1 21 Pönigliches Gymnaſium au Banan. — ☛— Programm womit zu den am 30. und 31. März 1871 im Hörſaal des gymnaſiums Statt findenden ergebenſt einladet der Gymnaſialdirector Dr. K. W. Piderit. ·(ʃ= Inhalt: 1) Zur Gumnaſtalpädagogik IlI, vom Gymnaſial⸗Director Dr. Piderit. Nonrt W Dlef. 2) Schulnachrichten. . as —— W”9 „ - ₰ ,, ud Hanau. Druck der Waiſenhaus⸗Buchdruckerei. 1871. De folgenden drei Reden ſind bei Entlaßung der Abiturienten in der Aula des hieſigen Gym⸗ naſiums gehalten und zwar wörtlich ſo, wie ſie hier ohne irgend welche Veränderung mitgeteilt ſind: die erſte von der wahren und falſchen Energie am 4. April 1865, die zweite über den geiſtlichen Geſichtsſinn am 9. April 1867 und die dritte über die Gefahr des Herabſinkens aus unſerem Chriſtenberuf bereits am 15. März 1864. Sie machen durchaus nicht darauf Anſpruch, das jedesmalige Thema irgend erſchöpft zu haben, und wollen ſämtlich nicht als wißenſchaftliche Abhandlungen, ſondern nur als Zeugniſſe angeſehen werden von der Anſchauung oder richtiger von der Geſinnung, die meiner Ueberzeugung nach vor allem auf unſeren Gymnaſien zu wahren und zu pflegen iſt. Als einen Beitrag zur Gymnaſialpädagogik habe ich mir daher auch dieſe Reden, wie die ähnlichen im Gymnaſialprogramm von 1867 abgedruckten, zu bezeichnen erlaubt. Sind ſie doch, wie ich eben andeutete, alle drei aus dem pädagogiſchen Streben hervorgegangen, der Jugend, die erzogen werden ſoll, die rechten Wege zu zeigen, die ſie zu ihrem eigenen Heil und andern zum Segen zu gehen hat. Und wenn es auch nicht gerade ſpecielle gymnaſialpädagogiſche Fragen ſind, die hier zur Sprache kommen: die allgemeinen Geſichtspunkte, die Gedanken und deren Zuſammenhang ſind doch durch die erziehliche Rückſicht bedingt und gehören inſoweit unbeſtreitbar der Gymnaſialpädagogik an. Die zweite der mitgeteilten Reden vom geiſtlichen Geſichtsſinn ſchließt ſich ganz eng an die im Oſterprogramm 1867 abgedruckte Rede vom geiſtlichen Gehörſinn an und kann gewiſſermaßen als Ergänzung derſelben gelten; die eine wie die andere weiſen ſchon durch ihr Thema auf Lehre und Unterricht hin; noch ent⸗ ſchiedener trägt die erſte, von der wahren und falſchen Energie, inſofern ſie ja auf Erziehung des Willens gerichtet iſt, ihren pädagogiſchen Charakter an der Stirn. Aber auch die dritte, wenn ſie ſchon zugleich weitere Kreiſe mit berückſichtigt, hat doch vorzugsweiſe die Jugenderziehung im Auge. IV ich in dieſer unſerer ſo mächtig bewegten Zeit mit dieſer kleinen leiſten köͤnnte; was wünſchte ich lieber, als daß gerade jetzt rdiſchen Frieden ihre Herzen und Sinne Was wünſchte ich lieber, als daß Gabe der uns anvertrauten Jugend einen Dienſt in der Freude über den nach ſchweren Kämpfen errungenen i vor allem nach dem Frieden ſich hinwendeten, der höher iſt als Engel⸗ und Menſchen⸗Vernunft! Hanau im Merz 1871. Piderit. ———ʒ—— J. Von der wahren und falſchen Energie. Es gehört mit zu den wunderbaren Wegen der Weltregierung Gottes, beides das Gute wie das Böſe im Laufe der Zeiten miteinander ausreifen zu laßen. Als zu dem Hausvater, auf deſſen Acker der böſe Feind Unkraut zwiſchen den Weizen geſäet hatte, die dienſtbereiten Knechte mit der Frage herantraten: willſt du, daß wir hingehen und den Unkrantſamen ausjäten, wird ihnen die Antwort zu Teil:„nicht alſo, auf daß ihr nicht zugleich den Weizen mitausraufet, ſo ihr das Unkraut ausjätet, laßet beides mit ein⸗ ander wachſen bis zur Ernte und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern ſagen: ſammelt zuvor das Unkraut und bindet es in Bündel, daß man es verbrenne, aber den Weizen ſammelt mir in meine Scheunen.“ Damit iſt, wenn auch nur im Allgemeinen, doch ſehr klar und beſtimmt der in der Weltgeſchichte waltende Entwicklungsgang bezeichnet— die volle Entfaltung des guten, wie des böſen Samens; zugleich aber allerdings auch die endliche Entſcheidung über beides angegeben— die Verbrennung des Unkrauts d. h. des Böſen und Nichtigen durch die Flammen des Todes, und die Aufbewahrung des Weizens d. h. des Guten und allein Lebendigen zu unvergänglicher ewiger Fortdauer. Hin und wieder freilich will es ſcheinen, als ob dieſer eben angegebene Entwickelungsgang durch Gottes gewaltigen Arm unterbrochen würde— und es iſt dieß auch in der That der Fall. Sowol im großen Ganzen der Geſchichte der Menſchheit überhaupt, als im Völker⸗ und Familienleben insbeſondere tritt es klar vor Augen, daß der Strom der Sünde uno des Verderbens, wenn er einmal ſehr hoch geht und ſeine Fluten alle Dämme zu durchbrechen drohen, mit einem Male durch eine höhere Hand gehemmt wird und vor dem Allmachtsrufe des Herrn: „bis hierher und nicht weiter“ zurücktritt. Als in den älteſten Zeiten der Menſchheit das Leben aus Gott nur noch eine kleine Stätte fand auf Erden, während faſt überall, ſoweit menſchliche Sprache und Sitte reichte, das gottentfremdete Weltleben immer ungehinderter ſich ausbreitete, immer trotziger und zügelloſer auftrat, da wehrte Gottes Arm ſelbſt dieſem mächtig wachſenden Strome, der auch das letzte Bollwerk des Glaubens zu verſchlingen drohte, bekanntlich damit, daß Er nach Seiner treuen und gerechten Aufſicht über die nach Seinem Bilde geſchaffene Perſonenwelt, alle, die wider Gottes Ordnungen anſtrebten, hinwegnahm, um die eine noch übrig gebliebene gottgetreue Gemeinſchaft zu retten und ſo wenigſtens einen geſunden Kern zu erhalten, aus dem ein neues Geſchlecht ſich entwickeln, ein neuer Anfang hervor⸗ gehen könnte. Oder, als Israel über ſeinen Herrn das Kreuzige! Kreuzige! gerufen und damit ſeinen eigenen gottgegebenen Beruf in grauenvoller Verblendung verleugnet hatte: da zerbrach Gottes gewaltige Hand, als auch die letzte Guadenfriſt verſtrichen, das Gefäß, das fortan nicht mehr Träger der Offen⸗ varung ſein konnte, um nunmehr andere Volker zu dein Heil aus Zion herbeizurufen. Und als andererſeits auch die klaſſiſchen Völker des Altertums, als Griechen und Römer, ſoweit ſie ſich nicht vom Evangelium 1 2 überwinden ließen, immer tiefer ſanken, da zogen auf Gottes Ruf die Völkerſchaaren aus dem fernen Norden und Oſten heran, um die morſchgewordenen Säulen der alten Roma umzuſtürzen und der Bildung neuer Lebensformen Bahn zu machen. Oder endlich— wie mancher Stamm, wie manches Regentenhaus, wie manches Geſchlecht iſt hinweggethan aus der Reihe der Lebendigen auf Erden, wenn Stamm und Haus und Geſchlecht das Maß der Sünde erfüllt hatten; eine Thatſache, deren erſchütternde Warheit uns nicht allein aus Griechenlands großen Tragödiendichtungen, wie unter andern aus Sophokles gewaltigem Chorlied in der Antigone Eo⁶⁴αιονεν olαα᷑ν dyενοτοs ælov, ſondern auch aus vielen andern Zeugniſſen der Geſchichte entgegentritt. Und dennoch bleibt es dabei: trotz dieſer zeitweiſen, durch Gottes Hand herbeigeführten Unter⸗ brechungen im ungehemmten Aufwachſen des Böſen, ſteht doch andererſeits die Thatſache eben ſo feſt, daß im Entwickelungsgang der Menſchheit das Böſe wie das Gute ſeiner vollen Reife entgegengeht. Ja, das eben erwähnte Einſchreiten der göttlichen Gerechtigkeit iſt doch im Grunde nichts anderes, als eine einzelne Vorernte, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, die der ſchließlichen Entſcheidung gewiſſermaßen nur zum Vorbild dient; wie dieß im Grunde ſchon daraus unwiderſprechlich hervorgeht, daß nach ſolchem richtenden und ſtrafenden Einſchreiten des lebendigen Gottes nicht etwa die ſündliche Entwickelung über⸗ haupt ganz aufhört, ſondern im Gegenteil nach der Zerſtörung des alten, innerlich aufgelösten Lebens auf der dadurch neu bereiteten Stätte neben dem guten Samen doch auch der Unkrautsſamen immer wieder von Neuem emporwächſt. Fragen wir nach dem Grund dieſer Erſcheinung, ſo werden wir bei genauerer Beobachtung die Antwort zu erteilen haben: es kommt daher, weil auch dem Böſen eine gewiſſe Energie, ein(um es kurz zu ſagen) dämoniſches Beſtreben beiwohnt, alle in ihm liegenden Konſequenzen bis auf die letzte auszuwirken. Indeſſen ſoll es dießmal unſere Aufgabe nicht ſein, dieſer Thatſache der Energie des Böſen weiter nachzugehen; uns liegt es vielmehr in dieſem Augenblicke näher, Natur und Weſen der wahren Energie zu erkennen und uns daran zu erinnern, daß wir durch ſie, durch die göttliche Energie, die falſche Energie bekämpfen und überwinden ſollen;— eine Forderung, die um ſo ernſter und eindring⸗ licher an uns herantritt, je häufiger uns gerade in unſerer Zeit die falſche Energie ſtatt der wahren begegnet, und je größer und mächtiger heut zu Tage die Gefahren und Verſuchungen ſind, die ſich der wahren Energie in den Weg ſtellen und ſie zu brechen oder gar in der Wurzel zu zerſtören drohn. Ins⸗ beſondere aber habt ihr, die ihr jetzt aus dieſer Schule entlaßen werdet, um darnach in ein Lebensgebiet überzugehen, in dem euch eine größere Selbſtändigkeit zu Teil werden ſoll, in der That mehr als je Urſache, euch innerlich zu der rechten Energie im Denken, Wollen und Handeln zu ermuntern und in dem feſten Vorſatz zu ſtärken, den Feinden derſelben mit aller Entſchiedenheit entgegenzutreten. Dazu möchte ich euch noch zu guterletzt mit einigen wenigen Winken über die rechte Energie, ſoviel an mir iſt, behülflich ſein. Schon der Sinn, in welchem Ariſtoteles gleich zu Anfang ſeiner Ethik das Wort Energie gebraucht, enthält die Keime der hernachmals erweiterten und geſteigerten Bedeutung deſſelben; Energie iſt zunächſt dem Wortlaute nach: wirkſame, kräftige Thätigkeit, intenſives, inhaltsvolles Thun, wird aber in umfang⸗ 3 reicherer Faßung vom Gebiet des Handelns auch auf die Gebiete des Denkens und Wollens übertragen. An Plato und Ariſtoteles, Descartes und Leibnitz, Hegel und Schelling bewundern wir nicht allein den Scharfſinn ihres Verſtandes, ſondern auch die Energie ihres Denkens, mit der das einmal erwälte Grundprincip feſtgehalten und überall durchgeführt wird, bis es zu ſeiner vollſtändigen Ausprägung gelangt. Daß die Seele von dem einen Grundgedanken nicht losläßt, ſondern mit aller Anſtrengung des Geiſtes auf ihm weiter baut und nicht eher ruht, bis nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten der ſtolze Bau des Gedankenſyſtems daſteht— darin zeigt ſich die Energie des Denkens. Oder wo die geiſtige Thätig⸗ keit auf ein beſtimmtes Ziel gerichtet iſt, und der Erreichung deſſelben mit ſtetiger Gedankenbewegung zuſtrebt, ſei es um auf den gewonnenen Grundlagen ein neues wißenſchaftliches oder auch techniſches Reſultat zu gewinnen, auch da offenbart ſich die Energie des Geiſtes eben darin, daß das Denken feſten Schrittes und unabläßig ſich fortbewegt, nichts liegen läßt und von Stufe zu Stufe ſich kräftig durchringt. Aehnlich iſt es auf dem Gebiete der Naturforſchung, wie der Geſchichtsforſchung: auch hier rühmen wir an den hervorragenden Geiſtern nicht allein den Sammelfleiß, die Genauigkeit der Beobachtung, die Sorgfalt und glückliche Combination, ſondern vornehmlich auch die geiſtige Energie, mit der dieſe forſchenden Geiſter in die Tiefe dringen und die Berge von Hinderniſſen ebnen, die ſich oft vor ihnen aufthürmen. Dieſe Energie des Denkens und geiſtigen Arbeitens hat zwar allerdings ihre natürlichen Be⸗ dingungen,— ohne geiſtige Begabung wird es zu einer ſolchen Energie des Denkens ſchwerlich kommen können; aber ſie läßt ſich doch auch üben. Es gibt nicht eine einzige Gymnaſialdisciplin, die nicht an ihrem Teil auch dazu beitragen könnte, dieſe Energie zu wecken, zu pflegen und zu fördern— von dem Vo⸗ cabellernen, den Exercitien und kleinen Aufſätzchen des Sextaners bis zu dem Ueberſetzen der griechiſchen und römiſchen Claſſiker und den lateiniſchen oder deutſchen Ausarbeitungen des Primaners, von den erſten Elementen der Sprachkunde und Mathematik bis zum Syſtem der Syntax und den höheren Operationen der Arithmetik und Geometrie, auf allen Stufen des Unterrichts wird von wirklich fleißigen Schülern an den Verſuchen, den Lernſtoff geiſtig zu bewältigen und ſich die nötigen Kenntniſſe in allmählichem, aber feſtem Fortſchritt anzueignen, zugleich die eben geſchilderte Energie des Denkens, wenn auch natürlich erſt in ihren Anfängen hinlänglich geübt und geſtärkt. Wo dieß nicht geſchieht, da iſt auch kein rechter Fleiß vorhanden und da fehlt es auch begreiflicher Weiſe an irgend befriedigenden Leiſtungen. In noch viel höherem Grade aber iſt dieſe Energie des Denkens für die über die Grenzen des Gymnaſiums hinausliegenden akademiſchen Studien erforderlich. Hier handelt es ſich ja vornehmlich um warhaft wißenſchaftliche Erkenntnis, um das Verſtändnis des inneren Zuſammenhangs der Disciplinen, die das Ganze einer Wißenſchaft ausmachen, um ein tieferes Eindringen in die einzelnen Erſcheinungen und Thatſachen, wie in die Gründe und Wirkungen derſelben, um ein gediegenes und umfangreiches Wißen. Dieß alles aber läßt ſich ohne eine angeſtrengte, kräftig wirkſame geiſtige Thätigkeit, alſo ohne Energie des Geiſtes warhaftig nicht erreichen. Mit Denkfaulheit und geiſtiger Schlaffheit, mit mechaniſchem Auswendiglernen und oberflächlicher Pfuſcherarbeit wird man auf dieſem Gebiet nicht weit kommen. Da heißt es ſeinen Geiſt anſtrengen und nicht nachlaßen, ernſtlich aufmerken und bei dem einen Gegenſtand, um deſſen Ver⸗ ſtändnis wir ringen, anhaltend verbleiben, bis ein gewiſſes Ziel erreicht iſt. 1* 4 Es wird dieß freilich nur dann geſchehen, wenn mit der Energie des Denkens und geiſtigen Arbeitens zugleich die Energie des Willens verbunden iſt. Der Wille iſt das eigentliche Centrum der menſchlichen Perſönlichkeit. Wo der Wille des Menſchen ſchlaff, lau, unentſchieden, kraftlos iſt, da wird auch weder Energie des Denkens, noch des Handelns zu finden ſein: im energiſchen Willen liegt die Triebkraft zu beidem. Energie des Willens aber werden wir(noch ganz abgeſehen von dem Inhalt deſſelben) ohne Zweifel dem zuſchreiben, der, wenn er ſich einmal die Erreichung eines Zieles vorgeſetzt hat, nun auch nicht allein dieſes Ziel mit aller Kraft ſeiner Seele unabläßig im Auge behält, ſondern auch mit gleich feſter Entſchloßenheit alles daran ſetzt, dieß Ziel auch wirklich zu erreichen,— der vor unerwarteten Schwierigkeiten, die ihm begegnen, nicht gleich zurückbebt oder wie gelähmt die Flügel ſinken läßt, ſondern im Gegenteil die ihm in den Weg tretenden Hinderniſſe mit aller Kraft zu überwinden ſucht;— der weder durch die Ausſicht auf drohende Gefahren oder ſicher zu erwartende Unannehmlichkeiten, noch andererſeits durch verlockende Vorſpiegelungen und Anerbietungen, durch der Leute Gerede und falſcher, Freunde Rat bewogen wird von dem einmal eingeſchlagenen Wege wieder abzugehen. Energiſchen Willen werden wir ſodann auch dem zuerkennen müßen, der nicht heute das, morgen wieder etwas anderes, vielleicht gerade das Gegenteil will, ſondern einmal wie das andere mal ſich gleich bleibt; der nicht von Worten überfließt, die ſeinen Willen bezeugen ſollen:„ich will, ich will, wir wollen, wir wollen“, aber. wenn es zur Ausführung kommen ſoll, ſei es aus Menſchenfurcht oder aus Weichlichkeit oder aus Klug⸗ heitsrückſichten raſch, wie der Wind umſchlägt, alſo daß von dem vielgerühmten Willen nicht die Spur mehr zu bemerken iſt, ſondern durch dieß alles unbeirrt dann auch durch die That beweiſt, daß ſeine Worte mehr als leerer Schall geweſen. Indeſſen— wir müßen es geſtehen— alle dieſe eben gegebenen Definitionsverſuche leiden doch noch an einer großen Unbeſtimmtheit, Zweideutigkeit und Farbloſigkeit; hier iſt vor allem nötig, wenn wir uns nicht in unſichern, unfaßbaren Abſtractionen bewegen wollen, daß wir auf den Inhalt des Willens achten, damit wir nicht Eigenſinn und Trotz, Halsſtarrigkeit und Hart⸗ näckigkeit für Energie ausgeben, ſondern uns vielmehr des Unterſchieds zwiſchen der wahren und falſchen Willensenergie möglichſt klar bewußt werden. Derſelbe Unterſchied tritt allerdings auch auf dem zuerſt erwähnten Gebiet der Energie des Denkens und geiſtigen Arbeitens hervor. Es gibt auch ſchon da eine Pſeudo⸗Energie, die ich gerade in dieſem Augenblicke, denen gegenüber, die zur Univerſität überzugehen bereit ſind, gewis nicht unberück⸗ ſichtigt laßen darf. Es iſt, um es kurz zu ſagen, die Energie der falſchen Wißenſchaft, die Energie des Skepticismus oder beßer die Energie des Geiſtes, der ſtets verneint, die von der wahren Energie des Denkens himmelweit verſchieden iſt. Formell energiſch kann auch wol der denken, der ſich in lauter Ne⸗ gationen bewegt, der in ſeiner Gedankenarbeit beharrlich darauf gerichtet iſt, die Fundamente der ewigen Warheit zu untergraben und durch eine nie ruhende, alles in ſeinem thatſächlichen Beſtand angreifende, alles bezweifelnde und alles zerſetzende Kritik am Ende bei der völligen Verzweiflung an aller Warheit anzulangen pflegt. Daß aber eine ſolche Energie des Denkens eine Pſeudoenergie iſt, können wir mit Sicherheit vornehmlich daraus erkennen, was ſie in dem alſo denkenden ſelbſt wirkt. An geiſtigem Lebens⸗ inhalt ſetzt nämlich dieß negative Denken nicht nur nichts in der Seele des Denkenden ab, ſondern es . 5 wird vielmehr dadurch, wenn keine Umwandlung eintritt, unfehlbar jeder wahre, geſunde Lebenskeim vollends zerſtört;— das Reſultat dieſes Denkens, wenn ſich die Seele ausſchließlich oder nur haupt⸗ ſächlich in ihm bewegt, wird im Weſentlichen kein anderes ſein können, als was Voltaire, nach dem Zeugnis ſeines Arztes Tronchin, im Angeſicht des Todes mit ebenſo beſtimmtem, als troſtloſem Bewußtſein von ſich bekannt hat:„ich habe mich mit Rauch berauſcht, der mir den Kopf drehend gemacht hat; ich habe nichts, als Rauch verſchluckt.“ Es kommt alſo auch bei der Energie des Denkens weſentlich auf den Inhalt deſſelben an; darauf, daß wir aus der Warheit, die von Gott iſt, heraus denken und in ihrer Bahn uns bewegen; darauf, daß unſere Gedanken nicht Gedanken des Umreißens oder Zerſtörens, ſondern des Bauens und Erhaltens ſind. Allein entſchieden ſchärfer tritt uns doch, wie geſagt, der erwähnte Gegenſatz zwiſchen wahrer und falſcher Energie auf dem Gebiete des Willens entgegen. Energiſchen Willen kann man in gewiſſer Beziehung auch einem Catilina und Nero oder einem Marat und Robespierre nicht abſprechen; aber welch ein Unterſchied iſt zwiſchen dieſer dämoniſchen Energie der Revolution und der Energie eines Samuel, des letzten Richters in Israel und eines Elias, des Propheten der That, oder der andern Männer Gottes, der Apoſtel und Märtyrer, eines Bonifacius und Luther. Dort bei den Feinden gött⸗ licher und menſchlicher Ordnung offenbart ſich der energiſche Wille in der vollen Hingabe an die Kräfte der Lüge und des Haßes, an die verzehrende Glut der Zerſtörungs⸗ und Verderbensluſt, hier bei den gottberufenen Trägern und Verkündigern des Heils der Welt, bei den Bekennern und Zeugen der War⸗ heit zeigt ſich die Willensenergie in dem heiligen Eifer für das Wort Gottes und die Auferbauung Seines Reiches, in dem heldenmütigen Ringen nach den höchſten Gütern, nach den unvergänglichen Schätzen und der Krone des Lebens. Dort tritt die Energie des Willens bald als trotzige und hartnäckige, kalte und bittre Feindſchaft wider das Evangelium hervor, von den erſten Chriſtenverfolgungen bis auf die heim⸗ lichen und offenen Angriffe unſerer Tage, bald als wahnſinniger Fanatismus und tolle Zerſtörungswut, wie ſie die aufrühreriſchen Bauern im Reformations⸗ oder die Königsmörder in Frankreich im Revolutions⸗ zeitalter bewieſen; bald als ſtarrer Trotz und Hohn wider Chriſti Reich auf Erden, wie in Julians des Abtrünnigen Seele und in allen, die im Lauf der Jahrhunderte bis auf unſere Zeit in ſeinen Fußſtapfen gehen. Hier, auf der anderen, entgegengeſetzten Seite wird die Willensenergie von dem lebendigen Glauben, von dem Feuer des heiligen Geiſtes, mit einem Wort von dem demütigen Bewußtſein getragen, Gott dem Herrn und der Ehre Seines heiligen Namens zu dienen. Denn das iſt ohne Zweifel das Hauptunterſcheidungszeichen der falſchen und der wahren Willensenergie, daß jene ihre Wurzeln in der Sünde, in der Selbſtgerechtigkeit und dem Trotz des natürlichen Menſchenherzens, dieſe in der Gnade, in dem vollen Gehorſam unter Gottes Wort und in der rechten Demut hat. Die verborgenen Trieb⸗ federn der falſchen Energie liegen in den dunkeln Schatten der Selbſtſucht, in der Fleiſchesluſt, der Augenluſt und der Hoffart; die Quellen der wahren dagegen, wenn auch(wie wir gern einräumen wollen) im weiteren Verlaufe noch vielfach von Eigenwilligkeit und menſchlichem Eifer getrübt, entſpringen da, wo ernſte Scheu vor Gottes heiligem Geſetz und demütige Unterwerfung unter Seinen allmächtigen Willen, wo vor allem Trachten nach dem Reiche Gottes und ſeiner Gerechtigkeit, wo freudiges Bekenntnis zu 6 Chriſtus, dem Gekreuzigten und Auferſtandenen, und wirkliche Glaubenserfahrung ſich finden. Wahre Willensenergie ſchlägt ihre Wurzeln da, wo wir uns nicht auf unſere beliebigen Anſichten und Gedanken, nicht auf alle möglichen, zufälligen Zweckmäßigkeitsrückſichten, überhaupt nicht auf uns ſelbſt geſtellt fühlen, ſondern wo das ſtarke, felſenfeſte Bewußtſein uns regiert, daß wir einen Beruf oder ein Amt haben, das von einer höheren Hand uns auferlegt iſt und nun auch den Auftrag, der uns zu Teil geworden, im Namen deſſen ausrichten ſollen, der ihn gegeben hat. Es iſt leicht einzuſehen, der Mangel an dieſer rechten Willensenergie iſt noch weit bedenklicher, als der zuerſt erwähnte Mangel an Energie des Denkens. Ach, daß du kalt oder warm wäreſt, ruft der treue und warhaftige Zeuge der Gemeinde zu Laodicea zu; weil du aber lau biſt und weder kalt noch warm, werde ich dich ausſpeien aus meinem Munde. Wo es an Energie des rechten Denkens gebricht, da wird zwar auch gar viel geſchadet: angefangene und wieder liegen gelaßene Gedanken, nur halb gedachte und nicht bis zum Abſchluß durchgeführte Behauptungen ſind nicht nur eine unerquickliche Er⸗ ſcheinung, ſondern haben von jeher durch Verwirrung der Anſchauungen, Irreleitung des Urteils und Beförderung der Oberflächlichkeit Unheil genug angeſtiftet. Aber ſo ſchlimme Früchte, als die Halbheit und Unentſchiedenheit des Willens pflegt doch die Energieloſigkeit des Denkens im Ganzen nicht zu bringen. Der Willensſchwäche kränklich Weſen iſt in der Regel von einem ſehr traurigen Gefolge begleitet. Indifferentismus und Charakterloſigkeit, Geringſchätzung göttlichen und menſchlichen Rechts, Gleichgültigkeit gegen die geſunden Ordnungen des Volkslebens wie gegen der eigenen Seele Heil; den Kräften der Zer⸗ ſtörung weder erfolgreich wehren, noch mit den rechten Waffen zum friſchen Angriff ſchreiten; allen böſen Gelüſten im Innern, wie den Verführungsſtimmen von außen widerſtandslos ſich preisgeben und das allen guten Samen erſtickende Unkraut ungehindert fortwuchern laßen; in krankhafter Verweichlichung vor der, dem Menſchen doch ſo unentbehrlichen und ſo heilſamen Zucht an ſich und an andern zurückbeben und zuletzt in völlige geiſtige Ohnmacht verſinken,— das ſind einige der bleichen Geſtalten, die da auf⸗ zutreten pflegen, wo es an der rechten Energie des Willens fehlt. Energie des Denkens und Energie des Willens, beide vereint, es ſind in der That Gaben von unſchätzbarem Werte. Aber es erringt ſie Niemand, der nicht unabläßig wider ihre gemeinſamen Feinde kämpft, gegen die Arbeitsſcheu und Verweichlichung, gegen Zerſtreutheit und Leichtſinn, gegen Fahrläßigkeit und unordentliches Weſen und wie ſie alle heißen dieſe aus dem Fleiſch hervorwachſenden, jedes geſunde Leben hemmenden oder gar zerſtörenden Unkrautspflanzen. Beſonders aber iſt es in unſerer Zeit die in höchſt bedenklicher Weiſe überhand nehmende, ſchon die Kinderwelt anſteckende Genußſucht, die wenn ihr nicht bei Zeiten nachdrücklich gewehrt wird, unfehlbar jeder wahren Energie des Geiſtes den Untergang bereitet. Wo das Sinnen und Trachten des Menſchen auf nichts anderes als auf Vergnügen, auf Be⸗ friedigung der Sinnenluſt gerichtet iſt, da tritt allmählich mit unausbleiblicher Notwendigkeit nicht nur eine Erſchlaffung der Willensſtärke, ſondern auch des Denkvermögens ein. Lehrt es doch die tägliche Er⸗ fahrung, wie verderbliche Folgen in dieſer Beziehung— um unter den vielfachen Aeußerungen des Genuß⸗ lebens nur eine zu erwähnen— für viele tauſende das leidige Wirtshausleben hat. Oder ſind nicht Müdigkeit der Seele und Trägheit des Geiſtes, Unluſt zu jeder ernſteren geiſtigen Thätigkeit und innerer 7 Widerwille gegen anhaltendes, anſtrengendes Studieren, ſind nicht Blaſierheit und Indolenz, ſchlaffes ſich gehen laßen(um hier nicht den üblichen, allerdings ſehr bezeichnenden Ausdruck zu gebrauchen) und zunehmender Stumpfſinn die Früchte, die auf jenem Baume wachſen— Früchte, durch deren fortwährenden Genuß eine Generation heranwachſen würde, die am Ende das bekannte Wort des römiſchen Imperators über ſich ergehen laßen müßte: o homines ad servitutem paratissimos. Und zu dieſer geiſttödtenden Genußſucht geſellt ſich noch ein anderer ihr nahe verwandter Feind, deſſen wir vorhin ſchon im Vor⸗ beigehen gedacht haben, ich meine das weit verbreitete, in gewiſſen Gebieten in erſchreckender Weiſe über⸗ handnehmende Widerſtreben gegen Zucht und Ordnung. Zucht iſt— wie wir gleichfalls vorher ſchon ausſprachen— dem einzelnen Menſchen und größeren Geſamtheiten ſo notwendig und auch ſo heilſam, wie täglich Waſchen mit friſchem Waßer und wie friſche Luft. Wem es daher widerſtrebt, ſowol an ſich ſelbſt, nach Leib, Seele und Geiſt eine gründliche, geſunde Zucht zu üben, als auch ſich fremder Zucht willig unterzuordnen und ihren Einwirkungen Raum zu geben, wer alſo an innerer und äußerer Schranken⸗ loſigkeit und Zügelloſigkeit ſein Gefallen hat, bei dem wird, wenn er auf dieſem Wege der Zuchtloſigkeit verharrt, auch jeder verhältnismäßig noch geſunde Lebenskeim unter den Diſteln und Dornen ſeines ungezogenen Eigenwillens unfehlbar zu Grunde gehen. Alſo das ſteht feſt: an rechte Energie des Denkens und Willens iſt ohne den entſchiedenen Kampf gegen ihre eben erwähnten Feinde nicht zu denken. Aber ebenſo feſt ſteht auch wieder das andere: wir können dieſen Kampf weder mit dem rechten Ernſte aufnehmen, noch auch mit der erforderlichen Ausdauer ſiegreich durchführen, wenn wir nicht die Stärkung dazu täglich aus den rechten Lebensquellen ſchöpfen. Gerade hier tritt das Wort unſeres Herrn und Heilands wieder in ſeiner ewigen Warheit mit beſon⸗ derer Lebendigkeit vor unſere Seele: ohne mich könnt ihr nichts thun. Darum iſt auch hier das erſte und letzte: zu Ihm aufſchauen, dem Anfänger und Vollender unſeres Glaubens, der— wenn ich ſo ſagen darf— mit der höchſten göttlichen Energie ſeiner barmherzigen Liebe, die ſtärker iſt als der Tod, den ewigen Ratſchluß unſerer Erlöſung ſiegreich vollbracht hat; ja es iſt das erſte und letzte, vor ſeinem Gnadenthron erſcheinen und im unerſchütterlichen Vertrauen auf ſeine Verheißung,„ſo ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, ſo wird er es euch geben“ Ihn anrufen, daß Sein Licht in uns leuchte, Seine Kraft in uns mächtig werde. Wenn dann von Ihm, dem Fürſten des Lebens, uns das Auge aufgethan und unſeres Herzens Wille, wie einſt Abrahams Wille, auf den rechten Weg gerichtet wird, dann treten alsbald auch die anderen Zeugen des Lebens, das aus Gott iſt, ſo lebendig vor uns hin, daß an ihrem Vorbild nun auch unſere Energie des Denkens und Willens ſich entzünden und erſtarken kann. Der Lichtglanz, mit dem uns das höchſte Ziel fort und fort entgegenleuchtet, verbreitet ſeinen hellen Schein auch auf die andern wahren Ziele unſeres Lebens, alſo daß wir alle unſere Kräfte anſtrengen, ſie zu erreichen, und des Berufes eingedenk, den wir zu erfüllen haben, uns weder durch des eigenen Fleiſches Trägheit, noch durch leichtſinnige Verführer und Tagediebe in die Sümpfe der Genuß⸗ ſucht und des Nichtsthuns verlocken laßen. Darum hebet eure Augen in die Höhe und ſehet auf Ihn den mächtigen König der Ehren⸗ Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden; die Knaben werden müde 8 und die Jünglinge fallen; aber die auf den Herrn harren, bekommen neue Kraft, daß ſie auf⸗ fahren können mit Flügeln wie Adler, daß ſie laufen und nicht matt werden, daß ſie wandeln und nicht müde werden. II. Vom geiſtlichen Geſichtsſinn. Es iſt in dieſen Tagen gerade ein Decennium verfloßen, ſeit ich von dieſer Stätte aus zu den vier Abiturienten, die damals von dieſer Anſtalt Abſchied nahmen, über ein Thema reden durfte, deſſen hohe Bedeutung gleich bei dem erſten Ausſprechen deſſelben unverkennbar hervortreten mußte; es war dieſelbe Rede, die in dem dießmaligen Oſterprogramm an zweiter Stelle mitgeteilt iſt: vom geiſtlichen Gehörſinn und deſſen Uebung. Was iſt ſeitdem in dem kurzen Zeitraum weniger Jahre an uns vorüber⸗ gegangen! wie hat der lebendige Gott auf mannigfache Weiſe, durch ſein Wort, durch die weltgeſchicht⸗ lichen Thaten Seiner Gerechtigkeit und Seiner Gerichte, und durch die Lebensführungen im Einzelnen mächtig zu uns geredet! Haben wir auf Seine Stimme gehört? oder ſind unſere Ohren taub und zu hart geworden, des Allmächtigen Rede zu vernehmen? Ich fürchte, die Klage iſt im Allgemeinen nur zu begründet, daß tauſend und aber tauſend in der Chriſtenheit dahin gehen, ohne auf das Wort der Warheit zu hören, anch heute noch von dem vorurteilenden Worte des Herrn getroffen: mit hörenden Ohren hören ſie nicht; hören nicht, daß— und noch viel weniger, was Gott zu ihnen redet. Hören nicht— und ſehen auch nicht;— denn beides pflegt auf dem Gebiete des Geiſtes eng mit einander verbunden zu ſein, wie denn auch in der Offenbarung beides immer neben einander ſteht. Wenn die heilige Schrift von dem unbußfertigen Sinn redet, ſo heißt es nicht nur: mit hörenden Ohren hören ſie nicht, ſondern auch: mit ſehenden Augen ſehen ſie nicht, und„die da Augen haben und ſehen nicht, die Ohren haben und hören nicht“. Oder, wenn ſie die geiſtigen gleichgültigen und harten Herzen auf die Thaten Gottes hin⸗ weiſt, mahnt ſie: höret, ihr Tauben und ſehet ihr Blinden; oder auch, wenn der Prophet. im heiligen Geiſt voll feſter Zuverſicht auf die Zukunft des Herrn blickt, ruft er freudig aus: alsdann werden der Blinden Augen aufgethan und taube Ohren werden geöffnet werden. Oder wenn der Herr ſelbſt in den Tagen Seiner Erſcheinung auf Erden zu ſeinen Apoſteln und Jüngern preiſend redet: ſelig ſind eure Augen, daß ſie ſehen und eure Ohren, daß ſie hören. Oder endlich, wenn der Apoſtel von der verbor⸗ genen Weisheit Gottes redet und der Offenbarung deſſen, das kein Auge geſehen und kein Ohr gehört hat. Sind doch in der That beide, Auge und Ohr, die Pforten, durch welche ſowol die Weisheit dieſer 9 Welt, als auch das Wort des lebendigen Gottes den Weg zu unſeren Seelen nimmt. Auf der einen Seite die Stimme der Verführung und Lüge durch das Ohr und das Bild der ſchön anzuſehenden Frucht durch das Auge; auf der anderen Seite auch das rettende heilende Wort des Lebens durch das Ohr und das lebendige Bild des Gekreuzigten und Auferſtandenen durch das Auge. Ja, es kommt alles darauf an, daß wir ſehen, daß wir recht ſehen können. Wie die ganze uns umgebende Schöpfung in undurchdring⸗ liches Dunkel für uns gehüllt iſt, wenn wir blind ſind, alſo, daß wir von ihrer Schönheit und Herrlichkeit nichts vernehmen, nicht der Sonne Glanz und der Farben Pracht, nicht der Bäume Grün und der Blumen liebliche Schönheit, ach! auch nicht der treuen Mutter Auge, nicht der Geſchwiſter und Geliebten liebes Antlitz— gerade ſo iſt es auch auf dem Gebiete des Geiſtes. Oder wie in der Sinnenwelt alles vor unſeren Blicken verſchwimmt, und trübe und nebelhaft erſcheint, wenn unſer Auge ſchwach iſt und krank: wird es in der geiſtigen Welt bei gleicher Krankheit mit unſerem Sehen nicht ebenſo ſein? Wor⸗ nach bemeßen wir anders die geiſtige Befähigung eines Menſchen als darnach, ob einer einen hellen Blick, ein ſcharfes Auge habe, ob er in die Tiefen zu ſehen und die Dinge in ihrer rechten, wahren Geſtalt klar zu erkennen vermöge. Und auf dem höchſten geiſtigen Lebensgebiete, da wo es ſich um das Erkennen des Aufgangs aus der Höhe und Seiner Herlichkeit handelt, gilt dieſer Maßſtab in noch höherem Grade, ſowol für das Volk, das Träger der Verheißung iſt, als für den Einzelnen, den Pilgrim auf dem Wege nach der ewigen Gottesſtadt auf den Bergen, von denen unſere Hülfe kommt. So lange Israel in wahrer Sehnſucht, mit hellen Glaubensaugen nach dem gelobten Lande blickt, wie hernachmals die Weiſen aus dem Morgenlande nach dem Stern, deſſen Glanz aufgieng über dem neugeborenen König, ſo lange iſt ihr Geiſt friſch und ihr Mut ungebrochen und ſtark; wo ſie aber ihre Augen von dem Lande der Ver⸗ heißung weg zu dem Wolleben der Welt, zu den Fleiſchtöpfen Aegyptens wenden, ſinken ſie in Schwäche und Verzagtheit zurück. Ueberhaupt, wo ſie auf ihrem langen Wege des Harrens, ehe die Morgenröte anbrach, unverrückt auf die Zukunft ihres ewigen Königs und Herrn ſahen, da nahm auch immer ihr geiſtiges Leben einen neuen Aufſchwung, daß ſie ſiegreich ihre Feinde überwinden und Stand halten konnten inmitten der Todesgefahren; aber wo ſie umgekehrt auf die goldnen Götzenbilder blickten und nach den Licht⸗ punkten ihrer Beſtimmung zu ſehen zu träg und zu ſtumpf waren, da wich der gute Geiſt von ihnen, daß ſie am Boden krochen und ihren Nacken unter das harte Joch ihrer Bedränger beugen mußten. Und was von dem Volke des alten Bundes gilt, das gilt wenngleich unter ganz anderen äußeren geſchichtlichen Verhältniſſen, im Weſentlichen auch von unſerem Volke, als dem vornehmſten Träger des Evangeliums; auch bei ihm hängt der Höheſtand ſeines ethiſchen Lebens, ebenſo wie der Verfall und die Geſunkenheit deſſelben mit der Fähigkeit des geiſtlichen Sehens, mit der Geſundheit oder Krankheit des geiſtlichen Ge⸗ ſichtsſinnes auf das innigſte und unzertrennlichſte zuſammen. Daher hat denn auch die Schule, der ja vornehmlich die Pflege dieſes höheren ethiſchen Lebens ihrer Jünger anvertraut iſt, ohne allen Zweifel auch die Aufgabe, dieſen geiſtlichen Geſichtsſinn, ſoviel an ihr iſt, zu bilden und zu ſtärken. In wie weit ſie dazu die Kraft hat und worin die Uebung dieſes geiſtlichen Geſichts⸗ ſinnes von Seiten der Gelehrtenſchule beſteht, das möge in dieſer Abſchiedsſtunde mit einigen wenigen Zügen dargelegt werden. Ihr, die Ihr jetzt im Begriff ſeid, dieſer Anſtalt auf immer Lebewol zu ſagen, 2 1⁰0 bald werdet Ihr in eine Welt hinaustreten, in der bei jedem Schritt, den Ihr zu thun habt, die unerlaß⸗ liche Forderung an Euch herantritt, die Augen aufzuthun. Das könnt Ihr aber nur dann, nur dann recht, wenn Ihr geübt ſeid, das rechte Licht und im rechten Lichte zu ſehen. Soviel wird nun ſchon aus dem bisher angedeuteten zur Genüge hervorgehen, daß hier nicht von jeder Uebung des geiſtigen Geſichtsſinnes überhaupt die Rede ſein ſoll. Es gibt— um den Unterſchied, den ich hier im Auge habe, mit ein paar Worten zu bezeichnen— einen pſychiſchen und einen pneuma⸗ tiſchen Geſichtsſinn, ein natürliches und ein geiſtliches Sehen. Jener, der pſychiſche oder natürlich⸗ geiſtige Geſichtsſinn iſt nur auf die Dinge dieſer Welt als ſolche gerichtet, ohne auf ihren Zuſammenhang mit der höheren Welt und der Ewigkeit zu achten. Von einem Hineinragen der höheren Seligkeitswelt in dieſes unſer Daſein auf Erden wird das dafür ſtumpfe Auge nichts gewahr; es hält ſich lediglich an die irdiſche Erſcheinung, ſowol im Daſeinsgebiet des unperſönlichen, als im Leben der perſönlichen Creatur. Auf allen Gebieten menſchlicher Geiſtesthätigkeit, wohin auch nur das natürliche Geiſtesauge blicken mag, überall ſieht es nur die irdiſche menſchliche Seite, nur die beſondere Deſeinsform und ihre Entfaltung in ihrer zeitlichen, vorübergehenden Geſtalt, ohne daß die Spuren einer höheren Schöpfermacht, die Weis⸗ heit einer höheren weltregierenden Hand jemals in ſeinen Geſichtskreis fielen. Er iſt in jedem Momente ſeiner Betrachtung eigentlich und ſtreng genommen, nur auf die jedesmalige Gegen wart der Erſcheinnng gerichtet, die ihm gerade vorliegt. Von dieſem natürlich⸗geiſtigen Geſichtsſinn ſoll hier nicht die Rede ſein; und kann ich mich daher einer weiteren beſonderen Darlegung ſeines Weſens füglich enthalten. Wir haben es hier zunächſt nur mit dem pneumatiſchen oder geiſtlichen Geſichtsſinn zu thun. Man würde aber ſehr irre gehen, wenn man aus dem eben geſchilderten Gegenſatze gegen den natürlich⸗ geiſtigen Geſichtsſinn den Schluß zöge, dieſer geiſtliche Geſichtsſinn, über die Erde und die irdiſche Er⸗ ſcheinung erhaben, berühre die Lage dieſer Welt ſo wenig, daß er vielmehr ſtets in höheren Regionen, in einer fernen Welt ver Ideen ſchwebe. O nein, ſind doch ſelbſt bei Plato die irdiſchen Dinge wenigſtens Abbilder der Ideen, alſo daß ſich die Liebe zu den ewigen Urbildern in ibrer unvergänglichen Schönheit und das Verlangen, dieſe ſelbſt zu ſehen, an dieſen vergänglichen Abbildern auf Erden erſt entzünden muß. Der geiſtliche Geſichtsſinn, von dem wir reden, iſt warhaftig nicht auf eine ſelbſtgemachte Phan⸗ taſiewelt, ſondern auf dieſe unſere Erde und auf das Menſchenleben gerichtet; aber freilich ſo, daß das Auge durch die geſchaffene Welt, die Creatur, zu dem hindurchdringt, der Himmel und Erde geſchaffen hat und alles trägt mit Seinem lebendigen Wort; ja ſo, daß das Auge die Wunder des Allmächtigen, der da iſt und der da war und der da ſein wird, die Wunder der Schöpfung, der Erlöſung und der Heiligung zu ſehen bereitet wird. Dabei iſt dieſer geiſtliche Geſichtsſinn ethiſcher, wie prophetiſcher Natur: er ſieht in der Geſchichte der Völkerwelt, wie in dem Leben der Stämme und der einzelnen Perſonen die Fügun⸗ gen des lebendigen Gottes, ſeine Gerechtigkeit und ſeine Gerichte, ſieht über die Grenzen der Zeit hinaus in die Ewigkeit nach dem neuen Himmel und der neuen Erde, auf welcher die Sonne der Gerechtigkeit leuchtet in Ewigkeit. Wo dieſer geiſtliche Geſichtsſinn in der rechten Lebendigkeit vorhanden iſt, da dringt er durch die Erſcheinung in die Tiefe, in das Geheimnis, das darin beſteht, daß daſſelbe Schöpferwort, das im Anfang geredet wurde, von dem erſten: es werde Licht(und es ward Licht) bis zu dem letzten mit 11 ſeiner allgegenwärtigen Kraft fortwirkt durch alle Jahrhunderte und Jahrtauſende, zu verkündigen das Lob⸗ deſſen, den aller Himmel Himmel nicht umfaßen können. Oder wenden wir uns von der Schöpfung zu der Geſchichte des geſamten Menſchengeſchlechts: wo der geiſtliche Geſichtsſinn vorhanden iſt, da wird nicht nur, wenn ich ſo ſagen darf, der univerſal⸗ hiſtoriſche, ſondern auch der ethiſche Blick in die Geſchichte der Völker geweckt und geſchärft; erkannt wird Verheißung und Erfüllung in ihrer göttlichen Harmonie, Chriſtus als der Mittelpunk der Welt⸗ geſchichte und als ihr Ziel; die Geſchichte des Volkes Gottes im alten Bunde und der Weltreiche vor Seiner Erſcheinung, die Geſchichte Seiner Kirche und der Gang des Evangeliums durch die Heidenwelt bis zum letzten Kampf und bis zum letzten Sieg durch Ihn, den erſten und letzten, dem alle Gewalt ge⸗ geben iſt im Himmel und auf Erden. Und daß wir nicht vergeßen, ein beſonderes Gewicht darauf zu legen: wo der geiſtliche Geſichtsſinn in der rechten Stärke und Klarheit vorhanden iſt, da ſieht er mit geſteigerter Schärfe und Sicherheit die Gerichtsthaten des lebendigen Gottes im Völker⸗ wie im Einzel⸗ leben, und darauf geſtützt bleibt das Auge nicht in der Gegenwart und deren beſonderer Geſtaltung allein befangen, ſondern hält ſich frei an die Reichsordnung Gottes und ihre ewigen Geſetze, in die ihm ein Einblick geſtattet iſt. Ja, wo dieſer geiſtliche Geſichtsſinn die höchſte Stufe der Vollendung erreicht hat, da iſt er weſentlich prophetiſch; er ſieht mit göttlicher Sicherheit und Zuverſicht weit in die Ferne bis zur Vollendung der Geſchichte auf Erden. Als die Seher des alten Bundes Jahrhunderte zuvor mit er⸗ leuchteten Augen den neuen Bund und das neue Zion mit ſeinem ewigen Könige geſehen haben, ſeine Erniedrigung und ſeine Erhöhung, ſeine Leiden und ſeinen Opfertod, ſeine Auferſtehung und feine unver⸗ gängliche Herſchaft; oder als Stephanus mit verklärtem Antlitz voll heiligen Geiſtes den Himmel offen ſah und des Menſchen Sohn zur Rechten Gottes ſtehen; oder als Johannes die Geheimniſſe der Zukunft ſchaute, oder auch als andere Männer Gottes die Kampfes⸗ und Siegeswege der Kirche des Herrn zum voraus erkannten, da hat ſich dieſer mit göttlichem Inhalt erfüllte geiſtliche Geſichtsſinn in ſeiner vollen Herlichkeit offenbart. Und dieſer geiſtliche Geſichtsſinn— höre ich nun fragen— dieſer geiſtliche Geſichtsſinn ſoll geübt werden können? Läßt ſich dieſes geiſtliche Sehen überhaupt lehren? Iſt es nicht vielmehr offenbar eine Gabe von oben? Der natürliche Menſch vernimmt nichts vom Geiſte Gottes; alſo muß erſt das Auge von dem Lichte der ewigen Warheit, von dem, der ſelbſt Licht iſt, erleuchtet werden, ehe von einem geiſt⸗ lichen Sehen die Rede ſein kann. Das iſt allerdings vollkommen richtig: den geiſtlichen Geſichtsſinn durch menſchliche Kräfte hervorrufen, erzeugen oder lebendig machen zu wollen, wäre mehr als Thorheit, es wäre Vermeßenheit. Aus dem natürlichen Verſtandeslicht das geiſtliche Sehvermögen herauszubilden, iſt ganz ebenſo unmöglich, als auf dem wilden Stamm ohne edles Propfreiß gute Früchte zu ziehen. Keine menſchliche Macht noch Weisheit der Erde war im Stande, dem großen Heidenapoſtel die Augen auf⸗ zuthun für des Herrn Herlichkeit und ſeine Thaten. Das konnte nur das Licht, das heller als der Sonne Licht ihn am hellen Mittag umleuchtete auf dem Wege nach Damaskus, gerade als das natürliche Licht ſeiner Augen allein auf die Zerſtörung der Gemeinde der Heiligen gerichtet war und ihren Untergang mit völliger Gewisheit vorauszuſehen glaubte. In die Seligkeitswelt dringt kein Teleſkop und wenn * 12 es millionenmal weiter reichte als Herſchels und⸗Roſſes Fernröhre; das hätte dem großen Aſtronomen Lalande jedes einigermaßen verſtändige Kind aus der erſten beſten Dorfſchule vorausſagen können. Und dennoch haben wir ein Recht, von einer Uebung und Pflege des geiſtlichen Geſichtsſinnes auch in unſeren Gelehrtenſchulen zu reden; haben in Folge deſſen auch die Pflicht, ſeviel an uns iſt, uns dieſer Pflege ſelbſt zu unterziehen. Es wird Niemand beſtreiten können, daß unſeres Geiſtes Auge für das Licht der Offenbarung empfänglich gemacht werden kann; denn das iſt die Art der Wirkſamkeit des heiligen Geiſtes, nicht daß er die menſchliche Geiſtesthätigkeit zerſtöre, ſondern daß er ſie mit neuem Lebenslicht und neuer Lebenskraft erfüllt und verklärt. Noch weniger aber wird ſich zweitens in Abrede ſtellen laßen, daß der geiſtliche Ge⸗ ſichtsſinn ſelbſt, wenn er nun durch Gottes ſchöpferiſches Wort in uns ins Daſein gerufen iſt, dann auch durch die rechten Mittel geſtärkt und gekräftigt werden kann. Und in dieſen beiden Stücken beſteht nun eben die rechte Uebung und Pflege des geiſtlichen Geſichtsſinnes, in der vorbereitenden und vollendenden Thätigkeit. Zu dem geiſtlichen Sehen gehört aber vor allem ein reines Auge, deſſen Netzhaut nicht durch die verdunkelnden und zerſtörenden Flecken der Sünde getrübt iſt. Durch nichts wird daher der Fähigkeit des geiſtlichen Sehens mehr geſchadet, als durch die Augenluſt. Das ſündige Wol⸗ gefallen nicht bloß an üppigen, die Sinnenluſt reizenden Bildern, ſondern überhaupt an dem bloßen äußeren Schein, dem nichtigen Glanz der Außenwelt oder an den Luftgeſtalten bloßer Vor⸗ ſtellungen, wie an den Lügengebilden der Selbſtſucht,— alles dieß trübt das Auge dergeſtalt, daß ſich geiſtliche Dinge in ihm entweder gar nicht mehr oder nur in nebelhafter und verſchwimmender, in verwiſchter und unreiner Weiſe abſpiegeln. Es wird alſo vor allem dieſer gefährliche Feind des geiſtlichen Geſichts⸗ ſinnes ernſtlich und anhaltend zu bekämpfen ſein. Wenn du dein Auge nicht daran gewöhnſt, von den unreinen und häßlichen Bildern außer dir und in dir ſich wegzuwenden, ſondern vielmehr die eitle, nichtige Luſt am weſenloſen Scheine in dir noch nährſt und pflegſt, wie wäre es da möglich, daß von dem Licht⸗ glanz der Kirche des Herrn, von der goldenen Krone auf ihrem Haupte und den zwölf Sternen in ihr auch nur ein leiſer Schimmer in deine Augen fiele? Die Schöpfungsthaten des lebendigen Gottes, die Wunder des Herrn und ſeiner Apoſtel können fremdes Licht ebenſowenig vertragen, wie Gottes Altäre fremdes Feuer,— ſie haben ihr eigenes Licht und wollen in dieſem Lichte geſehen ſein. Wo ſich aber das Auge an das falſche Licht gewöhnt hat, da werden die Nebelſchichten dieſes weſenloſen Schimmers zu einer undurchdringlichen Hülle, die uns die wahre Geſtalt der göttlichen Dinge nicht ſehen läßt. Zum geiſtlichen Sehen gehört aber nicht nur ein reines und keuſches, ſondern auch ein ſcharfes Auge, das heißt ein Auge, das nicht allein alles, was göttlich iſt von dem, was menſchlich iſt, mit Sicher⸗ heit von einander zu unterſcheiden weiß, ſondern auch die Grenz⸗ und Markſteine ſieht, die das eine Ge⸗ biet der Offenbarung von dem anderen trennen, und die verſchiedenen Stufen in dem Entwicklungsgang des Reiches Gottes auf Erden in ihrem Unterſchied und in ihrer Verhältnis zu einander erkennt. Ich brauche hier zunächſt nur an die großen, mächtigen Gegenſätze zu erinnern, die auf dem Gebiete der Offenbarung vor unſere Augen treten: an Geſetz und Evangelium, Verheißung und Erfüllung, Natur 13 und Gnade, Vergebung der Sünde und ewiges Leben; oder an die beſonderen Führungen des Volkes Gottes im alten Bund und die immer enger werdenden Kreiße der Verkündigung des Heilands der Welt; oder an die mannigfaltigen kirchlichen Geſtaltungen, die Geiſteskämpfe und ſiegreichen Errungenſchaften der Kirche in ihrem allmählichen Aufbau von dem feſten und breiten Fundament bis zu der immer höher ſich erhebenden Spitze hinauf, oder auf das dreifache, in ſeinem Unterſchied und ſeiner Einheit lebendig fortwirkende Amt des Erlöſers, oder endlich auf den Reichtum des chriſtlichen Lebens in der Fülle ſeiner Verzweigungen: und es wird nicht zu beſtreiten ſein, daß zum geiſtlichen Sehen auch ein ſcharfes Auge erforderlich iſt. Wer aber ohne dieſe, im rechten Sinne des Wortes ſo zu nennende geiſtliche Kritik iſt und ohne ſie ſein will, wer immer mehr in pſeudohumaniſtiſchen, alles durcheinander mengenden Synkre⸗ tismus verfällt, im Böſen am Ende nur die notwendige Kehrſeite oder den Schatten des Guten ſieht, in der Geſchichte der Thaten Gottes auf Erden nur irdiſche Bewegung, Irrtum und Warheit unterſchiedslos untereinander gemiſcht, der trägt warhaftig nichts zur Stärkung und Uebung des geiſtlichen Geſichtsſinnes bei, ſondern zerſtört ihn vielmehr, ſo viel an ihm iſt, in ſich und anderen. Endlich aber noch eins. Das Auge ſoll nicht nur rein und ſcharf, es ſoll auch ruhig und feſt ſein, d. h. es ſoll die Fähigkeit beſitzen, ſich ungeteilt und unverrückt auf den geoffenbarten Ratſchluß Gottes und die vollſtändige Ausführung deſſelben vom Anfang bis ans Ende der Tage zu richten. Einen ſolchen feſten und ruhigen, ſichern und nichts überſehenden Blick wird ſich aber der gewis nicht zu eigen machen, deſſen Auge in unſtäter Flucht von einem Gegenſtand zum andern eilt, alſo, daß in raſcher Folge ein Bild das andere wieder verdrängt und verwiſcht; auch der nicht, der vieles auf einmal überfliegt, was nacheinander und ſorgfältig betrachtet ſein will; auch der nicht, der nur eine Seite des Gegenſtandes auſieht, und die anderen ganz unbeleuchtet läßt und überall nur Einzelheiten gewahr wird, ohne jemals den Zuſammenhang der Dinge zu erkennen; auch der nicht, der nur das allernächſte zu ſehen ſich bemüht und nie mit ſeinem Auge in die Ferne dringt. Das alles bringt kein feſtes, ſicheres, vollſtändiges, ſondern im Gegenteil vielmehr oberflächliches und unſicheres, einſeitiges und beſchränktes Sehen hervor. Wodurch aber wird denn nun— ſo fragen wir weiter— der geiſtlichen Blindheit und Kurz⸗ ſichtigkeit, dem Stumpfſinn und der Oberflächlichkeit am beſten gewehrt? wodurch erlangt man ein reines und keuſches, wodurch ein ſcharfes und wodurch ein ruhiges und feſtes Auge? Wol iſt es wahr, es kann— wie ſich aus der bisherigen Darſtellung ſchon von ſelbſt ergibt— es kann vieles im Unterricht und der Erziehung darauf einwirken. Ja, alles, was zur Weckung und Stärkung des geiſtigen Auges auf der Schule und im Hauſe geſchieht, kann mit dazu dienen, den geiſt⸗ lichen Geſichtsſinn zu üben und zu pflegen, von der einfachen oder mannigfacheren Beſchreibung an, zu der im deutſchen oder im naturgeſchichtlichen und geographiſchen Unterricht ſich ſo reichliche Gelegenheit bietet, bis zu der möglichſt klaren und feſten, allſeitigen und vollſtändigen Auffaßung des Gedankengangs in den Schriftſtellern, die auf Schulen geleſen werden;— oder von dem ſtrengen und genauen Sehen, das die Mathematik verlangt bis zu jedem richtigen Rückblick und Vorblick, zu dem der Geſchichtsunterricht ſo vielfach uns nötigt, von dem ſinnigen Betrachten der bibliſchen Bilder bis zum ſtaunenden Aufblick zu den herlichen Denkmälern der chriſtlichen Kunſt,— überall, auf allen Stufen ſoll auch eine Frucht für 14 das geiſtliche Sehen gewonnen werden. Aber wir ſollen uns doch auch andererſeits wieder vor einer jeden Ueberſchätzung hüten und keinen Augenblick das vergeßen, was wir gleich zu Anfang beſonders be⸗ tonten: zum geiſtlichen Sehen ſind erleuchtete, vom Geiſte Gottes erleuchtete Augen nötig. Haben wir doch eine vollgültige Analogie daſfür auf dem weltlichen Gebiete der Kunſt, beſonders der Malerei. Das bloße Anſehen eines Gemäldes thuts noch nicht; es bedarf auch hier einer gewiſſen Erſchließung des Sinnes und des Verſtändniſſes,— wie viele ſtehen vor den Meiſterwerken eines Leonardo da Vinci, Michel Angelo und Raphael mit offenen Augen und ſehen doch nichts, weil das Auge ihres Geiſtes für die verborgene Schönheit noch nicht geöffnet iſt. In wie viel höherem Grade aber gilt dieß für den geiſtlichen Geſichtsſinn. Erſt müßen wir uns unter Gottes gewaltige Hand in wahrer Demut beugen, Sein ewiges Wort der Warheit und des Lebens mit heilsbegierigem Herzen hören, und, wie Maria aus Bethanien that, uns zu des Herrn Füßen ſetzen und von Ihm erleuchten laßen, unter dem herzlichen Gebet: gib mir o Herr, ein reines Herz und einen neuen gewiſſen Geiſt: ſonſt führen alle die erwähnten Vor⸗ bereitungen und Uebungen doch nicht zum erwünſchten Ziel. Wenn aber das Auge hell gemacht iſt durch das Wort des lebendigen Gottes und Sein Licht, wenn du den Weg der Heiligung betreten und auf ihm im Lichte des Sohnes Gottes wandelſt: dann verbreiten ſich nun auch von dieſem Centralpunkte die Stralen nach allen Seiten hin und machen immer hellere Bahn. Das innere Auge für die Wunderthaten Gottes und ſeiner heiligen Zeugen erſchließt ſich dieſem höheren Licht immer mehr, alſo daß du ein Auge dafür bekommſt, den Männern Gottes ins Aungeſicht zu ſehen, als ſtänden ſie vor dir; zu ſehen den Ausdruck freudigen Gehorſams im Antlitz Abrahams, als der Herr zu ihm ſprach: gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundſchaft in ein Land, das ich dir zeigen will; ſein glaubensvolles Aufſchauen, als ihm die Verheißung gegeben ward: ſiehe gen Himmel und zähle die Sterne, kannſt du ſie zählen? alſo ſoll dein Same ſein; ja auch die heldenmütige Ergebung, als zu ſeiner ſchwerſten Prüfung das Wort an ihn ergieng: nimm deinen einigen Sohn, den du lieb haſt und opfere ihn. Und von dem feſten Blick auf dieſes Angeſicht gewinnt das Geiſtesauge neue Reinheit und Schärfe, Klarheit und Stärke, daß es auch weiter ſehen kann den Glanz auf Moſis Angeſicht, als er das Wort der barmherzigen Liebe unſeres ge⸗ treuen Gottes ſeinem Volke verkündigte:„ihr habt geſehen, wie ich euch getragen habe auf Adlers Flügeln und habe euch zu mir gebracht; werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, ſo ſollt ihr mein Eigentum ſein vor allen Völkern; denn die ganze Erde iſt mein und ſollt mir ein prieſter⸗ liches Königreich und ein heiliges Volk ſein.“ Und ſo gehts von einem Angeſicht zum andern, von Joſuas Heldenangeſicht, als er in der Verſammlung ſeines Volkes feſten und freudigen Geiſtes bekennt:„ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ bis auf Davids reuevolles Antlitz, als Nathans zerſchmetterndes Wort:„du biſt der Mann“ ſeine Seele erbeben machte und auf den Frieden in ſeinem Auge, als der heiße Kampf nach ſchwerem Ringen zum endlichen Siege durchgekämpft war. Und von da wieder durch die Reihen der Propheten bis das Auge ruhen darf auf dem dornengekrönten Haupt voll Blut und Wunden, dem Schmerzensantlitz des Gekreuzigten, ruhen in ſeliger Freude auf dem verklärten Antlitz des Auf⸗ erſtandenen, ja des erhöhten Menſchenſohnes, der da kommen wird zu richten die Lebendigen und die Todten. 15 Iſt das Auge helle gemacht an dem Angeſicht voller Gnade und Wahrheit, dann iſt es auch weiter im Stande, den warhaftigen Heldengeiſtern in der Geſchichte des Menſchengeſchlechts ins Angeſicht zu ſehen, von den Apoſteln und apoſtoliſchen Vätern bis auf den Heldenjüngling in der Kirchenverſamm⸗ lung zu Nicäa und von da bis auf den gottesfreudigen Auguſtinermönch in der Reichsverſammlung zu Worms und auf die, die der Herr noch nach ihm zu Seinen Zeugen erweckt hat. Noch mehr, das Auge, das alſo ſehen gelernt hat, es ſieht auch die Flammenſchrift des lebendigen Gottes in der Geſchichte, das Mene Tekel über allen, die ſeines heiligen Namens und ſeiner heiligen Ordnungen ſpotten, wie Seine Rettungsthaten, das Morgenrot nach finſterer Sturmesnacht, bis dahin, wo kein Tod mehr ſein wird, noch Geſchrei, kein Leid und keine Thränen, ſondern ein neuer Himmel und eine neue Erde, auf der Ge⸗ rechtigkeit wohnt. Und zuletzt noch eins— bei dem ich Euch gegenüber, meine lieben jungen Freunde, nicht vorüber⸗ gehen darf. Iſt dieſer geiſtliche Geſichtsſinn in Euch geweckt und geübt, ſo lernt Ihr auch des Herrn, Eures treuen Heilands Hand in Euerem eigenen Leben ſehen; alſo, daß Ihr die Abgründe gewahr werdet, in die uns die Sünde hinabzieht und daneben die lichten Gottespfade, die in das ewige Leben führen. O daß Ihr in Eurem ganzen Leben dieſen rechten geiſtlichen Geſichtsſinn, daß ihr überall offene Augen be⸗ hieltet, zu ſehen, was für Chriſtus und Sein Reich und was wider ihn iſt; daß Ihr nie— das iſt mein herzlicher Wunſch zum Abſchied— daß Ihr nie die Hand und das Angeſicht deſſen aus dem Auge verlieren möchtet, der Euch je und je geliebt; daß Seine Hand und Sein leuchtend Angeſicht Euch durch die dunkelen Thale des Lebens ſicher hindurch geleite, ja auch durch das dunkelſte Thal und durch die tiefſte Nacht, wenn Euer natürliches Auge nichts mehr ſieht, nach den unvergänglichen Friedensſtätten des ewigen, ſeligen Lebens. III. Aeber die Gefaßr des Herabſinſens aus unſerem Chriſtenberuf. Anter den mannigfachen Vorzügen, die man dem deutſchen Volke vor allen andern Völkern der Erde beizulegen pflegt, wird bekanntlich ganz beſonders die Fähigkeit deſſelben gerühmt, ſich Geiſt und Weſen fremder Nationen mit der gröſten Leichtigkeit anzueignen. Nicht allein, daß dem Deutſchen das Verſtändnis der charakteriſtiſchen Eigentüutlichkeiten eines Volkes oder Volksſtammes verhältnismäßig leicht fällt,— er weiß die Merkmale, die den Slaven oder Celten vom Germanen, den Ruſſen vom Franzoſen und Briten und den übrigen Völkerſchaften unterſcheiden, im Allgemeinen raſch und ſicher zu 16 finden,— noch mehr, er weiß ſich auch mit großer geiſtiger Lebendigkeit und Beweglichkeit in die An⸗ ſchauungen und Empfindungen, in das Denken und Wollen fremder Nationen zu verſetzen, ſich ihnen an⸗ zuſchmiegen und ſo in ſie hineinzuleben, daß er in ihnen völlig heimiſch wird. Da iſt keine unter den tauſend Stimmen der Völker, die ihm unverſtanden bliebe, keine Nation in Oſt und Weſt, in Süd und Nord, die ihm ganz undurchdringlich gegenüberſtünde: ſind einmal Berührungspunkte gegeben, ſo ſieht er mit empfänglichem Auge ſich überall um und ſucht mit den feinen Gefühlsfäden ſeines Geiſtes dem frem⸗ den Volke auf allen ſeinen Wegen zu folgen, bis ſich das Bild deſſelben treu und wahr in ſeiner Seele wieder ſpiegelt. Inſofern läßt ſich mit Recht von einer gewiſſen Univerſalität des deutſchen Geiſtes reden, und darin liegt allerdings ein ſehr bedeutender geiſtiger Vorzug. Aber er iſt und bleibt dieß nur ſo lange, als der Zuſammenhang mit der Wurzel, aus der er ſeine Kraft zieht und mit dem Beruf, dem er ſeine Exiſtenz verdankt, unerſchütterlich feſtgehalten wird; ſonſt verwandelt ſich die Lichtſeite ſehr bald in finſtere Schatten. Und dieſer Beruf des deutſchen Volkes— es iſt kein anderer, als Träger des Evangeliums zu allen Völkern, ein Miſſionsvolk zu ſein, mit dem Evangelium von der Gnade Gottes in Chriſto allen Völkern zu dienen bis an der Welt Enden. Darum weil der heilige Apoſtel Paulus auf dem Wege nach Damaskus umleuchtet ward von dem Licht aus der Höhe und von dem erhöhten Heiland der Welt be⸗ rufen, Sein Wort zu den Juden und zu den Heiden zu tragen, darum hatte er auch die Gabe empfangen, den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche, allen alles zu ſein zum Dienſte in dem Namen deſſen in dem geſegnet werden ſollen alle Völker der Erde. Aehnlich verhält es ſich mit dem deutſchen Volke, dem auch hierin St. Paulus und ſeine Nachfolger, Auguſtinus, Bonifacius, Luther voranleuchten. Weil es durch die Gnade Gottes berufen iſt, ein chriſtliches Volk zu ſein, und von ihm zu zeugen, dem Aufgang aus der Höhe, darum weil das ewige Licht ſeinen hellen Himmelsſchein auch in unſern Wäldern hat leuchten laßen, daß wir des Lichtes Kinder würden und andere Völker hinzubrächten zu Seinem heiligen Tempel: darum allein iſt ihm auch die lichtvolle Gabe zu Teil geworden, zu ſehen, was in den fremdem Herzen iſt, um dann auch dieſen Herzen zu dienen und zu ihnen reden zu können von dem, der allein ein neues Herz gibt und einen neuen gewiſſen Geiſt. Wo daher jene gerühmte Univerſalität des Geiſtes von dieſem tieferen Lebensgrunde getrennt wird, wo das Volk von dem hohen, herlichen Berufe, Träger des Evangeliums zu ſein abfällt und von Chriſto, dem Herzoge ſeiner Seligkeit nichs mehr wißen will: da verkehrt ſich die edle Fähigkeit, ſich ſelbſt zu vergeßen und der freiden Nation ſich hinzugeben, unabwend⸗ bar in ihr Gegenteil, und wird dem Fremden gegenüber zum ſchmachvollen, ehrloſen Verleugnen der Heimat⸗ und der Mutterſprache, die uns angeboren iſt, ja nicht ſelten zu verächtlicher Charakterloſigkeit, zu Servilität und Niederträchtigkeit; oder es erwächſt aus dem univerſalen Bewußtſein in ſeiner Ent⸗ artung der Unkrautſame widerwärtigen Dünkels und entehrender ochlokratiſcher Gelüſte und Umtriebe. Es gilt auch hier: je höher die Gabe, deſto größer der Schade, wenn wir ſie von uns werfen, wie wir dieß ſo deutlich am Volke des alten Bundes, als an einem ſtändigen Vorbilde ſehen: ihm waren die höchſten Güter anvertraut, das heilige Geſetz des lebendigen Gottes, der Gnadenbund und die Verheißung; aus ihm ſollte kommen nach ſeiner menſchlichen Natur der Herr, der unſere Gerechtigkeit iſt. Darum aber, wenn ſie von dieſer höheren Stufe, auf die ſie Gott geſtellt, willkürlich herabſanken und ſich den Heiden 11— gleichſtellten, war ihr Fall auch um ſo tiefer, gerade wie auch jetzt ein abgefallener Chriſt begreiflicher Weiſe weit unter das Niveau des Heiden ſinkt. Auf dieſe Gefahr des Herabſinkens aus unſerem Chriſtenberuf möchte ich Euch in dem gegenwärtigen Augenblicke, wo ich zum letzten Male von dieſer Stätte zu Euch rede, mit ein paar Worten aufmerkſam machen, zur Warnung und zur Mahnung, wie zu einem Zeugnis, das Gott an Euch ſegnen möge. Daß große Maſſen, ja ganze Schichten unſeres Volkes mitten im Abfall von Gott dem Herrn und Seinem heiligen Evangelium, von dem Glauben an den lebendigen Gott und an den, den er geſandt hat ſtehen, wird kein Vernünftiger mehr in Abrede ſtellen können. Sie ſagen es ja ſelbſt laut und un⸗ verholen, die Feinde des Kreuzes Chriſti— und deren Zahl iſt Legion— das Chriſtentum habe ſich überlebt, es müße eine andere Religion, ein anderer Cultus an ſeine Stelle treten, der Cultus der freien Menſchheit, wie ſie die zügelloſe Fleiſchesluſt und den rohen Materialismus zu nennen belieben. Neu iſt das nun zwar allerdings nicht: das Kreuz Chriſti war ja von Anfang an den Juden und Judengenoßen eine Thorheit und den Griechen ein Aergernis. Von allen den unzäligen, bald offenen, bald heimlichen Angriffen, die auf die Offenbarung des lebendigen Gottes, auf die Kirche und ihr Haupt gemacht werden, iſt auch nicht ein einziger, der nicht ſchon wiederholt in der Geſchichte vorgekommen wäre, von den Niko⸗ laiten bis auf David Strauß und deſſen kläglichen Abklatſch, den neueſten franzöſiſchen Schwätzer herab, die doch im Grunde genommen auch wieder nichts weiter, als armſelige Nachtreter der engliſchen Deiſten und Freidenker, wie der franzöſiſchen Encyklopädiſten und Gottesleugner im 17. und 18. Jahrhundert, der Tindals und Tollands, der Bayles und Montesquieus, der Rouſſeaus und Voltaires ſind. Zu verwun⸗ dern brauchen wir uns alſo über dieſe unleugbaren Thatſachen der Feindſchaft wider das Evangelium, des tiefen Widerwillens, ja des bittern Haßes gegen alles, was chriſtlich heißt, durchaus nicht; aber bedenklich (um vorerſt nicht mehr zu ſagen) höchſt bedenklich bleibt die traurige Erſcheinung darum doch. Natürlich nicht in dem Sinne, daß auch nur die leiſeſte Spur des Zweifels an die unvergängliche Herlichkeit der Kirche Chriſti und ſeines ewigen Reiches in uns aufkäme; nicht in dem Sinn, daß wir auch nur im ent⸗ fernteſten von dem Irrwahn uns berühren ließen, als könne das Chriſtentum etwa, wie ein anderer menſchlicher Standpunkt jemals überwunden werden, und von der ewigen Wahrheit, die aus Gott iſt, auch nur ein Atom zu Boden fallen;— nein, Himmel und Erde werden vergehen, aber Chriſti Worte vergehen nicht, und wie auch die Waßerwogen brauſen, der Herr iſt noch größer in der Höhe und an dieſem Felſen wird ſich die ohnmächtige Wut ſeiner Feinde brechen, alſo daß ſie ſelbſt ſamt ihrem zer⸗- brechlichen Holzwerk an ihm zerſchellen. Darum die unerſchütterliche Siegeszuverſicht zu der Sache des Herrn und Seiner heiligen Kirche— die darf durch jene Wahrnehmung weitverbreiteten Abfalls in keiner Weiſe wankend gemacht werden. Und doch will einem das Herz bluten, wenn man dieſen Unglauben, dieſe Verachtung alles Heiligen, den widerchriſtlichen und widerkirchlichen Sinn ſich immer weiter aus⸗ breiten ſieht. Denn was war es doch, das denſelben heiligen Apoſtel, deſſen Name wir vorhin genannt haben, mit ſo tiefem Schmerz um ſein Volk erfüllte, daß er ſogar den Wunſch ausſprach, für ſeine Brüder, wenn es möglich wäre, ſie dadurch zu retten, das Verdam mungsurteil des gerechten Gottes von 5 3 18 ihnen ab⸗ und auf ſich zu nehmem? Daß Gottes Gnadenratſchluß durch ſeines Volkes Abfall nicht auf⸗ gehoben werde, ſondern trotzdem ſeinen ruhigen, majeſtätiſchen Gang durch die Reihe der Jahrhunderte hindurchgehe, bis alles vollendet, das ſchaute der heilige Apoſtel, deſſen Augen erleuchtet waren durch das Licht von oben, mit voller Geiſtesklarheit und Gewisheit. Aber das ergreift ihn in innerſter Seele, daß er erkannte, wie ſein Volk in grauenhafter Selbſtverblendung ſein eigenes Heil verſcherzte und den von ſich ſtieß, der das Licht der Welt und auch Israels Licht iſt; das verſenkte ihn in die tiefſte Traurigkeit, daß er es täglich vor Augen ſah, wie ſein Volk freventlich aus dem gottgewollten und gottgegebenen Be⸗ rufe herausfiel, wie es unabläßig die rechten Lebenskräfte von ſich ſtieß und ſo in thörichtem Mutwillen an ſeiner eigenen Zerſtörung arbeitete. Und er wußte es nur zu gut: wo ein Aas iſt, da ſammeln ſich die Adler;— ſie ſind gekommen die römiſchen Adler und haben Jeruſalem zerſtört, daß kein Stein auf dem andern geblieben. Ganz ähnlich iſt das Weh und der Schmerz eines jeden treuen Patrioten, dem es unerſchütterlich feſtſteht: auch für uns iſt in keinem andern Heil, auch für uns iſt kein anderer Name ge⸗ geben worden, darinnen wir ſollen ſelig werden, denn der Name Jeſu Chriſti. Auch für ihn, der ſein Volk wahrhaftig liebt, gibt es kein größeres Leid, als ſehen zu müßen, wie eben dieſer Name des Heiligen und Gerechten weithin in Reden und Schriften fortwährend verleugnet oder gar geläſtert, wie jedem Bekenntnis zu Ihm mit Spott und Hohn begegnet, jede Losſagung von Seinem ewigem Worte und jede Auflehnung wider Seine heiligen Ordnungen mit lautem Beifallsgeſchrei begrüßt wird; und wie in Folge deſſen die Lüge überhand nimmt und alle ſtaatlichen, alle kirchlichen Bande ſich löſen, alle Grundlagen der Sittlichkeit und Bedingungen eines geſunden nationalen Lebens untergraben werden, alſo daß der Schrei aus der Bruſt ſich losringt: dankeſt du alſo dem Herrn Deinem Gott, du toll und töricht Volk? Iſt Er nicht dein Vater und dein Herr? Iſt Er es nicht allein, der dich gemacht und bereitet hat? Ge⸗ denke doch der vorigen Zeiten und betrachte, was er gethan hat an deinen Vätern! Wollen wir nun nicht auch mit zu denen gehören, die auf die innere Zerrüttung und äußere Zer⸗ ſtörung ihres eigenen Vaterlandes ausgehen, dann müßen wir uns eben vor allen Dingen davor hüten, von unſerem chriſtlichen Berufe herabzuſinken. Wann dieſes Herabſinken von unſerem chriſtlichen Berufe eintritt? Es gibt der Antworten viel auf dieſe Frage; aber beſchränken wir uns dießmal darauf einige Hauptzeichen als feſte Mark⸗ und Grenz⸗ ſteine aufzuſtellen. Die erſte Antwort liegt in der That ſehr nahe. Wir werden von unſerem chriſtlichen Berufe unfehlbar dann herabſinken, wenn wir unſere geiſtigen Lebensurſprünge vergeßen oder gar abſichtlich verleugnen. Denn dieſe Urſprünge, dieſe Wurzeln unſeres geiſtigen Lebens liegen weder in Hellas, noch in Latium, noch gar in einem kulturloſen Naturzuſtand, ſondern im Chriſtentum oder genauer in der Wiedergeburt und Neubildung unſeres natürlichen Volkslebens durch die umgeſtal⸗ tenden und erneuernden Lebenskräfte des Evangeliuus. Oder iſt die Blüte unſerer älteren Dichtung und Kunſt, iſt Heldenlied und Minnegeſang, iſt Rittertum und Rumesthat, ſind die Wunder der gothiſchen Baukunſt und die anderen Denkmale jener großen Zeit etwa auf dem Stamm griechiſcher und römiſcher Weltkultur erwachſen? ſind deutſche Treue und Hingebung, deutſcher Mut und Gehorſam, deutſche Keuſch⸗ heit und deutſcher Edelſinn, deutſche Furchtloſigkeit und Demut, wie ſie uns in den beſten Zeiten der 19 Geſchichte unſeres Volkes ſo herrlich entgegenleuchten, etwa nur die natürlichen Stammesgaben oder auf dem Wege natürlicher Entwickelung aus denſelben hervorgegangen? Das wird Niemand, der mit der deutſchen Geſchichte nur einigermaßen vertraut iſt, in Warheit behaupten können. Wol hat Gott auch dem deutſchen Volke hohe Naturgaben mit auf ſeine Pilgerſchaft gegeben, aber alleſamt nur um des Be⸗ rufes willen, zu dem es beſtimmt war, auf daß dieſe Gaben durch das Evangelium gehoben und verklärt würden. Als das Wort vom Kreuz unſeren Vätern verkündiant wurde, als das helle Licht der Warheit, die aus Gott iſt, das Waldesdunkel um ſie her mit ſeinem himmliſchen Scheine erleuchtete, als ſie ſich überwinden ließen von dem, der die Starken zum Raube haben ſollte und demütigen Sinnes Ihm, dem Herzoge ihrer Seligkeit nachfolgten, als ſie mit gläubigen Herzen aufnahmen das Heil, das ihnen ge⸗ predigt ward, da wurden ſie eben ein neues Volk, in einen höheren Lebenszuſammenhang emporgehoben und mit anderer Speiſe, mit dem Brote des Lebens genährt. Da, in dieſer Emporhebung aus der bloß natürlich⸗nationalen Exiſtenz auf eine höhere Daſeinsſtufe lagen nun fortan für ſie die wahren Lebens⸗ quellen; wahrhaft geſunde Lebenszuſtände waren in Folge deſſen nur in dem Maße vorhanden, als ſich alle Seiten des inneren, wie des äußeren Lebens, alle Verhältniſſe des öffentlichen und Privatlebens don dem Geiſte Chriſti mit ſeiner ſchöpferiſchen und erhaltenden Lebensmacht durchdringen ließen. In dieſer Exiſtenz des deutſchen Volkes als eines chriſtlichen Volkes lag alle geiſtige Kraft und Größe, aller Segen und alles Gedeihen beſchloßen. Nur als ſolches war es begreiflicher Weiſe im Stande, in der erſten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Heilserfahrung der Kirche des Herrn in der Perſon des deutſchen Gottesmannes Luther in ſich aufzunehmen und weiter zu tragen durch die kommenden Jahrhunderte; nur als ſolches vermag es dieß noch. Ja auch die zweite Höhezeit deutſcher Nationalliteratur wäre ohne dieſe tiefe Grundlage nicht möglich geweſen und als ihr charakteriſtiſches Merkmal kann daher in ſo weit mit Fug und Recht die Verſchmelzung der antik klaſſiſchen Form mit dem chriſtlich⸗germaniſchen Geiſte an⸗ geſehen werden. Dieß iſt die eigentliche Bedeutung des Wortes, das Göthe einmal in einer Weiſe aus⸗ geſprochen hat, wie es viele wol ſchwerlich von ihm erwarten werden:„alle Epochen, in denen der Glaube herſcht,(unter welcher Geſtalt er wolle) ſind glänzend, erhebend, fruchtbar für Mit⸗ und Nach⸗ welt; alle Epochen dagegen, in welchen der Unglaube, in welcher Form es auch ſet, einen kümmerlichen Schein behauptet, und wenn ſie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanze prahlen ſollten, verſchwinden vor der Nachwelt, weil ſich Niemand gern mit der Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag.“ Vergeßen wir nun in ſolchem Unglauben dieſen Urſprung unſeres Volkes als eines chriſtlichen oder verleugnen wir ihn ſogar durch Wort und That, wollen wir nicht mehr Glieder eines chriſtlichen Bolkes ſein: ſo ſinken wir eben damit aus unſerem chriftlichen Beruf heraus, treten aber damit nicht etwa auf den vorchriſtlich⸗germaniſchen Standpunkt zurück— der iſt ja unwiderbringlich dahin—, noch weniger gelangen wir etwa auf der althelleniſchen oder römiſchen Bolks⸗ und Lebensſtufe an; die iſt als ſolche gleichfalls unwiderbringlich verſchwunden und die Verſuche, ſie repriſtinieren zu wollen, ſind ebenſo lächerlich, als erfolglos, ſind eine Manie, zu deutſch Tollheit, wie Schiller ſie völlig zutreffend kennzeichnet. Nein, es bleibt uns keine andere Stelle— wir ſinken zu abgefallenen Chriſten herab und gehören als ſolche überhaupt keinem wirklich lebenden Organismus als lebendige Glieder mehr an und gleichen 3 3*4 20 den abgeſchnittenen Zweigen eines Baumes, die wol eine Zeitlang noch von dem vorhandenen Safte grün bleiben, dann aber, eben weil ihnen aus der Wurzel kein neues Leben mehr zuſtrömen kann, notwendiger Weiſe verdoren müßen. Iſt es doch ſelbſt auf dem weltlichen Gebiete der beiden großen vorchriſtlichen Culturvölker in gewiſſer Beziehung nicht viel anders. Ihren eigentlichen welthiſtoriſchen Beruf hatten die Hellenen in den gewaltigen Kämpfen gegen„die Barbaren“, die Perſer, erfüllt: durch die Siege bei Ma⸗ rathon und Salamis war das Erbe geſchützt, das ſie vor der Zerſtörung durch feindliche Kräfte bewahren und ſo der Nachwelt überliefern ſollten. Daher war die Zeit, in der dieſes Bewußtſein in ihnen lebendig war, die Zeit, in der ſie noch vom Geiſt der glorreichen Marathonomachen erfüllt waren, ihre eigentliche Blütezeit. Als ſie aber anfiengen, dieſe für ſie Norm gebende Zeit zu vergeßen und zu verleugnen, da ſanken ſie auch in politiſcher Hinſicht von Stufe zu Stufe herab, bis ſie unter Philipps Scepter gebeugt und dann unter der Römer eiſernen Herſchaft in der That nur ein kleinliches, atomiſtiſches, von ihren Ueberwindern verachtetes Scheinleben führten. Und dieſe ihre Beherſcher, das ſtolze Römervolk hielt ſich zwar länger,— es mußte erſt ſeine Beſtimmung erfüllen, die vierte Weltmonarchie zu gründen—, aber als Volk ſank es bereits von ſeiner Höhe herab, als es der Heldenzeit ſeiner Väter vergaß und des Kampfes, in dem„die ewige Roma“ als dereinſtige Trägerin der griechiſchen Kultur über den merkantilen Geiſt der hochmütigen Punierſtadt den Sieg davon getragen; trotz ſeiner Größe gieng es doch von da ſeinem Untergang entgegen, wie dieß bekanntlich auf den Trümmern von Karthago der gröſte Römer mit untrüglicher Ahnung in Hektors berühmten Worten*⁴) ausſprach: 20O11.⁵ ⁴ααe 1ν⅞ν νυο l,l⁰ ν— Is 100, 2 HoOidus 2 2αos uνμυμμ⁴ν οεαα. Und nun gar das Volk, deſſen Geſchichte die Geſchichte aller Geſchichte iſt! Als das Zehnſtämme⸗Reich deſſen vergaß, der das ganze Israel, wie die Wurzel den Baum mit ſeiner Krone, trug und der Ver⸗ heißung, die den Vätern gegeben war, nicht mehr gedachte, ſank es von ſeinem Beruf, den es eben noch unter Salomons glanzvoller Regierung ſo hochgehalten, unrettbar herab, und ward in die Hände ſeiner Feinde zu gänzlicher Zerſtörung dahingegeben. Und wenn auch Juda bleiben mußte, bis der kam, des Aufgang von Ewigkeit iſt, wahre Israeliten blieben nur, die Abrahams Kinder waren; als die Greuel der Verwüſtung über Jeruſalem hereinbrachen, da retteten dieſe, der geiſtliche Same, ihr Leben allein. Doch kehren wir zu unſerem Volke zurück: die bloße hiſtoriſche Erinnerung an die geiſtigen Urſprünge unſeres eigentlichen Daſeins thut es freilich nicht,— die würde uns vor dem Herabſinken aus unſerem Beruf in keiner Weiſe ſchützen können; es kommt vor allem darauf an, ſich zu dieſen Urſprüngen zu bekennen, ſich in ſie hinein zu vertiefen, ihren geiſtigen Lebensgehalt aufzunehmen und getreulich zu bewahren. Das ſind wir aber nur dann zu thun im Stande, wenn wir an den ewigen Gütern feſthalten, in denen eben jene Urſprünge fortwährend lebendig und gegenwärtig ſind. Hätten wir blos irdiſche, alſo vergängliche Daſeinsanfänge aufzuweiſen, dann wären wir allerdings lediglich auf eine längſt entſchwundene Vergangenheit gewieſen;— als chriſtliches Volk aber, in der *) Hom. II. VI. 448 f. —2 vollen Bedeutung dieſes Wortes, haben wir nicht eine irdiſche, ſondern eine himmliſche Abſtammung, die obwol eine in der Zeit eingetretene, doch zugleich eine ewig⸗gegenwärtige iſt. Denn der uns zu einem chriſtlichen Volke berufen und geſchaffen hat, der zu uns, die wir nicht ſein Volk waren geſagt hat: du ſollſt mein Volk ſein und zu uns, die wir nicht ſeine Liebe waren: du ſollſt meine Liebe ſein, iſt kein anderer, als das ewige Wort vom Vater, der Abglanz Seiner Herlichkeit und das Ebenbild Seines Weſens, der aus dem Licht, in dem er wohnte, ehe der Welt Grund gelegt war, in der Fülle der Zeiten in unſer armes Leben herabgekommen iſt und ſich durch ſein theueres Blut, am Kreuz auf Golgatha ver⸗ goßen, Seine Kirche erworben hat, Seine Kirche, in der Er nun perſönlich gegenwärtig iſt und Seine Gnadengaben austeilt, bis der Sieg errungen iſt und alle Seine Feinde ihm zu Füßen liegen. So ergibt ſich uns auf unſere Frage: wann ſinken wir von unſerem chriſtlichen Beruf herab? die zweite Antwort: wenn wir uns von der Kirche des Herrn und dem, was ſie in Kraft und Vollmacht unſeres Hauptes an uns thut, losſagen, ihre Heilsgüter verſchmähen und eine andere Quelle des Lebens, einen andern Chriſtus ſuchen. Iſt ſie doch die Mutter, die uns geboren, die uns auf ihren treuen Liebesarmen zum Altar des Herrn in Sein Heiligtum getragen, um uns durch die Wiedergeburt aus dem Waßer und Geiſt, ohne welche Niemand das Reich Gottes ſehen kann, in die Lebensgemeinſchaft deſſen aufzunehmen, der Vergebung der Sünden und ewige Seligkeit in Seinen um unſertwillen durchgrabenen Händen trägt. Da iſt uns der character indelebilis auf⸗ gedrückt, den auch der Abtrünnige nicht loswerden kann, nur daß ſich für ihn der Segen des Friedens⸗ bundes auf ſeinem Haupte in den brennenden Fluch, in die lichtloſen finſtern Tiefen des ewigen Todes verwandeln wird. Hier in der Taufe in Chriſti Tod iſt uns das Anrecht auf das himmliſche Erbe aus Gnaden verliehen, hier die Krone uns aufs Haupt geſetzt, durch die wir zu dem königlichen Geſchlecht gehören; hier die That an uns geſchehen, durch die wir aus dem niederen Gebiet der bloß irdiſchen Exiſtenz des natürlichen Lebens auf die höhere Stufe des geiſtlichen ewigen Daſeins emporgehoben und mit den geiſtleiblichen Organen verſehen ſind, dergeſtalt, daß wir nun nicht bloß mit unſeren irdiſchen Augen die Dinge dieſer Welt, ſondern mit den Augen des Geiſtes die ewigen Dinge des Reiches Gottes zu erkennen vermögen. Und ſo mächtig iſt dieſe himmliſche Gabe, ſo reich an Troſt, ſo ſtark an Kraft, daß ſie in den ſchwerſten Tagen und dunkelſten Zeiten, wo kein Zuſpruch, keine Beruhigung mehr recht verfangen wollen, plötzlich ihr wunderbares Licht leuchten läßt und die ſiegreiche Gewisheit ihres Beſitzes uns wie auf Adlers Fittigen aus des Abgrunds Tiefen zu den lichten Friedenshöhen trägt. Und wer kann zählen, wie oft das hehre Kleinod, Jahre lang vom Sündenſchmutz des verirrten Menſchenherzens verdeckt, unter gottgeſandten Erweckungen und Gemütserſchütterungen doch endlich wieder hervorgebrochen und der verlorenen Seele zur Retterin aus dem Verderben geworden iſt? Und die Heilighaltung dieſes Gutes ſollte nicht eins der vornehmſten Stücke unſeres Chriſtenberufs ſein? Wahrlich, dieſes Heilsgut beharrlich verachten, die Krone, die uns geſchenkt iſt, abſichtlich in den Staub werfen, das Leben gebende Bewußtſein von der geiſtlichen Neuſchöpfung verlieren, und dem Grunde unſerer höheren Exiſtenz trotzig den Rücken wenden, mit einem Worte den Zuſammenhang zerreißen, der uns in die Kette der Lebendigen einreiht— was heißt das anders, als zum Verräter an unſerem Chriſtenberufe werden? Damit aber 22 ſchlagen wir einen Weg ein, der falls keine Umkehr erfolgt, notwendig zum Verderben führen muß. Nicht allein, daß wir allmählich in ein wüſtes Gedankenchnos gerathen, gewöhnlich Indifferentismus genannt, und es am Ende für völlig gleichgültig erachten, ob Chriſt oder Jude, ob Muhamedaner oder Heide, ſondern, was noch ſchlimmer iſt, wir ſchneiden ſelbſt die Adern durch, die uns aus der nie verſiegenden Quelle immer neue Lebenskräfte zuzuführen beſtimmt ſind— und machen uns ſo ſelbſt zu verdorrenden, abſterbenden Zweigen, die keine Frucht mehr bringen können. Solches geſchieht aber unfehlbar auch dann, wenn wir uns von der Offenbarungs⸗ ſtätte trennen, in der allein Gottes Ehre wohnt und das Heil der Seele einzig zu ſinden iſt;— wenn wir die Verkündigung Seines Wortes nicht mehr hören und von dem Zeugnis Seiner Gnade uns abwenden; wenn das Gebet in unſeren Herzen und der Geſang auf unſeren Lippen ver⸗ ſtummt; wenn wir den Weg zum Altar und dem heiligen Sakramente nicht mehr finden oder nicht mehr gehen mögen. An etwas muß es hangen, das arme Menſchenherz,— entweder an dem lebendigen Gott und Seinem Heiligtum oder an dem Fürſten dieſer Welt und was ihm dient; er muß ſich anſchließen entweder an das unvergängliche Gotteswort und die ewige Warheit von oben oder an die vorüber⸗ gehenden Zeitmeinungen und die Trugſchlüße irrender Geiſter, an die Weisheit von unten; nach einem muß es trachten, entweder nach dem Reiche Gottes und ſeiner Gerechtigkeit oder nach den irdiſchen Gütern dieſer Welt und ihrer Luſt; auf eins muß des Menſchen Seele bauen, entweder auf den Fels der Vergebung der Sünden und des Friedens in Gott eder auf den Triebſand der eigenen Gerechtigkeit und den bodenloſen Grund des falſchen Selbſtvertrauens; für ein Ziel muß er wirken, entweder für den ewigen Tod oder das ewige Leben. Nach der einen oder nach der andern Seite werden die Scheidungen ſich vollziehen, je länger, je mehr: für oder wider Chriſtus. Links die ſelbſteigene Vergötterung des natürlichen Menſchengeiſtes und ſein Cultus, rechts die demütige Beugung unter den, dem Gott einen Namen gegeben hat, der über alle Namen iſt; links der Zug zu den von Menſchenwitz und Menſchentrotz gegrabenen durchlöcherten Behältern, die doch kein Waßer geben, rechts das freudige Schöpfen aus dem Brunnen des Waßers, das in das ewige Leben quillt; links den Blick nach unten auf das, was irdiſch iſt gerichtet, rechts mit dem Auge hinaufgeſchaut nach den lichten Höhen und den hellen Straßen der ewigen Gottesſtadt, nach dem neuen Himmel und der neuen Erde. Daß wir nun offenbar aus unſerem Chriſtenberuf herab in die bodenloſe Tiefe ſinken, wenn wir der oben bezeichneten Linken angehören, alſo in den Reihen derer ſtehen, die Läugnung des dreieinigen Gottes und der Ewigkeit, die Verwerfung der Offenbarung und der chriſtlichen Kirche wie ihrer Gnaden⸗ güter auf ihre Fahne ſchreiben, das wird doch wol Niemand beſtreiten wollen; väumen dieß doch alle, die ſo ſtehen, ſo zu ſagen ipso facto ein. Aber auch dann werden wir den höheren chriſtlichen Standpunkt unmöglich behaupten können, wenn wir auf beiden Seiten hinken, mit anderen Worten, wenn wir in thörichter Verblendung und eitler Menſchenfurcht Welt⸗ und Zeitgeiſt, modernes Bewußtſein und ver⸗ meintliche Aufklärung mit der ewigen Warheit dergeſtalt„vermitteln“ wollen, daß der Zeitgeiſt über den heiligen Geiſt herſchen, Gottes Wort nach dem Weltbewußtſein corrigiert oder nach Befinden ganz beſeitigt, Gottes und ſeiner heiligen Kirche Ordnungen nach antichriſtlichen und antievangeliſchen„Prin⸗ 23 cipien“ umgewandelt werden ſollen. Nein, der natürliche Menſch vernimmt nichts vom Geiſte Gottes, es iſt ihm eine Thorbeit und kann es nicht erkennen; denn es muß geiſtlich gerichtet ſein; der geiſtliche aber richtet alles und wird von Niemand gerichtet. Das Evangelium iſt eine Kraft Gottes und ſtammt nicht von der Welt und unſer Glaube iſt der Sieg, der die Welt überwunden hat und fortwährend überwindet. Geben wir nun dieſe weltüberwindende Kraft des Evangeliums auf und räumen dem Zeitbewußtſein der Gegenwart das Regiment und Richteramt in göttlichen Dingen ein, ſo verleugnen wir eben damit das Weſen des Evangeliums, fallen alſo augenſcheinlich aus unſerem Chriſtenberufe heraus. Und laßen wir uns in dieſes Zeitbewußtſein des natürlichen Menſchen als das allein gültige von unſerem feſten Chriſtenſtandpunkt herunterſtoßen, dann iſt es nicht allein um die Erfahrung der großen Thaten Gottes in der Bergangenheit und Gegenwart geſchehen, wir verlieren auch das Auge für die wahre Zukunft und werden in die öde Zukunftsloſigkeit der Welt mithineingezogen. Endlos dehnen ſich die Zeiten vor uns aus,— ein troſtloſes Werden und Vergeben, ohne Ziel und ohne Erfüllung. Wir aber wißen, daß, wenn die Zeit erfüllet iſt, der Herr in ſeiner Herlichkeit kommen wird, zu richten die Leben⸗ digen und die Todten; wir wißen, daß die Kirche des Herrn ihren Kampfesgang vollenden und den Sieg behalten wird; wir wißen, daß einſt der letzte Feind, der Tod, überwunden und Alles neu gemacht wird durch den, der das A und das O, der Anfang und das Ende iſt. Wer daran nicht mehr glaubt, wer die Zukunft des. Menſchenſohnes, wer die zukünftige Herlichkeit, die durch ihn ſoll geoffenbaret werden, leugnet, der bewegt ſich doch gewis nicht mehr in dem Lebenskreiße chriſtlicher Thatſachen, ſondern nährt ſich am Ende nur Tag für Tag von irdiſchen armen Proletariergedanken. Auch an Euch, meine jungen Freunde, werden dieſe Proletariergedanken, werden überhaupt alle dieſe Kräfte der Tiefe in den mannigfachen Erſcheinungen des Abfalls herantreten; es wird der Geiſt, der ſtets verneint, es werden die Scharen ſeiner vielgeſchäftigen Trabanten euch umgeben, bald ohne Maske theoretiſchen und praktiſchen Atheismus offen und ohne Scheu verkündend, bald unter den ver⸗ ſchiedenſten Verhüllungen im Heuchelſchein der Geiſtesfreiheit und der Fortſchritts oder gar in Engel des Lichts verkleidet, als wäre es ihnen mit ihrem Sturmlaufen gegen die„Schranken des Bekenntniſſes,“ wie ſie ſagen und die Ordnungen der Kirche oder mit ihren„Ueberſetzungen aus dem Semitiſchen ins Japhetitiſche“ um die ſchrankenloſe allgemeine Ausbreitung des Reiches Gottes über die ganze Welt zu thun. Laßet euch nicht verführen; es ſind die Feinde eueres Lebens, die darauf ausgehen, euch mit ihrem falſchen Licht in die grundloſen Sümpfe des Unglückes zu verlocken. Gebt ihr ihnen Gehör, den Lügenſtimmen der Abtrünnigen von außen, wie den falſchen Vorſpiegelungen des unbekehrten ſündigen Menſchenherzens, laßt ihr euch in ihre centrifugalen Bahnen mit hineinziehen und durch ihre gottent⸗ fremdeten Agitationen euch die Sinne verwirren: ſo zerſtört ihr euch ſelbſt und bereitet euern Untergang. Es wird ſich in der Zukunft, wenn erſt die letzten Reſte des aus dem Vaterhauſe mitgenommenen Ver⸗ mögens aufgezehrt ſind, immer beſtimmter herausſtellen, daß alle, die von ihrem Chriſtenberuf abgefallen ſind, auf die Dauer nicht einmal ihr irdiſches Leben zu behaupten vermögen: es werden mit dem Glauben die geiſtigen Kräfte überhaupt ſchwinden; es wird die Energie wie die Ausdauer des Denkens, die Con— centration der Gedanken, wie die ernſte Geiſtesanſtrengung allmählich erlöſchen. Und nun gar auf dem 24 fittlichen Gebiete! Je höher einer ſteht, deſto tiefer ſein Fall; je wertvoller das anvertraute Gut, deſto folgenſchwerer ſein Verluſt. Brennt die Flamme des Glaubens nicht mehr in Eurem Innern, lodert fremdes Feuer in euerer Seele und könnt ihr die Gott wolgefälligen Opfer eines zerſchlagenen und gede⸗ mütigten Herzens nicht mehr mit freudigem Danke dem darbringen, der die Gefangenen frei macht und den Blinden das Geſicht gibt: dann muß es immer dunkeler und verworrener in euch werden; Warheits⸗ liebe und Treue, Gehorſam und Demut, Geduld und Barmherzigkeit, ſie ziehen eins nach dem andern ab, um die öde, kalte Todesſtätte den böſen Geiſtern des Unfriedens und der Selbſtſucht einzuräumen. Daß es dahin mit Keinem von euch kommen möge, iſt mein letzter Wunſch an euch. Gott bewahre euch, daß ihr eueres Chriſtenſtandes nicht vergeßt; Er gebe euch erleuchtete Augen des Verſtändniſſes und rüſte euch mit den rechten Waffen zum rechten Chriſtenkampfe aus. Und wenn es dunkel um euch werden will und der Unglaube ſeine finſtern Schwingen um euere Häupter ſchlägt: dann fallet nieder auf euere Kniee und erhebet Herz und Hände zum Gebet und rufet den an, der auch für euch gekämpft hat bis zum Tod. Heil euch, wenn ihr Ihm dann aus treuem Herzen das Gelöbnis entgegenbringen könnt: Mein Lebetage will ich dich Aus meinem Sinn nicht laßen, Dich will ich ſtets, gleich wie du mich, Mit Liebesarmen faßen; Du ſollſt ſein meines Herzens Licht, Und wann mein Herz in Stücke bricht, Sollſt du mein Herze bleiben; Ich will mich dir, mein höchſter Ruhm, Hiermit zu deinem Eigentum Beſtändiglich verſchreiben. ———————-— Schulnachrichten. —— I. Lehrverfaßung während des Schuljahres von ſtern 1870 bis dahin 1871. Prima. Ordinarius: der Director. Religionslehre. Geſchichte der chriſtlichen Kirche; die chriſtlichen Heilsthatſachen(chriſtliche Glau⸗ bens⸗ und Sittenlehre) an geeigneter Stelle im inneren Entwicklungsgange der Kirche, 2 Stunden wöchentlich, (Director Dr. Piderit). Deutſche Sprache. Geſchichte der deutſchen Nationalliteratur, Declamationsübungen und Aufſätze (Chrieen und andere freie Aufſätze), 2 teilweiſe 3 St. w.(Director Dr. Piderit). Themata zu den deutſchen Aufſätzen: im Sommer: 1) Hic murus aheneus esto nil conscire sibi, nulla pallescere culpa Hor. Epist. I 1, 60 f.(Chrie). 2) Ueber Vridankes Spruch 82, 20— 23 der tumbe hat gesellen vil die wile er töre wesen wil; swenner méret witze unde kraft, so minret sin geselleschaft. 3) Parvi sunt foris arma, nisi est consilium domi Cic. de off. I 22.(Ertemporalaufſatz). 4) Ende des Hannibal und des M. Porcius Cato Uticensis. Im Winter: 1) Würdigung der Ode des Horaz ad Q. Dellium(II 3): aequam memento ete. in Form einer Chrie. 2) Wer sleht den lewen? wer sleht den risen? wer überwindet ienen und disen? daz tuot iener der sich selber twinget und alliu sine lid in huote bringet üz der wilde in staeter zühte habe. Walter von der Vogelweide. 3) Oedipus König von Theben, nach Sophokles. 4) Chrie über Solons Ausſpruch 20„ ℳακν ν εμρ̈αάα¶·ẽõ—̈αν Adeν I.εαν.(Clauſurarbeit). 5) Karl XII. König von Schweden. Eine Rede.— Für die Abiturienten: im Sommer: Schön iſt der Friede, aber der Krieg hat auch ſeine Ehre(Schiller); im Winter: Im Kriege ſelber iſt das letzte nicht der Krieg(Schiller). Lateiniſche Sprache. Horatius Oden B.—IV mit Auswal, 2 St. w.(Prorector Dr. Fürſtenau). Cicero de oratore B. I 1—II 43, 2 St. w.(Director Dr. Piderit). Tacitus Germania im S. Historien B. I u. II im W. 3 St. w. Aufſätze, Scripta und Extemporalien nach Seyffert u. nach Süpfle, 2 St. w.(Prorector Dr. Fürſtenau). Themata zu den lateiniſchen Aufſätzen: im S.: 1) Horatii vita brevi enarratur. 2) De causis 4 . —26. belli Peloponnesiaci. 3) Carolus Francorum rex quibus rebus Magni cognomen adeptus sit. 4) De Croesi varia fortuna(Extemporalaufſatz); im W.: 1) Quae civitates principatum Graeciae obtinuerint quibusque potissimum rebus comparaverint et amiserint. 2) De Horatii carm. I. 28. 3) De Solone Themistocle Pericle magnitudinis Atheniensium auctoribus. 4) Imperatoris Galbae exitus narretur(Clau⸗ ſurarbeit). 5) Et facere et pati fortia Romanorum fuisse exemplis comprobetur.— Für die Abiturienten: im S.: Laus Periclis, im W.: Ter respublica Romana a maximo periculo vindicata est, fortitudine Camilli, consilio Fabii, eloquentia Ciceronis. Griechiſche Sprache. Homers Ilias B. XI-—XV 306, 1 St. w.(im S. Gymnaſiallehrer Witzel, im W. Director Dr. Piderit). Sophocles Oedipus Tyrannos und darnach Lyriker nach der Antho⸗ logie von Stoll, 2 St. w.(Director Dr. Piderit). Thucydides B. I u. II mit Auswal im S. Platos Apologie im W. 2 St. w. Scripta u. Extemporalien aus Seyffert; Wiederholung einzelner Abſchnitte aus der Syntax 1 St. w.(Prorector Dr. Fürſtenau). Franzöſiſche Sprache. Lectüre: Molière IAvare. Grammatik nach Knebel(Repetition der Formen⸗ lehre, Syntax Kap. 4 u. 5) und ſchriftliche Uebungen, 2 St. w.(Dr. Suchier). Hebräiſche Sprache.*) Grammatik nach Thierſch; Erklärung von Stücken aus Brückners Leſebuch, 2 St. w.(Pfarrer Zimmermann). Weltgeſchichte. Geſchichte der neueren Zeit von der Reformation bis zum franzöſiſchen Kaiſerreich, nach Herbſt hiſtoriſches Hilfsbuch III, 3 St. w.(Oberlehrer Spangenberg). Mathematik. Arithmetik: Gleichungen des zweiten Grades; Anwendungen der Arithmetik auf Geometrie; Progreſſionen mit Anwendungen. Geometrie: Geometriſche Aufgaben; Trigonometrie mit vielen Anwendungen, 4 St. w.(Oberlehrer Dr. Fliedner). Mathematiſche Aufgaben für die Abiturienten: im S.: 1) Ein Regiment wurde beordert, zum Wachtdienſt 216 Mann abzugeben und zwar von jeder Compagnie gleichviel Soldaten. Da jedoch 3 vollſtändige Compagnien des Nachts zu anderer Beſtimmung abmarſchirt waren, ſo mußte von den zurückgebliebenen jede Compagnie zur Vervollſtändigung obiger 216 Soldaten noch 12 Mann mehr abgeben als ſonſt nöthig geweſen wäre. Wie viel Compagnien hatte das Regiment?(Begründung der Gleichung und Ausrechnung). 2) Den geometriſchen Ort eines Punktes zu finden, deſſen Entfernungen von 2 gegebenen Punkten A und B wie m und u ſich verhalten(Analyſis, Conſtruction und Beweis). 3) Ein Dreieck ABC zu berechnen, wovon gegeben ſind: 8= a+ b= 4,886 und die Winkel a.= 452, 7= 60*. 4) Wie groß iſt der innere Durchmeſſer des Laufs einer Kanone, deren kugelförmiges Vollgeſchoß 6 Pfund wiegt?(1 K. Zoll Waſſer wiegt 1,0718 Loth und das ſpec. Gewicht des Eiſens iſt= 7,207). Im W.: 1) Es reiſt Jemand 105 Meilen weit und findet, daß er zu dieſer Reiſe 6 Tage mehr gebraucht haben würde, als er gebraucht hat, wenn er täglich 2 Meilen weniger zurückgelegt hätte. Wie viel Meilen macht er täglich?(Begründung der Gleichung und Ausrechnung). 1 2) Einen Kreis zu beſchreiben, der eine gegebene Gerade und einen gegebenen Kreis, den letzteren in einem gegebenen Punkte, berührt(Analyſis, Conſtruction und Beweis). *) Am Unterricht im Hebräiſchen nahmen auch in einem beſonderen Cötus Schüler der Oberſecunda Theil. 27 3) Der trigonometriſche Tangentenſatz ſoll aus dem Sinusſatz ſowohl a) rein analytiſch, als auch b) geo⸗ metriſch abgeleitet werden. 4) Das Volumen eines regelmäßigen Tetraeders zu berechnen, deſſen Grundfläche in einem Kreiſe von 7 11 ½“ Umfang einbeſchrieben iſt. Phyſik. Akuſtik, Optik und Wärmelehre, 2 St. w.(Dr. Fliedner). Secunda. Ordinarius: Prorector Dr. Fürſtenau. Religionslehre. N. T Erklärung der ſynoptiſchen Evangelien, beſonders des Evangeliums St. Matthäus im S., der Apoſtelgeſchichte und der Leidensgeſchichte des Herrn im W., 2 St. w.(Director Dr. Piderit). Deutſche Sprache. Leſen und Erklären deutſcher Gedichte nach Ph. Wackernagels Auswal, Dekla⸗ mationsübungen und Auſſätze, 2 St. w.(im S. GL. Witzel, im W. anfangs Dr. Fürſtenau, dann OL. Spangenberg). Themata zu den deutſchen Aufſätzen:*) im S.: 1) Schloß Boncourt von Chamiſſo. 2) Der reichſte Fürſt von J. Kerner. 3) Das Lied vom braven Mann von Bürger. 4) Die Bedeutung der Schlacht im Teutoburger Walde. 5) Dulce et decorum est pro patria mori. Im W.: 1) Hochmut kommt vor dem Fall, an den Perſerkriegen nachgewieſen. 2) Die Schlacht bei Poitiers in ihrer geſchichtlichen Bedeutung. 3) Rom iſt nicht in einem Tag erbaut. 4) Die Hauptcharaktere aus Wallenſteins Lager von Schiller. 5) Dispoſition der Rede Ciceros pro Roscio Amerino. Lateiniſche Sprache. Virgils Aeneide B. IVY—VI, 2 St. w.(Dr. Suchier). Cicero pro Roscio Amerino u. pro Deiotaro, 2 St. w. Livius B. XXI-XXII 18, 3 St. w. Grammatik(Syntax) nach Meiring K. 106— 122, 1 St. w. Scripta nach Seyffert und Extemporalien nach Dictaten, 2 St. w. (Prorector Dr. Fürſtenau). Griechiſche Sprache. Homers Odyssee-VII, 2 St. w.(im S. GL. Witzel, im W. anfangs Dr. Fürſtenau, dann Hülfslehrer Wagner). Xenophons Memorabilien I 1— II 2. 2 St. w. Grammatik nach Curtius(Syntax§. 361— 484 und Scripta nach Franke, 2 St. w.(OL. Sp angenberg). Franzöſiſche Sprache Lectüre: Mad. Campan mémoires sur la vie privée de Marie Antoinette nach der Ausgabe von Schwalb. Grammatik nach Knebel(Repetition der Formenlehre, Syntax K. 1—3. 2 St. w.(Dr. Suchier). Weltgeſchichte. Geſchichte des Mittelalters vom Anfang bis zu Heinrich IV, nach Herbſt hiſt. Hülfsbuch II, 2 St. w.(im S. 1 Quartal: GPp. Wolff, 2 Q. GoL. Witzel, im W. Dr. Duncker. Geographie. Phyſiſche und politiſche Geographie Deutſchlands, 2 St. w.(GP. Wolff). Mathematik. Arithmetik: Gleichungen des erſten Grades mit einer und mehreren Unbekannten; die Lehren von den Potenzen, Wurzeln und Logarithmen mit vielen Beiſpielen. Geometrie: Geometriſche Aufgaben, Proportionalität und Aehnlichkeit der Figuren; Kreislehre, 4 St. w.(Dr. Fliedn er). *) Im W. beſorgte die Correctur der Aufſätze Gymnaſialpraktikant Wolff. 4* 28 Phuſik. Einiges aus der Chemie. Das Wichtigſte aus der Lehre vom Licht 1 St. w.(anfangs Hülfslehrer Knoop, hernach Dr. Fliedner). T ertia. Ordinarius: im S. Gymnaſiallehrer Witzel, im W. Oberlehrer Spangenberg. Religionslehre. Altes Teſtament: Erklärung der hiſtoriſchen Bücher. Memorieren einer Anzal evangeliſcher Kirchenlieder, 2 St. w.(Pfarrer Zimmermann). Deutſche Sprache. Le und Erklären deutſcher Leſeſtücke aus Ph. Wateragels Leſebuch 3. T. und Aufſätze, 2 St. w.(Dr. Duncker). Lateiniſche Suragh Ovids Metamorphosen nach der Auswal von Siebelis, im S. 1 Q. in Obertertia St. 41 u. 42(Dr. Suchier), in Untertertia St. 1(GP. Wolff); dann wieder in der Geſamttertia St. 2—7, 2 St. w.(Dr. S uchier). Caesar de b. Gall. B. II—V 28, 4 St. w.(im S. Ge. Witzel, im W. OL. Spangenberg). Grammatik nach Meiring(Syntax K. 91— 105). Scripta und Extemporalien nach Meiring und nach Süpfle, 3 St. w.(im S. GL. Witzel, im W. OL. Spangenberg). Griechiſche Sprache. Homers Odyssee B. XI u. XII, 2 St. w.(Dr. Duncker, in Obertertia im S. 1 Q. HL. Wagner, im W. 2. Q. GP. Wolff). Xenophons Anabasis B. V 3—VI 4. 2 St. w.(im S. GL. Witzel. im W. eine Zeit lang Director Dr. Piderit, dann OL. Spangenb erg). Grammatik nach Curtius(Formenlehre) und Scripta nach Franke(im S. GL. Witzel, im W. OL. Spangenberg.) Franzöſiſche Sprache. Uebungsbuch von Probſt l. T. St. 1—70. Ahn Leſebuch 1. T.(hiſtoriſche und beſchreibende Stücke) 2 St. w.(Dr. Suchier). Weltgeſchichte. Geſchichte des Altertums 1. Hälfte(Geſchichte der orientaliſchen Völker und der Griechen) nach Dietſch Grundriß 1. T., 2 St. w.(Dr. Duncker). Geographie. Geographie von Frankreich und Großbritannien nebſt den. Colonieen, 2 St. w. (anfangs HL. Knoop, hernach GP. Wollf). Mathematik. Arithmetik: Die Geſetze der vier erſten arithmetiſchen Operationen mit vielen Auf⸗ gaben; Gleichungen des erſten Grades mit einer Unbekannten. Geometrie: Congruenz der Dreiecke; Vierecke und Vielecke; Flächenvergleichung; die wichtigſten Sätze vom Kreis; Conſtructionen, 4 St. w. (Dr. Fliedner; im S. im 1. Quartal in Untertertia GL. Knoop). Naturgeſchichte. Botanik im S. 2 St. w.(HL. Knoop). Zoologie: Allgemeine Ueberſicht, ſpe⸗ cieller die Säugethiere und Vögel im W. 2 St. w.(Pfarrer Israöl). Quarta. Ordinarius: im S. Oberlehrer Spangenberg, im W. Hülfslehrer Wagner. Religionslehre. Erklärung der fünf Hauptſtücke des Katechismus und Memorieren einer Anzal evangeliſcher Kirchenlieder, 2 St. w.(Pfarrer Zimmermann). Deutſche Sprache. Leſen und Erklären deutſcher Leſeſtücke aus Ph. Wackernagels Leſebuch, 2. T. Auswendiglernen von Gedichten und Aufſätze, 2 St. w.(im S. 1. O. GP. Wolff, dann OL. Span⸗ genberg, im W. HL. Wagner). Lateiniſche Sprache. Cornelius Nepos vit. II-VII, XV-XVII, XX 4 St. w. Gram⸗ matik nach Meiring Elementargrammatik(Syntax§ 411— 681 und Wiederholung einzelner Theile der Formenlehre) und Scripta nach Meirings Uebungsbuch, 4 St. w. Chreſtomathie lateiniſcher Dichter von Franke mit Auswal, 2 St. w(im S. OL. Spangenberg, im W. HL. Wagner.) Griechiſche Sprache. Grammatik nach Curtius(Formenlehre§. 1—301 mit Auswal) mit ſchrift⸗ lichen und mündlichen Uebungen nach dem Elementarbuch von Schenkl S 1—66, 6 St. w(HL. Wag⸗ ner; im S. 2. OQ. und zu Anfang des Winterſemeſters in 5 St. w. Dr. Dun cker). Franzöſiſche Sprache. Elementargrammatik von Plötz im S. Curſus von Quinta, im W. Curſus von Quarta, 2 St. w.(Dr. Suchier). Weltgeſchichte. Chronologiſche Ueberſicht der allgemeinen Weltgeſchichte nach Schäfers Tabellen, 2 St. w.(Dr. Suchier). Geographie. Geographie von Süd⸗ und Central⸗Amerika im S. 1. O. Repetition der Geographie von Deutſchland im W. 1 St. w.(GP. Wolff). Mathematik. Arithmetik: Wiederholung der Bruchlehre; die Decimalbrüche; Regel de tri, Auf⸗ gaben aus Schellen. Geometrie: die Elemente bis einſchließlich der Congruenz der Dreiecke, 4 St. w. (Dr. Fliedner.) Schönſchreiben 2 St w(Lehrer Zimmermann). Quinta. 7 Ordinarius: Dr. Duncker.. Religionslehre. Bibliſche Geſchichte des alten Teſtaments nach Zahn und Memorieren einer Anzal evangeliſcher Kirchenlieder, 2 St. w.(Pfarrer Zimmermann).. Deutſche Sprache. Leſen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Leſebuch, 1. T., orthographiſche Uebungen und Aufſätze, 3 St. w.(Dr. Duncker). Lateiniſche Sprache. Grammatik nach Meiring Elementargrammatik(§. 1—410 mit Auswal, Wiederholung der regelmäßigen und Einübung der unregelmäßigen Formenlehre). Schriftliche und münd⸗ liche Uebungen nach Oſtermanns Uebungsbuch für Quinta und Memorieren aus dem dazu gehörigen Vocabularium; Formenextemporalien, 10 St. w.(Dr. Duncker). Franzöſiſche Sprache. Elementargrammatik von Plötz, Curſus von Quinta, 2 St. w.(Dr. Suchier). Weltgeſchichte. Erzählungen aus der Geſchichte des Altertums(der griechiſchen und römiſchen Geſchichte), 2 St. w.(Dr. Suchier). 8 Geographie. Ueberſichtliche Geographie von Europa, 2 St. w.(im S. 1. Q. HL Knoop, dann Dr. Suchier). Mathematik. Arithmetik: die Bruchlehre, Regel de tri mit vielen Uebungen, 2 St. w.(anfangs HL. Knoop, hernach Dr. Fliedner). Naturgeſchichte. Botanik nach Seubert im S. 2 St. w.(HL. Knoop); Zoologie: Allgemeine Ueberſicht, genauere Beſchreibung der Repräſentanten der Hauptklaſſen im W. 2 St. w.(Pfarrer Israël). Schönſchreiben 2 St. w.(Lehrer Zimmermann). Sexta. Ordinarius: im S. Hülfslehrer Wagner, im W. Gymnaſialpraktikant Wolff. Religionslehre. Bibliſche Geſchichte des neuen Teſtaments nach Zahn und Memorieren einer Anzal evangeliſcher Kirchenlieder, 2 St. w.(Pfarrer Zimmermann). Deutſche Sprache. Leſen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Leſebuch 1 T., ortho⸗ graphiſche Uebungen und Aufſätze, 4 St. w.(im S. 1. Q. HLé. Wagner, dann GP. Wolff). Lateiniſche Sprache. Grammatik nach Meiring Elementargrammatik§. 1— 269 mit Auswal, nebſt mündlichen und ſchriftlichen Uebungen nach Oſtermanns Uebungsbuch für Sexta und Memorieren aus dem dazu gehörigen Vocabularium; Formenextemporalien, 10 St. w.(im S. 1. O. HL. Wagner, im W. GpP. Wolff). Geographie. Geographie von Aſien und Afrika im S, von Amerika und Auſtralien und Repe⸗ tition der Geographie von Europa im W.(GP. Wolff). Mathematik. Arithmetik: Reduction und Reſolution: die vier Species mit benannten Zahlen, nach Schellen, 3 St. w.(Lehrer Zimmermann). Naturgeſchichte. Botanik nach Seubert im S. 2 St. w.(HL. Knoop); Zoologie: Einteilung; Einzelbeſchreibungen der intereſſanteſten Thiere im W. 2 St. w.(Pfarrer Isral).. Schönſchreiben 2 St. w.(Lehrer Zimmermann. Zeichuen für die Schüler der drei unteren Claſien ſeit Ende Auguſt 1870, wöchentlich in 2 Doppelſtunden. Geſang. Der evangeliſche Choralgeſang nach dem deutſchen evangeliſchen Kirchengeſangbuche, 4 St. w.(Geſanglehrer Eichenberg). Turnen 6 St. w.(Turnlehrer Störger). ——=—— II. Chronik des Gymnaſtums. Der Curſus des Schuljahres 1870— 71 begann am 25. April 1870. Daß im Laufe deſſelben auch das hieſige Gymnaſium, wie wol alle Schulen unſeres Vaterlands, von den gewaltigen, welthiſtoriſchen Ereigniſſen des deutſch⸗franzöſiſchen Krieges nach außen wie nach innen mannigfach berührt worden iſt, bedarf hier wol kaum der Erinnerung. Die großen Erlebniſſe dieſer Zeit werden in aller Herzen un⸗ vergeßlich bleiben. Durch Verfügung Königlichen Provinzial⸗Schulkollegiums vom 22. April 1870 wurde die dem dritten Pfarrer an der hieſigen Marienkirche Rudolf Julius Neuber am 22. März 1869 ertheilte Beauftragung mit Aushülfeleiſtung für den Unterricht in der Religion und im Hebräiſchen*) wieder zurückgezogen. An Stelle des Pfarrers Neuber wurde nach Verfügung Königlichen Provinzial⸗Schulkollegiums vom 16. Mai 1870 der dritte Pfarrer an der hieſigen Johanniskirche Wilhelm Friedrich Zimmer⸗ mann nmit Ertheilung von Religionsunterricht beauftragt. Derſelbe übernahm vom 11. Juni 1870 an auch den Unterricht in der hebräiſchen Sprache. Wilhelm Friedrich Zimmmermann iſt geboren zu Hanau am 9. November 1825, beſuchte von Oſtern 1837 bis Michaelis 1843 das Gymnaſium zu Hanau und ſtudierte bis Michaelis 1846 zu Marburg Theologie und Philologie. Im Herbſt 1846 beſtand er zu Marburg das theologiſche Facultätsexamen, darauf in Hanau das ſog. Tentamen vor dem Superintendenten und im Sommer 1850, nachdem er in der Zwiſchenzeit einige Hauslehrer⸗ ſtellen begleitet hatte, das Examen pro ministerio. Durch allerhöchſtes Reſcript vom 7 Juni 1850 wurde ihm die Pfarrei der franzöſiſchen Colonie Louiſendorf übertragen. Von dieſer Stelle wurde er am 1. April 18 70 als dritter Pfarrer an die Johanniskirche zu Hanau verſetzt⸗ Zu der Feier des dreihundertjährigen Jubiläums des Gymnaſiums zu Hersfeld am 2. Juli 1870 überreichte der Unterzeichnete perſönlich die Gratulationsſchrift des hieſigen Gymnaſiums.**) Die Sommerferien währten vom 4. bis zum 25. Juli. Am 19. Juli 1870 erließ der Herr Miniſter der geiſtlichen, Unterrichts⸗ und Medizinal⸗Angelegen⸗ heiten nachſtehende Circular⸗Verfügung: „Von mehreren Seiten iſtzmir der dringende Wunſch zu erkennen gegeben, daß denjenigen der Prima im vierten Semeſter angehörenden Gymnaſiaſten, welche in Folge der gegenwärtig angeordneten Mobilmachung der Armee in letztere eintreten wollen oder müßen, die Möglichkeit gewährt werde, vorher noch die Abiturientenprüfung zu abſolviren. Demzufolge, ſo wie mit beſonderer Rückſicht auf die gegenwärtigen außerordentlichen Umſtände, welche den ſchleunigſten Eintritt unſerer kampffähigen und kampfluſtigen Jünglinge in das Heer wünſchenswerth erſcheinen laßen, fordere ich die Königlichen Provinzial⸗Schulkollegien hiermit auf, Angeſichts dieſes die Directoren ſämmtlicher Gymnaſien und Realſchulen ihres Reſſorts anzuweiſen, mit den Primanern der Eingangs bezeichneten Kategorie, welche ſich entweder über ihre Verpflichtung zum Eintritt in die Armee durch die bezüglichen Militärpapiere aus⸗ ⸗ *) Vgl. Programm des hieſigen Gymnaſiums von 1870. S. 54. =) O0. B. F. P. S. IIlustri Gymnasio Hersfeldensi à Michaele Abbate viro summae sanctitatis atque humanitatis laude insigni ante hos trecentos annos condito de vera religione et pietate Christiana conservanda de inventute caritate Dei liberalibusque artibus imbuenda per tria secula usque ad hunc diem meritissimo optimeque merenti sacra saecularia tertia a. d. IV Non. Jul. a. MDCCCLXX rite celebranda ea qua par est pietate gratulantur vota pro eius incolumitate salute prosperitate perrenni pie nuncupata testantur Gymnasii Hanoviensis collegae. Q. D. T. O. M. B. V. 1 weiſen oder die Zuſtimmung ihrer Väter, reſp. Vormünder zu ihrem freiwilligen Eintritt beibringen, ſogleich oder doch unmittelbar nach dem Schluß der gegenwärtigen Ferien, die mündliche Abiturienten⸗Prüfung abzuhalten. Genügen ſie in derſelben den Anforderungen des Reglements, ſo ſoll ihnen ſofort das Maturitäts⸗ zeugniß ausgefertigt und eingehändigt werden, da nicht anzunehmen iſt, daß dieſe Jünglinge unter den gegenwärtigen Zeitverhältniſſen im Stande ſein würden, die zur Anfertigung der reglementmäßigen ſchriftlichen Prüfungsarbeiten unerläßliche Sammlung des Geiſtes zu erlangen. Den auf Grund dieſes Erlaßes ausgefertigten Maturitätszeugniſſen iſt eine Abſchrift deſſelben beizuheften.“ In Folge dieſer Verfügung wurde die mündliche Maturitätsprüfung am 26. Juli mit 2 Ober⸗ primanern und am 29. Juli mit 1 Primaner vorgenommen. Unter dem 26. Juli erfolgte dann noch eine weitere Miniſterialverfügung, durch welche im Hin⸗ blick auf die außerordentlichen Zeitumſtände die Königlichen Provinzialſchulkollegien ermächtigt wurden „von den der Prima eines Gymnaſiums oder einer Realſchule im dritten Semeſter angehörenden Schülern nicht nur die, welche bereits das militärpflichtige Alter erreicht haben, oder welche ſich ganz der militäriſchen Laufbahn widmen wollen, ſondern auch alle diejenigen zu einer Maturitätsprüfung baldigſt zuzulaffen, welche die Abſicht haben, mit Genehmigung ihrer Eltern bei der gegenwärtigen Mobilmachung in die Armee einzutreten. Ein Erlaß der ſchrift⸗ lichen Prüfung kann jedoch in dieſem Fall nicht ſtattfinden, die mündliche iſt aber in möglichſt kurzer Friſt nach der ſchriftlichen abzuhalten.“ Dieſe Verordnung kam hier nicht zur Anwendung. Noch vor dem Beginne des Unterrichts nach den Sommerferien ſchied nach erfolgter Mobil⸗ machung der Armee der Hülfslehrer Ph. Wagner aus ſeinen Gymnaſialfunctionen zeitweiſe aus, um ſeiner Reſervepflicht im 2. Thüringiſchen Infanterieregiment Nr. 32 zu Meiningen zu genügen. Am 30. Juli 1870 ſtarb nach längerem Leiden der Secundaner Konrad Baumann aus Bruchköbel bei Hanau, ein treuer, fleißiger und frommer Schüler. Durch Verfügung K. Prov.⸗Schulkollegiums vom 4. Auguſt 1870 wurde beſtimmt: „daß dieſelben Prädikate wie bei den Abiturienten⸗ und Abgangszeugniſſen auch für die Semeſtrak⸗ und Quartal⸗ Cenſuren bei der Beurtheilung des Fleißes und der Leiſtungen zu gebrauchen ſeien.“*) Am 6. Auguſt ſchied der beauftragte Lehrer K. Knoop zeitweiſe aus ſeinen Gymnaſialfunctionen, um zunächſt behufs Ableiſtung ſeines einjährigen freiwilligen Militärdienſtes in das Erſatzbataillon des 82. heſſiſchen Infanterieregiments zu Frankfurt einzutreten und darnach an dem Feldzuge Teil zu nehmen. Der naturgeſchichtliche Unterricht mußte in Folge deſſen einſtweilen ceſſieren, die andern Stunden Knoops wurden durch einen Teil der übrigen Lehrer verſehen. Durch Miniſterialverfügung vom 6. Auguſt wurde das Königliche Provinzial⸗S chulkollegium ermäch⸗ tigt, am hieſigen Gymnaſium für die drei unteren Klaſſen beſonderen Zeichenunterricht einzurichten. Derſelbe begann Ende Auguſt zunächſt in 2 Doppelſtunden wöchentlich, unter Leitung des Lehrers *) In Folge deſſen iſt jetzt die Reihenfolge der Prädikate dieſe: Fleiß und Kenntniſſe: 1. ſehr gut, 2. gut, 3. befriedigend, 4. im Allgemeinen befriedigend, 5. nicht völlig befriedigend, 6. nicht befriedigend.— Betragen: 1. ſehr gut, 2. gut, 3. befriedigend, 4. im Allgemeinen befriedigend, 5. nicht immer befriedigend, 6. tadelhaft. 33 K. Zimmermann, im Anſchluß an den Unterrichtsgang der hieſigen Zeichenakademie, zu der dann die Schüler nach Abſolvierung des Vorbereitungscurſus der drei unteren Claſſen übergehen können. Durch Verfügung K. Prov.⸗ Schulkollegiums vom 16. Auguſt wurde dem Gymnaſialpraktikanten G. Wolff für die Zeit ſeiner Dienſtleiſtungen eine Remuneration von 20 Thaler monatlich bewilligt. Am 20. September 1870 fand unter dem Vorſitze des Königlichen Commiſſars, Herrn Provinzial⸗ Schulraths Dr. Rumpel die mündliche Prüfung der Abiturienten ſtatt. Durch Verfügung K. Prov.⸗Schulkollegiums vom 5. Oktober wurde für die Zeit der Abweſenheit des Hülfslehrers Knoop der Reallehrer Pfarrer Is raöl mit zeitweiſer Verſehung des naturgeſchicht⸗ lichen Unterrichts in der Tertia, Quinta und Sexta gegen eine monatliche Remuneration von 12 Thlr. 15 Sgr. beauftragt. Am 28. Oktober erkrankte der ordentliche Lehrer Otto Witzel und erhielt am 7. November vom K. Prov.⸗Schulkollegium den zur Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit erforderlichen Urlaub, den er bis zum Schluß des Semeſters benutzt hat. Durch Verfügung K. Prov. ⸗Schulkollegiums vom 31. Oktober wurde die Miniſterial⸗Verfügung vom 31. März 1869 das Probejahr der Schulamts⸗Candidaten betr. zur Nachachtung mitgeteilt, wornach das Probejahr, wenn zu einem Wechſel nicht dringende Gründe vorliegen, an einer und derſelben Anſtalt abſolvirt werden m uß. Ein Wechſel der Anſtalt innerhalb des Probejahres bedarf in jedem Fall der Genehmigung der Aufſichtsbehörde derjenigen Anſtalt, bei welcher der Candidat daſſelbe begonnen hat und darf dieſe Genehmigung nur ausnahmsweiſe aus beſonderen Gründen ertheilt werden. Am 17. November erließ K. Prov.⸗Schulkollegium nachſtehende Verfügung: Es iſt der Fall vorgekommen, daß Schüler, welche ſich zur Aufnahme bei einer Anſtalt meldeten, nachdem ſie in Folge der Receptions⸗Prüfung nicht in die von ihnen gewünſchte Klaſſe geſetzt worden waren, dieſe Anſtalt ſofort verließen, um bei einer anderen den Verfuch zu machen, ihre Abſicht zu erreichen. Um dieſes ungehörige Treiben, welches überdieß mit nachtheiligen Folgen für die betreffenden Anſtalten verbunden iſt, ſoviel als möglich zu verhindern, ſind von jetzt an die Zeugniſſe der zur Aufnahme ſich meldenden Schüler, welche ſtets vor der Prüfung vorzulegen ſind, wenn der genannte Fall eintreten ſollte, mit einer Bemerkung über den Ausfall der angeſtellten Prüfung und dem Schulſiegel zu verſehen. Durch Verfügung K. Prov. Schulkollegiums vom 27. November wurde auf die nötigen Maß⸗ regeln gegen gewiſſe der Geſundheit der Schüler nachtheilige Uebelſtände hingewieſen, deren Beſeitigung weſentlich von der Aufmerkſamkeit, Gewißenhaftigkeit und theilnehmenden treuen Fürſorge der Lehrer abhängt oder ſonſt ohne große Schwierigkeit ausführbar iſt.*) Dahin gehört: Zur Schonung der Augen kann der Unterricht in der Zeit der Dämmerung ſtets ſo eingerichtet werden, daß dieſelben nicht in Anſpruch genommen werden; dieſelbe Rückſicht iſt den Schülern bei jeder Gelegenheit auch für ihr Schreiben und Leſen zu Hauſe anzuempfehlen. Schulbücher mit zu kleinem Druck müßen ſo viel als möglich beſeitigt werden. Man darf nicht dulden, daß die Schüler ſich an eine kritzelnde oder zu kleine Handſchrift gewöhnen.— Ebenſo wenig darf unzweckmäßiges namentlich die Bruſt zuſammendrückendes Sitzen und Ueberſchlagen der Schenkel geduldet werden.— Für die noth⸗ *) Abgedrudt in dem zu Marburg erſcheinenden chriſtlichen Schulboten aus Heſſen 1871. Nr. 2 u. 3. S. 12— 14. 5 34 wendige Ventilation kann in jedem Klaſſenlokale geſorgt und zu ſtarkes Heizen kann bei der nöthigen Aufmerk⸗ ſamkeit leicht vermieden werden. Die Wärme ſoll in der Mitte des Zimmers nie über fünfzehn Grad Réaumur ſteigen. Weiter wird zweckmäßige körperliche Bewegung(Turnen), zweckmäßige Anordnung der Zeit und noch einiges andere hierher gehörige empfohlen. Am 28. November trat der Hülfslehrer Wagner nach beinahe viermonatlicher Abweſenheit wieder in ſeine hieſigen Functionen ein. In Folge deſſen wurde nun, bei der andauernden Erkrankung des Gymuaſiallehrers Witzel, einſtweilen das Ordinariat der Tertia an Oberlehrer Spangenberg, das der Quarta an Hülfslehrer Wagner, das der Sexta an Gymnaſialpraktikant Wolff übertragen. Die Bibliothekars⸗Geſchäſte übernahm Gymnaſiallehrer Dr. Duncker. Am 2. December wurde der Miniſterial⸗-Erlaß vom 25. November, die Nachweiſung über die Betheiligung der dem Reſſort der Unterrichts⸗Verwaltung angehörenden Lehrer und Beamten, ſo wie der Schüler höherer Unterrichtsanſtalten an dem gegenwärtigen deutſch⸗fran⸗ zöſiſchen Kriege betr. zur Nachachtung mitgeteilt. Durch Verfügung K. Prov. Schulkollegiums vom 5. December wurde hinſichtlich der Schul⸗ geldbeſtimmungen an die Nachachtung der Miniſterial⸗Verfügung vom 23. November 1857 erinnert. (Wieſe Verordnungen und Geſetze B. 1 S. 202 ff.) Durch Verfügung K. Prov.⸗Schulkollegiums vom 6. December wurde die Miniſterial⸗Circular⸗ Verfügung vom 1. December 1870, die Berechnung der Dienſtzeit bei Penſionierungen oder Dienſtjubiläen zur Beachtung mitgeteilt: daß die Zeit, während welcher ein Beamter zur Erfüllung der allgemeinen Dienſtpflicht im Militär gedient hat, auch bei der Penſionierung als Dienſtzeit in Anrechnung kommt, wenn und inſoweit der Militärdienſt nach dem vollen⸗ deten 20. Lebensjahre abgeleiſtet worden iſt. Bei der Feſtſtellung des Zeitpunkts für das 50 jährige Dienſt⸗Jubiläum eines Beamten iſt die geſammte active Militär⸗ und Civil⸗Dienſtzeit deſſelben in Betracht zu ziehen, mithin der ein⸗ jährige freiwillige Militärdienſt auch dann als Dienſtzeit anzurechnen, wenn derſelbe vor dem 20. Lebensjahre geleiſtet iſt. Durch Verfügung K. Prov.⸗Schulkollegiums vom 29. December wurde dem Hülfslehrer Wagner eine Gehaltserhöhung von 100 Thalern vom l. Januar 1871 an bewilligt. Derſelbe wird jedoch(laut Verfügung K. Prov.⸗Schulkollegiums vom 3. Februar 1871) mit dem Schluß des Winterſemeſters aus ſeinen hieſigen dienſtlichen Functionen ausſcheiden, um als Lehrer an das K. Gymnaſium zu Duisburg, an dem ihm eine Stelle angeboten wurde, überzugehen. Dagegen iſt vvon Oſtern dieſes Jahres an) der Prak⸗ tikant Wolff mit weiterer Aushülfeleiſtung am hieſigen Gymnaſium beauftragt. Am Tage der Friedensfeier der Stadt Hanau, Sonntag den 6. März, nahmen die Lehrer und Schüler des Gymnaſiums an dem zur Erhöhung des Feſtes veranſtalteten allgemeinen Feſtzuge Theil. Am 9. März wurden zum Beſten der im Felde verwundeten Krieger von den Schülern der Secunda des hieſigen Gymnaſiums(im Gauffſchen Saale) Wallenſteins Lager und einzelne Scenen aus Piccolomini und Wallenſteins Tod unter allſeitigem Beifall aufgeführt. Mittwoch den 22. März fand die Feier des hohen Geburtsfeſtes Seiner Majeſtät des Kaiſers und Königs Vormittags in der Aula des Gymnaſiums ſtatt. Die Feſtrede hielt Oberlehrer Dr. Fliedner. 5 Das Jubiläumsſtipendium des Gymnaſiums zu Hanau hat der Primaner W. Strauß im Betrage von 91 Gulden auch in dem Schuljahr 1870— 71 bezogen.— Als weitere Beiträge zu dem erwähnten Stipendium haben wir mit Dank zu verzeichnen: 1) von Herrn Lehrer Lucas hierſelbſt 6 Thaler(„aus Dankbarkeit“): 2) vom Herrn Oberlehrer Spangenberg 171 Sgr. Jahres⸗ beitrag für 1870. Wie im vorigen Programm S 48 bereits erwähnt iſt, erhielt das Gymnaſium im März 1870 ein Porträt des Steuerraths Cam von Herrn Borries dahier zum Geſchenk. Weil daſſelbe ſehr defect war, bedurfte es einer mühſamen Reſtaurierung, die Herr Bijouterie⸗Fabricant Heinrich Geiſſel dahier, ein erfahrener Kenner der Oelmalerei, mit der größten Sorgfalt vornahm. Für ſeine ſchwierige wolgelungene Leiſtung ſagen wir demſelben hiermit unſern verbindlichſten Dank. III. Statiſtiſche Aleberſicht. A. Lehrer. Das Lehrerperſonal des Gymnaſiums hat gegenwärtig folgenden Beſtand Dirertor: Dr. Karl Wilhelm Piderit, Ordinarius von Prima. Oberlehrer: Dr. Wilhelm Fürſtenau„Prorector, Ordinarius von Secunda. Dr. Konrad Fliedner. Friedrich Spangenberg, Ordinarius von Quarta(zur Zeit von Tertia). Ordentliche Lehrer: Dr. Reinhard Suchier. Otto Witzel, Ordinarius von Tertia Gur Zeit beurlaubt). Dr. Albert Duncker, Ordinarius von Quinta. Hülfslehrer bzw. beauftragte Lehrer: Philipp Wagner, Ordinarius von Sexta(zur Zeit von Quarta). Karl Knoop, zur Zeit außer Function(an ſeiner Stelle iſt Reallehrer Pfarrer Chriſtian Israël zeitweiſe mit Erteilung naturgeſchichtlichen Unterrichts beauftragt). Pfarrer Wilhelm Friedrich Zimmermann(beauftragt). Gymnaſialpraktikant: George Wolff(zur Zeit Ordinarius von Sexta). 36 Außerordentliche Lehrer(techniſche Hülfslehrer). Kaspar Zimmermann, Schreib⸗, Rechen⸗ und Zeichenlehrer. Nikolaus Eichenberg, Geſanglehrer. Philipp Störger, Turnlehrer. B. Schüler. Am Schluße des Schuljahres 1869—70 belief ſich die Schülerzahl auf 148 Noch vor dem Beginn des Sommerſemeſters 1870 ſchieden aus, ohne hier den Curſus vollendet zu haben: 4 aus II(2 um ſich für den Kaufmannsſtand auszubilden, 1 zum einjährigen freiwilligen Militärdienſt, 1 um ſich der Thierheilkunde zu widmen), 2 aus III(1 um auf die Handelsſchule zu Frankfurt a. M. überzugehen, 1 ohne nähere Beſtim⸗ mung), 1 aus IV ohne nähere Beſtimmung, 1 aus V um in eine Privat⸗-⸗Unterrichtsanſtalt über⸗ zugehen............................... 8 140 Neu aufgenommen wurden zu Anfang des Sommerhalbjahrs 1870 in II 6, in III 8, in IV 5, in V 2, in VI 18............. 39 Die Schülerzahl betrug danach(I 25, II 34, III 45, IV 30, V 22, VI 23). 179 Dazu trat noch im Sommer 1 in III. 1 180 Im Laufe des Sommers und vor dem Beginn des Winterſemeſters ſchieden aus, ohne hier den Curſus vollendet zu haben: 1 aus I(ohne nähere Beſtimmung), 3 aus II(beide bei Veränderung des Wohnſitzes ihrer Eltern, 1 um auf das Gymnaſium zu Frankfurt a. M., 1 um auf das Gymnaſium zu Merſeburg überzugehen, 1 ſtarb— ſ d. Chronik—), 2 aus III(1 auf das Gymnaſium ſeiner Vaterſtadt Augsburg, 1 auf das Gymnaſium zu Merſeburg), 1 aus IV um ſich zum Kaufmannsſtande vorzubereiten, 1 aus V auf das Gymnaſium zu Marburg 8 172 In der Mitte des Sommerſemeſters unterzogen ſich auf Grund der Miniſterial⸗Verfügung vom 19. Juli 1870 Nr. 20,441(ſ. d. Chronik) der mündlichen Prüfung und wurden mit dem Zeugnis der Reife entlaßen die Schüler der Oberprima: 1) Otto Herwig aus Hanau, evangeliſcher Confeſſion, 18 ½ Jahre alt, 9¹ Jahr im hieſigen Gymnaſium, 2 ¼ Jahr in Prima; 2) Alexander Scheffer aus Hof Engelbach bei Niederaula, evangeliſch⸗refor⸗ mierter Confeſſion, 23 ½ Jahr alt, 1 Jahr im hieſigen Gymnaſium(früher Schüler der Gymnaſien zu Kaſſel, Marburg und Hersfeld), im Ganzen 3 ¼ Jahr in Prima. Von dieſen beiden Abiturienten trat Scheffer ſofort in die Armee ein, während Herwig gleich darauf im Sanitätscorps auf dem Schlachtfelde bei Metz thätig war. — 32 Am Schluße des Sommerſemeſters unterzogen ſich der gewöhnlichen ſchriftlichen und mündlichen Prüfung und wurden mit dem Zeugnis der Reife entlaßen: 1) Hermann Ziegler aus Hanau, evangeliſcher Confeſſion, 18 ¼ Jahr alt, 8½ Jahr im hieſigen Gymnaſium, 21 Jahr in Prima, Willens auf die höhere polytechniſche Anſtalt zu Aachen überzugehen; 2) Hermann Gies aus Hanau, katholiſcher Confeſſion, 19 Jahr alt, 6 Jahr im hieſigen Gymnaſium(2½ Jahr Schüler des Gymnaſiums zu Heiligenſtadt), im Ganzen 2 Jahr in Prima, Willens Philologie zu ſtudieren; 3) Hugo Gieſſmann aus Hanau, katholiſcher Confeſſion, 18½ Jahr alt, 4 Jahr im hieſigen Gymnaſium(früher Schüler des Gymnaſiums zu Breslau), 2 Jahr in Prima, Willens Jurisprudenz zun ſtudieren .. 5 167 Neu aufgenommen wurden zu Anfang des Winterhalbjahrs: in II 2..... 2 Es belief ſich daher die Schülerzahl(I 20, II 32, III 45, IV 28, V 94, VI 20... 169 Davon ſchieden im Laufe des Winterſemeſters wieder aus 2 aus II(1 um ſich zum Eintritt in die Königl. Marine vorzubereiten, 1 um ſich dem Militärſtand zu widmen), 1 aus III um ſich für den Kaufmannsſtand auszubilden, 3 aus IV(1 um in Jolge der Verſetzung ſeines Vaters nach Kaſſel auf das dortige Gymnaſium überzugehen, 2 ohne Beſtimmung), 1 aus VI(in Folge der Verſetzung ſeines Vaters, auf das Gymnaſium zu Kaſſel). 7 — 162 IV. Ordnung der öffentlichen Brüfung. Donnerſtag den 30. März Vormittags. Morgens 8 Uhr Choralgeſang(Deutſches Evangeliſches Kirchengeſangbuch Nr. 102.„Wie ſchön leuchtet der Morgenſtern“). Von 8;— 40 Uhr Prüfung der Prima. Deutſche Literaturgeſchichte. Horatius. Mathematik. Plato. Von 10—12 Prüfung der Secunda. Cicero. Weltgeſchichte. Xenophon. Geographie. 38 Nachmittags. Von 2—4 Uhr Prüfung der Tertia. Cäſar. Mathematik. Xenophon. Freitag den 31. März. Vormittags. Von 8— 9 ½ Uhr Prüfung der Quarta. Lateiniſche Chreſtomathie. Franzöſiſch. Griechiſches Elementarbuch. Von 9 ½— 411 Uhr Prüfung der Quinta. Lateiniſches Elementarbuch. Weltgeſchichte. Von 11—42 Uhr Prüfung der Sexta. Lateiniſches Elementarbuch. Bibliſche Geſchichte. Nachmittags von 3 Uhr an. Choralgeſang(D. E. Kirchengeſangbuch N. 96. Mir nach, ſpricht Chriſtus unſer Held. V. 1—4.) Geſang. Rede des Directors. Choralgeſang(D. E. Kirchengeſangbuch Nr. 96. V. 5— 7). Verkündigung der Verſetzung und Austeilung der Zeugniſſe. Der Gymnaſialdirector Dr. Piderit. 4..— —-——