilkens Fürſprache häufig den gewünſchten Er⸗ folg hatte, iſt nicht unwahrſcheinlich, wenn man weiß, wie er bei ſeiner eindringenden Sach⸗ und ausgebreiteten Per⸗ ſonenkenntnis von einheimiſchen wie ausländiſchen Gelehrten und Staatsmännern bei der Beſetzung von mancherlei Ämtern u. dergl. häufig um ſeinen Rat angegangen worden iſt; er bewies in ſolchen Angelegenheiten ſtets einen wohl⸗ meinenden, aber gerechten und unbeſtechlichen Sinn. In ſeiner Familie fühlte er ſich nach des Tages Laſt und Mühe am wohlſten und behaglichſten; ſein Familien⸗ leben war im ganzen ein freudenvolles und beglücktes; manchmal wohl bedrückt von vorübergehenden, niemand er⸗ ſparten Sorgen um die Geſundheit ſeiner Lieben, ſah er ſeine Kinder ſämtlich zu brauchbaren und wackeren Menſchen heranwachſen, um deren Fortkommen er nicht zu bangen brauchte. ¹) Als Altenſtein einſt die Anſchaffung eines Buches bewilligte, wenn es„wirklich nicht“ auf der Bibliothek vorhanden ſei, reichte Wilken ſofort dem Miniſter eine entſchiedene Verwahrung ein gegen die Unterſtellung, als könne ſich etwas anders verhalten, als er be⸗ richtet habe. Der Vielbeſchäftigte fand auch noch die Zeit, die Studien der Söhne zu fördern, Klaſſiker mit ihnen zu leſen und den künſtleriſchen Beſtrebungen der ebenfalls begabten Töchter eine verſtändnisvolle Aufmerkſamkeit zu⸗ zuwenden. Von ſeiner geiſtreichen, kunſtſinnigen, mit auf⸗ opfernder Liebe ſich ganz ihm widmenden Gattin, die mit feinem Verſtändnis auch ſeinem Streben zu folgen wußte und fürſorglich jeden Verdruß nach Kräften ihm fernhielt, in guten wie beſonders in ſchlimmen Tagen treu gepflegt, fand er in der Verbindung mit ihr und ſeinen Kindern, an denen er mit zärtlicher und opferfreudiger Liebe hing, und die wiederum zu den Eltern in pietätvoller Liebe aufblickten, den ſchönſten Lohn ſeiner Fürſorge und ſeiner Arbeit. Von ſeinen Amtsgenoſſen und Mitbürgern geachtet genoß er bei der gelehrten Welt des In⸗ und Auslandes ein hohes Anſehen; er ſtand den Beſten ſeiner Zeit nahe und mit vielen derſelben in regem perſönlichen, litterariſchen und brieflichen Verkehr. So darf man denn beim Rückblick auf den Verlauf dieſes nach allen Seiten hin entfalteten Gelehrtenlebens gewiß ſagen, daß trotz ſchwerer Prüfungen und erſchüttern⸗ der Schickſalsſchläge Friedrich Wilkens Loos doch zu den glücklichen gehört habe, wenn anders eine reiche, im weſent⸗ lichen eigenem Fleiße und Streben verdankte geiſtige Ent⸗ wickelung, anerkannte Erfolge in einer wiſſenſchaftlichen und amtlichen Laufbahn, wenn ein ſchönes Familienleben in geſicherter Lebensſtellung, Seelenfrieden und ein ſanfter Tod ſchon jenſeits der Schwelle des Greiſenalters, wenn endlich die Achtung der Mitmenſchen und ein ehrendes Andenken der Nachwelt einem Sterblichen überhaupt ein glückliches Leben bedeuten. Se eeen O. Druck von L. Döll in Caſſel. Jahresbericht über das Schuljahr 1894 95. —.— IJ. Die allgemeine Tehrverkallung des Bymnaliums. 1. überſicht über die einzelnen Lehrgegenſtände und die für einen jeden derſelben beſtimmte Stundenzahl. IV vinſomt vn oudr Religion. 3 2 V 2 2 2 2 2 2 2 Deutſch und echichserzälunden, 4 3 3 2 2 3 3 V 3 3 Lateiniſch.... 8838 7 7 7 V 7 6 6 6 Griechiſch..——— 6 6 6 6 6 6 Franzöſiſch.........(—— 1 3 3 3 42 2 22 Geſchichte..—— 2 2 2 2. Erdkunde.. 2 2 2 1i1r1 63 3 Rechnen und Mathematik.. 41 4 1 33 1 4 4 V 4 Naturbeſchreibung.. 2 2 2 2———— Phyſik, Elemente der Cjemie und V Mineralogie...———— 2 2 2 2 2 Schreiben. 212=———— Zeichnen.....— 2 2 2 2(2) V(2)(2)(2) Turnen....r....... 3 3 3 3 3 3 3. 3 3 Geſang 2 V 2 Chor.....3 Englüith.... ⸗ i ek ⸗ai=e ee ene er, en enE) da)(2) cghcgW(2) Dieſer Unterricht wurde von 14 Lehrern in 291 Stunden gegeben(ſ. die folgende Seite.) 2. Überſicht über die Verteilung der Stunden unter die einzelnen Lehrer. VI Ordi. Stun- 3 Ir. nrdis, den. I 1I II IIum mm lv v Dr. Heußner, Horaz 2 Deutſch 3 Deutſch u. G. 3 denßr 1 11 Soplſaom. 3 V ſch Oberl. Prof.— 19 Mathematik 4 Mathematik 4 Mathematik 3 Naturbeſchr. 2 1 Dr. Zuſchlag Phyſit 2 Phyſik 2 Naturbeſchr. 2 Oberl. Prof. Latein 6 Griechiſch 6— 4 Püttgen 1. 15 Griechiſch 3 V Oberl. Prof. 11I, 19„deutſch 3 Latein 6 Gr. Lektüret114). 3— 8 Dr. Kius. Griechiſch 6 8— öC 4 Rra Latein 4 Geſchichte 3 Geographie Ober Prof. 1. 21 Geſchichte 3 V Griechiſch 6 d) Franzöſiſch 3 1——————— Religion 2 Religion 2Religion 2 Religion 2 Oberl Prof. Relig gio⸗ 3 III 21 Hebräiſ 2 Deutſch 2 Hüpeden n V Hebräiſch 2 Hebräiſch 2 Deuſs 2 Timn Deutſch 15 3 Latein 7 Geographie 2 1 Oberl Paulus III’/ 24 Turnen 3 Franzöſiſch 3 Geſchichte 3 Turnen 3 „Dr. Heer⸗ 3 Mathematik 4 Mathematik 4 Mathematik 3Mathematit 4 mann Phyſik 2 Phyſik 2 füstarbeſär. 2 Naturbeſchr. 2 Geſchichte 3 Latein Griechiſch 6 86 „ Prätorius Il- 23 Frinicf 2 Franzöſiſch 3 V Turnen 2 b . Franzöſiſch 2 Franzöſiſch 2— Franzöſiſch 4 Deutſch u. G. „ Dr. Prede VI 24+3 Engliſch2 drali 41 2 Ehorgeſang I-— VI 3) V V Laatein Griechiſch 2 Geſch.u. Ggr. 3 Deutſch 3 „Dr. Piſtor IV 24 Geſchichte 3 Deutſch JTirdiihe * 1 Geographie 2— Wiſſenſchaftl. Religion 2 Religion 2 Religion 2 Latein SReligion Hilfslehrer V 24 Deutſch 3 Religion 2 Baumann Turnen 2 Lehr er am 3 Turnen 1 Turnen 3 Turnen 3 erhnen 4Furnen 1 eſang 2 Rechnden Gymnaſium V 3 Bättenhauſen 2a4 Turnen 3 V V Turden 1 Natirbeſchi. V Schreiben Zeichenlehrer— 10 1 1 Zeichnen 2 Zeichnen 2 Zeichnen 2 leichnen 2 Benze.... Soroen Bis zum 13. Auguſt gab Obertertia übernahm Prof. II,— IIIe; Abteilungen(I—IIi; ebenſo die Schüler Zeichenlehrer Wenzel. des Deutſchen in Oberprima.. B bis Johannis gab er Geſchichte und Erdkunde in Obertertia und Deutſch und Geſ in Obertertia, von da bis zum 20. November für den beurlaubten Oberl. Prätorius deſſen Unterricht außer den Unt St. Geſchichte, Oberl. Dr. Brede 2 St. Franzöſiſch, Bode dafür die 3 St. Geſchichte und Geographie in Ober⸗ Danach wurde er mit Verſehung einer Lehrerſtelle am Wilhelms⸗Gymnaſium beauftragt. Hier gab Prof. Stoll 3 tertia weiter und dazu 2 St. Latein in Sexta. Kand. Bode Dies üdernahm der Direktor und Kand. Bode dafür Deutſch und Geſchichte in Quinta. Von Pfing ichte in Quinta, bis Michaelis Geſchichte und Erdkunde lüttgen von Prof. Dr. Kius Geſchichte und Erdkunde in IV, Oberl. Dr. Piſtor Griechiſche Lektüre in IIz. In Michaelis an 3 St. Xenophon.— Die katholiſchen Schüler erhielten Religionsunterricht in drei IV— VI) je 2 St. im Wilhelms⸗Gymnaſium mit den Schülern dieſer Anſtalt bei dem Kaplan Gruß, er I und II fakultativen Zeichenunterricht in 2 St. im Wilhelms⸗Gymnaſium mit den Schülern dieſer Anſtalt bei dem ab bis zu den Pfingſtferien für den beurlaubten Prof. Dr. Kius deſſen Unterricht mit Ausnahme ingſten 5 St. in Unterprima. Kand. Auth gab bis zu den Weihnachtsferien Mathematik in IY, Naturbeſchreibung und Turnen in V, dazu ſeit Michaelis Erdkunde in VI. Danach wurde er mit Verſehung einer Lehrerſtelle in Diez beauftragt. überſicht über den während des abgelaufenen Schuljahres erledigten Lehrſtoff. (S: bezeichnet das Sommer⸗, W: das Winterhalbjahr.) Oberprima. Ordinarius: Profeſſor Stoll. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Glaubens⸗ und Sittenlehre im Anſchluß an den Katechismus und auf Grund des Augsburger Glaubensbekenntniſſes, nebſt kurzer Einleitung über die drei alten Symbole. Wiederholung der Kirchengeſchichte, ſo wie früher gelernter Pſalmen, Sprüche und Kirchenlieder. Erklärung des Römerbriefes, ſtellenweiſe mit Zugrundelegung des Urtextes. Hüpeden. Vom 3. Dezember ab: Pellens. Katholiſche Religionslehre(2 St. w. mit Unterprima und Oberſekunda verbunden). Die katholiſche Glaubenslehre nach Drehers Lehrbuch. Gruß. 2. Deutſch(3 St. w.). Lebensbilder Goethes und Schillers und ihrer berühmteſten Zeitgenoſſen. Hamburgiſche Dramaturgie m. A. Maria Stuart. Taſſo. Shakeſpeares Hamlet und Königsdramen. Freie Vorträge. Dr. Kius. Aufgaben für die Aufſätze: 1. Vergleichung und Beurteiluug der Herder'ſchen Paramythien„die Dämmerung“ und „das Kind der Sorge.“— 2. Dürfen wir Kleiſt's„Prinz Friedrich von Homburg“ ein romantiſches Drama nennen?— 3. Würde Leſſing das Erſcheinen von Banquo's Geiſt gebilligt haben?— 4. Hat Richard II. ſeinen Sturz verdient?— Inwiefern darf man behaupten: Wiſſen iſt Macht?(Prüfungsarbeit).— 5. Zeigt Schillers Maria Stnart das Erhabene der Faſſung oder der Handlung?— 6. Pectus est, quod disertos facit.— 7. Geben iſt ſeliger denn Nehmen.— 8. Läßt uns der Schluß von Goethes Taſſo unbefriedigt?(Prüfungsarbeit). 3. Latein(6 St. w.). Horatius Oden III u. IV mit Auswahl. Ars poetica zum Teil. Aus⸗ wendiglernen einer Anzahl von Oden.(2 St. w.). Der Direktor.— Tacitas Annalen I—III mit Aus⸗ wahl. Cicero pro Murena. Grammatiſche und ſtiliſtiſche Wiederholungen.(4 St. w). Stoll. 4. Griechiſch(6 St. w.). Hom. Ilias XIII—XXIV m. A. Soph. Oedipus. Plato: Apologia Socratis u. Kriton. Demosthenes 2 Olynthiſche und eine Philippiſche Rede. Alle 4 Wochen eine überſetzung. Dr. Kius. 5. Franzöſiſch(2 St. w.). Montesquieu, Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence. Scribe, Le Verre d'eau. Racine, Phèdre. Gelegentliche grammatiſche Wiederholungen und mündliche überſetzungen aus dem Deutſchen ins Franzöſiſche. Schriftliche Über⸗ ſetzungen aus dem Franzöſiſchen ins Deutſche. Sprechübungen im Anſchluß an die Lektüre. Dr. Brede. 6. Engliſch(2 St. w. mit Ie vereinigt). Irving, Sketch Book. Shakespeare, The merchant of Venice. Grammatiſche Wiederholungen nach dem Elementarbuch von Tendering. Mündliche und ſchrift⸗ liche Übungen im Anſchluß an Lektüre und Grammatik. Dr. Brede. 7. Hebräiſch(2 St. w.) mit Ie vereinigt. Leſen des erſten Buches Moſe mit Auswahl. Wieder⸗ holung der Formenlehre nach Strack. Gelegentliche Darbietung des Notwendigſten aus der Syntax. Schriftliche Ebungen. Hüpeden. Vom 6. Dezember ab: Zülch. 8. Geſchichte und Erdkunde(3 St. w.). Neuere und neueſte Geſchichte nach Herbſt. Geſchichtliche und geographiſche Wiederholungen. Stoll. 9. Mathematik(4 St. w.). Abſchluß der Stereometrie. Binomiſcher Lehrſatz. Koordinaten⸗ Geometrie. Wiederholung der ebenen Trigonometrie und Geometrie. Zuſchlag. 10. Phyſik(2 St. w.). Lehre vom Licht und mathematiſche Erdkunde. Zuſchlag. 11. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede.— 6 Uuterprima. Ordinarius⸗ Profeſſor Püttgen. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Die Hauptepochen der Kirchengeſchichte im Anſchluß an Hollenberg. Erklärung des Evangeliums Johannis, ſtellenweiſe mit Zugrundelegung des Urtextes. Gelegentliche Wiederholung früher gelernter Pſalmen, Sprüche und Kirchenlieder. Hüpeden. Vom 3. Dezember ab: Pellens. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Oberprima vereinigt. 2. Deutſch(3 St. w.). Lebensbilder aus der deutſchen Litteraturgeſchichte von Beginn des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts und Lektüre geeigneter Dichtungen, beſonders von Luther, Hans Sachs, Fiſchart, Klopſtock(Meſſias I—III, Oden mit Auswahl), Leſſing(Laokoon, Emilia Galotti). Shakeſpeares Koriolan und Julius Cäſar. Schillers Braut von Meſſina. Goethes Iphigenie. Freie Vorträge. Der Direktor. Aufgaben für die Aufſätze: 1. Die Bedeutung der Bibelüberſetzung Luthers.— 2. Charakteriſtik der Poeſie des Hans Sachs mit beſonderer Beziehung auf Goethes Gedicht:„Hans Sachſens poetiſche Sendung.“— 3. Weſen und Be⸗ deutung der Therſitesſcene im zweiten Buch der Ilias.(Klaſſenarbeit).— 4. Die dramatiſche Entwickelung im dritten Aufzug von Shakeſpeares Koriolan.— 5. Warum durften die Artiſten den Laokoon nicht ſchreiend darſtellen, wohl aber Virgil?(Klaſſenarbeit).— 6. Hektors Abſchied von Andromache.(Klaſſenarbeit).— 7. Die gute Sache ſtärkt den ſchwachen Arm(eine Chrie).— 8. Eine Würdigung von Klopſtocks Meſſias, im Anſchluß an die drei erſten Geſänge.— 9. Epaminondas und Guſtav Adolf, eine Parallele.— 10. Äſthetiſche Würdigung des 4. Staſimon in Sophokles Antigone.(Klaſſenarbeit). — 11. Welches Volk ſich ſelbſt empfunden, ward vom Feind nie überwunden(W. v. Collin).(Klaſſenarbeit).— 12. Die Wirkungen der Völkerwanderung. 3. Latein(6 St. w.). Horat. Od. I u. II und Satiren mit Auswahl. Auswendiglernen einer Anzahl Oden. Ciceros Briefe, Tacitus Germania und Annalen I mit Auswahl. Als Privatlektüre Liv. XXII mit Auswahl und Cic. pro Arch. poet. Schriftliche Überſetzungen aus dem Lateiniſchen ins Deutſche alle 6 Wochen, aus dem Deutſchen ins Lateiniſche im Anſchluß an die Lektüre alle 14 Tage. Grammatiſche Wiederholungen. Püttgen. 4. Griechiſch(6 St. w.). Hom. Il. I—IX. Soph. Antig.(3 St. w.). Der Direktor.— Thukyd. I bis VII mit Auswahl. Alle 4 Wochen eine ſchriftliche Überſetzung aus dem Griechiſchen ins Deutſche(3 St. w.). Püttgen. 5 5. Franzöſiſch(2 St. w.). Molidre, l'Avare. Sarcey, Le siège de Paris. Gelegentliche gramma⸗ tiſche Wiederholungen. Sprechübungen im Anſchluß an die Lektüre. Schriftliche Überſetzungen aus dem Franzöſiſchen ins Deutſche. Praetorius. 6. Engliſch(2 St. w.) mit Oberprima verbunden. 7. Hebräiſch(2 St w.) mit Oberprima verbunden. 8. Geſchichte und Erdkunde(3 St. w.). Geſchichte des Mittelalters und neuere Geſchichte bis 1648 nach Herbſt. Geographiſche Wiederholungen. Praetorius. 9. Mathematik(4 St. w.). Arithmetiſche und geometriſche Reihen nach Heis. Zinſes⸗ und Renten⸗ rechnung. Beendigung der Trigonometrie. Stereometrie nach Nagel. Dr. Heermann. 10. Phyſik(2 St. w.). Mechanik und Lehre vom Schall. Dr. Heermann. 11. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. Oberſekunda. Ordinarius: Prof. Dr. Kins. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Erklärung der Apoſtelgeſchichte. Pauli Miſſionsreiſen; ſeine Briefe nach Veranlaſſung und Inhalt. Eingehende Beſprechungen des Galaterbriefes, des erſten 7 Korintherbriefes, ſowie anderer wichtiger neuteſtamentlicher Schriftabſchnitte. Wiederholung des Kate⸗ chismus, ſowie früher gelernter Sprüche, Pſalmen und Kirchenlieder. Hüpeden. Vom 3. Dezember ab: Pellens. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Prima vereinigt. 2. Deutſch(3 St. w.). Nibelungenlied und Gurdrun, Parzinal, Walther von der Vogelweide. Ausblicke auf die nordiſchen Sagen und die großen germaniſchen Sagenkreiſe. Sprachgeſchichtliche Be⸗ lehrungen. Eingehende Behandlung der drei Dramen Wallenſtein, Götz und Egmont. Paulus. Auſgaben für die Aufſätze: 1. Die Doppelgeſtalt der Kriemhild im Nibelungenliede.— 2. Wie verſteht es Echter⸗ meyer, in den 8 weiblichen Figuren unſerer Bildergalerie die Kulturvölker Europas zu charakteriſieren?— 3. Gedanken⸗ gang des Prologs zu Schillers Wallenſtein.— 4. Wie läßt ſich das Unterliegen Athens im peloponneſiſchen Kriege erklären? (Klaſſenarbeit).— 5. Iſt es Schiller gelungen, die größere Hälfte von Wallenſteins Schuld den unglückſeligen Geſtirnen zu⸗ zuwälzen?— 6. Widerlegung des Menenius Agrippa.(Ein Redeverſuch).— 7. Welche Mittel wendet Goethe an, um Egmont zu charakteriſieren?— 8. Was ſah der attiſche Jüngling als Ideal menſchlicher Entwickelung an, und wie ſuchte er dies Ziel zu erreichen?(Klaſſenarbeit). 3. Latein(3 St. w.). Virg. Aen. V. Livius XXII. Cicero, pro S. Roscio Amerino. Privat⸗ lektüre: Cicero, divinatio in Caecilium. Grammatik nach Ellendt⸗Seyffert(§§ 215— 238). Alle 14 Tage ſchriftliche Haus⸗ oder Klaſſenarbeiten im Anſchluß an die Lektüre. Alle 6 Wochen eine Über⸗ ſetzung aus dem Lateiniſchen ins Deutſche. Dr. Kius. 4. Griechiſch(6 St. w.). Hom. Od. IX bis XXIII mit Auswahl. Herod. hist. I bis VIII mit Auswahl. Grammatik nach Bamberg§§ 71—160. Alle 4 Wochen eine ſchriftliche Überſetzung aus dem Griechiſchen ins Deutſche. Püttgen. 5. Franzöſiſch(2 St. w.). J. Sandeau, Mademoiselle de la Seiglière. Dumas, Histoire de Napoléon. Gelegentliche grammatiſche Wiederholungen; alle 14 Tage eine Überſetzung aus dem Fran⸗ zöſiſchen ins Deutſche. Sprechübungen im Anſchluß an die Lektüre. Dr. Brede. 6. Engliſch(2 St. w.). Einführung in die Ausſprache und die wichtigſten grammatiſchen Regeln im Anſchluß an die Leſeſtücke und die grammatiſchen Abſchnitte des Elementarbuchs von Tendering. Auswendiglernen von kleineren Leſeſtücken und Gedichten. Sprechübungen im Anſchluß an den Leſeſtoff des Elementarbuchs. Dr. Brede. 7. Hebräiſch(2 St. w.). Formenlehre und Leſeübungen nach Strack; ſchriftliche übungen. Das Notwendigſte aus der Syntax im Anſchluß an die Lektüre des I. und II. Capitels der Geneſis. Hüpeden. Vom 6. Dezember ab: Bleckmann. 8. Geſchichte und Erdkunde(3 St. w.). Griechiſche und römiſche Geſchichte nach Herbſt. Wieder⸗ holungen einzelner Abſchnitte der Erdkunde. Paulus. 9. Mathematik(4 St. w.). Potenzen, Wurzeln, Logarithmen. Gleichungen einſchließlich der quadratiſchen mit mehreren Unbekannten. Arithmetiſche und geometriſche Reihen erſter Ordnung. Ab⸗ ſchluß der Ahnlichkeitslehre(Goldener Schnitt, einiges über harmoniſche Punkte und Strahlen). Ebene Trigonometrie. Dr. Zuſchlag. 10. Phyſik(2 St. w.). Wärmelehre. Magnetismus und Elektrizität. Wiederholung der chemiſchen und mineralogiſchen Grundbegriffe. Dr. Zuſchlag. 11. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. Unterſekunda Ordinarius:⸗ Oberlehrer Praetorius. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Leſen ausgewählter Stellen aus dem alten Teſtament. Erklärung des Evangeliums Matthäus. Wiederholung des Katechismus mit Aufzeigen ſeiner inneren Gliederung. Im Zuſammenhang damit Wiederholung von Pſalmen, Sprüchen und Kirchenliedern. Baumann. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.). Die katholiſche Glaubenslehre nach dem Leitfaden von Dubelmann. Gruß. 2. Deutſch(3 St. w.). Schillers Jungfrau von Orleans; Goethes Hermann und Dorothea; Leſſings Minna von Barnhelm. Häusliche und Klaſſenaufſätze; kleine ſchriftliche Arbeiten in der Klaſſe. Vortragen auswendig gelernter Gedichte, ſowie kleiner eigener Ausarbeitungen. Baumann. Aufgaben für die Aufſätze: 1. Weshalb war der Aufſtand der Gallier im Jahre 52 für die Römer der gefährlichſte? — 2. Was erfahren wir aus dem Prolog zu Schillers Jungfrau von Orleans?(Klaſſenarbeit).— 3. Kenntniſſe, der beſte Reichtum.— 4. Rudenz in Schillers Wilhelm Tell.— 5. Wie zeigen ſich die Wirkungen der Schuld der Heldin in Schillers Jungfrau von Orleans?(Klaſſenarbeit).— 6. Hannibal und Napoleon.— 7. Was erfahren wir aus dem erſten Geſange von Goethes Hermann und Dorothea über Ort, Zeit und Perſonen der Handlung?(Klaſſenarbeit).— 8. Morgenſtund hat Gold im Mund.— 9. Schwert und Zunge.(Klaſſenarbeit).— 10. Welche Charakterzüge zeigt Dorothea in Goethes Hermann und Dorothea?(Prüfungsarbeit). 3. Latein(7 St. w.). Verg. Aen. I u. II mit Auswahl.(Nach Lange). Liv. XXI nach der Auswahl von Vollbrecht. Cicero de imper. Cn. Pompeii. Übungen im unvorbereiteten Überſetzen und Rücküberſetzen. Wiederholung der ganzen Formenlehre und Syntax mit Ergänzung der letzteren nach Ellendt⸗Seyffert.— Wöchentlich eine ſchriftliche Arbeit, eine Überſetzung aus dem Deutſchen ins Lateiniſche; ſtatt deſſen alle 6 Wochen eine überſetzung aus dem Lateiniſchen ins Deutſche. Praetorius. 4. Griechiſch(6 St. w.). Hom. Od. I. m. A. IX. X. Dr. Kius. Xenoph. Anab. III u. IV teilw., Hell. III. mit Auswahl. Piſtor, ſpäter Dr. Kius. Grammatik nach Bamberg(§§ 1—70). Wieder⸗ holung der Formenlehre. Alle 14 Tage eine ſchriftliche Überſetzung aus dem Deutſchen ins Griechiſche (Haus⸗ und Klaſſenarbeiten). Piſtor. 5. Franzöſiſch(3 St. w.). Lektüre: Erckmann⸗Chatrian, Histoire d'un conscrit. Grammatik nach Plötz' Schulgrammatik(Lekt. 58— 79). Schriftliche und mündliche Überſetzungen aus dem Deutſchen ins Franzöſiſche, Diktate, Sprechübungen. Praetorius. 6. Geſchichte und Erdkunde(3 St. w.). Deutſche und preußiſche Geſchichte vom Regierungsantritt Friedrichs des Großen bis zur Gegenwart. Wiederholung der Erdkunde Europas. Kartenſkizzen. Piſtor. 7. Mathematik(4 St. w.). Verhältniſſe und Proportionen, Potenzen, Wurzeln z. T., Logarithmen. Gleichungen 1. Grades mit einer und mehreren Unbekannten und Gleichungen 2. Grades mit einer Un⸗ bekannten. Trigonometriſche Berechnung rechtwinkliger Dreiecke und regelmäßiger Vielecke. Berechnung von Prisma, Cylinder, Pyramide und Kegel. Lehre von den Verhältniſſen bis zur Ähnlichkeit der Dreiecke nebſt geometriſchen Aufgaben dazu. Dr. Heermann. 8. Phyſik(2 St. w.). Abſchnitte der Steinkunde und Chemie des Magnetismus und der Elektri⸗ zität, der Lehre vom Schall und vom Licht. Dr. Heermann. 9. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. Obertertia. Ordinarius: Profeſſor Hüpeden; vom 3. Dezember ab Wiſſenſch. Hülfsl. Pellens. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Geſchichte des Reiches Gottes im neuen Bunde; Leſen und Erklären entſprechender bibliſcher Abſchnitte, insbeſondere aus dem Evangelium Matthäi. Refor⸗ mationsgeſchichte im Anſchluß an das Lebensbild Luthers. Erklärung des Kirchenjahres. Zuſammen⸗ faſſende Wiederholung des geſamten Katechismusſtoffes, früher gelernter Sprüche, Pſalmen und Kirchen⸗ lieder. Hüpeden, dann Pellens. 9 òú Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Unterſekunda vereinigt. 2. Deutſch(2 St. w.). Lektüre nach Hopf und Paulſiek. Schillers Glocke und Wilhelm Tell. Das Notwendigſte aus der Poetik und Rhetorik. Aufſätze und Anleitung zum Disponieren. Gramma⸗ tiſches gelegentlich. Übungen im Vortragen auswendig gelernter Gedichte. Hüpeden, dann Pellens. 3. Latein(7 St. w.). Ovid. met. mit Auswahl nach Siebelis I. Anfangsgründe der Metrik nach Ellendt⸗Seyffert. Caes. bell. gall. I, IV, V, VI mit Auswahl.(4 St. w.). Syntax nach Ellendt⸗Seyffert. Wiederholung der Kaſuslehre, Ergänzung und Wiederholung der Modus⸗ und Tempus⸗ lehre. Wöchentlich eine ſchriftliche Üüberſetzung aus dem Deutſchen ins Lateiniſche, meiſt Klaſſenarbeiten; alle 6 Wochen eine Üüberſetzung aus Cäſar. Mündliche Übungen nach Süpfle.(3 St. w.). Hüpeden, dann Pellens. 4. Griechiſch(6 St. w.). Xenophons Anabasis I u. II mit Auswahl(im S: Stoll, im W: Püttgen). Grammatik nach Franke⸗Bamberg(§§ 77— 95, Wiederholung von§§ 1—76). Mündliche übungen und ſchriftliche Überſetzungen(häusliche und Klaſſenarbeiten) alle 14 Tage aus dem Deutſchen ins Griechiſche nach Oſtermann und nach Diktaten. Stoll. 5. Franzöſiſch(3 St. w.). Lektüre aus der Chreſtomathie von Plötz. Grammatik nach Plötz' Schulgrammatik Lektion 1 bis 45 Wiederholung des Lehrſtoffs der Quarta und Untertertia. Diktate; ſchriftliche Überſetzungen aus dem Deutſchen ins Franzöſiſche(häusliche und Klaſſenarbeiten) Leſe⸗ und Sprechübungen im Anſchluß an die Lektüre. Stoll. 6. Geſchichte(2 St. w.). Deutſche insbeſondere Brandenburgiſch⸗preußiſche Geſchichte von 1517 bis 1740. Stoll. 7. Erdkunde(1 St. w.). Wiederholung der phyſiſchen und politiſchen Erdkunde Deutſchlands. Die deutſchen Kolonien. Stoll. 8. Mathematik(3 St. w.). Multiplikation und Diviſion abſoluter und relativer Zahlen, ſowie algebraiſcher Summen. Gleichungen 1. Grades mit einer und mehreren Unbekannten. Potenzen mit poſitiven ganzzahligen Exponenten. Sätze über Flächengleichheit von Figuren. Wiederholung der Kreis⸗ lehre. Konſtruktionsaufgaben. Dr. Zuſchlag. 9. Naturbeſchreibung(2 St. w.). Lehre vom menſchlichen Körper. Abſchnitte aus der Wärmelehre und der Mechanik. Dr. Zuſchlag. 10. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. 11. Zeichnen(2 St. w.). Körperliche Gegenſtände mit Rückſicht auf Licht⸗ und Schattenflächen. Verſuche im Malen. Wenzel. Untertertia. Ordinarius: Oberlehrer Paulus. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Geſchichte des Reiches Gottes im alten Bunde nach Kurtz. Erklärung des vierten Hauptſtückes und Wiederholung des erſten, zweiten und dritten Hauptſtückes des Katechismus. Auswendiglernen von Kirchenliedern und Bibelſprüchen, ſowie Wiederholung der bereits in Quarta, Quinta und Sexta gelernten. Belehrung über das Kirchenjahr und die Bedeutung der gottes⸗ dienſtlichen Ordnungen. Baumann. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Unterſekunda vereinigt. 10 2. Deutſch(2 St. w.). Lektüre nach Hopf und Paulſiek. Das Wichtigſte aus der deutſchen Gram⸗ matik, insbeſondere Satzlehre. Vortragen auswendig gelernter Gedichte. Monatlich ein Aufſatz. Piſtor. 3. Latein(7 St. w.). Caesar de bell. Gall. I, 1— 29. II, III, IV. Syntax nach Ellendt⸗ Seyffert: Kaſuslehre und die Hauptregeln der Tempus- und Moduslehre. Mündliche Übungen im überſetzen; ſchriftliche Überſetzungen(häusliche und Klaſſenarbeiten) aus dem Deutſchen ins Lateiniſche, nach Süpfle und nach Diktaten. Paulus. 4. Griechiſch(6 St. w.). Formenlehre nach der Grammatik in Oſtermanns Übungsbuch§ 1—38 mit Auswahl. Wörterlernen. Müddliche und ſchriftliche Übungen(häusliche und Klaſſenarbeiten) nach Oſtermanns Übungsbuch(— Xl) und nach Diktaten. Praetorius. 5. Franzöſiſch(3 St. w.). Grammatik und Lektüre nach Plötz' Elementargrammatik leinſchl. Anhang). Schriftliche Arbeiten, überſetzungen und Diktate im Anſchluß an das Hülfsbuch. Sprech⸗ übungen. Paulus. 6. Geſchichte(2 St. w.). Deutſche Geſchichte bis zum Ausgang des Mittelalters, nach Eckertz. Piſtor. 7. Erdkunde(1 St. w.). Phyſiſche und politiſche Erdkunde der außereuropäiſchen Erdteile, nach Daniel. Wiederholung der politiſchen Erdkunde von Deutſchland. Kartenſkizzen. Piſtor. 8. Mathematik(3 St. w.). Arithmetik(1 St. w.). Addition und Subtraktion abſoluter und relativer Zahlen nach Heis. Planimetrie(2 St. w.). Prarallelogramm, Trapez und Kreis nebſt geome⸗ triſchen Aufgaben dazu. Dr. Heermann. 9. Naturbeſchreibung(2 St. w.). Beſchreibung ſchwierigerer Pflanzen. Bau und Leben der Pflanze nebſt Zeichnen beobachteter Verhältniſſe. Wichtige ausländiſche Nutzpflanzen. Tiergeographie nebſt einem überblick über das Tierreich. Dr. Heermann. 10. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang. Dr. Brede. 11. Zeichnen(2 St. w.). Körperliche Gegenſtände in Umriſſen, verſuchsweiſe auch mit Rückſicht auf Licht- und Schattenflächen. Wenzel. Quarta. Ordinarius: Oberlehrer Dr. Piſtor. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.). Das Allgemeinſte von der Einteilung der Bibel und die Reihenfolge der bibliſchen Bücher. Übungen im Aufſchlagen von Sprüchen. Leſen wichtiger Abſchnitte des alten und neuen Teſtamentes als Wiederholung der bibliſchen Geſchichte. Erklärung des dritten Hauptſtückes und Wiederholung des erſten und zweiten Hauptſtückes des Katechismus. Auswendiglernen von Kirchenliedern und Bibelſprüchen, ſowie Wiederholung der bereits in Ouinta und Sexta gelernten. Baumann. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.). Das zweite Hauptſtück des Katechimus: Von den Geboten. Die bibliſchen Geſchichten des alten Teſtamentes von der Trennung des Reiches bis zur Ankunft Chriſti (Nr. 63—88); aus dem neuen Teſtamente die Geſchichten der Kindheit Jeſu und ſeines öffentlichen Lebens bis zum 2. Oſterfeſte(Nr. 1— 25). Gruß. 2. Deutſch(3 St. w.). Leſen, Nacherzählen und Vortragen von Leſeſtücken und Gedichten nach Hopf und Paulſiek. Aufſätze und Diktate. Lehre vom zuſammengeſetzten Satz; das Wichtigſte aus der Wortbildungslehre. Piſtor. 11 3. Latein(7 St. w.). Lektüre aus den im Übungsbuch von Oſtermann enthaltenen Lebensbe⸗ ſchreibungen. Wiederholung der Formenlehre; Syntax nach Oſtermann. Mündliche Übungen, Vokabel⸗ lernen und ſchriftliche Überſetzungen(häusliche und Klaſſenarbeiten) nach Oſtermann und nach Diktaten. Piſtor. 4. Franzöſiſch(4 St. w.). Lektüre und Grammatiſches nach Ploetz, Elementargrammatik(Leſe⸗ ſtücke und Lektionen 1— 84). Auswendiglernen von Gedichten und kleineren proſaiſchen Stücken. Münd⸗ liche und ſchriftliche Überſetzungen(häusliche und Klaſſenarbeiten) und Diktate. Sprechübungen im Anſchluß an die Lektüre. Dr. Brede. 5. Geſchichte(2 St. w.). S.: Griechiſche Geſchichte. Dr. Kius; W.: Römiſche Geſchichte. Piſtor. 6. Erdkunde(2 St. w.). Europa außer Deutſchland, nach Daniel. Kartenſkizzen. S.: Dr. Kius; W.: Piſtor. . 7. Mathematik(4 St. w.). Wiederholung der Bruchrechnung. Dreiſatzaufgaben nach Fölſing Kap. IV, V und VI). Planimetrie nach Uth bis zur Kongruenz der Dreiecke einſchließlich. Kon⸗ ſtruktionsaufgaben dazu. Bis Weihnachten: Auth; dann Dr. Heermann. 8. Naturbeſchreibung(2 St. w.) Beſchreibung und Vergleichung von Blütenpflanzen zum Auf⸗ finden der wichtigſten natürlichen Pflanzenfamilien.— Kriechtiere, Lurche, Fiſche und wirbelloſe Tiere nach Leunis. Dr. Heermann. 9. Geſang(2 St. w.). Chorgeſang Dr. Brede. 10. Zeichnen(2 St. w.). Ornamente verſchiedener Stilarten. Wenzel. Quinta. Ordinarius: Viſſenſchaftlicher Hülfslehrer Banmann. 1. Evangeliſche Religionslehre(2 St. w.) Bibliſche Geſchichte des neuen Teſtamentes nach Kurtz (mit Auswahl). Im Anſchluß daran das zweite Hauptſtück des Katechismus mit Luthers Erklärung nebſt Sprüchen und 4 Kirchenliedern. Wiederholung der in Sexta auswendig gelernten Abſchnitte des Katechismus und der daſelbſt gelernten Lieder des Geſangbuches. Baumann. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Quarta vereinigt. 2. Deutſch(2 St. w.). Leſen, Erklären und Vortragen von Leſeſtücken und Gedichten nach Hopf und Paulſiek. Übungen in der Rechtſchreibung und Interpunktion. Satzlehre. Diktate und einige Auf⸗ ſätze. Der Direktor. 3. Latein(8 St. w.). Wiederholung der regelmäßigen Formenlehre; Deponentia; unregelmäßige Formenlehre; einige ſyntaktiſche Regeln. Mündliche und ſchriftliche Übungen in der Klaſſe. Wörter⸗ lernen im Anſchluß an das Leſebuch. Wöchentlich eine Klaſſenarbeit. Baumann. 4. Geſchichtserzählung(1 St. w.). Erzählungen aus der ſagenhaften Vorgeſchichte der Griechen und Römer. Der Direktor. 5. Erdkunde(2 St. w.). Phyſiſche und politiſche Erdkunde Deutſchlands nach Daniel§§ 85— 101. Paulus. 6. Rechnen(4 St. w.). Teilbarkeit der Zahlen. Gemeine Brüche. Einfache Aufgaben der Dreiſatz⸗ rechnung(durch Schluß auf die Einheit zu löſen). Die deutſchen Maße, Gewichte und Münzen. Bättenhauſen. 2* 7. Naturbeſchreibung(2 St. w.). S.: Beſchreibung der äußeren Organe der Blütenpflanzen im vergleichenden Anſchluß an verwandte, gleichzeitig vorliegende Arten. W.: Beſchreibung wichtiger Wirbel⸗ tiere nach vorhandenen, ausgeſtopften Exemplaren und Abbildungen. Grundzüge des Knochenbaues beim Menſchen. Auth; nach Weihnachten Zuſchlag. 8. Geſang(2 St. w.). Bättenhauſen. 9. Zeichnen(2 St. w.). Grundformen der Ornamentik. Blatt⸗ und Blütenformen ſtiliſirt und naturaliſtiſch. Leichte Flächenornamente. Wenzel. 10. Schreiben(2 St. w.). Wenzel. Sexta. Ordinarius: Oberlehrer Dr. Brede. 1. Evangeliſche Religionslehre(3 St. w.). Bibliſche Geſchichte des alten Teſtamentes und die Feſtgeſchichten aus dem neuen Teſtamente nach Kurtz. Im Anſchluß daran das erſte Hauptſtück des Katechismus mit Luthers Erklärung nebſt Sprüchen und 4 Kirchenliedern. Worterklärung des zweiten und dritten Hauptſtückes des Katechismus. Baumann. Katholiſche Religionslehre(2 St. w.) mit Quarta vereinigt. 2. Deutſch(3 St. w.). Leſen, Erklären, Nacherzählen von Leſeſtücken und Auswendiglernen von Gedichten aus dem Leſebuche von Hopf und Paulſiek. Redeteile und Glieder des einfachen Satzes. Unterſcheidung der ſtarken und ſchwachen Flaxion. Übungen in der Rechtſchreibung, wöchentliche Diktate. Dr. Brede. 3. Latein(8 St. w.). Formenlehre nach dem grammatiſchen Anhang des lateiniſchen Übungsbuchs von Oſtermann⸗Müller. Lektüre der darin enthaltenen Leſeſtücke. Wörterlernen im Anſchluß an das Üübungsbuch. Mündliche und ſchriftliche UÜbungen in der Klaſſe. Wöchentlich eine Klaſſenarbeit Dr. Brede. . 4. Geſchichtserzählung(1 St. w.). Lebensbilder aus der vaterländiſchen Geſchichte von Karl dem Großen bis Kaiſer Wilhelm IJ. Dr. Brede. 5. Erdkunde(2 St. w.). Heimatskunde; Üüberſicht über Deutſchland, Europa und die übrigen Erd⸗ teile. Grundlehre der Erdkunde. Stoll. 6. Rechnen(4 St. w.). Die vier Grundrechnungsarten in benannten und unbenannten Zahlen. Einübung der Maße, Gewichte und Münzen. Zeitrechnung. Übungen in der dezimalen Schreibweiſe und den einfachſten dezimalen Rechnungen.(Addition und Subtraktion). Bättenhauſen. 7. Naturbeſchreibung(2 St. w.). Beſchreibung von Blütenpflanzen, Säugetieren und Vögeln. Bättenhauſen.. 8. Geſang(2 St. w.). Bättenhauſen. 9. Schreiben(2 St. w.). Bättenhauſen. Mathematiſche Aufgaben für die Reifeprüfung. 1) Herbſt 1894. 3 1) Ein grades Prisma, deſſen Grundfläche ein reguläres Zehneck von der Seite a= 30 cm bildet, iſt ſo hoch mit Waſſer gefüllt, daß eine Kugel von Blei, welche die ſämtlichen Seitenflächen wie die Grundfläche des Prismas berührt, vollſtändig in dem Waſſer untergeht. Wie hoch ſteigt durch die in das Waſſer verſenkte Kugel die Flüſſigkeit in dem beſagten Prisma? 213 2) Ein Viereck durch eine Parallele zu einer Seite deſſelben ſo zu teilen, daß ſich der kleinere Teil zum größeren wie 1: 2 verhält. 3 3) Jemand will ſein Leben verſichern, daß ſeine Kinder nach ſeinem Tode 30 000 M. erhalten. Wie viel muß er nach Ablauf eines jeden Jahres zahlen, wenn er nach den Sterblichkeitstabellen noch 31 Jahre zu leben hat und die Zinſen zu 4 ½% gerechnet werden. 4) Nach wieviel Sekunden wird man einen Stein, den man in einen 200 m tiefen Schacht fallen läßt, aufſchlagen hören? 2) Oſtern 1895. 1) Von einem Kegelſektor iſt die Kalotte des Kugelſegmentes gleich dem Mantel des zugehörigen Kegels. Wie groß iſt der Zentriwinkel, welcher zu dieſem Kugelſektor gehört und wie verhält ſich der Kubikinhalt des Sektors zu dem der Kugel? 2) Von einem Dreieck iſt gegeben der Inhalt JI= 78120 qm, die Summen zweier Seiten b+= 806 m und a= 496 m. Es ſollen die drei Winkel«,„, y, die Seiten b und c, der Radius des einbeſchriebenen Kreiſes 0 und der Radius des unbeſchriebenen Kreiſes trigonometriſch berechnet werden. 3) Ein gegebenes Dreieck in ein Antiparallelogramm zu verwandeln, welches die größere der Parallelſeiten von gegebener Größe und den Winkel, welcher dieſer Seite anliegt, gleich 720 hat. 4) Wie hoch ſtieg eine ſenkrecht in die Höhe geſchoſſene Kugel, welche nach 100 Sekunden wieder zur Erde fiel, und mit welcher Geſchwindigkeit wurde ſie abgeſchoſſen? Der Wiederſtand der Luft ſoll bei der Rechnung unberückſichtigt bleiben. Vom chriſtlichen Religionsunterricht war keiner der chriſtlichen Schüler befreit. Jüdiſcher Religionsunterricht(2 St. w.). An dieſem den jüdiſchen Schülern der beiden hieſigen Anſtalten freigeſtellten Unterrichte, welcher in der oberen Abteilung von dem Landrabbiner Dr. Prager, in der mittleren vom Seminarlehrer Katz und in der unteren vom Seminarlehrer Gutkind geleitet wurde, nahmen 9 Schüler teil. Der Unterricht wurde in dem Gebäude des Wilhelms⸗Gymnaſiums erteilt. Hebräiſch(2 Abteilungen in je 2 St. w.). Hüpeden, von Anfang Dezember in Vertretung die beiden Oberlehrer vom Wilhelms⸗Gymnaſium Zülch(für Prima) und Bleckmann(für Sekunda). Teil nahmen 4 Schüler der Prima und 3 Schüler der Oberſekunda. Engliſch(2 St. w.). Dr. Brede. Es nahmen teil im S.: in Abt. I 5, in Abt. II 17 Schüler; im W.: in Abt. I 5, in Abt. II 17 Schüler. Geſang(3 St. w.). Dr. Brede([—VI) und Bättenhauſen(V und VI). 1) Baß und Tenor(1 St. w. 39 Schüler der Klaſſen I und II);— 2) Sopran und Alt(1 St. w. 73 Schüler aus III—VI;— 3) Chorgeſang(1 St. w. 112 Schüler aus I—VI).— 4) Quinta(2 St. w.).— 5) Sexta(2 St. w.).— Von den Schülern der V und VI war keiner vom Geſangunterrichte befreit. Zeichnen für die Schüler der oberen Klaſſen(2 St. w. im Wilhelms⸗Gymnaſium). Wenzel. Es nahmen teil im S.: 5, im W.: 2 Schüler der Klaſſen I und II. Turnen. Die Anſtalt beſuchten im S.: 289, im W.: 283 Schüler. Von dieſen waren befreit Vom Turnunterrichte überhaupt: Von einzelnen Übungsarten: Auf Grund ärztlichen Zeugniſſes: V im S. 11, im W. 16. im S. 3, im W.—. aus anderen Gründen: im S.—, im W.—. im S. 1, im W. 2. zuſammen im S. 11, im W. 16. im S. 4, im W. 2. alſo von der Geſamtzahl der Schüler V im S. 4%, im W. 6%R, 0 im S. 1 ½%, im W. 1%. —14. Es beſtanden bei 9 getrennt zu unterrichtenden Klaſſen 8 Turnabteilungen; zur kleinſten von dieſen gehörten 30, zur größten 42 Schüler. Für den Turnunterricht insgeſamt waren wöchentlich 24 Stunden angeſetzt. Ihn erteilten Turnlehrer Bättenhauſen in 7 Klaſſen.. 14 Stunden Oberlehrer Paulus„ 2„.. 6„ Oberlehrer Prätorius„ 1„. 2„ Der wiſſenſchaftliche Hülfslehrer Baumann„ 1„. 2„ Eine Turnhalle und ein von Bäumen beſchatteter Turnplatz, beide zum Gymnaſium gehörig, liegen unmittelbar am Gymnaſialgebäude. Turnſpiele finden teils auf dem Turnplatz teils(im Sommer) auf dem freilich ½ Stunde entfernten Forſte ſtatt, an denen ſich die Schüler alle und gern beteiligen. An dem Baden und Schwimmen in der Militär⸗Schwimmanſtalt, welche dem Gymnaſium für be⸗ ſtimmte Stunden des Tages zur Benutzung vorbehalten war, beteiligten ſich 189 Schüler. Schwimm⸗ unterricht erteilten die Schwimmlehrer des Infanterieregiments von Wittich(3. heſſ. Nr. 83) an 80 Schüler. Freiſchwimmer ſind 138 Schüler, von dieſen haben das Schwimmen erſt im Berichtsjahre erlernt 17. Die Zahl der Freiſchwimmer beträgt 48% der Geſamtzahl der Schüler. Neu eingeführte Lehrbücher. An Stelle der bisher gebrauchten Lehrbücher treten für das kommende Schuljahr die folgenden neu eingeführten in den daneben bezeichneten Klaſſen: Völker, Bibliſches Leſebuch in IV und III; Muff, Deutſches Leſebuch für Untertertia in III⸗; Hoffmann, Auswahl aus der klaſſiſchen Litteratur des Mittelalters in II’; Holzweißig, Lateiniſche Schulgrammatik in IIIe; Holzweißig, Lateiniſches Übungsbuch iu IIIe; Plötz⸗Kares, Kurzer Lehrgang der franzöſiſchen Sprache; Elementarbuch, Ausg. B. in IV; Sumpf, Grundriß der Phyſik, Ausg. A.(mit Piepers Mathematiſcher Erdkunde als Anhang) in IIIi und II. II. Berkügungen der vorgeletzten Behörde. Caſſel, am 4. Juni. Die Anſchaffung neuer Schulbänke für einige Klaſſen der Anſtalt wird genehmigt. Caſſel, am 14. September. Die Anlage eines Blitzableiters auf dem Gymnaſialgebäude wird genehmigt. Caſſel, am 19. Oktober. In den Schulnachrichten und Verwaltungsberichten iſt Mitteilung zu machen über den Betrieb des Turnens, der Turnſpiele und des Schwimmens an der Anſtalt. Caſſel, am 14. Januar. Genehmigung der Einführung einer Anzahl neuer Lehrbücher. Caſſel, am 16. Januar. Es iſt bei den Schülern ganz beſonders auf die Förderung einer guten und leſerlichen Handſchrift hinzuwirken. 15 III. Schulgelchichte. Am 15. März fand in der Turnhalle eine ſehr zahlreich beſuchte muſikaliſche Abendunterhaltung ſtatt; am 17. März wurde das Schuljahr 1893/94 nach einer gemeinſamen Andacht geſchloſſen. Das neue Schuljahr wurde am 2. April nachmittags 3 Uhr eröffnet und 44 neu aufgenommene Schüler auf die Schulgeſetze verpflichtet. Profeſſor Dr. Kius war vom 1. März bis 12. Mai zu einer Reiſe in den Orient beurlaubt. Üüber ſeine Vertretung ſ. o. S. 4. Kandidat Homburg kehrte, da Profeſſor Hüpeden vom 1. Mai an ſeinen Unterricht wieder übernahm, zu der genannten Zeit nach Hanau zurück. An der Verſammlung von Lehrern der höheren Lehranſtalten unſerer Provinz und des Fürſtentums Waldeck zu Frankfurt aM. am 2. Mai nahm Profeſſor Dr. Zuſchlag teil. Am 11. Mai beſuchte Herr Geheimrat Dr. Lahmeyer den Unterricht der beiden Seminarkandidaten, ebenſo am 21. September, dann am 29. Januar den Unterricht des Seminarkandidaten und einer Anzahl anderer Lehrer der Anſtalt. An dem in der Zeit von 15. bis 23. Mai in Bonn und Trier abgehaltenen archäologiſchen Kurſus beteiligte ſich der Direktor. Am 5. Juni unternahmen ſämtliche Klaſſen unter Führung ihrer Ordinarien bei ſehr günſtigem Wetter die üblichen Ausflüge. Am 15. Juni fand zum Gedächtnis des Todestages Kaiſer Friedrichs in der üblichen Weiſe eine Schulfeier ſtatt, ebenſo am 18. Oktober zur Erinnerung an den Geburtstag desſelben, am 9. März zum Ge⸗ dächtnis des Todestages Kaiſer Wilhelms I., am 22. März zur Erinnerung an den Geburtstag desſelben. Die Sommerferien dauerten vom 1. bis 31. Juli. In den erſten Tagen derſelben unternahm der Geſangverein der Primaner unter Führung des Direktors, des Profeſſor Püttgen, des Oberlehrers Dr. Brede und Kandidaten Jäckel einen Ausflug an den Rhein. Die ſchriftliche Reifeprüfung für den Michaelistermin fand ſtatt in der Zeit vom 20. bis 24. Auguſt die mündliche unter dem Vorſitze des Direktors am 13. September. Die Feier des Sedantages wurde am 1. September durch einen Schulakt in der Aula begangen. Profeſſor Dr. Kius ſprach über das Lützow'ſche Freikorps. Der übliche Ausflug konnte wegen des andauernd ungünſtigen Wetters nicht ſtattfinden. Eine muſikaliſche Abendunterhaltung an dem⸗ ſelben Tage, in der beſonders die altniederländiſchen Volkslieder zum Vortrag kamen, war ſehr zahlreich beſucht und erntete reichen Beifall. Das Sommerhalbjahr wurde am 22. September mit einer gemeinſamen Andacht geſchloſſen. Mit dem Schluſſe des Sommerhalbjahres verließen die Kandidaten Pohl und Jäckel nach Beendigung ihres Seminarjahres die Anſtalt, jener um an der hieſigen Oberrealſchule, dieſer um an dem Realgymnaſium zu Wiesbaden das Probejahr zu beſtehen. Vom 3. Oktober bis 20. November war Oberlehrer Prätorius zur Teilnahme an einem archäologiſchen Kurſus in Italien beurlaubt. Über ſeine Vertretung ſ. o. S. 4.. Das Winterhalbjahr begann am Montag d. 8. Oktober. Zufolge Verfügung vom 19. Oktober trat zu dieſer Zeit der Kandidat des höheren Schulamtes Emil Becker aus Hanau ſein Seminarjahr an der Anſtalt an. Bei Gelegenheit des Reformationsfeſtes wurden 9 Exemplare der Urkunde über die Einweihung der Schloßkirche zu Wittenberg und 5 Exemplare der Schrift von Witte„die Erneuerung der Schloßkirche 6 zu Wittenberg“, an geeignete und würdige Schüler der drei oberen Klaſſen verteilt, wozu ſie von Sr. Excellenz dem Herrn Miniſter zur Verfügung geſtellt waren. Am 5. November fand in der Aula eine Feier ſtatt zum Gedächtnis der 400 jährigen Wiederkehr des Geburtstages von Hans Sachs, beſtehend aus Chorgeſängen, dem Vortrage Hans⸗Sachſiſcher Gedichte durch Schüler und einem Feſtvortrage des Profeſſors Hüpeden. Von Ende November an wurde Kandidat Bode mit Verſehung einer Lehrerſtelle am hieſigen Wilhelmsgymnaſium beauftragt. Zur Vertretung des Reichstagsabgeordneten Profeſſor Hüpeden wurde Kandidat Franz Pellens mit Verſehung der Lehrerſtelle desſelben vom Anfang Dezember beauftragt. Doch erteilt den Hebräiſchen Unterricht in Prima Oberlehrer Zülch und in Oberſekunda Oberlehrer Bleckmann vom hieſigen Wilhelms⸗Gymnaſium. Am 8. Dezember fand in der Aula eine Gedenkfeier des dreihundertjährigen Geburts⸗ tages Guſtav Adoffs ſtatt, bei der Chorlieder zum Vortrage gelangten und der Direktor den Schülern ein Bild des Lebens und der Bedeutung des großen Schwedenkönigs vorführte. Am 22 Dezember 11 Uhr wurde zum Schulſchluß bei brennenden Weihnachtsbäumen eine liturgiſche Weihnachtsandacht abgehalten. Die Ferien dauerten bis zum Dienſtag d. 8. Januar. Kandidat Auth wurde von Weihnachten ab mit der Verſehung einer Lehrerſtelle an der Realſchule zu Diez beauftragt. Am 26. Januar fand zur Vorfeier des Geburtstages Sr. Majeſtät des Kaiſers und Königs eine öffentliche Schulfeier ſtatt, beſtehend in Chorgeſängen, Vorträgen von patriotiſchen Gedichten und einer Feſtrede des Oberlehrers Prätorius über„Bismarck als Verwirklicher des deutſchen Einheitsgedankens.“ Herr Geheimrat Dr. Lahmeyer wohnte der Feier bei. Dem früheren Direktor der Anſtalt, Herrn Dr. Vogt, wurde am Geburtstage Sr. Majeſtät des Kaiſers der Charakter eines Geheimen Regierungsrates huldvollſt verliehen. Oberlehrer Dr. Brede wurde durch Verfügung vom 2. Februar zum Mitglied der Prüfungs⸗ kommiſſion für Einjährig⸗Freiwillige berufen. Die ſchriftliche Reifeprüfung für den Oſtertermin war in der Zeit vom 4. bis 8. Februar, die mündliche unter dem Vorſitze des Herrn Geheimen Regierungsrat Dr. Lahmeyer am 27. Februar. Am 30. Februar fand in einer öffentlichen Feier die Entlaſſung der Abiturienten ſteatt. Dem Primus derſelben, Friedrich Ide, überreichte der Direktor nach ſeiner Entlaſſungsrede die Richter'ſche Denkmünze. Die ſchriftliche Abſchlußprüfung war in der Zeit vom 4. bis 9. März. Der Unterricht erlitt leider durch die oben aufgeführten zahlreichen längeren oder kürzeren Beur⸗ laubungen, anderweitige dienſtliche Verpflichtungen, ſowie kürzere oder längere Erkrankungen von Lehrern manche zum Teil empfindliche Unterbrechungen. 17 IV. Statiktiſche Mitteilungen. A. Tranenzülcr icht für das Schuljahr 1894 95. — I 01 UI on on om UII IV V V V VI Sa. 1. Beſtand am 1. Februar 1894 20 20 31 31 32 41 37 30 38 280 2. Abgang bis zum Schluß des Schuli 1893/94ſ 1 1 6. 2 2 5 1136 3a. Zugang durch⸗ Verſetzung zu Oſtern 20 V 21 V 27 24 V 36 1 32 1 28 V 36 V 224 3b. Zugang durch Aufnahme zu Oſtern.. V 3 2 V 2 3 3 4 31 44 1 Freuenz an Aufang des Schuh. 1894,05] 22 21 33 30] 41 38 31 37] 32(28s 5. Zugang im Sommerhalbjahr..... V. V. V 1 V. 4 1 V.1 6a. Abgang im Sommerhalbjahr. 2 V 1 2 1 2 2 10 6b. Abgang durch Verſetzung zu Michaelis.... V 1 1 V 7a. Zugang durch Verſetzung zu Michaelis. V. V V w. V 7. Zugang durch Aufnahme zu Michaelis. V 1 V b V. V 1 1 1 8. Frequenz am Anfang des Winterhalbjahrs 20 21 34 31 43 36 31 36 31 283 9. Zugang im Winterhalbjahr b V V. V 10. 10. Abgang im Winterhalbjahr. 1 V V V 2 V 2 5 11. Frequenz am 1. Februar 18 1895 1¹9 21 34 31 43 3 34[3¹1 34 31 2:8 12. Durchſchnittsalter.19 ½2 17 2 17 116 ⁄ 14 3 1319 121 11 1 10 1 B. Religions⸗ und Heimatsverhältniſſe der Schüler. Evang. Kath. Diſſd. Juden. ſeinbeim Ausw. 1 iar Ausl Beſen. — umorten. V Schüler. 1. Am Anfang des Sommerhalbjahrs 254 15 19 234 51 V 114 3 288 2. Am Anfang des Winterhalbjahrs. 251 14 18— 54 4 3 283 3. Am 1. Februar 1895. 246 114. 1s 222 54 u 2 278 Das Zeugnis der wiſſenſchaftlichen Befähigung für den einjährigen Militärdienſt haben zu Oſtern 1894 erhalten 27 Schüler, davon ſind 3 zu einem praktiſchen Berufe abgegangen. —1 c. Verzeichnis der für reif erklärten Schüler der Oberprima. 5 der Geburts⸗ V Be. Des Vaters a. dentzats S Name Vorrame Alter Hir 4 der eee Gewählter Beruß . Ort Tag Reli Stand Wohnort tritts⸗ An⸗ Pri⸗ S gion. klaſſe ſtalt ma Michaelis 1894. V V V 1. Hooß. Otto. Caſſel 16. April876 18 S.5 M. ref. Kaufmann Caſſel VI 9 ½ 21 ⁄½ Rechtswiſſenſchd 2. Lohr.. Gottfried Heiligenrode b. 30. Juni 1873 21 J.3 M. ref. Generalſuper⸗ Caſſel VI 11 ½ 2 ½ Heilkunde. Caſſel intendent. b. Oſtern 1895. 3. Ide.„Friedrich Caſſel 9. März 1877718 J. ref. Buchhalter b. d Caſſel VI 9 2 TLheologie. Reg.⸗Hauptk. 4. Sunkel„Heinrich Rotenburg 2. Mai 1877 17.9 M. ref. Gaſtwirt Rotenburg Il 4 b 2 Rechtswiſſenſche 5. Groß. Ernſt Friedberg, 29. Sept. 1875 19 J5 M. luth. Landmeſſer und Caſſel IV 7 ½ 2 Heilkunde. Oberheſſen Kultur⸗Ingen. 6. Theobald Philipp Homberg 11. März187718 J. ſref. Amts⸗Ger.⸗R.ſ Caſſel VI 9 2 Heilkunde. V 7. Arnim, Graf v. zuif Berlin 11. Apr. 187618 J11 Mluth. Rittmeiſter † Berlin IIl 6 2 Herresdienſt. erner 8. Wedemeyer Wilhelm Conſtantinopel 28. Dez. 1874 2082 luth Rentner Caſſel VI 11 2 Rechtswiſſenſche 9. Schmitt Paul Kalk b. Köln 16. Dez. 1876 18 J.2 M. ev. Hauptm. a. D. Caſſel VI 9 2 Chemie. 10. Clermont Rudolf Eſchwege 5. Juli 1874 20 J. 7 M. ref. Kaufmann Eſchwege 1 3 3 Loheologie. 11. Pfannkuch.. Fritz Caſſel 9. Dez. 1875 19 J.3 M. ref. prakt. Arzt Caſſel VI 10 2 Heilkunde. 12. Arnim, Graf v. Adolf Berlin 31. März1875 19 J11 Mluth. Rittmeiſter † Berlin II 6 2 Rechts⸗ 8 35 Wiſſenſchaft. 13. Hannig.„Johannes Nordhauſen 12. Febr. 1875 20 J.1 M. kath. Eiſenbahn⸗Be⸗ Caſſel VIS 2 Theologie. V am Harz triebsſekretär 14. Heinze Max LKaſſel 25. Febr. 187718 J. luth. Lehrer † Caſſel VI 9 2 Kaufmannſchaft. 15. Siemon..Auguſt Caſſel 21. Dez. 1873 21 J.2 M. ref. Oberſekretär b. Caſſel VI 11 3 Rechtsviſſenſche Landesdirektor. 16. Zulauf Karl Caſſel 26. Juli 1873 21 J. 6 M. ref. Hoſeat amKgl. Caſſel V VI 12 2 SHeilkunde. Theater 17. Range..Ernſt Kaſſel 18. Juni 1874,20 J. 8M. ref. Hofjuwelier Caſſel VI 11 ½ 2 Seeresdienſt. 18. Ruckert..Alfred Caſſel 23. Okt. 1875 19 J. 4 M. ref. Kaufmann Caſſel VI10 2 SHeilkunde. ¹⁹ V. Bammlungen von LTehrmitteln. 1. Bibliothek. a. Lehrerbibliothek. Aus den etatsmäßigen Mitteln ſind im Laufe des Jahres angeſchafft worden: An Fortſetzungen: Die chriſtliche Welt.— Chronifk der chriſtlichen Welt.— Beweis des Glaubens.— Centralblatt für die geſamte Unterrichtsverwaltung.— Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogik.— Zeitſchrift für den deutſchen Unterricht.— Verhandlungen der Direktorenkonferenzen in Preußen.— Zeitſchrift für das Gymnaſialweſen.— Gymnaſium. — Blätter für höheres Schulweſen.— Lehrproben und Lehrgänge.— Zeitſchrift für mathematiſchen und naturwiſſenſchaftlichen Unterricht.— Monatsſchrift für das Turnweſen.— Zeitſchrift für Schulgeſundheitspflege.— Grimm, Deutſches Wörterbuch. — Roſcher, Lexikon der griechiſchen und römiſchen Mythologie.— Oſtwald, Klaſſiker der exakten Wiſſenſchaften.— Müller, Tiere der Heimat.— Müller, J., Handbuch der klaſſiſchen Altertums⸗Viſſenſchaft. Außerdem wurden angeſchafft: Kayſer, Theologie des alten Teſtaments.— Kautzſch, Die Heilige Schrift des alten Teſtaments.— Luthardt, Die antike Ethik.— Eucken, Lebensanſchauungen der großen Denker.— Eucken, Grundbegriffe der Gegenwart.— Nietzſche, Unzeitgemäße Betrachtungen I. II.— Ueberweg⸗Heinze, Geſchichte der Philoſophie.— Falckenberg, Geſchichte der neueren Philoſophie.— Krauſe, Kants Kritik der reinen Vernunft.— Fechner, Die Seelenfrage.— Lotze, Grundzüge der Äſthetik.— Lotze, Grundzüge der Pſychologie.— Lotze, Grundzüge der Logik.— Lotze, Grundzüge der Metaphyſik.— Lotze, Grundzüge der Naturphiloſophie.— Fiſcher, Schiller als Philoſoph.— Kluge, Von Luther bis Leſſing. — Coſack, Leſſings Hamburgiſche Dramaturgie.— Genôe, Hans Sachs und ſeine Zeit.— Greif, Hans Sachs— Nicolai, Juſtus Möſer.— Wagner, Der Ring des Nibelungen.— Engelmann, Nibelungenlied.— Engelmann, Gudrunlied.— Engelmann, Parzival.— Engelmann, Frithjofſage.— Krumbach, Deutſche Aufſätze.— Schultz, Meditationen II.— Schmidt, Graf Albert von Hohenberg. I. II.— Wattenbach, Deutſchlands Geſchichtsquellen. I. II.— Treitſchke, Deutſche Geſchichte. V.— Lamprecht, Deutſche Geſchichte. IV. VI.— Tauſcher, Geſchichte der Jahre 1815—71.— Hallier, Kultur⸗ geſchichte.— Kallſen, Die deutſchen Städte im Mittelalter. I.— Gemälde aus dem Zeitalter der Kreuzzüge.— Eilers, Wanderung durchs Leben.— Naſſe, Dahlmann.— Eberty, Jugenderinnerungen.— Strieder, Heſſiſche Gelehrtengeſchichte. XVII. XVIII.— Ackermann, Bibliotheca Hassiaca, Nachtrag 1—5.— Overbeck, Pompeji. 4. Aufl.— Hettner, Die römiſchen Steindenkmäler zu Trier.— Peſchel, Geſchichte der Geographie.— Sepp, Meerfahrt nach Tyrus.— Hehn, Italien.— Gregorovius, Wanderjahre in Italien.— Geiſtbeck, Leitfaden der mathematiſchen und phyſikaliſchen Geographie.— Wünſche, Die verbreitetſten Pflanzen Deutſchlands.— Wünſche, Die Pilze.— Troueſſart, Die geographiſche Verbreitung der Tiere— Keller, Alpentiere.— Looß, Schmarotzertum in der Tierwelt.— Kolbe, Die Inſekten.— Ludwig, Lehrbuch der niedern Kryptogamen.— Graetz, Elektrizität.— Meyer, Leitfaden der Aſtronomie, Phyſik und Mikroſkopie.— Holzmüller, Einführung in das ſtereometriſche Zeichnen.— Cauer, Die Kunſt des Überſetzens.— Haupt, Livius⸗Kommentar. XXI.— Lorenz, Gymnaſialweſen, Pädagogik und Fachbildung.— Willmann, Didaktik. J.— Dittes, Schule der Pädagogik. — v. Wilamowitz⸗Möllendorff, Zukunftsphilologie.— Rohde, Afterphilologie.— Heymann und Uebel, Kommentar zu Lehmanns Bildern. 2. 3.— Öhlmann, Erläuterungen der Hirt'ſchen Bilder. An Geſchenken erhielt die Bibliothek: Von Sr. Excellenz dem Herrn Miniſter: 1) Erk, Deutſcher Liederhort. I. II. III. 2) Witte, Die Erneuerung der Wittenberger Schloßkirche. 2 Expl.— Von dem Kgl. Provinzial⸗Schulkollegium: 1) v. Heuglin, Kaiſer Wilhelm II.— 2) v. Hellen, Hanna.— 3) Jahrbuch für Jugend⸗ und Volksſpiele. 3. Jahrgang.— Von der Reſidenzſtadt Caſſel: Verwaltungsbericht 1892/93.— Von der Univerſität Marburg: Akademiſche Schriften.— Vom Verein für heſſiſche Geſchichte: Zeitſchrift des Vereins(Fortſetzung).— Vom National⸗Erziehungsbüreau zu Waſ⸗ hington: Report of the commissioner of education 1890/91. I. II.— Vom Ausſchuß zur Errichtung eines Honterus⸗Denkmals in Kronſtadt: Wolf, Honterus.— Von Herrn J. Lewalter in Caſſel: Deutſche Volks⸗ lieder. 5.— Von Herrn Prof. Dr. Strack in Berlin: Einleitung in den Thalmud.— Von Herrn Dr. Scheffler in Braunſchweig: 1) Die Naturgeſetze. 11 Bde.— 2) Die Welt nach menſchlicher Auffaſſung.— 3) Die Grundlagen der Wiſſenſchaft.— 4) Die Hydraulik auf neuen Grundlagen.— 5) Beiträge zur Theorie der Gleichungen.— 6) Beiträge zur Zahlentheorie.— 7) Die quadratiſche Zerfällung der Primzahlen.— 8) Beweis eines Satzes von Legendre.— 9) Die Aquivalenz der Naturkräfte.— Von Herrn Pfarrer Fürer in Caſſel: Heinrich Heine.— Von Herrn Profeſſor Dr. Hottinger in Berlin: 1) Die Welt in Bildern.— 2) Der deutſch⸗franzöſiſche Krieg 1870— 71.— Von der Verlags⸗ handlung von Meißnerin Hamburg: 1) Schwahn, Hilfsbuch für den Geſchichtsunterricht. 1— 4.— 2) Schwahn, Lehrbuch der Geſchichte.— Von der Verlagshandlung von Freytag in Leipzig: Thukydides, Ausgewähite dlſchnite I. II. 20 — Von der Verlagshandlung von Schwetſchke und Sohn in Braunſchweig: Foertſch, Fremdwörter.— Von der Verlagshandlung von Gärtner in Leipzig: Pätzoldt, Paraphraſen von Briefen Ciceros.— Außerdem ſchenkten Direktor Dr. Heußner: Frick, Pädagogiſche und didaktiſche Abhandlungen. I. II.— Profeſſor Hüpeden: Beſchreibung der Garniſon Caſſel.— Profeſſor Dr. Kius: 1) Schriften des Vereins für Reformationsgeſchichte(Fort⸗ ſetzung).— 2) Kunze, Kalender für das höhere Schulweſen Preußens. II. 1894/95.— 3) Thimm, Deutſches Geiſtesleben.— 4) Die Grenzboten. Jahrgang 53.— 5) Literariſches Centralblatt 1894.— 6) Heſſenland. VII. VIII.— Abiturient A. Ruckert: 1) Exner, Der Weg zum Einjährig⸗Freiwilligen.— 2) Lockyer, Aſtronomie. b. Schülerbibliothek: Brand, Unter König Jérome.— Deutſcher Jugendfreund. 49.— Deutſcher Kinderfreund 1880/82. 1886/94.— Ebers, Kleopatra.— Fulda, Talisman.— Hertzberg, Der Feldzug der Zehntauſend.— Hirt, Bilderſchatz.— Höcker, Stegreif und Städtebund.— Höcker, Im Rock des Königs.— Höcker, Der Seekadett von Helgoland.— Höcker, Der Schiffsjunge des Großen Kurfürſten.— Kohlrauſch, Leitfaden der praktiſchen Phyſik.— Kulturbilder aus dem klaſſiſchen Altertum. I. II. V. VI.— Kummer, Führer in die Pilzkunde.— Mach, Grundriß der Naturlehre. 1. 2.— Moltke, Ge⸗ ſchichte des deutſch⸗franzöſiſchen Krieges.— Münſcher, Geſchichte von Heſſen. 2—5.— Sattler, Leitfaden der Phyſik und Chemie.— Schwebel, Der Große Kurfürſt.— Stein, Der Mönch vom Berge.— Sumpf, Anfangsgründe der Phyſit.— Sumpf, Schulphyſik.— Kurſchat, Hanno der Liliputerfürſt. 2. Philologiſch⸗hiſto riſche Anſchauungsmittel: Angeſchafft wurden: 3 ſtereoſkopiſche Apparate mit 22 Photographien; 3 Wandtafeln von Cybulsky; 6 Wandtafeln von Lehmann; Forum Romanum, Wandkarte von Richter; 4 Wandtafeln von Lohmeier(2. Serie 1— 4); 7 große Photographien von römiſchen Skulpturen. Geſchenkt wurden: 1) Vom Kgl. Prov.⸗Schulkoll., ein Bild, Anbetung der h. drei Könige von Raffael. 2) Von dem Direktor drei Photographien, Anſichten aus Trier. 3) Von Herrn P. Dietz, Forum Romanum Oſtſeite, nach Hülſen von ihm ſelbſt gezeichnet. 4) Von dem Untertertianer Engelhard 3 Zeichnungen(Wandelturm, 2 Laufhallen). 5) Von dem Untertertianer von Königsdorff Zeichnungen einer Katapulte und keines römiſchen Hornbläſers. 3. Naturgeſchichtliche Lehrmittel:. Für den Unterricht in der Tierkunde wurden angeſchafft: Anatomiſche Präparate einer Ratte, eines Staares, einer Schleihe, eines Froſches und einer Muſchel; ferner die Entwicklung eines Froſches und einer Motte und eine Sammlung von Beiſpielen für die Schutzfärbung.— Die Lehrmittel für die Pflanzenkunde wurden vermehrt durch eine Sammlung von Flechten und Moſen und eine Sammlung von Stücken verſchiedener Hölzer.— Für die Steinkunde wurde eine Sammlung von Edel⸗ und Schmuckſteinen angeſchafft.— Die Abbildungen wurden durch Schlitzbergers„Kulturpflanzen“ und die Modelle durch das eines Hochofens vermehrt. Es ſchenkten: Herr Apotheker Wagner eine Pflanzenſammlung; v. Hundelshauſen(III2) das Neſt eines Rotſchwänzchens und ein Rehgeweih; Troſt(III2) eine Bekaſſine; Steinbach(VI) einen Wanderfalken. Um die Fütterung der Terrarien⸗ und Aquarientiere machten ſich beſonders verdient die Untertertianer v. Hundels⸗ hauſen und Knetſch. 4. Phyſikaliſche Lehrmittel: Neu angeſchafft wurden: 2 Aluminium⸗Elektroſkope mit Nebenapparaten, ein Drahtgazezylinder, ein Seifenblaſen⸗ Apparat, ein Kegelkonduktor, ein Kapazitätsmeſſer, eine zerlegbare Leydener Flaſche, ein Aluminium⸗Elektrometer, ein Statif, eine Spirituslampe, ein Thermometer mit dreifacher Skala, ein Modell einer Dezimalwage; Kochflaſchen, Retorten, Glasröhren und Reagensgläschen für den Gebrauch in dem chemiſchen Unterricht. 5. Geographiſche Lehrmittel: Neu angeſchafft wurden: Dron ke, Phyſikaliſche Schulwandkarte der Erde.— Sydow⸗Habenicht, orohy⸗ drogr. Karte von Frankreich.— van Kampen, Gallia. 21 Die Bibliotheken verwaltet Profeſſor Dr. Kius, die philologiſche⸗hiſtoriſchen Auſchauungsmittel Oberlehrer Paulus, die naturgeſchichtlichen Lehrmittel Oberlehrer Dr. Heermann, die phyſikaliſchen Profeſſor Dr. Zuſchlag, die geographiſchen Profeſſor Stoll, die Sammlung von Muſikalien Ober⸗ lehrer Dr. Brede, die Lehrmittel für den Zeichenunterricht Zeichenlehrer Wenzel. Allen freundlichen Gebern, welche unſere Sammlungen mit Geſchenken bedacht haben, ſage ich auch an dieſer Stelle im Namen des Gymnaſiums herzlichen Dank. VI. Stiktungen und Unterktüßzungen von Schülern. 1. Die Zahl der Freiſchüler während des Rechnungsjahres 1893/94 betrug 34, die Summe des erlaſſenen Schulgeldes 3410 Mark. 2. Das Schönfeldſche Beneficium(ſ. Programm von 1844, S. 56 f.) genießt ſeit 1891 der Studioſus der Theologie Wilhelm Dippel aus Warburg. 3. Das Eckhardſche Beneficium(ſ. Programm von 1844, S. 57) genießt ſeit 1895 der stud. theol. Adolf Kankelwitz aus Lütgendorf. 4. Die Richterſche Denkmünze(ſ. Programm von 1872, S. 30 f.) wurde zu Oſtern 1894 dem Abiturienten Friedrich Ide verliehen. 5. Aus der Flügelſtiftung(ſ. Programm von 1872, S. 30 f.) wurden im Laufe des ver⸗ floſſenen Schuljahres 617 Bände Schulbücher an 91 bedürftige Schüler ausgegeben. Die Stiftung beſitzt jetzt 2299 Bände. Der Kapitalſtock dieſer Stiftung beträgt jetzt 4682 Mark 10 Pf. 6. Das Prinz⸗Wilhelms⸗Stipendium(ſ. Programme von 1877, S. 56, und von 1889, S. 71) genießt ſeit dem 1. April 1891 der stud. phil. Heinrich Weber aus Caſſel. 7. Das Jubiläums⸗Beneficium(ſ. Programm von 1880, S. 23 ff.) beſitzt jetzt einen Kapitalbeſtand von 4490 Mark 29 Pfg. Dasſelbe wurde zu einer Hälfte dem Okbertertianer Ernſt Frankfurth und zur andern Hälfte dem Oberſekundaner Erich Mengel verliehen. 8. Das Dr. Ernſt Kornemannſche Stipendium(ſ. Programm von 1880, S. 25, und von 1881, S. 68 f.) wurde in dem abgelaufenen Schuljahre dem Kandidaten phil. Dr. J. G. Sprengel aus Caſſel verliehen. Kapitalbeſtand: 17149 Mark 79 Pfg. 9. Lotzſche Stiftung(ſ. Programme von 1880, S. 25, und von 1881, S. 69). Das Stiftungs⸗ kapital iſt durch Zinſenertrag auf 5637 Mark 42 Pfg. angewachſen. Das Stipendium dieſer Stiftung erhielt der stud. phil. Heinrich Weber aus Caſſel. 10. Dr. Friedrich Großſche Stiftung(ſ. Programm von 1881, S. 13). Das Kapital der Stiftung beträgt jetzt 3022 Mark 91 Pfg. Die Zinſen desſelben wurden ſtiftungsmäßig den beiden Enkeln des Stifters, dem Unterſekundaner Friedrich Appel und dem Obertertianer Wilhelm Appel, verliehen. 11. Luther⸗Stipendium des Friedrichs⸗Gymnaſiums zu Caſſel 1883(ſ. Pro⸗ gramm von 1884, S. 37). Das Stiftungskapital beträgt jetzt 3915 Mark 91 Pfg. Das Stipendium dieſer Stiftung erhielt in dem Rechnungsjahre 1894/95 der stud. theol. Ernſt Paulus aus Volkmarſen. 22 12. Gideon⸗Vogt⸗Stiftung(ſ. Programm 1894, S. 14 f.). Kapitalbetrag 4476 Mark 29 Pfg. Das erſte Stipendium für 1894 erhielt der Quartaner Fritz Schaub. Das neue Schuljahr wird Montag den 22. April nachmittags 3 Uhr mit einer gemeinſamen Andacht eröffnet werden. Am Vormittage desſelben Tages von 8 Uhr an findet die Aufnahmeprüfung der neu zugehenden Schüler ſtatt. Caſſel am 23. März 1895. Dr. F. Heußner.