asiums in Bensheim. Ostern 1898. UÜber die Verbindung des deutschen und lateinischen grammatischen Unterrichts auf der Unter- und Mittelstufe des Gymnasiums. II. Teil ¹). Von Dr. Heinrich Schrohe. Man hat aufgehört die lateinische Grammatik um ihrer selbst willen zu treiben; viel- mehr dient sie abgesehen davon, dass sie ein gründliches Verständnis der Schriftsteller bezweckt, vor allem der sprachlich logischen Schulung, die aus mancherlei Gründen die Mutter- sprache selbst nicht geben kann²). Damit aber diese sprachlich logische Schulung dem Deutschen zu gute kommt, ist es zunächst notwendig, dass die lateinische Grammatik in engem An- schluss an die deutsche gelehrt wird; d. h. für die fremdsprachliche Erscheinung hat die verwandte deutsche Erscheinung den Ausgangspunkt zu bilden. Dementsprechend wird die lateinische Satzlehre, wie sie in den Tertien zu lehren ist, durch die Behandlung des zu- sammengesetzten Satzes in Quarta auf das beste vorbereitet. Nun unterliegt es aber doch keinem Zweifel, dass der lateinische Unterricht in den Tertien die Satzlehre, wie sie durch den deutschen Unterricht in Quarta Eigentum des Schülers wird, vielfach erweitert und ergänzt. Soll aber das, was da und dort in dem lateinischen Unterricht der Tertien für die Muttersprache gewonnen wird, nicht wieder verloren gehen, so müssen die einzeln geschauten deutsch-sprachlichen Erscheinungen auch in diesen Klassen zusammengefasst werden. Bildet der deutsche grammatische Unterricht der Quarta den Ausgangspunkt für die Belehrungen, die in den Tertien über die lateinische Satzlehre gegeben werden, so hat dieser Behandlung wiederum eine abschliessende Betrachtung der deutschen Satzlehre in den Tertien zu folgen. Nehmen wir lieber ein Beispiel, etwa die Dass-Sätze: I. In Quarta ist gelernt worden: 1) alle Nebensätze sind entweder Relativsätze oder konjunktionale Nebensätze oder indirekte Fragesätze; 2) die Nebensätze heissen entsprechend den Satzteilen, die sie vertreten, Subjekt-, Prädikat-, Objekt-, Adverbial- und Attributsätze. ¹) Der zweite Teil erscheint aus äusseren Gründen zuerst; er umfasst die Abschnitte der deutschen Satzlehre, die ich den beiden Tertien zur abschliessenden Behandlung zuweise. Den ersten Teil hoffe ich im nächsten Jahre nachzuliefern; in ihm werde ich die Pensa der deutschen Grammatik, die den Klassen Sexta, Quinta und Quarta zufallen, behandeln. ²) Hildebrand, vom deutschen Sprachunterricht, S. 3 ff. Programm Nr. 663. 4 — 2— II. Soll nun in IIIv die verschiedenartige UÜbersetzung, welche die Dass-Sätze im La- teinischen erfahren, geübt werden, so wird man an die deutschgrammatischen Kenntnisse, die die Schüler aus Quarta mitbringen, anknüpfen und zunächst etwa folgende Hausaufgabe stellen: Es ist im Anschluss an ein Lesestück oder an einige übersetzte Kapitel Cäsar eine bestimmte Anzahl von Dass-Sätzen, die nicht die Folge bezeichnen, zu bilden und bei jedem festzustellen, ob er das Subjekt oder das Objekt des Hauptsatzes vertritt. III. In der nächsten lateinischen Stunde werden diese Dass-Sätze besprochen; an einer grossen Reihe von ihnen wird festgestellt 1) dass sie durch konjunktivische(richtiger logische) Nebensätze oder den Infinitiv mit zu vertreten werden können; 2) dass sie alle, wenn sie unabhängig gemacht werden, entweder Urteils- oder Begehrungssätze sind; 3) dass sie von Verben des Sagens und Empfindens abhängig sind; 4) dass sie im Indikativ stehen, weil sie Thatsachen enthalten, oder im Konjunktiv, weil sie keine Thatsachen, sondern Vor- stellungen des Subjektes des regierenden Satzes wiedergeben, und 5) im Anschluss hieran, dass nicht das Verbum des Hauptsatzes den Indikativ oder Konjunktiv verlangt, sondern dass die Wahl des einen oder anderen Modus lediglich von dem Standpunkt des Satzurhebers!) abhängt. IV. Im Anschluss an diese Erkenntnis wird aus einer Reihe lateinischer Sätze, die der Lehrer zu diesem Zwecke aus der Lektüre zusammengestellt hat, für das Lateinische folgendes gewonnen ²): 1) die Dass-Sätze, welche das Subjekt oder Objekt des Hauptsatzes bilden, können im Lateinischen in dreierlei Weise wiedergegeben werden: a. durch den Acc. c. infin., b. mit ut finale und dem Konjunktiv, c. durch das faktische quod; 2) alle Be- gehrungssätze, die von einem Verbum des Sagens und Empfindens abhängig sind, werden mit ut finale konstruiert; 3) alle Urteilssätze, die von Verben des Sagens und Empfindens ab- hängig sind, kommen in den Acc. c. infin.; dabei ist es für die Ubersetzung ins Lateinische gleichgültig, ob diese Dass-Sätze nach deutscher Auffassung Thatsachen oder Vorstellungen enthalten, indem der Lateiner alles Gesagte und Empfundene nur als Gedanken des redenden und empfindenden Subjektes, also als innerlich abhängig, auffasst; 4) die Dass-Sätze werden mit quod wiedergegeben, wenn die Hauptsätze Urteile über die in den Dass-Sätzen aus- gesprochenen Thatsachen abgeben, nicht aber Verba des Sagens und Empfindens enthalten ³). Soweit ich sehe, beschränkt man sich auf Behandlung der in I—IV angedeuteten Fragen. Im Gegensatz zu dieser Praxis stelle ich die Forderung, dass man, nach- dem man die Übersetzung der Dass-Sätze an zahlreichen Beispielen geübt hat, eine Zusammenfassung der Beobachtungen, die einzeln in Bezug auf die deut- schen Dass-Sätze gemacht wurden, vornimmt, d. h. dass man die Kenntnisse, die im deutschen Unterricht der Quarta über die Dass-Sätze erworben wurden, er- weitert und zu einem gewissen Abschlusse bringt. Darum fordere ich: V. Im Anschluss an die zahlreichen Dass-Sätze ist festzustellen¹) 1) wann setzt der Deutsche den Indikativ, wann den Konjunktiv in Dass-Sätzen? 2) welche Dass-Sätze können ¹) Unter Satzurheber verstehe ich die Person, die den Satz bildet. Von dem Satze:„Cäsar ging über den Rhein“ bin ich der Satzurheber, indem ich ihn gebildet habe; steht er so im Cäsar, so ist dieser der Satzurheber, siehe übrigens S. 5 Anm. 1.. ²) Es sei hier dankbar anerkannt, dass mir Waldecks lat. Grammatik und praktische Anleitung zum Unterricht in der lat. Grammatik die Anregung zur vorliegenden Arbeit gab. ³) Den Unterschied zwischen iustum est reum absolvi und quod reus absolutus est finden die Schüler bald heraus. ⁴) Die Beantwortung der einzelnen Fragen, d. h. die Zusammenfassung nach Erledigung der Dass-Sätze siehe unten. — 3— durch konjunktivische(richtiger logische) Nebensätze vertreten werden? 3) wann setzt der Deutsche statt des Dass-Satzes den Infinitiv mit zu? 4) nach welchen Verben bildet der Dass- Satz das Subjekt oder Objekt des Hauptsatzes?(bekanntlich werden diese Verba des La- teinischen wegen auseinandergerissen). Diese Forderung, die hier für den einzelnen Fall gestellt wird, lässt sich nach Erledigung jedes Kapitels der lateinischen Satzlehre stellen. Hat man bisher hervorgehoben, dass der lateinischen Satzlehre als Vorbereitung das Allgemeine aus der deutschen Satzlehre in Quarta vorauszugehen habe, so betone ich, dass der erweiterten lateinischen Satzlehre die abschliessende deutsche Satzlehre in den Tertien zu folgen hat. Solche Zusammenfassungen, die nach Abschluss der einzelnen Kapitel der latei- nischen Grammatik in den Tertien vorgenommen wurden, biete ich im folgenden dar. Sie sind im deutschen Unterricht der Tertien gemacht worden, da nach unserem hessischen Lehr- plan auch hier die Behandlung grammatischer Fragen gestattet ist. Sollten solche Zusammen- fassungen im deutschen Unterricht der Tertien nicht mehr gestattet sein, und in dieser Lage ist man ja wohl auf Grund der neuen Lehrpläne in Preussen— so zögerte ich keinen Augen- blick, sie in lateinischen Stunden vorzunehmen. Denn der Zweck, dem die lateinische Gram- matik dienen soll, wird auch so gefördert; es wird jene sprachlich logische Schulung herbei- geführt, die sich vor allem in dem sprachlich- und folgerichtigen Gebrauche der Muttersprache offenbart. I. Die Tempora. 1. Mit dem Praesens wird eine Handlung bezeichnet, die in dem Zeitpunkt, in dem sich der Sprechende befindet, eintritt oder fortdauert.— Die Sonne geht auf. Es steht auch in allgemein gültigen d. h. für alle Zeiten geltenden Sätzen, z. B. zur Angabe sich stets wiederholender Thätigkeiten, allgemein anerkannter Thatsachen, zur Be- zeichnung stets vorhandener Sitten, Gewohnheiten, Eigenschaften. Dem Lügner glaubt man nicht. Im Deutschen ist das Praes. auch häufig der Stellvertreter des Futurs, z. B. Morgen komme ich statt morgen werde ich kommen. Der Deutsche sieht hier in dem Temporal- adverbium einen Ersatz für das Fut. Im Satzgefüge bezeichnet das Praes. eine Handl., die mit einer im Praes., Perf. Praesens oder Fut. I stehenden Haupthandl. gleichzeitig ist. Du wirst glücklich sein, so lange du Gott vor Augen hast. 2. Das Perfekt bezeichnet die vollendete Handlung und zwar a) den aus ihr her- vorgegangenen und in der Gegenwart fortdauernden Zustand; dies Perf. heisst Perf. Praesens; an seiner Stelle lässt sich stets ein gleichbedeutender praesentischer Ausdruck einsetzen, z. B. ich habe erfahren= ich weiss. b) eine in der Gegenwart des Sprechenden vollendete Handlung, die aber in ihren Ergebnissen nicht in der Gegenwart fortdauert. Rom ist zer- stört worden. Im Satzgefüge dient das Perf. dazu, die Vorzeitigkeit gegenüber dem Praes. zu bezeichnen..: 3. Das Futurum bezeichnet eine Handlung, die in dem Zeitpunkt des Sprechenden noch nicht eintritt, deren Eintreten aber bevorsteht oder als bevorstehend angenommen wird. 4. Das Imperfekt dient zur Bezeichnung a) einer vergangenen Handlung, die als dauernd oder öfter wiederholt aufgefasst wird, in letzterem Falle lässt sich an Stelle des Imperf.„pflegen“ anwenden, b) eine vergangene einmalige Handlung, die man in ihrem Zu- sammenhang mit anderen Handlungen der Vergangenheit auffasst. In dieser Weise wird es 1* — 4— in der Erzählung verwendet, in der das einzelne Ereignis einen Teil einer grösseren Anzahl von Begebenheiten bildet. Das Imperf. des Nebensatzes bezeichnet dessen Handlung als mit der Handlung des Hauptsatzes gleichzeitig. 5. Das Plusquamperfekt gibt an, dass die betreffende Handlung in der Vergangenheit vollendet war, als eine andere eintrat. 6. Das Futur II, das im Deutschen verhältnismässig selten angewandt wird, be- zeichnet eine zukünftige Handlung, die aber im Vergleich mit einer anderen zukünftigen Handlung früher vollendet sein wird. Vertreter des Fut. II ist 1) das Fut. I, 2) das Perf., 3) das Praes.; in dem ersten Falle wird nur das Zukünftige der Handlung, im zweiten nur das Vollendetsein der Handlung und im dritten nur das Eintreten der Handlung betont. Beispiel: Wir werden zufrieden sein, wenn Ariorist Gallien verlassen haben wird. Ersatz des schwerfälligen Fut. II: 1) wenn Ar. G. verlassen wird, 2) wenn Ar. G. verlassen hat, 3) wenn Ar. G. verlässt. Der Schüler ist, um das richtige Participium bei dem Participium coniunctum und dem Ablat. absol. zu wählen, im lateinischen Unterricht seit Quinta her an die Frage gewöhnt worden: In welchem zeitlichen Verhältnis steht die Handlung des Nebensatzes zu der des Hauptsatzes? Die Begriffe Gleichzeitigkeit und Vorzeitigkeit sind ihm daher bekannt. Welches Tempus in dem einzelnen Falle im Deutschen zu wählen ist, mag im Zusammenhang folgende Tabelle veranschaulichen: Tempus des Hauptsatzes Tempus des Nebensatzes wenn dessen Handlung der des Hauptsatzes a) gleichzeitig ist b) vorausgeht 1. Praesens Praesens Perfekt 2. Imperfekt Imperfekt Plusquamperf. Ersatz namentlich bei Temporalkonj. wie„als“ Imperfekt 3. Futur I Futur I Futur II Ers. Praesens Ers. Futur I „ Perfekt „ Praesens. II. Indikativ und Konjunktiv. Unterschied des Indikativs und Konjunktivs in Hauptsätzen. Nachdem(äsar den Ariovist besiegt hatte, kamen keine Germanen mehr über den Rhein. Thatsächlich hat Cäsar über den Ariovist gesiegt; Thatsache ist es auch, dass keine Germanen mehr über den Rhein kamen.(Thatsache, Wirklichkeit, also Indikativ der Modus der Wirklichkeit). Nun bilde ich den Satz: Wenn C(äsar den Ariovist nicht besiegt hätte, so wären noch mehr Germanen über den Rhein gekommen. Das im Haupt- wie im Nebensatz Ausgesagte ist nicht wirklich gewesen, sondern steht mit der geschichtlichen Wirklichkeit im Widerspruch. Wir wollen das„wenn“ umschreiben: Angenommen den Fall, dass C. nicht den Ar. besiegt hätte, so wären noch mehr Germanen über den Rhein gekommen. Warum steht also hier der Konj.? Um eine blosse Annahme zu bezeichnen. Was für eine Annahme? Die mit der geschicht- lichen Wirklichkeit im Widerspruch steht,(d. h. die in der Vergangenheit nicht eintrat).— — 5— Auf diesen Gedanken kommt mancher; der Fall tritt oft ein, also Thatsache; darum Ind.— Auf diesen Gedanken könnte einer kommen.— Ich stelle mir vor, ich nehme an, dass dies möglich ist; der Konj. bezeichnet hier eine Annahme und zwar von etwas Möglichem. In beiden Beispielen steht der Konj. in den Hauptsätzen. Er bezeichnet Vorstellungen. In wessen Seele finden sich diese? In der Seele des Sprechenden; anders ausgedrückt: in der Seele dessen, der den Satz gebildet hat, in der Seele des Satzurhebers:). Eine besondere Art des Konj. begegnet uns nur in Nebensätzen. In diesen bezeichnet der Ind. gerade so wie im Hauptsatze den Satzinhalt als etwas Wirkliches. Er wird ferner gebraucht, wenn der Satzurheber den im Nebensatz ausgesprochenen Gedanken als seinen eigenen bezeichnen will, z. B. Cäsar machte den Britanniern Vorwürfé, weil sie ihm ohne Grund mit den Waffen gegenübertraten. Der Satzurheber drückt mit dem Ind. im Nebensatze aus, dass seiner Ansicht nach das Gegenübertreten mit den Waffen den Cäsar zu den Vor- würfen veranlasste. Nun bilden wir folgenden Satz: Cäsar machte den Britanniern Vorwürfe, weil sie ihm ohne Grund mit den Waffen in der Hand entgegengetreten seien. Mit dem Konj.„seien“ wird das Entgegentreten mit den Waffen als Beweggrund des Subjektes des regierenden Satzes hervorgehoben. Der Satzurheber versetzt sich mit dieser Ausdrucksweise in den Gedankenkreis des Subjektes des regierenden Satzes, er bezeichnet den Nebensatz als dessen Vorstellung. Dieser Konj. heisst der subjunktive Konjunktiv; man sagt auch: der Neben- satz mit einem derartigen Konj. ist innerlich abhängig, d. h. abgesehen von der äusseren, rein grammatischen Abhängigkeit, in der jeder Nebensatz zu seinem Hauptsatze steht, ist auch noch eine innerliche Abhängigkeit vorhanden, indem der Nebensatz als eine Vorstellung des Subjektes des regierenden Satzes bezeichnet wird. Für den Konj. subj. werden meist die Kon- junktive der Haupttempora, d. h. des Präsens, Perfekts und Futurs(erster Form z. B. dass er kommen werde) verwendet und zwar auch nach Nebentempora im Hauptsatz.— Ich kann sagen: die Leute erzählen, dass er gestorben ist. Hier gebrauche ich den Ind., um zu be- zeichnen, dass mir die Thatsache zu Ohren gekommen ist. Die Leute erzählen, dass er ge- storben sei. Ich bezeichne das Gestorbensein ausdrücklich als Vorstellung des Subjektes des regierenden Satzes; ich, der Satzurheber, lasse es ungewiss, ob diese Vorstellung zutrifft oder nicht.— Ich zweifele, ob er gesund wird. Obwohl bei mir diese Ungewissheit besteht— man sollte deshalb den Konj. erwarten— steht dennoch der Ind., weil ich, der Satzurheber, den Gedanken als meinen eignen bezeichne.— Der Ind. stellt also im Deutschen den Inhalt der Aussage als den eignen Gedanken des Satzurhebers hin, der Konj. bezeichnet den Inhalt der Aussage als etwas vom Subj. des regierenden Satzes Gedachtes oder Gesagtes. Demgemäss ist in unserer Muttersprache der Ind. nach Verben möglich, die die Ungewissheit bezeichnen, und der Konj. nach solchen, die die Ge- wissheit ausdrücken. Im Lat. dagegen wird alles, was nicht der Satzurheber, sondern das Subjekt des regierenden Satzes sagt und empfindet— selbst wenn es für den Satzurheber Thatsache oder Wirklichkeit ist— nur als dessen Vorstellung aufgefasst. ¹) Der Satzurheber ist, wie ich bereits S8. 2 erwähnte, die Person, welche den Satz bildet; sonst nennt man sie auch die sprechende Person. Ich habe den erstgenannten Ausdruck dem letztgenannten vorge- zogen, weil man so einer Verlegenheit entgeht. In dem Satze:„Die Leute erzählen, dass Ariovist die Gesandten in Ketten werfen liess“, sind doch wohl die erzählenden Leute die sprechenden Personen; nach der seitherigen Auffassung aber wäre derjenige, der den Satz bildet, die sprechende Person. Nach der von mir festgehaltenen Ausdrucksweise bin ich, da ich den Satz gebildet habe, der Satzurheber, die Leute aber bilden das Subj. des regierenden Satzes. III. Die unabhängigen Urteils-, Begehrungs- und Fragesätze’¹). Vorbemerkung. Ein Satz entsteht dadurch, dass jemand— der Satzurheber— von einem Gegenstande etwas aussagt, oder allgemeiner: dass man von einem Begriff einen anderen aussagt, z. B. der Baum ist grün. Hier wird von dem Begriff Baum der Begriff grün sein ausgesagt. Das Verhältnis des Satzurhebers zur Aussage des einen Begriffes von dem anderen kann ein dreifaches sein. Daher unterscheiden wir drei Arten von Hauptsätzen: Urteilssätze, Begehrungssätze und Fragesätze. A. Urteilssätze. Der Satzurheber urteilt darüber, ob der eine Begriff von dem anderen auszusagen ist.— 1. Er behauptet, dass der eine Begriff vom anderen auszusagen ist(reales Urt.) der Baum grünt. Da der Satzurheber der Ansicht ist, dass die Aussage des einen Begriffes vom anderen wirklich zutrifft, nimmt er den Modus der Wirklichkeit, den Ind. 2. Er betont, dass möglicher Weise der eine Begriff von dem anderen auszusagen ist. Der Konj., der in diesem Falle verwendet wird, ist der Konj. der Nebentempora und heisst Potentialis. Er dient dazu 1) eine ausgesagte Handlungsweise als möglicher Weise ein- tretend hinzustellen: z B. vielleicht dächte noch mancher so, d. h. es besteht die Möglichkeit, dass noch mancher so denkt. Häufig tritt die Umschreibung mit möchte, könnte ein, z. B. so möchte, könnte noch mancher denken. 2) um eine an sich zweifellose Behauptung in be- scheidenere Form zu kleiden, z. B. ich dächte wohl. Wer wüsste nicht? Wer hätte nicht, gehört? Meist erfolgt auch hier Umschreibung und zwar mit möchte, dürfte, könnte, sollte z. B. Eine solche Behauptung möchte ich nicht aufstellen; bescheidener als: Eine solche Be- hauptung stelle ich nicht auf. Wer möchte dies behaupten?(statt Wer behauptet dies?) Ich sollte meinen(statt Ich meine). Dahin gehören auch die unpersönlichen Ausdrücke, deren Prädikat sein mit einem Adjektiv bildet. Es wäre billig, zu weitläufig; diese Formen heissen doch nichts anderes als: Nach meinem bescheidenen Urteil ist es billig, zu weitläufig u. s. w. Hier ist nach Heranbringen des lateinischen Potentialis festzuhalten: 1) der Lateiner gebraucht als Potentialis den Konj. Praes. oder Perf., der Deutsche den Konj. Imperf. oder Plusqu. 2) Der Lateiner nimmt abweichend vom Deutschen nicht den Potentialis, sondern den Ind. bei den Verben, die selbst schon die Aussageweise üändern, wie können und müssen; ebenso- wenig bei den obengenannten Fragen undzunpersönlichen Ausdrücken. Auch in Nebensätzen erscheint der Potentialis. Wer euch so sprechen hörte, der möchte euch Glauben schenken. Wichtiger als dieser Potentialis ist ein anderer. Er steht- nach den Verben des Sagens und Empfindens namentlich in Folge- und Relativsätzen, denen eine Negation vorausgeht; er bezeichnet die Möglichkeit und kann durch Einschiebung von Ausdrücken wie:„es besteht(bestand) die Möglichkeit, dass“ beseitigt werden. Beisp.: Gegen- wart: Ich kenne keinen, der dies thäte, d. h. ich kenne keinen, bei dem die Möglichkeit be- steht, dass er dies thut. Aristides ist zu gerecht, als dass er dem Hasse seiner Mitbürger entginge— als dass die Möglichkeit besteht, dass er dem Hasse entgeht. Vergangenheit: Ich habe keinen kennen gelernt, der dies gethan hätte, d. h. ich habe keinen kennen gelernt, bei dem die Möglichkeit bestand, dass er dies that. Aristides war zu gerecht, als dass er dem Hasse seiner Mitbürger entgangen wäre— als dass die Möglichkeit bestand, dass er dem Hasse seiner Mitbürger entging. Der Konj. Imperf. bezeichnet also die gedachte Möglichkeit, in der Gegenwart, der Konj. Plusquamp. die gedachte Möglichkeit in der Vergangenheit. ¹) Zu diesem Abschnitt sind zu vergl. die Beilagen I und III. — 7— 3. Er betont, dass es unter Umständen möglich(gewesen) wäre, den einen Begriff vom andern auszusagen. Der Baum hätte geblüht, d. h. es wäre möglich gewesen, den Be- griff blühen von dem Begriff Baum auszusagen und zwar unter gewissen Bedingungen, z. B. wenn nicht nochmaliger Prost eingetreten wäre. Es wird in diesem Falle der Konj. der Nebentempora verwendet. Er heisst Irrealis, weil er ausdrückt, was unter einer gewissen Bedingung eintreten würde oder eingetreten wäre, in Wirklichkeit aber nicht eintritt oder eingetreten ist; da sich die Bedingung meist nur durch einen Nebensatz ausdrücken lässt, so steht dieser Konj. meist im Satzgefüge und zwar im Haupt- und Nebensatz. Man unter- scheidet dabei 1) einen in der Gegenwart nicht vorhandenen Fall, z. B. wenn ich etwas von Cäsar wollte, käme ich zu ihm; 2) einen in der Vergangenheit nicht eingetretenen Fall, z. B. wenn Cäsar die Gallier im Stich gelassen hätte, so hätten die Germanen ganz Gallien besetzt. Den Irrealis in einem einfachen Satze kennt der Deutsche bei den Adverbien fast und beinahe; sonst kommt er noch bei Adverbialia mit der Praeposition„mit“ oder„ohne“ vor. Beinahe wäre Ariovist gefangen worden. Ohne Cäsars Hülfe(d. h. wenn nicht Cäsar geholfen hätte), wären die Gallier nicht im Besitz ihres Landes geblieben. Da der Lateiner den Irrealis nur im Satzgefüge kennt, so muss im Lateinischen bei prope und paene der Indikativ stehen. Auch in Nebensätzen findet sich der Irrealis. Ich bin überzeugt, dass ohne Cäsars Hülfe die Gallier aus ihrem Lande verdrängt worden wären. B. Begehrungssätze. Der Satzurheber begehrt, dass er den einen Begriff von dem andern aussagen kann, z. B.: Möge der Baum blühen. Der Satzurheber begehrt es, den Begriff blühen mit dem Begriffe Baum in Aussageform verbinden zu können. Die Begehrungssätze zerfallen in: 1) Wunschsätze. Der Satzurheber spricht den Wunsch aus, dass der eine Begriff von dem andern ausgesagt werden kann. Der einen Wunsch, der doch nur eine Vor- stellung des Satzurhebers ist, ausdrückende Konj. heisst Konj. optativus. Ein Wunsch, dessen Erfüllung nach Auffassung des Satzurhebers in der Gegenwart möglich ist, wird durch den Konj. Praes. ausgedrückt: Gott schütze Deutschland. Häufig erfolgt die Umschreibung mit mögen im Praes. Einen mit geringerem Vertrauen oder grösserer Bescheidenheit geäusserten Wunsch drückt der Deutsche durch den Konj. Imperf. aus. Käme doch die lang erhoffte Ge- nesung; hierfür kann man auch sagen: möchte doch die langersehnte Genesung kommen. Diese Ausdrucksweise fehlt dem Lat., da für ihn der Konj. Imperf. den in der Gegenwart unerfüllbaren Wunsch ausdrückt. Dasselbe bezeichnet häufig der Konj. Imperf. im Deutschen. Käme uns doch Cäsar zu Hülfe. Lässt sich diesem Satze dem Zusammenhange nach ein: Cäsar kommt uns aber nicht zu Hülfe entgegenstellen, so drückt dieser Konj. Imperf. den in der Gegenwart unerfüllbaren Wunsch aus; mit anderen Worten: Im Deutschen hat der Zu- sammenhang darüber zu entscheiden, ob wir einen durch den Konj. Imperf. ausgedrückten Wunsch als einen in der Gegenwart unerfüllbaren oder einen mit weniger Vertrauen und Be- stimmtheit geäusserten Wunsch aufzufassen haben; dagegen ist der im Konj. Imperf. stehende lateinische Wunschsatz stets ein Irrealis der Gegenwart. Soll der Wunsch als ein in der Vergangenheit unerfüllter bezeichnet werden, so wird der Konj. Plusqu., der(Irrealis der Vergangenheit), gebraucht. Hätten wir doch niemals den Ariovist über den Rhein gerufen. Der Konj. optativus findet sich auch in Nebensätzen nach den Verben, die eine Willensthätigkeit bezeichnen: wünschen, fordern, befehlen, bitten u. s. w.; er stellt dann die Handlung des Nebensatzes als vom Subjekt des regierenden Satzes beabsichtigt, begehrt, ge- wünscht dar.(äsar bat, dass Gesandte käůmen. Das Kommen wird als von der bittenden Person erstrebt bezeichnet. 2. Befehlssätze. Der Satzurheber verlangt, dass er den einen Begriff von dem andern — 8— aussagen kann. Ariovist soll zur Unterredung kommen; d. h. der Satzurheber verlangt, dass er von dem Begriff Ariovist den Begriff kommen aussagen kann, dass er sagen kann: Ariovist, kommt. Da der Befehl nur eine Vorstellung des Satzurhebers zum Ausdruck bringt, so wird bei ihm in bestimmten Fällen der Konj. hortativus verwendet, nämlich wenn er in der 3ten Person Sing. des Praes. gegeben ist. Sein Name sei vergessen! Da sich die 3te Pers. Plur. Konj. Praes. von der entsprechenden Form des Ind. nicht unterscheidet, so findet meist. Umschreibung mit„sollen“ statt. Die Kinder sollen ihre Eltern ehren! Auch Befehle, die mehrere an sich richten, oder einer ergehen lässt, indem er sich selbst bei, der Aufforderung mit einbegreift, werden durch den Konj. Praes. ausgedrückt. Gehen wir!(Beachte die Wortstellung!) Häufig wird dieser Konj. durch das Hülfszeitwort lassen oder wollen um- schrieben. Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern! Lasst uns beten! Für Befehle an die 2te Person des Singulars und Plurals gibt es eine besondere Aussageform, den Imperativ. In Nebensätzen, welche einen Befehl enthalten, findet sich der Konj. hortativus nicht, sondern nur die Umschreibung mit sollen oder mögen. Cäsar sagte zu den Gesandten, dass sie nach drei Tagen wiederkommen sollten oder möchten. 3. Einräumungssätze ¹). Der Satzurheber wünscht, dass die Verbindung eines Begriffes mit einem anderen in Aussageform einmal als richtig angenommen wird, um ihr dann eine andere entgegenzustellen. Der Tod mag ein Übel sein; dennoch ist er nicht das grösste. Der Satzurheber wünscht, dass die Aussage„ein Ubel sein“, die in betreff des Begriffes Tod gemacht wird, einmal als richtig angenommen wird, um dann dieser Aussage die Aussage„nicht das grösste Ubel sein“ entgegenzustellen. Zur Bezeichnung einer Einräumung oder eines Zugeständ- nisses verwendet man den Konj. der Haupttempora Coniunct. concessivus. Es sei so; dennoch hat Cäsar an den Germanen schnöde gehandelt. Der konz. Konj. ist im Deutschen selten; meist erfolgt die Umschreibung mit mögen. Die Germanen mögen treulos gewesen sein, dennoch haben sie solche Behandlung nicht verdient. Ein Hauptsatz mit dem konz. Konj. lässt sich meist dem ihm gegenübergestellten Hauptsatz mit den Konjunktionen obwohl, wenn auch unterordnen. Obwohl die Germanen treulos gewesen sind, so haben sie dennoch eine solche Behandlung nicht verdient. Auch in Nebensätzen kommt der konz. Konj. vor. Was auch komme, ich lande in Britannien. Wie bei dem Konzessiv in Hauptsätzen, ist auch hier die Umschreibung mit mögen der Deutlichkeit halber bevorzugt. 4. die begehrenden Fragesätze(Coniuntivus deliberativus); vergl. das folgende. C. Fragesätze. Sie zerfallen 1) in Wortfragen, 2) in Satz-(besser Prädikats-)-fragen, 3) in rhetorische Fragen, 4) in Doppelfragen, 5) in begehrende Fragen. 1. Wortfragen. Der Satzurheber fragt entweder, auf was für einen Begriff der ausgesagte Begriff zu beziehen ist. Wer ruft? Auf welchen Begriff ist der ausgesagte Be- griff rufen zu beziehen? Oder er fragt nach einem Satzteil, der den einen der beiden Be- griffe näher bestimmt. Wann ist Cäsar gestorben? Der ausgesagte Begriff Sterben soll zeitlich näher bestimmt werden. Welcher Mensch wagt dies? Der Begriff, der den Gegen- stand der Aussage bildet, soll näher bestimmt werden. Fragen, in denen sich die Erkundigung nicht auf das Prädikat, sondern auf einen zu diesem gehörigen Satzteil bezieht, heissen Wort- fragen; sie werden eingeleitet durch Interrogativpronomina oder-adverbia. Die Antwort auf Wortfragen besteht nicht in ja oder nein, sondern in der Angabe eines Begriffes, der in gleichem Kasus mit dem Interrogativpronomen steht, oder in einem dem Interrogativadverbium ¹) Dass die Einräumungssätze unter die Begehrungssätze zu rechnen sind, zeigt auch das Griechische: goro rodro es mag sein! — 9— entsprechenden Adverbium oder auch in einem Adverbialsatz, d. h. einem Nebensatz, der das betreffende Adverbiale vertritt: Wer hat die Germanen gerufen? Die Sequaner. Die Er- kundigung erstreckt sich hier auf das Subjekt des Rufens; daher steht der Begriff Sequaner, der uns über das Subjekt des Rufens aufklären soll, im Nominativ. Wann haben die Se- quaner Ariovist gerufen? Damals. Die Antwort besteht in einem Adverbium der Zeit, weil „wann“ ein Interrogativadverbium der Zeit ist. Die Antwort könnte auch lauten: Vor Cäsars Ankunft in Gallien(Adverbiale der Zeit), oder da das Adverbiale der Zeit durch einen Ad- verbialsatz der Zeit vertreten werden kann: Bevor Cäsar nach Gallien kam. 2. Die Satzfragen. Hier wird gefragt, ob der eine Begriff vom anderen auszusagen ist, oder ob dem genannten Subjekte das Prädikat mit seinen näheren Bestimmungen zukommt (daher auch die Bezeichnung Prädikatsfrage). Die Antwort erfolgt in einem Urteilssatze (daher die Bezeichnung Satzfrage), der negative oder affirnative Form hat und dessen Subjekt und Prädikat dasselbe wie im Fragesatze sein muss. Statt mit einem ganzen Satze kann auch mit ja oder nein auf die Satzfrage geantwortet werden. Hat Ariovist an den Gesandten treulos gehandelt? Er hat an ihnen treulos gehandelt, oder kürzer: ja. Bei der Satzfrage kann der Fragende zum Ausdruck bringen, welche Antwort er erwartet. Fügt der Fragende seiner Satzfrage ein nicht hinzu, so sagt er damit, dass er die Antwort ja erwartet. Haben nicht die Germanen den Ariovist gerufen? Antwort: ja, sie haben ihn gerufen. Durch die Einschiebung von„doch nicht“,„doch wohl nicht“,„doch nicht etwa“ drückt der Fragende aus, dass er die Antwort nein erwartet. Ihr habt doch nicht die Germanen zuerst angegriffen? Es wird erwartet: nein, wir haben die Germanen nicht zuerst angegriffen. 3. Die Doppelfrage. Mit der Satzfrage soll ermittelt werden, ob dem Subj. das Prä- dikat mit seinen näheren Bestimmungen zukommt. Es kann auch gefragt werden, ob dem Subjekt dieses oder jenes Prädikat mit seinen näheren Bestimmungen zukommt; dann findet eine Doppelfrage statt. Werden wir bleiben oder werden wir fliehen? Zum Wesen der Doppel- frage gehört es, dass die beiden Prädikate sich gegenseitig ausschliessen; beide können nicht zugleich dem Subj. zukommen. Hat Ariovist so aus Bosheit oder aus Unverstand gehandelt? Dem Subj. Ariovist kann nicht das aus Unverstand handeln(Präd. mit seiner näheren Be- stimmung, einem Adverbiale des Grundes) und das aus Bosheit handeln zugleich beigelegt werden. Eine Doppelfrage liegt auch vor, wenn gefragt wird, ob dem Subj. das Präd. zukommt oder nicht zukommt. Gewöhnlich wird dann von einer Wiederholung des Präd. abgesehen. Hat Ariovist aus Bosheit so gehandelt oder hat er nicht aus Bosheit so gehandelt? kürzer: Hat Ariovist aus Bosheit so gehandelt oder nicht? 4. Rhetorische Fragen. Sie können Wort-, Satz-(auch auf ja und nein gestellte), Doppel- und begehrende(vergl. das folg.) Fragen sein; äusserlich unterscheiden sie sich von den eigentlichen Wort-, Satz-, Doppel- und begehrenden Fragen nicht: ihr Wesen besteht vielmehr darin, dass man auf sie überhaupt keine Antwort erwartet; häufig richtet sie der Sprechende an sich selbst oder überhaupt nicht an bestimmte Personen. Die rhetorischen Fragesätze sind Urteilssätze, für die man in der Lebhaftigkeit der zusammenhängenden Rede die Form der Frage benutzt. Da es für sie mithin keine äusseren Kennzeichen gibt, so ist zu merken, dass sie nur in zusammenhängender Rede vorkommen; diese erfährt, da man keine Antwort auf die Frage erwartet, keine Unterbrechung. 5. Eine besondere Art der Fragen bilden die sogenannten begehrenden Fragen (Coniunctivus deliberativus im Lat.). Sie werden im Deutschen mit dem Hülfszeitwort sollen gebildet. Die begehrende Frage kann selbst wieder eine Wortfrage, eine Satzfrage, eine Doppelfrage oder eine rhetorische Frage sein. Was soll ich thun? Soll ich dies thun? Soll 2 ich lachen oder weinen? Sollte ich Dir nicht zürnen? Es gibt auch begehrende Fragesätze der Vergangenheit: Was hätte ich thun sollen? Wird auf die gewöhnliche Wort-, Satz- und Doppel-Frage die Antwort in ganzen Sätzen gegeben, so sind diese Sätze Urteils- sätze. Dem gegenüber besteht das Besondere der begehrenden Frage darin, dass der Fra- gende die Antwort in der Befehlsform begehrt. Was soll ich thun? Du sollst rasch handeln, oder: handle rasch! nicht aber: Du handelst rasch ¹). 6. Das Kennzeichen der direkten Fragesätze ist, abgesehen von den Interrogativ- pronomina und-adverbia die invertierte Wortstellung, d. h. die Erscheinung, dass das Subjekt dem konjugierten Verbum nachsteht. Die Inversion findet sich in den Satzfragen, Wortfragen (ausser wenn nach dem Subjekte gefragt ist) und in den Doppelfragen und begehrenden Fragen, insoweit sie zu den Wort-, Satz- und Doppelfragen gehören. Sie tritt nicht immer ein in den uneigentlichen oder rhetorischen Fragen. Der Modus der direkten Fragesätze ist der Ind. Doch kann in ihnen auch der Potentialis oder Irrealis erscheinen, letzterer meist, wenn der Fragesatz den Folgesatz einer hypothetischen Periode bildet. Wer hätte nicht gehört d. h. bei wem besteht die Möglichkeit, dass er nicht gehört hat?(Potent.). Welches wäre unser Schicksal gewesen(Folgesatz einer irrealen hypothetischen Periode), wenn nicht Cäsar die Germanen aus Gallien vertrieben hätte? Was wären wir ohne deine Hülfe?(= wenn du uns nicht hülfest, Irrealis der Gegenwart.) IV. Die Nebensätze). Vorbemerkung: Dem einfachen Satze steht gegenüber der zusammengesetzte Satz. In ihm sind zwei oder mehrere vollständige Sätze zu einem Satzganzen verbunden. Die Zu- sammensetzung kann zweierlei Art sein a) beiordnend, wenn jeder der verbundenen Sätze der Form nach unabhängig und selbständig ist³), b) unterordnend, wenn der eine Satz vom anderen abhängig ist oder einen Satzteil desselben vertritt. Da wir fünf Satzteile haben, so muss es auch fünf Arten der Nebensätze geben, nämlich Subjekt-, Prädikat-, Objekt-, Ad- verbial- und Attributsätze. Entsprechend dieser Einteilung werden die Nebensätze im fol- genden zur Besprechung kommen ⁴). A. Die Subjekt- und Objektsätze“). a. Die Dass-Sätze, auch Inhaltssätze genannt’). Die eine Gruppe der Nebensätze, die das Subjekt oder Objekt des Hauptsatzes bilden, sind die Dass-Sätze. Nebens., die mit dieser Konjunktion anfangen, sind abhängig von Verben) oder deren Stellvertretern d. h. prädikativen Adjektiven oder Prädikatsnomina mit sein. Die Verba, von denen solche Dass-Sätze abhängig sind, bezeichnen: ¹) Fragen wie: Du solltest jemals Dich bessern? halte ich überhaupt nicht für begehrende Fragen; vielmehr scheint in dieser gewiss seltenen Form der Frage das„Sollen“ potentialer Natur. Die Frage lautet in bestimmterer Form: Besserst du Dich jemals? Durch„solltest“ wird die Frage mit geringerer Bestimmtheit er- hoben. Das lateinische ut in diesem Falle beweist nichts für die deutsche Auffassung. ²) Zu diesem Abschnitt ist zu vergl. Beilage II. ³) Über sie ist in Quinta und Quarta zu handeln. ⁴) Die Prädikatsätze, die sehr selten vorkommen(Lyon, Handb. der deutsch. Sprache I 212), sind ausser Acht gelassen.— ¹² Uber die relativischen Subj.- und Objektsätze vergl. S. 21. ⁵) Hierzu ist zu vergl. Beilage IV. ²) Wortverbindungen wie:„die Römer und Häduer schlossen ein Bündnis, dass“, Adjektive mit folgendem„dass“ wie:„Möglich, dass“ und adverbiale Ausdrücke wie:„Angenommen, dass“ werden nicht be- sonders aufgeführt, da sie sich ohne Schwierigkeiten auf einfache Verba zurückführen lassen. — 11— 1. das Geschehen, Bewirken, die Thatsächlichkeit, Möglichkeit, Unmöglichkeit und den Wert(gut, schlimm); 2. die sinnliche oder geistige Wahrnehmung; 3. die Ausserung einer Behauptung; 4. den Ausdruck einer Gemütsstimmung in Worten oder diese selbst; 5. eine Willensthätigkeit. Weil diese Dass-Nebensätze, wie leicht zu zeigen ist, den eigentlichen Inhalt des Satzgefüges bilden, während die grammatischen Hauptsätze fast nur die sprachliche Ein- kleidung darstellen, so heissen diese Dass-Sätze Inhaltssätze; darum kann auch leicht der Haupts. in einen Nebens. und der Nebens. in einen Haupts. verwandelt werden; z. B.: Es ist bekannt, dass die Germanen die Gallier an Tapferkeit übertrafen. Die Germanen haben, wie bekannt,(bekanntermassen, bekanntlich) die Gallier an Tüchtigkeit überragt. Ebenso und aus dem gleichen Grunde wie diese Dass-Sätze, die das Subjekt, Genitiv-, Akkusativ- oder präpositionale Objekt vertreten, führen den Namen Inhaltssätze die Sätze, die von einem Subjektssubstantiv abhängen; z. B. die Thatsache, dass die Germanen den Vortrab der Römer angriffen, empörte Cäsar. In den Dass-Sätzen findet sich der subj. Konj., wenn der Satz- urheber nicht seine eigne, sondern die Ansicht des Subj. des regierenden Satzes anführt. Cäsar lobte es, dass die Soldaten so tapfer Widerstand geleistet hätten. Wichtig ist auch folgendes Gesetz. Der Dass-Nebensatz teilt als integrierender Bestandteil des regierenden Satzes dessen Modus. Es wäre billig(Potentialis), dass Cäsar käme(Potent.); Cäsar hätte den Gesandten diese Versicherung nicht gegeben, wenn er gewusst hätte(Irrealis), dass die Ger- manen so treulos wären(Irrealis). Der Dass-Satz kann durch den Infinitiv mit zu ersetzt werden: 1) Wenn das Subjekt, des Inhaltsnebensatzes als Subj. oder Obj. in dem Hauptsatze vorkommt. Cäsar glaubte, dass er sobald wie möglich nach Gallien eilen müsse; dafür: C. glaubte, sobald wie möglich nach Gallien eilen zu müssen. 2) Wenn das Subj. des Inhaltsnebensatzes ein unbestimmtes d. h.„man“ ist. Cäsar befahl, dass man die Brücke abbreche; dafür: C. befahl, die Brücke abzubrechen. Nicht möglich ist der Infinitiv mit„zu“ an Stelle von„dass“ nach den Verben der sinnlichen und geistigen Wahrnehmung und den Verben des Sagens, insoweit sie nicht einen Befehl(eine Willensthätigkeit) ausdrücken. Dass-Sätze, die im subj. Konj. stehen, können unter Weglassung der Konjunktion un- mittelbar zu ihrem Hauptsatz treten. Das konjugierte Verbum steht dann nicht mehr am Ende, sondern unmittelbar hinter dem Subj.(wie im Haupts.) z. B. Cäsar erfuhr, dass die Germanen einen Angriff gemacht hätten; dafür: Cäsar erfuhr, die Germanen hätten einen Angriff gemacht. Da solche Sätze im subj. Konj. nur dem Gedanken, nicht aber der äusseren Form nach(indem das unterordnende Pronom. und die Konjunktion fehlt und das konjugierte Verbum dieselbe Stelle wie im Hauptsatze einnimmt) Nebensätze sind, so nennt man sie logische Nebensätze. b. Die indirekte Rede. Man kann das, was einer gesagt hat, genau mit denselben Worten und in derselben Form wiedergeben; man führt dann direkt oder in direkter Redeweise an. Wenn man jedoch das, was einer gesagt hat, zwar dem Inhalt und Sinne nach, nicht aber dem Wort- laut und der Form nach wiedergibt, so führt man es indirekt oder in indirekter Rede an. Die indirekte Anführung erfolgt in einem Nebensatz, der von einem Verbum des Sagens und Behauptens abhängig ist. Dir. Rede:„Ich werde unter keinen Umständen, sagte Cäsar, die 2* — 12— preisgeben, die meine Bundesgenossen sind.“ Indir. Rede: Cäsar sagte, dass er unter keinen Umständen die preisgeben werde, die seine Bundesgenossen seien; oder da der Nebens. im subj. Konj. steht: C. sagte, er werde unter keinen Umständen die preisgeben, die u. s. w. Aus diesen Beisp. ergibt sich: alle Aussagesätze kommen in der indir. Rede in den subj. Konj., desgleichen alle Nebensätze. Cäsar sagte:„Kommet möglichst zahlreich in das Lager“; Cäsar sagte, dass sie möglichst zahlreich in das Lager kommen sollten, oder: sie sollten möglichst zahlreich in das Lager kommen Diviciakus sagte bittend:„Cäsar, lass uns nicht, zu Grunde gehen“. Abhängig von Div. bat: Diviciakus bat, Cäsar möchte sie nicht zu Grunde gehen lassen. Beide Beispiele lehren, dass alle Befehlssätze in der indir. Rede mit den Hülfszeitwörtern„sollen“ und„mögen“, die auch im subj. Konj. stehen, gebildet werden. Direkte Fragesätze gehen in der indirekten Rede in indirekte Fragesätzel) über und kommen gleichfalls in den Konj. subj. Cäsar fragte:„Welche Forderungen stellt Ariovist?“; Cäsar fragte, welche Forderungen Ariovist stelle. Bei der Verwandlung der direkten Rede in die indirekte ist noch zu beachten, dass der Ind. Imperf. in den Konj. Perf. übergeht.„Ich er- mahnte die Soldaten zur Schlacht“, sagte Cäsar. Indirekt: Cäsar sagte, er habe die Soldaten zur Schlacht ermahnt. Für die Formen des Konj. Praes., die dem Ind. gleichlauten, treten die des Imperf., für die des Perf. die des Plusquamperf. und für die des Fut. die mit würde gebildeten ein. Sie gelobten, sie würden kommen; für direkt:„Wir werden kommen“. c. Die indirekten Fragesätze. Die zweite Gruppe der Nebensätze, die das Subjekt oder Objekt des Hauptsatzes ver- treten, bilden die indirekten Fragesätze. Ein direkter Fragesatz hat eine solche Form, dass mit ihm unmittelbar die beabsichtigte Erkundigung eingezogen werden kann: z. B.: Wann ist Cicero geboren? Gibt man eine Frage wohl dem Sinne und Inhalte nach, nicht aber dem Wortlaut und der Form nach wieder, so führt man sie indirekt an. Der Fragesatz, der von einem Hauptsatze abhängig ist, heisst ein indirekter Fragesatz. 1. Abhängen kann ein solcher von den Verben, welche eine Ungewissheit, ein Zweifeln, ein Schwanken, Prüfen, Fragen, Entscheiden, die sinnliche oder geistige Wahrnehmung oder das Sagen enthalten. 2. Wie bei den direkten Fragesätzen, so unterscheidet man auch bei den indirekten a) Wortfragen, sie werden durch die Interrogativpronomina oder-adverbia eingeleitet; b) Satzfragen, diese beginnen mit der Konjunktion ob; c) auch in die indirekte Frage kann der Fragende hinein- legen, dass er die Antwort ja erwartet; er fügt dann„nicht“ oder„denn nicht“ ein; Ariovist fragte den Cäsar, ob denn nicht die Römer auch in ihrem Gallien unumschränkt herrschen wollten. Dass man die Antwort nein erwartet, kann nicht zum Ausdruck gebracht werden; d) die indirekte Doppelfrage wird durch ob— oder, ob— oder ob, ob oder nicht eingeleitet; e) auch die begehrenden Fragen in ihren verschiedenen Formen kehren in der indirekten Frage wieder. Ich fragte, warum ich dies thun solle. Ariovist fragte die beiden Abgesandten, ob er ihnen trauen solle. Wie ein Dass-Satz, so kann auch eine Satzfrage mit ob ein Attribut des Subjekt- substantivs vertreten. Die Thatsache(was für eine?) dass Cäsar den Ariovist besiegt hat, ist bekannt. Cäsar quälte die Ungewissheit(was für eine Ungewissheit?), ob ihm die zehnte Legion folgen werde. Der Modus der indirekten Fragesätze ist teilweise der Ind., teilweise der Konj. Steht im Hauptsatz das Praes., so folgt meist der Ind. Wir sind ungewiss, ob uns Cäsar Hülfe ¹) Uber sie vergl. das folgende. — 13— leistet. Steht im Haupts. ein historisches Tempus, so folgt meist der Konj. subj. Cäsar zweifelte, ob es Ariovist mit der Unterredung ernst sei. Auch der Potentialis findet sich in indirekten Fragesäten. Direkt: wäre es billig, solches zu fordern?(äsar fragt, ob es billig wäre, solches zu fordern. Bildet ein direkter Fragesatz den Folgesatz einer irrealen Be- dingung, so steht er natürlich im Irrealis. Cäsar erkannte, welchen Nachteil es ihm gebracht hätte, wenn er nicht über den Rhein gegangen wäre. B. Die Adverbialsätze. Entsprechend der Einteilung der Adverbialia in Adverbialia des Ortes(Loci), der Zeit (Temporis), der Art und Weise(Modi) und des Grundes(Causae) werden lokale, temporale, modale und kausale Umstandsnebensätze unterschieden. 4 a. die lokalen Umstandsnebensätze. Sie stehen auf die Fragen wohin, woher und wo? und fangen mit wo, wohin und wo(Relativadverbia) an. Im Hauptsatze muss das ent- sprechende Demonstrativadverbium stehen oder ergänzt werden können. Wo Ariovist weilt, (da) wagt kein Gallier seine Meinung zu äussern. Wenn statt des Nebensatzes ein Adverbiale eintritt, lautet der Hauptsatz: Kein Gallier wagt an dem Aufenthaltsorte des Ariovist seine Meinung zu äussern. Nicht lokale Umstandsnebensätze, sondern Relativsätze sind die N ebensätze, deren wo, wohin, woher sich auf ein Substantiv des Hauptsatzes bezieht, z. B. der Ort, wo Cäsar die Feinde schlug, ist unbekannt; hier steht wo für an dem(nämlich: Orte); ausserdem vertritt hier der Nebensatz nicht das Adverb oder Adverbiale, sondern das Attribut, da man fragt: was für ein Ort ist unbekannt? Darüber das Nähere 8. 21. b. die temporalen Umstandsnebensätze. Nach ihnen fragt man vom Hauptsatze aus mit Fragen, die das Substantiv„Zeit“ enthalten, z. B. Haupts.: In Gallien gab es zwei Parteien: bis zu welcher Zeit? bis Cäsar dorthin kam. Durch den temporalen Nebens. wird die Handl. des Haupts. mit einer anderen Handl., die eben der Nebens. enthält, in zeitliche Beziehung gebracht. 1. Die Handlung des Hauptsatzes wird mit der des Nebensatzes in Bezug auf Dauer und Eintreten verglichen. Die Handl. des Nebens. kann zu der des Haupts. in einem drei- fachen Verhältnis stehen, sie kann derselben: „) gleichzeitig sein. Zur Bezeichnung der Gleichzeitigkeit dienen die Konjunktionen: da, als, während, so lange als, indem, indes, indessen, so bald als, so oft als. Ausserdem wird auch die Gleichzeitigkeit noch dadurch zum Ausdruck gebracht, dass im Haupt- und Nebensatz dasselbe Tempus gebraucht wird; z. B.: Während(als) Cäsar in Britannien weilte, brach ein hef- tiger Sturm aus. Sobald die Feinde der Römer ansichtig wurden, schleuderten sie Geschosse nach ihnen(das Eintreten der beiden Handlung. ist gleichzeitig). So oft als ein Krieg aus- bricht, werden gemeinschaftliche Behörden gewählt. Entgegen der lat. Auffassung bezeichnet in vielen Fällen„so oft als“, dass die Handl. des Haupts. wiederholt oder jedesmal gleichzeitig, und„sobald als“, dass die Handl. des Haupts. einmal gleichzeitig mit der des Nebensatzes eintritt oder eingetreten ist. Während, indem, indessen, indes dienen dazu, um zu bezeichnen, dass die Handl. des Haupts. eintritt, während die des Nebens. dauert. Während Cäsar die Brücke baute, zogen sich die Sueben zurück.„Solange als“ dagegen bezeichnet, dass die Handl. des Haupt- und Nebens. von gleichlanger Dauer sind. So lange der Mensch lebt, hofft er. 6) Die Handl. des temporalen Nebens. kann der des Haupts. vorausgehen. Kon- junktionen der Vorzeitigkeit sind: da, als, nachdem, sobald als, so oft als, sowie. Je nachdem — 14— die Handl. des Nebens. der des Haupts. in der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft vor- ausgeht, müsste im Deutschen im Nebens. das Perf., Plusquamp. oder Fut. II stehen. Während- dem der Deutsche bei„nachdem“ die Vorzeitigkeit ausdrückt, unterlässt er solches häufig bei „sobald als“,„als“(wichtig für das Lateinische). Als die Feinde heranrückten, begann der Kampf. Dagegen nur: Nachdem die Feinde herangerückt waren u. s. w. Nicht selten vertritt im Deutschen(wie im Lateinischen) bei der Konjunktion„als“ der Nebens. die Stelle des Haupts., indem der Hauptgedanke mit als eingeleitet wird. Man kann sagen: Kaum hatten die Feinde den Fluss überschritten, als der Angriff erfolgte, statt: Als die Feinde den Fluss überschritten hatten, erfolgte der Angriff. Es finden sich in solchen Fällen im Haupts. Partikeln wie: gerade, schon, beinahe, bereits, kaum, eben;(vergl. das griechische vητ‿να).— ) Die Handl. des Temporalsatzes folgt der des Haupts. nach. Zum Ausdruck der Nachzeitigkeit dienen die Konjunktionen: ehe, bevor. Bevor Cäsar aufbrach, ermahnte er seine Soldaten. Ehe die Gesandten gesprochen hatten(im Lateinischen ist hier das Plusquam- perfeckt unstatthaft), liess sie Ariovist in Ketten werfen. 2. Der Nebens. giebt einen Zeitpunkt für die Handl. des Haupts. an. .) Entweder bezeichnet der Nebens. den Zeitpunkt, bis zu dem die Handl. des Haupts. dauert. In diesem Falle gebraucht man die Konjunktionen solange bis, bis. Ariovist wies die Unterhandlungen zurück, bis(solange bis) sich Cäsar in seiner unmittelbaren Nähe befand. 6) oder es bezeichnet der Nebens. den Zeitpunkt, von dem an die Handl. des Haupts. dauert; man gebraucht hierbei die Konjunktion seitdem, seitdem dass. Seitdem Ariovist in Gallien weilte, war die Lage der Sequaner noch unerträglicher. 3. Wenn das Subj. des Haupts. und des temporalen Nebens. dieselbe Person ist, so kann auch der Nebens. in ein Particip verkürzt werden. Das Tempus des Particips hängt:, von dem Zeitverhältnis ab, in dem die Handl. des Nebens. zu der des Haupts. steht. Nach- dem Cäsar zum Heere gekommen war, eröffnete er den Feldzug. Zum Heere gekommen, er- öffnete Cäsar den Feldzug. c. Die modalen Umstandsnebensätze. Sie erklären die Handlung des Haupts. näher, indem sie eine diese begleitende Handlung angeben, z. B. die Frauen feuerten ihre Männer zum Kampfe an, indem sie auf ihr Schicksal hinwiesen. Man fragt: auf welche Art. und Weise, mit welchem Mittel feuerten die Frauen ihre Männer an? die Art und Weise des Anfeuerns wird näher bestimmt, indem das dem Anfeuern gleichzeitige Hinweisen angeführt wird. Entsprechend den Unterabteilungen des Adverbiales der Art und Weise unterscheidet man: 1) modale Umstandsnebensätze des Mittels(kürzer: Adverbialsätze des Mittels). Sie werden eingeleitet durch:„indem“,„dadurch, dass“,„damit, dass“; negativ:„indem nicht“, dadurch, dass nicht“,„ohne dass“. Man fragt von dem Verbum des Haupts. aus nach dem Adverbialsatz des Mittels durch die Frage: mit welchem Mittel? Cäsar beraubte dadurch dass er die Vornehmen zu sich einlud, die Germanen ihrer Führer. Der durch„indem“ ein- geleitete Satz: Cäsar setzte die Feinde in Schrecken, indem er vorrückte, steht dem Tem- poralsatz: Cäsar setzte die Feinde in Schrecken, als er vorrückte, sehr nahe. 2) modale Umstandsnebensätze des Vergleiches. Sie bezeichnen die Art und Weise (Qualität), das Mass(Quantität) oder den Grad(Intensität) der Handlung des Hauptsatzes dadurch näher, dass sie dieselbe mit einer anderen, in Bezug auf Beschaffenheit, Mass oder Grad ähnlichen oder verschiedenen, vergleichen. Ariovist behandelte die Sequaner, seine Bundesgenossen, wie der siegreiche Römer mit Besiegten verfuhr. Einfach hätte man sagen können: Ar. behandelte Sequ. grausam; statt dessen vergleicht man die Art und Weise seines Handelns mit der Handlungsweise der Römer in gleicher Lage. Ariovists Grausamkeit hat den Sequanern ebensoviel Leid gebracht, als ihnen seine Tapferkeit Siege verschaffte. Ein- fach hätte der Satz gelautet: Ariovists Grausamkeit brachte den Sequ. sehr viel Leid; statt dessen bestimmt man das Mass des Leides, indem man es mit dem Mass(= der Zahl) der Siege vergleicht. Ariovists Forderungen waren zu ungeheuer, als dass sie Cäsar hätte an- nehmen können. Einfach hätte man sagen können: Ariovists Forderungen waren ungeheuer; statt dessen bestimmt man sie in Bezug auf den Grad dadurch, dass man hinzufügt, sie hätten für Cäsar die Grenze des Annehmbaren überstiegen. Die Vergleichssätze in Bezug auf die Art und Weise und das Mass beginnen mit den Konjunktionen: wie, sowie, gleichwie, als; die in Bezug auf die Stärke und den Grad mit: dass, als dass; diesem entspricht im Haupts. ein zu, jenem ein so. Satzteile des Haupts., die in dem Vergleichungssatze wiederkehren, können in diesem wegfallen; so entstehen die zusammengezogenen Vergleichungssätze, die sich viel häufiger als Hauptsätze mit vollständigen Vergleichungssätzen finden. Statt des Satzes: die Aduatuker erlitten ein härteres Schicksal, als es die Nervier erlitten, sagt man: die Aduatuker erlitten ein härteres Schicksal als die Nervier. Cäsar behandelte die Veneter ebenso, wie er die Aduatuker behandelte. Dafür sagt man: Cäsar behandelte die Veneter ebenso wie die Aduatuker. Auch mit etwas nur als möglich Gedachtem oder mit etwas im Gegensatz zur Wirk- lichkeit Angenommenem kann das Sein oder die Thätigkeit einer Person oder Sache verglichen werden; es werden dann die Konjunktionen: als wenn, als ob, wie wenn benutzt. Ariovist behandelte die Sequaner, als ob er sie besiegt hätte. Über den Konjunktiv in solchen Ver- gleichungssätzen siehe S. 19. 3) Verhältnissätze. Sie geben an, in welchem Verhältnis der Grad oder das Mass des im Haupts. Behaupteten zu- oder abnimmt. Die Verhältnissätze werden eingeleitet durch: je, je nachdem, wie; im Hauptsatze findet sich je, desto, um so. Je mehr Germanen nach Gallien kamen, um so drückender wurde die Lage der Gallier. Der Verhältnissatz gibt an, in welchem Grade das Drückende der Lage zunahm. 4) die Einschränkungs- oder Restriktivsätze führen das im Hauptsatze Behauptete auf ein bestimmtes Maass zurück; sie werden eingeleitet mit: insoweit, insofern(als), inwiefern, wofern. Die Germanen, insoweit sie Kähne vorfanden, retteten sich über den Rhein. Statt „insofern nicht“ wird auch„es sei denn, dass“ gebraucht. Greifet die Germanen nicht an, in- sofern ihr nicht andere Weisung erhaltet oder: es sei denn, dass ihr andere Weisung erhaltet. 5) Die Folge- oder Konsekutivsätze drücken eine Wirkung(Folge) aus; sie werden eingeleitet mit„so dass“, negative Konsekutivsätze mit„dass nicht“,„ohne dass“. Die Furcht der Sequaner war so gross, dass sie nicht zu reden wagten. Cäsar hat sich damit, ohne dass er es wollte, einen Vorwurf gemacht. Hier kann man auch sagen: Cäsar hat sich damit, ohne es zu wollen, einen Vorwurf gemacht; vergl S. 22. d. Die Umstandsnebensätze des Grundes(Adverbialsätze des Grundes). 1) Die Kausalnebensätze. Wie man bei dem Adverbiale des Grundes den Sachgrund oder die Ursache, den Beweggrund und den Erkenntnisgrund unterscheidet, so teilt man auch die kausalen Nebensätze ein a. in solche, die den Sachgrund d. h. die thatsächlichen Verhältnisse angeben, warum etwas ist oder geschieht; die Konjunktion hierfür ist weil, z. B. die Römer siegten, weil sie den ersten Angriff der Feinde aushielten. Der kausale Nebens. gibt den thatsächlichen (realen) Grund für den Sieg der Römer an. — 16— Eine besondere Art des realen Grundes enthalten die Nebens., welche das Mittel zu der Erzielung der Wirkung angeben, die im Hauptsatz bezeichnet ist; solche Nebens. werden mit der Konjunktion dass, auf die im Haupts. ein davon, dadurch, daher, daran, daraus hin- weist, eingeleitet. Die Soldaten wurden auf den Feldherrn dadurch aufmerksam, dass er einen roten Mantel trug. Die Wirkung ist das Aufmerksamwerden; diese wird erreicht durch das Manteltragen. g. in solche, die den Erkenntnis- oder Beweggrund d. h. die vorliegenden Verhält- nisse enthalten, warum das Subj. des regierenden Satzes so handelt oder so handeln muss; in diesem Falle wird da oder weil gebraucht. Beisp.: Cäsar bestrafte die Aduatuker weil(oder da) sie treulos gewesen waren. Wie der Nebens. angibt, veranlasste den Cäsar zur Bestrafung der Ad. die Erkenntnis, dass sie treulos gewesen waren(logischer Grund). Cäsar liess die Greise und Frauen am Leben, weil er ihnen solches versprochen hatte (moralischer Grund). Zusatz. 1. Nach den Verben, die eine Gemütsbewegung oder die Kusserung einer Ge- mütsbewegung ausdrücken, können die Nebens. mit„dass“ oder mit„weil“ eingeleitet werden; der Dass-Satz(ein Inhaltssatz) gibt das Subjekt oder Objekt der betreffenden Gemütsstimmung oder deren Ausserung an, während der mit weil beginnende Satz den Grund der Gemüts- stimmung oder deren Kusserung angibt. Wir tadeln(es) an Cäsar, dass er die Häuptlinge der Germanen zurückhielt.(Der Dass-Satz enthält die Handlung oder das Objekt, auf das sich unser Tadel erstreckt). Wir tadeln(äsar, weil er die Häuptl. der Germ. zurückhielt(der Weil-Satz enthält die Handlung, die unseren Tadel hervorruft, dessen Grund bildet). Im Lateinischen sind natürlich die Verba der Gemütsstimmung und die der KAusserung der Gemütsstimmung zu trennen. Zusatz 2. In dem kausalen Nebens. steht der subj. Konj., wenn der Satzurheber nicht seinen Grund angibt, sondern den des Subjektes des regierenden Satzes. Die Athener ver- urteilten den Sokrates, weil er ihre Söhne verdürbe(Grund des Subj. des regier. Satzes= Athener). 2. Die Finalsätze. Die Absichtssätze drücken die Absicht aus, deren Erreichung das Subj. des Haupts. mit der ihm zugeschriebenen(prädizierten) Handl. verfolgt. Ist eine Sache Subj. des Haupts., so bezeichnet der finale Nebens. den Zweck, dessen Erreichung die an der Sache vorgenommene Thätigkeit oder der Zustand der Sache dient. Die finalen Nebens. werden mit„damit“ oder„dass“ eingeleitet; auf letzteres weist zuweilen ein darum, dazu, deshalb, deswegen hin.„Ich gebe euch deshalb diese Versicherung, sagte Cäsar, damit. (dass) ihr ermutigt nach Hause geht.“ Bezeichnet der Satzurheber seine eigne Absicht oder erkennt er die Absicht des Subj. des regier. Satzes als thatsächlich vorhanden an, so setzt er in dem Finalsatze den Ind. Beisp.:(äsar liess die Brücke bewachen, damit der Rückzug sicher bewerkstelligt werden konnte; ich, der Satzurheber, bin der Ansicht, dass den Cäs. diese Absicht thatsächlich bei dem Brückenbau leitete. Will dagegen der Satzurheber über die Thatsächlichkeit der Absicht nicht entscheiden, sondern diese Absicht als Vorstellung des Subjekts des regierenden Satzes hervorheben, so setzt er in dem Finalsatze den subj. Konj. Beisp.: Cäs. liess die Brücke bewachen, damit der Rückzug sicher bewerkstelligt werden könnte; durch den subj. Konj. bezeichne ich, der Satzurheber, diese Absicht als eine Vorstellung des Subj. des regierenden Satzes, d. h. Cäsars. Doch auch der Satzurheber kann seine eigne Absicht, insoweit sie der Vergangenheit angehört, von seinem gegenwärtigen Standpunkte aus als Vorstellung bezeichnen. Ich machte mich vor Sonnenaufgang auf den Weg, damit ich nicht in die Mittagshitze käme. — 17— Wenn das Subj. des Haupt- und Absichtssatzes dieselbe Person ist, tritt regelmässig die Verkürzung mit„um zu“ ein. Cäsar liess die Treulosen hinrichten, damit er die übrigen Gallier von Khnlichem abschreckte; dafür regelmässig: um die übrigen Gallier abzuschrecken. 3. Die konzessiven Nebensätze. Der Einräumungsnebens. gibt den Grund an, warum man den Zustand oder die Thätigkeit, der oder die dem Subj. im Haupts. prädiziert wird, nicht erwarten sollte. Die konzessiven Konjunktionen sind: obgleich, obschon, ob auch, wenn gleich, wenn schon, wenn auch, wiewohl, trotzdem(dass), ungeachtet dass u. a. Cäsar unter- nahm den Feldzug nach Britannien, obwohl der Sommer zu Ende ging. Das zu Ende gehn des Sommers bildet den Grund, warum man erwarten sollte, Cäsar habe keinen Feldzug unternommen. In dem Hauptsatz weist ein doch oder dennoch häufig auf den Nebens. hin. Vor Adjektiven und Adverbien erhalten die Vergleichspartikel wie und so konzessive Bedeutung. So heilsam die Schmerzen sind, so hat sie doch niemand gern. So gross Cäsar ist, so hat er doch seine Fehler. Wie sehr Cäsar sich zu rechtfertigen sucht, wir können ihn nicht aller Schuld freisprechen. Zur Bezeichnung eines bloss als möglich angenommenen entgegenstehenden Grundes dient der potentiale Konj. Ariovist bleibt unerträglich, wenn wir ihm auch noch mehr Land gäben. Hierfür kann die Umschreibung mit mögen eintreten, wenn wir ihm auch noch mehr Land geben möchten. Wird ein entgegenstehender Grund für bereits Vergangenes angenommen, so geht der Concessivus in den Irrealis über. Wenn auch Ariovist mehr Truppen gehabt hätte, so wäre er dennoch besiegt worden. Wenn Subj. oder Präd. in dem Haupt- und konzessiven Nebensatz dasselbe ist, kann eine Verkürzung eintreten. Obgleich Cäsar siegreich war, so verzichtete er doch darauf, die Feinde zu verfolgen. Cäsar, obgleich siegreich, verzichtete u. s. w. Wie in den Bedingungssätzen, so kann auch in den Einräumungssätzen, die ihnen nahe verwandt sind, unter Weglassung der Konjunktion Inversion eintreten(vergl. S. 19). Ob- gleich die Feinde an Reiterei überlegen waren, so wurden sie dennoch in die Flucht geschlagen, dafür mit Inversion: Waren die Feinde auch an Reiterei überlegen, so wurden sie dennoch in die Flucht geschlagen. 4. Die Bedingungssätze. Diesem wichtigen und schwierigen Kapitel geht sinngemäss eine Wiederholung des Potentialis und Irrealis in deutschen einfachen Sätzen voraus. Oben(S. 6) hiess es: Ich könnte mehr Beisp. anführen, d. h. es ist mir möglich, mehr Beispiele anzuführen; in welchem Falle, unter welcher Bedingung? z. B.: wenn es jemand wünschte(wünschen sollte). In dem Satzgefüge: ich könnte mehr Beispiele anführen, wenn es jemand wünschte(wünschen sollte), wird die Handlung des Haupts. unter der Bedingung als möglich bezeichnet oder als möglich gedacht, dass die des Nebens. möglich ist. Diese Be- dingungsart heisst der Fall der Möglichkeit oder der Potentialität. Oben(S. 7) hiess es: beinahe wäre ich ertrunken. Ohne dies„beinahe“ lautet der Satz: ich würe ertrunken; nun fragt jeder: wenn was der Fall gewesen wäre, unter welcher Bedingung? z. B.: wenn mir mein Freund nicht zu Hülfe gekommen wäre. Wir erhalten dann das Satzgefüge: ich wäre ertrunken, wenn mir nicht mein Freund zu Hülfe gekommen wäre. Was steht der Annahme, dass der Freund nicht zur Hülfe gekommen wäre, gegenüber? Die Thatsache, dass er zu Hülfe kam. Was steht dem„ich wäre ertrunken“ gegenüber? ich bin aber nicht ertrunken. Der Irrealis in der hypothetischen Periode drückt also aus, dass eine Folge unter einer bestimmten Bedingung einträte oder eingetreten wäre; beide aber, Folge wie Bedingung, bezeichnet man zugleich als mit der Wirklichkeit im Widerspruch stehend, als nicht eintretend in der Gegenwart, als nicht eingetreten in der Vergangenheit. Dement- 3 — 18— sprechend gibt es im Deutschen wie im Lat. und Griech. einen irrealen Bedingungsfall der Gegenwart und der Vergangenheit. Die hierfür verwandten Tempora decken sich im Deut- schen und Lat. Die Schwierigkeit, den deutschen Fall der Potentialität von dem der Irrealität der Gegen- wart zu unterscheiden, liegt darin, dass für beide der Konj. Imperf. angewendet wird. Welche von den beiden genannten Bedingungsarten in dem einzelnen Falle vorliegt, muss und kann einzig der Zusammenhang ergeben. Einen Potent. der Vergangenheit kennt in der hypothe- tischen Periode das Deutsche ebensowenig wie das Lat. oder Griech. Da jedoch das Lat. und Griech. das Verhältnis der Handlung des Nebens. zu der des Haupts. genauer als das Deutsche zu bezeichnen pflegt, so steht unter Umständen in dem Bedingungs(neben)s. das Perf. Ei rec vexryutvoc eily nlobrov, Tro arß*6, do deẽ ε⁴ςι αμμοωνο Würde jemand, wenn er Reichtum erwürbe, ihn aber nicht gebrauchte, glücklich sein? Si quis id fecerit, impru- dentem eum dixeris. Wenn jemand das thäte, so würdest Du ihn wohl unklug nennen. Durch die irreale Bedingungsart wird ausgedrückt, dass eine Folge unmöglich ist, deren Bedingung im Widerspruch mit der Wirklichkeit steht. Durch die potentiale Be- dingungsart gelangt zum Ausdruck, dass eine Folge möglich ist, wenn die Bedingung mög- lich ist. Durch die reale Bedingungsart endlich wird ausgedrückt, dass die Folge That- sache ist, wenn die Bedingung wirklich ist; darum heisst dieser Fall der Fall der Wirklich- keit oder Realität. Wenn es einen Gott gibt, gibt es auch eine Gerechtigkeit. Ich spreche hier nicht meine Ansicht darüber aus, ob ich an einen Gott glaube oder nicht, sondern ich sage nur, wenn diese Bedingung zutrifft, dann muss auch die Folge zutreffen, d. h. es gibt keinen Gott, ohne dass es nicht auch eine Gerechtigkeit gibt. Allgemein: die Bedingung kann nicht eintreten, ohne dass nicht auch die Folge eintritt. Soll betont werden, dass die Be- dingung in der Gegenwart bei dem Eintritt der Folge bereits vollendet ist, so steht im Deutschen übereinstimmend mit dem Lat. im Bedingungssatz meist das Perf. Wenn Du gelogen hast, verdienst Du eine Strafe; doch auch: Wenn Du lügst, verdienst Du eine Strafe. Entsprechend dem Lat. kann auch im Deutschen die reale Bedingungsart für die Zu- kunft gebraucht werden; es wird dann ausgedrückt, dass in der Zukunft das Eintreten der Bedingung ohne das Eintreten der Folge nicht stattfindet oder nicht gedacht werden kann. Sd ur eν0, ⁴σ. Si quid habebo, dabo, wenn ich etwas haben werde(oder besser: habe), werde ich es geben. 2dν τν 1έ, ⁴σ. Si quid accipero, dabo, wenn ich etwas bekomme(bekommen werde, bekommen habe), werde ich es geben. Durch den Realis kann auch im Deutschen ausgedrückt werden, dass an das jedes- malige Eintreten der Bedingung auch das jedesmalige Eintreten der Folge geknüpft ist. Es sind dabei zwei Unterabteilungen zu unterscheiden: a) der in der Gegenwart sich wiederholende Fall: Jedesmal wenn ich etwas habe, gebe ich es. 2dν τι έmο, d100½ 2dν r 1⁴ 106νι. b) Der in der Vergangenheit wiederholte Fall: Jedesmal wenn ich etwas hatte, gab ich es. El ri Sτοιπ, Ʒεε⁴ιοοσ El r., 1A.S0νι, ⁸01νv. — 19— Der Lateiner kennt iterative Formen des Realis nicht; er fasst solche Wiederholungen in der Gegenwart und Vergangenheit rein temporal auf. Eine derartige Auffassung ist auch dem Deutschen und Griechen neben der konditionalen möglich: a) cum quid habeo, do so oft ich etwas habe, gebe ich es bnraun ra eν, 210 G*; b) cum quid habebam, dabam so oft ich etwas hatte, gab ich es bndre ri ⁸e οι, 20:doOvy. Die allgemeinste Form des Realis ist die, dass die Bedingung mit den verallgemeinernden Pronomina oder Adverbia eingeleitet wird(besonders mit: wer, was). Beispiel: Wohin du nur immer fliehst, Gott wird dich sehen. Quocunque fugies, deus te videbit. Weniger allgemein hiesse der Bedingungssatz: si quo fugies, wenn du irgendwohin fliehst. Hostes, quotquot erunt, non timebimus, weniger allgemein: hostes si quot erunt non timebimus. Griechisch: öorto dν εe(ã). 00R driςα ⁵ες!L480 ʃ) 0400. Der deutsche Konditionalis. An Stelle des Konjunktives Imperf. Act. in poten- tialen und irrealen einfachen Sätzen, sowie in den Folgesätzen(nicht Bedingungs- sätzen!) der irrealen und potentialen Bedingungsart ist die Umschreibung mit würde und dem Infinitiv zulässig; doch sollte man hiervon bei Verben der starken Konjugation, insoweit deren Konjunktiv keine Zweifel aufkommen lässt, keinen Gebrauch machen. Die Umschreibung des Konj. Imperf. in den genannten Fällen sollte auf die Verba beschränkt sein, deren Konj. Imperf. sich vom Ind. nicht unterscheidet; also: Ohne Deine Hülfe würden wir zu Grunde gehen; aber: Im Falle der Not käme ich Dir gern zu Hülfe. Auch der Irrealis der Vergangenheit kann umschrieben werden durch würde und den Infinitiv Perf. Doch wendet man für diese schwer- füllige und unschöne Form besser den Konj. Plusquamp. an; z. B. wenn nicht Cäsar da- zwischen gefahren wäre, würden die Germanen ganz Gallien überschwemmt haben; dafür sagt man schöner: hätten die Germanen ganz Gallien überschwemmt. Im Konj. Imperf. des Passivs sind natürlich die Formen mit würde nicht zu umgehen, da dieser Modus einzig mit ihnen gebildet wird. Zu bemerken ist hier noch, dass der Konj. Fut. I und II auch mit würde gebildet wird, wenn die Formen von werden im Konj. und Ind. gleichlauten; also: ich erklärte, ich würde, du werdest, er werde, wir würden, ihr würdet, sie würden dies thun oder gethan haben. Der Erwähnung bedarf es auch, dass an Stelle des konjunktionalen Bedingungssatzes, ein Nebens. mit invertierter Wortstellung, d. h. ein Nebens., in dem das Subj. dem Präd. nachfolgt, stehen kann; seinen Charakter verliert— was für die fremden Sprachen von Be- deutung ist— der Bedingungssatz darum nicht. Beisp.: Wenn Cäsar uns nicht zu Hülfe kommt, so müssen wir auswandern. Dieser Satz lautet mit Inversion: Kommt Cäsar uns nicht zu Hülfe, u. s. w. Nicht selten wird bei dem Realis das Eintreten der Folge an das Eintreten der einen oder der anderen Bedingung geknüpft. Beisp.: die Sache ist leicht, wenn wir bleiben oder wenn wir aufbrechen; oder: mögen wir bleiben oder aufbrechen; oder: sei es, dass wir bleiben, oder dass wir aufbrechen; res facilis est seu manemus seu proficiscimur(realer Fall, also Indikativ). Caes. V 31, 2.¹) ¹) Wie nach si das ali des Pronomens wegfällt, so auch nach sive(seu) vergleiche z. B. Caes. VII 36, 3. 3*½ — 20— Das ironische„wenn nicht etwa“,„es müsste denn sein, dass“(nisi forte, nisi vero) leitet einen Bedingungssatz ein, der im Deutschen potential, im Lat. aber real aufgefasst wird. Bei den Konjunktionen„selbst wenn“ und„wenn auch“ ist ein konditionales Element mit einem konzessiven verschmolzen. Es gibt Dinge, die die Jünglinge, selbst wenn sie reich begabt sind, nicht verstehen. In den mit der Konjunktion„wenn nur“ beginnenden Nebensätzen ist Bedingung und Wunsch mit einander vereinigt. Du verdientest Anerkennung, wenn Du nur nicht so leicht, fertig wärst(sein wolltest). Eine Handlung oder ein Zustand kann in Bezug auf Beschaffenheit und Stärke mit einer anderen Handlung oder einem anderen Zustand verglichen werden, der bedingungs- weise angenommen oder gedacht ist; nicht selten ist ein solcher Vergleich ironisch Die zum Vergleich angeführten Nebens. werden dann mit den Konjunktionen als wenn, wie wenn. als ob eingeleitet; in den durch sie eingeleiteten Nebensätzen ist ein komparatives und ein konditionales Element verschmolzen. Der um des Vergleiches willen angenommene Fall kann als in der Gegenwart oder als in der Vergangenheit möglich gedacht werden; dement- sprechend ist der Modus von solchen zum Vergleich angenommenen Fällen der Potentialis der Gegenwart oder der Vergangenheit d. h. der Konj. Imperf. oder Plusquamp. Im Lat. sind einzig die Gesetze der Consecutio temporum massgebend. Die Bürger beglückwünschen sich, wie wenn sie in Sicherheit wären; vollständig hiesse dieses Satzgefüge: Die Bürger beglück- wünschen sich, wie sich Bürger beglückwünschen möchten(könnten), wenn sie in Sicherheit, wären. Die Bürger beglückwünschten sich, als wenn sie bereits in Sicherheit gewesen wären. Ausgeführt hiesse dieser Satz: Die Bürger beglückwünschten sich, wie sich wohl Bürger beglückwünscht hätten, wenn sie in Sicherheit gewesen wären. Wie in den Bedingungssätzen, so kann auch in den mit als ob, als wenn, wie wenn eingeleiteten Sätzen unter Wegfall der Konditionalkonjunktion„wenn“,„ob“ Inversion eintreten. Die Bürger beglückwünschten sich, als wären sie in Sicherheit. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass nach den Verben: scheinen, sich stellen, vorgeben, vermuten, Verdacht haben im Deutschen diese Konjunktionen als ob, als wenn, wie wenn mit den obengenannten Modi folgen, im Lat. jedoch die Konjunk- tionen tanquam etc. bei ihnen unzulässig sind, vielmehr der Accus. c. inf., bezw. bei videri der Nom. c. inf. folgen muss. C. Die Attributsätze(Relativsätze). Abgesehen von den bereits erwähnten Attributsätzen, die mit„ob“ oder„dass“ ein- geleitet werden(S. 11), sind alle Attributsätze Relativsätze. Da jeder Satzteil durch ein Attribut erweitert werden kann, so kann sich der Relativsatz als Stellvertreter des Attributes auf jeden Satzteil des Hauptsatzes beziehen. Es heginnen die Relativsätze: 1) mit Relativadverbien. Daher sind auch die Nebensätze, die mit wo, wohin, womit, wodurch u. s. w. anfangen), attributive Relativsätze, wofern sich diese Relativadverbia auf Substantiva im Hauptsatze beziehen. Beisp.: Ich gehe an einen Ort, wohin (= an den) mir niemand folgen kann. In dem Satzgefüge dagegen: Ich gehe dahin, wohin mir niemand folgen kann, ist der Relativsatz nicht Attributsatz, sondern ein Adverbialsatz ¹) Bei dieser Gelegenheit ist zu betonen, dass solche Relativadverbien nicht auf Personen bezogen werden können, z. B. Ariovist liess die Gesandten, von denen einer(nicht„wovon einer“) sein Gastfreund war, gefangen nehmen. — 21— des Ortes(vergl. S. 13); er vertritt ein Adverbiale des Ortes; man könnte etwa sagen: Ich gehe an einen von niemand betretbaren Ort. 2) mit Relativpronomina. Es gibt freilich mit Relativpron. eingeleitete Sätze, bei denen man zweifelhaft sein kann, welchen Satzteil sie vertreten. Beisp.: Gott züchtigt den, den er liebt. Man könnte hier versucht sein zu sagen: der Relativsatz ist ein Attributsatz, weil er das Objekt„den“ näher bestimmt. In der That aber bildet„den“ hier nur einen für sich nicht verständlichen Teil des Objektes; das ganze und wirkliche Objekt des Verbums des Hauptsatzes besteht hier aus„Den“ und dem Relativsatz. Von dieser Erkenntnis aus- gehend, nennt man solche Relativsätze Objektsätze. In dem Satzgefüge: der, welcher sein Vaterland verrät, ist ein Schurke, ist der Relativsatz ein Subjektsatz, denn er bildet zusammen mit„der“ das Subjekt des Hauptsatzes; deutlicher wird dies, wenn wir sagen: Wer sein Vaterland verrät, ist ein Schurke. Die allgemeine Regel lautet: Bildet der Relativsatz zu einem Pronomen oder unbestimmten Zahlwort des Hauptsatzes die unentbehrliche Ergänzung. so ist er kein Attributsatz, sondern zusammen mit dem Pronomen oder unbestimmten Zahl- wort der Satzteil, den dieses andeutet. Auf die Wahl des Modus in Relativsätzen hat das Relativum keinen Einfluss. Es kann der Relativsatz ein Urteilssatz sein, der ein reales Urteil enthält. Hier ist keiner, der lügt. Es kann aber auch in ihm ein potentiales Urteil ausgesprochen sein. Dies ist eine Wahrheit, die wohl niemand anzweifeln dürfte. Auch den Folgesatz einer irrealen Bedingung kann der Relativsatz bilden. Dies ist eine Wahrheit, die unbestritten wäre, wenn du sie nicht leugnetest. In einem Relativsatze kann ein Attributsatz mit einem Absichts-, einem Folge- oder Einräumungssatz verschmolzen sein; derartige Nebensätze werden dann an der Aussageweise erkannt. Cäsar schickte Gesandten, welche den Ariovist fragen sollten(Begehrungssatz). Es mag kommen, was da mag(Einräumungssatz), ich werde nicht verzweifeln. Ich kenne niemand, der dies nicht thäte(Folge und Möglichkeit finden sich hier vereinigt); statt: Ich kenne niemand von der Art, dass es möglich ist, dass er dies thut. Ebenso in Bezug auf die Vergangenheit: Ich habe niemand kennen gelernt, der hierzu nicht bereit gewesen wäre; statt: der von derart war, dass er möglicher Weise dies nicht that. Während die adverbialen Nebensätze nur dann in Participialsätze verkürzt werden können, wenn das Subjekt des Nebensatzes zugleich Subjekt oder Objekt des Hauptsatzes ist, können alle Relativsätze verkürzt werden: die Germanen, welche von Furcht ergriffen wurden. (dafür: von Furcht ergriffen,) wandten sich zur Flucht. Auf die Römer, die nichts ahnten. (dafür: nichts ahnend, oder: die nichts ahnenden,) machten die Germanen einen Angriff. V. Der Infinitiv. Der Infinitiv dient dazu, um die blosse Thätigkeit oder das blosse Leiden auszu- drücken ohne Angabe der Person und des Numerus. Beisp.: Schweigen ist eine Kunst. Ge- tadelt werden ist unangenehm. Der Infinitiv Praes. Akt. und Pass. drückt eine gleich- zeitige unvollendete oder dauernde Handlung aus; ob in der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft, entscheidet das Verbum finitum. Ich wünsche zu bleiben(Dauer in der Gegenwart), ich wünschte zu bleiben(Dauer in der Vergangenheit), er wird wünschen zu bleiben(Dauer in der Zukunft). In gleicher Weise bezeichnet der Inf. Perf. Act. und Pass. die Handlung oder den Zustand als vorausgegangen, während die Zeit durch das Verbum finit. angegeben wird. Er fürchtet zu unbescheiden gewesen zu sein(Vollendung in der Gegenwart). Er fürchtete zu — 22— unbescheiden gewesen zu sein(Vollendung in der Vergangenheit). Er wird fürchten unbe- scheiden gewesen zu sein(Vollendung in der Zukunft). Der Infinitiv hat eine dreifache Ge- stalt; er erscheint 1) als reiner Infin. loben; 2) als präpositionaler Infin. zu loben; 3) als sub- stantivierter Infin. das Loben. 1. I. Der reine(blosse) Infinitiv dient in seiner präsentischen Form zur Bildung des Futurs I Act. bezw. Pass. ich werde sehen, ich werde gesehen werden; in seiner perfektischen Form zur Bildung des Futurs II Act., bezw. Pass. ich werde gesehen werden, bezw. ich werde gesehen worden sein; . als Subjekt bei den Verben sein und heissen(= bedeuten, sein) z. B.: Raten ist leicht, nach einem Rate handeln oft schwer. Verachtet werden heisst mehr als sterben. Geben ist schöner als nehmen; als Prädikatsnomen bei den Verben sein und heissen; man fragt nach dem Infinnitiv z. B. mit: was kann er thun, was kann er erleiden? Das heisst nicht Gott vertrauen, das heisst Gott versuchen; . als Objekt nach den 6 Hülfszeitwörtern der Aussageweise!¹); Beisp.: die Häduer können beruhigt sein; nach den Verben lassen, heissen(gebieten), lehren, lernen, helfen, machen und einzelnen Verben der Sinneswahrnehmung: sehen, hören, fühlen, finden. Der Kasus macht mich lachen. Cäsar half den Galliern die Germanen vertreiben. Bei den genannten Verben der Sinneswahrnehmung vertritt der Infinitiv das früher häufiger und jetzt noch zuweilen vorkommende Participium. Cäsar sah die Sequaner weinen; man könnte dafür auch sagen: C. sah die Sequ. weinend. Hier ist dann das Partizip bei video, cerno, adspicio, adminadverto als Ausdruck der Lage oder des Zustandes, in dem man die betreffende Person oder Sache wahrnimmt, zu erwähnen; hierher gehört auch die Regel, dass bei den Verben der sinnl. und geist. Wahrnehmung im Griechischen das Particip folgt, wenn eine Thatsache wahrgenommen wird. Zu betonen ist auch an dieser Stelle, dass Sätze wie: C. sah die Sequaner weinen, nicht einen Acc. c. Inf. enthalten; vielmehr ist. ein Accus. c. Inf. heutzutage nur noch nach den Verben heissen, lassen, machen zu finden. Cäsar hiess die Sequaner aufstehen. Diese Konstruktion ist deshalb als Acc. c. Inf. zu fassen, weil der Akkusativ hier ohne den folgenden Infinitiv unzulässig ist, während in dem obigen Satze„die Sequaner“ als Objekt und„weinen“ als reiner(blosser) Infinitiv zu fassen ist. II. Der Infinitiv mit der Präposition zu. Er wird gebraucht: . zur Angabe des Zweckes nach intransitiven Verben wie gehen, eilen, kommen und tran- sitiven Verben wie geben, schicken.(äsar eilte nach Gallien zu kommen; lat.: Caesar contendit, ut in Galliam veniret. Er gab uns nichts zu essen. Cicero gab dem Sklaven den Brief zu besorgen. Cicero servo litteras deferendas tradidit. Im Unterschied vom Deutschen und Griechischen dient im Lateinischen der Infinitiv niemals zur Bezeichnung des Zweckes; daher steht entweder wie oben ut oder bei den Verben des Beauftragens und UÜbernehmens(curo do, trado, mitto impono, propono re- linquo, accipio, suscipio, concedo, permitto, loco und conduco) das Gerundivum als prädi- katives Attribut; Beisp.: Cäsar überliess es den Soldaten, die Stadt zu plündern; Caesar militibus urben diripiendam reliquit. Statt des Infinitivs„zu“ wird häufig der substan- tivierte Infinitiv oder ein Substantiv auf ung mit der Präposition„zu“, die den Zweck ¹ Uber sie vergl. Beil. III. ausdrückt, gebraucht. Cäsar überliess den Soldaten die Stadt zum Plündern oder zur Plünderung. 2. als Prädikatsnomen nach sein, bleiben, scheinen. Die Geiseln sind zurückzugeben. Diese Verbindung hat die Bedeutung der Notwendigkeit oder Möglichkeit im passiven Sinne. Der obige Satz kann auch lauten: Es ist notwendig, dass die Geiseln zurückgeben werden; obsides remittendi sunt. Der Plan ist, wie es scheint, zu tadeln; consilium reprehendendum videtur. 3. als Subjekt; dann hat er meist ein Objekt bei sich. Für das Vaterland zu sterben, ist, ein erhebendes Gefühl; Pro patria mori dulce est. 4. als Objekt: a) bei den Verben des Hoffens und Beteuerns und deren Gegenteil, wenn das Hoffen und Beteuern die eigne Person betrifft; es sind dies die Verben: hoffen, glauben— fürchten; bekennen, beteuern— leugnen. b) bei den Verben des Wollens, wenn das Wollen auf die eigne Person gerichtet ist: beschliessen, wünschen, streben, sich getrauen, suchen(versuchen), vorhaben, gedenken, drohen, sich gewöhnen, verziehen— sich weigern,(ver)meiden, zögern. c) bei den Verben, die die Einwirkung auf den Willen eines anderen ausdrücken; diese sind: raten, bitten, mahnen, erinnern, warnen, heissen, befehlen. d) bei den Verben: anfangen, beginnen, fortfahren, aufhören, wagen, pflegen, verstehen. Anm. Bei einzelnen dieser Verben kann auf den Infinitiv, wofern er ihnen nach- steht, durch ein Demonstrativadverbium hingewiesen werden. Wir bitten Dich darum, die Germanen über den Rhein zurückzudrängen. e) nach Substantiven auf die Frage„was für ein“ zur Bezeichnung des Attributes, z. B. die Kunst zu lesen ist zu erlernen. Häufig steht an Stelle dieses Infinitivs der sub- stantivierte Infinitiv: die Kunst„des Lesens“ oder Substantive auf ei. Die Kunst„der Heuchelei“ sollte jedem Deutschen fremd sein. f) wie im Griechischen nach Adjektiven, die ein Objekt zu sich nehmen können, wie leicht, schwer, angenehm, würdig, wert, fähig. Namentlich bei diesen Adjektiven ist auf die verschiedenartige lateinische UÜber- setzung des deutschen präpositionalen Infinitivs zu achten; res facilis(difficilis) intellectu oder ad intellegendum est; aptus, idoneus, dignus, indignus qui, aptus und idoneus qui. Der In- finitiv kann dagegen im Lateinischen nie wie im Deutschen von einem Adjektiv abhängen. Eine scheinbare Ausnahme macht paratus z. B.: bellum gerere; hier ist aber der Infinitiv nicht von dem Adjektiv, sondern von dem Particip abhängig wie z. B. in dem Satze: Ariovistus cunctans in colloquium venire legatos cum his mandatis ad Caesarem misit. III. Der substantivierte Infinitv. Er ist vollständig zu einem Substantiv geworden; er wird wie ein solches dekliniert, kann den Artikel bei sich haben und wird durch Adjektive näher bestimmt. Das heftige Weinen der Sequaner fiel Cäsar auf. Trotz wiederholten Fragens erhielt er von ihnen keine Antwort. Anm.: 1) Der substantivierte Infinitiv ist immer da zu vermeiden, wo ein völlig gleich- bedeutendes wirkliches Substantiv zu Gebote steht. An dem Ausbrechen neuer Empörungen zweifelte Cäsar nicht(statt an dem Ausbruch). 2) Der substantivierte Infinitiv darf nicht mit zu vielen näheren Bestimmungen beladen werden; namentlich wird der Ausdruck schwerfällig, wenn zu den Attributen noch Adverbialia hinzutreten. Beisp.: Das Weinen der Sequaner während dieser Rede fiel Cäsar auf; dafür besser ein Nebensatz: Dass die Sequaner wührend dieser Rede weinten, fiel Cäsar auf. — 24— Beilagen. Die hier als Beilagen veröffentlichten kleineren deutschen Ausarbeitungen liess ich während verschiedener Jahre in den beiden Tertien schreiben. Ich wähle bisweilen grammatische Arbeiten an Stelle solcher, die inhaltliche Fragen behandeln. Letztere wurden von Herrn Prof. Dr. Dett- weiler, meinem verehrten Lehrer auf pädagogischem Gebiete, an hiesiger Lehranstalt eingeführt (vergl. auch Dettweiler Lehrpr. 47, 11). Wenn ein Berichterstatter auf der Direktoren- versamm!l. Sachs. 1896(Dr. Becher) S. 40 Anm. 1 in Bezug auf solche grammatische Aus- arbeitungen sagt:„Dettweiler(lat. Unterr.) gibt später sehr hübsche Themata für das La- teinische, nur für die Aufgaben aus der Grammatik kann ich mich nicht erwärmen, weil ich fürchte, dass durch sie das bisschen Liebe, welches unsere Schüler noch für die Grammatik haben, systematisch ausgetrieben wird“, so erlaube ich mir zu bemerken, dass diese Furcht recht grundlos ist; denn die Mehrzahl der Schüler macht solche Arbeiten recht gern; vergl. als Beweis S. 25, Anm. Freilich darf man von ihnen nichts Unmögliches verlangen.— Noch sei bemerkt, dass diese Arbeiton wörtlich Schülerheften entnommen sind. 1) Der Konjunktiv in dentschen Hauptsätzen IIIb(Onne Hülfen geschrieben). Der Konjunktiv dient dazu, um einen Befehl, eine Einräumung, eine Möglichkeit, eine gemilderte Behauptung, die Nichtwirklichkeit und einen Wunsch auszudrücken. Das Satzgefüge: „Cäsar befiehlt, dass Ariovist mit ihm zusammenkommt“ enthält einen abhängigen Begehrungs- satz. Aus dem Nebensatze kann man folgende Hauptsätze machen:„Ariovist komme mit mir zusammen“ und„Ariovist soll mit mir zusammenkommen“. Wenn(äsar sich mit in die Aufforderung einschliesst, lautet der Satz:„Lasst uns zusammenkommen“. Das Satzgefüge: „Cäsar wünscht, dass Ariovist mit ihm zusammenkommt“ enthält einen abhängigen Begehrungs- satz. Aus dem Nebensatz kann man folgenden Hauptsatz machen:„Ariovist möge mit mir zusammenkommen.“ Zwischen den Sätzen: Käme doch Ariovist zur Unterredung und„wäre doch Ariovist zur Unterredung gekommen“ ist folgender Unterschied: Der erste Satz enthält, einen mit geringerer Bestimmtheit ausgesprochenen Wunsch. Der zweite Satz enthält einen unerfüllten Wunsch. Zwischen den Sätzen:„Ariovist kommt zur Unterredung“ und„Ariovist, dürfte zur Unterredung kommen“ und„Ariovist könnte zur Unterredung kommen“ ist folgender Unterschied: Der erste Satz enthält ein bestimmtes Urteil. Der zweite Satz drückt eine ge- milderte Behauptung aus. Der dritte Satz gibt die Möglichkeit an. In dem Satzgefüge:„Wenn Ariovist nicht zur Unterredung gekommen wäre, so hätte ihn Cäsar sofort angegriffen“ steht- der Konjunktiv, weil er etwas nicht Wirkliches enthält. Aus dem Satz:„Auch bei einer Zu- sammenkmunft mit Ariovist werde ich auf meinen Forderungen bestehen“ lässt sich folgendes Satzgefüge herstellen:„Wenn auch Ariovist zur Unterredung kommt, werde ich auf meinen Forderungen bestehen.“ Auch lässt sich daraus folgende Satzverbindung machen:„Mag auch Ariovist zur Unterredung kommen, dennoch werde ich auf meinen Forderungen bestehen.“ 2) Der Gebrauch der Tempora in Nebensätzen, die im Konjunktiv stehen ¹) IIIv. la 1.„Wären die Germanen nicht nach Gallien gekommen, so wären die Sequaner und Häduer von allem Ungemach frei gewesen.“ 2.„Wer möchte wohl glauben, dass Ariovist so ¹) Die Schüler zeichneten zu Beginn der Stunde folgendes in ihre Allerhandhefte auf: Ia. Es ist zu bilden: 1. ein irrealer Bedingungssatz; 2. ein Potentialis; 3. ein Satz, der einen un- erfüllten Wunsch enthält. b. Diese Sätze sind abhängig zu machen. — 25— ohne Grund mit mir Krieg anfängt?“ 3.„Wäre doch Ariovist nicht nach Gallien gekommen.“ In allen diesen Sätzen steht der Konjunktiv der Präteritalformen. I 1.„Diviciakus sagte, dass die Sequaner und Häduer von allem Ungemach frei gewesen wären, wenn die Germanen nicht nach Gallien gekommen wären.“ 2.„Cäsar fragte seine Soldaten, wer wohl glauben möchte, dass Ariovist so ohne Grund mit ihm Krieg anfinge.“ 3.„Alle Gallier wünschen, dass Ariovist nicht nach Gallien gekommen wäre.“ Die Sätze, welche bereits in unabhängiger Rede im Konjunktiv der Präterialformen stehen, stehen also in abhängiger auch im Kon- junktiv der Präteritalformen. II 1.„Warum belästigt Du mich in meinem Gebiete?“ 2.„Ich werde in der nächsten Nacht um die 4. Nachtwache aufbrechen.“ IIb 1.„Ariovist fragte Cäsar, warum er ihn in seinem. Gebiete belästige.“ 2.„Cäsar sagte in seiner Rede zu den Soldaten, er werde in der nächsten Nacht um die 4. Nachtwache aufbrechen.“ III. In ab- hängigen Nebensätzen wird der Konjunktiv Präsentis durch den des Imperfekts ersetzt, wenn der Konjunktiv dem Indikativ gleich ist.„Warum habt ihr doch Ariovist herbeigerufen?“ „Diviciakus fragte die Sequaner, warum sie den Ariovist herbeigerufen hätten.“ Im Latei- nischen bildet für die Wahl des Tempus in einem innerlich abhängigen Nebensatz das Tempus den Ausgangspunkt, in dem das Verbum des Hauptsatzes steht. Der Deutsche dagegen fragt bei jedem konjunktivischen Nebensatz: Wie heisst der Satz direkt? In welchem Tempus und Modus steht er? 3) Die Hilfszeitwörter der Aussageweise ¹) III. Es gibt zwei Gruppen von Hülfszeitwörtern, nämlich die Hülfszeitwörter, die zur Bildung einzelner Tempora dienen, und die Hülfszeitwörter der Aussageweise. Zu den ersten gehören: sein, haben, werden. Die letzteren sind: können, mögen, dürfen, müssen, sollen, wollen und lassen. Je nach dem Gebrauch der Hülfszeitwörter des Modus wird der Sinn des Satzes geändert. Der Satz: Cäsar greift den Ariovist an, ist ein reales Urteil. Cäsar kann den Ariovist angreifen, drückt aus, dass Cäsar die Fähigkeit dazu hat infolge seines Feld- herrntalentes oder infolge seiner Truppen. Gebraucht man das Hülfszeitwort mögen, so be- deutet der Satz, dass Cäsar den Ariovist nach dem Willen oder Wunsche eines anderen an- greifen darf; z. B.: der Senat hat nichts dagegen, wenn er ihn angreift. Heisst der Satz: Cäsar darf den Ariovist angreifen, so drückt er aus, dass Cüsar die Erlaubnis dazu hat. Dieser Satz ist wohl zu unterscheiden von der bescheidenen Behauptung: Cäsar dürfte den Ariovist angreifen. Der Satz: Cäsar muss den Ariovist angreifen, gibt die Notwendigkeit infolge äusserer Umstände an. Gebraucht man das Hülfszeitwort sollen, so drückt der Satz aus, dass irgend jemand dem(äsar befiehlt, den Ariorist anzugreifen. Cäsar will den Ariovist, angreifen, bedeutet, dass es der Wille Cäsars ist, den Ariovist anzugreifen; etwa weil er erkannt hat, es sei nötig, den Ariovist anzugreifen. Der Satz, Cäsar muss den Ariovist an- greifen, bedeutet dagegen nur, dass ihn äussere Umstände dazu zwingen. Der Satz: Cäsar lässt einen Platz zum Lager auswählen, kann ausdrücken, dass Cäsar es gestattet oder zu- lässt. Dann kann dieser Satz bedeuten, dass Cäsar es befohlen hat. Der Satz, Cäsar will Recht gehabt haben, drückt aus, dass er es behauptet, Recht gehabt zu haben. Sagt man, Cäsar soll Recht gehabt haben, so drückt man aus, dass man es so gehört hat, dass man aber über die Richtigkeit des Berichteten nicht entscheiden will. IIa. Es ist ein direkter Fragesatz und ein Urteilssatz zu bilden. b. Diese Sätze sind abhängig zu machen. III. Welche allgemeine Regeln ergeben sich aus dem Vergleich dieser im Konjunktiv stehenden Nebensätze? ¹) Ohne Hülfen geschrieben. — 26— 4) Die Dass-Sätze im Deutschen¹) IIIv. Die konjunktionalen Nebensätze werden im Deutschen eingeteilt in Adverbialsätze und Inhaltssätze. Letztere werden mit dass eingeleitet. Sie heissen Inhaltssätze, weil sie den Hauptinhalt des Satzgefüges bilden. Deshalb kann der Hauptsatz zu einem Nebensatz und der Nebensatz zu einem Hauptsatz gemacht werden. Die Dass-Sätze vertreten entweder das Subjekt, Objekt oder Attribut. Beisp.: Es ist bekannt, dass Cäsar 8 Jahre in Gallien verweilt hat. Wer oder was ist bekannt? Also Subjektsatz. Beisp. Wir haben gelesen, dass Cäsar 8 Jahre in Gallien verweilt hat. Wen oder was haben wir gelesen? Also Ob- jektsatz. Beisp. Die Thatsache, dass Cäsar 8 Jahre in Gallien verweilt hat, ist uns bekannt. Was für eine Thatsache ist uns bekannt? Also Attributsatz. In Hauptsätze verwandelt, lauten diese Dass-Sätze: Wie bekannt ist, hat Cäsar 8 Jahre in Gallien verweilt. Wie wir gelesen haben, hat Cäsar 8 Jahre in Gallien verweilt. Die Inhaltssätze sind abhängig: 1) von Verben des Sagens und Empfindens, 2) von den Verben des Bewirkens und Geschehens, 3) von Verben der Gemütsstimmung, 4) von den Verben befehlen, verbieten, zulassen und dulden. Die Inhaltssätze werden vertreten durch die logischen Nebensätze. Logische Nebensätze sind nur in unseren Gedanken Nebensätze. Beisp. Cäsar sagt, er habe Britannien gesehen. Die Inhaltssätze können zum Teil durch Infinitive verkürzt werden. Dies geschieht, wenn das Subjekt des Hauptsatzes und Nebensatzes dasselbe ist oder wenn das Objekt des Hauptsatzes als Subjekt im Nebensatze vorkommt oder wenn es eine unbestimmte Person ist. Beisp. Cäsar fand es für gut, dass er über den Rhein gehe. Dafür: Cäsar fand es für gut, über den Rhein zu gehen. Beisp. C(äsar befahl den Soldaten, dass sie die Brücke abbrächen. Dafür: Cäsar befahl den Soldaten die Brücke abzubrechen. Beisp. Cäsar befahl, dass man die Brüche abbreche. Dafür: Cäsar befahl, die Brücke abzubrechen. Nach den Verben der geistigen und sinnlichen Wahrnehmung und nach den Verben des Sagens kann eine Verkür- zung nicht eintreten, ausser wenn die Verba des Sagens zugleich einen Befehl enthalten. Beisp. Cäsar sagte, dass er über den Rhein gehe. Hier kann nicht gekürzt werden; aber Cäsar be- fahl den Soldaten, dass sie über den Rhein gehen sollten. Dafür: Cäsar befahl den Soldaten, über den Rhein zu gehen. Inhaltssätze, die den Gedanken oder die Worte einer Person angeben, heissen Anführungssätze. Sie stehen in der direkten und indirekten Rede. Aus der indirekten Rede kann man auch logische Nebensätze machen. Beisp. Cäsar erzählt:„Ich bin über den Rhein gegangen.“ Indirekt Cäsar erzählt, dass er über den Rhein gegangen sei. Dafür kann man sagen: Cäsar erzählt, er sei über den Rhein gegangen(logischer Nebensatz). ¹) Es wurden den Schülern zu Beginn der Stunde folgende Fragen in das Allerhandheft diktiert: 1. Wie werden die konjunktionalen Nebensätze eingeteilt? . Warum heissen die Dass-Sätze Inhaltssätze? An Stelle welcher Satzteile können Dass-Sätze stehen?(Beispiele.) Von welchen Zeitwörtern können die Dass-Sätze abhängen? Wovon können die Dass-Sätze vertreten werden?(Beispiele.) Wann kann eine Verkürzung der Dass-Sätze eintreten?(Beispiele.) Welche Inhaltssätze nennen wir Anführungssätze?(Beispiele.) Zur Entkräftung der oben mitgeteilten Behauptung des Dr. Becher sei erwähnt, dass von 27 Schülern, die die Arbeit anfertigten, drei die Note sehr gut, acht die Note gut, acht die Note im ganzen gut, drei die Note genügend, einer die Note teilweise genügend und vier die Note ungenügend erhielten. 3 dr Po 81 r