DG6SSVW — ——— e lrlobrfrernreel eeeMeee 90 Kriegerische Ereignisse in der Umgebung von(assel. III. Die Belagerung von Cassel im Jahre 1781. Deeeeeee Von Professor Dr. Johannes Pohler. —ese Beilage zum Jahresberichte der Realschule zu Cassel, Ostern 1807. — seeee Cassel. Druck von L. D611. 1897. OS. 4 e Ss a⸗ SDs Ses Se Se Se⸗ SNes S⸗SNe Se⸗ Sd⸗⸗ eDeSNe SSa Ns eaRaReeRecSoaciee Kriegerische Ereignisse in der Umgebung von Cassel. III. Die Belagerung von Cassel im Jahre 1761. Von Professor Dr. Johannes Pohler. A. Der Einbruch des Herzogs Ferdinand in Hessen im Februar 1761. Nachdem der Feldzug des Jahres 1760 an der Diemel thatlos zu Ende gegangen war, verlegten beide Teile ihre Truppen in die Winterquartiere, die im Dezember endgültig bezogen wurden. Die verbündete Armee unter Herzog Ferdinand nahm dieselben nördlich der Diemel in Westfalen, besonders in den Bis- tümern Münster, Paderborn und Osnabrück; ein kleiner Teil lag rechts der Weser an der Ruhme und im Eichsfelde. Die französische Armee unter Broglie hatte ihren linken Flügel hinter der Sieg von ihrer Einmündung in den Rhein an bis zur Lahn bei Giessen, die Mitte stand hinter der Eder und Fulda bis Münden und war durch das bedeutend verstärkte Cassel und kleinere befestigte Plätze, z. B. Fritzlar, Ziegenhain und Marburg, gedeckt. Der rechte Flügel stand von Münden an aufwärts an der Werra, und jenseits dieses Flusses dehnten sich seine Quartiere die Unstrut entlang über Mühlhausen bis Gotha aus; gedeckt war der- selbe einigermassen durch das gut befestigte, stark besetzte und mit allem Notwendigen wohl versehene Gôttingen, das in dem Grafen de Vaux einen tüchtigen und thatkräftigen Kommandanten besass. Gern hätte zwar Broglie sein Heer in engere Quartiere gelegt, um einem etwaigen Angriffe der Verbündeten mit gesammelten Kräften ent- gegentreten zu können; allein von seiten des Versailler Hofes wurde gerade auf die dauernde Besetzung Hessens grosser Wert gelegt, da man dadurch einen Druck auf den Landgrafen auszuüben hoffte, um ihn von der preussisch- englischen Seite auf die des Reiches hinüber- zuziehen, wozu auch von anderer Richtung her Anstrengungen gemacht wurden. Dazu erhielt Broglie von seinem Hofe die Weisung, das zum Unterhalte seines Heeres notwendige Geld durch Kontributionen in Feindesland zusammen- zubringen: das sei die einzige Geldquelle, über die Frankreich zum Besten des Heeres ver- fügen könne; er war also auch aus diesem Grunde gezwungen, sich mõglichst weit auszu- dehnen und die Kräfte des besetzten Landes durch Lieferungen für die Verpflegung seiner Truppen in Anspruch zu nehmen. Ja, man schmeichelte sich sogar in Paris mit der Hoff- nung, in dem besetztem Hessen ein Faustpfand zu haben, das man bei den Friedensverhand- lungen mit England zum Austausche gegen verlorene Kolonien, in Indien etwa, benutzen könnte. Aus allen diesen Gründen blieb Broglie in seiner so ausgedehnten Aufstellung, obwohl die Zufuhren vom Main her, die er zur Er- haltung seiner Armee vor allem nôtig hatte, wegen des seit Michaelis fast unaufhörlich niedergehenden Regens, der die Landwege ver- darb und alle Schifffahrtswege, namentlich den wichtigsten, die Fulda, so anschwellen liess, dass sie nicht mehr benutzt werden konnten, sehr schwierig wurden. Schon im Herbste des Jahres 1760 hatte Herzog Ferdinand den Plan erwogen, in die französischen Quartiere einzubrechen und den Gegner aus Hessen zu vertreiben. Allein auch — 4 hier hatten sich naturgemäss die Folgen des schlechten Wetters bemerkbar gemacht. Die Verpflegung der Armee wurde immer schwieriger, zumal die Regierung in Hannover, obwohl sie von London Anweisung hatte, dem Herzog in allem und jedem bereitwilligst entgegenzu- kommen, doch durch allerhand Winkelzüge und Quertreibereien die Leistung des Notwendigsten selbst zu verzögern, wenn nicht gar zu hindern wusste, um natürlich Hannover, das von dem Kriege(Gôttingen ausgeschlossen) fast gar nicht berührt war, zu schonen. Die Schwierig-— keit der Ernährung wurde noch gesteigert durch die Unehrlichkeit der englischen Finanz- Kommissare, welche oft mehr an sich als an den Krieg und das Heer dachten: bittere Beschwerden wurden gerade darüber selbst von König Friedrich laut. Die Verpflegungs- schwierigkeiten wurden zuweilen so stark, dass Herzog Ferdinand daran dachte, die Armee zurückzuziehen und, wie er sagte,»aufzulösen«, d. h. in weitläufige Winterquartiere in West- falen und Hannover jenseits(rechts) der Weser zu legen. Zwar liess Herzog Ferdinand den ersten Plan damals fallen, allein im Januar kam er zu dem Entschluss, den Feind durch einen frühzeitigen Angriff aus seinen Winterquartieren zu verdrängen, Hessen selbst zu gewinnen und ihn dadurch in möglichst grosser Entfernung von dem Stützpunkte der verbündeten Armee, von Hannover und Niedersachsen, zu halten. Ahnliches hatte er doch schon 1758 und 1759 durch eine frühzeitige Eröffnung der Operationen und durch Uberraschung des Feindes in den Winterquartieren erreicht; 1758 hatte er nicht nur Hannover, Hessen und Westfalen befreit, sondern den Gegner sogar über den Niederrhein zurückgeworfen, und 1759 hatte er durch seinen Vorstoss gegen Frankfurt die Franzosen weithin zurückgedrängt und für längere Wochen Hessen und Hannover vom Feinde befreit. Warum sollte es diesmal nicht möglich sein? König Friedrich, mit welchem der Herzog über diese seine Absicht einen lebhaften Brief- 50 wechsel unterhielt, billigte dieselbe nicht nur, sondern drängte ihn auch aus politischen wie militärischen Rücksichten dazu. Zwar ver- mochte er nichts zu thun, um die Verpflegungs- schwierigkeiten bei der verbündeten Armee etwa durch UÜberweisung von Fuhrwerk aus der Altmark und Magdeburg heben zu helfen, allein er sicherte dem Herzoge eine thatkräftige Unterstützung des Angriffes selbst zu: ein preussisches Korps unter General v. Syburg sollte sich mit dem General v. Spörken ver-— einigen und den an der Unstrut stehenden rechten Flügel der Franzosen über die Werra zurückwerfen helfen. Zum Glücke hatten sich in der zweiten Hälfte des Januar die Witterungs- verhältnisse derart gebessert, dass die Wege wieder fest wurden, und unter Anspannung aller Kräfte und ausserordentlicher Inanspruch- nahme und Ausnutzung des Fuhrparks gelang es nun, die Magazine an der Diemel so weit zu füllen, dass die Verpflegung von Mann und Ross auf einige Zeit sicher gestellt war. So konnte Herzog Ferdinand nun seine Be- wegungen beginnen. Um den Feind vor allem zur Aufgabe der starken Stellung in dem festen Lager bei Cassel zu nôtigen, bedrohte er durch Truppenkorps von ausreichender Stärke die beiden Flügel der feindlichen Aufstellung: rechts sollte der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig mit 20 Batailloöonen und 22 Schwadronen in Brilon und Stadtberge sich aufstellen; die Mitte— 50 Bataillone und 28 Schwadronen unter Herzog Ferdinand selbst— stand an der Diemel von Warburg bis Karls-— hafen; der linke Flügel unter General v. Spörken (17 Bataillone, 20 Schwadronen, 1 Regiment Husaren und 2 Jäger-Brigaden) sammelte sich zwischen Duderstadt und Mühlhausen, das An- rücken des preussischen Generals v. Syburg erwartend. Am 9. Februar standen sämtliche Truppenteile an den ihnen angewiesenen Punkten, und Herzog Ferdinand begab sich von UÜUslar nach Hofgeismar, um die Eröffnung der Ope- rationen persönlich zu leiten. Sehr erschwerend und hindernd machte sich bei allen Truppen- teilen der schwache Mannschaftbestand fühlbar: die Bataillone hatten nach den Verlusten und Strapazen des vorangegangenen Feldzuges, den durch Krankheiten, die infolge des Mangels an Cebensmitteln ausbrachen, erzeugten Abgängen im Durchschnitt nur 300 bis 400 Mann unter den Waffen, die Schwadronen höchstens 80, sodass der ganze Bestand der Armee in 87 Bataillonen, 80 Schwadronen u. s. w. auf nur wenig mehr als 36 000 Streitbaren angeschlagen werden kann: für eine so kühne und ausgedehnte Operation dem bedeutend überlegenen, wenn auch über ein weites Gebiet verstreuten Feinde gegenüber eine Schwäche, die sich bald bitter rächen musste. Zunächst indes wurden die vorgesteckten Ziele im wesentlichen erreicht. Der Erbprinz zwang am 15. Februar nach heftiger Be- schiessung die franzsische Besatzung von Fritzlar zur UÜbergabe des Platzes, mit welchem ein wertvolles Magazin in seine Hände fiel. Auch an einigen anderen Punkten waren die vorgeschobenen Abteilungen des Erbprinzen erfolgreich, dagegen fiel General-Lieutenant Breitenbach bei einem vergeblichen Angriffe auf Marburg. Herzog Ferdinand mit dem Hauptteile überschritt 11. Februar die Diemel und marschierte bis Westuffeln, während sein Vortrab unter General v. Gilsa von Hof- geismar bis Calden vorgeschoben wurde. Am 12. ging der Herzog bis Zierenberg, v. Gilsa bis Dörnberg, Weimar und Heckershausen; eine Abteilung wagte sich sogar bis Wolfsanger vor, während über Ehlen General Lord Granby Wilhelmshôhe besetzen liess; am nächsten Tage (13.) nahm der Herzog Kantonnementsquartiere um Niedenstein. Diese Bewegungen des Erbprinzen und des Herzogs machten den Marschall Broglie um seine Verbindungen mit dem Maine besorgt und bewogen ihn, am 14. seine Stellung bei Cassel aufzugeben und bis nach Melsungen zurückzugehen; die Besatzungen von Münden am 51 und Hofgeismar erhielten den Befehl, sich nach Cassel zurückzuziehen. Als aber der Erbprin⸗ am 16. von Fritzlar gegen Melsungen vorrückte, ging Marschall Broglie nach Hersfeld, zurück; aber auch hier war seines Bleibens nicht lange. Bald kam die Nachricht, dass die Generale v. Spörken und v. Syburg die ihnen entgegen- stehenden französischen und sächsischen Truppen am 15. bei Langensalza empfindlich geschlagen und mit grossem Verluste zum Rückzuge ge- zwungen hatten, dass sie nun gegen die Werra vorrückten und die grosse Strasse nach Frank- furt bedrohten; von Norden her setzte der Erb- prinz seinen Vormarsch gegen Hersfeld fort und erreichte am 19. Oberngeis, während die Hauptarmee Ferdinands bei Felsberg und Nieder- möllrich die Eder überschritt und über Frielen- dorf und Homberg bis Schwarzenborn vorging. Zu schwach(nur 15 Bataillone), um diesen von allen Seiten andringenden Gegnern zu wider- stehen, verliess Broglie am 19. abends Hers- feld, nachdem er die dort befindlichen grossen Magazine, die 80 000 Sack Mehl, 50 000 Sack Hafer und 1000 000 Rationen Heu enthielten, hatte anzünden lassen, wobei die auch zum Magazin verwandte altehrwürdige schône Stifts- kirche ein Raub der Flammen wurde. Bei Hünfeld vereinigte sich Broglie am 20. mit den aus Thüringen von Spörken herausge- drängten Truppen Stainvilles und anderen Ab- teilungen, die vor den Verbündeten zurück- wichen; am 21. ging er nach Fulda zurück, am 23. bis Weidenau, am 24. bis Birstein, am 26. nahm er ein Hauptquartier in Büdingen und legte seine Armee in Quartiere zwischen Giessen, Frankfurt und Salmünster, die durch eine Postenkette von Steinau bis Giessen ge- deckt wurden. Der Erbprinz hatte Hersfeld am 20. besetzt, am 21. Nieder-Aula, am 22. Schlitz und am 25. Lauterbach erreicht; Herzog Ferdinand selbst marschierte am 21. nach Hausen, am 23. nach Grebenau, am 26. nach Alsfeld, am 27. nach Schweinsberg; Spörken hatte sich über Vacha, Friedewald und Hersfeld 7* mit der Armee vereinigt, die nun zwischen der Ohm und der Schwalm Kantonnierungsquartiere bezog. Damit schloss der Winterfeldzug vom Februar 1701. Die Absicht des Herzogs, den Feind aus Hessen zu vertreiben, war im wesentlichen ge- lungen; leider hatte es der Feind jedoch ver- standen, grössere Verluste und Niederlagen bis auf das Treffen bei Langensalza zu vermeiden und seine Heeresteile ziemlich unerschüttert in eine gesicherte und gedrängte Stellung zurück- zuführen, welche der Herzog anzugreifen nicht wagen konnte. Zudem waren(ganz abgesehen von dem wohlbefestigten Gôõttingen, das voll- ständig unbedroht blieb) noch Cassel, Ziegenhain, das Schloss von Marburg und Schloss Waldeck in den Händen des Feindes. Ihr Besitz musste ent- scheiden, ob es dem Herzoge gelang, sich in Hessen zu behaupten, wenn— wie vorauszu- sehen war— der Gegner in einiger Zeit, aus- geruht und verstärkt, mit überlegenen Kräften wieder zum Angriffe vorgehen würde. Mit dem Befehlshaber des Marburger Schlosses, eines der unwichtigsten dieser Plätze, hatte Lord Granby, der die Stadt mit 4 Bataillonen besetzte, einen Stillstandsvertrag geschlossen; Ziegenhain wurde am 23. Februar umzingelt und nach Eintreffen schweren Geschützes heftig beschossen, bis den Belagerern die Munition ausging, deren Ersatz bei den schlechten Wegen unmöglich war; und so konnte die Feste sich halten, bis Entsatz erfolgte. Die Einschliessung und Belagerung von Cassel aber hatte Herzog Ferdinand dem Grafen Wilhelm von Lippe-Bückeburg über- geben. Wenden wir uns nun zu den Ereignissen, die sich hier abspielten. B. Die Einschliessung von Cassel vom 19. Februar bis zum 1. März 1761. Bei dem Vorrücken des Herzogs Ferdinand nach Niedenstein war, wie oben erwähnt, der General v. Gilsa mit seiner Abteilung in Dörnberg stehen geblieben, wo am 15. und 17 Februar 4 hessische, 2 hannôversche und I bückeburgisches Bataillon nebst 3 Schwa— dronen braunschweigischer Karabiniers zu ihm stiessen, wogegen 2 andere Reiter-Regimenter zur Armee des Herzogs abgingen. An dem- selben Tage übernahm der Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe-Bückeburg den Befehl über dieses zur Belagerung von Cassel bestimmte Korps. Dieser galt schon damals als einer der besten Ingenieure und Artilleristen Europas und hatte bereits bei manchen Gelegenheiten Proben seiner Einsicht, seiner Entschlossenheit, seiner persönlichen Tapferkeit und seiner Kennt- nisse abgelegt, die zu den höchsten Erwartungen berechtigten; man hoffte zuversichtlich, dass er Cassel, von dessen Eroberung der Besitz von Hessen in diesem Feldzuge abhing, bald zu Falle bringen werde. Wenn er auch diesmal die auf ihn gesetzten Erwartungen infolge widriger und ungünstiger Verhältnisse, die stärker waren als er, nicht zu erfüllen ver-— mochte, so gab er im folgenden Jahre um so grössere Beweise seiner Genialität, als er, nach Portugal entsandt und an die Spitze der portugiesischen Streitmacht gestellt, diese von Grund aus umwandelte und zu einem glück- lichen Verteidigungskriege gegen die spanische UÜbermacht befähigte. Ihm zur Seite stand der hessische Artillerie-Oberst Huth, dem wir bei Lutternberg schon begegnet sind, ein Mann, über dessen Tüchtigkeit im Heere gleichfalls nur eine Stimme war. Ihnen gegenüber stand als Kommandant der französischen Besatzung von Cassel der Graf v. Broglie, der Bruder des Marschalls; er war von seinem Bruder auf diesen vor- geschobenen, verantwortungsvollen Posten ge- stellt worden und setzte alles daran, das Ver-— trauen desselben zu rechtfertigen; er galt für einen der tapfersten, entschlossensten und be- gabtesten Offiziere des franzõsischen Heeres und hat diese Eigenschaften während der ganzen Dauer der Belagerung bewiesen. Zur Ver- teidigung der Festung standen ihm, nachdem die Besatzungen von Münden und Witzenhausen in Cassel eingerückt waren, folgende Kräfte zur Verfügung: 4 Bataillone Navarra, 4„ Belsunce, 2„ Aauitaine(von Münden), 2 3 Durfort 2 1 Condé(von Witzenhausen). 14 Bataillone, 7002 Mann stark. Dazu kamen 300 Mann vom Regimente Provence, eine Abteilung Artillerie unter Oberst- Lieutenant Hallot, 7 Hauptleute, 9 Lieutenants, 1o Sergeanten und 300 Mann der Brigaden de Mouy und de Villepatour, endlich 375 Mann Reiterei und leichte Truppen der Regimenter Royal, Royal Etranger, Schomberg, Royal Nassau, Volontaires de Clermont und Volontaires d'Austrasie unter dem Obersten de Jaucourt von den Volontaires de Flandres. Demnach zählte die Besatzung 7718 Mann Fussvolk und 375 Mann KReiterei= 80903 Mann. Auf die Stadt war die Besatzung so verteilt, dass Navarra und Durfort in der Altstadt, Belsunce und Aquitaine in der Ober-Neustadt und Condé in der Unter-Neustadt ihre Quartiere hatten. Mit Munition und anderen Kriegsbedürfnissen war die Festung wohl versehen, weniger mit Lebensmitteln, doch ist auch daran kein empfind- licher Mangel eingetreten. Die Festung Cassel war nicht von be-— sonderer Stärke und hätte für sich allein schon der damaligen Belagerungskunst keinen allzu— langen Widerstand entgegenzusetzen vermocht, zumal sie von dem Möncheberge, dem Kratzen- berge und Weinberge beherrscht wurde. Sie hatte 5 Bastionen: Ahnaberg, dicht am sog. Mühlenstrom, Wilhelmsberg, am Ende der Castenalsgasse, Giessberg, am Schnittpunkte der Bremer-Strasse und oberen Königs-Strasse, 53 Totenberg, an der Hedwigs-Strasse und Mauer- Strasse, Zwehrenberg, zwischen dem Zwehrenturm und der unteren Karls-Strasse. 8 Diese waren durch einen gemauerten Wall mit einander verbunden, welcher hinter der Kriegsschule mit einem unbedeutenderen bas- tionsartigen Werke an den scharfen Abfall zur kleinen Fulda heranreichte. Vor diesem Walle lief ein nasser Graben mit bedecktem Wege; die 5 Thore, welche ins Freie führten, waren durch vorliegende Lunetten gesichert. Es waren dies: das Ahnaberger Thor(Weser-Strasse), das Müller-Thor(Müller-Gasse— Holländische Strasse), das Toten-Thor(Pferdemarkt), das Neue Thor(An der Garnisonskirche— Obere Königs-Strasse[damals Prinz Max-Strasse]), das Zwehren-Thor(Hinter dem Museum— Untere Karls-Strasse). Die Ober-Neustadt hatte Landgraf Fried- rich II., wie erinnerlich, im Jahre vorher mit einer verschanzten Linie umziehen lassen, die von den Franzosen vermehrt und verstärkt wurde; auch an den übrigen Werken wurde mit Aufbietung beträchtlicher Kräfte gearbeitet, namentlich die voraussichtliche Angriffsfront (die Nordfront vom Ahnaberg bis zum Giess- berg) verbessert und verstärkt. Sturmfrei war der Platz, ganz abgesehen von seiner starken Besatzung, auf jeden Fall. Und gerade über die Stärke der Besatzung befand sich Herzog Ferdinand vollständig im Irrtum; er schlug dieselbe nur zu 2— 3000 Mann an und gab nun dem Grafen Wilhelm für die Belagerung 22 Bataillone und 8 Schwadronen (einschliesslich der leichten Truppen); die Stärke der ersteren berechnete er auf 400 Mann im Durchschnitt, was 8400 Mann Infanterie und etwa 600—700 Reiter ergeben haben würde — wenn die erste Voraussetzung richtig war, allerdings mehr als genug. Aus dem ganzen Verlaufe der Operationen und den Angaben über die Gesamtstärke seines Heeres ist übrigens ersichtlich, dass Herzog Ferdinand für die Be- lagerung von Cassel nicht mehr Truppen ver- wenden konnte. Das Belagerungskorps bestand aus folgenden Truppenteilen: Mann I Grenadier-Bat. Rieben..... 220 1„ Waldhausen 260 5 1„ Wangenheim. 230 2. 1 Bataillon Wrede........ 250 8 3 1„ BOek..... 320 1 5 1„ de la Chevalerie... 324 2 8 1I Füsilier-Bataillon Quernheim. 160 2 1„ Mecklenburg 200 3 1 Bat. britische Legion, Oberst- 8 Lieutenant Stockhausen.. ca. 300 2 Bataillone Wutginau..... 300 5 2 8 v. d. Malsburg... 320 ³. 2„ Leib-Regiment... 200% 3 8 5 2 9 v. Gilsa....... 330 8 2 1 Bataillon v. Wurmb... 250 Sl 1 Grenadier-Bataillon Stammer. 170 12 2 4 5 1 Füsilier-„ Redecker. 200 1, Q⁸ 1 1 Jäger-„... Ca. 200 ſe 4. 8 5 1 Bataillon Schaumburg-Lippe- Bückeburg..... 240 Im ganzen 22 Bataillone= 4474 Mann. 2 Schwadronen Jungermann Hannoveranter. 2„ Einsiedel 3 2 TAtaPinilers Braunschweiger. 1„ Husaren Im ganzen 8 Schwadronen, durchschnittlich zu 80 Mann= 640 Mann. Demnach betrug der wirkliche Bestand an Fussvolk etwa die Hälfte des vorausgesetzten. Dies hatte seinen Grund nicht nur in den Ver- lusten des vorigen Feldzuges und in Krankheiten, sondern man hatte auch in den Winterquartieren jenseits der Diemel viele Leute zurückgelassen, um die Bataillone mit allem zu versehen, was für den nächsten Feldzug nötig war. Der weit 54 stärkeren französischen Besatzung gegenüber musste der Graf natürlich einen schweren Stand haben; damals wurde zur Einschliessung und Belagerung einer Festung eine mindestens um die Hälfte stärkere Truppenzahl, als die Be- satzung, für nõtig erachtet; das Belagerungs- Korps hätte also über 12 000 Mann stark sein sollen; es zählte aber alles in allem mit den leichten Truppen nur 5114 Mann, nur ⅞ der Besatzung! Dazu traten noch andere Umstände, welche den Belagern ungemeine Schwierigkeiten bereiteten. So vor allem das während des grössten Teils der Belagerung andauernde Regenwetter, das die Wege grundlos machte, die Flüsse anschwellen liess, sodass die Heran- führung von Lebensmitteln, Geschütz und Schiessbedarf aufs äusserste erschwert war; ferner litten die in den kleinen Dörfern oder in Zeltlagern und Hütten notdürftig unter- gebrachten Truppen gewaltig unter den Un- Blden der Witterung. Von solchen Ubelständen hatten die Franzosen wenig oder gar nicht zu leiden: die Festung war auf Wochen aus—- reichend mit Lebensmitteln und Munition reich- lich versehen, die Soldaten lagen in den Kasernen und Bürgerhäusern der Stadt ein- quartiert. Zudem waren die Angreifer ge- zwungen, gegen die Residenz des mit ihnen verbündeten Landgrafen die mglichste Schonung walten zu lassen, Zerstörungen von Häusern und Bauten möglichst zu vermeiden; an solche Rücksichten brauchte sich der Feind natürlich nicht zu binden. Am 19. Februar erschien der Graf von Schaumburg-Lippe mit seinem Korps vor Cassel und liess dasselbe in den Dorfern Simmers- hausen, Ihringshausen, Frommershausen, Nieder- und Ober-Vellmar, Heckershausen, Weimar, Harleshausen und Kirchditmold Quartiere be- ziehen; das Haupt-Quartier kam nach Ober- Vellmar. Der Winterkasten(Weissenstein oder Wilhelmshöhe) wurde mit einem Beobachtungs- posten von 1 Hauptmann, 2 Offizieren, 6 Unter- offizieren und 100 Mann besetzt; das Haupt- magazin war in Karlshafen; zum Sammelplat⸗ wurde die Höhe zwischen Frommershausen und Ihringshausen bestimmt. So stand das eigent- liche Belagerungs-Korps auf dem linken UÜUfer der Fulda von Wilhelmshôhe bis Ihringshausen auf einem Halbkreise von 12 km Länge. Auf das rechte Fuldaufer wurde Oberst-Lieutenant v. Stockhausen mit der britischen Legion vor- geschoben und besetzte die Dörfer Landwehr- hagen, Sandershausen und Heiligenrode, um die Strasse nach Münden zu sperren. Dagegen war es bei der Schwäche der Verbündeten un- möxglich, dem Feinde die Leipziger, Nürnberger, Frankfurter und Korbacher Strasse zu verlegen; hier hatten sie freies Feld zu meilenweiten Streif- zügen, da die verbündete Hauptarmee viel weiter im Süden stand, von welcher Freiheit sie auch reichlich Gebrauch machten. An den Be- ginn der Belagerung konnte Graf Wilhelm auch nicht denken, da er weder mit Belagerungs- geschütz noch mit Schiessbedarf ausreichend versehen war(er hatte 14 Vierundzwanzig- pfünder, 12 Zwölfpfünder und 12 Môrser), und er— wie er am 18. Februar dem Herzog Ferdinand schrieb— keinen einzigen Ingenieur hatte. Als der Graf von der wirklichen Stärke der franzõsischen Besatzung Kunde erhielt, traf er sofort Massregeln zur Sicherung seiner Stellung gegen einen Angriff. An dem Tannenwalde bei Ober-Vellmar und auf dem Warteberge bei Nieder-Vellmar(oberhalb Philippinenhot) liess er 2 geschlossene Schanzen anlegen— die Um- risse der letzteren sind noch erkennbar— und zwei Lager abstecken, das eine zwischen Harles- hausen und Ober-Vellmar, das andere bei Frommershausen, welche am 22. von den Truppen bezogen wurden. Sie lagerten in den- selben unter ihren Zelten; so weit sie noch keine besassen, erhielten sie den Befehl, Hütten zu erbauen und das dazu nôtige Holz und Stroh von den Ortsvorstehern zu verlangen; unbewohnte Häuser und Schweineställe wurden eingerissen, die Besitzer mit ihren Entschädi- 55 gungsansprüchen ſans den englischen Kriegs- Kommissar Gein gewiesen. Schon am nächsten Tage wurden beide Lager indes zwischen den Warteberg und Ihringshausen verlegt; die Fran- zosen machten mit 4 Kompagnien Grenadieren und Jägern und 200 Reitern unter dem Chevalier de Jaucourt einen Ausfall gegen die Vorposten der Verbündeten an der hohen Eiche und drängten dieselben nach Ihringshausen zurück; als aber die braunschweigischen Karabiniers gegen die franzsischen Reiter und ein hes- sisches Bataillon gegen die auf dem Warte-— berge haltende französische Generalität vor- rückten, zogen sie sich wieder nach Cassel zurück; dabei verloren die Braunschweiger einige Verwundete und 6 Pferde. Am 24. Februar wurde bei Kragenhof eine Brücke über die Fulda geschlagen, um die Verbindung mit Oberst-Lieutenant v. Stock- hausen zu sichern. Als Graf Broglie davon Kunde erhielt, beschloss er einen Ausfall, um die Brücke zu zerstören und womöglich die Abteilung Stockhausens aufzuheben, die ihm ersichtlich unbequem geworden war; dieser hatte nämlich Gelegenheit gefunden, einem nach Oberkaufungen gesandten Kequisitions-Kom- mando von 100 Mann zu Fuss und 30 Reitern 54 Gefangene abzunehmen. Am 25. abends 9 Uhr verliessen die Ausfalltruppen Cassel: aùf dem rechten Ufer sollte der Marquis de Rochechouart mit der Hauptkolonne(20 Kom- pagnien, Husaren, Freiwillige, Brückenarbeiter) über Sandershausen vorgehen, auf dem linken der Chevalier Jaucourt mit Fussvolk, Reiterei und 2 Geschützen gegen Frommershausen und Ober-Vellmar sich wenden, um die Aufmerk- samkeit des Gegners abzulenken. Doch das Unternehmen scheiterte, da Rochechouart nicht über die stark angeschwollene Nieste zu kommen vermochte und von den Posten Stockhausens bemerkt worden war. Den 27. verlegte Graf Wilhelm sein Haupt- quartier nach Nieder-Vellmar, nachdem die ganze Zeit über an den Schanzen gearbeitet, Schanzkörbe angefertigt und andere Vorbe- reitungen zur Erôffnung der Laufgräben ge- troffen worden waren; am Tage vorher abends 8 Uhr war der General v. Scheele vom Spörcken- schen Korps mit 8 Bataillonen als Verstärkung eingetroffen. Es waren dies: I Bataillon Drewes..... 280 Mann 4 4 1„ Schulenburg.. 300„ 4 4 1„ Plesse..... 340„ 2 1„ Ahlefeld.... 280„ 4 2„ Mansbach... 330„ 1 ½ 2„ Bischhausen.. 430„ 2 im ganzen 1960 Mann, wodurch das Belagerungs- korps auf etwa 69000 Mann gebracht wurde, nachdem am 24. das Bataillon Mecklenburg nach Kalden zur Bedeckung der schweren Artillerie entsandt worden war, wo es während der ganzen Belagerung blieb. Ausserdem wurden eine Reihe von Punkten durch kleine Abtei- lungen besetzt: der Weissenstein mit 4 Offi- zieren, 8 Unteroffizieren und 140 Mann(da- runter 40 Mann KReiterei); die Sternschanze rechts von Ober-Vellmar, die Pontonbrücke, die Sternschanze am linken Flügel erhielten je 3 Offiziere, 6 Unter-Offiziere und 100 Mann, Wolfsanger eine Besatzung von einem Offi- zier, 2 Unter-Offizieren und 50 Mann, sodass dafür im ganzen noch über 500 Köpfe in Ab- zug gebracht werden müssen; vor dem rechten und linken Flügel des Lagers wurden gleich- falls Abteilungen von je 100 Mann zur Sicherung aufgestellt. Wenden wir uns nun zu den Vorgängen auf französischer Seite und in der Stadt selbst während dieser Tage. Die Thätigkeit der Franzosen war besonders auf Verstärkung der Festungswerke und auf Ergänzung der Vorräte gerichtet; von den Ausfällen, welche sie gegen die Stellungen der Verbündeten unternahmen, ist oben die Rede gewesen. Am linken Ufer der Ahne vom Ahnaberger Thore bis in die Schleife der Ahne hinein, wo jetzt die Gebäude der Henschelschen Maschinenfabrik stehen, liess Broglie 3 Lunetten erbauen, die sich später als 56 sehr nützlich erwiesen. An allen Werken der Angriffsfront wurde eifrig gearbeitet, die Bäume und Hecken, Gartenmauern und Baulichkeiten vor derselben wurden auf weite Entfernung hin niedergelegt und so freier Ausblick gewonnen. Die einrückenden Besatzungen von Münden und Witzenhausen hatten grosse Mengen von Vieh mitgebracht, angeblich 2000 Stück, die geschlachtet und eingesalzen wurden. Am 25. und 27. mussten von der Regierung je 100 Ochsen geliefert werden, die bezahlt werden sollten; mit Gewalt weggenommenes Vieh aber wurde ohne Entschädigung der Besitzer den Soldaten überlassen. Dass ein KRequisitionszug nach Kaufungen am 25. scheiterte, ist erwähnt; da- gegen brachte eine am 27. nach Nieder- und Ober-Zwehren und Nordshausen entsandte Ab- teilung von 60 Mann Fussvolk und 100 leichten Reitern eine ziemliche Menge Vieh herein, das ab- geschätzt und bezahlt werden sollte. Nicht weniger wurde für die Beschaffung von Brotfrucht Sorge getragen; auf dem Zollamte wurden am 22. Februar 200 Sack Mehl, welche Casseler Kaufleuten gehörten, weggenommen; am 1. März verlangte man von der Regierung 600 Sack Mehl und Korn und die gleiche Menge an Hülsenfrüchten. Am 26. wurden 54 000 Kannen Wein für die Offiziere, am 5. März 4000 Kannen Branntwein für die Soldaten verlangt, in den Häusern der Bürger Nachsuchung angestellt und die ge- fundenen Vorräte weggenommen. Am 15. Fe- bruar war der Bürgerschaft aufgegeben worden, binnen 24 Stunden beglaubigte Verzeichnisse der in ihrem Besitze befindlichen Lebensmittel einzureichen; die am 13. gezahlten Lebensmittel- preise sollten für die ganze Dauer der Be- lagerung gelten; es wurde aber so wenig zu Markte gebracht, dass später auch für hohes Gebot kaum etwas zu haben war. Als die Bürgerschaft sich nicht, wie Broglie verlangte, binnen 5 Tagen mit Lebensmitteln für 5 Monate versehen konnte, erklärte er sich bereit, allen, welche die Stadt verlassen wollten, Pässe aus-— zustellen, ausgenommen den obrigkeitlichen Personen, welche für die Verwaltung von Stadt und Land notwendig waren. Holz wurde in der Umgegend geschlagen; am 28. trüh 6 Uhr ging Oberst-Lieutenant v. Gelb mit 12 Kom- pagnien Grenadiere und Jäger(600 Mann), 500 anderen Fusssoldaten und 200 Reitern nach Burghasungen, schaffte das dort gefällte Holz auf Schiffen nach Cassel und trieb viel Vieh zusammen. Die Bürgerschaft hatte jedoch noch anderes auszustehen. Nicht allein, dass man in den WMohnungen nach Waffen aller Art suchte. Je näher die wirkliche Belagerung rückte, um so höher stieg die Angst; am gröõssten wurde sie, als Broglie drohte, die Ober-Neustadt, den besten und schönsten Teil der Stadt, in Brand zu stecken, wenn man ihn von dieser Seite her angreifen würde. Da begab sich am 28. eine Abordnung der Bürgerschaft zum Grafen Wilhelm, ihm von dieser Sachlage Kenntnis zu geben. Der Graf gab derselben ein Schreiben mit, in welchem er in scharfen Worten diese Drohung für kriegs- und völkerrechtswidrig erklärte und eine dem entsprechende Behandlung eintretenden Falls in Aussicht stellte. König Friedrich gab den Rat, Broglie nicht als Offizier, sondern als Mordbrenner und Verbrecher zu behandeln, wenn man ihn gefangen nehmen sollte. Von fran- zösischer Seite wird zwar in Abrede gestellt, dass Broglie diese Drohung ausgesprochen habe, indes ist kein Zweifel mõglich. Die in der Ober-Neustadt liegenden Offiziere erhielten den Befehl, ihr Eigentum in das landgräfliche Schloss zu schaffen; in den Stockwerken der Häuser wurde von den Soldaten Holz und Stroh auf- gehäuft, und man erwartete nur den Befehl, das Feuer anzulegen. Die Löscheimer wurden sogar weggenommen. Doch kam es nicht dazu, denn Landgraf Wilhelm dachte gar nicht an einen Angriff von dieser Seite, zumal seine Kräfte nicht im entferntesten ausreichten, einen Doppel- angriff zu unternehmen. 57 C. Die Belagerung von Cassel vom f. bis 28. März 1761. Mehr als zehn Tage waren seit dem Er- scheinen der Verbündeten vor der Festung ver- gangen, und noch hatte der Angriff nicht er- öffnet werden können. Die Heranschaffung des Geschützes und des Schiessbedarfes wurde durch die Grundlosigkeit der Wege aufs äusserste erschwert, die Truppen waren durch das ent- setzliche Wetter und den ôöfteren Mangel selbst des Notwendigsten furchtbar mitgenommen. Beständig aber wurde Graf Wilhelm durch Herzog Ferdinand gedrängt, doch endlich mit der Belagerung den Anfang zu machen; denn von dem raschen Fortgange derselben, von dem Falle Cassels, sei der Erfolg des ganzen Feld- zuges abhängig. Ja, im Hauptquartiere begann man über die vermeintlich ungerechtfertigte Zögerung des Grafen unwillig zu werden. S0 beschloss dieser endlich gegen seine Uberzeugung (wenn er die Laufgräben eröffne, müsse er auch schiessen können— ähnliche Gründe waren ja auch 1870/71 für den in Deutschland eine Zeit lang für fast unbegreiflich gehaltenen Aufschub des Beginnes der Beschiessung der Pariser Forts massgebend), nur um dem Drängen des Herzogs zu gehorchen, in der Nacht vom 25. zum 26. Februar mit den Belagerungsarbeiten zu beginnen. Allein dies erwies sich als un- möõglich; erst am 28. hatte man für einen halben Tag Schiessbedarf: trotzdem wurden nun in der Nacht vom 1. zum 2. März die Laufgräben eröffnet. Um die Aufmerksamkeit des Feindes von der eigentlichen Arbeitsstelle abzulenken, unternahm Oberst Junkermann mit einer Ab- teilung von 300 Mann einen Scheinangriff auf die Reisbergschanze; von heftigem Gewehrfeuer empfangen, musste er zurückweichen und verlor 7 Tote, 30 Verwundete, während die Franzosen nur 3 Verwundete hatten. Unter dem Schutze 8 dieses Scheinangriffs gelang die Aushebung der 1. Parallele ohne jede Störung und ohne jeden Verlust. Sie begann links an dem Wege nach Wolksanger vor dem Fasanenhofe, überschritt die Strasse nach Ihringshausen und zog sich nach rechts am kleinen Möncheberge hin, etwa die Eisenschmiede entlang bis zur Ahne; 10 Bataillone hatten zur Deckung in Bereitschaft gestanden, 4 besetzten sie nach ihrer Vollendung; gleichzeitig wurde der Bau einer Batterie für 4 Zwölfpfünder(am Belvedere zwischen der Ahne und dem jetzigen Traindepot) angefangen. Am 3. nachmittags wurden die Werke der Belagerer vom Müllerthore her erfolglos beschossen; ober- halb des Butlarschen Gartens schlugen die Ver- bündeten eine Brücke über die Ahne, ver- längerten die Parallele nach rechts über diesen Fluss hinaus und begannen hinter dem Durosey- schen Garten(dem jetzigen Neuen Totenhofe) den Bau einer grossen Batterie zur Deckung des rechten Flügels. In der Nacht vom 4. zum 5. liess Graf Wilhelm die gesamte Infanterie zwei neue Lager beziehen: das eine zog sich vom Roten Berge bei Rotenditmold, auf dem man zur Sicherung eine Schanze erbaute, bis zur Ahne; das andere links dieses Flusses von der Hohen Eiche über den Möncheberg bis gegen Wolfsanger. In der Nacht vom 5. zum 6. wurde eine Kesselbatterie für 4 Mörser(in der Schlucht hinter der Belvedere-Batterie) ge- baut und noch weiter links(zwischen der Strasse nach Ihringshausen und Wolfsanger) eine solche für 4 Zwölfpfünder angefangen. Der Beginn der Belagerungsarbeiten und das Fortschreiten derselben hatten unter der Bürger- schaft begreiflicherweise grosse Aufregung her- vorgerufen. Gesteigert wurde dieselbe durch das Vorgehen des Kommandanten, der die Brüderkirche in ein Lazarett umwandeln liess (nach anderen Berichten wurde die Lutherische Kirche am Graben als Lazarett benutzt, die Brüderkirche als Heumagazin und die Martins- kirche als Mehl- und Proviantmagazin). Als Broglie die Aufregung und Missstimmung der Bevölkerung bemerkte, liess er auf dem Markt- 58 platze(dem jetzigen Altmarkt) einen hölzernen Galgen errichten und drohte, jeden ohne weiteres daran aufzuhängen, der Anlass zur Unzufrieden- heit geben würde, sich irgendwie auflehnen oder gar bei der Schanzarbeit widersetzen würde. Er hat es aber nicht nôtig gehabt, seiner Drohung die That folgen zu lassen. Um das Fortschreiten der Belagerungs- arbeiten zu stören, unternahm Broglie in der Nacht vom 6. zum 7. März einen grossen Aus- fall, der gut angelegt, geschickt und energisch durchgeführt, recht bedeutende Erfolge brachte. In drei Kolonnen wurde der Ausfall unter- nommen; sie bestanden aus den dritten und vierten Bataillonen sämtlicher Regimenter; vor- aus gingen Jäger und Grenadiere, Zimmerleute und Kanoniere, sowie 200 Arbeiter folgten. Die Gesamtstärke betrug 3000 Mann Fussvolk. Nachdem durch ein äusserst lebhaftes Gewehr- feuer während der ganzen Nacht die Belagerungs- truppen in Atem gehalten worden waren, wurde dasselbe gegen Morgen in der Richtung nach den Bleichen hin so stark, dass diese glaubten, der Feind habe hier bedeutende Kräfte ver- sammelt. Kurz vor Tagesanbruch brach der Marquis de Rochechouart mit der mittleren Kolonne— 3 Bataillone stark— aus den 3 Lunetten vor, stieg die Möncheberger Strasse entlang den Berg empor und erreichte schnell die Zwolfpfünderbatterie am Belvedere; diese wurde genommen, ein Geschütz vernagelt, die Môrserbatterie dahinter gleichfalls genommen und die 4 Mörser in die Stadt geschafft. Die in den Laufgräben hier stehenden Bataillone, eines vom hessischen Leibregiment und das hannõversche Grenadierbataillon Wangenheim, verliessen vollständig überrascht, ohne ernstlichen Widerstand, die Parallele— und weithin er- tönte das Siegesgeschrei der Franzosen:»Vive le roi! Vive le roi!« Die linke Flügelkolonne unter de Jaucourt— 2 Bataillone und 300 Reiter— drang vom Müllerthore her läàngs der Hollândischen Strasse vor, überschritt die Mombach, nahm die grosse, rechte Flügelbatterie hinter dem Duroseyschen Garten(in welche übrigens die Geschütze noch nicht eingefahren waren), nach- dem die Deckungstruppen schimpflich geflohen waren. Kräftigen und erfolgreichen Widerstand fand nur die rechte Flügelkolonne— 2 Bataillone unter Oberstlieutenant v. Gelb—, welche vom Ahnaberger Thore her gegen Wolfsanger vor- drang. Sie traf auf das hessische Bataillon Gilsa unter dem Hauptmann Schmincke, welches in den an der Strasse vor dem Fasanenhofe und Wolfsanger gelegenen Häusern und Gärten sich eingenistet hatte. Bald kam General v. Gilsa selbst herbei und übernahm das Kommando. Der feindliche Angriff wurde glänzend abgeschlagen, und v. Gelb begnügte sich damit, den linken Flügel der Parallele von den wenigen, noch standhaltenden Verteidigern zu säubern; dann stand er vom Kampfe ab, zog sich nach links hinüber und vereinigte sich mit der mittleren Kolonne. Hier war unterdes der Kampf wieder entbrannt. Graf Wilhelm eilte sofort selbst herbei, und es gelang ihm, die beiden geworfenen Bataillone zu sammeln und wieder gegen den Feind zu führen; Truppen aus dem Lager kamen zur Unterstützung heran. Die Franzosen hatten indes die noch schuss- fähigen 5 Zwölfpfünder umgewandt und feuerten mit Kartätschen; aber vor den anrückenden Verstärkungen wichen sie nach kurzem Wider-— stand in die Festung zurück. Zwar war die Parallele selbst nur wenig beschädigt, aber die genommene Batterie war zerstôrt, die Geschütze waren beim Abzuge vernagelt, die 4 Morser fortgeschleppt, die Zelte der hannôverschen Kanoniere hinter dem Butlarschen Garten waren verbrannt, das in Brand gesetzte Bombendepot und die Pulverwagen flogen in die Luft und richteten gewaltige Verheerungen unter den Truppen an. Die Verbündeten verloren: 1 Offizier 88 Mann tot 11„ 200„ verwundet 1„ 25„ gefangen 18»c vermisst 13 Offiziere 331 Mann im ganzen. 59 Dagegen betrug die Einbusse des An- greifers nur 9 Offiziere 192 Mann, davon 3 Offi- ziere 49 Mann tot. 2 Den Franzosen war die UÜberraschung vollständig gelungen; die Hauptursache ihres Erfolges aber war das Verhalten der hannver- schen Offiziere, besonders des Generals v. Drewes. Dieser kommandierte in der Ausfallsnacht die Besatzungstruppen der Parallele; statt aber auf seinem Posten zu bleiben, eilte er beim An- rücken des Feindes in das Lager zurück, an- geblich um Hülfe zu holen,— und die des Führers beraubten Truppen versagten. Ja, am Abende nach dem Ausfalle verliess er wieder- um 3 Stunden vor der Ablösungszeit die Lauf- gräben und begab sich in sein Quartier, um sich zu erholen. Seine Bataillone machten sich nun auch allmählich davon, ehe noch die Ab- lösungstruppen angekommen waren; Graf Wilhelm fand demnach, als er unerwartet er- schien, die Werke fast leer, die von den Franzosen am Morgen erstürmte Schanze nur von einer einzigen Schildwache besetzt! Wohl erliess nun der Graf einen scharfen Befehl, wie es bei den Ablösungen der Wachen und Posten gehalten werden solle; ausdrücklich befahl er, dass der wachthabende General nicht eher die Laufgräben verlassen sollte, als bis er sich von der ordnungsmässigen Ablôsung aller Posten überzeugt habe— trotzdem verliess General- major v. Scheele schon am folgenden Tage seinen Posten vor der Ablösung. Da wurde Drewes auf unmittelbaren Befehl des Herzogs Ferdinand vor ein Kriegsgericht gestellt, und er muss verurteilt worden sein, denn er wird nicht weiter genannt. Ob gegen Scheele ein gleiches Verfahren einzuleiten sei, wurde dem Grafen anheimgegeben; Sicheres darüber ist jedoch nicht zu finden. Uberhaupt beklagte sich der Graf in seinen Berichten an den Herzog bitter über die Nachlässigkeit und die Unlust zu dem allerdings sehr beschwerlichen Dienst bei den höheren hannverschen Offizieren und hob hervor, dass sie dem gemeinen Manne, der 8* doch noch mehr zu leiden hatte, das schlechteste Beispiel gaben. Dagegen ist er des Lobes voll über v. Gilsa, Huth und viele andere hessische Offiziere und wünscht mehr solcher Leute zu haben. Die nächsten Tage wurden von den Ver- bündeten benutzt, um die an den Werken und Batterien angerichteten Beschädigungen aus- zubessern und den Beginn der Beschiessung vorzubereiten. Die Franzosen fuhren fort an den Festungswerken zu arbeiten. In der Nacht vom 9H. zum 10. steckten sie alle noch vor dem Ahnaberger Thore stehenden Gebäude, das Schützenhaus, den Schafhof, das Holz-Magazin und eine Anzahl Gartenhäuser in den Brand, um sich ganz freie Aussicht zu verschaffen. Die ganze Nacht hindurch erhellte der Flammen- schein die Gegend; einige franzôsische Bataillone rückten aus, sodass die in den Laufgräben stehenden Truppen unter dem Gewehr stehen mussten, eines Ausfalls gewärtig; doch standen die Feinde vom Angriffe ab. Dagegen hatte in der Nacht vom 7. zum 8. der Chevalier de Jaucourt mit 8 Grenadier-Kompagnien und und 150 Reitern einen glücklichen Streifzug nach Gudensberg unternommen und war am 8. früh nach Vernichtung der dortigen Magazine mit 23 Gefangenen und einer Anzahl zusammen- getriebenen Viehes nach Cassel zurückgekehrt. Nachdem schon in den vorhergehenden Tagen einige Batterien auf die Festungswerke gefeuert hatten, begann am 10. nachmittags die eigentliche Beschiessung. Aus 4 Batterien, welche mit 6 Vierundzwanzigpfündern und 14 Zwölfpfündern bewaffnet waren, wurden die Werke der Angriffsfront, der Ahnaberg, Wil- helmsberg und Giesberg, sowie die 3 Lünetten heftig beschossen; doch gingen die Schüsse noch vielfach zu kurz und belästigten die Ar- beiter an den Werken derart, dass sie zurück- gezogen werden mussten. Abends 6 Uhr(bei Dunkelwerden) schwieg das Feuer und ward am andern Tage wieder aufgenommen; diesmal gingen aber die Schüsse zu weit; die meisten 60 Geschosse fielen in die Strassen und Häuser der Stadt, und eine Anzahl Bürger wurde ver- wundet. Erst am Vormittage des 12. hatten die Belagerer sich eingeschossen, und nun richteten die Kugeln und Bomben an den neuen Werken beträchtlichen Schaden an. Auch nach dem Thurme der Martinskirche richtete man eine Anzahl Schüsse, da die Franzosen auf demselben einen Beobachtungsposten auf- gestellt hatten. Am 13. gewann jedoch das Feuer der Belagerten das Ubergewicht, da sie eine fast doppelte Anzahl schwerer Geschütze ins Feuer brachten. Doch bald änderte sich das wieder. Am 12. war der hannoversche Oberst Otten mit den Bataillonen Alt-Zastrow(320), Jung-Zastrow(440), Post(300) und Scheither(441) = 1501 Mann, wahrscheinlich vom Korps des Generals Hardenberg in Westfalen, eingetroffen und hatte bei Nieder-Vellmar Lager bezogen. Nun konnten die Belagerungsarbeiten rascheren Fortgang nehmen, trotz der Schwierigkeiten, die auf der Höhe des Môncheberges der felsige Boden, an der Ahne und Fulda das auftretende Grundwasser entgegenstellte. In die Batterie am Belvedère brachte man in der Nacht vom 12. zum 13. 2 50 pfündige Mörser; östlich der Möncheberger Strasse(am jetzigen Train-Depot) wurden 2 100 pfündige und 2 50 pfündige Mörser in Batterie gebracht, davor 2 Vierundzwanzig- pfünder, welche die Uberlegenheit des feindlichen Geschützfeuers einigermassen wettmachten. Nachdem inzwischen das Wasser der Fulda gefallen war, liess Graf Wilhelm auf seinem linken Flügel an der Fulda(zu beiden Seiten des Franzgrabens in der Richtung des Ostrings) die Parallele eröffnen und mehrere Werke an- legen, von denen eine Batterie für 4 Vierund- zwanzigpfünder vor dem Köhlerschen Garten (zwischen dem Franzgraben und der Fulda) das wichtigste war, in welches in der Nacht vom 18. zum 19. die Geschütze eingefahren wurden. Eine zweite weiter vorgeschobene Batterie(auf dem Schützenplatze) wurde in der Nacht vom 20. zum 21. mit 2 50 pfündigen Mörsern und 2 Vierundzwanzigpfündern aus der am Prain— depot aufgeworfenen Batterie ausgerüstet. Gegen diese neuen Belagerungswerke unternahm am 16. abends 10 Uhr der Major Dasset mit neun Kompagnien Grenadiere und Jäger einen Aus- fall, der durch das Feuer von vier bei der Pulvermühle an der Wahlebach aufgestellten Feldgeschützen unterstützt wurde. Zwar gelang es den Franzosen, an den vordersten Arbeiten einige Zerstörungen anzurichten, sie mussten aber dann den Rückzug mit einem Verluste von 8 Toten und Verwundeten antreten; dass die Verbündeten mindestens 300 Mann verloren hätten, ist sicherlich französische Ubertreibung. Am Morgen des 17. drang eine Abteilung aus der Unter-Neustadt in Bettenhausen ein, um die dort liegenden Jäger und Husaren aufzuheben. Schon hatte sie 1 Offizier und 22 Mann ge- fangen genommen, da wendete sich das Blatt; beim weiteren Vordringen in das Dorf wurden die Franzosen umringt, abgeschnitten und nach be- trächtlichem Verluste gefangen genommen; nur ein kleiner Teil vermochte sich durchzuschlagen. Die immer weiter den Möncheberg hinab gegen den Schafhof und die 3 Lünetten(etwa bis zur Moritz-Strasse) vorgetriebenen Lauf- gräben und Schanzen der Belagerer machten den Feind um das Schicksal dieser schon arg mitgenommenen Werke besorgt, sodass er hier mit einer Minenlage begann. Zur weiteren Sicherung wurde am 21.(Ostersonnabend) um 8 ³¾ Uhr abends ein neuer Ausfall unternommen. Die linke Kolonne zwischen Möncheberger- strasse und Ahne(2 Jägerkompagnien und die von Broglie aus Abkommanqdierten aller Truppen gebildete Abteilung Belagerungs-Volontaire) führte der Hauptmann Milly, die rechte(6 Gre- nadierkompagnien) der Hauptmann Berthamont; 250 Arbeiter folgten. Durch ein heftiges Ge- schützfeuer von den Wällen unterstützt und durch die Dunkelheit begünstigt, warfen die Angreifer die Vorposten der Verbündeten zurück und drangen in ihre Werke ein. Aber ein wohlgezieltes Gewehrfeuer, das bei dem Scheine 61 von Leuchtkugeln, die nach dem Angriffspunkte geworfen wurden, abgegeben ward, und durch ein heftiges Geschützfeuer aus den Batterien der ersten Parallele zerstreute die Arbeiter, ehe sie noch erheblicheren Schaden hatten anrichten können. Vergebens bemühte sich Graf Broglie selbst, die Arbeiter wieder zu sammeln; endlich gab er, da aus der Parallele und aus Wolfsanger Verstärkungen heranrückten, den Befehl zum Rückzuge, der unter dem heftigen Feuer der Verbündeten mit ziemlichem Verluste ausgeführt wurde; Hauptmann Berthamont wurde er- schossen. Gegenüber der grossen rechten Flügelbatterie hinter dem Duroseyschen Garten(Neuem Toten- hof) hatten die Franzosen eine kleine viereckige Redoute in dem Winkel zwischen der Mombach und der Holländischen Strasse(am Ende des jetzigen Güterbahnhofes) angelegt, die mit etwa 80 Mann besetzat war. Auf Anordnung des Grafen Wilhelm wurde dieselbe am 23. März nachmittags gegen 5 durch den Hauptmann v. Wangenheim erstürmt. 30 Grenadiere rückten dicht ans linke Mombachufer und warfen Gra- naten in die Schanze, Wangenheim selbst mit 100 Mann, denen 60 Arbeiter folgten, über- schritt die Ahne und griff sie von der Stadt- seite an. Ohne einen Schuss zu thun erstieg das Fussvolk die Brustwehr, mit deren Nieder- legung sofort begonnen wurde. Zur Deckung der Arbeit blieben 24 Mann freiwillig zurück. Da erschien vom Müllerthor her der Chevalier de Jaucourt mit 2 Grenadierkompagnien von Belsunce und trieb die Abteilung mit einigem Verlust über die Ahne zurück. Die Franzosen hatten 6 Offiziere und 70 Mann verloren. Die Grenadiere Wangenheims erhielten zum Lohne für ihre bewiesene Tapferkeit vom Herzoge Ferdinand ein Geschenk von 500 Thalern. Da die wiedergenommene Redoute indes bei dem Fortschreiten der Belagerungsarbeiten auf dem linken Ahneufer unhaltbar wurde, liess sie Broglie am 24. abends räumen und abtragen, jedoch halbwegs zwischen der Mombach und dem Müllerthore rechts der Holländischen Strasse eine neue anlegen. In der Nacht vom 24. zum 25. wurde zwischen der Ahne und Fulda jenseits des Schaf- hofes und des Schützenhauses(von der Stadt aus gesehen) die zweite Parallele eröffnet, und der Graf hoffte, bis zum 28. oder 29. in den Besitz der Aussenwerke zu gelangen, wie er auf eine Anfrage des Herzogs erwiderte. In- dessen erwies sich diese an sich gerechtfertigte Hoffnung als trügerisch. Die Verhältnisse bei der Armee des Herzogs an der Ohm hatten sich seit dem 20. so ungünstig gestaltet, dass die Aufhebung der Belagerung notwendig wurde. Zwar wurden am 27. von 8 Uhr morgens an die Werke und die Stadt noch einmal heftig be- schossen, mehrere Bomben fielen in die Strassen und Häuser und zündeten in einem Gebäude nahe beim Zeughause, doch wurde das Feuer bald gelöscht. Auch durch das Dach der Martinskirche schlug eine Kugel und zertrüm- merte am Altan des früher v. Dörnbergschen Hauses den mittleren Pfeiler. UÜbrigens wurden viele Soldaten und Bürger durch die Geschosse getötet und verwundet. Diese heftige Be- schiessung hatte natürlich nicht den Zweck, den Platz noch im letzten Augenblicke zu Falle zu bringen, sondern nur die Anstalten zur Aufhebung der Belagerung zu verschleiern, wozu Graf Wilhelm an diesem Tage ausführ- lichen Befehl erliess. Wenden wir uns jetzt zu den Vorgängen an der Ohnn. D. Die Vorgänge an der Ohm und die Aufhebung der Belagerung. Ende Februar hatte bekanntlich Herzog Fer- dinand mit der Hauptmasse seiner Armee zwischen Ohm und Schwalm Quartiere bezogen, um die Belagerung von Cassel zu decken: sein Hauptquartier war seit dem 3. März in Schweins- 62 berg; als Vorhut stand der Erbprinz bei Grün- berg. Die Armee zählte nur 16000 Mann In- fanterie und 5000 Reiter mit Einschluss aller leichten Truppen, während diejenige des Mar- schalls Broglie hinter der Wetter und Lahn fast doppelt so stark(über 40000) war. Seit Mitte März etwa begann letzterer seine Truppen gegen die Stellungen der Verbündeten vorzu- schieben. Am 21. wurde der Erbprinz bei Grünberg überfallen und empfindlich, mit einem Verluste von mehr als 2000 Mann, geschlagen undüber die Ohm zurückgeworfen, hinter welchem Flusse nun Herzog Ferdinand auf den Hôhen bei Kirchhain den Gegner schlachtbereit er- wartete; hier hoffte der Herzog seine starke Artillerie im Kampf zur Geltung zu bringen. Allein Broglie liess sich auf dieses„unsichere Auskunftsmittel“ trotz seiner so bedeutenden UÜbermacht und trotz des eben erfochtenen Vor- teils nicht ein, sondern begnügte sich damit, die Kräfte des Gegners hier festzuhalten und durch Entsendungen in die Flanken desselben (z. B. in der Richtung nach Corbach) seine rück- wärtigen Verbindungen zu bedrohen. So sah sich der Herzog genötigt, den Rückzug gegen die Eder anzutreten; am 23. früh zog die Ar- tillerie nach Neustadt ab, in der Nacht zum 24. folgte die Armee ebendahin in 6 Kolonnen. Die Belagerung von Ziegenhain wurde an dem- selben Tage aufgehoben, das abziehende Be- lagerungskorps unter den Generalen v. Schlüter und v. Zastrow bei Leimsfeld von den verfolgenden Franzosen ereilt und zersprengt; beide Generale nebst 3— 400 Mann wurden gefangen genommen. Am 26. ging die verbündete Armee nordwest- lich von Ziegenhain über die Schwalm nach Braunau, am 27. bei Fritzlar über die Eder zurück, wo sie den 28. über stehen blieb. Am 29. früh brach sie wieder auf und erreichte über Balhorn, Nieder-Elsungen und Breuna am 31. die Diemel, welchen Fluss sie am 1. April bei Warburg überschritt. Jenseits desselben wurden Kantonnierungsquartiere bezogen, das Haupt- quartier kam nach Thalheim. In Erkenntnis der Notwendigkeit des Rück- zuges hatte der Herzog den Grafen Wilhelm gleich nach dem Gefechte von Grünberg ange- wiesen, 5 Bataillone und 2 Schwadronen unter General Mansberg vom Belagerungskorps zur Sicherung des Ederüberganges bei Fritzlar zu entsenden, welche auch am 24. dahin abrückten; am 26. befahl er von Braunau aus die Auf- hebung der Belagerung für den 28. Febr.; er blieb, wie erwähnt, an diesem Tage hinter der Eder bei Fritzlar stehen, um die Ausführung dieses Befehls zu erleichtern. Schon am 256. hatte man übrigens in Cassel von dem Rück- zuge der Verbündeten durch von den leichten Truppen eingebrachte Bauern Kunde erhalten, und am folgenden Tage langten Briefe vom Marschall Broglie an, welche die Niederlage des Erbprinzen bei Grünberg meldeten. Nun wusste man, dass der Entsatz nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte. Am 27. sandte Graf Wilhelm das Bataillon Bock nach Trendelburg, um den dortigen Diemel- übergang zu sichern, und erliess genaue Befehle für die Aufhebung der Belagerung. Mit Ein- bruch der Nacht begann die Abführung der schweren Geschütze aus den Belagerungs- batterien, die Vierundzwanzigpfünder und die Mörser wurden zu Schiffe gebracht, um auf der Fulda und Weser nach Hameln geschafft zu werden. Die vorderen Laufgräben und Schanzen blieben bis früh um 4 Uhr am 28. besetzt, und die ganze Nacht hindurch wurde von beiden Seiten ein lebhaftes Feuer unterhalten. Um 6 Uhr wurde die 2. Parallele verlassen, die sofort von den vorrückenden feindlichen Jägern besetzt wurde. Zwischen diesen und den verbündeten Truppen, welche die erste Parallele noch besetzt hielten, entspann sich ein heftiges Feuergefecht. Gegen Mittag war auch diese wie alle übrigen Werke vollständig ge- räumt, der Rückzug ging teils nach Nieder- Vellmar, teils nach Wolfsanger, wo eine Batterie von 15 Geschützen zur Deckung desselben auf- gefahren war. Die zurückgehenden Abteilungen 63 wurden aus den Werken der Festung heftig beschossen, und nachmittags machte sich Graf Broglie selbst mit 4 Bataillonen, allen Grenadieren und Jägern, den Freiwilligen und der Reiterei nebst 9 Geschützen zur Verfolgung auf. Eine auf der Hohen Eiche aufgefahrene Batterie von 6 Geschützen brachte sein Vorgehen bald zum Stehen, und sich mit den überlegenen Kräften der Verbündeten in ein Gefecht einzulassen, erschien dem Grafen doch zu gewagt; er sandte einen Teil seiner Truppen nach Cassel zurück, mit dem Reste besetzte er die Laufgräben und Parallelen. Am Abend bezogen die Verbün- deten 2 Lager: eins westlich von Niedervellmar an der Holländischen Strasse, wo sich auch General v. Mansberg von Fritzlar her wieder einstellte; das andere zwischen dem Warteberge und Ihringshausen. Damit endete die Belagerung des Jahres 1761. Der Angriff des Grafen Wilhelm hatte von Anfang an mit den grossten Schwierig- keiten zu kämpfen, aber er war gut angelegt und nach Massgabe der vorhandenen Mittel energisch durchgeführt. Als die ersten Erfolge von Wich- tigkeit(die Wegnahme der vorgeschobenen Werke) in sicherer Aussicht standen, wurde durch Veränderung der gesamten Kriegslage die Auf- hebung der Belagerung nôtig gemacht, die geschickt und ohne Verlust an Kriegsmaterial durchgeführt wurde. Dem Verteidiger wird man gern zugestehen, dass er die Vorteile seiner Stellung wohl auszunützen verstand, sich nicht auf die blosse passive Abwehr beschränkte, sondern öfters in Ausfällen angriffsweise vor- ging und damit recht bedeutende Erfolge er- zielte. Die Massregeln des Kommandanten zur Beschaffung ausreichender Mengen an Lebens- mitteln verdienen vom militärischen Standpunkte aus volle Billigung, so schmerzlich auch die Be- troffenen davon berührt werden mochten; denn die Erhaltung des ihm anvertrauten Platzes ist das erste Gesetz. Der Verlust war auf beiden Seiten bedeutend genug. Er betrug bei den Verbündeten vom 19. Februar bis zum 28. März: 4 Offiziere, 152 Unteroffiziere und Gemeine tot, 12„ 389„„„ ver- wundet, 2„ 29 2„»„ ge- fangen und vermisst, —„ 106„„»desertiert 18 Offiziere, 676 Unteroffiziere und Gemeine 694 Mann. Vergleicht man diese Angabe mit der über die Verluste bei dem grossen Ausfalle in der Nacht vom 6. zum 7. März, so muss man zu der Annahme kommen, dass von den da als getötet aufgeführten Mannschaften eine grössere Anzahl wirklich, wie Graf Wilhelm in seinem Berichte hoffnungsvoll ausgesprochen hatte, wieder von den Toten auferstanden ist; solcher wieder lebendig gewordener muss es bei dem hannôverschen Bataillon Waldhausen mindestens 20 gegeben haben. Die verhältnismässig grosse Menge der Fahnenflüchtigen ist sowohl auf das damalige Werbesystem, wie hier besonders auf die ungeheuren, durch die entsetzliche Witterung, die oft schwierige Verpflegung und den durch die geringe Stärke der Truppen bedingten Strapazen zurückzuführen. Die Belagerten hatten 14 Offiziere, 216 Unteroffiziere und Gemeine an Toten, 452² 2„„ an Verwundeten 2 7„ 41 Offiziere, 668 Unteroffiziere und Gemeine= 709 Mann verloren, ihr Verlust war also, da hier die Zahl der in Oberkaufungen und Bettenhausen durch Stockhausen gemachten Gefangenen nicht einbegriffen ist, beträchtlicher als der der Be- lagerer, was wohl durch das gut geleitete Ar- tilleriefeuer der letzteren erklärt wird. Es bleibt nun noch der Rückgang des Grafen Wilhelm zur Lippe bis hinter die Diemel zu schildern. Am 29. stand er auf den Hôhen zwischen Frommershausen und Ihringshausen, General von Mansberg mit dem rechten Flügel zwischen Frommershausen und Ober-Vellmar. Um 8 Uhr abends langte der Marschall Broglie 64 von Melsungen her in Cassel an, zur grossen Genugthuung der Besatzung und zum Erstaunen der Bürger, die nun allerdings aufatmen mochten, weiterer Belagerungsdrangsale überhoben zu sein. Die Stellung der Verbündeten war so geändert worden, dass Mansberg(nun auf dem linken Flügel) mit dem Rücken sich an Simmers- hausen lehnte, der rechte auf dem Breiten Stein nördlich von Frommershausen Stellung nahm. Die Schiffbrücke bei Kragenhof wurde ab- gebrochen und bei Speele wieder aufgeschlagen. Am 30. vormittags unternahm Marschall Broglie selbst mit 7 Bataillonen, sämtlichen Grenadieren und Jägern, 500 Reitern(worunter 250 der Legion Royale, die seine Bedeckung gebildet hatten) eine Erkundung gegen den Warteberg und Nieder-Vellmar. Auf den Hohen zwischen Ihringshausen und Simmershausen entwickelte sich ein lebhaftes Gefecht; da aber Graf Wil- helm dauernden Widerstand nicht leisten wollte, so nahm er seinen rechten Flügel auf dem Gerstenkopf bei Hohenkirchen, seinen linken bis Rothwesten zurück. 5 Offiziere und bei- nahe 200 Mann, die sich in Ihringshausen ver- spätet hatten, wurden dabei abgeschnitten und gefangen genommen. Aut die neue Stellung des Grafen wagte Marschall Broglie keinen Angriff, sondern kehrte nach Cassel zurück. Am Abend des 30. noch traten die Verbündeten über Hohenkirchen, Frankenhausen, Burguffeln und Grebenstein den weiteren Rückmarsch nach Hofgeismar an, hinter welchem Orte sie zwischen Ostheim und dem Sauerbrunnen am Morgen des 31. März ein Lager bezogen. Am 1. April überschritten sie die Diemel bei Trendelburg und bezogen ihre Kantonnierungen zwischen Warburg und Herstelle. Der Graf zu Lippe- Bückeburg hatte schon am 31. das Kommando an den General v. Gilsa übertragen und begab sich ins Hauptquartier des Herzogs Ferdinand nach Schweckhausen. Rechts der Diemel blieben nur die leichten Truppen Stockhausens in Haueda, die braunschweigischen Jjäger und Husaren in Sababurg und Gottsbüren.