eeSehle9ne l 9ef- L 2s-dL,ehdeleen Kriegerische Ereignisse in der Umgebung Von C(assel. 8 Die Kämpfe an der Mündener Strasse im Jahre 17588. ( 4 Von 5 . Dr. Johannes Pohler, Oberlehrer. 5 .Se Beilage zum Jahresberichte der Neuen Realschule zu Cassel Ostern 1805. Druck von L. D 611.— 1895. S . 2 8 454 443ie. e Cassel. N 3 3 3 8 9 SeSSN NSSdeSSe es ⸗ SSe SSeSSes Se. Sdes SNeSe-Jdeses deSeSee ede dee 18095 Progr. Nr. 425. * mgebung von Cassel. I. Die Kämpfe an der Mündener Strasse im Jahre 1758. Von Oberlehrer Dr. Johannes Pohler. Die nachfolgenden Schilderungen der wichtigsten kriegerischen Ereignisse aus der Geschichte Cassels und seiner Umgebung sollen als eine Ergänzung zur Heimatskunde dienen. Kriegsereignisse prägen sich lebhafter und tiefer dem Gedächtnisse ein als andere, sie erwecken regeren Anteil als z. B. rein politische; an tapferen Thaten der Vorfahren erheben und stärken sich die Seelen der Nachkommen zu gleichem Heldenmute und gleicher Selbstver- leugnung. Die Kämpfe im offenen Felde, welche sich in der Nähe unserer Stadt abgespielt haben, die Belagerungen und Angriffe, denen sie ausgesetzt gewesen ist, sind zwar nicht von weltgeschicht- licher Bedeutung, für die Geschicke unseres engeren Vaterlandes aber doch von hervor- ragender Wichtigkeit gewesen. Von den älteren Zeiten können wir absehen; auch in den grauenvollen Jahren des dreissig- jährigen Krieges ist unsere Stadt, obwohl feind- liche Heerscharen in der Nähe vorüberzogen und Lager schlugen, nicht das Ziel feindlicher Anfälle gewesen. Die kriegerischen Ereignisse von grösserer Bedeutung, deren Behandlung in Aussicht genommen ist, gehören dem sieben- jährigen Kriege und der napoleonischen Zeit an. Es sind dies die Kämpfe an der Mündener (Hannòverschen) Strasse bei Sandershausen und Lutternberg im Jahre 1758, die Belagerung von Cassel 1761, die Schlacht bei Wilhelmsthal, das Treffen bei Lutternberg und die zweite Belagerung von Cassel 1762 und endlich der Angriff Tschernitschews im September 1813. A. Der Feldzug in Hessen bis zum Treffen von Sandershausen im Jahre 1758. In dem grossen siebenjährigen Kriege stand Landgraf Wilhelm VIII. auf der Seite Friedrichs II. und Englands. Seine tapferen Truppen gehôrten zu der in englischem Solde stehenden soge- nannten»alliierten Armee«, welche sich ausserdem aus hannôverschen, preussischen, englischen braunschweigischen, lippe-bückeburgischen und sachsen-gothaischen Truppen zusammensetzte. Dieser fiel die Aufgabe zu, den grossen König, der an der Elbe und Oder gegen die Oster- reicher, Russen, Reichsvölker und Schweden stritt, vor einem unmittelbaren Angriffe der Franzosen zu sichern; das hat sie im grossen und ganzen vermocht und dadurch dem Könige seine Erfolge auf dem östlichen Kriegsschau- platze nicht selten ermõglicht und erhöht. Im Anfange des Krieges freilich liessen sich hier im Westen die Dinge schlecht genug an. Der bei Hastenbeck am 26. Juli 1757 von den Franzosen geschlagene unfähige Oberbe- fehlshaber der alliierten Armee, der Herzog von Cumberland, schloss am 8. September die schmachvolle Convention von Kloster Zeven, durch welche dieses Heer aus dem Kampfe aus- schied. Zum Glück für Friedrich verhielt sich der franzõsische Oberfeldherr, Herzog von Riche- lieu, vollkommen unthätig; er blieb unbeweglich in Hannover und Hessen stehen, nur auf Aus- saugung und Bedrückung dieser Lande bedacht. Doch bald änderten sich die Verhältnisse zu 1 Gunsten des Königs vollständig. Die Be- drückungen der französischen Armee in den eroberten Ländern, der Ausgang der Rossbacher Schlacht und die Erkenntnis, dass es im wohl- verstandenen Interesse seiner selbst und seiner Staaten läge, sein Schicksal nicht von dem Kônig Friedrichs zu trennen, der das Bündnis mit England dem französischen vorgezogen hatte, bewogen den Kônig Georg II. von England (zugleich Kurfürsten von Hannover), jene Conven- tion von Kloster Zeven nach zehnwöchentlicher Dauer für ungültig zu erklären. Der Herzog Ferdinand von Braunschweig erhielt den Ober- befehl der alliierten Armee; er benutzte meister- haft die Zerstreuung des französischen Heeres zu einem Uberfall. Von Stade aus drang er in 18 Tagen bis Celle vor, wo Richelieu einen Teil seines Heeres versammelte. Hier blieben beide Heere 1I Tage einander gegenüber bis zum 24. Dezember stehen, in der folgenden Nacht brachen die Alliierten auf und bezogen die Winterquartiere weiter rückwärts in der Gegend von Ulzen und Lüneburg. RKichelieu folgte diesem Beispiele und bezog die seinigen am linken Ufer der Aller zwischen Ocker und Leine. Die bei Rossbach geschlagene Armee des Prinzen von Soubise war nach dieser Schlacht unter Richelieu's Oberbefehl getreten; auf seine Anordnung verliess sie ihre Standquartiere im Fuldaschen und Hanauschen und besetzte Hessen, das wieder schwere Brandschatzungen aufzubringen hatte; Soubise selbst traf am 13. Dezember in Cassel ein und schob seine Truppen über Münden bis Gôttingen vor. So war die Lage gegen Ende Dezember; doch lange dauerte die Ruhe nicht. Der Herzog von Richelieu legte das Kommando nieder, und am 14. Februar 1758 trat der Graf von Clermont an die Spitze des französischen Heeres. Derselbe war zwar ein Geistlicher, aber königlicher Prinz, und alle Welt staunte gleichmässig über seine Berufung. Er war vollständig ungeeignet und unfähig zum Heeresbefehl und bei dem trostlosen Zu- stande, in dem er die durch Mangel an Manns- zucht, ungenügende Verpflegung und Krank- heiten zerrüttete Armee vorfand, von vornherein von der Unmõglichkeit eines Erfolges so überzeugt, dass er um Enthebung vom Oberbefehle bat; doch willfahrte man ihm nicht. Ferdinand von Braunschweig, dem diese Verhältnisse wohl bekannt waren, beschloss sie zu benutzen. Am 18. Februar brach er aus den Winterquartieren auf und eröffnete den Feldzug. Binnen wenigen Wochen waren die Franzosen aus Hannover und Westfalen vertrieben, alle Eroberungen des glücklichen vorjährigen Feldzuges gaben sie preis; Nienburg, Minden, Hameln, Tausende von Gefangenen, eine Menge Geschütz und Heer- gerät fielen in Ferdinands Hand, der am 1. April in Münster sein Hauptquartier aufschlug und das Heer, dessen erschüttertes Selbstvertrauen und Siegeszuversicht nun vollständig wiederher- gestellt war, in der Umgegend neue Standquartiere beziehen liess. Die Franzosen aber wichen völlig über den Rhein zurück und legten ihre Truppen hinter diesem Strome in Quartiere. Gegen Ende Mai zog Ferdinand sein Heer im Lager bei Nottuln und Coesfeld zusammen, setzte sich dann nach dem Rheine in Bewe- gung und überschritt denselben in der Nacht vom 1. zum 2. Juni bei Lobit(Tolhuis) dicht an der holländischen Grenze. Am 23. Juni gewann er gegen Clermont die Schlacht bei Crefeld; infolge dieses Sieges fielen Roermonde und Düsseldorf in seine Hand, von denen das letztere sich am 7. Juli nach kurzem Widerstande ergab. Nun trat aber eine Wendung der Dinge ein. Clermont wurde abberufen, und der Marquis von Contades, ein kluger und erfahrener, aber etwas allzu vorsichtiger Feldherr, zum Oberbe- fehlshaber des französischen Heeres ernannt. Dieses, welches bis Côln zurückgewichen war, empfing aus Frankreich bedeutende Verstär- kungen, sodass es auf 75 000 Mann gebracht wurde und dem Heere des Herzogs Ferdinand bedeutend überlegen war. Dieser Umstand, die Bedrohung seiner Rheinbrücken durch starke französische Entsendungen und endlich das gleichzeitige Ein- dringen der Armee Soubise's in Hessen und die ernste Bedrohung Hannovers durch dieselbe be- wogen den Herzog, an den Kückzug über den Rhein zu denken, um sich der Heimat zu nähern. Nach einigen Hin- und Hermärschen zog sich die alliierte Armee, zumal da Contades jeder Ent- scheidung auswich, bei Griethausen am 9H. und 10. Xugust auf das rechte Rheinufer zurück und lagerte sich am 10. bei Coesfeld, wo am 21. die sehnlichst erwartete Verstärkung von 8500 Eng- ländern, die bei Emden gelandet waren, zu ihr stiess. Langsam folgte Contades und ging bei Wesel über den Strom, der durch Hochwasser viele Schwierigkeiten bereitete, sodass der UÜber- gang des franzôsischen Heeres erst am 19. August vollendet war. Nicht zum wenigsten hatten, wie oben er- wähnt, die Besetzung von Hessen und die Ge- fährdung von Hannover durch Soubise den Entschluss des Herzogs Ferdinand bestimmt. Die Armee Soubise's hatte seit Mitte Dezember zwischen Cassel und Gôttingen in den Winter- quartieren gelegen. Sie zählte damals 34 Batail- lone und 26 Schwadronen= II 700 Mann Fuss- volk und 2300 Reiter. Weiter rückwärts in Oberhessen und dem Stift Fulda lagen noch 13 Bataillone und 34 Schwadronen= 5000 Mann und 3000 Reiter, sodass Soubise im ganzen über 22 000 Mann verfügte. Nach dem Rückzuge der französischen Hauptarmee aus Niedersachsen und Westfalen, durch welchen der linke Flügel Soubise'’s voll- ständig entblôsst war, wich dieser bis an den lain zurück und bezog neue Winterquartiere zwischen diesem Flusse und dem Rheine; als Stützpunkt wurde Hanau besetzt gehalten, welches man durch Wiederherstellung seiner alten Befesti- gungen in einen haltbaren Waffenplatz um- wandelte. Nach dem mit dem Wiener Hofe abge- schlossenen Vertrage sollte Soubise's Armee bis auf 24 000 Mann gebracht werden und nach Böhmen marschieren, um im Vereine, mit der österreichischen und der KReichsarmee den König zu bekämpfen. Sie wurde daher durch Nach- schub verstärkt, allein durch Abgabe einiger Truppen an die Hauptarmee schmolz sie auf 30 Bataillone und 24 Schwadronen(15600 Mann zu Fuss und 2400 Reiter)= 18000 Mann. Zur Ausfüllung der so entstandenen Lücke nahm Frankreich 9 Bataillone Württemberger(7800 Mann) in Sold, die indes erst Ende Juli bei der Armee eintrafen. Die Verwendung dieser Armee in Bôhmen unterblieb jedoch aus folgenden Gründen. Einesteils wünschte das Kabinett von Versailles nicht, als blosse Hülfsmacht Oster- reichs auf dem Kriegsschauplatze im Osten auf- zutreten; auch meinte man, Osterreich wünsche hauptsächlich deshalb Soubise's Absendung nach Böhmen, um an diesem Corps Geiseln für die Vertragstreue und das Ausharren Frank- reichs in dem Kampfe zu besitzen. Noch mehr aber liessen der Rheinübergang Ferdinands und die verlorene Schlacht bei Crefeld eine weitere Verwendung dieser Kräfte auf dem westlichen Kriegsschauplatze angezeigt erscheinen, um zur Wiederherstellung des Gleichgewichtes des Kriegsglückes mitzuwirken. Es wurde daher nach erlangter Zustimmung des Wiener Hofes bestimmt, dass Soubise in das Hessische vor- dringen sollte, um durch Eroberung dieses Landes und durch eine drohende Stellung im Rücken der alliierten Armee gegen die Weser und gegen Hannover den Herzog Ferdinand zur Räumung des linken Rheinufers zu zwingen und so der be- drängten Armee Clermonts Luft zu machen. Der Aufbruch der Soubise'schen Armee war für den 22. Juni bestimmt; allein erst am 3. Juli vereinigte sich dieselbe in zwei Lagern bei Hanau und Hôchst am rechten Mainufer, um von da aus die Operationen gegen Hessen zu beginnen. Um Hessen vor neuen Bedrängnissen durch die Franzosen zu schützen und einem Vordringen derselben in seinem Rücken möglichst entgegen- zuwirken, trat Ferdinand von Braunschweig in Unterhandlungen mit dem Landgrafen Wil- 1* helm VIII., der sich im April noch in Hamburg aufhielt, am 6. Mai aber wieder in Cassel ein- traf. Man beabsichtigte, Cassel so gut als moôglich zu befestigen und in einen verteidigungs- fähigen Zustand zu setzen, die Landmiliz ein- zuberufen und durch Zuteilung regelmässiger Truppen zu verstärken. Die hessischen Husaren (1I Schwadron) und noch unberittene Dragoner- Schwadronen wurden aus Rheinfels nach Hessen herangezogen; man begann auch damit, die Dragoner beritten zu machen, ein Jägercorps und eine kleine Feldartillerie zu errichten. Doch wurde die rasche Durchführung dieser Massregeln sehr gehemmt durch die Verzögerung, welche von England bei den Verhandlungen über die Entschädigung für diese Truppenvermehrung bereitet wurde. Monate gingen darüber hin, bis endlich eine Einigung erzielt wurde: England bewilligte 60000 Pfd. Sterl., denen später noch 20000 Pfd. Sterl. zugelegt wurden. Um den neu zu bildenden Truppen einen Rückhalt zu gewähren, hatte Landgraf Wil- helm VIII. am 27. April 1758 an Ferdinand die Bitte gerichtet, dieselben mit einiger Reiterei, Infanterie und Jägern von der Hauptarmee zu verstärken. Es war ein Beweis des guten Ein- vernehmens zwischen den beiden Fürsten, dass Herzog Ferdinand bereitwillig diesem Verlangen entsprach und am 0. Mai den General-Lieute- nant Prinz Kasimir von Isenburg mit den hessi- schen Bataillonen Isenburg und Canitz, dem hessischen Reiterregimente Prüschenk(2 Schwa- dronen) und einigen Geschützen nach Cassel und Marburg entsandte. Prinz Isenburg eilte später seinen Truppen einige Tage voraus, um in Cassel mit dem Ministerium und dem Landgrafen über die Aufstellung und Ausrüstung des Corps das Nötige zu verabreden. Von hier begab sich der Prinz nach Marburg, wo das Corps sich versammelte. Es bestand am 1. Juni aus fol- genden Truppen: 1 Bataillon Isenburg, 1 Ba- taillon Canitz, den Garnison-Bataillonen Grena- diere, Gundlach, Wurmb. ½ Garnison-Bataillon Freywald, 2 Compagnien Invaliden, 2 Schwa- dronen Prüschenk, 4 Schwadronen Prinz Fried- rich-Dragoner, 1 Schwadron Husaren, 2 Com- pagnien hannôverscher jäger zu Fuss und zu Pferd, Compagnie hessischer Fussjäger, und führte 10 Geschütze bei sich. Die Bataillone sollten je Soo Mann, die Compagnien und Schwa- dronen je 200 Mann zählen, doch wurde diese Stärke nie erreicht; dieselbe betrug im ganzen nicht mehr als 3500— 4000 Mann. Dazu hatten nur die Bataillone Isenburg und Canitz. die Schwadronen Prüschenk und die hannôverschen Jäger bisher im Felde gedient; die übrigen Truppen waren erst neu errichtet oder zusammen- gezogen und ermangelten nicht nur gänzlich der Kriegserfahrung, sondern noch sehr der Ausbildung. Dem letzteren Mangel abzuhelfen. erwies sich bei der Kürze der Zeit unthunlich, zumal die neu errichteten Garnison-Bataillone meist ältere pensionierte Offiziere hatten, die bei ihrer gesunkenen körperlichen und geistigen Spannkraft nicht geeignet waren, die junge Mannschaft zu beleben. Ausrüstung und Klei- dung der älteren wie der jüngeren Truppen liess dagegen kaum etwas zu wünschen übrig. Mit so geringen und nur teilweise brauch- baren Truppen konnte Prinz Isenburg natürlich nicht daran denken, sich dem erwarteten Vor- dringen Soubise's nach Hessen ernstlich zu wider- setzen. Doch that er sein Möglichstes, um dem Feinde seine Schwäche zu verbergen. Er liess nur die Feldtruppen Isenburg, Canitz und Prü- schenk auf einer Hõôhe zwischen dem Schwan- hofe und der Lahn ein Lager beziehen; die übrigen Truppen, die noch keine Zelte bekommen hatten, bezogen Quartiere in der Umgegend von Marburg, wo das Hauptquartier des Prinzen war; die leichten Truppen stellten die Vor- posten. An geeigneten Punkten wurden Erd- werke und Verhaue angelegt, wohl um den Glauben zu erwecken, dass an eine nachhaltige Verteidigung gedacht würde. Wie wenig Prinz Isenburg selbst an diese Môglichkeit glaubte, geht am besten daraus hervor, dass er die im Marburger Schlosse befindlichen Geschütze, 7 an der Zahl, und 355 Tonnen Pulver nach Cassel schaffen liess. Am 13. Juni rückte 1 Schwadron Prinz Friedrich-Dragoner, die eben beritten ge- macht worden war, durch Marburg nach Nieder- weymar in Quartiere, die anderen 3 Schwadronen dieses Regimentes erhielten keine Pferde. Am 26. Juni brachte Hauptmann Murhard, Adjutant des Prinzen Isenburg, die Nachricht von dem am 23. Juni durch Herzog Ferdinand bei Crefeld erfochtenen Siege, eine Nachricht, welche wohl geeignet war, das Selbstvertrauen der Truppen, namentlich der neu errichteten, zu heben. Wenden wir uns nun zu dem Feinde. Soubise hatte, wie oben gesagt, am 3. Juli sein Heer in zwei Hauptlagern bei Hanau und Hôchst versammelt; von hier brach er am 7. auf und erreichte am folgenden Tage Friedberg; die Vortruppen rückten bis Lollar längs der Lahn und gegen die Ohm bis Laubach vor. Am 14. bildete er eine Avantgarde unter dem Herzog von Broglie(10 Bataillone, 8 Schwadronen, 2 Brigaden Artillerie und leichte Truppen = 4200 Mann Fussvolk und 800 Reiter), welche über Butzbach am 16. Marburg erreichte, wäh- rend das Hauptcorps bis Grossen-Linden mar- schierte; von hier aus entsandte Soubise den General Du Mesnil nach Homberg an der Ohm, den Marquis von“Crillon nach Allendorf und den Marquis d'Essales nach Ebsdorf, welche Orte dieselben am 19. erreichten. Auf die Nach- richt von dem Eintreffen Broglie's in Butzbach entschloss sich Prinz Isenburg, Marburg auf- zugeben und sich am 16. nach Betziesdorf hinter die Ohm zurückzuziehen, um sich die Rückzugs- linie auf Cassel zu sichern, die durch die feind- liche Bewegung auf Kirchhain bedroht wurde. Zwei Garnison-Compagnien blieben auf dem Schlosse zu Marburg als Nachhut zurück; da sie zu lange verweilten, wurden sie von den ein- rückenden Franzosen zum grossen Teile ge- fangen, denen auch 4000 Rationen Hafer und Heu in die Hàände fielen. Am 18. setzte Isen- burg seinen Rückzug bis Gilserberg und Sebbete- rode fort, am 20. nahm er Stellung bei Ober- Möllrich, die Eder vor der Front. An demselben Tage stand die französische Armee vereinigt bei Kirchhain, Jesberg und Halsdorf. Der Herzog von Broglie, durch die Abteilung d'Essales' auf 14 Bataillone(5600 Mann) und 12 Schwadronen (1200 Reiter) verstärkt, empfing von Soubise den Befehl, die Hessen unausgesetzt zu ver- folgen und sie womõglich zum Kampfe zu zwingen, während die Hauptmasse der Armee in der Entfernung eines Tagemarsches folgen würde. Um die Hessen durch einen angestrengten Marsch zu überfallen, befahl er am 21. gegen Mitternacht den Aufbruch seiner Truppen von Jesberg nach Fritzlar, wo er selbst am 22. früh anlangte. Doch Isenburg hatte sich der drohen- den Gefahr bereits mit Geschick entzogen. Die Stellung bei Ober-Möllrich erwies sich als unhaltbar, da die Eder an drei Stellen durch- watet werden konnte, und das ebene und offene Gelände links des Flusses es nicht erlaubte gegen die überlegene feindliche RKeiterei den Kampf aufzunehmen. Doch musste den Truppen einige Ruhe gewährt werden; namentlich die neuen Garnison-Bataillone waren durch den Marsch von Marburg her bei anhaltendem Regen und auf schlechten Wegen vollständig erschõpft. Am 21. abends um 10 Uhr brach der Prinz wieder auf und erreichte über Gudensberg am 22. früh 6 Uhr die Neue Mühle oberhalb Cassels; durch diesen Nachtmarsch hatte er einen beträcht- lichen Vorsprung gewonnen. Sogleich ordnete er den UÜbergang auf das rechte Fuldaufer an; das Fussvolk überschritt dieselbe auf einer rasch geschlagenen Schiff brücke, die Reiterei benutzte die Furt. Mittags bezogen die Truppen ein Lager bei Sandershausen hinter der Nieste, am Abhang des zu diesem Flüsschen sich hinab- senkenden Berges, längs des Weges nach Hei- ligenrode: Bettenhausen blieb mit den hessischen Jägern und Husaren unter den Majoren v. Buttlar und v. Schlotheim besetzt. Landgraf Wil- helm VIII. hatte auf die Kunde von dem An- dringen des Feindes Cassel schon am 19. Juli verlassen und sich zuerst nach Rinteln, von da nach Bremen begeben. An eine Behauptung der Stadt war nicht zu denken: die Festungs- werke befanden sich nicht im Verteidigungs- zustande, es mangelte an Geschütz, Schiessbedarf und Lebensmitteln; warf sich das kleine Corps Isenburgs in dieselbe, so wurde es von weit über- legenen feindlichen Kräften eingeschlossen, vor- aussichtlich bald zur Ergebung gezwungen und wäre für den Feldkrieg jedenfalls verloren ge- wesen, während der Gegner bei seiner Uber- macht auch vor dem Falle der Festung schon volle Freiheit der Bewegungen gegen das gänzlich ungeschützte Hannover und Westfalen gehabt hätte. Auch an die Annahme eines Kampfes dachte Isenburg damals noch nicht; am Abend des 22. sandte er seine gesamte Bagage unter Bedeckung der drei unberittenen Schwadronen Prinz Friedrich-Dragoner nach Münden und Northeim voraus, in der Absicht, am folgenden Tage beim Heranrücken des Feindes gleichfalls dorthin zurückzuweichen. Welche Umstände und Erwägungen ihn trotz- dem veranlassten, Stand zu halten und den feindlichen Angriff zu erwarten, werden wir im folgenden Abschnitte sehen. B. Das Treffen bei Sandershausen am 23. Juli 1758. Am Morgen des 23. Juli langte bei dem Prinzen von Isenburg ein Eilbote des Herzogs Ferdinand an, welcher den ausdrücklichen Be- fehl überbrachte, den Feind so lange als möglich zu beschäftigen und ihm mit Entschlossenheit jeden Fuss breit Landes streitig zu machen. Als Herzog Ferdinand diesen Befehl absandte, hielt er sicherlich Isenburgs Heeresabteilung für stärker, als sie thatsächlich war, und deshalb für fähig, wenigstens einem grösseren Teile der feindlichen Kräfte mit Aussicht auf Erfolg im offenen Felde entgegenzutreten. Mit dem Mini- 6 sterium in Hannover hatte er sich nämlich früher schon ins Einverständnis darüber gesetzt, dass bei dem drohenden Vordringen Soubise's gegen Hessen und Nieder-Sachsen die Bewohner des Solling und des Harzes bewaffnet und aus ihnen ein Jäger- und ein Schützen-Regiment errichtet werden sollten. Ausserdem waren 2000 Mann zur Ergänzung der bei der Hauptarmee stehenden hannöverschen Batailloöone ausgehoben worden, und der Herzog hatte Befehl gegeben, alle diese Truppen als Verstärkung dem Prinzen von Isenburg zuzusenden. Doch nichts von alledem war geschehen, obwohl man dem Herzog be- ständig versicherte, dass alles im besten Stande sei; jene 2000 Mann hatte man nach Stade ge- sandt, um sie einzukleiden, zu bewaffnen und auszubilden! Das alles erfuhr der Herzog zu seiner peinlichsten UÜberraschung erst nach dem unglücklichen Treffen. Ausser jenem allerdings auf unrichtigen Voraussetzungen beruhenden Befehle des Her- zogs bewog noch ein anderer Umstand den Prinzen von Isenburg zur Annahme des Kampfes. Die hessischen Milizen, aus denen die Garnison- Bataillone gebildet waren, glaubten nämlich, nur zum Dienste im eigenen Lande verpflichtet zu sein; sie wollten nur auf hessischem Boden fechten und weigerten sich- weiter, d. h. ins Hannòôversche, zurückzugehen. Die Stellung auf dem Kamme des Sanders- häuser Berges, in welcher der Prinz von Isen- hurg sich zu schlagen gedachte, war für die Verteidigung nicht ungünstig, und er konnte hoffen, sich selbst mit seinen geringen Kräften gegen einen überlegenen Feind hier zu halten. Der Sandershäuser Berg ist einer der Ausläufer des Kaufunger Waldes; nach der Fulda zu stürzt er schroff und steil ab; der Hang ist von bewaldeten Schluchten zerrissen; nach Süden zur Nieste hin ist die Böschung ziemlich stark, zuweilen fast steil, hie und da auch sanfter; eine bewaldete, zur Nieste hinabführende Schlucht, in welcher der Hof Ellenbach liegt, und die steil zur Fulda abfallenden Ränder engen die Fläche des Berges bis auf etwa 800 m Breite ein. Die steilen Abfälle nach Westen zur Fulda hin waren mit Busch und Wald bedeckt, und von jener Thalschlucht bei Hof Ellenbach aus dehnte sich der Wald weithin nach Osten. Auch der Boden zwischen diesen Waldungen war durchschnitten, hie und da mit Felsstücken be- deckt, und in den Einsenkungen befanden sich Brüche. Sehen wir nun, wie die Ereignisse am 23. sich entwickelten. Früh am Morgen dieses Tages war der Herzog von Broglie mit seiner ge- samten Macht von Fritzlar aufgebrochen und um 10 Uhr nach mehr als 6stündigem, beschwer- lichem Marsche bei Oberzwehren angelangt. Da er schon die Hoffnung aufgegeben hatte, den verfolgten Gegner einzuholen, wollte er seine Truppen hier Quartiere beziehen lassen. Gross war sein Erstaunen, als er das Lager Isenburgs bei Sandershausen erblickte; sofort entschloss er sich zum Angriff, damit ihm der Feind nicht wieder entwische und sich hinter der Werra in Sicherheit bringe. Die Garden gingen zur Be- setzung von Cassel ab, der Marsch des Fuss-— volkes und der Artillerie wurde mõglichst be- schleunigt; gegen 11 Uhr zogen dieselben durch die Stadt, und Broglie liess bald darauf den Siechenhof mit den Grenadieren und Freiwilligen der Infanterie besetzen. Die Reiterei erhielt nun den Befehl, durch die Furt bei der Neuen Mühle die Fulda zu überschreiten und sich auf dem Forste zwischen Waldau und Bettenhausen auf- zustellen. Dies geschah um 12 Uhr. Gleich darauf erfolgte der Angriff der französischen Infanterie des Vortrabs auf Bettenhausen, das wie oben erwähnt, von hessischen Jägern und Husaren unter den Majoren v. Buttlar und v. Schlotheim besetzt war; vor der feindlichen UÜbermacht zogen sich dieselben auf das rechte Ufer der Losse zurück und besetzten die Gärten daselbst und die Brücke mit Jägern. Unterstützung liess Prinz Isenburg sein Ba- taillon mit 2 Kanonen vorrücken und eine davon auf der Brücke auffahren, worauf der Feind sich „ Zu ihrer etwas zurückzog. Doch bald darauf überschritt feindliches Fussvolk mit Geschütz an der Mün- dung der Wahlebach die Losse, und nun befahl Prinz Isenburg den Rückzug nach Sanders- hausen, welches durch 5 Grenadier-Compagnien unter Hauptmann Lindau besetzt war; diese Bewegung wurde übrigens trotz des feindlichen Feuers chne Verlust ausgeführt. Das Lager bei Sandershausen war indes abgebrochen, und der weitere Rückzug in die gewählte Stellung auf der Hôöhe des Berges, 3000 Schritt oder 2 km rückwärts, angetreten worden. Der rechte Flügel Isenburgs lehnte sich an die steilen bewaldeten Abhänge zur Fulda, der linke an den Wald bei Hof Ellenbach; dieser Flügel sprang soweit vor, dass der Feind in die rechte Flanke genommen werden konnte, wenn er die zu beiden Seiten der Strasse von Cassel nach Münden stehende Mitte angriff. Den rechten Flügel bildeten die Compagnie hessischer Jäger(Major v. Buttlar) und die 5 Grenadier-Compagnien der hessischen Bataillone unter Hauptmann Lindau; die Mitte die Bataillone Isenburg(noch rechts der Landstrasse), die 3 Miliz-Bataillone Grenadiere. Wurmb, Gundlach und endlich das Bataillon Canitz(diese 4 links der Strasse). Es folgten die 2 Schwadronen Prüschenk und die Schwadron Prinz Friedrich- Dragoner, welche freies Feld zum Angriff vor sich hatten. Die 2 Compagnien Invaliden standen in einem Gliede etwa 100 Schritt rückwärts hinter den Bataillonen Gundlach und Wurmb, um dem Gegner aus der Ferne den Anschein eines zweiten Treffens zu erwecken. Auf dem linken Flügel der Aufstellung im Ellenbacher Grunde, durch einen Verhau gedeckt, standen die hannòverschen Fuss-Jjäger und das halbe Bataillon Freywald(Major Hilchenbach); zu ihrer Unterstützung war hinter dem Walde an dem Wege nach Uschlag die Schwadron hessi- scher Husaren(ajor v. Schlotheim) aufgestellt. Die Verbindung mit der Mitte stellten ein Zug des Bataillons Canitz mit einer Kanone(Lieu- tenant Lange) und dahinter die Compagnie hnannõverscher reitender Jäger her. Die übrige Artillerie, 9 Geschütze, war vor der Front und in den Zwischenräumen der Bataillone verteilt. Die Gesamtstärke betrug, wie oben berechnet, höchstens 3500 Mann. Die Soldaten waren von Kampfeslust beseelt; einige kleine glückliche Scharmützel mit dem Feinde in der Umgegend von Marburg und während des Rückzuges auf Cassel hatten das Selbstvertrauen der Truppen bis zur Verachtung des Gegners gesteigert; nur die mangelhafte Ausbildung und Kriegszucht der hessischen Milizen erregte das Bedenken der Führer. Noch hatten nicht sämtliche Abteilungen die ihnen angewiesenen Stellungen eingenommen, da rückte Broglie nach Überschreitung der Losse gegen Sandershausen vor. Das Dorf wurde durchschritten, und in 3 Kolonnen gingen die Franzosen um 1 ½ Uhr gegen die Höõöhen vor. Unter dem Schutze des Geschützfeuers wurde der Aufmarsch vollzogen. Da in Cassel ausser den Garden noch ein Bataillon Royal- Deux-Ponts und bei Sandershausen ein zweites Bataillon dieses Regiments zurückgelassen waren, diese indes ihre Grenadier-Compagnien an das Hauptcorps abgegeben hatten, so ver- fügte Broglie noch über 11 Bataillone und 2 Grenadier-Compagnien= mindestens 4600 Mann, 12 Schwadronen= 1200 Keiter und 28 Geschütze, war also seinem Gegner an Reiterei und Ge- schütz dreifach, an Fussvolk fast doppelt über- legen.(Andere Angaben berechnen seine Stärke im Gefecht auf 6500 Mann.) Am Fusse und auf dem Abhange der Anhõöhe, etwa 1500 Schritt (1 km) jenseits Sandershausen, nahmen seine Truppen in zwei Treffen Aufstellung, im ersten das Fussvolk, im zweiten die Reiterei. Der äusserste rechte Flügel lehnte sich an ein dem Hof Ellenbach gegenüber liegendes Wäldchen, das von den 3 Grenadier-Compagnien Royal-Deux- Ponts(auch das 3. in der Schlachtlinie stehende Bataillon dieses Regiments hatte seine Grenadier- Compagnie abgegeben) besetzt war. Dann folgten in der Linie von rechts nach links: Bataillone Waldner „ Diesbach! Bataillone Royal-Bavière „ Deux-Ponts „ Rohan Prince F 2 Beauvoisis(Pranzosen) 1„ Volontaires d'Alsace, aus ausgewählten Leuten der übrigen Truppen- teile bestehend(und in der angegebenen Stärke daher bereits enthalten); letztere besetzten die Gehölze auf dem steilen Thalrand der Fulda. Das zweite Treffen(gleichfalls von rechts nach links) bestand aus (Schweizer) —(Deuische) n-—sGꝛ8¼A 2 Schwadronen Royal-Allemand 2 Nassau * D 2„ Württemberg(Deutsche) 2„ Raugraf 4 d'Apchon Dragoner(Franzos.) Vor dem rechten Flügel war eine Batterie von 10 langen 4 pfündigen Kanonen aufgefahren, die übrigen 18 Geschütze waren gleichmässig vor den Zwischenräumen der Bataillone verteilt. Als Prinz Isenburg die Entwickelung der feindlichen Streitkräfte wahrnahm und ihre be- deutende Uberlegenheit erkannte, dachte er an den Rückzug; allein er verzichtete darauf, da derselbe bei der Nähe des kampfbereiten Feindes nur mit beträchtlichem Verluste hätte ausgeführt werden können. Um 2 Uhr schon hatte das Feuer der 3 Grenadier-Compagnien gegen die hannôverschen Jäger im Ellenbacher Grunde begonnen, aber erst gegen 4 Uhr setzte sich die französische Linie zum Angriffe auf die hessische Stellung in Bewegung. Die grosse Batterie auf dem rechten Flügel richtete ihr Feuer gegen den Ellenbacher Hof und die hessische Reiterei, die übrigen Ge- schütze auf das Fussvolk der Hauptstellung; dieses wurde von der hessischen Artillerie unter Oberst- Lieutenant Huth môglichst kräftig erwidert. Auf den linken Flügel der hessischen Stellung richtete die Schweizer-Brigade Waldner, bald von der Brigade Diesbach unterstützt, ihre An- griffe; Broglie wollte denselben zurückdrängen „ unddie Hessen, nachdem er ihre Mitte umgangen, in den Fluss hinabwerfen. Doch die Tapferkeit der hannõverschen Jäger und des halben Bataillons Freywald vereitelte dies. Die Schweizer liessen sich mit den weit schwächeren Gegnern in ein verlust- volles Feuergefecht ein, statt mit dem Bajonett vorzugehen und durchzubrechen, was zwar auch mit Verlusten verbunden gewesen wäre, aber sicheren Erfolg gehabt hätte. Um seinem linken Flügel Luft zu machen, dem immer lästiger werdenden Geschützfeuer des Gegners zu entgehen und diesen durch einen uner- warteten Angriffsstoss zu überraschen, be-— fahl jetzt Prinz Isenburg ein Vorrücken der ganzen Linie, das von derselben mit dem grössten Mute ausgeführt wurde. Dies veran- lasste den Herzog v. Broglie, seine Reiterei vor- zuziehen; die Brigade Diesbach setzte sich hinter Waldner, Royal-Bavière vor Royal-Deux-Ponts, und durch die entstandene Lücke rückten die 6 Schwadronen des rechten Flügels vor; die 4 Schwadronen d'Apchon, die den zum Angriff vorgehenden Freiwilligen gefolgt waren, gingen um den linken Flügel der Infanterie herum, und die 2 Schwadronen Raugraf durch die Zwischen- räume zwischen den Bataillonen Deux-Ponts, Prince Rohan und Beauvoisis. Die beiden Schwadronen Prüschenk brachen zuerst vor, sie trafen auf die am weitesten vorgegangenen 4 Schwadronen Raugraf und Nassau und warfen sie gänzlich über den Haufen, doch von 3 Schwa- dronen d'Apchon-Dragonern in der Flanke ge- nommen, mussten sie weichen.. Unterdes war die hessische Infanterie-Linie zum Bajonettangriff etwa 400 Schritt weit vor- gerückt; die 3 Milizbataillone wollten den weichenden Reitern Platz machen und zogen sich nach rechts an das Bataillon Isenburg heran, wodurch nicht nur die Vorwärtsbewegung ins Stocken geriet, sondern auch das Bataillon Canitz vollständig isoliert wurde. Die sieg- reichen französischen Reiter folgten dem Re- giment Prüschenk auf dem Fusse, wurden aber von Canitz mit einem so lebhaften und wohl- gezielten Gewehrfeuer empfangen, dass sie stutzten und zurückwichen. Die 4. Schwadron d'Apchon und die zwei wieder gesammelten Schwadronen Raugraf warfen sich jetzt auf die links dieses Bataillons haltende Schwadron Prinz Friedrich-Dragoner, erhielten aber ebenfalls von diesem wackeren Fussvolk ein so kräftiges Feuer, dass sie in Unordnung gerieten. Diesen Augen- blick benutzte Oberstlieutenant Geiso zu einem Gegenangriff, der den Feind vollständig in die Flucht trieb; die hessischen Dragoner folgten nach, trafen auf das Infanterie-Regiment Royal- Bavière und wurden durch eine auf 30 Schritt abgegebene Salve desselben zur Umkehr ge- nõtigt, zumal 2 Schwadronen Würtemberg, die noch nicht zum Gefecht gekommen waren, in ihrer linken Flanke erschienen; die Unent- schlossenheit derselben aber gestattete Geiso, den Rückzug in bester Ordnung anzutreten. Die 3 hessischen Schwadronen Prüschenk und Geiso sammelten sich nach diesen ungleichen, aber ruhmvollen Kämpfen hinter der ersten Stellung der Infanterie links der Strasse, ohne von der feindlichen Reiterei weiter belästigt zu werden. Während dieser Reitergefechte hatten die Volontaires d'Alsace, unterstützt von den 4 Ba- taillonen der Brigaden Beauvoisis und Rohan, die in den Gebüschen des Fulda-Thalrandes stehenden hessischen Jäger und die Grenadiere des Hauptmanns Lindau angegriffen; allein dieser Angriff wurde von den Hessen unter grossem Verluste für die Franzosen abgeschlagen, eine oder zwei Kanonen wurden von den Grenadieren er- obert, konnten aber nicht zurückgebracht werden, da die geworfenen Brigaden sich unter dem Schutze der zwei Bataillone Royal-Bavière und der d'Apchon-Dragoner sammelten; vor solcher UÜbermacht mussten die siegreichen Grenadiere auf die anrückende Infanterie des Prinzen Isenburg zurückweichen. Diese war, wie erinnerlich, vor- gegangen; das Bataillon Isenburg auf dem rechten Flügel blieb auch im Vorschreiten, als die 3 Milizbataillone sich rechts zogen; so kam 2 die hessische Infanterie ziemlich parallel dem steilen Thalrande der Fulda zu stehen, fast rechtwinklig zu der ursprünglichen Stellung. Während dieser Bewegung sah sich dieselbe sowohl von der nach links einschwenkenden feindlichen Infanterie bedroht, als auch von den 6 Schwadronen Royal-Allemand, Nassau und Württemberg zu wiederholten Malen ange- griffen. wehr- und Kartätschfeuer abgeschlagen(nach jeder Salve sah man 30— 40O ledige Pferde um- herlaufen), allein sie bewirkten doch, dass die drei schon durch das Vorrücken in dem schwie- rigen Gelände etwas durcheinander gekommenen Milizbataillone in immer grössere Unordnung gerieten und sich zu einem unbehilflichen, wirren Knäuel von wohl 100 Mann Tiefe zusammen- ballten; nur durch die Standhaftigkeit der Ba- taillone Isenburg und Canitz, welches letztere Bataillon sich nach Abweisung der Regimenter d'Apchon und Raugraf unbehelligt vom Feinde an die Infanterie des rechten Flügels wieder herangezogen hatte, wurden sie vor der Ver- nichtung durch die feindlichen Reiter bewahrt. Dies bewog den Prinzen Isenburg, seine ge- samte Infanterie noch weiter in den Wald und auf den Abhang zurückzunehmen, wo sie vor weiteren Angriffen der KReiterei sicher war. Hier hoffte man die Milizbataillone im Rücken der Linien-Bataillone wieder ordnen und in die Gefechtslinie bringen zu können; indes die Ver- wirrung und Haltlosigkeit hatte unter diesen ungeübten Soldaten so überhand genommen, dass sie teils blind auf alles vor sich und neben sich, also auf ihre Kameraden feuerten, teils nach hinten am Abhange der Fulda sich davon- machten. So sahen sich die tapferen Jäger und Grenadiere Lindaus, die Bataillone Isenburg und Canitz allein dem letzten Ansturme des weit überlegenen Feindes ausgesetzt. Broglie hatte, die ungünstige Stellung des Gegners mit dem Flusse im Rücken rasch und entschlossen be- nützend, seine Infanterielinie nach links ein- schwenken lassen und führte nun die Freiwilligen Diese Anfälle wurden zwar durch Ge-- 10 und die 7 Bataillone der Brigaden Beauvoisis, Rohan, Royal-Deux-Ponts und Royal-Bavière mit aufgepflanztem Bajonett zum Sturme vor. Dieser Angriff(es war gegen ½ 7. Uhr) ent- schied das Treffen. Die Hessen, auf dem steilen Thalrande der Fulda stehend. wurden trotz tapferster(egen- wehr den Abhang hinabgeworfen. Da befahl Prinz Isenburg den Rückzug im Fuldathale über Spickershausen nach Münden. Derselbe ward, vom Feinde unverfolgt, in ziemlicher Ordnung ausgeführt; die Grenadiere, die Bataillone Isen- burg und Canitz deckten den Abzug der Milizen, die Jäger schossen sich in den Gebüschen noch bis Sonnenuntergang mit dem Feinde herum, der nur aus vier an der Landstrasse aufgefahrenen Geschützen der rückgehenden Infanterie ziemlich wirkungslose Kugeln nachsandte. Die hessische Reiterei, welche sich wieder links der Mündener Strasse gesammelt hatte, beabsichtigte Prinz Isenburg noch einmal zum Angriff vorgehen zu lassen, aber bei der grossen Uberlegenheit des Feindes gab er diese Absicht auf und befahl den Rückzug nach Münden, den sie unter Mitnahme von zwei Kanonen und Muni- tionswagen über Landwehrhagen antrat. Hier liess sie der Prinz noch einmal aufmarschieren, um den weiteren Rückzug der Infanterie zu decken; da aber kein Feind folgte, setzte er den Rückzug nach Münden fort. Während dieser Vorgänge auf dem rechten Flügel hatte der linke Flügel Isenburgs, obwohl abgeschnitten, seine Stellung im Ellenbacher Grunde mit grösster Tapferkeit und Hartnäckig- keit behauptet. Dreimal hatten sie die Angreifer zurückgeworfen und dem Feinde schwere Ver- luste zugefügt; von den 3 Grenadier-Compagnien Royal-Deux-Ponts blieben nur 1 Offizier und 30 Mann übrig. Schon vor der Schwenkung der Infanterie Isenburgs nach dem Thalrande der Fulda hin hatte er den hier fechtenden Truppen(hannoversche Jäger zu Fuss und zu Pferd, ½ Bataillon Freywald, hessische Husaren, Zug Canitz mit I Geschütz) wiederholt den Befehl zum Rückzuge zukommen lassen. Allein sie befolgten denselben nicht und setzten in ihrem Kampfeseifer den Widerstand so lange ort, bis sie durch die vordringende feindliche Reiterei von der Hauptmacht vollständig ab- geschnitten waren. Zuletzt beschoss der Feind von der Landstrasse aus mit einer Batterie von vier Geschützen die Stellung bei Ellenbach der Länge nach von der rechten Seite her; da zogen die Tapferen endlich gegen Sonnenuntergang über Uschlag nach Münden ab, nur wenig durch Geschützfeuer belästigt; hier trafen sie, ohne weiter verfolgt zu werden, um 10 Uhr abends ein, wo sie sich mit den Resten der Hauptmacht vereinigten. Broglie verfolgte die Geschlagenen nicht; seine Truppen waren durch den Marsch von Fritzlar her und den erbitterten Kampf aufs äusserste erschöpft; er liess dieselben bis nõrdlich der ersten hessischen Stellung vorrücken und lagerte hier mit ihnen unter freiem Himmel; nur die 700 Freiwilligen unter Major Travers liess er den Hessen bis an die Gehölze jenseits Lutternberg langsam nachfolgen. Von beiden Seiten war mit der grössten Tapferkeit und Erbitterung gefochten worden; mit Heldenmut hatten die weit schwächeren Hessen und Hannoveraner dem so überlegenen Feinde widerstanden. Wo das Handgemenge zu dicht wurde, ergriffen sich die Gegner an den Haaren; Leichtverwundete liessen sich ver- binden und eilten ins Gefecht zurück. Wohl- verdient ist das Denkmal, welches ihnen, den Uberwundenen, die dankbare Bewunderung der Nachkommen auf ihrem Ehrenfelde errichtet hat. Das beste Zeugnis für die beiderseitige Tapfer- keit sind die bei der nur vierstündigen Dauer des Gefechtes und der geringen Stärke beider Corps überaus bedeutenden Verluste. Die Hessen und Hannoveraner verloren mehr als 1000 Mann(30%), über 500 davon, wohl einschliess- lich der auf dem Schlachtfelde liegenden Ver- wundeten, gerieten in Gefangenschaft; die Zahl der verwundeten und getöteten Offiziere wird 11 auf 4o angegeben. Verhältnissmässig am meisten hatte die Geschützbedienung gelitten: von 20 Mann beim Bataillon Isenburg blieben nur 4 übrig. An Geschützen gingen 7 und ebensoviel Munitionswagen verloren, deren Bespannung erschossen worden war; andere Siegeszeichen vermochte der Feind nicht aufzuweisen, der in seinen Berichten den Verlust der Verbündeten auf 4000, 4500, ja 5000 Mann angab— weit mehr als die ganze Heeresabteilung überhaupt stark war. Sollten doch bei dem Rückzuge den Abhang zur Fulda hinab allein nicht weniger als 400 ertrunken sein! Nach sicherer Uber- lieferung haben nur etwa 10—12 Mann ihren Tod in den Wellen dieses Flusses gefunden; jene Angabe ist aber wohl darauf zurückzu- führen, dass während der Nacht beide Teile eine grosse Anzahl ihrer Toten entkleidet in den Fluss warfen. Die Franzosen büssten, wie an- gegeben wird, an Toten und Vermissten(Ge- fangenen) 27 Offiziere und 758 Mann, an Ver- wundeten 135 Offiziere und 1257 Mann ein, im ganzen 2177, d. h. 37,5% bez. 33, 5% je nach der angenommenen Gefechtsstärke. Von den Wällen von Kassel aus hatten die Bürger dem blutigen Ringen zugesehen. Bei dem Vorbrechen der Reiter und dem Vor- gehen der Infanterie glaubten sie die Ihrigen Sieger, klatschten und jubelten laut; als aber dann die hessische Infanterie den Abhang zur Fulda hinabgeworfen wurde, verstummte der Siegesjubel, und traurig schlich alles nach Hause. Der unglückliche Ausgang des Treffens war hauptsächlich veranlasst durch die Schwäche der hessischen Reiterei, die mit 3 Schwadronen gegen 6, bezw. 12 feindliche, trotz aller Tapfer- keit auf die Dauer nichts ausrichten und Teil- erfolge nicht ausnützen konnte, und durch die mangelhafte Ausbildung und die Haltlosigkeit der Milizbataillone, die im entscheidenden Augen- blicke versagten. Gross war auf beiden Seiten der Verlust an höheren und niederen Offizieren. Von Stabs- Offizieren waren nur die Oberst-Lieutenants 2* v. Geiso und Hegemann und Major v. Marschall unverletzt, alle übrigen tot, verwundet oder ver- misst. Tot waren die Hauptleute Hattorf, Wil- helmi, Hahn und Beck, tödlich verwundet Major v. Buttlar, leichter Oberst v. Prüschenk und Graf Görz, ein Adjutant des Prinzen; verwundet gerieten in Gefangenschaft die Obersten v. Urff und v. Canitz, sowie der Hauptmann Murhard, ein zweiter Adjutant Isenburgs. Der Prinz selbst wäre beinahe gefangen worden; durch die blaue und gelbe Uniform eines französischen Bataillons getäuscht, näherte er sich demselben, weil er es für das ähnlich gekleidete Bataillon Canitz hielt, das auf demselben Flügel focht; recht- zeitig machte ihn sein Adjutant Graf Winzing- rode auf die Gefahr aufmerksam, und so entging er der Gefangennahme. Auf französischer Seite fielen u. a. der Marquis de Saint-Martin, die Oberst-Lieutenants de Roban und de Rousset, Major Beauvoisis. Verwundet waren Graf Rosen, Prinz Nassau, der Maréchal de Camp Marquis de Puységur und der Oberst Marquis Joseph de Broglie, des Herzogs Neffe; er starb in Cassel an seinen Wunden, und der Herzog liess ihm in der Oberneustädter Kirche rechts von der Kanzel ein Denkmal errichten. Dem Herzoge selbst war ein Pferd unter dem Leibe erschossen worden. C Breignisse in Hessen und Hannover nach dem Treffen bei Sandershausen, vom 24. uli bis Anfang September 1758. Der Rückzug Isenburgs nach Münden war zwar ohne Belästigung durch den Feind von statten gegangen, aber auch so erschien die Lage nach dem verlorenen Treffen verzweifelt genug. Jenseits Münden wurden die Reste des Corps wieder gesammelt: es waren noch etwa 13— 1400 Mann, meist von den Linientruppen. 12 Die Landmilizen gingen massenhaft davon in ihre Heimat, sodass die Garnison-Bataillone nicht stärker waren als eine Compagnie. Ver-— gebens suchte der Prinz dem zu steuern, es fruchtete wenig; er musste die von den Aus- reissern weggeworfenen Gewehre auf Wagen nachführen lassen. Erst als er in einer kräf— tigen Rede mit Erschiessen drohte, machte das einigen Eindruck, und allmählich stellten sich später wieder viele Landsoldaten ein; beson- ders verdient hervorgehoben zu werden, dass nach dem Treffen die meisten der hessischen Förster und anderen Forstbeamten ihre Stellung verliessen und zum Corps Isenburgs stiessen, um gegen die Franzosen zu fechten. Einige Flüchtlinge vom Schlachtfelde hatten in Münden das Gerücht verbreitet, der Prinz sei mit dem ganzen Reste des Corps in der Schlacht ge- fangen genommen worden. Dies erzeugte unter dem vorausgesandten Tross eine unglaubliche Verwirrung. Die Packknechte warfen die Zelte von den Pferden und ritten davon; fast jedem Offizier fehlten Pferde und Ausrüstung. Der Prinz selbst vermochte weder seine Bedienten noch seine Wagen aufzufinden und war ent— schlossen, die Urheber dieses Gerüchtes streng zu bestrafen. Unter solchen Verhältnissen war an ein Festhalten des Werraüberganges bei Münden nicht zu denken, zumal hier auch wieder neue Unterlassungssünden des hannôverschen Mini- steriums zu Tage traten. Herzog Ferdinand hatte befohlen, bei Münden Befestigungen anzulegen und eine stärkere Abteilung hannôverscher Land- miliz aufzustellen. Allein kein Spaten war an- gerührt worden, und die Landsoldaten hatten sich zerstreut, weil sie sich im Vorjahre ver- pflichtet hätten, in diesem Kriege die Waffen nicht gegen Frankreich zu tragen. So wurde NMünden ohne weiteres aufgegeben, nachdem man die Verwundeten zu Schiff nach Hameln abgesandt hatte. Mit den Trümmern seines Corps erreichte Prinz Isenburg über Göôttingen am 25. Juli Einbeck, wo er Stellung nahm, um die Verbindung mit Hamein und Hannover aufrecht zu erhalten und Verstärkungen an sich zu ziehen. Der Feind ermöglichte ihm dies auf alle Weise. Nur schwache Abteilungen von leichten Truppen unter den Obersten v. Wurmser und Fischer hatten am 24. Münden besetzt, wo sie noch einige wenige Gefangene machten und 8 Geschützrohre ohne Lafetten erbeuteten, die von Cassel aus auf der Fulda dahin geschafft worden waren; von hier aus streiften sie weiter ins Hannôversche, namentlich über Göttingen, das sie am 26. erreichten, gegen Einbeck hin. Und doch konnte Soubise durch einfaches Nachdrücken den geschlagenen und geschwächten Gegner weit zurückwerfen und an der Weser bedeu- tende, dem Herzog Ferdinand höchst bedroh- liche und doch leichte Erfolge erzielen. Die Verhältnisse in Hannover waren einladend genug dazu. General Sommerfeld, der dort den Befehl führte, klagte über die Unzuverlässigkeit der Landmiliz, aus der die Besatzungen hauptsächlich bestanden. In den Festungen fehlte es überall an Ingenieuren und Artilleristen, an Schiess- bedarf und Lebensmitteln; für Anlage und Ver- stärkung der notwendigen Befestigungen hatte man nichts gethan, da man bei dem Vordringen Herzog Ferdinands über den Rhein dergleichen kostspielige Ausgaben für überflüssig hielt. Dazu kam die Gefahr, welche von den fran- zösischen Kriegsgefangenen drohte; dieselben waren zwei bis dreimal zo zahlreich als alle im Lande vorhandenen Truppen und zeigten mehr- fach Neigung zur Meuterei, sodass man ge- zwungen war, sie von der Weser zu entfernen und nach dem Norden und Osten zu verlegen, wodurch indes die Bewachung noch schwächer wurde.— Die Minister in Hannover dachten auch nicht an ernstlichen Widerstand; auf die Kunde von dem Vordringen Soubise's in Hessen war ihr einziger Gedanke»ihre eigenen werten Per- sonen« weiter rückwärts in Sicherheit zu bringen, wie Herzog Ferdinand schreibt. Andererseits konnte Soubise mit vollstän- diger Ausserachtlassung Isenburgs von Cassel aus nach Westfalen vordringen, die Magazine des Herzogs Ferdinand daselbst zerstéren und durch Eroberung der damals nur wenig ver- teidigungsfähigen festen Plätze Lippstadt und Münster diesen von der Weser abschneiden. Zwar bedurften die stark angestrengten und hart mitgenommenen Truppen Broglie's einiger Ruhe und Schonung; aber mit dem Rest seines Corps war Soubise zu jeder der beiden Bewe- gungen immer noch mehr als stark genug, zumal nach dem Eintreffen der Württemberger. Seine Armee zählte mit diesen mindestens 23 000 Mann; 8000 genügten, um das eroberte Hessen und Cassel zu decken; mit 15000 konnte er auf Lipp- stadt marschieren und sich dieses Platzes be-— mächtigen, ehe Herzog Ferdinand im stande war, ihn zu decken. Lippstadt ist von Cassel nur 12 Meilen(0o km) entfernt; Soubise konnte es in drei bis vier Märschen erreichen und den damals nur von 300 Invaliden besetzten Plat⸗ wegnehmen. Von da bis Münster sind auch nur drei Märsche, und diese Feste hatte gleich- falls nur eine schwache Besatzung. Namentlich diese Bewegung gegen West- falen war Soubise von dem Kriegsminister Belle- Isle dringend ans Herz gelegt worden; doch unterliess er sie, da ihm die Thatkraft mangelte, und er sich ausser stande glaubte, mit seinen Kräften gleichzeitig Hessen zu behaupten, die Verbindung mit Hanau aufrecht zu erhalten und gegen Lippstadt vorzustossen. Soubise that also gar nichts, liess seine Truppen ein Lager bei Nieder- zwehren beziehen, in welchem er bis Ende des Monats unbeweglichstehen blieb. Er entschuldigte seine Unthätigkeit mit dem Mangel an Armee- Fuhrwerk; allein schon am 5. August traf dasselbe ein, und er hatte ja auch ohne dasselbe den Marsch von Hanau und Hôchst bis Cassel zurück- gelegt. Seine Vortruppen, die im Hannéverschen jenseits der Werra streiften, trieben Brand- ingrimmig spottend schatzungen ein. Feindseligkeiten fielen fast gar nicht vor; nur am 9. August erfolgte ein Angriff von 300 franzôsischen Reitern auf die hannôverschen Jäger in Salzderhelden, von denen acht Mann gefangen wurden. Schwer hatte indes das hessische Land und besonders auch Cassel unter den Bedrückungen und Erpressungen der Franzosen zu leiden. Schon bei seinem Vorgehen gegen Marburg hatte Soubise, als einzelne Bauern auf kleine fran- zsische Abteilungen feuerten, mehrere Dörfer niederbrennen und eine Anzahl Bauern auf- hängen lassen. Kein Wunder, dass die Bewohner die Dörfer verliessen und mit ihrer beweglichen Habe, so- viel sie davon fortzubringen vermochten, in die Wälder flüchteten. Mit Soubise war auch der noch vom vorigen Jahre her berüchtigte und gefürchtete Intendant Foulon nach Cassel zurück- gekehrt und begann sofort wieder seine Thätig- keit des Aussaugens, in der er es zur vollen-— deten Meisterschaft gebracht hatte.(Nach dem Kriege übte er dieselbe an dem französischen Volke aus und ward zum Lohne dafür bald nach Ausbruch der Revolution an einem Laternen- pfahl aufgehängt.) Von der im Jahr 1757 aus- geschriebenen Contribution waren noch 450 000 Thaler rückständig geblieben; am 27. Juli ver- langte Foulon die Zahlung dieser Summe bar oder in guten Wechseln binnen zwei Tagen unter Androhung der schärfsten militärischen Zwangsmassregeln für die ganze Landgrafschaft. Den Drohungen folgte die Ausführung. Da die Summe nicht beschafft werden konnte, berief Foulon auf den 1. August 10 Uhr früh die Re- gierungsmitglieder, den Stadtrat, die anwesenden Edelleute, die angesehensten Kaufleute und die Zunftmeister, im ganzen 00 Personen, in den Saal des Kunsthauses(des jetzigen Katasteramts am Renthofe), liess alle Zugänge durch zwei Grenadier-Compagnien besetzen und forderte ausser sofortiger Zahlung jener Summe noch die Erlegung von 100000 Thalern als Will- kommen und Belohnung für die gute Manns- zucht der Soldaten. Da diesem Verlangen nicht entsprochen werden konnte, hielt er die meisten der Anwesenden drei Tage und zwei Nächte gefangen, ohne für Lager, Speise und Trank zu sorgen. Am Abend des 2. August liess er ihnen endlich Brot und Wasser reichen, und erst am 3. Abends II Uhr wurden die Einge- sperrten entlassen, nachdem man in der Stadt 40000 Thaler zusammengebracht hatte, und über den Rest von ihnen Schuldscheine ausgestellt worden waren. Auf das Ansuchen des Steuer- rates Gottsched um Freilassung der Gefangenen erwiderte Soubise, dass die Ruinen des Kunst- hauses sämtliche Arrestanten begraben sollten; Foulon erklärte, als er um Linderung des harten Loses für den hochbetagten Vizekanzler Goddäus gebeten wurde, daran sei nicht zu denken, und sollten sie alle krepieren. Und über ein solches Verfahren wagte Soubise an den Herzog Fer- dinand von Braunschweig, der um Schonung des Landes gebeten und sich namentlich über Foulon beklagt hatte, zu schreiben, dass man sich trotz des unberechtigten Widerstandes und des bösen Willens der Bürgerschaft nur der mil- desten Mittel bedient habe! Der Herzog er- achtete es allerdings unter seiner Würde, darauf noch etwas zu erwidern. Bei dem Mangel an barem Gelde ging die Einlsung der Schuldscheine nur langsam von statten. Nun beauftragte Foulon den Obersten Fischer(einen relegierten Giessener Studenten der Theologie, der in fran- 20sische Dienste getreten war) mit der Beitreibung, für welche Mühwaltung sich dieser täglich eine Vergütung von 72 Thalern zahlen liess. Er drohte, von Haus zu Haus alles Silberzeug weg- nehmen und dann die Stadt an allen vier Ecken anzünden zu lassen, überhaupt alle Schrecken des Krieges über das Land zu verhängen. Bis zum 16. wurden nun 80000 Thaler aufgebracht, und am 29. schon schrieb Foulon eine neue Auflage von 850000 Thalern aus. Da musste auf Befehl des geheimen Rates alles Silbergerät in die Münze abgeliefert werden, und Foulon belegte das Pfandhaus mit Beschlag. Die Zeughäuser von Cassel. Marburg und Ziegenhain wurden vollständig ausgeleert, und alles schwere Geschütz nach Frankreich abgeführt. Wie in Cassel hausten die Franzosen im ganzen Lande; aus Hanau wurden fünf bejahrte Räte, nachdem sie fünf Tage lang bei Wasser und Brot, ohne Bett, ja ohne Streu eingesperrt gewesen waren, als Geiseln für die Zahlung von 150000 Thalern nach Strassburg und Nantes abgeführt, und wiederholt wurde mit Sengen und Brennen ge- droht. Im ganzen wurden im Laufe des Jahres 1758 von den Franzosen in Hessen 657377 Gulden(= 11175423 Mark) erpresst! Von so wichtigen Geschäften in Anspruch genommen, hatte Soubise natürlich keine Zeit, an eine kräf- tige Kriegführung zu denken. Das einzige, was er that, war, dass er die Strasse von Cassel nach Cöln ausbessern liess, um sich eine bessere Verbindung mit Contades zu verschaffen, und dass er auf dem Kratzenberge ein festes Lager anzu- legen begann, an welchem täglich 600 Arbeiter vom Lande schanzen mussten. Endlich gegen Ende August langten bestimmte Befehle vom Kriegsminister an, der ein Vorgehen gegen Westfalen verlangte; während Contades,— der am 19. August von Wesel aufgebrochen war und am 25. eine neue Stellung bei Reckling- hausen an der unteren Lippe eingenommen hatte.— ein Vordringen über Göôttingen nach Ein- beck wünschte, um den Herzog Ferdinand aus Westfalen zum Rückmarsch gegen die Weser zu bewegen. Soubise entschied sich für die Bewegung gegen Westfalen nach der oberen Lippe, um sich Contades zu nähern, etwaigen Bewegungen alliierter Truppen gegen Cassel auf dieser Seite entgegenzutreten und womöglich Lippstadt zu nehmen— eine Bewegung, die vier Wochen früher ausgeführt, ihm die grössten Erfolge mühelos in den Schoss geworfen hätte. Er schickte deshalb den General Du Mesnil am 27. August mit 3 Brigaden Fussvolk, Dragonern und Freiwilligen nach Warburg an der Diemel voraus, von wo aus derselbe am 28. starke Abteilungen gegen Paderborn und Iippstadt vorschob. Der Graf d'Apchon fand aber fetzteren Platz jetzt stärker besetzt und in besserem 2u- stande, als man erwartet hatte, und stand von einem Angriffe ab. Diese Bedrohung des wichtigen Lippstadt durch die Soubise'sche Armee und die dringenden Bitten Isenburgs um Unterstützung bewogen den Herzog Ferdinand, der am 20. von Coesfeld nach Dülmen marschiert war, General v. Oberg mit 7 Bataillonen und 8 Schwadronen nach Lippstadt zu entsenden, um diesen Platz zu decken und sich gegebenen Falls mit dem inzwischen verstärkten Corps des Prinzen von Isenburg zu einem gemeinsamen Unternehmen gegen Soubise zu vereinigen. Zugleich erhielt Isenburg die Weisung, sich zum Ubergange über die Weser bei Holzminden vorzubereiten. Der Prinz hatte in seinem Lager bei Einbeck einige Verstärkungen erhalten; und da Soubise wegen seines beabsichtigten Marsches auf Lipp- stadt seine leichten Vortruppen aus Göttingen bis in die Nähe von Cassel zurückzog, besetzten am 1. September die leichten Truppen Isenburgs Göttingen wieder, während die übrigen Truppen desselben am 5. September ein Lager bei Mo- ringen bezogen. Unterdes hatte die Reiterei Obergs am 31. August Beckum erreicht, wohin dessen Infanterie am 2. September nachfolgte; am 5. überschritt er die Lippe und lagerte in der Ebene zwischen Lippstadt und Paderborn. Auf diese Nachricht von Obergs Eintreffen bei Lipp- stadt hin glaubte Soubise seine Bewegung gegen diesen Platz für vereitelt ansehen zu müssen und kam nun auf den von Contades gut geheissenen Gedanken eines Einbruchs in das Hannòversche zurück; er hoffte durch schnelle Märsche Isenburg erreichen und ver- einzelt schlagen zu können. D. Soubise's Einfall in Hannover; Obergs und Isenburgs Marsch auf Cassel, vom 8.— 25. September 1758. Nachdem Soubise die Stellung Du Mesnil's bei Warburg an der Diemel besichtigt hatte, liess er am 7. September einen Teil seiner Truppen nach Münden abrücken; er selbst ver- liess Cassel mit dem Reste am folgenden Tage. Den 0. erreichte sein Vortrab unter Graf Lannion Gôttingen, das Isenburgs vorgeschobene leichte Truppen beim Herannahen der feind- lichen Ubermacht ohne den Versuch eines Widerstandes geräumt hatten. Soubise traf mit der Hauptmacht am 10. hier ein und mar- schierte am 11. bis Northeim, wo er mit seinen 18000 Mann eine Woche unbeweglich stehen blieb. Seine leichten Vortruppen durchstreiften den Solling im Westen und das ebene Land im Norden. Oberst Fischer erschien am 14. Sep- tember unerwartet vor Hannover, so dass man kaum noch Zeit fand, die Zugbrücken aufzu- ziehen; doch die entschlossene Haltung der Bürgerschaft, die zur Verteidigung bereit war, bewog ihn zum baldigen Rückzuge. Andere Abteilungen streiften nach Osten bis Clausthal im Harz; überall wurden Brandschatzungen eingetrieben. Ohne Widerstand zu finden hatte sich das Soubise'sche Heer über das Land er- gossen. Zwar hatte Isenburg während des August in seinem Lager bei Einbeck Geschütz, Rekruten und einige sonstige Verstärkungen empfangen; das Dragoner-Regiment Prinz Friedrich war vollständig beritten gemacht worden— allein immer noch war er viel zu schwach, sich dem so überlegenen Feinde ent- gegenzuwerfen. Er gab deshalb am 8. sein Lager bei Moringen auf, marschierte am 9. bis Einbeck, am 10. bis Eschershausen und ging am 12. nach Hameln zurück, wo er unter den Kanonen des inzwischen in guten Verteidigungs- zustand gesetzten Platzes eine gesicherte Stellung 16 fand. Trotz dieser rückgängigen Bewegung hielten sich einige kleine Scharen noch in dem nördlichsten Teile von Niederhessen; eine der- selben nahm am 11. September die französische Besatzung von Trendelburg, die zum Fischer'- schen Corps gehôõrte, gefangen. Bei Hameln ward Isenburgs Corps durch einige neue Zuzüge auf 7 Bataillone und 6 Schwadronen 5000 Mann Fussvolk und 1000 Reiter gebracht. Weitere Verstärkungen von der Hauptarmee waren für ihn und Oberg unterwegs. Herzog Ferdinand von Braunschweig hatte nämlich eine gemeinsame Bewegung beider gegen Cassel und die Weser in Aussicht ge- nommen. Während er selbst den Marschall Contades noch bei Dülmen und Recklinghausen festhielt, war durch das Vordringen Soubise's ins Hannôversche bis Northeim eine weite Lücke zwischen den beiden französischen Heeren ent- standen; der wichtigste Punkt auf ihrer Ver-— bindungslinie, Cassel, war nur durch eine schwache Besatzung und die noch bei Warburg stehende Abteilung Du Mesnil's gedeckt. Eine Bedrohung Cassels durch den bei Lippstadt stehenden Oberg musste Soubise zum schleunigen Rückzuge dahin bewegen; gelang es, diesen zu täuschen und im Hannõverschen festzuhalten, so war noch ein weit grösserer Erfolg zu er-— hoffen. Dann konnte man Isenburg über die Weser heranziehen und mit Oberg vereinigt auf Cassel losgehen lassen, das in wenigen Märschen zu erreichen war. Die Abteilung Du Mesnil's war gegen beide zu schwach, und die Wegnahme Cassels im hôchsten Grade wahrscheinlich; Soubise hätte nach Verlust dieses Stützpunktes und der dort aufgesammelten Vor- räte, von Contades und Hanau gleichzeitig ab- geschnitten, nur auf weiten Umwegen und mit grossem Verluste den Main wieder erreichen können. So wäre mit einem Schlage die Be- freiung von Hannover und Hessen erreicht worden. Die glückliche Ausführung dieses viel versprechenden Planes schien nur durch das sächsische Corps des Prinzen Xaver, Grafen von der Lausitz, 15 Bataillone und 24 Geschütze stark, das bei Unna stand, bedroht zu sein, da dasselbe den Bewegungen Obergs von Lippstadt gegen Cassel jederzeit zu folgen vermochte; doch wurde eine Störung von dieser Seite nicht als sehr wahrscheinlich angenommen. Zur erfolgreichen Durchführung des Angriffs auf Cassel bedurften Oberg und Isenburg noch weiterer Verstärkung durch Truppen und Ge- schütz. Beides entnahm der Herzog mit der grössten Heimlichkeit aus der Hauptarmee, so- dass der Feind vollständig in Unkenntnis darüber blieb. General v. Zastrow wurde mit 4 Bataillonen und 4 Schwadronen am 11. September nach Warendorf gesandt, um zunächst das dortige Magazin zu decken und dann zu Oberg zu stossen. Von hier rückte er nach Lippstadt, und beide erreichten am 17. Paderborn; am 18. marschierte Zastrow weiter nach Ottinghausen, am 19. nach Hameln und vereinigte sich am 21. bei Bisperode mit Isenburg. Dieser hatte Hameln am 17. wieder verlassen, war bis Coppen brügge vorgegangen, von wo die Garnison- bataillone über Hameln nach Lippstadt abrückten, und hatte am 18. mit seinen 2 Feldbataillonen und 6 Schwadronen ein Lager bei Bisperode bezogen. Nach der Vereinigung mit Zastrow zählte er 6 Bataillone, 10 Schwadronen= 4800 Mann Infanterie und 1500 Reiter. Oberg blieb einige Tage bei Paderborn und wurde hier am 21. auf 11 Bataillone und 12 Schwadronen= 8800 Mann Infanterie und 2000 Reiter gebracht, ungerechnet die leichten Truppen: Luckners Husaren, hannôversche und hessische Jäger zu Fuss und zu Pferd; die Gesamtstärke beider ist demnach auf etwa 18 000 Mann zu veranschlagen. Diese Bewegungen verfehlten ihren Zweck nicht; Soubise liess sich täuschen, zumal Isenburg durch den hessischen Artillerie-Oberst-Lieutenant Huth bei Holzminden Anstalten zu einem Brückenschlag treffen liess. So kam Soubise zu der Uberzeugung, dass Oberg hier die Weser ükerschreiten und ihm bei Northeim in den Rücken fallen wolle, während Isenburg ihn 17 von vorn angreifen solle. Deshalb befahl er Du Mesnil, bei Warburg nur die 4 Schweizer- Bataillone unter Oberst Waldner stehen zu lassen, mit den übrigen Truppen aber über Cassel in Eilmärschen zu ihm zu stossen, und versammelte seine Hauptmacht am 20. wieder weiter rück- wärts bei Göttingen. So wurde Cassel immer mehr entblôsst: der Weg dahin lag Oberg vollständig offen. Dieser hatte von Paderborn aus den General Bock mit einem Dragoner-Regiment und Luckners Husaren am 17. gegen Warburg vorgesandt, worauf Waldner am 19. die Stadt räumte und auf das rechte Ufer der Diemel zurückging; allein erst am 24., nach Verlust mehrerer Tage, erschien Oberg mit der Hauptmacht daselbst. Am 25. überschritt er die Diemel, Luckners Husaren machten bei Grebenstein 48 Mann mit 56 Pferden vom Fischer'schen Freicorps zu Gefangenen; Oberst Waldner wich gegen Zierenberg zurück. Am 26. marschierte Oberg über Grebenstein auf Cassel; seine Vortruppen waren schon am Morgen bei Ober-Vellmar eingetroffen, wo sie mit den Franzosen ein kleines Scharmützel hatten. Diese zogen sich auf den Kratzenberg zurück und wiesen Luckners Husaren durch Gewehrfeuer ab, welche sich nun damit begnügten, Kirchditmold vom Feinde zu säubern und einige Gefangene zu machen. Mit dem Hauptteile seiner Streitmacht erreichte Oberg bald nach Mittag Ober-Vellmar. Die Verhältnisse lagen ausserordentlich günstig für einen überraschenden Angriff auf Cassel, sie luden dazu geradezu ein. Unter der Besatzung und ihren Befehlshabern war bei dem unerwarteten Erscheinen des Feindes in solcher Nähe die Bestürzung und Kopflosigkeit voll- ständig. An eine ernstliche Verteidigung dachte niemand. Das Armee-Fuhrwerk, welches vor dem Müllerthore(dem holländischen Thore) auf- gefahren war, suchte man zunachst zu retten; man schaffte es eilig in die Stadt. weshalb das genannte Thor fast den ganzen Tag offen stehen blieb. Weder der Wall noch der bedeckte Weg 3 vor dem Festungsgraben wurden besetzt; die Thorwache wurde nicht verstärkt, ja die Mann- schaften derselben verliessen in Menge das Wachthaus und begaben sich in ihre Quartiere, um die Tornister zu packen. Bei dieser Verwirrung gingen die Bewohner ungehindert durch das Thor aus und ein; einige Bürger kamen in das Lager Obergs bei Ober-Vellmar und berichteten ausführlich über den Stand der Dinge in der Stadt. Daraufhin erbot sich Oberst-Lieutenant Luckner, Cassel durch einen Handstreich zu nehmen, wenn ihm Oberg nur 2000 Mann zur Verfügung stellen wolle. Doch umsonst; dieser war zu nichts zu bewegen. Er hatte, als er nachmittags bei Ober-Vellmar anlangte, einige franzôsische Truppen auf der bei Wolfsanger geschlagenen Brücke die Fulda überschreiten sehen; er hielt den Feind für stärker, als er war, glaubte nun, selbst zu einem gewaltsamen Angriffe zu schwach zu sein, und erklärte, dass er den ermüdeten Truppen Ruhe gewähren und die Ankunft des Isenburg'schen Heeresteiles abwarten müsse. Dieser war am 22. von Bis- perode nach Eschershausen gegangen, hatte am 24. Holzminden erreicht und hier die Weser am 25. überschritten. Noch an demselben Tage marschierte er bis Beverungen, am 26. bis Stammen bei Trendelburg und vereinigte sich am 27. bei Ober-Vellmar mit Oberg. Jene französischen Truppen aber, die am 26. nachmittags bei Wolfsanger die Fulda über- schritten, waren die Spitzen des Soubise'schen Heeres. Von dem Norgehen Obergs gegen Warburg und dem Marsche Isenburgs nach Holzminden benachrichtigt, hatte Prinz Soubise erkannt, dass diese Bewegungen auf Cassel gerichtet waren, und mit einer bei ihm seltenen Schnelligkeit des Entschlusses hatte er am 25. sein Heer von Göttingen nach Cassel aufbrechen lassen, während er selbst so rasch als möglich voraus- eilte. So kam er mit dem Herzoge Karl Eugen von Württemberg schon am 26. nachmittags in Wolfsanger an, ohne indes eine Ahnung zu naben, dass der Feind schon in solcher Nahe 18 sei. Sie unternahmen einen Spaaierritt, stiessen dabei auf Luckner'sche Husaren, die sie zuerst für französische Reiter hielten und erst später als feindliche erkannten, und gewahrten zu ihrem grössten Erstaunen das ganze Oberg'sche Corps im Anmarsch. Sofort liess Soubise die ankom- menden Truppen über die Pulda gehen und die Strasse nach Cassel einschlagen, was indes nicht ohne Verwirrung abging, und in den Strassen der Stadt wurde durch die einrückenden Truppen die Unordnung und das Gedränge immer grösser. Zu ihrer eigenen Verwunderung blieben die Franzosen vollkommen unbehelligt, und sie ge- wannen das, was augenblicklich für sie das Wichtigste war: die Zeit, neue Truppen heran- zuziehen. Am Morgen des 27. traf von Zieren- berg aus über Dörnberg Oberst Waldner mit seinen 4 Bataillonen auf dem Kratzenberge ein; an diesem und am folgenden Tage langte der Rest von Soubise's Heer von Göttingen über Münden— auf dem Marsche durch Isen- burgs hessische Jäger vom linken Fulda-Ufer aus stark belästigt, aber nicht aufgehalten— bei Cassel an, sodass Soubise nun hier seine ganze Macht, 41 Bataillone, 27 Schwadronen und das Fischer'sche Freicorps, wieder vereinigt hatte. So war durch Obergs Schuld, durch sein Zögern auf dem Marsche und durch seinen unverantwortlichen Mangel an Thatkraft und Ent- schlossenheit im entscheidenden Augenblicke die günstigste Gelegenheit, dem Feinde einen ganz empfindlichen Schlag zu versetzen, unwieder- bringlich versäumt worden. E. Preignisse bei Cassel bis Zum Vorabende des Treffens bei Lutternberg, vom 27. September bis zum 9. Oktober 1758. Als General v. Oberg durch sein unheil- volles Zögern die günstige Gelegenheit, sich Cassels durch einen Handstreich zu bemächtigen, versäumt hatte, benutzten die Franzosen die ihnen gewährte Zeit, um ihre Stellung bei Cassel zu befestigen. Die ganze Nacht vom 26. zum 27. September arbeiteten sie mit dem grössten Eifer und mit Aufbietung aller Kräfte an der Vol- lendung und Verstärkung des verschanzten Lagers auf dem Kratzenberge; am Morgen des 27. waren die Werke vollendet, durch Verhaue verstärkt und mit 16 schweren Kanonen sowie einer An- zahl von Feldgeschützen bewaffnet— kurz, der Kratzenberg war über Nacht unangreifbar ge- worden. Unter dem Schutze der Verschanzungen nahmen die anlangenden Truppen Aufstellung; der äusserste linke Flügel lehnte sich bei dem Weissenstein(jetzt Schloss Wilhelmshöhe) an den Habichtswald. Unter diesen Verhältnissen stand Oberg, obwohl Isenburg zu ihm stiess, von einem Angriffe ab und bezog weiter rück- wärts ein Lager. Dasselbe dehnte sich von Harleshausen bis jenseits Frommershausen aus; rechts der Ahne lagerten Obergs Truppen, links derselben diejenigen Isenburgs; Nieder-Vellmar und Frommershausen lagen vor der Front. So standen sich die beiden Gegner, Oberg und Soubise, bis zum 2. Oktober, einander beobachtend, gegen- über, jeder den Angriff des andern erwartend. Die Franzosen arbeiteten in dieser Zeit eifrig an der weiteren Verstärkung ihrer Ver- schanzungen auf dem Kratzenberge; zugleich aber wurden zahlreiche Gepäckwagen auf der Frankfurter Landstrasse zurückgesandt. Um diese womöglich wegzunehmen und den Feind im Rücken zu beunruhigen, streifte Luckner mit seinen leichten Truppen über Dornberg, 19 Ehlen und Niedenstein bis gegen Werkel hin ohne indes seinen Zweck zu erreichen. Die Rücksendung der Wagen hatte bei Oberg die Ansicht erweckt, dass Soubise an den Rückzug nach Marburg denke, und er beschloss, in der Nacht vom 30. September bis 1. Oktober den linken Flügel des Feindes am Habichtswalde zu umgehen. Doch unterliess er die Ausführung, da ihm Geheimrat Waitz von Cassel aus die Mitteilung zukommen liess, dass die Franzosen durchaus nicht gewillt wären, angesichts der Verbündeten den Rückzug anzutreten. Soubise hatte auch dazu jetzt weniger Ver- anlassung als je. Nicht allein war ja sein Heer dem Obergs an sich schon überlegen, es nahten auch von der Hauptarmee beträchtliche Ver- stärkungen für ihn heran. Er hatte sich schon, als Oberg an der oberen Lippe erschienen war, und dessen Vereinigung mit Isenburg wahr- scheinlich wurde, trotz seiner Uberlegenheit an Contades mit der Bitte um Hüälfe gewandt, und dieser hatte von Recklinghausen den thatkräf- tigen General Chevert über Lünen nach Werl marschieren lassen, wo er am 29. September eintrafund sich mit den Sachsen unter dem Prinzen Xaver, welche am 23. von Unna aufgebrochen waren, vereinigte; der General-Lieutenant Herzog von Fitz-James folgte ihm nach. Im ganzen zählten die Streitkräfte Cheverts 16 Bataillone Franzosen(6400 Mann), 15 Bataillone Sachsen und 4 Bataillone Kurpfälzer(11400 Mann), 34 Schwadronen(3400 Reiter) nebst den Freicorps „Légion Royale“ und„Volontaires de Flandres“ (1500 Mann)= 22700 Mann; am 2. Oktober er- reichte er Büren und marschierte dann weiter über Stadtberge(Nieder-Marsberg nach Hessen. Um diese Bewegung zu unterstützen, verliess Contades am 7. Oktober eine Stellung bei Recklinghausen und nahm am 9. eine neue bei Hamm. So wurde seine Verbindung mit Soubise besser gesichert, und Herzog Ferdinand zugleich um das wichtige Lippstadt besorgt gemacht. Deshalb brach dieser am 7. von Dülmen auf, ging am 8. bis Nottuln und bezog am 9. ein Lager bei Münster. 3* Von dem Heranzuge Cheverts wurde Oberg durch die Landeseinwohner rasch in Kenntnis gesetzt. Diese Nachricht enthüllte ihm die ganze Gefahr seiner Lage. Blieb er bei Ober-Vellmar stehen, so wurde er von Chevert im Rücken und in der rechten Flanke, von Soubise in der Front angegriffen, und er wäre dann einer vernichtenden Niederlage nicht entgangen. Wohl hätte er rasch aufbrechen und das heran- rückende Hilfscorps unversehens anfallen können. Würde aber Soubise das ruhig geschehen lassen? Folgte Oberg dem Abaziehenden, so geriet er wiederum zwischen zwei Feuer; wenn nicht, so war es immerhin noch sehr fraglich, ob es ihm gelingen würde, den gesuchten Feind in dem für Truppenbewegungen ausserordent- lich schwierigen Gelände an der oberen Diemel und im Waldeck'schen, das ihm selbst fast gänzlich unbekannt war, zum Kampfe zu zwingen. Er entschloss sich daher, seine Stellung zu ver- ändern. Am 3. Oktober früh ο Uhr liess er Generalmarsch schlagen und das Lager ab-— brechen; um 10 Uhr marschierte er nach links hin ab. Die Franzosen liessen den Marsch zuerst nur durch Reitertrupps beobachten. Doch als der Vortrab Obergs auf dem Häuschenberge bei Rothwesten anlangte, erschien auf der Höhe zwischen Ihringshausen und Nieder-Vellmar der Marquis de Castries mit 14 Schwadronen, Freiwillige besetzten das letztere Dorf; Baron Closen mit Grenadieren und dem Fischer'schen Corps, unterstützt von 2 Bataillonen Royal- Allemand, ging über Harleshausen bis Ober- Vellmar vor. Diese Abteilungen waren zusammen 5200 Mann stark, sie konnten also den Marsch der Verbündeten wohl beunruhigen, aber nicht ernstlich gefährden. Als die Feinde, die zuerst nur aus beträchtlicher Ferne folgten, etwas näher herankamen und die Nachhut, wenn auch wir- kungslos, mit Kanonen beschossen, glaubte Oberg, sie wollten ihn auf dem Marsche angreifen; er liess deshalb Halt machen und aus den Marsch- kolonnen rechts aufmarschieren: wie auf dem Exerzierplatze wurde diese Bewegung ausgeführt, 20 in nur sieben Minuten war die Schlachtordnung in zwei Treffen auf den Hôhen zwischen Winter- büren und Hohenkirchen hergestellt und das schwere Geschütz aufgefahren. Den französischen Reitern warf er bei Simmershausen einige Schwa- dronen entgegen, welche dieselben ohne Mühe im Schach hielten; bei Ober-Vellmar behauptete sich eine Abteilung hannôverscher Jäger im Feuergefecht gegen das Fischer'sche Corps bis zum Abend. Die Verluste in diesen Schar-— mützeln waren auf beiden Seiten nur unbe- deutend. Die Stellung auf den genannten Höhen, ziemlich parallel dem Kratzenberge, war in der Front durch den Thaleinschnitt der Espe ge- deckt und zur Verteidigung gegen einen Angriff Soubise's sehr günstig. Allein auch sie konnte durch Chevert, dessen Eintreffen in wenigen Tagen zu erwarten war, auf dem rechten Flügel umgangen werden. Ausserdem stand zu be- fürchten, dass der so bedeutend verstärkte Gegner, unter Zurücklassung einer ausreichenden Be- satzung in Cassel. mit weit grösserer Macht als vorher seinen Einbruch in das Hannòversche wiederholen werde; ja man sah dies als unzweifel- haft an. Da entschied sich Oberg dafür, sich dem Feinde auf der hannôverschen Strasse ge- rade in den Weg zu stellen, zumal das durch- schnittene Gelände auf dem rechten Fuldaufer die Verteidigung erleichterte. Er liess deshalb bei der Glashütte(der Spiegel-Mühle) zwischen Speele und Knickhagen eine Schiffbrücke über die Fulda schlagen und sandte am 4. Oktober frün den hessischen General-Major Prinzen von Fürstenberg mit 3 Bataillonen und 4 Schwadronen auf das rechte Ufer hinüber. Spät am Nachmittage folgte Isenburg mit dem zweiten Treffen nach, das Fussvolk auf demselben Wege über Knickhagen und die Glashütte, den Fürstenberg genommen hatte; die Reiterei benutzte eine Furt bei Wilhelmshausen, und das schwere Geschütz ging über Münden. Der Marsch war sehr beschwerlich, da der Weg von dem Fuldaufer zur Hôohe von Landwehrhagen sehr steil ansteigt und tiefe Dunkelheit herein- brach. Während Isenburg heranmarschierte, versuchte eine französische Abteilung von 3000 Mann unter Crillon, von Cassel kommend, die Anhéhen zwischen Sandershausen und Landwehr- hagen bei Lutternberg zu gewinnen, um von da nach Münden vorzugehen. Sie wurde aber von Fürstenberg auf der Stelle angegriffen und mit einem Verluste von 50 Mann über Sanders- hausen nach Cassel zurückgeworfen. Der Herzog von Württemberg, der sich bei dieser Abteilung befand, wäre beinahe gefangen worden. Am 5. Oktober verliess auch General v. Oberg mit dem ersten Treffen die Stellung bei Rothwesten und marschierte nach Landwehrhagen, wo er nun seine sämtlichen Streitkräfte wieder ver- einigte. Obwohl der UÜbergang in drei Abtei- lungen, an verschiedenen Tagen und dicht unter den Augen des Feindes ausgeführt wurde, hatte derselbe doch nicht den geringsten Versuch gemacht, ihn zu stören oder auch nur zu beläs- tigen und zu erschweren. Oberg bezog nun mit seinem ganzen Corps ein Lager auf der nördlichen Seite des Sandershäuser Berges, mit dem rechten Flügel an den Hohenschleifen- graben vor Landwehrhagen, mit dem linken an den Heiligenroder Wald gelehnt. Durch den vorliegenden Sandershäuser Berg, den Ellen- bacher und Heiligenroder Wald war dasselbe den Blicken der Feinde gänzlich entzogen. Diese Stellung hatte indes den grossen Nachteil, dass sie auf dem linken Flügel von Heiligenrode her durch das Thal der Nieste umgangen und die Rückzugslinie Obergs nach Münden durch- schnitten werden konnte. Während dieser Bewegungen Obergs blieb Soubise, ohne sich zu rühren, in seinem befes- tigten Lager auf dem Kratzenberge stehen, be- ständig umschwärmt von den leichten Truppen der Verbündeten, besonders den Luckner'schen Husaren, deren Uberlegenheit im kleinen Kriege über die Franzosen sich beständig fühlbar machte. Während die französischen Kuriere nur unter starker Bedeckung, oft von mehreren gefallener Entscheidung angeordnet hatte. hundert Reitern, ausgesandt werden konnten, wurde Oberg durch seine Streifscharen von allen Vorgängen beim Feinde aufs genauste unterrichtet. So blieb ihm das Heranrücken der franzöõsischen Verstärkungen nicht verborgen. Am 8. Oktober traf die erste Abteilung der- selben, 25 Bataillone, 24 Schwadronen und 2 Freicorps, unter Chevert und dem Prinzen Xaver v. Sachsen von Stadtberge her über Wolfhagen bei Cassel ein und bezog ein Lager, das sich von Freienhagen bis über Ober-Zwehren hinaus erstreckte. Am nächsten Tage langte auch der Herzog v. Fitz-James mit dem Reste, 10 Batail- lonen und 12 Schwadronen, an. So verstärkt— er hatte jetzt fast 46000 Mann unter seinem Befehle vereinigt— beschloss Soubise, sofort zum Angriffe überzugehen, zumal ihm Contades das Chevert'sche Corps nur auf kurze Zeit über- lassen und dessen alsbaldige Rücksendung nach Es galt also für ihn, die gewährte Frist, die nur nach Tagen bemessen war, auszunützen. Ober- halb Cassels waren mehrere Pontonbrücken geschlagen worden, zwei bei der jetzigen Collet- schen Badeanstalt, eine zwischen der Carlsaue und der Mündung des Mühlbachs und eine vierte bei der Neuen Mühle; noch am Abende nahm ein Teil des Soubise'schen Heeres in der Karls-Aue Aufstellung, um am nächsten Morgen zum UÜbergange bereit zu stehen. Den 0. Oktober begannen die Truppen Soubise's und Chevert's in fünf Heersäulen die Fulda zu überschreiten. Der Marquis de Voyer führte den Vortrab, welcher aus dem Fischer'- schen Corps, der Légion Royale, den Volon- taires de Flandres, 20 Compagnien Grenadiere, 20 Infanterie-Piketts und 450 Karabiniers be- stand, und deckte mit demselben den Ubergang und den Aufmarsch der Armee. Soubise nahm Aufstellung in zwei Treffen an dem linken Ufer der Losse; sein rechter Flügel, das Corps von Chevert, lehnte sich an Nieder-Kaufungen, sein linker an die Unter-Neustadt. Die Division Fitz-James ging gegen Abend bei der Neuen Mühle über den Fluss und bezog als drittes Treffen(Reserve) ein Lager auf dem Forste bei Waldau. Der Marquis de Voyer rückte mit seiner Abteilung gegen Heiligenrode vor, das ebenso wie Sandershausen durch hannôversche Jäger und leichte Truppen besetzt war. Auch General von Oberg unternahm an diesem Tage eine Veränderung seiner Stellung. Er verliess sein am 5. bezogenes Lager und stellte sich auf dem südlichen Abhang des Sandershäuser 22 Berges an derselben Stelle auf, wo am 23. Juli Isenburg und Broglie so erbittert mit einander gerungen hatten. Die ersten zwei Treffen bildete das Fussvolk, das dritte die Reiterei. Die Artillerie beherrschte das vorliegende Ge- lände und die Dôrfer Sandershausen und Heiligen- rode, weshalb de Voyer von einem Angriff ab- stand und bis Nieder-Kaufungen zurückwich. So war die Lage am Abende des 0. Oktober. (Fortsetzung und Schluss im nächsten Jahresberichte.)