Programm des Großherzoglich Heſſiſchen Gymnaſinm⸗ 3 Gieſten, als Einladung zu den am 4. April 1879 Statt ſindenden öffentlichen Schulprüfungen. Ckan Beigegeben wird eine Abhandlung des Gymnaſiallehrers Dr. Rüle: Hat Herodot ſein Werk ſelbſt herausgegeben? ———ꝛ——AA—V— Gießen 1879. Druck von Wilhelm Keller. 1879. Progr. Nr. 529. “ Unix. Fb Giessen eg⸗ 4 3 eaituciKA Ke ¼¾ Lith u Druck vIL Wenzel, Giessen. ——— S.—. —— e acnene . 5 mel. Sunmanetenee zenee eer, zaate Lehrsdal Lehrsaual Teichnensaal Aula⸗ Dritter Slock. 8 XN‿ᷣ᷑ᷓ́—N — — e S — 71 5 S 5 Lehrsaal Conferenxa. Cahbiner. — 1 G X+AXA ——— ʒſ 2 4 n 1 d NM ☛‿ ᷑ᷣ́— X 8— S— — ——, — „. Tehrsaal Lehrsaal X₰ AEARʒ S N N Lehrsaal S nung des Dieners deng 1 1 L 1 — ☛☚☛æᷓ́ᷓ: : MMͥᷓ́x ☛‿‿ A☛ 8 T Lehrsaal Lehrsaal Jür Natun- wissensch ſt T Phe Lehrsaal 1 ZQDQTWDTDDTD Z 22 ‿‿ò 1 Schulnachrichten. I. Unterricht. Da ſeit Oſtern 1877 ein amtlicher Lehrplan für die Landesgymnaſien(Darmſtadt, Buchhandlung Grotzherzoglichen Staatsverlags) die Aufgaben und Ziele der einzelnen Unterrichtsgegenſtände für die betr. Klaſſen feſtgeſtellt hat, ſo erſcheinen künftig nur diejenigen Angaben hier, welche nicht aus dem allgemeinen Lehrplan erſichtlich oder durch die Speciallehrpläne des hieſigen Gymnaſiums veranlaßt ſind. a. Lateiniſch. VI. Regelmäßige Formenlehre nach Ellendt⸗Seyffert§§ 20 bis 96 mit Ausſchluß der Deponentia. Mündliche Uebungen nach H. Schmidt, Elementarbuch I. Extemporalien. V. Regelmäßige und unregelmäßige Formenlehre nach Seyffert und das Wichtigſte aus Caſus⸗ und Sazlehre. Spieß für V. Extemporalien. IV. Repetition der Formenlehre. Die wichtigſten Regeln aus Caſus⸗ und Sazlehre, insbeſondere die Abſchnitte nach Seyffert§ 129 bis 202. In Lattmann's Corn. Nep. et Curt. Ruf.: Alexander Magnus mit Auswahl und Themistocl. Phaedrus 20 Fabeln.— Mündliche Uebungen im Anſchluß an die Lectüre und nach Spieß IV. Extemporalien. IIIv. Caſus⸗ und Sazlehre nach Ellendt⸗Seyffert bis§ 313 mit Auswahl. Caesar bell. gall. I, II, mündl. Ueberſetzungen aus Süpfle I(36 Stücke); Extemporalien. Ovid. Met. I, 1— 85, 747— 780. II, 1 bis ungefähr 350. III“. Caſus⸗ und Sazlehre nach Seyffert. Caesar bell. gall. Buch I, c. 40— 54 IV, V, VI, VII. Ovid. Metam. I, 748 bis II, 408, VIII, 611— 724, XI, 85— 193. IIv. Cicero in Cat. I, II(Catil. II curſoriſch), III; de imp. Pomp.; pro Archia. Vergil. Aeneis I, II. 1* IV IIs. Liv. I, II. Ovid. Fast. etwa 1800 Verſe.(Auswahl der auf röm. Geſchichte bezüglichen Abſchnitte mit Vergleichung des Livius.) I. Tac. ann. I, II, III, 1—19. Hist. I. Cic. Tusc. disp. I, V z. Th. Horat. Serm. I, II. Epistul. I, II. b. Griechiſch. IIIb. Formenlehre bis incl. der verba in. Ueberſetzungen aus Schenkl. Extemporalien. IIIz. Grammatik nach Curtius, verb. in u. und anomala. Hauptregeln d. Syntax. Xen. an. I, 4 bis zu Ende, II. Extemporalien. Od. I, 1— 305. IIv. Caſuslehre nach Curtius§ 368— 444. Xen. an. II, III, IV vollſtändig und ausgewählte Stücke aus V, VI, VII. Hom. Od. I, 274 bis VIII. X. IIe. Herodot VI, 94 bis Ende, VII, VIII mit Auswahl, IX vollſtändig. Hom. Odyssee XI- XXIV, davon XI, XVI, XXIV privatim. I. Thucyd. I. Platon. Apolog. Socr. Crit. Phaedo(erzählende Theile). Sophocl. Antigone. Hom. Iliad. 13— 24. c. Franzöſiſch. IV. Plötz' Elementargrammatik. IIIv. Plötz' Schulgrammatik bis Lect. 29. III*. Ausgewählte Stücke aus Plötz Chreſtomathie. Schulgrammatik bis Lect. 57. IIv. Ausgewählte Stücke aus Plötz Chreſtomathie. Le diplomate v. Scribe. Schulgrammatik bis Lect. 75. IIa. Cid. Einige proſaiſche und poetiſche Stücke aus der Chreſtomathie von Süpfle. I. Proſaiſche und poetiſche Stücke aus Süpfle's Chreſtomathie. Les deux gendres v. Etienne. Grammatiſche Repetitionen. d. Engliſch. 1. Abtheilung. Shakeſpear Kaufmann v. Venedig beendet. König Lear. 2. Abtheilung Vicar of Wakefield. 2. Die Schüler. Ende Auguſt 1878 fand eine außerordentliche Maturitätsprüfung unter dem Vorſize des Unterzeich⸗ neten ſtatt, welche die Oberprimaner Ludwig Kritzler und Philipp Uebel beſtanden. Erſterer will ſich dem Studium der Jurisprudenz, lezterer dem der Medicin widmen. Die diesjährige mündliche Maturitätsprüfung findet am 2. April ſtatt. 5* 5 Ausgetreten 5 ½ 2— 5. 4 VI 37—— 37 31 1— 5 V 47 3 3 1 46 40—— 6 IV. 37— 1— 36 25 1— 10 UIII 42— 2— 40 36—— 4 OIII. 22 3 3— 22 20—— 2 UII 21 1— 1 21 18 1— 2 OII 13 1 1— 13 10 2— 1 UI 12— 2— 10 9— 1— OI. 8 1 3— 6 5 1—— 239 9 15 2 231 194 6 1 30 Die Frequenz der Schule hat ſich in dieſem Jahre nicht verändert. Der Beſtand am Schluß des Schuljahres iſt ganz derſelbe wie im vorigen Jahre. Der Eintritt neuer Schüler während des Schul⸗ jahres hat ſich in erfreulicher Weiſe von 17 auf 9 vermindert, der Beſtand am Anfange des Schul⸗ jahres um 7 gegen das Vorjahr vermehrt; die Zahl der im Laufe des Schuljahres Ausgetretenen iſt um 1 höher als im vorigen Jahre. Von den aus Prima ausgetretenen 5 Schülern ſind 2 Abiturienten, 3 wegen Disciplinarvergehen ausgeſchieden. 3. Chronik des Gymnaſiums. Im verfloſſenen Schuljahre iſt das bedeutendſte Ereigniß im äußeren Leben der Schule die Be⸗ ziehung des neuen Gymnaſialgebäudes. Da die Räume des alten Gymnaſiums nicht mehr für die Zahl der Schüler ausreichten und hieraus zahlreiche, zum Theil geſundheitsſchädliche Nothbehelfe entſprangen, auch die Nähe des Exercier⸗ platzes der Kaſerne den Unterricht ſtörte und beeinträchtigte, ſo beſchloß das Großherzogliche Miniſterium des Innern im Jahre 1872 dem Gedanken eines Neubaues näher zu treten. Nach längeren Verhand⸗ lungen bewilligte die Volksvertretung mit dankenswerther Liberalität 240,000 M. für den Neubau und 12,600 M. für Mobiliar. Der Bauplan wurde von dem Großh. Kreisbauamte hier entworfen; die Aus⸗ führung wurde unter ſteter Betheiligung des Großh. Kreisbaumeiſters Herrn Baurath Holzapfel durch den Großh. Bauamts⸗Acceſſiſten Herrn Reuling geleitet. Mitte December 1878 war der Bau vollendet und die Einweihungsfeier bereits feſtgeſezt. Da ließ der ſo beklagenswerthe Tod der höchſtſeligen Großherzogin Alice bei der in allen Kreiſen der Be⸗ VI völkerung herrſchenden Trauerſtimmung einer öffentlichen Feier keinen Raum, und ſo beſchränkte ſich der Einweihungsact auf eine kleine, im engſten Schulkreiſe am 6. Januar 1879 abgehaltene Feier, bei welcher der Religionslehrer Herr Stamm das Weihegebet ſprach und der Unterzeichnete eine Anſprache hielt; paſſende Chorgeſänge eröffneten und ſchloſſen die Feier. Von 11 Uhr ab war das Gebäude dem Publikum geöffnet. Am 7. Januar begann der Unterricht in den neuen Räumen. Möge dem mit Liebe und Sorgfalt ausgeführten Baue ein langer, ſicherer Beſtand beſchieden ſein! Die neue Gymnaſialanlage beſteht aus dem eigentlichen dreiſtöckigen Schulgebäude, der durch den großen Hof getrennten Turnhalle, der Wohnung des Directors und den an der ſw. Seite des Hofes ge⸗ legenen Aborten. Das Schulgebäude hat die Längsrichtung von NO nach SW, iſt frei nach allen Seiten, mit der Front den neuen Anlagen zugekehrt und für das Centrum der Stadt ſehr günſtig gelegen. An der Hinterſeite befindet ſich ein großer Tummelplaz, der mit 2 Reihen Bäume beflanzt iſt und an deſſen n. 5. Seite der Brunnen ſich befindet. Der Hof wird nach S. durch die Turnhalle und den Hof der Directorwohnung, nach NO. durch ein Eiſengitter gegen die Bismarckſtraße abgeſchloſſen. In runden Summen betragen die Flächen des Gymnaſialgebäudes 650 qm der Hof.......... 2045„ die Turnhalle........ 278„ die Directorwohnung..... 152„ der hierzu gehörige Hof und Garten 843„ die Aborte......... 32„ die geſammte Grundfläche.... 4000 qm. Die Mauern des Gebäudes ſind genügend ſtark ausgeführt und ſämmtlich trocken. An den Außenſeiten iſt zum Sockel, zu den Geſimſen, Gurten, Portalen, Frieſen, ſowie zum ganzen Mittelbau in ſehr ſplendider Weiſe rother Sandſtein vom Main, zu allem übrigen Mauerwerk Backſtein (Ziegel) verwendet. Die oberen Außenmauern, wie auch die Hauptſcheidemauern haben eine Stärke bis 0,51 m, leztere wegen der Aufnahme der Heiz⸗ und Ventilationscanäle. Diejenigen Scheidemauern da⸗ gegen, welche keine Canäle haben, ſind nur 0,26 m ſtark. Der Fußboden des Parterres, überall unterkellert, liegt 1,80 m über dem Außenterrain. Die Unterrichtsräume, welche ihr Licht meiſt von SW., NO. und NW. erhalten, liegen in allen Stockwerken. Zur Zeit ſind 4 Reſerveräume vorhanden. Die Klaſſenzimmer haben eine Grundfläche von 42—70 qum, der naturwiſſenſchaftliche Lehrſaal hat 10,16 m, der Zeichenſaal 12,10 m Länge, die Zimmertiefe beträgt von 6,08— 7,04 m, die Stockwerks⸗ höhe beträgt überall 4 m. Auf den Schüler kommen durchſchnittlich 1,45 qm Bodenfläche, ſomit 5,80 cbm Luftraum. Alle Unterrichtsräume des Hauſes ſind mit Fichtenholz gedielt, der Corridor des Parterres hat rothe Sand⸗ ſteinplattung, während die Corridore der beiden oberen Stockwerke ſowie der Feſtſaal mit Parquetbeleg verſehen ſind. Das Veſtibül am Hauptportale iſt mit Mettlacher Moſaik belegt. Die Zimmerwände aller Lehrſäle ſind 1,50 m hoch mit Lambris von Holz verſehen. Die lichte Weite der Thüre beträgt 1,05 m, ihre lichte Höhe 2,15 m. Die Heizung und Ventilation erfolgt durch eine Luftheizung, deren 2 Heizapparate ſich in den Kellerräumen befinden. Die Feuerung beſorgt der Pedell. Die ganze Anlage iſt von Reinhardt in Würzburg ausgeführt und bewährt ſich recht gut; nur für 3 Räume mußte in Folge geſchleifter Canäle Nachregulirung erfolgen. Um der heißen Luft ſtets die genügende Menge Feuchtigkeit zuzuführen ſind in jeder Heizkammer 2 Waſſerverdunſtungs⸗Pfannen aufgeſtellt, die durch eine eigene Waſſerleitung geſpeiſt werden. Die Ventilationseinrichtungen erweiſen ſich ſehr wirkſam; die Erneuerung der Luft geht beſtändig in ſehr intenſiver Weiſe vor ſich; irgend welcher Geruch iſt in den Zimmern nicht wahrzunehmen, obgleich die Fenſter im Winter geſchloſſen bleiben. Gewöhnliche Oefen ſtehen in der Pedellenwohnung und in den Arbeitszimmern der Lehrer. Die Vorrichtungen zur Aufbewahrung der Kleider und Schirme der Schüler ſind meiſt in den Corridoren. Die Fenſter, deren Geſammtfläche ungefähr den 6. Theil der Fußbodenfläche ausmacht, ſind 0,85 m über dem Fußboden und haben eine Höhe von 2,40 m, eine Breite von 1,30 m. Sie brauchen der Ventilation wegen nicht geöffnet zu werden; doch befindet ſich an jedem Fenſter eine in einem Charniere laufende Scheibe(die oberſte), welche mittels einer ſehr einfachen Vorrichtung leicht geöffnet und in ver⸗ ſchiedenen Lagen feſtgeſtellt werden kann. Für Phyſik, beſchreibende Naturwiſſenſchaften und Zeichnen ſind beſondere Unterrichts⸗ und Samm⸗ lungsräume vorhanden, ebenſo für die Bibliothek. Der naturwiſſenſchaftliche Lehrſaal beſizt eine Vor⸗ richtung zum Verfinſtern. Das Veſtibül in jedem Stockwerke hat eine dreiarmige Treppe von rothem Sandſtein, deren mitt⸗ lerer Arm 3 m. deren ſeitliche Arme 2 m breit ſind. Die Treppenpodeſte ſind mit Mettlacher Moſaik⸗ platten belegt. Die Beleuchtung des Treppenhauſes und der Veſtibüle der Stockwerke erfolgt durch je 3 Fenſter, von denen die oberen rundbogig, 3,06 m hoch und mit matt geſchliffenem Glaſe verſehen ſind. Treppenhaus und Aula ſind mit Stuckgeſimſen geſchmückt und werden im Laufe des Sommers noch ausge⸗ malt werden. An der Hauptfronte im Mittelbau befindet ſich das von einem Frontiſpiz überdeckte Hauptportal 1,80 m breit, nach dem Hofe führen 2 Thüren von 1,30 und 0,90 m Breite. Die Corridore ſind hell, durch innere Thüren gegen Zug geſchüzt und durch die Heizung angenehm temperirt. Sie haben eine Breite von 3 m. Das Dach iſt mit Schiefer gedeckt und trägt 2 Blizableiter ſowie 2 Ventilationsthürmchen für die verdorbene und unbrauchbare Luft.. Die Aborte ſind hell und ſehr wirkſam ventilirt; der Bewurf iſt ein rauher Sprizbewurf, der Fußboden durchgehends aus Asphalt hergeſtellt. Die Subſellien ſind 2ſizig und für ſämmtliche Gruppen 110 cm lang; ſie wurden nach dem von Varrentrapp empfohlenen Syſteme von der Firma Spohr und Krämer in Frankfurt a. M. hergeſtellt. Dieſelben beſtehen aus zwei gußeiſernen Ständern, welche auf dem Fußboden feſtgeſchraubt ſind und mit denen mittels ſtarker Bolzen gußeiſerne Stüzen für die Siz⸗ und Tiſchplatten derart verbunden ſind, daß dieſelben umgeklappt werden können, ſo daß der Fußboden beim Reinigen des Locals leicht zugänglich iſt. Size und Rücklehnen ſind der Körperform entſprechend geſchweift und gleich den Bücherbrettern von Tannenholz gefertigt. Die Schreibzeugleiſte, welche zwiſchen den Ständern feſtſizt, enthält die Tinten⸗ fäſſer. Die einzelnen Maße ſind folgende: 5* S 85— 5— 8 28 E 5 5. 32 3 3 3 3, e ei S. 5 S 8 D 6& 8 8535 8 em S em em em em em em em em em em em em em 6- 8 117 I 27,5 31,3 34 50,7/ 9 3,5 19,4 0 34 1,5 6 12,5 25 8— 10 127 II 217,5 34,6 34 54,5„„ 20„ 35 1,5„ 12,5 25 10— 12 136 III 27,5 38,1 34 58,7„„ 20,6„ 35 1,5„ 12,5 25 12— 14 146 IV 29 42,2 36 64„„ 21,8„ 39 1,7„ 17,3 29 14— 16 1599 v 30 45,9 40 68,9„„ 23„ 40 1,7„ 17,3 32 16—18 167 vI 31 47,4 42 72,1„„ 25,3„ 42 1,7„ 17,3 34 VII 33 47,4 44 74,2„„ 26,8„ 45 1,8„ 21 35 18— 20 169,5] VIII 35 49 44 77„„ 28„ 48 1,8„ 21 35 IX 35 49 44 80„„ 31„ 51 1,8„ 21 35 In jedem Claſſenzimmer ſtehen Subſellien von 3 Gruppen; außerdem kann durch Verſtellen der⸗ ſelben mittels Schrauben jeder Körpergeſtalt Rechnung getragen werden. Da die Size nicht gewechſelt werden können, ſo hat jeder Schüler ſein eigenes Tintenfaß aus Glas mit Kautſchukverſchluß. Der naturwiſſenſchaftliche Lehrſaal hat amphitheatraliſch aufſteigende Size und Tiſche für 50 Schüler ſowie einen Experimentirtiſch mit Gasvorrichtung u. ſ. w.; der Zeichenſaal iſt mit beſonderen Zeichentiſchen ausgeſtattet. Der Lichteinfall befindet ſich überall auf der linken Seite der Schüler. In einigen Räumen iſt Doppellicht durch hermetiſch ſchließende Läden mit dunkelem Anſtrich gänzlich ausgeſchloſſen. Die Wandtafeln beſtehen aus ſchwarzgrauem Schiefer. Alle Zimmer haben Rouleaux aus grauem ſtarken Leinenſtoffe. Corridore, Veſtibüle, Aula und eine Anzahl von Lehrſälen haben Gaseinrichtung. Fußabſtreicher von größerem Umfange befinden ſich am Fuße der Eingangstreppen. Der Pedell wohnt im Parterre des Schulgebäudes und hat zwei heizbare und ein nicht heizbares Zimmer, Keller, Küche und Speiſekammer. Die Turnhalle iſt 20 m lang, 10,40 m tief, 4,5 m hoch. Dieſelbe hat einen Riemenboden aus Fichtenholz, unter welchem ſich ein cementirtes Rollpflaſter befindet, und wird durch einen iriſchen Ofen erwärmt. Die innere Einrichtung iſt ſehr zweckmäßig und ſolid durch die Firma Dietrich u. Hannak in Chemnitz ausgeführt worden. Die Wohnung des Directors enthält im Parterre und in dem 1. Stockwerke Küche, Speiſekammer und 8 heizbare Zimmer, ſowie mehrere, theilweiſe heizbare, Dachzimmer, Trockenſpeicher u. ſ. w. Alle Räume im Parterre ſind durch Keller unterwölbt; die Waſchküche iſt im Souterrain und hat einen eigenen Eingang von außen. Die Einrichtung iſt überall ſehr zweckmäßig und geſchmackvoll. Vor dem Hauſe befindet ſich der Hof, hinter demſelben der Garten. IX Der Bau wurde begonnen im Jahr 1876, die Wohnung des Directors am 15. Auguſt 1877, die Turnhalle im October 1878 bezogen. Leztere iſt aus Erſparniſſen erſtellt worden, welche durch die Zeit⸗ verhältniſſe ermöglicht wurden; der Initiative des Großh. Bauraths Herrn Holzapfel hat es die Anſtalt in erſter Linie zu danken, daß ſie ſich jezt der Wolthat eines eigenen Raumes für die Turnübungen erfreuen kann. Ich fühle mich ſchließlich gedrungen Namens der Anſtalt Allen denen in angemeſſener Weiſe zu danken, welche den ſchönen Bau ermöglicht, gefördert oder ausgeführt haben: Sr. Königl. Hoheit unſerem allergnädigſten Großherzog, allerhöchſt welcher dem Werke das theilnehmendſte Intereſſe zu ſchenken gnädigſt geruhte; der Großherzoglichen Staatsregierung, welche mit ſo warmer Theilnahme alle Schwierigkeiten zu überwinden wußte, nachdem ein Neubau als Bedürfniß erkannt war; den hohen Kammern der Stände, welche die Mittel zur Erbauung und Ausſtattung der ſchönen Räume in freigebigſter Weiſe bewilligten; der Baubehörde, welche den Plan entworfen und unter Mühen und Sorgen mit unermüdlicher Theilnahme ausgeführt hat, endlich Allen, welche durch Rath oder That das Werk gefördert und mittelbar oder un⸗ mittelbar die darauf gerichteten Bemühungen unterſtüzt haben. Mit Anfang des Schuljahres trat Profeſſor Dr. Schulteß in das Lehrercollegium ein; derſelbe leitet zugleich das Proſeminar für altklaſſiſche Philologie an der Univerſität. Mit dem Beginne des Sommerſemeſters trat der Aſpirant für das Gymnaſial⸗ und Realſchul⸗ Lehramt Dr. Peter Dettweiler aus Ibersheim als viertes ordentliches Mitglied in das pädagogiſche Seminar ein. Michaelis 1878 wurden die ordentlichen Mitglieder des pädagogiſchen Seminars Dr. Carl Hoffmann, H. Blaſe und Dr. K. Körber bezw. an das Gymnaſium Büdingen, die Realſchule Gießen und das Gymnaſium Mainz verſezt. Zu derſelben Zeit traten als ordentliche Mitglieder ein Franz Joſef Helm aus Bensheim und Dr. Waldemar Mohr aus Stendal. Auf den Antrag der Eltern und Fürſorger von 204 Schülern der Anſtalt wurde im Winterhalbjahre der Nachmittagsunterricht beſeitigt, nachdem dieſelbe Einrichtung ſchon im Sommerhalbjahre beſtanden und Beifall gefunden hatte. Die Erfahrungen, welche bis jezt über Friſche, Theilnahme und Fleiß der Schüler gemacht werden konnten, ſind durchaus befriedigend. Die Feier des Allerhöchſten Geburtsfeſtes Sr. Maj. des deutſchen Kaiſers mußte ſich in dieſem Jahre auf den Kreis der Schule beſchränken. Herr Prof. Dr. Schulteß hielt die Feſtrede. Ein öffentlicher Schlußact findet nicht ſtatt, da die Aula erſt im Laufe des Sommers fertig geſtellt werden kann. Für verſchiedene Geſchenke, namentlich in die naturhiſtoriſche Sammlung ſpreche ich den gebühren⸗ den Dank aus. 4. Nachricht. Die Prüfungen werden in folgender Weiſe abgehalten: Freitag den 4. April. 8— 8 ½ Sexta 8 ½— 9 iräderteriu) Religion, Stamm. 9— 9 ¾ Sexta: Latein, Helm. 9 ¾— 10 ¹¼ Quinta: Naturgeſchichte, Scherer. 10 ¼— 11 ¼ Quarta: Lateiniſch, Dettweiler. II X 11 ¼— 12 Untertertia: Griechiſch, Mohr. 3— 3 ½ Obertertia: Griechiſch, Röſe. 3 ½— 4 ¼ Secunda: Phyſik, Rauſch. 4 ¼— 5 Untersecunda: Latein, Schulteß. 5 Turnprüfung in der Turnhalle des Gymnaſiums. Nach der Prüfung der einzelnen Klaſſen findet die Bekanntmachung der Verſezungen und die Aus⸗ theilung der Cenſuren ſtatt. 5. Bekanntmachung über Zeit und Bedingungen der Aufnahme in das Gymuaſium und die Vorſchule. Anmeldungen zur Aufnahme in das Gymnaſium werden am 23. April Morgens von 8—11 Uhr in dem Conferenzzimmer des Gymnaſialgebäudes entgegengenommen. Die Aufnahme⸗ und Nachprüfungen finden am 24. April Morgens 8 Uhr ſtatt, der Unterricht beginnt den 25. April Morgens 7 Uhr. Zur Aufnahme in die Sexta genügt das zurückgelegte neunte Lebensjahr. Bedingungen der Aufnahme ſind geläufiges Leſen und Schreiben der deutſchen und lateiniſchen Schrift, angehende Sicherheit in der Rechtſchreibung und im Gebrauch der vier Grundrechnungsarten. Mit Genehmigung Großh. Miniſt. d. Inn. Abth. f. Schulang. wird eine Vorſchule am hieſigen Gymnaſium errichtet werden. Das Schulgeld iſt auf 60 M. jährlich, die Schülerzahl einer Klaſſe auf 40 Schüler feſtgeſezt. Oſtern 1879 wird zunächſt die unterſte Klaſſe errichtet für Knaben, welche das 6. Lebensjahr zurückgelegt haben. Anmeldungen nehme ich während der Ferien in meiner Wohnung (Sprechſtunde 2—3 Uhr) entgegen. Großherzogliche Direction des Gymnaſiums zu Gießen. Profeſſor Dr. H. Schiller. XI qunglaohd 9 bup 2 buS 1 Buſeg 12106 uvd aau( joL a0ene 91 2/16 ur e 11 V u g 1 ua 1 ua 1 u⸗ u 2 ua 3-a2a0o lu*ꝓ aaadv a2aevee l 82 u06 u015 1 3 11240218 u161126 Joi Cv aaaawlch v Phn⸗ 3. 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I m Sm. 6 Ann 2 V A92 ‧10⸗,C aaIS leh uoqum 1 110 II IIIO III AI V A IA 1219283 6Z81 na mun Sacplaaszun sod unnJisas 9 ChRALfio Loge Hat Herodot sein Werk selbst herausgegeben? Erster Theil. Obgleich heutzutage kaum jemand an der Nichtvollendung des herodotischen Geschichts- werkes zweifeln dürfte, so ist doch bis jetzt von keiner Seite die Frage näher erwogen worden, ob der Verfasser selbst sein Werk veröffentlicht habe. Man sollte meinen, die unfertige Form lasse es undenkbar erscheinen, daſs der Geschichtschreiber es in diesem Zustande publicirte; allein vermeintliche Anspielungen und Bezugnahmen auf dasselbe, die sich bei zeitgenössischen Schriftstellern finden sollen, haben die Ueberzeugung geweckt und bis auf den heutigen Tag genährt, dals um das Jahr 425/424 das Werk in Athen allgemein bekannt gewesen und gelesen worden wäre. Nun zeigt aber das Werk Spuren davon, daſs Herodot beinahe bis um diese Zeit an ihm gearbeitet hat. So finden wir denn die merkwürdige Erscheinung, daſs man zwar Herodot auf der einen Seite über der Redaction seiner Geschichten sterben oder aus Unlust die Feder wegwerfen läſst, auf der anderen Seite aber um die Zeit, wo er noch an dem Werke arbeitete, eine gewisse Publicität desselben in bester Form annimmt. Nur klein ist indels die Zahl der Schriftsteller, denen dieser Widerspruch zum Bewustsein gekommen ist ¹), und diese haben nur beiläufig und mit aller Reserve eine Bemerkung gemacht. Blols K. Otfr. Müller) hat unumwunden erklärt, dafs nach seiner Ueberzeugung Herodot„sein Werk überhaupt nicht herausgegeben habe.“ Wenn wir diese Frage entscheiden wollen, so müssen wir zunächst untersuchen, was das Alterthum selbst uns hierüber mittheilt, sodann was für Schlüsse aus dem eigenen Werke des Geschichtschreibers zu ziehen sind, und drittens, ob und inwiefern die Schriftsteller etwa bis zu Ende des peloponnesischen Krieges eine Bekanntschaft mit den Geschichten Herodots zeigen. ¹) Dahlmann, Forschungen I, S. 99 f., II, S. 261. Walter Rogge in Prutz,, lit.-hist. Taschenbuch von 1847, S. 150:„so wird es auch wahrscheinlich, dals das Werk ein unvollendetes ist, und selbst die, in ihrer weiteren Ausfüh- rung freilich sinnlose, Sage, es sei erst nach des Verfassers Tode herausgegeben, gewinnt so einige Haltbarkeit.“ Mure, critical history of the language and lit. of anc. Greece* Vol. IV, S. 261(nachdem er über den Mangel jeglicher Er- wühnung Herodots vor Ktesias gesprochen):„this silence of the contemporaneous public is certainly a strong argu- ment, that the promulgation of the history did not take place till a late period of the authors life, possibly;; not till after his death.“ Rawlinson, history of Herodotus I“, S. 28. ²) Kl. dtsche. Schr. Breslau 1847, I, S. 36. 4 2 1. Bei der Ueberlieferung brauchen wir uns nicht lange aufzuhalten. Ptolemaios Chen- nos, ein Grammatiker aus der Zeit des Nero und des Nerva ³), von dem uns Auszüge in der Bibliothek des Photios erhalten sind, erzählte in seiner Schrift xe ũ&ls οαινμαάαά̈αάνꝙνηανν*ς ?oroolas, der Hymnograph Plesirrhoos, der Liebling und Erbe Herodots, habe dem Werke des letzteren das Prooimion hinzugefügt und der eigentliehe Anfang des von dem Geschichtsschreiber verfaſsten Textes sei gewesen: IIeOοσισν 26„+₰α etc. ⁴). Derselbe Ptolemaios erzählt aber kurz darauf, Plesirrhoos habe sich erhängt, weil eine ge- wisse Nysia seine Liebe nicht erwidert habe. Deshalb verschweige Herodot den Namen von Kandaules Gattin(im I. Buch), weil derselbe ähnlich gelautet habe, wie derjenige der Geliebten des Plesirrhoos 5⁵). Man sieht, beide Nachrichten widerstreiten sich bedenklich. Das einzige Mittel den Wider- spruch zu heben, wäre an letzter Stelle den Namen Plesirrhoos für einen späteren Zusatz zu erklären, so daſs sich die ganze Geschichte auf einen andern Liebling Herodots bezöge. Da aber in] der Ueber- lieferung der Name einmal steht, und auſserdem Ptolemaios im Punkte der Glaubwürdigkeit sich eines sehr schlechten Rufes erfreut, so sind wir gemöthigt, der Erzählung jede Beweiskraft abzuspre- chen und gänzlich von ihr abzusehen. Nicht verschweigen will ich jedoch, daſs K. O. Müller (a. a. O.) und Böckh ⁶) den Plesirrhoos wirklich für den Herausgeber des Herodot halten, aller- dings nicht sowohl auf die Autorität des Ptolemaios hin, als wegen der Beschaffenheit des Ge- schichtswerkes. La Roche*) sucht die Unechtheit des Prooimions zu erweisen. 2. Die Betrachtung des Werkes selbst erfolgt für unsern Zweck wohl am besten von dem Gesichtspunkte aus, dafs wir fragen, ob dasselbe in der äulseren Verfassung sei, daſs es sein Urheber ohne Bedenken dem Publikum vorlegen konnte. Hierbei würde gewils nichts ver- kehrter sein, als die strengen Forderungen zum Malſsstab zu nehmen, die man an ein modernes Werk zu stellen das Recht hat; allein andererseits wird man sich nicht denken können, daſs selbst in der Kindheit der Schriftstellerei ein so gewissenhafter Autor, wie Herodot, das Werk, dem er die besten Jahre seines Lebens gewidmet, mit Belassung auffallender Widersprüche, störender Wiederholungen und Lücken und unverständlicher Satzconstructionen den Händen der Abschreiber übergeben habe. Dieser Gesichtspunkt ist sicherlich fruchtbarer, als ein anderer, an den man leicht denken könnte, nemlich zu prüfen, ob Herodot den Plan, den er vor Augen hatte, nach jeder Richtung hin seinen ausgesprochenen Absichten gemäſs durchgeführt habe. Wir werden allerdings im Laufe der Untersuchung für einzelne Partien, aber nur in ganz offen- kundigen Fälllen, diese Erwägung nicht von uns weisen können, aber dieselbe auf das ganze ³) Vgl. über dessen Glaubwürdigkeit R. Hercher i. d. N. Jahrbb. f. Phil. u. Paed. Suppl.-Bd. I(1855— 56), S. 268 ff., J. J. H. Roulez Photiiz excerpta ex Ptolemaeo. Leipzig 1854. Nitzsch de prooemio Herodoteo. Greifs- walder Progr. 1860, S. 2 f. ⁴) Phot. bibl. 148, b: 42e IIA„G⁴οοωοοο 5 d⁴lαeαꝙ ĩꝙ) dρο 80εέ̈νοοο„ενννςρ æx mνλmονι⁴οςσ τ̈ν αετοο, oO5 T08 xouαεε τν ποοομμον i odie 1oτοοlae NMOO66 0b AAεααοναασεμασν ταiν νς eæεd αν v τνπντ⁴ο⁶ον 19⁶ν dων 1lεοασσν ε 76νιQ c˖Aolviæce alrloue qæoο„νενᷣοςσμάιωα mσισ /³ϑαοσ⁷σ. *) Phot. bibl. 150, b: GαeιG2ά⁵α ε 1Oεο—*φά́" ie„vvMixνς bν Ho660ov, Smεν 5 Gεϊ νοο Hoοο⁶τον WMGα⁴οοοον Nvοlas sαoεlς dαωeuoolae 15„vog,&rs!) ruοι τmνσ&rαlοαmς, od« dverα νοςσ Ʒον dæυz̃d dνοτνοσςεε ι˙ gudεα νσα ς deπκ⁹ες ser 15 1 Noola 5„μαα lοο6οτον. ⁶) In Raumer's antiqu. Briefen 1851, S. 117 ff. Dies Citat nach Bähr, da ich das Buch nicht erlangen konnte, *) Philologus XIV, S. 281. Vertheidigt wird die Echtheit des Prooimions von Nitzsch in dem oben erwähnten Programme. 3 Werk auszudehnen, erscheint zu gewagt. Denn die Form, in der Herodot sein Vorhaben an- kündigt, ist so unbestimmt gehalten, daſs sie keine untrügliche Handhabe zur Entscheidung jedes zweifelhaften Falles zu bieten im Stande ist, zumal da man Zweifel hegen darf, ob dieser Plan überhaupt schon von Anfang des Niederschreibens an dem Herodot vorgeschwebt habe ⁵). Für immer vorbei sind aber hoffentlich die Zeiten, in denen die Bewunderung für den Genius des Halikarnassiers sich zur Anlegung des epischen Mafsstabes an seine Gesammtgeschichten verstieg ⁹),. Die Erkenntniſs bricht sich immer mehr. Bahn, daſs auf den Namen eines Kunstwerkes nur einzelne bestimmte, wenn auch umfangreiche Theile der Arbeit Anspruch machen können, daſs aber die harmonische Gliederung des Ganzen weit hinter der Absicht des Urhebers zu- rückblieb. Eine Entscheidung der Frage, ob Herodot sein Werk für fertig zur Herausgabe halten konnte, wird erst möglich sein, wenn wir wissen, wie er gearbeitet hat. Auch hier können wir mit den Nachrichten der Alten fast nichts anfangen, da sie theils den Stempel der Unglaub- würdigkeit an der Stirne tragen, theils sich untereinander in so unlösbare Widersprüche ver- stricken, daſs ein sicherer Ausweg aus diesem Labyrinth nicht zu finden ist. Zudem hat A. Bauer ¹⁰) mit scharfer Kritik dermaſsen unter denselben aufgeräumt, daſs man, mit Ausnahme einiger wenigen Daten, jetzt alles als Combinationen von Grammatikern anzusehen hat, die aber hierzu ebensowenig feste Anhaltspunkte besaſsen, wie wir. Wenn wir uns jetzt zu dem Werke selbst wenden, so erkennen wir aus den überall an- gebrachten Verweisungen ¹¹), dals schon von Herodot selbst die einzelnen Theile seiner Ge- schichten in der heutigen Reihenfolge angeordnet worden sein müssen. Sodann ersehen wir, daſs das Werk in seiner jetzigen Gestalt nicht für Hörer, sondern für Leser berechnet ist ¹²). Denn ³) A. Kirchhoff„Ueber die Entstehungszeit des Herodotischen Geschichtswerkes“. 2. Aufl. 1878, S. 2. A. Bauer, Die Entstehung des Herodotischen Geschichtswerkes. Wien 1878, S. 3. K ²) Es ist nicht uniteressant, eine Probe hiervon zu hören: Meierotto i. d. mém. de l'acad. de Berlin 1792/93, S. 619 f.: Quel air de dignité Hérodot m'a-t-il pas su donner à son histoire par cette grande exactitude, par ces efforts de critique, cette délicatesse de coeur et de caractère! Mais il fallait, qu'il lui imprimAât ce cachet, afin qu'elle devint effectivement ce qu'il voulait en faire, l'institutrice des peuples, le juge des actions et des sentimens, le vengeur de T'innocence blessée et la dispensatrice impartiale d'une gloire méritée et éternelle. Wührend einer Reconvalescenz las Meierotto den Herodot nochmals in einem Zuge und da sah er doch ein, dals seine überschwängliche Meinung nicht haltbar sei. In einem Nachtrage sucht er darum nachzuweisen, Herodot habe aufser jener oben angedeuteten auch noch die Absicht gehabt, seine Zeitgenossen in die historische Kritik einzuführen. Von späteren nenne ich nur Creuzer, Histor. Kunstꝰ, S. 110 f.; vgl. hiergegen Bernhardy, Gr. d. Gr. Lit. 14, 31, 3. ¹0) A. Bauer, Herodots Biographie in den Sitzungsber. der Akademie der Wissensch. zu Wien, histor.-philol. Cl. Bd. 89, S. 391— 420. Auch als Separatabdruck. Wien 1878. ¹¹) I, 175 auf I, 107; I, 85 auf I, 34; II, 14 auf 11; II, 38 auf III, 28; II, 50 auf 43; II, 101 auf 149; II, 145 auf 43; II, 155 auf 59. 63. 67. 83. 133. 152; II, 161 auf IV, 159; III, 106 auf 98; IV, 1 auf I, 103. 106; IV, 81 auf IV, 52; IV, 129 auf 28; IV, 181 auf II, 42; V, 4 auf IV, 93. 94; V, 22 auf VIII, 28(hier ist allerdings das gegebene Versprechen nur unvollständig erfüllt); V, 36 auf I, 92; VI, 19 auf I, 92. 188. II, 159. V, 36; VI, 123 auf V, 63; VI, 93 auf I, 171;3 VII, 108 auf V, 1 ff. VI, 44 ff.; VII, 115 auf VII, 110; VII, 113 auf VII, 107; VII, 184 auf VII, 97; VII, 217 auf VII, 212; VII, 239 auf 220; VIII, 93 auf VIII, 87; VIII, 95 auf VIII, 79— 81. ¹²) Das scheint auch Dahlmann zu meinen, wenn er(Forschungen II, S. 111) sagt:„Herodot schrieb für ein lesendes Publikum, nicht für Zuhörer“. Schöll(„Herodots Vorlesungen“ im Philologus X, S. 419):„das ausgearbeitete Werk, das vor uns liegt, ist unleugbar für Leser geschrieben“. Eine weitere und sehr gewichtige Unterstützung hier- für bietet auch der Gebrauch des Wortes„αemρ◻ω, das der Schriftsteller wohl schwerlich in einem für Hörer verfaſsten Stücke angewandt haben würde: I, 95 G IIOG&ονν dεrεeεεεεοο έmπ GowG,..... xœra radra„Odνν II, 123 1* 4 wenn vom siebenten Buch auf das erste, vom sechsten auf das dritte, vom fünften auf das achte, vom 101. Capitel auf das 149. Capitel des zweiten Buches etc. verwiesen wird, so hat das offen- bar nur Werth für jemand, der das Werk ganz in der Hand hat. Es ist nun aber anerkannt, daſs Herodot Vorlesungen von Theilen seines Geschichtswerkes veranstaltet hatis). DasVorhandensein und die weite Ausdehnung jener Verweisungen läſst sich aber schwer vereinen mit der Annahme, als seien sie schon in der für den öffentlichen Vortrag bestimmten Recension enthalten gewesen. Wir kommen somit ganz von selbst zu der Vermuthung, daſs Herodot zuerst einzelne Abschnitte vorgelesen und dieselben später vereinigt und überarbeitet hat: eine Vermuthung, die dadurch um so mehr Wahrscheinlichkeit empfängt, daſs viele jener Verweisungen erst entstanden zu sein scheinen, nachdem der Verfasser in der Lage war, das Ganze überblicken zu können. Es ist aber auch aus andern Anzeichen schon längst erkannt, daſs die jetzige Ordnung nicht die ursprüngliche sein kann, sondern daſs von Herodot erst Einzeldarstellungen verfalst und nachher zusammengearbeitet worden sind ¹4). Da sind vor allem hervorzuheben die letzten drei Bücher, die die Geschichte des Xerxeszuges enthalten und welche sicher früher abgefaſst sind, als das meiste, was ihnen jetzt vorangeht. Die Gründe hierfür sind am besten auseinan- dergesetzt von A. Schöll im Philologus IX, S. 203, 206 ff. X, S. 29. 247 und A. Bauer„Ent- stehung“ etc. S. 42 ff. und 129 ff. ¹⁵); ich verweise auf sie, um nicht ohne Noth zu wiederholen, was schon gesagt ist, obschon ich, besonders mit letzterem, in einigen Punkten nicht einer Meinung bin. Noch evidenter ist die Sache bei dem zweiten Buche, dessen ursprüngliche Selb- ständigkeit und spätere rein mechanische Einfügung zuerst von M. Büdinger ¹⁶) in überzeugender Weise dargelegt worden ist. Dessen Schüler A. Bauer hat sodann dasselbe eingehend be- trachtet ¹-) und die ursprüngliche Selbständigkeit mit Gründen, die freilich zum Theil schon rà Jeyeud da dudoτνυν em, v d—†oe. II, 123 10ν SyG&l6de râ OLεᷣαa ot„O⁴‿α IV, 195 1. ει 6yeras NO⁴᷑νm. VI, 53 zA⁴ε dε æœαd ν eᷣyεμᷣ α„O. VII, 214 xι πDBJÜa!reor„O⁴. Bemerkenswerther Weise ist die letztere Stelle die einzige in den Büchern VII—IX, wo„Odoσ in dieser Weise vorkommt. Hält man mit Bauer (Entstehung etc., S. 144) diesen Passus für einen späteren Zusatz des Verfassers(wozu man vollständig berechtigt ist, da H. Stein anderweitig die Existenz solcher Zusätze nachgewiesen hat. Siehe dessen praefat. p. XLIII sq. der krit. Ausg. u. Note zu IX, 83), so könnte dieser Umstand als erwünschte Stütze für die ohnehin naheliegende Vermu- thung angesehen werden, die letzten drei Bücher hätten den Gegenstand der Vorlesung Herodots zu Athen gebildet. ¹3) Denn hierauf muſs man selbstversändlich diejenigen Nachrichten der Alten reduciren, die ihn das ganze Werk vorlesen lassen. ¹⁴) So von Dahlmann, Forschungen II, S. 217. Jäger in der Göttinger Dissertation von 1828:„De Herodoti vita et itineribus“ S. 11 ff. K. O. Müller kl. Schr. I, S. 36. Literaturgeschichte I², S. 482 fl. Böckh in Raumers antiqu. Br. 1851, S. 17. A. Schöll im Philol. IX, S. 23 und 202 ff. Rawlinson I, S. 28 Anm. 5 u. Anm. zu VII, 1. Bähr zu VIII, 104 und im IV. Band, S. 409. ¹5) Beistimmend M. Büdinger in der Abhandinng„Zur ägyptischen Forschung Herodots“ in den Sitzungsber. der phil.-hist. Cl. d. Akad, d. Wiss. zu Wien. Bd. 72, S. 563 ff. und Wecklein in den Sitzungsber. der philos.-philol. u. hist. Cl. d. Akad. der Wiss. zu München 1876, Bd. I, S. 271. 16) a. a. O. S. 563 ff. ¹¹)„Entstehung etc.“ S. 27— 60. Das zweite Buch ist nach meiner Ueberzeugung nicht in Athen, wie Bauer mit Kirchhoff will, sondern in Unteritalien geschrieben. Denn die vergleichende Anziehung der Entfernung vom Zwölfgötteraltar zu Athen nach Pisa(II, 7) kann auch aufserhalb Athens geschrieben sein, zumal da es höchst zwei- felhaft erscheinen muſs, ob Herodot diese Entfernungen selbst gemessen und nicht vielmehr von den ägyptischen Priestern acceptirt habe, die ja auch sonst bei ihm Proben von Kenntnis Griechenlands an den Tag legen. Die verletzende Aeufserung über Aischylos(II, 156) lälst freilich auf Bekanntschaft mit den Werken dieses Dichters schlieſsen, und diese Bekanntschaft mag er sich immerhin in Athen erworben haben, wenngleich das auch in Unteritalien möglich war, allein in dem Ausdrucke selbst liegt nicht die geringste zwingende Veranlassung, seine Niederschrift in Athen anzunehmen. Da- 5 früher bekannt waren, erwiesen. Der letztere hat auch dargethan, daſs die Einfügung dieses Buches bei der Schluſsredaction zugleich eine theilweise Ueberarbeitung des Anfanges vom dritten im Gefolge hatte(was schon Rawlinson I, S. 23 bemerkt hat). Aulser diesen ganz sicheren Abschnitten giebt es noch andere, bei denen man die frühere Selbständigkeit noch annähernd erkennen kann, wie z. B. die Geschichte des jonischen Aufstandes(vgl. Schöll im Philologus IX, 202 ff. X, 29 ff., 427 ff. Bauer E. 109). Aber bei den meisten sind durch die Um- und Inanderarbeitung die Conturen so verwischt, daſs man, wenngleich sie sich bei dem Lesen für das Gefühl oft recht bemerkbar machen, doch darauf verzichten muls, sie anderen beweisen zu wollen. Trotzdem hat Bauer sich der schwierigen Aufgabe unterzogen, alle ein- zelnen Abschnitte oder 26„², so gut es anging, in ihrem ursprünglichen Bestande wiederherzu- stellen. Die Arbeit zeugt von ebensoviel Scharfsinn wie Fleiſs und ist reich an einzelnen neuen Beobachtungen, aber ich glaube, dafs Bauer die von Schöll aufgestellten Grundsätze zu sehr auf die Spitze getrieben hat. Er baut seine Constructionen zu oft auf unbedeutende Umstände, wie z. B. auf die bloſse nicht von einer Verweisung begleitete Wiederholung eines Namens oder Wortes und übersieht in seinem Eifer, daſs einzelne solche schwachen Stützen die Gegner seiner Ansicht zu dem Wahne verleiten werden, sie hätten mit diesen auch die kräftigen und wirk- lich tragfähigen Beweismittel über den Haufen geworfen. Näher hierauf einzugehen verbietet mir der Mangel an Raum ¹), es genügt, daſs Bauer die spätere Verbindung einzelner, ursprünglich für sich ausgearbeiteter Theile im Princip endgültig erwiesen hat ¹⁵). gegen habe ich schon in den N. Jahrbb. Bd. 115, S. 261 darauf aufmerksam gemacht, daſs das gxνεκνσνο II, 177 nicht in Athen geschrieben sein kann, und daſs II, 123 die Worte 16ν„ 8„GO 8760,9 d 05„6‿αœᷣάνταα ν mφνν⁴|ρdo nur zu verstehen sind, wenn man sie mit auf Pythagoras bezieht und ihre Veranlassung in einer discreten Rücksichtsnahme Herodots auf seine pythagoreischen Mitbürger in Unteritalien sucht. Daſs er mit den Gebräuchen der Pythagoreer bekannt war, zeigt II, 81, und man wird sich demnach der Ansicht nicht verschliefsen können, dafs er bei Niederschrift des zweiten Buches zum mindesten schon in Italien gewesen war. Es dürfte aber ferner kaum in Abrede zu stellen sein, dals das zweite Buch sämmtliche Reisen Herodots als schon geschehen voraussetzt; ebenso unbestreitbar ist die Beobach- tung, daſs sich die merkwürdige Mischung von rationalistischer Aufklüärung und ängstlichem Aberglauben, die das ganze zweite Buch und den überarbeiteten Theil des dritten in so characteristischer Weise durchzieht, in keiner andern Partie des Werkes sich bemerken läſst. Es erscheint demnach nicht zu gewagt, das zweite Buch als den zuletzt abgefalsten Theil zu bezeichnen. Es wird aber noch weiter unten die Rede davon sein, daſs der letzte Aufent- haltsort Herodots vor seinem Tode jedenfalls nicht Athen war. ¹8) Die eine Bemerkung kann ich hier nicht unterdrücken, dafs seine Definition der Wörter 16„O und 16„ doch wohl zu, eng gezogen ist. Wenn er S. 7, Anm. 1 gegen die Ansicht von Nitzsch im rhein. Mus. 27, S. 227 polemisirt, so muſs man ihm hierin zwar beipflichten, allein nur insofern, als Nitzsch unzweifelhaft im Irrthum ist, wenn er meint, das Wort 76» Og habe im technischen Gebrauche Herodots bloss den Sinn„zusammenhängende Ueber- lieferung im Gegensatz zu Einzelnachrichten“. Aber falsch ist es, wenn Bauer den Wörtern 16)„ Og und 46»1 nur die Bedeutung„Theil des Werkes“ oder„ganzes Werk“ zuerkennen will. Ich behaupte, daſs das Wort sowohl die von Bauer als auch die von Nitzsch angenommene Bedeutung habe und dafs man in jedem besonderen Falle und nicht a priori entscheiden müsse. Ich halte sogar noch die Existenz der blofsen Bedeutung„Erzählung“ für erweisbar, die jedenfalls an vielen von den Stellen besser paſst, an den Bauer S. 9 das Wort auf das ganze Werk bezogen wissen will. Hierin stimme ich mit Cwikliski in der Zeitschrift für Oesterr. Gymnasien XXIX, S. 276 f. überein. 13) Gwiklinski, ein entschiedener Gegner der Logentheorie, fragt a. a. O. S. 279, in welchem Sinne die Einzel- logoi vom Verfasser niedergeschrieben worden seien, ob von vornherein nur als Unterlagen für ein demnächst darauf aufzu- bauendes Werk, oder für die Veröffentlichung? Ich glaube, Anfangs in keiner von beiden Absichten. Für die Publi- cation nicht, weil es, wie ich noch unten zeigen werde, überhaupt bei der Beschränktheit des Buchhandels in damaliger Zeit unstatthaft ist, einem Schriftsteller so ohne Weiteres diese Absicht zuzuschreiben und weil, wie Owikliüski selbst zugesteht, sich doch Spuren von einer separaten Veröffentlichung erhalten haben würden. Auch nicht in der bplofsen Absicht, sie als Vorarbeiten zu dem gröſseren Werke einstweilen zu Papier zu bringen. Ich glaube vielmehr, dals 6 „ Das auf diese Weise im Einzelnen hergerichtete Material hat dann Herodot später, als er den Plan zu seinem umfassenden Werke falste, verknüpft und zusammengearbeitet. Die Noth- wendigkeit, innerhalb des gegebenen, wenn auch noch so weit gespannten Rahmens die ver- schiedenartigsten Dinge zusammenzufassen, lälst es nur erklärlich erscheinen, wenn nicht an allen Stellen ein glatter Uebergang zu ermöglichen war und man in einzelnen Fällen noch recht deutlich erkennen kann, wie der Schriftsteller, nur um eine Erzühlung unterzubringen, eine Anknüpfung förmlich herbeizog. In dem Nachweis der einzelnen Spuren des Zusammen- arbeitens liegt meines Erachtens das Hauptverdienst von Bauers Arbeit, obschon man auch hierbei in manchen Einzelheiten nicht mit ihm übereinstimmen kann. Ich will noch bemerken, daſs es durchaus verkehrt ist, den Anhängern der Logentheorie zuzumuthen, alle 16„y 0 blank und säuberlich aus den oft überallhin versprengten Bruchstücken zusammenzuleimen. Es ist das in vielen Fällen schon ldeshalb nicht möglich, weil die einzelnen Bruchstücke der 16)„y ο naturgemäſs bei ihrer späteren Verwendung ihre ursprüngliche Fassung nicht unwesentlich ver- ändern muſsten; sodann aber brachte Herodot, wie man sich denken kann, bei der Zusammen- arbeitung eine Masse Notizen und Details an, die vorher in keinem 16„ys enthalten waren: die Beachtung letzterer Erwägung macht bei ganzen Partien die Reconstruction für den vorsichtigen Arbeiter unmöglich. Ich erkläre ferner ausdrücklich, daſs ich als Zeit der Zusam- menfassung der Einzellogen die letzten Lebensjahre Herodots annehme, im Gegensatz zu Bauer, der glaubt die Annahme einer Schluſsredaction mit Anerkennung der von Kirchhoff aufgestellten chronologischen Folge von Herodotstellen vereinigen zu können. Dals die letztere nicht halt- bar ist, werde ich unten nachweisen. Man wird unzweifelhaft, wenn man diesen Einblick in die Entstehung des Werkes gewonnen, begreifen, wie die sonderbaren Uebergänge und die stets wiederkehrenden langschweifigen Einschachtelungen zu erklüren sind, die uns befremden und immer wieder von dem Faden der Erzählung ablenken ²⁰). Jetzt erhebt sich die Frage: Hat Herodot die Zusammenarbeitung bis zu der Stufe ge- bracht, daſs er das Werk für publicationsfähig halten konnte? Ich beantworte diese Frage mit nein und zwar aus folgenden Gründen. Ich glaube, man setzt als selbstverständlich voraus, daſs Jedermann, bevor er etwas ver- öffentlicht, es einer genauen Durchsicht unterwirft, um etwaige Widersprüche zu tilgen, Lücken Herodot die einzelnen Geschichten anfangs nur verfaſst hat in anspruchsloser Freude an dem Gehörten und Gesehenen und in unwillkürlichem Drange, die zahlreichen und merkwürdigen Früchte seiner Reise- und Forschungslust für sich zu fixiren. Erst als er sah, mit welcher theilnehmenden Wilsbegierde man überall seinen Erzühlungen lauschte, wel- chen Zauber seine schmucklose Darstellung auch auf eine gröſsere Menge ausübte; als ihm ferner persönlich durch immer aus- gedehntere Reisen und immer ausgebreitetere Kenntnisse der Gesichtskreis sich weitete und der groſse Zwiespalt inner- halb der damaligen civilisirten Welt als treibende Ursache der letzten grolsartigen Kümpfe sowohl wie der früheren Entwicklungen erschien: erst von da an, meine ich, begann er seine Aufzeichnungen zu ordnen und nach einem grundbildenden Gedanken aneinanderzureihen. *⁰) Selbst Creuzer, der in seiner hist. Kunst d. Gr.*, S. 110 von dem„schön organisirten Körper“ des Werkes spricht und S. 111 die„Geschicklichkeit überraschend“ findet,„womit Herodot die Episoden an das Ganze reiht“, muſs zugeben(Her. u. Thukyd. S. 61), dals„Herodot, der Geschichtsschreiber der Nation, in diesen Episoden so oft bei den Schicksalen einzelner Menschen und Familien verweilt, dals der Leser oft beinahe zu vergessen anfängt, diese Erzählungen seien Theile einer groſsen National- oder vielmehr Weltgeschichte.“ Viel strenger sprechen sich Mure IV, S. 468 und Rawlinson I, S. 86 ff. aus. Die Bemerkung Mure's S. 469, die Alten hätten nicht, wie wir, die Ge- wohnheit gehabt, Dinge, die nicht streng zur Sache gehörten, in Anmerkungen unterzubringen, ist richtig, es wird aber Niemanden einfallen und ist auch Mure nicht in den Sinn gekommen, auf diese Weise das Anstölsige bei allen Episoden erklären zu wollen. 7 auszufüllen, kurz um ihm eine möglichst fehlerfreie Form zu geben. Es ist nicht einzusehen, weshalb die alten Autoren, also auch Herodot, von dieser Gewohnheit abgewichen würen. Man ist nun darüber einig, daſs die verschiedenen Partien Herodots durchaus nicht einer- lei Gepräge zeigen, sondern daſs jenes mit mehr, dies mit weniger Sorgfalt ausgearbeitet zu sein scheint, daſs manche Theile sogar eine auffallende Unordnung aufzuweisen haben. Kirchhoff würde vielleicht diesen Umstand dadurch zu erklären suchen,„daſs die stilistische Kunst Herodots vom Anfang an in einer stetigen Entwickelung begriffen sich zeige und von- der naiven Unbeholfenheit, welche den ersten Theil kennzeichne, sich im Laufe des zweiten zu immer bewulsterer Freiheit und Gewandtheit hindurcharbeite“. Es wäre jedenfalls interessant, den Beweis für diese Behauptung(s. d. Vorwort zur 2. Aufl.) kennen zu lernen. Bis dahin liegt es näher, auch diesen Umstand auf die ursprünglich getrennte Abfassung einzelner Theile zurückzuführen, deren jeweiliger Character durch die Besonderheit des Ortes und der Verhält- nisse, unter denen sie entstanden, durch die Stimmung des Verfassers bei ihrer Niederschrift und hundert andere denkbare Momente sein specielles Gepräge erhielt. Wenn Herodot nun die einzelnen Stücke zusammenarbeitete, so kann man sich denken, daſs er froh genug gewesen sein wird, dies heterogene Material glücklich in ein Werk vereinigt zu haben. Man wird des- halb nicht fordern, daſs er jetzt sogleich der schwierigen Aufgabe sich unterzogen hätte, durch eine systematische Umarbeitung den Grundcharacter des ganzen Werkes auch bis in den klein- sten Abschnitt zum Ausdruck zu bringen. Auch wird kein Mensch dem Verfasser es verargen, wenn kleine Versehen und Widersprüche ihm beim Durchlesen vor der Herausgabe entgingen. Es ist aber nicht denkbar, dals so viele und so bedeutende Widersprüche und Lücken, wie es in der That der Fall ist, sich fänden, wenn das uns vorliegende Werk wirlelich fertig zur Heraus- gabe hergerichtet wäre. Wie konnten z. B. V, 11. 23. 30 die detaillirten Personalien des Histiaios dreimal in der nämlichen Erzählung stehen bleiben, zumal da man schon IV, 137. 138. 141 er- fährt, wer er ist(vgl. Schöll im Philologus X, 428). Warum strich nicht Herodot VII, 3 die zusammenfassende Notiz über Demaratos, da ja doch kurz zuvor VI, 61—70 ausführlich von ihm die Rede gewesen war? Wie konnte VI, 112 bei Schilderung der Schlacht bei Marathon etwas über die Athener erzählt werden, was Stellen, wie I, 169. V, 2. 102. 110. 113. 120. VI, 28 f. offenbar widerstreitet? Ebenso auffallend bleiben die Widersprüche zwischen VII, 10 und I, 140; VII, 111 und IV, 80. 92; VII, 61 und I, 7; VII, 149 und V, 75; VIII, 104 und I, 173(ich halte die Stelle im VII. Buche für echt); IV, 174 und 183; IV, 18 und 53. Vgl. auch Stein zu IV, 102, 6; 122, 11; 124, 3; 125, 25; 130, 3; 133, 7; 140, 12. Den Zusammen- hang vermiſst man III, 48, 3; 127, 2; 180, 1; IV, 145; V, 7, 2; IX, 77, 1(vgl. Stein's An- merkungen zu den Stellen). Auch erfüllt Herodot nicht immer, was er versprochen. II, 161 verspricht er eine Sache ν τοιαι τιι⁵‿υαυιοιοσι νmσοο eνmmγοεεοσοα, an der Stelle aber, die er im Sinne hat, findet sich kein Beweis(dæνννος), sondern eine recht dürftige Bemerkung(vgl. Stein's Note z. d. St.; Jäger, a. a. O. S. 14). Man kann überhaupt Schöll(Philol. IX, 212) nicht ganz Unrecht geben, wenn er meint, die 2 νᷣα 16„O seien eigentlich nur eine trockene Aufzählung von Dingen, Thieren, Völkern und Ländern, und hätten ganz das Aussehen einer noch rohen, unbearbeiteten Stoffsammlung(vgl. auch Stein's Anm. zu VII, 137). Ferner ver- spricht Herodot VII, 123, die andere Version über den Tod des Ephialtes in einem späteren Theile zu erzählen(ey rοrον ⁶eιινεν 2⁶*οσε eιααν⁶). Hiervon findet sich jedoch bekanntlich weder später noch überhaupt in dem Werke die leiseste Erwähnung. Man kann nun allerdings die Worte Rawlinsons(I, 96) zu den seinigen machen:„his work, though not finished, was 8 concluded“, man muls aber unter allen Umständen zugestehen, daſs Herodot, hätte er sein Werk selbst veröffentlicht, jene Stelle im VII. Buche vorher getilgt hätte. Daſs man etwa mit Mure IV, 557 den Ausweg einschlage, zu sagen, Herodot habe sein Versprechen vergessen, verbietet ein anderer ganz ähnlicher Fall, bei dem das vermiſste Object aller Berechnung nach einen solchen Werth und Umfang besitzen mulste, daſs eif Vergessen des Geschichtschreibers völlig unmöglich war. I, 106 nemlich sagt Herodot, er wolle die Eroberung von Ninos in anderen 76 ³ erzählen: ν εατέιισι Ʒ⁶υmντ⁶σι ⁶ςοo und I, 184 heiſst es: xj* Baßulνος.... H Gʃε⁸⁸, roν ενν roεοα ⁴oαυιυιοσσα Ʒνυσαι μνQνεμν οm1α. Vergeblich aber sucht man nach diesen assyrischen Geschichten. Man hat deshalb vielfach angenommen, dieselben seien besonders herausgegeben worden. Hiergegen spricht aber so ziemlich alles. Denn wir finden nicht die leiseste Spur derselben im Alterthum. Und wenn wir uns die ganze Art vergegenwärtigen, wie Herodot schaffte, wenn wir sehen, daſs er sich offenbar bestrebt hat, alle seine Nachrichten im Rahmen seines Werkes unterbringen, so muſs uns die Möglichkeit ausgeschlossen erscheinen, er habe die gesonderte Veröffentlichung einer Abhandlung über Assyrien ins Auge gefaſst. Wäre dies der Fall gewesen, so hätte er es ohne Zweifel ebenso mit den ägyptischen Geschichten und vielem anderen gemacht, das weniger als jene mit seinem Grundthema zusammenhing. Die Sachlage kann nur die sein, daſs jene Stellen geschrieben wurden, bevor die Vereinigung der einzelnen 46„ stattfand. Bei der Gesammtredaction wurden sie nicht getilgt, da Herodot noch im Sinne hatte, einen assyrischen Commentar zu verfassen. Er konnte sich ja seine Nach- richten zurückgelegt haben und eine ebenso ausführliche Darstellung beabsichtigen, wie im zweiten Buche. Er scheint indeſs nicht zur Ausführung seines Vorhabens gekommen zu sein, da er, wenn er die 1oιο ⁴2⁶οι fertig gehabt hätte, wohl nicht gezaudert haben würde, sie seinem Werke einzuverleiben. Da er nun die betreffenden Verweise hat stehen lassen, ohne die Partie, auf die verwiesen wird, einzufügen, so kann er sein Werke nicht selbst herausgegeben haben. Man rede hier nicht von Vergeſslichkeit. Herodot ist nicht vergeſslich gewesen, das zeigen schon die Verweise über mehrere Bücher hinaus, es zeigt die Thatsache, daſs er ander- weitig seine Versprechen erfüllt(vgl. hierzu die treffenden Ausführungen von E. Bachof in d. N. Jhrbb. Bd. 115, S. 578 f.). Auch waren seine Nachrichten über Assyrien unzweifelhaft so umfangreich, daſs es undenkbar ist, sie wären spurlos aus seinem Gedächtnis weggeweht worden, selbst wenn er, was ich aber durchaus bestreite, jenes Versprechen vergessen hätte. Nach der Vereinigung seiner Sammlungen zu einem ganzen Werke veranstaltete also Herodot keine Ausgabe desselben, sondern behielt es in seiner Hand, da er es noch nicht für vollendet hielt. Gelegentlich mag er Umänderungen vorgenommen haben, die aber nicht erheblich gewesen sein können. Hier und da fügte er unter der Hand Bemerkungen zu: Kleinigkeiten, die ihm vorher entgangen waren und jetat wieder einfielen; oder Nachrichten von Dingen, die sich erst zu seiner Zeit ereigneten. Diese meist aphoristischen Notizen stören gewöhnlich mehr oder minder den Zusammenhang und scheinen ohne Anspruch auf stilistische Vollendung und auf Einreihung in das Satzgefüge nicht selten vorläufig bloſs an den Rand ge- schrieben zu sein ²¹). Je eingehender man das Werk betrachtet, desto bestimmter wird der *¹) Herodot sagt selbst IV, 30, er habe von Anfang an im Sinne gehabt, Zusätze zu machen: οοι α„ο 6* ⁴μαα ο 6yo es doxs 867,ro. Unter r0G 9 exx. Episoden zu verstehen, ist wohl kaum zulässig, solche heiſsen lαοεένννιααα. Die Sache selbst ist schon von Stein nachgewiesen, man vergleiche seine Anm. zu VII, 137, 20. 21; 190. 191. 239. II, 127. IX, 72. V, 26. III, 98. VI, 59 u. 60. I, 125. III, 89. III, 131. IV, 64. IX, 83. 9 Eindruck, dals die vorliegende Redaction von dem Geschichtschreiber selbst nur als eine vor- läufige angesehen wurde. Was ihn an der endgültigen Gestaltung verhindert hat, ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen; wahrscheinlich der Tod, der ihn überraschte, während er im Vertrauen auf seine durch so viele gefährliche Reisen erprobte Kraft jenes Geschäft noch glaubte hinausschieben zu dürfen. Seine Gesundheit war vielleicht doch durch dieselben unmerklich untergraben worden, und sein Selbstvertrauen erwies sich, wie bei so manchem andern kühnen Reisenden, als trügerisch. Unsere aus der Natur des Herodotischen Werkes abgeleitete Schluſsfolgerung wird durch einen Blick auf die damaligen litterarischen und publicistischen Verhältnisse nur bestätigt. Man kann ruhig behaupten, daſs es im 5. Jahrhundert kein eigentliches grölseres Lesepublicum ge- geben hat. Die damalige Bildung empfing ihre Impulse und ihre Nahrung fast einzig und allein aus dem Leben in der Oeffentlichkeit. Wer uns glauben machen wollte, im 5. Jahr- hundert(in unserem Falle vor 424) sei es denkbar, dals ein umfangreiches, auſser dem Kreis der hergebrachten, auf Alltägliches beschränkten Lectüre liegendes Werk von einer gröſseren Zahl von Menschen gelesen wurde, mülste erst den Nachweis führen, daſs damals schon die Verhältnisse in dieser Beziehung ebenso lagen, wie im 4. Jahrhundert. Es ist deshalb auch nicht zweifelhaft, dals der dürftige Buchhandel der damaligen Zeit gar nicht in der Lage war und auch keine Neigung haben konnte, das umfangreiche und bei der Kostbarkeit des Materials jedenfalls enorm theuere Geschichtswerk zu übernehmen und zu ver- treiben. Die spärlichen Nachrichten der Alten über das Bücherwesen im 5. Jahrhundert sind bekannt; man findet sie schon bei Böckh, Staatshaushalt der Ath. 12², S. 68 ff.; die späteren Be- handlungen dieses Gegenstandes haben nichts Neues oder Gewinnbringendes ergeben. Aus diesen vereinzelten, oft undeutlichen Notizen, die sich zudem meist auf die letzte Zeit des pelo- ponnesischen Krieges beziehen, scheint aber mit annähernder Sicherheit erschlieſsbar nur der Handel mit Schulbüchern und unbeschriebenen Büchern.(Mit der Stelle aus Plat. Apolog. 26 D. lälst sich gar nichts anfangen.) Für alles Weitere füllt der Beweis dem Behauptenden, nicht dem Leugnenden zu. Aus dem Gesagten geht hervor, dals eine Erörterung über Herausgabe oder Nichtheraus- gabe eigentlich gegenstandslos ist. Ich würde auch kein Wort darüber verloren haben, wenn man sich nicht theilweise in solchen Dingen gewöhnt hätte, moderne Auschauungen und Ge- wohnheiten unmerklich ins 5. Jahrhundert zu übertragen. Man könnte sich jedenfalls das, was man Herausgabe zu nennen beliebt, nicht unscheinbar genug vorstellen; kaum mehr denn als Abschriften, die sich Freunde und Verehrer Herodots entweder selbst machten, oder von Scla- ven anfertigen lieſsen. Ob ihr Enthusiasmus in der That so groſs war, will ich dahingestellt sein lassen. Unter allen Umständen blieb aber das Urexemplar in den Händen des Verfassers. Es bedarf keines weiteren Hinweises darauf, daſs auch die Herausgabe eines Theils des Geschichtswerkes hiermit durchaus unwahrscheinlich wird. Eine solche Veröffentlichung in Bruchstücken, etwa nach Art unserer modernen Herausgabe in Bänden, hat man überhaupt noch längere Zeit nach Herodot nicht gekannt. Zudem mulste diesem Alles daran liegen, wenn er nicht seinem eigenen Vorhaben untreu werden und die tragende Idee seines Werkes bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen lassen wollte, es ungetrennt zu lassen. So nur durfte er ver- nünftiger Weise hoffen, daſs der Plan des Ganzen erkannt und gewürdigt werde. Er hatte auch nirgends in der Litteratur oder in der Kunst ein Beispiel vor Augen, dalfs je ein unvoll- ständiges, mangelhaftes Erzeugnis des Geistes oder der Phantasie an die Oeffentlichkeit gelangt 2 wäre, so lange sein Urheber noch das Vermögen besaſs es zu vollenden. Das ausgebildete feine Schönheitsgefühl der Hellenen hätte jeden derartigen Versuch mit Befremden zurückge- wiesen. Weshalb auch hätte Herodot sich beeilen sollen, da er noch in rüstigem Alter stand und hoffen durfte, in liebevoller Hingabe und ungestörter Muſse sein Werk zu der Abrundung zu führen, die er gegenüber dem Sinne seiner Zeitgenossen für plastische Vollendung für noth- wendig halten muſste? Doch braucht man letztere Berechnung nicht einmal bei ihm vorauszu- setzen. Ist es ja doch ein characteristisches Kennzeichen der Schriftsteller aus der klassischen Zeit der Griechen, daſs sie sich in anspruchsloser Begeisterung der Ansarbeitung ihrer Werke widmeten, ohne daſs die Rücksicht auf den Erfolg derselben sie in dieser oder jener Richtung beeinfluſst hätte ²²). Ich habe mich jetzt noch mit zwei Ansichten abzufinden, die sich von der hier vorge- tragenen erheblich unterscheiden. Die erste ist die Rawlinson's. Derselbe geht aus von zwei Stellen des Herodot. III, 80 sagt dieser, die Unterredung der gegen die Magier verschworenen Perser scheine zwar einigen Hellenen unglaubwürdig, sei aber dennoch gehalten worden; und VI, 43 führt er eine Maſsregel des Mardonios ausdrücklich als Argument gegen diejenigen an, die nicht glauben wollten, Otanes habe bei jener Berathung den Vorschlag gemacht, die Demokratie in Persien einzuführen 2³). Rawlinson(Herodot. I, 22) meint nun, diese Aeuſserungen seien Repliken, die Herodot bei der Veranstaltung einer zweiten Ausgabe mit Rücksicht auf diejenigen zuzusetzen für gut befunden habe, denen nach der ersten Veröffentlichung des Werkes der Inhalt jener Gespräche nicht glaubwürdig erschien. Er versucht sogar S. 23 den Wortlaut von III, 80 nach der vermeint- lichen ersten Ausgabe wieder herzustellen 24). Davon kann natürlich nach dem oben Erörterten nicht mehr die Rede sein; es fragt sich nur, wie wir die Stellen zu erklären haben. Man möchte nun versucht sein, die etwas empfindlichen Aeuſserungen, die unstreitig auf erfahrenen Widerspruch hindeuten, auf Zweifel zu beziehen, die die Freunde des Geschichtschreibers nach Erlangung einer Abschrift diesem gegenüber laut werden lieſsen; um ähnlichen Bedenken bei andern Lesern zu begegnen, denen er nicht persönlich Belehrung ertheilen konnte, hätte er dann jene Zusätze gemacht. Dies könnte allenfalls denkbar erscheinen, jedoch war alsdann der Hinweis auf die 2vιοα Eaν nicht nur überflüssig, sondern für Herodots Beweisverfahren sogar nachtheilig. Die ganze Art, in der er von diesen zνιο Laro spricht, führt vielmehr darauf hin, daſs er die Thatsache des Widerspruchs bei der Mehrzahl seiner Leser als bekannt ²²) Treffend bemerkt Bernhardy Gr. d. Gr. Lit. I, 31:„Die groſsen Wortführer der Nation wurden nicht durch Ruhmsucht oder durch den Drang nach Unsterblichkeit angeregt, sondern hatten den Trieb ihren Interessen an Ver- gangenheit und Gegenwart einen bleibenden Ausdruck zu geben, und den Schatz gereifter Erfahrungen und Einsichten, soweit er aus den fruchtbarsten Stimmungen in Prax und Reflexion gewonnen war, als eine Summe des individuellen Besitzes den Zeitgenossen und der Nachwelt zum Verständnis des menschlichen Lebens mitzutheilen. Der antike Künstler blieb unabhüngig und nahm, wie sehr ihn auch Vorgänger bestimmten, seinen eigenen Weg, aber er verwandte die volle Geisteskraft auf sein Werk, und selbst ein mäfsiger Stoff beschäftigte seine besten Lebensjahre. Diese Selbstbeschrünkung und Genügsamkeit führte zur sicheren und gewissenhaften Vollendung.“ 2) III, 80 xαν έννρμααν ⁴⁶eχιι υμιισνοοι εμν ενυοσα ̈νααλμνṽχκν εαέιμνιυωαά σ⁴dv. VI, 43:&ᷣανa eᷣιαστιο 9,ᷣli 896 TOG, 1 qõð‿οdεαοαιαμες̈νμα Eνμ̈ LlOGεσνꝙ τονσσ—wἀnrè Orve ‿νηνmμeᷣdεεααεα ToOεοεν 2„ dfuorœ᷑εες σαό ZJ—Iᷣοσłασm. ²4) Rawlinson's Ansicht ist auch von O. Nitzsch im Programm des Gymnasiums und der Realschule zu Biele- feld 1873 wiederholt worden. Ich habe dasselbe bis jetzt nicht erhalten können. voraussetzte. Es bliebe zunächst nur der Gedanke an Widersprüche, die Herodot bei seinen Vorlesungen erfahren habe. Auch diese Interpretation trifft aber nur zum Theil das Richtige. Denn Widerspruch, der gegen Herodot persönlich geüulsert worden wäre, würde nothwendig zu der Voraussetzung führen, der Inhalt jener Gespräche sei in Griechenland entweder von Herodot zuerst oder in einer noch nicht gekannten Version erzählt worden. In beiden Fällen hätte er, da es ihm so sehr auf den Wahrheitsbeweis ankam, seine Quelle angeben müssen. Er thut dies auch sonst, und hier fiel es ihm offenbar um so leichter, als dieselbe keine griechische war, also auch keinen Nachtheil davon zu fürchten brauchte. Da Herodot aber keine Quelle nennt, so kann die Annahme, er habe Widerspruch erfahren, allein zur Erklärung nicht aus- reichen. Aber Herodot kann die Gespräche auch nicht selbst erdichtet haben. Dann hätte er gemäls seiner Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe unzweifelhaft(wie er dies auch anderwärts thut), selbst angegeben, dies sei seine persönliche Ansicht; zum mindesten hätte er jene Be- theuerung bei Seite gelassen, die Gespräche hätten in dieser und in keiner anderen Form statt- gefunden. Er muls an die Echtheit derselben fest geglaubt haben. Mit Recht hat man zwar neuerdings wieder darauf hingewiesen, daſs man in der Staatsform, wie sie III, 83 geschildert wird, ein Abbild der Machtstellung des Perikles erblicken könne. Man darf indes nicht be- haupten, Herodot habe jenes Capitel wissentlich in der Absicht eingeschwärzt, um dem von ihm persönlich verehrten Staatsmanne ein Denkmal zu setzen. Das ist gänzlich unvereinbar mit der sonstigen Natur unseres Schriftstellers. Man kann aber auf der anderen Seite den Inhalt jener Gespräche nicht für historisch halten. Auch der Kurzsichtigste mufs ja bemerken, daſs die Reden gänzlich von orientalischen Anschauungen abweichen und mit griechischen Vorstel- lungen förmlich durchtränkt sind. Bauer Entst. S. 11 meint, unter den 2νονοσ Ealzwes seien andere Schriftsteller zu verstehen, die jene Gespräche ebenfalls, aber unter Aeufserung von Zweifeln erzählt hätten. Wer sollen aber die gewesen sein? und selbst wenn man die Richtig- keit dieser Annahme zugesteht, erscheint es mir mehr als zweifelhaft, ob Herodot, den Hekataios allenfalls ausgenommen ²⁵), einen andern Schriftsteller benutzt habe 26). Ich glaube, es bleibt uns nichts anderes übrig, als anzunehmen, diese Gespräche über die beste Staatsform seien schon längere Zeit in Griechenland in Umlauf gewesen, ohne daſs ihr Erfinder weiter bekannt war. Möglich, daſs sie einen Rhetor oder Sophisten, wie Bähr zu III, 80 meint, zum Verfasser hatten. Man benutzte sie als Gewand, um darein die gebräuchlichsten Staatsformen nach ihren Licht- und Schattenseiten bequem kleiden zu können. Gerade der Gegensatz nun der äuſseren Scenerie zu dem Inhalt der Gespräche erweckte Widerspruch, und es mag in politischen Kreisen für 2⁵) Die Zweifel darüber, ob Herodot überhaupt die Werke des Hekataios selbst in Hünden gehabt, findet man am bündigsten zusammengestellt in der Bonner Dissertation von F. Benedict„De oraculis ab Herodoto commemoratis“ 1871, S. 11 f. ²⁶) Sehr besonnen lautet eine Bemerkung Rawlinson's I, 34: Modern, accustomed to the ready multiplication of books which the art of printing has introduced, and living in times when even writer who makes any pretence to learning is the owner of a library, are apt to imagine that the facilities of reference common in their own day, were enjoyed equally by the ancients; but such a view is altogether mistaken. Books, till long after the time of Herodotus, were multiplied with difficulty an were published more by being read to audiences than by the tedious and costly process of copying. Herodotus, it is probable, possessed but few of those cumbrous collections of papyrus rolls which were required in his day to contain a work of even moderate dimensions.(Er führt in einer Anmerkung die Thatsache an, daſs nach Ovids eigener Erklärung in d. Trist. I, 177 dessen Metamorphosen 15 Rollen ein- nahmen.) The only prose writer whom he quotes is Hecataeus; and we have no direct evidence that he had it in his power to consult the works of any other Greek historian. Vgl. auch Mure IV, S. 39. 2* 12 nnd wider die Echtheit derselben gestritten worden sein. Daſs dies überhaupt noch möglich war, braucht uns nicht zu wundern: die damaligen Griechen hatten weder sich noch die Bar- baren zum Gegenstand eines so eingehenden Studiums gemacht, daſs sie, was uns heute so leicht fällt, das Eigenthümliche ihrer Denkweise in jenen Reden unbedingt wiedererkennen muſsten. Wenn Herodot sich somit denjenigen anschlols, welche an ihre Echtheit glaubten, so folgte er damit der Mehrheit, was er indirect auch selbst sagt. So nur läſst sich, wie mir scheint, erklären, weshalb er keine Quellen angiebt, und warum er die Widersacher nicht näher bezeichnen kann, als mit jenen allgemeinen Ausdrücken ²7).— Andere Stellen, die man viel- leicht benutzen könnte, um eine zweite Ausgabe Zzu erweisen, sind: II, 18: Maorvose⸗ dε Qι xij rvn dre rotau ri 1 Alrumros 2 ruv ν⁶ dmodeizvueed 1ꝙᷣ 16)% zld r0 Auααos XOο οοο τlvᷣαμεᷣ d r is asoνrod pvduα doreο⸗νν πεο Alyuerroν eν6⁶,ſv. Wenn dies sich auf Widerspruch bezieht, so kann derselbe ganz gut nach einer Vor- lesung Herodots sich gelten gemacht haben. Besser jedoch, glaube ich, führt man diese Aeuſse- rung auf ein leicht erklärliches Selbstgefühl zurück, das Herodot anwandelte, als er eine Be- stätigung seiner persönlichen Ansicht fand.— VII, 139 heiſst es: à ννιραινι εα dayzain éSeοα‿ rpduue deodeεεεοςσσ ⁸ρνονοο εϊινπιοοες ανναεκνον dνν˙εοσισν, 3αυο— Ti ys εαον ρσsνeᷣrat duν† 9 odν 2ιοeσαm⁴μχ Hier braucht man noch nicht einmal Herodots Vorlesungen herbeizuziehen. Das, was er hier erzählt, war schon vor ihm bekannt, und er entschuldigt sich nur, weil er einer Darstellung den Vorzug giebt, von der er wulste, daſs sie vielen seiner Zeitgenossen un- bequem war.— Wenn er endlich VII, 148. 150 und 152 etwas abschwächt, was er VIII, 73 und IX, 12 über die Argiver erzählt, wäre es ebenfalls verkehrt, hierin Spuren einer verbesserten zweiten Ausgabe wahrnehmen zu wollen. Es wäre dann doch unter allen Umständen einfacher gewesen, die Darstellung an den späteren Stellen abzuändern. Auch bei dieser Gelegen- heit lälst sich aber die Vermuthung nicht abweisen, die Worte im 7. Buch seien erst nachträg- lich zugesetzt, und wir hätten hierin eine weitere thatsächliche Bestätigung der Nachbesserung, die der Verfasser seinem Werke gelegentlich zu Theil werden lieſs. Die zweite von der meinigen verschiedene Ansicht ist diejenige Kirchhoffs. Er stellt die Be- hauptung auf, daſs Buch I—III, 119 in Athen annähernd um die Jahre 445— 443 niedergeschrie- ben und in einer oder der anderen Form vor 443 publicirt ²s) worden seien. Die Uebersiedelung ²¹) Man könnte, wenn man das Vorhandensein einer deutlichen Beziehung auf Perikles' Machtbefugnis zugiebt, dahin gelangen, aus dieser Stelle eine nicht allzufrühe Abfassung des betreffenden Abschnittes des Herodotischen Werkes zu folgern. Man wird nemlich zugestehen müssen, erst dann habe die Stellung des Perikles zur Vorlage beim Entwurfe einer Verfassung gemacht werden können, als er in Wahrheit der alleinige Vorsteher des athenischen Staates war. Da dies aber erst nach 445 der Fall ist, und da ferner gewils einige Zeit dazu gehörte, um den ten- denziösen Ursprung jenes Discurses einigermaſsen unkenntlich werden zu lassen, so würde zum mindesten die Partie, welche die Verschwörung gegen die Magier behandelt, einige Jahre nach 445 geschrieben sein müssen. Ich will aber hierauf keinen Werth legen. Ich habe mir nie verhehlt, ein wie aussichtsloses Unterfangen es in fast allen Fällen ist, für einzelne Abschnitte aus Herodot ein bestimmtes Jahr als Abfassungszeit ermitteln zu wollen. ²8) Daſs Kirchhoff nicht bloſs an eine Vorlesung Herodots, sondern auch an Verbreitung seines Werkes durch die Schrift gedacht hat, deutet er selbst an:„Glaublicher ist es, dals Herodot..... die ausgearbeiteten Theile seines Werkes durch öffentliche Vorträge einem gröſseren Publicum zugünglich gemacht hat, ehe er sie der Verviel- Fältigung und Verbreitung durch die Schrift übergab“(S. 12). Unbedingt acceptirt von R. Nieberding„Sophokles und Herodot“ Programm des Gymnasiums von Neustadt 0/S. 1875, S. 11, der von dem Einflusse, den die Lectüúre des Herodotischen Werkes auf Sophokles ausgeübt habe, spricht. Zudem scheint es, dals man die Aufstellungen Kirch- hoff's sich nicht gut denken könne, wenn man nicht die Annahme bei ihm voraussetzt, die ersten 2 ½ Bücher seien nach ihrer Herausgabe zu Athen von Herodot niemals wieder in die Hand genommen worden. 13 Herodots nach Thurioi habe sodann eine längere Unterbrechung der Arbeit im Gefolge gehabt. Gegen Ende seines Aufenthalts in Unteritalien habe der Geschichtschreiber wieder die Fort- setzung in Angriff genommen, deren Ergebnisse der Schluſs des dritten und vielleicht auch das vierte und ein Theil des fünften Buches waren. Zum mindesten von V, 77 an bis zum Ende des Werkes habe die Ausarbeitung während der Jahre 431— 428 zu Athen stattgefunden, wohin der Verfasser 431 zurückgekehrt sei. Diese Ansicht ist, wie das wissenschaftlichen Autoritäten gegenüber zu geschehen pflegt, mit fast allgemeinem Beifall aufgenommen worden und hat vorläufig, wie es scheint, die bis dahin geltende Vorstellung von der Entstehung des Werkes aus Einzellogoi ziemlich vollständig verdrängt. Nur gegen Einzelheiten sind Zweifel laut geworden, und allen Indicien, die Kirch- hoff aus dem Werke zog, hat nicht einmal Bauer, der doch den früheren Standpunkt wieder zu Ehren bringen wollte, widersprechen zu dürfen geglaubt. Ich muls deshalb etwas ausführlicher auseinandersetzen, weshalb weder das Beweisver- fahren noch die Beweismittel Kirchhoff's mich zum Verlassen der früheren Ansicht bewegen konnten. Kirchhoff geht von der Voraussetzung aus, das Werk sei gleich von vorn herein in der uns vorliegenden Reihenfolge der einzelnen Theil geschrieben. Er bestimmt die Chronologie der Arbeitsstadien, indem er in dem Werke selbst alle Stellen aufsucht, aus deren Beziehung auf historisch feststehende Thatsachen oder Verhältnisse man, unter Berücksichtigung der sicheren bigraphischen Notizen über Herodot, ermitteln kann, vor oder nach welchem Zeitpunkt sie niedergeschrieben sein mögen. Die Chronologie dieser einzelnen Stellen ist natürlich dann maſsgebend für diejenige der Partien, in welchen sie vorkommen. Wer nun, wie ich, von einer ganz anderen Voraus- setzung über die Art, wie Herodot arbeitete, ausgeht, der kann zum Aufgeben derselben selbst- verständlich nur durch den Beweis von ihrer Unrichtigkeit gezwungen werden. Und dieser ist noch nicht erbracht. Auch ist bis jetzst noch nicht die Ansicht widerlegt worden, daſs Herodot seinem Werke selbst spätere Zusätze hinzugefügt hat: ein Umstand, der uns zur gänz- lichen Veraichtleistung auf zeitliche Fixirung einzelner Abschnitte zwingt, da man nirgends sicher sein darf, daſs die zu untersuchende Partie schon bei der ersten Niederschrift verfaſst und nicht etwa nachträglich erst zugesetzt worden ist. Selbst wenn aber der vollständige Beweis erbracht werden sollte„ daſs der Irrthum auf Seite der hergebrachten Ansicht sei, kann ich mich nicht davon überzeugen, dals die von Kirch- hoff vorgeführten Argumente entscheidend sind. Das Nichtvorhandensein der 1oοιιοσοι łτω die in Folge einer mehrjährigen Arbeitspause vergessen worden sein sollen, habe ich schon oben erklärt. Ich bin gespannt, wie man den Beweis erbringen will, Herodot habe, besonders in Bezug auf so wichtigeb Dinge, ein schlechtes Gedächtnis besessen.— Dafs der Aufstand der Meder I, 130 nicht nochmals bei der Regierungsgeschichte des Dareios III, 88 ff. erwähnt wird, ist durchaus nicht auffallend. Herodot erzählt überhaupt nur das Wichtigste aus derselben, und jene Erhebung scheint ein ganz unbedeutendes Ereignis gewesen zu sein. Aufterdem ist es keineswegs gerechtfertigt zu glauben, Herodot habe alles, von dem er Kenntnis hatte, in sein Werk aufgenommen. So vermissen wir z. B. im zweiten Buch eine Beschreibung des ägypti- schen Theben, einer Stadt, die Herodot sicher besucht hat und die ihm übergenug des Interessanten bot. Nur berühren will ich die Unwahrscheinlichkeit der Annahme„ Herodot habe die Regie- rungsgeschichte des Dareios in der Mitte unterbrochen.— Eine Bezugnahme von Sophokles' An- tigone V. 905 ff. auf Herodot III, 118 und 119 läſst sich nicht erweisen. Es ist bekannt, daſs 14 die Echtheit der Verse in der Antigone von jeher aus inhaltlichen wie sprachlichen Gründen den berechtigtsten Zweifel unterworfen worden ist. Ein Argument von irgend welcher Trag- weite kann man demnach erst auf sie bauen, wenn man ihre Echtheit in überzeugender Weise dar- thut. Aber selbst wenn dies gelingen sollte, wird eine Bezugnahme des Sophokles auf den Herodot nur dann glaublich erscheinen, wenn man von der dichterischen Fähigkeit des Tragikers und dem guten Geschmack seines Publikums eine möglichst schlechte Meinung sich zu bilden versucht hat. Ich will gar nicht darauf hinweisen, wie sonderbar eine Huldigung ist, die darin besteht, daſs Worte aus dem Werke eines andern an gänzlich ungeeignetem Orte den schön- sten Frauencharacter entstellen, den der grölſste Tragiker des Alterthums geschaffen. Aber wenn das athenische Theaterpublicum die Geschichte von Intaphrenes Gattin, etwa aus Vor- lesungen, kannte, so muſste es doppelt unangenehm durch jene Verse berührt werden, deren plump zu Tage tretende Absichtlichkeit auch dem wenigst Zartfühlenden unerträglich in die Ohren klang. Und gerade dies hätte Sophokles vorhersehen müssen; ich meine, er würde sich wohl gehütet haben, in diesem Falle eine so wenig feine Anspielung auf jene Erzählung einzu- fügen. Ich unterlasse es, die naheliegenden Schluſsfolgerungen hieraus zu ziehen. Denn ich halte die Verse aufser vielen anderen Gründen schon deshalb für unecht, weil es dem Dichter nicht schwer fallen konnte, wenn er denn dem Herodot von der Bühne herab indirecte Compli- mente machen wollte, dies in einer geschickteren und delicateren Form zu thun. Und kaum wird jemand den Sophokles für so baar alles berechtigten Egoismus halten, daſs er glaubt, er habe die Sorge um die Aufnahme seines Stückes der Rücksicht auf einen Freund geopfert, der in Athen bekannt und vielleicht auch beliebt genug war, wenn er wirklich um jene Zeit seine ersten Bücher vorgelesen hatte.— Daſs sich in den ersten zweieinhalb Büchern in der That Spuren von Herodots Reisen in Unteritalien und sogar Stellen finden, die nur in Italien ge- schrieben sein können, glaube ich schon in den N. Jahrbb. 115, S. 259 ff. erwiesen zu haben; fast gleichzeitig hat A. Bauer die meisten der von mir entdeckten Stellen ebenfalls bemerkt und in dem nemlichen Sinne verwerthet.— Was den Inhalt der Vorlesung- Herodots zu Athen bildete, ist am Ende gleichgültig, und jeder mag sich je nach seinem Gut- dünken darüber seine Vorstellungen machen. Es ist indes schon von anderer Seite darauf aufmerk- sam gemacht worden, daſs es gewils merkwürdig sei, wenn die Athener das Anhören der in den ersten 2 ½ Büchern enthaltenen fremdländischen Geschichten mit 10(oder nach Krüger's Emendation mit 4) Talenten bezahlt hätten.— Die Beweiskraſt der Bemerkung in III, 80 glaube ich schon oben, S. 11, abgeschwächt und ebendaselbst auch den Nachweis geliefert zu haben, daſs eine bewuſste Verherrlichung des Perikleischen Regimes von Seiten Herodots gerade in jener Rede undenkbar sei.— Zum Schluſs will ich noch auf eine Consequenz der Hypothese auf- merksam machen, auf die noch nicht nachdrücklich genug hingewiesen ist. I—III, 113 soll vor dem Jahr 442 in Athen allgemein bekannt gewesen sein. Nach circa 10 Jahren fährt der Autor fort an seiner Erzählung weiterzuschreiben. Wenn er nun sein Versprechen betreffs der A4000 16„o wirklich vergessen haben soll, so muſs man nothgedrungen statuiren, Herodot habe überhaupt die ersten 2 ½ Bücher nach ihrer Veröffentlichung nicht mehr angesehen. Denn hätte er dies gethan, so wäre er an sein Versprechen wieder erinnert worden, und hätte es entweder erfüllen oder auslöschen müssen. Ist es aber nicht selbstverständlich, daſs Herodot, selbst wenn er nicht das erstaunlich schlechte Gedächtnis hatte, daſs man ihm aufnöthigen will, bevor er nach 10 Jahren fortfuhr, sich das, was er vor langen Jahren geschrieben, einmal an- sah, um zu wissen, wo er fortzufahren habe, und um nicht unliebsame Wiederholungen sich zu 15 Schulden kommen zu lassen? Wie soll man zudem die Verweisungen erklären, die sich in grolser Anzahl finden und zeigen, daſs der Verfasser selbst bei Ausarbeitung der letzten Bücher den Inhalt der ersten noch recht gut im Gedächtniſs hatte? Von wem und wann endlich sind die nach der Kirchhoff'schen Hypothese ursprünglich getrennten zwei Theile des Werkes wieder vereinigt worden, ohne daſs man äufserlich die frühere Trennung bemerkt? Ich glaube durch diese Erörterung gezeigt zu haben, daſs es nicht blinde Voreingenom- menheit war, die mich zur Ablehnung dieser Hypothese, soweit sie sich auf die ersten Bücher erstreckt, bewog. Wenn ich jetzt auf Kirchhoffs Bemerkungen über die letzten Bücher übergehe, so komme ich zugleich auf ungezwungene Weise zur Beantwortung einer Frage, die ohnehin nicht zu umgehen wäre, nemlich, wo Herodot nach seiner Uebersiedelung nach Thurioi gelebt hat und wo er gestorben ist. Man begreift, daſs diese Frage deshalb von Wichtigkeit ist, weil man sich je nach der Natur dieses Ortes eine Vorstellung über die grölſsere oder geringere Leichtigkeit zu bilden im Stande wäre, mit der die Geschichten Herodots nach seinem Tode Verbreitung finden konnten. Seither nahm man meist an, und das lag in Ermangelung directer Nachrichten am nächsten, er sei in Thurioi bis an sein Lebensende geblieben. Nun hat aber auch hier Kirchhoff eine neue Ansicht aufgestellt, nemlich Herodot sei 431 nach Athen zurückgekehrt, Spuren seines dortigen Aufenthaltes seien an der Hand seines Werkes bis zum Jahr 428 zu verfolgen, und nichts stehe der Annahme im Wege, dals er daselbst auch gestorben sei. Nun wissen wir ja über diesen Punkt eigentlich gar nichts(denn die überlieferten Nach- richten bringen sich auch hier wieder einmal gegenseitig um), und für Vermuthungen ist dem- nach der weiteste Spielraum. Ich muls indes gestehen, dals das Gewicht der Gründe Kirch- hoffs mich auch hier nicht hat nöthigen können, ihm beizupflichten. Es läſst sich sogar, wie ich glaube, wahrscheinlich machen, daſs Herodot seine letzten Lebensjahre nicht in Athen zu- gebracht hat. Man hat seither eine Stelle(V, 77) ohne alles Bedenken als vollgültigen Beweis dafür genommen, daſs Herodot nach 432 zum mindesten noch einmal in Athen gewesen sei. In dem Jahre 433/32 sind nemlich die Propyläen vollendet worden, und Herodot beschreibt an jener Stelle ein zu Athen befindliches Weihgeschenk in der Art, daſs er sagt, es stehe gleich beim Eintritt in die Propyläen linker Hand, und darauf sei ein Epigramm angebracht, dessen Wort- laut er mittheilt. Die ganze Angabe macht den Eindruck, als sei sie aus Autopsie geflossen, um so mehr, als vorher Herodot sagt, die Ketten, mit denen die Perser die Griechen hätten fesseln wollen, seien bis auf seine Zeit(Ere αœ&e οε) an einer rauchgeschwärzten Mauer der Akropolis aufgehängt gewesen. Nun beweist aber weder eine Beschreibung im Präsens noch jene Formel, ohne andere Anhaltspunkte, das geringste für Herodots Autopsie ²⁹). Immerhin hat er jedoch diese Ketten selbst gesehen, da sie ja schon zur Zeit seines Aufenthaltes um 445 auf der Akropolis hingen; für das Weihgeschenk aber liegt die Sache so, dals wenn nicht andere gewichtige Gründe uns zwingen, eine Anwesenheit Herodots in Athen um diese Zeit anzunehmen, jene Angabe allein diese Kraft nicht besitzt ³0). Man braucht nur daran zu ²⁹) Zu diesem Urtheil bin ich in Folge einer genauen Untersuchung sümmtlicher hierhergehöriger Stellen ge- langt, die ich in Kürze an einem anderen Orte veröffentlichen werde. ³⁰) Ich will hier nur zwei Fülle anführen, um zu zeigen, daſs Herodot in ganz detaillirter Weise Gegenden, Gewohnheiten u. dgl. beschreibt, ohne sie selbst gesehen zu haben. IV, 12: 2α„d Lorl dy d Saudun 16 denken, daſs auch nach der ersten athenischen Colonisirungsexpedition noch Athener nach Thurioi auswanderten, um unbedingt die Möglichkeit zuzugeben, daſs Herodot den Aufstellungs- platz des Weihgeschenkes nebst dem Epigramm recht gut von einem solchen Zuzügler ver- nommen haben könne. Es genügt mir indes, die Unsicherheit der Autopsie an dieser Stelle constatirt zu haben; meinetwegen mag man immerhin aus derselben eine Reise Herodots im Jahre 432 nach Athen erschlieſsen, wennschon eine solche gerade in dieser Zeit bei den drohen- den kriegerischen Verwickelungen in Hellas äuſserst merkwürdig erscheinen muſs und eine Veranlassung dazu mit dem besten Willen nicht ausfindig gemacht werden kann. Daſs Herodot VI, 98 und Thukydides II, 8 zwei ganz verschiedene Erdbeben im Auge haben und daſs keiner von Beiden die vom andern gemeinte Thatsache kennt, ist voll- kommen richtig ³1). Man kann auch zugestehen, daſs Herodot das letzte Erdbeben nach seiner Gewohnheit sicherlich erwähnt hätte, wenn er sich um die Zeit, in der es vorfiel und ganz Griechenland in Unruhe versetzte, in Athen oder sonstwo in Hellas aufhielt. Nur davon kann man sich nicht überzeugen, warum Herodot, wenn er im Winter 431/30 in Athen war, nicht mehr davon hätte Kunde erhalten sollen. Es wüäre doch seltsam, wenn man die Besprechung oder Erwähnung jenes Erdbebens und eine Beziehung desselben zu den Ereignissen des Som- mers 431 mit Eintritt des Winters 431/30 plötzlich für erloschen halten müſste. Noch seltsamer, wenn man erwägt, wie kurze Zeit erst nach dem Einfall der Lakedaimonier in Attika ver- strichen war, und wie unabweisbar die Vermuthung ist, die mittheilsamen Athener hätten dem wiſsbegierigen Herodot, falls er wirklich um diese Zeit nach Athen kam, auf sein Befragen auch nicht die geringsten Details vorenthalten. Ich glaube, man könnte also gerade das Gegen- theil aus dieser Stelle folgern, nemlich daſs Herodot nach jenem Erdbeben nicht in Athen ge- wesen sei. Uebrigens begnüge ich mich auch hier damit, die Beweiskraft des Argumentes er- schüttert zu haben. Ich halte es überhaupt nicht für angezeigt, auf Punkte von solcher Ge- ringfügkeit und zweifelhaften Evidenz eine Schlufsfolgerung von irgend welcher Tragweite auf- zubauen. Man könnte ja auch geltend machen, die Möglichkeit erscheine nicht ausgeschlossen, dals Herodot auch zu Thurioi von dem Erdstoſs auf Delos habe erfahren können. Es ist zudem noch gar nicht ausgemacht, ob es überhaupt noch in unserer Macht steht zu erfahren, ob Herodot, obwohl er ein Ereigniſs nicht erwähnt, nicht doch von ihm Kenntnis gehabt und etwa in Folge einer gewissen momentanen Nachlässigkeit oder irgend welches anderen Grundes, wie ja das Jedem passirt, die nachträgliche Aufzeichnung versäumt habe. Damit würde gut Kauαμεοα velεα, oτι§ι τοεσι,◻⁵ Kμρμεοσα, oεr§ εα mπα bννοενα Kμαμεον, 1 6 B600009, Kμαμέιοοσςσ æαει.μ⁴εμνα Kimmerien ist das heutige Taurien und liegt zwischen dem Flusse Gerrhos und der Palus Maeotis. Da aber Herodot nach Norden zu bloſs bis an den Gerrhosfluſs gelangte(vgl. K. W. L. Heyse de Herodoti vita et itineribus. diss. Gött. 1826, S. 132. 133), so kann er das erwähnte Castell, das östlich von diesem lag, nicht selbst gesehen haben. Eine andere Stelle ist I, 167. Hier erzühlt Herodot, die Einwohner von Agyllai(Caere) seien in Folge einer von Tyrrhenern an gefangenen Karthagern verübten Schandthat von einer Landplage heimgesucht worden und als sie deshalb nach Delphi schickten, Io½ν oῦ⁷⁊Hcæςσ exεεoe ο‿εν, 5 M! vS o! AyuMlο τι erιτεαεεοαασι αα„ vxyloouo! dꝓœ&œ εμꝛενᷣνια α yνα ναμνεeᷣds eal drid Siuα. Herodot ist aber keinesfalls bis Agyllai vorgedrungen, wenngleich er die Erzühlung kaum anderswo, als in Italien erfahren haben wird. (Hierin berichtige ich meine Aufstellung in den N. Jahrbb. 115, S. 260). ³¹) Wie Stein, Wecklein und Bauer beide Notizen auf ein und dasselbe Factum glauben beziehen zu können, ist nicht recht einzusehen, selbst wenn man, wozu einige Stellen bei Thukydides die Berechtigung bieten, das 61ʃ 7r0618O0v des Thukyd. mit Wesseling zu Herod. VI, 98„laxius sumere“ will. Etwas gezwungen ist die Zurecht- legung von Lämmerhirt de Herodoti fide quaestiones. Haller Dissertation v. 1874. 17 stimmen, dals sich bei genauerer Prüfung der Zusätze, die Herodot in seinem Werke nachträg- lich gemacht hat, eine gewisse Ungleichmälsigkeit auch in diesen nicht verkennen läſst ⁵²). Der Ausdruck Gelons(VII, 162) in der abschlägigen Antwort, die er den Gesandten der Hellenen ertheilt, sie sollten Hellas melden,„daſs für es der Frühling aus dem Jahre genommen sei“, steht nach meiner Ansicht in keiner directen und bewuſsten Beziehung zu der nemlichen Redewendung, die nach Aristoteles Rhetorik I, 7 und III, 10 Perikles in einer Leichenrede von der dahingerafften athenischen Jugend gebrauchte. Ich gehe auf diese Stelle ein, obgleich jetzt Kirchhoff seine Ansicht geändert hat und glaubt, die Wendung des Perikles bei Aristoteles stamme aus der Leichenrede, die dieser im Jahre 440/439 auf die im samischen Kriege gefallenen Athener hielt ³³). Es ist nemlich einfach ein Ding der Unmöxglichkeit, dafs Herodot dem Gelon eine Phrase in den Mund gelegt habe, die derselbe, wie er wulste, nicht gebraucht hatte. Ein Mann von der anerkannten Gewissenhaftigkeit Herodots konnte mit Bewuſstsein keine Geschichte fälschen. Es ist denn in der That auch kein Fall bekannt, der unseren Schriftsteller einer solchen Unter- schiebung überführte; und wenn Wecklein ²⁴) mehrere solche ausfindig gemacht zu haben glaubt, so sieht man, daſs er die Ausführungen des von ihm citirten K. W. Nitzsch ³⁵) nicht gehörig beherzigt hat. Man kann nicht eindringlich genug davor warnen, sich das Verfahren. Herodots gegenüber der ihm gebotenen Tradition als ein leichtfertiges vorzustellen. Die Ueberlieferung über die Perserkriege zumal trat ihm in so fest gewordener Gestalt gegenüber, daſs er gewils der letzte war, der sich Aenderungen erlaubte. Anachronismen, Uebertreibungen und ähnliches sind in solchen gröſseren Partien stets auf Rechnung des Volkes zu setzen, in dessen Mitte die Tradition allmählich ihre feste Gestalt gewann 36). Da es kaum angehen wird, anzunehmen, Perikles habe das Bild aus Herodot entlehnt, so müssen Perikles und Herodot dasselbe völlig unabhängig von einander gebraucht haben ³⁷). Ob Gelon sich wirklich so ausgedrückt hat, mag ³²) Gerade auf unsern Gegenstand paſst vortrefflich, was Weil in der Révue critique vom 18. Jan. 1878 gegen die allerdings mitunter zu subtilen Beweismittel Bauer's geltend macht: Se servir de petits détails pour en tirer des conclusions importantes, c'est laà, sans doute, un beau triomphe pour la critique; mais il faut bien se garder d'abuser de cette méthode. ³3) Die letztere Ansicht ist übrigens nicht neu, u. a. bekämpft sie schon Roscher Klio I, 132. 34) a. a. O. S. 247 ff. 35) Ueber Herodots Quellen für die Geschichte der Perserkriege. Rhein. Mus. 27, S. 227 ff. ³⁶) Auf diese Weise und nicht etwa durch die von Rawlinson Vol. I, 82 und Anm. zu VII, 132 beliebte„rhe- torical exaggeration“ ist allein jener viel berufene Passus VII, 132 über die nautische Unkenntnis der Hellenen vor Delos zu erklären. Vgl. Nitzsch S. 261 f. ³7) Ich will hier nur eins von vielen beglaubigten Beispielen aus neuerer Zeit anführen, um zu zeigen, daſs gleich- lautende Aeuſserungen gänzlich unabhüngig von einander gethan werden können. Als Fürst Bismarck im Sommer 1874 den Attentäter Kullmann im Gefängnis besuchte, fragte er ihn, was er ihm gethan habe, dals er ihn habe tödten wollen. „Nichts“, antwortete jener,„aber Sie sind ein Feind meiner Kirche“. Die Aeufserung machte natürlich alsbald die Runde durch alle Ze itungen. Nun erschien im Jahr 1875 die Tragödie„König Roderich“ von Felix Dahn, und in derselben fand sich folgendes Gespräch: Roderich: Was that ich dir, daſs du mich morden wolltest? Xaldrul: Nichts, Herr, man sagt, Ihr seid der Kirche Feind. Sofort schlug die Kritik Lürm und behauptete, es sei. das eine sehr wohlfeile Art Effecte zu erzielen, wenn man das Gespräch in Kissingen auf die Bühne bringe. S. z. B. Paul Lindau in der„Gegenwart“ 1875, Nr. 38. Felix Dahn veröffentlichte jedoch darauf eine Erklürung, wonach vor dem Attentate sein Drama schon fertig gewesen und 3 18 dahingestellt bleiben; jedenfalls wurde die Aeufserung dem Herodot in dieser Form erzählt, und gerade die erklärende Anmerkung, die dieser ihr beizufügen für nöthig fand, bietet uns hierfür eine sichere Gewähr. Man möchte sogar versucht sein aus unserer Stelle die Abfassung vor 440 zu folgern, da Herodot, wenn er jene Leichenrede des Perikles gehört hätte, nach seiner sonsti- gen Art eine Bemerkung nicht würde unterlassen haben. Die Notiz über die Behandlung der Dekeleer IX, 73 geht allerdings theilweise auf Er- eignisse des peloponnesischen Krieges; sie braucht aber nicht in Athen geschrieben zu sein, denn wenn das ςαᷣ αντο 1Hνννναποο εω̈νoot dies beweisen soll, so mülſsten alle Stellen, wo die Aigypter, Phoiniker, Perser etc. als Gewährsmänner angeführt werden, ebenfalls in den betref- fenden Ländern, resp. Städten verfaſst sein. Dals aber die Notiz gerade hier und nicht IX, 15 angebracht ist, erhält seine richtige Beleuchtung, wenn man bei genauem Zusehen wahrnimmt daſs die Stelle, wo von dem Nutzen der erzählten That für die Dekeleer die Rede ist, sich offenbar auf zwei verschiedene Zeitpunkte beziehen muſs. Während des peloponnesischen Krieges wird die Abgabenfreiheit und der Vorsitz bei den Spielen für die Dekeleer in Sparta kaum thatsächlich geworden sein: sie waren eben Feinde, wie alle anderen Attiker, und es wird sich keiner nach Sparta gewagt haben. Die Worte des 73. Cap. bis dœreléet& r6de del Erl εοοοα beziehen sich deshalb, wie auch Bauer E. S. 146 schon richtig gesehen hat, auf die Zeit, wo Herodot die Stelle zuerst niederschrieb; die Notiz von der Schonung der Dekeleischen Gaues ist als späterer Zusatz anzusehen. Das nemliche gilt von VI, 91, wo die Vertreibung der Aigineten von ihrer Insel erwähnt wird, die Sommer 431 erfolgte. Wenn VI, 48. 49 nicht der höchst unfreundlichen Aufnahme Erwähnung geschieht, welche die Herolde des Dareios in Sparta erfuhren, sondern dieselbe erst nachträglich im VII. Buch als Erklärung des Umstandes mitgetheilt wird, weshalb Xerxes nach diesen Städten keine Gesandten schickte, so kann ich darin keine Veranlassung zu der Annahme erblicken„ Herodot habe, als er den Zug des Dareios erzählte, noch nichts von jenem Ereignis gewulst. Das ist an und speciell jene Verse den Professoren Friedländer und Schipper vorgelesen worden seien, die dies beze ugen würden. Vgl.„Gegenwart“ 1875, Nr. 44, S. 287. Und so unglaublich erschien dies der Kritik, daſs Paul Lindau bemerkte, es bleibe dann freilich kein anderer Ausweg, als daſs Bismarek das Dahn'sche Stück vorher gekannt haben müsse.— In der Litteratur sind solche unabhängige Uebereinstimmungen nichts seltenes. So z. B. bin ich im Besitz von Er- klärungen Geibel's und Dahn's, wonach folgende Stellen unabhängig von einander sind: Geibel: Ach Ortewein, mein Bruder, ach Herwig, Buhle werth, Was rauscht nicht euer Ruder, was bplitzt nicht euer Schwert? Dahn: Ach Ortewein, mein Bruder, ach Herwig, theurer Mann, Was rührt ihr nicht die Ruder und legt die Waffen an? Noch frappanter ist folgender Fall, den Paul Lindau in der„Gegenwart“ 1876, Nr. 49 hervorhebt. Der Monolog in Goethe’s Faust:„Erhabener Geist u. s. w.“ ist während der italienischen Reise(1786— 88) niedergeschrieben. Im Jahre 1787 kam in Paris die sehr mittelmäſsige Oper Beaumarchais:„Tarare“ zur Aufführung. Es ist in hohem Grade unwahrscheinlich, dals Goethe in Italien von diesem verfehlten Operntext Kenntnis erhalten und ihn für seine Faust- dichtung benutzt habe. Der Monolog im Walde schliefst mit den Worten: So tauml' ich von Begierde zu Genufs, Und im Genuſs verschmacht' ich nach Begierde. In der Oper„Tarare“ I. Act, 3. Scene heilst es: En désirant, je sens, que je jouis, En jouissant, je sens, que je désire. 19 für sich schon ganz undenkbar. Die Nichterwäühnung jener Thatsache imVI. Buch findet vielmehr ihre einfache Erklärung darin, dals er eine nochmalige Berührung derselben für überflüssig hielt, da er das VII. Buch schon fertig hatte. Ebenso wird es sich damit verhalten, dals die Geschichte des Sperthias und Bulis nicht vor VII, 126, wohin sie allerdings der Zeitfolge nach gehört, er- zühlt ist. Dals aber diese ganze Mittheilung bloſs dadurch an die jetzige Stelle gekommen sei, daſs zu der Zeit, wo Herodot mit seiner Ausarbeitung soweit gelangt war, im Jahre 430 die spartanischen Gesandten in Athen hingerichtet und dadurch die Erinnerung an den Zorn des Talthpbios sowie an seine beiden Söhne wieder neu geweckt wurde, worauf dann Herodot die jetzt erst vernommenen Geschichten seinem Werke an dieser Stelle einverleibt habe, das muſs schon von vorn herein für ein höchst merkwürdiges Zusammentreffen gelten ³s) und stimmt auch nicht mit dem Ein- drucke, den die Darstellung in ihrem Zusammenhange macht. Denn man sieht ohne Mühe, daſs die bloſse Berührung der Thatsache, daſs Xerxes keinelHerolde nach Athen und Sparta schickte, von selbst unserem Schriftsteller zur Erzühlung der Ereignisse Veranlassung bieten muſste, dieiden Per- serkönig zu diesem Verfahren bewogen: eine Veranlassung, die Herodot sogar nicht einmal abweisen durfte, wenn er, wie wir glauben, die Geschichte des ersten Perserzuges noch nicht erzählt hatte. Der kurze Bericht über den Gesandtenmord von 430 ist aber in einer so losen Fassung angefügt, daſs Stein(in seiner Anmerkung zu der Stelle) ihn mit Recht für einen späteren Zusatz hält, und daſs es bei unbefangener Betrachtung des Zusammenhangs höchst wenig Wahrscheinlichkeit gewinnt, diese kurze Notiz sei der Kern, um den von Herodot die ganze Episode gelegt worden sei.— Ueberhaupt sind die Anspielungen auf Ereignisse aus der Zeit des peloponnesischen Krieges fast alle in einer Form gehalten, daſs man sie unschwer als spätere Zusätze erkennt. Ich werde unten noch einmal auf sie zurückkommen. Auch in Bezug auf VI, 121—131 kann ich mich nicht überzeugen, daſs es mit Hinblick auf die Anfechtungen entstanden sei, die Perikles, das berühmteste Mitglied des Alkmaioniden- geschlechts, im Jahre 430 in Athen erfahren habe. Denn daſs Herodot bei Schilderung der Schlacht von Marathon und der unmittelbar auf sie folgenden Vorgänge den angeblichen Ver- rath der Alkmaioniden erwähnen mulste, ist offenbar. Sein nochmaliges Zurückkommen und längeres Verweilen bei dieser Angelegenheit, sowie seine nachdrückliche Vertheidigung jenes Geschlechtes finden ihre ungezwungene Erklärung in seinen Sympathien für sie und in seinen engen Beziehungen zu ihnen, die ihn um so beredter werden lieſsen, als ihm gerade hier die Familientradition Beweismaterial genug an die Hand geben konnte. Dieser Familientradi- tion ist denn auch offenbar der hämische Seitenblick auf das Geschlecht des Kallias entnommen, der als Ausfluſs einer gewissen Eifersucht zwischen beiden Familien erscheint. Der Ausfall gegen Kallias selbst bietet aber nicht den geringsten Anhaltspunkt zur Bestimmung der Zeit, wo er niedergeschrieben wurde. Wenn Kirchhoff hierfür das Jahr 430 ansieht, so ist das bloſs eine persönliche Vermuthung von ihm. Denn über eine Betheiligung des Hipponikos an den Intriguen gegen Perikles im Jahre 430 fehlt uns jedwede Nachricht. Ganz unthunlich erscheint es aber, die Niederschrift des zweiten Theils der Episode zeitlich fixiren zu wollen. Man kann zugeben, daſs ihre Tendenz auf die Verherrlichung der Alkmaioniden hinausläuft, wie aber will ³8) Mit Recht giebt Bauer E. S. 147 zu erwägen, daſs es ein kaum denkbarer Zufall wäre, wenn bei allen An- lässen, bei denen Herodot derartige Anspielungen machte, die berührten Ereignisse immer gerade an der Zeit vorge- fallen wären, wo die betreffenden Anknüpfungsstellen geschrieben wurden. 3* 20 man beweisen, daſs sie bestimmten Zwecken der Tagespolitik gedient hat? Was würde' auch wol eine Lobpreisung der Alkmaioniden genutzt haben in der Flut von persönlichen Verläum- dungen, die sich im Sommer 430 über Perikles ergoſs? Muls nicht vielmehr eine Reclame verzweifelt ungeschickt genannt werden, die einen Mann, der des Strebens nach der Tyrannis verdächtigt wurde, dadurch empfehlen wollte, daſs sie seine fürstliche Abstammung und den alten Adel seines Geschlechtes hervorhob? Welchen Nutzen hätte sich übrigens Herodot selbst für Perikles von dieser verherrlichenden Episode versprechen sollen, die er doch nicht im rich- tigen Moment in das Parteigetriebe hineinschleudern konnte, weil sie ein integrirender Bestand- theil seines groſsen Werkes war? Wir müssen demnach gerade hier das Bestreben für mis- glückt halten, einen tieferliegenden Beweggrund für die Stellung einer Episode zu suchen, die für unser Gefühl sich durchaus nicht an einem unpassenden Platze befindet. Denn wenn man im Auge behält, daſs die Nachrichten über die Geschichte des Alkmaionidenhauses in ihrer Ge- sammtheit offenbar einer Specialquelle entstammen, so ist nicht einzusehen, weshalb Herodot dieselben habe trennen und an verschiedenen Stellen seines Werkes vertheilen sollen. Man bemerkt zudem leicht, daſs die Erzählung von der Betheiligung der Alkmaioniden am Sturze der Peisistratiden im 5. Buch wiederum eine augenscheinlich abgegrenzte, in sich zusammen- hängende Partie ist; die Genealogie des Hauses würde sich demnach jedenfalls nicht ohne er- hebliche Störung des Zusammenhangs haben anbringen lassen. Wo aber im 5. Buche von Kleisthenes die Rede ist, hätte höchstens die Werbung seines Vaters Megakles um seine Mutter Agariste Platz finden können, aber man sieht nicht recht, wo, da die ganze Erzählung von Cap. 66 an sich um politische Ereignisse dreht und eng zusammenhängt. Im 6. Buche jedoch, wo sich unserem Geschichtschreiber nach Schilderung der Schlacht bei Marathon ein Ruhe- punkt bot, konnte er einmal bequem jene Anschuldigung des Verrathes widerlegen und sodann ohne groſse Schwierigkeit die genealogischen Notizen im Zusammenhang anreihen. Bei dieser Gruppirung diente dann allerdings die Verherrlichung des Alkmaionidenhauses als wirkungsvolle Folie zur Widerlegung der ihnen anhaftenden Nachrede. Wenn aber der Stammbaum bis auf Perikles herabgeführt wird, so braucht man darin noch lange nicht die Absicht zu suchen, auf die Zeitgenossen zu Gunsten dieses Staatsmanns einzuwirken. Denn die Anekdote vom Traum der Agariste war ohnehin unzweifelhaft allen Athenern bekannt und brauchte ihnen nicht erst von Herodot mitgetheilt zu werden ³⁵). Auch möchte vielleicht davor zu warnen sein, den Ein- druck, den gerade die Erzählung von diesem Traum in ihrer grandiosen Einfachheit auf uns moderne zu machen pflegt, so ohne weiteres auch bei den Zeitgenossen des Perikles voraus- zusetzen. .Dies waren die Argumente, mit welchen man beweisen wollte„ Herodot habe sich nach 431 in Athen aufgehalten. Ich füge noch folgende gewichtigen Gründe gegen diese An- nahme hinzu. Wenn Herodot wirklich seine letzten Lebensjahre in Athen zubrachte und daselbst starb, so muſs es. im höchsten Grade auffallen, daſs kein zeitgenössischer Schriftsteller, wie ich noch anderwärts genauer darlegen werde, die geringste Kenntnis seines geschriebenen Werkes zeigt. Man kann z. B. die Vermuthung nicht abweisen, daſs die mannigfachen seltsamen und fabelhaften Erzählungen und ³⁰) Bloſs auf den Traum, aber nicht auf Herodots Darstellung desselben, bezieht sich wahrscheinlich das paro- dische Orakel bei Aristophanes Ritter, V. 1037. 21 Notizen Herodots von den Komikern hie und da in dieser oder jener Weise verwandt worden wären, wenn sie sie gekannt hätten. Und wenn man hier etwa die veränderte Geschmacksrichtung als Grund für die spütere Vernachlässigung des Werkes hinstellen wollte, wie hätte z. B. Xenophon, der in sich die vielseitigsten litterarischen Neigungen vereinigte, es über sich gewinnen sollen, auf eine Kenntnisnahme des herodotischen Werkes zu verzichten, wenn er nur die leiseste Ahnung von der Existenz desselben gehabt hätte ⁴⁰). Hierzu kommt, daſs das unsichere und widersprechende in der Ueberlieferung über Herodots letzten Aufenthalt nur durch die Annahme zu erklären ist, man habe, als man im Alterthum sich wieder für den Geschichtschreiber zu interessiren anfing, hierüber, wie fast über sein ganzes Leben, nicht das Geringste gewulst und sich deshalb auf's Combiniren verlegt. Das scheint aber nur möglich, wenn Herodot und sein Werk den Zeitgenossen entrückt wurde. Ich bin bei dieser Behauptung weit entfernt von der Voraussetzung, als würde die litterarische Bedeutung Herodots im entgegengesetzten Falle seinen Zeitgenossen so lebhaft zum Bewulst- sein gekommen sein, dals ihnen seine persönlichen Schicksale vom gröſsten Interesse hätten sein müssen. Die Litteraturgeschichte aller Völker bietet ja Beispiele genug für die Erschei- nung, daſs oft die genialsten und werthvollsten Erzeugnisse des Geistes von den mitlebenden misachtet oder verkannt, und erst von einem nachkommenden, richtiger urtheilenden Geschlecht gewürdigt werden; wenn dies in Zeiten geschieht, denen die Kenntnis und Vergleichung ver- wandter Producte viel eher die Anlegung eines passenden Maſsstabes gestattet, so muſs man es als ganz sicher ansehen, daſs das athenische Publicum im Anfang des peloponnesischen Krieges, das durchaus nicht in dieser Lage war, zum mindesten den vollen Werth Herodots gar nicht zu erfassen vermochte ⁴¹). Aber selbst dann, wenn das Interesse der Athener an Herodot nicht so bedeutend war, als man anzunehmen in Versuchung geräth, hätte sein Tod und sein Aufenthalt vor demselben in Athen doch gewiſs wenn auch noch so unbedeutende Spuren da- selbst hinterlassen, die verhindert haben würden, daſs die späteren Reconstructionen jener Punkte in der Hauptsache so sehr auseinandergingen.(Das hat auch schon Bauer in den Sitzungsber. der Wien. Akad. Bd. 89 S. 419 bemerkt.) Es erscheint ferner schwer glaublich, daſs Herodot, wenn er überhaupt es für räthlich halten konnte, die Ausarbeitung seines Werkes in einer von Kriegsrüstungen und Parteistreitig- keiten aufgeregten Stadt zu vollenden, es bei so wenigen und dazu so farblosen Hindeutungen auf den peloponnesischen Krieg habe bewenden lassen. Man gehe sämmtliche hierher gehörigen Stellen durch; man wird finden, daſs sie ohne Ausnahme viel mehr auf einen fernstehenden, objectiven Beobachter schlieſsen lassen, als auf einen in Athen lebenden Verfasser, der sich dem Einflusse der ihn umgebenden Anschauungen mit dem besten Willen nicht hätte entziehen können. Zum Schlusse kann man sich kaum vorstellen, wie Herodot den Anfeindungen hätte entgehen sollen, mit denen die Opposition die Freunde des Perikles in dessen letzten Lebens- 4⁰) Es wäre interessant, wenn es gelünge zu ergründen, wie Ktesias in Asien in den Besitz unseres Geschichts- werkes gelangte; so lange man hierüber aber nicht etwas annähernd sicheres weiſs, kann man hierauf keine Rück- schlüsse in Bezug auf die vorhergehende Zeit bauen. Ganz zu verwerfen ist die Geschichte des herodotischen Wer- kes, die man aus seiner Epitomisirung durch Theopompos construirt hat. 4¹) Man begeht heutzutage noch viel zu oft den Fehler, daſs man die hohe Achtung, deren sich Herodot wegen des Verlustes anderweitiger Quellen und der allmählich immer mehr zu Tage tretenden Zuverlässigkeit seiner meisten Nachrichten bei uns erfreut, auch im ganzen Alterthume als vorhanden voraussetzt. 22 jahren verfolgte. Es ist bekannt, daſs Anaxagoras wegen Gottesläugnung gerichtlich belangt wurde. Sieht man nun im zweiten Buche des Herodot oft den krassesten Rationalismus her- vortreten, so wird man zu der unabweisbaren Schluſsfolgerung gezwungen, dieser Theil des herodotischen Werkes habe für die Feinde des Perikles einen ebenso erwünschten Anlaſs zum Anrufen der Gerichte bieten müssen, wie die Schriften jenes Philosophen. Wir lesen aber in der Ueberlieferung auch nicht die Spur von einer gegen Herodot erfolgten Anklage, und dies bietet uns einen triftigen Grund mehr, um seine damalige Anwesenheit in Athen für völlig un- erweisbar zu erklären. Was Bauer aus dem Character des zweiten Buches vermuthet, daſs Herodot nach dem Bekanntwerden desselben zu Athen sich daselbst unmöglich gemacht und deshalb nach Thurioi habe zurückkehren müssen, kann mir schon deshalb nicht wahrscheinlich vorkommen, weil nach meiner Ueberzeugung das zweite Buch überhaupt erst in Italien ge- schrieben ist, sicher aber dort erst seine endgültige Gestalt erhalten hat. Den Einwand Weil's gegen Bauer(in der Révue critique vom 12. Jan. 1878, S. 31 f.), im zweiten Buche fünden sich neben jenem allerdings nicht wegzuleugnenden Rationalismus auch häufig Aeuſse- rungen der tiefsten, oft abergläubischen Gottesfurcht, kann ich, wenigstens mit Anwendung auf diese Frage, nicht gelten lassen. Die hierher gehörigen Stellen des zweiten Buches ³³) haben nemlich sämmtlich Bezug auf ägyptische Geheimlehren, in die bekanrtlich Herodot ein- geweiht war. Seine ganze angebliche Gottesfurcht besteht nun darin, daſs er bei Schilderung ägyptischer Bräuche oder Oertlichkeiten und bei Correctur hellenischer Ueberlieferungen durch ägyptische seine Mittheilungen aus den ägyptischen Mysterien, wie er selbst sagt, aus religiöser Scheu entweder unterdrückt oder plötzlich abbricht, mit der Begründung, hierüber dürfe er nicht reden. Dies Verfahren war aber offenbar für ihn geboten durch das Gelübde des unverbrüch- lichsten Schweigens, das er bei der Aufnahme in den Geheimbund hatte ablegen müssen. Es steht jedoch diese Geheimthuerei deshalb nicht im geringsten Widerspruch zu der Aufklärung, die er den hellenischen Anschauungen gegenüber zeigt, und die ebenfalls einzig und allein eine Folge seiner Bekanntschaft mit den ägyptischen Geheimlehren ist. Ich glaube also mit gutem Grunde bei der Behauptung verharren zu dürfen, daſs der Aufenthalt Herodots in seinen letzten Lebensjahren zu Athen nicht erweisbar ist. Als sein letztes Domicil Thurioi anzunehmen, liegt am nächsten, wenngleich sich dies natürlich nicht sicher feststellen läſst. Meines Erachtens genügt jedoch jenes negative Resultat vollständig, um in Verbindung ſmit anderen Factoren zu erklären, weshalb nach seinem Tode sein Werk zunächst so wenig bekannt wurde. lch muls leider hier abbrechen, da der mir zustehende Raum zu Ende ist. Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, daſs es mir fern liegt, den unseligen Plesir- rhoos von den Todten zu erwecken. Wer weils übrigens, ob die Existenz eines Heraus- gebers nicht schon lüngst eine anerkannte Thatsache wäre, wenn nicht das Gespenst jenes Gehenkten mehr Kopfscheu verursacht hätte, als billig ist. Ich denke aber, daſs die aben- teuerlichste Umkleidung einer Thatsache uns nicht verhindern darf, dieselbe als historisch an- zuerkennen, sobald eine sorgfältige, unabhängige Untersuchung erweist, daſs ein Märchendichter 4²) II, 3. 45. 47. 61. 65. 86. 132. 170. 171. 23 zufällig, ohne es vielleicht zu wollen, das richtige getroffen hat. Etwaige Bedenken hoffe ich durch den letzten Theil meiner Arbeit beseitigen zu können, dessen Ergebnis in wenig Worten dahin geht, daſs sich bei keinem Schriftsteller bis zum Ende des fünften Jahrhunderts die Be- nutzung eines geschriebenen Eæemplares von Herodot nachweisen läſst. Ich verhehle mir aller- dings nicht, daſs sich z. B. die angebliche Benutzung Herodots durch Thukydides in der Vorstellung der gelehrten Welt so fest gewurzelt zu haben scheint, daſs es nicht ohne Mühe gelingen wird, dieselbe zu beseitigen. Ich mufs indessen Bauer gestehen, dals die Aufzählung von Stellen, die er in den Sitzungsber. der Wiener Akad. der Wiss. 1878, S. 392— 394 schon von vornherein gegen mich anführt, auf mich keinen abschreckenden Eindruck gemacht hat, da sie mir alle bekannt waren und zudem die wichtigsten schon von andern entkräftet worden sind. Doch ich hoffe um so cher, ihn für meine Ueberzeugung gewinnen zu können, als wir ja sonst in so vielen und wichtigen Punkten vollständig übereinstimmen. Berichtigungen und Nachträge. S. 2, Z. 5 v. o. lies anstatt eigentliehe eigentliche. „ 8,„ 13„„„„ unterbringen unterzubringen „ 13,„ 17„„„„ Theil Theile. „ 3,„ 2„„ in der Anm. 9 lies anstatt Herodot Herodote. „ 6,„ 7„„„„„ 19„„ Entwickelungen Verwickelungen. „ 15,„ 10„„„„„ 17 ist sich zu streichen. Zu Anmerkung 24. Erst während des Druckes bin ich in den Besitz des kaum noch zu erlangenden Programms von Nitasch gekommen, Ich finde jedoch, daſs er nicht eine förmliche„publication“, sondern nur Vorlesungen einzelner Theile vor der Vereinigung in einen Körper, annimmt, worin man ihm vollständig zustimmen kann. Die Anmer- kung von Bauer E. S. 11, aus der allein mir seither die Kenntnis der Auffassung Nitzschs kam, enthält somit etwas ungenaues. Den Satz I, 193 x 6„xν—— Antarat, den Nitzsch S. 1 noch als Beweis für stattgefundene Vorlesungen anmerkt, kann man übrigens, wie das auch in den übrigen Fällen möglich und zu empfehlen ist, mit auf gesprächsweise erhobene Zweifel beziehen. Ein Eingehen auf die Dissertation von Hachez„De Herodoti itineribus et scriptis“. Gött. 1878 war mir wegen Mangels an Raum hier nicht möglich. Einzelne Bemerkungen von ihm finden indes oben ihre stillschweigende Wider- legung. Alle seine, manchmal recht verwunderlichen, Ansichten zu berücksichtigen, ist aber, wie ich glaube, nicht nöthig, da man ein so gläubiges Festhalten an der Ueberlieferung, wie es bei ihm zu Tage tritt, doch wohl für einen überwundenen Standpunkt halten darf.