— * Inhalt: zu den am 7. und S. April 1862 im Hörsaal des Gymnasiums mm; 2AOAAU womit Statt findenden öffentlichen Prüfungen ergebensteinladet der Gymnasialdirector Dr. K. W. Piderit. 1) Zur Kritik und Exegese von Ciceros Brutus P. II. vom Gymnasialdirector Dr. Piderit. nh ve.,⸗ 2) Schulnachrichten. HANAD, 18 62. Druck der Waisenhausbuchdruckerei. 9 z7 u I Kritik und Exegese Von Ciceros Brutus P. II. Dr. K. W. Piderit. 7 6 3 1 * 1. Als eine der Stellen, an denen man bisher, ohne nur den geringsten Anstosz an der über- lieferten Lesart zu nehmen, vorübergegangen ist, musz Brut. 54, 200 betrachtet werden: Itaque intellegens dicendi eæistimator non assidens et atlente audiens, sed uno aspectu et praeteriens de orutore saepe iudicat. Videt oscitantem iudicem, loquentem cum allero, nonnumçuam eliam cir- culantem, mitlentem ad horas, quaesitorem ut dimittat rogantem: intellegit oratorem in ea causa non adesse, qui possit animis iudicum admovere orationem lamquam fidibus manum. Idem si praeteriens aspexerit erectos intuentes iudices, ut aut doceri de re idque etiam vultu probare videantur, aut ut arem cantu aliquo sic illos viderit oralione quasi suspensos leneri, aut id quod maæime opus est misericordia odio molu animi aliquo perturbalos esse vehemenlius, ea si praeteriens ut diæi aspexe- rit, si nihil audiverit, tamen oralorem versari in illo iudicio et opus oratorium fieri aut perfectum iam esse profecto intelleget. Cicero meint, für den echten Kenner der Redekunst bedürfe es bei der öffentlichen Ge- richtsverhandlung nur eines flüchtigen Blicks auf die Geschworenen, an die der Redner seine Worte richtet, um sofort ein sicheres Urteil darüber zu gewinnen, ob ein wirklich bedeutender Redner aufgetreten sei oder nicht. Gähnt der Richter vor langer Weile, schwatzt er mit einem seiner Collegen, steht er vom Platze auf oder fragt er nach der Uhr und bittet den Vorsitzen- den, doch die Sitzung zu schlieszen: so ist das ein sicheres Zeichen, dasz hier ein Redner. der Gewalt über die Geister habe und die Seelen seiner Zuhörer behersche, wie der Meister im Spiel die Saiten seines Instruments, gewislich nicht rede. Bemerkt er dagegen an den Rich- tern keinerlei Zeichen von Unaufmerksamkeit, Teilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit, sieht 1 4 er vielmehr, wie sie mit Spannung zuhören, mit unverkennbarem Interesse der Darstellung fol- gen und augenscheinlich anf das tiefste bewegt sind, also mit ganzer Seele, Herz und Gemüt an dem Vortrage hängen: dann ist ein Redner da. Diesz ist nämlich offenbar die logische Gliederung des letzten Satzes: dasz ein tüchtiger Redner aufgetreten sei, läszt sich mit untrüglicher Sicherheit dann annehmen, wenn er seine drei Hauptfunctionen— das docere, delectare und movere*)— augenscheinlich mit günstigem Erfolge verrichtet, also wenn wir an den Zuhörern wahrnehmen, dasz sie die Wirkung dieser drei Functionen an sich erfahren„ mit andern Worten eos aut doceri aut delecltari aul m o- veri. Anstatt dieses kürzesten Ausdrucks hat aber Cicero eine lebendigere, mannigfaltigere Darstellung gewält und darum die streng logische Gliederung in etwas verlaszen. 8*) Statt nämlich nach dem ersten Glied(ut aut doceri videantur) einfach so fortzufahren: aut deleclari, aut moreri, hebt er beim zweiten Glied wieder mit einer Wiederholung der Protasis des Con- ditionalsatzes an: aut(si) viderit und macht von dem letztgenannten Verbum auch das dritte Glied abhängig: aut sc. si viderit illos perturbatos esse. Die Wiederaufnahme dieser Protasis und damit überhaupt diese Abweichung von der kurzen streng logischen Form empfahl sich hier aber nicht allein um der gröszeren Anschaulichkeit willen, die dem Gedanken dadurch verliehen wurde, sondern auch besonders aus dem Grunde, weil das vorangestellte si aspewerit erectos intuentes iudices streng genommen eigentlich nur oder wenigstens vorzugsweise nur zu dem er- *) Brut. 49, 185 tria sunt enim— quae sint efficienda dicendo: ut doceatur is apud quem dicetur, ut de- lectetur, ut moveatur vehementius. 50, 187 f. 23, 89. de or. II 27, 115 Ita omnis ratio dicendi tribus ad persuadendum rebus est nixa, ut probemus vera esse quae defendimus, ut conciliemus nobis eos qui au- diunt, ut animos eorum ad quemcumque causa postulabit motum vocemus. 28, 121 quibus ex locis ad eas tres res, quae ad fidem faciendam solae valent, ducatur oratio, ut et concilientur animi, et docean- tur et moveantur. 29, 128 tres sunt rationes— una conciliandorum hominum, altera docendorum, tertia concitandorum. 77, 310 et quoniam— tribus rebus omnes ad nostram sententiam perducimus aut docen- do, aut conciliando, aut permovendo etc. Or. 21, 69. de opt. gen. dic. 1, 3. Quint. III 5, 2. **) Formell ähnlich ist es, wenn der Schriftsteller bei derartigen Aufzälungen der einzelnen Glieder ap- sichtlich zu Vermeidung einer allzusteifen und deshalb leicht ans pedantische anstreifenden Enumeration eine der disjunctiven und copulativen Partikeln um der Abwechselung willen verstellt, wie Or. 44, 149 collocabuntur igitur verba, ut aut inter se quam aptissime cohaereant— aut ut forma ipsa concinnitasque verborum conficiat orbem suum, aut ut comprebensio numerose et apte cadat, wo also durch eine Art Inversion das erstemal ut aut statt aut ut gesetzt ist. Vgl. ad Att. II 19, 5 posthac ad te ant si perfi- delem habebo, cui dem, scribam plane omnia, aut si obscure scribam, tu tamen intelleges statt aut ad te. de fin. II 5, 15 quod(nämlich das ita loqui, ut non intellegatur) duobus modis sine reprehensione fit: si aut de industria facias— aut cum rerum obscuritas, non verborum facit, ut non intellegatur oratio statt aut si. Liv. II 27, 2 postulabant, ut aut referret ad senatum aut ut anxilio esset consul civibus suis. In gleicher Weise bei et— et. ad Att. III 6 idque ad multa pertinuit; in eis, et ut in Epiro con- sisteremus et de reliquis rebus tuo consilio uteremur statt ut et. ad Att. III 4 ne et Sica, apud quem eram periret et quod Melitae esse non licebat statt et ne. sten Verbum, dem doceri paszte,*) so dasz also das deleclari und permoreri beszer noch jedes durch eine besondere Wendung berücksichtigt wurde. Was nun aber näher die zweite Protasis betrifft aut si ut arem cantu aliquo sic illos viderit oralione quasi suspensos leneri, so leidet dieselbe in den Worten ut arem cantu aliquo an einem offenbaren Verderbnis. Allgemein werden die Worte so erklärt, dasz man canta von dem Lock- gesang des Vogelstellers erklärt, etwa nach dem bekannten Vers: fstula dulce canit, volucrem dum decipit auceps. Aber dann dürſte eben aucupis als der Hauptbegriff auf keinen Fall fehlen. Zudem möchte doch dieser ganze Vergleich sowol des Redners mit einem auceps und dessen Locktönen, als der Richter mit einem aris, der auf die bethörende Lockpfeife hört, um dann blindlings seinem Triebe folgend ins Garn zu gehen, hier wo von der Einwirkung eines wahren Redners auf die Herzen besonnener Männer die Rede ist, in der That als durchaus unpaszend und völlig unerträglich erscheinen. An einen Sänger aber wie Horant in der Gudrun, dessen herzbewegendem Gesang auch die Vögel lauschen, dürfen wir doch hier nicht denken. Nein, avem ist die verunglückte Correctur eines Grammatikers, der aus Misverständnis der Stelle den Accusativ für notwendig hielt. Es handelt sich hier(wie oben bereits bemerkt ist) um das zweite Hauptziel des Redners ut delecletur et quasi voluptate quadam perfundatur is apud quem dicelur.**) Dazu paszt aber der Vergleich ganz vortrefflich, der durch die sehr nahe liegende Aenderung der Worte in ut suavi avis canlu aliquo gewonnen wird: ‚wenn wir wahr- nehmen, dasz die Herzen der Zuhörer, wie durch irgend einen reizenden Vogelgesang so durch den Wollaut und den melodischen Klang der Rede gleichsam schwebend getragen werden d. h. ganz entzückt sind von der reizenden, gewinnenden und fesselnden Darstellunge. Wie leicht suavi zwischen ut und avis ausfallen konnte, leuchtet auf den ersten Blick ein; wie sehr es aber hier an seiner Stelle ist, beweist Or. 21, 69 erit igitur eloguens— is qui in foro causisque civilibus ila dicet, ut probet, ut deleclel, ut ftectat;, probare necessitatis est, delectare suavita- tis, fleclere vicloriae. Der Ton liegt natürlich nicht auf llos,***)(das dem griechischen 2zeενos gleich nichts anderes ist, als stellvertretendes Pronomen für iudices), †) sondern auf oratione, die durch den Vergleich mit suari aris cantu treffend als solche charakterisiert wird, die nach dem docere oder probare auch das andere Hauptziel, das delectare oder conciliare in hohem Masze erreicht hat,— als oraltio placida, summissa, lenis, bei der es auf die lenitas vo- cis und rerborum comilas ankommt, H †) im Gegensatz zu der fortis oralio, die sich dann bei dem *) ad Herenn. I 4, 7 docilis is est, qui attente vult audire. Macrob. sat I 3 cum omnes paratos ad audiendum erectosque vidisset. **) Brut. 49, 185: 50, 188. *rn) Dasz man irrtümlicher Weise illos betonte ist eber zu der falschen Correctur von avis in avem die Ver- anlaszung gewesen. †) wie in der oben teilweise angeführten Stelle de or. II 57, 310, die weiter also lautet: una ex tribus his rebus prae nobis est ferenda, ut nihil aliud nisi docere velle videamur, reliquae duae sicuti sanguis in corporibus sic illae in perpetuis orationibus fusae esse debebunt. rr) de or. II 29, 129 Harum trium partium prima(sc. das conciliare) lenitatem orationis, secunda(das 6 dritten Hauptziel dem oratorischen permovere besonders zu offenbaren hat. Denselben Vergleich finden wir de or. II 8, 34 qui enim cantus moderata oralione dulcior inveniri potest? 2 —. Wie in der eben behandelten Stelle der Ausfall von suavi durch den Gleichlaut der neben einander stehenden Silben(suavi avis) veranlaszt wurde, so scheint ein ganz ühnliches Versehen Brut. 73, 254 obgewaltet zu haben. Brutus stimmt in das hohe Lob, das Cäsar in seiner Schrift de raltione Laline loquendi auf die anerkennendste Weise über Ciceros Verdienste um die lateinische Sprache ausgesprochen,*) vollkommen mit ein: Tum Brutus, amice hercule, inquit, et magnifice le laudalum pulo, quem non solum principem alque inventorem copiue dixerit, quae erat magna laus, sed etiam bene meritum de populi Romani nomine et dignitate, und führt dann fort: Ouo enim uno vincebamur a vicla Graecia id aut ereptum illis est aut nobis cum illis com- municatum. In diesem letzten Satz vermiszt man nun gar sehr die Hervorhebung der Haupt- sache, dasz es gerade Cicero gewesen, der diesen Sieg errungen. Denn den Einwand, dasz Cicero aus Bescheidenheit diese ausdrückliche Erwühnung seines Verdienstes unterlaszen habe, wird man doch Angesichts der gesamten Darstellung nicht erheben wollen; sonst hätte ja Ci- cero aus demselben Grund auch die Anführung des ruhmvollen Zeugnisses Cäsars vermeiden müszen. Er trägt aber beidesmal um so weniger Bedenken, seiner hohen Verdienste um die lateinische Sprache zu erwühnen, als ihm wirklich diese Verdienste Niemand mit Recht be- streiten konnte. Dabei wahrt er jedoch wenigstens formell streng das decorum, insofern er sich nicht selbst rühmt, sondern seine anwesenden Freunde seinen Ruhm verkünden lüszt und zwar wieder nach der Stellung der beiden Freunde etwas verschieden: der ältere Atticus spricht das hohe Lob Cäsars seinem Freunde nicht ins Gesicht, sondern zum beiderseitigen Preunde gewendet, so dasz Cicero nicht zu erröten braucht; für den jungen Brutus dagegen hat es gar nichts unziemliches, dem Meister selbst gegenüber in Cäsars Lob direct miteinzustimmen. Es liegt daher die Vermutung sehr nahe, dasz vor ereplum ursprünglich noch die Worte per te im Texte standen, zu deren nachmaligem Ausfall die gleichen Buchstaben des folgenden Worts ereptum die Veranlaszung gaben. Ein bedeutender äuszerer Grund für diese Emendation probare) acumen, tertia(das movere) vim desiderat. Nam hoc necesse est, ut is qui nobis causam adiudicaturus sit, aut inclinatione voluntatis propendeat in nos, aut defensionis argumen- tis adducatur, aut animi permotione cogatur. II 43, 183 f. et hoc— tantam habet vim, si est suaviter et cum sensu tractatum, ut saepe plus quam causa valeat. *) Brut. 72, 253 Qui(nämlich Cäsar) etiam in maximis occupationibus ad te ipsum(spricht Atticus zu Ci- cero gewendet) de ratione Latine loquendi accuratissime scripserit primoque in libro dixerit, verborum delectum originem esse eloquentiae, tribueritque— huie nostro— laudem singularem; nam scripsit his verbis, cum hunc nomine esset affatus: ac si„ ut cogitata praeclare eloqui possent, nonnulli studio et usu elaboraverunt, huius te paene principem copiae atque inventorem bene de nomine ac dignitate populi Romani meritum esse existimare debemus. 7 aber liegt sicherlich darin, dasz wir an unserer Stelle offenbar eine absichtlich angebrachte Erinnerung an das Wort finden, das einst Molo über Cicero gesprochen hatte: αε ⁴α— sagte Molo nach Plutarch vil. Cic. 4 zu Cicero— ³ Ki⁴εεμωυν επαμιένια νœ%ννααας, i dε EIAd⁴ Olæretòνν υνν τμνπνν 6‿m& ⁴να τιντεαάαννννμ πάαteπαεο zul³ τανντ ον⁴αoς d³ ασι r908- Peydεεεeνα α⁶eieν εα 10„νv. Die einzuschiebenden Worte per te wären nichts als die Ueber- setzung dieses griechischen dι σοσι. 3. Oſt aber hat ein solcher Ausfall eines Wortes noch eine weitere Störung des Textes zur Folge, wie diesz unter anderen Bruf. 12, 46 der Fall gewesen zu sein scheint. Cicero spricht von den ersten Anfängen der rhetorischen Theorie und beruft sich in dieser Beziehung auf das Zeugnis des Aristoteles in dessen zeνναν αυνακ̈ναων Ilague ait Aristoteles, cum sublatis in Sicilia lyrannis res privatae longo intervallo iudiciis repeterenlur, tum primum, quod esset acuta illa gens et controversi a natura artem et praecepla Siculos Coracem et Tisiam conscripsisse. So steht die Stelle in den Handschriften(controversia natura, controversi a natura). Die Herausge- ber haben alle in den Worten ein weiteres Attribut zu gens gesucht und daher entweder lesen wollen: controversa natura(— so Meyer, Orelli und Ellendt, die beiden letzteren jedoch mit dem Zeichen der Athetese—), oder controversiis nala(— so Schütz nach Jacobs—), oder wie der neueste Herausgeber O. Jahn controrersiae nata. Allein gegen die zuerst erwähnte Lesart controversa natura hat schon Bernhardy mit Recht geltend gemacht, sowol dasz controversa in diesem activen Sinne:„von streitsüchtigem Wesen“ oder„streitsüchtig von Natur“ nicht vorkom- me, als auch, dasz die Sicilier wol als witzig, launisch und sarkastisch, aber keineswegs als process- und händelsücht:g geschildert würden. Dieser Einwurf gilt denn auch gegen die an- dere Conjectur: für Streitigkeiten oder für Streit geschaffen“, abgesehen davon, dasz ein sol- cher Ausdruck ohne ein quasi oder ut ita dicam von Cicero sicher nicht gebraucht worden würe. Dazu kommt noch, dasz diese Bezeichnung zur Erklärung der Entstehungsgründe der rheto- rischen Theorie als solcher nichts erhebliches beitragen würde.*) Das ist aber hier gerade die Absicht, auszer der Thatsache, dasz die Ursprünge der Redekunst als solcher in fried- liche Zeiten fallen(cum lgrannis sublatis res privatae repeterentur), daneben noch speciell die Umstände anzugeben, durch welche zuerst die Aufstellung einer rhetorischen 16. ½y veranlaszt sei. Das Entstehen dieser Rhetorik— so berichtet Cicero aus Aristoteles— erklärt sich sowol aus *) In soweit hat Kayser N. Jahrb. für Philologie ete. B. 79 H. 12 S. 848 ganz reeht, wenn er sagt: ‚Der Zusammenhang ist der: friedliche Zeiten brachten die Uebung der Beredsamkeit hervor, was denn zu theoretischen Unterweisungen des Korax und Tisias führte; mit diesen Lehrhüchern ist der scharfsinnige und händelsüchtige(?) Geist der Sicilianer in keine natürliche Ver- bindung zusetzen; aber darum gleich zu dem Radicalmittel zu greifen und den ganzen Zwischen- satz quod esset bis natura für ein späteres Einschiebsel zu halten, ist doch wol schwerlich gerechtfertigt. 8 dem objectiven Bedürfnis, als aus der subjectiven natürlichen Befühigung derer, die diesem Bedürf- nis begegnen wollten. Als um die Mitte des fünften Jahrhunderts vor Chr. nach dem Sturze der Tyrannenherschaft in Sicilien(in den darauf folgenden Friedenszeiten*), mehrfach die Wieder- herausgabe von Privateigentum, das schon seit langer Zeit aus den Händen der rechtmäszigen Besitzer in andere gekommen war, von denen sie sich beeinträchtigt glaubten, vor Gericht be- ansprucht wurde. da erst haben die Sicilier Korax und Tisias eine theoretische Unterweisung und rhetorische Regeln aufgestellt. Eben wegen der langen Zwischenzeit nämlich, während welcher das Gut von dem einen Besitzer an den andern und von diesem wieder an einen an- dern übergegangen war, muszte es nicht selten vorkommen, dasz mehrere zugleich Ansprüche auf einen und denselben Besitz erhoben. In diesen streitigen Fällen, wo die Gerichte für den einen wider den andern entscheiden muszten, kam es daher wesentlich darauf an, wer den Richtern am überzeugendsten darthun konnte, dasz sein Anspruch begründeter wäre, als der des andern. Dieses praktische Interesse rief daher naturgemäsz die Reflexion darüber hervor: welche Mittel anzuwenden seien, um auf die Ueberzeugung der Richter zu wirken; und da das Volk, bei welchem diese äuszerlichen Verhältnisse eintraten, auch innerlich von Natur geistig geweckt war, so vereinigten sich so günstiger Weise äuszeres Bedürfnis und in- nere natürliche Befähigung, die rhetorisahe zéoννν zu begründen. Das ist unzweifelhaft der Zusammenhang und darnach ist die Stelle einfach so zu lesen: quod essel acuta illa gens nalura et controversiae essenl ortae, artem el prae- cepta Siculos— conscripsisse. Dasz hier die subjective Bedingung der rhetorischen Be- gabung(quod essel acula illa gens nalura) der objectiven der äuszeren Verhältnisse(et contro- versiae essent ortae) vorangestellt ist, hat seinen guten Grund; denn jenes ist und bleibt die erste Bedingung: ohne die angeborene ſgeistige Begabung hätten die äuszeren Bedingungen an sich nicht ausgereicht, die Entstehung einer rhetorischen Theorie herbeizuführen. Wie wir oben sahen, dasz suavi vor avis, per te vor ereptum aus Versehen ausgefal- len sind, so hier ortae(orte) vor artem(arté); dieser Ausfall zog aber zugleich die Weglaszung von essent und dann die Verstellung von natura nach sich. Zu dem Ausdruck acuta illa gens natura aber bietet sich ein ganz analoges Beispiel dar Or. 5, 18 M. Antonius cui vel primas eloquentiae patrum nostrorum tribuebat aetas, vir natura peracultus et prudens. 4. In dieselbe Kategorie gehört theilweise wenigstens auch Brut. 64, 230; nur dasz an dieser Stelle die Vulgatlesart noch an mehreren Punkten zu berichtigen ist: Sic Hortensius non cum stuis aequalibus solum, sed et mea cum aelfate et cum tua, Brule, et cum aliguanto superiore con- iungitur: si quidem et Crasso vivo dicere solebat et magis iam etiam vigebat Antonio, et cum Phi- *) de or. II 8, 33(usus dicendi) in omni pacata et libera civitate dominatur. 9 lippo iam sene pro Cn. Pompei bonis dicente in illa causa, adulescens cum esset, princeps fuit, et in eorum, quos in Sulpici aelale posui, numerum facile perveneral, et suos inter aequales— longe pruestilit, et me adulescenlem nactus octo annis minorem quam erut inse mullos annos in stu- dio eiusdem laudis erercuit et lecum simul, sicut ego pro mullis, sic ille pro Appio Claudio diæit paulo ante morlem. In kurzen Zügen wird die Zeit der oratorischen Wirksamkeit des Hortensius angegeben und dieser grosze Redner in seiner rednerischen Laufbahn an den verschiedenen Trägern der Beredsamkeit, mit denen er gleichzeitig gelebt hat, in chronologischer Folge vorübergeführt: und zwar 1) an der superior uetas und hier wieder a) an Crassus: zu dessen Lebzeiten trat er schon mehrfach auf; ⁶h) an Antonius, der nach Crassus Tod unbedingt der erste war: in die- ser Zeit erstarkte Hortensius noch mehr; c) an Philippus: hier trug der noch junge Mann über den bereits hochbejahrten Consular uen Sieg davon;) an Sulpicius und dessen Zeitgenoszen, denen er bald ebenbürtig zur Seite stand. Dann folgen 2) sui dequales,*) die er weit über- ragte, und endlich 3) die aetas Cicerouis et Bruli, a) Cicero, den er viele Jahre zum Wetteifer mit ihm reizte und 5b) Brutus, mit dem er noch kurz vor seinem Tode auftrat.**) Dieser Stu- fenfolge entsprechen denn auch die mit groszem Bedacht gewälten Ausdrücke: erst dicere solebat, mehr liesz sich von dem Anfänger nicht sagen;„er trat oft auf- zur Charakteristik seines Eifers, von dem sich etwas erwarten liesz; dann vigeba: von dem sich rasch zu immer gröszerer Thätigkeit entwickelnden und erstarkenden Redner; drittens in illa causa prin- ceps fuit von diesem sehr bedeutenden Sieg, den er errang; viertens in eorum numerum quos in Sulpicii aetate posui perreneral,***) er hatte sich bereits ein solches Re- nommée erworben, dasz er den Rednern der Sulpicischen aelas für ebenbürtig galt; nun suos inter dequales longe praestilit, das ist der Höhepunkt seiner oratorischen Laufbahn. Jetzt neigt sich das Gestirn in allmählichem Sinken wieder abwärts: me in studio einsdem laudis egxercuit, denn in Cicero sollte noch ein höherer erstehen. *) Auch 61, 220 ist wahrscheinlich zu lesen: orator autem a suis aequalibus proximus optimis numerabatur statt vivis eius aequalibus. War einmal ASVIS(was leicht gesehehen konnte und ähnlich öfters gesche- hen ist) verlesen und VIVIS daraus gemacht, so erklärt sich weiter die Einschiebung von eius leicht. Mit a suis aequalibus wird dann die obige Angabe 58, 210 erant tamen quibus videretnr illius aetatis tertius Curio näher hestimmt und zugleich, wie es sein musz, enger beschränkt. **) Vgl. Brut. 88, 301 Hortensius igitur cum admodum adulescens orsus esset in foro dicere, celeriter ad maiores causas adhiberi coeptus est; et quamquam inciderat in Cottae et Sulpicii aetatem, qui annis decem maiores, excellente tum Crasso et Antonio, dein Philippo, post Julio, cum his ipsis dicendi glo- ria comparabatur. ***) pervenerat ‚er war hindurchgedrungen“ ist— wie Brut. 65, 231 vides igitur, ut ad te oratorem, Brute, pervenerimus, c. 69, 243 his enim rebus infimo loco natus et honores et pecuniam et gratiam consecutus etiam in patronorum, sine doctrina, sine ingenio, aliquem numerum pervenerat— mit besonderem Nach- druck gesagt: er hatte bereits die Höhe crrungen, war bis zu dem Standpunkt hindurch und vorge- drungen, dasz er zu diesen gerechnet wurde. 2 — 10 und zuletzt tecum diæxi! nur die einfache Erwähnung der Thatsache— das Ende greift in den Anfang(dicere solebal) zurück; ein bedeutsamer Wink, dasz das glänzende Gestirn seinem Untergange nahe war. Darnach wird der Text so zu verbeszern sein:„1) es ist zu lesen ma- gis iam valeba! mit Ausscheidung von etiam; 2) hinter vigebat ist viro ausgefallen, ge- rade wie 20, 80 Catone viro steht und dann rivo Calone folgt: 3) et cum vor Phalippo ist aus et ut verderbt, und 4) aus fuit et ist das ursprüngliche fuit ita et wieder herzustellen. Doch noch an einem andern Punkt bedarf die Stelle der Emendation. Mit Recht macht Kayser darauf aufmerksam, dasz man hinter den Worten me adulescentem naclus noch eine nä- here Bestimmung erwartet. Das Wort aber, das er zur Ergänzung eben dieser Bestimmung in den Text gesetzt haben will, aemulunm, ist viel zu stark: Cicero konnte diesz von sich als adulescens sicher nicht prädicieren. Es ist vielmehr in stadio ausgefallen, was wegen des sehr ähnlichen, gleich folgenden in studio sehr leicht geschehen konnte. Dem entspricht denn genau das, was Cicero Brut. 90, 307 sagt: haec— idcirco a me proferuntur, ut nostrum cursum perspicere— possis— et videre, quem ad modum simus in spalio O. ffortensium ipsites vesligits persecuti. Vielleicht ist auch mit der Gegenüberstellung von stadio und sfudio ein Wortspiel beabsichtigt, wie dergleichen Cicero so gern anbringt, z. B. Brul. 79, 273 von Cälius: hic cum summa voluntale bonorum dedilis curulis factus esset, nescio quo modo dis cessu meo discessi! a sese ceciditoue, posteaquam eos imitari coepit, quos ipse perrerlerat. Leichter ist die Emendation, wenn sich dieselbe auf ein übliches compendium sciplurae stützen kann. So Brut. 91, 315 Post a me Asia tola peragrala est cum summis quidem orulori- bus, quibuscum ewercebar ipsis lubenlibus. Mit Recht haben Jahn und Kayser an der Stelle, wie sie dasteht, Anstosz genommen. Die handschriftliche Lesart ist jedenfalls unrichtig, denn Cicero ist ja bekanntlich nicht in Begleitung der berühmtesten griechischen Redner durch Asien gereist, sondern hat diese nur überall aufgesucht. Daher schlug Kayser vor, hinter est einzu- schieben fuique. Leichter und beszer aber scheint es anzunehmen, dasz hinter oratoribus ur- sprünglich usus sum und zuvor et hinter es! gestanden hat. Der Ausdruck usus stem vom Verkehr mit den bedeutendsten damaligen Rednern in Asien paszt sehr gut; der Ausfall beider Worte aber erklürt sich schr leicht: der Ausfall von et hinter est ist sehr gewöhnlich; zu dem Ausfall von usus sunn aber hinter oraforibus gab das übliche compendium scrinturae die Veran- laszung, wonach hier die Worte so geschrieben wurden ORATORIBVSVSSVM. Das in den Handschriften stehende cum endlich, das nicht in den Text gehört, ist aus der ersten Silbe des folgenden Wortes SVMMIS entstanden. 11 6. Noch günstiger freilich ist es, wenn sich eine Stelle durch Aenderung eines einzigen Buch- stabens in ihrer ursprünglichen Faszung wieder herstellen läszt. So Brut. 61, 219. Cicero führt ein eclatantes Beispiel von der Zerstreutheit und Vergeszlichkeit Curios an, der oft nicht mehr wisze, was er wenige Seiten vorher geschrieben und auch bei nochmaligem Ueberlesen die auf- fallenden Anachronismen oder sonstigen Ungereimheiten seiner Darstellungen nicht bemerkt habe, und fährt dann fort: iam qui hac parte animi, quae custos est ceterarum ingenii partium, tam debilis esset, ul ne in scriplo quidem meminisset, quid paulo aunte posuisset, huic miuime mi- rum est ex tempore dicenli solitam effluere menlem. Hier ist doch ganz offenbar, dasz hac parte animi d. h. memoria dem entgegengesetzt ist, was am Ende des Satzes steht und dasz also na- türlich nicht solikam, an dem unbegreiflicher Weise, wiewol es schlechthin keinen Sinn gibt. bisher kein einziger Herausgeber irgend welchen Anstosz genommen hat— sondern vielmehr ganz einfach solidam zu lesen ist: wer selbst in seinen schriftstellerischen Producten, wo man doch den geschriebenen Text vor sich hat und nachlesen kann, so vergeszlich war, bei dem kann es allerdings nicht mehr auffallen, dasz ihm da, wo er eæ ltempore redet, nicht blos⸗z (partiell) das eine Seelenvermögen des Gedächtnisses, sondern(total) die ganze Besinnung, das ganze Bewusztsein vollständig ausgeht, wie es dem Redner Curio eben in dem 60, 217 erwähnten Fall begegnet war. Die Bedeutung von solida mens ergibt sich hier aus dem Ge- gensatz zu pars animi; der Sinn ist hier ein anderer als in der bekannten Stelle Hor. od. III 3, 1 ff. iustum el tenacem proposili virum— non vullus inslantis lêranni mente qualil solida; der Gegensatz zu pars erinnert vielmehr an die ebenso bekannten Worte Hor. od. I 1, 20 nec par- tem solido demere de die spernit, wie solidus annus Liv. I 19, 6 das ganze, volle tropische Sonnenjahr ist, qui solsfiliali circumagilur orbe, oder usura solida ad All. VI 1, 3 die ganzen vollen Zinsen, oder solidum Ouint. 10, 105 das gesamte Schuldcapital im Gegensatz von di- midium, also einem Theil desselben. Zu den Stellen, die dadurch verderbt sind, dasz sich vom Rand irgend eine Notiz unge- höriger Weise in den Text geschlichen hat, gehört Brul. 44, 162— eine Stelle, die in ihrer überlieferten Gestalt ein merkwürdiger Beweis davon ist, wie lange sich oft ein seltsamer Irr- tum in den Ausgaben halten kann. Cicero erwähnte im Vorhergehenden der suasio legis Ser- viliae des Redners Crassus und fährt dann fort(wie die Worte in unsern Texten lauten): sed est eliam L. Crassi in consulatu pro O. Caepione defensione iuncta non brevis ut laudatio, ut ora- lio aulem breris. Es ist erstaunlich, wie man sich mit der Erklärung von defensione iuncta ab- gemüht hat, aber immer ohne Erfolg. Unlängst hat man daher zu einer Conjectur seine Zu- 12 flucht genommen und die doch sehr gewagte Vermutung geäuszert, dasz statt— ne iuncta vielleicht nemini nola zu lesen sei.*) Die Ereignisse, auf die sich Crassus Vertheidigungs- rede bezog und was weiter damit zusammenhieng— die Niederlage des O. Serrilius Caepio durch die Cimbern im J. 105, die darauf erfolgende Anklage des Cäpio durch den Volkstribun C. Norbanus im J. 95, der Tumult bei der Verurteilung Cäpios, der nach Smyrna ins Exil gieng; ferner die Anklage des Norbanus durch Sulpicius und die Vertheidigung des erstern durch den Redner Antonius— alles diesz war doch der Art, dasz sich die Erinnerung daran sobald nicht verwischte.**) Mit der Erinneruug an die Thatsachen aber erhielt sich sicher auch bei vielen das Andenken an die mit den Thatsachen aufs engste zusammenhängende damalige Vertheidi- gungsrede des Redners Crassus. Stand doch die suasio legis Serriliae noch immer in dem grösten Ansehen: der Urheber dieser leæ iudiciaria war ja aber kein anderer, als der nachmals verurteilte Consul O. Servilius Caepio: muszte nicht der fortdauernde Ruhm jener suasio des Crassus auch das Andenken an dessen Vertheidigungsrede für Servilius Cäpio wach erhalten? Nein, dasz die erwähnte defensio Caepionis(zu Ciceros Zeiten) nemini nola gewesen, konnte Ci- cero unmöglich behaupten. Der Stelle ist viel leichter und einfacher zu helfen. Im Text der Handschriften war nach einem sehr häufigen Versehen defensione geschrieben statt defensio; der Fehler wurde jedoch bald bemerkt und daher in der üblichen Weise die Endsilbe durch darunter gesetzte Punkte als ungültig bezeichnet, zugleich aber, um darauf aufmerksam zu machen(wie diesz öfters vor- kommt), gleichsam als Erkennungszeichen an den Rand gesetzt ne punca d. h. die Silbe ne hat Punkte als Tilgungszeichen und wird damit als nicht in den Text gehörig bezeichnet, die Silbe ne gilt nicht— oder was auf dasselbe hinausläuft, man wollte den Text unangetastet laszen und schrieb ue puncla an den Rand. Später setzte ein unkundiger Abschreiber ne und puncta, das nun in iuncta abgeändert ward, in den Text u. so entstand das unsinnige defensione iuncla. Zu den bisher angeführten Mitteln der Emendation des Textes kommt noch die Annahme von Interpolationen, zu der man sich jedoch neuerdings öfters nur allzubereit gezeigt hat. Wie bedenklich es aber ist, bei scheinbaren Widersprüchen oder Ungereimtheiten einer Stelle gleich durch Annahme einer Interpolation den Knoten zu zerhauen, statt zuvor den Versuch *) So Campe Beiträge zur Kritik des Cicero I(Programm des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums zu Greif- fenberg in Pommern) 1860. S. 20. **) Zudem hatte Cicero selbst de or. II 401, 197; 48, 199 die Erinnerung daran wieder aufgefrischt. 13 zu machen, ihn durch sorgfältige und allseitige Erwügung zu lösen, läszt sich wieder einmal an den Angriffen, die neuerdings einzelne Stellen des Brutus erfahren haben, recht deutlich nachweisen: 7d. Zunächst gehört hierher Brut. 5, 19. Schon Schütz hatte an den Worten ut scribas ali- quid— quidnam id esl? inquam Anstosz genommen. Hierin stimmt ihm nun jetzt wieder Campe*) bei, der eben diese Worte als in den Text nicht gehörig getilgt wiszen will. Vorerst hätte vor diesem Tilgungsversuch doch wol die Erwägung warnen sollen, dasz die vermeintliche In- terpolation an sich in formeller Beziehung so gut geraten ist, wie es sich von einem Interpo- lator schwerlich erwarten läszt. Weiter durfte doch auch nicht übersehen werden, dasz durch Streichung der Worte die Concinnität des Ausdrucks empfindlich gestört wird. Oben heiszt es dlague— quod huic debes ego a le peto, worauf dann nach der Frage quidnam id? fortgefahren wird ut scribus aliquid, unten aber steht eæpone nobis quod quaerimus und dann folgt nach der Frage quidnam est id? weiter quod mihi nuper inchoapisti. Werden nun die Worte von ut seribas bis inquam gestrichen, so lautet nun die Stelle: itaque ego— a te pelto. Ouid- nam(est) id? inguam. Ouod mihi nuper inchoaristi. So aber würde sich Cicero schwer- lich ausgedrückt haben; zu peto gehört ut scribas, zu eæ pone dagegen quod inchoaristi. Sehen wir indes davon ab: der Hauptgrund für die Echtheit der Worte liegt darin, dasz bei dem Wegfall derselben die sinnreiche Anlage der ganzen Stelle in einem wesentlichen Theile zerstört wird. Atticus hatte sein Geschichtswerk liber annalis*x) seinem Freund Cicero gewid- met*e*n)(wie uns die angefochtene Stelle zeigt, als eine Art Erkenntlichkeitsbeweis für die Anregung, die er Ciceros Schrift de republica verdankte). Für Cicero lag darin eine Mahnung, seinem Freund Atticus ein entsprechendes Gegengeschenk zu machen. †) Nun wiszen wir aber. dasz zu den literarischen Stoffen, denen Cicero in dieser Zeit wiszenschaftlicher Musze im J. 46 seine Aufmerksamkeit wieder zuwendete, im Anschlusz an die Bücher de republica staats- rechtliche Gegenstände gehörten, † †) mit einem Worte, dasz er an seinem Werke de legibus arbeitete. Eben diese libri de legibus läszt er aber seinen Freund Atticus als notwendige Fort- *) Beiträge zur Kritik etc. S. 10. **) Corn. Nep. vit. Att. c. 18. Cic. Or. 34, 128. ***) Brut. 3, 13 an mihi potuit esse aut gratior ulla salutatio aut ad hoc tempus aptior quam illius libri, q uo me hic affatus qunasi iacentem excitavit? †) Brut. 4, 15. †r) ad Fam. IX 2, 5(an Varro aus dem J. 46) modo nobis stet illud, una vivere in studiis nostris, a qui- bus antea delectationem modo petebamus, nunc vero etiam salutem; non deesse, si quis adhibere volet,— si nemo utetur opera, tamen et scribere et legere œeεlag, et si minus in curia atque in foro, at in litteris et libris, ut doctissimi veteres fecerunt, navare rempublicam et de mo- ribus ac legibus quaerere. 14 setzung und Ergänzung der libri de republica ansehen.*) Wir werden also nicht irre gehen. wenn wir unter der Gegengabe, die Cicero dem Atticus verspricht, diese libri de legibus ver- stehen. Es paszt alles dazu: da ein wesentlicher Bestandteil der Annalen des Atticus die Auf- führung der leges nach ihrer Entstehungszeit war,**) so konnte Cicero mit Recht sagen: ad- monuilgue(annalis luus) ul a te ipso sumerem aliqguid ad me reficiendum lecjue remuneran- dum. Diesen Stoff durfte Cicero ferner als solum incultum bezeichnen,***) weil er in der Schrift de legibus zum erstenmal de iure dirino et humano von einem höheren allgemeinen Gesichtspunkte zu handeln beabsichtigte(de nalura iuris, de religionibus, de magistratibus, de iure publico), wäh- rend die vorciceronianischen juristischen Schriften zunächst nur das rein praktische Interesse im Auge hatten. †) Diesz Gebiet will er sorgfältig bearbeiten und dann die Frucht als würdi- ges Gegengeschenk seinem Atticus verehren. Aber gleich gehts nicht; es sind zur Ausführnng und Vollendung dieses Werkes bedeutende Vorstudien nötig. Deshalb ist Atticus gern bereit zu warten. Auch Brutus freut sich darauf und will nicht gerade drängen, aber damit es an der erforderlichen Anregung nicht fehle, will er doch an Atticus Statt von Zeit zu Zeit mah- nen. Cicero wuszte aus eigener Erfahrung, dasz Brutus das Mahnen gut verstand; ††) daher will er sich doch einigermaszen den Rücken decken, dasz dann auch von keiner anderen Seite Ansprüche an ihn gemacht werden;— also auch nicht von Atticus, der das Mahnen noch beszer verstand. Das, meint aber Brutus, könne er doch nicht versprechen, denn wenn auch Atticus versichert habe, er wolle seinem Freunde in keiner Weise lästig fallen, sondern ihm Frist laszen, so lange er wolle: wo er eine Schuld ausstehen habe, könne er nun einmal das Mahnen nicht laszen. †μ) Atticus geht auf den Scherz ein:„Ja, Brutus hat Recht, und zum Beweis dafür(so wendet er sich an Cicero) will ich dich jetzt gleich mahnen; denn ich sche dich so gut aufgelegt, wie lange nicht und darf also hoffen, dasz du dich gencigt finden läszt, der Aufforderung baldmöglichst Genüge au leisten. Und wie Brutus es übernommen hat, dich an die Schuld zu mahnen, die du mir zugesichert hast, so übernehme ich es jetzt, die Schuld einzutreiben, die du ihm zahlen sollst.“„Und was ist das' fragt Cicero, ‚was meinst du da- *) de leg I 5, 15 atque si quaeres ego quid exspectem, quoniam scriptum est a te de optimo reipublicac statu, consequens esse videtur, ut scribas tu idem de legibus; sie enim fecisse video Platonem illum tuum, quem tu admiraris. **) Corn. Nep. vit. Att. c. 18 nulla enim lex— quae non in eo(d. h. Attici libro annali) suo tempore sit notata. 3 au) Prut. 4, 16.. †) de leg. I 4, 14 Atticus fragt: sed iam ordire explicare, quaeso, de iure civili quid sentias, worauf Ci- cero antwortet: egone? summos fuisse in civitate nostra viros, qui id interpretari populo et responsitare soliti sunt, sed eos magna professos in parvis esse versatos. Quid enim est tantum, quantum ius civitatis? quid autem tam exiguum, quam est munus hoe eorum, qui consuluntur, quamquam est populo necessarium; nec vero eos, qui ei muneri praefuerunt, universi iuris expertes fuisse existimo etc. **†) ad. Att. VI 1. rrr) Cicero wuszte diesz gleichfalls aus eigener und seines Bruders Erfahrung nur zu gut; daher dieser kleine Hieb. 15 mit?„U scribas aliguide, erwidert Atticus, iam pridem enim conticuerunt tuue litterae.“ Diese Worte haben nun allerdings auf den ersten Blick etwas sehr auffallendes. Dasz Cicero schrift- stellerisch thätig sein wolle, hatte er ja selbst schon damit angedeutet, dasz er den lange brach gelegenen Acker von neuem bearbeiten zu wollen verspricht; und sodann: wie konnte diese schriftstellerische Thätigkeit nur als ein Schuldabtrag an Brutus und nicht zugleich an Atticus bezeichnet werden. Das auffallende aber verliert sich meines Erachtens, wenn wir bedenken, dasz oben, wo von dem Gegengeschenk an Atticus die Rede war, niemals der Ausdruck scribere gebraucht ist, sondern nur solche bildliche Wendungen, die auf eine längere gründliche Be- arbeitung deuten. Das erfordert längere Zeit; daneben aber geht es recht wol an, meint Atticus, dasz du jetzt, wo du geistig wieder heiter bist, etwas zu Papier bringst(würden wir sagen) d. h. ein schriftstellerisches Product, das so langer Vorstudien und vorgän- giger Bearbeitung in Gedanken nicht bedarf, veröffentlichst und so erst einmal wieder nach längerer Pause ein Lebenszeichen von dir gibst. Und so ists denn auch wirklich geschehen. Während Cicero das Hauptwerk im Geiste mit sich herumtrug und allmählich bearbeitete, schrieb er gleich nach dem Rrutus bekanntlich den Orator ad M. Brutum, wozu er schon lange den Plan gefaszt hatte; dafür hatte er den Stoff schon lange im Geiste bereit, der Ora- tor stand nach Inhalt und Plan ziemlich fertig in seiner Seele; es bedurfte nur der Aufzeich- nung. Diesz Werk ist denn auch hier als das gemeint, das Cicero als der Meister seinem Jünger M. Brutus schuldete, der, wie damals gerade noch andere erwachsene Römer*) von ihm lernen wollte und wie wir aus dem Orator*²) wiszen, wiederholt gewünscht hatte, gerade von Cicero die Frage über den besten Redner beantwortet zu sehen. Doch auch damit will Atticus nicht drängen, sondern nur bitten, dasz er die Ausführung möglich mache. Nur um eins bit- tet er gleich: um die Darstellung dessen, was den Inhalt des Brutus ausmacht. So hängt Al- les auf das beste zusammen, und Cicero gewährt uns einmal hier einen Einblick in die Werk- statt seines Geistes, der damals mit einer Menge literarischer Probleme umgieng: das Haupt- werk, das er vorhatte, war die Schrift de legibus, die beiden andern bedeutenderen Werke, die nebenher geschrieben wurden, waren der Brutus und gleich darauf der Orator. So elwies sich also hier die Annahme einer Interpolation bei näherer Betrachtung als un- begründet. In noch höherem Masze aber ist diesz an den andern Stellen der Fall, die neuer- dings Campe aus unserem Text entfernt wiszen will.***ν) Wird das jedesmalige Misverständnis beseitigt, so fällt damit auch die darauf gegründete Interpolationsannahme zusammen. Interpo- lation soll unter andern sein: *) ad. Fam. IX 16, 7: 18, 1. Sueton. de rhet. 1. Quint. XII 11. 6. **) Or. 1, 1. 3; 11, 35; 16, 52; 41, 140; 43, 147; 52, 174; 71, 238. *rm) Beiträge zur Kritik etc. S. 5— 17. 16 1) in der Stelle Brut. 82, 285 sed quia sunt in Allicis alia alus meliora, videat ne ignoret et gradus et dissimilitudines et rim et varietatem Allicorum die letzten Worte et vim el varielaten, weil von der ris der Attiker hier nicht die Rede sei. Aber vis ist hier in dem ganz gewöhn- lichen Sinn von„Begriflt und Wesen“ genommen und beide Ausdrücke sind eine notwendige Er- gänzung der unmittelbar vorausgehenden Worte: die Pseudo-Attiker, die immer mit ihrem ploszen attisch' kommen, sollten doch vor allem bedenken, dasz es unter den Attikern Grad- unterschiede und sehr von einander abweichende Richtungen(gradus et dissimilitudines) gibt; dasz es also notwendig ist, sich ebenso den wesentlichen(in den verschiedenen Stufen sich ausprägenden) Gesamtcharakter als die(in den besonderen, von einander abweichenden Eigentümlichkeiten der einzelnen Redner hervortretende) Mannigfaltigkeit derselben(vim el rarietalem) klar zu machen. Erst damit dasz zu gradus das ihm entsprechende vim, wie zu dissimilitudines das ihm entsprechende rarietatem hinzutritt, wird der Gedanke, wie das Ciceros Art ist, in seiner ganzen Vollständigkeit ausgedrückt; 2) die ganze Stelle Brut. 82, 285— 83, 287 von den Worten: in quo illud elium quuero bis et aliorum, weil von den da genannten Rednern theils zu wenig, theils zu viel gesagt werde: zu wenig von Demochares, insofern nicht angegeben sei, wessen Nachahmer er gewe- sen, zu viel von den übrigen; es wäre bei Demetrius genug, ihn als horidior, quam Hgyperides, quam Lusias zu charakterisieren, die hinzugefügte Bemerkung: natura quaedam aut roluntas ita dicendi fuit sei ganz überflüszig. Ebenso genüge bei Charisius die Angabe, dasz er dem Lysias nachstrebe, die Notiz, dasz er multarum oralionum gewesen, quas scribebat ullis könne entbehrt werden. Ferner sei bei Hegesias das tadelnde Urteil auffällig, da bisher nur von dem Unter- schied unter guten Rednern die Rede gewesen. Endlich stünden die folgenden Worte: All- corum similes esse volumus elc. ohne alle Anknüpſung als leere Wiederholung da(et aliorum sei sogar völlig unsinnig) und was die einzelnen Ausdrücke betreffe; so gehöre ‚est foridior einem späteren Zeitalter an, und ‚eæ illius oralionibus redolere ipsae Alhenae videntur« lasze sich schwer- lich rechtfertigen;— lauter Einwürfe, die gewis nicht erhoben wären, wenn man sich den gan- zen Zusammenhang und die besondere Absicht des Schriftstellers genau vergegenwärtigt hätte. Cicero drängt die Pseudo-Attiker mit ihrem abstracten Betonen des Attischen in die Enge. Wo liegt denn die Grenze, fragt er, für das, was ihr attisch nennt? Demetrius von Phaleros ist auch ein Attiker, ja Attiker ²ur esor“, insofern uns in seinen Reden die Sprache Athens selbst, der Mutterstadt des Attischen entgegentritt. Aber wie reimt sich sein blühender Stil— eine Folge seines etwas feurigen Temperaments oder auch absichtlicher Wahl— mit euerer ieiunilas? Also müszt ihr einen entschiedenen, prononcierten Attiker ausnehmen— seid also nicht attisch. Doch Cicero bedrängt die modernen Pseudo-Attiker noch weiter: Um die- selbe Zeit lebten Charisius und Demochares, unter sich ganz ungleich, aber doch unleugbar Attiker; Charisius nicht sowohl praktischer Redner, als Verfaszer von zalreichen Reden, die er für andere schrieb, mit dem Bestreben, dem Lysias nachzuahmen, Demochares, Ver- faszer nur weniger Reden und mehr Geschichtschreiber in rhetorischer Manier: welcher von beiden soll nun euer Vorbild sein; denn für einen müszt ihr euch doch entscheiden; mit 17 euerem bloszen ‚attisch' kommt ihr nicht aus, Attiker sind sie beide. Die selbstgenugsamen Pseudo-Attiker werden noch immer nicht losgelaszen. Auch Hegesias prätendiert ein Attiker sein, ja erst recht ein Attiker, gegen den die wahren Attiker Idioten sind; und doch wie ist sein Stil zo zerhackt und kleinlich, dasz von der Groszartigkeit des attischen Stils sich auch keine Spur mehr zeigt. Ist der auch euer Vorbild? Attiker will er sein, ihr auch: wie also stehts?— So in die äuszerste Enge getrieben wiszen sich die Pseudo-Attiker nicht anders zu helfen, als mit der Erwiderung:„wir wollen ganz allgemein den Attikern ähnlich sein.“ Gut, antwortet Cicero, also alle die genannten Redner— denn Attiker sind sie unleugbar alle— sind euere Vorbilder? Ja, antwortet der Gegner beherzt, sie sind alle unsere Vorbilder. Aber wie ist das möglich? gibt Cicero zurück, sie sind nicht nur untereinander sehr verschie- den, sondern weichen auch von den andern, die gleichfalls doch notorisch Attiker sind, wie Demosthenes, Hyperides ganz entschieden ab. Ihr müszt euch doch also ganz concret für einen bestimten Attiker entscheiden. Da nennt nun der Pseudo-Attiker, vor dem Gewicht der Gründe weichend— den Thucydides. So hängt alles aufs genaueste und beste zusammen und für die Annahme einer Interpolation liegt ein ausreichender Grund nicht vor. Was aber den Ausdruck: at est oridior betrifft: so bittet ja Cicero selbst sowol um des Gebrauchs dieser Metapher willen als ihrer Anwendung zur Charakteristik der oratorischen Persönlichkeit durch den Zusatz ut ita dicam um Entschuldigung.*) Dasz das Wort selbst in rhetorischer Be- ziehung zur Bezeichnung der besonderen stilistischen Eigentümlichkeit nichts auffal- lendes hat, beweist Ouinf. XII 10, 58, wo neben dem genus dicendi subfile(o—νν⁴σe»v und grunde (⁴mς» das floridum(dννν⁶) aufgeführt wird oder II 5, 18, wo hinsichtlich der Wahl der Lectüre für die Jugend gesagt wird: alü(probaverunt) floridius genus, ut ad alenda primarum aelatum ingenia mugis accommodatum. Wenn endlich Cicero die üblichere Phrasis illius orationes Athenas redolent hier so wendet, dasz er sagt: eæ illius oralionibus redolere ipsae Athenue ridentur, so thut er diesz absichtlich, um seinem pseudoattischen Gegner gegenüber einen recht starken Ausdruck für den dαeτνιιαιιιε des Demetrius von Phaleros zu brauchen; in wiefern aber der Ausdruck dem Gefühl widerstreben soll, ist in der That nicht wol einzusehen; er widerstrebt gewis nicht mehr und nicht weniger dem Gefühl, als die anderen Wendungen, wie Ouint. VIII 1, 3 quare si fieri polest el verba omnia et voæ huius alumnum urbis oleant, ut oralio Romana plane videatur, non civritate donala, oder VI 3, 107 qualis apud Graecos dπτιιινααιις ille redolens Achenarum proprium saporem. Ebenso sollen: 3) Brut. 37, 141 die Worte Ouo genere bis sententüs nicht von Cicero herrühren, vorerst *) Cic. de or. III 41, 165 atque etiam, si vereare, ne paulo durior translatio esse videatur, mollienda est praeposito saepe verbo(nämlich ut ita dicam, wie diesz gleich darauf ausdrücklich angeführt wird). Eben dieses ut ita dicam beweist, dasz zu Ciceros Zeiten allerdings dieser metaphorische Gebrauch noch nicht eben üblich war; ein späterer Interpolator hätte sicher nicht ut ita dicam zu floridior gesetzt, denn hernachmals, wo die erwähnte Metapher ganz gewöhnlich wurde, konnte es einem gar nicht einfallen, eine solche Milderungstormel hinzuzufügen. 2 18 weil der hier angeführte Grund, weshalb Demosthenes a doctis(von Sachverständigen?) für den ersten Redner gehalten werde, nach dem Lobe, welches ihm Cicero bereits oben§. 35 gespen- det, sehr dürftig erscheine. Aber Cicero gedenkt ja hier des Demosthenes eben nur beiläufig; es handelt sich zunächst um den Redner Antonius, insofern dieser in der elocutio durch die zweckmäszige Anwendung der lumina sententiarum sich auszeichne;— ein Vorzug, um dessentwillen eben von competenten Aesthetikern und Kritikern(denn das sind docki) Demo- sthenes so hochgestellt werde. Daran knüpft denn Cicero(wie öfter, wo sich ihm eine Veran- laszung zu gelegentlicher Belehrung bietet)*) die kurze Bemerkung, dasz gerade diese lumina sententiarum dem Redner vorzugsweise zur Zierde gereichen; es sind die oxμαάια, deren Hauptfunction darin besteht, die Gedanken in ein glänzendes Licht zu stellen. Die griechischen Rhetoren unterschieden bekanntlich zwei Hauptmittel des ornatus, erstens die Tropen oder Figuren und zweitens die oxνιαμακια—*ν) jene berühren zunächst nur die einzel- nen Ausdrücke, diese sind die Glanzpartieen der gesamten Darstellung.***) Die eeνκαmĩἀα-sind nun zwar selbst wieder oeνπνιαυαάαια dαυνοeꝝ oder eννοιν und oeννμμαα 1εεμεααιε †) ihre Hauptbedeu- tung aber liegt in illuminandis sententiis, obwol sie als orationis formae ihre Thätigkeit auch in verbis pingendis beweisen. † †) Diesz ists, worauf hier Cicero aufmerksam macht, ganz gerade so wie in der Parallelstelle Or. 39, 136 sed sententiarum ornamenta maiora sunt(so quam oraltionis lumina, die beide unter den Gesamtbegriff der oνννπα fallen); quibus(setzt er auch hier hinzu) quia frequenlissime Demosthenes ulitur, sunt qui putent idcirco eius eloquentiam magæime esse laudabilem. Diese Stelle aus dem Orator beweist hoffentlich am schlagendsten, das⸗ wir in der angeführten Stelle im Brutus nicht eine ‚überflüszige“ und„wertlose“ Notiz eines In- terpolators, sondern Ciceros eigenste, sehr paszend angebrachte Bemerkung vor uns haben. Noch weniger kann:— 4) Brut. 31, 121 von einer Interpolation die Rede sein. Cicero benutzt auch hier die Ge- legenheit, um sich bei Erwähnung der römischen Redner aus der Zahl der Stoiker, kurz über die geringe Bedeutung der stoischen Philosophie für die Beredsamkeit zu äuszern. Ganz anders *) Brut. 93, 319 sagt Cicero selbst: hic sermo noster non solum enumerationem oratorum, verum etiam praecepta quaedam desiderat. **) So gibt Cicero selbst die Einteilung Brut. 17, 69 Ornari orationem Graeci putant, si verborum im- mutationibus utantur, quos appellant r00e et sententiarum orationis que formis, quae vocant 0E ℳαᷣε‿. ***) Brut. 79, 275 erant autem et verborum et sententiarum illa lumina(sc. auszer den vorher er- wähnten Tropen), quae vocant Graeci Oεαηυα, quibus tamquam insignibus in ornatu distinguebatur omnis oratio. †) Or. 39, 135 sind die lumina orationis angeführt z. B. cum aut duplicantur iteranturque verba aut le- viter commutata ponuntur etc.;§. 136 die sententiarum ornamenta z. B. ut verset saepe multis mo- dis eadem et una in re haereat in eademque commoretur sententia etc. Vgl. de or. III 52, 201 ff. rt) Wenn Cicero sagt eaque(sc. Gxνιαιασαα) non tam in verbis pingendis habent pondus quam in illu- minandis sententiis, so will er offenbar damit die übliche Unterscheidung zwischen Gxννμμααάτα 14αε u. axijtacero Jdc‿νοta als auch zugleich die Hauptfunction der 0X εαςτα oder ihre höhere Bedeutung als O.X⁴ααα dιωααας bezeichnen. 19 ist es mit der akademischen u. peripatetischen Philosophie, die dem Redner wesentliche Dienste leistet,*) so dasz deren Studium zur Erreichung des höchsten oratorischon Zieles unentbehr- lich zu sein scheint. Gleichwol gehört zum öffentlichen(Gerichts- und Staats-) Redner noch etwas, was auch diese Philosophie nicht geben kann; ihre Sprache, so trefflich sie ist, hat doch wieder ihre besondere Eigentümlichkeit, die sie von der gerichtlichen und forensischen Rede unterscheidet. Diese Behauptung sucht dann Cicero durch Berufung auf das Beispiel der anerkannt groszen Meister der Rede unter den Akademikern und Peripatetikern mit wenigen Worten zu beweisen. Da sollen nun die Worte von quis enim uberior bis pacalior wieder In- terpolation sein!„Wozu— fragt Campe unbegreiflicher Weise— wozu wird die ubertas des Plato, wozu wurden die nervi des Aristoteles, die dalcedo des Theophrast erwähnt, wenn nicht der Gedanke folgt, dasz auch sie nicht zum Redner zu bilden ausreichen?“ Aber der Gedanke folgt ja auch wirklich; es heiszt ja hernach ganz ausdrücklich; illorum(d. h. der genannten Philosophen) oratio müsze in iudicia translata als pacalior erscheinen. Dabei erwühnt Ci- cero sehr paszend, um des Gegensatzes willen, auf der andern(der oratorischen) Seite auch noch des Demosthenes, der trotzdem, dasz er dem Studium Platos hinsichtlich des allgemeinen Charakters und der Erhabenheit der Worte nach seinem eigenen Geständnis sehr viel zu ver- danken hat, doch in seiner Eigenschaft als öffentlicher(gerichtlicher) Redner eine Sprache führt, wie sie als solche für den Philosophen(in philosophiam translata) weniger sich eignet: sie entspricht der acies forensis, dem offenen Kampf, nicht den stillen Räumen und dem Frieden der Schule. Was aber der Einwurf soll: der Begriff von dulce sei dem pacatum so nahe ver- wandt, dasz beide Begriffe gar nicht in Gegensatz gebracht werden könnten, ist unbegreiflich; beide Ausdrücke stehen hier ja gar nicht im Gegensatz, sondern die oratio des gerichtlichen Redners ist als für den Philosophen zu pugnaæ der philosophischen Diction als für die iudicia zu pacaula entgegengestellt(de off. I 1, 3 f.). Auch die Interpolationsannahme 5) Bruf. 6, 23 endlich beseitigt sich, wie alle vorausge- henden, bei richtigem Verständnis der Stelle von selbst. Es soll nämlich der Satz dicere enim bene nemo polest nisi qui prudenter iutellegit von fremder Hand in den Text eingeschoben sein. Freilich, wenn man den Gedankenzusammenhang in dem Grad verkennen kann, dasz man be- hauptet, prudenlia wie prudenter intellegere sei von dem Verfaszer gefaszt, als eine Weisheit des Philosophen, der den Menschen über die Zufälle und Wechsel alles Endlichen erhebe, weil sonst der Gedanke qua ne maximis quidem in bellis aequo animo carere quisquam potest eine Ab- surdidät sei“: dann ists nicht mehr zu verwundern, dasz man zu dem Mittel der Interpolations- annahme greift, um des unverständlichen Eindringlings sich leichter Mühe zu entledigen. Aber bekanntlich heiszt hier prudenter intellegere etwas ganz anderes: bene dicere„seine Gedanken or- dentlich aussprechen“ sctzt„klare Gedanken oder die nötigen Sachkenntnisse haben“ voraus, ohne welche die Worte(die blos formelle Thätigkeit, das dicere) leer und eitel sind.**) Und *) Or. 3, 12. de or. III 21, 80; 36, 145. **) de or. I 6, 20 ex rerum cognitione efflorescat et redundet oportet oratio; quae nisi sint ab oratore per- cepta et cognita inanem quandam habet elocutionem et paene puerilem; 11, 48; III 14, 55; 30, 121. Or. 22, 72 sine re nulla vis verbi est. 20 diese ganz gewöhnliche Bedeutung ist hier völlig an ihrem Orte. Brutus versichert seinem Lehrer und Meister: wenn auch in den Kriegszeiten der Gegenwart die Redekunst weder Ruhm noch Vorteil bringe, so solle ihn diese Erfahrung doch nicht der Redekunst entfremden; er finde in dem Studium der Beredsamkeit und der mannigfachen allgemeinen Vorbildung zum Redner hinlängliche Befriedigung. Das ist aber nicht etwa das Studium der elementaren Schul- rhetorik, sondern das Studium der Geschichte, der Literatur und Kunst, des Rechtes u. s. W., also die Beschäftigung mit den wahren Progymnasmata für den Redner. Denn der Satz steht fest: ein guter Redner ist Niemand, der nicht eine tüchtige Bildung besitzt. Wer sich daher mit der wahren Beredsamkeit beschäftigt, trachtet eben damit nach Erwerbung or- dentlicher Kenntnisse— wie diesz Cicero in den Büchern de orafore so oft und nachdrücklich hervorhebt*)— und Sachkenntnis(setzt Brutus mit offenbarer Beziehung auf die vielen durch Cäsars Siege beförderten Emporkömmlinge hinzu) kann Niemand(auch ein Cäsarianer nicht), selbst in den grösten Kriegen nicht entbehren, wenn er nicht in steter Unruhe schweben soll. So treibe ich also(meint Brutus) auch für den Fall, wenn die nächste Zukunft mich zum Kriege riefe, mit dem Studium der Beredsamkeit nichts unnützes, sondern bereite mich, so zu sagen, dadurch zugleich zum kundigen Feldherrn vor. Cicero legt diese treffenden Worte gerade hier mit Absicht seinem Brutus in den Mund, um der in Folge der Bürgerkriege ein- reiszenden Geringschätzung wiszenschaftlicher Beschäftigung zu wehren und dem Vorurteil ent- gegenzutreten, als liesze sich tüchtiges Studium mit dem Kriegshandwerk nicht vereinigen. Natürlich macht es dabei eben der Doppelsinn von prudentia als ‚Sachkenntnis und Klugheit- möglich, den Gedanken in der angegebenen Weise auszusprechen. Dasz er aber sagt ne ma- eimis quidem in bellis hat seinen guten Grund: in den groszen Kämpfen, meint man leicht, ent- scheiden nur die Heeresmaszen und das Kriegsglück; aber in Warheit kommt es auch hier auf die prudentia des Anführers an. Ebenso ist aequo animo gleichfalls mit gutem Vorbedacht hin- zugefügt: nur der, welcher mit Planmäszigkeit und Feldherrnkenntnis die Schlacht leitet, kann einigermaszen ruhig sein; wer alles auf den Zufall, das Glück(oder auch allein auf die ma- terielle Uebermacht) baut, musz in steter Unruhe schweben. Doch genug; der Widerlegung der übrigen Interpolationsannahmen(besonders, dasz das ganze Stück von 11, 44 sed tum fere Pericles bis 13, 52 sed de Graecis hactenus nicht von Cicero herrühre) kann ich mich um so eher überheben, als in meiner so eben erscheinenden Ausgabe des Brutus die erhobenen Einwürfe, wenn auch mehr indirect durch richtige Erklä- rung der betreffenden Stellen, die nötige Berücksichtigung gefunden haben. *) Vgl. besonders III 30, 121 non enim solum acuenda neque procudenda lingua est, sed onerandum com- plendumque pectus maximarum rerum et plurimarum suavitate copia varietate. Schulnachrichten. I. Lehrverfaszung während des Schuljahrs von Ostern 1861 bis dahin 1862. Prima. (Ordinarius: der Director.) Griechische Sprache. Homers Ilias, Buch XVII-XXIV, 1 Stunde wöchentlich(Gymnasial- lehrer Casselmann). Sophocles Oedipus Coloneus im Sommer; Ajas im Winter, 2 St. w. (Director Dr. Piderit). Thucgdides, B. I 22— 31, 44— 67, 72, 79, 86— 146. II 1— 34, 47— 54, 2 St. w. Scripta nach Franke, daneben cursorisch Herodot B. VII 1—150, 1 St. w.(GL. Cas- selmann. Lateinische Sprache. Horatius Satiren B. I 1. 3. 4. 6. 9. 10. II 1. 6; Episteln B. I 1. 2. 6. 7. 10. 11. 16— 20; II 1, 2 St. w.(Dr. Fürstenau). Cicero de oratore B. I 1— II 36, 2 St. w.(Dir. Dr. Piderit). Tacitus Annalen B. I 1— III 30, 3 St. w.; Scripta nach Seyffert und freie Aufsätze, 2 St. w.(Dr. Fürstenau). Deutsche Sprache. Lectüre des Nibelungenliedes im S., Grammatik nach Vilmar im W., Declamationsübungen und Aufsätze(Chrieen, Dispositionen und Redeversuche), 2 theilweise 3 St. w.(Dir. Dr. Piderit). Französische Sprache. Bouillg l'abbé de l'Epée und Ponsard Agnès de Méranie. Grammatik nach Knebel(Syntax und Repetition der Formenlehre) und schriftliche Uebungen, 2 St. w. (Dr. Suchier). Hebräische Sprache. Grammatik nach Thiersch. Erklärung von Stücken aus Brückners Le- sebuch, 2 St. w.(Pfarrer Fuchs). Religionslehre. Symbolik im S., Geschichte des Reiches Gottes im Alten Bunde im W., 2 St. w.(Dir. Dr. Piderit). Weltgeschichte. Geschichte des Altertums nach Dietsch Grundrisz I. Th., 3 St. w.(GL. Spangenberg). Physik. Der chemische Theil, die mechanischen Lehren, die Lehren vom Magnetismus und der Electricität, 2 St. w.(Dr. Fliedner). 1 22 Mathematik. Arithmetik: Wiederholung und Ergänzung uer Lehren von den Potenzen, Wur- zeln und Logarithmen(Vielfache Uebungen im Gebrauch der Logarithmentafeln). Gleichungen, insbesondere des zweiten Grades; Progressionen und deren Anwendung auf Zins- und Renten- berechnung. Der binomische Lehrsatz. Geometrie: Schlusz der Kreislehre. Geometrische Auf- gaben. Ebene Trigonometrie mit vielſachen Uebungen und Anwendungen, 4 St. w.(Dr. Fliedner). Secunda. (Ordinarius: GL. Casselmann.) Griechische Sprache. Homers Odyssee B. XVXX, 2 St. w. NXenophons Hellenica B. IV 4 — V 4, 2 St. w. Grammatik nach Curtius§. 507 bis zu Ende und Scripta nach Franke 2. Curs., 2 St. w.(GL. Casselmann). Lateinische Sprache. Virgils Aeneide B. X-XII, 2 St. w.(Dr. Suchier). Livius B. XXVII 1— XXVIII 16, 3 St. w. Ciceros Reden gegen Catilina I—III, 2 St. w. Grammatik nach F. Schultz§. 377 bis zu Ende und Scripla nach Seyffert, 2 St. w.(GL. Casselmann). Deutsche Sprache. Lesen und Erklären deutscher Gedichte nach Ph. Wackernagels Aus- wal, Declamationsübungen und Aufsätze, 2 St. w.(Dr. Gundlach). Französische Sprache. Scribe: Yelva ou l'orpheline russe und Avant pendant après. Gram- matilt nach Knebel(Repetition der Formenlehre und Cap. I-III der Syntax) und schriftliche Uebungen, 2 St. w.(Dr. Suchier). Religionslehre. Neues Testament: Erklärung des Evangeliums Johannes im S., des Römer- briefs im W., 2 St. w.(Dir. Dr. Piderit). Weltgeschichte. Geschichte des Mittelalters nach Dietsch Grundrisz 2. Th. vom Beginn der Kreuzzüge bis zu Ende, 2 St. w.(Dr. Gundlach). Geographie. Belgien, die Niederlande u. die Schweiz; dann Deutschland auszer Oesterreich und Preuszen, ausführlicher Südwestdeutschland, am ausführlichsten Kurhessen, 2 St. w. (GL. Lichtenberg). Mathematik. Arithmetik: Wiederholungen aus der Buchstabenrechnung. Gleichungen des ersten Grades mit einer und mit mehreren Unbekannten.(Proportionen). Die Lehren von den Poten- zen, Wurzeln und Logarithmen nebst vielfachen Uebungen. Geometrie: Proportionalität und Aehnlichkeit der Figuren, die Flächenräume geradliniger Figuren, der Kreis. Geometrische Auf- gaben. Zuletzt die Anfangsgründe der ebenen Trigonometrie, 4 St. w.(Dr. Fliedner). Tertia. (Ordinarius: Dr. Fürstenau.) Griechische Sprache. Homers Odyssee B. IX und X, 2 St. w.(GL. Spangenberg). NXe- nophons Anabasis B. I und II, 2 St. W. Grammatik nach Curtius§. 1— 197 im S.,§. 198— 301 im W. und Scripta nach Franke, 2 St. w.(Dr. Fürstenau). Lateinische Sprache. Orids Metamorphosen nach der Auswahl von Siebelis St. 9. 10. 11. 13. 14. 16. 17. 19. 20, 2 St. w.(Dr. Suchier). Caesar de B. G. IV 20— VI 44, 3 St. w. 23 Grammatik nach F. Schultz(Syntax§. 239— 318), 2 St. w. Scripta und Extemporalien, 2 St. w.(Dr. Fürstenau). Deutsche Sprache. Lesen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Lesebuch 3. Theil und Aufsätze, 2 St. w.(Dr. Suchier). Französische Sprache. Grammatik nach Knebel(Formenlehre). Ahn Lesebuch 1. Theil (Uebungssätze, Anekdoten und Erzälungen), 2 St. w.(Dr. Suchier). Religionslehre. Altes Testament: Erklärung der Psalmen und der prophetischen Bücher, 2 St. w.(Pfarrer Fuchs). Weltgeschichte. Geschichte des Altertums 2. Hälfte(Römische Geschichte) nach Dietsch, 2 St. w.(Dr. Suchier). Geographie. Süd- und Nordamerika und ihre Bewohner, nach Daniels Lehrbuch, 2 St. w- GL. Lichtenberg). Naturgeschichte. Botanik: Classen und Ordnungen des Linnéschen Systems; ferner die Stu- fen und Classen und einige charakteristische Familien des natürlichen Systems.(Dazu— hier, wie in den drei unteren Classen— Betrachtung einzelner Pflanzen und Uebungen im Bestim- men der Pflanzen), 2 St. w.(GL. Lichtenberg). Mathematik. Arithmetik: Wiederholungen, zusammengesetzte Regel de tri u. s. w. Die vier ersten Operationen der allgemeinen Arithmetik mit vielen Uebungsbeispielen. Geometrie: Pla- nimetrie bis zur Aehnlichkeit der Dreiecke. Geometrische Aufgaben, 4 St. w.(Dr. Fliedn er). OQuarta. (Ordinarius: CEL. Spangenberg.) Griechische Sprache. Grammatik nach Curtius(Formenlehre§. 1—320 mit Auswal) nebst mündlichen und schriftlichen Uebungen nach dem Elementarbuch von Schmidt und Wensch, 6 St. w.(GL. Krause). Lateinische Sprache. Cornelius Nepos: Epaminondas, Pelopidas, Agesilaus, Eumenes, Pho- cion, Timoleon, de regibus, Hamilcar, Hannibal, Miltiades, Themistocles, Aristides, Pausanias, Cimon, 4 St. w. Grammalixk nach F. Schultz kl. lat. Sprachlehre(Syntax§. 189— 292 und Repetition der Formenlehre) und Scripfa nach Spiesz Uebungsbuch fr Quarta, 4 St. w. (GL. Spangenberg). Chrestomathie lateinischer Dichter von Franke mit Auswal, 2 St. w. (Dr. Suchier). Deutsche Sprache. Lesen und Auswendiglernen nach Ph. Wackernagels Lesebuch 2. Theil und Aufsätze; 2 St. w.(GL. Spangenberg). Religionslehre. Erklärung der fünf Hauptstücke des Katechismus und Memorieren einer An- zal evangelischer Kirchenlieder, 2 St. w.(Pfarrer Fuchs). Weltgeschichte. Chronologische Uebersicht der allgemeinen Weltgeschichte von Augustus bis z. Jahr 1815 nach Schäfers Tabellen, 2 St. w.(GL. Spangenberg). Geographie. Europa, am ausführlichsten Westeuropa, 2 St. w.(GL. Liehtenper g) 24 Naturgeschichte. Botanik: Classen und Ordnungen des Linnéschen Systems, unter Berück- sichtigung der Familien des natürlichen Systems(s. Tertia), 1 St. w.(GL. Lichtenberg). HNathematik. Arithmetik⸗ Wiederholung der Bruchlehre, die Decimalbrüche, Regel de tri, 3 St. w. im S., 2 St. w. im W. Geometrie: Constructionen. Die ersten Elemente bis zur Con- gruenz der Dreiecke, 1 St. w. im S., 2 St. w. im W.(Dr. Fliedner). OQuinta. (Ordinarius: Gymnasialpracticant Krau se.) Lateinische Sprache. Grammatik nach F. Schultz kleine lat. Sprachlehre§. 1— 177(Wieder- holung der regelmäszigen und Einübung der unregelmäszigen Formenlehre). Schriftliche und mündliche Uebungen nach dem Uebungsbuch von Ostermann für Quinta, 10 St. w.(GP. Krau se.) Deutsche Sprache. Lesen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Lesebuch 1. bzw. 2. Theil, orthographische Uebungen und Aufsätze, 4 St. w.(GP. Krause). Religionslehre. Biblische Geschichte des N. T. nach Zahn und Memorieren einer Anzal evangelischer Kirchenlieder, 2 St. w.(Pfarrer Fuchs). Weltgeschichte. Erzälungen aus der Geschichte des Altertums, 2 St. w.(Dr. Suchier). Geographie. Amerika u. Australien nach Daniels Leitfaden 2. Cursus, 2 St. w.(GL. Lich- tenberg). Naturgeschichte. Botanik: Classen des Linnéschen Systems unter Berücksichtigung der Ordnungen desselben(s. Tertia). 1 St. w.(GL. Lichtenberg). Hathematik. Arithmetik: Zerlegung der Zahlen in ihre Factoren. Einleitung in die Bruch- lehre. Die vier Rechnungsarten mit Brüchen. Regel de tri, 3 St. w.(Dr. Fliedner). Dane- ben 1 St. w. Rechenübungen(Lehrer Zimmermann). Schönschreiben. 2 St. w. mit Sexta zusammen(Lehrer Zimmermann). Sexta. (Ordinarius: Dr. Gundlach.) Lateinische Sprache. Grammatik nach F. Schultz kleine lat. Sprachlehre§. 1— 105,§. 155 — 177 mit Auswal, nebst mündlichen und schriftlichen Uebungen aus dem Uebungsbuch von Ostermann für Sexta, 10 St. w.(Dr. Gundlach). Deutsche Sprache. Lesen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Lesebuch 1 Theil, orthographische Uebungen und Aufsätze, 4 St. w.(Dr. Gundlac h). Religionslehre. Biblische Geschichte des A. T. nach Zahn und Memorieren einer Anzal evangelischer Kirchenlieder, 3 St. w.(Pfarrer Fuchs). Geographie. Die einfachsten und notwendigsten Begriffe der mathematischen Geographie an der Kugel und den Planigloben, Land, Meer, Zonen. Asien, Afrika, Amerika und Au- stralien nach Daniels Leitfaden 1. Cursus, 2 St. w.(GL. Lichtenberg). Naturgeschichte. Botanik: Classen des Linnéschen Systems(s. Tertia), 1 St. w.(GL. Lieh- tenberg). 25 Hlathematik. Arithmetik: Reduction und Resolution. Die vier Species mit benannten gan- zen Zahlen nach Schellen, 4 St. w.(Lehrer Zimmermann). Schönschreiben, 3 St. w.(2 St. mit Quinta zusammen) Lehrer Zimmermann). Gesang(der evangelische Choralgesang nach dem deutschen evangelischen Gesangbuche), 4 St. w.(Gesanglehrer Eichenberg). Leibesübungen(vorzugsweise der drei unteren Classen), 2 St. w.(Turnlehrer Störger) II. Chronik des Gymnasiums. Der Cursus des Schuljahrs 1861— 62 begann am 8. April 1861. Noch vor dem Anfang desselben am 22. März 1861 wurde der beauftragte Lehrer Gymna- sialpracticant W. Gundlach von der philosophischen Facultät der Landesuniversität nach Einreichung seiner Inaugural-Dissertation Ouuestiones Procopianae zum Doctor der Philosophie promoviert. Am 20. August 1861 fand die Feier des Geburtstages Sr. Königlichen Hohelt des Kurfürsten in der Aula des Gymnasiums Statt. Die Festrede hielt Dr. Gundlach. Bibliothek und Apparate sind aus den etatsmäszigen Mitteln vermehrt worden. Auszerdem wird dem Herrn Dr. Hille dahier dafür, dasz er dem Gymnasium die Pflanzenabbildungen von Nees von Esenbeck zum Zwecke des naturgeschichtlichen Unterrichts zu leihen die Güte hatte, wie dem Herrn A. Robb, Lehrer der englischen Sprache an der hiesigen Realschule, für ein Geschenk an die Gymnasialbibliothek(orbis terrarum anliquus ed. Benicken) hiermit der gebü- rende Dank gesagt. III. Statistische bebersicht. A. Lehrer. Der Personalbestand der Lehrer des Gymnasiums ist im verfloszenen Schuljahr unverän- dert geblieben. B. Schüler. Am Ende des Schuljahrs 1860— 61 betrug die Schülerzal........ 93 Noch vor dem Beginn des Sommersemesters 1861 schieden weiter aus, ohne hier den Cur- sus vollendet zu haben 3(1 aus II, 2 aus III), um sich dem Kaufmannsstand zu wid- men, 1 aus II um sich auf einem polytechnischen Institut, 1 aus V um sich in der 4 26 Realschule, 1 aus VI um sich durch Privatunterricht auszubilden, 1 aus IV um See- mann zu werden.................... 11 õ Neu aufgenommen wurden im Sommerhalbjahr(in II 1, in III 5, in IV 3, in V 2, in VI) 9 20 Die Schülerzal belief sich demnach auf(I 22, II 15, III 24, IV 19, V 15, VI 11)... 106 Von diesen verlieszen das Gymnasium im Laufe des Sommersemesters 1 aus III um sich dem Rechnnngsfach, 1 aus IV um sich einem andern technischen Fach zu widmen, 1 aus VI um wieder zur hiesigen Realschule zurückzukehren...... 3 Am Schlusz des Sommersemesters 1861 wurden mit Maturitätszeugnissen zur Universität entlaszen die Primaner: 1) Wilhelm Junker aus Meerholz, 21.4 Jahr alt, 6 ¾ Jahr im Gymnasium, 2 ½ Jahr in Prima, Willens Theologie zu studieren; 2) Johann Friedrich Hufnagel aus Ravolzhausen, Amts Langenselbold, 21 ¾ Jahr alt, 6 ¼ Jahr im Gymnasium, 2 ½ Jahr in Prima, um Theologie zu studieren; 3) Karl August Wolff aus Gemünden, Aints Rosenthal, 20 Jahr alt, 4 ½ Jahr im(hie- sigen) Gymnasium, 2 ¼ Jahr in Prima, Willens, Theologie zu studieren; 4) Johann Wilhelm Adolf Münch aus Nauheim, 21 ¾ Jahr alt, 6 ⅜ Jahr im Gymnasium, 2 Jahr in Prima, um Theologie zu studieren; 5) Melchior Friedrich Reinhard Pauli aus Hochstadt, Amts Hanau II, 18 ¾ Jahr alt, 7 ¼ Jahr im Gymnasium, 1 ¼ Jahr in Prima, um Theologie zu studieren.... 5 Unter vorstehenden Abiturienten erhielten 1, 2, 4, 5 das Prädikat gut vorbereitet, 3 das Prädikat befähigt. Zu Michaelis wurden neu aufgenommen(1 in III, 1 in V. 2 in VI)... 4 Die Schülerzal belief sich demnach auf(1 17, II 15, III 24, IV 18, V 16, VI 12).. 102 von denen jedoch ohne den Cursus vollendet zu haben im Laufe des Wintersemesters wieder ausschieden: 2 aus II(1 um später auf ein anderes Gymnasium überzugehen, 1 um sich dem Forstfach zu widmen) und 1 aus III um Kaufmann zu werden. Am Schlusz des Wintersemesters werden mit Maturitätszeugnissen zur Universität entlaszen werden die Primaner: 1) Philipp Baumann aus Mitfelbuchen bei Hanau, 17 ½ Jahr alt, 7 Jahr im Gymnasium, 2 Jahr in Prima, um Theologie zu studieren; 2) Wilhelm Justus Philipp Heinrich Heck aus Gelnhausen, 20 ½ Jahr alt, 6 Jahr im Gymna- sium, 2 Jahr in Prima, um Theologie und Philologie zu studieren; 3) Christian Heinrich Schilbe aus Homberg, 19 ⅓ Jahr alt, 6 Jahr im Gymnasium, 2 Jahr in Prima, um Theologie zu studieren; 4) Heinrich Ernst Calaminus aus Hanau„ 19 Jahr alt, 5 Jahr im Gymnasium, 2 Jahr in Prima, um Theologie zu studieren; 27 5) Heinrich Karl Friedrich Faust aus Bergen bei Hanau, 19 ¼ Jahr alt, 5 Jahr im Gymna- sium, 2 Jahr in Prima, Willens Cameralwiszenschaften zu studieren; 6) Johann Georg Albert Duncker aus Hanau, 19 ¼ Jahr alt, 9 ¼ Jahr im Gymnasium, 2 Jahr in Prima. um Philologie zu studieren. Auszerdem bestanden die Maturitätsprüfung noch: D) Burkhard Wilhelm Henkel aus Kassel, 21½ Jahr alt, bisher Schüler des Gymnasiums zu Frankfurt a. M., um Philologie zu studieren, und 8) Dr. phil. Wuhelm Karl Ludwig Wagner aus Hanau. Von den Abiturienten erhielten zwei(1 und 2) das Prädicat sehr gut vorbereitet, drei (4, 6, 7) das Prädicat gut vorbereitet und zwei(3 und 5) das Prädicat ziemlich gut vorbereitet. IWW. Ordnung der öffentlichen Prüfung. Montag den 7. April. Vormittags.. HMorgens 8 Uhr Choralgesang(D. E. Kirchengesangbuch Nr. 96 Mir nach, spricht Christus, un- ser Held) Von 8.— 10 Uhr Prüfung der PRIIA. Sophocles. Weltgeschichte. Horatius. Physik. Von 10— 12 Uhr Prüfung der SECUNDA. Xenophon. Geographie. Cicero. Französisch. Nachmittags. Von 2— 4 Uhr Prüfung der TERTIA. Xenophon. Mathematik. Caesar. Französisch. Dienstag den S. April. vormittags. Von 8— 9 ¼ Uhr Prüfung der CUARTA. Cornelius Nepos. Naturgeschichte. Griechisches Elementarbuch. Von 9 ½— II Uhr Prüfung der CUINTA. Lateinisches Elementarbuch. Weltgeschichte. Von II— 12½ Uhr Prüfung der SEXTA. Lateinisches Elementarbuch. Biblische Geschichte. 28 Nachmittags von 3 Uhr an: Choralgesang(D. E. Kirchengesangbuch Nr. 97 Rüstet euch, ihr Christenleute V. 1 und 2). Valedictionsreden der Abiturienten Ph. Baumann und H. Calaminus. Gesang. Rede des Directors und Entlaszung der Abiturienten Choralgesang(D. E. Kirchengesangbuch Nr. 97 V. 3 u. 4). Verkündigung der Versetzung, hernach Austeilung der Zeugnisse. Der Gymnasialdirector Dr. Piderit.