A —— Univ.-E 1IV.- IOI. Giessen Zahresbericht über das Kurfürſtliche Gymnaſium zu Hanau zu den am 3. 4. und 5. April d. J. Statt findenden Schulfeierlichkeiten Dr. Veinrich Anguſt Sehiek Gymnaſialdirektor. Inhalt: 1. Ueber die Himmelsgloben des Anarimander und Archimedes.— Ein Beitrag zur Aufhellung des Alterthums. Erſte Abtheilung. Vom Direktor. 2. Schulnachrichten. Vom Direktor. Hanau, Druck der Waiſenhausbuchdruckerei. * 1843. Vorwort. Ein beſonderes Intereſſe gewährt die Lectüre des claſſiſchen Alterthums durch die Kunde von künſtlichen Sphären oder Globen, vermittelſt welcher es großen Denkern gelungen war, ihre Anſicht von Geſtalt, Stellung und Bewegung der Weltkörper zur Anſchauung zu bringen. Die Bewunderung, welche bei der Betrachtung ſolcher, den menſchlichen Scharfſinn ehrenden und über ſo wichtige Gegenſtände belehrenden Kunſtwerke das Gemüth eines jeden Menſchen zu erfüllen pflegt, mußte zum Erſtaunen werden in einer Zeit, die durch den neuen Anblick über⸗ raſcht wurde. Man ſollte daher billig erwarten, daß ſich das Alterthum werde veranlaßt geſehen haben, Erfinder wie Erfindungen genau zu bezeichnen. Dieſe Erwartung wird jedoch getäuſcht und man fühlt ſich unangenehm berührt durch die betrübende Wahrnehmung, daß, wie die Gegenwart, ſo auch die Vorzeit gar häufig undankbar war gegen ihre Wohlthäter, daß weder Menſchen durch ihre Größe, noch Erſindungen durch ihre Trefflichkeit vor unachtſamer Vernach⸗ läſſigung oder geringſchätzender Vergeſſenheit geſichert werden. So natürlich ſich auch an die Bewunderung der bezeichneten Kunſtwerke die Frage: wer der Erfinder ſei? anſchließen und den Wunſch erwecken mußte, die Namen ihrer Urheber der Verehrung ſpäterer Geſchlechter durch ausführliche Berichterſtattung zu überliefern: ſo zeigt doch eine ſorgfältige Prüfung der alter⸗ thümlichen Schriftſteller, die darüber Aufſchluß geben zu können ſcheinen, daß ſtatt aus⸗ führlicher Berichte nur kurze, oft flüchtige Notizen, ſtatt glaubwürdiger und zuverläſſiger Meldungen nur ſchwankende, oft ſogar ſich widerſprechende Erwähnungen an die Männer erinnern, auf deren Schultern zum Theil noch die Gegenwart ruht. Bei dieſer Unzulänglichkeit der Berichte wird es nicht auffallen, daß, wie in den letzten vorchriſtlichen Jahrhunderten, ſo in IV den Jahrhunderten nach Chriſto bis auf unſere Tage eigentlich unausgemacht geblieben iſt, wem die Ehre, den erſten Himmelsglobus erfunden zu haben, mit Recht zukomme. Da jedoch vorzugs⸗ weiſe bald der Mileſier Anaximander, bald der Syracuſaner Archimedes als Erfinder genannt wird: ſo haben dieſe Blätter die Abſicht, die Rachrichten der claſſiſchen Vorwelt über die Himmelsgloben dieſer beiden zuſammen zu ſtellen und daraus, wo möglich, eine zuverläſſige Kunde zu ermitteln.— Je mißlicher eine ſolche Unterſuchung, je unzureichender die vorhandenen, dazu nöthigen Hülfsmittel ſind, deſto mehr hofft dieſer Verſuch, eine archäologiſche Dunkelheit aufzuhellen, auf Nachſicht und Entſchuldigung der Mangelhaftigkeit Anſpruch machen zu dürfen. Jedenfalls erweckt das Anziehende des behandelten Stoffes die Hoffnung auf einige Theilnahme des Leſers. Erſter Theil. Anarimander als Sphärenerfinder. Die moderne Gelehrſamkeit hat ſich mit Eifer bemüht, das Helldunkel, welches uͤber die Frühzeit der geiſtigen Entwickelung bei den Griechen ausgebreitet iſt, in ein volles Licht zu verwandeln und jeder Tag bringt neue Beweiſe dieſes ehrenwerthen Beſtrebens hervor. So wichtig nun auch die Ergebniſſe der Forſchungen zur Ermittelung der griechiſchen Culturanfänge im Allgemeinen ſind, ſo läßt ſich doch nicht in Abrede ſtellen, daß zur Aufhellung und Beſtimmung des Bildungsſtandes in den einzelnen Jahrhunderten noch vieles fehlt, und weder das Zeitalter Anaximanders ausführlich und beſonders behandelt, noch der perſönliche Einfluß dieſes Pbhiloſophen auf ſeine Zeit nach den verſchiedenen Seiten hin genügend erforſcht und zur deutlichen Erkenntniß gebracht iſt. Die allgemeinen Intereſſen haben den beſondern die Aufmerkſamkeit entzogen, das Geringere iſt dem Wichtigern als Opfer gefallen, entweder aus Unachtſamkeit ganz überſehen, oder als etwas einer weitern Behandlung Unwürdiges zur Seite geſchoben wor⸗ den. Hinſichtlich Anaximanders hat man ſich in der Regel begnügt, ſein Verhältniß zu der joniſchen Schule ins Auge zu faſſen, und hat kaum die andern Verdienſte deſſelben beachtet, obwohl ſie Achtung verdienen und überdieß geeignet ſind, das Urtheil über den Standpunkt jener Zeit zu ergänzen, in Bezug auf hiſtoriſche Glaubwürdigkeit aber auf meiſt eben ſo gültigen Zeug⸗ niſſen beruhen, wie die ſind, auf welche die übrigen Leiſtungen ſich ſtützen. Das Feld, auf welchem ſich dieſe Unterſuchung bewegen muß, iſt daher als ein zum Theil unangebautes zu betrachten, deſſen Fähigkeit zu einem gewiſſen Ertrage erſt alsdann begriffen werden wird, wenn die Beſchaffenheit ſeines Bodens erkannt iſt. Daraus ergiebt ſich die Röthigung, das Zeitalter Anaximanders, ſo weit es hier in Betracht kommen kann, wenigſtens in allgemeinern Um⸗ riſſen zu zeichnen und den Weg zum vorgeſteckten Ziele von einem Geſichtspunkte aus zu beginnen, welcher den innern Zuſammenhang von Urſachen und Wirkungen ins Licht ſetzen, und den hiſtoriſchen Zeugniſſen leichtern Eingang verſchaffen wird. Gelingt es, die wichtigen Fragen, ob Anaximander nach dem Culturſtande ſeiner Zeit und nach ſeiner eignen Befähigung zur Erfin⸗ dung einer künſtlichen Sphäre, d. h. eines Himmelsglobus geſchickt geweſen ſei? zu einer genügenden Entſcheidung zu bringen: ſo muß die gewonnene Wahrſcheinlichkeit durch das Hinzutreten der alterthümlichen Schriftbeweiſe zur Gewißheit erhöoben werden und allen Bedenklichkeiten ein Ziel ſetzen. 1 2 Allerdings liegt in jeder Erfindung etwas Außerordentliches, aus dem Ideenkreiſe der Zeit Heraustretendes, was eben durch ſeine Neuheit überraſcht, Bewunderung und Staunen erregt; gleichwohl kann auch der hochbegabte, erfindungsfähige Geiſt nicht außer dem Bereiche der Ideen ſeiner Zeit gedacht werden. Wie der Baum, deſſen Wipfel in die Lüfte aufragt, ſeine Wurzeln in der Erde hat, aus welcher er Nahrung und die Möglichkeit zur Entfaltung von Blättern und Blüthen zieht; ſo hat auch der erfindende Geiſt gewiſſermaßen ſeine Wurzeln in dem Bildungs⸗ ſtande des Zeitalters, das er Theil nehmen läßt an ſeinem Glanze. Es iſt die eigenthümliche Auffaſſungsweiſe der vorgefundenen Vorſtellungen, Meinungen und Anſichten, die beſondere Verarbeitung, die ungewöhnliche Verbindung oder Trennung der Ideen, es ſind die auffallenden Folgerungen und Schlüſſe, die überraſchenden Combinationen, die wahre Quelle der Erfindungen. Ueberall ſetzen ſie Elemente, eine geiſtige Vorbereitung voraus; aber durch einen einzigen, oft urplötzlichen Gedanken, der einem electriſchen Funken gleicht, werden ſie ins Daſein gerufen. Cap. I. Fähigkeitsbeweiſe. §. 1. Fand Anarimander in ſeinem Zeitalter die zur Erfindung einer künſtlichen Sphäre vorbereitende Bildung? Anaximander, des Praxiades Sohn, lebte vom Jahre 610 bis zum Jahre 547 vor Chriſti Geburt; denn Diogenes von Laerte“) ſagt mit ausdrücklichen Worten, daß Apol⸗ lodor“) in ſeiner Chronik berichte: Anaximander habe im zweiten Jahre der acht und fünfzigſten Olympiade ein Alter von 64 Jahren erreicht gehabt und ſei um weniges nachher geſtorben in den Blüthentagen des ſamiſchen Polycrates. Sein Vaterland war das geſegnete Jonien an der Südweſtküſte Kleinaſiens, ſeine Geburtsſtadt das mächtige Milet, ſeine Stamm⸗ väter jene Griechen, die, etwa 400 Jahre vor ihm(1044) unter Neleus und Androklus aus Attika fliehend, auf der aſiatiſchen Küſte Sicherheit und Wohlſtand gefunden und früh ſchon Beweiſe ihrer geiſtigen Reife gegeben hatten. Denn hier, in Jonien, mußten die Anlagen des reichausgeſtatteten Griechengeiſtes Nahrung, Ermunterung und Muße ſinden zu fruchtbringender Entwickelung ³). Der lachende Himmel, die Milde des Clima's, die duftenden Blüthenhaine, die fruchtbaren Fluren, die hafenreiche Küſte, das inſelbeſäete Meer waren mächtige Impulſe 1) cf. Diogen. Laert. de vit. etc. Libr. II, 1. sub fine vit. Anaxim.— Suidas s. v. αει— Siehe Brucker histor. crit. Philosoph. Lips. 1742. T. I. pag. 476.— Fabric. biblioth. Gr. Libr. II. 8. p. 814.— Clinton fasti Hellen. ed. Rrüger. Lips. 1830. p. 7.— Groddeck Init. histor. Graecor. liter. Vilnae 1823. T. I. p. 101.— Encyclopäd. v. Erſch und Gruber unter Anarimander. 2) cf. Groddeck T. II, pag. 40. 3) ef. Herodot I. 142— 849.— Homeriſche Vorſchule von W. Müller. Leipzig 1829.— Ukert, Geogr. der Griechen und Römer von den älteſten Zeiten bis auf Ptolem. Weimar 1816. Th. 1. Arth. 1. S. 44. 3 zum Emporſtreben für ein Volk, das ſchon Antriebe genug hierzu in ſeiner Bruſt trug. Das Meer öffnete die Bahn zum gegenſeitigen Verkehr mit entlegenen Ländern, begründete einen gewinnreichen Handel, veranlaßte die Ausſendung von Coloniſten, und führte, was mehr iſt, durch die Verbindung mit Völkern, welche, wie Phönicier und Aegyptier, durch ihre hohe Bildung befähigt waren, wißbegierigen Fremdlingen Lehrer zu werden, Erfindungen und Künſte aller Art herbei. Solche Urſachen hoben zuſehends die Gewerbthätigkeit, den innern Wohlſtand, das politiſche Anſehen der joniſchen Städte. Während noch die europäiſchen Griechen unter kriegeriſchen Stürmen bluteten und um politiſche Freiheit rangen, hatten bereits die aſiatiſchen Stammge⸗ noſſen ihre freien Verfaſſungen geordnet, und konnten alſo ihren Sinn höhern Bedürfniſſen zuwenden. Ein Volk aber, das in ſich ausgezeichnete Talente, in ſeinen politiſchen Beziehungen Freiheit, in ſeinen häuslichen Verhältniſſen Behaglichkeit, in der lachenden Natur Erheiterung, in ſeinen Beſchäftigungen Aufregung, im täglichen Verkehr mit Fremden Ermunterung und Vorbilder zur Selbſtthätigkeit in der wiſſenſchaftlichen und künſtleriſchen Bahn vorfindet, ſchreitet mit überraſchender Schnelligkeit und mit Ruhm in ſeiner geiſtigen Entwickelung vorwärts. Darum konnte Jonien dem Mutterlande ſeine Dankbarkeit ſchon frühzeitig erweiſen durch Mit— theilung des Herrlichen, was ſeinen Beſtrebungen gelungen war. Die frühe Kenntniß und Anwendung des Alphabets ¹), die Ausbildung der gefügigen, vocalreichen Sprache, die Vollendung der epiſchen Poeſie durch Homer's unſterbliche Geſänge, die Nachklänge dieſer epiſchen Begei— ſterung in cykliſchen Dichtungen, die mannichfaltigen rhythmiſchen Formen und Melodien, in welchen, wie auf dem Feſtlande, ſo auf den benachbarten Inſeln die Wogen der aufgeregten, vom Entzücken der Luſt, Freude und Liebe bis zum Schmerz und Ernſt wechſelnden Empfin⸗ dungen ſich ergoſſen, die unterhaltenden Fabeln und Mährchen, die Anfänge des verſtändigen Lehrgedichtes,— das alles ſind redende Beweiſe und eben ſo viele Lobſprüche auf den Bildungs⸗ zuſtand der aſiatiſchen Griechen und hauptſächlich Joniens noch vor Anaximander'’s Lebzeit. Wie aber die Betrachtung der Außendinge zur epiſchen, der Blick auf die innere Welt des Gemüthes zur lyriſchen Poeſie geführt hatte, ſo hatte auch der Blick auf die Erde und die Himmelskörper ſchon manche Früchte getragen und wahrſcheinlich ſogar mehrere, als gegenwärtig erweisbar ſind. Gelten Homers und Heſiods Geſänge für die Quellen, aus welchen die Kunde darüber zu ſchöpfen iſt: ſo waren allerdings die Grundlagen vorhanden, auf welchen, namentlich in Jonien, das wiſſenſchaftliche Erwachen um ſo glücklicher fortbauen konnte, jemehr daſelbſt der Verkehr mit andern Völkern Berichtigungen und Bereicherungen an aſtronomiſchen Kenntniſſen niedergelegt haben mochte. Denn ſo gewiß theils in der Natur des menſchlichen Geiſtes, theils in der Wunderbarkeit und dem Einfluß der Himmelskörper, theils in den niedern Bedürfniſſen des Lebens der Grund und die Veranlaſſung liegen, weshalb überall, wo Menſchen leben, Betrachtungen und Beobachtungen des Himmels angeſtellt werden, alſo kein Volk 1) Herodot. Libhr. V, 58. 4 ausſchließlich Erfinder der Aſtronomie geweſen ſein kann; ſo ausgemacht iſt es, daß das Gedeihen der Aſtronomie und das allmähliche Erheben derſelben zur Wiſſenſchaft neben einer vorgerückten Verſtandes⸗ und Vernunftbildung, welche zu abſichtlichen Beobachtungen ſchreitet, auch die Kittheilung fremder Entdeckungen und Einſichten nothwendig macht. Dieſe Mittheilung mußte aber in einem betriebſamen Küſtenlande, das Schiffe nach fernen Gegenden ausſandte, und fremde Seefahrer von gebildeteren Nationen in ſeinen Häfen aufnahm, ſehr leicht erfolgen. Freilich tragen die aus Homer und Heſiod zu entnehmenden Anſichten über die Erde als eine Scheibe“), deren Ausdehnung vom öſtlichen Phaſis bis zwei Tagereiſen hinter dem weſtlichen Sicilien, im Norden und Süden vom Okeanosſtrom umflutet wird,— über den Himmel als ein die Erdſcheibe umfaſſendes Gewölbe,— über die Geſtirne, ihre Bewegungen und Grup⸗ pirungen zu Bildern, über Sonnenwenden, Zeiteintheilung u. ſ. w. das Gepräge einer ganz einfachen und ſinnlichen Weltanſchauung und kaum genügender Verſuche, aus den regelmäßig wiederkehrenden Erſcheinungen am Himmel eine Richtſchnur für die Geſchäfte des bürgerlichen Lebens zu entlehnen; aber gleichwohl boten ſie dem Nachdenken ſchon einen überaus reichen Stoff und manche Beſtimmung, an welche ſich leicht Folgerungen oder Berichtigungen reihen ließen. Außerdem iſt zu erwägen, daß es die Abſicht der Dichter nicht ſein konnte, alle aſtronomiſchen Kenntniſſe ihrer Zeit darzulegen, und daß das poetiſche Gewand wohl manchem Gegenſtande, deſſen ſie gedenken, einen unſichern Schein giebt. Im Laufe der 3 oder 2 Jahrhunderte von Homer und Heſiod bis auf Anaximander mußten dieſe aſtronomiſchen Kenntniſſe in den Händen ſo vieler Menſchenalter allmählich geläutert, durch neue Beobachtungen vervollſtändigt werden, und wenn es auch an alterthümlichen Nach⸗ weiſungen der einzelnen Fortſchritte gebricht; ſo liegen doch Beweiſe dafür theils in dem allgemeinen Gange menſchlicher Entwickelung, theils in den ſchon gereinigteren Anſichten des Thales, mit welchem eine neue Aera begann. Auf gleiche Weiſe mußte während der Zeit die Erdkunde eine Umgeſtaltung zum Beſſern erfahren. Land⸗ und Seereiſen mehrten ſich, führten Berichtigungen, Erweiterungen herbei. Beſonders vortheilhaft wirkte auch hier der blühende Handel, die zunehmende politiſche Macht der joniſchen Städte, unter denen Milet und Epbeſus hervorragten. Miletus, von den einwandernden Joniern wahrſcheinlich nur erneuert, nicht weit vom Ausfluſſe des Maeander an der Südſpitze des lamiſchen Meerbuſens gelegen, mit vier Häfen verſehen, von Strabo und Plinius das Haupt von Jonien genannt*), hatte durch ſeine Betriebſamkeit einen ſolchen Aufſchwung genommen, daß es in der Zeit von 700— 500 als eine der erſten Handelsſtädte der Erde daſtand. Seine Schiffe beſuchten nicht nur die nahen Küſten, 1) Vergl. Schaubach's Geſch. d. griech. Aſtronom. bis auf Eratoſthenes. Göttingen 1802.— Voß mytholog. Briefe. Th. 2, p. 95. 2) Strabo Geograph. Libr. XIV. p. 732. Edit. Basil.— Plin. H. N. Libr. V. 29.— Athenaeus Libr. XII, 26. Diud.— Vergl. Mannert Geogr. d. Gr. u. R. 6 Th. S. 253. 5 nach Norden oder Süden ſteuernd, ſondern auch die fernen Säulen des Herkules, vorzüglich jedoch die Propontis und den Pontus Euxinus. Die Volksmenge der Stadt war groß genug, um an den zuletzt erwähnten Meeren eine Menge Colonieſtädte anzulegen, welche in kurzer Zeit ebenfalls zu bedeutendem Wohlſtande anwuchſen und mit der Mutterſtadt fortwährend in Verbindung blieben. Die Anzahl dieſer Pflanzſtädte, welche Plinius!) auf mehr denn 80, Seneca:) auf 75 beſtimmt, giebt einen deutlichen Begriff von dem ausgedehnten Handel, der ſich überdieß noch zu Lande in das Innere von Aſien erſtreckte, und alſo die Bekanntſchaft mit den verſchieden⸗ artigſten Gegenden und Rationen bewirkte. Im Gefolge des zuſtrömenden Reichthums ſam⸗ melten ſich natürlich die das Leben verſchönernden Künſte und Gewerbe in Milet, aber auch ſpäterhin die Sittenentartung und Verweichlichung, wodurch die Stadt fiel. Athenaeus’) unter⸗ läßt daher nicht, neben der frühern, faſt zum Sprüchwort gewordenen Tapferkeit, auch der nachmaligen Trunkliebe und der allgemeinen Schwelgerei der Mileſier zu gedenken.— Faſt daſſelbe gilt von der Bedeutſamkeit der Stadt Epheſus. Wie die Geſchichte nicht aufhören wird, der mercantiliſchen Größe beider Städte zu erwähnen, ſo wird auch der Ruf vom Dianentempel zu Epheſus, einem der ſieben Wunderwerke der Welt, das Andenken an die Kunſtübung in Jonien erhalten. 220 Jahre“) hatten die kleinaſiatiſchen Völker zu ſeiner Vollendung gebraucht. 425 Fuß betrug ſeine Länge, 220 Fuß ſeine Breite; 127 Säulen, jede 60 Fuß hoch, ſo wie eine unendliche Zahl von Bildſäulen, Gemälden verherrlichten den Prachtbau. Angaben der Art, ſollten ſie auch zum Theil auf eine ſpätere Zeit hinweiſen, erregen ebenſowohl Erſtaunen, als ſie Zeugniß ablegen für den geläuterten Geſchmack und den vorgerückten Standpunkt der edeln Künſte in jenen Blüthentagen Joniens. Bei ſo günſtigen Umſtänden kann es daher nicht auffallen, daß gerade hier, in Milet, die erſte Philoſophenſchule entſtand, welche, unter dem Namen der Joniſchen, den Anfang eines ſtrengeren und zuſammenhängenderen Nachdenkens bezeichnet, und die Grundlage aller ſpätern Philoſophie ausmacht. Thales) war der Stifter dieſer Schule, ein Mann von eben ſo großer Wißbegierde, als geiſtiger Befähigung, durch Selbſtdenken wie durch Reiſen nach Creta, Phö⸗ nicien und Aegypten, dem Sitze der Prieſterweisheit, mit ungewöhnlichen Kenntniſſen ausgeſchmückt. Er lenkte alles Forſchen in wiſſenſchaftlichere Schranken und fand bei ſeinen Mitbürgern lebhafte Nacheiferung, weil die Zeit dazu vorbereitet war. Er ging bei ſeinen 1) ef. Histor. Nat. V, 29. 2) cf. Consolat. ad Helv. cap. 6. 3) Libr. XII, cap. 26.— X, 33.— Gelf. N. A. XV, 10. 4) cf. Plin. H. N. XXXVI, 14.— Strabo XIV, p. 738. Edit. Bas. Weitere Nachweiſungen über Epheſus ſiehe in Mannerts Geogr. d. Gr. u. R., und Biſchoffs vergleichendem Wörterb. der alten Geogr. 5) Er lebte vielleicht bis 542 v. Chr.(vergl. Clinton fast. Hellen. ed. Rrüger. pag. 6. 3.) Ueber ſeine Philoſophie vergl. Diog. Laert. Edit. Lond. 1664. F. Libr. I. Pag. 6 ff.— Brucker, Histor. crit. Philos. T. I. pag. 458 ff.— Geſch. d. Phil. d. Gr. von Tennemann und Ritter. 2 6 Unterſuchungen über den Urſprung der Dinge, über Gott und die Welt von einem feſten Princip aus, beobachtete mit Fleiß die Himmelskörper und führte die mathematiſchen Studien ein. Mögen auch die ihm beigelegten geometriſchen Grundſätze¹), daß der Durchmeſſer den Kreis in zwei gleiche Theile zerlege, daß die Winkel an der Grundlinie eines gleichſchenkeligen Dreiecks einander gleich ſeien ꝛc., ſo wie das Verfahren zur Ermittelung der Höhe einer Pyramide oder der Entfernung eines Schiffes vom Ufer noch nicht über die Anfänge der Wiſſenſchaft hinausreichen; ſo mußte doch ſchon dadurch eine größere Sicherheit in die Berechnungen kommen. Auch muß der erwachte mathematiſche Eifer ſehr ſchnell zu glücklichen Reſultaten gelangt ſein, weil es unmöglich iſt, anzunehmen, daß die zahlreichen Angaben der Alten über angeſtellte Berechnungen und Meſſungen nur auf Fiction beruhen. In Bezug auf Aſtronomie machte Thales die Kenntniſſe des Auslandes zugänglich, führte den kleinen Bär unter die Sternbilder ein, beobachtete die Sonnenwenden“*), wagte ſchon eine Vermuthung über die Größe der Sonne im Verhältniß zum Monde, beſtimmte die Nachtgleichen und Jahreszeiten, verkündete eine Sonnenfinſterniß*)(die erſte, die wir kennen, vom 30. Sept. 610 a. Chr.), theilte, nach dem Vorgang. der Aegypter, das Jahr in 365 Tage), machte mit der Rundung der Erdfläche) bekannt, wahrſcheinlich den Vorſtellungen des Auslandes ſich anſchlicßend. Wie weit die mechaniſchen Fertigkeiten bis zu Thales Zeit gediehen, läßt ſich vermuthen, wenn wir ihre Nothwendigkeit zur Befriedigung großer und unabweislicher Bedürfniſſe im häus⸗ lichen und bürgerlichen Leben, ihre Anwendung in der Baukunſt und Schifffahrt, die Uebung derſelben im ganzen, damals gebildeten Orient, ſo wie endlich die bald nach dieſer Zeit von den Griechen in den mathematiſchen Wiſſenſchaften gemachten ſchnellen Fortſchritte in das Auge faſſen. In wie fern ſie jedoch auf Fertigung von geographiſchen und aſtronomiſchen Hülfsmitteln, von Charten und Globen angewandt worden ſei, das bleibt unentſchieden. Die Erfindung von Erd⸗ charten bei den Griechen reicht nicht über Anaximander hinauf und die Hinweiſungen auf Atlas und Muſaeus'é) als Erfinder von Sphären fallen in den Mythenbereich. Iſt es daher auch nicht möglich, mit einer gewiſſen Sicherheit von einem voranaximandriſchen Daſein dieſer Erfindungen zu reden: ſo darf man ſich doch zu der Vermuthung veranlaßt fühlen, daß Anfänge 1) Nachweiſungen des Diog. Laert., Proclus ete. in Finger Dissertatio de primordfis Geometriae apud Graecos. Heidelb. 1831.— Vergl. Schaubachs Geſch. d. Aſtr. S. 49.— Wachsmuth Helle⸗ niſche Alterthumsk. II. S. 461, 483, 491. 2) Diog. Laert I. l.— Plutarch. de placit. philos. II, 12.— Brucker, Hist. crit. Phil. I. I. 3) Herod. l. 74.— Cic. de Republ. I, 16.— de divinat. I, 40.— Ideler hiſtor. Unterſ. über die aſtron. Beob. d. Alten. Berlin 1806. S. 154.— Deſſelben Handbuch d. mathem. und techn. Chrono⸗ logie. Berlin 1826. Th. l. S. 209. Th. II. S. 166. 4) Diog. Laert. vit. Thalet.— Ideler Chronolog. Th. I. S. 177. 5) Vergl. die geſammelten Notizen bei Ukert. Geogr. d. Gr. u. R. bis auf Ptolem. Abth. I. S. 51. 52, in d. Anmerk.— Abth. II. S. 18. 6) Diog. Laert. in Prooem.— Diodor. Sic. Libr. III, cap. 60.— IV, 27.— Plin. H. N. II, 8. Vergl. Menag. ad Diog. Laert. Libr. II, 1. p. 44. 7 von dergleichen Kunſtwerken ſchon vor Anaximander vorhanden ſein mochten. Von derſelben Anſicht ſcheint auch Fabricius!) ausgegangen zu ſein, der in den Säulen Jachim und Boas vor dem Salomoniſchen Tempel“), in dem Ringe des Oſymandyas zu Theben“), in dem Schilde des Achilles¹) die Anfänge von Welt⸗ oder Himmelskugeln erblickt. Gewiß bleibt, daß alle dieſe Verſinnbildungen, ſo dunkel ſie auch ſein mögen, und ſo viel namentlich Critik und zeitgemäße Kunſtcultur gegen den Homeriſchen Schild einzuwenden hat'), ein Zeugniß ablegen für das natürliche Beſtreben des Menſchen, ſeine Kenntniß von dem Lande, das er bewohnt oder kennt, ſo wie ſeine Vorſtellungen von den Himmelskörpern in Abbildungen niederzulegen. Völker aber, wie Aegypter, Phönicier, Karthager, ſo wie die Bewohner des heiligen Landes, deren Geſchichte eine bedeutende Bildungeſtufe nachweiſet, deren Handels⸗ und Kriegszüge, Pflanzſtädte und Verbindung mit fernen Ländern ſogar die Nothwendigkeit von Abbildungen dieſer Art herbei⸗ führten, hatten unſtreitig manches vorbereitet, was durch den Verkehr auch den Griechen mitgetheilt und von dieſen mit dem ihnen eigenen Talente weiter bearbeitet und wiſſſenſchaftlich vervoll⸗ kommnet wurde. Fügt man zu dieſen Vorbereitungen noch die allgemeinere Verbreitung der Buchſtabenſchrift, durch deren Anwendung die vorhandenen Kenntniſſe ſicher bewahrt und mitgetheilt werden konnten: ſo ſind die wiſſenſchaftlichen Grundlagen der Zeit vor Anaximanders Erſcheinung im Allge⸗ meinen angedeutet. Sie ſind aber in der That vielſeitig und ausgedehnt genug, um einen Geiſt, der in ſich Scharfſinn, Erfindungskraft und Kenntniſſe trug, zu ungewöhnlichen Leiſtungen zu führen. War Anaximander ein ſolcher Geiſt, ſo durfte Großes von ihm erwartet werden; es fragt ſich demnach: §. 2. War Anaximander an ſich fähig, eine Sphäre zu erfinden? Ohne Bedenken darf auf dieſe Frage eine bejahende Antwort gegeben werden. Allerdings iſt zu bedauern, daß über ſeine Perſönlichkeit eine ausführliche Kunde aus der Frühzeit durchaus fehlt, und daß die Benutzung hier und da zerſtreuter Notizen nur ein mattes Bild von ihm zu geſtalten vermag; indeß ſtellen doch die vorliegenden Zeugniſſe Anaximander als einen wirklich talentvollen, kenntnißreichen Mann dar, welcher mit ruhiger Ueberlegung und Selbſtſtändigkeit im Denken zugleich einen practiſchen, erfindungsreichen Sinn verband, deshalb alſo wohlgeeignet 1) Fabr. biblioth. Gr. IV. p. 456. 2) 1. Buch d. Könige 7, 15 ff. 2. B. 25, 17.— 2. B. d. Chron. 4, 13. Jerem. 52, 21. 3) Ideler(Unterſuchungen über d. aſtr. Beob. der Alten. Berlin 1806. Th. I. S. 68) glaubt zwar auch auf dieſen Ring mit Berufung auf Diodor Sie. I. p. 59 hinzeigen zu müffen, wagt es aber nicht einmal, Vermuthungen über das Alter des ägyptiſchen Jahres darauf zu gründen. 4) Homer. Il. XVIII, 476. 5) Wolfs Prolegom. zu Hom. S. 131.— W. Müller'’s Homeriſche Vorſchule. Lpz. 1824. S. 121. war, das gelehrte Wiſſen zum Gemeingut und einzelne Lehren durch Veranſchaulichung allgemein⸗ faßlich zu machen. Es wäre jedoch thöricht, die Urſache, weshalb ſo Unzureichendes über ihn berichtet wird, von einer Theilnahmloſigkeit der Zeitgenoſſen oder der bald nachher Lebenden an ſeinen Leiſtungen abzuleiten; vielmehr muß die mangelhafte Aufzeichnung ſeiner Lebensumſtände aus der eben erſt beginnenden Entwickelung der Proſa erklärt werden. Das ſcheint vor allem feſtzuſtehen, daß er, ein geborner Mileſier, ein Schüler und Vertrauter des gefeierten Thales, fern von aller zerſtreuenden Sorge für Staatsangelegenheiten, ſeine Thätigkeit ausſchließlich dem wiſſenſchaftlichen Forſchen, ſo wie der Nutzbarmachung des Gefundenen durch Mittheilung und Unterricht zugewendet habe. Die Erzählung Aelians!), nach welcher Anaximander eine mileſiſche Colonie nach Apollonia ausgeführt haben ſoll, wird unſers Wiſſens durch kein anderes Zeugniß beſtätigt. Dagegen ſcheint er ſich mit dem Jugendunterricht eifrig beſchäftigt zu haben, wie Brucker“*), mit Verweiſung auf eine ſcharfſinnige Erklärung Heumanns annimmt'). Wie aber im Allgemeinen die joniſche Schule, der er angehörte, die Entſtehung der Dinge, Erd- und Himmelskunde und Mathematik zu Hauptgegenſtänden ihrer Unterſuchungen machte, ſo auch im beſondern Anaximander. Indem er jedoch ſeinen eignen Weg ging, gelangte er auch zu neuen Reſultaten. Erregt es doch ſchon Aufmerkſamkeit, daß er durch Erhebung eines beſondern Ausdruckes dox* zur Bezeichnung des urſprünglichen Grundes des Seyns das klare Bewußtſein von der Nothwendigkeit eines ſtrengen Zurückführens der Dinge auf ein gemeinſames Princip ausſprach, und ſo durch Einführung feſtſtehender Begriffsträger den wiſſenſchaftlichen Forſchungen gewiſſe Haltpuncte, vermehrte Sicherheit und Leichtigkeit gab“). Hatte Thales vor ihm das Waſſer zur Grundlage aller Dinge gemacht, ſo ſetzte Anaximander den Urſprung derſelben in das&erεεαοο) d. h. wahrſcheinlich, in eine ewig bewegte Miſchung von allem, was 1) Variae histor. III, 17. 2) Histor. erit. Philos. T. I. p. 478. 3) Nur durch dieſe Annahme gewinnen die Schlußworte in der Erzählung des Diogenes von Laerte: (II, 1. c)— 100νh0 ꝙα] ονπντοε 2τανεdoοα³ τα⁶ςσια τ§ uαmσονια †ἀ⁴νιαα B4ι 00„„10νν εᷣασιον ϑ⁴αετ ταdι‿— eine Rechtfertigung, ja, ein bedeutendes Gewicht. Es bedarf wohl der im Entwickelungsgange der Griechen begründete, wie vom dichteriſchen Vortrag überhaupt, ſo beſonders vom Vortrag der früheſten Philoſophen übliche Gebrauch des Wortes ειυν(ef. Groddeek histor. lit. Gr. T. I p. 6 ff.— Wüstemann zu Theoerits Idyll. XXI, 20.) keiner weitern Erörterung. Anaximander, ſcheint es, bediente ſich beim Unterrichte anfangs der gewöhnlichen bilderreichen Vortragsweiſe, fand aber, daß ſie für die Jugend ungeeignet ſei und verſprach, auf ein verſtändlicheres Mittel denken zu wollen.— War dieſes die Veranlaſſung zu dem Verſuch, über philoſophiſche Gegen⸗ ſtände in Proſa vorzutragen und zu ſchreiben?— 4) Brucker histor. erit. Phil T. I. p. 481 mit Not. X.— Ritter Geſch. d. Phil. Th. I. S. 276. Not. 1. 5) Vergl. zu Diog. Laert. II, 1. die gelehrten Ausleger Aldobrandini und Menage.— Brucker histor. erit. Phil. I. p. 481.— Ritter Geſch. d. Phil. Th. I. S. 276.— Beſondere Aufmerſamkeit verdienen die Worte des Ariſtoteles(Metaph. Xil, 2. D. Pag. 1391. Edit. Aurel. Allobrog. 1606), welcher ſich für die chaotiſche Miſchung der Elemente ausſpricht. Tennemann(Geſch. d. Philoſ.), vorzüglich aber Schleiermacher(Abhdlg. der philoſ. Klaſſe der Königl. Pr. Acad. d. Wiſſenſch. Berlin 1815. S. 97) hat ſich mit Genauigkeit und Scharfſinn darüber verbreitet, jedoch mehr wider⸗ legend, als poſitiv lehrend und überall zufriedenſtellend. 9 und wie es iſt in ſeinen Elementen, welche Lehren von ſpätern Philoſophen, z. B. von Anaxa⸗ goras aufgefaßt und weiter verarbeitet wurde zu der Lehre vom Chaos. Mit gleicher Selbſtſtändigkeit, aber folgerecht, beſtimmte er den Himmel in Kugelform als eine Miſchung) des Warmen und Kalten, und die Geſtirne als feurige Hohlkugeln, verſuchte?) die Größe und Entfernung der Himmelskörper auszumitteln und ihr Verhältniß zur Erde, dem Mittelpunct der Welt, anzugeben, die in ſphäriſcher Geſtalt durch den gleichen Abſtand von der Oberfläche der Himmelskugel ruhe und nicht ſinke, weil kein Grund ſei, warum ein Körper, der in der Mitte einer Kugel ſchwebe, ſich nach oben oder unten, oder nach einer Seite hin bewege*). Sind dieſe wenigen Züge aus dem philoſophiſchen Leben Anaximanders ſchon hinreichend, um in demſelben einen talentvollen, ſelbſtſtändigen Denker erkennen zu laſſen: ſo darf man, alle weitere Ent⸗ wickelung über ſeine philoſophiſchen Anſichten als nicht zu dieſem Zweck gehörig den hiſtoriſch⸗ philoſophiſchen Werken überlaſſen, und den Blick den Erfindungen zuwenden, welche demſelben, zum Theil ohne Widerſpruch, zuerkannt werden. Hier gewahrt man Erſcheinungen, die eben ſo charakteriſtiſch ſind, als der Werthſchätzung würdig. Wurde Thales als Begründer der Mathe⸗ matik unter den Griechen gerühmt, ſo iſt Anaximanders Ruhm wegen ſeiner mathematiſchen Kenntniſſe nicht geringer. Von Bedeutung war die Verfertigung der erſten Erdcharte“), die Erfindung eines Sonnenzeigers, den er in Lacedämon aufſtellte?), die Beſtimmung oder Bekannt⸗ machung der Aequinoctial⸗ und Solſtitialpuncte⁰), die Berechnung der Ekliptik.— Wenn nun Angaben in dieſer Anzahl und von ſolcher Bedeutſamkeit in den Gegenſtänden auf einen Mann hinweiſen, dann kann ſelbſt der Zweifel an der Zuverläſſigkeit einer oder der andern Nachricht den Glauben an die geiſtige Größe Anaximanders nicht untergraben. Fehlte auch den einzelnen Beſtimmungen die mathematiſche Schärfe, wie ſie etwa die folgende Zeit geben konnte, ſo lag doch in der gebildeten Vorſtellung die Veranlaſſung zu genauerer Feſtſtellung, die allmählich erfolgte.— Zu ſeinen Verdienſten gehört endlich noch das, der erſte geweſen zu ſein, welcher 1) Stob. ecl. phys. pag. 500 ſagt: rcειιιασάe⁶οοσ ⁷τeνυοσσσ⁶σν£έ⁵τν☛εανεαα ειμιο εα ηυνιο 10αμαόάαιοο ef. Euseb. Praeparat. Ev. I, 8.— Schleiermacher a. a. O. S. 113. 2) llleune ap. Simplie. de Coelo. f. 115. a. legt dieß dem Anaximander bei, obſchon Andere dem Thales. Diog. Laert. II, 1. B. berichtet blos, Anax. habe gelehrt: der Mond habe ein falſches Licht und werde von der Sonne erleuchtet; die Sonne ſei nicht kleiner als die Erde und das reinſte Feuer. Wie Plutarch de placit. philos. II, 20 die genauere Beſtimmung, daß nämlich die Sonne 28mal größer ſei als die Erde, mittheilt, ſo ergänzt auch Stobäus(Eelog. phys. I, 25) die Lehre von der Stellung der Himmelskörper, von denen die Sonne den oberſten Punct einnehme, den nächſten der Mond. Siehe Schleiermacher a. a. O. S. 122. 124. 3) Aristot. de Coelo II, 13.— Schleiermacher a. a. O. S. 123. 4) cf. Strabo Geograph. ed. Basil. pag. 6.— Suidas I. I.; ſiehe unten§. 5 ff.— Plin. H. N. VII, 56.— Diog. Laert. II, 1. 5) cf. Diog. Laert. I. I. mit den Anmerkungen des Menage.— Suidas Lex. l. l.— Eusebius Praepar. Evang. Libr. NX., letztes Cap.— Plin. H. N. II, 76 legt ſie dem Anaximenes bei, viel⸗ leicht in Folge eines Schreibfehlers.— Ideler Handbuch d. math. und techn. Chronolog. p. 235. 6) Auch hier treten die Nachrichten des Alterthums durch Abweichung und Widerſpruch in undurchdringliches Dunkel. Schon oben wurde dieſelbe Ehre dem Thales zugewieſen. ef.§. 1. 5 5 über die Gegenſtände ſeines Nachdenkens in Proſa geſchrieben hat. Dafür reden die ausdrücklichen Zeugniſſe des Themiſtius ¹), Diogenes, Suidas, und Anaximanders ſchaffender Geiſt und thätige Beſtrebung, dem Wiſſen allgemeinere Verbreitung zu ſichern, machen es wahr⸗ ſcheinlich. Den bekannten Verſuchen des Pherecydes*) und Cadmus“) aus Milet wird dadurch nichts entzogen, wenn man nur auf die Verſchiedenheit der von ihnen in Proſa behan⸗ delten Gegenſtände ſiehet. So unvollſtändig nun auch dieſe Darſtellung des Culturzuſtandes zur Zeit Anaximanders, ſo wie ſeines eignen wiſſenſchaftlichen Standpunctes ſein mag: ſo dürfte ſie doch wohl hinreichende Facta enthalten, um darauf die Ueberzeugung zu gründen, daß eine in geiſtiger Entwickelung bereits glücklich vorgeſchrittene Zeit, und ein Mann, der nach ſo vielen Richtungen hin und mit ſo günſtigem Erfolge ſeinen rühmlichen, wiſſenſchaftlichen Eifer an den Tag gelest, auch fähig geweſen ſei zur Erfindung eines Himmelsglobus. Cap. II. Directe Schriftbeweiſe. Wir wenden uns daher zur Beantwortung der zweiten Hauptfrage: Hat Anaximander nach glaubhaften Schriftbeweiſen wirklich eine Sphäre, d. i. einen Himmelsglobus, erfunden? Es reden überhaupt nur drei altclaſſiſche Schriftſteller ausdrücklich zu Gunſten Anaximan⸗ ders, als Erfinders eines Himmelsglobus und dieſe Schriftſteller ſtehen unglücklicherweiſe fern von dem Zeitalter des Philoſophen.— Wenn daher die Zeugniſſe für Anaximanders Erfin⸗ dung aus den Sammelwerken des Naturhiſtorikers Plinius, des Lexicographen Suidas und des Biographen Diogenes von Laerte geſchöpfet werden: ſo entſteht ſogleich die Verpflichtung, weder unbedingt der Führung dieſer Schriftſteller zu vertrauen, noch auch ihren Verſicherungen den Glauben ſchlechthin zu verſagen, ſondern in den äußern, auf ein erzähltes Factum ſich bezie⸗ henden Umſtänden, oder in innern Gründen ein Supplement zur Beglaubigung oder zur Ver⸗ werfung der Erzählung zu ſuchen. 1) Themiſtius(Orat. 20, oder bei Andern 26) bezeugt ausdrücklich:„Oaννς 10» d r0dαναντ 24αeεέκꝓνέν *⁴νιοεννο 0 ncεενιέο 5 ε,G es db roν 1 eu Oritacra 001e M⁹ςμ 6 G**⁵, oure dν⁴ιοςď 18 10% Et, Kxεενον kodror. Touντo⁵ ve„⁶εενος 514⁴οπυε Arasiειμαη⁴οσσ 0 Tloaricdor 00 Tcaα 5 S',Ide" 6 ⁴α⁸ςε, Gα 1 0 60s ονναεε 18 vd eerocrero, d1 2 9605, Ge 71r00108, 101e EIAν 46;„0 SSerενεν rce* qν⁶έσ dνε ανκανανενονν. IIoir d eiς ⁶τιιος 1.e1drirνε 10 Ad„oν auyod—ety, A³⁴ν οm ετοιςειτο 1⁷ ττ6εν EMnoc.— ef. Suidas s. v. hstu.— Diog. Laert. vit. yastα.— Strabo I, 16.— Die Unterſuchung wird ſpäter auf die einzelnen, für den vorliegenden Zweck wichtigſten Puncte zurückkommen. 2) Diog. Laert. sub Pherecyd. p. 31.— Strabo Geogr. Libr. I. p. 16. 3) Plin. H. N. VII, 56.— W. 29.— Pherecydis fragmenta ed. 3315 Lpz. 1824. 11. §. 3. Diogenes von Laerte ſpricht in ſeiner Erzählung von Anaximander“), nach Aufführung der übrigen ſchon oben genannten Erfindungen deſſelben, mit Beſtimmtheit von der Erfindung der Sphäre in den Worten: a zα σσσσœ zcreoxsuaoe.— Die gelehrten Erklärer Henricus Stephanus, dem es freilich mehr um Wortcritik zu thun war, Caſaubonus und Thomas Aldobrandini haben zu dieſer Stelle nichts beigebracht; dagegen verweiſt Aegidius Menage) auf Plinius Naturgeſchichte*), wo bei Gelegenheit einer chaotiſchen Aufzählung von verſchiedenen Erfindungen auch der Sphäre Anaximanders gedacht wird, ſo wie auf Suidas Lexicon, sub v. Arαςμιμααάd.— Es würde viel gewonnen ſein, wenn es möglich wäre, nicht nur die Ouelle, woraus Diogenes dieſe Nachricht ſchöpfte, zu entdecken, ſondern alsdann auch dem Urſprunge derſelben nachzugehen und ſo den Grad ihrer Glaubwürdigkeit zu ermitteln. Da jedoch Diogenes ſeine Ueberlieferungen aus den verſchiedenartigſten, nur zum Theil namhaft gemachten Werken, die noch dazu für uns verloren ſind, entnommen hat: ſo muß man freilich auf einen Stützpunct der Art Verzicht leiſten. Es bleibt dagegen die Thatſache, daß Diogenes nirgends den Verdacht der Partheilichkeit oder abſichtlicher Täuſchung erweckt und, wenn auch von dem Fehler der Flüchtigkeit, ſo wie vernachläſſigter Anordnung des behandelten Stoffes keineswegs frei, doch oft genug und ſelbſt durch Hinweiſung auf die benutzten Quellen das Beſtreben zeigt, ſeinen Mittheilungen Beſtätigung zu verſchaffen, oder auch wohl in zweifel⸗ haften Dingen die Schuld der Unzuverläſſigkeit von ſich zu entfernen. Dieß Vertrauen auf ſeine Rechtlichkeit hat wenigſtens mehr Gewicht, als eine Berufung auf Phavorinus, den Diogenes einige Zeilen vorher als Gewährsmann nennt, haben könnte; denn von der Varia historia des Phavorinus ſind nur zerſtreute Citate übrig geblieben, aus welchen kein ſicherer Schluß auf die Zuverläſſigkeit einer Erzählung möglich wird. Man ſieht übrigens aus den einzelnen Worten, wie aus der ganzen Wortverbindung, daß Diogenes von einem Himmelsglobus habe reden wollen; es ſei denn, daß man annähme, derſelbe habe mit Worten und Sachen nur Spiel getrieben und in der Zuſammenſtellung der Verdienſte Anaximanders eine völlige Kenntnißloſigkeit der Wortbedeutungen und einen gänz⸗ lichen Mangel an Gewandtheit in der Darſtellung verbunden. Gegen dieſe Annahme würde aber ſowohl der Entſchluß des Diogenes, ein Buch, wie das vorliegende, zu ſchreiben, als auch die ſichtbar fleißige, ja mühſame Zuſammentragung zerſtreuter Nachrichten über ſo ſchwierige Gegenſtände ſtreiten; weshalb denn auch ſelbſt die ſtrengſten Tadler des Diogenes die Wichtig⸗ keit ſeines Werkes für die Kenntniß und Geſchichte der griechiſchen Philoſophie freimüthig und einſtimmig anerkennen. Wir würden daher Unrecht thun, wenn wir nicht einen Augenblick bei der genaueren Betrachtung und Erforſchung dieſer Stelle verweilen wollten. 1) cf. Diog. Laert. II, 1. B. 2) Menagit observat. ad Diog. Laert. I. I. pag. 44. 3) Plin. H. N. VII, 56. 12 Die Worte: d α, womit dieſelbe beginnt, laſſen deutlich erkennen, daß Diogenes einer gewiſſen Nöthigung gehorcht, indem er dem Anaximander die Erfindung der Sphäre beilegt; denn die einfache Gedankenverbindung dieſes und des vorhergehenden Satzes lehrt, daß Diogenes zu den großartigen Leiſtungen des Philoſophen eine noch größere hinzuzufügen die Abſicht hatte und darum die natürliche, eine gewiſſe Bewunderung verrathende Verſicherung ausſprach: dlα α αmeσαςοσσν τωοατεναα d. i. ſogar auch eine Sphäre hat er zu Stande gebracht. Bei den Worten: ᷣαοαeαντανεοανεναe, iſt aber jede Deutung unzuläſſig, die nicht von einer körperlichen Sphäre, oder, nach dem Wortverſtande unſerer Tage, von einem Globus ausgeht. Das darin gebrauchte Zeitwort weiſet, wie ſein Etymon, zunächſt auf etwas Körper⸗ liches hin, aus welchem verfertigt, zu Stande gebracht wird, während die angeſetzte Präpoſition zcrd den Begriff des Verfertigens zum Begriff des Vollendens erhebt. Der faſt conſtante Sprach⸗ gebrauch des Diogenes rechtfertigt dieſe Erklärung auch ohne Nachweiſung in Beiſpielen, dergleichen eines ſchon in der vorangehenden Zeile: ⁴οοσeσκꝓοα ναάεοσντεα geboten wird. Sextus Empiricus(adv. Phys. XX, 106. Ed. Fabr. pag. 577) braucht namentlich von ſolchen Kunſt⸗ werken den Ausdruck 2uxαozeudoαμαα, wie auch Plutarch(vit. Marcelli cap. 14) unανμαᷣ rœraαονdeety ſagt. Leontius überſchrieb ſeine Anweiſung zur Verfertigung einer Sphäre reO ατιαασσρνς⁴dUoοεH= pααςO und braucht in der Abhandlung ſelbſt die Worte ꝓ.œ☚αο rcœταναοανεᷣ do, oft. Und wenn auch ã„ρρα3Q— in ſeiner urſprünglichen Bedeutung ein in ſich zurückgewundener, alſo runder Körper,— bei Geographen, Aſtronomen und Philoſophen in verſchiedenen abgeleiteten Bedeutungen, welche einzeln nachzuweiſen hier der Ort nicht iſt, gebraucht, und wegen dieſer Vielbedeutigkeit Urſache von ſo manchen Mißverſtändniſſen und Sachverwechſelungen geworden iſt: ſo kann das Wort doch hier nur von einem Globus verſtanden werden, nicht bloß deshalb, weil ſich bei der ſichtbar practiſchen Richtung der aſtronomiſchen Studien ſchon früh der Begriff einer Kugel für aſtronomiſche Zwecke an den urſprünglichen Begriff angeſchloſſen haben muß, ſondern auch deshalb, weil, nach dem bei Griechen und Römern gleich üblichen Gebrauche des Wortes in dieſer Geltung, Ciceros“) Bericht über ein gleiches Kunſtwerk des Thales, welches mit dieſem ſehr eng verwandt iſt, ſo wie die Worterklärung des Gram⸗ matikers Iſidorus Hispalenſis“) für einen Globus ſpricht. Wenn Schleiermacher(Abhdlg. d. Acad. d. W. Berlin 1813 p. 124) die Deutung der Worte αάαο καeoeα auf einen Globus deshalb verwirft, weil, wenn ſie gegründet wäre, 1) Cie. de republ. I, 15.. 2) Isidorus Hispal. Orig. Libr. NXIII. cap. V. pag. 1144 ſagt: Sphaera coeli dicta eo, quod species ejus in rotundum formata sit; sed et quicquid tale est a volubilitate sphaera a Graceis dicitur, sie ut et pilae quibus ludunt infantes. Nam philosophi dieunt coelum in sphaerae figuram undique esse convexum, omnihus partibus aequale, concludens terram in media mundi mole libratam. Hoc moveri dicuut et motu ejus sidera in eo fixa ab oriente usque ad occidentem eireuire ete. Vergl. Libr. II. c. XII. p. 894.— c. XXXI. p. 902.— Libr. XX. c. II. p. 1314. —(Gothofr. Auct. L. Lat.) 13 Eratoſthenes um die Erfindung gewußt und Strabo ſo gut, wie über die Erfindung der erſten geographiſchen Tafel, über die Erfindung des Globus berichtet haben würde: ſo ſcheint dieſer Schluß aus dem Stillſchweigen dieſer Schriftſteller mehr, als billig iſt, vorauszuſetzen. Allerdings bleibt es auffallend, daß Strabo, welcher ſowohl bei Erwähnung der Anaximandri⸗ ſchen Erdcharte¹), als ſpäter²), wo er von Fertigung der Erdgloben ſpricht, eine paſſende Veranlaſſung gehabt hätte, von Anaximanders Himmelsgloben zu reden, dieſen Gegenſtand mit keiner Sylbe erwähnt. Sein Bericht würde von großem Gewichte geweſen ſein und wahrſcheinlich nicht nur die Frage zur ſichern Entſcheidung gebracht, ſondern auch vielleicht über die Beſchaffenheit der Erfindung einiges Licht gegeben haben. Indeß verbietet es gerade in ſo dunkeln Dingen die Vorſicht am meiſten, auf die Auctorität Eines Zeugen allen Glauben zu ſtützen und ſogar auf deſſen Schweigen die Behauptung vom Nichtſein eines fraglichen Gegen⸗ ſtandes zu gründen. Und wie ſtände es mit der Folgerichtigkeit, welche dem Critiker doch wohl nicht fremd ſein darf, wenn wir auf Strabos Schweigen die Berechtigung, Anarimander die Erfindung abzuſprechen, bauen, aber zugleich die Befugniß prätendiren wollten, den Glauben an Archimeds Himmelsglobus für begründet zu halten, ungeachtet derſelbe Strabo an keiner Stelle dieſer Erfindung gedenkt!— Wäre es aber lächerlich, das Archimediſche Kunſt⸗ werk für eine Erdichtung zu halten, blos deshalb, weil Strabo nichts darüber berichtet: ſo wird auch Anaximanders Werk das Recht haben zu beſtehen, wenn ihm auch nicht die Ehre zu Theil geworden, von Strabo angeführt zu werden. §. 4. Wie aber, wenn derſelbe Diogenes im Eingange zu ſeinem Werke) ſagt:*xι τ⁶ν Mouoœēο, Euεd‿νο̈ν μα³⁶d, άα απωπ dēe εo⸗νοsieν zα σσάο᷑e*10τοο— Dieſe Stelle wird wohl am richtigſten erläutert aus der offenliegenden Abſicht des Diogenes, den Urſprung der Philoſophie aus dem Geiſte der Griechen abzuleiten, mit Ausſchließung alles ausländiſchen Einfluſſes. Dieſe eitle Abſicht giebt dem Ganzen etwas Schiefes und Zweideutiges. Die Glaub⸗ würdigkeit der erzählten Facten wird aber noch mehr in Zweifel geſtellt durch eine zweite gleich ſichtbare Abſicht, nämlich, den gefeierten Namen des Orpheus, auf welchen das Alterthum mit ſo großer Vorliebe alle Anfänge einer höhern menſchlichen Entwickelung überträgt, wegen ſeiner Grundſätze von den Göttern gefliſſentlich“) zurückzuſetzen hinter zwei andere Heroen in der 1) Geograph. L. I. S. 6. Ed. Bas. 2) I. I. L. II. S. 117. 3) Diog. Laert. Prooem. p. 1. Vergl. die Erklärer zu d. Stelle. 1) Die Worte des Diogenes ſtimmen wunderbar überein mit denen des Origenes(advers. Celsum : VII. Libr. p. m. 370— 378); denn dieſer beſchuldigt den Orph., daß er die Götter αeνκιμςααιπεοππσασέεᷣις gemacht; und Diogenes weiß nicht, ob er den, welcher ſo auffallende Lehren von den Göttern vorge⸗ tragen habe, wie Orpheus, einen Philoſophen nennen ſolle. cf. Brucker Histor. erit. Philos. T. I. P. 374.— Lobeck Aglaopham. etc. Regimontii Prussor. 1829. T. I. Orphiea. p. 234 ff. 4 griechiſchen Bildungsgeſchichte, Nuſaeus und Linus. War nun eine Theogonie des Or⸗ pheus bekannt, hatte Orpheus von der Welt und den Geſtirnen!) ſeine Weisheit eröffnet: ſo mußte deshalb ein Theil ſeines Ruhmes um ſo mehr auf Muſaeus übergehen, da dieſer ein Schüler des Orpheus war, wie aus mehreren Zeugniſſen der Alten und aus den von Diogenes ſelbſt mitgetheilten Fragmenten von der Lehre deſſelben über die Entſtehung der Dinge klar wird.— Möglich iſt, daß Diogenes durch unſichere, über Muſaeus vorhandene Nachrichten in Ungewißheit geſetzt ſeine eigene Bedenklichkeit durch das beigefügte.α bezeichnen wollte. Uebrigens giebt die Verbindung der Sphäre mit einer Theogonie ſchon an ſich einen Schlüſſel zur Erklärung der Worte. Beides waren Lehren oder Anſichten von Göttern und vom Weltall in poetiſchen Ergießungen, wie die des Orpheus und Linus und anderer, auch ſpäterer Philo⸗ ſophen z. B. des Empedocles. Abgeſehen von der großen Unwahrſcheinlichkeit, daß in dem Zeitalter des Muſaeus die Fertigung eines künſtlichen Himmelsglobus möglich geweſen ſei, gewinnt dieſe Erklärung alle Beſtätigung durch gewichtige Zeugniſſe. Wenn ſich Fabricius und Brucker“) noch zweifelnd und mehr vermuthend für dieſe Anſicht ausſprechen, gewährt Lobeck“) volle Ueberzeugung, indem er nicht blos aus Scholiaſten den Ausdruck„αeoa für Toinu, rouνeo nachweiſet, ſondern ſich auch namentlich über die ogaoa des Muſaeus als ein carmen astronomicum, auf Paſſow'“) berufet. Nicht zu überſehen iſt das von Diogenes gebrauchte Zeitwort, oeein, welches, im richtigen Gegenſatze von dem obigen craœοeκεᷣννeeν, auf eine Dichtung) hinzeigt. §. 5. Die Ausſage des Lexicographen Suidas, welcher s. v. Araεειάαάαο⁷ anführt: α el ρσεις, εα 1εοεοdον, 2at Teεε τν omλμαυι, z2 σσάοα ταάι να tdα iſt nicht ohne Dunkelheit. Nach der gewöhnlichen Annahme giebt hier Suidas ein Verzeichniß der Schriften Anaximanders; aber gegen die Richtigkeit dieſer Anſicht werden gewichtige Zweifel erhoben. Schleiermacher’) ſagt: gewiß habe es nur Eine und zwar kurz zuſammengedrängte Schrift von Anaximander gegeben, eine 2εεραμανν⁵μ⁴νς εέν*ιεαιςι ⁴ινν aε eοσσαρνοέrsν, wie ſie Dioge⸗ nes von Laerte anführe, weil es ſich nicht anders erwarten laſſe von dem, welcher, nach Themistius Orat. XX, die Bahn gebrochen, in ungebundener Rede über dieſen Gegenſtand öffentlich zu ſchreiben, und Ritter) beſtaͤtigt dieſe Anſicht durch die Erklärung:„Unwahr⸗ 1) Brucker I I. sub Orpheus p. 373.— Lobeek Aglaopham p. 2834.— Diodor. Sic. III. cap. 68. 2) Fabric. Biblioth. Gr. I. I. p. 103.— Brucker lHistor. crit. Philos. T. I. p. 400. 3) Lobeck Aglaoph. T. I. p. 382. 4) cf. Muſaeus Urſchrift, Ueberſetzung, Einleitung und critiſche Anmerkung von F. Paſſow. Leipzig 1810. S. 46. 5) ef. Aſt Grundriß der Philologie. Landshut 1808. S. 65. 6) ef. Abhandlungen d. K. Pr. Acad. d. W. a. a. O. S. 124. 7) Geſch. d. Philoſ. Th. I. S. 275. — 15 ſcheinlich ſei es, daß Anaximander mehr als dieſes Eine Werk verfaßt habe. Suidas lege ihm mehrere Schriften bei, an deren Titeln man zum Theil die Spuren des Mißverſtändniſſes entdecken könne.“ Es wäre von Werth, wenn die Merkmale des Mißverſtändniſſes von Ritter nachgewieſen wären; indeß hat es dieſem Gelehrten nicht gefallen, ſich darüber zu verbreiten. Schleier⸗ macher dagegen leitet die Angabe bei Suidas, daß Anaximander ein Buch unter dem Titel ogio geſchrieben habe, von einem Mißverſtändniſſe der Worte bei Diogenes Laerte agæioceν zureczeuccge ab, worin er weder einen Globus erkennt,— weil ſonſt Strabo darüber berichtet hätte— noch den Namen einer Anaximandriſchen Schrift, weil er glaubt, daß, wenn „Anaximander ein beſonderes Buch 7 16 8 oder ein Buch„ᷣα, das nicht die Him⸗ „mels⸗ ſondern die Erdkugel zum Gegenſtande gehabt, geſchrieben hätte, Strabo nicht ſo „deutlich ſagen würde, Anaximander habe die erſte Tafel, Hecataeus aber die erſte „geographiſche Schrift geliefert. Alles dieſes ſei offenbar genug durch Mißverſtand aus jener „Tafel entſtanden.“ Es ſind alſo zwei Hauptpuncte, auf welche ſich Schleiermachers Ideen zurückführen laſſen, nämlich: daß Anaximander nur Eine Schrift, die von Diogenes bezeichnete, verfaßt habe: und daß unter dem von Suidas gebrauchten Worte„‿ρ̈ανιοααά kein Globus, keine Schrift zu verſtehen ſei, ſondern die von Strabo erwähnte geographiſche Tafel. Was nun den erſten Hauptpunct anbetrifft, ſo iſt klar, daß es die Zeitverhältniſſe und die ausdrückliche Weiſung des Themiſtius verkennen hieße, wenn man Anaximander zum Vielſchreiber machen wollte. Die Ehre über philoſophiſche Dinge zuerſt in ungebundener Rede geſchrieben zu haben, kann man indeß für den mileſiſchen Weiſen in Anſpruch nehmen, und doch übrigens der Meinung jener Gelehrten beiſtimmen. Es hat nichts gegen ſich, in Diogenes Worten: 16 α eφω•‿‿σενωkeinen eigent⸗ lichen Titel von Anaximanders Schrift zu erkennen, ſondern vielmehr allgemeine Andeu⸗ tungen der verſchiedenen Objecte, worauf ſich der ſchriftſtelleriſche Verſuch vielleicht in einzelnen und getrennten Abſchnitten bezog. Die Art und Weiſe, wie Diogenes überhaupt von der Abfaſſung der Schrift redet, ſcheint für dieſe Anſicht zu ſprechen, zumal die Ueberſchriften ſolche Dinge und wohl auch in ſolcher Ordnung erwähnen, welche und wie ſie, ihrem innern Zuſam⸗ menhange nach, von der joniſchen Schule oder vorzugsweiſe von Anaximander behandelt werden mochten. Dem Allgemeinſten folgt das Specielle, worauf ſich Anaximanders Eifer am meiſten richtete, Erd⸗ und Himmelskunde. Möglich bleibt es wenigſtens, daß Suidas, durch irgend eine Nachricht geleitet, einzelne, von Anaximander in ſeiner Schrift bearbeitete Gegenſtände angegeben habe, anſtatt ausſchließlich den allgemeinen und gebräuchlichen Titel 6ο qucecs zu nennen, welcher hier und wohl nicht ohne Grund an der Spitze ſteht, wie denn auch Themiſtius dieſen Titel ausdrücklich angiebt. 16 Hinſichtlich des zweiten Punctes iſt es— wie bereits oben(§. 2) angedeutet wurde— augenfällig, daß Schleiermachers Ableugnung eines Globus aus dem angeführten Schweigen des Strabo auf allzu ſchwankendem Boden ſtehe. Minder unſicher ſcheint der Weg zur Beweisführung, daß, bei vorausgeſetztem Mißverſtänd⸗ niſſe von Seiten des Suidas, die ꝛ⁸ ²εοεοdos und ο.ρ⁵αἀάαoα, wenn ſie nicht die Himmels⸗ ſondern die Erdkugel zum Gegenſtande gehabt, keine Schrift bezeichnen könne, weil nämlich Strabo dem Anaximander ausdrücklich die erſte geographiſche Tafel, dem Hecataeus die erſte geographiſche Schrift beilege. Schon Brucker) ſagt, daß Suidas Angabe vielleicht auf einem Mißverſtändniſſe ruhe, obwohl es auch nicht unmöglich ſei, daß Anaximander in einer ſeiner Schriften die Erfindung eines Globus beſprochen habe. Und in der That! wer möchte die Möglichkeit eines Irrthums leugnen, da ein Zeitraum von etwa 1600 Jahren zwiſchen Anaxrimander und Suidas liegt und gewiß nicht ohne Einfluß auf die Fortpflanzung der über Anaximander verbreiteten Nachrichten geweſen iſt?— Gleichwohl kommt es mehr auf die Wahrſcheinlichkeit, als auf die Möglichkeit an.— Den Zeitverhältniſſen des Suidas iſt es nämlich angemeſſen und darum wahrſcheinlich, daß er zunächſt den Diogenes vor Augen gehabt, wenn auch Strabo nicht unbeachtet gelaſſen habe. Zwiſchen den Angaben des Lexicographen und Biographen findet ſich überdieß eine auffallende Uebereinſtimmung, die gewiß nicht zufällig iſt, wenigſtens eine, beiden Schriftſtellern gemeinſame dritte Quelle ihrer Mittheilungen andeutet. In der Nachricht von Beſtimmung der Aequinoctien, Solſtitien, von der Lage der Erde zur Welt, vom Gnomon und Stundenmeſſer harmoniren beide ſo vollkommen, wie in der Anführung einer Weltcharte und Sphäre, nur mit der Abweichung, daß Suidas mit einem, für ſolche Leiſtungen gewöhnlichen Ausdruck das„ſ ʃos benennt, was Diogenes durch„α ϑά̈μαοσνε επέειεεοον bezeichnet, ſowie, daß Suidas zu„αοα das Zeitwort vodgew conſtruirt, während Diogenes das ausdruckvollere iιαοονↄεέαeetν gebraucht. Mithin wollte Suidas durch is 16000 und „α*‿οα, der Sache nach, gewiß nichts anders berichten, als was Diogenes durch die ähnlichen Bezeichnungen. Da nun auch Strabo der Weltcharte unter dem Namen 7εονωαραας ναά gedenkt und ſie dem Anaximander, als erſtem Verfertiger, beilegt, im Gegenſatz mit Heca⸗ taeus, dem erſten Verfaſſer einer geographiſchen Schrift: ſo ſtehet feſt daß die bei Suidas angeführte„i si⁶ von der geographiſchen Tafel Anaximanders, nicht aber von einer Schrift deſſelben müſſe verſtanden werden.— Eben ſo wird ſich wohl auch ergeben, daß cHανοα in Analogie mit ε 1οι⁶ος auf etwas anders, als auf eine Schrift, zu beziehen ſei.— Geht man nur von der Annahme aus, daß Suidas aus dem Diogenes oder mit dieſem gemeinſam aus Einer Quelle geſchöpft habe: ſo folgt die Berechtigung zu glauben, Sui das habe, wie von 1) Brucker Histor. crit. Philos. T. I, p. 480. der Anaximandriſchen Tafel, ſo auch von dem Himmelsglobus Meldung thun wollen. Durch die Wortverbindung in jener Stelle, ſofern die Objecte bald mit der Propoſition eoi im Genitiv, bald ohne dieſe Präpoſition im Accuſativ an das Zeitwort„½e gereiht ſind, legt Suidas ſeinen Leſern deutlich genug den Unterſchied an den Tag, den er zwiſchen Anaximan⸗ ders Schriften und andern Leiſtungen mache. Wenn nun alſo die aus dem Grundbegriff des Zeitworts ſich natürlich entwickelnden und dem Sprachgebrauch gemäßen Bedeutungen je nach dem Objecte geſchieden werden, ſo treten die Accuſative ½ 1εοιοον und*φαœiἀαοαση in der Anführung des Suidas mit den Zeugniſſen anderer Schriftſteller 1) für eine geographiſche Tafel und 2 für eine Himmelsſphäre in Uebereinſtimmung. Denn„70αeιμννσνπ ‿κεομοοdov heißt ganz natürlich: eine Erd⸗, Land⸗, Weltcharte entwerfen, zeichnen; 70σ ευν p*φραάαeοανeine Sphäre entwerfen. Die lateiniſche Ueberſetzung der Stelle:) durch scribere tabulam terrae, sphaeram ſagt nichts anders und auch wir würden richtig ſagen: er entwarf eine Schrift über die Natur, eine Erdtafel ꝛc. Wenn Cicero“) von der Sphäre des Thales redet, braucht er, ſtatt des einfachen scribere, das Compoſitum describere sphaeram, was im Grunde mit Anaximanders Leiſtung übereinkommt. §. 6. Das dritte Zeugniß für Anaximanders Erfindung giebt Plinius, der Aeltere. Bei dem raſtloſen Fleiße dieſes Schriftſtellers, bei der Vielſeitigkeit ſeiner Lectüre und dem außerordentlichen Reichthum an Quellen, die ihm zu Gebote ſtanden, für uns jedoch größtentheils verloren ſind, iſt es auffallend, daß er, obgleich dem griechiſchen Philoſophen um etwa 200) Jahre näher ſtehend als Diogenes, nur kurze und nicht befriedigende Nachweiſungen giebt. Die Urſache hiervon iſt wohl in den bekannten Thatſachen zu ſuchen, daß Plinius mehr Durſt nach Wiſſen, als ſtrengwiſſenſchaftliche Bildung beſaß, und bei Abfaſſung ſeiner vielen Schriften und Excerpte keineswegs mit der nöthigen Bedachtſamkeit verfuhr*). Fügt man hinzu, daß die Römer weder für Mathematik, wobei ſie nicht einmal von einer wiſſenſchaftlichen, ſondern von einer practiſchen Richtung ausgingen, noch für Aſtronomie eigentlich Sinn hatten: ſo wird man Plinius entſchuldigen, wenn er, in ſeinen Neigungen ſeinen Landsleuten folgend, auf Erfin— dungen der Art, wie die Sphäre iſt, keine beſondere Aufmerkſamkeit lenkte. Hat doch ſelbſt das vollendetere Kunſtwerk eines Archimedes und Poſidonius in ihm keinen Berichterſtatter oder Lobredner gefunden! Die hierher gehörigen Worte des Plinius ſind: Astrologiam Atlas, Libyae filins; ut alii, Aegyptü; ut alii, Assyrii. Sphaeram in ea Milesius Anaximander*) und an einer 1) Vergl. Suidas ed. Bernhardy. 2) Cic. de republ. I, 15. 3) cf. Plin. Sec. Epist. III, 5. 4) Plin. H. N. VII, 56. ◻ andern Stelle*): Obliquitatem ejus(signiferi) intellexisse, h. e. rerum fores aperuisse⸗ Anaximander Milesius primus traditur Olympiade 58; signa deinde in eo Cleostratus et prima Arietis ac Sagitfarii; sphaeram ipsam ante multo Atlas. Offenbar hat ſich hier Plinius in einen argen Widerſpruch verwickelt und es bleibt, bei dem Mangel an Nachweiſung der Quellen, woraus dieſe Angaben gefloſſen ſind, kein anderes Mittel als Vermuthungen übrig, um das Dunkel aufzuhellen. Eine längere Erwägung führt zu der Anſicht, daß die zweite Stelle, auf einer unſichern Stütze beruhend, ohne critiſche Richtung niedergeſchrieben und durch eine fremde Hand wahr⸗ ſcheinlich corrumpirt iſt. Wenn nämlich dem Anaximander der Ruhm beigelegt wird, die Schiefe der Ecliptik zuerſt erkannt zu haben: ſo ſcheint darin eben ſo viel Unwahres zu liegen, wie in der Behaup⸗ tung, Cleoſtratus habe die Zeichen des Thierkreiſes und zwar zuerſt die Zeichen des Widders und Schützen erkannt. Was jene Sage anbetrifft, ſo zeigt ſchon eine flüchtige Ueberlegung, daß der joniſche Philoſoph ſchlechterdings der erſte nicht habe ſein können, welcher die Schiefe der Ecliptik entdeckt. Die Kenntniß davon iſt die Grundlage aller Beſtimmungen über Jahreszeiten, Tagesveränderungen und Finſterniſſe, welche, wie oben gezeigt iſt, der Zeit vor Anaximander angehören. Mithin würde die Annahme der Plinianiſchen Verſicherung alle die erwähnten aſtronomiſchen Beobach⸗ tungen der Griechen vor Anaximander aufheben. Sehr richtig hat daher Menage) des großen Salmaſius Erklärungsverſuche dieſer Stelle in ihrer Blöße dargeſtellt durch die Schlußworte: Ceterum procul dubio falsum est, quod ait Plinius Anaximandrum obliqui- tatem Zodiaci primum invenisse; nam antea eclipses et solstitia praedixerat ejus praeceptor Thales, ut supra) vidimus; eclipses autem et solstitia praedici non possunt sine doctrina obliquitatis Zodiaci. Dieſem Urtheil ſtimmen ſachkundige Männer bei. Gaſſendi“) wundert ſich, wie billig, über die Leichtgläubigkeit des Plinius und Ideler') beziehet die Plinianiſche Stelle auf ein genaues Meſſen der Schiefe der Ecliptik zum Behufe der Conſtruction einer Sonnenuhr. In Hinſicht auf Cleoſtratus aber ergiebt ſich aus Plinius Worten nicht deutlich, ob derſelbe die Bilder des Thierkreiſes überhaupt, oder nur die Bilder des Widders und Schützen zuerſt erkannt habe. Die letzte Annahme würde die erſte aufheben, und umgekehrt, die erſte Behauptung die letzte ausſchließen; denn wozu der Zuſatz: et prima Arietis ete., wenn die Signa überhaupt ſeiner Entdeckung zufallen?— Wie dem auch ſei, ſo wäre, aller Wahrſcheinlichkeit 1)-Plin. IHI. N. II, 8. 2) ef. ad Diog. Laert. II. I. Observat. p. 44. 3) cf. ad Diog. Laert. I. Thales Observat. p. 8.1 4) ef. Gassendi. Vit. Tychon. Brah. Praefat. p. XXXlIII. 5) cf. Ideler Handb. der math. u. techn. Chronolog. Th. I. S. 235. 19 nach, Cleoſtratus mit ſeiner Entdeckung etwas ſpät hervorgetreten. Cleoſtratus ¹) aus Tenedos, der Urheber eines achtjährigen Cyclus(Gxrαεrεis), deſſen Anfang auf das Jahr 543 a. Chr. geſetzt wird, gehört etwa in die Mitte des fünften vorchriſtlichen Jahrhunderts; die Kenntniß der Sternbilder jedoch, wenigſtens der meiſten, war ſchon längſt vor Cleoſtratus unter den Griechen verbereitet. Sie mußte ſogar früher bekannt ſein, wenn überhaupt einen Einfluß des Orientes, beſonders der Aegypter, auf die Begründung und Geſtaltung der griechiſchen Sternkunde anzunehmen ſtatthaft iſt. Einen ſolchen Einfluß aber zu leugnen wird um ſo weniger möglich, je unwiderlegbarer die Beweiſe dafür ſind, die in den gefliſſentlichen Reiſen der Griechen nach dem Orient, in den Reſultaten ihrer Reiſen und in der Uebereinſtimmung derſelben mit den neuen Entdeckungen liegen, welche durch die allmähliche Auf⸗ hellung des lange verſchloſſenen Oſtens gewonnen ſind*). Die Schriften der Alten weiſen alſo aus guten Gründen immer auf den ägyptiſchen Einfluß zurück und die Scholien zu Aratus qαudεα entwickeln ſogar³), wenn der Dichter einmal von dem Gewöhnlichen z. B. von der Ordnung der Sternbilder, abweicht, die Gründe hiervon. Allerdings ſind die ſämmtlichen Zeichen nicht zu einer und derſelben Zeit aufgenommen worden, wie denn auch die Zahl derſelben ſich mit der ſteigenden Himmelskunde bis in die neuere Zeit vermehrt hat; und oben iſt bemerkt, daß Thales die Gαςμα d. i. den Bären eingeführt habe; aber der Widder, das Geſtirn, welches wie bei den Aegyptern, ſo bei den Griechen die Reihe der Sternbilder regelmäßig eröffnete, ſollte erſt von Cleoſtratus etwa 450 a. Chr. erkannt oder eingeführt worden ſein? von Cleoſtratus, der in dem vorgerückten Standpuncte der Aſtronomie bereits Veranlaſſung und Mittel zur Löſung einer ſchwierigeren Aufgabe, nämlich zur Ausgleichung des Mondenjahres mit dem Sonnenjahre fand?!— Das iſt ſchwer zu glauben. Indeß fehlt es nicht an Gründen, eine Corruption der ganzen Stelle anzunehmen. Der nach den Worten: Obliquitatem ejus(signiferi) intellexisse folgende Zuſatz: hoc est rerum fores aperuisse iſt entweder die ſchielende Erklärung eines Grammatikers aus ſpäterer Zeit, oder eine Verſtümmelung der Plinianiſchen Worte. Die Vieldeutigkeit des Ausdrucks: rerum fores aper., in welchen ſich alles übertragen läßt, ſcheint jedoch wenig geeignet, den Zweck einer Erklärung von obliquitatem siguiferi intellexisse zu erfüllen. Aus dem Grunde hat bereits Salmaſius in ſeinen Exercitationibus Plin. die Correctheit der Worte herzuſtellen 1) ef. Groddeck Init. histor. Graecor. liter. T. I. p. 213.— Ideler aſtronom. Beobachtung d. Alten. S. 101.— Vergl. Idelers Handb. d. nmiath. u. techn. Chronolog. Th. I. S. 305. Th. II. Zuſätze 605.— Ukert Geogr. d. Gr. u. R. Th. I. Abth. 2. S. 158 ff. 2) Ueberraſchend und von bedeutendem Gewichte ſind die ſpeciellen Verſuche, durch welche, vor Kurzem Royle(Verſuch über das Alterth. der indiſchen. Medicin; überſ. v. Wallach, mit Einleitung u. Zu⸗ ſätzen v. Heuſinger. Caſſel 1839) die Kenntniſſe der griechiſchen Frühzeit in verſchiedenen Fächern auf öſtliche, urſprünglich indiſche Quellen zurückgeführt hat. 3) Aratus qααπηmπεννά Edit. Becker. Berolini 1828. Vergl. z. B. d. Scholien ad v. 544.— Seneca Quaest. Nat. VII, 3.— ef. Gassendi. Vit. Tychon. Brah. Praefat. XXXI. 20 geſucht und ihnen einen beſtimmten Sinn gegeben durch die Verbeſſerung: siderum ortus fores aperuisse, d. i. die Aufgangspuncte der Geſtirne an's Licht geſtellt.— Der erwachenden Wiſſen⸗ ſchaft konnten ſchwankende Angaben nicht mehr genügen; ſie ſtrebte nach feſten Beſtimmungen, um daran folgenreiche Berechnungen zu knüpfen. Dieſem Beſtreben huldigte aber Anaximander, ſofern er die Aufgangspuncte der Geſtirne auszumitteln ſuchte, um ihre Abſtände und Entfer⸗ nungen von einander für weitere Zwecke auszumeſſen. Hierin lag ein aufzeichnenswerthes Ver⸗ dienſt, das zugleich dem Entwickelungsgange der Aſtronomie bei den Griechen entſpricht. Gleiche oder doch ähnliche Betrachtungen mochten auch Ideler ¹) in der Erklärung der Plinianiſchen Stelle leiten. Mithin würde ſich aus den Worten zwar ein großes theoretiſches Verdienſt Anaximanders ergeben, aber noch nicht die Erſindung eines Globus.— Was nun den Schlußſatz: sphaeram ipsam ante multo Atlas anbelangt: ſo ſcheint er einer Zugabe zu gleichen, welche Plinius, weil nun einmal die Lectüre darauf geführt hatte, ſeinen Leſern nicht vorenthalten wollte. An einen künſtlichen Himmelsglobus kann um ſo weniger gedacht werden, je lächerlicher es ſein würde, ein ſolches Kunſtwerk in die Fabelwelt zu verlegen und je lauter die Thatſache ſpricht, daß ſich die Aſtronomie bei den Griechen langſamen und erkennbaren Schrittes entwickelt hat. Die Annahme, daß ein ſolcher, vom fabelhaften Atlas oder einer hiſtoriſchen Perſon verfertigter Globus vorhanden geweſen ſei in der Zeit, wo die Griechen ihren Sinn auf Aſtronomie gelenkt, würde mit jenem Entwickelungsgange in Widerſpruch treten, ſofern man ſich nicht erklären könnte, warum die Uebertragung der aſtronomiſchen Kenntniſſe, die von den Schriftſtellern im Einzelnen namhaft gemacht ſind, nur allmählich vor ſich gegangen und nicht in Einem Actus erfolgt ſei, was doch durch Vermittelung des Inſtrumentes ſo natürlich und leicht geweſen wäre.— Obſchon im Verzeichniſſe*) der zum zweiten Buche von Plinius benutzten Autoren Diodor aus Sicilien nicht erwähnt wird, ſo fühlt man ſich wegen der augenſcheinlichen Uebereinſtimmung in den beiderſeitigen Erzählungen dennoch geneigt, dieſen Schriftſteller zum Gewährsmann des Plinius zu machen, wie er es auch in andern Stellen geweſen iſt. Denn Diodor berichtet im dritten Buche*) ſeiner reichhaltigen Bibliothek vom Atlas:„Man ſagt, „er habe eine vollkommene Kenntniß der Sternkunde gehabt und zuerſt(⁶◻G GωνιοW˙ 40„) das „ſphäriſche Verhältniß bekannt gemacht. Daher ſei die Meinung entſtanden, daß der Himmel „auf ſeinen Schultern ruhe, da doch dieſe Fabel lehre, er habe die Sphäre erfunden und „beſchrieben.“ Derſelbe Diodor fügt im vierten Buche hinzu*):„Atlas hatte großen Fleiß auf „Aſtronomie verwendet und weil er(1*νν Ʒτιυν qdστσενωυνν σ&φσσοαe qu³οσινα ειαυνυσ⁷ ſehr kunſtreich „die Sphäre der Geſtirne auffand, ſo glaubte man, daß er die Welt auf ſeinen Schultern „trage. Ebenſo entſtand auch, als Hercules die Aſtronomie unter die Griechen verpflanzt 1) Handb. d. math. u. techn. Chronolog. Th. II. S. 235. 2) cf. Plin. II. N. Libr. I. p. 3 3) cf. Libr. III. cap.(59) 60. 4) cf. Libr. IV. eap. 27. 21 „hatte, die Meinung, daß er vom Atlas die Laſt der Welt auf ſeine Schultern übernom⸗ „men habe.“ Unſtreitig des Ausdrucks qiloréxecs wegen hat man bei dieſen Worten an einen Glo⸗ bus gedacht. Wenn aber wirklich von einem Himmelsglobus die Rede wäre, ſo würde dieſes Kunſtwerk doch nur in den Gedanken Diodors exiſtirt haben als eine von ihm ausgehende Fiction zur Erklärung der Sage: Atlas trage den Himmel, und mithin weder dem muthmaßlichen Excerpte des Plinius einige Zuverläſſigkeit verleihen, noch auch das unvordenkliche Vorhandenſein eines Himmelsglobus beweiſen. Dieſe Erörterung enthält zugleich einen Commentar zur andern Stelle bei Plinius(II. N. VII, 56) hinſichtlich deſſen, was daſelbſt über Atlas angeführt iſt. Die unbeſtimmten Sagen über den Urſprung der Aſtronomie konnten auch einem ſachkundigeren Manne, als Plinius iſt, zur Röthigung werden, in einer, ihrer Natur nach ſo ungewiſſen Sache nichts zu entſcheiden, ſondern lieber einige der gangbarſten¹) Meinungen darüber anzuführen und ſelbſt in die Mythen zu greifen.— In Betreff der übrigen Worte jedoch bieten ſich folgende Bemerkungen dar, welche für Anaximanders Himmelsglobus ſprechen.— Der Ausdruck: astrologia, bezeichnet nach einem bei Griechen und Römern gewöhnlichen Sprachgebrauche nichts Anderes, als Aſtronomie, ohne Beimiſchung des erſt ſpäter entſtandenen Begriffes von jener in Athen geehrten, bei den Stoikern beliebten, in Rom verfolgten, von Cicero“ verlachten, von den Kirchenvätern verdammten Sterndeuterei(Genethlialogie), und cs wird dem Anaximander zum Verdienſt gemacht, sphaeram in ea(invenisse). In dieſen Worten ſcheint nun wirklich dem mileſiſchen Weiſen die Erfindung eines Himmelsglobus beigelegt zu werden. Dieſe Behauptung ſtützt ſich zuerſt auf die Annahme, daß Plinius von einem ſolchen Globus reden konnte. Ihm, einem gebildeten Manne, deſſen Wißbegierde nach jedem belehrenden Hülfsmittel griff und den reichen Schatz von Kenntniſſen täglich zu vermehren trachtete, war ein Himmelsglobus gewiß nichts Unbekanntes. Allerdings wäre es thöricht zu glauben, die Bekanntſchaft mit einer ſolchen Erfindung ſei zu Plinius Zeiten ſo allgemein geweſen, wie ſie etwa in unſern Tagen ſein mag; aber es würde auch thöricht und ſelbſt geſchichtswidrig ſein, die unter gebildeten und wiſſen— ſchaftlichen Römern verbreitete Kunde von Kunſtwerken der Art abzuleugnen, da weiter unten Cicero's glaubhafte Zeugniſſe für das Vorhandenſein derſelben in Rom ſprechen werden. Hat Plinius die Schriften eines Poſidonius und Cicero geleſen,— und das Plinianiſche Quellenverzeichniß) leiſtet dafür Bürgſchaft,— ſo konnte er nicht unbekannt bleiben mit einem Gegenſtande der Kunſt, welchen Cicero mit Begeiſterung ſchildert. In wie weit Plinins 1) ef. Cic. de Divinat. I, 1 ff. 2) Cic. de Divinat. II. 42. 3) cf. Plin. H. N. I. 1. 22 damit vertraut geweſen, das zu beſtimmen iſt etwas Unmögliches, aber auch Unnöͤthiges, weil die Wahrſcheinlichkeit genügen darf, daß er davon Kenntniß gehabt habe. Daß Plinius an keinem andern Orte in ſeinem ausgedehnten Werke eine weitere Beſchreibung davon giebt, iſt kein hinreichender Gegenbeweis gegen die geäußerte Meinung; die Unterlaſſung einer weitern Auseinanderſetzung des fraglichen Kunſtgegenſtandes kann eben ſo wohl eine zufällige ſein, als eine abſichtliche, ſofern es wenigſtens denkbar iſt, daß Plinius eine Beſchreibung für überflüſſig gehalten habe, weil die von Marcellus!) im Tempel der Virtus zu Rom aufgeſtellte wahr⸗ ſcheinlich, gewiß aber andere Sphären vorhanden waren, mithin jedem Wißbegierigen durch eigne Anſicht Kenntniß davon zu nehmen frei ſtand. Hätte*) Plinius durch das Wort sphaera etwas anderes, als einen Himmelsglobus, bezeichnen wollen, ſo würde er einen andern, ſeinen Gedanken beſtimmter angebenden Ausdruck gewählt haben. Oben, wo er von der Ecliptik ſpricht, deren Entdeckung er dem Jonier zuſchreibt, braucht er deshalb die klaren Worte obliquitatem(signiferi) intellexit, und nicht den Ausdruck sphaera; eben ſo bedient ſich Plinius in allen den andern Stellen?), wo vom Thier⸗ kreiſe und ſeiner Beſchaffenheit die Rede iſt, deſſelben Wortes signifer, signifer obliquior etc. Der Sprachgebrauch bei den Römern, worauf es hier zunächſt ankömmt und was aus den ſpäter folgenden Ciceroniſchen Berichten noch weiter erhellen wird, hat das Wort Sphäre hãufig und faſt vorzugsweiſe für künſtliche Globen in Anwendung gebracht²). Wenn hier demnach die Worte: sphaera in ea(scil. astrologia) für gleich bedeutend mit sphaera astrologica genom- men werden, ſo geſchieht der Sprache keine Gewalt. Denn ſollte auch dieſe Wortverbindung etwas Schwerfälliges und Ungefügiges zu enthalten ſcheinen, ſo wird doch, wenn in Folge derſelben ein Globus, als weſentlicher Gegenſtand der practiſchen Sternkunde, an den Hauptbegriff gebunden gedacht wird, die Verletzung der Sprachrichtigkeit nicht größer ſein können, als wenn das Wort Sphäre,— von irgend einem Gegenſtande der theoretiſchen Aſtronomie verſtanden,— darauf bezogen würde. Cap. III. Wahrſcheinlichkeitsbeweiſe. Wiewohl die angeführten directen Schriftbeweiſe für Anaximander als den Erfinder eines Himmelsglobus ſprechen: ſo mag es dennoch erlaubt ſein, die Glaubwürdigkeit derſelben auf indirectem Wege zu erhärten. Einige Wahrſcheinlichkeitsſchlüſſe werden dazu dienen. 1) cf. Cic. de republ. I, 14. 2) ef. Plin. H. N. II, 4.— II, 16.— II, 77 ꝛc. 3) Vergl. Reinganum Geſch. d. Erd⸗ u. Länderabbildungen der Alten. Th. I. Jena 1839. S. 32 ff. 23 §. 7. Wahrſcheinlichkeitsbeweis aus der Erfindung der Erdcharten. Die gewöhnliche Annahme läßt die Erfindung der Erdcharten von Anaximander ausgehen. Und in der That, ein Blick auf die Zeitbedürfniſſe und die perſönliche Befähigung des Philo⸗ ſophen enthält ſchon an ſich eine gewiſſe Beglaubigung; indeß empfiehlt es ſich doch, die Zeugniſſe des Alterthums zur feſtern Stütze dafür den Augen vorzuführen, zumal ſich daraus auch ergeben wird, ob hinreichende Gründe vorhanden ſind, weshalb die achtbaren Werke der neueſten Zeit, welche dieſen Gegenſtand berühren, noch einen Zweifel an der Gewißheit der Sache durchblicken laſſen*). Denn ſo ehrenwerth die kritiſche Behutſamkeit iſt, ſo ſcheinen doch hier Momente genug vorzuliegen, welche alle Bedenklichkeiten zu entfernen geeignet ſind. Erwägt man das wiſſenſchaftliche Streben, welches Thales in den beſſern Köpfen entzündet hatte, berückſichtigt man die gewiß ſchon bedeutende Orts⸗ und Länderkunde der Mileſier in jenen Tagen, welche durch ihre Schifffahrt wie durch Ausſendung von Colonien mit entfernteren Meeren, Inſeln, Landſtrecken vertraut geworden waren,— beachtet man die hieraus ſich ent— wickelnde Leichtigkeit einer Länderzeichnung, im Verein mit dem für das allgemeine Intereſſe fühlbaren Bedürfniſſe einer, wenn auch rohen und unvollkommenen Voraugenſtellung der beſuchten Gegenden, gegründeten Colonien, angelegten Factoreien zur Förderung neuer Unternehmungen und kaufmänniſcher Speculationen: ſo wird man zugeben, daß in den Zeitumſtänden eben ſo dringende Aufforderungen als hülfreiche Unterſtützungsmittel zur Aufſtellung einer Ländercharte liegen, und es war recht gut möglich, daß ein ſinniger, zu ſolchem Geſchäft beſonders geſchickter Geiſt, wie der Geiſt Anaximanders war, auf den Gedanken kam, die gangbare Länder⸗ und Ortskunde mit ſeiner Vorſtellung von der Erdgeſtalt in Verbindung und durch eine Charte zur Anſchauung zu bringen. So gewiß nun auch die Logik einen Schluß, durch welchen aus der Möglichkeit und aus der Befähigung zu einer Erfindung das Factum der Erfindung gefolgert wird, zu mißbilligen befugt iſt, ſo kann doch hier dieſe Mißbilligung unbeachtet bleiben, weil ſo viele Stimmen aus der grauen Vorzeit Anaximander als wirklichen Erfinder bezeichnen. Und unter dieſen Stimmen iſt, wahrlich! die des Eratoſthenes, welche Strabo(Libr. I. cap. 7. Edit. Basil. p. 7) reden läßt, wichtig genug. Eratoſthenes lebte 300 Jahre ſpäter*) als Anaxrimander. Gleich berühmt als Gram⸗ matiker, Philoſoph und Dichter, wie als Aſtronom und Geograph, befand er ſich ſeit 228 a. Chr. 1) Vergl. Ukert Geogr. der Gr. u. R. Th. 1. Abth. 1. S. 53.— Abth. 2. S. 168.— Mannert Geogr. d. Gr. u. R. Th. 7. S. 11(Nürnberg 1799).— Sickler Leitfaden zum Unterr. in d. alten Geogr. Caſſel 1826 Einleitung S. 11. Wachsmuth hellen. Alterthumsk. Th. II. Abth. 2. S. 482. 2) Fabric. Bibl. Gr. L. III. cap. 18, 12. p. 471 ff.— Groddeck llistor. Gr. lit. T. II. p. 79.— Klippel über d. Alerandr. Muſeum. Götting. 1838 S. 75. 24 zu Alexandria in den glücklichen Verhältniſſen eines königlichen Bibliothekars, umgeben von den wiſſenſchaftlichen Schätzen, welche weniger die Prunkliebe, als wahre Neigung zu den Muſen in jener Stadt aufgehäuft hatte. Ihm ſtand alſo gar manche Kunde zu Gebote, welche andern verſchloſſen war, da die königliche Freigebigkeit keine Koſten geſcheut hatte, um die wichtigſten Werke aus allen Fächern des Wiſſens und aus allen Orten zuſammen zu bringen ¹). Mit einiger Zuverläſſigkeit läßt ſich ſogar behaupten?*), daß Eratoſthenes bei der Sammlung und Anordnung der Materialien, woraus ſein Epoche machendes Werk: 1d Tsο‿ννιραασσοσmνεασσ hervorging, auch geographiſche Notizen von Anaximander benutzt habe. Dieſe konnten nämlich damals gar wohl vorhanden ſein. Gehet man von der Verſicherung des Diogenes von Laerte“) aus, daß eine Schrift Anaximanders zufällig in die Hände des Athenienſers Apollodor, der um etwa 140 a. Chr.“), mithin mehr als ein Jahrhundert nach Eratoſthenes lebte, gekommen ſei: ſo war es recht gut möglich, daß Eratoſthenes unter den Schätzen der ihm anvertrauten Bibliothek eine Abſchrift von Anaximanders gelehrter Hinterlaſſenſchaft und darunter auch eine Nachzeichnung von deſſen geographiſchen Charten vorfand. Wie viel oder wenig indeß auch von dieſer Möglichkeit zur Wirklichkeit geworden ſein mag, jedenfalls iſt das Urtheil dieſes Geographen, gefällt über die geographiſche Erfindung eines ſeiner Vorgänger, und beſtätigt durch die Auctorität Strabos, von deſto höherer Bedeutung, je mehr es im Intereſſe ſeiner Studien lag, den Urheber einer ſo wichtigen Leiſtung zu kennen. Strabo ſelbſt, der Eratoſthenes, ſeinem hochgeehrten Führer, im Geiſte der Wiſſenſchaft gar häufig widerſprechend und berichtigend entgegentritt, beſtreitet die aufgenommene Kunde mit keiner Sylbe; und Agathemer, ein Geograph aus dem dritten chriſtlichen Jahrhundert, wiederholt dieſe Nachricht in den beſtimmten Worten?): Aεμαe§ος τπιωιντοε erG⁴νυσει ενν Ooνμέν ρμἀνα ey mircwt, weshalb alſo feſtſteht, daß von drei der wichtigſten Geographen des Alterthums Anaximander einſtimmig als Erfinder der Landcharten anerkannt wird.— Damit ſtimmt Anaximanders Biograph Diogenes von Laerte) in den Worten: ·⁴„νε 2ι σ‿αοον meOετν πQ²hOYUW9per: ſowie Suidas') in der Angabe: 8yoανννε ς*πμεοαιο ο überein. Nicht außer Acht zu laſſen iſt überdies noch die Thatſache, daß in den Schriften der Alten keine Nachricht von Landcharten über Anaximander hinausreicht, er ſelbſt vielmehr die letzte Grenze ausmacht, bis wohin die vorhandene Kunde geht. Wollte man gerade dieſes zum Grunde der Behauptung machen, daß die Unterſuchung über die Urſprünge der Chartenerfindung 1) ef. Paneirolli Rerum memorabil. Pars. I. p. 64.— Klippel a. a. O. S. 341.— Ritſchl über d. alexandr. Bibliothek unter d. erſten Ptolem. Breslau 1838. 2) cf. Groddeck H. Gr. lit. T. II. p. 80. 3) ef. Libr. II. 1. B.—„reo εοιιινκνε 6 1ονε⁶dεωιοωοο ονκναos. 4) ef. Groddeck fist. Gr. lit. T. I. D. 40. ue 5) ef. Vroτσισπ⁶αεανν εσ¶£οννοαραας&vν εναιοωQ⅔ I, 1. 8) ün il, 1. HS. 20 9 ben 1) cf. Suidas sub v. Arεειια⁴ααάeν⁴ο⁹ε. keineswegs die äußerſte Quelle erreichen könne, ſondern ſich vielmehr mit der Wahrſcheinlichkeit begnügen müſſe: ſo würde die Widerlegung dieſes Einwurfes ohne große Schwierigkeit möglich werden. Abgeſehen davon, daß es uns nicht zum Vorwurfe gereichen dürfe, wenn wir uns in dieſer Sache mit der Meinung begnügen, welche das Alterthum für Wahrheit anſah, hängt die Chartenerfindung zu genau mit dem Standpuncte der Kenntniſſe vom Weltgebäude und der Erdkunde zuſammen, als daß man über die joniſche Schule hinausgehen könnte. Es mußte eine wiſſenſchaftliche Behandlung ſich dieſer Gegenſtände bemächtiget haben, ehe an eine durch Grund⸗ ſätze geregelte, ſinnliche Darſtellung derſelben zu denken war. Geographiſche Kenntniſſe, durch Reiſen und eigne Anſchauung oder durch Erzählungen Anderer veranlaßt, müſſen natürlich längſt vorhanden geweſen ſein, und zwar von dem Augenblick an, wo Abſicht oder Zufall aus der Heimath in andere Länder führte; aber alle dieſe Kenntniſſe waren wohl ohne Zuſammenhang untereinander, und betrafen nur einzelne Gegenden und Orte, die gerade jemand geſehen, oder von denen er eben durch Andere Kunde erhalten hatte. Erſt von der Zeit an, wo das Nachdenken der joniſchen Schule anfing, wie über den Himmel ſo über die Erde Licht zu verbreiten, war daher eine wiſſenſchaftliche Verbindung und ſachgemäße Anordnung des vorhandenen geographiſchen Stoffes zu erwarten.— Es iſt auch von beſonderer Bedeutung, daß die angeführten Nachrichten mit einander übereinſtimmen in der Angabe: Anaximanders Charte ſei eine Erd⸗ oder Welt⸗ charte geweſen, habe die Umriſſe der Länder und Meere zuerſt verzeichnet; denn das Großartige und Umfangreiche in dieſer Leiſtung ſetzt unſtreitig ein Talent voraus, welches ſeine innere Kraft mit Umſicht und Genauigkeit auf Feſtſtellung des Allgemeinen, wie auf regelrechte Anordnung des Einzelnen richtet. Die Aufzählung bekannter Städte bei den Dichtern und die ⸗rioeig der Logo⸗ graphen laſſen ſich als die rohen Anfänge der Geographie und als die Grundlage ſpäterer Charten⸗ zeichnung betrachten. Waren unter den Aegyptern bereits ſeit Seſoſtris,(wie¹) Fabricius nach Euſtathius anführt) Landcharten bekannt, ſo bleibt überdieß zu vermuthen, daß ſich, vielleicht durch Thales, die Kunde davon aus Aegypten nach Jonien verbreitet gehabt habe, und alles Auffallende in dem Anaximandriſchen Entwurfe einer Erdcharte verſchwindet. Zuletzt ſprechen deſſelben Euſtathius, von Fabricius') beigebrachte Worte: aαο om udοεαν—νάν iοτdοννπαιεάακ̈νμιμαναυα⁴ος, Eeraos de εr ατde ꝛij zaτ⁹⁷ dr⁶ννιάια επιι‿αmεεεν. Merd dν erεros αςνιννπμέηαναανμέ̈ο Hdννο, zd zeετανριοο Eοsos eine neue Beglaubigung für Anaximanders Chartenerfindung aus. Wie es von Gewicht ſein mußte, daß vor Anaxi⸗ mander niemand als Chartenverfertiger genannt wird, ſo muß es auch wiederum als wichtig erſcheinen, daß, nach Ausſage dieſer kurzen literarhiſtoriſchen Skizze, ſogleich nach Eröffnung des neuen Weges mehrere Talente ſich veranlaßt fanden, denſelben zu betreten und das Angefangene ¹1) Nach Eustathius ad Dionys. Perieget. Vergl. Fabric. bibl. Gr. L. IV. cap. 2, 10. Not.* pag. 38, und dieſelben Angaben in der Bibl. Antiquar. cap. 5 ff.— Groddeck Init. h. Gr. lit. T. II. p. 33. 2) Fabric. Bibl. Gr. 1. 1. Vergl. hiermit d. intereſſant. Mitth. bei Reinganum(Geſch. d. Erd⸗ und Länderabb. d. Alten. S. 77 ff.) und Idelers Schreiben an denſ. über diefen Gezeſton S. 176. 26 verbeſſernd fortzuſetzen. Zudem war der erſte Nachfolger nicht blos ein jüngerer Zeitgenoſſe Anaximanders, ſondern auch ein Landsmann; denn Hecataeus“), zwei Jahre vor Anaxi⸗ manders Tod in Milet') geboren, vernahm unſtreitig als Knabe und Jüngling die Lobſprüche, durch welche die Mileſier das glänzende Verdienſt des großen Verſtorbenen noch feierten, und ward vielleicht gerade dadurch in die Laufbahn eines Geographen getrieben. Denn es begann von jetzt an eine rege Thätigkeit in Bearbeitung des nun ſchon geebneteren geographiſchen Gebietes und die claſſiſchen Schriftſteller erwähnen mit Sicherheit und Ausführlichkeit mehrerer Charten, freilich wohl von verſchiedenem Umfange und für beſtimmte Einzelzwecke berechnet. Eine ſolche, in Erz gegraben, benutzte ſchon im Jahre 500 a. Chr.*) der mileſiſche Tyrann Ariſtagoras in Sparta zur Förderung ſeiner politiſchen Zwecke; auf eine ſolche verweiſend beſchämte Socra⸗ tes“¹) auf ſinnreiche Art den Dünkel des auf ſeine Landgüter ſich brüſtenden Alcibiades; der Kenntniß⸗ und Güterreiche Theophraſtus aber), welcher eine größere Anzahl von dergleichen Charten unter ſeinen wiſſenſchaftlichen Schätzen beſaß, verordnete in ſeinem Teſtamente, dieſelben nach ſeinem Tode in einem Porticus aufzuſtellen, wo ſie ebenſowohl zur Zierde, als zur allge⸗ meinen Belehrung dienen konnten ⁵⁹). So anziehend nun auch die Gelegenheit wäre, über das Material dieſer Charten, ihre Beſchaffenheit, innere Einrichtung, den Ort ihrer Aufſtellung und Aehnliches einige Bemerkungen einzuſtreuen: ſo muß dieß dennoch unterbleiben, aus Furcht vor Wiederholung deſſen, was vielleicht von beſſer Unterrichteten vollſtändiger geſagt ſein mag. Hier genüget es, aus dieſer kurzen Beleuchtung neben der Befugniß, Anaximander für den wirklichen Erfinder der Charten zu halten, auch die Berechtigung ableiten zu dürfen zu dem Schluſſe: daß derſelbe Geiſt, welchem es gelang, die Geſtalt der Erde auf einer Tafel abzubilden, auch wohl werde im Stande geweſen ſein, das Weltgebäude auf einem Globus(αανα) darzuſtellen. Und zwar iſt zu vermuthen, daß die Char⸗ tenerfindung der Weg zur Erfindung des Himmelsglobus geworden ſei. Es war nur Ein Schritt von dieſer Erfindung zu der andern und die Erfahrung lehrt, daß die Erfindung, welcher einer folgenden zum Grunde liegt, immer die ſchwierigſte ſei. Es mag, in der That! mehr Mühe gekoſtet haben, die in der Seele allmählich ausgebildete Vorſtellung 1) Clinton(ſasti llellen. ed. KRrüger. p. 5. 15. 20) beſtimmt deſſen Lebzeit von 549— 501 a. Chr. 2) Strabo I. 1. ſagt: Ercrdog, 0ο³τνς ααοσν(eνας 2 Eoα‿rοανέηιν φρν.) 3) cf. Herodot. L. V. æ. 49 mit den Anmerk. v. Bähr zu dieſ. Stelle.— Ukert(Geogr. d. Gr. u. R. Th. I. Abth. 2. S. 160) vermuthet darunter die Charte des Hecataeus.— Clinton fasti Hellen. p. 20. 4) ef. Aelian. Var. histor. III. 28. 5) Diog. Laert. Libr. V. vit. Theophr. p. 126. D. 6) Vergl. die Worte von Mannert und Ukert a. a. O. über d. weitere Entwickelung d. Geogr. und Chartenzeichnung, und Reinganum a. a. O. 27 von der Geſtalt der Erde auf einer Charte dem Auge vorzulegen, als die Vorſtellung von der Kugelgeſtalt des Himmels mit ſeinen Geſtirnen durch eine Kugel verſinnlichend zu erläutern. 8. S. Ob der Scharfſinn Anaximanders auch eine dritte, aber zwiſchen dem Himmelsglobus und der Weltcharte gleichſam als Vermittlerin und Uebergangspunct ſtehende Erfindung, nämlich die eines Erdglobus gemacht habe¹),— dieſe, obwohl ſo nahe liegende und wichtige Frage muß, wenn nicht geradehin verneint werden, doch jedenfalls unentſchieden bleiben. Die Claſſiker berichten darüber nichts und die Kühnheit, eine ſolche durch Vermuthung zu begründen, würde an der Schwierigkeit ſcheitern, dem Anaximander die Lehre von der Rotundität der Erde mit ſiegreichen Gründen zu vindiciren, eine Lehre, welche ihm durch gewichtvolle Auctoritäten vom Alterthum herab bis in unſere Tage abgeſtritten wird. Diogenes) von Laerte ſchreibt ſie ihm allerdings zu; aber deſſen Zeugniß wird für ungültig erklärt. Ukert') erkennt in den Worten des Diogenes nur eine Fälſchung klügelnder Abſchreiber und erklärt ſich, zugleich auf andere Puncte geſtützt, dagegen.— Eine ruhige Ueberlegung kann unmöglich das Gehaltvolle der Gründe, wodurch jene Lehre dem Anaximander abgeſprochen wird, verkennen; indeß wird man durch dieſelben nicht alſo überzeugt, daß man nicht fortdauernd einige Bedenken erheben ſollte. Allerdings mag der Umfang des Wiſſens, welchen die ſpätere Zeit der joniſchen Schule beigemeſſen hat, von gewiſſen Seiten übertrieben ſein und Zweifel erwecken; gleichwohl dürfte es auch immer gewagt bleiben, bei ſo unzulänglichen Urkunden gewiſſe Grundſätze, als jener Schule nicht angehörig, entſchieden zu verwerfen. Die Unvollſtändigkeit der erhaltenen Nach⸗ richten kann wenigſtens eben ſo gut verleiten, den joniſchen Philoſophen zu viel zuzutrauen, als in Gefahr bringen, denſelben einen Theil ihres Eigenthums widerrechtlich zu entziehen. Wenn es daher auch auffallend ſcheinen könnte, daß Anaximander die runde Erdgeſtalt gelehrt habe, ſo folgt durchaus noch nicht, daß er ſich zu dieſer Vorſtellung zu erheben überhaupt nicht vermocht habe. Manche Ideen ſtehen über ihrem Zeitalter, wie mancher Denker Jahrhunderten vorauseilt. Die Homeriſche und Heſiodeiſche Vorſtellung von einer runden Erdfläche kann als Vorläuferin jener Lehre betrachtet werden, welche ſich frühzeitig genug gebildet und weit genug verbreitet haben muß, weil ſie Herodot*) als einen allgemeinen Irrthum verlacht. Auch paßt die 1) Nach Reinganum a. a. O. S. 18 ſoll vor Krates von Mallos im 3. Jahrh. ſich keine Spur von einem ſolchen finden. 2) cf. Libr. II. 1. A. 3) Ukert Suug d. Gr. u. R. Th. I. Abth. 2. S. 21 mit den Anmerk.— Man ſehe die hierüber beleh⸗ renden hiſtriſchen„philoſophiſchen Werke von Brucker, Tennemann, Ritter. Vergl. Reinganum a. a S 4) Die Beziehung der Worte bei„Herodot(IV. 36)„* ⁸ 60ο yis nεςοε voαννανπτes, n10400 J-,*⁴l ο⁶εένα ν⁴οωνπ εέeοντας?ισάἀιμεννον. 04 Otœeκονε dsονεαι*Qπ⁴όςφσωσσινμοο Anſicht von der Rundung der Erde mit allen andern Vorſtellungen des Philoſophen zuſammen, ſo daß durch Entfernung derſelben etwas Unvollſtändiges und Widerſprechendes in dem ganzen Lehrgebäude, ſo weit es vorliegt, entſtehen würde. Zudem iſt das Schwanken des Alterthums, welches die Kugelgeſtalt der Erde bald von Thales!¹), bald von Anaximander, bald von der Stoa und den Pythagoräern) entdecken läßt, ſehr wohl geeignet, Behutſamkeit zu empfehlen. Was den ſpätern Schulen zur klaren, begründeten Einſicht geworden, das konnte im Entſtehen das Eigenthum früherer Philoſophen geweſen ſein.— Zuletzt dürfte es immer unerklärlich erſcheinen, wie eine geläutertere Vorſtellung von der Kugelgeſtalt des Himmels Statt finden könne, ohne zugleich die Idee von einer Kugelgeſtalt der Erde in ſich zu faſſen. Da Aegidius Menage“) zu den hier in Betracht kommenden Worten des Diogenes: urοmννν τᷣ ννν—Qππmν zένςσ*σαέ, 2ντοι rdεοσν εέσηινοez/ ovdeν σeφρσανσοσιν—õ bemerkt: Theon Smyrnaeus berichte, daß Eudemus die Entdeckung ört or» v Fi ueεεεωιοοο να τεινεια τενο³ι τ⁴⁶ τον τ⁴⁶ςσι μ‿ςον dem Anaximan⸗⸗ der beilege: ſo wird nicht blos jeder Verſuch, die kugelförmige Geſtalt der Erde aus Anaximan⸗ ders Spyſtem zu entfernen oder mit Euſebius“) in eine walzenförmige umzudeuten, bedenklicher, ſondern auch die Veränderung der Lesart ztreiodoa in zelαoα⁵ bei Diogenes wird um ſo auffallender, da der Mileſier in ſeiner Lehre vom dmetoor eine ewige Bewegung) annimmt, eine ſolche aber der Kugel eher, als einer Walze anpaßt. Tiedemann') erklärt daher mit vollem Recht: alle Alten und nicht blos die Stoiker ſcheinen eine ewige Bewegung aller großen Weltkörper angenommen und deshalb auf eine ſphäriſche Geſtalt derſelben geſchloſſen zu haben, ſofern dieſe zur Bewegung am geſchickteſten iſt. Auch die von Ukert ſelbſt a. a. O. mitgetheilte Muth⸗ maßung Schleiermachers*) daß Anaximander der Erde eine Achſendrehung oder eine ſchwankende Bewegung um ihren Mittelpunct, der zugleich Mittelpunet der Welt ſei, zugeſchrieben habe, beſtätigt im Allgemeinen die oben dargelegte Anſicht. Der Verſuch, welchen Schleier⸗ macher macht, um die Worte des Diogenes über Anaximanders Kugelgeſtalt der Erde fern zu halten von einer Beſtätigung durch Simplicius(Libr. de Coelo fol. 126), welcher erklärend ſagt:„die Erde Anaximanders ruhe zard ννν εμοααιτmα εάα τ⁶ εισςενοσσον d. i. vermöge der Gleichförmigkeit und des Gleichgewichts“ und dadurch eine runde Geſtalt der Erde T pir, gonσσσννυναοναεοεέαα ς μm 16⁴ονοον c. auf Hecataeus und nicht vielmehr auf alle früheren, von Herodots Anſicht abweichende Geographen ſcheint allzu enge Grenzen zu ſetzen.— Siehe de eete zu dieſer Stelle bei Bähr, und vergleiche damit deſſen Abhandlung de fontibus hist. Herod. IV. p. 398. 1) Nach Plutarch de placit. phil. III, 9 ſoll ſchon Thales gelehrt haben, unicam esse terram, figurae rotundae, quae globi instar se habeat. Siehe Brucker S. 473. 2) Schaubach(über die Meinung der Alten von unſerm Sonnenſyſtem Progr. Meiningen 17— S. 6) legt dieſe Entdeckung den Pythagoräern und Eleatikern bei. 3) ef. Observat. in Diog. Laert. Libr. II, 1. p. 43. 4) Euseb. Praeparat. Evang. 1. 8. 5) Ritter Geſch. d. Phiſophie unter Anaximander. 6) Tiedemann Syſtem der ſtoiſchen Philoſophie. Th. II. S. 76. 7) Aus den Schriften der philoſoph. Klaſſe d. K. Pr. Acad. d. Wiſſenſch. von 1804— 11. S. 97. 29 proclamirt:— ſcheint mit den, vom genannten Verfaſſer aufgeſtellten Geſetzen über den Geſichts— punct, von welchem Unterſuchungen dieſer Art ansgehen müßten, im Widerſpruche zu liegen und um ſo weniger gelungen zu ſein, je mehr ſich derſelbe Schleiermacher(S. 124) veranlaßt findet, ſich an ſchwankende und dunkle Angaben von einer ſchildförmigen Geſtalt und einem oben als Kugelabſchnitt abgerundeten Cylinder zu halten, und endlich die Worte des Diogenes— aq νοœ Vœłsεονεsxoer— als die Quelle des Irrthums zu bezeichnen. Wird aber als erwieſen vorausgeſetzt, daß Anaximander die Rotundität der Erde nicht gelehrt habe, ſo fällt gewiſſermaßen eine Sproſſe aus der Ideenleiter des mileſiſchen Philoſophen, indem die Entſcheidung der oben aufgeſtellten Frage über die Erfindung eines Erdglobus verneinend ausfallen muß. Hinweiſungen darauf finden ſich, wie ſchon bemerkt wurde, bei den Alten keines⸗ wegs und dieß gänzliche Schweigen des Alterthums in dieſer Sache iſt um ſo beredter, jemehr es den Anſchein gewinnt, als haben ſich die Griechen bald wieder nach Anaximander mehr aſtrono⸗ miſchen Studien zugeneigt, und den Stand und das Verhältniß der Himmelskörper zu einander auf Kugeln und Flächen darzuſtellen ſich lieber bemuht, als geographiſchen Studien gehuldigt. Dieſe Anſicht läßt ſich zunächſt auf leicht erſichtliche Urſachen ſtutzen. Einmal war durch das, was Anaximander begonnen, Hecataeus fortgeſetzt und verbeſſert hatte, dem dringenden Bedürf⸗ niſſe eines Wegweiſers auf der Erde und dem Meere vor der Hand auf befriedigende Weiſe abgeholfen worden; ſodann folgte man wohl mit alter Vorliebe der Reigung, nach oben zu blicken, und durch fortgeſetzte aſtronomiſche Beobachtungen und ſchärfere Berechnungen theils die vorhandenen Kenntniſſe zu erweitern, theils aber auch practiſche Vortheile für Landbau und Schifffahrt zu fördern. Daher die fleißige Berechnung der Cyclen durch Cleoſtratus, Meton, Callippus u. A., daher die Aufſtellung der Parapegmata, deren allgemeiner Nutzen in die Augen fiel. Wenigſtens im curopäiſchen Griechenlande fand die Geographie lange keinen Anklang und blieb, mehr zufälligen als abſichtlichen Bereicherungen und Berichtigungen überlaſſen, fortdauernd ſehr mangelhaft, mit Fabeln angefüllt und das Eigenthum von nur Wenigen. In Sparta war unſtreitig noch keine geographiſche Kenntniß des Auslandes vorhanden.— Darin lag wohl der Grund, weshalb der kluge Ariſtagoras!), als er von Milet abreiſte, eine Landcharte mitnehmen, und zur Unterſtützung ſeiner politiſchen Abſichten den Machthabern in Sparta durch Hülfe derſelben gewiſſe geographiſche Belehrungen geben zu müſſen glaubte. Daß man um dieſe Zeit in Athen über Geographie beſſer unterrichtet geweſen ſei, läßt ſich nicht leicht behaupten. Dieſer Sammelplatz geiſtigen Lebens ſchon unter den Piſiſtratiden hatte allerdings, nach ſeiner Befreiung von den Tyrannen, einen noch höhern Aufſchwung genommen in politiſcher und wiſſenſchaftlicher Beziehung. Das Streben nach allſeitiger Mündigkeit hatte das Bedürfniß der Aufklärung, zum Theil zwar als Mittel zur Feſtigung erlangter Selbſtſtändigkeit, mit ſich geführt und gewährte einheimiſchen Fähigkeiten, wie fremden Talenten, Kenntniſſen und 1) cf. Herod. V, 49. 30 Erfahrungen mit Freudigkeit ermunternde Anerkennung. Der allgemein werdende Gebrauch der Schreibkunſt, der zunehmende Verkehr mit dem Auslande, die Unterdrückung Joniens durch Perſermacht, welches nun mit ſeinem Wiſſen beim Mutterlande Zuflucht ſuchte: alles das leiſtete der ſteigenden Erleuchtung mächtigen Vorſchub und machte für diejenigen Wiſſenſchaften empfänglicher, welche nicht unmittelbar mit dem Staatsleben in Verbindung ſtanden.— Des⸗ ungeachtet bleibt es ſehr unwahrſcheinlich, daß Athen in dieſer Zeit eine viel größere Liebe, wie Sparta, zum geographiſchen Wiſſen und eine vollſtändigere geographiſche Kenntniß des Aus⸗ landes gehabt habe. Darauf lenkte man erſt ſpäter den Eifer, weil man erſt ſpäter darauf Werth legte. Als Herodot ſein Werk zu Olympia“) vorgeleſen hatte, galt der ihn ehrende allgemeine Jubelruf des vereinigten Griechenvolks nicht etwa den bedeutenden Aufſchlüſſen, die er über Erd⸗ kunde und ſo viele andere Gegenſtände von Intereſſe gegeben, ſondern vielmehr,— nach dem ausdrücklichen Zeugniſſe des wortreichen Lucian“)— den ſchmeichelhaften Gemälden griechiſcher Siege über die Perſer. Mit und durch Herodot, den Vermittler joniſcher Kenntniſſe zum Beſten Griechenlands durch Benutzung des Hecataeus, beginnt erſt die Zeit einer zuſammen⸗ hängenden Erdbeſchreibung. Es kann daher auch nicht befremden, daß von geographiſchen Charten, als Verbeſſerungen der früheren von Anaximander und Hecataeus, nirgends die Rede iſt, wohl aber von Himmels- oder Sterncharten. Plutarchs) erwähnt einer ſolchen unter dem Namen oqaioæo ατοοοννwmaus dem 5. vorchriſtlichen Jahrhunderte, die beſondere Beachtung verdient, weil ſie zugleich ein gangbares Vorurtheil, als hätten die Griechen bei ihrem Jugend⸗ unterrichte von dergleichen Charten keinen Gebrauch gemacht), zu berichtigen ſcheint; denn er ſagt im Leben des Redners Iſocrates), daß die Hochachtung, welche dem Andenken des Verſtorbenen eine Bildſäule zu errichten ſich verpflichtet erachtet, denſelben noch dadurch zu ehren geſucht habe, daß ſie ihn als lernbegierigen Schüler in der Mitte ſeiner Lehrer und zwar an der Seite des unterrichtenden und auf eine aſtrologiſche Sphäre hinſehenden Gorgias bildlich darſtellte. 1) Bähr Ausgabe des Herodot. T. IV. p. 380. Vergl. mit Clinton fast. H. ed. Rrüger. P. 49. 2) Luciani Herodot. sive Aetion sub init. edit. Lehmann. Lips. 1823. T. IV. p. 12l. Vergl. Wachsmuth helleniſche Alterthumsk. Th. II. Abth. 2. S. 453 ff. 3) cf. Vitae X orator. ed. N estermann. Lips. 1833. p. 48. 7„ 98 zcdl ο(æioνοs) rodmes n2*ονο Exoνο rouudeς Te zl³ coν⁸ ⁶αιρταονs a⁶το 6„ ols zu οοꝓννœeĩ σα* αeφσςοαeτ ³½ινο³⁵ουιQχν νμ⁵εέιαοετσ ασν—§ᷣ— τι vjxoxocir-„ rr.οε☚⁵σσσινα 4) Wenn Kapp in ſeiner Abhandlung de incrementis, qude ratio docendae in scholis, historiae et geographiae cepit(ef. Progr. Minden 1836. p. 10) behauptet: usum sphaerae, quod fuit Grae- corum inventum— ad ludas deseendisse, ab nemine confirmari potest: ſo mag dieſe Stelle bei Plutarch darauf antworten. Von Schulen kann nun zwar nicht die Rede ſein, aber doch vom Jugendunterrichte überhaupt. Wie hier Iſocrates zur Kenntniß des Himmels durch Hülfe einer ꝓœαα οι 2Aά̈οπ⁷ viri angeleitet wird, ſo mag auch die Jugend, die höhere Bildung ſuchte, durch Hin⸗ weiſung auf geographiſche Charten zur Kenntniß der Erde angeleitet worden ſein. Die öffentliche Auf⸗ ſtellung ſolcher Charten in Hallen diente unſtreitig nicht blos zur Verzierung. Das Beiſpiel des Socrates(Aelian Var. Hist. III. 28) welcher, obſchon zunächſt zu einem andern Belehrungszweck, den jungen Alcibiades in eine Halle vor eine ſolche Charte führte, iſt nicht ohne beweiſende Kraft. 31 §. 9. Wahrſcheinlichkeitsbeweis aus Ciceros Nachricht von einer Sphäre des Thales. Einen zweiten Wahrſcheinlichkeitsſchluß zu Gunſten der Anaximandriſchen Erfindung giebt Cicero an die Hand. In ſeinem Werke über den Staat) giebt er nämlich bei Erwähnung der zwei Archimedeiſchen Sphären,— auf welche die Unterſuchung ſpäter zurückkommen wird,— die Nachweiſung, daß die eine davon, die im Tempel der Virtus aufgeſtellt war, nur eine Nach— bildung der Sphäre geweſen ſei, welche Thales erfunden, Eudoxus aus Cnidus nachmals mit den Geſtirnen bezeichnet und Aratus durch ſein Lehrgedicht verherrlicht habe. Der erſte Blick auf dieſe Nachricht zeigt freilich keine Beſtätigung, ſondern vielmehr eine Widerlegung der vorſtehenden directen Beweiſe; denn gegen Anaximander erhebt ſich der Widerſpruch eines Mannes, der nicht nur allgemein und mit Recht für einen gründlichen Kenner des griechiſchen Alterthums gilt, ſondern auch als Ueberſetzer der hier in Betracht gezogenen qtrite᷑:s des Aratus einen billigen Anſpruch auf volle Glaubwürdigkeit ſeiner Angabe zu machen ſcheint. Dieſer Widerſpruch des Römers erhält noch mehr Bedeutung durch das große Intereſſe, welches derſelbe, wie aus der häufigen Erwähnung der Sphäre hervorgeht, an Kunſt⸗ werken der Art genommen hat. Gleichwohl treten auf der andern Seite Merkmale hervor, die einen Irrthum Ciceros muthmaßen laſſen. Vor allem iſt nicht zu überſehen, daß die Ciceroniſche Ueberſetzung der Arateiſchen„ακνμενα— welche Veranlaſſung zur Bekanntſchaft mit den Sphären gegeben und bei Abfaſſung der Bücher vom Staate noch lebhaft im Gedächtniſſe gelegen haben mag, ein Jugendverſuch war“), bei dem es wohl mehr auf Uebung im Uebertragen aus dem Griechiſchen und auf Löſung der in der Sprache liegenden Schwierigkeiten ankam, als auf hiſtoriſche Nachforſchungen über die angebliche Erfindung des Thales. Und wenn auch Cicero bei ſeiner hohen Bildung in reifern Jahren den Erzeugniſſen des Nachdenkens und Scharfſinnes überall, wo und wie ſie ſich auch immer kund gaben, Aufmerkſamkeit geſchenkt und ihrem Andenken den Weg zur Unvergeßlichkeit in ſeinen Schriften bereitwillig geöffnet hat: ſo waren ſeine Studien doch wohl mehr auf die ſtrengen Wiſſenſchaften der Philoſophie, Beredſamkeit, Rechtskunde und Politik gerichtet, als auf Forſchungen nach dem wahren Urheber einer Erfindung, wie die fragliche. Daher konnte es geſchehen, daß Cicero, im Vertrauen auf die ſcheinbare Glaubwürdigkeit des ihn leitenden Berichtes, auf Thales das Verdienſt übertrug, welches Anarimander gebührt.— Ganz gewiß iſt die Tendenz der Ciceroniſchen Erwähnung von Thales Erfindung durchaus verſchieden von derjenigen, welche in den Werken des Plinius und Diogenes die Ehre der Erfindung auf Anaximander überträgt. Während Cicero nur gelegentlich auf die Erwähnung 1) Cicero de Republ. I. 14. Edit. Lehner. Solisbaci 1824. 2) ef. Cic. de Nat. Deor. II, 41 32 kömmt, reden die andern Schriftſteller abſichtlich und gefliſſentlich von Anaximanders Himmelsglobus.— Uebrigens ſteht Ciceros Angabe ganz iſolirt und fern von der Möglichkeit, durch Ermittelung ihrer Quelle gewürdigt zu werden. Es iſt wahrſcheinlich, daß bis zu der Zeit, wo Marcellus die Sphäre bekannt machte(212 a. Chr.), in Rom nichts der Art war geſehen worden, und daß erſt von dem Zeitpuncte an und zwar nur bei wenigen wiſſenſchaftlichen Männern ein wirkliches Intereſſe für dergleichen Kunſtwerke erwacht iſt. Dieſes Intereſſe neigte ſich obenein mehr zur Bewunderung des großen Verbeſſerers der Sphäre, des Archimedes, als zur fleißigen Ausmittelung des erſten Erfinders, bis allmählich auch auf dieſe Frage geachtet wurde. Mithin dürfte es wohl nicht unerlaubt ſein, in der angeführten Stelle, bei vorausgeſetzter Correctheit derſelben, vielleicht als Folge jugendlicher Flüchtigkeit einen Irrthum wahrzunehmen, welchen der gereifte Mann bei Abfaſſung der Bücher vom Staate zu berichtigen unterlaſſen hat. Iſt jedoch die, im gewöhnlichen Texte aufgenommene Lesart tornatam zu vertauſchen mit ornatam oder adornatam, wie Orelli in ſeinen kritiſchen Bemerkungen in dieſer Stelle anführt: ſo dürfte auch deswegen dem Thales nicht die Erfindung der Sphäre, ſondern nur die Aus⸗ ſchmückung, Verzierung derſelben, nämlich durch Auftragung von Geſtirnen zufallen und die Annahme einer Vereinbarung des Thales und Anaximander bei Fertigung des Kunſtwerkes nicht unſtatthaft ſein. Jedenfalls bliebe es von Wichtigkeit, daß auch die Auctorität des Cicero⸗ niſchen Zeugniſſes den Urſprung der Erfindung auf die Anfänge der joniſchen Schule zurückführt. §. 10. Chronologiſcher Wahrſcheinlichkeitsbeweis. Einen dritten Wahrſcheinlichkeitsbeweis begründet die chronologiſche Reihenfolge der von den Alten erwähnten Sphären. Fabricius“) hat in ſeiner gelehrten Rüſtkammer die Namen einiger Männer, als Urheber von Sphären, zuſammengetragen, was in ſo fern von Werth iſt, als dadurch ein Weg geöͤffnet wird, auf welchem die Erfindung von Archimeds meiſterhafter Vollendung an rückwärts bis zu den erſten Anfängen durch Anaximander geführt(547— 287 a. Chr.) werden kann. In den 260 Jahren nämlich, welche ſeit Anaximanders Tod*²) bis zu Archimeds Geburt) ihren Lauf vollbrachten, ſollen wirklich mehrere aufgeklärte Köpfe ſich die Aufgabe geſtellt haben, durch zweckdienliche Inſtrumente die Oeconomie der Himmelskörper zu veranſchaulichen. Werden die vorzugsweiſe als Urheber von Sphären namhaft gemachten Männer, Autolycus aus 1) Bibl. Gr. Libr. IV. p. 456 sq. 2) Clinton f. Hellen s. v. Anaxim. ) Groddeck H. Gr. liter. T. II. p. 126. 33 Pitane¹)(330 a. Chr.), Callippus*) aus Cycicus(330 a. Chr.), Eudoxus aus Cnidus“¹)(368 a. Chr.), Empedocles*) aus Agrigentum(450 a. Chr.), Pythagoras“) aus Samos(570 a. Chr.) der Zeit nach geordnet: ſo erhält man eine aufſteigende Reihe, deren Endpunct bis zu den Lebzeiten des Anaximander und Thales hinaufgeht. Zur Seite der Genannten ſtehen noch andere Namen, von denen jedoch keiner geheimnißvoller iſt, als Billarus aus Sinope. Die Pietät gegen die Verdienſte dieſer Urheber oder Mitbegründer der griechiſchen Aſtronomie ſcheint es gewiſſermaßen zu fordern, daß ihnen, den Zeugniſſen der Claſſiker gemäß, die Ehre der Sphärenerfindung unbedingt zugeſtanden werde; indeß hat ſich bereits bei ähnlicher Veran⸗ laſſung gezeigt, wie nothwendig eine genauere Prüfung alterthümlicher Ueberlieferungen über ſolche Dinge ſei, und es bleibt mithin eine unerläßliche Pflicht, die einzelnen Nachrichten beſon— ders ins Auge zu faſſen. Was Thales ſelbſt als angeblichen Sphärenerfinder betrifft, ſo iſt es, nach dem Ergebniß des Vorhergehenden, bedenklich, ihm dieſes Verdienſt beizulegen, wiewohl er mittelbar zur Erfindung beigetragen haben kann, ſo fern er entweder durch Belehrung über aſtronomiſche Gegenſtände, oder durch Mittheilungen über etwa geſehene Himmelstafeln oder Globen die Phantaſie ſeines großen Schülers befruchtet hat. Die ſeitdem folgende Bearbeitung des aſtronomiſchen Gebietes belohnte die aufgewendete Mühe durch einen reichen Ertrag; denn es mehrten und berichtigten ſich täglich die Anſichten und Kenntniſſe von den Himmelskörpern. An die Forſchungen der joniſchen Schule reihten ſich, durch dieſe begründet und angeregt, die Beobachtungen und Forſchungen der Pythagoräer, und ſo unmöglich es ſein dürfte, in dem Gewirre von ungenügenden, ſo oft ſich widerſprechenden Nach⸗ richten über die Entdeckungen und Leiſtungen der Philoſophen beider Schulen einen Leitfaden zu finden zur zuverläſſigen Bezeichnung des von dem Einen, oder dem Andern erreichten Zieles: ſo kann doch eine ſorgfältige Beachtung des, von verſchiedenen Claſſikern*) Mitgetheilten nicht umhin, die wichtigen Fortſchritte anzuerkennen, welche in der mathematiſchen Geographie und Aſtronomie gemacht wurden. Bei der zunehmenden Himmelskunde und bei der bekannten, durch Pherecydes Vermittelung bewirkten Uebertragung deſſen, was die joniſche Schule im Felde der Aſtronomie geleiſtet, wird es mithin nicht überraſchend, ſondern vielmehr ganz natürlich erſcheinen, daß die italiſche Schule, deren praktiſche Tendenz zu Tage liegt, ihre Sorgfalt auch 1) Fabric. Bibl. Gr. III. p. 88. 574. 2) Fabr. Bibl. Gr. III. p. 87. 292.— Clinton f. H. p. 352. 3) Clinton f. H. p. 122. 4) Clinton f. H. p. 48. 5) Clinton f. H. p. 9. Vergl. überhaupt Groddeck h. Gr. lit. 6) cf. Diogenes Laert. de Vit. et Dogmat. etc.— Plutarch de placit. phil.— Porphyr. de Vit. Pythag. Vergl. Brucker histor. crit. Philos. I. p. 982 ff.— Tennemann Geſch. d. Philoſ.— Ukert Geogr. d. Gr. u. R. II. S. 80 ff.) 34 der Fertigung von Sphären zugewendet habe. Wirklich findet ſich, wenn auch nicht eine aus⸗ führliche Beſchreibung, doch eine glaubhafte Nachweiſung hierüber. Der, noch in das zweite vorchriſtliche Jahrhundert fallende und wohl unterrichtete Varron) ſagt ausdrücklich, daß Pythagoras zu Tarent eine Nachbildung des Himmels und der Erde aus Erz gefertigt habe. Es wird freilich mit keinem Worte angedeutet, von welcher Beſchaffenheit dieſe geweſen, oder welches Schickſal ſie gehabt habe; ſo daß es alſo der Vermuthung überlaſſen bleibt, dieſelbe als eine, vielleicht verbeſſernde Nachahmung der joniſchen Erfindung anzuſehen, welche, unſerm Auge durch unbekannte Urſachen eine Zeit lang verborgen, ſpäterhin erſt wieder erkennbar geworden ſei in Archimedes glänzendem Kunſtwerke. Denn ſo wenig verwelken oder verweſen die edeln Früchte des Geiſtes, daß jeder gute Gedanke, jede nützliche Erfindung fortwuchert und, wenn auch von Unachtſamen lange überſehen, unter begünſtigenden Umſtänden herrlicher hervortritt und in der menſchlichen Culturgeſchichte eine würdige Stelle einnimmt. So gewinnt die, von Laurentius Beger'“) erläuterte ſamiſche Münze, auf welcher Pythagoras ſitzend und mit einem Stabe auf eine Sphäre hinzeigend dargeſtellt wird, durch Berückſichtigung der Varroniſchen Angabe eine hinreichende Deutung, wie auch umgekehrt die Nachricht Varros durch Beachtung dieſer Münze ihre Beglaubigung empfängt. Richten wir, um die aufgeſtellte Reihenfolge der angeblichen Sphärenverfertiger nicht zu verletzen, unſere Aufmerkſamkeit auf den Agrigentiner Empedocles, des Parmenides und Socrates Schüler: ſo gewahren wir allerdings eine o„ãαα, die unter ſeinem Namen geht, aber ſie läßt ſich nur auf das bekannte, aus wenigen Verſen beſtehende Gedicht über den geſtirnten Himmel beziehen. Denn ſo weit die vorliegenden Quellen reichen, findet ſich nirgend eine Spur von einem wirklichen Himmelsglobus, und es beruht die Angabe auf einer Verwechſelung der durch das Wort„ρααοα bezeichneten Begriffe. Dieſe Verwechſelung war leicht möglich, weil dieſer Ausdruck ſeit Muſaeus), außer für einen Globus, auch für poetiſche Betrachtungen über Götter und Weltall gebräuchlich war und ſich mit der Zeit auch auf proſaiſche Abhandlungen über ſolche Gegenſtände fortpflanzte. In Betracht des Cnidiers Eudoxus ergiebt ſich ein erfreulicheres Reſultat. Die Schriften der Alten“) ſind voll ſeines Lobes. Mit Selbſtſtändigkeit und Schärfe im Denken, mit Feinheit und richtigem Tact in ſinnreichen Combinationen verarbeitete ſeine raſtloſe Thätigkeit den Stoff, welchen ein niegeſtillter Durſt nach Kenntniſſen aufſuchte, zu gehaltreichen, das ganze Gebiet 1) Varro de Lingua Lat. IV, 6. 2) Spiecilegium antiquitatis p. 11. ef. Fabric. Bibl. Gr. IV. p. 487. 3) ef. Loheck Aglnoph. T. I. p. 382. 4) Strabo Edit. Bas. p. 1. 453 etc.— Diog. Laert. Edit. Lugd. VIII. p. 235.— Suidas Lex. s. v. Eud.— Cicero de Divinat. II, 42.— Plin. II. N. II, 48.— XVIII, 74 etc.— ef. Fabric. bibl. Gr. III. p. 85.— Brueker Hist. erit. Phil. I. p. 1140.— Ukert Geogr. d. Gr. u. R. Th. I. Abth. 1. S. 80. Abth. 2. S. 30. 112. 115. 162. 172. 216 ꝛc.— Ideler Handb. d. techn. Chronolog. I, 357. 35 der mathemathiſchen Wiſſenſchaften umfaſſenden Entdeckungen und Verbeſſerungen. Er war ein eben ſo guter Theoretiker als Praktiker. Die Sternwarten), die er in Cnidus und Helio⸗ polis in Aegypten errichtet, die Landcharten), die er gefertigt, der achtjährige Cyclus und die Parapegmen“), welche er ausgearbeitet, die Schriften“), in welchen er die Früchte langen Nach⸗ denkens, ſorgſamer Beobachtung über die Himmelskörper niedergelegt hat, ſind glänzende Beweiſe ſeines großen Geiſtes. Was Wunder, daß er, ein Schüler des Archytas“), welcher wohl ſelbſt in ſeiner ungewöhnlichen mechaniſchen Kunſtfertigkeit Mittel gehabt hätte zur Geltendmachung ſeiner neuen Entdeckungen und Grundſätze vermittelſt einer ſinnlichen Darſtellung, ſeine Thätigkeit auf Fertigung eines Himmelsglobus verwendete! In der mehrmals erwähnten Stelle⁰) ſpricht Cicero davon in den Worten: post autem ab Eudoxo Cuidio— eandem illam(i. e. sphacram a Thalete primum tornatam) astris coelo inhaerentibus esse descriptam wie von einer Verbeſſerung der vorgeblich Thaletiſchen Erfindung. Was die Bedenken gegen Thales Erfindung anbetrifft, ſo iſt bereits das Röthige bemerkt worden*). Hier bieten ſich indeß neue Schwierigkeiten, über die man nicht mit Gleich— gültigkeit hinweggehen darf. Sobald man nämlich dem einfachen Sinn jener Worte folgt, läßt ſich weder begreifen, wie der Thaletiſche Himmelsglobus ſeinen Zweck habe erfüllen können, wenn er— wie die Worte zu ſagen ſcheinen— des weſentlichſten und inſtructivſten Beſtandtheiles, d. h. der Geſtirnbezeichnung, entbehrte, noch iſt einzuſehen, wie es möglich geweſen, daß ein ſolches Machwerk Jahrhunderte hindurch bekannt und doch ohne Verbeſſerung geblieben, bis endlich Eudoxus demſelben ſeine Sorgfalt zugewendet habe. Oder beſtand des Eudoxus Verdienſt nur in einer Erläuterung der Thaletiſchen Sphäre, ähnlich ſeinem Schriftwerke, welches die Grundlage der poetiſchen Beſchreibung des Aratus ausmachte? Dieß läßt ſich nicht annehmen, weil man ſonſt auch geſtehen müßte, Cicero ſei mit den Schriften des Eudoxus ſo unbekannt geweſen, daß ihm eine ſolche Verwechſelung möͤglich geworden. Durch eine umfaſſende Berückſichti⸗ gung ſowohl obenſtehender, als nachfolgender Worte: cujus omnem ornatum et descriptionem, sumptam ab Eudoxo, multis annis post non astrologiae scientia, sed poëtica quadam facultate versibus Aratum extulisse: wird es zum Glück möglich, die Meinung des Schrift⸗ ſtellers zu entziffern.— Die erſte Sphäre beſtand nämlich in einer Kugel, auf deren Oberfläche allerdings wohl einige, nicht aber alle damals bekannte Geſtirne, noch auch in wirklichen Stern— bildern bezeichnet ſein mochten; denn von dem Standpuncte, auf welchem die Aſtronomie zu jener 1) cef. Strabo p. 120. 934. 2) ef. Strabo p. 1. Siehe oben.— Eustath. ad Dionys. Perieg. s. init. 3) cf. Plin. H. N. II, 48.— Lucan Phars. X, 187.— Ideler Handb. d. techn. Chronol. I, 354. 4) Fabr. Bibl. Gr. I. I.— Groddeck Init. hist. Gr. lit. I, p. 213. 5) Nach Plutarch(vit. Num. c. 11) lehrte Arch. die Umdrehung der Erde um ihre Achſe und die Sonne; und nach Gellius(N. A. X, m12) verfertigte er eine hölzerne fliegende Taube. 6) Cicero de republ. I, 14. 7) ef.§ 9. 36 Zeit ſtand, mußte natürlich die Zahl der auf dem Kunſtwerke angegebenen Geſtirne oder einzelnen Sterne abhängen. Genügte nun auch anfangs dieſer ſehr unvollkommene Globus, ſo mußte doch die fortſchreitende Wiſſenſchaft das Mangelhafte deſſelben täglich fühlbarer und eine Verbeſſerung wünſchenswerth machen. Was Andere unterlaſſen hatten, vollbrachte nun— wie Cicero verſichert— der Cnidier Eudoxus, indem er(describendo) die Bahnen aller der Geſtirne auf dem Globus bezeichnete, welche die gereiftere Wiſſenſchaft für den beabſichtigten Zweck empfahl, und ſeinen Namen verewigte ornando, d. i. durch Erhebung und Verbindung der zu einer Gruppe gehörigen Sterne zu wirklichen Sternbildern. Bei dieſer Erklärung fällt alles Anſtößige, was die Stelle haben könnte, eben ſo leicht hinweg, wie das Verdienſt des Eudoxus hervortritt. Unſtreitig wollte Cicero den Ausdruck: esse descriptam: verdeutlichen durch die Wiederholung des Wortes deseriptio in Verbindung mit dem zugleich erklärenden ornatus. Es war aber die Verbindung der Sterne!) zu Sternbildern oder Geſtalten von Thieren ꝛc., abgeſehen von ihrer Rützlichkeit, eine wahre Ausſchmückung, die um ſo mehr zu einer poetiſchen Beſchrei⸗ bung begeiſtern konnte, je gelungener ſie ausgeführt war und dadurch dem Dichter Veranlaſſung bot, eine oder die andere Mythe auf ſinnreiche Weiſe daran zu knüpfen. Vielleicht wird es auch durch dieſe Annahme begreiflicher, wie es Antigonus Gonatas einfallen konnte, den an ſeinem Hofe lebenden Aratus zur poetiſchen Beſchreibung des Himmels nach Eudoxus aufzufordern durch die Weiſung*): Eö⁶οεον ενος⁶τεοον ττοονσα Zur Unterſtützung des Ganzen dient noch die Aeußerung des gelehrten Gaſſendis), daß ihm Eudoxus der Erſte geweſen zu ſein ſcheine, welcher theils ägyptiſche, theils griechiſche Sternbilder auf einem Globus darzuſtellen verſucht habe. Weniger Gewinn verſchafft die Betrachtung der über Callippus und Autolycus vorhan⸗ denen Angaben. Beide erſcheinen als kenntnißreiche, um Förderung der Aſtronomie wohlverdiente Männer, nicht aber als Fertiger von Himmelsgloben. Jenem ſchreibt Simplicius“) Berichti⸗ gungen und Ergänzungen des von Eudoxus Geleiſteten bei, und Cenſorinus’) redet von deſſen Verbeſſerung des Metonſchen 19 jährigen Cyclus durch einen 76jährigen, welchen Cyclus unter den Neueren hauptſächlich Ideler⁰*) ins Auge gefaßt hat und, den weſentlichen Eigen⸗ ſchaften nach, nicht blos für eine Berichtigung der Metonſchen Periode durch Ausmerzung des 1) Daraus ergiebt ſich auch, daß das in einem Cod. des Ciceroniſchen Werkes de republ. dem Worte astris beigefügte stellisque in den Text aufzunehmen iſt. 2) cf. Brucker Hist. crit. Philos. I. p. 1142, mit Diog. Laert. VIII. p. 236. 3) Praefat. in Tych. Brah. vit. p. XXXII. 4) ef. ad Aristot. de Coelo II. seet. 46.— Fabr. bibl. Gr. III. p. 81.— IV. p. 419.— Brucker Hist. crit. Philos. I. p. 968. 1142. 5) ef. e. XVIII. 6) Siehe deſſen Handb. d. math. u. techn. Chronolog. I. S. 299. 344.— Deſſelben Aſtronom. Beobacht. d. Alten. S. 161.— Vergl. Ukert Geogr. d. Gr. u. R. Th. I. Abth. 2. S. 120. 162.— Grod- deck Init. Histor. Gr. liter. I. p. 213. 37 Ueberſchuſſes von ½3. Tag, ſondern auch für eine Ausgleichung derſelben mit den Monderſchei⸗ nungen erklärt; dem Autolycus jedoch gebührt der Ruhm, Verfaſſer zweier Werke zu ſein, in welchen er ſein Bemühen, neue und ſicherere Beſtimmungen über die Bewegung der Planeten zu geben, beurkundet). Hat nun auch das Geſchick durch Erhaltung dieſer Schriften einen Blick in ſeine Grundſätze geſtattet, ſo bleibt doch keine Nachweiſung eines von Autolycus verfertigten Himmelsglobus; vielmehr iſt es wahrſcheinlich, daß ſeine Schrift egν‿ ευναινμένα οσ£ςσααs den Irrthum veranlaßt habe. §. f1. Was endlich die Sphäre des Billarus anbetrifft, ſo verhindert die Dunkelheit, in welcher Sache und Perſon begraben ſind, jede befriedigende Ausmittelung. Iſt doch ſelbſt das Bemühen, außer dem Zeugniſſe Strabos“) noch einen Beweis für das einſtige Vorhandenſein der Sphäre aufzufinden, fruchtlos geblieben, geſchweige, daß es gelungen wäre, auch nur ein Wort über deren Urſprung, Beſchaffenheit und Schickſale zu entdecken. Der Bericht Strabos gewinnt übrigens an Glaubwürdigkeit durch die augenfällige Abſichtlichkeit der gemachten Mittheilung. Denn indem er die Geſchichte der Stadt Sinope in Paphlagonien kurz zuſammendrängt, fügt er ausdrücklich hinzu:„Rach erfolgter Eroberung ſchonte Lucullus aller zur Verzierung „der Stadt dienenden Kunſtwerke; nur die Sphäre des Billarus und die Bildſäule des vor⸗ „geblichen Stadtgründers Autolycus, ein Werk des Sthenis, nahm er hinweg.“ Unverkennbar iſt der große Werth, welchen— nach dieſer Angabe— die Sphäre des Billarus hatte; denn es waren unſtreitig wichtige Gründe vorhanden, weshalb ſowohl Strabo, mit Uebergehung manches andern Gegenſtandes, gerade dieſen hervorheben zu müſſen glaubte, als auch Urſachen, weshalb Lucullus ſeine Beuteluſt auf die Wegnahme dieſer beiden Kunſtwerke lenkte. Gewiß iſt es, daß Lucullus im dritten mithridatiſchen Kriege die glückliche Eroberung der pontiſchen Städte überhaupt und Sinopes namentlich benutzte, um gleichſam als ein Vorbild in dem Kunſtraube zu gelten, deſſen Nachahmung im Großen Paris im 19. Jahrhundert eine Zeit lang zum Sammelplatze faſt aller Kunſtdenkmäler Europas gemacht hat. Plutarch, der Biograph dieſes Römers, der, über Nacht) zum großen Feldherrn geworden, durch ſeine Habgier die pontiſchen Völker in Schrecken), durch ſeine Prachtliebe die Bewohner Roms in Staunen ſetzte,— Plutarch gedenkt nicht blos der Eroberung von Sinope im 1) ef. Simplic. ad Aristot. de Coelo II, 46.— Fabr. bibl. Gr. III, 88. p.— Ukert a. a. O. Th. Il. Abth. 2. S. 119. 122...-nnn,. 4 2) Strabo Libr. XII. p. 641.— 70„ 4εν αee⁴ον εκμον τπ νQπσεευς dιεᷣσαεεν oνulo, 1 ³ε ν B2οv Geiαάσ☚ αl ⁷σε, H 10ν1ντευνοω Ʒέωνμ⁶ο‿ εοeꝓνφ ν⁷. z. 7. 3) cf. Cie. Aeadem. Quaest. IV, 1. 2. 4) cf. Cic. pro Lege Manil. c. IX. 10 38 Jahr 73 a. Chr., ſondern auch der Wegnahme jenes Standbildes des Autolycus!) und der überaus großen Beute, wodurch der Sieger in den Stand geſetzt wurde, ſeine Wohnung in Rom, wie ſeine Villen mit Statuen und Bibliotheken auszuſchmücken, die er dem allgemeinen Gebrauche öffnete. Um ſo aufeallender iſt es jedoch, daß weder Plutarch, noch Cicero, welcher dem Lucullus befreundet und mit deſſen aufgehäuften Kunſtſchätzen wohl auch bekannt war, irgendwo der Sphäre Erwähnung thut. Somit iſt die Hoffnung vereitelt, die Sphäre des Billarus als ein wichtiges Mittelglied in der Verbindung der einzelnen Sphären zu einer feſt zuſammenhängenden Reihe verwenden zu können, und es treten nun unſichere Vermuthungen an die Stelle factiſcher Gewißheit.— Von wem ſie ſtamme, bleibt dahingeſtellt, wiewohl der Parallelismus der Satzglieder in den Worten bei Strabo darauf hinzudeuten ſcheint, daß Billarus nicht ſowohl der Beſitzer, als vielmehr der Verfertiger derſelben geweſen ſei. Folget man dem Winke, welchen die Geſchichte der Stadt Sinope giebt: ſo nähert man ſich der Werkſtätte, aus welcher die erſten Himmelsgloben hervor⸗ gingen. Denn nach übereinſtimmenden Verſicherungen des Alterthums“*) war Sinope eine Colonie der Mileſier, welche, durch Fruchtbarkeit des Bodens und durch Handel bereichert, Künſte und Wiſſenſchaften bei ſich aufnahm. Hatte die Tochterſtadt ſchon bei ihrer Gründung alle in Milet vorhandene Kenntniſſe und Erfindungen zur Ausſtattung empfangen, ſo mußte die unterhaltene Verbindung mit der Mutterſtadt, welche bei den mileſiſchen Colonien beſonders bemerkenswerth iſt, auch eine ſtete Kunde und Theilnahme an den Fortſchritten bewirken, welche die Mileſier ſelbſt machten. Deshalb konnte auch Anaximanders Kunſtwerk den Sinopen⸗ ſern nicht unbekannt bleiben; ja, es fand hier vielleicht durch die Talente des übrigens unbekannten Billarus eine geeignete Vervollkommnung. Die Reihe dieſer Aufzählungen ſchließe mit einer Stelle bei Plato im Timaeus“), welche beſondere Beachtung verdient, weil Gewährsmann und Sache von gleicher Wichtigkeit iſt. Plato ſagt:„Die Drehungen eben dieſer Weltkörper und ihre Vorübergänge an einander, die in ſich „zurücklaufenden Zirkelbewegungen und Annäherungen der Körperbahnen, und welcher Art „Götter in den Stellungsverhältniſſen an einander, und wie viele gegeneinander über, und nächſt „welchen voreinander zu ſtehen kommen, und nach welchen Zeiten uns die einzelnen aus dem „Geſichtskreis verſchwinden, und wieder zum Vorſchein kommend Furcht einflößen und Zeichen „der bevorſtehenden Ereigniſſe für die ſenden, welche ſie zu deuten verſtehen, das anzugeben ohne 1) ef. Plut. vit. Lucull. c. 23, 41 ff.— Cic. de Fin. III, 2.— De Leg. III, 13.— Sext. Aurel. Vict. de viris illustr. c. 74.— Isidor. Hispal. Orig. VI. c. 5(in Auct. L. Lat. Gothofred).— Poppe de privatis atque illustr. publ. Romanor. bibliothecis. Progr. Berol. 1826. 2) ef. Strabo a. a. O.— Xenoph. Anab VI, 1. 9. 15.— Polyb. IV, 56.— Harduin ad Plin. H. N. VI, 2.— Müllers Orchom. p. 293.— Poppo Thucyd. II. p. 377.— Vergl. Griech. Staatsal⸗ terth. v. Hermann§. 78. 3) Cap. 40,§. 41 am Ende. 39 „nochmalige Anſchauung dieſer Nachbildungen(deu di⁴eνενςι τοντν εαμι ιννιαιμννναμτον⁷) dürfte „vergebliche Mühe ſein.“ Indem alſo Plato die Schwierigkeit der in Frage ſtehenden Beſtim⸗ mung ausſpricht, erklärt er zugleich den Blick auf eine Nachbildung als das einzige Mittel zum Verſtaͤndniß; und wie der einfache Gedankenzuſammenhang, ſo zeigt die ſtrenge Hinweiſung des rouron vor 1uννιινιαάυον, daß die Bekanntſchaft mit ſolchen erklärenden Kunſtwerken der Mechanik wohl allgemeiner verbreitet war und für dergleichen Zwecke häufiger benutzt wurde, als wir bei den mangelhaften Nachrichten der Alten über dieſen Gegenſtand vermuthen. Bemerkenswerth iſt es, daß Cicero, wie ſich ſpäter zeigen wird, bei ähnlichen Betrachtungen nicht blos Platos Zeugniß im Timaeus aufruft, ſondern auch, wie Plato, die Sphären als Hülfsmittel gebraucht, um ſeinen Beweiſen eindringendere Kraft zu verleihen. Vergeblich ſucht man übrigens nach weiterer Auskunft über die vom griechiſchen Philoſophen durch„νιααα bezeichnete Sache, ſo daß es genügen muß, durch ſein Zeugniß den vorſtehenden Berichten und der Behauptung eine groͤßere Glaubwürdigkeit verſchafft zu haben, daß, ungeachtet des großen Lichtmangels in der griechiſchen Frühzeit, die Sphärenerfindung gleichwohl oft und klar genug dem aufmerkſamen Auge entgegentritt. §. 12. Zuletzt, welchem Vorurtheile, ja, welchem Widerſpruche würde man huldigen, wollte man die Anfänge der Globenerfindung an Archimedes knüpfen! Je glaubwürdiger und ausführlicher die Beſchreibungen der Sphären des Archimedes ſind, deſto mehr berechtigen ſie und verpflichten ſogar zu dem Schluſſe, daß ihm nicht ihre Erfindung, ſondern nur ihre höhere Vollendung angehöre. Und ſollte es auch nicht gelingen, ein vollſtändiges Bild von dem Himmelsglobus zu entwerfen, der ſeinen Namen verewigtt: ſo wird ſich doch nachweiſen laſſen, daß Archimedes, indem er ein ganzes Weltgebäude im Kleinen, aber voll Leben und Bewegung vor die ſtaunenden Augen hinſtellte, nur in einem höhern Sinn, als Erfinder betrachtet werden darf. Eine ſolche Leiſtung iſt nicht die Eines Menſchen; es gehören Geſchlechter und Jahrhunderte zu ihrer Geſtaltung. Darum dient auch ſelbſt Archimeds vollendete Sphäre zum Beweiſe, daß lange vor ihm der Weg zu dem glaänzenden Ziele geebnet worden ſei, welches zu erreichen ihm verliehen war. §. 15. Vermuthungen über die Beſchaffenheit der Sphäre A naximanders. Daß es an jeder directen Nachweiſung über die Beſchaffenheit der Anaximandriſchen Sphäre gebricht, kann nicht überraſchen. Was ſich darüber ſagen läßt, ſtützt ſich blos auf Vermuthungen, die ſich theils aus einer Betrachtung des Ganzen, theils und hauptſächlich aus Ciceros Berichte ergeben. 40 Es bedarf kaum der Erinnerung, daß Anaximanders Verſuch ſehr unvollkommen ſein mußte. Die Anfänge aller Erfindungen ſind roh und höchſt einfach und dieſe Eigenſchaften ſind ſo untrügliche Kriterien der Urſprünglichkeit und früheſten Beſchaffenheit eines Menſchenwerkes, daß, wo ſie fehlen, der Glaube an jene verſchwindet. Das Kunſtgebilde des Mileſiers konnte nur ein Abdruck der Vorſtellungen ſein, welche derſelbe, nach der Einſicht ſeiner Zeit, über das Himmelsgewölbe und die wichtigſten Geſtirne in der Seele trug; es mußte ſeinem Zwecke entſprechen, wenn es jene Vorſtellungen anſchaulich zu machen im Stande war. Sehr natürlich führte die Idee von einem Himmelsgewölbe zur Geſtaltung einer Kugel. Dachte ſich Anaximander dieſe als Hohlkugel, und ſich ſelbſt in deren Mittelpunct verſetzt, ſo mußte uber ſeinem Haupte die Sonne ihren Weg ziehen und ringsum der Himmel ſeine Wunder entfalten. Die Conſtruction einer Hohlkugel mit dem Standpuncte des Beſchauers im Mittelpuncte, wie ſie die neuere Zeit verſucht hat, entſprang daraus nun freilich noch nicht; vielmehr genügte es, eine Kugel zu runden und die Oberfläche derſelben zur Trägerin der Weltkörper zu machen, deren Stellung, Verhältniß und Bewegung zu verſinnlichen im Zwecke lag. Nach Ciceros Angabe) vollzog Thales dieſe Rundung oder bewirkte, was ſich als wahrſcheinlicher herausgeſtellt hat, in Gemeinſchaft mit Anaximander die erſte Ausſtattung der Sphäre. Sie trug aber unſtreitig die Andeutungen der fünf Zonen, die Thales bereits kannte, den Thierkreis, wie ihn Anaxi⸗ mander berechnet; zeigte die Solſtitien und Aequinoctien, die Tagekreiſe, von denen hernach Anaximenes“*) wieder abging; hatte Sonnen und Sterne in Bahnen gewieſen, und Sternbilder, wiewohl nicht in der Anzahl und Vollſtändigkeit, wie ſie Eudoxus ſpäterhin darſtellte, Aratus“) in ſeinem Gedichte beſchrieb. 1) cf. De republ. I, 14. Vergl. damit F. 9. 2) Schaubach Geſch. d. Aſtr. S. 135. 3) cf.§. 10 Eudox.