Jahresbericht über das Burfürſtliehe Gymnaſinm zu Kinteln, womit zu den am 30. und 31. März und 1. April ſtattfindenden Prüfungen und Schulfeierlichkeiten ergebenſt einladet Dr. H. Aug. Schiek, Gymnaſial⸗Director. Inhalt: 1) Das Leben der Johanna d'Arc, genannt die Jungfrau von Orleans. Eine Abhendlung vom ordentlichen Gymnaſial⸗Lehrer Dr. Eyſella Jese 2) Schulnachrichten vom Director. — T— Rinteln im März 85f- Gedruckt bei C. Böſendahl. 8 — — J14ds Das Keben der Johanna dArc genannt Die Jungfrau von Orleans, genau nach den Quellen mit Benutzung der beſten Hülfsmittel*) beſchrieben. Einleitung. Als im Jahre 1066 Herzog Wilhelm von der Normandie durch die Schlacht bei Haſtings die Engliſche Krone gewonnen hatte, war der Grund zu dem beinahe 400 Jahre langen Kampfe zwiſchen England und Frankreich gelegt. Die Könige von England waren als Herzöge der Normandie Vaſallen der Könige von Frankreich. Dies unnatürliche Verhältnis muſte zu Ver⸗ wickelungen führen, die um ſo ernſter wurden, je mehr die Engliſchen Fürſten durch Heirath ihren Stammbeſitz in Frankreich vergrößerten. Das Ziel der Engliſchen Politik wurde allmäh⸗ lich die Vereinigung beider Reiche durch Heirath und Schwert, während die Franzöſiſchen Könige ſich die gänzliche Vertreibung der Engländer aus Frankreich zur Aufgabe machten. Das Aus⸗ *) Hauptquelle: Procès de condamnation et de réhabilitation de Jeanne d'Arc dite la Pucelle publiés pour la première fois d'après les manuscrits de la Bibliothèque Royale(I. V. Nationale), suivis de tous les documents historiques qu'on a pu réunir et accompagnés de notes et d'éclair- cissements par Jules Quicherat. T.— V. A Paris, 1841— 1849.—— Minder gehaltreich: Collection des Chroniques nationales francaises, écrites en langue vulgaire, du treizième au sei- zième siécle, avec notes et éclaircissements, par J. A. Buchon. Tome IX. Paris 1827. Hülfsmittel: Notice du procès criminel de condamnation de Jeanne d'Arc, dite la Pucelle d'Or- léans, tirée des differents manuscrits de la Bibliotheque du Roi. Par M. Del'A verdy, im dritten Bande der Notices et extraits des manuscrits de la Bibliothéque du Roi. A Paris, 1790. Hlistoire de Jeanne d'Arc, surnommée la Pucelle d'Orléans, tirée de ses propres déclarations, de cent quarante-quatre dépositions de témoins oculaires, et des manuscrits de la Bibliothèque du Roi et de la Tour de Londres, par M. Le Brun de Charmettes. T. I-IV. A Paris, 1817. Ein Auszug aus dieſem Werke iſt: Die Jungfran von Orleans, nach den Proceßakten und gleichzeitigen Chroniken, von G. Görres, mit einer Vorrede von J. Görres. Regens⸗ burg, 1834. Slutten nouveaux sur P'histoire de Jeanne d'Arc par J. Quicherat. A Paris, 1850. Neue Propbeten. Drei hiſtoriſch⸗politiſche Kirchenbilder, von Dr. Carl Haſe. Leipzig 1851. (I. Die Jungfrau von Orleans, S. 1- 96.). Vie de Jeanne d'Arc par Abel Desjardins d'après les documents nouvellement publiés. Paris, 1854. Jeanne d'Arc, sa mission et son martyre; par M. A. Renzi. Paris 1855. ür die Einleitung iſt beſonders E. A. Schmidt's Geſchichte von Frankreich, Hamburg 1840, Band II, benutztzt. 550 ms n 39. 1 dnu msc 2 1 2 ſterben der älteren Linie des Capetingiſchen Mannsſtammes brachte den blutigen Erbfolgekrieg zwiſchen England und Frankreich zum Ausbruche, welcher erſt dann ſein Ende erreichte, als die Herrſchaft der Engländer auf ihre natürlichen Grenzen beſchränkt war. Kraft des Saliſchen Geſetzes, welches die Frauen des Koͤniglichen Hauſes von der Erbberechtigung ausſchloß, ſetzten die Franzoſen den Brudersſohn Philipps IV., Philipp VI. von Valois, auf den Thron; der thatkräftige König Eduard III. von England dagegen nahm als Sohn von Philipps IV. Toch⸗ ter Iſabella die Krone Frankreichs in Anſpruch, indem er die Behauptung aufſtellte, das Sali⸗ ſche Geſetz habe zwar für ſeine Mutter als Frau volle Gültigkeit, nicht aber für ihn. Glän⸗ zende Siege erfocht Eduard beſonders durch die Tapferkeit ſeines gleichnamigen Sohnes, des von der Farbe ſeiner Rüſtung ſogenannten ſchwarzen Prinzen, über weit zahlreichere Fran⸗ zöſiſche Heere, namentlich bei Crecy 1346 und auf der Ebene von Maupertuis, zwei Franzöſiſche Meilen von Portiers, 1356. Doch gelang es ihm ſo wenig, Frankreich ſeinem Scepter zu un⸗ terwerfen, daß er vielmehr am Ende Feines Lebens(1377) alle ſeine Beſitzungen jenſeit des Canals mit Ausnahme von Calais, Bordeaux, Bayonne und einiger kleinern Plätze verloren ſah. Sein heldenmüthiger Sohn war ihm im Tode vorangegangen. Eduards III. Nachfolger waren zu ſehr mit inneren Angelegenheiten beſchäftigt, als daß ſie an Machtvergrößerung nach außen hätten denken können. Als aber mit Heinrich V.(1413— 1422) das Scepter von Eng⸗ land in die Hand eines Königs kam, der an Thatkraft Eduard III. ähnlich war, brachte die Hoffnung, das zerrüttete Frankreich durch Frankreich zu überwinden, die lang verhaltene Flamme des Krieges zu neuem Ausbruch. Kaum war nämlich Karl V.(1364—1380) geſtorben, ſo be⸗ gann wegen der Unmündigkeit ſeines noch nicht zwölfjährigen Sohnes, Karls VI., Streit um die Regentſchaft. Ein greßes Unheil für Frankreich war unter dieſen Umſtänden die ſchon im Jahre 1392 in Folge ausſchweifenden Lebenswandels eingetretene Geiſteskrankheit des Königs, welche von lichten Zwiſchenzeiten unterbrochen bis an ſeinen Tod(1422), alſo volle dreißig ahre, fortwährte und das unglückliche Land allen Greueln der wüſteſten Habgier und Herrſch⸗ ſucht der Parteien preisgab. An der Spitze derſelben ſtanden des Königs Bruder, Herzog Lud⸗ wig von Orleans, und ſein Oheim, der Herzog Philipp von Burgund. Auf die Seite des er⸗ ſteren trat die Königin Iſabella(Iſabeau). Sie war die Tochter des Herzogs Stephan von Baiern und bereits 1385 als vierzehnjähriges Kind von bewunderter Schöuheit mit Carl VI. vermählt worden. Selten hat eine Fürſtin einen ſo ernſten und wichtigen Beruf empfangen, ſelten jo ſchlecht erfüllt, als Iſabella. Sie hatte die Aufgabe, als Vormünderin ihrer Kinder und erſtes Mitglied des Staatsraths die Stütze Frankreichs zu werden und dem Ehrgeiz ihrer Verwandten Schranken zu ſetzen; aber gerade dazu fehlte ihr nicht weniger als alles. Statt zum Segen ward ſie Frankreich zum Fluch. Ihr Beruf erforderte Einſicht, Stärke des Willens und die Entäußerungskraft jener Liebe, welche auf das Heil der Unterthanen die Herr⸗ lichkeit des Thrones baut; ſtatt ſolcher Eigenſchaften beſaß ſie einen hohen Grad von Unwißen⸗ heit, Widerwillen gegen jede ernſte Thätigkeit und die gemeinſte Selbſtſucht, welche theils als Habgier*) und riedens theils als Lüderlichkeit und Unzucht der Abſcheu des Volkes war und ihre Seele mit unbegrenztem Haß gegen jeden erfüllte, der ihrem verbrecheriſchen Ge⸗ lüſte entgegentrat. Ein Theil ihrer Schmach fällt auf das allgemeine Verderben des Hofes, deſſen Sittenloſigkeit die ebenſo unerfahrene als leidenſchaftliche Jun frau mit allen Lockungen der Sünde umgab und namentlich mag die Untreue ihres Gemahls, ater der Wahnſinn deſſel⸗ ben, der ſie zurückſchreckte, die groben Ausſchweifungen ihrer glühenden Sinnlichkeit gefördert haben, die ihr den Namen der großen Buhlerin zuzogen. Gleiche Lüſternheit und das Streben nach unbeſchränkter Leitung der Staatsgeſchäfte verband den Herzo von Orleans mit der Kö⸗ nigin zu einer Vertraulichkeit, welche die allgemeine Stimme als Chebruch brandmarkte, und ſchon glaubte ſich Ludwig nach dem Tode des Herzogs Philipp von Burgund(1404) im Allein⸗ beſitz der Gewalt, als Philipps Nachfolger, Johann, dem Vater ähnlich an Entſchloßenheit, aber *) Sie ließ es dem Könige und ihren Kindern oft an dem Nothwendigſten zum unterhalte fehlen. 3 gewaltſamer und rückſichtsloſer, den verhaßten Gegner nicht weit vom Palaſte der Königin durch Meuchelmord aus dem Wege räumen ließ(23. November 1407). Anfangs entſchuldigte ſich Johann mit dem Vorgeben, der Teufel habe ihn zu dem Verbrechen verleitet; aber weil daſſelbe in Paris wegen der Zügelloſigkeit des Gemordeten im höchſten Grade populär war, ſo beging er bald darauf die beiſpielloſe Frechheit, vor einer Verſammlung des Hofes, der Univerſität, vie⸗ ler Geiſtlichen und Bürger die Schandthat als ein Verdienſt um König und Reich rechtfertigen zu laßen. Er wuſte nicht, daß er den ſpäter an ihm ſelbſt verübten Mord im voraus heili ſprach! Nicht lange blieb Johann im unangefochtenen Beſitze der Obergewalt. Die Partei Orleans ſchloß ſich bereits 1410 durch das Bündnis zu Gien feſter in ſich zuſammen und er⸗ hielt, was die Hauptſache war, in dem durch Alter, Macht und Feldherrntalent hervorragenden Grafen Bernhard VII. von Armagnac, mit deſſen Tochter ſich der junge Herzog Carl von Or⸗ leans vermählte, einen feſten Mittelpunkt. Schon im folgenden Jahre entbraunte der Bürger⸗ krieg, während deſſen Frankreich in die entſetzlichſte Zerrüttung verſank und beide Parteien ſich um Freundſchaft und Bündnis mit dem Erzfeinde des Vaterlandes bewarben. Die Ohnmacht Frankreichs war an ſich ſchon Aufforderung genug für den heldenherzigen Heinrich V. die Ent⸗ würfe Eduards III. wieder aufzunehmen. Am 14. Auguſt 4415 landete er und ſchlug am 25. October das mindeſtens dreimal ſo ſtarke Heer der Franzoſen bei Azincourt faſt zur Ver⸗ nichtung. Jedoch kehrte er vom Schlachtfelde nach England zurück, weil ihn die numeriſche Schwäche ſeiner Armee an der Verfolgung des Sieges verhinderte. Am ſchwerſten traf die Nie⸗ derlage die Partei Orleans. Der Herzog ſelbſt gerieth in Gefangenſchaft*). Johann von Bur⸗ gund hatte weder ſelbſt am Kampfe Theil genommen, noch ſeine Kriegsleute geſchickt, aus Zorn über einen Beſchluß des Königs, welcher beiden ſtreitenden Herzögen die perſönliche Gegenwart beim Heere verbot, eigentlich aber nur gegen ihn gerichtet war. Doch hatte auch er den Tod zweier Brüder und vieler Ritter, die ſich der Sache des Vaterlandes angeſchloßen hatten, zu be⸗ klagen. Statt daß nun das Unglück der Nation die Parteien hätte ansſöhnen und gegen einen Feind vereinigen ſollen, welcher Frankreichs Selbſtändigkeit, mithin die Wohlfahrt aller bedrohte, ſprachen die Anhänger Burgunds offen ihre Freude über die Niederlage der Armagnacs aus, und die Parteihäupter erneuerten ſofort den Bürgerkrieg. Die Gefangennahme Carls von Or⸗ leans ſchien den Burgunderherzog dem Ziele entgegenzuführen, welches er früher durch Mord zu erreichen geſucht hatte, zumal der Herzog von Bourbon das Schichſal der Gefangenſchaft theilte und die übrigen Prinzen von Geblüt, die Herzöge von Berri und Anjou, der Orleaniſchen Par⸗ tei im nächſten Jahre durch den Tod entrißen wurden. Ebenſo muſte der Tod des Dauphins Ludwig(18. December 1415), eines eifrigen Anhängers dieſer Faction**), Johann von Bur⸗ gund als ein günſtiges Ereignis erſcheinen, da der nachfolgende Dauphin Johann durch Heirath mit ſeinem Hauſe eng verbunden war. Jedoch überlebte der letztere ſeinen Bruder nicht lange (T April 1417), und alle Verluſte, welche die Partei Orleans getroffen hatten, wurden dadurch ausgeglichen, daß der fähigſte ihrer Führer, der Graf von Armagnac, nunmehr als unumſchränk⸗ tes Haupt an die Spitze derſelben trat. Der König übertrug ihm zu Ende des Jahres 1415 nicht nur die Würde eines Connetable und Generalcapitains aller Feſtungen, ſondern ernannte ihn auch zum Chef des geſammten Finanzweſens, ſo daß die ganze Regierungsgewalt in Armag⸗ nacs Händen lag. Er übte dieſelbe im Namen von Carls VI. jüngſtem Sohne, dem nachheri⸗ gen Koͤnige Carl VII., auf den das Recht der Thronfolge nach dem Tode der älteren Brüder übergegangen war***). Nur die Königin ſtand ihm noch im Wege, da ſie ein Recht auf die Re⸗ gentſchaft hatte und daſſelbe durch eine Verbindung mit Johann von Burgund geltend machen konnte. Das Mittel, ſie unſchädlich zu machen, bot die Entrüſtung des Volkes über die Ver⸗ ſchwendung und Unſittlichkeit, welche am Hofe der Königin zu Vincenne herrſchten. Armagnac *) Erſt 1440 erhielt er ſeine Freiheit wieder. **) Ein noch älterer Bruder, Carl(geb. 1392), war ſchon 1401 geſtorben. ***) Carl(VII.), geboren 22. Februat 1403, Graf von Ponthieu, ſpäter auch Herzog von Touraine ꝛc. 4 verbannte ſie nach Tours, entriß ihr alle in Paris und Melun, wo ſie ein Schloß beſaß, ver⸗ borgenen Schätze und ließ ſie aufs ſtrengſte bewachen. Inzwiſchen entfremdete ſich der Graf durch tyranniſche Härte und Erpreſſungen mehr und mehr die Gemüther und bahnte ſo dem Herzog von Burgund den Weg, ihm die Regentſchaft zu entreißen. Johanns erſter Verſuch, ſich gleich nach der Schlacht bei Azincourt der Regierung zu bemächtigen, war an der Energie des Grafen geſcheitert. Jetzt erließ Johann am 24. April 1417 ein Manifeſt an alle Städte des Reiches, worin er ſich als Beſchützer des unterdrückten Volkes ankündigte und namentlich Erleichterung von den willkürlichen Abgaben verſprach. Um ſeinen Maßnahmen die Weihe des Rechtes zu geben, trat er in Verbindung mit der Königin, die ſeine Hülfe anrief, und befreite ſie aus ihrer Haft. Allenthalben wurden die Burgunder mit Freuden aufgenommen, am 29. Mai 1418 drangen ſie in Paris ein. Die Wuth des Volkes gegen die bisherigen Machthaber kannte keine Grenzen und Paris wurde der Schauplatz der entſetzlichſten Greuel. Der Graf von Armagnae fiel als Opfer der Volksrache und mit ihm alle ſeine Anhänger, deren man habhaft werden konnte, kein Stand, kein Alter, kein Geſchlecht ward verſchont: 3000 Menſchen verloren während jener Bluttage das Leben. Am 14. Juli hielt die Königin und der Herzog von Bur⸗ gund einen triumphirenden Einzug in Paris, der geiſtesſchwache König beſtätigte das neu er⸗ richtete Parlament und die neue Rechenkammer. Um den Dauphin, der durch Tanneguy du Chatel aus Paris entkommen war, ſammelte ſich nunmehr die Orleaniſche Partei. Carl ſchlug auf den Rath ſeiner Anhänger, beſonders du Chatels, eine Verſöhnung aus, nahm unter dem Titel eines Regenten ſeinen Aufenthalt in Bourges, ſetzte daſelbſt eine Rechenkammer ſowie ei⸗ nen oberſten Gerichtshof zu Poitiers ein und ließ durch du Chatel, den er zu ſeinem Feldherrn und Stellvertreter im nördlichen Frankreich ernannte, den Krieg gegen den Burgunderherzog fortſetzen. Während auf dieſe Weiſe Frankreich in zwei feindliche Heerlager geſpalten, die Re⸗ gierung und jede öffentliche Gewalt eine doppelte war, hatte Heinrich V. von England am 1. Auguſt 1417 den Krieg erneuert. Johann, durch Armagnacs Uebermacht bedrängt, hatte fortwährend in Unterhandlung mit Heinrich geſtanden, und war auch der bei einer Zuſammen⸗ kunft beider in Calais dem Herzog vorgelegte Entwurf eines Vertrags(1416), wornach dieſer die Rechte Heinrichs V. auf den Thron von Frankreich anerkennen und verſprechen ſollte, ſo⸗ bald Heinrich einen anſehnlichen Theil Frankreichs unterworfen habe, ihm als Oberherrn Hul⸗ digung und Treuſchwur zu leiſten, von Johann nicht unterſchrieben worden*), ſo hatte er doch einen Waffenſtillſtand mit Heinrich gejoben und demſelben wahrſcheinlich das Verſprechen ge⸗ geben, ihm keinerlei Widerſtand entgegenzuſetzen. Durch die raſchen Fortſchritte der Engliſchen Waffen in der Normandie, beſonders durch den Fall von Rouen, welches im Anfang des Jah⸗ res 1419 nach tapferer Gegenwehr erlag, wurden die feindlichen Parteien des Dauphins und des Herzogs von Burgund anfangs nur zu getrennten Verſuchen bewogen, den Koͤnig von England zum Frieden zu ſtimmen. Erſt die maßloſen Anſprüche und die Drohung Heinrichs, den Herzog von Burgund ſammt dem Könige aus Frankreich zu verjagen, wenn man ſeine Forderungen nicht gewähre, brachten Johann zu dem Entſchluß, auf eine Verſöhnung mit dem Dauphin einzugehen, welche ihm dieſer, um einen Vertrag Johanns mit England zu hintertrei⸗ ben, durch du Chatel bieten ließ. So kam bei einer perſönlichen Unterredung bei Pouilly⸗le⸗Fort (11. Juli 1419) ein Friede zu Stande, in welchem beide Fürſten mit den feierlichſten Eiden einander fortan unverbrüchliche Liebe und Treue ſchworen, die Regierung im Namen des Kö⸗ nigs gemeinſam zu führen und die Engländer mit vereinter Kraft aus dem Reiche zu vertreiben gelobten. Furcht hatte die Eintracht erzwungen, die bittere Wurzel das Haßes war nicht ge⸗ tilgt. Bald wurde der Jubel des Volkes durch ein ungeheures Verbrechen erſtickt. Beinahe zwoͤlf Jahre waren verfloßen ſeit jener ſchwarzen That, welche Johann von Burgund an dem Herzog Ludwig von Orleans verübt hatte, jetzt glaubte die Verruchtheit den Augenblick der Ver⸗ geltung gekommen. Drei Tage vor der erſten Greuelthat hatten Johann und Ludwig ihrer Ver⸗ *) E. A. Schmidt: Geſchichte von Frankreich, Hamburg 1840, Band 1II, Seite 259. 5 ſöhnung durch den gemeinſchaftlichen Beſuch der Meſſe und Empfang des Abendmahls den Schein der Aurichtigkeit gegeben, kaum vor zwei Monaten hatten in Pouilly Johann und der Dauphin ſich über dem Evangelium und dem Crueifix die Hände zum Frieden gereicht, und wie vormals nach vollbrachtem Mord der Herzog von Burgund ſchamlos genug geweſen war, ſeine That als ein Verdienſt um das Reich zu rechtfertigen, ſo durfte jetzt die Rache im voraus auf völlige Strafloſigkeit rechnen. Nach dem Falle von Rouen und der Einnahme von Pontoiſe lag die Hauptſtadt den Engländern offen. Der Dauphin, welcher mit 20000 Streitern nach Montereau geeilt war, entbot den Herzog durch du Chatel zu einer Unterredung auf die Yonnebrücke, um über des Reiches und die eigene Sicherheit zu berathen. Nach einiger Zögerung fand ſich Jo⸗ hann am 10. September 1419 in Begleitung von 500 Gendarmen und 200 Bogenſchützen in Montereau ein*). Bei ſeiner Ankunft wurde er von mehreren ſeiner Anhänger, die in der Stadt geweſen waren, gewarnt, auf ſeiner Hut zu ſein und ſich nicht in die Gewalt des Dau⸗ phins und der Anhänger deſſelben zu geben. Die Meinungen ſeiner Räthe waren getheilt, al⸗ lein, da auch die Frau von Giac ihn dringend bat, ſich zu der verabredeten Zuſammenkunft zu begeben, ſo entſchloß er ſich dazu noch an demſelben Tage. Das Mistrauen zeigte ſich darin, daß man die Brücke durch doppelte Barrieren ſo geſperrt hatte, daß zwiſchen den mittleren ein Raum für beide Fürſten und je zehn ihrer Begleiter verblieb. Im Gefolge des Dauphins be⸗ fand ſich du Chatel nebſt andern Anhängern Armagnacs. Johann beugte das Knie vor dem Dauphin zu ehrfurchtsvollem Gruße, aber kaum waren einige Worte zwiſchen ihnen gewechſelt, als einer der Begleiter des Dauphins dem Herzog mit einer Streitaxt einen Hieb ins Geſicht verſetzte und ihm das Kinn abhieb, ſo daß er niederfiel. Darauf wurde er durch andere getödtet ſowie auch einer ſeiner Begleiter, der Herr von Navailles; die übrigen derſelben wurden zum Theil verwundet und mit Ausnahme des Herrn von Montagn, welcher über die Barriere ſprang, ge⸗ fangen genommen. Ueber die Einzelnheiten der Ausführung dieſes Meuchelmords weichen die gleichzeitigen Berichte von einander ab. Du Chatel wird von den Anhängern des Herzogs als der genannt, welcher das Zeichen zur Mordthat gab und den erſten Streich führte, während von den Anhängern des Dauphins angegeben wird, daß er dieſen in ſeine Arme genommen und aus dem auf der Mitte der Brücke eingeſchloßenen Raum herausgetragen habe, und er ſich ſelbſt bereit erklärte, in einem Zweikampfe zu beweiſen, daß er nicht den Herzog verwundet habe. Von dieſen wird ferner behauptet, der Herzog habe vom Dauphin gebieteriſch gefordert, daß er ſich zu ſeinem Vater begebe, er habe die linke Hand gegen ihn ausgeſtreckt und mit der rechten das Schwert zur Hälfte aus der Scheide gezogen, und dies habe bie Begleiter des Dauphins veranlaßt, ihn zu tödten. Jene berichten, daß er nur das Schwert, welches beim Niederknieen ſich zurückgeſchoben, angefaßt habe, um es vorzuziehen, daß du Chatel, Johann Louvet, Präſident der Provence, der Vicomte von Narbonne und Robert von Loir ſich ſchon vor längerer Zeit zur Ermordung des Herzogs verſchworen hätten, und daß nur die zahlreiche Kriegsmacht, von welcher derſelbe zu Pouilly⸗le⸗Fort begleitet geweſen ſei, ſie zurückgehalten habe, ſchon damals die That auszuführen. Manche waren der Meinung, daß drei von den Möͤrdern, unter ihnen der Vicomte von Narbonne, den Mordplan gefaßt haͤtten, um den Herzog von Orleans, in deſſen Dienſten ſie früher geſtanden, zu rächen. Während die Anhänger des Dauphins behaupten, daß er nichts von der Abſicht des Mordes gewußt habe, wurde er in einem Schreiben Carls VI. an die Einwohner von Paris angeklagt, daß er die Mordthat mit den Vollführern derſelben ver⸗ abredet und bei der Panin nntt ihnen ſelbſt das Zeichen gegeben habe. Der Verdacht des Verraths unter den Umgebungen des Herzogs ſelbſt wurde dadurch erregt, daß die Frau von Giae ſich ſogleich nach ſeiner Ermordung zum Dauphin begab, und die allgemeine Meinung klagte ſie der Mitwißenſchaft um den Mordplan an. Nicht zu bezweifeln ſcheint, daß dieſe That nicht das Werk eines Augenblicks, ſondern die Ausführung eines früher gefaßten Entſchlußes war, und daß, wenn die Mörder auch nicht vorher die Billigung und Beiſtimmung des Dau⸗ *) Meiſt wörtlich nach Schmidt 1. 1. S. 273— 274. 6 phins erhielten, ſie doch überzeugt waren, daß derſelbe die vollfuͤhrte That nicht beſtrafen werde*). Johanns Sohn, Philipp der Gute, dachte nur an Rache, er erkaufte ſie durch Verrath am Va⸗ terlande. Sofort trat er in Unterhandlungen mit Heiurich.) Dieſer erkärte ſich zum Abſchluß eines Vertrages bereit, infolge deſſen er Carls VI. Tochter Catharina, als Mitgift die Krone Frankreichs nach dem Tode des Königs und einſtweilen die Regentſchaft erhalten würde. Dem Herzog war dieſer Preis für ſeine Rache nicht zu hoch. Der kranke König ließ ſich als willen⸗ loſes Werkzeug zu allem brauchen, und Iſabelle voll Erbitterung über die alten Kränkungen durch die Partei des Sohnes vergaß ihrer Pflichten als Königin und Mutter um ſo leichter, als ihr Ehrgeiz durch die Erhebung ihres Lieblingskindes auf die Throne zweier Reiche befrie⸗ digt war. So ward auf die von Heinrich geſtellten Bedingungen am 21. Mai 1420 der Ver⸗ trag von Troyes geſchloßen und bald darauf die Vermählung Heinrichs mit Catharina vollzo⸗ gen. Heinrich legte ſich von jetzt an auch den Titel eines Regenten und Erben von Frankreich bei und hielt am 1. December mit dem König und dem Herzog ſeinen Einzug in Paris unter dem freudigen Zuruf des Volkes, welches in der Engliſchen Herrſchaft das Ende ſeiner langjäh⸗ rigen Drangſale erblickte. Am 10. December beſchworen die Stände des Reiches, natürlich lau⸗ ter Burgundiſchgeſinnte, den Vertrag von Troyes, welcher zum Staatsgeſetz erhoben wurde. Dann trat am 23. December Philipp von Burgund als Kläger wider den Dauphin und ſeine Mitſchuldigen auf; letztere wurden als Hochverräther verurtheilt, der Dauphin Carl am 3. Ja⸗ nuar 1421 vorgeladen, vor dem Parlamente zu erſcheinen, und als er ſich nicht einfand, durch einen Beſchluß deſſelben der Vergehungen,deren er beſchuldigt worden war, für überführt und der Nachfolge in irgend einer Herrſchaft für unwürdig erklärt und auf immer aus Frankreich verbannt**). Gleich darauf eilte Heinrich zur Krönung ſeiner Gemahlin und Werbung neuer Streitkräfte nach England. Während ſeiner Abweſenheit gewannen die Anhänger des Dauphins eine blutige Schlacht bei Beaujé beſonders durch die Schottiſchen Hülfstruppen, welche der mit England verfeindete Herzog von Albany, der Regent Schottlands, unter Anführung ſeines Soh⸗ nes, des Grafen von Buchan, dem Dauphin auf deſſen Bitten zu Hülfe geſchickt hatte. Aber dieſer Sieg war nur ein Sonnenblick, den Heinrich nach ſeiner Rückkehr an der Spitze eines furchtbaren Heeres durch Einnahme vieler Städte und Feſten verdunkelte. Der Norden Frank⸗ reichs bis an die Loire ſchien verloren, und der Zeitpunkt nicht fern, wo ein letzter Kampf im Süden entſcheiden muſte, ob Frankreich aufhören ſollte, als ſelbſtändiger Staat unter einem an⸗ geſtammten Herrſcher zu ſtehen, als Heinrich V. am 31. Auguſt 1422 in der Blüthe der Jahre durch den Tod aus ſeiner Heldenlaufbahn gerißen wurde. Er hinterließ den Thron Englands und die Anwartſchaft auf die Franzöſiſche Kroue einem nicht neun Monate alten Kinde, Hein⸗ rich VI., die Regentſchaft beider Reiche während der Minderjährigkeit deſſelben ſeinen Brüdern, den Herzögen von Bedford und von Gloceſter**). Schon am 21. October folgte Carl VI. ſeinem Schwiegerſohne im Tode. Unmittelbar nach der Beerdigung wurde Heinrich VI. als König von Frankreich ausgerufen*), gleichzeitig(27. October) ließ ſich der Dauphin als Carl VII. in *) Quicherat I, 183 sq.(Johanna) interrogata utrum aestimat et firmitur credit, quod rex suus bene fecit in interficiendo dominum ducem Burgundiae: respondit quod hoc fuit magnum dam- num pro regno Franciae et, quidquid esset inter ipsos duos principes praedictos, Deus misit eam(Johannam) ad succursum regis Franciae. *) So Schmidt I. I. p. 278 sq.. **) Nach dem Willen Heinrichs V. ſollte Bedford die Regentſchaft von Frankreich, Gloceſter die von England übernehmen, eine Beſtimmung, welche das Engliſche Parlament dahin abänderte, daß es den Herzog von Bedford zum Präſidenten eines aus den Pairs gebildeten Regentſchaftsrathes un⸗ ter dem Titel Protektor des Königreichs und der Kirche von England, und für die Dauer ſeiner Abweſenheit den Herzog von Gloceſter zu deſſen Stellvertreter ernannte. Die wirkliche Krönung Heinrichs VI. zum König von Frankreich fand erſt am 16. December 1431 in der Notredamekirche zu Paris durch den Cardinal Heinrich Beaufort, Biſchof von Wincheſter, ſtatt, nachdem Carl VII. bereits am 17. Juli 1429 Krone und Salbung in Reims empfangen hatte. 7 Poitiers, da Reims, die Krönungsſtadt der Franzöſiſchen Fürſten, nicht in ſeiner Gewalt war, zum König krönen und ward in dem treugebliebenen Theile von Frankreich als ſolcher anerkannt. Die beiden Todesfälle gaben der Engliſchen Herrſchaft in Frankreich einen empfindlichen Stoß. Geruht hatte dieſelbe bisher auf der ſtarken Perſönlichkeit des Engliſchen Königs; auf dem Schein von Rechtmäßigkeit, welchen ſie dadurch erhielt, daß ſie im Namen des legitimen Königs von Frankreich geübt ward; endlich auf der Zerrißenheit Frankreichs in zwei feindliche Factionen. An der Stelle des thatkräftigen Heinrich V. ſtand jetzt ein unmündiges Kind, und beſaß auch deſſen Vormund, der Herzog von Bedford, die perſönlichen Eigenſchaften, welche ſei⸗ nem verſtorbenen Bruder Frankreich unterworfen hatten, ſo fehlte ihm doch das„Gehorſam ge⸗ bietende Anſehen, welches nur die königliche Würde verleiht“. Sein ſtarker Arm vermochte wohl, unterſtützt von kriegskundigen Feldherrn und ſieggewohnten Heeren, den Feind niederzuwerfen, nicht aber der Engliſchen Herrſchaft den ſittlichen Halt zu geben, welchen nur das rechtmäßige Königthum im Bewußtſein des Volkes hat. Als der natürliche Träger des rechtmäßigen Kö⸗ nigthums muſte je läuger je mehr der Dauphin Carl erſcheinen, die Ausſchließung deſſelben von der Thronfolge als reiner Gewaltſtreich erkannt werden. Wollte England herrſchen, ſo muſte es drücken und das nationale Gefühl beeinträchtigen.„Die Leidenſchaft des Parteihaßes, welche manche Fürſten und Herrn zur Verbindung mit England hingerißen hatte, muſte ſich allmäͤhlich um ſo mehr vermindern, als das National⸗ und Selbſtgefühl dadurch gekränkt wurde, daß im Felde wie in der Verwaltung Engländer die Gebietenden waren, und wenn dieſe Demüthigung von dem Bürgerſtande und den Landleuten nicht ſo lebhaft empfunden wurde, ſo bewirkten noch andere Urſachen Erbitterung gegen die Fremdherrſchaft bei dieſen.“ Erleichterung der Abgaben⸗ laſt hatte Heinrich V. in Ausſicht geſtellt, Vermehrung des Steuerdruckes machte der Krieg⸗ nothwendig, während Handel und Gewerbe darniederlagen. Soldaten, Räuber und Freibeuter verheerten und plünderten das Land; die ſchwer bedrängten Bewohner ſahen ſich genöthigt, in Wäͤldern Schutz zu ſuchen oder in Maſſen auszuwandern und die Felder unbebaut liegen zu laßen. Theuerung der Lebensmittel und anſteckende Krankheiten waren die unausbleibliche Fol⸗ ge. Wen anders aber traf die allgemeine Unzufriedenheit, als die Engländer, welche ſich als Beglücker des Volks und Wiederherſteller der öffentlichen Sicherheit angekündigt hatten? Hätte Carl ſich als den berufenen Retter von dem fremden Joche darzuſtellen gewuſt und ſein gutes Recht zum Ausgangspunkt eines kräftigen Handelns genommen; hätte er namentlich den Herzog von Burgund, ohne deſſen Beiſtand die Engländer ſchon wegen ihrer geringen Anzahl die Herr⸗ ſchaft nicht behaupten konnten*), durch Eutfernung der Mörder Johanns auf ſeine Seite zu bringen verſtanden, ſtatt daß er ſich gänzlich dem Cinfluß der letzteren hingab: wahrſcheinlich wäre ihm die tiefſte Demüthigung erſpart worden. Dem Herzog von Burgund konnte auf die Dauer die Gefahr nicht entgehen, welche die Engliſche Anmaßung auch ihm drohte, und im Franzöſiſchen Volke waren Elemente und Antriebe genug vorhanden zu einer nationalen Erhe⸗ bung. Was fehlte, war die ſtarke Perſönlichkeit eines Königs, welcher bauend auf Gott, ſein fürſtliches Recht und ſein Volk im Stande geweſen wäre, ſich zum lebendigen Mittel⸗ und Ein⸗ heitspunkte der Nation zu machen, den zertheilten Kräften Halt und Richtung zu geben und das ganze Volk mit patriotiſcher Begeiſterung zu durchdringen. Einer ſolchen Aufzade war Carl durchaus nicht gewachſen. Verwarloſt in der Exziehung, aufgewachſen unter Verhältniſſen, die nur an ſeltenen Geiſtern von unverwüſtlicher Geſundheit und Stärke ohne verderbliche Ein⸗ wirkung vorübergehen, zeigte er im Alter von 21 Jahren bei manchen Vorzügen des Herzens nur geringe Einſichten und, was das Schlimmſte war, die Grundſchäden ſeiner Familie, Cha⸗ racterſchwäche und Genußſucht, hafteten auch an ihm. Jene machte ihn zum fügſamen Werk⸗ zeuge ſeiner Günſtlinge und Geliebten, dieſe hielt ihn in beſtändigen Vergnügungen und ſorglo⸗ ſer Unthätigkeit feſt, während nicht weniger als alles auf dem Spiele han Entſchloßenheit, Feſtigkeit des Willens, welche die Lage gebieteriſch forderte, mangelten ihm ebenſo wie das klare *) Quicherat: Apercus nouveaux p. 14 sq. 8 Verſtändnis ſeines Fürſtenberufs und das Vertrauen auf ſein Volk. Wie konnte überhaupt Ver⸗ trauen, das aus der Liebe fließt, in einem Gemüthe Wurzel ſchlagen, welches in der Welt nur Haß und Selbſtſucht geſehen hatte? Erſt im Laufe ſeiner ſpäteren Regierung entwickelten ſich unter beßeren Einflüßen die guten Eigenſchaften ſeiner Seele, welche durch die Erlebniſſe ſeiner Jugend nur niedergehalten, nicht zerſtoͤrt waren*). So muſte es denn erſt nahe zum Aeußerſten kommen, bis die Idee des göttlichen Rechtes in dem Glauben einer Jungfrau aus dem Bauern⸗ ſtande einen perſönlichen Ausdruck fand, und vor der Gewalt dieſer gottbegeiſterten Perſönlich⸗ keit, welche dem Nationalgefühl einen neuen Aufſchwung und die religiöſe Weihe gab, die An⸗ maßung materieller Uebermacht haltlos zuſammenbrach. Durch zwei große Siege behaupteten die Engländer in den nächſten Jahren die Ueberlegenheit ihrer Waffen. Der eine wurde 1423 bei der Feſte Crevant, der andere am 22. Juli 1424 bei Verneuil über das vereinigte Franzö⸗ ſiſch⸗Schottiſche Heer erfochten. Die letztere Schlacht, blutiger und entſcheidender als die erſte, koſtete den Schottiſchen Grafen von Buchan und von Douglas, vielen Franzöſiſchen Großen und vielen Tauſenden von Kriegern das Leben. Infolge derſelben ſahen ſich die Getreuen Carls, welche bisher noch einzelne Feſten und Plätze im Norden Frankreichs vertheidigt hatten, unter ihnen der tapfere Stephan von Vignoles, genannt La Hire, gezwungen, ſich hinter die Loire zurückzuziehen. Die Engländer vervollſtändigten dieſen Erfolg dadurch, daß ſie die nördlichen Provinzen auch von den Freibeuterſchaaren ſäuberten. Indem ſich auf dieſe Weiſe in den er⸗ oberten Ländern Ruhe und Sicherheit verbreitete, wurde eine Haupturſache der Unzufriedenheit beſeitigt und die Engliſche Herrichaft gewann mehr und mehr an Beſtand. Carls Hoffnungen waren durch die Niederlage bei Verneuil gänzlich zu Boden geſchlagen**). Er hatte von Anfang ſeiner Regierung ſein Vertrauen mehr auf ausländiſche Hülfe, als auf die Kraft ſeines Volkes geſetzt. Die Vernichtung des größten Theiles der Schottiſchen Hülfstruppen zerſtörte ſeine Hoff⸗ nungen, er verſank in Muthloſigkeit, und ſtatt auf neue Mittel der Kriegführung zu ſinnen, legte er ſich aufs Warten und unterſagte ſeinen Anhängern die Fortſetzung des Kampfes, aus Furcht, alles zu verlieren. Und doch blieben ihm noch Machtmittel genug, hätte er ſie nur zu entdecken und zu benutzen vermocht. Quicherat macht es dem Könige zum beſonderen Vorwurf, daß er die Freiſchaaren nicht in ſeine Dienſte nahm und aus dem Kern dieſer tüchtigen und entſchloßenen Leute, welche den Engländern ſoviel Abbruch gethan hatten, ein wohlorganiſirtes *) Quicherat: Aperç. p. 24 sq.: CharlesVII. fut du petit nombre des princes qui s'ameliorèrent sur le trène. II'ne faudrait pas le peindre au commencement de son règne avec les vertus qu'il- montra plus tard; car, bien qu'il en possédat le germe, elles étaient offusquées en lui par des vices de nature et sourtout d'éducation. Georges Chastellain, qui peut passer pour le plus grand observateur du XVe siècle, prétend qu'il y avait dans son àme un fond d'envie ¹); il est in- contestable qu'il manqua toujours du don si précieux de la magnanimité. Cela joint à une grande défiance de lui-méème et à la terreur des crimes commis en son nom, le rendit indolent, malgré son aptitude au travail; inintelligent des situations, malgré la rectitude de son esprit; ombrageux et dur, malgré la douceur de son caractère. Un de ses conseillers, se pleignant à lui, lui écrivait un jour:„Vous voulez toujours etre caché en châteaux, mechantes places et manières de petites chambrettes, sans vous montrer et outr les plaintes de votre pauvre peuple“²). Evidemment il dérobait son coeur aux impressions, comme sa personne aux re- gards. Jamais, tant que la Pucelle vécut, il ne fut complétement subjugué par elle. II garda toujours une oreille ouverte pour recueillir les mauvais bruits, les paroles défavorables. II écouta, se tut, laissa faire. ¹)„Aucuns vices soustenoit, souverainement trois: cC'estoit muableté, diffidence et, au plus dur et le plus, e'estoit envye pour la tierce.“ Fragment publié dans la Bibliothèque de l'école des Chartes, premieère série, t. IV, p. 75. ²) Epitre de Jean Jouvenel des Ursins à Charles VII, ms. Saint-Germain français, no. 352, fol. 74, à la Bibliothéqne nationale. **) Quicherat: Aperc. p. 17 sq. 9 Heer bildete. Aus dem von den Engländern unterworfenen Gebiete verjagt zogen ſich dieſe Freibeuter in die dem Könige treuen Länder jenſeit der Loire und halfen, indem ſie ihre Dienſte der Eifer⸗ und Ränkeſucht einzelner Ehrgeizigen zu Gebote ſtellten, den jammervollen Zuſtand Frankreichs verwirklichen, den Alain Chartier mit dem treffenden Satze ſchildert: Frankreich war wie das Meer, wo jeder ſoviel Herrſchaft wie Macht hat. Unter ſolchen Umſtänden ſchien aber⸗ mals der Süden des Reiches der Schauplatz des Kampfes werden zu müßen, abermals unter⸗ brach im entſcheidenden Zeitpunkt ein widriges Ereignis den Siegeslauf der Engländer. Ja⸗ cobäa, die durch Geiſt und Schönheit berühmte Erbin von Hennegau, Holland, Seeland und Friesland, hatte ſich von ihrem Gemahl, dem Herzog Johann von Brabant, ſcheiden laßen und mit Bedfords Bruder, dem Herzog von Gloceſter, vermählt. Philipp von Burgund, Vetter des Herzogs von Brabant, welcher jene Länder zu erben gedacht hatte, weil die Ehe ſeines Vetters kinderlos war, ſah durch die neue Verbindung ſeine Hoffnungen gefährdet und eilte ſeine An⸗ ſprüche mit Waffengewalt gegen den Herzog von Gloceſter zu ſichern. Der Herzog von Bed⸗ ford, beſonnen genug um einzuſehen, wie nothwendig ihm die Burgundiſche Unterſtützung war, that das Seine, um das Zerwürfnis zu ſchlichten. Die Ehe Gloceſters mit Jacobäa ward auf⸗ gelöſt, und dieſe nach dem Tode Johanns von Brabant von Philipp zu einem Vertrage gezwun⸗ gen 1428, in welchem ſie ihm die Erbſchaft ihrer Länder zuerkannte und die Verwaltung der⸗ ſelben ſofort übertrug. So war der Zwieſpalt beſeitigt, doch blieb ſeitdem eine gewiſſe Kälte zwiſchen Burgundern und Engländern. IItt— Dieſer Zwiſchenfall, welcher den Gang des Krieges hemmte, hätte den Engländern gefähr⸗ lich werden müßen, wenn Carl ſeinen Vortheil beßer benutzt hätte. Die Umſtände konnten nicht günſtiger ſein, um eine Verſohnung mit dem Herzog Philipp, der ſein Heer von dem Engliſchen zurückgezogen hatte, und den Franzöſiſchen Großen von der Burgundiſchen Partei zu verſuchen. Wirklich trat Carl durch den Herzog Amadeus VIII. von Savoyen in Unterhandlung mit Philipp von Burgund, aber da er ſich nicht entſchließen konnte, die Mörder zu entlaßen, was der Herzog zur Bedingung eines Vertrags machte, ſo kam es nur zu einem ſiebenmonatlichen Waffenſtillſtand 1424. Glücklicher waren die Unterhandlungen mit dem Herzog Johann V. von Bretagne und deſſen Bruder, dem Grafen Arthur von Richmond, welcher die Schweſter Phi⸗ lipps von Burgund, Witwe des verſtorbenen Dauphins Ludwig, zur Frau hatte. Beide gingen zur Partei Carls über und Arthur nahm 1425 die Würde eines Connetable an, nachdem ihm Carl das eidliche Verſprechen gegeben hatte, die Mörder vom Hofe zu entfernen. Du Chatel begab ſich ſeitdem nach Beaucaire in Languedoc, auch die andern zogen ſich zurück. Die Wahl des erſten Kronfeldherrn gab Ausſicht auf eine beßere Geſtaltung der Dinge. Arthurs Tüchtig⸗ keit im Cabinet und im Felde(er hatte ſchon bei Azincourt, wo er in Gefangenſchaft gerieth, tapfer gefochten) ließ eine kräftigere Kriegführung und beſonnenere Politik, ſein Verhältnis zu dem Burgunderherzog die Anbahnung eines dauernden Friedens hoffen, zumal das Haupthindernis nun beſeitigt war. Sowohl jene Eigenſchaften als Characterfeſtigkeit, Erfahrung und Thatkraft befähigten ihn ein Hort des Königs und Reiches zu werden, wenn auch ſein herriſches, anma⸗ ßendes Weſen bisweilen die gewaltſamſten Mittel nicht verſchmähte. Eine andere Stütze erhielt der Thron Carls zu derſelben Zeit in dem Baſtard Johann von Orleaus, einem natürlichen Sohne des 1407 ermordeten Herzogs Ludwig von Orleans*). In Verbindung mit La Hire, welcher ſtets ſein treuer Waffengefaͤhrte war, vollbrachte er kurz darauf 1426 ſeine erſte Hel⸗ denthat bei Montargis, wo er die Engländer ſchlug und zur Aufhebung der Belagerung nöthigte. Daß trotz alle dem während der Jahre 1425 bis 1427, wo der Streit zwiſchen Gloceſter und *) Johann, geb. 1403, alſo von gleichem Alter mit dem König, nannte ſich ſelbſt Baſtard von Or⸗ leans, bis er 1439 von ſeinem Bruder Carl, dem bei Azincourt von den Engländern gefangenen echten Sohne des Herzogs Ludwig, die Grafſchaft Dunois erhielt, von welcher er ſeitdem den Na⸗ men führte. 1445 gab i II. zum Lohn für ſei 1 Dienſte auch die Graf⸗ ſchaft Longueville hm Carl VII. z ohn für ſeine ausgejeichneten de 3 raf⸗ 10 Burgund die Thätigkeit des Herzogs von Bedford lähmte und ihn ſogar zwang, ſich längere Zeit in England aufuhälten. die Lage Frankreichs ſich nicht beßerte, war einzig die Schuld des Königs, deſſen Schwachheit den Connetable nöthigte, ſeine Aufmerkſamkeit auf die Intriguen des Hofes, ſtatt auf die Führung des Kriegs zu richten. Da es dem Könige an Selbſtändig⸗ keit fehlte, ſo muſte Arthur ihn mit Männern umgeben, von denen er hoffen konnte, ſie würden ſeine Maßregeln in allen Fällen beim Könige unterſtützen. Allein dieſe ſuchten die Schwäche des Königs im eignen Intereſſe auszubeuten und wurden bald aus willfährigen Werkzeugen gefährliche Widerſacher des Grafen. Solche Nebenbuhler zu dulden lag aber weder in Arthurs Character, noch im Intereſſe des Staates, welches vor allem Einheit in der Regierung und Kriegführung erheiſchte. Daher die unaufhörlichen Confliete. Mehrere Günſtlinge des Königs hatte Arthur bereits geſtürzt und mit dem Tode beſtraft, am Ende wurde er ſelbſt das Opfer der Hofkabale, indem der gleichfalls von ihm dem Könige zugeführte Herr von La Tremouille einen Einfluß auf dieſen benutzte, um den Connetable, von welchem er das gleiche Loos wie ſeine Vorgänger aus gleichem Grunde zu gewärtigen hatte, vom Hofe und vom Heere zu ver⸗ bannen. Schon im September deſſelben Jahres 1427 ſchloß ſich Johann von Bretagne wieder den Engländern an, weil Carl weder ſein Verſprechen hielt, dem Rathe des Herzogs zu folgen, noch demſelben gegen die Engländer Beiſtand leiſtete. So war der günſtige Zeitpunkt zur Ret⸗ tung Frankreichs fruchtlos verſtrichen und der Herzog von Bedford hatte freie Hand ſeine Er⸗ oberungspläne zu verfolgen. Es galt nunmehr die Länder jenſeit der Loire zu unterwerfen. Das letzte Bollwerk Frankreichs an der Grenzſcheide, der Schluͤßel zu den Südprovinzen, war die Stadt Orleans; mit der Eroberung derſelben ſollte der Anfang gemacht werden. Der Graf von Salisbury, einer der tüchtigſten Engliſchen Heerfuͤhrer, erhielt den Oberbe⸗ ehl uͤber das Belagerungsh der*). Um der Stadt Orleans jede Verbindung abzuſchneiden, be⸗ feht er die umliegenden Plätze am Nordufer der Loire und zog darauf mit der Hauptmacht ſei⸗ nes Heeres auf das linke Ufer des Flußes hinüber. Die Bewohner von Orleans hatten Zeit genug gehabt, um ſich mit Geld und Lebensmitteln zu verſehen; ſie waren entſchloßen ſich aufs hart⸗ näckigſte zu vertheidigen und wurden durch eine ſtarke Beſatzung mit tapferen Führern, unter ihnen Poton de xaintrailles, unterſtützt. Die Stadt ſelbſt liegt auf dem rechten Ufer der Loire, auf das linke führt eine Brücke in eine ſchöne Vorſtadt. Den Brückenkopf deckte auf dieſer Seite das Schloß der Türme(Tournellen), welches auf der Brücke ſelbſt ſtand und mit dem Lande nur durch einen ſteinernen Bogen und eine Zugbrücke verbunden war, unter welcher das Waſ⸗ ſer der Loire floß. Die Bürger von Orleaus beſchloßen auf die Nachricht von dem Anrücken des Feindes ihre Vorſtadt abzubrechen und vor der Burg der Türme eine Schanze aus Pfahl⸗ werk mit Erde gefüllt aufzuführen. Dies Werk war noch nicht fertig, als am 12. October 1428 Graf Salisbury mit der Vorhut ſeines Heeres in der Vorſtadt ankam. Sofort ſteckten die Be⸗ lagerten die Trümmer derſelben ſammt der noch unverſehrten Auguſtinerkirche in Brand und vollendeten die Schanze hinter den emporlodernden Flammen. Als das Feuer am fünften Tage erloſch, drangen die Engländer vor, pflanzten ihre ſchwere Artillerie an allen geeigneten Punk⸗ ten, beſonders auf den Ruinen der nicht völlig zerſtörten Auguſtinerkirche auf und beſchoßen die Stadt Tag und Nacht, während ſie gleichzeitig Minen nach der Verſchanzung hinführten. Den erſten Sturm auf dieſe am 21. October beſtanden die Belagerten heldenmüthig, einen zweiten Angriff abzuſchlagen, konnten ſie nicht hoffen, weil die Schanze gänzlich unterminiert und das Ladß der Türme durch die Geſchützkugeln ſtark beſchädigt war. Sie muſten deshalb auf neue Mittel denken, um dem Feinde das Eindringen in die Stadt zu wehren. Zu dem Zweck bra⸗ chen ſie einen Bogen aus der Brücke und errichteten auf dieſer ſelbſt, ungefähr in der Mitte des Stromes, an einer Stelle, wo ſich die Brücke auf eine kleine Inſel ſtützt, ein Bollwerk, welches —Vũãq———V/-ʒ *) Ueber die Belagerung von Orleans ſ. Le Brun de Charmettes: Histoire de Jeanne D'Arc, tom. J, p. 115 sd. Renzi: Jeanne Darc, p. 9 sq. 11 ſie das Bollwerk vom ſchönen Kreuz*), oder auch kurzweg das Brückenbollwerk nannten. Dann zündeten ſie am 23. October die Tournellenſchanze an und räumten Tags darauf, als die Feinde zum Sturme anrückten, die Türme faſt ohne Widerſtand. Das Commando in denſelben übergab Graf Salisbury an Wilhelm Glasdale, und dieſer ſtellte nicht nur die Südſchanze ſammt den Türmen wieder her, ſondern baute auch zur Deckung der letzteren gegen das Feuer des feindlichen Brückenbollwerks eine Nordſchanze in den Fluß hinein, nachdem er zwei Brückenbogen hatte einreißen laßen, und verſah ſämmtliche Werke mit dem ſchwerſten Geſchütze. Große Be⸗ ſtürzung verbreitete der Verluſt der ſüdlichen Schutzwehren unter den Bürgern von Orleans, ihr Muth wurde indeſſen wieder gehoben theils durch die Ankunft des Baſtards von Orleans, des La Hire, des Marſchalls von Sainte⸗Severe und anderer Kriegshäupter nebſt 800 Strei⸗ tern, theils durch den Tod des Engliſchen Feldherrn Grafen von Salisbury, welcher von einer Kugel getroffen wurde, als er aus einem Fenſter der Tournellen die Stadt überſchaute**). An ſeiner Stelle ernannte der Herzog von Bedford den Grafen von Suffolk, einen ebenſo kriegs⸗ kundigen als edeldenkenden Mann, zum Oberbefehlshaber der Belagerungsarmee. Dieſer ließ eine anſehnliche Beſatzung unter Glasdale auf der Südſeite und begab ſich mit dem Hauptheere auf das rechte Ufer des Flußes, um die Stadt von allen Seiten einzuſchließen. Hier ſteß zu ihm der ruhmreiche Johann Talbot, erſter Baron von England, welchen Bedford dem Grafen zur Unterſtützung mit einer zahlreichen Mannſchaft von Engländern und Burgundern geſandt hatte. Um die eigentliche Stadt völlig abzuſperren umgaben die Engländer dieſelbe im Norden, Oſteu und Weſten mit einem Kranze von Belagerungswerken***), aber obgleich dieſe auf allen Verbindungsſtraßen angelegt waren, ſo reichten ſie dennoch nicht aus, um jede Zufuhr von Le⸗ bensmitteln und Kriegsbedarf abzuſchneiden und wiederholte Truppenzuzüge zu verhindern. Wo⸗ chen und Monate verfloßen unter beſtändigen Kämpfen, und je mehr ſich die Belagerung in die Länge zog, deſto größer wurde die Bedrängnis in Orleans. Sowohl die Beſatzung als die Bürger ließen deshalb den König durch Abgeordnete um wirkſameren Beiſtand erſuchen. Zu Ende des Januar kehrten dieſelben mit der erfreulichen Botſchaft zurück, der Graf von Clermont verſammle auf Anordnung des Königs zu Blois ein Heer von Franzoſen und Schotten zum Entſatz der Stadt. Um die Zeit als dies gegen 4000 Mann ſtarke Corps ſich zum Aufbruch rüſtete, verbreitete ſich das Gerücht, der Herzog von Bedford habe von Paris Proviant und Munition für die Belagerungsarmee abgeſchickt mit einer Bedeckung von mindeſtens 1500 Mann unter Anführung des kriegserfahrenen Johann Falstolf. Der Graf von Clermont beſchloß, die⸗ ſen Zug zu überfallen; Dunois, La Hire und andere brachen mit beträchtlichen Streitkräften von Orleans auf, den Angriff zu unterſtützen. Am 12. Februar 1429 kam es bei Rouvray r†) zu einem blutigen Treffen, in welchem die von Orleans ausgezogenen Franzoſen und die dem Gra⸗ fen von Clermont vorausgeeilten Schotten mit großem Veruſte zurückgeſchlagen wurden, weil ie die Ankunft der Hauptmacht nicht abgewartet und überdies ohne Ordnung und Ueberein⸗ ſtimmung den Angriff gemacht hatten. Der Connetable von Schottland, Johann Stuart, und ſein Bruder Wilhelm fielen, Dunois ward verwundet. Der Graf, welcher inzwiſchen angelangt war, verließ ohne Schwertſtreich den Kampfplatz und zog nach Orleans. Dieſe Niederlage, welche die engere Einſchließung der Stadt zur Folge hatte, brach die Zuverſicht der Belagerten. Die Entmuthigung ſtieg, als am 18. Februar der Graf von Clermont ſich wieder aus Orleans *) Quich. IV, 99 Anm.: Monument de bronce, érigé en 1407 sur la grande arche de l'ancien pont. **) Journal, ſ. Quich. IV, 100, ſagt am Tage der Einnahme der Tournellen, die Chronik der Jung⸗ frau ſetzt das Ereignis kurz nach der Ankunft des Baſtards von Orleans. ***) Ueber die Geſammtzahl der Engliſchen Werke ſ. Le Brun de Charm. I, p. 439 sg.. †) Das Treffen wurde vom Volke gewöhnlich das Heringstreffen genannt, weil die von Bedford ge⸗ ſchickten Faſtenſpeiſen zum großen Theil aus Heringen beſtanden. Nach Journal, Quich. IV, p. 125. 128 und Chronique de la Pucelle ſoll Johanna dem Befehlshaber von Voucouleurs dieſe Niederlage vorausgeſagt haben. Später mehr. 11 29 12 entfernte, um nach Chinon zum Könige zu gehen*). Er nahm die Mehrzahl der Kriegsober⸗ ſten, auch La Hire**), nebſt 2000 ſeiner Soldaten mit ſich und tröſtete die unzufriedenen Be⸗ wohner einigermaßen durch das Verſprechen, bald mit Truppen und Vorräthen zurückzukehren. Nur Dunois, Xaintrailles und der Marſchall von Sainte⸗Sévère blieben in Orleans***). Auch ſie ſahen indeſſen die Unmöglichkeit ein, den Platz noch lange zu halten, und willigten in den Beſchluß der Bürger, dem Herzog von Burgund die Stadt in Segueſter zu geben, damit er ſie als Eigenthum des gefangenen Herzogs von Orleans bewahre. An die Spitze der Geſandtſchaft wurde Xaintrailles geſtellt, weil er in befreundetem Verhältnis zu dem Herzog ſtand. Am 19. Februar reiſten die Geſandten ab. Sie fanden williges Gehör bei dem Burgunder, allein Bed⸗ ford wies Philipps Antrag mit der hochfahrenden Aeußerung zurück, Orleans ſei in ſeinen Wil⸗ len gegeben, die Bürger ſollten ihm die Koſten der Belagerung bezahlen, er wolle nicht auf den Buſch geklopft haben, damit andere die Vögel fingen. Unwillig darüber befahl Philipp ſeinen Unterthanen und Vaſallen, ſofort das Belagerungsheer zu verlaßen. Ein Herold des Herzogs überbrachte dieſen Befehl gleichzeitig mit der Ruͤckkehr der Abgeordneten am 17. April 1429. Mittlerweile hatte die Noth in Orleans den Gipfel erreicht, die Zuverſicht ſelbſt der Tapferſten war gebrochen, nur bei Gott ſchien Hülfe möglich †). Am Hoflager zu Chinon verzweifelte man ſeit dem Unglück bei Rouvray an der Rettung der Stadt und des Reiches † †). Der König, *) Chinon, kleine Stadt an der Vienne im Departement des Indre und der Loire. **) Dieſer befand ſich am 2. April wieder in Orleans, ſ. Q. IV, 142(Journal). *) Am 16. März reiſte auch der letztere nach Chinon, Q. IV, 136. †) Beweis genug iſt die erwähnte Geſandtſchaft an Burgund unter Zuſtimmung des Grafen Dunois. Einen andern Beweis finde ich in folgender von Dunoöis ſelbſt bezeugten Thatſache, 0. III, 3: Ipso existente in civitate Aurelianensi, tunc obsessa ab Anglicis, venerunt nova seu rumores quod per villam de Gyen transierat quaedam juvencula, vulgariter dicta Puella, asserens se accedere ad nobilem Dalphinum, pro levando obsidionem Aurelianensem et pro conducendo ip- sum Dalphinum Remis, ad sacrandum; et quia ipse dominus deponens habebat custodiam dictae civitatis, eratque locum tenens generalis in facto guerrae, ut amplius informaretur de facto il- lius Puellae, misit ad regem dominum de Villars, senescallum de Beaucaire, et Jametum de Tillay, qui postea fuit baillivus Veromandensis; qui revertentes a rege retulerunt domino de- ponenti et dixerunt publice, in praesentia totius populi Aurelianensis, multum desiderantis scire veritatem adventus ejusdem Puellae, quod ipsi viderant ipsam Puellam applicari apud regem, in villa de Chinon. Nach 0. IV, 359 nennt Thomas Baſin den Grafen Dunois un de ceux qui engagèrent le plus Charles VII à se servir de la Pucelle; die Stelle ſelbſt liegt nicht vor; gewis aber iſt, daß Dunois Orleans nicht verlaßen hat. 0. III, p. 338(Brehal): Universo regno fere desolato et Gallorum quasi omnium animo prostrato. Q. III, 23 sq.(Luillier, Bür⸗ ger von Orleans): Cives et omnes habitantes erant in tanta necessitate positi per adversarios tenentes dictam obsidionem, quod nesciebant ad quem recurrere pro remedio, nisi solum ad Deum. Derſelbe p. 25: Ipse et similiter omnes de civitate credunt quod, si dicta Puella non venisset ex parte Dei, ad adjutorium eorum, ipsi de propinquo fnissent omnes habitantes et civitas sub ditione et potestate adversariorum obsidentium redacti; nec credit ipsos habitantes, neque armatos in ipsa exsistentes, potuisse diu resistere contra ipsam potestatem adversariorum qui tantum tunc contra ipsos praevalebant. III, 83(Barbin): Rex et incolae eidem obedientes erant illo tempore in desperatione, et sine spe cujuscumque adqjutorii, nisi processisset a Deo. III, 85(Margareta La Touroulde): Quo tempore erat in hoc regno et in partibus regi obedien- tibus, tanta calamitas et pecuniarum penuria quod erat pietas; imo omnes regi obedientes erant quasi in desperatione... et erat civitas Aurelianensis obsessa ab Anglicis, et non erat modus quo posset juvari. Et in illa calamitate venit ipsa Johanna, et, ut firmiter credit ipsa loquens, a Deo venit, et missa exstitit ad relevandum regem et incolas sibi obedientes, quia protunc non erat spes nisi a Deo. III, 205. 400. IV, 308(Thomassin). V, 25.99. De l'Averdy: Notices etc., tom III, p. 274. 304. †t) 0. III, S3(Barbin). III, 338(Brehal). IV, 523 sd.(Philipp von Bergamo). 13 von ſchlechten Räthen umgeben*), von Geldmitteln entblößt**), ohne Heer und ſelbſt der fremden Truppen beraubt, überließ ſich den trübſten Gedanken. Pweifl an der Echtheit ſeiner Geburt, durch der Mutter unkeuſchen Wandel nur zu ſehr gerechtfertigt, nagten an ihm, und die Erfolgloſigkeit einesjeden Unternehmens ſchien ihm den Willen Gottes anzudeuten, die Krone des Reiches ſeinem Stamme zu entziehen. Ernſtlich dachte er daran, ſich nach Schott⸗ land oder Spanien**n), oder in die Dauphine zurückzuziehen, um wenigſtens der Gefangenſchaft und dem Tode zu entgehen †). Von dieſem Entſchluß, der die Auflöſung des Reiches unfehl⸗ bar zur Folge gehabt haben würde, brachte ihn ſeine hochherzige Gemahlin Maria von Anjou zurück, welche ihre Kleinodien, ihr Gold und Silber, ja ſogar die Geräthſchaften und Zieraten ihrer Kapelle veräußert haben ſoll, um damit den Sold der Krieger zu beſtreiten ††). Doch nicht durch die königliche Familie, nicht durch ein Fürſten⸗ oder Adelsgeſchlecht, nicht durch die Tap⸗ ferkeit eines Kriegshelden oder die Weisheit eines Staatslenkers ſollte Frankreich Rettung wer⸗ den. Die Rettung kam aus einem Stande, der am wenigſten befleckt war mit den herrſchenden Laſtern, aus dem Geſchlechte, das oftmals Standhaftigkeit, Begeiſterung, Gottvertrauen bewährt hat, wo die Stärke der Starken und die Weisheit der Weiſen zu Schanden geworden iſt. Ein Kind des Glaubens ſollte wiederbauen, was der Unglaube und die Gottloſigkeit der Franzöſi⸗ ſchen Großen in Trümmer geworfen hatte; eine Tochter der Armut ſollte die ſtolzen Entwürfe zu nichte machen, womit die ungemeßene Selbſtſucht der Engländer ſich trug; Freund und Feind endlich ſollte zur Beſchämung des Hochmuths von einer Jungfrau lernen, daß Gott die Schwa⸗ chen auserwählen kann, um die Gewaltigen zu demüthigen, und daß dem Schwerte des Geiſtes keine irdiſche Waffe Stand hält. Die Herrlichkeit, welche ſie zu ſolchem Werke mitbrachte, war die Herrlichkeit weltüberwindender Demuth und frommer Einfalt; die Macht, die ihr den Sieg gab, war die Macht des bergeverſetzenden Glaubens und gottbegeiſterter Liebe für König und Vaterland ††). *) Siehe das ſcharfe Urtheil Quicherats Aperc. p. 25— 29 über La Tremouille, über den Erzbiſchof von Reims Regnauld de Chartres, über Robert Lemacon und Raoul de Gaucourt. **) Es ſollen ſich in dem Schatze nur 4 Thaler befunden haben, wie die Frau des Generaleinnehmers Touroulde Q. III, 85 bezeugt: Ejus maritus erat tunc temporis receptor generalis, qui illo tem- pore, nec de pecunia regis, nec de sua, habebat nisi quatuor scuta. Vgl. 93, 399 s—. IV, 325. *) 0. IV, 280(Sala). 509(Papſt Pius II.). V, 339(Fragment du religieux de Dunfermling). †) Q. IV, 127(Journal): Et notiffièrent leur fait au roy, pardevant lequel avoit jà esté traicté par plusieurs fois en son conseil que le meilleur estoit qu'il se retirast au Daulphiné, et le gardast avecques les pays de Lyonnais, Languedoc et Auvergne, au moins se on les pouvoit sauver, se les Angloys gaignoyent Orléans. IV, 309. †t) Le Brun I, p. 216. Delort: Essai critique sur P'histoire de Charles VII, d'Agnèés Sorelle et de Jeanne d'Arc, Paris 1824, p. 14 sq. Bekanntlich wird der Ruhm dieſer That von anderer Seite der Geliebten des Königs, Agnes Sorelle, zugeſchrieben. Die angeführten Schriftſteller haben be⸗ wieſen, daß Agnes Sorelle erſt zu Ende des Jahres 1431, oder gar zu Anfang des Jahres 1432 an den Hof gekommen iſt. Erſterer widerlegt auch den Einwurf, den man aus dem Umſtande entnommen hat, daß ſich die Königin damals nicht in Chinon, ſondern zu Bourges aufhielt, weil die Liebe ihres Gemahls zu ihr bereits erkaltet war. In den Proceſſacten iſt von Agnes Sorelle nirgends die Rede, ſie hat in der Geſchichte der Jungfrau von Orleans überhaupt keine Stelle. †rt) 0. 1, 145: Interrogata(Johanna) quare ipsa hoc habuit plus quam una alia: respondit quod placuit Deo ita facere per unam simplicem puellam, pro repellendo adversarios regis. 178: Interrogata utrum Deus erat pro Anglicis, quando ipsi prosperitatem habebant in Francia: respondit quod nescit utrum Deus odiebat Gallicos; sed credit quod volebat permittere eos puniri pro peccatis eorum, si in illis erant. Erſter Theil. Jugend, Viſionen und Characker der Johanna d'Arc. Wie die Gewächſe der Erde ihre Daſeinsbeſtimmtheit nicht bloß durch die Triebkraft des Samenkorns, ſondern auch durch die Beſchaffenheit des Bodens und die Einwirkung der Wit⸗ terung erhalten, ſo wird auch der Menſch was er wird nicht allein durch die Kraft der urſprüng⸗ lichen Anlage, ſondern zugleich durch den Einfluß der großen Wechſelbeziehungen, in welchen er ebenſo nach außen wie nach innen ſteht. Um das Werden einer ſo merkwürdigen Perſoͤnlich⸗ keit, wie die Jungfrau von Orleans war, annähernd zu verſtehen, müßen wir zuvöͤrderſt die Beſchaffenheit des Orts, wo ſie als Kind gelebt hat; die Umgebung, unter der ſie aufgewach⸗ ſen; die Zeitverhältniſſe, die auf ſie gewirkt; die religiöſen Eindrücke, die ſie empfangen, in ſorg⸗ fältige Betrachtung ziehn. Johanna d'Arc:, Tochter des Jacob d'Arc und der Iſabella Rommée2, wurde geboren zu Anfang des Jahres 1412 3. Ihr Geburtsort, das Doͤrfchen Domremy, liegt auf dem linken Ufer der Maas, am Fuße eines Bergabhanges, deſſen Hochflächen zum Herzogthum Bar gehör⸗ ten*). Der Höhenzug des gegenüberliegenden Ufers bildete die Grenze von Lothringen. Nur das Flußthal war demnach Franzöſiſches Beſitzthum. Dieſes ſchmale, von Berghöhen rings um⸗ ſchloßene Gebiet, welches auf der einen Seite durch Baſſigny mit der Champagne zuſammenhing und ſich auf der andern bis Voucouleurs erſtreckte, war ſeit Carl V. ein unmittelbares Haus⸗ gut der Franzöſiſchen Krone. Drei Meilen ſüdlich von Voucouleurs, zwei Meilen nördlich von Neufchateau gelegen bildete Domremy mit dem Nachbardorfe Greux4 ſo zu ſagen das Herz die⸗ ſes Landſtriches. Die Gegend hatte weder das Großartige und Mannigfaltige, welches die Thä⸗ ler des Hochgebirges auszeichnet, noch blühte ſie durch Handel und Wandel wie die Ebenen der großen Stroͤme; ſie erfreute durch ſtille Anmuth und belohnte die Mühe fleißiger Arbeiter durch den Reichthum ihrer Saatfelder, die Ueppigkeit der Viehtriften, ſowie durch den Ertrag von Obſtpflanzungen und Rebenhügeln. Dichte Wälder gaben Holz in Fülle. In glücklicher Abge⸗ ſchiedenheit von den großen Heerſtraßen der Völker und doch nicht getrennt von jedem Verkehr mit der Welt lebten die Bewohner fern von den Einflüßen der herrſchenden Entartung und Laſterhaftigkeit ein Leben unverdorbener Sitteneinfalt und altväterlicher Frömmigkeit, ohne in allzugroße Beſchränktheit und Theilnahmloſigkeit zu verſinken. Was ſie beſonders auszeichnete, war unverbrüchliche Treue gegen ihren König, welche durch die Lage an den Grenzen des Rei⸗ ches zwiſchen fremden Gebietstheilen nur gemehrt wurde. Auch in dem damaligen Kriege, von deſſen Stürmen ſie lange Zeit verſchont beben, ſtanden ſie mit unwandelbarer Geſinnung auf Seite ihres Landesherrn und hewoͤhrten ſpäter ihre Anhänglichkeit durch That und Leid, als die Kampfeswogen auch an die ſtillen Thäler ihrer Heimat anſchlugen. Nur von dem Dorfe Maxey, *) Nach Quich. Aperc. p. 2. 15 zwiſchen Domremy und Voucouleurs, hören wir, daß es Burgundiſch geſinnt geweſen. So ſpielten alſo ſchon um Johannas Wiege die beiden Genien, welche einſt ihren Namen zu den Sternen tragen ſollten: frommer Sinn und Vaterlandsliebe. Und zwar beide nicht in der farb⸗ loſen Allgemeinheit abſtracter Begriffe, ſondern in ihrer concreteſten Geſtalt, als perſönliche Treue und Liebe zu dem Herrn des Himmels und dem Oberhaupte des Staates. Nur ein ſolches Ver⸗ hältnis entſpricht der Lebensſtufe der Landleute, und was namentlich die Beziehung zu dem Fürſten anlangt, ſo iſt hier einerſeits das beſondere Verhältnis von Domremy und Umgegend als Kammergut des Königs in Anſchlag zu bringen, andererſeits die Thatſache feſtzuhalten, daß in damaliger Zeit der Fürſt überhaupt der natürliche Hort und Beſchützer gegen die Uebergriffe des ſtolzen Adels war. Johannas Eltern waren ehrbare Landleute von unbeſcholtenem Rufe, allgemein geachtet als gute Chriſten und Katholiken 5. Sie hatten drei Söhne: Jacquemin(Deminutiv des vä⸗ terlichen Namens), Johann, Peter(auch Pierrelo) und außer Johanna noch eine Tochter, de⸗ ren Name nicht bekannt iſt*). Von etwas Ackerbau und Viehzucht lebten ſie ſpärlich, ohne je⸗ doch zu darben s. Sie hatten wenig und bedurften wenig, Mäßigkeit und genügſame Zufrieden⸗ heit erſetzten, was an Gemächlichkeit gebrach. Unter dieſen Umſtänden entging Johanna auf der einen Seite den Verſuchungen des Reichthums, auf der andern Seite blieben ihr die Gefahren der übergroßen Dürftigkeit fern, welche häuſig das geſunde Selbſtgefühl niederhält und die Schwungkraft der Seele lähmt, indem ſie jede Fähigkeit zum Erwerb des täglichen Brodes ver⸗ pfändet. Ihre Bildung entſprach ihrem Stande. Von einem förmlichen Schulunterrichte iſt nirgends die Rede, leſen und ſchreiben hat ſie nie gelernt:. Zu weiblichen Arbeiten zeigte ſie viel Geſchick, wenigſtens ſpann und nähte ſie mit großer Fertigkeits. Ohne Zweifel iſt ſie darin von ihrer Mutter unterwieſen worden. Auch die Anfangsgründe des kirchlichen Gkaubens, das Pater noster, Ave Maria, Credo, verdankt ſie allein der Mutter“, von welcher ſie in Gottes⸗ furcht, chriſtlicher Zucht und Sitte erzogen wurde. So blieb was die Natur in ſie gelegt hatte in originaler Urſprünglichkeit, und das Wenige, was ſie lernte, knüpfte ſie an den Himmel an. Was ihr an Kenntniſſen abging, wurde reichlich aufgewogen durch glänzende Naturgaben. Schärfe des Verſtandes und Feinheit des Urtheils, unterſtützt durch ein außerordentliches Ge⸗ dächtnis 10, wunderbare Energie der Einbildungskraft getragen von eiſerner Willensſtärke, der Adlerblick des Genies im Verein mit ungewöhnlicher Gemüthstiefe: das ſind die Gaben, von denen die Thaten und Verhöre der Jungfrau zeugen. Solche Vorzüge hätten im. Dienſte einer einſeitigen Weltbildung die Seele der Johanna in Hochmuth verderben mögen, in den engen Verhältniſſen von Domremy war kein Spielraum für dieſelben, und als Johanna auf den Schauplatz der Welt trat, erhielten jene Anlagen durch die Idee göttlicher Berufung ihre Weihe. Die Beſchäftigungen der Johanna waren die gewöhnlichen der Landmädchen. Sie war ihrem Vater und ihren Brüdern bei der Feldarbeit behülflich, ging ihrer Mutter zur Hand bei den Geſchäften der Haushaltung und hütete bisweilen das Vieh ihrer Eltern. Auch die Dorf⸗ herde hat ſie geweidet. Der Sitte gemäß ging dies reihum bei den Bewohnern des Ortes, welche ihre Kinder damit beauftragten ⁴¹). Je älter ſie wurde, deſto mehr traten die Arbeiten auf Feld und Trift hinter der häuslichen Thätigkeit zurück. In den letzten Jahren ihres Hei⸗ matlebens war die Beſorgung des Hausweſens ihr eigentliches, faſt ausſchließliches Geſchäft. An der Feldarbeit wird ſie noch während der Ernte und in den Zeiten, wo die Arbeiten des Landmannes ſich häufen, Theil genommen haben. Die Herden half ſie wohl auf den Anger *) Von der Liebe, welche in der Familie herrſchte, haben ſich einige ſprechende Züge erhalten. Der Vater und älteſte Bruder ſollen ſich über das Schickſal der Johanna zu Tode gehärmt haben (Q. II, 388 Anm. 1 und V, 83); Johann und Peter folgten der Schweſter nach Frankreich (o. 111, 101. 198. 1V, 126. 153. 300. V, 108. 213. 260); über den Schmerz der Mutter, wel⸗ che im Namen der Familie und Verwandten klagend im Reviſionsproceß auftrat, ſ. Q. II, 83. 93. 282. 283. III, 368. 370. 373. 16 treiben, und ſo oft bewaffnete Banden die Gegend durchſtreiften, nach dem ſogenannten In⸗ ſelſchloß“) in Sicherheit bringen, aber nur in ſeltenen Ausnahmefällen ſcheint ſie das Vieh auf den Weideplätzen wirklich gehütet zu haben ¹2. Ausdrücklich wird übrigens von allen Zeugen die Arbeitsluſt und unverdroßene, bis in die Nacht fortgeſetzte Thätigkeit der Johanna gerühmt. Unſtreitig wurde grade durch dieſe Art von Thätigkeit die angeborene Geſundheit der Johanna nachhaltig befeſtigt und die gediegene Kraft ihres Körpers zu der unverwüſtlichen Dauerhaftig⸗ keit geſtählt, womit ſie die ſchwerſten Anſtrengungen während ihres Kriegerlebens ertrug. Für Geiſt und Herz boten jene Beſchäftigungen an und für ſich keinen Gewinn, gleichwohl konnten ſie einer ſinnigen Natur auch in idealer Hinſicht förderlich ſein. Denn je weniger ſie das Nach⸗ denken in Anſpruch nahmen und je ſchneller ſie zu mechaniſcher Fertigkeit wurden, deſto mehr Freiheit gaben ſie der Seele, betrachtend in ihrer Innenwelt zu weilen. Von dem ſittlichen Verhalten der Johanna in den Jahren ihrer Kindheit bis zum Abſchied aus dem Elternhauſe entwerfen die Zeugen aus der Heimat**) ein ſo farbenhelles Bild, daß wir die Jungfrau als Muſter jeder chriſtlichen Tugend betrachten müßen 13. Man iſt verſucht zu glauben, die Farben wären zu ſtark aufgetragen; allein unter jenen Tugenden iſt keine, wel⸗ che Johanna nicht gehabt haben könnte, und die wir nicht ohnehin vorausſetzen müſten bei einem Weſen, das ſich von früher Jugend an ſo hoher Gnaden gewürdigt hält, wie das Mädchen von Domremy. Wie hätte Johanna im Alter von dreizehn Jahren die Idee zu faßen vermocht, daß ſie von Gott als Rüſtzeug ſeiner Heilsabſichten über Frankreich erkoren ſei, wenn nicht von Kind auf ihr Sinn dem Heiligen zugewandt geweſen wäre? Sohald ſie ſich aber als Sendbo⸗ tin des Himmels fühlte, war das Trachten nach dem Guten und das Meiden des Argen die unbedingte Folge. Das erſte Wort, was ihr der Erzengel Michael ſagt, iſt die Ermahnung, ſich gut aufzuflchden und häufig zur Kirche zu gehen! So erſcheinen jene Tugenden als die noth⸗ wendigen Früchte des Geiſtes, welcher Johanna trieb. Wir finden dieſelben überdies Zug für Zug in den Schilderungen wieder, welche zahlreiche und gewichtige Augenzeugen von dem Leben der Johanna während ihrer Heldenlaufbahn oder ihrer Kerkerhaft gemacht haben. Inſoweit dieſe Schilderungen zur weſentlichen Ergänzung oder ſchärferen Beleuchtung des ſittlichen Character⸗ bildes beitragen, wollen wir ſie den Ausſagen der Landleute anreihen. Dieſe nennen ſämmtlich Johanna ein gutes, verſtändiges Mädchen ¹¹ von ſchlichter Einfalt 1s und unſträflichem Wan⸗ del is in aller Ehrbarkeit und Keuſchheit ¹7. Friedfertigkeit und Freundlichkeit**), Sanftmuth und Geduld is, Mäßigkeit 19, Gehorſam ²0 und Beſcheidenheit 21 bilden den Kranz ihrer Tugen⸗ den, in welchem die Demuth ²2 und Barmherzigkeit als ſchönſte Blüthen prangen; um alle aber ſchlingt eine wahrhaft einzige Liebe zu Gott und Ehrfurcht vor ſeinem heiligen Willen ²³, auf chriſtlicher Rechtgläubigkeit ruhend, das lebendige Einheitsband. Jedermann hatte Johanna lieb. Nach dem ÜUrtheil des Pfarrers von Domremy, welches von andern Zeu⸗ gen beſtätigt wird, hat ſie nicht ihres Gleichen in der ganzen Gemeinde gehabt 24. Die Barm⸗ herzigkeit, das innerſte Heiligthum der Liebe, erſcheint bei Johanna in allen Geſtalten, als Wohl⸗ thätigkeit, Gaſtfreiheit und Pflege der Kranken. Almoſen gab ſie oft und gern, ja ſie ließ ſich von ihrer Luſt wohlzuthun ſo weit fortreißen, daß ſie mitgab was ihrem Vater gehörte. Armen, welche Herberge ſuchten, trat ſie ihr Bett ab und ſchlief auf dem Herde. Kranken brachte ſie Troſt mit Wort und That 25. Daſſelbe warme Herz zeigte ſie im Kriege. Zum Troſte der Armen und Hülfsbedürftigen, ſagte ſie, bin ich gekommen 26. Sie ſpendete von ihrer Habe, verhinderte ſoviel als möglich Raub und Plünderung 27, leiſtete den Verwundeten Beiſtand, *) Q. Aperc. p. 12: Le chateau de l'Ile, qui était devant leur village entre les deux bras de la Meuse.— **) Vergl. die Ausſagen der 34 Heimatszeugen über die vorgelegten Artikel IV bis VIII; 0. II, p. 387 sg. De PAverdy, p. 299 und 331— 336. Le Brun de Charmeites I, 251 sq. 4 **) Dieſe hat ſich ſchon bei Lebzeiten der Johanna in die Sage gekleidet, die Vögel des Feldes wären auf ihren Ruf herangeflogen und hätten ihr das Brod vom Schooße gepickt. Q. IV, 462(Journal de Paris). 17 mochten ſie Freunde oder Feinde ſein, und war ebenſo beſorgt für das Heil ihrer Seele, als für die Pflege ihres Leibes 28. Wer ſelbſt entbehrt oder entbehrt hat, wird leichter fremde Noth mitfühlen, als der, welcher im Schooße des Ueberflußes lebt oder unter der Bürde des bitteren Mangels ſeufzt, wo das Mitleid von dem Gefühle des eignen Elends verſchlungen wird. Die eigentliche Geburtsſtätte der Barmherzigkeit aber iſt die Liebe zu Gott, die mit der Menſchenliebe eins iſt. Johannas Erbarmen floß aus beiden Quellen*). Wie nuſte doch ein ſolches Herz erglühen, wenn es durch die Ungerechtigkeit der Feinde die theuerſten und höchſten Pfänder der Liebe gefährdet ſah!— Johannas Chriſtenthum beſtand nicht in unkirchlicher Schwärmerei und ſelbſtgemachter An⸗ dächtelei, ſondern hielt ſich durchaus innerhalb der Formen des katholiſchen Kirchenglaubens und trug durchweg das Gepräge mittelalterlicher Frömmigkeit. Die Echtheit ihres Katholicismus, die Treue gegen ihre Kirche wird in den Acten des Reviſionsproceſſes überall hervorgehoben und verbürgt 24. Regelmäßig ging ſie zur Kirche, hörte die Meſſe an jedem Morgen und ſo oft es die Arbeit geſtattete auch des Abends, betete mit Inbrunſt, hielt ſtreng die Faſten, beichtete ſehr oft und feierte mit tiefer Andacht das heilige Abendmahl 36. War Johanna auf dem Felde be⸗ ſchäftigt, wenn die Vesperglocke zum Abendgottesdienſt rief, ſo eilte ſie zur Kirche, um die Meſſe zu hören ³, ließ ſich die Arbeit nicht aufſchieben oder war die Ferne zu groß, ſo beugte ſie die Kniee unter freiem Himmel und verrichtete ihr Gebet 32. Dem Küſter des Dorfes, welcher zu⸗ weilen das Läuten verſäumte, machte ſie Vorwürfe darüber und verſprach ihm, wenn er künftig ſeines Amtes ſorgfältiger warten wollte, eine kleine Belohnung 334. Dem Seelſorger gab ſie ihre geringen Erſparniſſe, um Meſſe zu leſen 34. Ein Landmann von Domremy verſichert, Johanna habe alles, was ſie erſchwingen konnte, für göttliche Zwecke geopfert 35. Selbſt bei ihren Ju⸗ gendſpielen vergaß ſie Gottes nicht, ſondern verließ ihre Gefährten eine Weile, um mit Gott zu reden 36. Ein ſo geſtimmtes Gemüth konnte an luſtigen Tänzen und Geſängen keine Freude finden ³7, und während andere Mädchen nach Feierabend tändelnd und ſcherzend ſich auf den Straßen ergingen, zog ſie ſich in die Stille der Kirche zurück 3, welche ſo zu ſagen Johannas beßere Behauſung war, da deren Ringmauer an die Hütte der Familie d'Arc ſtieß. Von der Gluth ihrer Andacht geben zwei Geiſtliche Zeugnis, welche ſie öfters in der Kirche von Voucou⸗ leurs vor dem Kreuze Chriſti und dem Bilde der Jungfrau Maria mit gefalteten Händen auf den Knieen liegen ſahen, das Antlitz bald zur Erde geſenkt, bald auf die heiligen Bilder gehef⸗ tet 3e. Solche Frömmigkeit erſchien ihren Altersgenoßen oft zu groß und gab ihnen Anlaß zu Gelächter und Spötteleien, welche Johanna nicht erbitterten 40. Ein Greuel muſte ihr das leicht⸗ innige Schwören und Misbrauchen des göttlichen Namens ſein. Bekräftigte ſie eine Ausſage, 8 eſchah es mit„unfehlbar“ 41; ſie ſchwor nicht bei Gott oder ſeinen Heiligen, bekreuzte ſich, wenn ſie ſchwören hörte 42.— Auf der Mitte des Hügels**), an deſſen Fuße Domremy lag, ſtand am Saume des Ei⸗ chenwaldes, welcher die Höhe des Hügels bedeckt und kaum eine halbe Meile vom Dorfe entfernt aus dem Vaterhauſe der Johanna ſichtbar iſt s, eine kleine Kirche, die Einſiedelei unſerer lieben Frau von Bermont genannt, wohin die Bewohner von Domremy und Greup 3¹ zu wallfahrten pflegten. Johanna wanderte, wenn irgend moͤglich, jeden Sonnabend Nachmittags nach dieſer Kapelle, von ihrer Schweſter, anderen Mädchen und Leuten des Dorfes begleitet 45. Auch zu anderen Zeiten ſcheint ſie die heilige Stille dieſes Ortes geſucht zu haben, wenigſtens ſagt der *) 0. II, 398(Jeanette Thevenin) ſagt geradezu, aus Liebe zu Gott habe Johanna oft Almoſen ge⸗ geben. u) 0. II, 389 Anm.: Situé à mi-côte entre le plateau de Beaumont ou Belmont et la Meuse, au- dessus de l'ancienne route de Domremy à Neuſchateau. On y voyadit encore, il n'y a pas plus de trente ans, une chapelle tres-ancienne, qui depuis s'est écroulée. En 1835, un proprietaire du pays entreprit de la réparer. On trouva dans les décombres l'épitaphe d'un ermite mort en 1583, des statuettes de bois et une cloche. 401„.I. un 3 18 Zeuge Morel, ſie ſei oftmals in der Liebfrauenkapelle geweſen, wenn ihre Eltern ſie auf Feld oder Trift beſchäftigt geglaubt hätten 46. Sie brachte dem Marienbilde Kerzen 4¹, bei günſtiger Jahreszeit Blumenkränze 48 und betete am Altare 44. Ueberhaupt diente ſie der heiligen Jung⸗ frau mit großem Eifer so. So war demnach Frömmigkeit der Grundton ihres ganzen Lebens und aleichſam der Mutterboden, aus dem alle ihre Tugenden hervorwuchſen. Wie ſich Johanna in dem Stillleben der Heimat gezeigt hatte, ſo bewährte ſie ſich auch in den Stürmen des Krieges. Das Lager⸗ und Kriegsleben that ihrer Frömmigkeit nicht nur keinen Abbruch, ſondern bewirkte gerade das Gegentheil. Aus dem Glauben göttlicher Sendung entſprang mit Nothwendigkeit mitten in dem Zerwürfnis der Wirklichkeit eine Heiligung des Lebens, die in der Kriegsgeſchichte ſchwerlich ihres Gleichen hat. Wuſte ſich Johanna als Got⸗ tes Streiterin, wie konnte ſie anders, als in Gottes Gehorſam und Befolgung ſeiner Heilsord⸗ nungen einhergehn? Das Stahlgewand der irdiſchen Kriegerin muſte zum Harniſch göttlichen Heldenthums werden. Vom Himmel herunter muſte ſie Kraft und Segen Gottes holen, wollte ſie ſein Banner ſiegreich tragen und ſeines Willens Vollſtreckerin ſein. Darum: je mehr ſie der Hülfe von oben bedarf, deſto flammender werden ihre Gebete, je heißer der Drang der Noth, deſto feuriger Johannas Andacht. Tag und Nacht bittet ſie Gott um Ausrichtung ihrer Sen⸗ dung. Täglicher Kirchgang, tägliche Meſſen, Beichten, an jedem Freitag Faſten, wöͤchentliche ja noch öftere Abendmahlsfeier. Keine Schlacht wird von ihr begonnen, bevor ſie durch Beichte und Abendmahl ihr Gewißen geſtillt hatte, keine gewonnen, ohne daß ſie Gott die Ehre gibt. Mit einem Worte: die Ausſagen der Augenzeugen vereinigen ſich zu einem ebenſo glänzenden Gemälde von Johannas Frömmigkeit im Kriege, als die Zeugen der Heimat von ihrem Ver⸗ halten in Domremy gegeben haben ¹. Als Botin Gottes und Verlobte des Paradieſes, die das Gelübde der Jungfräulichkeit gethan, muſte ſie unter dem wüſten, ſittenloſen Kriegsvolk als ediſer jungfräulicher Reinheit und Keuſchheit daſtehen 52. Und wie ſie ſich bewuſt war, in Got⸗ tes Auftrag die Sache Gottes zu führen, ſo wollte ſie auch, daß das Heer, welches Gottes Schlachten ſchlug, von göttlichem Geiſte durchdrungen ſei. Mit heiligen Waffen ſollte der hei⸗ lige Kampf für das heilige Frankreich gefochten werden. Durch die Macht ihrer Ehrfurcht ge⸗ bietenden Perſönlichkeit übte ſie einen tiefgreifenden Einfluß wie auf ihre nächſte Umgebung, ſo auf die ganze Armee und übertrug den Geiſt, der ſie beſeelte, auf Hohe und Niedere 4). Ueber⸗ all ſuchte ſie chriſtliche Zucht und Sitte herzuſtellen und den Ordnungen der Kirche Geltung zu verſchaffen 54. Sie erhob den geſunkenen Muth zur Siegeszuverſicht, indem ſie die Hoffnung auf Gottes Beiſtand neu belebte 5s, legte der Grauſamkeit und Rachſucht Zügel an, that dem läſterlichen Fluchen und Schwören Einhalt 56 und leuchtete allen als Vorbild in Wort und Werks:. Der Stempel ſittlicher Hoheit war ihr auf die Stirn gedrückt. Kein Wunder. wenn ſie, die ſelbſt wie ein Wunder erſchien, allgemein als eine Heilige betrachtet und geehrt wurde 5s. Entſprachen vollends Thaten, die man nur bei Gott möglich geglaubt hatte, ihren Verheißungen, ſo konnte es nicht fehlen, daß die Ueberzeugung, ſie ſei von Gott geſendet, ſich faſt durchgängig Bahn brach 5u9. Für ein ſinniges, ahnungsreiches Gemüth hatte die Gegend von Domremy manches Er⸗ weckliche. Unfern des Dorfes*) ſtand neben der Landſtraße, welche nach Neufchateau führt, in der Richtung nach der Marienkapelle hin ein Buchenbaum, unter dem Namen Feenbaum oder Schönmai in der ganzen Gegend bekannt 60. Die Buche war uralt 6¹, von ſeltener Groͤße und Schönheit 62. Ihre mächtigen, ringsum bis auf die Erde niederhangeuden Aeſte bildeten ein rundes Laubdach**), deſſen Schatten in der warmen Jahreszeit viele Beſucher anlockte. Beſon⸗ *) Q. Aperc. p. 7: Au pied du coteau, la chaumière de la famille d'Arc joignant le pourpris de Léglise, un peu plus loin, en montant, entre des touffes de groseilliers, la fontaine(ſ. Q. II, 391) ombragée du famenx arbre, du hètre séculaire, dont mille récits faisaient le séjour des fées; enfin, sur la hauteur, le Bois-Chenu. etc. *) Q. II, 390 Anm.: En 1628, Edmond Richer, témoin oculaire, écrivait:„Les branches de ce fau 19 ders gingen die Kranken, ſobald ſie das Bett verlaßen durften, daſelbſt ſpazieren, um vollends zu geneſen 6s. Neben dem Baume, etwas weiter nach dem Dorfe hin 6i, fleß eine Quelle, der man Heilkraft gegen das Fieber zuſchrieb 65. Auch ſollte in der Nähe des Baumes unter einem Haſelſtrauche eine Alraunwurzel in der Erde verborgen ſein, womit man Geld auffinden koͤnne, doch galt es für gefährlich, eine ſolche Zauberwurzel zu haben 66. Der Sage nach hielten ſich in früherer Zeit die Feen unter der Buche auf 6:, und Menſchen gingen irre mit den Feen am Donnerſtag ôs; in einem Roman(Chronik des Landes) war zu leſen, es habe vor Alters ein Ritter von Bourlemont, Herr von Domremy*,, ſich mit einer Fee unter dem Baume zuſammen⸗ gefunden 6; ja eine Pathin der Johanna verſicherte, die Feen noch ſelbſt geſehen zu haben 70. Keiner der Zeugen jedoch hat gehoͤrt, geſchweige geſehen, daß die Feen noch zu ſeiner Zeit bei dem Baume umgingen, ſie behanpten vielmehr das Gegentheil?I. Die Feen dürfen um ihrer Sünden willen nicht mehr kommen, ſeit der Prieſter am Vorabend des Himmelfahrtfeſtes mit dem Kreuze durch die Fluren geht und unter dem Buchenbaum wie bei der Quelle das Evan⸗ gelium Johannis lieſt 72. Es ſieht das wie eine Art von Sühnung aus und die Vermuthung drängt ſich auf, die ganze Gegend ſei ehemals ein Sitz heidniſchen Goͤtzendienſtes geweſen, deſſen Hauptſtätte die Liebfrauenkapelle bilden mochte. Vielleicht iſt ſelbſt das Frühlingsfeſt, welches die Kinder von Domremy feierten, aus heidniſchem Naturdienſt hervorgegangen, an welchen die Feen erinnern. Jedes Jahr nämlich begaben ſich die jungen Leute von Domremy, Greux und anderen Dörfern 73 am Sonntage Lätare im feſtlichen Jugs unter jenen Baum, führten daſelbſt Reigentänze auf mit Geſang, beluſtigten ſich an heiterem Spiel und verzehrten die Brötchen, welche eigens für dieſen Tag im Dorfe gebacken wurden. Den Baum ſchmückten ſie mit Blu⸗ mengewinden, die ſie beim Eintritt der Nacht entweder mit nach Hauſe nahmen oder auch zu⸗ rückließen*4. Auf dem Rückwege gingen ſie, Geſang und Spiel fortſetzend, zur Heilquelle, manchmal auch zu andern Quellen 75, tranken von dem Waßer und pflückten Blumen. Der Sonntag Lätare führte von dieſem Feſte den Namen Bornſonntag*s und die ganze Feier bezeich⸗ nete man mit der Redensart: facere suos fontes ²7, ein kurzer Ausdruck für faire oder célébrer le dimanche des Fontaines. Die Tradition über den Urſprung des Feſtes war erloſchen, we⸗ nigſtens wißen die Zengen keinen anderen Grund für die Feier anzugeben, als die Schönheit des Baumes, Gewohnheit, Vergnügen und Kurzweil 7s. Uebrigens wiederholten ſich dieſe Aus⸗ züge ofters im Frühjahr und Sommer, beſonders an Feſttagen ¹³; auch veranſtalteten die Herr⸗ ſchaften von Domremy manchmal des Jahrs mit ihrem ganzen Hauſe dergleichen Luſtbarkeiten, wobei ſie die Dorfkinder bewirteten so. Johanna hat in ihrer Kindheit gethan wie die anderen Kinder si, iſt mitgegangen sꝛ, hat mit getanzt, geſcherzt, geſungen, doch pflegte ſie mehr zu ſin⸗ gen als zu tanzen 84. Kränze hat ſie ebenfalls gebunden und an den Baum gehängt, meiſtens brachte ſie dieſelben der heiligen Jungfrau von Domremy 84. Im reiferen Alter, zumal nachdem ihr die Heiligen ihre Meiteiwiinid verkündigt, hat ſie ſich wenig aus jenen Spaziergängen und Scherzen gemacht, und ihres Wißens nicht getanzt 8s. Allein oder in beſonderer Abſicht iſt ſie nicht nach dem Baum und der Quelle gegangen 8s. Ob das Trinken aus der Heilquelle wirk⸗ lich jemanden geſund gemacht, iſt ihr unbekannt 87. Eine Zauberwurzel hat ſie nie geſehen und glaubt nicht, daß man damit Schätze heben könne, die Heiligen haben ihr niemals etwas darüber offenbart ss. Nie hat ſie gehört, daß ſich die Feen in dem Eichenwalde aufhielten 8o. Ob die Feen böſe Geiſter ſind, weiß Johanna nicht 90; ebenſowenig ob die Verſicherung ihrer APathin die übrigens nicht für eine Hexe gehalten wurde, ſondern in gutem Rufe ſtand, auf Wahrheit be⸗ sont toutes rondes, et rendent une belle et grande ombre pour s'abriter dessous, comme pres- que Pon feroit au couvert d'une chambre. Et faut que cet arbre aye ponr le moins trois cents ans, qui est une merveille de nature.“ Cet arbre n'existe plus, mais le souvenir s'en est con- servé dans le pays. Les plus anciens de Domremy se rappellent encore avoir entendu dire qu'il avait été arraché par un habitant, nommé Soudart. 112 12 *) Dieſer Familie gehötte der Baum, 0. I, 67. 212. II, 398. 20 ruhe 21; das Irregehen mit jenen Zauberweſen hält ſie auf jeden Fall für Aberglauben 92. Bei der Buche ſind ihr die Feen, daß ſie wüßte, nicht erſchienen, ob ſie dieſelben anderwärts geſehen oder nicht, vermag ſie nicht zu ſagen 93. Die Kränze, welche ſie unter dem Baume gewunden, hat ſie nicht zu Chren der heiligen Katharina und Margareta aufgehängt ²*, auch haben dieſe Heiligen nicht mit ihr unter der Buche geredet 95. Von ihrem Bruder hat ſie vernommen, man erzähle ſich in der Heimat, ſie habe ihre Sendung bei dem Baume empfangen. Sie erklärt das für unwahr und ſtellt es entſchieden in Abrede 96. Dagegen bekennt ſie freimuͤthig, daß Catha⸗ rina und Margareta an der Quelle mit ihr geſprochen und daß ſie dieſelben gehört habe, was aber die Heiligen geſagt, hat ſie vergeßen 9. 8—.va Nach alle dem ſteht ſoviel feſt, daß Johanna die Exiſtenz der Feen nicht beſtreitet, daß ſie aber nicht weiß, welche Bewandtnis es mit denſelben hat, und— was die Hauptſache iſt— ſie weder bei dem Baume, noch ſonſt irgendwo geſehen hat. Dies beweiſt zur Genüge, daß Jo⸗ hanna ſich durchaus keiner Gemeinſchaft mit den Feen bewußt war. Gemeinſchaft hat ſie einzig und allein mit den Heiligen des Paradieſes, und dieſe ſind ihr, wie an vielen Orten, ſo auch bei der Quelle gegenwärtig geweſen. Damit iſt nun keineswegs geſagt, daß die Feeuſage ohne Wirkuug auf Johanna geblieben ſei. Sollte das reizbare, auf das Ueberſinnliche von Jugend an gerichtete Kind nicht mit geſpannter Aufmerkſamkeit den Erzählungen über die Feen gelauſcht haben? Erhielten dieſe nicht dadurch, daß ſie ſich an einen feſten, ſinnlichen Gegenſtand, an eine örtliche Grundlage anſchloßen, eine beſondere Anſchaulichkeit? Und beſtand nicht zu Jo⸗ hannas Zeiten der Glaube unangefochten, daß die Geiſter, gute wie böſe, unter den Menſchen wandelten, ihnen erſchienen, ja perſönlichen Umgang mit ihnen pflegten?*) Was Wunder alſo, wenn gerade die Feenſage dazu beigetragen hätte, die Vorſtellungen von einem lebendigen Verkehr der Geiſter mit den Menſchen frühzeitig in ihr zu wecken und zu beleben! Damit iſt aber auch die Grenze gezogen, über die wir nicht hinausgehen dürfen, wollen wir nicht alles, was wir von Johanna wißen, Lügen ſtrafen und den augenfälligſten Thatſachen Hohn ſprechen*). Wären die Feen in der Idee der Landleute gute Geiſter geweſen, dann dürften wir vielleicht einen Schritt weiter gehen und die Vermuthung aufſtellen, Johanna habe ſich in früher Kind⸗ heit zu denſelben hingezogen gefühlt und von wunderbaren Ahnungen bewegt, Baum und Quelle gern aufgeſucht, um daſelbſt den Zuſpruch jener guten Geiſter zu vernehmen und ſich von ihnen die geheime Unruhe deuten zu laßen, womit ſie Afu war. Die kindiſchen Träumereien müſten natürlich ſehr bald vor dem Lichte kirchlicher Gläubigkeit zergangen ſein und die Feen den Hei⸗ ligen des Paradieſes Platz gemacht haben. Aber die Vorausſetzung, unter der man eine ſolche Entwickelung der Jungfrau gelten laßen könnte, iſt durchaus nicht ſtatthaft. Die Feen wurden ja für böſe, durch das Evangelium von Baum und Quelle verſcheuchte Geiſter gehalten, wie die Zeugen beſtimmt ausſagen. Solche dämoniſche Weſen konnten, zumal bei Kindern, nicht Zuneigung, ſondern nur Grauen und Schauer der Furcht erwecken, und ſomit wäre der Wahn, in Gemeinſchaft mit denſelben zu ſtehen, nur bei ſolchen Ferſanen denkbar, die von früh an eine entſchieden ſataniſche Richtung e nsh lagen hätten. Johanna unter dieſe zählen, hieße heutzu⸗ tage geradezu Unſinn ſchwatzen, und wird es ſo lange heißen müßen, als man an den guten Früchten den guten Baum erkennt, und nicht Trauben von den Dornen, Feigen von den Diſteln geleſen wer⸗ den. Soweit wir in ihre Kindheit zurückblicken, finden wir auch nicht die leiſeſte Spur einer ſolchen Verirrung, ſondern durchweg die deutlichſten Merkmale eines gotterfüllten, nur für das Gute offenen Herzens. Nicht der Feenplatz, ſondern der Altar iſt die Stätte, wo ſich Johanna von früher Jugend an in das Reich der Geiſter verſenkte. Da ſchloß ſie die Heiligen, vor deren Bildern ſie anbetend *) Intereſſant iſt eine Außerung der Johanna über die guten Geiſter, 0. I, 130(Angeli) multotiens Tn unedaner christianos, et non videntur, et ipsa eos saepe vidit inter christianos. Vgl. 143. **) Daß die Richter ein arges Gewebe zuſammengeſponnen haben, kann nicht befremden. S. die ſieben erſten Artikel des Promotors, Q. I, 204 sq. mit Johannas Gegenerklärungen.— 21 kniete, ſo tief ins Herz, daß ſie in ihrer Innenwelt zu lebendigen Geſtalten wurden. Und dieſe Heiligen, nicht Dämonen, ſind es, die ihr als Boten Gottes auch vor die äußeren Sinne tra⸗ ten, als die in ihr lebendigen Geiſter des Glaubens und des Rechtes durch die verzweifelte Lage des Vaterlandes für ſie zu Stimmen und Geſichten wurden. Begeiſtert von den erhabenen, zu Engeln und Heiligen verkörperten Ideen göttlichen Rechts und goͤttlicher Ordnung, beſeelt von den hochherzigſten Geſinnungen der Treue und Liebe trat ſie nicht in eignem, ſondern in Gottes Namen für Frankreichs Befreiung in die Schranken und einigte die beſten Kräfte ihres Volkes in dem Glauben, Gott werde ſich an König und Vaterland durch eine große Gnadenthat ver⸗ herrlichen. So hat ſie ihrem Volke die nationale Selbſtändigkeit unter dem angeſtammten Herr⸗ ſcher bewahrt, ihrem Könige Krone und Reich gerettet und für dieſes göttliche Werk nie mit Künſten der Finſternis geſtritten, ſondern ſtets mit Waffen des Lichts gekämpft. Den Aber⸗ glauben hat ſie ſtets mit Widerwillen von ſich geſtoßen, ſo oft ſie auf ihrer Kriegerbahn damit in Berührung kam. Leute, welche ihre Wunde beſprechen wollten und ſofortige Heilung verhie⸗ ßen, wies Johanna mit den Worten zurück, das ſei Sünde und lieber wolle ſie ſterben, als un⸗ ſern Herrgott durch Zauberei beleidigen ⸗»s. Als Weiber Roſenkränze und Kerzen brachten, wel⸗ che Johanna berühren ſolle ſagte dieſe lächelnd zu ihrer Hauswirthin, ſie möge dieſelben be⸗ rühren, es werde eben ſo gut ſein 99. Von Amuletten hat ſie nichts gehalten 100, nie mit ihren Ringen Kranke heilen zu können geglaubt 101, die Hoffnung des Sieges nicht auf ihre Fahne, ſondern allein auf den Herrn geſetzt 102, ihren Soldaten nicht verſprochen, die Pfeile und Ku⸗ geln der Feinde aufzufangen 1¹03, überhaupt nie etwas gethan, was dem Aberglauhen Vorſchub geleiſtet hätte 1w4. Am wenigſten ließ ſie ſich aus Rückſichten des Nutzens von andern in Aber⸗ glauben verſtricken, wie der Vorfall mit der Katharina von La Rochelle beweiſt. Als nämlich der König in Geldperlegenheit war, kam dieſe mit dem beredten Mönch Richard zu Johanna nach Montfaucon und verſicherte, es erſcheine ihr allnächtlich eine weiße Frau in einem Gold⸗ gewand, welche ſie auffordere, vom Könige Herolde und Trompeter zu verlangen, um in den treuen Städten auszurufen, daß jeder ſein Gold und Silber abliefere, damit den Truppen der Sold bezahlt werde; wer dies nicht gutwillig thue, den werde ſie ausfindig machen und die ver⸗ borgenen Schätze zu entdecken wißen. Johanna wollte ſich überzeugen und legte ſich zu der Frau ins Bett. Sie wachte bis Mitternacht, und da die Geſtalt nicht kam, ſo r Johanna ein. Früh Morgens behauptete Katharina, die weiße Frau ſei wirklich erſchienen, Johanna aber habe ſo feſt geſchlafen, daß ſie nicht zu wecken geweſen wäre. Um beßer wachen zu koͤnnen, ſchlief Johanna am Tage. Oft fragte ſie während der Nacht, ob die Geſtalt komme, und erhielt jedesmal die Antwort: Ja, gleich. Am Morgen befragte Johanna ihre Heiligen*), um völlige Gewisheit zu erlangen, erklärte ſodann alles für eitel Trug und Alberuheit, ließ dies dem König ſchreiben und gab der Frau den Rath, nach Hauſe zu gehen und ihre Geſchäfte zu beſorgen ¹⁰5. Es ging in Johannas Heimat die Sage, daß Frankreich durch ein Weib zu Grunde gerich⸗ tet und durch eine Jungfrau von den Marken Lothringens wioderhergeſtellt werden würde. Jo⸗ hanna hat dieſe Sage gekannt und ſich auf dieſelbe ſowohl bei ihrem Oheim, als in Voucou⸗ leurs berufen 1os. In dieſer Prophezeiung iſt der alte, ſpäter oft wiederholte Ausſpruch eines Kirchenvaters in Lyon, eine Jungfrau habe das Verderben, eine Jungfran das Heil über die Menſchheit gebracht**), wiederzuerkennen und zwar in einer beſtimmten, den Zeitverhältniſſen entſprechenden Ausgeſtaltung. Unter dem Weibe, welches Frankreich ins Verderben ſtürzen würde, verſtand jedermannn die Königin Iſabella, die rettende Jungfrau von den Marken Loth⸗ ringens ſollte noch kommen. Thorheit wäre es zu wähnen, daß Johanna durch dieſe Weiſſa⸗ gung zur Retterin des Vaterlandes geworden wäare. Hätte der hiſtoriſche Beruf nicht in ihr *) Haſe, S. 78: Ihr kam's nicht in den Sinn, daß Andre nach dieſem Entſcheidungsgrunde über ihre(der Johanna) Erſcheinungen ebenſo urtheilen könnten, weil ſie die Geiſter erlebt hat und ihrer gewiß iſt wie des eignen Ich., 15¼ 837n **) Haſe, S. 13 u. 14. 22 gelegen, die Sage wäre ebenſo ſpurlos an ihr vorübergegangen, wie an Tauſenden, welche ſie ebenſo gut gekaunt haben und doch nicht zu Helden der Freiheit geworden ſind. Daß aber die Sage nicht ohne Einfluß auf Johanna geblieben, ſondern eine Weckſtimme für ſie geworden iſt, unterliegt ſchwerlich dem Zweifel. Wenn das Außerordentliche werden ſoll, müßen bisweilen geringfügige Dinge dem göttlichen Weltplane dienen, das unſcheinbar Kleine iſt oft von provi⸗ denzieller Bedeutung geweſen. Bei einem Weſen, welchem mit dem Berufe, dereinſt das Vater⸗ terland zu befreien, auch die Empfänglichkeit für alles eingeboren war, was irgendwie mit die⸗ ſem Berufe im Zuſammenhang ſtand, muſte die Prophezeiung leicht Eingang finden. War ſie ja doch nichts anderes, als der äußere Wiederſchein deſſen, was als tiefſtes Sehnen und ur⸗ ſprünglichſter Trieb in Johannas Innerem lag, Glaubte ſie aber an dieſelbe, ſo war es ihrer frommen Gemüthsrichtung durchaus gemäß, wenn ihr die Prophezeiung im Lichte einer göttli⸗ chen Botſchaft und Verheißung erſchien. Von da bis zu der Ueberzeugung: Ich bin die Er⸗ korene, iſt allerdings ein großer Schritt, und der Jungfrau, welcher jene Miſſion aufbehalten war, muſten ſtärkere Impulſe, höhere Vollmachten und Bürgſchaften zu Theil werden, als die Sage an und für ſich geben konnte. Johanna beſaß dieſelben in ihren Viſionen. Und was ſind dieſe anders, als dieſelbe Botſchaft Gottes ausſchließlich an Johanna gerichtet, welche in der Sage ganz allgemein gefaßt war?*) *) Quicherat(Aperc. p. 8) hält die Sage, auf welche man in Chinon und Poitiers anſpielte, für dieſelbe, welche in Domremy verbreitet war, und worauf ſich Johanna bei ihrem Oheim und in Voucouleurs bezog. In folgenden Stellen wird die erſtere erwähnt: O. I, 68(Johanna): Dicit quod est ibi unum nemus quod vocatur Nemus-quercosum, gallice le Bois-chesnu etc. Item ulterius dicit quod, quando ipsa venit versus regem suum, aliqui petebant sibi an in patria sua erat aliquod nemus quod vocaretur gallice le Bois-chesnu, quia erant prophetiae dicentes quod circa illud nemus debebat venire quaedam puella quae faceret mirabilia, Sed dixit ipsa Johanna quod in hocnon adhibuit fidem. Statt Bois-chesnu, nemus quercosum, findet ſich I, 213 im VI. Artikel der requesta promotoris: Nemus-canutum(Bois-chenu), wozu Quicherat bemerkt: Il y a ici équivoque. L'accusée a dit dans l'interrogatoire du 24 février (p. 68) que le bois qu'on voyait de la porte de sa maison s'appelait, non pas le Bois-chenu, mais le Bois-chesnu, Quercosum nemus,— Q. III, 15(Dunois): Post quindecim dies a tem- pore quo dominus comes de Suffolk effectus est prisionarius eius, in captione de Jargueau, fuit transmissa dicto comiti de Saffolk una schedula papyrea, in qua continebantur quatuor versus, facientes mentionem quod una Puella ventura est du Bois-Chanu, et equitaret super dorsum arcitenentium, et contra ipsos. 75(Thibault): Dicit ulterius quod audivit dici dicto defuncto domino confessori quod viderat in scriptis quod debebat venire quaedam Puella, quae debebat juvare regem Franciae. 133(Migiet): Alias in quodam libro antiquo, ubi recitabatur prophetia Merlini, invenit scriptum quod debebat venire quaedam puella ex quodam nemore canuto, de partibus Lotharingiae, Vergl. III, 339 sq. IV, 305, 480 sd. V, 12. Ich glaube mit Haſe(S. 14), daß die Sage von der Jungfrau, welche ex nemore canuto, de partibus Lotharin- giae kommen ſollte, erſt in Chinon und Poitiers der Johauna zu Ohren gekommen iſt. Ich halte es ſogar für möglich, daß erſt das Erſcheinen einer Jungfrau zur Hülfe des Königs, in deren Heimat ſich ein Bois-chesnu befand, Urſache geworden iſt, ſich der Puella ex Nemore-Canuto des Zauberbuchs zu erinnern und die Merlinſage auf Johanna zu übertragen. Wegen Mangelhaftigkeit der Quellen läßt ſich darüber nicht mit Gewisheit entſcheiden. Gegen die von Quicherat angenommene Einheit der Sagen ſprichl namentlich die Verſicherung der Johanna, I. 68: quod in hoc non adhibuit fidem; indem dieſe Aeußerung im Widerſpruch damit ſtehen würde, daß ſich Johanna auf die(in ihrer Heimat ver⸗ breitete) Sage berufen hat. Doch ließe ſich die Schwierigkeit immerhin löſen, ohne daß man daran zu den⸗ ken brauchte, Johanna habe ihren Richtern die Unwahrheit geſagt. Es könnte ſein, daß Johanna die Sage, ohne ſelbſt Werth auf dieſelbe zu legen, nur deshalb erwähnt hätte, um ihrem Oheim und den Leuten in Voucouleurs leichter Glauben einzuflößen. Damit wäre ein wirklicher Einfluß der Sage auf Johanna keineswegs ausgeſchloßen. Man könnte ſich das Verhältnis der Johanna zu der Sage nach den verſchiedenen Stufen ihrer Entwickelung etwa folgendermaßen denken: In ihrer Jugend und 23 Johannas frommer Sinn nahm frühzeitig eine patriotiſche Richtung. Geboren und auf⸗ gewachſen in einer Zeit, wo das Ungewitter des Krieges ſich am ſchwärzeſten über Frankreich zuſammenzog, vernahm ſie ſchon in jungen Jahren den Nothſchrei des Vaterlandes. Wohl war ſie dem Schauplatze der Begebenheiten ſo weit entrückt, daß ſie nicht unmittelbar von den Greueln derſelben berührt wurde; allein die Erſchütterungen der Kriegsereigniſſe waren ſo gewaltig, daß ſie in den entfernteſten Winkeln Frankreichs nachgefühlt wurden. Ueberdies war die Parteiwuth bereits ſo tief in alle Schichten des Volkes eingedrungen, daß ſie ſogar die Kinder in feindſe⸗ lige Kreiſe ſpaltete. Gerade die Heimat der Johanna liefert dazu ein Beiſpiel. In Domremy war nämlich Jung und Alt königlich geſinnt, mit Ausnahme eines Einzigen. Das benachbarte Dorf Maxey dagegen hielt es mit den Burgundern. Infolge deſſen zogen die Kinder beider Dörfer in Schaaren aus, um einander förmliche Schlachten zu liefern, aus denen ſie mit blu⸗ tigen Köpfen heimkehrten. Daß Johanna mit ganzem Herzen auf ihres Königs Seite geſtan⸗ den, hat ſie vor den Richtern mit rückhaltloſer Aufrichtigkeit bekannt und kein Hehl daraus ge⸗ macht, ſie habe gewünſcht, daß jenem einzigen Anhänger der Burgunder in ihrem Dorfe der Kopf abgehauen würde, ſofern es Gottes Wille wäre. Doch erinnerte ſie ſich nicht, an jenen Fehden Theil genommen zu haben 107. Während andere Kinder ihrem Parteihaß durch Thät⸗ lichkeiten Luft machten, ſuchte Johannas frommer Sinn Hülfe bei Gott und ſeinen Heiligen. Die Altäre waren ihre Zuflucht, an ihnen hauchte ſie Schmerz und Sehnſucht in Gebeten aus. Je länger die Rettung verzog, je klarer die Thatſachen zeigten, daß bei Menſchen keine Hülfe war, deſto mehr trieb das heiße Verlangen nach Hülfe Johanna zu dem Gotte, bei dem kein Ding unmöͤglich iſt. Wie oft mag ſie an heiliger Stätte um die Sendung eines rettenden En⸗ gels für das bedrängte Vaterland gefleht haben! So verſchmolz Johannas Frömmigkeit mit ihrer Liebe zum Vaterlande und drückte dieſer von vorn herein das Siegel göttlicher Weihe auf, andererſeits muſte die patriotiſche Begeiſterung ihr Gemüth zu immer tieferer Andacht ſtimmen. „Von der Maſſe des Unglücks, das ſie überall umſtanden, in ſich ſelbſt gedrängt, und auf ſich ſelber angewieſen und doch bei ihrer Schwäche keine Hülfe findend, muſte ſie ſich gedrungen fühlen, dieſe bei einer höheren Macht zu ſuchen, und an ihr ſich zu erheben und aufzurichten. So ſtieg in ihr, was ſonſt wohl in jenem Alter in vielen Adern ſich in die umgebende Welt verſtromt, in einen Strahl geſammelt, gerade auf zur Höhe und ihre Jugend gewann jenen ge⸗ haltvollen Ernſt bei friſcher Wärme, die ſie ſo eigenthümlich bezeichnet“*). Es gehört zu ihrer bevor ihr die Engel erſchienen, war der Wald mit ſeiner Sage für Johanna ein ſtummer Prediger deſſen, was als Grundtrieb in ihrer Seele lag. Sie glaubte und ſah mit jedem Blick, den ſie vom Felde oder Hauſe aus nach dem Walde und der Marienkapelle that, in der Natur wie in einem Spie⸗ gel die große Doppelſeite ihres Ich: Dienſt Gottes und Rettung des Vaterlandes. Späterhin aber, als die Erſcheinungen der Engel begannen, nahm Johanna zu der Sage eine veränderte Stel⸗ lung ein. Vor der Stimme der Engel trat die Prophezeiung allmählich wie der Morgenſtern vor dem Lichte der Sonne unſcheindar zurück, ſie ſank in Johannas Augen zur Bedeutungsloſigkeit herab und diente ihr in Voucouleurs nur als Mittel zum Zweck.— Uebrigens waren damals, wie oft in Zei⸗ ten, wo entſcheidende Ereigniſſe mit Spannung und Bangigkeit erwartet werden, gar manche Pro⸗ phezeiungen im Umlauf, welche ſpäter ebenfalls auf Johanna gedeutet wurden, unter andern die der Maria von Avignon, G. III, S3 sq.(Barbin): Et in illis deliberationibus quidam magister Erault, sacrae theologiae professor, retulit quod ipse alias audiverat dici a quadam Maria d'Avignon, quae pridem venerat apud regem, cui dixerat quod regnum Franciae habebat multum pati, et plu- res sustineret calamitates, dicendo ulterius quod ipsa habuerat multas visiones tangentes desola- tionem resni Franciae, et inter alia videbat multas armaturas quae eidem Mariae praesentabantur; ex quibus ipsa Maria expavescens timebat ne cogeretur illas armaturas recipere; et sibi fuit di- ctum quod non timeret, et quod ipsa non deferret eiusmodi arma, sed quaedam Puella, quae veni- ret post eam, eadem arma portaret et regnum Franciae ab inimicis liberaret. Et credebat firmiter duod ipsa Johanna esset illa de qua ipsa Maria d'Avignon fuerat locuta.„ 9 5 Füires in der Vorrede zu dem Werke: Die Jungfrau von Orleans, von G. Görres, Regens⸗ urg. O(dn 24 beſonderen Führung, daß die Schreckniſſe des Krieges lange Zeit ihre engere Heimat verſchon⸗ ten. Die Aufgabe, welche Johanna zu löſen hatte, erforderte eine ſtille Bereitung, welche durch den zermalmenden Tritt der Heermaſſen geſtört worden wäre. Sollte ſie, ohne gewaltſam aus ihrer Innenwelt hinausgedrängt zu werden, die Richtung auf ihren Lebensberuf gewinnen, ſo muſte ſie das Unglück des Vaterlands zunächſt bloß aus der Ferne ſchauen. Nur 8 nahe durfte ſie dem Kriegsſchauplatze ſtehen, als nöthig war, damit ſie des Vaterlandes Wehe als das eigne mitfühlen und ſich mit ganzem Herzen für des Königs und des Reiches Wohlfahrt begeiſtern konnte. Erſt dann, als ihre Entwickelung ſo weit gediehen war, daß ſie den Gedanken zu fa⸗ ßen vermochte, ſelbſt das Werkzeug des Heils für das Vaterland zu werden, fiel bei Verneuil der ungeheure Schlag, welcher ganz Frankreich in ſeinen Grundfeſten erſchütterte und die Wo⸗ gen des Kriegs bis in die friedlichen Thäler der Maas fortwälzte. Doch erreichte die Heimſu⸗ chung ihr Heimatsdorf nicht früher, als bis Johanna ſich ſo völlig eingelebt hatte in die Idee ihrer himmliſchen Sendung, daß jede Bedrängnis von außen ſie nur tiefer in derſelben gründen konnte. Nachdem ſie endlich an Leib und Seele vollkommen tüchtig geworden war zur Durch⸗ führung ihres Berufs, erſtieg die Noth des Vaterlandes den höͤchſten Gipfel, und damit war der Zeitpunkt eingetreten, wo die Idee zur rettenden That werden ſollte. Dean erſten Hauptwendepunkt in Johannas Leben, wie in der Geſchichte Frankreichs, bildet die Schlacht bei Verneuil(22. Juli 1424). Gegen Ende des September drangen nämlich die erſten feindlichen Schaaren in das Thal der Maas ein, und im Sommer des folgenden, oder wenn Johanna 1411 geboren wäre, deſſelben Jahres hatte Johanna ihre erſte Viſion. Es iſt nicht moͤglich, an einem Zuſammenhang beider Ereigniſſe zu zweifeln. Die Gefahr ſtieg ſeit 1427, wo die Engländer gegen die untere Maas, die Burgunder in den Kreis von Voucouleurs vor⸗ rückten*). Die Thalbewohner vertheidigten ſich mit unerſchrockenem Heldenmuthe. Erſt nach fünfmonatlicher Belagerung eroberten die Engländer unter dem Grafen von Salisbury einen ſchwach befeſtigten Vorort von Beaumont, Moymer genannt. Beaumont ſelbſt behauptete ſich noch volle anderthalb Jahre, ehe es ſich ergab. Das gleichzeitig belagerte Mouzon erhielt noch eine Friſt von drei Monaten. Nach Ablauf derſelben wanderten die Einwohner, da keine Hülfe vom Könige kam, nach Lüttich aus, um dem Joche der Engländer zu entgehen. Gleich hart⸗ näckigen Widerſtand ſetzte Voucouleurs ſeit 1427 dem Burgundiſchen Heerführer Anton von Vergy entgegen. Am 22. Juni 1428 empfing Vergy den Befehl, Stadt und Schloß um jeden Preis zu nehmen und ſchon am 1. Juli hielt er zu Saint⸗Urbain Muſterung über die zu die⸗ ſem Feldzuge beſtimmten Truppen. Was weiter geſchah, wird nirgends berichtet, nur ſoviel wißen wir, daß auch im folgenden Jahre Voucouleurs noch unbezwungen war. Die Bedräng⸗ niſſe von Domremy fallen demnach in die Jahre 1427, und 1428. Die unmittelbare Erfah⸗ rung der unverdienten Leiden, welche über die Dorfleute ergingen, muſte Entrüſtung und Er⸗ barmen in der Jungfrau hervorrufen und die Ungerechtigkeit der Feinde das Recht Frank⸗ reichs in das hellſte Licht ſtellen, beides aber nicht wenig dazu beitragen, Johannas Entſchluß zur Reife zu bringen. Ueber die Drangſale ſelbſt erfahren wir nur wenige Einzelheiten. Beim Herannahen der Burgunder wurden die Herden nach dem Inſelſchloß, welches vor dem Dorfe zwiſchen zwei Armen der Maas lag, in Sicherheit gebracht 108. Einmal 166 flüchteten ſämmt⸗ liche Bewohner 110 mit ihrem Vieh iin in das befeſtigte Neufchateau. Die Familie d'Arc fand Unterkommen in dem Gaſthauſe einer achtbaren Frau, Namens La Rouſſe 112. Johanna blieb wahrend ihres beinahe fünfzehntägigen Aufenthaltes 113 ſtets in Geſellſchaft ihrer Eltern und der andern Landsleute 1n, half der Atsfrau im Hausweſen ¹1 und führte ihrer Eltern Vieh auf die Weide 116. Zwei⸗ bis dreimal ging ſie zur Beichte 117. Sie ſehnte ſich nach ihrem Dorfe 11s und kehrte, ſobald die Feinde daſſelbe verlaßen hatten 118, mit ihren Eltern und den übrigen Flüchtigen nach Domremy zurück 120. 18 19] *) Nach G. Aperc. p. 3 und 10—13. 25 Knurz nach dieſer Zeit 12²1 fällt wahrſcheinlich der Proceſſ, welchen ein junger Mann gegen Johanna bei der geiſtlichen Behörde zu Toul wegen eines angeblichen Ehegelöbniſſes anhängig machte. Der Freier wurde von Johannas Eltern begünſtigt, welche, wie es ſcheint, ihre Tochter durch eine Verheirathung von überſchwenglichen Ideen abzubringen hofften 122. Johanna begab ſich ſelbſt nach Toul und gewann den Proeeſſ, wie ihr die Heiligen verheißen hatten, indem ſie eidlich betheuerte, dem jungen Menſchen nie ein Eheverſprechen gegeben zu haben 1¹²³. Wie hätte ſie wohl dem Gedanken an eine eheliche Verbindung Raum geben können, da ſie ſchon im kind⸗ lichen Alter ihren Heiligen Jungfrau zu bleiben gelobt hatte? Viſionen der Johanna. Nach zurückgelegtem dreizehnten Lebensjahr hatte Johanna im Sommer 1425 124 die erſte Viſion*). Der Tag zuvor war ein Faſttag geweſen ¹²5. Gegen die Mittagsſtunde vernahm ſie *) Die Ueberſchaulichkeit macht es rathſam, alles, was Johanna über ihre Viſionen ausgeſagt hat, in gedrängter Ueberſicht zuſammenzuſtellen. Das Wenige, was wir durch andere über dieſen Gegen⸗ ſtand erfahren, werde ich in Anmerkungen beifügen, damit Johannas Ausſagen von jeder fremden Zuthat rein bleiben. Schade daß die Protokolle über die Prüfungen, welche Johanna zu Poitiers zu beſtehen hatte, und worauf ſie ſich wiederholt vor ihren Richtern beruft, ſ. 0. 1, 71. 72. 73. 94. 171. 310, verloren ſind. In Poitiers konnte ſich Johanna mit völliger Unbefangenheit über ihre geheimſten Erlebniſſe ausſprechen, weil ſie es mit Freunden zu thun hatte; anders in Rouen, wo ſie den ärgſten Widerſachern gegenüber ſtand. Quicherat ſagt in ſeinen Aperç. p. 71:»Pose dire qu'elle n'a pas toujours répondu vrai aux questions de ses juges. Ne s'agit il que de sa personne! sa parole est marquée de cette irrésistible franchise à laquelle je rendais hommage tout à l'heure, elle avoue, elle affirme au risque d'encourir mille morts. Mais si la demande couvre la moindre tendance vers une accusation qui pourra retomber sur autrui, alors elle élude, elle hésite, elle enveloppe sa pensée, et, pressée davantage, elle feint: douloureux sa- crifice où l'on s»'aperçoit que son coeur la pousse et la désavoue tout ensemble.“ Wir bemer⸗ ken dazu, daß Johanna den Richtern ins Geſicht ſagt, ſie werde nicht alles offenbaren, und ſich des undedingten Eides weigert. Die größte Zurückhaltung beobachtet Johanna rückſichtlich der Offenbarungen, welche die Perſon des Königs betreffen, ſ. Q. I, 45. 63. 71: Sed de hoc quod tangit revelationes tangentes regem Franciae, ipse non dicet sine licentia vocis suae. 72. 75. 88. 90. 248. 311 u. ſ. w. Nicht minder behutſam iſt ſie in ihren Ausſagen über die Viſionen. Sie betrachtet ſich als Bewahrerin heiliger Geheimniſſe, nur was Gott erlaubt, nur was ihm ge⸗ fällt, will ſie antworten, ſ. z. B. 0. I, 71: Interrogata utrum vox sibi dederat consilium de aliquibus: respondit quod de aliquibus punctis habuit consilium, et de aliquibus poterit sibi peti responsio, de quibus non respondebit sine licentia. Et si absque licentia responderet, forsan non haberet voces in garantizationem, gallice en garant, sed quando habebit licentiam a Domino, non formidabit dicere, quia bene habet garantizationem. I, 171 sq.: Respondit quod, die sabbati, extunc proximo futuro responderet, cum una alia re unde debet respondere, illud scilicet quod de hoc placebit Deo. 73. 249. 281. 63: IIla vox venit ex parte Dei; et credo quod ego non dico vobis plane illud quod ego scio, et habeo majorem metum deficiendi, dicendo aliquid quod displiceat illis vocibus, quam ego habeam de respondendo vobis etc 64. 95. So oft ſie daher fürchten muß, der Argliſt eine Handhabe zu ſophiſtiſcher Entſtellung oder dem Unglauben Gelegenheit zu herabwürdigender Deutelei zu geben, kurz wo ſie beſorgt, ihre Stimmen irgendwie in den Augen der Richter bloßzuſtellen, da verweigert ſie die Antwort entwe⸗ der ein für allemal oder verſchiebt ſie auf eine ſpätere Zeit, um ſich zuvor mit ihren Heiligen zu berathen. So iſt es meiſtens die Rückſicht auf die heilige Sache, welche ihr Schweigen auferlegt. Daneben läßt ſie aber auch hin und wieder, wenn Fragen über die Heiligen an ſie gerichtet wer⸗ den, eine Beſorgnis für die eigne Perſon durchblicken und äußert diefelbe geradezu, ſ. z. B. 1, 65: Et tunc petitum fuit sibi utrum illa vox a quo consilium petebat, habebat visum et oculos. Respondit: Vos non hoc habebitis adhuc. Et dixit quod dictum parvorum puerorum est quod aliquando homines suspenduntur, pro dicendo veritatem. Deshalb zur Nede Jeſtelte 172, 249: 26 im Garten ihres Vaters von der Kirche her, der ſie mit ihrer rechten Seite zugekehrt war, eine Stimme*). Ein heller Glanz traf von derſelben Seite ihr Auge 126. Johanna, damals noch ein junges Mädchen, hatte große Furcht und großen Zweifel 1¹²7), obwohl ihr die Stimme eine würdige und gute zu ſein ſchien 128. Erſt nachdem ſie die Stimme dreimal gehört hatte, erkannte Utrum ipsa sciat aliquod crimen vel aliquem defectum, propter quod vel propter quem ipsa posset vel deberet mori, si fateretur illud, antwortet ſie mit Nein. Soviel iſt übrigens durch⸗ weg klar, daß ſie nicht ihrer Sache, ſondern ihren Richtern mistraut. Um dies Verhal⸗ ten richtig zu beurtheilen und zu würdigen, dürfen wir nicht vergeßen, daß Johanna nur Gott als ihren wahren Richter, ſich als Organ beſonderer göttlicher Offenbarungen nur ihm verantwort— lich weiß, ſ., I, 51. 61. 62: Item dixit nobis episcopo praedicto: Vos dicitis quod estis judex meus; advertatis de hoc quod facitis, quia in veritate ego sum missa ex parte Dei, et ponitis vos ipsum in magno periculo, gallice„en grand dangier“. 154. 395: Se refert suo judici, scilicet Deo. 397. 398. Soviel vorläufig, wir kommen ſpäter auf die angeregten Punkte zurück. *) Was Perceval von Boulainvilliers, einer der erſten Beamten des Reiches, am 21. Juni 1429 an den Herzog von Mailand ſchreibt, O. V, 116 sq., mag an demſelben Morgen kurz vor dem Ein⸗ treten der Viſion geſchehen ſein. Als Johanna auf einer Wieſe die Schafe ihrer Eltern weidete, ſpielte ſie mit andern Kindern Wettlaufen nach einem Ziele. Dreimal überholte ſie ihre Geſpie⸗ linnen, indem ſie mit ſolcher Schnelligkeit lief, daß ſie den Boden nicht zu berühren ſchien. Ver— wundert rief eins der Kinder: Johanna, ich ſehe dich über die Erde hinfliegen. Als Johanna am Ende der Wieſe wie verzückt und von Sinnen(quasi rapta-ravie, et a sensibus alienata-hors de sens) ſich von der Erſchöpfung zu erholen und zu Athem zu kommen ſuchte, ſtand neben ihr ein Jüngling, der zu ihr ſagte: Johanna geh nach Hauſe, deine Mutter verlangt nach dir. In der Meinung, es ſei der Bruder oder ein Nachbarskind, eilte ſie nach Hauſe. Die Mutter fragte, warum ſie gekommen, und verwies ihr, daß ſie die Schafe verlaßen habe. Haſt du mich nicht ru⸗ fen laßen, fragte Johanna? Nein, ſagte die Mutter. Sich von dem Jungen betrogen glaubend wollte ſie auf die Wieſe zurückkehren. Plötlich fiel eine überaus glänzende Wolke vor ihre Augen (Alain Chartier ſagt in einem zu Ende Juli 1429 geſchriebenen Briefe, O. V, 132: voce ex nube nata saepenumero admonita est etc.), und aus der Wolke geſchah eine Stimme:»Johanna, du ſollſt einen anderen Weg gehen und wunderbare Thaten verrichten, denn du biſt die, welche der König des Himmels erwählt hat zur Errettung Frankreichs und zum Schutz und Schirm des aus ſeiner Herrſchaft vertriebenen Königs Carl. Männerkleider ſollſt du anziehen, Waffen nehmen und das Haupt des Krieges ſein. Alle ſollen nach deinem Rathe regiert werden.“ Darauf ver⸗ ſchwand die Wolke, die Jungfrau ſtand erſchrocken da und ſchenkte den Worten anfangs keinen Glauben u. ſ. w.— Philipp von Bergamo berichtet, 0, IV, 524, der Johanna ſei in ihrem ſech⸗ zehnten Jahre, zur Zeit als Orleans in der größten Gefahr ſchwebte, iu einer ärmlichen Kapelle(der Marienkapelle ²), wohin ſie ſich von der Viehweide vor dem Regen geflüchtet hatte, Gott im Traume erſchienen und habe ſie zum Aufbruch nach Frankreich ermahnt. Ueber die geringe Glaubhaftigkeit des Verfaſſers ſ. Q. IV, 521. In dieſer Erzählung geht Wahres und Falſches durch einander. Ge⸗ ſchichtliche Beſtandtheile, welche verſchiedenen Zeiten angehören, ſind in unmittelbare Verbindung geſetzt. Das Hüten des Viehes weiſt auf die Kindheit der Johanna hin, die ſonſtigen Umſtände auf die Zeit vor Johannas Abreiſe nach Vaucouleurs. Le Brun(I, 292) ſchließt aus dem Hüten, die Erſcheinung in der Kapelle ſei der im Garten vorausgegangen, Johanna habe dieſelbe den Rich⸗ tern nicht mitgetheilt des Traumes wegen, von dem die Bosheit hätte einen übeln Gebrauch ma⸗ chen können. Die anderweitigen Umſtände(Alter, Orleans Noth, alsbaldige Abreiſe) rechtfertigen jedoch die Vermuthung, daß Johanna kurz vor ihrer Abreiſe von Domremy in der Marienkapelle eine ihrer Erſcheinungen gehabt hat, durch welche ſie zum Aufbruch gedrängt wurde. Die Beru⸗ fung von der Herde weg kann Philipps eigne Zuthat ſein, da ſie ſehr gut zu dem legendenartigen Character ſeiner Darſtellung paßt; verdankt er ſie dem Manne am Hofe Carls, den er als ſeine Quelle anführt, ſo haben wir uns zu erinnern, daß man ſich am Hofe darin gefiel, Johanna eine Schäferin zu nennen und ſie als ſolche bis zu ihrer Ankunft in Chinon zu denken. Wie oft mö⸗ gen Thatſachen, welche an und für ſich geſchichtlich richtig ſind, durch willkürliche Verknüpfung verdorben ſein, oder eine falſche Beleuchtung erhalten haben. 27 ſie, daß es die Stimme eines Engels und zwar des Erzengels Michael war 1²⁰. Michael war nicht allein, ſondern umgeben von vielen Engeln des Himmels. Ob der Erzengel Gabriel bei Michael war, iſt nicht zu ermitteln, daß aber Gabriel der Johanna ebenfalls erſchienen iſt, un⸗ terliegt keinem Zweifel 130. Dafür daß der Engel wirklich der Erzengel Michael war hat Johanna drei Gründe*). Erſtlich hat ſie den Erzengel Michael, gleichwie die anderen Engel, mit ihren leiblichen Augen geſehen ¹31... Zweitens hat ſie Michael an ſeiner Sprache und an der eigenthümlichen Redeweiſe der Engel erkannt 1³2. Drittens hat der Engel nach ſeiner erſten Erſcheinung Johanna ſo vieles gelehrt und ihr ſo vieles gezeigt, ſie ſtets ſo wohl behütet, daß ſie feſt glaubt, er ſei Michael 133. Aus dieſen Gründen iſt Johanna ſo feſt überzeugt, daß der Engel, der ihr erſchien, der Erzengel Michael iſt, wie ſie überzeugt iſt, daß es einen Gott gibt 134, und daß der Herr Je⸗ ſus für uns in den Tod gegangen iſt, um uns von den Höllenſtrafen zu erlöſen 135. Daſſelbe glaubt ſie von Gabriel und den andern Engeln ¹36. Johanna hat die Stimme wohl verſtan⸗ den ¹37. Michael ſagte ihr, ſie ſolle ein gutes Mädchen ſein, ſich gut aufführen, fleißig in die Kirche gehen. Gott würde ihr beiſtehen. Ferner ſprach er von dem großen Unglück, welches in Frankreich**) herrſche, und offenbarte ihr unter anderem, daß ſie ihrem König zu Hülfe kom⸗ men müße ¹58. Endlich kündigte Michael ihr an, die heilige Katharina und Margareta würden zu ihr kommen, um ihre Leitung zu übernehmen. Johanna ſolle nach dem Rathe derſelben handeln und ihren Worten Glauben ſchenken, denn Katharina und Margareta ſeien gute Gei⸗ ſter, verordnet ſie zu führen und ihr zu rathen, was ſie zu thun habe. Dies ſei Gottes Vor⸗ ſchrift 140. Johanna glaubt ſo feſt an das, was Michael geſagt und gethan, wie ſie glaubt, daß Jeſus Chriſtus für uns gelitten hat und geſtorben iſt. Was ſie zu dieſem Glauben bewegt, iſt eben der gute Rath, die gute Lehre und der gute Beiſtand, den er ihr ertheilt 14o. Wenn ſich der Teufel in die Geſtalt eines guten Engels kleidete, ſo würde Johanna leicht erkennen, ob der heilige Michael es wäͤre oder ein ihm nachgeäfftes Weſen 141. Ueber die Geſtalt, in welcher Michael und Gabriel erſchienen, gibt Johanna nur ausweichende Antworten. Zwei Aeußerun⸗ gen ſind alles, was ſie ſich darüber hat entlocken laßen, und dieſe beweiſen zur Genüge, daß ihr die Geſtalt der Erzengel klar vor Augen ſtand. Mit einem Ja antwortet ſie auf die Frage, ob ſie glaube, daß Gott Michael und Gabriel in der Weiſe und Geſtalt gebildet habe, in welcher ſie dieſelben ſehe 142; und ſpäter bezeichnet ſie die Geſtalt Michaels als die eines wahrhaft one men Mannes 143. Die außerdem an ſie gerichteten Fragen über Größe, Körperbildung, lied⸗ maßen, Kopf, Haare, Augen, Krone, Kleidung des Michael, ob er nackt ſei, ob er Flügel, ob er eine Wage habe, weiſt ſie ſämmtlich, manche mit einer gewiſſen Verachtung zurück 14.. Die Geſtalt der anderen Engel hat ſie nicht viel geuauer beſchrieben. Einige haben Flü⸗ gel, einige Kronen, manche ſehen einander ähnlich, andere nicht 11s. Am Morgen ihrer Ver⸗ brennung ſoll ſie bekannt haben, die Engel ſähen ganz klein aus 146. Nicht ſehr häufig ſieht Johanna den Erzengel Michael. Seitdem ſie aus dem Schloße von Crotoy nach Rouen abge⸗ führt worden, iſt er ihr gar nicht mehr zu Geſichte gekommen. Aber ſo 23 ſie den Erzengel ſieht, iſt ſie voll Freude, weil ihr der Anblück deſſelben die Gewähr giebt, daß ſie keine Todſün⸗ de begangen hat 147. Sobald ſie ihn, die Engel und die Heiligen erblickt, begrüßt ſie dieſelben mit der geziemenden Chrerbietung, indem ſie ſich verneigt und die Kniee beugt. Hat ſie es ein⸗ mal vergeßen, ſo bittet ſie deshalb nachher um Verzeihung. Manchmal macht ſie auch das Zei⸗ chen des Kreuzes 14s. Alles dies thut ſie, weil ſie die Gewisheit hat, daß die Engel und die Heiligen, welche ſich ihr zeigen, dieſelben ſind wie die Engel und die Heiligen des Paradieſes *) Auf die bloß ſubjective Gültigkeit derſelben braucht kaum aufmerkſam gemacht zu werden. **) Mit dieſem Namen unterſchied man in der Heimat der Johanna das eigentliche Kronland(d. h. das Innere) Frankreichs von den Ländern der großen Vaſallen. 28 und des Himmelreichs, denen man nicht Ehrfurcht genug beweiſen kann 149. Dagegen iſt ſie voll Traurigkeit, wenn die Geiſter ſich entfernen, ſie weint, küßt die Erde, über welche ſie hingegan⸗ gen ſind, und wünſcht, dieſelben hätten ſie d. h. ihre Seele mit ſich genommen 150. Gleich das erſte Mal, als Johanna die Stimme vernahm, gelobte ſie Gott eine reine Jung⸗ frau zu bleiben nach Leib und Seele 151, ſo lange es ſein Wille wäre ¹5², ein Geloͤbnis welches ſie ſpäter auch den Heiligen wiederholte 183. Michael war der Vorläufer der Heiligen geweſen. Dieſe ſtellten ſich alsbald ein 154. Die Erkennung der Heiligen muſte für Johanna verhältnismäßig leichter ſein als die Erkennung Michaels*).. ewen iehael hatte dieſelben förmlich angemeldet, und daß ſie gute Geiſter ausdrücklich verbürgt 155. Sodann erkennt und unterſcheidet Johanna die Heiligen an dem Gruße, den ſie ihr machen, ſowie an dem Namen, womit beide ſich ihr nennen 156. Daß die Heiligen nicht männ⸗ liche Weſen ſind, weiß Johanna ſehr wohl, denn ſie haben es ihr offenbart und überdies erkennt ſie es an ihren Stimmen 157. Ihre Stimme iſt ſchön, ſanft und demüthig. Sie ſprechen vortrefflich und zwar Franzöſiſch, weil ſie auf Seiten der Franzoſen ſtehen. Jo⸗ hanna verſteht ſie ſehr gut 158. Ferner ſieht ſie die Heiligen ſo genau, wie ſie weiß, daß dieſelben Heilige im Paradieſe ſind 159.. Ein ſchlagender Beweis, daß jene Geiſter gute Geiſter ſind, liegt für Johanna inſonderheit darin, daß dieſelben ſie ſtets wohl überwacht, Phr in allem, was ſie Großes gethan, immerdar mit Rath und That beigeſtanden, ihr namentlich, ſo oft ſie verwundet war, Hülfe gebracht, Muth und Troſt eingeſprochen, auch im Gefängnis ihr täglich zur Seite geſtanden und ſie durch Zuſpruch aufgerichtet und geſtärkt haben ¹6o. 1 1. A 21 1 Aus den angeführten Gründen glaubt Johanna, daß die Stimmen, welche ſie hört, die Stim⸗ men der heiligen Katharina und Margareta ſind ¹61, und glaubt dies ſo unerſchütterlich, wie ſie an die Leiden Criſti zum Heil der Menſchheit glaubt 162. Zwiſchen den beiden Heiligen, welche ihr erſcheinen, und den gleichnamigen Heiligen des Paradieſes macht ſie ſchlechterdings keinen Unterſchied, jene und dieſe ſind durchaus dieſelben 163. 1 Von der Seite, woher die Stimme kommt, zeigt ſich gewöhnlich ein heller Lichtglanz 164 und das Antlitz der Heiligen wird ſichtbar 165. Schöne, überaus koſtbare Kronen glänzen auf ihren Häuptern 166. Weiteres über die Geſtalt der Heiligen zu offenbaren, hat Johanna ſtandhaft ver⸗ weigert, oft in den ſtärkſten Ausdrücken, manchmal in ironiſch wegwerfendem Tone. Dagegen bekundet ſie durch viele ihrer Antworten auf das beſtimmteſte, daß ſie ein deutliches Bild der Heiligen in ihrer Seele trägt, und hält beharrlich, ja bis in den Tod hinein, die Wirklichkeit der Erſcheinungen ſelbſt aufrecht. Man hat ſie gefragt über die Figur der Heiligen im allge⸗ meinen, nach Geſicht und Augen, Armen, Gliedern, Kleidung, Ohrringen, Alter, ob die Heiligen gleiches Alters, ob ſie mit gleichem Stoffe bekleidet ſind u. ſ. w., aber auf keine dieſer Fragen nur einigermaßen befriedigenden Beſcheid erhalten 167. Ohne Bedenken aber ſpricht ſie aus: Ich ſehe die Heiligen beſtändig in derſelben Geſtalt 16s, ja noch mehr: Ich habe beide, Katharina und Margareta, mit meinen Armen umfaßt und dabei eine gewiſſe Wärme empfunden. Auch ging ein Wohlgeruch i6s von ihnen aus**). i. —— 1 1 1 *) Jedoch wiederholt ſich auch bei den Heiligen etwas ähnliches wie bei Michael. Aus der Antwort nämlich, welche Johanna auf die Frage ertheilt, welche von beiden Heiligen ihr zuerſt erſchienen ſei:»Ich habe ſie nicht ſogleich erkannt, ich habe das früher gewuſt aber wieder vergeßen«, 0. I, 72. 310, erhellt deutlich, daß die erſten Viſionen der Heiligen nicht ſo klar und deutlich ausgeprägt waren, wie die ſpäteren. 4 *) Es verdient bemerkt zu werden(ſ. 0. Aperc. 46 sg.), daß ſich die Heiligen vier Sinnen der Jo⸗ hanna zu vernehmen geben: dem Gehör, Geſicht, Geruch, Gefühl. Damit iſt nicht geſagt, daß dieſe vier Sinne in jedem Falle berührt wurden. Darf man von den Ausdrücken, worin Johanna 29 Wie über die Geſtalt der Heiligen, ſo erhalten wir auch über die Umſtände, welche das Höoͤren und Verſtehen ihrer Stimmen begünſtigten oder verhinderten, nur ſpärlichen Aufſchluß. An der Heil quelle bei Domremy haben Katharina und Margareta mit Johanna geredet 170. Oefters muß Johanna die Stimme der Heiligen in Wäldern vernommen haben, denn ſie ſpricht ihren Richtern die Ueberzeugung aus, daß wenn ſie in einem Walde wäre, ſie dieſelbe hören würde 171. Vorzugsweiſe war das Geläute der Glocken der Wahrnehmung der Stim⸗ men förderlich 7²2. Wir erſehen daraus, daß gleichmäßiges, abgemeßenes, anhaltendes, doch nicht zu ſtarkes Getön, wie das Murmeln eines Baches, das Rauſchen des Windes in den Baum⸗ blättern, der in regelmäßigen Zwiſchenräumen wiederkehrende Schall der Glocken mit ſeinen nach⸗ zitternden Schwingungen, dieſem geſangreichen Nachhall, wodurch das Ohr wie in eine Fluth von Klängen eingetaucht wird, das Vernehmen der Stimmen begünſtigten. Ich ſage begünſtig⸗ ten, denn keineswegs bedarf es zum Hören der Stimmen dergleichen Förderungsmittel. Wirres, wüſtes Getöſe, lärmendes Geräuſch dagegen hindert das deutliche Verſtändnis 173. Auch unmit⸗ telbar nach dem Erwachen verſteht Johanna nicht alles, wenn ſie, wie das wohl geſchieht, von der Stimme aus dem Schlafe geweckt wird. Es bedarf dann erſt einiger Sammlung, bis ſie die Worte deutlich auffaßt 174. Wenn ſtörende Einflüße fern blieben, dann unterſchied Johanna genau die Stimme des Erzengels Michael und Gabriel ſo wie einerjeden der beiden Heiligen 175. Beßer unterrichtet ſind wir über die Frage, wie oft Johanna ihre Stimmen gehört habe. Augenſcheinlich kamen dieſelben anfangs ſeltener und in größeren Zwiſchenräumen, im Lauſe der Zeit aber mehrten ſie ſich und nahmen in demſelben Verhältniſſe zu, in welchem die Lage des Staates gefährlicher, der Antheil der Heldin an den Kriegsereigniſſen bedeutender und das Schick⸗ ſal der Jungfrau verhängnißvoller wurde. In der letzten Zeit ihres Aufenthaltes in Domremy hörte Johanna zwei bis dreimal in der Woche den mahnenden Ruf der Stimmen, nach Frankreich aufzubrechen 176, In Vaucouleurs und auf der Reiſe nach Chinon ließen ſich die Stimmen ebenfalls häufig vernehmen 177. Während des ganzen thatenſchweren Jahres, wo Jo⸗ hanna die Seele der geſammten Kriegführung, die Triebfeder jeder Kraftentfaltung war, hat ſie nach eigener feierlicher Verſicherung nichts gethan, worüber ihr nicht zuvor eine Kund⸗ gebung von oben geworden wäre 178. Wir haben in dieſem einen Worte, welches die Erzäh⸗ lung der Begebenheiten nach allen Seiten hin beſtätigen wird, einen untrüglichen Maßſtab der Beurtheilung, wie lebendig der Verkehr der Jungfrau mit ihren Heiligen geweſen, wie oft ſie Anweiſungen und Befehle zum Handeln von ihnen empfangen, wie oft ſie ſich Rath bei ihnen erholt und Beiſtand von ihnen erbeten haben müße. Vollends in dem qualvollen Zwiſchenraume von der Gefangennehmung an bis zum Feuertode, wo die Drängnis je länger je mehr wuchs, erhält Johanna täglich, ja an manchen Tagen ſogar dreimal Troſt, Stärkung, Ermuthi⸗ gung 179, Verhaltungsregeln, Unterweiſungen, wo ſie den Richtern begegnen, was ſie ant⸗ worten, was ſie verſchweigen ſoll, von ihren jeden Augenblick zur Hülfleiſtung mit Wort und That bereitwilligen Schutzgeiſtern. Sogar die Beichte nehmen ſie ihr ab, welche die Harther⸗ zigkeit der Richter ihr verſagte 1so. Solches Beiſtandes fühlt ſich Johanna gar ſehr bedürftig, ohne denſelben wäre ſie längſt des Todes 181. Aber treu ſind die Heiligen, nie haben ſie ihre Pflegebefohlene im Stiche gelaßen, ſo oft dieſe ihrer benöthigt war 182. Oft kommen die Heiligen ohne underuh zu ſein, ganz von ſelbſt. Kommen die Heiligen von ſelbſt und Johanna bedarf des Rathes, ſo bittet ſie die heilige Katharina, Gottes Rath ein⸗ zuholen, worauf Katharina und Margareta Gott die Bitte vortragen und ſodann nach deſſen Vorſchrift der Jungfrau Antwort ertheilen. Kommen die Heiligen nicht von ſelbſt, ſo bittet Jo⸗ hanna in Fällen. wo ſie des Rathes und der Stärkung bedarf, Gott und die Jungfrau Maria, ihr die Heiligen zu ſenden. Sie thut das etwa in folgender Weiſe:„Sehr milder Gott, zu über ihre Viſionen ſpricht, einen Schluß machen, ſo waltete die Wahrnehmung durch Ohr und Auge unbedingt vor, das Ohr war noch öfter betheiligt als das Auge, Geruch und Gefühl mögen ſeltener afficiret worden ſein. 30 Ehren Deiner heiligen Paſſion bitte ich Dich, wenn Du mich lieb haſt, daß Du mir offenbareſt, wie ich antworten ſoll dieſen Leuten der Kirche. Ich weiß wohl, in Betreff der Kleidung, das Gebot, infolge deſſen ich ſie angelegt habe, aber ich weiß nicht, auf welche Art ich ſie ablegen ſoll. Deshalb möge es dir gefallen, mir dies kund zu thun.“ Alsbald nach Beendigung des Gebetes erſcheinen die Heiligen, um Johanna zu verkündigen, was Gottes Wille iſt 1835. Sonach bleibt Johanna in keinem Falle rathlos, wo ſie der göttlichen Offenbarung bedarf. Sie iſt deſſen alle⸗ wege gewis und vor jedem Betruge ſicher. Käme irgend ein Chriſtenmenſch der Welt zu ihr und ſpräche, er habe für ſie eine Offenbarung von Gott, ſo würde ſie durch ihre Heiligen erfah⸗ ren, ob er die Wahrheit ſpräche oder nicht, bevor ſie aber von den Heiligen ein Zeichen darüber hätte, würde ſie ihm den Glauben verſagen 184. 4 Gemeinſam bringen Katharina und Margareta die göttliche Botſchaft, immer von beiden zugleich empfängt Johanna Rath*), und weder widerſprechen die Heiligen einander, noch laßen ſie ſich je auf einer Doppelzüngigkeit betreffen 185. Alles dieſes begründet und rechtfertigt Jo⸗ hannas Vorſatz, die Heiligen ſo lange ſie lebt zur Hülfe zu rufen, wenn ſie deren bedarf 186. Dagegen iſt es Gewißensſache für ſie, Gott(durch die Heiligen) nicht ohne Noth um Offenba⸗ rungen zu bitten 182. Johannas Bitten beziehen ſich vorzugsweiſe auf das ihr von Gott verordnete Rettungswerk des Vaterlandes und auf alles, was damit im Zuſammenhange ſteht(Proceſſ ꝛc.); doch iſt es dhr auch verſtattet, rein perſönliche Wünſche den Heiligen vorzutragen. Dahin gehört z. B. der Wunſch, dereinſt ins Paradies zu gelangen ¹ss. Auch verſpricht ſie wohl den Heiligen etwas aus eigenem Antriebe, ohne daß dieſelben dazu auffordern. So hat ſie ſich den Heiligen gegen⸗ über ſogar eidlich verpflichtet, das dem Könige gegebene Zeichen vor jedermann geheim zu hal⸗ ten; ſie wollte nämlich dadurch, daß ſie ſich durch einen feierlichen Eid band, vor jeder Verſuchung des Ausplauderns geſchützt ſein 18s. Bisweilen ſtellen es die Heiligen ganz in Johannas Belie⸗ ben, gewiſſe Offenbarungen zu entdecken oder zu verſchweigen, ſie handelt dann nach Rückſichten der Klugheit. Es war ihrem eignen Ermeßen überlaßen, von dem Befehle, nach Frankreich zu gehen, ihren Eltern etwas zu ſagen oder nicht. Johanna ſchwieg aus Furcht vor dem Vater und den Burgundern 190. Etwas Schriftliches, einen Brief oder dergleichen, hat ſie niemals von Michael oder den Heiligen erhalten, ſondern nur von Mund zu Mund mit ihnen verkehrt 191. Mit denſelben Gefühlen und Ehrenbezeugungen, wie die Engel, empfͤngt ſie auch die Hei⸗ ligen 192. Wird ſie von letzteren im Schlafe überraſcht, ſo erwiedert ſie den Gruß derſelben, rich⸗ tet ſich zum Sitzen im Bette auf und faltet die Hände 193. Beim Abſchied wird das Herz ihr ſchwer. In dem feſten Glauben, daß durchaus kein Unterſchied iſt zwiſchen der Katharina und Margareta, welche zu ihr kommen, und den gleichnamigen Heiligen des Paradieſes, hat ſie den in der Kirche befindlichen Bildern und Statuen derſelben, nicht aber den Heiligen ſelbſt, wenn ſie ihr erſchienen, oftmals Kränze gegeben, auch brennende Kerzen zu Ehren der heiligen Katharina bei der Meſſe durch des Prieſters Hand dargebracht, doch nicht ſo viele Kerzen ange⸗ zündet, wie ſie ſo gern beiden Paradieſesheiligen ſpenden möchte. So oft ſie Lichter vor das Bild der Katharina ſetzt, thut ſie es zur Ehre Gottes, der Jungfrau Maria und der heiligen Katharina, welche im Himmel iſt und ihr erſcheint 13. 1 Das vor dem Erzengel abgelegte Gelübde der Jungfräulichkeit Leibes und der Seele hat ſie *) O'Aulon fragte einſt(. III, 219) Johanna über ihren ſogenannten Rath. Johanna erwiederte: Drei ſind meine Rathgeber, der eine verweilt beſtändig bei mir, der andere geht und kommt oftmals zu mir und beſucht mich, und der dritte iſt der, mit welchem die beiden andern ſich berathen(Katha⸗ rina? Margareta? Michael). Neugierig wünſchte d'Aulon den Rath zu ſehen, erhielt aber von Johanna den Beſcheid, er ſei dazu nicht würdig und tugendhaft genug.— Rath, geheimer Rath werden die Stimmen bisweilen von Johanna und den Richtern genannt, ſ. 0. 1, 45. 55. 64. 88. 162. 20I. III, 12. 212.. 31 den Heiligen erneuert 195. Dieſe haben ihr auf ihre Bitte verſprochen, ſie in das Paradies zu führen 196. Da nun die Heiligen nie etwas verſprechen ohne göttliche Erlaubnis, ſo iſt Jo⸗ hanna ihres Heiles eben ſo ſicher, als wäre ſie ſchon im Paradieſe, vorausgeſetzt natürlich, daß ſie das eidliche Gelübde der Jungfrauſchaft treulich hält ¹97. Ermuthigend rufen die Heili⸗ gen ihr zu in ihrem Kerkerelend: Nimm alles mit Dank hin, gräme dich nicht über dein Mär⸗ tyrerthum, du wirſt zuletzt ins Reich des Paradieſes eingehen, und nennen ſie in dieſer Vor⸗ ausſicht bereits vor der Befreiung von Orleans und ſeitdem alle Tage, wo ſie mit ihr reden, häufig: Jungfrau Johanna, Tochter Gottes 198. Einen anderen Lohn als die Rettung ihrer Seele erwartet ſie nicht und hat auch nie einen anderen begehrt, wie denn von Verdienſt über⸗ haupt keine Rede ſein kann, ſondern nur von Gottes Wohlgefallen, durch ein einfaches Mädchen große Dinge zu thun 199. Vor der Abreiſe von Domremy geboten ihr die Stimmen ſich nach Frankreich aufzumachen, um die Belagerung von Orleans aufzuheben 9 Zu dem Ende ſolle ſie ſich nach Vaucouleurs zu dem königlichen Hauptmann des Platzes, Robert von Baudricourt, begeben; er werde ſie zwar zweimal abweiſen, aber zum dritten Male ſich bereit finden laßen, ihr Leute auf den Weg nach Frankreich mitzugeben 206; der König von Frankreich werde, möchten es ſeine Gegner wol⸗ len oder nicht, ſein ganzes Reich wiedererhalten durch Gottes Hülfe und Johannas Mühewal⸗ tung 201¹. Johanna machte Gegenvorſtellungen. Ich bin, ſagte ſie, nur ein armes Mädchen und verſtehe nicht zu reiten, geſchweige Krieg zu führen 202. Später hat ſie gerade das, wovor ſie anfangs zurückſchreckte, als beſondere Gnade aus freien Stücken von den Heiligen erbeten, ja! unter den drei Bitten, welche ſie noch in der Heimat an ihre Stimmen richtete, nimmt die Bitte, nach Frankreich entſendet zu werden, den berſen Platz ein**). Die zweite, daß Gott den Franzoſen beiſtehen und die treuen Städte unter ſeinen Schutz nehmen möge, iſt der erſten nahe verwandt. Erſt die dritte betrifft das Heil ihrer eignen Seele 203. Alles nun, was die Stimmen je befohlen haben, hat Johanna ſtets nach beſtem Wißen und mit allen Kräften erfüllt. Und dies deshalb, weil die Stimmen nichts gebieten, was nicht Got⸗ tes arhri nicht ſein Wohlgefallen wäre 2⁰4, ſo daß alſo den Stimmen gehorchen, Gott ge⸗ horchen heißt. Alles Gebot kommt von Gott, denn die Stimme kommt von ihm und nach ſei⸗ *) Man vergleiche mit den Bekenntniſſen der Johanna dasjenige, was darüber der Predigermönch Seguin, einer von ihren Examinatoren in Poitiers, im Reviſionsproceſſe mitgetheilt hat, Q. III, 204. Man wird in dem kurzen Abriß manche ächte Züge des Bildes wiederfinden, welches wir nach den Acten entworſen haben. Als Johanna, das ſind Seguins Worte, das Vieh hütete, erſchien ihr eine Stimme, welche zu ihr ſprach, Gott habe großes Mitleid mit dem franzöſiſchen Volke, und Johanna müße ſich nach Frankreich begeben. Als Johanna dies hörte, fing ſie an zu weinen. Die Stimme ſagte weiter, Johanna ſolle nach Vaucouleurs gehen, daſelbſt werde ſie einen Hauptmann ſde Neweigher ihr ein ſicheres Geleit nach Frankreich und zum Könige geben würde; Johanna lle ni aran zweifeln. **) Einen ſprechenderen Beweis kann es nicht geben, daß das, was Johanna für Gottes Willen hielt, zugleich ihres Herzens heißeſtes Verlangen war. Ob das Verlangen, ſelbſt das Organ der göttlichen Hülfe werden zu können, ſchon vor der erſten Viſion in der Seele der Johanna gelegen habe, ob etwa in einzelnen Augenblicken wie aus geheimnißvoller Tiefe in ihr eine ſolche Sehnſucht auſgeſtiegen ſei, darüber läßt ſich begreiflicher Weiſe nichts ermitteln. Unwahrſcheinlich iſt es keineswegs, da der welt⸗ hiſtoriſche Beruf Frankreich zu retten, ihr angeboren war. Daß ſie ſchon als Kind großes Verlan⸗ gen(magnam voluntatem seu affectionem) gehabt hat, der König möge ſein Reich wiedererhalten, wißen wir aus 0. 1, 66. Geſetzt, die Idee Frankreichs Befreierin zu werden, habe ſich ſchon vor Mi⸗ chaels erſtem Erſcheinen dann und wann bei Johanna angemeldet, ſo dürfte uns ihr anfängliches Zu⸗ rückbeben und Einwandmachen nicht wundern.„Der Menſch, ſagt Göthe in W. Meiſters Lehr⸗ jahren(XIX, 127) ſcheint mit nichts vertrauter zu ſein, als mit ſeinen Hoffnungen und Wün⸗ ſchen, die er lange im Herzen nährt und bewahrt, und doch, wenn ſie ihm nun begegnen, wenn ſie ſich ihm gleichſam aufdringen, erkennt er ſie nicht und weicht vor ihnen zurück.⸗ Das wird um ſo gewiſſer der Fall ſein, je größer die Sache iſt, auf welche Wunſch und Hoffnung ſich richten. 32 ner Anordnung ²05. Dies haben auch die Franzoſen in Chinon erkannt 206. Bei Johanna ſteht der Glaube, daß die Stimme von Gott ſei, ebenſo feſt, wie der Glaube an die Lehre Chriſti und das von Gott geſtiftete Erlöſungswerk 207. Nicht daß die Stimme unmittelbar von Gott aus⸗ ginge oder daß Johanna mit Gott ſelbſt redete 20s. Gott bedient ſich der Engel und Heiligen als dienender Geiſter, um Johanna ſeinen Willen wißen zu laßen, und Johanna wendet ſich durch dieſelben an Gott, um deſſen Rathſchluß zu erfahren. Aber da die Engel und Heiligen von Gott geſchickt ſind, da ſie nichts ſagen, was Gott nicht, wohlgefällig, nichts verſprechen, was ihm nicht genehm wäre, da ſie lieben, was Gott liebt, und haßen, was Gott haßt 2⁰9, mit anderen Worten: da ſie keinen Willen neben dem göttlichen haben, und eben damit ihre Ver⸗ mittlung eine vollkommen zuverläßige iſt, ſo verſteht es ſich ſchon von ſelbſt, daß das, was die Stimme ſpricht, ebenſo gut iſt, als ſpräche es Gott ſelber, und daß mit den Engeln und Heili⸗ gen reden ſoviel heißt, als unmittelbar mit Gott reden. Als treue Vollſtreckerin des göttlichen Gebotes darf Johanna von ſich ſagen, daß ſie von Gott gekommen, von ihm geſandt ſei 210. Würde ſie ſagen, Gott habe ſie nicht geſandt, ſo würde ſie ſich ſelbſt verdammen, denn Gott hat ſie wahrhaftig geſandt 211. Ohne die Gnade Gottes vermag ſie nichts zu thun 212. Ihre Worte und Werke ſind alle in Gottes Hand; nichts ſagt, nichts thut ſie, es ſei denn auf Gottes Geheiß, durch Offenbarung und Vorſchrift des Herrn, oder, was daſſelbe iſt, der Engel und Heiligen 213. So thut ſie nur, was Gottes Wille iſt, und was ſie thut iſt, eben damit recht gethan 214. Gott wird ſich, ſo hofft Johanna, dazu bekennen. Und zwar thut ſie den Willen Gottes unbedingt, ob auch noch ſo viele Hinderniſſe im Wege ſtänden. So gewis ſie nur auf Gottes Befehl nach Frankreich gegangen iſt und ſich lieber von Pferden hätte zerreißen laßen, als daß ſie ohne ſeinen Auftrag einen ſolchen Schritt gewagt hätte, ſo gewis war es ihre Pflicht, dem göttlichen Gebote Folge zu leiſten, und Johanna hätte ſich nicht zurückhalten laßen, wenn ſie auch hundert Väter und Mütter gehabt hätte und ſelbſt des Königs Tochter geweſen wäre 216. In allen Stücken iſt's beßer, Gott gehorſam ſein, als den Menſchen 2²16; auf ſeinen Willen kommt es an, was zu thun, was zu unterlaßen iſt 217. Freilich wird es oft ſchwer, ſich unbedingt dem göttlichen Willen zu unterwerfen. Nicht gern hätte Johanna den Ausfall aus Compiegne gemacht, wenn die Stimme ihr geſagt hätte, ſie würde bei dieſer Gelegenheit in Gefangenſchaft gerathen; ſchließlich würde ſie gleichwohl der Vor⸗ ſchrift der Stimme Gehorſam geleiſtet haben, was auch daraus entſtanden wäre 21s. Nun ſie durch Gottes Fügung wirklich gefangen iſt, muß auch das zu ihrem Heil gereichen 218. Und wie bisher, ſo wird ſie auch in Zukunft Gottes Willen jederzeit vollbringen, wer auch immer in der Welt das Gegentheil gebieten möchte 21e. Denn Gott ſoll man zuerſt und vor allen die⸗ nen*). Er iſt Johannas oberſter Herr, iſt ihr Meiſter und iſt es ſtets geweſen in allen ihren *) Einige ſpäter zu erwähnende Fälle kommen allerdings vor, wo Johanna gegen das Gebot ihrer Stimmen gehandelt hat. Quicherat, Aperc. 53 sq., knüpft daran folgende Betrachtung: La foi méme la plus prononcée, chez ceux qui la possèdent, risque à tout moment de perdre de sa ferveur, soit par la révolte des sens ou de l'esprit, soit par l'influence des choses exterieures. Mais ne semble-t-il pas que celle de Jeanne, ravivée incessamment par des manifestations si marquées, était à P'abri de tout accident! De ce que ses sens eux-memes étaient au service du conseil qui la di- rigeait, elle aurait donc du obéir à cette direction dune manieère constante et absolue. Cependant les faits contredisent cette conséquence où conduit le raisonnement. La vie intellectuelle du Jeanne présente ce phénomène que, sans avoir perdu un seul instant le sentiment ni le respect de sa mission, il lui fut possible de se soustraire aun commandement si impérieux qui lui tracait la marche pour l'accomplir. C'est encore dans ses aveux que se trouve la preuve de cela. Ihre Erklärung findet dieſe Erſcheinung in der Sündhaftigkeit der menſchlichen Natur. So ſtark auch Johanna im Glauben war, fertig war ſie nicht. Nur der vollendete Heilige thut allezeit den Willen Gottes, nur der vollkommen Sündloſe kann nicht mehr abweichen von des Herrn Wort und Gebot. Bevor dieſes Ziel erreicht iſt, wird niemand von ſich rühmen dürfen: Nie iſt die Sünde mächtiger in mir geworden, als das erkannte Geſetz Gottes, nie habe ich mich von der 33 Thaten, über welche der Teufel nie Macht gehabt hat 220. Gott, in deſſen Namen alles geſchehen iſt, was ſie gethan und geredet hat, iſt auch ihr alleiniger Richter. Ihm, dem König Himmels und der Erde, der Jungfrau Maria, allen Heiligen des Paradieſes und der triumphierenden Kirche in der Höhe unterwirft ſie ſich in allem, was ſie ſeither gethan hat und in's künftige thun wird. Auf Gott beruft, bezieht, trügt ſie ſich, ſtellt ihm alles anheim 221. Niemand ſonſt 8¹ ſie ver⸗ antwortlich, keiner Macht auf Erden zur Rechenſchaft verpflichtet 222. Und kein Wort, keine That kann ſie widerrufen, denn ſie ſind ſämmtlich in Gott gethan, ſelbſt dann nicht, wenn ſie in den Flammen des Scheiterhaufens ſtände, oder auf der Folter zu Tode gemartert würde. Lieber ſterben, als widerrufen. Wäre ſie gleichwohl ſchwach genug, irgend etwas zurückzuneh⸗ men, ſo würde ſie nachher immer ſagen, man habe ſie mit Gewalt dazu gezwungen ²23. Hat ſie doch nie etwas wider Gott und den chriſtlichen Glauben gethan und geredet 224. Ob noch ſchwereres Ungemach ihrer warte, weiß Johanna nicht, das aber weiß ſie: Gott wird bei ihr ſein. Zum Aeußerſten wird er es nicht mit ihr kommen laßen ²25. Und wenn ſie nur ſtand⸗ haft ausharrt 226, wenn ſie nur nach wie vor aus Gottes Hand annimmt, was er über ſie verhängt ²27, dann wird Gott, der ſie durch ſeine Engel und Heiligen ſtets ſo treu geführt 228, auch fernerhin ihr Helfer ſein 229. Er, der ſie nie verließ, wird ſie auch künftig nicht verlaßen, ein Wunder wird er thun 230, durch einen großen Sieg*) Johanna befreien ²31 und ſie endlich auf⸗ nehmen in das Himmelreich des Paradieſes ²32. Der ganze viſionäre Zuſtand des Mädchens von Domremy hat ſeine Wurzel in der aufs höchſte geſteigerten Kraft eines Glaubens, der das, was er glaubt, ſo zweifellos glaubt, als ſähe er es, und das, was er hofft, mit ſolcher Zuverſicht hofft, als hätte er es ſchon. Dieſer ſtarke, bis zur Ekſtaſe fortgehende Glaube der Jungfrau iſt der Mittelpunkt, aus dem ihre ganze gei⸗ ſtige Individualität, ihr geſammtes Wirken und Verhalten begriffen ſein will. Denn wie vom Herzen, dem Herde des leiblichen Daſeins, aus die Kraft des Lebens als warmer Blutſtrom alle Theile des körperlichen Organismus bildend und geſtaltend durchgeht, ſo erhält vom Glau⸗ ben, der innerſten Grundkraft der Seele, das ganze geiſtige Weſen des Menſchen ſern eigenthüm⸗ liches Gepräge, ſeine individuelle Beſtimmtheit. Der Menſch iſt ſein Glaube. Aus dem Glauben der Johanna erklaͤrt ſich zunächſt die ungemeine Tiefe und ſpe⸗ cifiſche Form ihres Patriotismus. Wahrhaft glauben heißt dem eigenen Willen ſter⸗ ben, um dem göttlichen zu leben in Gedanke, Wort und That, und erſt aus dieſer Fntuher uns vom Egoismus entſpringt die Kraft einer Liebe, welche Himmel und Erde umfaßt, entſpringt die rechte Liebe auch zu der irdiſchen Heimat, welche nicht der blinde Zufall, ſondern Gott der Herr gibt für die Zeit, wie den Himmel für die Ewigkeit. Dagegen lehrt die Geſchichte auf jedem Blatte, daß mit dem Glauben auch der echte Patriotismus zu Grabe geht, um der ſchran⸗ kenloſen Selbſtſucht Platz zu machen, und daß, wer keinen Gott hat, auch das Vaterland nicht liebt, wie er ſoll. Johannas Patriotismus, den ihr Gottes Fügung mit in die Wiege gab, wuchs durch die Gefahren, welche das Vaterland bedrohten, je länger je mehr zu ſeltener Höhe empor, die Reife und Weihe der Vollendung erhielt er unter dem Gluthſtrahl der Glaubensbe⸗ geiſterung. Nur in dem Glauben: Gott will es! vermochte dehuns Vater, Mutter, Geſchwi⸗ ſter, alles zu verlaßen, was ihr daheim theuer war; nur in dieſem Glauben die Schranke kühn zu durchbrechen, welche Stand und Geſchlecht um ſie zog, mit einem Worte: Nur als Send⸗ botin des Himmels konnte ſie die Rettungsthat des Vaterlandes wagen und vollbringen. Sünde hinreißen laßen zu thun, was mein beßeres Ich nicht gewollt. Johannas Aeußerungen über die wenigen Fälle ihres Ungehorſams laufen auf dieſe Erkläͤrung hinaus.— Dem förmlichen Widerrufe, den ihr die Angſt vor dem Feuertode ausgepreßt hatte(G. I. 456.457. 458), folgte die Reue auf dem Fuße, und ein kräftiges Bekenntnis zu allem, was ſie früher ausgeſagt hatte, ver⸗ ſiegelte auf's neue die Wahrhaftigkeit der Thatſachen. 131 *) Ueber das Wie dieſes Sieges hat ſie ſich getäuſcht. 5 5 34 Wie die Stärke, ſo war auch die eigenthümliche Farbe ihres Patriotismus durch den Glauben bedingt. Für Johanna war Frankreich vorzugsweiſe das Land der göttlichen Liebe, das Franzöſiſche Reich in beſonderem Sinne das Reich Gottes und Chriſti auf Erden ²33. Gott iſt in der Idee der Jungfrau der eigentliche König des heiligen Franzöſiſchen Reiches, von ihm als Oberlehnsherrn ſtammt die Krone, der rechtmäßige Regent trägt ſie als Gottes Stell⸗ vertreter. Folglich ſind die Feinde Frankreichs als ſolche Feinde Gottes, gibt Gott ihnen Sieg, ſo geſchieht es nur, um die Sünden des Franzöſiſchen Volkes zu ſtrafen, das Reich aber werden ſie nimmer erobern, ſondern zuletzt durch eine große Niederlage theils umkommen, theils ver⸗ trieben werden*). Im Lichte dieſer Ideen war die Liebe für König und Vaterland das noth⸗ wendige Ergebnis der Liebe zu Gott, denn wer Gott liebt, der liebt auch was Gottes iſt„und der Kampf für König und Vaterland ward ein Kampf für die Sache Gottes, für ſein heiliges Recht zu ſeines Namens Ehre. So innig ſind in Johannas Perſönlichkeit Liebe und Treue ge⸗ gen Fuͤrſt und Vaterland mit dem Glauben verbunden, und dürfen wir dieſen das Herz ihres eiſtigen Lebens nennen, ſo ſind jene die mächtigen Schlagadern, welche unmittelbar aus dem⸗ ſelben entſpringen. Aus dem Glauben erklärt ſich ferner der unerſchütterliche Muth, die unerſchrockene That⸗ kraft der Johanna. Wohl war ihr von Natur ein unverzagtes Herz gegeben, aber die rückſichts⸗ loſe Energie, womit ſie, ihrer ſelbſt vergeßend, Gefahr und Wunden**) nicht ſcheuend, ſich in das Schlachtgewühl ſtürzte, war nicht bloß die Frucht natürlichen Heldenſinns. Zum größeren *) Es leuchtet ein, daß die patriotiſchen Ideen der Jungfrau vielfach an die theokratiſch⸗particulariſti⸗ ſchen des Volkes Israel anſtreifen. Eine Beſchränktheit iſt das offenbar, gerade dieſe Beſchränkt⸗ heit aber hat nicht wenig dazu beigetragen, um der Vaterlandsliebe der Johanna ihre gewaltige Intenſität zu geben. Keineswegs artet indeſſen die nationale Befangenheit zu dem engherzigen Vorurtheile aus, als wären die übrigen chriſtlichen Völker ausgeſchloßen von der Liebe und Gnade Gottes. 0. I. 65. 251. 262 wird Johanna gefragt, ob ihr als Kind die Stimmen geſagt hätten, ſie ſolle die Burgunder haßen. Nachdem ich, antwortet ſie, inne geworden war, daß die Stimmen für den König von Frankreich waren, habe ich die Burgunder nicht geliebt. Die Burgunder wer⸗ den Krieg haben, ſofern ſie nicht thun, was ſie müßen.— Ob ſie in ihrer Jugend großes Ver⸗ langen gehabt, den Burgundern zu ſchaden? Ich habe aus Herzensgrunde gewünſcht, daß mein König ſein Reich erhalte.(Was denn auch die Stimme verhürgt, 0. I, 87. 88. 139. 141. 253. V, 27.)— 0. 1, 178: Ob ſie wiße, daß Katharina und Margareta die Engländer haßen? Sie lie⸗ ben, was Gott liebt, und haßen, was Gott haßt. Haßt Gott die Engländer? Von der Liebe oder dem Haß, den Gott gegen die Engländer hegt, oder was er an ihren Seelen thun wird, weiß ich nichts; aber wohl weiß ich, daß ſie werden vertrieben werden aus Frankreich, mit Ausnahme de⸗ rer, welche daſelbſt bleiben und ſterben werden, und daß Gott den Franzoſen Sieg geben wird ge⸗ gen die Engländer.— War Gott auf Seite der Engländer, als dieſelben Glück hatten in Frank⸗ reich? Ich weiß nicht, ob Gott die Franzoſen haßte, glaube aber, daß er ſie ſtrafen laßen wollte für ihre Sünden, ſo ſie deren hatten. 258 sq.— 0. I, 86: Wie ſollte Margareta Engliſch reden, da ſie nichr auf Seite der Engländer iſt. 269. 335.— Was den großen Sieg der Franzoſen be⸗ trifft, durch den die Engländer in Frankreich alles verlieren werden, ſo verweiſen wir vorläufig auf O. I, 81. 178. 252 sq. 258. 331 sq..„5 1 1e **) Johanna war nicht ſicher vor Verwundungen, hat vielmehr vorausgeſagt, ſie werde verwundet wer⸗ den, und iſt mehrmals ſchwer verwundet worden, O. I, 57. 79: Interrogata an bene praesciebat quod laederetur(in Orleans), respondet quod hoc bene sciebat, et dixerat suo regi; sed quod, hoc non obstante, non dimitteret ulterius negotiari. Et fuerat hoc sibi revelatum per voces duarum Sanctarum etc. 252. 260. III, S. 97. 109. 111. 217. 86(Touroulde): Dieit insuper quod(quum) aliquando fabularentur ad invicem, et eidem Johannae diceretur quod ipsa non dubitabat ire ad insultus, quia ipsa bene sciebat quod non caederetur: ipsa respondebat huod non habebat aliquam securitatem amplius quam caeteri armati. IV, 27. 61. 87. 160. 172. 199.227. 228. 324. 393. 426.457. 480. 494. 515. V, 42. 70. 145. 4 Sa0 3⁵ Theile floß dieſe ungeſtüme Tapferkeit aus dem Glauben, auf Gottes Geheiß im Kampfe zu ſte⸗ hen, ein Glaube, der keine Furcht, kein Zagen um die eigene Perſon aufkommen läßt. Es ruhte dieſer eiſerne Muth auf einer dauerhaften Geſundheit und nachhaltigen Körperkraft, wie ſie ſonſt dem weiblichen Geſchlechte nicht eigen iſt. Aber wenn irgendwo, ſo iſt es hier wahr und gleich⸗ ſam mit Händen zu greifen, daß der Geiſt den Körper hebt und trägt. Unter den ungeheuren Anſtrengungen, welchen die Jungfrau, bei Tag und Nacht im Stahlkleide, ohne Raſt und Ruhe ſich unterzog, wäre ihre rüſtige Natur unfehlbar zuſammengebrochen, hätte nicht der Glaube die ſinkende Kraft geſtählt und der Erſchöpfung gewehrt. Die Heiligen kamen und ſtärkten ſie! Johannas Thaten und Maßnahmen bezeugen, daß ſie zu ihrem Werke ein entſchiedenes Feldherrntalent mitbrachte. Was ſie ſiegen machte, war jedoch keineswegs allein das Genie. Ein ſiegestrunkenes, der Zahl nach überlegenes Heer, Feldherrn von erprobter Tüchtigkeit, in der Schule des Krieges gebildet, ſtanden der Jungfrau gegenüber. Die Franzoſen, auf allen Punk⸗ ten geſchlagen und an ſich ſelbſt verzweifelnd, hatten die Hoffnung, Orleans und das Reich zu retten, ſo gut wie ganz verloren. War es Johannas Genie, was dieſen den Siegesmuth wie⸗ dergab, ohne den keine Schlacht zu gewinnen iſt, jenen die ſichere Beute aus den Händen riß? Johanna kam mit der felſenfeſten Gewisheit, von Gott erwählt zu ſein, um als ſein Werkzeug ſeine Sache zu führen und die göttliche, vom Feinde zertrümmerte Ordnung im heiligen Frank⸗ reich wieder aufzurichten. Gottes Wille muß geſchehen. In dieſem Glauben verkuͤndigte ſie Orleans Befreiung, des Königs Krönung und die gärzliche Vertreibung der Feinde aus den Grenzen des Reiches. Ihr Glaube weckte Glauben, und ehe noch eine einzige That Johannas Verheißungen beſtätigt hatte, hofften bereits die Bedrängten, was ſie wünſchten*). Ein kleiner Erfolg reichte hin, um der Hoffnung das Siegel göttlicher Verbürgung aufzudrücken. Was Wunder, wenn das Franzöſiſche Heer von einer Siegeszuverſicht erfüllt ward, als ſtände Gott ſelbſt an ſeiner Spitze, um es von Sieg zu Sieg zu tragen; und dagegen das Engliſche Heer, das nur zu ſiegen gewohnt war, bei der geringſten Schlappe in paniſchen Schrecken gerieth, als hätte es mit übermenſchlichen Mächten zu kämpfen. Und nun Johannas Thaten an und für ſich betrachtet. Nicht ohne das Genie ſind ſie vollbracht, das Gelingen hing zumeiſt vom Glau⸗ ben ab. Vermag ſchon der Glaube, der nicht ſieht, Berge zu verſetzen, was wird erſt dem Glau⸗ ben möglich ſein, mit dem das Schauen Hand in Hand geht! In keinen Kampf ließ ſich Jo⸗ hanna ein, ohne daß ſie des Beiſtandes ihrer Heiligen verſichert war. Die Stimmen bezeichne⸗ ten Weg und Ziel**). Auf ſolche übernatürliche Hülfe vertrauend überſprang die Heldin mit kecker Entſchloßenheit tauſend Bedenklichkeiten und machte, alle Berechnungen des Genies über⸗ bietend, das für unmöglich Gehaltene zur Wirklichkeit. So ſank die feindliche Uebermacht vor der weltüberwindenden Kraft und Kühnheit des Glaubens in den Staub. Eine Thatſache, welche d'Aulon erzählt, liefert den ſprechenden Beweis. Die zahlreiche Beſatzung von Saint⸗Pierre⸗la⸗ Mouſtier hatte den Sturm tapfer abgeſchlagen. Die Franzoſen zogen ſich zurück. Nur Johanna nebſt vier oder fünf Soldaten, welche ihre Nähe feßeln mochte, wich und wankte nicht. DAulon, für ihr Leben beſorgt, ritt auf ſie zu und bat ſie, ſich nicht allein der Gefahr bloßzuſtellen. Ich bin nicht allein, war die Antwort, fünfzig tauſend meiner Leute ſind um mich, und ich gehe nicht von der Stelle, bis ich die Stadt genommen habe**). Dann rief ſie mit lauter Stimme die Fliehenden zurück, ließ die Graben mit Faſchinen füllen und eroberte die Stadt nach gerin⸗ *) Der Verfaſſer des Tagebuchs, O. IV, 153, ſagt von den Bürgern und Kriegern Orleans beim Em⸗ pfang der Jungfrau: ſaisans autel joye comme se ilz veissent Dieu descendre entre eux, et non sans cause. Der Aberglaube wähnte, ſie werde Pfeile und Kugeln auffangen. *) D'Aulon, O. III, 219: Quant la dicte Pucelle avoit ancune chose à faiĩre pour ie fait de sa guerre, elle disoit à il qui parle que son conseil luy avoit dit ce qu'elle devoit faire.. **) Sie meint Legionen von Engeln, 0. 1, 130: Angeli multotiens veniunt inter christianos, et non videntur, et ipsa eos saepe vidit inter christianos. 7 59221. 36 gem Widerſtande*). So wurde der Funke des Genies erſt an der Flamme des Glaubens zum verzehrenden Feuer für die Feinde, zur Gluth der Begeiſterung für die Freunde. Endlich die Weiſſagungen der Johanna. Waren ſie wirklich, wie Quicherat meint**), nichts weiter, als Ereigniſſe angekündigt durch ein Genie, das, ohne ſich's zu geſtehen, die Kraft in ſich trägt, dieſe hervorzubringen? Ohne dem vorſchauenden Blick des Genies ſeinen gebüh⸗ renden Antheil abzuſprechen, werden wir ſie gewis mit größerem Rechte Eingebungen eines Glaubens nennen, der das, was er hofft, mit Augen ſieht, als ſtände es da, und in der unver⸗ brüchlichen Gewisheit der Erfüllung als göttlichen Rathſchluß verkündigt. Ja dieſer Glaube der Johanna war ihrer Liebe Herz, ihrer Hoffnung Stern, ihrer Begeiſterung Flamme; er war die Leuchte ihres Genies, die Stärke ihres Willens, die Energie ihrer Thaten und ſelbſt ihres Leibes Stütze, wenn die angeborene Kraft gebrach. rr⸗— Ebenſo iſt auch ihr ganzes Verhalten während des Krieges aus dem viſionären Glauben zu verſtehen.„Weil ſie, ſagt Görres**), im Auftrage des Himmels in ſeiner Kraft und ſeiner Macht zu wirken geſendet worden, darum muſte, die als Heldin und Kriegsjungfrau nach außen unter ihren Zeitgenoßen erſchien, nach innen und gegen die Mächte jenes Reichs als eine demü⸗ tige Magd ſich halten; ſie muſte jenes ungeſtüm bewegte Herz vor ihnen zu ſtillen und zu ſänf⸗ tigen wißen, damit es ſtets ihren leiſen Zuſpruch vernehmen und in ununterbrochener Verbin⸗ dung mit ihnen ſich erhalten möge. So muſte ſie Entgegengeſetztes, was ſonſt ſich anfeindet und gegenſeitig ſich aufhebt, ſtets in ſich zu einem lebendig Wirkſamen verbinden, nicht bloß indem ie als Weib Mannesthaten übte, ſondern indem ſie in die Bewegung und den Sturm’ der Sichtbarkeit ſich ſtürzend und von ihr äußerlich ſelbſt ſtürmiſch bewegt, innerlich zugleich die Stille und die Heimlichkeit der unſichtbaren Welt ſich bewahrte. Sie ein Kind des Friedens auf die Bahn des Krieges gewieſen, muſte, um ſich beidem gerecht zu zeigen, in Mitte des Ho⸗ fes die ſchlichte Einfalt der Hirtin, vom Stahlgewand umfangen die Weichheit ihres Geſchlechts ſich zu erhalten wißen. Geſendet, um mit einem ausgelaßenen Kriegsvolke die Befreiung des Vaterlandes zu wirken, durfte ſie in keiner männlichen Tugend vom Männlichſten in ſeiner Mitte ſich übertreffen laßen, und wie es ihr, als der Botin des Friedens, obgleich allen Zufällen des Krieges ausgeſetzt, doch unziemlich geweſen wäre, ſelber perſönlich Blut zu vergießen, ſo muſte ſie, umgeben von der Zuchtloſigkeit des Lagers, von ihr unangetaſtet bleiben, und damit der Faden, der ſie in ekſtatiſcher Verbindung mit den höheren Mächten hielt, nicht abreiße, unter dem Harniſch allſtets mit dem jungfränlichen Gürtel unbeſcholtener Sitte und untadeligen Wan⸗ dels gegürtet ſein. Sturm der Schlacht zugleich und leichtes Wehen, furchtlos und ſchüchtern, kriegeriſch ohne Wildheit, friedſam ohne Weichlichkeit, ungeſtüm und doch beſonnen, einſichtig und einfältig, Kriegerin und doch keine Virago, ekſtatiſch und doch kerngeſund, und im Selbſt⸗ gefühle reicher Kräfte doch wieder nicht zum Uebermuthe getrieben, ſo war ſie, und das iſt es, was ihrer Perſönlichkeit das eigenthümliche Intereſſe mittheilt, in dem ſie vor ſo vielen anderen diſtoriſchen Characteren ausgezeichnet erſcheint. Sie hat von dieſer Seite betrachtet nicht ihres Gleichen gefunden im ganzen Verlaufe der Geſchichte. Es begreift ſich leicht, daß eine ſolche Verbindung ſonſt ci aufhebender Eigenſchaften in derſelben Perſönlichkeit nur auf die einzige Bedingung möglich iſt, unter der ſie hier eingetreten, die Anknüpfung an eine höhere Einheit nämlich, die alle tieferen Gegenſätze einigend nach Wohlgefallen einen Um oder mit dem andern ſpielen läßt.“ Die Reihe der contraſtirenden Züge in dem Characterbilde der Heldin ließe ſich noch bedeutend erweitern. Nur auf einen dieſer Gegenſätze wollen wir noch hinweiſen. Mild und ſanftmüthig war ſie gegen Freund und Feind, daneben von unerbittlicher Strenge, wenn 15 b; *) 0. III, 218: De- laquelle chose iceluy desposant fut tout esmerveillé, car incontinent la dicte ville fut prinse d'assault, sans y trouver pour lors trop grant resistence. *) Q. Aperc. p. 75. 5 9e1. ) A. a. O. Vorrede S. VII sq. 37 ihren Befehlen nicht Folge geleiſtet wurde. Dem Grafen Dunois drohte ſie für dieſen Fall das Haupt abſchlagen zu laßen*). Man lege das nicht als natürliche Härte oder als Hochmuth aus, ſondern bedenke, daß ſie um Gottes willen, in acfien Dienſte ſie alles zu thun glaubte, auf pünktlichen Vollzug ihrer Anordnungen dringen muſte. i n Wenn, zumal in ſchweren Zeitläuften, dch in einer Perſönlichkeit ein ſo ſeltener Verein von außerordentlichen Eigenſchaften beiſammen findet, dann deutet dieſe Begabung auf eine„große hiſtoriſche Beſtimmung“ hin. Es kann keine Frage ſein, daß der Jungfrau von Domremy eine große Miſſion beſchieden war, denn ſie war mit allem, was die kritiſche Lage der Dinge er⸗ heiſchte, in eminentem Grade ausgeſtattet. Die Viſionen waren die unbedingte Vorausſetzung zur Ausführung dieſes Berufes. Was es für eine Bewandtnis mit denſelben gehabt, ob ſie wirklich Erſcheinungen aus dem Geiſterreiche, oder die zu Stimmen und Geſtalten gewordenen Ideen ihrer großen Seele waren, dies zu unterſuchen iſt zunächſt nicht das Geſchäft des Hiſtori⸗ kers**). Offen geſagt iſt für uns die ganze Frage von untergeordneter Bedeutung. Wir hal⸗ ten feſt an der Ueberzeugung, daß weder das Leben des einzelnen Menſchen, noch die Geſchichte der geſammten Menſchheit ohne einen lebendigen Gott und eine bis ins Kleinſte ſich erſtreckende Weltregierung zu begreifen iſt. Für uns hat das Wort der Schrift, daß jedes Haar auf des Menſchen Haupte gezählt iſt, und daß kein Sperling ohne Gott auf die Erde fällt, volle Wahr⸗ heit in jedem Bereiche des Daſeins, eine Wahrheit, welche die menſchliche Freiheit und die Ge⸗ ſetze der Natur keineswegs zu nichte macht. Und wer in dieſem Glauben mit uns einig, wer auch nur mit dem Ausſpruch des großen Dichters einverſtanden iſt:***) Was wär' ein Gott, der nur von außen ſtieße, Im Kreis das All am Finger laufen ließe!⸗ Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in Sich, Sich, in Natur zu hegen, So daß was in Ihm lebt und webt und iſt, Nie Seine Kraft, nie Seinen Geiſt vermißt.. wer einräumt, daß Johanna was ſie war, nicht ohne Gott geweſen iſt, was ſie gethan, nicht ohne Gott gethan hat: der wird uns Recht geben, wenn wir ſagen, daß es für die Sache ſelbſt gleichgültig iſt, ob Gott der Jungfrau ſeine Engel und Heiligen vom Himmel geſandt, oder ihre leibliche und geiſtige Natur ſo organiſiert hat, daß die Gedanken, welche ihre Feuerſeele wahrlich nicht ohne Gottes treibenden oder zulaßenden Willen dachte, ihr als Stimmen und Geſichte von Paradieſesweſen vor die äußeren Sinne traten. Genug: Johanna muſte ſein, was un wir ſie war, um ihrem König und Vaterland zu ſein, was ſie ihnen nach Gottes Rathſchluß ein ſollte. Johanna war ſchön von Geſtalt und wohl gebildet 234, ziemlich groß für ihr Geſchlecht 235, von ſeltener Körperſtärke und Ausdauer ²36, dabei ſchlank in der Taille 237 und von ſchönem Buſen ²3s. Das Geſicht friſch und voll 239, freundliche Mienen ²40, ſchwarzes Haar ²41. Le Brun de Charmettes beſchreibt die Züge der Jungfrau nach einem Bilde noch genauer:„Die Stirn mittler Höhe, Augen groß und mandelförmig geſchlitzt, Augäpfel unentſchieden zwiſchen grün und hellbraun, der Blick ſchwermüthig und von unbeſchreiblicher Lieblichkeit, die Augenbrauen fein gezeichnet, weder vollkommen bogenförmig, noch ganz horizontal, mit einer leichten Bie⸗ gung in der Mitte, die Naſe grad und wohlgebaut, etwas dünn und von angemeßener Länge, *) G. III, 212: Bastart, Bastart, au nom de Dieu, je te commande que tantost que tu scauras la venue dudit Ffastolf, que tu le me ſaces scavoir, car, s'il passe sans que je le sachie, je te 1 promets que je te feray oster la teste.. 4; **) Wir werden ſpäter auf dieſe Frage zurückkommen und die hauptſächlichſten Anſichten mittheilen. *) Göthes Werke II, 227 sq. 38 der Mund ſehr klein mit feinen rothen Lippen, das Grübchen zwiſchen Kinn und Unterlippe ſtark, das Kinn klein und vielleicht ein wenig zu ſpitz. Die Rundung des Geſichtes ſchön, die Farbe deſſelben gleichmäßig und ſehr weiß. Die ſchoͤn kaſtanienbraunen Haare, über die Schläfe zurückgeſtrichen, ſielen in reicher Fülle um den weißen Hals, waren aber nach Kriegsge⸗ brauch ſo kurz geſchnitten, daß ſie nicht über die Schultern reichten 242. Offenherzigkeit, jung⸗ fräuliche Unſchuld und Reinheit, ein Anſtrich von Tiefſinn und Traurigkeit drücken ſich in ihrem Antlitz ab. Die Hände gut gebildet, doch mehr ſehnig als rund, die Finger lang und ſchmal“ 243. Ihre Stimme war ſanft und von weiblicher Anmuth 24, ihre Sprache ein Spiegel edler Sitte, chriſtlicher Würde ²¹5, durchdringenden Verſtandes und gediegener Einſicht in alles, was irgend⸗ wie zur Kriegführung gehörte 246. Gern unterhielt man ſich mit ihr 247. Beredt in ihrem Be⸗ ruf und gewandt im Ausdruck, wenn es galt von ihrer göttlichen Sendung zu zeugen, war ſie wortkarg im gewöhnlichen Leben. Von weltlichen Dingen, welche mit ihrem Berufe nicht in Zuſammenhang ſtanden, ſprach ſie ſelten 2as, weil ſie keinen Sinn dafür hatte und wenig davon verſtand 24⁰. Hieraus und aus ihrem viſionären Weſen folgte von ſelbſt, daß ſie ſich in großen Geſellſchaften, überhaupt im Gewühle des Alltagslebens nicht behaglich fühlte. Ruhten die Waf⸗ fen, dann zog ſie ſich am liebſten aus dem Gewirr der Welt in die Einſamkeit zurück 250; ent⸗ brannte der Kampf, dann war ſie da, wo das Getümmel und die Gefahr am gröſten waren. Auch ihre äußere Haltung, obwohl durchweg edel ²51, war eine andere in Zeiten der Ruhe, eine andere an der Spitze des Heeres. Wer ſie ohne Rüſtung ſah, hätte in ihr die gefeierte Heldin nicht erkannt, ſo ſchlicht und einfach war ihr ganzes Weſen 25; im Waffenſchmuck zeigte ſie da⸗ gegen eine durchaus männliche Haltung 253, und kam's zur Schlacht, jene ſtaunenswerthe That⸗ kraft, welche weit über das Maß der Weiblichkeit hinausragte. Nur durch große Geneigtheit zum Weinen 2²5“ verrieth ſie auch im Kriege die Weichheit ihres Geſchlechtes. Schulnachrichten. 4 III- I. Lehrverfaſſung. A. lleberſicht uͤber die im Schuljahre von Oſtern 1856 bis dahin 18357 lehandelten ſprachlichen und wiſſenſchaftlichen Unterrichtsgegenſtändr. S ad ei Classis Prima. Wcheutlic 32 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Feußner. 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 6 St. w. Lectüre: a) Homer. Iliad. Libr. III und IV, 2 St. w.: Dr. Feußner. b) Demosthenes. Philipp. I und II, 3 St. w.; c) Küh⸗ ner's Grammat.§. 236 bis zu Ende und ſchriftl. Erxercit., 1 St. w.: Dr. Eyſell. Im Winter 6 St. w. a) Sophocles. Philoctetes, von Anf. bis v. 675, 2 St. w.: Dr. Feußner; b) Demosthenes. Pro Corona, 3 St. w.; c) Grammat. nach Kühner,§. 238— 286, und ſchriftliche Exercit., 1 St. w.: Dr. Eyſell. 2. Lateiniſche Sprache: im Somnter 8 St. w. Lectüre: a) Horat. Epistol. Libr. I und II, 2 St. w.;). Cicero de Orat. Libr. II, 60— III, 20; ſodann Tacit. Annal. I, 1—50, 4 St. w.; c) freie lat. Auſſätze 1 St. w.; d) lat. Exercit., 1 St. w.: Direct. Dr. Schiek. II Im Winter 8 St. w. 13)(Horat. Od. Libr. I und II, 2 St. w.; b) Cicero de Orat. Libr. III, 20 bis-Ende, alsdann Tacil. Anual. I, 50. II, 20, 4 Sk. w.; c) freie lateiniſche Aufſätze, 1 St. w.;§) lat. Exercit., 1 St. w.: Direct. Dr. Schiek. 40 3. Deutſche Sprache: im Sommer 4 St. w. a) Deutſche Literargeſchichte 1te H., nach Piſchon, 2 St. w.; b) Lectüre Göthe's Iphigenie, 1 St. w.; c) deutſche Aufſätze, 1 St. w.: Dr. Feußner. Im Winter 4 St. w. a) Deutſche Literargeſchichte nach Piſchon, 2te H., 2 St. w.; b) Lectüre: Leſſing's Nathan, 1te H., 1 St. w.; c) deutſche Aufſätze, Reden und Chrie'n, 1 St. w.: Dr. Feußner. 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Lectüre: Montesquieu, Conside- rations sur les causes de la grandeur etc. des Romains, vom Anfang bis Chap. XII; Gram⸗ mat. nach Müller,§.⸗5 351— 650, nebſt ſchriftlichen Exercit.: Dr. Lobe. Im Winter 2 St. w. Fortſetzung der Lectüre von Montesquieu's Considerations sur les causes etc., Chap. XIII—XX, und Grammat. nach Müller, vom§. 620 an, nebſt ſchriftl. Exercit.: Dr. Lobe, im 2. Quartal der Director. 5. Hebräiſche Sprache: im Sommer 2 St. w. a) theils Grammat. nach Geſenius, §. 1— 61, theils Lectüre nach dem Leſebuch deſſelben, St. 6 u. 7 und Pſ. VIII: Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. theils Grammat. nach Geſenius§. 62— 78, 79—106; theils Lectüre nach deſſen Leſeb. Abth. II, Pſ. 20, 29, 72, 104 2c., ſodann 1 Buch der Könige, Cap. 9— 14: B. L. Dr. Braun. 6. Religionslehre: im Sommer 2 St. w. Kirchengeſchichte nach Petri, Th. I, Pfar⸗ rer Meurer. Im Winter 2 St. w. Fortſ. der Kirchengeſchichte nach Petri, Th. II: Pfarrer Meurer. 7. Geſchichte: im Sommer 3 St. w. Geſchichte des Mittelalters von Anfang bis zur Reformation: Dr. Stacke. Im Winter 3 St. w. Neue Geſchichte bis zum Jahr 1815: Dr. Stacke. 8. Phyſik: im Sommer 2 St. w. Chemie: Dr. Hartmann. Im Winter 2 St. w. Mechanik: Dr. Hartmann. 9. Mathematik: im Sommer 4 St. w., nämlich allgemeine Arithmeni 2 St. w. und Planimetrie 2 St. w.: Dr. Hartmann. Im Winter 4 St. w. a) Trigonometrie und planimetriſche Augaben, 2 St. w.; b) Al⸗ gebra, 2 St. w.: Dr. Hartmann. Classis Secunda. Woͤchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Eyſell. Griechiſche Sprache: im Sommer 6 St. w. a) Homer. Iliad. Libr. XVIII. ven an XX: Pfarrer Meurer; b) Lucian. Icaromenippus, 2 St. w.; c) Grammatik nach Kühner,§: 344— 348, und Exercit. nach Franke, 2 St. w.: Dr. Feußner. 41 „Im Winter 6 St. w. a) Homer. Iliad. Libr. XXI'und XXII, 2 St. w.: Pf. Meu⸗ rer; b) Herodot. mit Auswahl Libr. V, 96- 105, Libr. VI, 992120, 2 St. w.; c) Gram⸗ mat. nach Kühner§. 228— 245, nebſt griech. Exercit. nach Franke, 2 St. w.: Dr. Feußner. 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 9 St. w. a) Virgil. Aen. Libr. VI, dann die 4 erſten Eclog., 3 St. w.; b) lat. Extemporalia, 1 St. w.? Dir. Dr. Schiek; c) Sallust. Bellum Jugurth., 3 St. w.; Grammatik nach Zumpt,§. 362— 492 und ſchriftl. Exerc. nach Seyffert, 2 St. w.: Dr. Ey ell. Im Winter 9 St. w. 3) Virsil. Aen. Libr. I, 231 St. w.;) lat. Ertempordltg, 1 St. Dir. Dr. Schiekz 0) Sallust. B. Catilibar. 35 St. w.;) Grammät. nach Jumpt§ öie —bu nebſt ſchriftl. Erere nach Sfiet, 2 St. w.: Dr. Eyſete 33. Deutſ che S prache: im Sommer 3 St. w. Erkläͤrung von Sciillers Walleſtein, und deutſche Aufſätze: Dr. Eyſell Im Winter 3 St. w. Erklärung von Voß Louiſe und von 1 Gothos dermamn und Boro⸗ thea, und bentſche Aufſäße: pe. Eyſ elt., 4. Fransbſi ſche Sprache; im Sommer 2 St. w. Lectüfe hrlsgwire 3 Navol. par Dumäs, von Anf. bis Napol. Lisle d' Elhe; 2 Grammatik nach Müller,§. 331. 630, und ſchriftl. Exereit.: Dr. 9 obe. . In Winter 34 St. w. Fortſetzung der Leckürg: Hisioixe 217 Nupol. 92e par. Dumas, dis Napol. à St. HHèléne; 2) Grammat. nach Müller, von§. 630 ꝛc. und ſchriftl. Erexcit.: Lobe, im 2ten Quartal der Director. 5. Retigisnslehre: im Somuer 84 Si. w. mLerräre des R. 4 in der Uriprache und zwar Actor, cap. 15 bis Ende des B., dann Brieſs Pauli g au. die Galater: Pf. Meurer. Im Winter 2 Sk, w. Lectüre des N. T. in der Urſprache, Evangel. Matth. Cgp. 1 21; Pf. Meur er.. 6. Seſchichten im Sommer 2. St. w. Denſce Geſchichte des Mitlats pis zu. den Kreuzzügen: Dr. Stacke. Im Winter 2 St. w.„Geſchichte des Mittelglierse von den Kreßsigen an bis zu⸗ Ende: Dr. Stacke. 1, ν,— an2 Lmi d1a. 1l zanh) 1 88 e„v ue 7. Geographie; im Sommer. 2 St. w. Geanash. von Deuiczland, nach Ritter: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w. Geaxwaxhi von Euep, mit i Thſchluß von Deutſcland, nadj Ritter: B. L. Berkenbuſch. 6.. ws Im 8. Nnfuxseſhig sf im Winte 1 St. m w. elmann Muunyaszi 889 Vexken buſch. 2 2 7,9. Mathematik: im diannen 4 Stea w. 185 enteanan 2 e. w.;: Dr. bartmann⸗ b) Planimetrie, 2 St. w.: B.L. Krauſes E B½ ponn 116215 42 Im Winter 4 St. w. a) Algebra, 2 St. w.: Dr. Hartmann; b) Planimetrie nach Ohm, Lehre vom Kreiſe, kurzer Abriß der ebenen Trigonometrie, 2 St. w.: G.⸗L. Kutſch. 11975 0 9, 3 1 1419(bairp n 1 20 Ccaasis Tertia gumnas. Wochentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Pfarrer Merter. 1. Griechiſche Sprache: im Sommer 6 St. w. 2) Ilomer 0979s. Liibr. XIV, 1 — 300, 2 St. w.; Dr. Eyſell; b) Xenoph. Amab. Lihr. 431 cC. 1—4, 2 St. w.; 0) Gram⸗ mat. nach Kühner,§. 118— 135, und ſchriftl. Exercit., 2 St. w.: Pf. Meurer. Im Winter 6 St. w. a) Homer. Odyss. Libr. XIV, 300— XV, 379, 2 St, w.: Dr. cyfell; 5) Xenoph. Anab. Libr. II, 5-III, 3, 2 St. w.; c) Grammat. nach Kühner's Elementargr. S§. 135— 144, nebſt ſchriftl. Exercit., 2 St. w.: Pf. Meurer. 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 8 St. w. a). Ovid.-Jh angrhe Tibr. VIII, IX, X mit Auswahl, 2 St. w.: Dr. Stacke; b) Caesar de B. G. Libr. IV, 3 St. w.; c) Gramm. nach Zumpt,§. 317— 383, und Crercit. nach Spieß, 3 St. w.: Dr. Feußner. Im Winter 8 St. w. a) Ovid. Metamorph. Libr. X und Xl mit Auswahl, und Be⸗ handlung der proſodiſchen Hauptregeln, 2 St. w.: Dr. Stacke; b) Caesar de B. G. V., 1 — 38; c) Gränmat. nach Zumpt,§. 388—G68, 2 St. w.; d) lat. Gfereit nach Spieß, 1 St. w.: Dr. Feußner. 3. Deutſche Sprache: im Sommer 2 St. w., theils Seirt nac Bachs Leſebuch mitilere Lehrſtufe, theils deutſche Aufſätze: Pf. Meurer. Wlen“ Im Winter 2 St. w. Fortſezüng det Leetürr nach Bach, mittl Kohrſtuft, und deutſche Aufſätze: Pf. Meurer. 4 b 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Lectüre: Müllers fr. Leſebuch, hiſtoriſche Bruchſtücke S. 71—83, und Grammat. ntäch Müller,§. 86— 1150, nelſt ſchriftl. Exer⸗ cit.: Dr. Lobe. m Winter 2 St. w. Müller's Grammat.§ 182 ꝛc. und Lectüͤre nach deſſelben fr. Le⸗ ſebuch V, Hiſtor. Bruchſt. von S. 83 bis zu Ende: Dr. Lobe, im 2.Quartal B. L. Krauſe. 5. Religionskehre: im Sommier 2 St, w. Lecküre des A. T. vom 27 B. der Konige 14, 23 an, mit Abſchnitten aus Jeſaias: Pf. Meurer. Im Wänter 2 St. w. Lectüre des A. T. Ausgewählte Stücke aus Ifſaias, Heſ ſekiel ꝛc. in Verb. mit den einſchläg. hiſtoriſchen Büchern: Pf. Meurer. 6. Geſchichter im Sömmter 2 St. w. Ge ſchichte der äͤlteſten Volker, dann Geographie des alten Griechenlands und Geſch. bis zum erſten Meſſen. Krieg: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Grlech. Geſchichte vom erſten Meſſen. Kriege⸗ bis s zim interdenih der gr. Freiheit und Geſch. Alexander's d. Gr.: Dr. Braun. mmning 1 43 7. Geographie: im Sommer 2. St. w. Geographiſche Beſchreibung Europas's mit Ausſchluß von Deutſchland: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w. Geographie von Deutſchland: B. L. Berkenbuſ ch. 8. Naturgeſchichte: im Sommer 1 St. w. Botanik uach Leunis: B. L. Be ſten⸗ buſch. 10 Im Winter 1 St. w. Beſchreibung des menſchlichen Körperbaues: B. L. Berkenbuſch. 9. Mathematik: im Sommer 4 St. w., theils Arithmetik 2 St., Buchſtabenrechnung: Dr. Hartmann; theils Geuittrit 2 St., la ni etrf⸗ na Ojm/ Cap. I und II: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 4 St. w. 8 Arithmetik 2 St. w., Decimalbrüche, Wurzelauszichen und Rech⸗ nungen des gem Lebens: Dr. Hartmann; b) Planimetrie, 2 St. w.„Lehre von den AäPer- Peitißnen, Aezuljude und Bldeiunhud der Jiduren 88 L. Tuaſch. 19 7 Classis Tertia realis. „Wöchentlich 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Pfarrer Meurer. 1. Lateiniſche Sprache; im Sommer 2 St. w. Justin. Ilistor, Philipp. ibr. III und IV: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Justin. Histor. Philipp. Libr. V unsvy- nebſt Repettion gram⸗ matiſcher Hauptregeln: B. L. Dr. Braun. 2. Deutſche Sprache: im Sommer 3 St. w., wovon 2 St. in Verbindung mit Tertia g.(ſiehe vorher) und 1 St. in erbindung mit Quarta xeal. Geſchäftsſtil, nach Gockel; B. L. Dr. Braun. Im Winter 3 St. w, ,21 in Verd. mit Tertin g. und 1 St. in Verb. mit Ouarta r. Ge⸗ ſchäftsſtil, nach Gockel. Kaufmänniſche Correſpond.: B. L. Dr. Braun. 3. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 4 St. w., und zwar 2 St. in Verbindung mit Tertia g.(ſiehe vorher) und 2 St. getrennt: Lehre von den Pronoms, Verb. irreg. nach Ahn's Grammat., ſowie Lectüre nach Ahn's Leſeb. C. III p. 71—83: Dr. Lobe. Im Winter 4 St. w., davon 2 in Verb. mit Tertia g.(ſiehe oben) und 2 St. getrennt: Ahn's Grammat.§. 151 2 c. und Cxercit.,, ſowie Lertüre nach dſt fr. Deſebus Curſ. III, St. VI ac.: Dr. Lobe. a 16 4. Engliſche Sprache: im Sommer 3 St. w. Grammat. nac Munde,§. 44- 112, nebſt Lectüre nach Vogel's Chreſtomathie: The way tobe riche etc. und Exercit.: Dr. Lobe. Im Winter 3 St. w. Grammatik nach Munde Th. II und Exercit., 2 St. w.; ſowie Lectüre: Cumberland's The Westindihn, Act II: Dr. Lobe; im 2ten Gusrtl The vicar of Wakefield Ch. I und II: B. L. Krauſe— 44 5/ Religionslehre: im Sommer 2. 81 w. Anr Werhin zut— Ghohe vor⸗ her): Pf. Meurer. b 1u4:dnolch tu Im Winter 2 St. w. in Verbindung mit, xextin g. gf. Meuxens 9 rni. „6. Geſchichtenim Sommer 2 St. w. in Verbindung mit Tertia g.(ſiehe vorher): B pr. Braun. Im Winter 2 St. w. in Verb. mit Tertia g. Geſch. der Griechen: B. L. Dr. Braun. 7. Geographier im Sommer 2 St. w. in Verbindung mit Tertiang.(ſiehe vorher): B. L. Berkenbuſch. 3on 9 Im Winter 2 St. w. in batindun mit t Tertim g. Geograßhie von tDeuind: B. L Berkenbuſch. 2 9 Lhmtirh( 8arn atwrkehres im Somer 2 et w. Das eiölezſte I der aruui Ind Optit: 1 Dr. Hartmanm ftu Im Winter 2 St. w. Wichtigſte Stücke aus der Lehre vom Magnelismus, der Clectricität und Wärme: Dr. Hartmann. 9. Naturgeſchichte: im Sommer 2 St. w., und zwar 1 St. in Verbindung mit Tertia g.(ſiehe vorher) und 1 St. in Verbindung mit⸗Quarta r. Zoologie, nach Leunis, Vö⸗ gel: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w., und zwar 1 St. in Verbindung mit Tertia. iehe vben und 1 St. Zoologie. Vögel, Abth. II: B. L. Bertenbuſch. 8 10. Mathematik: im Qbuce5 St. w. 5 von denen 4 St. in Verbindung uf Ter⸗ tia g. gfiehe oben) und 1 St. Petreunt; pratliſches Nechter nach Krancke II, Abſchn. 12 und 13 80: B. L. Berkenbuſch⸗ 3 Im Winter 5 St. w. a) Arithmetik 2St. w., Declmalbrüche, Wurzelausziehen und Rech⸗ nungen des gem. Lebens; b) Planimetrie 2 St. w., Lehre von den Proportionen, Aehnlichkeit und Flächeninhalt der Figuren: G.. Kutſch; c) 4 Et. Prattiſches Rechnen nach Krancke, deſtl 1. Aüſch. 7, ¹0, 1f: 2.L. erkebuſc mnam ₰ 11397 tD 9* dn. 40 mi.⸗ 14* t 1h, 9 34 Clnssis„Duhres 1 gpetsagenrist⸗ nn u1 un 1009 93 d4s äseans 31 Kehrſtunden.-— Orzinarius Dr. Stade. Ienua en 5 1. Griechiſche Sprach e: im Sommer 1 St. w. a) Formenlehre, nach Kühner's Ele⸗ mentargrammat.§.— 2 St. w.; Dr. Eyſell; b), gertüre; hmiomathis von Wenſch und Schmidt, S. 135 28, 2, St. w.; Pf. Meurer..2 draroffori Im Winter 4 St. w. a) Formenlehre, nach Kühner’s. Ahenſthree g 111—13, nan Lusſcluß der Verb. anom., 2 St, w.; Dr. Eyſell;, b) Lectüre: Ehreſomath von 1 Weuſch und Schmidt, S. 28— 43, 2 St. w.: Pf. Meurer,. 9 ,I1 23 110 bla⸗da7 45 2. Lateiniſche Sprache; im Sommer 9 St. w. a) Lectüre: Cornel. Nep. Alcibia- das, Thrasyb., Conon, Dion, 4 St. w.;; b) Repetition der latein. Formenlehre nach Siberti, von Anf. bis§. 180 und Syntax nach Siberti,§. 380— 500, 3 St. w.; c) ſchrätliche Exercit. nach Spies, 2, St. w.; Dr. Stacke.— Im Winter, 9 St. w. a) Repetition der latein. Formenlehre, nach Siberti Cap. 33— 66, 1 St. w.; b), Syntax ngch Siberti, Cap. 86 99, 2 St, w.; c) ſchriftliche Exerxcit, 2 St. w.;; d)- Cornel, Nepos Iphicrates, Chabrias, Datames und Epaminondas, 4St. w.: Dr. Stacke. Se 3. Deutſ che Sprache: im Sommer 2 St. w., theils Lectüre: Poetiſche und proſai⸗ ſche Stücke, nach Bach’s Leſeb., untere Lehrſt., theils egihlende Aufſätze: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Fortſetzung der Lectüre nach Bach's Leſebuch, untere Lehrſt., poeti⸗ ſche und proſaiſche Stücke, Uebung im Erzählen des Geleſenen, Regeln über Haupt⸗ und Ne⸗ benſätze, in Anwendung auf das Galeſhs; theus jeifich erzäͤhlende oder ichrütens Auhſe: B. L. Dr. Braun. 4. Franzöͤſiſche Tcheſch im Landeue 2 St. w. theils Grnnan nag Millr §. 4—83, theils Lectüre nach Ahn’'s Leſeb., naturhiſtor. Stücke und ſchriftl. Exercit.: Dr. Lo be, 1 Im Winter 2 St. w., theils Grammat. nach Müller§. 154— 183 und Exercit,„ theils Lectüre nach Ahu's Leſeb. S. 151, Dr⸗ Lobe; im 2ten Quartal:; Dr. Stacke. 1 5. Relgionslehren im Sommer 2 St. w. Katechismus,„Th. Lz B. L. Dr. Bra un Im Winter 2 St. w. Katechismuslehre, Th. II mit nzwegiclermeun der Hauptbibelſtellen und Liederperſe: B. L. Dr. Braun. 6. Geſchichten im Sommer 2 St. w.,„Hauptereigniſſen aus dem Mistate, von der Voͤlkerwanderung an bis zum Tode Conradins: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Hauptereigniſſe aus der neueren Zeit, Entdeckung von Amerika, Luther und die Reformation, 30jähriger, 7jähriger Krieg: B. L. Dr. Braun 0l e 7. Geographien im Sommer 2 St. w. Europa’s Bodengeſtalt nach Nia: B. L. Berkenbuſch. „Im Winter 2 St. w. Bodengepräge den Amaier, Auſtralien, Afrita und Afen: B. L. Berkenbuſch. Aatwa niin2 Tin 3 8 8. Raturgeſchichte: im Soman 1 St. w. ouunc 1ac Leunis: B. L Berken⸗ buſch. be 3 7 anr Im Winter 1 St. w Amphibien und B ahen 3. L Varken buſch. 9. Mathemathik: im⸗ Sommer 3 ·St. w. 2) Bruchrechnung, 2 St. w.; 54): Mabime⸗ rie Anſchauungslehre und Figurenzeichnen: Dr. Hartmann. Im Winter 3 St. w. a) Arithmetik, 2 St. w., Bruchrechnung, Th. II, vn Rechnungen des gem. Lebens; b) Geometrie, 1 St. w., planimetriſche, Eanſtruckirnen und ſtereometriſche Anſchauungslehre; Dr. Hartmann. r S= vom: 1.„*† 111 46 Crassis Auarta reatis. nor 1 39)„dvesiT„24 Wchentlic 31 Lehrſtunden.— Ordinarius Dr. Stacke. 1. Lateiniſche Sprache: im Sommer 3 St. w. Repetition der Formenlehre, nach Siberti, und Lectüre: Cornel. Nep. Thrasybulus uno Conon: B. L. Krauſe. Im Winter 3 St. w., theils Repetit. der Grammat. von Cap. 70 an bis Cap. 94, nach ebes 1 St. w.; theils Lectüre: Cornel. Feh. labflas Timoih. und Tesi Saaude 2t : B. L. Krauſe. 1— 12 Deutſche Sprache: im Sommer 3 St. w., nämlich 2 St. in Verbindung mit Quarta gymn. und 1 St. in Verb. mit Tertia real. Geſchäftsſtil, nach Gockel(ſiehe oben): B. L. Dr. Braun. Im Winter 3 St. w., 2 in Verb. mit Ouarta g. und 1 St. w. in Verb. mit Tertia r. Kaufmänniſche Correſpondenz, nach Gockel: B. L. Dr. Braun. 3. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 4 St. w., nämlich 2 St. in Verbindung mit Quarta g.(ſiehe oben) und 2 St. getrennt: Einübung beſonders wichtiger Regeln, nach Ahn’s Grammat., bis zu den Perſonalwörtern, und Lectüre nach Ahn's Leſeb.: Dr. Lobe. Im Winter 4 St. w., wovon 2 St. in Verb. mit Quarta g. und 2St. getrennt: Gram⸗ mat. Hauptregeln, nach Ahn, und Lectüre nach deſſelben eſas. GC. II, Prlihdnätn 41—3: Dr. Lobe, im 2ten Quartal: B. L. Berkenbuſch. 151907 4. Engliſche Sprache: im Sommer 3 St. w., nämlich 1 St. in Balbindüng mit Tertia real. und 2 St. getrennt, Anfangsgründe bis zu den regelmäßigen Zeitwoͤrtern, nach Munde's Grammat., und Lectüre nach deſſelben Reading Lessons: Dr. Lobe. 11 Im Winter 3 St. w. Fortſetzung der Grammat. und Lectüre ch) Munde bis zun 10Ohen St.: Dr. Lobe, im 2ten Quartal: B. L. Krauſe. 1 5. Religio nslehre: im Sommer 2 St. w.(ſiehe oben) in Verbindung mit Quarla g.: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w., in Verb. mit Quarta g., Katechismuslehre, Th. II: B. L. Dr. Br aun. 6. Geſchichte: Im Sommer 2 St. w. in n Verb. mit Quarta gymn. wit Kbenji. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. iu Verb. mit Suars gymn. purberägriſe n aus der oihe der neueren Zeit: B. L. Dr. Braun. 7. Geographie: im Sommer 2 St. w⸗ in Verbindung mit Quarta gymu.(wie chefh: B. L. Berkenbuſch. Im Winter 2 St. w. in Verb. mit Quarta gymn. Bodengepräge von Amerika, Aufnalin, Afrika und Aſien: B. L. Berkenbuſch.— 1244 8. Naturgeſchichte: im Sommer 2 St. w., nänilich 1 St. w. in Verb. mit Ouarta 47 gymn. Botanik und 1 St. in Verb. mit Tertia(ſiehe oben) Zoologie, Huzole: B. L. Berken⸗ buſch. Im Winter 2 St. w., nämlich 1 St. in Verb. mit Quarta gymn.(ſiehe vorher) und 1 St. getrennt Naturgeſchichte der Vögel, Abth. II: B. L. Berkenbuſch. 9. Mathematik: im Sommer 50 St. w., nämlich 3 St. in Verbindung mit Quarta gymn.(ſiehe vorher) und 2 St. getrennt. Prakt. Rechnen, nach Hering: B. L. Berkenbuſch⸗ „Im Winter 5 St. w. a) Arithmekik 2 St. Die gemeine Bruchrechnung mit Anwendung auf benannte Zahlen; b) geometriſche und ſtereometriſche Anſchauungslehre, 1 St. w.: G.⸗L. Kutſch; c) praktiſches Rechnen, nach Hering, Heft II, Regeldetri: B. L. Berkenbuſch. . Classis Quinta. Vschentlich 30 Lehrſtunden.— Ordinarius B. L. Aruufe 1. Griechif che Sprache: im Sommer 3 St. w. Anfangsgründe naiß Kühner's Ele⸗ mentargrammatik§. 1— 37, mit Ueberſetzungsverſuchen: Dr. Stacke. Im Winter 3 St. w. Fortſetzung der Anfangsgründe, nach Kühner's Elementargramm. § 38— 68, mit Ueberſetzungsverſuchen;, B. L. Krauſt 6 2. Lateiniſche Sprache: im Sommer 8 St. w. a) Grammat. nach Siberti,§. 1 whe 69, 4 St. w.;; 5) Erercit. nach Spicß, 1 St. w.; 1 Lectüͤre nach Spieß, 1. Abſchn, 3 St. 7 B. L. Kraufſe Im Winter 8 St. w. a) Wiederholung der Formenlehre und der wichtigſten ſyntactiſchen Regeln, nach Siberti, 4 St. w.; b) Lectüre nach Spieß Uebungsb. für Quinta, Abſchn. II, ſpäter Eutrop. Brev. H. R. Lipr. III und IV, 3 Stme 39) Wreriit nch Syiehd St.- w.: B. L. Krauſe. ra n 1i) 3.„Deutſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Lectüre nach Bach's Leſebuch„ Untere Lehrſt., theils proſaiſche, theils poetiſche Stücke, mit Rückſicht auf Grammatik und cecbällende Aufſätze: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Fortſetzung der Lectüre nach Bach's Leſeb., ungiere ehrſt, mit An⸗ knüpfung grammat. Uebungen und erzählenden oder beſchreibenden Aufſätzen: B. L. Dr. Braun. 4. Franzöſiſche Sprache: im Sommer 2 St. w. Anfangsgründe, nach Ahn's prakt. Lehrg., vom Anf. bis No. 80: B. L. Krauſe. Im Winter 2 St. w. Jerſedhhen der Aifindsgrinde nach Ahn, No. 80— 150, mit Ver⸗ ſuchen im Ueberſetzen::B. F.„Krauſ ſer It 1jnr 1 11 1 41 5. Religionslehre: im Snan⸗ 2 St. w. vibliſce Geicicte des A. T. und Aus⸗ wendiglernen von Liederverſen: B. L. Dr. Braun. Im Winter 2 St. w. Bibliſche Geſchichten des N. T.: B. L. Dr. Braun. 48 6.) Geſchichtez im Sommer 2 St. w. Biographiſche Darſtellungen aus der grirchiſchen Geſgichte B. L. Dr. Braun. Im Winter, 2 St. w. Viographiſche ichächöe aus der eaſdiſchen oScchuen 2 L. Dr. Braun. h 1u d2 2& 9&: II G10. 93 vrre Heoun Fien im Sommer 2 4 w. rsrwsgiice Bcichreiuug von wurzeſen; B. L. Bexkenbuſch., bpn nen I(radte I) ame „Im Winter 2 St. w. Elementare Vhalge in die Gesgraphie: B. L Berkenbuſ ch. 4*. 8. 1 eed de dcher, im Seii9. St. w. DEnleitünig in die mürchit: B. 6 Ber kenbuſch. oir⸗ 22, 4 Im Winter 28t. w. Zoologie, die e wichszſen Thiere vornehmlich der obern Klaſſen: G.L. Kutſch. 9. Mathematik: im Sommer 3 St w. Die 4 pizſi mit unbenannten ganzen Zahlen, nach Hering I: B. L. Krauſe.⸗ 12 uffr 9 2 Winter 3 St. w.„Gemeine Vruchrecmung,, nach Sevs u: e. 9. Kutf ſ ch. fravsmn»fralf iin Crßuſhe Atnice 11 1 halih, z1 Sch Puforelben: im Sommer und Winter 4 g w. in Tertia 9 rn, 2 et. w. in Tertia real., 2 St. w. in Quarta comb., 2 St. w. in Quinta: 3. L. Storck. 9 4 2. Zeichnen: im Sommer und Winter 4 St. w. in Tertia Symn., 5 St. w. in Teena 31 eal,ns St. w. in Quarta comb.: Z. L. Storck.(d an lid bon ul⸗n 35 Geſang: im Sommer und Winter 2 et w. Ahfanzahriide, n und 4 St 5 fie dis eurinn Stimmen des Chores: Cantor Kapmeier. 4. Turnübungen: im Sommer Dienſtags und Freitags von 6—8 uhr hernach von 8— Uhr Abends, unter Leitung des B. L. Krauſe und Z.⸗L. Storck. 5. S chwimmübung en: im Sommer Montags, Mittwochs, Tern uss Sau abends, gewöͤhnlich von 16—8 uhr Abends: B. L. Krauſe und va. L. Storck, 4* 2——;„. 4 7 1. 7† )f chyn ttSAr Sr, rrI 128 0,- ,, 11 nt. * l 4 5 2 44 4—·— 8 117 2 n1.2 1 6==OS E r Brn II. r gsſ L„alnie m, Chronik des Gymnaftums. l ma n Der Unterricht des Sommercurſus; im Schuljahr von⸗ Oſtern 1856 bis Hiuni 1857 begann am 8. April, nachdem Tages zuvor die Prüfung, der zur Aufnahme in das Gymnaſium ange⸗ „ 7, 62 81d. ffl. 1 4 199 49 meldeten Schüler vollzogen worden war. Wenige Tage vorhexr verließ der ordentliche Gymna⸗ ſiallehrer Pfarrer Andreas Chriſtian Carl Ballerſtedt die Schule, um in dem benachharten Bückeburg das Amt eines Hofpredigers zu übernehmen, zu welchem ihn ein ehrenvoller Antrag berufen hatte. Während ſeiner vierjährigen Lehrerthätigkeit dahier(vom 22. April 4852 bis 28. Februar 1856) hatte er durch ſtete Pflichttreue im Berufe und durch Achtbarkeit ſeines Characters bewirkt, daß ihm bei ſeinem Scheiden die Liebe ſeiner Amtsgenoſſen und Schüler nachfolgte.— Faſt gleichzeitig trat der ſeit Oſtern 1854 mit Verſehung einer Lehrerſtelle am hieſigen Gymnaſium beauftragte Practikant Otto Friedrich Wilhelm Franz Witzel aus ſeinem Wirkungskreis dahier, dem er 2 Jahre hindurch mit ſichtbarem Dienſteifer und gutem Erfolge vorgeſtanden, um das Amt eines Conrectors an der Stadtſchule zu Witzenhauſen zu überneh⸗ men.— Zur Ausfüllung der im Lehrerkreiſe entſtandenen Lücken wurde durch hohen Miniſte⸗ rialbeſchluß vom 14. März 1856, No. 2425 M. Pr., der bisherige Practikant Chr. Berken⸗ buſch(ſ. deſſen vita im Oſterprogr. vorigen Jahres) mit Anshülfeleiſtung am hieſigen Gym⸗ naſium gegen einen jährlichen Gehalt von 250 Thlr. beauftragt, und durch daſſelbe Reſeript der bis dahin am Gymnaſium zu Laiſi practicirende Lehrer Dr. Friedrich Braun(deſſen vita ſ. Caſſeler Oſterprogr. 1856, S. 46) gegen gleichen Jahresgehalt an das hieſige Gymnaſium verſetzt und bereits am 8. Apri in ſein neues Amt eingeführt. Die Pfingſtferien dauerten vom 10. bis 4415 Mai, die Sommerferien vom 30. Juni bis 21. Juli. Das Geburtsfeſt Sr. Königl, Hoheit des Naleraerghofsſie Kurfürſten wurde in voller Verſammlung der Lehrer und Schüter! und eines zahtreichen Publikitms am 20. Auguſt began⸗ gen. Die Feſtrede hielt Dr. Braun. Am 7. September feierten Lehrer und Schitter vereint das heilige Abendmahl. Zur Maturitätsprüfung hatten ſich 4 Primaner angemeldet nämlich Otto Schmeider von hier, welcher in Begriff ſtand, den zweijährigen Curſus in Prima zu beendigen, ſo wie Carl v. Schenck aus Hanau, Auguſt Spangenberg aus Eſchwege und Georg Bippart aus Wanfried, die ſich nach abermaligem halbjährigen Schulbeſuch der Prüfüng wiederum un⸗ terziehen wollten. Die ſchriftliche Prüfung fand in den Tagen von 115 bis 16. Auguſt, die mündliche Prüfung dagegen am 2. und 3. September⸗ Statt. KA ndß Gnn. Die nicht oͤffentlichen Herbſtprüfun en wurden am 5 und 23. September in ſämmtlichen Klaſſen vollzogen und die 4 zur Univerſität Abgehenden am 24. Septembei entlaſſen. Nachdem am 13. Ottober die Prüfung⸗ der zur Aufnahme Angeneldeten ftattgef unden, wurde der Winterlehrgang am 14. October angefangen. Am 3. November wurde der ordentliche Gymmaſiallehrer Kutſ ch, welcher durch allerhöchſte Entſchließung vom 11. September vom Gymnaſium iit Caſſel hierher in gleicher Eigenſchaft und mit gleichem Gehalte verſetzt worden, in ſein neues Lehramt Smndeführta, do Die Weihnachtsferien dauerten vom 24. December bis 5. Januar. 17 20 Nach Ablauf derſelben meldeten ſich Wilh. Gieſe aus Hattendorf, Auguft Primerde 8 50 von hier und Emil Werner aus Marburg, von denen die 2 erſten im 4ten Semeſter die Prima beſuchten, der letzte aber, nach Abſolvirung des Primacurſus in Marburg, ein Semeſter hindurch den Unterricht in der Prima dahier benutzt hatte, zur Maturitätsprüfung, deren ſchrift⸗ licher Theil auf die Tads voſ 2. bis 7, der Aaüiis Pdech dif den 17. und 18. März an⸗ beraumt war. Den Vorbereitungsdienſt der Enndibaten des Gymnaſiällehtamtes betreffeid, wurde dicch hohen Beſchluß Kurf. Miniſteriums d. J. vom 16. April 1856, No. 4023, die Verfügung vom 28. Mai 1850, wonach die Gymnaſial⸗Practikanten am Schluß ihres Vorbereitungsjahres aus dem Gymllaſialverbande ausſcheiden und erſt wieder ſpäter, je nach dem Bedürfniſſe, zur Aus⸗ hülfeleiſtung einberufen werden ſollten, dahin abgeändert, daß, inſofern nicht beſondere Umſtände geg en das fernere Verbleiben der Candidaten an dem betreffenden Gymnaſium ſprechen, es der eignen Beſtimmung derſelben überlaſſen wird, ob ſie nach Ablauf des Vorbereitungsjahres aus dem Gymnaſialverbande ausſcheiden oder in ihrer Stellung verbleiben wollen, wobei aus⸗ drücklich hervorgehoben wird, daß dieſe eigne Vetinds ohne Einii auf küpſtigt Beixfeen⸗ gung mit Aushülfeleiſtung j ein ſe brT ½ Line br Ueberſicht. 2) Ethter. ne, r Das Lejrenolliun beſteht Irgenwärig aus folgenden Mitgliedern: 1. Ordentliche Lehrer. „Dr. Augußt Schiek, Director. 1e a Dr. Georg Lobe.. Dr. Heinrich Feußner, Ordinarius in 1. Dr. Friedrich Eyſell, Ordinarius in I. Pf. Wilhelm Meurer, Ordinarius in III und Bibtiothekar der Schletbistiocher Dr. Julius Hartmann, Lehrer der Mathematik und Phyſik. Dr. L. Chriſtian Stacke, Ordinarius in IV und Bigiakhehan der Gymu.⸗2 Bibl. 3 G.L. I. Aug. Kutſch, Lehrer der Mathematik. mmig d2. Beauftragte Leter 120ntst Joh. Friedac Krauſe. ni. 3325 Dr. Friedrich Braun. 8) 2ndin 513 omn Chriſtian Berkenbuſch. 1.- fu Sne 11917911 51 3. Außerordentliche Lehrer. Georg Heinr. Storck, Zeichnen⸗ und Schreiblehrer. Cantor Kapmeier. au Anſin ae. b) Schüler. Am Ssluſſ des vorigen Schuljahres w waren nach Abſolvirung der Maturitätsprüfung g zur Unidderſitäͤt entlaſſen: 1) Ernſt Ludwig Reimerdes von hier, lutheriſcher Confeſſion, 19 ½ Jahr alt, 7 Jahre lang Schüler des Gymnaſiums, 2 Jahre in der Prima, mit dem Zeugniß No. II, gut vor⸗ bereitet, um Rechtsviſſenſchaft. 2) Auguſt Friedrich Wenning aus Sontra, reformirter Confeſſion, 20 Jahre alt, aus⸗ nahmsweiſe bei Beendigung des dritten Semeſters ſeines Beſuches der Prima zur Prüfung zu⸗ gelaſſen, mit einem Zeugniß No. III, ziemlich gut vorber eitet, um Rechiswiſſenſchaft zu ſtudieren. Ebenſo verließen die Schule: 1) der Secundaner Franz Schrader von hier, u um n Apotheker, 2) 1 Guſtav A p p el„„ 3) der Tertianer gymn. Carl Graebe von hier, um Kaufmann,. 4)„„„ Hermann Schmidt von hier, um Schreiber, „)„„ real. Julius Frankenſtein aus Varenholz im Lippiſchen, um Kaufmann, 6)„ Quartaner real. Wilhelm Korff aus Rehren, um Oeconom zu werden, 7)0„ Quintaner Rudolph v. Eſchſtruth, um ſeinem Vater nach Hersfeld zu folgen. — Wiährend des Sommerhalbjahrs betrug die Anzahl der Schüler, mit Einſchluß der 20 zu Oſtern aufgenommenen, 83, von denen 10 die Prima, 5 die Secunda, 13 die Tertia g., 5 die Tertia r., 21 die Quarta g., 8 die Quarta r., 21 die Quinta beſuchten. Ven dieſen[gingen bis zu Michaelis von der Schule ab:: 4 Primauer, welche ſich nach beſtandener Maurtührifund zu dar agdeniſhen Studien anſchickten, nämlichth 14 IIlaidie. h2) Carl Georg Bippart aus Wunfried, evanigeliſcher Confeſion, 22 ½ Jahr alt, 3 Jahre Schüler des Gymnaſtums in Mühlhauſen und zwar 2 Jahre lang in der Prima, 1 Jahr lang in Marburg durch Privatſtudien vorbereitet, 1 Semeſter Schüler der Peima dahier, mit einem Zeugniß der Neife Neo⸗ all, ziemlich gut Dorb er eter, um irſih der Theologie; ong 24 b) Carl Wilhelm Rudolph Walther vom Shenc zu Sdweinsberg aus Hanau, evangeliſcher Confeſſion, 21 Jahre alt, 2 ½ Jahr Schüler der Prima dahier, mit einem Zeugniß der Reife No. II, gut vorbereitet, um ſich der Rechtswiſſenſchaft; c) Adolph Heinrich Spangenberg aus Eſchwege, reformirter Confeſſion, 21 ½ Jahr 52 alt, 2 ½ Jahr Schüler der Prima, mit einem Zeugniß der Reife No. III, ziemlich gut vorbereitet, um ſich der Arzneiwiſſenſchaft;„ d) Otto Friedrich Theodor Schneider von hier, reformixter Gonfeifton, 18 ½ Jahr alt, 10 Jahre Gymnaſialſchüler, 2 Jahre in der Prima, mit einem Zeugniß der Reife No. III, ziemlich gut vorbereitet, um ſich der Arzneiwiſſenſchaft zu widmen. Außer dieſen verließen die Lehranſtalt noch 2 Schüler, der Realtertianer Carl Wilcke von hier, um Kaufmann; der Realquartaner Aug. Koxff aus Rehren, um Kaufmann zu werden. Beim Beginn des Wintercurſus wurden wieder 3 Schüler aufgenommen, welche eingerech⸗ net die Schülerzahl im Winter 80, und zwar in der Prima⸗ 9, in der Secunda 6, in der Tertia gymn. 14, in der Tertia real. 4, in der Quaxta symn. 19, in der Quarta real. 70, in der Quinta 21 ausmachte. 91 Bis zum 14. März 1857 waren von dieſen 4 abgegangen, weanliih der Primaner Thodor Bietz von hier, um Militair, der Tertianer Carl Cordemann aus Rodenberg, um Mili⸗ tair, der Tertianer Friedrich Reimerdes, um Oeconom zu werden, der Quintaner Theodor Schrader aus dem Hanndverſchen, um ſeinem Oheim nach orbhafm zu folgen. : 2un; 1 6h D 5 1D Bibliotheken: und Apparate„ 14 6 1. die Gymaſialbibliethak, unter Auſſict des Dr. Stacke, hat eine bedeukkende⸗ Erwei⸗ terung erfahren, nicht blos durch Einverleibung der Vereinsprogramme und Fortſetzung der Er⸗ gänzung großer lexikaliſcher, hiſtoriſcher ꝛc. Werke, welche bereits im Oſterprogr. des vorigen Jahres namhaft gemacht ſind, ſondern auch durch neue Ankäufe, wie z. B. Grote's griech⸗ Ge⸗ ſchichte, überſ. v. Meißner; Philipp's deutſche Geſch.; Heffter's Relig. der Griech. und Römer; O. Müller's Orchomenos; Overbeck's Pompejiz du Cange, Glossarium manuale ad scriptores mediae et inf. aetatis; Wolfram v. Eſchenbach und Iwein von Lachmann; Wagner’s Geſch. der Urwelt u. ſ. w. Auch hat dieſe Bibliothek durch die Güte des hieſigen Buchhändlers, Hrn. C. Böſendahl, eine deutſche Ueberſ.: Titi Livii, des wohlberedteſten ꝛc. römiſchen Geſchicht⸗ ſchreibers, Hiſtorien, gedruckt im Jahr 1562 zu Straßburg, zum Geſchenk erhalten, wofür dem Geber hierdurch der gebührende Dank ausgeſprochen wird.. i hnal: 2. Ebenſo iſt die Schülerbibliothek, über welche Pfarrer Meurer die Aufſicht führt, nach Maßgabe der vorhandenen Geldmittel erweitert worden. Zu den angekauften Büchern gehören z. B. Viehoff, Schiller’s Gede exläutert 2c.; Firmenich, Germaniens Völkerſtimmen; B.ter Haar, Reformationsgeſch. in Schilderungen; Hoffmeiſter, Philipp des Großm. dachſodiezun Kleicse die Lehre von, den⸗ ormm: und Gattungen der deutſchen Dichthemſ u. ſ.w A&ꝙꝙ Adladsl 7 0 64123 U 7— 53 V. Schulprüfungen und Schuffeierlichkeiten. Montag den 30. März, Morgens von 8—12 Uhr. Chorgeſang: Kapelle, von Kreutzer. Prima 8—10 Uhr. Horat. Od. Lib. I und II: Director Dr. Schiek. Arithmetik: Dr. Hartmann. Sophocles. Philoctet.: Dr. Feußner. Quinta 10—12 Uhr. Lat. Grammatik und Eutrop.: B. L. Krauſe. Rechnen: G.L. Kutſch. Anfangsgründe der griechiſchen Sprache: B. L. Krauſe. Nachmittags von 2—4 Uhr. Tertia. a) gymn. Homer. Odyss. XIX: Dr. Eyſell. Ovid. Metamorph. X: Dr. Stacke. b) comb. Geſchichte der Griechen: B. L. Dr. Braun. Element. Anthropologie: B. L. Berkenbuſch. Dienſtag den 31. März, Morgens von 8—12 Uhr. 4 Secunda. Homer. Iliad. Libr. XXI: Pf. Meurer. Planimetrie: G.⸗L. Kutſch. Sallust. B. Catilinar.: Dr. Eyſell. Geographie von Europa: B. L. Berkenbuſch. Quarta 10—12 Uhr. a) gymn. Griech. Lectüre: Chreſtomath. von Wenſch ꝛc.: Pf. Meurer. Cornel. Nep. Iphicrates etc.: Dr. Stacke. b) comb. Geographie von Aſien, Afrika ꝛc.: B. L. Berkenbuſch. Hauptereigniſſe aus der Geſch. der neueren Zeit: B. L. b Braun. 54 Nachmittags von 2—4 Uhr. Tertia real. und Quarta real. Engliſche Lectüre: B. L. Krauſe. Tertia real. Planimetrie: G.⸗L. Kutſch. Quarta real. Wratiſches Wfnen: B. L. Srtenbuj Ge 7 Uuch—₰ 11 44 8 Mittwoch den 1. April, Morgens 40 Uhr. Ghorgeßäng: Quartett und Chor aus Schneider's Weltgerict. 5 Entlaſſung der zur Wiüdeſti Aie zriie und Verſetzung der Schüler U idl 1.2 loollqo 2 Im Namen des Gymnaſiums lade ih die Eltern unſerer Schüler und alle Gönner des Gymnaſialunterrichts zur Theilnahme u an düſn Lzzit endüteſee fezebenſt ein. Iitnn llnn 77 111 „Pr. Shie gepnofn Die Prüfung der zur Aufnahme in das JGemtnaſum Angemldeten ird am 20. April ſtattfinden. 2 qroms If T 1&: 11 96 19 datoo(d J 21119 9 4 13⁷ dnlf 5 83 2 . 1 1 K 1 T.boflI 9moll 47 4„ 15 1 41 2 uIIRDN „ 6 IIA(1 lnuilils H lIn 7 5 29 2 20 110 NOTͤ 91 9 0 9 7 ₰ 4 81 „... 4 1112 10 n— 5 110 umes 1(1 10 6 19 9 100 . † 4.8 n1 919,0.— 10. f 9 41 2 5