Die naiven, religiösen und philo- sophischen Anschauungen vom Wesen und Wirken der Sterne. I. Teil Von Dr. Willy Gundel. Beilage zum Programm des Großherzoglichen Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums zu Giessen. Brühl'sche Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. 1912. Es gilt eine mühsame Wanderung einen Berg hinauf über schlafende Jahrhunderte und Völker hinweg, wenn wir der ver- schiedenartigen Entwickelung nachspüren wollen, die der mensch- liche Geist vom kindlich phantastischen Herumtasten bis zum starken Mannesschritt des Forschers und Denkers in der Gestirn- beobachtung gemacht hat. Der Berg, den wir emporsteigen, ist die geistige Entwicklung der Menschheit. Unser Weg führt uns durch Astronomie, Astrologie und Astrognosie hindurch durch weite, räumlich und zeitlich, kulturell und religiös mit- unter völlig zerklüftete Gebiete. Er gibt uns dabei des öfteren Ausblick in unsere Zeit und zeigt uns, daß in unserem Sprach- schatze Geröllmassen liegen, die verwittert und leblos im Laufe der Jahrhunderte geworden sind; ein Hlammerschlag zeigt uns, daß sie aus ganz bestimmten Gesteinsschichten herabgebröckelt sind, die sich auf unserer Wanderung als breite, zusammen- hängende Bestandteile in dem Berg offenbaren. Unsere gang- baren Bezeichnungen des gestirnten Himmels wie Stern— Stern- schnuppe— Komet— Milchstraße— Abendstern oder Venus — Wagen oder Bär— Hund oder Sirius— Plejaden oder Gluck- henne— Orion oder Rechen sind für uns an sich völlig inhalt- lose Namen, ihren tatsächlichen Urbestand werden wir auf un- serer Wanderung erkennen können. Wir werden aus ihnen feststellen können, wie sie in der psychologischen Entwickelung der Menschheit dereinst wertvolle Bestände einer für unser mo- dernes Denken versunkenen Weltanschauung gewesen sind. 1. Kapitel. Die naiven Anschauungen. § 1. Die Sterne und der Himmel bestehen aus festem, leblosem Material.) Um den Entwicklungsprozeß der Sternendeutung verfolgen zu können, müssen wir zugleich die ursprünglichste Himmels- vorstellung berücksichtigen. Für das Kind und für den Natur- menschen, der geistig auf gleicher Stufe steht, gibt es keinen 1* — 4— unendlichen Raum, durch den unzählige Lichtmeere dahin- rollen, und in dem unser Planet ein geringfügiges Etwas ist, das jedes Menschenleben im gewaltigen Reich der Unendlichkeit er- drückt, sondern es fühlt sich als sehr wesentlichen, besser haupt- sächlichen Bestand seiner näheren Umgebung. Der Begriff des Unendlichen fehlt dem naiven Himmelsbeobachter; der Blick zeigt ihm ein großes kuppelartiges Dach, das rings auf der Erde aufsteht und völlig das Erdenleben einschließt. Das bedeutet ursprünglich unser Wort Himmel;¹) auch in dem griechischen und römischen Volke war diese Vorstellung seit alters mit dem Himmel verbunden; 0oνòꝓς gehört zu dem indischen varena und hat den Sinn von Umhüllung, Bedeckung,?) und in dem lateinischen Wort caelum sahen die alten Erklärer) caelatum versteckt, es war also für sie der Himmel eine feste Masse, aus der die Sterne kunstvoll herausgearbeitet waren. Im Sanscrit bedeutet das Wort für Himmel soviel wie Stein— Felsenwand.⁴) An sich lehrt ja die Betrachtung dieses Gewölbes, daß es aus durchsichtigem Material, etwa Glas oder Kristall, bestehen müßte. Regen, Blitz und Donner, sowie der Fall von Meteorsteinen rufen unwillkürlich eine Erweiterung des Himmelsbildes in ganz be- stimmten Bahnen hervor, je nachdem das Material des himm- lischen Daches als Stein, Bronze, Eisen oder Diamant, Glas oder Kristall oder feste Azurbläue gedacht wird. Von Bronze denkt ihn sich der Grieche, so schildert ihn Homer Odyssee III 2 und Ilias V 504, XVII 425, Pindar Pyth. X 27; VI 4, ebenso Theognis v. 860. Was diese Idee hervorgerufen hat, erkennen wir am besten aus dem Salmoneusmythus; dort dünkt sich der über- mütige König dem Donnergotte gleich, läßt sich eine Brücke aus Bronze bauen und fährt mit seinem Streitwagen darüber; so will er den Donnerhall nachmachen, den Blitz sendet er herab, indem er Fackeln schleudert. Wie hier der Klang des Donners durch das Darüberfahren mit dem schweren Wagen erzielt wird, so entsteht nach dem naiven Glauben der Griechen der wirk- liche Donner dadurch, daß Zeus über das eherne Himmels- gewölbe fährt. Auch Herodot spielt auf diese altgriechische Himmelsvorstellung des festen Gewölbes an, denn sie müssen wir voraussetzen bei der Geschichte von den Libyern; diese führten die griechischen Kolonisten zur Quelle Apollos mit der ¹) von ham= decken, also= Decke oder Dach der Erde, näheres bei Grimm Deutsches Wörterbuch s. v. 2) H. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, Straßburg 1901 S. 370. ³) Varro de lingua latina V 18 men. 420, Plin. 2, 8. 4) Schrader a. O. 3 — 5— Behauptung, dort sei gesegnetes Land: denn dort sei der Himmel durchbohrt, also sei immer der dort so notwendige Regen zu er- warten(IV 158). Auch die Deutung der Milchstraße als Sonnen- straße hat das metallene Himmelsgewölbe zur Voraussetzung: auf ihrer täglichen Bahn, die die Sonne am Himmel hinrollt, glüht sie den ihr zunächst liegenden Himmelsstrich derart aus, daß er zur Nachtzeit in dem matten Lichte, wie wir es in der Milchstraße beobachten, weiter leuchtet;²) wie jede irdische Me- tallmasse weiter glüht, nachdem sie durch Feuer intensiv er- hitzt wurde, so glänzt das von der Sonne erhitzte Himmelsmetall als Milchstraße zur Nachtzeit. Die blaue Färbung desselben am Tage rechtfertigt den Glauben, denn Bronze wird, wie die ein- fache Erfahrung lehrt, mit der Zeit grünlichblau, wie das Himmels- gewölbe tagsüber erscheint.“) Den Römern war eine ähnliche Anschauung geläufig, so spricht Ennius von dem laut dröhnen- den Himmelsschild(fr. X. v. 215 Vahl.), Ovid(Met. I 73) von dem Himmelsboden und Aelius Stilo hätte wohl die obige Etymologie nicht geben können, wenn er nicht eine entsprechende volkstüm- liche Vorstellung vorgefunden hätte. Von einem eisernen Himmel sprechen die Aegypter und die Inder;?) auch in der späteren jüdischen Weltanschauung treffen wir diese Idee. S0 heißt es in der griechischen Apokalypse des Baruch II 3 von den Er- bauern des Turmes zu Babel:„Und sie nahmen einen Bohrer und bemühten sich, den Himmel anzubohren, indem sie sagten: laßt uns sehen, ob der Himmel tönern ist oder ehern oder eisern“. Ebenso spielt in der nordischen Mythologie das eiserne Himmelsgewölbe eine Rolle. So sagt in der Kalewalas) Wäinä- möinen von Ilmarinen: 5) Nach Metrodorus bei Plut. plac. phil. III 1, Stob. Anth. I 574,3. Später hat diese Anschauung besonderen volkstümlichen Wert erhalten s. Beda de nat. rer. XVIII lacteus circulus quem vulgo dicunt ex splendore solis in eo currentis ita fulgere. Isidor. orig. III 45,1; weiteres in meiner Ausführung über galaxias bei Pauly Wissowa.— Auch die Sagengestalt des Himmels- trägers Atlas zeigt uns den griechischen Volksglauben vom festen Himmels- dach: ursprünglich war sie wohl aus dem einfachen Gedanken herausgewach- Len Sa der Himmel am Ende der Erde auf hohen Bergesspitzen aufsteht 8.. 6) Es gehört wohl zu derselben Grundanschauung, wenn Hlomer daneben auch von dem eisernen Himmel spricht: Odyssee XV 320, XVII 565. Dieser ganzen griechischen Weltauffassung entspricht z. B. die des esthnischen Epos Kalewipoeg. Aehnlich wie jupiter rollt hier der alte Pitker oder Aike selbst in seinem Wagen mit Kupferrädern über die eiserne Himmelsbrücke, Gesang XX 726 W. Löwe-Reiman, Reval 1900 S. 262. 1 911) 1. Robert Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt, München 1910. 31. 8) Deutsch von A. Schiefner, Helsingfors 1852 Rune 7 v. 334 ff.; vgl. Rune 49, 341. — 6— Dieser ist ein Schmied, wenn einer, Ist ein Meister in den Künsten, Hat den Himmel schon geschmiedet, Hat der Lüfte Dach gehämmert, Nirgend sieht man Hammerspuren, Nirgend eine Spur der Zange. Und in dem Kalewipoego) hat sich der riesige Kalew-Sprößling als höchste Aufgabe gestellt, mit den Fingern zu befühlen, mit den Händen zu betasten, Wo das hohe Dach des Himmels Mit der Trauf am Erdrand mündet, Wo die blauen Seitenwände Fest stehn auf dem Fundamente. Auch in der Edda ist der Himmel eine feste Masse, die das Weltall völlig nach oben abschließt: Aus Vmirs Fleisch ward die Erde geschaffen und die Berge aus seinem Gebein; der Himmel aus des reifkalten Riesen Schädel, aus dem Blute das brausende Meer. ¹0) Und in unserem Volk ist diese kindliche Anschauung heute noch erhalten, wir haben sie in Ausdrücken wie: Der Himmel öffnet sich,— birst— kracht— stürzt ein. Obwohl sich der Blick in dem nächtlichen Himmel schon längst in unermeßliche, raumlose Fernen verliert, und längst das starre Himmelsgewölbe dem endlosen All gewichen ist, gewinnt in uns unwillkürlich bei schweren Gewittern die alte Anschauung neues Leben, daß irgend ein schwerer Gegenstand über das eherne Gewölbe so heftig geworfen wird, daß es niederzustürzen droht, Die alte Ansicht, die die Kulturvölker Europas von der ersten Stufe an bis hinein in unsere Zeit begleitet hat, findet sich heute noch bei einer ganzen Reihe von Naturvölkern als allein maß- gebende Weltanschauung. So ist für die Indianer Nord-Amerikas und für die Südseeinsulaner¹¹) die Erde fest überdacht von dem Himmel, der aus einem festen Material besteht. Die Neuseeländer lassen den Regen aus einem großen Behälter über dem Himmels- gewölbe auf die Erde durch einen Spalt herunterkommen. ¹²) Mit dieser naiven Himmelsvorstellung, die eine jenseitsvor- stellung völlig ausschließt und das Weltganze nach oben her- metisch abgrenzt, hängt wohl die primitive Erklärung der Sterne aufs engste zusammen. Die altgriechisch-römische Idee vom ⁵²) Kalewipoeg, Gesang XVI 30 ff.(S. 196) und öfters. 10) Die Edda deutsch von Göning I 8, 21 S. 62. 11 Pelse bei E. B. Tylor, Die Anfänge der Kultur; deutsch von Spengel u. Poske, Leipzig 1873. II 71. 12) Tylor a. O. — 7— festen Himmel läßt eigentlich erwarten, daß wir auch auf dieselbe entsprechende Sternvorstellung bei beiden Völkern und den Indo- germanen überhaupt stoßen müssen. Tatsächlich führt die Be- zeichnung, die die Abkömmlinge derselben für Stern ge- brauchen,¹²) auf dieselbe Wurzel„ster“, die man in dem griechischen eropénvont und lateinischen sternere wiedererkennen will. Was aber ursprünglich darunter verstanden wurde, läßt sich heute nicht mehr feststellen, vielleicht brachte das Wort die in später Zeit bei den meisten Völkern noch erhaltene Vorstel- lung von den am Himmel ausgestreuten festen Sternkörpern zum Ausdruck. jedenfalls muß der Name in irgendwelchem Zu- sammenhang mit der uralten Vorstellung von der festen Him- melsdecke gestanden haben. Eine Beobachtung über räumliche Trennung der Einzelsterne nach oben und unten ist dabei aus- zuschalten, dieselben liegen gemeinsam auf derselben gewölbten Fläche ohne jeglichen Höhenzwischenraum. Aus den ältesten Namen der Sternbilder gewinnen wir ebenfalls keinen Anhalt zur Wiederherstellung der mit dem idg. Worte für Stern ver- bundenen Anschauungen. Aus den naiven Ideen aber, die heute noch in den Abkömmlingen der Indogermanen volkstümlichen Wert und Anerkennung haben und auch schon bei den früheren Generationen hatten, ferner aus den damit völlig gleichzusetzen- den Weltanschauungen der Naturvölker, können wir als älteste Auffassung festlegen, daß die Sterne wie auch der Himmel selbst aus ehernem Material sind. Hierbei stelle ich folgende Ideen als gleichwertig nebeneinander: 1. Sie sind am Himmel angeschlagen— vielleicht um den Himmel am Herunterfallen zu hindern—, sinnlich vergleichbar mit Nägeln, Schilden, Pflöcken, Knöpfen; 2. Nüsse, Aepfel oder sonstige Früchte hängen vom Firma- mente wie von dem Geäste eines gewaltigen Baumriesens herab; 3. Blumen stehen auf dem wiesenartig vorgestellten Him- melsboden; 4. Nicht wirkliche Körper blinken zu uns herunter, sondern sie sind mit besonders lichter Farbe aufgemalt, wie z. B. in den Tempeln oder sonstigen Kuppelgewölben Sterne aufgetragen sind. Ihre Größe wird bei dieser primitiven Vorstellung nicht be- sonders beachtet: sie sind punktartig, so wie sie vom Himmel dem bloßen Auge erscheinen. Sie bestehen aber aus besonders edlem, leuchtendem Metall, hauptsächlich aus Gold oder Silber. ¹³) Vergl. O. Schrader, Reallex. der indogermanischen Altertums- kunde. Straßburg 1901, S. 826, A. Walde, Latein. Etymol. Wörterbuch s. v. stella.— Auf semitische Entlehnung von Istar denken Zimmern und Hirt. s. H. Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache= Matthias Hdb. d. deutsch. Unterrichts IV 2 S. 93. — 8— Diese Anschauung war in Europa seit uralter Zeit heimisch. jedenfalls geben uns z. B. die zahlreichen goldenen Sternen- nägel, die man in Mykenä aus den Gräbern herausgeholt hat, sinnlich greifbar dieselbe zum Ausdruck. Sie wurden ehedem als Schildbeschläge verwendet und verkörperten so die Vor- stellung des festen Himmelsschildes mit den goldenen Sternen. ¹⁴) Sicher sind in dieser Weise auch die von Homer geschilderten Sternbilder auf dem Schilde Achills dargestellt gewesen, ebenso auf dem aeschyleischen Schilde des Tydeus. ¹*⁵) Die Sternbilder waren durch entsprechend eingeschlagene Sternennägel an- gedeutet. Auch in den alten Königsgräbern brachte das Kuppel- dach mit den aufgemalten Sternen dieses naive Himmelsbild zum Ausdruck. ¹⁰) Ebenso tritt uns in der Benennung der Sterne derselbe Glaube von den festgemachten Metallkörpern entgegen; so sprechen die Griechen von den àotépe« 2vοε2εꝑεενιο bder den dtépec ers; 1 oOdpavq, die Römer von den stellae infixae oder adfixae caelo, was ja in den modernen Ausdrücken Fixsterne, étoiles fixes, fixed stars u. ä. weiterlebt. Anaximenes hat jedenfalls die Idee noch zu seiner Zeit in volkstümlicher Gültigkeit vorgefunden, weiß ihr aber eine philo- sophische Ausgestaltung zu geben. In seiner Lehre, daß die Sterne Nägel sind, die in das kristallene Himmelsgewölbe ein- getrieben werden, sehen wir den alten Volksglauben noch. u) Auch bei unserem deutschen Volke finden wir die Auffassung von den goldenen Sternennägeln, die das Firmament zusammen- halten,¹s) und es ist bei unseren Dichtern immer noch ein be- liebter 16νοςσα, von den blankgeputzten silbernen oder goldenen Himmelsnägeln zu reden. Goldene Nägel sind sie auch im Glauben französischer Bauern. ¹*) Dieselbe Anschauung erkennen wir in der türkischen Bezeichnung des Polarsternes Temir Kazik = Eisennagel. ²⁰) 14) Reichel, Homerische Waffen S. 15. ¹⁵) Ilias XVIII 481 ff. u. Euripides Electra 467; Aeschylus septem 388. 16) Weiteres bei Eisler a. O. II 607 f. 11) FXwv Siæn zaratswnevat rà darpa ro 2paraoPetdet: Diels Vorsokr. I“ S. 19, 14. Wir treffen die Sternennägel auch in der Erklärung des homerischen Nestorbechers bei Asclepiades von Myrlea(Athen. XI 488 C.) 18) L. Bechstein, Mythe, Sage, Märe und Fabel, Leipzig 1854, S. 87; P. Herrmann, Nordischée Mythoſogie, Leipzig 1003, S. 175.— Gold und Silber ist ihr Bestand übrigens auch im antiken Volksglauben weitergeblieben, das zeigen uns die beliebten Beiworte ypooza, aurea, argentea. 19) Revue des tradit. populaires 18 dO03) S. 102. 2⁰) Revue des tradit. populaires 21(1906) S. 102,— P. Herrmann a. O. bringt mit dieser Idee das Schiff Nagelfahr zusammen und deutet es als den mit Nägeln beschlagenen Nachthimmel. — 9— Nicht als Nägel, sondern als aufgenagelte Goldplättchen werden sie ferner von vielen Völkern aufgefaßt. Sehr hübsch hat diese Ansicht Heine wiedergegeben, wenn er Nordsee 7 sagt: Betörter Geselle Dein Arm ist kurz, und der Himmel ist weit, Und die Sterne droben sind festgenagelt Mit goldenen Nägeln. Fallen sie herab, so kommen sie in Gold- oder Silberstücken zur Erde nieder und bringen dem Finder Glück. Gerade dieser Aberglauben, daß die Sternschnuppen Goldstücke sind, ist weit verbreitet. Er tritt uns in seiner naiven Form lebendig z. B. in dem bekannten Märchen von den Sterntalern entgegen. Nach- dem in demselben das Kind alles weggegeben hatte,„fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter harte, blanke Taler: und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues von allerfeinstem Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein...“²*) Auch die sogenannten Regenbogen- oder Himmelringschüsselchen illustrieren uns diesen Glauben von den herabgefallenen goldenen Sternen. Sie heißen in unserem Volke auch Sternschossen; es sind die bekannten dicken Goldmünzen, die sich in den meisten Museen finden, und keltischen, z. T. auch phönikischen und hellenistischen Ursprung haben. Ihr Name „Sternschossen“ zeigt uns, daß sie mit herabgefallenen Sternen identifiziert wurden.²²*) Auch im belgischen Volksglauben stoßen wir auf die Gleichsetzung der Sterne mit Goldstücken,²²) und in den franzöõsischen Rätseln:„des pièces d'or qu'’on ne saurait ramasser“ und:„des pièces de monnaie qu'on ne saurait compter“²⁴) steckt dieselbe Auffassung. Kein großer Unterschied besteht andererseits in der Er- klärung der Sterne als goldene Schilde, wie wir sie z. B. in der Edda antreffen. ²*) Auch in Naturmythen, in denen ein Ersatz für die Sonne oder die Sterne durch goldene Scheiben gesucht wird, stoßen wir öfters auf diesen Gedanken. So schmiedet Ilmarinen einen Mond aus Gold, eine Sonne aus Silber und bringt den Mond zum Fichtenwipfel, zu der Tannenspitze die Sonne. ²) Aehnlich verfertigt in einem japanischen Märchen der Himmelschmied aus besonders kostbarem Metall der Himmels- bergwerke eine neue Sonnen- und Mondscheibe, um die geraubten 21¹) Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen 1843 II S. 317 f. 22) L. Bechstein a. O.§. 87. 2³) Revue des tradit. Ponu 17(1902) S. 573. 2⁴) Wallonia 17 S. 230 und Revue des tradit. popul. 17 S. 373. 25) J. Grimm, Deutsche Mythologie 1876 4 a. II 583, 585. 26) Kalewala 49 Rune v. 35 ff. — 10— Himmelskörper zu ersetzen.²*) Besonders verbreitet war im Mittelalter die Auffassung der Gestirne als leuchtende Scheiben,*s) und unsere Kinder erfreuen sich heute noch an der hübschen Darstellung des himmlischen„Reinemachens“, wo die Engel auf Leitern über den Wolken stehen und die silbernen oder gol- denen Sternscheiben blank putzen. Neben dieser runden Gestalt der goldenen Sterne sieht man anderweitig die Form von Blättern oder Früchten in ihnen. Der Gedanke an einen an sich unsichtbaren Weltbaum, der mit den Wurzeln auf der Erde haftet, mit seinem Geäst aber den Him- mel stützt und in seinem breiten Blätterdach golden schimmernde Blätter oder Früchte hängen hat, brachte eine Fülle belebender Züge in das an sich nicht weit ausdehnbare Bild des Abschluß- gewölbes, in dem die kostbaren Sternennägel angebracht sind. Es arbeiten sich, nachdem einmal der Gedanke ausgesprochen war, all die Vorstellungen heraus, die wir in kompakter Form in dem griechischen Sagenkreis der Hesperiden finden. Das Bild ist an sich sehr einfach, goldene oder silberne Aepfel hängen dort oben, oder Birnen und Nüsse aus demselben Material, so groß, wie sie etwa an unseren Christbäumen hängen. So sind sie feurige Blätter z. B. dem Anaximenes,²*²) Aepfel in dem Hesperidenmythus; so heißt es in dem Schol. Basil. zu Hesiod. Theogonie 215: Srs rapspxousvod ee io e i ra ra dãοσa: d Zar ro e Hea ra ka. Verwertet ist diese Idee auch von unsern Dichtern, so schildert Rückert in„des fremden Kindes heiliger Christ“ den Himmel als viel- ästigen Christbaum voller Sternengewimmel, von dem die Englein herab zu dem sterbenden Kind die Händchen ausstrecken. Ich verweise auf die weiteren Ausführungen Eislers über die Sternenfrüchte a. O. S. 520,6 570,6. Mit der Deutung der Sterne als weithin leuchtende Blumen ist das seither zu Grunde liegende, starre eherne Himmelsbild verschoben und erweitert. Denn Blumen können nicht auf ehernem Boden stehen und wachsen, sie müssen fruchtbares Land zur Voraussetzung haben. Die Beobachtung einer mit Blumen übersäten Wiese, in der z. B. die weißen Margeriten sich weithin abheben, ruft den Gedanken an die Himmelswiese 27) D. Brauns, Lihanche Märchen u. Sagen S. 108 ff., Auch Ennius faßt die Sonne als Schild auf Varro de lingua lat. VII 73; weitere Belege bei Eisler a. O. S. 317. Dazu sind noch die leuchtenden Himmelschilde zu vergleichen in den Händen von Astralgeistern s. W. Wundt Völker- psychologie. Leipzig 1000. II 3 S. 200. 6] F. Piper, Mythologie und Symbolik der christl. Kunst I S. 173, 207 ff. ²9) Diels, Vorsokratiker I2 S. 19, 30. — 11— hervor, aus der die Sterne ähnlich herausleuchten, wie auf un- seren irdischen Gefilden. Wir treffen öfters auf diese Idee der leuchtenden Himmelswiese oder des blumenreichen Himmels- gartens. So heißt es im wallonischen Volksglauben vom Monde, daß er während des Tages schläft, nachts aber:„se promène dans un jardin tout fleuri.soe) Auch die kindliche Auffassung einiger Indianerstämme, wonach die Sterne Kürbissesi) sind, zeigt uns denselben Grundgedanken. Ebenso kehrt das Problem wieder, wenn besonders schöne Blumen direkt den volkstüm- lichen Namen der Sterne erhalten haben, wie wir es z. B. in der Aster, der Stella, der Sternblume vor uns sehen. Es mag wohl in der Benennung von hervorragend schönen Blumen mit strahlen- förmiger Bildung auch im Altertum ein ähnlicher Gedanke mit- gesprochen haben, wie ihn ein englischer Dichters²) ausspricht, wenn er die Blumen herabgefallene Sterne nennt. Damit müßten wir eigentlich die seither befolgte Methode, die unter dem eisernen oder ehernen Himmelsschilde ent- stehenden Sterndeutungen zu verfolgen, aufgeben, doch haben wir zuvor noch einen Ausblick in nahverwandte Vor- stellungskomplexe zu tun, die aus der eisernen Himmelsrinde sich herausgelöst haben. Auf gleicher Stufe mit der Anschau- ung von den Himmelsnägeln steht die, mir allerdings nur aus christlicher Zeit bekannte, Erklärung der Sterne als an dem Firma- ment aufgemalte Punkte. So wird aus Frankreich der Volks- glaube mitgeteilt, daß die Sterne aufgemalt sind, ganz wie in den Kirchen die Sterne oben an der Decke angebracht sind. ²³) Sie bleiben bei Tage, wo sie sind und wie sie sind, werden nur von der Sonne überstrahlt. Sehr hübsch ist der Gedanke auch von Paul Gerhard in dem bekannten Kirchenlied zum Ausdruck gebracht: Der Tag ist nun vergangen, Die güld'nen Sternlein prangen Am blauen Himmelssaal. Großen Anklang hat diese Idee von der Himmelsmalerei nicht gefunden, als Gegenstück kann ich noch auf folgende deutsche FErklärung einer Kometenerscheinung hinweisen, die 1682 von 3⁰) Colson, Astronomie populaire= Wallonia 17 S. 230. 3¹) K. Th. Preuß, Die religiösen Gesänge u. Mythen einiger Stämme d. mexikan. Sierra Madre= Arch. für Religionsw. XI(1908) S. 380. 3²) Zitiert von A. F. Chamberlain, Die Natur u. Naturerscheinung in der Mythologie u. Volkskunde der Indianer Amerikas= Am Drquell VI 83, die Verse lauten: The flowers are stars dropped lower, Our daily path to light; In daylight to lead us upward As those jewels do at night. 33) Wallonia 17 S. 230. — 12— einem jungen Theologen gegebensd¹) wurde:„ein Komet ist eine sehr künstliche, von dem großen Künstler, dem allweisen Gott, mit dem Pensel seiner Allmacht eingedunkt in die Farb der Natur an der blaugewelbten Wandung des gestirnten Hauses, an einem guldigen Nagel aufgesteckte gemalte Ruhten.“ An eine Auftragung von Farbe an das Himmelsgewölbe erinnert übrigens auch die bei uns heute noch geläufige Benennung der Milchstraße, die wir von den Griechen übernommen haben. In diesem Sinne werden wir wohl die Erklärung der griechischen Bezeichnung ο τeμάὀ— zu geben haben. Man bezeichnete dadurch den milchfarbenen Kreis, der sich quer über den Himmel zieht, daß man ihn einfach nach seiner Farbe benannte; später holte man die tiefen Erklärungen von himmlischer Milch herbei, als man sich mit der simplen Anschauung des milchartig an dem Firmament aufgemalten Kreises nicht mehr abfinden konnte. Auch die aus dem Orient herrührende Auffassung des gestirnten Himmels als eine geheime Schrift in Buchstabenformen, die nur besonders begnadete Menschen lesen und zu Nutz und Frommen der Menschheit erklären können, hat als Ursprung die Idee, daß die Sterne am Gewölbe angemalt waren. ³) Weit mehr Anklang fand und findet heute noch der Glaube, daß nicht totes Material vom Gewölbe herabglänzt, sondern daß Flammen, Lichter dort oben brennen und zu uns herunter- leuchten. Wir finden diese Gleichsetzung bei den Griechen, welche die übliche Bezeichnung dorip und äorpov gern mit ꝓν6ε, οαςα, n ALahndc umgehen, bei den Römern, wenn sie das wesen- und leb- lose stella mit ignis, flamma, lux umschreiben, und in un-— serem deutschen Sprachgebrauch, wenn wir von den Him- melslichtern, Himmelskerzen, Himmelsfackeln sprechen. Aus dieser Sternensubstanz heraus schafft sich die Phantasie zur Erklärung der Natur und des Wirkens der Himmels- körper die mannigfaltigsten Deutungen. Die unterste Stufe in dieser Entwicklungsreihe betrachtet den Stern als kleinen Lichtfunken, der von der Erde aus in die Höhe geworfen wurde und dann oben an der Himmelsdecke weiter glimmt. So er- zählen die Buschmänner,sc) ein Mädchen von dem früheren Volke, das vor den Buschmännern das Land inne hatte, wollte Licht ³⁴) R. Wolf, Geschichte der Astronomie= Gesch. d. Wiss. in Deutschl. XVI, 1877 S. 184. 35) Harrsdörffer, Mathematische und philosophische Erquickungsstunden. II. Nürnberg 1677. S. 278 ff., Jensen, Kosmologie der Babylonier 45 f. Die Buchstaben, die man sich aus den Sternen zusammenreimte, sind be- sonders im Zauber verwertet worden, ausführliches darüber bei R. Wünsch, Antikes Zaubergerät aus Pergamon. 36) F. Ratzel, Völkerkunde, Leipzig 1886, I. 76. — 13— machen, damit man den Weg nach Hause fände; es warf da- her glühende Asche in den Himmel und diese blieb dort als Sterne haften. Dieselbe Vorstellung treffen wir in den adazs« des Xenophanes nur in feinerer Form ausgedacht, im Grunde sind es aber auch für den griechischen Philosophen doch nur glühende Kohlenstücke. In einer indianischen Sages:) sprühen Funken aus dem Leibe des grauen Bären, dessen Inneres Stradka in Brand gesteckt hatte, und werden zu Sternen verwandelt. In der Edda sind es Funken aus Muspelheim,²**) im schwäbischen Volks- glauben sind es kerzen- oder lampenartige Lichter, die oben am Firmament angesteckt sind. Engel bedienen dieselben, sie ver- hüten das schlechte Brennen, wie wir es bei unseren Lichtern tun, und sie zwicken die verbrannten Dochtteile ab; die herunter- fallenden Dochtbutzen sind das, was der Volksmund Sternschnup- pen nennt. Diese Ansicht ist zugleich mit der von uns zuerst behandelten Gruppe dadurch in Zusammenklang gebracht, daß man dem Finder eines solchen Dochtbutzens großen Reichtum zuspricht:„denn der Butzen ist lauter Gold und Silber.“ss) In franzöõsischem Volksglauben sind es die Kerzen der Jjungfrauss) oder herabhängende Lampen, in denen ein besonderer Docht und ein himmlisches Oel brennt, sie werden von Gott jeden Abend angesteckt. ¹²) Als Himmelslampen, die ohne Stricke in dem hohen Himmelstempel hängen und allerdings ohne beson- deres Oel und besondere Bedienung leuchten, gelten sie auch bei den Armeniern. 44) Die moderne Zeit hat sich nicht gescheut, diese naive Ideen auch mit unseren Beleuchtungskörpern in Ein- klang zu bringen, es ist in der Journalistik ein beliebter rôr, von der großen Bogenlampe(Mond) und den kleinen Glühbirnen des Nachthimmels zu reden. Auch den Römern und GCriechen war die Gleichstellung von Sternen und Lichtern durchaus geläufig. So heißt es in Homer Il. IV 7 von dem herabfallenden Stern, daß Funken von ihm 37) F. Boas, Sagen der Indianer an der Nordwestküste Amerikas in Verh. d. Berl. Ges. f. Anthrop. 1894. S. 206. A. Bastian, Der Mensch in der Geschichte. Leipzig 1860. II 243.— ³) j. Grimm a. O. 38) A. Birlinger, Volkstümliches aus Schwaben, Freiburg 1861. I. 8. 15* Nr. 209, 5; dazu Simrock, Handbuch der deutschen Mythologie 39) Revue des traditions popul. 17. S. 102. 4⁰) Revue des tradit. popul. 19. S. 47. 41) M. Abeghian, Armenischer Volksglaube S8. 50.— Man vergleiche dazu folgende Verse Heines(Vermischte Gedichte II 36): Immerhin: Mich wird umgeben Gottes Himmel dort wie hier, Und als Totenlampen schweben Nachts die Sterne über mir. — 14— sprühen, VIII 555 werden die glänzenden Sterne mit den zahl- löosen troischen Wachtfeuern verglichen. Die Beobachtung des Blitzes, seiner Entstehung und seiner Wirkung, zeitigt im Verein mit der Auffassung der feurigen Sternennatur die Nachforschung über die Art jenes überirdischen Feuers, nämlich ob es mit dem irdischen wesensgleich ist, oder ob ein besonderes kosmisches Feuer dort oben brennt, das mit dem irdischen keinerlei Verwandtschaft aufweisen kann. Die erstere Auffassung ist die ursprüngliche; von den troischen Wacht- feuern, die in der Ferne wie die Sterne in der Himmelsebene glänzen, zu dem ganz analog brennenden Sternfeuer ist das Zwischenglied sofort gegeben durch die Beobachtung, daß von dem herabstürzenden Sterne Funken sprühen. Nachdem einmal aus griechischem Munde diese Ansicht ausgesprochen war, ge- wann sie in der griechischen Volksseele festeren Halt und im Lauf der Jahrhunderte verschiedene Prägung. Dies gibt sich aus den Epitheta, die die Sterne bei Dichtern und Tragikern erhalten, sowie aus den speziellen Forschungen der älteren Philo- sophen und Astrologen, soweit sie ihre Anschauungen auf vor- handenen volkstümlichen Basen ausbauen, uns zur Genüge kund. Diese Varianten ins einzelne hier zu verfolgen, muß ich mir ver- sagen; sie werden eine eingehende Beleuchtung und Zusammen- stellung von Erwin Pfeiffer erhalten in seiner demnächst er- scheinenden Abhandlung: Studien zur Geschichte der antiken Astrometeorologie(Heidelberger Dissertation 1911). Für die Skizzierung der naiven Ansichten der Sternennatur im Hinblick auf den dahinter stehenden ehernen Himmel, ge- nügt es mir, auf die beiden Zweiglinien dieser Feuernatur hin- gewiesen zu haben. Beide gehen bis auf unsere Tage hinein durch die Menschheit gleichwertig und gleichlebendig ihren Weg. Trotz- dem die Philosophen hierbei frühzeitig die naive volkstümliche Betrachtung der Himmelslichter auf höhere Bahnen gelenkt haben, lebt die Ueberzeugung, daß dort oben Lichter stecken, weiter. Ein deutlicher Beweis hierfür ist der antike Glaube, daß bei Geburt jedes Menschen ein Stern am Himmel angezündet wird, der mit seinem Tode erlischt. So rügt Plinius(nat. hist. II 28) den Volksglauben folgendermaßen: sidera quae adfixa diximus mundo, non illa, ut existimat volgus, singulis attributa nobis et clara divitibus, minora pauperibus, obscura defectis ac pro sorte cuiusque lucentia adnumerata mortalibus, cum suo quaeque ho- mine orta moriuntur nec aliquem exstingui decidua significant. Es interessiert uns zunächst nur der Teil des römischen Volks- glaubens, wonach also wirklich schwach oder stark brennende Lichter in den Sternen gesehen werden, die nur vorübergehende Existenzfähigkeit haben; der weitere sehr interessante und weit — 15— verbreitete Sympathieglaube zwischen Stern und Mensch wird uns an anderer Stelle weiter beschäftigen. Auch in der antiken Erklärung der Sternschnuppen, daß sie entweder abbrennende und vom Winde aus ihrem Platze weg- geblasene Sterne oder Sternfunken sind,*?*) haben wir dieselbe Vorstellung zu Grunde liegen, wie unser Volk sie vielfach mit denselben verknüpft. Besondere Ausgestaltung hat in dieser rein materiellen Sternerklärung die Kometenerscheinung erhalten. So wird der Komet von Griechen und Römern, sowie auch im Mittelalter und der Neuzeit hauptsächlich als eine Flamme auf- gefaßt, die plötzlich am Himmel angezündet wurde, eine zeitlang brennt und dann wieder erlischt.4²) Das bringen die jeweiligen Benennungen Fackel, Lampe, Kerze, brennende Rute u. ä. mehr hinreichend zum Ausdruck. Bei ihm wird dem Himmelsgewölbe die weitere Ausgestaltung gegeben, daß sich in demselben Fenster befinden, durch die Gott die furchtbare Fackel zur Erde herunter- hängt, um die Menschen zu erschrecken; wir treffen diese Ge- staltung des Firmaments nach jüdischem Vorbilde besonders in dem Volksglauben des 16. und 17. Jahrhunderts, er ist in den meisten Kometenschriften dieser Zeit deutlich ausgeprägt. Die ganze naive Vorstellung, daß Himmelslichter an dem Fir- mament aufgesteckt sind und dort langsam abbrennen oder vom Himmel lampenartig herabhängen, läßt eine bunte Umgestaltung zu, sobald man sie besonderen Wesen in die Hand gibt, die mit ihnen am Himmel einherwandern. Da hierbei aber bereits anthro- pomorphe und vielfach religiöse Motive unterlaufen, wollen wir ihre eingehendere Betrachtung hier ausschalten und für§ 3 und Kapitel 2 aufsparen. Wir haben einer weiteren primitiven Sternerklärung zu ge- denken, die ebenfalls den festen Himmel zur Voraussetzung hat, nämlich der Auffassung, daß die Gestirne überhaupt keine festen Körper sind, sondern Löcher im Firmamente, durch die ein überirdisches Licht herausstrahlt. Eine längere Beobachtung des Blitzes legt die Vermutung nahe, daß plötzlich das Himmels- gewölbe auseinandergerissen wird, und daß das Blitzfeuer aus einem ganz besonderen Feuermeere, das hinter dem Gewölbe lodert, herausbricht und zur Erde herunterzüngelt. So glaubt 4²) Achill. Tatius Isagoge 34= Comment. in Arat. rell. ed. Maass p. 69, 13 ff. Theocrit XIII 51 u. die Scholien dazu. Aehnlich Vergil Georg. I 366 und Seneca Phaedra 7390. Weiteres habe ich zusammengestellt in meiner Arbeit: de stellarum appellatione et religione Romana= Religionsgesch. Vers. und Vorarb. Herausg. von A. Dieterich und R. Wünsch III 2, S. 231. 43) Z. B. wendet sich M. P. Crüger, Uranodromus cometicus, Dantzig 1619, S. 64 energisch gegen die Anadt. Die Kometen, wenn sie verloschen, geben sie nicht anders als ein ausgelöschtes Licht einen stinkenden Dunst, welcher die Lufft vergifftet, darauß Krankheiten und Pest entstehen. man heute noch vielfach, z. B. in Belgien und in Deutschland, daß im Gewitter plötzlich der Himmel aufbricht, und durch die Himmelsspalte das lichte Feuer des Paradieses im Blitze hervor- stürzt.4¹4) Wird nun dieser Blitzesglauben weiter konsequent durchdacht, so kommt die Theorie zustande, daß auch die Sterne an sich gar keine Feuerkörper sind, sondern Oeffnungen im Ge-— wölbe. Im Altertum spielt nun besonders im Wunderglauben gerade die plötzliche Oeffnung des Himmels und das Sichtbar- werden des Urfeuers eine bedeutende Rolle, aber die weitere Ausgestaltung und Uebertragung dieses Gedankens auf die Sterne ist kaum gegeben worden. Etwas Aehnliches meint wohl Dioge- nes von Apollonia, wenn er aus den Löchern der bimsteinartigen Sterne das Feuer des Kosmos herauslodern läßt.4³) Für die Pythagoreer war die Milchstraße ein Riß im Himmelsgewölbe, durch den das Urfeuer in das Weltall kreisförmig hereinlohte. 4⁰) Andererseits wird sie als der nicht fest schließende Zusammen- schluß der beiden Halbkugeln gedacht, die das Weltganze um- fassen, oder es hat sich nach anderer Theorie ihre Verbindung nachträglich gelockert; durch den Riß bricht das Urfeuer in den Kosmos hindurch.4*) Doch verlieren wir uns bereits in philosophische Dogmen, die hier nur zur IIlustrierung der ganzen an sich doch sehr primitiven Vorstellung dienen mögen. Als lebendigen Volksglauben finden wir die Sternlöcher in Schwaben, wo sie wirklich als Löcher im Boden der Himmelsdecke betrachtet werden. Der Glanz kommt von oben heraus, ist allerdings be- reits in christlichem Sinne so gedacht, daß das Licht von dem Glanze kommt, den die Himmlischen zeitweise auf die Löcher werfen, wenn sie darüber hinweggehen.4s) Als weiteren sehr hübschen Beleg für diese Anschauung gebe ich eine Bemerkung 44) P. Sébillot in Revue des tradit. popul. 17. S. 272 f.; wer aller- dings wagt, schärfer hineinzublicken, wird sofort mit Blindheit gestraft. Es findet sich dann auch die christliche Erweiterung, daß man bei genauem Zusehen die Jungfrau Maria oben im Paradies sitzen sieht.— Ebenso glauben die Wenden, daß sich beim Blitz der Himmel öffnet: man könnte die Englein sitzen sehen, wenn nicht der Blitz das Auge blendete. Nur wer an einem Sonntage geboren ist, 12 Uhr mittags, kann hineinsehen, doch muß es seinerzeit in dem Augenblick geblitzt haben, da er zur Welt kam. O. Knopp, Die Himmels- und Naturerscheinungen in der Anschauung des kujawischen Volkes. Hess. Blätter f. Volkskunde III 2(1904) S. 124. 45) Diels, Vorsokrat, l² S. 330, 12:„llꝓꝓρ εε* rà äorpa Stianvod« d? aöra voHiget ron? 26O9. elvat ½ 5iαοpa. 11ABotekh Philolaos 90. Zeller, Gesch. der griech. Philosophie 47) Theophrast ist der Urheber dieser Doctrin. cf. Zeller a. O. II 23³ 836. 1. Manil. I 723, Achill. Isag. 24 p. 55 Maaß, Macrob. Somm. Scip. I 15. 4. — Als Himmelsspalte gilt sie auch bei den Mohammedanern. cf. Revue des trad. popul. 15. S. 55. 4) Birlinger a. O. 1 S. 180 N. 200, 5. — 17— von O. Colson¹*) wieder: dans mon enfance, mes petits amis et amies croyaient que la voëũte celeste est éclairée puissam- ment par la lumière du paradis; que la voũte a des trous et que ces trous laissent passer la lumière, ce qui fait l'aspect des étoiles. IIs croyaient aussi que les saints et Dieu lui-même regardent par ces trous ce qui se passe sur la terre: ils voient aussi les méchants enfants qui, le soir, restent dehors malgré la défense de leurs parents. Es ist aber nicht nur Kinder- glaube, sondern direkte Weltanschauung von gewissen Natur- völkern. So heißt es in einer Sage der N:üleakyapamuq von dem Sohne Nkiäps, des Coyoten, den letzterer aus dem Wege räumen wollte:⁵³ ⁰)„Eines Tages schickte er ihn aus, einen Vogel zu fangen, der auf einem Baume saß. Als der junge Mann nun auf den Baum kletterte, machte Coyote, daß derselbe wuchs, bis er den Himmel berührte. Da sprang der junge Mann von dem Baum- wipfel in das Himmelsland, und der Baum schrumpfte sofort wieder zu seiner früheren Größe zusammen. Er fand sich auf einem Pfade, dem er folgte. Rechts und links sah er viele glän- zende Punkte. Erst glaubte er, es seien eßbare Wurzeln, und wollte sie graben. Dann aber sah er, daß es Löcher waren, und daß der Wind hindurch pfiff. Es waren die Sterne.“— In einer Legende der Schwarzfußindianer gräbt die Frau des Morgensternes trotz des ausdrücklichen strengen Verbotes die große Pflanze vor dem Hause des Spinnen-Mannes aus dem Himmelsboden, wird darauf krank vor Heimweh, da sie nach Herausnahme der Pflanze den Himmelsboden plötzlich offen sieht und durch das Loch ihre irdischen Angehörigen wahrnimmt. Durch diese Oeffnung kehrt sie an dem Gewebe des Spinnen- mannes zur Erde zurück.„Diese Oeffnung ist der Stern, der stille, der sich von allen anderen Sternen dadurch unterscheidet, daß er sich nicht bewegt— der Polarstern also. Sein Licht ist der Glanz, der von des Sonnengottes Wohnung hindurch- schimmert!“³²) Es spielt diese Erzählung zwar zum Teil schon in die von uns an dritter Stelle zu behandelnde Theorie der Sternmenschen hinein, wir sehen aber, wie eine jedenfalls sehr altertümliche Volksanschauung hier mit neueren Motiven ge- mischt ist; auf der einen Seite haben wir bereits völlig anthro- pomorph gedachte Sterngeister und Himmelsland, andrerseits aber die an sich sehr dünne Himmelsrinde selbst, die nach Ent- fernung einer Pflanze den Ausblick zur Erde vermittelt; ein 4⁹) Astronomie populaire= Wallonia 17 S. 230. 5⁰) F. Boas, Sagen aus British-Columbien= Verhandl. der Berlin. Ge- sellsch. für Anthropol. 1801 S. 548, 5. 51) Mc. Clintock, Bräuche und Legenden der Schwarzfußindianer= Zeitschr. für Ethnologie XL. 1008 S. 612. 2 — 18— Loch wird als wirklicher Stern gedacht neben den mit allen menschlichen Zügen ausgemalten Astralgeistern, die im Him- melsland leben und von dort punktartig herabglänzen. Ebenso fließen die Grenzen von rein naturalistischen und animistischen Motiven in einander über, wenn das Feuer der Sterne nicht von irgend einem Feuerglanze hinter dem Gewölbe hergenommen wird, sondern sie in irgend eine Beziehung zu den größten Himmelskörpern, Sonne und Mond, gestellt werden. Diese Zusammenstellung ist in animistischem Sinne sehr erwei- terungsfähig, in rein materieller Hinsicht dagegen ziemlich rasch erschöpft und auch verhältnismäßig selten ausgesprochen. Trotz- dem verdient auch dieser réwo der naiven Gestirnerklärung hier eine kurze Erwähnung. Bei den Alten sind die Sterne mit Sonne und Mond meist nur in philosophischen Spekulationen in Verbindung gebracht worden in Rücksicht auf ihre ähnliche, feurige Zusammensetzung oder auf die Erklärung der Herkunft der Sterne aus Sonne und Mond als den eigentlichen Ursubstanzen. In kindlicher Weise wird diese Erklärungsursache gegeben, wenn die Sterne entweder als junge Sonnen gedacht werden, die all- mählich zur Tagessonne heranwachsen, oder einer alten zer- schlagenen, daneben auch zu kleinen Funken herabgebrannten Sonne ihren Ursprung verdanken. 5²) Im Altertum tritt uns hauptsächlich im Sirius diese Gleich- stellung von Sonne und Stern entgegen. Hierauf weist schon sein Name, denn deioio kann sowohl den iundsstern als auch die Sonne bezeichnen und wird auch in dieser doppelten Be- zeichnung verwandt. 5³) Die Ansicht, daß die Sonne oder der Mond nach gewissen Zeiten sterben oder in Stücke zerspringen, treffen wir im deut- schen und französischen Volksglauben. Folgerichtig wird sie weiter dahin ausgebaut, daß in den Sternen eine unermeßlich reiche Reserve junger Sonnen und neuer Monde zur Verfügung steht, die langsam dazu heranwachsen.5⁴) Dies drückt uns deutlich die Bezeichnung„Neumond“ aus, d. h. ein neuer Mond wächst auf, der letzte ist tot. Umgekehrt aber liegt auch der Gedanke 52) Wesensverwandt ist der Glaube, nicht jeden Tag kommt dieselbe Sonne, sondern eine ganz neue Sonne entsteht und verlischt tagtäglich: Usener, Cötternamen 288; L. Frobenius, Weltanschauung der Natur- Pöhsr mn Belirage zur Volks- und Völkerkunde VI 1898 S. 284; Bechstein a. O.— 1— 53) Vgl. Thes. l. gr. s. v. Ebenso heißen Sonne und Mond auch darip — 5 Per. stella— sidus, Tagesstern— Nachtgestirn, l'astre du jour u. a.; man sehe die zuständigen Lexica daraufhin nach. 54) Darum heißen die Sterne auch junge Sonnen: Grimm a. O. S. 586; W. Schwartz, Die poetischen Naturanschauungen der Griechen, Römer und Deutschen, Berlin 1864. I 155. — 19— nahe, nicht erst heranwachsende Sonnen und Monde stehen am Nachthimmel, sondern die Sterne sind alte, abgelebte Sonnen und Monde, die zusammengeschrumpft weiter glühen, bis sie dann aus Altersschwäche eines Tages herabfallen und erlöschen. So gelten sie z. B. in der Gegend von Küttich für zerschlagene alte Monde;*⁵) und im Holsteinischen hält man jede Tagessonne für eine neue Sonne: die alte und untergegangene Sonne wird von seligen alten Jungfern zu Sternen verschnitten.⁰) Außer dem seither betrachteten Material, wonach die Him- melskörper aus Edelmetall(Gold, Silber), Feuer(kerzenartiges, dem Irdischen völlig analoges oder aber überirdisches= Feuer des Kosmos, des Paradieses, alter Sonnen u. ä.) oder aus Gold- und Silberfarbe bestehen, haben wir noch auf folgende, davon abweichende Auffassungen kurz hinzuweisen. Die Hyliker hatten den Sternen erdartige Bestandteile zugeschrieben; so hielt sie Anaxagoras, ebenso Archelaos und Demokrits) für glühende Felsklumpen. Die Begründung ist zwar bei den einzelnen Den- kern unbedingt der philosophischen Spekulation zuzuweisen, sie gründet sich aber auf die alltäglich zu beobachtende Erschei- nung der Meteorsteine. Sobald dieselben in den Gesichtskreis einer stärkeren Spekulation über Sternennatur und Himmels- gewölbe treten, verschieben sie nicht nur die ganzen alther- gebrachten Volksideen vom Wesen der Sterne selbst, sondern auch vom Himmel. Sie wecken die mit dem Fall von Meteor- steinen in konsequenter Weise in Zusammenhang gebrachte Vor- stellung vom steinernen Himmel. Allerdings ist diese Kombi- nation selten; außer den genannten Philosophen hat sie nur in religiösen Himmelsanschauungen nachhaltigen Einfluß gefunden, im Volke ist sie kaum lebendig gewesen. Auch bei Naturvölkern ist die Vorstellung vom steinernen Himmel und von den glühen- den Felsenmassen kaum anzutreffen. ¹³) Die seither besprochenen Motive sind für den naiven Be- obachter der Sternenwelt diejenigen, die am meisten aus- 55) Colson a. O.= Wallonia 17 S. 322;— in ähnlichem Sinne heißt dee A Sndstern la petite lune: Revue des trad. popul. 17 S. 340 u. 451 und . 453. 56) Bechstein a. O. III 11.— Dichterisch verklärt ist die Idee bei Herder, Parabeln l Sonne und Mond; hier wird das Licht des auf die Sonne neidischen Mondes zum Heer der Sterne. 57) Diels Vorsokratiker 2 a I 307, 18, 366, 31. 5s) Tylor a. O. II S. 71 nennt die Sulus; ihnen ist der blaue Himmel ein die Erde umgebender Felsen, an seiner der Erde zugekehrten Seite sind Sonne, Mond und Sterne.— Auch die Arier haben sich den Himmel als Steinmasse gedacht, darauf deutet sct. â man— aw. asmen. upers. âsmàân 7 Slein enrhand, womit sie das Himmelsgewölbe bezeichen. s. Schra- er a. O. S. 2* — 20— gesprochen werden und sich unmittelbar aus dem einfachen Schauen heraus ergeben, wenn das Geschaute rückwärts wieder mit irdischen Erscheinungen in Parallele gesetzt wird. Nach dem Woher, Warum und Wozu wird weder gefragt, noch eine Antwort gesucht; die einfache Tatsache, eine Vorstellung damit verknüpfen zu können, genügt auf der untersten Stufe der Ge- stirnbeobachtung. Neben dem eisernen, ehernen und steinernen Firmament begegnen wir auch der Auslegung, daß das Material desselben aus Diamant, Kristall, Glas oder aus Eismassen(Hagel) und, was das letzte ist, was hierin gedacht werden kann, aus zu festem Material verdichteter Luftse) besteht. Es liegt auf der Hand, daß wir identische Sternerklärungen hierzu kaum vor- finden.5o) Dagegen sind noch zwei wichtige Himmelsbilder hier einzureihen, die auch auf die Deutung der Sterne Rückwirkung gehabt haben, nämlich die bei vielen Völkern uns entgegen- tretende Idee, daß nicht festes Material die Himmelsdecke bildet, sondern ein gewaltiger blauer Himmelssee oder ein tuchartiges Gewebe: das Himmelszelt, die Himmelsdecke. Die Beobach- tung des Regens und der Wolken sowie der Glaube, daß die Erde ringsum von Wasser umgeben ist, schuf das eigenartige Weltbild des himmlischen Meeres. Das Meer, das an den Grenzen rings die Erde bespült, fließt an den letzten Grenzen in das über der Erde stehende Himmelsmeer und erhält, ebenso wie die großen, irdischen Ströme, deren unauffindbare Quellen eben- falls aus dem Himmelsozean kommen, von dorther immer neue Wassermengen. Den Indogermanen war die Idee fremd, sie bildete aber die Weltanschauung der orientalischen Völker. Von ihm sprechen die Babylonier, die Aegypter und auch die Inder. ²¹) Besonders wichtig für das Himmelsbild der europäischen Völker ist die jüdische Auffassung geworden, aus der die Be- zeichnung Firmament in die meisten Sprachen übernommen wurde. Sie ist durch das Christentum und die Bibel in Europa heimisch geworden. Danach ist der Himmel auch ein gewölbtes Dach aus festem Material(Amos 9, 6), aber durchsichtig, einem metallenen Spiegel vergleichbar(Hiob 37, 18). Hinter ihm sind 5⁹) s. R. Eisler a. O. 6⁰0) An Versuchen selbst fehlt es nicht, so haben die Kalmücken die eigen- artige Ansicht, die Gestirne seien große leuchtende Glaskugeln, in denen sich eingeschlossene Tängäri(Himmelsbewohner) aufhalten. Sie werden von Luftpferden fortgezogen: B. Bergmann, nomad. Streifereien unter den Kalmücken, Riga 1804 S. 41. Andrerseits werden die Sterne als leuchtende Edelsteine aufgefaßt, so heißt der Abendstern z. B. in Limousin lon lougra: der Diamant s. Revue der tradit. populaires 17(1902) S. 350 u. 451. ³¹) Die Belege zusammengestellt bei R. Eisler a. O. I S. 204, 4, II 480, 5. — 21— die Regenwasser zurückgehalten, die bei Gelegenheit durch Schleusen zur Erde stürzen.¹²) Das ist heute noch in unserem Volke lebendig, ich verweise auf die Redensart: Der Himmel hat seine Schleusen geöffnet; sie geht auf die Erzählung der Sintflutsage, Gen. 7, 11 und 8, 2, zurück, wo neben den Quellen des großen Abgrunds die Schleusen des Himmels das Wasser über die Erde senden. In diesem Himmelsmeere werden wieder besondere Ströme fixiert, unter denen eine besondere Rolle selbst- redend die Milchstraße spielt, die z. B. als der himmlische Nil, der himmlische Ganges bezeichnet wird.²²) Die Erklärung der Sterne bereitet insofern Schwierigkeiten in diesem Ideenkreise, als man Feuerkörper nicht im Wasser schwimmen lassen konnte. Wir treffen mithin auf einer bereits höheren Stufe die Stern- auffassung dieser Völker: Göttliche Wesen fahren in Schiffen auf diesem nächtlichen Meere einher. Das Licht, das wir senten, ist ein strahlenförmiges Feuer, das auf ihrem Haupte glänzt oder eine Fackel oder Laterne, die sie tragen, um ihre Fahrt zu er- leuchten. Eine naivere Form dagegen stellt die Sterne als gol- dene Himmelsfische dar oder als leuchtende Kähne. Vielleicht ist in dem Zodiacalzeichen der Fische noch ein Ueberrest aus einer derartigen uralten, volkstümlichen Auffassung erhalten. 3⁴) Natürlich ist Griechen und Römern das orientalische Weltbild bald bekannt gewesen, es hat aber die vorhandene Volksanschauung nicht verdrängen können, sporadisch tauchen bei gelehrten Poeten in der Schilderung der Milchstraße Anspielungen auf diese Fremdware auf, volkstümlich sind sie nie gewesen.⁵) Dasselbe gilt auch von unserem deutschen Volksglauben, der von diesen Anschauungen keinerlei Befruchtung erfahren hat. Auch hier sind es wieder gelehrte Dichter, die das Fremdgut verwerten und besonders auf den Mondkahn oder das Sonnenschiff anwenden,⁸) die am Himmel dahinziehen. Die letzte Ansicht, die wir hier ebenfalls nur zu streifen haben, ist auch im Orient aufgewachsen; danach ist der Himmel kein festes Gewölbe, sondern ein ganz feines, tuchartiges Gewebe, das wie ein Zelttuch über die Erde 62) Gen. I 6f.: Da machte Gott die Veste und schied das Wasser unter der Veste von dem Wasser über der Veste. Und es geschahe also. Und Gott nannte die Veste Himmel. Aehnlich Psalm 104, 3— vgl. GC. Schia- per 8. 11 Die Astronomie im alten Testament, übers. v. W. Lüdtke, Gießen 2 Mélusine II 156 f. Revue des trad. popul. XXI 382. 64) Nach dem Glauben der Kalmücken und einer Reihe südasiatischer Völker S. Oöttingisches Pistorisches Magazin I(1787) 100. 65) Z. B. Julian. orat. V p. 214, 10 H., Plin. nat. hist. XVIII 280, Martian. Capella II 207 Claudian. XXVIII 173. Im Neugriechischen ist der Himmels- strom auch vorhanden. N. Politis pelérat mepi ro? Siod ve ie Gcene o EMNTvzO Adoo II 822. 66) Belege bei Schwartz a. O. S. II ff. — 22— ausgebreitet ist. Wir haben einen Anklang an diese Auffassung in unserem deutschen„Himmelszelt“ und in dem„Himmel“, unter dem bei Prozessionen der Priester mit der Monstranz ein- herschreitet. In das Volk ist aber das Himmelszelt mit der konse- quent damit verbundenen Deutung der Sterne als eingewebte oder aufgenähte(aufgestickte) Figuren nicht weiter eingedrungen, wohl haben dieselbe Dichter, wie z. B. Euripides im Zelt des Jon, und Gründer von Religionsgemeinschaften nach orientalischem Muster verwertet, aber im allgemeinen haben sie auf naive Volks- anschauung keinen besonderen Einfluß gehabt; auch in Natur- mythen sind kaum Parallelen dafür aufzuweisen.:“) Wir schließen den ersten Paragraphen, indem wir als Haupt- faktoren der ersten und einfachsten Gestirnerklärung festen Him- mel, festes Material oder feurigen Bestand der am Gewölbe be- festigten Körper besonders betonen mußten, mit einem kurzen Ueberblick auf die Vorstellung, die man mit einem herabgefallenen Stern, seinem Aeußern und seiner natürlichen Beschaffenheit ver- knüpft hat. Wir haben bereits oben darauf hingewiesen, daß eine Sternschnuppe lauteres Gold ist und dem glücklichen Finder Reichtum verleiht. Die Benennung von Blumen mit den üblichen volkstümlichen Sternnamen weist uns auf die Gleichstellung der Sterne mit irdischen Blumen und auf die Verwandlung der herab- fallenden Sterne in Blumen selbst. Auf eine andere Ansicht von Sternennatur leitet uns folgender Ausspruch des Paracelsuses) über das„Sterngeschoß“:„Ist ein Fewriner stern/ der sich lang außzeucht/ kompt von oben herab auff die undern Himmel im Lufft/ da wird es sichtbar und fallt gen Bodem/ da ligt es/ und ist gleich wie ein Sultz.“ Andere dagegen gehen als Hagel oder im Regen nieder. Was uns hier in breiter, schwüler Geſehrsamkeit dargelegt wird, ist aber eine ganz verbreitete Auf- fassung, die wir in England, Frankreich und Deutschland mit volkstümlicher Geltung vorfinden;*⁴) gemeint ist damit die phos- phoreszierende Erdgallerte, die sich besonders nach Gewitter- regen in steinigen Gegenden findet. Von festem Material, aber von punktartiger Größe sind sie im Glauben der Suahili, sie tragen den aufgefundenen Stern als besonderes Amulett.0) Die 67) Näheres ausführlich derFele t bei Eisler a. O. I 87, II 600 n. ö. 6s) Dess Buchs Meteor. Zeh. Sap. ed 1603 oper. II S. 95. Aehnlich sagt ein Theophilus Antiscepticus(Verwerffung des Cometen- Gespötts 1681 S. 18):„Robertus de Fluctibus erzehlt, als er einstmals bey klarer Nacht über Feld gangen, sey ein Stern bey ihm niedergefallen, dessen Substanz er gefunden, Penter, zu sich genommen und aufgehebt bis auff den Morgen; da er gesehen, daß es aus einer glat-klebrigen festen Materie bestanden und wie Froschleich anzusehen gewest. 66) Bechstein a. O. S. 88. Revue des trad. popul. 16 S. 468, 70) Velten, Sitten und Gebräuche der Suahili, Gottingen 1903, 333 ft. — 23— Völker des nördlichen Guineas glauben, daß sie ins Meer fallen, und der Seestern ist solch ein herabgefallener Stern. u¹) Sämtliche seither von uns skizzierten Auffassungen sind in mannigfacher Hinsicht zu erweitern, sobald die Frage nach der Herkunft, dem Grunde ihres Daseins und der Einwirkung auf die irdischen Verhältnisse aufgeworfen wird. Damit ist aber bereits der Uebergang in religiöôse und philosophische Lande gemacht, deren Durchforschung wir einem besonderen Kapitel zuweisen wollen. §2. Die Sterne sind lebendige, tierartige Wesen. Wer längere Zeit hindurch den nächtlichen Himmel an- schaut, bemerkt, daß das Bild desselben nach Stunden verschoben ist; der Stern, der mit Beginn der Nacht direkt über seinem Hause stand, steht um Mitternacht an einer ganz anderen Stelle. Vor allem fallen hierbei die sieben hellen Sterne des Wagens auf, die ja einen großen Kreis während der Nacht beschreiben. Diese Erscheinung muß, wenn sie einmal schärfer beobachtet worden ist, unwillkürlich die seither von uns gezeichneten An- sichten modifizieren oder aufheben. Die Bewegung am gestirnten Himmel, das plötzliche Erscheinen neuer Sterngruppen und das Verschwinden der einige Stunden vorher noch gesehenen Sterne vom Firmament muß vor allem die Idee, daß Nägel, Löcher oder angeschlagene Metallkörper dort oben glänzen, zurückstoßen; denn was festgelegt ist, kann seinen Platz nicht in der Weise än- dern, wie es am Nachthimmel vor sich geht. Sehr nahe liegt es nun für den naiven Betrachter, an Kugeln, Bälle, Räder oder Scheiben zu denken, die am Himmel rollen. Beide Vorstellungen sind fast überall einmal vorhanden gewesen und weiter ausgedacht worden. Die Anschauung vom Sonnenball, der Sonnenkugel, dem Sonnenrad oder der Sonnenscheibe tritt uns von Homer an bei den klassischen Völkern entgegen und findet Uebertragung auf die Himmelskörper insgesamt. Diese Theorie gewann dann durch die weiteren Untersuchungen Anaximanders, Platos, Aristoteles und der Stoa größere Geltung im Altertum und fand dadurch die allgemeine Anerkennung der Gebildeten. Andrer- seits aber lag es nahe, den glänzenden Körpern dieselbe Be- wegungsmöglichkeit zuzuschreiben, wie sie die Lebewesen haben, die am Tage sich über dem Erdboden in der Luft frei dahin- bewegen: den Schmetterlingen, Käfern und Vögeln. Wie diese 71) Revue des trad. popul. 19. 380. — 24— höher und höher fliegend zuletzt nur als Punkt erscheinen, so gab ein Vergleich mit den nächtlichen Lichtpunkten die Verbindung der Leuchtkörper mit den fliegenden Lebewesen und schuf zu- nächst die scheiben- oder kugelförmig gedachten Feuerkörper, die mit Flügeln sich unter dem Himmel vorwärts bewegen. Wie eine solche Idee in der naivsten Form aussieht, ersehen wir am besten aus folgender Beschreibung, die uns J. Mooney von den Cherokee gibt:*²)„Die Sterne sind Lebewesen wie die Vögel, mit dicken runden Leibern und Köpfen wie der Kopf einer Schildkröte, haben aber weder Augen noch Füße. Einmal sahen Jäger, die sich nachts im Walde gelagert hatten, auf der an- grenzenden Bergseite sonderbare Feuerkugeln, die sich auf der Erde unter den Bäumen bewegten. Sie verwunderten sich und betrachteten die beweglichen Lichter, bis sie bei Anbruch des Tages verschwanden. Morgens gingen sie an Ort und Stelle und fanden dort zwei große kugelförmige Gegenstände mit Flaum- federn bedeckt, welche Feuerfunken aussandten, sowie sie vom Winde bewegt wurden. Die jäger brachten dieselben mit ins Lager und behielten sie eine Woche lang. Jede Nacht erglänzten beide Gegenstände in lebhaftem Lichte, nahmen aber, wenn der Tag sich näherte, eine totenbleiche Farbe an. In der siebenten Nacht, während die jäger um ihr Feuer gelagert waren, sahen sie die Kugeln sich plötzlich von der Erde erheben und ge- schwinde über die Baumkronen steigen, bis sie den Himmel er- reichten und unter ihren Gefährten, den übrigen Sternen, Platz nahmen.“ Was hier in durchaus lebendiger und aus der Natur- beobachtung leicht verständlicher Phantasie uns entgegentritt, haben wir im Altertum in erstarrter Form erhalten, ohne diese kleinliche phantastische Mitgabe, in der geflügelten Sonnen- und Mondscheibe. Beide spielen in der orientalischen Mythologie eine große Rolle und haben auch die griechischen und römischen Begriffe befruchtet. Die Idee der geflügelten Sterne ist dem Altertum sehr geläufig gewesen, ohne daß dabei immer an menschlich gedachte, gefiederte Wesen gedacht wird, z. B. sagt Seneca Troad. 387 quo bis sena volant sidera turbine und Jon sagt vom Morgenstern(frg. 10 Bergk) Aàorépa Hsinaν de⁴io eνονποιανmπεμροov. Eine weitere Entwickelung gibt diesen gefiederten Feuer- wesen direkt die Gestalt, das Leben und die Bedürfnisse der irdischen geflügelten Tierwelt und erklärt sie identisch mit der- selben. So sind sie droben am Gewölbe einherflatternde Schmet- 7²) Die Kosmogonie der Cherokee: Am Urquell II(1801) S. 86. — 25— terlinge bei den Mexikanern,s³) leuchtende Käfer oder Bienen, von denen Honig herabträuft, in der Antike.*⁴) Ihre kleine Ge- stalt, Bewegung sowie die Beobachtung der Sternschnuppen hat bei primitiven Völkern daneben die Deutung von Feuerflöhen oder Sandflöhen verursacht, die oben am Himmel leben.*³) Einen weit größeren Kreis dagegen fand die Gleichsetzung der Ge- stirne mit Vögeln. Am bekanntesten ist der Sonnenvogel, dessen Gestalt in den Mythen der meisten Völker uns erhalten ist. Die- selbe Auffassung von den Sternen begegnet uns noch in dem griechischen Sternbild der Plejaden, das als Taubenschwarm ur- sprünglich gedacht wurde.“) Auch in der wilden Mythologie finden gerade die Plejaden sehr oft die Gleichstellung mit einem Vogelschwarm. So sind sie in Neuholland weiße Papageien, in der Wabimythe weiße Falken, in Brasilien ebenfalls Papageien. Dagegen sind sie anderen Völkern Hühner, z. B. den Kambodjaer, den Siamesen,“) und wir finden den ganzen Glauben auch in der deutschen Gluckhenne mit ihren Küchlein, deren Bild auch in Frankreich und England durchaus geläufig ist. Denselben Ideenkreis verrät auch die Bezeichnung der Milchstraße als Vogel- straße, Vogelweg.*s²) Außer in diesen Sternbildern hat sich der Glaube besonders bei Sternschnuppen und Kometen erhalten und dahin erweitert, daß fliegende, vogelartige Wesen in ihnen aus der Sternenwelt zur Erde stürzen. Der deutsche Volksglaube sieht in beiden heute noch drachenähnliche Ungeheuer und ver- knüpft mit ihnen den seltsamsten Aberglauben und verschiedene von den bereits in§ 1 besprochenen materiellen Deutungen der Sternennatur. Zur Charakteristik stelle ich folgende Mitteilungen aus der Zusammenstellung, die Karl Bartsch über Mecklenburger Ideen gegeben hat, hierher:„Eine Sternschnuppe ist der Drache, der seinen Anhängern das anderswo gestohlene Gut, besonders Geld, bringt. Wer mit ihm im Bündnis steht, über dessen Haus verschwindet er und läßt sich im Schornsteine nieder. Eine Feuerkugel ist der mit reicher Beute beladene Drache. Man sagt von ihm De Drak treckt“. Wer ihn„verspottet, dem be- 73) K. Th. Preuß a. O. S. 388. ) Schwartz a. O. 86 ff., 53 ff., 66 ff.— 2. B. heißt der Mond nach Plinius pehiaoa bei Porphyr. de antro nymphar. C. 18.— Nach Aristoteles kommt der Honig von den Sternen; ich verweise auf meine Ausführungen a. O. S. 207. 75) Am Urquell VI 84, K. von den Steinen, Unter den Natur- völkern Zentral-Brasiliens S. 513 f. *⁶) Zur Ableitung der Pleiaden von zeletäde« vgl. Athenäus XI p. 484 E, dazu IIberg in Roschers myth. Lex. s. v. Pleiaden III Sp. 2551, A. Baum- gartner, Zur Geschichte und Literatur der griech. Sternbilder, Basel 1904 S. 18. 7) L. Frobenius, Zeitalter des Sonnengottes S. 363. 18) Drexler, Wochenschr. f. Klass. Philol. XI 733, Grimm a. O. II 45. 106. — 26— schert er eine furchtbar stinkende Masse“.—„De Drak treckt“, sagt man bei feurigen Lufterscheinungen, wo er sich nieder- läßt, wo die Erscheinung verschwindet, läßt er Glück zurück.“*⁰) —„De Drak trekt“ oft des Abends. Das ist ein Tier, so lang wie ein Wesbom, mit blankem Kopf und feurigem Schwanz. Wenn man ihn nun ziehen sieht und sagt„Süh dor“, so ist er wieder weg. Er bringt manchen Leuten Geld, Korn usw., an- dern nimmt er was weg. Wenn man den Drachen durch den Schornstein in ein Haus hineinfahren sieht und man zieht dann einen„Slarpen“(Pantoffel) an den verkehrten Fuß oder steckt ein Rad verkehrt an den Wagen, so kann der Drache nicht wieder heraus und verbrennt das Haus. Wenn er sich dann heraus- gebrannt hat, setzt er sich auf den Zaun und lacht sich was.“*) Hier ist der herabfallende Stern bereits zum völlig selbständigen dämonischen Tier aufgestiegen, das bestimmten Menschen seine Gunst erweist und auf besondere Gebräuche hin seinen dämo- nischen Einfluß verliert. Damit sind wir aber in ein Gebiet be- reits übergetreten, das mit religiösen und andrerseits wieder ganz plumpem Aberglauben überwuchert ist; wir wollen dessen Be- trachtung aber in das zweite Kapitel zurückstellen, wo die Deu- tung der Sterne als abgefallene Dämonen und Engel eine nähere Darlegung erhalten wird. Hier genügt es uns, aus den angeführ- ten Stellen zu betonen, daß auch noch in unserer Zeit der Glaube an vogelartige, allerdings ganz phantastisch weiter ausstaffierte, Sternwesen lebendig ist. Außer den Sternschnuppen haben be- sonders die Kometen die volkstümliche Ausgestaltung in der- selben Richtung erhalten. Wie die Sternschnuppe, so schießt, in allerdings noch viel auffallenderem Maße, dieser Stern am Himmel einher und muß im Vergleich zu den anderen Stern- vögeln, die er gewaltig an Größe und Glanz übertrifft, auch die Gestalt eines Tiergespenstes wachrufen, das in seiner fürchter- lichen Form alle anderen Himmelskörper übertrifft. So gilt er im Volksglauben Deutschlands und der Schweiz seit alters als Drache.s) Wie gerade dieser Stern die Volksphantasie beschäf- tigt und zu neueren Ausgestaltungen angeregt hat, habe ich an anderer Stelle bereits dargetan,si) ich will mich darum hier mit der einfachen Konstatierung der Drachenauffassung begnügen. In der letzten Phase der Drachenentwicklung kommt, ebenso wie die Sterne überhaupt, auch der Komet als Drache plötzlich ²*) Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg, Wien 1880 II S. 201 Nr. 971 f.— ib. Wien 1879 1 S. 257.— Der Glaube spielte auch in Hexen- prozesse hinein, siehe den Bericht aus dem Jahre 1593 ib. 253, 3. 8) H. E. Meyer, German. Mythologie S. 95. 81) Naive Ansichten über Wesen, Herkunft und Wirkung der Kometen: Hess. Blätter für Volkskunde VII 2 S. 81 ff. — 27— zur Erde herabgeschossen, wirkt Unheil und schießt dann, nach- dem er so gewissermaßen seine dämonischen Gelüste ausgiebig befriedigt hat, wieder zu den anderen Sternen hinauf. Als be- sonders charakteristischen Beleg lasse ich den Bericht von Lycosthenes zu dem Kometen von 1543 in der Uebersetzung aùs den„Wundern Gottes“s²) folgen. Es heißt dort S. 122: „Anno 1543 sahe man.. einen erschrecklichen Kometen aber- mahls in Gestalt eines großen Drachen. Es erschien nemlich ein Strahlstern, größer als ein Mühlstein und kehrte seinen Schwantz gegen Mittag, aus demselben fiel viel Feuer auf die Erde, wie ein grausamer Drache, er sof aus einem Bächlein und ver- trocknete ihm gantz, hernach flog er auf einen Acker und fraß alles von demselben herunter, alsdann schwang er sich wieder in die Hõhe und ließ ein Merckmahl nach, nemlich großes Ster- ben.“ Dieser Bericht, der in den meisten Kometenverzeichnissen des 17. Jahrhunderts gläubige Aufnahme und entsetzte Leser und Gläubige fand, stellt uns die stärkste Kombination dar, in die sämtliche seither von uns betpachteten Sternideen zusammen verquirlt sind. Von dem Vogelmotiv ist der geflügelte Drache aufgenommen,ss) von der Feuervorstellung das von ihm ab- sprühende Feuer und das Austrocknen des Baches. Neu ist die von uns seither überhaupt noch nicht besonders betonte Einwirkung auf die irdischen Verhältnisse und besonders der Einfluß auf die Erdatmosphäre. Gerade diese Begleiterscheinung haben wir hier zunächst noch auszuschalten, denn bei der Zeich- nung der primitiven Auffassung spielt die Beziehung von Stern und Erde in eine bereits höhere und schärfere Beobachtung des gestirnten Himmels hinein, die wir an einer anderen Stelle zu berücksichtigen haben. Eine besondere Himmelswohnung wird für diese Sternwesen nicht ausgedacht, sie schweben hoch oben in der Luft unter dem abschließenden Himmelsdach wie die Vögel und holen sich ihre Nahrung wie diese, entweder aus der Luft oder, wie wir es bei Sternschnuppen und Kometen gesehen haben, von der Erde. Dagegen fordert es zu Fabeleien über ein Land jenseits der Erde heraus, wenn sich die Phantasie die Sterne nicht mehr als fliegende 8²) Der Titel lautet: Wunder Gottes in der Natur bey Erscheinung der Kometen, Frankfurt 1744. 83) In den Abbildungen, die zur IIlustration den aufgezählten Kometen- erscheinungen beigegeben werden, wird der herabstürzende Drachenkomet stets geflügelt dargestellt; mit den Füßen steht er auf der Erde und speit aus dem weitaufgerissenen Rachen Flammen nach dem Feld und dem Flusse z. B. Wunder Gottes S. 122, Lycosthenes Prodigiorum ac ostentorum chronicon Basel 1557. S. 510, Stan. Lubienietz, Theatrum cometicum, Leyden 1681 II. S. 48 f. 173. — 28— Tiere ausdenkt, sondern sie den irdischen Vierfüßlern gleichsetzt. In unserem deutschen Sprachschatze lebt als sehr gangbare Stern- bildbezeichnung der Hund, der Bär, der Drache, Widder, Stier, Krebs, Löwe; die Römer sahen suculae(Schweinchen), septen- triones(7 Ochsen), canicula(Hund), die Griechen ebenfalls sieben Ochsen,s¹) Schweinchen und den Hund am Himmel, anderen Völ- kern sind die Sterne samt und sonders Tiere, z. B. Jjaguare, Hirsche, Flöhe, Schafe, Hunde, Wölfe und was die kindliche Einbildung alles sonst zurechtsinnen kann. Für uns ist der Hund am Himmel, der Bär, die Gluckhenne usw. ein lebloser Begriff, mit dem unsere Phantasie sich nicht mehr zurechtfinden kann; ebenso waren für die Römer und Griechen in der klassischen Zeit ihrer Sprache ihre altüberkommenen Tiernamen für bestimmte hervorragende Sterne und Sterngruppen völlig inhaltlose Bezeichnungen, und ihre gelehrten Sprachforscher haben zu den wunderlichsten Mitteln ihre Zuflucht genommen, um den toten Worten Leben und Sinn einzuhauchen. Wenn aber in der Kinderstube den Kleinen bei geöffnetem Fenster das Lied gesungen wird:„Wer hat die schönsten Schäfchen, die hat der goldne Mond“— und gleich darauf die weitere Ausführung kommt:„Die Sterne sind die Lämmerlein, der Mond, der ist das Schäferlein“, wenn dann das Kinderauge hinauf in den flimmernden Nachthimmel fliegt, So verändert sich sofort das Himmelsbild in dem kindlichen Köpfchen, und in leuchtenden Farben sieht das Kind auf der fernen blauen Himmelswiese die lichten, weißen Schäfchen einher- ziehen, über die der freundliche Schäfer Mond mit dem lieben großen Gesicht sorgsame Himmelswacht hält, damit ihnen ja kein Unheil geschieht. Und mit liebevoller Aufmerksamkeit strahlt das Kindesauge hinauf auf die weißen Sternenschäfchen und weiß genau zu verfolgen, wie eben eines ganz weit gesprun- gen, ein anderes plötzlich aber verschwunden ist. Wir ziehen die Parallele von der Kinderstube hinaus zu den Naturvölkern, die ja in der Geschichte der Entwickelung der Menschheit wirk- lich noch Kinder sind und auf dem Standpunkte unserer Kinder- anschauungen stehen bleiben, weil ihnen niemand eine tiefere und höhere Idee zunächst gibt. Sieht der Naturmensch tags- über vom Berge aus in ferner Ebene weidendes Vieh oder irgend ein Rudel wilder Tiere, so erscheinen ihm die Tiere wie punkt- artige Wesen, in dem einzelnen Tiere schrumpfen die bestimmten 84) Der Name selbst ist in der klassischen Zeit nicht mehr erhalten. Daß er aber in dem alten Himmelsbild vorhanden war, zeigt uns das in der Nähe stehende Sternbild Bootes: Ochsenhirt. Vielleicht ist in dem Namen Helike noch die verstümmelte Form der alten Bezeichnung kXcæec Böec erhalten; näheres habe ich unter Helike in Pauly Wissowa dargetan. — 29— Merkmale von der eigentlichen Gestalt zusammen, zurück bleibt nur Bewegung und leuchtende Farbe. Diese Tatsache können wir jederzeit von einem Turme aus oder einem hohen Berge, der uns einen weiten Ausblick ins Tal gewährt, feststellen. Nachts sieht das Auge droben ganz ähnliche leuchtende Punkte am Firmament aufziehen und herumwandern, der Blick und die Beobachtung derselben ruft unwillkürlich die Erinnerung an das weidende Vieh wach, schafft die Parallele mit den irdischen Tieren und gibt den Himmelskörpern nicht nur Namen, sondern auch wirkliches identisches Leben und Treiben der am Tage von ihm beobachteten Tiere. Daß es bei den klassischen Völkern wirklich einmal eine solche Zeit gegeben hat, wo sämtliche Sterne als Tiere aufgefaßt wurden, darauf deuten die aus vorhomerischer Zeit herkommenden Benennungen von besonders hervorragenden Sterngruppen mit Tiernamen. So heißt der große Bär bei beiden Völkern die 7 Ochsen. Wie Varro uns belehrt, nannten die Bauern noch in klassischer Zeit so ihre Stiere, mit denen sie pflügten.ss) Es waren also gerade die sieben glänzendsten Sterne für den griechischen und römischen Bauern wegen ihrer lang- samen Drehung während der Nacht wesensgleich mit den schweren irdischen Stieren. Wie dieselben tagsüber das Land aufpflügen oder im Kreise als Dreschochsen auf der Tenne umherstampfen,s0) so ziehen die sieben Himmelsochsen auf dem Himmelsboden oder der Himmelstenne umher. Man braucht dabei noch gar nicht an die später sehr ausgeprägte Gleich- stellung von Rind und Licht resp. Lichtgottheit zu denken, der naive Mensch sieht das Leben am nächtlichen Himmel, sieht die 7 großen Sterne, und unwillkürlich kommt ihm die Gleich- setzung mit seinem größten Stolz, seinen Ochsen. Nun kann entweder jeder Stern als gleiches Himmelstier aufgefaßt werden, so daß eine große Herde ganz gleichartiger Himmelstiere dort oben friedlich weidet, oder es wandern ganz verschiedenartige Geschöpfe auf jenem überirdischen Lande. Letzteres wird durch die Beobachtung der hellsten, der mittleren und schwachleuch- tenden Himmelskörper geschaffen. Wir finden die Belebung der Himmelsfläche mit ganz verschiedenartigen Tieren in der Antike. Das ebenfalls aus vorhomerischer Zeit stammende Stern- bild der Hyaden, d. h. Schweinchen, sowie der uralte Hund zeigen uns das zur Genüge. Die kleine schwachleuchtende Stern- gruppe im Kopf des Stiers hat den Namen Hyaden= Schweinchen, weil sie an die um ihre Mutter(= Aldebaran Stern erster Größe) gelagerten Ferkelchen(die 6 um Aldebaran herumliegenden ss) de lingua lat. VII 73 scq. 86) s. Nitzsch zu Homer Odyss. V 272. — 30— Sterne 3. Größe) erinnern.s*) Auch im deutschen Sprachgebrauche sind die Tierbenennungen da, gehen aber als Lehngut durchaus auf antike Quellen zurück. Volkstümlich ist die Gesamtanschau- ung der Sterne als Lämmchen heute noch, und wenn die be- kannten Volkslieder gesungen werden, so tritt unwillkürlich vor die Seele des Singenden noch die uralte naive Ausgestaltung der Himmelswiese mit den leuchtenden Tierchen. ss) Mit der Himmelswiese ist die seither beobachtete Himmels- vorstellung bereits auf einer weiteren Entwickelungsstufe auf- gerückt. Vielleicht verursachte die Beobachtung, daß Steine vom Himmel plötzlich herabfallen, vielleicht schuf auch die einfache Lust am Fabulieren ein Himmelsland, das dem Aussehen nach völlig identisch ist mit der Erdoberfläche. Es gibt dort Berge und Täler, Ströme und Wälder, Wiesen und steile Felsen wie auf Erden. jedenfalls lebte auch in der Phantasie der alten griechischen und römischen Bauern eine ganz ähnliche Vorstellung, wenn sie den Himmelsboden mit Ochsen, Schweinen usw. bevölkerten,se) auch die deutsche Auffassung der Sterne als Lämmchen setzt eine ähnliche Ge- staltung des Himmelsbodens voraus. Als volkstümliche Meinung lebt dies Himmelsterrain noch heute in vielen Völkern. So ist jenes überirdische Land völlig das Abbild der Erde in der Volks- Meteorologie des Cap-Sizun. Dort sind die Sterne tierähnliche Wesen, die oben wie in einem Heideland herumziehen. Von den Sternschnuppen heißt es, daß sie solche Sterne sind, die beim Ueberschreiten eines Berges den richtigen Pfad verlieren und infolgedessen zur Erde oder ins Meer stürzen. ²*) In japani- schen Märchen lebt dieselbe Himmelsanschauung, die uns 2. B. aus folgender Schilderung vom Sonnenraub recht lebendig ent- gegentritt: Himmel und Erde waren gleichmäßig in Dunkel gehüllt. Infolge dieses schweren Schicksals aber versammelten sich an den Ufern des Himmelsstromes, den wir Erdenbewohner 87) Die nähere Begründung zu dieser Auffassung habe ich s. v. Hyaden in Pauly-Wissowa gegeben. 88) Gerade Leber rönos ist gerne von den Dichtern aufgenommen worden, der Mond ist dabei der Schäfer, mitunter auch der Polarstern; z. B. ver- wertet es sehr hübsch Herder in den Sinngedichten, wo er 20(Gesetz der Welten im Menschen) sagt: Schönes Sternengefild, ihr weiten, unendlichen Auen, Aus mir selber entzückt, hang’ ich mit Blicken an euch, Schaue die goldene Herde der himmlischen Schafe da weiden, Suche den Hirten in ihr, der mit dem Stabe sie führt. 89) Später ist sie in den religiösen Vorstellungen beider Völker vorhanden und mit farbenprächtigen Farben vielfach ausgemalt; s. u. cap. II.. 29⁰) H. Le Carguet, mäétéorologie populaire du Cap-Sizun= Revue des tradit. popul. 17(1902) S. 185. — 31— Milchstraße nennen, alle Himmelsgötter, um zu beraten, wie dem Elend ein Ende gemacht werden könne. Alle waren einig darüber, daß Amaterusa(die Sonnengöttin) allein zu helfen imstande sei, und darum mußte alles daran gesetzt werden, sie aus der Höhle herauszulocken.... Zuerst nahm Amenokoyane, ein Sohn des großen Himmelsgeistes, heilige Sakaki-Bäume, die auf den Bergen des Himmels wuchsen, mit den Wurzeln heraus und pflanzte sie rings um die Höhle. An den stattlichsten dieser Bäume wurden hoch oben die Edelsteine des Himmels aufgehängt, köst- liche Juwelen, die mit funkelndem Scheine herrlich leuchteten..“ Im folgenden wird ein großer Metallspiegel geschildert, den der Gott der Spiegelmacher aus dem besten Metall, das die Bergwerke des Himmels zu liefern vermochten, hergestellt hatte. Aus den Fasern des Papiermaulbeerbaumes und aus Hanf, der in den Himmelsboden gepflanzt wurde, stellt man köstliche Weih- geschenke für die Göttin her, nämlich ein feines weißes und ein gröberes blaues Gewand, bis man endlich durch eine List die Sonnengöttin soweit bringt, das Felsentor ihrer Höhle zu öffnen und wieder alles mit ihrem glänzenden Scheine zu überstrahlen. ¹) Aehnlich haben die Indianer und Polynesier ihr Himmelsland ausgemalt. Auch im Altertum ist der Himmelsboden dem irdi- schen gleichgestellt. Die Milchstraße ist die Götterstraße, auf der die Himmlischen zum Zeuspalast gehen, auf beiden Seiten stehen die weitgeöffneten Paläste der Götter(so nach griech. Vorbilde Ovid Metam. I 168 ff.). Der Palast leuchtet in silber- nem Glanze, alles ist aus köstlichstem Material, das alle irdischen Bauten weit überstrahlt, erbaut. Wir ersehen daraus, wie be- rechtigt es in einen solchen Ideenkreis hineinpaßt, die Sterne als Léebewesen, zunächst als Tiere aufzufassen, die dort oben leben. Von besonders auffallenden Deutungen nenne ich die Gesamtauffassung der Sterne als Hirsche bei einer Reihe von indianischen Stämmen: das schönste Jagdwild eines jägervolkes findet sich in reichstem Maße in jenem fernen Märchenjagd- revier. ²²) Aus der Phantasie eines jägervolkes stammt auch die Deutung der Sterne als Wölfe,) Jaguare. ²⁴) Es fehlen auch nicht Beispiele, in denen die herabfallenden Sterne konsequent mit dem Tiermotiv verbunden sind. Danach muß derjenige, der einen Stern fallen sieht und den gefallenen 951¹) D. Brauns, japanische Märchen und Sagen S. 108 ff. 22²) K. Ih. Preuß a. O. S. 381. 93) So heißt der große Bär die 7 Wölfe s. Revue des trad. popul. 17, 342. vgl. die Bezeichnung der Milchstraße als Wolfspfad= Zeitschr. f. Ethnol. 40, 614. 94) Revue des trad. popul. 25(1910) S. 452 K. Th. Preuß, Der Kampf der Sonne mit den Sternen in Mexiko: Globus 87 S. 136. — 32— suchen geht, auf ein ganz besonderes Tier stoßen, wenn in der Volksphantasie die Sterne allgemein als Tiere gedacht werden. So erzählt man in Nordabessinien, ein Stern, der zur Erde stürzt, büßt seinen Glanz ein und wird ein kleines Tier.„Er ist nicht so groß wie eine Katze, und seine Farbe ist grau und gleicht der des Eselssterns(d. i. Distel, Igelart?). Und wenn Menschen ihn, während er so auf der Erde liegt, finden, und wenn seine Finder kluge Leute sind, so nehmen sie ihn und legen ihn in ihren Geldbeutel oder in ihren Kornsack, und jenes Geld oder jenes Korn wird dadurch gesegnet und wird niemals zu Ende, d. h. wenn der Stern nicht stirbt oder nicht entweicht und fortgeht. ²⁵) Sobald in der Volksphantasie sich einmal die Himmelswelt und ihre Bewohner in dieser Form ausgeprägt haben, ist ein weiteres Spielfeld für grübelnde Sterndeuter geschaffen in der Frage: wenn die Sterne Tiere sind, wo sind sie dann bei Tage und wo sind diejenigen, die in ganz bestimmten Zwischenräumen in ihrer eigenartigen Stellung zueinander ein ganz bestimmtes Bild dem Himmel geben, in der übrigen Zeit, da sie unsichtbar sind? Die Frage wird wohl oft gestellt, aber in wenigen Völkern findet sich der Niederschlag einer bestimmten Meinung als Volks- glaube. Sonne und Mond zeigen ühberall die lebhaftesten Nach- forschungen nach ihrem Aufenthaltsort, wenn sie unsichtbar sind.“«) Ueber die Sterne hat man im allgemeinen auf der Stufe, wo sie mit Tieren identisch erklärt werden, keine besonderen Vorstellungen ausgeprägt. Die gegebene Antwort ist im all- gemeinen, sie bleiben, wo sie sind, und grasen auch bei Tage friedlich auf der Himmelswiese, man sieht sie nur nicht infolge des glänzenden Sonnenlichtes. Wie man bei Nacht das auf der Weide lagernde Vieh nicht sieht, weil es finster ist, So sieht man umgekehrt bei Tage die Himmelstiere nicht, weil es hell ist. Nun zeigt aber die längere Nachforschung, daß gewisse Sterne in bestimmten Zeiten nur am Himmel sind, so der Sirius, die Hyaden usw. Nur der Hundsstern hat hier eine ganz eigen- artige Berücksichtigung erfahren. Er ist als böser Dämon ge- fürchtet, der die Erde austrocknet, Pest den Menschen bringt und dazu die Hundswut verursacht. So fürchten ihn die Inder und haben die Idee, daß er in den ersten zehn Tagen eine sicht- bare Gestalt annimmt in Lichtstrahlen dahinfahrend:„mit der ⁵5) E. Littmann, Sternensagen und Astrologisches aus Nordabessinien = Archiv für Religionswiss. XI(1908) S. 312. 96) Näheres bei F. L. Schwartz: Die poetischen Naturanschauungen der Griechen, Römer und Deutschen, Berlin 1864 1 allenthalben; Leo Frobenius, die Weltanschauung der Naturvölker S. 149 ff. und: Das Zeitalter des Sonnengottes I 1904 8. 50 ff. — 33— Gestalt eines 15jährigen Mannes, eines so alten, wie wenn den Mann zum erstenmal die(geschlechtl.) Kraft ankommt.... „die zweiten zehn Nächte... mit der Gestalt eines goldgehörnten Rindes... die dritten zehn Nächte... mit der Gestalt eines weißen Rosses... mit goldfarbenen Ohren mit goldenem Ge- biß.“ Wir sehen hier in dem phantastischen Durcheinander noch hervorleuchten die ursprüngliche Gleichsetzung des Sternes mit einem Roß, das an Farbe und Rasse alle übrigen Sterne über- strahlt.“:!) Auch in Griechenland ist er von alters her als Tier gedacht und zwar als Hund, der vom Himmel Verderben und Feuer herabsprüht. Er kommt in der òrca, da die Ernte der Baumfrucht anfängt, strahlt vom Bade des Ozeans mit furcht- erregendem Glanze und bringt den armen Sterblichen aus- dörrende Glut.(Homer Ilias 22, 27 ff.). Wir finden den alten Volksglauben allerdings bereits auf höhere Stufe gestellt und mit einem Mythus verschmolzen, der einen riesigen jäger mit seinem furchtbaren Hund am Himmel hinziehen läßt; wir ersehen aber noch klar, wie überhaupt in alter Zeit gerade dieses Gestirn infolge seines Glanzes die Be- obachtung der im Süden wohnenden Menschen herausgefordert hat. Welchen Eindruck es auf die abergläubischen, primitiven Menschen Griechenlands und Italiens, wo der aufgehende Sirius wirklich mit dem Einbruch der unerträglichen Sonnenhitze zu- sammenfiel, machte, sehen wir aus den seit uralter Zeit in Keos üblichen Gebräuchen, durch Waffenlärm den bösen Hunde- dämon zu verjagen,?s) aus dem in Argos heimischen Feste Kyno- phontis, das mit dem Aufgange des Sirius zusammenhing, wobei eine Menge von Hunden totgeschlagen wurde.²*) Auch in Italien geht die Furcht vor diesem Stern in sehr hohe Zeit zu- rück, auch hier ist er als Hund aufgefaßt worden. jedenfalls spielen bei dieser Sternauffassung uralte, naiv-religiöse Vorstel- lungen mit, die wir in Kap. 2 näher beleuchten werden. Bei der Verquickung der Sterne mit religiösen Anschauungen treten wir bereits einer höheren Kulturstufe gegenüber; denn schon die Idee allein, daß ein Stern überhaupt einen Einfluß auf irdische 57) Jjackson, Die iranische Religion: Geiger-Kuhn, GCrundriß der iranischen Philologie II S. 672. 9s) Schol. Apoll. Rhod. II 498. Die Einwohner stehen nach Heracleides Ponticus auf Bergen versammelt da und beobachten aufmerksam das auf- gehende Gestirn. Aus seinem Glanze schließen sie auf das, was in dem neuen Jahre sein wird. Cicero de divin. I 57, 130.. *°) Athen III 99 e Konon 19— K. O. Müller Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Mythologie S. 195, weiteres Material bei O. Gruppe Griech. Mythol. u. Religionsgesch.= Hdb. d. klass. Altertumsw. V, 2 S. 960, ferner in meiner schon genannten Arbeit S. 131 ff.; ich verweise hier noch auf die demnächst erscheinenden Studien von E. Pfeifer. 3 — 34— Verhältnisse ausüben kann, setzt ein langes Beobachten und Nachgrübeln über die Sternennatur voraus; es steckt viel Wahr- heit darin, wenn die Griechen in Legenden den Heroen der grauen Vorzeit wie Aristaios, Atlas, Atreus, Cheiron, Prometheus u. a. ¹⁰) die einheimische Gestirnkunde und Sternnamen zu- geschrieben haben. Erst mußten die kindlichsten Begriffe über- haupt als Fundament gefunden sein und Volksgut werden, ehe neue Vorstellungen aufgebaut werden konnten, die den kleinen Punkten Einfluß auf die Erde zudachten. 83. Die Himmelskörper sind menschenähnliche Wesen und gewesene Menschen. Nicht bloß Tiere sind, von ferne gesehen, Punkte, sondern auch die Gestalt des Menschen schrumpft in der Entfernung zu einem kleinen Etwas zusammen, an dem die einzelnen Merkmale verschwinden, nur Bewegung und Kleidung(hell oder dunkel) heben sich aus dem Hintergrunde ab. Hat sich nun in einem Volke die Vorstellung eines himmlischen Erdenlandes erhärtet zum Allgemeinglauben, dann erweitert sich die Sternerklärung sehr bald dahin, daß dort oben Menschen leben gerade so wie hier auf Erden; weil sie so weit entfernt sind, sind sie nur flimmernde Pünktchen für uns. Die kindlichste Form in der anthropomorphen Sternenansicht bringt diese Sternenmenschen mit Sonne und Mond in Zusammen- hang. Die Größenunterschiede rufen den Vergleich zwischen einem Elternpaare und seinen Kindern hervor und setzen die Sterne in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu den beiden großen Gestirnen. So sind sie in der Weltanschauung der Min- tiras die Kinder des Mondes. Aber auch die Sonne hatte in alten Zeiten ebenso viele. Sie fürchteten jedoch, daß die Menschen so viele Helligkeit und Wärme nicht vertragen könnten, darum beschlossen sie, ihre Kinder aufzufressen. Der Mond aber fraß seine Kinder nicht auf, sondern versteckte sie vor der Sonne, die die ihrigen entsprechend dem gemeinsamen Beschluß ver- zehrte. Später holte dann der Mond seine Kinder wieder aus dem Verstecke, und nun begann eine heftige Verfolgung der Mondkinder durch die Sonne, und heute noch kann man sehen, wie die Sonne dieselben in der Dämmerung auffrißt. ¹**) Ein 100% R. Brown, Researches into the origin of the primitive constellation ot the Greeks, Phoenicians and Babylonians, London 1800 I 132 ff. 101) Iylor a. O. I S. 350. — 35— ähnlicher Mythus nennt in Dahome und bei den östlichen Neger- völkern die Sterne Töchter des Mondes. Die Feindschaft der Sonnenfrau ist hier aber der Vorstellung eines bösen Naters gewichen, der seine eigenen Kinder auffrißt, die ihm die Mond- frau schenkt: Sie gebar nämlich ihrem Sonnengatten eine große Anzahl von Kindern. Die Söhne wollten dem Vater es gleich- tun, der aber ward eifersüchtig und mordete sie. Die bescheidenen Töchter blieben aber bei der Mutter, darum sieht man sie immer in der Nacht allein mit der Mutter, während der Nater selbst- herrlich des Tags allein am Himmel ist und seine Söhne, die es wagen, mit ihm am Tageshimmel zu sein, dahinmordet. ¹⁰*) Was für die genannten Naturvölker wirklicher Glaube ist, pulsiert bei uns nur als Niederschlag in den Werken unserer Dichter. Sehr lebendig hat diese Weltanschauung z. B. Heine in seinem„Sonnenuntergang“(= Die Nordsee I, 3) in folgenden Versen ausgedrückt: Einst am Himmel glänzten Ehlich vereint Luna, die Göttin, und Sol, der Gott, Und es wimmelten um sie her die Sterne, Die kleinen, unschuldigen Kinder. Doch böse Zungen zischelten Zwiespalt, Und es trennte sich feindlich Das hohe, leuchtende Eh'paar. jetzt am Tage, in einsamer Pracht Ergeht sich dort oben der Sonnengott... Aber des Nachts Am Himmel wandelt Luna, Die arme Mutter, Mit ihren verwaisten Sternenkindern... Auch bei den Griechen treffen wir die Sternenkinder, außer in den literarischen Werken finden wir sie auch ausgeprägt in künstlerischen Produkten. So sind die Sterne auf Vasen- bildern als nackte Knaben dargestellt, die vor dem aufgehenden Sonnengott ins Meer flüchten. ¹⁰³) Im allgemeinen hat aber die Auffassung der Sterne als Kinder, sei es der Sonne, des Mondes, des Poles, der Nacht und was 1⁰2) L. Frobenius, Die Weltanschauung der Naturvölker a. O. S. 286; auch in den Mythen der Indianer wird oft auf das unfriedliche Eheleben von Sonne und Mond Bezug genommen, s. Frobenius, Zeitalter des Sonnen- gottes I 347 ff. Vgl. F. Schultze, Psychologie der Naturvölker. Leipzig 1000. S. 321. 19 F. Welcker, Antike Denkmäler III Taf. 9. Baumeister Denk- mäler 0640, Tohl. S. Reinach, Repertoire des vases peintes Paris 18909, . u.. 3* — 36— die Phantasie hier alles in naivem Sinnen zusammengereimt hat, nur geringe Dehnbarkeit; Völker, die als Himmelsbild sich diese Verwandtschaft zurechtgedacht haben, finden sich mit der Tat- sache ab, daß jeden Tag die Sonne die Kinder ihrer Gattin = des Monqdes, verschlingt, letztere aber jeden Abend neuen Kindern das Leben schenkt und mit ihnen am Himmel einher- zieht, bis des Morgens der grausame Vater diese wieder auffrißt. Oder die Mondmutter flieht mit ihren Kindern vor dem auf- stürmenden Sonnenvater ins Meer. Auf neue Bahnen wird aller- dings das Denken gerückt, wenn diese Kinder wirklich in der Nacht so schnell heranwachsen, daß sie des Morgens einen Kampf mit ihrem Vater aufnehmen. Die Wintersonne und ihre völlige Kraftlosigkeit ruft dann neue blühende Ideen in dem Kopfe des Naturmenschen auf: da hat der Mond ganz besonders helden- hafte Kinder geboren, die dem bösen Tagestyrannen so hart zu- gesetzt haben, daß er sterbend und elend wird, bis er zuletzt tot zur Erde sinkt. Mit welcher Konsequenz dieses ausgedacht wer- den kann, zeigt uns die Verbindung des Sternsonnenkampfes mit Gebet, Opfer und symbolischen Kämpfen in Mexiko. ¹⁰⁴) Neben dem Mondkindmotiv findet sich auch die Deutung der Sterne als Frauen des Mondes;¹*³) auch diese Idee hat der Vergleich des bescheidenen Glanzes der Sterne mit dem starken großen Lichte des Mondes geschaffen. Die Phantasie begnügt sich hierbei allerdings mit dem einfachen Konstatieren des himm- lischen Harems, die großen Sterne sind die Frauen, die matten die Kinder dieses orientalischen Eheherren. Auf gleicher Stufe steht die völlige Ausschaltung von Sonne und Mond aus dieser himmlischen Bevölkerung, nämlich die Auffassung der hellen Sterne als Erwachsene— Männer und Frauen— der dunkleren und kleineren als ihre Kinder oder die Auslegung der Farbe, Größe und Strahlen als Armut und Reich- tum, Krankheit oder Gesundheit der Bewohner des jenseitigen Landes. Wenn der Gedanke zuerst ausgedacht wird, wird über ihre Herkunft und ihren Verbleib während des Tages zunächst noch keine Nachforschung angestellt: Völlig abgeschieden von der unteren Welt, ohne jeglichen Verkehr mit den Irdischen fristen sie ihr Leben in der überirdischen Welt. Sie haben so wenig Interesse für die Menschen, wie die Wilden Australiens etwa für die Naturvölker Amerikas. Aber ihre Lebensweise ist völlig dieselbe, wie die der Menschen. 1⁰4) K. Th. Preuß a. O.= Globus 87 S. 136 ff. 105 A. Hillebrandt, vedische Mythologie I 397.— In ähnlichem Sinne heißt der Venusstern die Gattin oder Geliebte des Mondes; s. Revue des trad. popul. XXI(1906) 232. — 37— Wir finden diese primitive Auffassung der Sternenmenschen als alleingültige Weltanschauung zahlreicher Naturvölker. S0 sind im Glauben der Nordabessinier die großen Sterne mächtige Häuptlinge, denen die kleineren als Vasallen untertan sind. Sie sind miteinander verwandt, heiraten, lieben und hassen sich, wie auch die Menschen. Sie führen Krieg miteinander, töten sich und begraben die Leichen in dem Himmelsboden. Ihre Sprache gleicht der irdischen völlig, ebenso sind ihre GCottheiten, ihre Sitten und Gebräuche, ihre Lieder, Waffen und Kleidung genau so wie die der unteren Welt. ¹⁰⁶) Daß eigentlich jene Menschen auf dem Himmelsboden so wandern müßten, daß der Kopf nach uns zu gerichtet ist, also verkehrt einhergehen, schafft den je- weiligen Beobachtern kein Kopfweh, ebensowenig die andere Frage, wenn sie aufrecht auf dem festen Himmelsboden wandern, wie können sie da überhaupt von hier aus wahrgenommen werden? Die naive Beobachtung findet sich völlig zufrieden ab mit der Feststellung der Tatsache, daß wir wirklich Menschen dort oben leben und sterben sehen. Sobald einmal die Entdeckung gemacht war, und alte Ueber- lieferung genauer darauf hinwies, daß zu gewissen Zeiten be- stimmte Sterngruppen wieder auftauchen, die eine Zeitlang ver- schwunden waren, schuf das Nachgrübeln über das Verbleiben dieser Sterne und der Sternmenschen am Tage überhaupt eine Reihe neuer Motive. Entsprechend der geographischen Lage kehren diese mit gewisser Naturnotwendigkeit in ganz bestimmten Formen wieder, wenn ein für sich völlig isoliertes Volk sich selb- ständig nach dem Verbleib der Sterne interessiert. Ein Inselvolk sieht die Sterne aus dem Meere aufgehen und wieder ins Meer stürzen. Diese einfache Beobachtung schafft zunächst den schon oben berührten Glauben, daß jedesmal ganz neue Himmels- körper heraufziehen und dann im Meere erlöschen, hier— in animistischer Färbung— sterben. Die Erfahrung aber belehrt sie, daß in der Ferne noch andere Länder sind, zu denen man in Schiffen kommen kann. Sind nun in der Weltanschauung des betreffenden Naturvolkes die Himmelsmenschen zu ganz festen Begriffen herangebildet und die Tatsache, daß immer wieder dieselben Sterne erscheinen, und zwar an einem bestimmten Punkte aufgehen, festgestellt, So ist die Ideenverbindung selbst- verständlich, daß der am Horizont untertauchende Himmels- bewohner an der Stelle, wo er herabkommt, Land antrifft, dort einen Kahn besteigt und zu der Stelle hinfährt, von wo aus er seine Wanderung über das Himmelsgewölbe wieder aufnimmt. 106) Littmann a. O. S. 308 ff.— Weitere wertvolle Belege bei Réville Les Religions des peuples non— civilisés, Paris 1880 II 186 ff. — 38— Andererseits ist für den Binnenländer der Horizont durch Berge begrenzt; die Ansicht, daß ein gewaltiges Wasser rings um die Erde flutet, wird ihm ersetzt durch die für ihn sehr naheliegende Erklärung: die Erde ist durch einen gewaltigen Gebirgswall umgrenzt, auf dem das Himmelsdach rings aufliegt. Geht der Stern unter, dann wandert er um diese Gebirgsmauer herum und steigt von ihr aus an seiner gewohnten Stelle wieder empor. Beide Erklärungen begegnen uns zum Teil noch in ihrer ganz ursprünglichen Form. So erzählen sich die Pawnee- Indianer:„Einst lag ein Mann auf dem Gipfel eines Berges.... Da hörte er eine Stimme, die ihm befahl, nicht fortzugehen, denn er stehe an der Stelle, wo die Sterne vorüberkämen. Die Sterne sind nämlich menschenartige Wesen, die tagsüber um die Erde wandern. Als er so da lag, sah er sie vorübergehen, alle gingen von Ost nach West. Und zuletzt kam ein großer Krieger, rot bemalt; in den zusammengefalteten Händen trug er eine Keule, auf dem Kopfe eine Flaumfeder, die rot bemalt war. Das war der rote Morgenstern.“¹⁰) Von einer Wanderung um die Erde auf oder jenseits des umschließenden Randgebirges sprechen auch die alten Perser. ¹0a) Auch bei den Griechen und Römern waren wohl ähnliche Ideen bei solchen Stämmen ge- läufig, denen der Horizont von Bergen verschlossen war ent- weder ringsum oder speziell in der Himmelsrichtung, aus der des Abends die Sterne aufstiegen. Sobald der Gesichtskreis sich mit der Zeit erweitert hatte, wurde natürlich dieses Randgebirge in weite Fernen hinausgeschoben, die nur ganz besonders kühne Menschen, wie z. B. Herakles, erreicht haben. Der ganze Mythen- komplex, der den riesigen Himmelsträger Atlas im Laufe der Hahrnmigerte übersponnen hat, ist wohl aus dem einfachen Welt- ild aufgewachsen, daß ein gewaltig hohes Gebirge rings die Erde abschließt, und daß auf diesem der Himmel aufsteht. Die Sterne mußten nun sich tagsüber in diesen Bergen aufhalten. Daß auch den Griechen gerade diese Idee nicht fremd war, zeigt uns die Vorliebe der Dichter, sie von den Bergen auf- steigen zu lassen, die den Horizont ihrer Heimat nach Westen zu abschlossen. So geht der Abendstern der Sappho und ihren Nachahmern vom Oeta auf, andere nennen den Olymp oder den ldaos) oder er kommt für weitgereiste Leute aus ganz fernem Westen, dem Atlasgebirge her, wo er den wunderbaren Hesperidengarten besitzt. ¹*⁰= Hier 1⁰7) A. C. Fletcher, Pawnec Star Lore= The Journal of American Folk-Lore XVI(1903) S. 11.— ¹²) jensen a. O. S. 210. 108) Belege habe ich zusammengestellt, R. V. V. III 2 S. 30, 1. 1⁰9) Diodor. IV 27. 3 — 39— hat er sein eigenes Heim, in dem er sich zu seiner müh- samen Wanderung erholt, eine Burg oder einen kühlen schattigen Garten, oder er weilt dort in dem Palaste seines YNaters Asträos, wo er mit seinen übrigen Geschwistern, den Sternen, ein völlig menschenartiges Dasein führt; ¹) auch in dem Garten des Sonnengottes lassen ihn andere sich erholen, wenn er morgens als Morgenstern der Sonne voraneilt. Dort rüstet er sich zu seiner Reise, sehr hübsch schildert dies Claudian(XXII, 472). Die Gestirne erholen sich des Tags über— den Menschen im allgemeinen unsichtbar und unerreichbar— in den Bergen, jagen, essen und trinken dort und wandern dann zur höchsten Stelle, von wo aus sie den Himmel ersteigen. Ist für ein Volk— 2. B. ein Insel- oder Küstenvolk— aber die Erde rings von Wasser umspült, dann schafft die Phantasie den Sternen eine andere Art von Erholung und Bewegung um die Erde: sie fahren in einem Kahne zu ihrer abendlichen Auf- gangsstelle und ruhen während der Fahrt oder stärken sich durch das Bad, das sie im Ozean nehmen. Wir treffen diese Anschauung naturgemäß öfters in der Antike, da ja die meisten der griechischen und römischen Stämme in innigem Zusammen- hange mit dem Meere heranwuchsen. Wir können es von dem homerischen Sirius Xekonuévoςα saævHo an durch die literarischen Denkmäler verfolgen bis zu Avienus, der noch alle Sterne sich im Ozean baden läßt. u’) Auch in den schon oben er-— wähnten Vasenbildern ist der Gedanke vertreten, die Sternknaben stürzen vor der aufgehenden Sonne kopfüber ins Meer herab, um dasselbe zu durchschwimmen. Aehnlich wird in der wilden Mythologie z. B. von den Plejaden gesagt, daß sie alt ins Meer sinken, um dann verjüngt aus ihm wieder emporzusteigen. 1¹²*) Neben den Himmelsnomaden, die z. B. der Morgenstern, die Hyaden, Plejaden usw. in der Phantasie wachgerufen haben, zeigt aber die Erfahrung seßhafte Sternenmenschen, die in der Nacht nur eine Wanderung in einem bestimmten Revier unter- nehmen, nie aber unter den Horizont herabsinken, sondern mor- gens infolge des intensiven Tageslichtes unsichtbar werden. S0 bleiben z. B. die Sterne des großen oder kleinen Bären immer 11⁰) Nonn. Dionys. VI 18 ff. 111) Vergleiche besonders den Lucifer renovatus unda bei Silius Italicus VII 630 und den Lotus undis Hesperus Senecas(Phaedra 750).— Zur Kahn- fahrt vergleiche man den goldenen Sonnenbecher des Stesichoros(bei Bergk P. L. Gr. II 200,8) und den Kult am Sonnwendfest auf Leukas, cf. A. Fick, Vorgriech. Ortsnamen, Göttingen 1005 S. 137 ff., ferner den goldenen Kahn, den Helios dem Herakles zur Fahrt über den Ozean schenkt. Apollodor II. 5, 10. 699 kit land, Wörterbuch und Grammatik der Marshall-Sprache, Berlin 1906 S.. — 40— am Himmel. Ihnen gibt nun die naive Mythologie Häuser und Angehörige auf dem Himmel selbst, sie verlassen dieselben des Abends, um ihrer Arbeit auf dem Himmelsboden nach- zugehen. ¹¹) Aber auch diesen wird die Möglichkeit zugesprochen, auf die Erde herabkommen zu können. Entweder wandern sie auf einer Straße am Himmel entlang, bis sie auf die Erde kommen, oder sie gehen direkt herab zur Erde. Wo die Gestalt der Sternenmenschen nähere Betrachtung erfahren hat, hat man auch dem jenseitigen Lande genau dieselben Verkehrsmöglichkeiten zugedacht, wie man sie auf Erden hat, man hat es vor allem auch mit Wegen ausgestaltet, auf denen die Himmlischen ein- herwandern. Als Hauptstraße, die sich quer durch das jen- seits hinzieht und in weiter Ferne auf die Erde aufstößt, tritt uns die Milchstraße entgegen. Auf ihr gehen die Sterne all- gemein einher, wie die Menschen auf ihren großen Staatsstraßen, und wie auf Erden die Straßen durch die Abnutzung glatt werden und während der Nacht sich leuchtend abheben von den dunklen Feldern, so leuchtet auch zu uns herab der viel- begangene Sternenweg am Himmel. Er stößt an beiden Enden auf Erden auf, und auf ihm wandern die jenseitigen herab, da- rum heißt die Milchstraße z. B. in der germanischen Mythologie Weg zur Unterwelt= Helweg. ¹¹¹⸗) Daneben ersann man auch unsichtbare Geisterpfade, die herab vom Himmel führen und von besonders gottbegnadeten Menschen gesehen werden können. So sieht z. B. in der Legende vom Sternenknaben der irdische Sohn des Morgensterns am Ende der Weltufer am Abend des vierten Tages einen glänzen- den Pfad, der über das Wasser zu der Wohnung des Sonnen- gottes und seines Sternenvaters führt; vorher hat er drei Tage und drei Nächte gefastet und gebetet, und ist dadurch rein ge- worden.*³) Oder man dichtet, die jenseitsmenschen klettern an Seilen(Tauen aus Büffelstreifen), auf Pfeilstrecken, Leitern oder langen Bäumen herab, u⁶) oder sie lassen sich in Körben her-— nieder. So heißt es in der Plejadenmythe der nordamerikanischen Wabi, daß ein jäger in einer großen Prärie schön geformte Fuß- stapfen findet, sie verfolgt und zu einem geheimnisvollen Kreis gelangt. Er erlebt darauf folgendes:„Unter eigenartigen zau- 113) Ratzel a. O. II S. 88; dazu Mooney a. O.= Am CUrquell II 87. 114) Kuhns Zeitschrift II 239, 366.— Ich verweise auf meine weiteren Ausführungen im R. V. V. 244, 2 und in Pauly Wissowa, s. v. Galaxias. 11⁵) Clintock, Bräuche und Legenden der Schwarzfußindianer= Zeit- schrift für Ethnologie 40, S. 611.— Siehe die Geisterwege bei Luc. Demosth, enkom.(LXXIII) 50; Quint. Smyrn. Posthom. XV 223. 116) Eine große Anzahl diesbezüglicher Mythen sind bei Frobenius in seinen genannten Werken einzusehen. — 41— berischen Tönen senkt sich ein großer Korb hernieder, aus dem zwölf schöne Mädchen aussteigen. Ein hell leuchtender Feuer- ball erklingt: er wird wie eine Trommel geschlagen. Die Mädchen beginnen zu tanzen. Trotzdem sie alle schön sind, gefällt ihm eine am besten. Er stürzt auf dieselbe zu, aber im gleichen Moment springen die Mädchen in den Korb und verschwinden dem Himmel zu.“ Mittels eines Zaubers gelingt es ihm, sich am dritten Tage, als die Mädchen wieder herunterkamen, des Mädchens zu bemächtigen und ihre Liebe zu erringen. Er heiratet sie und im nächsten Frühjahr wird ein Knabe geboren. Alles ist gut und schön, bis sie eines Tages ihren Vater oben im Himmel laut weinen und klagen hört. Sie geht mit ihrem Sohn und einem Korb, den sie besonders flicht, in den Zauberkreis und kehrt zum Himmel unter denselben Zaubertönen zurück. u¹) Zuletzt kommt dann die Theorie auf, daß sie mit Flügeln ver- sehen sind, also jederzeit herabkommen können, oder daß sie auf gewaltigen Vögeln, gefiederten Rossen, Kühen u. ä. herab- fliegen oder auf Flügelwagen, die von der phantastischsten Be- spannung oder von selbst fortbewegt werden. Hierfür finden sich in der Volksüberlieferung überall derartig viele Beispiele, daß ich mir Einzelheiten hier wohl ersparen darf. Erwähnens- wert ist noch die Kombination des Sternenmenschen mit der von uns an erster Stelle betrachteten Theorie der aus feuriger Ma- terie bestehenden Sterne, denn man dachte sich auch, ein Him- melsmensch stürze sich als feurige Kugel vom Himmel herab. So gleitet die Morgensterngöttin Istar Astarte als Feuerkugel vom Himmel herab und senkt sich in den ihr heiligen See, um die Opfer und Gebete ihrer Gläubigen und Priester ent- gegenzunehmen. ¹¹s) Aehnlich stürzt ja auch bei Homer Athene wie ein funkensprühender Stern vom Olymp herab. Ist nun allen Sternen die Möglichkeit verliehen, auf die Erde zu kommen, so liegt es auf der Hand, sie mit den Menschen insgesamt in Wechselbeziehung zu bringen. Man dichtet und sinnt weiter, sie ruhen nicht in den Bergen aus oder auf ihrer Kahnfahrt, sondern sie kürzen ihren Weg dadurch ab, daß sie quer durch die Menschen hindurch wandern und neugierig deren Tun beobachten. Dabei sind sie entweder unsichtbar, weil sie auf verborgenen Wegen und Plätzen einhergehen, oder sie gehen sichtbar auf der Erde einher, und gewissen Menschen glückt es, sie zu beobachten und mit ihnen zu verkehren(z. B. oben in der Wabimythe). Zugleich wirkt die Beobachtung in der ewigen Wiederkehr der Sterne zur Erweiterung in der Zeichnung ¹117) Erobenius, Zeitalter des Sonnengottes I 657 ff. 1¹1s) Euseb. vita Const. III 55, Zosimus I 58, Sozom. II 5. — 42— ihrer Persönlichkeit: jener Sternenmensch muß ewig jung und entsprechend seines Glanzes schöner und glänzender gekleidet sein als die sterblichen Menschen. Somit muß die Erscheinung eines hervorragend schönen Menschen ihn mit den Sternen in Zusammenhang bringen, wenn in einem Volke der anthro- pomorphe Sternprozeß soweit gekommen ist. Spuren davon haben wir noch bei Homer. Denn wenn Achill Ilias V, 5 mit dem Sirius verglichen wird, so liegt wohl eine ähnliche Idee schon zugrunde, wie wir sie in der späteren Literatur so oft wieder- finden, daß hervorragend schöne Menschen Stern genannt oder mit ihnen verglichen werden. Das reizende, Plato zugeschrie- bene Wort: aoréα eloεεα dοip c. Eide Tevoiνν 05 Oc daoh, elc ds SAG. 119) gibt uns die Gleichsetzung eines hervorragend schönen Men- schen mit einem glänzenden(menschenartig gedachten) Stern sehr hübsch wieder, ebenso das folgende: Aorhp npty bey Rahns« Syt S0O2t EGSOX „dy ds davd Adeir Eonspo é εενοο⁵ες.1²0⁰) Besonders die Römer nehmen diese Gleichstellung von Stern und Mensch auf und verwerten ihn mit Vorliebe als Schmeichelei der Kaiser. ¹21) Wir erkennen dieselbe Idee wieder, wenn hervorragend hnübsche Menschen den Namen Aster, Asterius, Stella erhalten. Dieses war übrigens auch dem jüdischen Volke sehr geläufig; ich erinnere an die Prophezeiung:„Es wird ein Stern aus juda aufgehen“, und an den beliebten Familiennamen„Stern“ unserer deutschen Juden. Aus der Geschichte genugsam bekannt ist ja auch die Figur des Messias Barkochba= Sohn des Sternes. Auch sonst spielen die Sterne als Schönheitssymbol eine große Rolle in der Literatur der südlichen Völker und dann in Volksmärchen und Liedern über- haupt. St. Prato¹²²) hat eine sehr reiche Zusammenstellung darüber gegeben, hauptsächlich mit Berücksichtigung der ita- lienischen Volkspoesie; es dürfte sich verlohnen, hierin ge- legentlich den Blick aus anderen Parallelen noch zu erweitern. Aber die Phantasie beschränkt sich nicht mit der ein- fachen Tatsache, daß die menschenartigen Astralgeister ¹¹⁹) Anthol. Pal. VII 650 vgl. damit E. Legrand, Chansons populaires grecques 1873, VII 4. 5 357) ib. 670; ähnlich 607; V 21, 156. IX 102. Anacr. II 53(Bergk P. L. Cr. 1²¹) So nennt z. B. Manilius I 384 den Augustus sidus. ¹²²) Sonne, Mond und Sterne als Schönheitssymbole= Zeitschr. des Vereins für Volksk. V 1895 S. 363 ff. VI 1896 S. 24 ff. — 43— auf der Erde weilen, und sie stellt sie nicht nur im Vergleich mit schönen Menschen zusammen, sondern sie bringt sie direkt mit den Menschen insgesamt in Berührung derart, daß man sagt, die Sterne sind tagsüber über- haupt unter den Menschen, nachts am Himmel. Wahr- scheinlich ist der griechische und römische Volksglaube von orientalischen Gedanken befruchtet worden. Denn bei den Baby- loniern, Aegyptern und Persern galten die Sterne seit uralter Zeit, besonders die Planeten, als mächtige, durchaus menschen- ähnliche Wesen, die in enger Verbindung mit dem Erdenleben stehen und persönlich bei großen Festen auf der Erde anwesend sind. Jedenfalls war in hellenistischer Zeit ein ähnlicher Glaube in den antiken Völkern heimisch, sonst könnte Plautus nicht in seinem berühmten Rudensprolog den Arcturus auftreten und von sich sagen lassen(5): noctu sum in caelo clarus atque inter deos inter mortalis ambulo interdius. Das geht auf Diphilus zurück, und beide Dichter hätten die ganzen Ideen in dem Arcturus prologus nicht ihrem Publikum aufwarten können, wenn nicht verwandte Saiten damit in den Herzen der Zuhörer angeschlagen worden wären. Es klingen allerdings in dem Prolog bereits eine Menge réligiöser Motive mit, die nicht in die Betrachtung unserer primitiven Stern- menschen hineingehören, es genügt für uns hier der Hinweis, daß im römisch-griechischen Volksglauben Vorstellungen er- halten waren, die mit dem primitiven Denken des Naturmenschen noch große Verwandtschaft zeigen. Wir begreifen also, wie in späterer Zeit die Herabkunft der Planeten im Zauber und in mannigfachen Kulten die Rolle spielen konnte, wie wir sie in Kapitel II kennen lernen werden. Das längere Fernbleiben gewisser Sterne am nächtlichen Himmel bringt in die seither von uns betrachteten Sternmythen die Erweiterung herein, daß dieselben in der Zwischenzeit länger auf Erden oder jenseits des Himmels weilen und Ehen mit Menschen eingehen. Die beiden Möglichkeiten: das Erdenweib lebt auf der Erde mit dem Himmelsmenschen, oder der Himmels- mensch holt die gewünschte Braut herauf ins Himmelsland, wohnt dort mit ihr, bekommt ihm gleichende Söhne von ihr geschenkt, können wir in den farbenprächtigsten Erzählungen nachweisen. Die Söhne werden berühmte treffliche Männer und folgen später dem Vater ins jenseits, die Mutter stirbt meist ruhmlos auf der Erde. Besonders ist hierbei der Morgen- resp. Abendstern aus- gezeichnet worden; er spielt eine Hauptrolle im geschlechtlichen Verkehr mit Erdenfrauen und wird der Ahnherr einer ganz — 44— beträchtlichen Anzahl von Stämmen genannt. ¹²³) Dabei wohnte er in früherer Zeit mit einem Erdenweibe mitten unter den Menschen. So war er in Thorikos mit der Kleobeia vermählt, wird der Vater des schönen Philammon, des Lieblings der Nymphen, und dadurch der Stammvater einer Anzahl berühmter attischer Familien. ¹²⁴³)) Oder er ist der Vater des Keyx und da- durch der Ahnvater der östlichen und westlichen Lokrer, die ihn darum als Stern auf ihren Münzen abbilden. ¹²⁵⁴) Weiter ist er der Vater der Hesperiden im fernen Westen(Diodor. IV 27), oder des Dädalion(Hygin. fab. 65). Eine große Bedeutung hat dieser Stern heute noch in diesem Sinne in der wilden Mythologie. So ist er z. B. der Ahnherr der Pawnee-Indianer. Und er ist auch hier der Vater trefflicher Söhne, die auf Erden große Heldentaten vollbringen. Während der griechischen Mythologie die Entrückung der irdischen Frau im Himmelsland fremd ist, gewinnt dieser Zug gerade in den wilden Sagen eine besondere Bedeutung und liebevolle Aus- gestaltung. Von der reichen Fülle von hierher gehörenden Märchen, die ich im Laufe der Jahre gesammelt habe, setze ich zur Belebung der ganzen Ansicht Teile aus der schon erwähn- ten Sternknabenlegende der Schwarzfußindianer hierher:„Vor langer Zeit... hatte unser Volk während des Blumenmonats sein Lager nahe den Bergen aufgeschlagen. Es war eine wolken- lose Nacht und ein warmer Wind wehte über die Prärie. Zwei junge Mädchen schliefen im hohen Grase außerhalb der Hütten. Vor Tagesanbruch erwachte die ältere Schwester Soatsaki oder Feder-Frau.“ Der Morgenstern erhob sich gerade über die Prärie, er war wunderschön, wie er durch die klare Luft des Morgens leuchtete. Sie lag und blickte zu dem prächtigen Stern empor, bis daß es schien, als sei er neben ihr und ihr Ge— liebter. Zuletzt weckte sie ihre Schwester, indem sie ausrief: „Sieh’ den Morgenstern! Er ist schön und muß sehr klug sein. Viele der jungen Leute haben mich heiraten wollen, aber ich liebe nur den Morgenstern.“— Tatsächlich war er ihr genaht, und als die Blätter welkten, fühlte sie sich Mutter. Sie trifft den Morgenstern eines Tages am Flusse, es ist ein junger Mann. Er gesteht ihr alles zu und fordert sie auf, mit in den Himmel in die Hütte seines Vaters, der Sonne, zu kommen. Sie erkennt ihn als ihren Gatten wieder.„Sie erblickte in seinem Haar ·12.) K. Th. Preuß a. O.= Arch. f. Religionsw. XI 388. 124) Konon 7. ¹1²⁵5) Nach Nicander bei Ovid. Met. XI 270, Appollodor. Bibl. I 52.— v. Wilamowitz-Möllendorff: Phaethon= Hermes 18, 422; O. Gruppe, a. O. 458 u. 3; Weizsäcker in Rosch. Myth. Lex. s. v. Phosphorus. eine gelbe Feder und in seiner Hand einen Wachholderzweig, an dem ein Spinngewebe herabhing. Er war groß und schlank und sein Haar war lang und glänzend. Seine schönen Kleider waren aus weichgegerbtem Leder und ihnen entströmte ein Wohl- geruch wie von Balsamtannen und duftendem Grase.“ Er führt sie in den Himmel, wo sie mit reichen Kleidern aus Elchleder und mit Armschmuck aus Elchzähnen beschenkt wird. Aber sie überschreitet das Verbot, eine bestimmte Pflanze auszugraben. Sie entfernt dieselbe neugierig, und wo die Pflanze vorher stand, ist eine Oeffnung im Himmelsboden entstanden, durch die sie ihre Angehörigen auf Erden sieht. Krank vor Sehnsucht und Heimweh wird sie mit ihrem Kinde aus dem Himmel herab- gelassen. In größter Armut und Seelenqual stirbt sie dort, denn die Sehnsucht nach ihrem Gemahl verzehrt sie; obwohl sie von den höchsten Felsen aus denselben jeden Morgen begrüßt und ihn wiederzugewinnen sucht, bleibt er ihr fern. Ihr Sohn hat eine breite Narbe auf der Stirne und muß bitteren Schimpf deswegen von den Menschen erfahren. Er kommt, wie wir oben schon geschildert haben, ins Himmelsland und wird dort von der entstellenden Narbe befreit. Nach mancherlei Ge- fahren und Abenteuern wird er von seinem Vater auf dem Wolfspfad(= Milchstraße) zur Erde hinabgeführt, gewinnt und heiratet die Geliebte, die ihn vorher schnöde von sich gewiesen hatte. Später kehrt er mit ihr in den Himmel zurück. Der Sonnengott macht ihn strahlend schön, wie den Morgenstern selbst. Oft wandern die beiden viele Jahre getrennt, bis sie wieder zusammen kommen, dann sieht man den Sternknaben (= Planet Jupiter) zuerst am Morgenhimmel erscheinen, ihm folgt sein Vater, der Morgenstern, und zuletzt kommt sein Groß- vater, die Sonne. ¹²6) Neben dem Morgenstern werden nur selten andere Sterne direkt als Väter von Menschen genannt. Doch finden sich auch Beispiele dafür. So sind die Plejaden die Urväter verschie- dener Stämme Süd-Amerikas, die infolgedessen göttliche Ver- ehrung genießen. ¹²) Auch die sieben hellen Sterne des großen Bären werden des öfteren als Stammväter genannt, ebenso wird der Planet Jupiter und Mars wiederholt mit menschlichen Wei- bern in Verbindung gebracht. Einen lieben Einblick in diese naiven Vorstellungen gibt uns eine Sage aus Britisch-Columbien, wo zwei Frauen auf ihren heißen Wunsch hin von den Planeten Mars und Jupiter in den Himmel geholt und deren Frauen werden. ¹1²6) Clintock a. O. S. 611 ff.— Weitere Sagen über Morgenstern- Söhne und ihre Heldentaten in American Folklore XXI(1908). 1²7) Revue des tradit. popul. XXI(1906) 233.— — 46— Auch sie übertreten das Gebot, eine bestimmte Pflanze(Zwiebel) auszugraben, sehen ihre Heimat und klettern an einem Seile aus dem Himmel herab. 1²s) Wie allmählich die einzelnen Motive, die wir als strenge Gesetze in der Entwicklung bis jetzt festgestellt haben, ineinan- der überfließen und die ursprüngliche Entwicklung völlig ver- wischen, mag uns die Schilderung aus dem Kalewipoeg¹²s) dar- tun. Dort kommen als Freier um Salme Sonne und Mond in reichster Pracht, werden aber abgewiesen: Drauf erschien der dritte Freier, Kam daher der Sternenknabe, Nordpolsternes Erstgeborner, Fuhr heran mit funfzig Rossen Und mit sechzig Rosselenkern Wollte Salme sich gesellen, Sich die holde Maid vermählen. Und Salme gibt den Befehl, des Sternes Rößlein wohl zu bewahren und zu füttern, denn sie will des Sternes„gold'nes Weibchen“ werden: Stetig strahlet Sternes Antlitz Sternes Sinn ist sonder Schwanken, Nicht versehrt der Stern die Saaten, Noch die reife Roggenernte. Der Stern selbst soll nach ihrer Weisung aufs köstlichste bewirtet werden, aber: 284 Stern ließ seine Klinge klirren, Ließ den Schmuck, den gold'nen, gellen Und das blanke Blech der Sporen— Stampfend mit der Eisenferse. Denn er will nicht essen, er will die Braut. Nach wieder-— holter Aufforderung und Abweisung sagt er in ganz überraschend hübscher Fassung: 330„Sternenaug’ kennt keinen Schlummer, Hat nie Lust, das Lid zu schließen, Will die Wimpern nimmer senken. Bringt die Braut mir in die Stube, Schaffet, daß ich Salme schaue, Holet her die Huhn entsproß'ne.“ Dann wird die überaus glänzende Hochzeit zwischen beiden gefeiert, die in größter Ausführlichkeit geschildert wird. Am 128) Boas, a. O. 125) a. O. I 235 ff. — 47— Schlusse hält der Stern eine längere Ansprache an die Gäste, worin sehr typisch die Worte sind: 691 Brüder, weint um Salmes willen, Weint, ihr wackern Wiekschen Mädchen, Salme soll entrückt euch werden, Weilen wird sie hinter Wolken, Glänzen als Maid der Abendröte, Wird gen Himmel hoch erhoben. Im Windhauch sendet sie Grüße von dort her ihren An- gehörigen, ihre Abschiedstränen sind die Regentropfen, Tau ihr Trennungsgram. Wie reihen sich hier nun die Erklärungen über das Wesen der Sternschnuppen ein? Wird der ganze Himmelsmensch leuch- tend gedacht, so muß eine Sternschnuppe ein kranker, sterbender Himmelsbewohner sein. Wir finden diese Gedankenreihe nur ganz selten so konsequent durchdacht. ¹³⁰) Außerhalb derselben steht die Deutung als heiratender Stern; sie findet sich im Kaukasus bei den Ischetschenen. ¹³*¹) Oefters begegnen wir der hierher ebenfalls passenden Erklärung als neugeborener Stern, Sternkind. ¹³²) Beliebt ist es, dieselben auch als Auswurf der Sterne aufzufassen. So werden sie direkt Sternexkrement ge- nannt, oder man denkt sich den Speichel derselben darunter. ¹²³) Wir haben ja eine ganz ähnliche Vorstellung, wenn wir sprechen: Die Sterne schnäutzen, räuspern sich. Darin liegt ja auch die Idee von den sich reinigenden Himmelsbewohnern. Die anthropomorphe Gestalt veranlaßt ferner eine nähere Un- tersuchung über das Aussehen der Himmelsmenschen und die Ursache ihres Glanzes. Ein Mensch glänzt nicht in der Ferne, wohl aber die in der Höhe lebenden Himmelsmenschen. Die Frage nach der Ursache des Glanzes ist von den verschiedenen Völkern in bunten Varianten beantwortet worden, von denen ich als besonders charakteristisch folgende hervorhebe. Das Gesicht des Jünglings glänzt in Jugendfrische, das des Mannes, des Greises hat den frischen Jugendglanz eingebüßt. Mithin haben die immer wiederkehrenden und mit gleichem Glanze 130) Seidel, Zeitschr. f. afrikan., ozean. u. ostasiat. Sprachen IV 1802 S. 194 ib. S. 163.— Frazer a. O. II 21. 131) A. Dirr, die alte Relig. d. Isch.= Anthropos III 1908 S. 1072.— Ueber die Gleichstellung mit herabfahrenden Sterngeistern u. Menschenseelen wird in han. II u. III näher zu sprechen sein. 13²) Ehrenreich, Die Mythen u. Legenden der südamerikan. Urvölker. Berlin 1905 S. 22. 133) Andrée, a. O. 103, darauf deutet wohl auch die Benennung: Jana guézka spunntra= ausgespuckter Stern bei W. v. Schulenburg, Wen- disches Volkstum, Berlin 1802 S. 167. — 48— strahlenden Himmelsmenschen ein Antlitz, das in Jugendfrische leuchtet. Von ihm wallen glänzende, krause Locken herab, die auf Erden als Strahlen angesehen werden. Ich brauche hier nur an unsere deutsche Darstellung des Sonnengesichtes hinzuweisen, um zu zeigen, wie uralte, naive Vorstellungen selbst heute noch — allerdings zu leblosem Bilde erstarrt— weiterleben. Auch in der antiken Welt ist die Betonung des Sternengesichtes geläufig; bekannt sind die Planetengesichter mit den wallenden Haaren und die poetischen Fiktionen der Sterngesichter allgemein. Im Vergleich zu dem Kopf ist der Körper des Himmelsmenschen dunkel und er erfährt keine weiteren Schilderungen. Besonders war den Orientalen der Stern allgemein das Gesicht eines Him- melsbewohners, das der Erde zugekehrt war. ¹²⸗) Um aus einer einfachen Naturmythe diese ganze Vorstellung zu beleuchten, greife ich einen Teil einer amerikanischen Sage hierher. In derselben wird erzählt, wie ein junger Mann in dem Balg eines Adlers gen Himmel fliegt, dort die Tochter der Sonne heiratet und später mit ihr wieder zur Erde zurückkehrt. Seine Frau leuchtet aber so hell, daß die Menschen sie vor Glanz nicht sehen konnten.„Der Mann nahm nun Blätter und wusch ihr Gesicht, damit es werde, wie das anderer Menschen, und sie gingen zum Dorfe..... Die Frau hielt sich immer im Hause und ließ sich nie sehen. Daher glaubten die Leute gar nicht, daß sie die Tochter der Sonne sei. Ein Mann sah aus Neugierde durch einen Spalt in ihr Zimmer. Sie leuchtete da so hell auf, daß sein Gesicht ganz verbrannte...“¹³s²) Was uns hier in frischer blühender Phantasie entgegenlebt, ist im Altertum wohl auch im Volke geglaubt worden, wenigstens deuten darauf die Zahlreichen dichterischen Belege, in denen von dem glänzenden Antlitz der Sterne und ihren feurigen Haaren gesprochen wird. Eine Auferstehung feiert dieser Glaube bei der Erscheinung eines Kometen, in dem von naiven Betrachtern sehr oft das drohende Gesicht eines dämonischen Wesens erschaut wird. so) Neben dem glänzenden Gesichte fallen uns besonders die blitzenden Augen gewisser Menschen auf, die der ganzen Per- sönlichkeit einen feurigen Nimbus verleihen. Es darf uns also die Erklärung der Sterne als die blitzenden Augen jener Himmels- 1³44) P. D. Chantepie de la Saussaye: Lehrbuch der Religions- geschichte Tübingen 1905 1 268.— Besonders lieben es die Dichter, diese Ansicht in ihren Poemen wiederzugeben. cf. Vergil Aen. VIII 580 lucifer.. extulit os sacrum. 135) F. Boas a. O. S. 571; ähnlich wird der Mond als Frau mit weißem freundlichen Gesicht in indianischen Sagen geschildert: Tylor a. O. I 285. 136) Nähere Belege habe ich gegeben R. V. V. III 2, S. 107 u. 206; ferner Blätt. f. hess. Volksk. VII 2, 84 f. — 40— menschen nicht besonders verwundern. Logisch richtig ist hier der Typus der einäugigen Sternmenschen geschaffen worden, denn ées blinkt ja immer nur ein einzelnes Auge vom Firmament herab. Und in dieser Form können diese Wesen gar nicht völlig den Menschen wesensgleich, sondern nur halbe Menschen sein. Damit ist der Typus des einseitigen, gewisser- maßen durchgeschnittenen Sternenmenschen geschaffen, wie er uns in einer reichen Masse von Naturmythen ent- gegentritt. Wie konsequent solch eine Vorstellung auf primi- tiver Stufe durchdacht werden kann, sehen wir aus einer Mythe des Kodiak Island, wo ebenfalls ein Erdenweib im Himmel die Frau eines Sternes wird. Dieser ist einseitig und hat auf der Stirne ein schönes, funkelndes Auge. Das Kind, das sie zur Welt bringt, gleicht genau dem Vater; vor allem schön ist das eine Auge, in dem mehr Glanz und Leben liegt als in den üblichen zwei Augen der sterblichen Erdenkinder. Ihr Gatte schläft bei Sonnenaufgang einige Stunden, dann jagt er allerhand Seegetier, wenn es stürmisch ist, bleibt er in der Nacht zu Hause, bei heiterem Himmel aber liegt er auf dem Himmelsboden lang ausgestreckt und beobachtet die Menschen. ¹²*) In einem anderen Mythus wird erzählt, wie ein Mädchen, das den Mond heiratete, trotz strengen Verbotes ausgeht. Sie findet über- all kurze Schwänze, aber nirgends Menschen. Sie machte sich ein Vergnügen daraus an die Schwänze zu stoßen und zu ihrem Staunen bemerkte sie bei näherem Zusehen Männer, die auf dem Gesicht ausgestreckt dalagen. Sie stieß sie an, und jeder drehte sein eines leuchtendes Auge um und rief, warum störst du mich? Ich arbeite und bin fleißig!— ¹ss) Wir sehen, wie an sich völlig inhaltlose Begriffe wie Sonnen- auge, Sternauge hier noch das ursprüngliche lebendige Bild in sich haben; sie sind bei uns leblos geworden, gehen aber doch noch in unserem Sprachschatze weiter. Andererseits schließen wir, daß auch den alten Völkern ursprünglich etwas Aehnliches vorgeschwebt haben muß, als bei ihnen die Idee sich durch- brach, daß von da oben Sternenaugen heruntersähen. Im Mittel- alter glaubte man die Augen der Engel zu sehen, die aus den Himmelsfenstern herunterschauten, um das Tun der Menschen zu beobachten. Noch ein Problem haben wir zu streifen, das allerdings kaum ausgedacht worden ist: die Sternenmenschen haben leuchtendes Schuhwerk, das durch die Himmelsdecke hin- durchschimmert. Obwohl der Gedanke eigentlich sehr nahe an F. A. Golder, Tales from Kodiak Island= American Folk-Lore 16 S. 21 ff. 138) Golder a. O. S. 28 ff. — 50— liegt, finden wir ihn selten ausgesprochen, es genügt mir, den- selben zu erwähnen; folgende hübsche Verse von Heine(neuer Frühling 37) mögen ihm einiges Leben verleihen: Sterne mit den goldnen Füßchen Wandeln droben bang und sacht, Daß sie nicht die Erde wecken, Die da schläft im Schoß der Nacht. Aber nicht nur eigene körperliche Vorzüge lassen einen Menschen weit über seine Umgebung herausstrahlen, sondern auch glänzende Gewänder, Schmuckstücke, die besonders im Haar getragen werden, wie Diadem, goldener Reif und Kranz, oder die Bemalung des Kopfes mit glänzenden frischen Farben. So finden wir den Glanz der Sternenmenschen auch gedeutet als besondere Färbung ihres Gesichtes oder als Maske, die sie tragen, ferner gibt eine glänzende Kopfbedeckung(rote Feder— Strahlen- krone— Strahlenkranz) oder ein ganzes Strahlengewand, das den an sich völlig menschlich gedachten Körper bedeckt, ihnen den flimmernden Schein, den wir von der Erde aus an den Himmelskörpern wahrnehmen. Bekannt ist die heute noch z. B. in Mexiko bei heiligen Anlässen angewandte Sterngesichtbema- lung, ferner die Strahlenkrone, die zackenförmig hinter den Köpfen der Planeten herausragt oder der Strahlenkranz, der die Köpfe derselben einfaßt, wie wir es heute noch bei Heiligen- bildern sehen. ¹se) Gerade den Planetengöttern ist fernerhin mit großer Vorliebe eine phantastische Reihe von Strahlengewän- dern zugedacht worden, wie purpur— gold— silberfarbig usw. mit besonderer Beachtung des natürlichen Planetenlichtes. Wie in kindlicher Ausmalung die farbenprächtigen Planetenbilder des Altertums und des Mittelalters erscheinen, sahen wir in dem oben- genannten Naturmythus der Pawnee-Indianer. Andererseits denkt man sich die Sternenmenschen mit einem sternartigen Licht über dem Haupte; so werden die Plejaden z. B. als Frauenköpfe mit darüberstehendem Stern abgebildet. ¹40⁰)) Nehmen die Licht- menschen diesen Lichtschmuck ab, dann kann man mit ihnen, wie mit gewöhnlichen Sterblichen reden; sehr hübsch zeichnet diese naive Idee Ovid in der Geschichte des Phaethon. Der Sonnensohn kommt zu dem Palaste seines Vaters nach langer Wanderung, kann aber, völlig geblendet von dem Strahlenkranze, 139) K. Th. Preuß, Ursprung der Menschenopfer in Mexiko= Globus 86, 108 ff. und a. a. O.= Arch. f. Rw. XI 388.— G. Thiele, Antike Himmelsbilder S. 131. 140) G. Thiele a. O. S. 112.— Auf mehreren pompeianischen Wand- bildern wird der Morgenstern als jüngling mit einem Stern über dem Kopf dargestellt: Roßbach, Archäol. jahrb. VIII 1803, 56. — 51— den der Gottvater trägt, ihn nicht eher sehen und mit ihm sprechen, als bis er denselben abgelegt hat(Met. II 40 ff.). Eine dritte Variante, die ebenfalls viel Anhänger gefunden hat, gibt ihnen irgend ein feuriges oder brennendes Instrument in die Hand, mit dem sie über den Himmelsboden wandern oder unter dem Gewölbe in der verdickten Luft hinschweben, wie Schild, Fackel, Lampe, Kerze oder ein Feuerrad, eine Feuerkugel. Im Altertum sind die fackeltragenden Sterngeister gleichbeliebt in der Literatur und in der Kunst und sie haben sich bis in die Neuzeit herein erhalten. Es genügt mir, auf Guido Renis be- rühmtes Gemälde Aurora hinzuweisen, wo der Morgenstern als Knabe mit der Fackel in der Hand dem Sonnenwagen voraus- schwebt. Besonders ausgeprägt sind die himmlischen Lampen- träger bei den Aegyptern gewesen, aus ihrer Anschauung ent- lehnt z. B. Ptolemaeus den Namen Aapradia:= Fackelträger¹¹) für den Stern 1. Größe im Sternbild der Hyaden. Das Mittel- alter hat den Engeln die Sternfackeln in die Hand gegeben oder die Sternkugeln von denselben auf dem Gewölbe hinrollen oder schieben lassen. ¹4⁴*) Hauptsächlich hat die Kometenerscheinung in diesem Sinne eine blühende Ausgestaltung erfahren. In reicher Literatur wird gerade dieser Sterngeist mit seiner brennenden Fackel behandelt. Es ist aber heute noch ein viel verbreiteter Naturglaube, daß Lichtgeister mit Lampen, Fackeln oder sonstigen brennenden Lichtbündeln über dem Firmamente einhergehen. ¹4) Die Beobachtung, daß gewisse Sterne z. B. die Planeten eine große Strecke in wenigen Stunden an dem gewaltigen Ge- wölbe zurücklegen, hat eine vierte Erweiterung des Sternen- glanzes geschaffen: nicht der Astralgeist leuchtet, sondern das flammensprühende Roß oder der feurige Wagen, auf dem er die gewaltigen Entfernungen am nächtlichen Himmel zurück- legt. Besonders reich ist so in der Antike der Morgenstern aus- geschmückt worden. So spricht Euripides(frgm. 900) von dem Reiter Morgenstern und in reicher Umgestaltung wird diese Figur weiter ausgedacht. Natürlich ist sein Pferd ein glänzendes weißes Tier, dem das Feuer aus Maul und Nüstern leuchtet. ⁴⁴—) Von den anderen Gestirnen erhielten außerdem die Planeten ganz phantastische Gespanne, deren Besprechung wir aber in das 141) Tetrab. I cap. 8 u. Math. synt. V 1, 203, 206, 225 n. ö.— Boll Sphära 204. 14²) F. Piper a. O. 143) Frazer, The Golden Bough 12² S. 22. 144) Näheres bei Reinach a. O. I 236; Sittl, Archeol. der Kunst 830, Weizsäcker a. O. 2447, 2451.— J. Baier Gemm. thes. tab. VIII 1. 4* — 52— 3. Kapitel zurückstellen wollen. Allen Sternen werden gleiche Tiere, nämlich Luftpferde, von den Kalmücken zugeschrieben. ¹45) An letzter Stelle wollen wir noch einer primitiven Erklärung gedenken, die eine Verschmelzung der von uns in§ 1 entwor- fenen Ansicht von der Feuernatur der Sterne mit unserer eben betrachteten Vorstellung der Himmelsbewohner ist. Wir hatten oben die Anschauung kennen gelernt, daß die Sterne Löcher sind, durch die das Himmelslicht hindurchleuchtet. Ist nun das Himmelsland in der seither von uns beleuchteten Weise bevölkert, so kann die Phantasie in den Sternen auch einfach die Feuer er- blicken, die jene Menschen aus irgend einem Grunde anstecken. Von dem homerischen Vergleich der trojanischen Wachtfeuer mit den Sternen wäre eigentlich der Schluß zu erwarten: dort oben brennen ebensolche himmlische Wachtfeuer, die infolge des großen Zwischenraumes nur als Pünktchen erscheinen. Er ist aber in der Antike nicht gegeben worden, weil er dem Himmels- bild der klassischen Völker nicht entsprach. Wir finden ihn aber öfters in der wilden Mythologie. Wie eine solche primi- tive Anschauung immer wieder aufkommen kann, zeigt Tylor a. O. I S. 295, aus Beispielen, wo der Mond als Ofen, die Sterne als Feuerlöcher gedacht werden, in denen die Menschen auf dem Himmelsboden ihr Feuer anmachen. Aehnlich sehen einige Indianerstämme in den Sternen der Milchstraße Lagerfeuer, die Eingeborenen des Kap-Flusses in Australien die Milchstraße selbst als Rauch an; er rührt von dem Himmelsgrase her, das die Weiber dort anstecken. ¹45) Wir kehren zu unserer Schilderung von dem Aufenthalt der Sternmenschen auf der Erde und ihrem Verhältnis zu den Menschen zurück. Wir haben gesehen, daß gewissen Sternen- söhnen es geglückt ist, nach großen Gefahren in die Heimat ihres Vaters in den fernen Bergen, Inseln oder jenseits des Him- melsgewölbes zu gelangen. Sie werden von dem Vater erkannt und dürfen mit ihm in seiner Hütte leben. Zum Aufstieg werden dieselben Hilfsmittel gebraucht, wie wir sie beim Abstieg der Himmelsmenschen kennen gelernt haben. Zunächst ist es der ganze Mensch in seiner irdischen Gestalt, der so ins jenseits wandert. Wie jener indianische Sohn des Morgensterns oder des einäugigen Sternmenschen oder der Plejade zur Hütte der Sonne oder ihres Sternvaters geht, so wandert auch Phaethon, der Sohn des Sonnengottes, unter unendlichen Mühsalen zur Burg seines Vaters. In ihrer, dem Vater nach betrachtet, wahren 145) Bergmann a. O. 41. 14sa) Chamberlain a. O.= Am Urquell VI 84. — 53— Heimat werden sie als vollberechtigte Angehörige aufgenommen unter allen möglichen näher geschilderten Zeremonien und wer- den selbst Sterne am Himmel. Aus dieser Sagenwelt heraus überträgt sich der Glaube in das wirkliche Leben und wird zur religiéösen Anschauung breiter Volksschichten. Der Entwickelungsprozeß geht von der Sage aus, macht Schlüsse zwischen bedeutenden Menschen der Vor- zeit und der Gegenwart, oder er nimmt explosiv seinen Anfang auf einem vielleicht philosophisch und religiôs dazu vorgearbei- teten Boden bei Gelegenheit einer ungewöhnlichen Stern- oder Kometenerscheinung. Wenn die Sage erzählt, ein gewaltiger Held der Vorzeit sei gar kein gewöhnlicher Mensch, sondern der Sohn eines jenseitigen Mannes und darum schöner, kühner und stärker gewesen und sei nach seinem irdischen Aufenthalte selbst ein solcher jenseitsmensch geworden, so ist der Rückschluß auf besonders hervorragende Persönlichkeiten der Gegenwart gegeben, daß auch sie gar keine gewöhnlichen Herdenmenschen sind, sondern in geheimnisvollen Zusammenhang mit dem jen- seits stehen müssen. So treffen wir bei einer Anzahl von Natur- völkern den Glauben, daß der Herrscher zum Stern wird, und derselbe wird dahin erweitert, daß seine getreuen Helden ihn zum Himmel als Sterne begleiten, bis dann in sämtlichen Sternen ehemalige Menschen gesehen werden. Tylor, Drexler, Ratzel und Frobenius geben hierfür in ihren öfters genannten Werken an den einschlägigen Stellen reiches Material. In kulturell höher stehenden Völkern verschiebt sich der Glaube dahin, daß nicht der Herrscher infolge seiner körperlichen Vorzüge allein dieses Vorrecht genießt, sondern überhaupt geistig hervorragende und edle Menschen. So lesen wir in Ardschunas Reise zu Indra's Himmel (W. Fr. Bopp, Berlin 1824) S. 3: Dort scheint Sonne nicht, Mond nicht, Aort glänzet das Feuer nicht, Sondern in eigenem Glanze leuchtet allda durch edler Tatenkraft, Was in Sternengestalt unten auf der Erde gesehen wird, Ob großer Ferne gleich Lampen, obwohl es große Körper sind. Es sind göttliche Weise und Helden, die von dem Firmament aus als Sterne herabglänzen. ¹4) In Griechenland setzt diese Erweiterung des Sternenglaubens verhältnismäßig spät ein. Er war eben in seiner Entwickelung gehemmt durch die ganze jenseitsvorstellung, denn für den 146) Oldenberg, Die Religion des Veda 564; Hillebrandt, Vedische Mythologie I S. 3907. — 54— Griechen leben die Toten, Könige und Bettler, geistig hervor- ragende Menschen und Tölpel in der Unterwelt, außerdem schloß ihre Vorstellung des ehernen Himmels und die ursprüngliche Sternenauffassung den Glauben aus. Wir finden aber die Keime des Katasterismenglauben schon bei Hesiod, er erklärt die Plejaden als ehemalige, irdische Nymphen; vielleicht geht dies schon auf die Kykliker zurück, denn nach dem Scholion zu Ilias XVIII 486 haben diese das Sternbild bereits als frühere jJungfrauen be- zeichnet. Pherecydes schöpfte aus einer ähnlichen Quelle und ließ die Hyaden die Ammen des Zeus gewesen sein, die ob ihrer Fürsorge von dem Cotte später als Sterne an den Himmel ge- setzt wurden. Im 5. Jahrhundert wuchert dann ein üppiger Katasterismenglaube auf. Dichter und Astronomen setzen eine Ehre darin, die alten inhalts- und verständnislos gewordenen Sternnamen mit irgend einem Mythus in Verbindung zu bringen und die Sterne oder das Sternbild als gewesene Menschen, Helden oder Nymphen zu deuten. Daneben lockerten aber die Philo- sophen den alten Unterweltsglauben durch die Ableitung der Seele aus einer überirdischen göttlichen Ursubstanz, zu der sie nach des Tode des Körpers wieder aufschwebt. Von ihnen sind dann neue Lehren in das Volk getragen worden, wonach alle Menschen nach dem Tode an dem Himmel als Sterne weiterleben. Sie haben damit bereits im 5. Jahrhundert großen Eindruck gemacht, denn Aristophanes zerrt im Frieden(820 ff.) diese Idee vor das Volkstribunal der Athener und macht sie lächerlich. Sein beißen- der Witz, daß die Sternschnuppen solche Sterne sind,„die vom späten Gelag bei irgend einem reichen Stern nach Hause gehen“ und mit der Laterne in der Hand nach Hause wanken, muß aber auf bestimmte volkstümlich naive Ansichten hinzielen. Das sehen wir daraus, daß bis auf Lucians sarkastische Darstellung der Sternenstadt Lychnopolis und ihrer Bewohner, die lauter große und kleine Lichter sind, der Witz des Aristophanes mancherlei literarisches Echo gefunden hat. ¹4) Man stelle daneben nun den primitiven Naturmenschen mit seinem Glauben, daß die Sternschnuppen Trunkenbolde sind, die nachts zur Erde kehren mit dem warnenden Ruf:„Trink nicht, Trink nicht“ und tags versuchen, wieder in den Himmel hinaufzustolpern, aber immer nachts wieder herunterfallen,¹4s) so sieht man, daß der hoch- entwickelten griechischen Unterweltsvorstellung an sich der Ge- danke nur lächerlich erscheinen konnte. Mit orientalischen und religiösen Elementen durchsetzt fließt der Glaube in schmalen Kanälen im Lauf der Jahrhunderte durch die antike Welt hin- ¹47) J. Boll, Zum griechischen Roman= Philologus LXVI, 1 ff. 148) American. Folk-lore XIX 210. — 55— durch und hat nur wenig befruchtend auf die Volksseele gewirkt; das zeigt sich uns deutlich aus den kärglichen Anspielungen in Grabepigrammen und dem symbolischen Gräberschmuck. Er fristet sein Dasein hauptsächlich in den Sekten und gewissen Philosophenschulen. Das ganze Sternseelenproblem beginnt damit, daß hervor- ragende Menschen ihre Laufbahn mit der Verwandlung in einen Stern abschließen. Wie in der wilden Mythologie sind auch in der antiken Literatur folgende Varianten über die Metamorphose beachtet worden: 1. Der ganze Mensch wird als solcher, wie er ist, zum Stern. Er wandert dabei auf langer weiter Wan- derung bis zur fernsten Grenze der Erde und kommt von da in den Himmel, oder er springt von einem hohen Baume oder Berge in den Himmel, oder klettert in denselben. Für die Er- weiterung der Kahnfahrt oder Wanderung über das Meer auf einem glänzenden Wege haben wir oben Beispiele kennen ge- lernt. Weiter hat man den Aufstieg auf Leitern(besonders Pfeil- leitern, der Held schießt den ersten Pfeil an das Himmelsgewölbe, den zweiten in die Kerbe des ersten usw.) oder auf Seilen, die mit dem Pfeile an den Himmel festgeschossen werden, bewerkstelligt. Gerade diese Ideen sind den Wilden Australiens, Afrikas und Amerikas besonders geläufig. Ziemlich isoliert steht die Schilderung, daß gewisse Men- schen einen Kreis bilden, sich die Hände geben und im Kreistanz zum Himmel auffahren und dort als Sterne weitertanzen. ¹⁴³⁵) In der Antike spielt eine besondere Rolle die Auffahrt auf einem Vogel, einer Wolke, einem feurigen Wagen oder Rossen. ¹⁵⁰0o) 2. Nicht der ganze Mensch, sondern ein Teil desselben wird verwandelt, bei Wilden sinnlich gedacht das Auge, als Sitz der Seele, bei den Kulturvölkern die Seele als unsichtbares feuerartiges Lebensprinzip. Diese schwebt ent- weder selbst infolge ihrer ätherischen Beschaffenheit gen Him- mel, oder ein höheres Wesen(Stern— Gottheit— Qötterbote) kommt herab und nimmt sie mit an den Himmel. Die Stern- schnuppen sind in dieser Ideenfolge entweder aufsteigende oder zur Erde herabkommende Seelen. Daneben aber findet der Glaube auch großen Anklang, daß die Seele, wie ur- sprünglich der ganze Mensch, zum Ende der Erde wandert und von dort auf der Milchstraße in den Himmel zu ihrem letzten Bestimmungsort aufsteigt, um dort als Stern weiter- zuleben. Wir treffen viele Naturvölker, die heute noch in den ¹49) Am Urquell III 87.— W. Wundt, Völkerpsychologie. Leipzig 1909, II 3, 291. 430) Wundt a. O. 220 ff.— A. Dieterich, Mithrasliturgie 179 ff. — 56— Sternen lauter ehemalige Menschen sehen und glauben, nach dem Tode würden die Menschen insgesamt zu Sternen verwan- delt; andrerseits können wir den Glauben infolge des Zusammen- fallens einer Naturerscheinung mit dem Tode eines gewaltigen Mannes unmittelbar entstehen sehen; da aber hierbei zahlreiche religiöse und philosophische Gedanken mitsprechen, weisen wir die Entwickelung dieser Ideenreihe den zuständigen Stellen des zweiten und dritten Kapitels zu.