2AOAAUUT womit zu den am 26. und 27. Merz 1860 im Hörsaal des Gymnasiums Statt findenden 6öffentlichen Prüfungen ergebenst einlacdet der Gymnasialdirector Dr. K. W. Piderit. Inhalt: 1) Zur Kritik und Exegese von Ciceros Brutus, vom Gymnasialdirector Dr. Piderit. Ma⁴t eeue. 2) Schulnachrichten. — 5) 1 4 U 4 1, 8 Druck der Waisenhausbuchdruckerei. G 82 (G 1 8 60. S 7 —(8 —— h ze ——— 8 ——; —— —— w lRie gtrtere 1 la 4 A rfe r⸗ ntktAINN ⸗ Iur kritik und Exegese von Ciceros Brutus Dr. K. W. Piderit. IDie bis jetzt aufgefundenen Handschriften von Ciceros Brutus— unter denen die codi- ces F'aficani, besonders der sogenannte Oltobonianus, die Veneti, namentlich der von Ellendt so bezeichnete Fenetus prior, die Parisini, Vor allen der cod. D, und die Lagomarsiani in Florenz für die bedeutendsten gelten— gehören sämtlich einer sehr späten Zeit, erst dem fünfzehnten Jahrhundert an. Sie stammen nämlich ohne Ausnahme von der um das Jahr 1422 in Lodi durch den Bischof Gherardo Landriani entdeckten, später aber wieder verloren gegangenen IHandschrift, dem s. g. codeæ Laudensis oder vielmehr von einer Abschrift desselben ab. Wäh- rend wir daher für die beiden andern groszen rhetorischen Schriften Ciceros, die Bücher de oratore und den Orator, theilweise wenigstens eine doppelte Quelle benutzen können, sowol die sogenannten codices mutili d. h. die älteren, aber unvollständig erhaltenen Handschriften von dem fünfzehnten bis ins neunte Jahrhundert hinauf, als auch die jüngeren Abschriften von dem erwäühnten coder Laudensis, sind wir für den Brutus nur an die eine Quelle der Abkömmlinge dieser eben genannten Handschrift gewiesen. Wenn sich nun auch nicht leugnen läszt, dasz diese gemeinsame Quelle der vorhandenen Handschriften des Brutus, der sicherlich sehr alte codeæ Laudensis, im Allgemeinen zu den beszeren Handschriften gehört hat, so geht uns doch bei dem gänzlichen Mangel eines selbstständigen zweiten Zeugen damit eben jedes äuszere Correctiv für die überlieferten Handschriften eigentlich völlig ab; und diesz ist um so mislicher, je begründeter die Annahme zu sein scheint, dasz unter unseren gegenwärtigen Handschriften keine einzige eine treue Copie des cod. Laudensis selbst ist, sondern alle miteinander vielmehr, wie bereits angedeutet wurde, aus der ersten Abschrift jener Handschrift ihren gemeinschaft- lichen Ursprung herleiten. Wäre der codeæ Laudensis selbst noch vorhanden, so würden wir 1* 4 in ihm unstreitig in vielen Fällen ein wertvolles Mittel haben, die überlieferte handschriftliche Lesart zu berichtigen. Denn der Rückschlusz, den der neueste Herausgeber des Brutus, 0. Jahn, von der Beschaffenheit der vorhandenen Handschriften(die doch nur Copien von einer Copie sind) auf das eigentliche Original(den coder Laudensis) macht, dasz auch dieses schon vielfach lückenhaft, interpoliert und verderbt gewesen, ist so unbedingt und allgemein nicht zuzugeben. Wenn freilich mit jener uralten Handschrift(dem cd. Laud.) beim ersten Abschrei- ben gerade so verfahren wäre, wie in früheren Jahrhunderten mit andern Handschriften, wo nicht selten der Sprache unkundige Abschreiber die einzelnen Worte oder Buchstaben mecha- nisch zu copieren und wol oder übel an einander zu reihen suchten, dann würde es im Gan- zen schon eher gerechtfertigt sein, für bestimmte Mängel der Copie das Original mit verant- wortlich zu machen. Dem ist aber glaubhaſten Nachrichten zufolge durchaus nicht so. Als Gherardo Landriani die wertvolle Handschrift der rhetorischen Schriften Ciceros zu Lodi gefun- den und darnach an Gasparino Barziza in Mailand gesandt hatte, händigte sie dieser einem ta- lentvollen Gelehrten der damaligen Zeit(„egregi ingenüu, homo doclissimus ¹*) Cosmo aus Cremona zur Entzifferung ein. Cosmo aber verfuhr nicht so, wie die früheren mechanischen Abschrei- ber, sondern scheute sich nicht, um einen lesbaren Text herzustellen. das alte Original, wo es zum Verständnis notwendig war, eigenhändig zu corrigieren; wie diesz Gasparino Barziza in dem Begleitschreiben an seinen Freund Gherardo Landriani, dem er statt des alten Originals eine von Cosmos lesbar gemachter Abschrift genommene Copie zufertigte, ausdrücklich be- zeugt: Feci autem, ut pro illo vetustissimo ac paene ad nullum usum aplo novum manu hominis doclissimi scriptum ad illud exemplar correctum alium codicem haberes. Die den alten Laudensis in lesbarer Gestalt wiedergebende Abschrift Cosmos ist demnach die einige Quelle der spätern Abschriften, also aller unserer Handschriften geworden. Fände sich. was ja nicht unmöglich wäre, die Originalhandschrift des cod. Laudensis selbst wieder, so würde uns diese für den Brutus sicherlich ganz dieselben Dienste leisten, die wir für die Bü- cher de oratore den ältern fragmentarischen Handschriften, wie dem Abrincensis und Erlangensis I in den von ihnen erhaltenen Partieen zu danken haben. Bis dahin aber bleiben wir einzig und allein auf die, wie es scheint, hinlänglich verglichenen mehrfach erwähnten Abschriften be- schränkt und müszen daher an zweifelhaften Stellen zur Conjecturalkritik unsere Zuflucht neh- men, zu der hier einige Beiträge gegeben werden sollen. I. Versuch einer Wiederherstellung der Schluszworte von Ciceres Brutus. Bekanntlich fehlt in Ciceros Brutus der Schlusz und die überlieferten letzten Worte geben. wie sie da stehen, keinen Sinn. Es lautet nämlich der letzte Paragraph in den fandschriſten und demgemäsz in unseren Texten also: Nonne cernimus, rig singulis aetatibus binos ralores laudabiles constitisse? Galba fuit inter tot aequaltes unus egceltens. cur, quemadmodum accepimus, etl Cato cedebuat senior et qui temporibus illis qelale inferiores fuerunl, Lepidus posteu, deinde Carbo, nam Gracchi in con- lionibus multo faciliore et liberiore genere dicendi, qguorum tamen ipsorum ad aeltatem la us eloquenliae perfecta nondum fuit; Antonius Crassus,„os! Coftta Sulpicius Hortensius. Nihit dico amplius, tantum dico, si mihi acc* disset, ut numeruaren in multis, si operosa es! onltentio, magis opp or- tunorum*** Hier fehlt nun zunächst in dem Satz nam Gracchi bis dicendi das Verbum, das künftig wie- der an der rechten Stelle in den Text zu setzen sein wird. Es sind nämlich offenbar hinter conlionibus die Worte usi sun! ausgefallen, wie diesz nach vorausgehendem us in den Hand- schriften sehr oft geschehen ist; in der Regel gab das übliche compendium scripturae dazu die Veranlaszung, wonach im vorliegenden Falle die Worte so geschrieben wurden: mρνννμ 1.— Sodann weist die Lesart der besten Handschriften acconcursatio(ac concursatio) mit Bestimmt- heit darauf hin, dasz hinter operosa es! ursprünglich ein synonymes Substantivum gestanden hat, das demnach gleichfalls wieder in den Text aufzunehmen ist, nämlich conftentiw, das (wie wir hernach sehen werden) dem Sinn der Stelle vollkommen entspricht und bei Cic. ad Fam. I 1, 3 ebenso mit concursatio in ähnlicher Bedeutung verbunden ist:„Libonis et Hypsaei non obscura concursalio et conlentio omniumgue Pompei familiarium studium in eam rem opinionem adduæerunt, ul Pompeius cupere videtur“, wo das Rennen und Laufen, das angestrengte. eifrige Bemühen der Pompejaner bezeichnet wird, vor allen anderen dem Haupte ihrer Partei den gewünschten Auftrag zur Wiedereinsetzung des Ptolemäus Auletes zu verschaffen. Ver- gleichen läszt sich auch Cic in Caec. der. 12, 37 efra hauce contentionem certamenque nostrum familiuriler lecum loquar.— Doch mit diesen Verbeszerungen im Einzelnen ist für das Gesamtverständnis des Schlusz- satzes noch nichts gewonnen.— Ergäbe sich nun aus dem Gedankenzusammenhang die Wahr- scheinlichkeit, dasz hier ein Stück von gröszerem Umfang verloren gegangen sei, so wäre es unstreitig am geratensten, sich in das unabänderliche zu fügen und die überlieferten Worte einstweilen in ihrer gegenwärtigen Gestalt unverändert stehen zu laszen, bis etwa durch Auf- findung neuer Handschriften eine befriedigende Wiederherstellung des ursprünglichen Textes möglich würde. Dem ist aber entschieden nicht so. Im Gegenteil, sowol der ganze äuszere 6 Umfang und innere Gang des zu Ende eilenden Epilogs, als auch zum Theil wenigstens die noch dastehenden Reste selbst zeigen deutlich genug an, dasz auf das„nihil dico aumplius, antum dico“ nur noch einige wenige Worte haben folgen können. Es läszt sich in dieser Be- ziehung mit unserer Stelle ganz paszend Cic. de or. I 54, 233 a. E. vergleichen, wo Antonius am Schlusz eines Theils seiner Erwiderung mit ein paar Worten das einschärft, was er aus Beiner ganzen Demonstration gleichsam als den Kern derselben festgehalten haben vill: „Ouibuscum(nämlich mit den Philosophen) ego non nugno, ulrum(ob Redekunst oder Philoso- phie) melitis dul verins; lantum dico et aliud illud esse ulqu hoc, et hoc sine illo summiunn esse p0sSe.“ So darf man es also schon eher wagen, den vorhandenen Spuren nachzugehen und durch begründete Vermutung die Ergänzung des Fehlenden zu versuchen. Als ein solcher Versuch nun, den Sinn der Schluszworte zu erforschen, sowol die noch daliegenden Steine zu ihrem ursprünglichen Zusammenhang wieder in einander zu fügen, als auch die bisher vermiszten unentbehrlichen Stücke damit zu verbinden, will die nachfolgende Erörterung angesehen sein. Es ist, wenn ich recht vermute. die Schluszstelle also zu lesen:„Nihil dico amplius, tan- tum dico, elsi operosa es! contentio ac concursalio, lamen magis opporlun um fore, si mihi ac⁴ι i, ut numerarer unus, quam ut numeraren in multis.“ Was zuerst die einzelnen Ausdrücke betrifft: so darf nihil dico amplius nicht etwa in dem Sinn genommen werden:„nun weiter nichts mehr d. h. damit will ich schlieszen,“ So dasz damit, wie Jahn meint, nur das„ ego,“ was eigentlich auf Hortensius folgen sollte, verdeckt würde; das verbietet schon die Zusammenstellung mit lantum dico. Es ist vielmehr eine Art Verwahrungs- ſormel wie p. Planc. c. 7, 4 Si, quod equilis Romuni filius est, inferior esse debuit: omnes lecum equitum Romanorum filti peliverunt. Vihit dico amplius, hoc lanltum(al. lamen) miror, cur huie polissimum iruscare, qui longissime a le afuit;— genau genommen nur die negative Form für das gleich folgende positiv beschränkende tantum dico„weiter will ich jedoch damit nichts gesagt haben, nur das sage(meine) ich.“ Der vorausgehenden Darstellung gegenüber, in der Cicero auszer den zuletzt genannten doch noch gar manche andere beachtenswerte Red- ner aufgeführt hatte, musz er sich gewissermaszen verwahren, als solle mit der Bemerkung. dasz es in jeder Periode der römischen Beredsamkeit nur eins bis zwei ausgezeichnete Redner gegeben habe. allen andern die gerechte Anerkennung versagt werden: er will mit der Ilin- weisung auf diese Thatsache hauptsächlich nichts weiter sagen, es gilt ihm bei der Gegenüber- stellung von der maior pars orafotum und den wenigen orafores laudabiles nur darum, mit seinem letzten Wort:„Heszer unter diesen, als in jener Mehrzahl, beszer obenan und an der Spitze, als in dem groszen Haufen“ einen sehr bedeutsamen Wink zu geben.— Contentio ac concursa- „ ſerner bezeichnen hier, wie in der oben aus Cic. ad. Fam. I 1, 3 angeführten Stelle, die unermüdliche Thätigkeit und Rührigkeit, die sich keinen Gang. keine Besprechung und Bera- tung verdrieszen läszt, um den gewünschten Zweck zu erreichen.(Vgl. Plin. nat. hist. II 30 (36) iam in opere qui labor— nämlich formicarum— quae sedulilas! et quonium eæ direrso convehunt alfera alterius ignara, cerli dies ad recognitionem mutuam nundiuis dautur; quae lune 7 earum concursalio, quam diligens cum obriis quuedam conlocalio algue per- contatio!) Gemeint ist zunächst an unserer Stelle, wie sich unmittelbar aus den nachfol- genden Worten ergibt, die contenlio ae concursalio eius, cui accidit, ut numerarelur inler prin- cipes et optimos orafores. Während ein mittelmäsziger Sachwalter, dem hier und da die Füh- rung eines bedeutenden Processes zufällt, von der Arbeit nicht eben erdrückt wird, hat ein patronus, der in dem Renommée steht, der erste in der Stadt zu sein, vollauf zu thun: alle wollen allein von ihm ihre Sache vertheidigt haben; jeder einigermaszen schwierige Prozess wird an ihn gebracht, als den einzigen, der befühigt ist, ihn glücklich zu führen. Benei- denswert ist also eine so hervorragende Stellung gerade nicht; auf einen ruhigen, ungestörten Lebensgenusz wenigstens wird der, welcher sie einnimmt, so ziemlich verzichten müszen; es ist ein mühsames Ding, die fortwährende Anstrengung, das ewige Hin- und Herlaufen, das einen nie zur Ruhe kommen läszt. Dennoch, bekennt Cicero, ist es ein glücklicheres Losz. wie ein Crassus oder Hortensius unter die ersten, als zur turba palronorum gerechnet zu werden. Numerari in multis ist also dasselbe, was kurz vorher mit numerari in vulgo palronorum ausge- drückt wird(— formell ähnlich ist 32, 123 numera me in plerisque). Dem steht dann ut numerater unus entgegen. Allerdings hat dieser Ausdruck etwas ungewöhnliches; aber erstens fehlt es doch nicht an analogen Beispielen, wie in unserem Brut 62, 221 is non satis acutus orafor, sed jamen orator numeratus est; 89, 305 reliqui, qui lum principes numerabantur; 91, 316; ferner un- serer Stelle noch entsprechender Verr. II 70, 169 fs— in eam iam veneral familiaritalem con- sueltudinemgue in vendendis eius decretis— ut prope alter Timarchides numerar elu. Sodann wird das etwa Auffallende wieder durch den Gegensatz gehoben: in mullis„ich will lieber für den einzigen gelten, als zu dem groszen Haufen gerechnet werden.“ Einen ähnlichen Gedan- ken, wenn auch in anderer Beziehung, ſinden wir 73. 256 f. ausgesprochen, wo Cicero die Be- hauptung aufstellt: multo magnus oralor praestat minulis imperaloribus und dem Einwurf: t pro- dest plus imperator mit den Worten begegnet: credo, sed Atheniensium quoque plus interf uil, ſirma lecta in domiciliis habere, quam Minervae signtuim exr ebore pulcherrimum; tamen ego me Phidiam esse mallem, quam rel oplim um fabrum tignarium. Ouare non quanltam quisque prosit, sed quanli quisque sil ponderandum est, praeserlim cum pauci pingere egregie possint aut fingere, operarii aulem aut buiuli deesse non possint. Drittens endlich scheint mir Cicero absichtlich das blosze unus statt ex oplimis(oratoribus) unus oder in primis oder inler principes gewühlt zu haben, weil er zugleich noch einen andern Sinn in die Worte gelegt wiszen wollte. Zuvörderst freilich sollen die Worte in ihrem allernächsten Zusammenhang die Ermahnung an Brutus bekräftigen, vor allem darnach zu trachten, dasz sein Name in der Geschichte der Beredsamkeit nicht der groszen Zahl mittelmäsziger Redner beigefügt werde, sondern sich viel- mehr den wenigen Meistern und Sternen erster Grösze rühmlich anreihe. Auf ihm ruht ja die Hoffnung der Zukunſt; und wenn ihn auch jetzt die unglücklichen politischen Verhältnisse in zeiner Laufbahn aufhalten: vielleicht kommen wieder glücklichere Zeiten. Darum soll sich Bru- tus durch die gegenwärtigen traurigen Zustände nicht bewegen laszen, den höheren wiszenschaft- 8 lichen Studien untreu zu werden, durch die man sich allein über die Stufe der Mittelmäszigkeit zu erheben vermag. Wir wiszen, mit welchem Nachdruck Cicero schon zehn Jahre zuvor in seinen Büchern de oratore hervorgehoben hat, dasz Niemand ohne eine höhere universale Bil- dung durch griechische Literatur und Kunst ein wahrer Redner werden könne. Das hatte Bru- tus beherzigt(31, 120; 97, 332) und zu dem Ende in Athen nicht nur den Unterricht der besten griechischen Lehrer der Beredsamkeit genoszen, sondern ganz besonders auch, gewis auf Cice- ros Empfehlung, die für den Redner zo wichtige akademische Philosophie studiert.„Wozu aber— fragt Cicero, indem er sich gleichsam zur Vorbereitung auf den Schluszsatz mit einbe- greift— all diese höheren Studien, wenn wir nur der groszen Mehrzahl der Redner gleich sein wollen, das heiszt, wenn wir über die Mittelmäszigkeit nicht hinaus wollen; denn wahrhaft grosze Redner sind stets so sehr in der Minderzahl gewesen(36. 137; 78. 270; 87, 299), dasz sich aus jeder Periode der Geschichte der römischen Beredsamkeit kaum ein paar aufführen laszen, die diesen Namen in Wahrheit verdienen: Galba vor allen, dann sein älterer Zeitgenosze Cato und unter den jüngern Lepidus und Carbo: die beiden Gracchen nur beschränkter Weise; in der Periode der allmäblichen Vollendung Antonius Crassus, Cotta Sulpicius Hortensius. Da- mit soll jedoch zu guter letzt nur gesagt sein: trotzdem dasz die unaufhörliche Anstrengung, das Rennen und Laufen,(wie diesz nun einmal dem, der für den ersten gilt, eben dieser seiner hervorragenden Stellung wegen beschieden ist) gar mühsam ist, ich würde es dennoch für ein erwünschteres Losz halten, für den ersten angesehen, als unter die grosze Mehrzahl gerechnet zu werden! Und so soll auch Brutus Streben darauf gerichtet sein und bleiben,(wie einst Pe- leus seinen Sohn beim Abschied ermahnte Hom. Il. 1 784) èν dοςσεdεtv ²α ⁶υeeioοeνον B-ενιε vι ⁴ν(Vgl. Cic. de or. II 20, 85 ff.). Wahrscheinlich aber wollte Cicero noch einen weiteren Sinn mit den Worten verbunden haben und liesz sie darum absichtlich etwas unbestimmt, indem er weder die contentio ac con- cursalio noch unus durch entsprechende Zusätze erläuterte; jede nähere Bestimmung dieser Worte würde die Möglichkeit, dieselben noch in einem andern weiteren Sinn zu verstehen, geradezu aufgehoben haben. So trübe auch nach Pompejus Untergang und Cäsars Sieg einem Manne wie Cicero der politische Horizont erscheinen muszte, alle Hoffnung auf„eine Wieder- herstellung der Verfaszung“ hatte er noch nicht aufgegeben. Die Entscheidungsschlacht in Afrika, der er mit solcher Spannung entgegensieht(3. 10), ist noch nicht geschlagen. Wie? wenn die republikanische Partei siegt? Ist es dann nach Ciceros Gedanken so unmöglich, dasz er, als ihr Haupt, wieder an das Ruder kommt; dasz er wieder nicht nur als der erste und einzige Redner und patronus gilt(— nach Hortensius Tod, den er schon bei dessen Lebzeiten überflügelt hatte, gibt es keinen ebenbürtigen Nebenbuhler mehr für ihn—), sondern auch zu den ersten im Staat, die an seiner Spitze stehen, gerechnet wird? Hätte Cicero solche Hoff- nungen nicht gehabt: er würde schwerlich in diesem seinem Brulus sich weder so wiederholt, (das Schweigen, das er sich auferlegt— 3, 11; 42, 157; 76, 166— wird immer wieder gebro- chen), noch in solcher Weise über die unglückliche Lage des Staates ausgesprochen haben (1, 4; 2, 6 f.; 6, 24; 42, 157; 71, 250 f.; 76, 266 und noch zuletzt 96, 328 ff.); die an Brutus 9 gerichteten Worte:„tibi oplamus eam rem publicam, in qua duorum generum amplissimorum re- novare memoriam afque augere possis“ wären wol nicht geschrieben worden. Ist aber diese Vor- aussetzung richtig, so dürfen wir den Schluszworten zugleich auch den Sinn unterlegen:„ich habe mit der Anführung der wenigen Heroen der Redekunst bis auf Hortensius zu guter letzt bekennen wollen, wo ich meine Stelle zu finden wünschte, nicht in mullis, sondern inter 10½ aequales unus excellens oder doch inter principes“- und Brutus, der Jünger, soll ebenso denken. wie sein Meister. Freilich ist der Ausdruck geschickter Weise so gehalten, dasz ihn auch, na- türlich in seinem Sinn, Cäsar sich aneignen konnte, dessen ganzes Streben ja eben dahin gieng, keinen zweiten neben sich zu dulden. Es pliebe nun noch übrig nachzuweisen, wie aus der ursprünglichen Lesart die jetzige hat entstehen können. Die einfachste Erklärung scheint mir die zu sein: durch das unverstandene et vor si(et si) veranlaszt nahm irgend ein Abschreiber irriger Weise an, der Satz si mihi ao- cidisset gehöre vor das etsi operosa est. In Folge dessen schrieb er zur Correctur des vermeint- lichen Fehlers den Satz si mihi accidisset, ut numerarer unus, quam ut numerarer in multis mit dem betreffenden Zeichen, das auf das gleiche Zeichen im Text vor t(si) hinwies, an den Rand und unterpunctierte dafür dieselben Worte im Text, als Zeichen, dasz sie nun hier zu tilgen seien. In der von diesem Exemplar genommenen Abschrift, die unsern Handschriften zu Grunde liegt, wurde nun beim Abschreiben der am Rand stehende Satz da in den Text einge- fügt, wohin er nach dem entsprechenden Zeichen gehören sollte(also vor etsi operosa esi etc.) dabei aber aus leicht erklärlichem Versehen vom ersten ut numerarer beim Schreiben gleich auf das zweite übergesprungen und also die Worte„ut numerarer unus, quam“ ganz weggelaszen. So entstand unser jetziger Text, nur dasz später noch„opportanum foret in„opporlunorum“ verderbt ward und sowol(wie bereits oben bemerkt wurde) contenlio vor ac concursatio, als auch hinter dem letztgenannten Worte tamen ausfiel, was wegen des vorausgehenden tantum(mit der Ab- kürzung ebenso wie tamen geschrieben) gar leicht geschehen konnte. II. Verheszerung einiger anderen Stellen. 1. Zu den weiteren Stellen, an welchen in unseren. Handschriften einige Worte ausgefallen sind, gehört zuerst 6, 23 Tum ille(sc. Brutus) ceterarum rerum causa, inq uit, istue et doleo et dolendum puto, dicendi autem me non tlam fructus el gloria, quam tudium ipsum egercilalioque delectat, quod mikhi nulla res eripiet, te praeser- imftam studioso. Etdicere enim benenemo potest nisi qui prudenter intellegit. 2 10 So haben die Handschriften. Orelli und Ellendt meinten, der Fehler läge nur darin, dasz et von enim durch dicere getrennt werde, was sich erst viel spätere Schriftsteller erlaubten,*) bei Cicero aber schlechthin unzuläszig sei, und corrigierten daher einfach: sftudioso. Elenim dicere u. s. w. Aber gerade, wenn die Handschriften, wie es hier der Fall ist, eine so ungewöhnliche Stellung der Worte bieten, ist es doppelt bedenklich, so ohne weiteres die überlieferten Worte umzustellen. Dazu kommt noch, dasz das blosze„praesertim lam studioso“ ohne weitere nähere Bezeichnung geradezu unverständlich und daher von Cicero so allein gewis nicht gesetzt ist. Man ergänzte daher mei und Jahn hat nach Kaysers Vorschlag in der 2. Auflage seiner Ausgabe diesz Wort geradezu in den Text auſgenommen: 7e praesertim tam sludioso mei. Dicere enim etc. Dagegen aber bemerkt schon Ellendt mit Recht, dasz der ganze Zusammenhang dar- auf führe, vielmehr an Ciceros Bemühungen und Verdienste um die oratorische Ausbildung der Jüngeren, namentlich des Brutus zu denken; diesz aber auszudrücken reichen doch die Worte studioso mei nicht hin.— Brutus gehörte unter der jüngeren Generation zu den wenigen, auf die Cicero sein ganzes Vertrauen für die Zukunft setzte. Er interessierte sich daher auch für ihre wiszenschaftliche,**) insbesondere aber für ihre rednerische Bildung um so mehr, je bereitwilliger sich Brutus mit seinen Gesinnungsgenoszen in dieser Beziehung an den groszen Staatsredner anschlosz. Bei ihrer etwas idealistischen Richtung muszten sie in Cicero ihren gei- stesverwandten Meister sehen. Und wenn auch Brutus in einzelnen Puncten nicht immer mit Cicero einverstanden ist, im Ganzen war dieser doch nicht nur ihr Vorbild, sondern geradezu ihr Lehrer in der Beredsamkeit. Was Cicero in dieser Beziehung im J. 708 a. n.(46 v. Ch.)— demselben Jahre, in welchem der Brutus geschrieben ist— an Papirius Pätus schreibt ad. Fam. IX 16. 7: Hirkium ego et Dolabellam dicendi discipulos habeo,***) gilt noch mehr von Brutus, dessen Studiengang, scheint es, zum groszen Theil auf Ciceros persönlichem Rate beruhte. Er- wägt man diesz. so wird es wahrscheinlich, dasz Cicero seinem Brutus an unserer Stelle Worte in den Mund legt, die sich auf dieses Verhältnis beziehen, wie es Cicero selbst in dem gleichfalls 46 v. Chr. geschriebenen Brief ad Fam. IX 18, 1 F. näher andeutet: quod ut Dionysius lrannus, cum Syracusis pulsus esset, Corinthi dicitur ludum aperuisse: sic ego, sublalis indiciis, amisso regno forensi, ludum quasi habere coeperim.— Multa enim consequor; primum id, quod maæxime nunc opus est, munio me ad haec tempora;— deinde ipsa illa, si qua fuit in me, facultas orationis, nisi me ad has ewercitaliones retulissem, exaruissel. Cicero beklagt es, dasz Brutus durch die unglücklichen politischen Verhältnisse, in Folge deren die öffentliche Rede so gut wie verstummt sei, der Gelegenheit beraubt werde, die glänzend begonnene Laufbahn wei- ter zu verfolgen und so auch zu ernten, Was er gesäet habe. Darauf erwidert nun Brutus die oben angeführten Worte: so sehr er auch im Allgemeinen in die Klage über die politischen *) Hand Tursell. T. II n. 545 Recentissimi quidem scriptores distracto nomine diæerunt et-enim, non antiquiores- etiamsi igitur in Bruto codicum auctoritate confirmetur, tamen librariis tribuendum esft. 1 **) Vgl. Brut. 87, 300. —) Vgl. d Fam. I 18, 1 ff. Sueton. de clar. rhet. c. 1. 11 Verhältnisse der Gegenwart mit einstimme, die eine der von Cicero hervorgehobenen Folgen sei für ihn so schmerzlich gerade nicht; ihm gewähre die Beredsamkeit an und für sich, nicht um des erwarteten Nutzens willen Genusz; denn das Studium der Beredsamkeit bestehe nicht in der Erwerbung blosz formellen technischen Wiszens, sondern viel mehr in der Erwerbung um- faszender tüchtiger Sachkenntnis, die mam überall brauchen könne. Diese Bedeutung des oratorischen Studiums war es aber gerade, die Cicero stets und ganz besonders in seinen Büchern de orutore einer mechanischen oder banausischen Auffaszung gegenüber geltend gemacht hatte. Erst da- durch war das Studium der Beredsamkeit auf die rechte Höhe erhoben und ihm eine bleibende Bedeutung gesichert. Die Erkenntnis dieses Ziels durch sorgfältige und eifrige Unterweisung zu fördern und so zur Erreichung desselben anzutreiben, war sein eifrigstes Bemühen. Ich ver- mute daher, dasz die Stelle mit Beziehung auf diese verdienstvolle Thätigkeit Ciceros so zu emendieren ist: quod mihi nulla res eripiet te prueserlim lam studioso et diligenti dicendi mau- gis tro. Dicere enim bene elc. Dann beziehen sich ganz paszend auf die beiden vorausgehen- den Substantiva studium und ewercitatio(wie das in solchen Fällen bei Cicero fast Regel ist)- hier wieder zwei entsprechende Adjectiva: studiosus und diligens:„von dem studium und der exercitatio dicendi werde ich mich durch nichts, auch nicht durch die Ungunst der politischen Verhältnisse, abbringen laszen, zumal du durch deine unermüdliche und sorgfältige Unterwei- sung und Aufmunterung sowol das studium als die ewercitatio immer von Neuem weckst und stärkst.“— Der Ausfall der Worte diligenti dicendi magistro(von denen das letzte noch dazu oft abgekürzt geschrieben wurde) erklärt sich leicht dadurch, dasz der Abschreiber, wie das so äuszerst häufig vorgekommen ist, nach et zwar richtig mit der Silbe fortfuhr, aber darnach aus Versehen die nächsten Silben von dem gleich anlautenden, vielleicht im Anfang der Reihe stehenden dcere hinzufügte und somit drei Worte übersprang.*)— Dasz es übrigens Cicero liebt mit studium, studiosus, studiose ein synonymes Substantiv. Adjectiv, Adverb zu verbinden, beweisen Stellen wie Brut. 78. 272 studio autem neminem nec industria muiore cognori; Acad. II 31, 98 valde studiosus ac diligens; Brut. 22, 86 se-sfudiose accurateque fecisse; 42. 156 auidivi enim nuper eum studiose et frequenter; ad Alt. XVI A, 7 ego quae te velle quaeque ud te pertinere arbitrabor studiose diligenter que curabo. 2. Eine dritte Stelle, die durch Wiedereinfügung eines ausgefallenen Wortes zu emendieren sein wird, ist 79, 273. Zur Schilderung des M. Caelius Rufus bemerkt Cicero: Oui quamdi u auctoritati meae paruit, talis tribunus plebis fuit, ul nemo contra cirium per- *²) Ganz ähnliche Beispiele hat neuerdings J. Vahlen in seinen kritischen Bemerkungen zu Cicero de legibus in der Zeitschrift für die österr. Gymn. XI. 1 S. 9 ff. angeführt. So ist de legg. III 13, 30 zu lesen prae fteriero. Cae] teris; II 2, 5 unam natu Irae alte] ram civitatis und in demselben Capitel ubi na Iti et illam qua ercep] ti sumus, wo allemal das Eingeklammerte aus keinem andern Grunde ausgefallen ist, als weil der Abschreiber vom ersten ter, rae, ti auf das andere übersprang. 2* 12 ditorum popularem turbulentamgue dementiam a senatu et a bonorum causa zfeteril constanltius. Dann folgt in den Handschriften: quam eius actionem multum Vamen el splendida et grandis et eadem inprimis facela et perurbana commen- dabal oralio. Mit Recht hat O. Jahn hieran Anstosz genommen; denn so können sich die Worte unmöglich an das Vorausgehende angeschloszen haben. Entweder— meint daher Jahn— ist hier einiges ausgefallen, was zur näheren Characteristik des Cälius als Redner diente, oder es steckt vielleicht in quam ein Beiwort, welches seine actio näher bezeichnete. Ich glaube: weder das eine, noch das andere, sondern die Stelle ist vielmehr so zu emendieren: Ouam- Dquam eum aclio non multum, multum ttamen et splendida et grandis et eadem in primis ſacela el perurbana commendabat orutio:„wiewol sein Vortrag ihn nicht sehr empfahl,— wie Cälius diesz selbst fühlen mochte, wenn er nach Ouint. XI 1, 51„in defensione causae, qua reus de vi fuit“ sich äuszert:„ne cui vestrum alque etiam omnium, qui ad rem agen- dam adsunt, meus aut vultus molesltior aut vox immoderatior alicua aut denique, quod minimum est, iactanlior geslus fuisse videuture’— viel Gewinnendes dagegen hatte sein glänzender, er- habener und dabei zugleich geistreicher und überaus eleganter Stil'(Quint. X 1, 115 Multum ingenüu in Cuelio et praecipue in accusando multa urbanitas, dignusque vir cui e mens melior et vita longior conligissel). Insoſern steht Cälius in geradem Gegensatz zu dem früher 66, 234 erwähn- ten Cn. Lentulus, der„multo maiorem opinionem dicendi aclione faciebat, quam quanta in eo fa- cultas erat“ und„ceterarum virtutum dicendi mediocritatem actione occultavit.“— Was die Form des Ausdrucks betrifft— non multum, multum tamen— so ist die Wiederholung desselben Worts im(positi- ven) Gegensatz ähnlich in der Stelle 44. 162 non breres ut laudatio, ut oratio autem brevis. Wie leicht übrigens die vorgeschlagene Aenderung ist, brauche ich ja wol nur anzudeuten. War einmal aus Versehen quam statt quamguam geschrieben(was um so eher geschehen konnte, wenn etwa quam quam getrennt stand oder über quam nur ein Strich die Verdoppelung anzeigte:*) so er- gab sich damit die Aenderung in actionem und dazu muszte der Genitiv gesetzt, also eum in eius geändert werden. Der Wegfall von non mullum vor multum erklärt sich von selbst.**)— Die Stelle 68, 240 aber, auf die man sich zu Vertheidigung der Lesart aclionem— commendabat oratio berufen künnte:„Huius(sc. O. Pompeüu) aclio non salis commendabat orationem; in hac enim salis erat copiae, in illa aulem leporis parum,“ beweist näher betrachtet gegen unsere Emen- dation nichts. Dort nämlich ist die negative Form des Ausdrucks ganz an ihrer Stelle:„der etwas nüchterne, unlebendige Vortrag gereichte seiner ziemlich geläufigen frischen stilistischen Darstellung nicht eben zur Empfehlung(bei den Zuhörern); die Trockenheit seiner actio schmä- lerte den Beifall oder die Anerkennung, den seine oratio an sich wol verdient hätte.“ Aber ist darum hier eine solche Wendung angemeszen:„seiner gar nicht ansprechenden, vielmehr eher *) Ganz ebenso z. B. ist de leg. I 4, 14 aus dem ursprünglichen quamquam in den Handschriften quam ge- worden. *r) Aehnlich ist 82, 285(worauf Professor Fleckeisen aufmerksam gemacht hat) vor alia das Wort aliis aus- gefallen und demnach nunmehr zu lesen: sed quia sunt in Atticis aliis alia meliora u. s. w. 13 abschreckenden actio gereichte indessen sein glänzender Stil beim Publikum sehr zur Empfeh- lung“? Könnte diesz sprachlich so viel heiszen als:„die stilistischen Vorzüge seiner Rede ver- deckten die Mängel seines Vortrags“: dann wäre wol gegen den Ausdruck nichts zu erinnern. So aber laszen sich die Worte schwerlich interpretieren: der Ausdruck„ackionem eius(non salis pro- bandam) multum lamen et splendida et graudis commendabat oraliow Kkann höchstens bedeuten: „seine glänzende Sprache machte auch seinen an sich nicht ansprechenden Vortrag beliebt,“ so dasz also die Zuhörer um der Vorzüge des Stils willen an dem Vortrag, der an sich nichts Gewinnendes hatte, groszes Wohlgefallen gehabt hätten. Das aber wird Cicero gewis nicht haben sagen wollen;— eine besondere Virtuosität in einem besonderen Stück kann wol die Schwächen in anderen Beziehungen für den Augenblick weniger fühlbar machen, dieselben gan⸗z aufheben oder gar zu anerkennenswerten, beifallswürdigen Vorzügen steigern kann sie nicht: am wenigsten aber wäre nach antiker Anschauung der oratio ein so dominierender Einflusz auf die aclio einzuräumen:*) actio in dicendo una dominatur(de or. III 56, 213 ff.), wenn es auch da- bei bleibt, nulla re una magis oralorem commendari quam verborum splendore et copia(Brut. 59. 215). Es werden vielmehr an unserer Stelle die beiden Seiten, die Schatten- und Lichtseite des Redners M. Cälius nebeneinander gestellt: aclio eum non mullum, multum tamen commenda- bat oralio. 3. Während in den bisher behandelten Fällen der Text durch Wiedereinsetzung ausgefallener Worte emendiert wurde, sind umgekehrt anderwärts ungehörige Bestandtheile, die sich wider- rechtlich eingeschlichen haben, aus demselben wieder zu entfernen. So ist 47, 175 nicht, wie O. Jahn will, eine Lücke anzunehmen, sondern die Lesart vielmehr durch Beseitigung der aus einer Randbemerkung entstandenen Worte zu berichtigen. Dicebal etiam— heiszt es da— L. Scipio non imperite, Gnaeusque Pompeius Sex. F. aliquem numerum obtine- bat. Dann fährt Cicero fort— um gleichsam im Vorübergehen zu rechtfertigen, warum er die- sen Sohn des Cn. Pompejus Strabo anführe und nicht auch den andern, den Bruder des Gnaeus Pompeius,— Nam Seglus frater eius praestantissimum ingenium contulerat ad s ummam iuris civilis et ad perfeclam geometriae et rerum stoicarum scien- tiam. Zwischen diesen letzteren und den folgenden Worten nimmt nun O. Jahn eine Lücke an und schreibt deshalb nach scienliam:„ss et ante hos M. Brultus el paulo posl eum C. Billienus, homo per semagnus, prope simili ratione summus evaseral; qu: consul factus esset, nisi in Marianos consulatus et in eas petitionis angustias *) Wie diesz auch Kayser in der Rec. von Jahns Brutus 2. Auflage N. J. B. 79. H. 12 S. 846 sehr richtig be- merkt; wenn er aber die hs. Lesart damit retten zu können glaubt, dasz er unter actio die Politik de- Cälius verstanden wiszen will, so wird man ihm darin nicht beistimmen können: actio kann der oratio gegenüber schlechthin in keinem andern Sinn als dem technischen(rhetorischen) genommen werden. 14 incidisset.“ Die Handschriften haben hinter scientiam die Worte ita minuire oder ita miniutre, was(wie man schon seit der editio princeps mit Recht angenommen und seitdem allgemein ge- lesen hat) nichts anders ist als: item in iure. Haben nun diese Worte wirklich hier an der Spitze des Satzes gestanden, so müszen sie sich gleichmäszig sowol auf M. Brutus, als auf C. Billienus beziehen. Dann aber wäre prope simili ralione völlig überflüszig.*) weil unter dieser hier erwähnten ratio eben nichts anderes gemeint ist, als die Jurisprudenz. Schon das macht gegen die Worte item in iure etwas mistrauisch. Dazu kommt aber noch weiter: Rührten diese Worte„Ilem in iure(nämlich wie Sex. Pompeius, der von Pomponius Digest. 1, 2, 40 den aus- gezeichneten Rechtsgelehrten zugezählt wird) et ante hos M. Brutus— sumuus evaserat“ wirklich von Cicero her, so konnte man bei Nennung dieses Namens unmöglich an einen andern denken, als an den bekannten Juristen M. Junius Rrutus(den Vater jenes berüchtigten accu- saftor), dessen bereits 34, 130 gedacht ist, wo ihn Cicero virum oplimum ei iuris peritissimum nennt. Er war einer der ersten juristischen Schriftsteller(de or. II 33, 142; 55, 224 p. Cluent. 51, 141; de off. II 14, 50 qui iuris civilis in primis peritus fuit), und gehõörte den älteren Juristen an, so dasz seine juristischen Schriften mit denen Catos zusammengestellt werden; seine Blüte fällt weit früher, als die der hier genannten, in die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts vor Christus. Wie hätte nun Cicero dazu kommen sollen„diesen anerkannt so bedeutenden Juristen, der ei- ner ganz anderen Periode der römischen Literatur angehörte, hier zu erwähnen und obendrein sar mit dem verhältnismäszig viel unbedeutendern C. Billienus fast auf eine Linie zu stellen! Beiläufig hatte Cicero schon seiner gedacht(34, 130); es lag also gar kein Grund vor, etwa Versäumtes nachzuholen; und wenn ihn Cicero dennoch hier noch einmal hätte erwähnen wol- len: ohne ein an den anwesenden Brutus gerichtetes„vester“ oder eine ähnliche derartige Bezeich- nung würde Cicero von diesem Brutus auch nicht einmal im Vorübergehen gesprochen haben. Ganz anders dagegen verhält es sich mit Billienus, dessen Name damals ziemlich verschollen sein mochte. Die Gelegenheit, mittelst einer beiläufigen Erwähnung desselben die Anerkennung aus- zusprechen, dasz er als homo novus, per se magnus(a se ortus, per se cognitus 25, 96,**) nulla commendalione maiorum 25, 96) sich eine solche Stellung errungen habe, mochte Cicero, der ja selbst homo nopus war, aus nahe liegenden Gründen nicht gern vorübergehen laszen. Es scheint mir daher so ziemlich auszer Zweifel zu sein, dasz Cicero nur so geschrieben hat: ut ante hos(oder ut iam ante 4s) C. Bitlienus, homo per semagnus, prope si- mili ratione summus evaserat. Zu diesen letzteren Worten war von einem Erklärer an den Rand geschrieben: item in iure(se. summus eraserat) M. Brutus. Später wurden diese Worte irriger Weise in den Text aufgenommen und veranlaszten dann im Gegensatz von ante hos den Zusatz von paulo post eum. *) Daher nahm auch Baxe daran Anstosz und meinte es müszte heiszen sine ulla oratione, worin ihm unbe- greiflicher Weise noch neuerdings Kayser a. a. O. Seite 846 beistimmt. **) Wie Bake geradezu zu lesen vorschlägt. 15 Einen äuszeren Stützpunct findet diese Annahme übrigens zugleich darin, dasz sich auch an anderen Stellen unserer Handschriften dergleichen Zusätze eines Erklärers, die in den Text nicht gehören, auf das deutlichste nachweisen laszen. Die hauptsächlichsten sind etwa folgende: 1) 7, 26 das von O. Jahn mit Recht aus dem Text ausgeschiedene Einschiebsel„a Graecisc, auf dessen Unstatthaftigkeit nach dem vorausgehenden„testis est Gruecia Meyer zuerst aufmerksam gemacht hat; 2) 8, 30, wie O. Jahn richtig gesehen, der Zusatz„in Aonore magno fuit“— eine Randbemerkung, die sich wahrscheinlich auf den zuerst genannten Sophisten Gorgias bezog und hernach(mit Beibehaltung des dann hier schwerlich zu rechtfertigenden Singularis) fälschlich in den Text gezogen wurde; 3) 15, 57 die Worte„et de quo sit memoriae proditum,“ die gleichfalls O. Jahn mit vollem Recht als ein bloszes Glossem zu exstet gestrichen hat; 4) 15, 59 der schon von Schütz verworfene Zusatz, eius autem Cethegum medullam fuisse vult,“ der neben dem gleich darauf folgenden»ut quam deam iu Pericli labris scripsit Eupolis sessilavisse, huius hic me- dullam nostrum oralorem fuisse dixerit“ So unerträglich ist, dasz man sich wundern musz, wie ihm Orelli(um der grata neglegentia willen), Meyer und Ellendt die fernere Aufnahme ha- ben gestatten können; bei Jahn stehen die lästigen Worte nicht mehr; 5) 31, 120 das Glos- sem„id est ex vefere academia,“ das sich als solches schon durch seine Stellung:„Ouo magis tuum Hrule iudicium probo, qui eorum id est ex vetere academia philosophorum seclam secu- lus es“ und als überflüszige Weisheit durch den gleich darauf folgenden Satz beweist. Um so auffallender ist die Beibehaltung desselben bei Orelli, während Meyer, Ellendt, Jahn die Worte ganz richtig aus dem Text entfernt wiszen wollen; 6) 34, 128, wo die handschriftliche Lesart die ist:„Nam invidiosa lege Mamilia quaestione C. Galbam sacerdotem— Gracchani iudices sustu- lerunt.“ Schon Ernesti nahm an dem doppelten so gestellten Ablativ Anstosz, und weder Meyers Constructionsversuch„inridiosa quaestione lege Mamilia,“ noch gar Bernhardys Erklärung von quaestione als eines absoluten Ablativs nach Analogie von proscriplione, voforum nuncupa- lione oder hoc populo, hac contione, omni populo haben das gerechte Bedenken gegen die über- lieferte Lesart beseitigen können. Ellendt liesz daher mit Ernesti den einen Ablativ„quaestione“ weg lund schrieb blosz inridiosa lege Mamilia. Dagegen aber musz man Orelli beipflichten, wenn er inridiosa für ein viel paszenderes Attribut zu quaestione, als zu lege erklärt; und gegen die Interpretation: invidiosa quaestione ex lege Mamilia habita wäre nichts zu erinnern, wenn die Worte also lauteten. Nach Kaysers richtiger Annahme ist vielmehr,„lege Mamilia“ eine Rand- bemerkung aus dem vorhergehenden§. 127„rogatione Mamilia,“ weshalb auch Jahn in der zwei- ten Auflage seiner Ausgabe des Brutus die Worte lege Mamilia geradezu aus dem Text entfernt hat; 7) 38. 141, wo bereits seit Schütz die Worte„cum verbis sententüisgue consentiens“ von al- len Herausgebern als ein nach dem vorhergehenden„cum sententis congruens“ iiberflüsziges und durch den Zusatz„verbis“ noch dazu von Misverstand der Stelle zeugendes Einschiebsel betrachtet werden. Die Gestikulation des Redners Antonius war nicht so(das ist der Sinn der Stelle), wie sie uns zum öſftern bei ungeschickten Komödianten, bei herumziehenden Declamatoren oder de- mokratischen Schreiern begegnet, eine schlechte Wortmalerei, sondern bis ins Einzelne durch den Gedankengang und Inhalt bedingt.— Ebenso sind 8) 60, 218 die Worte hinter facit„cum 16 renatum consul habuisset“ offenbar eine aus demselben Satz hergeholte zu vermeintlicher Erklä- rung hier beigesetzte Randbemerkung, die plumper Weise später in den Text eindrang und schon seit Schütz als dahin nicht gehörig bezeichnet wurde.— Ferner kann man dem neuesten Herausgeber nur beipflichten, wenn er 9) 67, 236 in der handschriſtlichen Lesart„Is laborem quasi cursum forensem diulius non lulit“ die Worte„quasi cursum“ als einen hier störenden Zu- satz betrachtet, der der Rücksicht eines Grammatikers auf die Schluszworte des§.„et ex eo tempore quasi revocalus in cursum lenuit locum' seine Entstehung verdanken mag.— Auch 10) 80, 276 hat neuerdings H. Sauppe Conieclurae Tullianae(vor dem inder schol. Gotling. hib. 1857— 58) die Worte„sive quod non posset“ meines Erachtens mit vollem Recht verworfen. Es wird in der Characteristik des Redners M. Calidius von Cicero bemerkt, dasz er von den drei Cardinaltugenden des Redners, dem docere, delectare und movere die beiden ersten in ausrei- chendem Masze beseszen habe; die dritte aber, das Feuer der begeisternden, den Willen des Zuhörers zur That entflammenden Rede habe man an ihm vermiszt; sei es— fügt Cicero hin- zu— dasz er(wie Rutilius Rufus) grundsätzlich ein solches auf den Effect abzielendes Reden für verwerflich gehalten, also nicht so reden gewollt, oder dasz ihm die dazu nötigen natür- lichen Bedingungen z. B. die eines vollen, starken Organs gefehlt(dasz er also nicht gekonnt), oder dasz er drittens nicht so, sondern mehr ruhig, verständig, nüchtern zu reden gewohnt gewesen. Darauf folgt nun in den IHandschriften als vierte Möglichkeit:„sive quod non pos- sef.“ Ist damit wirklich, wie O. Jahn meint, in dem Zusammenhang der Stelle etwas anderes gesagt, als mit dem vorhergehenden„sive quod natura non esset ita factus“? Worin besteht hier das Unvermögen anders, als eben darin, dasz die natürlichen angebornen Bedingungen zu je- nem oratorischen Pathos fehlen! Nein, es sind nur die drei Kategorieen des nicht wollens, des nicht könnens und des nicht gewohntseins, die Cicero anführt und die vermeintlich vierte sive quod non posset ist nichts, als ein superkluger Zusatz der zur Unzeit geschäftigen Hand, der wir schon mehrmals begegnet sind.— Dieselbe Hand verrät sich dann auch 11) 93, 321 in den Worten„et in his post aedililatem annis,“ die bereits Ellendt, dem Jahn gefolgt ist, als von Ci- cero nicht herrührend gestrichen haben wollte. Oben 92, 319, wo der Zeitpunkt angegeben wurde, in dem Iortensius und Cicero zum ersten Male als ebenbürtige Gegner sich gegenüber- standen, war es ganz angemeszen, darauf hinzuweisen, dasz Hortensius damals designierter Con- sul, Cicero designierter Curulädil gewesen. Darnach aber geht Cicero gleich auf das allmähliche Sinken der Beredsamkeit seines Nebenbuhlers und die näheren Ursachen davon über. Ciceros Stern hingegen war im Steigen begriffen. Als hauptsächlichsten Beweis hierfür führt dann Ci- cero an, dasz er die in den eben geschilderten Zeitraum fallende Erlangung der Prätur der Gunst des Volks, die er sich eben durch seine Beredsamkeit erworben, zu verdanken ge- habt habe.— Auszer den angeführten Interpolationen sind hernach noch einige andere zu erwähnen.*) *) Noch mehrere andere Intecpolationen nimmt(nach Bakes Vorgang) Kagser an; aber man kann auch in die- ser Hinsicht zu weit gehen, wie diesz dem um die Kritik der rhetorischen Schriften Ciceros so verdienten Gelehrten meines Erachtens in seiner Recension meiner Ausgabe von cicero de oratore in den Gel. Anzeigen der k. baycrischen Akademie der W. 1859 N. 38— 41 an nicht wenigen Stellen begeguet ist. 17 4. Die dritte Classe von Stellen, die der Emendation bedürfen, bilden diejenigen, an denen sich eins oder mehrere Wörter in den Handschriften verunstaltet vorſinden. Dahin gehört vor allen noch immer 66, 234 Cu. autem Lentulus multo maiorem opinionem dicendi ao- tione faciebal quam quanta in eo facultas erat, qui cum esset nec peracutus, quam quam el e; ſacie el ex vultu videbalur, nec abundans verbis, elsi falleba! in eo ipso, sic intervallis exclamatisnibus, voce suavi et canora, admirando irridebat calebat in agendo, ut ea qguae deerant non desiderarentur. Ila, tam- quam Curio copia nonnulla verborum, nullo alio bono, tenuit oratorum locum, sic Lentulus ceterarum virlutum mediocritatem actione occultavit, in qua eg- cellens fuil. Selbst der neueste Herausgeber ist von der Lesart, die er früher aufgenommen hatte, in der zweiten Auflage des Brutus wieder abgegangen und hat sich darauf beschränkt. die Worte so sinnlos wie sie in den Handschriften stehen„admirando irridebat calebat in agendo“- einſach wiederzugeben; eine Anomalie, die in dem an so vielen Stellen gereinigten und ver- beszerten Texte nicht wenig auffallen musz. Es ist bekannt, wie vielfache Versuche schon ge- macht sind, die richtige Lesart wiederherzustellen. Lambin vermutete: admirando, irridendo latebat in agendo, wogegen schon Ellendt mit Recht bemerkt, dasz von einem latere des Lentu- lus hier nicht die Rede seiu könne. Ernesti, der hinsichtlich der beiden ersten Worte ad- mirando irridendo Lambin beistimmte, wollte daher lieber valebat in agendo schreiben, worin er theilweise auf der richtigen Spur war.*) Schütz schlug vor: admirantes irreliebat et sic calebat in agendo. So auch Waardenburg mit Auslaszung des Zusatzes„et sich, wofür Jahn(in der ersten Auflage seiner Ausgabe) wenigstens ita gesetzt haben wollte, während Orelli nach irreliebat statt calebat„capiebatgues folgen liessz. Buttmann vermutete: admirando irridendo splendebat, calebat in agendo, Meyer: admodum arridebat callebalque in agendo, Ellendt end- lich: admirandum in modum calebat in agendo. Diese letztere Conjectur hat wenigstens das für sich, dasz damit die unstatthaften Worte admirando und irridendo entfernt sind, aber calebat paszt auch nicht und die Erklärung, wie die handschriftliche Lesart habe entstehen können, ist Ellendt schuldig geblieben, denn dasz aus in modum leicht irridendo habe werden können, wird er schwerlich Jemanden einreden.— Cn. Lentulus, heiszt es, wuszte durch einen blendenden Vortrag seine sonstigen oratorischen Schwächen zu verdecken; man hielt ihn für einen beszern Redner, als er wirklich war. Dieser vorausgeschickte allgemeine Satz wird denn gleich im Ein- zelnen näher erläutert: während er weder in der inventio(denn darauf bezieht sich eigentlich peracutus**) noch in der elocutio besonders stark war(obwol er sich den Anschein gab, als wäre *) So hinsichtlich valebat auch Kayser; was aber seine weitere Vermutung angeht: admiranda dignitate ralebat in agendo, so möchte sich eine solche Ausdrucksweise schwerlich durch ein entsprechendes oder analoges Beispiel begründen laszen; die Stellen Brut. 66, 235 u. Or. 17, 56 sind doch ganz anderer Art. **) Vgl. Brut. 39, 145 peracutus ad ercogitandum; 55, 202 inreniebat acute Cotta; 62, 221 acutior O. Varius rebus inveniendis; 63, 227 rem videbat acute(9, 35); 68, 239 minime tardus in excogitando— multo etiam acutior quam erat videbatur. 3 18 ers), machte er wirklich durch rhetorische Pausen und Exclamationen, durch eine angenehme und woltönende Stimme beim Vortrag einen erstaunlichen Effect, so dasz man in der That um deswillen das, was ihm wirklich abgieng, nicht vermiszte.“ Das ist die einfache kKlare Cha- racteristik dieses Redners: die Ausdrücke admirando irridebat calebat haben hier keine Stätte. Es ist vielmehr das erste dieser Worte admirando aus mirum quantum(a dmirando wegen des vorausgehenden a) das andere irridebat aus der hernach in den Text gesetzten Randerklärung eines Grammatikers zu mirum quantum nämlich ridebatur, wie die Verwechselung von ridebat und ridebal, ridebatur in den Handschriften sehr häufig vorkommt;— oder(was vielleicht noch wahr- scheinlicher ist) es war die Stelle in der Handschrift, aus welcher der Laudensis stammte, un- leserlich, und daher in letzterem das, was zu entziffern war hingesetzt, das übrige durch Punkte bezeichnet, also etwa so geschrieben: canoramir"nt ebat in agendo. Daraus entstand einmal durch Verbindung des Restes von„quantum“ mit„amire das Wort admirando, dann durch Verbindung der Silbe ir mit lebat, das deshalb in debat geündert ward„irridebat’ und drittens aus diesem debat (gerade so geschrieben wie clebat)„calebat“., Dieses dritte Wort ist aber, wie schon Ernesti rich- tig gesehen hat, nicht calebat, sondern valebat und also die Stelle künftig einfach so zu schrei- ben: mirum quantum ralebat in agendo. Der mit sic beginnende Satz hebt speciell das hervor, worin Lentulus beim Vortrage seine besondere Stärke hatte; die Ablative interval- lis, eeclamulionibus, voce suari et canora gehören also zu valebat, wie 14, 55 longe plurimum va- luisse ingenio, 14, 57 dicitur— ad populum valuisse dicendo, 26. 98 qui et ingenio valuit et studio, 62. 222 qui lantum auclorifate dicendogue raluit,*) 63, 227 Sulyncius memoria ralebat. Durch das absichtlich um des Nachdruckes willen an den Schlusz gesetzte in agendo dagegen wird nochmals das Gebiet der oratorischen Thätigkeit, die actio, hervorgehoben, auf dem Lentulus diese seine Hauptstärke entwickelte und dadurch die Mängel auf dem Gebiet der inventio und elocutio zu verdecken wuszte. Aehnlich ist 36, 136 Sp. Thorius salis valuit in populari genere dicendi. Zu mirum quantum valebat(dααννιαοτ⁶eν ⁶οσσν τ⁶ςσνι⁶εν) genügt es, ein paar Beispiele anzu- führen: Liv. II 1, 11 Id mirum quantum profuit ad concordiam civifatis iungendosgue patribus ple- bis animos oder auch die fast ganz gleichen Wendungen Cic. ad. Alt. XIII 40, 2 mirum quam inimicus ibal, ut ego obiurgarem; Or. 26, 87 Huic generi orationis adspergenlur eliam sales, qui in dicendo nimium(mirum) quantum palent. Ist aber mirum quantum ralebat in agendo richtig, dann werden auch die ohnehin sehr nach- schleppenden und die Symmetrie des Vergleichungssatzes beeinträchtigenden Schluszworte„in qua eæcellens fuite zu den nicht von Cicero, sondern von irgend einem Glossator herrührenden Eindringlingen gerechnet werden müszen, die wir oben aufgezühlt haben. *) Ebenso vossze Brut. 25. 97 L. Cassius multum potuit, non eloquentia, sed dicendo lamen. 19 5. Zu den Stellen, in denen ein Wort verderbt ist, scheint auch 8, 31 zu gehören: His(näm- lich den Sophisten) opposuit sese Socrates, qui subtilitate quadam dis putandi re- fellere eorum instituta solebat verbis. Huius ex uberrimis sermonibus eesti- ter unt doctissimi riri. Mit Recht haben die Herausgeber an dem hinter solebat stehenden verbis Anstosz genommen, das, so wie es dasteht, unerklärlich bleibt. Denn es kann weder, wie Klotz meint, als Gegensatz zu inslituta genommen werden:— denn die insttuta et praecepta sophistarum(Brul. 31, 119) waren doch auch 10„%,— noch auch, was Bernhardy für möglich hält, darin die Andeutung liegen, dasz Sokrates nicht durch Schriſten, sondern lediglich durch mündliche Unterweisung in persönlichem Verkehr den Sophisten ihre Irrtümer nachgewiesen habe. Durch das vorausgehende subtilitate quadam disputandi ist in dieser wie jener Beziehung der Gegensatz der sokratischen Methode gegen die sophistische hinlänglich ausgedrückt. Schon Orelli vermutete daher, dasz die handschriftliche Lesart verderbt sei und meinte. ursprünglich habe vielleicht aurbanissime da gestanden, woraus später aus Versehen das un- verständliche rerbis geworden. Nach dem vorausgehenden sublilitate quradam dispufandi würde aber dieses urbanissime ein fast nichtssagender, jedenfalls höchst schleppender Zusatz sein. Der Sat⸗z schlieszt offenbar mit solebat ab; denn das Bedenken, was man früher wol erhoben hat, dasz dann die Schluszworte den in der Prosa zu meidenden Ausgang eines Hexameters bildeten, wird wol jetzt angesichts so mancher anderen Stellen, wo diesz gleichfalls vorkommt, nicht leicht mehr geltend gemacht werden. Darum ist auch nicht anzunehmen(wie früher O. Jahn vermu- tete), dasz hinter verbis ein Beiwort ausgefallen sei, welches die einfache Sprache des Sokrates der künstlichen der Sophisten gegenüber bezeichnet habe. So scheint denn nichts anderes übrig zu bleiben, als das Wort verbis zu streichen, und dazu haben früher schon Schütz. Ellendt, zu- letzt im Philologus II, S. 384 auch M. Haupt und nach ihm Kayser geraten; seiner Ansicht nach ist verbis nicht, wie Ellendt meint, aus dem folgenden Auius entstanden, sondern aus dem vorhergehenden Paragraphen irrig wiederholt,— also eine Dittographie nach arrogantibus sane verbis.— Jahn hat deshalb in der neuen Auflage das Wort geradezu weggelaszen. Indessen das scheint mir doch in diesem Falle zu gewagt. Ich glaube vielmehr, dasz in„verbis“ ein Adjectiv steckt und zwar variis. Der eine Satz schlieszt mit solebat, dann heiszt es weiter: Eoæ rariis eius et uberrimis sermonibus exstiterunt doctissimi viri, Vielleicht führt auch die Lesart einiger alten Editionen vir is darauf. Wie aus ex pariis die jetzige ver- derbte Lesart rerbis hat entstehen können, erklärt sich leicht. Waren die Worte dicht aneinander so geschrieben: solebalevariiseiuseuberrimis etc., so lag es einem Abschreiber, der den Sinn nicht verstand, sehr nahe, das e(eæ) hinter solebat wegzulaszen und aus dem unerklärlichen oder un- leserlich geschriebenen varis das geläufigere verbis zu machen. Eine weitere Folge war dann, dasz die Abreviatur von et vor uberrimis für e(ew) genommen und darnach so geschrieben wurde. Die Hauptstütze erhält aber die vorgeschlagene Lesart durch ein paar andere Stellen. von denen eine geradezu als Parallelstelle zu der unsrigen angesehen werden kann: ich meine 20 Cic. de or. III 16, 61. Auch dort wird von Sokrates Opposition gegen die rhetorisierenden So- phisten seiner Zeit gesprochen, wie von dem Einflusz, den diese Stellung des Sokrates auf die folgenden nachsokratischen Philosophenschulen hatte: Nam cum essent plures orli fere a Socrate, quod eæ illius pariis et diversis et in omnem parltem diffusis disputationibus alius aliud apprehenderat, proseminatae sunt quasi familiae dissenlientes inter se elc. Dem Aus- druck in omnem parlem diffusis entspricht hier im Brutus vuberrimis“; durch„variis vielseitig“ aber wird ein Merkmal beigefügt, das gerade wo es sich um Erwähnung der verschiedenen Schulen handelt, die von Sokrates ausgegangen sind, nicht wol zu entbehren ist. Dem Inhalt nach verwandt mit unserer Stelle ist auch Tasc. V 4, 10 u. 11 cuius(sc. Socrates) multipleæ ralio disputandi rerumgue varietas et ingeni magnitudo— plura genera effecit dissenlientium phi- losophorum. Weiter laszen sich als analoge Stellen unter andern anführen: de or. II 1, 3 iam lum eæ me audiebas, mihi illum ex multis variis que sermonibus nullius rei— ignarum esse visum u. Or. 3, 12 futeor me oratorem„ si modo sim, ex academiue spaliis exslilisse; illa enim sunt curricula multiplicium variorum 7ue sermonum, in quibus Platonis primum sunt vesligia impressa. Schulnachrichten. I. Lehrverfaszung während des Schuljahrs von Ostern 1859 his dahin 1860. Prima. (Ordinarius: der Director.) Griechische Sprache. Homers Ilias, Buch VIII- XII, 1 Stunde wöchentlich(Director Dr. Piderit). Sophocles Electra im Sommer, Oedipus Tyrannos im Winter, 2 St. w.(Dir. Dr. P i- derit). Thucydides, B. II 1— 34, 47— 103. Scripta meist nach Franke; daneben cursorisch He- rodot B. IV u. V, 4 St. w.(Gymnasiallehrer Casselmann). Lateinische Sprache. Horatius Episteln B. I 1—13 u. 16 u. B. II, 2 St. w.(Dr. Fürstenau). Cicero de oratore B. I 1— II 30, 2 bzw. 3 St. w. Daneben Uebersetzung der Einleitung zu Cicero de oratore ins Lateinische nach der Ausgabe von Piderit S.-XXV. metrische Uebungen und freie Aufsätze(Dir. Dr. Piderit). Tacitus Annalen B. I 1— III 19, 3 St. w. Scripta nach Seyffert, 1 St. w.(Dr. Fürstenau). Deutsche Sprache. Grammatik nach Vilmar im S.,*) Lectüre des Nibelungenliedes im W., Declamationsübungen und Aufsätze(Chrieen, Dispositionen und Redeversuche), 3 St. w.(Dr. Vilm ar). Französische Sprache. Delavigne les enfants d'Edouard. Grammatik nach Knebel(Syntax u. Repetition der Formenlehre) u. schriftliche Uebungen, 2 St. w.(Dr. Suchier). Hebräische Sprache. Grammatik nach Thiersch. Erklärung von Stücken aus Brückners Le- sebuch u. Lectüre von II. Kön. c. 1—25, 2 St. w.(Pfarrer Fuchs). Religionslehre. Symbolik im S., Geschichte des Reiches Gottes im Alten Bunde im W., 2 St. w.(Dir. Dr. Piderit). Weltgeschichte. Geschichte des Altertums nach Dietsch, 2 St., eine Zeitlang im S. 3 St. w. (Gymnasialpracticant Gundlach bis Anfang December, im letzten Quartal GP. Münscher). m Folge einer längeren Verhinderung des Dr. Vilmar erlitt diese Disciplin eine theilweise Unter- brechung. 4 22 Physik. Allgemeine Eigenschaften der Körper, einiges über die chemischen Elemente und ihre Verbindungen. Statik u. Mechanik. Magnetismus u. Electricität, 2 St. w.(Dr. Fliedner). Mathematik. Arithmetike Gleichungen des ersten Grades mit mehreren unbekannten, quadra- tische Gleichungen im S., Wiederholungen aus dem Gesamtgebiet der Arithmetik, Progressionen, Elemente der Combinationslehre im W. Uebungsaufgaben nach Heis, 2 St. w. Geometrie: Schlusz der Kreislehre. Wiederholung der Planimetrie, Aufgaben nach Wöckel im S., Trigono- metrie mit vielen Uebungen im W., 2 St. w.(Dr. Fliedner). Secunda. (Ordinarius: GEL. Casselmann) Griechische Sprache. Homers Odyssee B. V-—IX u. XVIII, 2 St. w. NXenophons Hellenica B. I u. II, 2 St. w. Grammatik nach Curtius§. 507 bis z. Ende u. Scripla nach Franke 2. Curs. Daneben cursorisch Herodot B. I mit Auswahl, 2 St. w.(GL. Casselmann). Lateinische Sprache. Virgils Aeneide B. V u. VI(zuletzt einige Eclogen), 2 St. w.(Dr. Suchier, im W. bis Ende Januar Dir. Dr. Piderit). Livrius B. XXIII 39— 49, XXIV 23— 39 u. XXV. 3 St. w. Cicero pro rege Deiotaro u. de imperio Cn. Pompeii, 2 St. wW. Grammatik nach F. Schultz§. 377 bis z. Ende u. Scripta nach Dictaten, 2 St. w.(GL. Casselmann). Deutsche Sprache. Lesen u. Erklärung deutscher Gedichte nach Ph. Wackernagels Auswahl, Declamationsübungen und Aufsätze, 2 St. w.(Dr. Vilmar.)*) Französische Sprache. Guizot histoire de Charles I Abschn. I-VI, Grammatik nach Knebel (Repetition d. Cap.-— III u. Cap. IV u. V) u. schriftliche Uebungen, 2 St. w.(Dr. Suchiexr). Religionslehre. Neues Testament: Erklärung des Evangeliums Johannes im S., des Römer- briefs im W., 2 St. w.(Dir. Dr. Piderit). Weltgeschichte. Geschichte des Mittelalters n. Dietsch, im S. 3. Periode, Gesch. d. Kreuz- züge, Gesch. Deutschlands von 1106— 1273, 2 St. w.(bis Pfingsten Dr. Vilmar, von da bis Michaelis Dir. Dr. Piderit), im W. Gesch. Deutschlands von 1273—1493. Uebersicht der Gesch. der übrigen europäischen Länder während dieser und der vorhergehenden Periode, 2 St. w.(Dr. Vilmar). Geographie. Landeskunde von Frankreich samt seinen Colonien im S., Länder- u. Nölker- kunde des russischen Reichs in Europa, Asien u. Amerika, 2 St. w.(GL. Lichtenb er g). Hathematik. Arithmetik- Wiederholungen, die Gleichungen des ersten Grades mit einer un- bekannten. die Potenzen, Wurzeln und Logarithmen mit vielen Uebungsbeispielen nach Heis, 2 St. W. Geometrie: Proportionalität und Aehnlichkeit, Flächeninhalt der geradlinigen Figuren, Aufgaben n. Wöckel. Die ersten Elemente der ebenen Trigonometrie, 2 St. w.(Dr. Fdäedn er). Tertia. (Ordinarius: Dr. Füfrsftem au.) Griechische Sprache. Homers Odyssee B. IX, im W. 2 St. w. Nenophons Anabasis B. II 4 *) S. Prima: Deutsche Sprache. 23 bis IV 2, im S. 3, im W. 2 St. w. Grammatik nach Curtius§. 302— 319, dann Wiederholung von§. 1— 301 und Sceripta nach Franke, im S. 3, im W. 2 St. w.(Dr. Fürstenau). Lateinische Sprache. Orids Metamorphosen nach der Auswahl v. Siebelis St. 35, 36. 37. 39. 40, 42, 44 u. 45, 2 St. w.(Dr. Suchier). Cuesar de B. G. V 24—VII z. Ende, 4 St. w. Grammatik nach F. Schultz(Syntax§. 239— 318,§. 202— 214)„ 2 St. w. Seripta nach Spiesz u. nach Holzer, 1 St. w.(Dr. Fürstenau). Deutsche Sprache. Lesen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Lesebuch 3. Theil u. Aufsätze, 2 St. w.(Dr. Suchier). Französische Sprache. Grammatik nach Knebel(Formenlehre). Ahn Lesebuch 1. Theil(hi- storische und beschreibende Stücke), 2 St. w.(Dr. Suchier). Religionslehre. Altes Testament: Erklärung der Psalmen und der prophetischen Bücher, 2 St. w.(bis Pfingsten Dr. Vilmar, von da Pfarrer Fuchs). Weltgeschichte. Geschichte des Altertums 2. Hälfte(Römische Geschichte) nach Dietsch. 2 St. w.(Dr. Suchier). Geographie. Länder- und Völkerkunde von Asien: Armenien, Kleinasien, Euphrat- und Tigrisländer, Syrien und Palästina, arabische Halbinsel im S., Iran, Turan, Vorder- u. Hinter- indische Halbinseln, die ostindischen Inseln im W., nach Daniel, 2 St. w.(GL. Lichtenberg). Naturgeschichte. Zoologie: die Säugethiere(besonders die Affen, die Raubthiere, die Wie- derkäuer und Nager), im S., die Vögel im W., 2 St. w.(GL. Lichtenberg). Nathematik. Arithmelik- Wiederholung der Decimalbrüche, einfache und zusammengesetzte Regel de tri mit Beispielen aus Schellen, die allgemeinen Gesetze der vier ersten arithmetischen Operationen. Uebungsbeispiele nach Heis, 2 St. W. Geomeltrie: Die Lehren vom Dreieck und vom Vieleck nebst vielen Aufgaben nach Wöckel, 2 St. w.(Dr. Fliedner). Quarta. (Ordinarius: in Stellvertretung des Dr. Vilmar von Pfingsten 1859 bis Ende Januar 1860 Dr. Suchier. von da GP. Münscher). Griechische Sprache. Grammalik nach Curtius(Pormenlehre§. 1—311,§. 318 mit Auswahl) nebst mündlichen und schriftlichen Uebungen nach dem Elementarbuch von Schmidt u. Wensch. 6 St. w.(GP. Krause). Lateinische Sprache. Cornelius Nepos: Agesilaus, Eumenes, Phocion, Timoleon, de regibus, Hamilcar, Hannibal, Cato, 4 St. w. Grammatik nach F. Schultz kl. lat. Sprachlehre(Syntax §. 189— 263) und Scripta nach Spiesz Uebungsbuch für Quarta, 4 St. w.(bis Pfingsten Dr. Vil- mar, dann Dr. Suchier, zuletzt GP. Münscher). Chrestomathie lateinischer Dichter von Franke mit Auswahl, 2 St. w.(bis Pfingsten Dr. Suchier, dann GL. Casselmann, zuletzt GP. Münscher). Deutsche Sprache. Lesen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Lesebuch 2. Theil und Aufsätze, 2 St. w.(Pfarrer Fuchs, zuletzt GP. Münscher). Religionslehre. Erklärung der fünf Hauptstücke des Katechismus und Memorieren einer An- zahl evangelischer Kirchenlieder, 2 St. w.(Pfarrer Fuchs). 4* 24 Weltgeschichte. Chronologische Uebersicht der allgemeinen Weltgeschichte nach Schä- fers Tabellen, 2 St. w.(GP. Gundlach bis Anfang December, im letzten Quartal GP. Münscher). Geographie. Länderkunde von Frankreich samt seinen Colonien im S., die Alpen u. Italien im W. nach Daniel, 2 St. w.(GL. Lichtenberg). Naturgeschichte. Botanik(Uebungen im Beschreiben u. Bestimmen der Pflanzen nach den Glassen des Linnéischen und nach den Familien des natürlichen Systems) im S., die Insekten (deren Organe und Einteilung), besonders die Käfer im W., 1 St. w.(GL. Lichtenberg). Hathematik. Arithmetik- Wiederholung der Bruchlehre, Decimalbrüche, Regel de tri mit vielen Uebungsbeispielen nach Schellen. Uebungen im Kopfrechnen, 3 St. w. im S., 2 St. w. im W. Geometrie: Constructionen. Die ersten Elemente der Geometrie bis zur Congruenz der Dreiecke, 1 St. w. im S., 2 St. w. im W.(Dr. Fliedner). OQuinta. (Ordinarius: Gymnasialpracticant Gu ndlach.) Lateinische Sprache. Grammatik nach F. Schultz kleine lat. Sprachlehre§. 1—177(Wieder- holung der regelmäszigen u. Einübung der unregelmäszigen Formenlehre). Elementarbuch von Schmidt 1. u. 2. Th. u. Uebungen aus Spiesz Uebungsbuch für Quinta, 10 St. w.(GP. Gundlac h). Deutsche Sprache. Lesen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Lesebuch 1. Theil. orthographische Uebungen u. Aufsätze, 4 St. w.(GP. Gundlach). Religionslehre. Biblische Geschichte des N. T. nach Zahn und Memorieren einer Anzahl ev. Kirchenlieder, 2 St. w.(Pfarrer Fuchs). Weltgeschichte. Erzählungen aus der Gesch. des Altertums, 2 St. w.(Dr. Suchier). Geographie. Wiederholung der mathematisch-physikalischen Geographie(Uebungen im Be- stimmen der Längen u. Breiten). Wiederholung der Uebersicht über die Land- und Waszer- massen der Erde. Landeskunde von Asien nach Daniel, 2 St. w.(GL. Lichtenberg). Naturgeschichte. Botanik: Organe der Pflanzen. Uebungen im Beschreiben und Bestimmen der Pflanzen nach den Classen u. Ordnungen des Linnéischen Systems im S., Zoologie: die Ord- nungen der Vögel im W., 1 St. w.(GL. Lichtenberg). Hathematik. Aithmetik. Zerlegen in Factoren, Aufsuchen des klemsten gemeinschaftlichen Vielfachen u. gröszten gemeinschaftlichen Maszes, die Bruchrechnungen, 3 St. w.(Dr. Flied- ner). Daneben 1 St. w. Rechenübungen(Lehrer Zimmermann). Sexta. (Ordinarius: Gymnasialpracticant Kraus e.) Lateinische Sprache. GCrammatik nach F. Schultz kleine lat. Sprachlehre§. 1— 65,§. 79— 106 mit Auswahl, nebst mündlichen und schriftlichen Uebungen aus dem Uebungsbuch von Spiesz für Sexta(bis z. Ende) und dem Elementarbuch von Schmidt, 10 St. w.(GP. Krause). Deutsche Sprache. Lesen und Auswendiglernen aus Ph. Wackernagels Lesebuch 1. Theil. orthographische Uebungen und Aufsätze, 4 St. w.(GP. Krause). 2⁵ Religionslehre. Biblische Geschichte des A. T. nach Zahn und Memorieren einer Anzahl evangelischer Kirchenlieder, 3 St. w.(Pfarrer Fuchs). Geographie. Mathematisch-physikalische Geographie(Uebungen im Bestimmen der Längen und Breiten), Uebersicht über die Land- und Waszermassen der Erde; dann Amerika nach Da- niel, 2 St. w.(GL. Lichtenberg). Naturgeschichte. Botanik: Organe der Pflanzen. Uebungen im Beschreiben und Bestimmen der Pflanzen nach den Classen des Linnéischen Systems im S., Zoologie: die Classen des Thier- reichs; die Classen der Wirbelthiere und Gliederthiere, 1 St. w.(GL. Lichtenberg). Hathematik. Arithmelik: Reduction u. Resolution. Die vier Species mit benannten ganzen Zahlen nach Schellen, 4 St. w.(Lehrer Zimmerman n). Schönschreiben, 3 St. w. mit Quinta zusammen(Lehrer Zimmermann). Gesang(der evangelische Choralgesang nach dem deutschen evangelischen Kirchengesang- buche), 4 St. w.(Gesanglehrer Eichen berg). Leibesübungen(vorzugsweite der drei untern Classen), 2 St. w.(Turnlehrer Störger). II. Chronik des Gymnasiums. Der Cursus des Schuljahrs 1859— 60 begann am 2. Mai 1859. Während desselben war Dr. Vilmar seit Pfingsten 1859 an der vollen Versehung seines Amtes durch Krankheit verhindert; eine Zeit lang machte auch die Erkrankung des Gymnasialpracticanten Gundlach(von Anfang December 1859 bis Ende Januar 1860) eine veränderte Unterrichtsverteilung in einzelnen Dis- ciplinen nötig, wie diesz aus der vorhergehenden Lehrverfaszung im Einzelnen zu ersehen ist. Durch Beschlusz Kurfürstlichen Ministeriums des Innern vom 6. April 1859 wurde der Gym- nasialpracticant Karl Krause zu Marburg mit Aushülfeleistung am hiesigen Gymnasium beauf- tragt. Derselbe ist geboren am 24. September 1835 zu Sontra, besuchte von Ostern bis Pfing- sten 1849 das Gymnasium zu Marburg, von da bis Ostern 1853 das Gymnasium zu Hersfeld und studierte in den darauf folgenden Jahren Theologie und Philologie in Bonn und Marburg. Nachdem er dann im Winter 185%⅜, das theologische Examen und darnach im Winter 185⁵%13 die theoretische Prüfung für Bewerber um ein Gymnasiallehramt bestanden hatte, trat er mit dem Beginn des Sommersemesters 1858 seinen Vorbereitungsdienst am Gymnasium zu Marburg an und wurde nach Ablauf dieses seines Probejahrs dem hiesigen Gymnasium zugewiesen, an dem er seine dienstlichen Functionen mit dem Anfang des Sommersemesters 1859 begann. Am 20. August fand die Feier des Geburtstages Sr. Königlichen Hoheit des Kurfürsten in der Aula des Gymnasiums Statt. Die Festrede über den Zustand des höheren Schul- unterrichts in Hessen während der Fremdherrschaft hielt Gymnasialpracticant Gundlach. 26 Am 19. und 20. September wurde die gewöhnliche halbjährige nicht öffentliche Prüfung der Schüler gehalten. Am 10. November 1859 fand die Säcularfeier von Schillers Geburtstag in der Aula des Gym- nasiums Statt. Auf die Eingangsworte des Directors über Schillers Dichtergaben an unsere Ju- gend folgte die Rede des Primaners F. Heuszner über Schillers Gedicht: das Glück und nach dem Chorgesang der Schüler aus Schillers Glocke und dem Epilog zu Schillers Glocke von Göthe, vorgetragen von dem Primaner A. Suchier, die Festrede des Gymnasiallehrers Dr. O. Vilmar über den Character Philipp II in Schillers Don Carlos als einen Wendepunkt in Schillers Ent- wickelung. Durch Beschlusz Kurfürstlichen Ministeriums des Innern vom 30. December 1859 wurde der Gymnasialpracticant Friedrich Münscher zu Hersfeld mit Aushülfeleistung am hiesigen Gymnasium beauftragt*) und übernahm seine hiesigen Functionen am 6. Januar 1860. Bibliothek und Apparate, insbesondere der physikalische Apparat, sind aus den dazu verwilligten etatsmäszigen Mitteln in angemeszener Weise vermehrt worden. Auszerdem erhielt die Gymnasialbibliothek: Papes Deutsch-Griechisches Handwörterbuch bearbeitet von Senge- busch von dem Herrn Verleger und eine Anzahl Programme vom Herrn Gymnasiallehrer Dr. N. Schell zu Ofen zum Geschenk, wofür hiermit der gebürende Dank gesagt wird. III. Statistische Uebersicht. A. Lehrer. Die Anzahl der Lehrer des Gymnasiums ist im Laufe des verfloszenen Schuljahrs, wie in der Chronik bereits angegeben wurde, durch die zwei beauftragten Lehrer K. Krause und F. Münscher vermehrt worden; eine weitere Veränderung ist im Personalbestand nicht ein- getreten. B. Schüler. Die Schülerzahl am Schlusz des Schuljahrs 1858— 59 betrug 78 Noch vor dem Beginn des Sommersemesters 1859 schieden aus 2(1 aus 1Il, 1 aus 1Il) um auf das Gymnasium zu Hersfeld, 3 aus IV um auf die hiesige Realschule, 1 aus II um auf das Handelsinstitut zu Chemnitz überzugehen, 1 aus III um sich dem Kauf- mannstande zu widmen.......................ͤ 7 71 Neu aufgenommen wurden im Sommerhalbjahr(in III 3, in IV 7, in VI 11). 21 92 *) Ueber seine frühere Thätigkeit als Gymnasialpracticant bzw. beauftragter Lehrer am hiesigen und Fuldaer Gymnasium vgl. die Programme des hiesigen Gymn. v. 1857 S. 31 und 1858 S. 26 und des Gymn. zu Fulda 1859 S. 50 u. 51. 27 Am Schlusz des Sommersemesters wurde mit dem Zeugnis als gut vorbereitet zur Uni- versität entlaszen der Primaner: mMuhelm Fürer aus Frankenberg, 18 ⅓ Jahr alt, 4 Jahr im Gymnasium, 1 ¼ Jahr in Prima, um Theologie zu studieren; mit dem Prädikat befähigt der Primaner: Karl Calaminus aus Hüttengesäsz, Amt Langenselbold, 21 ¼ Jahr alt, 7 ½ Jahr im Gymna- sium, 2 ½ Jahr in Prima, um Medicin zu studieren. Ohne den Cursus vollendet zu haben traten im Laufe des Sommersemesters aus; 4(1 aus III um sich dem Militärstande, 1 aus III um sich dem Kaufmannsstande zu widmen, 2 aus VI um sich anderwürts vorzubereiten). L al. Neu aufgenommen wurden im Wintersemester(1 in II, 1 in III, 1 in IV, 2 in VI). Die Schülerzahl belief sich demnach(in I 11, in II 21, in III 21, in IV 15, in V 12, in VI 10) auaf...... a...... 391, von denen jedoch ohne den Cursus vollendet zu haben im Laufe des Wintersemesters wieder ausschieden 6(1 aus II, 3 aus III, 1 aus IV und 1 aus V) um sich dem Kauf- mannsstande zu widmen, 1 aus V um auf die Realschule zu Offenbach überzugehen; 2 wurden ausgewiesen. IV. Ordnung der öffentlichen Prüfung. Montag den 26. Merz. Vormittags. Morgens 8 Uhr Choralgesang(D. E. Kirchengesangbuch Nr. 34 Wir danken dir Herr Jesu Christ). Von 3 ½¼— 10 Uhr Prüfung der PRIIA. Sophocles. Deutsche Sprache. Horatius. Physik. Von 10— 12 Uhr Prüfung der SECUNDA. Xenophon. Geographie. Cicero. Französisch. Nachmittags. Von 2— 4 Uhr Prüfung der TERTIA. Xenophon. Naturgeschichte. Caesar. Französisch. Dienstag den 27. Merz. Vormittags. Von 8— 9 ½ Uhr Prüfung der CUARTA. Cornelius Nepos. Mathematik. Griechisches Elementarbuch. 28 Von 9 ½— II Uhr Präfung der CUINTA. Lateinisches Elementarbuch. Weltgeschichte. Deutsche Sprache. Von II— 12 ½ Uhr Prüfung der SEXTA. Lateinisches Elementarbuch. Biblische Geschichte. Deutsche Sprache. Nachmittags von 3 Uhr an: Choralgesang(D. E. Kirchengesangbuch Nr. 50 O0 heilger Geist kehr bei uns ein V. 1 u. 2). Valedictionsrede des Abiturienten Fr. Heuszner. Gesang. Rede des Directors und Entlaszung der Abiturienten. Choralgesang(D. E. Kirchengesangbuch Nr. 50 V. 5). Verkündigung der Versetzung, hernach Austeilung der Zeugnisse. Der Gymnasialdirector Dr. Piderit.