E’A Giessen öůõõ— 9 8 8 Kriegerische Ereignisse in der Umgebung von C(assel. I. Die Kämpfe an der Mündener Strasse im Jahre 1758.(Schluss.) II. Die Ereignisse der Jahre 1759 und 1760. 5 ¹ 70 Von 88 Dr. Johannes Pohler, A . Oberlehrer. 8 3 3 Beilage zum Jahresberichte der Realschule zu Cassel Ostern 1896. Cassel. Druck von L. Doöll. 1896. O. BesT3ReTeaeeese hashe e Te ScJeoäceteSäsrasda ha ecksseseeereTeashe ecde s, de d 1896 Progr. Nr. 423. Kriegerische Ereignisse in der Umgebung von Cassel. J. Die Kämpfe an der Mündener Strasse im Jahre 1758. (Schluss.) Von Oberlehrer Dr. Johannes Pohler. F. Das Treffen bei Lutternberg am 10. Oktober 1758. Als General v. Oberg am 9. Oktober nach- mittags 2 Uhr seine Stellung auf dem süd- lichen Abhange des Sandershäuser Berges ein- nahm, hatte er die Absicht, dem Feinde auf diesem Gefechtsfelde vom 23. Juli ein Treffen zu liefern. Obwohl seine leichten Truppen ihm schon am 8. Oktober die sichere Nachricht ge- bracht hatten, dass Chevert nicht weniger als 23000 Mann heranführe, glaubte er nicht daran. Er konnte sich nicht denken, dass das Hilfs- korps mehr als 10000 Mann zählte, und ver- achtete den Gegner trotz dieser Verstärkung noch so sehr, dass er verbot, Batterien anzulegen. Bestärkt wurde er darin durch das zögernde, fast zaghafte Verhalten Soubise's an diesem Tage. Seine Truppen waren beseelt von Kampflust und erfüllt von dem Bewusstsein der UÜber- legenheit über den Feind:»nie würde der Herzog v. Broglie da gesiegt haben, hätte der Prinz v. Isenburg anstatt zweier Bataillone wirklich 5 gehabt«; denn die 3 Miliz-Bataillone zählte nie- mand mit. Die Kühnheit Obergs, dem über- legenen Feinde die Schlacht anzubieten, erhöhte noch das Selbstvertrauen der Soldaten. Aber im Laufe des Tages änderten sich die Ansichten des Führers und die Stimmung des Heeres. Oberg und seine Generale er- kannten allmählich zu ihrem Erstaunen die so be- trächtliche Uberlegenheit des feindlichen Heeres; der Vergleich der langen Linien desselben mit der eigenen bescheidenen Streitmacht zeigte deutlich, welche Menge von Kräften dem Feinde zu einer Umgehung übrig blieb—; bald be- herrschte die Furcht vor einer solchen alle Ge- müter, und man begann ernstlich für Münden und die eigene Rückzugsstrasse zu fürchten. Auch die niederen Offiziere und die Mann- schaften wurden durch den Anblick der feind- lichen Ubermacht in ihrer Siegeszuversicht er- schüttert. Dazu kam die Ungunst des Wetters. Es war ein kalter Tag, ein furchtbarer Südwest- sturm blies den Truppen gerade ins Gesicht; er stellte nicht nur ihre Ausdauer auf eine harte Probe, sondern hätte auch im Falle eines feind- lichen Angriffs verhängnisvoll werden können. Die Befürchtungen Obergs wegen einer Umgehung waren nicht unbegründet. Soubise, dem Chevert ja nur auf wenige Tage über- lassen worden war, musste schlagen, um die Gunst der Umstände auszunützen. Dass er am 9. nicht mehr zum Aungriffe schritt, mochte wohl darin seinen Grund haben, dass er erst sein gesamtes Heer versammelt haben wollte; der Herzog v. Fitz-James überschritt ja erst am Abend dieses Tages die Fulda und lagerte bei Waldau. Doch schon wurden von den französischen Führern Beratungen ge- pflogen über den zu unternehmenden Angriff. Der Oberst der Légion Royale, de Chabot, riet, den Gegner durch Scheinangriffe in der Front hinzuhalten, während er mit seinem und dem Fischerschen Freikorps über Witzenhausen auf Münden gehen und die dortige Brücke ver- brennen wollte; dann wären die Verbündeten in eine geradezu verzweifelte Lage gekommen und ochne Rückzugslinie mit der Vernichtung bedroht worden. Zum Glück für dieselben wurde dieser Rat Chabots verworfen, indessen der Angriff auf den folgenden Tag festgesetzt und eine Umgehung des linken Flügels mit gleich- zeitigem Angriff auf die Front in Aussicht genommen. Der Marquis de Voyer mit dem Vortrab Cheverts erhielt noch am Abende den Befehl, den Mühlenberg und das Dorf Dahlheim zu besetzen. Noch in der Nacht wurde er durch 4 Bataillone Pfälzer und die KReiterbrigade Dauphin(6 Schwadronen) verstärkt, welchen bald noch 3 Bataillone Sachsen mit 8 Geschützen folgten. So versicherte man sich des UÜberganges über die Nieste. Auf das linke Ufer der Fulda entsandte Soubise über Cassel den Obersten de Castries mit einer Abteilung Freiwilliger von der Armee, dem Regimente St. Germain und einer Schwadron Volontaires d'Alsace; dieser liess auf dem Quelberge unterhalb Wolfsanger eine Batterie von 4 Zwölfpfündern errichten, welche die Stel- lung der Hannoveraner und Hessen auf dem Sandershäuser Berge in die Flanke nehmen sollte. Oberg indes schwankte beständig un- schlüssig hin und her. Am Abende, nach Ein- bruch der Dunkelheit, gab er Befehl, die Re- gimenter sollten dort, wo sie den Tag über gestanden hatten, Feldwachen aussetzen, Feuer anzünden und dann in das alte Lager auf der Nordseite des Sandershäuser Berges zu- rückgehen. Er hatte die Absicht, um 10 Uhr nach Münden abzuziehen und sich hinter der Werra in Sicherheit zu bringen; die Feldwachen und Lagerfeuer sollten den Abzug verschleiern. Dadurch hätte er sich nicht nur dem ungleichen Kampfe entzogen, sondern auch am sichersten das Kurfürstentum Hannover vor einem neuen feindlichen Einfalle bewahrt. Nach dem sicher in Aussicht stehenden baldigen Abmarsche Che- verts hätte Soubise allein keine nachdrückliche Verfolgung gewagt, und zudem war die un- günstige Jahreszeit, welche weit ausgreifende 24 Truppenbewegungen überhaupt zur Unmöglich- keit machte, vor der Thür. Doch wiederum wechselte er seinen Entschluss. Noch waren die Regimenter nicht in das alte Lager ein- gerückt, da erhielten sie plötzlich Gegenbefehl: sie mussten in die vorige Stellung auf dem Schlachtfelde zurückkehren, ihre Zelte herbei- holen und eine Art von neuem Lager aufschlagen, weil es ausserordentlich stark regnete. Alles deutete auf erneutes Standhalten. Wenige Stunden später hatte Oberg seine Ansicht abermals ge- ändert; um 1 ½ Uhr nachts befahl er den Ab- marsch, den die Nachhut um 3 Uhr morgens antrat.. Die einzige Strasse, welche zur Verfü- gung stand, war die alte hannõversche Strasse über Landwehrhagen und Lutternberg nach Münden. Sie führt durch mehrere Engwege und hat starke Steigungen und Senkungen; vom Sandershäuser Berge, 231 m, zum Zollhause (1,25 km) 284 m, von da zum Hohenschleifen- graben(1,40 km) 245 m, Landwehrhagen(1 km) 300 m, am Momberg(1,3 km) 283 m, Luttern- berg(1,5 km) 341 m Höhe; zudem war sie durch den Tross und das Fuhrwerk veérstopft, ein Beweis, wie wenig man vorher an den Rückzug gedacht hatte, und wie mangelhaft er vorbereitet war. Dazu das Dunkel der Nacht, der Sturm und der Regen— da ist es erklärlich, wenn die Truppen zu dem kaum 1 Meile(b6,5 km) langen Marsche 5 bis 6 Stunden gebrauchten und die Nachhut erst gegen 8 Uhr bei Luttern- berg eintraf. Ein Glück noch, dass der Feind sich ruhig verhielt und nicht nachdrängte; nur dieſauf dem Quelberge errichtete Zwölfpfünder- Batterie gab bei Tagesanbruch auf das schlie- ſsende braunschweigische Bataillon Zastrow ein Dutzend Kanonenschüsse ab, die indes gar keinen Schaden thaten. Auf der Lutternberger Hohe angelangt, liess Oberg seine Truppen ein vorher abgestecktes Lager hinter dem Dorfe beziehen, statt nach Münden weiter zu gehen, was er ohne jede Be- lästigung von Seiten des Feindes thun konnte, da derselbe vom Forste her einen Geiteren Weg zurückzulegen und die nämlichen Schwierig- keiten des Geländes zu überwinden hatte; bis zum Nlittage hätte er hinter der Werra in Sicherheit sein können, und der Feind hätte einen Luftstoss gemacht. Allein sein anfäng- licher Entschluss, zu schlagen, war noch nicht vergessen, verstärkte sich vielmehr wieder durch folgende Erwägungen. Er fragte sich. was das Land von ihm erwartete, ob die verpfändete Ehre einen kampflosen Rückzug gestattete, was zu alledem Herzog Ferdinand sagen würde? So entschloss er sich wieder, das Treffen anzu- nehmen, beriet sich aber mit seinen Unterführern über die zu ergreifenden Massregeln. Da war der arme alte Mann(wie ihn ein Augenzeuge nennt) in beklagenswerter Verlegenheit. So viele Gene- rale und Offiziere er anhörte oder befragte, so viele verschiedene Meinungen und Ratschläge bekam er zu hören. Namentlich die Reiteroffi- ziere verlangten den Kampf, ohne indes angeben zu können, wie man sich schlagen solle;»und sie würden sehr betroffen gewesen sein, wenn man sie mit der Oberleitung betraut hätte«. Die anderen rieten dies und jenes, schwatzten un- gereimtes Zeug,— und das Ende der Beratungen war, dass keiner wusste, was eigentlich gethan werden sollte, dass wohl Massregeln vorge— schlagen, aber nicht mit Eifer und Umsicht ausgeführt wurden. So liess man, schwebend zwischen Furcht und unbestimmten Hoffnungen, die Ereignisse an sich herankommen und schlug — eine Verlegenheitsschlacht. Die Soldaten waren wohl beunruhigt über das sichtliche Schwanken in den Entschlüssen der Heeresleitung, ermüdet und erschöpft von dem Hin- und Hermarschieren, besonders bei dem heftigen Sturm und Regenwetter, erstarrt von der empfindlichen Kälte der Nacht; aber sie waren doch nicht ohne guten Willen, und besonders das Fussvolk noch so von dem Be- wusstsein seiner Uberlegenheit erfüllt, dass die Leute sich mit dem Feinde zu messen wünsch- 25 ten und nicht an dem Siege zweifelten, wofern es nur gleich zum Handgemenge käme. Das Gelände, auf welchem Oberg sich zu schlagen gedachte, hat etwa folgende Beschaffen- heit. Lutternberg liegt auf den letzten Aus- läufern des Kaufunger Waldes, der mit seinen südlichen Abhängen das Casseler Becken um- schliesst, westlich aber zur Fulda abfällt, die auf der anderen Seite vom Reinhardtswalde begleitet wird. Zwischen beiden fliesst sie mit bedeutenden Krümmungen, von hohen, steilen, oft schroffen Thalrändern eingeengt, der Werra bei Münden zu. In die Abhänge dieses Hôhen- zuges schneiden eine Anzahl tiefer Gründe ein, welche zwar nur von wenig bedeutenden Wasser- läufen durchströmt werden, aber durch ihre steilen und steinigen Ufer und ihre bewaldeten Thalränder den Truppenbewegungen grosse Hindernisse bereiten. Von dem bedeutendsten Einschnitte, dem Niestethale, steigen Neben- gründe über Benterode nach dem Bruchhofe(die Wellebach), sowie nach Sichelstein(die Schwein- bach) empor, denen auf der anderen Seite der hannôverschen Strasse der tiefe Einschnitt der gegenüber Wahnhausen mündenden Jeckelbach entspricht, welcher die Höhen bei Landwehr- hagen von denen bei Lutternberg scheidet. Auch finden sich hier, wie mehrfach im hessischen Berglande, isolierte Kegelberge vulkanischer Natur: der grosse und kleine Staufenberg, ersterer 426 m, letzterer 365 m hoch, die am weitesten nach Westen vor- geschobenen des Kaufunger Waldes. Am westlichen Fusse des kleinen Staufenberges liegt in 329 m Meereshöhe das Dorf Luttern- berg in der Mitte einer nach allen Seiten sich senkenden Hochfläche, deren westlicher und nördlicher Steilabfall unmittelbar an die Fulda herantrtitt, während der südliche stark ab- geböscht zu dem damals sumpfigen Thale der Jeckelbach abfällt, welches den an die Fulda herantretenden Jeckelsberg von dem bei Land- wehrhagen sich erhebenden Hopfenberge trennt. 4 Den Ostrand dieser Hochfläche begleitet die Steinbach, welche scharf eingeschnitten mit be- trächtlichem Gefälle zur Fulda bei Bonafort hinabfliesst. Die Stellung, in welcher Oberg den Kampf annehmen wollte, stützte sich mit dem rechten Flügel an die Fulda, lief an dem Abhange der Hôhen vor Lutternberg entlang und lehnte sich links an die stärker bewaldeten Höhen von Sichelstein; die Front war gegen Landwehr- hagen und Benterode gewendet. Die von Oberg aus Westfalen herbeigeführten Truppen bildeten die erste Linie, diejenigen Isenburgs das zweite Treffen. Auch dieser Aufmarsch in Schlacht- ordnung ging fast unbehelligt von den Franzosen von statten. Nur eine Abteilung derselben, welche Landwehrhagen durchschritten hatte, kam den Truppen östlich der Strasse ziemlich nahe und stellte auf der Höhe zwischen Landwehr- hagen und dem Bruchhofe 2 Kanonen auf; diese beschossen die Bataillone Erbprinz von Hessen und Zastrow(Braunschweiger), welche einige Tote verloren; doch wurde der Sache keine Bedeutung beigemessen. Die kleine An- höhe zwischen dem Momberge und dem Bruch- hofe ward mit einigen Geschützen besetzt, welche die des Feindes rasch zum Schweigen brachten. So war es etwa 11 Uhr geworden. Wenden wir uns nun zu dem Gegner. Nachdem man im feindlichen Lager am 9. abends den Angriff auf den folgenden Tag fest- gesetzt und die oben erwähnten Vorbereitungen noch in den ersten Nachtstunden getroffen hatte, begann man bald nach Mitternacht mit der Ausführung. Trotz der bedeutenden Uberlegen- heit, über die Soubise verfügte, ging er doch mit der grössten Behutsamkeit zu Werke. Die in Aussicht genommene Umgehung des linken Flügels der Verbündeten übertrug er dem Ge- nerale Chevert; er selbst behielt sich die Leitung der Bewegungen gegen die Front des Feindes vor. Jener hatte nach Lage der Dinge den Hauptangriff zu thun, ihm fiel die Entscheidung zu, während der Oberbefehlshaber selbst die 26 Scheinbewegung und den Nebenangriff aus- führte. Wollte Soubise nun einen möglichst entscheidenden und vollständigen Sieg erfechten, wollte er, was er mit seiner Ubermacht konnte, einen vernichtenden Schlag führen, so musste er die Abteilung Cheverts so stark wie môg- lich machen; statt dessen überwies er diesem nur 3 Freikorps unt. Chabot u. Fischer= 2400 Mann 15 Bataillone Sachsen zu 600 M.= 90000 4„ Pfälzer zu 600 M.= 2400 6„ Franzosen zu 400 M.= 2400» 18 Schwadronen Keiterei= 1800 zusammen= 18000 Mann mit 24 schweren Geschützen des sächsischen Korps(die Bataillonsgeschütze ungerechnet), eine Streitmacht, welche allein schon so stark wie die Gesamtkraft der Verbündeten. war Sich selbst aber behielt Soubise 42 Bataill. Franzosen zu 400 M.= 16800 Mann 9„ Württemb. zu 800 M.= 7200 45 Schwadronen KReiterei= 4500 zusammen= 28500 Mann; (die Zahl der schweren Geschütze ist unbekannt). Die Abteilung des Obersten de Castries auf dem linken Fuldaufer zählte ausser einer Schar Freiwilliger 2 Bataillone 800 Mann und I Schwadron 100 Mann mit 4 schweren Ge- schützen. Im ganzen verfügte demnach am 10. Oktober Soubise über 3 Freikorps, 78 Batail- lone, 64 Schwadronen oder 41000 Mann Fuss- volk, 6400 Reiter und eine zahlreiche Artillerie. Aus der von ihm vorgenommenen Teilung der Kräfte erkennt man unschwer sein Bestreben, sich selbst unter keinen Umständen auch nur der geringsten Möglichkeit eines Unfalles aus- zusetzen; unbedenklich hätte er sich um 10 bis. 12000 Mann schwächen und diese Chevert zu der entscheidenden Umgehung zuweisen können, sodass dieser noch viel weiter ausgreifen, seinen Angriff noch nachdrücklicher durchführen und ganz andere Erfolge hätte erzielen können. Doch auch so stand der Ausgang des Kampfes von vorn herein fest, der Sieg konnte nur dann ausbleiben, wenn der Feind sich überhaupt nicht zum Kampfe stellte, sondern durch schnellen, rechtzeitigen Rückzug sich demselben entzog. Am 10. Oktober früh um 3 Uhr setzte sich Chevert mit seiner Division von Ober- und Nieder- Kaufungen über Sensenstein und Windhausen nach Dahlheim in Marsch, wo er das Niestethal überschritt. Von hier ging er auf Benterode vor und nahm nach Vereinigung mit dem Vortrabe unter de Voyer etwa gegen 10 Uhr auf den Höhen östlich von diesem Orte in 2 Treffen Aufstellung; sein rechter Flügel dehnte sich bis an das im lichten Walde zwischen Sichelstein und Nien- hnagen liegende Försterhaus hin, der linke lehnte sich an das Thal der Wellebach unterhalb Bente- rode; der Einschnitt der Schweinbach deckte die Front. In dieser Stellung gedachte er den Angriff des Hauptheeres auf das Obergsche Korps abzuwarten, den er dann durch seinen Flankenangriff unterstützen wollte. Soubise hatte unter dem Herzoge v. Broglie auch einen Vortrab gebildet, der folgender- massen zusammengesetzt war: 36 Komp. Grenadiere zu 50 Mann= 1800 Mann 8 Bataill.(je 2 Bataill. Waldner, Diesbach, Rohan u. Beauvoisis)= 3200» 400 Gensd'armes— 19 Schwadronen( Commissaire Général, 2 d'Essales, 6 Berchiny Husaren, I Volontaires d'Al- sace, 4 Royal Nassau Husaren, 4 dpchon Dragoner) 400» = 1900»* zusammen= 7200 Mann Bei Tagesgrauen(gegen 6 Uhr) brach der- selbe auf, überschritt bei Sandershausen die Nieste und erstieg die jenseitige Hôhe; die vorauf- gehenden Grenadiere warfen die hannôverschen Jäger, welche noch vor Landwehrhagen standen, zurück und besetzten dieses Dorf. Der Rest des Vortrabs nahm rechts der Strasse zwischen Landwehrhagen und Benterode Aufstellung und deckte so den Anmarsch des Hauptkorps. Dieses hatte auf einer Anzahl geschlagener Brücken 2 — 7 in 4 Heersäulen bei und oberhalb Bettenhausen die Losse und dann zwischen Sandersliausen und Heiligenrode die Nieste überschritten. In der Höhe von Ellenbach verdoppelte sich die Zahl der Heersäulen durch Einschiebung der nach- folgenden Reiterei, und um 10 Uhr erschienen die Spitzen bei Landwehrhagen, wo die Truppen- teile des Vortrabs wieder in ihre früheren Ver- bände eintraten. Auf den Anhöhen bei Land- wehrhagen, die durch die Thäler der Jeckel- bach und der Wellebach von denen bei Luttern- berge getrennt werden, stellte Soubise sein Heer in Schlachtordnung auf. Der rechte Flügel, 13000 Mann unter dem Herzoge v. Fitzjames, welcher sich links an den östlichen Ausgang von Landwehrhagen lehnte, stand auf dem Breite- triesch und dehnte sich nach rechts aus bis jen- seits des von Ellenbach über die Schanze nach Benterode führenden Weges. Im ersten In- fanterie-Treffen standen von rechts nach links die Regimenter: La Marine 4 Bataillone La Couronne 2„. Piéèmont 4„ 14 Bataillone Castella 2= 5600 Mann; Planta 2 im zweiten Infanterie-Treffen: Touraine 2 Bataillone Chartres 2„ Alsace 3„ 15 Bataillone Löwendahl 2„= 6000 Mann. Royal Bavière 2„ Royal Deuxpontsa„ Das dritte Treffen bestand aus Reiterei (14 Schwadronen= 1400 Mann): Royal Etranger 2 lwede. hinter dem Regi- Charost 2„, te d'A 1 La Vieilleville 2 mente 1sace „ hinter den Regi- d'Apchon Dragon. 4„ mertern Toegen Royal Allemand 2„„eavieren R dal Nassau Husaren 2„ re u. Roya Deuxponts. 4* Die Mitte, 10800 Mann, hatte im ersten Treffen die Regimenter: Waldner 2 Bat.) rechts der Diesbach 2 ⸗ S, 7 Bataillone württemb.= 4000 Mann. Grenadiere 3» links davon Das zweite Treffen bildeten 6 Bataillone württembergischer Füsiliere= 4800 Mann; beide standen nõrdlich von Landwehrhagen. Das dritte Treffen, als Reserve, südlich des Dorfes, bestand aus den Regimentern: Bentheim 2 illone. the Bata 5 Bataillone Berg 1„ = 2000 Mann. Nassau 2„ Der linke Flügel, auf dem Boden und dem Hopfenberge, bestand fast ganz aus Reiterei. Die erste Linie bildeten die Regimenter: Gensd'armes 8 Schwadronen= 800 Keiter. Rohan 2 Bataillone,= 1600 Mann Beauvoisis 2„ Fussvolk. Berchiny Husaren 6Schw. Volontaires d'Alsace l»= 1100 KReiter. Royal Nassau Husaren 4» In zweiter Linie waren aufgestellt: Commissaire Général 2 Schw.. = 800 Keiter 8 Msrales 2 2 hinter dem Reg. Württemberg 2„ 6. ensd'armes. Raugraf 2„ Pol= 400 Reiter 9 v hinter Rohan u. dErssy Beauvoisis. Dieser linke Flügel zählte also in 4 Batail- lonen und 31 Schwadronen 4700 Mann. In dem bewaldeten Grunde der Jeckelsbach hatte sich eine Abteilung Freiwilliger der beiden ge- nannten Regimenter zu Fuss unter Oberst du Plessis festgesetzt. Die Abteilung des Obersten de Castries auf dem linken Fuldaufer nahm auf der Wahnhausen beherrschenden Anhõéhe, dem Saatberge, Aufstellung. Der Aufmarsch des Ganzen vollzog sich unter dem Schutze des zahlreichen schweren 28 Geschützes wolf-, Acht-, Vierpfünder und Haubitzen, in allem mehr als 40 Stück), das vor der Front in mehreren Batterien aufgefahren war; drei vor der Mitte beim Heiligenhäuschen, eine auf der schon erwähnten Hôöhe zwischen Landwehrhagen und dem Bruchhofe, drei vor dem rechten Flügel. Zu der Entwickelung aus der Marsch- in die Schlachtordnung hatte man nicht weniger als 4 Stunden gebraucht; es war 2 Uhr geworden, ehe die Truppen ihre Stellungen in der Schlachtlinie eingenommen hatten! Chevert hatte nach seinem Aufmarsche hinter Benterode und Sichelstein die Freikorps in das Gebüsch zwischen letzterem Orte und dem Bruchhofe(den Haidestrauch) zur Er- kundung vorgeschoben. Oberg war indes, aller- dings recht spät, von der Bewegung Cheverts gegen seinen linken Flügel benachrichtigt worden und erkannte bald, dass dieselbe darauf abzielte, den beherrschenden Staufenberg und die nach Münden streichenden waldigen An- höhen zu gewinnen. Er sandte sofort den Ge- neral v. Zastrow mit den Bataillonen Isenburg und Canitz, 2 Schwadronen Bock Dragonern und 2 Schwadronen reitender hannôverscher Jäger(aus dem zweiten Treffen) zur Deckung des bedrohten linken Flügels ab. Dieser traf um 11 ¼ Uhr auf die Légion Royale des Obersten Chabot, warf sie durch einen Bajonnetangriff aus dem Gehölze und zwang sie mit einem Ver- luste von 1— 200 Mann zum Rückzuge. Dies glückliche Zusammentreffen erhöhte noch die Zuversicht der Soldaten und die schlechte Meinung, welche sie von dem Feinde hatten. Bei der Verfolgung der Geworfenen gewahrte aber Zastrow die ganze bedeutende Truppen- masse Cheverts und machte dem General v. Oberg auf der Stelle die entsprechende Meldung. Dieser beschloss, seinen linken Flügel zu ver- stärken und ihn dem umgehenden Gegner vor- zulegen. Generalmajor v. Bock mit 5 Batail- lonen und 4 Schwadronen nebst einiger schwerer Artillerie ward Zastrow zu Hülfe gesandt, während Generalmajor v. Post mit 2 Batail- lonen und 4 Schwadronen in dem Walde west- lich Sichelstein sich aufstellte. So hatte nun Oberg seine Stellung wesent- lich verändert. Sie bildete jetzt einen Halb- kreis, der nicht weit von Speele an der Fulda begann, sich von hier nach Osten zog, um dann gegenüber von Sichelstein nach Norden umzu- biegen, und links sich an den Mündener Stadt- forst anlehnte. Durch Gründe und Waldungen war diese Stellung in fünf Abschnitte zerlegt, deren Besatzungen jede auf sich selbst angewiesen waren, und da das zweite Treffen zur Neu- bildung des linken Flügels verbraucht war, jedes Rückhaltes entbehrten. Die Truppen Obergs waren in dieser aus-— gedehnten Stellung(etwa 8 km Frontlänge) folgendermassen verteilt. In den Waldungen am Abhange des Jeckelsberg bis zum Fulda- ufer oberhalb Speele hatten sich hessische Fuss- jäger eingenistet; auf dem Jeckelsberge standen 2² Bataillone Block und Jung-Zastrow, dahinter 4 Schwadronen Busch Dragoner und 2 Schwad- ronen Reden(alles Hannoveraner). Den zweiten Abschnitt, die Steinbreite, hielten die Bataillone Linstow und Bückeburg besetzt, dahinter die 2 Schwadronen des hessischen Leibregiments. Nuf der östlichen Seite der grossen Strasse bis zur Wellebach zwischen Lutternberg und dem Bruchhofe waren die 4 Bataillone Fürstenberg, Toll, Erbprinz und Zastrow(Braunschweig), hinter ihnen, unweit des kleinen Staufenberges, 2 Schwadronen Prinz Friedrich Dragoner auf- gestellt. Die vierte Gruppe zwischen der Welle- bach und Sichelstein, im Haidestrauch gegen- über Benterode, bildeten die 2 Bataillone Post und Oberg; hinter dem Walde hielten 2 Schwa- dronen Prinz Friedrich Dragoner und 2 Schwa- dronen Prinz Wilhelm von Hessen. Der linke Flügel unter General v. Zastrow hatte den grossen Staufenberg besetzt und erstreckte sich bis zur Quelle der Steinbach am Rinderstall. Er bestand aus den Bataillonen Diepenbroik, Hanau, Wangenheim, Marschall, Isenburg und Canitz. Daneben hielten 4 Schwadronen Bock 29 Dragoner und 2 Schwadronen hannöverscher Jäger zu Pferde, mit 2 Schwadronen Prüschenk als Rückhalt; links von dieser Reiterei standen die hannôverschen Füsiliere. Der Rand des Mündener Stadtwaldes war von hannôverschen Fussjägern besetzt. Auf dem grossen Staufen- berge war eine Batterie von 5 Sechspfündern, auf dem kleinen Staufenberge eine solche von 4 Zwölfpfündern errichtet worden; sonst ver- fügte man nur über die Bataillonsgeschütze. Von dem Eintreffen Soubise's bei Land- wehrhagen und dem beginnenden Aufmarsche in Kenntnis gesetzt, nahm Chevert seine Be- wegung zur Umgehung des linken Flügels der Verbündeten wieder auf, ohne in das Gefecht zwischen Zastrow und Chabot sich verwickeln zu lassen. Er sollte nicht bei Sichelstein, sondern weiter ausholend, nördlich dieses Ortes angreifen, während der Herzog von Fitz-James bei Bente- rode und Bruchhof die sumpfige Niederung der Wellebach überschreiten und die zwischen Sichel- stein und dem kleinen Staufenberge stehenden Truppenteile der Verbündeten vertreiben sollte. Sobald er den Waldrand erreicht hätte, wollte Soubise selbst mit dem Reste seines Heeres gegen die Front Obergs zum Angriffe vorrücken. So trat Chevert etwa um 1⁄½ 11 seinen Rechtsabmarsch in 3 Heersäulen an; rechts vorwärts marschierten die 3 Freikorps. Jede der 3 Heersäulen nahm 10 Kompagnien Gre- nadiere(500 Mann) an die Spitze; die rechte bestand aus 6 französischen und 4 pfälzischen Bataillonen, die linke aus 12 sächsischen; die Artillerie unter Bedeckung von 3 sächsischen Bataillonen(eins an der Spitze, eins in der Mitte und eins am Ende) bildete die mittlere. Hinter jeder Heersäule folgten 6 Schwadronen. Der lichte Wald erlaubte es, die Marschordnung streng einzuhalten, und so konnte auch der Aufmarsch zum Angriffe, da der Feind sich nicht rührte, ohne jede Störung vollzogen werden. Den äussersten rechten Flügel, gegenüber den han- növerschen Fussjägern bildeten die 3 Freikorps, dann folgte die Reiterei in 2 Treffen zu 10 und 8 Schwadronen und zwar: Cuirassiers 2 Schwad. St. Jal 2„ Chabrillant 2„ 1. Treffen. Dauphin 2„ Chartres 2„ Orléans 2 Royal Piémont 2„ Treffen. Treissignies 2 . Links schloss sich daran das Fussvolk, im ersten Treffen die Sachsen: V Bourbon Busset Garde 1 Bataillon Kronprinzessin 2„ Prinz Friedrich 2„ Prinz Maximilian 1„ Prinz Joseph 1„ Prinz Xaver 1„ 3 Prinz Klemens 1„ 7 15 Bataillone. Graf Brühl 1„ Prinz Lubomirski 1„ Rochar 1„ Minckwit⸗z 1„ Prinz Gotha 1 Im zweiten Treffen marschierten auf die franzõsischen Regimenter: Belsunce 4 Bataillone Rochefort 2„ und die pfälzischen Baden 2 Bataillone Osten 2„ Die Artillerie fuhr vor dem ersten Treffen auf, eine Batterie von 8 Geschützen vor dem rechten Flügel, eine zweite von 16 Geschützen vor dem linken Flügel gegenüber dem grossen Staufenberge. Es standen mithin hier, wo die Entscheidung lag, von den leichten Truppen abgesehen, 25 Bataillone und 18 Schwadronen (15400 Mann) mit 24 schweren und 50 Bataillons- Kanonen gegen 7 Bataillone(5600 Mann) und 8 Schwadronen(1200 Mann) mit 5 schweren und 14 Bataillons-Geschützen! 10 Bataillone. 30 Der Aufmarsch war, wie schon gesagt, ungestört vollzogen worden. Die Verbündeten thaten nichts, um sich genügende Aufklärung über die feindlichen Bewegungen zu verschaffen. Die Jäger, die gewöhnt waren, in gelöster Ordnung zu fechten und jede Deckung, die ihnen das Gelände bot, zu benützen, wären vorzüglich dazu geeignet gewesen; statt dessen stellte man sie auf den äussersten linken, am weitesten vom Feinde entfernten Flügel. Auch der Vorstoss einer geschlossenen Abteilung würde ausreichende Kenntnis vom Feinde ver-— schafft haben, aber ein solcher erfolgte nicht. Aus Dünkel, oder, wenn man will, Selbst- täuschung, geschah nichts dergleichen. Alle Generale waren der Ansicht, dass kein Angriff erfolgen würde; sie meinten, die Franzosen würden es wie tags vorher mit einer blossen Beobachtung bewenden lassen. Man bemerkte wohl lebhafte Bewegungen der Feinde, allein man glaubte, sie wollten nur ein neues Lager aufschlagen. Obwohl man sah, dass die Regi- menter eins nach dem andern in Schlacht- ordnung aufgestellt wurden, obwohl man die Geschütze auffahren sah, glaubte man doch, das alles sei nur Schein. Dazu trug wesentlich der Umstand bei, dass jedes Regiment, sobald es aufmarschiert war, Feuer anzündete; vermutlich geschah dies nicht auf Befchl, sondern war von den ersten Bataillonen angefangen worden, um in der gegebenen Ruhezeit die durchnässten Kleider zu trocknen und die durchfrorenen Leiber zu wärmen, und wurde von den folgenden nachgeahmt; an Reisig und Holz mangelte es ja nicht, auch nicht im lichten Walde. Viele Offiziere waren indes der Ansicht, man müsse jetzt, etwa bald nach Mittag, den Feind in seiner Entwickelung angreifen. Viel- leicht hätte ein entschlossener und rascher An- griff den Feind derartig gestört, dass derselbe auf jeden ernstlichen Anfall verzichtet hätte. Aber mehr wie ein ehrenvoller Rückzug wäre nicht zu erkämpfen gewesen. Den Feind gänzlich zu schlagen, war bei seiner offen- kundigen Uberlegenheit nicht möglich, es hätte denn ein Wunder sich ereignen müssen, und dass ein solches zu Gunsten eines der Kämpfer geschehe, daran glaubte man auch schon damals nicht mehr. Dazu war das verbündete Heer zu dieser Zeit schon fast vollständig um- gangen und konnte keine Bewegung machen, die nicht vom Feinde sofort entdeckt und durch- kreuzt werden konnte. Wurde selbst durch einen glücklichen Angriff der Feind geworfen, so hätte er in dem so durchschnittenen, be- deckten und bergigen Gelände eine Menge Stützpunkte zur Sammlung und zu weiterem Widerstande gefunden; bei dem Mangel an schwerem Geschütz(nur 9 Stück) hätte man ihn nur mit dem Bajonnett von den Höhen ver- treiben müssen, und die so zahlreiche feindliche Artillerie würde die Reihen der Stürmenden schrecklich gelichtet haben, ehe sie nur an die Feinde herangekommen wären. Bald nach 2 Uhr hatte Chevert seinen Aufmarsch in Schlachtordnung vollendet, zu derselben Zeit, als auch Soubise mit dem seinigen fertig war. Nun konnte der Angriff beginnen. Vier Kanonenschüsse von seiten Cheverts gaben um 2 ¼ Uhr das verabredete Zeichen, und sofort begann von allen Seiten das Geschützfeuer gegen die Stellung der Ver- bündeten. Trotz ihrer gewaltigen Uberlegenheit an Zahl vermochten die Franzosen die Artillerie der Verbündeten nicht niederzukämpfen. Letztere hatte den Vorteil der höheren Stellung. und die Dreipfünder der Hannoveraner, länger und stärker als die der Gegner, schossen selbst auf weite Entfernungen mit ausserordentlicher Treff- sicherheit. Soubise rührte sich indes noch nicht, er wollte erst die Wirkung des Flankenangriffes von Chevert abwarten, obwohl er mit seiner Ubermacht(ohne Fitzjames 15500 Mann gegen 9500) des Erfolges wohl hätte sicher sein können. Schon um 2 Uhr hatte Major Friedrichs von den hannoverschen Jägern an Zastrow die Meldung ergehen lassen, dass der linke Flügel vollständig umgangen wäre, und dass der Feind 31 bald ganz im Rücken desselben stehen würde. Diese Erkenntnis scheint namentlich auf die Reiterei einen schlechten Eindruck gemacht zu haben, wie aus dem folgenden ersichtlich sein wird; dieselbe soll in Verwirrung geraten sein, die bis zum Ende nicht aufhörte. Der ganze Flügel machte halblinks, um der Uberflügelung zu entgehen, aber es war nicht mehr moglich. Chevert liess gegen 3 Uhr sein Fussvolk und seine Reiterei zum Angriffe vorgehen. Kaum hatte nun der General v. Zastrow diese Be- wegung wahrgenommen und die gefahrdrohende Angriffsrichtung der feindlichen Linien erkannt, als er, statt dem übermächtigen Stosse aus- zuweichen und den Rückzug nach Münden anzutreten, sich entschied, durch einen ent- schlossenen Gegenstoss den Feind zum Stehen zu bringen und dadurch dem Hauptkorps Obergs den einzigen Rückzugsweg frei zu halten. Auf sein Kommando Marsch! traten 6 Bataillone(mit Ausschluss der hannöverschen Füsiliere auf dem äussersten linken Flügel) unter klingendem Spiel, mit scharf geschultertem Gewehr und festem Tritte, wie auf dem Exerzier- platze, an und gingen dem Feinde entgegen. Die Wucht dieses Angriffes war gross; die erste feindliche Linie(die 15 sächsischen Bataillone) wurde geworfen, viele wurden niedergestossen, und selbst das zweite Treffen geriet in Ver- wirrung. Auch die Bataillone Zastrows kamen in dem ungünstigen Gelände in Unordnung; sie schoben sich nach der Mitte zusammen, und schliesslich zerbrach die Linie; trotzdem rückten sie mit grösster Tapferkeit weiter vor. Dieser anfängliche Erfolg wurde indes bald zunichte gemacht. Unerwartet erschien Cheverts Reiterei, 18 Schwadronen(die man bisher nicht bemerkt hatte), unter dem Befehle des Marquis de Voyer und des Grafen de Bellevort. Sie rückten zuerst langsam im Schritte vor. Da liess Zastrow noch einmal Feuer geben, und der grösste Teil der Linie schoss. Gleich nach dieser Salve setzte sich die französische Keiterei in Trab und warf sich, die gelösten Reihen des eigenen Fussvolkes teilweise niederreitend, auf den linken Flügel der vordringenden ver-— bündeten Linie, denselben mit Umklammerung und Rückenangriff bedrohend. Nun machten die beiden Bataillone Canitz und Isenburg, die zunächst bedroht waren, auf einmal kehrt. Wahrscheinlich wollten sie der Überflügelung durch rasche Bildung eines neuen Hakens ent- gehen; sie wurden aber bei dieser in Unordnung ausgeführten Schwenkung von der feindlichen Reiterei ereilt, zersprengt und von den übrigen Bataillonen getrennt. Jedes Bataillon verlor eine Fahne; von Canitz warf sogar eine Anzahl Leute(wahrscheinlich jüngst zur Ausfüllung der Lücken vom 23. Juli eingestellte Rekruten) die Waffen weg, und die Flucht wurde allgemein. Nun kam die KReiterei der Verbündeten ihrem bedrängten Fussvolke zu Hülfe; sie war dem Vorgehen desselben, wie man ersehen kann, nicht gefolgt, sondern weiter rückwärts halten geblieben; ihr nunmehriger Angriff hatte gegen die feindliche Ubermacht keinen Erfolg. Nament- lich das Dragoner-Regiment Bock hielt sich schlecht und erlitt ansehnlichen Verlust; die hannõverschen Jäger zu Pferde und die tapfer fechtenden 2 Schwadronen Prüschenk ver- mochten das Geschick nicht zu wenden, eine rechts herbeieilende Schwadron Prinz Friedrich Dragoner(von der Abteilung Post), die gegen die Flanke des Feindes einsetzte, scheint zuerst einigen Erfolg gehabt zu haben, musste aber auch der UÜberzahl weichen*). Während die geworfene verbündete Reiterei sich weiter rückwärts wieder zu sammeln suchte, richtete die französische ihre Angriffe auf die Bataillone, welche durch die Flucht der Hessen entblösst waren. Die hannòverschen Füsiliere aus dem äussersten linken Flügel wurden von dem Regimente Chartres von vorn und von der Seite aufs heftigste angegriffen, Von *) In diesem Reitergefechte wurde sowohl der Marquis de Voyer, der Führer der General von Zastrow schwer verwundet; fangen in die Hände der Sieger. französischen Reiter, als auch letzterer fiel ge- 32 hielten sich jedoch ausserordentlich wacker. Wohl drangen die Reiter an mehreren Stellen in das Bataillon ein und fügten demselben herbe Verluste zu; aber es blieb gesammelt, niemand floh, und da sie den Reitern, die Kürasse trugen, mit dem Bajonett wenig anhaben konnten, so stachen sie die Pferde tot und machten den gestürzten Reitern mit Kolbenschlägen den Garaus. So erkämpfte sich das Bataillon, ohne irgend ein Feldzeichen einzubüssen, den ehren- vollen Rückzug längs des Waldsaumes. Andere Schwadronen warfen sich auf das (neugebildete) hannõversche Bataillon Marschall, das sie auch mit der grössten Standhaftigkeit empfing. Durch sein Gewehrfeuer und die treffliche Wirkung der beiden Bataillonsgeschütze wurde die feindliche Reiterei so in Achtung gehalten, dass nicht nur dieses Bataillon, sondern die ganze Linie die Möglichkeit fand, in leid- licher Ordnung zurückzugehen. Unterdes hatten sich aber auch die sächs- ischen Bataillone, die durch den ersten Angriff der verbündeten Infanterie in arge Verwirrung geraten waren, wieder geordnet. Der sächsische Prinz Xaver, der sich unter dem Namen eines Grafen von der Lausitz bei dem Heere befand, führte sie selbst zum Sturm auf den grossen Staufenberg. Die hier noch stehenden 3 Bataillone (Wangenheim, Hanau und Diepenbroik) wie die rechts davon aufgestellten Bataillone Oberg und Post sahen sich von 12 Bataillonen in der Front angegriffen, während General v. Dyhern sie mit 3 Bataillonen links umging. Tapfer verteidigten sich die Angegriffenen, eine wohl- gezielte Salve warf die Sachsen zurück; ehe sie indes wieder geladen hatten, wurden sie von der Reiterei Cheverts, die vom linken Flügel her vorgedrungen war, angefallen und aus- einandergesprengt. So konnten die Sachsen aufs neue vorgehen und sich der Stellung am grossen Stauffenberge bemächtigen; dabei fielen ihnen die dort stehenden 5 schweren Geschütze in die Hände. Doch gelang es den geworfenen Bataillonen, sich bald etwas weiter rückwärts gegen den kleinen Staufenberg hin zu sammeln und den weiteren Rückzug in ziemlicher Ord- nung und ohne grossen Verlust zu bewerk- stelligen. Namentlich das Bataillon Oberg zeichnete sich durch feste Haltung aus; ja es gelang diesem sogar, die durch die Flucht von Isenburg und Canitz entstandene Lücke am linken Flügel auszufüllen. Unterdessen hatten sich die hannõverschen und hessischen Reiter wieder geordnet und stürzten sich auf die in der Ebene gegen Luttern- berg hin immer mehr sich ausbreitenden fran- zösischen Schwadronen. Es gelang ihnen auch, die erste Linie derselben zu werfen, aber gegen die Übermacht waren dauernde Erfolge nicht zu erzielen; sie mussten sich also damit be-— gnügen, die linke Flanke des weichenden Fuss- volkes zu decken und den Feind nach Mög- lichkeit aufzuhalten. Dies wurde auch erreicht; bald ging das Fussvolk, bald die Reiterei eine kurze Strecke vor, um dann in guter Ordnung den Rückzug weiter fortzusetzen; und diese immer wiederholten Angriffsstösse verlangsamten das Vordringen des Feindes derart, dass es dem nun nach Münden abziehenden Zentrum und rechten Flügel gelang, unbehelligt die ins Fulda- thal hinabführenden Engwege zu gewinnen und der drohenden Umklammerung zu ent- gehen. General v. Oberg hatte, als er die Nieder- lage seines linken Flügels und den Verlust des grossen Staufenberges gewahrte, als das feind- liche Geschützfeuer rückwärts schon Luttern- berg erreichte, erkannt, dass er weder das Treffen wiederherstellen konnte denn er hatte keinen Zug, keine Schwadron als Reserve zur Verfügung— noch sich in der Front gegen Soubise's Hauptkorps zu behaupten vermochte, obwohl hier der Geschützkampf noch mit Vor- teil geführt wurde, wollte er nicht ganz und gar von Münden abgeschnitten und gänzlich umzingelt werden. Er gab deshalb den Befehl zum Rückzuge. Derselbe wurde sofort an- getreten und in guter Ordnung so schnell aus- 33 geführt, dass der nachsetzende Feind ihn nicht zu hindern oder ernstlich zu stören ver- mochte. Auf die Signalschüsse Cheverts hatte sich die Division Fitzjames in Bewegung gesetzt; sie stieg den Abhang des Breitetriesch herab ins Thal der Wellebach, überschritt dieselbe oberhalb Benterode und nahm die Richtung auf den grossen Staufenberg, um den Angriff der Sachsen auf diese Hôhe zu unterstützen. Doch sie kam nicht mehr zum Gefecht. Von den Er- folgen Cheverts unterrichtet, gab Soubise auch seinem Zentrum und seinem linken Flügel den Befehl zum Vorgehen. So sehr auch alle seine Streitkräfte ihren Marsch beschleunigten, so ver- mochten sie doch nirgends den widerstandslos weichenden Gegner einzuholen; die Waldungen und Gebüsche, welche die Abhänge bedecken, und der sumpfige Grund der Jeckelbach be- reiteten vielfachen Aufenthalt und manches Hindernis. Namentlich die auf dem linken Flügel angehäufte Reiterei mühte sich längere Zeit vergebens ab, diesen Grund zu überschreiten; als sie endlich hinübergelangt war und west- lich von Lutternberg vor dem Stöckerholz auf- marschierte, hatte die Reiterei der Verbündeten schon sich in dieses Holz geworfen, dessen Rand von dem Fussvolke besetzt gehalten wurde. Ungewohnlich rasch folgte dagegen auf der grossen Strasse die von Broglie be- fehligte Artillerie, die gegen den Saum des Ge- hölzes auffuhr und den Rückzug der Ver- bündeten durch Feuer belästigte; auch Chevert, der seine Truppen wieder gesammelt hatte, be- schränkte sich auf Geschützfeuer; nirgends wurde von den Franzosen mit grösseren Kräften der Versuch gemacht, wirklich zu verfolgen. Ein Glück für die Verbündeten! Bis in den Wald und bis an den Eingang der durch denselben zur Fulda hinabführenden Engwege war der Rückzug in guter Haltung ausgeführt worden. In diesen Engwegen aber drängten sich die Truppen zusammen. Da schlugen zwei Kanonenkugeln in die Reiterei 5 ein, und dieser unbedeutende Zufall gab das Zeichen zur allgemeinen Verwirrung. Ein pa- nischer Schrecken bemächtigte sich der Reiter, jede Ordnung löste sich auf, und sie warfen sich mit lautem Geschrei auf das den Engweg füllende Fussvolk und Geschütz. Da begann jeder zu laufen, um sich vor dem Freunde wie vor dem Feinde in Sicherheit zu bringen. Die Pferde der Artillerie wurden durch das Ge- tümmel erschreckt, scheuten und warfen die Geschütze und Munitionswagen um; die Fahrer schirrten die Pferde los und jagten davon, so— dass hier in dem Engwege eine Anzahl Kanonen verloren gingen, mehr als auf dem Schlacht- felde. Nur ein Theil des Fussvolkes bewahrte seine Standhaftigkeit. Der Oberst-Lieutenant Huth von der hessischen Artillerie(später dänischer Artillerie-General), welcher mit der Gegend bekannt war, sammelte eine Abteilung von 3— 4 Bataillonen, darunter das Bataillon Bückeburg, und stellte sich mit ihnen am Ein- gange des Engweges auf. Hier wies er die nachsetzenden feindlichen Abteilungen ab, ging dann, um nicht selbst abgeschnitten zu werden, ein Stück zurück, nahm von neuem Stellung und wiederholte dies mehrere Male. So be- hauptete er die Steinbachschlucht und die Lutternberger Höhe so lange, bis sämtliche Regimenter hinter ihm zur Fulda hinab nach Bonafort abgezogen waren; von hier setzten sie am rechten Ufer des Flusses entlang den Rückzug nach Münden fort. Um 8 Uhr be- gann der Ubergang über die Werra, um 12 hatten auch die letzten Truppen unter Huth das rechte Ufer erreicht. Auf der Ebene bei Gimte blieb das Korps den Rest der Nacht hindurch unter Gewehr stehen. Münden wurde geräumt; alle Kranken und Verwundeten wurden aus dem dortigen Lazarette fortgeschafft bis auf 150 Mann, deren Zustand einen Transport nicht gestattete. Auch ein kleiner Vorrat an Heu und Stroh musste zurückgelassen werden und fiel den Feinden zur Beute, alle sonstigen Kriegsbedürfnisse konnten gerettet werden. 34 So endete das thörichter Weise ange- nommene, von vornherein verlorene Treffen, das bei richtig getroffenen und energisch durch- geführten Massregeln des Feindes mit der Ver- nichtung des Obergschen Korps enden musste, noch glimpflich genug. Der Verlust betrug nur 1210 Mann, darunter 43 Offiziere; 576 Mann waren tot oder verwundet, 591 gefangen. Die Franzosen wollen 800 Gefangene gemacht haben, wahrscheinlich sind dabei die auf dem Schlacht- felde zurückgelassenen Verwundeten einge- rechnet. An Geschützen gingen 16 verloren nebst einer beträchtlichen Anzahl von Munitions- wagen; ferner 2 Fahnen und 1 Standarte.(Die Franzosen geben allerdings ihre Siegesbeute auf 28 Geschütze, 25 Fahnen und 3 Standarten an; doch ist dies ebenso übertrieben wie ihre Angabe, dass die Verbündeten 3— 4000 Mann verloren hätten. Man sieht, die Franzosen verstanden sich schon damals auf die Abfassung von„Siegesbulletins“.) Von hessischen Offizieren waren gefallen: die Hauptleute v. Langen, v. Canitz und Schotten; verwundet waren u. a. Oberst v. Ditfurth, Oberstlieutenant v. Gilsa, Major v. Urff(gefangen) und v. Stein; vermisst (gefangen) die Hauptleute Rose und Sartor, die Lieutenants v. Lengerke, v. Hutten und Poppelbaum, die Fähnriche Koch und v. Mar- quard. Die Hannoveraner hatten 4 Offiziere tot, darunter Major v. Winzingerode, 12 verwundet, darunter Oberst v. Fersen(gefangen) und Oberst- lieutenant Twachtmann. Auch ein Offizier der bückeburgischen Artillerie ward getétet. Der braunschweigische Generalmajor v. Zastrow fiel, wie erwähnt, ver- wundet in Gefangenschaft. Seine Verwundungen waren sehr schwer, die Nase und die Lippen waren ihm abgehauen, dazu hatte er noch 6—7 leichtere Wunden empfangen, so dass er aus-— sah, als sei er vom Krebse zerfressen. Trotz ihrer Niederlage hatten die Ver- bündeten 70 Gefangene mit sich fortgeführt, ja sie wollen auch 2 Standarten erbeutet haben. An Toten und Verwundeten haben die Fran- zosen nach ihrer eigenen Angabe 4o0— 600 Mann eingebüsst, dochscheint ihr Verlust beträcht- licher gewesen zu sein; hatte doch die Légion Royale am Vormittage allein 100— 200 Mann eingebüsst, und die Verluste der Sachsen werden von diesen selbst als nicht unbedeutend be- zeichnet. Das franzôsische Heer biwakierte in der dem Kampfe folgenden Nacht zu beiden Seiten der Mündener Strasse in der offenen Ebene zwischen Lutternberg und den nõrdlich davon sich ausdehnenden Waldungen; rechts der Strasse das Korps von Chevert und die Division Fitzjames, links derselben Soubise's Heeres- abteilung, die Brigade Rohan und das Regiment Gensd'armes vor der Front. Das Verdienst des Sieges gebührt dem General v. Chevert, der die Entscheidung schon herbeigeführt hatte, ehe Soubise sich entschloss, aus der Rolle des Zuschauers herauszutreten. Nichtsdestoweniger erhielt nicht er, sondern Soubise Rossbacher Angedenkens(allerdings ein Prinz und bei Hofe gut angeschrieben) am 19. Oktober den Marschallsstab, Contades aber ein Lob für die dem Prinzen gesendete Hülfe. G. Freignisse von dem Treffen bei Lutternberg bis zum Ende des Feldzuges von 1758. Der Eindruck, welchen diese Niederlage Obergs auf das Heer und auf die Bevölkerung Hannovers hervorbrachte, war ein gewaltiger. Als das Heer auf der Ebene bei Gimte sich ein wenig ausgeruht und abgekocht hatte. wunderte sich alles, dass der Feind nicht ver- folgte, und die Hoffnung, dass er nichts Ernst- liches unternehmen würde, wuchs. Doch bald wich diese Hoffnung wieder dem Gefühle der Niederlage und der Ahnung neuer drohender Gefahren, die unabweisbar folgen mussten. 35 Finster und bedrohlich erschien die Zukunft des Heeres und des Landes. Niemand zweifelte daran, dass die gesamten Streitkräfte des sieg- reichen Feindes sich von neuem über das Land ergiessen würden.»Welcher Unstern hätte doch die Entschlüsse des Generals geleitet, sich in ein Treffen einzulassen, noch dazu in ein so un- gleiches, unnõtiges Treffen, zu einer so späten Jahreszeit?! Ruhmreich hätte der Feldzug be- endigt werden können; jetzt indes sei alles ver- loren, wenn nicht eine beträchtliche Macht zur Hilfe herbeieilte, wenn nicht der Herzog selbst herankäme!« Letzteres wurde nicht nur fast von jedermann im Heere und im Lande ge- wünscht, sondern auch bestimmt erwartet, als das einzige Mittel, welches das Vordringen der Feinde hemmen köonnte. Doch diese Befürchtungen, so wohl sie auch begründet waren, erfüllten sich nicht. Erst am Morgen nach dem Treffen übernahmen der General-Lieutenant Marquis de Crillon und der Comte d'Orlick die Verfolgung. In der Frühe rückten sie in Münden ein, wo sie sich der zu— rückgelassenen Kranken und Verwundeten im herzoglichen Schlosse und der geringen Vor- räte bemächtigten. Doch gingen sie nicht weiter vor. Oberg brach sein Biwak ab und mar- schierte nach Günthersen, von da am 15. weiter nach Moringen. Hier trennten sich Oberg und Isenburg, und ersterer trat, erhaltenem Befehle des Herzogs Ferdinand gemäss, seinen Rück- marsch zur Hauptarmee an; mit sich nahm er 9 Bataillone und 13 Schwadronen. Am 18. Ok- tober wurde das Fussvolk auf 7 Flössen bei Holzminden über die Weser gesetzt, während die Reiterei zwischen diesem Orte und Stael den Strom durchfuhrtete. So behielt der Prinz v. Isenburg bei Moringen nur die 7 Bataillone Marschall, Post, Linstow, Canitz, Isenburg, Zastrow(Braun- schweig) und hannversche Füsiliere, zu denen als achtes das hannöversche Bataillon Vreden stiess. An Reiterei blieben ihm 8 Schwadronen (4 Prinz Friedrich Dragoner, 2 hannôversches 5* Leibregiment, 2 Prüschenk); an leichten Truppen blieben ihm die hannöverschen Jäger zu Fuss und zu Pferde, 400 Scharfschützen, I Schwadron hessischer Husaren und einige hundert hessische Jäger. Er sollte sich so nahe am Feinde halten als möõglich, ohne sich mit ihm in ein Gefecht einzulassen; würde er von überlegenen Kräften gedrängt, so sollte er sich an der Weser abwärts nach Hameln zurück- ziehen. Da aber ein solches Drängen nicht er-— folgte, ging er am 3. November wieder bis Gôttingen vor; hier nahm er sein Hauptquartier, die Truppen bezogen Kantonnierungen in der Stadt und ihrer Umgebung. Leichte Truppen und Reiter streiften bis an die Weser und Werra, namentlich gegen Münden, Witzen- hausen und Arnstein, um den Feind zu be- obachten. Soubise war dem Obergschen Korps nach dem Treffen von Lutternberg langsam nachge- rückt und erreichte erst am 18. Volkerode und Dransfeld südlich von Gôttingen. Chevert hatte sich schon am 12. von ihm getrennt, um zur Hauptarmee Contades' zurückzukehren. Auf sich selbst angewiesen, verfiel Soubise sofort wieder in seine frühere Unthätigkeit und Schlaff- heit; er dachte gar nicht daran, seine Uber- macht gegen das kleine Isenburgsche Korps irgendwie zur Geltung zu bringen und tiefer ins Hannversche einzudringen. Dieses zôgernde Verhalten entsprach auch ganz und gar den Ansichten und Meinungen des französischen Kriegsministers Belle-Isle. Dieser wünschte keinen neuen Einfall in Hannover, sondern eine Aufstellung an der Diemel, um Contades näher zu sein, vor allen Dingen aber Ruhe für die Truppen, damit man im näechsten Feldzuge überhaupt eine kampffähige Armee ins Feld stellen könne. Diese Weisungen des Kriegsministers er- reichten Soubise gleichzeitig mit seiner Er- nennung zum Marschall am 24. Oktober; schon am 21. war er indes über die Werra zurück- gegangen und hatte links der Fulda bei Hohen- 36 kirchen, Mönchehof und Wilhelmsthal ein Lager bezogen. Eine starke Abteilung stand bei West- uffeln, die Vortruppen an der Diemel entlang bei Warburg und Stadtberge; einzelne Abteilungen wurden bis in die Gegend von Lippstadt und Paderborn vorgetrieben. Am 25. hielt Soubise seinen feierlichen Einzug in Cassel als»Ma— réchal de Francec. Auf dem rechten Ufer der Werra war nur das Fischersche Freikorps zurückgeblieben, um Kontributionen einzutreiben. Die vor- erwähnten Streifzüge der leichten Isenburgschen Truppen in diese Gegend störten den Obersten Fischer in dieser Beschäftigung; ihn zu unter- stützen sandte Soubise den General-Lieutenant de Crillon mit je 2 Brigaden Fussvolk und Reiterei nach dieser Richtung und gab ihm zu- gleich den Befehl, die Fourage aus dieser Gegend zusammenzutreiben und hinter die Armee zu bringen. Am 14. November verjagte Oberst- Lieutenant v. Schlotheim eine französische Ab- teilung aus Witzenhausen und besetzte dieses Städtchen mit 200 Kommandierten vom Fuss- volk, 60 Reitern, 100 Scharfschützen, den hes- sischen Husaren und Jägern und den han-— növerschen berittenen Jägern des Majors Fried- richs. Am 16. wies diese Abteilung 300 Fran- zosen zurück, welche gegen den Ort vordrangen; sie räumte aber denselben noch am Nachmittage, als der Feind bis auf 700 Mann verstärkt zum zweiten Male anrückte, und ging wieder auf das rechte Ufer der Werra hinüber. Crillon legte nun seine Truppen längs des linken Ufers dieses Flusses in Standquartiere und entsandte 2 Grenadier-Kompagnien des Regimentes Lôwendahl, um zur Sicherung der- selben das feste Schloss Spangenberg wegzu- nehmen. Dieses, auf einem kegelförmigen Berge gelegen, besitzt zum Teil in den Felsen gehauene Werke, von doppelten Gräben, deren einer über o'm tief ist, umgeben. Die Besatzung zählte nur 42 Invaliden, obgleich Raum und Waffen für 300 Mann vorhanden waren, und wurde von einem alten Obersten befehligt. Obwohl bei der Lage und Beschaffen- heit der Feste diese sich auch gegen eine be- trächtlichere Abteilung hätte halten kônnen, waren selbst die notwendigsten Vorsichtsmass- regeln vernachlässigt; unbemerkt gelangten die französischen Grenadiere an das Thor, drangen, da die Zugbrücke herabgelassen war, ohne weiteres ein, entwaffneten die Wache, ohne Widerstand zu finden, und machten die ganze Besatzung zu Gefangenen. An Beute fielen dem Feinde in die Hände: 18 Kanonen, 2000 Geschützkugeln, 5— 600 Granaten, 44 Fass Pulver, 307 Gewehre mit vieler Munition und 18 Handmühlen. Herzog Ferdinand v. Braunschweig hatte in seinem Lager bei Münster am 12. die erste Nachricht von Oberg über die Niederlage em- pfangen. Sofort entschloss er sich, alles zu thun, um den Feinden die Früchte ihres Sieges zu entreissen, sowohl ein neues Vordringen Sou- bise's ins Hannôversche zu hemmen, als auch eine durch Obergs Niederlage mõglich gewordene Vereinigung der beiden französischen Heere zu hintertreiben. Er brach am 14. Oktober von Münster auf, wo General Kielmannsegge zur Deckung zurückblieb, ging in 4 Tagemärschen über Telgte und Warendorf nach Lippstadt, über- schritt am 18. die Lippe und nahm Stellung in der rechten Flanke der französischen Hauptarmee bei Soest, von wo der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand v. Braunschweig den General Chev- reuse mit leichter Mühe vertrieben hatte. Contades war durch diese schnelle Be- wegung des Herzogs vollständig überrascht worden; er begnügte sich damit, eine Bewegung in der Richtung auf Werl bis in die Stellung bei Wambeln zu machen. Der Herzog hatte seine Absicht erreicht; die Vereinigung der beiden französischen Heere war unmöglich ge- macht, ebenso jede Unternehmung des Feindes gegen das wichtige Lippstadt. Einen Angriff auf die vorteilhafte und starke Stellung Contades hinter der Ahse erkannte Herzog Ferdinand als unmõöglich; er führte des- 37 quartiere jenseits des Stromes bis zur Maas hin halb sein Heer am 21. in eine neue Stellung zwischen Hovestadt und Ostinghausen, 15 km unterhalb Lippstadt, wo General v. Oberg von Moringen und Holzminden her nach 6 tägigem ununterbrochenen Marsche sich wiederum mit ihm vereinigte. Das Obergsche Korps ward dem Befehle des Erbprinzen v. Braunschweig unterstellt. Jetzt versuchte Contades, bei dem Chevert am 20. eingetroffen war, sich Münsters zu be- mächtigen, um sich so eines festen Platzes zu versichern, auf den gestützt er im Westfälischen die Winterquartiere beziehen konnte. Doch der Herzog v. Armentières, den er mit dieser Unter- nehmung beauftragte, fand Münster durch den General v. Kielmannsegge gegen einen Uber- fall gesichert und die Wegnahme nur durch Sturm möglich; er kehrte deshalb, obwohl er 17 Bataillone und 26 Schwadronen gegen 3 Bataillone, 4 Schwadronen und ein Freikorps hatte, am 27. gegen Hamm zurück. Das wichtige Münster gegen jede weitere Bedrohung zu sichern marschierte Herzog Ferdinand am 26. von Hovestadt ab nach der Lipperoder Heide, von wo aus er über Rheda, Warendorf, Telgte das frühere Lager bei Münster wieder erreichte. Contades gab nunmehr alle Hoffnung auf, sich rechts des Rheines sichere Winterquartiere zu gewinnen; er verzichtete auf alle weiteren Operationen, und den Befehlen Belle-Isle's folgend, der auf Ruhe für die Truppen drang, führte er sein Heer im Laufe der zweiten No- vemberwoche bei Wesel, Düsseldorf und Cöln über den Rhein zurück und bezog die Winter- mit dem Hauptquartiere in Cöln. So war er allerdings durch den mächtigen Strom gegen einen Uberfall, wie ihn Herzog Ferdinand im Februar gegen Clermont so erfolgreich ausge- führt hatte, hinreichend gedeckt. Der Herzog folgte diesem Beispiele, nachdem er den vom Feinde geräumten Landstrich südlich der Lippe besetzt hatte. Sein Heer verlegte er in die Bistümer Münster, Paderborn, Osnabrück, in das cölnische Sauerland und die preussischen Grafschaften Mark und Ravensberg, rück- wärts dehnten sich die Quartiere bis zur Weser aus. Nach dem Abzuge Contades über den Rhein konnte sich Soubise in seiner vorge- schobenen Stellung bei Cassel selbstverständlich nicht mehr halten; der Rückzug bis hinter die Lahn wurde zur Notwendigkeit. Diesem sollte nach den wiederholten Befehlen Belle-Isle's eine gründliche Verwüstung des Landes vorangehen. Während Contades solchen menschenfreundlichen Vorschriften seines Kriegsministers nur sehr unvollständig nachkam, that dies Soubise mit grösserem Eifer. Am 2. November, ganz früh, rückte eine starke Abteilung des Reiterregi- mentes Raugraf in Cassel ein, und je 3— 6 Mann wurden zu etwa 100 der angesehensten Bürger als Executionskommando ins Haus ge- legt. Sie mussten ausgezeichnet verpflegt oder täglich mit 20 Batzen(6 Francs) jeder Mann entschädigt werden. Diese Maasregel wurde über die Stadt verhängt, um die Zahlung des im August auferlegten»Willkommens« von 100 000 Thalern bis zum 6. November zu er- zwingen. Wenn nicht, sollte den mit der Exe- cution Belegten alle bewegliche Habe, den Kaufleuten ihre Vorräte, den Handwerkern ihre Werkzeuge weggenommen und zur Versteige- rung nach Frankfurt gebracht werden. Um solches Schicksal abzuwenden, wurde diese Summe auf die Häuser der Bürger verteilt, so- dass auf jedes Haus 30— 100 Thaler entfielen, welche Auflage am 4. abends verkündet wurde und binnen zweier Tage bezahlt werden musste. Damit waren die Leiden noch nicht erschöpft. Die Gärten um die Stadt wurden verwüstet, eine Anzahl Gebäude in Brand gesteckt und die Dörfer nach Möglichkeit ausfouragiert, um durch die vollständige Entblössung des Landes von Nahrungsmitteln den Verbündeten das Nachrücken unmöglich zu machen. Am 19. räumten die Franzosen die Gegend um Münden, 38 am 23. verliessen sie Cassel und zogen sich hinter die Lahn zurück. Die Hauptmasse der Armee Soubise's nahm Winterquartier von Wertheim an abwärts am Main, bis Speier im Süden sich ausdehnend, während in Oberhessen Marburg, Giessen und Friedberg als äusserste nach Norden vorge- schobene Punkte besetzt blieben. Die Sachsen erhielten ihre Quartiere zwischen Lahn und Rhein bis Vilmar angewiesen. Isenburgs Vortruppen, hessische Husaren und Jäger, erschienen schon am Nachmittage des 23. November von Münden her vor Cassel, konnten aber in die Unter-Neustadt nicht ein- dringen, da die abziehenden Franzosen die Thore gesperrt und die Thorschlüssel mitge- nommen hatten. Sie mussten daher durch die Fulda setzen, um in die Stadt zu gelangen. Am 24. hielt der Prinz v. Isenburg seinen Einzug in Cassel, und seine Truppen wurden in und bei der Stadt einquartiert; am 30. verlegte er sein Hauptquartier nach Fritzar. Die Bevölke- rung begrüsste die verbündeten Truppen mit Freude, und das vom Feinde so furchtbar aus- gesogene Land brachte noch einige tauseud Wagen Heu, Hafer und andere Vorräte herbei, die man den Späheraugen der Feinde zu ent- ziehen vermocht hatte. Trotz solcher Opfer- willigkeit war es nicht möglich, die 7— 8000 Mann Isenburgs ohne fortwährende Zufuhren aus Hannover zu ernähren. Landgraf Wilhelm VIII. wollte von Bremen in seine Hauptstadt zurückkehren, und diese bereitete einen feierlichen Empfang vor; aber Kränklichkeit und Alter zwangen ihn, in Rinteln anzuhalten und dort den Winter zu verbringen. Um die Schiffahrt auf dem Rheine frei zu machen und sich der ungehinderten Verbindung mit Contades Armee am Niederrheine zu ver- sichern, liess Soubise durch den General-Lieute- nant de Castries mit den 2 Regimentern St. Germain und de la Ferronnaye die Stadt St. Goar und die Feste Rheinfels, welche noch in hessischen Händen waren, am 1. Dezember überfallen. Das Unternehmen gelang vollständig. Der Kommandant, Oberst Freywald, einge- schlossen und jeder Aussicht auf Entsatz beraubt, ergab sich ohne Widerstand; die Besatzung, 530 Mann, wurde gefangen, 72 Kanonen und 35 Mörser fielen in die Hände der Franzosen. Hauptmann Deterlein dagegen, der Befehls- haber des Schlosses Katz, weigerte sich stand- haft, dem Befehle Freywalds zur Ubergabe 39 nachzukommen:»denn ein Gefangener konne ihm keine Befehle mehr erteilen«. Er verteidigte sich wacker 3 Tage lang und erhielt endlich freien Abzug für sich und seine 30 Mann, da die Franzosen sich in der rauhen Jahreszeit mit der Einschliessung des unbedeutenden Punktes keine Mühe weiter geben wollten. Es war dies die letzte kriegerische Unternehmung des Jahres 1758. II. Ereignisse der Jahre 1759— 1760. A. Vom Beginn des Feldzuges bis zur Wiederbesetzung Cassels durch die Franzosen im Juni 1759. Während die französische Hauptarmee unter Contades fast ganz auf das linke Rhein- ufer hinübergegangen war, hatte die des Prinzen Soubise ihre Winterquartiere auf dem rechten Ufer dieses Stromes zwischen Lahn und Main hauptsächlich bezogen. Die Vorposten der- selben hatten die Linie von Marburg über Giessen bis Schlüchtern an der Kinzig besetzt. Das Hauptquartier war in Hanau; am 2. Januar 1750 bemächtigte sich Soubise durch List und UÜberrumpelung der freien Reichsstadt Frank- furt und gewann so einen bedeutenden Waffen- platz zum Mittelpunkt seiner Aufstellung, wo- durch dieselbe grössere Stärke und Sicherheit gewann. Er schlug nun hier sein Hauptquartier auf und liess die Werke der Stadt ausbessern und verstärken. Diesem jetzt etwa 25 000 Mann starken französischen Heere, zu dessen Unter- stützung die Sachsen auf dem linken Lahnufer zunächst bereit waren, stand an der Eder nur das kleine Korps des Prinzen von Isenburg (etwa 8000 Mann) gegenüber. Diese Stellung Isenburgs wie das gesamte hessische Land wurden aber auch noch von Franken und Thüringen her durch Abteilungen der Reichs- armee und österreichische Truppen bedroht. Leicht konnten sich die Franzosen mit deren Unterstützung wieder zu Herren von Hessen und der oberen Weser machen und sich hier den Weg nach Hannover eröoffnen. Der Herzog dachte daher schon im No- vember 1758 daran, das Soubise’sche Heer noch während des Winters gleichfalls über den Rhein zurückzudrängen; schon im Dezember liess er beträchtliche Vorräte aus Westfalen nach Cassel schaffen und sammelte Truppen in Paderborn und dem Herzogtum Westfalen zu einem Unter- nehmen gegen den Main. Kleinere Streifzüge nach Thüringen und Franken hatten nur ein zeitweiliges Zurückgehen der Osterreicher und Reichstruppen zur Folge, die nach der Umkehr jener Streifkorps sofort wieder an den hessischen Grenzen erschienen und sich bis nördlich von Hersfeld ausbreiteten. Ferner liess die Ab- berufung Soubise's nach Paris und seine Ersetzung durch den Duc de Broglie eine gesteigerte Thätigkeit der Franzosen wahrscheinlich er- scheinen. So entschied sich der Herzog Ferdinand, die geplante Unternehmung gegen den Main auch ohne Unterstützung von seiten des Königs, die er vergeblich erbeten hatte, ins Werk zu setzen, solange am Niederrheine noch alles ruhig wäre. Er hoffte, Hessen vom Feinde vollständig zu befreien, die Franzosen in ihren Winterquartieren zu überraschen und sie wenigstens über den Main zurückzuwerfen. Glückte dies, so war Hessen voraussichtlich auf längere Zeit vor jeder feindlichen Bedrohung gesichert.. Am 23. März trafen die Truppen des Erb- prinzen von Braunschweig(der Vortrab) in Cassel ein, am 24. der Herzog von Holstein mit einer zweiten Abteilung in Niedenstein, sodass nun die ganze zu dem Zuge bestimmte Armee, etwa 28000 Mann, zwischen Cassel, Homberg und Fritzlar versammelt war. An demselben Tage langte der Herzog von Münster her in Cassel an, wo auch die Befehlshaber der 3 Heersäulen, der Erbprinz, der Herzog von Holstein und Prinz Casimir v. Isenburg sich einstellten, um persönlich von dem Oberbefehls- haber die Befehle für die nun beginnenden Bewegungen in Empfang zu nehmen. Am 24. noch brach der Erbprinz, am 25. Isenburg von Homberg und Holstein von Fritzlar aus nach Fulda auf, um welche Stadt am 30. das ganze Heer versammelt stand. Von hier aus ward der Erbprinz mit dem Vortrabe nach Franken und Thüringen entsendet, um durch Vertreibung der Osterreicher und Reichstruppen den Rücken des auf Frankfurt vordringenden Heeres sicher zu stellen. Er drang über Meiningen bis Schleusingen vor und traf am 7. April mit 2000 Gefangenen, 6 Kanonen, 6 Fahnen und 2 Standarten und vieler Beute wieder in Fulda ein. Dieser Streifzug sowie die Schwierigkeiten, welche die Heranschaffung von Cebensmitteln und Futter aus Cassel ver- ursachte, veranlassten den Herzog zu einem zehntägigen Aufenthalte. Diese Zeit benutzte der Herzog v. Broglie, um sich zum Empfange des drohenden Angriffes aufs beste vorzubereiten. Er legte seine Truppen, einschliesslich der herangezogenen Sachsen, um Hanau, Frankfurt, Friedberg und Usingen in so enge Quartiere, dass sie innerhalb 36 Stunden 40 an jedem bedrohten Punkte zur Abwehr zu- sammengezogen sein und sich dort in aus— gesuchten und zur Verteidigung vorbereiteten Stellungen aufstellen konnten. Am 11. April abends ward Broglie durch seine Vorposten von dem Anrücken des Herzogs, der am 10. von Fulda aufgebrochen war, unterrichtet; die vor- bereiteten Befehle gingen ab, und in der Nacht zum 13. trafen die letzten Truppen in der starken Stellung bei Bergen ein. So kam es, dass der Herzog, anstatt den unvorbereiteten Feindzu überraschen, denselben, über 35000 Mann stark, kampfbereit in günstiger und starker Verteidigungsstellung vorfand, als er am 13. früh von Windecken aus zum Angriffe auf Bergen schritt. Derselbe scheiterte trotz aller Tapfer- keit der Truppen und der Führer, von denen Prinz Casimir v. Isenburg, tief betrauert von dem ganzen Heere, den Heldentod fand. Der Verlust betrug 2600 Mann und 5 Geschütze; der Feind hatte sicher nicht weniger verloren, aber er hatte seine Stellung behauptet, und die Offensive des Herzogs war zum Stillstande ge— kommen. Zur Sicherung der bedeutenden Magazine in Cassel waren daselbst 2 Bataillone hessischer Landmiliz, in Fritzlar 2 Schwadronen Miittit- zurückgeblieben, während General v. Hardenberg mit einer kleinen Abteilung von 2 Bataillonen und einem Freikorps Ziegenhain besetzt hielt. Diese Massregeln erwiesen sich als nötig. Der französische Parteigänger du Blaisel mit den Volontaires de Clermont-Prince, de Flandres und dem Husaren-KRegimente Turpin war von der Armee am Niederrhein abgesandt worden, um ins Niederhessische zu streifen. Am 30. Mär⸗ brach er von Siegen auf und ging über Bieden- kopf und Frankenberg gegen Fritzlar vor. UÜberall liess er Lebensmittel für ein ihm an- geblich folgendes Korps von 25000 Mann aus- schreiben und verlangte brieflich von der Stadt Cassel die Zahlung von 100000 Thalern, im Weigerungsfalle drohte er, alles mit Feuer und Schwert zu verwüsten. Der Schrecken, den er verbreitete, war nicht gering. Das Weinberg- (Frankfurter) Thor der damaligen Befestigung der Ober-Neustadt wurde geschlossen und blieb 3 Wochen lang gesperrt, Feldwachen wurden ausgestellt. Am 8. April wurde das Futter- Magazin von Fritzlar nach Cassel geschafft. Die Besorgnisse waren jedoch unnôtig. Du Blaisel kam nicht über Wildungen hinaus, wendete sich von hier südlich ins Schwalmthal und hatte da ein nachteiliges Gefecht mit dem General v. Hardenberg, worauf er nach Marburg zu- rückging. Am Tage nach der Schlacht bei Bergen stiess der Graf v. St. Germain mit einem aus- gesuchten Korps von 10000 Mann zu Broglie; dazu kam die Kunde von dem Wiedervordringen der durch den Erbprinzen verscheuchten Oster- reicher und Reichsvölker über Königshofen und Schmalkalden gegen Fulda: dies alles bestimmte den Herzog, sein Heer über Friedberg und Grüningen nach Ziegenhain zurückzuführen. Broglie dachte nicht daran, den erlangten Vor- teil durch eine Verfolgung auszunützen; er legte 25 000 Mann in der Wetterau in Kuhequartiere, 18 000 Mann unter Beaufremont nahmen Stellung bei Neuwied; das Heer Contades', 64 000 Mann, stand am Niederrhein von Cöln bis zur hol- ländischen Grenze. In der Erwartung, dass dieses wie in den vorigen Jahren in Westfalen einbrechen würde, gab der Herzog am 16. Mai seine Stellung bei Ziegenhain auf und marschierte über Wabern und Stadtberge an die Lippe; 16000 Mann unter General v. Imhof blieben bei Fritzlar hinter der Eder zum Schutze Nieder- hessens zurück. Contades indes, 17 000 Mann unter Armentières bei Wesel zu einer Unter- nehmung gegen Münster zurücklassend, verliess Düsseldorf am 22. Mai und erreichte über Hachenburg(25. Mai) das Lahnthal bei Giessen, wo er sich am 2. Juni mit Broglie vereinigte; er verfügte hier, nach Abzug der notwendigen Besatzungen, immer noch über mehr als 80 000 Mann. Dem Herzoge v. Broglie, der für seinen Erfolg von Bergen zum Marschall von Frank- 41 reich ernannt worden war, übertrug er den Be- fehl über den rechten Flügel, das sogenannte Reservekorps. Am 3. Juni marschierte er mit seiner Hauptmacht auf Marburg und erreichte über Frankenberg und Sachsenberg am 10. Juni Corbach, während Broglie über Homberg a. d. Ohm und Treysa gegen Fritzlar vordrang. Solchem Andrange weichend, musste Imhof die Eder aufgeben. Am 7. sandte er seine schwere Artillerie, die Pontons und das Gepäck unter Bedeckung des Bataillons Bückeburg über Gudensberg nach Cassel und gab Befehl, mit dem Leeren der Magazine hier und in Münden zu beginnen. Um Mitternacht brach das ganze Korps, nachdem eine durch General v. Gilsa gegen die Schwalm bei Borken hin ansgeführte Erkundung die Gewissheit von dem Anmarsche bedeutender feindlicher Streitkräfte verschafft hatte, aus dem Lager bei Nieder- Möllrich nach Cassel auf, wo es am 8. früh 9 Uhr anlangte. An eine Verteidigung des Platzes konnte ebensowenig wie im vorigen Jahre ge- dacht werden; die beiden Landbataillone Frey- wald und Wurmb, welche die Besatzung bildeten, waren bereits nach Paderborn hin abgezogen. Noch am Abend des 8. Juni ging Imhof mit dem Hauptteile seines Korps nach Ober-Vellmar zurück, am 9. über Ober-Meiser nach Warburg und stiess am I1. bei Büren zur Armee des Herzogs. Bei Cassel liess er den General v. Post mit den Bataillonen Post, Fersen und Marschall, dem Dragoner-Regimente Dachenhausen und dem Scharfschützen-Bataillone des Majors von Stockhausen, im ganzen 3000 Mann(lauter Hannoveranern) und befahl ihm, vor der feind- lichen UÜbermacht über Münden und Göôttingen nõtigenfalls bis nach Hameln zurückzugehen. General v. Post, bei welchem sich auch der bisherige Gouverneur von Cassel, der braun- schweigische General v. Zastrow, befand, liess seine Truppen auf dem Kratzenberge ein Lager beziehen; die Scharfschützen Stockhausens be- setzten Ober- und Nieder-Zwehren. Am Vor- 6 mittage des 10. zeigten sich die ersten leichten Truppen des Feindes vor diesen Dörfern, und es entspann sich ein Gefecht, in welchem die Franzosen zurückgeworfen worden; und als noch einige Abteilungen der am Kratzenberge auf- gestellten Truppen auf das rechte Fuldaufer hinübergingen und den Fluss aufwärts vor- rückten, wich der Feind vollständig. Erst am Abende gegen 8 Uhr drang der beträchtlich verstärkte Feind aufs neue gegen jene Dörfer vor, wurde indes abermals durch das sichere und ruhige Feuer der Scharfschützen blutig ab- gewiesen und vermochte nicht den geringsten Erfolg zu erringen. Stockhausens Schützen thaten, wie Herzog Ferdinand selbst schreibt, Wunder der Tapferkeit und brachten dem Feinde erheblichen Verlust bei. Als jedoch die Nach- richt von dem Anmarsche der ganzen Armee- abteilung Broglie's sich bestätigte, zogen Post und Zastrow um Mitternacht über Münden nach Einbeck ab.. Am Morgen des nächsten Tages, des I1. Juni, erschien Broglie mit seinem Gewalt- haufen vor Cassel und hielt um 10 Uhr vor- mittags seinen Einzug. Ein Regiment Schweizer blieb zur Besatzung, der Vortrab marschierte sofort weiter nach Münden, wo, wie in Cassel, noch beträchtliche Magazinvorräte, die nicht mehr hatten fortgebracht werden können, er- beutet wurden. So war Cassel zum dritten Male in die Hände des Feindes gefallen, und sofort begannen wieder die alten Forderungen von Geld. Dem Lande wurde eine Kriegssteuer von 2 Millionen Thalern auferlegt, die auf die Amter verteilt und in drei Raten bis zum 25. Juli bezahlt werden sollte. Ausserdem mussten noch 6000 Sack Weizen und 3000 Sack Korn, allerdings gegen Bezahlung von seiten der Landesregierung, geliefert werden. 42 B. Von der Besetzung Cassels durch die Franzosen bis zum Ende des Feldzuges von 1759. Uber zwei Monate blieben nun die Fran- zosen unbestrittene Herren im Hessenlande. Nur an der Werra und Weser kam es zu Ge- fechten mit den im Solling eingenisteten Partei- gängern der Verbündeten, die von da aus ge- schickte und glückliche Streifzüge unternahmen. Besondere Erwähnung verdienen die kühnen Überfälle des Oberst-Lieutenants Freytag auf Hemeln und Bursfelde am 5. Juli, wobei die Volontaires d'Alsace fast vernichtet wurden, und der gleichfalls erfolgreiche Handstreich auf Witzenhausen am 8. Juli. Herzog Ferdinand musste vor dem Drängen des übermächtigen Feindes bis hinter Preuss.- Minden zurückweichen, erst hier gelang es ihm, den feindlichen Vormarsch zum Stehen zu bringen. Am I. August erfocht er mit seinem 40 700 Mann starken Heere über Contades und Broglie, die 50 700 Mann stark waren, den herrlichen Sieg bei Minden und Todtenhausen, während gleichzeitig der Erbprinz bei Gohfeld den franzõsischen General Brissac gänzlich schlug. Die Folgen dieser verlustvollen Niederlage (über 7000, nach anderen glaubwürdigen An- gaben 11— 12 000 Mann und 48 Geschütze) war das eilige Zurückweichen der französischen Hauptarmee auf Cassel. Oberhalb Minden über- schritt Contades noch am Abende des Schlacht- tages auf 2 Schiffbrücken, die Reiterei mit Be- nutzung von Furten, die Weser und ging auf das rechte Ufer des Stromes hinüber. Am 3. August erreichte er Hessisch-Oldendorf, und zog dann eilig unter Sengen und Brennen, von dem Erbprinzen von Braunschweig verfolgt, der ihm mehrere blutige Nachhutsgefechte lieferte, über Einbeck, Moringen, Dransfeld nach Münden und Witzenhausen, wo die Haupt- masse am O. und 10. August über die Werra zurückging; bei Lutternberg wurde ein Lager bezogen. Am I1. verlegte Contades sein Haupt- quartier nach Cassel und sammelte seine Armee unter Heranziehung aller entsandten Abteilungen um diese Stadt, die das einzige Magazin enthielt, auf das er mit Ausnahme von Marburg sich stützen konnte. Herzog Ferdinand war von dem Schlacht- felde von Minden aus auf dem linken Ufer der Weser nach Süden über Gohfeld, Herford, Paderborn und Dahlem auf Stadtberge(12. August) vorgerückt, um sich dieses wichtigen Diemel- UÜberganges zu bemächtigen. Wider Erwarten fand man ihn vom Feinde geräumt; am 13. über- schritt die Armee die Diemel und lagerte bei Erlinghausen; der Erbprinz war auf Befehl des Herzogs bei Herstelle auf das linke Ufer der Weser hinübergegangen, erreichte den 14. War- burg und ging am 16. bis Volkmarsen vor, bei welchem Orte Luckners Husaren ein glück- liches Gefecht mit dem Freikorps Chabo be- standen. So hatte der Herzog alle seine Kräfte, 50000 Mann, an der Twiste zwischen Volk- marsen und Corbach vereinigt uud gedachte nun Contades aus Cassel und dessen Umgebung zu vertreiben. Dieser hatte durch Heranziehung der entsandten und zurückgelassenen Ab- teilungen aus Westfalen wieder die Stärke von 70000 Mann erreicht und nahm folgende Stellungen ein: die Hauptmasse hatte ein festes Lager bei Nieder-Zwehren bezogen, General St. Germain hielt die Hôhen von Lutternberg besetzt, Broglie stand an der Strasse nach Warburg bei Ober-Vellmar, Armentières an der Strasse nach Stadtberge bei Wolfhagen und hatte gegen Volkmarsen, Freienhagen und Sachsenhausen starke Abteilungen vorgeschoben. Um nun den Marschall Contades zur Auf- gabe von Cassel zu bewegen, beschloss der Herzog, ihn für Marburg und seine Ver- bindungen mit dem Rheine besorgt zu machen. Dazu sollte ihm ein Angriff auf das Korps Armentières dienen, das den linken Flügel der 43 französischen Armee deckte und die Strasse nach Fritzlar und Marburg sicherte. Am 17. ging die ganze Armee zum Angriffe auf Armentières vor; dieser aber hatte schon in der Nacht seine Stellungen zum grössten Teile verlassen; nur bei Naumburg kam es zum Gefechte. Dieser Ort war von dem Bataillon Narbonne, das zu der Brigade der königlichen Grenadiere gehörte, besetzt; stärkere Ab- teilungen standen im Lager auf den Hôhen östlich davon. Der Herzog von Holstein kam von Corbach heran und vertrieb die feind- lichen Vorposten aus Höringhausen und Sachsen- hausen. Die tapfere hessische Reiterei unter General v. Urff, die schwarzen und braunen preussischen Husaren warfen durch einen raschen Angriff die feindlichen Abteilungen vor dem Städtchen über den Haufen; die Artillerie er- öffnete ein Geschützfeuer auf die Thore, und die eingeschüchterte Besatzung, welche in ihrer Bestürzung sogar ein Thor zu schliessen ver- gessen hatte, streckte die Waffen. 342 Mann wurden gefangen, 2 Fahnen erbeutet; an Toten verloren die Franzosen 50 Mann, an Ver- wundeten 51(der tapfere Urff hatte mit eigener Hand 8 Grenadiere niedergehauen), während die Sieger nur 15 Mann einbüssten. Der General v. Armentières wandte sich, ohne es auf einen Kampf ankommen zu lassen, mit seinem Korps nach Kirchberg an der Ems, wo sich am 18. Broglie mit ihm vereinigte. An demselben Tage früh 5 Uhr verliess Contades sein Lager bei Zwehren und ging auf das rechte Ufer der Eder nach Zennern zurück; trotz seiner UÜberlegenheit wagte er nicht, es auf eine Schlacht ankommen zu lassen. In Cassel war eine Besatzung von 400 Mann unter dem Brigadier Villeterque zurückgeblieben, 8 Ab- teilungen verschiedener Regimenter von je 2 Offizieren und 50 Mann. Diese war natürlich viel zu schwach, um an eine ernstliche Ver- teidigung denken zu können. Villeterque liess die Thore schliessen und zog sich in das Schloss zurück; die beiden Zugbrücken desselben nach 6* der Stadt und nach der Rennbahn hin wurden abgeworfen. Noch am Abend des 18. erschien Major Friedrichs mit 2 Kompagnien hessischer Jäger am Siechenhofe vor dem Leipziger Thore. Villeterque wollte sogleich die Stadt übergeben; da er aber freien Abzug zum Hauptheere ver- langte, brach Friedrichs die Unterhandlungen ab. Es entspann sich ein lebhaftes Feuer- gefecht, das bis in die Nacht hinein dauerte. Am Morgen des 19. um 7 Uhr, als Major Friedrichs eben im Begriffe war, das Thor mit Gewalt wegnehmen zu lassen und schon einige Kanonenschüsse gegen dasselbe gefallen waren, erschien ein Offizier mit einem Trommler und verlangte aufs neue zu unterhandeln. Um Uhr war die Kapitulation abgeschlossen: die Stadt wurde mit allen Vorräten übergeben, die Be- satzung und die in den Lazaretten liegenden Kranken und Verwundeten wurden kriegs- gefangen. Sie sollten in Cassel oder einem anderen Orte Hessens so lange bleiben, bis Herzog Ferdinand sie zur französischen Armee zurücksenden oder auswechseln würde; Offi- ziere, Beamte und Soldaten sollten ihres Eigen- tums sicher sein. Kurz vor Abschluss des Vertrages war auch Oberst-Lieutenant v. Freytag mit einer stärkeren Abteilung eingetroffen. Um 12 Uhr fand der Ausmarsch der Besatzung mit allen kriegerischen Ehren statt; auf der Esplanade (dem Friedrichsplatze) legte sie die Waffen nieder und wurde dann in die Kasernen zurückgeführt; in den Lazaretten befanden sich etwa 20 Offiziere und 15— 1600 Mann. Das Magazin, welches 40000 Sack Mehl, viel Weizen, Roggen, Hafer, Heu und Stroh enthielt, wurde sogleich mit einer Wache besetzt, da sonst alles gestohlen worden wäre. Das Mehl wurde versteigert, die kleinen Vorräte in den Bäckereien aber den Armen unentgeltlich überlassen. Am 20. rückte Oberst- Lieutenant v. Stockhausen mit seinem Scharf- schützen-Bataillon und einer Kompagnie hes- sischer Jäger als Besatzung ein, er wurde indes schon am folgenden Tage durch eine Abteilung 44 hessischer Landmiliz abgelöst und ging nach Melsungen weiter. So war Cassel wiederum vom Feinde be- freit und blieb fast ein ganzes Jahr von seinen Bedrückungen verschont. Als Geiseln für die Bezahlung des Restes der im Juni auferlegten Brandschatzung hatten die Franzosen allerdings auch diesmal 5 Bürger aus Cassel und 11 vom Lande mit sich geführt. Herzog Ferdinand war über Corbach und Frankenberg dem weichenden Feinde bis Münch- hausen nachgerückt; Contades nahm hinter der Ohm, Broglie hinter der Lahn oberhalb Mar- burg Stellung. Hier langte von Paris aus am 24. August der Sieger von Hastenbeck, der Marschall d'Estrées, als Berater Contades an; doch er vermochte nicht zu verhindern, dass Anfang September der Kückzug hinter die Lahn nach Wetzlar und Giessen angetreten werden musste. Der Herzog folgte und bezog ein Lager bei Croffdorf, das er über 3 ½ Monat behauptete. Erst Anfang Januar 1760 ging er vor dem immer mehr anwachsenden, fast doppelt so starken Gegner, an dessen Spitze nach Contades' Abberufung der Herzog v. Broglie getreten war, wieder bis Marburg zurück und legte die Truppen in der Umgebung dieser Stadt in die wohl verdienten Winterquartiere. Ein gleiches that Mitte dieses Monats der Feind. 0. Das Jahr 1760. Nach der Wiedereinnahme durch die Ver- bündeten am 19. August 1759 genoss die Stadt Cassel fast ein volles Jahr der Ruhe. Allein es war beständig stark mit Truppen besetzt, deren Einquartierung bei den Bürgern zu manchen Misshelligkeiten führte; indes war es aber immer noch besser als den Feind beherbergen zu müssen. Am 22. Januar 1760 kam Herzog Ferdinand selbst auf einige Tage hier an und gab am 24. zu Ehren des Geburtstages Friedrichs des Grossen ein glänzendes Fest. Wenige Tage später kam die Nachricht, dass Landgraf Wilhelm VIII. am 1. Februar, fast 78 Jahre alt, zu Rinteln gestorben sei. Er hatte seine Haupt- stadt lebend nicht mehr wiedersehen sollen. Seine Leiche wurde am 6. nach Cassel über- geführt, vom 23. bis 27. auf dem Paradebette ausgestellt und am 2. März in aller Stille vor- läufig beigesetzt. Am 4. März verlegte der neue Landgraf Friedrich II. seinen Aufenthalt von Wilhelmsthal nach Cassel; er wohnte jedoch der feierlichen Beisetzung seines Vaters in der Martinskirche nicht bei, die am 17. April mit grosser Pracht vollzogen wurde. Dem Bündnisse mit England und Preussen blieb Landgraf Friedrich II. treu, und seine tapferen Truppen fuhren fort, an der Seite der Hannoveraner und Engländer gegen die Fran- zosen zu streiten. Auf Befehl des Landgrafen wurde mit einer Verstärkung der die Stadt umgebenden Werke begonnen und namentlich die Befestigungen der Ober-Neustadt vermehrt; doch wurden die Arbeiten nicht vollendet, und die Verteidigungsfähigkeit des Platzes blieb höchst mangelhaft. Auch die Füllung der Magazine ging sehr langsam von statten, da das Land zu ausgesogen war. Die Operationen der Hauptheere konnten bei dem Mangel an Futter in Hessen und Westpfalen erst beginnen, als es wieder Grün- futter auf den Feldern gab. Bis dahin standen sich die Heere fast unbeweglich gegenüber. Das Hauptkorps der Verbündeten unter Herzog Ferdinand selbst war bei Wabern und Fritzlar (38000 Mann); General v. Imhoff mit 13000 Mann zur Verteidigung der Ohm-Linie bei Kirchhain, General v. Gilsa mit 12000 Mann zur Deckung des linken Flügels bei Hersfeld, und General v. Spörcken mit 24000 Mann bei Mürster, Lünen und Lippstadt zum Schutze von West- falen. Diesen gegenüber sammelten sich die Franzosen um die Mitte des Juni in folgenden Stellungen: rechts zwischen Fulda und Ulrich- stein, der Prinz Xaver(Graf v. d. Lausitz) (20000 Mann); die Hauptarmee unter Broglie (8 0000 Mann) zwischen dem Vogelsberge und Wetzlar; am Niederrheine St. Germain(30000 Mann). Bei solcher Uberlegenheit des Feindes waren die Verbündeten auf die Verteidigung angewiesen. Broglie vereinigte sein Heer am 22. Juni um Grünberg und begann den Vor- marsch gegen die Ohm, welche der Erbprinz von Braunschweig mit den Truppen Imhofs und Gilsa's, die er selbst von Hersfeld heran- geführt hatte, nicht zu halten vermochte; Herzog Ferdinand langte am Morgen des 25. von Fritzlar bei Neustadt an, kam aber zu spät, da der Feind schon am 24. bei Homberg und Nieder-Uffleben den Fluss überschritten hatte. Als sich der Herzog durch eine Erkundung von der Stärke Broglie's überzeugt und dessen Stellung sehr günstig gefunden hatte, gab er den Gedanken an eine Angriffsschlacht auf und führte sein Heer am 26. nach Treysa und Ziegenhain zurück; Broglie folgte am 27. bis Neustadt nach. Statt den Herzog aber anzugreifen, beschloss er, St. Germain aus Westfalen heranzuziehen, sich mit ihm bei Corbach zu vereinigen und durch Umgehung der rechten Flanke den Herzog zu weiterem Rückzuge zu zwingen. Am 8. Juli marschierte er von Neustadt nach Frankenberg an der Eder, am 9. weiter gegen Corbach, wo am 10. die Vereinigung mit St. Germain erfolgte, nachdem der Erbprinz, welcher St. Germain allein anzutreffen hoffte, eine Schlappe erlitten hatte. Herzog Ferdinand war am 8. von Ziegenhain und Treysa aufgebrochen, erreichte am 9. Wildungen und nahm am 10. Aufstellung zwischen Höringhausen und Sachsenhausen auf der Strasse von Corbach nach Cassel. Hier ver- einigte sich am 13. Spörcken, der am 10. Hamm verlassen hatte, über Stadtberge und Landau kommend, mit ihm, glücklich der Gefahr einer Niederlage entgehend, da Broglie unthätig bei Corbach zwischen Berndorf und Marienhagen stehen blieb. Ein schöner Vorteil, den der Erbprinz am 16. Juli bei Emsdorf über eine feindliche Ab- teilung davontrug, vermochte die bedrohte Lage der Verbündeten nicht zu verbessern. Am 24. liess Broglie die Stellung bei Sachsenhausen leicht, die Stellung Spörckens bei Volkmarsen aber ernstlich mit beträchtlicher Ubermacht an- greifen, und wenn letzterer auch durch die mangelhafte Ausführung des feindlichen Angriffs vor einer Niederlage bewahrt blieb, so sah sich der Herzog doch veranlasst, am 25. bis Wolf- hagen und Ippinghausen zurückzugehen. Broglie rückte an diesem Tage bis Freienhagen, am nächsten Tage bis an die Warme heran, nach- dem die Verbündeten über Zierenberg in die Gegend von Cassel zurückgewichen waren: Spörcken stand bei West-Uffeln, Scheither bei Liebenau, der Herzog bei Hohenkirchen und Frommershausen, Kielmannsegge auf dem Kratzenberge. Durch die letzten Bewegungen Broglie's war Herzog Ferdinand in die Notwendigkeit versetzt worden, sich entweder in dem Winkel zwischen Weser und Diemel in einen nach- teiligen Kampf einzulassen oder Cassel und Hessen aufzugeben und sich über die Diemel nach Westfalen zurückzuziehen. Der Entschluss ward dem Herzoge schwer. doch, um Westfalen, dessen Festungen und Magazine zu retten, mussten Cassel und Hessen geopfert werden. Am 27. nahm die verbündete Armee ihr Lager bei Calden; der Erbprinz stand bei Ober-Vellmar, Kielmannsegge bei Cassel, General v. Bisch- hausen mit 2 hessischen Regimentern bei Weissenstein(Wilhelmshöhe), um die Ausgänge des Habichtswaldes zu beobachten. Broglie hatte vom Dornberge aus die Bewegung des Herzogs gegen die Diemel bemerkt, und um demselben den Weg nach Westfalen zu ver- legen, entsandte er den Chevalier du Muy, den Nachfolger des mit dem Hofe zerfallenen Grafen v. St. Germain, auf dem weiten Umwege über 46 Stadtberge nach Warburg, während sein rechter Flügel, die Sachsen unter Prinz Xaver von Naumburg am 28. bis Breitenbach vorging und die Vortruppen desselben Altenbaune und Kirchbaune erreichten. Broglie beschloss nun, den Herzog in seiner Stellung bei Calden anzugreifen; am 30. musste Prinz Xaver nach Wilhelmshôhe vorrücken, du Muy traf in Warburg ein, und Broglie bestimmte den 31. Juli zur Entscheidungs- schlacht. Doch der Herzog hatte bereits am 29. Spörcken bei Liebenau über die Diemel gehen lassen und marschierte selbst am 3o. abends von Calden rechts ab, überschritt am 31. früh um 3 Uhr diesen Fluss, griff das allein- stehende Corps du Muy bei Warburg an und schlug ihn gänzlich. Westfalen war damit ge- rettet. Als nun Broglie am 31. gegen die bisherige Stellung des Herzogs vorrückte, fand er dieselbe verlassen; Unterstützungen, die er von Volkmarsen nach Warburg abrücken liess, kamen zu spät— du Muy war bereits ge- schlagen; allein Cassel fiel an diesem Tage in die Hände der Feinde. Am 30. morgens war Prinz Xaver über Hoof vorgegangen; die Truppen Bischhausens wurden vom Karlsberge hinabgedrängt, auch Luckner gezwungen, von Niederzwehren auf Cassel zurückzugehen, und am V ormittage entspann sich ein lebhafter Geschützkampf zwischen den sächsischen Batterien bei Wilhelms- höhe und dem verschanzten Lager auf dem Kratzenberge. Kielmannsegge, der im ganzen über 12 Bataillone und 6 Schwadronen ver- fügte, hatte den bestimmten Befehl des Herzogs, sich, wenn er von überlegenen Kräften an- gegriffen würde, über Sandershausen nach Münden hinter die Werra zurückzuziehen, ohne durch hartnäckige Verteidigung Cassels seine Abteilung in Gefahr zu bringen. Am 31. Juli um 11 Uhr vormittags liess Prinz Xaver sein Fussvolk durch Kirchditmold, Wahlershausen und Wehlheiden zum Angriffe auf den Kratzen- berg vorgehen, während seine Artillerie auf dem Langenfelde auffuhr und ihr Feuer gegen die Schanzen eröffnete. Der Widerstand, den die Verbündeten leisteten, war ein ziemlich hartnäckiger; als aber eine Abteilung, die Volontaires du Hainaut und d'Austrasie, die Fulda bei der Neuen Mühle zu überschreiten suchte, trat Kielmannsegge um 12 ½ Uhr seinen Rückzug durch Cassel auf Sandershausen an, gedeckt von dem hessischen Regimente Prinz Karl mit 4 Regimentsgeschützen. Dieses ver- schloss die Thore, überschritt die Fulda, zog durch die Unter-Neustadt aufden Forst und wies hier einen Angriff der bei der Neuen Mühle über- gegangenen Reiterei ab. Eine andere feindliche Abteilung wurde bei Waldau durch Luckner mit seinen Husaren und einem Teile der preussischen schwarzen Husaren in die Söhre zurückgetrieben. So konnte Kieselmannsegge unbehindert seinen Rückzug über Sandershausen und Lutternberg nach Münden fortsetzen; die Nachhut folgte über Heiligenrode nach. Durch das Geschütz- feuer war Broglie’'s Aufmerksamkeit nach dieser Richtung gelenkt worden; aber die von ihm entsandten Truppenabteilungen kamen zu spät, um den abziehenden Gegnern noch etwas an- haben zu können. In Cassel war nur 1 Offizier mit 50 Mann zurückgelassen worden, um die Kapitu- lation abzuschliessen; um 2 Uhr nachmittags zog Prinz Xaver mit den Sachsen ein. Die Verluste an Toten und Verwundeten in den Gefechten dieses Tages können auf beiden Seiten nicht bedeutend gewesen sein; an Ge- fangenen fielen den Feinden im Lager 100 Mann in die Hände, die sich allmählig durch auf- gegriffene Nachzügler bis auf 500 vermehrten; in den Lazaretten lagen 50 Offiziere und 800 Mann verwundet und krank. An Geschützen fanden die Franzosen in dem verschanzten Lager 18 Stück, in der Stadt 12 bronzene, 13 eiserne Kanonen und 1 Haubitze; dieselben waren indes vernagelt und auf andere Weise unbrauchbar gemacht worden. Auch 600 Pferde und etwas Bagage wurden ihre Beute, vor 47 allen aber ein bedeutendes Magazin mit Mehl, Korn, Futter und eine Menge Munition. In Münden versuchte Kielmannsegge ver- geblich sich gegen den Prinzen Xaver zu halten. Nach zweistündigem lebhaften Kampfe erstürmten die Sachsen am 1. August die Mauern der Stadt und zwangen die Verbündeten zum Abzuge. Uber 300 Gefangene, 2 Kanonen, beträchtliche Magazine und Munitionsvorräte nebst 5 mit 1200 Centner Pulver beladenen Schiffen, die bei Kragenhof lagen, fielen in ihre Hände. Am 3. August wurde auch Göttingen genommen; die Stadt blieb stark besetzt, wurde befestigt und ward über zwei Jahre von den Franzosen behauptet. Mit dem Verluste von Cassel war zugleich Hessen für die Verbündeten verloren gegangen. Broglie nahm mit seiner Haupt-Armee am 2. August eine Stellung bei Ober-Listingen gegen die Diemel, und dieser Fluss blieb für den ganzen Rest des Feldzuges die Grenzscheide der beiden Heere. Es kam nur noch zu unbe- deutenden Zusammenstössen, wie am 10. August im Reinhards-Walde bei Sababurg, am 6. Sep- tember bei Zierenberg, in denen die Verbün- deten trotz ihrer Minderzahl die Angreifer und die Sieger waren: die Hauptheere beobachteten sich nur, ohne irgend etwas Entscheidendes gegen einander zu unternehmen. Später, als das Land zwischen Fulda und Diemel ausfou- ragiert war, zog sich Broglie näher an Cassel bis Immenhausen, endlich in ein verschanztes Lager zwischen Cassel und Wilhelmshôhe, dessen Werke ebenso wie die Befestigungen der Stadt beständig vermehrt und verstärkt wurden. Herzog Ferdinand sah sich auch ausser Stande, gegen den Feind an dieser Stelle einen entscheidenden Schlag zu thun; und so ging der Feldzug thatlos zu Ende. Anmerkung: Wegen Mangels an Raum konnte Ab- schnitt III:„Die Belagerung von Cassel im Jahre 1761“ nicht mehr zum Druck gegeben werden. Dieselbe wird den Inhalt der Beilage zum nächsten Jahresberichte(1896/97) bilden. cGNLCERA;