J.2MR. — 3 Jahresbericht 8e. 8 — 8 über das Vurfür ſuiej Gymnaſium zu Miin⸗er womit zu den am 26. 27. und 28. März ſtattfindenden Prüfungen und Schulfeierlichkeiten ergebenſt einladet Dr. H. Aug. Schiek, Gymnaſial⸗Director. Inhbalt: ¹) das Leben der Johanna d'Are, genannt die Jungfrau von Orleans. Vierter Theil. Vom ordentlichen Gymnaſiallehrer Dr. Eyſell., J.½ S n, l. 8— 2) Schulnachrichten vom Director. 1 Rinteln im Mätz 1860. Gedruckt bei C. Böſen dahl. Chaten der Zohauna d Arc. 1. Abſchnitt. 17§.4. Fortſetung. Johanna wartete nicht auf weiteren Zuzug, ſondern erklärte bereits am Dienstag Abend (14. Juni) dem ereg von Alengon:„Morgen nach dem Mittagsmahle will ich denen in Meun einen Beſuch abſtatten. Macht Anſtalt, daß die Truppen zu dieſer Stunde marſchfertig ſind.“ Ihr Befehl wurde pünktlich vollzogen, und Mittwoch(15. Juni) brach die Armee, mit Mundvorrath und Kriegsbedarf reichlich verſehen, von Orleans auf, um auch die beiden weſt⸗ lichen Nachbarfeſten dem Feinde zu entreißenss. Nach einem Marſch von etwa 4 Stunden war Meun erreicht, wo Thomas, Her von Scales, und der junge Warwick den Oberbefehl führten. Ohne Verzug ward die wohl befeſtigte und ſtark beſetzte Brücke angegriffen und mit Sturm genommen. Die Englaͤnder aus der Stadt ſelbſt zu werfen, lag zunächſt nicht im Plane der Jungfrau. Sie begnügte ſich, eine Beſatzung anf die Brücke zu legen, zahlreich genug, um nicht bloß feindlichen Angriffen Stand zu halten, ſondern auch ihrerſeits angriffs⸗ weiſe zu Werke zu gehené:, und führte am Morgen des folgenden Tages(16. Juni) das Heer ungeſäumt gegen die nur zwei Stunden entfernte Stadt Baugenciés. Die Gründe für dieſes Verfahren liegen auf der Hand. Johannas Scharfſinn erkannte, daß der Fall von Baugenci auch das Schickſal der Stadt Meun entſcheiden müße, daß letztere eigentlich ſchon durch die Wegnahme der Brücke unhaltbar gewordens?, und demnach jedes längere Verbleiben nicht viel weniger, als nutzloſe Zeitverſchwendung ſei. Die Zeit aber muſte ſie zu Rathe halten, wollte ſie Baugenci vor Ankunft der Engliſchen Armee bewältigen, welche von Paris im Anzuge war. Der Graf von Sullol und die andern Engliſchen Generale hatten nämlich unmittelbar nach der Niederlage vor Orleans Boten auf Boten nach Paris geſchickt und den Herzog von Bethford auf's dringendſte um Unterſtützung gebeten, weil ohne eine ſolche der Verluſt ſämmt⸗ licher Loireplätze zu befürchten ſtehe. Bethford hatte badiße Hülfe verſprochen. Die Jungfrau erhielt davon Kenntnis, und eben damit war ihr die Au gabe geſtellt, ſich in gröſtmöglichſter Schnelligkeit der Loirefeſtungen zu bemächtigen, um die Entwürfe des Feindes zu vereiteln. Daher die Entſchiedenheit, womit Johanna vor Jarzwan euſfälr Anerbieten eines Waffen⸗ Nahen dis zurückwies, daher der raſche Aufbruch von Orleans(15. Juni), daher die auf den erſten Blick befremdliche Haſt, womit ſie von Meun nach Baugenci eilte. In der That, es war kein Augenblick zu verlieren, denn Falſtolf hatte mit Thomas von Rameſton, dem Baſtard von Thiant und einer Heeresmacht von 4000 bis 5000 Mann bereits Yenville erreicht, als Johanna Orleans verließ1o. Inzwiſchen hatie kalbon Vorausſicht der bevorſtehenden Be⸗ lagerung die Beſatzung von La Ferté⸗Hubert nach Baugenci beordert. Nach dem Eintreffen derſelben übertrug er das Commando von Baugenci, welches er bisher geführt an Richard 2 Guethin und Mathe-Gough, überließ ihnen zur Vertheidigung der Feſte 500 bis 600 Krieger und eilte ſelbſt mit etwa 320 Mann nach Yenville, um Falſtolf zur ſchleunigſten Hülfleiſtung aufzurufen?!. Gegen Mittag(16. Juni) erſchien die Franzöſiſche Armee vor Baugenci. Im erſten Anlauf ward die Stadt genommen, denn die Engländer, zu ſchwach um ernſthaften Widerſtand zu leiſten, zogen ſich in das feſte Schloß und das Brückenbollwerk zurück. Die Beſetzung der Stadt ging jedoch für beide Theile nicht ohne einige Opfer an Todten und Verwundeten von ſtatten, indem mehrere beherzte Engländer ſich in den Häuſern verbargen und aus ihrem Hinterhalte plöͤtzlich über die Franzoſen herfielen, welche keiner Gefahr gewär⸗ tig Quartier ſuchten. Unmittelbar nach dem Einzug in die Stadt wurden ſtarke Wachen vor die Burg und Brücke delegt um mögliche Ausfälle der Belagerten zurückzuſchlagen, und die zu einem kräftigen Bombardement erforderlichen Geſchützſtücke ausgewählt:2. Mit dieſer Vor⸗ bereitung war man noch beſchäftigt, als ein Ereignis eintrat, welches die Fackel der Zwie⸗ tracht unter die Franzöſiſchen Heerführer zu werfen drohte. Der Connetable Arthur, Graf von Richemond, hatte ſeit ſeiner Verbannung vom Hof und Heer(1427) zu Partenay in einer Zurückgezogenheit gelebt, die für einen Mann ſeines Characters um ſo drückender ſein muſte, je dringender mit jedem Tage die Lage Frankreichs ſeine Dienſte zu erheiſchen ſchien. Geradezu unerträglich wurde für den Grafen dieſe ernie⸗ drigende Unthätigkeit, als Johannas Heldenthaten vor Orleans jedes edle Franzoſenherz mit Vaterlandsbegeiſterung durchflammten, und der Koͤnig alle Getreuen ſeines Volkes zum Frei⸗ heitskampfe unter die Fahnen rief. Jetzt, wo alle Schwerter gegen den Erbfeind gezückt wur⸗ den, machten Ehrgeiz und Vaterlandsliebe es dem Grafen durchaus unmöglich, das Schwert des Connetable, welches zuerſt unter allen für des Reiches Sicherheit und Wohlfahrt gezogen werdenſollte, unthätig in der Scheide roſten zu laßen. Ausgeſchloßen auf La Tremouilles Betrieb aus der Sant der Edlen, welche Karl zur Vertheidigung ſeines Thrones berufen hatte, faßte Arthur den ſtolzen Gedanken, ſich ſogar wider ſeines Königs Willen in die Reihen der Frei⸗ heitskämpfer zu ſtellen. In dieſer Abſicht ſammelte er, durch den Herzog von Alençon von dem bevorſtehenden Loirefeldzuge benachrichtigt, in Poitou und der Bretagne eine anſehnliche Kriegerſchar und verband dieſelbe mit den Garniſonen von Sablé, La Floche und Duretal zu einem Truppenkorps von 1200 Reitern und 800 Bogenſchützen.“*) Der Graf von Perdriae, die Herrn von Beaumanoir und Roſtrenen ſowie die Bretagniſchen Edlen Robert von Mon⸗ tauban, Wilhelm von Saint⸗Gilles, Alain von La Feuillée führten nebſt anderen Rittern unter des Connetable Oberleitung die kleine Armee in's Feld. Arthur ſchlug die Richtung nach Orleans ein, dem Sammelpunkte der Franzoſen nach Jargeaus Erſtürmung. Sobald der Koͤnig Kunde davon erhielt, ſchickte er den Herrn von La Jaille dem Grafen nach Loudun mit dem drohenden Befehle entgegen, ſofort umzukehren und keinen Schritt weiter zu gehen, widrigenfalls er Gewaltmaßregeln gegen ihn ergreifen würde. Was ich thue, erwiderte Arthur trotzig, geſchieht zu des Reiches und des Köͤnigs Beſtem, und ich möchte den ſehen, der mir das wehren will. Darauf verfolgte er ſeinen Marſch weiter, ſetzte über die Vienne und ge⸗ langte durch Amboiſe und Blois bis in die Nähe von Baugenei, deſſen Belagerung er in Amboiſe erfahren hatte. Unverweilt ließ er durch die Herrn von Roſtrenen und Tugdual von Kermoiſan den Herzog von Alencon um die Erlaubnis erſuchen, mit ſeinen Leuten ſich dem königlichen Heere anſchließen zu dürfen. Inzwiſchen hatte der König dem Herzog von Alencon den gemeßenſten Auftrag ertheilt, dem Connetable unter keiner Bedingung Aufnahme bei der Armee zu geſtatten. Alencon ging ſogleich mit Johanna und den Feldherrn zu Rathe. ) So berichtet, wahrſcheinlich übertreibend, des Grafen Lebensbeſchreiber Wilhelm Gruel, 0. IV, 316. Journal redet von 1500, 0. IV, 178, Johann Chartier, O. 1V, 66 und 70, weiß von nicht mehr als 1000 bis 1200(vergl. O. IV, 249), Perceval von Cagny, 0. IV, 14, ſogar nur von 500 bis 600 Streitern. Die Brüder von Laval, 0. V, 108, geben 600 hommes d'armes und 400 hommes de traict an. Vergl. IV, 238 und 240. 2406.— 3 Mehrere der letzteren, unter andern La Hire, ſprachen zu Gunſten des Grafen, Alenſon aber erklärte auf Grund des ihm gewordenen Verhaltungsbefehles, Arthurs Bitten nicht willfahren zu können, und drohte ſogar, im entgegengeſetzten Falle das Heer augenblicklich zu verlaßen. Johanna, deren ſtetes Bemühen darauf gerichtet war, alle Kräfte Frankreichs in Enacht gegen den Reichsfeind zu verbinden, muſte wenn auch mit ſchwerem Herzen Alencon Recht eben⸗ weil des Königs Gebot für ſie ſo lange als möglich Richtſchnur des Handelns war. die Mehrzahl der Generale folgte ihrem Vorgange, und ſo kam der Beſchluß zu Stande, dem Grafen einen abſchläglichen Beſcheid zu geben und ihn zugleich zu bedeuten, daß man ihn noͤ⸗ thigenfalls mit bewaffneter Hand zurückweiſen würde. Darüber war es Abend geworden. Die Vorbereitungen der Belagerung aber wurden nicht unterbrochen, ſondern während der ganzen Nacht die Kanonen aufgepflanzt, um in aller Frühe das Werk der Zerſtörung zu be⸗ ginnen:s. Als der Morgen ſo eben graute, durchhallte der Geſchützesdonner die Stadt und⸗ währte den ganzen Tag(Freitag 17. Juni) ohne Anierhrkchund fort. Die Belagerten erwi⸗ derten von Brücke und Citadelle das Feuer mit Nachdruck, aber ſie konnten ſich nicht verhehlen, daß an erfolgreichen Widerſtand gegen eine ſolche Übermacht durchaus nicht zu denken ſei. Schneller Uutſat blieb das einzige Rettungsmittel. Sie Lerſahen daher einen Reiter mit ſchriftlichen und mündlichen Aufträgen an Talbot und brachten den elben mittels eines kräftigen Ausfalls aus den Mauern der Stadt. Während der Bote in ſcharfem Ritt Yenville zueilten“, rückte der Graf von Richemond mit ſeinen Begleitern Baugenci näher und ließ Johauna demüthig bitten, ihm Verzeihung und Gnade beim König zu erwirken und ihn mit ſeiner ganzen Macht in den Dienſt des Königs aufzunehmen. Es kam zu ähnlichen Auftritten, wie am Abend vorher, und namentlich beharrte Alengon uerfantntih bei ſeinem Vorſatze. Mit einem Male traf die Kunde ein, das ganze Engliſche Heer ſei unter Talbot und Falſtolf im Aumarſch. Wie ein Blitz durchzuckte die Nachricht Feldhern und Soldaten. Der Ruf: Zu den Waffen! erſcholl. Damit gewann die ganze Sachlage eine veränderte Geſtalt, die ſtreitige Frage eine höhere Bedeutung. Johaun gab der allgemeinen Stimmun den entſpre⸗ chenden Ausdruck: Die Noth gebicket, daß man ſich wechſelweiſe unterſtütze. Pat Alençon war es Ehrenſache geworden, ſich in kuiſcheldenber Stunde nicht vom Heere zu entfernen. Er ſelbſt wie die übrigen Kriegsoberſten erſuchte Johanna, aus eigner Machtvollkommenheit die Bitte des Grafen zu gewähren und nachträglich den Frieden deſſelben mit dem Koͤnig zu ver⸗ mitteln. Johanna übernahm die Verantwortung unter dem Vorbehalt, daß der Connetable in ihrer und der Oberſten Gegenwart ſchwöre, dem Könige beſtändig als treuer Unterthan zu dienen und nimmer etwas zu thun oder zu ſagen, was dem König misfallen könnte. Um den Connetable unverbrüchlich an dieſen Schwur zu binden, verlangte Johanna überdies, daß ſich die Generale durch Brief und Siegel verpflichteten, gegen den Grafen vereint aufzutreten, ſofern er ſeinen Eid jemals brechen ſollte. Darauf wurde Arthur ſammt ſeinen Kriegern mit Freuden empfangen und ihm der Eid abgenommen. Bei der Begrüßung ſoll er die Jungfrau mit den Worten angeredet haben:„Johanna, man hat mir geſagt, Ihr wolltet mich bekämpfen. Ich weiß nicht, ob Ihr von Gott ſeid oder nicht, ſeid Ihr von Gott, ſo fürchte ich Euch anz und gar nicht, denn Gott kennt meinen guten Willen; ſeid Ihr vom Teufel, ſo fürchte ich Euch noch weniger“ 75.. 21. e Diesmal war die Botſchaft von dem Anrücken der Engläuder kein blinder Lärm. Talbot war an dem Morgen(16. Juni), wo die Franzoſen vor Baugenci erſchienen, in Yenoille angelangt und hatte die Engliſchen Feldherrn, bei denen auch Thomas von Scales aus Meun angekom⸗ men war, rückſichtlich der Frage, was unter den bewandten Umſtänden zu thun ſei, in großer Unſchlüßigkeit gefunden. Der beſonnene Falſtolf ſetzte im Kriegsrath die Gefahren auseinander, welche nach ſo vielen Niederlagen und ſo augenfälliger Entmuthigung der Soldaten dem Ver⸗ ſuche, Baugenci zu entſetzen, offenbar im Wege ſtanden. Er rieth, die Belngerten dem Geſchick der Unterhandlung zu überlaßen und ſo lange jedem Zuſammenſtoß mit dem ſiegberauſchten Feinde auszuweichen, bis man demſelben bedeutendere Kriegermaſſen entgegen merien könnte, 4 und die niederſchlagenden Eindrücke der jüngſten Ereigniſſe ſich einigermaßen abgeſtumpft hätten. Seine Anſicht ſtieß auf gewaltigen Widerſpruch bei den andern Heerführern. Beſonders erhob ſich Talbot, der allgemein für den tapferſten und dnſichtsvolhten Feldherrn Englands galt, mit Entrüſtung dagegen. Mit Hulfe Gottes und des heiligen Georg, ſprach er, werde ich die Feinde angreifen, ſollte auch niemand mit mir gehen, als meine Leute und wer ſonſt aus freien Stücken mir folgen will. Und ſo ſtark war das Gewicht ſeines perſönlichen Einflußes, daß Falſtolf den Oberſten und Hauptleuten Befehl ertheilte, alles zum Feldzug auf den folgen⸗ den Tag in Bereitſchaft zu ſetzen. Am Morgen deſſelben(17. Juni) lam der Abgeſandte von Baugenci bei Talbot an und wurde von letzterem mit der Zuſicherung ſchleuniger Huülfe zurück⸗ geſchickt. Kurz nachher ſtand die Engliſche Armee marſchfertig vor den Thoren vor Nenville. Nochmals bot Falſtolf alle ſeine Beredtſamkeit auf, um das Unternehmen rückgängig zu machen, indem er den Anführern vor Augen ſtellte, daß wenn das Glück ihnen ungünſtig ſein ſollte, Heinrichs V. ſämmtliche Eroberungen in Frankreich auf dem Spiele ſtehen würden. Umſonſt, er ſah ſich genöthigt, dem allgemeinen Verlangen nachzugeben und nach der Loire aufzubrechen. Nachmittags traf das Engliſche Heer nahe bei Baugenci ein. Von der Ankunft des Feindes frühzeitig genug durch Kundſchafter benachrichtigt, eilte Johanna, einer Abtheilung ihrer Trup⸗ en die Fortſetzung der Belagerung überlaßend, mit der Hauptarmee unter Alenkon, Dundis, a Hire, Saintrailles, La Fayette, ſofort aus der Stadt und ſtellte dieſelbe auf einer kleinen Anhoͤhe in Schlachtordnung. Sobald die Engländer des Feindes anſichtig wurden, rammten ſie vor ihrer ganzen Linie Reihen von Pfählen mit nach vorn gekehrter Spitze ein, ein Kunſt⸗ riff dem ſie den gröſten Theil ihrer früheren Siege verdankten, indem die Franzöſiſche Reiterei 6 in den Palliſaden feſtrannte und haufenweiſe von den Engliſchen Bogenſchützen nieder⸗ doſtrect wurde. In dieſer gedeckten Stellung erwarteten die Engländer den Angriff mit ugeduld. Endlich als die Sonne ſich zum Untergange neigte, verſuchten die Engliſchen Ge⸗ nerale, durch höhniſche Herausforderung die Franzoſen in den Kampf zu locken. Vergebens, Johanna ging nicht in die Falle, ſondern fertigte die feindlichen Herolde mit der Antwort ab: „Geht in's Quartier für heute, denn es iſt ſchon ſpät; aber morgen werden wir, ſo Gott will und die heilige Jungfrau, uns näher ſehen.“ Da die Engländer hiernach auf jede Hoffnung verzichten muſten, den Feind zu einem unvorſichtigen Angriff auf ihre wohlverſchanzte Stellung zu verleiten, ſelbſt aber den Muth nicht hatten, einen Sturm auf die Franzoͤſiſche Schlacht⸗ linie zu wagen, ſo begaben ſie ſich insgeſammt nach Meun auf den Weg, um in dieſer Stadt das Rachtläger zu nehmen. Daſelbſt angelangt, beſchoßen ſie bis zum Morgen die Brücke, vhnd jedoch 1 ie durch Leute des Connetable verſtaͤrkte Beſatzung der Franzoſen zum Weichen zu bringen’s5.. 1 ohanna kehrte nach dem Abzug der Engländer mit ihrer Armee nach Baugenci zurück, wo mittlerweile kleine Gefechte mit den Belagerten ſtattgefunden hatten und das Geſchützfeuer nicht unterbrochen worden war⸗r. Die Nachtwache wurde dem Connetable als dem zuletzt Ge⸗ kommenen der Sitte gemäß übertragen und zugleich beſtimmt, daß derſelbe am Tälgeiden Tage die Belagerung der Brücke von dem linken Loireufer aus beginnen ſollters. Die Belagerten waren ugterdeſfen durch das Fehlſchlagen ihrer letzten Hoffnung in gänzliche Muthieſigkeit verſunken. Das furchtbare Schickſal, welches hes Brüder in Jargeau getroffen hatte, trat lhuene als Schreckbild vor die Augen. Um dieſem Außerſten vorzubeugen, knüpfte Richard nethin ſpät Abends Unterhandlungen an. Die Jungfrau, welche nicht nach dem Blute ihrer Feiide lechzte und den ſchnellen Fall von Baugenci ſehnlichſt wünſchte, um mit ungetheilten Kräften der Engliſchen Armee zu Leibe zu gehen, ließ ſich bereitwillig auf den Vorſchlag ein, und ſo ward gegen Mitternacht folgender Vergleich abgeſchloßen: Die Engländer ſollten mit Anbruch des Tages der Jungfrau und dem Herzog von Alencon Brucke und Schloß für den Koͤnig Karl ausliefern und ungekränkt an ihrem Leben unter ſicherem Geleite abziehen; ihre Pferde, Rüſtungen und einen Theil ihrer beweglichen Habe mitzunehmen, ſollte ihnen geſtattet ſein, jeder aber durch Eidſchwur ſich verpflichten, vor Ablauf von zehn Tagen die Waffen nicht 5 anzulegen. Auf dieſe Bedingungen erfolgte am Sonnabend Morgen(18. Juni) die Ubergabe, wedden die Franzoſen Burg und Brücke mit einer Beſatzung verſahen und die Engländer unter dem Schutze des Ambroſius von Loré die Stadt verließen, um ſich in Meun mit ihren Landsleuten zu verbinden:. An letztere ſchickten ſie einen Abgeordneten mit der Botſchaft voraus, daß Brücke und Burg von Baugenci in Feindes Hand, und dieſer im Begriff ſei, in's Feld zu rücken. Der Abgeſandte traf in dem Augenblicke in Meun ein, wo die Engländer ſich anſchickten, ſtürmend gegen die Brücke vorzugehen. Angeſichts der drohenden Gefahr ſtan⸗ den die Engliſchen Feldherrn ohne weiteres von dieſem Vorhaben ab, zogen ihre geſammte Streitmacht aus der Stadt und ſtellten ſie vor den Thoren in Schlachtordnung, Meun der Franzöſiſchen Brückenbeſatzung preisgebendseo. Etwa eine Stunde war ſeit Entfernung der Engländer von Baugenci verſtrichensi, als einer von La Hires Leuten den Franzöͤſiſchen Ge⸗ neralen die Meldung machte, die Feinde wären von Meun im Anzuge, bald würden ſie vor Baugenci ſein, ihre Vorhut betrüge an tauſend Mann.„Ha! ſchöner Connetable, wandte ſich Johanna zu dem Grafen, Ihr ſeid nicht auf meine Veranlaßung gekommen, aber weil ihr ge⸗ kommen ſeid, ſo ſeid willkommen“s2. Sogleich wurde eine Schar leichter Reiter abge⸗ ſchickt, um genauere Kundſchaft einzuholen, und das ganze Heer vor Baugenci in Schlacht⸗ bereitſchaft geſtellt.„Was ſoll ich nun thun?“ fragte Alençon die Jungfrau.„Ihr habt, denk ich, gute Sporen,“ antwortete Johanna mit lauter Stimme.„Was ſagt Ihr, riefen die Umſtehenden, wir ſollen den Rücken wenden?“„Nein erwiderte Johanna, die Engländer ſind es, die ſich nicht vertheidigen, ſondern unterliegen werden, und Ihr werdet die Sporen brau⸗ chen, um ihnen nachzujagen.“ Nach einiger Zeit kehrten die Reiter zurück und berichteten, ſie hätten die Engländer nahe bei Meun in der Richtung nach Nenville abmarſchieren ſehen. Die Sache hatte ihre Richtigkeit. Die Engliſche Armee, durch die Beſatzungen von Meun und Baugenci anſehnlich verſtärkt, war in beſter Ordnung von Meun aufgebrochen: zwiſchen dem Vortrab und dem Hauptkorps die Artillerie und Bagage, zuletzt die Nachhut, welche man der Vorſicht halber aus lauter geborenen Engländern gebildet hatte. Jetzt war ſeitens der Franzoſen zu erwägen, ob man den Feind verfolgen oder ungehindert entkommen laßen wollte. Unter den Franzöſiſchen Kriegern fehlte es vielen, denen die blutigen Niederlagen von Azincourt, Verneuil, Rouvray lebhaft im Gedächtnis ſtanden, noch immer an Muth und Entſchloßenheit, den Engländern in offener Feldſchlacht zu begegnen; froh der erhaltenen Nachricht, machten ſie theils gradezu Anſtalt, nach Baugenci zurückzugehen, theils erſannen ſie allerhand Vorwände, um ihren Widerwillen zu beſchönigen. Wo ſollen wir die Feinde finden? Es wäre gut, man ſchaffte Pferde herbei! Dieſe und ähnliche Ausflüchte brachten ſie vor.„Im Namen Gottes, döferle die Heldin, wir müßen ſie bekämpfen. Wären ſie gleich in den Wolken aufgehängt, wir werden ſie erreichen, denn Gott ſchickt ſie uns, auf daß wir ſie züchtigen. Der 1 König wird heute den gröſten Sieg haben, der ihm ſeit lange geworden iſt. Mein Rath hat mir geſagt, daß ſie alle unſer ſind. In Gottes Namen alſo muthig vorwärts, wir werden gutes Geleit haben.“ Solcher Gottesmuth entflammte ſelbſt die verzagten Gemüther. Der Beſchluß ward gefaßt, dem Feinde in der von den Kundſchaftern bezeichneten Richtung nachzuſetzen, und ihm eine Schlacht zu liefern, wann und wo man ihn finden würdess. Gegen acht Uhr Morgens wurde das Franzöſiſche Heer zur Verfolgung der Engländer geordnet. So groß auch Johan⸗ nas Siegeszuverſicht war, ſo ließ ſie es bei der Aufſtellung doch keineswegs an weiſer Vor⸗ ſicht mangeln. Nicht in eine Geſammtmaſſe vereinigte ſie ihre Truppen, ſondern wählte aus den beſten Rittern eine ſtarke Vorhut von 1400 dis 1500 Mann, deren Führung ſie dem kühnen La Hire und deſſen Bruder Amador, dem unermüdlichen Saintrailles, Ambroſius von Loré, Theobald von Termes, Gerhard von La Paglire, Stevenot, Penenſac, den Herrn von Beaumanoir und von Tillay übertrug. Anfangs hatte Johanna die Abſicht, ſich ſelbſt dieſer wackern Reiterſchar beizugeſellen, nach längerem Zureden gab ſie jedoch, obwohl hoͤchſt ungern, ihren Vorſatz auf. 60 bis 80 der beſtberittenen und erfahrenſten Ritter bildeten die Spitze des Vortrabs, und hatten als beſonderes Streifkorps vorzugsweiſe die Aufgabe, die Spur der 1 Engländer zu entdecken, während die Maſſe der Vortruppen den Auftrag erhielt, den Feind, ſobald er aufgefunden wäre, durch unaufhörliche Plänkeleien und Neckereien in ſeinem Zuge aufzuhalten, namentlich aber zu verhüten, daß er ſich nicht hinter ſeinen Spitzpfählen ver⸗ ſchanze. Da man ſicher war, den Feind ſtets vor ſich zu haben, und demnach eine abgeſon⸗ derte Nachhut nicht bedurfte, ſo wurde der ganze Reſt der Armee zu einem großen Heerhaufen⸗ mit ſorgfältigſter Gliederung verbunden, angeführt von Johanna, dem Herzog von Alencon, den Grafen von Richemond, von Dunois und von Vendome, den Marſchällen von Nais und von Sainte⸗Séveère, dem Admiral von Culan, den Herrn von Gaucourt, von Chauvigny, von Albret, beiden Brüdern von Laval u. ſ. w. Beſtändig in Reihe und Glied, um jeder⸗ zeit ſchlagfertig dazuſtehen, ſollte die Hauptmacht unterwegs ſo nahe und raſch, als möglich, der Vorhut auf dem dße folgen. Dergeſtalt zweckmäßig geordnet und vom beſten Geiſte beſeelt, ſetzte ſich die ganze Armee gleich darauf in Bewegung. Meun rechts liegen laßend, zog ſie fünf bis ſechs Stunden lang durch die waldreichen Ebenen der Beauce mit von Kampfbegier beflügelter Schnelligkeit, ohne die Engländer, welche einen beträchtlichen Vorſprung hatten, zu Geſichte zu bekommen. Letztere waren in beſter Orduung ſchon bis auf eine ſtarke halbe Stunde von dem großen Dorfe Patay vorgerückt, als die Streifreiter ihrer Nachhut eine bedeu⸗ tende Menſchenmaſſe bemerkten. Hurtig ſprengten ſie, weil das Heranuahen des Franzoſen⸗ heeres vermuthend, zu dem Hauptkorps, welches Falſtolf, Talbot, Rameſton u. ſ. w. befehligten, und meldeten den Feldherrn, was ſie geſehen. Um ſich von der Richtigkeit der Wahrnehmung zu überzeugen, ſandten dieſe auf der Stelle Kundſchafter aus, ließen bis zu deren Rückkunft das ganze Heer Halt machen und gingen mit einander zu Rathe. Wohl hätten ſie bei angeſtreng⸗ tem Marſche die Feſtung Yenville noch erreichen koͤnnen, welche nur 2 Stunden von Patay entfernt war, aber je entſchiedener Falſtolf dazu ermahnte, und auf die Ungunſt des Glückes hinwies, deſto hartnäckiger beſtand Talbot auf ſeiner Forderung, die Ehre Englands durch eine offene Feldſchlacht zu retten. Energie und Anſehn verſchafften ihm die Oberhand und es war ſein Werk, daß der Beſchluß durchging, dem Feinde auf freiem Felde die Stirn zu bieten. Kurz darauf brachten die abgeſchickten Reiter die Beſtätigung, daß die ganze Heeresmacht der Franzoſen mit ſtarken Schritten herankäme. Es handelte ſich nunmehr bloß noch um die Wahl des Kampfplatzes. Einige ſchlugen vor, an Ort und Stelle ſtehen zu bleiben, und ſich mit dem Rücken an eine Hecke zu lehnen, welche in nächſter Nähe ſtand. Andere hielten es für vortheilhafter, noch eine Strecke weiter vorzugehen, bis an den Wald von Patay, welcher ſeiner ganzen Länge nach von dichten Hecken und Gebüſchen umſäumt war, und ſomit die beſte Rückendeckung gab. Dieſer Vorſchlag fand den Beifall der Mehrheit. Alles kam auf ſchnelle Ausführung an. Demgemäß erhielt die Vorhut die Weiſung, ſammt der Artillerie und Bagage eiligſt bis dicht an das befeſtigte Kloſter von Patay vorauszumarſchieren und ſich längſt des Waldſaumes aufzuſtellen. Die Hauptmacht ſollte unmittelbar nachfolgen und die Nachhut aufs ſchleunigſte herangezogen werden. Der Vortrab führte den Befehl ſofort aus. Darauf ſetzte ſich das Hauptkorps in Bewegung und marſchierte bis zu einem Engpaſs, Coynces genannt, welcher durch eine ſtarke, dem Waldſaum parallel laufende Hecke gebildet wurde. Dieſer Paſs, durch welchen die Franzoſen vordringen muſten, um ihre Gegner zu er⸗ reichen, erſchien Talbot zur Vertheidigung dergeſtalt geeignet, daß er ſich entſchloß, denſelben mit 500 auserleſenen Bogenſchützen ſo lange beſetzt zu halten, bis die Nachhut das ſie erwar⸗ tende Hauptkorps hinter dem Hohlweg eingeholt haben würde. Sobald dies geſchehen, wollte er ſich auf die Hauptmacht hinziehen, möchten die Franzoſen bereits angelangt ſein, oder nicht. Der Plan war gut, das Gelingen davon abhängig, daß die verſchiedenen Heerestheile der Engländer Zeit behielten, ſich vor Ankunft des Feindes mit einander zu verbinden, in kunſt⸗ gerechter Schlachtordnung aufzuſtellen und ſich an allen, dem Angriff offenen Punkten mit Spitzpfählen zu umſchanzen. Die ungeſtüme Kampfluſt der Franzoſen machte jede Berech⸗ nung zu Schanden. Die Vorreiter ihrer Avantgarde hatten, bevor ſie den Aufenthalt der Feinde aufgeſpürt, einen Hirſch aus ſeinem Verſtecke aufgejagt. Das ſcheue Thier lief in nord⸗ 7 öſtlicher Richtung dem Gehölze von Patay zu, gerade auf die Engländer los. Die Nähe des Feindes nicht ahnend, erhoben die Soldaten ein laut ſchallendes Geſchrei. Daraus erkannten die Franzöſiſchen Reiter, daß ſie den Engländern dicht auf den Ferſen waren, und es währte nicht lange, ſo ſahen ſie die feindlichen Maſſen deutlich vor Augen. Flugs theilten ſie durch einige ihrer Gefährten der Vorhut und dem Hauptheere ihre Entdeckung mit und forderten beide auf, ſich zum Kampfe gefaßt zu machen. La Hire und Theobald von Termes brachten perſönlich die Nachricht der Jungfran.„Sie werden nicht lange da ſtehen, verſetzte Johanna, haut nur muthig drein, ſo werden ſie die Flucht ergreifen. Von unſern Leuten werden keine oder nur wenige getödtet werden, wir werden keinen Schaden nehmen.“ Daranf befahl ſie ihren Kriegern, ſich zum Angriff in gehörige Bereitſchaft zu ſetzen und führte dieſelben ſo ge⸗ ſchwind vorwärts, daß ſie kurz nachher die Engliſchen Scharen beobachten konnten. Der Nach⸗ zug der letzteren hatte unterdeſſen, weil er die Feinde ſo hitzig vorrücken ſah, die gröſten An⸗ ſtrengungen gemacht, um ſich mit der Hauptmacht jenſeit des Engpaſſes zu verbinden. Dies Ziel war glͤcklich erreicht, nicht gelöſt aber war die wichtigere Aufgabe der Vereinigung beider Truppenkörper mit der Vorhut, als die Franzöſiſche Avantgarde gleich einem Blitzeswetter vor den Engpaſs angeſprengt kam, welchen Talbot mit ſeinen Bogenſchüͤten beſetzt hielt. Das Schickſal des Tages ſchien nunmehr an der Frage zu hangen, ob Talbot im Stande ſein werde, ſich gegen die Übermacht ſo lange zu behaupten, daß die übrigen Heerestheilt eine befeſtigte Stellung auf dem Walplatz nehmen konnten. Zum Unglück hatten Talbots Krieger noch nicht Muße gehabt, den Zugang des Hohhwege mit ihren Spitzpfählen zu verrammen. Um ſo mehr ihat Eile noth. Falſtolf gebot deshalb den Fußtruppen im Sturmſchritt, der Reiterei im Galopp nach der Vorhut aufzubrechen. Dieſe Maßregel fiel zum Verderben aus. Die Vorhut nämlich gerieth als ſie die Truppen in ſolcher Haſt herankommen ſah, in die äußerſte Beſtürzung und verließ, von dem Wahne bethört, es ſei alles verloren, ihren Standort in wilder Flucht. Dieſes Unheil in dieſem entſcheidenden Augenblick ſchlug den Muth auch der Tapferſten darnieder, jeder Stern der Hoffnung ſchien mit einem Male erloſchen. Die Rathloſigkeit der Verzweiflung bemächtigte ſich ſogar der Kriegsoberſten, ſelbſt Falſtolf dachte nicht mehr an Sieg. Gleichwohl waren die eindringlichſten Vorſtellungen ſeiner Umgebung nicht vermögend, ihn zur Flucht zu bewegen; er faßte vielmehr den Entſchluß, Talbot in ſeiner Bedrängnis zu Hülfe zu eilen, indem er erklärte, lieber wolle er todt ſein und gefangen, als ſchimpflich entfliehen. In der Zwiſchenzeit hatte ſich die Avantgarde der Franzoſen, der feurige La Hire an ihrer Spitze, mit unaufhaltſamer Wuth in den Hohlweg geworfen, und ehe noch Falſtolf ſeinen Plan ausführen, ehe ſeine Scharen ſich zum Kampfe vollſtändig ordnen, ge⸗ ſchweige denn in gewohnter Weiſe verſchanzen konnten, war Talbot trotz der heldenmüthigſten Gegenwehr durch Saintrailles Leute vom Pferde gerißen und gefangen, das Elitekorps ſeiner Bogenſchützen bis auf den letzten Mann zuſammengehauen. In dieſem Augenblick traf Johanna mit dem Kerne der Armee auf dem Kampfplatze ein, und mit der Flammenglut der Sieges⸗ begeiſterung ſtürmte das vereinigte Franzoſenheer durch den Engpaſs auf Falſtolfs Krieger los, um den Streich der Vernichtung gegen ſie zu führen. Was nun geſchah verdient nicht eigent⸗ lich den Namen einer Schlacht, denn zur Widerſtandsfähigkeit fehlte den halb geordneten Maſſen der Engländer nicht viel weniger, als alles. Im Nu waren die vorderſten Reihen der Engländer auseinandergeſprengt, und es begann ein ſchauderhaftes Gemetzel, ſo daß die Walſtatt bald mit Haufen von Erſchlagenen bedeckt lag. Der Augenzeuge Johann von Wavrin, welcher ſich in e ſan Umgebung befand, Phicch ſein Entſetzen in den Worten aus: Es ſtand den Franzoſen frei, unſere Leute nach Gutdünken entweder gefangen zu nehmen, oder niederzuſtoßen. Jetzt erſt, wie derſelbe Wavrin verſichert, gab Falſtolf dem Rathe ſeiner Ver⸗ trauten Gehör und verließ nebſt dem Baſtard von Thiant und 700 bis 800 Reitern das Schlachtfeld in herzzerreißender Traurigkeit. Damit war die Auflöſung des Engliſchen Heeres, welches in Falſtolf ſemnei letzten Hort verlor, vollends entſchieden. Heil war allein in der Flucht zu ſuchen. Einige barg der Wald von Patay vor dem Schwerte der Sieger, andere rannten 8 in athemloſem Lauf in der Richtung von Yenville fort. Racheſchnaubend ſtürzten ihnen die Feinde nach, und mancher wurde unterwegs ein Raub des Todes oder der Gefangenſchaft. Wer Yenville wirklich erreichte, fand die Thore verſchloßen und die Bewohner auf den Mauern bereit, jeden Engländer mit bewaffneter Hand zurückzuwerfen. Im ganzen verloren die Eng⸗ länder an dieſem ſchrecklichen Tage zwiſchen 2000 und 3000 Mann an Todten und Gefangenen. Die meiſten hatte das Schwert dahingerafft, die Zahl der Gefangenen überſtieg nicht 200. Unter den letzteren befanden ſich außer Talbot: Thomas von Scales, Thomas von Rameſton, Walther von Hungerford, Heinrich Braunche und viele andere Hauptleute. Der Verluſt der Franzoſen war, wie Johanna vorausgeſagt hatte, kaum der Rede werth. Nur ein einziger Edelmann ſoll geblieben ſein. Und doch war die Stärke der beiden Armeen beinahe gleich, wie Clemens von Fauquemberque, der damalige Secretair des Pariſer Parlamentes ausdrück⸗ lich bezeugt, und die Verſchmelzung der unter Falſtolf von Paris geſandten Hülfsarmee mit den Beſatzungen vou Yenville, Baugenci, La Ferté-Hubert, Meun u. ſ. w. zur Wahrſcheinlichkeit macht. Aber nicht dieſer Umſtand iſt Frankreichs Ruhm. Der Geiſt iſt's, welcher die Schlach⸗ ten gewinnt, der Geiſt des Glaubens und des Gottvertrauens, weil er allein die Kraft und das Leben iſt. Dieſer Geiſt, der aus Johannas Seele in die Herzen ihrer Krieger floß, war ſeinem eigenſten Weſen nach die Macht ihrer Stärke, und ward es dadurch täglich mehr, daß er das göttliche Einheitsband um das ganze Franzoſenheer ſchlang. Wie erſcheint dagegen das Engliſche Heerlager! Der Glaube an Englands Glück war an der Gewalt der Thatſachen zerbrochen. Das Unglück hatte— wie ſo oft— das Zerwürfnis, den Zwieſpalt der Gedanken und Beſtrebungen unter die Feldherrn gebracht. Die Meinungsverſchiedenheit zwiſchen Falſtolf und Talbot, welche ſpaltend die ganze Armee durchdrang, beraubte die Gemüther des inneren Zuſammenhalts, ohne welchen jede äußerliche Vereinigung ein Widerſpruch in ſich ſelber iſt. Mit dem Schwinden des Glaubens an das Glück Englands trat bei den Heerführern das übermäßige Suchen nach materiellen Stützpunkten hervor, und die Klügelei übertriebener Vor⸗ ſicht, welche durch den Erfolg faſt immer Lügen geſtraft wird, drängte ſich bei allen ihren Maßnahmen in den Vordergrund, wie dies auf ähnliche Weiſe vor Johannas Ankunft im Franzöſiſchen Heerlager der Fall geweſen war. So ſchmachvoll hätte der Tag bei Patay ſchwerlich für die Engliſchen Waffen geendet, wären die Feldherrn, ſtatt nach einem vortheil⸗ hafteren Kampfplatz ſich umzuſehen, auf der Stelle ſtehen geblieben, welche ſie beim Anblick der an⸗ rückenden Franzoſenmacht einnahmen. Dann hätte ſich die Armee, im Rücken hinlänglich ge⸗ ſchützt, mit ihren Spitzpfählen dicht umſchanzen und hinter denſelben den Anprall der feindlichen Maſſen getroſt erwarten können. Talbot, welcher durch ſeinen Einfluß die verderblichen Maß⸗ regeln der Befehlshaber hauptſächlich veranlaßte, war an dieſem Tage unſtreitig der böſe Genius Englands. Nach zwei Uhr Nachmittags war die Niederlage entſchieden. Auf dem Schlachtfelde ſelbſt empfingen mehrere Franzöſiſche Krieger zum Lohne ihrer Tapferkeit den Ritterſchlag, unter an⸗ dern Jacob von Mailly oder Milly, Aegidius von Saint-Simon, Ludwig von Marcognet, Johann von La Haye Baron von Coulonces. So froh die Jungfrau ihres Sieges war, ſo ſchmerzlich traf der Anblick des ungeheuren Blutbades ihr mitleidvolles Herz. Sie that, was ſie konnte, um den Ausbrüchen roher Grauſamkeit zu ſteuern, welche ſich ihre Leute mehrfach zu Schulden kommen ließen. Ein Franzöſiſcher Soldat, welcher mehrere Gefangene gemacht hatte, ſchlug einem derſelben ſo gewaltig an den Kopf, daß er für todt zur Erde fiel. Jo⸗ Pan⸗ welche dazu kam, ſprang ſogleich vom Pferde, ſprach dem Gefallenen Troſt ein, indem ie ihm den Kopf emporhielt, und ließ ihm die Beichte abnehmen. Ein Sturm in der Schlacht, ein Bild der Barmherzigkeit nach dem Siege! Noch auf dem Schlachtfelde verſam⸗ melte ſie die Hauptleute und dankte mit ihnen in demüthiger Andacht dem Herrn für den herrlichen Sieg. Darauf zog ſie nach Patay, wo ſich allmählich das ganze Heer zuſammen⸗ fand und theils in dem Dorfe ſelbſt, theils in der Umgegend übernachtete. Hier empfing die Jungfrau in Gegenwart des Connetable und des Herzogs von Alencon den gefangenen Talbot. „Nicht wahr, ſagte der Herzog zu Talbot, heute Morgen dachtet Ihr nicht daran, daß es Euch ſo ergehen würde?“„Das iſt das Geſchick des Krieges,“ antwortete gefaßt der eiſerne Held.*) Dies war die berühmte Schlacht bei Patay, die erſte, in welcher die Franzoſen ſeit acht Jahren auf offenem Felde über die Engländer den Sieg davontrugen.**) Die Eng⸗ länder haben ſie den Tag bei Patay, die Franzoſen bisweilen die Jagd dei Patay genannt. Sie brachte die Befreiung der ganzen Orléanais zum Abſchluß und ſetzte inſofern Johannas bisherigen Thaten die Krone auf; denn ſämmtliche Feſten der Beauce, welche annoch in Fein⸗ des Gewalt geweſen waren, wie Yenville, La Ferté⸗Hubert, Montpipeau, Saint Sigismond, kehrten infolge dieſer Schlacht unter die Herrſchaft ihres rechtmäßigen Königs zurückst. Ver⸗ nichtet war bis auf einige haltloſe Bruchtheile die furchtbare Armee, welche einſt Graf Salis⸗ bury, um Frankreichs Unterjochung zu vollenden, aus England herübergeführt hatte, ihre Be⸗ fehlshaber waren theils todt theils gefangen. England hatte kein Heer mehr in Frantreich Und an welchem Felſen iſt dieſe Rieſenmacht zerſchellt, welche Frankreich in ihren Eiſenarmen zu zermalmen drohte? An der Glaubenskraft eines ſiebzehnjährigen Bauernmädchens,„deſſen Arme Gott der Herr zum Kämpfen und ſeine Finger zum Halten des Schwertes eingerichtet hatte“. Denn darin ſind Freund und Feind vom oberſten General bis zum geringſten Sol⸗ daten einverſtanden, daß wie in Orleans, ſo während des Loirefeldzuges Johanna die alles beſtimmende und beherrſchende Seele, daß ſie Frankreichs Schutzgeiſt geweſen iſt in Rath und Thatss. Wer hat mit Bitten und Flehen den Feldzug zu Stande gebracht? Wer die Zagenden durch gottbegeiſterten Zuſpruch zum Abmarſch nach Jargeau vermocht? Wer hielt die durch Falſtolfs Ankunft in Yenville Erſchreckten bei der Belagerung feſt? Wer war es, der den rechten Augenblick zum Sturm auf die Feſte wahrnahm? Wer hat denſelben, von Gottes Hand ſichtbar beſchützt, zum raſchen Ende gebracht? Nach kurzer Ruh in Orleans wie trieb ſie von That zu That! Wie überfiel ſie gleich einem Sturmeswetter die Brücke von Meun, zwang Baugenci zur Übergabe! Aber mitten in dieſem Thatendrange mit welcher Kaltblütig⸗ keit wies ſie die höhniſche Herausforderung der Engländer vor Baugenci zurück, um ſchon Tags darauf mehr noch durch die Gewalt ihres Wortes und den Schrecken ihrer Perſon, als durch des Schwertes Schäͤrfe die ganze Feindesmacht zu zertrümmern! Und war ſie es nicht, welche in höchſtens zehn Tagen die Loirefeſtungen zu erobern verheißen hattess? Gerade in acht Tagen war das Werk ausgeführt, und obendrein den Engländern die groͤſte Niederlage beigebracht, die ſie ſeit geraumer Zeit in Frankreich erlitten hatteuss. In Wahrheit, man weiß nicht, ſoll man an der Jungfrau mehr die blitzartige Schnelligkeit oder die beſonnene Zurück⸗ haltung bewundern, mehr über den Scharfblick des Genies ſene womit ſie die Gedanken des Feindes durchſchaute, oder die weiſe Umſicht rühmen, welche aus ihren Rathſchlüßen hervorleuchtet. Hat ſie mehr durch die Unerſchrockenheit ihres Gottesmuthes gewirkt oder durch die Feinheit und Sicherheit ihrer Beurtheilungskraft, welche für jeden Zweck das entſprechende Mittel, im entſcheidenden Augenblick den richtigen Treffer in Bereitſchaft hatte? Was die Hel⸗ din außerdem auf's deutlichſte auch in dieſem Feldzug bewährte, iſt ihre Geſchicklichkeit in der Aufſtellung und Anführung der Heere, ihre Gewandtheit im Gebrauche der Waffen und insbe⸗ ſondere ihre Gabe, die Artillerie zu ordnen und zu verwenden. Die gediegenſten Kennerheben mit dem Nachdruck feſtbegründeter Überzeugung Johannas Kriegergaben und Feldherrntalente hervorss. In demſelben Grade, wie dieſe Ereigniſſe die Zuverſicht der Franzoſen auf völlige Her⸗ ſtellung des Reiches kräftigten, erfaßte Furcht und Beſtürzung die Engländer ſammt ihren *) Saintrailles ließ ihn nach Baugenci abführen mit allen ſeinem Range gebührenden Rückſichten. Nach einigen Tagen ſtellte er ihn dem Könige in Chateauncuf oder Gien vor und erbat ſich von letzterem die Erlaubnis, den tapferen Degen ohne Löſegeld ſofort in Freiheit ſetzen zu dürfen. Karl gewährte die Bitte. Talbot bekam ſpäter den edlen Saintrailles in Gefangenſchaft und vergalt ihm ritterlich Gleiches mit Gleichem.. **) Die Schlacht bei Beaujé wurde am 22. März 1421 geliefert. 2 10 Anhängernso. Falſtolf, welcher in der Nacht nach Etampes und am Morgen(19. Juni) nach Corbeil geflohen war, brachte dem Herzog von Bethford, welcher in letzterem Orte mit Spannung auf Nachrichten harrte, perſönlich die Trauerbotſchaft. In der erſten Aufwallung des Zornes machte ihm der Herzog die kränkendſten Vorwürfe und ließ ihm ſogar durch ein Kriegsgericht den Kniebandorden abnehmen. Nachmals jedoch, als die Leidenſchaft ſich mehr gekühlt hatte, fanden Falſtolfs Vertheidigungsgründe eine gerechtere Würdigung, und er erhielt, gleichfalls durch kriegsgerichtlichen Ausſpruch, ſeinen Orden zurück. Nur Talbot verzieh ihm nichto. Bethford eilte nach Paris. Schon die am 15. Juni daſelbſt eingetroffene Kunde von der Eroberung Jargeaus hatte die Bürger, welche damals gröſtentheils mit Leib und Seele den Engländern ergeben waren, dergeſtalt in Aufruhr gebracht, daß ſie alles Ernſtes befürchteten, die Armagnaken würden in der Nacht die Stadt heimſuchen. Als nun gar am 21. Juni ſich die entſetzliche Neuigkeit von der Vernichtung des Engliſchen Heeres bei Patay verbreitete, zweifelte niemand mehr daran, daß der kleine König von Bourges, wie man weiland Karl VII. ſpottweiſe genannt hatte, allernächſt vor den Thoren von Paris erſcheinen würde. Deshalb wurde die Stadtmauer eiligſt in Vertheidigungsſtand geſetzt und einezuverläßigere Stadtobrigkeit ernannt. Verſtärkte Wachen durchzogen Paris bei Tag und Nacht. Die Herrn des königlich Engliſchen Rathes weinten heiße Thränen über das ungeheure Misgeſchick und trafen mit dem Herzog von Bethford Anſtalten, um ſo ſchleunig als moͤglich Hülfstruppen aus England und von dem noch immer grollenden Burgunderherzog zu erhalten. Bethford ſchickte in ſeinem und der Pariſer Namen eine feierliche Geſandtſchaft an letzteren ab und lud ihn dringend zu einer Beſprechung in Paris ein. Philipp kam mit 700 bis 800 Kriegern am 10. Juli an. Große Berathungen wurden gehalten, die alten Bündniſſe von den Herzögen erneuert. Um den Haß der Pariſer gegen ihren rechtmäßigen Herrn von neuem anzufachen, veranſtalteten beide Herzöge eine große Feierlichkeit. Sie ließen am 14. Juli durch einen der Engliſch⸗Bur⸗ gundiſchen Partei leidenſchaftlich ergebenen Prieſter eine flammende Predigt in der Liebfrauen⸗ kirche halten vor den Mitgliedern des Parlamentes und der Univerſität, den höchſten Würden⸗ trägern der Kirche und der Krone ſowie den vornehmſten Bürgern der Hauptſtadt und zogen darauf in feierlicher Proceſſion mit denſelben in den Palaſt. Hier wurde den Verſammelten zuerſt der Friedensvertrag zwiſchen Karl VII. und dem Herzog Johann von Burgund, ſodann die Geſchichte der verrätheriſchen Ermordung des letzteren auf der Brücke von Montereau vorgeleſen. Darauf trat Herzog Philipp, Johanns Sohn, klagend gegen Karl VII. auf wegen des Mordes und Friedensbruches. Alle Anweſenden erhoben die Hände und gelobten, dem Regenten und dem Burgunderherzog treu und hold ſein zu wollen, dieſe gaben dagegen ihr Wort, die gute Stadt Paris mit vereinten Kräften zu ſchützen. Am folgenden Morgen (15. Juli) reiſte Philipp wieder ab, begleitet von ſeiner Schweſter, der Herzogin von Bethford, welche großen Einfluß auf ihn hatte?t.— Auch nach England wandte ſich der Herzog von Bethford und bat den königlichen Rath um Unterſtützung. Schon vor Beginn des Loirefeld⸗ zuges hatte er in gleicher Abſicht Briefe auf Briefe nach London geſchickt. In einem derſelben ſpricht er ſich über ſeine Lage und die Jungfrau folgendermaßen aus:„Alles ſtand hier gut für Euch bis zur Zeit der Belagerung von Orleans, die Gott weiß auf weſſen Rath unter⸗ nommen ward. Seit das Schickſal meinen Vetter von Salisbury ereilte, dem Gott gnädig ſein wolle, hat ein furchtbares Unglück, wie es ſcheint, von Gottes Hand, Eure Leute vor Orleans betroffen, und daszwar gröſtentheils, wie ich denke, infolge einer Verſtrickung in irrigen Glauben und thoͤrichte Furcht, die ſie gehegt haben vor einem Lehrling und Hetzhunde des böſen Feindes, die Jungfrau genannt, welche ſich verbotener Beſchwörungen und Zauberkünſte bediente. Dieſer Unfall und dieſe Niederlage haben nicht allein die Zahl Eurer Leute ſehr vermindert, ſondern auch den Muth der übrigen erſtaunlich gebeugt, Eure Gegner und Feinde aber ermuthigt, ſich unverzüglich in großer Anzahl zu verſammelnoz.“ Die Zwietracht und Eiferſucht zwiſchen dem Herzog von Gloceſter und ſeinem Oheim, dem Cardinal von Wincheſter, welche die ganze Engliſche Staatsmaſchine in's Stocken brachte, verhinderte die 11 Erfüllung von Bethfords nothgedrungenen Forderungen. Inſtändiger erneuerte dieſer nach dem Schlage von Patay ſeine Vorſtellungen. Der Rath des Königs erkannte die Dringlichkeit der Sache, aber es ſtand ihm in dieſem Augenblickekein Heer zu Gebote. Es gab nur ein Heer in London, das Kreuzheer von 750 Reitern und 2000 Bogenſchützen, welches der Cardinal auf Verlangen des Pabſtes gegen die Huſſiten in Böhmen geworben hatte. Auf dieſes richtete der Rath ſein Augenmerk und bewog den Cardinal durch eine Summe Geldes, daſſelbe dem Herzog von Bethford zuzuführen. Am 1. Juli wurde der Vertrag abgeſchloßen, aber es bedurfte einer wiederholten ſchriftlichen Mahnung, welche Bethford am Tage der Abreiſe Philipps von Burgund durch den Wappenkönig nach London ſandte, um den Cardinal zu ſchleuniger Abfahrt zu bewegen?s. Sorgfältig muſte man den Kriegern das Ziel ihrer Be⸗ ſtimmung verbergen, um ſie bei den Fahnen zu erhalten, und nicht eher erfuhren ſie die geheime Abſicht der Regierung, bis das Meer ſie vom Vaterlande trennte. Denn der Schrecken war auch über das Meer gedrungen und nicht allein in Frankreich, auch im Mutterlande glaubte jeder Engländer, daß die Jungfrau mit den Mächten der Hölle im Bunde ſtehe und deshalb durch menſchliche Kraft nicht zu überwältigen ſei, ein Wahnglaube welcher durch ſeine entſittlichende Troſtloſigkeit alle Thatkraft der Maſſen zerſtörte. Nur wenige der Feldherrn waren ſtark genug, ſich um ſo feſter an den einzigen Hort anzuklammern, der über Teufel und Hölle Gewalt hat, und wie Talbot im Vertrauen auf Gottes Schutz dem Feinde die Spitze zu bieten. Aber auch dies Vertrauen muſte um ſo gewiſſer erlahmen, je raſcher und ſchwerer die Schläge auf England niederfielen; ſchreibt doch Bethford ſchon die Niederlage von Orleans nicht ſowohl Johannas Zauberkünſten, als einem Gerichte der Verblendung zu, welches Gott über die Krieger verhängt habe. Im Gegenſatz zu den Engländern glaubte das Volk und Heer der Franzoſen mit jedem Tage zuverſichtlicher, daß Johanna ihre Thatenwunder durch Gottes Kraft verrichte und deshalb durch keine irdiſche Macht zu beſiegen ſei.*) Dieſer Glaube, welcher einen ſittlichen Einfluß von unberechenbarer Stärke ausübte, muſte ſich nothwendig zu der Überzeugung fortbilden, daß Widerſtand gegen die Jungfrau Widerſtreben gegen Gott ſei und die Strafen Gottes auf die Widerſpenſtigen herabziehe. Und in dieſer Geſtalt blieb er nicht bloß auf die koͤniglichen Lande beſchränkt, wo er die Treue befeſtigte und die Aufopferungsfähigkeit mehrte, ſondern er brach ſich auch bereits Bahn in den mit den Engländern verbündeten Provinzen. Die Bewohner der Bretagne, deren Herzog auf Seiten der Feinde ſtand, wurden durch Johannas Siege, in welchen auch ſie Gottes Thaten erkannten, dermaßen aufgeregt, daß ſie von der Fortdauer des Bündniſſes das Verderben des ganzen Landes befürchteten. Wundererſcheinungen wollte man in der Luft beobachtet haben, bewaffnete Reiter von Feuerflammen umgeben, welche von Poitou nach der Bretagne hinzogen. Jedermann deutete dieſelben auf Züchtigungen vom Himmel durch ſchwere Kriegsdrangſale. Der Herzog, durch Krankheit gebeugt und bange vor größeren Heimſuchungen, ſchickte der Jungfrau durch ſeinen Wappenherold mehrere koſtbare Pferde und einen Degen zum Geſchenk, wünſchte ihr Glück zu dem erfochtenen Siege und ließ, wie Eber⸗ hard von Windecken erzählt, durch ſeinen Beichtvater die Frage an ſie richten:„Ob ſie von Gotteswegen wäre darkommen, dem König zu helfen?“ da ſprach die Magd:„Jau. Da ſprach der Beichtvater:„Dieweil es denn alſo iſt, ſo ſoll mein Herr der Herzog gern kommen, dem Köͤnig zu Dienſt zu helfen, und nannte den Herzogen ſeinen rechten Herrn. Aber mit eignem Leibe mag er nicht kommen, denn er iſt in einem großen Siechthume; doch ſoll er ihm ſeinen älteſten Sohn ſenden mit großer Macht. Da ſprach die Magd zu dem Beichtvater:„Der Herzog von Britannien wäre nicht ſein rechter Herr, denn der König wäre ſein rechter *) Der Glanbe der Franzoſen bildete die Kehrſeite von dem Glauben der Engländer.»Einverſtan⸗ den waren Franzoſen und Engländer, daß eine übernatürliche Kraft in derjenigen wirke, von welcher dieſe Umwandlung der Gemüther ausging, nur daß die dem Königshauſe Getreuen ſie von Gott, die Engländer ſie vom Teufel ableiteten.“. 1 2. 12 Herr, und er ſollte billig nicht ſo lange gewartet haben, ſein Volk ihm zu ſchicken zu Dienſte zu helfenn.“ Auch die Nachbarſtaaten Frankreichs hallten wider von dem Thatenruhm des Mädchens von Domremy. Ihre Fürſten zogen theils durch eigens dazu Abgeſandte Erkundigungen über die Jungfrau ein, theils erhielten ſie amtliche Berichte vom Franzöſiſchen Hofe. Unter den Schriften, welche auf dieſe Weiſe entſtanden und bis auf den heutigen Tag erhalten ſind, verdienen vorzüglich zwei Briefe Beachtung, weil deren Verfaßer hohe Amter am Hofe Karls VII. bekleideten. Der eine iſt unmittelbar nach dem Loirefeldzuge am 21. Juni 1429 von Perceval von Boulainvilliers, Rath und Kämmerer des Königs auch Seneſchall von Berri, an den Herzog Philipp⸗Marie Visconti von Mailand geſchrieben; der andere rührt wahrſcheinlich von Karls VII. Geheimſchreiber, Alain Chartier, her und iſt gegen Ende des Juli für das herzog⸗ liche Haus von Savoyen abgefaßt worden. In zwiefacher Hinſicht ſind dieſe Briefe von Wichtigkeit. Erſtens beweiſen ſie die große Theilnahme, welche Europa den Thaten der Jungfrau ſchenkte, und zweitens ſpiegelt ſich in ihnen der Eindruck deutlich ab, welchen Johanna durch ihre Perſönlichkeit und ihre Thaten nicht minder am Hofe, wie in allen Schichten des Franzöſiſchen Volkes heroorgebracht hatte. Beiden Verfaßern ſind Johannas Thaten Wunder Gottes, die Jungfrau ſelbſt iſt ihnen ein Wunder. Percevals Darſtellung gewinnt namentlich dadurch ein eigenthümliches Intereſſe, daß ſie zeigt, wie geſchaͤftig die Phantaſie der Franzoſen war, auch die Geburt und das Leben der Jungfrau bis zu ihrem öffentlichen Auftreten mit wunder⸗ baren Zügen zu umkleiden.„In der Geburtsnacht des Herrn,*) wo die Völker der Werke Chriſti in größerer Wonne zu gedenken pflegen, iſt ſie eingetreten in das Licht der Sterblichen. Und wunderbar ward alles Volk deſſelben Ortes von einer überſchwenglichen Freude bewegt; unbekannt mit der Geburt der Jungfrau lief es hin und her und fragte, was neues geſchehen wäre. Etlichen ward das Herz von der neuen Freude ganz erſchüttert. Ja, was noch mehr, die Hähne, gleichſam als die Verkündiger der nenen Freude, ließen ſich mit ungewöhnlichem und ſonſt noch nie gehörtem Schrei vernehmen. Man ſah, wie ſie faſt zwei Stunden lang mit ihren Flügeln an den Leib ſchlagend das neue Ereignis weiſſagten. Das Kind wuchs heran, und da es ſieben Jahre zählte, ward ihm nach Sitte der Ackersleute das Hüten der Schafe von ſeinen Eltern aufgetragen. Dabei iſt ihm, wie man weiß, kein Schäflein verloren gegangen, kein einziges ward ihm von wilden Thieren gefreßen; und ſolange das Kind im Vaterhauſe war, beſchützte es alle Familienglieder mit ſolcher Sicherheit, daß auch nicht der Feind, der Barbaren Tücke oder Bosheit ihnen das Mindeſte anhaben konnte.“— Alain Chartier faßt ſeine Begeiſterung für Johanna in die Worte zuſammen:„Das iſt die Jungfrau, welche nicht von der Erde ſtammt, welche vom Himmel herniedergekommen ſcheint, um das ſinkende Frankreich mit ihren Schultern zu ſtützen..... O wunderbare Jungfran, alles Ruhmes, alles Lobes werth, werth göttlicher Ehren! Du Zier des Reichs, Du der Lilie Glanz, Du Leuchte, Du Ruhm nicht der Franzoſen allein, ſondern aller Chriſten. Möge Troja des Hector gedenken und ſein ſich freuen, möge Griechenland über Alexander frohlocken, über Hannibal Africa, Italien ſich des Cäſar und aller Römiſchen Feldherrn rühmen. Frankreich, zuwoßt von Alters her reich an Helden, wird fortan zu ſeinem Ruhme an dieſer einzigen Jungfrau genug haben und ſich an kriegeriſchen Ehren den übrigen Völkern gleichſetzen, oder vielmehr über ſie ſtellen dürfen¹⁵. 6 Schwerer als den Laien wurde es den Theologen an die Göttlichkeit der Miſſion Johannas zu glauben. Ziemt es der göttlichen Weisheit, einem Weibe die Verrichtung ſolcher Thaten anzuvertrauen, welche nur Männern zukommen? Kann ein Weib, das im Widerſpruch mit dem Geſetze Gottes Mannskleider trägt, eine Gottgeſandte ſein? Läßt ſich überhanpt und wie läßt ſich unterſcheiden, ob Thaten in Gottes Kraft oder mit Teufels Kunſt vollbracht *) In nocte Epiphaniarum Domini. Der 6. Januar, das alte Geburtsfeſt Chriſti, war ein großes Volksfeſt in Frankreich. 8 25 13 ſind? Vor dieſen und andern Fragen ſtutzten noch immer viele Theologen und ſchüttelten die Köpfe in Ungewisheit, ob ſie Johanna für eine vom Teufel Beſeßene oder von Gott Berufene halten ſollten. Aber es traten auch bereits gefeierte theologiſche Auctoritäten mit ausführ⸗ lichen Abhandlungen hervor, in welchen ſie den Wahrſcheinlichkeitsbeweis für Johannas gött⸗ liche Sendung zu ſahren ſuchten. Die frühſte, unter dem Eindruck der Befreiung von Orleans abgefaßte Vertheidigungsſchrift(14. Mai) iſt höchſt wahrſcheinlich das letzte Werk des berühm⸗ ten Gerſon(+ 12. Juli 1429).*) Den Hauptbeweis für Johannas göͤttliche Erwählung findet Gerſen in der Gerechtigkeit ſowohl ihrer Zwecke als ihrer Mittel.„Ihr Zweck, ſagt er, iſt der gerechteſte, nämlich die Einſetzung ihres Königs in ſein Reich und die Vertreibung ſeiner Feinde. Sie gebraucht bei ihren Unternehmungen keine von der Kirche verbotene Mittel der Zauberei oder des Aberglaubens, keine trügeriſche Sicherungsmittel oder dergleichen ver⸗ dächtige Kunſtgriffe der Menſchen zu ihrem Vortheil, denn ſie ſetzt zum Zeugnis ihres Glau⸗ bens ihren Leib den gröſten Gefahren aus.“ Dem Koͤnig wie ſeinen Räthen und Kriegern hat ſie Vertrauen auf ihre Worte eingeflößt, ſo daß letztere ſich den Kriegsgefahren bloßſtellen, ohne ſich vor der Schande zu fürchten, die ſie treffen müſte, wenn ſie unter eines Weibes Anführung geſchlagen würden. Die Erhebung und frnun Glaubensbegeiſterung des Volkes dient zur Ehre Gottes und zur Einſchüchterung der Feinde. Ungeachtet die Jungfrau ſich von Gott geführt und berathen glaubt, handelt ſie doch mit ihren Anhängern nicht den Regeln menſchlicher Klugheit und der Kriegskunſt zuwider, was Gott verſuchen hieße. Was die Män⸗ nertracht der Jungfrau betrifft, ſo gibt Gerſon zu bedenken, daß das göttliche Verbot(V. Mos. 22,5.) wie das altteſtamentliche Geſetz überhaupt, inſoweit es rein richterlicher(bürgerlicher) Natur ſei, im neuen Bunde ſeine unbedingt verpflichtende Gültigkeit verloren habe, daß daſſelbe nur um ſeines ſittlichen Gehaltes willen noch fortwährend beobachtet werde. Auf die Jungfrau aber ſei jenes Verbot auch ſeiner ſittlichen Seite nach nicht anwendbar, da ſie Gott durch untrügliche Zeichen auserkoren habe, um unter dem Beiſtand der Engel, welchen die Jung⸗ fräulichkeit lieb und verwandt iſt, als ſeine Fahnenträgerin die Feinde der Gerechtigkeit zu bekämpfen. Zum Geſchäfte des Mannes und Kriegers gehöre auch das Kleid des Mannes und Kriegers. Aus demſelben Geſichtspunkte rechtfertige ſich das Schneiden des Haares nach Männer Weiſe. Soltten wider Verhoffen die Erwartungen Frankreichs und der Jungfrau nicht in Erfüllung gehn, ſo dürfe man ſelbſt daraus nicht ſchließen, daß das, was bereits geſchehen ſei, durch einen böſen Geiſt und nicht von Gott gethan ſei; Frankreich könne durch Undank oder Läſterung oder ſonſt etwas der Art ein Gericht des göttlichen Zornes auf ſich laden. So möge denn, ſchließt Gerſon, der Mund derer verſtummen, welche ungerecht über die Jungfrau reden. Frankreich aber ſei einzig darauf bedacht, daß es nicht durch Unglauben, Undankbarkeit oder andere Sünden die ſo deutlich und wunderbar begonnene Hülfe Gottes zu nichte mache, wie es das Volk Israel gethan. Denn Gott ändert, wenn auch nicht ſeinen Rathſchluß, doch ſein(zitweiliges) Urtheil, je nachdem ſich die Verdienſte der Menſchen ändern Deus enim eisi non consilium, sententiam lamen mutat pro mutatione meritorum) 96. Ebenfalls im Monat Mai 1429 nach der Befreiung von Orleans iſt die Denkſchrift des Erzbiſchofs von Embrun, Jakob Gelu, an den König Karl VII. entſtanden. Der Erzbiſchof hat ſich die Aufgabe geſteckt, den König in ſeiner vortheilhaften Anſicht über Johanna zu be⸗ ſtärken. Er iſt ebenſo feſt, wie Gerſon, überzeugt, daß die Jungfrau im Auftrag Gottes gekom⸗ men ſei. Die Engländer haben, trotzend auf ihre Tapferkeit und Gewalt, den König ohne gerechte Urſache ſeines väterlichen Erbes beraubt. Deshalb hat Gott, um ſolchen Frevel des Hochmuths zu beſtrafen und der Welt die Lehre einzuprägen, daß er ein Gott der Gerechtigkeit iſt, der über ſeinen Ordnungen wacht und jeglichem gibt, was ihm gebührt, einer ſchwachen Jungfrau niederen Standes, ohne Bildung und Waffenübung, Macht verlichen, die ſtarken, kriegskundigen Feinde im Kampfe zu überwinden. Daß der Jungfrau dieſe Macht wirklich *) 0. III, 298, not. 2 und V. 464. 14 von Gott geworden, daß jede Beſorgnis vor Teufels Trug und Heuchelei der Hölle unbegrün⸗ det iſt, bezeugt ihr vollkommen chriſtlicher, durch längere Erfahrung ſattſam erprobter Wan⸗ del, nach dem Worte des Herrn: An ihren Früchten ſollt ihr ſie erkennen.“*) Die männliche Bekleidung darf nicht als Gegenbeweis angeführt werden, denn aus dem Berufe, den Johanna von Gott empfangen hat, folgt die Mannstracht mit Nothwendigkeit. Ein Verkehr mit Män⸗ nern, wie er der Jungfrau geboten iſt, erfordert Anſtands halber die entſprechende äußere Erſcheinung. Übrigens lebt Johanna unter den Kriegern ehrbar, keuſch und ſittſam, thut nichts, was einem jungen Mädchen nicht geziemte. Am Schluße ſeiner Schrift ſpricht Gelu die ernſte Mahnung aus, an die göttliche Inſpiration der Jungfrau feſt zu glauben und in allen Dingen, welche über die gewöhnliche Einſicht der Menſchen hinausgehen und ſich nicht bloß auf die äußeren Mittel der Kriegführung beziehen, ihrem Rathe als dem Willen Gottes unbedingt zu folgen; denn es ſei zu hoffen, daß Gott, welcher des Königs Sache zu der ſeinigen gemacht habe, der Jungfrau ſolche Gedanken eingeben werde, durch welche das ange⸗ fangene Werk zum glücklichen Ende gedeiheo?. In Deutſchland ſtellte ſchon im Juni 1429 der Vicekanzler der Univerſität Köln, Heiurich von Gorckheim, nach der damals üblichen ſcholaſtiſchen Weiſe Theſen für und wider die Jung⸗ frau auf. Ein ſicheres Urtheil zu fällen, getraut er ſich darum nicht, weil er ihre Lebens⸗ umſtände, ihre Sitten, Worte und Werke nicht aus unmittelbarer Erfahrung kenne; ſein Streben ſoll deshalb nur darauf gerichtet ſein, feinere Denker zu tieferer Forſchung anzuregen. Daß er ſich der günſtigen Anſicht zuneigt, ergibt ſich, abgeſehen von der überwiegenden Stärke der für Johanna beigebrachten Gründe, wohl ſchon aus der Einleitung, wo er die Worte Amos VII, 15: Der Herr nahm mich von der Herde und ſprach zu mir:„Gehe hin und weiſſage meinem Volke Israel“, auf Frankreich mit dem Zuſatze auwendet: Das Volk von Frankreich kann im geiſtlichen Sinne nicht unangemeßen das Volk Israel genannt werden, weil es ſich bekanntermaßen ſtets durch Glauben an Gott und Verehrung der chriſtlichen Religion ausgezeichnet hat. Durchaus vortheilhaft für Johanna und der Wahrheit getreu iſt auch die Schilderung, die er von Johannas Perſönlichkeit, ihrem ganzen Gehaben und Wirken entwirft.„Um ihre göttliche Sendung zu bewähren, bedient ſie ſich übernatürlicher Zeichen: Offenbarungen im Herzen verſchloßener Geheimniſſe und Vorherſagungen künftiger Dinge. Sie läßt das Haupt ſcheren wie ein Mann, und wenn ſie zu kriegeriſchen Verrichtungen gehen will, ſo ſteigt ſie zu Pferde, angethan mit männlichen Kleidern und Waffen. Sitzt ſie zu Roſſe, ihr Banner in der Hand, dann zeigt ſie ſich wunderbar geſchäftig und wie ein erfahre⸗ ner Feldher geſchickt, das Heer kunſtgerecht aufzuſtellen. Dann werden auch die Ihrigen muthig und furchtſam ihre Geguer, als ſei ihnen alle Kraft benommen. Steigt ſie aber vom Roſſe nieder und legt ihr gewohntes Frauenkleid an,“*) dann iſt ſie in allen weltlichen Geſchäften *) ². III, 406: Jpsa enim sicut bona et fidelis christiana Deum colit, ipsum adorat, sollicite sacramenta ecclesiastica veneratur et frequentat confitendo saepe et corpus Domini devote recipiendo. Honesta est in verbis, honesta in conversatione, multiloquium in quo non deest peccatum, evitans; sobria in victu; in caeteris etiam gestibus suis nihil indecorum, nihil turpe, nihil quod non deceat verecundiam puellarem, ostentans, velut nobis relatum est. Nec unius diei sunt praedicta, ne ficta putentur, sed plurium mensium; in quibus satis apparuisse potuisset, si quid sinistri de ea dicendum esset. Et quanquam circa arma ver- setur, nec crudelitatem tamen unquam persuasit, sed omnium miseretur ad regem dominum suum confugientium, aut inimicorum recedere volentium. Non sitit humanum sanguinem; sed offert inimicis pacificum ad propria recessum, regno in quiete et pace dimisso, et rebel- libus ad domum suam regressum per obedientiam bonam, recepta a rege veniae indulgentia. Verum est tamen quod ea ad quae missa est, nititur complere, videlicet subjungare hostes et rebelles jugo colla submittere, quum, requisiti quod debitum ſaciant, denegaverint. Haec enim est via juris communis, omni rationi consona. **) Dies der einzige unrichtige Zug in dem Bilde der Heldin. 15 gar einfältig und unerfahren, wie ein ſchuldloſes Lamm. Auch wird erzählt, wie ſie in Keuſch⸗ heit und Enthaltſamkeit ein Gott geweihtes Leben geführt habe und allen denen, die ihr gehor⸗ ſamen wollen, Mord und Raub und jegliche Gewaltthat verbiete. Dieſer und ähnlicher Urſachen wegen unterwerfen ſich die Länder, Gemeinden und Schlößer dem königlichen Sohne und geloben ihm Treue. Sie ermahnt auch die Menſchen zur Tugend und zu den Werken der Gerechtigkeit, durch die Gottes Preis verherrlicht wird. Sie ſucht keinen Gewinn und arbeitet mit ihrer ganzen Audacht für das Kleinod des Friedens. Hierzu aber hat ſie des böſen Geiſtes nicht noth, der ja der Vater der Zwietracht iſt.“ Geht aus den angeführten Worten einestheils hervor, daß man in Deutſchland über die Jungfrau im allgemeinen gut unterrichtet war, ſo zeigen andererſeits die Fragen, welche Heinrich von Gorckheim auf Grund ſeiner Schilderung erhebt: Ob man z. B. glauben ſolle, daß Johanna eine Jungfrau von wirklichem Fleiſch und Blut ſei, oder daß ſie nur einen Scheinleib angenommen habe(an credi debeat vera naturae humanae Puella, an in similem effigiem fantasticam transformata), was für wunderliche Vorſtellungen und abenteuerliche Erwartungen man von ihr im Auslande hegte. Den Beweis der Möglichkeit, daß Gott Frankreich durch ein ſchwaches Weib erretten wolle, führt Gorckheim aus der heiligen Schrift an dem Vorbild der Deborah, Esther und Judith; als Gegengründe aber ſtellt er das Scheren des Haares und das Anlegen männlicher Kleidung auf, was beides dem Worte Gottes widerſtreite. Wohl hätten ſich Esther und Judith Männern zu Gefallen, mit denen ſie zu thun gehabt, feſtlicher geſchmückt, ihren weib⸗ lichen Anzug aber haͤtten ſie keineswegs mit männlicher Tracht vertauſchtss. Etwas ſpäter verfaßte ein Prieſter aus Landau in dem Bisthum Speier zwei Schriften, die eine im Juli, die andere im September 1429, unter dem Titel: Sibylla Francica. Wie er ſagt, iſt er zur Abfaßung beider Abhandlungen veranlaßt worden durch die vielen Fragen, welche der gemeine Mann an die Geiſtlichkeit richte, um ſich über die neue Prophetin Raths zu erholen. Er glaubt, daß Johanna wirklich eine sibylla d. h. Prophetin ſei, welche den Willen Gottes den Menſchen offenbare. Der Schwerpunkt ſeines Beweiſes liegt wie bei Gelu in dem chriſtlichen Leben der Jungfrau. Denn„ſie wird in Frankreich von allen als eine Bekennerin des katholiſchen Glaubens geprieſen und als wohlgegründet in der Ausübung ſeiner Gebräuche. Sie hat große Ehrfurcht vor den kirchlichen Sacramenten, führt ein lobenswür⸗ diges Leben, iſt gottergeben in ihren Worten und Entſchlüßen. Sie unternimmt jedes noch ſo ſchwierige Beginnen im Namen der heiligſten Dreieinigkeit, befeſtigt den Frieden, erleichtert der Armen Noth, liebt es, die Gerechtigkeit zu üben, und begehrt nicht nach der Eitelkeit der Welt, nicht nach ihrem Lobe und ihrem Reichthum.“„Sie iſt eine Tochter Gottes und denkt, was Gott wohlgefällig iſt, damit ſie keuſch fei in ihrem Geiſte und unbefleckt an Leib und Seele.“ Dies gottſelige Verhalten der Jungfrau bürgt dem Prieſter von Landau für die Echtheit ihres Prophetenthums unter dem Vorbehalt, daß die untrügliche Roͤmiſche Kirche an den Werken derſelben nichts zu tadeln finde. Wie im alten Bunde durch Deborah, Esther und Judith, ſo wirkt Gott auch in den chriſtlichen Zeiten Wunder und Offenbarungen durch das ſchwache Geſchlecht, damit die Gewalthaber der Erde ſich nicht auf Bogen und Schwert, ſondern auf die Macht Gottes verlaßen, und die Menſchen nicht durch den Schrecken vor ſeinen Strafgerichten, ſondern durch den Eifer ſeiner Liebe vom Böſen abgewandt und auf das Gute hingelenkt werden. Durch viele Prophetinnen, wie Brigitta, Hildegarde, Ludwigis, iſt den Ländern Friede, den Reichen Heil und Einigkeit geworden. Auch entſpricht es der göttlichen Ordnung, daß Frankreich, welches durch ein Weib zu Grunde gerichtet worden iſt (Königin Iſabella), durch eine demüthige und gottergebene Jungfrau errettet werde. In der Aufgeblaſenheit ſeines Stolzes hat fich Frankreich durch ſeine Macht und Waffen über alle Chriſtenreiche erhoben; wie ein Löwe, ſeine Nachbarn zur Ruhe geſchreckt, und wenn es brüllte, hat es die Länder überfallen und verheert; auf ſeine Weisheit und Schätze übermäßig ver⸗ trauend, hat es ſich zu den Sternen erhöht. Jetzt aber liegt es niedergeſtreckt, außer Stande, ſich durch eigne Kraft und die Stärke ſeiner Waffen emporzurichten. Auf daß es nun in 16 Zukunft Gott fürchte und den erkenne, der den Frieden ſäet, hat Gott beſchloßen, ihm durch ein zartes Weib wieder aufzuhelfen. Die Engländer dagegen, welche alle Bölker an Gran⸗ ſamkeit und Wildheit übertreffen, hat er zu größerer Schmach in eines Weibes Hand gegeben. Viele wundern ſich, daß Johanna nur Weiſſagungen für ihr Vaterland, nicht auch über fremde Länder habe, allein ohne Grund, wie aus dem Beiſpiel der altteſtamentlichen Propheten erhellt. An der männlichen Tracht der Jungfrau, woraus die Engländer auf Zauberei und teufliſche Eingebung ſchließen, iſt kein Anſtoß zu nehmen, denn B. Thomas lehrt,*) in Fällen der Noth oder aus anderen vernünftigen Urſachen könne ohne Sünde eine Ver⸗ tauſchung der Kleider ſtattfinden, und der heilige Hieronymus erzählt einen Fall dieſer Art, wodurch Johannas Verfahren vollſtändig gerechtfertigt wird.**) Von der Thatſache der Krönung Karls VII. hat der Verfaßer zur Zeit noch keine Kunde, das aber weiß er, daß Johanna dem Dauphin die Wiederherſtellung des Reiches verſprochen hat. An dieſe Weiſſagung knüpft er zwei andere, welche ſonſt niemand der Jungfrau zuſchreibt, daß nämlich Karl VII. zwanzig Jahre auf dem Throne ſitzen, und daß nach ihm ſein Erſtgeborener mit größerer Herrlichkeit und Macht regieren werde, als irgend ein König der Franken ſeit Karl dem Großen?.) Eigenthümlich iſt unſerm Prieſter auch die Behauptung, Johanna betrachte in der Nacht den Himmel und meße die Geſtirne.***) Doch iſt er weit entfernt, ſie unter die von der Kirche verworfenen Planetarier zu zählen; vielmehr bleibt er dabei, daß ihr ein guter Geiſt von Gott innewohne. Nur das fürchtet er, daß weun die Seherin das Maß ihrer Weiſſagungen erfüllt habe, das Franzöſiſche Volk wegen ſeines aufbrauſenden Characters das Joch Gottes abwerfen, auf die Stimme der Prophetin nicht mehr hören und ſie in Ver⸗ bannung ſchicken werde vo. Gefeierter wird ihr Name ſein im Tode, als im Leben(celebrior erit ejus memoria in morte quam in vita) ¹⁰¹ *) in Summa, q. LXIX, art. 2. *) in libro Vitae Patrum, de Fratre NMarino, qui, negato sexu et habitu, religionem assumpsit mutato nomine foeminino in masculinum. 0. III, 440 sq. *) 0, III, 433: Nocte astra coeli contemplatur et sidera metitur. 435: Ecce posui discretionem propter plus sapere de materia objecta. De militiis namque coeli pulchrum est loqui, quoniam sermo scintillat in auribus audientium; sed labor egregius, nam divinus; deorum enim particeps naturae astrologus reputatur. Nolo tamen hanc nostram sibyllam inter planetarios fore connumerandam, quos Eccſesia improbavit, ut caus. XXVI. qq. 2 et 3. per totum; sed imaginario genere, semoto dubio, non excluditur: quando somno plerumque educta, aut voce de coelo prolapsa, aut accepta parabola, corporaliter videndo res et ipsarum varietates, ex quibus elicit quis futurus praelii aut belli erit eventus; intuitu vero mentis, ita quod saepe in ecstasi videtur posita per maximum, ut sic revelationibus suis veritatem ministrando. Nam non dubito, quin quandoque, jejunno stomacho per diem naturalem consideret ponderetque rerum exitus et optimos ſines, solitariam sectans quandoque vitam, ne quod dono divino qüaeritur, conversatione humana perdatur. Nam Parmenides philosophus in rupe Aegyptiaca quindecim annis sedit, ut sapientiae naturalium rerum vacare Posset, ab hominibus sequestratus. —s984444 17 §. 5. Der Krönungsfeldzug nach Ueims. Am Morgen nach der Schlacht bei Patay(Sonntag 19. Juni) begab ſich Johanna mit dem ſiegesfrohen Heere auf den Rückweg nach Orleans. Geiſtlichkeit und Bürger ſchaft empfingen die Heldin, der ſie die Großthaten der verfloßenen Woche allein zuſchrieben, mit begeiſtertem Jubel und veranſtalteten feierliche Dankgottesdienſtei. Auch der gefangene Herzog Karl von Orleans gab der Jungfrau einen Thatbeweis der Erkenntlichkeit für die Befreiung ſeiner Erblande, indem er ihr zwei in den Farben ſeines Hauſes prangende Kleidungsſtücke als Geſchenk verabreichen ließ.*) Ganz Orleans war in freudiger Erregung. Sämmtliche Bewohner ſchmeichelten ſich mit der Hoffnung, der König werde in den Mauern ihrer Stadt, welche für das allgemeine Beſte ſo neds⸗ Opfer gebracht, ſeine tapfere Armee begrüßen und die Anordnungen zum Krönungs⸗ zuge treffen. Mit um ſo gewiſſerer Zuverſicht glaubten ſie dieſe Erwartung hegen zu dürfen, als der König nach der Rettung der Stadt noch keinen Fuß in dieſelbe geſetzt hatte, und machten deshalb die glänzendſten Vorbereitungen zu einem feſtlichen Empfange. Vergebens harrten ſie mehrere Tage mit bis zur Empfindlichkeit geſteigerter Ungeduld. Um der treuen Stadt einen Liebesdienſt zu erzeigen und den gerechten Wunſch derſelben durch perſönliche Für⸗ ſprache zu unterſtützen, beſchloß Johanna, ſelbſt an's Hoflager nach Sully zu reiſen. Allein auch ihre eifrigen Bemühungen blieben wenigſtens in der K auptſache erfolglos. Zu einem Beſuche in Orleans war Karl durchaus nicht zu bewegen, die Rückſicht auf die Armee aber wahrte er einigermaßen dadurch, daß er die Befehlshaber derſelben zur Berathung nach Cha⸗ teauneuf beſchied und ihnen bis dahin am 22. Juni entgegen kam.**) Zu dieſem Verfahren, welches in Orleans große Verſtimmung erregte und ſelbſt bei manchen Hofleuten Misbilligung fand, bewog den König ohne Zweifel die Beſorgnis, mit dem Grafen von Richemond buau menzutreffen, der ihm perſönlich verhaßt war und von ſeinem Günſtling, dem Herrn von La Trémouille auf's heftigſte angefeindet wurdeꝛ. Der Connetable hatte ſich dem Verlangen des Herzogs von Alencon gemäß am Tage nach der Schlacht von dem königlichen Heere ge⸗ trennt und war nicht nach Orleans, ſondern nach Baugenci gezogen, um in beſcheidener Ferne abzuwarten, ob ihn der König auf Johannas und der Feldherrn Fürbitte wieder zu Gnaden annehmen würde.***) Auf jeden Fall bildete Arthurs Gnadengeſuch einen Hauptgegenſtand der Verhandlungen in Bhatlaneni Von den verſammelten Kriegshäuptern unterſtützt, bot Johanna alles auf, um den König zur Verſöͤhnlichkeit zu ſtimmen. Sie bat ihn, dem Conne⸗ *) 0. V, 112— 114. Sie beſtanden in einer robe d. i. sorte de lévite longue à l'usage des hommes von ſine Brucelle vermeille d. i. drap cramoisi superfin de Bruxelles und einer huque d. i. blouse ou cotte courte qui se portait soit par-dessous la robe, soit par-dessus Parmure von vert perdu d. i. vert sombre tirant sur le noir. Le vert et le cramoisi étaient les couleurs de la livrée de la maison d'Orléans. Le vert fut gai ou clair du temps du duc Louis. Apres qu'il eut été assassiné, son fils remplaca le vert gay par le vert brun. Le vert perdu succéda à ce dernier apres la bataille d'Azincourt, ou le prince fut fait prisonnier. **) Ehi unenf liegt am rechten Loireufer ein paar Stunden von Sully ſtromabwärts nach Orleans hin. **) Dieſer Umſtand widerſpricht keineswegs der Annahme, daß Karl deshalb nicht nach Orleans ge⸗ kommen ſei, weil er gefürchtet habe, mit dem Connetable zuſammenzutreffen. Baugenci war ja ſo nahe bei Orleans, daß der Graf die Anweſenheit des Königs daſelbſt ſehr leicht hätte zu einer Zuſammenkunft benutzen können. Bedenklich für La Trémouille muſte namentlich ein Zu⸗ ſammentreffen des Königs mit dem Grafen in Gegenwart des Heeres ſein. Konnte La Tré⸗ mouille bei der Characterſchwäche des Königs unbedingt ſicher ſein, dem Einfluß des Heeres, welches dem Connetable ohnehin zugethan und durch die Gemeinſchaft des jüngſt erfochtenen Sieges auf's engſte defreundet war, das Gegengewicht zu halten: 3 18 table ſeine früheren Gewaltſtreiche zu vergeben in Anbetracht der aufrichtigen Geſinnungen, die er neuerdings bewieſen. Sie ſtellte ihm die guten Dienſte dar, welche derſelbe in den letzten Tagen geleiſtet habe, und hob mit beſonderem Nachdruck den feierlichen Eidſchwur hervor, womit er bei Baugenci gelobt hatte, ſeinem Fürſten und Herrn als pflichttreuer Unterthan mit unverbrüchlichem Gehorſam zu dienen. Auch auf die attlihe Kriegerſchar des Graſen⸗ welche bei dem bevorſtehenden Feldzug nach Reims von großem Nutzen ſein konnte, lenkte ſie die Aufmerkſamkeit des Königs. Aber ſo warm auch ihre Bitten, ſo gewichtvoll die Gründe ſein mochten, womit Johanna der Begnadigung das Wort redete, ſie ſceiterten alle an dem übermächtigen Widerſtreben des Herrn von La Trémouille, welcher den, Willen des ſchwachen Königs vollſtändig beherrſchte. La Trémouille, früher ein Liebling bes Grafen und durch deſſen Empfehlung zu Einfluß bei Hofe gelangt, hatte ſeinem Gönner mit ſchnodem Undank vergolten und ihm das Heft der Regierung aus den Händen gewunden. Bei der Unfähigkeit des Königs war es ihm bald gelungen, unter dem beſcheidenen Titel eines conseiller cham- bellan die Leitung aller Staatsgeſchäfte in ſeiner Perſon zu vereinigen. Aber Frieden hoffe nimmer zu ernten, wer das Vertrauen mordet und die Herrſchaft auf Unrecht baut. Wie hätte La Trémouille auf dem Gipfel ſeiner Machtvollkommenheit ſich der Furcht vor dem Connetable und deſſen Anhängern entſchlagen können? Er kannte deſſen ſchroffe Gemüthsart und quälend ſtand ihm die blutige Rache vor Augen, womit derſelbe den Undank der Herrn von Giac und von Beaulien gezüchtigt hatte. Was anders konnte ihm eine Ausſöhnung des Königs mit dem Connetable bedeuten, als den eignen Sturz, wo nicht den Verluſt des Lebens? Wie natüuͤrlich, daß er in jedem Verſuche des Grafen, ſich dem Könige zu nähern, die verſteckte Abſicht witterte, ihm ſelbſt die Zügel der Regierung zu entreißen! Statt das Verſöhnungswerk zu fördern, muſte er im Gegentheil dahin arbeiten, das Herz des Königs dem Grafen immer mehr zu entfremden und den Bruch wo möglich unheilbar zu erweitern. Wie geſchickt er dies Ziel verfolgt hatte, erhellt aus der Antwort, welche Karl der Jungfrau ertheilte. Um ihr einen Gefallen zu thun und wenigſtens den guten Schein zu wahren, erklärte er ſich zum Verzeihen bereit, die Dienſte des Connetable aber ſchlug er unbedingt aus. Zugleich ließ er dieſem den Befehl zugehen, ſich in ſeine Heimath zurückzuziehen. Richemond wagte einen letzten Schritt. Da er wohl wuſte, daß was Johanna nicht vermochte, dem allgewaltigen La Trémouille immer noch möglich ſei, ſo ſchickte er die Herrn von Beaumanoir und Roſtrenen an letzteren mit der demüthigen Bitte, ihm den Dienſt im koͤniglichem Heere zu geſtatten; ja er erniedrigte ſich vor ſeinem Todfeinde bis zu dem Verſprechen, in allen Stücken den Willen deſſelben zu thun, ſogar die Kniee ihm zu küſſen. La Trémouille, welcher in dieſer Huldigung weiter nichts, als eine Schlinge der Argliſt ſah, ſchürte nur um ſo eifriger den Groll des Königs, und dieſer gab den Abgeſandten den unwiderruflichen Beſcheid, der Connetable ſolle hingehen, woher er ge⸗ kommen, lieber wolle er gar nicht gekroͤnt ſein, als in deſſen Gegenwart.“*) Die gleiche Ungnade erfuhr der Graf von Perdriac und La Marche. Johanna ſowohl als viele der Oberſten *) Um die Kriegsluſt ſeiner Leute zu befriedigen und die Lande des Herzogs von Orleans von den überreſten der Feinde zu reinigen, beſchloß der Connetable, auf dem Heimwege Marchenoir, nordweſtlich von Baugenci, zu entſetzen. In dieſer Stadt lag eine aus Burgundern und Eng⸗ ländern gemiſchte Beſatzung. Zu ſchwach zum Widerſtande, ſchickte dieſelbe auf die Nachricht von dem Vorhaben des Connetable eine Geſandtſchaft nach Orleans an den Herzog von Alencon, um mit dieſem einen Vertrag wegen Übergabe des Platzes abzuſchließen. Der Herzog bewilligte den Engländern und Burgundern gegen Stellung von Geiſeln freien Abzug innerhalb zehn Tagen und ließ dem Grafen den Befehl zugehen, die Belagerung zu unterlaßen. Arthur gehorchte und kehrte mit ſämmtlichen Kriegsgenoßen nach ſeiner Hauptbeſitzung Partenay zurück, voll Verdtuß über die erlittenen Kränkungen. Als die Feinde in Marchénoir ſich der Gefahr über⸗ hoben ſahen, dachten ſie nicht weiter an Erfüllung des Vertrags, ſondern machten mehrere Leute des Herzogs zu Gefangenen, welche ihnen für die Rückgabe ihrer Geiſeln haften muſten, und hielten nach wie vor den Platz beſetzt. 0. IV, 16. 70. 179. 246. 320.. 65 19 waren mit dieſem Verfahren des Königs, wodurch er ſich einer tüchtigen Streitmacht für den Kriegszug beraubte, im höchſten Grade unzufriedens. Über Gegenſtand und Ergebnis der anderweitigen Berathungen in Chateauneuf erfahren wir nichts. Vermuthlich wurde die Heerfahrt nach Reims in Erwägung gezogen. Darauf kehrte Karl nach Sully, Johanna mit den Feldherrn nach Orleans zurückt.— 119 19 Nicht lange verweilte Johanna in der geliebten Stadt. Schon Freitag den 24. Juni ſagte ſie früh Morgens zum Herzog von Alençon:„Laßet die Trompeten blaſen und ſteiget 5 Pferde. Es iſt Zeit, zum edlen Dauphin Karl zu gehen und ihn aufzufordern, daß er ich auf den Weg mache zu ſeiner Kroͤnung in Reims. Kurz darauf trat das ganze Heer, welches durch Zuzüge von allen Seiten beträchtlich gewachſen war, ſammt Proviantwagen und Kriegsgeräth den Marſch nach Gien an. In dieſe Stadt, welche zum allgemeinen Sammel⸗ platz der Truppen und zum Ausgangspunkt des Krönungsfeldzugs beſtimmt war, begab ſich der König mit ſeinem Hofe und einer Schar von Kriegern an demſelben Tage, um die ſieg⸗ reiche Armee mit gebührender Auszeichnung zu empfangen. Groß war die Freude, welche die Ankunft des Heeres in Gien verurſachte. Karl dankte den Feldherrn und Kriegern auf die ehrenvollſte Weiſe für ihre Verdienſte um Thron und Vaterland und heiligte die allgemeine Begeiſterung durch eine kirchliche Siegesfeiers. Johanna aber war die Sonne, um die ſich alles bewegte. Jedermann pries ſtaunend die Thatenwunder vom Sonnabend: Drei bedentende Deften an einem Tage dem König zurückerobert— Meun, Baugenci, Yenville— am ſelbigen age die Feinde in offener Feldſchlacht aufs Haupt geſchlagen! Wer hat Ahnliches erlebt? Niemals ſind ſolche Thaten geſehen worden, in keinem Buche lieſt man dergleichen! So ging's von Mund zu Munde. Mein Herr hat ein Buch, ſagte Johanna, in welchem nie ein Prieſter geleſen hat, mag er noch ſo vollkommen ſein in ſeinem Prieſterthum.“ Im Volke und Heere bezweifelte nach ſolchen Thatbeweiſen nicht leicht jemand, daß die Jungfrau den Beruf von Gott habe, alle Feinde binnen kurzem aus dem Reiche zu verjagen und dem Könige den Vollbeſitz ſeiner Herrſchaft zu erkämpfens. Und am Hofe? Sah man auch hier in Johannas Werken Thaten Gottes? Folgte man dem Rathe der Jungfrau als dem Willen Gottes und widerſprach nicht, weil Gott und ſeine Engel durch ihren Mund geſprochen? Verſtummte jeder Hochmuth, jede Selbſtſucht im Gehorſam des Glaubens, ging jede Zaghaftigkeit unter in der Zuverſicht freudigen Gottvertrauens? Oder wog man noch auf der Wage der eignen Weisheit, was Johanna verkündigte, erhob der Eigennutz noch ſo unverſchämt, wie früher, die freche Stirn?*) Die Antwort auf dieſe Fragen erhalten wir in den Verathungen zu Gien, welche den untrüglichen Gradmeßer für den Glauben des Königs und der höchſten Hofbeamten abgeben. Die Heerfahrt nach Reims war ſchon vor Beginn des Loireſelbzuges vom Könige be⸗ ſchloßen und öffentlich bekannt gemacht worden. Der Natur der Sache nach konnte alſo in ») Man vergleiche hier die Forderung welche Jakob Gelu vom Standpunkte des Glaubens ſeiner Zeit, der für unſer Urtheil allein maßgebend ſein muß, an den König und ſeine Räthe ſtellt, Q. III, 409: Quare credendum quod ille qui commisit(d. i. Gott), inspirabit creaturae suae quam misit, ea quae sunt agenda, melius et expedientius quam prudentia humana exquirere posset.... Quare consuleremus quod in talibus, primo et prin- cipaliter exquireretur votum Puellae, et quamvis esset dubium nobis, vel non magnam apparentiam quoad nos habens, quod tamen, si fixe aliquid diceret, illud dominus rex sequere- tur, tanquam a Deo, propter manutenentiam negotii sibi commissi, inspiratum servaretur..... Sed ubi per divinam sapientiam aliquid est magis quam alias faciendum, succumbere debet et humiliare se prudentia humana et nihil debet attentare, proponere aut sequi quod divinam majestatem offendat. Et in hoc consilium Puellae primum et praecipuum dicimus esse debere, et ab ea ante omnes assistentes, quaerendum, investigandum et petendum. Qui dat formam, dat consequentia ad eam, et qui committit unum, committit et omnia sine quibus... Quare sperare in Domino debemus, qui causam regis suam fecit, quod talia inspirabit per quae res finem suum debitum et effectum sortietur; quia Dominus opus imperfectionis non novit. 3* . 20 Gien nur von Maßnahmen zur Ausführung des Unternehmens die Rede ſein. Man denke ſich das Erſtaunen und den Schmerz der Jungfrau, als bei den Berathungen der Feldzug ſelbſt in Frage geſtelltwurde! Und waren es etwa neue Gründe, aus einer veränderten Sachlage geſchöpft, welche die Zweifler und Widerſacher in die Wagſchale zu werfen hatten? Nur die alten Einwände wurden wieder aufgefriſcht: Reims iſt von Gien hundert Meilen entfernt; viele feſte Städte und Plätze, von Engländern und Burgundern wohl beſetzt, ſperren den Weg; eine einzige Niederlage in Feindesland kann dem Heere, kann dem Könige und mit ihm ganz Frankreich zum Verderben werden.„Das alles weiß ich wohl, entgegnete Johanna, und ümmere mich nicht darum. Denn Gott will es, daß der Dauphin nach Reims ziehe, um dort geſalbt und gekrönt zu werden. Die Zeit iſt da, darum getroſt vorwärts, alles wird glücklich gehen. Fürchtet nichts, wir werden niemand ſinden, der uns ſchaden könnte, auf keinen Widerſtand werden wir ſtoßen. Im Namen Gottes, ich führe den edlen Dauphin Karl ſicher ſammt ſeiner Armee und gekrönt wird er werden in Reims.“ Auch der Mangel an Geld wurde von den kleinlichen Seelen als Gegengrund vorgeſchützt.„Macht Euch keine Sorge, ich werde Leute im Überfluß haben, und viele werden meiner Fahne folgen,“ verſetzte die Jung⸗ frau und verwies auf den lebendigen Thatbeweis ihrer Behauptung, der in den Scharen Freiwilliger und auf eigne Koſten Dienender aller Welt vor Augen ſtand. Dergeſtalt abge⸗ fertigt, nahmen die königlichen Räthe ihre Zuflucht zu Gegenvorſchlägen, in der Hoffnung, den Krönungsfeldzug abermals durch eine Zwiſchenunternehmung hinauszuſchieben. Die einen beſtanden darauf, daß zuvörderſt der ganze Loireſtrom von Feinden gereinigt, daß insbeſondere Bonny, Cosne, La Charité dem königlichen Scepter wieder unterworfen würden; die andern riethen, die Macht Englands in ihrem Hauptſitze, der Normandie, zu brechen, was der größeren Nähe halber viel leichter und gefahrloſer ſein werde. Mag immerhin die Idee, von dem Mit⸗ telpunkte der Franzoͤſiſchen Herrſchaft aus gegen die nächſtliegenden Städte und Länder der Feinde vorzugehen, den Grundſätzen entſprechen, welche eine beſonnene Kriegs⸗ und Staatskunſt unter alltäglichen Verhältniſſen einzuhalten hat: nach der glänzenden Thatbewährung der Jung⸗ frau und bei der damaligen Ohnmacht der Engländer ſind jene Vorſchläge, ganz abgeſehen von der hohen Bedeutung, welche die Kroͤnung in Reims für das rel di oltiſh Zeitbe⸗ wuſtſein hatte, im tiefſten Grunde weiter nichts, als klägliche Heuzmiſſ von dem Unglauben und Egoismus ihrer Urheber. Johanna ließ ſich auf keinerlei Zugeſtändnis oder Vermittlung ein.„Es iſt Zeit, weil Gottes Wille, wiederholte ſie, ſobald der Dauphin gekrönt iſt, wird der Feinde Macht immer mehr zuſammenbrechen, zuletzt werden ſie weder dem Koͤnig noch dem Reiche ſchaden können.“ Aber nicht in der erſten Rathsſitzung errang Johanna durch die Beharrlichkeit ihres Glaubens den Sieg. Mehrere Tage lang zogen ſich die Berathungen hin, bis die Heerfahrt nach Reims nochmals zum Beſchluß erhoben und ein neues Truppen⸗ aufgebot in großem Maßſtabe angeordnet ward.— Wer nun waren diejenigen, welche der Jungfrau abermals ſolche Schwierigkeiten in den Weg legten? Hunah der Koͤnig ſelbſt. Er war zu ſchwach zu einem ſtarken Glauben und deshalb jeder Einflüſterung des Zweifels preisgegeben, womit bald das eigne Herz, bald der Eigennutz ſeiner gewißenloſen Günſtlinge ihn zu berücken wuſten. Kaum gibt es auf dem weiten Gebiete der Geſchichte einen ſo ſchneidenden Gegenſatz, als den in ungläubiger Thatenſcheu hinbrütenden König und die in gottbegeiſterter Thatkraft glühende Heldenjungfrau. Nicht von Herzen Johannas Gegner, wurde er ihr ärgſter Plagegeiſt durch das Nichts ſeiner mattherzigen Halbheit und wantelmaͤthien Willensſchwäche. Die letzte Urſache alles Leides für Johanna aber war ihres Königs Unglaube. Sich ſelbſt und ſeine Aufgabe in ſeiner Zeit verſteht nur, wer ſich und die Welt aus Gott faßt. Nur das Bewuſt⸗ ein göttlicher Pflichten und Rechte gibt namentlich dem Fürſten das wahre Vertrauen zu ſich elber, gibt die Kraft der That und den Opfermuth für das allgemeine Wohl. Auch iſt's der Glaube allein, der den Character zu eiſerner Stärke vollendet. Karl entbehrte das alles, weil ihm das eine fehlte, was noth thut. Und weil dies, ſo erkannte er auch in Johannas Werken den Rath Gottes nicht und vermochte weder die Lage der Dinge im rechten Lichte zu ſchauen, 21 noch mit Sicherheit die Schritte zu thun, welche die Hand Gottes ihm klärlich vorzeichnete. Das bloße Herr Herr ſagen macht den Glauben nicht, Geiſt und Kraft Gottes iſt er, gewiſſe Zuverſicht der Hoffnung, und daß in dieſem Sinne bei Karl von Glauben nicht die Rede ſein kann, das zeigt ſein Than ſelbſt dem blödeſten Auge. Er, der zweimal zur Beſchämung ſeines Kleinmuthes das ſcheinbar Unmögliche hatte wirklich werden ſehen, bangte jetzt vor der dritten Glaubensprobe, deren Lohn die goͤttliche Weihe ſeines Königihuns ſein ſollte. In unbe⸗ greiflicher Kürze waren durch den Heldenarm der Jungfrau anſcheinend unbezwingbareßeſten gefallen, das ganze Feindesheer in einer Hauptſchlacht ſo gut wie aufgerieben, und Karl, getragen von einer zahlreichen, glanbensmuthigen Armee, erſchrak in der Feigheit ſeines Unglaubens vor den Städten und Burgen auf dem Wege nach Reims, von denen keine ſo ſtark bewehrt war, als Jargeau. Er ſah vor Augen, wie nach den erfochtenen Siegen das Nationalgefühl des Franzöſiſchen Volkes ſich allenthalben zu erheben und zu bethätigen begann, dennoch vermochte er, weil der lebendigen Hoffnung auf Gott ermangelnd, weder zu ſeinem Volke das rechte den noch zu ſeiner Sache ein unerſchütterliches Vertrauen zu faßen. Und wenn er ſich am Ende u dem Krönungsfeldzuge verſtand, ſo war dies, wie die Folge zeigt, kein Sieg, den er über ſich ſelbſt gewann, ſondern nur ein Opfer, das er dem allſeitigen Drängen des Volkes und der Unbeugſamkeit der Jungfrau zu bringen nicht umhin konnte. Die Begeiſterung des Heeres und Volkes, welche ſeit der Schlacht bei Patay den Höhepunkt erreicht hatte, war in Gien die gewaltigſte Stütze für Johannas Glaubensenergie, wie in Chinon und Poitiers die Noth der Stadt Orleans.— Als Vertreter der Anſicht, daß man den Krieg zunächſt in die Normandie zu tragen habe, bezeichnet Graf Dunois die Herrn von königlichem Geblüte. Unſtreitig haben wir unter dieſen vorzugsweiſe an den Herzog von Alencon zu denken. Der eigennützige Wunſch, ſo ſchnell als möglich zum Wiederbeſitz ſeiner Apanageländer in der Normandie zu gelangen, machte ihn, wenigſtens anfänglich, zum Gegner des Kroͤnungsfeldzuges.— Die Hauptwiderſacher der Jungfrau aber haben wir nach der Verſicherung des Perceval von Cagny in dem Kabinet des Königs zu ſuchen. Dieſe waren es, welche des Koöͤnigs Hang zur Ün⸗ thätigkeit dazu misbrauchten, ſenen Widerwillen gegen den Zug nach Reims durch Bedenken jeder Art zu mehren und dies nichtswürdige Treiben auch noch im geheimen unabläßig fort⸗ been nachdem ſie bereits für gut befunden hatten, dem offenen Widerſpruch gegen die Jung⸗ rau zu entſagen?. 4 der Herr von La Trémouille, welcher an der Spitze des königlichen Kabinettes ſtand, war in jedem Betracht das leibhaftige Widerſpiel der Jungfrau. Suchte Johanna nicht das Ihre, ſondern das was Gottes und ihres Königs war, ſo ging La Trémouilles Lanzes Dichten und Trachten in der Selbſtſucht ſeines Ehrgeizes auf. Dort Glaube bis zum Selbſtvergeßen, eine Liebe zu König und Vaterland, wie ſie nur im Lichte religiöſer Idee geboren wird; hier eine Hingabe an das eigne Intereſſe, die Gott und alles, nur nicht ſich ſelbſt vergißt und kein anderes Richtmaß des Handelus kennt, als den perſönlichen Vortheil. Sich die Gunſt des Fürſten zu erſchmeicheln und dadurch in den Alleinbeſitz der Regierungsgewalt zu drängen, das war von dem Tage an, wo ihn der Connetable an Hof brachte, der Zielpunkt ſeines alleinigen Strebens. Die verkehrten Anſichten und Neigungen des Fürſten boten ihm die Mittel zum Zweck, indem dieſelben ſo glücklich mit ſeinen Beſtrebungen zuſammenpaſten, daß jenen dienen dieſe fördern hieß. Wie jeder eigenſinnige Schwächling hielt Karl alle Perſonen von ſeinem geheimen Rathe fern, denen entweder die Hoheit der Geburt oder die Gediegenheit des Characters eine Selbſtändigkeit der üͤberzeugung und des Willens bewahrte. Welchen andern Grundſatz hätte La Trémouille im eigenen Intereſſe befolgen dürfen? Gerade dadurch, daß er den Prinzen vom Geblüt jeden Einfluß auf die Regierung abſchnitt und den Connetable von Hof und Heer verbannte, bekam er die Leitung der Geſchäfte ungetheilt in ſeine Hand. Mangel an Vertrauen zu dem eignen Volke bewog den Koͤnig, die Stützen ſeines Thrones in fremden Truppen zu ſuchen; die Furcht, in einem vaterländiſchen Heere eine Macht gegen ſich ſelbſt heraufzubeſchwören, nöthigte dem Herrn von La Tremouille das gleiche Verfahren auf. Noch im Monat April, alſo vier Wochen nach Johannas Aukunft in Chinon bat La Trémouille den König von Aragon um eine Hülfsarmee. Erſt als die Unterhandlungen ſich an den Bedin⸗ gungen zerſchlugen, welche der König von Aragon ſtellte, und der Druck der Noth keinen andern Ausweg übrig ließ, that La Trémonille, was nicht zu ändern war, und entſandte Johanna mit einer Hand voll Kriegern zur Rettung Orleans. Sobald durch die Befreiung der Stadt die Hauptbedrängnis geſchwunden war, ward er der Hemmſchuh wenn nicht jeder weiteren, doch ſicherlich der großartigen Unternehmung, auf welche Johanna fortwährend hindrängte. Den ſelbſtſüchtigen Berechnungen des Höflings kamen auch in dieſem Falle die Fehler des Königs und zwar die Grundgebrechen deſſelben, die Gleichgültigkeit und die Trägheit, trefflich zu ſtatten, und er verſäumte nicht, ſie gründlich auszubeuten. Schon der Krieg an und für ſich muſte dem ſtarren Egoiſten widerwärtig ſein, weil er ihm wenigſtens keine Lorbeeren trug. Unter⸗ handlung, wenn auch mit Drangabe hochwichtiger Güter, war ſein Grundſatz, die Wege dazu ſich offen halten, ſeine Staatsweisheit. Nun gax der große Krieg, welche augenfälligen Gefahren drohte er ihm! Frankreich ſeufzte nach einem ſtarken Arm, um das Joch der Freind⸗ herrſchaft abzuſchütteln, und jedes tapfere Herz, das in Treue gegen König und Vaterland ſchlug, war der Schlaffheit ſatt und müde, welche am Hofe herrſchte. La Trémouille fühlte, daß er der Mann der Zeit nicht war, er wuſte, daß er weder die Liebe des Volkes noch des Heeres beſaß. Wie hätte er ſich auch dem Wahne hingeben können, man werde in Frank⸗ reich vergeßen, daß die Engländer, als ſie im Jahre 1428 die Orléanais unterwarfen, ſeine Stadt Sully verſchonten? Wem muſte nicht die Verbindung verdächtig ſein, worin der höchſte Reichsbeamte mit ſeinem Bruder und ſeinen übrigen Verwandten ſtand, welche ſämmtlich am Hofe oder in der Armee des Burgunderherzogs dienten? Das alles ſagte ſich La Trémouille ſelbſt und wie ein Geſpenſt verſoßhur ihn unaufhörlich der Angſtgedanke, vom Steuer des Staats hinweggeſtoßen zu werden. Zumeiſt zitterte er vor dem Connetable, der mit ſeinem zahlreichen Anhang, den rechten Augenblick erſpähend, in der Verbannung ſchmolltes. Was konnte unter dieſen Umſtänden eine Volkserhebung für La Trémouille bedeuten? welche Elemente des Widerſpru⸗ ches auf die Oberfläche treiben! Um keinen Preis alſo ein großer Krieg mit großen Heeresmaſſen! Ein Loirefeldzug und ſeines Gleichen allenfalls. Aber eine Heerfahrt nach Reims! die noch dazu den König ſelbſt an die Spitze ſeines Kriegsvolks rief! Wie ſollte hier jedem feindlichen Einfluß geſteuert, wie der Gefahr vorgebeugt werden, daß der Strom der Ereigniſſe den ſchwa⸗ chen Fürſten in eine der bisherigen entge ngeſhte Bahn hineinriß, wenn auch das ganze Kabinet ihn mit eiferſüchtiger Wachſamkeit anRand Auf alle dieſe Beſorguiſſe hatten die Erfahrungen des Loirefeldzuges das beſtätigende Siegel gedrückt. Richemond war trotz des ſchärfſten Gegen⸗ befehls durch die Macht der Verhältniſſe und Johannas Verbürgung zur Freude der Haupt⸗ leute wie der Krieger beim Heere zugelaßen worden, und einmüthig hatten in Chateauneuf die Kriegsoberſten Johannas Verwendung für den Grafen unterſtützt. In der That, La Tré⸗ mouille hätte nicht er ſelbſt ſein müßen, ſondern ein Kind von Einfalt und Argloſigkeit, wenn er ſich dem Krönungsfeldzuge nicht hätte mit aller Macht entgegenſtemmen ſollen. Nach⸗ dem aber vollends die Gewalt der Volksbegeiſterung, aller Gegenwirkung ungeachtet, der Jungfrau in Gien Siegeskraft gegeben hatte, war es für La Trémouille eine Lebensfrage ſeiner Machtſtellung, Johannas Einfluß Schranken zu ſetzens.— Als treuer Helfershelfer ſtand ihm in dieſem heilloſen Vorhaben der Erzbiſchof von Reims, Reinhold von Chartres zur Seite. Daß dieſer ſo wenig, als La Trémouille an Johannas göttliche Sendung glaubte, beweiſt die hinterliſtige Treuloſigkeit, womit er in Blois die Feldherrn von der Rückkehr nach Orleans zurückzuhalten trachtete. Heinctäete war überhaupt der widerlichſte Zug im Character des Pre⸗ laten, der Verlauf der Geſchichte wird noch mehrere Proben derſelben zu Tage legen 10.— Rudolph von Gaucourt hat ſeinem Unglauben ein glänzendes Zeugnis in Orleans ansgeſtellt. Wird er, der ſich auf ſeine früheren Kriegsthaten nicht wenig einbildete, der Jungfrau die Schmach verzeihen, womit ſie ihn am Morgen vor Erſtürmung der Brückenburg überhäufte und der Wuth des Volkes preisgabir?— Der Vierte im Rathe des Königs, Robert Le Ma⸗ 23 con, Herr von Trèves, war unſtreitig der Beſte, aber nicht der Mann, die Ränke ſeiner Amtsgenoßen zu durchſchauen, geſchweige ihnen zu begegnenlk?’.. 1 Bir ſehen, und das iſt einer der tieftragiſchen Züge dieſer Geſchichte, daß während das Volk wie aus einem Munde und Herzen ſeiner Heldin Hoſianna rief, auch die Phariſäer nicht fehlten, welche der Jungfrau ihre gottgewieſene Bahn zu einem wahren Dornen⸗ und Kreuzes⸗ wege machten. Nicht in den Reihen der Engländer und Burgunder, im eignen Parteilager erwuchſen der Jungfrau die gefährlichſten Gegner und ſchlimmſten Feinde. Der Unglaube derjenigen, deren Heil Johannas Glaube werden ſollte, iſt ihres Lebens Qual und die letzte Urſache ihres Märtyrerthums geweſen. Johanna verdoppelte ihre Thätigkeit angeſichts der eifrigen Gegenbeſtrebungen. Bereits am folgenden Tage(25. Juni) ſchickte ſie einen Brief an die Bewohner von Tournay, worin ſie dieſelben aufforderte:„Haltet Euch als treue Franzoſen und ſeid alle bereit zur Krönung Karls nach Reims zu kommen, wo wir in der kürze ſein werden; gehet uns entgegen, wann Ihr unſere Annährnng erfahret!s. Gleichzeitig richtete ſie an den Herzog von Burgund ein Schreiben ähnlichen Inhaltes!, und wir dürfen annehmen, daß ſie noch viele Einladungen der Art hat ergehen laßen. Wie die erſteren, ſo werden auch die übrigen redende Denkmale der Glaubensgewisheit geweſen ſein, womit Johanna bei jeder Gelegenheit die baldige Krönung Karls VII. verkündigteis. Wahrſcheinlich an demſelben Tage forderte Karl durch Herolde die Befehlshaber der Feſtungen Bonny, Cosne und La Charité zur Unterwerfung auf. Alle drei gaben abſchlägige Antworten. Bonny in Feindeshand zu laßen, mochte dem König beſonders bedenklich erſcheinen, weil die Stadt in der Nähe von Gien lag. Deshalb ſandte er den Admiral von Culan mit zahlreicher Mannſchaft ab, um den Platz zu erobern. Das bloße Erſcheinen der Franzoſen genügte, um die Beſatzung zu Unterhandlungen zu beſtimmen, welche die ſofortige Räumung der Feſte(am 26. Juni) zur Folge hatten ¹s. Um dieſelbe Zeit berief der König auf mehrſeitigen Wunſch ſeine edle Gemahlin, Marie von Anjon, nach Gien. Die hochherzige Frau kam in der Hoffnung, mit nach Reims zu gehen und die Krönungsfeier zu theilen. Allein im Rathe erhob ſich Widerſpruch dagegen. Die Königin war in dem Falle, daß der König fiel oder in die Gewalt des Feindes gerieth, die Regentin des Reiches und Vormünderin des Kronprinzen. Durfte man ſie der gleichen Gefahr mit dem König ausſetzen? Dieſer auf den erſten Blick ſehr beſtechende Gegengrund war im Munde des Herrn von La Trémouille und ſeines Gleichen ſchwerlich viel mehr als ein Vorwand, umdie einſichtsvolle Frau, welche das Unweſen der Günſtlinge am Hofe von jeher mit misfälligen Augen betrachtet hatte, nach wie vor von dem Könige fern zu halten. Die Frage wurde ſchnell im Sinne der Gegner entſchieden, worauf die Koͤnigin wieder nach Bour⸗ ges zurückreiſtenn. 1 3 Inzwiſchen ging Johannas Verſicherung:„Ich werde Leute genug haben, viele werden mir folgen“ auf eine Weiſe in Erfüllung, wie man kaum geahnet hatte. Von allen Seiten ſtrömten Adlige und Ritter mit ihren Geſolgſchaften, Soldaten und Bürgerwehrmänner zuſam⸗ men, um unter Johannas Erlöſerfahne dem Koͤnige nach Reims zu folgen. Niemand zwei⸗ felte an dem Gelingen, weil man in den Thaten der Jungfrau die ſicht⸗ und greifbare Gewähr für ihre göttliche Berufung zu haben glaubte; alle erklärten unumwunden, ſie ſeien bereit überall hinzugehen, wohin Johanna ſie führen würde. Adlige und Begüterte dienten auf eigne Koſten, manche Edelleute, die zu arm waren, um in ſtandesgemäßer Ausrüſtung zu erſcheinen, kamen auf kleinen Pferden, bloß mit Bogen oder Schwert bewaffnet. So groß war die Menge der Streiter,„daß man leichtlich haͤtte alles wieder erobern können, was die Engländer im Reiche beſaßen, wenn man alle, die da kamen, hätte annehmen wollen.“ Daß dies nicht ge⸗ ſchah, daſäde ſorgte der Herr von La Trémouille mit ſeinen ſauberen Amtsbrüdern. Angſt und bange ward ihnen für das eigne liebe Ich beim Anblick ſolcher Begeiſterung und jeden ſchickten ſie wieder nach Hauſe, von deſſen Geſinnung ſie ſich nicht völlig verſichert hielten. Der 24 Unwille darüber war groß, aber„man wagte der Zeit nicht, gegen Herrn von La Trémouille zu ſprechen, obſchon jeder deutlich ſah, daß der Fehler von ihm herkam“ ¹s. Der Fehler, ſagt der Chroniſt und kurz vorher: zum ſehr großen Schaden für König und Reich. Allerdings, wir haͤtten eine andere Geſchichte, wenn ein Mann wie der Connetable am Staats⸗ ruder geſtanden und in demſelben Augenblick, wo Karl die Krönungsfahrt nach Reims an⸗ trat, eine tüchtige Armee gegen die von Truppen entblößte Hauptſtadt Paris geführt hätte. Die Anſtrengungen, welche Johanna machte, um für die Bedürfniſſe der Truppen zu ſorgen und die Zurüſtungen zum Aufbruch zu beſchleunigen, grenzten an's Unglaubliche. In Wahrheit, ſie ließ ſich die Krone ſaurer werden, als der gemächlich hinträumende König. Letzterer erzählte ſpäter oftmals, er habe eines Tages die Jungfrau in Saint⸗Benoits) von aller Mühſal, die ſie ſich aufgebürdet, ſo erſchöpft geſehen, daß es ihm zu Herzen gegangen ſei, und er ihr geboten habe, ſich Ruhe zu gönnen. Darauf ſei Johanna in Thränen ausgebro⸗ chen und habe geſagt, er möge doch keinen Zweifel hegen, er würde ſein ganzes Reich wieder⸗ erhalten und binnen kurzer Friſt gekrönt werden ¹*. Die Jungfrau, welcher die Gabe die Geiſter zu prüfen und die Herzen zu durchſchauen verliehen war, ſtraft in dieſer Mah⸗ nung den Unglauben des Königs an ihre himmliſche Sendung und an den glücklichen Aus⸗ gang der Krönungsfahrt.*) Trotz dem, daß ſo vielen Kriegern die Aufnahme in die Armee verſagt wurde, ſtieg die Zahl derſelben bis auf 12000 Manno. Die Prinzen von Geblüt und die Häupter des Adels waren faſt alle in Gien eingetroffen, um den König auf ſeinem Chrenzuge zu begleiten. Vorzugs⸗ weiſe genannt werden: der Herzog von Alencon, die Grafen von Clermont WKarl von Bourbon), von Vendôme(Ludwig von Bourbon), von Boulogne, von Dunois; die Marſchälle von Sainte-Sévère und von Rais; der Admiral von Culan; die Gebrüder von Laval; die Herrn von Thouars, von Sully, von Chaumont an der Loire, von Prie, von Chauvigny, von Aulon, Karl von Albret, Theobald von Armagnac genannt von Termes, Jamet von Tillay, Tugdual von Kermoiſan, Poton von Saintrailles, La Hire. Daß die Kabinetsräthe des Königs: der Kanzler von Frankreich: Reinhold von Chartres, Erzbiſchof von Reims, die Herrn von La Tré⸗ mouille, von Gaucourt und von Troves(Robert Le Macon) den Feldzug mitmachten, verſteht ſich von ſelbſt. Wie hätten ſie auch den Köͤnig inmitten ſeines Volkes allein laßen mögeni! Das ganze Heer war von hohem Glaubensmuthe beſeelt:z, welchen Johanna beſtändig anfeuerte, indem ſie den Kriegern dieſelben Worte zurief, womit ſie im Rathe geſiegt hatteꝛ¹. Kein Mann wurde misvergnügt oder verzagt über den geringen Sold von 3 Franken, welchen der König jedem Soldaten in Gien auszahlen ließ24. Nur der König lieh noch immer den einſchüchternden Einflüſterungen der Räthe ſein Ohr und ſuchte Vorwand auf Vorwand, um die ganze Unternehmung zu vereiteln. Da that endlich Johanna, der Ausflüchte und Saum⸗ ſeligkeiten überdrüßig, einen kühnen Schritt und rückte am 27. Juni mit mehreren Haupt⸗ leuten und einem Theile des Heeres in's Feld. Vier Meilen von Gien machte ſie Halt, wahr⸗ ſcheinlich in Briare2s. Zwei Tage ſpäter, am Sanct⸗Petritag den 29. Juni, ſah ſich der König trotz alles Widerſtrebens endlich genothigt, der Jungfrau zu folgen. Das auf dieſe Weiſe wiedervereinigte Heer ſchlug die Richtung nach Aurxerre einzs. Johanna ſtand zu dem Heere in dem nämlichen Verhältniſſe, wie bei den früheren Feldzügen; ſie hatte nicht den Oberbefehl, ſie war die lebendige Seele deſſelben. Unterwegs ſchloß ſie ſich nach Gutbefinden bald dem Hauptkorps bald dem Nachtrab oder Vortrab anz¹. Letzterer wurde „ *) Le Brun de Charm, II, 249: C'est apparemment Saint-Benoft-Fleury, bourg situé sur la Loire, à une lieue au nord-ouest de Sully. *) Q. Aperç. p. 23: Mais comme cette scéne eut lieu à la veille du voyage de Reims, dans un moment ou Jeanne usait de toute sa vertu pour le lui faire entreprendre et ou, au contraire, il cherchait mille prétextes pour s'y dérober(IV, 17), il s'ensuit qu'il ne pouvait pas causer de plus grand chagrin à la Pucelle que de lui parler comme il ſaisait. in von den Marſchällen von Rais und Sainte-Sévere geführt, unter welchen La Hire und Poton von Saintrailles nebſt andern commandierten?s. An die Städte, welche die Armee auf dem Marſch berührte, ſandte der König Herolde voraus und ließ ſie zu freiwilliger Unterwer⸗ fung auffordern. Bis in die Nähe von Aurerre leiſteten alle Städte, insbeſondere Saint⸗ Fargeau, Cravant, Coulange⸗La-Vineuſe unbedingten Gehorſam. Der König ertheilte ihnen Verzeihung für alles geſchehene, wogegen die Bürger Nahrungsmittel, Frachtwagen und was das Heer ſonſt bedurfte nach Vermögen liefertene. Am 1. Juli war Auxerre erreicht. Dieſe damals wohlbefeſtigte Stadt, welche dei dem 21. Juni 1424 unter Botmäßigkeit des Herzogs von Burgund ſtand,*) ſperrte aus Anhaͤnglichkeit an letzteren dem König die Thore. Karl verlangte Einlaß als rechtmäßiger Oberherr. Die Bewohner waren nicht ſo verblendet, daß ſie ſich mit dem Wahne betrogen hätten, der Übermacht nachhaltigen Widerſtand entgegenſetzen zu können; lediglich in der Hoffnung, auf dem Wege des Unterhandelns der Geſahr eines Angriffs zu entgehen, gaben ſie anfangs abſchlägige Antwort. Johanna rieth, wie viele Hauptleute, die Stadt zu beſtürmen und verbürgte ſich im voraus fuͤr den Erfolg. Anders die Räthe des Königs. Den Herzog von Burgund nicht durch Einnahme ſeiner Stadt noch mehr zu reizen, ſondern durch Schonung ſeines Beſitzſtandes zu begütigen und auf dieſe Weiſe allmählich vom Bunde mit England abzuziehen, ſchien dem Herrn von La Trémouille die ge⸗ ſcheideſte Politik. Er ſchenkte deshalb den Abgeordneten, welche von Auxerre mit der Bitte an ihn geſchickt wurden, die Neutralität der Stadt beim Könige zu befürworten, um ſo lieber Gehör, als ihm der Dank für ſeine Vermittlung in klingender Münze mit 2000 Thalern ent⸗ richtet wurde. Nachdem Karl hinlänglich vorbereitet war, traten die Geſandten mit dem Geſuche vor ihn, für diesmal ohne Feindſeligkeit an den Mauern der Stadt vorbeizuziehen, wogegen ſie ſich erboten, der Armee Lebensmittel zu ſtellen. Der König willigte unter der Bedingung ein, daß Auxerre ſich verpflichte, ihm nachträglich denſelben Gehorſam zu leiſten, welchen er in Troyes, Chalons, Reims zu finden erwarte. Ein ſchmählicher Vergleich, der dem Koͤnig, wenn der Zug nach Reims glücklich von ſtatten ging, nichts weiter ſicherte, als was ihm ohnehin zu Theil werden muſte, im Falle des Mislingens daggen einen ſtoͤrrigen Feind dem Heere im Rücken ließ. Brechen muſte der König den erſten Trotz, der ihm auf ſeinem Wege begegnete, um allen Widerſpenſtigen ein ernſtes Beiſpiel der Warnung vorzuhalten, waͤhrend er durch ſein ſchüchternes Auftreten jedes Widerſtandsgelüſte ermuthigte. Ein tiefer Unwille bemächtigte ſich des Heeres und die Hauptleute brachen in lautes Murren gegen La Trémouille ſammt Genoßen aus, insbeſondere war Johanna voll Entrüſtung über das Un⸗ würdige eines ſolchen Verfahrens. Königlicher fühlend als der Koͤnig, forderte ſie, daß Frank⸗ reichs Städte dem Könige Frankreichs ihre Thore öffneten, ſei's aus freien Stücken, ſei's ge⸗ zwungen durch Gewalt. Wer tief blickte muſte us Neſer erſten Probe die Ahnung mitnehmen, daß die Anweſenheit des Königs und ſeines Rathes beim Heere das Ende war Pur jede ent⸗ ſcheidende Waffenthat. Was Johanna bisher großes im Felde vollbracht hatte, das war ihr weſentlich durch die unbeſchränkte Geltung ihres Willens gelungen, deſſen gottbegeiſterte Energie ebenſo jede Berechnung und Gegenwehr der Feinde zu Schanden machte, wie die Gegen⸗ beſtrebungen der Freunde in Schranken wies; durch die Gegenwart des mächtigeren Fürſten⸗ willens ward von jetzt an ihre beſte Kraft gleichſam mit Ketten gebunden, und wenn deſſen ungeachtet ihre nächſten Schritte noch mit glänzenden Erfolgen bezeichnet wurden, ſo war es keineswegs die Schärfe ihres Schwertes, ſondern der Schrecken ihres gefürchteten Namens, womit ſie dem Könige ſeine Widerſacher zu Füßen legteso. *) Le Brun de Charm. II, 260: Des le 21 juin 1424, Henri V, roi d'Angleterre, qui se por- tait pour héritier et régent du royaume de France, avait engagé an duc de Bourgogne les comtés d'Auxerre et de Mcon, avec la chätellenie de Bar sur Aube, comme équivalens de certaines sommes dont il lui était redevable, et le duc, en vertu de cet arrangement, en 4 avait provisoirement pris possession. 26 Drei Tage hatte Karl mit der Armee vor Auxerre zugebrachtst, am 4. Juli zog er weiter durch Brinon⸗-L Archevéque, Saint⸗Florentin und Saint⸗Phal. Alle drei Plätze ergaben ſich ohne weiteress.. Vor dem Abmarſch nach Troyes hielt die Jungfrau eine große Heerſchau, wobei ſich herausſtellte, daß die Kricerzah unterwegs nicht unbeträchtlich gewachſen war; auch in den vom Feinde unterjochten Gebietstheilen nämlich ſcharten ſich fortwährend Waffen⸗ fähige aus allen Ständen unter Johannas Freiheitsbannerss. Am 5. Juli Morgens gegen neun Uhrs erſchien Karl VII. vor Troyesss, jener Stadt, worin vor 9 Jahren der ſchmähliche Vertrag abgeſchloßen ward, welcher den Dauphin für alle Zeit des Thrones ſeiner Väter ver⸗ luſtig erklärte. Die Bewohner von Troyes, welche ſich nicht nur beim Abſchluß jenes Ver⸗ trages, ſondern auch während der ganzen Folgezeit als eifrige Anhänger der Engliſch⸗Burgun⸗ diſchen Partei gezeigt hatten und deshalb die Rache des Königs in beſonderem Grade fürchten mochten, waren gleich zu Anfang des Kroͤnungsfeldzuges in leidenſchaftliche Aufregung gera⸗ then undhatten bereits am 1. Juli nach Reims geſchrieben,„wenn ſie von den Feinden aufgefordert werden ſollten, etwas zu thun, was der Partei zuwider wäre, womit ſie es hielten, ſo wären ſie entſchloßen, eine durchaus abſchlägige Antwort zu geben, und bis in den Tod hinein der Sache des Königs von England und des Herzogs ven Burgund treu zu bleibenss. In dieſer Stimmung empfingen die Bewohner von Troyes folgenden Brief, welchen Johanna am 4. Juli von Saint⸗Phal aus an ſie gerichtet hatte:— Zheſus+ KMaria Sehr liebe und gute Freunde, wenn Ihr nichts dagegen habt, Herrn, Bürger und Ein⸗ wohner der Stadt Troyes. Johanna die Jungfrau thut Euch kund und zu wißen von Seiten des Himmelskönigs, ihres rechtmäßigen und oberſten Gebieters, in deſſen königlichem Dienſte ſie jeden Tag ſteht, daß Ihr wahren Gehorſam und Anerkennung leiſtet dem edlen König van Frankreich, welcher ſehr bald, was auch dawider komme, in Reims und Paris ſein wird und in ſeinen guten Städten des heiligen Reiches, mit Hülfe des Königs Jeſus. Treue Franzoſen, kommt dem König Karl entgegen, unterlaßt es nicht, und heget keine Furcht um Eure Perſon oder Eure Habe, wenn Ihr ſo thut. Thut Ihr nicht ſo, ſo verheiße und verſichere ich Euch bei Eurem Leibe, daß wir mit Gottes Hülfe in alle Städte, welche zu dem heiligen Reiche gehören, eintreten und daſelbſt ſicherlich guten Frieden ſchließen werden, was auch dagegen komme. Gott befehle ich Eunch, Gott behüte Euch, ſo es ihm gefällt. Antwort balds⸗... Mit dieſem Briefe war der Auguſtiner⸗ oder Franziskauermönch Richard dem Heere vor⸗ ausgeeilt, derſelbe, welchen die Engländer ſeiner Predigten halber am 30. April aus Paris entfernt hatten. Seit dem war er in der Bourgogne und Champagne umhergezogen und hatte auch hier durch ſeine Beredtſamkeit großes Anſehen erlangt. Als das königliche Heer ſich Troyes näherte, ging Richard, der ſich wahrſcheinlich damals in Troyes befand, demſelben ent⸗ gegen, ſei es aus eignem Antrieb oder bewogen von den geiſtlichen Herrn zu Troyes, auf jeden Fall in der Abſicht, die Jungfrau zu beobachten*) und ſich Gewisheit zu verſchaffen, ob ſie vom Teufel oder von Gott ſei. Indem er Johanna erblickte, machte er das Zeichen des Kreuzes und ſprengte Weihwaßer vor ſich her.„Kommt nur dreiſt heran, ich werde nicht davonfliegen,“ ſagte Johanna, der Mönch gewann bald Zutrauen und die Jungfrau beauf⸗ tragte ihn mit der Beſorgung ihres Briefesss. Dieſer mehrte nur den Geiſt des Widerſpruchs in Troyes. Man wollte weder Sinn noch Verſtand darin finden, ſondern lauter Abgeſchmackt⸗ heiten, und warf das Original, nachdem man eine Abſchrift genommen hatte, mit Verachtung in's Feuer. Johanna nannte man eine Prahlerin, eine Närrin voll des Teufels und wür⸗ ) Johanna vermuthet G. 1, 100 que ceulx de la ville de Troyes, comme elle pense, l'eavoièrent devers elle, disans que ilz doubtoien: que ce ne fust pas chose de par Dieu(dicentes quod dubitabant ne ipsa Johanna non esset res veniens ex parte Dei). 291. 272 digte ſie keiner Antwort. Richard wurde, als der Hexerei und Verrätherei verdächtig, in Gewahrſam gehaltenss. Auch der König bemühte ſich, die Stadt durch gütliche Mittel zur Unterwürfigkeit zu bewegen. Er ſandte am Morgen des5. Juli, bevor er ſelbſt mit dem Heere anlangte, mehrere Herolde nach Troyes mit einem von ſeiner Hand unterzeichneten und mit ſeinem Geheimſiegel verſehenen Schreiben, worin er die Einwohner benachrichtigte, daß er, auf ſeiner Krönungsfahrt nach Reims begriffen, am folgenden Tage durch ihre Stadt zu ziehen willens ſei, und ſie demgemäß aufforderte, ſich zu ſeinem Empfange zu bereiten, insbeſondere ihm den pflichtſchul⸗ digen Gehorſam zu leiſten. Unter dieſer Vorausſetzung ſicherte er ihnen ſeine volle Gnade zu und verſprach, keinerlei Rache zu üben, vielmehr alles vergangene zu vergeßen. Fruchtlos blieb auch dieſer Verſuch. Nicht einmal wurde den Herolden der Eintritt in die Stadt ver⸗ gönnt, ſondern ihnen, nachdem der Brief im Rathe vorgeleſen worden war vor den Mauern die Antwort ertheilt, die Herrn und Ritter, welche ſeitens des Königs(von England) und des Herzogs von Burgund in der Stadt wären, hätten ſammt den Bewohnern einen Schwur gethan, niemand in Troyes einzulaßen, der ihnen an Stärke überlegen ſei, ohne ausdrück⸗ liche Erlaubniß des Burgunderherzogs. Kraft dieſes Eides wagten ſie nicht, ihn(Karl VII.) in die Stadt aufzunehmen. Die Bürger, welche wohl einſahen, daß ohne Hülfe ein Wider⸗ ſtand auf die Dauer unmöglich ſei, und ſich deshalb für alle Fälle zu decken wünſchten, ließen zu ihrer beſondern Entſchuldigung beifügen,„was auch ihr Wille ſein möchte, ſie ſeien gebunden durch die große Menge der Krieger, welche ſtärker als ſie in der Stadt wären.“ Von beiden Briefen, dem der Jungfrau und des Königs, ſchickten ſie ſofort Abſchriften an die Bürger von Reims und meldeten ihnen, daß ſie noch an dieſem Tage das Eintreffen der Feinde und den Anfang der Belagerung erwarteten, daß ſie aber ſämmtlich auf den doſlbaren Leib Jeſu Chriſti geſchworen hätten, ſich ſelbſt und die Stadt bis zum Tode im Gehorſam des Königs und Herzogs zu bewahren, in Anbetracht ſowohl ihrer gerechten Sache als des ihnen von den Fürſten verſprochenen Beiſtandes. In letzterer Hinſicht erſuchten ſie ihre Brüder von Reims, ſich mit der Bitte an die Herzöge von Bethford und von Burgund zu wenden, daß ſie mit ihren armen Unterthanen Mitleid haben und ihnen zu Hülfe eilen möchten. Dieſelbe Bitte erneuer⸗ ten ſie um 5 Uhr Nachmittags, wo ſie die um 9 Uhr Morgens erfolgte Ankunft Karls VII. und den Beginn der Belagerung mit dem Zuſatz nach Reims und Chalons berichteten, ein jeder von ihnen habe ſich auf die Mauern und auf ſeinen Wachpoſten geſtellt mit dem feſten Entſchluße, wenn man Gewalt gegen ſie brauche, bis auf den Tod zu widerſteheu o. Troyes war eine bedeutende, mit Mauern und Gräben wohl vendalrte Stadtal, welche durch ihre zahlreiche Bürgerſchaft ſowie durch 500 bis 600 Engländer und Burgunder ver⸗ theidigt wurdenz. Letztere machten auf die anrückende Vorhut des königlichen Heeres einen hitzigen Angriff, wurden aber nach kurzem Gefechte genöthigt, ſich in verwirrter Flucht hinter die Stadtmauer zurückzuziehen¹s. Karl VII. lagerte ſich darauf mit ſeiner Armee ganz in der Nähe der Stadt, die Belagerten blieben kampfbereit auf ihren Schutzwerken. Statt nun ſofort Gewaltmaßregeln gegen die Stadt zu ergreifen, legte ſich der König auf's Unterhandeln, trotz⸗ dem daß er ſchon einmal ſchnöde zurückgewieſen war. Die Bewohner von Troyes gaben drei volle Tage lang keinem Vorſchlag zur Güte Gehörzs. Neichlich mit Lebensmitteln verſorgt mochten ſie erwarten, daß der Mangel derſelben den König bald zwingen würde, unverrichteter Sache von ihren Mauern aböziehen. Das war die erſte bittere Frucht und die verdiente Strafe, welche dem König ſein mattherziges Verfahren mit Auxerre eintrug. Die unwürdige Politik ſeiner Räthe, welche jene Schmach ichulthatte drohte ihm aber vor Troyes eine noch weit empfindlichere Niederlage. Welch ein Gegenſatz zwiſchen dieſem halt⸗ und kraftloſen Ge⸗ baren und jenem Eilen von That zu That, das in Orleans wie auf dem Loirefeldzuge, wo Johanna allein die treibende Macht war, Freund und Feind in Staunen ſetzte! Bald waren die wenigen Vorräthe aufgezehrt, welche das Heer bei ſich führte, und eine ungeheure Hun⸗ gersnoth brach aus. Die Nahrungsmittel wurden ſo theuer, daß 5000 bis 4 Soldaten 28 mehrere Tage lang keinen Bißen Brot zu eßen bekamen, ſondern ſich mit halbreifen Getreide⸗ körnern und Bohnen begnügen muſten, die ſich auf den Fluren vorfanden. Zum Glück hatten die Leute von Troyes in dieſem Jahre eine ungewöhnlich große Menge von Ackern mit Boh⸗ nen beſät. Der Moͤnch Richard hatte nämlich in ſeinen Predigten bildlicher Weiſe geſagt:„Säet, ihr guten Leute, ſäet brav Bohnen, denn der, der da kommen ſoll, wird ſehr bald kommen,“ und dieſe Worte hatten die Leute im eigentlichen Sinne verſtanden. Natürlich konnte ſolche Nahrung nur augenblickliche Abhülfe ſchaffen und den nagendſten Hunger beſchwichtigen, allmäh⸗ lich aber begann Unmuth und Verzweiflung ſich des ganzen Heeres zu bemächtigen4s. Dieſe Stimmung benutzten diejenigen unter den königlichen Räthen, welchen die Krönungsfahrt von Anfang an ein Dorn im Auge geweſen war, um Karl zur Umkehr nach Gien zu überreden, indem ſie ihm außer dem allgemeinen Nothſtand und dem beharrlichen Ungehorſam der Stadt Troyes namentlich die Thatſache vorhielten, daß Chalons und Reims ebenfalls in feindlichen Händen und zum Widerſtand gerüſtet wären.“*) Karl verſammelte deshalb am 8. Juli, alſo am dierten Tage der Belagerung, ſeine Räthe, die Feldherrn und Hauptleute zu einer Berathung über die Frage, was unter den bewandten Umſtänden zu thun ſei. Er ſelbſt führte den Vorſitz. Offenbar gab es drei Auswege aus der ſchwierigen Lage. Entweder muſte man ungeſäumt an die Loire zurückgehen, oder Gewalt gegen Troyes gebrauchen, oder endlich nach Reims weiter⸗ ziehn und eine ſo mächtige Stadt wie Troyes unbezwungen im Rücken laßen 46. Die letztere Möglichkeit war ebenſo gefährlich, wie die erſtere ſchandvoll; für eine Johanna gab es von Anfang an keine andere Wahl, als Erſtürmung der abtrünnigen Stadt. Das wuſten die, welche die Fortſetzung des Feldzugs zu vereiteln trachteten, und darum— ſollte man es glau⸗ ben?— war Johanna nicht im Rath! Der Erzbiſchof von Reims und Kanzler von Frankreich erhielt vom Könige den Auftrag, das Wort in der Verſammlung zu führen. In einer wohl durchdachten, ſchlau berechneten Rede ſetzte er zuerſt auseinander, daß wegen der aufreibenden Hungersnoth und des allgemeinen Geldmangels ſich das Heer nicht länger vor Troyes in ſeiner bisherigen Stellung zu halten vermöge. Sodann legte er die Gründe dar, weshalb es nicht gerathen ſei, Gewaltſchritte gegen die Stadt zu verſuchen. Die Bewohner von Troyes, ſagte er, ſind ganz und gar nicht gewillt, ſich in den Gehorſam des Königs zu begeben, wie dies die fruchtloſen Unterhandlungen ſattſam bewieſen haben. Die Stadt im Sturme zu nehmen, aber würde ein abenteuerliches Unterfangen ſein, da dieſelbe mit Mauern und Grä⸗ ben ſtark geſchützt, mit einer tüchtigen Beſatzung von Kriegern und Bürgern verſehen, überdies mit Lebensbedarf reichlich verſorgt iſt. Wir dagegen haben weder Artillerie noch ſonſtiges Geſchütz, nicht einmal die zur Eroberung einer ſolchen Stadt nothwendige Kriegerzahl. Zum Schluße gab der Erzbiſchof zu bedeuken, daß man bis nach Gien an der Loire, welches mehr als 30 Meilen entfernt ſei, keinen Platz, keine Feſtung habe, worauf man ſich ſtützen, oder woher man Hülfe beziehen könne. Dies der Zielpunkt, der Kern und Stern der ganzen Rede. Nicht zwar mit ausdrücklichen Worten, aber füͤr jeden Hellſehenden mit unverkennbarer Klar⸗ heit war damit angedeutet, daß unter den obwaltenden Verhältniſſen auch jedes weitere Vor⸗ gehen nach Reims unbeſonnen, daß folglich die ſchleunigſte Rückkehr an die Loire das einzig Vernünftige ſei. In der That, Reinhold von Chartres iſt vor Troyes derſelbe noch, der in Blois dem Werke der Jungfral gleich im Entſtehen den Todesſtoß zu verſetzen ſuchte. Ein Fünkchen echten Glaubens an Johannas höhere Miſſion hätte dem Erzbiſchof und hätte dem Koͤnig ein ſolches Spiel hinter dem Rücken der Jungfrau rein unmöglich gemacht. Gewißen und Schamgefühl würden ihm das Blut in die heuchleriſchen Wangen getrieben und das läſterlich lächerliche Wort in der Kehle erſtickt haben. Nachdem der Kanzler ſeine ſcheinheilige Rede geendet hatte, forderte ihn der König auf, die gegenwärtigen Herrn der Reihe nach 1 44½ 5 1.* 7 ) 0. IV, 182 heißt es: fut par aucuns conseillé au roy. Daß wir nicht im Jerthum ſind, wenn wir unter den aucuns die widerwilligen Räthe des Königs verſtehen, wird der Verfolg lehren. 29 um ihre Anſicht zu befragen, was nach dem dargelegten Sachverhalt am beſten zu thun ſei. Der Erzbiſchof ſchickte die Ermahnung voraus, daß jeder der Anweſenden ſeine Pflicht, dem Könige nach beſtem Wißen und Gewißen zu rathen, in Treuen erfülle: möge, und begann darauf die Stimmen zu ſammeln, indem er der hergebrachten Sitte gemäß, von den jüngern Mitgliedern ausgehend, bis zu den älteſten und bewährteſten fortſchritt. Die Meinungen waren getheilt, nur wenige riethen zur Gewalt oder zur Fortſetzung des Zuges nach Reims, die bei weitem überwiegende Mehrzahl hingegen erklärte ſich einhellig dahin: In Erwägung ſowohl der von dem Erzbiſchof angeführten Gründe, als inſonderheit des Umſtandes, daß hon die Stadt Auxerre, die doch weder ſo feſt noch ſo gut vertheidigt ſei, wie Troyes, dem Könige den Einzug geweigert habe, ſei es das Geeignetſte, wenn der König mit ſeinem Heere wieder an die Loire zurückkehre, weil ein längeres Verbleiben vor Troyes oder ein Weiterziehen nach Reims vorausſichtlich das völlige Verderben des ganzen Heeres zur Folge haben würdenn. So ſtand denn Johannas großes Werk, für das ſich Gott ſo ſichtbar mit Segen und Zeichen bekannt hatte, abermals auf dem Punkte, an dem Unglauben von Menſchen zu zerſcheitern, welche Augen nur zu haben ſchienen um nicht zu ſehen; aber Gott lenkte es anders, als die Selbſtſucht und Verzagtheit dachte. Als nämlich die Reihe der Abſtimmung an Robert Le Macon, Herrn von Tréves und weiland Reichskanzler, kam, da ſprach dieſer: Meiner Anſicht nach muß man Johanna herbeirufen, da ſie möglicher Weiſe einen dem König heilſamen Rath weiß. Der König hat den Feldzug unternommen nicht im Vertrauen auf ſeine große Heeres⸗ macht oder ſeine reichen Geldmittel, auch deshalb nicht, weil ihm derſelbe leicht ausführbar ſchien; vielmehr hat er die Heerfahrt einzig und allein auf Ermahnung der Jung⸗ frau beſchloßen, die ihm beſtändig zurief, er möge hinziehen zu ſeiner Krönung nach Reims, wenig Widerſtand werde er da finden, denn es ſei der Wille Gottes. Wenn Johanna nichts anderes vorbringt, als was bereits in dieſer Rathsſitzung geſagt iſt, dann ſtimme ich der allgemeinen Meinung bei, daß König und Heer dahin zurückgehen, woher ſie gekommen ſinds. Das war das rechte Wort zur rechten Zeit. Johanna ward herbeigerufen. achdem ſie ſich ehrfurchtsvoll vor dem König verneigt hatte, theilte ihr der Kanzler den Gegenſtand der Berathung mit und forderte ſie auf, dem Köͤnig ihre Anſicht darüber kund zu thun. Die Jungfrau wandte ſich darauf an den König mit der Frage, ob er ihren Worten glau⸗ ben würde. Karl erwiderte, wenn ſie etwas nützliches und vernünftiges vorbrächte, ſo wolle er ihr gern glauben. Zum zweitenmale fragte ſie, ob er ihr glauben würde. Eben der Glaube war ja das Ein und Alles, woran es dem König gebrach, weshalb er keine feſten Tritte thun konnte. Je nachdem Du reden wirſt, antwortete Karl bezeichnend genug.„Edler Dauphin hob darauf Johanna an, laßt Eure Krieger kommen und die Stadt Troyes belagern. Haltet nicht ferner ſo lange Rath, denn im Namen Gottes, bevor drei Tage vergehen, werde ich Euch in die Stadt Troyes hineinführen, ſei's durch Güte, ſei's durch Gewalt oder Tapfer⸗ keit, und das falſche Burgund wird in große Beſtürzung gerathen.“„Johanna, entgegnete der Erzbiſchof, wäre man gewis, die Stadt in ſechs Tagen zu haben, man wartete gern; aber iſt denn das wahr, was Ibr ſagt?“„Zweifelt nicht daran, ſprach die Jungfrau, den Blick auf den König gerichtet: Morgen werdet ihr Herr der Stadt ſein.“ Niemand wagte ferner eine ſolche Glaubensſicherheit mit Worten anzufechten. Und wer hätte wohl die Stirn gehabt, wer ſich die Blöße geben mögen, auf einen noch früheren Abmarſch zu dringen? Kurz man beſchloß abzuwarten, ob Johannas Verheißung ſich erfüllen würde““. Sofort beſtieg(8. Juli Nach⸗ mittags) Johanna ein Roſs, ſtellte ſich mit dem Banner in der Hand an des Heeres Spitze und führte daſſelbe in die Nähe der Stadtgräben. Darauf ſetzte ſie alle Krieger, wes Standes ſie ſein mochten, Ritter und Knappen nicht minder, als gemeine Soldaten und Werkleute in Thätigkeit. Während die einen Reisbündel zu Faſchinen herbeiſchleppen muſten, um damit die Gräben zu füllen, trugen die andern Balken, Thüren, Fenſter und Dachſparren zuſammen, ſo viele deren im Lager und in der Umgegend zu ſinden waren, um Sturmhütten und Schutz⸗ dächer daraus zu verfertigen. Auch wurden die wenigen Kanonen und Bombarden, welche ſich beim Heere befanden, zur Beſchießung der Stadt anfgeſtellt. Niemand weigerte ſich der Mühe, weil jeder ſich freute, auf dieſe Weiſe ſeines Hungers bald ledig zu ſein. Die ganze Nacht hindurch ward an dieſen Zurüſtungen zum Sturme gearbeitet und Johanna leitete die⸗ ſelben mit ſolcher Geſchicklichkeit und mit ſo unermüdlichem Eifer,„daß zwei pder drei der erfahrenſten und ausgezeichnetſten Kriegshelden es ihr nicht gleichzuthun vermocht hättense.“ Der Anblickeiner ſe außerordentlichen Rührigkeit und Kraftentwickelung reichte hin, den hochfahrenden Trotz der Stadtbewohner in kleinmüthige Verzagtheit umzuwandeln. Von Stund'an, wo Johanna die Maßregeln der Gewalt, wozu ſie dem König gerathen hatte, vorzubereiten begann, entſchwand den Bürgern, wie dieſe nachmals ſelbſt bekannt haben, aller Muth zum Kampfe. Das ver⸗ meßene Selbſtuertrauen, womit ſie noch jüngſt eidlich gelobt hatten, ihre Stadt bis auf den Tod zu vertheidigen, ſank zur peinlichſten Furcht herab, welche ſie zu Scharen in die Kirche trieb, nm bei Gottes Barmherzigkeit Rettung zu ſuchenst. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo der Biſchof, der Domdechant und die übrigen Geiſtlichen von Troyes, welche ſich ſeit Richards Rückkehr der Sache Frankreichs im Stillen zugeneigt hatten, ihren Einfluß auf das Volk gel⸗ tend machen konnten. Sie bedienten ſich dazu vorzugsweiſe des beredten Franziskanermönches Richardsz, welcher ſeit ſeiner Bezeguung mit Johanna durchaus für die Sache des Königs gewonnen war. Dieſem war es ein Leichtes, unter dem Eindruck des Schreckens die Geſinnung der Stadtbewohner zu Gunſten Karls VII. umzuſtimmen. Die Bedrängten beſannen ſich ſchnell darauf, daß nicht der Köuig von England, ſondern Karl VII. ihr rechtmäßiger Herr und Gebieter ſei; ſie gedachten des allverbreiteten Gerüchtes, daß Gott die Jungfrau geſandt habe, um Karl VII. auf deu Throu ſeiner Väter zu erheben, und ſtellten ſich lebhaft Johaunas wunderbare Thaten vor, wobei ihnen namentlich der Gedanke ſchwer auf die Seele fallen mochte, wie hart das Schwert derſelben die in ihrer Untreue beharvenden Franzoſen getroffen habe. Kurzohe noch ein Gewaltſchritt gegen Troyes geſchehen war, erfolgte eine ſo vollſtäudige Sinnesänderung der Bürger, daß es ſchien, wie die Chronik der Jungfrau ſich ausdrückt,„als weun ihnen Gott das Herz plöͤtzlich bewegt und einen guten Willen eiugegeben hätte.“ Als nun am Morgen des 9. Juli Johanna mit dem Siegesbanner in der Hand ihre kampfbereiten Truppen gegen die Mauern führte und unter dem Rufe: Zum Sturme! das Faſchinenwerk in die Gräben zu werfen befahl,*) da trat der Biſchof vor die angſterfüllte Bürgerſchaft und erbot ſich zum Vermittler einer gütlichen Vereinbarung mit dem König. Unterhandeln! ſo ſchallte es bald aus jedem Munde, ſogar die Krieger der Burgundiſchen Beſatzung ſollen dazu gerathen haben. Man beſchloß, auf der Stelle eine Geſandtſchaft au den König zu ſchicken und zu ermitteln, ob und unter welchen Bedingungen derſelbe zu einem friedlichen Uberein⸗ kommen geneigt ſei. Demzufolge begab ſich der Biſchof Johann Leguiſé, an der Spitze der Geiſtlichkeit und begleitet von einer Auswahl der angeſehenſten Bürger in's Lager des Königsss. Karl erklärte den Geſandten, er ſei nach dem Tode ſeines königlichen Vaters der einzige und alleinige Erbe Frankreichs; aus dieſem Grunde habe er ſeinen Zug nach Neims nnternommen, um ſich krönen zu laßen, ſowie in die andern Theile ſeines Reichs, um dieſelben ſeinem Scep⸗ ter zu unterwerfen; er wolle alles ohne Ausnahme vergeßen und vergeben, was vergangen ſei, und ſeine Unterthanen in Frieden und Freiheit regieren, gleichwie es einſt der heilige König Ludwig gethan habese. Mit dieſem tröſtlichen Beſcheid kehrten die Abgeordne⸗ ten nach Troyes zurück. Die Bürger faßten darauf in großer Verſammlung den Beſchluß, Karl VII. als ihrem rechtmäßigen Herrſcher anzuerkeunen und ihm vollſtändigen Gehorſam zu leiſten unter der Vorausſetzung, daß er ihnen unbeſchränkte Amneſtie gewähre und keine . Garniſon in der Stadt zurücklaße, daß er alle Verbrauchsſteuern mit Ausnahme der Salzſteuer *) Die Erzählung der Chronik der Jungfrau 9, 1V. 251:„Einige geringe Leute ſagten, ſie hätten um die Fahne der Jungfrau eine große Menge von weißen Schmertterlingen geſehen,“ findet ſich in keiner der andern Quellen und iſt vielleicht aus. 1, 103 entſtanden. 82 31 aufhebe und der Engliſch⸗Burgundiſchen Beſatzung die Erlanbnis gewähre, ſammt ihrer Habe frei und ungekränkt abzuziehen. Der König wan mit dieſen Bedingungen vollkommen zufrie⸗ den und ließ unverzüglich(4G. Juli) die Vertragsurkunde ausfertigen. Den Griſtlichen, welche das Friedenswerk ſo eifrig gefördert hatten, beſtätigte er ihre Pfründen, mochten ſis dieſelben ven ſeinem verſtorbenen Bater oder dem Engliſchen Königa erhalten haben, indem er ihnen letzterg durch nem, nnter ſeinem Ramen ausgeſtellte Urkunden verbriafte. Den Biſchof Joh. Leguifé und deſſen Familie belohnte er noch überdies durch Erhebung in den Adelſtandss. Freude herrſchte in Kroyes über den glücklichen Ausgang der Unterhandlungen. So feind⸗ felig ſich die Bürger bisher gegen ihren rechtmäßigen Herrn verhalton hatten, eben ſo entzückt waren ſie jetzt über ſeine außerordentliche Milde. Sie beklagten es, ihm ſo lange widerſtanden zu haben, und nannten in ihrer Begeiſterung Karl den beſcheidenſten, einſichtsvollſten und tapferſten Fürſten, der je aus Frankreichs edlem Herrſcherſtamme entſprungen ſei. Den ausgehungerten Kriegern des königlichen Hocres verabreichten ſie Speiſo und Trank nach Herzensluſt. Nur die Englifch⸗Burgundiſche Beſatzung war über den geſchloßenen Frieden höchſt misvergnügt. Dis Herrn von Rochefort und von Plancy ſowis die andern Ritter und Knappen, welche vermuthlich in dem Wahne geſtanden hatten, der König werde ſich mit einem Abkommen ähnlich dem von Auxerre begnügen, machten Miene, ihm die Thore zu verſchließen; allein die ganze Stadtgemeinde gab ihnen durch zahlreiche Veutreter ihren unabänderlichan Entſchluß kund, daß wenn ſie den Vevtrag, der im Intereſſe der öffentlichen Wohlfahrt gemacht worden, nicht auerkennen wollten, man auch gegen ihren Willen die Leute des Königs in die Stadt einlaßen würdoess. Erfüllt war ſanach, was die Jungſrau Tags zuvor ihrem Könige und ſeinem Kanzler im Rathe verausgeſagt hatte:„Morgen werdet Ihr Herr der Stadt ſein.“ In aller Frühe dos falgenden Tages(Sonntags des 10. Juli) räumte die feindliche Garniſon die Stadt. In der Eile, womit dis Verhandlungen gapflogen waren, hatte man vergeßen, über eine Anzahl Franzöſiſcher Gefangener, welche ſich in der Hand des Feindes befanden, eins Beſtimmung in den Vergleich aufzunehman. Die Burgunder und Engländer wollten nun anf Grund des Zugeſtändniſſes, das ihnen Hab und Gut mitzunehmen erlaubte, auch ihre Gefangenen mit ſich führen, um das Löſegeld nicht einzubüßen. Der Buchſtabe ſprach für ſie, und wahrſcheinlich würden ſie ihren Willen duchgeſetzt haben, wenn Johanna nicht geweſen wäre. Am Thore ſtehend, als die Beſatzung ausmarſchierte, rief ſie beim Anblick ihrer unglück⸗ lichen Landsleute:„Im Namen Gottes, ſie ſollen ſie nicht mit ſich nehmen!“ Ihr ganzes Weſen ſträubte ſich dagegen. Der König mußte ſich in's Mittel⸗ legen und die Gefangenen loskaufen, indem or fün jeden derſelben dem Boſitzer eine Mark Silber auszahlen ließss. Nunmehr betrat Johanna zuerſt die Stadt und ſtellte die Straßen entlang, von dem Thore an, durch welches der König einziehen ſollte, bis zu der Kathedrale die Bogenſchützen in Spalier auf. Nachdem allos in Trayes zum feſtlichen Empfang bereit war, begab ſich Jo⸗ hanna wieder zum König. Dieſer beſtieg ſein Pferd und erſchien gegen neun Uhr in glän⸗ zendem Aufzug in der Stadt. Neben ihm ritt Johanna, ihre Fahne tragend, das weitere Gefolge bildeten die Fürſten, die Marſchälle und Heerführer, alle in reichen Gewanden, auf ſtolzen Roſſen.“*) Der Zug bewegte ſich unter dem freudigen Zuruf der Menge in den Dom, wo ein feierliches Hochamt gehalten wurde. Nach dem Gottesdienſt empfing der König den üblichen Huldigungseid, gab der Stadt einen Amtmann in der Perſon ſeines Hausmeiſters Wilhelm Bellier ſowis mehrere Hauptleute und Offiziere und kehrte ſodann in's Lager zurückss. *) 0, 1, 102. 292: Interrogata qualem reverentiam sibi fegerunt eives Trecenses, in ingressu villae: respondit quod ipsi reverentiam sibi nom fecerunt. Diait ultra quod, prout ei videtur, frater Ricardus intravit cum ipsa et suis villam Trecensem; sed non vecordatur an viderit eum in ingressu.— Interrogata au ipse frater Ricardus fecerit sermonem, in adventn ipsius Johanuae apud villam praedictam: respondit quod non ibi diu stetit, nee jacuit in villa; et de ser- mone nihil scit.— 1 32 Hier wie in der Stadt ließer gleich darauf zu wiederholten Malen verkündigen, niemand, wes Stan⸗ des er auch ſein möge, ſolle bei Strafe des Stranges ſich unterſtehen, den Einwohnern von Troyes oder andern, die ſich unter ſeine Botmäßigkeit begeben hätten, irgend ein Leid anzu⸗ thunse. Die Armee blieb nach des Königs Befehl während dieſes Tages und der folgenden Nacht unter Ambroſius von Loré in ihrem Feldlager. Erſt am nächſten Morgen(des 11. Juli) hielt das ganze Heer in ſchönſter Ordnung einen Durchzug durch die Straßen von Troyes unter dem Schalle der Trompeten und dem Jubelruf des Volkesso. Wie ſehr die Stimmung des Volkes ſich zum Vortheil der Jungfrau geändert hatte, davon gibt unter andern der Umſtand Zeugnis, daß ein Bürger von Troyes ſie während ihrer kurzen Anweſenheit zur Taufpathin ſeines Kindes erkoré!.. Karl verweilte in Troyes nur bis zum Morgen des 12. Juli, wo er auf Bitten der Jungfrau, die ihn beſtändig zur Eile trieb, ſich mit dem ganzen Heere nach Chalons an der Marne in Marſch ſetztesé. Nunmehr ſollte ſich die tiefgreifende Wirkung offenbaren, welche Johannas thatkräftiges Vorgehen gegen Troyes weit und breit hervorgebracht hatte. Unter den Bewohnern vonChalons hatte urſprünglich eine durchaus feindſelige Stimmung gegen Karl VII. geherrſcht, wie in Troyes. Als die Bürger von Troyes ihnen des Königs Ankunft mit der Verſicherung meldeten, ſich auf's äußerſte vertheidigen zu wollen, ſchrieben jene unmittelbar darauf in hoffährtigem Tone nach Reims, ſie wären ebenfalls feſt entſchloßen, aus allen Kräften den Feinden Widerſtand zu thunss. Aber der Demüthigung von Troyes war auch die Ent⸗ muthigung in Chalons auf dem Fuße gefolgt, und Karl brauchte die Unterwerfung dieſer Stadt jetzt bloß zu verlangen, um ſie zuverläßig zu erhalten. Er ſandte ſeinen Herold Montjoie nach Chalons voraus und ließ die Einwohner auffordern, ſich auf ſeinen Empfang gefaßt zu machen und ihm vollen Gehorſam zu leiſten. Sogleich ſchickten ihm die Bürger mehrere Ab⸗ geordnete bis nach Buſſy⸗Lettréentgegen. Dieſe brachten erwünſchte Nachricht nach Chalons zurück, worauf die Bürgerſchaſt in großer Verſammlung einmüthig beſchloß, Karl VII. als rechtmä⸗ ßigen Landesherrn anzuerkennen und in ihre Mauern aufzunehmenss. Demgemäß ging dem König, als er Donnerſtag den 14. Juli vor der Stadt eintraf, der Biſchof mit einer großen Anzahl von Bürgern entgegen und überreichte ihm in aller Unterthänigkeit die Thorſchlüßel. Zur allgemeinen Freude zog Karl ſodann an der Spitze ſeiner Krieger in Chalons ein, wo er nicht minder gefeiert wurde, wie in Troyesss, und ſammt dem Heere Nachtlager fand.*) „Eine beſondere überraſchung ward der Jungfrau in Chalons zu Theil. Es hatten ſich nämlich daſelbſt vier ihrer Landsleute aus Domremy und Grenx eingefunden, welche das wunderbare Kind, das in ſtiller Unſcheinbarkeit in ihrem Dorfe aufgewachſen war, in dem Glanze ſeiner Siegesherrlichkeit zu ſchanen wünſchten. Welch ein Wiederſehen! Welche Unter⸗ haltung! Eine bedeutſame Antwort, welche Johanna dem Gerardin d'Epinal, wir wißen nicht auf welche Frage gab, hat dieſer der Geſchichte aufbewahrt:„Ich fürchte nichts als Verrathl“ Den alſo fürchtete ſie, und daß ſie ihn fürchtete, fürchtete ſogar in ihren ſchönſten Ruhmestagen, wer will es ihr verdenken, wenn er ſich der vielfachen Treuloſigkeiten erinnert, welche Johanna auf ihrer kurzen Laufbahn, ja ſo eben noch vor Troyes erfahren hatte, und dabei nicht vergißt, in wie hohem Grade ihr die Gabe der Geiſterprüfung verliehen war. *) In dem von dem Stadtſchreiber zu Metz, Johann von Erſche(d'Eche) unterzeichneten Briefe O. V, 353sd. vom 16. Juli, findet ſich folgende Stelle:„Auch haͤt er(Karl VII.) heren(Bouſſac), der ſin oeberſte capitanie iſt, für zwo ſtette uff Sant Margreten tag(13. Juli ⁵): diu eine heis⸗ ſet Sant Mancholt(Sainte-Menebould), die ander Bitry(Vitry); die ſint belegen, aber man meint, ſie gebent ſich uff. Der herczog von Angdy(Anjou), der grafe von Rechemont, der grave von Harecourt die ſollen uff durnſtag nach Sant Macgreten tag mit Konigin zu Renſe ſin, und ſint geczunt jn Epernay, das heit ſich diſer wochen des(dem) König ergeben. Für dieſe An⸗ gaben, welche wir der Vollſtändigkeit halber nicht übergehen, finden ſich anderwärts keine Belege. 33 Dem Johann Morel, einem ihrer Taufzengen, ſchenkte Johanna ein Kleidungsſtück von rother Farbe, welches ſie gerade trugss. Schon am folgenden Tage(Freitag d. 15. Juli) verließ der Koͤnig Chalons, nachdem er einen Hauptmann und mehrere Ofßtziere daſelbſt eingeſetzt hattes:, und betrat den Weg, der ihn an's Ziel ſeiner Heerfahrt, in die alte Krönungsſtadt Reims bringen ſolltess. Wer möchte glauben, daß nach den gemachten Erfahrungen der König in ſeiner Seele noch Raum gehabt hätte für irgend einen Zweifel? Und dennoch ging er nur mit zagendem Herzen, denn er fürchtete ſich vor dem möͤglichen Widerſtand der Stadt Reims, weil es ihm an Belagerungs⸗ geſchütz fehlte. Ermunternd ſprach die Jungfrau zu ihm:„Seid unbeſorgt, die Bürger von Reims werden Euch entgegenkommen und ſich ergeben, ehe Ihr noch vor ihre Stadt gelaugt ſeid. Gehet vuihis vorwärts und heget keinerlei Furcht, denn wollt Ihr mannhaft vorwärts gehen, ſo werdet Ihr Euer ganzes Reich wiedergewinnen“ 69. Um den Bürgern von Reims Zeit zur Überlegung zu laßen, machte Karl vier Stunden von Reims Halt in dem Orte Septſaulr und übernachtete daſelbſt in dem erzbiſchöflichen Schloßeo. Unter den Bürgern von Reims waltete keineswegs eine ſo feindliche Stimmung gegen Karl, wie in Troyes und Au⸗ rerre, vielmehr hatten dieſelben trotz der langen Fremdherrſchaft gröſtentheils eine echt Franzö⸗ ſiſche Geſinnung bewahrt. Schon zu Anfang des Feldzugs ſchrieb der Herzog von Burgund nach Reims, er habe Kunde erhalten, daß einige Bürger der Stadt dem Dauphin durch Briefe oder Boten die Verſicherung ertheilt hätten, daß wenn er in die Champagne einrücke, ihm die Thore von Reims geöffnet werden würden. Eine Beſtätigung dieſer Nachricht brachte der Mönch Richard nach Troyes, indem er auf ſein Prieſterwort und Gelübde bezeugte, er habe drei bis vier Leute, angeblich aus Reims, im Franeſiſchen Lager geſehen, welche dem Dauphin gleiche Verſprechungen gemacht hätten:!. Sich rückhaltslos für den König von Frankreich zu erklären, ſolange dieſer von der Stadt noch fern war, dazu hatten ſie freilich in ihrer eigen⸗ thümlichen Lage nicht Entſchloßenheit genug gehabt. Rings von Feinden umgeben, ſuchten ſie vielmehr klüglich den Schein ſtandhafter Anhänglichkeit an die Engliſch⸗Burgundiſche Sache zu wahren und theilten zu dem Ende den feindlichen Befehlshabern der Nachbarſtädte nicht bloß alles mit, was ſie uͤber den Marſch Karls VII. erfuhren, ſondern forderten dieſelben auch geradezu auf, jenem den Durchzug durch ihre Städte zu wehren:z. Beſonders blieben ſie mit Chalons und Troyes, an deren Schickſal ſie das ihre weſentlich geknüpft ſahen, in lebhaftem Verkehr und empfingen auf dieſe Weiſe die zuverläßigſten Berichte ſowohl über die jedesmalige Lage als über die Entſchlüße der Bewohner:s. So lange dieſe bei ihren Vorſätzen, ſich bis aufs Blut zu vertheidigen, beharrten und mit ungebrochenem Trotze alle Friedensanträge Karls VII. von ſich wieſen, mieden auch die Bürger von Reims ſo gut als möglich jeden Verdacht des Gegentheils. Zwar huteten ſie ſich mit weislichem Vorbedacht, dem Beiſpiele der Bürger von Troyes zu folgen und die Burgunder um Unterſtützung gegen die Franzoſen zu bitten*¹; aber ſie wagten auch nicht, einen Brief Karls VII., den ſie am 4. Juli aus Brinon⸗ LArcheveque erhielten, mit einer Silbe zu beantworten. Karl forderte ſie darin auf, ihn mit derſelben Treue und demſelben Gehorſam aufzunehmen, wie ſeine Vorfahren, indem er ihnen dagegen verſprach, ſie in allen Stücken als ſeine guten und getreuen Unterthanen zu behan⸗ deln, ohne der Vergangenheit irgendwie zu gedenken. Für den Fall, daß ſie ſich uͤber ſeine Abſichten noch beßer zu unterrichten wünſchten, empfahl er ihnen, einen oder mehrere Ver⸗ trauensmänner an ihn abzuſenden*s. So ſehr nun die Reimſer Bürger ſich bemühten, ihre wahren Geſinnungen zu verhüllen, ſo war doch die verſteckte Abſicht derſelben, dem Könige Karl ihre Thore zu öffnen, dem Commandanten der Stadt, Wilhelm von Chatillon, ſchon längſt kein Geheimnis geblieben¹6. Er hatte ſich deshalb noch ehe der König vor Troyes er⸗ ſchien nach Chateau-Thierry begeben und die Bürger von Reims ihren egedie Entſchließun⸗ gen überlaßen. Am 8. Juli ſandten letztere ihren Amtmann, Wilhelm odierne nach Cha⸗ teau⸗Thierry und luden ihn ein, nach Reims zu kommen, um ſich mit ihnen über die Ange⸗ legenheiten der Stadt zu berathen. Anſtatt ſelbſt der Einladung zu folgen, ſchte er durch 31 Peter von La Vigne ein Schreiben an die Bürgerſchaft, worin er mit aller Förmlichkeit drei Hauptpunkte feſtſtellte, von deren unbedingter Annahme und unverbrüchlicher Ausführung er ſeinen Entſchluß abhängig machte, Reims mit dem Schloße Porte⸗Mars auf Leben und Kod zu beſchützen?z. Ob und welche Antwort ihm die Bürger darauf ertheilten, iſt nicht bekannt. Nur ſoviel ſteht feſt, daß Wilhelm von Chatillon mit dem Herrn von Saveuſe und von L'Jle⸗ Adam nebſt einer ziemlichen Anzahl von Kriegern gerade zu der Zeit(9. oder 10. ſpäteſtens 11. Juli) vor Reims eintraf, als die ganze Stadt durch die Ubergabe von Troyes in heftiger Gährung war. Die Reiſigen hielten vor den Thoren, die Anführer traten in die Stadt und entboten ſofort die Bürger zu einer Verſammlung. Die Vertheidigung der Stadt war Gegen⸗ ſtand der Berathung. Die Burgundiſchen Herrn brachten darauf bezügliche Eröffnungen und Ermahnungen ihres Herzogs. Die Bürger hielten ihnen zwei Fragen entgegen: Ob ſie ſtark enug wären, die Stadt Reims zu ſchirmen, und wann der Herzog von Burgund eine Armee in's Feld ſtellen könne, welche dem Heere des Dauphin gewachſen ſei. Die Feldherrn erwider⸗ ten, ihre Kräfte allein reichten zwar zum Schutze der Stadt nicht aus, aber wenn die Bürger den guten Willen hätten, ſich zu halten und zur Wehr zu ſetzen, ſo würden ſie binnen fuͤnf bis ſechs Wochen Beiſtand vom Herzog erhalten, denn nach Ablauf dieſer Friſt werde das Burgundiſche Heer ſchlagfertig ſein. Nach ſolchen Verſprechungen aber ſtand den Bürgern nicht der Sinn. Harte Reden wurden von beiden Seiten gewechſelt, die Bürger verweigerten den Reiſigen den Einlaß in die Stadt, und die Burgundiſchen Befehlshaber muſten unverrich⸗ teter Sache mit ihren Leuten wieder nach Chateau⸗Thierry abziehen?s. Die Thatſache der Hul⸗ digung von Troyes war es, welche die Bewohner von Reims zu dieſem entſchiedenen Auftreten und zum Verlaßen ihrer bisherigen unwahren Haltung beſtimmte. Mochten ſich fortan die Anhänger der Engländer und Burgunder in den benachbarten Städten noch ſo große Mühe geben, die Reimſer Bürger auf Seiten der Herzöge zu erhaltens, all' ihr Reden und Schreiben blieb ohne Wirkung, und weder hätte es der brieflichen Ermahnungen des Erzbiſchofs Rein⸗ hold von Chartres bedurft(am 12. Juli von Troyes aus)s«, noch der dringenden Aufforderun⸗ gen der Schweſterſtädte Troyes(11. Juli) und Chalons(16. Juli), welche den Edelſinn und die Sanftmuth des Koͤnigs mit Begeiſterung ſchilderten, um die vaterländiſche Richtung der Reimſer Bürgerſchaft zu offener Bethätigung zu entflammens!. Die Ankunft Karls in Sept⸗ ſaulr, ſo nahe vor Reims, verſetzte alle Gemüther in die äußerſte Spannung. Eine Verſamm⸗ lung aller Bürger ward berufen und in derſelben mit Stimmeneinhelligkeit beſchloßen, Karl VII. als rechtmäßigen Herrn und Gebieter anzuerkennen. Darauf wurde aus den angeſehenſten Weltlichen und Geiſtlichen eine Seſendäſchaſ gewählt und dem König nach Septſaulr entge⸗ gengeſchickt, wie es die Jungfrau vorausgeſagt hatte. Die Geſandten händigten am Morgen des 16. Juli dem Könige die Schlüßel der Krenungaſtadt ein und verſprachen ihm im Namen der Bürger Gehorſam. Karl gab ihnen dafür vollſtändige Amneſtie.*) Noch an demſelben Morgen eilte Reinhold von Chartres, um die Anſtalten zum Empfang des Königs perſönlich zu treffen, in ſeine erzbiſchöfliche Reſidenz, die er ſeit ſeiner Ernennung zum Erzbiſchof nicht geſehen hatte undwahrſcheinlich nimmer betreten haben würde, wenn ſeine Ränke und Tücken gegen Jo⸗ *) Abweichend erzählt Pabſt Pius II., O. IV, 513 sa: Delphinus, jurbi propinquus, caduceatores misit, qui civitatem tradi jubeant coronationemque suam Remis annuncient. IIli primarios cives legant qui tempus consultandi petunt. Puella legatis nihil responderi jubet, nihil morandum in tempore, quod Deus statuisset; cuncta esse gerenda. Paret Delphinus virgini, retentisque legatis et praemissis ordinibus equitum, celeri cursu civitatem petit. Mira res et apud posteros fide caritura! nullus, vel in porta, vel in urbe reperitur armatus; togati cives extra moenia occurrunt. Delphinus sine conditionibus, sine pactis, absque ulla con- tradictione patentes portas ingreditur; nemo reclamat, nemo signum indignationis ostendit; divinum opus cuncti esse fatentur. 3. 35 hanna nicht zu Schanden geworden wärens?. Gegen Abend hielt auch der König in Beglei⸗ tung der Jungfrau mit ſeiner Ritterſchaft und dem ganzen Heere ſeinen feierlichen Einzug. Schon ſeit mehreren Tagen hatten ſich die Bewohner auf einen würdigen Empfang ihres Kö⸗ nigs bereitet. Der Erzbiſchof an der Spitze aller geiſtlichen Körperſchaften, die weltlichen Be⸗ hörden, die Bürgerſchaft und das Volk gingeu ihm in feſtlichem Aufzuge und unter dem an⸗ haltenden Freudenrufe Nosl entgegen. Groß war der Jubel und das Gedränge um den König, aber mehr noch als auf ihm hafteten die Blicke aller auf der Heldenjungfrau, der allein der König ſeine jetzige Herrlichkeit verdankte. Ahnlich wie in Orleans betrachtete man die Jungfrau in Reims als ein„himmliſches Weſen“, um mit den Worten des Pabſtes Pius II. zu reden. Noch bis zu den Zeiten der Franzöſiſchen Revolution ward in der Kathedrale von Reims eine alte Stickerei aufbewahrt, welche dieſen denkwürdigen Einzug Karls VII. und der Jungfrau im Bilde darſtellte. Erfüllt war Johannas Verheißung, womit ſie von Anfang des Feldzugs den König getröſtet hatte: Karl war, ohne ernſtlichen Widerſtand zu finden, ohne einen Tropfen Blutes zu vergießen, ſicher und ungefährdet mit den Seinen in der Krönungsſtadt angelangt, wo ihn ſofort der Eid der Treue geleiſtet wardss. Die Salbung und Kroͤnung wurde auf den folgenden Tag, Sonn⸗ und Feſtag der heiligen Maria Magdalena, feſtgeſetzt und beſtimmt, daß die Feier ganz nach dem alten Herkommen) vollzogen werden ſolles!. Am Abend und während der ganzen Nacht waren die königlichen Offiziere und Räthe mit den Anordnungen zu der Krönungsfeier beſchäftigt. Die alten Kroninſignien befanden ſich zu Saint⸗Denis in den Händen der Engländer, man muſte deshalb neue in der Stadt zu⸗ ſammenſuchen. Es fand ſich alles, was man bedurfte, ſelbſt eine Krone in dem Schatz der Reimſer Kathedrale, und alle Zurüſtungen wurden mit einer Vollkommenheit getroffen, als wäre die Feier ein Jahr voraus anberaumt wordenss. Früh am Morgen des Krönungstages(17. Juli 1429)86 kam Herr Robert von Sarre⸗ bruck, Edelknappe von Commercy mit einem Gefolge von Kriegern nach Reims,**) um dem König ſeine Dienſie zu bieten an deſſen Ehrentages?. Johanna benutzte eine Fruͤhſtunde vor Beginn des Feſtes, um in einem zweiten Vricfe den Herzog von Burgund zur Ausſöhnung mit Karl VII. zu ermahnen. Das Original dieſes uß Pergament geſchriebenen Briefes wird bis auf den heutigen Tag in demArchiv vondille aufbewahrt und lautet woͤrtlich folgendermaßen: + Jhesus Maria „Hoher und gefürchteter Fürſt, Herzog von Burgund, Johanna die Jungfrau entbietet *) Nach dem alten Brauche wurde am Tage vor der Krönung ein Gerüſte in der Kathedrale auf⸗ elchlagen. Dieſes Gerüſt beſtieg der König am Vorabend der Krönungsfeier mit den Pairs des eiches, welche ihn dem verſammelten Volke zeigten und dabei die herkömmlichen Worte ſprachen:„Sehet da Euren König, den wir Pairs von Frankreich krönen zum König und zum oberſten Herrn. Sofern jemand Einſpruch dagegen erheben will, ſind wir hier, um ihm ſein Recht angedeihen zu laßen. Und an dem morgenden Tage wird er geweiht werden durch die Gnade des heiligen Geiſtes, wenn Ihr dagegen keine Einſprache erhoben habt.⸗ Ob dieſe Förm⸗ lichkeit auch bei Karl VII. angewandt worden iſt, wißen wir nicht, da keine der Quellen derſel⸗ ben Erwähnung thut.— **) Mit ihm laßen andere Chroniken, ſ. d. Anm. 87, den Herzog René von Bar, Schwiegerſohn des Herzogs von Lothringen und Bruder des Königs von Sicilien, in Reims eintreffen. Nach Perceval von Cagny, 0. 1V, 23, hat ſich derſelbe in Provins, nach 0. 1V, 47, erſt in Saint⸗ Denis beim Könige eingefunden. Desjardins I. I. p. 306: 1autorité de Perceval de Cagny nous paratt la plus considérable; elle est d'ailleurs confirmée par les détails du sacre. Com- ment admettre que le dnc de Lorraine et de Bar n'eüt pas même té nommé dans le récit de cette imposante solennité s'il eüt été présent lorsqu'elle fut célébréek 5- 36 Euch durch den König des Himmels, meinen rechtmäßigen und oberſten Herrn, daß der Koͤnig von Frankreich und Ihr einen guten, feſten Frieden machen ſollt, der lange daure. Verzeihet einer dem andern von Grund des Herzens, wie es guten Chriſten geziemet, und wenn Euer Sinn nach Krieg ſteht, wohlan ſo ziehet gegen die Sarazenen. Fürſtvon Bur⸗ gund, ich bitte Euch, ich flehe und erſuche ſo demüthig, als ich Euch um etwas erſuchen kann, daß Ihr nicht ferner wider Frankreich, das heilige Königsland, im Streite ſtehet, ſondern heißet Eure Leute zur Stelle und unverzüglich aus den Städten und Burgen des beſagten heiligen Reiches heimkehren. Was den edlen König von Frankreich betrifft, ſo iſt er zum Frieden mit Euch bereit, unbeſchadet ſeiner Ehre, ſo daß es nur an Euch liegt. Und ich thue Euch kund durch den König des Himmels, meinen rechtmäßigen und oberſten Herrn, zu Eurem Beſten und um Eurer Ehre und Eures Lebens willen, daß Ihr gegen die getreuen Franzoſen keine Schlacht gewinnen werdet, und daß alle, die da Krieg führen wider das benannte heilige Königreich Frankreich, Krieg führen wider den König Jeſus, den König des Himmels und der ganzen Welt, meinen rechtmäßigen und oberſten Herrn. Darum erſuche ich und flehe Euch an mit gefalteten Händen, daß Ihr keine Schlacht wider uns thuet, und keinen Krieg wider uns führet, Ihr, Eure Dienſtleute und Unterthanen. Und glaubet gewislich, wie groß auch die Zahl Eurer Dienſtmannen ſei, die Ihr wider uns führet, ſie werden nichts ausrichten, und es wird ein großer Jammer ſein um die große Schlacht und das Blut, das von denen vergoßen wird, die wider uns ausziehen. Drei ochen ſind es, ſeit ich Euch ein Schreiben geſandt und gute Botſchaft durch meinen Herold, damit Ihr bei des Königs heiliger Salbung zugegen wäret, die heute, Sonntag den 17. Tag des gegenwärtigen Monats Julius in der Stadt zu Reims vor ſich geht, ich habe aber keine Antwort darauf erhalten, und auch keine Kunde von beſagtem Herold vernommen. Ich empfehle Euch Gott, möge er über Euch wachen, wenn es ihm gefällt, und bitte Gott, er wolle uns guten Frieden verleihen. Geſchrieben in dem beſagten Orte Reims, an dem 17. Tage des Juliusss.“ Um neun Uhr Vormittags begann die Krönungsfeiers«. Uraltem Brauche zufolge wurde dieſelbe damit eingeleitet, daß der Koͤnig vier Großwürdenträger des Reiches in die Abtei des heiligen Remigius ſandte, um das geweihte Gefäß mit dem heiligen Salböl(la Sainte-Am- poule) abzuholen, welches nach dem Glauben des Franzöſiſchen Volkes eine weiße Taube vom Himmel zur Taufe Chlodwigs Peracht hatte.“) Zu dieſem ehrenvollen Amte wurden von Karl VII. die Marſchälle von Sainte Sévere und von Rais, der Admiral von Culan und der Großmeiſter der Armbruſtſchützen Johann Malet Herr von Graville auserſehen. Zu Pferd, in voller Rüſtung und ihre Banner tragend, begabenſie ſich unter glänzender Bedeckung in die Kirche des heiligen Remigius. Nachdem ſie daſelbſt mit den herkömmlichen Eiden gelobt hatten, die heilige Ampulla ſicher geleiten und zurückführen zu wollen, nahm der Abt, mit einem oberprieſterlichen Prachtgewande angethan und mit einem reichen Grachun der überhan⸗ gen, das geweihte Gefäß, ging mit ſeinen Moͤnchen aus der Abtei und trug das Kleinod, in ehrfurchtsvoller Haltung unter einem koſtbaren Baldachin einherſchreitend, bis vor die Kirche des heiligen Dionyſius, wo er nach altväterlicher Gewohnheit ſtillſtand. Mittlerweile hatte der Erzbiſchof, mit allen Abzeichen ſeiner Würde bekleidet und von den Domherrn umgeben, die Kathedrale verlaßen und war dem Abt bis vor die Dionyſiuskirche entgegengegangen. *) o. IV, 513(Pabſt Pius): Opinantur Galli candidam olim columbam e coelo missam beato Remigio, ejus urbis antistiti, liquorem olei attulisse quo reges inungerentur; idque summa religione custodiunt neque imminui putant, quamvis a Clodoveo usque in haec tempora permulti reges illo sintusi; negantque verum esse regem qui hoc oleo non sit delibutus. Ob eam causam quum de transportando liquore saepius Anglici consuluissent, divina volun- tate praepeditum propositum arbitrantur. 479. 527. III, 464. 32 Hier empfing der Erzbiſchof das heilige Geräth mit dem Kroͤnungsöl aus des Abtes Händen und brachte es in die Liebfrauenkathedrale, wo er es auf dem Hochaltare niederſetzte. Die vier Großwürdenträger ritten beſtändig an ſeiner Seite bis in die Kirche hinein und ſtiegen erſt am Eingange des Chors von ihren Roſſen, um der Krönungsweihe beizuwohnen²o. Un⸗ terdeſſen hatten ſich die in Reims anweſenden Prelaten, Furſten, Ritter und Herrn, welche theils den Feldzug mitgemacht hatten, theils von nah und fern herbeigeſtrömt waren, in dem Dome verſammelt und in der Nähe des Altars die für ſie beſtimmten Sitze eingenommen. Dicht neben dem Altare nahm Johanna Platz, ihre Fahne in der Hand haltend,„die, weil ſie in der Mühſal geweſen, auch die Ehre zu theilen verdiente.“*) In der That war es die Jung⸗ frau allein, die durch ihren gottbegeiſterten Heldenmuth Frankreichs Schickſal gewendet und den am Rande des Verderbens Loantenden Koͤnig zu dieſer erhabenen Feier geführt hatte. Auf ihr ruhten deshalb vorzugsweiſe die Blicke des Volkes, welches in unzählbarer Menge die un⸗ geheueren Räume der Kirche füllteen.— Die Hauptfeier ward damit eingeleitet, daß der Wappenkönig von Frankreich ſich vor den Hochaltar ſtellte und die alten weltlichen Pairs: die Herzöge von Burgund, von der Normandie und von Aanitanien, die Grafen von Flan⸗ dern, Toulouſe und Champagne bei ihren Namen aufrief. Als dieſelben nicht erſchienen, traten als Stellvertreter: der Herzog von Alençon, die Grafen von Clermont und von Vendome, die Herrn von La Trémouille, von Laval und von Albret hervor, ſämmtlich in königlichem Kleiderſchmuck. Der Herzog von Alencon verſah an Stelle des Herzogs von Burgund den Dienſt des erſten Pairs von Frankreich, der Herr von Albret hielt das Reichsſchwert. Von geiſtlichen Pairs waren nur der Erzbiſchof von Reims und der Biſchof von Chalons gegen⸗ wärtig, die abweſenden wurden durch die Biſchöfe von Orleans, Séez und zwei andere Pre⸗ laten erſetzte. Nunmehr erſchien der König in einer der Herrlichkeit des Tages entſprechenden Tracht und kniete vor den Stufen des Hochaltars nieder. Der Erzbiſchof von Reims trat vor ihn an der Spitze der Geiſtlichkeit und ſprach der hergebrachten Sitte gemäßes:„Wir fordern Dich auf, zu geloben, daß Du uns und den uns anvertrauten Kirchen ihr kanoniſches Vorrecht, das ſchuldige Recht und Gerechtigkeit bewahren wolleſt und uns ſchirmen und ver⸗ theidigen, wie es die Pflicht eines Königs in ſeinem Reiche gegen jeden Biſchof und die ihm an⸗ vertraute Kirche erheiſchet.’ Der König erwiderte hierauf die vorgeſchriebenen Worte:„Im Begriffe, durch Gottes Gnade zu einem Könige von Frankreich geſetzt zu werden, gelobe ich an dem Tage meiner Weihe vor Gott und ſeinen Heiligen, daß ich das kanoniſche Vorrecht, Recht und Gerechtigkeit gegen einen jeden von Euch Prelaten bewahren werde und Euch beſchir⸗ men nach meiner Macht, mit Gottes Hülfe, wie von Rechtes wegen ein König in ſeinem Reiche jeden Biſchof und die ihm anvertraute Kirche ſchirmen ſoll’“ Und weiter:„Ich verſpreche in Jeſu Chriſti Namen dem mir untergebenen chriſtlichen Volke folgende Dinge: Erſtens, daß ich alles chriſtliche Volk der Kirche bewahren werde und alle Zeit den wahren Frieden nach Eurem Rath. Desgleichen, daß ich es ſchützen werde vor allem Raube und vor Ungerechtigkeit jeder Art. Desgleichen, daß ich bei ailen Urtheilen Billigteit und Barmherzigkeit empfehlen werde, damit der milde und barmherzige Gott mir und Ench ſeine Barmherzigkeit gewähre. Desgleichen, daß ich in rechter Treue mich nach meinem Vermögen beſtreben will, alle von der Kirche erklärten Irrgläubigen aus meinem Lande und meiner Gerichtsbarkeit zu verbannen. Alle dieſe Dinge gelobe ich eidlich.“ Nachdem der König auf dieſe Weiſe das ordnungsmäßige *) So Johanna 0. I. 104. 301. 187. 304. Die Richter legen der Jungfrau das Tragen der Fahne in der Kirche als Hochmuth aus(I, 300) und deuten mit der Frage(1, 187. 304), ob man bei der Krönung die Fahne dem König um das Haupt geſchwungen habe, auf eine abergläubiſche Verehrung derſelben hin.— Der Mönch Richard, welcher ſeit der Uübergabe von Troyes dem königlichen Heere folgte, war ebenfalls bei der Krönungsfeier gegenwärtig; daß er die Fahne gehalten habe, davon weiß Johanna nichts(I, 104. 301). 1 12 1. / S Gelobnis ſeiner Pflichten vor Gott abgelegt hatte, wurde er vom Herzog von Alencon zum Ritter geſchlagen, denn die Ritterwürde ſtand zu jener Zeit noch in ſo hoher Geltung, daß ſie einem Könige nicht fehlen durfte?4. Unmittelbar darauf ertheilte der Erzbiſchof unter dem Beiſtand der höchſten Prelaten Karl VII. die Salbung mit dem heiligen Ole, welche das natürliche Recht des Fürſten in der Idee des chriſtlichen Volkes zur Würde des göttlichen Rechtes verklärte, und ſetzte ihm ſodann die Krone auf's Haupt. Dabei befolgte er alle die Ge⸗ bräuiche, ſprach die Gebete, Segnungen und Ermahnungen gerade ſo, wie ſie die Kirchenordnung für dieſen Fall vorzeichnete.*) Es war ein herzerhebendes Schauſpiel, alle geiſtlichen und welt⸗ lichen Großen umſtanden ihren König, und dicht an ſeiner Seite hielt ſich während der ganzen Handlung die Jungfrau, die Fahne des Erlöſers in der Hand. Bei der Salbung ſowohl wie bei der Krönung rief das Volk ſein tauſendſtimmiges Noel und beidemal ſchmetterten die Trom⸗ peten dermaßen in das Jubelgeſchrei hinein,„daß es ſchien, als müſten die Gewölbe der Kathedrale ber⸗ ſtend ſich ſpaltenos“. Als nun eben damit der Höhepunkt der Feier vorüber war, warf ſich die Jungfrau in Gegenwart aller vor dem König nieder und ſprach, deſſen Kniee umfaßend und ihm den Fußküſſend, unter heißen Thränen:„Edler König, nunmehr iſt das Wohlgefallen Got⸗ tes vollbracht, der da wollte, daß ich die Belagerung Orleans aufheben und Euch in dieſe Stadt Reims führen ſollte, um Eure heilige Weihe zu empfangen, damit offenbar würde, daß Ihr der wahre König ſeid und derjenige, dem die Krone Frankreichs von rechtswegen gebührt.“ Jeder, der die Jungfrau ſo knieen ſah und ihre Worte hörte, ward in tiefſter Seele bewegt, wer aber vermochte zu ermeßen, was in dieſem Augenblick in ihrem Herzen vorging!„Es war der Höhepunkt ihres Lebens.“ Der zweite und nach Johaunas Idee wichtigſte Theil ihres Berufes war vollbrachtss.. Die erſten Handlungen des neugekrönten Königs, bevor er die Kirche verließ, waren die Erhebung der Herrn von Sulch und von Laval in den Grafenſtand und die Ernennung des Herrn von Rais zum Marſchall, die Ertheilung des Ritterſchlags an drei Edelleute, zu denen der Herr von Commercy gehörte. Auch der Herzog von Alencon, der Graf von Clermont und die übrigen Pairs ſchlugen viele Edelknappen zu Ritterno:. Nachdem zuletzt nochtHandſchuhe an alle Ritter und Edelleute ausgetheilt waren, welche der Feſtlichkeit beigewohnt hatten?s, wurde die kirchliche Krönungsfeier damit geſchloßen, daß das heilige Gefäß mit dem Salböl wieder ebenſo in die Abtei getragen und begleitet wurde, wie es in die Liebfrauenkathedrale gebracht worden war. Es war zwei Uhr nach Mittag geworden?. Im erzbiſchöflichen Palaſte wurde das Krönungsmahl gehalten, zu dem alle Prelaten und Herrn eingeladen waren. Die Pairs, mit Ausnahme des Erzbiſchofs, bedienten den König an der Tafel1oo. Auch das Volk beluſtigte ſich an Spielen und Gelagen. Die Nachricht von der Krönung Karls VII. in Reims kam ſchon zwei Tage ſpäter, am 19. Juli nach Parisot. Eine ganz beſoudere Freude war der Jungfrau in Reims beſchieden. Ihr Vater, der alte Jakob d'Are, und ihr Oheim, Durand Laxart, waren von Domremy nach Reims gereiſt. Da nun auch ihre beiden Brüder Peter und Johann mit dem Heere gezogen waren, ſo fühlte ſich Johauna auf kurze Zeit gleichſam in den Schoß der ländlichen Familie verſetzt, in der ſie Gott hatie geboren werden laßen 162. Die Landleute waren gekommen, um die Jungfrau in ihrer Herrlichkeit zu ſehen, ſie fanden in ihr das demüthige Mädchen wieder, deſſen Freude von Kindheit an das Dienen geweſen war. Wie alle, die ihre Thaten bewunderten, ſo werden *) Wir ſind den Quellen treu gefolgt. Le Brun de Charm., welcher die Krönung vor die Salbung ſetzt, ſchreibt II, 316 sq. über die erſtere nach Villaret: Aussitôt le serment du roi prononcé, deux pairs ecclésiastiques, toujours conformément an cérémoniel, soulevérent le siége sur lequel le prince était assis, tandis que les autres pairs soutenaient la couronne royale au-dessus de sa téte; et ils le montrerent à& l'assemblée, représentant le penple, comme pour lui demander son consentement. 8 4 1 39 auch Vater und Oheim zu Gottes Ehre von ihr gehört haben:„Was ich gethan, war nur ein Dienſt“ 1⁰3. Übrigens weiß die Geſchichte nichts von den Herzensergießungen und Geſprächen, welche im trauten Kreiſe dieſer ſeltenen Menſchen ſtattgefunden haben, ſie überläßt es demt Herzen eines jeden, dieſelben zu ahnen. Unſtreitig hat ſich der König mit Johannas Vater und Oheim perſönlich unterhalten, wenigſtens verſichert der letztere, er habe dem Koͤnig in Reims Johannas Lebenslauf ſeit dem Abſchied aus dem Elternhauſe bis zur Reiſe nach Chinon erzählt. Karl zeigte ſich dem Vater ſeiner Retterin dadurch dankbar, daß er ihm 60 Livres durch die Tochter zuſtellen ließ. Die Stadt Reims bewies dem Vater des Helden⸗ kindes beſondere Aufmerkſamkeit. Sie trug die Koſten ſeiner Bewirtung im Gaſthaus„zum geſtreiften Eſel“ und ſcheukte ihm überdies ein Pferd für die Rückreiſe. Da dieſe erſt nach dem 5. September erfolgte, ſo hat Jacob d'Are ohne Zweifel die Verheißung, wo nicht gar die Urkunde des königlichen Gnadengeſchenkes in die Heimath mitgebracht, welches die Inſaßen von Domremy und Greux für alle Zeit von jeder Steuer befreite.*) Der Köni⸗ ſagt in dieſem Steuererlaß, der in Chateau-Thierry am 31. Juli 1429 ansgeſertigt worden iſt: 3 Gunſten und auf Erſuchen anſerer ſehr geliebten Johanna, der Jungfrau ꝛc. Wir fügen mit Haſe hinzu: „Das iſt das Einzige geweſen, was s ohannas großes Herz für ſich begehrt hat1 4.“ Nicht lange genoß ſie die Freude der Wiedervereinigung mit ihrem Vater und Oheim. Donnerſtag(den 21. Juli) brach der König mit der Armee von Reims auf, nachdem er den Neffen des Erz⸗ biſchofs, Anton von Hellande, als Befehlshaber darin zurückgelaßen hatte, und begab ſich nach der ſechs Stunden entfernten Priorei Corbeny, wo der heilige Marculf(Marcoul, Marcon) begraben liegt. Nach uralter Sitte wallfahrteten die Franzöſiſchen Könige an dem Tage nach der Krönung nach der Grabſtätte dieſes heiligen Einſiedlers, der aus dem Königshauſe Frank⸗ reichs entſproßen, durch ſeine chriſtliche Frömmigkeit den Franzöſiſchen Herrſchern die göttliche Gnade erworben haben ſoll, die Kröpfe(écrouelles) durch Berührung mit der Hand und Herſagen geheimer Worte zu heilen. Somit machte dieſe Wallfahrt gleichſam den Beſchluß der ganzen Krönungsfeierlichkeitos. ») Haſe 0. 37:»„Die Nachfolger Karls VII. haben dies gelten laßen, in den Steuerbüchern iſt das Blatt bei Domremy leer gelaßen, an der Stelle der Zahlung ſteht die Jungfrau,“ bis die Revolution auch dieſem Vorrecht und Gedächtniß ein Ende machte.“ Ausführlicher bei C. V, 137. Schulnachrichten. I. Lehrverfaſſung. A. Nleberſicht über die von Oſtern 1859 bis dahin 1860 behandelten ſprachlichen und miſſen⸗ ſchaftlichen Unterrichtsgegenſtändt. Classis Prima. G Wöchentlich 32 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Feußner. 1. Griechiſche Sprache: 6 St. w. Im Sommer: a) Homer II. Libr. VI, VII, VIII, 2 St. w.; Dr. Feußner; b) Thucydides de B. P. I, 65, 3 St. w.; c) Griech. Exercit. und Grammat. nach Kühner,§. 238— 261, 1 St. w.: Dr. Eyſell. Im Winter: a) Homer. II. Libr. IX, X, XI, 2 St. w.: Dr. Feußner; b) Plato's Crito und Lysis, 3 St. w.; c) Griech. Exercit. und Grammatik nach Kühner,§. 32 b bis Ende, 1 St. w.: Dr. Eyſell.. 2. Lateiniſche Sprache: 8 St. w. Im Sommer: a) Horat. Od. Libr. III und IV, mit Auswahl, 2 St. w.; b) Cicero de Orat. Libr. II, 30— 60; hernach Tacit. Histor. II, 30— 58, 4 St. w.; c) Freie lateiniſche Aufſäͤtze, 1 St. w.; 9 Lateiniſche Erxereit, 1 St w.: Director Dr. Schiek. 8 Im Winter: a) Horat. Ep. Libr. I und II, 2 S St. w.; b) eeee de Orat. Libr. II, 71— III, 27; hernach Tacit. Histor. II, 1— 40, 4 St. d.; c) freie lat. Aufſätze; d) lat. Exercit, nach Dictaten, 1 St. w.: Director Dr. Schiek. 6 42 3. Deutſche Sprache: 4 St. w. Im Sommer: a) Altdeutſche Grammatik und Lectüre nach Vilmar, 2 St. w.; b) Erklärung von Göthes Taſſo, 1 St. w.; c) Deutſche Aufſätze, theils Chrien, theils⸗Abhandlungen und Dispoſitionen, 1 St. w.: Dr. Feußner. Im Winter: Kurze Wiederholung der altdeutſchen Formenlehre nach Vilmar; Leſung der entſprechenden Leſeſtücke in deſſen Grammatik, dann Leſung des Nibelungenliedes, 2 St. w.; b) Erklärung von Leſſing's Nathan d. W. bis 3. Aufz., 1 St. w.; c) dentſche Aufſätze, ſowohl Dispoſitionen als Reden, 1 St. w.: Dr. Feußner. 4. Franzöſiſche Sprache: 2 St. w. Im Sommer: theils Grammat. nach Müller §. 372— 414, theils Lectüre De lAllemagne p. M-*. de Staël, S. 1— 28, nebſt ſchriftlichen Exercitien: Dr. Suchier. Im Winter: Grammat. nach Müller,§. 414 w.; Exercit. nach Knebel und Fortſetzung der Lectüre: De l'Allemagne p. M“e. de Staël S, 30— 70: Dr. Suchier. 5. Hebräiſche Sprache: 2 St. w. Im Sommer: theils Grammat. nach Geſenius §. 30— 79; theils Lectüre Geſen. II, 4 und III 24 und Pſalm VIII: B. L. Dr. Braun. Im Winter: Repetit. der Grammat. von Geſenius von§. 1— 79, dann Fortſetzung§. 79— 106. Daneben Lectüre der Pſalmen 19, 29, 72, 104, 128, 137, 139: B. L. Dr. Braun. 6. Religionslehre: 2 St. w. Im Sommer: Symbolik, mit Zugrundlegung der Augsb. Confeſſ., nach Petri's Lehrbuch: Pf. Meurer. Im Winter: Geſchichte des Gottesreiches im A. T.: Pfarrer Meurer. 7. Geſchichte: 3 St. w. Im Sommer: Geſchichte der älteſten Völker, dann der Grie⸗ chen bis zum Tode Alex. M.: Dr. Stacke. Im Winter: Römiſche Geſchichte von Anfang bis zu Ende: Dr. Stacke. 8. Phyſik: 2 St. w. Im Sommer: Akuſtik und Optik: Dr. Hartmann. Im Winter: Lehre von der Wärme, dem Magnetismus und der Electricität: Dr. Hartmann. 9. Mathematik: 4 St. w. Im Sommer: Allgemeine Arithmetik, 2 Th., 2 St. w., und Stereometrie, 2 St. w.: Dr. Hartmann. Im Winter: a) Mathemathiſche Geographie, 2 St. w.; b) Algebra, 1 St. w.; c) Pla⸗ nimetriſche und trigonometriſche Aufgaben, 1 St. w.: Dr. Hartmann. 1 Classis Serunda. Woͤchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Eyſell. 1. Griechiſche Sprache: 6 St. w. Im Sommer: a) Homer. Jl. Libr. V, 470 bis VII, 2 St. w.: Pfarrer Meurer; d) Herodot. Libr. I 1, dann 23— 56, 2 St. w.; c) Griech. Grammat. nach Kühner, 8. 267— 278 und riſuich Exercitien nach Franke, 2 St. w.: Dr. Feußner. 43 Im Winter: Homevr. II. Libr. VII— IX, 2 St. w.: Pfarrer Meurer; b) Herodot I, 56— 86, 2 St. w.; c) Grammat. nach Kühner§. 275— 286, und daneben griech. Exercit. nach Franke, 2 St. w.: Dr. Feußner. 2. Lateiniſche Sprache: 9 St. w. Im Sommer: Virgil. Acn. Libr. VII, 3 St. w. und lateiniſche Extemporal., 1 St. w.: Direktor Dr. Schiek; b) Sallust de conju- rat. Catil., 3 St. w.; c) Grammat. nach Zumpt§. 672— 712 und ſchriftliche Exercit. nach Seyffert, 2 St. w.: Dr. Eyſell. Im Winter: a) Virgil. Aen. Libr. I, 3 St. w.; b) lat. Extemporal., 1 St. w.: Direktor Dr. Schiek; c) Cicer. Orat. pro Milone, 3 St. w.; d) Grammat. nach Zumpt §. 713 bis Ende, nebſt lat. Exercit. nach Seyffert: Dr. Eyſell. 3. Deutſche Sprache: 3 St. w. Im Sommer: theils Erklärung lyriſcher Gedichte und metriſche Ubungen, theils deutſche Aufſätze: Dr. Eyſell. Im Winter: Erklärung von Schiller's Jungfrau von Orleans, nebſt deutſchen Aufſätzen 3 St. w.: Dr. Eyſell,. 4. Franzöſiſche Sprache: 2 St. w. Im Sommer: Grammat. nach Müller §. 36— 68, nebſt ſchriftlichen Exercitien und Lectüre: Graziella par Lamartine p. 1— 22: Dr. Suchier. Im Winter: Fortſ. der Grammat. nach Müller§. 68— 151, und Exercit.; daneben Lectüre: Graziella par Lamartine p. 22— 51: Dr. Suchier. 5. Religionslehre: 2 St. w. Im Sommer: Lectüre des Evang. Joh. im Urtext, Cap. I— XIII: Pfarrer Meurer. Im Winter: Fortſetz. der Lectüre des Evangel. Joh. im Urtext, Cap. XIII bis Ende, Joh. Briefe, und die erſten 12 Cap. der Apoſtelgeſch.: Pfarrer Meurer. 6. Geſchichte: 2 St. w. Im Sommer: Neuere Geſchichte bis zum weſtphäliſchen Frieden: Dr. Stacke. Im Winter: Neuere Geſchichte vom weſtphäliſchen Frieden bis 1789: Dr. Stacke. 7. Geographie: 2 St. w. Im Sommer: Amerika und Auſtralien, nach Ritter: B. L. Berkenbuſch. Im Winter: Aſien und Afrika: B. L. Berkenbuſch. 8) Naturgeſchichte: 1 St. w. Das Wichtigſte über den Bau der Erde: B. L. Ber⸗ kenbuſch. 9. Mathematik: 4 St. w. Im Sommer: a) Arithmetik. Buchſtabenrechnung, Th. II, 2 St. w.: Dr. Hartmann; b) Geometrie, 2 St. w.; Planimetrie I. Th.: G. L. Kutſch. Im Winter: Arithmet., Algebra, 2 St. w.: Dr. Hartmann; b) Geometr., Abhuur trie, II. Th., mit uͤbungen im lhſätindigen Löſen von geometriſchen Auſgaben, 2 St. w.: G.*. Kutſch. 6* 41 Classis Tertia. A. Gymnasialis. Wöchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Pfarrer Meurer. 1. Griechiſche Sprache: 6 St. w. Im Sommer: a) Grammat. und Cxercit. nach Kühners Elementargr.,§. 1— 82, 2. St. w.; b) Lucians Dialogi Mort. I— VI, 2 St. w.: Pfarrer Meurer; Homer. Odyss. Libr. XvIII, 50— 250, 2 St. w.: Dr. Stacke. Im Winter: a) Grammat. und Cxercit. nach Kühner,§. 82— 127, 2 St. w.; Lucian. Dialog. Mort. VI— NX; hernach Gallus, 2 St. w.: Pfarrer Meurer; c) llomer. Odyss. XVIII, 250— XIX, 163, 2 St. w.: Dr. Stacke. 2. Lateiniſche Sprache: 8 St. w. Im Sommer: a) Ovid. Metamorphos. I, 1 bis 258, 2 St. w.: Pfarrer Meurer; b) Caes. de B. G. Libr. III, 2 St. w.; c) Gram⸗ mat. nach Zumpt§. 362— 430, nebſt ſchriftl. Exercit., 3 St. w.: Dr. Feußner. Im Winter: 5) Ovid. Metamorph. I, 258— II, 325, mit Auswahl, 2 St. w. Pfarrer Meurer; b) Caes. de B. G. Libr. IV, 1— 30, 3, St. w.; c) Grammat. nach Zumpt, §. 430— 493, nebſt ſchriftl. Exercit., 3 St. w.: Dr. Feußner. 3. Deutſche Sprache: 2 St. w. Im Sommer: theils Lectüre nach Bach, mittlere Lehrſt., 2 Abthl.; theils Declamationsübungen und Aufſätze: Pfarrer Meurer. Im Winter: Fortſetzung der Lectüre nach Bach's mittl. Lehrſtufe und Wiedaſch Schul⸗ homer und deutſche Aufſätze: Pfarrer Meurer. 4. Franzöſi ſche Sprache: 2 St. w. Im Sommer: theils Grammat. nach Müller §. 24— 40, theils Lectüre nach Müllers fr. Leſebuche: Dr. Suchier. Im Winter: Fortſetz. der Grammat. nach Müller§. 40— 198 und Lectüre nach Mül⸗ ler's fr. Leſebuch: Dr. Suchier. 5. Religionslehre: 2 St. w. Im Sommer: Lectüre des A. T.; Buch Joſ., Rich⸗ ter, Nuih mit Auswahl: Pfarrer Meurer. Im Winter: Fortſetz. der Lectüre des A. T.— Bücher Samuelis und der Könige, mit ausgewählten Pſalmen und Spr. Sal.: Pfarrer Meurer. 6. Geſchichte: 2 St. w. Im Sommer: Geſchichte der älteſten Völker, der Griechen und Alexanders des Großen: Dr. Braun. Im Winter: Roͤmiſche Geichiche vom Anfang bis zum Untergang des weſtrömiſchen Reiches: Dr. Braun.. 7. Ge ographie: 2 St. w. Im Sommer: Amerika und Auſtralien, nach Ritter: B. L. Berkenbuſch. Im Winter: Aſien und Afrika, 7a5 Ritter: B. L. Berkenbuſch. 45 8. Naturgeſchichte: 1 St. w. Im Sommer: Botanik. Ubung in Beſchreibung und Beſtimmung von Pflanzen, die in der Umgegend wild wachſen: B. L. Berkenbuſch. Im Winter: Zoologie. Vergleichende Überſicht der Rückgratthiere: B. L. Berkenbuſch. 9. Mathematik: 4 St. w. Im Sommer: Arithmetik, 2 St. w., Buchſtabenrech⸗ nung: Dr. Hartmann; b) Geometr. Planimetrie, Th. I, 2 St. w.: G. L. Kutſch. Im Winter: Arithmet., 2 St. w. Decimalbrüche, Wurzelausziehen, Rechnungen des gem. Lebens: Dr. Hartmann; b) Geometr. Planimetrie, Th. II: G. L. Kutſch. B. Tertia Kealis. Woͤchentlich 31 Lehrſeünden.— Ordinarius Pfarrer Meurer. 1. Lateiniſche Sprache: 2 et. w. Im Sommer: Justin. Histor. Phil. Libr. XXIV: G. L. Kutſch. Im Wint.: Just. Histor. Phil. XXV, XXVI, XXVIII—XXIX 2St. w.: G. L. Kutſch. 2. Deutſche Sprache: 3 St. w. Im Sommer: 2 St. in Verbindung mit Tertia G. (ſiehe vorher) und 1 St. in Verbindung mit Quarta R. Geſchäftsſtil, nach Gockel: G. L. Kutſch. 8 Im Winter: 2 St. in Verb. mit Tertia G.(ſiehe vorher): Pfarrer Meurer, und 1 St. in Verbindung mit Quarta R. Geſchäſtsſtil, Quittungen ꝛc.: G. L. Kutſch. 3. Franzöoͤſiſche Sprache: 4 St. w. Im Sommer; Lectüre, 2 St. w., Charles XII, p. Voltaire, Buch 6 zur Hälfte, und 2 St. Grammat. nach Ahn§. 61— 73, nebſt ſchriftl. Exercit.: Dr. Suchier. Im Winter: Fortſetz. der Lectüre: Charles XII, Buch 6, zweite H. und Buch 7, 2 St w., und Grammat. nach Ahn§. 73— 131 mit ſchriftl. Exercit.: Dr. Suchier. 4. Engliſche Sprache: 2 St. w. Im Sommer: theils Lectüre: Wash. Irving, Columbus S. 1— 9; theils Grammat. nach Munde, C. II, vom Anfang bis 23: Dr. Suchier. Im Winter: Fortſetz. der Lectüre: Washingion Irving. Columbus Cap. II— VI, und Grammat. nach Munde§. 24— 50, nebſt Exercit.: Dr. Suchier. Religionslehre: im Sommer 2 St. 9) r 6. Geſchichte: im Sommer 2 St. w. in Verbind. mit Tertia G.(ſiehe vorher.) 7. Geographie: im Sommer 2 St. w. G— 3 Im Winter ebenſo wie im Sommer. 8. Naturlehre: 2 St. w. Im Sommer: das Wichtigſte aus der Chemie: Dr. Hartmann. Im Winter: das Wichtigſte aus der Mechanik feſter, flüſſig ger und gasſormiger Körper: Dr. Hartmaun. 46 9. Mathematik: 6 St. w. Im Sommer: theils Arithmet., 2 St. w. Buchſtaben⸗ rechnung; theils Planimetrie, Th. 1 in 2 St.: G. L. Kutſch; theils praktiſche Rechnungen nach Kranke, Abſchn. XIII, Abthl. 1 und 2, 2 St. w.: B. L. Berkenbuſch. 1 Im Winter: a) Arithmet. Fortſetz. der Buchſtabenrechnung, Docimalbrüche, Wurzel⸗ ausziehen; b) Planimetrie, Th. II, in Verb. mit Tert. G.; c) Praktiſches Rechnen nach Kranke, Abſchu. XIII, Abthl. 3 bis Ende, 2 St. w.: B. L. Berkenbuſch. Classis Quarta. A. Gymnasialis. Wocheniic 29 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Stacke. 1. Griechiſche Sprache: 4 St. w. Im Sommer: Griechiſche Elemente nach Kühner'’s Elementargr.§. 1— 97.: Dr. Eyſell. Im Winter: Fortſetzung der Formeulehre nach Kühner’'s Elementargr.§. 100— 103: Dr. Eyſell. 1⸗ . 2. Lateiniſche Sprache: 9 St. w. Im Sommer: a) Grammat., 3 St. w., theils Repet. der Formenlehre vom Anfang bis Cap. 27; theils Syntax Cap. 78— 85 nach Siberti; b) Cornel. Nep. De regibus, Timoth., Timol. und Agesil., 4 St. w.; c) Lateiniſche Crercit. nach Spieß, 3 St. w.: Dr. Stacke. Im Winter: a) Grammat. nach Siberti: Repetit. der Formenlehre, von Cap. 27 bis Ende; Hauptregeln der Syntax aus Cap. 85— 99, 3 St. w.; b) Exercit. nach Spieß, 2 St. w.; c) Lectüre: Cornel. Nep. Hamilcar, Hannibal, Cato, Pelopidas, 4 St. w.: Dr. Stacke. 3. Deutſche Sprache: 2 St. w. Im Sommer: theils Lectüre nach Bach, untere Lehrſt.; theils Aufſätze und Elemente des einfachen Satzes: Dr. Stacke. In Winter: Fortſetz. der Lectüre nach Bach's unterer Lehrſt.; Memoriruͤbungen, Lehre von den Präpoſit. und erzählende oder beſchreibende Aufſätze: Dr. Stacke. 4. Relionslehre: 2 St. w. Im Sommer: Katechismuslehre. Erklärung und Erlernung des 1. Hauptſt.: B. L. Dr. Braun. Im Winter: Katechismuslehre Th. II, 2— 5. Hauptſtück, nebſt dazugehörigen Bibel⸗ verſen: B. L. Dr. Braun. 5. Geſchichte: 2 St. w. Im Sommer: Hauptereigniſſe aus der deutſchen Geſchichte vom Beginn der Völkerwanderung bis zu Anfang der neueren Zeit: B. L. Dr. Braun. Im Winter: Fortſetz. Hauptereigniſſe aus der neuern deutſchen Geſchichte bis zu Napol. Tod: B. L. Dr. Braun. 6. Geographie: 2 St. w. Im Sommer: edengexräge von Snded nach Ritter: B. L. Berkenbuſch. 1 4 42 Im Winter: Bodengepräge von Aſien, Afrika, Amerika und Auſtralien, nach Ritter: B. L. Berkenbuſch. 7. Naturgeſchichte: 1 St. w. Im Sommer: Botanik nach Leunis⸗B. L. Ber⸗ kenbuſch. Im Winter: Zoologie. Säugethiere: B. L. B erkenb uſch. 8. Mathematik: 3 St. w. Im Sommer: a) Arithmetik, Bruchrechnung Th. 1, 2 St. w.; b) Planimetriſche Anſchauungslehre und Figurenzeichnen, 1 St. w.: Dr. Hartmann. Im Winter: a) Arithmet. Bruchrechnung, Th. II, 2 St. w.; b) Planimetriſche und ſtereometriſche Anſchauungslehre: Dr. Hartmann. B. Uuarta realis. Wöͤchentlich 30 Lehrſtunden.— Ordinarius G. L. Kutſch. 1. Lateiniſche Sprache: 3 St. w. Im Sommer: theils Repetition der Formen⸗ lehre und wichtigſte Regeln der Syntax nach Siberti; theils Lectüre nach Fr. Jacobs und Döͤring's Elementarb., Abſchn. VI, Cap. 1— 43: B. L. Berkenbuſch. Im Winter: Fortſetz der Repetition aus der Formenlehre und Syntax nach Siberti, und Lectüre nach dem lat. Elementarb. von Jacobs und, Döring, Abſchn. VI, 44 bis zu Ende, vann Abſchn. III,: B. L. Berkenbuſch. 2. Deutſche Sprachec: 3 St. w. Im Sommer: 2 St. Lectüre nach Bach: und erzählende Aufſätze, und 1 St. in Verbindung mit Tertia R., Geſchäftsſtil(ſiehe vorher): G. L. Kutſch. Im Winter: Fortſetzung des Curſus nach derſelben Anordnung: G. L. Kutſch. 3. Franzöſiſche Sprache: 5 St. w. Im Sommer: in 2 St. Grammat. nach Ahn§. 24— 40, nebſt Cxercit; und in 2 St. Lectüre nach Ahn's Le ſebuch Stück 5 und poetiſche Stücke 1— 5: Dr. Suchier. Im Winter: Fartſetzung der Grammat. nach Ahn,§. 40— 68, und Lertüre nach Ahn's Leſeb. nebſt Exercit.: Dr. Suchier. 4. Engliſche Sprache: 2 St. w. Im Sommeer: Anfangsgründe der engliſchen Sprache nach Munde, vom Anfang bis Stuüͤck 23, dann Lectüre: Walther Scott's Tales of a Grandfather Cap. 4: Dr. Suchier. Im Winter: Fortſetz. der Grammat. nach Munde, 25— 60, 1nh der Lertüre: Tales ats d7 by. W. Scott, S. 30— 35: Dr. Suchier. Religionslehre: 3 Geſchichte: 7. Geographie: Im Winter ebenſa. waͤhrend des Sommers je 2 St. w., in Verbindung mit Quarta G.(ſiehe vorher). 48 8. Naturgeſchichte: 2 St. w. Im Sommer: 1 St, in Verbindung mit Quarta G. (ſiehe vorher), und 1 St. beſonders Inſekten: B. L. Berkenbuſch. Im Winter: 1 St. w. in Verbind. mit Quarta G. Säugethiere; und in 1 St. Fortſ. des Sommercurſus und Inſekten, nach Leunis, 2 Th.: B. L. Berkenbuſch. 9. Mathematik: 5 St. w. Im Sommer: 2 St. Arithmetik. Gemeine Bruchrech⸗ nung, Th. I; und 1 St. Geometrie, Planimetriſche Anſchauungslehre: G. L. Kutſch; daneben 2 St. Einübung der Decimalbrüche ꝛc.: B. L. Berkenbuſch. Im Winter: Fortſ. Bruchrechnung, 2 Th., 2 St. w.: G. L. Kutſch; Stereometriſche Anſchauungslehre, 1 St. w. in Verb. mit Quarta G.: Dr. Hartmann; Praktiſche Übungen in den Rechnungsarten des gem. Lebens, 2 St. w.: B. L. Berkenbuſch. Classis Quinta. Wöchentlich 26 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Braun. 4. ateiniſche Sprache: 8St. w. Im Sommer: a) Gramm nachSiberti, Cap. 1—82; b) Lectüre, Spieß Übungsbuch I. Abſchn. 1— 19; c) Cxercit, nach Spieß: B. L. Dr. Braun. Im Winter: a) Repetit. der Formenlehre und Erlernung der ſyntactiſchen Hauptregeln nach Siberti, 2 St. w.; b) Lectüre nach Spieß, zur Befeſtigung der gr. Regeln, Abſchnitt II, 1— 27, 2 St. w.; c) Eutrop br. Hist. R. V, VI, zum Th. VII, 2 St. w.; d) Schriftl. Exercit. nach Spieß, 2 St. w.: B. L. Dr. Braun. 2. Deutſche Sprache: 2 St. w. Im Sommer: theils Lectüre nach Bach's Leſe⸗ buch, untere Lehrſt. mit ſchriftlichen und mündlichen Übungen im Satzbilden; theils Aufſätze erzählenden Inyaltes: B. L. Dr. Braun. Im Winter: Fortſetz. der Lectüre nach Bach's Leſeb., untere Lehrſt., mündliche und ſchriftliche Ubungen im Satzbilden; nebſt Aufſätzen erzählender und beſchreibender Art: B. L. Dr. Braun. 3 3. Religionslehre: 2 St. w. Im Sommer: Bibliſche Geſchichte des A. T.: B. L. Dr. Braun. Im Winter: Bibliſche Geſchichten des N. T.: B. L. Dr. Braun. 4. Geſchichte: 2 St. w. Im Sommer: Biographiſche Darſtellung aus der grie⸗ chiſchen Geſchichte: Dr. Adizheen n. Im Winter: Biographiſche Darſtellungen aus der römiſchen Geſchichte: Dr. Hartmann. 5. Geographie: 2 St. w. Im Sommer: Geographie von Kurheſſen⸗ B. L. Ber⸗ kenbuſch. Im Winter: Einleitung in die Geohrophie⸗ uberſicht über die Erbtheile und Oceane: B. L. Berkenbuſch. 6. Naturgeſchichte: 2 St. w. Im Sommer: ührebuns Ereuniche Pflan⸗ zen und Thiere: G. L. Kutſch. 49 Im Winter: Bekanntmachung der wichtigſten Thiere, vorzüglich der oberen Klaſſen, mit bi neiih auf die einheimiſchen: G. L. Kutſch. 1 Mathematik: 3 St. w. Im Sommer: Zifferrechnen und die 4 Species: G. L. Kutſch.— Im Winter: Zifferrechnen in ganzen Zahlen, ausgedehnt auf benannte Zahlen; Anfänge der Bruchrechnung: G. L. Kutſch. 2 Techniſche Lehrfächer. 1. Schönſchreiben: im Srune und Winter 1 St. w. in Tertia G.; 2 St. in Tertia R.; 2 St. in Quarta Comb.; 2 St. in Quinta: Z.L. Storck. 2. Zeichnen: im Sommer und Winter 1 St. w. in Tertia G.; 2 St. in Tertia R.; 2˙ St. in Quarta G.; 1 St. in Quinta: Z.L. Storck. 3. Geſang: 6 St. w. im Sommer und Winter: nämlich 2 St. für die Anfangs⸗ gründe; 4 St. für die einzelnen Stimmen, die bisweilen zum Chorgeſang vereint werden: Cantor Kapmeier. 4. Gymnaſtik. Während des Sommers 4 St. w.: Turnübungen unter Leitung des Z.L. Storck und des B. L. Berkenbuſch. Ebenſo fanden Schwimmübungen während des Sommers ſtatt von 5 Uhr Abends an, an den Tagen, an welchen nicht geturnt wurde. II. Chronik des Gymnaſiums. Die Schulen im Sommerſemeſter des abgelaufenen Schuljahres von Oſtern 1859 bis 1860 wurden, nachdem Tags vorher die zur Aufnahme in das Gymnaſium Angemeldeten geprüft worden waren, am 2. Mai eröffnet, und nach vollzogenen Klaſſenprüfungen am 20. und 21. September, ſowie nach erfolgter Verſetzung der Schüler und Entlaſſung der zur Univer⸗ ſität Ubergehenden am 22. September geſchloſſen; das Winterſemeſter dagegen begann, nach vorgegangener Aufnahmeprüfung, am 10. October und dauerte bis zum 28. März an welchem 50 Tage die zur Univerſität Entlaſſenen feierlich Abſchied nahmen, die im Gymnaſium zurück⸗ bleibenden Schüler mit den neuen Verſetzungen in Klaſſen und Ordnungen bekannt gemacht wurden. Die öffentlichen Klaſſenprüfungen hatten m 26. und 27. März ſtattgefunden. Sogleich beim Beginn des Sommerhalbjahres afaigir eine Verfügung hohen Miniſteriums des Innern vom 31. März 1859, S 2955 M. Pr., einige Abänderungen im Organismus der Schule betreffend, in Ausführung, wobei jedoch ſelbſtverſtändlich die Eigenthümlichkeit des hieſigen Gymnaſiums, welches in den Mittelklaſſen mit 2, der Tertia und Quarta parallelen, Realſchulklaſſen in Verbindung ſteht, im Auge behalten wurde. Um hier nur einige der neuen Anordnungen zu erwähnen, ſo war feſtgeſetzt, daß der Elementarunterricht des Grie⸗ chiſchen aus der Quinta in die Quarta G. übertragen; der Unterricht im Franzöſiſchen(hin⸗ ſichtlich der Gymnaſialklaſſen) künftig erſt in der Tertia begonnen; der geſammte Unterricht im Lateiniſchen, Deutſchen und, wenn thunlich auch in der Geſchichte in den Klaſſen von Quarta an abwärts in die Hände der Klaſſenordinarien gelegt werden ſolle ꝛc. Am 7. Juni wurde der ordentliche Gymnaſiallehrer Dr. Hugo Suchier, welcher vom Gymuaſium in Hersfeld an das hieſige war verſetzt worden, in ſeinen neuen Wirkungskreis eingeführt und mit dem Unterricht im Franzöſiſchen und Engliſchen beauftragt, den er auch ſchon vor den Pfingſtferien(vom 11— 16. Juni) begann. Die Sommerferien dauerten vom 4. bis 25. Juli. Am 20. Auguſt wurde der höchſt erfreuliche Geburtstag Sr. Königlichen Hoheit des aller⸗ durchlauchtigſten Kurfürſten von den Lehrern und Schülern unter Theilnahme eines zahlreichen Publikums feierlich begangen. Die Feſtrede bielt der Director. Das heilige Abendmahl feierte das Gymnaſium am 28. Auguſt. Um Zulaſſung zur Maturitätsprüfung hatten nachgeſucht die Primaner: Wilhelm Vilmar aus Melſungen, Ferdinand Braun aus Caſſel und Wilhelm Oſius aus Hanau. Die ſchriftliche Prüfung fand in den Tagen vom 22— 26. Auguſt, die mündliche am 9. Sep⸗ tember ſtatt.. Den 10. Novenſber, den hundertzährigen Geburtstag des unſterblichen Friedrich von Schiller, ſuchte auch die hieſige Schule würdig zu ehren durch Redevorträge des Dr. Feußner und Dr. Braun und Aufführung einiger Geſangſtücke aus der Glocke. Nach Beendigung der Weihnachtsferien(vom 24. December bis 4. Januar) meldeten ſich 5 Primaner der Ord. I zur Maturitätsprüfung, und wurden zugelaſſen: Ludwig Buſch aus Marburg, Ludwig Paulus aus Erſen, Carl Lamm aus Caſſel, Heinrich Bode aus Lohrhaupten und Wilhelm Waldſchmidt aus Obervellmar. Die ſchriftliche Prüfung war auf die Tage vom 27. Februar bis 2. März, die mündliche dagegen auf den 14. März anberaumt. 1 51 III. Statiſtiſche Ueberſicht. a) Kehrer. Außer daß, wie vorher erwähnt worden, der ordentliche G. Lehrer Dr. Hugo Suchier in das Lehrercollegium eingetreten iſt, hat⸗ im Laufe dieſes Schuahres keine Perſonalverän⸗ derung ſtattgefunden.* b) Schüler. Nach beſtandener Maturitätsprüfung waren Oſtern 5 Schüler zur Univerſität über⸗ gegangen:. 1) Heinr. Leopold Fett aus Haina, lutheriſcher Confeſſion, 20 ½ Jahr alt, 6 Jahre Gym⸗ naſialſchüler, 1 ½ Jahr in der Prima dahier, 1 Jahr in der Ord. 1, mit dem Zeugniß Nr. I, „ſehr gut vorbereitet,“ welcher Arzneikunde; 2) Philipp Ernſt Chriſtian Rommel aus Marburg, reformirter Confeſſion, 19 ½ Jahr alt, 9 Jahre lang Gymnaſialſchüler, 2 Jahre in der Prima, 1 Jahr lang in der Ord. I der Prima dahier, mit dem Zeugniß Nr. II,„gut vorbereitet,“ welcher Theologie; 3) Rudolph Craß aus Marburg, reformirter Confeſſion, 23 ½ Jahr alt, 9 Jahre Gym⸗ ſialſchüler, 2 Jahre in der Prima, 1 Jahr in der Ord. I der Prima dahier, mit dem Zeugniß Nr. III,„ziemlich gut vorbereitet,“ welcher Arzneikunde; 4) Adolph Eugenins Baldewein von hier, reformirter Confeſſion, 18 ¾ Jahre alt, 8 Jahre Schüler des Gymnaſiums, 2 Jahre in der Prima, 1 Jahr lang in der Ord. I, mit dem Zeugniß Nr. III,„ziemlich gut vorbereitet,“ welcher Arzneikunde; 5) Heinrich Louis Sommerlath aus Aplern, lutheriſcher Confeſſion, 20 ½ Jahr alt, 9 Jahre Schüler des Gymnaſiums, 2 Jahre in der Prima, 1 Jahr in der Ord. I dahier, mit dem Zeugniß Nr. II,„gut vorbereitet,“ welcher Theologie ſtudiren will. Es wurden bei Eroöͤffnung der Schulen des Sommerſemeſters 32 aus der Anzahl der Angemeldeten aufgenommen, welche eingerechnet 119 Schüler den Unterricht benutzten, und zwar in der Prima 18, in der Secunda 15, in der Tertia G. 16, in der Tertia R. 17, in der Quarta G. 11. in der Quarta R. 16, in der Quinta 26. 52 Am Schluſſe des Halbjahres gingen von dieſen 3 Primaner, nach beſtandener Maturi⸗ tätsprüfung, zur Univerſität über, nämlich: 1) Wilhelm Immanuel Vilmar aus Melſungen, reformirter Confeſſion, 19 ½¼ Jahr alt, 2 ½ Jahr Schüler des hieſigen Gymnaſiums, 2 Jahre in der Prima und zwar 1 Jahr in der Ord. I, mit dem Zeugniß Nr. III,„ziemlich gut vorbereitet,“ welcher Arzneikunde; 2) Georg Emil Ferdiuand Braun aus Caſſel, reformirter Confeſſion, 21 ¼ Jahr alt, 10 ½ Jahr Gymnaſialſchüler, 3 Jahre in der Prima, zuletzt in der Ord. I dahier, mit dem Zeugniß Nr. III,„ziemlich gut vorbereitet,“ welcher Theologie; 3) Carl Friedrich Wilhelm Oſius aus Hanau, reformirter Confeſſion, 19 ½ Jahr alt, 9 Jahre Gymnaſialſchüler, 2 Jahre in der Prima, zuletzt in der Ord. I dahier, mit dem Zeugniß Nr. II,„gut vorbereitet,“ welcher Rechtswiſſenſchaft zu ſtudiren Aeuſar, Zu anderen Berufsarten gingen 6 andere Schüler über: 1) 4 Tertianer: Adolph von Specht von hier, welcher ſich zum Millitärſtande vorbe⸗ reiten will; Adolph Eppens aus Quakenbrück im Hannoverſchen, der Kaufmann zu werden gedenkt; Hermann Küker von hier, um Kaufmann, und Franz Meyerholz aus Exten, um Apotheker zu werden; 2) Cbenſo verließ der Quartaner Otto Berger die Schule, um die Apothekerkunſt zu erlernen, und 3) der Quintaner von Buttlar, um das Gymnaſium zu Caſſel zu beſuchen. Vor Anfang der Schulen des Winterſemeſters wurden dagegen wieder 9 Schüler aufge⸗ nommen, ſo daß die Geſammtzahl 119 betrug, von denen 19 der Prima, 17 der Secunda, 14 der Tertia G., 18 der Tertia R., 13 der Quarta G., 11 der Quarta R., 27 der Quinta angehörten. Doch verließen beim Anfang des neuen Jahres der Primaner Carl Collmann aus Veckerhagen und der Tertianer Carl Roſenkranz aus Hemeringen im Hannoverſchen die Schule, jener um Thierarzneikunde zu ſtudiren, dieſer um Kaufmann zu werden IvV. Bübtiatheken und pparate 1) Die Gymnaſialbibliothek, unter Aufſicht des ordentl. Gymnaſiallehrers De Stacke, hat, wie in früheren Jahren, theils durch Vervollſtändigung größerer Werke aus verſchiedenen y 53 Fächern, theils durch Einverleibung der Vereinsprogramme, theils auch durch Ankauf neuer Werke, z. B. Schelling's Philoſophie der Offenbarung; Gottſchall's deutſche Poctik; Gieſe⸗ brecht's deutſche Kaiſergeſchichte; Lewis Unterſuchungen über altrömiſche Geſchichte, überſetzt von Liebrecht; Schäfer's Demoſthenes und ſeine Zeit; Plaſss die Tyrannis der Griechen ꝛc. Zuwachs gewonnen. 2) Die Schülerbibliothek, wie ſonſt unter Aufſicht des ordentlichen Gymnaſiall. Pfarrer Meurer, ſuchte ihrer Beſtimmung zu entſprechen durch Ankäufe ebenſo anziehender, als lehrreicher Schriſten, wie z. B. Schauenburg's Reiſen in Central⸗Afrika, Fortſ.; Livingſtone's Erforſchungsreiſe im Innern Afrika's, Harting, die vorweltlichen Schöpfungen, verglichen mit den gegenwärtigen; Klencke's Alexander von Humboldt; Scherr's Schiller und ſeine Zeit; Friedrich Jacohs Hellas ꝛc. V. Schulprüfungen und Schulfeierlichkeiten. Montag den 26. März, Vormittags von 8— 12 Uhr. Chorgeſang aus„Idomeneo⸗(Freut euch!) von Mozart. Prima 8— 10 Uhr. Horat, Ep. Libr. I: Director Dr. Schiek. Plato's Crito: Dr. Eyſell. Römiſche Geſchichte: Dr. Stacke. Quinta 10— 12 Uhr. Lateiniſche Grammat. und Lectüre: Eutrop.: B. L. Dr. Braun. Biograph. Darſtellung aus der röm. Geſchichte: Dr. Hartmann. Rechnen: G. L. Kutſch. 1 Nachmittags von 2— 4 Uhr. Tertia. Tertia G. Homer Odyss. XVIII: Dr. Stacke. „„ Ovid. Metamorphos: Pfarrer Meurer. Tertia Comb. Römiſche Geſchichte: B. L. Dr. Braun. X 54 Dienſtag den 27. März, Vormittags von 8— 12 Uhr. Secunda 8— 10 Uhr. Herodot. Iibr. I: Dr Feußner. Cicero Orat. pro Milone: Dr. Eyſell. Franz. Lect.: Lamartine, Graz.: Dr. Suchier. Quarta 10— 12 Uhr. Quarta G. Griechiſche Formenlehre: Dr. Eyſell. „„ Cornel. Nep.: Dr. Stacke. Quarta Comb. Geograph. Bodengepr. von Aſien: B. L. Berkenbuſch. Nachmittags von 2—4 Uhr. 2—3 Tertia R. Naturlehre: Dr. Hartmann. „„ Engl. Lect. Wash. Irv. Columbus: Dr. Suchier. 3—4 Quart. R. Bruchrechnung: G. L. Kutſch. 1 „„ Franz. Grammat.: Dr. Suchier. ¼ Mittwoch den 28. März von 10 Uhr an; Chor und Satd aus Idomeneo(Stille iſt's im Meer) von Mozart. Alſchiedsrede und Entlaſſung der zur Univerſität Abgehenden. Verſetzung der Schüler. Im Namen des Gymnaſiums lade ich die Eltern unſerer Schüler und die Freunde unſersr Schule zur Theilnahme an dieſen Schulfeierlichkeiten ergebenſt ein. Der Gymnaſial⸗Director Dr. Schiek. Die Prüfung der zur Aufnahme in das Gymnaſium Angemeldeten iſt auf den 16. April feſtgeſetzt..