Jahresbericht über das ozsen 8 Kurfürſtliehe womit zu den am II. 12. und 13. Apyril ſtattfindenden Prüfungen und Schulfeierlichkeiten ergebenſt einladet Dr. H. Aug. Schiek, Gymnaſial⸗Director. Inhalt: 1) Das Leben der Johanna d'Arc, genannt die Jungfrau von Orleans. Dritter Theil. Vom ordentlichen Gymnaſial⸗Lehrer Dr. Eyſell.) V S s ℳ. 2) Schulnachrichten vom Director. 85 2, 17 Uinteln im April 1859. Gedruckt bei C. Böſendahl. Chaten der Johanna»Arc. 1. Abſchnitt. 8 4§ 3. Korrtſſetzung. Auf zwei Wegen konnte man von Blois nach Orleans gelangen. Der eine führte auf dem rechten Ufer der Loire durch die ſogenannte Beauce*) in die Stadt Orleans, der andere ging auf der Südſeite des Stroms durch die Sologne in die niedergebrannte Vorſtadt von rleans, und man muſte, da die Brücke durch die Engliſchen Belagerungsburgen geſperrt war, zu Schiffe in die Stadt hinüberfahren. Den erſteren Weg zu nehmen, ſchien den Feldherrn im Einverſtaͤndnis mit dem Grafen Dunois um deswillen ein unausführbares Unternehmen, weil die Engländer mit ihrer Hauptmacht auf der Nordſeite ſtanden und jeden Zugang zur Stadt durch eine Reihe von Werken abgeſchnitten hatten, welche ſich in einem Halbkreiſe von Weſt nach Oſt um Orleans zogen*). Für Johannas glaubensſtarkes Herz gab es ſolche Er⸗ wägungen nicht, der gerade Weg war fuͤr ſie der gewieſene, ging er auch mitten durch Scha⸗ ren und Schanzen der Feinde; ſie beſtand auf dem Marſch durch die Beauce. Verzweifelnd an der Möglichkeit, den Sinn der Jungfrau zu beugen, griffen die Feldherrn zu dem Mittel der Täuſchung und ſchlugen, Johannas Unkenntnis der Oertlichkeiten benutzend, den Weg durch die Sologne einzo. Ha. amit 1 *) Die Orleanais beſtand aus fünf Landſchaften: l'Orléanais propre, le Gatinais-Orléanais, la So- logne, le Blaisois et la Beauce. 4 1 **) Wir nennen die hauptſächlichſten von Weſt nach Nord und von da nach Oſten fortſchreitend. Dicht am rechten Ufer der Loire die Baſtille de Saint-Laurent des Orgerils, dann der Boulevard oder die Redoute de la Croix-Boissée, die Baſtille de Londres oder des douze-Pairs, der Boulevard „oder die Baſtille du Colombier, der Boulevard de la Croix-Morin, die Baſtille Aro oder de Rouen, die Baſtille de Paris oder de Saint-Pouair, zuletzt im Oſten unmittelbar an der Loire die Baſtille de Saint-Loup oder Saint-Laud. Um das Bild der Belagerung zu vollenden, fügen wir die Werke der Südſeite hinzu, ebenfalls von Weſt nach Oſt fortgehend. Dicht am linken Ufer des Flußes der Boulevard de Saint-Privé, ferner die Baſtille des Tournelles auf der Loire⸗ brücke gelegen und mit dem Lande nur durchdeinen ſteinernen Bogen und eine Zugbrücfe ver⸗ 2 Im Geiſte einer chriſtlichen Heerfahrt hatte Johanna den Zug geordnet. Voran ſchritten ſämmtliche Prieſter unter dem Vinntn erhigt und ſangen im Chor den erhabenen Gebetshymnus Veni creator spirit nebſt anderen Kirchenliedernso. Dann folgte Johanna mit den Marſchällen von Rais und Sainte-Sévoͤre, dem Admiral von Coulant, den Herrn von Loré, Gaucourt*), Saintrailles und La Hire„ zuletzt das Heer ſammt den Viehherden, ahlreichen Proviant⸗ und Munitionswagenst. Fortwährend ermahnte Johanna die Krieger, ſich durch Buße und Beichte in den Stand der Gnade zu ſetzen, dann ſei ihnen der Sieg unter Gottes Beiſtand gewis. Sie ſelbſt nahm in Mitte der Krieger das heilige Abendmahls?é. So bewegte ſich der Zug zwei Tage lang durch die im reizendſten Frühlingsſchmuck prangenden Ge⸗ filde der Loire, welche man den Garten Frankreichs nennt, ein Bild„mehr einer ruhigen Pil⸗ gerfahrt als eines Kriegszuges“. Beide Nächte wurden unter freiem Himmel hingebracht, Jo⸗ hanna ſchlief in voller d üſtung, wovon jedoch wegen der Ungewohnheit eine bedeutende Ab⸗ ſpannung die Folge warss. Am dritten Tage(29. Aprih)st ſetzte das Heer bei Olivet über den Loiretss und ſah von den Höhen, welche ſich längs des Flüßchens hinziehen, die Stadt Or⸗ leans rings von den Bollwerken und Turmfeſten der Engländer umſchloßen. Für Jehanna ein unausſprechlicher Anblick. Das Ziel lag vor ihren Augen, das ihr Gott zunächſt geſteckt, und dem ſie ſeit lange mit ſo heldenmüthiger Ausdauer entgegengerungen Pußtes aber das Auf⸗ jauchzen der Freude blieb nicht ohne die Thräne des Schmerzes, als Johanna ſich durch den Augenſchein uͤberzeugte, daß der erſte Schritt auf ihrer Bahn durch Trug und Unglauben der Generale bezeichnet war*). Nicht lange darnach erreichte der ganze Zug das Caints) Loireufer, etwas oberhalb und ſo nahe der Engliſchen Feſte Saint-Jean-le-Blanc, daß die Krieger beider⸗ ſeits einander erkennen konntenss, dem Platze gerade gegenüber, wo am jenſeitigen Ufer die vom Feinde verſchanzte Lupuskirche ſtands:. Ein Blick, und die Mislichkeit der Lage fiel in die Augen. Die einzige Brücke, welche in die Stadt führte, war durch das Schloß der Türme geſperrt; das Waßer des Flußes ſo ſeicht, daß die Transportſchiffe nicht an's Ufer zu gelangen vermochten; der Wind widrig, ſo daß die Schiffe, zu ſchwer um ſtromaufwärts mit Rudern gelenkt zu werden, keinen Gebrauch von den Segeln machen konnten; überdies Mangel an Schiffen ſelbſt, der Feind in nächſter Nähe und ein Ausfa deſſelben während des Einladens bunden, unter welcher die Loire ſtrömte. Zwei Schanzen deckten nach der Land⸗ und Waßerſeite hin das Schloß der Türme, gegen welches die Bewohner von Orleans das Bollwerk de la Belle Croix auf der Brücke ſo ziemlich in der Mitte des Flußes angelegt hatten. Südlich von den Tournellen lag in mäßiger Entfernung von denſelben die Baſtille des Augustins, endlich im Oſten nahe am Ufer des Stromes die Baſtille Saint-Jean-le-Blanc. Die Engliſche Nordarmee ſtand unter dem Grafen von Suffolk, deſſen Bruder Johann Pole, Johann Talbot und Tho⸗ mas Herrn von Scales, welche die Boulevards und Baſtillen unter ſich getheilt hatten, Thomas Guerrard führte in der Sanct⸗-Luxusfeſte den Oberbefehl. Glasdale leitete von den Tournellen aus die Belagerung auf der Südſeite. Die Herrn von Molyns und Poynings commandierten in der Auguſtinerbaſtille und Saint-Jean-le-Blanc. Diejenigen Truppen, welche nicht in die Baſtillen vertheilt waren, hatte man in drei Feldlager bei den Baſtillen von Sanct-Lorenz, Pa⸗ ris und der Auguſtinerkirche untergebracht, ſo daß ſie nach mehreren Seiten hin verwendet wer⸗ den konnten. Auf der Inſel Charlemagne, welche mitten in der Loire zwiſchen den Baſtillen von Saint-Laurent und Saint-Privé lag, hatten die Engländer einen Boulevatd gleiches Na⸗ mens errichtet, um mittels fliegender Brücken die Verbindung ihrer Nord⸗ und Südſeite zu ſichern und die Schiffahrt auf der Loire zu beherrſchen. 1 *) ². III, 16 Note: Au temps du siége d'Orléans, il était conseiller, premier chambellan de Charles VII. et bailli d'Orléans par provision du duc d'Orléans, alors prison- nier en Angleterre. 1 *) O. IV, 491. Haſe, S. 22:„Es möchte ſchwer ſein zu ſagen, ob eine rettende oder verzögernde Täu⸗ ſchung, jedenfalls ein bedenklicher Anfang ihrer Kriegsführung., Man vergeße bei dieſer Frage den Umſtand nicht in Anſchlag zu bringen, daß das Franzöſiſche Heer nachmals unverſehrt durch die Nordſchanzen der Engländer in Orleans einzog. 170 nin 3 der Vorräthe und Einſteigens der Soldaten zu gewärtigenss! Nur an einer Stelle wäre Landung möglich geweſen, aber dieſe einzige Stelle hatten die Engländer durch das Bollwerk von Saint⸗Jean⸗-le-Blanc unzugänglich gemacht, um die Ueberfahrt über den Strom zu be⸗ herrſchens. Johanna, in ihrem Glaubensmuthe nimmer zagend, wuſte allein Rath, ſie ver⸗ langte, die Feſte ſofort mit ſtwmender Hand zu nehmen. Zu ſolchem Wagſtück aber glaubten die Feldherrn ihre Truppen dermalen nicht im Standeso. Schon am Morgen war indeſſen ſichere Kunde vom Anmarſch des Heeres nach Orleans — und Dunois hatte in Erwartung, der Feind werde zum Angriff ſchreiten, die ganze treitbare Mannſchaft unter die Waffen treten laßen 64. Als nunmehr der Ruf erſcholl, die Jungfrau halte mit dem Zuge am jenſeitigen Ufer, beſtieg Graf Dunois mit dem Herrn von Termes und andern einen Kahn, um ſie zu empfangensꝛ².„Seid Ihr der Baſtard von Or⸗ leans?“ redete ihn die Jungfrau an.„Ja, der bin ich, erwiderte Dunois, und freue mich Eurer Ankunft“.„Seid Ihr der, fuhr ſie im Tone des Vorwurfs fort, welcher den Rath ge⸗ geben, daß ich an dieſer Seite des Flußes ziehen ſollte und nicht gerades Weges dahin, wo Talbot und die Engländer ſtehen?“ Dunois ſagte zu ſeiner Rechtfertigung, er und einſichts⸗ vollere Leute als er hätten dieſen Rath gegeben, weil ſie denſelben für beßer und ſicherer ge⸗ halten. Worauf Johanna entgegnete:„Im Namen Gottes, der Rath unſeres Herrgottes iſt ſicherer und weiſer, denn der Eure. Ihr habt geglaubt, mich zu betrügen, und Cuch ſelbſt habt Ihr mehr betrogen; denn ich bringe Euch eine beßere Hülfe, als je einem Ritter oder einer Stadt geworden 55 weil ſie die Hülfe iſt vom Könige der Himmel. Doch kommt ſie nicht aus Liebe zu mir, ſondern von Gott ſelbſt, der auf die Fürbitte des heiligen Ludwig und des heiligen Karl des Großen ſich erbarmt und nicht gewollt hat, daß die Feinde den Leib des Herzogs von Orleans und ſeine Stadt zugleich haben ſolltenés.“ Zuletzt fand der Vorſchlag allgemeine Billigung, zwei Stunden weiter ſtromaufwärts zu gehen, bis zu der Stelle, welcher egenüber am rechten Loireufer das Dorf Checy liegt, weil ſich daſelbſt eine Franzöſiſche Be⸗ aun befand und der Waßerſtand höher warsz. Immer aber blieb auch ſo das Hindernis des widrigen Windes. Johanna verkündigte mit Prophetenſtimme:„Im Namen Gottes, alle Vorräthe werden ungefährdet in die Stadt eingehen, Wind und Wetter werden ſich alsbald än⸗ dern“. Wie ſie geſagt, ſo geſchah's. Im Augenblick ſchlug der Wind um und wurde günſtig für die Schiffahrt. Dieſe Thatſache wirkte mit der Gewalt eines Wunders. Die Verlegenheit wich begeiſterter Zuverſicht, Dunois erkannte die Hand Gottes und faßte großes Vertrauen zu der Jungfrau, Pasquerel glaubte das Waßer wachſen zu ſehenés. Dunois fuhr darauf nach Orleans zurück. Hier war alles zur Abfahrt in Bereitſchaft. Ein Scheinangriff auf die Sanct⸗ Lupusfeſte wurde ſofort unternommen. Dunois trat mit dem Ritter Nicolaus von Giresme in ein Schiff, alle Segel wurden aufgeſpannt und die kleine Flotte fuhr dicht neben den Kanonen von Sanct-Lupus vorbei*), ohne von dem Feinde beläſtigt zu werden, deſſen ganze Aufmerkſam⸗ keit durch den Ausfall in Anſpruch genommen war. Bald nach den Landtruppen kamen auch die Schiffe bei Cheey anss. Sogleich wurde mit Verladen der Vorräthe begonnen, zur Auf⸗ nahme auch der Mannſchaft aber war die Zahl der Fahrzeuge zu gering. Da wurden in der Umgebung der Nahenm einige Stimmen laut, man müße nach Blois zurückkehren und hier über die Loire ſetzen, weil in des Königs treuen Landen keine nähere Brücke zu finden ſei. Johanna gerieth über dieſe Aeußerungen in tiefen Unwillen, weil ſie— ſchon einmal ge⸗ täuſcht— hinter denſelben die verſteckte Abſicht vermuthete, man wolle ſie im Stiche laßen und die Ausführung ihres gottbefohlenen Werkes vereiteln. Mittlerweile war Graf Dunois ans Land gekommen. Er näherte ſich ihr mit der Bitte, ohne die Truppen mit ihm über den Fluß zu fahren und in Orleans einzuziehen, wo man ſie mit Sehnſucht erwarte. Johanna weigerte *) Das Fahrwaßer war bei Sanct-Lupus ſehr beengt durch eine große Inſel('isle aux Boeufs) welche den Fluß in zwei Arme theilte. 4 ſich.„Es würde mir ſchmerzlich ſein“, ſagte ſie,„meine Leute zu verlaßen, ſie ſind vom be⸗ ſten Geiſte beſeelt, haben Buße gethan und gebeichtet, im Verein mit ihnen fürchte ich die ganze Macht der Engländer nicht“. Dunois wandte ſich darauf an die Kriegsoberſten und forderte ſie dringend auf, zum Heil des Königs in Johannas Ueberfahrt zu willigen, das Heer nach Blois zurückzuführen und von da mit neuen Vorräthen und Verſtärkungen durch die Beauce, wie Johanna urſprünglich gewollt, wieder nach Orleans aufzubrechen. Es war nicht ſchwer, die Zehemmun der Feldherrn zu erhalten, verlangte ja Dunois nichts weiter, als was jene ſelbſt beabſichtigten. Johanna hatte nun die Wahl zwiſchen zwei Widerwärtigkeiten, entweder ſelbſt mit den Truppen ſich auf den Rückmarſch nach Blois zu begeben, oder auf Dunois Vor⸗ ſchlag einzugehen*). Sie entſchied ſich für letzteres als das geringere Uebel, nicht eher jedoch, als bis die Generale ihr das feſte Verſprechen gegeben hatten, binnen kürzeſter Friſt zurückzukehrené. Demgemäß blieb die Armee nur ſo lange zur Stelle, bis ſämmtliche Vorräthe in die Fahr⸗ zeuge gebracht waren, und trat alsdann unter Anführung des Marſchalls von Rais und des Herrn von Loré den Rückweg nach Blois an. Indem ſich Johauna von ihren Gefährten trennte, gab ſie allen die beruhigende Verheißung mit, ſie würden auf den Hinmarſch nach Blois keiner Gefahr begegnen und bei der Rückkunft nach Orleans mitten zwiſchen den feindlichen Bollwerken unangefochten hindurchſchreiten. Ihrem Beichtvater und den übrigen Prieſtern aber gebot ſie, das Kreuzesbanner, unter welchem die Krieger Morgens und Abends zu beten und zu beichten pflegten, wie bisher dem Heere voranzutragenés. Hierauf fuhr Johanna, die Fahne in der Hand haltend und von d'Aulon nebſt den übri⸗ gen Perſonen ihres Gefolges umgeben, mit Dunois, La Hire, Gaucourt und etwa zwei hun⸗ dert Mann ihrer Krieger auf das jenſeitige Ufer in das Dorf Checy. Auch der Marſchall von Sainte Sévère, der Johanna nicht vor ihrem Einzug in Orleans verlaßen wollte, war unter den Begleitern*). Man faßte den Beſchluß, nicht ſofort nach Orleans aufzubrechen, ſondern um den Zuſammenlauf des Volkes möglichſt zu verhüten, ſo lange in Checy zu verweilen, daß man nicht vor Eintritt der Nacht in der Stadt ankäme. Die Zwiſchenzeit verbrachte Johanna in dem Schloße Rully bei Checy, wo ſie von Guido von Cailly ehrenvoll aufgenommen wardss. Mittlerweile ſegelte die Flotte durch dieſelbe Waßerſtraße, auf welcher ſie gekommen, zum zweitenmal an der Feſte Sanct-Lupus in Bogenſchußweite vorüber, ohne daß die Beſatzung, welche huf der Landſeite in ein hitziges Gefecht verwickelt war, den Lauf der Schiffe zu hemmen vermocht hätteo0. M0ni 3 1 rren. Um die Vesperſtunde begab ſich Johanna, begleitet von allen Rittern, Edlen, Kriegern, die ihr theils nach Checy gefolgt, theils aus Orleans entgegen gegangen waren, zu Lande auf den Weg nach Orleans, indem ſie verſicherte, es werde keinem unterwegs ein Leid widerfahren7¹. Ohne auf ein Hemmnis geſtoßen zu ſein, zog Johanna gegen acht Uhr Abends(29. April) durch das öſtliche(Burgunder⸗) Thor in die Stadt ein*². In voller Rüſtung ſaß die Jung⸗ ) Betrachtet man das bisher Erzählte und das Folgende, zumal die Berathung der Heerführer in Blois, ſo kann man ſich des Eindruckes nicht erwehren, daß die Feldherrn im Einvernehmen mit Dunois von Anfang an nicht die Abſicht gehaht hatten, die Truppen nach Orleans zu bringen, ſondern nur die Lebensmittel und die Munition dahin zu geleiten. Journal berichtet o. 1V, 152: à Bloys estoient demourez plusieurs seigneurs et gens de guerre Françoys. Daß die Armee, welche ſchon am 4. Mai zurückkehrte, einen neuen Transport von Vorräthen mitbrachte, ſ. ſpäter. Endlich verdient Beachtung G. IV, 54(Jean Chartier): Les dis sire des Raix et de Loré s'en retournèrent à Blois avec la plus part de la compaignie, et faisoit on difficulté de mettre tant de gens en ladicte ville d'Orléans, pour ce qu'il y avoit trop pou de vivres. Vergl. IV, 5. V, 41. **) Er ritt die folgende Nacht durch nach Blois zurück. Johanna ſagte zu d'Aulon, welcher Beſorg⸗ niſſe für den Marſchall hegte, kurz vor deſſen Rückkehr nach Orleans: Der Marſchall kommt, und es wird ihm kein Unfall zuſtoßen. Q. III, 78 sq. Irr i— 5 frau auf einem weißen Ehrenroſs*). Vor ihr her ward von einem Pagen die Fahne des Er⸗ löͤſers getragen. Ihr zur Linken ritt Graf Dunois, ebenfalls in reichem Waffenſchmuck, auf ſtolzgezäͤumtem Roſſe und hinter beiden das ganze ſtattliche Geleit. Eine unabſehbare Menge von Menſchen aller Stände und Alter drängte ſich ihr unter Fackelſchein entgegen. Jeder wollte die Retterin begrüßen, ſie ſelbſt oder mindeſtens ihr Pferd berühren. In der Zuverſicht ihrer Glaubensbegeiſterung fühlten ſich alle ſchon von der Belagerung befreit, denn ſie zweifelten nicht an Johannas göttlicher Berufung. Es war ihnen, als ſähen ſie„einen Engel Gottes“, ja „Gott ſelbſt vom Himmel in ihre Mitte herniederſteigen“. Unter ſolchem Schutze hielten 1 ſich fortan für unüberwindlich, und damit waren ſie es. Der Glaube ward ihr Sieg. In dieſe Stimmung ſchlug wie ein Blitz von oben Johannas Ermahnung, auf Gott zu hoffen, und der Troſt ihrer Verheißung, das Ende aller Mühſal ſei für die Stadt erſchienen, ſo man Glauben und Vertrauen auf Gott habe. An der Kathedrale, die heilige Kreuzkirche genannt, hielt Johanna ſtille, um dem Herrn für die erfahrene Gnade zu danken:³. Nach beendigter Andacht wurde ſie von Dunois unter andauerndem Jubel des Volkes bis an das weſtliche Thor(Regnart) von Orleans gebracht, wo ſie mit d'Aulon und mehreren⸗Perſonen ihres Ge⸗ folges in dem Hauſe des Jacob Boucher, Schatzmeiſters der Stadt und des Herzogs von Or⸗ leans, eine Wohnung erhielt, von welcher aus ſie die ganze Belagerung überſchauen konnte:. Jetzt erſt legte ſie ihre Waffen ab, die ſie ſeit dem Auszug aus Blois beſtändig getragen hatte. Man überhäufte ſie mit Freundlichkeit und ſetzte ihr ein reiches Mahl vor; aber trotzdem daß ſie während des ganzen mühevollen Tages, wie die Chronik der Jungfran behauptet, weder et⸗ was gegeßen noch getrunken hatte, genoß ſie weiter nichts als ein paar Schnitten Brot in ge⸗ miſchten Wein getaucht. Kurz nachher legte ſie ſich mit der Tochter des Wirtes zur Ruheis. Am nächſten Morgen(Sonnabends 30. April) kamen die Feldherrn und Oberſten bei Dunois zum Kriegsrathe ASnan Johanna erkärte ſich entſchloßen, eine zweite Aufforde⸗ rung zu gutwilliger Aufhebung der Belagerung an die Engländer zu erlaßen, und falls dieſe wie die erſte fruchtlos bleiben ſollte, den Kmiecden Aufſchwung des Volkes ſofort zum Angriff auf die feindlichen Schanzen zu benutzen. Der alzzeit ſchlagfertige La Hire und der heißblütige Florent d'Illiers, der einen Tag vor Johanna in Orleans eingerückt war, ſprachen ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach in gleichem Sinne aus. Die Mehrzahl der Anweſenden, worunter auch Dunois, war dagegen der Anſieht man dürfe vor der Rückkehr der Armee von Blois kein ent⸗ ſcheidendes Unternehmen wagen. Es kam zu heftigen Auftritten**). Die Rückſichten menſchlicher Klugheit und Vorſicht, welche die Oberſten geltend machten, hatten für Johanna wenig Ge⸗ wicht, da ſie ihre Stärke lediglich in die Kraft Gottes ſetzte, der ihr durch die Heiligen die Befreiung verbürgt hatte. Nur mit innerſtem Widerſtreben fügte ſie ſich zuletzt, nachdem Du⸗ *) Le Brun de Charmettes 1. 1. II 1: Les chevaux blancs étaient un attribut de la souverai- .]„;.. neté; les rois, les papes, les empereurs d'Allemagne, lorsqu'ils faisaient ou une marche solen- nelle, ou leur entrée dans quelqu'une de leurs villes, ne montaient que des chevaux blancs. ) O. IV, 358 theilt der Lebensbeſchreiber des Königlichen Oberjägermeiſters W. von Gamaches die Worte mit, welche letzterer in der Verſammlung geredet haben ſoll:»Weil dem denn alſo iſt, ihr Ritter, daß ihr lieber auf den Rath einer naſeweiſen Dirne von gemeinem Herkommen, denn auf den eines Mannes, wie ich bin, hört, ſo will ich kein Wort mehr darüber verlieren; am rechten Ort und zur rechten Zeit ſoll meine Klinge ſprechen, mag ſein, daß ich dabei mein Leben verliere, aber ſo muß es ſein für den König und meine Ehre, und von dieſem Augenblick an falte ich mein Banner zuſammen und bin nichts mehr, als ein gemeiner Schildknappe. Denn lieber will ich einen Edelmann zum Herrn und Meiſter haden, als eine Frau, von der man vielleicht gar nicht weiß, wer ſie iſt.« Hiermit faltete er ſein Banner zuſammen und überreichte es dem Grafen Dunois. Jedoch gelang es den anderen Oberſten ſeinen Zorn zu beſchwichtigen und ihn zu vermögen, daß er die Jungfrau auf die Wange küſte, wozu beide ſich nur mit Widerwillen verſtanden. 1 6 nois ihr das Verſprechen gegeben, am folgenden Tage mit d'Aulon und andern Hauptleuten ſelbſt nach Blois aufzubrechen und für ſchleun ge Wiederkehr der Truppen Sorge zu tragen. Noch auf dem Heimwege ſprach Johanna gegen Ludwig von Contes ihren Unwillen über die Vereitelung ihres Vorhabens aus. So kam es an dieſem Tage zu keiner anderen Waffenthat, als zu einem erbitterten Vor⸗ poſtengefechte unter La Hires und Florent d'Illiers Leitung. Wohl aber führte Johanna am Abend ihren Entſchluß aus, den Feind nochmals zum friedlichen Abzug von Orleans zu er⸗ mahnen::. Ihr erſtes Schreiben hatte ſie von Blois durch einen Boten an die Engliſchen Feldherrn geſandt. Dieſe hatten die Jungfrau keiner Antwort gewürdigt, ſie vielmehr mit ge⸗ meinen Schmähreden überhäuft und den Boten zum Gefangenen gemacht:s. Jetzt ſchickte Jo⸗ hanna ihre beiden Pereſbe in die Sanct-Laurentiusfeſte an Talbot und die übrigen feindlichen Heerführer, um denſelbeu einen, wie es ſcheint, gleichlautenden Brief zu überreichen und die Auslieferung des Boten zu verlangen. Die Engliſchen Generale glaubten einem Weibe gegen⸗ über, das ſie für eine Ketzerin hielten, nicht an die Geſetze des Völkerrechts gebunden zu ſein; ſie ließen den einen der Herolde, Guienne, feſtnehmen und der Jungfrau durch den andern, Ambleville, ſagen, ſie ſei eine Kuhmagd, eine Soldatendirne und ſolle verbrannt werden, wenn man ihrer habhaft würde, gleichwie ihre Herolde.„Sie werden ihnen nichts zu Leide thun“, ſprach Johanna unerſchrocken?. Nach Gottes Gebot war ja die Aufforderung ergangen, wie ſollte ſie die Ueberbringer derſelben nicht unter Gottes Hut wißen 280 Noch an demſelben Abend begab ſich Johanna auf die Brücke zu dem Franzöſiſchem Boll⸗ werk vom ſchönen Kreuz, um eine gleiche Mahnung zu friedlichem Entſatze der Stadt auch an den Oberbefehlshaber auf der Südſeite zu richten. Mit lauter Stimme rief ſie Glasdale zu: „Im Namen Gottes ziehet ab, ſonſt werde ich Euch mit Waffengewalt vertreiben“. Glasdale und ſeine Gefährten warfen ihr aus den Tournellen dieſelben Schimpfworte und Drohungen zu, wie Talbot.„Meinſt Du, wir ſollten uns einem Weibe ausliefern“, ſchrie der Baſtard von Granville und nannte die Franzoſen, welche die Jungfrau umſtanden, Ungläubige, weil ſie ſich mit einer ſolchen Dirne abgäben(maquereaulx mescréans). Da ſoll Johanna in der Aufwallung gerechten Zornes Glasdale Lügen geſtraft und ihm verkündigt haben, ſie würden wider Willen abziehen müßen, er aber werde das nimmer ſehen, ſondern ſterben ohne zu bluten, und ebenſo würden viele von ſeiner Mannſchaft umkommen. Darnach ging die Jungfrau in die Stadt zurück und verrichtete ihren Abendgottesdienſt in der heiligen Kreuz⸗ kirche. Hier wurde ſie von Johann von Mascon, der im Rufe hoher Weisheit ſtand, gefragt: „Meine Tochter, biſt du gekommen, um die Belagerung aufzuheben?“„Ja, antwortete ſie, im Namen Gottes.“„Meine Tochter,“ fuhr Johann von Mascon fort,„die Feinde ſind ſtark und ihre Schanzen wohl befeſtigt, es wird ſchwer halten, ſie daraus zu vertreiben.“ Johanna erwiderte:„der Macht Gottes iſt nichts unmöglichst.“ Am folgenden Tage(Sonntag 1. Mai) reiſte Dunois der Verabredung gemäß mit d-Au⸗ lon und einer kleinen Schar von Rittern und Soldaten nach Blois. Zugleich rückten Johanna und La Hire an der Spitze einer erleſenen Mannſchaft aus, um ihnen beim Durchzug durch die feindliche Linie Schutz zu gewähren. Die Jungfrau nahm ihre Stellung zwiſchen der Stadt und den feindlichen Schanzen, welche die Straße nach Blois beherrſchten. Indem ſie auf dieſe Weiſe die Aufmerkſamkeit der Feinde beſchäftigte, kam Dunois mit ſeinen Begleitern über den Bereich der Gefahr hinaus, ohne angegriffen zu werden. Als Johanna die Ihrigen in Sicher⸗ heit wuſte, näherte ſie ſich dem Bollwerke von Croix-Morin und rief der Beſatzung zu:„Um Gotteswillen kehret heim nach England, Euer Leben ſoll unverletzt ſein, oder ich werde Euch zornig machen.“ Mit ebenſo ſchmutzigen Scheltworten wurde ſie abgefertigt, wie am Abend zuvor bei dem Schloß der Türme. Nach Orleans zurückgekehrt muſte Johanna dem ungeſtümen Verlangen des Volkes, welches um ſie zu ſehen die Thüren ihres Hauſes beinahe erbrach, nachgeben und ſich zu einem Zug durch die Stadt entſchließen. Die Straßen, durch welche ſie ritt, waren ſo gedrängt voll, daß 7 man Mühe hatte durchzukommen. Die Leute konnten ſich an der Jungfrau gar nicht ſatt ſehen, alle wunderten ſich über ihre ſtattliche Haltung zu Roſs, die dem geübteſten Reiter Ehre gemacht hätte. Jahanna ließ es ihrerſeits an erhebender Anſprache nicht fehlen. Unabläßig beſtrebt, den Geiſt des Glaubens, der ſie ſelbſt beſeelte, in den Gemüthern zu entflammen und zu bele⸗ ben, wiederholte ſie allenthalben:„Hoffet auf den Herrn, ſo wird er Euch von Euren Feinden erretten. Der Herr hat mich geſandt, um der guten Stadt Orleans zu Hülfe zu kommens:.“ Am 2. Mai beſchloß die Jungfrau, in Geſellſchaft einiger Oberſten und Ritter die Engliſchen Belagerungswerke zu Pferde in Augenſchein zu nehmen. Eine Maſſe Volks, froh ſie zu ſehen und um ſie zu ſein, verließ mit ihr die Stadt, jede Furcht ſchwieg in ihrer Nähe. Nachdem ſie unge⸗ ſtört die ganze Reihe der feindlichen Befeſtigungen beſchaut hatte, kehrte ſie in der Abendſtunde nach Orleans zurück und hörte, wie gewöhnlichss, im Dom zum heiligen Kreuz die Vesperss. Dienſtag(3. Mai) langten die Franzöſiſchen Beſatzungen von Montargis, Gien, Chateau⸗ renard, Gatinais und Chateaudun in Orleans an. Johanna widmete dieſen Tag vorzugs⸗ weiſe dem Gebet und kirchlicher Andacht. Eine feierliche Proceſſion wurde auf ihren Betrieb ver⸗ anſtaltet, um den Beiſtand des Herrn zur Befreiung Orleans anzurufen, namentlich ſeinen Schutz für die zurückerwartete Armee von Blois zu erflehen. Gegen Abend lief die Nachricht ein, das Heer von Blois ſei mit ſeinen Führern unterwegsss. In Blois hatten inzwiſchen unter dem Vorſitz des Erzbiſchofs von Reims Berathungen ſtattgefunden, deren Gegenſtand kein ge⸗ ringercr, als die Frage war, ob die Truppen wieder nach Orleans zurückkehren ſollten oder nicht. Solch heilloſes Spiel durfte einer der höͤchſten Hofbeamten wagen, wagen deshalb, weil ſein König nicht viel mehr als eine Null war. Und wie ſo gar nicht unbegründet war doch Jo⸗ hannas Argwohn geweſen, es könne der Rückmarſch der Armee die Nimmerwiederkehr derſelben zur Folge haben! Wie gerechtfertigt erſcheint ihr ſtetes Drängen zur That, inſofern es Du⸗ nois Reiſe nach Blois veranlaßte, ohne welche des Erzbiſchofs Ränke wenn auch nicht ganz, doch wahrſcheinlich theilweiſe gelungen wären. Dunois trat gerade im entſcheidenden Augen⸗ blicke in den Verſammlungsſaal. Manche hatten ſich bereits dahin ansgeſprochen, es ſei das Beſte, daß jeder in ſeine Garniſon zurückgehe, die Mehrzahl aber hielt noch feſt an dem der Jungfrau gegebenen Worte. Dunois Bitten und Vorſtellungen, Orleans ſei verloren, wenn das Heer ſich auflöſe, man ſolle ſo ſchleunig und zahlreich, als möglich, der Stadt zu Hülfe eilen, gaben den Ausſchlag. Die Rückkehr ward beſchloßen*). Demzufolge zogen die beiden Marſchälle, Dunois, d'Aulon und die anderen Kriegsoberſten am 3. Mai mit den Truppen und neuen Vorräthen von Blois ab und ſchlugen diesmal der Verabredung gemäß den Weg längs dem rechten Loireufer durch die Beauce ein. Schon am Morgen des 4. Mai kamen ſie vor denſelben Belagerungswerken der Engländer an, zwiſchen welchen Sonntags vorher Dunois hindurch geritten war. Sofort ging Johanna, begleitet von La Hire, Florent d'Illiers, Alain de Giron, Jamet de Tillay, de Villars und einer Auswahl von Kriegern, im ganzen mit 500 Mann, den Ankommenden bis vor die feindlichen Feſten entgegen, um den Durchzug derſelben zu decken und die Feinde im Rücken zu bedrohen, ſofern ſie einen Ausfall unternehmen ſollten. Allein die Engländer blieben mit den Waffen in der Hand unbeweglich hinter ihren Wällen 2) Jean Chartier, Q. IV, 55 sq., und die Chronik der Jungfrau, 0. IV, 221 sq., die nach ihm, jedoch nicht ohne wichtige Aenderungen, erzählt, ſind hier die alleinigen Quellen. Jener berichtet, von allen ſei die Rückkehe beſchloßen worden, die Chronik, nur von faſt allen. Vielleicht will ſie damit nur den Erzbiſchof und einen oder den andern ſeiner Trabanten ausſchließen, we⸗ nigſtens ſagt ſie kurz vorher: aber ſie waren alle der Meinung, daß ſie zurückkehren müſten. Bedeutſam genug ſtimmen beide Berichterſtatter darin überein, die Armee ſei bei dem Marſch durch die Sologne dreimal ſo ſtark geweſen, wie bei dem Marſch durch die Beauce, Angaben welche übrigens von anderer Seite nicht beſtätigt werden. Sicher irrig iſt bie Abweichung der Chronik, wonach Dunois nicht perſönlich, ſondern durch Botſchaft die Gefahr Orleans und die Nothwendigkeit baldiger Hülfe dargeſtellt hätte. 8 und ließen vor ihren Augen die Franzöſiſchen Truppen ſammt den Vorräthen unter den Ge⸗ ſängen der voranſchreitenden Prieſter vorbeiziehen. Die Franzoſen ſtaunten über das Wun⸗ der. Ohne Schwertſtreich erreichte das Entſatzheer, mit der Jungfrau und ihren Gefährten ver⸗ einigt, die Stadt, wo ein nicht enden wollender Jubel der Begeiſterung die Retter empfingss. So war denn nach allen Seiten hin erfüllt, was Johanna ſchon in Poitiers vorausgeſagt haben ſoll und was ſie ſeitdem bei jeder Gelegenheit wiederholt hatte:„Wir werden die Vor⸗ räthe mit Leichtigkeit nach Orleans bringen und kein Feind wird Miene machen, uns darau zu hindern“ s87. Die Bedenklichkeiten der Feldherrn waren durch die That widerlegt, Johannas Ver⸗ Heiun als Gottes Wille durch den Erfolg beglaubigt, ja— was noch mehr— die Armee atte am Ende gerade auf dem Wege in Orleans einziehen müßen, den Johanna urſprünglich vorgeſchrieben. Alles natürlich und alles doch ein Wunder der göttlichen Vorſehung. er Die Tage ſeit dem 29. April, gleichſam das Vorſpiel des blutigen Dramas, waren ohne glänzende Waffenthat verfloßen, verloren aber waren ſie nicht. Der Aufſchub war der Jung⸗ frau zum Segen, den Förinden zum Unheil geworden. Freund und Feind ſchienen ſich zu dem Zwecke die Hand gereicht zu haben, Johannas Werk zu fördern. Indem die Franzöſiſchen Heer⸗ führer, ihrem eigenen Rathe folgend, den Weg durch die Sologne einſchlugen, wurden ſie die Urſache, daß Johannas Prophezeiung ſich nicht bloß einmal, ſondern mehrmals unter den auffallendſten Umſtänden verwirklichte; und indem die Engliſchen Feldherrn an dem Grundſatz feſthielten, ihre Wälle nicht zu verlaßen, bereiteten ſie ihren Soldaten das Schauſpiel, die Er⸗ füllung jener Weiſſagung faſt täglich vor Augen zu ſehen. Während auf dieſe Weiſe der Glaube der Franzoſen an Johannas göttliche Begabung ſtets neue Nahrung bekam, konnte es nicht fehlen, daß ſo ſprechende Thatſachen auch auf die Gemüther der Engliſchen Soldaten ei⸗ nen tiefen Eindruck machten, zumal dieſelben ſeit längerer Zeit in Spannung gehalten waren. Auch in das Engliſche Lager war nämlich die Kunde von der Ankunft der Jungfrau in Chinon gedrungen, das Gerücht von ihrer Prophetengabe, ihrer Verheißung Frankreich zu retten, von ihrem Verkehr mit Geiſtern, ihren vielen Wunderthaten hatte ſeit zwei Monaten Englän⸗ der ſowohl als Franzoſen bewegt, jenen wie dieſen war die Weiſſagung, daß eine Jungfrau die Engländer aus Frankreich vertreiben würde, zu Ohren gekommen und hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Zwar wißen wir nicht, in wieweit ſchon damals der Wahn, daß Johanna mit dem Teufel im Bunde ſtehe und über Kräfte des Abgrundes gebiete, bei den Engliſchen Solda⸗ ten Wurzel gefaßt hattess; ſoviel aber iſt gewis, daß das Verhalten der Engliſchen Feldherrn ganz darnach angethan war, um ihren Leuten ernſte Befürchtungen einzuflößen und dem Feinde auf jede Weiſe in die Hand zu arbeiten. Aus der übermäßigen Vorſicht und außergewöhnli⸗ chen Unthätigkeit ihrer Führer muſten die Engliſchen Soldaten den Schluß ziehen, daß dieſen die Ankunft der Jungfrau trotz der Verachtung, welche ſie gegen deren Perſon zur Schau tru⸗ gen, keineswegs als ein gleichgültiges Ereignis erſcheine. Die Franzoſen hingegen glaubten durch einen Bann von oben die Arme ihrer Gegner gelähmt, und die Ruhe der erſten Tage verſchaffte der Jungfrau freien Spielraum, die hinreißende Gewalt ihrer Perſoͤnlichkeit, wodurch ſie überall den bedeutendſten Einfluß geübt hatte, in vollem Maße auf ihr Volk wirken zu laßen*). Bürger und Soldaten ſahen in ihr das Bild der Heiligen und der Heldin zumal, Johannas Glaube, daß Gott ſie geſandt, ward der ihrige, und ſomit wuſten ſie ſich unter der Jungfrau Führung von Gott ſelbſt zum Siege geführtss. †1.9 2 9 6 Wie nun erklären wir das ganze Verhalten der Engliſchen Feldherrn? Hume meint, ihr Verfahren ſei aus der Abſicht entſprungen, durch Zeit und Gewöhnung den Eindruck des erſten *) Die Beweiſe davon ſind theils in dem bisher Erzählten, theils in den Schilderungen enthalten, welche die Bewohner Orleans von dem Character und Wandel ihrer Befreierin entworfen haben. Wir haben dieſelben Zug für Zug zur Zeichnung von Johannas Characterbild benutzt, ſ. Theil I. S. 16 ſq. Anm. 13 bis 59, 234 bis 258. ns 1 159 3198 1:561g1utchs676 ai 9 Schreckens abzuſtumpfen. Ob und wieviel Wahres an dieſer Anſicht iſt, läßt ſich wenigſtens aus den Quellen nicht entſcheiden. Fragen wir die Franzoſen, ſo ſtimmen alle in der Antwort zuſammen, daß Furcht die Engländer gefeßelt habe.„Die Engländer ſchienen, ſagt Alain Char⸗ tier, aus Männern Weiber geworden.“ Und Dunois:„Während ſeither 200 Engländer 800. bis 1000 Franzoſen in die Flucht jagten, ſo nahmen es von jetzt an(d. h. ſeit Johanna am 30. April die Engliſchen Feldherrn ſchriftlich aufgefordert hatte, die Belagerung aufzuheben) 400 oder 500 Franzoſen im Kampfe mit der ganzen Engliſchen Macht auf und trieben die Engländer dergeſtalt in die Enge, daß ſie nicht wagten, ihre Schlupfwinkel zu verlaßen?o. Das Gleiche wird, wenn auch nicht ausdrücklich für den gegenwärtigen Zeitpunkt, von Freund und Feind bezeugton. Und daß dieſes Urtheil im weſentlichen richtig, daß der Entſchluß der Engliſchen Feldherrn, ſich lediglich auf die Vertheidigung zu beſchränken, unter dem Druck der Furcht gefaßt worden iſt, beweiſt, von allem andern abgeſehen, eine Thatſache mit überzeugender Klarheit. Wir meinen die Thatſache, daß die Engländer am erſten Mai dem Grafen Dunois den Durchzug zwiſchen ihren Feſtungen ohne Widerſtand geſtatteten.„Gott ſei Dank,“ ruft d'Aulon noch nach Jahren aus, und er hat volle Urſache dazu. Denn die Straße, welche nach Blois führte, wurde von den ſtarken Bollwerken London, La Croix⸗Boiſſée, Sanct-Laurentius und dem bei letzterem errichte⸗ ten, mit zahlreichen Streitern gefüllten Feldlager beherrſcht. Ueberdies konnten nöthigenfalls in kürzeſter Zeit beträchtliche Zuzüge aus den benachbarten Burgen und Feldſchanzen herange⸗ zogen werden. Aber auch ohne dieſe waren die Engliſchen Kräfte den Franzöſiſchen bei weitem überlegen, wie aus d'Aulons Darſtellung mit Sicherheit zu ſchließen iſts.. Noch war ja die Kriegsmacht der Franzoſen nicht in Orleans beiſammen. Und welchen Preis galt es doch! Keinen geringeren, als den heldenherzigen Vertheidiger von Orleans mit ſeiner Geleitſchaft auf⸗ zuheben und die Jungfrau zu ſchlagen oder gar gefangen zu nehmen. Gelang der Streich, ſo war mit einem Schlage alles gethan, die letzte Hoffnung der Belagerten zertrümmert; zogen dagegen die Engländer den Kürzeren, ſo ſtand ihnen die Zuflucht in ihre Feſten offen. Wenn je, ſo war jetzt eine raſche That geboten. Und warum verſäumten die Engländer die ſo gün⸗ ſtige Gelegenheit? Etwa weil Sonntag war? Aber wie oft hatten ſie an Sonntagen ge⸗ kämpft!93 Nicht die Vorſicht der Beſonnenheit, ſondern die Uebelberathenheit der Furcht hat ſie geleitet. Das kühne Selbſtvertrauen, womit ſie früher oftmals in kleiner Schar große Feindes⸗ maſſen beſiegt hatten, war geſchwunden und hatte einer unverzeihlichen Zaghaftigkeit Platz gemacht. Uebertriebene Vorſicht iſt ein ſicheres Merkmal der Furcht. Doch dürfen wir dieſe Furcht weder bei den Engliſchen Soldaten noch weniger bei den Feldherrn ſogleich zur Feigheit vollendet den⸗ ken. Sie war noch auf den erſten Stufen, denn nicht in einem Tage wird der Tapfere zur Memme. Auch mögen wir es für jetzt ganz dahingeſtellt ſein laßen, ob die Beſorgniſſe der Feldherrn mehr durch die Perſon der Jungfrau oder durch die Begeiſterung der Franzöſiſchen Armee hervorgerufen waren. 1 n Nicht ganz ſo halt⸗ und grundlos erſcheint der Entſchluß der Engländer, die Feinde ohne Schwertſchlag in Orleans einzulaßen. Vergegenwärtigen wir uns genau die Verhältniſſe der Belagerung, ſo vermögen wir wenigſtens einige Beweggründe zu entdecken, welche, wie es ſcheint, dies Verfahren veranlaßten und wenn auch keineswegs rechtfertigen, doch ei⸗ nigermaßen entſchuldigen. Unterſuchen wir zunächſt die Stärke der Engliſchen Armee. Die Franzoſen reden bei jeder Gelegenheit von der Uebermacht ihrer Gegnerot. Das aber iſt nur für einzelne Fälle und ſo lange richtig, als die Hülfsmannſchaft von Blois nicht angekommen war. Die Belagerungsarmee beſtand aus ungefähr 5000 Mann*). Schlagen wir die Zahl *) Dies ergibt ſich, wenn man die bei den Stürmen auf die Sanct⸗Lupusſchanze und die ſüdlichen Bollwerke gebliebenen und gefangenen(6— 800 nach Monſtrelet, G. IV, 366) Engländer mit den nach Aufhebung der Belagerung abziehenden(nach J. Chartier, Q. IV, 63, ungefähr 4000, nach Eberhard von Windecken, 0. 1V, 496, bloß 3000 Mann) zuſammenrechnet. 2 10 der Franzöſiſchen Entſatztruppen, welche der Burgunder Monſtrelet zu 7000 angibt, auch nur auf 3000 Mannos und die wehrhafte Mannſchaft in Orleans bloß zu 2000 Mann an, ſo er⸗ hellt, daß die Streitkräfte auf beiden Seiten mindeſtens gleich waren. Dieſer Umſtand iſ von einem gewiſſen Belang, wenn wir die Beſchaffenheit der Belagerung in Erwägung ziehen. Or⸗ leans war ſowohl auf der Süd⸗ als auf der Nordſeite der Loire mit Belagerungswerken einge⸗ ſchloßen. Die Feſten der Nordſeite erſtreckten ſich in einem großen Bogen um die Stadt. Dieſe zahlreichen, in weitem Umfang die Stadt umgebenden Werke muſten, um plötzlichen Ausfällen der Belagerten gewachſen zu ſein, ſämmtlich mit hinreichender Beſatzung verſehen werden. Da⸗ m brauchte man, wenn man recht ſicher gehen wollte, etwa die Hälfte der geſammten Heeres⸗ ſtürte Wie nun, mochten ſich die Feldherrn mit ängſtlicher Bedächtigkeit fragen, wenn wir, um den Feinden den Einzug in Orleans zu wehren, denſelben eine der ihrigen gleiche Trup⸗ penmaſſe entgegenwerfen, gefährden wir unſere Stellungen nicht? Iſt es nicht rathſamer, das Heer ſammt den Vorräthen ungehindert in die Stadt eingehen zu laßen, als Widerſtand zu leiſten und auf dieſe Weiſe alles an alles zu ſetzen? Aus mehreren Gründen konnten ſie ſich bewogen fühlen, die Frage zu bejahen. Erſtens erwarteten auch ſie in nächſter Zeit Hülfstrup⸗ pen unter Falſtolfos, in denen ſie einigen Erſatz für die Vermehrung der Franzöſiſchen Armee zu finden gedachten. Hauptſächlich aber ſtützten ſie ſich auf die vermeintliche Uneinnehmbar⸗ keit ihrer Vollwerke. An der Feſtigkeit derſelben hofften ſie den Enthuſiasmus der Franzoſen zerſchellen zu ſehen, den Vortheil einer ſtarken Defenſive hatten ſie ohnehin in vielen Schlach⸗ ten, zuletzt noch bei Rouvray erprobt. Und wie ſtark ihre Plätze waren, zeigt der Umſtand, daß die Franzöſiſchen Heerführer und Soldaten behaupteten, die Erſtürmung derſelben ſei nicht durch menſchliche Kraft, ſondern durch ein Wunder Gottes vollbracht worden?7. Auf die Feſtig⸗ keit ihrer Burgen und Schanzen ſich trügend, betrachteten ſie vielleicht, wie Renzi glaubt, den Einzug der letzten Hülfskräfte, welche der Franzöſiſche König aufzubieten hatte, ſogar als ein erwünſchtes Ereignis. Stand ja bei ſolchem Zuwachs von Mannſchaft die Aushungerung der Stadt noch ſchneller in Ausſicht, während ihnen die Zufuhr nach wie vor geſichert blieb. So mochten ſie ſich täuſchen durch die Vorſpiegelung, die Stadt um ſo raſcher zur Uebergabe zu nöthigen und durch Vernichtung der letzten feindlichen Streitkräfte Frankreichs Eroberung zu beſchleunigen. Wir halten uns nicht dabei auf, im einzelnen die Schwächen dieſer Erwägungen und Berechnungen nachzuweiſen, von denen keine einzige wirklich ſtichhaltig, jede von zahaſter Bedenklichkeit eingegeben iſt; nur auf die hervorragendſten Punkte wollen wir aufmerkſam ma⸗ chen, welche die Feldherrn außer Acht gelaßen hatten. Zuvörderſt die Thatſache der Erfahrung, daß dem eiſernen, von religiöſer Begeiſterung beſeelten Muthe am Ende keine Feſte unbezwing⸗ bar iſt. Namentlich aber war der Einfluß von Johannas Perſönlichkeit nicht hoch genug in Anſchlag gebracht. In der Jungfrau gewann die Franzöſiſche Armee einen einheitlichen Mittel⸗ punkt, die Kriegführung eine einheitliche Idee, indem die Heldin, auf ihre gttliche Berechti⸗ ung vertrauend und getragen von der Begeiſterung des Volkes, ihrem Willen gegen die wider⸗ Mehenden Anſichten der Feldherrn nöthigenfalls mit rückſichtsloſer Energie Geltung zu verſchaf⸗ fen wuſter). Die herrſchende Unordnung, der Mangel an Zucht unter Hohen und Niederen, *) Die häufigen Zwiſtigkeiten zwiſchen Johanna und den Feldherrn berührt Ro 1uTp ) Dian 32. Sesglelchen Saln, 0. IN, 273 und J. harnter, 3. 1d, c zabert von Fareizulr, estoit ledit bastard et autres capitaines ensamble pour conseillier ce qu'il estoit à ſaire; et qu'elle conclusion qu'ilz prensissent, quant ycelle Jehanne la Pucelle venoit, elle concluoit aulcune aultre chose au contraire; et contre l'oppinion de tous les capitaines, chiefz de guerre et autres, faisoit souvent de belles entreprinses sur ses ennemis dont tonjours bien lui pre- noit. Et n'y fut fait guerez de choses de quoi y fache à parler, que ce ne fust à P'entre- prinse d'icelle Jehanne la Pucelle. Et combien que les capitaines et autres gens de guerre exécutassent ce qu'elle disoit, fadicte Jehanne aloit tousjours à Pescarmuche en son harnoiz, 11 die Zerſplitterung der Kräfte, das Handeln auf eigne Fauſt hörten ſehr bald auf und an deren Stelle trat eine Gleichmäßigkeit, eine Thatkraft und Raſchheit des Handelns, wovon man bis da⸗ hin keinen Begriff gehabt hatte. Mit der Unwiderſtehlichkeit ihres ſiegesgewiſſen Gottesmuthes, den ſie dem Heere einzuhauchen wuſte, riß die Heldin alle Kräfte in ihre Bahnen hinein, und der Adlerblick ihres Genies entdeckte bald die Bedingungen, unter denen die Befreiung gelang. Sie dachte nicht an eine bloße Vertheidigung der Stadt, ſondern ging mit Entſchiedenheit zum Angriff über, und nicht in vereinzelten Unternehmungen ermüdete ſie die Kampfluſt ihrer Krie⸗ ger, ſondern warf ſich mit aller Wucht auf die eine Seite der Belagerung, um mit einem Schlage alles zu gewinnen. Bei der großen Ausdehnung ihrer Werke konnten die Engländer, wenn die Franzoſen die Offenſive mit Energie ergriffen und bedeutende Maſſen raſch auf ei⸗ nen Punkt warfen, dem bedrohten Platze nicht ſofort mit einer entſprechenden Truppenzahl zu Hülfe kommen, insbeſondere war die Unterſtützung der Südſeite wegen der Trennung durch den Strom erſchwert⸗). Trotz alle dem aber würde, weil die Engliſchen Schanzen ſo ſtark und mit Beſatzung ſo reichlich verſehen waren, daß ſie ſich eine geraume Zeit ohne Beiſtand zu halten vermochten, auch der Uebergang über den Fluß durch eine fliegende Brücke geſichert war, die Befreiung der Stadt wenigſtens nicht ſo überraſchend ſchnell erfolgt ſein, wenn nicht im entſcheidenden Augenblicke der Feind wie durch ein Gottesgericht in Unthätigkeit feſtgebannt ge⸗ weſen und aller Unternehmungsgeiſt von ihm gewichen wäre. Die wenigen Fälle, wo die Eng⸗ länder ſich wirklich zur That anſchickten, vemegen nur, daß ihnen über der Schüchternheit und über dem Vertrauen auf ihre Bolhwerke die Einſicht nicht abhanden gekommen war, daß einem ſo kecken Feinde gegenüber nichts thun, nichts wagen, ſich ihm gebunden in die Hände liefern heißt. Zu einer wirklichen That, wie ſie die Verhältniſſe erheiſchten, haben ſich die Engländer durchaus nicht erhoben, wo ſie ſich zum Handeln aufrafften, blieben ſie bei halben Maßregeln ſtehen und ließen die von ihren Hauptvertheidigern entblößte Stadt in gutem Frieden, wäh⸗ rend Johanna am jenſeitigen Ufer eine feindliche Burg nach der andern vernichtete und damit die ganze Belagerung in Trümmer ſchlug. 3 —Den hoͤchſten Gipfel erreichte der Enthuſiasmus der Franzoſen nach dem Einzug der Truppen von Blois. Eine ungeheure Sehnſucht, das Engliſche Joch abzuſchütteln bemächtigte ſich der Gemüthers, und Johannas Prophetenwort:„Innerhalb fünf Tagen wird die Belage⸗ rung aufgehobeu und kein Engliſcher Soldat mehr vor der Stadt ſein,“ durchzuckte wie eine electriſche Flamme alle Geiſterdo. Nach Hauſe zurückgekehrt erquickte ſich Johanna mit d'Aulon durch eine kleine Mahlzeit. Kurz darnach machte Dunois der Jungfrau Meldung, daß Falſtolf mit Mannſchaft und Lebens⸗ mitteln binnen kurzem im Engliſchen Lager eintreffen werde, er ſei bereits in Yeuville ange⸗ langt.„Baſtard, Baſtard! antwortete ſie, im Namen Gottes, ich gebicte Dir, daß ſobald Du die Ankunft Falſtolfs erfährſt, Du mir davon Kenntnis gibſt, denn zieht er vorbei, ohne daß ich es weiß, ſo ſei verſichert, daß ich Dir den Kopf abſchlagen laße.“ Dunois erwiderte, Jo⸗ hanna ſoli nicht zweifeln, er werde ihr Nachricht geben 1oco. Damit entfernte er ſich. Ein Er⸗ eignis folgte auf dem Fuße, das Johannas ſcharfes Wort rechtfertigte. Mittag(4. Mai) war herbeigekommen. D Aulon, matt und müde von den Anſtrengungen des Marſches, hatte ſich auf ein Ruhebett im Zimmer Johannas niedergelegt, dieſe mit Bouchers Tochter auf ein anderes. D'Aulon begann eden einzuſchlafen, da erhob ſich Johanna plötzlich — combien que ce fust contre la voulenté et oppinion de la plus part d'y- ceulx gens de sguerre; et montoit sur son coursier, armée aussy tost que chevalier qui fust en l'armée ne en la court du roy. De quoy les gens de guerre estoient courou- ciez et moult esbahiz. .) 0. IV, 511(Papſt Pius 11): Quum divisi Anglici pluribus in locis essent, nec castra castris subvenire possent, per hunc modum soluta et penitus deleta est Aurelianensis obsidio. 12 und weckte ihn init lautem Rufe. Nach der Urſache befragt, antwortete ſie:„Im Namen Got⸗ tes, mein Rath hat mir geſagt, ich ſolle mich aufmachen gegen die Engländer, aber ich weiß nicht, ob ich gegen ihre Schanzen oder gegen Falſtolf gehen ſoll.“ Pasqguerel, der inzwiſchen mit einigen Prieſtern eingetreten war, hoͤrte ſie rufen:„Wo ſind meine Wappner? das Blut unſerer Leute fließt zur Erde!“ Indem d'Aulon emporſprang und nach Johannas Waffen griff, ſtürmte dieſe die Treppe hinunter. Sie fand ihren Pagen Ludwig von Contes ſorglos mit der Wirtin plaudernd, denn rings war alles ſtill und ruhig.„Ha, blutiger Knabe, fuhr ſie ihn an, Du ſagteſt mir nicht, daß das Blut Frankreichs vergoßen ward. Bei Gott, das iſt übel gethan. Weshalb hat man mich nicht früher geweckt? Unſere Leute ſind in großer Noth. Geh und hole mein Pferd.“ Darauf eilte ſie in ihr Zimmer zurück und ließ ſich von d'Au⸗ lon unter Beihülfe der Frau und Tochter des Hauſes ſchleunigſt die Rüſtung anlegen. Wäh⸗ rend ſie noch damit beſchäftigt waren, vernahmen ſie bereits großes Geſchrei und Getöſe auf der Straße. Das Gerücht von einer Niederlage der Franzoſen hatte ſich vom öſtlichen Stadt⸗ viertel bis in das Weſtende fortgeflanzt. Johanna lief hinunter und ſchwang ſich auf das Roſs, welches der Page vorführte. In der Haſt hatte ſie ihre Fahne zurückgelaßen. Der Page rannte hinauf und reichte ſie ihr durchs Fenſter. Nun gab ſie dem Pferde die Sporn und ſprengte mit Blitzesſchnelle, ſo daß die Funken aus dem Pflaſter ſprühten, durch die große Straße geradewegs nach dem Burguuderthore hin, woher der Lärm kam. D'Aulon und de Contes erreichten ſie erſt beim Thore wieder, wo das Gedränge der Menſchen und der Anblick einer Menge Verwundeter die Jungfrau in ihrem Laufe eine Weile aufhielt. Der Jammer ging ihr ſehr zu Herzen. Einen ſchwer Getroffenen betrachtend, rief ſie aus: Nie habe ich Franzöſiſches Blut fließen ſehen, ohne daß ſich mir die Haare geſträubt hätten ¹10¹. Was war geſchehen? Mehrere Befehlshaber hatten um die Mittagsſtunde ohne Vorwißen der Jungfrau mit einer beträchtlichen Kriegerſchar, welche theils aus Bogenſchützen, theils aus Bürgerwehr beſtand, einen Angriff auf die Sanct⸗-Lupusbaſtille unternommen. Anfangs hatten ſie Vortheile errungen und ſogar die vor der Feſte errichtete Schanze erſtürmt, dann aber wa⸗ ren ſie mit Verluſt zurückgeworfen worden ¹0². Hatten ſich die Befehlshaber durch den begeiſter⸗ ten Aufſchwung des Volkes fortreißen laßen? Oder beabſichtigten ſie die allgemeine Sie⸗ geszuverſicht unverweilt zu einer rettenden That zu benutzen? Die Quellen ſchweigen ebenſo über die Beweggründe, wie über die Namen der Befehlshaber). *) Weder Johanna(0. 1, 78. 293), noch Dunois, welcher die Eroberung der Sanct Lupusbaſtille ganz mit Stillſchweigen übergeht, noch die übrigen Augenzeugen(4. III, 68 sd. 79. 106. 121. 126. 127. 212 sd.) klären das Dunkel auf. Unter den Chroniken erwähnt allein die Chronik der Jungfrau(0. 1V, 222 sq.) den unbefugten Ausfall auf die Sanct Lupusfeſte und das wun⸗ derbare Erwachen der Jungfrau. Daß aber ihr Bericht ſich auf Wahrheit gründet, beweiſen auf's beſtimmteſte die angeführten Augenzeugen. Die übrigen Chroniken(Q. IV, 6. 42. 56. 282. 364 sd. 408. 492 V, 291), das Tagebuch der Belagerung von Orleans(0. IV, 157) nicht ausgenom⸗ men, wißen nicht das Geringſte von einem unberufenen Angriff auf jenes Bollwerk, laßen vielmehr das Unternehmen von Anfang an auf Befehl und unter Leitung der Jungfrau geſchehen. Nur inſofern weichen ſie von einander ab, als nach der Mehrzahl derſelben(0. IV, 57. 157. 365) die Befehlshaber zu gleicher Zeit und im Verein mit Johanna aus der Stadt rücken, nach Per⸗ ceval von Cagny dagegen(0. 1V, 6) Johanna mit der Bürgermiliz vorauseilt, die Feldherrn et⸗ was ſpäter folgen.(Dieſe Angabe Percevals mag auf Verwechſelung mit der von ihm nicht er⸗ wähnten Thatſache beruhen, daß ein Theil der Feldherrn mit 600 Soldaten erſt dann die Stadt verließ, als die Engländer aus den benachbarten Bollwerken der Sanct Lupusfeſte zu Hülfe zo⸗ gen. Ich ſchließe das auch daraus, daß unter den vier Namen der Feldherrn, welche Perceval nennt, ſich zwei befinden(Graville und Sainte. Sévere oder Bouſſac), welche das Tagebuch bei dem letzteren Ereigniſſe anführt). Wie es uns bedünkt, gibt es nur zwei Mäglichkeiten, die widerſprechenden Angaben zu verſöhnen. Entweder muß man zwei Auszüge unterſcheiden und annehmen, daß erſtlich: Environ midy, aucuns des nobles issirent d'Orléans avec grand 13 Johanna, durch das blutige Schauſpiel noch mehr entflammt, ritt mit d'Aulon und meh⸗ reren Kriegern, die ſich zu ihr geſellt, im Fluge durch das Burgunderthor und erſchien in we⸗ nigen Augenblicken auf dem Kampfplatze. Von der großen Maſſe der verſammelten Krieger mit lautem Freudenrufe begrüßt, machte ſie nicht eher Halt, als bis ſie mit wehender Fahne vor der Sanct Lupusfeſte angekommen warlos. Es war das erſte Mal, daß ſie dem Feinde Auge in Auge gegenüberſtand. Und gleich hier zeigte ſich ihr Feldherrntalent in vollem Glanze. Mit Ruhe die Kampfesſcene überſchauend, entdeckte ſie bald die Bedingung des Gelingens: vollſtändiges Abſondern der Feſte und damit Abſchneiden jeder Ausſicht auf Unterſtützung. Sie übergab daher dem Grafen Dunois den gröſten Theil der Truppen mit dem Befehl, ſeine Stellung ſo zu nehmen, daß die Engländer der benachbarten Bollwerke ihr nicht in den Rücken nombre de gens de traict et de commun(0. IV, 222), eine Nachricht welche durch die Zeugen aus 0. III, hinlänglich geſtützt wird; und daß zweitens: Aprez midy, se partirent de la cité la Pucelle et le bastart d'Orléans, menans en leurs compaignies grans nombres de nobles, et en- viron quinze cens combatans, et s'en allèrent assaillir la bastille Sainct-Loup(Q. IV, 157. Vergl. 57 und 6), welche letztere Stelle wir dann ſo zu deuten hätten, daß ziemlich zu derſelben Zeit, wo Johanna vor dem Burgunderthor erſchien, auch Graf Dunois und andere Kriegsoberſten an der Spitze von 1500 Mann zur Unterſtützung ihrer Landsleute daſelbſt eingetroffen wären. Oder man muß die beiden Auszüge, wovon 0. IV. 222 und 157 die Rede iſt, nicht als ver⸗ ſchiedene betrachten, ſondern den von Journal, IV, 157, erwähnten mit dem erſteren, IV, 222 in Eins zuſammenſaßen. Natürlich wäre dann zu der Zeit, als die Jungfrau auf dem Kampf⸗ platze anlangte, die geſammte Truppenſtärke längſt vereinigt geweſen. Dieſe Annahme hat ſoviel für ſich, daß wir uns unbedenklich dafür entſcheiden. Im vollſten Einklange ſteht damit die Art, wie die Chronik der Jungfrau, welche über die ganze Begebenheit aufs beſte unterrichtet iſt, die Sache darſtellt. Nur von einem Auszug ſpricht ſie und läßt Johanna ohne Begleitung vor Sanct Lupus ankommen, IV, 223: Et durant iceluy y vint très hastivement la Pucelle armée, à estendart desployé: parquoy l'assault enforgça de plus en plus. Ebenſo wißen die Augenzeugen weder von zwei Auszügen, noch von großen Heerſcharen, welche Johanna auf den Kampfplatz mitgebracht hätte, ſondern bloß von einigen Kriegsleuten, welche ſich am Burgunderthor zu ihr geſellten. So namentlich d'Aulon, welcher an Jahannas Seite aus der Stadt ritt, Q. III, 213: à celle heure, ladicte Pucelle, il qui parle, et plusteurs aultres gens de guerre en leur com- paignie, yssirent hors de ladicte cité pour donner secours ausdits Francois et grever lesdits ennemis à leur povoir; mais ainsi qu'ilz(eben als) furent hors d'icelle cité, fut advis(meinte, ſchien es) à il qui parle que oncques n'avoit veu tant de gens d'armes de leur parti comme il fist lors. Kurz wir vermögen den Verdacht nicht zu unterdrücken, daß die Befehishaber, inſon⸗ derheit diejenigen, welche bisher Orleans beſchützt hatten, unter Dunois Oberleitung den Angriff gegen die Sanct Lupusfeſte auf eigne Verantwortung gewagt haben, da ſie die Kampfluſt und Freiheitsbegeiſterung des Volkes ſahen(O. 1V, 42. 43). Innere Gründe erhöhen die Wahrſchein⸗ lichkeit. Wir erfahren ja von J. Chartier, IV, 59. sd, daß es dem Ehrgeiz der Fel dherrn zur Zeit noch ſchwer fiel, ſich durch die Jungfrau von der Anfübrung der Truppen verdrängt zu ſehen. Sie verlangten von ihr weiter nichts, als daß ſie die Soldaten zum Siegesvertrauen em⸗ porhebe, und dieſem Begehren war bereits vollkommen genügt. Ueberdies ſcheint ein wohl durch⸗ dachter Plan dem ganzen Unternehmen zu Grunde zu liegen. Der Ausfall auf die Sanct Lupusfeſte ſteht in unverkennbarem Zuſammenhang mit dem von den Feldherrn und vornehmſten ürgern Orleans gegen Johanna ſo entſchieden vertretenen Plane, vor allem die Bollwerke der Südſeite zu zerſtören. Von Sanct Lupus aus konnten nämlich die Engländer den Uebergang der Franzoſen über den Strom bedeutend erſchweren. Man muſte alſo, um freie Hand zu be⸗ kommen, die Sanct Lupusfeſte erobern. Sonderbar, daß Dunois gar nichts von der Erſtürmung der Sanct Lupusfeſte erwähnt. Unterließ er es etwa darum, weil ſich für ihn unangenehme Erinnerungen an dies Ereignis knüpften? Dagegen befremdet es durchaus nicht, daß der Ver⸗ faßer des Tagebuchs, 1V, 157, ſo wenig von dem Angriff ohne Vorwißen der Jungfrau, als von deren wunderbarem Aufwachen etwas berichtet. Ihm war die Erſtürmung der Feſte und die Rettung ſeiner Vaterſtadt dermaßen die Hauptſache, daß er darüber jene Thatſachen als Nebendinge unberückſichtigt ließ.— 14 fallen könnten, und ertheilte gleichzeitig den in Orleans zurückgebliebenen Feldherrn die Wei⸗ ſung, ſich ſchlagfertig zu halten, um auf das erſte Zeichen der Sturmglocke den Feinden die Spitze zu bieten, ſofern dieſe ihre Burgen verlaßen ſollten, um auf die eine oder andere Weiſe einen Rettungsverſuch zu wagen. Sie ſelbſt behielt die Bürgermiliz, der ſie vorzugsweiſe ver⸗ traute, und eine geringe Zahl von Soldaten an ihrer Seite1⁴. Die Sanct Lupusbaſtille gehörte zu den feſteſten Bollwerken der Engländer. Sie war aus den Ueberreſten eines von den Bewohnern Orleans angezündeten Nonnen⸗Kloſters nebſt Kirche erbaut, mit Schanze und Graben umgeben*) und ſowohl mit Geſchütz und ſonſtigem Kriegsbedarf ausgerüſtet, als mit einer Beſatzung von etwa dreihundert erprobten Kriegern verſehen ⁵5. Der Oberbefehlshaber der Feſte, Thomas Guerrard, war dermalen abweſend in Montereau os, ein anderer vertrat ſeine Stelle. Johanna war des Sieges ſo gewis, daß ſie im voraus unter Trompetenſchall ausrufen ließ, es ſolle niemand ſich unterſtehen, etwas aus der Kirche des heiligen Lupus zu entwenden. 107 Dann trat ſie, die Fahne in der Hand, an den Rand des Grabens und gab das Zeichen zum Sturme. Wunderbar hatte die Gegenwart der Heldin auf Freund und Feind gewirkt. Die Franzoſen, von dem Wahne erhitzt, im Beiſein der Jungfrau könne kein Unfall ſie treffen, kein Pfeil, keine Kugel des Feindes ſie verſehrenos, ſtürzten ſich mit Ungeſtüm auf die Ver⸗ ſchanzung; die Engländer von entgegengeſetzten Gedanken bewegt, erboten ſich bald darauf, die Feſte zu übergebeu, wenn ihnen freier Abzug gegen Loöſegeld gewährt würde. Johanna ließ ſich auf dieſe Bedingung nicht ein, ſondern antwortete: Wider Euren Willen werde ich Euch zu Gefangenen machen ¹⁰*. Als die Engländer ſahen, es bleibe ihnen nichts, als ſiegen oder ſterben, ſo vertheidigten ſie ſich mit der Wuth und Stärke der Verzweiflung!¹0°. Wenigſtens drei Stunden dauerte der Kampfl¹¹, während deſſen Johanna eine ſolche Thatkraft, Geiſtes⸗ gegenwart und Geſchicklichkeit bewährte, daß ein in Schlachten ergrauter Kriegsheld ſich nicht muſterhafter hätte verhalten können 11². Richtig hatte ſie vorausgeſehen, die Engländer würden ihre bedrängte Feſte nicht ohne Beiſtand laßen; Talbot und andere Engliſche Feldherrn rückten mit einem anſehnlichen, aus den nächſtgelegenen Bollwerken geſammelten Hülfskorps heran. Aber nicht nur Dunvis ſtand zur Abwehr bereit, ſondern auch der Marſchall von Sainte⸗Sé⸗ vore, durch zwei Schläge der Sturmglocke gemahnt, brach mit ſechshundert Kriegern aus Orleans auf und trat kampfgerüſtet den Feinden entgegen. Ohne einen Angriff zu verſuchen, zogen ſich dieſe in ihre Verſtecke zurück“*) und überließen voll Schmerz und Ingrimm die Sanct Lupusfeſte ihrem Schickſalii. Um ſo hartnäckigeren Widerſtand leiſtete die Beſatzung, bis ſie endlich der durch Johanna ſtets befeuerten Tapferkeit und ohne Zweifel auch der Uebermacht der Franzoſen unterlag. Schanze und Feſte wurden erſtürmt¹¹t. Der groſte Theil der Mannſchaft ſtarb den Heldentod, die Minderzahl wurde gefangen genommen ¹⁵. Einige Engländer, welche ſich in den Kirchturm zurückgezogen und bis zuletzt vertheidigt hatten, legten, als jede Gegenwehr ver⸗ geblich war, Prieſtergewänder an und ſuchten unter dieſer Verkleidung ihr Leben zu retten. ohanna nahm ſie vor der Erbitterung der Sieger in Schutz und ließ ſie ſicher in ihre Woh⸗ nung geleiten is. Der Greuel des Blutvergießens, den Johanna zum erſtenmal mit anſah, erſchütterte gewaltig ihr mitleidvolles Herz. Sie brach in heftige Klagen darüber aus, daß ſo viele Feinde ohne Beichte geſtorben waren, und als hielte ſie ſich verantwortlich für das See⸗ lenheil derſelben, beichtete ſie ihrem Kaplan auf der Stelle. Dann befahl ſie Pasquerel, öffent⸗ lich alle Krieger zum Danke gegen Gott und zur Beichte zu ermahnen, ſonſt werde ſie nicht ferner in ihrer Gemeinſchaft bleiben ¹:.— *) Die Schanzen oder Boulevards beſtanden nach damaligem Gebrauche aus ſtarken, tief in den Boden eingerammten Pfählen, welche durch feſt an einander gefügte Reisbündel unter ſich ver⸗ bunden waren. Die Zwiſchenräume wurden mit feſtgeſtampfter Erde und Schutt ausgefüllt. *) Nach 0. IV, 43 kamen die Engländer erſt an, als die Schanze bereits in Flammen ſtand, und kehrten auf halbem Wege wieder um, da ſie die Feſte unrettbar ſahen.. 15 Die Feſte wurde geſchleift, alles brennbare in Aſche gelegt, ein bedeutender Vorrath von Lebensmitteln und Kriegsbedarf erbeutet. Mit Entſetzen ſahen die Engländer ein ſolches Schau⸗ ſpiel jetzt zum erſtenmalius. Mit geringen Opfern hatten die Franzoſen dieſen Sieg erkauft ¹5. Groß war der Erfolg. Aus der Kette der feindlichem Belagerungswerke war eins der wichtig⸗ ſten Glieder gebrochen, welches durch ſeine Lage die Loire beherrſchte und den Uebergang über dieſelbe erſchweren konnte. Ein glänzender Anfang zur Befreiung Orleans war gemacht 10. Doch war der Machtverluſt für die Engländer, wie empfindlich er auch ſein mochte, bei weitem nicht ſo verhängnisvoll, als der moraliſche Eindruck niederbeugend1²¹1. Mit ſtolzem Siegesbe⸗ wuſtſein und frohem Muth zu neuen Thaten kehrten dagegen die Franzöſiſchen Truppen in die Stadt zurück. Johanna wurde vom Volke mit unaufhörlichem Zujauchzen begrüßt. Jeder ſah in dem glücklichen Anfange die Bürgſchaft für die Wahrheit ihrer ganzen Verheißung. Alle Glocken erſchallten, ganz Orleans pries in den Kirchen den Herrn mit Lob⸗ und Dankgeſängen und Bebetei Den Engländern aber verkündigte dieſe Feier, daß ihr Glückſtern in Frankreich zur Neige gehe²2. 3 Snt kam Johanna nach Hauſe und erfriſchte ſich durch ein mäßiges Mahli2. Am folgenden Tage war das Himmelfahrtsfeſt. So ſehr die Heldin vor Begier brannte, das Rettungswerk Orleans zu vollenden, ſo beſchloß ſie doch, um der Heiligkeit des Tages willen, weder einen Kampf zu beginnen, noch ihre Waffen anzulegen, ſondern ganz der Andacht zu leben. Noch am Abend ſagte ſie dies ihrem Kaplan mit dem Beifügen, ſie wolle morgen beichten und das heilige Abendmahl nehmen!². Für das ganze Heer war das Feſt der Himmelfahrt(Donnerſtag 5. Mai) ein Raſttag ². Johanna benutzte die Waffenruhe zu einem Friedenswerk. In der Hoffnung, das Unglück des geſtrigen Tages habe den Hochmuth der Feinde herabgeſtimmt, richtete Johanna an dieſelben eine dritte, den früheren gleichlautende Aufforderung, gutwillig die Belagerung aufzuheben. Sie band das Schreiben an einen Pfeil und ließ denſelben durch einen Bogenſchützen in eine der Engliſchen Schanzen ſchleudern nnter dem Rufe: Leſet, es iſt Botſchaft! Geſchloßen hatte Johanna den Brief mit den Worten:„Das ſchreibe ich Euch hiermit zum dritten und letzten Male, ich werde nicht nochmals ſchreiben.“ Gezeichnet: Iheſus Maria, Johanna die Jungfrau. Ganz unten war die Bemerkung beigefügt: Ich hätte Euch meinen Brief auf eine ehrenvollere Art überſandt, allein Ihr nehmt meine Herolde feſt, habt Ihr ja noch meinen Herold Guienne. Schickt ihn mir zurück, und ich will Euch einige von Euren in der Sanct Lupusfeſte gefan⸗ genen Leuten ſchicken, denn ſie ſind nicht alle todt.“ Die Engländer ſchrieen laut auf: Da iſt Botſchaft von der Dirne der Armagnaken. Johanna ſeußzte darüber und weinte bitterlich, in⸗ dem ſie den Herrn des Himmels zum Zeugen ihrer Unſchuld anrief. Bald aber fühlte ſie ſich getroͤſtet, denn, ſagte ſie, ich habe Botſchaft von meinem Herrn empfangen. Dunois entrüſtet über das Benehmen der Engländer, entbot ihnen in ſeinem Namen, daß wenn ſie Guienne ſammt dem Boten, der den Brief von Blois überbracht, nicht ſofort frei gäben, er ſämmtliche Gefangene eines elenden Todes ſterben laßen würde und die Herolde obendrein, welche ſie wegen Auslöſung der Gefangenen nach Orleans geſandt hätten. Ambleville übernahm dieſe Botſchaft, nachdem ihm Johanna die Zuſicherung gegeben, er werde ohne ein Leid zu erdulden mit den übrigen Herolden zurückkehren. So geſchah es 126. Ann demſelben Tage verſammelten ſich die Franzöſiſchen Feldherrn und Kriegshäupter ſo⸗ wie die vornehmſten Bürger von Orleans in Bouchers Hauſe, um ſich über einen beſtimmten Kriegsplan zu berathen. Alles erwogen, erachteten ſie es für das Beſte, einen Scheinangriff auf die nördlichen Belagerungsburgen zu machen, um den Feind von der Südſeite herüberzu⸗ locken und dann ſchnell mit der Hauptmacht über die geſchwaͤchten Beſatzungen der Südſchanzen herzufallen. Nachdem ſie ſich über dieſen Plan verſtändigt hatten, zogen ſie auch die Jungfrau hinzu. Johanna war der Anſicht, die Engländer in den Nordſchanzen, alſo auf ihrer ſtärkſten Seite anzugreifen und zu dem Ende mit der Sanct Laurentiusbaſtille den Anfang zu machen. Den Feind ins Herz zu treffen war immer ihr Grundſatz. Zweifelt nicht, ſagte ſie, wir wer⸗ 16 den ſie überwältigen, ihre Stunde iſt gekommen. Die Feldherrn ſtellten ihr dagegen vor, man müße vor allem das Südufer der Loire vom Feinde ſäubern, damit der Stadt aus Berry und den dem Könige treu gebliebenen Landſchaften Nahrungsmittel zugeführt werden könnten. Es hielt nicht ſchwer, Johanna für dieſen Plan zu gewinnen, um ſo weniger als ihr heller Blick in der Befreiung gleichviel welcher der beiden Stromſeiten die Rettung der ganzen Stadt erkennen muſte. Nur von dem Warten, bis man den Feind vom jenſeitigen ufer herübergelockt habe, wollte ſie, ſcheint's, nichts wißen. Man einigte ſich demnach allerſeits in dem Beſchluß, zuerſt die Boll⸗ werke der Südſeite zu erobern, und ertheilte den Kriegsoberſten den Auftrag, noch am ſelbigen Abend alles zum Sturm nothwendige Geräth in Stand zu ſetzen und die Truppen frühmor⸗ gens bereit zu halten ¹27. Johanna erließ den beſonderen Befehl an die Soldaten, keiner ſolle ſich erdreiſten, am nächſten Tage gegen den Feind auszurücken, ohne zuvor gebeichtet zu haben, auch ſollten ſie alle unzchtigen Weibsleute fortſchicken, denn um der Sünden willen laße Gott die Schlachten verloren werden ¹²s. Uebrigens war der Tag dem Heiligen geweiht. Zur Vesperzeit ließ Johanna ihrer Ge⸗ wohnheit gemäß, alle Glocken eine halbe Stunde lang läuten und die Einwohner zur Andacht rufen. So bereitete ſich Orleans durch kirchliche Feier und Gebet zum heiligen Kampfe für die Freiheit!¹²9. 4 Am Abend gebot Johanna ihrem Seelſorger, ihr am nächſten Morgen in aller Frühe die Beichte abzunehmen ¹30. Pasquerel ſtellte ſich mit Tagesanbruch in der Wohnung der Johanna ein und hörte ihre Beichte. Dann las er vor ihr und ihren Leuten die Meſſe3. Um neun Uhr, Freitag den 6. Mai, zog Johanna umgeben von den angeſehenſten Gene⸗ ralen und Rittern mit etwa viertauſend Kriegern durch das Burgunderthor an das Ufer der Loire. Man muſte in Schiffen über den Strom ſetzen und beſtimmte zum allgemeinen Sam⸗ melpunkte eine Inſel“) dicht bei der Engliſchen Feſte Saint⸗Jean-le⸗Blanc. Von dieſer Inſel wollte man mit zwei Schiffen eine Brücke an das jenſeitige Ufer ſchlagen. Saint-Jean⸗le-Blanc war natürlich das nächſte Ziel des Angriffs. Zwiſchen dem neuen Turm**) und Sanct Lupus fand die Einſchiffung ſtatt,ns) doch konnte dieſelbe, da die Fahrzeuge nicht ausreichten, nur allmählich erfolgen ¹132... Die Engländer hatten kaum die Anſtalten der Feinde bemerkt, als ſie auf Anordnung Glasdales, welcher den Oberbefehl über die Südſchanzen führte, Saint-Jean⸗le-Blanc in Brand ſteckten und ſich theils in die Auguſtiner⸗ theils in die Tournellenburg zurückzogen, ſo daß die Franzoſen von der verlaßenen Stätte ungeſtört Beſitz nahmen¹²s. Den Franzöſiſchen Feld⸗ herrn genügte, wie es ſcheint,**ns) dieſer Erfolg für jetzt vollkommen, war ja doch durch die Zerſtörung von Saint⸗-Jean⸗-le-Blanc das Haupthindernis der Verbindung Orleans mit Berry *) G. III, 79 Note: Il s'agit ici d'une ile qui adisparu lors de la reconstruction du pont d'Or- léans, mais qui figure encore sur les anciens pians sous le nom d'Jle-aux-Toiles. Dans le Journal du Siége on l'appelle„la petite fle au droit de Saint-Aignan.“ Elle joignait presque la levée de Saint- Jean-le-Blanc. *) 0. IV, 98 Note: Située à la pointe orientale de le ville sur le bord de la Loire. **) Daß nicht das ganze Heer eingeſchifft worden iſt, bemerkt Perceval von Cagny, 0. IV, 7. Ein großer Theil blieb wahrſcheinlich zum Schutze der Stadt zurück und zwar auf Veranſtaltung der Feldherrn. *) Wir verweiſen hier namentlich auf den Beſchluß, den die Generale noch an dieſem Abend nach Erſtürmung der Auguſtinerbaſtille faßten, die Brückenburg nicht anzugreifen. Daß bei Saint⸗ Jean-le-Blanc die einzige Stelle war, wo bei niederem Waßerſtande Schiffe das Ufer erreichen und Lebensmittel einnehmen konnten, iſt früher bemerkt worden. 0. 1II, 69. Note: Les An- glais, en fortifiant cette position, avaient vonlu en faire moins une bastjlle qu'un»gueèt pour garder le passage.“ IV, 148. 12 und den befreundeten Landestheilen hinweggeräumt. Mag nun dies der wahre Grund geweſen ſein, oder mochten, wie die Quellen beſagen, die Feldherrn die Ueberzeugung hegen, daß zum Sturme auf die mächtigen Bolhwerke bei der Brücke ihre Kräfte nicht ausreichten: ſie beſchloßen zurückzukehren, ohne irgend etwas zu unternehmen¹zi. Damit war Johanna nicht einverſtan⸗ den. Unverzagt rückte ſie mit den wenigen Truppen, welche bereits übergeſetzt waren, gegen die Auguſtinerſchanze und pflanzte vor derſelben ihre Fahne auf*). Da erhob ſich ploͤtzlich ein Geſchrei, die Engländer ſeien von Saint⸗Privé mit Macht im Anzuge. Erſchrocken flohen die Franzoſen, und Johanna ſah ſich zu ihrem großen Leid gezwungen, dem Strome der Flüch⸗ tigen zu folgen. Kaum hatten die Franzoſen den Rücken gewandt, ſo kamen die Engländer ſcharenweiſe mit fliegenden Fahnen aus ihren Feſten hervor und ſetzten unter Hohngelächter und Schmähreden auf die Jungfrau den Fliehenden nach. Letztere eilten in raſchem Laufe dem Landungsplatze bei Saint-Jean-le-Blanc zu, wo die Herrn von Gaucourt, Villars und Aulen mit andern tüchtigen Kriegern zur Bewachung der Schiffbrücke aufgeſtellt waren, um für jeden Fall den Rückzug auf die Loireinſel zu ſichern ss. Ein Theil der Flüchtigen, auch Johanna, erreichte glücklich die Inſel, die übrigen aber geriethen in die äußerſte Gefahr vor dem Schwer⸗ te der Feinde. Als die Jungfrau die Bedrängnis ihrer Leute ſah, ſprang ſie, ihr Pferd am Zügel haltend, in einen Kahn„ La Hire ihr nach. Flugs am Ufer, ſchwangen ſich beide auf ihre Noͤſſſe und ſprengten mit eingelegter Lanze gegen den Feind los.„In des Herrn Namen, rief Johanna, nur kühn auf die Engländer los!“ Und als ertönte dieſer Ruf vom Himmel herab, folgten die Höchſten wie die Geringſten unverzüglich dem Beiſpiele der Heldin. Viele auf der Inſel warteten nicht, bis ſie trockenes Fußes nachkommen konnten, ſondern ſtürzten ſich in den Fluß und eilten, bisan die Achſeln im Waßer, an's Land. Von dem Muth ihrer Führerin durchglüht, ſtürmten alle unaufhaltſam auf die Engländer ein. Dieſe aber, beim An⸗ blick der Jungfrau von Schrecken ergriffen, wichen in haſtiger Flucht in ihre Bollwerke zurück und ließen viele Todte auf dem Platzess. Zum zweiten Male pflanzte Johanna ihr Banner an dem Graben der Auguſtinerſchanze auf. Sogleich war auch der Marſchall von Rais zur Stelle, und immer neue Kriegerhaufen ſtrömten mit ihren Führern herbei. Ein mörderiſcher Kampf begann. Die Engländer, auf's Aeußerſte gebracht, wehrten ſich auf Tod und Leben, manche ſchoͤne Waffenthat ward von beiden Seiten verrichtet. Aber nur kurze Zeit vermochten die Engländer dem ungeſtümen Andrang der Franzoſen zu widerſtehen. Stürmend erſtiegen dieſe, von Johanna beſtändig angefeuert, den Schanzwall**) von allen Seiten, und drangen *) Renzi führt S. 39 aus, das Aufgeben von Saint-Jean⸗-le-Blanc ſei eine Kriegsliſt, eine Falle geweſen, welche die Engländer den Franzoſen geſtellt hätten, um ſie von dem Loireufer weg nach der Brücken⸗ und Auguſtinerburg hinzulocken: Le général Suffolck avait deviné ou peut-etre appris le plan arreté par le conseil; il avait concu, lui aussi, un contre-projet pour reprendre boffensive. Dans ce but, il avait fuit retirer dans la Bastille des Augustins et dans les Tou- relles les forces qui occupaient la Bastille de Saint-Jean-le-Blanc, il avait fait marclier des renforts de la rive droite, par l'ile Charlemagne, pour attaquer vivement les Francais à l'improviste et les refouler en désordre sur la Loire. Suffolck avait bien calculé, mais il a- „ 2ait compté sans Jeanne Darc. 1. ¹**) D'Aulon erzählt, Q. III, 2114 sq., ſehr ausführlich folgende Geſchichte, wodurch er ſeinen Antheil an der Eroberung der Feſte ins Licht ſtellt. Während d'Aulon mit andern bei Saint⸗Jean-le- Blanc Wache hielt, eilte ein ſtattlicher Krieger an ihm vorüber. d'Aulon rief ihm zu, er möge bei ihm bleiben. Jener weigerte ſich. Dies verdroß einen Spanier in d'Aulons Gefolge, Na⸗ mens Alſons von Partada. Ihr könnt, rief dieſer dem Franzoſen zu, eben ſo gut hier bleiben, wie andere, es ſtehen hier Leute, die eben ſo ſtark ſind, wie Ihr. Ich thu's nicht, erwiderte der Spanier. Darob wechſelten beide noch manch trotziges Wort, dis ſie zuletzt eins wurden, mit einander gegen den Feind zu gehen, dann werde man ſehen, wer von ihnen der Tapferſte ſei. Alſo gaben ſie ſich die Hand und liefen aus Leibeskräften bis an das Scoad wfc der Feſte. 18 mit unwiderſtehlicher Gewalt in die Auguſtinerburg¹3:. Die Beſatzung wurde gröſtentheils niedergehauen oder gefangen, die wenigen, welche ſich retten konnten, ſuchten Zuflucht in der Brückenfeſte. Viele gefangene Franzoſen erhielten ihre Freiheit wieder, Vorräthe und Koſt⸗ barkeiten wurden in Menge gefunden, doch ließ Johanna, um ihre auf Beute erpichten Leute vor einem Ueberfall zu bewahren, alsbald Feuer an die Feſte legen, wodurch dem Plündern Einhalt geſchahtss. So wurde um die Vesperſtunde das erſte furchtbare Bollwerk zerſtört, welches der Graf von Salisbury um Orleans aufgeführt hattelss. Noch an demſelben Abend wurde das Schloß der Türme, das Hauptbollwerk der Engländer auf der Südſeite belagert. Daß dies geſchah, war einzig Johannas Werk, wie der Verfolg zeigen wird. Sie beabſichtigte, die Nacht hindurch mit dem ganzen Heer vor der Feſte zu lagern und am frühen Morgen den Sturm auf dieſelbe zu beginnen. Allein die Feld⸗ herrn wuſten ſie mit Liſt von dieſem Vorhaben abzubringen. Johanna war nänlich theils durch die Anſtrengung des Kampfes, theils durch Faſten, was ſie an jedem Freitage zu thun pflegte, äußerſt erſchöpft und hatte ſich überdies vor der Auguſtinerburg durch einen Tritt in eine Fußangel verwundet. Alles dies nahmen die Generale zum Vorwande, um ſie zur Rück⸗ kehr in die Stadt zu bewegen.„Sollen wir, hatte ſie anfangs eingewandt, unſere Leute im Stiche laßen? Morgen werde ich das Schloß der Türme haben, und ich gehe nicht nach Orle⸗ ans, bis daſſelbe in der Hand des guten Königs Karl iſt.“ Nach langem Sträuben willfahrte ſie jedoch den Bitten der Feldherrn unter der Bedingung, daß ein beträchtlicher Theil der Ar⸗ mee vor der Brückenfeſte zurückbleibe, und fuhr mit den Feldherrn ſammt dem Reſte des Heeres nach Orleans 110. Die am linken Ufer übernachtenden Krieger wurden von den dankbaren Bürgern Orleans mit Brot, Wein und anderweitigem Bedarf aufs beſte verſorgt 14¹. Johanna, in ihrer Wohnung angelangt, ſah ſich vor Ermattung genöͤthigt, von ihrer ſonſti⸗ gen Strenge im Faſten abzuweichen und ſich durch etwas Speiſe zu ſtärken. Sie war eben mit Eßen fertig, als ein vornehmer Ritter bei ihr erſchien und ihr im Auftrag der Feldherrn das Ergebnis einer Berathung verkündigte, welche dieſe ſo eben mit einander gehalten hatten.„Es ſind unſer wenige, ſprach er, im Vergleich mit den Engländern, die Siege, die wir errungen haben, ſind eine große Gnade Gottes. Aber es ſcheint uns nicht wohlgethan, daß morgen die Krieger ausziehen. Die Stadt iſt mit Lebensmitteln reichlich verſehen und wir können die⸗ ſelbe wohl bewahren, während wir Verſtärkungen vom Könige abwarten.“ Der Sinn dieſer Rede war klar und der Grund enthüllt, weshalb die Feldherrn ſo eifrig auf Johannas Rück⸗ kehr vom Schlachtfelde gedrungen hatten 4². Ueberzeugt, wie ſie ſa efetic waren, daß es un⸗ möglich ſei,„den Platz mit halb ſoviel Kriegern mehr, als ihnen zu Gebote ſtanden, innerhalb eines Monats zu nehmen“ ¹¹3, hatten ſie Johanna vom Kriegsſchauplatze weggelockt und den Entſchluß gefat ſie durch Ueberredung und nöthigenfalls durch Gewalt zum Aufſchieben ihres Vorhabens zu drängen. Daß auch die Beſorgnis, die Engländer koͤnnten mit geſammter Macht die Stadt überfallen, wenn dieſelbe von Truppen zu ſehr entblößt würde, bei den Feldherrn obgewaltet habe, iſt eine anſprechende Vermuthung neuerer Geſchichtsforſcher, welche indeſſen D'Aulon folgte ihnen, wie es ſcheint. Ein gewaltiger Engländer vertheidigte mit mächtigen Streichen einen der Zugänge des Schanzwerks, ſo daß jene nicht vordringen konnten. Dies bemerkend, gab d'Aulon dem ausgezeichnetſten Schützen in Orleans, Meiſter Johann genannt, den Auftrag, auf den Engländer anzulegen. Meiſter Johann ſtreckte mit dem erſten Schuß den Engländer zu Boden. Da brachen die beiden Nebenbuhler durch die Paliſaden und ein ganzer Schwarm ihnen nach. Mit unweſentlichen Veränderungen wird dieſelbe Geſchichte bei der Bela⸗ gerung von Jargeau erzählt, wo der Herzog von Alencon den Engländer durch Meiſter Johann erſchießen läßt, G. IV, 171. su. 237. Uns ſcheint d'Aulons Bericht dadurch nicht an Glaub⸗ würdigkeit zu gewinnen.— 19 durch die Quellen nicht beſtätigt wird. Nach menſchlichem Ermeßen mochten ſolche Erwägungen der Vorſicht hinlänglich gerechtfertigt ſein, für Johanna, die ſich nicht mit Fleiſch und Blut berieth, ſondern den Eingebungen ihrer Stimmen lauſchte, hatten dieſelben keine Gültigkeit. Sie antwortete dem Abgeſandten kraft goͤttlicher Vollmacht:„Ihr ſeid in Eurem Rathe ge⸗ weſen und ich in dem meinigen, ſeid verſichert, daß der Rath meines Herrn ſich erfüllen und feſt bleiben, der Eurige dagegen zu nichte werden wird! Morgen werde ich dieſe Feſte nehmen und über die Brücke in die Stadt zurückkehren.“ Dann ſprach ſie zu ihrem Beichtvater, der eben bei ihr war:„Stehet morgen in aller Frühe auf, früher noch als heute. Haltet Euch ſtets in meiner Nähe, denn morgen werde ich viel zu thun haben und mehr denn je zuvor. Es wird morgen Blut aus meinem Leibe fließen oberhalb der Bruſt, vor der Brückenburg werde ich ver⸗ wundet werden“ 114. Dann begab ſie ſich zu Bette; aber die Sorge, die Feinde möchten ihre vor den Tournellen lagernden Krieger überfallen, ließ ihr wenig Ruhe 45. 2 Während der Nacht wurde das Bollwerk von Saint⸗Privé, das einzige, welches die Engländer außer der Brückenburg noch am Südufer hatten, von der Beſatzung in Brand geſteckt, welche ſich zu Schiffe in die gegenüberliegende Sct. Lorenzfeſte zurückzog. Viele ſollen bei der Ueber⸗ fahrt ertrunken ſein 146. Mit der Dämmerung des Morgens verließ Johanna ihr Lager und hörte die Meſſel:, um ſich zu den Mühen des verhängnisvollen Tages zu weihen(Sonnabend 7. Mai) 4s. Während ſie im Begriffe ſtand, nüchtern das Haus zu verlaßen, kam ein Mann und brachte einen Mai⸗ ſiſch. Boucher lud ſie ein, zuvor den Fiſch mit ihm zu verzehren. Suchte er im Einverſtänd⸗ nis mit den Generalen die Jungfrau noch eine Weile aufzuhalten? Hebet den Fiſch auf bis dieſen Abend, erwiderte Johanna, ich bringe Euch heute Abend einen Godon,“) der davon ſeinen Theil haben ſoll, das Schloß der Türme wird genommen werden und ich kehre über die Brücke in die Stadt zurückas. Inzwiſchen waren die Feldherrn nicht müßig geblieben, ſondern hatten Maßregeln getroffen, um Johanna in Orleans feſtzuhalten und ihrem ſo beſtimmt erklärten Willen einen eiſernen Damm entgegenzuſetzen. Noch am Freitag Abend verſchloßen ſie das Burgunderthor und der Statthalter von Orleans, Herr von Gaucourt, bezog in eigner Perſon die Wache. Sie bedachten nicht, daß die Jungfrau mit unbeſchränktem Einfluß über Volk und Heer gebot, und daß, wenn die Freiheitsbegeiſterung des Volkes dem Thatendrang ſeiner Heldin begegnete, jeder Wi⸗ derſtand von ihrer Seite fruchtlos ſein muſte. In der That hatte ſich am Sonnabend Morgen kaum die Nachricht von dem Beginnen der Feldherrn in der Stadt verbreitet, ſo trat die Bür⸗ gerſchaft zuſammen, um über Gegenmaßregeln zu berathen, und noch hatte Johanna keinen Tritt über die Schwelle ihrer Wohnung geſetzt, als die Bürger ſich bei ihr einfanden und ſie erſuchten,„den Auftrag, den ſie von Gott wie vom König habe, vollenden zu wollen“.„Im Namen Gottes, erwiderte ſie, ich will es thun, und wer mich lieb hat, der folge mir“. Damit ſetzte ſie ſich zu Pferd und eilte an das Burgunderthor, Scharen bewaffneter Bürger und Krieger mit ihr. Sie fand das Thor verſchloßen, Gaucourt mit der Wache ſperrte ihr den Weg. Ein heftiger Auftritt erfolgte.„Ihr ſeid ein ſchlechter Menſch, donnerte Johanna dem Statthalter entgegen, mögt Ihr wollen oder nicht, die Krieger werden kommen und ſiegen, wie ſie früher geſiegt haben“. Gaucourt lief Gefahr, von dem wüthenden Volke zer⸗ malmt zu werden, mit Gewalt ward das Burgunderthor geöffnet und Maſſen Volks und Soldaten ſtromten durch daſſelbe wie durch ein benachbartes kleineres Thor aus der Stadt. Die Feldherrn ſahen ſich genoͤthigt, wenn ſie nicht alles aufs Spiel ſetzen wollten, der Heldin auf ihrer Bahn zu folgen sℳ. Die Sonne war noch nicht lange aufgegangen, als Johanna mit ihren Kampfgenoßen die Schiffe beſtieg¹⁵¹. Belagerungsgeſchütz und Nahrungsmittel wurden gſeichzeitig ider den Fluß geſchafft 52. 1 3 n In— *) Spitzname der Engländer aus God-dam. 20 Bei der vor der Brückenburg gelagerten Mannſchaft angekommen, verſammelte Johanna die Befehlshaber und beſprach mit ihnen den Angriffsplantss. Um denſelben zu verſtehen, haben wir uns die Anlage und Einrichtung des ganzen Brückenbollwerks zu vergegenwärtigen. Das Ganze beſtand aus drei Haupttheilen, welche eine geſchloßene Einheit ausmachten. Den Mittelpunkt bildete das Schloß der Türme, welches auf der Bruͤcke ſelbſt erbaut war. Geſchützt wurde die Turmfeſte nach der Waßerſeite hin durch eine Schanze(Nordſchanze), hinter welcher drei Brückenbogen abgebrochen waren. Dieſer Schanze, gegenüber hatten die Franzoſen lauf der Brücke das Bollwerk vom ſchönen Kreuz aufgeführt, ſo ziemlich iu der Mitte des Stromes. Nach der Landſeite hin war das Schloß der Tuürme, durch eine außerordentlich ſtarke, rings von einem tiefen Graben umgebene Schanze(Südſchanze) gedeckt. Letztere hing durch eine Zugbrücke, unter welcher die Loire vorbeifloß, und einen Brückenbogen mit den Türmen zu⸗ ſammen. Es lag in der Natur der Sache, daß der Hauptſchlag vom Lande her erfolgen und daß hier der erſte Angriff auf die Südſchanze gerichtet ſein muſte. Aber auch von der Waßer⸗ ſeite her, und zwar von dem Bollwerk des ſchönen Kreuzes aus ſollte der Feind beſchäftigt werden, um zunächſt die Kräfte deſſelben zu theilen und dann im rechten Augenblick einen ſchweren Streich gegen ihn zu führen. Endlich wurde, wir wißen jedoch nicht, ob in dieſer Verſammlung, beſchloßen, ein großes Schiff mit Reisbündeln, Pferdeknochen, alten Schuhen, Schwefel und andern brennbaren Stoffen zu füllen, welche angezündet einen dicken Rauch und übelen Geruch verbreiten. Mit dieſem Brandſchiff wollte man erſtens die Zugbrücke, welche die Verbindung der Türme mit der Südſchanze vermittelte, in Flamme ſetzen, um dem Feinde, wenn er in Maſſe zur Vertheidigung der Südſchanze ausgerückt wäre, den Rückzug in die Türme abzuſchneiden; zweitens hoffte man mit dem Feuer des Branders auch das Pfahlwerk der Ver⸗ ſchanzung zu erreichen und zu dieſem Zwecke außerdem noch mit Harz und Schmeer beſtrichene Lappen zu verwenden; wahrſcheinlich erwartete man drittens, daß der ſtinkende Qualm den Engländern den Kampf ſehr erſchweren würde ¹s4. 5 10. Große Entwürfe und Anſtalten zu einem großen Kampfe. So gewaltig war die ganze Brückenfeſte und ſo vollſtändig mit allem zu einem nachdrücklichen Widerſtande erforderlchar verſehen, daß Alencon von ihr wie von der Auguſtinerburg behauptet hat, mit ein paar Mann hätte er darin eine Woche lang jeder beliebigen Macht Trotz bieten wollen ¹s5. Glasdale, welcher den Oberbefehl darin führte, galt für einen der furchtbarſten Soldaten der Engliſchen Armeelss, und die etwa 500 Mann ſtarke Beſatzung beſtand aus der Blüte der Engliſchen Ritterſchaft und Krieger¹s7. Aber auch der Kern der Franzöſichen Streitmacht und Ritterſchaft war unter Johannas Siegesbanner vereinigtiss. Gegen ſieben Uhr Morgens!s wurde das Zeichen zum Angriff gegeben. Sofort begannen die Geſchütze von Franzöſiſcher und Engliſcher Seite zu ſpielen, und bald donnerten auch die Kanonen vom ſchönen Kreuz herüber1¹so. Ihre Fahne in der Hand, führte Johanna die ſiegesmuthigen Streiter an den Rand des Schauz⸗ grabens und auf allen Seiten zugleich hob der Sturm gegen das Bollwerk an ¹61. Mit gleicher Wuth wurde von beiden Theilen geſtritten. Unter den Zeitgenoßen wuſten ſich ſelbſt die älteſten eines ſolchen Kampfes nicht zu erinnern. Die Franzoſen warfen ſich mit Todesverachtung in den Graben, ſetzten Leitern an und ſtiegen mit einer Kühnheit die Schanze hinan,„als glaubten ſie unſterblich zu ſein.“ Aber auch die Engländer fochten als Helden, denen kein Ausweg zwiſchen Siegen oder Sterben gelaßen iſt. Mit Kanonen und ſonſtigen Feuerwaſſen, mit Aexten, Lanzen, Streithämmern und Kolben, ja mit bloßen Händen trieben ſie die Stürmenden zurück und ſchleuderten ſie zu wiederholten Malen von der Höhe hinunter. Viele Franzoſen wurden verwundet oder getödtet is2. Johanna bewährte auch hier dieſelbe Unerſchrockenheit, Ausdauer und Einſicht, welche Feldherrn und Soldaten bei den früheren Stürmen an ihr bewundert rttef⸗ ſie wich mit ihrem Banner keinen Augenblick vom Platze, war überall mit Rath und hat zur Hand und ermahnte mitten in dem Schlachtgetöſe, auf den Schlachtenlenker zu hoffen und ſeinen Siegesverheißungen zu trauen.„Habe jeder, rief ſie beſtändig, nur guten Muth und gute Hoffnung auf Gott, zweifelt nicht, die Feſte iſt unſer, die Stunde iſt⸗da, wo dieſe 21 Engländer zu Schanden werden” 163. Ein Uhr nach Mittag war's geworden, mehrere Stürme hatten die Feinde abgeſchlagen ¹64, der Muth der Tapfern begann zu wanken. Nur Johanna zagte nicht. Um die Ihrigen zu neuer That zu begeiſtern, ſprang ſie in den Graben, ergriff eine Leiter und ſtemmte ſie gegen den Schanzwall. In dieſem Augenblicke ſchwirrte der Pfeil, von dem ſie geweiſſagt hatte, und traf ſie oberhalb der Bruſt zwiſchen Hals und Schulter 6⸗ ſo ſcharf, daß er das Fleiſch durchſchnitt und einen halben Fuß lang hinter dem Halſe hervor⸗ trat. Johanna ſank zurück.*) Dennoch wollte ſie den Graben nicht verlaßen, mit Widerſtreben wurde ſie vom Kampfplatze gebracht. Dunois und andere Oberſten, ihr Kaplan und Page eilten herbei, Trauer und Zorn ergriff alle Krieger. Man nahm ihr den Bruſtharniſch ab. Vor Schmerz brach ſie in Thränen aus, doch bald ermannte ſie ſich, zog den Pfeil ſelbſt aus der Wunde und ſagte, geſtärkt von der heiligen Katharina:„Ich bin getröſtet.“ Es iſt Ruhm und nicht Blut was aus dieſer Wunde quillt, ſoll ſie hinzugefügt haben. Mehrere Soldaten erboten ſich, die Wunde zu verſprechen, indem ſie verſicherten, dieſelbe werde ſich ſogleich ſchließen; aber Johanna wies jene zurück mit den Worten:„Lieber will ich ſterben, als etwas thun, wovon ich weiß, daß es Sünde oder wider Gottes Willen iſt. Ich weiß, daß ich einmal ſterben muß, doch nicht wann, wo oder wie und in welcher Stunde. Kann ohne Sünde ein Heilmittel auf meine Wunde gelegt werden, ſo wünſche ich geheilt zu werden“.**) Nachdem man ſodann zur Stillung des Blutes Speck und mit Olivenöl getränkte Wolle auf die Wunde ge⸗ bracht hatte, beichtete ſie Pasquerel unter Thränen und Wehklagen ¹66. Johannas Unfall und Eutfernung vom Heere hatte große Beſtürzung unter Hohen und Niederen verbreitet. Die Heldin erfährt es, und kaum iſt der Verband auf die Wunde gelegt, ſo läßt ſie ſich wieder mit der Rüſtung bekleiden, begibt ſich auf den Kampfplatz und ermuntert die Krieger zu neuem Sturmels:. Endlich zwiſchen vier und ſechs Uhriss ſchwindet den Feld⸗ herrn alle Hoffnung, die Feſte zu bezwingen. Die ungeheuren Anſtrengungen des Kampfes haben die Krieger erſchlafft und erſchöpft, die vielen fruchtloſen Angriffe ſie entmuthigt. Die Feldherrn kommen überein, das Heer von dem Bollwerke zurückzuziehen und die geſammte Ar⸗ tillerie wieder nach Orleaus hinüberzuſchaffen. Sie melden der Jungfrau den Beſchluß. Jo⸗ hanna ermahnt ſie mit kühnen Worten, den Muth nicht ſinken zu laßen. Vergebens, ſchon läßt Dunois die Trompeten zum Rückzug blaſen. Da fliegt Johanna auf Dunois zu.„Im Namen Gottes,“ ruft ſie, feſthaltend am Glauben, wo nichts zu hoffen ſchien,„Ihr werdet ſehr bald in der Schanze ſein, zweifelt nicht, die Engländer werden keine Macht mehr haben über Euch. Ruht ein wenig, eßet und trinket.“ Geſagt, gethan, alle gehorchten ihr auf wunderbare Weiſe. Und als ſie ſich durch Speiſe und Trank geſtärkt, ſprach Johanna wieder:„Gehet in Gottes Namen wieder zum Sturme vor, unfehlbar werden die Engländer nicht mehr im Stande ſein, ſich zu vertheidigen, ihre Türme und Bollwerke werden genommen werden“ ¹169. Hiermit gab ſie d'Aulon die Fahne, forderte ihr Pferd und ritt auf einen vom Menſchengewühle entfernten Weinberg. Da blieb ſie eine halbe Viertelſtunde im Gebet vor dem Herrn. Zu⸗ rückgekehrt zur Armce, ergriff ſie ihre Fahne*) und trat an den Rand des Grabens mit den 1 —) Der Herr von Gamaches, derſelbe mit dem Johanna vor wenigen Tagen(30. April) im Kriegs⸗ entathe Streit gehabr, ſoll der Sinkenden zu Hülfe geeilt ſein und ihr ſein Pferd mit den Worten angeboten haben:„Nehmet dieſe Gabe, tapfere Ritterin. Kein Geoll mehr, ich ſehe mein Un⸗ recht ein, als ich übel von Euch dachte., Johanna erwiderte:„Großes Unrecht hätte ich, wollte ich Groll nachtragen, denn nie ſah ich einen beßeren Ritter. Le Brun de Charmettes a. a. O. II, 96. Der Dichter O. V, 42 ſingt: Velox armiger unus, Virgineos artus et membra re- flexa recepit. 16f B i. *) Daß ſie an dieſer Wunde nicht ſterben würde, wuſte ſie und hat es dem Könige geſagt, O. I. 79.252. ***) D'Aulon erzählt auch bei uteſ Gelegenheit anſ gfaun welche ſein Verdienſt um die Erobe⸗ rung der Feſte darthun ſoll,. 111, 216. Müde von den Beſchwerden des Kampfes, hatte d'Au⸗ lon die Fahne einem ſtarken Krieger, Le Basque genannt, übergeben. Voll Schmerz über den 22 Worten:„Gebet acht, wenn ihr meine Fahne nach der Feſte hinwehen ſeht!“ Alsbald trieb der Wind das Banner nach der Feſte zu.„Die Spitze der Fahne berührt die Schanze,“ ſchrie ein Edelmann, welcher neben ihr ſtand.„So iſt alles Euer, rief Johanna, hinein Kinder, in Gottes Namen, ſie ſind unſer“ ¹70! Das Erſcheinen der Jungfrau mit der Fahne war für Freund und Feind das Zeichen zu neuem Sturme. Die Franzoſen wurden durch den Helden⸗ muth und die Worte Johannas mit unbeſchreiblichem Enthuſiasmus erfüllt. Der Verfaßer der Chronik der Jungfrau will von den bedenutendſten Franzöſiſchen Befehlshabern gehört haben, nachdem Johanna die angeführten Worte geſprochen, wären ſie ſo leicht, wie auf einer Treppe, den Wall hinangeſtiegen, ſie wüſten ſich's nicht anders zu erklären, als durch ein Wunder Gottes. Manche wollten eine weiße Taube als Siegesbotin über Johannas Fahne haben hin⸗ fliegen ſehen, andere verſicherten, zwei weiße Vögel hätten während des Sturmes auf ihren Achſeln geſeßen ¹¹. Die Engländer hingegen ſchrieen beim Anblick der Jungfrau, die ſie wenn nicht todt, doch wenigſtens kampfunfähig wähnten, laut auf und wurden von Entſetzen erfaßt. Sie hatten das Zeichen zum Rückzug gehört und gehofft, die Franzoſen würden nach den ab⸗ geſchlagenen Stürmen!² das Feld räumen. Je unerwarteter, deſto fürchterlicher die Enttäu⸗ ſchung. Gefangene erzählten, es ſei ihnen geweſen, als wenn die ganze Welt im Streit ge⸗ gen ſie verſammelt wären:s. Von neuem begann das Feuer der Geſchüde, mit einem Hagel von Kugeln und Pfeilen wurden die Engländer überſchüttet, während an allen Puukten die Sturmleitern angelegt wurden ¹74. Nochmals boten die Engländer alle Kraft des Widerſtandes auf, welche ihnen die Verzweiflung lieh, und als ſie Pulver und Pfeile verſchoßen hatten, wehr⸗ ten ſie ſich noch mit Steinen, Streitäxten!75. Doch nicht lange, ſo war ihre letzte Kraft ge⸗ brochen, die Schanze von allen Seiten erſtiegen!76.„Glasdale, Glasdale, rief die ſiegreiche Jungfrau, ergib Dich, ergib Dich dem Könige der Himmel! Du haſt mich eine feile Dirne genannt, ich habe großes Mitleid mit Deiner Seele und mit den Seelen der Deinigen.“ Wohl einſehend, daß die Schanze nicht mehr zu halten ſei, aber entſchloßen, ſich bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen, ſuchte der eiſerne Held mit den Lords Poynings, Molyns und andern Kriegshäuptern die Türme zu erreichen. Aber die Balken der Zugbrücke, durch das Brandſchiff verkohlt und von einer Bombarde zerrißen, brachen unter der Maſſe der ſich drän⸗ genden Flüchtlinge zuſammen, und Glasdale nebſt den Hauptanführern und nahe an dreißig Kriegern ſtürzte in den Fluß, der ſie unter der Wucht ihrer Rüſtungen begrub. Erſchüttert ſtanden auch die wildeſten Krieger über das grauenhafte Schauſpiel. Sie ſahen darin ein Zei⸗ chen Gottes.„Johanna, die früher über Glasdales Schmähreden geweint hatte, weinte jetzt über ſein trauriges Geſchicke).“ Ihre Prophezeiung vom 30. April war in ſchreckliche Erfül⸗ lung gegangen ¹177. Rückzug hoffte d'Aulon, daß wenn die Fahne nach der Schanze getragen würde, die Soldaten aus Liebe zu der Fahne ihr nacheilen und den Sturm erneuern würden. Er bat alſo den Basque, ihm zu folgen, und ſtieg in den Schanzgraben hinab. Jener ihm nach. Als Johanna ihre Fahne erblickte, lief ſie an den Rand des Grabens, ergriff dieſelbe und ſchrie laut auf: Ha! meine Fahne, meine Fahne! Ein Zerren und Reißen entſtand, indem Basque die Fahne nicht loslaßen wollte. Er behielt ſie in den Händen und brachte ſie d'Aulon. Die Bewegungen der Fahne erſchienen den Franzoſen als ein Zeichen der Jungfrau, ſie ſammelten ſich, ſtürmten und eroberten den Wall.— Die Abſicht in dieſer Erzählung iſt ſo deutlich und der Widerſpruch der anderen Zeu⸗ gen(0. III, 9(Dunois): statim cepit suum vexillum in manibus suis und 18. 25. IV, 228) ſo entſchieden, daß wir uns der Mühe überhoben glauben, das Fünkchen Wahrheit aus dem Wuſt von Prahlerei zu ſondern. *„) Le Brun de Charmettes a. a. O. II, 109:„C'est probablement par son ordre que le corps de dee chef qui, au rapport du comte de Dunois, avait surpassé tous les Anglais dans les injures inlàmes dont ils l'avaient la veille accablée, fut retiré des eaux, et rendu à ses compatriotes.“ Vergl. 0. IV, 463.— Auffallend iſt es, daß die Quellen ſo wenig über die Wirkungen des 23 Mittlerweile hatten die in Orleans zurückgebliebenen Krieger und Befehlshaber die Hände nicht in den Schooß gelegt. Johanna hatte am Morgen geſagt, ſie werde über die Brücke nach Orleans zurückkehren und damit die Weiſe bezeichnet, wie man von der Stadt aus an den Feind gelangen könne. Man hatte ihren Wink verſtanden und eiligſt Balken herbeigeſchafft, um die drei abgebrochenen Brückenbogen durch eine Holzüberlage zu erſetzen. Mit großer Mühe war die Nothbrücke zu Stande gebracht, als das Krachen der Geſchütze und der Lärm des Kampfes den letzten Sturm verkündigte. Da warfen ſich die Krieger auf die ſchwankenden Balken, an ihrer Spitze der Rhodiſerritter Nicolaus von Giresme, und drangen auf die Nord⸗ ſchanze los. Sie ward zu derſelben Zeit erſtürmt, als Johanna ihr Banner auf den Zinnen der Südſchanze errichtete!¹s. Alsbald ergab ſich auch das Schloß der Türmel’o. Die Minderzahl der Beſiegten wurde gefangen genommen, die meiſten und unter ihnen die ſämmtlichen Befehlshaher lagen als Leichen auf den Schanzen oder in den Fluthen ¹so. Den Franzoſen koſtete dieſer glänzende Sieg eine verhältnismäßig ſehr geringe Zahl von Todten und Verwundeten!st. Und doch hatte der Kampf beinahe ununterbrochen von Morgen bis Abends acht Uhr gewüthet!82. Der Geſammtverluſt der Engländer während der drei Tage des Kampfes wird von dem Burgundiſchen Chroniſten Monſtrelet zu ſechs bis achthundert Erſchlagenen und Verwundeten, die Einbuße der Franzoſen auf ungefähr hundert Mann angegeben ss. Erfüllt war am Abend, was Johanna am Morgen verheißen hatte. Die Feſte war genommen, die Siegerin zog mit einer ſchweren Wunde am Abend über die Brücke in Orleans ein¹s4.„Gott weiß, ſagt Perceval von Cagny, mit welcher Freude ſie ſammt ih⸗ ren Leuten empfangen wurde.“ Es war der überſtrömende Dankesjubel, den ein gerettetes Volk ſeinem Retter entgegenträgt. Jeder Mund war ihres Lobes vollss. Aber nicht ihre Ehre war es, welche die demüthige Heldin ſuchte, dem Herrn allein die Ehre zu geben, war ihre Luſt¹ss. Auf ihr Verlangen wurden alle Glocken geläutet und alle Kirchen geöffnet. Krie⸗ ger und Bürger knieten im Danke zu Gott und den Schutzheiligen der Stadt, die Geiſttlichkeit und das Volk ſangen aus einem Herzen: Dich Gott loben wir¹s:.»Das Jubellied der Franzoſen war ein Grabgeſang für den Stolz Englands.“ Den langjährigen Ruhm ihrer Un⸗ überwindlichkeit hatten ſie in drei Tagen an ein Weib verloren. Keine Hand hatten die Feld⸗ herrn geregt, um das Verderben von ihren Waffenbrüdern abzuwehren, keinen Ausfall auf die von Streitern halb entblößte Stadt gemacht, um dieſelbe mit ihrer Uebermacht in dem Augen⸗ blicke zu erdrücken, wo die Wagſchale des Sieges am jenſeitigen Ufer auf⸗ und niederſchwankte und das Vertrauen der Franzöſiſchen Feldherrn bereits auf den Nullpunkt geſunken wartss. Spät kam Johauna in ihrer Wohnung an. Ein Wundarzt legte einen Verband auf ihre Wunde, welche binnen 14 Tagen vollkommen heilte. So nüchtern, wie ſie ausgezogen, war ſie wieder nach Hauſe gekommen trotz allen Mühſalen Leibes und der Seele, die ſie an dieſem heißen Tage beſtanden hatte, und auch jetzt beguügte ſie ſich mit ein wenig Brot und einer Taſſe voll ſtark gemiſchten Weines 189. In der Nacht hielten die Engliſchen Feldherrn großen Rath und kamen überein, die Be⸗ lagerung aufzuheben, weil dieſelbe nach dem Verluſte der Südſeite unhaltbar geworden war. Noch vor Aufgang der Sonne(Sonntags den 8. Mai) ¹* brachen die Truppen ihre Zelte ab und legten Feuer an einige der Bollwerke!ei. Doch nicht als Flüchtige wollten die Feld⸗ Brandſchiffs berichten. Faſt alle leiten den Zuſammenſturz der Brücke von dem Gedränge der Flüchtigen— 355 III, 80, von einer enurd din d'Aulon auf die Brücke habe richten laßen; die Chronik,. V, 294, behauptet ſogar, die Engländer hätten die Balken eingeſägt, um die verfolgenden Franzoſen zu verderben, und wären ſomit in die Geube gekallen, die ſie für andete gegraben. Außer O. 1V, 162 Note und V, 293 finde ich nur 1V, 230(und 340) die Andunung: dedans lesqu'elles(les Tournelles) Francois boutérent le feu, ohne Angabe der Zeit. 4 8 21 herrn abziehen. Sie ſtellten deshalb die viertauſend Krieger, die ihnen geblieben waren ¹9², vor der Stadt in Schlachtordnung auf ¹93. Die Sonne ging eben auf, da rückten ſchleunigſt auch die Franzöſiſchen Heerführer mit großer Macht aus Orleans, in Erwartung, der Feind werde die Stadt angreifen, und bereit, Gewalt mit Gewalt abzuſchlagen*4. Johanna, von dem Be⸗ ginnen des Feindes in Kenntnis geſetzt, verließ ſofort ihr Lager, warf, um ihre Wunde zu ſchonen, bloß ein leichtes Panzerhemd von Eiſenringen über und eilte an die Spitze der Ihri⸗ gen¹es. Selbſt ordnete ſie die Truppen zum Kampfe 96. So ſtanden beide Heere in geringer Entfernung kampfgerüſtet einander gegenüber ¹⁹. Die ſieggewohnten Franzoſen bezeigten große Luſt, einen letzten Schlag auf ihre Gegner zu führen ¹58, allein Johanna wehrte ihrem Eifer und verbot ihnen„um der Liebe und Ehre des heiligen Sonntags willen, die Engländer zuerſt anzugreifen,“ denn fügte ſie hinzu,„es iſt das Wohlgefallen und der Wille Gottes, daß man ſie ziehen laße, wenn ſie ziehen wollen,“ aber,„wenn die Feinde Ench angreifen, dann wehrt Euch tapfer und ſeid ohne Furcht, Ihr werdet ſiegen ½99.“ Darauf ließ Johanna einen trag⸗ baren Altar herbeibringen und vor den Augen der Feinde zwei Meſſen leſen²o. Die Eng⸗ länder, weit entfernt den Kampf zu ſuchen,*) traten vielmehr nach Ablauf einer Stunde den Abmarſch an2ol. Am Ende der zweiten Meſſe fragte Johanna, ob die Feinde das Angeſicht oder den Rücken der Stadt zugekehrt hätten, und als man ihr die Antwort gab, ſie hätten ſich nach Meun gewandt, ſprach ſie:„Bei meinem Gott ſie gehen, laßt ſie ziehen und uns Gott dafür danken, verfolgen wir ſie nicht, denn es iſt der Tag des Herrn ²⁰² Der Jubelruf „Nosl“ erſchallte aus jedem Munde, die Prieſter aber ſtimmten Preis⸗ und Dankeshymnen an und die Krieger antworteten im vollen Chor, während die Feinde in der Ferne verſchwanden 203. Orleans war befreit204. 1r31— eru 2 113111 2r Die geſammte Engliſche Armee hatte ſich in zwei Hauptmaſſen getheilt, von denen die eine unter Suffolk und deſſen Bruder Johann Pole ſich nach Jargeau, die andere unter Talbot und Scales nach Meun, Baugenci und andern von ihren Landsleuten beſetzten Plätzen zurückzog205. Doch nicht ganz ohne Verluſt kamen ſie davon*). 1u 1eel T5t? Lua Hire, Loré und etwa hundert Reiter ſetzten ihnen nach, um zu beobachten, wohin ſie ihren Weg nehmen würden, und erbeuteten durch wiederholte Angriffe auf den Nachtrab viel Gepäck, beſonders ſchweres Geſchütz und andere Waffenſtücke206. 1 11 riattdn Während deſſen war das Volk in Scharen aus der Stadt geſtrömt. Soldaten und Bür⸗ ger eilten nach den Bollwerken. Sie fanden in denſelben eine Menge Kranker, aber auch *) Weshalb? Der Burgunder Monſtrelet antwortet, O. IV, 367: Les Angloix qui véoient leur puissance malement affoiblie et trop diminuée, et aussi qu'il étoit impossible à eulx de là plus demourer, se pis ne vonloient laire, se mirent à chemin eic. Günſtig genug war die Ge⸗ legenheit, um die erlittene Scharte auszuwetzen, und wären die Engländer noch die Helden von Rouvray geweſen, ſie hätten die Schlacht gewagt, um zu ſiegen oder zu ſterben. Denn der Sonn⸗ eag hinderte fie ſchwerlich. 2 G *)) Bei dem Rückzug der Engländer ereignete ſich ein drolliger Vorfall, welcher Q. IVY, 63. 165. 233. V, 56 erzählt wird. Im Engliſchen Lager defand ſich nämlich ein Franzöſiſcher Hauptmann von großer Tapferkeit, Namens Le Bourg du Bar als Gefangener. Talbot hatte denſelben ſeinem Beichtvater, einem Auguſtinermönch, zu geiſtiger und leiblicher Pflege anvertraut. Als nun die Engländer abzogen, nahm der Auguſtiner den vergeßenen Hauptmann, welcher an den Füßen ge⸗ feßelt war, auf den Rücken und ſchleppte ihn eine Strecke dem Heere nach. Als det Hauptmann ſah, daß die Engländer auf dem Abmarſche waren, benutzte er den Umſtand, daß der Mönch mit ſeiner Laſt dem Heere nicht ſchnell genug nachkommen konnte, packte denſelben mit ſeinen derben Fäuſten am Halſe und gebot ihm nach Drleans umzukehren, widrigenfalls er ihm thun würde, was ihm nicht behagen ſollte. Was wollte der Mönch machen, er muſte den Gefangenen auf ſeinen Schultern in die Stadt tragen. So kam der Hauptmann los ohne Löſegeld zum allge⸗ meinen Ergötzen.— ns 2⁵ große Vorräthe von Lebensmitteln und ein gut Theil Kanonen, Bombarden, Kleidungsſtücke, welche die Feinde hatten zurücklaßen müßen. Die ganze Beute ward nach Orleans geſchafftzo:; die Zwingburgen ſelbſt aber wurden bis auf den Grund zerſtörteos. Nach Orleans zurückgekehrt, feierte Geiſtlichkeit, Volk und Heer den Rettungstag der Stadt mit Meſſe, Predigt und großer Proceſſion*)“ Nur ein Gefühl durchdrang jede Bruſt, das Gefühl des Dankes für die erfahrene Gnade, und alle Herzen ſtimmten in Lob und Preis des Herrn der Barmherzigkeit zuſammen ²⁰9.: 124 51u So war denn die Weiſſagung der Jungfrau vom vierten Mai, daß binnen fünf Tagen ie nele aufgehoben und kein Engliſcher Soldat mehr vor Orleans ſein würde, glän⸗ end erfüllt. nrKrd n irnrr Tad. 3 Gegeben war das Zeichen ihrer düttlichen Sendung, welches vor Orleans zu geben, Jo⸗ hanna in Poitiers der Prüfungsbehörde gelobt hatte. in 1— Iin s Vollendet der erſte Haupttheil des göttlichen Auftrags, als deſſen Vollſtreckerin ſich Johanna ihrem Könige und ihrem Volke in Chinon angekündigt hatte: Das ſeit dem zwölften October 1428 belagerte Orleans war befreit. 143 3 Was während ſieben Monaten kein Fürſt, kein Held, kein Heer vermocht hatte, das war in drei Tagen von einer ſiebzehnjährigen Jungfrau aus einem unſcheinbaren Dorfe vollbracht⸗ Kein Bewohner von Orleans zweifelte daran, daß ohne Johanna die Stadt rettungslos verloren geweſen wäre; jeder bekannte, daß nächſt Gott im Himmel die Ehre der Befreiung allein der Jungfrau gebührez¹o. Und als wenn dieſe Ueberzeugung noch nachträglich eine leuch⸗ tende Beſtätigung hätte erhalten ſollen, muſte ein Angriff auf Jargeau, wozu der Ehrgeiz und die Eiferſucht die Franzöſiſchen Generale ein paar Tage nachher trieb, ebenſo vollſtändig ſchei⸗ tern2¹i, wie Orleans Rettung vollkommen gelungen war. Auch der König würdigte Johan⸗ nas Verdienſt im höchſten Gradeꝛ¹², und die Feldherrn, welche zur Zeit des Reviſionsproceſſes noch lebten, Dunois, Gaucourt, Alencon, d'Aulonꝛ13, haben ſowohl den Ruhm der That der Jungfrau zugeſchrieben, als auch zu dem Glauben ſich bekannt, daß ſie nicht bloß mit menſch⸗ lihe Kraft, ſondern in der Macht Gottes als deſſen Geſandte das Rettungswerk vollführt habe. in Und allerdings hat Johanna nicht allein mit der Macht ihrer Stärke geſiegt, ſondern in der Kraft des Glaubens, durch den Gott ſelbſt in den Schwachen mächtig 5 Ihr Sieg iſt ein Sieg der Zuverſicht auf Gott über das Vertrauen auf materielle Stützen, ein Sieg der Glaubensgewisheit über klügelnde Berechnung menſchlichen Witzes. Und nicht bloß ein einfa⸗ cher Sieg iſt dieſer Sieg, er iſt ein Doppelſieg; denn ſowohl die zaghafte Vorſicht der Engli⸗ ſchen, als der Franzöſiſchen Generale hat Johanna überwundenzut und jenen wie dieſen that⸗ ſächlich gezeigt, was ihre Sendung bedeute. 1* 1II2i2n 111)4 laj Wie ein Blitzſtrahl vom Himmel durchfuhr die Kunde von dieſem Ereignis ganz Frank⸗ reich mit erhebender Begeiſterung oder betaͤubendem Schrecken, und während das königliche Frankreich zu einer lebendigen Hoffnung auf Gottes weitere Hülfe und zu erneutem National⸗ bewuſtſein erwachte2¹s, fürchtete Bethford und ſein Anhang in Paris, wohin die Nachricht ſchon am zehnten Mai gelangte, einen gänzlichen Umſchwung der Dinge und zitterte für den Fortbeſtand der Engliſchen Gewaltherrſchaft2 ¹6. [——OQO˖—C—C—O—OOQO—O—O—ꝭ—ęC—·— *) Orleans hat, einige Revolutionsjahre ausgenommen, bis auf den heutigen Tag den achten Mai als Tag der Befreiung feſtlich begangen. Bei der Proceſſion ſtellte ein gewappneter Jüngling mit einer Fahne, welchem ein(Proceſſions) Banner vorgetragen wurde, die Jungfrau dar. Vergl. O. V. 285— Zis(documents relatils à la féte du 8. Mai), beſ. S. 296. 300. Ueber das der Jungfrau in Orleans errichrete Denkmal ſ.. IV, 448 nebſt der Anm. V, 221— 225. 238— 244. 367. Jährliche Gedächtnismeſſe des Todes der Jungfrau, 0. V, 274. Andere Schriftſtücke, welche die Dankbarkeit der Stadt und des Herzogs von Orleans gegen die Familie der Jungfrau beweiſen, ſ. C. V, 275— 28 1.. 4 26 1§. 4.. Der Feldzug an der ſoirt. Die Jungfrau nahm ſich nicht die Zeit, auf ihren Siegeslorbeeren inmitten eines dank⸗ baren Volkes auszuruhen, ſondern wohl wißend, daß ihr zur Rettung des Vaterlandes eine nur kurze Friſt verſtattet ſei, beſchloß ſie, ſchon am folgenden Tage Orleans zu verlaßen. Johanna lebte nicht ſich ſelber, ihrem Gott und ihrem Berufe lebte ſie. Der Herzpunkt ihrer Miſſion aber war der Auftrag, den König nach Reims zu führen, damit er zum Statthalter Gottes über Frankreich gekrönt werde, und kaum war daher in der Befreiung von Orleans gleichſam die Vorbedingung dazu erfüllt, ſo war dies der einzige Gedanke, welcher Johannas ganze Seele mit heiliger Begeiſterung durchglühte. Perſönlich wollte ſie dem König die Kunde von den großen Thaten bringen, die Gott durch ſie vor Orleans vollbracht hatte, und ihn auf Grund der himmliſchen Beglaubigung, welche die Werke ihren Worten verliehen, zum Krö⸗ nungszuge nach Reims aufrufent. Demgemäß nahm ſie am Morgen des 9. Mai, von ihren Wirtsleuten, denen ſie zum Andenken ihr Barret ſchenkte?, und von den Bürgern Orleaus Ab⸗ ſchied. Dieſe weinten Freudenthränen und äußerten unter den lebhafteſten Dankesbezeugungen, Johanna möge mit ihnen unt ihren Gütern fortan ſchalten, wie es ihr beliebe. Freundlich dankend begab ſich die Jungfrau auf ihre„gottgewieſene Reiſe“, begleitet von dem Marſchall von Rais, dem Herrn von Coulonces und mehreren Ritterns. An demſelben Tage kam ſie nach Blois, wo ſie auch am 10. Mai verweilte.. Am 11. Mai brach ſie auf nach Tours und traf daſelbſt wenige Stunden vor Ankunft des Königs ein, welcher ſich von Chinon aufgemacht hatte, um ſeine Wohlthäterin auf halbem Wege zu begrüßen:. Als die Jungfrau vor dem König erſchien, fiel ſie ihm ſogleich zu Füßen und ſprach, ſeine Kniee umfaßend:„Edler Dauphin, ziehet hin nach Reims, Eure Salbung zu empfangen. Es liegt mir ſehr an, daß Ihr dahin gehet, und habt des keinen wetter daß Ihr in dieſer Stadt die Salbung erhalten werdet, die Euch gebührts“. Karl hieß ſie aufſtehen und behan⸗ delte ſie überhaupt mit großer Auszeichnung und Herzlichkeit; auch die Hofleute wetteiferten, ihr die Huldigung darzubringen, welche ſowohl die Frömmigkeit ihres Wandels, als die Wunder ihrer Kriegsthaten verdientens. Jetzt muſte ſich's zeigen, ob der König die über alle Erwartung glückliche Befreiung Or⸗ leans als das von ihm im Gebet erflehte Zeichen anerkannte, wodurch Gott das Siegel der Beſtätigung auf Johannas Bekenntniſſe und Verheißungen drückte. Glaubte der König unbe⸗ dingt, ſo muſte er ſonder Zagen und Wanken die Rathſchläge ſeiner gottbegeiſterten Prophetin be⸗ folgen, jedem Widerſpruche menſchlicher Weisheit, mochte er aus der eignen Bruſt oder aus dem Munde ſeiner Räthe kommen, Schweigen gebieten und in feſter Zuverſicht der Hoffnung die Bahnen gehn, welche der Wille des Herrn ihm durch die Jungfran vorzeichnete. Zu einem ſolchen Glauben gehört ein ſtarker Charakter, ungetheilt gibt nur der Starke ſich hin, nur er beſitzt die Kraft, ſeine ganze Perſönlichkeit in die Durchführung einer großen Idee zu legen. Karl war zur Zeit nicht Mann genug, das erhabene Ziel, welches ihm die Jungfrau vor die Augen ſtellte, ſofort mit ſiegesfrohem Glauben zu erfaßen und mit beharrlicher Thatkraft zu verfolgen; die Schwäche der Unentſchiedenheit und Unthätigkeit bildete ſo ſehr den Grund⸗ zug ſeines Characters, daß er ſich nie zu ſelbſtändigen Entſchlüßen erheben konnte, ſondern einem ſchwankenden Rohre gleich von jedem Winde der Meinungen treiben ließ. Auch jetzt konnte er ſich zu keiner anderen Maßnahme entſchließen, als die Kriegshäupter und die hohen Würdenträger des Hofes nach Tours zu berufen, um Johannas Idee deren Benrtheilung zu unterwerfen!. Entſchuldigen wir immerhin den König, daß er nicht ohne weiteres auf Iohan⸗ nas Vorſchlag einging, weil für eine ſo große Idee ſeine Seele zu klein war: unverzeihlich bleibt es, daß er ſich nicht ſofort an die Spitze der Volksbegeiſterung ſtellte und alle ſeine Ge⸗ treuen in demſelben Augenblicke unter die Fohnen rief, wo er die Feldoberſten und Hofbeam⸗ 27 ten zur Berathung in ſeine Nähe beſchied. Denn die ſchleunigſte und nachdrücklichſte Verfolgung des Sieges, damit der Feind ſich von dem erſchütternden Schlage nicht erhole, war unter allen Umſtänden gebotene Pflicht, mochten die Anſichten über das Wie der Kriegführung noch ſo verſchieden und der Mangel an Geld noch ſo fühlbar ſein. So aber ließ der König die Armee von Orleans erſt auseinandergehn, ganze Wochen wurden ähnlich wie in Chinon und Poiti⸗ ers mit Berathungen vergeudets, die bei gutem Willen kaum ebenſo viele Stunden erfordert hätten, und als endlich nach Monatsfriſt ein neues Heer ausgerüſtet war, hatten die Feinde Zeit genug gefunden, eine Streitmacht von 4000 bis 5000 Mann zuſammenzubringen, welche den bedrohten Loirefeſtungen zu Hülfe eilen ſolltes. Vor dem Richterſtuhle der königlichen Räthe fand Johannas kühner Plan durchaus keinen Beifall. Lediglich den Maßſtab menſchlicher Klugheit anlegend, erklärten ſie denſelben für gänzlich un⸗ annehmbar. An Gegengründen fehlte es ihnen nicht. Sie ſtellten vor, der König habe nicht Geld genug, um eine ſo ſtarke Armee zu unterhalten, als zur Ausführung eines ſolchen Unter⸗ nehmens erforderlich ſei, und machten namentlich geltend, daß der Weg nach Reims hundert Meilen weit durch Feindesland gehe, wo eine einzige Niederlage dem von allen Hülfsquellen abgeſchnittenen, jedes Rückhaltes entbehrenden Heere Vernichtung drohe. Bevor man ſich 4 ferne Ziele ſtecke, gebiete die Vorſicht, die nächſt gelegenen Länder wieder zu unterwerfen; ehe von einer Heerfahrt nach Reims die Rede ſein könne, müſten erſt die feſten Plätze an der Loire den Engländern aus den Händen gerungen werden 1*. Johanna beharrte dabei, die Zeit ſei gekommen, wo Karl, um Krone und Salbung zu empfangen, nach Reims aufbrechen müße. „Bei meinem Gotte, ſagte ſie, ich werde den edlen Dauphin und ſeine Leute ſicher und ohne Hindernis nach Reims führen, und da werdet Ihr ihn kroͤnen ſehen. Wenn der Dauphin ge⸗ krönt und geſalbt iſt, wird die Macht der Gegner immer mehr zuſammenſchmelzen,“*) und ſie werden zuletzt weder ihm noch dem Reiche zu ſchaden vermoͤgen.“ Die Zuverſicht, womit Jo⸗ hanna redete, war ſo überwältigend, und ihre Thaten vor Orleans fielen ſo ſchwer in's Ge⸗ wicht, daß niemand offen zu widerſprechen wagten. Und wer moͤchte zweifeln, daß ihre Ver⸗ heißung ſchon jetzt That und Wahrheit geworden wäre, wenn ihr Glaube vollen Widerhall am Hofe gefunden hätte? ——f *) Wie eng nach Johannas Idee vom Franzöſiſchen Königthume der Empfang der Krone mit dem Zerkall der feindlichen Herrſchaft zuſammenhängt, ſ. II. Theil,§. 2, S. 12 und S. 21 Anm. 1 Thl. S. 34.— Haſe, S. 30: die Jungfrau blieb bei dem Gebote ihres Gottes, daß ſie den Dauphin nach Reims führen müße; und es lag eine tiefe Politik darin. Ein Theil von Frank⸗ reich hatte ſich dem fremden Könige unterworfen, der doch auch das Kind einer Tochter Frank⸗ reichs und unter gewiſſen Rechtsformen eingeſetzt war. Damals, wo religiöſe Traditionen noch die Gemüther beherrſchten, war es von unberechenbarer Wichtigkeit, wenn der Friede einem eini⸗ gen und ſelbſtändigen Volke wiederkehren ſollte, daß das gure Recht des eingebornen Königs, erſchüttert durch ſeine Gegenwart bei einem Verbrechen, durch Vater und Mutter ſelbſt ihm abgeſprochen, als ein göttliches Recht anerkannt würde durch jene Weihe, die ſeit Jahrhunderten den Königen von Frankreich im Dome zu Reims ertheilt worden war, und Karl VII ein Ge⸗ ſalbter Gottes werde, wie ſeine königlichen Abnen. Der Jungfrau war das freilich nicht Politik, ihre Heiligen haben's ihr geſagt, es iſt der kirchlich romantiſche Geiſt ihrer ganzen Erſcheinung, das Kind des Volkes fühlt aus des Volkes Herzen heraus, und der König, obwohl bereits zu Poitiers gekrönt, iſt ihr nur der zum Königthum berufene Dauphin, bis der wahre König von Frankreich, der König des Himmels, ihm durch den Erzbiſchof von Reims das Reich übergeben und ſeine Stirn geſalbt haben wird aus der heiligen Ampulla, die nach dem Glauben des Franzöſiſchen Valkes einſt zur Taufe Chlodwigs eine Taube vom Himmel gebracht hat, und aus welcher die Könige Frankreichs geſalbt worden ſind, bis Frankreich hoffte, nie wieder einen König zu ſalben und ein Deputierter des Convents die heilige Ampulla auf dem Straßenpflaſter zer⸗ ſchlug.— Desjardins, S. 69: La jeune üllle qui sortait du peuple, savait aue, dans l'opinion populaire c'était le sacre qui légitimait les rois; en meme temps elle sentait que, dans les 28 Täglich bat Johanna den König auf's inſtändigſte, nicht länger zu ſäumen, ſondern auf Gott zu vertrauen, der mehr Macht beſitze, als die Engländer und Burgunder². Eines Tages war der König zu Loches mit ſeinem Beichtvater Gerhard Machet, den Herrn von Tréèves und von Harcourt, ſowie mit dem Grafen Dunois, welcher nach dem misglückten Verſuche auf Jargeau ſich ebenfalls an das Hoflager des Königs begeben hatte, in ſeinem geheimen Kabinet allein. Da klopfte plötzlich Johanna an die Thür. Alsbald eingelaßen, warf ſie ſich vor dem König nieder und ſprach, ſeine Kniee umfaßend:„Edler Dauphin, haltet fürder nicht ſo häufige und ſo lange Berathungen, ſondern ziehet alsbald nach Reims, Eure ehrenreiche Krone zu empfan⸗ gen.“ Als hierauf der Herr von Harcourt Johanna fragte, ob ſie dies auf Eingebung ihres Rathes geredet habe, erwiderte ſie:„Ja, ich werde recht oft dazu getrieben.“„Wolltet Ihr uns nicht, fuhr Harcourt fort, hier in Gegenwart des Königs die Weiſe ſagen, wie dieſer Rath zu Euch ſpricht?“ Erröthend entgegnete Johanna:„Ich verſtehe wohl, was Ihr zu wißen begehrt, und will es Euch gern ſagen.“ Der König unterbrach ſie hier mit der Frage, ob ſie es auch gern thäte in Gegenwart der Anweſenden. Johanna bejahte und fuhr ſort:„Wenn ich irgendwie verdrießlich bin, weil man nicht leicht an das glaubt, was ich von Seiten Gottes verkündige, dann gehe ich an einen einſamen Ort, rufe Gott an und klage es ihm, daß die, mit welchen ich rede, mir nicht leicht Glauben ſchenken. Wenn ich dann mein Gebet verrichtet habe, ſo hore ich eine Stimme, die zu mir ſpricht: Kind Gottes gehe! gehe! gehe! ich werde mit dir ſein, gehe! Und wenn ich dieſe Stimme vernehme, dann fühle ich eine große Freude, ja ich wünſche, es moͤchte mir immer ſo ſein.“ Als Johanna die Worte ihrer Stimme an⸗ führte, gerieth ſie in eine wunderbare Entzückung und hob ihre Augen ganz verklärt zum Him⸗ mel empor 3. b— 5 Glaube, wenn er Geiſt und Leben in einer Perſon geworden, iſt, weil eine Kraft Gottes, ſtets eine gewaltige, ob auch keineswegs zwingende Macht. Ergriffen von Johannas Glaubensbegeiſterung, die wie ein Strahl göttlicher Erleuchtung über ihrem Antlitze ruhte, er⸗ hob ſich der König mit den Anweſenden zu freudiger Hoffnung und ging, wenn auch nicht ohne Vorbehalt, doch im weſentlichen auf Johannas Gedanken ein. Er beſchloß nämlich, nach Reims zu ziehen und beſtimmte Gien zum Ausgangspunkte des Feldzuges, knüpfte aber die Bedingung daran, daß die Engländer zuvor aus den Loirefeſtungen der Orléanais vertrieben würden. Johannas Idee war auf dieſe Weiſe mit der Anſicht der Räthe vermittelt. Doch ging der König über die bloß äußerliche Ausgleichung durch den wichtigen Zuſatz hinaus, daß wäh⸗ rend des Loirefeldzugs die Rüſtungen zur Heerfahrt nach Reims mit allem Eifär fortgeſetzt und das Heer durch allgemeines Aufgebot zu einer großen Macht vervollſtändigt werden ſollte. Damit erhielt der Kampf an der Loire die untergeordnete Bedeutung einer bloßen Cpiſode in dem Ganzen des Krönungsfeldzuges, und Johanna war über das Bedenken beruhigt, daß dieſer durch jenen einen weſentlichen Aufſchub erleiden möͤchtent. Denn natürlich gehörte zu dem Zuge nach Reims eine bedeutende Truppenmacht und zum Sammeln derſelben eine weit längere Zeit, als nöthig war, um die zur Eroberung der Loireplätze erforderliche Mannſchaft aufzubringen. Wurde nun letztere ſchleunigſt herbeigeſchafft, ſo konnte der Kampf in der Or⸗ léanais ſo bald begonnen werden und ſo raſch beendigt ſein, daß durch denſelben der Aufbruch — instants de crise et d'émotion génerale, il faut, sous peine de tout compromettre, marcher droit et ferme au but le plus élevé, sans tenir compte des obstacles, qui s'aplanissent de- vant qui les dédaigne ou les affronte. Mais ce sont les secrets du génie que les esprits vulgaires n'ont pas le privilége de deviner.— Le Brun de Charmettes II, S. 147: On ne voulait pas voir que le succès des opérations de la Pucelle dépendrait en partie de leur témérité même; on ne mettait pas en ligne de compte P'impression que la cérémonie du gacre de Charles VII, au milieu de la puissance anglaise et bourguignonne, produirait sur les esprits; on s'arrétait aux maximes d'une politique vulgaire, quand il s'agissait de con- fondre tous les calculs de la politique. 1 iniE. nach Reims auf keine Weiſe verzögert wurde. Davon aber war Johanna feſt überzeugt, daß höchſtens zehn Tage ansreichen würden, um die Loireſtädte der Gewalt des Feindes zu ent⸗ reißen¹s. Und deshalb durfte ſie den Beſchluß des Königs um ſo mehr willkommen heißen, als derſelbe, ohne der Hauptſache Eintrag zu thun, ebenſowohl die ſchnelle Fortſetzung des Krieges überhaupt ſicherte, wie einem beſondern Bedürfnis ihres Herzens Genüge that. Galt es ja, das Lehen des gefangenen Herzogs Karl von Orleans, dem Johannas Liebe und Für⸗ ſorge nächſt dem Könige am meiſten gehörte, von den Feinden vollends zu ſäubernis! 7 unſtreitig war es Johanna, welche die Aufmerkſamkeit des Königs aus Liebe zu dem Her⸗ zog von Orleans auf deſſen Schwiegerſohn, den Herzog von Alencon, hinlenkte, denn ſie ſelbſt uͤbernahm es, den letzteren zur Theilnahme an dem bevorſtehenden Feldzuge zu bewegen. Gegen den 23. Main reiſte ſie nach Saint⸗Florent-lés-Saumur, wo der Herzog mit ſeiner Gemahlin und ſeiner Mutter wohnte. Von der ganzen Familie mit all der Liebe aufgenom⸗ men, welche der Retterin von Orleaus gebührte, machte Johanna den Herzog mit dem Be⸗ ſchluße des Koͤnigs bekannt und ſchlug ihm vor, ſich dem Feldzuge anzuſchließen, welcher die Befreiung ſeines ſchwiegerväterlichen Lehens zum Zweck habe. Alengçon, welcher ſich erſt vor kurzem durch Verkauf eines Theiles ſeiner Beſitzungen aus der Engliſchen Gefangenſchaft ge⸗ löſt hatte, in die er am Tage von Verneuil gerathen war, nahm Johannas Antrag um ſo bereitwilliger an, als er im Kriege am leichteſten Schadenerſatz für die gebrachten Opfer zu erlangen hoffte. Um die Beſorgniſſe ſeiner Gattin zu zerſtreuen, genügte Johannas Wort: „Guädige Frau, fürchtet nichts, ich werde ihn Euch geſund wiedergeben und in demſelben oder in noch beßerem Stande, als er jetzt iſt.“ Nach drei bis vier Tagen kehrte Johanna zum Könige zurückis. Dieſer ernannte den Herzog von Alencon zu ſeinem Generallieutenant und übertrug ihm als ſolchem den Oberbefehl des Heeres, jedoch mit der ausdrücklichen Weiſung, daß er ſich in allen Stücken nach dem Rathe der Jungfrau richten ſolleld. Bereits hatte der König ein Aufgebot in ſeinen Landen erlaßen, und Alençon bezeichnete nunmehr den Marſchällen von Rais und Sainte-Sévére, dem Grafen Dunois, dem La Hire und anderen Kriegsoberſten ein Dorf bei Romorantin als Vereinigungspunkt der Truppeno. Von allen Seiten eilten die Edlen mit ihren Dienſtmannen und die Waffenfähigen aus den Städten herbei, um unter der Jungfrau Siegesbanner für König und Vaterland zu ſtreiten. Viele Edelleute ſtellten ſich ein, ohne daß ein förmlicher Ruf an ſe ergangen war. Nicht an Gewinn dachte man, ſondern opferte willig, was man beſaß, um die Ehre eines ſolchen Kam⸗ pfes zu theilen. Denn man glaubte Johanna von Gott geſchickt zur Rettung Frankreichs und vertraute ſo ſicher auf Gottes Beiſtand, daß man zur Eroberung der Loirefeſten nicht längere Zeit zu bedürfen hoffte, als Orleaus Rettung erfordert hattez:. Es herrſchte eine allgemeine Be⸗ geiſterung für Johanna, namentlich überſchritt die Ehrfurcht des Volkes vor ihr alle Grenzen. Wie in Orleaus, ſo wurde ſie aller Orten als ein Engel des Herrn betrachtet. Die Leute warfen ſich nieder vor ihr, küſten ihr Hände, Füße und Kleider, ja ſchätzten ſich ſchon glücklich, wenn ſie auch nur ihr Pferd berühren konnten. Johanna beklagte, was ſie nicht ändern konnte.„Wahrhaftig,“ ſagte ſie zu dem Abt Peter von Verſailles, der ihr Vorhalt darüber that,„ich weiß mich nicht davor zu bewahren, wenn mich Gott nicht davor bewahren will.¹²² n Um dem Sammelpunkte der Armee näher zu ſein und ſchneller Nachrichten über die Feinde einzichen zu können, verließ Johanna ſchon zu Anfang des Juni Loches und begab ſich nach der ein paar Meilen von Romorantin entfernten Stadt Selles2s. Am 6. Juni traf daſelbſt der König und bald nach ihm auch der Herzog von Alençon ein mit einer Schar von Krie⸗ ern. Noch am Abend deſſelben Tages nahm Johanna Abſchied vom Koͤnige?¹. Um zweierlei at ſie ihn beim Scheiden: erſtlich um die Erlaubnis, recht viele Gefangene machen zu dürfen, um gegen dieſelben den Herzog Karl von Orleans einzutauſchenzs, und zweitens um möglichſte Beſchleunigung der Kriegsruͤſtungen für den Krönungszug nach Reims; denn, fügte ſie hinzu, 30 „ich werde nur ein Jahr und etwas darüber dauern,*) denket darau, in dieſem Jahre tüchtig zu wirken²s. Vor der Kirche rief ſie den Prieſtern zu:„Ihr Leute der Kirche ſtellet Proceſ⸗ ſionen und Gebete zu Gott an!“ und ritt ſodann mit dem Marſchall von Sainte-Sévère und einem bedeutenden Gefolge, welches theils aus Soldaten theils aus Bürgerwehr beſtand, nach Romorantin?:!. Am 8. Juni folgte ihr der Herzog von Alencon?s. 1800 Mann waren in Romorantin vereinigt, die Truppen aus Orleans fehlten noch. Letztere wurden nicht abge⸗ wartet, ſondern noch an demſelben Tage der Marſch in der Richtung auf Orleans angetreten. Die Nacht brachte man in einem Walde zu, vor welchem am nächſten Morgen die Mannſchaft von Orleans unter dem Grafen Dunois und Florent d'Illiers ankam. Durch dieſen Zuwachs ſli das Heer auf die Zahl von 3600 Kriegern, allerdings eine kleine Schar für eine ſolche es zumal wenn man erwog, daß die Engländer mit einer überlegenen Unterſtützungs⸗ armee im Anzuge waren. Viele der Kriegsoberſten waren deshalb der Meinung, der Feldzug müße einſtweilen noch aufgeſchoben werden, bis das Heer eine größere Stärke erlangt hätte. Als Johauna die Beſorgnis derſelben bemerkte, ſprach ſie:„Fürchtet Euch vor keiner Ueber⸗ macht und traget kein Bedenken, die Engländer anzugreifen, denn Gott leitet Euer Werk. Wäre ich nicht ſicher, daß Gott unſere Sache führte, ich würde lieber die Schafe hüten, als ſolchen Gefahren mich preisgeben?«“ Dies Wort des Glaubens drang zu Herzen. Der Marſch ward fortgeſetzt nach Orleans, wo der ganze Zug am 6. Juni eintraf, gerade einen Monat ſpäter, als Johanna die Stadt verlaßen hatte. Die Bürger waren in lauter Freude, ihre Retterin wiederzuſehenso. Sie hatten aus Dankbarkeit und in der Hoffnung, des Druckes ledig zu werden, den die feindliche Beſetzung der Nachbarſtädte auf Orleans ausübtest, bereits große Anſtrengungen gemacht, um das königliche Heer mit Nahrungsmitteln, Artillerie und Leuten zu verſorgens², und wie es ſcheint, begeiſterte die Gegenwart der Jungfrau viele Einwohner zu dem Entſchluße, ſich noch nachträglich in die Reihen der Kämpfer zu ſtellen. Wenigſtens wird die Zahl der Krieger, mit welchen Johanna ins Feld rückte, von den Fuverläßigſten Berichter⸗ hetiern zu zweitauſend bis dreitauſend Mann und ebenſo viel oder noch mehr Bürgermiliz an⸗ eeſchlagenss.. 3 Sonnabend den 11. Junis“ ſetzte ſich gegen 12 Uhr die Armee, mit zahlreichem Geſchütze verſehenss und geführt von dem Herzog von Alençon, dem Marſchall von Sainte⸗Sévére, den Grafen Dunois und von Vendôme(Ludwig von Bourbon), dem Admiral von Culan, den Herrn von Graville, von Loré, Florent d'Illiers, Walther von Bruſac, Jamet von Tillay, Tugdual von Kermoiſan, La Hire u. ſ. w. unter Johannas Panierss nach Jargeau in Bewegungs:. Jargeau war nach Orleans derfeſteſte Platz der Orléanais und dermalen der Hauptſtützpunkt der Engliſchen Macht an der Loire. Der Graf von Suffolk, welcher ſeit dem Abzuge von Orleans den Oberbefehl in Jargeau führte, hatte mit ſeinen Brüdern, Johann und Alexander Poless, die Zeit der Waffenruhe eifrig benutzt, um Stadt und Brücke in tüchtigen Vertheidigungsſtand zu ſetzen, indem er inſonderheit für eine ausreichende Anzahl grober Geſchützſtücke Sorge trugso. Die Beſatzung beſtand theils aus 600 bis 700 Mann Engliſcher Kerntruppen⸗o, theils aus den wehrhaften Bürgern von Jargean, welche der Engliſchen Fremdherrſchaft ebenſo entſchieden zugethan waren, wie die Bewohner der Schweſterſtadt Orleans feſtgehalten hatten an der Treue gegen den rechtmäßigen Landesherrn.. Die Franzoſen erwarteten, der Graf von Suffolk werde ſich dem Grundſatz gemäß, den er vor Orleaus beobachtet hatte, in die Ringmauern von Jargeau einſchließen und ihnen die Vor⸗ ſtädte ohne Schwertſchlag preisgeben. Allein in dieſer Erwartung fanden ſie ſich getäuſcht. Was der Graf vor Orleans, wo ihm eine zahlreiche Armee zu Gebote ſtand, aus übertriebener ) Desjardins, S. 72: Son admirable instinct l'avertissait que des missions telles que la sienne sont d'autant moins durables qu'elles sont plus éclatantes. 31 Vorſicht unterlaßen hatte, das that er jetzt, wo er über eine verhältnismäßig kleine Schar von Kriegern verfügte, mit einer Verwegenheit, welche der Held oftmals aus der Ueberzeugung ſchöpft, daß dem Aeußerſten nur durch die äußerſten Mittel zu entgehen iſt: er ließ auf die Nachricht von dem Anmarſch der Franzöſiſchen Armee ſeine Soldaten unter die Waffen treten und führte ſie in geſchloßenen Gliedern dem Feinde entgegen. Die Franzoſen, keines Angriffs gewärtig und deshalb ſchwerlich in geordneten Schlachtreihen anrückend, hielten den erſten Stoß der Engländer nicht aus, ſondern wichen in beſtürzter Flucht. Johanna, welche inzwiſchen herangekommen war, ergriff ſofort ihre Fahne und ſprengte damit auf die andringenden Feinde los. Nur Muth!l rief ſie ihren Kriegern zu. Dieſe folgten ſcharenweiſe in dem guten Glauben, daß der Jungfrau kein Gegner Stand zu halten vermöge. Nicht lange und die Engländer waren hinter die Stadtmauern zurückgeworfen, die Vorſtädte erobert. Die Bürgerwehrleute, welche in der bloßen Anweſenheit der Jungfrau beim Heere eine Bürgſchaft für das Gelingen jedes Unternehmens ſahen, machten ſogar ohne Vorwißen der letzteren den Verſuch, die Feſtungs⸗ werke der Stadt durch einen kühnen Handſtreich zu nehmen, muſten ſich aber nach fuucnoſen Anſtrengungen zurückziehen. Sämmtliche Truppen übernachteten in den Häuſern der Vorſtädte, ohne daß beſondere Schutzwachen ausgeſtellt wurden. Hätten die Engländer, ſagt der Herzog von Aleucon, einen Ausfall gemacht, wir wären in große Gefahr gerathen, daß ſie es nicht thaten, iſt mir Beweis, daß Gott unſere Sache führtei?. Noch während der Nacht richtete Jo⸗ hanna, ihrer Gewohnheit nach, folgende Aufforderung an die Belagerten: Uebergebet den Platz dem Könige des Himmels und dem edlen Könige Karl und ziehet von dannen, wo nicht, wird es Euch zum Verderben gereichens. Graf Suffolk würdigte den Antrag keiner Beachtung. Er war Soldat im edelſten Sinne des Wortes und hätte ſich lieber unter den Trümmern der Feſtung begraben, als in eine Uebergabe gewilligt, welche angeſichts der von Paris zugeſagten Hülfstruppen doppelt ſchmachvoll geweſen wären“. 1 Als der Morgen dämmerte, wurde das Geſchütz aufgefahren und Anſtalt getroffen, um die Stadt auß's nachdrücklichſte zu beſchießen. Wie es ſcheint, ordnete Johanna ſelber die Batterien, wenigſtens ſchreibt ihr Alençon ein ausgezeichnetes Geſchick zu, die Artillerie aufzuſtellen4s. Kaum aber hatten die Kanonen und Bombarden zu ſpielen begonnen, als das Gerucht ſich verbreitete, Falſtolf, der geſürchtete Sieger von Rouvray, rücke von Paris heran mit beträcht⸗ licher Truppenſtärke, um Jargeau zu entſetzen. Erſchreckt durch dieſe Nachricht, erklärten meh⸗ rere Oberſten, man müße die Belagerung augenblicklich aufheben und Falſtolf entgegengehen. Einige machten ihre Worte ſofort zur That, und die übrigen wären wahrſcheinlich ihrem Bei⸗ ſpiele gefolgt, hätte nicht Johanna, von wenigen Feldherrn unterſtützt, die Wankenden durch eindringliche Vorſtellungen zum Bleiben vermocht. Auch die bereits im Abmarſch Begriffenen ließen ſich zur Umkehr beſtimmen4s. So brachte dieſer Zwiſchenfall, welcher beinahe das Aufgeben der Belagerung zur Folge gehabt hätte, die entgegengeſetzte Wirkung her⸗ vor. Wem leuchtete nicht die Nothwendigkeit ein, daß vor Falſtolfs Eintreffen Jargeau er⸗ obert ſein müße? Mit verdoppeltem Eifer wurde daher das Geſchützfeuer erneuert und nicht nur den Tag über fortgeſetzt, ſondern auch die ganze Nacht hindurch unterhalten. Die Be⸗ lagerten erwiderten daſſelbe auf' kräftigſte, und mancher Franzoſe ward von ihren Kugeln und ſonſtigen Wurfgeſchoßen getödtet oder verwundet; allein ſie vermochten nicht, das Zerſtö⸗ rungswerk der Feinde zu hemmen, die Stadt wurde an vielen Stellen arg beſchädigt, und der gröſte ihrer Türme fiel, von drei Bombenſchüßen zerſchmettert, zu Boden:⁷.— Als die aufgehende Sonne den Greuel der Verwüſtung beleuchtete, überzeugte ſich der beſonnene Graf Suffolk von der Zweckmäßigkeit, die Rettung der Stadt auf dem Wege der Unterhandlungen zu verſuchen. Er ſchickte zu dem Ende in der Frühſtunde(Montags des 13. Juni) eine Geſandtſchaft in das heunſs Lager und bot einen Waffenſtillſtand von vierzehn Tagen an, nach deſſen Ablauf er ſich bereit erklaͤrte, die Stadt zu übergeben, falls dieſelbe nicht inzwiſchen entſetzt ſein würde. Die Franzöſiſchen Generale traten zur Berathung 32 zuſammen*) und einigten ſich zu der Antwort, daß ſie ſich zwar auf die Friſt von vierzehn Ta⸗ gen nicht einlaßen könnten, wohl aber dem Grafen und der Engliſchen Beſatzung den ſofortigen Abzug mit allen Pferden geſtatten wollten. Johanna fügte hinzu: Mögen die Feinde ungekränkt an ihrem Leben abziehen in ihren Kleideru, wenn ſie dazu geneigt ſind, wo nicht, ſo werden ſie mit ſtürmender Hand ergriffen werdens.. 1119694 A u 2 Der Graf hielt es nicht verträglich mit ſeiner Ehre, auf dieſe Bedingung einzugehen. Nunmehr hatten die Franzöſiſchen Feldherrn die Frage in Betracht zu ziehen, ob ſie ihre Feuer⸗ ſchlünde noch eine Zeit lang gegen die Stadt richten, oder unverweilt zum Sturme ſchreiten ſollten. Der Herzog von Alencon meinte, es ſei zum Stürmen noch zu früh, Johanna aber trat ihm mit dem Worten entgegen:„Zweifelt nicht, die Stunde iſt da, wenn es Gott ge⸗ fällt. Wenn Gott will, muß man handeln. Handelt und Gott wird handeln.“ Als Alencon noch immer unſchlüßig zauderte, fuhr Johanna fort:„Ha, edler Herzog, fürchteſt Du? Weißt Du nicht, daß ich Deiner Gemahlin verſprochen habe, Dich geſund und unverſehrt ihr wiederzubringen?“ Alencon widerſtand nicht länger, allgemeiner Sturm ward beſchloßen, und um neun Uhr gaben die Trompeten das Zeichen zum Angriff.„Vorwärts, edler Herzog zum Sturme!“ rief die Jungfrau, ihre Fahne ergreifendas. Von allen Seiten rückten die Franzoſen gegen die Stadtmauer vor und füllten die Gräben mit Faſchinen. Ein furchtbares Ringen ent⸗ tand. Die Franzoſen ſtrengten alle Kräfte an, um auf zahlloſen Leitern die Mauern zu er⸗ ſteigen. Die Engländer, meiſt Krieger aus Heinrichs V Schule, ſetzten ihnen die Thatkraft von Männern entgegen, die es wißen, daß Sieg oder Tod die Loſung iſt⸗*). Mit gewaltigen Steinen ſuchten ſie die Sturmleitern zu zertrümmern, die Krieger mit Lanzen in den Graben hinabzuſtoßenso. Gleich zu Anfang des Kampfes erhielt Johanna Gelegenheit, das Verſprechen zu bewähren, das ſie dem Herzog ſo eben in's Gedächtnis zurückgerufen hatte. Sie hatte nämlich mit dem Herzoge einen Standpunkt eingenommen, von dem aus ſie die Entwickelung des Kam⸗ fes genau beobachten konnte. Plötzlich gewahrte ihr Falkenange, daß die Mündung eines eendüichen Geſchützes gerade auf die Stelle gerichtet war, wo der Herzog ſtand.„Gehe zur Seite, rief ſie dem Herzog zu, ſonſt wird jene Maſchine Dich tödten“, und deutete mit dem Finger auf die Kanone hin. Alencon folgte der Warnung, und im nächſten Augenblicke ſchlug auf demſelben Flecke, welchen der Herzog kaum verlaßen hatte, eine Kugel aus der bezeichneten Kanone dem Herrn du Lude, einem Edelmann von Anjou, den Kopf ab. Schauder ergriff den Herzog und Erſtaunen über die Vorausſicht der Jungfraust. Inzwiſchen verging Stunde auf Stunde, immer hartnäckiger und heftiger tobte der Streit. Der Augenblick der Entſcheidung nahte. Da eilte Johanna mit dem Herzoge in das Gewühl des Sturmes. Neuer Muth durch⸗ flammte die Krieger beim Anblick der Heldin, mit neuer Begeiſterung ſtrebten ſie zur Höhe der Mauer empor. Nochmals machte der Graf von Suffolk einen Verſuch, das drohende Verder⸗ ben abzuwenden. Er ließ von den Mauerzinnen in das Kampfgetöſe hineinrufen, er wolle mit dem Oberfeldherrn unterhandeln. Vergebens, niemand hörte auf ihn, nach wie vor raſte der Sturm. Endlich ſprang Johanna, ihre Fahne in der Hand, in den Graben und ſtieg an dem Platze, wo die Engländer den ſtärkſten Widerſtand leiſteten, ſelbſt eine Leiter hinan. An der Fahne ſchnell erkannt, wurde ſie mit einem Hagel von Geſchoßen empfangen. Getroffen ward das Banner, getroffen die kühne Kriegerin ſelber von einem mächtigen Steine, welchen einer der Feinde ihr auf's Haupt ſchleuderte. Aber, ſo groß und hart der Stein war, er brach auf ihrem leichten Helme in Stücken. Die Jungfrau ſtürzte zwar, von der Wucht des Steines *) Während der Berathung wurde gemeldet, La Hire ſei mit dem Grafen Suffolk zu einer Beſpre⸗ chung zuſammengekommen. Die Franzöſiſchen Generale waren über das eigenmächtige Verfahren La Hires höchſt unzufrieden und ließen denſelben ſogleich zurückrufen. La Hite leiſtere Folge. *) Hier wiederholt ſich die Geſchichte, welche d'Aulon bei der Erſtürmung der Auguſtinerſchanze er⸗ zählt. S. Seite 17, 0. 1V, 171 sd. 237. Siu n ni Ichin 2375 33 und der Gewalt des Wurfes durchſchüttert, zur Erde, aber wie durch ein Wunder war ſie völlig unverletzt geblieben. Ihr Unfall beſchleunigte nur den Sieg der Franzöſiſchen Waffen. Deun, von neuer Glaubenskraft geſtählt, erhob ſie ſich alsbald wieder und rief mit Prophetenſtimme den Ihrigen zu:„Freunde! Freunde! hinauf! hinauf! Unſer Herrgott hat die Engländer ver⸗ ſtoßen. Zu dieſer Stunde ſind ſie unſer. Seid getroſtes Muthess².“ Das war der Glaubens⸗ ruf, deſſen Zauber die Franzoſen ſchon ſo oft zu den äußerſten Kraftauſtrengungen fortgerißen hatte. Unaufhaltſam drangen ſie vor, nach wenigen Minuten waren die Befeſtigungswerke er⸗ klommen, Jargeau erobert. Im ganzen hatte der Sturm nicht weniger, als drei bis vier Stunden gedauertss.— Als der Herzog von Suffolk jede Hoffnung geſchwunden ſah, die Stadt gegen die herein⸗ brechenden Feindesſcharen zu behaupten, zog er ſich mit ſeinen beiden Brüdern und den Ueber⸗ bleibſeln ſeiner Truppen nach dem Brückenbollwerk zurück, welches den Uebergang zu dem rech⸗ ten Loireufer beherrſchtes. Auf der Flucht aber fiel ſein Bruder Alexander Pole von dem Schwerte der Verfolgerss, und die Brückenfeſte ergab ſich beim erſten Anlaufsé. Hundert ſechzehn Engländer wurden auf der Brücke von den ergrimmten Siegern erbarmungslos niedergemetzelt, nur wenige gefangen genommens:. Zu den letztern gehörte der Graf von Suffolk ſelbſt ſowie ſein Bruder Johann Pole nebſt mehreren vornehmen Engländern, denen man das Leben nur deshalb ſchenkte, um ihnen ein ſchweres Löſegeld abzupreſſen. Der Graf ergab ſich einem jungen Kriegs⸗ helden, Wilhelm Regnault, von Auvergne.„Biſt du ein Edelmann?“ fragte der Graf, als W. Regnault auf ihn einſtürmte.„Ja,“ antwortete er.„Auch ein Ritter?“ fragte Suffolk weiter.„Nein“, erwiderte jener. Da hieß ihn der Graf naͤher treten, ertheilte ihm den Ritterſchlag und reichte ihm dann ſein Schwert zum Zeichen der Ergebungss. Ebenſo ſchonungslos, wie die Engländer, wurden die Bürger von Jargeau behandelt, welche die Waffen gegen ihren rechtmäßigen König getragen hatten. Dafür zeugt die Maſſe der Ge⸗ tödteten, deren Geſammtzahl mehr als elfhundert beträgt, während nach der höchſten Angabe nur ſechshundert Engländer ihr Leben eingebüßt habenss. Auch die übrigen Bewohner von Jargeau, welche dem Blutbade entrannen, wurden für ihre Untreue ſchwer gezüchtigt. Die ganze Stadt wurde ausgeplündert, und ſelbſt die Kirche, in welcher man eine Menge von Gütern geborgen hatte, dldeb nicht verſchontso. Die Leidenſchaften der Rachſucht und Habgier ſtachelten die Krieger, insbeſondere die Bürgerwehrleute zu mancherlei Unthaten der Grauſam⸗ keit. Die funfzig bis ſechszig vornehmen Engländer, welche man des Löſegeldes halber zu Ge⸗ fangenen gemacht hatte, wurden aus Neid und Misgunſt gröſtentheils unter den Händen ihrer Beſitzer hingeſchlachtet, ſo daß die Jungfrau und der Herzog von Alencon ſich genöthigt ſahen, den Grafen von Suffolk mit ſeinem Bruder und andern Engliſchen Herrn zu Schiffe nach Orleans abführen zu laßen, um ſie vor dem gleichen Schickſale zu bewahrenél. Der ganze Verluſt, womit die Franzoſen dieſen großen Sieg erkauften, ſoll nur ſechzehn bis zwanzig Menſchenleben betragen habené². Eine Franzöſiſche Beſatzung wurde in der ab⸗ trünnigen Stadt zurückgelaßen. Die übrige Armee marſchierte noch an demſelben Tage(13. Juni) wieder nach Orleans, wo ſie mit großem Jubel empfangen und namentlich Johanna mit gleicher Begeiſterung gefeiert wurde, wie in den Glanztagen der Befreiung der Stadt. Denn ſie war es allein, der man dieſen neuen Sieg zu verdanken glaubte, und der neue Sieg ward als neue Bürgſchaft betrachtet, daß Gott ſie erwählt habe, um den König in den Voll⸗ beſitz des Reiches zu ſetzen. Alsbald nach der Ankunft in Orleans, wurde dem König die Einnahme von Jargeau gemeldetés. Die Freude über dieſe Botſchaft bewog ihn, den ſchon früher gefaßten Entſchluß, ſeinen Aufenthalt in der Nähe des Kriegsſchauplatzes zu nehnien, nunmehr in Ausführung zu bringen. Er wählte die zwiſchen Jargeau und Gien gelegene Stadt Sully, welche unter Lehnsherrſchaft des Herrn von La Trémouille ſtand, zum Hoflager und ſandte Boten nach allen Richtungen aus, um ſeine Getreuen in die Reihen des Befreiungs⸗ heeres zu berufens¹. 4 31 Bereitwillig folgten dieſe der Aufforderung, und die Armee erlangte ſchon während der kurzen Raſt in Orleans eine Stärke von 6000— 7000 Mann, namentlich durch den Anſchluß der Herrn Veit und Andreas von Laval,*) ihrer beiden Schwäger: des Grafen von Vendôme, Lugwig von Bourbon, und des Herrn Veit von Chauvigny, ihres Vetters: des Marſchalls Ae⸗ gidius von Laval, Herrn von Rais, ferner des Herrn von La Tour d'Auvergne, des Stifts⸗ amtmanns von Chartres, des Theobald von Armagnac, genannt von Termes, und anderer Edelleute mit ihren Vaſallen s. *) Letzterer bekannter unter dem Namen des Herrn von Loheac. Schulnachrichten. I. Lehrverfaſſung. A. Ueberſicht über die im Schuljahre von Oſtern 1858 bis dahin 1859 behandelten ſprachlichen und wiſſenſchaftlichen Unterrichtsgegenſtände. Classis Prima. Woͤchentlich 32 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Feußner. 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 6 St. w. a) Sophocles. Antigone v. 1—570, nach vorausgeſchickter Einleitung, 2 St. w.: Dr. Feußner; b) Demosth. Philipp. I, Olynth. I, II, III, 3 St. w.; c) Grammat, nach Kühner,§. 326 bis Ende, nebſt ſchriftlichen Exercit., 1 St. w.: Dr. Eyſell. Im Winter 6 St. w.: a) Sophocles. Antigone, v. 570 bis Ende des Drama, 2 St. w.: Dr. Feußner; b) Demosthenes de Pace, Philipp. II, De Chersoneso, Philipp. III, 3 St. w.; c) Grammat. nach Kühner,§. 314— 325, nebſt ſchriftl. Exercit. 1 St. w.: Dr. Eyſſel. 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 8 St. w.: a) Horat. Epist. Libr. I, II, 2 St. w.; b) Cicero de Orat. I, 1— 46; hernach Tacit. Histor. I, 1— 40, 4 St. w.; c) la⸗ teiniſche Aufſätze, 1 St. w.; d) lateiniſche Exercit. 1 St. w.: Direct. Dr. Schiek. Im Winter 8 St. w.: a) florat. Od. Libr. I und II, 2 St. w.; b) Cicero de Orat. I, 40— II, 30; hernach Tacit. Histor. I. 40 bis Ende des B., 4 St. w.; c) freie lat. Auf⸗ ſätze in 1, und wöchentl. in 1 St. lat. Cxercit. Direct. Dr. Schiek. 6 36 3. Deutſche Sprache: im Sommer 4 St. w.: a) Lectüre: Iphigenia auf Tauris, 2. Hälfte, 1 St. w.; b) Literaturgeſchichte nach Piſchon, 1. Hälfte, 2 St. w.; c) Schriftliche Auf⸗ ſätze, Dispoſitionen und Ausarbeitungen, 1 St. w.: Dr. Feußner. Im Winter 4 St. w.: a) Lectüre: Göthe's Torquato Taſſo, Einl. und 1. und 2. Aufz. 1 St. w.; b) Literaturgeſch. nach Piſchon, 2. Hälfte, 2 St. w.; c) Deutſche Aufſätze, Dispoſi⸗ tionen und Reden, 1 St. w.: Dr. Feußner. 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w.: Lectüre: Le Cid par Corneille; Benedix Dr. Wespe Act 1, ins Franz. überſetzt. Grammat. nach Müller, meiſt repetitoriſch, und ſchrifil. Exercit.: B. L. Stähle. Im Winter 2 St. w.: Lectüre: Lyriſche Stücke aus Graeſer's Anthologie: Benedix Dr. Wespe Act 2 und 3 ins Franz. überſetzt; nebſt Hauptregeln der Syntax und Exercit. nach Dictaten: B. L. Stähle. 5. Hebräiſche Sprache: im Sommer 2 St. w., Lectüre: 1. Buch Samuel Cap. 20 und 24, Josl, Cap. 1 und 2; Geneſis, Cap. 37, 39, 40, 41; nebſt Repetition der grammat. Hauptre⸗ geln: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. In der 2. Abthlg. Grammat. nach Geſen,§. 1— 57 und Lectüre: 1. B. Moſ., Cap. I; in der 1. Abth. Lectüre: 1. B. Moſ., Cap. 42, 43; Sprüchw. Salom., Cap. 17, 27, 31; Hiob, Cap. 38, 39, mit Rückſicht auf die Grammat.: B. L. Dr. Braun. 6. Religionslehre: im Sommer 2 St. w., Kirchengeſchichte, I. Thl. nach Petri's Lehrb.: Pfarrer Meurer. Im Winter 2 St. w., Kirchengeſchichte, II. Thl. nach Petri's Lehrb.: Pfarrer Meurer. 7. Geſchichte: im Sommer 3 St. w., Geſchichte des Mittelalters: Dr. Stacke. Im Winter 3 St. w., Neuere Geſchichte von A. bis zum Tod Friedr. d. Gr.: Dr. Stacke. 8. Phyſik: im Sommer 2 St. w., Anfangsgründe der Chemie: Dr. Hartmann. Im Winter 2 St. w., Statik und Mechanik: Dr. Hartmann. 9. Mathematik: im Sommer 4 St. w.: a) Allgemeine Arithmetik, Thl. I, 2 St. w.; b) Repetition der Planimetrie, 2 St. w.: Dr. Hartmann. Im Winter 4 St. w.: a) Arithmet. Algebra 2 St. w.; b) Geometrie. Trigonometrie, 2 St. w.: Dr. Hartmann. Classis Secunda. Woͤchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarins Dr. Eyſell. 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 6 St. w. a) Homer. II. Libr. I, II, bis 370, 2 St. w.: Pfarrer Meurer; b) Xenoph. Hellen. Libr. III, cap. IV bis zu Ende, 2 St. w.; c) Griech. Grammat. nach Kühner§. 251— 258, und griech. Exercit. nach Franke's L. II, 2 St. w.: Dr. Feußner. 32 Im Winter 6 St. w. a) Homer. II., Libr. II, 370— V, 470, 2 St. w.: Pfarrer Meurer; b) Xenoph. Hellen. Libr. IV, 1— 5, 2 St. w.; c) Grammat. nach Kühner §. 258— 267, nebſt Exercit. nach Franke, 1 St. w.: Dr. Feußner. 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 9 St. w. a) Virgil. Aen. Libr. IV, 3 St. w.; b) Lat. Extemporal. 1 St. w.: Direktor Dr. Schiek; c) Livius Libr. I, 41— II, 21, 3 St. w.; d) Grammat. nach Zumpt,§. 701— 741, nebſt ſchriftl. Exercit. nach Seyffert, 2 St. w.: Dr. Eyſell. Im Winter 9 St. w. a) Virgil Aen. Libr. V, 3 St. w.; b) Lat. Extemporal. 1 St. w.: Direct. Dr. Schiekz c) Cicero Orat. pro Archia poëta, pro Ligario, Dejotaro, Mar- cello, 3 St. w.; d) Grammat. nach Zumpt,§. 742 bis Ende, nebſt ſchriftl. Exercit. nach Seyffert, 1 St. w.: Dr. Eyſſel. 3. Deutſche Sprache: im Sommer 3 St. w.; theils Lectüre der Schillerſchen und Götheſchen Balladen und Declamationsübungen; theils ſchriftliche Aufſätze: Dr. Eyſell. Im Winter 3 St. w., theils Lectüre und Erklärung von Schiller's Wallenſtein, theils ſchriftliche Aufſätze: Dr. Eyſell. 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w.; theils Lectüre: Le verre d'eau p. Scribe, Act 1, II, III, nebſt Grammat. nach Müller, meiſt Repetition der Formenlehre und Syntax,—§. 494 und Cxercit.: B. L. Stähle. Im Winter 2 St. w.; theils Fortſ. der Lectüre Le verre d'eau p. Scribe, Act IV und V, hernach Avant, Pendant et Après p. Scribe et Rougem, nebſt Grammat. nach Müller §. 494— 729 und Cxercit. nach Dictaten: B. L. Staehle. 5. Religionslehre: im Sommer 2 St. w. Lectüre des N. T. Brief an die Römer im Urtext: Pfarrer Meurer. Im Winter 2 St. w. Lectüre des Evangel. Lucae im Urtext: Pfarrer Meurer. 6. Geſchichte: im Sommer 2 St. w. Geſchichte des Mittelalters vom Anfang bis zum 1. Kreuzzug inclus.: Dr. Stacke. Im Winter 2 St. w. Fortſ. der Geſchichte des Mittelalters bis zu Maximilian I.: Dr. Stacke. 7. Geographie: im Sommer 2 St. w. Geographie von Deutſchland nach Ritter: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w. Geographie von Europa mit Ausſchl. von Deutſchland nach Ritter: B. L. Berkenbuſch. 8. Mathematik: im Sommer 4 St. w.; theils Allgemeine Arithmetik, 2 St. w.: Dr. Hartmann; theils Planimetrie, I. Hälfte: G. L. Kutſch. Im Winter 4 St. w., nänlich 2 St. Arithmetik, Algebra,: Dr. Hartmann, und 2 St. Geometrie, Planimetrie, II. Hälfte: G. L. Kutſch. 38 Classis TCertia gymnasialis. Woͤchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Pfarrer Meurer. 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 6 St. w.; a) Homer Odyss. Lihr. XVI, 342 bis XVII, 253, 2 St. w.: Dr. Eyſell; b) Xenopn. Anab., ausgewählte Abſchnitte aus Buch I und II, 2 St. w.; c) Grammat. nach Kühners Elementargr.§. 87— 118, nebſt ſchriftl. Exercit.. 2 St. w.: Pfarrer Meurer. Im Winter 6 St. w.; a) Homer. Odyss. von Libr. XVII. 254— XVIII, 50, 2 St. w.: Dr. Eyſell; b) Xenoph. Anab. Libr. II, 2— III, 3, 2 St. w.; c) Griech. Grammat. und Exercit. nach Kühners Elementargr.§. 119— 144: Pfarrer Meurer. 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 8 St. w., Ovid. Metamorphos. XIII, 429— 622; XIV, 75— 153, nach Vorausſchickung einer Biogr. des Dichters und Erklärung des Hexameters, mit metriſcher Uebung 2 St. w.: Dr. Stacke; b) Caesar de B. G. Libr. I 3 St. w.; c) Grammat. nach Zumpt§. 494— 583, nebſt ſchriftl. Exercit. nach Spieß, 3 St. w.: Dr. Feußner. 1 3 Im Winter 8 St. w.; a) Ovid. Metamorph. Libr. XIV, 154— 851 mit Auswahl, 2 St. w.: Dr. Stacke; b) Caesar de B. G. Libr. II, 3 St. w.; c) Grammat. nach Zumpt §. 583— 688 und Exercit. nach Spieß. 3 St. w.: Dr. Feußner. 3. Deutſche Sprache: im Sommer 2 St. w.: Lectüre nach Bach's Leſeb., mittlere Lehrſtufe, nebſt deutſchen Aufſätzen: Pfarrer Meurer. Im Winter 2 ·St, w, Fortſetzung der Lectüre nach Bach's Leſeb., mittlere Lehrſtufe, nebſt deutſchen Aufſätzen: Pfarrer Meurer. 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w., Lectüre. Charles XII p. Voltaire, Livr. IV, nebſt Grammat, nach Müller,§. 1— 150 und ſchriftl. Exercit. B. L. Staehle. Im Winter 2 St. w., Fortſetzung der Lectüre Charles XII p. Voltaire, Livr. V, Grammat. nach Müller,§ 151— 197 nnd ſchriftl. Exercit.: B. L. Staehle. 5. Religionslehre: im Sommer 2 St. w., Lectüre des A. T. I. B. Moſis bis C. 42: Pfarrer Meurer. Im Winter 2 St. w., Fortſetzung der Lectüre des A. T.— Buch Joſua, mit Auswahl: Pfarrer Meurer. 3 6. Geſchichte: im Sommer 2 St. w.; Mittelalter vom Beginne der Völkerwanderung an bis Maximil. I.: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Deutſche Geſch. von der Reformation an bis 1815: B. L. Dr. Braun. 7. Geographie: im Sommer 2 St. w. Beſchreibung von Deutſchland: B. L. B er⸗ kenbuſch. Im Winter 2 St. w. Europa, mit Ausſchluß von Deutſchland, nach Ritter: B. L. Ber⸗ kenbuſch. 39 8. Naturgeſchichte: im Sommer 1 St. w. Uebungen im Beſchreiben und Beſtimmen von hier wild wachſenden Pflanzen: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 1 St. w. Vergleichende Ueberſicht der zwei(niedern Reihen des Thierreichs (Gliederthiere und Bauchthiere): B. L. Berkenbuſch.— 9. Mathematik: im Sommer 4 St. w., theils Arithmetik, 2 St. w., Buchſtabenrech⸗ nung: Dr. Hartmann, theils Geometrie, 2 St. w. Planimetrie, Th. I.: G. L. Kutſch. Im Winter 4 St. w.; a) Arithmetik, Decimalbrüche, Wurzelausziehen und Rechnungen des gemeinen Lebens, 2 St. w.: Dr. Hartmann; b) Geometrie, Planimetrie, Th. II., 2 St. w.: G. L. Kutſch. 1 Classis Tertia realis. Wöchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Pfarrer Meurer. 1. Lateiniſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Juslin. Histor. Phil. Libr. XII und XIII mit Auswahl: Pfarrer Meurer. Im Winter 2 St. w. Justin. Histor. Phil. Libr. XVIII— XXIII mit Auswahl.: Pfarrer Meurer. 2. Deutſche Sprache: im Sommer 3 St. w. und zwar 2 St. in Verbindung mit Tertia G.(ſiehe vorher) und 1 St. in Verbindung mit Quarta R. Geſchäftsſtil nach Gockel: Contracte, Rechnungen, Quittungen: B. L. Dr. Braun. Im Winter 3 St. w., wovon 2 St. in Verbindung mit Tertia G.(ſiehe vorher) und 1 St. in Verbindung mit Ouarta R. Geſchäftsſtil nach Gockel: Kaufmänniſche Correſpondenz. Hauptſächliches aus der einfachen Buchführung: B. L. Dr. Braun. 3. Franzöͤſiſche Sprache: im Sommer 4 St. w., wovon 2 St. in Verbindung mit Tertia G.(ſiehe vorher) und 2 St. getrennt. Lectüre: Bertrand et Raton p. Scribe Act. I. II; Grammat. nach Ahn, die wichtigſten Regeln der Syntax nebſt Exercit. nach Dictaten: B. L. Staehle. Im Winter 4 St. w., und zwar 2 St. in Verbindung mit Tertia G.(ſiehe vorher) und 2 St. getrennt. Lectüre: Bertrand et Raton p. Scribe, Act. III, IV, V und Grammat. nach Ahn, Syntax mit Exercit. nach Dictaten und leichten freien Aufſätzen: B. L. Staehle. 4. Engliſche Sprache: im Sommer 3 St. w. Grammat. nach Munde. Curs. II §. 77— 219 und Exercit, nebſt Lectüre: Washington Irving, Sketchbook: the Inn Kitchen, the Spectre Bridegroom und Sprachübungen: B. L. Staehle. Im Winter 3 St. w., theils Grammat. nach Munde,§. 169 bis zu Ende, mit Exercit. nach Dictaten oder ſelbſtändigen Arbeiten; theils Lectüre: Washington Irving: Christmas, Stage Coach, Christmas Eve, Shakespeare: Julius Caeſar, Act III. Sprechverſuche: B. L. Staehle. 40 5. Religionslehre: 2. 1. 5 im Sommer wie im Winter in Verbindung mit Tertia G. 6. Geſchichte:. (ſiehe vorher). 7. Geographie: 8. Naturlehre: im Sommer 2 St. w. Das Wichtigſte aus der Lehre vom Licht: Dr. Hartmann. Im Winter 2 St. w., Das Wichtigſte aus der Lehre von der Wärme, der Electricität und dem Magnetismus: Dr. Hartmann. 9. Mathematik: im Sommer 6 St. w.; a) Arithmetik, Buchſtabenrechnung; die 4 erſten Zahlenoperationen. 2 St. w.; b) Planimetrie, 1. Hälfte 2 St. w.: G. L. Kutſch; c) Praktiſches Rechnen nach Krancke, 2 St. w.: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 6 St. w.; a) Arithmetik 2 St. w., Fortſetzung der Buchſtabenrechnung, De⸗ cimalbrüche, Wurzelausziehen, Rechnungen des gemeinen Lebens ꝛc.; b) Geometrie, 2. Theil der Planimetrie, 2 St. w.: G. L. Kutſch; c) Praktiſches Rechnen nach Krancke, Abſchnitt 8— 12, 2 St. w.: B. L. Berkenbuſch. Classis Quarta gymnasiatis. Wöchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Stacke. 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 4 St. w.; a) Grammat. nach Kühners Elemen⸗ targr.§. 70— 143, 2 St. w.: Dr. Eyſell; b) Lectüre nach Chreſtomath. von Wenſch und Schmidt, vom Anf. bis S. 23, 2 St. w.: Pfarrer Meurer. Im Winter 4 St. w.; a) Grammat. nach Kühners Elementargrammat.§. 70— 143, 2 St. w.: Dr. Eyſell; Lectüre: Chreſtomath. von Wenſch und Schmidt, von S. 23— 43, 2 St. w.: Pfarrer Meurer.. 4 4 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 9 St. w.; a) Grammat. nach Siberti, theils Repetit. der Formenlehre von Cap. 10— 40, theils Syntax von Cap. 78— 86 und ſchriftl. Exercit., 5 St. w.; b) Lectüre: Cornel. Nep. Miltiades, Themistocles, Aristid, Pausan. und Cimon, 4 St. w.: Dr. Stacke. Im Winter 9 St. w.; a) Grammat. nach Siberti, theils Repetit. der Formenlehre von Cap. 44— 66, theils Syntax von Cap. 86— 99 und ſchriftl. Exercit, nach Spieß, 5 St. w.; b) Lectüre: Cornel. Nep. vit. Lysandr., Alcibiad., Thrasybul., Conon., Dion, Iphicrat., Chabr., 4 St. w.. Dr. Stacke. 3. Deutſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Lectüre nach Bach, untere Lehrſt., Declamirübungen und erzählende Aufſätze: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Fortſ. der Lectüre nach Bach, untere Lehrſt., Uebungen in der Satzbildung, nebſt deutſchen Aufſätzen: B. L. Dr. Braun. 41 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w., ltheils Lectüre nach Ahn's Leſeb. Anekdoten; theils Grammat. nach Ahn, Cap. I— IV und Exercit.: B. L. Sta ehle. Im Winter 2 St. w., theils Grammat. nach Ahn, Cap. VI— VIII und ſchriftl. Exerc., theils Lectüre nach Ahn's Leſeb. S. 36— 51: B. L. Staehle. 5. Religion slehre: im Sommer 2 St. w., Katechismuslehre, Th. I mit Auswen⸗ diglernen der bezüglichen Bibelſtellen und Liederverſe: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Katechismuslehre, Th. II: B. L. Dr. Braun. 6. Geſchichte: im Sommer 2 St. w. Hauptereigniſſe aus der Geſchichte des Mittel⸗ alters: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Hauptereigniſſe aus der deutſchen Geſchichte von Luther bis 1815: B. L. Dr. Braun. 7. Geographie: im Sommer 2 St. w. Bodengepräge von Europa, nach Ritter: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w. Bodengepräge von Aſien, Afrika, Amerika und Auſtralien. B. L. Berkenbuſch. 8. Naturgeſchichte: im Sommer 1 St. w. Botanik: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 1 St. w. Beſchreibung und Claſſificirung der Vögel: B. L. Berkenbuſch. Mathematik: im Sommer 3 St. w., theils Arithmetik, 2 St. w., Bruchrechnung Th. I; theils planimetriſche Anſchauungslehre und Figurenzeichnen, 1 St. w.: Dr. Hartmann. Im Winter 3 St. w., theils Arithmetik, Bruchrechnung, Th. II, und Rechnungen des gemeinen Lebens; theils Zeichnen geometr. Figuren und ſtereometriſche Anſchauungslehre: Dn. Hartmann. Classis Quarta realis. Wöchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Stacke. 1. Lateiniſche Sprache: im Sommer 3 St. w. Lectüre: Cornel. Nepot. Themi- stocles und Formenlehre nach Siberti: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 3 St. w., theils Repetit. der Formenlehre und wichtigſten Regeln der Syntax, theils Lectüre nach Doering's Anleit.: B. L. Berkenbuſch. 2. Deutſche Sprache: im Sommer 3 St. w., wovon 2 St. in Verb. mit Quarta G.(ſiehe vorher) und 1 St. in Verb. mit Tertia R. Geſchäftsſtil(ſiehe vorher): B. L. Dr. Braun.. Im Winter 3 St. w., wie im Sommer: B. L. Dr. Braun. 1 3. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 4 St. w., wovon 2 in Verb. mit Quarta G. (ſiehe vorher) und 2 St. getrennt: Repet. der Formenlehre nach Ahn und Lectüre nach Ahn's Leſeb.(Naturhiſtoriſche Erzählungen und Fabeln): B. L. Staehle. 42 Im Winter 4 St. w., wovon 2 in Verb. mit Quarta G.(ſiehe vorher) und 2 St. getrennt; theils Grammat. nach Ahn, Einübung unregelmäßiger Zeitwörter, theils Lectüre nach Aühns Leſeb. C. 81— 91: B. L. Staehle. 4. Engliſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Gramm. nach Munde, Curſ. I, 1— 60 und Lectüre nach deſſelben Verf. Reading Lessons, 1— 6: B. L. Staehle. Im Winter 2 St. w., theils Grammat nach Munde, Curſ. II, 57— 124, theils Fortſ. der Lectüre: Reading Lessons, 7— 11, 25 und 26; dann Walther Scott: Tales of a Grand- father Ch. II und III: B. L. Staehle. 5. Religionslehre: im Sommer 2 St. w. in Verb. mit Quarta G. 6. Geſchichte: 2 St. w. in Verb. mit Quarta G. 7. Geographie: 2 St. w. in Verb. mit Quarta G.(ſiehe vorher). Im Winter ebenſo. 8. Naturgeſchichte: im Sommer 2 St. w., wovon 1 St. in Verb. mit Quarta G. Botanik, 1 St. getrennt: Amphibien und Fiſche nach Leunis: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w., wovon 1 St. in Verb. mit Quarta G., 1 St. getrennt: Mollusken: B. L. Berkenbuſch. 9. Math ematik: im Sommer 5 St. w.; a) Arithmetik 2 St. w.: Gemeine Bruch⸗ rechnung, Th. I; b) Planimetriſ che Anſchauungslehre und Figurenzeichnen, 1 St. w.: G. L. Kutſchz c) Uebungen i im praktiſchen Rechnen, 2 St. w.: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 5 St. w.; a) Arithmet. 2 St. w.: Gemeine Bruchrechnung, Th. II und An⸗ wendungen derſelben; b) Fortſetzung der planimetriſchen Anſchauungslehre und Figurenzeichnen, 1 St. w.: G. L. Kutſch; c) Uebungen in der Regeldetri ꝛc. 2 St. w.: B. L. Berkenbuſch. Classis Quinta. Wöchentlich 30 Lehrſtunden.— Ordinarius B. L. Dr. Braun. 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Anfangsgründe nach Kühner's Leseduc§ 1— 36 mit entſprechenden Uebungsſtücken: Dr. Stacke. Im Winter 2 St. w.: Fortſetzung der Elemente nach Kühner's Grammat. von§ 36— 68, Repetit. von§ 29— 42 und entſprechende Ueberſetzungsübungen: Dr. Stacke. 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 8 St. w.;; 2) Grammat. nach Siberti, ze Formenlehre, theils ſyntactiſche Hauptregeln, verbunden mit Exercit. nach Spieß, 4 St. ; b) Lectüre nach Spieß, I Th. I— XIX und Fabeln 1— 16, 4 St. w.: B. L. Braun. Im Winter 8 St. w.; a) die nothwendigſten Regeln der Syntax und Wiederholung der Formenlehre nach Siberti, in Verb. mit ſchriftl. Exercit. 4 St. w.; b) Lectüre nach Spieß Uebungsb. für V, 2. und 3. Abſchnitt, ſowie Eutrop. II, 10— 48; III, 1— 23; und cur⸗ ſoriſch mit den Geübteren IV, 1— 27: B. L. Dr. Braun. 43 30 Deutſche Sprachen im Sommer 2 St. w. Lectüre nach Bach's Leſeb., ustereLahr⸗ fuß Memorirübungen und erzählende Aufſätze: Dr. Hartmann.. 1— c. Im Winter 2 St. w., theils Lectüre nach Vachis Feſbh⸗⸗ untere Lahxfiuſe und afäs enagfender Art: Dr. Har tman n. 0 d9 S0ndn 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommeer 2 et. w.„Töratagründe, nach Ahn, Cap. I, 1— 68: B. L. Staehle. Im Winter 2 St. w. Fortſ. der Anfangsgr. nach Ahn, von 68 bis Ende: B. L. Staehle. 5. Religionslehre: im Sommer 2 St. w. Bibliſche Geſchichten des A. T.: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Bibliſche Geſchichten des N. T.: B. L. Dr. Braun. 6. Geſchichte: im Sommer 2 St. w. Piographiſche Darſielngrn aus der griech. Geſchichte: B. L. Stachle. Im Winter 2 St. w. Biographiſche Darſtelungen aus der roͤmiſchen Geſchichte: B. L. Staehle. Du, Geographie: im Sommer 2 St. w. Geographie von Kurheſſen: B. L. Berken⸗ buſch. Im Winter 2 St. w. Das Wichtigſte zur allgem. Einleitung in die Geographie und Ueberſ icht der Erdtheile: B. L. Berkenbuſch. ) 8, Naturgeſchichte: im Sommer 2 St. w. Beſchreibung einheimiſcher Piae vnn Thiere: G. L Kutſch. 7 Im Winter 2 St. w. Beſchreibung höherer Thiere: G. L. Kutſch. jie 9. Mathematik: im Sommer 3 St. w. Zifferrechnen in den 4 Species: G. L. Kutſ ch. Im Winter 3 St. w. Rechnungen mit benannten und unbenannten Zahlen und Leo der Bruchrechnung: G. L. Kutſch. Techniſche ſehrfächer. 1. Schoͤnſchreiben: im Sommer und Winter 1 St w. in Tertia Comb., 2 St. w. in Tertia R., 2 St. w. in Quarta Comb., 2 St. w. in Quinta: Z. L. Storck. 2. Zeichnen: im Sommer und Winter 1 St. w. in Tertia Comb., 2 St. w. in xer⸗ tia R., 2 St. w. in Quarta Comb.: Z.⸗L. Storck. 3. Geſang: im Sommer und Winter 2 St. w. Anfangsgründe, 4 St. w. für die ein⸗ zelnen Stimmen des Chores: Cantor Kapmeier. 7 44 4. Turnübungen: im Sommer Dienſtags und Freitags von 6— 8 Uhr,— von 5— 7 Uhr Abends: B. L. Berkenbuſch und Z.⸗L. Storck. 5. Schwimmübungen: im Sommer Montags, Mittwochs, Donnerſtags und Somn⸗ abechs von 5— 7 Uhr Abends unter Leitung derſelben Lehrer. 4 II. Chronik des Gymnaſiums. Das Sommerſemeſter im Schuljahre von Oſtern 1858 bis dahin 1859 nahm Fußß An⸗ fang am 13. April, nachdem Tags zuvor die zur Aufnahme Angemeldeten waren geprüft wor⸗ den, und dauerte bis zur gewoͤhnlichen Herbſtprüfung(20. und 21. Septbr.) und Entlaſſung der zur Univerſitaͤt Abgehenden(22. Sept.) ohne eine andere Unterbrechung, als welche durch das eintretende Pfingſtfeſt,(22.— 27. Mai) ſowie auch durch die Sommerferien(4.— 25. Juli) veranlaßt wurde. Den höchſt erfreulichen Geburtstag Sr Koͤnigl. Hoheit des allerdurchlauchtigſten Kurfür⸗ ſten begingen Lehrer und Schüler im Verein mit einem zahlreichen Publikum auf feierliche Weiſe am 20. Auguſt. Der ordentl. G. Lehrer Kutſch hielt die Feſtrede. Am 4. Septbr. feierten Lehrer und Schüler das heilige Abendmahl. Zur Maturitätsprüfung wurden 2 Primaner, Adolph Wippermann von hier, und Wilhelm Rothfuchs aus Sand, nach vorſchrifsmäßiger Beendigung ihres Primacurſus zu⸗ gelaſſen. Die ſchriftliche Prüfung fand in den Tagen vom 16.— 21. Auguſt, die mündliche Prüfung aber am 11. Sept. Statt. Die Schulen des Winterſemeſters wurden nach Ablauf der 14tägigen Herbſtferien und er⸗ folgter Prüfung der zur ausnahmsweiſen Aufnahme Angemeldeten eroͤffnet. Bald nach Beendigung der Weihnachtsferien(vom 24. December bis 4. Januar) meldeten ſich 5 Primaner, Leopold Fett aus Haina, Chriſtian Rommel aus Marburg, Rudolph Craß aus Marburg, Adolph Baldewein von hier, Louis Sommerlath aus Apelern, welche im Begriffe ſind, den vorſchriftsmäßigen zweijährigen Curſus in der Prima zu been⸗ digen, zur Maturitätsprufung und wurden zugelaſſen. Die ſchriftliche Prüfung erfolgte am 28. Februar und 1., 2., 3. März; die mündliche Prüfung war auf den 25. und 26. März anberaumt. 45 III. Sttaetitiſche Ueberſicht. a) ſehrer. 1 Im Perſonal des Lehrercollegiums iſt während dieſes Schuljahres keine Veränderung vorgegangen; am Schluſſe deſſelben erbat ſich jedoch und erhielt durch Beſchluß Kurfürſtlichen Miniſteriums vom 4. März l. J., Nr. 1966, der beauftragte Lehrer Staehle, welcher ſeit Januar 1858 ſein hieſiges Lehramt mit Fleiß, gutem Erfolge und lobenswerther Dienſtbereit⸗ willigkeit bekleidet hatte, einen Urlaub auf unbeſtimmte Zeit. b) Schüler. Zur Univerſität gingen zu Oſtern 1858 7 Primaner, welche die Maturitätsprüfung be⸗ ſtanden hatten, über: 1) Wilhelm Heinrich v. Loßberg ans Frankenberg, reformirter Confeſſion, 20 ℳ Jähre alt, 6 ½ Jahr Gymnaſialſchüler, 2 Jahre in der Prima, mit dem Zeugniſſe der Reife Nr. III, „ziemlich gut vorbereitet“, welcher Arzneikunde; 2) Daniel Schumann aus Gudensberg, reformirter Confeſſion, 22 ½ Jahr alt, 8 Jahre Gymnaſialſchüler, 3 Jahre in der Prima, mit dem Reifezeugniſſe Nr. III,„ziemlich gut vor⸗ bereitet“, welcher Theologie; 3) Heinrich Conrad Faulhaber aus Breitenbach, 18 ¾ Jahre alt, 10 ½ Jahr Gym⸗ naſialſchüler, 2 ¼ Jahr in der Prima, mit dem Zeugniſſe der Reife Nr. Ii,„gut vorbereitet“, welcher Theologie; 9) Heinrich Conrad Schmitt aus Marburg, lutheriſcher Confeſſion, 21 ¾ Jahre alt, 11 Jahre Gymnaſialſchüler, 2 ½ Jahr in der Prima, mit dem Zeugniſſe der Reife Nr. III, „ziemlich gut vorbereitet“, welcher Arzneikunde; 5) Johann Heinrich Gottfried Philipp Rang aus Roſenthal, lutheriſcher Confeſſion, 19 ¾ Jahre alt, 1½ Jahr Gymnaſialſchüler, zuletzt in der Ord. I. der Prima, mit dem Reife⸗ zeugniſſe Nr. II,„gut vorbereitet“, welcher Philologie; 6) Salomo Chriſtoph Auguſt Carl Merkel aus Treyſa, reformirter Confeſſion, 19 ¼ Jahr alt, 6 Jahre Gymnaſialſchüler, 1 ¾ Jahr in der Prima, mit dem Zeugniſſe der Reife Nr. II,„gut vorbereitet“, welcher Arzneikunde; 7) Carl Wilhelm Gutberlet aus Marburg, reformirter Confeſſion, 193¾ Jahre alt, 10 ½ Jahr Gymnaſialſchüler, 2 Jahre in der Prima mit dem Zeugniſſe der Reife Nr. II, „gut vorbereitet“, welcher Theologie zu ſtudiren beabſichtigte. 46 Außer dieſen verließen auch noch die Schule in der Zeit vom 9. März bis zum Beginn des⸗Sommerhalbjahrs: 1) Der Sekundaner Chriſtian Reinert aus dem Lippeſchen, um das Gymnaſium in Detmold zu beſuchen; 2) Drei Tertianer: Wilhelm Lo hm eyer von hier, um Kanfmann; Carl Cloſter⸗ mann aus Großenwieden, um Landwirth; Ferdinand Albert Oſterwald von hier, um Kaufmann zu werden. Die Anzahl der am 12. April Reuaufgensmwenen betrug 29, welche einbegriffen die Ge⸗ ſammtzahl der im Sommer den Unterricht beſuchenden 105 ausmachte. Von ihnen gehörten 8 der Prima, 16 der Secunda, 17 der Tertia g. 10 der Tertia R, 1l der Quarta G., 18 der Quarta R., 22 der OQuinta an. 1 Am Schluße des Halbjahrs gingen 92 Primaner, nachdem ſie die Mathetspenfäng be⸗ ſtanden hatten, zur Univerſität über, nämlich: 1) Friedrich Adolph Liborius Wippermann von hier, tuiteriſcher Conceſſton, 19 ⅓ Jahr alt, 5 ½ Jahr Schüler des hieſigen Gymnaſinms, 2 Jahre in der Prima, wovon 1 Jahr in der Ord. I. mit dem Zeugniſſe der Reife Nr. II,„gut vorbereitet“, welcher Jurisprudenz und Cameralwiſſenſchaft; 2) Georg Wilhelm Rothfuchs aus Sand, reformirter Confeſſion, 22 Jahre alt, 7 ½ Jahr Gymnaſialſchüler, 2 Jahre in der Prima, wovon 1 Jahr in der Ord. I, mit, dem Priſe eidaiſ Nr. II„gut vorbereitet“, welcher Theologie zu ſtudiren gödachter„ mbri⸗ Ebenſo traten aus dem Schulverbande: 1) Der Secundaner Chriſtian Mehlburger. aus Obernkirchen, um die höhere Gewerbſchule in Caſſel l gu beſuchen; 2) Die Tertianer G.: Wilhelm Appel von hier, um den Maſchinenbau zu erlernen; Ferdinand Lindenberg von hii⸗ um ſich auf der höhern Gewerbſchule in Faſſel weiter zu bilden;. 3) Der Tertianer R.: Carl Gaertner von hier, um Maſchineubauer zu nedere 4) Aus Quarta G. ging Auguſt Lang aus Oldendorf ab, um Pharmaceut zu werden; 5) Aus Quarta R. traten aus ohne beſtimmte Berufswahl: Auguſt Selberg von hier; Eduard Lindenberg von hier, und Friedrich Becker aus Caſſel; 6) Die Ouinta verließ Georg von Waitz, um ſeinem Vater nach Harburg zu folgen. Beim Anfang des Winterhalbjahres wurden von den Angemeldeten 7 Schüler ausnahms⸗ weiſe aufgenommen, 3 als nicht befähigt abgewieſen. Die Geſammtzahl der Schüler belief ſich daher auf 100, und zwar wovon 8 der Prima, 18 der Secunda, 13 der Tertia G., 10 der Tertia R., 11 der Quarta G., 19 der Quarta R., 21 der Quinta zugewieſen waren. Von dieſen trat bis zum 30. März nur der Ouarlaner R Claſing aus Hemeringen im, Hannoverſchen aus der Schul⸗ aus. 64 3 42 IV... S. Bibliotheken und Apparate. Auch in dem jetzt zu Ende gehenden Schuljahre iſt für Erweiterung der Viblisthaken und Apparate geſorgt worden. 1) Die Gymnaſialbibliothek, unter Aufſicht des ordentl. Gymnaſiallehrers Dr. Stacke, erhielt nicht nur durch Einverleibung der Vereinsprogramme und weitere Ergänzung bereits früher namhaft gemachter größerer Werke, hauptſächlich lexicaliſchen und hiſtoriſchen Faches, ſondern auch durch neue Ankäufe einen nicht unbedeutenden Zuwachs. Zu den letztern ge⸗ hören unter andern: Hermann's Culturgeſchichte der Griechen und Roͤmer; Floto's Heinrich IV. und ſeine Zeit; Menzel's Geſchichte der letzten 40 Jahre; Geſenius Handwörterbuch der he⸗ bkäiſchen Sprache, ſowie deſſen Theſaurus ꝛc.; Laſſen's indiſche Alterthumskunde; Overbecks Geſchichte der griechiſchen Plaſtik; u. ſ. w. 2) Für die Schülerbibliothek, unter Aufſicht des ordentl. G. L. Pfarrer Meurer, wurden neben andern lehrreichen Büchern folgende angeſchafft: Goethe's Leben und Schriften von Le⸗ wes; Loewenberg's Hiſt.⸗geographiſcher Atlas; Wagner's Hellas; Wendt's Bilderatlas der Länderkunde ꝛc. v. Schulprüfungen und Schulfeierlichkeiten. Montag den 11. April, Vormittags von 8— 12 Uhr. Feſtgeſang von Fr. Abt. Prima 8— 10 Uhr. Horat, od. Libr. I— II: Director Dr. Schiek. Demosthenes. De Chersonso: Dr. Lyſel Neue Geſchichte: Dr. Stacke. Quinta 10— 12 Uhn Lateiniſche Grammat. und Lectüre: Eutrop.: B. L. Dr. Brauk. Geographie: B. L. Berkenbuſch. Rechnen: G. L. Kutſch. Nachmittags von 2— 4 Uhr. Tertia. T. G. Homer. Odyss.: Dr. Eyſell. 48 . Ovid. Metamorph.: Dr. Stacke. .. Comb. Deutſche Geſchichte: B. L. Dr. Braun. Dienſtäg den 12. April, Vormittags von 8— 12 Uhr. Secunda 8— 10 Uhr. NXenoph. Hellen. IV: Dr. Feußner. Cicero. Orat. pro Arch.: Dr. Eyiell. Algebra: Dr. Hartmann. Duarta 10—12 Uhr. Qu. G. Cornel. Nep.: Dr. Stacke. Griech. Lectüre, uach Wole: Pfarrer Meurer. Qu. Comb. Hauptereigniſſe aus d. n. deutſchen Geſch. B. L. Dr. Braun. Nachmittags von 2— 4 Uhr. Tertia Neal. 2— 3 Uhr. Engliſche Grammat. und Lectüre: Shakesp.: B. L. Staehle. Naturlehre: Dr. Hartmann.* Quarta Neal. 3— 4 Uhr. Franzöſiſche Lectüre: B. L. Staehle. Bruchrechnung: G. L. Kutſch. Mittwoch den 13. April, Vormittags 10 Uhr. Chorgeſang: Die Himmel rühmen ꝛc. von Beethoven. Enilaſfung der zux Mnivfrſtit Aunkhenden und eſebunden der 6 1 ½4 Im Namen des Gymnaſtums lade ich die Eltern unſerer Schüler und Freunde des Gym⸗ naſialunterrichtes zur Theilnahme an disſen Schulfeierlichkeiten ergebenſt ein. Der Gymnaſial⸗D Director, Dr. Schitt. Die Prüfung der zur Auſnahmeii in das Ghimaßſunt Angemeldeten wird am 77 Mai if ſtatt finden. 9.