11⸗ Programm des Großherzoglich Heſſiſchen Gynnaſiums zu Gießen, als Einladung zu den am 20., 21. und 22. März 1861 Statt findenden öffentlichen Schulfeierlichkeiten. Ab (Wiſſenſchaftliche Beigabe: zur Geſchichte der Stadt Alsfeld, von dem Gymnaſiallehrer Profeſſor Dr. W. G. Sebunh 5 1* —jjü— Gießen, 1861. Druck von Wilhelm Keller. UB GlESSEN Mhnnanaaldeam 11 679 994 5P. GI ESSEN. G. HESS. GVM 80 1861 T 11 679 994 Zur Geſchichte der Stadt Alsfeld. Von Dr. W. G. Soldan. I. Die Entſtehung der Stadt. 1. Die Fabel. Kleinen wie großen Städten, deren Entſtehungszeit nicht durch ſichere Nachricht feſtſteht, ſchmeichelt es, ihren Urſprung in ein möglichſt hohes Alter hinaufgerückt zu ſehen. Dem Ernſte der Geſchichte können die Aufſtellungen der Localpietät nicht zum Führer dienen. Sie beruhen bald auf Mißverſtändniſſen, bald auf willkürlicher Combination. Einmal aber aufgenommen und verbreitet, gewinnt auch ſelbſt das Fabelhafte das Gewicht der Tradition und wird mit Liebe von denjenigen feſtgehalten, die da, wo überhaupt noch nichts vorhanden iſt, ſich lieber an Phantaſiegebilden vergnügen als bekennen wollen, daß eben noch nichts Wirkliches da iſt. Auch in der Geſchichte der Stadt Alsfeld hat ſich dieſe Erſcheinung geltend gemacht. „Als man ſchreibet nach Gottes Geburt 298 Jahre, da ward Alsfeld in Weſtdüringen gebauet“,— ſo ſchreibt Wigand Gerſtenberger in ſeiner thüringiſch⸗heſſiſchen Chronik ¹), und es war ſogar ſeine Abſicht, dem Texte eine Abbildung dieſer Erbauung beizugeben. Gerſtenberger(geſtorben zu Frankenberg 1522) bietet bekanntlich für die ihm näher gelegene Zeit manche ſchätzbare Nachricht, für die ältere aber erzählt er mit großer Argloſigkeit eine Menge des Abenteuerlichſten. So z. B. läßt er zu des Kaiſers Auguſtus Zeiten die Burgunder viele Burgen am Rhein bauen und von dieſem Burgenbau ihren Namen erhalten; Mainz iſt nach ſeinem Berichte 1087 Jahre v. Chr. von einem Trojaner Moguntinus erbaut; ein anderer Trojaner, Priamus der Jüngere, zieht erſt eine Zeitlang in der Lombardei umher, kommt dann an den Rhein, baut Bonn und Xanten und nennt das dortige Land Franken; 780 zieht Karl d. G. über's Meer und gewinnt Paläſtina mit Jeruſalem und dem heil. Grabe u. ſ. w. Wir erwähnen dieſe Züge nur deswegen, um einen Chroniſten zu charakteriſiren, der nicht nur aus Heſſen ein nie dageweſenes Weſtthüringen macht, ſondern auch ohne den mindeſten Beleg das Gründungsjahr einer Stadt angibt, von deren Exiſtenz noch auf Jahrhunderte hin keine Spur vorhanden iſt und von welcher ¹) Ayrmann, Sylloge anecdotorum pag. 48. 2 er ſelbſt erſt um Karls d. G. Zeit wieder etwas zu erwähnen weiß, was aber nicht beſſer begründet iſt, als ſeine erſte Angabe. Der genannte Kaiſer ſoll nämlich das höchſte Landgericht zu Heſſen an der Löhne(Lahn), das bis dahin zu Alsfeld ſeinen Sitz gehabt, nach Frankenberg verlegt haben, von wo dasſelbe dann ſpäterhin nach Marburg gekommen ſei ²). Auch mit dieſer Behauptung ſteht Gerſtenberger ohne Gewährsmann, wie ohne Wahrſcheinlichkeitsgründe da. Er ſetzt zwar hinzu, daß Karl denen von Frankenberg gleich denen von Alsfeld das Schwert über's Blut zu richten gegeben habe; damit iſt aber nur eine Behauptung zu einer anderen gefügt, und zwar nicht einmal eine mit derſelben verträgliche. Denn wie reimt es ſich, daß der Kaiſer einer Stadt, die den Blutbann bereits gehabt hat, das Zeichen desſelben erſt in dem Augenblick verleiht, wo er ihr den genoſſenen Vorzug abnimmt, um ihn auf eine andere zu übertragen? Freilich wird noch heute im Saale des Rathhauſes zu Alsfeld ein Schwert aufbewahrt, das Jedermann das Schwert Karls des Großen nennt. Es iſt als ſolches von dem Geſchichtſchreiber Winckelmann auch in Verſen gefeiert worden ³). Wer aber dieſe Waffe genauer betrachtet, wird ſchwerlich etwas anderes daran erkennen, als daß ſie eben ein Schwert iſt, und zwar ein ſolches, das, ſeiner ganzen Beſchaffenheit nach zu urtheilen, ohne allen Zweifel nicht in die Zeit des angeblichen Gebers hinaufreichen kann. Nebel, der dieſem Schwerte einen eignen Aufſatz gewidmet hat ⁴), verwirft zwar die Sage von Karl, glaubt aber aus den auf der Klinge eingegrabenen Figuren herausgebracht zu haben, daß es von Kaiſer Lothar von Sachſen dem Richter der Stadt Alsfeld verliehen worden ſei. Ich geſtehe, daß ich in dieſem letzteren Punkte dem gelehrten Forſcher nicht beizuſtimmen vermag und mein Urtheil über die Herkunft des Schwertes bis dahin verſchieben muß, wo eine glücklichere Entzifferung jener Schrift, wenn es anders eine ſolche iſt, Statt gefunden haben wird. Als Beweis für das Alter von Alsfeld wird aber dieſes Schwert vorerſt nicht gelten dürfen. Nicht nur als bereits im frühen Mittelalter vorhanden, ſondern auch als ſchon ziemlich bedeutſamer Ort würde Alsfeld weiter erſcheinen, wenn es wahr wäre, was Dilich ⁵), Winckelmann ⁶) u. A. berichten, daß nämlich Kaiſer Otto I vor ſeinem Kriegszuge gegen Boleslaus von Böhmen im J. 937 zu Alsfeld neine vornehme Verſammlung und Landtag“ gehalten hätte. Winckelmann beruft ſich hierbei auf Sigebert, Widukind und Thietmar. Schlägt man aber die genannten Chroniſten nach, ſo findet ſich, daß zwar alle drei von dem Zuge gegen Boleslaus, keiner aber von einer Verſammlung zu Alsfeld erzählt. Alsfeld wird von ihnen überhaupt auch bei keiner andern Gelegenheit erwähnt. Vielleicht beruht die ganze Angabe nur auf einer Verwechslung mit Saalfeld, in welchem als einer villa regia unter Otto's I Regierung allerdings mehrmals glänzende Verſammlungen, wenn auch nicht zu dem angegebenen Zweck, Statt gefunden haben). So vollkommen grundlos nun auch die bisher erwähnten Angaben über Alsfeld's Alter und frühzeitige Bedeutung ſind, ſo haben ſie ſich doch auf langehin einer faſt allgemeinen Geltung erfreut und äußern ſogar noch jetzt eine gewiſſe Nachwirkung. Im Jahre 1530 berichteten alles Ernſtes Bürgermeiſter ²) Frankenberger Chronik, b. Kuchenbecker, Analecta Hass., Collect. V. S. 157. ³) Lobrede der Fürſtlichen Ober⸗Heſſiſchen Statt Alsfeld zu Ehren gedichtet von dem Litterwechsler Stanislaus Mink von Weunshein(Anagramm von Winckelmann's Namen). Gießen 1648. 4) Ueber Schwert u. Siegel d. St. Alsfeld,— im Archiv f. Heſſ. Geſch. Bd. IV, Heft 3, Nr. IX. 5) S. 83.. ⁴) Th. VI. S. 162. *) So bei Widukind II, 15(Pertz V. 442), Thietmar I. II(b. Pertz V. 747), Ekkehard Chron. b. Pertz VIII. 185. Annal. Saxo, b. Pertz VIII. 602. 3 und Rath zu Alsfeld an Philipp den Großmüthigen, ihre Stadt ſei im J. 298 erbaut ³). Etwas ſpäter beſang ein geborener Alsfelder, Dr. Juſtus Eckhardt, den Urſprung der Stadt in Hexametern. Einen Ulyſſes, doch nicht den Homeriſchen, macht er hierbei zum Erbauer, deſſen Namen der Mund des Volkes zu den Formen Ulſing und Alſing verſtümmelt habe, und von dieſem Alſing ſei denn der Name Alsfeld hergekommen. Ein alsfeldiſcher Conrector, Heinrich Leußler, der dann weiter dieſe Verſe mit einem eben ſo gelehrten als verkehrten Commentar verſah, rechnete nun gar heraus, daß Alsfeld im J. 1311 vor Chriſtus erbaut ſein müſſe. Dilich läßt ſich nicht darauf ein, das Gründungsjahr zu bezeichnen. Die Stadt werde, ſo ſagt er, als die älteſte im Heſſenlande geachtet, doch wiſſe man nicht, wann ſie anfänglich gebaut worden,„ſintemal ſie vor Jahren ſammt ihren Briefen und Urkunden ganz und gar verbrunnen.“ Nach ihm berufen ſich auch Abraham Saur und Winckelmann auf einen ſolchen allgemeinen Vernichtungsbrand, der alle Beſtimmung des Alters unmöglich mache. Die Annahme des Brandes iſt faſt eine feſtſtehende geworden. Nun iſt es aber merkwürdig, daß von einem ſo denkwürdigen Ereigniſſe ſich nirgends eine hiſtoriſche Spur findet. Selbſt Gerſtenberger, der doch ſein aufmerkſames Auge auf Alsfeld gerichtet hat und der von Frankenberg, Grünberg, Marburg und andern Städten ſo manchen Brand zu berichten weiß, ſchweigt in dieſer Beziehung über Alsfeld gänzlich. Die zahlreichen Urkunden, die im Rathsarchive aufbewahrt werden, beginnen mit dem J. 1318 und reichen von da ununterbrochen bis auf die jüngſte Zeit herab. Andere Documente, die ebenfalls auf die Stadt Bezug haben, füllen beinahe das ganze vorhergehende Jahrhundert und ſcheinen nicht weniger für ein ungetrübtes Leben derſelben zu ſprechen. Der verwüſtende Brand müßte alſo in noch früherer Zeit ſich ereignet haben, d. h. in einer Zeit, wo die Städte in Heſſen überhaupt erſt in Aufnahme zu kommen anfingen und wo mithin das Feuer in denſelben an Bauten und Urkunden kaum etwas zu verſchlingen fand. Faſt ſollte man glauben, daß jener Brand, für den ſich nirgends weder eine gleichzeitige Nachricht, noch eine paſſende Epoche finden läßt, nichts anders als eine bloße Hypotheſe ſei, hervorgegangen aus der Frage, wie es doch komme, daß über eine Stadt, von deren Alter eine ſo hohe Meinung herrſchte, aus den früheren Jahrhunderten ſo ganz und gar nichts Urkundliches vorliege. Der Zeitpunkt wenigſtens, den Nebel dem angeblichen Ereigniſſe anweiſ't ¹), iſt offenbar nicht richtig getroffen. Weil dieſer Gelehrte bei ſeiner kurzen Anweſenheit in Alsfeld keine älteren Urkunden als von 1343 zu Geſicht bekam, ſo ſchloß er daraus, daß der Brand in das Jahr 1340 oder 1341 zu ſetzen ſei. Wir haben bereits oben angeführt, daß Alsfeld wirklich ältere Urkunden beſitzt, und dasjenige, was unmittelbar nach 1340 ſich begab, ſpricht nicht für ein Erſtehen aus Schutt und Aſche, ſondern für ein auf unerſchütterter Grundlage des Wohlſtandes emporblühendes Gemeinweſen. 2. Hiſtoriſche Spuren. Nachdem wir ſo durch Zurückweiſung des Unhaltbaren und Abenteuerlichen freiere Bahn für das Weitere gewonnen haben, fragen wir zuerſt, welches Ergebniß auf urkundlichem Wege,— denn zuverläſſige Chroniſten erwähnen die Stadt erſt ſehr ſpät,— über das Alter von Alsfeld ſich finden laſſe. Ueber Mangel an Urkunden oder wenigſtens aus Urkunden gefloſſenen Aufzeichnungen iſt hier, 8) Chorographia. Ausführliche und gründliche Beſchreibung der Stadt und des Bezirkes Alsfeld ꝛc. von Joh. Moritz von Gilſa, in bequeme Capita und Classes gebracht von Heinrich Leußler, Conrector zu Alsfeld. 1664. S. 1.— Eine dürftige Compilation aus Dilich, Münſter, Saur, Winckelmann u. ſ. w., die nur über einige Einzelheiten aus der Zeit ſelbſt Brauchbares gibt. Sie iſt nur im Manuſcript vorhanden; die mir vorliegende Abſchrift iſt ſehr fehlerhaft. ) A. a. O. S. 3. 1* 4 wenn nur nicht eine vorgefaßte Meinung unerfüllbare Anforderungen an das graueſte Alterthum ſtellen will, im Ganzen weit weniger zu klagen, als bei mancher anderen Stadt von gleicher Bedeutung. Aber auch hier iſt für die erſten Zeiten Vorſicht nöthig. Die älteſte ſichere Erwähnung Alsfeld's glaubt Nebel in den Traditiones Fuldenses(bei Schannat S. 255) zu finden. Dort ſchenkt nämlich 1058 ein Rocelin de Aldenfelt dem Altare des heiligen Bonifacius zu Fulda verſchiedene Güter zu Lüder und anderwärts. Ich weiß indeſſen nicht, was berechtigen kann, den Namen Aldenfelt auf Alsfeld zu deuten, wie Schannat und nach ihm Nebel gethan haben. Jener Name iſt ein eigner Ortsname für ſich; ein Altenfeld kommt in dem kaſſeliſchen Amte Sontra vor 1¹⁰). Auch jenes Alehesfelt, das in den fuldiſchen Traditionen unter den Schenkungen eines Grafen Dietrich(im 11. Jahrh.) aufgeführt wird ¹1), kann, wie Wenck genügend dargethan hat ¹²), nicht füglich auf Alsfeld bezogen werden, da die ganze dort genannte Umgebung auf einen Ort in Niederheſſen hinweiſ't. Eben ſo wenig gehört hierher der Ort Adelesfelt, der nebſt Rodeheim und Widenhart in Schannat's Text ¹³) bei einem zwiſchen dem Erzbiſchof von Mainz und dem Abt von Fulda 1069 abgeſchloſſenen Vergleiche vorkommt. Schöttgen und Kreyſſig ¹⁴), die dasſelbe Actenſtück geben, und Dronke ¹⁵), der an diplomatiſcher Genauigkeit weit über Schannat ſteht, leſen dafür Adesfelt, worin doch ohne weitere Stütze ſchwerlich Alsfeld erkannt werden kann. Beſſer ſteht es mit dem in den fuldiſchen Traditionen etwa um 1076 erwähnten Adelesfelt ¹⁶). Ein Graf Gerhard(von Ziegenhain?) und ſeine Gemahlin Hacecha ſchenken dort dem Kloſter Fulda Güter und Zehnten in Fogetdeshagen, Wanesbach und Adelesfelt. Letzteres iſt diejenige Namensform, die auch noch in ganz ſicheren Urkunden des dreizehnten Jahrhunderts von Alsfeld gebraucht wird; in den beiden anderen Ortsnamen aber laſſen ſich Localitäten der Umgegend mit hoher Wahrſcheinlichkeit erkennen. Wannbach oder Wambach heißt noch jetzt ein Theil des Waldes Homberg bei Alsfeld; Fogetdeshagen aber iſt ohne Zweifel das in einem mainziſchen Archidiaconatsregiſter des fünfzehnten Jahrhunderts dem Kirchengebiet von Kirtorf zugeſchriebene Fockinshain, ſchon 1577 eine Wüſtung, jetzt eine Waldſtelle unweit Lehrbach 1¹). Ferner erwähnt eine Urkunde von 1292 ein vom Pfalzgrafen Konrad, der von 1156 bis 1195 regierte, an das Jacobskloſter zu Mainz geſchenktes praedium Adilsvelt ¹⁸). So ſehr die Thatſache der Schenkung an ſich gerechten Zweifeln unterliegt, ſo wenig läßt ſich verkennen, daß unter dem genannten Orte ſelbſt Alsfeld verſtanden werden muß, das dann zu Konrad's Zeit noch nicht als zur Stadt erhoben erſcheinen würde. Hiervon weiter unten. 3. Arkundliche Gewißheit. Ddie erſte vollkommen ſichere Erwähnung von Alsfeld geſchieht in einer Urkunde vom 13. März 1222, worin Wezzilo von Nidda und deſſen Gattin Sophia dem Kloſter Arnsburg ihr Gut zu Hergeren ſchenken ¹⁰). ¹⁰) Wenck, Heſſ. Landesgeſch. II. U. B. S. 43. ¹¹) Dronke, Tradit. et antiq. Fuldens. p. 39. ¹*) A. a. O. II. S. 402. ¹3) Dioeces. Fuld. p. 252. ¹4) Script. hist. German. I. 25. ¹⁵) Cod. diplom. Fuld. 370. ¹6) Schannat, Trad. Fuld. p. 258. Dronke, Cod. dipl. Fuld. p. 371. ¹7) Wenck II. 431. Wagner, Wüſtungen S. 49. ¹8) Original im Staatsarchiv zu Darmſtadt.(Wir werden dieſes Archiv für die Folge mit„St. A.“ bezeichnen.) ¹) Glaſer, Geſchichte der St. Grünberg S. 175 f. 5 Unter den Zeugen hierbei erſcheinen Sifridus scabinus de Adelsfelt und Siboldus et Fridericus filii Siboldi de Adelsfelt. Neun Jahre ſpäter(1231) finden ſich in einer ziegenhainiſchen Urkunde als Zeugen eines Tauſchvertrags aufgeführt: Baldemarus villicus de Adelsveld, miles, und Frethericus, Conradus Kastelan, burgenses in Adelsveld ²⁰). Mit vorläufiger Uebergehung verſchiedener dazwiſchen liegender Urkunden heben wir hier noch eine dritte vom 24. März 1259 hervor, die in Alsfeld ſelbſt errichtet worden iſt. Konrad von Schlitz verkauft darin an Rudolph von Ohmes (de Omesa), Schöffen zu Alsfeld, ſein Dorf Bieben. Zeugen ſind unter Andern: Giso scoltetus de Alisfelt, Eckehardus de Liderbach, Arnoldus de Rukershusen et ceteri milites de Alisfelt, ſowie auch ſämmtliche scabini et burgenses quam plures de Alisfelt 21). In einem weiteren, ebenfalls zu Alsfeld errichteten Document von 1260, Lehngüter zu Beſſingen betreffend, tritt jener Giſo dießmal als villicus de Ailesvelt auf, was gleichbedeutend mit scoltetus iſt, ſodann auch ein Eckehardus monetarius als Zeuge, und dem Actenſtücke iſt auch das Siegel der Stadt Alsfeld(civitatis Ailesvelt) angehängt ²²). Die in den angeführten Urkunden vorkommenden Amts⸗ und Standesbenennungen beweiſen, daß Alsfeld in jener Zeit nicht nur eine Burg und Stadt, ſondern auch eine Münzſtätte war. Ein Bracteat von Alsfeld aus dem 13. Jahrhundert findet ſich in Leitzmann's numismatiſcher Zeitung aufgeführt ²⁵). Dieſes alles, ſowie Alsfeld's Theilnahme am rheiniſchen Städtebunde während des Interregnums ²¹), ſpricht allerdings für ein ſchon vorheriges Beſtehen des Ortes, wenn auch nicht nothwendig in ſtädtiſcher Eigenſchaft. Schade, daß aus dem ganzen zwölften Jahrhundert nicht eine einzige Nachricht vorliegt, die ſich ergänzend an die oben erwähnte aus der Zeit Heinrich's IV anſchließen könnte. Aus der letzteren iſt nicht zu erkennen, ob unter dem daſelbſt genannten Adelesfelt mehr als ein bloßes Dorf zu verſtehen ſei. So iſt Alsfeld in der Feſtſtellung ſeines Alters weniger glücklich, als ſelbſt das benachbarte Dorf Zell, von dem es gewiß iſt, daß die Einweihung ſeiner Kirche ſchon 825 durch den Erzbiſchof Haiſtulph von Mainz vollzogen wurde ²⁵). Das Kirchengebiet von Zell, wie es bei dieſer Einweihung feſtgeſetzt wurde, hatte eine beträchtliche Ausdehnung, ſeine Gränze fiel an der oberen Schwalm und an der Liederbach mit der des Kirchengebiets von Schlitz zuſammen. Da unter den vielen, zum Theil noch unenträthſelten Namen der Gränzbeſchreibung auch ein praedium Adelingi vorkommt, ſo habe ich einen Augenblick geglaubt, hierin ſei vielleicht eine Spur von Alsfeld's frühzeitiger Exiſtenz zu entdecken. Aber die Reihenfolge der aufgeführten Orte, unter welchen doch wenigſtens einige ſind, die einen gewiſſen Anhalt geben, führt eher darauf, daß das praedium Adelingi ganz oben an der Schwalm, in der Nähe von Vadenrod, zu ſuchen ſei. Ich kann daher auch nicht mit Venator ſtimmen, welcher das im Zuſammenhang hiermit genannte Durnaha auf das Gedörn(Gethürms) beziehen zu müſſen glaubt 26). ²⁰) Kopp, Von den geiſtl. u. Civil⸗Gerichten in den Heſſen⸗Caſſeliſchen Landen, Th. 1, S. 297. 2¹) Kuchenbecker, Coll. XI. 143. *²) Gudenus, Cod. diplom. I. 676. ²³) Jahrgang 1837, S. 101 f. ²⁴) Von heſſiſchen Städten werden bei der Verſammlung von 1255 nur drei genannt: Marhpurch, Agilsvelt und Grunperch, aus der Nachbarſchaft aber auch Friedberg, Wetzlar, Fulda und Hersfeld. Pertz, Leges II. p. 374. ²⁵) Dronke, Tradit. et antiq. Fuld. 57 c. 17. ²⁶) Archiv f. heſſ. Geſch. Bd. VII. S. 197. II. Der Name. Die älteſte urkundliche Namensform iſt, wie wir oben geſehen haben, Adelesfelt oder Adels⸗ felt. Nach Weigand's Erklärung bedeutet dieſes„zu dem Felde des Adal oder Adalo(d. h. der Edle, der Mann von ausgezeichnetem Geſchlechte) ¹).“ Später verkürzte ſich der Name und nahm mannichfache Geſtalten an, die nicht immer auf einer gleichmäßigen Gewohnheit der folgenden Zeitalter beruhen, ſondern oft nur von der Kenntniß oder dem Belieben der Concipienten, die häufig Auswärtige waren, abhängig ſcheinen. In den gedruckten Sammlungen(z. B. bei Gudenus) findet ſich der Name mitunter auch ſchon moderniſirt. Wir laſſen hier in chronologiſcher Ordnung eine Reihe ſolcher Veränderungen folgen. Ein Pfarrer von Alsfeld ſchreibt 1233 Ailesvelt ²), eine Urkunde von 1247 hat Alsvelt ³), eine gleichzeitige wieder Ailfelt ⁴); dann ſchreibt man in Alsfeld ſelbſt 1259 Alisfelt ⁵), 1260 aber Ailesvelt; etwas ſpäter finden ſich Elsfelt, Eilesfeld und Aylisfelt; ein in der Stadt ſelbſt redigirtes Document von 1270 hat Alsfelt, aber ein anderes aus demſelben Jahre Ailsvelt; 1285, 1290 u. ſ. w. ſchrieb man daſelbſt Alsveld oder Alsvelt; ein mainziſches Transſumpt von 1292, das eine etwa hundert Jahre ältere Urkunde gibt, geht auf Adilsvelt zurück 8). Im 14. Jahrhundert finden ſich neben früheren Formen auch Elsfeld, Alsfeylt, Alsfeild, Aylsfeld, Alsfeldt und Alsfeld, im 15. Alsfelt, Elsfelt, Alßfeld und Alßvelt, im 16. meiſtens Alßfeld, Alßfeldt, Alsfelt und Alsfeldt, aber 1504 auch noch Elsfeld und Elßfelt. Eine ſonderbare Verſpätung zeigen noch in einer Urkunde von 1603 die Formen Alßvelt und Alßveldt. Uebrigens ſind, wie die Formen, ſo auch die Deutungen verſchieden, die der Name im Lauf der Zeit erfahren hat. Nicht weniger gewaltſam als anachroniſtiſch führt ihn Sebaſtian Frank auf den Kaiſer Adolph von Naſſau zurück, ſo daß die Stadt eigentlich Adolphsfeld geheißen haben ſoll. Andere leiten ihn von dem vielen in der Stadt anſäßigen Adel ab. Winckelmann denkt an die reichen Fluren der Gemarkung und bildet ſich daraus Allesfeld, wobei er ſich auf ein lateiniſches Hochzeits⸗ gedicht bezieht, welches die Stadt mit ihren Umgebungen preißt und mit folgenden Verſen ſchließt: Guncta, Alsfelda, tenes, vere tu gaudia ruris: Hincque tibi nomen Teutica lingua dedit*). Drollig aber iſt die Ableitung, welche auf die Tapferkeit geht, womit die Stadt im 14. Jahr⸗ hundert gegen den Angriff des Abtes von Fulda das Feld gehalten habe. In ſeiner poetiſchen Lohrede ſagt Winckelmann: Henrich der Abt von Fuld zog aus mit ſeinen Waffen, Vermeinte große Ding an dieſer Stadt zu ſchaffen. Ha! Rechnung ohne Wirth,— dein Loſung war Halt'sfeld, Wiewohl er ſich einbildt', er wär' ein tapfer Held ⁵). ¹) Oberheſſiſche Ortsnamen. Archiv f. heſſ. Geſch. Bd. VII. S. 309. ²) Beurkundete Nachricht von der Commende Schiffenberg, Urk. 13. ³) Würdtwein, Dioeces. Mogunt. III. 278. 4⁴) Würdtwein III. 279. ³) Kuchenbecker XI. 143.— Fernere Verweiſungen wird man uns erlaſſen. ⁶) Original im St. A.— Würdtw. III. 279 hat ganz falſch Adilfult, und in der Ueberſchrift ſdet er Ailtfeldt. ⁷) Lobrede S. 13. ³) Ebendaſ. III. Wappen und Siegel. Das Stadtſiegel von Alsfeld finde ich zuerſt 1260 und dann weiter bis zum Schluſſe des Jahrhunderts zur Beglaubigung von Urkunden gebraucht, deren Originale mir nicht vorliegen; nach den Bemerkungen der Herausgeber hängt es an einem Theile derſelben entweder nur in beſchädigtem Zuſtande an, oder iſt ganz abgefallen. Im Texte wird es bald als sigillum civitatis, bald als sigillum universitatis, bald als sigillum sculteti et universitatis oder in anderer allgemeiner Weiſe bezeichnet ¹). Beſtimmter heißt es in einem richterlichen Vergleiche von 1305 und dann öfter: sigillum sculteti et burgensium(in Alsfelt) ²). Wir erkennen hierin das große Inſiegel der Stadt, das auch in den folgenden Jahrhunderten noch zuweilen gebraucht wurde. Dasſelbe zeigt uns eine ſitzende männliche Figur in ganzer Geſtalt, mit einem faltenreichen Gewand bekleidet: das Haupt iſt unbedeckt, das Kinn ohne Bart, über das obere Ende der Stirn zieht ſich eine kurze punctirte Linie, die indeſſen mit einer Krone nichts gemein hat; in der rechten Hand hält die Figur ein emporgerichtetes Schwert, in der linken eine flatternde Fahne; an ihr linkes Knie lehnt ſich ein dreieckiger, an den Seiten etwas geſchweifter Schild, auf welchem ein rechtsgewendeter, zum Grimme geſchickter und, wie es ſcheint, gekrönter Löwe mit gefiedertem, am Endbüſchel nach innen gekehrtem Schweife zu ſehen iſt. Die Mähne des Löwen iſt in ähnlicher Weiſe punctirt, wie der Haarrand der Figur. Um den zirkelrunden Rand des Siegels zieht ſich zwiſchen zwei punctirten Parallelkreiſen in ſehr alten Charakteren die Umſchrift: † S.SCVLTETI. ET.BVRI GESIV. I.ALSFELT ³). Dieſe Siegelform gehört in Territorialſtädten gewiß unter die ſehr ſeltenen. Beim erſten Anblick fühlt man ſich unwillkürlich an die kaiſerlichen Majeſtätsſiegel erinnert. Auch hat Günther in der ſitzenden Figur wirklich das Bild Karl's d. G. vermuthet. Gegen dieſe Annahme aber ſprechen ſehr erhebliche Gründe. Erſtens fehlt es, wie wir geſehen haben, an allen wirklichen Beziehungen Karl's d. G. zu unſerer Stadt, und die eingebildeten, wie ſie ſich ſpäter geſtaltet haben, ſind zwar aus Gerſtenberger's Zeit, keineswegs aber aus dem 13. oder 14. Jahrhundert nachweisbar. Ferner ſtellen die ſogenannten Majeſtätsſiegel, die zu Karl's Zeit noch gar nicht üblich waren, ſondern erſt unter Otto III aufkamen, die Kaiſer nicht mit Schild, Schwert nnd Fahne, ſondern mit Krone, Scepter und Reichsapfel dar. Drittens hat der Löwe auf dem Schilde keine Beziehung zu Karl dem Großen. Endlich iſt es mir zweifelhaft, ob ſich irgendwo ein unbärtiges Bild dieſes Kaiſers findet. Mit dieſer negativen Argumentation verbinden wir, um zu einem beſtimmteren Ergebniſſe zu gelangen, folgende Wahrnehmung. Die Stadt Grünberg führt in ihrem großen Siegel einen nach rechts ſprengenden Reiter, der ſein unbebartetes, nicht typiſch, ſondern porträtartig gehaltenes Antlitz dem Beſchauer zuwendet; an der Linken trägt er ein in der Scheide ſteckendes Schwert und einen Schild mit einem Löwen, der dem alsfeldiſchen gleich iſt, nur daß er keine Krone trägt; mit der Rechten hält er eine fliegende Fahne. Der Reiter iſt baarhaupt. Die Umſchrift lautet: S. universitatis burgensium in Gruneberg ⁴). Schon auf Urkunden des 13. Jahrhunderts findet ſich dieſes Siegel 5). Niemand ¹) Die Siegelung findet ſich: 1260 bei Gudenus I. 676;3 1266 bei Retter, Heſſ. Nachrichten III. 16; 1270 bei Baur, Urkundenbuch des Kloſters Arnsburg S. 78; 1272 in Entd. Ungrund der Einwendungen gegen der d. Ordensballei Heſſen Gerechtſame ꝛc. Beil. Nr. 76; 1276 bei Retter, Heſſ. Nachr. III. 17; 1278 bei Baur, Heſſ. Urkunden S. 166; 1290 bei Kuchenb. XI, 169; 1295 bei Baur, Heſſ. Urk. S. 209. 2) 1305 b. Wenck II, U. B. S. 257, 1308 b. Schannat, Dioeces. Fuldens. Cod. Prob. 302. ³) Abgebildet bei Günther, Wappen der Städte des Großh. Heſſen,— im Arch. f. Heſſ. Geſch. Bd. III. Nr. XI. 4) Abgebildet bei Günther, ebendaſ.. ³) Kuchenb. VII. S. 69 u. 77. 8 wird zweifeln, daß der Reiter hier, wie auf den größeren Reiterſiegeln überhaupt, den Landesherrn vorſtellt, in unſerem Falle alſo Heinrich das Kind. Nun aber unterſcheidet ſich, abgeſehen von dem Mangel der Krone, die indeſſen auf andern Siegeln der Stadt wirklich vorkommt, dieſes grünbergiſche Siegel von dem gleichzeitigen von Alsfeld durch weiter nichts, als durch den Gegenſtand, auf welchem die Figur ſitzt: das eine zeigt den Fürſten auf ſeinem Stuhle, das andre zeigt ihn zu Roß; die Attribute ſind vollkommen dieſelben, und in den beiden mit Sorgfalt ausgeführten Geſichtern wird ſich ſogar eine gewiſſe Uebereinſtimmung kaum verkennen laſſen. Dem Reiter fehlt, um vollkommen gerüſtet zu ſein, nur der Helm, was offenbar zum Zwecke hat, die Züge deſto freier zu geben. Ein flüchtig gearbeitetes Reiterſiegel der von Heinrich dem Kinde durch Kauf erworbenen Stadt Gießen zeigt einen geharniſchten Mann mit dem Löwenſchilde und einer Lanze; der geſchloſſene Helm iſt mit Büffelhörnern geziert, die Pferdedecken tragen gleichfalls Löwen 6). Auch hier wird man über die Beziehung des Reiters auf den Landgrafen nicht zweifelhaft ſein. Dieſes alles zuſammengehalten, bin ich es eben ſo wenig über die fürſtliche Figur auf dem Siegel von Alsfeld. Sie ſtellt Heinrich den Erſten vor, der außerdem namentlich auch Frankenberg ein Siegel mit ſeinem Löwen verliehen hat. Bald Gunſt, bald begreifliche Politik war es, wenn der Fürſt einer Stadt erlaubte, ſeine Wappenfigur oder ſein ganzes Bild in ihrem Siegel zu führen; die Verwilligung des Bildes aber ſammt allen Attributen gab jedenfalls den größeren Vorzug. Bequemlichkeit der Handhabung und Erſparniß des Wachſes führten bald für den täglichen Geſchäfts⸗ gebrauch zur Verkleinerung der anfänglich ſehr großen Siegel. Bei der techniſchen Unvollkommenheit der Arbeiter erheiſchte dann der beſchränktere Raum auch eine verminderte Zahl der aufzunehmenden Gegenſtände. Die kleineren Siegel wurden alſo Auszüge der größeren. Das Bild des Mannes und das des Roſſes fielen weg, die Attribute aber blieben entweder ſämmtlich, oder zum Theil. Regelmäßig blieb die Schildfigur, als das Weſentlichſte, nicht immer der Schild ſelbſt. Es iſt nämlich ein Irrthum, wenn man annimmt, daß in Städtewappen die Hauptfigur immer nur auf der Fläche eines Schildes erſcheinen könne. Ein Beiſpiel vom Gegentheil haben wir an einem zweiten Siegel der Stadt Gießen, das, obgleich es ganz in den Größeverhältniſſen der ſogenannten kleinen Siegel gehalten iſt, dennoch die Aufſchrift„sigillum maius“ führt. Auf der freien Fläche des Petſchafts ſchwebt unter einer Mauerkrone der geflügelte Buchſtabe G, aus welchem ein Löwe hervorſpringt. Ein Schild iſt nicht vorhanden. Das kleine Siegel von Alsfeld mit der Umſchrift„sigilum opidi Alsfelt ad causas“ ſetzt ſich zuſammen aus einem oben rechts geneigten Schilde mit dem gekrönten Löwen, einem von Büffelhörnern mit Blattſtengeln überragten Helme und einem aufgerichteten blanken Schwerte. Das Schwert iſt in Größe und Stellung ſo gehalten, daß es nicht als bloßes Nebenwerk erſcheint; es bildet mit Helm und Schild zuſammen eine Gruppe*). Verglichen mit dem großen, reſumirt alſo das kleine Siegel zwei Attribute desſelben ganz treu und weicht nur in dem dritten, der Fahne, ab, für welche es, vermuthlich weil hier keine Geſichtszüge freizulaſſen waren, den dort fehlenden Helm eintreten läßt. Hier wie dort zeigen ſich alſo die Embleme und Attribute des Fürſten, der die Stadt mit dem Siegel beſchenkt hat. Im Ganzen habe ich das große Inſiegel ſelten angetroffen, und aus den wenigen Urkunden, die es tragen, läßt ſich nicht erkennen, daß der Gebrauch desſelben ſich an beſtimmte Regeln gebunden habe. Es hängt eben ſo gut an der Acte eines unbedeutenden Rentenverkaufs(1486) ⁵), wie an dem feierlichen Creditiv eines Collectors, den die Stadt 1657 ausſandte, um wegen der im dreißigjährigen Kriege 6) Abgebildet bei Günther a. a. O. *) Abgebildet bei Günther a. a. O.. 8) Original im St. A. 3 9 erlittenen Schäden milde Gaben zu erheben ³). Ein ſpäterer Collector für denſelben Zweck(1665) erhielt zwar eine im Texte eben ſo förmliche Beglaubigung, dieſelbe war aber nur mit dem kleinen Siegel verſehen 1¹⁰). Dieſes letztere dagegen findet ſich vom 14. bis gegen das Ende des 17. Jahrhunderts in fortwährendem Gebrauche ¹¹). Nur hat es verſchiedene Petſchafte für dasſelbe gegeben, die im Stiche ſonſt einander gleich waren und nur dadurch ſich unterſchieden, daß das eine„civitatis Alsfelt“, das andere aber„opidi Alsfelt“ hat. Ein drittes Siegel war das„Fehde-Sigillum civitatis Alsfeld“, das, wie die übrigen, noch jetzt im Rathhauſe aufbewahrt wird. Es gleicht dem Sigillum ad causas, doch ſteht der Schild ſenkrecht, und der Helm iſt mit Bügeln verſehen. Ich habe es niemals gebraucht gefunden. Uebrigens hatte es weder mit kriegeriſchen Fehden, noch, wie Günther vermuthet, mit„Streit vor Gericht“ das Mindeſte zu ſchaffen; es diente vielmehr zur Beglaubigung friedlicher Reiſepäſſe. Etymologiſch hängt der Name nicht mit dem mittelhochdeutſchen fede(erklärte Feindſchaft) zuſammen, ſondern mit dem lateiniſchen fides(fides publica), und hat die Form des italieniſchen fede angenommen. Zu gleichem Gebrauche hatte auch der Rath von Leipzig ſein„Fede⸗Siegel“ ¹²). Das Wappen der Stadt, in Farben ausgeführt, wiederholt nur die Beſtandtheile des kleineren Siegels und umgibt ſich mit reicheren Lacinien. Der Schild ſteht aufrecht; auf blauem Felde zeigt ſich ein zum Grimme geſchickter, rechtsgewendeter, gekrönter rother Löwe mit doppelknötigem Schwanze. Der Helm über dem Schilde trägt Büffelhörner, die nach außen hin mit Blattſtengeln beſetzt ſind. Neben dem Schilde, und zwar auf der rechten Seite desſelben, iſt ein blankes, mit der Spitze nach oben gerichtetes Schwert zu ſehen. Der blaue Schild entſpricht ganz dem landesherrlichen Wappen, eben ſo die Figur des Löwen, die Farbe des letzteren aber iſt geändert, was der Unterſcheidung wegen öfters geſchah, wo Städte die Inſignien des Fürſten führten. Mit den ſoeben bezeichneten Tincturen erſcheint Schild und Löwe nicht nur noch heute in dem über dem Eingange des Rathhausſaales aufgehängten Wappen, ſondern dieſelben finden auch noch ein älteres hiſtoriſches Zeugniß durch eine im J. 1648 von dem Oberpfarrer Happel gehaltene Predigt, die das Stadtwappen zum Mittelpunkte macht, um an die Beſtandtheile und Farben desſelben erbauliche Betrachtungen anzuknüpfen ¹3).„Unſere Stadt,— ſagt der Redner,— führet einen gekrönten rothen Löwen im blauen Feld, und für ihm ſtehend ein aufgerichtetes blankes Schwert. Davon dieſe Verſe im Saal zu Rothenburg gefunden werden: Alsfeldi rigidum gestat sua signa Leonem, Et cum caeruleo certat in hisce rubor. Das iſt: Die Statt Alsfeld einen Löwen hat, Der auff ſein hinter Füſſen ſtath, Der Löw iſt roth, das Feld iſt blaw, Mit fleiß auff alle Sachen ſchaw.“ *) Original im Rathsarchiv zu Alsfeld. ¹⁰) Original ebendaſ. ¹¹) In einer Urkunde von 1501 heißt es„vnſer ſtaidt alffelt kleyn Ingeſiegell.“ Orig. im Rathsarchiv. ¹²) Haltaus, Gloſſar s. v. Fede, Fehde, Vehte. ¹3) Leo Philo-Politicus Oder Alßfeldiſche Wahl vnd Wapen Predigt. Von Rechtſchaffener Regenten Löwen Arth ꝛc. Bey Erwehlung eines Burger Meiſters vnd Beſtellung gemeiner Statt Aempter am Sontag nach dem Newen Jahr in der Pfar Kirchen zu Alßfeldt gehalten von M. Georgio Eberhardo Happelio, Pfarrherrn vnd Furftl. Heßen Darmſtadiſchen Inspectore daſelbſten. Marpurg 1648. 2 10 Um ſo auffallender iſt es, wenn Weſſel in ſeinem heſſiſchen Wappenbuche, ſelbſt auf den Grund jener lateiniſchen Verſe, den rothen Löwen in ein ſchwarzes Feld geſtellt wiſſen will. Hierin wird er nur etwa von Karl Dieffenbach überboten, der, indem er die Untreue des Ueberſetzers rügt, ſeinerſeits folgende Ueberſetzung vorſchlägt: Hier ſieht man einen Leuen kühner Art Im ſchwarzen Feld, mit blau und roth gepaart 14). In dem Wappenveſen iſt die urſprüngliche Bedeutung des Schildes als eines Waffenſtückes und die Gleichberechtigung des Schwertes neben ihm nachgerade hinter die dem Schilde zugewieſene Beſtimmung, für die Erkennungszeichen des Hauſes und der Familie gleichſam Feld und Rahmen zu ſein, ganz zurück⸗ getreten. Der Helm im Wappen dient vornehmlich als Träger der Standesabzeichen; das Schwert, weil es keine Unterſcheidungsmerkmale trägt, wurde ſo gut als gänzlich beſeitigt. Da, wo es, wie in Alsfeld, beibehalten ward, macht es, wenn man ſich nicht die Art der Entſtehung dieſes Wappens gegenwärtig hält, beinahe den Eindruck eines auffallenden Nebenwerks, das nicht zu Schild und Helm gehöre; man iſt verſucht, ihm eine gewiſſe Selbſtſtändigkeit beizumeſſen und nach ſeiner beſonderen Bedeutung zu fragen. Es will mir ſcheinen, daß in dieſem Wappenſchwerte und in der ſitzenden Mannesfigur des großen Inſiegels, der einzigen in Heſſen, die Keime zu ſuchen ſeien, aus welchen die Fabel von Karl d. G., ſeinem Schwerte und Alsfeld's oberſtem Landgerichte, deſſen Zeichen das Schwert geweſen, hervorwachſen konnte. Gerſtenberger's Chronik ſtempelte, was früher vielleicht nur Einzelne zur Erklärung abweichender Erſcheinungen herausgeklügelt hatten, zur allgemein geglaubten Geſchichte; und war der Glaube einmal da, ſo ließ ſich leicht wohl auch ein alterthümliches Schwert finden, das man als das wiedergefundene zur Feier der einſtigen Größe im Saale des Rathhauſes aufhängen konnte. Doch ſind dieſes natürlich nur Vermuthungen, auf die ich ſelbſt weiter kein Gewicht lege; ſie können fallen, ohne daß darum Karl's des Großen der Stadt erwieſene Auszeichnungen zur hiſtoriſchen Wahrheit werden. IV. Territorial⸗ und Lehnsverhältniſſe. Alsfeld hat, ſoweit ſeine beglaubigte Geſchichte hinaufreicht, nie einer anderen Herrſchaft als den Herren des Landes Heſſen angehört. Es fragt ſich nur, ob dieſes ein Patrimonial⸗, oder ein Feudalbeſitz war. Brower, in ſeiner Geſchichte von Fulda, nennt Alsfeld ein oppidum origine Fuldanum. Dieſe Behauptung des fuldiſchen Jeſuiten, der ſich weder durch hiſtoriſche Treue, noch durch Gründlichkeit empfohlen hat, bietet eben ſo wenig einen beachtenswerthen Anhalt, als das Verfahren Schannat's, der in der von ihm entworfenen Charte des alten Buchoniens Alsfeld ohne Weiteres in die fuldiſchen Gränzen gezogen hat. Doch iſt Beiden oft nur allzu bereitwillig geglaubt worden ¹). Wir müſſen, um über Alsfeld's Verhältniß zu Fulda klar zu werden, die Epochen wohl unterſcheiden. Allerdings hat es einen Zeitpunkt gegeben, von welchem ab die Landgrafen von Heſſen bei Thronwechſeln ſtets auch Alsfeld und die benachbarte Altenburg als fuldiſches Lehn anerkannt und die Lehnserneuerung deshalb entgegengenommen haben. Dieſer Zeitpunkt lag in der Mitte des fünfzehnten ¹4) Geſchichte der Stadt Alsfeld, S. 23. ¹) Auch Schmidt(Geſch. des Gr. Heſſen, I. 206) nennt mit Berufung auf Schannat. Clientel. Fuld. p. 207. 208 Alsfeld ohne weitere Unterſcheidung ein fuldiſches Lehen. 11 Jahrhunderts. Damals wurden bekanntlich beim Ausſterben der Grafen von Ziegenhain und Nidda die bei Fulda zu Lehen gehenden Beſitzthümer derſelben vom Abte von Fulda als Lehen auf Heſſen übertragen. Dieſelbe Urkunde nun, welche dieſe Uebertragung ausſpricht, und alle folgenden, welche die Belehnung mit Ziegenhain und Nidda erneuern oder beſtätigen, führen ſtets auch Alsfeld und die Altenburg unter den fuldiſchen Lehnsobjecten auf. Man könnte darum verſucht ſein, Alsfeld für ein ziegenhainiſches Zubehör zu halten, das als Afterlehen ſchon Jahrhunderte vor dem Ausſterben der Grafen in heſſiſchem Beſitze geweſen. Nun aber findet ſich durchaus keine Spur von irgend einem Lehnsnexus zwiſchen Ziegenhain und Alsfeld, und überdieß wird in den fuldiſchen Lehnbriefen und den heſſiſchen Lehnsreverſen Alsfeld nebſt einigen anderen Orten immer erſt nach der Specification der ziegenhainiſchen und niddaiſchen Gebietstheile und abgeſondert aufgeführt. Wir ſind alſo auf ein directes Verhältniß zu Fulda hingewieſen. Aber auch für ein ſolches gibt es aus der früheren Periode keine Zeugniſſe. Als ein ſolches kann wenigſtens eine Urkunde von 1274, worin Hedwig von Ohmes ihre Güter„citra Alisveldiam in terminis Fuldensibus sita“ dem Kloſter Haina ſchenkt ²), mit Recht nicht angerufen werden. Dieſe Worte ſagen allerdings aus, daß die geſchenkten Güter auf fuldiſchem Boden lagen, keineswegs aber, daß auch Alsfeld, dieſſeits welcher Stadt ſie gelegen waren, fuldiſch geweſen ſei. Wenn heute Jemand zu Gießen ſchreibt: Nauheim liegt dieſſeits Friedberg auf kurheſſiſchem Gebiete,— ſo wird Niemand daraus folgern wollen, daß auch Friedberg kurheſſiſch ſei. Die fragliche Urkunde iſt zu Amöneburg ausgeſtellt, von wo aus denn das„citra“ zu bemeſſen iſt. Zwiſchen Amöneburg und Alsfeld gab es aber wirklich Orte, auf welche die„termini Fuldenses“ Anwendung finden und wo ſomit die geſchenkten Güter gelegen haben können. So war z. B. Gleimenhain ziegenhainiſch unter fuldiſcher Lehnshoheit ³). Die erſte beſtimmte Erwähnung der fuldiſchen Lehnsherrlichkeit über Alsfeld finden wir, und zwar, wie es mir ſcheint, wohl gleichzeitig mit der Entſtehung des Verhältniſſes ſelbſt, in einer Urkunde von 1434 ⁴). Abt Johann überträgt darin auf den Landgrafen Ludwig Alles, was bis dahin die Ziegenhainer von ihm zu Lehn beſeſſen haben. Nachdem nun alle einzelne ziegenhainiſche und niddaiſche Beſtandtheile aufgezählt ſind, heißt es wörtlich weiter:„Auch ſo haide derſelbe Lantgrave Ludewich umb uns entphangen ſine Stat Alsfelt, daz Sloſſ Aldenburgk dabey gelegen, Spangenbergk Burgk und Stad u. ſ. w.“ Eben ſo erſcheint in dem Lehnbriefe, den Ludwig im J. 1450 vom Abte Reinhard erhielt, Alsfeld wieder als„ſine Stait Alsfelt ⁵).“ Dieſe Bezeichnung der Stadt als einer dem Landgrafen eignen läßt uns Alsfeld als ein aufgetragenes Lehn erſcheinen, das ſich ohne Zweifel erſt von der Epoche her datirt, wo die Bemühungen um den ziegenhainiſchen Beſitz dem Landgrafen auch ſeinerſeits einige, in der Sache ſelbſt ſehr unſchädliche Verwilligungen zu Gunſten des lehnsherrlichen Glanzes von Fulda anrathen mochten. In ähnlicher Weiſe hatte Heinrich I dem Kaiſer Adolph ſeine Stadt Eſchwege aufgetragen und ſie mit der Zugabe der Reichsburg Bomeneburg zurückerhalten. Die Altenburg kann ebenfalls nur aufgetragen worden ſein. Sie war als heſſiſches Lehn im Beſitze der Familie von Altenburg geweſen, und von Reinhard von Altenburg hatte Landgraf Heinrich I das nutzbare Eigenthum wieder ganz an ſich gekauft. Der Kaufbrief von 1300 enthält nicht das Mindeſte von einem fuldiſchen Lehnsconſens bei dieſem Acte ⁵). ²) Kuchenbecker XI. 164. ³) Urkunde von 1278, bei Wenck II. U. B. 212. ⁴) Wenck III. U. B. 231. ⁵) Wenck III. U. B. 248. ⁶) Wenck II. 246. 2* 12 Aus demjenigen, was ſich gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts zwiſchen dem Landgrafen und dem Abte begab, iſt jedenfalls nicht auf eine uralte Zugehörigkeit irgend einer Art, in welcher Alsfeld zu Fulda geſtanden hätte, zurückzuſchließen. Ueberhaupt finden ſich zwiſchen Alsfeld und Fulda nähere Beziehungen in weit geringerem Maaße, als man bei der Nähe und dem Anſehen der Bonifaciusſtadt erwarten dürfte. Fuldiſche Zehnten kommen dort nur wenig vor, Schenkungen und Stiftungen wandten ſich immer lieber den Johannitern zu Grebenau, den deutſchen Herren zu Marburg oder dem Kloſter Haina zu. Wie Alsfeld im fünfzehnten Jahrhundert wirklich fuldiſches Lehen geworden iſt, ſo war ihm ſchon im dreizehnten zugedacht geweſen, mainziſches Eigenthum zu werden. Es iſt bekannt, wie in jener Zeit die Erzbiſchöfe von Mainz jeden Anlaß benutzten, um in Heſſen ihre Territorialgewalt weiter auszubreiten. Ganz beſonders günſtig war die Gelegenheit, als nach dem Erlöſchen des thüringiſchen Mannsſtammes ſich der Erbſtreit zwiſchen den Häuſern Brabant und Meißen erhob. Bei den Schwierigkeiten, mit welchen die thatkräftige Sophie zu kämpfen hatte, um die Rechte ihres Sohnes Heinrich I zur Geltung zu bringen, gelang es den mit Bann und Interdict freigebigen Erzbiſchöfen Gerhard und Werner in der That, wenigſtens ihre Lehnsherrlichkeit über die bisherigen Gränzen hinaus auszudehnen. In dem Vergleiche von 1263 bequemte ſich Heinrich, um nur endlich einmal zur Belehnung mit dem Landgericht Maden und deſſen Umgebung zu gelangen, ſeine eignen, durch Erbſchaft überkommenen Städte Grünberg und Frankenberg dem Stifte Mainz für ewige Zeiten als Lehen aufzutragen; er ließ ſich ferner gefallen, daß auch Melſungen und andere als zweifelhaft oder beſtritten bezeichnete Orte in das Lehnsverzeichniß aufgenommen wurden; er willigte endlich ein, daß auch noch weiter nachgeforſcht werden ſolle, ob und wie weit außerdem noch andere Objecte in den mainziſchen Lehnsnexus gehörten ¹). Auch Alsfeld war gleich Anfangs in den Vergrößerungsplan aufgenommen, nur daß man hierbei die Lehnsfrage aus dem Spiele ließ und direct auf den Beſitz der Stadt losſteuerte. Wir finden hierüber Folgendes. Kaum hat der letzte der thüringiſchen Landgrafen, Heinrich Raspe, auf ſeinem Schloſſe Wartburg die Augen zugethan(17. Februar 1247), ſo ſtellt das Kloſter St. Jakob zu Mainz eine Urkunde folgenden Inhalts aus: Die Stadt Alsfeld gehöre von Alters her und von Rechtswegen ihm an, dieſes Recht ſei aber ſeit geraumer Zeit von einigen Landgrafen(alſo den thüringiſchen) in der Stadt ſelbſt geſtört worden, und das Kloſter trete nun ſein geſammtes Recht über dieſelbe nebſt dem Patronate und allen Appendenzen innerhalb und außerhalb an den Erzbiſchof Siegfried und die Kirche von Mainz dergeſtalt ab, daß dieſe ihm für die Stadt eine von benannten Perſonen zu beſtimmende Vergütung zu leiſten haben. Dieſe Abtretungsurkunde und der vom Domcapitel ausgeſtellte Entſchädigungs⸗ revers ſind beide vom 19. März 1247 5). Es iſt zu beachten, daß das Jakobskloſter nicht von einem jemals ausgeübten wirklichen Beſitze, ſondern lediglich von alten Rechtsanſprüchen redet, die es überträgt. Um ſo auffallender iſt es, daß es gar nicht erwähnt, worauf ſich dieſe gründen. Man ſcheint dieſelben doch für's Erſte nicht für erweislich genug gehalten zu haben, um ſie ſofort geltend zu machen. Während Grünberg, Frankenberg und andere Orte in den Kämpfen Heinrich's mit Mainz der Lehnsherrlichkeit der Erzbiſchöfe verfallen, iſt von Alsfeld keine Rede. Aber man nähert ſich dem Ziele auf Umwegen. Im Jahre 1276, als Landgraf Heinrich noch in der von Mainz über ihn erwirkten Reichsacht lebte, macht das Jakobskloſter den Verſuch, das doch bereits von ihm abgetretene angebliche Patronatsrecht über Alsfeld in eignem Namen 7) Gudenus I. 702 u. 707. ³) Beide bei Würdtwein III. 278. 279, die erſtere auch bei Kuchenbecker II. 232. 13 auszuüben: es ernennt vermöge dieſes Rechts den Canonicus Emircho dictus Judaeus zum Pfarrer daſelbſt, das Archidiaconat inveſtirt den Ernannten und der Erzbiſchof Werner beſtätigt ihn ²). Es findet ſich aber nirgends, daß Emircho auch wirklich aufgezogen wäre. Das Patronat nahmen die Landgrafen eben ſo gut in Anſpruch, wie das Territorialrecht, und übten es unbekümmert um das Jakobskloſter. Nach Rudolph's I Tod blieb der Kaiſerthron zehn Monate lang ledig. Man konnte über den Nachfolger nicht einig werden. Endlich ſetzte Erzbiſchof Gerhard von Mainz den armen Grafen Adolph von Naſſau durch, deſſen unbedingte Ergebenheit ihm verbürgt ſchien. Vierzehn Tage vor Adolph's Wahl erſchien nun der Vorſtand des Jakobskloſters vor dem erzbiſchöflichen Gerichte von Mainz(judices sanctae Moguntinae sedis) und ließ eine beglaubigte Copie(Transſumt) von einem Schriftſtücke ausfertigen, worin Pfalzgraf Konrad und deſſen Gemahlin Irmengard bekennen, daß ſie das Eigenthumsrecht an ihrem„predium Adilſvelt“, welches ſie nach Vernunft und Recht(rationabiliter et juste) beſeſſen, um ihres Seelenheiles willen an das Stift St. Jakob zu Mainz übergeben haben ¹⁰). Pfalzgraf Konrad hatte von 1156 bis 1195 regiert. Dieſe Vergangenheit war lange genug, um ohne große Gefahr etwas hinein verlegen zu können. Es läßt ſich nicht verkennen, daß das Kloſter dieſe Copieertheilung nur zu dem Zwecke erwirkte, um aus der Schenkung des ehemaligen„Prädiums⸗ ſeine inzwiſchen auf den Erzbiſchof übertragenen Rechtsanſprüche auf das nunmehrige oppidum Alsfeld darzuthun. Bodmann 1¹¹) will ſich von der handgreiflichen Unächtheit„beider Actenſtücke“(d. h. wohl der Transſumtionsacte und auch der ihr einverleibten Urkunde), von welchen man ihm ſogar die„Urſchriften“ vorlegte, überzeugt haben. Bei der unklaren Weiſe, in welcher er ſich hierüber ausſpricht, iſt indeſſen weder zu erkennen, ob ſein Urtheil mehr auf den Inhalt, oder auf die Form der Actenſtücke ſich gründet, noch auch, ob es die Schrift von 1292, oder die angebliche Urkunde Konrad's iſt, welche er als gefälſcht betrachtet. Früherhin hatte man zu Mainz unter dem praedium Adilsfelt(in Abſchriften ſteht auch Ailfelt) gemeinhin das im Rheingau gelegene Elfeld verſtanden; ſeit Würdtwein aber hatte man es auf Alsfeld bezogen. In Alsfeld aber, meint Bodmann, habe Pfalzgraf Konrad ſo wenig etwas zu ſuchen gehabt, als in Elfeld. Dieſes kann ſchon zugegeben werden ¹²), ohne daß darum das Ganze entſchieden iſt. Ich muß bezweifeln, daß Bodmann das wirkliche Original in Händen gehabt habe; er würde ſonſt nicht Adilfelt, ſondern. Adilffelt geſchrieben haben. Das Original befindet ſich gegenwärtig im Staatsarchive zu Darmſtadt. Ich habe es geprüft und keine Kennzeichen der Unächtheit daran gefunden. Daß die Haarſtriche etwas verblichen oder röthlich ſind, während die Grundſtriche ſchwärzer erſcheinen, kann nicht verdächtig ſein; es deutet höchſtens auf ein ſpäteres Auffriſchen der letzteren hin. Das anhängende Siegel iſt wohlerhalten. Wenn wir nun die Transſumtionsacte von 1292 als ächt anerkennen zu müſſen glauben, ſo iſt es doch nicht dasſelbe mit dem ihr einverleibten Schriftſtücke. Dieſes iſt ein geſchmiedetes Machwerk, dergleichen der Klerus des Mittelalters, wo es ſeinen Zwecken diente, anzufertigen nicht ſehr verſchämt war. Man weiß, daß ſelbſt den berühmten Erzbiſchof Hincmar von Rheims der *) Original im St. A. Abgedruckt bei Baur, Heſſ. Urk. S. 104. ¹⁰) Bei Würdtwein III. 279 findet ſich ein etwas ungenauer Abdruck. Wir geben in der Beilage I den Text nach dem Original im St. A.. ¹¹) Rheingauiſche Alterthümer, Abtheil. I. S. 131. ¹²) Konrad ſelbſt war ein Hohenſtaufe, ſeine Gemahlin Irmengard eine Tochter des Grafen von Henneberg (Walther, im Arch. f. Heſſ. Geſch. II. S. 145); weder von den Staufen, noch von den Hennebergern iſt, meines Wiſſens, ſonſt irgend eine Begüterung in Oberheſſen behauptet worden. 14 Vorwurf arger Fälſchungen getroffen hat. Der Zweck des Falſums konnte hier kein andrer ſein, als das angeblich einſt pfalzgräfliche, durch Schenkung in das Eigenthum des Kloſters übergegangene, aber wegen landgräflicher Uſurpation nicht in deſſen Beſitz gekommene Alsfeld mit deſto größerem Scheine des Rechts für den Erzbiſchof, an welchen es ſchon ſeit 1247 erfolglos abgetreten war, in Anſpruch zu nehmen. Was für eine Abſicht der Concipient dieſer Scharteken, wie Bodmann ſie nennt, gehabt haben möge, iſt alſo nicht ſchwer zu entziffern,— Abſichten, die, wie die Schriftſtücke ſelbſt, ganz zur Sache ſtimmen. Dieſe Abſichten ſind indeſſen unerreicht geblieben. Erzbiſchof Gerhard ſtand bald beſſer zum Landgrafen, als zum König Adolph. Schon nach einem halben Jahre ſehen wir Heinrich den Erſten mit dem Erzbiſchofe im gemeinſchaftlichen Kriege gegen Albrecht von Braunſchweig begriffen 13). Gegen einen Bundesgenoſſen hörten die Spoliationspläne auf, oder mußten wenigſtens vertagt werden. Mainz hat in Alsfeld niemals ein Territorialrecht geübt; auch das Patronat über die Kirche blieb im landgräflichen Beſitze. Aus dem Vorſtehenden ergibt ſich, daß Alsfeld erweislich zu keiner Zeit mainziſch, ein fuldiſches Lehn aber, und zwar ein aufgetragenes, erſt ſeit 1434 geweſen iſt. Bei ſeinem erſten Hervortreten eine heſſiſche Stadt unter den Landgrafen von Thüringen, ging es nach dem Erlöſchen ihres Mannsſtammes ſogleich und ohne Mittel als freies Erbe in den Beſitz des brabantiſch⸗heſſiſchen Hauſes über. Daß Landgraf Heinrich I und ſeine Mutter Sophie Alsfeld jeweilig auch mit ihrer perſönlichen Gegenwart beehrten, geht aus einer Urkunde von 1264 hervor, worin beide ihrem Wirthe daſelbſt(Friderico hospiti suo in Eilesfelt) die landesherrliche Genehmigung zu einer Güterveräußerung ertheilen 1¹¹). V. Kirchlicher Verband. Send. Gleich beim erſten urkundlichen Hervortreten hat Alsfeld auch ſchon ſeine eigne Pfarrei. Ein Johannes plebanus de Ailesvelt erſcheint 1233 als Schriftführer und Zeuge bei einer Abgabenbefreiung von Höfen zu Roßdorf und Mardorf ¹). Die Pfarrei gehörte, wie die meiſten in Oberheſſen, demjenigen Theile der Diöceſe von Mainz an, in welchem dem St. Stephansſtifte zu Mainz als Archidiaconat die geiſtliche Jurisdiction übertragen war. Dieſes Stift ließ ſeine Functionen regelmäßig durch einen Official ausüben, der ſeinen Sitz zu Amöneburg hatte. Es fragt ſich nun weiter, welche Ortſchaften der Umgegend zur Pfarrei gehörten, und ob Alsfeld auch der Sitz eines Archipresbyters oder Decans war. Dieſe beiden Fragen hängen genau mit der dritten zuſammen, wie das Würdtwein'ſche ſogenannte Archidiaconatsverzeichniß richtig aufzufaſſen ſei. Es wird am Ort ſein, dieſen letzteren Punkt, der auch für die Geſchichte Heſſens überhaupt nicht ohne Gewicht iſt, etwas näher zu prüfen und für die vieljährige Streitfrage auch unſererſeits eine Löſung zu verſuchen, auf die ſich dann Weiteres bauen läßt. Würdtwein theilt unter der Ueberſchrift„Registrum synodale“ ein aus dem 15. Jahrhundert ſtammendes Verzeichniß von Ortſchaften mit, die zum Archidiaconat St. Stephan gehörten und die hier ¹3) Urk. v. 31. Jan. 1293 b. Gudenus I. 868. ¹4⁴) Wenck II, Urk. B. S. 193. ¹) Beurk. Nachr. v. Schiffenberg, Urk. 13. 15 in acht und dreißig Gruppen zuſammengeſtellt ſind 2). Jede Gruppe ſteht unter dem Namen eines Ortes, der als„Sedes“ bezeichnet iſt. So kommt in derjenigen Gegend, die uns hier angeht, eine sedes in Alsfelt, eine sedes in Heydelbach, eine sedes in Kirchdorff(Kirtorf), eine sedes in Treysa prope Ziegenhayn u. ſ. w. vor, und unter jeder einzelnen wird bald eine größere, bald eine kleinere Zahl zugehöriger Ortſchaften genannt. Dieſe sedes nun nimmt Wenck für Decanatsſitze und baut auf dieſe Annahme wieder weiter ſeine Anſicht über die politiſche Centeintheilung, indem er die Centen geographiſch mit den Decanaten zuſammenfallen läßt ³). Schmidt dagegen will die sedes nur als Pfarreien betrachtet wiſſen ⁴). Er macht hierbei mit Recht geltend, 1) daß der Umfang der bezeichneten Bezirke für Decanate viel zu klein ſei(man ſehe z. B. die sedes in Heidelbach, Winnerod oder Frankenau), und 2) daß, mit einer einzigen Ausnahme, an allen dieſen Orten, ſelbſt in Alsfeld, wo man doch am erſten einen Archipresbyter vorausſetze, immer nur Pfarrer, aber keine Landdechanten erſcheinen. Um ſeine Annahme, daß die sedes nur Pfarreien ſeien, zu ſchützen, weiſ't Schmidt den Einwand ab, daß ja doch das Würdtwein'ſche Verzeichniß mancher sedes Orte zurechne, die zur Zeit ſeiner Abfaſſung zweifellos ſchon eigne Pfarrer hatten.„Denn nicht ſelten,— ſagt er,— war es der Fall, daß, wenn Tochterkirchen eigne Plebane bekamen, dieſe doch in einer gewiſſen Abhängigkeit von dem Pfarrer der Mutterkirche, namentlich in Hinſicht auf die Sendverhältniſſe, blieben.“ Dieſer letztere Satz iſt an ſich ganz richtig, würde aber, ſofern die sedes alſo gewiſſermaßen zu Mutterkirchſprengeln gemacht werden ſollen, den berührten Einwand nur dann entkräften, wenn alle unter einer sedes aufgeführte Pfarrkirchen ſich wirklich auch als früher mit der sedes verbundene Tochterkirchen erwieſen. Dieſes iſt aber keineswegs der Fall. Die Kirche von Zell z. B.(eingeweiht 825) iſt ſicherlich keine Tochterkirche des erſt weit ſpäter vorkommenden Kirtorf, und doch erſcheint ſie in dem Verzeichniſſe unter der sedes dieſes Ortes. Eben ſo wenig iſt irgendwo die Spur eines Filialverhältniſſes zwiſchen Oberrod oder Romrod zu Kirtorf anzutreffen. Die Aufklärung der Sache muß alſo anderswo geſucht werden. Ein etwas genauerer Blick auf das ſogenannte Archidiaconatsverzeichniß zeigt, daß dasſelbe lediglich ein Hebregiſter für Synodalgefälle im Archidiaconat iſt. Nach dieſer Beſtimmung ſind darum auch Inhalt und Eintheilung desſelben bemeſſen; mit der Gliederung des kirchlichen Organismus als ſolchen hat es nichts zu thun. Kein Ort iſt unter einer sedes genannt ohne Hinzufügung der Sendgefälle, die er zu entrichten hat; iſt an einem Orte nichts zu heben, ſo kommt er gar nicht vor, wie z. B. Homberg an der Ohm, Bernsburg, Arnshain, Liederbach, Winnen u. a. Die einzelnen Dörfer ſtehen im Regiſter nicht nach ihrer Zugehörigkeit zu einem und demſelben Kirchſpiel zuſammen, ſondern ſind oft durch Namen aus anderen Kirchſpielen weit von einander getrennt, wie Romrod und Oberrod, Zell und Billertshauſen; die Pfarrer längſt vorhandener Kirchen werden nur dann erwähnt, wenn ſie Sendgebühren zahlen oder erhalten. Dieſem entſpricht auch, daß ſelbſt einzelne Güter und Perſonen im Regiſter erſcheinen, wenn ſie leiſtungspflichtig ſind, wie z. B. unter Alsfeld ein Konrad von Leußel, der ein Malter Hafer gibt. ²) Dioeces. Mogunt. III. 250 ff. ³) Wenck Bd. II. Abſchn. 4. Ihm folgen hierin Rehm(Handb. der Geſchichte beider Heſſen Th. I. S. 43), Phil. Dieffenbach(Geſch. von Heſſen S. 26), bei welchem nur irrthümlich„Diaconate“ ſtatt der Decanate angeführt werden, und Nebel(Schwert u. Siegel der St. Alsfeld, a. a. O. S. 3). Letzterer hat ſehr geirrt, indem er meint, das St. Jakobsſtift zu Mainz habe über Alsfeld das Archidiaconat geführt, und dieſes ſei 1247 an das Kloſter St. Stephan und Johannis übergegangen. Zu St. Johannes hat Alsfeld niemals in irgend einer Beziehung geſtanden, und die Beziehungen zu St. Jakob betrafen das Archidiaconat nicht, ſondern waren, wie wir oben geſehen haben, ganz anderer Art. 4) Geſch. v. Heſſen I. 193. In dem aus Schmidt's Nachlaß von Steiner mitgetheilten Aufſatze„Zur Geſchichte der Herrn von Romrod“(Archiv f. d. Heſſ. Geſch. B. III. Heft 1 Nr. VI) werden indeſſen die sedes wieder als Decanate behandelt. 1 16 Dieſer ganze Charakter des Verzeichniſſes als eines Hebregiſters läßt denn nun auch nicht daran zweifeln, daß ſeine sedes weder als Decanatsſitze, noch als sedes parochiales(ſchlechtweg oder auch mit Schmidt's Zugabe eines mutterkirchlichen Verhältniſſes) auftreten ſollen, ſondern daß ſie ganz einfach sedes synodales ſind, d. h. Orte, wo der Send gehalten und folglich auch die Sendgefälle erhoben wurden. Zur Rechtfertigung des ſoeben gebrauchten Namens berufe ich mich auf eine Urkunde von 1309, worin ein würzburgiſcher Archidiaconus denſelben dem Dorfe Oſterburgheim beilegt ⁵); die Sache ſelbſt aber wird durch eine kurze Hinweiſung auf die alten Sendverhältniſſe weiter klar werden. Schon ein Capitulare Karl's des Kahlen hatte, um für die Pfarreien die Verpflegungskoſten zu mindern, beſtimmt, daß die Biſchöfe, wenn ſie zum Send umherreiſeten, nicht jede einzelne Gemeinde für ſich vornehmen, ſondern einen gelegenen Pfarrort wählen ſollten, wohin denn etwa vier Pfarrer aus der Nachbarſchaft mit ihren Gemeinden ſich zu begeben und eine vorgeſchriebene Quantität von Victualien zur Verpflegung des Biſchofs und ſeines Gefolges mitzubringen hätten. Der Ort, wo der Biſchof übernachtet, wird hier genannt„locus, ubi Episcopus residet¹⁰²).“ Daß ſpäter auch in der mainzer Diöceſe von den erzbiſchöflichen Commiſſarien ein ganz ähnliches Verfahren eingehalten wurde, zeigt unter Anderm ein Blick auf die Anweiſung zur Sendbereiſung der Wetterau ¹). Hier iſt genau angegeben, wo der Commiſſarius am Morgen, wo er am Nachmittag oder Abend Send halten und wo er übernachten ſoll. Oft haben hiernach zwei und mehr ſelbſtſtändige Pfarrgemeinden am Sitze eines anderen Kirchſpiels zu erſcheinen. Bei einigen derſelben wird hierbei ein ehemaliges Filialverhältniß einfach erwähnt, bei andern heißt es, ſie ſeien Filialpfarreien quoad synodum dumtaxat, bei andern endlich tritt ein Filialverhältniß überhaupt nicht hervor, wie z. B. zwiſchen Dauernheim und Leidhecken s). Auch kommt es vor, daß Mutterkirchſprengel für den Send getheilt werden. So war Geisnidda ſeit 1234 ein Filial von Dauernheim ⁰), dann eigne Pfarrei; der Sendgeiſtliche aber, der ſein Nachtquartier in Nidda gehabt hatte, begann am Morgen ſein Geſchäft in Oberwiddersheim, hielt dann zu Geisnidda, das er auf ſeinem Wege ohnehin berührte, einen eignen Send ¹⁰) und that gegen Abend das Gleiche zu Dauernheim, wo er auch die ſonſt getrennte Pfarrei Leidhecken zuzog, weil er ſich am andern Morgen wieder rechts nach Echzell wendete. Zu Echzell mußten auch die Pfarreien von Reichelsheim und Grinten⸗Schwalheim ſich einfinden, bei welchen die Anweiſung durchaus kein Filialverhältniß erwähnt; hierauf zog der Send nach eingenommenem Mittagsmahle nach Södel und endigte wieder ſein Tagewerk zu Melbach, wohin auch das uralte Beienheim und Wiſſelsheim beſchieden wurden. Erwägt man nun den Inhalt einer ſolchen Tageswanderung auf noch übelgebahnten Wegen, die oft zwei bis drei Sitzungen an verſchiedenen Orten in ſich ſchloß, ſo wird der Schluß nahe liegen, daß neben dem Einſammeln der Gefälle und neben den Mahlzeiten für das eigentliche Sittengericht des Sendes über zahlreiche Gemeinden nicht viel Zeit übrig ⁵)„Nos Wol. de Grumbach, Archidiaconus Herbipolensis. Presenti scripto constare volumus universis, quod, cum secunda feria post festum Sti. Martini proximum in Sede synodali Osterburcheim per officialem nostrum et sacerdotes ad eandem sedem pertinentes sancta synodus celebraretur etc.“ Gudenus III. 736. ⁶)„Considerent et denuntient loca sibi et populo convenientia, et illuc presbyteri, quotquot possibilitas et moderatio providerit, plebes suas adducant, et ibidem Episcopi praedicent, confirment et populi errata inquirant et corrigant. Etc.“ Baluzii Capitul. reg. Franc. T. II. p. 23. ²) Würdtwein III. 6 ff. ³)„In Duernheim.... Item illac pertinet ad synodum eecclesia parochialis in Leitekin, que habet proprium plebanum.“ Würdtw. III. 95. *) Schannat Hist. Fuld., Cod. Prob. Nr. 88. ¹⁰) Würdtw. III. 12 u. 95. Die ehemalige Filialität galt alſo hier nicht. bleiben konnte und daß es bei der Wahl der Sendorte mehr auf bequeme Richtung des Weges und gutes Quartier, als auf das Princip wirklich filialer Zugehörigkeit ankommen mochte. Daß hierbei dennoch urſprünglich zuſammengehörende Pfarreien oft genug auch zuſammen im Send behandelt wurden, iſt natürlich; denn Zuſammengehörendes liegt in der Regel auch nahe zuſammen. Unbedingte Rückſchlüſſe aber laſſen ſich auf ſolche Sendordnungen nicht bauen. Für den Sendbezirk des Archidiaconats von St. Stephan liegt uns nun zwar kein förmliches Itinerar vor, wie für die Wetterau, die Reihenfolge der sedes im Hebregiſter aber verlauft ganz an dem Faden eines ſolchen. Der Grundſatz der Wahl bequemer Orte leuchtet überall durch, nur daß wir nicht beſtimmen können, welche sedes einen ganzen Tag in Anſpruch nahmen und welche andre, wie verſchiedene in der Wetterau, etwa nur im Vorbeigehen abgethan wurden. Der Official von Amöneburg begann ſein Geſchäft an dieſem Orte ſelbſt, begab ſich dann nach Neuſtadt(zweite sedes), Treiſa(dritte), Heidelbach(vierte), Alsfeld(fünfte), Kirtorf(ſechſte), Ofleiden(ſiebente sedes) u. ſ. w. Treiſa und Alsfeld waren ohne Zweifel Nachtquartiere; von Treiſa nach Alsfeld iſt aber für einen ununterbrochenen Marſch ein weiter Weg, und Heidelbach lag mithin als ganz bequemer Haltpunkt dazwiſchen. Kirtorf kann den dritten, Ofleiden den vierten Tag der Wanderung ausgefüllt haben, um dann Niederohmen, Londorf, Winnerod und die übrigen sedes folgen zu laſſen. Unter den an Alsfeld gränzenden sedes umfaßte die von Heidelbach nur eine einzige Pfarrei, die von Kirtorf aber wenigſtens vier, wahrſcheinlich aber ſogar fünf bereits beſtehende Kirchſpiele(Kirtorf ſelbſt, Obergleen, Billertshauſen⸗Gedörn, Oberrod⸗Romrod und, aus allem zu ſchließen, auch Ruhlkirchen). Was nun die alsfeldiſche sedes ſelbſt anbelangt, ſo dürfen wir, unſeren obigen Ausführungen zufolge, weder aus der Nennung der ihr zugewieſenen Orte an ſich ſchon auf ein Filialverhältniß derſelben ſchließen, noch auch in dem Hebregiſter eine vollſtändige Aufzählung aller ihrer wirklichen Filiale vorausſetzen. Das Regiſter nennt aber 11): Homburg prope Aldenburg(Kleinhomberg, ſonſt auch Homberg minus und Wenigen⸗Homberg genannt, jetzt Wüſtung), Hoenberg majus(Großhomberg, gleichfalls Wüſtung, im Walde Homberg) ¹²), Lusselae(Leußel), Heygenrade etzt Felddiſtrict Hegerod, bei dem Hellhofe) 1³), Yffe(Eifa), Swabenrade(Schwabenrod) und Hoppengarten inferius(Wüſtung Niederhopfgarten zwiſchen Hopfgarten und Altenburg) ¹⁴). Dagegen kommen im Regiſter gar nicht vor die in der Nähe der Stadt gelegenen Orte Altenburg, Reibertenrod und Leidenrod oder Ludenrod(etwa zwiſchen Alsfeld und Hopfgarten, wo jetzt noch der Leidenröder Kopf genannt wird) ¹⁵); Dirsrod ljetzt das Dirsröder Feld an dem Wege nach Zell) verbirgt ſich vielleicht hinter dem im Regiſter genannten Dorstat, dem man ſonſt gar keine, Stelle anweiſen kann 1¹⁶). Es iſt nichts gewiſſer, als daß in alter Zeit nicht nur Reibertenrod, von dem dieſes auch jetzt noch gilt, ſondern auch Altenburg und Leußel zur Pfarrei Alsfeld gehört haben. Selbſt nachdem für die ¹1¹) Würdtw. III. 271. ¹²) Nicht Homberg an der Ohm, wofür Nebel es nimmt, weil dieſe Stadt ſonſt in keinem„Decanatsregiſter“ vor⸗ komme. Arch. f. Heſſ. Geſch. Bd. IV. Heft II u. III. Nr. 7. S. 3. 1¹3) Nicht Reibertenrod, wofür Schmidt und Nebel es halten. ¹4) S. Wagner, Wüſtungen S. 27. ¹5) Ebendaſ. S. 21. ¹6) Dirsrod kommt in Urkunden und Aeten öfters vor. Im Salbuche von 1574 heißt es fol. S1:„gartten am Dierßroder wege.“ 1379 trug Wypode von Dyrßrode ſeinen Hof dem Landgrafen Hermann zum Lehen auf. Er nennt ihn„mynen hob zu Tyrſrode mit allir ſiner tzugehorunge vnd anders alles, das ich han vor Alffelt liggende.“(Baur, Heſſ. Urk. S. 746). Wagner ſcheint dieſes Dirsrode nicht gekannt zu haben(er erwähnt es nicht in ſeinem gründlichen Werke über die Wüſtungen); ſonſt würde er wahrſcheinlich dieſem Orte das Meiſte von demjenigen beigelegt haben, was er auf ein anderes Dirsrod bei Maulbach bezieht. 3. beiden letzteren Dörfer eigne Pfarreien errichtet waren, hatte Altenburg noch lange Antheil an dem Kirchhofe von Alsfeld, und Leußel hat den ſeinigen noch heute nicht aufgegeben. Eifa und Schwabenrod zählen alte Nachrichten ebenfalls zur Kirche von Alsfeld ¹⁷), und bei allen übrigen genannten Orten, vielleicht mit Ausnahme von Niederhopfgarten, iſt ihre Zugehörigkeit theils ſchon ihrer Nähe wegen wahrſcheinlich, theils weil ſie niemals als ſelbſtſtändig, oder auch als außerhalb Alsfeld eingepfarrt erſcheinen. Das benachbarte Eudorf gehörte zum Archidiaconat St. Peter zu Fritzlar. Hiermit fällt alſo aller Wahrſcheinlichkeit nach die Pfarrei Alsfeld, wie die von Heidelbach, ganz mit dem Umfang der sedes des Regiſters zuſammen, zwei einzelne Fälle, die demjenigen, was oben gegen Schmidt's Verallgemeinerung geſagt worden iſt, keinen Eintrag thun können und die ſchon durch die nächſte sedes Kirtorf vollkommen wieder aufgewogen werden. Wenck'’s Anſicht aber, daß man aus dem Umfang der sedes als Decanate zurückſchließen müſſe, um den der alten Centen zu gewinnen, findet an Alsfeld vollends gar keinen Anhalt. Dieſe Stadt hat nie einen Decan, ſondern immer nur einen Pleban oder Rector der Pfarrkirche gehabt, und der ihr zugewieſene Character als sedes reicht überdieß lange nicht in die Zeit der noch beſtehenden Gauverfaſſung hinauf. Hierbei noch eine gelegentliche Bemerkung. Wenn es auch als gebotener Nothbehelf nicht umgangen werden kann, die alten Gaugränzen vornehmlich nach dem Zuge der kirchlichen aufzuſuchen, ſo wird doch auch hierfür die Wahrnehmung einige Vorſicht empfehlen, daß es wenigſtens im ſpäteren Mittelalter Fälle gegeben hat, in welchen kirchliche und politiſche Gränzen ſich durchaus nicht um einander kümmerten, und wo alſo die Frage offen bleibt, ob hierbei überhaupt eine Abweichung vom Urſprünglichen vorliege und — im Bejahungsfalle— von welcher Seite her dieſelbe gekommen ſei. Auf dem Hougk(Hügel) vor dem Oberthor von Alsfeld befand ſich unter einer Linde die Stätte des nach dieſem Orte benannten Hougirgerichts, das im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert mehrfach genannt wird. Es war nicht für die Stadt ſelbſt, die vielmehr ihr eignes Gericht innerhalb der Mauern hatte, ſondern für einen Landbezirk beſtimmt. Zu ſeinem Sprengel gehörten ¹s) Schwabenrod, Reibertenrod, Groß⸗ und Klein⸗ Homberg, Eifa, Nieder⸗ und Ober⸗Hopfgarten(diesſeits des Waſſers),— bis hierher Ortſchaften, die auch zur Pfarrei Alsfeld und folglich zum Archidiaconat St. Stephan gehörten;— dann aber außer dem unbekannten Ingelbrachterod auch noch Eudorf, Elbenrod und Hattendorf, drei Dörfer, welche zum Archidiaconat St. Peter zu Fritzlar zählten. Die kirchliche Gränze durchſchnitt hier alſo den Gerichtsbezirk. Es fragt ſich nun: war dieſer Gerichtsbezirk älter? oder war es der Zug jener Gränze? VI. Aelteſte Verfaſſung. Stände. Indem wir daran gehen, von der älteſten Verfaſſung Alsfeld's und ihrer weiteren Entwicklung zu reden, fühlen wir die Unmöglichkeit, ein vollſtändiges Bild zu geben. Die Urkunden bieten hierfür zu ¹7) Status ecclesiasticus der Stadt Alsfeld, aufgeſtellt 1742 von Balth. Wilh. Haberkorn, Inſpector und Pastor primarius.(Manuſcript im Pfarrarchiv zu Alsfeld).— Folgende ſehr ſehlerhafte Verſe laſſen wenigſtens die zu einer gewiſſen Zeit beſtehenden Filialcapellen und ihre Schutzheiligen erkennen: Ut soli stelle subsunt simul ista Capelle Alsfeld Walburge virginis ecclesie: Martinum villa Swabenrod continet illa, Antonius ville Lussela superest pius ille, Barbara castrensis in Altenburg porrigit ensis, Et Magdalena dat in Yffen cornua plena. ¹8) Nach einer Aufzeichnung im ziegenhainer Repertorium, das ich nur aus Wagner, Wüſtungen S. 12, kenne. 19 wenige Anhaltspunkte, und wir werden uns hüten, die vorhandenen Lücken ohne Weiteres aus demjenigen auszufüllen, was entweder in dem Einzelleben anderer Städte wirklich hervorgetreten iſt, oder was, trotz der unendlichen Mannichfaltigkeit der Erſcheinungen, eine noch lange nicht auf feſtem Boden ſtehende hiſtoriſche Doctrin nun einmal als allgemeinen und maaßgebenden Typus hat annehmen wollen. Die nothwendige Beziehung einer geſchichtlichen Monographie auf das Allgemeine beſteht, ſoviel ich ſehe, nicht darin, daß ſie aus dieſem ihren eignen Stoff zu einem vollſtändigen Gemälde ergänze, ſondern umgekehrt, daß ſie dem Allgemeinen, wenn auch nur bruchſtückweiſe, ſicheren Stoff zuführe zur Beſtätigung, Berichtigung oder Ergänzung. Hiermit iſt aber die vergleichende Beachtung der Erſcheinungen in anderen Städten nicht ausgeſchloſſen; vielmehr läßt vielfach nur durch ſie die eigentliche Bedeutung des Einzelnen ſich feſtſtellen, und das ſo gewonnene Licht fällt dann oft auch um ſo heller wieder auf das Allgemeine zurück. An der Spitze der Stadt Alsfeld ſtand eine obrigkeitliche Perſon, welche in den lateiniſchen Urkunden des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts bald villicus, bald scoltetus oder sculthetus, bald officiatus, einmal auch advocatus genannt wird. Dieſe Benennungen laufen ohne ſachliche und zeitliche Scheidung bunt durch einander; ſie ſcheinen lediglich auf der Willkür des Schriftführers zu beruhen. So erſcheint im Jahre 1231 ein villicus, 1259 ein scoltetus, 1260 wieder ein villicus, etwas ſpäter ein scultetus, 1270 abermals ein villicus, 1272 und dann oft ein scultetus, 1305 ein officiatus, 1308 ein advocatus, 1356 wieder ein scultetus u. ſ. w. t). Daß wir bei allen dieſen Bezeichnungen nur an das Schultheißenamt zu denken haben, ergibt ſich theils aus den alsfeldiſchen Urkunden ſelbſt, theils aus der Geltung dieſer Namen in anderen Städten Heſſens und im übrigen Deutſchland. Die Identität des villicus und scultetus erhellt erſtens daraus, daß ein Giſo, der in einer Urkunde von 1259 scoltetus de Alisfelt heißt, in einer andern des nächſtfolgenden Jahres villicus de Ailesvelt genannt wird. Auch in Frankfurt kommt der Schultheiß zuweilen als villicus vor ²), und die im J. 1413 erneuerten Statuten der Stadt Kaſſel ſetzen da, wo im Texte der älteren der villicus ſteht, ohne Weiteres den scultetus ³). Ferner iſt auch an der Einerleiheit des scultetus und des officiatus nicht zu zweifeln; denn ein Eberwinus miles de Elkerhusen, officiatus in Alsvelt, ſteht bei einem richterlichen Vergleiche von 1305 ganz an der Stelle des Schultheißen unmittelbar vor den Schöffen ⁴), und in einem anderen gerichtlichen Actenſtücke von 1356 nennt ſich der Gerichtsvorſitzer ſelbſt scultetus sive officiatus 5). Merkwürdig aber iſt, daß in einer Urkunde von 1308 neben oder über dem officiatus auch noch ein advocatus vorkommt. Unter den Zeugen daſelbſt befindet ſich nämlich auch ein Jordanus officiatus Ludewici advocati in Alsfeldia dicti de Romerade ⁶). Bei der ſehr allgemeinen und dehnbaren Bedeutung der Ausdrücke officiatus(Beamter) und advocatus(Vogt) wird es nicht zu gewagt erſcheinen, wenn wir hier mit Kopp in dem advocatus den eigentlichen Schultheißen, in dem officiatus aber deſſen Stellvertreter oder den Unterſchultheißen zu erkennen glauben. Der Name advocatus kommt ¹) S. für 1231 Kopp, Heſſ. Gerichte I. 297, f. 1259 Kuchenb. XI. 143, f. 1260 Guden. I, 676, f. 1263 Beurk. Nachr. v. Schiffenb. II. Beil. S. 60, f. 1270 Baur, Heſſ. Urk. S. 96, f. 1272 Entdeckter Ungrund ꝛc. Beil. Docum. 76°, f. 1305 Wenck II. Urk. Bd. 257, f. 1308 Kuchenb. XI. 175, f. 1356 Guden. III. 408. *) Römer⸗Büchner, Entwickelung der Stadtverfaſſung und die Bürgervereine der Stadt Frankfurt a. M. S. 11. ³) Kopp, Heſſ. Gerichte I. 326. ⁴) Wenck II. U. B. 257. ⁵) Guden. III. 408. ) Kuchenb. XI. 175. 3* 20 in Heſſen für Gerichtsbeamte in weiteren oder engeren Bezirken öfters vor, ſowie auch das Daſein von Vice⸗ oder Unterſchultheißen keinem Zweifel unterliegt. In jenem Documente iſt nun der advocatus durch den Zuſatz„in Alsfeldia“ hinlänglich bezeichnet, und dieſes alles kann nur auf das Schultheißenamt paſſen, da von ſolchen Vögten, wie ſie ſich in biſchöflichen oder königlichen Städten finden, in der Territorialſtadt Alsfeld keine Rede iſt ⁰). Der Schultheiß war, wie anderwärts ³), ſo auch in Alsfeld, landesherrlicher Beamter und wurde mithin auch vom Landgrafen ernannt. Aus den älteſten Zeiten habe ich zwar hierfür kein directes Zeugniß, für das fünfzehnte Jahrhundert aber ſteht es ſicher ³) Manche Schultheißen finden wir mehrere Jahre hinter einander, oder doch nach kurzen Zwiſchen⸗ räumen in ihrer Amtswürde aufgeführt; auf Lebensdauer aber erfolgte, wenigſtens in der erſten Zeit, die Ernennung nicht, denn es findet ſich, daß ein Konrad Husmann, welcher 1264 Schultheiß war, im J. 1270 wieder nur Schöffe iſt. Anders war es ſpäter. Ein Beiſpiel hierfür gibt uns Eghard Leymbach, der von Ludwig I 1415 auf Lebenszeit ernannt wurde ¹⁰). Mit und unter dem Schultheißen wirkten die Schöffen(scabini). Ihre Zahl tritt in der älteſten Zeit nirgends beſtimmt hervor, da die Zeugenbenennungen gewöhnlich nur einen Theil der Geſammtheit namhaft machen. Doch laſſen ſich aus einer Urkunde von 1270 mit Sicherheit wenigſtens zwölf Schöffen herauserkennen ¹¹); möglicherweiſe ſind es aber auch vierzehn. Der im Eingang des Documentes genannte Villicus iſt in keiner dieſer Zahlen mitbegriffen. Jedenfalls macht ſich hierin inſofern ein Unterſchied gegen andere heſſiſche Städte bemerklich, als ſonſt in der gewöhnlichen Zwölfzahl auch der Schultheiß enthalten zu ſein pflegt 12). Daß aber das Jahr 1429 zu Alsfeld nur zwölf Schöffen vorfand, ſteht urkundlich feſt, und eben ſo, daß von da an aus der Mitte dieſer Zwölf der Bürgermeiſter genommen wurde. Die Schöffen ſcheinen auch ſchon vor dem Korebrief von 1429, der wenigſtens für die Folgezeit dieſes ganz deutlich beſtimmt, auf Lebensdauer beſtellt worden zu ſein. Dafür ſpricht die Erſcheinung, daß in den Urkunden, beſonders des dreizehnten Jahrhunderts, dieſelben Schöffennamen oft eine ganze Reihe von Jahren hindurch ſtändig wiederkehren. So erſcheint Rudolph von Ohmes von 1259 bis 1270, Sifrid Schaufuß von 1266 bis 1278, Nikolaus Schaufuß von 1290 bis 1340, Ludwig Elſäſſer von 1270 bis 1285, Konrad Pfannkuche von 1270 bis 1305, Hartmud Kaſtelan von 1285 bis 1305. Kleinere heſſiſche Städte, wie Wolfhagen und Allendorf an der Lumda, hatten auch wohl einjährige Schöffen ¹³). Die Frage, von wem zu Alsfeld die Beſtellung der Schöffen ausging, läßt ſich nicht mit voller Sicherheit beantworten. In den deutſchen Städten herrſchte in dieſem Punkte große Verſchiedenheit. An dem einen Orte ernannte ſie der Schultheiß ¹⁴), an einem anderen galt die Selbſtergänzung ⁷) Selbſt in biſchöflichen Städten kam die Vertauſchung des Namens vor. So in Köln: Advocatus noster, qui in eodem privilegio Scoltetus archiepiscopi Coloniensis nominabatur. Walter, Deutſche Rechtsgeſchichte I. 228. 8) 1260.„Sophia, Lantgravia etc..... in presentia.... Heinrici dicti Kirchwedel, nostri scultheti(in Frankenberg).“ Hiſtor. Nachricht des deutſchen Hauſes in Marburg. Beil. S. 7. ⁰) 1415. Ernennung des Eghard Leymbach durch Ludwig den Friedſamen, Orig. im St. A. ¹1⁰) S. die vorhergehende Note. 1¹) Baur, Heſſ. Urk. S. 96. ¹²) In Marburg 1280 elf Schöffen. Hiſt. Nachr. v. teutſchen Hauſe. Beil. S. 33. ¹3) Kopp I. 332 u. Beil. S. 157. ¹¹)„Scultetus habet instituere scabinos.“ Du Fresne, v. Scultetus. 21 (Cooptation), an einem dritten, wie z. B. in Allendorf an der Lumda, das Wahlrecht der Bürgerſchaft. In Grünberg und Frankenberg vollzogen die Schöffen bei Todesfällen die Ergänzung ihres Collegiums ſelbſt; die Einmiſchung des Schultheißen wurde einſt zu Frankenberg als eine Neuerung zurückgewieſen ¹⁵). Wenn wir nun auch für Alsfeld, und zwar ſchon für die früheren Zeiten, die Cooptation annehmen, ſo ſtimmen hierfür außer der Analogie auch die nachfolgenden Erſcheinungen. Als Burg hatte Alsfeld endlich auch ſeine Burgmannen(castrenses, milites), und zwar in recht anſehnlicher Zahl. Eine Urkunde von 1259 führt ihrer neun mit Namen auf und ſetzt dann noch ein„et ceteri“ hinzu ¹6). In der alsfeldiſchen Burgmannſchaft dienten Glieder der adeligen Familien von Romrod, Liederbach, Linden, Aula(Owela), Storndorf, Genſingen, Ehringshauſen, Ruckershauſen, Elkerhauſen, Vincke oder Finke, Wickenborn, Zopff, Kule ¹¹); ſeit 1353 zeigen ſich auch die von Schlitz (Slitese) ¹⁸), ſeit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Schaufuße und Rotzmule, im ſechzehnten Jahrhundert endlich die von Gilſa. Nicht ganz ſo beſtimmt läßt ſich erkennen, ob die ebenfalls als milites aufgeführten Sifrid von Altenburg, Heinrich von Udorf(Eudorf), Konrad genannt Kezilrinch und Ludwig Waltfogel gerade in Alsfeld ihre Burgdienſte geleiſtet haben. Ein Ludwig Waltfogel war 1271 Truchſeß des Grafen von Ziegenhain, ein Johann Waltfogel 1382 Burgmann zu Altenburg. Die Burglehen waren ohne Zweifel, wie auch anderwärts, ſämmtlich erblich. Ueber ihre Objecte ſind leider nur ſpärliche Nachrichten da. Es läßt ſich auch nicht füglich eines nach dem andern bemeſſen. Den Brüdern Kaspar und Georg Schaufuß gab Landgraf Wilhelm 1501 als Burglehen einen halben Zehnten auf dem Rodenberg, ſechs Pfund Geldes alsfeldiſcher Währung auf einen Garten vor dem Hersfelderthore und den kleinen Zehnten zu Eudorf ¹⁸). In früheren Zeiten begehrte der benach⸗ barte Landadel vielleicht nicht viel über einen beſcheidenen Burgſitz(mansio) in der Stadt und gewiſſe Immunitäten hinaus; wenigſtens konnte er ſchon ein eignes Intereſſe haben, ſich an der Vertheidigung der zur befeſtigten Stadt erweiterten Burg zu betheiligen, die auch ihm in Nothfällen eine Zuflucht bot ²⁰). Vielleicht rührte aber auch mancher Burgdienſt aus urſprünglichen Miniſterialitätsverhältniſſen her. Fragen wir nun weiter nach dem durch Geſetz oder Herkommen geforderten Geburtsſtande des Schultheißen, der Schöffen und der Burgmannen, ſo tritt uns zuerſt Kopp mit der Behauptung entgegen, der Schultheiß in heſſiſchen Städten ſei nicht geringeren Standes als von Adel geweſen.„Denn,— ſo lautet die Begründung dieſes Satzes,— die Burgmänner, als Perſonen von Adel, hätten ſonſt nicht vor ihm belangt werden können, wenn er nicht ihnen ebenbürtig oder ihr Genoſſe geweſen wäre 2¹).⸗ Nicht weniger will Kopp auch in der Mehrzahl der Schöffen Glieder des niederen Adels erblicken, der ſich in den Städten niedergelaſſen habe; doch führt er hierbei keinen Grund an ²²). ¹⁵) Frankenberger Chronik b. Kuchenb. V. 186. 201. Die Cooptation daſelbſt beſtätigt von Heinrich II. Ebendaſ. S. 202. In Grünberg galt dasſelbe Verfahren. 1 ¹) Kuchenb. XI. 143. ¹¹) Die Namen finden ſich in den bereits angeführten Urkunden. ¹8) Winckelmann, Beſchr. der Fürſtenth. Heſſen u. Hersfeld, Thl. II. S. 202. ¹8) Urk. im Familienarchiv der Freiherrn v. Rotsmann. 2⁰) 1336 gab Heinrich II als Erbburglehn an Ludwig von Schrecksbach: aream unam in praeurbio castri nostri Alümadg ad habitationem per eosdem desuper construendam, cum orto(horto) uno ante portas dicti castri. Guden. III. 292. Sogar ein feudum oblatum findet ſich als Erbburglehen, das Zohannes v. Limpurg 1310 dem Erzbiſchof von Mainz auftrug. Guden. III. 64.. 2¹) Heſſ. Gerichte I. 327. ²²) Ebendaſ. S. 332. 22 Ich kann mich ſo wenig mit dieſen Sätzen ſelbſt, als mit den hinſichtlich des Schultheißen beige⸗ brachten Argumenten einverſtanden erklären, wenigſtens nicht für Alsfeld. Um zu ſchweigen von der einleuchtenden Unwahrſcheinlichkeit einer ſo großen Adelsanhäufung in kleineren Städten, daß ſo viele Burgmanns⸗ und Schöffenſtellen aus ihrer Mitte hätten beſetzt werden können, faſſen wir zuvörderſt nur einmal folgende einfache Thatſache in's Auge, die ſich vor dem oben erwähnten Hougirgericht begeben hat. Hier erſchienen am 10. Julius 1424 ndie ehrbaren Leute Curt von Romerod und Lotze von Orffa auf der einen, und Henne von Ruckirshuſen, geſeſſen zu Ottra, auf der andern Seiten, um ihren Eigenthumsſtreit über einen im Gerichtsbezirke gelegenen Wald, genannt die alte Dicke, gerichtlich auszufechten. Das Gericht entſchied für Curt von Romrod und deſſen Genoſſen. In dem Namen des Schultheißen Claus Große, ſowie in denjenigen der aufgezählten elf Schöffen findet ſich aber nicht der leiſeſte Anklang an irgend einen der damals vorhandenen heſſiſchen Adelsnamen; es ſind einfache Landleute, bei denen zum Theil auch der Wohnort angegeben iſt, wie Machtys von Uffe (Eifa) und Kune von Swobinrode(Schwabenrod). Eſtor, welcher die betreffende Urkunde mittheilt, macht hierbei die Bemerkung:„Observatu dignum est, nobiles Hessos de rebus suis in hoc judicium ivisse, adeoque amtsassios olim fuisse ²³).“ Wenn nun, wie hier vorliegt, vor dem mit Ackerbauern beſetzten Gerichtsſtuhle eines Landbezirks heſſiſcher Adel in Eigenthumsſachen Recht nahm und gab, wie hätte derſelbe ſich weigern können, vor einem Stadtgerichte innerhalb der einem ſolchen gezogenen Gränzen das Gleiche zu thun, auch wenn Schultheiß und Schöffen dem Bürgerſtande angehörten? Daß Kopp nur den größeren Theil der Schöffen, nicht aber alle zuſammen dem Apdel zuweiſ't, iſt mindeſtens inconſequent. Seine Vorausſetzung der nothwendigen Ebenbürtigkeit der Richter wird hiermit von ihm ſelbſt durchlöchert. Denn wenn Adelige vor einem Gericht erſcheinen konnten, das einen kleinen Bruchtheil Bürgerlicher zählte, warum dann nicht auch vor einem ſolchen, das größtentheils oder ganz aus ſolchen beſtand? Wenn aber ferner die eigentlichen Richter, die Schöffen, bürgerlichen Standes ſein konnten, warum dann nicht auch der Schultheiß, der ja gar nicht das Urtheil zu finden, ſondern nur die Verhandlungen zu leiten und den Spruch zu vollſtrecken hatte? Man iſt heute wohl ziemlich allgemein darüber einverſtanden, daß in jener Zeit, wo Alsfeld zuerſt als Stadt bekannt wird, derjenige Stand, aus welchem in Deutſchland regelmäßig die ſtädtiſchen Schöffen hervorgingen, kein andrer war als der Stand der altfreien, in der Stadt ſelbſt mit Grundeigenthum angeſeſſenen Bürger(cives im engeren Sinn, burgenses). Sie hießen deshalb’ die Schöffenbaren. Dieſer Stand, dem Landbau nicht fremd, aber ganz beſonders den eigentlich ſtädtiſchen Gewerben, das Handwerk nicht ausgeſchloſſen, zugewendet, bildete anfänglich den Kern der Einwohnerſchaft, übte mit den adeligen Burgmannen das Stadtregiment und trieb aus ſich ein Patriciat hervor, das allerdings zu dem niederen Adel jeweilig in ein gewiſſes Verhältniß der Ebenbürtigkeit trat, ohne darum ſelbſt ſchon dem Adel anzugehören. Patricier konnten zu Rittern geſchlagen, zu Hofämtern erhoben werden; es finden ſich nicht ſelten Beiſpiele, daß Ritter Patricierinnen ohne Verluſt ihrer Standesrechte und wiederum Patricier adelige Damen geheirathet haben ²⁴). Dieſen durch neuere Forſchungen gewonnenen allgemeinen Reſultaten widerſpricht die urkundliche Geſchichte Alsfeld's nicht; ſie beſtätigt vielmehr dieſelben. Die alsfeldiſchen Schöffen gehören nicht dem Adel, ſondern dem Bürgerſtande an, bis auf eine einzige Perſon, die eine Ausnahme zu machen ſcheint. Dieſe iſt Albert von Rumerode(1278) ²⁵). Das angeſehene und begüterte Adelsgeſchlecht der Romrod 28) Estor, Miscella de judiciis Hassiacis, b. Kuchenbecker III. 96. ²⁴) Arnold, Verfaſſungsgeſchichte der deutſchen Freiſtädte, Bd. II. S. 184. ²⁵) Wenck II. U. B. 213. 23 zählte öfters, und gerade zu jener Zeit, Glieder des bezeichneten Vornamens, und es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß ein Nichtadeliger, der nur aus Romrod ſtammte, durch Beilegung des Heimathsnamens dem Ritter ſich gewiſſermaßen als bürgerlichen Doppelgänger an die Seite geſtellt haben ſollte. Im Uebrigen iſt, wenn wir einen Werner von Frankfurt(1259), einen Heinrich von Dithwinesrode(1270), einen Rudolph von Amöneburg(1315) unter den alsfeldiſchen Schöffen antreffen, hierbei natürlich nicht an eine Adelsbezeichnung zu denken, ſo wenig als der in Marburg vorkommende Schöffe Ludwig von Alsfeld(1233) oder die alsfeldiſchen Bürger Wigand von Kirtdorf(1285) und Weruher von Frankenberg (1315) auf etwaige Adelsgeſchlechter derer von Alsfeld, Kirtorf und Frankenberg irgend einen Schluß erlauben. Auch die im dreizehnten Jahrhundert mehrfach uns begegnenden Schöffen Rudolph und Sifrid von Ohmes(dicti de Omesa) waren nicht adelig. Rudolph nennt ſich ausdrücklich civis in Alsfelt 26). Selbſt das hochangeſehene Geſchlecht der Schaufuß blieb Jahrhunderte lang ein bürgerliches. Von 1263 an treten uns die Schaufuß in faſt ununterbrochener Reihe als Schöffen und Bürger entgegen, und wo ſie nicht in jener erſteren Eigenſchaft bezeichnet ſind, da werden ſie cives oder oppidani oder Bürger zu Alsfeld genannt 27). Im Jahre 1395 iſt ein Contze Schaufuß Bürgermeiſter zu Alsfeld, was, wenn es nicht an dem Bisherigen genug wäre, für ſich allein ſchon keinen Zweifel an der Zugehörigkeit des Geſchlechtes zum eigentlichen Bürgerſtande übrig laſſen würde 28). So viel ſie auch im Laufe der Zeit an Gütern und Rechten erworben haben, ſo bewegen ſie ſich doch immer in demſelben Standeskreiſe, bis endlich um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts Glieder dieſes Geſchlechtes in die Reihe der Burgmannen von Alsfeld eintreten und dann im ſechzehnten auch unter dem heſſiſchen Adel aufgezählt werden. Nicht weniger heißen die ſonſt als Schöffen benannten Friedrich der Reiche, Friedrich der Lange und Hartmud Kaſtelan in andern Urkunden deutlich nur cives ²⁵). Ein Konrad Kaſtelan (1231) erſcheint als burgensis, was dasſelbe bedeutet ²⁵). Etwa gleichzeitig mit den Schaufuß wurden auch die Rotzmule(Rotsmann) Burgmannen zu Alsfeld; aber ſchon ein ganzes Jahrhundert vorher ſind ſie in dem Schöffenamte dieſer Stadt zu treffen. Andere in den Urkunden vielgenannte Namen, wie die der Rüdiger vor dem Mainzerthore, der Pfannkuche(Pancuche, Pantkoche, Placenta), der Elſäſſer u. ſ. w. wiederholen ſich zum Theil Generationen hindurch, ohne daß ihnen ein andrer Stand als eben der des Schöffenamtes oder der eines civis, burgensis oder oppidanus zugelegt wird. Einer weiteren Ausführung dürfen wir uns wohl überheben. Zu welcher Bedeutung eine ſolche bürgerliche Schöffenfamilie emporſteigen konnte, zeigt uns ganz beſonders die der ſo eben erwähnten Schaufuße ³⁰). Schon 1316 iſt ſie im Beſitze des Kirchenſatzes zu ²6) Retter, Heſſ. Nachr. III. 16. ²7) 1291: Erſt milites aufgeführt, dann Nicolaus dictus Schowefus etc.... cives(Baur, Heſſ. Urk. 877); 1295: Nicolaus dictus Scaufus et Henricus dictus Hayke cives alsveldenses(Baur, Heſſ. Urk. 210); 1314: discreto viro Nycolao dicto Schouous opidano in Alsfelt(Kuchenbecker VII. 78); 1349:„mit hern Nyclawſe Schowenfuze burgere tzu Alffelt“(Baur, H. U. 577); 1370:„daz wir mit wißen vnd willen Hern Heinriches Lantgrauen czu Heſſen Cuntzen Schauwinfuße ſyme borgere czu Alffeild.... verſaſt habin vnßn czenden geheißen uf deme Rotinberg gelegin by Alsffeild ꝛc.“(Baur, H. U. 686). ²⁸)„Contze Schoufuß burgermeiſter zu Alffelt.“ Baur, H. U. 827. ²⁰) S. die Urk. v. 1270 und 1295(Baur, Heſſ. Urk. 209 u. Arnsburger Urk. S. 78) u. 1279(Gudenus IV. 934). ²⁰) Kopp, Heſſ. Ger. I. 297. ³⁰) Der Name erſcheint in ſehr verſchiedenen Formen. Zu den bereits angeführten fügen wir noch: 1275 Scoyvuz (Kuchenb. XI. 166), 1278 Scowenvuz(Wenck II. U. B. 213), 1290 Schaufoz(Kuchenb. XI. 169), 1305 Scoubuz (Wenck II. U. B. 257), 1356 Schauenfus(Guden. III. 408), 1472 Schouffueß(Orig. im v. Rotsmann'ſchen Familien⸗ archiv). Formen aber wie Sconuz(1263, Beurk. Nachr. II. Beil. S. 60), Stowenuon(1266, Retter, Heſſ. Nachr. III. 16) und Schower(1314, Guden. III. 95) beruhen gewiß nur auf unrichtigem Leſen der Herausgeber; auch für Scorevuz (1278, Baur, H. U. 166) wird vielleicht Scovevuz oder Scouvuz zu leſen ſein. 24 Heidelbach 31¹). Zu ihren ſchon vorhandenen Gütern erwarben die Schaufuße in dem nächſten und folgenden Jahrhundert durch Darlehen, Kauf oder Heirath neuen Zuwachs an Liegenſchaften, Zehnten und Renten; manche unabgelöſete Pfandſchaft ging in Lehen oder Eigenthum über. So beſaßen ſie eignes Gut zu Friedberg, Dotzelrod und Grünberg, Lehngüter in Neukirchen, Großentafft, Ringarten, Niederjoſſa, vor dem Helferichsgrunde und an der Hune vor Hersfeld, lehnbare Zehnten oder Antheile an ſolchen zu Mersrod, Hattendorf, Eifa, Endorf, Hermannshain, Parmeshauſen, Rockelshauſen, Seibelsdorf, Elbenrod, Niederfiſchbach und Alsfeld, Renten zu Alsfeld von einem dem Landgrafen dargeliehenen Capital u. ſ. w. 32). Ihr bürgerlicher Wohlſtand bewährt ſich zugleich mit ihrem Gemeinſinn durch dasjenige, was ſie für öffentliche Anſtalten gethan haben. Happel Schaufuß ſchenkte 1380 ſein Gut zu Tudinrode, das er 1355 von Berthold Zapphe erkauft hatte, dem Frauenaltar der Pfarrkirche 36). Als 1394 der Thurm dieſer Kirche einſtürzte, ward ſofort der Bau eines neuen begonnen, der noch heute ſteht. Ueber dem Durch⸗ gangsbogen desſelben iſt das Schaufußiſche Wappen in Stein gehauen, eine Ehre, welche die Familie ohne Zweifel ihrem werkthätigen Antheil am Thurmbau, nicht dem zufälligen Umſtande verdankt, daß 1395 ein Contze Schaufuß Bürgermeiſter war. Ganz gleichzeitig ward auch die neue Pfarrkirche erbaut. In einem ihrer gemalten Fenſter prangte wiederum das Wappen dieſes Geſchlechtes, ein Hinweis auf den Stifter 34). Und wenn wir nun dasſelbe Wappen auch über dem Portal des Rathhauſes, deſſen Sockel 1512 begonnen wurde, in Verbindung mit dem heſſiſchen und dem Stadtwappen angebracht ſehen, ſo beweiſ't dieſes wohl, daß auch in jener Zeit Reichthum und Gemeinſinn der Familie noch nicht erloſchen waren. Mittlerweile aber waren Glieder derſelben auch ſchon in den Ritterſtand eingetreten. Im Jahre 1450 und weiterhin erſcheint Henne Schaufuß als Burgmann zu Alsfeld; er iſt der Gemahl Katharina's aus dem adeligen Hauſe Romrod, die ihm fuldiſche Lehen zu Neukirchen und bei Hersfeld mitbringt. Auch ſein Bruder Konrad war Burgmann(1450) ³⁵). Von Henne's Söhnen, Kaspar und Georg, gleichfalls Burgmannen, ſtieg der Letztere zur Comthurwürde des Johanniterhauſes zu Grebenau empor ³6). Kaspar war mit unter den Gliedern der heſſiſchen Ritterſchaft, die 1514 den Abſchied des Landtags von Treiſa unterſiegelten 372). Auch ſeine Söhne Melchior und Helwig, die Letzten des Mannesſtammes, der jedenfalls vor 1563 erloſchen iſt, behielten die vom Vater überkommene Burgmanns⸗ würde bei ³s), die in jener Zeit kaum noch mit einer wirklichen Dienſtleiſtung verbunden war. Die Güter des Geſchlechtes kamen durch Erbtöchter an die Familien von Gilſa, von Rehen, von Lutter, von Löwenſtein und Winold. So war ein lange Zeit nur bürgerliches Geſchlecht in den ritterſchaftlichen Adel von Heſſen übergegangen. Ihm verwandt war ein andres, das ſpäter im Range noch höher geſtiegen iſt. Es iſt das der Rotzmul(Rotsmann). Zu Alsfeld zeigt ſich dasſelbe urkundlich nicht früher, als um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts. Eine Familientradition ſagt, daß es um jene Zeit von Treiſa an der ³1¹) Schmidt I. 212. ³²) Ueber Genealogie und Beſitz der Scharfaß ſ. im Allgemeinen Wagner, Beiträge z. Geſch. erloſchener adeliger Familien, im Arch. f. Heſſ. Geſch. Bd. VII. S. 477 ff. Ferneren Aufſchluß geben Urkunden in dem Rathsarchive zu Alsfeld, ſowie in dem Archive der Freiherren v. Rotsmann. ³³) Urkunden über beide Acte im Rathsarchiv. ³4) Handſchriftliche Chorographie S. 61. Dieſes Fenſter wurde wahrſcheinlich bei der Beſchießung der Stadt im J. 1646 zerſtört. ³5⁵) Urkunden von 1450, 1467, 1472 und 1482 im v. Rotsm. Archiv. 3³6) Urkunden v. 1501 und 1512, ebendaſ. ³⁷) Entdeckter Ungrund ꝛc. Beil. 80. Er heißt hier Caſpar Schufut. ³8) Urk. von 1549 im v. Rotsm. Arch. 25 Schwalm, wo es das Schöffenamt bekleidete, eingewandert ſei. Ich finde jedoch eine Spur, die vielmehr auf Fulda hinweiſ't; denn aus dieſer Stadt wurden 1341 etliche Bürger vertrieben, unter welchen auch ein Konrad Rotzmul war ³³⁹). Wir treffen dieſen Namen ſogleich in Alsfeld wieder. Im Jahre 1351 beurkundete nämlich die Stadt Alsfeld, daß Happel Schaufuß, Friedebracht von Saſſen und Hille Rotzmulen, als Erben des Schöffen Nikolaus Schaufuß, ein Drittel des Zehnten zu Rockelshauſen und Seibelsdorf, den Zehnten zu Eifa, einen halben Zehnten zu Hermannshain, den ganzen zu Mersrod und wiederum den halben zu Parmeshauſen von Ziegenhain zu Lehen trügen ⁴⁰). Die genannte Hille, geborene Schaufuß, war die Gattin eines Konrad Rotzmul, des erſten dieſes Namens, den wir zu Alsfeld kennen lernen, und der allem Anſchein nach einer und derſelbe mit jenem aus Fulda vertriebenen Bürger iſt. Das ganerbſchaftliche Verhältniß, das ſich bezüglich dieſer Lehnsobjecte zwiſchen den Schaufußen und Rotzmulen gebildet hatte, dauerte fort, und die Letzteren wurden bei den nachfolgenden Lehnserneuerungen ſtets mitbelehnt 4¹). Sie erwarben aber auch noch weiteren Beſitz: ſo 1356 einen Garten am Silberbühel, dem jetzigen Frauenberg 4²), und 1365 die Steinmühle an der Eifa(Hellmühle) ⁴³). Bei der letzteren Gelegenheit wird Konrad in der Urkunde Schöffe von Alsfeld genannt. Etwas ſpäter thut ſich ein Sibold Rotzmul, Pfarrer zu Homberg und Caplan Heinrich's des Eiſernen, durch verſchiedene Stiftungen hervor. In der Stadtkirche zu Alsfeld dotirte er 1371 einen Altar und ſtiftete zwei Beneficien zur Ausbildung und Unterhaltung der Altariſten 44), und in demſelben Jahre noch ſchenkte er auch in Gemeinſchaft mit dem Pfarrer Stephanus(Stebin) der Fabrik der Kirche ein für die damalige Zeit ſehr koſtbares Buch ⁵). Es iſt ein ſehr ſauber zu Paris geſchriebener und mit goldenen Initialen gezierter Pergamentcodex in ſechs Folianten, der die Poſtillen des Nikolaus de Lyra enthält. Noch 1380 hat dieſer Sibold gelebt; denn wir finden ihn in dieſem Jahre bei dem Ankaufe eines Baumgartens vor dem Fulderthore betheiligt 46). Wir übergehen andre Glieder der Familie aus jener Zeit, deren wir noch verſchiedene nennen könnten, und erwähnen nur, daß uns 1383 wieder ein Berthold Rotzmul als Schöffe von Alsfeld begegnet 4¹), in welchem Amte ihm auch noch andere nachfolgen. Im Jahre 1450 aber zählen die Brüder Henne und Albrecht Rotzmul zu den Burgmannen von Alsfeld ⁴⁸), während ihr Verwandter Contz Rotzmule noch 1489 das reinbürgerliche Amt eines Bürgermeiſters ſeiner Vaterſtadt bekleidet*). Ein jüngerer Henne, in der Urkunde genannt Johann Raitzmaul, erhielt zu ſeinem alsfeldiſchen Burglehn auch noch ein Riedeſeliſches auf der Vorburg der Altenburg, von welchem noch 1685 eine Erneuerung zu finden iſt 50). Im Jahre 1542 nennt Lauze einen Kaspar Raetzmaul als Mitglied der heſſiſchen Ritterſchaft 61). Mit der Stadt hatten indeſſen die Rotzmule oder Rathsmann, ³) Am 27. Jun. 1341 verbot Ludwig der Baier, die aus Fulda vertriebenen Bürger zu unterſtützen:„Um die burger von Fulde Fridrich Steueni, Chunrad Rotzmul, Heilwigen Frieſen, Gotzen Tuchſtein und ander ir geſellen, die von Fuld us der ſtat vertriben ſind von kriges und mizzelung wegen u. ſ. w.“ Zeitſchr. des Vereins f. Heſſ. Geſch. u. Landesk. Bd. V. Heft 1, S. 63. ⁴⁰) Wagner, Wüſtungen S. 72, wo auf das Ziegenh. Repertorium lit. verwieſen iſt. 4¹) Urkunden im v. Rotsm. Arch. 1 4²) Guden. III. 408. ⁴³) Urk. im Rathsarch. z. Alsf. 44) Guden. III. 499. ⁴⁵) Schenkungsurkunde im Rathsarchiv(Original). 4⁶) Urk. im Rathsarchiv(Orig.). 4)„... dem Beſcheidin Bertulden Rutzmul ſcheffin czu Alffeld.“(Baur, H. U. 769) ⁴8) Urt. im v. Rotsm. Arch. ⁴⁹) Retter, Heſſ. Nachr. I. 35. ⁵⁰) Eſtor, Kleine Schriften III. 340. 51) Heſſ. Chronik, II. 1. 507. 26 wie ſie ſich jetzt auch zu ſchreiben anfingen ⁵5²), noch manchen Streit über die ihnen angemutheten bürgerlichen Leiſtungen, bis ſie dieſe nach einer Entſcheidung der Regierung von 1569 für vierzig Gulden ablöſeten 54). Dem Landgrafen gegenüber galt aber weder ihr Wohnhaus zu Alsfeld für gefreit und dem Ritterſtock angehörig ⁵⁴), noch hatten ihre Höfe zu Eudorf und Dotzelrod eine andere als allodiale Eigenſchaft und waren folglich dem Landesherrn, wie dieſes auch anderen Unterthanen oblag, mit Folge, Heerzug und Steuer zu dienen verbunden ⁵⁵). Die Familie iſt bekanntlich ſpäter in den Freiherrnſtand erhoben worden. Um einen weiteren Beweis zu geben, wie zu Alsfeld ſchon ſehr frühzeitig das altfreie ſchöffenbare Bürgerthum ſich ſelbſt bis zu gegenſeitigen Heirathen dem niederen Adel nahe ſtellte, erwähne ich hier zuletzt noch eines Schöffen, der in einer Urkunde von 1278 Fridericus maritus do minae Hazzechen genannt iſt 56). Er iſt wohl derſelbe, der in einem anderen Documente desſelben Jahres in abgekürzter Form als Fridericus Hazeche ⁵⁷) und ſchon vorher als Fredericus Hasceken 58) und Fredericus Hatzike ⁵⁹) vorkommt. Der bürgerliche Schöffe nahm alſo den Namen, der ihn von anderen Friedrichen(Longus, Dives, Juvenis) unterſcheiden ſollte, von ſeiner adeligen Gattin her; hätte er für ſich ſelbſt eine ritterliche oder adelige Eigenſchaft aufzuweiſen gehabt, ſo lag es ja weit näher, ſich nach dieſer zu bezeichnen. Wenn nun aus dem Vorhergehenden auch für Alsfeld ſich als feſtſtehende Regel ergibt, daß das Schöffenthum ganz eigentlich dem Stande der Burgenſen angehörte, ſo läßt ſich auf dieſer Grundlage auch weiter die Frage entſcheiden, ob der Schultheiß in den Städten, wie Kopp annimmt, immer nur aus dem Adel genommen worden ſei, oder ob auch Burgenſen zu dieſer Würde haben gelangen können. Von den in den Urkunden genannten Schultheißen des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts ſind entſchieden adeligen Standes: Baldemar(1231), Nodung(1290, 1291 und 1295), Eberwin von Elkerhuſen(1305), Ludwig von Romrod(1308) und Widekind Vincke(1326) ⁶⁰); ihnen allen iſt das Prädicat miles ausdrücklich beigelegt. Zweifelhaft, weil ohne weitere Standesmerkmale, ſind Giſo (1259), Heinrich von Landenhuſen(1270), Stade(1278) und Jordan(1308) 6¹). Der Name des erſten, als ein bloßer Vorname, gibt ſchlechthin keinen Anhaltspunkt; bei den drei andern neigt ſich die Wage doch eher auf die Seite des bürgerlichen Standes, denn Adelsfamilien jener Namen kennt die heſſiſche Geſchichte zu keiner Zeit. Es bleiben noch Konrad Husmann und Richwin. Erſterer iſt 1264 Schultheiß, aber 1270 neben einem Nikolaus Husmann nur Schöffe ²). Richwin wird öfter genannt: *²) Umſchrift eines Leichenſteines unter der äußeren Halle der Pfarrkirche:„Anno 1572 den 1. Januarüi iſt der edle und ehrnveſte Stamm Rathsmann in Gott verſchieden.“ Chorographie S. 52. 5³) Orig. v. 29. Jul. 1569 im Rathsarchiv. 5⁴) Urk. v. 1577 im Rathsarchiv(Unzünftige Schneider ſollen ſich nicht in das mit keiner Burgfreiheit verſehene Haus der Wittwe Stamm Rotzmannss einſchleichen. Befehl der Regierung zu Marburg). Urk. v. 1677 im Staatsarchiv (das Haus iſt nicht in den Ritterſtock gehörig). 5⁵) Salbuch der St. Alsfeld von 1574 fol. 217 und 526. 56) Baur, Heſſ. Urk. S. 166. ³1) Wenck II. U. B. 213. 5⁸) Kuchenbecker XI. 152(1264). 5³) Baur, H. U. 96(1270). ³⁰) Für Baldemar ſ. Kopp I. 297, für Nodung Kuchenb. XI. 169, Baur, H. U. 877 u. 209, für Elkerhuſen Wenck II. U. B. 257, für L. v. Romrod Kuchenb. XI. 175, für Vincke Guden. III. 408. 6¹) Für Giſo ſ. Kuchenb. XI. 143 u. Guden. I. 676, für Landenhuſen, Baur H. U. 96, für Stade Baur H. U. 166, für Jordan Kuchenb. XI. 175. ³²) Ueber ihn ſ. Kuchenb. XI. 151 u. Baur, Arnsb. Urk. S. 78. 27 1263 als Schultheiß, 1266 und 1270 wieder nur als Schöffe und dann 1272, 1273 und 1275 abermals als Schultheiß 68). Was folgt hieraus? Das Hervorgehen dieſer Männer aus dem Schöffenamte oder ihr Zurücktreten in dasſelbe, was bei keinem der oben genannten adeligen Schultheißen vorkommt, der Mangel eines jeden Adelsattributs, endlich der durchaus bürgerliche Klang ihrer Namen, die noch jetzt von bürgerlichen Familien in Heſſen getragen werden und von adeligen nie geführt worden ſind, laſſen meines Erachtens keinen Zweifel daran übrig, daß wir in ihnen nichts anderes als zwei Burgenſen vor uns haben. Bürgerfamilien Reichwein finden ſich im Salbuche von 1574 und noch weit ſpäter. Was endlich den Stand der Burgmannen von Alsfeld anbelangt, ſo können wir uns hierüber kurz faſſen. Wenn es bei Burgen der älteſten Zeit ſeinen guten Sinn hat, zu unterſuchen, ob der Burgdienſt ausſchließlich von unfreien Miniſterialen verſehen wurde, oder wie weit etwa auch freie Vaſallen ſich zu demſelben verpflichtet haben mögen, ſo iſt eine ſolche Unterſuchung bei Alsfeld überflüſſig. Denn um diejenige Zeit, wo ſeine Burgmannſchaft zuerſt genannt wird, hatten die Miniſteralen die letzten Reſte ihrer urſprünglichen Unfreiheit bereits abgeſtreift, genoſſen eine geehrte und bevorzugte Stellung und floſſen mit den kleineren Vaſallen in den Begriff des niederen Adels oder der Ritterſchaft zuſammen. Dieſem Stande gehören denn auch die Burgmannen von Alsfeld an. Bei den Schaufußen und Rotzmulen haben wir geſehen, daß in ihrer Vergangenheit nichts von Miniſterialität zu finden iſt.. Ich muß hierbei ein ſeltſames Verſehen Schmidt's berichtigen. Er ſagt, die Burgmannen ſeien urſprünglich Bürger genannt worden, man habe aber auch nicht ſelten anderen Perſonen vom niederen Adel, ohne daß ſie Burglehen genoſſen, eine Wohnung innerhalb einer Burg geſtattet, und auf dieſe ſei dann der Name Bürger übergegangen, der ſich ſpäter auch auf den dritten Stand ausgedehnt habe und demſelben verblieben ſei 644). Zum Beweiſe dafür beruft er ſich auf eine Urkunde von 1314 ⁶⁵), in welcher er die aufgeführten Perſonen, die zum größeren Theile adelige Namen tragen, für lauter alsfeldiſche Bürger nimmt. Aber er hat hierbei überſehen, 1) daß der dort als oppidanus bezeichnete Nikolaus Schaufuß durch nichts ſich als Glied des niederen Adels darſtellt, und 2) daß die zehn erſten Zeugen, unter welchen auch ein Johannes Riedeſel iſt, nicht als Bürger, ſondern theils als milites, theils als armigeri auftreten und nur die drei denſelben folgenden Zeugen wieder als oppidani in Alsfelt erſcheinen. Von jenen Zehn iſt nicht einmal geſagt, daß ſie in der Stadt ihre Wohnung hatten, von einigen derſelben weiß man aber anderswoher, daß ſie der wirklichen Burgmannſchaft (castrenses) von Alsfeld angehörten. Was den Stand der übrigen Bewohner anlangt, ſo könnte die Frage aufgeworfen werden, ob Alsfeld neben der eigentlichen Gemeinde freier Bürger auch noch unfreie Hinterſaſſen gehabt habe. Ich will die Spuren alter Hörigkeit nicht leugnen, die ſich in einigen Städten Heſſens, namentlich im heſſiſchen Sachſengau, finden mögen 66). Im Ganzen aber ſcheint, wenigſtens für Oberheſſen, der Grundſatz gegolten zu haben, daß in Städten die Luft frei mache. Für dieſe grundſätzliche Freiheit ſämmtlicher Stadtbewohner, und nicht für das Gegentheil, wie Senckenberg es auslegt, ſpricht auch ein ³³) S. Beurk. Nachr. v. Schiffenb. II. Beil. S. 60, Retter Heſſ. Nachr. III. 16, Baur H. U. 96, Entdeckter Ungrund Beil. Nr. 76 a, b u. c, Kuchenb. XI. 166. *4) Geſch. des Gr. Heſſen I. 155 ff. Er nennt hierbei die Burgmannen nicht bloß castrenses und castellani, ſondern auch burgenses, burgarii und cives, als ob dieſe Ausdrücke ſämmtlich eine und dieſelbe Sache bezeichneten. 65) Kuchenb. VII. 78. ³⁶) Falckenheiner, Urkundliche Beiträge des germaniſchen Rechtes, namentlich im heſſiſchen Sachſengau,— in der Zeitſchr. für Heſſ. Geſch. u. Landeskunde, Bd. II. S. 107 ff. 4* 28 Document, worin Heinrich II die gegenwärtigen und künftig noch zuziehenden Bewohner von Allendorf an der Lumda,— er nennt ſie bereits Bürger,— von dem Beſthaupt und dem Faſtnachtszinſe losſpricht. Dieſe Befreiung fand in demſelben Zeitpunkte Statt, wo Heinrich den bisherigen Flecken mit Mauern umgab und zur Stadt umſchuf ⁶7). Auch muß dieſem Grundſatze durch keine ſpätere Uebung oder Erinnerung widerſprochen worden ſein; ſonſt hätte Johannes Emerich von Frankenberg nicht füglich ſchreiben können:„Wo ein frommer Mann kommet in die Schloſſe und Städte des Fürſtenthums zu Heſſen, der iſt frei von ſeinem eignen nachfolgenden Herrn, es wäre denn, daß er wieder auszöge bei ſeinen Lebetagen, ſo wäre er wieder eigen wie vor. Aber bleibet er ſein Leben lang in der Stadt wohnhaftig, ſo ſind und bleiben alle ſeine Kinder frei, die er in der Stadt zeuget 68). Für Alsfeld ſcheint dieſes auch ganz und gar gegolten zu haben. In der Stadt ſelbſt wenigſtens habe ich nirgends eine Spur von Merkmalen der Hörigkeit, wie Beſthaupt, Faſtnachtshühner oder Heirathszwang, angetroffen. Im Landbezirke aber kommen allerdings Unfreie vor. Dieß ſind die ohne Zweifel im Sprengel des Hougirgerichtes ſeßhaften Weſtirſchellen, welche Wigand von Buchenau ſammt Beden, Gefällen und allem Nutzen 1362 von den Landgrafen Heinrich und Otto für 300 kleine Gulden und 300 Pfund Heller erkaufte 69). Name, Wohnort und Urſprung dieſer Hörigen ſind vollkommen dunkel. Außerdem finden ſie ſich nur noch ein einziges Mal, und zwar als verpfändet an die Herren von Eiſenbach, von welchen Heinrich II 1354 ſie wieder eingelöſet hatte 70). Inwiefern der Name mit dem eines Ritters Ludwig Weſterſchile, der in einer ziegenhainiſchen Urkunde von 1252 vorkommt 1¹¹), zuſammenhangen könne, weiß ich nicht. VII. Geſchäftskreiſe. Die älteſten heſſiſchen Städteverfaſſungen bewegen ſich in ſehr einfachen Verhältniſſen. Schultheiß und Schöffen und, wo eine Burg mit der Stadt verbunden iſt, auch noch die Burgmannen bilden die Hauptfactoren des öffentlichen Lebens. Eine genauere Abgränzung der Geſchäftskreiſe kennt jene Zeit noch unentwickelter Zuſtände ſo wenig als ein Organ der Geſammtbürgerſchaft zur Controle über die Thätigkeit ihrer Vorſtände. Juſtiz und Stadtregiment ſind innig mit einander verwoben. So erſcheint der Schultheiß von Alsfeld nicht allein als der Gerichtsvorſitzer, der da geloben muß, „ein rechter Richter zu ſein dem Armen als dem Reichen“, ſondern er iſt auch der landesherrliche Beamte, der ſeines Herrn Güter verwaltet, bauet und beſſert und deſſen„Gülte und Rente, Zehnten und Früchte aufhebt und einnimmt“ und davon in jedem Jahre Rechnung thut ¹); er kann auch ferner nur gedacht werden als das adminiſtrative und polizeiliche Oberhaupt der geſammten Stadt und Burg. Ebenſo ſind die heſſiſchen Schöffen nicht bloß richterliche, ſondern auch Rathsperſonen in den ſtädtiſchen Angelegenheiten, und nicht weniger haben die Burgmannen außer ihren kriegeriſchen Obliegenheiten *⁷) Senckenberg, Selecta juris et histor. Tom. III. p. 618. Vgl. p. 616 und 559. *8) Sammlung der alten Rechte und Gewohnheiten der St. Frankenberg,— b. Schmincke Monim. Hass. II. 677. ³⁵) Baur, H. U. 638:„.... abgekoyft han ir eygen lude dy Weſtirſchellen wor dy geſezzin ſin vnd in ir Ge⸗ richte zu Alffelt gehorin, mit bede, gefellen, nutzin, mid alle dem daz dar zu gehorit, vzgenomen daz Halſgerichte, daz ſullen ſy behalden obir dy lude, dy in iren Gerichtin ſitzin u. ſ. w.“ *0) Landau, Heſſ. Ritterburgen, Bd. III. S. 383... des Landgrafen Leute,„die da Weſtirſchellen ſeyn und heißen.“ ²¹) Wenck II. U. B. 176. ¹) Urk. v. 1415 im St. A.(Orig.). 29 auch weſentlichen Antheil an verſchiedenen Acten rein bürgerlicher Natur. In Fällen der ſtreitigen wie der freiwilligen Gerichtsbarkeit erſcheinen die Burgmannen öfters im Eingang der Urkunde als mitſprechende Behörde. Auch ſelbſt der Pfarrer der Stadt tritt hierbei zuweilen noch hinzu. Wird z. B. eine Eigenthumsbeſcheinigung ausgeſtellt, wird ein Gut verkauft, eine fromme Stiftung gethan, eine Verzichtleiſtung erklärt oder ein richterlicher Vergleich vollzogen, ſo beginnt die Urkunde etwa: Nos Richwinus scultetus, castrenses et scabini in Alsfelt recognoscimus ac testamur ²), — oder: Nos scultetus, castrenses, scabini ac universitas civium in Alsveld recognoscimus ³), — oder: Nos Bertoldus viceplebanus, Eberwinus miles de Elkerhusen officiatus in Alsvelt, scabini totaque universitas oppidanorum ibidem recognoscimus etc. ⁴). In einem Proceſſe von 1356, betreffend Forderungen aus dem Verkaufe von Immobilien, finden wir das Gericht mit dem Schultheißen und vierzehn Beiſitzern beſetzt. Die eine Hälfte der letzteren iſt aus den Burgmannen, die andere aus den Schöffen genommen; jene heißen hier castrenses jurati, dieſe dagegen judices jurati ⁵). Ueber die Competenz des Gerichts geben die alsfeldiſchen Urkunden des 13. und 14. Jahrhunderts in civilrechtlicher Beziehung nur unvollſtändigen, in ſtrafrechtlicher gar keinen Aufſchluß. Wir werden uns hier mit der Analogie behelfen müſſen. Nach Heinrich's I Verordnung hatten die Burgmannen von Frankenberg den Bürgern vor dem Amtmanne(Schultheißen) wegen Schuld oder Bürgſchaft zu Recht zu ſtehen; wo es aber erbliches Gut betraf, oder an die Ehre ging, ſollten ſie vor dem Landgrafen ſelbſt theidigen ⁵6). Dieſes gilt aber eben nur von den Burgmannen, die alſo in gewiſſen Dingen dem Stadt⸗ gericht unterworfen, in anderen aber exemt ſind. Daß Alsfeld unter diejenigen Städte gehört habe, deren Gerichte auch über Hauptwrogen(crimina majora) zu erkennen hatten, iſt zwar urkundlich nicht zu erweiſen, doch iſt es wohl kaum zu bezweifeln. Wenn das etwa gleich alte und in ziemlich gleichem Range ſtehende Grünberg die Befugniß hatte, ſelbſt die Todesſtrafe auszuſprechen ⁷), ſo läßt ſich nicht abſehen, warum dieſes nicht auch in Alsfeld Rechtens geweſen ſein ſollte. Einer ſpäteren Zeit gehört zwar an, was das Salbuch von 1574 ſagt, geſtattet aber doch einen Rückſchluß auf die früheren Verhältniſſe. Es heißt dort:„Was für Uebelthäter allhier ergriffen, ſo Leib und Leben verwirket, werden entweder gen Marpurg verſchicket, oder zu Alsfeld gerechtfertiget, und da ein Uebelthäter vor peinlich Halsgericht geſtellt wird, müſſen die Schöpfen des Landgerichts Alsfeld und Romrod das peinliche Gericht ſitzen und über den Uebelthäter erkennen. Werden dann dieſelben Schöpfen des Urtheils nicht einig, ſondern zwieſpältig, bringen ſie ſolches an ihren Oberhof, nämlich an die Schöpfen des Stadtgerichts zu Alsfeld, welche auf ſolchen Zweiſpalt ihnen ein beſtändig Urtheil mittheilen müſſen. Wann auch Halsgericht angeſtellet wird, ſo müſſen die Stadtſchöpfen ſowohl als die Landſchöpfen ſitzen, doch ſich der Sachen nicht weiter unternehmen, dann was an ſie, als den Oberhof der Landſchöpfen, geſchoben wird.⸗ Daß eine vielverbreitete Sage den Blutbann Alsfeld's mit einem angeblichen Schwerte Karl's d. G. in Zuſammenhang bringt, iſt bereits oben erwähnt worden; ebenſo, daß Nebel dieſes Schwert 2) 1270. Baur, Arnsb. Urk. S. 78. ³) 1293. Baur, H. U. 199. 4) 1305. Wenck, II. U. B. 257. ⁵5) Kopp I. 77. ⁶) Frankenberger Chronik, Kuchenb. V. 184. ) 1250 Guden. I. 611. 30 wenigſtens auf Lothar den Sachſen zurückführen zu können glaubt. Das Eine beweiſtt ſich indeſſen, unſeres Ermeſſens, ſo unbegründet wie das Andere. VIII. Weitere Entwickelung der Verfaſſung. Die fortſchreitende Entwickelung des bürgerlichen Lebens führt uns im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert in den deutſchen Städten gewiſſe gleichartige Erſcheinungen vor, über welche, bevor wir ſie für Alsfeld insbeſondere in's Auge faſſen, ein Wort im Allgemeinen hier wohl ſeine Stelle findet. Es zeigen ſich folgende Grundzüge. Das Schöffenthum hat ſich, zumal bei dem Verfahren der Ergänzung durch Cooptation, Generationen hindurch in einem verhältnißmäßig kleinen Kreiſe von Familien fortgeerbt, ſo daß zuweilen ſelbſt die nächſten Blutsverwandten gleichzeitig im Rathe ſitzen ¹); es hat ſich hierdurch ein Patriciat, eine Geſchlechterherrſchaft hervorgebildet, die das Stadtregiment zu ihrem ausſchließlichen Eigenthum zu machen ſtrebt. Aber es iſt inzwiſchen auch theils durch Einwanderung, theils aus den Einheimiſchen ſelbſt ein Zuwachs durch Wohlſtand und nützliche Thätigkeit beachtenswerther Bürger hinzugekommen; Handel und Gewerbe haben ſich gehoben, das bewegliche Capital tritt mit dem Anſpruch auf Geltung neben den bisher überwiegenden Grundbeſitz. Indem das an Zahl und Vermögen emporgekommene weitere Bürgerthum ſich fühlen lernt, will es auch dem Patriciat die überkommene Ausſchließlichkeit nicht fernerhin laſſen; es begehrt auch für ſich einen Antheil am Stadtregiment, will dasſelbe wenigſtens controliren und mitſprechen bei der Vertheilung von Steuern und Laſten, um ſo dem Mißbrauche zu begegnen, durch welchen die Patricier ſich ſelbſt oft Befreiung oder Erleichterung zuwandten, um die Uebrigen deſto ſchwerer tragen zu laſſen. Ein Streit um Intereſſen und Rechte entſteht, der hier und da durch rechtzeitiges Nachgeben abgekürzt, an manchen Orten aber auch erſt nach langen Kämpfen entſchieden wird. Der Sieg bleibt faſt allerwärts dem erweiterten Bürgerthum, das nun unter verſchiedenen Formen und in verſchiedenem Maaße ſeinen Mitantheil an dem Regimente erhält. Gewöhnlich ſtellt ſich jetzt an die Seite der Schöffen noch ein beſonderer Rath(Rathmannen, consules); an der Spitze dieſes Rathes ſteht der Bürgermeiſter(magister civium, magister consulum, magister burgensium, auch proconsul genannt); Bürgermeiſter und Rath treten ganz beſonders hervor, wo es die Vertretung der Geſammtgemeinde gilt, wo es ſich um das Vermögen derſelben, um Uebernahme von Verpflichtungen, um Steuerausſchläge und dergl. handelt. Es war übrigens nicht das ſtädtiſche Patriciat allein, gegen welches die angeführten Bewegungen ſich richteten; auch dem landesherrlichen Regiment gegenüber ſuchte das zu größerer Selbſtſtändigkeit anſtrebende Gemeindebewußtſein ſich eine Vertretung und Verwaltung zu ſchaffen, wie ſie Schultheiß und Schöffen nicht mehr in ausreichender Weiſe zu geben vermochten. Beweis hierfür ſind die gegen die Bürgervereine gerichteten Verbote Friedrich's I und mehr noch die hierher gehörigen Verordnungen Friedrich's II, in welchen der Kaiſer, namentlich den geiſtlichen Fürſten zu gefallen, die aus der Mitte ¹)„Die ander Irrung(zu Frankenberg) war zwiſchen dem Rath und der Gemeinde, dann es waren etliche Vatter und Sohn, auch Gebrüder in dem Rath, da ſprach die Gemeinde, es dunckte ſie unbillig ſeyn, und auch daß die Ge⸗ ſchlechte es wolten vor Erbamter haben.“ Hierauf entſchied Heinrich II 1368, man ſolle nicht mehr Vater und Sohn oder zwei Brüder zu dem Schöffenamt kieſen. Frankenb. Chron. b. Kuchenbecker V. S. 201 f. 31 ver Bürger ohne obrigkeitliche Genehmigung hervorgegangenen consilia et magistros civium caſſirt ²). Trotz dieſer Verbote, die zum Theil in der augenblicklichen Stellung des Kaiſers zu den Landesfürſten ihre Erklärung finden, arbeitete der in den inneren Verhältniſſen wurzelnde Bildungstrieb ſich erfolgreich durch. Um die Zeit des Interregnums und des großen rheiniſchen Städtebundes haben gerade die bedeutendſten biſchöflichen Rheinſtädte, wie Straßburg, Speier, Worms, Mainz und Köln, ihre Rathmannen im Stadtregiment, und königliche und Territorialſtädte folgen ihnen hierin bald nach. Das Inſtitut der Rathmannen neben den Schöffen ward ein anerkanntes und geſetzliches, und dasſelbe findet demgemäß auch in den Urkunden ſeinen berechtigten Platz. Schon König Wilhelm von Holland ſchrieb 1255„fidelibus imperii sculteto, scabinis, consulibus, militibus et universis civibus in Oppenheim ³)“; Frankfurt hat ſeine consules neben den Scabinen 1266 ⁴), Friedberg 1279 ⁵), Wetzlar 1286 ⁶). Gehen wir zu den heſſiſchen Städten über. Kopp ſagt:„Die übrigen Schöppen(außer dem Bürgermeiſter nämlich, den er auch als einen ſolchen nimmt) hießen Consules. Daß dieſe und die Scabinen einerlei ſeien, iſt nicht nur anderwärts her bekannt, ſondern auch daraus abzunehmen, daß, wenn einer von dieſen Namen genannt iſt, der andere ausgelaſſen zu werden pflegt.... Werden aber beide Namen gebraucht, ſo ſtehen auch wohl die Scabini vor den Consulibus, zum klaren Beweis, daß dieſe gewiß nicht mehr als jene ſeien ⁷).“ Dieſem ſo allgemein hingeſtellten Satze vermag ich nicht beizutreten. Einräumen kann man zwar dem gelehrten Forſcher, daß, wo bis auf einen gewiſſen Zeitpunkt zuweilen der Name der consules ohne den der Schöffen vorkommt, die letzteren darunter verſtanden werden können, da ja auch den Schöffen die Theilnahme an der Berathung ſtädtiſcher Angelegenheiten zukam. Dieſes könnte z. B. noch 1264 auf Kaſſel paſſen, wo eine Urkunde beginnt: „Nos Consules civitatis Casle ³)“, oder auf Frankenberg 1250, wo ein Act vollzogen wird „testibus Henrico sculteto, Lodewico et Henrico fratribus, Conrado Ennere et aliis quam pluribus tam consulibus quam civibus in Frankenberch ⁹).“ Daraus folgt aber nichts weniger, als daß da, wo die consules neben den Schöffen genannt werden, ſie ebenfalls nur wieder die Scabinen ſeien; und es fruchtet nichts, aus der Reihenfolge der Aufführung beweiſen zu wollen, daß ſie jedenfalls nicht mehr als die Schöffen geweſen ſeien, ſobald nur, worauf es hier allein ankommt, beſtehen bleibt, daß ſie andere geweſen ſind als jene. Und dieſer Punkt ſteht feſt, wie ſich aus dem Folgenden ergeben wird. Chronologiſch ſcheint in dem oben bezeichneten Entwickelungsgange Frankenberg die erſte Stelle unter den heſſiſchen Städten einzunehmen. Den magister civium finde ich dort ſchon 1293 und 1298 ¹⁰), ²) 1218.„Nos nec posse nec debere in civitate predicti principis Basiliensis dare vel instituere consilium, citra ejusdem episcopi assensum et voluntatem.“— 1232.„Hac nostra edictali sanctione revocamus in irritum et cassamus in omni civitate vel oppido Alemannie communia, consilia et magistros civium seu rectores, vel alios quoslibet officiales, qui ab universitate civium sine archiepiscoporum vel episcoporum beneplacito statu- untur.“ S. Walter, deutſche Rechtsgeſch. I. S. 236. Arnold, Verfaſſungsgeſchichte II. S. 14. ³) Frank, Geſch. von Oppenheim, Urk. Nr. 11. 4¹) Römer⸗Büchner S. 32. ⁵) Ph. Dieffenbach, Geſch. der Stadt u. Burg Friedberg, S. 50. 6) Guden. V. 89. 4 ⁷) Heſſ. Gerichte I. 332. 8) Kopp I. Beil. Nr. 11. *) Würdtwein, Dioeces. Mogunt. III. 332. ¹1⁰) Würdtw. III. 336. Kopp I. Beil. Nr. 80. 32 . ſowie 1299, wo er proconsul genannt wird ¹¹). Dann folgt Battenberg mit ſeinem magister burgensium 1297 ¹²). Acht Jahre ſpäter erhielt Grünberg ſeine Rathmannen unter Umſtänden und mit Beſtimmungen, die eine nähere Erwähnung verdienen. Zwiſchen den Schöffen und der Bürgerſchaft daſelbſt hatten Streitigkeiten geherrſcht, welche 1305 durch einen Vergleich ausgetragen wurden ¹³). Die Punkte desſelben werfen genügendes Licht auf den Gegenſtand des vorausgegangenen Streites ſelbſt. Vor Allem und ausdrücklich geloben nämlich die Schöffen den Bürgern, jede ſowohl dem Landgrafen gegenüber, als nach jeder andern Seite hin ihnen obliegende Verpflichtung treulich zu erfüllen und namentlich ihren Antheil an den landesherrlichen Auflagen und Beden(exactiones et precariae) zu zahlen. Es folgt hieraus der Schluß, daß ſie vorher bei den Steuerausſchlägen ſich ſelbſt entweder gar nicht, oder nur in ungenügendem Maaße angeſetzt hatten. Nächſtdem wird vereinbart, daß, wenn einer der zwölf Schöffen mit Tod abgehen werde, der Ausfall durch die Schöffen ſelbſt im Wege der Cooptation zu ergänzen ſei, daß aber auch zwölf Männer von der Gemeinde mit den Schöffen im Rathe ſitzen ſollen, um in Gemeindeangelegenheiten mit ihnen zu berathen und zu beſchließen. Dieſe Zwölf ſollen jährlich erneuert werden. Ferner ſollen aus der Zahl der Schöffen jährlich zwei erwählt werden, welche mit zwei Andern aus den zwölf Rathmannen die Erhebung und Verrechnung des Ungelds beſorgen. Es müſſen alſo auch in dieſem Punkte Unordnungen Statt gefunden haben. So entſtanden die Rathmannen von Grünberg, die man denn ſpäter auch deutlich genug von den Schöffen unterſchieden findet, wenn ſie auch nicht in jeder einzelnen Urkunde genannt werden ¹4). Der Bürgermeiſter von Grünberg iſt, obgleich gewiß ſchon früher vorhanden, in Urkunden doch nicht eher anzutreffen als 1344 1⁵). Rathmannen neben den Schöffen zu Marburg finden ſich 1312 ¹⁶), der Bürgermeiſter daſelbſt als magister civium 1315 und als magister consulum 1327 ¹¹). Biedenkopf hat 1334 proconsules und consules ¹⁸), Melſungen im J. 1337 Bürgermeiſter, Schöffen und Rath ¹3). Das damals ziegenhainiſche Staufenberg weiſ't 1336 einen Bürgermeiſter ²⁰), die heſſiſche Stadt Wolfhagen 1359 einen proconsul auf, der 1361 als Bürgermeiſter wiederkehrt 2²¹). Verhältnißmäßig ſpät unter den heſſiſchen Städten ſcheint Alsfeld auf dem bezeichneten Punkte der Entwickelung angelangt zu ſein. Einen Bürgermeiſter daſelbſt finde ich urkundlich erſt 1352 erwähnt ²²); etliche Jahre darauf erſcheinen auch die Rathmannen. Beide treten aber von nun an auch ganz weſentlich in den Vordergrund des erweiterten Gemeindelebens. Als Heinrich der Eiſerne 1358 die Stadt mit Beden und Auflagen(precariae et exactiones) nicht ferner zu beſchweren verſprach, bis ſie die Schulden und Verpflichtungen, mit welchen ſie ſich um ſeinetwillen belaſtet hatte, einigermaßen 11) Würdtw. III. 328. ¹²) Würdtw. III. 337. ¹) Urk. bei Glaſer, Beiträge z. Geſch. d. St. Grünberg, S. 181.. 13) So 1314 milites, scabini, consules(Baur, H. U. 330; 1391:„Burgermeiſter, Scheffen, Rad vnd burger gemeynlich der Aldenſtad zeu Grunenberg“(Glaſer, im Arch. f. Heſſ. Geſch. Bd. III. Nr. 1. S. 7) 3 1344:„Wyr dy Burgermeyſtere, dy Scheffin, der Rat vnd dy Stad eneiiliche tzu Geleibesh. Glaſer, Geſch. v. Grünb. S. 187) ¹⁵) Glaſer, Geſch. v. Grünb. S. 187.. ¹6) Kopp I. 332. ¹) Entdeckter Ungrund, Beil. Nr. 59. Kopp I. 335. ¹8) Baur, H. U. 523. ¹) Zeitſchr. f. Heſſ. Geſch. u. Landesk. Bd. V. Heft 4. S. 377. ²2⁰) Baur, H. U. 529. 2¹) Kopp, Beil. Nr. 79 u. 84. 2²)„.... wir Borgermeiſter vnd Scheffin tzu Alffelt bekennen u. ſ. w.“ Datum anno M. CCC. L. secundo, feria sexta proxima ante festum Pentecostes. Original im Pfarrarchiv zu Alsfeld. 33 beſeitigt haben würde, waren es nicht der Schultheiß und die Schöffen, welchen er dieſe Zuſage gab, ſondern die Rathmannen und Bürger(consules et oppidani) ²⁸). Noch mehr. An demſelben Tage gab der Landgraf ebendenſelben Rathmannen und Bürgern in Anerkennung ihrer treuen, ſeit langer Zeit geleiſteten und noch ferner zu leiſtenden Dienſte eine weitere Zuſicherung, deren Spitze offenbar gegen das Patriciat gekehrt iſt. Er verhieß nämlich, Immobilien oder Mobilien innerhalb oder außerhalb der Stadt, welche Beden oder Abgaben jeder Art(exactiones, precarias aut alias contributiones qualescunque) mit den Bürgern zu entrichten hätten, ferner nicht mehr hiervon zu befreien, oder denſelben auf irgend eine auf ihnen haftende Belaſtung(ab aliquo servitutis onere aut genere) Exemtion zu ertheilen ²4). Es ergibt ſich hieraus, daß früher ſolche Befreiungen Statt gefunden haben müſſen, und dieſe können zum Nachtheil der gemeinen Bürgerſchaft Niemandem anders zu Gute gekommen ſein, als den Geſchlechtern, gegen welche die Gemeindevertretung jetzt reagirt. Und dieſe Vertretung macht ſich denn auch fernerhin geltend, wo der Geldpunkt in Frage kommt. Bürgermeiſter, Schöffen und Gemeinde ſind es, welche 1365 von Otto's des Schützen wegen dem Landgrafen Hermann 70 Mark löthigen Silbers jährlich auf den Todesfall Heinrich's des Eiſernen verſchreiben 2⁵). Als ferner 1370 Heinrich II einen dem Stifte St. Stephan zu Mainz jährlich zu entrichtenden Lehnscanon auf die Städte Marburg und Alsfeld anweiſ't, ſind es wiederum Bürgermeiſter, Schöffen, Rath und Gemeinde, die ſich zur Leiſtung dieſer Zahlung verpflichten ²6). Eine Anweiſung desſelben Landgrafen für das Stift zu Fritzlar(1372) lautet in ähnlicher Weiſe auf Bürgermeiſter, Schöffen und Bürger der Stadt Alsfeld ²⁷). Unter Heinrich II hat alſo auch Alsfeld, wie andere Städte in Heſſen, ſeinen Bürgermeiſter und ſeinen Rath; die altbürgerlichen, dem Patriciat angehörigen Schöffen bilden nicht mehr mit dem Schultheißen die einzige Regimentsbehörde. Der Schultheiß zieht ſich überhaupt, je mehr die Gemeinde als Rechtsſubject mit einer gewiſſen Selbſtregierung geltend wird, immer mehr auf ſeine Stellung als Richter und landesherrlicher Rent⸗ und Aufſichtsbeamter zurück. Wohl erſcheint er noch 1407 auch gemeinſchaftlich mit den Burgmannen, dem Bürgermeiſter, dem Rathe und der ganzen Gemeinde in einem offenen Schreiben, worin die Stadt alle Gläubigen zur Unterſtützung ihres Spitals auffordert 28); aber es galt hier ohne Zweifel, durch die Hinzufügung einer Autorität von ſeinem Range der Bitte nach außen ein deſto größeres Gewicht zu geben. Mit demjenigen, was unter Heinrich II geſchah, war indeſſen die Fortbildung der alsfeldiſchen Stadtverfaſſung keineswegs abgeſchloſſen. Schon unter ſeinem Nachfolger, Hermann dem Gelehrten (1377 bis 1413), traten weſentliche Abänderungen ein. Laſſen dieſe ſich auch nicht in allen ihren ein⸗ zelnen Beſtimmungen genau erkennen, weil die bezüglichen Urkunden ſogleich nach Hermann’s Tode nach Kaſſel zurückgeliefert werden mußten, ſo iſt doch wenigſtens ſo viel gewiß, daß er 1) eine Modiſication des Rathes verordnet und 2) das Inſtitut der„Vier aus der Gemeinde“ eingeführt hat. Letzteres, deſſen Weſen wir ſpäter erörtern werden, ſtellt ſich bei Alsfeld beſtimmter als vielleicht irgendwo als ein Ergebniß der allgemeinen Zunftbewegungen dar, die in jenem Jahrhundert einen ſo mächtigen Einfluß ²³) Original im Rathsarchiv. ²⁴) Original ebendaſ. ²⁵) Baur, H. U. 663. 2²6) Würdtw. III. 293. ²7) Vidimirte Copie im St. A. Dat. Mittw. nach St. Michels Tag. ²8) Officiatus, castrenses, proconsul et consules totaque universitas oppidi Alsfeld.(Schmidt II. 431, im Auszuge). Daß der hier genannte proconsul kein anderer als der Bürgermeiſter ſei, legt ſich aus unſeren obigen Erörterungen dar. 5 34 auf die Weiterbildung der deutſchen Städteverfaſſungen geübt haben. Um klar zu ſehen, wird es auch hier geſtattet ſein, etwas weiter auszuholen. Der Trieb zur Genoſſenſchaftlichkeit unter denjenigen, die gleichen Lebensberuf haben, iſt im Mittelalter ein allgemeiner. Er durchdringt den Geiſtlichen, den Gelehrten, den Krieger, den Handels⸗ mann nicht weniger als den Handwerker. Die Anfänge der Handwerkszünfte in Deutſchland ſetzt Wilda in die erſte Hälfte des zwölften Jahrhunderts; Arnold nimmt für die größeren deutſchen Städte den Zeitraum vom Ende des 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts an, und als älteſte Urkunde über die Errichtung einer Zunft nennt er die von den Bettziechenmachern zu Köln mit Genehmigung des Rathes im J. 1149 aufgeſtellte Ordnung ²⁹). Von oben her wurden indeſſen ſolche Verbindungen nicht jederzeit gerne geſehen. Friedrich II caſſirte 1232 ſämmtliche Handwerksverbrüderungen ſammt allen denſelben bis dahin von den Kaiſern ertheilten, dem Reiche und den Fürſten ſelbſt nachtheiligen Privilegien ³0). Dergleichen Verbote hielten aber den allgemeinen Gang nicht auf. Spuren von Zunftverhältniſſen in Frankfurt zeigen ſich 1284, ihre erſten Verordnungen daſelbſt erhielten die Zünfte erſt 1352 ³¹); bald darauf wurden ſie aufgehoben, aber auch ſchon nach kurzer Zeit wieder hergeſtellt. Ueberhaupt drang dieſes Inſtitut im Laufe des vierzehnten Jahrhunderts faſt überall in Deutſchland zur Anerkennung ſeines rechtlichen Beſtehens durch. Hiermit nicht zufrieden, ſuchten die Zünfte nun auch als ſolche Antheil am ſtädtiſchen Regiment zu gewinnen. Nicht als hätte nicht auch ſchon vorher vielen ihrer einzelnen Glieder der Eintritt in die Stadtbehörde offen geſtanden; denn auch vermögende und rathsfähige Vollbürger hatten längſt zu einträglichen Handwerken gegriffen, ja die Betreibung mancher Handwerke, wie Wollenweberei, Bäckerei und Metzgerei, hat ſogar ein gewiſſes Vermögen und ſomit auch eine gewiſſe Geltung im bürgerlichen Leben zur Vorausſetzung. So finden wir z. B. in Frankfurt lange vor den ſogenannten Zunftunruhen Metzger und Tuchmacher in den ſtädtiſchen Würden, einen der letzteren ſogar als Bürgermeiſter ³²); desgleichen waren zu Gießen ſchon 1279 ein Bäcker und ein Schuhmacher unter den Schöffen der Stadt, und 1304 wiederholte ſich derſelbe Fall mit zwei andern Perſonen 5s). Die Zunftunruhen hatten vielmehr ein anderes Ziel: ſie wollten den Zünften als Corporationen, die natürlich auch die Unvermögenderen in ſich begriffen, einen Antheil am Stadtregiment erwerben, und ſo ſchiebt ſich, verbunden durch gleiches Geſchäftsintereſſe und allerdings emporgetragen durch die niederen Schichten, ein drittes Element nach, das ſich dem alten Patriciat und dem zur Rathsherrnfähigkeit emporgeſtiegenen Mittelſtande mit dem Anſpruch auf Geltung im Leben der Gemeinde zur Seite ſtellt. Die Zünfte ſind mit Waffen und Fahnen zur Stadtvertheidigung zu erſcheinen verpflichtet, ſie wollen alſo auch bei der Berathung und Beſchlußnahme vertreten ſein. Es bedarf hier keiner weiteren Ausführung über die auf dieſes Ziel gerichteten Bewegungen und ihrer Erfolge außerhalb Heſſens; erwähnen wir nur noch das Einzige, daß, als die Stadt Wetzlar 1373 ein Bündniß mit den heſſiſchen Landgrafen abſchloß, auch die dortigen Zünfte mit zu der ſtädtiſchen Behörde zählten. Die Urkunde beginnt:„Wir dy Borgermeyſter, Rad, Gemeynde vnd dy Hantwerke der ſtat zu Wetflar.“ Die ²) Verfaſſungsgeſchichte, II. 253. ³⁰)„Irritamus et cassamus cujuslibet artificii confraternitates seu societates etc.« ³¹) Römer⸗Büchner S. 178. ²²) Schöffe iſt z. B. 1226 der Metzger Ulrich, 1267—87 der Tuchmacher Ludwig, 1302 der Tuchmacher Konrad Bornfleck; 1335 iſt der Wollenweber Culman Zan Bürgermeiſter. Römer⸗Büchner S. 37. ³³) 1279:(Testibus).... Gerlaco pistore, Gerlaco dicto Dragevleis, Herbordo sutore, scabinis in Gizin (Guden. II. 205). 1304 als Zeugen: Ludewicus pistor, Echardus sutor, scabini in Gyzen(Guden. III. 19). 35 Siegel von ſieben Zünften(Wollenweber, Bäcker u. ſ. w.) hängen an dem Pergamente, und dieſe gelten zugleich auch für alle übrigen Ausſteller, da Bürgermeiſter, Rath und Gemeinde im Texte erklären, zur Zeit kein eignes Inſiegel zu beſitzen und die Zünfte um den Mitgebrauch der ihrigen erſucht zu haben 4). In, Heſſen gibt uns wohl das älteſte Beiſpiel communaler, wenn auch allerdings noch ſehr beſchränkter Rechte der Zünfte die Stadt Wolfhagen, welche einjährige Magiſtrate hatte. Die für das nächſte Jahr abtretenden zwölf Schöffen wählten aus den Zünften der Wollenweber, der Schuhmacher, der Bäcker und der Schmiede je einen Mann, traten mit dieſen vier Perſonen zu einem gemeinſchaftlichen Wahlcollegium zuſammen und ſchritten ſo zur Ernennung ihrer zwölf Nachfolger. Drei aus den Neugewählten wurden dann dem Landgrafen zur Auswahl für das Bürgermeiſteramt präſentirt. Das hierzu vom Landgrafen Otto ertheilte Privilegium iſt von 1313 ³⁵). Zu Kaſſel beſtätigte Heinrich II 1337 den Innungen der alten und neuen Stadt(fraternitates et uniones eorum, quae Einnunge vulgariter dicuntur) ihre hergebrachten Vergünſtigungen und Freiheiten in der Weiſe, daß Niemand Artikel, die in die Geſchäfte derſelben einſchlagen, aufkaufen oder verkaufen durfte, bevor er ſich in die Innung eingekauft hatte; doch ſollten hierdurch diejenigen Bürger, welche die Wollenweberei trieben, in der ihnen verwilligten Freiheit nicht beeinträchtigt werden ³). Politiſche Rechte der Zünfte werden übrigens nicht erwähnt. Es folgt aus dieſem Privilegium, daß, wenn nicht die dortige Wollenweberei damals überhaupt noch unzünftig war, doch wenigſtens auch unzünftige Wollenweber in Kaſſel ihr Geſchäft betreiben durften. Dieſer Induſtriezweig war überhaupt in jener Zeit ein ſehr bedeutender, und diejenigen, die ihm oblagen, nahmen bereits vor der Herrſchaft des Zunftſyſtems eine geehrtere Stellung im bürgerlichen Leben ein. Kaſſel iſt aber gewiß nicht die einzige Stadt in Heſſen geweſen, die damals ihre Zünfte hatte. Unter Hermann dem Gelehrten brachten es dann an verſchiedenen Orten die Zünfte zu weiterer Geltung. Dafür liegen wenigſtens die Beiſpiele von Alsfeld und Gießen vor. Die Regierung dieſes Fürſten war eine ſehr bewegte, mit äußeren und inneren Kämpfen angefüllt. Schon als Mitregent Heinrich's II hatte Hermann den widerwärtigen Sternerkrieg und die Fehde mit der Geſellſchaft von der alten Minne zu beſtehen, wobei ihm die Städte eine treue Stütze waren, darum aber auch viele Drangſale und Verheerungen erdulden mußten. Schulden und vielfache Verpfändungen waren für den Landgrafen die nächſte Folge.„Mit Gunſt, Willen und Verhängniß ſeiner Städte, zu Steuer ſeiner Schuld und ſeiner Lande jetzigen und künftigen Noth“ ſetzte jetzt Hermann 1375 ein beträchtliches Ungeld für Grünberg und Marburg und wahrſcheinlich auch noch für andere oberheſſiſche Städte an ³⁷), unter welchen jedoch das ſchon anderweitig ſtark belaſtete Alsfeld nicht geweſen zu ſein ſcheint. Als nun dieſelbe Leiſtung auch von den Städten in Niederheſſen verlangt wurde, traten die Bürgermeiſter und Schöffen derſelben im Rathhauſe zu Kaſſel zuſammen, ſchloſſen eine Einung für ſich und ihre Gemeinden und erklärten, unbeſchadet ihres Gehorſams in allen billigen Dingen doch jenes Ungeld weder geben zu können, noch zu wollen*⁵). Dieſe Einung dauerte auch unter Hermann's Alleinregierung noch mehrere Jahre fort und führte zu Irrungen, in welchen es zu Kaſſel einmal zu einem förmlichen Aufſtand kam. Hermann zog die Zügel der landesherrlichen Gewalt in Niederheſſen ſtraffer an. Den dreifachen Rath zu Kaſſel ſchuf er in eine einheitliche Behörde um, die zwar auch wieder den Namen Rath führen, aber nur aus ³⁴) Landau, Rittergeſellſchaften in Heſſen, S. 127. ²⁵) Lyncker, Geſchichte der St. Wolfhagen, S. 14. ³6) Sammlung Fürſtl. Heſſ. Landesordnungen, Thl. I. S. 3. ²⁷) Wenck II. 449. ³8) Rommel, Geſch. v. Heſſen II. 199 und Anm. S. 151. 5* 36 jederzeit entſetzbaren Schöffen beſtehen ſollte ³⁵); der Gemeinde entzog er die Wahl der zwei Bürger⸗ meiſter, die Innungen ſchaffte er auf mindeſtens drei Jahre ab; Jedermann ſollte in ſeinem Hauſe frei kaufen und verkaufen dürfen. So ſchwer traf die Ungnade des Fürſten nicht nur die municipalen Freiheiten der Stadt, ſondern auch die erſt von ſeinem Vorfahren gegebenen Privilegien der Zünfte. Auch in Melſungen ſetzte Hermann einen neuen Rath nach eignem Ermeſſen ein. Ganz anders behandelte Hermann die Städte Oberheſſens, namentlich Gießen und Alsfeld. Ein Bürger von Gießen, Eckhard Holzſchuher, hatte ihm einſt in der Fehde der alten Minne das Leben gerettet. In Alsfeld baute ſich Hermann ein ſtattliches, mit einer Mauer umgebenes Haus und nahm daſelbſt zeitweiſe ſeine Reſidenz 40). Auch der Leonhardsthurm am Fulderthore iſt unter ihm zur Verſtärkung der Befeſtigungen aufgeführt worden(1386). In Alsfeld ward 1395 auch jener Fürſtentag gehalten, auf welchem der Landgraf mit den Erzbiſchöfen von Mainz und Köln, dem Biſchof von Paderborn, dem Landgrafen von Thüringen und dem Herzog von Braunſchweig einen Landfrieden errichtete 4¹). Bei aller Begünſtigung der Stadt zeigte er indeſſen auch hier ſeine Abneigung gegen complicirte und dabei doch keiner rechten Controle unterworfene Rathsbehörden, die ſich nur aus den Geſchlechtern und Begüterten zuſammenſetzten. Selbſt der damalige Bürgermeiſter, Kunz Schaufuß, gehörte dem älteſten Patriciat an. Die niederen Bürgerſchichten, insbeſondere was aus den Handwerkern ihnen zugehörte, waren unvertreten und lebten mit dem Rathe im Streite. Hermann reducirte den Rath, ſtellte aber die Stadtverwaltung nicht, wie die zu Kaſſel, unter ſeine und ſeiner Beamten unmittelbarſte Einwirkung, ſondern ließ aus der Mitte der Gemeinde, d. h. ganz vorzugsweiſe aus den Zünften, jährlich vier Männer wählen, an deren Mitwirkung und Controle die Thätigkeit des Raths gebunden ſein ſollte. Da Hermann's eigne Urkunden hierüber nicht mehr vorhanden ſind, ſo müſſen wir, um Licht über das Einzelne zu gewinnen, uns an zwei Documente ſeines Sohnes halten, von welchen das erſte die Anordnungen des Vaters aufhebt, das zweite aber im Weſentlichen wiederherſtellt. Hermann der Gelehrte ſtarb am 23. Mai 1413; es folgte ihm ſein elfjähriger Sohn Ludwig unter der Vormundſchaft des Herzogs Heinrich von Braunſchweig dem ein Regentſchaftsrath aus dem heſſiſchen Adel beigegeben war. Die Regentſchaft bewies ſich, als die Städte nach gewohnter Weiſe um Beſtätigung ihrer Rechte und Freiheiten einkamen, dem Rathe der Stadt Alsfeld freundlich auf Koſten der Verordnungen Hermann's. Der Beſtätigungsbrief iſt vom 16. Junius 1414 ⁴²). Darin fällt es nun gleich im Eingang auf, daß man den jungen Landgrafen ſagen läßt, er habe mit ſeinen Räthen nicht nur die alten Briefe der Stadt Alsfeld, ſondern auch neue Briefe und Satzungen, die ihr Landgraf Hermann gegeben habe, angehört, und daß dann mit Hinweiſung auf die mancherlei Gebrechen, die ſich in allen oberheſſiſchen Städten zeigten 4²), die nachfolgenden Beſtimmungen der Urkunde eingeleitet werden. Der weſentliche Inhalt derſelben iſt folgender: Hinfort ſoll in der Stadt ein ganz vollkommener Rath ſein und bleiben, wie das von Alters hergekommen iſt; die „Viere, die die Gemeinde bei den Rath gegeben und geſetzt hata, ſind abgeſchafft. Der Rath ſetzt, ſelbſtſtändig und ſo oft es nöthig iſt, auf ſeinen Eid Bede, Geſchoß, Steuer und Hülfe, gleich ³⁰) 1384. Samml. Fürſtl. Heſſ. Landesordn. Th. I. S. 5 ff.„Der Raid, daz ſin die Schepfin.“(§. 5. vgl.§. 8). 40) Handſchr. Chorographie. Winckelmann, Beſchr. v. Heſſen, Thl. II. S. 200. 4¹) S. die Convention bei Gudenus III. 613. 4²) Original im Rathsarchiv zu Alsfeld. S. die Beilage II. 1 42») Es heißt in der Urkunde:„dieſſeits des Spießes“, womit am häufigſten Niederheſſen bezeichnet wurde. Daß dieſe Bezeichnung übrigens keine ſtändige Geltung hatte, ſondern daß es auf den Standpunkt des Redenden ankam, hat Landau in ſeiner Abhandlung„der Spieß“(Zeitſchr. f. Heſſ. Geſch. u. Landesk. Bd. II. S. 160) erörtert. Die gegen⸗ wärtige Urkunde iſt offenbar in Oberheſſen ausgeſtellt; niederheſſiſche Zuſtände würden kein hierher gehöriges Motiv abgeben. 37 und redlich dem Armen wie dem Reichen. Beſtätigt werden verſchiedene Acte aus Hermanns Zeit über Gut und Erbe und über Verhältniſſe der Bürger unter einander; ungültig aber ſind„ſolche Briefe, die den Rath und die ganze Gemeinde betreffen, welche Hermann beſonders zwiſchen ihnen gegeben hat und welche die Satzungen von den Vieren aus der Gemeinde betreffen“; dieſe Urkunden ſind ohne Widerrede zurückzuliefern. Schulden auf ſich und die Stadt ſoll der Rath nur mit landesherrlicher Ermächtigung machen, verbriefen, verkaufen und verſetzen dürfen. Zu den Abrechnungen des Rathes im Frühling und Herbſt wird der Landgraf, ſofern er es nöthig findet, einen oder zwei ſeiner Räthe abſenden, die nach Ermeſſen auch noch geeignete Gemeindeglieder einladen können, dem Acte beizuwohnen. Schöffen und Rath, die am Gerichte zu ſitzen pflegen, ſollen Urtheile ſprechen und weder Arm noch Reich das Recht verhalten. Rath und Gemeinde haben, wenn der Landesherr Steuer und Hülfe bedarf, als getreue Bürger nach Vermögen zuzulegen. Die jetzt nach Maaßgabe des gemeinen Nutzens auszufertigenden Zunftbriefe ſollen gehalten werden. Weinzapf und Ungeld bleiben bis auf Weiteres der Stadt, um ihre Schulden zu bezahlen; über die Quantität Bier, die jeder Bürger jährlich branen darf, hat der Rath unparteiiſch zu beſtimmen. Alle Entzweiung und Mißhelligkeit, die bisher um der vorſtehenden Punkte willen zwiſchen Rath und Bürgerſchaft geherrſcht hat, ſoll gänzlich geſchlichtet und abgethan ſein. Mit dieſer Verordnung war Alsfeld alſo auf denjenigen Punkt zurückverſetzt, den ſeine Verfaſſung damals erreicht hatte, als der begüterte Mittelſtand durch Hinzufügung eines Rathes die Alleinherrſchaft der ſchöffenbaren Geſchlechter brach. Der jetzt wieder„ganz vollkommene“ Rath verfügte unter der Oberaufſicht der landgräflichen Regierung ſelbſtſtändig über ſtädtiſches Vermögen und Steuern, unbeſchränkt und uncontrolirt durch die Vier aus der Gemeinde; den niederen Schichten, insbeſondere den weniger bemittelten Handwerkern, iſt an den öffentlichen Geſchäften kein Antheil weiter geblieben, als daß etwa einzelne Perſonen aus ihrer Mitte nach der Auswahl der landesherrlichen Beamten zur Rechnungsabhör zugezogen werden können. Der Inhalt der in der Urkunde erwähnten Zunftbriefe iſt unbekannt. An demſelben Tage ſtellte Ludwig auch für die Stadt Gießen einen Gnadenbrief aus, der mit dem obigen vollkommen gleichlautend iſt, nur daß die beiden Beſtimmungen über die Zunftbriefe und über das Bierbrauen fehlen ⁴4). Auch Gießen hatte alſo von Hermann gleiche Einrichtungen erhalten, wie Alsfeld. Fünfzehn Jahre hatte zu Alsfeld jene Rathsvollmächtigkeit beſtanden, als der inzwiſchen volljährig gewordene Landgraf dieſelbe wieder aufhob, um zu Gunſten der Zünfte und der niederen Bürgerſchaft auf das entgegengeſetzte Syſtem ſeines Vaters zurückzugehen.„Wir haben,— ſagt er in ſeinem Patent vom 25. Januar 1429 ⁴⁴),— angeſehen gemeinen Nutzen unſeres Schloſſes(unſerer Stadt) Alsfeld und ſonderlich Gunſt und Dienſt, den uns unſere lieben Getreuen, alle Zunftmeiſter und ganze Gemeinde daſelbſt gethan haben, und haben ihnen die Gnade und Willen gethan, als ſie bei unſerem Vater ſeligen vormals gehabt haben.“ Es folgen nun die Beſtimmungen des merkwürdigen Acctenſtückes, in der Hauptſache dieſes Inhalts: Zünfte und Gemeinde wählen aus ihrer Mitte vier von dem Landgrafen zu beſtätigende Perſonen, die den Sitzungen der zwölf Schöffen und des noch beſtehenden Rathes beiwohnen und alle Rechte ausſprechen helfen, von allen Einnahmen und Ausgaben ſtädtiſcher Gelder Kenntniß nehmen, die Rechnungen mit abhören und bei dem Anſatz von Schoß und Maibeten ihre Stimme haben. Die Vier haben dem Bürgermeiſter und den Schöffen zu geloben,„ihre Heimlichkeit nicht zu melden.“ Sie werden alle Jahre nach dem Gutdünken der Gemeinde entweder ganz, oder zum 4³) Kuchenb. I. 274, wo die Urkunde übrigens ziemlich feblerbäft abgedruckt iſt. 4⁴) Original im Rathsarchiv. S. die Beilage III. 38 Theil erneuert. Unter den zwölf Schöffen darf immer nur einer aus demſelben Geſchlechte ſein. Der neben den Schöffen beſtehende Rath bleibt zwar vor der Hand in Wirkſamkeit; ſtirbt aber ein Glied desſelben, ſo wird kein neues an deſſen Stelle geſetzt. Stirbt ein Schöffe, ſo wird er durch das Ein⸗ rücken eines Rathsgliedes erſetzt, deſſen Stelle im Rathe ebenfalls wieder ledig bleibt. Iſt nun in dieſer Weiſe der Rath allmählich ganz ausgeſtorben, ſo hat es bei den zwölf Schöffen und den Vieren aus der Gemeinde lediglich ſein Verbleiben. Kommen Gegenſtände zur Verhandlung, welche die Vier ohne Wiſſen und Zuſtimmung der Zunftmeiſter nicht glauben austragen zu können, ſo dürfen ſie die Sache an die Zünfte bringen und von dieſen nöthigenfalls ſelbſt an den Amtmann oder den Landgrafen weiter gehen. Zünfte und Gemeinde wählen jährlich einen Bürgermeiſter aus den Schöffen, die Schöffen aber einen Unterbürgermeiſter aus den Vieren. Aus ihrer eignen Mitte wählen Schöffen und Vierer jährlich je einen Baumeiſter, ſowie eine Perſon für den Rathkauf, für die Weinprüfung und für die Brot⸗ und Fleiſchbeſchauung. Wenn Schöffen und Vierer ihre Jahresrechnung ablegen wollen, ſo haben ſie dieſes zuvor anzuzeigen, damit der Landgraf einen Commiſſär hierzu abſenden kann. Bürgermeiſter, Schöffen und Gemeinde haben aller Selbſtgewalt und allem Frevel der Bürger unter einander mit Hülfe der Amtleute zu wehren. In dieſer Einrichtung legen ſich folgende Hauptmomente zu Tag: 1) Der Bürgermeiſter muß zwar den Schöffen angehören, wird aber durch freie Wahl der Zünfte und der ganzen Gemeinde berufen. 2) Er bildet jetzt nicht mehr als das Haupt der consules mit dieſen zuſammen ein Gegengewicht gegen die Schöffen, ſondern er iſt das Haupt der letzteren, wie das des geſammten Gemeindeorganismus. 3) Bei Sterbefällen treten neue, bisher nicht ſchöffenbare Elemente in das Schöffencollegium und können auf dieſem Wege, ſofern nur die wählende Gemeinde will, ſelbſt an die Spitze des Stadtregiments befördert werden. 4) Der Gemeinde, d. h. hauptſächlich den Zünften und den weniger Bemittelten, iſt durch ihre Vierer eine ſtete Controle, ſowie eine gewiſſe Betheiligung an der Verwaltung ſelbſt geſichert. 5) Das landesherrliche Regiment macht der Autonomie der ſo zu einem erweiterten Gemeindeleben gelangten Stadt Zugeſtändniſſe, indem es in Steuer⸗ und Finanzſachen den einhelligen Beſchlüſſen der mitwirkenden ſtädtiſchen Factoren Gültigkeit beilegt, ſeinen Amtmann oder Schultheißen aber von den Hand⸗ lungen des Raths als beſtätigende Behörde in der Regel fernhält und nur für ſtreitige Fälle als Recurs⸗ inſtanz hinſtellt. In Sachen der Gerichtsbarkeit blieb der Schultheiß übrigens in nächſter Beziehung zu den Schöffen. Die Beſtimmungen des obigen Documents, das man in Alsfeld ſelbſt den Korebrief(Wahlbrief) nennt, ſind im Weſentlichen bis auf unſere Zeiten, wo für das ganze Großherzogthum eine neue Gemeinde⸗ ordnung eingeführt wurde, in Geltung geblieben. Wenn nun auch in einer Zeit, wo nach Landgraf Ludwig's Abſicht der neben den Schöffen ſtehende Rath längſt erloſchen ſein mußte, in alsfeldiſchen Urkunden noch immer ein Rath, bald mit den Schöffen, bald, wie vom ſechzehnten Jahrhundert an meiſtens, ohne dieſelben aufgeführt wird, ſo iſt hierbei natürlich nicht an den Rath alten Stils zu denken, ſondern an die nach Maaßgabe des Korebriefs aus beiden Theilen zur Einheit verſchmolzene Behörde, die mit dem Bürgermeiſter und den Vieren die Gemeindeangelegenheiten leitet. Alle Glieder des Rathes ſind jetzt Schöffen und heißen darum wohl auch Rathsſchöffen; weil aber bei der ſpäter ſich entwickelnden Gerichtsverfaſſung das ſtädtiſche Schöffenthum aufhörte der Schwerpunkt des Gerichtes zu ſein, ſo trat auch ſein urſprünglicher Name mehr hinter die Bezeichnung ſeiner adminiſtrativen Stellung zurück, und man findet daher die Glieder des Stadtcollegiums auch als Rathsverwandte oder Rathsperſonen auf⸗ geführt*⁵). ⁴⁵) Wir laſſen einige Eingangsformeln folgen, aus welchen hervorgeht, daß ein durchaus feſter Gebrauch ſich nicht gebildet hat. 1451: Wir Bürgermeiſter Rad vnd gantze gemeynde zu A.(Staatsarchiv). 1486: Wir Burgermeiſter, 39 Das Salbuch von 1574 ſagt über die Bürgermeiſterwahl Folgendes 46):„Item, es ſey zu Alsfeld gebräuchlich und Herkommens, daß auf einen jeden Neuenjahrstag nach Verläutung der Bürgerglocke Bürgermeiſter, Rath, Zünfte und ganze Gemeinde in der Pfarrkirche zuſammenkommen, da werde ihnen ſämmtlichen im Beiweſen unſeres gnädigen Fürſten und Herrn Beamten der„Chuerbrieff“ vorgeleſen. Nach demſelben gehen Zünfte und Gemeine zuſammen, beſinnen ſich auf einen Bürgermeiſter, und wenn ſie der Stimmen einig, kommen ſie zu den Beamten, vermelden ihnen den neuen gewählten Bürgermeiſter. Wofern dann den Beamten der von der Gemeine vorgeſchlagene Bürgermeiſter gefällig, laſſen die Beamten denſelben öffentlich vor der Gemeine verkündigen, im Fall aber die Zünfte und Gemeinde einen angeben, ſo unſerm gnädigen Fürſten und Herrn nicht anzunehmen, müſſen ſie einen andern erwählen. Nach dieſem erwählet der neue Bürgermeiſter einen Baumeiſter oder Unterbürgermeiſter aus den zweien Gemeindsmännern, ſo des vergangenen Jahrs beim Rath geſeſſen, darnach die Gemeinde wiederum einen Weinmeiſter und ſonſten einen Gemeindsmann ⁴⁷). Vielgemeldter Bürgermeiſter ſammt den andern elf Schöffen, auch Baumeiſtern und gemeinen Männern müſſen nun unſerm gnädigen Fürſten und Herrn jährlich drei Ungebot, den 18., Walpurgis und Michaelis, nnd zu jedem Ungebot drei Gericht halten, auch ſonſten Rath und Recht mittheilen, dargegen wird ihnen jährlichen gegeben drei Gulden zur Zehrung.“ Der Verleſung des Korebriefes und dem Wahlacte ging Gebet und Predigt voraus. Eine ſolche Wahlpredigt war es, in welcher am 2. Januar 1648 der Inſpector Happel, wie oben bemerkt worden iſt, das Wappen der Stadt gewiſſermaßen zu Text und Thema nahm. Sie erſchien gedruckt in demſelben Jahre und iſt gewidmet dem zeitigen„regierenden“ Bürgermeiſter Johannes Fink und deſſen elf Collegen im Stadtrathe. Daß Landgraf Ludwig I die„Vier aus der Gemeinde“ auch in Gießen und Marburg eingeführt hat, erfahren wir aus einer Urkunde von 1482, durch welche ſein Sohn Heinrich III für Grünberg, wo Bürgermeiſter und Rath mit Zünften und Gemeinde im Streite lagen, ein Gleiches verfügt*). Auch in Frankenberg und wahrſcheinlich noch an vielen anderen heſſiſchen Orten finden ſich dieſe Vier ¹*). Im Fortgang der Zeit, als ein Theil der Patricier in den Stand der Burgmannen und des Adels überging, andere Geſchlechter ganz erloſchen und wieder andere in ihrem Wohlſtand herabkamen, während ſolche, die früherhin unbegütert geweſen waren, durch Glück oder Fleiß ſich hoben, verwiſchte ſich der Standesunterſchied unter den bürgerlichen Bewohnern der kleineren Städte immer mehr, und die Maſſe wurde gleichartiger. Es kam jetzt weniger darauf an, woher Jemand abſtammte oder welches Geſchäft er trieb, als darauf, ob er durch Vermögen oder perſönliche Eigenſchaften ſich geltend machen konnte. So wurde auch in Alsfeld das Schöffenthum und ſelbſt die Bürgermeiſterwürde in den letzten Jahrhunderten —— Scheffen, Rath vnd wir die vier von der gemeynde wegen zu A.(Staatsarchiv). 1501: Wir Burgemeyſter redt vnnd gantz gemeynde der Stadt A.(Staatsarchiv). 1511: Wir burgemeiſter Scheffen vnd Radt tzu Alsfelt vnd dy vyer der gantzen gemeyn wegen(Rathsarchiv zu A.). 1523: Wyr die Burgermeynſter Scheffenn vnd rath der Stath Alffelt (Staatsarchiv). 1525: Wir Burgermeiſter, Rath vnd gantze gemeine der ſtat Alffelt(Rathsarchiv). 1535: Wir die Burgermeiſter, Radt vnd vier vs der gemein zu A.(Staatsarchio). 1566:(Verkauf eines Gutes zum Beſten der Schulen) Wir Pfarher, Burgermeiſter vnd Rath Sampt den Caſtenuorſtheern vnd Viermann von Zünften vnnd Gemein zu A.(Urkunde zu Fiſchbach). 1558: Bürgermeiſter, Rath und vier Mannen von Zünften und Gemeinde(Staatsarchiv). ⁴) Fol. 10.— ¹¹) Die Vier wurden damals alſo nicht fährlich ganz erneuert, was nach dem Korebrief zuläſſig war. Das Verhältniß geſtaltet ſich ſo: Zwei ſind aus dem vorigen Jahre da, aus welchen der eine zum Unterbürgermeiſter genommen wird, zwei neue werden hinzugewählt, nämlich ein Weinmeiſter und ein andrer ohne beſtimmtes Amt, wodurch die Vierzahl immer bleiben muß.— 4s) Urk. im Arch. f. Heſſ. Geſch. Bd. III. Nr. 3. S. 12. Glaſer, Geſchichte v. Grünb. S. 57. 49) Emerich, Sammlung ac. b. Schmincke Mon. Hass. II. S. 682. Männern aus dem Handwerkerſtande zugänglich, und da verſchiedene Zweige des Handwerks, namentlich die Weberei, eine Zeitlang in dieſer Stadt erheblich blühten, ſo iſt es nicht zu verwundern, daß in jener Zeit auch die Zünfte einen hervorragenden Einfluß im Stadtregiment ausübten. IX. Die angeblichen Statuten der Stadt Alsfeld. Wo von heſſiſcher Rechtsgeſchichte die Rede iſt, da geſchieht öfters auch eines Stadtbrauchs oder gewiſſer Statuten Erwähnung, die in Alsfeld particularrechtlich gegolten haben ſollen. Auf dieſelben bezieht ſich namentlich auch Rommel ¹), der hierbei auf Kopp verweiſ't, und Letzterer geht wieder weiter auf Senckenberg zurück. Noch vor Kurzem iſt, wie man vernimmt, das Landgericht zu Alsfeld amtlich um Auskunft über jenen Stadtbrauch angegangen worden, konnte hierauf aber nur einfach antworten, daß ein ſolcher ihm unbekannt ſei. Natürlich; denn bei den alsfeldiſchen Gerichten hat niemals ein ſpecielles Stadtrecht gegolten 2). Wir hoffen, die ganze Frage durch folgende Aufklärung erledigen zu können. Senckenberg theilt bei der Darlegung ſeiner Anſicht über das Verhältniß mittelalterlicher Rechts⸗ quellen zu einander etliche Belegſtücke mit, denen er die Ueberſchrift gegeben hat:„Extract aus den Statuten der Stadt Alßfeldt de anno 1550, wo des Land⸗ und Kayſerrechts, als Urquellen, erwehnet wird“ ³). Er macht hierbei die Bemerkung, daß man noch in dem genannten Jahre die fraglichen Sta⸗ tuten überſehen und erneuert habe. Kopp ⁴) nahm in gutem Glauben Titel und Jahrzahl unbedenklich hin, es entging ihm aber nicht die faſt durchaus wörtliche Uebereinſtimmung der mitgetheilten Paragraphen mit dem Texte von Emerich's„Gewohnheiten der Stadt Frankenberg.“ ⁵) Hieraus ſchloß Kopp auf ſchon früher beſtehende Gleichheit der Rechtsgewohnheiten zu Alsfeld und Frankenberg, weil ſonſt der „Vermehrer oder Erneuerer der Alsfeldiſchen Statuten“ bei der Hereinziehung frankenbergiſcher Eigen⸗ thümlichkeiten auf Widerſpruch und Vorwürfe der Bürgerſchaft hätte ſtoßen müſſen. Weil aber zwiſchen Emerich und dem alsfeldiſchen Autor ſich auch etlichemal ein Unterſchied der Ziffern in den Citaten findet, ſo ſchloß Kopp weiter, daß man in Alsfeld ein eignes Exemplar des Schwabenſpiegels mit abweichender Capiteleintheilung gehabt habe. Ueber Senckenberg's Fragment hinaus hatte Kopp keine weitere Quelle. Senckenberg ſelbſt aber hat ganz ohne Zweifel ſeine Allegate aus einer Handſchrift entlehnt, die mit allen ſeinen Manuſcripten und Büchern durch das Vermächtniß ſeines Sohnes in den Beſitz der hieſigen Univerſität übergegangen iſt, in deren Bibliothek ſie ſich noch heute befindet ⁶). Es iſt ein in Leder eingebundener Foliant von 137 Seiten, von einer Hand des vorigen Jahrhunderts geſchrieben. ¹) Heſſ. Geſchichte Bd. II. S. 229 und Anm. 182. ²) Als ein ſolches kann wenigſtens nicht gelten, daß in Bezug auf eheliche Erbfälle, Einkindſchaft und Abtrieb Alsfeld mit Marburg, Frankenberg, Homberg a. d. Ohm, Kirchhain, Kirtorf, Biedenkopf und Hüttenberg eine Gruppe bildete, die ſich einer zweiten, wozu Gießen, Staufenberg, Allendorf a. d. Lumda, Schotten, Battenberg, Königsberg u. a. m. gehörten, in einigen Punkten abweichend gegenüberſtellte. Senckenberg, Selecta juris et histor. III. 271 ff. ³) Gedanken von dem jederzeit lebhaften Gebrauch des uralten deutſchen bürgerlichen und Staatsrechts. S. 34 und 232 ff. ⁴) Verfaſſung der geiſtl. u. Civilgerichte in Heſſen I. 25. 38. ⁵) Schmincke, Monim. Hass. II. 669 ff. ⁶) Cod. mscr. Nr. 1028, oder Bibl. Senckenb. Nr. 147. 41 Das Titelblatt iſt leer gelaſſen; auf der erſten Textſeite ſteht als Ueberſchrift:„Dieſes nachfolgende würdt in zwey theil getheilt, das Erſte ſagt von den Bürgern dießer Stadt Alßfeldt, das ander Theil ſagt von dem Gericht und was darzu gehöret.“ Die Hand iſt fließend, gehört aber einem unwiſſenden Abſchreiber an, der weder des Lateiniſchen, noch der alten Schrift kundig war und der, abgeſehen davon, daß „bei allem Bemühen ſich an die alterthümliche Orthographie zu halten, dieſelbe doch ſehr oft verläßt, an mehr als einer Stelle vollkommenen Unſinn gibt ²). Dieſer Abſchrift des vorigen Jahrhunderts liegt ein Original zu Grunde, das zwiſchen 1556 und 1574 geſchrieben ſein muß; denn das erſtere Jahr kommt im Texte der Handſchrift als ein ſchon vergangenes vor(S. 87), und das Salbuch von 1574 ſetzt die Bürgermeiſterwahl zu Alsfeld ſchon auf das Neujahr, während in der Handſchrift noch der Tag Petri vincula als Wahltermin erwähnt wird(S. 24). Prüfen wir nun weiter dieſe ſogenannten alsfeldiſchen Statuten auf ihren Inhalt, ſo ergibt ſich, daß wir in ihnen nichts anders als eine ſehr urtheilsloſe und unfreie Abſchrift des Buches von Emerich mit ſehr geringen Abänderungen, einigen wenigen Auslaſſungen und etlichen eignen Zuſätzen vor uns haben. Die Abänderungen beſtehen meiſtens darin, daß da, wo bei Emerich der Name Frankenberg geſetzt iſt, hier der Name Alsfeld erſcheint und daß an einigen Stellen über gewiſſe untergeordnete Stadtämter und über Gerichtsgebühren abweichende Angaben vorkommen; die Auslaſſungen betreffen faſt nur dasjenige, was, als abſolut local, gar nicht übergetragen werden konnte, wie frankenbergiſche Mühlen, Spitalverhältniſſe und Feuersbrünſte; von den Zuſätzen werden wir weiter unten reden. Emerich ſchrieb 1493, nachdem Frankenberg viele ſeiner Urkunden durch das Feuer und überdieß ſeine älteſten und erfahrenſten Schöffen durch den Tod verloren hatte, ſein Buch zur Rechtsbelehrung für die jüngere Generation. Dasſelbe iſt kein amtliches Weisthum, ſondern das Privatwerk eines wohlmeinenden Greiſes, der auch ſelbſt ſeine perſönlichen Reflexionen mit einfließen läßt. Sein Zweck war, daß die Freiheiten und guten Gewohnheiten ſeiner Vaterſtadt nicht vergeſſen und verloren würden. Dabei beſchränkt er ſich keinesweges auf das ſpeciell Frankenbergiſche, ſondern er beruft ſich ſehr häufig auf die allgemeinen Beſtimmungen des Kaiſerrechts, des Landrechts und des Decretalenrechts, wobei er auch ſelbſt Beziehungen auf das römiſche Recht nicht vergißt. Welchen Zweck und Beruf nun aber derjenige gehabt habe, der mehr als ſechzig Jahre nach Emerich deſſen Aufzeichnungen mit geringen Abänderungen abſchrieb und auf Alsfeld übertrug, iſt ſchwer zu ſagen. Wollte er, wie Emerich, eine praktiſche Anweiſung geben? Faſt ſollte man das glauben, da er dasjenige, was er vorbringt, als noch geltendes Recht behandelt und ſogar noch eine im Jahre 1556 gemachte unerhebliche Modification berührt. Aber einer ſolchen Beſtimmung entſpricht im Uebrigen ſeine Arbeit keinesweges; denn ſie enthält eine Menge von Dingen, die, wenn ſie überhaupt jemals in Alsfeld Geltung hatten, doch wenigſtens damals längſt abgeſchafft ſein mußten. Zwiſchen Emerich's und des Abſchreibers Zeit liegen 1) Wilhelm's II Gerichtsordnung von 1497, 2) desſelben Landgrafen undatirte Reformations⸗ ordnung für geiſtliche, Civil⸗ und Polizeiſachen, 3) Philipp's d. G. Hofgerichtsordnung von 1524, 4) die ⁷) So heißt es z. B. Seite 90: autem nicumbit probatum für actori incumbit probatio; S. 92: de regula transum ad religionem ſtatt: de regularibus et transeuntibus ad religionem; S. 62: im Land Rechten im 7. Capitel ſtatt: im ſelben Capitel; S. 125: wiſſentlich für unwiſſentlich; S. 126: die helffte buß ſtatt: die höchſte Buße u. ſ. w. Damit hängt denn auch zuſammen, daß der Abſchreiber einmal das 22. Capitel des Landrechts citirt, wo bei Emerich das 77. ſteht, und Aehnliches. Die Ziffern treffen ſonſt in der großen Mehrzahl in der Handſchrift und bei Emerich ganz zuſammen, und an ein eignes Exemplar des Schwabenſpiegels zu Alsfeld iſt darum nicht zu denken.— Von derſelben Hand, welche die fragliche Abſchrift gefertigt hat, iſt auch der im J. 1742 aufgeſtellte„Status ecclesiasticus der Stadt Alsfeld“ in's Reine geſchrieben.(Im Pfarrarchiv.) 6 42 alsfeldiſche Brauordnung von 1527, 5) die landgräfliche Verordnung von 1527 über Wochenmärkte, Vieh⸗, Fleiſch⸗ und Brotverkauf, 6) die Reformationsordnung von 1534 über Maaß, Gewicht und öffentlichen Verkehr, 7) die peinliche Halsgerichtsordnung von 1535 und endlich 8) die geſammte kirchliche Reformation. Obſolet oder ausdrücklich aufgehoben alſo war, was der Abſchreiber z. B. über gekaufte Gerichte, Kümmern, Criminalſtrafen, ſtändige Fleiſchpreiſe, Verhältniſſe der Bieringredienzen, Klöſter und Beguinenhäuſer und dergleichen aus Emerich und ſonſt woher in ſeine Compilation aufge⸗ nommen hat. Seine Bezugnahmen auf das geiſtliche Recht ſind vollkommen unpraktiſch. Von ſeiner geiſtloſen Nachtreterei möge hier nur ein einziges Beiſpiel folgen. Emerich macht die Bemerkung, man möge doch nach dem Beiſpiel anderer Städte, in welchen ſich Stifter, Klöſter, Beguinen⸗ oder Süſter⸗ häuſer befinden, auch in Frankenberg verbieten, daß das Grundeigenthum der Eltern auf ihre in den geiſtlichen Stand getretenen Kinder übergehe; auch ſolle man ſich nicht die Bauern von Geismar und Boppendorf durch fortwährende Ankäufe in der Gemarkung einniſten und am Ende das ganze Feld einnehmen laſſen; beſſer wäre es, man gäbe die Aecker dem erſten beſten Bürger und nähme vom Morgen ſechs Heller oder weniger(nämlich an Geſchoß). Der vermeintliche Reviſor der alsfeldiſchen Statuten ſchreibt nun in dem proteſtantiſchen Alsfeld dieſes alles getreulich nach, nur daß er bei der zweiten Be⸗ merkung ſtatt der Bauern von Geismar und Boppendorf die Bauern von Eudorf und Leußel nennt und den Verluſt, welcher der Stadt erwachſe, noch ausdrücklicher als Emerich in ihre„Beed und Gerechtig⸗ keit“ ſetzt. Er hat dabei überſehen, 1) daß er ſelbſt etliche Seiten weiter unten erwähnt, nach einer Verordnung Wilhelm's des Mittleren habe ein Bauer vom Lande von einem Bürgergute(d. h. doch wohl von einem Grundſtück in der Stadtgemarkung) doppelte Bede zu entrichten, und 2) daß auch ſchon in katholiſchen Zeiten Alsfeld das Recht hatte, Grundſtücke, die erb⸗ oder ſchenkweiſe auf geiſtliche Corporationen übergingen, wenn ſie nicht binnen Jahr und Tag freiwillig verkauft wurden, zwangsweiſe an einen Bürger veräußern zu laſſen. So iſt es mit dem Machwerke beſchaffen, das Senckenberg für eine im Jahr 1550 beſorgte Reviſion der alsfeldiſchen Statuten genommen hat. Und doch lag, als er dieſes that, Emerich's Sammlung bereits gedruckt vor. Den gründlichen Kopp kann indeſſen kein Vorwurf treffen; denn er kannte nur Senckenberg's kurzen Auszug, deſſen wörtliche Uebereinſtimmung mit Emerich ihm nicht entging, der ihn aber durch einige fehlerhaft geſchriebene Capitelziffern doch zu dem Glauben an ein im Uebrigen ſelbſt⸗ ſtändiges Werk und zu der Annahme eines eignen Schwabenſpiegels in Alsfeld veranlaßte. Die offenbare Unfähigkeit des kritikloſen Anonymus ſetzt denn nun auch die hiſtoriſche Beweiskraft ſeiner Arbeit auf ein ſehr niedriges Maaß herab. Bei demjenigen, wo er in Emerich's Worten redet, fehlt alle Gewährſchaft, ob es bloß zu Frankenberg, oder außerdem auch, wenn auch nicht mehr damals, doch irgend einmal in einer früheren Zeit zu Alsfeld gegolten hat. Als Zeuge für die Geltung des fränkiſchen Rechts in Alsfeld, wofür Kopp ihn angerufen hat, kann der Compilator in keinem Falle gelten. Doch bedarf es deſſen wohl auch nicht. An dem fränkiſchen Rechte im fränkiſchen Heſſen, wozu auch Alsfeld gehörte, wird kaum Jemand zweifeln, und für das benachbarte Grünberg ſteht dasſelbe ſogar urkundlich feſt s). Römiſches Recht und Landesgeſetzgebung haben aber hier, wie überall, ihre umgeſtaltende Macht geübt, und in Alsfeld hat ſich nichts erhalten, was als eine unterſcheidende Rechts⸗ gewohnheit gelten könnte. Bei allem Nachtheiligen, was wir von dem Compillator haben ſagen müſſen, darf doch nicht über⸗ gangen werden, daß er an einigen Stellen auch Solches hat, was bei Emerich nicht, oder doch etwas anders vorkommt. Hieraus iſt z. B. hervorzuheben, daß in früheren Zeiten ein neu aufgenommener ⁵) Urk. b. Glaſer, Geſch. v. Grünberg S. 179. Bürger dem Landgrafen ein Fuder Steinwein, dem Schultheißen eine Ohm, jedem Schöffen einen Eimer, dem Schreiber und dem Stadtknechte aber je einen halben Eimer habe geben müſſen), daß aber der Gebrauch dieſes in der Folge aus Gnaden auf zwei Maaß für den Schultheißen, zwei Viertel für den Rath und„eine Halbe“ für Schreiber und Knecht herabgeſetzt habe. Es wird ferner erwähnt, daß, wenn ein Bürger von außen Fehde bekam, unter gewiſſen Bedingungen die Bürgerſchaft ſeine Fehde aufzunehmen und„Leib und Gut“ bei ihn zu ſetzen hatte, was indeſſen zu Philipp's des Großmüthigen Zeit gewiß keine Anwendung mehr fand. Auch iſt die Nachricht von Intereſſe, nach welcher Alsfeld und Hersfeld eine Einigung(Einwerth) hatten, gegenſeitig ihre Bürger nicht zu„kümmern,(zu verhaften), ſondern vor dem zuſtändigen Gerichte zu belangen. Das Uebrige iſt von geringerem Werthe. *) Dieſe Aufbinderei iſt wörtlich aus der frankenbergiſchen Chronik genommen, wo Gerſtenberger erzählt, der Zu⸗ drang von Menſchen, welche zu Frankenberg Bürger werden wollten, ſei einſt unter Konrad 1 ſo übermäßig geweſen, daß man ſich genöthigt geſehen habe, den Einſtand in der angegebenen Weiſe zu erhöhen.(Kuchenb. V. S. 159.) 6* Beilage I. Judices ſancte maguntine ſedis. Recognoscimus quod litteras infraſcriptas non abolitas non cancellatas nec in aliqua sui parte viciatas nero figillo pendenti de quo fit mentio in eiſdem munitas vidimus et perlegimus Ac ipsas de verbo ad verbum tranſcribi fecimus in hec uerba. Conradus dei gratia palatinus Comes Rheni imperpetuum. Notum ſit tam futuris quam preſentibus quod nos vna cum coniugali noſtra Irmengardi palatina Comitifſa ius pro- prietatis de predio noſtro Adilſvelt quod racionabiliter et iuste possedimus ecclesie ſancti Jacobi in Maguntia pro noſtre remedio anime contradidimus ut autem nullus heredum noſtrorum hoc factum noſtrum pium infringere valeat presentem paginam ad noſtre munimen donacionis Sigilli noſtri impreffione communimus In huius igitur noſtre recognicionis fidem Sigillum noftrum preſentibus literis eſt appensum Anno domini M. CG. XG. Secundo. XII. kal. maij. (Das Siegel hängt unbeſchädigt an.) Beilage II. Wir Ludewig von gots gnaden Lantgraue zu heſſen Bekennen vor vns vnd vnſer erben vffinlichen an diſſeme brieffe, Alſe wir deme raide vnd den gemeynen burgeren zu Alſfelt vnſern lieben getruwen Beſtediget vnd Confirmiert hain Ire alden brieue, gnade friheid, gude gewonheid vnd herekomen, alſe ſie by vnſern vore aldern, vnd furſtenthume zu heſſen, here brocht hain, Alſo hain wir, mit byweſen des hoichgeborn furſten hü heinrichis hertzogen zu Brunſwig vnd luneburg vnſers lieben Swagers, der vnſer rechter vormunde iſt, vnd anderer vnſer Rete vnd frunde von heſſen vnd by der loune, Ire alden brieffe vnd geſetze, vnd ouch nuwe brieffe vnd ſatzunge, die vnſer vater lantgraue herman ſeliger gedechtniße en gegeben haid, gehort, vnd noch dem alſe es ytzunt In allen vnſern ſteden hie diſſeſyt des ſpißis In mencherhande gebrechen gelegen iſt, So han wir en zu beſſerunge vnd dorch gemeynis nutzis willen vnſer lande vnd lude, ſoliche gnade gethan, vnd thun In diſſeme brieffe alſe hernoch geſchreben ſteed, Zum erſten das In der vorgenant vnſer ſtaid zu Alffelt eyn gantz vollenkommen raidt vorbaſſir ſin vnd bliben ſal alſe das von aldere geweſt gehalten vnd herekommen iſt, vnd der raid ſal es ouch dar midte vorbaßer alſo halten, Vnd die viere die die gemeynde by den raidt gegebin vnd geſatzit haid das ſal vorbaßir me abe ſin, die wir ouch alſo abe thun In vnd mit Crafft diſſis brieffis, Ouch ſal der raid In der vorgenant vuſer ſtaid Alffelt alle Ire bede geſchoß Sture vnd hulffe alſe dicke des noid iſt, Setzen uff Ire eide alſe glich vnd redelichen iſt dem armen alſe deme richen, Was ouch gudes vnd erbes zu Alffelt by vnſers vaters Lantgraue hermans ſeligen getziten, vffgegeben vnd mit den zinſen gemynnert ſin, vnd ouch was ſache der egenant vnſer vater ſeliger zwiſchen vnſern burgern da ſelbis zu Alffelt geſcheiden vnd gerichtet haid dar by ſal es bliben, doch vßgenommen ſoliche brieffe, die den raid vnd gantze gemeynde vorgerurit ane treffen die vnſer herre vater ſeliger beſundern zwiſchen en gegebin haid, vnd die ſatzunge von den vieren vß der gemeinde ane treffen, die man vns widder geben ſal ane widder⸗ rede, Ouch wullen wir das der raid zu Alffelt, vorgenant keyne ſchult vorbaßer uff ſich vnd die egenant vnſer ſtaid machen virbrieffen virkouffen adir virſetzen ſollen zu liben adir anders, hinder vns by Iren eiten die ſie vns gethain hain, an vnſern wißen vnd volbort, Es ſal ouch der egenant raid allezyd wann ſie rechenen wollen, zu Meye vnd zu herbiſte, vns das laißen wißen In Iren brieffen, da by wullen 45 wir, alſe dicke des noid iſt, eynen adir zwene vß vnſerme rate ſenden, die dar by ſin ſollen, vnd wen dieſelben vß der gemeynde darzu nemen die ſie dunket dar zu gut ſin vor den ſollen ſie rechenen das ydermann gliche geſchee vnd das dun in allen ſachen, die die ſtaid von rechenunge wegen ane treffen Ouch ſollen Scheffen vnd raid, die ane gerichte plegen zu ſitzen, Orteile ſprechen vnd an gerichte geen dem armen alſe deme richen, vnd das nymanne virhalten an alle geuerde, Der vorgenant raid gemeyne burger vnd ſtaid ſollen ouch abe wir lantgraue ludewig vnd vnſer erben Sture vnd hulffe bedorfften, vns zu legen, noch Irer virmogede alſe getruwe burgere Irem rechten herren plichtig ſin, ouch ane geuerde, Man ſal ouch halten alle nuwe zunfft brieffe die wir ytzunt gebin noch deme das In vnſers landes gemeynen nutz erkandt iſt, Es ſal ouch die vorgenant vnſer ſtaid, by deme vngelde vnd wintzappen bliben, Ire ſchult zu betzalnde, biß das wir ſie eyn anders heißen, Ouch ſal der vorgenant raid alle Jare ſetzen vnd vbirkommen vmme das bruwen was eyn iglich burger uff das Jar bruwen ſulle vnd nicht me, alſe ſie das uff Ire eide Erkennen vnſerme ſloße zu dem beſten, eyme alſe glich alſe dem andern, das man ouch by der buße alſo halten ſal, vnd wir lantgraue ludewig vorgenant wollen das hie midte der egenant raid vnd die gemeynde derſelben ſtaid vmme alle zweyunge miſſehel vnd ſpenne abe der was vmme diſſer vorgeſchreben ſache willen zwiſchen en geweſt were, gentzlichen vnd gruntlichen, gerichtet vnd gantz abe ſin, ond diſſe vorgeſchreben artikele vorbaßir von en ſtede vnd veſte gehalten werden by Iren eiten, die ſie vns gethain hain, Hie by abe vnd an ſin geweſt die edeln Johan graue zu Solmße vnd heinrich herre von Schonenberg, her Thieterich von Witerßhußen Commirthur des thutſchen huſis by Marpurg, Her girlach vnd her Johan von Breidenbach gebrudere, her herman Trotte her Tietherich rode her wigand von haitzfelt, her Reynhard von Swalbach rittere, diele von elben, hartmud vnd philippus milchelinge gebrudere, Wolff von wulffirßhußen Eckard von rorenfurte, hans von eyſinbach, Ebirhard ſchencke der Junghe, Godefrid von haitzfelt genant der ruwe, onſer lieben heymelichen amptlude vnd getruwen, vnd anders vele Irbarer lute vnſer manne vnd burgmann, Diſſes zu Orkunde, hain wir onſer Ingeſigel an diſſen brieff thun hencken, Datum Sabbato post Sanctorum Viti et modesti martirum Anno domini Millesimo Quadringentesimo Quartodecimo. .(Das Siegel hängt an.) 4us Biin9t 1 13 ee eng wnctene aeeilate III. Wir Ludwig von Gots gnaden lantgraue zu heſſen bekennen vor vns vnd vnſer erben vffintlich in dieſem briefe, das wir angeſehin han gemeynen nutz, vnſers Sloßs Alſſelt vnd ſunderlich gunſt vnd dinſt den vns vnſer lieben getruwen alle zeuntfftmeiſter vnd gantze gemeynde daſelbs getan han, vnd han yn die gnade vnd willen getan, als ſie by vnſerm vatter ſeligen vormals gehabt han, Als hirnach geſchreben ſted, Czum erſten das dieſelben zeunffte vnd gemeynde, vier mit vnſerm wyſſen, vnd die vns dartzu gud duncken vß yn kieſen ſoln, die zu den zewelff Scheffen vnd zu dem Rate der itzunt iſt vf den Raid gehin vnd alle rechte helffen vßſprechen vnd mit...(mitde?) wyſſen, alle vfname vnd vßgifft von allem gelde daz die Stad an gebort vnd alle rechenunge mitde horen vnd da by ſin vnd auch wann man geſchoß adir meybete ſetzet adir ubirkomet vnd was die zewelff Scheffen Raid vnd die vier von der gemeynde, darvmb ſetzen adir machin eyntrechtiglichin, das ſal man alſo halten, vnd die gemeynde ſoln die vier andern iglichs Jars wann yn daz ebind vnd alſdicke des noid iſt, doch mugen die gemeynde der gekorn vier, als vorgeſchreben ſted, eynen adir zewene by den Scheffen vnd Rate der itzunt iſt laſſen vnd dartzu nüwe kieſen alſvil das Irer vier werden, vnd dieſelben vier ſoln Burgermeiſter vnd Scheffen globen 46 vnd ſweren Ire heymlichkeit nicht zu melden, Wir ſin auch ubirkomen, das der zewelff Scheffen nicht me dan eyner von eynem geſlechte ſin ſal, vnd die andern die an Rate ſin ſoln zudieſſer zeyt mit den Scheffen vnd den vieren darane blyben, doch alſo wann Irer eyner von todeſwegen abegegangen iſt daz man alſdan keyne andere an des abegegangen ſtad kieſe adir ſetze, Man ſal auch alſdicke eyner vß den Scheffen von todeswegen abegehit eynen andern vß dem Rate an des ſtad nemen vnd alſdan an des Raids ſtad auch keyne andern kieſen, vnd wann der Raid alſo gantz vorſtorben vnd abe were, ſo ſal er by den zewelff Scheffen vnd den vieren von der gemeynde bliben vnd keinen andern Raid an vnſern wyſſen vnd geheiße me kieſen, Wir ſin auch nemlich ubirkomen abe die Scheffen ſache vornemen die die vier von der gemeynde hinder den zeunftmeiſtern mit yn nicht getruweten vßzurichten So muchten dieſelben vier die ſache hinder ſich an die Zeunfte bringen, vnd duchte dan aber die vier daz ſie das mit den zeünften auch nicht vßgerichten muchten, So muchten ſie es abir vorbaſſir an vns vnd vnſere erben vnd vnſer Amptlute bringen vnd ſulten damitd widder Irer eyde nicht..... haben Item ſal Iglicher alle Jar Schoſſen vf ſinen eyd wie des Scheffen Raid vnd gemeynde ubirkomen, vnd alsdan das geſchoß vfhebin bynnen drein vierzeehn nachten als gewuntlich iſt Item ſoln zeunft gemende alle Jar eynen Burgermeiſter kieſen vß den zewelff Scheffen, So ſoln die zewelff Scheffen eynen vnder Burgermeiſter vß den gekoren vieren von der gemeynde kieſen, Item ſoln iglichs Jars eynen vß yn vnd die vier von der gemeynde alle Jare auch eynen vß yn kieſen vnd ſetzen zu Buwmeiſtern, vnd deſglychen ſoln Igliche partye eynen vß yn kieſen vnd ſetzen zu Raitkauf wynkonnern broid vnd fleiſchbeſehern vnd andere dingen die man zu beſehin pleget, Item eyn Burgermeiſter vß den Scheffen vnd eyn vnder Burgermeiſter vß der gemeynde mit Iren geſellen ſoln macht haben alle raitſchaft vß......... zu bezalinde(?), Es ſoln auch Burgermeiſter Scheffen vnd Raid vnd die vier Iglichs Jars vnd iglicher zeyt ſo ſie er rechenunge tün woln vns vnd vnſere erben zuuornt zuwyſſen..... ond bitten vnſere frunde dartzu zu ſchicken ſolche rechenunge zuhoren vnd mitde zuwyſſen, Auch ſoln Burgermeiſter Scheffen vnd gantze gemeynde nymands geſtaden noch gehengen ſelbgewalt noch frevil eyner an dem andern by yn in vnſerem Sloſſe zutunde in keynewies ſunder das mit hulffe vnſer Amptlute weren vnd vfhalten nach allem vormugen ane geuerde, Wir behalten auch vns vnd vnſern erben die macht alle vorgeſchreben artickel eynen adir me einenteil adir zumal alle zeyt wan vns daz ebind zuuerandern vnd es damitde zu machen wie vns dan dunckid vns vnd vnſer Stad noid vnd beſts ſin, Dieſs zu vrkunde han wir vnſer Ingeſigil hiran tun hengken Ipo die Conuerſion Sancti Pauli, Sub Anno dm Millesimo quadrageſimo vicesimonono. (Das Siegel hängt unbeſchädigt an. Auf der äußeren Seite der Urkunde iſt von alter Hand geſchrieben:„Der Kore brieff.“ An verſchiedenen Stellen, die wir oben mit Punkten bezeichnet haben, ſind die Worte theils gänzlich verwiſcht, theils wenigſtens ſehr zweifelhaft.) (Die Fortſetzung folgt im nächſten Programme.) I. Schulnachrichten. 1. Die Lehre. a. Darſtellung im Eirzelnen. Erſte Claſſe. (Claſſenführer Geiſt). Religionslehre: a) evangeliſche, 2 St. Glaſer: Chriſtliche Sittenlehre nach Palmers Lehrbuch Th. 1.§. 207 bis zu Ende. Lectüre des Briefes Pauli an die Philipper und von Stücken aus dem Evangelium Marci nach dem Urtext.— b) katholiſche, 2 St. Fluck: Chriſtliche Apologetik insbeſondere Schluß der Lehre von der Kirche, nach eigenen Dictaten. Lateiniſch, 7 St. Geiſt: Cicero's Reden pro Sulla, pro Archia, pro Ligario, Virgils Georgica I. u. II., lateiniſche Stilübungen, beſtehend in Aufſätzen, Exercitia pro loco und domestica. 2 St. Beck: Horaz, ausgewählte Oden des 3. Buches und ausgewählte Satiren des 2. Buches. Griechiſch, 4 St. Geiſt: Sophokles Oedipus Rex, Demoſthenes Olynth. I. II. III., Phil. I., Herodot VII. 2 St. Rumpf: Homers Ilias XVI. XVII. XVIII. XIX. Deutſch, 3 St. Soldan: Aufſätze über gegebene Themata; Declamation; Lectüre von Schillers Tell; Dispoſitionslehre. Franzöſiſch, 2 St. Hainebach: Geleſen in Hölders Handbuch S. 303— 331; 571— 620. Aus dem Deutſchen überſetzt nach Beauvais S. 135— 142; 178—186 ſchriftlich und Mehreres mündlich. Exercitia pro loco. Geſchichte, 3 St. Soldan: Die neuere Geſchichte. 1 St. Geiſt: deutſche Litteraturgeſchichte nach Schäfers Grundriß§. 132— 149. Mathematik, 4 St. Dölp: Ebne Trigonometrie. Reihen. Binomiſcher Lehrſatz. Zinſeszins⸗ und Rentenrechnung. Kettenbrüche. Unbeſtimmte Aufgaben des erſten Grades. Die Principien der Auflöſung höherer Gleichungen an den Gleichungen des dritten Grades entwickelt. Naturwiſſenſchaft, 2 St. Dölp: Magnetismus. Elektricität. Akuſtik. Optik. 7 48 Zweite Claſſe (Claſſenführer Soldan). Religionslehre: a) evangeliſche, 2 St. Glaſer: Geſchichte der chriſtlichen Kirche von der Reformation bis auf die neuere Zeit nach Palmers Lehrbuch§ 14y bis zu Ende. b) katholiſche, wie in der erſten Claſſe. Lateiniſch, 10 St. Soldan: Livius XXI u. XXII. Virgils Aeneide I u. II. Ueberſetzungen aus dem Deutſchen ins Lateiniſche nach Bomhard Nr. 52— 79. Exercitia pro loco. Grammatik: die wichtigſten Abſchnitte der Syntaxis wiederholt. Griechiſch, 6 St. Rumpf: Homers Odyſſee XIII. XIV. curſoriſch VIII. IX. Xenophons Anabaſis I u. II.; auch ſchriftlich. Grammatik nach Krüger§. 43—54. Ueberſetzen aus dem Deutſchen nach Mehlhorn.. Deutſch, 3 St. Glaſer: Aufſätze über gegebene Themata, Declamationsübungen, Lectüre von Stücken aus Göthe, Schiller und anderen deutſchen Dichtern. Franzöſiſch, 2 St. Hainebach: Geleſen in Hölders Handbuch S. 40— 49; 112— 133; 147— 164. Ueberſetzt aus dem Deutſchen nach Beauvais S. 114— 118; 142— 153; 261— 265. Exercitia pro loco. Geſchichte, 2 St. Beck: Römiſche Geſchichte von 366 v. Chr. bis 476 n. Chr., deutſche Geſchichte bis zu Conrad II. Geographie, 2 St. Soldan: Flußgebiete der Weſer, Ems, Elbe, Oder, Weichſel, des Rheins und der Donau. Mathematik, 4 St. Dölp: Buchſtabenrechnung, Logarithmen, Gleichungen des erſten und zweiten Grades. Aehnlichkeit der Figuren, Berechnung des Kreisumfangs und der Kreisfläche. Stereometrie. Naturwiſſenſchaft, 1 St. Dölp: Die Eigenſchaften einzelner chemiſcher einfacher Körper. Dritte Claſſe (Claſſenführer Rumpf). Religionslehre: a) evangeliſche, 2 St. Glaſer: Chriſtliche Pflichtenlehre nach Luthers kleinem Katechismus(I. und 3. Hauptſtück) und dem badiſchen Katechismus Fr. 108 bis zu Ende. Erlernung von Liedern aus dem Landesgeſangbuch. Lectüre und Erilärung des Evang. Lucä.— b) katholiſche, ſ. vierte Claſſe. Lateiniſch, 8 St. Rumpf: Curtius VI, 4 bis VII, 3. Grammatik nach Geiſt cap. 35— 47. Ueberſetzungen nach Süpfle Th. 1. Nr. 115— 205. Exercitia pro loco und domestica. Repetition der Formenlehre. 2 St. Köhler: Ovids Metamorphoſen III, 1— 250. VI, 1— 102. 129— 411. VII, 1—158. Griechiſch, 5 St. Köhler: Wiederholung der regelmäßigen Verba, Einübung der Verba auf 1⁴ und der Anomala nach Pinzger§. 250— 308. Ausgewählte Abſchnitte aus Jacobs Leſebuch überſetzt. Deutſch, 3 St. Rumpf: Aufſätze über gegebene Themata, orthographiſche Uebungen, Inter⸗ punctionslehre, Declamationsübungen, Lectüre deutſcher Dichtungen. Franzöſiſch, 3 St. Hainebach: Geleſen in Hirzels Leſebuch S. 67— 78; 103— 114; 153— 158. Wiederholung der Formenlehre, Genusregeln. Exercitia pro loco. 49 Geſchichte, 2 St. Beck: römiſche Geſchichte von 452 v. Chr. bis zu Kaiſer Auguſtus. Geographie, 2 St. Glaſer: Deutſchland, Aſien, Africa, America, Auſtralien. Mathematik, 4 St. Dölp: die ebene Geometrie bis zur Flächenberechnung geradliniger Figuren einſchließlich. 80 Aufgaben aus der Sammlung von Wöckel conſtruirt. Auflöſung von Aufgaben aus Hirſch, Lauteſchläger, Heiß u. ſ. w. durch Gleichungsanſätze. Naturwiſſenſchaft, 1 St. Dölp: Ausdehnung durch die Wärme. Thermometer. Luftpumpe. Barometer. Specifiſches Gewicht. Vierte Claſſe (Claſſenführer Hainebach). Religionslehre: a) evangeliſche, wie in der dritten Claſſe.— b) katholiſche: die noch nicht confirmirten Schüler des Gymnaſiums wurden gemeinſchaftlich mit den Elementarſchülern der hieſigen katholiſchen Gemeinde außerhalb des Gymnaſiums unterrichtet, 2 St. Fluck: Schluß des 2 Hauptſtückes, von den Geboten, 3. Hauptſtück, von den Gnadenmitteln, nach dem Dibzeſankatechismus. Latein, 9 St. Hainebach: Caesar bell. Gall. IV u. V. Die Formenlehre theils wiederholt, theils neu gelernt. Exercitia domestica nach Süpfle S. 3— 61. Exercitia pro loco. Griechiſch, 4 St. Köhler: die Lehre vom Verbum nach Pinzger§. 209— 267. Jacobs die Abſchnitte über das regelmäßige Verbum und die Verba auf ι S. 20—44 geleſen. Deutſch, 3 St. Hainebach: Aufſätze, orthographiſche Uebungen, Declamiren. Franzöſiſch, 3 St. Hainebach: die geſammte Formenlehre. Geſchichte, 2 St. Beck: griechiſche Geſchichte von 476 bis 355, älteſte römiſche Geſchichte bis zu den puniſchen Kriegen. Geographie, wie in der dritten Claſſe. Rechnen, 2 St. Dölp: Regel de tri. Zinsrechnung. Geſellſchaftsrechnung. Miſchungsrechnung. Naturgeſchichte, 1 St. Dölp: Amphibien. Fiſche. Käfer. Schmetterlinge. Schönſchreiben, 1 St. Diehl.. Fünfte Claſſe (Claſſenführer Köhler). Religionslehre: a) evangeliſche, 2 St. Glaſer: chriſtliche Pflichtenlehre nach Luthers kleinem Katechismus(1. u. 3. Hauptſtück) und nach dem badiſchen Katechismus. Erlernung von Liedern aus dem Landesgeſangbuche. Bibliſche Geſchichte des A. T.— b) katholiſche, ſ. vierte Claſſe. Lateiniſch, 10 St. Köhler: geleſen Cornelius Nepos Phocion, Timoleon, Hamilcar, Han- nibal, Aristides, Pausanias, Cimon; Wagners flores et fructus S. 4— 8. 25— 40. Grammatik §. 49— 143. 150— 153. 157— 161. 174—180. 181— 250. Mündliche und ſchriftliche Ueberſetzungen aus O. Schulz, l. und 2. Curſus. Exercitia pro loco. Griechiſch, 3 St. Beck: die Formenlehre bis ans Verbum nach Pinzger§. 17—92 verbunden mit Leſen der entſprechenden Abſchnitte von Jacobs und mit ſchriftlichen Uebungen. Exercitia pro loco. Deutſch, 3 St. Beck: orthographiſche Uebungen, Memoriren und Declamiren nach Wackernagels Leſebuch, Aufſätze über gegebene Themata. Geſchichte, 2 St. Beck: griechiſche Geſchichte vom trojaniſchen Kriege bis 449. 50 Geographie, 2 St. Beck: politiſche und phyſiſche Geographie der deutſchen Bundesſtaaten. Rechnen, 2 St. Dölp: die gemeinen und die Decimalbrüche. Naturgeſchichte, 1 St. Dölp: Organismus des thieriſchen Körpers, Säugethiere. Schönſchreiben, 2 St. Diehl. Sechſte Claſſe (Claſſenführer Diehl.) Religionslehre, wie in der fünften Claſſe. Lateiniſch, 10 St. Diehl: Einübung der Formenlehre nach der Grammatik. Uebungen im Ueberſetzen aus dem Lateiniſchen ins Deutſche nach Ellendt, 2. Curſus, erſter Abſchnitt und 3. Curſus bis Nr. 50, aus dem Deutſchen ins Lateiniſche nach O. Schulz, 1. Abſchnitt bis Nr. IX. Exercitia pro loco. Deutſch, 4 St. Diehl: die deutſche Wortformenlehre in Verbindung mit der lateiniſchen. Uebungen im ausdrucksvollen Leſen nach Wackernagels Leſebuch, 1. Curſus. Orthographie, mündlich und ſchriftlich. Uebungen im Erzählen, mündlich und ſchriftlich. Memorir⸗ und Declamirübungen. Geſchichte, 2 St. Beck: Skizzen aus der orientaliſchen Geſchichte und griechiſchen Mythe. Geographie, 2 St. Beck: Einleitung in den geographiſchen Unterricht nach Schacht§. 1— 20. Ueberſicht der einzelnen Länder Europa's nach ihrer politiſchen Geſtaltung und phyſiſchen Beſchaffenheit; Ueberſicht der übrigen Welttheile nach ihrer phyſiſchen Beſchaffenheit. 1 Rechnen, 2 St. Dölp: Kopfrechnen zur Einübung des Zahlenſyſtems. Naturgeſchichte, wie in der fünften Claſſe. Schönſchreiben, 2 St. Diehl. Nebenſtunden. Hebräiſch in 2 Abtheilungen zu 2 St. Glaſer. Erſte Abtheilung: Formenlehre und Syntax nach Geſenius, Exercitien. Geleſen: Gen. c. 2 u. 3. 1 Sam. c. 17. Psalm. 1. 2. 3. 8. 15. 19. 22. 23. 24. 29. 104. Joël c. 1 u. 2.— Zweite Abtheilung: Einübung der Formenlehre, Exercitien, Ueberſetzung und grammatiſche Erklärung von Genesis c. 1— 3. Engliſch, in 2 Abtheilungen zu 2 St. Hanſtein. 1. Abtheilung: Leſen von Washington Irving's Chronicle of the conquest of Granada c. 35— 47. Sprechübungen.— 2. Abtheilung: Leſeregeln und Wortformenlehre nach Müllers engliſchem Leſebuch S. 39— 67. Ueberſetzen und Memoriren aus demſelben. Zeichnen in 3 Abtheilungen zu 2 St. Dickore. Erſte Abtheilung: Landſchaften, Thiere, Köpfe und Figuren nach Vorlagen und Gypsmodellen in Bleiſtift, Kreide, Tuſche und Farben ausgeführt.— Zweite Abtheilung: Blumen, Baunſchlag, Landſchaften in Umriſſen und Ausführung in Bleiſtift, Kreide und Tuſche.— Dritte Abtheilung: die erſten Elemente des Zeichnens, gerade und krummlinige Figuren nach Dupuis, Anfangsgründe des Schattirens. Singen in 3 Abtheilungen zu 2 St. Hofmann. Eröffnung der Gymnaſialbibliothek, 2 St. Diehl. 51 b. Tabellariſche Ueberſicht der Lehrſtunden nach Claſſen. — 3 E 5 SI 5 Uebenſtunden— e=2=L=L2E38 5 T Ef 5. 8.5 e. 3 e n. e S 6 55 S3ſ5 Wa. da. de der I. 2 3 9 6 2 4— 4 2— 32 2 2 2 2 II. 2 3 10 6 2 2 2 4 1— 32 2 2 2 2 III. 2 3 10 5 3 2 2 4 1— 32—— 2 2 IV. 2 3 9 4 3 2 2 2 1 1 29—— 2 2 V. 2 3 10 3— 2 2 2 1 2 27—— 2 2 VI. 2 4 10—— 2 2 2 1 2 25—— 2 2 2. Die Lehrer. a. Pperſonalbeſtand. Dr. duard Geiſt, Director. Dr. Wilhelm Gottlieb Holdan, Profeſſor. Dr. Carl Glaſer. Dr. Wilhelm Diehl. Dr. Heinrich Rumpf. Dr. Johann Heinrich Hainebach. Dr. Jerdinand Anton Beck. Dr. Heinrich Köhler. Dr. Heinrich Dölp. Außerordentliche Lehrer: Muſikdirector Hofmann, Geſanglehrer. Reallehrer Dr. Hanſtein, Lehrer der engliſchen Sprache. Profeſſor Dr. Fluck, katholiſcher Religionslehrer. Reallehrer Dichore, Zeichenlehrer. 7* 52 b. Cabellariſche Ueberſicht der Lehrſtunden nach Kehrern. Geſammtzahl der Namen der Lehrer. Lehrgegenſtand. Claſſe. Zahl der Stunden gegenſt ſſe h 3 Stunden. Geiñt— 1 7 ei riechiſch 1 4 12 Deutſche Litteratur 1 1 — I 3 eſchichte I 3 Soldan Latein II 10 18 Geographie II 2 Mel gien I— VI 8 Hebräiſ I. II 4 Glaſer Deutſch II 3 19 Geographie III. IV 4 Deutſch 5 4 Latein 10 Diehl Schönſchreiben IV. V. VI 5 21 Eröffnung der Bibliothek— 2 Griechiſch I. II 8 Numpf Deutſch III 3 19 Latein III 8 Franzöſiſch I. II. III. IV 10 Hainebach Deutſch IV 3 22 Latein IV 9 Latein 1 2 Deutſch 44 3 Beck Griechiſch v 3 22 Geſchichte II. III. IV. V. VI 10 Geographie V. VI 4 . Latein III. V 12. Kohler 1 Griechiſch III. IV 9— 21 2 — Mathematik I— VI 18 Dolp( Naturkunde I— VI 6— 24 Hofmann Singen 3 Abtheilungen zu 2 Stunden 6 Hanſtein Engliſch 2 Abtheilungen zu 2 Stunden 4 Iluch Religion 2 Abtheilungen zu 2 Stunden 4 Dickore Zeichnen 3 Abtheilungen zu 2 Stunden 6 53 3. Die Schüler. a. Tabelariſche Ileberſicht der Schülerzahl. ————— S—— 4 58[25 2 58 2 3 8 3 4 8 H 8 S 8 8 8 5 5 8 8 3 5 ⁸ 8 5 5 8 5 8 8[25 155 8 Claſſe. 8 8 S8 8 8. 8— S— 5 ₰. 8 8 5 3 5 8 8 2„ 2 232 52 B ⁵ 8 8 8 82 öE25 32 I 45 19 25 1 42 3— 4 7 42 II 45 24 19 2 40 3 2 7 9 43 III 20 16 4— 17 1 2 2 7 15 IV 21 19 1 1 19 1 1 3 4 20 V 10 8 2— 8 2— 2 2 10 VI. 14, 14— 14—— 8— 22 Zuſammen 155 100 51 4 140 10 5 26 29 15² b. achricht über die aus der Anſtalt abgegangenen Schüler. Von den 7 aus Prima ausgetretenen Schülern beſtanden 5 zu Herbſt die Maturitätsprüfung, gieng in das Gymnaſium zu Darnſtadt über, 1 ſtarb. Von den 9 aus Secunda ausgetretenen Schülern wurden 3 zu Herbſt nach Prima verſetzt, 3 giengen in die höhere Gewerbſchule zu Darmſtadt über, 1 in ein ausländiſches Gymnaſium, 1 wurde Kaufmann, 1 Oeconom. Von den 7 aus Tertia ausgetretenen Schülern wurden 3 zu Herbſt nach Secunda verſetzt, 3 wurden Kaufleute, 1 Apotheker. Von den 4 aus Quarta ausgetretenen Schülern wurden 2 zu Herbſt nach Tertia verſetzt, 1 gieng in Privatunterricht über, 1 ſtarb. Von den 2 aus Quinta ausgetretenen Schülern gieng einer in die hieſige Realſchule über, von dem andern iſt die weitere Beſtimmung nicht bekannt. Oſtern 1860 beſtanden die Maturitätsprüfung: 1) Ludwig Windecker aus Gießen, Studium Philoſophie.— 2) Heinrich Weckerling aus Friedberg, Studium Medicin.— 3) Wilhelm Hardt aus Altenſtädten, Studium Theologie.— 4) Friedrich Soldan aus Friedberg, Studium Theologie.— 5) Moritz Repp aus Holzheim, Studium Theologie.— 6) Carl Eckhard aus Gladenhach, Studium Theologie.— 7) Wilhelm Wilbrand aus Gießen, Studium Forſtwiſſenſchaft.— 8) Carl Webex aus Lich, Studium Theologie. 54 9) Juſtus Buff aus Gießen, Studium Cameralwiſſenſchaft.— 10) Chriſtian Scriba aus Leihgeſtern, Studium Theologie.— 11) Carl Kuhl aus Butzbach, Studium Medicin. Von denſelben erhielten 3 Nummer I, 2 Nummer II, 6. Nummer III. Herbſt 1860 beſtanden die Maturitätsprüfung: 1) Emil Dittmar aus Lampertheim, Studium Forſtwiſſenſchaft.— 2) Auguſt Suppes aus Hopfmannsfeld, Studium Theologie.— 3) Adolf Zimmer aus Gießen, Studium Forſtwiſſenſchaft.— 4) Auguſt Zimmermann aus Lich, Studium Theologie.— 5) Albert Junker aus Lich, Studium Theologie. Von denſelben erhielt 1 Nummer II, 4 Nummer III. A. Chronik der Anſtalt. Am Tage der Eröffnung des neuen Schuljahres, dem 30. April 1860, wurde die Erinnerung an den vor 300 Jahren erfolgten Tod Melanchthons durch Reden und Geſänge gefeiert. Am 23. Juni 1860 ſtarb Friedrich Zinßer aus Lich, Schüler von Oberprima, einer der muſter⸗ hafteſten und hoffnungsvollſten unter den unſre Anſtalt beſuchenden Jünglingen. Der in ſeiner Heimath am 25. Juni Statt gefundenen Beſtattung deſſelben wohnten einige Lehrer und ſämmtliche Schüler der Prima bei.. Am 17. Juli 1860 ſtarb Franz Block aus Gießen, Schüler von Quarta, ein ſehr braver und wohl geſinnter Knabe. An ſeiner Beerdigung betheiligten ſich ſämmtliche Lehrer und Schüler des Gymnaſiums. 1 Am 10. December 1860 betheiligte ſich unſre Anſtalt bei dem 50jährigen Dienſtjubiläum des Ge⸗ heimen Kirchenrathes Dr. Engel, welcher ſeine amtliche Thätigkeit an derſelben begonnen und 16 Jahre lang ſegensreich an ihr gewirkt hat, durch Ueberreichung einer Votivtafel. II. Nachricht über die öffentlichen Schulfeierlichkeiten. 1. Die öffentlichen Schulprüfungen werden in folgender Weiſe abgehalten: Mittwoch den 20. März Vormittags von 9—12 Uhr Prima. Religion, Glaſer.— Griechiſch, Geiſt.— Geſchichte, Soldan.— Latein, Beck.— Mathematik, Dölp.— Franzöſiſch, Hainebach. 55 An demſelben Tage Nachmittags von 2—5 Uhr Secunda. Religion, Glaſer.— Latein, Soldan.— Geſchichte, Beck.— Griechiſch, Rumpf.— Mathematik, Dölp.— Franzöſiſch, Hainebach. Donnerſtag den 21. März Vormittags von 9—12 Uhr Tertia und Quarta. Religion, Glaſer.— Latein III, Rumpf.— Mathematik, Dölp.— Latein IV, Hainebach.— Franzöſiſch, Hainebach.— Griechiſch, Köhler. An demſelben Tage Nachmittags von 2—3 ½ Uhr Quinta und Sexta. Religion, Glaſer.— Latein V, Köhler.— Geſchichte, Beck.— Latein VI, Dichl.— Griechiſch V, Beck.— Rechnen, Dölp.— Geographie, Beck. 2. Die Schlußfeier findet Freitag den 22. März Nachmittags um 2 Uhr Statt, beſtehend aus Geſängen, Reden und declamatoriſchen Vorträgen der Schüler. Hierauf erfolgt die Verkündigung der Verſetzungen und Prämien. III. Bekanntmachung über Zeit und Bedingungen der Aufnahme in das Gymnaſium. Anmeldungen zur Aufnahme in das Gymnaſium für das mit dem 22. April beginnende neue Schuljahr ſind Donnerſtag den 18. April Morgens von 9—12 Uhr in dem Gymnaſialgebäude unter Beibringung von Zeugniſſen der bisherigen Lehrer bei der unterzeichneten Behörde zu machen, worauf am 19. und 20. April die Aufnahmeprüfung Statt finden wird. Das für die Aufnahme in die ſechſte Claſſe beſtimmte Lebensalter iſt das zurückgelegte 10. Lebensjahr. Bedingungen der Aufnahme in dieſe Claſſe ſind geläufiges Leſen und Schreiben der deutſchen und lateiniſchen Schrift, ziemliche Sicherheit in der Rechtſchreibung und im Gebrauch der 4 Grundrechnungsarten, Kenntniß der regelmäßigen lateiniſchen Declination und Conjugation, der Adjectiva und Pronomina. Großherzogliche Direction des Gymnaſiums zu Gießen. Dr. Geiſt. e ma àahatanrbase ear. ee. 15 3 5 faAiu 193 ni nr anm uz: 44159 nsanris5 nuuu 194 32 aannas mairooejd u3 nainnus aganme eia üf 8 aariat uransi riS an