Jahresbericht léester über das Burfürſtliche Gymnaſium zu Rinteln womit zu den am 23. und 24. Mätz d. J. Statt ſindenden Prüfungen und Schulfeierlichkeiten ergebenſt einladet Dr. Heinrich Uieß, Gymnaſialdirector. Inhalt: 1. Geſchichte der Jungfrau von Orleans, fünfter Theil, vom ordentlichen Gymnaſiallehrer Dr. Eyſell. edrs Feou 2. Schulnachrichten vom Director. — inteln, 186 3. Druck von C. Böſendahl. eSILESD, 4 GerSs e 9 eERres —— 5„ 8167 d Thaten der Johanna dArc. Anhang zum erſten Abſchnitt des zweiten Theiles. Wir dürfen die Glanzperiode im Thatenleben unſerer Heldin nicht verlaßen, ohne eine Streitfrage in Betrachtung zu ziehen, deren Wurzeln bis in den Reviſionsproceſs hinaufreichen. Wir faßen dieſe Streitfrage in die Worte zuſammen: Iſt die Krönung des Königs oder iſt die Vertreibung der Feinde aus ganz Frankreich der Endpunct von Johannas Miſſion? Je nachdem die Antwort ausfällt, erhalten Geſchichte und Charakter der Jungfrau eine verſchiedene Beleuchtung. Erſtreckte ſich der göttliche Auftrag nicht über die Salbung Karls VII hinaus, dann hat Johanna, indem ſie durch Bitten ihres Königs ſich zum Bleiben beſtimmen ließ, die Grenzen ihres Berufes überſchritten, Menſchen hat ſie mehr als Gott gehorcht, und ihre ſpä⸗ teren Unfälle, zuletzt die Gefangenſchaft, erſcheinen als göttliche Strafgerichte für den eigenmäch⸗ tigen Uebergriff. Anders im andern Falle. Wenn Gottes Wille, den Johanna in ihren Stimmen zu vernehmen glaubte, ihr die vollſtändige Errettung des Vaterlandes vom Fremdenjoch zur Pflicht machte, dann ſtehen wir vor einer zwiefachen Möglichkeit. Es können nämlich die Gründe, weshalb das gottbefohlene Werk nicht zum Abſchluß gebracht wurde, entweder in Ver⸗ ſchuldungen der Jungfrau geſucht werden, welche über Reims hinausliegen, oder ſie müßen und zwar mit überwiegender Wahrſcheinlichkeit in den Verkehrtheiten deren zu finden ſein, an welche ihre Sendung gerichtet war. Prüfen wir nunmehr die Beweiſe für die in neueſter Zeit wieder ſtark vertretene Anſicht, daß Johanna dem König zu Gefallen bei dem Heere geblieben ſei.*) Im Auguſt d. J. ward der König mit ſeinem Heere bei Crépy in Valois von dem Landvolke mit begeiſtertem Jubel empfangen. Johanna, welche zwiſchen dem Grafen Dunois und dem Erzbiſchof ritt, war davon ſo entzückt, daß ſie in die Worte ausbrach:„Das iſt ein gutes Volk, ich habe noch kein anderes Volk geſehen, das ſich ſo ſehr gefreut hätte über die *) Der Hauptverbreiter derſelben iſt Villaret im XIV. Bande ſeiner Geſchichte vof Frankreich. 2 Ankunft eines ſo edlen Königs. Wäre ich doch ſo glücklich, in dieſer Erde begraben zu werden, wenn meine Tage zu Ende ſind.“„An welchem Orte“, fragte darauf der Erzbiſchof,„habt Ihr die Hoffnung zu ſterben?“„Wo Gott will“, antwortete Johanna,„denn ich weiß von der Zeit und dem Orte nicht mehr, als ihr. Möchte es Gott, meinem Schöpfer, gefallen, daß ich nun⸗ mehr meine Waffen ablegte und zu meinem Vater und zu meiner Mutter zurückkehrte, ihnen zu dienen und ihre Schafe zu weiden mit der Schweſter und meinen Brüdern, die ſich ſehr freuen würden, mich wiederzuſehen.*)“ So berichtet Graf Dunois. Die Chronik der Jungfrau und nach dieſer das Tagebuch der Be⸗ lagerung von Orleans geben die Stelle mit folgender Veränderung wieder:„Der Graf fragte Johanna: Wißet ihr, wann ihr ſterben werdet nud an welchem Orte? Sieantwortete darauf: Nein, es ſtehe das in Gottes Willen, und ſagte weiter zu dem Grafen und den andern Herrn:„Ich habe den Auftrag erfüllt, den mein Herr(Messire, Gott) mir gegeben hatte, welcher darin beſtand, die Belagerung von Orleans aufzuheben und den König krö⸗ nen zu laßen. Ich wünſchte, es gefiele ihm, mich zu meinem Vater und meiner Mutter zurückzuſchicken u. ſ. w.“². Der hervorgehobene Satz iſt von den Chroniſten, welche das Ver⸗ bindungsglied in der Gedankenfolge Johannas nicht ſahen und den Schlußworten derſelben eine ſchiefe Deutung gaben, lediglich nach eignem Ermeßen und zu dem Zwecke eingeſchoben worden, den Wunſch der Jungfrau anſchaulicher zu begründen. Auf geſchichtliche Gültigkeit hat demnach jener Mittelſatz keinerlei Anſpruch. Villaret erlaubt ſich, das Einſchiebſel der Chroniſten von Crépy nach Reims hinüberzuſpielen und daraus ein Zwiegeſpräch zwiſchen Johanna und dem Könige zu bilden, worin jene um ihre Entlaßung bittet und dieſer ſie weigert.**) Die Hauptſtütze, worauf die Vertreter der fraglichen Anſicht fußen, iſt die Schlußſtelle in der Zeugenausſage des Grafen Dunoiss.„Zuletzt ſagt der Zeuge, darüber befragt: Ob⸗ gleich Johanna manchmal, um die Krieger aufzumuntern, im Scherz über vieles auf den Krieg Bezügliche redete, was vielleicht nicht zur Ausführung gekommen iſt, ſo behauptete ſie doch, wenn ſie ernſthaft vom Kriege, von ihrem Werke und ihrem Berufe ſprach, niemals etwas anderes, als daß ſie geſandt ſei, um die Belagerung von Orleans aufzuheben, dem unter⸗ drückten Volke in der Stadt und den umliegenden Ortſchaften zu helfen und den König nach *) Treffend Haſe a. a. O., S. 43: Es iſt der Seufzer eines noch verſagten Glücks und mit dem Bewußtſein diefer Verſagung. Und S. 157: Jedenfalls liegt in der Weiſe, wie die Jungfrau den Wunſch ausſpricht nach Dunois wie nach der Chronik, daß ſie nicht eine volle Berechtigung des⸗ ſelben anerkennt und nicht auf eine ſofortige Gewährung deſſelben hofft.— Sickel a. a. O., S. 321: Denſelben Wunſch hatte die Jungfrau ſchon in früheren Tagen gehegt, und was ſich jetzt der Erfüllung deſſelben widerſetzte, war nicht das Bitten des Königs oder das Drängen des Hofes, der ſich vielmehr gern ihrer entledigt hätte(?), ſondern das Bewußtſein, daß ſie ihre Aufgabe noch nicht gelöſt habe. *) Q. A. p. 38. C'est là le seul témoignage sur lequel ait jamais pu se former cette opinion si accreditée, que, Charles VII une fois sacré, Jeanne, qui avait fini sa tàche, ne resta sous les armes que pour complaire au roi. Pour en étre venu là, il faut d'abord avoir commis un contre-sens sur la phrase je voudrais quil lui pluút, en rapportant au roi le pronom qui se rapporte à Dieu.— Wallon: Jeanne d'Are, I. 140: L'addition est telle qu'elle change, presque à l'insu de l'auteur, tout le sens du passage, car ce n'est plus de Dieu, c'est du roi que la Pucelle, dans la forme nouvelle du récit, paratt vouloir obtenir son retour auprés de ses parents! On peut donc dire que la leçon est sans valeur en face du texte parfaitement clair de l'original. Evidemment, dans ce récit, les paroles de Jeanne ne sont ni un aveu que sa mission est terminée, ni un désaveu de Ventreprise qu'elle poursuit: c'est le cri du coeur au milieu des répugnances naturelles qu'elle savait vaincre pour obéir à ses voix; comme à Vaucouleurs, quand elle demandait à partir, déeclarantqu'il n'y aurait de salut que par elle, elle ajoutait:„Et pourtant j'aimerais bien mieux filer auprès de ma pauvre mère; car ce n'est pas mon état: mais il faut que j'aille et que je le fasse, parce que Messire veut que je fasse ainsi. 3 Reims zu führen, damit er geſalbt werde.“ Schlechthin und ohne Beiwerk bezeichnen auch F. Garivel, der übrigens im Jahre 1429 ein Kind von dreizehn Jahren war, ferner W. v. Richar⸗ dille, R. Thierry, G. Thibaud und S. Charles die beiden von Dunois angegebenen Stücke als Johannas Aufgabet. Sehen wir vorläufig von den letztgenannten Zeugen ab, die höchſtens nur einen Beweis aus dem Schweigen ermöglichen, und halten uns lediglich an Dunois, ſo müßen wir erſtens behaupten, daß ſeine Angabe ein ſehr beſtimmtes Zeugnis gerade für das iſt, was ſie verneinen ſoll. Johanna hat alſo zur Aufmunterung der Krieger vieles in Ausſicht geſtellt, was nicht zu Stande gebracht iſt. Durch wen nicht? Doch nur durch ſie nicht, denn zur Zeit des Reviſionsproceſſes war allerdings alles in Erfüllung gegangen, was Johanna ver⸗ kündigt hatte. Und dieſes viele, was ſie ihren Kriegern zur Ermuthigung vorhielt, was wird, was kann es ſonſt geweſen ſein, als die Befreiung des ganzen Vaterlandes? Zweitens aber: Wem fällt nicht die in Abſichtlichkeit in dem Munde des Frageſtellers wie die überlegte Zurück⸗ haltung und Abgemeßenheit in der Antwort des Grafen auf? Wir haben oben bereits darauf aufmerkſam gemacht, daß, wenn Johanna auf Geheiß ihrer Heinigen beim Heere geblieben ſei, das Scheitern ihrer Miſſion in den Augen der treuen Franzoſen nur zwei Urſachen gehabt ha⸗ ben könne. Entweder mußte Johanna oder mußten die, an welche ſie geſendet worden, ſich nachträglich der Gnade Gottes unwürdig gemacht haben, die letzteren dadurch, daß ſie nicht ge⸗ than, was Johanna als Gottes Willen bezeichnete. Auch ließen beide Möglichkeiten ſich vereint denken. Durfte man ſie aber auch gelten laßen? Die eine nicht, ohne Johanna, die andere nicht, ohne den König in tiefen Schatten zu ſtellen. Kurz, wir glauben, daß, um beides zu ver⸗ hüten, man im Reviſionsproceſs das Anſehen des Grafen nach beiden Seiten hin als Schild gebraucht hat, und daß es dem Herzen Dunois nicht ſchwer geworden iſt, ſich mit ſeinem Ge⸗ dächtnis abzufinden. Ueberſehen wir dabei den doppelten Wink nicht, daß einestheils alle Zeugen des Reviſionsproceſſes*) den Zeitabſchnitt zwiſchen der Krönung des Königs und Johannas Ge⸗ fangennahme ganz und gar mit Stillſchweigen übergehen, und daß anderntheils, wie wir weiter unten ausführen werden, ſämmtliche Nachrichten, welche aus der Zeit bis zur Krönung Karls VII herſtammen als das Ziel von Johannas Miſſion die vollſtändige Freiheit Frankreichs bezeichnen. Erinnern wir uns übrigens, daß im Gedanken Johannas das franzöſiſche Reich das Reich Chriſti, der franzöſiſche König Lehnsträger des Herrn im Himmel war, und daß ihr aus dieſer Idee die Ueberzeugung entſprang, der Beſitz der Krone ſei die göttliche Bürgſchaft für die Wie⸗ dereroberung des ganzen Reiches“*), ſo kann es für uns keinem Zweifel unterliegen, daß Johanna recht oft die Salbung Karls VII in Reims, deren Vorbedingung Orleans Rettung war, kurzweg als den Zweck ihrer himmliſchen Sendung angegeben hat. Dies wird der Natur der Sache nach vorzugsweiſe zu Anfang ihres Auftretens, wo ihr das Ganze ihrer Miſſion noch als ideelle Einheit und die Krönung als deren Mittelpunct vor Augen ſtand, der Fall geweſen und zum Theil ſchon daraus die Thatſache zu erklären ſein, daß Earivel und die erwähnten Mitzeugen den Beruf Johannas auf Orleans und Reims beſchränken. Daß aber Johanna dabei keineswegs ſtehen geblieben iſt, ſondern ſowohl in Vancouleurs***) als in Chinon und Poitiers die Befreiung des ganzen Vaterlandes als ihre Aufgabe dargeſtellt hat, das läßt ſich unſeres Dafürhaltens zur abſchhgenden Gewisheit erheben. Wir ſtellen in den Vordergrund unſerer Beweisführung ein Wort Johannas, das für ſich allein zur Entſcheidung ausreicht, aber ſonderbar genug ſämmtlichen Forſchern entgangen 1 69 Bis auf den einzigen d'Aulon, welcher die wunderbare Einnahme von Saint⸗Pierre-le-Mouſtier ervorhebt, Q. III, 217. ſchtni **) Das iſt der Kern ihres Gedankens, den Dunois 0. III, 13, im Gedächtnis bewahrt hat: Quod, dum rex esset coronatus et sacratus, potentia adversariorum diminueretursemper, nec possent finaliter nocere sibi neque regno. *) Q. II., 436: recuperare regnum Franciæ. 1* 4 iſt. Im Verhör vom 13. März 1431 hat Johanna ihren Richtern geſagts:„Der Engel ver⸗ ſicherte den König, indem er ihm die Krone brachte, er werde das ganze Reich unge⸗ ſchmälert erhalten durch die Hülfe Gottes und die Mühwaltung der Johanna (quod ipse haberet totum regnum Franciae ex integro, mediante auxilio Dei et mediante labore ipsius Johannae).*) Wer den einfachen Worten nicht unnatürlichen Zwang anthun will, wird ſie nur ſo verſtehen können: Ich Johanna bin von Gott geſandt, um in ſeiner Kraft dir(Karl VII) ganz Frankreich zu erobern. Das hat Johanna dem König bei der erſten Unterredung in Chinon geſagt.. An die Engländer läßt Johanna in Poitiers am 22. März 1429, alſo ein paar Wochen ſpäter ſchreiben:„Ich bin hieher geſchickt von Gottes wegen, des Himmelskönigs, um euch Leib gegen Leib aus ganz Frankreich zu verjagen(pour vous bouter hors de toute France). Und heget nicht den Wahn, daß ihr das Königreich Frankreich erhal⸗ ten werdet von Gott, dem Könige des Himmels, dem Sohn der heiligen Maria; ſondern erhalten wird es der König Karl, der wahre Erbe, denn Gott, der König des Himmels, will es alſo, und es iſt ihm durch die Jungfrau offenbart: er wird einziehen in Paris mit guter Geleitſchaft.“ In den fünf Abſchriften, worin ſich jener Brief erhalten hats, ſtehen dieſe Worte und, was das Wichtigſte iſt, Johanna hat dieſelben vor Gericht als echt anerkannt. Sie entſprechen haar⸗ ſcharf der Verſicherung, die ſie dem König bei der erſten Audienz gegeben hat. Daß die Jungfrau die Befreiung des Herzogs Karl aus der engliſchen Gefangenſchaft dem Könige als ein Hauptſtück ihrer Aufgabe bezeichnet und daß ſie dies bereits in Chinon gethan hat, ſteht durch ihr eignes und andere unverwerfliche Zeugniſſe feſt-k. Nehmen wir Orleans und Reims hinzu, welche ſie nach übereinſtimmender Angabe als nächſtes Ziel ihrer kriegeriſchen Thätigkeit hingeſtellt hats, ſo haben wir aus ihrem eigenen Munde die vier Stücke, welche den Geſammtinhalt ihrer Lebensaufgabe umfaßen. Vollſtändig ſteht damit im Einklange, was ſowohl die ärgſten Feinde als die beſten Freunde der Jungfrau beſagen, welche in unmittelbarem Verkehre mit ihr geſtanden haben. Im do. und 17. Artikel werden von dem Promotor des Verdammungsproceſſes drei von jenen Stücken: Orleans, Reims, Vertreibung aller Engländer und Burgunder aus Frankreich, namhaft gemacht⸗*), der 39. Artikel enthält das vierte Stück, die Befreiung des ge⸗ fangenen Herzogs Karlo. Der Herzog von Alencon, den wir als den innigſten Vertrauten Johannas zu betrachten haben, verſichert, von ihr in Gegenwart des Königs gehört zu haben, ſie habe vier Aufträge: die Engländer zu verjagen(fugare), den König in Reims kroͤnen und ſalben zu laßen, den Herzog von Orleans aus den Händen der Engländer zu befreien und die Belagerung von Orleans ifſuhelbenee Nur die Verblendung vorgefaßter Meinung hat fugare (chasser) durch ſchlagen überſetzen können. Soll das Wort den Sinn eines ſelbſtändigen 3*) Wir kennen ja die Engelsfiction und wißen, daß der Engel hier Sinnbild der Jungfrau ſelber iſt, wie ſie dem König die ihr durch den Erzengel Michael und die Heiligen gewordene Offenbarung verkündigt. S. II. Theil, S. 13. **) Q. I., 232. Johanna antwortet: Ich verkündigte meinem König, daß unſer Herr ihm ſein Reich Frankreich wiedergeben, ihn zu Reims krönen laßen und ſeine Gegner vertreiben würde. Des war ich eine Botin Gottes, indem ich ihm ſagte, er möge mich kühn an's Wetk ſetzen, und ich würde die Belagerung von Orleans aufheben. Ich ſprach vom ganzen Reich, und daß, wenn der Herr von Burgund und andere Unterthanen des Reiches nicht Gehorſam leiſten würden, der König ſie mit Gewalt dazu zwingen werde. Q. Ap., p. 43: C'est là une réponse vague, d'où l'on peut in- férer seulement qu'elle ne voulait ni nier, ni convenir que tout cela daàt se faire par son entremise, et si les juges n'insistèrent pas davantage, c'est qu'ils avaient la preuve écrite que la Pucelle s'était Suleneda comme l'exterminatrice des Anglais dans sa lettre envoyée aux chefs de l'armée devant rléans. 5 Werkes haben, ſo kann es nur von gänzlicher Vertreibung verſtanden werden*). Durch Perceval von Cagny, Alencons Haus⸗ und Stallmeiſter, wißen wir, daß Johanna dieſes Geſtändnis zu Chinon im Monat März 1429 abgelegt hatit. Auch Séguin, einer der Examinatoren in Poi⸗ tiers, hat Johanna daſelbſt vier Dinge vorausſagen hören¹2: 1) Die Engländer werden ver⸗ nichtet(destructi, dem fugare entſprechend) und die Stadt Orleans wird von ihnen befreit werden; 2) der König wird in Reims geweiht werden; 3) die Stadt Paris wieder unter die Botmäßigkeit des Königs kommen; und 4) der Herzog von Orleans aus England zurückkehren. Allerdings ſagt Séguin nicht, worauf die Gegner Gewicht legen, daß Johanna alle dieſe Thaten als ihre Aufgabe aufgezählt habe, aber er macht auch keinen Unterſchied, ſondern ſtellt ſie ſämmt⸗ lich auf gleiche Linie. Der Grund, weshalb er dieſe Form des Ausdrucks wählte, iſt auf jeden Fall derſelbe, welcher Dunois und ſeine Mitzeugen zur Zurückhaltung beſtimmte.**) Sehen wir nunmehr, wie Johanna ihre in Chinon und Poitiers gethanen Aeußerungen bis über Reims hinaus und in die Gefangenſchaft hinein aufrecht hielt. In Selles ſetzte ſie am 6. Juni dem Herrn Veit von Laval Wein vor mit den Worten, ſie werde ihm bald in Paris Wein zu trinken geben, was jener am 8. Juni ſeiner Mutter ſchrieb.* Unter dem 21. Juni d. J. berichtete Perceval von Boulainvilliers, Seneſchall von Berri, dem Herzog von Mailand, Johanna ſage,„die Engländer hätten kein Recht in Frankreich, ſie ſei von Gott geſchickt, um dieſelben daraus zu vertreiben.... der Herzog von Orleans müße auf wunderbare Weiſe befreit werden.“ Johanna meint damit ihren Zug nach England, ſofern der Herzog nicht durch Austauſch gegen gefangene Engländer erlöſt werdei. Ungefähr um dieſelbe Zeit ſchrieben die Abgeſandten einer deutſchen Stadt oder eines deutſchen Fürſten in ihre Heimat:„Und iſt yetzund der König uff dem Felde mit Jungfrowen, und wil die Engelſchen uß dem Lande ſchlagen, wanne die Jungfrowe heit ime verheißen, ee dann Sant Johannes Tag des Deuffers kome in dem XXIX. Jare, ſo ſolle kein Engelſcher alſo menlich noch ſo geherit ſyn, das er ſich laße ſehen zu Velde oder zu Strite in Franckenreich¹s.“ Joh. Gerſon, Jak. Gelu, Heinr. v. Gorckheim und der Verfaſſer der Sibylla Francica gehen in ihren theologiſchen Unterſuchungen über die Glaub⸗ würdigkeit der Jungfrau von der Verheißung derſelben aus, dem König Karl ſein Reich wieder⸗ zuerobern und die Feinde daraus zu verjagen 1s. Am 4. Juli fordert Johanna die Bürger von Troyes im Namen Gottes auf, dem König Gehorſam zu leiſten, der in der Kürze in Reims und in Paris ſein werdelz. Am Kroͤnungstage(17. Juli) ſchreiben drei Edelleute vom Hofe Karls VII an deſſen Gemahlin, die Königin:„Morgen wird der König nach Paris ziehen. Die Jung⸗ fran hegt keinen Zweifel, daß ſie Paris ihm unterwerfen werdeis.“ Perceval von Cagny ſaßt in ſeiner Chronik unmittelbar nach der Beſchreibung der Kroͤnung:„Die Jungfrau hat die Ab⸗ ſicht, den König in ſeine Herrſchaft wieder einzuſetzen und ſein Reich unter ſeine Botmäßigkeit zu bringen¹9.“ Chriſtine von Piſan betrachtet in ihrem mit dem 31. Juli unterzeichneten Ge⸗ dichte die Vernichtung des engliſchen Weſens als den geringſten Gegenſtand von Johannas Miſſion 2o. Vor Ende des Juli, nach der Krönung, meldete Karls Geheimſchreiber Alain Chartier einem Fürſten des Auslandes, die Stimme des Erzengels habe der Jungfrau aufgetragen: *) D'Aulon bezeugt, O. III, 209: der König habe nach der erſten Audienz Johannas in Chinon geäußert, letztere habe ihm geſagt, ſie ſei von Gott an ihn geſandt, um ihm zur Wiedereroberung ſeines Reiches zu verhelfen, welches damals größtentheils von den Engländern beſetzt war. **) 0. Ap. p. 41. Wallon I, 146: Est-ce à dire que Jeanne düt atteindre à ce quadruple but sous peine d'étre en contradiction avec soi-meme! Non assurément. Elle disait qu'elle était envoyée pour le faire, mais non qu'elle le ferait en tout état de cause. II fallait qu'on y aidaàt. Et les choses dont elle avait annoncé l'accomplissement au roi finirent après tout par s'accomplir. Vergl. O. IV, 326(le doyen de Saint Thibaud de Metz vers 1445): Et adoncque dit au roi pre- mieèrement tout son affaire et la manière qu'il convenoit tenir: et s'il la vouloit croire et avoir foy en Dieu, en monsieur sainct Michel et Madame saincte Catharine, et en elle, qu'elle le moinroit corroner à Reims et le remectroit paisible en son royaume. Vergl. IV, 311. 6 Befreie Orleans von der Belagerung, führe darauf den König nach Reims zur Krönung, gieb dem Geweihten Paris wieder und ſetze ihn wieder ein in ſein Reich(regnum resti- tuas)2¹. Am 5. Auguſt benachrichtigt Johanna die Bewohner von Reims:„Der König hat mit dem Herzog von Burgund einen Waffenſtillſtand von vierzehn Tagen geſchloßen auf die Bedin⸗ gung hin, daß dieſer ihm Paris mit Ablauf der vierzehn Tage friedlich übergebe. Mittlerweile wundert euch nicht, daß ich nicht ſo ſchnell daſelbſt einziehe22.“ Ebenſo zuverſichtlich ſpricht ſie in dem Antwortſchreiben an den Grafen Johann von Armagnac(22. Auguſt):„Wann ihr er⸗ fahret, daß ich in Paris binꝛc. 24.“ Daß Johanna ſogar in der Gefangenſchaft die Hoffnung nicht aufgegeben hat, ihren göttlichen Beruf noch bis zu Ende zu vollbringen, dafür bürgt eines⸗ theils ihre feſte Erwartung, durch eine That Gottes der Gewalt ihrer Feinde entrißen zu werden*) (oportebit semel quod ego sim liberata)²¹, anderntheils das ſchlagende Wort, womit ſie am 2. Mai 1431 kurz vor ihrem Tode die Ermahnung der Richter, ein Weiberkleid anzuzirhen, zurückweiſt:„Wann ich das werde vollbracht haben, um deſſentwillen ich von Gott geſandt bin, dann werde ich weibliche Kleidung anlegen ²5.“ Alle dieſe Zeugniſſe runden ſich zu einem gegen jeden Widerſpruch ſo feſt in ſich geſchlo⸗ ßenen Ganzen, daß es keines indirecten Beweiſes bedarf, um die Thatſache zu begründen, daß die Wiedereroberung von ganz Frankreich in Johannas Idee das Ziel ihrer göttlichen Sendung war. Indeſſen gibt es auch einige indirecte Beweiſe, die wir zum Schluße anführen wollen. Desjardins und Wallon meinen, wenn Johanna die Abſicht zu gehen offenbart hätte, ſo würde ihr ſchwerlich ſeitens der Hofleute ein Hindernis in den Weg gelegt worden ſein. Wir laßen das für jetzt dahin geſtellt ſein. Richtig aber bemerkt Haſe:„Das Jahr ihrer Sendung war kaum zur Hälfte abgelaufen und es zeigt ſich keine Spur, daß ſie gegen die Stimme ihrer Heiligen, die ſie fortwährend hört, geblieben wäre.“**) Auch keine Spur von Reue oder Gewißens⸗ bißen, fügen wir hinzu, kein Anzeichen, daß ſie ihre Gefangennahme als Strafe für die Ueber⸗ ſchreitung ihres göttlichen Berufes und für die Misachtung ihrer Stimmen betrachtet hätte. Und eben dieſer Umſtand führt uns auf einen Gedanken, der, ſo nahe er liegt, ja vielleicht ge⸗ rade um deswillen, noch keinem Kritiker in den Kopf gekommen iſt. Für uns und, wie wir hoffen, für jeden, der die Verhöracten nachleſen will, iſt dieſer Gedanke von ſo ſiegender, ſo zwingender Beweiskraft, daß er nicht bloß einem, ſondern ſämmtlichen poſitiven Zeugniſſen die Wage hält und allein für ſich die ganze Streitfrage unbedingt beſeitigt. Die Richter haben nämlich Johanna gefragt, ob ſie immer thue, was die Stimmen ihr vorſchrieben, und ſich zu wiederholten Malen beeifert, ſie des Ungehorſams gegen ihre Stimmen zu zeihen:s, lediglich in der Abſicht, ſie in ihrer eignen Schlinge zu fangen, ſie von ihrem eignen Standpunct aus als eine gottvergeßene Perſon zu brandmarken, ja der Todſünde zu überführen. Welch ein beßeres Mittel, welche ſchärfere Waffe hätten ſie gehabt, um nach dieſer Seite hin einen wahren Streich der Vernichtung gegen Johanna zu führen, als wenn ſie ihr das Bleiben beim Könige wider ihres Gottes und ſeiner Heiligen Gebot unter die Augen gerückt hätten? Gegen einen ſolchen Schlag hätte es für Johanna keine Wehr gegeben, mit ſchweigender Scham hätte ſie ihn hin⸗ nehmen müßen. Aber nicht die geringſte Andeutung eines derartigen Vorhaltes oder Hinterge⸗ dankens findet ſich in den Proceſsacten oder ſonſt irgendwo. Ueberall liegt vielmehr die gegen⸗ theilige Ueberzeugung zu Tage und zwar auf Grund unwiderſprechlicher Zeugniſſe und Thatſachen. r) *) Den tieferen Sinn der Verheißung verſtand Johanna erſt auf dem Scheiterhaufen. **) Haſe bezieht ſich(S. 41 u. f.) mit dieſem Jahre auf die Worte des Herzogs von Alencon, 0. III, 99:„Ich hörte einſtmals Johanna zum Könige ſagen, ſie werde ein Jahr dauern und nicht viel länger.“ Bei dieſen Worten iſt übrigens Johannas Ausſage Q. I. 134 und 254 mit in Anſchlag zu bringen:„Um letzteres(d. i. die Befreiung des Herzogs von Orleans) zu Stande zu bringen, war eine kürzere Friſt geſtellt, als drei Jahre, und eine längere, als ein Jahr. ***) Wir brauchen hier nur an die vorhin angeführten Beweisſtellen aus den Klageartikeln des Promotor zu erinnern. Vergl. überdies z. B. den 57. Artikel des Promotors. 7 Daß den Richtern die Sache ſelbſt unbekannt geblieben wäre, auf dieſen Einwand könnte nur derjenige verfallen, der nie einen Blick in die Acten gethan hätte und nicht wüßte, wie bis in's Kleinſte unterrichtet Johannas Gegner über alles waren, was auch nur von ferne einen Schatten auf ſie zu werfen ſchien, oder woraus ſich ein Strick zu ihrem Verderben drehen ließ. Wie aber, könnte man ſagen, wenn Johanna zwar nicht gegen ihrer Heiligen aus⸗ drückliches Verbot, wohl aber ohne deren Gebot oder mindeſtens Genehmigung unter den Waffen geblieben wäre? Auch das wäre eine, wenn gleich nicht ſo grobe, doch keineswegs zu rechtfertigende Ueberſchreitung ihres Berufes geweſen. Daß dem nicht ſo iſt, dafür bürgt uns abermals der Umſtand, daß die Richter nicht die entfernteſte Ahnung davon gehabt haben. Oder dürfen wir ihnen etwa die greuzenloſe Dummheit zutrauen, daß ſie in den Verhören dieſen entſcheidenden Punct gänzlich außer Acht gelaßen hätten? Was würde es doch der Jung⸗ frau geholfen haben, wenn ſie für ihren heiligen Beruf, Orleans zu befreien und den König zu krönen, ſelbſt die Engel des Himmels hätte als Zeugen vorführen können, ſofern ihr die göͤtt⸗ liche Zuſtimmung und Vollmacht gefehlt hätte, über Reims hinaus ihre kriegeriſche Thätigkeit fortzuſetzen? Häͤtten die Richter, um Johanna zu verderben, mehr gebraucht, als ein ſolches Eingeſtändnis? Würden ſie nicht nach den Zeitbegriffen befugt geweſen ſein, die ganze Fluth von Beſchuldigungen und Anklagen, womit ſie ungerechter Weiſe Johannas Leben überſchüttet haben, mit vollſtem Rechte über die zweite und der Zeit nach größte Periode ihrer öffentlichen Thätigkeit auszugießen? Des Königs Wille, daß ſie bleibe, hätte ſie nicht von den Todſünden der Männertracht, des Blutvergießens, des lugeriſcheß Vorgebens göttlicher Offenbarungen be⸗ freitez. Und wie hätte die Jungfrau ſich entblöden dürfen, nicht einmal, nein bei jeder Ge⸗ legenheit zu ſagen 28:„Ich habe nichts gethan außer durch Offenbarung; alles, was ich ge⸗ than, habe ich nach Gottes Vorſchrift gethan,“ wenn ſie nach Vollendung deſſen, wozu ſie allein geſendet worden, eigenmächtig auf der Bahn der Kriegerin geblieben wäre? Wie hätte ſie noch vor Saint-Pierre-Le-Mouſtier glauben können, von den himmliſchen Heerſcharen umgeben zu ſein, wenn ſie ohne Ermächtigung der Himmliſchen vor der Feſte geſtanden hätte? Davon ganz zu geſchweigen, daß ſich von einer Unterbrechung des Verkehrs mit ihren Heiligen nirgends eine Andeutung findet. Allerdings beſchränkt ſie ſpäter das Wort alles in jenem Ausſpruch durch den Zuſatz(alles)„Gute“, aber daß ſie mit dieſem Zuſatz ihre ſämmtlichen Thaten ſeit der Krönung Karls VII aus der Reihe der guten, kraft goͤttlichen Auftrags vollbrachten tilgen und damit den Ausſpruch ſelbſt zu einer ſcham⸗ und gewißenloſen Lüge ſtempeln wolle, daran haben nicht einmal ihre erbitterſten Feinde, die Richter, gedacht, ſondern nur zu den Fragen Anhalt gefunden, ob ſie gut oder übel gethan habe, Paris und La Charité anzugreifen²s. Nach allem dem glauben wir unwiderlegbar dargethan zu haben, daß Johanna die Krö⸗ nung ihres Königs nicht als das Ende, ſondern als den Mittelpunct ihrer Miſſion gedacht hat. Zweiter Theil. Thaten der Johanna d'Arc. I.. Abſchnitt. Von der Krönung des Königs in Reims bis zur Gefangennahme der Jungfrau vor Compidgne. §. 6. Von Reims bis vor Paris und zurück an die Loirr. Die Kroͤnung Karls VII in Reims bildet wie den Mittel⸗ und Herzpunct von Johannas göttlicher Sendung, ſo den Gipfel ihrer irdiſchen Herrlichkeit. Das ganze königliche Frankreich glühte in Begeiſterung für die gottberufene Retterin und alle Nachbarſtaaten durchhallte der Preis ihres gefeierten Namens. Wer zweifelte noch, daß Johanna auch den übrigen Theil ihrer Miſſion mit gleichem Glücke vollenden würde? Allgemein erwartete man im In⸗ und Aus⸗ lande, die Jungfrau werde ihrer Verheißung gemäß den neugekrönten König allernächſt in die Hauptſtadt ſeines Reiches einführen]. In der That verkündigte ſie am Krönungstage zu Reims die baldige Unterwerfung von Paris und mahnte auf's dringendſte zu ſchleunigem Aufbruch. Des Erfolges war ſie gerade ſo gewis, wie bei ihren früheren Unternehmungen. Aeußerungen der Furcht vor der Macht der Herzöge von Burgund und Bethford, die, wie es ſcheint, am Hofe laut wurden, wies Johanna mit der Glaubenszuverſicht zurück:„Unſer Gott hat mehr Macht, als die Engländer und Burgunder, er wird mir nachhelfen, und wenn der Herzog von Bur⸗ gund und der Regent mehr Volk wider mich bringen, ſollen ihrer mehr erſchlagen werden, dies will ich unter der Bedingung gewährleiſten, daß man niemandem etwas nehme und den armen Leuten keine Gewalt anthue.“ Volk und Heer jauchzten gläubig dem Glaubeu der Heldin entgegen. Nach Paris! erſchallte der allgemeine Ruf und der Abmarſch ward auf den folgenden Tag(48. Juli) feſtgeſetzt. ² Der Moment war bedeutend, die Zeit koſtbar. So eben hatte die Zuſammenkunft des Herzogs Philipp mit ſeinem Schwager von Bethford ſtattgefunden.*) Am 16. Juli war erſterer von Paris abgereiſt, nachdem er dem Herzog von Bethford den Herrn von LIle Adam nebſt 700 Kriegern und das Verſprechen weiterer Hülfsleiſtung hinterlaßen hatte. Bethford übergab dem Herrn von LIle Adam den Oberbefehl in der Hauptſtadt und verließ dieſelbe am 18. Juli, *) S. Theil II.,§. 4 gegen Ende. 9 um ſeinem Oheim, dem Cardinal von Wincheſter, entgegenzugehen und den kurz zuvor von ihm angeordneten Ausmarſch aller in der Normandie verfügbaren Mannſchaften zu beſchleunigen.*) Paris war bis zur Rückkehr des Herzogs, welche erſt am 25. Juli erfolgte, nicht im Stande, dem Angriff eines gewaltigen Heeres Trotz zu bietens. Eine raſche That, ein Marſch ohne un⸗ nuthiden Aufenthalt, und die Reichshauptſtadt iſt gewonnen! Wird der König diesmal dem Glaubensruf des begeiſterten Heldenmädchens Gehör ſchenken? Wird er die koſtbaren Tage, die er, Dank dem Unglauben und der eigennützigen Politik ſeiner Räthe, in Gien, vor Auxerre und Trohes nutzlos verſchwendet hatte, durch unverweiltes Vorgehen gegen Paris wieder einzu⸗ bringen ſuchen? Hat Karl in dem Wunder ſeiner Krönung die Hand Gottes erkannt? Iſt der Unglaube und die Selbſtſucht ſeiner Räthe endlich an der Macht der Thatſachen zerbrochen? Ei üm Glaubensprobe liegt vor dem König, die Verſuchung wird nicht auf ſich war⸗ en laßen.. Philipp von Burgund übernahm diesmal die Rolle des Verſuchers. Der Egoismus der königlichen Räthe trat als natürlicher Verbündeter auf die Seite des Herzogs, und ſo war es ein Leichtes, den Unglauben und die Trägheit des Königs zum Argen zu verlocken. Schon am Krönungstage ſchickte Herzog Philipp aus Laon, wohin er von Paris geeilt war, eine Ge⸗ ſandtſchaft nach Reims und ließ Karl VII ſeine Geneigtheit zu einem Friedensvertrage aus⸗ prechen. Daß er nicht verfehlt hat, dem Könige Hoffnung zu machen auf eine friedliche Be⸗ ehen von Paris, ſtellt der Fortgang der Unterhandlungen außer Zweifel. Das aber war geradezu alles, was die Thatenſchen des Königs und die Selbſtſucht der Räthe wünſchen konnte. Ein pflichttreuer, von Eigennutz nicht geblendeter Sinn hätte ſich durch haltloſe Vorſpiegelungen der Art keinen Augenblick berücken laßen, auch nur ein Haar breit von der Bahn abzuweichen, die Johannas Mund ſo laut vorſchrieb und der Finger Gottes ſo deutlich bezeichnete. Was heißt das Gegentheil anders, als das Heil der Krone wie des Vaterlandes auf ungewißes Spiel ſetzen? Der Glaube würde es ein Gottverſuchen nennen. Man wußte in Reims ſo gut, wie in Paris, daß die Herzöge von Burgund und Bethford ſich zu engerem Bunde die Hand gereicht, daß ſie in einer theatraliſchen Scene den alten Haß der Pariſer gegen ihren eingebor⸗ nen König zu neuer Flamme angeſchürt, daß ſie das Geloͤbnis der Treue von den Einwoh⸗ nern nochmals entgegengenommen und ihrerſeits verſprochen hatten, die Stadt gegen den gemein⸗ ſamen Feind mit vereinten Waffen zu beſchützen. Um ſo mehr gebot jede Vernunft, den Schlag auf Paris ſo raſch als möglich zu führen, damit die verbündeten Herzöge nicht Zeit behielten, ihre Heere zu ſammeln. Und weſſen konnte man ſich von einem Fürſten verſehen, der am 15. Juli feierliche Klage wegen Friedensbruches und Ermordung ſeines Vaters gegen Karl VII *) Ueber die Stimmung des Herzogs von Bethford urtheilt Wallon I, 147: Dans une lettre datée du 16 juillet(Rymer, t. X, p. 432), la veille du sacre, le régent, annonçant au conseil d'Angleterre que Reims, après Troyes et Chalons, devait le lendemain ouvrir ses portes au dauphin (le dauphin y entra ce jour meme), ajoutait:„On dit qu'incontinent après son sacre il a intention de venir devant Paris et a espérance d'y avoir entrée; mais à la gràce de N. S., aura résistance.““ Mais si les villes, de Gien à Reims, avaient montré si peu d'ardeur à le combattre, devaient elles, après le sacre, résister mieux, de Reims à Paris? Le ton mèême du message de Bedford prouve qu'il n'en était pas si assuré. Le sacre, il le sentait bien, devait produire partout une impression considérable en France. C'est pour cela que dans cette lettre il manifeste tant de regrets que le jeune Henri VI w'ait pas prévenu son rival, tant d'impatience qu'il vienne en France se faire sacre à son tour„en toute possible célérité“: car, ajoute-t-il,„s'il eũt plu a Dieu que plus iôt y ft venn, ainsi que jà par deux fois lui avoit été supplié par ambassadeurs et messagers, les inconvénients ne fussent pas tels qu'ils sont.“ A défaut de Notre-Dame de Reims, il ſallait donc lui garder au moins Notre-Dame de Paris. Or, dans cet ébranlement général, Paris même n'était pas sr; et pour le garder le régent en était réduit à compter sur deux hommes qui n'Ctaient laà ni l'un ni l'autre, le duc de Bourgogne qui venait de partir, et le cardinal de Winchester qui w'arrivait pas. 2 10 erhoben hatte und zwei Tage nachher ſeinem öffentlich erklärten Todfeinde die Hand zum Ver⸗ gleiche bot! Da nach einer Handlung ſolcher Feindſeligkeit ſo ploͤtzlich an eine aufrichtige Sinnesänderung nicht zu denken war, ſo mußte ein Kinderverſtand begreifen, daß der Herzog den König Karl durch den Heuchelſchein der Friedensliebe betrog. Wer gleichwohl in der Ver⸗ ſtocktheit ſeines Egoismus dafür keinen Blick hatte, der mußte doch aus dem Umſtande, daß Philipp bloß für ſeine Perſon und nicht zugleich im Namen ſeines Bundesgenoßen den Frieden in Ausſicht ſtellte, die Ueberzeugung ſchoͤpfen, daß er dem Herzoge von Bethford die Treue brach. In beiden Fällen wie durfte man dem Treuloſen trauen? Möglich auch, daß das ganze Gebaren Philipps aus einem politiſchen Schaukelſyſtem entſprang, deſſen unſauberer End⸗ zweck darauf hinauslief, ſich die Wege nach beiden Seiten hin möglichſt offen zu erhalten, um ſowohl die glücklichen Erfolge als die Verlegenheiten beider Parteien im eigenſten Intereſſe aus⸗ zubeuten. Immer derſelbe Trug, dem gegenüber man wenigſtens ein heilſames Mistrauen be⸗ wahren mußte. Allerdings wäre es nicht klug geweſen, die dargebotene Hand unbedingt zurück⸗ zuſtoßen, man mußte im Gegentheil den Herzog wo möglich von England zu ſcheiden ſuchen, auf keinen Fall aber durfte man ſich in der Kriegführung irgendwie beirren laßen, am wenigſten den Zug gegen Paris auch nur um eine Stunde hinausſchieben.*) Bedeutende Waffenerfolge ſind ohne⸗ hin die beſten Vermittler und Förderer der Unterhandlungen, und wer einen vortheilhaften Frieden will, muß dem Worte mit gehobenem Schwerte Nachdruck leihen. Daß Johanna, wenn ſie über die Unterhandlungen zu Rathe gezogen wäre, was natürlich nicht geſchehen iſt, in keinem an⸗ dern Sinne gerathen haben könnte, verſteht ſich von ſelbſt, und wird ihr eigenes Wort uns ſpäter überzeugend darthun. So heiß ſie die Verſöhnung des Herzogs mit dem Koͤnige er⸗ ſehnte, was ihre Briefe an jenen beweiſen, wofür inſonderheit das am Krönungsmorgen abge⸗ faßte Schreiben ein rührendes Zeugnis ablegt, ſo fern lag ihr der Gedanke, ſich durch Unter⸗ handlungen in dem Befreiungswerk des Vaterlandes unterbrechen zu laßen. Der Verlauf der Begebenheiten wird die wahre Abſicht des Burgunderherzogs vollſtändig in's Licht ſetzen. Die erſte Frucht ſeines wohl angelegten Ränkeſpiels war die, daß Karl ſtatt am 18. ſich erſt am 21. Juli nach Saint-Marcoul de Corbeny in Bewegung ſetzte und ſomit drei Tage verſchleuderte, die unter den bewandten Umſtänden mehr, als ebenſoviele Jahre, aufwogen. Schon in Corbeny offenbarte ſich die Wirkung, welche die Krönungshandlung in der ganzen Um⸗ gegend geäußert hatte. An Mareulfs Grabe nämlich überbrachten Abgeſandte der Bürger von Laon dem Könige die Schlüßel ihrer Fart feſtidien Stadts. Allenthalben, wohin fortan der Koͤnig kam, öffneten Städte und Schlößer ihm bereitwillig die Thore oder ließen durch Abge⸗ ordnete ihre Unterwerfung entbieten. Den 22. Juli brachte Karl in dem Städtchen Vailly zu, welches zu dem erzbiſchöflichen Bezirk von Reims gehörte. Die Bürger wetteiferten mit den Einwohnern der anliegenden Ortſchaften, dem Könige ihre Freude darzuthun und die Truppen zu verpflegen. Soiſſons, nur vier Meilen von Vailly entfernt, ließ an demſelben Tage dem Könige die Schlüßel überreichen zum Zeichen der Unterthänigkeits. Am folgenden Morgen(23. Juli) hielt Karl VII daſelbſt ſeinen Einzug, von der Bürgerſchaft und Geiſtlichkeit mit beſonderen Ehrenbezeugungen empfangen. Während ſeines Aufenthalts in Soiſſons bekam er von Chateau-Thierry, Crécy in Brie, Provins, Coulommiers und andern Plätzen die aufrichtigſten Verſicherungen ihrer Ergebenheit. Er ſchickte darauf in dieſe Orte mehrere Offiziere ſeines Hecres, welche überall willkommen geheißen wurden, und ernannte den unermüdlichen La Hire zur Belohnung ſeiner tapferen Dienſte zum Amtmann(bailli) von Ver⸗ mandois. Volle fuͤnf, wenn nicht gar ſechs Tage blieb der König unthätig in Soiſſons!: *) Wallon I, 149: Empecher le retour du duc de Bourgogne et prévenir l'arrivèe de Win- chester, voilà ce qu'il fallait faire; et marcher en avant pour arréter le second était encore le plus sur moyen de reternir le premier. On aima mieux commencer par entrer en négociation avec le duc de Bourgogne; on pensa que, lui gagné, l'Anglais serait déjà vaincu; et Jeanne dut accommoder sa conduite aux décisions qui avaient prévalu. 11 Trefflich wußten ſeine Feinde dieſe Zeit zu nützen. Der Herzog von Bethford zog am 25. Juli mit dem Cardinal von Wincheſter an der Spitze der vier bis fünftauſend Mann, welche dem letzteren aus England über das Meer gefolgt waren, in Paris ein, zum großen Troſte der Bürger, welche bei der geringen Beſatzung der Stadt vor der Gefahr einer Ueber⸗ rumpelung gezittert hatten. Auch die engliſchen und franzöſiſchen Mannſchaften, welche Bethford ſowohl in der Normandie als in den übrigen ſeiner Herrſchaft untergebenen Ländern aufgeboten hatte, kamen mit ihren Führern nach einander an, und Philipp von Burgund, der ſeine Rüſtungen mit der größten Eile betrieb, vermehrte die Streitkräfte ſeines Bundesgenoßen durch eine Abtheilung picardiſcher Krieger unter dem Befehle des Baſtards von Saint-Pol. Dieſem übertrug Bethford, um den Eifer des Herzogs von Burgund für die engliſche Sache zu erhöhen, die Statthalterſchaft von Meaux. Während auf dieſe Weiſe die Feinde des Königs mit raſtloſer Thätigkeit eine Heeres⸗ macht verſammelten, welche, die pariſer Bürgerwehr mitgerechnet, der ſeinigen an Zahl gewach⸗ ſen war, warf dieſer, betrogen und ſich ſelbſt betrügend, die goldene Zeit mit Nichtsthun wegs. Um dieſe himmelſchreiende Sünde gegen Thron und Reich leichter zu verſtehen, duͤrfen wir die Unterhandlungen nicht vergeßen, welche in Reims noch keineswegs ihre Endſchaft erreicht hatten. Philipp wußte ſehr wohl, daß die Einnahme von Paris bei der damaligen Lage der Dinge nicht bloß für England, ſondern auch für ihn die verderblichſten Folgen haben mußte, und hatte deshalb das ganze Triebwerk ſeiner verſchmitzten Politik in Bewegung geſetzt, um dieſem Schlage vorzubeugen. Mit dem ganzen Blödſinn des Egoismus und des Unglaubens kam ihm der Köͤnig ſammt ſeinen Räthen entgegen. Sie wollten Paris lieber der Gnade des Herzogs, als den Waffen der Jungfrau verdanken. Und ſo war dem ſchlauen Burgunder ohne ſonderliche Anſtrengung der Meiſterſtreich gelungen, Karl VII in dem entſcheidenden Zeitpuncte, wo„die Hand Gottes denſelben vorwärts zu deden ſchien“ und ihm alles über Bitten und Verſtehen von ſtatten ging, zum Stillſtehen in ſeinem Siegeslaufe zu vermögen und wenigſtens ſo lange in Unthätigkeit feſtzubannen, bis die drohendſte Gefahr für Paris beſeitigt war. Wird dieſer augenfällige Betrug den König zur Beſinnung bringen?. Soiſſons verlaßend, zog er nicht auf der bisher eingehaltenen Straße weiter, ſondern ſchlug in ſüdlicher Richtung den Weg nach der Marne ein. Am 29. Juli kam er mit der Armee vor Chateau-Thierry an. Stadt und Schloß waren wohl befeſtigt und wurden von dem Herrn von Chatillon, der ſich mit ſeinen Leuten von Reims dahin zurückgezogen hatte, von Johann von Croy, Joh. von Brimeu und einer vierhundert Mann ſtarken Beſatzung vertheidigt. Da die burgundiſchen Herrn ſich zu erfolgreichem Widerſtande zu ſchwach fühlten, und die geſammte Bürgerſchaft gut franzöſiſch geſinnt war, ſo griffen ſie, wie es ſcheint, zu einer Liſt und ließen das Gerücht ausſtreuen, der Herzog von Bethford ſei mit der ganzen engliſchen Armee im An⸗ marſch. Sie erreichten dadurch wenigſtens ſo viel, daß das königliche Heer vorſichtshalber faſt den ganzen Tag unter Waffen blieb, ohne einen Angriff auf die Stadt zu machen, obwohl Jo⸗ hanna ſich für den Ungrund der Nachricht verbürgte. In der Hoffnung aber, der König werde ſich von der Feſte gänzlich zurückziehen, ſahen ſie ſich getäaͤuſcht und knüpften deshalb gegen Abend Unterhandlungen an. Karl deſtattete ihnen und ihren Kriegern freien Abzug mit Hab und Gut, worauf ſie den Platz übergaben und alsbald den Marſch nach Paris antraten, um die Macht des Herzogs von Bethford zu vermehren. Der König zog darauf in Chateau⸗Thierry ein und blieb daſelbſt bis zum Vormittag des 1. Auguſte. Johanna bezeichnete die Tage ge⸗ zwungener Nuhe durch eine Handlung, die ihrem Herzen zur Ehre gereicht. Sie erwirkte näm⸗ lich bei dem König den bereits erwähnten Steuererlaß für ihre Heimatsdörfer Domremy und Greux.*) *) S. Reims. Die Frage der Richter, O. I, 103: Qui ſuerunt illi de societate ipsius, qui ceperunt papiliones in vexillo ejus, ante Castrum-Theodorici, weiſt Johanna ſcharf mit den Worten zurück: quod nunquam fuit factum de parte ipsorum: sed illi de parte ista adinvenerunt. 2* 12 Man hätte denken ſollen, Karl würde nunmehr den Ufern der Marne entlang auf Paris losgehen, ſtatt deſſen aber führte er das Heer über Montmirail in Brie(1. Aug.)¹ο nach Pro⸗ vins(Dienſtag den 2. Aug.), ſetzte alſo in einer Paris gleichlaufenden Richtung ſeinen Zug nach Süden fort. Die Liebe der Bürger bereitete ihm eine glänzende Aufnahme. Bald nach ſeiner Ankunſt traf auch der Herzog René von Bar, Schwiegerſohn des Herzogs von Lothringen und Bruder des Königs von Sicilien, in der Stadt ein, um dem König ſeine Huldigung dar⸗ zubringen und deſſen Armee mit ſeinem ſtattlichen Gefolge zu vergrößern. Bis Freitag den 5. Auguſt blieb Karl in Provinstl. 3 Inzwiſchen war am 3. Auguſt der Cardinal von Wincheſter aus Paris nach Rouen ab⸗ ereiſt und Tags darauf(Donnerſtag 4. Aug.) der Herzog von Bethford mit der Geſammtſtärke ſinen neugeſchaffenen Heeres von mehr als zehntauſend Mann über Corbeil nach Melun auf⸗ gebrochen, mit dem Vorgeben, dem Koͤnig eine Schlacht zu bieten. Was hätte der Jungfrau und ihren ſiegesmuthigen Scharen erwuncheer ſein koͤnnen, was für die Engländer, was für Paris verhängnisvoller werden müßen, als eine offene Feldſchlacht! Auf erhaltene Nachricht rückte Karl in der Morgenfrühe des 5. Auguſt mit ſeiner ganzen Streitmacht bis nach dem Schloße La Motte-de-Nangis dem Feinde entgegen. Kamfbegierig ſtanden die Truppen faſt den ganzen Tag in Schlachtordnung, die Englaͤnder aber ließen vergebens auf ſich warten. Bethford hatte durchaus keine Luſt, das Schickſal Englands von dem Ausfall eines Haupttreffens ab⸗ hängig zu machen ¹2. Der König und ſeine Räthe waren mit dieſer Wendung der Sache im höchſten Grade zufrieden. Karl hatte nämlich ſo eben einen Waffenſtillſtand auf vierzehn Tage mit dem Herzog von Burgund abgeſchloßen„auf die Bedingung hin, daß dieſer ihm am Ende der vierzehn Tage die Stadt Paris friedlich übergebe.“ Das war die reife Frucht der Unter⸗ handlungen, welche man ſeit dem Krönungsfeſte mit dem Burgunder gepflogen hatte. Wohl weislich hatten Koͤnig und Räthe die Verhandlungen in das Dunkel des tiefſten Geheimniſſes gehüllt, um erſt mit der vollbrachten Thatſache an's Licht der Oeffentlichkeit zu treten und auf dieſe Weiſe jedem zu gewärtigenden Widerſpruch von vorn herein die Spitze abzubrechen. Kein Zweifel, daß ſich diesmal mehr wie ein Robert Le Macon gefunden haben würde, der dem König das Gewißen geſchärft und ihn ermahnt hätte, keinen entſcheidenden Schritt ohne den Rath der Jungfrau zu thun, die Gott ihm offenbar als Rettungsengel geſandt. Denn was war doch der ſonnenklare Zweck des Vertrages? Nicht allein der geringere, dem König in dem Augenblick Hände und Füße zu binden, wo er mühelos einen Triumph nach dem anderen über ſeine Gegner davontrug, ſondern— und das war die Hauptſache— ihn zu dem Aergſten, worüber er mit ſeinen Räthen brütete, zur Rückkehr an die Loire zu verleiten und dadurch ſo⸗ wohl Paris vor einem ängſtlich gefürchteten Angriff zu behüten als ſämmtliche während und nach dem Kroͤnungsfeldzug gemachte Eroberungen in Frage zu ſtellen. Vor Johannas hellem Blick lagen die Schleichwege burgundiſcher Argliſt deutlich aufgedeckt. In dem Briefe vom 5. Auguſt an„ihre lieben Freunde, die guten und getreuen Franzoſen der Stadt Reims,“ dem wir die Kenntnis von dem Waffenſtillſtand verdanken, fügt ſie der Angabe der Thatſache die be⸗ deutſamen Worte hinzu:„Wundert euch unterdeſſen nicht, wenn ich nicht ſoſſchnell in Paris einziehe, obwohl ich mit der Waffenruhe, welche auf dieſe Weiſe geſchloßen iſt, nicht zufrieden bin und nicht weiß, ob ich ſie einhalten werde. Wenn ich ſie einhalte, ſo ge⸗ ſchieht es allein, um die Ehre des Königs zu wahren. Alber ſie ſollen das königliche Blut nicht misbrauchen, denn ich werde die Armee des Koͤnigs — Daß die Jungfrau ſtets bemüht war, die Zucht im Heere aufrecht zu erhalten, erſieht man aus dem Berichte ihres Pagen, O. III, 73: Quadam vice, juxta villam Castri-Theodorici, cum vidisset quamdam mulierem amasiam(amiete= petite amie, mattresse) cujusdam hominis armorum, qucæ erat eques, eamdem mulierem insecuta est cum gladiohevaginato; quam tamen mulierem non percussit, sed eam dulciter et caritative monuit ne se inveniret amodo in societate armatorum, alias eidem mulieri faceret displicitum. 4 13 zuſammenhalten, um beim Ablauf der vierzehn Tage durchaus ſchlagfertig dazuſtehen, wo⸗ fern ſie nicht Frieden uachen ¹s.“ Eine ſtolze Rede, bei der wir nicht aus dem Auge laßen dürfen, daß Johanna ſich als Gottberufene wußte. Ihre ſchmerzliche Ueberraſchung mußte ſich zu moraliſchem Unwillen ſteigern, als der Entſchluß des Königs, nach der Loire zurückzukehren, offen zu Tage trat. Die beſten der Feldherrn theilten Johannas Gefühl, und das ganze Heer durchfuhr auf dieſe Kunde ein Schrei der Entrüſtung. Vergebens vereinigte Johanna mit den Generalen ihre Bemühungen, den Vorſatz des Königs, womit er Gott dem Helrn ſeine Wohl⸗ thaten geradezu vor die Füße warf, zu erſchüttern. Karl forderte durch ſeine Boten die Bewoh⸗ ner von Bray an der Seine auf, ihm Huldigung zu leiſten und den Uebergang über den Fluß ſeinem Heere frei zu laßen. Er erhielt eine zuſagende Antwort. In der Nacht auf den 6. Auguſt aber geſtatteten jene einer ſtarken Abtheilnng von Engländern und Burgundern, den Eingang in die Stadt, und als am Morgen die Vorhut der königlichen Truppen an der Brücke erſchien, wurden die vorderſten Krieger theils gefangen genommen theils getödtet. Den Durchmarſch zu erzwingen, wäre für eine ſo ſtarke Armee eine Kleinigkeit geweſen, aber„niemals vielleicht wurde eine Schlappe mit ſolcher Freude von einem Heere aufgenommen.“ Johanna benntzte mit den Hauptleuten das glückliche Zuſammentreffen der Umſtände, um Karl unter Hinweiſung auf die Thatſache, daß die Engländer Tags zuvor keinen Kampf gewagt hatten, zur Umkehr zu bewegen¹¹. Das Gelingen wurde dadurch erleichtert, daß ſämmtliche Brücken, welche in dieſer Gegend über die Seine führten, ſich in Feindes Hand befanden und der König allen Maßregeln der Gewalt im höchſten Grade abhold war.*) Noch einmal ſah ſich der König wider ſeinen Willen auf die Bahn der That gedrängt. Er ging am 7. Auguſt von Bray nach Conlommiers in Brieis und von da nach Chateau⸗ Thierry zurückis. Hier die Marne überſchreitend, kam er über La Ferté-Milon(10. Auguſt) Donnerſtag den 11. Auguſt vor Crépy in Valois¹7. Von allen Seiten ſtrömte ihm das fröh⸗ liche Volk mit den Prieſtern unter dem Jubelruf Nosël! und dem Geſange„Dich Gott loben wir“ entgegen. Als Johanna die große Freude des Volkes ſah, deſſen Blicke ſich nächſt dem König zumeiſt auf die jungfräuliche Heldin richteten, brach ſie in einen Strom von Thränen aus und ſagte zu dem Erzbiſchof von Reims und dem Grafen Dunois, in deren Mitte ſie rittis: „Das iſt ein gutes Volk, ich habe noch nie ein Volk geſehen, das ſich ſo ſehr gefreut hätte über die Ankunft eines ſo edlen Königs. Wäre ich doch ſo glücklich, am Ende meiner Tage in die⸗ ſer Erde zu ruhen!“**) In Crépy erhielt der Koͤnig vom Herzog von Bethford folgenden Fehdebrief, welchen dieſer am 7. Auguſt in Montereau abgefaßt und darauf den Rückmarſch nach Paris angetreten hatteis:„Wir Johann von Lancaſter, Regent von Frankreich und Herzog von Bethford, thun euch zu wißen, Karl von Valois, der ihr euch Dauphin von Viennois zu nennen pflegt und nunmehr ohne Grund auch Koͤnig heißet: Ihr habt von neuem ein Unternehmen begonnen gegen die Krone und die Herrſchaft des ſehr erhabenen und ausgezeichneten Fürſten Heinrich, des wahren, natürlichen, rechtmäßigen Königs von Frankreich und England durch Gottes Gnade. Ihr thut dem gemeinen Volke kund, daß ihr kommet, um ihm Frieden und Sicherheit wiederzugeben; dem aber iſt nicht ſo und kann nicht ſo ſein, in Betracht der Mittel, die ihr anwendet, um das unwißende Volk zu verführen. Denn ihr bedienet euch abergläubiſcher und verworfener Leute, wie z. B. eines unordentlichen und verrufenen Weibsbildes in Mannstracht *) Wallon meint I, 153 sq.: Si le duc de Bourgogne devait, au terme de quinze jours, rendre Paris, il convenait sans doute d'étre à portée de le recevoir: la trève même qu'on venait de conclure faisait un devoir à la cour de se rapprocher de la capitale. 5 v) Ueber das Geſpräch, welches ſich auf dieſe Veranlaßung zwiſchen Johanna und dem Erz⸗ biſchof entſpann, ſ. S. 1. Der Schluß, welchen das Tagebuch, 0. 1 V, 189, der Unterredung gibt, iſt vielleicht aus III, 12 entlehnt.— Uebrigens mögen wir es nicht unterlaßen, auf die ungemeine Tiefe der Liebe hinzuweiſen, welche in Johannas Worten ſich ausdrückt. 14 und von lüderlicher Aufführung, ferner eines entlaufenen und aufrühriſchen Bettelmönchs(Richard), beide nach der heiligen Schrift ein Greuel vor Gott. Mit Gewalt der Waffen habt ihr in der Champagne etliche Städte und Burgen eingenommen, die meinem Herrn, dem König, gehören, und habt die Unterthanen darin gezwungen und verleitet zu Untreue und Meineid, dadurch daß ihr ſie den ſchließlichen Frieden der Reiche Frankreich und England brechen machtet, der feier⸗ lich beſchworen ward durch die derzeit lebenden Könige von Frankreich und England ſowie durch die großen Herrn, die Pairs, Prälaten, Barone und die drei Stände dieſes Reiches. Wir haben uns aufgemacht, um das wahre Recht unſeres königlichen Herrn zu ſchirmen und zu ſchützen und unter dem Beiſtand des Allmächtigen euch aus ſeinen Landeu zu vertreiben, und verfolgen euch von Ort zu Ort, ohne daß wir euch bis dahin haben begegnen können. Dieweil wir von ganzem Herzen den Krieg abzukürzen wünſchen, ſo fordern wir euch auf, ſofern ihr ein Fürſt ſeid, der nach Ehre ſucht, und Mitleid habt mit dem armen Chriſtenvolke, das um euretwillen ſo lange unmenſchlich behandelt, zertreten und unterdruckt worden iſt: Wählet im Lande Brie, wo wir ſind und ihr ſeid, oder in L'Ile-de-France, welche uns und euch ſehr nahe liegt, einen paſſenden und angemeßenen Platz, desgleichen einen ſo baldigen Tag, wie die Nähe unſerer gegenwärtigen Stellung es möglich macht. Wollt ihr an dieſem Tage und Platze euch einſtellen ſammt dem verrufenen Weibe und dem beſagten Abtrünnigen ſowie allen Eidbrüchigen und ſonſtiger Macht, die ihr zuſammenbringen wollt und könnt, ſo werden wir ebenda erſchei⸗ nen nach dem Willen unſeres Herrn und an ſeiner Statt. Wenn ihr alsdann im Intereſſe des Friedens einen Vorſchlag machen wollt, ſo werden wir alles thun, was ein katholiſcher Fürſt thun kann; denn wir ſind ſtets geneigt und willig zu einem guten, nicht geheuchelten, faulen, gleiß⸗ neriſchen Frieden, der weder verletzt noch meineidig gebrochen werden darf, wie dies zu Monte⸗ reau geſchah, wo durch eure Schuld und mit eurer Zuſtimmung der ſchreckliche, verruchte und grauſame Mord erfolgte, der gegen Ehre und Geſetz der Ritterſchaft an der Perſon unſeres ſehr geliebten Vaters, des Herzogs von Burgund, verübt ward.... Wenn wir jedoch durch die Un⸗ gerechtigkeit und Bosheit der Menſchen das Gut des Friedens nicht genießen können, ſo möge jeder von uns mit dem Schwerte ſeine Sache vertheiden, und Gott, der allein Richter iſt, wird meinem Herrn Gnade verleihen..... So laßt uns denn eilig und ohne Zeitverluſt wißen, was ihr zu thun geſonnen ſeid.“ Wir kennen die Antwort nicht, welche Karl dem engliſchen Herolde ertheilt hat;*) die beſte Antwort, die er geben konnte, gab er gleich am folgenden Tage durch die That. Er brach nämlich Freitag den 12. Auguſt mit ſeiner ſchlachtluſtigen Kriegsmacht nach Lagny-le-Sec auf und ließ den Vortrab derſelben bis nach Dammartin in Gouelle vorgehen. Sonnabend holte er mit dem Hauptcorps die Vortruppen ein und nahm in der Nähe von Dammartin eine geord⸗ nete Schlachtſtellung 20. In Paris hatten die Fortſchritte des Königs ſchon am 9. Auguſt große Beſtürzung her⸗ vorgebracht2i. Bethford, der ſich mittlerweile von Montereau wieder nach der Hauptſtadt zurück⸗ gezogen hatte, war auf die Meldung von Karls entſchiedenem Vorrücken demſelben bis nach Mitry, einem Dorfe zwiſchen Claie und Dammartin, entgegengeeilt, hatte daſelbſt eine ſehr vor⸗ theilhafte Stellung eingenommen und dieſelbe auf's ſtärkſte befeſtigt. Es lag durchaus nicht in ſeiner Abſicht, ſich mit den Franzoſen in einem Kampfe auf gleich günſtigem Boden zu meßen, wie es der Brief von Montereau in Ausſicht ſtellte; er hoffte vielmehr die ſiegesdurſtigen Geg⸗ ner zu einem unbeſonnenen Angriff auf ſein mit Spibpfählen wohl verſchanztes Lager fortzu⸗ *) Der engliſche Geſchichtſchreiber Hollinſhed legt dem König die Antwort in den Mund:„Dein Herr wird wenig Mühe haben, mich zu finden, ich bin es vielmehr, der ihn ſucht.“ Was übrigens die Friedensanerbietungen Bethfords betrifft, ſo liegt im Hintergrunde derſelben auf jeden Fall eine Täuſchungsabſicht, wie bei den Unterhandlungen des Burgunders. Wenn Karl ſich nicht auf dieſelben einließ, ſo geſchah dies wohl hauptſächlich deshalb, weil er durch den beabſichtigten Frieden mit dem Herzog Philipp das Bündnis des letzteren mit England gänzlich zu ſprengen hoffte. 15⁵ reißen und ihnen auf dieſe Weiſe eine Niederlage zu bereiten, gleich denen bei Crécy, Poitiers Azincourt. Der König aber, durch La Hire und andere Hauptleute, welche mit leichter Reiterei bis nach Thieux, dem Nachbardorfe von Mitry, auf Kundſchaft vorgeſchickt waren, von der Un⸗ überwindlichkeit der feindlichen Stellung in Kenntnis geſetzt, blieb unbeweglich, und ſo kam es während des ganzen Tages(13. Auguſt) zu weiter nichts, als zu hitzigen Scharmützeln zwiſchen den beiderſeitigen Streifreitern am Fluͤßchen Biberonne bei Thieux²2. Da Bethford verzwei⸗ felte, die Feinde in die Falle zu locken, ſo ging er noch denſelben Abend nach Louvres und am nächſten Morgen nach Paris zurück. Der Koͤnig begab ſich mit ſeiner Hauptmacht nochmals in die getreue Stadt Crépy, die Vorhut hingegen brachte die Nacht in dem Dorfe Baron zu:s, drei Stunden von Senlis. 1 Mit letzterer Maßregel war es aller Wahrſcheinlichkeit nach auf eine ernſte Bedrohung von Senlis abgeſehen, welches noch unter engliſch-burgundiſcher Botmäßigkeit ſtandes. Zu die⸗ ſem Schluße berechtigt namentlich auch der Umſtand, daß Karl am 14. Auguſt ſich mit der Ge⸗ ſammtſtärke ſeiner Truppen ebenfalls nach Baron hinzog?s. Senlis erſchien ebenſo wichtig als Ausgangspunct für ein Unternehmen auf Paris, wie zur Deckung einer Bewegung nach Nord und Weſt. Eine ſolche aber war in der That vorbereitet. Karl hatte nämlich von Crépy aus ſowohl Compiègne als Beauvais durch Herolde aufgefordert, ihn als rechtmäßigen König anzu⸗ erkennen, und von beiden Städten die freudige Zuſage erhalten2s. Der Beſitz von Compieègne ſicherte dem König den Uebergang über die Oiſe, und Beauvais war durch ſeine Lage zum Skübpänt eines Angriffs einerſeits auf die Picardie, andererſeits auf die Normandie trefflich eeignet. der Bethford erhielt die Nachricht von der gefährlichen Geſtaltung der Dinge, nachdem er kaum in der Hauptſtadt angelangt war. Ungeſäumt ſetzte er ſich mit Feiner ganzen Heeresſtärke in Eilmarſch, um das bedrohte Senlis zu beſchützen2:. Als der König dies erfuhr, ertheilte er ſofort dem Ambroſius von Loré und Poton von Saintrailles den Befehl, mit einer Schar der beſtberittenen Reiter ſich in der Richtung nach Paris auf Kundſchaft zu begeben. Dieſe erſpäh⸗ ten auf der Heerſtraße von Paris nach Senlis zuerſt eine große Staubwolke, dann die ganze engliſche Macht und ſetzten den König von beidem auf's ſchleunigſte in Kenntnis ²s. Ohne Zeit⸗ verluſt ordneten ſich die franzöſiſchen Kmprn und rückten zwiſchen dem Flüßchen Nonette, wel⸗ ches von Baron nach Senlis hinfließt, und dem Höhenzug von Montépilloy vor, in deſſen Nähe ſie ſich zwei Stunden von Senlis um die Vesperzeit auf offenem Felde lagerten. Zur ſelbigen Stunde kam auch der Herzog von Bethford bei Senlis an und begann mit ſeiner Armee über die Nonette zu ſetzen. Der Durchgang war ſo ſchmal, daß nicht mehr als ein bis zwei Pferde neben einander gehen konnten. Kaum hatten dies Saintrailles und Loré bemerkt, als ſie den König davon benachrichtigten. In der Hoffnung, die Engländer zu überraſchen, eilten die Nranzoſen auf jene Stelle los, allein in der Hälfte des Weges gewahrten ſie, daß die Feinde den Uebergang bereits zum größten Theile bewerkſtelligt hatten. Keine Stunde weit ſtanden die beiden Heere auseinander, zu einer Schlacht aber war es zu ſpät, da die Sonne im Untergehen begriffen war. Nur die hitzigſten Kämpfer lieferten einander kleinere Gefechte, wobei es Todte, Verwundete und Gefangene gab. Mit einbrechender Nacht trafen die Franzoſen wieder in ihrem Lager bei Montépilloy ein, der Koͤnig nahm in Crépy ſein Nachtlager, die Engländer über⸗ machtetrn eine halbe Stunde von Senlis in und bei der Abtei Notre-Dame de la Victoire längs er Nonette²9. . Früh Morgens(15. Aug.) eilte der König, nachdem er in Crépy der Meſſe beigewohnt, in das Lager bei Montépilloy, wo die Krieger ebenfalls die Meſſe gehört und in Erwartung eines blutigen Tages Geiſt und Herz in die rechte Verfaßung geſetzt hattenso. Alsbald ward das Heer in Schlachtordnung geſtellt und zwar in drei Haupttreffen geordnet. Das erſte und beträchtlichſte, welches die Vorhut bildete, ſtand unter der Anführung des Herzogs von Alençon und des Grafen von Vendome Das zweite oder Mitteltreffen befehligte der Herzog René. An die Spitze des dritten oder der Nachhut ſtellte ſich der Koͤnig ſelbſt, ihm zur Seite der Graf 16 von Clermont und der Herr von La Trémouille. Den Marſchällen von Sainte-Sévore und von Rais wurden die beiden Nügel des Heeres anvertraut, auf welchen ſich außer anderen Truppengattungen wahrſcheinlich auch die Bogenſchützen unter dem Herrn von Graville und Johann Foucault befanden. Endlich wurde eine Art mobiler Colonne unter Johanna, den Grafen Dunois und Albret, La Hire nebſt andern durch Thatrüſtigkeit hervorragenden Haupt⸗ leuten gebildet, deren Beſtimmung es war, die anderen Heerestheile im Nothfall zu unterſtützen und den Feind zu Scharmützeln herauszufordernsl. Der Herzog von Bethford hatte die ganze Nacht damit zugebracht, ſeinen Lagerplatz bei Notre-Dame de la Victoire auf's äußerſte zu befeſtigen. Ein tiefer Teich, den die Nonette bil⸗ dete, deckte ſeinem Heere den Rücken; den rechten und linken Flügel deſſelben umgaben undurch⸗ dringliche Dornhecken und tiefe Gräben; die Fronte war durch Reihen von Wagen, durch Gräben und einen förmlichen Wald von Pfählen mit vorwärts gekehrten Spitzen für jeden Angriff ſo gut wie unzugänglich gemacht. Zunächſt dieſem Saum von Spitzpfählen ſtanden die Bogen⸗ ſchützen in langer Linie, dicht hinter denſelben die übrigen Kriegerſcharen in ein einziges Tref⸗ fen zuſammengeſchloßen. Mit wenigen Ausnahmen waren ſämmtliche Kämpfer zu Fuß. Die Engländer hatte Bethford auf den linken, die Burgunder und die übrigen Franzoſen auf den rechten Flügel und zwar jede der beiden Nationen unter 65 heimiſches Banner geſtellt. Auch die Nne des heiligen Georg fehlte nicht, Johann von Villiers Herr von L'Ile Adam trug ieſelbe. So harrte das engliſch-burgundiſche Heer, unter deſſen Führern ſich auch Talbot und Graf Suffolk befanden, in ſeiner unangreifbaren Stellung der Ankunft des Feindess. Dieſer ließ nicht lange auf ſich warten. Der König hatte auf den Rath aller ſeiner Generale den Entſchluß gefaßt, den Engländern und ihren Verbündeten an dieſem Tage eine Schlacht zu liefern, im Fall ſich dieſelben auf offenes Feld wagen würden. Er ſchickte deshalb mehrere kriegskundige Hauptleute voraus, welche Bethfords Stellung in Augenſchein nehmen ſollten. Dieſe meldeten, was ſie geſehen, und widerriethen auf's entſchiedenſte jeden Verſuch auf die engliſchen Verſchanzungen. Nur die Ausſicht blieb demnach, den Feind von ſeinem Standort wegzulocken. Zu dem Zwecke ließ der König ſeine Truppen bis auf eine Entfernung von zwei Bogenſchüßen an die Feinde heranführen, ritt ſelbſt zu wiederholten Malen an ihre Verſchanzungen hin und forderte ſie durch ſeine Wappenherolde zur Schlacht auf. Bethford lehnte die Ausforderung ab. Er blieb feſt bei ſeinem Grundſatz, den Kampf nur hinter ſeinen Pfahlſpitzen aufzunehmen. Denn er bewahrte noch lebhaft die Thatſache im Gedächtnis, daß ſich die Franzoſen ihre früheren Nieder⸗ lagen zumeiſt durch wüſtes Anſtürmen gegen die engliſchen Paliſadenringe bereitet hatten. Nunmehr verſuchten die kühnſten Streiter der franzöſiſchen Armee ihre Gegner durch Plänkeln zu reizen und auf freies Feld zu locken. Zu Pferd und zu Fuß drangen ſie bis dicht an den engliſchen Schanzenſaum und riefen die Feinde zum Kampfe. Viele folgten dem Aufruf und es entſpannen ſich auf dieſe Weiſe hartnäckige Gefechte, welche dadurch eine gewiſſe Ausdehnung bekamen, daß die jedesmal unterliegende Partei von neuen Scharen ihrer Landsleute unterſtützt wurde. Nachdem dies Geplänkel eine Zeit lang fortgedauert hatte, ohne daß die Hauptmaſſe der engliſchen Armee ſich von der Stelle rührte, trat Johanna mit der Fahne in der Hand an die Spitze der franzöſiſchen Vorhut und führte dieſelbe bis an die feindliche Pfahlmauer. Meh⸗ rere Soldaten fielen auf beiden Seiten, aber Bethford änderte ſeinen Plan nicht. Da machte die Jungfrau einen letzten Verſuch, das Ehrgefühl des Engländers zu erregen. Sie ließ ihre *) Die Zahl der Burgunder in dem verbündeten Heere berrug im ganzen zwiſchen 600 und 800 Mann, darunter die beſten Ritter des Herzogs. Bethford that alles Mögliche, um ſich bei ſeinen Bundesgenoßen in Gunſt zu ſetzen, wie dies aus der Aufſtellung der Truppen, der Ertheilung des Ritterſchlages an viele ihrer Führer und den Lobeserhebungen erhellt, womit er den Picarden ſchmei⸗ chelte. S. 0. 1V, 386. 387. 389. 17 Krieger bis auf das Hauptcorps zurückgehen und ſodann in ihrem und aller Feldherrn Namen dem Herzog erklären, daß, wenn er das Treffen außerhalb ſeiner Verſchanzungen annehmen wolle, das franzöſiſche Heer ſich ſoweit zurückziehen werde, daß das engliſche Raum gewinne, ſich in Schlachtordnung aufzuſtellen. Bethford ließ ſich auf dieſen Vorſchlag nicht ein. Nur an der Fortſetzung der kleinen Gefechte hinderte er ſeine Ritter und Krieger nicht. Dieſe Plän⸗ keleien dauerten den ganzen Tag über und wurden je länger, deſto groͤßer und moͤrderiſcher. Die Tapferkeit, womit man von beiden Seiten ſtritt, wurde nur von der Wuth und Grauſam⸗ keit übertroffen. Keine Gnade ward dem Ueberwundenen gegeben, kein Löſegeld angenommen, ohne Barmherzigkeit ſtarb der Beſiegte unter den Schlägen des Siegers. Staub und Hitze er⸗ höhten die Beſchwerde der Kampfesarbeit. ggwei von dieſen Gefechten zeichneten ſich vorzugsweiſe aus. Erſtlich das große Bogen⸗ ſchützengefecht. Vonſeiten der Franzoſen ward daſſelbe begonnen, indem der größte Theil ihrer Bogenſchützen mit einer Reiterſchar gegen die Stellung der picardiſchen Schützen vorging. Letztere verſtärkte Bethford durch eine engliſche Schützenabtheilung. Die Pfeile flogen hageldicht hin und wieder, und eine Weile hatte es den Anſchein, als ſollte das Blutbad nur mit der vollſtändigen Vernichtung einer von beiden Kampfparteien enden. Nach anderthalb Stunden trennten ſich endlich beide Theile mit ſchweren Verluſten. Das bedeutendſte Scharmützel war auch das letzte. Eine große Anzahl kampfluſtiger Franzoſen erſchien vor der feindlichen Befeſtigungslinie. Engliſche Scharen traten ihnen entgegen, ein gewaltiges Handgemenge ent⸗ ſtand, worin die Franzoſen nach langer Gegenwehr der Uebermacht weichen mußten. Neue Haufen franzöſiſcher Krieger zu Roſs und zu Fuß eilten den Ihrigen zu Hülfe, heftiger ent⸗ brannte der Kampf, und das Getümmel ward ſo groß, die Staubwolke ſo dicht, daß Freund und Feind einander nicht mehr unterſcheiden konnten. Erſt nach Sonnenuntergang riefen die Trompeten beiderſeits die erbitterten Streiter vom Walplatz. Der blutige Tag, der ſich noch lange im Andenken beider Völker erhielt, koſtete dreihundert der Tapferſten das Leben, größer war die Zahl der Verwundeten. Zu den letztern gehörte auf burgundiſcher Seite Johann von Croy, der ſein ganzes Leben lang am Fube gelähmt blieb. Auch der Herr von La Trémonuille hatte offenbar in der Abſicht, ſein durch alle die unheilvollen Rathſchläge zerrüttetes Anſehen beim Heere herzuſtellen, ſich während des letzten Treffens zum Kampfe vorgewagt. Auf prächtig gezäumtem Streitroſs ſprengte er mit eingelegter Lanze ſporn⸗ ſtreichs daher, aber das Pferd ſtürzte und ſchleuderte ihn im Pallen mitten unter die Feinde, ſo daß er nur mit knapper Noth durch die Anſtrengung der Seinen dem Tode entging. Die Engländer brachten die Nacht in ihrem bisherigen Standort zu. Karl begab ſich mit Einbruch der Dunkelheit wieder nach Crépy, ſeine Armee nach ihrem Lagerplatz unfern Montspilloy. Dienſtag den 16. Auguſt ging dieſelbe in aller Frühe bis nach Montépilloy zurück, „um zu ſehen, ob die Engländer etwa nachſetzen würden.“ Am Mittag aber lief die Nachricht ein, Bethford ſei im Abzug nach Senlis und von da nach Paris begriffen, worauf das ganze Heer dem König nach Crépy folgte. 1ntssn⸗ Wäre dem burgundiſchen Chroniſten Monſtrelet zu trauen, ſo hätte Johanna am vorigen Tage beſtändig zwiſchen der Abſicht, die Engländer zu bekämpfen und nicht zu bekämpfen, un⸗ ſchluͤßig hin⸗ und hergeſchwankt. Ihre Thaten beweiſen den Ungrund jener durch kein anderes Zeugnis geſtützten Behauptung. Das Wahre an der Sache iſt unſtreitig dies: Die Inngfrau wünſchte ebenſo ſehnlich eine Hauptſchlacht mit den Engländern, wie ſie entſchieden vor jedem Angriff auf deren verſchanzte Stellung warnte. Gerade ſo hatte ſie bei Baugenci trotz ihrer eigenen und ihrer Krieger Kampfluſt allen Verlockungen der Engländer widerſtanden und den Lohn ihrer Selbſtbeherrſchung Tags darauf bei Patay geerntet. Und warum hat nicht auch Bethford, wie weiland Talbot, ſein Patay gefunden? Warum iſt Johanna dem Herzog nicht auf dem Rückweg von Mitry oder Senlis nachgeeilt? Vergeßen wir nicht, daß bei Baugenci Johanna eine ſo gut als unbeſchränkte Machtvollkommenheit beſaß, daß dagegen in dem gegen⸗ 18 wärtigen Feldzuge der Wille des Königs und ſeiner Räthe der jungfräulichen Heldin überall Feßeln anlegtess. b Bethfords Rückkehr nach Paris, durch beunruhigende Nachrichten aus der Normandie, vielleicht auch durch die Stimmung der Haupiſtadt ſelbſt veranlaßt, machte dem König freie Bahn, ſeine Abſichten auf Senlis zu verwirklichen. Am 17. Auguſt ſandte er von Crépy den Grafen von Vendoôme ſowie die Marſchälle von Sainte-Sévère und von Rais mit einer Ab⸗ theilung des Heeres nach Senlis. Ohne Zögern übergaben die Bewohner die Stadt„dem König und der Jungfrau“„ſowohl in Betracht der großen Eroberungen, welche der König in kurzer Friſt mit Gottes Beiſtand durch die Jungfrau gemacht, als in Berückſichtigung des Um⸗ ſtandes, daß der Herzog von Bethford nicht gewagt habe, dem König eine Schlacht zu liefern.“ Der Graf von Vendôme verblieb als Statthalter in Senlisst. Am 18. Auguſt hielt Karl ſeinen Einzug in die Stadt Compioͤgne, welche ihm Tags zuvor ihre Schlüßel hatte überreichen laßen. Unter grenzenloſem Jubel ſtieg er vor den Stufen des königlichen Schloßes abss. 3 Kaum hatten die Bürger von Beauvais davon Kunde erhalten, ſo trugen ſie dem Koͤnig ihre Huldigung nach Compisgne eutgegen, alles Widerſpruches ungeachtet, den ihr Biſchof Peter Cauchon und andere Gleichgeſinnte dagegen erhoben. Allen dieſen Widerſachern Karls Ueß das Volk nur die Wahl, entweder dem König ſich zu unterwerfen oder mit Hab' und Gut ſich aus der Stadt zu entfernen. Peter Cauchon ging mit dem Stachel der Bosheit in der Seele. Denn erlaubte man ihm auch, alles mit ſich zu nehmen, ſein Bisthum mußte er doch im Stiche laßen. Johanna hat ihm für dieſe Einbuße mit dem Leben gezahltss. Auch die Geiſtlichkeit und die Bürgerſchaft von Senlis verſäumte nicht, durch eine Ge⸗ ſandtſchaft nach Compiègne dem Könige perſönlich ihre Ergebenheit auszudrücken und ihn ſammt der Armee in ihre Mauern einzuladens.— Solche Erfolge, täglich durch neue vermehrt, hätten ebenſo, wie ſämmtliche Erlebniſſe ſeit der Umkehr von Bray, für den König die hellſten Thatbeweiſe ſein müßen, daß ſeine und ſeiner Räthe Gedanken vom Uebel, dagegen Johaunas Rath Gottes Wille ſei. In Compisgne ſollte ihm die Albernheit und Verderblichkeit ſeiner ganzen Politik noch deutlicher vor die Augen ge⸗ rückt werden. Der vierzehntägige Waffenſtillſtand lief zu Ende. Von„der friedlichen Aus⸗ lieferung der Stadt Paris“ aber war keine Rede, die Wortbrüchigkeit des Herzogs von Bur⸗ und alſo mit Händen zu greifen. Nichts hatte er gewollt, als den König von dem Schauplatze feiner Triumphe weglocken, auf den ihn Gott durch Johannas Mund gerufen, oder mindeſtens Zeit und damit alles gewinnen. Das war„der Misbrauch des königlichen Blutes“, den Jo⸗ hanna in ihrem Brieſe nach Reims vorausgeſagt hatte. Auch ſie wünſchte den Frieden mit Burgund, aber nicht einen Frieden um jeden, ſelbſt um der Ehre Preis. Sie forderte, daß der trotzige Vaſall ſich um Gotteswillen vor der Oberherrlichkeit ſeines königlichen Lehnsherrn beuge. Einen aufrichtigen Frieden ſuchte ſie auf dem Boden des göttlichen Rechtes und als Grundbe⸗ dingung deſſelben,„daß Philipp nicht ferner wider das heilige Königsland im Streite ſtehe, ſondern ſeine Leute auf der Stelle und ohne Verzug aus den Städten und Burgen des heiligen Reiches abrufe*)“. Widrigenfalls glaubte ſie ſich verpflichtet, für das heilige Recht mit heiliger Energie in die Schranken zu treten. Ein Greuel war es für ſie, franzöſiſches Blut von Fran⸗ zoſenhänden vergießen, ein Hohn auf den Waffenſtillſtand, die burſun ijchen Truppen überall an der Seite der Engländer fechten zu ſehen. Ein Kind durchſchaute die Lüge, nur Karl lernte nichts, weil er nichts vergaß. Nach wie vor machte er ſich zum Narren burgundiſcher Trug⸗ liſt. Ohne einen entgegenkommenden Schritt des Herzogs abzuwarten, beauftragte er kurz vor ſeinem Einzug in Compiègne ſeinen Kanzler Reinhold von Chartres, ſeinen Beichtvater Chri⸗ ſtoph von Harcourt, die Herren von Dampierre, von Fontaines und von Gaucourt mit einer *) Siehe den Brief, welchen Johanna von Reims an den Herzog geſchrieben. 19- Geſandtſchaft nach Arras. Erſt nach einigen Tagen gab ihnen Philipp Gehör. Der Erzbiſchof nahm das Wort und verſicherte den Herzog, es ſei ſeines Herrn ernſtlicher Wunſch, Frieden mit ihm zu ſchließen. Zu dem Ende ſei Karl erbötig, dem Herzog Genugthuung zu geben, mehr, als es ſeiner königlichen Majeſtät zukomme. Darauf entſchuldigte er den Mord Johanns von Burgund mit der Jugend des Königs. Karl habe damals unter der Leitung von Menſchen geſtanden, welche keine Ruͤckſicht auf die Wohlfahrt des Reiches genommen, und habe es derzeit nicht gewagt, ſich von ihnen loszuſagen oder ſie ſeinen Zorn fühlen zu laßen.*) Der Herzog und ſeine Umgebung, ſchreibt Monſtrelet, hörten dieſe Rechtfertigung mit Vergnügen, und als der Erzbiſchof ſeine Rede beendigt hatte, antwortete der erſte Miniſter des Herzogs:„Mein Herr und ſein Rath haben gern vernommen, was ihr geſagt, er wird darüber zu Rathe gehen und euch Antwort ertheilen in wenigen Tagen“ Alle Stände des Landes, ſetzt der Chroniſt hinzu, ſehnten ſich in der Mehrzahl ihrer Glieder nach dem Abſchluß des Friedens zwiſchen Karl und dem Herzog, vorzugsweiſe die Leute von mittlerem oder niederem Stande waren ſo verlangend darnach, daß ſie nach Arras zu dem Kanzler gingen, um Erlaße, Gnadenbriefe, Aemter und andere königliche Verordnungen auszuwirken, als wäre der Köͤnig vollſtändig in ſeiner Herrſchaft und ſie deſſen gewis. 38“ Die Geſandten kehrten einige Tage ſpäter nach Compiégne zum Könige zurück und erſtatteten ihm folgenden Bericht: Sie hätten mit dem Herzog und ſeinen Räthen mehrere geheime Unterredungen gehabt. Deſſenungeachtet hätten ſie nichts mit einander vereinbart, wohl aber zuletzt ſich dahin verſtändigt, daß der Herzog eine Geſandt⸗ ſchaft an den König Karl ſchicken ſolle, um die Berathungen noch weiter fortzuſetzen.**) Als Bittender war Karl in der Perſon ſeiner Abgeordneten vor dem Burgunder erſchie⸗ nen, während er mit dem Säbel in der Fauſt hätte reden ſollen, und mit leidigen Vertröſtungen wurden ſeine Vertrauten nach Hauſe geſchickt! Das that, das duldete Karl in einem Augenblick, wo Gott der Herr, der ihn bislang auf Adlerflügeln getragen, ihm von allen Seiten die unver⸗ kennbarſten Fingerzeige gab, auf welche Weiſe er Frieden zu ſuchen habe. Seine Räthe fanden es ihren Intereſſen gemäßer, Paris aus der Hand des Herzogs von Burgund zu nehmen, als durch Johannas tapferes Schwert. Die Städte der Ilede⸗France dieſſeit und jenſeit der Oiſe folgten dem Beiſpiel von Beauvais. Creil, Pont⸗Sainte⸗Maxence, Choiſy, Gournay, Remy, Neuville-en-Hez, ferner Moy⸗ nay, Chantilly, Saintines nebſt mehreren anderen unterwarfen ſich dem Scepter des Königs. *) H. Martin I. I., p. 206: L'archévéèque et ses collègues firent de grandes offres au duc, l'exil des auteurs on complices du meurtre de Jean-sans-Peur; la dispense pour le duc, sa vie durant, de toute obligation de vassalité envers le roi; diverses cessions de territoire. **) Monſtrelet ſpricht ſich Q. IV, 390 dahin aus: Si fus alors informé que la plus grand partie des princhipaulx consilliers du duc de Bourgongne avoient grand desir et affection que ycelles deux parties fussent reconciliées l'une avoecq l'autre, und ſchiebt die Schuld, daß kein Friede zu Stande gekommen, auf Bethford: Toutefois, maistre Jehan de Thoisy, évesque de Tournay et messire Hue de Lannoy, qui prestement venoient de devers le duc de Bethfort, et avoient de par luy charge de ſaire aulcunes remonstranches audit duc de Bourgongne, en luy admonestant de faire entretenir le sairement qu'il avoit fait au roy Henry, n'estoient pas bien contemptz que ledit traictié se feyst. Sur la parolle desquelz fu la besongne atargiée, et prinse aultre journée d'envoyer devers le roy Charles légacion. Wallon bemerkt dazu I, 160: Paris n'était pas rendu; et il était trop clair que le duc de Bourgogne, en edt-il la volonté, n'était pas en mesure de le rendre. Le roi, ainsi décu, ne pourrait-il pas vouloir se dédommager à ses dépens! Sa marche de Crespy sur Compièsne, quand Compiègne se donnait d'elle-mèeme, semblait trahir la secrete pensée d'aller prendre Paris à Lille ou à Gand. II y avait donc au moins des ménagements à observer; et la plupart des conseillers du duc inclinaient franchement à la paix: mais le duc lui mèême était trop circonvenu par les agents de Bedford. Indeſſen Philipp kannte die Leute, mit denen er zu ſchaffen hatte, und was er that, ſtimmt vollkommen zu ſeinem bisherigen Verhalten. 8. 3 In der Picardie herrſchte an beiden Ufern der Somme die größte Aufregung.„In Wahrheit,“ verſichert der burgundiſche Geſchichtſchreiber,„Karl hätte mit ſeiner ganzen Macht nur nach Saint-Quentin, Corbie, Amiens, Abbeville und vielen andern feſten Städten und Burgen zu kommen brauchen, der größte Theil der Einwohner war völlig bereit, ihn als Herrn zu empfangen, und wünſchte nichts weiter in der Welt, als ihm Gehorſam zu leiſten.“ Er that es aber nicht, „weil er einestheils den Herzog von Burgund ſtark an Truppen wußte und anderntheils hoffte, daß ein guter Vergleich zwiſchen ihnen zu Stande kommen würde.“*³ Gleichzeitig begann ſich in der Normandie von zwei Seiten her ein für die engliſche Herrſchaft hoͤchſt gefährlicher Brand zu entzünden. Im Nordweſten wurden Schlag auf Schlag vier bedeutende Feſtungen: Aumale, Torcy*), Estrepagny⸗*) und Chateau-Gaillard***), von Anhängern des Königs, letztere von La Hire, erobert, welcher den ſeit neun Jahren im Schloß⸗ turme ſchmachtenden, mit der Stadt Melun in die Gewalt Heinrichs V gefallenen Ritter Bar⸗ bazan befreitezo. Um dieſelbe Zeit war der Connetable Arthur von Richemond durch Maine und Perche, worin er die Feſtungen Galerande, Ramefort und Malicorne bezwang, nach dem ſüdöſtlichen Theile der Normandie vorgedrungen und bedrohte bereits Evreux, während der bre⸗ toniſche Edelmann Ferbourg Bons⸗Moulins****) wegnahm und Johann Armange, von Lorés Gefolge, mit dem bretoniſchen Edlen Heinrich von Villeblanche ſich des feſten Platzes Saint⸗ Célerin bei Alencon bemächtigte. Immer raſcher pflanzte ſich die Bewegung wie unter den Edelleuten, ſo im Volke fort und drohte um ſo größere Verhältniſſe anzunehmen, je ſchwächere Beſatzungen in den engliſchen Feſten zurückgeblieben warenit. Erlag Evreux den Waffen des Connetable, ſo reichte dieſer den nördlichen Streifcorps die Hand, und es ſtand zu beſorgen, daß Bethford in kurzer Friſt von der Normandie, dem Hauptſitz und dem Stützpunct der engliſchen Herrſchaft, abgeſchnitten ſein würde. Angeſichts dieſer trüben Geſtaltung der Dinge, welche durch Johannas Vorrücken nach Senlis noch bedenklicher wurde, ſah ſich Bethford zu dem Entſchluße edrängt, die Hauptſtadt preiszugeben, um in der Normandie der engliſchen Krone ihren koſtbar⸗ hen Edelſtein zu retten. Er übertrug den Schutz von Paris dem Biſchof von Thérouenne und Kanzler von Frankreich für den jungen König Heinrich: Ludwig von Luxemburg, dem Ober⸗ richter(prévôt) von Paris Simon Morhier, dem engliſchen Feldherrn Radley und andern Hauptleuten nebſt zweitauſend Kriegern, ſowie dem burgundiſchen Feldherrn Johann von Villiers, Heunht v. L'Ile-Adam mit ſeinen burgundiſchen Truppen und eilte(auf jedem Fall vor dem 26. Aug. mit ſeiner ganzen Armee über Saint-Denis nach Rouen„in großer Trauer und Furcht, 19) die Jungfrau den König Karl in ſeine Herrſchaft wieder einſetzen würder2.“ Während alle dieſe Ereigniſſe mit lauter Stimme den König zur That riefen, ſaß er in guter Ruhe in Compiègue.„Es ſchien“, ſagt Perceval von Cagny,„als wäre er zufrieden mit der Gnade, die Gott ihm geſchenkt, und hätte keine Luſt, weiter etwas zu unternehmen“. Wer möchte es verſuchen, Johannas Schmerzen mit entſprechenden Ausdrücken zu ſchildern! Umſonſt mahnte ſie täglich zum Aufbruch nach Paris, das eigentliche Ziel der ganzen Heerfahrt, um⸗ ſonſt verbürgte ſie ſich für den Erfolg. Endlich nach fünf fruchtlos verbrachten Tagen griff Johanna, wie in Gien, zu dem verzweifelten Mittel, den König mit Gewalt auf die Bahn der That fortzudrängen. Sie ſprach zu dem Herzog von Alençon:„Mein ſchöner Herzog, laßt eure Krieger und die der andern Hauptleute ſich fertig machen. Bei meinem Gott, ich will Paris mehr in der Nähe ſehen, als ich es geſehen habe.⸗†) Dienſtag den 23. Auguſt verließ die *) Vier Meilen ſüdlich von Dieppe. *») Drei Meilen weſtlich von Giſors. 4 *) An der Seine gelegen, ſieben Meilen von Rouen. ) Drei Meilen nördlich von Mortagne. †) Sie hatte Paris ſehen oder wenigſtens den Montmartre erkennen können von den Höhen von Dammartin.— 21 Jungfrau mit dem Herzog von Alencon und einer tüchtigen Schar auserleſener Krieger die Stadt Compiègne ohne Ernchtignn des Königs*) und begab ſich auf den Weg nach Paris. In Senlis machte ſie zwei Tage Halt, offenbar in der Erwartung, der König werde ihr folgen, verſtärkte ihre Streitkräfte, als ſie dieſe Ausſicht ſchwinden ſah, mit einem Theile der Truppen, welche Senlis am Tage der Unterwerfung beſetzt hatten, und rückte am 26. Aug. ohne Schwert⸗ ſchlag in Saint-Denis eina.„So gab ſie dem Königthume gegen den Willen des Königs die Stadt der Königsgräber wieder nach der Stadt der Krönung.“* Nicht ſogleich erreichte Johanna ihren Zweck. Der König blieb in Compioègne voll Er⸗ wartung der Dinge, die ihm von Arras kommen ſollten Die Geſandtſchaft kam, beſtehend aus dem Herrn Johann von Luxemburg, dem Biſchof von Arras, dem Herrn David von Brimeu und andern hervorragenden Männern, aber nicht kamen dieſe Herrn, um Frieden zu ſchließen, ſondern um den Koͤnig mit Friedensverſicherungen hinzuhalten und zu tänſchen.„Johann v. Luxemburg“, ſagt der Chroniſt von Berri,„machte viele Verſprechungen, den Frieden zwiſchen dem König und dem Herzog von Burgund zu Stande zu bringen; aber nichts that er, als ihn betrügen.“ Bereitwillig lieh Karl dem Treuloſen ſein Ohr, weil er brachte, wonach ſeine Thatenſchen gelüſtete. Vorläuſig ward am 28. Auguſt ein neuer Waffenſtillſtand bis auf Weih⸗ nachten abgeſchloßen. Auf alle Länder nördlich der Seine, Paris und die Plätze der Seine nicht miteinbegriffen, ſollte ſich derſelbe erſtrecken, die Stadt Compiègne, hochwichtig als Uebergangs⸗ punct über die Oiſe,**) dem Herzog von Burgund pfandweiſe überlaßen werden. Mit ſolchen Zugeſtändniſſen erkaufte Karl die Ausſicht auf den Frieden und auf den Wiederbeſitz von Paris¹4, erkaufte ſie von einem Fürſten, deſſen Unwahrhaftigkeit er lange genng erprobt hatte; in einem Glücksſtande, wo er nur zu kommen und zu ſehen brauchte, um zu ſiegen; unter Ver⸗ hältniſſen, wo ein Fünklein herzhaften, thatfrohen Glaubens ihm alles ohne Opfer verſchafft hätte, was er erſehnte. Denn ſo ſchwere Fehler auch gemacht, ſo neffliche Gelegenheiten auch verſäumt waren, die Bahn zum Siege lag offen nach wie vor.„Gott der Herr, welcher Jo⸗ hanna geſchickt hatte, ließ nicht ab, ſeine Hand nach Karl VII auszuſtrecken.“ In weniger als zwei Tagen konnte er mit ſeinem ganzen Heere vor Paris ſtehen, wo Schrecken noch die Geiſter be⸗ herrſchte und keine Maßregeln zur Vertheidigung getroffen waren4s. Schon Bethfords Rückzug von Montepilloy hatte als Niederlage gegolten, ſein Abmarſch nach der Normandie, dem Jo⸗ hannas Einzug in Saint⸗Denis auf dem Fuße ſolgte, noch größere Beſtürzung gebracht, und ſowenig hielt der Kanzler Ludwig von Luxemburg ſich der Treue der Pariſer verſichert, daß er an dem Tage, wo Johanna Saint⸗Denis betrat(26. Auguſt), die Präſidenten und Räthe des Parlamentes, die Würdenträger der Kirche und die Stadtbehoͤrden die Eide der Treue erneuern ließ, welche ſie den Herzögen von Burgund und Bethford(15. Juli) geſchworen hatten: in Frieden und Eintracht zu leben unter der Botmäßigkeit des Königs von Frankreich und Eng⸗ land, gemäß dem Friedensvertrage von Troyes¹s. In den dentlichſten Farben war dem König ſeine Aufgabe vor die Augen gemalt. Er mußte„ohne Zandern ſich auf Paris werfen, die Hauptſtadt in ihrer erſten Beſtürzung überraſchen, ihr keine Zeit laßen, ſich zu erholen und *) Der bourgeois de Paris. ſ. Le Brun II, 394, gibt den 25. Auguſt als Johannas Ein⸗ zugstag in Saint-Denis an, und nach dem Briefe der Jungfrau an den Grafen Johann von Ar⸗ magnac, 0. JI, 246, hat Johanna ſchon am 22. Auguſt Compieégne verlaßen, wenn anders ihre Worte 1, 82 und 244: Damals wollte ich zu Pferde ſteigen, als ich ꝛc. nothwendig von dem Aufbruch ver⸗ ſtanden werden müßen. Möglich, daß Perceval von Cagny, dem wir gefolgt ſind, ſich(0. IV, 24) beidemal in der Zeitbeſtimmung um einen Tag geirrt hätte. Was jenen Brief ſelbſt betrifft, ſo iſt derſelbe veranlaßt durch eine Anfrage des Grafen J. von Armagnac, welcher von den damaligen drei Päbſten der rechte ſei! **) Wallon I, 185: IIy avait dans le nord de la France une ville qui était alors pour Philippe le Bon comme la clef du royaume: c'était Compiègne. Placbe aux portes de V'Ile-de- France, elle la fermait ou l'ouvrait aux Bourguignons, selon qu'elle était au roi ou au duc. 22 vor einem Handſtreich zu ſchützen; nach dieſem entſcheidenden Erfolge war es ein Leichtes, den Regenten der Engländer in der Normandie zu verfolgen und ihn zwiſchen den Heeren des Königs und des Grafen v. Richemond zu zermalmen.“ Nach einem Aufenthalte von anderthalb Wochen4 gab end⸗ lich der König dem Drucke nach, den Johannas kühnes Vorgehen auf ſeine Entſchließungen ausübte. Er ließ Compiogne auf Verlangen der Bürger unter dem Oberbefehl des Wilhelm von Flavy, eines der angeſehenſten Edelleute aus der Picardie, der ſich durch ſeine kriegeriſche Tüchtigkeit auszeichnetens, und folgte wahrſcheinlich am 29. Auguſt*) dem Zuge der Jungfrau bis nach Senlis, jedoch nur„mit großem Widerwillen“ und nicht, um den Weitermarſch eiligſt anzu⸗ treten, ſondern um die koſtbare Gnadenfriſt freventlich daſelbſt zu verträumen.„Es hatte den Anſchein,“ klagt Perceval von Cagny,„als wäre er in einer dem Willen der Jungfrau ent⸗ gegengeſetzten Weiſe berathen4¹.“ Kein Zweifel, daß ein Angriff auf Paris ganz außer dem Plane des Königs lag. Burgundiſche Trugbilder und ſeiner Räthe Einflüſterungen galten ihm mehr, als Johannas Verheißungen und alle Bürgſchaften des Gelingens, welche ſowohl der unfertige Vertheidigungsſtand der Hauptſtadt als das Vorhandenſein einer königlichen Partei in derſelben darbot. Wie? ſo mochte ſein Unglaube ſich fragen, entfremde ich mir nicht durch einen Sturm auf Paris die Gemüther der Einwohner? Und wenn der Sturm fehlſchlagen ſollte, würde dies nicht den Friedeusunterhandlungen nachtheilig ſein und die Ueberlieferung von Paris, wenn auch nicht geradezu gefährden, doch auf unwillkommene Weiſe verzögern? Im Rathe wurden natürlich alle dieſe und ähnliche Fragen ohne Johanna und gegen ſie entſchieden, und es bedurfte durchaus nicht der wiederholten Geſaudtſchaft Philipps von Burgund, welche dem König die alten Verſprechungen auf's neue bekräftigen ſollte, um letztern gerade ſolange in Senlis feſtzuhalten(bis 7. Septbr.), bis die Pariſer ihre Maßregeln zum Widerſtande getroffen hattenso. Wer ermißt die fieberhafte Spannung und Ungeduld, welche während der ganzen Zwiſchenzeit, wo jeder Tag das Schickſal Frankreichs in ſeinem Schoße trug, das Herz der Jungfrau durchſchütterte! Seit ihrer Ankunft in Saint⸗Denis umkreiſte ſie Paris„wie eine junge Löwin einen Schaſſtall.“ Täglich führte ſie ihre Leute zwei bis dreimal zu Scharmützeln bald vor das eine, bald vor das andere Thor von Paris in der Abſicht, die Lage der Stadt in Augenſchein zu nehmen und den zum Sturme geeignetſten Punct auszuſpähen, wohl auch um die Haltung der Einwohner auf die Probe zu ſtellens! Einen wirklichen Angriff auf Paris aber unternahm Johanna nicht. Zu einem ſolchen gehörte der König, gehörte die ganze fran⸗ zöſiſche Heeresmacht. Durchdrungen von dieſer Ueberzeugung ſchickte die Jungfrau und der Herzog von Alencon, welcher vollſtändig in die Ideen der Heldin eingegangen war, Boten auf Boten nach Senlis. Der König kam nicht. Alençon machte ſich am 1. September auf, um perſönlich ihn zur Eile zu treiben. Karl verſprach am folgenden Tage aufzubrechen. Den⸗ noch kam er nicht. Mehrere Tage harrte Alencon mit Ungeduld, am 5. September reiſte er nochmals nach Senlis und ſetzte es mit aller Gewalt durch, daß Karl um Mittag des 7. September mit ſeiner Armee in Saint⸗-Denis erſchien. Bedeutende Truppenmaſſen, welche in Saint-Denis keinen Platz fanden, wurden in den umliegenden Ortſchaften untergebracht.*) *) An dieſem Tage unterwarf ſich Lagny an der Marne freiwillig der königlichen Herrſchaft. Wenn die Cheoniken berichten, die Geſandten von Lagny ſeien nach Saint-Denis zum König gekom⸗ men, ſo iſt das ungenau, ſ. G. 1V, 88. V, 70. Buchon 1. 1. p. 366. Vergl. IV, 48. **) Ein Vorfall, der ſich in Senlis ereignete, wird von den Richtern der Jungfrau zum Ver⸗ brechen gemacht, 0. I, 104 sq. 159. 160. 264s9. Vergl. V, 267. Der wahre Sachverhalt iſt dieſer: Johanna war eines Pferdes benöthigt zu den Strapazen des Krieges und der Reiſen. Sie wandte ſich deshald an den Herrn von La Trémouille. Dieſer nahm das Lieblingsroſs des Biſchofs von Senlis in Beſchlag und überwies daſſelbe der Jungfrau. Da ſich das Thbier zu dem beabſichtigten Zwecke un⸗ brauchbar zeigte, und Johanna überdies erfuhr, daß der Biſchof daſſelbe nur mit Widerſtreben verabfolgt babe, ſo ſchrieb Johanna dem Biſchof, er ſolle ſein Pferd wiederbekommen, wenn er es wünſche, und ſchickte letzteres in dieſer Abſicht dem Hertn von La Trémouille zurück. Ob dieſer ihrem Willen ent⸗ 23 Johanna vergaß alle ihre Qualen und Schmerzen. Nur Freude ſtrahlte auf ihrem Heldenantlitz, nur Siegeszuverſicht durchdrang anch das ganze Heer, kurz„niemand war da, wes Standes er ſein mochte, der nicht ſagte: Sie wird den König nach Paris bringen, wenn's nicht an ihm gebrichts.“ Johanna ſtand in der Mittagshöhe ihrer Herrlichkeit. Volk und Heer ſahen in ihr eine Botin Gottes, mehr Engel, als Weib, und ihre Verehrung verſtieg ſich bis zum Aberglauben. In der Hoffnung auf beſonderen göttlichen Schutz trugen viele Krieger ſchon ſeit dem Abmarſch nach Orleans Fähnlein, welche nach dem Muſter von Johannas Fahne gefertigt waren, ungeachtet Johanna ihre Siegeszuverſicht weder auf die Fahne noch auf das Schwert baute, ſondern allein auf den Segen Gottesss. Auch in Saint⸗Denis drängte ſich wie allenthalben das Volk auf ihren Wegen und feierte ſie wie eine Heilige. Namentlich war ſie der Armen Troſt und Horts*. Zwei Kinder hob ſie daſelbſt zur Taufe. Die Eltern getröſteten ſich außerordentlicher Gnadengaben für ihre Neugeborenen, wenn ſie die Eottgeſandte zu deren Pathin erwähltenss. Die Weiber von Saint⸗Denis ſchätzten ſich glücklich, wenn es ihnen ge⸗ lang, Johannas Ninge, denen ſie die Kraft, geſund zu machen, beilegten, mit ihren Ringen zu berühren. Die Jungfrau gab dazu keinerlei Veranlaßung, denn ſo beſtimmt ſie ſich von Gott geſchickt wußte, ſo wenig ſchrieb ſie ſich, geſchweige ihren Ringen, Wunderkräfte zuss. Was das Volk zu dieſer maßloſen Verehrung hinriß, war außer den Thaten Johannas die Weihe ihres himmliſchen Sinnes, der je auffälliger er gegen das Waffenwerk abſtach, deſto mehr wie ein Strahl aus der Höhe erglaͤnzte. Unwandelbar dieſelbe auf dem Gipfel ihres Ruhmes, wie zu Anfang ihrer Kriegeslaufbahn, ſtrebte ſie fortwährend, denſelben Geiſt chriſtlicher Zucht im Heere zu erhalten, den ſie den Orleansſtreitern eingeflöͤßt hatte. Denn ſie hielt beharrlich an dem Glauben, den ſie in Orleans ausgeſprochen, daß um der Sünden willen Gott die Schlachten verloren gehen laße. Angeſichts entſcheidender Ereigniſſe wurde dieſer Eifer natürlich um ſo flammender, der Greuel der Unſittlichkeit für Johanna unerträglicher. 57 Vor nichts aber hegte ſie einen größeren Abſcheu, als vor der Schamloſigkeit luͤderlicher Dirnen, welche ihrem Verbote zuwider dem Heere folgten. Beim Anblick einer ſolchen wurde ſie in Saint⸗Denis wahrſchein⸗ lich nach dem Einzug des Königs vom heftigſten Zorn übermannt. Sie zog das Schwert und hieb dermaßen auf das Weibsbild ein, daß die Klinge in Stücke zerſprang. Es war das Schwert von Fierbois, das ihr die Stimme der Heiligen bezeichnet, das Johanna von Sieg zu Sieg getragen hatte. Das Rettungsſchwert Frankreichs zerbrochen! zerbrochen unmittelbar vor dem Angriff auf Frankreichs Hauptſtadt! Ein Ereignis trüber Vorbedentung.*) Der König war darüber ſehr mismuthig und ſagte der Jungfrau, ſie hätte lieber mit einem tüchtigen Stocke draufſchlagen, als ſo das Schwert preisgeben ſollen, das ihr von Gott ge⸗ kommen ſei, wie ſie behauptess. Der Tadel hat Grund, der König aber hätte vor allem in den eigenen Buſen greifen und ſich fragen ſollen, wer mehr, als die Jungfrau, den Bruch des Ret⸗ tungsſchwertes verſchuldet habe. Dann würde er, der alles gethan, um den Heldenarm ſeiner Retterin zu lähmen und Gottes Gnadenwillen zu vereiteln, vielleicht in der letzten Stunde ſich auf ſeine königliche Pflicht beſonnen und vor Paris gethan haben, was vor Gott recht war. Ein gründlicher Herzbruch, ein Bruch mit ſeinem ÜUnglauben und ſeiner ſchlechten Politik hätte den Schaden des Schwertbruches reichlich gut gemacht, und ein thatfreudiger Glaube hätte ihn auch trotz des gebrochenen Stahles und aller Gegeurüſtungen der Pariſer in ſeine Hauptſtadt getragen. Johannas Muth und Hoffen blieb ungeſchwächt. 1 ſprochen oder dem Biſchof die Summe, wozu das Pferd geſchätzt war, ausgezahlt habe, weiß Johanna nicht, vermuthet aber, es ſei weder das eine noch das andere geſchehen. Nach. V. 267 ſcheint der Biſchof Zahlung erhalten zu haben, wenigſtens ſind hier 137. 1. 10. s. tournois für ein Pferd verzeich⸗ net, welches der König der Jungfrau in Senlis verabfolgen ließ.. *) H. Martin I. I., p. 210: Comme l'épée mystique, allait se briser la force divine que Dieu avait envoyée aux hommes et dont les hommes n'étaient pas dignes. Kein Waffenſchmied vermochte das Schwert wieder zuſammenzuſchmieden oder umzuſchmelzen, Q. IV, 93. 24 Freilich war das Unternehmen auf Paris, das in den erſten Tagen nach der Krönung in Reims und unmittelbar nach Bethfords Abgang nach der Normandie jede Ausſicht auf Erfolg bot, unter den jetzigen Umſtänden weit ſchwieriger. Karl hatte den Pariſern die ſchönſte Muße gewährt, ſich auf den Tag der Gefahr vorzubereiten. Seit der erſten September⸗ woche, alſo mehrere Tage nach Karls Ankunft in Senlis, hatten die durchaus engliſch geſinnten Stadtbehoͤrden die kräftigſten Maßregeln zur Gegenwehr getroffen. Fäßer, mit Steinen gefüllt, wurden auf die Mauern geſchafft; Kanonen in den Häuſern aufgepflanzt, welche an die be⸗ drohten Mauern ſtießen. Die Thore wurden mit Bollwerken verſehen und ſowohl von außen wie von innen mit Barrieren geſperrt, die Stadtgräben tiefer gezogen. Auch ſorgte man in Erwartung einer längeren Belagerung für bedeutende Vorräthe an Lebensmitteln. Um die Koſten dieſer Anſtalten zu erſchwingen und die zweitauſend Mann der Beſatzung zu unterhalten, welche ſich mit dem zuverläßigen Theile der Bürgerſchaft zu einer anſehnlichen Macht vereinigten, erhob man im Namen des Königs von England gezwungene Anleihen theils von Kirchen und Geiſt⸗ lichen, theils von Bürgern und anderen wohlhabenden Cinwohnern, ja man verſchonte ſogar die zur Verwahrung hinterlegten Gelder(depôts, Depoſitengelder) nichtss. Durch die abſcheu⸗ liche Verleumdung, Herr Karl von Valois wolle aus Rachſucht die Stadt Paris ſammt ihren Bewohnern, groß und klein, jedes Standes und Geſchlechtes, der Wuth ſeiner Soldaten preis⸗ geben und dann dem Erdboden gleichmachen, ſuchte man das Misbehagen der Beſteuerten zu beſchwichtigen, die Anhänger des Königs zu erſchrecken, alle zur Vertheidigung ihrer theuerſten Güter aufzureizen.*). Was half es dagegen, daß der Herzog von Alencon mit ſeinem Siegel verſehene Briefe an den Oberrichter ſowohl des Pariſer Stadtgerichts als des Handelsgerichts ſowie an die Schöffen richtete, alle mit Namen anredete und ihnen in den ſchmeichelhafteſten Ausdrücken die beſten Verſprechungen gab. Die Mitglieder des Parlamentes und die Beamten aller Grade hatten ſich perſönlich zu ſehr gegen den König verſchuldet, hatten zu viele ſeiner treuſten Diener hingewürgt, als daß ſie zu dem Worte des Herzogs von Alençon hätten Vertrauen faßen können. Sie ließen den Herzog einfach bedeuten, er möge hinfort ſein Papier ſparen, ſich nicht ferner be⸗ mühen, die Völker in Paris wider einander aufzuhetzen. Warum aber ſandte nicht der König ſelbſt ſeine Wappenherolde mit einem feierlichen Manifeſte nach Paris und verſprach der Bür⸗ gerſchaft unbedingte Amneſtie, wie er dies allenthalben während des ganzen Feldzuges gethan?60 Warum wies er die Pariſer nicht auf die leuchtenden Denkmale von Milde und Schonung hin, die er zu Troyes, Reims und in allen Städten auf ſeinem Zuge hinterlaßen hatte? Auch in Paris gab es eine Partei entſchieden königlich Geſinnter, und viele ſelbſt der Vornehmſten be⸗ gannen bereits zu ſchwankensn. Jene galt es zu ſtärken, dieſe zu gewinnen. Und hatte Karl nicht an dem Verhalten des Biſchofs von Troyes das ſchlagendſte Beiſpiel, daß nicht allein der Bürgerſtand, ſondern auch die Geiſtlichkeit vor dem Aeußerſten zurückbebt und zur Vermittlung geneigt iſt, wenn ihr Pfründen und Würden geſichert bleiben? Gelangte Karl auf dieſem Wege nicht zum Ziele und war es ihm Ernſt um die Einnahme von Paris, ſo mußte er alsdann alle moraliſchen und materiellen Machtmittel, die ihm zu Gebote ſtanden, auf einmal in An⸗ wendung bringen. Vor allem heiſchte es die Königspflicht, daß er in Perſon an der Spitze der geſammten Kriegsmacht vor den Wällen ſeiner Hauptſtadt erſchien, gleich bereit zum Schlagen wie zum Vergeben. Ein König, gerüſtet zum Kampfe für ſeine Krone, iſt unter allen Umſtän⸗ den eine gewaltige moraliſche Macht. Gern gibt ſich das Volk dem Starken, ſeinem guten Rechte kühn Vertrauenden hin, ſelten fällt es dem zu, der nicht den Muth ſeines Rechtes hat. Nöͤthigte die Halsſtarrigkeit und das übermüthige Seibſtvertrauen der Abtrünnigen, das Schwert zu *) Was für Geſpenſter man im Betreff Johannas heraufbeſchwören mochte, ſieht man aus der ſprechenden Aeußerung des prétendu bourgeois de Paris, Q IV, 464: Ein Geſchöpf in Weibesgeſtalt, das man die Jungfrau nannte, war bei ihnen. Was es war, Gott weiß es. 25 ziehen, dann durfte Paris nicht an einem Puncte allein, es mußte an mehreren Stellen zugleich angegriffen werden, damit die Kräfte der Vertheidiger, die nur in ihrer Vereinigung zu fürchten waren, geſpalten und auf dieſe Weiſe gebrochen wurden. Ein partieller Angriff hatte ſeine Be⸗ denken und verſprach nur in dem Falle einen ſicheren Erfolg, wenn gleichzeitig eine Volks⸗ erhebung in Paris zu Bunſan des rechtmäßigen Landesherrn Katfand. Im königlichen Lager rechnete man auf einen großartigen Volksaufſtand und hoffte, wie gegneriſche Berichte beſagen, mehr von einem ſolchen, als von der Gewalt der Waffensz. Da aber dieſe Erwartung keine Gewisheit war, ſo mußte man den ſchlimmſten Fall entſchieden in's Auge faßen und im größten Maßſtabe Vorbereitungen zu einem allgemeinen Sturme treffen. Was letzteren beſonders er⸗ ſchwerte, war nicht ſowohl die Menge des feindlichen Geſchützes, als vielmehr die Tiefe der Waßergräben, welche Paris umgaben. Das wußten die franzöſiſchen Feldherrnos, und deshalb erforderte es ihre Pflicht, für ausreichende Mittel zum Uebergang und zur Füllung der Gräben Sorge zu tragen! Koſtete dies Zeit, ſo war es unſtreitig beßer, einen oder mehrere Tage länger zu warten, als durch Uebereilung alles auf's Spiel zu ſetzen. Was geſchah? Nichts oder ſo gut wie nichts von dem, was hätte geſchehen ſollen. Man that, was man hätte unterlaßen, und unterließ, was man hätte thun müßen. Und warum? Weil es weder dem König noch ſeinen Räthen mit der Sache ein aufrichtiger Ernſt war. In das Trugnetz ſeiner Unterhandlungs⸗ politik verſtrickt, war Karl von Anfang an nicht mit dem Herzen in Johannas Idee einge⸗ gangen und gab am Ende dem allſeitigen Drängen nur inſoweit nach, als er durchaus nicht umhin konnte. Ein nachdrücklicher, mit Ausdauer geführter Kampf um ſeine Reichshauptſtadt kam ihm auch jetzt nicht in den Sinn; höher, als zu einer ſchwächlichen Demonſtration“) verſtieg ſich ſein Gedanke nicht. Gelang der Verſuch, die Perle Frankreichs, wie unlängſt Troyes, we⸗ niger durch Gewalt, als durch den Schrecken vor Johannas Namen und durch den Patriotismus der getreu gebliebenen Pariſer wieder in das königliche Diadem einzuſetzen, ſo war das Kleinod um dieſen Preis nicht zu theuer erkauft; mislang dagegen der Verſuch, ſo behielt der König ja die burgundiſche Lüge noch immer zu ſeinem Troſt. Die Thatſachen moͤgen reden. 1 Gleich nach Karls Einzug in Saint⸗Denis ward das Unternehmen gegen Paris auf den folgenden Tag(8. Sept.) beſchloßen, und ſchon Nachmittags(des 7. September) rückte Johanna mit dem Herzog von Alençon, den Grafen von Vendöme und Laval, den Marſchällen von Rais und Sainte-Sévère, den Herrn von Gaucourt und von Albret, La Hire, Saintrailles und einer bedeutenden Kriegerzahl in das halbwegs zwiſchen Saint-Denis und Paris gelegene Dorf La Chapelle ein, von wo aus ſie noch vor Abend einen Streifzug bis unter die Mauern von Paris ausführtesa.. Wer war der Urheber dieſes Beſchlußes, der das Unternehmen gegen Paris auf einen der heiligſten Marientage feſtſetzte? Johanna nicht. Sie hat vor Gericht auf das beſtimmteſte verſichert, daß der Auszug gegen Paris an jenem Feiertage nicht auf ihr Begehren, ſondern auf Andringen der Krieger unternommen worden ſei, und daß ſie lediglich auf Bitten der Feldherrn (nobilium) ſich an demſelben betheiligt habe. Durch keine Offenbarung ihrer Heiligen will ſie zur Theilnahme bewogen worden ſein, weder auf Befehl noch gegen Verbot ihrer Stimmen den Zug mitgemacht habenbs. Die Heiligen haben ihr demnach bei dieſer hochwichtigen Entſcheidung ſefehlt geſchwiegen in einem der entſcheidendſten Wendepuncte ihres Lebens! Reuere Geſchichts⸗ orſcher haben dieſe Ausſagen der Jungfrau in Zweifel gezogen und die Vermuthung ausge⸗ ſprochen, Johanna habe aus Rückſicht auf ihre Stimmien den Richtern die Wahrheit vorent⸗ halten. Mit Unrecht, wenn auch mit ſehr ſcheinbaren Gründen. Allerdings ſcheint das Ver⸗ ſtummen der Heiligen im entſcheidenden Augenblick weder mit den Offenbarungen derſelben über .*) Q. I, 147: Ivit(Johanna) ad requestam nobilium dui volebant facere unam in- vasionem, gallice„une escarmouche,“ vel unam valentiam armorum; et bene habebat intentionem eundi ultra et transeundi fossata villæ Parisiensis. Vergl. I, 57. 168. 262. 299. 26 die Einnahme von Paris noch mit Johannas täglichem Drängen zur That in Einklang zu ſtehenés; allerdings würden die Richter, wenn Johanna eingeſtanden hätte, im Auftrage oder nur mit Genehmigung der Stimmen gehandelt zu haben, aus doppelten Gründen Errochtigt geweſen ſein, die Heiligen für böſe Geiſter zu erklären. Denn nicht bloß war der 8. September, wie geſagt, ein hoher Feſttag, ſondern auch der Erfolg des Unternehmens ein unglücklicher. Schon der erſtere Umſtand aber macht es uns im höͤchſten Grade wahrſcheinlich, daß Johanna den Rath, am 8. September Paris anzugreifen, nicht gegeben hat. Es war der Jungfrau ſicherlich Ernſt mit der Antwort, die ſie den Richtern auf die Frage ertheilte, ob es recht geweſen ſei, am Feſt⸗ tage Mariä Geburt Paris zu ſtürmen:„Es iſt wohlgethan, die Feſte unſerer lieben Frau zu halten und zwar, wie es mir im Gewißen ſcheint, von einem Ende bis zum andern(von An⸗ fang bis zu Ende). 67 Wie konnten ihr alſo die Heiligen, mögen wir ſie als Engel Gottes oder als die Geſtalt gewordene innere Stimme der Jungfrau auffaßen, einen widerſprechenden Rath ertheilen? Mit einem Worte: So gewis die Eroberung von Paris der Jungfrau durch die Stimme der Heiligen als Aufgabe geſtellt war, ſo wenig beſafßt ſie erade für den Marienfeſttag die himmliſche Gewähr und Verbürgung des Velingens, und weil ſie dieſelbe nicht hatte, deshalb iſt der Entſchluß, den Verſuch auf Paris gleich am 8. September auszuführen, nicht von ihr ausgegangen. Wenn Johanna ſich gleichwohl erbitten ließ, den Sturm alsbald zu wagen, ſo mochte ſie ſich damit entſchuldigen*), daß das Werk an ſich von Gott geboten, daß es alſo eine heilige Sache war, die ſie an dem heiligen Tage vollbringen ſolltess. Wir greifen ſicherlich nicht fehl, wenn wir unter den Feld⸗ herrn vorzugsweiſe den Herzog von Alençon, dem des Königs Unthätigkeit ebenſo unerträglich geworden war, wie der Jungfrau, für den fraglichen Beſchluß verantwortlich machen. Gut ge⸗ meint, aber ein ſtarker Fehler! Hatte ſich der König bisher durch ſeine Saumſeligkeit auf's ſchwerſte verſchuldet, ſo verfiel man nunmehr durch Ueberſtürzung des Unternehmens in die ent⸗ gegengeſetzte Verkehrtheit! So brachen denn am Geburtsfeſte der Marias, Donnerſtag den 8. September, gegen acht Uhr Morgens*0, die Generale mit Johanna von La Chapelle auf und kamen etwa um zehn Uhrn vor Paris auf dem marché aux pourceaux(Schweinemarkt) an, welcher ſich der⸗ zeit zwiſchen dem Hügel Saint-⸗Roch oder des Moulins und dem Thore Saint-⸗Honoré in weitem Raume ausdehnte. Hier nahm das Heer, welches zu zwölftauſend Mann angegeben wird, eine geordnete Stellung. Zwiſchen elf und zwölf Uhr theilte ſich daſſelbe in zwei Theile. Die Vorhut wurde von Johanna, dem Marſchall von Rais und dem Herrn von Gaucvurt nach dem Thore Saint-Honoré geführt. Die Hauptarmee, unter dem Herzog von Alencon, legte ſich hinter dem Hügel Saint⸗Roch, welcher damals eine ziemliche Höhe hatte, in Hinterhalt, um die Kämpfer vor dem Thore Saint⸗Honoré gegen einen Ueberfall zu ſchützen, den die Englän⸗ der und Burgunder durch das Thor Saint⸗Denis hin hätten ausführen kͤnnen. Die wenigen Stücke groben Geſchützes, welche die Franzoſen beſaßen, wurden auf der Höhe aufgepflanzt, von wo ſie nach verſchiedenen Richtungen hinwirkten und ihre Kugeln oft in Paris gabſ einſchlu⸗ gen:². Hier waren inzwiſchen die Burgunder und Engländer ſowie die Bürgerwehrleute unter die Waffen getreten, und die Franzoſen ſahen die feindlichen Scharen mit ihren Bannern, unter denen ein weißes mit rothem Kreuz durch ſeine Größe beſonders hervorſtach, ſich längs der Mauer innerhalb der Stadt hin und herbewegen. 1. Die Frage, ob der König Karl an dieſem verhängnisvollen Tage beim Heere vor Paris *) Mit Recht? Wir laßen dieſe Frage für jetzt auf ſich beruhen und bemerken nur, daß auf jeden Fall eine mehr als gewöhnliche Kraft der Selbſtentäußerung dazu gehört, eine Sache, die man nach Gottes Willen ſeit langer Zeit mit glühendem Verlangen erſtrebt hat, ohne weiteres von der Hand 5 weiſen, wenn dieſelbe endlich geboten wird. Eine Entſchuldigung iſt freilich noch keine Recht⸗ ertigung. 11 27 geweſen, haben faſt ſämmtliche franzöſiſche Geſchichtsforſcher mit Nein beantwortet. Richtig iſt, daß keiner der Chroniſten Karl VII am 7. September von Saint⸗Denis nach La Chapelle ausziehen, keiner ihn am 8. September von La Chapelle mit dem Heere gegen Paris auf⸗ brechen läßt. Ebenſowenig ſchreiben die Berichterſtatter dem König eine perſönliche Theilnahme an den Ereigniſſen dieſes Tages zu. Zwei nicht zu verachtende Gewährsmänner, Walter Bower und der Chroniſt von Berri, bemerken ſogar ausdrücklich, erſterer, daß Karl in Saint⸗Denis zurückgeblieben, letzterer, daß allein das koͤnigliche Heer vor Paris geweſen ſei:s. Auch ſpricht Johaun Chartier gleichwie die Chronik der Jungfrau in einer Weiſe von Johannas Rückkehr nach Saint⸗Denis(9. Sept.), welche ſich auf den erſten Blick mit des Königs Gegenwart vor Paris am 8. September nicht füglich zu vertragen ſcheint. Dennoch erweiſt ſich dieſe Annahme bei genauerer Prüfung als unhaltbar. Zwei Stellen, die eine bei Monſtrelet, die andere bei Perceval von Caguy, machen das Gegentheil ſo gut wie zur Gewisheit. Nach jenem hat ſich der König am 8. Sept. mit dem Hauptheere zwiſchen Paris und Montmartre aufgeſtellt, nach Perceval iſt er mit dem Herzog von Bar und dem Grafen von Clermont an dieſem Tage von Saint⸗-Denis angekommen*). Als das Wahrſcheinlichſte ergiebt ſich aus den verſchiedenen Be⸗ richten, daß Karl an dem Tage der Entſcheidung zwar nicht mit dem Hcere von La Chapelle ausgerückt, wohl aber von Saint⸗Denis aus demſelben ſpäter nachgefolgt iſt und nebſt dem Her⸗ zog v. Bar und dem Grafen Clermont ſich bei dem Hauptcorps hinter Saint-Roch gehalten hat. Müßen wir nun auch den franzöſiſchen Forſchern in dem fraglichen Puncte entgegentreten, ſo bleibt doch die Thatſache ein für allemal ſtehen, daß der König zur Eroberung der Hauptſtadt ſeines Reiches keinen Finger gehoben, ſondern hinter jenem Hügel in kläglicher Unthätigkent ge⸗ ſeßen hat, während er die Heldenjungfrau mit der verhältnißmäßig kleinen Schar ihrer Tapfern ſich vor den Mauern von Paris abringen ließ. Eine ſolche Gegenwart iſt denn freilich nicht beßer, als keine. Und wenn ſie nur nicht ſchlimmer geweſen wäre! Oder iſt es möglich, zu zweifeln, daß alles, was inſonderheit am Schluße dieſes Tages wider Johannas Willen deſchah, Son dem König, wenn auch nicht urſprünglich ausgegangen, doch unwiderruflich befohlen worden iſt Gegen Mittag, zur Zeit der großen Meſſer¹, begann an dem Thore Saint-Honoré der Kampf. Mit furchtbarer Erbitterung und vielem Kraftaufwand ward derſelbe hauptſächlich von⸗ ſeiten der Angreifer, aber auch der Vertheidiger bis in die Nacht hinein geführt. Ein Hagel von Geſchoßen flog beſtändig hin und her, die Kanonen brüllten mächtig dazwiſchen⸗s. Vor allem galt es, das Bollwerk und die Barriere des Thores Saint-⸗Honoré zu nehmen. Brennend vor Kampfbegier ſtürzten ſich die franzöſiſchen Ritter und Krieger mit ſo ungeſtümer Tapferkeit auf dieſelben, daß ſie ſich beider im erſten Anlaufe bemächtigten. Die Vertheidiger, größten⸗ theils Engländer, zogen ſich nach kurzer Gegenwehr durch das Thor in die Stadt zurück. Am meiſten that ſich bei dieſer Gelegenheit ein Edelmann aus der Dauphiné, Herr von Saint⸗ Vallier, hervor. Er war es, der mit ſeinen Leuten zuerſt Feuer an den Schanzwall und die *) 0. IV, 392(Monſtrelet): Après laquelle conclusion prise, on fist apprester toutes gens de guerre, et à che propre lundi desusdit(1), se mist le roy Charles en bataille entre Paris et Montmartre, ses prinches avoecq luy. Et ladicte Pucelle, avoecq luy ceulz de Pavant-garde en très grand nombre, s'en ala à tout son estandart à la porte Saint-Honnodré. IV, 27(Perceval v. Cagny): Ils(der Herr von Gaucourt und andere) la midrent à cheval et la ramenèrent à son logis audit lieu de la Chapelle et tonz les autres de la compaignie le roy, le duc de Bar, le conte de Cleremont qui ce jour estoient venuz de Saint Denys. Als dritten Bürgen fügen wir Papſt Pius II. hinzu, G. IV, 515: Fuit et spes data regi Parisiorum urbis capiendæ; sed duum in agros eorum duxisset nec quisquam occurreret, deceptum se nntelligens, retro abiit; Puella vero acriori animo assumptis quibusdam cohortibus, usque ad portam excurrit quæ ducit ad Forum Porcorum ete. Auch die nor⸗ manniſche Chronik 0. IV, 342 und 343 ſchließt ſich an.— 41 * 28 Barriere legte*). Johanna befand ſich mit ihrer Fahne in der erſten Reihe der Stürmenden und rang im Handgemenge einem Burgunder ſein Schwert aus der Hand:6. Die erſte Stelle war auch die letzte, wo an dieſem Tage Mann gegen Mann gefochten wurde. Die Einnahme des Außenwerkes führte die Sieger noch keineswegs an die Ringmauer der Stadt. Um dieſe zu erreichen, mußten erſt noch zwei tiefe Gräben überſchritten werden. Johannas Entſchluß war gefaßt. Obwohl nicht Urheberin des Gedankens, am Geburtsfeſte der heiligen Jungfrau gegen Paris vorzugehen, war ſie doch nicht vor die Stadt gekommen, um vor ihren Gräben Halt zu machen und ein bloßes Scharmützel der gewöhnlichen Art zu beſtehen. Die Gräben zu über⸗ ſchreiten und die Mauern zu erſtürmen, war ihr Vorhaben.**) Die raſche Flucht der Engländer beſchleunigte nur Johannas Vorſatz. Um zwei Uhr trat ſie, die Fahne in der Hand, an den Saum des erſten Grabens, mit ihr der Marſchall von Rais und eine große Schar von Rittern, Knappen und Kriegern. Schnell war dieſer Graben zurückgelegt, denn es fand ſich kein Waßer darin, und der Erdaufwurf(dos d'âne) er⸗ klommen, welcher die Scheidewand zwiſchen dem erſten und zweiten Graben bildete. Auf der Höhe angelangt, rief Johanna den Pariſern zu: Ergebet die Stadt dem König von Frank⸗ reich*e*) Schmähreden, ſo gemein, wie die vor Orleans, wurden ihr zur Antwort. Ohne Aufenthalt ſchritt ſie bis zum Rande des zweiten Grabens. Derſelbe war tief und mit Waßer gefüllt.„Man hatte Johanna nicht gut unterrichtet,“ ſagt die Chronik der Jungfrau,„über das tiefe Waßer, welches in den Gräben war, und gleichwohl ſtanden mehrere an dieſem Platze, die es recht gut wußten, und die nach allem, was man ſchließen und muthmaßen konnte, aus Neid gern gewollt hätten, daß es ihr misglückt wärc“*es). Die Jungfrau verlor den Muth nicht. Am Rande des Waßers hin und hergehend, unterſuchte ſie mit ihrer Lanze die Tiefe *) Die Worte, womit das Tagebuch, 0. IV, 198, und die Chronik der Jungfrau, Buchon 1. 1., 363, die Erzählung einleiten: Aucuns seigneurs Françoys se voulurent approucher plus pres etc. berechtigen zu dem Schluße, daß es nicht in Johannas Abſicht lag, den Angriff ſo ſchnell zu beginnen. Wahrſcheinlich wollte ſie in ihrer drohenden Stellung den Pariſern noch einige Zeit laßen, ſich eines Beßeren zu beſinnen. **) S. Seite 25, Anmerkung. **) Nach dem bourgeois de Paris(Q. IV, 465) hätte Johanna geſagt:„Rendez-vous, de par Jhesus, à nous tost; car se vous ne vous rendez avant qu'il soit la nuyt nous y eutrerons par force, veuillez ou non, et tous serez„mis à mort sans mercy.“ Den letzten Worten ſieht man die bösliche Erfindung an. Auf die Frage der Richter(1, 148), ob ſie die Worte:„Rendez la ville de ar Jhesus“ gebraucht habe, entgegnet Johanna: Que non, mais dist:„Rendez-la au rox de France.“ Was die Richter zu ihrer Frage veranlaßt hat, liegt auf der Hand: ſie wollten im Falle der Be⸗ jahung den Widerſpruch darlegen, daß Johanna in Jeſu Namen die Uebergabe von Paris gefordert und bei dem Verſuch der Erſtürmung den Segen des Herrn entbehrt habe. Sie thun dies im 57. Ar⸗ tikel des Promotors(0. 1, 298 sd.) auf Grund des Gerüchtes, daß Johanna ihren Kriegern ver⸗ ſprochen habe, quod civitatem Parisiensem ingrederentur illo die et quod hoc sciebat per reve- lationem, und ihrer vorgehlichen Aeußerung, sibi adstitisse mille millia angelorum, qui parati erant eam deferre in paradisum, si mortua fuisset; et nihilominus fertur cum hoc respondisse ad inter- rogationem sibi factam, cur contra promissa sic evenerat quod Parisius non solum fuerat non in- gressa, sed de exercitu ejus quam plures et ipsamet atroci vulnere sauciati fuerunt, et quidam in- terlecti,„quod Jhesus ei de promisso defecerat.“ Johannas Erwiderung auf die letzten Worte iſt 1. 1. 299 in folgender Weiſe aufgezeichnet: Et quoad finem articnuli, quod Jhesus defecerat ei, negat. Wahrſcheinlich hat die Jungfrau ihre gewöhnliche Formel(0. 1V, 18: Rendez-vous au roy du ciel et au gentil roy Charles) auch vor Paris angewandt. — e-) Henri Martin I. I., p. 212: Qui donc savait ici ce qu'ignorait Jeanne! Il semble que le soin des informations regardait surtout les moréchaux. Le maréchal de Retz(Rais) était aupres de Jeanne, et l'on n'a point a craindre de calomnier le maréchal de Retz. 29„ deſſelben und befahl, die Reisbündel und Faſchinen, deren man mehrere Wagen voll von La Cha⸗ pelle mitgebracht hatte, in den Graben hinabzuwerfen. In dieſem Augenblick erhob ſich ein Ge⸗ ſörei in allen Theilen der Stadt: Alles iſt verloren, der Feind iſt in Paris eingedrungen, rette ich, wer kann. Die Partei des Königs war es, welche verabredetermaßen durch dieſen Schreckens⸗ ruf die Anhänger der Fremdherrſchaſt in Beſtürzung zu ſetzen und das Volk zu einem Aufſtande zu treiben ſich beeiferte. Aber es half den getreuen Franzoſen dieſe Liſt nichts. Die Leute, welche in großer Menge in den Kirchen Troſt geſucht hatten, ſtürzten voll Angſt, als ſie den Lärm auf den Straßen hörten, aus den Kirchthoren, aber ſie dachten nicht daran oder ſie wagten es nicht, ſich für ihren König zuſammenzuſcharen. Größtentheils liefen ſie in ihre Häuſer und ſchloßen die Thüren hinter ſich ab; die Uebelgeſinnten rannten nach den bedrohten Maznuern und leiſteten den Vertheidigern kräftigen Beiſtand. So brachte der wohlgemeinte An⸗ ſchlag ſtatt Nutzen nur Schaden::, indem durch das Mislingen deſſelben ſowohl die Zahl wie der Eifer der Belagerten vermehrt wurde.„Ein wenig nach vier Uhr“, ſagt der vorgebliche Bürger von Paris,„faßten ſich die Pariſer ein Herz“ und ſchleuderten mit Bogen und Arm⸗ bruſt, aus Kanonen und Feldſchlangen eine unzählbare Maſſe von Wurfgeſchoßen auf die An⸗ greifer.„Aber trotzdem“, verſichert Perceval von Cagny,„daß die Jungfrau und eine große Menge von Rittern, Knappen und andern Kriegern in die Gräben hinabgeſtiegen, die andern am Rande derſelben oder in der Nähe waren, wurden doch nur ſehr wenige davon verwundet, viele i Fuß wie zu Pferd wurden zwar getroffen und zur Erde geſtreckt durch Steine, aus Kanonen ge⸗ hoden, aber durch die Gnade Gottes und zu Chren der Jungfrau ſtarb kein Menſch davon, wurde auch niemand ſo verwundet, daß er nicht hätte ohne hrrut Hülfe bequem in ſein Quartier zurückkommen können*s.“ Johanna rief der Wuth des Feindes gegenüber die Ihrigen zu verdoppelter Anſtrengung auf, den Graben mit Reiſig zu füllen. Allein das mit⸗ gebrachte Faſchinenwerk reichte nicht aus, die Uebergangsmittel waren zu mangel⸗ haft. Bis zum ſinkenden Tagre arbeiteten ſich die Krieger ad, ohne des Waßers Herr zu werden und ſich eine Straße nach den Mauern bahnen zu können. Schon war die Sonne unterge⸗ gangen, da traf der Pfeil einer Armbruſt die Jungfrau, welche fortwährend am Rande des Grabens ſich hielt, in den Schenkel und ſchlug ihr eine nicht eben ſchwere Wunde. Ein anderer Pfeil durchbohrte ihrem tapferen Bannerträger den Fuß.*) Dieſer öffnete das Viſier, um das Geſchoß aus dem Fuße zu ziehen, als ein neuer Pfeil, der ſeine eutblößte Stirn zwiſchen beiden Augen ſpaltete, ihm die Todeswunde gabro. Es war nicht das erſte Mal, daß Johanna ver⸗ wundet wurde. Sie dachte nicht daran, das Unternehmen aufzugeben, ſondern zog ſich nur auf die von der Stadt abgewandte Böſchung des Erdhügels zurück. Hier ſich niederlegend, feuerte ſie ihre Krieger mit begeiſternden Worten an, die Füllung des Grabens zu vollenden, um ſtür⸗ mend gegen die Mauern vorzuſchreiten, und ſprach allen Muth ein durch die Verheißung: Der Platz wird genommen werden!80.. Werden die Großen den Ruf der Jungfran glaubend in's Herz faßen? Vor der Brücken⸗ feſte bei Orleans haben ſie's gethan, und die Rettung der Stadt iſt der Lohn ihrer Folgſamkeit geworden. Dort war, wie hier, Johanna verwundet, das Heer durch dies Ereignis betroffen und durch die vergeblichen Anſtrengungen eines ganzen Tages abgemattet, die Nacht brach her⸗ ein, und noch war kein Fuß breit Bodens den Feinden abgewonnen. Sie thaten nach Johannas Wort und ſiegten! Weit günſtiger dem Anſcheine nach ſtehen die Sachen jetzt vor Paris. Die Nacht iſt nicht den Belagerern feind, ſondern den Belagerten. Unter dem Schutze der Dunkelheit laßen ſich die Gräben füllen oder mit Balken überbrücken, die Sturmleitern an die Mauern ſchaffen, die Geſchoße der Vertheidiger haben kein Ziel. Aber die Truppen ſind erſchöpft! Wohlan man löͤſe ſie ab, die Maſſen hinter Saint⸗Roch haben noch keine Hand geregt. Auch .*) Ludwig von Contes hatte ſich aus unbekannten Gründen noch vor dem Zuge gegen Paris von Johanna getrennt, 0. III, 72. 73. 30 hat Johanna nicht Leute genug, wie die Chroniken ſagen. Warum entſendet man nicht die Hälfte der Heeresmacht von Saint⸗-Roch? Die andere Hälfte genügt vollkommen dem Zwecke eines Rückhaltes. Der Verſuch, eine Volkserhebung in Paris zu Stande zu bringen, iſt geſcheitert! Nun? kann nicht, was am hellen Tage mislang, im Dunkel der Nacht glücken? Am Tage band die Furcht die ängſtlichen Gemüther, die Nacht wird ſie befreien von der Beſorgnis, der Rache ihrer Dränger anheimzufallen. Nimmermehr kann die Beharrlichkeit der Belagerer ohne gewal⸗ tige Wirkung auf den Geiſt der Pariſer bleiben. Und geſetzt, Paris fällt nicht in der nächſten Nacht, iſt denn Orleans in einem Tage befreit? iſt Jargeau, ſind andere Feſtungen in einem Tage erobert worden? Man ließe ſich's wohl gefallen, daß Johanna das Größte mit den ge⸗ ringſten Mitteln vollbrächte, beſitzt man auch Glaubensſtärke genng, mit ausdauernder Thatkraft der Gewähr ihrer Verheißungen entgegenzuringen, wenn in einem halben Tage nicht das Un⸗ mögliche geleiſtet wird? Die Quellen geben die traurige Antwort: Weil es Nacht war und Jo⸗ hanna verwundet, weil die Krieger müde waren und das Waßer ſo tief, deshalb drangen meh⸗ rere Hauptleute zu wiederholten Malen in die Heldin, das Unternehmen aufzugeben und ſich zurückzuziehen. Johanna weigerte ſich ſtandhaft. Auch den Aufforderungen des Herzogs von Alencon und des Grafen von Clermont, welche von Saint⸗Roch Boten auf Boten an die Jungfrau ſchickten, gab ſie kein Gehör. Endlich kam der Herzog ſelbſt mit dem Grafen und beide ſowie der Herr von Gaucourt nebſt andern führten Johanna wider ihren Willen aus dem Bereiche der Gräben. Mit ungeheurem Schmerze wich ſie der Gewalt, indem ſie betheuerte: der Platz würde genommen worden ſein! Hat Alençon, haben die andern aus eigenem Antriebe ſo gehandelt? Oder auf des Königs Befehl? Die Quellen ſchweigen⸗), wir aber haben alle Urſache, überzeugt zu ſein, daß die Gegenwart des Königs und ſeiner Räthe beim Heere der Jungfrau wie immer, ſo auch jetzt, die Hände gebunden hat und demnach dem Unternehmen ſtatt zum Vortheil, vielmehr zum Unheil geworden iſt. Es war zwiſchen zehn und elf Uhr. Die Feldherrn ſetzten Johanna auf ihr Schlachtroſs und traten mit der ganzen Streitmacht den Rück⸗ zug an. Die Verwundeten wurden ſämmtlich mitgenommen. Die Feinde wagten keine Ver⸗ folgung. Johanna blieb mit dem Herzog von Alencon und der Vorhut, wie die Nacht zuvor, in La Chapelle, der König ging mit dem Herzog von Bar, dem Grafen von Clermont und der Hauptarmee wieder nach Saint-Denissl.. In Betreff der Verluſte, welche die königlichen Truppen an dieſem Tage erlitten, gehen die Berichte ſehr auseinander. Mehrere eugliſch-burgundiſche Chroniſten geben die Zahl der Todten und Verwundeten als ſehr beträchtlich an. Der vorgebliche Bürger von Paris erzählt ſogar, ein Tags darauf zum Abholen der Todten nach Paris gekommener Herold des Königs habe eidlich verſichert, im ganzen ſeien funfzehn hundert franzöſiſche Krieger von den Geſchoßen der Pariſer getroffen, davon fünfhundert oder mehr bereits geſtorben oder zum Tode verletzt. Indeſſen verdient dieſe Nachricht, weil von maßloſem Haße eingegeben, nur geringen Glauben. Die franzöſiſchen Schriftſteller behaupten dagegen, es ſeien zwar mehrere auf Seiten der Angreifer verwundet, aber faſt keiner getödtet worden. Für die Wahrheit dieſer Angabe findet ſich ein durchaus zuverläßiges Zeugnis, welches Clemens v. Fauquemberque in die Regiſter des pariſer Parlamentes niedergelegt hat, wo er wörtlich ſagt: Um zehn oder elf Uhr zogen ſie ab zu ihrem Schaden und ſie hatten mehrere Todte und Verwundete. s² Bedürfte das Zeugnis aus Fein⸗ des Munde einer Beſtätigung, wir würden ſie aus dem 57. Artikel des Promotors entnehmen**) welcher unſtreitig in einem ganz anderen Tone gehalten ſein würde, wenn die engliſch⸗burgun⸗ diſchen Chroniſten Recht hätten. *) Mit Ausnahme jedoch der normanniſchen Chronik O. 1V, 342 sq., deren Worte wir dem⸗ nächſt anführen werden.. » 0. 1, 299: De exercitu ejus quam plures et ipsamet atroci vulnere sanciati fuerunt, et quidam interfecti.* Ln 31 So unbedeutend nun auch der materielle Verluſt der Franzoſen geweſen iſt, die ideelle Einbuße, welche die Sache Frankreichs an dieſem Tage erlitt, war unberechenbar. Es war das erſte Mal, daß der Jungfrau ein Unternehmen gänzlich fehlſchlug. Der Zauber ihres Namens, die Macht ihrer Stärke aber hatte bisher in dem Glauben an ihre Unwiderſtehlichkeit beſtanden. Plötzlich welch ein Umſchwung! Die Gottgeſandte überwunden, die Verheißung der Gottbegeiſter⸗ ten zu nichte geworden! Welch ein Widerſpruch mit der Idee! Ein Ungedanke, faſt ſo undenk⸗ bar, wie für die Juden der Gedanke eines gekreuzigten Meſſias. Mit der erſten Schlappe war die Idee nothwendig in Frage geſtellt, Johannas Macht über die Geiſter in ihrer Unbe⸗ dingtheit gebrochen, wenn nicht eine ſofortige und zwar glänzende Wiederherſtellung des Schadens erfolgte. Andernfalls mußte ſich den Freunden die Beſorgnis aufdrängen, daß Gott die Jungfrau verlaßen habe, und den Feinden der Wahn ſich beſtätigen, daß der Teufel ſie re⸗ giere. Dies um ſo gewißer, weil jedermann wußte, daß Johanna den Fall von Paris ſowohl auf ihrer ganzen Kriegeslaufbahn als auf dem Kampfplatze felbſt verkündigt hatte, und keiner ihrer Anhänger zweifelte, daß ſie dem König ſeine Hauptſtadt wiedergeben würde. Die Gegner wollen ſogar behaupten, Johanna habe den Truppen das Verſprechen gegeben, daß„ſie ſchon an dieſem Tage in Paris einziehen, noch dieſe Nacht in Paris ſchlafen und ſich mit den Gütern der Stadt bereichern würden“ss. Dies Gerücht iſt indeſſen, wenn nicht ein Misver⸗ ndide entweder eine hämiſche Erfindung der Feinde oder eine gewagte Kriegsliſt der franzö⸗ iſchen Feldherrn. Denn Johanna hat für dieſen Tag(8. September) keine Zuſicherung ihrer Heiligen gehabt und mit dem Worte:„Der Platz wird genommen werden!“ welches ſie nach ihrer Verwundung ausſprach, ſich nur überhaupt für die Einnahme der Stadt bei dieſem Stur⸗ mesangriff verbürgt, keineswegs aber den Zeitpunct derſelben auf Tag und Stunde begrenzt, noch weniger den Erfolg unter allen Umſtänden, ſelbſt im Fall einer gewaltſamen Gegenwirkung aus ihrem eigenen Heerlager gewährleiſtet. Aber das erſtere war nur den Eingeweihten, nicht der Maſſe der Krieger bekannt, in letzterer Hinſicht fein zu unterſcheiden, nicht jedermanns Sache, am wenigſten von den Verwundeten zu verlangen. Und deshalb dürfen wir ſelbſt dem er⸗ bittertſten Haßer und Verächter glauben, daß die Verwundeten manchen Fluch gegen die Jung⸗ frau ausgeſtoßens: und ihr die Schuld des Unglücks aufgebürdet haben. Die Maſſe, welche lch nur an das Aeußere der Thatſachen hält, nicht die Grunde der Dinge ſchaut, begriff nicht, daß, wenn einem Werke Johannas der Segen fehlte, die Urſache möglicher Weiſe nicht in ihr ſelbſt, ſondern in denen liegen konnte, für die ſie zu wirken berufen war. Kein Wunder alje, daß, wie Pius II ſagt*), der Glaube an ſie an dieſem Tage einen argen Stoß er⸗ itten hat. 1 MRur ein Mittel gab es, wie geſagt, das erſchütterte Vertrauen wiederherzuſtellen, Jo⸗ hanna kannte es: eine raſche That, ein ſchneller Sieg. Schon einmal war ſie vor der Auguſti⸗ nerburg zur Flucht genöthigt worden. Die Erſtürmung der Feſte unmittelbar darauf aber hatte den ganzen Eindruck ſofort verwiſcht. So mußte jetzt der Angriff auf Paris ohne Auf⸗ ſchub erneuert und auf's nachdrücklichſte durchgeführt werden, wenn nicht Johannas Unfall unheilbar und damit die Sache Frankreichs auf's äußerſte gefährdet werden ſollte. Freitag den 9. September erhob ſich Johanna, ihrer Wunde nicht achtend, in aller Frühe, berief ſofort den Herzog von Alençon zu ſich und bat ihn, die Trompeten blaſen zu laßen, um vor Paris zurückzukehren, indem ſie betheuerte:„Ich werde nicht von hier gehen, bis ich die Stadt habe!“ Der Herzog und der größere Theil der Hauptleute waren damit einverſtanden, ein Beweis, daß ſie noch nichts für verloren erachteten. Und als ſollte Johannas Aufruf, dem diesmal die Genehmigung ihrer Stimmen ſicher nicht fehlte, durch einen deutlichen Wink von oben beſiegelt werden, ſo kam in dem Augenblick, wo die Hauptleute das Für und Wider abwogen, der erſte Baron von Lle⸗ *) 0. IV, 515: Atque hic favor Puella minui coepit,.. neque deinceps nomen ejus tam ſormidabile Anglicis aut tam venerabile Francis fuit. 3 32 de⸗France, der Herr von Montmorenci, welcher bisher auf Seiten der engliſch⸗burgundiſchen Partei geſtanden hatte, mit fünfzig bis ſechszig Edelleuten aus Paris*), um ſich unter das Banner der Jungfrau zu ſtellen. Dies Begebnis in dieſer Stunde„erhob Muth und Herz der⸗ jenigen, welche die gute Abſicht hatten, wider gegen Paris zu ziehen.“ Sie ſahen darin eine Bürgſchaft, daß dieſer erſte Uebertritt nicht der letzte ſein würde. Schon hatte ſich Johanna mit allen, die ihres Sinnes waren, nach Paris in Bewegung geſetzt, als der Herzog von Bar und der Graf von Clermont im Auftrag Karls VII von Saint⸗Denis eintrafen. Sie baten in des Königs Namen den Herzog von Alencon und die Jungfrau, nicht weiter zu gehen, ſondern nach Saint⸗Denis zu kommen; den anderen Hauptleuten brachten ſie den Befehl, zurückzukehren und Johanna zum Könige zu bringen.„Die Jungfrau und die Mehrzahl ihrer Begleiter were tief betrübt über dieſen Befehl, nichts deſtoweniger gehorchten ſie dem Willen des Königs.“ 4 ein Stern der Hoffnung winkte noch. In der Nähe von Saint⸗Denis hatte der Her⸗ zog von Alençon eine Brücke über die Seine ſchlagen laßen. Mit dem Entſchluße, dieſe Brücke am nächſten Morgen zu überſchreiten und einen neuen Schlag gegen Paris auf dem linken Stromufer zu führen, wo man deſſen nicht gewärtig war, ging Johanna mit ihren gleichgeſinn⸗ ten Kriegern nach Saint⸗Denis. Aber wie bitter ſollte dieſe Hoffnung getäuſcht werden! Der König, von dem kühnen Plane in Kenntnis geſetzt, ließ während der Nacht die Brücke zer⸗ trümmern, und als Johanna, der Herzog von Alencçon und die andern„von guter Geſinnung mit einem Theile der Truppen, welche vor Paris geweſen waren,“ am Morgen des 10. Sep⸗ tember an der Seine erſchienen, fanden ſie die Brücke nicht mehr. Damit war auch dieſer Troſt⸗ und Hoffnungsanker gerißen. Der König ſagte damit ohne Worte, daß er keinen noch⸗ maligen Angriff auf Paris dulden wolle. Welche Zunge ſpricht den Schmerz aus, der das Herz der Jungfrau durchbohrte! Faſt wie ein Hohn der Bosheit mußte ihr das Lob in’s Ohr und Herz klingen, das man ihr am Hofe zu Saint⸗Deuis für ihren guten Willen und die vor Paris bewährte Tapferkeit ſpendete.ss Mit Fug und Recht fällt H. Martin über das Verhalten des Königs und ſeiner Räthe das ſtarke Urtheil:„Jede Betrachtung würde hinter den Thatſachen zurückbleiben. Es gibt in der neuern Geſchichte kein Verbrechen gegen Gott und Vaterland, das ſich dem Verbrechen Karls VII und ſeiner Günſtlinge an die Seite ſtellen ließe.“ Die feindlichen Berichterſtatter leiten freilich in eitler Selbſtüberhebung das Mislingen des ganzen Unternehmens von dem einmüthigen Widerſtande der pariſer Beſatzung und Volkswehr ab, ja ſie verſteigen ſich in ihrer ſelbſtgefälligen Prahlerei bis zu der Behauptung, daß, wenn die könig⸗ lichen Truppen noch viermal ſo ſtark geweſen wären, dieſelben dennoch Paris weder durch Sturm noch durch Belagerung gewonnen haben würdenss. Dagegen führen die franzöſiſchen Quellen die Schuld auf den Mangel an Ausdauer und Beharrlichkeit, auf die mangelhaften Voranſtal⸗ ten und die geringe Zahl der Krieger, mit einem Worte darauf zurück, daß es der Jungfrau an der nöthigen Unterſtützung gefehlt habe. Und warum hat ſie ihr gefehlt? Eine normanniſche Chronik trifft den Nagel auf den Kopf, indem ſie die burgundiſchen Unterhandlungen als die Grund⸗ urſache des Unglücks bezeichnet.**) .*) H. Martin, p. 214: après avoir franchi une des portes, qu'il eùt probablement livrée la nuit précédente, si l'assaut eüt continué. 1 e⸗ *) Daß dieſer am Gängelbande ſeiner Räthe ging, verſteht ſich von ſelbſt. Zum Ueberfluß ſ. O. IV, 47sq.: Le sire de La Trimoille fist retourner les gens d'armes à Saint Denis. 0. IV, 342 sq.: Ft fu l'assault si fort, que ceulx dedens avoient comme fout desemparé le mur; et estoient lesditz assaillans si près des murs, qu'il ne failloit mes que lever les eschielles dont ilz bien garnis, et ilz eussent esté dedens; mes fu avisé par ung nommé monsseignenr de La Trimonlle, du coté dudit Charlez, car il avoit trop grant occision: car lesditz assaillans avoient intencion, comme l'en disoit, d'ochire et d'ardre. Et auxi Pen disoit que monseigneur de Bourgongne 33 unſer Urtheil ſchwankt keinen Augenblick. Johanna iſt vor Paris dieſelbe geweſen, wie vor Orleans. Weder ihr Genie hat ſie verlaßen, noch iſt die Inſpiration von ihr gewichen, ſo wenig ihr auch für den 8. September das Gelingen von den Heiligen verbürgt war. Die ganze Schuld des unglücklichen Ausganges trägt der König mit ſeinen ſchlechten Räthen. Karl VII hat alles gethan, wovor ihn Gerſon und Gelu gewarnt, und alles nicht gethan, wozu jene Männer ihn ermahnt haben. Hüte ſich Frankreich, hatte Gerſon geſagt, daß es nicht durch Unglauben, Undank oder ſonſtige Ungerechtigkeiten die ſo deutlich und wunderbar begonnene Hülfe Gottes zu nichte mache, wie das Volk Israel gethan. Denn Gott ändert, wenn auch nicht ſeinen Rathſchluß, doch ſein zeitweiliges Urtheil, je nachdem die Verdienſte der Menſchen ſich andern. Und Gelu hatte es dem Köͤnig zur Pflicht gemacht, in allen Fällen zuerſt die An⸗ ſicht der Jungfrau einzuholen, und wenn dieſe etwas beſtimmt ausſage, ihr unbedingt zu folgen. Was die Vorbereitungen zum Kriege anlange, d. h. das Beſchaffen von Geſchütz, Brücken, Lei⸗ tern, ferner die Sorge für Geld und Lebensmittel, ſo reiche menſchliche Einſicht dazun aus; in ſolchen Dingen dagegen, wozu göttliche Weisheit gehöre, müße ſich die menſchliche Klugheit beugen und demüthigen. Hier gerade müße Johannas Rath zuerſt und vorzugsweiſe gelten, weil zu hoffen ſei, daß Gott, der ſie geſchickt habe, ihr ſolche Gedanken eingeben werde, wodurch das begonnene Werk zu einem glücklichen Ende gedeihe. Von allem dem hat Karl VII gerade das Gegentheil gethan. Er hat es vor Paris fehlen laßen an den Anſtalten und Vorrichtungen, welche jede Vernunft als nothwendig erkannte, und dagegen den Rath und Willen der Jungfrau durch Pnhe Maßnahmen zu Schanden gemacht. Und fragen wir nach den Gründen ſolcher Sündenthat: Er hat der burgundiſchen Lüge, die ihm die Selbſtſucht ſeiner Räthe empfahl, und nicht dem Gott geglaubt, der ihn bisher durch Johannas Mund und Arm zum Heile geleitet hatte. Und dies darum, weil das burgundiſche Trugbild dem ſündhaften Egoismus ſeiner Trägheit ſchmeichelte und der Glaube an Johannas himmliſche Sendung in ihm nie zu Kraft und Klarheit geworden iſt. Es gehört kein ſcharfes Beobachterange dazu, um die bedauerliche Entdeckung zu machen, daß Karls Glaube an den göttlichen Beruf der Jungfrau ſich in dem⸗ ſelben Verhältnis minderte, in welchem dieſe ſich der Sonnenhöhe ihres Ruhmes näherte. Je mehr Wunder ſie verrichtete, deſto ungläubiger wurde er. In der Feigheit ſeines Unglaubens hat er zweimal die Hand Gottes muthwillig von ſich geſtoßen, die ſich ebenſo nach der Krönung in Reims, wie nach Bethfords Abmarſch in die Normandie, ſichtlich und greifbar nach ihm aus⸗ treckte, um ihn triumphierend in ſeine wehrloſe Reichshauptſtadt einzuführen. Vor Paris, wohin ihn nicht der Drang der Pflicht, ſondern die Gewalt des Heereswillens führte, hat er ſeinem Unglauben die Krone aufgeſetzt. Nur zu einem Verſuch, Paris, wie Troyes, durch drohende avoit envoié ung hérault devers ledit Charlez, en disant qu'il tendroit l'apointement qu'il avoit fait avec ledit Charlez, et qu'il cessast lui et ses gens; mes s'il y avoit appointement entre eux, ne quel il estoit, je n'en sauroye parler; mes toutesvois il y eut treves jusques à Nouel ensuiant. Et ainssi fit ledit Charlez audit assault sonner de retraite, et se retrairent; et croy qu'ilz eussent gaignée ladicte ville de Paris, se l'en les eust lessié faire. IV, 323(Le doyen de Sain-Thibaud de Metz): Encores fut il dit pour le temps qu'elle regnoit avec le bon roy Charlez, que tantost après son sacre, qu'elle conseilloit bien d'aller devant Paris, et disoit pour vray qu'ilz la pran- rient; mais ung sires appellé La Trimouille, qui gouvernoit le roy, destriat icelle chose; et fut diet qu'il n'estoit mie bien loyaux audit roy son seigneur; et qu'ii avoit envie des faicts du elle faisoit, et fat coupable de sa prinse. Ebend. 324: mais elle ne fut mie bien xeute(suivie). Vergl. über die zu geringe Kriegerzahl und die mangelhafte Vorbereitung d. Anm. 81 3über La Trémouille S. 32, Anm. 2.— O.IV, 200(Journal): Et certes aucuns dirent depuis que, se les choses se feussent bien conduictes, qu'il y avoit bien grant apparence qu'elle en fust venue à son vouloir ect.— Buchon I. l., p. 365(Chronik der Jungfrau): Et disoit-on qu'il ne vint oncques de lasche courage de vouloir prendre la ville de Paris al'assaut, et que s'il y eussentlesté jusques au matin, il y eust eu des habi- tants de cette ville qui se fussent advisés.— 4 9 8 1239 VA 5 34 Machtentfaltung zu gewinnen, war er zu bewegen. Als dieſer Verſuch ſcheiterte, hatte er nichts zu thun, als die Heldin mit Gewalt zur Unthätigkeit zu zwingen und weiterhin ſich der bur⸗ gundiſchen Verſprechungen zu getröſten. Darum hat er denn auch geerntet, was ſeine Thaten werth waren. Paris iſt ihm nicht ſo leichten Kaufs in den Schoß gefallen, der Herzog v. Burgund hat ihn für Narren gehalten, und erſt nach jahrelangem Ningen iſt ihm mit ſchweren Opfern gelungen, was ihm ſchon jetzt als Preis eines herzhaften Glaubens zugedacht war. Im tiefſten Grunde iſt demnach Karls ſchmähliche Umkehr vor Paris das verdiente Gottesgericht über ſei⸗ nen unverzeihlichen Unglauben. Auch Gottes Langmuth und Geduld hat ihre Grenzen und nicht unwiderſtehlich wirkt die Gnade. Johanna war ſich deſſen klar bewußt. In Chinon hat ſie dem Könige den Gnadenrath Gottes über ihn mit dem Zuſatz angekündigt:„ſofern du es willſt.“„Die Krieger werden kämpfen und Gott wird den Sieg verleihen“, hat ſie in Poitiers ausgeſprochens, und ſo überall ausdrücklich oder ſtillſchweigend das Heil, welches ſie in Gottes Namen verhieß, an das freie Entgegenkommen des menſchlichen Willens und die Beharrlichkeit menſchlicher That geknüpft. Nur unter dieſer Vorausſetzung hat ſie auch die Einnahme von Paris verbürgt. Der Köͤnig aber erfüllte die Bedingung nicht, und mit Recht traf ihn, der noch jede Glaubensprobe ſchlecht beſtanden, endlich das Gericht des lebendigen Gottes.*) Die unſeligſte Einwirkung auf den Willen des Königs haben unſtreitig ſeine Räthe, inſonderheit der Erzbiſchof und der Herr von La Trémouille, geübt. Weder der eine noch der andere glaubte an Johannas göttlichen Beruf. Jener wie dieſer war ſeit der Rettung von Orleans beſtrebt, dem Kriege Einhalt zu thun, weil derſelbe ihre Machtſtellung gefährdete. Beide hatten Verſtand genug, zu begreifen, und der Loirefeldzug hatte es ihnen vor die Augen gemalt, daß große Kriegserfolge, von Johanna und dem Heere erſtritten, dieſen einen Einfluß auf den König ver⸗ ſchaffen mußten, neben dem ſie ſich für die Dauer nicht zu behaupten vermochten. Denn ihre Gedanken waren nicht Johannas Gedanken, und der Herzog von Alençon wie das ganze Heer glühten in Begeiſterung für die großen Ideen der Heldenjungfrau. Wo dieſe galten, da war ihr Reich zu Ende, war ihres Bleibens nicht mehr. Die Höflinge fühlten, daß es ihnen an der nöthigen Geiſtesſtärke gebrach, um die gewaltigen Triebkräfte zu beh errſchen, welche Johanna in Thätigkeit ſetzte, es bangte ihnen vor der Menge deren, welche, unzapeleden mit der ſeitherigen Regierungspolitik, tüchtigere Steuerleute für die ſturmbewegte Zeit begehrten; ja ſie mußten ſich's ſchweigend geſtehen, daß ſie zu klein waren für das große Werk, das und wie Johanna es dachte. Darum arbeiteten La Trémouille und der Erzbiſchof mit vereinten Kräften an dem Schandſtück, dem Einfluß der Jungfrau auf den Willen des Königs Schranken zu ſetzen. In dem Hange deſſelben zum Nichtsthun bot ſich ihnen von ſelbſt der natürliche Verbündete. Was Johanna dem Köͤnig als Preis thatkräftigen Handelns verhieß, das zeigten ſie ihm auf dem glat⸗ ten Wege einer Unterhandlungspolitik, die ihnen nicht, wie der Krieg, Gefahr drohte, ſondern, wenn ſie Erfolg hatte, ſogar Ehre und Vortheil verſprach. Wie geſchickt und wie vollſtändig ſie Karl VII in ihre Garne gelockt haben, hat uns die Geſchichte gelehrt. Steht es auch nicht in ihren Büchern geſchrieben, ſo iſt es doch zwiſchen ihren Zeilen zu leſen, daß La Trémouille die *) Wallon l. I., I, 171: Jeanne disait auxsiens que la place serait prise; mais à une condition, c'est qu'on persévéràt. Pour prendre une comparaison dans la Bible, alle n'avait pas dit que de- vant son étendard les murs de Paris crouleraient comme ceux de Jéricho devant l'Arche, mais qu'on allät à l'assaut, qu'on fit effort, et que Dieu aiderait.... 172: L'affaire de Paris ne prouve donc rien contre la Pucelle et sa mission. Sa mission était d'y mener le roi, pourvu qu'il n'y ftt point obstacle. Ses voix lui avaient marqué ce but; meme apres son échec, elles lui commandaient(c'est Jeanne qui le déclare) de persévérer en demeurant à Saint-Denis; mais elles ne lui avaient pas révélé qu'on y entrerait, quoi qu'on fit, ni que l'assaut dút réussir ou échouer. C'est à ceux qui Parrètèrent quand elle disait d'aller en avant, et le lendemain quand elle voulait renouveler la ten- tative, c'est à ceux-là de répondre de l'échec. 35 Verhandlungen mit Burgund ſchon vor der Heerfahrt nach Reims) eingefädelt und durch ſeine Verwandten am herzoglichen Hofe betrieben hat. Wie verſtändlich wird im Lichte dieſer An⸗ nahme das Verhalten des Königs vor und während des Krönungsfeldzuges! Aus der Vertragspolitik,— welche der thatenſcheue Fürſt mit beiden Händen ergriff, ergab ſich als natürliche Folge die über⸗ triebene Schonung, welche man gegen die von den Burgundern beſetzten Städte und zwar ſo⸗ wohl gegen die Beſatzungen ſelbſt als gegen die Bürger beobachtete. In den einen wie den an⸗ dern ſchonte man den Herzog ſelbſt um ihn verſöhnlich zu ſtimmen, und zeigte durch dieſe Milde noch insbeſondere den Stadtbewohnern die königliche Herrſchaft im roſigſten Lichte. Friede, Milde, Schonung, wer wollte, wer übte ſie mehr als Johanna? Aber wie anders, als die Hofherrn! Mit wie heiliger Energie wußte ſie im Falle der Noth für das heilige Recht einzuſtehen, weil ſie das Auge auf Gott und ſeinen Willen richtete. Wie gewißenlos traten dagegen die koͤniglichen Räthe, weil ſie nur auf ſich und das Ihre ſahen, Pflicht und Recht mit Füßen; wie ſo gar keinen Anſtand nahmen ſie, um des lieben Friedens, d. h. ihres lieben Ichs willen, Ehre und Wohlfahrt des Königs und des Vaterlandes in die Schanze zu ſchlagen. Die Namen Auxerre und Troyes ſprechen die Sachen aus. In ihren Blüthenſtand trat die Unterhandlungs⸗ politik ſeit der Kroͤnung zu Reims. Die Größe ihres Gegenſtandes— die Hauptſtadt Frauk⸗ reichs!— trieb ſie von ſelbſt zu dieſer Höhe. Weder der Herzog noch die Räthe des Hofes durften es dahin kommen laßen, daß Paris durch Waffengewalt erobert wurde. Jener mußte Paris möglichſt zu halten ſuchen, und ſollten die Königlichen die Stadt dennoch haben, ſo durfte nur er ſie ihnen geben. Dieſe glaubten Paris wohl der Gnade des Herzogs verdanken, nicht aber aus den Händen der Jungfrau und des Heeres empfangen zu dürfen. So ungleich die Gedanken im Grundo, gleich waren ſie in mehr, als einem Außenpuncte, und damit der An⸗ halt für das Lügengewebe gegeben, welches von den Geſandten des Herzogs in Reims ange⸗ zettelt und von den Hofleuten als das Ergebnis ihres eigenen Wirkens begrüßt, zu der Moſis⸗ decke geworden iſt, welche dem Könige Sinn und Verſtand verfinſtert hat. Daß Paris nicht gefallen, iſt zweifelsohne das Werk der von dem Herzog ſchlau benutzten Höflingspolitik, welche keinen ſolchen Waffenerfolg der Jungfrau und des Heeres vertrug. Denn Paris erſtürmt, und der Strom des Krieges war nicht mehr zu hemmen. Die Einnahme der Stadt, welche die Be⸗ geiſterung der Krieger auf's höchſte ehteigert hätte, würde unfehlbar die Brücke nach der Nor⸗ mandie geworden ſein, wo der Connetable, La Trémouilles Todfeind, mit ſeinen Truppen ſtand und ſeine Hand nach dem königlichen Heere hinüberreichte. Geſtalteten ſich die Dinge ſo, dann ſtand für die Herrn des Hofes alles auf dem Spiele, zumal La Trémouille ſchwebte in Gefahr, nicht allein Amt und Würden, ſondern das Leben zu verlieren. Mit gutem Gewißen ſprechen wir daher die Ueberzeugung aus, daß der König, bethört von ſeinen Räthen und von der eigenen Sünde verblendet, die ſchwere Schuld verwirkt hat, daß Paris nicht erobert und Johannas göttliche Miſſion nur zur Hälfte erfüllt worden iſt.*) 1 Wahrhaft teufliſch erſcheint das Verfahren des Herrn von La Trémouille und ſeiner Helfershelfer in der Auffaßung Quicherats und, nach deſſen Vorgang, der meiſten franzöſiſchen *) Wahrſcheinlich gleich nach dem Zerwürfnis Philipps mit Bethford über Orleans. **) Wallon I, 169: Ne valait-il pas mieux prendre Paris sans le duc que par le ducl OQui, sans doute, de l'aven de tout le monde, à l'exception toutefois de ceux qui dominaient dans les conseils du roi. Prendre Paris sans le duc de Bourgogne, c'était le prendre par la seule force de la Pucelle et de l'armée; ⁵était faire passer anx capitaines toute Pimportance que se donnaient les favoris: car il ne suffisait pas de le prendre, il le faillait garder, il eut donc fallu que le roi fut des lors ce qu'il devint plus tard, qu'il entrat sérieusement dans la conduite de son gouvernement; et pour cela, il avait besoin d'autres hommes. Prendre Paris par le duc de Bourgogne, cëtait peut-etre le lui laisser; mais on acquérait la sécurité sans contracter l'obligation d'agir, et le roi pouvait continuer plus à Paise la vie qu'il menait dans ses chàteaux de la 1 see 3*⁴ 36 Geſchichtsſchreiber der Neuzeit. Nach ihnen hat La Trémouille mit dämoniſcher Bosheit der Jungfrau eine Niederlage vor Paris in der Abſicht bereitet, den Glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Offenbarungen lügenzuſtrafen und auf dieſe Weiſe ihr Anſehen beim Volke und Heere völlig zu untergraben.*) Dieſe Anklage greift viel weiter, als unſere Beſchuldigung. Die Möglichkeit eines ſo ſchwarzen Verbrechens können wir allerdings nicht in Abrede ſtellen, ſo lange indeſſen keine unumſtößlichen Beweiſe uns zwingen, das Schlimmſte gelten zu laßen, halden ene es nicht bloß für gerechtfertigt, ſondern geradezu für Pflicht, eine mildere Deutung zu verſuchen. 1 Wir haben früher geſagt, La Trémonuille ſei in dem eigennützigen Beſtreben, dem Kriege einen Damm vorzuſchieben, eifrigſt darauf bedacht geweſen, dem Einfluß Johannas auf die Entſchlie⸗ ßungen des Königs Grenzen zu ſetzen. Das konnte er, ohne ſich mit hölliſcher Argliſt gegen die Perſon der Jungfrau ſelbſt zu kehren. Er brauchte ja nur dem Könige ſcheinbar bequemere und minder gefähr⸗ liche Wege zum Ziele vorzuhalten, um ihm die Rathſchläge der Jungfrau gründlich zu verleiden. Einer dieſer Wege, ſo einladend für des Königs Hang zur Trägheit, ſo verlockend unter dem Titel der Milde und Liebe, war gerade ein Friedensvertrag mit Burgund. In der That hat La Trémonille durch die Ausſicht auf einen ſolchen und durch die Vorſpiegelung einer friedlichen Beſitznahme ſeiner Hauptſtadt dem Koͤnig einen wahren Abſcheu vor dem Zuge gegen Paris eingeflößt und ſeine Sehnſucht nach der Loire bis zu dem Vorſatz geſteigert, in Bray die Seine zu überſchreiten. Von da bis Senlis gewahren wir ſtets denſelben Widerwillen des Königs vor einem Angriff auf Paris, der vermeintlich den Unterhandlungen mit dem Herzog von Burgund nur Eintrag thun und die Gemüther der Pariſer nur noch mehr verbittern konnte. Endlich fordert das un⸗ geſtüme Verlangen wie des Heeres, ſo der Jungfrau und des Herzogs von Alençon den König nach Saint-Denis. Hier alſo müßte der ſataniſche Gedanke in La Trémouille reif geworden ſein, die Jungfran vor den Mauern von Paris zu verderben. Abermals hatte Johanna durch den Nachdruck des Volkswillens über den König und ſeine Günſtlinge geſiegt. Zeigte dieſe Thatſache dem Ränkevollen, daß es für ſeine Zwecke nicht genüge, bloß dem Könige Unglauben an Johannas Verheißungen und Abneigung gegen ihre Ideen beigebracht zu haben? Sah der Selbſtſüchtige, daß, um fortan ſichere Tritte zu thun, er auch dem Volke und Heere den Glauben an Johannas göͤttliche Inſpiration aus der Seele reißen müße? Und ertheilte er deshalb dem Koͤnige ſeine heilloſen Rathſchläge in directer und poſitiver Richtung auf der *) Q. Ap., p. 27: Le ministre de Charles VII subit la Pucelle; mais ce fut pour travailler à ruiner son influence: ouvrage qu'il dirigea arec une, infernale perfidie, et en faisant tomber le plus qu'il put sur ses collègues odieux de l'exécution. 35: Ainsi fut consommé le premier revers de la Pucelle(vor Paris), non par sa faute, ni par l'abandon de la ſortune ou Paffaiblissement de son inspiration, mais par les manoeuvres de ceux-là méême au profit de qui elle ayait accompli tant de miracles. L'art consista ensuite à l'empécher de se relever de sa chute. 91: La trahison de La Trémouille fut quelque chose de longuement élaboré et surtout de couvert, comme les ap- proches d'un ennemi calculateur vers un point formidable qu'il vent emporter. Ses manoeuvres pour amener la Pucelle à un échec en furent le premier acte. La confiance publique une fois ébranlée, le denoũment consista à démontrer que cette créature n'était plus bonne à rien. Vergl. IH. Martin I. l. p. 215; Desjardins J. 1. 84 sq.; Wallon I, 170: Cette retraite devait avoir une autre conséquence facheuse; mais il sembie qu'au gré des courtisans ce füt encore une bonne for- tune: o'était de compromettre T'autorité de la Pucelle. Jeanne avait dit qu'elle était envoyée pour délivrer Orléans, faire sacrer le roi a Reims, le mener à Paris et chasser les Anglais du royaume. On Pavait volontiers laissée délivrer Orléans; on Pavait suivie de mauvaise gràce jasque' à Reims, et par contrainte jusqu' à Paris. Si on entrait à Paris comme à Reims, il faudrait donc lui obéir encore quand elle voudrait ne laisser aucun repos que l'Anglais ne füt chassé de France. II était plus que temps de s'arréter, si on ne voulait étre jeté dans le mouvement de cette grande guerre. L'échec de Paris mettait en doute une parole que le peuple ienait pour prophétique et dispensait de lui céder à Pavenir. tiup — 32 Inngfrau Sturz und Verderben? So würde der Entwickelungsverlauf der Sünde in dem ſelbſt⸗ ſüchtig ungläubigen Herzen La Trémouilles zu denken ſein. Vor dieſem Aeußerſten ſo lange haltend, bis unwiderſprechliche Beweisſtücke dafür beigebracht werden, zeihen wir ihn ſammt dem Erzbiſchof vorläufig bloß des geringeren Vergehens, daß er theils aus Furcht vor einer unauf⸗ haltſamen Entfeßelung des Krieges und der Verbreitung deſſelben nach der Normandie, theils in Hoffnung auf ein friedliches Uebereinkommen mit Burgund, welches zugleich die Beſorgnis der Pariſer vor neuen Racheſcenen zerſtreuen ſollte, den König überredet habe, das unerläßlich ge⸗ wordene Unternehmen gegen Paris auf eine unkräftige Demonſtration zu beſchränken, und daß er, als dieſe nicht das gleiche Reſultat herbeiführte, wie vor Troyes, der Haupturheber aller der Maßnahmen geworden de welche es der Jungfrau unmöglich gemacht haben, ihren Angriff auf Paris mit beharrlicher Ansdauer durchzuführen. Hierauf und auf die Verhinderung eines neuen Angriffes an den beiden folgenden Tagen, nicht direct anf Johannas Ruin, waͤre demzu⸗ folge ſein Augenmerk gerichtet geweſen. An ein Beſtreben, Johanna zu Grunde zu richten, glauben wir ſo wenig, daß wir vielmehr uüͤberzeugt ſind, die Furcht vor ihrem gefeierten Namen ſei ein Hauptfactor in der Berechnung La Trémöounilles geweſen. Wie er den Köͤnig durch die reizende Ausſicht auf einen Vertrag mit dem Burgunder köderte, ſo brauchte er das Schreckhild der Jungfran, um den Herzog zum Frieden zu ſtimmen, und ſo wenig er Johannas Wege als Gottes Wege dachte, ſo ſehr bedurfte er des Zaubers, der auf der Heldin ruhte, um auf eigenen Wegen zum Ziele zu gelangen. Daß übrigens, wie manche annehmen, La Trémouille die Ein⸗ nahme von Paris für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten und aus dieſem Grunde das Heer vor einer gewiſſen Niederlage, die Friedensunterhandlungen vor möglicher Störung habe be⸗ wahren wollen, mithin von ſelbſtiſcher Rückſicht bei ſeinem Verfahren völlig frei geweſen ſei, das iſt in Wahrheit mehr, als wir dem Charakter deſſelben zutrauen und die vorliegenden That⸗ ſachen rechtfertigen. Vom 10. September an wurden in Saint⸗Denis drei Tage lang Berathungen gehalten.*) Karl und ſeine geheimen Räthe, denen die bourboniſchen Prinzen beitraten, wollten Rückkehr an die Loire. Vergebens kämpfte Johanna mit ihrem Anhang dagegen, vergebens berief ſie ſich auf ihre Stimmen, welche ihr und damit auch dem König geboten, in Saint⸗Denis zu bleiben: Der Rückzüg an die Loire ward beſchloßen.**) Unfähig, den Sinn des Königs zu brechen, faßte ſie den Entſchluß, ſich von ihm zu trennen, um dem Gebote ihres Gottes zu gehorchen. Wer es weiß, was der Köͤnig für Johanna bedeutete, wie ihr Patriotismus ſowohl als ihr Beruf mit ſeiner Perſon verkettet war, der ermißt, was dieſer Entſchuß ihr gekoſtet hatss. Doch war es keineswegs, wie man fälſchlich geglaubt hat, ihre Abſicht, ſich von der kriegeriſchen Thätigkeit gänzlich zurückzuziehen und ihre Miſſion niederzulegen. Im Gegentheil erkannte ſie in dem Rufe ihrer Stimmen den Wink Gottes, von Saint⸗Denis aus ſowohl die ge⸗ machten Eroberungen zu behaupten, als die Stadt Paris auch ohne die Gegenwart und wider den Willen des Königs zu überwinden. Damit aber war dieſem durchaus nicht ge⸗ dient. Vorſtellungen in Güte halfen nichts; es kam, ſo ſcheint es, zu ſcharfen Auftritten, und Johanna lief bei anhaltender Weigerung Gefahr, wie vor Paris mit Gewalt fortgerißen zu *) Wallon J. I., I, 167:„II s'y fit introniser, selon l'usage“, dit Thomas Basin(Hist. de Charles VII, liv. II. chap. XIII). Mais il semblait qu'une fois investi de tous les symboles de la royauté, il put sans inconvénient en abandonner tous les gages. 1 *) Wallon J. 1., I, 170: On partit, sans vouloir se. dire que partir après une at- taque sans résultat, c'⁄6tait en faire un véritable échec: c'était exalter dans Paris les enne- mis du roi, et mettre le due de Bourgogne, P'edt-il voulu, dans Pimpossibilité de lui donner la ville. 38 werden. Zuletzt gaben ihr die Stimmen die Erlaubnis, Saint⸗Denis zu verlaßen, ſo daß ſie, wenn auch nicht ohne tiefes Weh, doch ohne Gewißensnoth dem Könige folgen konnte.*) Nunmehr weihte Johanna die vollſtändige Waffenrüſtung, welche ſie vor Paris getragen, ſammt dem Schwerte, das ſie vor dem Thore Saint⸗Honoré erbeutet hatte, in der Kathedrale von Saint-Denis dem Schutzheiligen Frankreichs. Sie hing dieſelbe an einer Säule auf vor dem Reliquienſchreine des Heiligen und dem Bilde der Jungfrau Maria. Als Grund dieſer Weihe hat ſie vor Gericht die fromme Sitte verwundeter Krieger angegeben, ihre Waffen dem heiligen Dionys darzubringen, weil dieſer der Feldruf Frankreichs warss. Wir beſtreiten nicht, daß auch dieſe fromme Rückſicht ihr Thun beſtimmt hat, und dürfen annehmen,„daß bei ihrer Freude an ſchönen Waffen der geweihte Harniſch nicht ihr einziger geweſen iſt,, aber ebenſo⸗ wenig läßt ſich der Gedanke abweiſen, daß ſie jene Waffenweihe in der ſchmerzliched Beſorgnis vollzog: Das Werk, das Gott mir aufgetragen hat, fällt dahin durch den Unglauben und die Böswilligkeit der Menſchen, meine kriegeriſche Laufbahn geht zu Ende.**) Dieſe Befürchtung mußte ihr erſchütternd in die Seele treten, als der König den Ruf der Stimmen, d. h. für Jo⸗ hanna den Willen Gottes, ſo völlig misachtete, daß er ihr aus freilich ſehr begreiflichen Gruͤn⸗ den nicht einmal geſtatten wollte, länger, als er ſelbſt, bei den Truppen in Saint-Denis zu bleiben. Sie konnte nicht umhin, hinter dem Verhalten des Königs den im Finſtern ſchleichen⸗ den Verrath zu wittern, vor dem ihr ſchon in Chalons gegraut hatte. Jedoch würden wir ſehr irren, wenn wir ihre Stimmung als eine hoffnungsloſe, verzweifelnde dächten. Ein Kind des Glaubens, wie Johanna es war, durfte und konnte unter den gegründetſten Beſorgniſſen nicht vergeßen, daß Gott die Herzen der Fürſten in der Hand ſeiner Allmacht hält und lenken kann wie Waſſerbäche; trotz der gerechteſten Furcht vor Verrath mußte Johanna an dem Glauben feſt⸗ halten, daß Gott, dem kein Ding unmoͤglich, ihrem Koͤnig das Herz noch wenden und deſſen Sinn zum Rechten kehren werde. Karl ernannte den Grafen von Clermont unter dem Titel eines Generallieutenants zum Oberbefehlshaber über die in der LJle-de-France und Beauvaiſis unterworfenen Städte und ließ ihm zur Vertheidigung derſelben einen Theil ſeiner Armee und Artillerie. Der Graf hielt ſich zumeiſt in Beauvals nebſt dem Erzbiſchof von Reims, welcher die Unterhandlungen mit Burgund fortzuführen hatte. Unter Clermonts Oberleitung blieben als Statthalter in Saint⸗ Denis der Admiral Ludwig von Culan, in Senlis der Graf von Vendôme, in Compiègne Wilhelm von Flavy, letzterer auf den Wunſch der Einwohner an Stelle des Herrn von La Tré⸗ mouille, in Creil Jakob von Chabannes. Nach dieſer Anordnung trat Karl VII am 13. Sep⸗ tember Nachmittags“**) ſeinen Rückmarſch an die Loire ango. Er nahm ſeinen Weg nach ? *) So verſtehen wir 0. I, 57 und 260: Die Stimme ſagte mir, ich ſollte in Saint-Denis bleiben, und ich wolte daſelbſt bleiben, aber gegen meinen Willen führten mich die Herrn hinweg. Wäre ich jedoch nicht verwundet geweſen, ich wäre nicht weggegangen, und ich wurde verwundet in den Gräben von Paris.. 7. aber in fünf Tagen war ich geheilt. 260: Bei meinem Weggange hatte ich die Erlaubnis wegzugehen. Vergl. IV;, 29. Daß die Wunde Johannas nicht gefährlich ſein konnte, ſehen wir ſchon daraus, daß ſie am ſolgenden Tage(9. September) wieder im Stande war, ſich an die Spitze der Truppen zu ſtellen, mehr noch aus dem Umſtande, daß die Wunde innerhalb fünf Tagen geheilt war. Vergl. IV, 515. Dies müßte, ſtreng genommen, am Abend des Tages der Fall geweſen ſein, wo der Rückzug begann(13. September.). *) Q. Ap., p. 54 sq. H. Martin I. I., p. 215 sq. Le Brun II, 426 sq. Wallon I, 168 ſieht in dieſer Weihe zugleich eine protestation muette contre une résolution qui désarmait le roi. *à9ê) Perceval von Cagny, O. IV, 29: Lequel s'en vint le plus tost que faire le peult et aucunes ſoiz en fesant son chemin en manière de désordonnance, et sans cause. So eilig hat der König es 39 Lagny, wo er Ambroſius von Loré zum Hauptmann einſetzte und ihm den Ritter Johann Foucault beigab; von da über Provins nach Bray, wo ihn diesmal kein Widerſtand der Be⸗ wohner hinderte, über die Seinebrücke zu gehen. Die Yonne durchſchritt er an einer ſeichten Stelle etwas unterhalb Sens, weil deſſen Jürger ihm die Thore verſchloßen, zog unverweilt durch Courtenay, Chateaurenard, Montargis und traf Mittwoch den 21. September in Gien ein, von wo er am 29. Juni ſeinen Krönungsfeldzug angetreten hatte.*) Das ſtolze Heer löſte ſich alsbald auf, und„ſo ward,“ um mit Perceval von Cagny zu reden,„der Wille der Jungfrau und die Armee des Königs gebrochenel.“ nicht gehabt, als es galt, den Feldzug anzutreten. Wallon I. I., I. 168: Naguère on marchait en avant, et chaque pas était marqué par un triomphe qui acheminait vers la libération du royaume: main- tenant on se retirait de cette capitale où Jeanne avait compté introduire son roi couronné; et la retraite se faisait avec une telle précipitation, que parſois elle aurait pu sembler une ſfuite. On passe non par les villes qu'il eüt fallu rallier encore, mais par celles dont la soumissiou promettait un plus súr passage. *) Wallon I. 1., I, 172: Le retour du roi à Gien eut les suites que J'on pouvait prévoir. II affecta bien de ne pas délaisser les pays qu'il rouvrait à l'ennemie par sa retraite. II ecrivit, des son arrivée à Gien, aux habitants de Troyes qu'il avait donné ordre à Vendème de venir à leur aide(Q. V, 145: 23. September). Mais plus d'une ville se trouvait compromise, et l'armée dont il aurait eu besoin pour y veiller n'existait déjà plus. Schulnachrichten. I.— 3 Lehrverfaſſung. Aleberſicht des von Oſtern 1862 bis Oſtern 1863 ertheilten Alnterrichts. Drima. Ordinarius Dr. Feußner. 1. Griechiſche Sprache(6 St.): Sophocl. Antigone nach vorausgeſchickter Einleitung (2 St.). Dr. Feußnex. Demosthenis Olynth. I. II. III. Phil. I. II. de pace. Grammatik nach Kühner§. 238— 247. 253— 257. 267— 285 und Erxercitien.(4 St.) Dr. Eyſell. 2. Lateiniſche Sprache(8 St.): im Sommer Horat. ep. ad. Pison.(2 St.) Director Dr. Schiek, ſpäter Pf. Meurer; im Winter Horat. od. I. mit Auswahl(2 St.) Dr. Feußner, ſpäter Director Dr. Rieß.— Cicer. de orat. II und III bis c. 55. Exercitien, Extemporalien und Aufſätze(6 St.) Director Dr. Schiek, dann Dr. Stacke, zuletzt Director Dr. Rieß. 3. Deutſche Sprache(4 St.): Literaturgeſchichte. Lectürt des Eaſſ von Göthe. Aufſätze. Dr. Feußner. 4. Franzöſi iſche Sprache(2 St.): Histoire de Charles 17 par Guizot p. 100 g. Louis XI par Delavigne, acte I— III. Grammatik und Grkrbitien nach H. A. Müller, Syntax bis§. 494. Dr. Suchier. 6 42 5. Hebräiſche Sprache(2 St.): Grammatik nach Geſenius. Lectüre nach deſſen Leſebuch Gen. I— III. VI— VIII. XXII. Ps. VIII. XIX. XXIX. Jès. XXIV 4— 21. Dr. Braun. 6. Religionslehre(2 St.): Kirchengeſchichte nach Petri. Pf. Meurer. 7. Geſchichte(3 St.): Mittelalter und neuere Zeit bis zur franzöſiſchen Revolution. Dr. Stacke. 8. Phyſik(2 St.): Allgemeine Eigenſchaften der Körper; chemiſche Geſetze, erläutert an Vorgängen aus dem gemeinen Leben. Mechanit. Dr. Hartmann.) 9. Mathematik(4 St.): Ueberſicht der Planimetrie und planimetriſche Aufgaben; Trigonometrie. Allgemeine Arithmetik 1. Theil; Algebra. Dr. Hartmann. Secunda. Ordinarius Dr. Eyſell. 1. Griechiſche Sprache(6 St.): Homer. Iliad. XVIII v. 148 bis XXII(2 St.). Pf. Meurer.— Xenoph. Hellen. II, 3 u. 4 III, 4. Grammatik nach Kühner§. 335— 348. Exercitien.(4 St.). Dr. Feußner. 2. Lateiniſche Sprache(9 St.): Virgil. Aeneid. VI. VII. und Extemporalien (4 St.). Director Dr. Schiek, dann Dr. Stacke, ſpäter Dr. Suchier, zuletzt Director Dr. Rieß.— Ciceron. orat. in Catil. I. u. II. Liv. III, 1— 30. Grammatik nach Zumpt §. 672— 825. Exercitien nach Seyffert(5 St.). Dr. Eyſell. 3. Deutſche Sprache(3 St.): Lectüre des Wallenſtein von Schiller und lyriſcher Gedichte. Aufſätze. Declamationsübungen. Dr. Eyſell. 4. Franzöoͤſiſche Sprache(2 St.): Histoire de la révolution anglaise par Guizot p. 50 fg. Charles XII par Voltaire bis zur Mitte des 2. Buches. Grammatik und Exer⸗ eitien nach H. A. Müller. Converſationsübungen. Dr. Suchier. 5. Religionslehre(2 St.): Erklärung der Apoſtelgeſchichte, der Briefe an die Römer und an die Galater und des Briefes Jacobi. Pf. Meurer. 6. Geſchichte(2 St.): Mittelalter. Dr. Stacke. 7. Geographie(2 St): Topiſch⸗ phyſikaliſche Geographie von Deutſchland nebſt deſſen Eintheilung. Geographie der außerdeutſchen Staaten von Europa. Gé. Kutſch. 8. Naturgeſchichte(1 St.): Anthropologie und Mineralogie. Dr. Hartmann. 9. Mathematik(4 St.): Allgemeine Arithmetik 1. Theil und Algebra.(2 St.) 43 Dr. Hartmann.— Planimetrie nach Ohm. Grundzüge der ebenen Trigonometrie ohne Anwendung der Logarithmen.(2 St.) GL. Kutſch. Certia gymnasialis. Ordinarius. Pfarrer Meurer. 1. Griechiſche Sprache(6 St.): Homer. Odyss. X= XI 252.(2 St.) anfangs Dr. Stacke, dann Dr. Suchier, zuletzt Dr. Stacke.— Xenoph. anab. IV— V, 2. Grammatik u. Exercitien nach Kühners Elementargrammatik§. 127— 144. 10— 118.(4 St.). Pf. Meurer. 2. Lateiniſche Sprache(8 St.): Ovid. metam. VII, 398— IX mit Auswahl(2 St.) Pfr. Meurer.— Caes. bell. Gall. VII, 12— 66. Grammatik nach Zumpt§. 493— 631. Exercitien nach Spieß(6 St.) Dr. Feußner. 3. Deutſche Sprache, in Verbindung mit II real.(2 St.): Lectüre nach Viehoff's Handbuch. Auſſätze. Pfr. Meurer. 4. Franzöſiſche Sprache(2 St.): Grammatik und Lektüre nach H. A. Müller; Ueberſetzungen in das Franzöſiſche nach Niebuhrs Heroengeſchichte. Converſationsübungen. Dr. Suchier. Religionslehre, in Verb. mit III real.(2 St.): Lectüre des alten Teſtamentes von 1 Sam. c. 8 bis 2. Chron. c. 24, mit eingereihten Pſalmen und prophetiſchen Abſchnitten. Memoriert wurden Kirchenlieder im Anſchluß an das Kirchenjahr. Pfr. Meurer. 6. Geſchichte, in Verb. mit III x.(2 St.): Deutſche Geſchichte. Dr. Braun. 7. Geographie, in Verb. mit III r.(2 St.): Geographie von Europa. Dr. Braun. 8. Naturgeſchichte, in Verb. mit III r.(1 St.): Das linneiſche Pflanzenſyſtem; die wirbelloſen Thiere, nach Leunis. GL. Kutſch. 9. Mathematik, in Verb. mit III r.(4 St.): Planimetrie(2 St.) GL. Kutſch, dann Dr. Hartmann.— Arithmetik: Buchſtabenrechnung, Decimalbrüche, Wurzelausziehen, Rechnungen des gemeinen Lebens.(2 St.). Dr. Hartmann. 10. Schönſchreiben, in Verb. mit III r.(1 St.). ZL. Storck. 11. Zeichnen desgleichen(1 St.). ZL. Storck. Tertia realis. Ordinarius Pfarrer Meurer. 1. Lateiniſche Sprache(2 St.): Justin. hist. Phil. von Anfang bis lib. II mit Auswahl. GL. Kutſch, ſpäter Pf. Meurer. 6⸗ 2. Deutſche Sprache(3 St.), davon 2 St. in Verb. mit IIF g. Ms Medevef, u 1 St. in Verb. mit IV r. Geſchäftsſtil. GL. Kutſch. 3. Franzöſiſche Sprache(4 St.): Charles XII par Völtaire von der Mitte des 2. bis Ende des 4. Buches. Grammatik und Exercitien nach Ahn's Grammatik von§. 132 an. Uebungen nach Brandon's Converſationsſchule. Dr. Suchier. 4. Engliſche Sprache(2 St.): Wash. Irving's Columbus cap. 17— 25. Gram⸗ matik und Exercitien nach Munde’s 2. Curſus von Aniang! bis§. 44. Dr. Suchier. 5. Religionslehre 6. Geſchichte in Verb. mit III 18. 7. Geographie 8. Naturkunde(3 St.) davon 1 St. Raturdeſchichte in Verb. mit III g. EL. Kutſch. — Das Wichtigſte aus der Lehre vom Schall und vom Licht, von der Wärme, der Electricität und dem Magnetismus(2 St.). Dr. Hartmann. 9. Mathematik(6 St.), davon 4 St. in Verb. mit III g. GL. Kutſch, ſpäter Dr. Hartmann.— Praktiſches Rechnen(2 St.) Gé. Kutſch. 10. Schönſchreiben in Verb. mit III g.. 1 S 11. Zeichnen(3 St.), davon 1 in Verb. mit III g., 1 mit IV r. ZL. Storck. Quarta gymnasiatis. Ordinarius Dr. Stacke. 1. Griechiſche Sprache(4 St.) 35 Kühners Elementargrammatit von i Aufan bis §. 144. Dr. Eyſell. 2. Lateiniſche Sprache(9 St.): Corn. Nep. vitae Eumen., Phoc., Timol., Hamilc. 2 Hannib., Cat., Milt. Grammatik nach Siberti§. 380— 788 mit Auswaht; Repetition der Formenlehre. Exercitien nach Spieß. Dr. Stacke. 3. Deutſche Sprache(2 St.): Lectüre nach Bach's Leſebuch und Memorieren aus⸗ gewählter Stücke. Aufſätze. Dr. Stacke. 4. Religionslehre, in Verb. mit IV r.(2 St): Katechismuslehre mit Hinzufügung bibliſcher Beweisſtellen. Dr. Braun. 5. Geſchichte, in Verb. mit IV r.(2 St): Erzäblung der wichtigſten Ereigniſſe von Anfang des Mittelalters bis auf Friedrich d. Gr. Dr. Braun, ſpäter Dr. Stacke. 45 6. Geographie, in Verb. mit IV r.(2 St.): Europa. Bodenbeſchaffenheit von Aſien, Afrika, Amerika und Auſtralien. Dr. Braun. 7. Naturgeſchichte, in Verb. mit IV r.(1 St.): Uebungen im Beſtimmen von Vhane Naturgeſchichte der Wirbelthiere, nach Leunis. GL. Kutſch. 8. Mathematik, in Verb. mit IV r.(3 St): Bruchrechnung, Rechnungen des gemei⸗ nen Lebens.— Uebungen im Zeichnen won ttriſcer igunen, denineniihe und. ſtereometriſch Anſchauungslehre. Dr. Hartmann. 9. Schöͤnſchreiben, in Verb. mit IV r. 2 et) 328 Stors. 10. Zeichnen desgl. 2 t. 3e Storck. 2 93 Quarta realis. Ordinarius G. Hertſche ) 1. Lateiniſche Sprache(3 St.) Grammatik nach Siberi, Lertüre a aus dem nehungs⸗ buch von Jacobs und Döring, Abſchnitt VI. Dr. Braun.— 2. Deutſche Sprache( St.), davon 1 St Geſchäſtsſtl in Berb. mit III: r. GL. Kutſ ch.— Außerdem Lectüre aus Bach's Leſebuch. Aufſätze vorzugsweiſe erzäͤhlenden und beſchreibenden Inhalts. GL. Kutſch, ſpäter Dr. Stacke. 3. Franzoöſiſche Sprache(4 St.): proſaiſche und poetiſche Stide aus Ahns Leſebuch wurden überſetzt und zum Theil memoriert. Grammatik und Erereitien nach Ahn, die untere Abth. bis§. 68, die obere bis§. 115. Dr. Suchier. 4. Engliſche Sprache(2 St.): W. Scott's tales of a grandtather. Exercitien und Grammatik nach Munde's 1. Curſus. Dr. Suchi er. 5. Religionslehre 9. Eiſcichte in Verb. mit IV g. ruer Ich irrtnnee 7. Geographie. inn„ L madhar noa tli 11r2 8. Naturgeſchichte uh rg 2123 9. Mathematit( St), davon 3 in Verb. mit V g. Dr. Bartmaun Genrine Bruchrechnung, Anwendung der einfachſten Zahleuverbindungen, deſ der Lehre von⸗ den Bruͤchen, auf die Rechnungen des gemeinen Lebens(2 St.) Gé. Kutſch. 10. Schönſchreiben, in Verb. mit IV g.—. 11. Zeichnen(3 St.), davon 1 in Verb. mit III r., 2 mit IV. g. ZL. Storck. 46 AQuinta. Ordinarius Dr. Braun. — 1. Lateiniſche Sprach e(68/St.): Formenlehre nach Siberti, Einabung der wichtigſten ſyntaktiſchen Regeln nach Anleitung des Leſebuchs von Spieß 2. Curſus; Ueberſetzen aus dem Lateiniſchen theils aus ries hes aus Entrop II, 11 bis III, 12. Simeitjen, Dr. Braun. 2. Deutſche errah 62 et): Lertüre⸗ aus Bag's gejebuch(untere Stufe) und Me⸗ morieren ausgewählter Stücke; ſchriftliche und, mündliche Uebungen in der Satzbildung; Aufſätze. Dr. Braun. 3. Religionslehre(2 Gt); Lilliſche Weſchichten des alten und neuen Teſtaments. Dr. Braun. 4. Geſchichte(2 St.): Biographiſche Darſtellungen aus der griechiſchen und römiſchen Geſchichte Dr. Hartmann, ſpäter Dr. Braun. 5. Geographie(2 St.): Beſchreibung der Umgegend des Wohnortes, dann geographi⸗ ſche Beſchreibung von Kurheſſen. GL. Kutſch. 6. Naturgeſ chichte(2 St.): Sſeyrail uh einzeluer Pilanzen 5 Thiere, beſonders einheimiſcher. GL. Kutſch. 7. Mathematik(3 St.): Rechnen der vier Species in unbenannten und Keicenten Zahlen. GL. Kutſch. 8. Schoͤnſchreiben 2 St. g Storc. 9. Zeichnen 1 St. ZL. Storck. 4 4 Der Geſangunterricht wurde von Cantor Kapmeier in 6 wöchentlichen Stunden ertheilt, von welchen 2 für die Anfänger beſtimmt waren; in dem 4 anderen wurden die verſchie⸗ denen Stimmgattungen, theils einzeln, theils zum Chor vereinigt eingeübt. Während des Sommers leitete die Turnübungen an zwei Tagen micheuſſi 5 llthiins, die Schwimmübungen an den vier didret e. Storck. 47 Chronik des Gymnaſiums. Am Anfange des Schuljahres verließ der beauftragte Lehrer Chriſtian B erkenb uſch die hieſige Anſtalt und überuahm die Stelle eines ordentlichen Lehrers am Gymnaſium zu Bückeburg. Er hatte unſerer Schule ſeit d. J. 1856 angehört und in Mathematik, Naturgeſchichte und Geographie mit Geſchick und glücklichem Erfolg unterrichtet, auch ſich durch die Leitung der Turnübungen der Schüler verdient gemacht. 1 Im Auguſt ſchied der Director Dr. H. A. Schiek von dem Gymnaſium und trat in den auf ſeine Bitte ihm gewährten Ruheſtand. Zwanzig Jahre lang hatte er vom Jahre 1820 an nunſerer Anſtalt als Lehrer angehört; ſeit 1847, wo er als Gymnaſialdirector hierher zurückkehrte, war deren Leitung in ſeine Hände gelegt. So hat er derſelben einen großen Theil ſeines Lebens gewidmet und durch das, was er während ſo vieler Jahre in ſeiner Stellung als Lehrer wie als Vorſtand gewirkt hat, ſich ein verehrungsvolles, dankbares Andenken in vielen Herzen gegründet. Möge er ſich der ihm geſtatteten Ruhe noch lange erfreuen und unſerer Schule, an welche ihn jetzt keine Amtspflicht mehr bindet, ſeine Theilnahme unvermindert erhalten. Durch allerhöchſtes Reſcript vom 16. November wurde der Unterzeichnete zum Director und erſten Lehrer am hieſigen Gymnaſium ernannt und trat dies Amt am 10. Januar an. Der Sitte gemäß berichtet er hier mit wenigen Worten über ſein Leben. Heinrich Rieß wurde zu Nauhein, wo ſein Vater als Lieutenant a. D. lebte, am 15. Dezember 1809 geboren. Er erhielt ſeine Schulbildung hauptſächlich in dem Gymnaſinm zu Hanan, ſtudirte 1827— 1831 zu Göttingen und Berlin Philologie und erlangte 1833 von der Univerſität zu Marburg die philoſophiſche Doctorwürde. Im Februar 1835 wurde er zum ordentlichen Gymnaſiallehrer in Hersfeld beſtellt, 1836 in gleicher Eigenſchaft nach Kaſſel ver⸗ ſetzt. In dieſer Stellung blieb er bis zu ſeiner Verſetzung nach Rinteln. Im Drucke erſchien von ihm eine Diſſertation de origine ethices Graecae Marburg 1833, ein Programm de enunciatorun conditionalium linguae Latinae formis ellipticis Kaſſel 4840, und eine Anzahl botaniſcher Abhandlungen und Veröffentlichungen in Mohl und Schlechtendal's botaniſcher Zei⸗ tung, Rabenhorſt's Hedwigia und deſſen herbarium mycologicums ſowie in den Beiträgen zur Mykologie von G. Freſenius. Am 11. Februar wurde der beauftragte Lehrer am hieſigen Gymnaſium Dr. Friedrich Braun durch allerhöchftes Reſeript zum Hülfslehrer ernannt. 2 Eailnaa 18 In Folge des Wechſels im Lehrerperſonal, welcher ſich aus dem Vorſtehenden ergibt, wurden 48 in der Vertheilung des Unterrichts mehrfache Aenderungen nothwendig. Die entſtandenen Lücken wurden ergänzt theils durch Combination einiger Lectionen in den beiden Tertien, ſowie in den beiden Quarten, theils dadurch, daß Dr. Stacke, Dr. Suchier und Dr. Braun eine größere Zahl von Lehrſtunden übernahmen; die beiden erſteren nur während der Erledigung des Directo⸗ rats; der letztere ertheilt noch gegenwärtig woͤchentlich 27 Stunden. Das hoͤchſterfreuliche Geburtsfeſt Seiner Königlichen Hoheit des Kurfürſten wurde in üblicher Weiſe unter der Theilnahme von Angehörigen der Schüler und Freunden der Anſtalt im Gymnaſtum gefeiert. Die Feſtrede hielt Dr. Hartmann. 1 Eine gemeinſame Abendmahlsfeier von Lehrern und Schülern fand am 9. November Statt. 752 5 urn Die Bibliothek und die Lehrapparate wurden aus den dafür verwilligten Geldmitteln durch neue Anſchaffungen vermehrt. Das Bibliothekaramt verwalteten Dr. Stacke und Pf. Meurer. Herr Wilhelm Althanus aus Rinteln, gegenwärtig in Kopenhagen, ſchenkte dem Gym⸗ naſium ein Stück Kryolith und zwei ſehr künſtlich gearbeitete Figuren, in denen ein Grönländer in ſeinem Kahn und eine Grönländerin nebſt ihren Fiſchereigeräthſchaften treu und anſchaulich nachgebildet ſind. Dem gütigen Geber ſage ich hierfür den gebührenden Dank. . III. Statiſtiſche Ueberſicht. a) Fehrtr. 4 Am Schluſſe des Schuljahres ſind als Lehrer an dem Gymnaſium thätig: e aig Director und erſter Lehrer: Dr. Heinrich Rieß. uitatrafic Ordentliche Lehrer: Dr. Heinrich Feußner. Dr. Georg Friedrich Eyſell. Pfarrer Wilhelm Hermann Phil. Meurer. Dr. Julius Hartmann. Dr. Ludwig Chriſtian Stacke. Johann Auguſt Kutſch. Dr. Hugo Ferdinand Suchier. 18 Hülfslehrer: Dr. Friedrich Braun. Außerordentliche Lehrer: Georg Heinrich Storck: Schreib⸗ und Zeichenlehrer, Cantor Joh. Chriſtian Kapmeier: Geſanglehrer. 49 b) Schüler. Vor Beginn der vorjährigen Oſterferien wurden mit Zeugniſſen der Reife zur Univerſität Aütläſſen: 11*9 im Gonmaſtnn, 2 3. in Prima, ftudiert Theologie; 2) Guſtav Adolf Karl Rudolf von Schenck zu Schweinsberg aus Schmalkal⸗ den, 19 J. alt, 4 J. im Gymnaſium, 2 J. in Prima, ſtudiert Rechtswiſſenſchaft; 3) Karl Theodor Korff aus Rehren, 18 ½ J. alt, 8 J. im Gymnaſium, 2 J. in Prima, ſtudiert Theologie; 4) Wilhelm Collmann aus Witzenhauſen, 21 J. alt, 5 J. im Gymnaſium, 2 J. in Prima, ſtudiert Medicin; 5) Heiurich Wilhelm Wilcke aus Rinteln, 21 ½ J alt, 11 ½ J. im Gymnaſium, 2 J. Prima, ſtudiert Rechtswiſſenſchaft; 6) Auguſt Fauſt aus Beckedorf, 19 J. alt, 4 J. Gyumnaſürm, 2 J. in Prima, ſtudiert Mathematik; 0 Reinhard Theodor Fau ſt aus Beckedorf, 19 alt, 4 J. im Gymnaſium, 2 J. in Prima, ſtudiert Theologie; 8 Chriſtian Ferd. Carl Grimme aus Owendorf, 199, J. alt, 4 J. im Gymnaſium, in Prima, geht zum Poſtdienſte über. an Herbſt 1862 fand keine Entlaſſung zur Univerſität Statt. Am Schluſſe des gegenwär⸗ tigen Semeſters unterzieht ſich der Mrtrrittsxrüſöng ein Schüler, Eduard Soſtmann, aus Rinteln. Bei Eröffnung des Qaumerdurſes 1862 zählte das Gymnaſtum(mit Einſchluß von 19 neu aufgenommenen) im Ganzen 79 Schüler, von welchen 15 in Quinta, 15 in Realquarta, 13 in Gymnaſialquarta, 8 in Realtertia, 10 in Gymnaſialtertia, 10 in Secunda und 8 in Prima waren. Zu Michaelis traten 3 Schüler hinzu, ü einer zu Quinta, Smart g. und Tertia g. Dagegen verließen die Anſtalt während des Schuljahres 5 Schüler, 1 aus Tertia g. um Oeconom, 2 aus Tertia r. und 1 zus Däta 3 um HLautitann, und 1 aus Quarta r. um Militär zu werden. 5E r5e e md e Ein Schüler wurde aus dem Gymnaſium ausgewieſen. 1 Hiernach betrug am 1. März 1863 die Geſammtzahl 76. 50 IVv. Ordnung der öffentlichen Prüfung. Montag den 23. März 1863. Vormittags. Prima 8—9 Uhr. Geſchichte der deutſchen Literatur. Dr. Feußner. Mathematik. Dr. Hartmann. . Secunda 9—10 Uhr. Livius. Dr. Eyſell. Homers Iliad. Pfr. Meurer. Tertia gymn. 10—11 Uhr. Geſchichte. Dr. Braun. Ovid's Metamorphoſen. Pfr. Meurer. Nachmittags. Tertia real. 2— 3 Uhr. Naturlehre. Dr. Hartmann. Engliche Sprache. Dr. Suchier Quarta gymn. 3—4 Uhr. Cornelius Nepos. Dr. Stacke. Griechiſche Sprache. Dr. Eyſell. Dienstag den 24. März. Vormittags. Quarta realis 8—9 Uhr. Naturkunde. GL. Kutſch. Franzöſiſche Sprache. Dr. Suchier. 51 Quinta 9— 10 Uhr. Lateiniſche Sprache. Dr. Braun. Geographie. GL. Kutſch. Nachmittags von 2 Uhr an. Chorgeſang: Sabbathfeier, comp. von Fr. Abt. Lateiniſche Rede eines Primaners. Deutſche Rede des Abiturienten. Chorgeſang: die Kapelle, comp. von C. Kreutzer. Rede des Directors. Choral. Zur Theilnahme an dieſen Prüfungen und Schulfeierlichkeiten lade ich die Eltern und Angehörigen unſerer Schüler ſowie die Freunde des Gymnaſiums im Namen der Schule ergebenſt ein. Der Gymnaſial⸗Director Dr. Kieß. Die Prüfung der zur Aufnahme Angemeldeten iſt auf den 13. April angeſetzt. An dem⸗ ſelben Tage wird der neue Schulcurſus eröffnet werden. 2 alaes 1040 an 25 E2 am auiueaa⸗: nshanf 9 Aasnnare 8ni 232272 hfini⸗ naaMailn 824 39745 24 25 arun S 2Jad 214: aa 14 mahar e 85 ann uuntm 15 8e 2 t. 2,0 * ane Tantune. 24 tnuft 22 — zunfers hne 8 ent ii⸗ crier 2918 1 2