Programm womit zu den am 26. und 27. Merz 1874 im Hörſaal des Gymnaſiums Statt findenden üffrutlichen Prüfungen; ergebenſt einladet der Gymnaſialdirector Dr. f. W. piderit. Inhalt: 1) Zur Gymnaſialpädagogik III vom Gymnaſial⸗ director Dr. Piderit. More Wreh ee 2) Schulnachrichten. Hanau. Druck der Waiſenhausbuchdruckerei. e iſnn3 m Ta us 2* 41 Sowol um die Aufnahme nachſtehender Schulreden in das dießmalige Gymnaſial⸗Programm überhaupt, als auch insbe⸗ ſondere die wiedergewählte Geſamtbezeichnung: zur Gymnaſial⸗ pädagogik zu rechtfertigen, darf ich mich im Allgemeinen hier auf das in den beiden Vorreden zu den Programmen von 1867 und 1871 Bemerkte berufen. Der Abfaßung einer wißenſchaft⸗ lichen Abhandlung traten eben mancherlei nicht zu beſeitigende Hinderniſſe entgegen, um deren willen der hier dargebotene Erſatz wol einigermaßen geſtattet zu ſein ſcheint. Sodann: zur Gym⸗ naſialpädagogik im weiteren Sinne gehören dieſe Reden ſo gut wie die früheren, in den Programmen von 1867*) und 1871**) enthaltenen. Daß die erſte der drei vorliegenden Reden: von der rechten Hingabe der Seele(gehalten am 23. Merz 1858) und die dritte: das Weſen des rechten Gehorſams(10 Jahre ſpäter gehalten, am 31. Merz 1868) recht eigentlich das Herz der Pädagogik berühren, zeigt ſchon die bloße Anführung des Themas. Aber auch die zweite: über einige der hauptſächlichſten Feinde wahren Fortſchritts in unſerer Zeit(gehalten am 20. Sep⸗ *) 1) Ueber einige der hauptſächlichſten Feinde der Einheit im Gym⸗ naſialunterricht(gehalten am 23. September 1856); 2) Vom geiſtlichen Ge⸗ hörſinn und deſſen Uebung(gehalten am 31. Merz 1857). **) 1) Von der wahren und falſchen Energie(vom 4. April 1865); 2) Vom geiſtlichen Geſichtsſinn(vom 9. April 1867); 3) Ueber die Gefahr des Herabſinkens aus unſerem Chriſtenberufe(vom 15. Merz 1864). 2 ſelben Standpunktes, natürlicher Weiſe gar bald wieder herab. Iſt das aber der weſentliche, Gedanken und Worte, Wünſche und Begierden, Sitten und Gebräuche des heidniſchen Lebens durch⸗ dringende Grundzug, wie er in den mannigfaltigſten Erweiſungen dem heidniſchen Leben eigen iſt, ſo können wir uns leider nicht verhehlen, daß auch in unſeren Tagen große Maſſen mitten in dem Chriſtentum von der hochflutenden Strömung dieſes heidniſchen Weſens ergriffen ſind; nur daß alle, die in der chriſtlichen Welt mit bewußter Entſcheidung dem Zuge folgen, das noch ſchlimmere Brandmal an der Stirne tragen, daß ſie nicht bloß Heiden, ſon⸗ dern vielmehr— abgefallene Chriſten heißen müßen. Oder iſt es etwa nicht ſo, daß tauſend und abertauſend, die auf den Namen des Herrn Jeſu Chriſti getauft find, dieſe ihre Taufgnade in dem Grade verachten, daß ſie nicht nur den Herrn, der Leben und unvergängliches Weſen an das Licht gebracht hat, durch ihren Unglauben fortwährend läſtern, ſondern in der Thorheit ihres Herzens überhaupt von dem lebendigen Gott ſchlechthin nichts wißen wollen? Iſt es nicht ſo, daß tauſend und abertauſend den Chriſtennamen, den ſie an ſich tragen, alſo verleugnen, daß ihre Seelen ganz und gar der Knechtſchaft des creatürlichen Leben an⸗ heimgefallen ſind? In ihren faſt verſtockten Gedanken hat nur das gegenwärtige Leben dieſer Welt, ja eigentlich nur der Angen⸗ blick Exiſtenz; was darüber hinausliegt, iſt in ihren Augen leere Einbildung. Ihr Dichten und Trachten iſt daher, dieſer ihrer Weisheit entſprechend, in völliger Hingabe an das Fleiſch ſchlecht⸗ hin nur auf das Materielle gerichtet: Beſriedigung der Sinnen⸗ luſt das einzige, unabläßige Streben, Genuß das einzige Ziel, wonach ſie ſich fortwährend ausſtrecken; um dieß Ziel zu erreichen, iſt ihnen kein Mittel zu ſchkecht, kein Weg zu gemein, kein Renuen und Laufen zu unbequem, kein Schmutz zu tief und keine Be⸗ ſchäftigung zu ehrlos. 8 Ich mag die traurige Thatſache dieſes weit verbreiteten heidniſchen Weſens, dieſes Abfalls vom lebendigen Gott, wie er ja kommen muß und ſich noch ſteigern wird, wenn die letzten 3 Zeiten herannahen, hier nicht weiter verfolgen. Aber das kann und darf ich in dieſem Augenblicke, wo wir abermals eine An⸗ zahl unſerer bisherigen Schüler aus dieſem Hauſe zur Univerſität entlaßen, gewis nicht verſäumen, Euch zum letzten Male eine der unzäligen todbringenden Früchte warnend vorzuzeigen, auf daß auch dieſe Abſchiedsworte im Einklang ſtehen mit dem, was ihr bisher von mir gehört habt, und ſoviel an ihnen iſt, mit des Herrn unſeres Gottes treuer Hülfe, Euch nach dieſer Seite hin wenigſtens vor dem Böſen bewahren mögen. Gott läßt ſich nicht ſpotten; was der Menſch ſäet, das wird er ernten; wer auf das Fleiſch ſäet, der wird vom Fleiſch das Verderben ernten, wer aber auf den Geiſt ſäet, der wird vom Geiſt das ewige Leben ernten. Denn es waltet auch hier eine gerechte Vergeltung. So das heidniſche Weſen, das vom Fürſten dieſer Welt iſt, nicht ge⸗ brochen wird, ſondern ungehindert fortwuchert, ſo wird die Seele zuletzt ſelbſt fleiſchlich; fleiſchlich geſinnt ſein aber iſt der Tod. Und bei wie Vielen dieſes Stadium des faſt gänzlichen Ver⸗ kommens des Seelenlebens im Fleiſch bereits eingetreten iſt, davon kann das als ein ſehr eclatanter Beweis angeſehen werden, daß man in unſerer Zeit einen„Kampf um die Seele“ hat be⸗ ginnen müßen, nicht etwa in dem Sinn, wie man ihn früher allein kannte, einen Kampf wider das Reich der Finſternis, wider alles ungöttliche und ſündliche Weſen um der Seele eigenes Heil, ſondern nnerhörter Weiſe um die von den fleiſchlich geſinnten Thoren unſerer Tage geleugnete Thatſache der ſelbſtändigen Exiſtenz der Seele. So tief ſind nun freilich viele Tauſende noch nicht geſunken; aber eine Erſcheinung, die mit dem erwähnten irdiſchen Sinn (um es kurz zu bezeichnen) offenbar auf das Engſte zuſammenhängt, iſt doch gar weithin zu bemerken, und wol geeignet, uns zu ernſtem Nachdenken zu reizen, ich meine den bis in die höchſten Lebens⸗ kreiße weit verbreiteten ſehr fühlbaren Mangel an rechter voller Hingabe der Seele im guten Sinn. Sie ſteht mit jener dämo⸗ niſchen Energie der Seele in ihrer Richtung auf das Fleiſch in 1* 4 gerade umgekehrtem Verhältnis; je mehr dieſe wächſt, deſto mehr tritt jene zurück. Es iſt hier nämlich nicht von eigentlicher Geiſtesträgheit die Rede, die nicht lernen, ſich nicht anſtrengen mag. Im Gegen⸗ teil, es kann ein fortwährendes Lernen und Leſen, ein unabläßiges Aufnehmen der verſchiedenartigſten Wißensſtoffe vorhanden ſein, und von der rechten Hingabe der Seele iſt doch keine Spur zu ſehen. Auch habe ich nicht die Unfähigkeit im Auge, das Ein⸗ gelernte zu behalten; auch da, wo das auf irgend welchem Wege durch Hören oder Leſen oder fremde Unterweiſung Erlangte feſt⸗ gehalten, ja ſelbſt wo ſich in Gedanken damit beſchäftigt wird, die Wißensſtücke combiniert und wieder getrennt oder in dieſer und jener Beziehung zu einer Art Anwendung gebracht werden, auch da wird trotzdem die rechte Hingabe der Seele oft ſehr ver⸗ mißt. Denn bei alledem bleibt genau betrachtet nur zu oft die Seele, deren Weſen es gerade iſt, in wunderbarer Beweglichkeit über Berg und Thal, über Land und Meer, von Nord nach Süd, von Oſt nach Weſt, von der Erde bis zu den fernſten Sternen⸗ bahnen, vom heutigen Tag zurück bis in die entlegenſten Zeiten und von da durch alle Jahrhunderte, durch aller Völker Geſchichte und alle Gebiete des Lebens hindurchzudringen, ohne ſich dabei doch zu verlieren— nur zu oft bleibt die Seele im Gegenſatz zu dieſer ihrer Natur lediglich in ſich und ihrem engen Gedanken⸗ kreiß ſelbſtſüchtig verſchloßen. Dieſes kalte, ſtarre, trotz alles ſcheinbaren Intereſſes für Kunſt und Wißenſchaft, für Geſchichte und höhere Bildung doch völlig unlebendige in ſich Verbleiben der Seele iſt es nun, was in unſerer Zeit ſo bedenklich weit ver⸗ breitet erſcheint. Es kann natürlich nicht meine Abſicht ſein, dieſer Thatſache in ihrer ſehr mannigfaltigen Erweiſung auf allen Gebieten des Lebens bis ins Einzelnſte nachzugehen,— wie wäre das in den wenigen Augenblicken, die mir hier geſtattet ſind, irgend möglich? Ich muß mich vielmehr darauf beſchränken, mit ein paar Finger⸗ zeigen darauf hinzuweiſen, wo und wie im Allgemeinen dieſe Er⸗ 5 ſcheinung hervortritt, und wodurch wir allein von dieſer Seelen⸗ krankheit— denn als ſolche muß ſie ohne Zweifel angeſehen werden— können geheilt werden oder vor ihr bewahrt bleiben. Wie oft müßen wir die Klage hören, daß unter unſerer Jugend die Pietät in Haus und Schule auf eine Erſchrecken er⸗ regende Weiſe abnehme. Aber wo tritt dieſe betrübende Erſcheinung am grellſten hervor? Da wo das Kind und der Schüler ſchon früh anfangen, ſich auf ſich ſelbſt zurückzuziehen, ſtatt in ſtarkem Vertrauen und treuem Gehorſam ihre Seelen in die Hände derer zu legen, denen ſie befohlen ſind. Und wenn wir als Lehrer und Erzieher ſo oft die ſchmerzliche Erfahrung machen müßen, daß trotz aller äußeren Aufmerkſamkeit auf die Worte des Lehrers, ja trotz alles äußerlichen Annehmens der Lehre ſowol, wie der Ermahnung dennoch kein lebendiges Wißen, keine rechte Aneignung erreicht wird, müßen wir nicht einen Theil der Schuld dem bei⸗ meßen, daß die Schüler und Zöglinge nur Worte hören und auf⸗ nehmen, nicht aber ihre Seelen ohne zerſtörende Reflexion an das rechte Lehr⸗ und Erziehungswort des Lehrers in wahrer Herzens⸗ einfalt und ohne Rückhalt dahingeben. Oder gehen wir über den engeren Kreiß der Schule hinaus in die weiteren Gebiete der Wißenſchaft und des weltlichen, ja des kirchlichen Lebens: drängt ſich uns nicht auch da dieſelbe Er⸗ ſcheinung auf? An Sammlung reichen Materials, an gelehrten Forſchungen fehlt es vielfach durchaus nicht; aber ſehr häufig wird ſofort Alles nach den in ſich erſtarrten und iſolierten Ge⸗ danken des Einzelnen umgeſtaltet und dem zerſtörendſten Sub⸗ jectivismus preisgegeben. Selbſt da, wo mitunter die prächtigſten, glänzendſten Anſichten auftauchen, begegnen wir häufig einer ſehr bedenklichen Selbſtbeſpiegelung in den eigenen Geiſtesprodukten, die doch am Ende nichts zanderes, als Augenluſt iſt, und zwar um ſo gefährlichere Augenluſt, als dadurch die Seele nur zu leicht in den Wahn verſenkt wird, daß ſie ſich wirklich in der objectiven Wahrheit bewege, während ſie doch meiſt nur mit ihren eigenen Gedanken ſpielt. Geſchichtsbücher, Literaturgeſchichten und theo⸗ 6 logiſche Werke erſcheinen in ziemlich reicher Anzahl; aber geht nicht daneben her die warlich nicht erfreuliche Wahrnehmung, daß die wahre Liebe zu unſeres Volkes Geſchichte, Poeſie und Bekenntnis und damit auch das lebendige Verſtändnis dieſer von Gott gegebenen Güter in unleugbarer Abnahme begriffen ſind? Das kommt aber zum großen Theil daher, weil es überall an der rechten freudigen, demütigen und darum energiſchen Seelen⸗ Hingabe gebricht. Wo keine Vaterlandsliebe iſt, da iſt auch kein Verſtändnis der Vaterlands⸗Geſchichte; Vaterlandsliebe im wahren Sinne hat aber nur in den Seelen derer ihre Stätte, die ſich in innerlicher Bewegung und in freudigem Herzenszuge ſowol den Gaben, die Gott unſerm Volke mit auf ſeine Wander⸗ ſchaft gegeben und durch die Führungen Seines Stabes Sanft und Wehe geläutert hat, als auch den Trägern dieſer Gaben hin⸗ zugeben vermögen. Oder glaubt ihr, ihr wüßtet etwas von deutſcher Geſchichte, wenn ihr bloß Namen und Jahreszahlen, und wären es ihrer auch noch ſo viele, in euch aufgenommen habt, wenn ihr nur Kaiſer⸗ und Fürſtenreihen, äußere politiſche Ver⸗ hältniſſe und Territorial⸗Veränderungen kennt? Könnt ihr nicht euere Seelen in die Treue eines deutſchen Herzens ſenken, alſo daß auch euere Treue daran entzündet wird und erſtarkt; könnt ihr euch ſelbſt nicht mit in die Gefolgſchaft enerer Väter ſtellen, wenn ſie wie ihren irdiſchen Herren, ſo vor allen ihrem himm⸗ liſchen König und Herzog ihrer Seligkeit, Jeſu von Nazareth, nachzogen; könnt ihr nicht an des Reiches Herrlichkeit, an den Kaiſern und Königen, die für ſie Alles einſetzten, eunere Seelen erquicken oder auch in die tiefen Leidenszeiten und den ſelbſtver⸗ ſchuldeten Verfall miteingehen: warlich euer Wißen von deutſcher Geſchichte iſt und bleibt nichts, als ein tönendes Erz und eine klingende Schelle! Aber dieſe Hingabe der Seele, du ſuchſt ſie bei vielen Tauſenden deiner Stammesgenoßen vergebens. Wäre ſie vorhanden, wie könnten dann nach noch nicht 50 Jahren die Schlachten und Helden, die Erhebung und Befreiung vom Jahre 13 weithin ſo 7 gänzlich vergeßen ſein; doch was ſage ich, wie wäre es möglich, daß nach einem Decennium ſchon im Merz 1858 die Merztage des Jahres 1848, die Schmach und die Rettung, bei ſo vielen unſerer Landsleute faſt aus dem Bewußtſein wieder entſchwunden ſind, alſo daß kaum Radetzky's Leichenfeier oder der wiederholte Ausbruch der dämoniſchen Mächte in demſelben Land, aus dem die wilden Wogen der Revolution über unſere Lande dahinſtrömten, die harten, vergeßenen Herzen für einen Augenblick in eine bald wieder verſchwindende Aufregung verſetzen kann! Damit hängt denn aufs Engſte die ſichtbar erkaltete Liebe zu unſeres Volkes Poeſie zuſammen. Noch vor zwanzig bis dreißig Jahren gehörten, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, Schillers und Göthes Gedichte und Dramen, von Leſſing und Bürger, Hölty, Voß, Jean Paul und anderen zu ſchweigen, mit zu dem geiſtigen und gemütlichen Leben des jugendlichen Herzens; und wenn ſich allerdings auch unſtreitig viel Krankhaftes in dieſe jugendliche Teilnahme an den Kunſtſchöpfungen der poetiſchen Meiſter mit einmiſchte, und wir daher die noch dazu in der Regel ſentimentale Hingabe an oft ſehr irregehende Gefühle und Ge⸗ danken ſchlechterdings nicht billigen wollen: die Hingebungs⸗ fähigkeit der Seele war doch da; es kam nur darauf an, ſie auch hier auf die rechten, praktiſchen Ziele zu leiten. Das ſcheint aber jetzt ſchon ganz anders zu ſein. Nicht etwa, daß bloß der Geſchmack an ſo manchen Gedichten Schillers, die ſonſt gerade am meiſten geprieſen zu werden pflegten, und an deren rhetoſieren⸗ der Sprache geſchwunden wäre— darüber könnte man ſich am Ende nur freuen—; nein, es iſt vielfach eine förmliche Apathie für alles Poetiſche, für wahrhaft dichteriche Gedanken und An— ſchauungen, für das Lied und den rechten Geſang eingetreten; und die müßen wir, zumal wenn ſie mit der ſchweren Seelen⸗ krankheit des fleiſchlichen Sinnes und des Unglaubens zuſammen⸗ hängt, allerdings anf das Tieſſte beklagen. Denn das iſt ja freilich der ſchlimmſie Schaden, daß die Hingabe der Seele an unſer Väter Bekenntnis zu dem dreimal 8 heiligen Gott und Seinen großen Thaten, an die Lieder, die ſie zu ſeiner Ehre geſungen haben, zu freudigem Dank für Seine Barmherzigkeit und Treue, der auch Seines eingeborenen Sohnes nicht verſchont, ſondern ihn für uns dahingegeben hat— mit einem Wort, daß die Hingabe an den Herrn Jeſus und Seine Kirche, da er das Haupt iſt, in weiten Kreißen und Lebensgebieten ſo ſchmerzlich vermißt wird. Ich will gar nicht einmal von den frechen Läſterern des heiligen Namens Gottes, nicht von den feindlichen Schaaren derer reden, denen das Kreuz Chriſti ein Aergernis und eine Thorheit iſt, die ſich von der Kirche und ihren Gnadenmitteln gänzlich losgeſagt haben und auf dem Wege, der ins Verderben führt, dem ewigen Tode unrettbar entgegen⸗ gehen: nein, ſelbſt bei denen, die noch hören, ja die auch nicht ungläubig ſind, ſondern im Allgemeinen gläubig, ſuchen wir die ſo unerlaßliche Hingabe an das Bekenntnis, an die Kirche und ihre Lebensordnungen oft ſo vergeblich. Sie hören wol das Wort Gottes, aber ihre Seele bleibt doch, wie ich oben in ähn⸗ licher Beziehung ſagte, im Weſentlichen für ſich; und ſowie nun die ewigen Gedanken Gottes des Herrn und das hochgelobte Zeugnis Seiner Thaten mit den kleinen, zeitlichen Gedanken im eigenen Innern in Widerſpruch treten, da drängen ſich dieſe irrigen und beſchränkten Vorſtellungen und Begriffe des natür⸗ lichen Ichs wehrend und hemmend immer wieder vor, und er⸗ kühnen ſich, mit ihrem nichtigen Maßſtab des allmächtigen Gottes Wege zu richten. Ja, es iſt bekanntlich gar nicht ſelten, daß man thörichter Weiſe ſich das Wort Gottes zur Waffe zurecht macht, damit gegen das theuere Bekenntnis der heiligen Kirche zu kämpfen. Ueberall macht dieſe Verſchloßenheit der Seele, daß ſie nicht aus ſich herausgeht und an den ſich hingibt, der ſie tragen will, ihren trübenden und zerſetzendeu Einfluß im Haus, wie in der Schule und der Kirche geltend. Wenn der Vater oder die Mutter, der Lehrer oder der Geiſtliche das gemeinſame Gebet ſpricht, dann ſollen Kinder, 9 Zöglinge und Gemeindeglieder mitbeten, d. h. ganz ſtill und ge⸗ laßen ihre Seelen auf des Vaters und der Mutter, des Lehrers und des Geiſtlichen Gebetsworte legen und ohne eigenes Ab⸗ und Zuthun um des Herrn Chriſti und Seiner Verheißungen willen das Gebetswort ruhig walten laßen. Statt deſſen zieht ſich die Seele(von dem trotzigen Widerſpruch natürlich ganz abgeſehen) auch da, wo Glauben, ja wo kirchlicher Sinn vorhanden iſt, von dem Träger des Geſamtgebets zurück, und bei der fortwährenden Gewöhnung, unſere wenn auch wirklich gläubigen Stimmungen und Gefühle, Gedanken und Worte allein regieren zu laßen, fällt es uns ſchwer, in ruhiger Hingabe ganz dieſelben Worte mitzu⸗ beten, die der Vater und die Mutter, der Lehrer und der Diener am Wort im Namen aller ſpricht. Und doch hat gewis ſchon mancher, der überhaupt auf ſein geiſtliches Leben Acht hat, die Erfahrung gemacht, daß dann, wenn wir unſere Seelen nicht an das Geſamtgebet zu binden vermögen, in gar vielen Fällen die eigenen beliebigen(guten) Gedanken von den fort und fort aus dem ſündigen Menſchenherzen aufſteigenden böſen Gedanken ver⸗ ſchlungen werden und wir ſo des Segens verluſtig gehen, der dem Geſamtgebet als ſolchem beiwohnt. Noch ſtärker tritt dieſe egoiſtiſche Beſchränkung und Zurück⸗ gezogenheit auf ſich und ihre alleinige Gedankenſphäre und Sprache hinſichtlich des kirchlichen Bekenntniſſes hervor. Ich meine hier begreiflicher Weiſe wieder nicht diejenigen, die überhaupt das Wort Gottes als Erkenntnisquelle in göttlichen Dingen verwerfen; auch denen, welche auf dem Boden der Offenbarung und des kirch⸗ lichen Bekenntniſſes zu ſtehen behaupten, geht nur zu häufig die treue, volle Herzenshingabe an das Bekenntnis ab. Was die Kirche unter ſchweren Kämpfen, unter ſichtbarer Führung des heiligen Geiſtes als bleibendes Zeugnis von der Wahrheit, die aus Gott iſt und als Erlebnis dieſer Wahrheit für alle Zeiten feſtiglich ausgeſprochen hat; was der Herr, der erhöht iſt zur Rechten der Majeſtät Gottes, unſere Väter, deren Gewißen in Gottes Wort gebunden und deren Sinne vom Geiſte Gottes er⸗ 10 leuchtet waren, als die ſeligmachende, ewige Wahrheit hat be⸗ kennen laßen, dem ſollen die lebendigen Glieder der Kirche, da der Herr das Haupt iſt, getreulich nachfolgen und das gewaltige Zeugnis in freudiger Hingabe der Seele durch Gottes Beiſtand mitbekennen. Statt deſſen machen ſich Viele nichts daraus— als käme eben darauf nichts an— bald hier, bald da, bald zur Rechten, bald zur Linken von der heilſamen Lehre abzuweichen. Und doch iſt es ein durch die Geſchichte der geſamten chriſtlichen Kirche, zumal in der neueren und neueſten Zeit beſtätigte Er⸗ fahrung, daß der Mangel an Hingabe an das Bekenntnis jedes⸗ mal ſeinen tiefſten Grund in dem Mangel an demütiger Hingabe der Seele an das ganze, ungeteilte Gotteswort hat. Wie oft haben wir geſehen und ſehen es noch heute, daß Geiſter, die ſich für ſtark genug hielten, auch ohne Anſchluß an das Bekenntnis in den Spuren der Warheit zu bleiben, nach und nach in die Irre gerieten, und wenn ſie, Gottes gnädige Hand nicht wunder⸗ bar bewahrte, zuletzt in den Haupt⸗- und Grundthatſachen des Heils und der Gnadenordnung von der ſeligmachenden Warheit abfielen. Wirſt du hingegen deine Seele in freudiger Ergebung auf das theuere Bekenntnis unſerer Kirche legen, ſo wirſt du inne werden, welch wunderbarer Segen in dieſer Seelenhingabe ver⸗ borgen liegt. Nicht allein, daß deine eigenen Gedanken dadurch immer wieder in das rechte Licht gerückt werden, ſo daß du die Markſteine zwiſchen der Warheit und der Lüge zu erkennen, dich ſelbſt und überhaupt die Geiſter zu prüfen vermagſt: es ſind noch andere Lebenskräfte der Erleuchtung und des Friedens, die in un⸗ ſichtbarer, aber ſicherer Wirkung ſich deiner Seele mitteilen. Ich darf mich hier auf das Zeugnis derer berufen, die dieſe Kraft, dieſen Troſt und dieſe Hülfe durch das Ergreifen und Halten des unverbrüchlichen Wortes der Warheit an ſich ſelbſt erfahren haben. Sie werden es freudig und dankerfüllt eingeſtehen: Wenn Zeiten innerer Unſicherheit und Unruhe, unſtäten Schwankens und trüber Gedanken, die nicht weichen und wanken wollten, kurz wenn Stunden innerer und äußerer Anfechtung kamen, die ſich ſchwer und faſt 11 erdrückend auf die gequälte und verzagte Seele lagerten, da hat das einfache Apostolicum oder Nicenum, in gelaßen-treuer Hin⸗ gabe geſprochen oder vielmehr gebetet, die dunkeln Schatten plötz⸗ lich verſcheucht, daß es unter dem Bekenntnis zu dem, der Licht von Licht iſt, auch in der Seele wieder Licht ward, und noch ehe das letzte Wort:„und ein ewiges Leben“ geſprochen iſt, die noch eben ſo empörten Wogen wunderbar beruhigt waren. Ja hier iſt auch die Stelle, wo wir ſelbſt die rechte Hin⸗ gabe lernen und andere lehren können; der kleine Katechismus iſt auch hierfür ein gar köſtliches Lehr⸗ und Lernbuch. Unſere Seele iſt urſprünglich alſo geſchaffen, daß ihr ganzes Leben in der reichen, ſeligen Hingabe an den, dem ſie das Leben dankt, aufgieng. Wie ſein lebendiger Odem ſie ins Daſein gerufen: ſo gieng nun ihr Odem wieder hin an das Herz deſſen, der Alles — auch ſie— trug mit Seinem lebendigen Wort, ſie gab ſich ganz und unbedingt dem Herrn zum Eigentum, ohne ſich doch (wie das ja das Geheimnis der hingebenden Liebe iſt) damit zu verlieren, ſondern im Gegenteil, ſie kam eben durch dieſe Hingabe an Gott erſt recht zu ſich ſelbſt. Das war ihr paradieſiſch Leben. Aber ſo iſts nicht geblieben. Die Sünde, die in die Welt ge⸗ kommen, hat ihre Leben ſcheidende, tödtende Gewalt auch hier an des Menſchen Seele bewieſen. Doch unrettbar iſt ſie nicht zer⸗ ſtört, ihr ſoll geholfen werden. Damit ſie ihr höchſtes Kleinod, ihr wahres unvergängliches Leben in der Hingabe an den, der die Quelle alles Lebens iſt, an den lebendigen Gott wiederfinde, hat ſich der, der da iſt und der da war und der da ſein wird, das Wort, das von Anfang war bei Gott und Gott war, der Erſte und der Letzte, das Ebenbild und der Abglanz des Vaters, Licht von Licht, wahrer Gott von wahrem Gott erniedrigt und Knechtsgeſtalt angenommen— ſich ſelbſt dahin gegeben bis in den Tod. In ihm iſt die volle Hingabe des Menſchen⸗ ſohnes an Seinen Vater wieder erſchienen, auf daß wir durch Ihn auch die rechte Hingabe an den Herrn unſern Gott und ſo das ewige Erbe wieder finden könnten. Das 12 iſt Sein heiliger Wille mit unſeren Seelen, dem wir ſollen nachfolgen. Fragſt du: wie kann ich das?— Bitte vor allen Dingen Gott den Herrn, von dem das Wollen und Vollbringen kommt, — denn das wird das erſte ſein und bleiben— daß es dir ein demütiges Herz gebe, bereit ſich ſelbſt zu verleugnen, die der Warheit widerſtrebenden Gedanken aufzugeben und ſich dem Worte Gottes aufrichtig unterzuordnen. Darnach übe dich zuerſt am Geſetz und lerne Gehorſam. Weiter achte auf die Vorbilder, die ſich dir darbieten, deine Seelenhingabe daran zu entzünden und zu ſtärken; von dem Kind in der Mutter Armen und der Mutter, die um des Kindes willen ſich ſelbſt ganz vergißt, durch die reiche Zahl von Zeugen, von denen die Weltgeſchichte und noch mehr die Geſchichte des Reiches Gottes Alten und Neuen Bundes Kunde gibt. Dort ſtehen ſie auch in unvergänglicher Herrlichkeit, die Heldenſchaaren der warhaftigen Bekenner und Zeugen, die für den Herrn ihr Leben freudig in den Tod gegeben: Sieh nur an ihr Martertum, Wie in Lieb ſie glühen, Wie ſie Feuer ſprühen, Daß ſich vor der Sterbensluſt Selbſt der Satan fürchten mußt. Doch was iſt das Alles gegen das Lamm Gottes, das der Welt Sünden trägt, gegen das Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn. Dorthin nach dem Kreuz auf Golgatha, an dem der Herr Himmels und der Erde, Gottes ein⸗ geborener Sohn, ſich für dich in den Tod dahingegeben, richte deine Augen und rufe Ihn, den erhöhten Gottes⸗ und Menſchen⸗ ſohn an, daß er dir die ungeteilte, treue Hingabe an ihn in deine Seele gebe. Ja, kannſt du in gläubigem Aufblick, wie Israel in der Wüſte zu der ehernen Schlange, zu Seinen durchgrabenen Händen und Füßen, zu Seinem für dich mit Dornen gekrönten Haupte aufſchauen;— verſpürſt du den ſeligmachenden Gnaden⸗ zug zu Ihm alſo, daß du mit den Vätern des Alten Bundes 13 unabläßig nach dem Stern aus Jakob aufſchaueſt, mit den Hirten vor dem Kind in der Krippe niederfällſt und anbeteſt, in Sein heiliges Leiden und Sterben miteingeheſt und in ſiegreicher Ge⸗ wisheit Seiner Zukunft harreſt, dann haſt du das herrliche Kleinod der wahren Hingabe der Seele wieder. In ihr wirſt du dich in deine Taufgnade verſenken, in die Wiedergeburt aus dem Waßer und Geiſt, in ihr wirſt du an den Gnadenmitteln des Gebets, des Wortes Gottes und des heiligen Sacramentes, in ihr an der Gemeinſchaft der Heiligen und Seiner Kirche halten feſtiglich; in ihr wirſt du, wenn deine letzte Stunde kommt, die Seele in die Hand deſſen befehlen, der ſie erlöſt hat, daß Er der Aufer⸗ ſtandene und Erhöhte dich hindurchführen wird durch das dunkele Todesthal und deine Seele bewahren bis zum Tage des Gerichts. II. Ueber einige der hauptſächlichſten Feinde wahren Fortſchritts in unſerer Zeit. Als eins der charakteriſtiſchen Merkmale unſerer Zeit im Vergleich mit früheren Perioden der Weltgeſchichte pflegt man ge⸗ wöhnlich den unendlichen Fortſchritt zu bezeichnen, der jetzt auf allen Gebieten menſchlicher Kunſt und Wißenſchaft, wie nach allen Richtungen des Lebens hin täglich von Neuem unſer Staunen erregen müße. Alles, was früher dageweſen und für irgend bedeutend gegolten hat, iſt von der Neuzeit, meint man, weit überflügelt worden und kann gegenüber den großen Leiſtungen der Gegenwart faſt in gar keinen Betracht mehr kommen. Sieht man indeſſen dieſen überall verbreiteten Lobeser⸗ hebungen etwas näher ins Angeſicht und nimmt dergleichen ſelbſt⸗ zufriedene Aeußerungen über den außerordentlichen Höhenſtand unſerer Cultur nicht ſo ohne weiteres leichten Kaufes dahin, ſo drängen ſich uns doch gar bald mancherlei Bedenken wider die Warheit dieſer Behauptung auf. Es kann uns nämlich, ſo wir uns nur nicht gleich in die Allerweltsmeinungen gefangen geben, ſondern in redlicher, aufrichtiger Prüfung ruhig und warheits⸗ liebend die Dinge betrachten, wie ſie ſind, unmöglich entgehen, daß man bald den wirklichen, auf einigen beſtimmten Gebieten des Lebens an ſich nicht zu beſtreitenden Fortſchritt ungebürlich übertreibt, bald(was noch ſchlimmer iſt) den in einzelnen Dingen ſichtbaren Fortſchritt, faſt möchte man ſagen, naiver Weiſe 15 verallgemeinert und den gegenwärtigen Stand anderer, und noch dazu wichtiger, höherer Lebensgebiete ganz unberückſichtigt läßt. Rühmt man die Erfindungen und Entdeckungen unſerer Tage, die chemiſch⸗phyſikaliſchen Unterſuchungen und Reſultate, das Maſchinen⸗ weſen nach ſeinen mannigfachen Verzweigungen, überhaupt die mechaniſchen Künſte und was man durch ſie alles ins Werk ſetzt, ſo wird dabei in der Regel der vorausgehenden Verdienſte früherer Meiſter entweder gar nicht oder doch meiſt mit ſehr geringſchätzen⸗ dem Urteile gedacht, als wäre es unſere Zeit allein, die alle dieſe großen Dinge lediglich durch die ihr beſonders eigenen Kräfte ins Leben gerufen habe;— während es ſich doch bei nur einiger Beobachtung ſofort herausſtellt, daß die vielgeprieſenen„großartigen Schöpfungen“ faſt ſämtlich nur Fortſetzungen und Weiter⸗ bildungen ſchon lange zuvor begonnener, ja nicht ſelten relativ vollendeter Werke ſind. Und wie man hier in der Ueberſchätzung der Gegenwart ſo weit geht, daß man ſie von den Verdienſten der Vergangenheit völlig losreißt, und in atomiſtiſcher Verirrung ihre Werke als plötzlich und mit einem Male aus dem Boden der modernen Zeit durch die ihr eigens innewohnende geniale oder koloſſale Triebkraft hervorgewachſen anſieht, ſteigert man andererſeits die Bedeutung der angeſtaunten„Wunder“ der Naturwißenſchaft und Mechanik dergeſtalt, daß man nach den überſchwänglichen Redensarten, wie wir ſie ſo oft hören müßen, wirklich glauben ſollte, nun ſei dem menſchlichen Geiſte, der an ſeinem Ziele angelangt, nichts mehr unerreichbar und der Punkt gefunden worden, den Archimedes vergebens begehrte, um die Erde aus ihren Angeln heben zu können. So hört man z. B. von den innerhalb ihrer Grenzen immerhin anzuerkennenden Entdeckungen der Chemie und Anatomie öfters nicht anders reden, als werde durch ſie nicht nur die wahre Pſychologie(die ſich aber freilich ſofort wieder ſelbſt negieren müße) erſt möglich gemacht, ſondern überhaupt eine gänzliche Um⸗ geſtaltung des menſchlichen Denkens und Begehrens und ſomit der geiſtigen und ſocialen Verhältniſſe der Menſchheit erfolgen. ¹6 Und doch hat in Warheit, ſcheint es, nur eine Kunſt Urſache ge⸗ habt, den großen Materialiſten ihren Dank abzuſtatten— die Kochkunſt! Was ſollten nicht alles die paläontologiſchen, geo⸗ gnoſtiſchen und aſtronomiſchen Forſchungen mit ihren Millionen Jahren und Milliarden Meilen für mächtige Umwälzungen in der bisherigen ganzen Lebensanſchauung, in allem Erkennen und Wißen hervorbringen, ſo daß von nun an das Wort Gottes ſelbſt verſtummen und. vor„den hohen Reſultaten der Wißenſchaft“ in den Staub ſinken müßte! Aber weder die aufgefundenen Mammuthsknochen, noch die verſteinerten Ichthyoſaurenreſte, noch auch die neuentdeckten Planeten und unermeßlichen Kometenbahnen haben an der Warheit, die aus Gott iſt, an der Schrift, von Gott dem Herrn geoffenbart, auch nur ein Jota ändern können. Seltſamer noch klingt es, wenn man unſerer Zeit, wie ich eben bemerkte, darum weil ſie auf den erwähnten Einzelgebieten menſchlichen Wißens und Könnens Ausgezeichnetes zu Stande ge⸗ bracht hat, in unbeſchreiblicher Einſeitigkeit und Selbſtverblendung ganz allgemein den Ruhm des Fortſchritts in jeder Beziehung zuſchreibt; wenn man Männern, die auf irgend einem Gebiet menſchlicher Wißenſchaft und Kunſt ſich vor ihren Zeitgenoßen hervorgethan haben, bis zur Vergötternng erhebt und ſie zu Heroen und Auctoritäten auch für die Wißens⸗ und Erfahrungskreiße machen möchte, innerhalb deren ſie entweder gar keine, oder doch eine verhältnismäßig nur höchſt untergeordnete Bedeutung haben. In der That, gerade hier thut es not, ſich die Augen nicht verblenden zu laßen, und um der geprieſenen Lichtpunkte willen, die noch dazu oft mit gar viel falſchem Schimmer leuchten, die weit verbreiteten dunkelen Schatten nicht zu überſehen, vor denen dieſes eitle Lob allſeitigen Fortſchritts nicht anders, denn als unverdient und angemaßt erſcheint. Oder kann ſich unſere Zeit, wie ſie an Erfindungen zu induſtriellen Zwecken reicher, in Anlegung von Verkehrswegen unermüdlich⸗thätiger und geſchickter iſt als andere Zeiten, in enormen Bauten weit Erheblicheres leiſtet als lange Jahrhunderte vor ihr, und überhaupt vor äußeren Schwierigkeiten, 17 die ſich durch mechaniſche Kräfte überwinden laßen, nicht mehr zurückbebt, nun auch in gleicher Weiſe des Fortſchritts auf den höheren Gebieten des geiſtigen, politiſchen, ja nur des ſocialen Lebens rühmen? Steht nicht vielmehr unſere Zeit— um hier nur Einiges zu erwähnen— an geiſtiger Productivität, an neuen ſelbſtändigen, lebenskräftigen Schöpfungen in der Poeſie und Literatur, an Reichtum und Tiefe, Mannigfaltigkeit und Friſche der Gedanken, an Innigkeit des Gemütlebens und Charakterſtärke, an Richtigkeit und Reinheit, Klarheit und Schönheit der Sprache bedeutend hinter früheren Perioden zurück? Und wenn man nun gar auf die politiſchen und ſocialen Zuſtände, auf die in faſt allen Schichten der Geſellſchaft wieder herſchenden Anſchauungen ſieht, muß uns da nicht unſere Zeit als in offenbarem Rückfall und Rückſchritt begriffen er⸗ ſcheinen? Kommt es uns nicht oft genug vor, als würden wir eine ganze Reihe von Jahren in alte, wie es ſchien für immer untergegangene Regionen zurückverſetzt: ſo ganz dieſelben liberalen Phraſen tauchen aller Orten wieder auf, dieſelben lichtfreundlichen Redensarten und Demonſtrationen, dieſelben Uhlich'ſchen und Ronge'ſchen Trivialitäten und anderes der Art, als wären wir wieder hinter das Jahr 48 verſchlagen und ſollten dieſelben Revolutionsgreuel, dieſelben Septembertage, wie wir ſie jetzt vor 10 Jahren haben erleben müßen, gerade ſo noch einmal wieder durchmachen? Daneben vieler Orten der Krebsgang männlich⸗trener Ge⸗ ſinnung in Servilismus und Heuchelei, des Regiments von Gottes Gnaden in imperiöſes Herſchen, der Erkenntnis und kräftigen Förderung deſſen, was zum wahren Heile dient, in die oberfläch⸗ lichſte Zeitungsweisheit und in das armſelige Streben, der ſ. g. öffentlichen Meinung knechtiſch zu huldigen, der thatkräftigen Entſchiedenheit in ſchwache Vermittlungsverſuche, des freudigen Bekenntniſſes zu dem Herrn Jeſus Chriſtus und Seiner Kirche in einige wenige abgeblaßte religiöſe Vorſtellungen und Stimmungen. 2 18 Nein, unſere Zeit darf ſich im Allgemeinen nicht rühmen, eine Zeit des Fortſchritts zu ſein, ſie iſt vielmehr in mehrfacher Beziehung entſchieden eine Zeit des Rückſchritts. Und welches ſind die Urſachen dieſer rückgängigen Bewegung, welches ſind die hauptſächlichſten Feinde des wahren Fortſchritts in unſerer Zeit? Es ſei mir geſtattet, jetzt, wo wir durch den Promotionsact ſowol des einen unſerer Zöglinge, der nun zu der nächſt höheren Stufe der Univerſität aufzuſteigen im Begriff iſt, als der übrigen Schüler, die nicht zurückgeblieben, ſondern wirklich weiter ge⸗ kommen ſind, ſelbſt ein Zeugnis für den Fortſchritt innerhalb der Schule ablegen,— es ſei mir geſtattet, aus der Zahl der Fortſchrittsfeinde dießmal zwei einander nah verwandte hervor⸗ zuheben und ſie mit ein paar Strichen zu zeichnen,— zur Warnung, wie zum Antrieb, daß ihr dagegen, ſoviel an Euch iſt, ſtandhaft und unabläßig ankämpft. Die erſte der beiden jeden wahren Fortſchritt hemmenden Urſachen aber, die wir für jetzt ins Auge zu faßen haben, iſt die, daß Unzälige aus der Vergangenheit zu lernen und zu leben entweder nicht mehr fähig ſind oder aus ihr weder lernen, noch leben wollen. Wenn das Sinnen und Trachten des Menſchen nur auf die gegenwärtige Welt und ihre irdiſchen Genüße gerichtet iſt, auf die möglichſt größte Ausbeutung des Augenblicks und der Ge⸗ legenheiten, die der heutige Tag zur Befriedigung der unerſätt⸗ lichen Gelüſte des Herzens darbietet— wie das eben in unſerer Zeit faſt als herſchender Zug in hohen und niederen Kreißen bezeichnet werden kann— ſo wird die Seele nach und nach von dieſen fortwährenden Gedanken- und Willensrichtungen auf die jedesmaligen Tagesfreuden ſo hingenommen, daß ſie allmählich die Fähigkeit verliert, ſich einmal zu ſammeln und auf die ver⸗ gangenen Zeiten zurückzublicken. Sie klammert ſich eben in ihrem fleiſchlich Geſinntſein nur an dieſe vergängliche Welt, an dieſe flüchtige Zeit an und da ſie den dahin eilenden Augenblick 19 nicht fixieren kann, ſo ſoll ihr jede Woche, jeder Tag und jede Stunde ihren beſonderen Tribut an Lebensgenuß liefern. Die nächſte Folge davon iſt ein kaum glaubliches Ver⸗ ſchwinden der Erinnerung ſelbſt an die Ereigniſſe der allernächſten Vergangenheit. So iſt es denn möglich und kommt eben in unſeren aufgeklärten Zeiten faſt täglich vor, daß Erſcheinungen des poli⸗ tiſchen und ſocialen Lebens, die man vor wenigen Jahren in ihrem Anfang, Fortgang und kläglichen Ende ſelbſt mit angeſehen hat, wenn ſie in der Gegenwart abermals wieder auftauchen und durch die Tagespreſſe aller Welt verkündigt werden, in kindiſcher Vergeßlichkeit für ganz neue Dinge gehalten und nach Befinden als Producte der fortgeſchrittenen Cultur der Jetztzeit angeprieſen werden! Wäre auch nur einige Fähigkeit vorhanden, die Geſchichte der eben vergangenen Jahre zu behalten und aus ihr etwas zu lernen, ſo würden doch ſo auffallende Rückſchritte, ein ſolches Zurückſinken auf überwundene Standpunkte ſicherlich nicht leicht vorkommen! Wie könnten die alten liberaliſtiſchen und humaniſti⸗ ſchen Anſichten und Pläne immer wieder auftauchen und Aufnahme finden, wenn man der Thatſache eingedenk bliebe, daß ſie ja vor kaum zehn Jahren ihre völlige Unhaltbarkeit unwiderſprechlich offenbart und die bitterſten Früchte gebracht haben? Wie könnte ſich der platteſte Rationalismus mit ſeinen Anhängſeln von Neuem breit machen, wenn man daran dächte, daß ſich ſeine innere Leere und Hohlheit, ſeine eigentliche Natur damals enthüllt hat, als die Menſchenfündlein und armſeligen Phraſen vor dem Donner der Gerichte des allmächtigen Gottes verſtummen mußten? Wie könnte man abermals die Wege der Halbheit und Zerſtörung, der wider⸗ chriſtlichen und antikirchlichen Beſtrebungen einſchlagen, wenn man ſich aus den eigenen Erlebniſſen noch vergegenwärtigen könnte, in welch grauenhafte Abgründe eben dieſe Wege geführt haben!— Wer aber durch ſeine irdiſche Geſinnung und Lebensrichtung die Fähigkeit verliert, aus der Geſchichte ſeiner Zeit etwas zu lernen, der wird nach und nach auch unfähig, aus der Geſchichte 2* 20 überhaupt etwas zu lernen. Nicht nur, daß dieſelbe Vergeßlich⸗ keit, in der das Andenken an die näher liegenden Thatſachen und Ereigniſſe ſpurlos verſchwindet, ihre Alles verdunkelnden Schatten auch über die entfernteren Zeiten verbreitet: bei der ausſchließlich von der Gegenwart beſtimmten und beherſchten Geſinnung lagert ſich auch in dem Fall, wo man die Thatſachen der Vergangenheit äußerlich kennt, doch zwiſchen dieſe und den, der ſich ihrer er⸗ innert, ein ſolches Gewölk von Anſchauungen, Gedanken, Tendenzen, Wünſchen und Einbildungen, die lediglich der Gegenwart ange⸗ hören, daß an ein Lernen aus der Vergangenheit gar nicht zu denken iſt. Der irdiſch Geſinnte, wo er je einmal nach den vergangenen Zeiten zurückblickt, ſieht die geſchichtlichen Thatſachen entweder mit einem ganz in der Gegenwart befangenen Auge an— und dann hat er zwar jeweilig vergangene Dinge vor ſich, in Warheit aber i*ſt er doch durch eine undurchdringliche Kluft von ihnen geſchieden, und ganz und gar in den engen Kreiß ſeiner eigenen Gegenwart gebannt— oder die Begebenheiten und Zeitperioden treten, wie ſein eigenes Denken überhaupt zuſammenhangslos iſt, ganz ver⸗ einzelt, atomiſtiſch vor ſeine Sinne; irgend welchen ſtufenmäßigen Entwickelungsgang, ein Aufſteigen und Herabſinken, Licht und Finſternis vermag er nicht zu erkennen; eine Zeit hat in ſeinen Augen ſoviel Berechtigung, als die andere, jede Generation fängt, ohne weſentlichen Zuſammenhang mit der jedesmal vorausgehen⸗ den, wieder von vorn an, jede Periode erhebt ſich aus dem Zeiten⸗ meere, ohne von ihren Vorgängern getragen zu werden, wie jeder Tag des Genußes ſelbſtändig für ſich empor. Daß ſich bei einem ſolchen Unvermögen, aus der Geſchichte der Vergangenheit über⸗ haupt zu lernen, abermals von wirklichen Fortſchritten nicht viel wird finden laßen, liegt auf der Hand. Wer bei den Thatſachen der Weltgeſchichte, bei der Ge⸗ ſchichte ſeines Volkes in ihrem zeitlichen Verlauf nicht zu ver⸗ weilen, nichts daraus zu entnehmen vermag(ich meine zunächſt nur für ſein Wißen), der kommt natürlich niemals auch nur an⸗ 21 nähernd zu der Erkenntnis, wo der Zeiger der Zeitenuhr ſteht, welche Stufen der Entwickelung wir bereits durchgemacht haben und welche noch vor uns liegen; und wird ebendarum ſowol die wahren Grundlagen jedes wahren Fortſchritts gar nicht ſehen oder gänzlich verkennen, als auch fortwährend zu veralteten und längſt abgemachten Dingen zurückgreifen. Iſt es doch ſchon unmöglich, in irgend einer einzelnen Wißenſchaft gedeihlich fortzuſchreiten, wenn man ihre Vergangenheit, ihre Entwickelungsgeſchichte bis auf den heutigen Tag nicht kennt und ſich alſo von ihr in nichts hat belehren laßen. So iſts aber auf anderen Gebieten auch: wer z. B. aus der Geſchichte der chriſtlichen Kirche nicht gelernt hat, daß die Angriffe des Unglaubens unſerer Zeit auf die Offenbarung unſeres Herrn Jeſu Chriſti, der da iſt wahrer Gott hochgelobt in Ewig⸗ ſeit, ſchon alleſamt dageweſen oder daß alle falſchen Vermittlungs⸗ verſuche von jeher in einem teilweiſen Widerſtreben wider die volle Warheit, ja ſehr oft in dem allerbedenklichſten Indifferentis⸗ mus ihren Grund gehabt haben, der wird immer wieder auf die⸗ ſelben Zweifel und Einwürfe, auf dieſelben ſchon hundert⸗- und tauſendmal gehörten Phraſen gegen Lehre und Ordnung der Kirche zurückſinken; an ein Weiterkommen iſt da gar nicht zu denken. Doch dieſe jeden Fortſchritt hemmende Unfähigkeit, aus der Vergangenheit zu lernen, iſt es nicht allein, die wir ins Auge zu faßen haben, wir müßen noch tiefer auf die Wurzel gehen, auf die Unfähigkeit, aus der Vergangenheit zu leben. Wo des Herzens Gedanken(wie dieß bei Unzäligen unſerer Zeitgenoßen der Fall iſt) ausſchließlich auf die Intereſſen der Gegenwart gerichtet ſind, wo ein unruhiges Rennen und Laufen zu Befriedigung der Fleiſches⸗ und Augenluſt herſchend wird, was iſt da anders zu erwarten, als daß jede Fähigkeit der Seele, ihren geiſtigen Nahrungsſtoff aus der Vergangenheit zu ziehen, aus der Fülle der bleibenden Schätze zu nehmen und ſich an dieſen Gütern zu bereichern, allmählich bis auf die letzte Spur 22 verſchwindet! Das Herz wird kalt gegen Alles, was über die Grenzen des augenblicklichen Lebensgenußes dieſer Welt hinaus in dem Schacht der vorausgehenden Jahrhunderte liegt. Mit der Kenntnis des verborgenen Reichtums erliſcht auch der letzte Funke von Begeiſterung und Liebe zu den lebendigen Früchten der Vor⸗ zeit und damit auch die Kraft der Seele, ſie zu bleibendem Eigen⸗ tum zu ſuchen und zu finden. Wo aber dieſe Fähigkeit, aus der Vergangenheit zu leben dahin iſt, da muß alle geiſtige Friſche verloren gehen; alles Wißen ſchrumpft in die dürrſte Rhetorik und Doctrin zuſammen; der Geſichtskreiß wird immer enger und beſchränkter; nirgends vermag ich mehr die Dinge in ihrem Entſtehen und Wachstum, nirgends in ihrem eigentlichen gegenwärtigen Stand zu erkennen, noch viel weniger für die warhaftigen Güter feſt und getreulich einzuſtehen. Können wir an dem vergangenen Leben des Volksſtammes, in den wir nach der Naturſeite unſeres Lebens hineingeboren ſind, innerlich nicht mehr feſthalten als an unſerem eigenſten Leben; können wir uns nicht mehr der Geburtsſtunde des neuen Lebens freuen, wo das Wort vom Kreuz zum erſten Male in die Herzen unſerer Väter drang und mit Dank gegen den Herrn bekennen: ſiehe, da iſt auch uns das Licht aufgegangen zum ewigen Leben; dringt es uns nicht mehr durch Mark und Bein, wenn wir von der Fürſten und des Volkes Treue, Feſtigkeit und Biederkeit hören, alſo daß wir gewahr werden, daran haben wir auch Teil: ſo geht es unfehlbar mit unſerer Vaterlandsliebe, mit unſerer Treue, mit unſerem Glauben rückwärts. Oder meint ihr, ihr wäret ſicher vor dem Zurückſinken in daſſelbe Elend der traurigſten Geſinnungs⸗ und Charakterloſigkeit, wie ſie ſich einſt gleich giftigen Nebeln über die Gauen unſeres Vaterlandes lagerten, wenn nicht mehr auch nur ein Schrei des Entſetzens aus der öden Zeit der Fremdherſchaft— und ein Jubelruf aus den Befreiungskämpfen und Siegen euch erſchütternd durch die Seele zieht. Nur wer noch mitempfinden kann, 23 was ſeiner Väter Herz bewegte, wer von ihrem Weh und ihrer Freude, ihren Kämpfen und ihren Siegen ſo ergriffen wird, als wäre es ſein eigenes Weh und ſeine eigene Freude: nur der mag mit Gottes Hülfe vor Verrat und Abfall be⸗ wahrt bleiben; er wird ſeines Volkes gute Art und die Gaben, die dieſem der Herr Himmels und der Erden auf ſeiner Wanderſchaft mitgegeben hat, gewislich nicht(zu eigenem Schaden) von ſich werfen. Mit Recht wird Verderbnis der Sprache eines Volkes, Sprachmengerei und Verunſtaltung der Wortbedeutungen für ein Zeichen ſinkender Cultur gehalten. Iſt aber nicht eine der Haupt⸗ urſachen dieſes Verfalles häufig die, daß man moderne Formen aufnimmt, gleichviel ob ſie die Zeichen der Barbarei unverkennbar an ſich tragen, nur weil ſie modern ſind, ſtatt das edle Metall aus den unerſchöpflichen Fundgruben der Vergangenheit hervor⸗ zuholen! Und oft iſt doch aus dieſen geradezu allein die richtige Erkenntnis zu gewinnen: es ſind das die eigentlich ſchöpferiſcheu Zeiten, die einzig in ihrer Art ſo nicht wiederkehren und dadurch die Stätten geworden ſind, in die wir uns einleben müßen. Können wir dieß nicht mehr, ſo ſind wir in Gefahr, fort und fort von ſubjectiven Einbildungen in die Irre geführt zu werden, überall falſchen Anſchauungen zu folgen und falſche Maßſtäbe an⸗ zulegen. Nimmermehr werden wir erfahren, was epiſche Poeſie iſt, ſo wir es nicht an der poetiſchen Herrlichkeit der Iliade und Odyſſee oder des Nibelungenliedes erleben; noch aus Definitionen und äſthetiſchem Räſonnement das Weſen der Tragödie erkennen, ſo wir uns nicht in die alten Meiſterwerke tragiſcher Dichtkunſt und wäre es auch nur ein einziges Drama von Aeſchylus und Sophokles, hineinleben können und uns dadurch den inneren Sinn für das rechte Verſtändnis erſchließen laßen; nimmermehr werden wir die Formſchönheit der plaſtiſchen Kunſt in ihrer wahren Geſtalt verſtehen, ohne ſie an den antiken Meiſterwerken, noch die 24 wunderbare Größe der deutſchen Baukunſt, ohne ſie an den hehren Domen ſelbſt erſchaut zu haben. Es würde mich hier zu weit führen, wenn ich den oben aufgeſtellten Satz weiter verfolgen und ſeine Richtigkeit durch einzelne Belege aus der Literatur⸗ und Kunſtgeſchichte erweiſen wollte; aber es iſt ſo auf allen Gebieten menſchlichen Wißens und Könnens. So wird der Theologe das wahre Weſen theologiſcher Wißenſchaft aus der gegenwärtigen Geſtalt derſelben warhaftig nicht richtig zu erkennen vermögen. Hat er nicht die Fähigkeit, auf das goldene Zeitalter der theologiſchen Literatur, auf die griechiſchen und lateiniſchen Kirchenväter des dritten, vierten und fünften Jahrhunderts zurückzugehen: ſo geht ihm unter anderem eben damit auch die Erkenntnis theologiſcher Wißenſchaft als ſolcher ab. Können wir an den großen Bekenntnisthaten unſerer Väter, als den Reſultaten langer ſchwerer Kämpfe, die um Reinheit der Lehre, um das höchſte Gut, der Seelen Seligkeit, gekämpft ſind, nicht unſer eigenes Bekenntnis entzünden, noch aus dieſem vor⸗ mals gegen Irrtum und Feindſchaft ſiegreich vertheidigten Heilsgut Leben um Leben ſchöpfen: ſo werden wir nicht nur ſtets im Un⸗ klaren bleiben über die Bedeutung des kirchlichen Bekenntniſſes in ſeiner Herrlichkeit, ſondern ſelbſt im Verſtändnis ſeines Inhalts gar ſchwache und unſichere Schritte thun. Doch wir haben kürzlich noch einen zweiten Fortſchrittsfeind zu betrachten, der ſcheinbar entgegengeſetzter Art von dem eben erwähnten, doch mit dieſem denſelben Urſprung aus der Gebunden⸗ heit des irdiſchen Sinns an die Gegenwart hat;— ich meine die Unfähigkeit, aus der Zukunft zu lernen und zu leben. An einem faſt fieberhaften Hinausſchauen in eine unbeſtimmte Zukunft, an unabläßigem Rechnen auf zukünftigen Gewinn und gierigem Hoffen auf demnächſtige Erreichung aller möglichen Mittel zur Befriedigung der Sinnen⸗ und Augenluſt, daran fehlt es dem Geſchlecht unſerer Tage nicht. Aber dieſe Zukunftsgedanken hängen ſich, ſtatt die Seele empor zu heben und weiter zu führen, 25 vielmehr wie ſchwere Bleigewichte an ihre Schwingen, um ſie gänzlich in den Staub herabzuziehen. Aus der Zukunft lernen, ihre wirklichen Lebenskräfte auf ſich zurückwirken laßen kann nur derjenige, der auf beſtimmte zukünftige Ziele, auf den Beruf, der ihm zu Teil werden ſoll, auf den Tod, der ſeiner wartet, auf das ewige Leben und die Zukunft unſeres Herrn Jeſu Chriſti hinaufſchaut. So ſind ja ſchon für unſere Schüler(um zunächſt auf etwas verhältnismäßig Kleines und Einfaches hinzuweiſen) die jedesmal zunächſt höheren Klaſſen ziele bis zum Maturitätsexamen hinauf ſehr beredte Lehrmeiſter, die aus näherer oder fernerer Zukunft mit ihren mahnenden und ermunternden Stimmen zu friſchem, rüſtigem Vorwärtsſtreben, zu ſtetigem Fleiß und feſter Ordnung antreiben; ſo daß ſchon um deswillen nur pädagogiſcher Unver⸗ ſtand oder altersſchwache Blaſiertheit, die nicht mehr fähig iſt, lebendige Erfahrungen zu machen, an dieſen Ordnungen rütteln kann.— Wo ich meine Seele mit allen ihren Kräften und Trieben ganz in die lebendige Fülle des zukünftigen Berufes verſenken kann, da wird es klar vor meinen Augen und das Leben vor mir wirkt mit unſichtbaren Kräften auf das Leben, in dem ich jetzt ſtehe, zurück, wie die kommende Blüte und Frucht die ver⸗ borgene Macht iſt, die Gott der Herr bis in den Keim hinunter wirken läßt. Können unſere Augen einmal feſt und mit anhaltendem Ernſt in das dunkele Todesthal hineinſehen, durch das wir hindurch müßen— was wäre im Stande, uns mächtiger anzu⸗ treiben, mit Furcht und Zittern zu ringen nach dem einen, was not iſt und uns in ſtarkem Glauben allein an den zu halten, der dem Tode ſeine Macht genommen und auch für uns ſeine Schrecken überwunden hat! Wir haben ein feſtes prophetiſches Wort, und ſind wir vom heiligen Geiſt dadurch bereitet, auf das Ende zu ſehen, da des Menſchenſohn ſitzen wird zur Rechten der Majeſtät und kommen 26 in den Wolken des Himmels ſamt ſeinen Heiligen; auf den neuen Himmel und die neue Erde, auf die ewige Gottesſtadt und ihre Herrlichkeit, ſo werden von da her die Kräfte der zukünftigen Welt in uns hinüberſtrömen, zur Auferbauung unſeres inneren Menſchen, daß er wachſe und zunehme und zum Mannesalter Jeſu Chriſti heranreife. Wo aber des Menſchen Seele auf dieſe Zukunftsdinge nicht zu ſehen, alſo auch von ihnen nichts zu lernen, aus ihnen nicht zu leben vermag;— wo Ziel und Siegeskrone nicht mehr leuchten, wo das dereinſtige Amt, von Gott dem Herrn erbeten, dir nicht mehr vor die Seele tritt, wo der Ernſt der Todesge⸗ danken dich aus deinem Schlafe nicht aufſcheucht, wo das Kreuzes⸗ zeichen in den Wolken und die Sonne der Gerechtigkeit, der Glanz Gottes, nicht in dein verſchloßenes Auge dringt: da geht es unfehlbar abwärts, die Finſternis wird immer größer, bis Alles von undurchdringlicher Nacht bedeckt iſt. Es kommt bei Unzäligen endlich dahin, daß ſie von der warhaftigen Zukunft und von der Vergangenheit nichts mehr lernen, von ihren heilſamen Früchten nicht mehr leben wollen und ſich alſo damit ſelbſt die Quellen rechten Fortſchritts ab⸗ ſchneiden. Ja es tritt zuletzt beſtimmter und bewußter Abfall von dem geſchichtlichen Leben und Volksberuf, Träger des Evan⸗ geliums zu ſein, dann auch von den Gnadengütern und Gottes Verheißungen ein. Sie wollen nichts mehr wißen von deutſcher Treue und Dankbarkeit, von Ehrenhaftigkeit und Keuſchheit; nichts mehr davon hören, daß unſer Volk alles Herrliche und Große, das es je gehabt hat, lediglich und allein dem Herrn Chriſtus zu verdanken habe; ſich nicht ſagen laßen, daß wer den Glauben an Jeſus Chriſtus den Gekreuzigten und Anferſtandenen ver⸗ lengne, damit auch ſeines Volkes Ehre und Ruhm, Freud und Friede von ſich ſtoße. Es iſt im Laufe der Jahrhunderte(wie der Herr ſelbſt es verheißen hat, daß es ſo kommen würde) das Unkraut reifer, die Scheidung ſchärfer geworden. Nicht ſowol gegen einzelne Punkte 27 der chriſtlichen Lehre richtet der Feind ſeine Waffen, ſondern ſein und der verneinenden Geiſter Abſehen iſt offenbar immer mehr darauf gerichtet, den Menſchen zu verführen, daß er überhaupt an der Gewisheit des ewigen Lebens irre werde. Die Angriffe auf die Kirche des Herrn in ihrem Kampfesgange zielen ſchließlich darauf hin, den hellen Stralenglanz der triumphierenden Kirche vor unſern Augen zu verdunkeln, daß wir ohne Glauben und ohne gewiſſe Zuverſicht, nach der Erde geneigt einher gehen ſollen: die lichten Höhen der Berge Gottes, von denen unſere Erlöſung naht, ſollen wir nicht mehr ſehen, der Auferſtehung und der ewigen Heimat uns nicht getröſten, das Hoſianna, der da kommt im Namen des Herrn, Hoſianna in der Höh ſoll nicht mehr als un⸗ vergänglicher Jubelruf in unſeren Seelen widerklingen. Ja wir ſtehen wieder in einer Zeit ſchwerer und kräftiger Irrtümer, die bald offen und unverhüllt, bald mehr verborgen und auf den erſten Augenblick nicht ſo leicht erkennbar auftreten; und ſoweit Menſchen Augen zu ſehen vermögen, wird die Strömung dieſes Geiſtes der Verneinung in der nächſten Zukunft noch breiter und größer werden. Wo aber dieſes widergöttliche, antichriſtliche und antikirchliche Weſen die Oberhand gewinnt, da gibt es wol einen Fortſchritt, aber nicht zum Leben, ſondern zum Tode. Der wahre Fortſchritt iſt nur auf dem ſchmalen Wege zu der engen Pforte in das ewige Leben zu finden. Darum gilt es jetzt, wie immer, dem böſen Feinde mit den Waffen der chriſtlichen Ritter⸗ ſchaft tapferen Widerſtand zu leiſten. Und wollt ihr ein Vorbild haben für ſolchen Kampf unter dem einzigen Zeichen, dem der Sieg verheißen iſt: wen könnte ich euch anders nennen, als den Mann, der wie ein Held den wahren Fortſchrittsweg Chriſto dem Fürſten des Lebens nachgegangen iſt — unſern Luther. Er hat demütigen Herzens und feſten Glaubens ſein Auge wie nach den Fußtapfen Abrahams, der ſich freute des Herrn Tag zu ſehen, ſo nach der Zukunft des erhöhten Menſchenſohnes gerichtet, dem alle Gewalt gegeben iſt im Himmel und auf Erden. 28 Auf dieſen Mann Gottes, der zugleich ein Mann echt deutſchen Herzens geweſen iſt, wie einer, muß ich darum auch Sie noch einmal hinweiſen, der Sie jetzt dieſe Anſtalt verlaßen werden, um ſich auf der Univerſität für das heilige Amt des Dieners am Worte vorzubereiten. Suchen Sie mit Gottes Hülfe vor allem von ihm zu lernen, was in Warheit treues und un⸗ erſchütterlich feſtes Halten am Worte des lebendigen Gottes iſt. Lernen Sie von ihm feſtzuſtehen in dem Glauben an die Ge⸗ rechtigkeit, die allein vor Gott gilt; lernen Sie von ihm den Herrn zu bekennen, eingedenk der Worte des Warhaftigen: wer mich bekennet vor den Menſchen, den will Ich bekennen vor meinem himmliſchen Vater. 29 III. Das Weſen des rechten Gehorſams. Der Ausſpruch Leſſings:„was die Erziehung bei dem ein⸗ zelnen Menſchen iſt, iſt die Offenbarung bei dem ganzen Menſchen⸗ geſchlechte,“ wäre wol richtiger und genauer ſo zu faßen: die Er⸗ ziehung des Volkes Gottes im Großen und Ganzen, wie ſie in der Offenbarung dargelegt iſt, enthält auch die bleibenden Regeln und Normen für die Erziehung des Einzelnen; oder die Führungen des Volkes Gottes ſind(wie dieß Rückert in ſeiner Weiſe in dem bekannten kleinen Gedicht„die Führung“ ſo treffend ausgedrückt hat) das unveränderliche Vorbild für die Wege des Einzelnen. Die Bedingungen, an deren Erfüllung Segen und Gedeihen für das Volk Gottes geknüpft war, die Ordnungen, deren Ver⸗ achtung und Ueberſchreitung notwendig zu innerer und äußerer Auflöſung deſſelben führte, bieten für alle Zeiten und Jahrhunderte die allgemeinen feſten Normen dar, deren treue Befolgung oder leichtſinnige Verletzung fort und fort dieſelben Folgen für ganze Völker und Geſchlechter, wie für die einzelnen Perſonen nach ſich zieht. Die Hand des Herrn rettet das Volk unter ſichtbaren Erweiſungen Seiner allmächtigen Hülfe aus der Knechtſchaft der fremdländiſchen Pharaonen, die Feuer⸗ und Wolkenſäule Seiner Gegenwart führt die Scharen, die nach dem gelobten Lande 30 wandern, durch die Wüſte, der Herr ſchützt ſie mit Seinem mächtigen Arm vor ihren Verfolgern; die Rede Seines heiligen Mundes offenbart ihnen in den zwei Tafeln des Geſetzes Seinen ewigen Gotteswillen und Seine unabänderlichen Lebensordnungen. Und nachdem dieſe große Gottesthat vollbracht iſt, nach⸗ dem der Glanz dieſes Lichtes aus der Höhe in die irdiſche Menſchenwelt hereingebrochen iſt zu unvergänglichem Leuchten, da erſchallt zugleich zu unzertrennlicher Verbindung mit der Offen⸗ barung Seines Willens das unverbrüchliche Gotteswort:„ſiehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch; den Segen, ſo ihr gehorchet den Geboten des Herrn eures Gottes; den Fluch aber, ſo ihr nicht gehorchen werdet und abtretet von dem Wege, den ich euch gebiete.“ Seitdem bewährt ſich dieſe Vorausverkündigung des all⸗ mächtigen Gottes in den Lebensführungen des Volkes in Leid und Freud, in Trübſal und Heil, in Krankheit und Geſundheit, in Tod und Leben auf ſo mannigfaltige Weiſe, daß die Männer Gottes nicht aufhören, immer und immer wieder auf dieſes all⸗ gewaltige Wort des lebendigen Gottes hinzuweiſen, und in Kraft des heiligen Geiſtes das Volk zum Gehorſam zu mahnen. Und warum war dieß notwendig? warum bedurfte es dieſes unabläßigen, immer wiederholten Dringens auf Gehorſam, auf Unterwerfung unter Gottes Gebote? Warlich, es würde nicht nötig geweſen ſein, wenn das Herz des Volkes ein anderes ge⸗ weſen wäre, wenn in ihm ſelbſt die Luſt und Freude an Gottes heiligem Willen und nicht vielmehr Widerwillen und Widerſtreben, wenn in ihm Einklang und Zuſtimmung und nicht vielmehr Widerſetzlichkeit und Verwerfung der göttlichen Ordnungen ge⸗ herſcht hätte. Und ſo iſt es noch immer, zu allen Zeiten und aller Orten. Seitdem die That des erſten Ungehorſams das göttliche Ebenbild in uns zerrüttet hat, will das natürliche Menſchenherz aus ſich heraus von Gottes Geboten nichts wißen; es hat den ſelbſt⸗ ſüchtigen Willen des eigenen Ichs auf den Thron gehoben; und 31 der Zug ſeines Innern— wer könnte es leugnen Angeſichts der zalloſen Uebertretungen bald gröberer, bald feinerer Art, die täglich um uns und in uns vor ſich gehen— der Zug ſeines Innern iſt nicht Gehorſam, ſondern Ungehorſam. Darum eben, weil uns von Natur das Widerſtreben gegen Gottes Gebote, der Ungehorſam in den Gliedern ſteckt, darum darf denn auch die Mahnung zum rechten Gehorſam nicht ver⸗ ſtummen; denn die Verheißung des lebendigen Gottes, welche auf den rechten Gehorſam den Segen, auf den Ungehorſam den Fluch legt, bleibt, wie die Erfahrung aller Zeiten lehrt, überall unge⸗ ſchmälert dieſelbe. Wollen wir alſo den Segen Gottes finden, ſo müßen wir gegen den Ungehorſam unſeres Herzens ankämpfen und nach dem rechten Gehorſam ringen. Aus demſelben Grunde ſoll das Vaterhaus die Kinder und mit ihm vereint die Schule die Schüler vor allem zum Gehorſam erziehen. Aus demſelben Grunde fühle auch ich mich heute ge⸗ trieben, Ihnen in dieſer Abſchiedsſtunde, in der Sie im Begriffe ſind, aus den engeren Schranken der Schule in ein freieres Lebensgebiet überzugehen, von dieſer Stätte aus noch einmal in einigen wenigen Zügen das Weſen des rechten Gehorſams vor⸗ zuhalten. Aller Gehorſam iſt zunächſt und weſentlich perſönlicher Natur, d. h. er wird einer Perſon geleiſtet. Es folgt dieß ſchon aus dem Begriff des Gehorſams. Oder ſetzt nicht die Unterwerfung meines Willens unter den Willen eines andern, die Befolgung der an mich gerichteten Weiſung, die Ausrichtung der mir ge⸗ gegebenen Befehle eben eine Perſon voraus, von der dieß Gebot oder Verbot ausgeht? Kein Geſetz, weder das ſ. g. Naturgeſetz, noch das Sittengeſetz, noch auch das politiſche Geſetz ohne einen Geſetzgeber, deſſen Willen es ausdrückt; folglich wird auch jeder Gehorſam, jede Beobachtung und Erfüllung des Geſetzes im Grunde dem perſönlichen Willen des Geſetzgebers geleiſtet. So einfach und einleuchtend dieſes Verhältnis erſcheint, ſo oft wird es vergeßen oder verkannt; und doch iſt es wie über⸗ 32 haupt, ſo auch für unſer Thema, für eine richtige Erkenntnis des wahren Gehorſams von der größten Bedeutung, dieſen Geſichts⸗ punkt vor allem feſtzuhalten. Aber reden wir nicht auch von einem Gehorſam, den wir „der Warheit“ oder dem Bekenntnis unſerer Kirche oder„der Kirche“ ſelbſt zu leiſten ſchuldig ſind? Oder nicht auch von einem Gehorſam unter die Macht der öffentlichen Meinung, oder unter den Zeitgeiſt oder auch unter die Sünde? Allerdings; aber in allen dieſen Fällen dürfen wir nicht vergeßen, auf die Quelle zurückzugehen, damit wir nicht am Ende leere, ſchattenhafte Ab⸗ ſtractionen für die concrete, lebendige Warheit eintauſchen. Auch das Wort Gottes ermahnt uns,„der Warheit“ zu gehorchen; aber wir werden damit nicht auf einen allgemeinen, vielleicht erſt noch zu ermittelnden unbeſtimmten Gedankeninhalt hingewieſen(— dann hätte Pilatus Recht mit ſeiner Frage voll kalten bitteren Hohnes: was iſt Warheit?—), ſondern auf den, der von ſich ſagen kann: ich bin die Warheit. Was von ihm aus⸗ ausgeht, die Offenbarung Seines heiligen perſönlichen Willens und Seiner von ihm vollendeten Erlöſungsthaten— das iſt die Warheit. — Und wenn wir geloben, uns in den Gehorſam der heiligen chriſtlichen Kirche zu begeben, ſo wißen wir dabei auf das Be⸗ ſtimmteſte, daß die Kirche iſt der Leib des Herrn, Er das leben⸗ dige Haupt, und Sein Geiſt und Wille das Geſetz ihres Lebens. Alſo Ihm anzuhängen und bei Ihm zu bleiben, das iſt der In⸗ halt unſeres Gelöbniſſes;— gerade ſo, wie wir mit dem Ent— ſchluße, dem theueren Bekenutnis unſerer evangeliſchen Kirche, der Augustana, gehorſam zu ſein, uns nicht an ein unbeſtimmtes All⸗ gemeine oder gar— wie es die Feinde des chriſtlichen Glaubens unwahrer und uuredlicher Weiſe darzuſtellen belieben— an den todten Buchſtaben gebunden wißen, ſondern an Ihn ſelbſt, den Fürſten des Lebens, der da iſt und der da war und der da ſein wird; an Sein und Seiner heiligen Apoſtel unvergängliches Wort der Warheit und des ewigen Lebens. .- 33 In ähnlicher Weiſe verhält es ſich nun auch auf der andern Seite, die wir vorher berührten, mit dem Gehorſam unter die öffentliche Meinung, den Zeitgeiſt und die Sünde. Auch hier iſt es durchaus erforderlich, zu einer klaren Einſicht durchzudringen und feſt zu halten, daß auch in dieſem Falle die Abhängigkeit eine perſönliche oder richtiger an beſtimmte Perſonen geknüpft iſt. Oder wo exiſtiert denn das, was wir öffentliche Mei⸗ nung zu nennen pflegen, anders, als in den Köpfen vieler tauſende, deren Gedanken wieder durch die laut und oft ver⸗ kündigten weit verbreiteten Anſichten einzelner Stimmführer her⸗ vorgerufen und geleitet werden? Der öffentlichen Meinung ge⸗ horchen heißt alſo, den bald nach dieſer, bald nach jener Richtung hin flutenden Gedankenſtrömungen der großen Menge oder eigent⸗ lich deren Fahnenträgern folgen. Und iſts mit dem ſ. g. Zeitgeiſt etwa anders? So luftig und unerfaßbar er auch bisweilen erſcheint, er iſt doch offenbar nirgends anderswo vorhanden, als anfangs in einzelnen in ihrer Zeit irgend wie hervorragenden Perſönlichkeiten, welche die Weisheit des natürlichen Menſchen in ein, den Stimmungen oder richtiger den Sympathieen der Zeitgenoßen conformes Ge⸗ wand zu kleiden verſtehen und ſo wieder in derſelben Richtung beſtimmend auf andere Geiſter einwirken, bis ein anderer in der nun folgenden Generation aus dem Reflex der vergänglichen Ge⸗ danken ſeiner Zeitgenoßen und dem Spiegel ſeiner Gedanken wieder einen neuen Lichtſchein erglänzen läßt. Dem Zeitgeiſt gehorchen heißt demnach gleichfalls ſich in den Dienſt derer be⸗ geben, welche die perſönlichen Träger der Anſchauungen und Urteile des natürlichen Menſchen ſind, ſo wie dieſe in einer be⸗ ſtimmten, von der zeitlichen Entwickelung eines Volksganzen ab⸗ hängigen Form gekleidet auftreten. Und endlich, wenn wir von einer Unterwerfung unter die Macht der Sünde reden, wie iſts damit? Drängt ſich uns da nicht vor allem die unbeſtreitbare Thatſache auf, daß ſchon der 3 34 Urſprung der Sünde in der perſönlichen Menſchenwelt ein per⸗ ſönlicher war;— der perſönlich freie Wille des Menſchen konnte wieder nur von dem in einem perſönlichen Willen concentrierten Böſen ergriffen werden. So war es und ſo iſt es auch noch immer, mag die Sünde von außen oder von innen auf uns ein⸗ wirken. Sie exiſtiert doch nicht als ein bloßes Abſtractum, ſon⸗ dern überall und jedesmal kommt die Stimme der Verführung aus dem Herzen und Mund eines Verführers, ſei es, daß die falſchen Freunde unmittelbar, perſönlich gegenwärtig, auf ihre Sündenwege locken, oder mittelbar durch ſeelenverderbende Ge⸗ danken in Wort und Schrift zerſtörend wirken. Und die Sünde in uns iſt doch zunächſt auch nichts anderes, als die Fleiſchesluſt, die Sinnenluſt und die Hoffart unſeres eigenen Leibes, unſerer eigenen Seele, unſeres eigenen Geiſtes, daß ichs noch beſtimmter ſage, unſerer eigenen individuellen Perſönlichkeit, die böſe Luſt, die unſern perſönlichen Willen gefangen nimmt und uns zur Uebertretung der Gebote Gottes und damit zum Tode führt. Der Sünde gehorchen heißt alſo abermals den perſönlichen Feinden der Warheit, die aus Gott iſt, den Zerſtörern alles wahren Lebens und Segens oder der eigenen böſen Luſt folgen, die zwar in allen menſchlichen Perſönlichkeiten weſentlich dieſelbe iſt, aber doch auch nach der beſonderen Individualität der einzelnen Per⸗ ſönlichkeit jedesmal wieder in eigentümlicher Geſtalt erſcheint. Vergeßen wir es alſo nicht. Gehorſam wird, wenn auch nicht immer unmittelbar, doch im Grunde ſtets einer Perſon ge⸗ leiſtet, und iſt folglich Ungehorſam nicht bloß Uebertretung eines beſtimmten Gebotes oder Verbotes, ſondern tiefer gefaßt, zugleich auch eine Auflehnung gegen die Perſon deſſen, der als der leben⸗ dige Träger des Geſetzes anzuſehen oder überhaupt Gehorſam zu verlangen wirklich berechtigt iſt. Und wer iſt dieß? wem ſoll ich gehorchen? Die Antwort ſcheint ſo einfach: doch wol unzweifelhaft dem, der dein Herr iſt; aber ſie ruft ſogleich wieder die andere Frage hervor: wer iſt aber mein Herr? Denn es ſind der Stimmen gar viele, die an 35 den Menſchen herantreten und bald laut und gebieteriſch, bald leiſe und einſchmeichelnd, bald drohend und ſtreng, bald lockend und mild von ihm Gehorſam begehren. Aber trotzdem, ſo betäubend und verwirrend auch dieſe durcheinander rufenden und oft ſich widerſprechenden Stimmen immerhin ſein mögen, für den Chriſten, der ſich nicht verblenden, noch bethören läßt, gibt es eine feſte, klare und unzweideutige Antwort auf jene Frage: der iſt dein Herr, der Licht von Licht, wahrer Gott von wahrem Gott, in dieſe perſönliche Menſchenwelt geboren iſt und dich, nicht mit irdiſchem Gut, nicht mit Silber und Gold, ſondern mit Seinem heiligen, theueren Blut und mit Seinem unſchuldigen Leiden und Sterben erlöſet und zu Seinem Eigentum erworben und gewonnen hat, auf daß du in Seinem Reiche unter Ihm lebeſt, und Ihm, dem König aller Könige, von ganzem Herzen dieneſt. Er, der Sohn des lebendigen Gottes, ward gehorſam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Darum hat Ihn auch Gott erhöhet und hat Ihm Gott einen Namen gegeben, der über alle Namen iſt. Er iſt nicht ein Herſcher, der einmal gelebt hat, darnach aber Sein Regiment an die geſchichtliche Entwickelung der Menſchheit— wie die thörichte, inhaltsleere Phraſe lautet— für immer abgegeben hat, ſondern ein Herr und König, deſſen Thron unerſchütterlich be⸗ ſtehen bleibt in Ewigkeit; das Haupt eines Reiches, das auch die Pforten der Hölle nicht überwinden werden. Seine Worte ſind Geiſt und Leben, nicht auf dieſes oder jenes einzelne Volk, auf die eine oder andere Zeitperiode beſchränkt, ſondern ewig und un⸗ vergänglich, für alle Völker und Generationen, für alle Jahr⸗ hunderte und Jahrtauſende in gleicher Weiſe gültig, Denn Er ſelbſt, der Lendige und Ewige, iſt in Seinem Worte, in Seinem heiligen Geſetze, wie im Evangelium, im Sakrament der neuen Geburt aus dem Waßer und Geiſt, wie im Sakrament Seines Leibes und Blutes— beide von Ihm eingeſetzt— Er ſelbſt iſt in ihnen perſönlich gegenwärtig, und hat als ſolcher das Amt eingeſetzt, das ſeligmachende Wort der Warheit rein und 36 lauter zu verkündigen und die das ewige Leben gründenden uud erhaltenden Gnadengüter nach Seinem Befehl getreulich zu ver⸗ walten. Ja, der Chriſt kennt Seinen Herrn und weiß, wem er zu gehorchen hat. Das bekannte Wort, das die heiligen Apoſtel Petrus und Johaunnes mit freudiger Unerſchrockenheit vor dem hohen Rat der Juden geredet haben, der von ſeinem Gewißen geſtraft das üb rwindende Zeugnis von Chriſto dem Auferſtandenen zu unterdrücken trachtete: richtet ihr ſelbſt, ob es vor Gott recht ſei, daß wir euch mehr gehorchen, denn Gott; wir können es ja nicht laßen, daß wir nicht reden ſollten, was wir geſehen und gehört haben;— das Wort, es gilt für jeden treuen Zeugen noch heute gerade ſo, wie vor achtzehnhundert Jahren. Es war das Wort, das dem erſtem Märiyrer den chriſtlichen Kirche Stephanus den Heldenmut gab, nicht nur in Kraft des heiligen Geiſtes vor ſeinen erbitterten Feinden von dem Gerechten zu zeugen, des Verräter und Mörder ſie geworden waren, ſondern auch— was mehr iſt— unter den Steinwürfen der Chriſtus⸗ verfolger und ſchon zum Tode getroffen, im ſeligen Aufblick zu der Herrlichkeit deſſen, der erhöht iſt zur Rechten der Majeſtät Gottes, noch zu rufen: Herr, behalte ihnen dieſe Sünde nicht! Und als nachmals auch der römiſche Imperialismus ſich aufmachte, und unter andern in der Mitte des 2. Jahrhunderts der Philoſoph unter den Antoninen, der ſtolze Kaiſer Mark Aurel ſich nicht ſchämte, den greiſen Biſchof von Smyrna, Polykarp, zu verfolgen und darauf der römiſche Richter an den gefangenen Märtyrer das gottesläſterliche Anſinnen ſtellte, ſeinem Herrn zu fluchen, da hat er den tödtlichen Angriff mit der ſiegrechen Ant⸗ wort zurückgeſchlagen: ſechs und achtzig Jahre bin ich in Seinem Dienſte und Er hat mir nie etwas zu Leide gethan; wie ſollte ich dem Könige fluchen, der mich ſelig gemacht hat? In demſelben Gehorſam gegen ſeinen Herrn und Heiland, hochgelobt in Ewigkeit, gieng am 24. September 258 Cyprian, der Biſchof von Karthago, freudig in den Tod; ja, in dieſem 37 Gehorſam ſtanden ſie alle, die mutigen Zeugen und Bekenner bis auf unſern theueren Gottesmann Luther und die in ſeinen Fuß⸗ tapfen giengen. Oder was war es, was dieſen Luther vor Kaiſer und Reich zu Worms, oder in noch ſchwererem Kampfe dort in Marburg im Jahre 1529 dem damaligen Rationalismus gegenüber ſo feſt und ſtandhaft machte? was anders, als der unbedingte Gehorſam unter das unverbrüchliche Wort des Herrn Seines Gottes? Dieſer Gehorſam iſt in der That der rechte Gehorſam, denn er geht aus dem Geiſt der Warheit hervor. Er wird nicht den willkürlichen und vergänglichen, ſchwankenden und unſicheren Zeit⸗ und Culturſtimmen geleiſtet, ſondern dem lebendigen Gott und Seinen ewigen heiligen und felſenfeſten Ordnungen. Er iſt getragen und beſtimmt von dem Worte der zwei Tafeln, die mit ihrer Klarheit durch alle Lande und alke Zeiten hindurchleuchten, durchdrungen und erfüllt von dem neuen Geſetz der Liebe zu dem, der uns zuerſt gel ebt und ſich ſelbſt für uns dahin gegeben hat. Es iſt in Warheit der eigentlich geiſtliche Gehorſam, der zuerſt nach Gott dem Herrn und Seinem geoffenbarten Willen aufſchaut und vor allem die Pflichten des Bundes zu erfüllen ſucht, in den der Friedefürſt aus Davids Stamm voller Gnade und Warheit die Seinigen zu ihrem ewigen Heile aufge⸗ nommen hat. Aller andere Gehorſam hat weder Wert noch Beſtand, wenn er nicht aus dieſem geiſtlichen Gehorſam fließt. Er iſt die rechte Quelle für den Gehorſam, den das vierte Gebot von uns fordert, die rechte Quelle auch für den weltlichen Gehorſam. Nur, wenn die Augen unſeres Geiſtes alſo erleuchtet ſind, daß wir die güldene Kette ſehen, die Gott der Herr ſelbſt den Eltern, die uns das Leben gegeben und erhalten haben, als die rechte Zierde der Ehren umgethan, nur dann erkennen wir erſt recht, was es heißt: du ſollſt Vater und Mutter ehren und haben den feſten Grund gewonnen, auf dem unſer Gehorſam ſich immer wieder von Neuem auferbaut. 38 Ferner, nur wenn unſere Seelen ſo gerichtet ſind, daß wir in den Lehrern und Erziehern die Träger des Amtes der Zucht und Vermahnung zum Herrn ſehen, das Gott ſelbſt ihnen auszurichten befohlen hat, zieht auch die rechte Bereitwilligkeit bei uns ein, denen zu folgen, die über unſere Seelen wachen ſollen. In gleicher Weiſe endlich hat auch der Gehorſam gegen die Obrigkeit allein in dem Gehorſam unter Gottes Wort, alſo im geiſtlichen Gehorſam ſeine rechte Lebenswurzel, wie ſeinen alleinigen Halt. In Warheit, um des Gewißens willen— das beweiſt die Erfahrung aller Zeiten— iſt nur derjenige der Obrigkeit in der rechten Weiſe unterthan, der ſich unter das klare und beſtimmte Gebot des Wortes Gottes beugt. Darum begebt euch vor allem in den Gehorſam deſſen, der ſelbſt das Geſetz vollkommen erfüllt hat und verlaßet Seine Fahne nicht. An Stimmen der Verführer, die eueren Willen zu knechten trachten, wirds leider nicht fehlen: es gibt nur ein Mittel, ſie ſiegreich zu überwinden und zur wahren Freiheit hindurchzudringen, der lebendige Gehorſam unter den, der unſere Gerechtigkeit iſt. Sein Wort ſtelle nur mit feſter Zuverſicht und getroſten Herzens den falſchen Führern entgegen, die dich auf die Wege des Ver⸗ derbens locken: und ſiehe, ſie müßen vor dem Lichtglanz Seiner Warheit zurückweichen in das Dunkel, aus dem ſie herkommen. Wenn ſie, dieſe Feinde der Warheit, euch in den Weg treten und bald offen und trotzig, bald heimlich und verſteckt all ihr Dichten und Trachten darauf richten, euch zum Abfall von Ihm zu bewegen, der die Auferſtehung und das Leben iſt: dann ſchlage lauter und ſtärker, als die verworrenen Stimmen der Ver⸗ führer, die mahnende Frage eueres Meiſters an euer Ohr: wollt ihr auch fortgehen? ſo mächtig und erſchütternd, daß ihr im Stande ſeid, freudigen Herzens in die Antwort des Felſenmannes mit einzuſtimmen: Herr, wohin ſollen wir gehen, Du haſt Worte des ewigen Lebens. Oder wenn ſie euere Herzen berücken wollen durch das ſelbſtgefällige Rühmen der fortgeſchrittenen Wißenſchaft und Cultur, 39 vor der das Chriſtentum nicht mehr beſtehen könne, laßt alle dieſe Schaumwellen ſich brechen an der ſiegesgewiſſen Verheißung deſſen, der da iſt und der da war und der da ſein wird: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht und ſelig i*ſt, der ſich nicht an mir ärgert. Und werden ihre Künſte noch feiner und wollen ſie in ihrer antichriſtlichen Geſinnung dich wenigſtens von dem offenen Be⸗ kenntnis zu Ihm, dem Gekreuzigten und Auferſtandenen, ab⸗ bringen, ſo zerreiße ihre Schlingen mit dem verheißungsvollen Wort, des du dich gehorſam annimmſt,„wer mich bekennet vor den Menſchen, den will ich auch bekennen vor meinem himm⸗ liſchen Vater.“ Oder endlich, wenn die inneren Feinde der Fleiſchesluſt, der Augenluſt und des Hochmuts, wenn die ſündigen Gedanken und Begierden ſich erheben, dich zu Falle zu bringen, ſtähle dich im Kampfe unverdroßen durch das überwindende Wort: wie ſollt ich ein ſo großes Uebel thun und wider den Herrn meinen Gott ſündigen. 1 Um aber in dieſem Kampfe, in dem ſich eben der rechte Gehorſam offenbaren und bewähren ſoll, den äußeren und inneren Feinden alſo begegnen zu können, dazu bedarf es allerdings auch einer feſten und ſteten Uebung des Gehorſams. Vielleicht bietet ſich ein andermal die Gelegenheit dar, hierauf etwas näher einzugehen und die einzelnen Geſichtspunkte genauer ins Auge zu faßen, die in dieſer Hinſicht zu nehmen ſind. Für jetzt muß ich mich darauf beſchränken, nur ganz im Allgemeinen hervorzuheben, daß wir uns vor allen Dingen daran gewöhnen ſollen, auch bei ſcheinbar geringfügigen und unbedeutenden Veranlaßungen unſern Eigenwillen zu brechen und unſere verkehrten Neigungen und Be⸗ gierden aus allen Kräften zu bekämpfen;— uns früh beſonders daran gewöhnen, dem Worte Gottes gegenüber nicht nur auf unſere kurzſichtigen Gedanken und Vorſtellungen zu verzichten, ſondern auch unſere falſchen Anſprüche und Hoffnungen, unſere eitelen Pläne und Anſchläge gänzlich zum Schweigen zu bringen; 40 — überhaupt uns je länger je mehr daran gewöhnen, uns mit unſeren ſubjectiven Anſichten und Wünſchen dem untrüglichen Worte des lebendigen Gottes und Seiner heiligen Kirche, auf den Grund der Apoſtel erbaut, da Jeſus der Eckſtein iſt, aufrichtig und vollſtändig unterzuordnen. Es wird uns dieß gelingen, wenn wir täglich die Hülfe deſſen ſuchen, der in den Schwachen mächtig iſt, und die Gnadenmittel getreulich anwenden, die Seine Segens⸗ hand uns darreicht. In ſeiner Gemeinſchaft ſoll dann unſer Ge⸗ horſam allmählich auch die Stufe erreichen, daß er ein Gehorſam werde, wie er ſein ſoll: ungeteilt und ganz, entſchieden und feſt, freudig und getreu. Daß dieſer rechte Gehorſam und mit ihm der Friede Gottes reichlich in Euch wohnen möge, iſt mein Abſchiedswunſch an Euch. An der ſeligmachenden Erfahrung wirds dann warhaftig auch nicht fehlen, wie wahr der Herr geſprochen: So Jemand will des Willen thun, der mich geſandt hat, der wird inne werden, ob dieſe Lehre von Gott ſei, oder ob ich von mir ſelber rede. 41 Schulnachrichten. — I. Lehrverfaßung während des Schuljahres von Oſtern 1873 bis dahin 1874. — Prima. Ordinarius: der Director. Religionslehre. Symbolik nach Schmieder, beſonders die Augsburgiſche Confeſſion im Sommer; Geſchichte des Reiches Gottes im Alten Bunde im Winter, 2 Stunden wöchent⸗ lich(Director Dr. Piderit). Deutſche Sprache. Lectüre des Nibelungenliedes im S., die Anfangsgründe der hiſtoriſchen Grammatik nach Vilmar im W.; Erklärung von Gedichten, Declamationsübungen und Auf⸗ ſätze, 3 St. w.(Director Dr. Piderit). CThemata zu den dentſchen Aufſätzen: Im Sommer: 1) Ueber den Spruch: 8?5s 9eds r0 ⁴υατος. 2) Ueber Soph. Electr. 320 qdε„νανο νeν τπορeςάνι αἀο τπρσέαοωmQ=my. 3) An Klopſtocks Grabe. Nach Rückerts Gedicht: Die Gräber zu Ottenſen.(Clauſur⸗ arbeit.) 4) Priamus und Achilles, nach Hom. II. XXIV. 5) Schillers Gang nach dem Eiſenhammer, in einer Rede dargeſtellt und gewürdigt. 4 42 Im Winter: 1) Ueber Hesiod. 2„). α⅜⁴ᷣ σμ⁴. v. 40 vinio 0dd ααασσιάςτ'ðωπμ παν‿ν τ◻mQιμα νάαά̈ν ο. 2) Würdigung des Gedichts von Chamiſſo: Der Sohn der Witwe. 3) Das dritte Staſimon in Soph. Oed. Tyr. v. 863 ff. 8i 4⁴ι uein Psgovrt u. ſ. w. 4) Ueber Soph. Oed. Tyr. v. 1230 f. 10 d νννμονυσυνv( ³Adéms Aunονςσ ἀ φένιέσς ααεο(Clauſurarbeit.) 5) Karthagos Fall, eine Rede.— Für die Abiturienten: im Sommer: Lobrede auf die deutſche Dichtkunſt; im Winter: Der Kampf der Patricier und Plebejer im alten Rom. Lateiniſche Sprache. Horatius Satiren(B. I 1, 3, 4, 6, 9, 10; II 6) im S.; Episteln(B I 1, 2, 6, 7, 10, 16, 19, 29; II 1) im W., 2 St. w.(Director Dr. Piderit). Cicero pro Sestio. Tacitus Annalen B L-—III 19, 5 St. w. Aufſätze; Scripta und Extemporalien nach Seyffert, 2 St. w.(Prorector Dr. Fürſtenau). CThemata zu den lateiniſchen Aufſätzen: Im Sommer: 1) Bellum a Caesare cum Ariovisto gestum narretur. 2) a. De causis belli Peloponnesiaci; b. De Leonidae in Thermopylis morte gloriosa (Clauſuraufſatz). 3) Legionum Germanicarum seditio narretur. 4) De Germanici, Drusi filii, vita, exitu, moribus. 5) Quibus causis factum sit, ut Cicero in exilium eiiceretur(Clauſuraufſatz). 6) In patriae salute defendenda quibus difficultatibus conflictatus sit Demosthenes.— Für die Abiturienten: Im Sommer: Quorum po- tissimum virorum opera factum sit, ut Athenienses ad tantam potentiam pervenirent, ostendatur; im Winter: Quo iure Graecia victa Romanorum victrix ab Horatio(Epist. II 1,156) dicta sit. Griechiſche Sprache. Homers Ilias B. I, II und III.— Sophocles Electra Q im S. Oedipus Tyrannos im W. 3 St. w.(Director Dr. Piderit). Demosthenes Olynth. I— III und Philipp I, II, 2 St. w. Scripta nach Seyffert; Repetiton ein⸗ zelner Abſchnitte der Grammatik, 1 St. w.(Prorector Dr. Fürſtenau). Franzöſiſche Sprache. Lectüre: Guizot histoire de Charles I, Auswal von Schwalb, 2. Hälfte. Grammatik nach Knebel(Syn⸗ tax Kap. III— V) und Ueberſetzungen aus Höchſten, 2 St. w. (Gymnaſiallehrer Dr. Suchier). 43 Hebräiſche Sprache.“) Grammatik nach Thierſch; Ueber⸗ ſetzung und Erklärung von Stücken aus Brückners Leſebuch, 3 St. w.(Pfarrer Zimmermann). Weltgeſchichte. Geſchichte des Altertums nach Herbſt hiſtor. Hülfsbuch, I. Teil; daneben Repetition des Mittelalters, 3 St. w. (Oberlehrer Spangenberg). Mathematik. Arithmetik: Gleichungen insbeſondere des zweiten Grades. Progreſſionen und Combinationen mit An⸗ wendungen. Geometrie: Schluß der Kreißlehre. Geometriſche Conſtructionen. Stereometrie mit vielen Anwendungen. 4 St. w.(Oberlehrer Dr. Fliedner). Mathematiſche Aufgaben für die Abiturienten: Im Sommer: 1) Jemand verleiht ein Kapital von 30,000 Thaler zu 4 pCt., nimmt am Ende eines jeden Jahres von den erhaltenen Zinſen 800 Thlr. zu ſeinem Unterhalt und ſchlägt den Reſt zum Kapital; wie groß wird das Kapital nach 15 Jahren ſein, wenn Zinſeszinſen gerechnet werden? (Allgemeine Ableitung der gebrauchten Formel.) 2) Ein Dreieck zu conſtruiren, wozu gegeben iſt: eine Seite a, der ihr gegenüber liegende Winkel x und die Differenz d der beiden andern Seiten. 3) Die Breite AB eines Fluſſes zu beſtimmen, wenn man durch Meſſung ge⸗ funden hat: die Standlinie CD= 200 m, die Winkel BCD= 116⁰ 10“ CDB= 37⁰ 20“ und CDA= 45⁰ 5. 4) In ein cylindriſches Gefäß, deſſen Grundfläche ein Kreis von 2“ Halbmeſſer und das bis zu 2“ Höhe mit Waſſer angefüllt iſt, wird eine Kugel von 1,5“ Halbmeſſer geworfen; wie hoch ſteigt das Waſſer in dem Gefäße?— Im Winter: 1) Ein Behälter kann durch drei Röhren gefüllt werden, von denen zwei ganz gleiche Durchmeſſer haben. Wenn alle drei Röhren laufen, ſo werden in 4 Stunden 12 des Behälters gefüllt; iſt aber eine von den gleichen Röhren geſchloſſen, ſo werden in 10 Stunden 40 Minuten % des Behälters gefüllt. Ju wie viel Stunden würde jede Röhre für ſich allein den Behälter gefüllt haben?(Begründung der Gleichungen und Ausrechnung.) 2) Einen Kreis zu beſchreiben, der einen der Lage und Größe nach gegebenen Kreis und eine der Lage nach gegebene Gerade, die letztere in einem gegebenen Punkt berührt.(Analyſis, Conſtruktion und Beweis.) 3) Zur Beſtimmung der Höhe der Berg⸗ *) Am Unterricht im Hebräiſchen nahmen auch in einem beſonderen Cötus Schüler der Ober⸗Secunda Teil. 4* 44 ſpitze A über der Ebene LCD hat man in dieſer Ebene die Standlinie BC= a= 2665,38 Fuß gefunden, ferner Winkel AB0== 440 18˙9“, Winkel A0B== 54⁰° 44 47“, ſowie den Elevationswinkel ABD= 8= 26⁰° 40˙ 46“. Wie groß iſt die Höhe? 4) Die Oberfläche einer Kugel iſt O= 2“, die Höhe einer Calotte derſelben h= 1“; wie groß iſt der körperliche Inhalt der Calotte(Kugelabſchnitt)? Phyſik.“*) Mechanik, insbeſondere die Lehren von den tropf⸗ barflüßigen und ausdehnſamflüßigen Körpern. 2 St. w.(Ober⸗ lehrer Dr. Fliedner). Secunda. Ordinarius: Prorector Dr. Fürſtenau. Religionslehre. Neues Teſtament: Erklärung des Evange⸗ liums St. Johannis im S., des Römerbriefs im W., 2 St. w. (Director Dr. Piderit). Deutſche Sprache. Leſen und Erklären deutſcher Gedichte nach Ph. Wackernagels Auswal(Abſchnitt— VI) im S., Herders Cid und Schillers Wilhelm Tell im W.,(Gymnaſiallehrer Dr. Duncker). Themata zu den deutſchen Aufſätzen: 1) Nachweis der Richtigkeit des Livianiſchen Ausſpruchs: Externus timor maximum concordiae vinculum, durch Beiſpiele aus der Geſchichte. 2) Gedankengang von vier venetianiſchen Epigrammen Platens. 3) Vergleich des erſten und zweiten Kreuzzugs, Urſachen, Verlauf und Folgen(Clauſurarbeit). 4) Ein Ausflug nach der Barbaroſſapfalz zu Gelnhauſen. 5) O un dανσειας ννιςσιιμιοοσ οι πσαηdeνεrα. Nachgewieſen an den Lebens⸗ ſchickſalen bedeutender Männer. 6) Die Hohenſtaufen Friedrich I und Friedrich II. Ein Vergleich. 7) Welche Vergleichungspunkte und welche Gegenſätze bieten das Auftreten des Demodokos in der Odyſſee und des Sängers in Schillers„Grafen von Habsburg“? 8) Allweg ſoll wollen mehr ein Mann, als er mit der That vollbringen kann (Clauſurarbeit). 9) Gedankengang der letzten Parabaſe in Platens *) Wegen baulicher Veränderungen des Lokals konnte, der phyſikaliſche Curſus nur unvollſtändig durchgenommen werden. 45 „romantiſchem Oedipus“. 10) Werner Stauffacher(bezw. Walther Fürſt, Arnold von Melchthal, Itel Reding, Pfarrer Röſſelmann) auf dem Rütli. Nach Schillers Wilhelm Tell, Act II, Scene 2. 11) Die Ur⸗ ſachen des Verfalls des deutſchen Ordens(Clauſurarbeit). Lateiniſche Sprache. Virgils Aeneide B V VIII, 2 St. w.(Dr. Wolff). Livius B XXV und XXVI im S., Cicero pro Roscio Amerino und Sallust Catilina im W., 5 St. w. Grammatik(Soyntax) nach Meiring K. 100— 120, Scripta nach Seyffert und Extemporalien nach Dictaten, 3 St. w.(Prorector Dr. Fürſtenau; in Unter⸗Secunda Scripta nach Seyffert und nach Dictaten, 1 St. w. Dr. Wolff). Griechiſche Sprache. Homers Odyssee B. V—VIII, XIII und XIV, 2 St. w.(Dr. Duncker). Xenophon Hellenica B. III, 4 bis IV, 5, 2 St. w. Grammatik(Syntax) nach Curtius §. 484— 612, Scripta nach Franke und nach Dictaten, 2 St. w. (Oberlehrer Spangenberg). Franzöſiſche Sprache. Lectüre: Thierry récits des temps mérowingiens, Auswal von Schwalb. Grammatik nach Knebel (Syntax K. I—IV) und Ueberſetzungen aus dem Uebungsbuch von Probſt, 2 St. w.(GL. Dr. Suchier). Weltgeſchichte. Geſchichte des Mittelalters vom Zeitalter der Kreuzzüge bis zur Reformation nach Herbſt hiſtoriſches Hülfs⸗ buch II, 2 St. w.(GL. Dr. Duncker). Geographie. Phyſiſche und politiſche Geographie der außer⸗ europäiſchen Erdteile, 2 St. w.(HL. Knoop). Mathematik. Arithmetik: Gleichungen des erſten und des zweiten Grades. Die Potenzen, Wurzeln und Loga⸗ rithmen. Geometrie: Die Lehren der Planimetrie von der Aehnlichkeit geradliniger Figuren bis zum Schluß, mit vielen Aufgaben. Die erſten Elemente der Trigonometrie. 4 St. w. (OL. Dr. Fliedner). Phyſik. Einiges aus der Chemie. Die weſentlichen Geſetze der tropfbaren und luftförmigen Flüßigkeiten, 1 St. w.(Dr. Fliedner). 46 Ober⸗Tertia. Ordinarius: Reallehrer Pfarrer Jsraél(auftragsweiſe). Religionslehre. Altes Teſtament: Erklärung der Pſalmen und prophetiſchen Bücher, 2 St. w.(mit Unker⸗Tertia combiniert; Pfarrer Zimmermann). Deutſche Sprache. Leſen und Erklären deutſcher Leſeſtücke nach Ph. Wackernagels Leſebuch, 3. T., und ausgewälter Balla⸗ den von Schiller. Declamationsübungen und Aufſätze, 2 St. w. (GL. Dr. Wolff). Lateiniſche Sprache. Ovids Metamorphosen nach der Aus⸗ wal von Siebelis, 2 St. w.(im S. Dr. Steubing, im W. Hülfslehrer Franke). Caesar de b. Gall. V und VI(zum Teil), dann de be civili B.—II 1—17, 3 St. w. Grammatik(Syn⸗ tax) nach Meiring. Scripta und Extemporalien nach Meiring, Süpfle und Dictaten, 7 St. w.(Reallehrer Pf. Israél). Griechiſche Sprache. Homers Odyssee B. IX und X, 2 St. w.(im S. Dr. Steubing, im W. HL. Franke). Xeno- phons Anabasis B. II und III, 1—3, 2 St. w. Grammatik (Formenlehre der unregelmäßigen Verba und Wortbildungslehre) nach Curtius und Scripta nach Franke, 2 St. w.(Reallehrer Pfarrer Isral). Franzöſiſche Sprache. Lectüre: Ahns Leſebuch 1. T. Er⸗ zälungen, Briefe, Gedichte. Grammatik nach Knebel(Formen⸗ lehre) und Ueberſetzungen aus dem Uebungsbuch von Probſt 1 T. 2 St. w.(GL. Dr. Suchier). Weltgeſchichte. Geſchichte des Altertums 2. Hälfte(Ge⸗ ſchichte der Römer), 2 St. w.(GL. Dr. Wolff). Geographie. Die europäiſchen Halbinſeln und Inſeln; Ruß⸗ land, 2 St. w.(mit Unter⸗Tertia combiniert, HL. Knoop). Mathematik. Arithmetik: Die vier erſten algebraiſchen Operationen; Maß der Zahlen; Proportionen; Gleichungen mit einer Unbekannten(Heis§. 61 und 63); Wurzelausziehen. Geometrie: die Lehre von der Aehnlichkeit und dem Flächen⸗ 47 inhalt der Figuren; dann die Lehre vom Kreiß; Conſtructions⸗ aufgaben nach Fliedners Lehrbuch, 4 St. w.(HL. Knoop). Naturgeſchichte. Allgemeine Botanik; Beſtimmung wild⸗ wachſender Phanerogamen nach Gies, 2 St. w. im S. Syſte⸗ matiſche Ueberſicht der wirbelloſen Thiere nach den Cuvierſchen Typen, 2 St. w. im W.(HͦL. Knoop). Unter⸗Tertia. Ordinarius: Oberlehrer Spangenberg. Religionslehre. Wie in Ober⸗Tertia. Deutſche Sprache. Leſen und Erklären deutſcher Leſeſtücke aus Ph. Wackernagels Leſebuch, 3 T., Declamationsübungen und Aufſätze, 2 St. w.(HL. Franke). Lateiniſche Sprache. Ovids Metamorphosen nach der Aus⸗ wal von Siebelis, 2 St. w.(HL. Franke). Caesar de b. Gall. B. I, II und III, 3 ſpäter 4 St. w. Grammatik(Syntax) nach Meiring§. 414— 599. Scripta und Extemporalien nach Meiring und nach Süpfle, 4 ſpäter 3 St. w.(OL. Spangenberg). Griechiſche Sprache. Xenophons Anabasis B. I, Einleitung in die Lectüre des Homer, 3 St. w. Grammatik(Formenlehre) nach Curtius. Scripta und Extemporalien aus Franke, 3 St. w.(OL. Spangenberg). Franzöſiſche Sprache. Lectüre: Ahns Leſebuch 1. Teil, Uebungsſätze, Anekdoten, naturhiſtoriſche Stücke. Probſt, Uebungs⸗ buch, 1. T. 1. Hälfte, 2 St. w.(GL. Dr. Suchier). Weltgeſchichte. Geſchichte des Altertums 1. Hälfte(Ge⸗ ſchichte der orientaliſchen Völker und der Griechen) 2 St. w. (Dr. Wolff). Geographie. Wie in Ober⸗Tertia. Mathematik. Arithmetik: Zuſammengeſetzte Regel de tri. Die vier erſten Rechnungsoperationen in allgemeinen Zahlzeichen. 48 Geometrie. Die Planimetrie bis zu der Lehre von den Vier⸗ ecken. Conſtructionen. 4 St. w.(OL. Dr. Fliedner). Naturgeſchichte. Wie in Ober-Tertia. Quarta. Ordinarius: Dr. Suchier. Religionslehre. Erklärung der fünf Hauptſtücke des Kate⸗ chismus und Memorieren einer Anzal evangeliſcher Kirchenlieder, 2 St. w.(Pfarrer Zimmermann). Deutſche Sprache. Leſen und Erklären deutſcher Leſeſtücke aus Ph. Wackernagels Leſebuch, 2. T., Auswendiglernen von Gedichten und Aufſätze, 2 St. w.(Dr. Suchier). Lateiniſche Sprache. Cornelius Nepos vit.-IX, XI bis XIII, XXI-— XXIII, 4 St. w. Grammatik nach Meirings Ele⸗ mentargrammatik(Syntax§. 411—681 und teilweiſe Repetition der Formenlehre) und Scripta nach Meirings Uebungsbuch, 4 St. w.(Dr. Suchier). Chreſtomathie lateiniſcher Dichter von Franke, mit Auswal, 2 St. w.(HL. Franke). Griechiſche Sprache. Grammatik nach Curtius(Formen⸗ lehre§. 1— 301 mit Auswal); ſchriftliche und mündliche Uebungen nach dem Elementarbuch von Schenkl, 6 St. w.(HL. Franke). Franzöſiſche Sprache. Elementargrammatik von Plötz, Curſus von Quarta, 2 St. w.(HL. Franke). Weltgeſchichte. Chronologiſche Ueberſicht der allgemeinen Weltgeſchichte nach Schäfers Tabellen, 2 St. w.(HL. Frauke). Geographie. Die außereuropäiſchen Erdteile nach Daniels Leitfaden, 1 St. w.(HL. Franke). Mathematik. Arithmetik: Wiederholung der Bruchlehre. Die Decimalbrüche, Regel de tri. Geometrie: Conſtructions⸗ übungen. Die ſyſtematiſchen Lehren bis zur Congruenz der Drei⸗ ecke, 4 St. w.(OL. Dr. Fliedner). Schönſchreiben. 2 St. w.(Lehrer Zimmermann). 49 Quinta. Ordinarius: Gymnaſiallehrer Dr. Wolff. Religionslehre. Bibliſche Geſchichte des Neuen Teſtaments nach Zahn und Memorieren einer Anzal evangeliſcher Kirchen⸗ lieder, 2 St. w.(Pfarrer Zimmermann). Deutſche Sprache. Leſen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Leſebuch 1. T., orthographiſche Uebungen und Auf⸗ ſätze, 3 St. w.(GL. Dr. Wolff). Lateiniſche Sprache. Grammatik nach Meirings Elementar⸗ grammatik(§. 1— 410 mit Auswal, Wiederholung der regel⸗ mäßigen und Einübung der unregelmäßigen Formenlehre). Schrift⸗ liche und mündliche Uebungen nach Oſtermanns Uebungsbuch für Quinta und Memorieren aus dem dazu gehörigen Vocabularium; Formenextemporalien, 10 St. w.(GL. Dr. Wolff). Franzöſiſche Sprache. Elementargrammatik von Plötz, Curſus von Quinta, 3 St. w.(HL. Franke). Weltgeſchichte und Geographie. Erzälungen aus der grie⸗ chiſchen und römiſchen Geſchichte.— Die europäiſchen Länder, 3 St. w.(im S. Dr. Steubing, im W. HL. Knoop). Mathematik. Arithmetikt die Bruchlehre nach Schellen, Regel de tri mit Brüchen, 3 St. w.(HL. Knoop). Naturgeſchichte. Repetition des Penſums der Sexta; Be⸗ ſchreibung von wildwachſenden Pflanzen und Zuſammenſtellung der leichteren Pflanzenfamilien im S.; Beſchreibung einzelner, beſonders einheimiſcher, Wirbel⸗ und wirbelloſer Thiere im W., 2 St. w.(HL. Knoop). Schönſchreiben. 2 St. w.(Lehrer Zimmermann). Sexta. Gymnaſiallehrer Dr. Duncker. Religionslehre. Bibliſche Geſchichte des Alten Teſtaments nach Zahn und Memorieren einer Anzal evangeliſcher Kirchen⸗ lieder, 3 St. w.(Pfarrer Zimmermann). 50 Deutſche Sprache. Leſen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Leſebuch 1. T., orthographiſche Uebungen und Auf⸗ ſätze, 3 St. w.(GL. Dr. Duncker). Lateiniſche Sprache. Grammatik nach Meirings Elementar⸗ grammatik§. 1— 336 mit Auswal, nebſt mündlichen und ſchrift⸗ lichen Uebungen nach Oſtermanns Uebungsbuch für Sexta und Memorieren aus dem dazu gehörigen Vocabularium; Formen⸗ extemporalien, 10 St. w.(GL. Dr. Duncker). Geographie. Topographiſche Ueberſicht der fünf Erdteile, 2 St. w.(HL. Knoop). Mathematik. Arithmetik: Reduction und Reſolution: die vier Species mit benannten Zahlen, nach Schellen, 3 St. w. (Lehrer Zimmermann). Naturgeſchichte. Einübung der Terminologie an den be⸗ kannteſten wildwachſenden Phanerogamen im S.; Beſchreibung einzelner, beſonders einheimiſcher, Wirbelthiere im W., 2 St. w. (HL. Knoop). Schönſchreiben. 2 St. w.(Lehrer Zimmermann). — Zeichnen. Für die Schüler der drei unteren Klaſſen, wöchent⸗ lich in 2 Doppelſtunden(Lehrer Zimmermann). Geſang. Der evangeliſche Choralgeſang nach dem deutſchen evangeliſchen Kirchengeſangbuche, 4 St. w.(Geſanglehrer Huf⸗ nagel). Turnen. 6 St. w.(Turnlehrer Störger). II. Chronik des Gymnaſiums. —— Der Curſus des Schuljahres 1873— 1874 begann am 21. April 1873. Al Während des ganzen Schuljahrs war der ſchon früher be⸗ urlaubte*) Gymnaſiallehrer Otto Witzel durch die Fortdauer ſeiner Krankheit an der Verſehung ſeines Amtes verhindert, und iſt auch dießmal an ſeiner Stelle der ordentliche Lehrer an der hieſigen Realſchule Pfarrer Israél mit der Erteilung von 11 wöchentlichen Lehrſtunden beauftragt geweſen. Durch Verfügung des Herrn Miniſters der geiſtlichen und Unterrichts⸗Angelegenheiten vom 8. April 1873 wurde dem hie⸗ ſigen Gymnaſium zur Anſchaffung eines neuen Flügels der Be⸗ trag von 450 Thlr. bewilligt. Der für dieſe Summe aus der Pianoforte⸗Fabrik von Julius Bluüthner in Leipzig ange⸗ ſchaffte Salonflügel leiſtet ſowol für den Geſangunterricht über⸗ haupt, als inſonderheit bei Schulfeſtlichkeiten die trefflichſten Dienſte, und fühle ich mich daher gedrungen, dem Herrn Miniſter für dieſe gütige Gewährung hier Namens der Anſtalt meinen beſonderen Dank auszuſprechen. Im Sommer 1873 wurde der Umbau eines Seitenflügels des Gymnaſiums, behufs Herrichtung neuer Lehrzimmer und einer Pedellen⸗Wohnung, begonnen und wird nun wol bald voll⸗ endet werden. Am 2. September 1873 fand abermals in der Aula des hieſigen Gymnaſiums die Feier der Erinnerung an den Sieg bei Sedan Statt. Die Anſprache hielt der Director. Am 15. September wurde die mündliche Prüfung der Abiturienten vom Sommerhalbjahr 1873 unter dem Vorſitze des Kgl. Commiſſarius Herrn Provinzial⸗Schulrath Dr. Rumpel vorgenommen. Mit dem Schluß des Sommerhalbjahrs 1873 ſchied der Candidat des höheren Schulamts Dr. Adolf Steubing nach Ab⸗ ſolvierung ſeines Probejahrs**) aus ſeinen hieſigen Functionen wieder aus. *) Vgl. Programm von 1873, S. 76, 77. *r) Vgl. Programm von 1873, S. 77. 5² Durch Verfügung Kgl. Prov.⸗Schulkollegiums vom 7. Oktober 1873 rückte Dr. Wolff in die vierte ordentliche Lehrerſtelle ein. Die Lectionen des Winterſemeſters begannen Montag den 13. Oktober 1873. Nach Verfügung Kgl. Prov.⸗Schulkollegiums vom 5. Januar 1874 ſcheidet der proviſoriſche Hülfslehrer Stephan Franke*) am Schluß des Winterſemeſters aus ſeiner hieſigen Stelle wieder aus. Am 5. Februar 1874, Morgens 8 Uhr, ſtarb der Gym⸗ naſialpedell Friedrich Limbert in einem Alter von beinahe 76 Jahren. Er hat die Pedellenſtelle vom 1. Januar 1835 an, alſo 39 Jahr, bekleidet und dieſen ſeinen Dienſt mit unveränder⸗ licher Treue und Gewißenhaftigkeit unverdroßen und in auf⸗ richtiger Liebe zu der Anſtalt verſehen. Noch in den letzten Stunden ſeines Lebens waren ſeine Gedanken auf die Beſorgung des Dienſtes im Gymnaſium gerichtet. Sonnabend den 7. Februar, Nachmittags 3 Uhr, begleiteten die Lehrer und Schüler der An⸗ ſtalt ſeine Leiche zur letzten Ruheſtätte, an der Herr Superinten⸗ dent Wendel uns das Bild des frommen, von Liebe zu ſeinem Heiland erfüllten Mannes noch einmal in lebendigen Zügen vor⸗ hielt. Das Gedächtnis des Gerechten bleibt in Segen. Am 17. und 18. Merz wurde die mündliche Prüfung der Abiturienten vom Winterhalbjahr 1873—74 unter dem Vorſitz des Kgl. Commiſſarius Herrn Provinzialſchulrath Dr. Rumpel vorgenommen. Sonntag den 22. Merz, Morgens 8 Uhr, fand die Feier des hohen Geburtsfeſtes Seiner Majeſtät des Kaiſers und Königs in der Aula des Gymnaſiums Statt. Die Feſtrede hielt Oberlehrer Fr. Spangenberg. ——— Das Jubiläumsſtipendium Abteilung I hat der Primaner Georg Hartmann in dem Betrage von 44 Gulden, Abteilung *) Vgl. Programm von 1873. S. 76. 53 II der Primaner Karl Schlicht im Betrage von 53 Gulden für das Schuljahr 1873— 74 bezogen. Zugleich verzeichnen wir hier mit Dank den Jahresbeitrag(1 Gulden) des Herrn Oberlehrers Spangenberg für 1873. Mit dem beſten Dank erwähne ich ferner folgende Gaben, die dem Gymnaſium im Laufe des Schuljahrs zu Teil ge⸗ worden ſind: a) Ein Legat von 50 Gulden nach dem Teſtament des verſtorbenen Herrn Victor Robert Johann von Hertz aus Hanau und deſſen überleben⸗ den Ehegattin Thereſe Victorine Amalie von Hertz geb. Roſenberg. b) Die Bibliothek des Gymnaſiums erhielt: 1) Vom Kgl. Miniſterium der geiſtlichen ꝛc. Angelegenheiten: a. Schnell, Das Reichserzkämmereramt der Markgrafen und Kur⸗ fürſten von Brandenburg ꝛc. Bayreuth 1873. b. Riedel, Geſchichte des preußiſchen Königshauſes, Bd. 1 u. 2. c. Riedel, Zehn Jahre aus der Geſchichte der Ahnherrn des preu⸗ ßiſchen Königshauſes. d. Graf. Stillfried, Zum urkundlichen Beweiſe über die Ab⸗ ſtammung des preußiſchen Königshauſes von den Grafen von Hohenzollern. 2) Vom Kgl. Prov.⸗Schulkollegium zu Caſſel: v. d. Launitz, Wand⸗ tafeln zur Veranſchaulichung des antiken Lebens, III. Lieferung. 3) Vom Hanauer Bezirksverein für heſſiſche Geſchichte und Landeskunde: deſſen Mittheilungen Nr. 1—3 in je 2 Exemplaren. 4) Von Herrn Eduard Rößler dahier: Köpke, Zur Erinnerung an Johannes Schulze, nebſt einem Originalbrief von J. Schulze. 5) Von den Gymnaſiallehrern Dr. Suchier und Dr. Duncker die von denſelben verfaßte Schrift: Das Römerkaſtell und das Todtenfeld in der Kinzigniederung bei Rückingen. Hanau 1873. 6) Vom Herrn Pfarrer Baſſe in Frankfurt a. M.: O. Maillardus, Sermones de observantia sua. Parisiis 1507. Die Campſche Münzſammlung erhielt an Geſchenken: Von Herrn Secretär Bauer eine große Silbermedaille vom Jahre 1713 auf den Utrechter Frieden; von Dr. Duncker zwei bei Gießen gefundene Bracteaten und eine Kupfermünze des jüngeren Tetricus; vom Hülfslehrer Knoop zwei türkiſche Bronzemünzen für Tripolis; außerdem von Schülern mehrere Kupfermünzen. 54 Verfügungen des Königlichen provinzial-Schulkolleginms. — 1) Vom 15. April 1873, die Genehmigung des allgemeinen Lectionsplans für das hieſige Gymnaſium auf das Schuljahr 1873—74 betreffend. 2) Vom 6. bezw. 20. Mai 1873, die Dauer der Pfingſtferien für 1873 betr. 3) Vom 15. Mai 1873, die Anmeldung zur Aufnahme von Civileleven in die Central⸗Turnanſtalt zu Berlin betr. 4) Vom 16. Mai 1873, die Zuſendung von Programmen an die Comenius⸗Stiftung in Leipzig betr. 5) Vom 31. Mai 1873, die Verpflichtung und Berechtigung zum Ein⸗ tritt in die allgemeine Wittwen⸗Verſorgungs⸗Anſtalt betr. 6) Vom 21. Juni 1873, die vom Verein zur Förderung des Zeichen⸗ unterrichts Oſtern 1874 in Berlin zu veranſtaltende neue Ausſtellung aus dem Gebiet des Zeichenunterrichts betr. 7) Vom 21. Juli 1873, die Cenſurprädikate betr. 8) Vom 21. Juli 1873, die Schulfeier des Tages von Sedan betr. 9) Vom 30. Oktober 1873, die Inſtruction für die Prüfung von Zeichen⸗ lehrern an Gymnaſien betr. 10) Vom 22. Januar 1874, wonach für die Aufnahme in diejenigen öffentlichen Schulen, deren Beſuch nicht obligatoriſch iſt, von Kindern, welche das zwölfte Lebeusjahr bereits überſchritten haben, nicht bloß der Nachweis der erſten Impfung, ſondern auch der ſtattgehabten Revaccination zu fordern iſt. 11) Vom 16. Februar 1874, wonach in Folge der Verfügung des Herrn Miniſters der geiſtlichen, Unterrichts⸗ ꝛc. Angelegenheiten vom 11. Febr. den Schülern jede Betheiligung an der Zeitſchrift„Walhalla“ unterſagt wird. III. Emtiſtiſche Ueberſicht. A. Leyrer Im Perſonalbeſtand der Lehrer des Gymnaſiums iſt, außer dem in der Chronik bereits aufgeführten Abgang des 55 Gymnaſialpraktikanten Dr. A. Steubing, im Laufe des ver⸗ floßenen Schuljahrs eine weitere Veränderung nicht eingetreten. B. Schüler. Am Schluß des Schuljahrs 1872—73 wurden mit dem Zeugnis der Reife entlaßen: 1) Auguſt Baur aus Hanau, evangeliſcher Confeſſion, 19 ¾ Jahr alt, 9 Jahr im Gymnaſium(in Fulda 2 Jahr, hier 7 Jahr), 2 Jahr in Prima, Willens Jurisprudenz zu ſtudieren; 2) Theodor Kauſel aus Marköbel bei Hanau, evangeliſcher Confeſſion, 17 ¾ Jahr alt, 5 Jahr im Gymnaſium(in Fulda 2 J., hier 3 J.), 2 Jahr in Prima, Willens Mathematik und Naturwißenſchaften zu ſtudieren. Dieſe beiden Abiturienten wurden von der mündlichen Maturitätsprüfung dispenſiert. 3) Ferdinand Kauſel aus Marköbel bei Hanau, evangeliſcher Confeſſion, 22 ½¼ Jahr alt, 8 Jahr im Gymnaſium(4 J. in Fulda, 4 J. hier), 2 ½ Jahr in Prima, Willens Theologie zu ſtudieren; 4) Ernſt Hartwig aus Windecken, evangeliſcher Confeſſion, 18 Jahr alt, 7 Jahr im Gymnaſium, 2 Jahr in Prima, Willens Medicin zu ſtudieren; 5) Adalbert Hengsberger aus Hanau, evangeliſcher Con⸗ feſſion, 20 ¹¼ Jahr alt, 7 Jahr im Gymnaſium, 2 Jahr in Prima, Willens Jurisprudenz zu ſtudieren; 6) Rudolf Kröber aus Meerholz, evangeliſcher Confeſſion, 20 Jahr alt, 7 Jahr im Gymnaſium, 2 Jahr in Prima, Willens ſich dem Ingenieurfach zu widmen; 7) Victor Abée aus Marburg, evangeliſcher Confeſſion, 21 Jahr alt, 11 Jahr im Gymnaſium(5 J. in Kaſſel, 3 ½ J. in Marburg, 2 ½ J. hier), 2 J. in Prima, Willens Philologie und Geſchichte zu ſtudieren. 56 Die Schülerzahl belief ſch am Sclaß des Schuljahres 1873— 74 auf. 192 Noch vor Beginn des Sonnnterſemneſters 1873 ſchieden aus, ohne den Curſus vollendet zu haben: 1 aus I(ohne nähere Beſtimmung), 5 aus II(1 um ſich der bildenden Kunſt, 3 um ſich dem Kaufmannsſtande zu widmen, 1 ohne nähere Beſtimmung), 7 aus III(2 um auf andere Gym⸗ naſien, 1 um auf eine Kriegsſchule überzugehen, 2 um ſich für den Kaufmannsſtand vorzubereiten, 2 ohne nähere Be⸗ ſtimmung), 4 aus IV(2 um auf eine Kriegsſchule, 1 um auf ein anderes Gymnaſium überzugehen, 1 ohne nähere Beſtimmung), 1 aus V und 1 aus VI ohne nähere Be⸗ ſtimmung.r..... Neu aufgenommen wurden zu Anfang des Sommer⸗ halbjahres 1873 in II 2, in III 4, in IV 1, in VI 28 Die Schülerzahl betrug darnach(I 28, II 41, IIIe 17, 188 II 32, IV 24, V 32, VI 30).. 204 Zu dieſen traten noch im Laufe des Semeſters 1 in 1, 1 in IIIu, 2 in VL. 4 208 Dagegen verließen im Laufe des Sommers das Gym⸗ naſium: 2 aus II(1 auf den Rath der Lehrer, 1 um ſich privatim weiter auszubilden), 1 aus VI(um auf ein anderes Gymnaſium überzugehen) 3 205 Am Schluß des Sommerhalbjahres 1873 wurden mit dem Zeugnis der Reife entlaßen: 1) Wilhelm Frick aus Oberellenbach, A. Rotenburg, evangeliſcher Confeſſion, 20 ½ Jahr alt, 9 ½ Jahr im Gym⸗ naſium, 2 ½ Jahr in Prima, Willens Philologie zu ſtudieren; 2) Hermann Thiele aus Hanau, evangeliſcher Con⸗ feſſion, 18 Jahr alt, 9 ½ Jahr im Gymnaſium, 2 ½ Jahr in Prima, Willens Jurisprudenz zu ſtudieren; 3) Friedrich Orth aus Hochſtadt bei Hanau, evange⸗ liſcher Confeſſion, 19 ½ Jahr alt, 9 ½ Jahr im Gymnaſium, 2 ½ Jahr in Prima, Willens Theologie zu ſtudieren; 4) Wilhelm Süs aus Hanau, evangeliſcher Confeſſion, 19 ½ Jahr alt, 8 ¼ Jahr im Gymnaſium, 2 ½ Jahr in Prima, Willens ſich dem Poſtfach zu widmen. Dazu noch der auswärtige Maturitätsaſpirant: 5) Guſtav Zülch aus Hombreſſen, evangeliſcher Con⸗ feſſion, 19 ¾ Jahr alt, früher Schüler der Gymnaſien zu Marburg und hier, Willens Medicin zu ſtudieren... 201 Vor dem Beginn des Winterſemeſters traten noch aus: 4 aus II(1 um auf ein anderes Gymnaſium überzugehen, 2 um ſich dem Kaufmannsſtande zu widmen, 1 um ſich privatim weiter zu bilden), 4 aus IIE'(1 um Kaufmann zu werden, 1 ohne nähere Beſtimmung, 2 um auf andere Bildungsanſtalten überzugehen) 8 Neu aufgenommen wurden zu Michaelis 1873 in I 1, in II 2, in III 3, in III' 1, in IV 1, und ausnahms⸗ weiſe zu Neujahr 1874 in IV 2, in VI 1. e 11 Es belief ſich daher die Schülerzahl(I 26, II 36, III“ 21, II 29, IV 27, V 32, VI 32)..... 204 von denen 1 aus IV das Gymnaſium wieder verließ, um ſich für den Kaufmannsſtand vorzubereiten..... 1 203 — ◻ 58 IV. Ordnung der öffentlichen Prüfung. Donnerſtag den 26. Merz. Vormittags. Morgens 8 Uhr: Choralgeſang(Deutſches Evangeliſches Kirchengeſangbuch Nr. 130: Wer nur den lieben Gott läßt walten, V. 1 u. 2). Von 8 ¼— 10 Uhr Prüfung der Prima. Sophokles. Mathematik. Cicero. Franzöſiſch. Von 10—12 Uhr Prüfung der Secunda. Salluſt. Mathematik. Xenophon. Franzöſiſch. Nachmittags. Von 2—3 ½ Uhr Prüfung der Ober⸗Tertia. Xenophon. Mathematik. Cäſar. Von 3 ½— 5 Uhr Prüfung der Unter⸗Tertia. Xenophon. Weltgeſchichte. Ovid. Freitag den 27. Kerz. Vormittags. Von 8— 9 ½ Uhr Prüfung der Quarta. Cornelius Nepos. Religionslehre. Griechiſches Elementarbuch. Von 9 ½— 11 Uhr Prüfung der Quinta. Lateiniſches Elementarbuch. Naturgeſchichte. Geographie. Von 11— 12 ½ Uhr Prüfung der Sexta. Lateiniſches Elementarbuch. Deutſche Sprache. Rechnen. Nachmittags von 3 Uhr an. Choralgeſang(Deutſches Evangeliſches Kirchengeſangbuch Nr. 102: Wie ſchön leuchtet der Morgenſtern, V. 1—3). Valedictionsrede des Abiturienten L. Hartmann. Geſang. Rede des Directors und Entlaßung der Abiturienten. Choralgeſang(Deutſches Evangeliſches Kirchengeſangbuch Nr. 102, V. 7). Verkündigung der Verſetzung und Austeilung der Zeugniſſe. Der Gymnaſialdirector Dr. Piderit. —