Jahresbericht über das Burfürſtliche Gymnaſinm zu Rinteln womit zu den am 22. 23. und 24. Mätz ſtattfindenden Prüfungen und Schulfeierlichkeiten * ergebenſt einladet Dr. f). Aug. Schiek Gymnaſial⸗Oirector. Inhalt: 1) Das Leben der Johanna dArc, genannt die Jungfrau von Orleans. Zweiter Theil. Vom ordentlichen Gymnaſial⸗Lehrer Dr. Eyſell. 1 e eo .. 0— 2) Schulnachrichten vom Director. 3 Rinteln im Mätz 1858. Gedruckt bei C. Böſendahl.— Zweiter Theil. Chaten der Johanna d'Arc. J. Abſchnitt. Von der Abreiſe der Johanna aus Domremy bis zur Krönung Karls VII. in Reims. §. 1. Johannas Abſchied von Domremy, Aufenthalt in Vancouleurs, Reiſe nach Chinon. Das Jahr 1428 bildet den zweiten Hauptwendepunkt im Leben der Johanna. Die Been⸗ digung des Streites zwiſchen den Herzögen von Gloceſter und Burgund gab dem Herzog von Bethford freien Spielraum, den Krieg mit aller Kraft fortzuſetzen. Es galt nunmehr den letzten Widerſtand im Norden des Reiches zu brechen, damit der Angriff auf die Südprovinzen mög⸗ lich und die Unterwerfung Frankreichs vollendet würde. Zu dem Ende ſollten mächtige Schläge gegen Orleans, das Thor des Südens, und gegen Vaucouleurs im Thale der oberen Maas geführt werden. Im Monat Juli begann Graf Palisbury den Feldzug gegen die feſten Plätze in der Umgegend von Orleans und gleichzeitig hielt Anton von Vergy zu Saint-Urbain Muſte⸗ rung über die Truppen, womit er gegen Vaucouleurs vorrücken ſollte. Daß der bevorſtehende Kampf das Schickſal Frankreichs entſcheiden würde, lag am Tage, und jedes Herz, das für Fürſt und Vaterland in Liebe ſchlug, muſte mit fieberhafter Spannung die kommenden Ereigniſſe erwarten. Und Johanna, deren Patriotismus nicht ſeines Gleichen hatte? Auf ihr laſtete ein ungeheurer Schmerz ſowohl um die engere Heimat, als das ganze heilige Frankreich. Und mitten in dieſem Doppelſchmerze ſtand ſie ohne Berather, ohne Vertrauten mit ihrem großen Geheimnis allein! Denn gegen niemand, nicht einmal gegen ihre Eltern oder gegen den Pfarrer des Dorfes hatte ſie auch nur das Geringſte über ihre Engel⸗ und Heiligenerſcheinungen ge⸗ äußert!. Dieſer Zuſtand wurde für Johanna je länger je mehr zu einer unerträglichen Pein. Nicht leicht verging ein Tag, ohne daß die Kunde von einem neuen Unfall Frankreichs ihre Seele erſchütterte. Und je verhängnisvoller die Lage des Vaterlands ſich geſtaltete, je erſchrecken⸗ der die Maſſe des Unglücks ſich mehrte, deſto häufiger und drängender wurden die Stimmen, deſto lauter riefen ſie zur Thatz. So wurde Johanna von innen wie von außen mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt auf den einen Punkt hingedrängt, der ihres Lebens große Anigabf war. 2 Aus triftigen Gründen hatte Johanna über ihre Viſionen geſchwiegen, obſchon die Heiligen ſie durchaus nicht zum Schweigen verpflichteten. Furcht vor den Burgundern und ihren Eltern ſchloß ihr den Mund. Von jenen wie von dieſen beſorgte ſie an der Abreiſe gehindert zu wer⸗ den, zumeiſt bangte ihr vor den Strafen, die ſie von ihrem Vater zu gewärtigen hatte 3. Dieſem hatte nämlich volle zwei Jahre nach Johannas erſter Viſion geträumt, ſeine Tochter werde mit Kriegsvolk von dannen ziehn. Der Traum hatte die Eltern in große Bekümmernis verſetzt, weshalb ſie Johanna mit beſonderer Sorgfalt und Strenge überwachten.„Wahrlich, ſagte Jacob d'Are zu ſeinen Söhnen, wenn ich glaubte, daß das geſchähe, ſo wollte ich, ihr ertränktet ſie, und thätet ihr's nicht, ich ſelber würde ſie ertränken.“ Johanna erfuhr alles das von ihrer Mutter 4. Was den Traum veranlaßt haben mag ſteht dahin. Daß der Vater ein Ahnungs⸗ vermögen beſeßen habe, ähnlich wie die Tochter, iſt nicht bekannt. Vielleicht ſind ihm unüber⸗ legte Aeußerungen der Johanna zu Ohren gekommen, woraus er Verdacht ſchöpfte. Thatſache iſt es, daß ſich Johanna gegen bekannte Perſonen einige Worte über ihr Vorhaben) hat ent⸗ ſchlüpfen laßen, welche zeigen, daß ſie die Zunge nicht genug im Zaume gehalten 5. Unmittel⸗ bar vor ihrer Abreiſe ſagte ſie zu dem Landmann Gexardin, dem einzigen Anhänger der Bur⸗ gunder in Domremy:„Gevatter, wäret ihr kein Burgunder, ich ſagte euch etwas.“ Gerardin meinte, es handle ſich um eine Heirath. Deutlicher ſprach ſie am Vorabend des Johannistages zu einem andern Landmann, Michel Le Buin:„Es gibt zwiſchen Couſſey und Vaucouleurs ein Mädchen, welches vor Ablauf eines Jahres dem König von Frankreich die Krone verſchaffen wird**). Im folgenden Jahre, ſetzte der Zeuge hinzu, ward der König in Reims geſalbt. Am beſtimmteſten drückte ſich Johanna gegen Waterin in Greux aus, dem ſie zu wiederholten Malen verſicherte, ſie würde Frankreich und das königliche Blut befreien***). Die beiden erſten Aeußerungen können der Zeit halber nicht auf jenen Traum des Jacob dArec eingewirkt baben, ob die letztere, iſt ungewis, da es an jeder Zeitbeſtimmung fehlt. Wie dem auch ſei, oviel dürfen wir aus jenen Herzensergießungen ſchließen, daß ſie nicht die einzigen geweſen ſind, und daß die Jungfrau ganz erfüllt war von der Idee ihres großen Vorhabens.. Der Ausführung deſſelben ſtanden nicht bloß die angeführten äußeren Schwierigkeiten, ſondern auch innere Hinderniſſe entgegen. Es war kein Leichtes für eine Jungfrau, die Schran⸗ ken der Sitte in ſo auffallender Weiſe zu burchbrechen. Schwerer war's, daß Johanna ſich mitten hineingeſtellt ſah zwiſchen das göttliche Gehot des Gehorſams gegen ihre Eltern, welches ſie bisher treulich beobachtet hattes, und das direct an ſie ergangene Gebot Gottes, Frankreich zu retten x). Dem Anſcheine nach blieb ihr nur die Wahl, das eine oder das andere zu ver⸗ letzen. Johanna glaubte ſich durch das zweite Gebot von dem erſteren entbunden und faßte in der Ueberzeugung, daß der ihr aus Engelsmunde kundgewordene Gotteswille unbedingte Folg⸗ ſamkeit heiſche, den Entſchluß, das Vaterhaus um jeden Preis zu verlaßen y). Aber wie der *) Nicht über die Viſionen, wonach 0. I, 128 gefragt wird. *) Couſſey liegt füdlich, Vaucouleurs nördlich von Domremy. 3.. ***) Der Edelmann Gottfried du Fay bezeugt, Q. II, 442: quod audivit ipsam Puellam loqui plu- ries; et ipsa dicebat quod volebat ire ad Franciam. Ob er dieſe Worte in Vaucouleurs, wo er ſich befand, als Johanna mit ihren Gefährten nach Chinon aufbrach, von der Jungfrau ge⸗ hört hat, oder ob Johanna ihm dieſelben bei mehrmaligen Beſuchen in Maxey(0. J. l. Super IV.), ſeinem Wohnorte, geſagt hat, wie Le Brun vorausſetzt, will ich nicht entſcheiden. Wahrſcheinlich iſt mir das erſtere. Iun 4 19 2 21 2 x) Daß Johanna in der Heirathsangelegenheit, welche in Toul entſchieden wurde, dem Wunſche ihrer Eltern nicht willfahret habe, erklärt ſie ſelbſt, Q. 1, 131. 5 sq. 9 u. 219, mit dem Bewuſtſein recht gethan zu haben. 4 2, -) Auf die Frage der Richter, ob ſie geglaubt habe, eine Sünde zu begehen, als ſte Vater und Mutter verlaßen habe, antwortet Johanna: Nachdem es Gott befahl, muſte es geſchehen; hätte ich hundert Väter und Mütter gehabt und wäre des Königs Tochter geweſen, ich wäre gleichwohl weggegangen, 0. I, 129. Daß ſie ſich nicht leichtfertig über die entgegenſtehenden Rückſichten hin⸗ 3 Wachſamkeit der Eltern entkommen? Eine Liſt brachte zum Ziele*. Johanna begab ſich, wahr⸗ ſcheinlich die Gelegenheit einer Wallfahrt nach der Marienkapelle benutzend⸗), nach Burey-Le⸗⸗ Petit zu ihrem mütterlichen Oheim, Durand Laxart, und ſprach demſelben den Wunſch aus, eine kurze Zeit in ſeinem Hauſe zu ſeins. Um die Einwilligung der Eltern zu erwirken, möge er ſelbſt nach Domremy kommen. Laxart gern bereit erlangte die Erlaubnis der Eltern und nahm Johanna mit nach Petit⸗Burey*. Hier offenbarte ſie dem Oheim ihre Abſicht nach Frankreich zu gehen, um dem Dauphin zum Beſitze ſeiner Krone zu verhelfen. Zu dem Zweck, fügte ſie hinzu, muß ich zuvörderſt nach Vaueouleurs, damit der Commandant Robert von Baudricourt mich nach dem Orte führen laße, wo ſich der Dauphin befindet. Das war es, was ihr die Stimmen befohlen hatten. Doch nicht auf dieſe berief ſich Johanna, um Glauben bei dem Oheim zu erwecken, ſondern auf die Weiſſagung, daß Frankreich durch ein Weib werde zu Grunde gerichtet und ſpäter durch eine Jungfrau wieder hergeſtellt werden. Dieſe Prophe⸗ zeiung und Johannas Begeiſterung verfehlten ihre Wirkung nicht. Laxart war ſchnell und ſo völlig gewonnen, daß er Johanna ſchon nach acht Tagen, ohne Vorwißen ihrer Eltern, nach Vauconleurs begleitete und das Gelingen ihres Planes auf jede Weiſe förderte ¹0. Die Ankunft beider in Vouconleurs fällt, wenn nicht ſpäter, als der Beginn der Be⸗ lagerung von Orleans, doch ſchwerlich früher, als die Eröffnung der Feindſeligkeiten gegen die um Orleans liegenden Plätzens. 6*2 3 1 16 weggeſetzt hat, beweiſt ihr Ausſpruch: Lieber hätte ich mich von Pferden zerreißen laßen, als daß ich ohne Vollmacht von Gott nach Frankreich gegangen wäre, 0. I, 74. 242.— Wie die ganze Jungfrau von Orleans eine Ausnahme iſt von der Regel, ſo ſind auch ihre Entſchlüße nur aus dieſem Geſichtspunkte zu betrachten. Sie hielt die ihr erſcheinenden Engel und Heiligen für un⸗ mittelbare Boten Gottes; befahlen ihr dieſe, was dem Geſetze in der heiligen Schrift widerſprach, ſo hatte ſie die unbedingte Gewähr, daß das Geſetz in dem beſonderen Falle für ſie aufge⸗ hoben war. Sie wäre in ihren Augen des Herrn nicht werth geweſen, häcte ſie nicht um ſeinet⸗ willen Vater und Mutter, auch wider deren Willen, verlaſſen können. Sie glaubte Gott mehr zu gehorchen, als den Menſchen, indem ſie den Vorſchriften der Engel gehorchte. Wer ſich in ihren Anſchauungskreis verſetzt, wird darüber nicht mit ihr rechten. Aber das Mittel, das ſie zur Erreichung des Zweckes gebrauchte, die Täuſchung der Eltern! Wie ſie ſelbſt ſagt, hatten es die Stimmen ihr ganz anheim gegeben, ob ſie die Eltern von der Abreiſe unterrichten wollte oder nicht, ſie waren es aber wohl zufrieden,(ſ. Anm. 3.) Warum alſo hat ſie nicht den Muth der Wahr⸗ heit gehabt und den Eltern alle ihre Geheimniſſe anvertraut, ſeſt an dem Glauben haltend, daß Gott, der ihre Abreiſe wollte, ihr auch die Wege bereiten würde, ohne ſeine eigene Ordnung zu verletzen? Furcht vor dem Zorne des Vaters. Vielleicht war er, grade durch Darlegung der vollen Wahrheit zu beſänftigen, wo nicht, ſo hatte ſie auf weitere Befehle von ihren Stimmen zu warten. Hier miſcht ſich menſchliche Schwachheit ein. Loben wir nicht, was nicht zu loben iſt, aber werfen wir keinen Stein auf ſie! *) Anſprechende Vermuthung von Le Brun(I. 319). Bury-Le-Petit, wo Laxart wohnte(0. II. 431. 443.), lag nämlich nicht fern von der Marienkapelle zwiſchen Domremy und Vaucouleurs. *) Johanna ſetzt ihre Abreiſe von Domremy in Verbindung mit der Belagerung von Orleans 0. I, 53: Vox dicebat quod veniret in Franciam——— quod levaret obsidionem, coram civitate Aurelianensi positam. Dixit ulterius vocem prafatam sibi dixisse, quod ipsa Johanna iret ad Robertum de Baudricuria.... Dixit ultra quod ivit ad avunculum suum etc. Des⸗ gleichen Alain Chartier, Q. V, 132; Perceval von Boulainvilliers, V, 118;3 Philipp von Bergamo, IV, 523; Journal, IV, 118; Chronik der Jungfrau, IV, 205; Le Miroir, IV, 268; die Chronik V, 289. Dagegen ſagt Bertrand von Poulengy, 0. 11, 456, Johanna ſei um(circa) den Himmelfahrtstag(13. Mai 1428) nach Vaucouleurs gekommen. Daß aber Bertrand ſeiner Sache nicht ſicher iſt, deutet er gewißenhaft durch das beigefügte ut sibi videtur an. In 27 „Jahren(Bertrand deponierte zu Ende 1455 im Reviſionsprozeſſ) entſchwindet manches dem Ge⸗ dächtnis, die Zeiten leichter als die Thatſachen. Nichts iſt wahrſcheinlicher, als daß das große Er⸗ teignis der Belagerung von Orleans der Jungfrau den letzten Anſtoß gegeben hat, um ſich zum 41 Nachdem Laxart ſeine Nichte in dem Hauſe eines Waamerde untergebracht hatte, begab er ſich zu Baudricourt, um ihm Johonnas Anliegen vorzulegen. Der Hauptmann, ein tüch⸗ tiger Soldat, rieth ihm wiederholt, das Mädchen mit ein paar Ohrfeigen wieder nach Hauſe zu ſchicken 12, doch ließ er ſich endlich bewegen, Johanna perſönlich zu empfangen. Sie erkannte Baudricourt unter den Anweſenden, obgleich ſie ihn nie zuvor geſehen hatte, wie ſie ſagt durch Eingebung der Heiligen 18. Dann erklärte ſie feierlich:„Auf meines Herrn Geheiß bin ich ge⸗ kommen, damit du dem Dauphin entbieteſt, ſich wohl zu halten und keine Schlacht dem Feinde zu liefern, weil mein Herr ihm Hülfe ſenden wird vor Mitte der Faſten. Denn obwohl das Reich nicht dem Dauphin gehört, ſondern meinem Herrn, ſo iſt es doch deſſen Wille, daß der Dauphin König werde und das Reich zu Lehen empfange. Wider Willen ſeiner Feinde wird der Dauphin König werden, und ich ſelbſt werde ihn zur Krönung führen.“„Wer iſt dein Herr?“ fragte Baudricourt.„Der Koͤnig des Himmels“, erwiederte ſie.„Er hat mir durch die Stimme ſeiner Engel und Heiligen offenbart, daß ich nach Frankreich aufbrechen ſoll ¹⁴.“ Daran knüpfte ſie die Bitte um Geleit zum Dauphin 15. Der Hauptmann ſchlug dieſelbe ab, weil er Johannas Viſionen und Verheißungen für thörichte Einbildungen eines einfältigen Mädchens hielt 18. Johanna war durch ihr Heiligen auf eine abſchlägliche Antwort vorbereitet. ZFwelmal⸗ hatten dieſe geſagt, werde Baudricourt ſie abweiſen, erſt beim dritten Male ihrem Geſuch willfahren 17. Es blieb demnach für Johanna nichts übrig, als ſich in Geduld zu faßen, und da in der Kürze nicht auf Nachgiebigkeit des Befehlshabers zu rechnen war, ſo kehrte ſie mit ihrem Oheim bald nach jener erſten Zuſammenkunft nach Domremy zurück i8. Die Zwiſchenzeit bis zur zweiten Reiſe nach Voucouleurs muß für Johanna äußerſt qual⸗ voll geweſen ſein. Orleans, von allen Seiten eingeſchloßen, kämpfte vergebens den Kampf der Verzweiflung. Johanna wuſte, daß nur ſie, ſonſt niemand auf Erden, die Stadt befreien, Frankreich vor dem Verderben bewahren konnte 13. Und mit dieſer Gewisheit war ſie in Unthätig⸗ keit feſtgebannt! Immer lauter erſcholl der Hülferuf der Belagerten, fort und fort mahnten die Stimmen: Brich auf nach Vaucouleurs, entſetze Orleans! Drohend geboten ſie zuletzt den ſchleunigen Vollzug des göttlichen Willens 20. Unfähig länger zu verſchieben, was Gott forderte, was zu vollbringen die eigene Seele brannte, wandte ſich Johanna abermals an ihren Oheim und uͤberredete ihn, ſie nochmals nach Voucouleurs zu bringen. Laxarts Zuverſicht war, wie es ſchien, durch das erſte Mislingen nicht wankend geworden. Auf Johannas Rath bat er die Eltern zu geſtatten, daß Johanna ſeine ſchwangere Frau im Haushalte unterſtütze und aus den Wochen pflege⸗*). Die Bitte wurde gewährt 2i. Beim Abſchied von Domremy ſagte Johanna den Leuten daſelbſt und in Greux Lebewohl wie auf Nimmerwiederſehn ²2. Es war gegen Anfang der Faſten des Jahres 1429, als Johanna zum zweiten Male mit ihrem Oheim in Vaucouleurs eintraf, wo ſie bei ihren früheren Wirthsleuten wiederum freund⸗ liche Aufnahme fand ²³. Welche Schritte Johanna nach ihrer Rückkehr bei Baudricourt ge⸗ Rettungswerk Frankreichs zu erheben; auf jeden Fall aber gibt uns Bertrand durch das be⸗ ſchränkende ut sibi videtur die Befugnis, einen Mittelweg einzuſchlagen, wonach nicht bloß deſſen Bericht eine entſprechende Beachtung findet, ſondern auch Johannas und der Uebrigen Angaben inſofern ihr Recht behalten, als die Operationen der Engländer gegen die feſten Plätze in der Um⸗ gegend von Orleans als das treibende Motiv zur Abreiſe der Jungfrau betrachtet werden. Schade, daß Johanna auf die Frage der Richter, wie alt ſie geweſen beim Abſchied von Domremy, geant⸗ wortet hat, ſie wiße es nicht, 0. I, 51. *) Er wird Heinrich der Wagner(Henricus Rotarius, Henri Le Royer= Le Charron, von ſeinem Geſchäfte), ſeine Frau Katharina genannt, 0. II, 445. 448. **) Als die Eltern Kunde davon erhielten, daß Johanna nach Vaucouleurs gegangen ſei, kamen ſie faſt von Sinnen. Dies geſteht Johanna ſelbſt, 0. I, 132. 219. 333. 434. Wann die Nach⸗ richt von Johannas Beginnen an die Eltern gelangt iſt, wißen wir nicht. Gewis iſt nur, daß Johanna ihnen ſpäter einen Brief ſchreiben ließ, worauf ſie Verzeihung empfing, Q. 1, 129, 276. 5 than hat, iſt nicht mit Gewisheit zu ermitteln, wahrſcheinlich ließ ſie ihn von neuem um Audienz bitten 22. Während Baudricourt ihr Anſuchen unbeachtet ließ, wurden die Stadtbe⸗ wohner allmählich aufmerkſam auf Johanna. Ihre Zeit widmete ſie vorzugsweiſe kirchlicher Andacht. Regelmäßig ging ſie zur Meſſe, beichtete ſehr oft bei verſchiedenen Geiſtlichen und betete in der Kirche ſtundenlang vor dem Bilde des Erlöſers und der Jungfran Maria 2²6. Wie hätte ſolche Frömmigkeit in dem kleinen Städchen lange unbeachtet bleiben können! Im häuslichen Kreiſe ſprach ſie ſich mit der Ueberzeugungskraft der Begeiſterung über ihr Vor⸗ haben aus:„Ich muß zum Dauphin, ſagte ſie, denn mein Herr, der Himmclskönig, will es. Von ihm kommt mein Anftrag, und müſte ich auf meinen Knieen hingehen, ich ginge 26.“ Auch die alte Sage von der rettenden Jungfraun aus den Marken Lothringens rief ſie den Leuten ins Gedächtnis zurück und erregte dadurch ihr Erſtaunen ²71. Viele glaubten ihren Ver⸗ heißungen ²s, und zwar nicht bloß Leute aus der niederen Klaſſe, ſondern auch Männer, welche in Anſehn und Wuͤrden ſtanden. Der Edelmann Albert Herr von Ourches hat oft mit Johanna geſprochen und ſich an ihren Reden erfreut 2v. Johann von Novelompont, genannt von Metz, kam in ihre Wohnung und fragte ſie:„Meine Liebe, was machſt du hier? Kann es anders gehen, als daß der Koͤnig aus dem Reiche vertrieben und wir Engliſch werden?“ Johanna antwor⸗ tete:„Ich bin hierher gekommen in des Königs Stadt, damit Bandricourt mich zum König führe oder führen laße; aber er kümmert ſich nicht um mich und was ich ſage. Und doch muß ich vor Mitt⸗ faſten beim Könige ſein, müſte ich mir auch die Beine bis an die Kniee ablaufen. Denn nie⸗ mand in der Welt, weder Könige, noch Herzöge, noch des Schottenkönigs Tochter“), oder ſonſt jemand vermag Frankreich wieder zu erobern. Der Köͤnig hat keine andere Hülfe, als von mir. Freilich ſäße ich lieber bei meiner armen Mutter am Spinnrade, denn dergleichen iſt nicht meines Thuns; aber es iſt ein Muß, daß ich gehe und dies vollführe, denn mein Herr will, daß ich es thue.“ Wer iſt dein Herr?„Gott iſt mein Herr.“ Dieſe Rede machte ſolchen Eindruck auf Johann von Metz, daß er der Jungfrau bei ſeiner Treue in die Hand verſprach, er wolle ſie unter Gottes Beihülfe zum Koͤnige bringen. Auf ſeine Frage, wann Johanna abzureiſen wünſche, erwiederte ſie:„Lieber jetzt, als morgen, und lieber morgen als ſpäter ³0.“ Hat Bertrand von Poulengy dieſer Unterredung nicht beigewohnt, ſo hat er bald darauf gemein⸗ ſchaftlich mit Johann von Metz der Jungfrau den Vorſchlag gemacht, ſie zum Könige zu ge⸗ leiten 3. So kam ihr bereits als Antrag von angeſehenen Männern entgegen, was ſie gegen viele als ihr heißeſtes Verlangen geäußert hatte: daß einige ſich finden möchten, welche ſie zum Dauphin brächten zum gröͤßten Heil deſſelben 52, und wenn Johanna auf das Anerbieten der beiden Männer nicht ſofort einging, ſo that ſie dies deshalb, weil ſie einestheils mit richtigem Takte erwog, daß ſie ohne einen Empfehlungsbrief des Commandanten in der Heinit keine günſtige Aufnahme beim Könige zu erwarten habe, und anderentheils an der Zuſicherung ihrer Heiligen feſthielt, daß Baudricourt ſeinen Starrſinn zuletzt noch brechen werde. Das Veiſpiek ſolcher Leute wirkte mächtig auf die öffentliche Meinung ein. Der Glaube verbreitete ſich immer mehr, Johannas Sendung ſei eine Gnade Gottes, der heilige Geiſt regiere ſie 23. Dieſer Glaube war natürlich eine indirecte Anklage gegen die Hartnäckigkeit des Befehlshabers und Bandricvurt ſah endlich ein, daß es nicht rathſam ſei, der allgemeinen Stimme noch länger bloße Gleichgültigkeit entgegenzuſtellen. Sei es nun, daß er durch einen feierlichen Act die Jungfrau ein für allemal zurückzuſchrecken und dem Glauben des Volkes an ihre göttliche endung durch die Auctorität der Kirche Halt zu gebieten hoffte, oder ſei es, daß ihm ſelbſt daran gelegen war, Gewisheit zu erhalten, ob Johanna unter dem Einfluß guter oder böſer Geiſter ſtehe: er bewog den Pfarrer der Hauptkirche, Johann Fonrnier, fich in d Baſe mit ihm in Johannas Wohnung zu begeben und in ſeiner Gegenwart einen förmlichen Beſchwö⸗ 5. Man ging mit dem Plane um, Karls VII. Sohn Ludwig mit Margareta von Schottland zu ermählen. 3* 6 7. 7 *) Er ſtarb daran am 25. Januar 1431, 0. 1, 53, Note 4. 7 Orleans erlitten und werde deren noch mehr erleiden, wenn ſie nicht zu ihm geführt würde 4s. Die Zeit trifft zu, denn nach Johann von Metz iſt die Jnngfrau von ihrer Reiſe nach Nancy gegen den erſten Faſtenſonntag(13. Febr. 1429) nach Vaucouleurs zurückgekehrt 44. Hat Johannas Verkündigung wirklich den Entſchluß Baudricourts bewirkt, wie Tagebuch und Chronik melden, ſo iſt nichts glaublicher, als die ausdrückliche Angabe der letzteren, daß Baudricourt erſt nach dem Eintreffen der Nachricht von jener Schlacht ſeine bisherigen Bedenken überwand. Die Zeitbedingungen ſind auch dafür vorhanden, denn da Johanna den Weg nach Chinon in elf Tagen vollendete und am Mittage des ſechsten März daſelbſt ankam, ſo hat ſie ihre Reiſe nicht vor Mittag den 23. Februar angetreten; bis dahin aber konnte die Nachricht von der verlorenen Schlacht längſt in Vaucouleurs eingetroffen ſein 45. Die Erzählung beider Chroniken in ihrem vollen Beſtande gelten zu laßen, hindert jedoch die Rückſicht, daß die wohlunterrich⸗ teten Zeugen in Vaucouleurs kein Wort von jener Verkündigung der Johanna wißen, aus welcher dieſe ſicherlich kein Geheimnis gemacht haben würde. Alles erwogen ſcheint der wahre Verhalt der Sache folgender zu ſein. Johanna, überzeugt, daß ihr allein das Befreiungswerk des Vaterlandes von Gott aufbehalten ſei, und daß demnach jeder Rettungsverſuch, der ohne ſie unternommen würde, nothwendig zum Verderben ausſchlagen müße, hatte bei ihrer erſten Zuſammenkunſt Baudricourt aufgefordert, dem Könige von jedem Kampfe mit dem Feinde abzurathen, weil Gott ihm vor Mittfaſten Hülfe ſchicken würde. Aehnliches hatte ſie zu Johann von Metz erſt kürzlich geſagt. Als nun von einem königlichen Boten die Kunde von dem ſchweren Schlage und der allgemeinen Beſtürzung am Hofe einlief, mag Baudricourt ſich jener Worte der Jungfrau erinnert haben und um ſo mehr davon betroffen geweſen ſein, als die Mitte der Faſten herannahte*). Die Thatſache machte Eindruck auf den ſtarken Kriegs⸗ mann, wenn ſie ihm auch nicht jeden Zweifel aus der Seele nahm. Nachdruck gab die troſt⸗ loſe Lage von Orleans und die Verzweiflung in Chinon. Schnell ward der Entſchluß gefaßt, ſchnell ausgeführt. Dem Könige ſetzte Bandricourt ſeine Beweggründe in einem Schreiben auseinander 46, der eignen Umgebung wird er dieſelben verborgen haben und daraus der auf den erſten Blick befremdende Umſtand zu erklären ſein, daß niemand in Vaucouleurs die Urſache der ploͤtzlichen Umſtimmung Bandricourts anzugeben wuſte. 1I tnn Die Bewohner von Vaucouleurs beeilten ſich nunmehr, Johanna für die Reiſe auszu⸗ ſtatten. So lange Johanna in der Stadt verweilte, hatte ſie ihre ärmlichen rothen Frauen⸗ kleider getragen ¹ꝛ, dieſelben unterwegs beizuhalten, verbot Anſtand und Sicherheit. So that denn Johanna auf Befehl ihrer Heiligen, wozu Johann von Metz, Bertrand und andere Freunde aufforderten: ſie legte die Reitertracht an, welche dieſe ihr hatten verfertigen laßen. Larart und Jacob Alain kauften ihr auf eigne Rechnung ein Pferd für zwölf Franken, welche ihnen der Hauptmann nachmals wiedergab. Baudricourt ſelbſt überreichte Johanna ein Schwert 48, verpflichtete das Gefolge, welches er ihr gab, durch einen Eid, ſie gut und ſicher zu geleiten und nahm Abſchied von ihr mit dem Zuruf:„Ziehe hin, mag davon kommen, was will 49.“ Die Begleiter der Jungfrau waren: Johann von Metz mit ſeinem Bedienten Johann von Honecourt, Bertrand von Poulengy nebſt ſeinem Knechte Julien, der Bogenſchütze Richard und der königliche Herold Colet von Vienne 5°. Bertrand und Johann von Metz beſtritten aus eignen Mitteln die Koſten der Reiſe, welche ihnen demnächſt vom Könige wiedererſtattet wurden 51.. 1 12n 13 11n Groß mag der Indrang und die Theilnahme des Volkes beim Abſchied geweſen ſein. Der Geiſtliche Colin, LeRoyer mit ſeiner Frau, Gottfried du Fay und ſicherlich noch viele andere waren gegenwärtig 2. Mit Beſorgnis fragte man Johanna, wie ſie ſo fortziehen könne, da — 3) Das Zufammentreffen bleibt auf jeden Fall ein merkwürdiges, der Finger Gottes iſt darin nicht zu verkennen. Schiller, Wallenſteins Tod II, 3: Es giebt keinen Zufall, und was uns blindes Ungefähr nur dünkt, gerade das ſteigt aus den tiefſten Quellen. 8 doch bewaffnete Scharen überall umherſtreiften.„Ich fürchte die Bewaffneten nicht, entgegnete ſie, meine Straße iſt gebahnt. Denn ſollten Bewaffnete auf den Wegen ſein, ſo habe ich Gott meinen Herrn, der mir den Weg bereiten wird, daß ich zum Dauphin komme. Dazu bin ich geboren.“ So konnte ſie ſagen, denn die Stimmen hatten ihr zugerufen:„Gehe getroſt, wenn du vor den König komnſt, wird er ein gutes Zeichen erhalten, ſo daß er dich annimmt und dir glaubt 53.“ So war denn der erſte große Erfolg errungen, die Vürgſchaft größerer gegeben. Im Glauben hatte Johanna, unterſtützt durch den wachſenden Nothſtand, die erſte That voll⸗ bracht, neue Glaubensproben warteten ihrer. Nicht ſo getroſt, wie Johanna, traten ihre Gefährten die Reiſe an. Eine Strecke von hundert Meilen lag vor ihnen. Das Land, welches ſie zu durchwandern hatten, war gröſten Theils in der Gewalt der Feinde. Engliſche und Burgundiſche Scharen, Räuber und Frei⸗ beuter machten die Heerſtraße unſicher. Möglichſt geheime Pfade muſte man auſfſuchen, wo⸗ durch ſich der Weg um ein Bedeutendes verlängerte, manchmal die Nacht zu Hülfe nehmen. Dazu die ungünſtige Jahreszeit, Bäche und Flüſſe angeſchwollen 54. Kein Wunder, wenn ſelbſt ein Johann von Metz und Bertrand von Poulengy, welche die Abreiſe auf's eifrigſte betrieben hatten, nunmehr augeſichts der wirtlichen Gefahren ſich der Furcht nicht erwehren konnten und mehr als einmal Zweifel an dem Gelingen laut werden ließen. Die andern, welche Johanna für ein albernes Geſchöpf hielten, ſollen auf den Gedanken gerathen ſein, ſie unterwegs in ein Verlies zu werfen, um ſich keiner Gefahr ihretwegen auszuſetzen. Johanna wuſte jenen Muth einzuſprechen, dieſen Achtung vor ihrer Perſon einzuflößen, alle zu dem Entſchluß zu begeiſtern, ſie um jeden Preis nach Chinon zu führen und dem Könige vorzuſtellen.„Fürchtet nichts, ſprach ſie, das alles iſt mir geboten, denn meine Geſchwiſter aus dem Paradieſe ſagen mir, was ich zu thun habe. Es ſind bereits vier oder fünf Jahre, daß meine Geſchwiſter aus dem Paradieſe und Gott, mein Herr, mir geſagt haben, daß ich in den Krieg gehen ſoll, um Frankreich wieder zu erobern.“„Seid unbeſorgt, denn wenn ihr in die Stadt Chinon gekommen ſeid, wird der edle Dauphin euch ein gutes Geſicht machen 55.“ Dieſe und ähnliche Reden fanden Glauben und namentlich wurden Johaun von Metz und Bertrand von Poulengy dergeſtalt von Johannas Worten und Weſen ergriffen, daß ſie in ihr eine Heilige und Geſandte Gottes ſahen 56. So hatte Johanna vor und während der Reiſe zu tröſten, aber auch ſie ward getröſtet von den Heiligen, deren Stimme ſie unterwegs oft vernahm 57. Aus mehr als einem Grunde war ſie deſſen bedürftig. Wohl hätte ihr bangen mögen, denn es war das erſte Mal, daß ſie ſo allein mit Männern auszog. Nicht bloß gegen Angriffe der Feinde, auch gegen die fleiſchlichen Ge⸗ lüſte ihrer Beſchützer muſte ſie gewappnet ſein. Schon Baudricourt hat dieſerhalb Befürch⸗ tungen gehegt, und von mehr als einer Seite iſt es bezeugt, daß böſe Abſichten unter ihren Begleitern geherrſcht haben 56. Johanna hielt alle durch ihr heiliges Leben und die Chrfurcht gebietende Macht ihrer Perſönlichkeit in Schranken. Sie ſchlief allnächtlich völlig angekleidet neben Johaun von Metz und Bertrand von Poulengy. Beide verſichern, Johanna hake ihnen eine ſolche Schen eingeflößt, daß ſie nicht gewagt hätten etwas Unehrbares von ihr zu begehren, weder einen Gedanken daran hätien ſie gehabt, noch uͤberhaupt eine ſündhafte Regung 54. So wahr iſt es, daß es keinen wirkſameren Schutz für die Keuſchheit und jede Tugend gibt, als dieſe ſelbſt. Alle Mühſale der Reiſe ertrug Johanna mit Standhaftigkeit, ſchwer wurde es ihr den gewohn⸗ ten Andachtsübungen entſagen zu müßen.„Es wäre gut, ſprach ſie, wenn wir die Meſſe hören könnten,“ aus Vorſicht geſchah dies jedoch nur zweimal 6e. Troſt und Erſatz fand ſie auch für dieſe Entbehrung in dem reichlichen Zuſpruch der Heiligen. 1 Am gefaͤhrlichſten war die Reiſe in der Näͤhe der Heimat, Sie kehrten deshalb am Abend des erſten Tages nicht ein, ſondern ritten die Nacht hindurch er und gelangten erſt am folgen⸗ den Tage nach Saint-Urbain an der Marne. Nachdem ſie daſelbſt in der Abtei übernachtet hatten, ſetzten ſie ihren Weg fort bis nach Auxerre, wo Johanna die Meſſe in der Haupt⸗ kirche beſuchte und häufig die Stimmen ihrer Heiligen hörte 64. In Gien an der Loire betrat ſie zum erſten Male den noch freien Boden Frankreichs. Hier durfte Johanna ausſprechen, 9²* daß ſie gekommen ſei, um Orleans zu retten und den König nach Reims zu führen. Die frohe Botſchaft verbreitete ſich wie ein Lauffeuer nach Orleans, und die Geſandten, welche Dunois an den König ſchickte, um genauere Nachrichten einzuziehen, trafen gleichzeitig mit Johanna in Chinon ein 68. Von Gien ging der Zug raſch weiter nach dem ſechs Meilen von Chinon entfernten Dorfe Fierbois. Ohne auf ein erhebliches Hindernis zu ſtoßen ¹, hatte die kleine Schar in der kurzen Zeit vom 23. Februar bis zum 5. März hundert und fünfzig Meilen zurückgelegt. Sofort ließ Johanna einen Brief an den König ſchreiben folgendes Inhalts: „Sie wünſche zu erfahren, ob ſie nach Chinon kommen dürfe, einen Weg von hundert fünfzig Meilen habe ſie gemacht, um zum Koͤnig zu gelangen und ihm Hülfe zu bringen, ſie wiße viel Gutes für ihn“ Soviel Johanna ſich im Verhör vom 27. Februar 1431 erinnerte, ſtand außerdem in dem Briefe:„ſie werde den König unter allen andern erkennen.“ Berühmt war Fierbois durch eine Wallfahrtskirche der heiligen Katharina. Johanna höͤrte drei Meſſen an einem Tage in dem Heiligthum ihrer Beſchützerin 66. Schon am nächſten Morgen(6. März) brach ſie nach Chinon auf, wo ſie um die Mittagsſtunde eintraf und im Gaſthof einer acht⸗ baren Frau unweit des Schloßes abſtieg 66. § 2. Zohanna in Chinon und poitiers. „Johann von Metz und Bertrand von Poulengy ſtellten Johanna den Hofleuten und Räthen des Königs vor 1. Ueberzeugt wie ſie waren von Johannas göttlichem Berufe ſprachen ſie von der ſichtlichen Bewahrung auf der Reiſe als von einem Wunder Gottes:, ſchilderten den Character und Wandel ihrer Schutzbefohlenen nach den Erfahrungen, die ſie in Vaucou⸗ leurs wie unterwegs gemacht ¹, und überreichten den Brief, welchen Baudricourt ihnen mitge⸗ geben hatte. Johanna bat dringend um Gehör beim Könige, über den Zweck ihres Kommens erklarte ſie ſich nicht beſtimmter, als in dem Schreiben von Fierbois 4. Der König, von der Ankunft der Jungfrau in Kenntnis geſetzt, weigerte ſich dieſelbe ſofort zu empfangen. Er ließ zuvörderſt die beiden Edelleute vor den großen Rath entbieten und daſelbſt in ſeiner Gegen⸗ wart über Leben und Vorhaben des Mädchens befragen 6. Jene erzählten der Wahrheit getreu was ſie wuſten*). Nun ward die Frage in ernſte Erwägung gezogen, ob der König der Jung⸗ frau Audienz ertheilen dürfe, oder nichtz. Die Sache hatte ihre bedenklichen Seiten. Wer ſtand dafür, daß Johanna nicht eine bloße Schwärmerin oder kecke Betrügerin war? Wer mochte Bürge ſein, daß ſie nicht gar im Dienſte des Teufels kam? In der damaligen Zeit lagen beide Beſorgniſſe gleich nahe. Vorſicht that noth, wenn der König nicht zu ſeinem Un⸗ glucke noch den Spott und das Gelächter der Welt häufen, oder gar ſich vor Gott ſchwerer Sünde ſchuldig machen wollte. Im Rathe wurde das alles nachdrücklich hervorgehoben und zwar gerade von den höchſten weltlichen und geiſtlichen Würdenträgern des Hofes s. Dagegen fand auch die Anſicht ihre Vertreter, daß Gott die ſchwache und niedere Magd erwaͤhlt aben könne, um Thron und Reich aus dem Staube zu erheben. Man fand für gut, alsbald von Johanna ſelbſt eine beſtimmte Auskunft über den Zweck ihrer Reiſe und ihr Begehren einzu⸗ holen. Johanna weigerte ſich anfangs Antwort zu geben, nur dem König wollte ſie Rede *) Damit war der Auftrag Baudricourts vollſtändig erfüllt. Doch kehrten beide Männer nicht nach Vaucouleurs zurück, ſondern begleiteten die Jungfrau, mit der ſie das erſte Wagnis glücklich be⸗ ſtanden hatten, nach Orleans auf die Bahn des Ruhmes. 9. 1V, 153. Der König ſorgte für ihre Ausrüſtung und erhob Johann von Metz zwölf Jahre ſpäter in den Adelſtand. Q. V, 257. 258. Das Adelsdiplom ſ. daſelbſt S. 363— 366. 2 1 10 ſtehen. Dann in des Königs Name aufgefordert, den Gegenſtand ihrer Sendung auszuſprechen, ſagtenſie: Zweierlei iſt mir aufgetragen von dem Könige des Himmels, erſtlich die Belagerung von Orleans aufzuheben, zweitens den Dauphin nach Reims zu führen zur Krönung und Salbung. Dazu bedarf ich Waffen, Pferde, und Leute ¹0. Die Hauptfrage war durch dieſe Erklärung keinen Schritt ihrer Löſung näher gebracht. Denn wo war die Vollmacht, womit ſich Johanna als die von Gott geſandte Helferin ausweiſen konnte? Die Anſichten der Räthe blieben getheilt. Die einen behaupteten, der König dürfe der Jungfrau keinen Glauben ſchen⸗ ken, die anderen meinten, da ſie vorgebe, ſie ſei von Gott geſandt und habe mit dem Könige zu ſprechen, ſo müße dieſer ſie zum wenigſten anhören 11. Karl entſchied ſich weder für das eine noch für das andere. Er gah mehreren Geiſtlichen den Auftrag, den ſittlichen und geiſtigen Zuſtand der Jungfrau zu unterſuchen und danach zu beurtheilen, ob es vor Gott recht ſei, der Bitte des Mädchens um Audienz zu willfahren. Nach dem Erfolge der Prüfung wollte er ſeinen Entſchluß faßen. Gleichzeitig befahl er, in der Heimat der Jungfrau Erkundigungen nach ihrem Ruf und Lebenswandel anzuſtellen i. Dies Verfahren des Königs) war vernünf⸗ tiger, als die Rathſchläge ſeiner Diener. Vorſchnelle Annahme eines unbekannten Mädchens auf bloßes Wort hin wäre ebenſo ſträflicher Leichtſinn geweſen, als unbedingte Zurückweiſung. Da nun Jahanna ihre himmliſche Sendung durch keine äußere Gewähr zu beglaubigen ver⸗ mochte, ſo muſte man ihre geiſtige und ſittliche Beſchaffenheit möglichſt genau ergründen, um ins Klare zu kommen, weſſen man ſich von ihr zu verſehen, und wie man ſich demgemäß gegen ſie zu verhalten habe. Das Ergebnis der bis in den dritten Tag hinein fortgeſetzten Pruͤfung war für Johanna durchaus vortheilhaft. Man fand an ihr nur Gutes und Löbliches. So willigte denn der König, obwohl nicht ohne Widerſtreben ein, die Jungfrau im Palaſte ſich vorſtellen zu laßen ¹3. Unſtreitig haben zu dieſem Entſchluße noch andere Beſtimmungsgründe mitgewirkt. Die Noth iſt eine„mächtige Goͤttin,“ ſie war Johannas Verbündete. Der Ruf war ihr vorausgezogen, ſie komme zur Rettung Orleans. Dunois hatte auf Antrieh des ge⸗ ängſtigten Volkes die Herren von Villars und Thillay an den König geſchickt. Gleichzeitig mit Johanna waren ſie in Chinon eingetroffen. Die Noth lehrt Wunder hoffen. Schon längſt hatte die Verzweiflung Heil nur von Gottes Wundermacht erwartet. Bertrand von Ponleugy und Johann von Metz werden die Sage von der rettenden Jungfrau verbreitet haben. Man gedachte in Chinon der alten Weiſſagung von dem Wundermaͤdchen, das aus dem Bois-chesnu kommen ſollte. Die glücklich beſtandenen Gefahren der Reiſe waren ein Wunder vor aller Augen. Dazu kam Baudricourts Brief mit der Vorausſagung der Niederlage bei Rouvray ¹4: Das alles muſte die Geiſter, muſte beſonders das Volk bewegen). Hdr Si St Johanna hatte ſeit ihrer Ankunft in Chinon ohne Unterlaß gebetet, Gott möge das Herz des Königs lenken, daß er ſie bald annehme. Die Stimmen hatten ihr dies ſchon vor der Ab⸗ reiſe von Vaucouleurs ausdrücklich zugeſichert. Auch dafür, daß Karl ihr glauben würde, hatte ſie die Bürgſchaft der Heiligen. Im Glauben harrte ſie der Stunde, wo die Verheißung ſich erfüllen ſollte, ſehnlichſt wünſchend der mistrauiſchen Fragen ihrer Examinatoren überhoben zu 2 An dem Tage des Empfanges ereignete ſich der Fall, daß ein Mann zu Pferde beim Anblick der Jungfrau hohniſch fragte: Iſt das die Jungfrau? Schwörend(negans Deum) ſetzte er hinzu: Quod si haberet eam nocte, quod ipsam non redderet puellam.„Ha! im Namen Gottes, ſprach Johanna, du ſchwörſt bei Gott und biſt dem Tode ſo nahe.“ Es dauette keine Stunde, ſo fiel er ins Waßer und ertrank. Pasquerel will dies von Johanna ſelbſt und mehreren Leuten welche zugegen waren, gehört haben. Q. III, 102. Iſt es Thatſache und erfüllte ſich Johannas e Wort eine Zeit lang von der Audienz.(Pasquerel ſagt: illa die, dum ipsa Johanna intraret do- mum regis. Der Dichter V. 38 ſa. ſetzt das Ereignis gleichzeitig mit dem Abzug nach Orleans), wie gewaltig muß der Eindruck geweſen ſein!— Von dem negare Deum, was ſo oft vorkommt, ſagt Le-Brun I, 374: Jaraidieu, jarni, Schwüre die noch heutzutage unter dem Volke in Ge⸗ brauch ſind, durch Zuſammenziehung der Worte: Je renie Dieu entſtaneen 11 ſein 15. Gegen Abend des dritten Tages(9. März) wurde ſie endlich durch den Grafen von Vendome(Ludwig von Bourbon), welcher den Auftrag hatte, die Jungfran einzuführen, aus ihrem Gaſthauſe in das fürſtliche Schloß abgeholt. Johanna ging voll Zuverſicht und Gottver⸗ trauen 16. Mittlerweile hatten diejenigen Großen des Hofes, welche von Anbeginn das Ver⸗ langen der Jungfrau zu vereiteln geſtrebt hatten, den Entſchluß des ohnehin wankelmüthigen Köͤnigs wieder ins Schwanken gebracht. Noch auf der Schwelle des Palaſtes wäre Johanna zurückgewieſen worden, hätten nicht Andersgeſinnte das Schreiben Baudricourts und die wun⸗ derbare Behütung auf der Reiſe geltend gemacht 1.. e nanii Im Empfangsſaale war alles darauf berechnet, das einfache Dorfkind zu blenden und zu verwirren. Die geräumige Halle ſtrahlte im Lichte von fünfzig Fackeln 1. Mehr als drei⸗ hundert Standesperſonen waren verſammelt, die höchſten Würdenträger der Krone und Kirche, Ritter und Edle aus den vornehmſten Geſchlechtern Frankreichs. Es befand ſich unter ihnen der Erzbiſchof von Reims, die Herrn von La-Tremouille, von Gaucourt, der Graf von Cler⸗ mont(Karl von Bourbon), wahrſcheinlich auch der Marſchall von Bouſſac oder Sainte-Severe, der tapfere La Hire und die beiden Abgeordneten von Orleans ¹9. Johanna, an den Lichtglanz ihrer himmliſchen Erſcheinungen gewöhnt, ließ ſich durch den Schimmer irdiſcher Pracht nicht außer Faßung bringen. Sie erkannte den König unter der Menge durch Offenbarung ihrer Heiligen“*). Mit der ganzen Einfalt und Demuth eines armen Landmädchens trat ſie vor den * „) O. 1, 56: Quando intravit cameram sui regis, cognovit eum inter alios, per consilium suæ vocis hoc sibi revelantis. 233. 332. III, 199. Semit ſteht die Thatſache feſt, daß Johanna n den König unter ſeiner Umgebung herausfand. Mehr aber erfahren wir von ihr ſelbſt nicht. Dagegen hören wir von anderer Seite, Karl habe ſich, um den Seherblick der Jungfrau zu prüfen und zu verſuchen, ob ſie nicht einen andern ſtatt ſeiner für den König halten werde, zur Seite geſtellt, bevor Johanna in den Saal eintrat. Der Gedanke, den Prophetengeiſt der Jungfrau auf die Probe zu ſtellen, konnte durch den Brief aus Fierbois veranlaßt ſein(. I. 76: Ei vide- tur ei gewis iſt es alſo nicht!— quod in eisdem litteris continebatur quod ipsa cognosceret bene præfatum regem suum inter omnes alios. 248. Vergl. IV, 331 sq.), aber auch an⸗ und für ſich hat ein ſolcher Verſuch nichts befremdendes, da Johanna ſich als Gottesgeſandte ankün⸗ digte. Nur das fällt auf, daß unter den im Reviſtonsproceſſ Verhörten allein Simon Charles (1429 maftre des requéètes à la cour des comptes) und Joh. Moreau der Sache Erwähnung thun(nicht Gaucourt, Dunois ꝛc.). Beide waten noch dazu keine Augenzeugen. Indeſſen will Johanna I, 56 auf jeden Fall etwas außerordentliches andeuten und Simon Charles iſt ein gut unterrichteter Gewährsmann. Seine Worte lauten in treuer Ueberſetzung, Q. III, 115 sq:»Als dem König gemeldet wurde, Johanna komme, ſtellte er ſich auf die Seite fern von den andern (se traxit ad partem extra alios), Johanna jedoch erkannte ihn wohl und bezeugte ihm ihre Ehrerbietung.“ Weniger Werth hat Moreaus Ausſage, Q. III, 192: Et quum ibidem(à Chinon) accessisset sibi fuit dictum, qunm regem nunquam cognovissit, de alio quod erat réx; qua: dixit quod non erat. Et tandem examinata per clericos et doctores, locuta fuit regi. Der Sinn dieſer Worte iſt der: Es wurde der Johanna in Chinon ein Mann gezeiat und geſagt, der⸗ ſelbe ſei der König. Johanna erwiederte trotzdem, daß ſie den König nie geſehen hatte, jener Mann ſei der König nicht. Da Moreau ſo fortfährt:„Endlich, nachdem Johanna von Klerikern und Doctoren geprüft worden, hatte ſie eine Unterredung mit dem Könige,« ſo deukt er ſich den Vorfall bei einem beliebigen Anlaß vor der Audienz. Kurz berichtet Journal, O. IV, 127: Lui feit la reverence, et le congneut entre ses gens, combien que plusieurs d'eux faignoient, la enidant abuser, estre le roy: qui fut grant apparence, car elle ne l'avoit oncques mès veu. Daſſelbe nur mit etwas anderen Worten erzählt die Chronik der Jungfrau, 1V, 207. Mehr aus⸗ malend Joh. Chartier, IV. 52: Lors ycelle, venue devaut le roy, fist les inclinacions et reve- rences acoustumées de faire aux roys, ainsy que se elle eust esté nourie en sa court, et la salutation faicte dist en adreschant sa parolle au roy:»Dieu vous doint bonne vie, gentil roy;« combien que elle ne le congnoissoit, ne sy ne l'avoit oncques veu. Et y ayoit pluiseurs seisneurs pompeusement vestus et richement et plus que n'estoit le roy. Pourquoy il re- 12 König, beobachtete aber bei der Begrüßung auch die üblichen Förmlichkeiten mit ſolchem An⸗ ſtand, als wäre ſie am Hofe groß geworden. Eherbietig verbeugte ſie ſich vor dem König, entblößte ihr Haupt und ſiel auf die Kniee 20. Karl fragte nach ihrem Namen.„Edler Dauphin, antwortete ſie, ich heiße Johanna, die Jungfrau, und Euch entbietet der König der Himmel durch mich, daß ihr ſollt geweiht und gekroͤnt werden in der Stadt Reims und ſollt Statthalter des Königs der Himmel werden, der da iſt der(eigentliche) König von Frankreich.“ „Ich bin gekommen und bin geſandt von Seiten Gottes, um Euch und dem Reiche Hülfe zu bringen 21. Die Idee des Franzöſiſchen Königthums, wie Johanna dieſelbe dachte; der Rathſchluß Gottes über König und Reich; Johannas eigener Beruf, den göttlichen Rathſchluß zu voll⸗ ſtrecken: alles dies iſt in jenen inhaltſchweren Worten zuſammengedrängt. Der König richtete darauf viele Fragen an Johanna 22, und dieſe entdeckte ihm alles, was ihr von den Heiligen offenbart war ²3. Sie verſicherte ihm, daß er unter Gottes Beiſtand und durch ihre Vermittelung in Reims zum Koͤnig geſalbt werden und ſein ganzes Reich vollſtändig wiedererhalten würde. Zunjächſt, verſprach ſie, das bedrängte Or⸗ leans vom Feinde zu befreien, und forderte, um ſchleunig ihr Werk zu beginnen, vom Könige Waffen und Leute. Alles dies iſt nur die beſtimmtere Ausführung deſſen, was Johann an der erſten Anrede verkündigt hatte. Nach ihrer Idee von dem Franzöſiſchen Reiche als Reich Chriſti und dem Franzöſiſchen Könige als Lehnsträger des Herrn im Himmel) war mit der Krone zugleich der Beſitz des ganzen Reiches gewährleiſtet ²4. Karl hieß ſodann ſeine Umgebung auf die andere Seite des Saales treten und ſprach lange Zeit leiſe mit Johanna 25. Im Verlauf der Unterredung erheiterte ſich des Königs Ant⸗ litz, Freude malte ſich in ſeinen Zügen. Offenbar, ſo berichtet Karls erſter Seeretair aus eigner Anſchaung, ward der Koni von einem Frohſinne erfüllt, als wäre der heilige Geiſt über ihn ge⸗ kommen. Nachdem er endlich Johanna entlaßen hatte, verſicherte er den Anweſenden, Johanna habe ihm Geheimniſſe geſagt, die niemand wiße oder wißen könne, als Gott allein, er ſetze deshalb großes Vertrauen in ſie. Mehr ſagte er nicht. Die Thatſache des Geheimniſſes leh feſt. Sie beruht auf Johannas eigner Mittheilung an ihren Kaplan Pasquerel und wird beſtätigt durch ihren Hausmeiſter d'Aulon, den beim Empfange gegenwärtigen Alain Chartier, durch Thomas Baſin, welcher Dunois als Gewährs⸗ mann anführt, ſo wie durch andere unverwerfliche Bürgen. Der König ſoll, ſagt Baſin, ge⸗ äußert haben, Johanna habe ihm ſo Geheimes und Verborgenes wörtlich vorgebracht, daß es spondy à la dicte Jehanne:»Ce ne suis- je pas qui suis roy, Jehanne.“ Et en lui monstrant Pun de ses seigneurs, dist:„Velà le Roy.“ A quoy elle respondy:„En non Dieu, gentil prince, c'estes vous et non autre.“ Ihm folgt der Dichter Martial, V. 52. Der Spiegel tugendhafter Frauen, IV, 270: Si fut amente en une salle ou le roy estoit. Lequel elle con- gneut et aperceut entre les aultres seigneurs qui la estoient, combien qu'on luy cuidast faire entendre que quelque aultre de la compaignie estoit le roy; mais elle disoit que non et monstra le roy au doyt, disant que c'estoit à luy quelle avoit à faire et non à aultre: dont tous ceulx qui là estoyent furent esmerveillez. Aehnlich Le greffier, IV, 300: Don ly foron mostratz d'alqus cavaliers, disen ly que aquo era lo rey; es ela disia tot jorn que non era; et cant ela lo vigra, ela lo conogra be. Es adonc lo rey ba benir, ed ela, tantost que ela lo vic, se baaginol- har etc. Ins Alberne entſtellt IV, 331 ſq.(Chronik von Lothringen).— Vorausgeſett, die Prüfung habe wirklich ſtattgefunden, iſt Chartiers Erzählung nicht unglaublich, daß der König beim Empfange kein in die Augen fallendes Abzeichen ſeiner Würde getragen habe, vielmehr in minder koſtbarem Schmucke erſchienen ſei, als viele der Hofleute. Doch bedurfte es eines ſolchen Mittels der Täuſchung auch nicht nothwendig, wenn Karl ſich wirklich ſeitwärts und ſo ſtellte, daß das Auge „der Johanna ihn nicht ſogleich erreichen konnte. ) S. 1. Theil S. 34, Anm. 233. 13 kein Menſch außer ihm(dem König) habe wißen können, es ſei denn durch göttliche Offen⸗ barung 26. Von Bedeutung iſt dies Zeugnis inſofern, als es ausdrücklich beſagt, daß das Ge⸗ heimnis, welches Johanna dem König aufdeckte, in der eignen Bruſt deſſelben verſchloßen war. Worin nun beſtand das Geheimnis? Vergebens ſuchen wir Aufſchluß in den Proceſſacten. Es war für die Richter von großer Wichtigkeit, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen, zumal daſſelbe einem verbreiteten Gerüchte zufolge in der Beſchwörung eines Engels beſtanden haben ſollte. Schon in der zweiten Sitzung legen ſie daher der Jungfrau die Frage vor, ob ſie damals, als ihr die Stimme den König gezeigt, einen Engel über deſſen Haupte geſehen habe. Johanna hatte von Anfang an ihren Richtern geſagt ²7 und ſeitdem ſtets wiederholt, ſie habe Offenbarungen von Gott, die ſie nur ihrem König mitgetheilt habe und niemandem mit⸗ theilen werde, wenn es ihr auch den Hals koſten ſollte. Dieſem Grundſatz getreu geht ſie auf die Frage ſelbſt nicht ein, ſondern behauptet nur, der König habe viele Erſcheinungen und herrliche Offenbarungen gehabt, bevor er ihr das Rettungswerk Frankreichs anvertraute 28. Dieſelbe Zurückhaltung beobachtet ſie in den ſechs erſten Sitzungen. So oft auch die Richter auf die Offenbarungen im allgemeinen und den Engel insbeſondere zurückkommen, ſie verweigert jegliche Auskunft, zuletzt mit Hinweiſung auf einen Eid, den ſie den Heiligen freiwillig ge⸗ leiſtet, das Geheimnis nicht zu verrathen. Nur die Wirklichkeit der Offenbarungen hält ſie feſt und an die Stelle des Engels ſetzt ſie ein Zeichen, das der König gehabt, bevor er ihr Glauben geſchenkt habe. Daß ſie damit auf das Geheimnis hindeutet, beweiſt eine pvätere Aeußerung, der König ſei allein, aber viele Leute in der Nähe ge⸗ weſen, als ſie ihm das Zeichen gegeben20. Die Richter ließen ſich durch die Be⸗ harrlichkeit der Johanna nicht von neuen Verſuchen abſchrecken. So geſchah es, daß Johanna, des ewigen Drängens müde, von der ſiebten Sitzung an auf die Fiction des Engels einging 30 und dieſelbe beſonders in der zehnten Sitzung als Mittel benutzte, um die Richter in Betreff des Geheimniſſes aufs gründlichſte zu myſtificierensr. Ohne das Mindeſte von letzterem zu enthüllen*), ſtellt ſie in einer ſinnvollen Allegorie die ganze Empfangsſcene dar bis zu dem Augenblick, wo der König ſie bei Seite nahmen. Sie aoß als Geſandte Gottes iſt der Engel, *) Ihre Rechtfertigung darüber, daß ſie trotz des vorgeſchützten Eides, Q0. I, 90. 91. 134. 139. (Wäret ihr damit zufrieden, daß ich meineidig würde?) das Zeichen endlich(wie die Richter meinten) geſagt habe, ſ. Q. I1, 306: Das dem König gegebene Zeichen habe ich geſagt, weil die Leute der Kirche(ihre Richter) mich dazu gezwungen haben. **) Hier das Sinnbild in ſeinen Grundzügen: der Erzengel Michael kommt mit einem Gefolge von andern Engeln und den beiden Heiligen in das Gaſthaus, worin Johanna wohnt und holt ſie ab in den Palaſt des Königs. Michael tritt zuerſt in den Empfangsſaal, Johanna folgt ihm. Herr, ſpricht Johanna zum König, ſeht da Euer Zeichen, nehmt es. Darauf begrüßt der Engel den König und übergibt dem Erzbiſchof von Reims eine Krone von lauterem Golde. Der Erzbiſchof reicht ſie dem König. Unſchätzbar iſt ihr Werth, ſie kommt von Gott. Sie hat einen guten Duft und wird ihn behalten, ſofern ſie wohl bewahrt wird, wie ſichs ziemt. Im Schatze des Könias iſt ſie niedergelegt. Dauern wird das Zeichen tauſend Jahre und darüber.— Wären die Richter nicht durch das Gerücht von dem Engel von vorn herein auf einer falſchen Fährte ge⸗ weſen, ſie hätten die Wahrheit unter der Hülle der Dichtung ſelber finden müßen. Der bildliche Sinn leuchtet unverkennbar aus folgenden Worten der Joh. hervor, welche in das Bild einge⸗ webt ſind O. I, 141: Es bezeichnete jene Krone, daß mein König das Reich beſitzen würde; 139: Das Zeichen war, daß der Engel meinem König verſicherte, indem er ihm die Krone brachte, daß er das ganze Franzöſiſche Reich vollſtändig erhalten würde durch Gottes Hülfe und mein Be⸗ mühen; 126: Der Engel ſagte meinem König, er ſolle mich ans Werk ſetzen und ſofort würde das Vaterland erleichtert ſein. S. Anm. 24.— Seltſam, daß man bisher gar keinen Gebrauch von dieſen Erklärungen der Johanna gemacht hat, um den Inhalt ihrer göttlichen Botſchaft feſtzuſtellen, ſo weit ſie denſelben dem Könige vor dem verſammelten Hofe dargelegt hat. 4 11 welcher dem König die Krone bringt und ihm den Beſitz des ganzen Reichs verheißt! Am Morgen ihres Todes ſoll ſie dies ſelbſt bekannt haben-.).. e e ener. „DSonach geben die Proreſſacten in Betreff des Geheimniſſes wohl einen neuen Beweis für die Thatſache, doch keinen Aufſchluß über den Inhalt. Aber was Johanna um jeden Preis vor dem Haß der Richter verbarg, hat ſie auf eine ganz unverfängliche Weiſe in die Seele ihres redlichen Kaplans niedergelegt. Auch der König hat nicht immer geſchwiegen, ſondern in ſpäteren Jahren ſeinem innigſten Freunde, dem Herrn von Boiſy, Wilhelm Gouffier, das Ge⸗ heimnis entdeckt. Dieſer lebte noch unter Karl VIII. als deſſen Kammerherr und Erzieher ſeines Stiefſohnes. Zum Hofhalte des letzteren gehörte auch Peter Sala, der ſich mit beſonderer Liebe an Gouffier anſchioß und von ihm das Geheimnis erfuhr, welches er ſeinem im Jahr 1516 Franz l. gewidmeten Buche: Hardiesses des grands Rois et Empereurs(O. IV, 257 sg.) einverleibte. Zwei Seitenſtücke zu Salas⸗Erzählung, im Weſentlichen mit derſelben überein⸗ ſtimmend und gleichfalls aus dem Anfange des ſechszehnten Jahrhunderts, finden ſich in dem Auszuge aus dem Proceſſ(Q. IV, 257. sq.) und in dem Spiegel tugendhafter Frauen(0. IV, 271.) Die Geſtändniſſe der Johanna und des Königs ergänzen einander dergeſtalt, daß über den Gegenſtand des Geheimniſſes kein Zweifel obwaltet. Beginnen wir mit Sala.„Gouffier erzählte mir das Geheimnis, das zwiſchen dem König und der Jungfrau beſtanden, und wohl konnte er es wißen, denn in ſeiner Jugend hatte ihn der König ſo lieb gehabt, daß er niemand in ſeinem Bette ſchlafen ließ, als ihn, In dieſer großen Vertrautheit theilte ihm der König die Worte mit, welche die Jungfran zu ihm geredet hatte, wie ihr ſie ſogleich hören werdet. Es iſt wahr, daß es dieſem guten König Karl VII. zur Zeit ſeines groͤſten Unglücks ſo erbärmlich ging, daß er nicht mehr wuſte, was er anfangen ſollte und nur auf ein Mittel dachte, ſein Leben zu retten. Denn er war rings von ſeinen Feinden eingeſchloßen. Als der König nun ſo an das Aeußerſte dachte, trat er eines Morgens in ſein Betzimmer ganz allein, und da richtete er in ſeinem Herzen ein domüthiges Gebet an den Herrn, ohne ein Wort auszuſprechen**). Er bat andächtig, wenn esiſo wäre, daß er der wahre Erbe ſei, entſproßen aus dem edlen Hauſe von Frankreich und das Reich von rechtswegen ihm gehoͤrte, daß Gott es ihm bewahren und ſchirmen, oder ſchlimmſten Falls ihm die Gnade verleihen möge, dem Tode oder dem Ge⸗ „ 519 47 1 1918 7 20 8091 2 *) G. I, 479. 480. 481. 484(Loiselleur): Jpsetloquens a dicta Johanna audivit dici quod ipsa- met Johanna fuerat quae nuntiaverat illi quem dicit regem suum, coronam de qua fit sermo, et qinod ipsamet fuit angelus, nec fuerat alius. Et tunc fuit interrogata si illi, quem dicii suum regem, fuerat realiter tradita una corona. Respondit quod nihil aliud fuit, nisi pro- missio coronationis illius quem dicit regem suum, quam fecit eidem, promittendo scilicet quod ipse coronaretur. Wegen dieſer Täuſchung wird Johanna von den Advocaten im Reviſions⸗ proceff vertheidigt, Q. II, 182. 247: Etsi non licet mentiri, licet tamen, fingendo seu caute res- pondendo, veritatem occultare laco et tempore. Sic Abraham locutus est coram Pharaone. **) In dem Auszug aus dem Proceſſ, Q. IV, 258iſt das Gebet zu drei Bitten erweitert, welche wir hier poörtlich anführen.„Herr, die erſte Bitte, welche Ihr an Gott richtetet, war die, daß Ihr batet, wenn Ihr nicht wahrer Erbe von Frankreich wäret, er nach ſeinem Wohlgefallen Euch den Muth nehmen möchte, darnach zu trachten, damit Ihr nicht länger Urſache wäret, Krieg zu führen und Krieg auszuhalten, um das Reich wieder zu erobern, woraus ſoviel Unheil entſteht. Die zweite itte war, daß Ihr batet, wofern die großen Widerwärtigkeiten und Drangſale, die das arme Franzöſiſche Volk erdulde und ſo lange ſchon erduldet habe, von Eurer Sünde herrührten, und Ihr Schuld daran wäret, daß es Gott gefallen möge, das Volk davon zu befreien und Euch allein dafür zu ſtrafen und zu züchtigen, ſei es durch Tod oder ſonſt ein Leid, das ihm genehm wäre. Die dritte Bitte war, daß wenn die Sünde des Volkes der Grund dieſer Trübſale wäre, es Gott gefallen möge, dem Volke zu verzeihen und Seinen Zorn zu ſtillen und das Reich ſeiner Drangſale zu entledigen, die bereits zwölf Jahre und darüber auf ihm laſteten. 15 fängnis zu entgehen und ſich nach Spanien oder Schottland zu retten, wo von Alters her Waffenbrüder und Verbündete der Franzöſiſchen Könige wohnten, weshalb er dieſelben zur letzten Zuflucht auserſehen habes:“ Dieſes ſtille Herzensgebet, das nicht über die Lippen des Königs gekommen war, iſt es alſo nach den drei Chroniſten, welches Johanna dem König wiederholt hate), um ihn von ihrer göttlichen Sendung zu überzeugen. An dieſen Vorhalt des Gebetes ſchließt ſich unmittelbar das Troſtwort der Erhörung, welches nach Pasgquerel Johanna im Namen Gottes dem König überbrachte:„Ich ſage Dir von Seiten meines Herrn, daß Dubiſt der wahre Erbe von Frankreich und der Sohn des Konigs(Karls VI.) Und er ſendet mich an Dich, um Dich nach Reims zu führen, wo Du Deine Krönung und Salbung empfaugen ſollſt, ſofern Du es willſt as.“ Silbe für Silbe lautet dieſer Ausſpruch als die Antwort Gottes auf des Königs Gebet, jeden Zweifel Karls an der Recht⸗ mäßigkeit ſeiner Geburt niederſchlagend und Gottes ⸗Gnadenrath verbürgend, ihm das ange⸗ ſtammte Scepter zu bewahren. Klar iſt ſomit der Gegenſtand des Geheimniſſes: Des Konigs Zweifel an der Echtheit ſeiner Geburt, durch der Mutter Laſterleben und unnatürlichen Haß hervorgerufenz klar auch der Grund, weshalb Johanna vor den Richtern ſo ſtandhaft ſchwieg. Denn was hätte dem Feinde beßer dienen können, das Anſehn des Königs vellends zu unter⸗ graben, als deſſen Zweifel an ſeiner Abſtammung und Erbberechtigung? Iſt obige Zuſammenſtellung der Chroniken mit Pasquerels Ausſage die allein ſtatthafte, dann hat Quicherat Recht, wenn er die Offenbarung des Gebetes als unumſtöͤßlichen Beweis für die Wundergabe der Johanna anführt, die allergeheimſten Gedanken gewiſſer Perſonen zuerkennen*). l) eelin e füntne elin 3 Liu. Anders urtheilt Haſe(S. 17):„Was Johanna nach dem Berichte des Prieſters zum König geſprochen, war für ſie eine einfache, ſich von ſelbſt verſtehende Rede, für den König eine Antwort auf ſein Gebet und auf den bitterſten Zweifel, den der Haß und der Leichtſinn der Koͤnigin⸗Mutter in ſeine Bruſt geworfen hatte. In der ſpäteren Er⸗ zählung(Salas) mochte ſich dieſe Antwort leicht zur Offenbarung des Ge⸗ betes ſteigern, und die Jungfrau ſelbſt, wenn ſie durch die tiefe Bewegung des Königs davon erfuhr, wird darin ein Zeichen des Gottes, der durch ihren Mund Jenruchen, erkannt haben.“ Nach Haſes Anſicht bleibt demnach nur das Gebet des Königs und Johannas Aus⸗ ſpruch, wie ihn Pasquerel aufbewahrt hat, als Thatſache ſtehen, dagegen fällt die Wiederholung des Gebetes als ſpätere Zuthat hinweg. Unleugbar iſt die Geſchichte der Jungfrau frühzeitig 19 or 12021. 122 1 1 1 2 1ot enune im. 1 *) S. auch Thomas Basin, O. Aperc. p. 66: Fertur enim dixisse rex(quod et a comite Da- nensi, qui sibi familiarissimus erat, audivisse meminimus) eam sibi tam secreta atque occulta ad dictorum fidem adduxisse, quæ nullus mortalium præter se ipsum, nisi divinitus habita revelatione, scire potaisset. ,9 un a en brg— 1 **) 0. Apergç. p. 61: Les communications que Jeanne regevyait de ses voix, étaient ou des en- couragements et des conseils conformes aux monvements intérieurs qui accompagnent'exercice de la volonté, ou des révélations par lesquelles il lui arrivait, tantot de connattre les plus Secrètes pensées de certaines personnes, tantèt de percevoir des objets hors de la portée de ses sens, tantôt de discerner et d'annoncer Pavenir. On ne s'est jamais beaucoup arrèté aux ſaits du pr ier ordre; mais les autres sont de telle nature que, bien qu'ils aient été cent fois laconef. G voudra les entendre redire poür se convainere qu'ils sont bien et düment prouxés. Dans mon opinion, les documents fournissent pour chacune des trois espèces de révélations qui viennent d'etre énoncées, aun moins un exemple assis sur des bases si solides, qu'on ne peut Ie rejeter sans rejeter le fondement meme de T'histoire. Die Unterſuchung ſelbſt üder den votliegenden Gegenſtand ſ. S. 62— 68. Dieſelbe leidet an dem weſentlichen Mangel, daß Quicherat die Worte Pasquerels, wie wir ſie ohen angeführt haben, gänzlich außer Acht läßt, weshalb er über die Linie der Chroniſten nicht hinauskommt. 16 mit legendenartigen Zuſätzen ausgeſchmückt worden, die drei Chroniken ſind ſelbſt Beweiſes ge⸗ nug ³4. In dem vorliegenden Falle indeſſen iſt es nicht einmal nöthig, an eine ſolche Eut⸗ ſtehungsweiſe der Chronikenberichte zu denken. Halten wir feſt, daß Johannas Ausſpruch das treue Gegenbild der Bitte des Königs iſt, nur in anderer, durch die Form der Botſchaft be⸗ dingter Wendung. Dieſer Umſtand drängt nicht allein den Gedanken auf, daß Karl Johannas Rede als Antwort auf ſein Gebet nahm, ſondern berechtigt ebenſowohl zu dem Schluße, daß der König von jener Autwort auf ſein Gebetwie von einer Offenbarung des Gebetes ſelber ſprach. Iſt nicht eine Antwort, welche den Gegenſtand, worauf ſie ſich bezieht, deutlich wiederſpiegelt, eben um deswillen zugleich eine Offenbarung des letzteren? So kann der Konig ſelbſt durch die Art, wie er die Sache darſtellte, das Misverſtändnis ver⸗ anlaßt haben. Nicht ſo leicht löſt ſich die Frage: Wie kam Johanna dazu, dem Könige etwas zu ſagen, was ſich für ſie von ſelbſt verſtand? War's was man den Zufall nennt? Wir würden in einem ſolchen Zuſammentreffen vielmehr eine Fügung von Oben ſehen. Oder wollte Johanna auf Grund ihrer Idee vom Franzöſiſchen Königthum nur ſagen: Weil Du Karls VI. echter Sprößling biſt, ſo will Gott Dir durch mich Deinen Thron retten? Die Worte, wie ſie ſind, ſprechen keineswegs dafür. Oder zweifelte man von mehreren Seiten an der Legitimität des Koͤnigs und ahnete deshalb Johanna den gleichen Zweifel in des Königs Herzen? Die Quellen zeigen keine Spur davon. Je mehr wir frei ſind von dem Beſtreben, das Wunderbare, wo es auf glaubhaften Zeug⸗ niſſen ruht, unter jeder Bedingung zu erklären oder gar in bloßen Schein zu verflüchtigen, deſto mehr halten wir es für unſere Pflicht, da wo die Quellen ſelbſt den Schlüßel zur Löſung bieten, wenigſtens die Aufmerkſamkeit darauf zu richten. Gleich beim erſten Leſen ſind mir die Worte aufgefallen, welche Pasquerel Johannas Rede unmittelbar vorausſchickt: Nach vielen Fragen, vom Könige gethan, ſprach Johanna abermals: Ich ſage Dir von Seiten meines Herrn u. ſ. w. Nach C. IV, 270 dauerte die geheime Unterredung ſogar eine Stunde. Hat der Koͤnig, deſſen Herz von quälender Sorge gepreſt war, in ſeine vielen Fragen nie einen Ten hineinklingen laßen, der auch nurx von ferne auf die Urſache ſeiner Bangigkeit anſpielte? Wie? wenn er die geheime Unterredung hauptſächlich in der Abſicht begonnen hätte, um zu ſehen, ob die als Botin Gottes Angemeldete auch für den brennendſten Zweifel ſeiner Bruſt einen himmliſchen Troſt habe? Unwillkürlich geht der Mund des über, wes das Herz voll iſt. Iſt dies irgendwie der Fall geweſen, unbemerkt vom König ſelbſt, unmerklich für jedes andere als Johannas Ohr, dann iſt das Räthſel gelöſt. Wer nur einen oberflächlichen Blick in die Acten der Verhöre thut, der ſieht mit Erſtaunen, wie Johanna den Richtern bei jeder Frage die ver⸗ ſteckteſten Gedanken aus der Seele lieſt. Nur ein Anknüpfungspunkt, und die Sache liegt bis in ihren Urgrund aufgedeckt vor Johannas Scharſſinn. Die Richtigkeit meiner Vermuthung vorausgeſetzt, iſt das Wunder in dem Sinne, wie es QOuicherat nimmt, unhaltbar; dagegen bleibt die Fügung aller Umſtände als Fingerzeig göttlichen Waltens, es bleibt die eminente Gabe die Getſer zu durchſchauen, und mit dieſer Gabe hat nicht ein blindes Ungefähr Johanna ausgerüſtet, ſondern der lebendige Gott, welcher ſie zur Ausführung ſeiner Plane auserwählte. Am Schluße der Unterredung fragte Johanna den König, ob er zufrieden ſei. Karl gab ihr dieſe Verſicherung und ließ ſie in ihre Wohnung zurückgeleiten.é Johannas erſter Gang, nachdem ſie ſich aus dem Saale entfernt hatte, war in eine nahe Kapelle, um Gott für den glücklichen Erfolg zu danken 35. Von nun au hatte Johanna freien Zutritt am Hofe. Schon am folgenden Tage ſinden wir ſie wieder im Schloße. Während ſie ſich mit dem König unterhielt, traf der Herzog Johann von Alengon ein. Dieſer hatte in Saint⸗Florent-les-Saumur, während er ſich gerade an der Wachteljagd erluſtigte, Nachricht von der Ankunft der Jungfrau erhalten und war Tags darauf nach Chinon geeilt. Der König machte Johanna mit dem Herzog bekannt. „Seid willkommen, ſprach ſie, je mehrere vom Blute des Königs von Frankreich beiſammen ſind, deſto beßer 36.“ Johann von Alengon war nämlich Schwiegerſohn des bei Azincourt 17 gefangenen Herzogs Karl von Orleans und als ſolcher Mitglied des königlichen Hauſes, wenn auch nicht eigentlich Prinz von Geblüt. Johannas Freude über Alencons Erſcheinen begreift ſich leicht. Alle treu gebliebenen Franzoſen waren nächſt dem Könige zumeiſt dem Herzog von Orleans in Liebe zugethan. Johanna ſteht in Liebe und Treue als vollendete Repräſentantin ihres Volkes da. Ihre Liebe zum Herzog von Orleans hat ebenſo, wie ihre Liebe zum Köͤnige, die göttliche Weihe. Denn mehr Offenbarungen hat ſie über den Herzog von Orleans gehabt, als über einen Menſchen der da lebt, ihren König ausgenommen. Sie weiß von ihren Hei⸗ ligen, daß Gott den Herzog von Orleans liebt, ja ſie bekennt in ihrer Demuth, daß Gott den König und den Herzog lieber habe, als ſie. Um der Verdienſte des Königs und des guten Herzogs von Orleans willen iſt ſie von Gott geſandt. Und neben die Krönung des Königs in Reims, die Vertreibung der Engländer vom vaterländiſchen Boden und den Entſatz der Stadt Orleans ſtellt ſie als viertes Hauptſtück ihrer Auf⸗ gabe die Befreiung des Herzogs Karlaus der Engliſchen Gefangenſchaft). Demnach ſah Johanna in dem König und dem Herzog von Alencon gewiſſermaßen die beiden 7 *) S. Johanna, 0. I, 55. 145. 257. 258. 289. S. 133 fragen die Richter, wie Johanna den Herzog befreit haben würde. Johanna erwiedert, ſie würde recht viele Engländer dieſſeit des Meeres gefangen genommen haben, um ihn wieder zu bekommen, und hätte ſie dieſſeits nicht Gefangene genug gemacht, ſo würde ſie über das Meer gegangen ſein, um ihn mit Gewalt aus England zu holen. Weiter fragen die Richter, ob die Heiligen ihr unbedingt geſagt hätten, daß ſie Leute genug fangen würde, um den Herzog zu erhalten, wo nicht, daß ſie über das Meer gehen würde, ihn zu holen. Johanna antworter, 131: Ja. Ich habe das dem König geſagt, und daß er mich Gefangene machen laßen ſolle. Hätte ich drei Jahre ohne Hindernis gedauert, ich hätte den Herzog befreit. Um letzteres zu Stande zu bringen, war eine kürzere Friſt geſtellt als drei Jahre und eine längere als ein Jahr. 254.— Wir ſchließen daran Alencons Ausſage, 11I, 99: Ich hörte einmal beſagte Johanna zum Känige ſagen, ſie werde ein Jahr dauern und nicht viel mehr, und man ſolle in dieſem Jahre an ein tüchtiges Handeln denken, denn ſie habe vier Laſten, nämlich: ſugare Anglicos; de faciendo regem coronari et consecrari Remis; de liberando ducem Aurelianensem a manibus Anglicorum; et de levando obsidionem positam per Anglicos ante villam Aurelianensem. Daß Johanna dieſe Aeußerung ſchon in Chinon ge⸗ than hat, ſchreibt Perceval von Cagny, O. IV, 10, welcher ſeine Nachrichten von Alencon ſelber hat(ſ. G. IV, 1 sd.): Qu mois de mars précédant, après ce qu'elle fut arriveé devers le roy à Chinon, entre les autres affaires qu'elle disoit avoir de par Jhesus, elle disoit que le bon duc d'Orléens estoit de sa charge, et où cas qu'il ne revendroit par de cà, elle airoit moult de paine de le aler querir en Engleterre. Et avoit trés grant joye de soy employer ou re- couvrement de ses places. Et à P'oceusion de l'amitié et bon vonloir que elle avoit au duc d'Orléens, et aussi que ce estoit partie de sa charge, elle se fist très acointe du duc d'Alencon qui avoit espousé sa fille. Et ne lut gaires après sa venue à Chinon que elle ala veoir la duchesse d'Alencon en l'abbaye de Saint Flourent pres Saumur, là on elle estoit logiée. Diu scait la joye que la mère dudit d'Alençon, lui et laditte fille d'Orléens, sa femme, lui firent par III. ou IV jours qu'elle fut audit lieu. Et après ce, tousjcurs depuis, se tint plus prouchaine et acointe du duc d'Alencon que de nul autre, et tousjours en parlant de lui l'ap- peloit Mon beau duc, et non autrement(was nach damaliger Sitte nicht auffällig war. Vetgl. IV, 13. 24. 27. 39. 236.). Nach Seguin hat Johanna auch in Poitiers die Befreiung des Herzogs von Orleans ais eine ihrer vier Aufgaben bezeichnet,. III, 205, und Perceval von Beulanndilliers ſchreibt am 21. Juni 1429, 0. V, 120: Den König verehrt Johanna im höchſten Grade. Sie ſagt, er ſei von Gott geliebt und beſonders bewahrt und zu bewahren. Vom Herzog von Orleans behauptet ſie, er müße auf wunderbare Weiſe befreit werden, zuvor aber eine Mah⸗ nung wegen ſeiner Freilaßung an die Engländer ergehen.— Die vier Punkte, welche die Auf⸗ gabe der Jungfrau bilden, vertheilen ſich zu je zweien auf König und Herzog: 1) Krönung des Königs und Vertreibung des Feindes aus dem Reiche, 2) Befreiung des Herzogs und Entſatz ſeiner treuen Stadt Orleans. 3 18 Häupter vereint, welchen ihre Miſſion galt. Ihre Verehrung für den Schwiegervater trug ſie auf den Schwiegerſohn über und ſchenkte dieſem das gröſte Vertrauen während der ganzen Dauer ihrer Kriegsgenoßenſchaft 37.. r n 215 ue n4 J2 10 e ii wif Am folgenden Morgen wohnte Johanna der Meſſe in der königlichen Kapelle bei. Nach dem Gottesdienſte nahm ſie der König mit in ein Gemach. Nur der Herzog von Alencon und der Herr von La Tremoullle folgten, die anderen Hofleute erhielten Befehl, ſich zu entfernen. Da richtete Johanna mehrere Bitten an den König, unter andern die, er möge ſein Reich dem Himmelskönige ſchenken, dann werde der Himmelskönig ihm thun, wie Er ſeinen Vorfahren ge⸗ than, und ihn in den früheren Stand einſetzen*). Die Unterhaltung dauerte bis zur Mittags⸗ mahlzeit. Nach derſelben machte der König mit dem Herzog einen Spaziergang nach den Wieſen des Schloßes. Da ſahen ſie Johanna mit einer Lanze in der Hand auf einem Roſſe daher⸗ jagen. Der Herzog, erfreut und verwundert, daß Johanna Roſſ und Lanze ſo geſchickt zu handhaben wuſte, machte ihr ein Pferd zum Geſchenk 38.„3 S e r n 25 701 Der König war nun wohl darüber im Klaren, daß Johanna mit ungewöhnlichen Kräften ausgeſtattet ſei. Auch glaubte er vielleicht an die Möglichkeit einer übernatürlichen Hülfe. Aber er hatte doch keine Gewisheit, ob der Geiſt, welcher Johanna beſeelte, von Oben oder von Unten ſtamme, ob ſie ein Werkzeug Gottes oder des Fürſten der Finſternis ſei. Darüber aber muſte er beruhigt ſein, ehe er der Jungfrau ſein Heer anvertrauen und ſie an die Spitze einer Unternehmung ſtellen durfte, von deren Ausgang vorausſichtlich das Schickſal Frankreichs wie ſein eignes Wohl pder Wehe abhing. Denn wie konnte er anders ſich des göttlichen Bei⸗ ſtandes getröͤſten, ohne den zuletzt alles zerrinnt? Wie ſonſt das Unerhörte wagen ohne Scheu vor dem Urtheil der Welt? Und war es denkbar, daß Scharen zügelloſer Soldaten ſich der Leitung eines ſchwachen Weibes fügen, daß ergraute Feldherrn und Kriegshelden ſich ohne Murren und Widerſetzlichkeit dem Oberbefehl eines Mädchens unterwerfen würden, dem es an jeder militairiſchen Bildung und Kriegserſahrung mangelte; konnte den ſtolzen Fürſten und Baronen zugemuthet werden, einem Dorfkinde von niederer Herkunft Gehorſam zu leiſten, ohne das Gefühl der Herabwürdigung, wenn nicht die Ueberzeugung allgemein durchdrang, daß dieſe arme Bäuerin eine vom heiligen Geiſte Regierte, von Gott beſonders Begnadigte ſei? Deshalb ordnete der König nach Anhörung ſeines großen Rathes die Vornahme weiterer Prüfungen an, durch welche ermittelt werden ſollte, vh ſich nicht für die Göttlichkeit der Sendung Johannas augenfällige Beweiſe entdecken ließen, auf Grund deren man ihren Worten glauben, ihre Dienſte aunehmen und die Erfüllung ihrer Verheißungen hoffen dürfe. Gleichzeitig gab Karl den Befehl, der Jungfrau einen Turm des Schloßes von Coudray*) zum Aufenthalte anzu⸗ weiſen und ſie unter die Aufſicht und fürſorgende Obhut ſeines Hausmeiſters Wilhelm Bellier zu ſtellen?*²*), deſſen Gattin in dem Rufe großer Frömmigkeit ſtand 30. In Coudray fanden denn auch die Prüfungen ſtatt. Beauftragt mit denſelben waren des Königs Beichtvater Gerard Machet, nachmals Biſchof von Caſtres 40, die Biſchöfe von Maguelonne und Poitiers(Hugues de Combarel), die Magiſter Simon Bonnet(ſpäter Biſchof von Senlis), Peter von Verſailles (hernach Biſchof von Meaux), Jordan Morin und viele andere Geiſtliche. Täglich kamen 1 „) So Alencon, 0. III, 91. Eberhard von Windecken, 0. IV, 486: Als die Magd zu dem vorge⸗ nannten König kam, da mußte er ihr drei Dinge verheißen zu thun: das Erſte, daß er ſich ſeines Reiches begebe, und darauf verzichte und es Gott wiedergebe, dieweil er es von ihm hätte; das Andere, daß er allen den Seinen verzeche, die wider ihn geweſen waren und ihm je Leid gethan; das DOritte, daß er ſich ſoviel demüthige, daß Alle, die zu ihm kämen, arm oder reich, und Gnade begehren, daß er die zu Gnaden nähme, es ſei Freund oder Feind. nnliu dußetees en ) Jetzt Le Coudray-Montpensier, eine Meile von Chinon. sgiut gnun **) Des Nachts hatte Johanna ſtets Weiber um ſich, zum Dienſt am Tage ward ihr Ludwig von Contes, ein Edelknabe von 14 bis 15 Jahren beigegeben., Er hat Johanna oftmals die Kniee beugen und unter Thränen beten ſehen, Q. III, 66. ³ 1410 nnum nun 19 Leuteraus den höchſten Ständen nach Coudray, um die Prüfungen mit anzuhören. Einer der letzteren wohnte auch der Herzog von Alencon bei. Er hörte, wie Johanna auf die Frage, wer ſie an den König geſchickt habe und zu welchem Zwecke ſie gekommen ſeiz die Antwort gab, von Seiten des Himmelskönigs ſei ſie geſandt, ſie habe einen(himmliſchen) Rath und Stimmen, welche ihr offenbarten, was ſie zu thun habe u. ſ. w. Bei Tiſche theilte Johanna dem Herzog mit, man habe ſie ſchon viel gefragt, aber ſie wiße und vermöge mehr, als ſie den Herren geſagt habe 41. Der Bericht, welchen die Prüfungsbehörde dem König abſtattete, fiel ganz zu Gunſten der Jungfrau aus. Neben der Einfalt des Dorfmädchens fand man in ihrer ganzen Art zu ſein und zu reden etwas edles und bedeutendes 42. u auist hon nidaun n⸗ Auch damit war dem König nicht genügt. Er verfügte die Fortſetzung der Prüfungen und wählte als Ort derſelben Poitiers. Hier war der Sitz ſowohl des Franzöſiſchen Parla⸗ mentes als der Univerſität. Karl ſelbſt begab ſich mit ſeinen Räthen dahin, und ſo ward Poitiers der Sammelpunkt der höchſten Auctoritäten in Staat, Kirche und Wißenſchaft 43. Allen ſollte Gelegenheit werden, ſich ein Urtheil über die Jungfrau zu bilden.„Johanua ſah voraus, daß ſie einen ſchweren Stand in Poitiers haben werde, aber ſie verzagte nicht. Un⸗ teuwegs ſagte ſie zu ihren Begleitern:„Ich weiß wohl, daß ich viel zu thun bekommen werde in Poitiers, aber der Herr wird mir helfen, darum in Gottes Namen gehen wir a¹.“ Wohnung erhielt ſie bei dem Generaladvocaten des Parlamentes, Johann Nabateau, deſſen treffliche Frau die Aufſicht über Johanna übernahm 456. Der König befahl darauf ſeinem unter dem Vorſitz des Erzbiſchofs von Reims, Reinhold von Chartres, damaligen Reichskanzlers vereinigten Rathe, eine Anzahl von Theologen, Juriſten und anderen ausgezeichneten Männern zu einem Prü⸗ fungscollegium zuſammenzuſetzen 48. Infolge deſſen wurden Peter von Verſailles, Johannes Lambert oder Lombart, die Dominikaner Wilhelm Aimeri, Peter Turelure und Peter Seguin, ferner Matthäus Mesnaige, Johann Erault, Wilhelm Le Marié oder Le Maire, Jacob⸗ Maledon, Jordan Morin, ſämmtlich Profeſſoren oder Baccalaureen der Theologie, endlich Johann Macon, Doctor des geiſtlichen und weltlichen Rechtes, nebſt mehreren andern 47 vor den Rath beſchieden und von demſelben in des Königs Namen angewieſen, Glauben, Worte und Werke der Jungfrau einer eingehenden Prüfung zu unterwerfen und in Gemäßheit des Befundes dem Rathe gutachtlichen Bericht zu erſtatten, was man von ihr zu halten und mit ihr zu beginnen habe 48. In Rabateaus Hauſe ſollten die Prüfungen vorgenommen werden 49. Nahe an drei Wochen währten dieſelben 50o zum großen Leidweſen der Johanna, welche ſich dadurch an der Vollführung ihrer großen Aufgabe behindert ſah. Sie wuſte, daß ſie nur ein Jahr und wenig mehr dauern werde, drum wiederholte ſie bei jeder Gelegenheit: Zu handeln iſt noth, benutzt die kurze Friſt zu thatkräftigem Wirken 5. 11„9 ei,c Hn sS. Die Herrn leiteten die Sitzungen damit ein*), daß ſie der Jungfrau erklärten, ſie wären vom Könige zu ihr geſchickt. Mit einem Worte der Demuth erwiederte Johanna:„Ich glaube gern, daß ihr geſchickt ſeid, um mich zu fragen. Ich weiß weder A noch B. 526 Darauf be⸗ 1 1„) Eine vollſtändige Schilderung der Prüfungen zu geben, iſt nicht möglich, da die Prokokolle ſchon zur Zeit des Reviſionsprozeſſes nicht mehr vorhanden waren und die ſpärlichen Ausſagen der Zeugen kaum eine dürftige Ueberſicht gewähren. Q. Aperc. 4: Jl serait plus étonnant qu'une piéce de cette importance n'ait point paru lorsqu'on rehabilita sa mémoire, si la manièére dont elle est mentionnée daus la sentence(III, 357), ne donnait à penser qu'elle n'existait plus à cette poque. Déja la négligence l'avait égarée, ou la politique l'avait détruite. Unter den Examinntoreneiſt im Reviſionsproceſſe allein Seguin verhört worden, obwohl noch mehrere der andern am Leben waren, o. V, 472. De PAverdy p. 309: Séguin ne rend pas compte des différentes séances qui furent tenues; il a réuni en an seul fait tout cen—huiseé passa pendant leur durée, et il s'attache plus à ce qui lui a été personnel qu'à ce qui eut lieu de la part des autres examinateirs. Auch wir werden am beſten thun, wenn wir die Bekennrniſſe der Johanna, welche übrigens nichts weſentlich neues enthalten, in einheitlicher Darſtellung verbinden..5230 2149180 1 ¾ it⸗d 110 A 20 gann die Prüfung mit der ſtändigen Frage, zu welchem Zwecke Johanna zum Könige gekommen ſe Mit Würde hub ſie an zu erzählen:„Während ich das Vieh hütete“), erſchien mir eine Stimme, welche zu mir ſprach, Gott habe großes Erbarmen mit dem Franzöſiſchen Volke, und ich müſte mich nach Frankreich aufmachen. Als ich dies hörte, fing ich an zu weinen. Darauf ſagte die Stimme weiter, ich ſolle nach Vaucouleurs gehen, da würde ich einen Hauptmann finden, der mich ſicher geleiten würde nach Frankreich und zum Dauphin. Ich ſolle nicht zweifeln. So habe ich gethan und bin zum Dauphin gekommen ohne irgend ein Hindernis. Der König des Himmels hat mich geſandt, um die Belagerung von Orleans aufzuheben, um den Dauphin nach Reims zur Kröͤnung zu führen und ihn in ſein Reich wieder einzuſetzen. Zuvor aber muß ich die Engländer ſchriftlich auffordern, gutwillig abzuziehen, denn ſo will es Gott**). Schreibet, fuhr Johanna fort, was ich euch ſagen will: Ihr Suffort, Claſſidas und La Poule, ich fordere euch auf im Namen des Himmelskönigs, daß ihr nach England zurück⸗ kehrt 53. ) An dieſen Kern ihrer Bekenntniſſe ſchließen ſich die Fragen der Examinatoren an. Sie eigen deutlich, daß man in Poitiers anfangs dieſelben Vorurtheile gegen Johanna hegte, wie in Chinon. Johanna, ihrer Sache göttlich gewis, ließ ſich nicht außer Faſſung bringen. Un⸗ erſchütterlich beharrte ſie bei ihrer urſprünglichen Verkündigung ⁵4. Weil ſtehend in der Furcht Gottes, war ſie frei von aller Menſchenfurcht und ſprach mit einer ſolchen Friſche der Begeiſte⸗ rung, auf eine ſo verſtändige, würdevolle Art, daß die Gelehrten bald geſtehen muſten, Johanna gebe Antworten, wie der beſte Theologe, und es ſei etwas wunderbares ſie reden zu hören 55. hr Freimuth ſtieg wohl bis zu kecker Zurechtweiſung. So erhielt Seguin auf die Frage: „Glaubſt du an Gott?“ den ſpitzen Beſcheid:„Ja wohl, beßer als du.“ Und als er ſich in der ſchlechten Mundart ſeiner Heimat Limoges erkundigte, welche Sprache die Stimme rede, ward er eben ſo unſanft abgefertigt: Eine beßere als die deinige 56.“ 7 Die Stimme, d. h. die Engel und Heiligen, müßen ein Hauptgegenſtand der Prüfung ge⸗ weſen ſein, da Johanna die Richter in Rouen gerade über dieſen Punkt mehrmals auf die Protokolle in Poitiers verweiſt⸗**). 24 A Mit ſchönen, glatten Gründen ſuchten die gelehrten Herrn der Jungfrau zu beweiſen, daß man ihr keinen Glauben ſchenken könne. Was du vorgibſt, ſagten ſie, iſt nie erhört wor⸗ *) Wie dies zu verſtehen, erhellt aus der Vergleichung von I. Theils Anm. 11 mit S. 26, beſ. Anm.* Uebrigens wird man in dem kurzen Abriß viele echte Züge des Bildes wiederfinden, welches wir nach den Acten entworfen haben. **) Seguin weitläufiger, Q. I1I, 205: Johanna ſagte vier Dinge, welche noch geſchehen würden und welche ſpäter geſchehen ſind. Erſtlich, die Macht der Engländer werde vernichtet, die Belage⸗ rung von Orleans aufgeboben und die Stadt Orleans von den Engländern befreit werden, ſie (Johauna) müße die Engländer jedoch zuvor(zum freiwilligen Abzug) auffordern. Zweitens, der König werde in Reims geſalbt werden. Drittens, die Stadt Paris werde wieder unter die Botmäßigkeit des Königs kommen, und Viertens der Herzog von Orleans aus England heimkehren. Dieſer Bericht weicht von dem, was wir bisher als Johannas Verheißungen beige⸗ bracht haben, nur inſofern ab, als nicht ausdrücklich geſagt iſt, daß Johanna dieſe vier Aufgaben zu löſen habe. Dafür daß letzteres gemeint iſt, ſpricht der Zuſammenhang, daß aber Seguin ſich 9 Vnbeſeeunt ausdrückte, hat wohl ſeinen Grund darin, daß Johanna nicht das Ganze voll⸗ racht hat. “*) 0. I, 71: Was hat Michael bei ſeinem erſten Erſcheinen geſagt?—— Ich wünſchte, der Fragende hätte eine Abſchrift des Buches zu Poitiers. 171: Ein größerer Theil deſſen, was mich der Engel gelehret hat, ſteht in jenem Buche. 71: Die Stimme iſt die der beiligen Katharina und Mar⸗ gareta. Ihre Geſtalten ſind gekrönt mit ſchönen Kronen, ſehr reich und prächtig. Das zu ſagen habe ich Erlaubnis vom Herrn. Wenn ihr aber daran zweifelt, ſo ſchickt nach Poitiers, wo ich einſt gefragt worden bin. 72: Welche der beiden Heiligen erſchien zuerſt?—— Das ſteht in dem Protokolle zu Poitiers. — 21 den, in keinem Buche hat man ſo etwas geleſen. Johanna erwiederte in der Zuverſicht ihres Glaubens:*)„Mein Herr hat ein Buch, in dem nie ein Prieſter geleſen hat, mag er noch ſo vollkommen ſein in ſeinem Prieſterthum. In den Büchern unſeres Herrn ſteht mehr, als in den eurigen 57.“ Aimeri warf ein:„Du behaupteſt, die Stimme habe dir geſagt, Gott wolle das Franzöſiſche Volk aus ſeiner Noth erretten. Iſt es Gottes Wille, ſo bedarf es nicht der Gewaffneten.“„Im Namen Gottes, war die Antwort, die Krieger werden kämpfen und Gott wird Sieg verleihen**).“ Aimeri war befriedigt 5s. Anſtoß erregte Johannas männliche Kleidung. Darüber zur Rede geſtellt, ſagte ſie:„Ich habe dieſe Tracht in Vauconleurs angelegt auf den Befehl Gottes“***).“ Gegen Frauen, welche ihr Befremden äußerten, daß Johanna keine Weiberkleider anziehe, rechtfertigte ſie ſich folgender⸗ maßen:„Daß euch das ſonderbar vorkommt, glaube ich gern, und habt ihr Urſache dazu, aber weil ich mich wappnen und dem edlen Dauphin in Waffen dienen ſoll, deshalb muß ich die Kleidung anlegen, welche dazu paſſend und nothwendig iſt. Auch deswegen, weil ich unter Männer leben muß. Denn trage ich Mannskleider, ſo erwecke ich keine fleiſchlichen Begierden in ihnen. Ferner glaube ich, daß ich in dieſer Tracht beßer die Keuſchheit bewahren kann in Gedanken und Werken 5.“ Auch wollten die Examinatoren wißen, weshalb Johanna den König Dauphin nenne und nicht König.⸗enr*)„Ich werde ihn, erklärte ſie, nicht eher König nennen, bis er in Reims ge⸗ krönt und geſalbt iſt 60.“.. Durch die heilige Schrift ſchienen zwei Mittel vorzugsweiſe bezeichnet, um zu erproben, ob Gott die Jungfrau wahrhaſtig geſandt habe, erſtlich das Fordern eines Wunderzeichens und *) Ein tiefſinniges Wort, womit Johanna für ihr gottgebotenes Werk den Maßſtab des Außerordent⸗ lichen, für ſich alle Vorrechte der Gottgeſandten beanſprucht. **) Wie ließe ſich wohl das Verhältnis zwiſchen menſchlicher Freiheit und göttlicher Gnade richtiger beſtimmen? Der Segen kommt von Oben, der Menſch aber thue das Seine. “) 0. I1, 94: Interrogata utrum, quando primo applicuit penes régem suum, an ipse petiverit ab ea si per revelationem habebat quod mutaret habitum suum: respondit:„Ego de hoc vobis respondi; tamen non recordor si hoc fuerit mihi petitum. Et ihhud est scriptum in villa Pictavensi.“ Interrogata an recordetur quod magistri qui examinaverunt eam———. interrogaveruantne ipsam in mutatione sui habitus: respondit:„‚Ego non recordor; tamen ipsi me iuterrogaverunt ubi ego ceperam istum habitum virilem; et ego dixi eis quod ego ceperam apud oppidum Valliscoloris.“ Interrogata utrum præfati magistri petierunt ab ea, si per voces suas ceperat illum habitum: respondit: Ego non recordor. Daß Johanna die Manns⸗ kleider auf Befehl Gottes und der Engel angezogen, hat ſie den Richtern in Rouen deutlich genug, wenn auch indirect und mit Widerſtreben, geſagt„O. 1, 74, ſ.§. 1. Anm. 48. Viel weniger wird ſie mit dieſem Geſtändnis in Poitiers zuruckgehalten haben. Ein Zeugnis dafür O. 1V, 509(Pabſt Pius): Rogata cur vestes viriles mufieri prohibitas(ſ. V. Moſ. 22, 5) induisset,„virginem sese ait; virgini utrumque habitum convenire; sibi a Deo mandatum esse vestibus ut virilibus uteretur, cui et arma tractanda essent Virilia.“ Nach Percevals und A. Chartiers im Juni und Juli 1429 geſchriebenen Brieſen hat ihr die Stimme bei der Be⸗ rufung die Männertracht anzulegen geboten, 0. V, 117. 118. 132. Vergl. Chron. der Jungfr. G. IV, 250, Thomas Baſin 1V, 353. Joh. Nider 1V. 503. Es liegt auf der Hand, daß Johanna in Rouen Vergeßenheit bloß vorgeſchützt hat, um rückſichtlich dieſes häckeligen Gegenſtandes ihren König und die Examinatoren ganz außer Spiel zu lußen. naf n. **) Le Brun de Charmettes I, 401: Soumise aux préjugés de son sièele, Jeanne croyait-elle que la cérémonie du sacre conférait seule la royanté; ou cherchaitrelle à faire entendre à Charles VII, pour exciter son couroge, qu'il ne serait vraiment roi que lorsqu'il aurait chassé ses ennemis de son royaume? Le Brun hält lehteres für wahrſcheinlich. Die Idee der Jungfrau war größer. Durch die Salbung in Reims weihte und heitigte Gott, der eigentliche König von Frankreich, den durch Geburt Erbberechtigten zu ſeinem Lehensträger und Stellvertreter, das na⸗ türliche Recht zum göttlichen Rechte erhebend, ſ. I. Theil, S. 335.— zweitens die Unterſuchung ihres ſittlichen Wandels. Beide Wegen ſchlug die Prüfungsbehörde ein.„Gott will nicht, ſprach Seguin, daß man dir glaube, wenn du nicht ein Zeichen thuſt, wodurch es offenbar wird, daß man dir glauben darf, und wir werden dem ⸗König nicht rathen, dir auf dein bloßes Wort Kriegsleute anzuvertrauen und dieſelben in Gefahr zu bringen, wenn du uns nicht eines anderen berichteſt.“„Im Namen Gottes, erwiederte Johanna, ich bin nicht nach Poitiers gekommen, um Zeichen zu thun; aber geht mit mir nach Orleaus, dort will ich euch die Zeichen zeigen, um derentwillen ich geſandt bin. Der Dauphin gebermir Leute, ſo viele euch gut dünkt, und ich gehe nach Orleans ½ dar. Renn. Auf die Ergründung des ſittlichen Wandels der Jungfrau legte man wie in Chinon ſo in Poitiers das gröſte Gewicht. Hat die Jungfrau mit guten oder böſen Geiſtern Gemein⸗ ſchaft, das war die Frage. Nicht bloß der Gattin„Rabateaus, ſondern noch andern edlen Frauen und Jungfranen hatte der königliche Rath die genaueſte Beobachtung der Johanna zur Pflicht gemacht. Dieſe erſtatteten dem Rathe Bericht und gaben den Examinatoren Aus⸗ kunft über das ganze Verhalten und Gehaben der Johauna bei Tag und bei Nacht. Allerer⸗ theilten ihr das Zeugnis, daß ſie eine gute Chriſtin ſei, Gott diene, ein katholiſches Leben führe, häufig zur Meſſe und zum Abendmahl gehe und ſich nie auf Müßiggang betreffen laße. Iusbeſondere hob die Wirtin hervor, Johauna liege täglich nach Tiſche auf den Knieen, oft gehe ſie in die Hauskapelle, um dort lauge zu beten, ja ſogax des Nachts bete ſie 62. in Allmählich geſtaltete ſich auf dieſe Weiſe auch die öffentliche Meinung zu Gunſten der Jungfrau. Herrn des Parlamentes, Leute aus allen Ständen, Männer und Weiber kamen, die wunderbare Perſon zu ſehen. Ehe ſie mit Johanna geſprochen, meinten ſie, die Verheißungen derſelben wären nichts als Traumereien und Einbildungen, kehrten ſie aber von ihr zurück, dann war auch nicht einer, der nicht ſagte: Sie iſt ein Kind Gottes. Manche, beſonders die Frauen, weinten ihre hellen Thränen 6s. Johann von Metz und Bertrand von Ponlengy er⸗ zählten auch in Poitiers, wie ſie o wunderbar behütet worden ſeien auf ihrer gefahrvollen Reiſe 6a. Hohe und Niedere wurden zum Glauben an Johannas himmliſche Berufung hin⸗ gerißen. Der Beichtvater des Königs ſprach, laut ſeine Ueberzeugung aus, Gott habe Johanna geſandt, die Weiſſagung, eine Jungfrau werde Frankreich retten, ziele auf ſie es. Viele Mit⸗ glieder der Commiſſion, Seguin, Macon, Peter von Verſailles, Aimeri und andere waren der⸗ ſelben Anſicht, Erault deutete die Viſioneu der Maria von Avignon zuverſichtlich auf Johanna 66. In dieſe Stimmung hinein erſchallte laut und lauter der Angſtruf der durch Hunger und Feind aufs äußerſte bedrängten Bewohner von Orleans, denen jeder Verzug um ſo nnerträglicher werden muſte, je näher ſie ſeit der Rückkunft ihrer nach Chinon Abgeordneten den helfenden Arm Gottes glauben durften. Nach alle dem trug die Prüfungsbehörde dem königlichen Rathe ihr Gutachten vor, deſſen weſentlicher Inhalt folgender war: 212 inh 1274 Die heilige Schrift lehrt eine zwiefache Weiſe der Prüfung. Erſtlich ſoll man nach der Vorſchrift des Apoſtels Paulus:„Prüfet die. Geiſter, ob ſie aus Gott ſind“ Wandel⸗ und Werke derſelben unterſuchen. Zweitens ſoll man, wie Ahas und Gideon, in andächtigem Ge⸗ bete Gott um ein Zeichen anflehen, woraus man ſeinen Willen erkennen könne. Beides hat der König gethan. Er hat die Jungfrau wohl ſechs Wochen lang bei ſich: behalten und ſie prüfen laßen in Bezug auf ihn Leben, ihre Geburt, ihre Sitten, ihr Vorhaben von erfahrenen Leuten, von Gelehrten, Geiſtlichen und Weltlichen, von Weibern und Männern öffentlich und insgeheim. Und man hat an der Jungfranu nichts böſes) nichts dem katholiſchen⸗ Glauben wider⸗ ſtrebendes wahrgenommen, ſondern eitel Gutes, Demuth, Jungfraulichkeit„Froͤmmigkeit Ehr⸗ barkeit, Einfalt. Ferner hat man ein Zeichen von der Nunfeän gefordert, worauf ſie geant⸗ wortet, vor Orleans wolle ſie das Zeichen geben, dennalſo ſei es ihr von Gott verordyet. In Anbetracht alles deſſen und des allgemeitten Roͤthſtandes, der keine andere Hoffnung übrig läßt, als die Hülfe von Gott, darf der Fönig lyr⸗ Dienſte annehmen und ſie mit Mannſchaft nach Orleans entſenden, Sie verſtoßen, ohne daß ſich ein Uebeles au ihr zeigte, hieße dem heiligen Geiſte widerſtreben und ſich des göttlichen Wſieeen unwürdig machen 567. enn 2W 2n 23 Noch ein Mittel gab es, um Gewisheit darüber zu erlangen, daß Johanna nicht in Ge⸗ meinſchaft mit dem Teufel ſtehe. Nach dem Glauben der Zeit hatte der Teufel keine Macht über eine uffraunae der Bund mit dem Satan ward nur um den Preis der Keuſchheit ge⸗ ſchloßen. Hatte Johanna ſich in unbefleckter Reinheit bewahrt?, War ſie nicht etwa ein Mann unter der Maske des Weibes? Ueber dieſe Punkte begehrte Karl Sicherheit, bevor er einen unwiderruflichen Entſchluß faßte. Seine Schwiegermutter, die Königin von Sieilien Yolande von Aragon, nebſt den Frauen von Gaucourt(Johanna von Preuilly) und von Treves (Johanna von Mortimer) uͤbernahmen die Unterſuchung und beruhigten den König durch das gewißenhafte Zeugnis, daß Johanna eine lautere, unverdorbene Jungfrau ſei 89. 2 Nunmehr war jede Vorſicht angewandt, welche Pflicht und Gewißen erheiſchte, und Karl durfte ſich vor Gott, vor der Welt und vor ſeinem Volke gerechtfertigt glauben, wenn er die Jungfrau in ſeine Dienſte nahm. Aber wie er⸗ von Anbeginn nie bloß auf eigne Verantwor⸗ tung gehandelt hatte, ſo wollte er auch den letzten Schritt der Entſcheidung nicht ohne ſeine Räthe thun. In großer Rathsſitzung ward vom König der Beſchluß gefaßt, Johanna in der Hoffnung, daß es ſo der Wille Gottes ſei, zum Befreinngskampfe und zwar zunächſt nach Or⸗ leaus mit einem Convoi von Lebensmitteln auszuſenden 7o. e eeeee 13ili- In der erſten Hälfte des April kehrte Karl nach Chinon zurück, gleichzeitig auch Jo⸗ Aanna 71I. ⁴ 1:n 147tjs utd dic nn idtis lo n fT hilann 1 214 ) Mit dieſem entſcheidenden Erfolge betritt die Jungfrau das Feld der öffentlichen Thätig⸗ keit, Werfen wir an der Grenzſcheide einen Blick zurück und ſtellen eine Frage an die Zu⸗ kunft. Johannas Aufgabe, in der Kraft Gottes, die in den Schwachen mächtig iſt, König und Vaterland zu retten, ſchließt von vorn herein einen zwiefachen Kampf in ſich, einen Schlachten⸗ kampf mit dem Feinde und einen Glaubenskampf mit dem Unglauben von Freund und Feind. Die erſte Seite dieſes Doppelkampfes bildet die Glanzpartie ihres⸗ Wirkens, Freund und Feind hat in den Kriegsthaten der Jungfrau etwas übermenſchliches, natürlich in verſchiedenem Sinne, gefunden. Gewaltiger, ergreifender, erſchütternder iſt die andere Seite des Rieſenkampfes. Hier liegen die gröſten Thaten des Heldenmädchens, aber weil Seelenthaten, vollbracht mit geiſtigen Mitteln auf geiſtigem Gebiete, entziehen ſie ſich mehr dem äußeren Auge, und deshalb hat die Welt nur die hervorragendſten Momente derſelben nach Gebühr gewürdigt. Johanna war ganz Glaube in einer ſo ſpecifiſch eigenen Weiſe, wie ihn die Welt ſelten oder nie zuvor geſehen. Solchen Glauben konnte die Welt ihr nicht entgegenbringen. Darum muſte Johannas ganzes Leben, wollte ſie ihre Miſſion erfüllen, ein fortgehender Kampf mit dem Unglauben werden. Die Geſchichte der Jungfrau iſt weſentlich eine Geſchichte dieſes Kampfes. Im Vaterhauſe von Domremy hat er begonnen, hat ſich fortgeſetzt in Vauconleurs Chinon Poitiers, er be⸗ gleitet die Heldin durch alle Stadien ihrer Kriegerbahn und wird in Rouen zu der Flamme, welche ihr den Tod gibt. Sehen wir ab pon den Feinden für welche Glaube an Johannas göttliche Sendung das Selbſturtheil der Verwerfung geweſen wäre, und wenden uns lediglich den Feunden zu, ſo erfordert es die Unparteilichkeit, anzuerkennen, daß der Unglaube derſelben beim erſten Anftreten der Jungfrau natälich, ihr Zandern berechtigt war. Johanna konnte die Engel und Heiligen, welche ſie mit Angen ſah, keinem Menſchen zeigen, ſie hatte keine von Gott ſn. verbriefte Vollmacht aufzuzeigen, überhaußt keine objective Garantie zu bieten. Was ſie hatte, war das Zeugnis, das ſie von ſich ſelber zeugte, war die Suerſicht eines ſeiner ſelbſt bis an den Thron Gottes gewiſſen Glaubens, war die makelloſe Lanterkeit eines echten Chriſtenwandels. Sind das die Mächte, womit die Jungfran in Vaucouleurs Chinon Poitiets über alle Zweifel der Geiſtlichen und Geleh rten, uber! de Stolz der Kriegsoberſten, über die Verzagtheitder Hofleute, über die Schlaſtheit eines dem Singengettuß fröhnenden Königs geſiegt hat? Die Zeugen ſagen wie ausei ii Minde väſgdas mit eiſerner Wucht auf dem Kriche laſtende ngtae die Verzpeiftin an ſalter Kert Stt Sahd ütje den Ausſchlag ge⸗ geben hat. Wir dürfen deshalb anzſict, daß bei⸗ el⸗ der Gläube nichts anderes war, als das durch die Noth abgepreſte Zugeſtändnts der Moglichteit, daß Gott hehfen wolle. Iſt 21 dem ſo, dann iſt der Unglaube, wenn er nicht noch nachträglich in ſeinem Grunde gebrochen wird, nicht für nimmer gebannt, nur für eine Weile iſt zer niedergehalten durch äußere Ge⸗ walten, aber nicht in ſein Gegentheil gewandelt, und wir dürfen ſicher ſein, daß wenn auf die eine oder die andere Weiſe der Druck der Noth nachläßt, der alte Unglaube ſammt allem leidigen Zubehör eben ſo keck, als zuvor, die Stirn erheben wird. Ja es ſteht zu befürchten, daß die Gemeinheit, je mehr ſie ſich an das Außerordentliche gewöhnt, deſto mehr daſſelbe in die Sphäre der Gewöhnlichkeit herunterzuziehen ſucht und ſich zu gleichen Leiſtungen befähigt wähnt. Die Thaten ſelbſt aber, werden ſie nicht ein überwältigendes Gegengewicht abgeben? Selbſt die gröſten Thatenwunder überwinden den Unglauben nicht nothwendig, weil derſelbe von außen allein überhaupt nicht zu überwinden iſt. Auch da, wo er das Uebermenſchliche zugeben muß, fehlt es ihm an Ausflüchten nicht, im äußerſten Falle ſchiebt er den Teufel als Urheber unter. Es iſt erlaubt, das Geringere im Spiegel des Höchſten zu betrachten. Der Herr der Herrlichkeit durfte fragen: Wer kann mich einer Sünde zeihen? Hat man ihm nicht ſeine die Sünder und Zöllner ſuchende Liebe zur Sünde gemacht? Erntrich Teufel aus. Iſt nicht gerade an dieſem ſchlagendſten Beweiſe ſeiner Gottkraft der Unglaube zur Läſterung des heiligen Geiſtes geworden? Nur von inneu ſtirbt der Unglaube, das Aeußere kann fordern, aber entſcheidet nicht. Selbſterkenntnis und Buße iſt des Unglaubens Tod. Hat Frankreich— das iſt die Frage— endlich begriffen, daß alle Demüthigung, die ihm ſeither geworden, nur die verdiente Züchtigung geweſen iſt für die herrſchende Laſterhaftigkeit und Gottloſigkeit? Hat namentlich der Fürſt und haben die Großen erkannt, daß Unglanbe mit ſeiner ſauberen Ge⸗ leitſchaft von Hoffahrt, Selbſtſucht, Pflichtvergeßenheit, Lüderlichkeit, die Reiche ſtürzen, aber nimmer auferbaun? Dann, aber auch nur dann, iſt Frankreich genugſam vorbereitet, um das ganze Herz dem Glauben zu öffnen und in den Thaten der Jungfrau die göttliche Beglaubigung ihres Selbſtzeugniſſes zu ſchauen. Von der Vaterlandsliebe und dem Glaubeusfeuer ſeiner Heldin durchglüht, wird das Volk zur Thatenluſt und zum Opfermuth einer geheiligten Na⸗ tionalbegeiſterung entbrennen, der kein Feind unbeſiegbar, weil Gottes Beiſtand alle Wege gewis iſt. Jusbeſondere wird der Fürſt, die rettende Hand Gottes ergreifend, ſein haltloſes Schwanken, das indolente Gehenlaßen mit der beharrlichen Stetigkeit eines hoffnungsfreudigen Handelns vertauſchen, dem Gott wie die Ziele geſteckt, ſo die Wege gebahnt hat. An den Früchten wird ſich's zeigen, ob und in wie weit eine ſolche Wandelung in den Geiſtern bereits vorgegangen iſt oder noch vorgehen wirrr. 2189 12§. 3. Johauna in Cours, Plois, Orleans. Ohne Säumen ſchritt Karl zur Ausführung des in Poitiers gefaßten Beſchlußes. Um den Zug von Lebensmitteln nebſt der erforderlichen Kriegsmannſchaft aufzubringen, ſchickte er den Admiral Ludwig von Culant mit dem gewandten Hauptmann Ambroſius von Loré nach Blois. Die oberſte Leitung der ganzen Angelegenheit übertrug er ſeiner Schwiegermutter Yolande, welcher der Herzog von Alencon thätig zur Seite ſtehen ſollte. Johanna erhielt die Erlaubnis, während der Zwiſchenzeit bis zur Bereitſchaft ihren Aufenthalt in Tours zu nehmen, wo ſie in dem Hauſe eines angeſehenen Bürgers, Johann Dupuy, Wohnung ſand 2. Der König ſorgte nunmehr auch für die kriegeriſche Ausſtattung der Jungfrau. Er Lab ihr ein Gefolge, wie es einem Befehlshaber der Armee zukam 3. Seinen Stallmeiſter Johaun von Aulon, einen Ritter von auerkaunter Rechtſchaffenheit und Weisheit, beſtellte er zu ihrem Haus⸗ intendanten: und übertrug ihm als ſolchem die ſchützende Aufſicht üher Johanuas Perſon und Hausweſen. Zum Kaplan erwählte ſich Johanna den Leſemeiſter in dem Auguſtiner Eremiten 25 Kloſter von Tours, Johann Pasquerel 5.„Zwei Pagen: Ludwig von Contes und Raymond, zwei Herolde: Guienne und Ambleville:¹, nebſt mehreren Knechtens wurden ihr zur Bedienung beigegeben. Außerdem blieben Johann von Metz und Bertrand von Poulengy nach wie vor in Johannas Umgebung, und eben jetzt trafen auch die beiden jüngſten Brüder der Jungfrau, Johann und Peter von Arc, aus der Heimat ein, um an der Seite der Schweſter den Kampf für König und Vaterland mitzukämpfen 10. Auch mit Kleidung 11 und Waffen ward Johanna ausgeſtattet gleich einem Kriegsoberſten. Der König ließ ihr eine vollſtändige Ritterrüſtung) machen vom Scheitel bis zur Sohle 12. Der Herzog von Alencon ſchenkte ihr ein Schlachtroſſ 13. Schwert und Fahne erhielt ſie nach Anweiſung ihrer Heiligen. Höxren wir zunächſt, was Johanna vor ihren Richtern über das Schwert ausgeſagt hat.„Während ich in Tours oder in Chinon war, ſchickte ich nach Fierbois, um ein Schwert holen zu laßen, welches ſich in der Kirche der heiligen Katharina befand, hinter dem Altare. Und alsbald nachher ward es ge⸗ funen ganz mit Roſt bedeckt.“ Auf die Frage, woher ſie gewuſt habe, daß jenes Schwert dort ſei, antwortete ſie:„Jenes Schwert lag in der Erde voll Roſt, fünf Kreuze waren darauf, und ich wuſte, daß es dort ſei durch die Stimmen. Nie hatte ich den Mann geſehen, der beſagtes Schwert zu holen ging. Ich ſchrieb den Prieſtern jenes Orts, es möge ihnen gefallen, daß ich das Schwert erhielte. Sie ſchickten es mir. Es lag nicht tief unter der Erde hinter dem Altare, wie mir ſcheint; doch weiß ich nicht gewis, ob es vor oder hinter dem Altare war, glaube indeſſen damals geſchrieben zu haben, daß beſagtes Schwert hinter dem Altare ſei, Sobald das Schwert gefunden war, rieben es die Ortsgeiſtlichen und ſo⸗ gleich ſiel der Roſt ab ohne viele Mühe. Der es holte, war ein Waffenhändler aus Tours. Die Geiſtlichen der Katharinenkirche ſchenkten mir eine Scheide dazu von rothem Sammet, die Bewohner von Tours ebenfalls eine Scheide von Goldſtoff. Ich ſelbſt ließ mir eine ſolche *) Haſe, S. 21:„Man wird nicht überſehen, daß eine Ritterrüſtung, jedes Glied in Erz nach⸗ In bildend, auch einem Mädchen ſchöner ließ als etwa ein Frack, und der purpurne golddurchwirkte 9 Waffenrock über den Beinkleidern näherte ſich ohnedem der Sitte ihres Geſchlechts. Im Kampfe Atrug ſie einen Helm, ſonſt das Haupt unbedeckt oder ein umgekrämptes Barett mit Federn.“ Der 0. V, 234(Donation du chapeau de Jeanne d'Arc aux oratoriens d'Orléans) erwähnte Hut der Jungfrau war noch vorhanden zur Zeit des Lenglet Dufresnoy, welcher ihn folgender⸗ maßen beſchreibt: Er war von blauem Atlas mit vier goldgeſtickten Krämpen. Ein recht anſchau⸗ liches Bild der Johanna gibt der Brief der Herrn Veit und Andreas von Laval an ihre Mutter und Großmutter, O. V, 10784: Am Montag bin ich mit dem König abgereiſt, um nach Selles in Berry zu gehen, und ließ der König die Jungfrau, die ſchon vorher in Selles war, vor ſich kommen. Einige ſagten, es ſei dies mir zu Gefallen geſchehen, damit ich ſie ſähe, Und nahm die beſagte Jungfrau mich und meinen Bruder ſehr wohl auf, ſie war in vollſtändiger Rüſtung, aus⸗ genommen den Kopf, und hielt eine Lanze in der Hand. Und nachdem wir nach Selles hinabge⸗ kommen waren, ging ich in ihre Wohnung, um ſie zu beſuchen. Sie ließ da Wein kommen und ſagte mir, ſie würde mich bald davon in Paris trinken machen. Und es ſcheint etwas ganz gött⸗ liches in ihrem Weſen, wenn man ſie ſo ſieht und hört. Dieſen Montag iſt ſie zur Vesperzeit voon Selles abgereiſt..... Und ſah ich ſie zu Pferde ſteigen, ganz in blanken Waffen, aus⸗ genommen den Kopf, eine kleine Streitaxt in der Hand, auf einem großen ſchwarzen Roſſ, welches an der Thür ihrer Wohnung gewaltig unruhig war und ſie nicht aufſitzen laßen wollte. Da ſagte ſie: Führt es zum Kreuze hin, welches vor der Kirche ſtand nahe dabei, am Wege. Und da ſtieg ſie auf, ohne daß es ſich gerührt hätte, als wenn es gebunden geweſen wäre. Und dann wandte ſie ſich gegen die Thür der Kirche hin, die ganz nahe war, und ſprach mit einer rechten Frauenſtimme: Ihr Prieſter und Leute der Kirche, ſtellet Prozeſſionen und Gebete zu Gott an. Dann kehrte ſie ſich wieder um nach ihrem Wege, indem ſie ſagte: Ziehet vorwärts, ziehet vorwärts!(und ritt von dannen) mit offener Fahne, welche ein anmuthiger Page trug, und hatte ihre kleine Streitaxt in der Hand. Und einer ihrer Brüder, der ſeit acht Tagen ge⸗ kommen iſt, reiſte auch mit ihr, in voller blanker Rüſtung.. 25¹36 1 1 26 machen von recht ſtarkem Leder. Sehr lieb war mir das Schwert, weil es gefunden war in der Kirche der heiligen Katharina, die ich ſehr lieb hatte 11.“ Dieſe Entdeckung des Schwertes brachte auf das Volk eine ähnliche Wirkung hervor, wie die Offenbarung des Geheimniſſes auf den König. Johanna gab damit dem Volke das Zeichen für die Göttlichkeit ihrer Miſſion, und es begreift ſich leicht, wie dies Ereignis je länger je mehr mit wunderbaren Zügen be⸗ reichert wurde“). 4 3 5.: 17In B1u Guicherat ſieht in der Entdeckung des Schwertes einen vollgültigen Beweis für die Gabe der Jungfrau, Gegenſtände wahrzunehmen, welche außerhalb der Tragweite ihrer Sinne lagen**). Soviel iſt gewis, daß wir an keinen abſichtlichen Betrug von Seiten Johannas zu denken haben, wie ihr die Feinde zur Laſt legen is; gegen die Annahme eines wirklichen Wunders aber laßen ſich auf Grund der Quellen nicht unwichtige Bedenken erheben. Vor allem ſteht feſt, daß Johanna vor ihrer Ankunft in Chinon in der Kirche ihrer Schutzheiligen zu Fierbois geweſen iſt. Sodann leitet der Italieniſche Chroniſt Guerneri Berni auf eine weitere Spur, indem er bei dieſer Gelegenheit daran erinnert, daß die Edlen und Ritter ihre Schwerter mit in die Gruft nahmen.„Die Jungfrau, ſo ſchreibt er, ließ ſich ein Schwert geben, welches in einer Kirche war, eins von denen, welche man den Edlen und Rittern anhängt bei ihren Be⸗ gräbniſſen, wann ſie ſterben 16.“ Wie nun, wenn ſich, worauf der Chroniſt offenbar hindeuten will, neben dem Altar zu Fierbois ein ſolches Grabmal befand, in welchem ein Ritter mit ſeinem Schwerte eingeſenkt war? Ein Blick auf den Grabſtein, der wohl gar, wie ſo häufig, das Abbild des Todten mit aufrecht gehaltenem Schwerte zeigte, und der Zunder zu der Idee, das Rettungsſchwert gleichſam aus der Hand der Heiligen zu empfangen, war damit der Jung⸗ frau in die Seele geworfen. Und ſei es nun, daß ſchon in Fierbois der nächſte Eindruck zur Helle des Gedankens emporſchlug, oder ſei es, daß erſt in Tours die Idee fertig aus dem Hintergrunde der Seele vortrat, auf jeden Fall entſprach es dem viſionären Weſen der Jung⸗ frau, daß zugleich mit dem Aufleuchten des Gedankens, der ihr ſo warm an's Herz ging, auch die Stimme der Heiligen ihrem Ohr vernehmbar ward.„219.„ 0 Gleichzeitig ließ Johanna von dem Maler Heuves Polnoir⸗**) zu Tours 17 die Fahne an⸗ fertigen, wie es die heilige Katharina und Margareta nach Gottes Vorſchrift ihr aufgetragen hatten 1is. Der Stoff derſelben beſtand aus weißer durchſichtiger Leinwand mit Madenen Franſen beſetzt 1. Auf dem mit Lilien überſäten Felde 20 war der Erlöſer abgebildet auf einem 1 1100 1. 1 n128 I?/¹ ¹ 1 ) J. Chartier, O. IV, 54 ſq. 71. 93. 129(Journal). 212(Chronik der Jungfrau): Durant ces choses, elle dist qu'elle vouloit avoir une espée qui estoit à Saincte-Catberine du Fierbois, où il y avoit en la lame, assez pres du manche, cinq croix. On lui demanda si elle l'avoit oncques veue, et elle dist que non; mais elle sçavoit bien qu'elle y estoit. Elle N envoya, et n'y avoit personne qui sceust odò elle estoit ny que c'estoit. Toutesfois, il ynen avoit plusieurs qu'on avoit autresfois données à l'église, lesquelles on fist toutes regarder, et on en trouva une toute enrouillée, qui avoit lesdictes cind croix. On la luy porta, et elle dist que c'estoit celle qu'elle demandoit. Si fut fourbie et bien nettoyée, et luy fist on faire un beau fourreau tout parsemé de fleurs de lys. 510(Pabſt Pius II) 519. V, 53. ner *) Aperc. p. 68 ſq., wobei wir bemerken, daß Guicherat ſich in der Darſtellung der Sache nicht ſtreng genug an Johannas Worte bindet. Es ſteht z. B. in ihrer Ausſage nichts davon, daß ſie die fünf Kreuze als Kennzeichen des Schwertes angegeben habe. iͤ 16— *) Während die Fahne gemalt wurde, lernte Johanna Polnoirs Tochter Heliote kennen. Neun — Monate ſpäter erfuhr Johanna, Heliote werde ſich bald verheirathen. Sie ſchrieb deshalb an den Stadtrath von Tours und erſuchte denſelben, dem Maler Polnoir hundert Thaler zur Aus⸗ ſteuer ſeiner Tochter zu verabfolgen. Die Stadtkaſſe war erſchöpft. Um jedoch Johannas Wunſch zu ehren, ordneten die Räthe öffentliche Gebete für den Hochzeitstag an und ſpendeten Brot und Wein zur Feier des Feſtes, 0. V, 154 sa. 271. Wir haben dieſen Zug theilnehmender Liebe nicht übergehen wollen, weil er dem Herzen der Heldin Ehre macht. 11007 27 Regenbogen in den Wolken des Himmels zu Gericht ſitzend. Auf jeder Seite des Hei⸗ landes ein Engel mit einer Lilie in der Haud. Der Herr hielt in der einen Hand die Welt⸗ kugel 2¹, mit der andern ſegnete er die Lilie(das Wappen Frankreichs), welche der eine der Engel nach ihm hinreichte 22. Jeſus Maria ſtand als Wahlſpruch auf der Seite 23. Die Rückſeite der Fahne zeigte die Jungfran Maria und zwei das Wappenſchild Frankreichs tragende Engel ²4. Auf dem Fahnenſchweif endlich war eine Art Verkündigung Mariä dargeſtellt, ein Engel, welcher der heiligen Jungfrau eine Lilie darreichte 25. Nimm die Fahne im Namen des Himmelskönigs, ſagten die Heiligen, und trage ſie kühn, Gott wird dir helfen 26. So ſehr Johanna das Schwert in Chren hielt, weit lieber hatte ſie doch die Fahne 27. Sie ſelbſt trug Jeſelde im Kampfe, um keinen Menſchen zu tödten. Und ſie iſt ſich bewuſt, nie einen Menſchen getödtet zu haben 28. Hr ſi 214 n R 2 ra4 ug e Nanun Nach dieſen Vorbereitungen kehrte Johanna nach Chinon zurück um Abſchied vom Könige zu nehmen ²9. Durch eine wunderbare Vorausſagung bezeichnete Johanna dieſen kurzen Auf⸗ enthalt. Sie theilte nämlich dem König mit, die heilige Katharina und Margareta hätten ihr offenbart, ſie werde bei der Befreiung von Orleans verwundet, aber durch die Wunde nicht gehindert werden, ihr Werk fortzuſetzen. Bei dem Sturme auf die Brückenſchanze iſt dieſe Prophezeiung in Erfüllung gegangen. Wäre dieſelbe nicht weiter verbürgt, als durch das Bekenntnis, welches Johanna in ihrem vierten Verhöre den Richtern darüber ablegt 30, ſo könnte der Zweifler verſucht ſein, an einen Gedächtnisfehler zu denken. Allein unwiderſprechliche Zeugniſſe beweiſen die Richtigkeit der Thatſache. Ein Flamändiſcher Edler, Namens Rotſelaer, ſchrieb nämlich aus Lyon, wo er ſich als Geſandter aufhielt, an den Hof zu Brabant, er habe von dem Hausmeiſter Karls von Bourbon gehört, daß ein Mädchen von Lothringen ſich beim Könige befinde, welches geſagt habe, es werde Orleans retten und ſelbſt in einem Kampfe vor Orleans durch einen Pein verwundet werden, aber nicht davon ſterben.“ Der Brief iſt vom 22. April und am 7. Mai ward Johanna durch einen Pfeilſchuß verwundet¹ Dies Zeugnis genügt für ſich allein, um die Wirklichkeit der Vorausſagung über allen Zweifel zu erheben. Sie wird aber auch durch die Ausſagen Violes im allgemeinen und Pasguerels insbeſondere beſtätigt 32. Letzteren hatte Johanna am Vorabend des verhängnisvollen Tages gebeten, ſich ſtets in ihrer Nähe zu halten.„Denn, ſetzte ſie hinzu, ich werde morgen viel zu thun haben und mehr als je zuvor. Es wird morgen Blnt aus meinem Leibe fließen ober⸗ halb der Bruſt.“ Guicherat hat demnach Recht, wenn er dieſe Thatſache als unwiderlegbaren Beweis für die wenn auch immerhin beſchränkte Fähigkeit der Jungfrau hinſtellt, Zukünftiges vorher zu wißen und zu verkündigen**j. e n ir Gan rA *) Aperç. p. 75: En observant la nature de ses prédictions, la raison pourra n'y voir que les vénements annoncés par un génie qui, sans se l'avouer, portait en soi la force de les produire (Unſer Verhältnis zu dieſer Anſicht ſ. I. Theil, S. 36). Dégagées de leur expression mystique, elles reviennent effectivement à des pronostics de politique ou de stratégie, comme en ont ſait dans tous les temps les hommes d'Etat esupérieurs et les grands capitaines. Si elles se pré- sentent dans l'histoire avecnun caractère d'infaillibilité qui dépasse la mesure humaine, c'est parce qu'on n'a enregistré que celles qui se sont accomplies; mais comme fai démontré précé- demment que Jeanne a prédit maintes choses qui ne sont point arrivées, il s'ensuit que le merveillenx de son instinct prophéticque est corrigé par la diversité de ses effets.— Haſe, S. 83 sq: Das auf ihrer Begabung ruhende Vorgefühl eiſt in ihr zur Berufung durch himmliſche ⸗ Mächte und zur Weiſſagung Zeworden. Wir ſind darum noch keineswegs berechtigt, ein einzelnes uo Fernſehn, deſſen Geſetz ſchon in der bekannteſten Form der Ahnung uns unbekannt iſt, ihr abzu⸗ ſprechen, ſo gewis auch, nachdem ſie einmal Glauben gefunden hatte, das Natürliche gern in's ns Uebernarkütliche geſteigert und das Wunderbare ihr aufgedrungen wurde. Aber der wunderbare Blick in die verhüllte Ferne der Zeit oder des Raumes iſt auch ſonſt und mit ähplichen geiſtigen Zuſtänden verbunden oft genug vorgekommen, innerhalb und außerhalb der Chriſtenheit, bei den 28 „Karl gab beim Abſchiede der Jungfrau den Reichskanzler Reinhold von Chartres, Erz⸗ biſchof von Reims, und den Großmeiſter ſeines Hauſes, Rudolph von Gaucourt, mit ³3. Johanna nahm ihren Weg über Tours, um ſich mit d'Aulon, Pasqguerel nebſt den übrigen Perſonen ihres Gefolges und den wenigen Kriegern zu verbinden, welche daſelbſt zuſammen⸗ gekommen waren und bereits großes Vertrauen zu ihr gewonnen hatten 84. Am, 23. oder 24. April brach ſie auf nach Blois, dem Vereinigungspuncte des für Orleans beſtimmten Hülfs⸗ zuges ³35. Inzwiſchen hatte der Admiral Ludwig von Culant mit dem Hauptmann Ambroſius von Loré Lebensmittel und Kriegsbedürfniſſe jeder Art nebſt einer Anzahl von Kriegern auf⸗ gebracht und der Herzog von Alençon den König zu den geeigneten Maßregeln veranlaßt, um die Vorräthe und Truppen zu bezahlen 36. Es waren etwa drei tauſend Mann in Blois ver⸗ ſammelt ³7, und mit der Führung derſelben die beiden Marſchälle Aegidius von Laval, Herr von Rais, und Johann de la Broſſe, Herr von Sainte⸗Sévère und Bouſſac, beauftragt, denen ſich La Hire nebſt anderen ausgezeichneten Kriegshelden anſchloßen a8. Johanua legte hier zum erſten Male ihren vollen Waffenſchmuck an 3o. Und in welchem Verhältnis ſtand ſie zu der Armee? Von mehreren Chroniſten, von dem Promotor und in dem unten folgenden Briefe an die Engländer wird ſie geradezu Kriegsoberhaupt(chief de guerre, caput guerrae, dax) genannt*0. Gegen dieſe Bezeichnung aber hat Johanna Verwahrung eingelegt, und allerdings iſt dieſelbe nicht genau; denn auf keinen Fall hat eine förmliche Ernennung der Jungfrau zum Oberbefehlshaber von Seiten des Königs ſtattgefunden, wie denn auch keiner der Franzöſiſchen Kriegsoberſten dieſen Ausdruck von Johanna gebraucht. Wohl aber hatte der König ſeinen Generalen befohlen, den Anordnungen der Jungfrau Folge zu leiſten und nichts zu unternehmen, ohne ſie zu Rathe zu ziehen*). Die Seele der Kriegführung ſollte Johanna ſein. Was ihr demnach an äußerer Vollmacht zum Kriegschef oeürach⸗ das ward dagegen reichlich erſetzt durch die Idee ihrer himmliſchen Sendung. Im Lichte derſelben erſchien Johannas Stellung zum Heere und ſeinen Führern als die unbedingte der Gottgeſandten, vor welcher jede weltliche Auctorität zurücktreten muſte, und es iſt von dieſem Geſichtspunkte betrachtet keine Anmaßung, wenn Johanna ſich als das wahre Kriegsoberhaupt gedacht hat und von ihren Anhängern als ſolches bezeichnet worden iſte*). Aber welche Gefahren und Verwickelungen waren mit einer ſolchen Stellung verknüpft!, Jenes Verhältnis zu den königlichen Generalen trug den Keim des Zwieſpaltes von vorn herein in ſich, und dieſe Auctorität der Gottgeſandten reichte nur ſoweit, als der Glaube an Gottes wirkliche Dazwiſchenkunft.. Srr 190 dI7. Zwei bis drei Tage brauchte man, um die Vorräthe auf Schiffe und Wagen zu laden ſowie die anderweitigen Vorkehrungen zum Abmarſch zu treffen 41. Johanna ließ dieſe Ver⸗ zoͤgerung nicht ungenutzt. Dem Gebote ihrer Stimmen und der helligen Schrift gemäß 42 1 Iuod norint ul zgolhibnn 92 3b a EI juny loal( Heiligen wie bei den Secten der Kirche. Die Beſchränktheit ihres Vorherwißens hat die Jung⸗ frau nie verborgen, auch Irrthümer ſind mit, eingefallen, ſie hat als ein Hauptſtück ihres Berufs die Befreiung des Herzogs von Orleans verkündet, ſie hat erwartet in Paris einzuziehn, ſie hat ſpäter davon geredet, vor den König von England gebracht werden zu müßen, und im Glauben an die Art ihrer Befreiung hat ſie wenigſtens ſich ſelbſt grauſam getäuſcht und die Zweideutig⸗ keit aller Weiſſagung erfahren.. 34 1 1 918 *) Q. III, 116(Simon Charles): Habuit(Johanna) ordinationem circa factum guerræ. IV. 278 (Sala): Combien que letroy eust encores de bons et souffisans cappitaines pour déliberer du fait de sa guerre, si commenda] il qu'on ne fist riens sans appeller la Pucelle. Daſſelbe Verhältnis kehrt ſpäter wieder zwiſchen Alencon und Johanna, VI, 169(Journal) Jl(le roy) fist son lieutenant général Jehan, ducid'Alencon,... et mist en sa compaignie la Pacelle, luy com- „ mandant expressément qu'il usast et feist entièrement par le conseil dielle „) 0. 1, 293(Johannas Antwort auf den Vorhalt des Promotors): Et si ipsa fuit caput guerræ, monhoc fuit pro verberando Anglicos, d 10 1ies 124 vn⸗ 129 210 ni 1112Cui de ee en d dln eree ee e n 29 2 ſchickte ſie eine briefliche Aufforderung an die Engländer, gutwillig von Orleans und dem Boden Frankreichs abzuziehen. Der Brief lautet vollſtändig: 19 1 An den Herzog von Dethford, ſagenannten Reichsverweſer von Frankreich oder an ſeinen „Herr von Steltvertreter vor der Stadt Orleans. + Iheſus Maria † 1 König von England, und Ihr Herzog von Bethford, die Ihr Euch nennt Verweſer des uamzöſiſchen Koͤnigreichs; Ihr Wilhelm de la Poule, Graf von Suffolk; Johann albot; und Ihr Thomas Herr von Scales, die Ihr Euch nennt Stellver⸗ treter des Herzogs von Bethford, gebet Rechenſchaft dem Könige des Himmels z ſtellet zurück an die Jungfrau, welche hierhergeſandt iſt von Seiten Gottes des Himmelskönigs, die Schlüßel aller der guten Städte, die Ihr in Frankreich genommen und geſchädigt habt Sieniſt daher gekommen auf Befehl Gottes, um das königliche Blut zurückzu⸗ fordern. Sie iſt völlig bereit, Frieden zu ſchließen, wenn ihr von Euch die Gerechtig⸗ keit zu Theil wird, daß Ihr von Frankreich abſteht und Entſchädigung gewährt dafür, daß Ihr es beſeßen habt.(Von Euch) Ihr Bogenſchützen, Kriegsgeſellen, Edle und Andere, die Ihr vor der guten Stadt Orleans ſeid, ziehet hinweg in Eure Heimat im Namen Gottes zund thut ihr das nicht, ſo haltet Euch neuer Zeitung gewärtig von der Jungfrau, welche kommen wird, Euch heimzuſuchen in kurzer Friſt zu Eurem ſehr großen Schaden. König von England, thut Ihr nicht alſo, ſo bin ich Haupt des Krieges, und an welchem Orte ich Eure Leute in Frankreich antreffe, da werde ich ſie vertreiben, mögen ſie wollen oder nicht. Und wenn ſie nicht gehorchen wollen, ſo werde ich ſie alle tödten laßen; wollen ſie aber gehorchen, ſo werde ich ſie zu Gnaden annehmen. Ich bin hierher geſchickt von Gottes wegen, des Himmelskönigs, um Euch Leib gegen 2 Leib aus ganz Frankreich zu verjagen. Und heget nicht den Wahn, daß Ihr das Königreich Frankreich erhalten werdet von Gott, dem König des Himmels, Sohn der heiligen Maria; denn erhalten wird es der König Karl, der wahre Erbe; dieweil Gott, der König des Himmels, es alſo will, und es ihm durch die Jungfrau offenbart uſt: der wird einziehen in Paris mit guter Geleitſchaft. Wollt Ihr nicht glauben die Ja versel de la foi que la Pucelle avoit alors en pensée.- feſt, daß der König des Himmels mehr Botſchaft von Seiten Gottes und der Jungfrau, an welchem Orte wir Euch finden, da wollen wir Euch treffen mit der Schärfe des Schwertes und ein ſolches Jagdgeſchrei erheben, wie ſeit tauſend Jahren kein d großes in Frankreich geſchah. Und glaubet Kacht der Jungfrau ſenden wird, als Ihr von allen Städten, die Ihr beſtürmt, werdet gegen ſie und ihre guten Kriegsleute führen können; und wenn die Schwertſchläge fallen, wird man ſehen, wer das beßere Recht „hat vom Gott des Himmels. Herzeg von Bethford, die Jungfrau bittet Euch und be⸗ gehrt von Euch, daß Ihr Euch nicht verderben laßt. Wollt Ihr der Jungfrau Gerech⸗ igkeit widerfahren laßen, ſo könnt Ihr noch in Gemeinſchaft mit ihr kommen, wo denn die Franzoſen die ſchoͤnſte That vollbringen werden, die je vollbracht ward für die du Chriſtenheits). 111 2 2.) 4— Und gebet Antwort in der Stadt Orleans, wenn ihr Frieden machen wollt; thut Ihr nicht 3 ſo ſeid eingedenk Eures großen Schadens in kurzer Zeit. Geſchrieben am Dienſtag der heiligen Woche uaJſut Auftrage der Jungfrau⸗*). V, 98: C'est uné invitation indirecte au duc de Bedfort de cqopérer à un triomphe uni- **) Das Original des Briefes iſt verloren, aber die Echtheit deſſelben ſowohl durch die faſt durch⸗ gängige Uebereinſtimmung der erhaltenen Abſchriften, Q. I, 240. V, 96. IV, 139. 215. 306, als 30 Ganz beſonders ließ es Johanna ſich angelegen ſein, chriſtlichen Geiſt und chriſtliche Zucht unter den Kriegern außzurichten*). Eine heilige Schar zum heiligen Kampfe, zum Werke Gottes reine Hände, reine Herzen! Zu dem Ende gab ſie ihrem Kaplan den Auftrag, ein Banner machen zu laßen mit dem Bilde des gekreuzigten Erlöſers 43. Unter dieſem Banner wurden auf Johannas Befehl ſämmtliche Prieſter täglich zweimal, Abends und Morgens, von Pasquerel verſammelt, um Antiphonieen und Hymnen auf die Jungfrau Maria abzuſingen. Johanna war ſtets dabei gegenwärtig und ermahnte auch alle Krieger, der Feier beizuwohnen. Doch machte ſie die Theilnahme an derſelben davon abhängig, daß jeder an demſelben Tage die Beichte ablege. Die Prieſter muſten zu jeder Stunde und in der Verſammlung ſelbſt bereit ſein, die Beichte abzunehmen 44. Mit unerbittlicher Strenge entfernte ſie die lüderlichen Dirnen von dem Heere 4s, ſetzte dem Fluchen und Schwören Schranken, ſteuerte der Spielſucht und übte durch die Macht ihrer Perſönlichkeit und ihres Beiſpiels einen ſo gewaltigen Einfluß auf die Gemüther, daß die in geiſtlicher Verwarloſung aufgewachſenen Soldaten ihrem Laſterleben ent⸗ ſagten, ja ſelbſt ein La Hire zur Beichte ging und fortan ſtatt bei Gott bei dem Stabe be⸗ thenerte, den er als Kriegsoberſter trug 46. Und mit der Furcht Gottes wuſte Johanna auch das Vertrauen auf ſeine Hülfe und die Hoffnung des Sieges zu erwecken 47.. Um den Eindruck zu bemeßen, den ein ſolches Auftreten einer Jungfrau an Heeres Spitze damals nicht bloß in Frankreich, ſondern in ganz Europa hervorbringen muſte, braucht man unr einen Blick auf die geſammte Weltlage zu thun. Während im Weſten von Europa der alte Thron Frankreichs unter den Schlägen der Engländer zuſammenzubrechen drohte, zitterte die Chriſtenheit des Oſtens vor dem Fanatismus der Osmanen, der ein paar Jahrzehnde ſpäter das Byzantiniſche Kaiſerthum in Trümmer warf. In der Kirche herrſchte ſeit einem Menſchenalter das heilloſeſte Zerwürfnis. Der Ruf nach Reform an Haupt und Gliedern war durch die Beilegung des päbſtlichen Schisma und den Flammentod des Johann Huß nicht erſtickt. Ströme Deutſchen Blutes floßen in den Hußitenkriegen. Eine Ahnung unge⸗ heurer Weltſchickſale durchzog alle Geiſter. Die Sehnſucht, den Schleier der Zukunft zu heben, weckte Propheten und Prophetinnen in Menge⸗*), und das Grauen vor den göttlichen Straf⸗ insbeſondere dadurch geſichert, als Johanna den ihr von den Richtern vorgehaltenen, von uns mitgetheilten Text(0. 1, 240) als richtig anerkannt hat. Nur die Worte„Leibh gegen Leib und„ich bin Haupt des Krieges“ will Johanna nicht gebraucht und ſtatt„ſtellet zurück an die Jungfrau“ dictiert haben„ſtellet zurück an den König.“ G. I, 55. 239 sq. An eine Fälſchung dieſer Stellen ſeitens der Engländer zu denken, erlaubt jedoch der Umſtand nicht, daß die Worte in allen Abſchriften wiederkehren, welche mit Ausnahme von I, 240 ſämmtlich von Freunden der Johanna, einige(215 Chronik der Jungfrau, 306 Thomaſſin: Jen ay leu les copies dont la teneur s'en suit) von Zeitgenoßen herrühren, oder(wie nachweislich V, 96, und vermuth⸗ lich Journal IV, 139) von Kopieen der Zeit entlehnt ſind. Wahrſcheinlich haben jene Ausdrücke in dem Oecginal geſtanden, und Johanna hat ſich entweder nicht mehr erinnert, dieſelben dictiert zu haben, oder der Geiſtliche hat ſie aus eigenem Antriebe eingeſchoben, um der Aufforderung mehr Nachdruck zu geben, O. I, 55. Anm. und V, 95. Letzteres möchte ich ſchon deshalb eher glauben, weil Perceval de Cagny die ſpäteren Anforderungen der Art(IV, 12 bei Jargeau, 18: par tout oGu la Pucelle venoit, elle disoit à ceulx des places, 19) in folgender Form über⸗ liefert: Rendez la place(vous) au Roy du ciel et au gentilz roy Charles.— Uebrigens ver⸗ ſichert Johanna, daß ſie ſelbſt und niemand ſonſt den Brief dictiert habe, 1, 84. 1V. 139. 306, nach Gottes Vorſchrift. Nur geleſen haben ihn manche vor der Abſendung, I, 239.— Das Datum des Briefes(22. März) endlich beweiſt, daß derſelbe bereits in Poitiers aufgezeichnet worden iſt, ſ.§. 2, Anm. 53. O. III, 74. Erſt von Blois aber iſt er nach Orleans abgegangen, 0. IV. 139. 215. Vergl. 306. 378. 301. 3— Hi 1Ot1Ei tis H ) Der Dichter, Q. V, 38, läßt Johanna zum Könige ſagen:. 19 Quisque super scutum signum crucis, et super urma 11 11 C Nomen, Christe, tuum feret. Jbimus ordine tali- eng f 1211 oionbp **) OQ. Aperc. p. 72 sq. 31 gerichten trieb gewaltige Bußprediger von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Gerade i den Tagen, wo Johanna in Blois ihr Panier erhob, verſetzte der— Richard durch ſeine Predigten, worin er das Kommen des Antichriſten in Ausſicht ſtellte und mit Be⸗ rufung auf die Apocalypſe nie zuvor geſehene Wunder für das folgende Jahr ankündigte, das Volk von Paris in eine dermaßen fieberhafte Spannung, daß die Engländer ſich genöthigt ben ihn das ländere Werbleiüe in der Stadt zu unterſagen. Das geſchah von der Mitte LS ndegr Pooegun, 1 27. April ſetzte ſich mit Tagesanbruch das Franzöſiſche Heer nach Vers aaaln ua 8 e Re. Lie 5 4der Baaie Ren ratt talt 3 der unht Sieges efereermrereu LiHEn 8 das Bn. lin! 4. 4 84 Zen 1 3 and Blledern s zanlichen Sa des Johaun Hur s Densſchen Bintes ſtazetz in den 2 Hir ssu. i5s Nuung Hee⸗ — aa ale Wer er.— d Krter der Bnuuft 3 88 üinmen in 3 Mene 3 en 4 . n inT ſans 8* baß e ers aufge zeichnet Sleans dbgePaagen. K3 Schulnachrichten. I. 24 Lehrverfaſſung. A. Ueberſicht über die im Schuljahre von Oſtern 1857 bis dahin 1858 behandelten ſprachlichen und wiſenſchaftlichen Unterrichtsgegenſtände. Classis Prima. Wöchentlich 32 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Feußner. 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 6 St. w. a) Sophocles. Philoctetes, Fort⸗ ſetzung von v. 672 bis 962, 2 St. w.: Dr. Feußner; b) Thucydides de B. Pelop. V, 1— 50, 3 St. w.; c) Griech. Grammat. nach Kühner,§. 276—308, und ſchriftliche Exercit., 1 St. w.: Dr. Eyſell. Im Winter 6 St. w.: a) Homer. Iliad. I und II Libr., 2 St. w.: Dr. Feußner; b) Plato. Crito, Hippias major und minor, 3 St. w.; c) Griech. Grammat. nach Kühner § 309— 325, und ſchriftl. Exercit. 1 St. w.: Dr. Eyſell.* 2) Lateiniſche Sprache: im Sommer 8 St. w.: a) Horat. Od. Libr. III und IV; 2 St. w.; b) Cicero de Off. Libr. I, 1— 30; dann Tacit. Annal. Libr. II, 20— 60, 4 St. w.; c) freie lat. Aufſätze, 1 St. w.; d) lat. Exercit. nach Dictaten, 1 St. w.: Direct. Dr. Schiek. Im Winter 8 St. w.: a) Horat. de Arte poët. 2 St. w.; b) Cicero de Off. Libr. I, 30 bis Ende des II Libr.; dann Tacit. Annal. Libr. II, 60 bis Ende des B., 4 St. w.; e) freie lat. Aufſätze, 1 St. w.; d) woͤchentl. ein lat. Exercit. nach Dictaten, 1 St. w.: Direct. Dr. Schiek. 4 9 ammtee:: 4 2 f 8 34 3. Deutſche Sprache: im Sommer 4 St. w.: a) Altdeutſche Sprache, nach Vilmar, Lautlehre und Conjugat. bis§. 34, 2 St. w.; b) deutſche Lectüre: Leſſings Nathan d. W. bis Aufz. IV, 1 St. w., nebſt deutſchen Aufſätzen, 1 St. w.: Dr. Feußner. Im Winter 4 St. w.; a) Altdeutſche Sprache. Die ganze Formenlehre, nebſt den Leſeſtücken in der Vilmar'ſchen Grammah beendet, 2 St. w.; b) Deutſche Lectüre: Iphigenie auf Tauris, 1 Hälfte, nebſt deutſchen Auſſätzen und disyoſtionen, 2 St. w.: Dr. Feußner. 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w.: Lectüre: Montesquieu's Considé- rat. sur les causes de la grandeur des Rom., Fortſetz. XX. bis Ende; alsdann Molière's PAvare bis II, 3; Grammat. nach Müller§. 699— 740, nebſt ſchriftl. Exercit. B. L. Kellner. Im Winter 2 St. w.: Molière l'Avare, beendigt, le Tartuffe. Grammat. nach Müller, §. 741—811; kleine franz. Aufſätze und Exerc. 1uch Dictaten B. L. Kellner, im 2. Quartal B. L. Staehle. 5. Hebräiſche Sprache; im Sommer 2 St. w., Grammat. nach Geſenius§. 79— 106, nebſt Lectüre: Geſen. Leſeb. Stück 12—45 des poetiſchen Theiles: Dr. Braun. Im Winter 2 St. w., Grammat. nach Geſenius§. 5—79, und Lectüre, 1. Buch Samueg XVII, XIX, XX und XXIV,: Dr. Bra un. 6. Religionslehre: im Sommer 2 St. w., Symbolik, mit Zugrundelegung des A. T. nach Petri's Lehrb. S. 217—264: Pfarrer Meurer. Im Winter 2 St. w., Geſchichte des Gottesreiches im A. T.: Pfarrer Meurer. 7. Geſchichte: im Sommer 3 St. w., Geſch. der älteſten Völker, dann der Griechen: Dr. Stacke. Im Winter 3 St. w., Mſter Wäich hl vom Ai bis zum nteräen des Reiches: Dr. Stacke. 8. Phyſik: im Sommer 2 St. w.„Lehrt d von u der Akuſtik und Optik: Dr. Hartmann Im Winter 2 St. w., Lehre von der Wärme, dem Maittidnns und der Clectricität: Dr. Hartmann. 9 1 9. Mathemathik: im Sommer 4 St. w., theils Arithmetik 2 St. w., Vugiaena nung, 2 Th.; theils Geometrie 2 St. w., Stereometrie: Dr. Hartmann. 1.. Im Winter 4 St. w. und zwar in 2 St. Mathematiſche Geographie, in 1 St Algebra, in 1 St. planimetriſche und eigonometriſche Aufgaben: Dr. Hurtma ann. 31/ Classĩs Secunda. 4. B Wöchenlich 31 Lehiſtundent— Ordinarins Dr. Eyſell. 1 Griechiſche Sprache: im Sommer 6 St. w. a) Homer. Iliad. Libr. XXI- 35⁵ XXIV, 143, 2 St. w.: Pfarrer Meurer; b) Xenophont. Hellenica. Libr. II, 2.§. 1— 24, 2 St. w.; c) Grammat. nach Kühner§. 244—250 nebſt ſchriftl. Exercit. nach Franke, 2 St. w.: Dr. Feußner. Im Winter 6 St. w. a) Klorner. Iliad., Buch 24 beendigt, Hitr han eene und Hymn. in Apoll., 2 St. w.: Pfarrer Meurer; b) Xenophont. Hellenica, Libr. II.§. 24 bis Buch III, 2 St. w.; c) Grammat., nach Kühner§. 124 244 und wöchentl. 1 icriſtl Erercit. nach Franke, 2 St. w.: Dr. Feußner. 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 9 St. w. 3 Virgil. Aen. Libr. II, 3 St. w.; b) Lat. Extemporal., 1 St. w.: Direktor Dr. Schiek; c) Ciceron. Orat. pro lege Manil. 3 St. w.; d) Grammat. nach Zumpt.§ 345- 600, nebſt ſchriftl. Exercit. 2 St. w.: Dr. Eyſell. Im Winter 9 ·St. w., Virgil. Aen. Libr. III, 3 St. w.; b) Lat. Extemporal. 1 St. w.: Direct. Dr. Schiek; c) Liv. Histor. Libr. I, 1— 40, 3 St. w.; d) Grammat. nach Zumpt, §. 600—00, nebſt ſchriftl. Crereit. nach Seyffert, 2 St. w.: Dr. eyf ell. 84 3. D eutſche Sprache: im Sommer 3 3 St. w. Lectüre: Schiller's Jungfrau v. Orleans nebſt ſchriftlichen Aufſ fſätzen: Dr. Eyſell. Im Winter 3 St. w. Lectüre von Göthe's Iphigenie, nebſt deutſchen Aufſätzen; Dr. Eyſ ell. 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Lectüre: Histoire de Napol. par Dumas, von Cent jours an, nebſt Grammat. nach Müller§. 188— 197 und Fätiſte Ererdite B. L. Kellner. Im Winter 2 St. w. Lectüre: Histoire de Napol. par Dumas, von Anf bis Cap. 4, nebſt Grammat. Hauptregeln nach Müller§. 331—529, und ſchriftl. Exereit nach Dictaten: B. L. Kellnsr im 2. Quartal: B. L. Staehle. Religionslehre: im Sommer 2 St. w. Lettirt des N. T. und zwar er Evang⸗ Joh. Cap. 43 im Urtext.: Pfarrer Meurer. Im Winter 2 St. w. Lectüre des N. T. und zwar Evangel. Joh. Cap. 15 bis zu Ende, dann Act. Apostol. Cap. 1—16 im Urtext: Pfarrer Meurer. 6) Geſchichte: im Sommer 2 St. w. Neuere deutſch. Geſchichte von der Mäſornatien bis zum weſtphäliſchen Frieden: Dr. Stacke. Im Winter 2 St. w. Deutſche Vaſche Fortſetz. vom weſechälſihen dese bis zur rau Revolution: Dr. Stacke. 7. Geographie: im Sommer 2 St. w. Amerilan und Auſtralien, nach Ritter: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w. Aſien und Afrika, nach Ritter: 8. L. Berkenbuſ S. 8. Naturgeſchichte: im Sommer 41. St. w.(Elementare Grnsalgs der Denbie⸗ L. Berkenbuſch. n. mi re.: i⸗r.— 36 Im Winter 1 St. w. Wnintraladie Die⸗ ihti hen Anfächere Minruliec B. L. Berkenbuſch. eur 9. Mathematik: im Sommer 4 St. w., theils Arithmetik, 2 St. w. Buhſabtrech nung, Th. I.: Dr. Hartmann; theils Gevmmetrie, 2 St. w., Planimetrie, I: G. 5. Kutſch. Im Winter 4 St. w., theils Algebra, 2 St. w.: Dr. Hartmann; theils Plannettin 2. Th., nebſt Nebungen im ſelſiinnigen Nuſtſen Fonderiſcher Rüfgalet 2 St. w.: G. L. Kutſch. 9.. Classis Tertia gymnasiatis. 4 Wöchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Pfarrer Meurer. 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 6 St. w.: a) Homer Odyss. Libr. XV, von 380 bis Ende, 2 St. w.: Dr. Eyſell; b) Lucian Dialog. Deorum, dann Prometheus, 2 St. w.; c) Grammat. nach Kühner§. 128—135 nebſt ſchriſit 4 2 St. w.: Pfarrer Meurer. Im Winter 6 St. w.; a) Homer Odyss. Libr. XVI, 1— 341, 2 St. w.: Dr. Eyſell; b) Lucian's ausgew. Geſpr., nach der Chreſtomath. v. Eyſell ac., Dialog. Marin., dann Cha- ron bis§. 15, 2 St. w.; c) Grammat. nach Kühner§. 127— 468 und ſchriftl. Exercit., 2 St. w.: Pfarrer Meurer. 11 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 8 St. w.: a) Ovid. Metamorphos. XI, 573 — 748; XII, 1— 145, 2 St. w.: Dr. Stacke; b) Caesar de B. G. V, 38—51, 3 St. w.; c) Grammat. nach Zumpt,§. 362—398, nebſt ſchriftl. Exereit., 3 St. w.: Dr. Feußner. Im Winter 8 St. w.; a) Ovid. Metamorphos. XIII, 1—398, mit Uebungen im Ord⸗ nen aufgelöſter Hexameter, 2 St. w.: Dr. Stacke; b) Caesar de B. G. Libr. I, 1 3 St. w.; c) Lat. Grammat. nach Zumpt§. 398—493, und Iſchetſ Erercit lach ebireer w.: Dr. Feußner. 3. Deutſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Lectürd na Bach, mittlere Lehrtit 2. Abth., nebſt ſchriftl. Aufſätzen: Pfarrer Meurer. Im Winter 2 St. w., Fortſetzung der Lectüre nach Bach's Leſeb, mittlere Lehrſt., in Ver⸗ bindung mit Memoriren von Gedichten und Anfertigen von Aufſätzen: Pfarrer Meurer. 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w., theils Lectüre Charles XII. p. Voltaire, I, II, lheiis Grammat. nach Müller,— 188,233, eüſ loritlihen Fferdit: B. L. Kellner. Im Winter 2 St. w. Lectüre Charles XII. p. Valtsire, Livre III;— nach Müller,§. 85— 197, nebſt ſchriftl. Exercit.: B. L. Kellner, im 2. Quartal B. L. Staehle. 37 5. Religionslehre: im Sommer 2 St. w.; Lectüre des A. T. ausgewählte Stücke aus Jeremias und den d ſälceicen Propheten, im rAnſdiuße an die hiſtort Vücher A. T.: Pfarrer Meurer. Im Winter 2 St. w., Fort etz. der Lectüre des A. k. n Eſra, Rehemia, die Pſalmen aus der Zeit nach dem Gri unagwihlte Stücke aus den wichtigſten Apokryphen⸗ Pjarrer Meurer. aETratu0— 6. Geſchichte: im Sommer 2 S. w., nonüse scice bis Ende de 3 pnüſh Krieges.: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w., Fortſ. der Ahen Goc. vom 3 vunfße Rriepe an bis zum Unterg. des weſtroͤmiſchen Neiches: B. L. Dr. Braun. 7. Geographie: im Sommer 2 St. w.; Geographie von Amerika und Aütralien nach Ritter: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w.; Aſien und Afrika, nach Ritter: B. L. Verkenbaf ch. 8. Naturgeſchichte: im Sommer 1 St. w.: Botanik, Uebungen im Beſchreiben und Beſtimmen der Pflanzen: B. L. Berkenbuſch. ni Kramf 291 21 5 Im Winter 1 St. w.; Zoologie. Vergleichende Ueberſicht der Rückgratthiere: B. L. Berkenbuſch. jnAn⸗ 4 9. Mathematik: im Sommer 4 St. w.: a) Arithmetik 2 St. w.; Buchſtabenrechnung Dr. Hartmann; b) Planimetrie, 1. Thl. 2 St. w.: G. L. Kutſch. Im Winter 4 St. w.; a) Arithmetik. Decimalbrüche, Wurzelausziehen, Rechnungen des gem. Lebens, 2 St. w.: Dr. Hartmannz b) Planimetrie, 2 Thl., 2 St. w.: G. L. Kutſch. Classis Terkia reatig. Wohentlich 31 Lehrſtunden.— Silärila weſätier Meurer. 1. Lateiniſche Sprache: im Sommer 2 St. w., Justin. Histor. Philipp. nlbr VII und VIII: B. L. Dr. Braun; im 2. Quartal: Pfarrer Meurer. Im Winter 2, St. w. Justin. Histor. Philipp. Libr. IX, X: Pfarrer Meurer. 2. Deutſche Sprache: im Sommer 3 St. w., wovon 2 in Verbindung mit Tertia g.(ſiehe vorher) und 1 St. in Verbindung mit Quarta real. Geſchäftsſtil, nach Gockel: B. L. Dr. Braun. Im Winter(wie im Sommer). 3. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 4 St. w.; nämlich 2 in Verbindung mit Tertia g.(ſiehe vorher) und 2 St. beſonders. Grammat. Hauptregeln nach Ahn und Lectüre nach dem Leſebuch deſſelben: B. L. Kellner.: arg 1 f 2— 38 Im Winter 4 St. w., von denen 2 in Verbindung mit Tertia g.(ſiehe vorher) und 2 St. beſonders, näml. Lectüre nach Ahns Leſebuch Curſ. III, 9— 11, V. 1—6, 27— 28; gram⸗ mat. Hauptregeln nach Ahn, 9. 10, 11 Cap, und icrifu. Crereit. B. L. Kellner, im 2. Quartal: B. L. Staehle. 1 4. Engliſche Sprache: im Sonimer 3 St. w., theils Grammat nach Munde 5. 44 — 70, theils Lectüre: The West Indian, by Cumberland, Act. I, II, nebſt ſchiſa Vrereſte und Sprechverſuche mit Quarta r. gemeinſam: B. L. Kellner. Im Winter 3 St. w., theils Grammat. nach Munde,§. 70. bis zu Ende, dheils Lectüre: The West Indian, by Cymperland. Act. III, IV, V, nebſt ſchriftl. Exercit.,) theils Sprech⸗ verſuche in Verbindung mit IV. r.: B. L. Kellner, im 2. Quartal: B. 8. Staehle. 5. Religionslehre: im Sommer 2 St, w., in Verbindung mit Tertia g.(ſiehe vor⸗ her) Pfarrer Meurer..6 Im Winter(wie im Sommer) in Verbindung mit Tertia g. 6. Geſchichte: im Sommer 2 St. w., in Verbindung mit Tertia g.: B. L. Dr. Braun. Im Winter(wie im Sommer) in Verbindung mit Tertia g. 7. Geographie: im Sommer 2 St. w., in Verbindung mit Tertia 8: 2. L. Dertenba ch. Im Winter(wie im Sommer) in Verbind. mit Tertia g.— 8. Naturlehre: im Sommer 2 St. w. Wichtigſte Lehren aus der chenie: De Hartmann. 1 Im Winter 2 St. w. Das Wichtigſte aus der Mechanik, Hydroſtatik und Abroſtatik: Dr. Hartmann. 9. Naturgeſchichte: im Sommer 1 St. w. in Verbindung mit Tertia g.(ſiehe oben) B. L. Berkenbuſch. Im Winter(wie im Sommer) in Verbindung mit Tertia g.: B. L. Berkenbuſch. 10. Mathematik: im Sommer 6 St. w.; a) Arithmetik 2 St. w. ‚Buchſtabenrechnung; b) Planimetrie, 1 Hälfte 2 St. w.: G. L. Kutſch; 30) Vetliiches Nendt nach Hering, Heft III. Abſchn. 9— 11, 2 St. w.: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 6 St. w.; a) Arithmet. Fortſetzung der Buchſtabenrechnung, Decimalbrüche, Wurzelausziehen, 2 St. w.; b) Planimetrie, 2 Th. 2 St. w.: G. L. Kutſch; o) praktiſche Rech⸗ nungen, nach Hering, 3 Heft., XI, XII, XIII Abſchn. 2 St. w.: B. L. Berkeubuſch. Classis Quarta gumnasialis. „Wochenttich 31 Ehrſtunden.— Ordinarius Dr. Stacke 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 4 St. w.; a) Formenlehre, nach Anhness Ele⸗ 39 mentargrammat.§. 70— 99, 2 St. w.: Dr. Eyſell;) Lectüre: Chreſſ iathirdem Wench und Schmidt, v. S. 56—75, 2 St. w.: Pfarrer Meurer. Im Winter 4 St. w. a) Gr. Grammat., Formenlehre, nach Kühner's Cenentekann. §. 100— 143, 2 St. w.: Dr. Eyſell; b) Lecküre: Chreſtom von Wenſch und Schmidt, v. 75— 90, 2 St. w.: Pfarrer Meurer. 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 9 St. ,h Grammat. Repetit. der Formen⸗ lehre nach Siberti, dann Syntax, Cap. 78— 85, 3 St. w.; b) Lectüre, Cornel. Nep. Pelo- pidas, Agesilaus, Lumens. 4 St. w.; c) ſchriftliche Exercit. nach Spieß, 2 St. w.: Dr. Stacke. 3 Im Winter 9 St. w.: a) Repetit. der lat. Formenlehre, nach Siberti, von Cap. 41— 66, dann Fortſetzung der Syntax von Cap. 86— 99, mit Auswahl, 3 St. w.; b) Lectüre: Cornel. Nep. Phocion, Timol., de regibus, Hamilc., Hannib.„Calo 4 St. w.; 3 0) woͤchentl. 2 Exer⸗ eit, nach Spieß, 2 St. w.: Dr. Stacke. 3. Deutſche Sprache: im Sommer 2 St. w.„theils Lectüre nach Bach's Leſeb., un⸗ tere Lehrſtufe, theils ſchriftliche Aufſätze: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Fortſetz. der Lectüre nach Bach's Lefebuch, untere Lehrſtufe, nebſt er⸗ zählenden Aufſätzeu und Declamirübungen: B. L. Dr. Braun. 4. Franzöſ iſche Sprache: im Sommer 2 St. w., theils Grammat. nach Müller §. 1—70 nebſt ſchriftl. Exercit., theils Lectüre nach Ahn's Leſebuch B. L. Kellner. Im Winter 2 St. w., Grammat, nach Ahn, Formenlehre, Cap. 1—8 und Lectüre nach Ahn's Leſeb. Curſ. II, 1—6, nebſt ſchriftl. Exercit.: B. L. Kellner, im 2. Quartal: B. L. Staehle. 6 g1 5. Religionslehre: im Süsr 92 St. w., Catechismuslehre, 1 Hanptſt: B. L. Dr. Brann. 1 Im Winter 2 St. w. Euchionaebee 2. Hälfte und Auswendiglernen von Liedern und Bibelſtellen: B. L. Dr. Braun. 6. Geſ chichte: im Sommer?St. w. Hauptereigniſſe aus dem Mittelalter: B.L. Dr. Bra aun. Im Winter 2 St. w. Hauptereigniſſe aus der Zeit von der Reiomxiof bis franz. Re⸗ volution: B. L. Dr. Braun. 7. Geographie: im Sommer 2St. w. Bodengepräge von Europa: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w. Bodengepräge von Aſien, Afrika, Amerika und Auſtralien: B. L. Berkenbuſch.* 9 8. Naturgeſchichte: im Sommer 1 St. w. Botanik: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 1 St w. Säugethiere nach Lennis: B. L. Berkenbuſch. 9. Mathematik: im Sommer 3 St. w.; a) Arithmetik 2 St. w., Bruchrechnung, Th. I.; b) Planimetriſches Figurenzeichnen, 1 St. w.: Dr. Hartmann. 40 Im Winter 3 St. w.; a) Arithmet. Bruchrechnung, Th. 2, und Rechnungen des gem Lebens; b) Stercoſtetriſche Anſchauunglehmt. 1 St. w.: Dr. Hartmanm. Classis Quarta realis. Wöchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Stacke. 4. Lateiniſ che Sprache: im Sommer 3 St. w. jtheils Repetit. der Formenlehre, theils Lectüre: Cornel. Nep. Pelopidas und Agesilaus.: B. L. Krauſe, im 2. Quartal: B. L. Berkenbuſch. 24 Im Winter 3 St. w. Formenlehre, nach Siberti, und Lectüre: Cornel. Nep. Miltiades und Aristides.: B. L. Berkenbuſch. 2. Deutſche Sprache: im Sommer 3 St. w., wovon 2 St. in n Verbindung mit Quarta g.(ſiehe oben) und 1 St. in Verbindung mit Tertia r. Geſchäftsſtil, nach Gockel: B. L. Dr. Braun. Im Winter wie im Sommer, 2 St. w. in Verbindung mit Quarta g., und 1 St. w. in Verbindung mit Tertia r.(ſiehe oben) Dr. Braun. 3. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 4 St. w., wovon 2 St. w. in Verbindung mit Quarta g.(ſiehe vorher) und 2 St. beſonders: Einübung der Hauptregeln, nach Ahn's Grammat. ſo wie Lectüre nach Ahn's Leſebuch: B. L. Kellner. Im Winter 4 St. w. und zwar 2 St. in Verbindung mit Quarta g. und 2 St. beſon⸗ ders: Einübung wichtiger Regeln nach Ahn C. 1—8 und Lectüre nach deſſelben Leſebuch Curſ. I, III, 1—12, nebſt ſchriftl. Exercit.: B. L. Kellner, im 2. Quartal: B. L. Staehle. 4. Engliſche Sprache: im Sommer 3 St. w. Grammat. nach Munde 1. Abth. bis Nr. 30 und Lectüre: Reading Lessons und ſchriftl. Exercit.: B. L. Kellner. Im Winter 3 St. w., näml. Gammat nach Munde I,§. 1—90, und Lectüre nach des⸗ ſelben Reading Lessons 12— 24, nebſt ſchriftl. Crexcit.: B. L. Kelln er, im 2. Quartal: B. L. Staehle. 5. Religionslehre: im Sommer 2 St. w. Catechismuslehre, in Verbindung mit Quarta g.: B. L. Dr. Braun. 3 Im Winter(wie im Sommer)2 St. w. in Verbindung mit Quarta g.: B. L. Dr. Braun. 6. Geſchichte: im Sommer 2 St. w, in Verbindung mit Quarta g4: B. L. Dr. Braun. Im Winter(wie im Sommer) 2 et. w., in Verb. mit Lkarta g.: B. L. Dr. Braun. 7. Geographie: im Sommer 2 St. w., in Verb. mit Quarta g.: B. L. Berken buſch. Im Winter(wie im Sommer) 2 St. w. in Verb. mit Quarta g.: B. L. Berkenbuſch. 41 8. Naturgeſchichte: im Sommer 2 St. w., wovon 1 St. Botanik: in Verbindung mit Quarta g.(ſiehe oben) und 1 St. in Verb. mit Tertia r. Zoologie, Schmetterlinge: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w., wovon 1 St. in Verb. mit Quarta g. und 1 St. beſonders: In⸗ ſecten, mit Ausſchluß der Schmetterlinge, nach Leunis: B. L. Berkenbuſch. 9. Mathemathik: im Sommer 5 St. w. a) Gemeine Bruchrechnung, Th. I. 2 St. w.; b) Planimetriſche Anſchauungslehre verbunden mit Figurenzeichnen, 1 St. w.: G. L. Kutſch; c) Uebungen im practiſchen Rechnen 2 St. w.: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 5 St. w. a) Gemeine Bruchrechnung, 2 Th. mit Anwendung auf benannte Zahlen, 2 St. w.; b) Fortſetzung der planimetr. Anſchauungslehre, Figurenzeichnung, An⸗ fang der ſtereometr. Anſchauungslehre, 1 St. w.: G. L. Kutſch; c) Practiſche Rechnungen nach Hering, Hft. II, Abſchn. VI—VIII, 2 St. w.: B. L. Berkenbuſch. Classis Quinta. Woͤchentlich 30 Lehrſtunden.— Ordinarius: B. L. Dr. Braun. 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 2 St. w., Elemente der Form enlehre bis 2. Declinat.: B. L. Krauſe, im 2. Quartal: Dr. Stacke. Im Winter 2 St. w. Fortſetzung der Formenlehre, nach Kühner's Elementargramm. von §. 28— 52, und Ueberſetzungsverſuche: Dr. Stacke. 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 9 St. w. a) Grammatik uach Siberti, For⸗ menlehre und Elemente der Syntar, nebſt ſchriftl. Exercit. 6 St. w.; b) Lectüre nach dem Uebungsbuch von Spieß, 3 St. w.: B. L. Krauſe, im 2. Quartale: B. L. Dr. Braun. Im Winter 9 St. w. a) Grammat. nach Siberti, Formenlehre, und Syntax, nebſt ſchriftl. Exercit. 5 St. w.; b) Lectüre nach Spieß lat. Uebungsſt. und Eutrop. Brev. H. R. Buch 1. und das 2. zur Hälfte, 4 St. w.: B. L. Dr. Braun. 3. Deutſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Lectüre nach Bach's Leſebuch, untere Lehrſtufe, nebſt ſchriftl. Aufſätzen: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Fortſetzung der Lectüre nach Bach's Leſeb., untere Lehrſt., nebſt Memorirübungen und erzählenden Aufſätzen: Dr. Hartmann. 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Anfangsgründe, nach Ahn bis Nr. 90: B. L. Krauſe, im 2. Quartal: B. L. Kellner. Im Winter 2 St. w. Fortſetzung der Anfangsgründe, nach Ahn s Curſ. I., Nr. 90 bis zum Schluß: B. L. Kellner, im 2. Quartal: B. L. Staehle. 5. Religionslehre: im Sommer 2 St. w. Bibliſche Geſchichten des A. T.: B. L. Dr. Braun. 6 42 Im Winter 2 St. w. Bibliſche Geſchichten des N. T.: B. L. Dr. Braun. 6. Geſchichte: im Sommer 2 St. w. Biographiſche Darſtellungen aus der griechiſchen Geſch.: B. L. Dr. Braun, im 2. Quartal: B. L. Kellner. Im Winter 2 St. w. Biograph. Darſtellungen aus der römiſchen Geſchichte: B. L. Kellner, im 2. Quartal: B. L. Staehle. 7. Geographie: im Sommer 2 St. w. Geographie von Kurheſſen: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w. Anfangsgründe der allgem. Geographie: B. L. Berkenbuſch. 8. Naturgeſchichte: im Sommer 2 St. w. Beſchreibung einheimiſcher Pflanzen und Thiere, meiſt nach lebenden Exemplaren: G. L. Kutſch. Im Winter 2 St. w. Die wichtigſten Thiere, vornehmlich der oberen Klaſſen, mit beſon⸗ derer Rückſicht auf die einheimiſchen: G. L. Kutſch. 9. Mathematik: im Sommer 3 St. w. Zifferrechnen und die 4 Species: G. L. Kutſch. Im Winter 3 St. w. Zifferrechnen in ganzen Zahlen, auch in benannten. Anfang der Bruchrechnung: G. L. Kutſch. B. Techniſche Lehrfächer. 1. Schönſchreiben: im Sommer und Winter 1 St. w. in Tertia comb., 2 St. w. in Tertia real., 2 St. w. in Quarta comb., 2 St. w. in Quinta: Z.⸗L. Storck. 2. Zeichnen: im Sommer und Winter 1 St. w. in Tertia gymn., 2 St. in Tertia real., 2 St. w. in Quarta comb.: Z.⸗L. Storck. 3. Geſang: im Sommer und Winter 2 St. w. Anfangsgründe, 4 St. w. für die ein⸗ zelnen Stimmen des Chores: Cantor Kapmeier. 4. Turnübungen: im Sommer Dienſtags und Freitags von 6—8 Uhr, hernach von 5— 7 Uhr Abeuds unter Leitung des B. L. Krauſe und Z.⸗L. Storck. 5. Schwimmübungen: im Sommer Montags, Mittwochs, Donnerſtags und Sonn⸗ abends, gewöhnlich von 6—7 Uhr Abends unter Leitung des B. L. Krauſe und Z.⸗L. Storck. II. Chronik des Gymnaſiums. Im nun beendeten Schuljahre von Oſtern 1857 bis Oſtern 1858 wurde der Unterricht 43 des Sommerſemeſters am 21. April begonnen, nachdem Tags zuvor die zur Aufnahme in das Gymnaſium Angemeldeten waren geprüft worden, und fortgeſetzt bis zum 23. September. We⸗ nige Tage vor Beginn der Schulen, am 10. April, ſtarb der ordentliche Lehrer am Gymnaſium, Dr. Georg Lobe, nach dreimonatlichen Leiden an der Bruſtwaſſerſucht. Geboren zu Weimar am 18. Februar 1793 hatte er ſeine Studien auf dem Gymnaſium daſelbſt, ſowie auf der Uni⸗ verſität Jena gemacht und war am 22. November 1822 am frühern Lyceum in Caſſel durch allerhöchſtes Reſcript als Lehrer angeſtellt, im Auguſt 1840 aber als ordentlicher Lehrer an das hieſige Gymnaſium verſetzt worden, wo er bis zu ſeinem Tode Unterricht in den neueren Sprachen ertheilte. Die Lehrer und Schüler des Gymnaſiums erwieſen ihm den letzten Dienſt, indem ſie ihn zu ſeiner Ruheſtätte begleiteten.— Schon am 17. April wurde durch hohes Miniſterial⸗ Reſcript Nr. 3569 der Gymnaſialpractikant Kellner mit Aushülfeleiſtung dahier gegen eine jährliche Vergütung von 280 Thlr. beauftragt und konnte ſchon am 27. April in ſein neues Amt eingeführt werden. Die Pfingſtferien dauerten vom 30. Mai bis zum 3. Juni, die Sommerferien vom 29. Juni bis zum 19. Juli. Kurz vor Anfang der letzteren wurde durch hohen Miniſterialbeſchluß vom 12. Juni, Nr. 4910 M. Pr., der beauftragte Lehrer Krauſe in gleicher Eigenſchaft von hier an das Gym⸗ naſium in Marburg verſetzt. Er ſchied unter den beſten Wünſchen ſeiner Mitlehrer und Schüler, denn er hatte ſein Lehramt ſeit Oſtern 1854 mit Treue und Fleiß und ſichtbarem Erfolge ver⸗ waltet. Am 20. Auguſt wurde das Geburtsfeſt Sr. Königl. Hoheit des allerdurchlauchtigſten Kur⸗ fürſten von Lehrern und Schülern und einem zahlreichen Publikum feierlich begangen. Die Feſt⸗ rede hielt B. L. Berkenbuſch. Zur Maturitätsprüfung hatten ſich 5 Primaner angemeldet, welche den zweijährigen Curſus eben beendigten, nämlich Georg Wilhelm Cramer aus Rodeuberg, Carl Ludwig Nobbe von hier, Albin Fuchs aus Schmalkalden, Auguſt Plitt aus Marburg, Jacob Gundlach aus Mar⸗ burg, und außer dieſen Wilhelm Brill aus Bergen, welcher, nach Beſuch des Gymnaſiums in Marburg und verſuchter Reifeprüfung, ſich durch nachgewieſene Privatſtunden vorbereitet hatte. Die ſchriftliche Maturitätsprüfung fand am 17. bis 21. Auguſt, die mündliche Prüfung am 3. und 4. September ſtatt. Nachdem am 21. und 22. September die gewöhnlichen Herbſtprüfungen in ſämmtlichen Klaſſen vollzogen waren, erfolgte am 23. September in feierlicher Verſammlung die Entlaſſung der zur Univerſität Uebergehenden, ſowie die Bekanntmachung der Verſetzung und neuen Ord⸗ nung der Schüler. Der Wintercurſus begann am 13. October nach vorhergegangener Präſung der zur aus⸗ nahmsweiſen Aufnahme in das Gymnaſium Angemeldeten. Gegen Ende des erſten Winterquartals wurde der beauftragte Lehrer Kellner, welcher 44 ſeit Anfang des Sommerſemeſters in ſeinem Amte mit Eifer gewirkt hatte, durch hohen Beſchluß Kurf. Miniſteriums d. J. vom 4. December, Nr. 9843 M. Pr., in gleicher Eigenſchaft an das Gymnaſium in Caſſel verſetzt. In die erledigte Stelle trat der Gymnaſialpractikant Georg Wilhelm Staehle,(über ſeinen Lebens⸗ und Bildungsgang vergl. Caſſeler Gymnaſ⸗Progr. Oſtern 1857) der durch Miniſterialreſcript von eben dem Tage mit Aushülfeleiſtung beauftragt worden war. Die Weihnachtsferien dauerten vom 24. December bis 4. Januar d. n. J. In der 2. Woche des Januars meldeten ſich zur Maturitätsprüfung die Primaner: Hein⸗ rich v. Loßberg aus Frankenberg, Daniel Schumann aus Gudensberg, Conrad Schmitt aus Marburg, Conrad Faulhaber aus Marburg, Carl Merckel aus Treiſa, Philipp Bang aus Schlüchtern, Wilhelm Gutberlet aus Breitenbach, und wurden insgeſammt zur Prüfung zugelaſſen, die 5 letzteren mit Genehmigung hohen Miniſteriums. Der ſchriftliche Theil der Prüfung war auf die Tage vom 22.—26. Februar, die mündliche Prüfung auf den 12. und 13. März feſtgeſetzt. III. Statiſtiſche Ueberſicht. a) Lehrer. Folgende Mitglieder bilden jetzt das Lehrercollegium: 1. Ordentliche Lehrer. Dr. Auguſt Schiek, Director. Dr. Heinrich Feußner, Ordinarius in I. Dr, Friedrich Eyſell, Ordinarius in II. Pf. Wilhelm Meurer, Ordinarius in III und Bibliothekar der Schülerbibliothek. Dr. Julius Hartmann, Lehrer der Mathematik und Phyſik. Dr. Louis Chriſt. Stacke, Ordinarius in IV und Bibliothekar der Gymn. Bibl. G.-L. Joh. Auguſt Kutſch, Lehrer der Mathematik. 2. Beauftragte Lehrer. Dr. Friedrich Braun, Ordinarius in V. Chriſtian Berkenbuſch. Georg Wilhelm Staehle. 45 n 3. Außerordentliche Lehrer. Georg Heinrich Storck, Zeichnen⸗ und Schreiblehrer. Cantor LePryeber b) Schüler. Nach erfolgter Maturitätsprüfung waren am Schluſſe des vorigen Schuljahres zur Unider⸗ ſität entlaſſen worden, die Primaner: 1) Carl Wilhelm Auguſt Gieſe aus Hattendorf, lutheriſcher Confe ſſion, 19 ⅓ Jahre alt, 8 Jahre lang Schüler des Gymnaſiums und zwar 2 Jahre in der Prima, mit dem Zeugniſſe Nro. I, ſehr gut vorbereitet, welcher Theologie; 2) Auguſt Heinrich Reimerdes aus Groß⸗Neelhof, lutheriſcher Confeſſton, 18 Jahre alt, 7 Jahre lang Schüler des Gymnaſiums, und zwar 2 Jahre in der Prima, mit dem Zeugniſſe Nro. I, ſehr gut vorbereitet, welcher Jurisprudenz; 3) Emil Werner aus Marburg, reformirter Confeſſion, 21 ½ Jahre alt 10 Jahre im Gymnaſium, 2 ½ Jahr in der Prima, mit dem Zeugniſſe Nro. IV, befähigt zu den academiſchen Studien, welcher Jurisprudenz zu ſtudieren beabſichtigt. Ebenſo verließ kurz vor Beginn der Schule der Tertianer Otto Ahlborn aus Eisbergen im Preuß. die Lehranſtalt, um Kaufmann zu werden. Von den zu Oſtern zur Aufnahme Angemeldeten traten 17 in die Schule ein, welche einbe⸗ griffen die Geſammtzahl der Schüler im Sommerhalbjahr 83 betrug, von denen der Prima 12, der Secunda 8, der Tertia g. 21, der Tertia r. 6, der Quarta g. 13, der Quarta r. 9, der Quinta 14 angehörten. Im Laufe oder am Schluß des Semeſters gingen von der Schuls ab: der Primaner Emil Weiß von hier, um die polytechniſche Schule in Hannover zu beſuchen; die Tertianer: Georg Ellerſiek von hier, um Apotheker; Alexander Haefecker von hier, und Wilhelm Daue von hier, um Kaufleute; der Buartanet Carl Waifs von hier, um Kaufmann zu werden. Zur Univerſität gingen nach beſtandener Maturitätsprüfung über:. ¹) Georg Wilhelm Kramer aus Rodenberg, lutheriſcher Confeſſion, 19 ½ Jahr alt, 5 Jahre Schüler des Gymnaſiums, 2 Jahre in der Prima, mit dem Reifezengniß„ſehr gut vor⸗ bereitet,“ welcher Theologie; 2) Carl Ludwig Nobbe von hier, lutheriſcher Confeſſion, 19 ½ Jahre alt, 9 ½ Jahr Schüler des Gymnaſiums, 2 Jahre in der Prima, mit dem Zeugniſſe„gut vorbereitet,“ welcher Theologie; 3) Adolph Carl Albin Fuchs aus Schmalkalden, evangeliſcher Confe ſſion, 21 ⅛¼ Jahr alt, 46 3 Jahre Schüler des Gymnaſiums, 2 Jahre in der Prima, mit dem Zeugniſſe der Reife,„gut vorbereitet“ welcher neuere Philologie; 4) Ludwig Auguſt Plitt aus Marburg, lutheriſcher Confeſſion, 21 ½ Jahr alt, 11 ½ Jahr Gymnaſialſchüler, 2 Jahre in der Prima, mit dem Maturitätszeugniſſe„gut vorbereitet,“ welcher Arzneikunde; 5) Ludwig Jacob Gundlach aus Marburg, reformirter Confeſfion, 20 Jahre alt, 8 ½ Jahr Gymnaſialſchüler, 2 Jahre in der Prima, mit dem Maturitatszeugniſſe„gut vorbe⸗ reitet,“ welcher Arzneikunde zu ſtudieren gedenkt. Zu Michaelis konnten von den zur ausnahmsweiſen Aufnahme Angemeldeten nur 10 in den verſchiedenen Klaſſen aufgenommen werden, welche mit eingerechnet die Anzahl der am Un⸗ terricht während des Winterſemeſters theilnehmenden Schüler 89 betrug. Von ihnen gehörten der Prima 13, Secunda 11, Tertia 8. 19, Tertia r. 7, Quarta g. 12, Quarta r. 11, Quinta 16 an. Bis zum 9. März verließen nur 2 das Gymaſium, um zu einem practiſchen Geſchäfte ſich vorzubereiten, nämlich die Secundaner: Carl Eyſell von hier, um Apotheker, und Victor Edelſtein von hier, um Kaufmann zu werden. IV. Bibliotheken und Apparate. Für Erweiterung der wiſſenſchaftlichen Sammlung des Gymnaſiums wurde nach Maßgabe der vorhandenen Geldmittel geſorgt. 1) Der Gymnaſialbibliothek, welche der Spezialaufſicht des G. L. Dr. Stacke anvertraut iſt, wurden außer andern Büchern, die zur Ergänzung größerer Werke, namentlich im lexica⸗ liſchen und hiſtoriſchen Kreiſe, dienen, folgende Schriften einverleibt: Momnrſens Römiſche Ge⸗ ſchichte; Fonſeca's indiſche Mythologie; Lenz's Zoologie der Alten; Nitzſch's die Griechen und ihre Vorgänger: u. ſ. w. Die Vereinsprogramme von 1855, 56 und zun Theil von 57 wurden ebenfalls regiſtrirt. 2) Die Schülerbibliothek unter Auſſicht des G. L 9. Pfarrer Meurer hat, nebſt anderem Zuwachs, Juſtus Moeſer's patriotiſche Phantaſien; Müller's Buch der Pflanzenwelt; Kane's zwei Nordpolreiſen; Seibert's Griechenthum und Chriſtenthum, u. ſ. w. erhalten. 3) Das phyſicaliſche Cabinet hat ſich erweitert durch 2, Aräometer, das eine 5 leichtere, das andere für ſchwerere Flüſſigkeiten. 3 47 V. Schulprüfungen und Schuflfeierlichkeiten. 20 Montag den 22. März, Vormittags von 8—12 Uhr. Chorgeſang: Die Himmel rühmen ꝛc. von Beethoven. Prima 8—10 Uhr. Horat, Epist. ad Pisones de A. poët.: Director Dr. Schiek. Phyſik: Dr. Hartmann. Plato. Crito.: Dr. Eyſell. Quinta 10- 42 Uhr. Lat. Grammatik und Eutrop.: B. L. Dr. Braun. Griech. Anfangsgründe: Dr. Stacke. Naturgeſchichte: G. L. Kutſch. Nachmittags 2— 4 Uhr. Tertia. gymn. Lucian. Dialog. M.: Pfarrer Meurer. Ovid. Methamorphos. XIII.: Dr. Stacke. comb. Römiſche Geſchichte: B. L. Dr. Braun. Dienſtag den 23. März, Vormittags 8— 12 Uhr. Secunda 8—40 Uhr. Livius H. R. Libr I.: Dr. Eyſell. Deutſche Geſchichte: Dr. Stacke. Homer. JI. XXIV.: Pfarrer Meurer. Planimetrie: G. L. Kutſch. Quarta 10—12 Uhr. gymn. Cornel. Nep. Phocion.: Dr, Stacke. comb. Franzöſiſche Lectüre, nach Ahn: B. L. Staehle. Geographie von Aſien: B. L. Berkenbuſch. 48 Nachmittags 2—4 Uhr. Tertia real. Engliſche Lectüre: The west. Ind. etc.: B. L. Staehle. „„ Decimalbrüche: G. L. Kutſch. Orarto fel Stereometriſche An ſchauungslehre: G. L. Kutſ cj— 11 „ ¼, Frauz. Grammat.: B. L. Staehle. 3— Mittmoch den 24. März, Vormüttägs 10 Uhr... Chorgeſang: Dreieinigkeit, von Flemming.— An Entlaſſung der zur Univerſität Aögehenden und Leſeäuns der Echüler. * Im Namen des Gymnaſiums lade ich die Eltern unſerer Schüler und alle Goͤnner des Gymnaſialunterrichts zur Theilnahmte an 8 i Shichicalheche ergebenſt ein. Der Gymnaſisl⸗ iee hie „Nr. Schict. — Die Prüfung der zur Aufnahme in das nnsgiun Angemildeten findet am 12. April ſtatt. 25 1G 1112 d 1int eI biO A 11 1O nene dninn InDIGd A.⸗ lmc dmon . 83. — 2*— 9 1 1 i 1 17. 1.1 ½ amloll .„ 2 IE ( 4.— 8 0 anan bntS 1:. uoinoHld qs lanro) am T 211otS 2 E*:nl han artn cbſiloenne dmon 1 1. 4 4. Ao enn idanne BI uTuIre 2: nelile o« i18229 *