Programm des Großherzoglich Heſſil chen Gyunaſiums zu Gießen, als Einladung zu den am 2. und 3. April 1868 Statt ſindenden öffentlichen Schulprüfungen. (Wiſſenſchaftliche Beigabe: Erziehung und Unterricht bei Platon. Erſter Theil. Von dem Gymnaſiallehrer Dr. Indwig Wittmann.) Gießen, 1868. Druck von Wilhelm Keller. Erziehung und Unterricht bei Platon von Dr.. Mittmann. Erſter Theil. Wenn einzelne zuweilen laut werdende Stimmen Glauben verdienen, ſo muß man faſt annehmen, daß die Pädagogik Lehrern an höheren Schulen nicht nur nicht nöthig ſei, ſondern ſelbſt Schaden bringe, indem ſie denienigen, welcher ſich mit ihr befaſſe, von ernſten Studien abhalte und zur Halbwiſſenſchaft⸗ lichkeit hinführe. Haben doch Leute, welchen„wunderlich zu Muthe wird, wenn ſie nur von Methode reden hören“, ſchon geäußert, daß die Pädagogik„als Halbwiſſenſchaft niemals ihren ſubalternen Charakter verleugnen könne“, daß„die ſogenannte Geſchichte der Pädagogik meiſt nur eine Schmarotzerpflanze aus der allgemeinen Weltgeſchichte, der Culturgeſchichte, der Literaturgeſchichte und anderen Geſchichten ſei“, ſo daß ich faſt Bedenken tragen könnte mit einer ſolch verdächtigem Fache angehörigen Arbeit hervorzutreten. Jedoch ermuthigt mich wieder die Beobachtung, wie gerade in neuerer Zeit durch Männer, deren wiſſen⸗ ſchaftliche Tüchtigkeit keinem Zweifel unterliegt, wiederholt verlangt wird, daß in dem höheren Schulweſen die Pädagogik mehr zur Geltung kommen und eine ſowohl theoretiſche als praktiſche Vorbildung der künftigen Lehrer angeſtrebt werden müſſe, wenn die höheren Schulen hinter den Fortſchritten, welche die Volksſchule in Didaktik und Methodik gemacht habe, nicht zurückſtehen wollten. Gewiſſen Andeutungen nach zu ſchließen ſcheint die Sachlage allmählich etwas mehr erkannt und dem Bedürfniſſe Rechnung getragen zu werden, wie z. B. das neue Prüfungs⸗Reglement für die Candidaten des höheren Schulamts in Preußen„eine allgemeine Bekanntſchaft mit der Geſchichte der neueren Pädagogik und den weſentlichſten Beſtimmungen der Methodik“ vorſchreibt, eine zwar als Fortſchritt zu begrüßende aber doch ſehr beſchei⸗ dene Forderung, beſonders wenn man bedenkt, daß Ausdrücke wie„allgemein“ und„weſentlichſt“ eine ſehr ausgedehnte Deutung zulaſſen. Mit der Zeit wird ſich wohl die Ueberzeugung von der Nothwendig⸗ keit einer pädagogiſchen Vorbildung noch mehr Bahn brechen, und der Vorwurf, daß„gerade im höheren Lehrſtande eine Abneigung gegen alles, was Pädagogik iſt und heißt, herrſche“, verſtummen müſſen. Unter allen pädagogiſchen Fächern iſt die Geſchichte der Pädagogik von ganz beſonderer Wichtigkeit, indem ſie nicht nur berichtet, wie im Laufe der Jahrhunderte an der Erziehung des Menſchengeſchlechtes 1 2 gearbeitet und durch die Erfahrung das Bewährte von dem Werthloſen geſondert wurde, ſondern auch nachweiſt, daß die bis jetzt gewonnenen Reſultate die Frucht einer fortgeſetzten gemeinſamen Thätigkeit Vieler ſind, an welcher jeder, der auf den Namen eines Lehrers Anſpruch macht, Theil nehmen und dadurch, daß er tüchtig das Seine thut, zur Klarſtellung des Zieles der Erziehung und hiermit zur Ver⸗ vollkommnung der Menſchheit beitragen ſoll. Demnach wird ſich ein Schulmann nicht darauf beſchränken von den Leiſtungen früherer Zeit blos Kenntniß zu nehmen und die Richtigkeit ſeiner eigenen Anſicht an den Erfahrungen der Vergangenheit zu prüfen, ſondern er wird ſich auch bemühen, dasjenige, was er als gut und noch anwendbar erkannt hat, wieder zur Geltung zu bringen. Mancher freilich wird bezweifeln, daß die Neuzeit aus den Lehren und Einrichtungen längſt verfloſſener Jahrhunderte, deren politiſches und religiöſes Leben von dem jetzigen völlig verſchieden war, irgend einen Nutzen ziehen könne, wie z. B. ſelbſt Dieſterweg die ganze Geſchichte der Pädagogik vor dem Jahre 1770 nur als pädagogiſchen Kram bezeichnet hat. In Folgendem hoffe ich darthun zu können, daß jene alte Pädagogik doch nicht ſo ganz der Beachtung unwürdig iſt, daß vielmehr Einiges, was erſt neuerdings eingeführt wurde, in der alten Zeit wurzelt; Anderes aber, was noch nicht völlig erreicht iſt, bei den Alten entweder ſchon praktiſch durchgeführt ſich vorfand oder von Theoretikern verlangt und in ſeiner Berechtigung begründet wurde. I. Platon iſt nicht nur für die Philoſophie ſondern auch für die Pädagogik von der höchſten Bedeutung, und dies nicht etwa in dem Sinne, in welchem man von einer Pädagogik Göthe's oder Uhland's geſprochen hat, indem man die zerſtreuten auf Erziehung bezüglichen Stellen dieſer Dichter ſammelte und in eine gewiſſe Gruppirung brachte, vielmehr ſind einige ſeiner Schriften, vor allen der Staat und die Geſetze, ihrer ganzen Anlage nach als vorzugsweiſe pädagogiſche zu bezeichnen. Als ſolche ſind ſie in dreifacher Hinſicht wichtig: Platon ſtellt nämlich, beſonders in den beiden eben erwähnten Werken, ein Syſtem der Erziehung auf, indem er dabei theils in Griechenland ſchon vorhandene Einrichtungen benutzt und umgeſtaltet, theils ganz neue Lehren vorbringt, deren einige zu der Anſchauungsweiſe ſeiner Zeit den ſchroffſten Gegenſatz bilden. Er behandelt die Pädagogik in ihrer Anwendung auf den Staat, in welchem nach Anſicht der Alten der Einzelne völlig aufgehen mußte. Während man jetzt eine möglichſte Entwicke⸗ lung der Individualität erſtrebt, exiſtirt im Alterthume der Einzelne nur für den Staat und iſt mit dem⸗ ſelben untrennbar verbunden; ebenſo kann das höchſte Ideal der Bildung nur in dem Staate erreicht werden, ſo daß die vollkommenſte ſtaatsmänniſche Tüchtigkeit als die höchſte Tugend erſcheint. Der Staat, welchem die Kinder mehr als ihren Eltern angehören, beruht bei Platon auf der Grundlage einer guten Erziehung, welche ſelbſt im Staatsleben noch fortdauert und durch welche das ſtaatliche Wohlbefinden bedingt iſt. Da man jetzt in dieſer Art der Erziehung für den Staat eine Beſchränkung der perſönlichen Freiheit erblicken würde, und außerdem manche Vorbedingungen für die Gründung des platoniſchen Staates, z. B. die Eintheilung in Kaſten, durch welche der dritte Stand von aller Bildung ausgeſchloſſen wird, vollſtändig wegfallen, ſo kann natürlich von einer Anwendung dieſer Staatspädagogik keine Rede ſein. Daher verdienen zunächſt nur diejenigen Erziehungsvorſchriften Platon's, welche, von den ſtaatlichen Verhältniſſen abgeſehen, allgemeine Bedeutung haben, beachtet zu werden. Aus der großen Zahl dieſer Ausſprüche, unter welchen der, daß der Knabe unter allen Geſchöpfen das am ſchwerſten zu behandelnde ſei ¹), wohl der bekannteſte ſein wird, will ich hier nur folgenden anführen:„In Allem iſt die Unkunde y Leg. VII, 808, d: 6 s atg rdvraν ϑν οεων ⁴τ⁴‿ dνυαμrερινιαdατονν* 3 keineswegs etwas ſo Schlimmes und Arges, noch der Uebel größtes, ſondern das Vielkennen und Viel⸗ wiſſen, unter ſchlechter Leitung erlangt, bringt viel größeren Schaden“ ²). Aber nicht bloß das eigene Syſtem Platon's iſt aus ſeinen Schriften zu entnehmen, ſondern durch die vielfache Bezugnahme auf die zu ſeiner Zeit übliche Art der Erziehung und des Unterrichts wird er für den damaligen Zuſtand beider zum ſicherſten Gewährsmann. Endlich haben die meiſten ſeiner Schriften auch inſofern eine pädagogiſche Bedeutung, als ſie einen unterrichtenden Charakter an ſich tragen und zum Theil Muſter der Katecheſe ſind. In dieſer zeigt ſich Sokrates unübertrefflich, welcher, indem er ſeine Gedankenentbindungskunſt zur Anwendung bringt, durch richtige Frageſtellung die richtige Antwort hervorzurufen weiß. Stufenweiſe ſchreitet er vom Nahen zum Entfernteren, vom Leichten zum Schwereren fort und ſucht Ueberſinnliches durch dem gewöhnlichen Leben entnommene Gleichniſſe klar und anſchaulich zu machen. Dieſe Eigenſchaft der Geſpräche des Sokrates iſt in der Rede des Alkibiades ³) geſchildert:„Sokrates ſpricht von Laſteſeln, Schmieden, Schuſtern und Gerbern und ſcheint fortwährend in denſelben Ausdrücken daſſelbe zu wieder⸗ holen, ſo daß jeder damit Unbekannte und Gedankenloſe dieſe Reden wohl lächerlich finden dürfte; ſieht ſie aber Jemand der Umhüllung bar und dringt in ihr Inneres ein, dann wird er finden, zuerſt, daß ſie allein von allen Reden einen tiefen Sinn in ſich bergen, und dann, daß ſie vor allen göttlich ſind, ſehr viele Tugendbilder in ſich enthalten und auf Vieles, ja vielmehr auf Alles hinweiſen, was dem zu bedenken geziemt, der ein ſittlich guter, edler Menſch werden will.“ In welcher Hinſicht manche der von Platon aufgeſtellten Lehren für die jetzigen Verhältniſſe noch Gültigkeit haben, dies mag hier mehr angedeutet als ausführlich beſprochen werden. So fordert er mit Beſtimmtheit die Kindergärten ⁴), welche gewöhnlich als eine ganz moderne Erfindung betrachtet werden; wie ganz für unſere Zeit paſſend legt er die Nothwendigkeit der Gymnaſtik, der Turnkunſt, dar; ſelbſt ſein Nachweis von dem hohen Werth des Unterrichts in Mathematik iſt nicht überflüſſig geworden, da dieſe Disciplin zuweilen noch mit ſolchen Vorurtheilen zu kämpfen hat, daß ein Mann wie C. L. Roth ſie in den Gymnaſien nur facultativ zulaſſen will und das Rechnen unter die„Fertigkeiten“ gezählt hat. Daß auch gewiſſe ſtaatliche Einrichtungen der Neuzeit auf Platon zurückzuführen ſind, ergiebt ſich daraus, daß er nicht nur der Erfinder der ſtehenden Heere iſt, ſondern auch in der allgemeinen Wehrpflichtigkeit ein neuerdings oft hervorgehobenes pädagogiſches Moment erkannt hat. Ueberhaupt faßt er bei allen Einrichtungen deren pädagogiſche Bedeutung ins Auge und findet z. B. eine ſolche ſelbſt in den Trink⸗ gelagen, weil ſie dem Manne Gelegenheit geben gegen ſeine Leidenſchaften anzukämpfen und ſich in Selbſt⸗ beherrſchung zu üben. Demnach bewegt ſich Platon durchaus nicht in unfruchtbaren Speculationen, wie Viele, die ihn nicht genauer kennen, anzunehmen geneigt ſind und„platoniſch“ und Hirngeſpinnſt“ als gleichbedeutend faſſen, ſondern er ſteht vollſtändig auf dem Boden der Wirklichkeit, ſo daß aus ihm einige Uebelſtände, an welchen unſer Schulweſen krankt, ſich leichter erkennen laſſen. Ich erinnere hier nur an die jetzt ſo verbreitete Anſicht, daß die Schule gleichſam eine Einübungsanſtalt für das praktiſche Leben ſein ſolle, in welcher nur das gelehrt und gelernt werden dürfe, was ſpäter in dem„Geſchäft“ praktiſch zu verwerthen ſei, ſowie an die Ueberbürdung unſerer Lehrpläne mit Fächern aller Art, durch welche die Einheit des Unterrichts ſo ſehr Noth gelitten hat, daß auch die vielfach verſuchte Concentration mmeiſt erfolglos geblieben iſt. Welchen Gegenſatz hierzu bildet die Einfachheit des griechiſchen Unterrichts, der bei ſeiner Beſchränkung auf wenige Fächer ein ſchönes Gleichgewicht zwiſchen geiſtiger und körperlicher ²) Leg. VII, 819, a. ³) Symp. 221, e— 222, a. ⁴) Leg. VII, 794, a. 1 4 Ausbildung herſtellte, und, obgleich er, jedem banauſiſchen Treiben feind, die Rückſichtnahme auf das Bedürfniß des praktiſchen Lebens ausdrücklich abwies, Männer von ſchneller Auffaſſung und entſchloſſenem Handeln heranbildete, ſo daß Krauſe ⁵) mit vollem Rechte einige Punkte aufzählt, in welchen die neue Pädagogik von der alten noch Vieles zu lernen habe. Mit der Frage nach der pädagogiſchen Bedeutung der platoniſchen Schriften ſteht die nach der Anwendbarkeit derſelben im Jugendunterrichte in Zuſammenhang. Ein großer Theil iſt nämlich entweder wegen der Schwierigkeit des Verſtändniſſes oder wegen des in mancher Beziehung der jetzigen Anſchau⸗ ungsweiſe anſtößigen Inhalts zur Schullectüre nicht geeignet, ſo daß eine Auswahl ſtattfinden muß. So wurde in der Philologenverſammlung zu Wien 1858 von Bonitz folgende Theſe geſtellt:„Von den Schriften Platons eignen ſich zur Lectüre auf der oberſten Stufe des Gymnaſiums: die Apologie des Sokrates, Kriton, Laches, Protagoras, Gorgias; zuläſſig ſind Euthyphron und Menexenus; von den übrigen platoniſchen Schriften iſt keine zur Gymnaſial⸗Lectüre geeignet.“ Die Mehrzahl der Anweſenden erklärte ſich hiermit einverſtanden; einige jedoch wünſchten, daß auch Phädon aufgenommen werde, welcher ſowohl über das Lebensende des Sokrates herrliche Stellen enthalte, als auch durch die Lehre von der Unſterblichkeit der Seele viele Berührungspunkte mit dem chriſtlichen Glauben darbiete, worauf entgegnet wurde, daß gerade die beweiskräftigen Stellen dieſer Schrift auf ſo ſchwierige Theile der Ideenlehre gegründet ſeien, daß dieſelben kaum zur Klarheit gebracht werden könnten. Der mir ſehr beachtenswerth erſcheinende Vorſchlag Wieſe's, in Chreſtomathien Probeſtücke ſo zuſammenzuſtellen und zu verbinden, daß aus ihnen ein ganzes lebensvolles Bild des Sokrates ſich ergebe, fand keine Unterſtützung. Uebrigens ſind die in der Bonitz'ſchen Theſe aufgezählten Dialoge diejenigen, welche, wie die Programme nach⸗ weiſen, in Schulen ſchon früher am häufigſten geleſen wurden und noch geleſen werden. Zuweilen kommen auch andere vor, wie Phädon, Charmides, ja ſelbſt Sympoſion und Politeia. Deinhardt) behauptet nach eigener Erfahrung, daß ſich Protagoras, Sympoſion und Phädon vollkommen zur Schullectüre eignen; mancher Lehrer könne wohl auch noch Phädrus, Lyſis und Philebus wählen. Da ich leider noch nicht mit Schülern platoniſche Dialoge zu leſen Gelegenheit hatte, ſo bin ich nicht im Stande mit eigener Erfahrung derjenigen Deinhardt's entgegenzutreten; doch hege ich hinſichtlich des Gaſtmahls großes Bedenken; denn obgleich ich daſſelbe für das herrlichſte und vollendetſte der platoniſchen Werke, als eine in ihrer Art einzig daſtehende Geiſtesſchöpfung anſehe, ſo bezweifele ich doch, daß man mit der Jugend ein Buch leſen kann, in welchem ſo vieles Anſtößige vorkommt, daß Alkibiades ſelbſt auffordert, man möge ihm das, was er erzähle, nicht verdenken, und wenn ein Uneingeweihter und Ungebildeter da ſei, ſolle er⸗ ſein Ohr mit wohlverwahrten Pforten verſchließen ²). Phädrus und Philebus halte ich für zu ſchwierig, als daß ſie mit Schülern geleſen werden könnten; beſonders mit letzterem möchte ich das Wagniß nicht unternehmen, da er ſowohl hinſichtlich ſeiner Form vernachläſſigt erſcheint und der lebendigen dramatiſchen Behandlung entbehrt, als auch ſo ſchwer zu verſtehen iſt, daß ich das Bekenntniß ablegen muß, daß mir viele Stellen in demſelben dunkel geblieben ſind. Jedenfalls aber iſt in denjenigen Werken, welche in Schulen geleſen zu werden pflegen, eine ſolche Fülle von herrlichen Gedanken enthalten, daß dieſelben nicht nur eine Vorſchule für das Studium der Philoſophie bilden, ſondern auch ihrem ethiſchen Inhalte nach einen mächtigen ſittlichen Einfluß äußern werden. Wie ſollte bei richtiger Behandlung dieſer Lectüre, welche natürlich nicht dazu benutzt werden darf, um Grammatik zu treiben, an einem Jüngling das herr⸗ ⁵) Krauſe, Geſchichte der Erziehung, des Unterrichts und der Bildung bei den Griechen, Etruskern und Römern, Halle 1851, S. 25. ⁴) In Schmid's Encyklopädie des Erziehungs⸗ und Unterrichtsweſens, 6. Bd. unter Plato. ) Symp. 218, b. 5 liche Lebensbild des Sokrates ohne Eindruck vorüber gehen? Dieſer Mann, der in ſeinem eigenen Leben Wort und That zum ſchönſten Einklang brachte und ſo die ächt helleniſche Harmonie in ſich darſtellte 8), vor dem allein Alkibiades Scham empfand ⁹), wie erhaben erſcheint er in ſeiner Vertheidigungsrede, in welcher er erklärt, daß es dem tüchtigen Manne gezieme, die einmal eingenommene Stelle zu behaupten und der Gefahr zu trotzen, ohne den Tod oder ſonſt irgend etwas Schmachvolles zu beachten 10). Mit welcher Feſtigkeit der Ueberzeugung ſpricht er es aus, daß, ſelbſt wenn ihn die Athener unter der Bedin⸗ gung freilaſſen würden, daß er mit Lehren aufhöre, daß er aber, wenn er damit fortfahre, ſterben müſſe, er doch nicht ablaſſen werde, ſie zu ermahnen und zurecht zu weiſen, denn er werde Gott mehr als den Menſchen gehorchen ¹¹). Eine wahrhaft chriſtliche Geſinnung zeigt er in dem Ausſpruche, daß Unrecht⸗ leiden beſſer ſei als Unrechtthun und daß es für den Schlechten kein größeres Unglück gebe, als ungeſtraft im Unrecht zu verharren; der Edle und Wackere ſei für glücklich, der Ungerechte und Schlechte für elend zu halten ¹²). Welches Beiſpiel ächter Bürgertugend gibt er dadurch, daß, obgleich er den Spruch, der ihn verurtheilt, als einen ungerechten erkannte, er doch demſelben ruhig ſich unterwirft, weil beſtehende geſetzliche Beſtimmungen und geſetzliche Formen dabei beobachtet worden waren. Wie getroſten Sinnes geht er dem Tode entgegen, ſo daß er ſeinen Freunden glücklich erſcheint und ſie annehmen müſſen, daß auch in der Unterwelt er, wenn irgend ſonſt einer je, ſich wohl befinden werde ¹³). Auf eine von dem Gifte der Blaſirtheit noch nicht angefreſſene Jugend muß eine ſo edle Perſönlichkeit die nachhaltigſte Wirkung ausüben, muß ſie erwärmen, begeiſtern und zur Nacheiferung anſpornen. Bei einer Würdigung der pädagogiſchen Bedeutung Platon's dürfen auch die Schattenſeiten, welche naturgemäß mit ſo großen Vorzügen verbunden ſind, nicht unerwähnt bleiben. Er ſpricht manche Anſichten aus, welche durchaus nicht zu billigen ſind. So betrachtet er die Ehe in unwürdiger Weiſe nur als ein Mittel zur Fortpflanzung und ſetzt das Weib, obgleich er es durch Erziehung und Unterricht über den Standpunkt ſeiner Zeit heben will, durch die in dem Staate gelehrte Weibergemeinſchaft ſelbſt noch unter den damaligen Culturzuſtand herab. Ebenſo verwerflich iſt ſeine Kaſteneintheilung, die ſchon in pädagogi⸗ ſcher Hinſicht deshalb nicht gebilligt werden kann, weil ſie den dritten Stand von der Erziehung aus⸗ ſchließt. Hiermit hängt die unnatürliche Lehre von der Aufhebung des Eigenthums ſowie die ariſtokratiſche Geringſchätzung der Händearbeit und des arbeitenden Standes zuſammen, Anſichten, welche für unſere Zeit, in welcher die Bildung möglichſt zu einem Gemeingute Aller werden ſoll, jegliche Berechtigung ver⸗ loren haben. Obgleich die Schriften Platons gewöhnlich um ihrer philoſophiſchen und ſprachlichen Bedeutung willen bearbeitet werden, ſo iſt doch auch von Vielen theils in Monographien ¹⁴), theils in Werken über Geſchichte der alten Erziehung ¹⁵) ihr pädagogiſcher Inhalt mehr oder minder ausführlich behandelt ³) Lach. 188, d. ) Symp. 216, b. ¹⁰) Apolog. 28, d. ¹u) Ibid. 29, e, d. ¹²) Gorg. 470, e. ¹3) Phaedon. 58, e. 4 ¹⁴) Z. B. Kapp, Platon's Erziehungslehre oder deſſen praktiſche Philoſophie, Minden und Leipzig 1833.— Vol⸗ quardſen, Platon's Idee des perſönlichen Geiſtes und ſeine Lehre über Erziehung, Schulunterricht und wiſſenſchaftliche Bildung, Berlin 1860. ¹3) Cramer, Geſchichte der Erziehung und des Unterrichts im Alterthume. 1. Bd. praktiſche Erziehung, Elberfeld 1832. 2. Bd. theoretiſche Erziehung, Elberfeld 1838. 1 6 worden. Ebenſo haben die Verfaſſer philoſophiſcher wie ſtaatswiſſenſchaftlicher Werke auf die Pädagogik Platon's Rückſicht genommen. Jedoch benntzen die meiſten derſelben vorzugsweiſe nur die Politeia, weil in dieſer das Erziehungsſyſtem am vollſtändigſten niedergelegt iſt, und ſchenken den übrigen Schriften, unter welchen in dieſer Beziehung die Geſetze nicht minder wichtig ſind, nur gelegentliche Beachtung. Faſt in allen Dialogen aber finden ſich Stellen, welche uns theils Platon's eigene Gedanken über Erziehung und Unterricht überliefern, theils Andeutungen darüber enthalten, wie beide zu ſeiner Zeit beſchaffen waren. Häufig begegnet man nun in geſchichtlichen Werken über alte Pädagogik dem Fehler, daß Stellen, welche die theoretiſche Erziehung betreffen, zur praktiſchen Erziehung gerechnet werden, d. h. daß das, was Platon in der Politeia oder in den Geſetzen als in ſeinem Staate einzuführend bezeichnete, als in den griechiſchen Staaten, beſonders in Athen, eingeführt angeſehen wird. Da ich mir vorgenommen habe, aus platoniſchen Stellen ſowohl ein ungefähres Bild der Erziehung und des Unterrichts zur Zeit Platon's als auch eine Darſtellung ſeines Erziehungsſyſtems zu geben, ſo werde ich in dieſem erſten Theile nur diejenigen Stellen berückſichtigen und anführen, welche auf die praktiſche Erziehung Bezug haben, alſo ſolche, welche auf damals beſtehende Verhältniſſe und Einrichtungen hinweiſen, über welche der Schrift⸗ ſteller ſich theils zuſtimmend theils mißbilligend äußert. Das Syſtem der Erziehung aber ſoll hier noch nicht beſprochen werden, doch hoffe ich dies ſpäter thun zu können, und vorliegende Arbeit mag gleichſam als eine Einleitung gelten, durch welche eine Vergleichung von Platon's Forderungen mit den Zuſtänden ſeiner Zeit erleichtert werden ſoll.. Obgleich für meine Aufgabe die Frage nach der Aechtheit der einzelnen unter Platon's Namen überlieferten Schriften von Wichtigkeit iſt, ſo kann ich doch hier weder auf Specialitäten näher eingehen, noch das Für und Wider bei jedem einzelnen Werke erörtern. Im Allgemeinen iſt man jetzt von der früher graſſirenden Verdächtigungswuth, in welcher ſich beſonders Aſt ausgezeichnet hat, ziemlich zurück⸗ gekommen. Die Kritik wird auf beſonnene Weiſe geübt und es iſt nicht mehr dem ſubjectiven Ermeſſen überlaſſen, nach ſouveränem Gutdünken über Aechtheit oder Unächtheit zu urtheilen. Zwar brachte jenes abſprechende Treiben inſofern Nutzen, als es zu einer genaueren Prüfung der platoniſchen Schriften und zu dem Fortſchritt der Kritik ſelbſt Veranlaſſung ward. Der Eindruck, den dieſer oder jener aus dem betreffenden Werke erhalten zu haben glaubt, gibt nicht mehr den Hauptmaßſtab der Beurtheilung ab. Denn wie weit in dieſer Beziehung die Anſichten auseinander gehen können, davon will ich nur zwei Beiſpiele anführen. In dem Parmenides, in welchem Proklos alle Geheimniſſe der Gotteslehre ſuchte, und welchen Marſilius Fieinus für ein himmliſches Werk erklärte, in welchem die ganze Theologie umfaßt ſei, ſo daß derjenige, welcher es zu leſen unternehme, ſich hierzu durch Nüchternheit und Geiſtesfreiheit vorbereitet haben müſſe, findet Tiedemann nur einen Haufen dunkler Sophismen, Socher ¹⁰) wirft ihn zugleich mit dem Sophiſten und Politicus zu der Schaar der unächten, während K. Fr. Hermann ¹*¹) darin„eins der Meiſterwerke ſpeculativen Scharfſinns, das einen unſterblichen Fortſchritt der philoſophiſchen Einſicht enthält“ erblickt. Den erſten Alkibiades, welcher den Neuplatonikern als eine der reinſten Quellen platoniſcher Weisheit galt, erklärt Schleiermacher, dem Aſt bereitwillig zuſtimmt, für des Platon völlig unwürdig. Dieſe Beiſpiele, welche leicht noch vermehrt werden könnten, mögen hinreichen, um darzuthun, wie das ſubjective Gefühl nicht mit Sicherheit über die Aechtheit einer Schrift entſcheiden kann, indem häufig der Eine da ein mißrathenes Werk eines unverſtändigen Nachahmers findet, wo der Andere himmliſche Weisheit zu ſehen glaubt. Die richtige Weiſe, wie bei einer Unächtheitserklärung zu ¹3) Socher, über Platon's Schriften, München 1820. ¹⁷) K. Fr. Hermann, Geſchichte und Syſtem der platoniſchen Philoſophie, 1. Theit, Heddelberg 1839. 7 verfahren ſei, hat Hermann augegeben ¹s); er ſagt nämlich:„Man darf nicht vergeſſen, daß auch die erwieſene Möglichkeit einer Fälſchung noch nicht die Gewißheit derſelben mit ſich bringt, und wo ein ver⸗ jährter Beſitzſtand vor uns liegt, der Beweis demjenigen zufällt, der ihn zu ſtören unternimmt.“ Unter allen aufgetauchten Verdächtigungen iſt für meine Aufgabe keine von größerer Wichtigkeit als die, welche die Aechtheit der Geſetze in Zweifel ſtellt. Schon Aſt hat dieſelben in ſeiner abſprechenden Manier mit den Worten abgethan, daß der Kenner des ächten Platon nur Eine Seite in den Geſetzen zu leſen brauche, um ſich zu überzeugen, daß er einen maskirten Platon vor ſich habe; am ſchärfſten wurde ihre Aechtheit von Zeller angefochten; jedoch hat dieſer ſpäter die Erklärung abgegeben, daß ihm die Unächtheit der Geſetze nicht mehr eben ſo feſt ſtehe, wie früher ¹2). Aus Gründen, welche weitläufig zu entwickeln hier der Ort nicht iſt, halte ich die Geſetze entſchieden für ächt, ſogar für ein in mehrfacher Hinſicht vor allen übrigen ausgezeichnetes Werk und trage daher kein Bedenken, die in denſelben über Erziehung ausge⸗ ſprochenen Lehren in gleicher Weiſe wie die der Politeia als platoniſch zu betrachten. Wenn in Folgendem einmal unzweifelhaft unächte Schriften, wie Theages, Anteraſten und Kleitophon, citirt werden, ſo ſind dieſelben nur deshalb beigezogen, weil ſie möglicherweiſe aus Platon's Zeit herrühren können ²⁰¹). II ¹). Unter griechiſcher Bildung verſteht man vorzugsweiſe die atheniſche, was auch ganz natürlich iſt, da ſowohl über die einſchlägigen Verhältniſſe in anderen Staaten keine genauen Nachrichten vorliegen, als auch in Athen griechiſche Bildung ſich zur ſchönſten Blüthe entfaltete, ſo daß ſelbſt Platon, trotz ſeiner Vorliebe für den Dorismus, ſeinen Landsleuten in dieſer Beziehung den Vorzug einräumt. Für Zucht und Gewöhnung dagegen iſt ihm Sparta ein Vorbild, während hinſichtlich des Unterrichts die Spartaner als ungebildet bezeichnet werden. So ſagt Hippias auf die Frage des Sokrates, ob die Lacedämonier etwas über Geometrie hören wollten, dazu hätten ſie durchaus keine Luſt, denn viele von ihnen könnten nicht einmal zählen ²). Dieſe geringe Bildung der Spartaner wird auch von anderen alten Schriftſtellern behauptet, ſo von Iſokrates und Ariſtoteles, welcher letztere ihnen ſogar den Vorwurf macht, daß ſie ihre Kinder zu thieriſcher Wildheit erzögen und ihnen in den nothwendigſten Dingen keinen Unterricht zu Theil werden ließen. Mit dieſen geringſchätzigen Urtheilen über ſpartaniſche Bildung ſteht eine Aeußerung des 46) a. a. O., S. 411. ¹6) Zeller, Philoſophie der Griechen, 2. Theil, Tübingen 1846, S. 329. ²⁰) Es möge hier ein Umſtand, der von jeher den Erklärern Platon's große Schwierigkeiten bereitet hat, Erwähnung finden. Viele der Dialoge ſchließen bekanntlich nicht mit einem beſtimmten Reſultate, ſondern brechen ſcheinbar ohne Ergeb⸗ niß mitten in der Unterſuchung ab, ſo daß der Leſer über die Anſicht Platon's im Zweifel bleibt. So meint z. B. Krauſe, im Protagoras ſei gezeigt, daß die Tugend nicht lehrbar ſei, während Deuſchle(in ſeiner Ausgabe des Prot., S. 120) das Gegentheil als nachgewieſen annimmt, eine Anſicht, welche mit Recht von der Mehrzahl der Erklärer getheilt wird. Aehnliche Zweifel ruft die eigenthümliche Vereinigung des Scherzes und Ernſtes hervor, bei welcher es in manchen Dialogen, wie im Kratylos, ſich kaum ermitteln läßt, wo erſterer aufhört und letzterer anfängt. ¹) Ich habe es vorgezogen, die Beweisſtellen nicht im Urtext, ſondern Deutſch mitzutheilen. Ein großer Theil der⸗ ſelben iſt in kürzerer Faſſung gegeben, andere ſind, zum Theil mit geringer Abänderung, der Ueberſetzung von H. Müller entnommen. Platon's ſämmtliche Werke, überſetzt von H. Müller, mit Einleitungen begleitet von K. Steinhart, 7 Bde, Leipzig 1850— 1859. Durch die vortrefflichen, höchſt geiſtreichen Einleitungen Steinhart's iſt das Verſtändniß der platoniſchen Werke um ein Bedeutendes gefördert worden. ²) Hipp. mai. 285, c.— Protag. 342, b, macht Sokrates ironiſch Kreta und Sparta zu Sitzen der Sophiſtik und behauptet, die Spartaner ſtellten ſich nur, als ſeien ſie ungebildet, sx½arldorrat duasde dwqa. 8 Sokrates in ſcheinbarem Widerſpruch. Dieſer ſagt nämlich ³), wenn Jemand mit dem unbedeutendſten Lacedämonier eine Unterredung anknüpfe, ſo werde ihm derſelbe größtentheils im Geſpräch unbedeutend erſcheinen; dann aber werfe er an irgend einer Stelle der Unterhaltung, wie ein geſchickter Speerwerfer, ein kurzes, inhaltſchweres, wohl zu beachtendes Wort hin, ſo daß der Zwiſchenredner wie ein unverſtändiger Knabe gegen ihn erſcheine. Solche Ausſprüche zu thun ſei nur die Sache eines vollkommen ausgebildeten Mannes.— Es iſt nicht ſchwer, die Aeußerung des Hippias mit der des Sokrates in Einklang zu bringen; jener ſpricht von dem mangelhaften Unterrichte, dieſer von der durch ſtrenge Zucht hervorgebrachten inneren Bildung, welche den Spartanern nicht abzuſprechen iſt. Derſelbe Hippias bemerkt weiter ⁴), daß es in Sparta nicht üblich ſei an den Geſetzen zu rütteln oder bei der Erziehung der Söhne dem Her⸗ kommen zuwider zu verfahren; das Geſetz geſtatte bei derſelben keine ausländiſche Weiſe. Nur für Geſchichte hätten die Spartaner Intereſſe; denn ſie hörten am liebſten von den Stammbäumen der Heroen ſowohl als Menſchen und den Niederlaſſungen, wie die Städte vor Alters gegründet worden ſeien, mit einem Worte von der geſammten Kunde alter Zeit. Daß im Gegenſatz zu Sparta in Athen zur Zeit Platon's Erziehung und Unterricht in hohem Anſehen geſtanden haben müſſen, ergiebt ſich aus vielen Stellen ſeiner Schriften. Wie könnte er ſonſt die Anſicht aufſtellen, daß beide die nothwendige Grundlage jedes Staates ſeien und ein gut erzogener Bürger keiner Geſetze bedürfe? Findet er doch, daß, wenn in einem Staate Bettler, Diebe, Beutel⸗ ſchneider, Tempelräuber und dergleichen Leute angetroffen werden, dies ſeinen Grund in dem Mangel an Unterweiſung und Erziehung habe 5). So hegen die im Laches auftretenden Alten, deren Bildung von ihren Vätern vernachläſſigt worden war, die Abſicht, bei ihren Söhnen nicht in denſelben Fehler zu ver⸗ fallen; ſie ſind ſogar geneigt, des Guten zu viel zu thun, indem ſie ſelbſt Gegenſtände, deren bildende Kraft noch nicht erwieſen iſt, in den Unterricht aufgenommen wiſſen wollen. Ueber nichts Göttlicheres kann wohl ein Menſch einen Beſchluß zu faſſen haben, als über ſeine eigene und ſeiner Angehörigen Aus⸗ bildung ⁶), und ein vernünftiger Mann kann nichts ernſtlicher betreiben, als daß ſein Sohn ſo tüchtig als möglich werde ²). In ähnlicher Weiſe ſagt Sokrates bei Xenophon), es gebe kein größeres Unglück, als ſchlechte Kinder zu haben. Die Nachtheile einer ſchlechten Erziehung werden mehrfach hervorgehoben und Platon liebt es beſonders die Staatsmänner anzuklagen, daß ſie für das geiſtige Wohl ihrer Kinder keine Sorge trügen. Ebenſo wie die Geſundheit der Körper durch Ruhe und Trägheit zu Grunde geht, dagegen durch Leibesübungen und Bewegung erhalten wird, ſo erwirbt die Seele durch Lernen und Uebung, was Bewegungen ſind, Kenntniſſe und bewahrt und vermehrt dieſelben; durch Ruhe aber, d. h. durch Mangel an Uebung und Lernbegier gewinnt ſie nicht an Kenntniſſen, ſondern vergißt ſogar das etwa Erlernte). Bei der allgemein durchgedrungenen Ueberzeugung von dem Werthe einer tüchtigen Bildung bedurfte es keiner beſonderen Geſetze; doch geſchieht ſolcher Erwähnung, welche dem Vater die Pflicht auferlegen, den Sohn geiſtig und körperlich ausbilden zu laſſen ¹⁰). Derartige geſetzliche Beſtimmungen werden von ³) Protag. 342, d, e. 4) Hipp. mai. 284, b, c. ⁶) Rep. VIII, 552, d, e. ⁶) Theag. 122, b. 7) Ibid. 127, d. 35 ³) Xen. Memorab. IV, 4, 22. *) Theaet. 153, b. ¹0) Criton. 50, d: 4» uoud*h ad utvadta audeueev. 9 einigen Schriftſtellern angeführt; doch darf man an eine beſondere Ueberwachung und Controle des Unterrichtsweſens von Seiten des Staates nicht denken und eben ſo wenig iſt man berechtigt, aus der oben citirten Stelle die allgemeine Schulpflichtigkeit zu folgern. Sagt doch Sokrates dem Alkibiades, daß ſich um ſeine und jedes andern Atheners Geburt, Erziehung und Unterweiſung Niemand kümmere, es müßte es denn etwa ein Liebhaber thun ¹¹). Die hinſichtlich der Verpflichtung zur Erziehung beſtehenden Geſetze mögen wohl ſolche geweſen ſein, wie das von Aeſchines erwähnte, wonach Eltern, welche ihre Kinder Nichts hatten lernen laſſen, im Alter keinen Anſpruch auf Pflege und Unterhalt von Seiten der⸗ ſelben erheben konnten. Doch iſt auch dieſe Beſtimmung etwas zweifelhaft, indem Geſetzesanführungen bei Rednern ſich keiner beſonderen Glaubwürdigkeit erfreuen ¹²). Man ſtrebte im Alterthum nicht danach, durch Unterricht und Erziehung für einen ſpeciellen Beruf vorzubereiten, ſondern ſuchte allgemeine Bildung(aιdeia) ſich zu erwerben. So hat der im Protagoras auftretende Hippokrates den gewöhnlichen Schulunterricht erhalten, hat Muſik und Gymnaſtik geübt, nicht aber um aus dem Gelernten ſpäter ein Geſchäft zu machen, ſondern zu allgemeiner Bildung ¹³). Platon erklärt ſich gegen einen Mißbrauch der Wiſſenſchaft zu den Geſchäften des gewöhnlichen Lebens beſonders in den Stellen, in welchen er von der Arithmetik ſpricht. Er warnt nämlich davor, dieſelbe ſo wie Aegypter und Phöniker, welche er als erwerbsluſtig bezeichnet 44), nur wegen des Gelderwerbs zu betreiben, indem alsdann dieſe Bildungsmittel nicht eigentliche Bildung, ſondern Verſchlagenheit erzeugen würden ¹⁵). Was für ein Urtheil würde er, der weder des Kaufs und Verkaufs wegen noch um Handels⸗ leute und Weinhändler zu bilden die Rechenkunſt geübt haben will ¹6), über die Handelsſchulen der Neu⸗ zeit fällen? Ein anſchauliches Bild der atheniſchen Erziehung iſt im Protagoras ¹*) gezeichnet:„Mit den erſten Kinderjahren fangen ſie an und belehren und weiſen ſie zurecht, ſo lange ſie leben. Sobald nur ein Kind, was ihm geſagt wird, begreift, wetteifern Amme und Mutter und Aufſeher und der Vater ſelbſt darin, wie das Kind möglichſt wacker werde, indem ſie bei Allem, was es ſagt oder thut, es belehren und ihm nachweiſen: das iſt gerecht, das ungerecht; das löblich, das verwerflich; das fromm, das gottlos; das thue, das thue nicht. Und gehorcht es gutwillig, wohl; wo nicht, geben ſie ihm, wie einem Holze, das ſich krümmt oder verwirft, durch Drohungen und Schläge die rechte Richtung. Schicken ſie es darauf zu einem Lehrer, dann legen ſie es dieſem weit mehr an das Herz, für die gute Zucht ihrer Kinder zu ſorgen, als für Leſen und Citherſpiel. Die Lehrer aber tragen dafür Sorge, und haben jene nun das Leſen gelernt und fangen an, wie früher das Geſprochene, das Geſchriebene zu begreifen, dann geben ſie ihnen auf den Bänken die Verſe guter Dichter und nöthigen ſie, dieſelben auswendig zu lernen, welche viele Ermahnungen enthalten, viele Schilderungen und den Preis und das Lob wackerer Männer aus alter Zeit, damit die Knaben ſie nachzuahmen ſich beſtreben und ihnen ähnlich zu werden wünſchen. In ähnlicher Weiſe tragen auch die Muſiklehrer für gute Sitten Sorge, damit die Jünglinge dagegen ſich nicht vergehen; ſie lehren ſie außerdem, nachdem dieſelben das Citherſpiel erlernt, auch die Geſänge ¹1) Alcib. I, 122, b. ¹²) Krauſe a. a. O., S. 83 citirt Leg. VII, 804, d, wo aber nicht von einem beſtehenden Geſebe, ſondern von einem in dem neuen Staate einzuführenden die Rede iſt. ¹3) Protag. 312, b oux dr r4ν dA* sa maideig. In gleicher Bedeutung ſteht aideia Gorg. 485, a. ¹4) Rep. IV, 436, a.... ¹5) Leg. V, 747, c. ¹6) Rep. VII, 525, c. 12) Protag. 325 und 326. anderer guter Dichter, der Liederſänger, die ſie dem Citherſpiel unterlegen, und erzeugen unabweislich in den Gemüthern der Knaben das Gefühl für Takt und Einklang, damit ſie milder werden, und nachdem ſie für Takt und Wohlklang empfänglicher wurden, tauglich zum Handeln und Reden; denn des Menſchen geſammtes Leben bedarf des Ebenmaßes und der Harmonie. Außerdem ſchicken ſie dieſelben ferner zum Ringmeiſter, damit ein kräftiger Körper die veredelte Geſinnung unterſtütze und damit ſie nicht durch des Körpers ſchlechte Beſchaffenheit im Kriege und bei anderen Unternehmungen zu verzagen genöthigt werden. Und das thun diejenigen, die es am beſten können. Am beſten aber können es die Reichſten. Und die Söhne dieſer fangen am früheſten an, die ihrem Alter angemeſſenen Lehrer zu beſuchen und verlaſſen ſie am ſpäteſten. Sobald ſie aber die Schule verlaſſen haben, nöthigt ſie wieder der Staat, die Geſetze auswendig zu lernen und nach der Vorſchrift dieſer zu leben, damit ſie nicht nach eigener Willkür auf das Gerathewohl verfahren; ſondern gerade ſo wie die Schreiblehrer den Knaben, die noch keine Fertigkeit im Schreiben beſitzen, mit dem Griffel Linien ziehen und indem ſie ihnen die ſo vorgerichtete Schreibtafel geben, dieſelben nöthigen, nach Anleitung der Linien zu ſchreiben, ſo ſchreibt auch der Staat Geſetze, erſonnen von weiſen alten Geſetzgebern, vor, nöthigt zu deren Bewachung die Befehlenden und die Ge⸗ horchenden und beſtraft denjenigen, der ſie übertritt.“ Die hier in großen Zügen entworfene Schilderung der atheniſchen Erziehung wird durch die folgende Beſprechung der einzelnen Theile derſelben die nöthige Erläuterung und Ergänzung finden. Was die Pflege und Behandlung des Kindes in der erſten Lebenszeit betrifft, ſo verdient erwähnt zu werden, daß Platon Wiegen noch nicht gekannt hat. Dies iſt daraus zu ſchließen, daß derſelbe, während er ausdrücklich eine ſchaukelnde Bewegung für die Kinder verlangt ¹8), einer der Wiege ähnlichen Vorrichtung nicht gedenkt. Indem er nämlich drei Arten der Bewegung unterſcheidet, hält er die durch Leibesübungen für die beſte, die auf Seereiſen und Fahrten, die mit keiner Anſtrengung verbunden ſind, für die nächſtbeſte ¹9), und gerade dieſe würde dem Wiegen entſprechen. Erſt in viel ſpäterer Zeit kamen Wiegen in Gebrauch. Das neugeborene Kind wurde bei dem am fünften Tage nach der Geburt ſtatt⸗ findenden Feſte der Amphidromien um den Herd des Hauſes herumgetragen, und dann erſt gab der Vater die Erklärung ab, ob er es erziehen wolle oder nicht 20). Den Kindern mangelte es nicht an Spiel⸗ zeug und man ſcheint die Wichtigkeit des Spielens ſchon eingeſehen zu haben, indem ſelbſt der Pythagoreer Archytas nach dem Zeugniß des Ariſtoteles als Erfinder einer Kinderklapper genannt wird. Die Kinder hatten Puppen,*dz, welche aus Thon verfertigt und mit Farben bemalt waren ²¹). Man kennt aus den Angaben anderer Schriftſteller noch eine Anzahl von Spielen, die zum Theil mit den jetzt üblichen ziemlich übereinſtimmen. Platon erwähnt Oſtrakinda, das Scherbenſpiel, bei welchem die Knaben in zwei Theile getheilt waren und von einem der Spieler eine auf der einen Seite weiß, auf der andern ſchwarz gefärbte Scherbe empor geworfen wurde; je nachdem dieſe fiel und entweder weiß oder ſchwarz oben hin zu liegen kam, mußte die eine oder die andere Partei die Flucht ergreifen und wurde von der anderen verfolgt ²²). Platon hat die Nothwendigkeit und den Nutzen wie überhaupt die pädagogiſche Bedeutung der Spiele wohl erkannt. Er hält ſie für ein Bedürfniß der Kinderjahre und meint, daß die Kinder, wenn ſie zuſammenkommen, von ſelbſt darauf verfallen und ſolche erfinden ²³). Jedoch will er keine Veränderung ¹8) Leg. VII, 790, c, d. ¹0) Tim. 89, a. 8 ²⁰) Theaet. 160, e— 161, a. 3 2¹) Ibid. 147, a, iſt von dem Thon der Puppenmacher die Rede. ²²) Phaedr. 241, b; Rep. VII, 521, c. ²³) Leg. VII, 793, e— 794, a. 11 derſelben, ſondern dieſelben Spiele ſollen immer in derſelben Weiſe getrieben werden, indem ſchon hier⸗ durch die Jugend an das Feſte, Beſtehende gewöhnt werde; erlaube man ihr aber immer zu ändern, ſo werde ſie neuerungsſüchtig und trage dann dieſen Sinn auch ſpäter ins öffentliche Leben und den Staat über und ſuche an den Geſetzen zu rütteln 24). Nothwendigerweiſe müſſen Knaben, die in ihren Spielen Aenderungen vornehmen, zu anderen Männern werden, als die Knaben früherer Zeit 2⁵). Er ſieht in den Spielen eine Vorbereitung auf die ernſte Thätigkeit des Lebens und behauptet:„Wer als Mann zu irgend etwas Tüchtigem es bringen will, der muß ſogleich vom Knaben auf, in. Spiel und Ernſt, in jedem zu ſolchem Berufe Gehörigen ſich üben. So, wer ein tüchtiger Landwirth oder Baukünſtler werden will, deſſen Spiel muß bei dem Einen in Aufführung kindiſcher Bauwerke, bei dem Andern in landwirthſchaft⸗ lichen Beſchäftigungen beſtehen, und der Erzieher jedes der Beiden muß bei Jedem für kleine Hand⸗ werksgeräthe, Nachbildungen der wirklichen, ſorgen. So wie vornehmlich auch, daß derſelbe die Kenntniſſe, die einer zuvor ſich erworben haben muß, vorher ſpielend ſich erwerbe, wie der Baumeiſter das Meſſen und Richten, der zum Krieger Beſtimmte das Reiten, oder etwas Anderes der Art, und ſich bemühen, durch dieſe Spielübungen den Neigungen und Begierden der Knaben die Richtung zu geben, in der ſie, wenn ſie dazu gelangten, beharren müſſen. Für das hauptſächlich auf die Bildung Hinwirkende erklären wir aber eine richtige Erziehung, welche ſpielend die Seele vor Allem zur Liebe deſſen hinleitet, was erforderlich iſt, damit der zum Mann Herangereifte zur vollkommenen Meiſterſchaft in ſeinem Geſchäfte gelange“ ²6). Den Müttern und Wärterinnen wird von Platon vorgeworfen ²⁷), daß durch ihren Unver⸗ ſtand die Kinder hinſichtlich der Hände gewiſſermaßen erlahmten, indem ſie gewöhnt würden, ſich faſt ausſchließlich der rechten Hand zu bedienen, während doch die natürliche Beſchaffenheit der beiderſeitigen Glieder dieſelbe ſei und nur durch den nicht richtigen Gebrauch ihre Verſchiedenheit bewirkt werde. Als Mittel zur Zucht werden zunächſt Ermahnungen angewendet, indem Viele, wenn ihre Söhne einen Fehltritt begehen, ſie theils ſchelten, theils in milderer Weiſe ihnen zureden 28). Platon legt auf das eigene Beiſpiel einen höheren Werth. Es zieme ſich nämlich, den Kindern nicht Gold, ſondern eine ſittliche Scheu zu hinterlaſſen. Die beſte Zucht hierzu beſtehe darin, daß nicht irgend einmal einer der Jüngeren die Aelteren etwas Schimpfliches thun oder ſagen höre oder ſehe, und daß man Jemanden ſein ganzes Leben hindurch das thun ſehe, was er etwa einen Anderen ermahnend ſagen dürfte ²*). Be⸗ ſonders wurde den Kindern Ehrfurcht vor den Eltern eingeprägt, und man glaubte, daß ſelbſt leichte und geflügelte Worte der Kinder gegen ihre Eltern von der Nemeſis der Dike zur ſchweren Beſtrafung zur Anzeige gebracht würden ³⁰). Schläge anzuweuden trug man kein Bedenken und war in dieſer Beziehung von mattherzigem Philanthropinismus weit entfernt. Dies ergibt ſich aus der ſchon angeführten Stelle des Protagoras und ebenſo ſagt Lyſis, daß wenn er an die ſeiner Mutter gehörigen Gegenſtände, wie Webſtuhl, gehe, um daran zu ſpielen, er wohl geſchlagen würde ³¹). Wie Schläge faſt als nothwendiges Hülfsmittel beim Unterrichte angeſehen wurden, zeigt die ſcherzhafte Aeußerung des Sokrates ³²), daß er 24) Leg. VII, 797, a— e. ²⁶) Ibid. 798, c; cf. Rep. IV, 424, e— 425, a. ²) Leg. I. 643, b— d. *⁷) Ibid. VII, 794, e. ²³) Sophist. 229, c. 2²⁰) Leg. V, 729, b, c. 30) Ibid. IV, 717, d. ³¹) Lys. 208, e. ³²) Menex. 236, c. 7 2* 12 die Rede von Aſpaſia gelernt und beinahe Schläge bekommen habe, wenn er etwas vergeſſen hätte. Jedoch erkannte man ſchon frühe, daß Uebermaß zu vermeiden ſei und weder zu große Nachſicht noch übertriebene Strenge günſtigen Erfolg habe, wie wenigſtens als die bei den Athenern herrſchende Anſicht dieſe ausgeſprochen wird, daß zu große Nachſicht den Charakter mürriſch, jähzornig und durch Kleinigkeiten erregbar, das Gegentheil davon aber, eine zu ſtrenge und ſklaviſche Behandlung, ihn durch eine niedrige, unfreie und menſchenfeindliche Geſinnung für das Zuſammenleben untauglich mache ³³). Die Strafen ſollen das Ehrgefühl nicht verletzen; jedoch darf man Vergehen nicht unbeſtraft laſſen, weil dies den Muth⸗ willen noch mehr reizen würde ³⁴). Durch mancherlei Schreckbilder und Spukgeſtalten ſuchte man die Kinder von Unarten abzuhalten, ein Verfahren, welches Platon, der in den Seelen der Kinder keine Furcht aufkommen laſſen will, entſchieden mißbilligt ³5). Zur Beſchwichtigung und Unterhaltung wurden den Kindern von den Wärterinnen Geſchichten und Mährchen erzählt, die ſich meiſt auf mythologiſche Gegenſtände bezogen. Daß dies allgemeine Sitte war, geht ſchon daraus hervor, daß derartige Erzählungen ſprüchwörtlich geworden ſind 36). Platon war mit dem Inhalt der meiſten gar nicht einverſtanden. Deshalb will er, daß die Sagendichter beaufſichtigt werden und nur die ſchönen unter den von ihnen gedichteten Sagen aufgenommen werden ſollen; dieſe als gut erkannten müßten von den Müttern und Wärterinnen den Kindern erzählt und hierdurch deren Seelen gebildet werden; die meiſten von denen aber, welche ſie jetzt erzählten, ſeien zu verwerfen. Er tadelt beſonders diejenigen Geſchichten, in welchen die Götter als ſchlecht dargeſtellt werden, wie die Feſſelung der Hera, das Herabwerfen des Hephäſtos, die Kämpfe der Götter gegeneinander u. A. m. Er verkennt nicht, daß ſolche Erzählungen auf die Jugend einen ſehr tiefen Eindruck machen und um ſo mehr bedürfe es der Ueberwachung, da bei jedem Werke der Anfang das Wichtigſte ſei, zumal bei einem jugendlichen und zarten Gemüthe. Denn gerade bei dieſem laſſe ſich das Gepräge, welches man ihm geben wollte, am leichteſten und beſtimmteſten aufdrücken ³7). Deshalb ſollen die Greiſe, welche über 60 Jahre alt ſind, das Amt der Mährchenerzähler übernehmen 3s).— Bei der häuslichen Erziehung wurde dem Kinde die Beobachtung des äußeren Anſtandes, auf welchen die Griechen hohen Werth legten, ſchon frühe eingeprägt. Für wie nothwendig ein anſtändiges äußeres Erſcheinen gehalten wurde, zeigt ſchon der Umſtand, daß man aus der Art des Umwerfens des Mantels den Gebildeten vom dem Ungebildeten unterſcheiden zu können glaubte ³⁵). Wenn der Knabe zur Schule ging, war es Sache des ihn dorthin begleitenden Pädagogen, für das anſtändige Betragen ſeines Schütz⸗ lings(eu ναοαααια⁴α) beſorgt zu ſein, und auch die Lehrer waren angewieſen, beſonders darauf zu achten. Während die Knaben in einem gewiſſen Alter zur Schule geſchickt wurden, blieben die Mädchen dagegen zu Hauſe, und ihnen wurde keine andere Unterweiſung zu Theil, als die durch Mütter und Wärterinnen, die ihnen natürlich keine eigentlichen Schulkenntniſſe mittheilen, ſondern ſie nur zur Führung des Hausweſens anleiten konnten. So ſtellt Meno als Tugend des Weibes einfach die hin, das Haus⸗ 33) Leg. VII, 791, d. ³¹) Ibid. 793, e. ³⁵) Ibid. 792, b; Rep. II, 381, e. 36) 6 Jeyενς οαέν νυνς, Theaet. 176, b; cf. Gorg. 527, a; Hipp. mai. 286, a; Rep. I, 350, e— aniles fabellae, Horat. Sat. II, 6, 77 und 78.. ³⁷) Rep. II, 377 seqq.; Leg. X, 887, d. ³8) Leg. II, 664, d. ³⁸) Theaet. 175, e: dνα„⁴αeƷναιαι dς oue drιαταρμιμνοων πι⁴εεια dεννιμέςο⁸. weſen gut zu verwalten und dem Manne gehorſam zu ſein 4⁰), worauf Sokrates fragt, ob der Mann vorzugsweiſe zur Verwaltung des Staates, das Weib aber zu der des Hausweſens berufen ſei 44). Ob⸗ wohl es möglich iſt, daß gewiſſe Kenntniſſe durch Tradition bei den Frauen ſich forterbten, ſo war ihre Bildung doch eine ſehr dürftige, und hierzu kam noch, daß ſie der Sitte gemäß ſtets in häuslicher Zu⸗ rückgezogenheit leben mußten, wodurch ihnen die Möglichkeit, durch das öffentliche Leben ſich weiter zu bilden, abgeſchnitten wurde. Daher hatte ſelbſt ihre Sprache etwas Alterthümliches und Altfränkiſches ⁴²). Nur die ſpartaniſchen Frauen ſtanden an Bildung ihren Männern näher und übten deshalb einen größeren Einfluß auf dieſelben aus, ein Verhältniß, welches von den übrigen Griechen als Weiberherrſchaft bezeichnet wurde. Platon ſteht zu den Anſichten ſeiner Zeit in dem ſchärfſten Gegenſatz; denn er will in ſeinem Staate die Weiber zu denſelben Geſchäften gebrauchen wie die Männer, ſie ſollen dieſelben Staatsämter bekleiden 43), und deshalb muß ihnen auch derſelbe Unterricht in Muſik und Gymnaſtik zu Theil werden 4); ſelbſt im Reiten und in Führung der Waffen werden ſie geübt ⁴⁵5).„Denn unter den für den Staat Beſchäftigten gibt es keine Beſchäftigung für das Weib als Weib, noch für den Mann als Mann, ſondern unter beiden Weſengattungen ſind die Naturanlagen in gleicher Weiſe vertheilt, und das Weib nimmt ſeiner Natur nach an allen Beſchäftigungen Theil und an allen der Mann, in allen iſt aber das Weib ſchwächer als der Mann“ 4⁴⁶). Auch an anderen Stellen erſcheint das männliche Geſchlecht als das vor⸗ züglichere, das weibliche als nachſtehend 4⁴*). III. Die Gegenſtände des Unterrichts werden von Platon gewöhnlich als„Muſik und Gymnaſtik“ bezeichnet. Erſtere umfaßt nicht nur die Muſik im engeren Sinne des Wortes, ſondern auch die Elemen⸗ tarfächer und beſonders die Kenntniß der Dichter, und iſt wohl am beſten durch„Muſenkunſt“ oder „geiſtige Ausbildung“ zu geben ¹). Platon ſagt beſtimmt, daß die Unterweiſung bei den Körpern in Leibesübungen, bei den Seelen in Muſenkunſt beſtehe ²). An anderen Stellen werden drei Disciplinen genannt, nämlich Elementarfächer, Muſik und Leibesübungen ³). Ariſtoteles fügte zu dieſen drei noch eine vierte, das Zeichnen oder Malen, welches, einer Andeutung nach zu ſchließen, vielleicht ſchon zur Zeit des Sokrates in Aufnahme zu kommen anfing ¹). 4⁰) Meno, 71, e. ¹1) Ibid. 73, a. ⁴¹) Cratyl. 418, c: rh dpo Taiav ανν ⁶ανασι³ of. Cic. de orat. III, 12: facilius enim mulieres in corruptam antiquitatem conservant, quod multorum sermonis expertes ea tenent semper, quae prima didicerunt. 46) Rep. V, 460, b. ¹4) Ibid. 451, e— 452, a. ⁴⁵) Leg. VII, 794, c, d; 804, d. 4⁶) Rep. V, 455, d. 4⁷) Tim. 42, a; Symp. 181, c; Leg. VI, 781, a. ¹) Movoeuy kann auch oft als„Wiſſenſchaft“ gefaßt werden; ſo Protag. 340, a; Cratyl. 406, a; Phaedon. 61, a; 1uou⁶ευαeς: Phaedr. 248, d; Rep. III, 402, d. ²) Rep. II, 376, e; cf. Criton. 50, e. ³) Alcib. I, 106, e: yoaμνμα ual ναρεεν ν σlaiety; cf. Theag. 122, e; Clitoph. 407. ⁴) Protag. 418, b, c. Krauſe a. a. O., S. 88 behauptet, in den Schulen ſei der Unterricht im Zeichnen und der Geographie aufgenommen worden, und führt als Beleg Rep. III, 401, a, b an; dort iſt allerdings von poagezt die 14 Die Schulen zu Platon's Zeit waren Privatanſtalten; öffentliche Schulen ſind nicht nachzuweiſen; der Staat führte keine Aufſicht über das Unterrichtsweſen und kümmerte ſich nicht um Prüfung der Lehrtüchtigkeit und der Methode und um Ueberwachung des Unterrichts. So mag es oft gekommen ſein, daß nur die Noth, nicht natürliche Anlage und Neigung, zum Ergreifen des Lehrerberufs veranlaßte. Beſonders glänzend freilich ſcheint die Stellung der Lehrer nicht geweſen zu ſein; doch weiß man darüber nichts Genaueres. Ueber die Summen, welche Sophiſten und Rhetoren verdienten, finden ſich ſpecielle Angaben ⁵); doch kann man aus dieſen nicht auf die Einnahmen der Lehrer ſchließen. Im Allgemeinen ſcheinen ſie nicht im beſonderen Anſehen geſtanden zu haben; denn wenn auch Platon vom Staat anzu⸗ ſtellende öffentliche Lehrer verlangt ⁶), und hierdurch zeigt, daß er in dieſer Hinſicht allen ſeinen Zeitge⸗ noſſen voraus war, inſofern er eine Oberaufſicht des Staates für nothwendig erachtete, ſo beweiſt doch der Umſtand, daß die Lehrer fremde Miethlinge ſein ſollen, daß er das Geſchäſt derſelben doch nicht ſo ganz für eines freien Mannes würdig hielt. Mit dem Lehrer darf der Pädagog durchaus nicht verwechſelt werden. Dieſer iſt ein Sklave, der den Knaben zur Schule geleitet*) und für Bewahrung des äußeren Anſtandes Sorge trägt. Daß bei der Wahl eines Pädagogen gewöhnlich nicht die zu dieſer Stelle befähigteſten Sklaven, ſondern ſolche genommen wurden, welche man zu nichts Anderem gebrauchen konnte, iſt ſicher. So ſpricht Sokrates 3) von der Pflege und Erziehung der perſiſchen Prinzen, welchen vier der edelſten Perſer, der weiſeſte, der gerechteſte, der beſonnenſte und tapferſte, zu Pädagogen gegeben würden; dem Allibiades aber habe ſein Vormund Perikles als Aufſeher den Thraker Zopyros beſtellt, der wegen ſeines Alters der unbrauchbarſte unter den Sklaven ſei. Wenn Jacobs meint 9), es ſei nicht zu bezweifeln, daß man bei der Wahl der Pädagogen mit Sorgfalt zu Werke gegangen ſei und daß auch die eben erwähnte Stelle dieſer Annahme nicht widerſpreche, indem die körperliche Kraftloſigkeit des Bejahrten ſeine Tüchtigkeit zur Aufſicht nicht ausſchließe, ſo genügt es auf den Schluß des Lyſis zu verweiſen, aus welchem klar hervorgeht, daß Platon die Pädagogen als rohe und ungebildete Sklaven anſieht, welche vernünftigen Zureden unzugänglich trotzig die ihnen über die Knaben übertragene Gewalt geltend zu machen ſuchen. Dort erzählt Sokrates:„Da Rede, aber nicht von ſchulmäßiger Behandlung derſelben. Auch der Geographie geſchieht in der citirten Stelle keine Erwähnung; ich kenne im Platon nur zwei Stellen, welche man auf geographiſchen Unterricht, der aber nur praktiſch betrieben werden ſoll, deuten könnte; nämlich Leg. VII, 760, c und 763, b, wonach die jungen Leute bewaffnet das Land durchſtreifen ſollen, damit ſie mit demſelben bekannt und deſſen kundig werden; denn für Alle möchte wohl ihr eigenes Land zu kennen eine keiner anderen nachſtehende Kenntniß ſein. ⁵) Nach Hipp. mai. 282, b sq. machte Gorgias, als er als Geſandter nach Athen gekommen war, durch ſeine Reden viel Geld, Toiuara aolad eloyddaro. Hippias berichtet von ſich ſelbſt, er habe einſt in Sicilien, als Protagoras dort war und in höherem Anſehen ſtand, doch, obgleich viel jünger als jener, in kurzer Zeit mehr als 150 Minen eingenommen, ja aus einer ganz kleinen Stadt, Inykos, mehr als 20 Minen. Er meint, er habe mehr verdient als jeder der übrigen Sophiſten, ja mehr als je zwei derſelben zuſammen. Auch Protagoras nahm Geld, daher d» aurg 640 98 d ꝓι(ριιοσν*ποιmσ έσε uMl 6 Gνανν, Protag. 310, d. Nach Meno 91, d verdient er mehr als Phidias und zehn andere Bildhauer. Ebenſo ließ ſich Prodikos gut bezahlen und Toyuara aße dauvnadrà dda. Hipp. mai. 282, c. Sein Vortrag über Synonymik, axg d-μαeε ων ⁶ντεmφτ9, koſtete 50 Drachmen. Doch hielt er auch einen, welcher nur Eine Drachme koſtete; dieſen hatte Sokrates gehört, den theueren aber nicht. Cratyl. 384, b. Euenos von Paros lehrte die beiden Söhne des Kallias für 5 Minen. Dies ſcheint übrigens für ein beſcheidenes Honorar gegolten zu haben, da, wohl ironi ſc, htuao⸗ hinzugeſetzt iſt. Apol. 20, b. ⁴) Leg. VII, 804, c, d. ¹) Lys. 208, c. 8) Alcib. I, 121, e— 122, b. ²) Jacobs, vermiſchte Schriften, 3. Theil, Leipzig 1829, S. 187. 15 kamen, wie Dämonen, die Aufſeher des Menexenus und Lyſis, riefen ſie an und geboten ihnen nach Hauſe zu gehen; denn es war ſchon ſpät. Anfangs nun wollten wir und die Umſtehenden dieſelben zurückweiſen; da ſie aber auf uns nichts gaben, ſondern in ihrem ausländiſchen Dialekte ihren Unwillen äußerten und jene nichts deſtoweniger anriefen, ja, vielmehr uns beim Hermesfeſte etwas angetrunken und für verſtändige Vorſtellungen unempfänglich ſchienen, ſo gaben wir ihnen nach und hoben die Unterhaltung auf.“ Eine Aufgabe der Pädagogen war es auch zu verhindern, daß die Liebhaber ſich mit ihren Ge⸗ liebten beſprachen ¹00). Platon meint, daß ebenſo wie den Schafen ein Hirte den Sklaven ein Herr nöthig ſei, den Knaben wegen ihres kindiſchen und unverſtändigen Weſens ein Aufſeher geſetzt werden müſſe 1¹¹). Ein beſtimmtes Lebensjahr für den Anfang des Schulbeſuchs läßt ſich nicht angeben; die oben mit⸗ getheilte Stelle des Protagoras beſagt nur, daß die Söhne der Reichſten auch am früheſten zur Schule kommen. Platon, der erſt den zehnjährigen Knaben zu den Anfangsgründen des Wiſſens hinführt, will die Beſtimmung einer längeren oder kürzeren Dauer des Unterrichts nicht der Willkür der Eltern über⸗ laſſen ¹²). In der Schule, welche mit dem frühen Morgen begann ¹³), wurde zunächſt Leſen und Schreiben, podνμιμααα, betrieben ¹4). Die Buchſtaben werden einzeln kennen gelernt und müſſen ſowohl durch Geſicht als durch Gehör genau unterſchieden werden, damit ihre Verknüpfung zu geſprochenen oder geſchriebenen Wörtern keine Verwirrung verurſache ¹³). Wenn die Knaben zu leſen anfangen, ſo ſind ſie bald im Stande, in den kürzeſten und leichteſten Silben jeden Buchſtaben in befriedigender Weiſe herauszufinden und über denſelben die richtige Antwort zu geben; bei ſchwereren Silben dagegen gerathen ſie über den⸗ ſelben Buchſtaben in Schwanken und Irrthum und ſind deshalb in der Weiſe am leichteſten zur Erkennt⸗ niß des Richtigen hinzuführen, daß man ſie zunächſt auf diejenigen Fälle aufmerkſam macht, in welchen ſie die Buchſtaben richtig erkannten und dieſe dann neben die noch nicht richtig erkannten ſtellt, wonach durch Vergleichung ſich ergibt, daß in beiden Zuſammenſetzungen dieſelbe Uebereinſtimmung und Beſchaffen⸗ heit ſich finde. Durch dieſe Hinweiſungen wird ſchließlich bewirkt, daß jeder Grundlaut in allen Laut⸗ verbindungen ſowohl in ſeiner Gleichheit mit den ihm gleichen als in ſeiner Verſchiedenheit von anderen richtig erkannt werde ¹6). Der Schüler wird in den Anfangsgründen des Unterrichts erſt dann tüchtig, wenn er die Buchſtaben weder im Großen noch im Kleinen, als ſeien ſie nicht zu berückſichtigen, gering achtet, ſondern allerwärts dieſelben richtig zu unterſcheiden ſich bemüht ¹ꝛ), Derjenige iſt der beſte, ¹⁰) Symp. 183, c. ¹¹) Leg. VII, 808, d. ¹2) Ibid. 809, e; 810, a. 3 *³) Die von Becker(Charikles II, S. 30) für den Beginn des Unterrichts angeführte Stelle, Leg. VII, 808, d, beweiſt nichts, indem es dort nur heißt:„kehrt aber der Tag und die Morgendämmerung wieder, dann muß man die Kinder zu ihren Lehrern ſchicken.“ Hieraus ergibt ſich aber nicht, daß dies beſtehende Sitte geweſen iſt, ſondern nur, daß Platon es ſo gehalten haben wollte; denn er würde, da er einen reichlichen Schlaf weder für den Körper noch für die Seele zuträglich hält(Leg. VII, 808, b), jedenfalls Frühaufſtehen und frühen Anfang der Schule verlangt haben, auch wenn dies in Athen nicht üblich geweſen wäre. *4) Nach der angeführten Stelle des Protagoras ziehen die Lehrer den Knaben, welche noch keine Fertigkeit im Schreiben beſitzen, mit dem Griffel Linien und nöthigen ſie nach Anleitung dieſer zu ſchreiben. Schleiermacher, Krauſe und Kapp verſtehen dies ſo, als beziehe es ſich auf das Nachmalen des Vorgeſchriebenen. Daß vorgeſchrieben wurde, iſt unzweifelhaft; aber an dieſer Stelle iſt, wie beſonders aus dem folgenden d9 d'G„ 4u0„ Havy ſich ergibt, an Linien, nach welchen der Schreibende ſich richten ſoll, zu denken. ¹⁵) Theaet. 206, a. *6) Politicus, 277, e— 278, c. ¹7) Rep. III, 402, a, b. 16 welcher die Buchſtaben auf den Vorlagen am ſchnellſten nachſchreiben kann und auch im Leſen ſchnell iſt 1s). Schnelles Auffaſſen des vom Lehrer Vorgetragenen gilt für beſonders rühmlich 19). Man ſuchte Gewandtheit in den Elementarfächern zu erreichen; ſo kann Lyſis ſeinen Eltern auf Verlangen etwas vorleſen oder ſchreiben ²⁰). Platon fordert eine gewiſſe Fertigkeit; es jedoch bis zum Raſchen und Schönen zu bringen, möge man bei den von der Natur nicht beſonders Begünſtigten aufgeben ²21). Als bei dem Unterrichte gebräuchliche Methode wird angeführt, daß der Lehrer öfter vorſagte, ſo lange bis die Schüler das Vorgetragene ſich ins Gedächtniß eingeprägt hatten ²2). Das Memoriren wurde in den Schulen der Alten, die noch keinen Ueberfluß von Schulbüchern und leicht zu beſchaffenden Ausgaben der Schriftſteller kannten, außerordentlich geübt und beſonders die Pythagoreer ſcheinen den Grundſatz, der ſpäter durch den Spruch:„tantum scimus quantum memoria tenemus“ ausgedrückt wurde, ſchon befolgt und dem Gedächtniß gegenüber den Gebrauch der Schrift herabgeſetzt zu haben. Derſelben Anſicht huldigt Platon in der folgenden, dem Sokrates in den Mund gelegten ägyptiſchen Fabel ²³): „Ich hörte alſo, in der Gegend von Naukratis in Aegypten habe einer der dortigen alten Götter ſich aufgehalten, dem auch der Vogel geweiht iſt, den ſie Ibis nennen; der Gott ſelbſt aber führe den Namen Theuth. Dieſer habe zuerſt die Zahl und das Rechnen erfunden und die Meß⸗ und Sternkunde, ferner auch das Bret⸗ und Würfelſpiel, ja auch die Buchſtaben. Da nun damals über ganz Aegypten Thamus in der Umgegend der großen Stadt des Oberlandes herrſchte, welche die Griechen die ägyptiſche Thebe, ſowie den erwähnten Gott Ammon nennen, ſo kam zu dieſem Theuth, machte mit ſeinen Erfin⸗ dungen ihn bekannt und behauptete, ſie müßten den übrigen Aegyptiern mitgetheilt werden. Jener aber fragte, welchen Nutzen jede habe, und tadelte oder lobte bei Darlegung deſſelben, was dieſer richtig oder unrichtig anzuführen ſchien. Nun ſoll Thamus dem Theuth über jede Kunſt viele Bemerkungen nach beiden Richtungen hin mitgetheilt haben, welche zu erörtern zu weit führen würde; als er aber auf die Buchſtaben kam, ſagte Theuth, dieſe Kenntniß, o König, wird die Aegyptier weiſe und merkſamer machen; denn in ihnen ward ein Mittel zur Erhöhung der Weisheit und des Gedächtniſſes erfunden. Kunſt⸗ reichſter Theuth, ſagte aber jener, der Eine iſt das zu einer Kunſt Gehörige zu erfinden vermögend, der Andere zu beurtheilen, wie groß der Schaden oder Nutzen für diejenigen ſei, die davon Gebrauch machen werden. So gabſt auch du jetzt als Vater der Buchſtaben aus Vorliebe das Gegentheil von dem an, was ſie vermögen. Denn dieſe Kenntniß wird, wegen vernachläſſigter Uebung des Gedächtniſſes, Vergeßlichkeit in den Seelen der Lernenden erzeugen, indem ſie, der Schrift vertrauend, von außenher vermittelſt fremder Zeichen, nicht durch ſich ſelbſt von innen heraus an etwas ſich erinnern. Nicht alſo ein Mittel für das Gedächtniß, ſondern für die Erinnerung haſt du erfunden. Den Dünkel der Weisheit aber ver⸗ ſchaffſt du deinen Schülern, doch nicht das Wahre; denn indem ſie ohne Unterweiſung mit Vielem bekannt werden, halten ſie ſich für Vielwiſſer, während ſie in den meiſten Dingen unwiſſend und unangenehm im Umgange ſind, indem ſie ſtatt zu Weiſen zu Weisheitsgecken wurden.“ So richtig urtheilte man ſchon im Alterthum über Leute, welche ſich damit beruhigen, die Wiſſenſchaft ſchwarz auf weiß nach Hauſe tragen ¹8) Charmid. 159, c. ¹6) Ibid. 160, a. ²⁰) Lys. 209, a, b. 21) Leg. VII, 810, b.. ²²) Das Vorſagen hieß drodοατiεν. Euthydem. 276, c. ²³) Phaedr. 274, c— 275, b. 17 zu können. In ähnlicher Weiſe ſagt Cäſar ²⁴), es pflege den Meiſten zu widerfahren, ut. Prassidio lit- terarum diligentiam in perdiscendo ac memoriam remittant ²). Daß außer Leſen und Schreiben noch das Rechnen bei dem Elementarlehrer gelernt worden ſei, bezweifelt Hermann ²⁸), da man es nicht als zur eigentlichen Bildung gehörig betrachtet habe und auch der Sklave es bis zu einem gewiſſen Grade habe können müſſen. Platon verlangt ²⁷), daß das Rechnen zugleich mit Leſen und Schreiben gelernt werde und gibt zugleich Anleitung, in welcher Weiſe den Kindern ſpielend die Zahlenverhältniſſe veranſchaulicht werden ſollen, wie dies in Aegypten ſchon längſt geübt werde. Daraus daß er die ägyptiſche Methode zur Nachahmung empfiehlt, läßt ſich vielleicht ſchließen, daß es zu ſeiner Zeit mit dem Rechenunterricht in Athen nicht gut beſtellt geweſen ſei. Doch ſetzte man bei Jedem, der nicht für ungebildet gelten wollte, voraus, daß er einige Kenntniß des Rechnens ſich erworben habe, und dieſe konnte er nur in der Schule erlangen, in welcher unzweifelhaft Mathematik getrieben wurde ²). In welcher Weiſe Platon den geometriſchen Unterricht ertheilt haben will, und wie vielleicht manche Lehrer dieſen Gegenſtand behandeln mochten, darüber gibt eine Stelle im Meno Aufſchluß ²³). Dort wird nämlich die Präexiſtenz der Seele beſprochen, von deren Leben vor der Geburt Platon nicht weniger überzeugt war, als von ihrer Fortdauer nach dem Tode. Sokrates ſtellt die Behauptung auf, daß das Lernen nur Erinnerung des früher ſchon Gewußten ſei und will dies dadurch nachweiſen, daß er an einen ganz ununterrichteten Sklaven einige die Geometrie betreffende Fragen richtet, welche dieſer auch, ohne je etwas von dieſem Gegenſtande gehört zu haben, richtig beantwortet; hieraus wird der Schluß gezogen, daß gewiſſe in der Seele des Menſchen vorhandene unentwickelte Anſchauungen und Begriffe in einem früheren Wiſſen ihre Erklärung finden. Die geſtellte Aufgabe iſt die, ein Quadrat zu finden, das doppelt ſo groß als ein gegebenes iſt. Die Löſung, daß die Diagonale jedes Quadrats die Seite eines doppelt ſo großen ſei, wird von Sokrates in folgender Weiſe aus dem Sklaven erfragt: 5 5 Sokr.: Sage mir: Haben wir hier nicht unſere 4 Fuß umfaſſende M Figur?(a 5 d c). AiA.] A Skl.: Ich begreife. 72 N Sokr.: Dieſer konnten wir dieſe andere, ihr gleiche 63 e f d), an⸗ e A X/ fügen? 7 Skl.: Ja. X Sokr.: Und dieſe dritte, den beiden anderen gleiche(d og a)? N Skl.: Ja. 9 Sokr.: Könnten wir nicht dazu auch noch dieſe im Winkel ausfüllen 7 k n un ing T 145 4 3 Skl.: Allerdings. Sokr.: So entſtänden uns hier wohl vier gleiche Flächen? 2) Bell. Gall. VI, 14. ²⁵) Als Gedächtnißkünſtler rühmt ſich Hippias, wenn er 50 Namen nur einmal gehört habe, ſei er im Stande, ſie wieder aufzuzählen. Hipp. mai. 285, e. ²⁶) Becker, Charikles, II, S. 21. 27) Leg. VII, 819, a, b. ²8) Erast. 132. In dem Anfang dieſer zwar nicht von Platon ſelbſt verfaßten aber doch aus ſeiner Zeit herrührenden Schrift werden wir in die Schule des Dionyſios, der Platon’s Lehrer geweſen ſein ſoll, eingeführt. Zwei Knaben ſtreiten dort eifrigſt über mathematiſche und aſtronomiſche Gegenſtände. 29) Meno, 84, d— 85, b. 18 Skl.: Ja. Sokr.: Wie alſo? Das Wievielfache von dieſem(auf das erſte Quadrat zeigend) wird das Ganze (a e i 9)? 6 Skl.: Das Vierfache. Sokr.: Es ſollte uns aber das Zwiefache werden; oder beſinnſt du dich nicht? Skl.: Allerdings. Sokr.: Theilt nun nicht dieſe von einem Winkel nach dem anderen gezogene Linie(wie c ꝛ, 5 f ec.) jede dieſer Flächen in zwei Theile? Skl.: Ja. Sokr.: Entſtehen nun nicht ſo vier gleiche Seiten, die dieſe Fläche(5 ch f) einſchließen? Skl. So iſt's. Sokr.: Erwäge nun, wie groß iſt dieſe Fläche? Skl.: Das begreife ich nicht. Sokr.: Hat nicht von dieſen Vierecken, deren vier ſind, die Linie von jedem die Hälfte nach innen abgeſchnitten? nicht wahr? Skl.: Ja. Sokr.: Wieviel ſolcher Hälften befinden ſich alſo in dieſem Raume(b ch †)? Skl.: Vier. Sokr.: Wieviel dergleichen aber in dieſem(a b d c)? Skl.: Zwei. Sokr.: Von zweien aber iſt vier? Skl.: Das Doppelte. Sokr.: Wie viel füßig alſo ergibt ſich dieſe Fläche? Skl.: Achtfüßig. Sokr.: Auf welcher Linie beſchrieben? Skl.: Auf dieſer(c ⁵). Sokr.: Auf der in der vierfüßigen Figur von einem Winkel nach dem anderen hingezogenen? Skl.: Ja. Sokr.: Dieſe nennen nun die Gelehrten die Diagenale, ſo daß, wenn ſie die Diagonale heißt, aus der Diagonale, wie du behaupteſt, das doppelt ſo große Theret entſtehen dürfte. Skl.: Ja allerdings, o Sokrates. Während Manche dieſe Katecheſe als ein Muſter rerriegen und gleichſam als einen praktiſchen Commentar zu der im Theätet entwickelten Gedankenentbindungskunſt des Sokrates angeſehen haben, hält Aſt die Sache für mißrathen und findet die ganze Kunſt darin, ſo beſtimmt und deutlich zu fragen, daß der Lernende leicht zu antworten habe. Dies aber, nämlich durch eine richtig geſtellte Frage auch die richtige Antwort hervorzurufen, iſt durchaus keine ſo geringe Kunſt, und wenn wohl auch Niemand anzu⸗ nehmen geneigt ſein wird, daß mit der Löſung der beſprochenen Aufgabe eine Präexiſtenz der Seele nach⸗ gewieſen ſei, ſo ergibt ſich doch mit Sicherheit, daß jeder Menſch im Stande iſt, gewiſſe Begriffe, die ihm auf eine naturgemäße, d. h. ſeinen geiſtigen Kräften entſprechende Weiſe vorgeführt werden, zu faſſen. Wie weit die Mathematik in den Schulen getrieben und was dagegen ſpäterem Studium überlaſſen worden ſei, läßt ſich nicht mehr ermitteln. Daß Platon dieſelbe ſehr hoch ſchätzte und beſonders zur Beſchäftigung mit Geometrie anzuregen ſuchte, geht nicht nur aus den von anderen Schriftſtellern über⸗ lieferten Nachrichten hervor, nach welchen er geſagt habe, daß die Gottheit immer Geometrie treibe, und 19 daß Niemand ohne Kenntniß der Geometrie zum Studium der Philoſophie zugelaſſen werden dürfe 30), ſondern er ſelbſt erklärt ausdrücklich, die Mathematik und beſonders das Rechnen ſei vor Allem noth⸗ wendig, wenn Jemand überhaupt ein Menſch ſein wolle ³¹), jedoch müſſe es der Erkenntniß, nicht der Krämerei wegen geübt werden ³²). Er hat beobachtet, daß die von Natur zur Rechenkunſt Befähigten auch zu allen Wiſſenſchaften natürliche Anlagen haben, langſame Köpfe dagegen, wenn ſie darin unter⸗ wieſen und geübt werden, insgeſammt, ſollte es ihnen auch ſonſt keinen Nutzen ſchaffen, das gewinnen, daß ſie ſich ſelbſt an Gewandtheit übertreffen 34). Die Beſchäftigung mit den Zahlen weckt den von Natur Träumeriſchen und der Wißbegier Ermangelnden auf und macht ihn, indem er durch dieſe göttliche Kunſt ſeiner Natur zuwider fortſchreitet, lernbegierig, merkſam und ſcharfſichtig 34). Derjenige Menſch dagegen iſt weit davon entfernt zu einem gottähnlichen zu werden, welcher nicht einmal die Eins oder Zwei oder Drei zu faſſen im Stande iſt, noch überhaupt das Gerade oder Ungerade, ja gar nicht zählen kann, der nicht einmal Tag und Nacht abzuzählen vermag und des Umlaufs des Mondes, der Sonne und der Sterne unkundig iſt. Es iſt daher ſogar eine große Thorheit, ſich einzubilden, dieſe Kenntniß habe der nicht nöthig, welcher auch nur irgend eine der ſchönſten Wiſſenſchaften erlernen will 34). Bemerkens⸗ werth iſt, daß zu Platon's Zeit die Stereometrie faſt unbekannt war, oder doch, als zu ſchwer, nur läſſig betrieben wurde ³6). Platon liebt es gewiſſe philoſophiſche Begriffe durch mathematiſche Verhältniſſe zu verdeutlichen; ſo benutzt er gerade und ungerade Zahlen ³⁷), rationale und irrationale Erößen ³⁸) u. A. m. Als hauptſächlichſtes Bildungsmittel, womit der Schulunterricht ſich faſt ausſchließlich befaßte, betrachtete man das Leſen und Auswendiglernen der Werke der Dichter, beſonders des Homer. Auch ohne die bekannte Erzählung, daß Alkibiades einen Lehrer, bei welchem er den Homer nicht gefunden hatte, gezüchtigt habe, zu Hülfe zu nehmen, läßt ſich leicht nachweiſen, daß jeder, der auf Bildung Anſpruch machte, nicht nur im Homer, welcher vorzugsweiſe„der Dichter“ genannt wurde, ſondern auch in den Werken anderer Dichter ſo bewandert und heimiſch ſein mußte, daß er bedeutende Stellen ihrem Wort⸗ laut nach anzuführen im Stande war. Demgemäß beſitzen die in den Dialogen Platon's auftretenden Perſonen dieſe Kenntniß, ſo daß ſelbſt die leichteſte Anſpielung auf eine Dichterſtelle ihnen nicht entgeht. Man erſieht z. B. aus der Art, wie im Protagoras das Gedicht des Simonides beſprochen wird, daß daſſelbe als den Zuhörern des Geſprächs und ſomit auch den gebildeten Leſern genau bekannt vorausge⸗ ſetzt wird. Auch war es Sitte, die Rede mit Dichterſtellen auszuſchmücken, wie z. B. der im Gorgias auftretende Kallikles ſolche anzuführen und für ſeine Anſicht meiſterlich auszubeuten weiß. Ausdrücklich ſagt Protagoras, daß er eine genaue Gedichtkenntniß für einen Hauptbeſtandtheil der Geiſtesbildung eines Menſchen anſehe; dieſe aber zeige ſich darin, daß einer im Stande ſei, das von den Dichtern Geſagte zu verſtehen, was gut gedichtet ſei und was nicht, und in der Kunſt, es zu erklären und auf Befragen darüber Rechen⸗ ſchaft geben zu können ³⁵). Beſonders die Sophiſten befaßten ſich viel mit Erklärung der Dichter, und ³⁰) In Folge des Auftretens Platon's am Hofe von Syrakus fingen dort Alle an ſich mit Geometrie zu beſchäftigen. 3¹) Rep. VII, 522, e. ³²) Ibid. 525, d. ³³) Ibid. 526, b. ²3) Leg. V, 747, b: ul uμανm να duviova zal dy xiowy dregydgerai. 3s) Ibid. VII, 818, c, d. ³6) Rep. VII, 528, b. ²¹) Eutyphr. 12, d. 38) Theaet. 147, d sedq. 3⁰) Protag. 339, a. 20 Sokrates wollte bei der Beſprechung des eben erwähnten Gedichtes des Simonides dem Protagoras zeigen, daß auch er in dieſer Kunſt der Interpretation nicht unerfahren ſei 40). Man nannte die Dichter Väter der Weisheit und Führer zu derſelben 4¹), und die große Mehrzahl der Leute behauptete, durch ſie müſſe man die jungen Leute, um ſie gehörig zu unterweiſen, auferziehen und mit ſolcher Koſt ſie ſättigen, indem man ſie, vermöge des Vorleſens, durch vollſtändiges Auswendiglernen der Dichter zu Vielbewanderten und Vielwiſſenden mache; Andere aber ſagten, indem ſie aus allen das Hauptſächlichſte auswählten und ganze Stellen in Eins zuſammenzogen, das müſſe Einer im Gedächtniß auffaſſen und auswendig lernen, wenn er ein Wackerer werden und durch reiche Erfahrung und ein reiches Wiſſen zur Weisheit gelangen wolle ⁴²). So erklärten die Lobredner des Homer, dieſer Dichter ſei der Lehrer Griechenlands geworden; er verdiene es, daß man durch ſein fleißiges Leſen ſich ausbilde, in Anordnung und Förderung menſch⸗ licher Angelegenheiten belehre und ſein eigenes Leben ganz nach ihm einrichte 43). Außer Homer wurden häufig gnomiſche Gedichte, wie die des Theognis, welche gedankenreichen Inhalt mit ſchöner Form ver⸗ banden, auswendig gelernt. Ebenſo geſchah es mit den Gedichten Solon's. Hierüber erzählt Kritias 44⁴): „Am dritten Tag der Apaturien fand die für uns Knaben herkömmliche Feſtfeier ſtatt; unſere Väter ſetzten uns nämlich Preiſe beim Vortragen von Geſängen aus. Da wurden nun viele Gedichte vieler Dichter hergeſagt, und als etwas zu jener Zeit Neues ſangen viele von uns Knaben auch die Gedichte Solon's ab.“ Man iſt leicht verſucht, hier an eine Art von feierlicher Prüfung, gleichſam eine Schau⸗ ſtellung des in der Schule Gelernten, zu denken. Während Platon ſeine große Beleſenheit in den Werken der Dichter in jeder ſeiner Schriften an den Tag legt und zuweilen auch den Dichtern Lob widerfahren läßt, wie z. B. in der von Sokrates vorgetragenen Rede der Diotima Homer und Heſiod, wegen ihrer Werke, welche ihnen unſterblichen Ruhm ſichern, glücklich geprieſen werden ⁴⁵), will er dagegen in ſeinem Staate die Dichter nicht dulden. Zwar hegt er eine gewiſſe Liebe zu Homer ⁴⁰) und iſt ſich des Zaubers, den die Poeſie ausübt, wohl bewußt ¹), aber trotzdem weiſt er die Dichter, und beſonders die Tragiker, als deren Führer er den Homer betrachtet, aus dem Lande ⁴⁸). Sie ſtehen ihm erſt auf der dritten Stufe der Wahrheit ⁴³⁹), indem ſie nur Nach⸗ bildner der Schattenbilder der Tugend und anderer Gegenſtände, die ſie dichteriſch behandeln, ſind, zur Wahrheit aber nicht gelangen ⁵⁰); daher geſtattet er von aller Poeſie nur Geſänge, beſtimmt die Götter zu preiſen und edle Männer zu erheben; nehme man aber die in Liedern und Heldengeſängen verlockende Muſe auf, dann würden in dem Staate Luſt⸗ und Trauergefühle ſtatt des Geſetzes herrſchen und ſtatt der Grundſätze, die bei allen ſtets für die beſten gelten 5¹). Er will von den Dichtern nichts wiſſen, weil es denſelben mehr um ſchönen Schein, als um ernſte Wahrheit zu thun iſt, weil ſie kein feſtes Wiſſen, 4⁰) Xenoph. Memorab. I, 6, 14 wird berichtet, daß Sokrates mit ſeinen Schülern Schriftſteller geleſen und erklärt hat. 4¹) Lys. 214, a. 4²) Leg. VII, 810, e— 811, a. 4³) Rep. X, 606, e. 4⁴) Tim. 21, b. ¹s) Symp. 209, d. 46) Rep. X, 595, b. ¹n) Ibid. 607, c. 5 1 48) Ibid. VIII, 568, b. 4 324 1 4 ⁴⁰) Ibid. X, 599, d. 5⁰) Ibid. 600, e. 5¹) Ibid. 607, a. ſondern nur eine ſchwankende, unſichere Meinung haben, und weil ſie über die Götter unwürdige Vor⸗ ſtellungen verbreiten, ſie als Urheber des Böſen, als Betrüger und von Leidenſchaften beherrſcht hinſtellen, ſo daß demnach die Menſchen und beſonders die Kinder das Schlechteſte für recht halten, wenn ſie es als von den größten Göttern gethan hören. Es iſt merkwürdig, wie ein Mann, der die Dichterwerke ſo genau kannte und ihre Schönheit wohl zu würdigen wußte, den tiefen ſittlichen Inhalt der Dramen des Aeſchylos und Sophokles ſo vollſtändig verkennen konnte. Eine ähnliche Anſicht über die Dichtkunſt ſcheint ſchon Sokrates gehabt zu haben. Als dieſem nämlich durch einen Traum aufgetragen war, ſich mit Muſenkunſt zu beſchäftigen, beſang er zuerſt den Apollon; dann aber in Erwägung, daß der Dichter, wenn er dieſen Namen verdienen wolle, Fabeln dichten müſſe, brachte er äſopiſche Fabeln in Verſe ⁵²). Uebri⸗ gens blieben Platon's Angriffe gegen die Dichter ebenſo wirkungslos, wie die des Xenophanes von Kolo⸗ phon und des Heraklitos von Epheſus, welche ähnliche Urtheile über Homer und Heſiod gefällt hatten; nach wie vor behaupteten ſich die Dichter in den Schulen als Grundlage der Bildung. Andere Unterrichtsfächer, als die beſprochenen, waren in den griechiſchen Schulen nicht eingeführt; fremde Sprachen, die jetzt ſo wichtig geworden ſind, wurden nicht betrieben, und ſelbſt die Mutterſprache wurde nicht als eigentlicher Unterrichtsgegenſtand behandelt, ſondern hierfür Gebrauch und Verkehr als der beſte Lehrer angeſehen. So wird berichtet, daß, wenn man nach einem Lehrer im Griechiſchen ſich umthun wolle, nicht ein einziger aufzutreiben ſei 5), und Alkibiades meint, daß man von dem Volke doch auch Etwas lernen könne. Er habe nämlich von demſelben griechiſch ſprechen gelernt und er wiſſe Nie⸗ manden ſonſt als ſeinen Lehrer darin zu nennen, ſondern müſſe ſeine Kenntniſſe auf das Volk zurück⸗ führen. Sokrates ſtimmt ihm bei, daß hierin daſſelbe ein guter Lehrer ſei und in dieſer Beziehung ſein Unterricht mit Recht zu empfehlen 54). Daß, wie Krauſe behauptet ⁵⁵), für reifere Knaben und Jüng⸗ linge ein höherer Sprachunterricht eingetreten ſei, iſt nicht zu bezweifeln, jedoch gehörte ein ſolcher nicht der Schule an, ſondern wurde von beſonderen Lehrern der Sprachwiſſenſchaft, als welche einige Sophiſten ſich auszeichneten, vorgetragen. Unter dieſen iſt vor allen Protagoras zu nennen, welcher zu einer wiſſen⸗ ſchaftlichen Behandlung der Grammatik den erſten Grund legte, aber gewaltthätig gegen die Sprache ver⸗ fuhr und ſie nach ſeinen vorgefaßten Meinungen zu meiſtern ſuchte, ſo daß er ſelbſt das Geſchlecht man⸗ cher Hauptwörter umändern wollte. Außer ihm verdienen Hippias ⁵⁶) und Prodikos ⁵²), welcher ſich beſonders mit Synonymik beſchäftigte, erwähnt zu werden. Daß übrigens die Reſultate der Forſchungen dieſer Männer in den Schulen noch keinen Eingang gefunden hatten und überhaupt nur Wenigen bekannt waren, iſt daraus zu ſchließen, daß Platon Dinge, welche heutzutage ſchon auf der unterſten Stufe des Sprachunterrichts abſolvirt werden, mit einer gewiſſen Ausführlichkeit beſpricht. So die Eintheilung der Buchſtaben in Selbſtlauter, dann in ſolche, welche zwar keinen Laut eigentlich, aber doch ein gewiſſes Geräuſch geben(Halbvocale), und endlich in die ſtummen 5⁸). An einer anderen Stelle wird der Unter⸗ 5²) Phaedon. 60, e— 61, b. 5³) Protag. 327, e. 1 *4) Kleib. I, 111, a 55) a. a. O., S. 91. 2 ,901 56) Hipp. mai. 285, d. 57) Charmid. 163, d; Laches 197, d; Protag. 337, a; 358, a, d, e; Meno 75, e; Cratyl. 384, b; Euthydem. 277, e. Sokrates bezeichnet ſich oft als einen Schüler des Prodikos, wie Meno 96, d; Protag. 341, a, Pehnden ihn aber immer mit einer gewiſſen Ironie. 58) Phileb. 18, b; Cratyl. 424, c; Theaet. 203, b. 22 ſchied von Haupt⸗ und Zeitwörtern ⁵⁸) behandelt, und für wie ſchwierig man dies angeſehen hat, geht daraus hervor, daß dort Theätet, welcher doch von Platon als ein ſehr begabter und verſtändiger Jüng⸗ ling dargeſtellt wird, dem Fremden von Elea, der ihm auseinanderſetzt, daß weder aus bloßen nach ein⸗ ander ausgeſprochenen Hauptwörtern noch aus ebenſo angeführten Zeitwörtern eine Rede entſtehen könne, antworten muß, daß er das nicht verſtanden habe, worauf ihm deutlich gemacht wird, daß„geht läuft ſchläft“ ebenſo wenig ein Satz ſei, wie„Hirſch Löwe Pferd“. Daß die ganze Sprachwiſſenſchaft damals in ihren erſten ſchwachen Anfängen ſich befand, ergibt ſich ſowohl aus den vielen ſcherzhaften Etymologien im Cratylus, als auch aus den Späſſen des Ariſtophanes 6⁰), welcher über die neue Art der Grammatik, beſonders des Protagoras, mit ähnlichen Witzen ſich luſtig macht, wie ſolche in neuerer Zeit, als die Sprachvergleichung aufkam, gegen dieſe losgelaſſen wurden. Es bleibt noch übrig, über den Unterricht in Muſik und Gymnaſtik zu ſprechen. Ob beide entweder gleichzeitig nebeneinander und zugleich mit dem Schulunterrichte, oder nacheinander geübt wurden, und in welchem Lebensjahre die Knaben damit zu beginnen pflegten, läßt ſich nicht mit Sicherheit ermitteln; überhaupt darf an eine Art von geſetzlicher Nöthigung, in einem gewiſſen Lebensalter dieſen oder jenen Gegenſtand ausſchließlich zu betreiben, nicht gedacht werden 61). In der oben mitgetheilten Stelle aus Protagoras iſt auch der Muſikunterricht erwähnt worden; hier ſei noch angeführt, daß man bei dem Muſiklehrer, dem Kithariſten ⁶²), beſonders das Spielen auf Saiteninſtrumenten, wie Lyra und Kithara, erlernte 64). Platon will von muſikaliſchen Inſtrumenten nur Lyra 64) und Kithara in der Stadt, auf dem Lande dagegen bei den Hirten die Hirtenpfeife angewendet wiſſen und verwirft die vielbeſaiteten Toninſtrumente und die Flöte 6⁵). An einer anderen Stelle verlangt er, daß der Lehrer ſowohl als der Schüler ſich der Lyra bedienen, ſich aber bei dem Unterrichte aller Künſteleien enthalten ſollen 66). Er erklärt ſich ebenſo gegen bloße Inſtrumentalmuſik ohne untergelegte Worte, wie gegen Lieder, die nur für Leſen oder Sprechen beſtimmt ſind. Neuerungen ſollen in der Muſik nicht vorgenommen, ſondern die altüberlieferten Weiſen möglichſt unverändert beibehalten werden; denn mit den Tonweiſen rüttelt man jedesmal zugleich an den wichtigſten Staatsgeſetzen 67). Was die Gymnaſtik betrifft, ſo verlangt Platon, daß der Unterricht in derſelben auf die Muſik folge ⁶s), während nach einer anderen Stelle 65) die Knaben 56) Sophist. 261, e— 262, e. 6⁰) Aristoph. Nubb. 659 segqq. AI 1 ³¹) Becker(Charikles II, S. 37) meint, der Muſikunterricht habe mit dem 13. Jahre begonnen; die von ihm citirte Stelle Leg. VII, 809 beweiſt aber nur, daß Platon es für gut hielt, in dieſem Jahre mit dem Lyraſpiel zu beginnen und drei Jahre dabei zu verharren. 4 4 ⁴²) Die Vermuthung Cramerss(a. a. O., 1. Bd., S. 254), daß die Lehrer der Muſik zugleich auch Lehrer der Wiſſenſchaften geweſen ſeien, iſt unhaltbar. ³3) Euthydem. 272, e erzählt Sokrates, daß er, obgleich bejahrt, bei dem Kithariſten Konnos Muſtkunterricht nehme; deshalb werde er von ſeinen jungen Schulkameraden verlacht, Konnos aber pepovrodidozalog genannt. *4) Platon erwähnt am häufigſten die Lyra, wie Lys. 209, b; Alcib. I, 107, a; Phaedo, 73, d; Leg. VlI, 809, c. 65) Rep. III, 399, d.— Die Flöte wollte nach Alcib. I, 106, e Alkibiades nicht lernen. *6) Leg. VII, 812, d. ².) Rep. IV, 424, c.„ 8s) Ibid. III, 403, c. 6) Leg. VI, 794, c. 23 vom ſechſten bis zum zehnten Jahre darin geübt werden ſollen. Uebrigens haben beide Stellen auf die zu Athen herrſchende Sitte keinen Bezug, und es iſt wohl kaum anzunehmen, daß während der Jahre des Schulunterrichts die körperliche Ausbildung ganz vernachläſſigt worden ſei. Eine Vereinigung war doch leicht zu finden und man darf wohl der Anſicht Becker's ²o) beiſtimmen, der die Frage ſo entſcheidet, „daß nur zu verſchiedenen Zeiten, nach Maßgabe des Alters, bald dieſe bald jene Beſchäftigung vorwaltete, ſo daß vielleicht, wer am frühen Morgen die Schule des Grammatikers beſuchte, in den Nachmittags⸗ ſtunden Gymnaſtik trieb und umgekehrt.“ Der gymnaſtiſche Unterricht wurde in der Paläſtra, einer Privat⸗ anſtalt, welche mit Gymnaſium nicht zu verwechſeln iſt, durch den Ringmeiſter, Pädotribes, ertheilt, deſſen Aufgabe ſo bezeichnet wird, daß er die Menſchen körperlich ſchön und kräftig zu machen ſuche*¹). Häufig wird der Ringmeiſter mit dem Arzte und die Gymnaſtik mit der Heilkunde zuſammengeſtellt, demnach eine Art Heilgymnaſtik*²³), als deren Erfinder der Ringmeiſter Herodikos von Selymbria genannt wird. „Als dieſer nämlich kränklich wurde, verband er die Gymnaſtik mit der Heilkunde und quälte zuerſt und am meiſten ſich ſelbſt und hernach auch viele Andere, indem er ein langwieriges Dahinſterben ſich bereitete. Denn indem er fortwährend ſeine Krankheit, die tödtlich war, behandelte, war er nicht im Stande ſich zu heilen, und brachte, keiner anderen Beſchäftigung fähig, ſein ganzes Leben mit an ſich Herumarzneien hin, unter argen Qualen, wenn er irgend von ſeiner gewöhnlichen Lebensweiſe abwich, und wurde, in ſeiner Weisheit kläglich dahinſterbend, ein hochbejahrter Greis“ ²³). Derſelbe empfahl auch Spaziergänge im Freien ²⁴). Die gewöhnliche Anſicht, daß Muſenkunſt und Gymnaſtik in der Erziehung angewandt würden, um mit der einen für die Seele, mit der anderen für den Körper zu ſorgen, theilt Platon nicht, ſondern meint, daß beide hauptſächlich der Seele wegen angeordnet ſeien*⁵). Da diejenigen, welche nur die Gymnaſtik üben, roher werden, als ſie ſollten, die auf die Muſenkunſt dagegen ſich Beſchränkenden weich⸗ licher, als ihnen ziemt ²⁶), ſo müſſen beide Künſte mit einander in Einklang gebracht werden und derjenige, welcher dies am beſten erreicht, iſt in ſeiner Bildung vollendet 77). Indem Platon die übermäßige körper⸗ liche Uebung der Athleten nicht billigt, ſondern mehr den Muth als die Stärke geweckt wiſſen will, hebt er auch bei der Gymnaſtik beſonders das ſittlich bidende Moment hervor und behauptet, daß nicht etwa der Körper durch ſeine Vorzüglichkeit die Seele zur guten mache, wohl aber im Gegentheil eine gute Seele durch ihre Vorzüglichkeit einen möglichſt guten Körper ſchaffe 8). Einen weiteren Nutzen der Gymnaſtik ſieht er darin, daß ſie vor Leidenſchaftlichkeit bewahre 2).— Man könnte es auffallend finden, daß die Schwimmkunſt von den Alten nicht als beſonderer Theil der Gymnaſtik angeführt wird. Der ²) Charikles II, S. 195. 1¹) Gorg. 452, b: uadoug re al 10 od rο³ν rou dννν ςσαἀπονς rd Gανμασα. 1²) Crito 47, b: laroò⁹ eαι⁴oi„; ebenſo Alcib. I, 131, a.— Protag. 313, d: putvaoru 7 larog. Leg. III, 684, c: pupvadral„ laxgoi. Gorg. 517, e und 518, a: cενην pvntvadruui re ual lar*⁴ενακ Sophist. 229, a: Zwei Künſte wurden erfunden zeo? a6» alo aos punradriws, zegt ds vddov largewy. 3) Rep. III, 406, a. 14) Phaedr. 227, d. 15⁵) Rep. III, 410, c. *6) Ibid. 410, d. *¹) Ibid. 412, a, er iſt„ονατaτos al euaνοσοαs. ¹6) Ibid. 403, d. ¹⁰) Leg. VIII, 839, e. 24 Grund hiervon mag der ſein, daß den am Meere wohnenden Griechen ein beſonderer Unterricht in einer Kunſt, zu welcher die Natur ſelbſt aufforderte, nicht nöthig erſchien. Daß man bei Jedem die Fertigkeit zu ſchwimmen als ſelbſtverſtändlich vorausſetzte, zeigt ein bekanntes, auch von Platon erwähntes Sprüch⸗ wort 50). 123(Er B2bs E icln aa 139) Mirs veiy urra pgäuuura. Leg. III, 689, d. I. Schulnachrichten. 1. Die Lehre*). a. Darſtellung im TLinzelnen. Erſte Claſſe. Religionslehre: a) evangeliſche, 2 St. Glaſer: Chriſtliche Glaubenslehre nach Palmers Lehrbuch Th. 1,§. 1— 206. Evangeliſche und apoſtoliſche Abſchnitte des N. T., desgleichen ausgewählte Stücke des A. T. geleſen und erklärt.— b) katholiſche, 2 St. Rady: Kirchengeſchichte von dem Auftreten des Chriſtenthums unter den germaniſchen und ſlawiſchen Völkern bis zum Untergang der Hohenſtaufen. Lateiniſch: 8 St. Geiſt: Cicero's Reden pro Ligario und Dejotaro, Tacitus Annal. I. II. III, 1— 20; ausgewählte Oden und Epiſteln von Horaz, Aufſätze, Exercitia und mündliche und ſchriftliche Ueberſetzungen aus dem Griechiſchen ins Lateiniſche. Griechiſch, 4 St. Geiſt: Sophokles Antigone, Plato's Apologie und Kriton, Lucians Traum und Timon ins Lateiniſche überſetzt. 2 St. Beck: Homers Ilias I. bis VII. und XXIV. Deutſch, 2 St. Beck: Aufſätze über gegebene Themata; Einiges aus der Rhetorik; Erklärung poetiſcher Stücke. Franzöſiſch, 2 St. Hainebach: Histoire de Charlemagne von Capefigue. Aus dem Deut⸗ ſchen überſetzt nach Gerth S. 136— 158. Exercitia pro loco. Geſchichte, 2 St. Glaſer: Geſchichte des Mittelalters. Mathematik, 4 St. Naumann: Anfangsgründe der analytiſchen Geometrie. Wiederholungen aus der Planimetrie und Stereometrie. Quadratiſche Gleichungen. Gleichungen erſten Grades mit mehreren Unbekannten. Arithmetiſche und geometriſche Reihe. Zinſes⸗Zins⸗ und Rentenrechnung. Con⸗ gruenz der Zahlen und unbeſtimmte Gleichungen. Kettenbrüche. Naturwiſſenſchaft, 1 St. Naumann: Bewegung und Gleichgewicht. Optiſche Erſcheinungen. Zweite Claſſe. Religionslehre: a) evangeliſche, 2 St. Glaſer: Geſchichte der chriſtlichen Kirche bis auf Bonifacius VIII. nach Palmers Lehrbuch§. 1—118. Lectüre evangeliſcher und apoſtoliſcher Abſchnitte.— b) katholiſche, wie in der erſten Claſſe. Lateiniſch, 8 St. Beck: Cic. Catil. I. II. III. IV. Ueberſetzungen aus dem Deutſchen ins Lateiniſche nach-Vemhardt. Exercitia pro loco. Grammatik nach Krebs§. 387 bis zu Ende. Griechiſch, 6 St. Beck: Homers Odyſſee XIX—XXIV. Xenophons Anabaſis V—VII. Gram⸗ matik nach Curtius§. 361— 596 und Repetition der Formenlehre. Ueberſetzungen aus dem Deutſchen nach Dictaten. *) Die Lehrſtunden, bei welchen im Laufe des Schuljahres ein Wechſel der Lehrer Statt gefunden, ſind hier unter dem Namen derjenigen Lehrer aufgeführt, welche dieſelben im Winterſemeſter gegeben haben. 4 26 Deutſch, 3 St. Glaſer: Aufſätze über gegebene Themata, Declamationsübungen, Lectüre und Erklärung von Stücken aus deutſchen Claſſikern. Franzöſiſch, 2 St. Hainebach: Geleſen in Göbels Bibliothek, 24. Bändchen bis S. 100. Ueberſetzt aus dem Deutſchen nach Gerth S. 1—17. Extemporalia. Geſchichte, 2 St. Beck: Griechiſche Geſchichte; kurze Ueberſicht der griechiſchen Litteratur. Geographie, 2 St. Glaſer: Deutſchland. Mathematik, 4 St. Naumann: Aehnlichkeit der Figuren, Flächenberechnung, Stereometrie. Buchſtabenrechnung, Potenzen, Wurzeln, Logarithmen. Naturwiſſenſchaft, 1 St. Naumann: Meteorologiſche Erſcheinungen, Beſtandtheile der Luft. Dritte Claſſe.. Religionslehre: a) evangeliſche, 2 St. Glaſer: Chriſtliche Glaubenslehre nach Palmers kleinerem Lehrbuch. Erklärung der evangeliſchen Perikopen und anderer Abſchnitte des N. T.— b) katholiſche, ſ. erſte Claſſe. Lateiniſch, 8 St. Hainebach: Curtius IX und X. Grammatik nach Meiring§. 548— 640. Ueberſetzung nach Süpfle Nr. 210— 274. Exercitia pro loco. 2 St. Gaquoin: Ovids Metamor⸗ phoſen I. II. Silbenmeſſung und daktyliſche Silbenmaße. Griechiſch, 5 St. Gaquoin: Wiederholung der regelmäßigen Verba, Einübung der Verba auf und der Anomala nach Curtius§. 302— 328. Ausgewählte Abſchnitte aus Schenkls Leſebuch überſetzt. Exercitia. 3. Deutſch, 3 St. Hainebach: Aufſätze über gegebene Themata, orthographiſche Uebungen, Reci⸗ tationsübungen. Franzöſiſch, 3 St. Hainebach: Geleſen in Hirzels Leſebuch S. 67— 72. 79— 82. 153—166. Geſchlechtsregeln. Exercitia pro loco. Geſchichte, 2 St. Weiffenbach: Römiſche Geſchichte vom erſten puniſchen Krieg bis Mare Aurel. Geographie, 2 St. Weiffenbach: Außerdeutſche Länder Europa's. Mathematik, 4 St. Naumann: Elementargeometrie bis zur Aehnlichkeit der Figuren. Glei⸗ chungen erſten Grades mit einer Unbekannten. Naturwiſſenſchaft, 1 St. Naumann: Aggregatzuſtände der Körper, Wärmewirkungen. Ther⸗ mometer. Luftpumpe. Barometer. Waſſerpumpe. Feuerſpritze. Einige magnetiſche und elektriſche Erſcheinungen. Zuſammenſetzung der Luft. Vierte Claſſe. Religionslehre, a) evangeliſche, wie in der dritten Claſſe.— b) katholiſche: die noch nicht confirmirten Schüler des Gymnaſiums wurden gemeinſchaftlich mit den Elementarſchülern der hieſigen katholiſchen Gemeinde außerhalb des Gymnaſiums unterrichtet, 2 St. Rady: Erklärung des apoſtoliſchen Glaubensbekenntniſſes nach dem Diöceſankatechismus und das alte Teſtament nach der bibliſchen Geſchichte von Schuſter. Lateiniſch, 9 St. Gaquoin: Caesar bell. Gall. III. IV. und Anfang von V. Grammatik nach Meiring§. 407— 547. Exercitia domestica nach Süpfle. Exercitia pro loco. Griechiſch, 4 St. Wittmann: Die Lehre vom Verbum nach Curtius: erſte Hauptconjugation. Schenkl die Abſchnitte über das regelmäßige Verbum nebſt einigen Fabeln geleſen. Schriftliche Uebungen. Deutſch, 3 St. Gaquoin: Aufſätze, orthographiſche Uebungen, Declamiren. Franzöſiſch, 3 St. Hainebach: Die Formenlehre bis zu den Conjunctionen. 27 Geſchichte, 2 St. Weiffenbach: Griechiſche Geſchichte vom Ende der Perſerkriege bis zum Unter⸗ gang der griechiſchen Freiheit. Geographie, 2 St. Weiffenbach: die außereuropäiſchen Erdtheile. Rechnen, 2 St. Naumann: Zinsrechnung. Geſellſchaftsrechnung. Zuſammengeſetzte Regeldetri. Naturgeſchichte, 1 St. Naumann: Amphibien, Fiſche, Trichinen, Inſecten. Schönſchreiben, 1 St. Diehl. Fünfte Claſſe. Religionslehre, a) evangeliſche, 2 St. Glaſer: chriſtliche Glaubenslehre nach Luthers kleinem Katechismus und Eulers Spruchbuch. Erlernung von Liedern aus dem Landesgeſangbuche. Bibliſche Geſchichte des N. T.— b) katholiſche, ſ. vierte Claaſſe. Lateiniſch, 10 St. Wittmann: Geleſen Ellendt, 3. Abſchnitt. Cornelius Nepos, Pausanias, Epaminondas, Pelopidas, Chabrias, Conon, Timotheus, Cimon. Grammatik§. 380— 547. Wieder⸗ holung der Lehre vom Verbum. Mündliche und ſchriftliche Ueberſetzungen aus O. Schulz, 1. und 2. Curſus. Exercitia pro loco. Griechiſch, 3 St. Wittmann: Die Formenlehre bis an das Zeitwort nach Curtius verbunden mit dem Leſen der entſprechenden Abſchnitte von Schenkl. Schriftliche Uebungen. Deutſch, 3 St. Wittmann: Orthographiſche Uebungen, Interpunctionslehre, Memoriren und Declamiren, Aufſätze über gegebene Themata, Leſen und Erklärung von Abſchnitten aus Wackernagels Leſebuch II. und III. Geſchichte, 2 St. Wittmann: Griechiſche Geſchichte bis zum Beginn des peloponneſiſchen Krieges. Geographie, 2 St. Weiffenbach: Deutſchland. Rechnen, 2 St. Naumann: Die gemeinen und die Decimalbrüche. Naturgeſchichte, 1 St. Naumann: Vögel. Schönſchreiben, 2 St. Diehl. Sechſte Claſſe. Religionslehre, wie in der fünften Claſſe. Lateiniſch, 10 St., im Winterſemeſter 11 St. Diehl: Einübung der Formenlehre nach der Grammatik. Uebungen im Ueberſetzen aus dem Lateiniſchen ins Deutſche und aus dem Deutſchen ins Lateiniſche nach dem Uebungsbuch von Spieß c. 1 bis 24. Exercitia pro loco. Deutſch, 4 St. Diehl: Uebungen im ausdrucksvollen Leſen nach Wackernagels Leſebuch, 1. Curſus. Orthographie, mündlich und ſchriftlich. Memorir⸗ und Declamirübungen. Aufſätze. Geſchichte, 2 St. Weiffenbach: Skizzen aus der orientaliſchen und griechiſchen Mythe. Geographie, 2 St. Weiffenbach: Ueberblick über Europa, einzelne Länder deſſelben. Rechnen, 2 St. Naumann: Kopfrechnen., Einfache Regeldetriaufgaben. Naturgeſchichte, wie in der fünften Caaſſe. Schönſchreiben, 2 St. Diehl. Nebenſtunden. Hebräiſch in 2 Abtheilungen zu 2 St. Glaſer. Erſte Abtheilung: Formenlehre und Syntax nach Geſenius, Exercitien. Geleſen: 1 Moſ. 6. 7. 8. 22; 1 Sam. 17— 20. Eine Anzahl Pſalmen.— Zweite Abtheilung: Einübung der Formenlehre, Ueberſetzung und grammatiſche Erklärung von 1 Moſ. c. 1—3 und 6—8.. 4* 28 Engliſch in zwei Abtheilungen zu 2 St. Beck. Erſte Abtheilung: Geleſen: Goldsmith's Vicar of Wakefield c. 27 bis zu Ende. Washington Irving the Spectre Bridegroom. Repetition der Grammatik nach Spearman. Exercitia domestica und extemporalia.— Zweite Abtheilung: Gram⸗ matik nach Spearman. Exercitia domestica und extemporalia nach demſelben Lehrbuch. Lectüre mehrerer engliſcher Leſeſtücke nach Spearman. Zeichnen in 3 Abtheilungen zu 2 St. Bayrer. Singen in 3 Abtheilungen zu 2 St. Mickler. Eröffnung der Gymnaſialbibliothek, 2 St. Diehl. b. Tabellariſche Aeberſicht der Lehrſtunden nach Claſſen. 3— 5 Uebenſtunden 56 6 5 35 3 e e den en G I. 2 3 9 6 2 4— 4 1— 31 2 2 2 2 II. 2 3 10 6 2 2 2 4 1— 32 2 2 2 2 III. 2 3 10 5 3 2 2 4 1— 32—— 2 2 IV. 2 3 9 4 3 2 2 2 1 1 29——[2 2 V. 2 3 10 3— 2 2 2 1 2 27—— 2 2 VI. 2 4 10—— 2 2 2 1 2 25—— 2 2 Die vorſtehende Ueberſicht erlitt im abgelaufenen Schuljahre wegen Abweſenheit von Lehrern einige Abänderungen. 2. Die Lehrer. a. Verſonalbeſtand. . Sduard Geiſt, Director, Claſſenführer von Prima. . Wilhelm Gottlieb Soldan, Profeſſor, Claſſenführer von Secunda. Dr. Carl Glaſer. . Wilhelm Diehl, Claſſenführer von Sexta. . Dohann Heinrich Hainebach, Claſſenführer von Tertia. Dr. Ferdinand Anton Beck, auch Lehrer der engliſchen Sprache. Dr. Alexander Naumann. Dr. Ludwig Wittmann, Claſſenführer von Quinta. Dr. Karl Gaquoin, Claſſenführer von Quarta. 5 5 g 2 29 Außerordentliche Lehrer: Muſikdirector Aichler, Geſanglehrer. Pfarrer Rady, katholiſcher Religionslehrer. Reallehrer Bayrer, Zeichenlehrer. b. Tabellariſche Aeberſicht der Lehrſtunden nach Lehrern. Namen der Lehrer. Lehrgegenſtand. Claſſt. Zahl der Stunden. Geſammtzahl der Stunden. . Latein 1 7 Geiſt Griechiſch 1 4 12 Deutſche Litteratur I 1 Gefutſe 1 3 eeſchichte 3 Soldan Li II 10 18 Geographie II 2 Religion 13ul 8 taſer Swenih 5 3 15 Geographie III. IV 4 Deutſch VI 4 di eh I Latein VI 10 Schönſchreiben IV. V. VI 5 21 Eröffnung der Bibliothek— 2 Franzöſiſch I. II. III. IV 10 Hainebach Deutſch III 3 21 Latein III 8 Geecug 11 3 riechi 1I. 8 22 BVech Geſchichte II. III. IV. VI s Geographie V. VI 4 z Deut IV 3 (Aiseen deiſh III. IV 11 19 aauoin Griechiſch 5 Mathematik I— VI 18 Aeumann Mathemnie I— VI 5 23 Deutſch V 3 Mittmann Geatdin Iv v 10 2² Geſchichte V 2 Mickler Singen 3 Abtheilungen zu 2 Stunden 6 Beck Engliſch 2 Abtheilungen zu 2 Stunden 4 Rady Religion 2 Abtheilungen zu 2 Stunden 4 Bayrer Zeichnen 3 Abtheilungen zu 2 Stunden 6 Vorſtehende Ueberſicht zeigt die bisherige Vertheilung der Lehrgegenſtände bei Anweſenheit ſämmtlicher Lehrer; im abgelaufenen Schuljahre mußten in derſelben mehrfache Veränderungen eintreten, was auch im nächſten Schuljahre theilweiſe der Fall ſein wird. 30 3. Die Schüler. a. Tabellariſche Aeberſicht der Schülerzahl. 5 1. 50 1 3 48 27 20 3 46 1 II 46 7 6 4 25 22 6 50 2 1 m. 23 3 1 25 22 4 1 25 2— IV 23 2 1 214 21 2 2 22— 3 V 18 5 1 22 19 2 2 20 1 2 VI. 9 2 2 9n 9 1 1 1—— Zuſammen 169 20 14 175 123 51 15 174 8 7 189 189 189— 3 189 3 In vorſtehender Ueberſicht ſind die auswärts gebornen Schüler, deren Eltern gegenwärtig in Gießen wohnen, als Einheimiſche gerechnet. b. Nachricht über die aus der Anſtalt abgegangenen Schüler. Von den 3 aus Prima ausgetretenen Schülern unterzogen ſich 2 zu Herbſt in Darmſtadt der Maturitätsprüfung, einer erhielt den Rath das Gymnaſium zu verlaſſen. Von den 6 aus Secunda ausgetretenen Schülern widmeten ſich 3 dem Kaufmannsſtande, einer dem Poſtfach, 2 brave und tüchtige Schüler verloren wir durch den Tod. Von dem aus Tertia ausgetretenen Schüler iſt die künftige Beſtimmung nicht bekannt. Der aus Quarta ausgetretene Schüler verließ das Gymnaſium wegen Verſetzung ſeines Vaters nach Darmſtadt, um in das dortige Gymnaſium einzutreten.. Der aus Quinta ausgetretene Schüler gieng in Privatunterricht über. Von den 2 aus Sexta ausgetretenen Schülern iſt die künftige Beſtimmung nicht bekannt. Oſtern 1867 beſtanden die Maturitätsprüfung: 1) Theodor Uhrig aus Pohlgöns, Studium Theologie.— 2) Rudolf Trümpert aus Aſſenheim, Studium Theologie.— 3) Karl Schäg aus Lollar, Studium Philologie.— 4) Hugo Rodemer aus Hopfmannsfeld, Studium Medicin.— 5) Karl Werner aus Ober⸗Rosbach, Studium Theologie.— 6) Hugo Taſche aus Gießen, Studium Rechtswiſſenſchaft.— 7) Franz Wahl aus 31 Wetterfeld, Studium Rechtswiſſenſchaft.— 8) Karl Dörr aus Gießen, Studium Medicin.— 9) Auguſt Billau aus Friedberg, Studium Cameralwiſſenſchaft.— 10) Ludwig Hechler aus Butzbach, Studium Rechtswiſſenſchaft.— 11) Hermann Schober aus Friedberg, Studium Cameral⸗ wiſſenſchaft. Drei von den Geprüften erhielten Nummer I, vier Nummer II, vier Nummer III. 4. Chronik der Anſtalt. Durch allerhöchſtes Decret vom 6. Juni 1867 wurde der Gymnaſiallehrer Dr. Heinrich Köhler in den Ruheſtand verſetzt; ſeine Stelle verſah während des Sommerſemeſters der Gymnaſiallehramts⸗ candidat Dr. Oſann.. Durch allerhöchſtes Decret vom 3. September 1867 wurde die erledigte Lehrerſtelle am Gymnaſium dem Lehrer an dem Königlich Preußiſchen Gymnaſium zu Barmen, Dr. Karl Gaquoin übertragen und derſelbe mit Beginn des Winterſemeſters in ſeine Functionen eingewieſen. Mit dem Beginn des Sommerſemeſters trat Dr. Ferdinand Weiffenbach aus Fürfeld als Acceſſiſt am Gymnaſium ein. Der Gymnaſiallehrer Profeſſor Dr. Soldan war während des ganzen Schuljahres wegen ſeiner Functionen als Landtagsabgeordneter beurlaubt. Die Lehrſtunden deſſelben in den beiden oberen Claſſen übernahmen, wie früher, die Gymnaſiallehrer Dr. Glaſer und Dr. Beck, deren Unterricht in den mittleren und unteren Claſſen mit Ausnahme der Religionslehre dem Acceſſiſten Dr. Weiffenbach übertragen wurde. II. Machricht über die öffentlichen Schulprüfungen. Die öffentlichen Schulprüfungen werden in folgender Weiſe abgehalten: Donnerstag den 2. April Vormittags von 8—- 11 Uhr Prima. Religion, Glaſer.— Latein, Geiſt.— Geſchichte, Glaſer.— Griechiſch, Beck.— Mathematik, Naumann.— Frarzöſiſch, Hainebach. An demſelben Tage Nachmittags von 2—5 Uhr Secunda. Religion, Glaſer.— Latein, Beck.— Geographie, Glaſer.— Griechiſch, Beck.— Mathematik, Naumann.— Franzöſiſch, Hainebach. 32. Freitag den 3. April Vormittags von 8—11 Uhr Tertia und Qnarta. Religion, Glaſer.— Latein III, Hainebach.— Mathematik III, Naumann.— Latein IV, Gaquoin.— Franzöſiſch, Hainebach.— Griechiſch IV, Wittmann. An demſelben Tage Nachmittags von 2—5 Uhr Quinta und Sexta. Religion, Glaſer.— Latein V., Wittmann.— Latein VI, Diehl.— Griechiſch V. Wittmann.— Rechnen, Uaumann.— Geographie, Weiffenbach. III. Bekanntmachung über Zeit und Bedingungen der Aufnahme in das Gymnaſium. Anmeldungen zur Aufnahme in das Gymnaſium für das bevorſtehende neue Schuljahr ſind Donnerstag den 23. April Morgens von 9—12 Uhr in dem Gymnaſialgebände unter Beibringung von Zeugniſſen der bisherigen Lehrer bei der unterzeichneten Behörde zu machen, worauf am 24. und 25. April die Aufnahme⸗ prüfung Statt finden wird. Der Unterricht beginnt am 27. April. Das für die Aufnahme in die ſechſte Claſſe beſtimmte Lebensalter iſt das zurückgelegte 10. Lebensjahr. Bedingungen der Aufnahme in dieſe Claſſe ſind geläufiges Leſen und Schreiben der deutſchen und lateiniſchen Schrift, ziemliche Sicherheit in der Recht⸗ ſchreibung und im Gebrauch der 4 Grundrechnungsarten, Kenntniß der regelmäßigen lateiniſchen Declination und Conjngation, der Adjectiva und Pronomina. Wünſchenswerth iſt es im Intereſſe eines ſtätigen und gedeihlichen Fortſchreitens und der geſammten Entwicklung der Schüler, wenn ſolche, welche, für ein wiſſenſchaftliches Studium beſtimmt, das Gymnaſium abſolviren ſollen, den geſammten Curſus deſſelben durchmachen, mithin, ſobald Alter und Kenntniſſe ſie dazu befähigen, in die unterſte Claſſe, und nicht erſt ſpäter in die mittleren Claſſen eintreten. Großherzogliche Direction des Gymnaſtuns zu Gießen. Dr. Geiſt.