Beilage zum Jahres-Bericht der Großherzoglichen Liebigs-Oberrealschule zu Darmstadt. Ostern 1915. R. S,hf⸗ Dr. Albert Streuber, Die Aussprache und Orthographie im französischen Unterricht in Deutschland während des 16. bis 18. Jahrhunderts. l. Teil. der Oberrsälschule — diessen I. Die Ansichten der Grammatiker über Wesen und Aufgabe des Aus- sprache-Unterrichts im allgemeinen. Das erste, was wir einem Schüler, der eine moderne Fremdsprache erlernen will, beibringen müssen, ist die Aussprache. Auf ihr baut sich schon im französischen Unterricht des 16. bis 18. Jahrhunderts jede weitere Unterweisung auf. Auch glaubten viele Grammatiker, daß von der vollkommenen Beherrschung der Aussprache die besondere Schönheit und Eleganz der französischen Sprache abhänge. So heißt es z. B. in der Darstellung, die der im Jahre 1722 von der Universität Gießen als Sprachmeister bestellte cand. theol. G. Marius auf Aufforderung der Universität von seiner Unterrichtsmethode gibt: NM faut former premierement son disciple à une prononciation juste et qui soit françoise. Car de la dépend la beauté de nötre langue....') Wenn man auch vielleicht dem Ausspracheunterricht nicht immer die Bedeutung beigemessen und die Aufmerksamkeit geschenkt hat, die ihm gebührt, so muß man doch anerkennen, daß die meisten Grammatiker von jeher großen Nachdruck auf die richtige Einübung der Aussprache ge- legt haben, da diese eine wesentliche Bedingung für die leichte und rasche gegenseitige Ver- ständigung bildet. Gerade zu diesem Zwecke lernte man in den früheren Jahrhunderten die französische Sprache in erster Linie. Grammatiker, die die Aussprache in ihren Lehrbüchern nicht behandelten, sind ganz selten. Nicht gedacht wird der Aussprache in der von einem unbekannten Verfasser(Jean le Clerqꝰ*) kompilierten„Allg. Vrachlehr: Nach der Lehrart Kalichii“(1619), bei Cugninus(1631) und ¹) Vgl. Behrens a. a. O. 334. ²) Vgl. Dorfeld in Reins Handbuchs III, 5. 1915. No. 935. — 2— in den auch sonst sehr knappen„Onentbehrlichen Anfangsgründen«¹) von Chapuset(1750). Berjon(1679) erledigt die Lehre von der Aussprache auf nur einer Seite. Er zählt die Buch- staben alphabetisch auf, trennt nicht einmal Vokale und Konsonanten, sondern unterscheidet nur Simhlices und Diphtongos. Derartige Beispiele sind jedoch ganz vereinzelt. In den meisten Grammatiken, vor allem in den bedeutenderen, wird der Aussprache große Sorgfalt gewidmet, oder es wird wenigstens auf die Wichtigkeit einer guten Aussprache hingewiesen und ihre genauere Einübung dem münd- lichen Unterricht anheimgestellt. Schon in den aältesten Anleitungsschriften zur Erlernung der französischen Sprache ²) ist von der Aussprache und der Rechtschreibung die Rede. So hat der Engländer M. T. Coyfurelly schon im 15. Jahrhundert für seine Landsleute einen Tractatus Orthographiae gallicane bearbeitet, worin er— ebenso wie Barcley(1521) und Holyband)— auch provinzieller Ausprache- eigentümlichkeiten gedenkt. Während diese Grammatiker es noch für nötig halten mußten, die Fremden, für die sie schrieben, mit der Aussprache und Schreibung verschiedener französischer Dialekte bekannt zu machen), die auch H. Estienne ganz mit Recht als eine Zierde und Be- reicherung der Sprache ansah, wird in der Folgezeit immer mehr die die Oberhand gewinnende Sprache von Paris, daneben die Aussprache bestimmter Städte wie Blois und Orléans als Muster empfohlen. Bereits Barton, der den oben genannten Traktat von Coyfurelly gekannt hat, betont in seinem um 1400 herausgegebenen Donait francçois, daß er die Aussprache von Paris lehre d-la droit language du Laris et de pais la d'entour). Doch machen schon Grammatiker des 16. Jahr- hunderts, wie Tory, Beza, Palsgrave, Dubois und Pillot, sowie Oudin im 17. Jahrhun- dert auf verschiedene Fehler der Pariser Aussprache aufmerksam ⁵). Pillot z. B. bemerkt dazu, daß in Paris vielfach im Auslaut durch s ersetzt wurde: bigue verò id faciunt Parisinae mulier- culae, guae adeo delicatulae sunt, ut pro pere, dicunt peze, pro mere mesze. Verum gui egregle logui volunt, aut medio guodam sono asperitatem istam temperant, aut certé adeo leniter erprimun!, ut vir audiass). Phil. Garnier(1607) spricht sich abfällig über die Aussprache der Lothringer, Savoyarden und Niederburgunder aus). Marin(1680) erwähnt besonders, daß er aus Paris stamme, wo man die französische Sprache rein spreche und schreibe. Einen solchen Lehrer wie sich setzt er auch für die Benutzer seiner Grammatik voraus. Denn er zählt nur die wichtigsten Ausspracheregeln auf und überläßt ¹) Der Titel, wie ihn Stengel in seinem Verzeichnis(Nr. 344) für die Aufl. v. 1750 angibt, stimmt nicht genau, sondern lautet:„Unentbehrliche An fanssgründe der Frans. Sbrache und derselben nützliche Anwendung nebst einem Anhang einiger Eranzösischer Gespräche.“ ²) Vgl darüber Stengel in Zeitschrift für neufranzösische Sprache und Literatur I, I ff. 3) Ueber ihn vgl. Farrer a. a. O. 34. 4) So sagt Barcley(1521): Here after foloweth a smal treatyse or introductory of ortography or true wrytynge, wherby the dyligent reder may ée in fourmed truly, and perfytely to wryte and pronounce the frenche tunge after the dyuers customes of mang/ countrees of fraunce. For lykewyse as our englysshe tunge is dyuersli, Soben and varyelh in certayne countrees and shyres of Englande, so in mang countrees of fraunce varyeth theyr langage as byr this treatvse euidentl] shall apbere to the reder. Zitiert nach Ellis a. a. O. III, 805. Vgl. Lütgenau a. a. O. 49 über Palsgrave(Dubois„Beza, Pillot und Oudin), a a. O. 40 über Beza und Serreius; Lange a. a. O. 18, Anm. 3 und 46 über Tory, a. a. O. 32 und 45, Anm. über Beza, a. a. O. 22 über Peletier, Beza und Bovelles. ⁶) Vgl. Stengel, Zeitschzift für franz. Sprache und Litteratur XII, 267. 7) Vgl. Lehmann a. a. O. 15. 5 — — 3— das übrige dem Gebrauch und der Information d'un Sçavant et habile Maistre de Langue, nalif D'un Lieu, ou il n'y ait aucune corruplion de Prononciation et de Langage. Aubry(1705) und Rädlein(1729) rühmen Blois und Orléans ihrer guten Aussprache wegen, und Plats sagt in seinen Dialogen(1757, S. 46) über Blois: Cest la ville de France, ou Von parle le mieur. Auch Rouen, Calais und Dieppe sollen ihrer Aussprache wegen noch gerühmt worden sein, wie Boerner und Stiehler“) erwähnen. Als Vorbild der französischen Aussprache galt den ältesten Grammatikern keineswegs die Sprache des Hofes, vielmehr betrachtet Des Autels(1551) den Hof und die feine Gesellschaft als die Urheber der Verderbtheit der Aussprache²). H. Estienne erhebt sogar ähnlich wie Malherbe und Régnier in scharfem Gegensatz zu den Mitgliedern der Plejade die Sprache des Volkes auf den Schild). Wenn Cicero“) in Hinsicht auf die lateinische Orthographie gesagt hatte: Dum loquendi hopbulo concessi, scientiam mihi reservavi, so räumt De la Ramée mit ähnlichen Worten dem Gebrauch der Sprache durch das Volk die Regelung der Aussprache ein: si dest au Heuple de firer la prononciation, c'est aur savanls de réögler L'écriture ⁵). Ueberhaupt wurde dem Usus, dem Gebrauch von vielen Grammatikern große Bedeutung für das Sprachleben beigemessen, ja manche nennen ihn geradezu den Tyrannen der Sprache. Kein Wunder deshalb, wenn der Gebrauch und die mündliche Uebung für die Erlernung der Aussprache, die ja besonders viel der Gewohnheit unterworfen ist, als bestes Mittel immer wieder genannt werden. ⁵) Ein Haupterfordnis war deshalb auch, daß der Lehrer mit den Eigentümlichkeiten und Schwierigkeiten der Aussprache genau vertraut war. Viele Grammatiker, vor allem natürlich solche französischer Herkunft, hielten aus diesem Grunde Franzosen für am besten geeignet, Fremde mit der französichen Aussprache bekannt zu machen. Diese Forderung, daß der Aus- sprachelehrer ein Franzose sein müsse, wurde besonders im 18. Jahrhundert erhoben. Daß das vorher nicht geschah, erklärt sich wohl daraus, daß bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts— von geringen Ausnahmen wie Doergang(1604), Knobloch(1650), M. Kramer(1696) und einigen anderen abgesehen— die meisten Sprachlehrer und Verfasser von Grammatiken geborene Fran- zosen waren. Erst im 18. Jahrhundert, seitdem sich in Deutschland ein besonderer Stand fremd- sprachlicher Lehrer zu entwickeln begann, machten Deutsche den franzöõsischen Maitres Konkurrenz. Viele Grammatiker gaben schon auf den Titelblättern ihrer Bücher an, daß sie aus Frank- reich stammten(z. B. De la Grue, 1654: Natione Gallus); vielfach nannten sie sogar ihre Heimats- stadt, hauptsächlich wenn sie sich der Aussprache wegen damit rühmen konnten. So bezeichnet sich der aus Orléans stammende Phil. Garnier(1607) stets als Aurelianensis?), Ch. Maupas (1607) als Bloisien, Paul Festeau(1685) als Nalive of Blois, a City in France where the true of the French Tongue is found by the Unanimous consent of all EFrench-Men, oder Neretti(1697) u. a. fügen ihrem Namen zur Empfehlung Parisien bei. 1) Boerner und Stiehler a. a. O. 346. ²) Gerberding a. a. O. 20 und 21. ³) Vgl. Clément a. a. O. 452. 4) Conform., p. 57/58, zitiert von Clément a. a. O. 453. 5) Zitiert von Thoene a. a. O. 4. 6) Vgl. S. 5,6 und 9 dieser Abhandlung. 7) Vgl. Kemmerer a. a. O. 7. — 4— Den Grundsatz, daß wenigstens der Ausspracheunterricht und alles, was mit der Uebung zusammenhängt, einem Franzosen anvertraut werden müsse, die Unterweisung in der Grammatik dagegen einem Gelehrten überlassen bleiben solle, finden wir bei J. J. Meynier(1775) vertreten. Den Einwand, daß die meisten französischen Sprachmeister nicht studiert hätten, nichts von Regeln wüßten und„folglich alles ex usu dociren“ müßten, hält er für berechtigt. Sicherlich wären an jeder Lateinschule Leute aufzutreiben, die besser imstande seien, grammatische Regeln zu lehren, als die französischen Sprachmeister; diesen dagegen solle es vorbehalten bleiben,„für die Reinig- keit der Aussprache und des Styls zu sorgen.“ Dieselbe Zweiteilung finden wir seit 1698 in Franckes Pädagogium für den französischen Unter- richt durchgeführt, wo die vier informatores ordinarii den theoretischen Teil des fremdsprachlichen Unterrichts übernahmen, während dem fremden Sprachmeister die praktische Unterweisung zufiel.) Die Ansicht, daß der Sprachmeister ein geborener Franzose sein müsse, wird z. B. von Roux in seinem 1711 erschienenen Noum lumen vertreten. In der Vorrede sagt der Verfasser, der Sprachlehrer müsse die französische Sprache von der Wiege an kennen, eine angenehme Stimme besitzen und stets auf alle Schönheiten und Schwierigkeiten seiner Sprache geachtet haben. Debonale polemisiert als Franzose auf S. 280 seiner„Neuen frans. GCrammatik“(1797) gegen die von seinem Gegner Meidinger und dessen Anhängern vertretene Ansicht, als ob Deutsche zum Unterrichten in der französischen Sprache geschickter seien als er und seine Lands— leute: Les Maatres-a'école sont de bonnes gens, mais ils ont une opinion fort singuliére. IIs pensent, écrivenl, soutiennent envens el contre tous, gu'un Allemand est infinement plus en äötat gu'un Frangois de France, a'enseigner la Langue Lrangoise. Aussi dans la plupart des Ecoles ne voit-on gue des Meidinger pour Maitres de langue ou Enseigneurs de Francçois. Un de ces Messieurs, nommé Hermann, dans un éloge gu'il fait de son Ecole, Sexprime ainsi: „Im Französischen erhalten die Zöglinge Uebungen im Verstehen der Schriftsteller, im Schreiben und Sprechen. Was Lectüre und Schreiben, besonders grammatische Uebungen betrifft, so erteile ich den Unterricht darüber selbst. Selten hat der französische Sprachmeister diejenigen Kennt- nisse, die zum durchaus richtigen Verständnis eines Buches gehören; oft eben so wenig die grammatikalischen Kenntnisse, die zum gründlichen Unterricht eines Deutschen in dieser Sprache schlechterdings unentbehrlich sind; und noch seltener eine gute genaue Kenntniss der deutschen Sprache, ohne welche der Unterricht nicht anders als elend ausfallen kann und muß.“ ²) Tel est le langage de la plubart de ces Messieurs, gui sont et ne peuvent étre que des Meidinger, guant à U'enseignement de la Langue françoise. Mit ähnlichen Worten wendet sich Debonale an dieser Stelle noch gegen einen anderen, nicht mit Namen genannten deutschen Sprachlehrer. Wenn der streitsüchtige Debonale seinen Gegnern die Tiefe ihres Bildungsstandes dadurch beweisen möchte, daß er behauptet, er kenne einen Deutschen, der französischen Unterricht gebe und der sein Französisch als Kammerdiener erlernt habe, so hören wir andererseits von einem einsichtsvollen Methodiker wie De la Veaux(1787), daß auch völlig ungebildete und unfähige Franzosen zum Schaden der Kinder mit fremdsprachlichem Unterricht betraut würden:„Das schlimmste, jedoch sehr gewöhnliche Mittel ist dieses, den Kindern Dienstboten oder andere Leute ohne Erziehung zu geben, die aus dem Pöbel derjenigen Provinzen genommen sind, wo ¹) Vgl. Boerner u. Stiehler a. a. O. 396. ²) Hermann(vgl. Stengels Verzeichnis Nr. 551) überläßt also, wie das vielfach geschah, nur das Sprechen, die Konversation dem französischen Sprachmeister, allenfalls vielleicht noch, wovon hier nicht weiter die Rede ist, die Unterweisung in der Aussprache. — 5— man ein Kauderwelsch spricht, welche Leute von Stande gar nicht verstehen, und welches die- jenigen, die keine andere Mundart kennen, in die letzte Klasse der Gesellschaft zurückwirft. Durch solche Lehrer gebildet, bekommen die Kinder einen unerträglichen Accent, eine lächerliche Aussprache, niedrige und widerwärtige Ausdrücke, und diese Fehler wurzeln durch die Gewohnheit so sehr bey ihnen ein, daß öfters viele Jahre nicht hinreichend sind, sie zu schwächen, und daß es beinahe unmöglich ist, sie ganz auszurotten. Wenn man junge Leute nicht in das Land schicken kann, dessen Sprache sie lernen sollen, so bleibt kein anderes Mittel übrig, als ihnen gute Lehrer zu geben. Diese Lehrer müssen aus dem Volke selbst genommen seyn, dessen Sprache man lernen will, oder sie müssen wenigstens lange genug unter demselben gelebt haben, und zwar in einem Alter, wo ihre Organen noch Biegsamkeit genug hatten, um sich nach der guten Aussprache zu bilden.“) Auch Besel(1701) rät, man solle sich als Sprachmeister, wenn möglich, einen geborenen Franzosen suchen. Doch müsse man in der Wahl desselben vorsichtig sein, da viele dieser Maitres nicht gut aussprächen und auch, da sie nicht studiert hätten, von einer richtigen Methode nichts verstünden. Ebenso hält Haaß(1730) von dem ÜUnterricht der französischen Gouver- nanten, gerade ihrer Aussprache wegen, nicht viel. ²) Setau(1781) zieht deutsche Sprachlehrer, die die französische Sprache gründlich studiert haben, den Franzosen vor. Seine Gründe dafür sind folgende: Die Leichtigkeit, sich wie ein Franzose auszudrücken, erlange der Deutsche doch niemals, wenigstens nicht durch seinen franzésischen Sprachmeister, sondern höchstens annähernd durch einen längeren Aufenthalt in Frankreich. Als positiven Grund macht er noch geltend, daß die Franzosen andererseits die deutsche Sprache nicht vollkommen beherrschten, meist sogar kaum verstünden und so dem Anfänger, der kein Wort Französisch verstehe, keinen ordentlichen Vortrag halten könnten. Er hält es für notwendig, daß der Lehrer die Sprache, in der er lehrt, von der Mutter erlernt habe. Gerade bei der Unterweisung in der Aussprache spielt das Vorbild des Lehrers eine Haupt- rolle. So sagt Mme. la Roche in ihrer Noiwvelle méthode(23. Aufl. 1754), das Wichtigste sei die Uebung und das Geschick des Lehrers, wie sie überhaupt dem usus die erste Stelle im Unterricht einräumt. ³) Vor allem kam es natürlich auf einen geschickten Lehrer an, wenn man wie De la Veaux (1785 ff)*) oder Schweighäußer(1789) den Sprachunterricht völlig induktiv begann. Letzterer behandelt in dem 1. Teil seiner Grammatik die Aussprache, Rechtschreibung, die Pronomina, Adverbien usw. überhaupt nicht, weil dies alles am besten durch Lesen und Sprechen erlernt werde. Mag der Lehrer die Sprache noch so gut beherrschen, bedenklich bleibt es jedenfalls, daß Schweighäußer für den Anfang keinerlei Anweisungen gab, sondern alles der Uebung und dem Geschick des Lehrers überließ.¹) Wir zeigten oben, daß schon in den ältesten Anleitungsschriften zur Erlernung der franzõ- sischen Sprache auf die Aussprache hingewiesen wird. Besonderen Nachdruck darauf legte auch ¹) Daß viele Sprachmeister nicht einmal orthographisch richtig schreiben konnten, darüber beklagt sich u. a. Mme. la Roche. Vgl. Lehmann a. a. O. 22 und Boerner u. Stiehler a. a. O. 398. ²) In dem praktischen Teil seiner Grammatik behandelt er die Aussprache sehr ausführlich. Als Hauptregel stellt er auf:„daß man ein jedes Wort deutlich, rein und ungezwungen aussprechen, und die harten Buchstaben von denen weichen.... wohl unterscheiden lerne“(S. 254). 3) Vgl. Streuber a. a. O. 77, 78 und 112. 4) Vgl. Streuber a. a. O. 122 ff.— Von De la Veaux wird spaâter noch ausführlicher die Rede sein. 5) Ich verweise auf die in dem I. Band meiner„Beitzäget(S. 125) zitierte Stelle. — 6— bereits Palsgrave(1530), wie sich schon aus der Vorrede zu seinem Eclaircissement de la langue Française(Seite XV ff.)) ergibt. In gleicher Weise wird in den ältesten in Deutschland erschienenen Grammatiken auf die Wichtigkeit einer guten Aussprache hingewiesen. Ohne Jahresangabe, aber wahrscheinlich schon um das Jahr 1543 ²) erschien in Köln von Glaude Luython(Luiton) eine besondere Aussprachelehre in 18 Regeln: Iustructio gallice descripla, continens decem et octo Canones gquibus guisgue facilé et perfectée legere et loqui Gallicé adldliscel. Pillot, der Verfasser der uns bekannten ersten vollständigen für Deutsche bestimmten Grammatik, schreibt in der seiner Institutio(1550) vorangehenden Epistola: Initium ab elementis et literis feci, de guarum potestate, et pronunciatione, simulgue de orthographia, quantum satis esse buto Scripsi. Allerdings hielten es die Grammatiker des 16. Jahrhunderts noch nicht für ihre Aufgabe, die Aneignung der Aussprache durch ausführliche grammatische Regeln erleichtern zu sollen. Sie beschränken sich deshalb auf das nach ihrer Meinung Notwendigste und stehen, in der richtigen Erkenntnis der Unzulänglichkeit der ihnen für eine schriftliche Erklärung der Sprachlaute zur Verfügung stehenden Mittel auf dem Standpunkt, daß die Aussprache viel besser durch Uebung, durch mündlichen Verkehr mit französisch Sprechenden gelernt werden könne als durch Regeln. So sagt Pillot in seiner Grammatik(S. 4): Literae pleraegue omnes sonum et usum varium atgue multiplicem habent, id guod freguens lectio facilius docebit guam praecepta. Aehnlich drückt sich der von Pillot abhängige Jo. Garnier(1558) aus: Supervacaneum fudicavi, hic in limine multa tractare de Literis, èllabis aut Diphthongis. sus enim(qui omnium artium magister est) freguens et assiqua lectio haec omnia facilè indicabunt. Und Du Vivier(1566) sagt gelegentlich auch einmal:„Das man aber sicher Regulam soll geben, wannehr daß man die brauchen soll oder nit, ist nit wol müglich: denn daß ist in der übung gelegen.“ ³) Auch im 17. Jahrhundert wird die Wichtigkeit der Aussprache betont. Nur begnügte man sich jetzt nicht mehr so sehr mit dem Hinweis auf den mündlichen Unterricht— obgleich dieser eigentlich stets und mit Recht die Hauptrolle gespielt hat—, sondern man verwandte auch in den Lehrbüchern mehr Sorgfalt auf die Aussprache. So widmet Cachedenier in seiner zum Besten der deutschen Jugend geschriebenen Introductio ad linguam Callicam(1601) der Aussprache 97 Seiten, Du Val(1604) 138 und Knobloch(1650) 144 Seiten. Potier d'Estain stellt in seiner Grammatik die Aussprache in den Vordergrund; wenigstens fordert er, daß die Schüler zunächst„recht und rein Pronuncijren“ lernen müßten. Auch auf dem Titel weist er bereits darauf hin. Der Kuriosität halber führen wir den umständlichen Titel von Potier d'Estains Buch an:„Grammatica Gallica, rerum et verborum copiosissima. Wie man die gantze frantzösische Sprach/ Recht/ Rein und Native Pronuncieren usw. und ohn einige Mühe und arbeit/ von sich selbst/ zu volkommener Wissenschafft derselben kommen soll: sampt einer vorred/ darin neben andern/ zu sehen/ wie die Frantz. sprach per Collationem analyticam, mit dem Latein und Griechischen übereinstimmen/ und sich/ codem significato, vergleichen thut/ wie sulchs mit vielen Exempeln/ dargethan. zu Deutsch und Latein: welche dergestalt/ biß anhero/ ¹) Ausg. v. F. Génin(Paris 1852) in der Collection de Documents inédits sur l'llistoire de France, IIe Sörié. ²) Vgl. Stengel in Zeitschrift für franz. Sprache und Literatur XII, 290. 3) Vgl. Stengel, Ausgaben und Abhandlungen LXlIll, 9. — 2— von keinem Authore geschrieben noch außgangen. allen liebhabern dieser sprach/ zu Nutz und Gefallen/ beschrieben und in Druck verfertiget/ durch Michaelem Potier d'Estain/ von Orliens/ Frantzösischen Schul-Schreib- und Rechenmeistern. Notarium publicum und Burgeren zu Essen. Gedruckt zu Cölln/ in verlegung Balthasaris Clipej/ vor S. Paulus im Beumgen/ im jahr 1603.“ Von besonders eigenartigen oder glücklichen Anweisungen zu dieser rechten und reinen Aussprache ist in dem Buche allerdings nichts zu finden; nehmen wir zu seinen Gunsten an, daß der mündliche Unterricht das Fehlende ersetzen sollte. Das auf dieser Grammatik fußende Plagiat von Lubinus(1604) enthält nur einige Regeln über die Aussprache, sonst bloß Para- digmen und Verzeichnisse von Adverbien, Konjunktionen u. dgl. Großen Wert legt Bernhard(1607) auf die französische Aussprache ¹), denn auf ihrer voll- kommenen und leichten Beherrschung beruhe die ganze Anmut und Lieblichkeit der französischen Sprache ²). Er sucht sie zu charakterisieren als celerrimam, volubilem, suavem, nullo consonantium concursu scabrosam aut confragosam, nullague duritie et asperitate retarqatam. Allen Studierenden (guibus per fortunas licet) rät er, daß sie frühzeitig Unterricht nehmen bei guten Lehrern, die ihnen die Aussprache mit„lebendiger Stimme“ zeigen. Denn von selbst(άνouαs eis, nullo prae- eunte duce et doctore) könne man die französische Aussprache unmöglich lernen. In gleicher Weise betont De la Grue(1664, 1671) den Wert einer korrekten Aussprache (S. 1): Quoad pronunciationem, nemo dubitat guin sit id, guod magis in omnibus linguis reguiratur: cum nihil sit è contra, quod sermonem deformiorem reddat, guam mala pronunciatio, cum ab d omnem gratiam, et ornamentum auferat: et licel in conversatione magis peritorum possit acquiri, nmehilominus regulae dari possunt, guae êon medliocre memoriae, Supplementum afferent, et qude pro temporis opportunitate, legi poterunt et addisci. Spalt(1626) sagt, daß es bei der Spracherlernung auf zweierlei ankomme: 1) Copia voca- bulorum usitatorum und 2) genuina singulorum pronunciatio. Darauf müßte von Anfang an gesehen werden: Haec duo inguam Hrimo aggressu, prima lectione conjugi debent necessario. Großen Wert legt auch Duez auf die Aussprache, besonders in seinem Vray et parfait Guidon(1657 ff.), wovon weiter unten an entsprechender Stelle die Rede sein wird. Betrachtet Rayot(1640) une naive prononciation als das Ziel des Unterrichts, so hält auch Maupas(1625) die gute Aussprache für eine Hauptsache. Und Joli(1669) verlangt von dem Lehrer des Französischen nicht nur, daß er die Regeln der Grammatik richtig erklären könne, sondern daß er auch eine gute Aussprache besitze,„welche der wahre und feste grund ist/ worauff man die vollkommenheit dieser Sprache bauen muf.“ Hat Biju(1676) seine ganze Grammatik dem modernen Sprachgebrauch angepaßt(usui moderno... accommodata), so sehen andere Grammatiker wie Gravius(1671) und Collmard (1688) vor allem darauf, daß die Schüler die richtige, zeitgemäße Aussprache lernen.„Alles nach der Schreibens-Art und heutigen Sprach eingerichtet“, heißt es bei Herbau(1708). Ebenso ver- sichert Curas(1769), die neueste Schreibung der Akademie angewandt zu haben, und der Berliner Nachdruck der weitverbreiteten Grammatik von Des Pepliers(1736) enthält auf dem Titel u. a. den Zusatz:„aufs fleißigste verbessert, mit einem vollständigen Unterricht von der heutigen und nach der allerneuesten Frantzösischen Manier eingerichteten Orthographe und Prononciation.“ Doch wie man sich nicht eine provinzielle Aussprache angewöhnen dürfe, fügt Chiflet(1673) hinzu, so dürfe man sich auch nicht gleich jede neue Aussprache, die auftauche, ¹) Ante omnia igitur perfecte lægere et bene pronunciare disces, sagt er einmal in seiner Grammatik. 2²) Vgl. die S. 1 von dem späteren Marius Iitierte Stelle. — 8— zum Vorbild nehmen. Hauptsächlich müsse die Aussprache natürlich sein, douce et naturelle, ohne affeclation und ferner: Elle doit aussi estre õgale en son accent, sans elever m rabaisser le ton, sur les Syllabes des dernieres paroles, et sans faire toüjfours retourner, la mesmée cadence, comme si lon chantoit à demy.... Le ton de la parole, ne se varie gue selon la diversité des passions gue la voi exprime: et sur la fin des Interrogations. Aehnlich sagt J. Meyer(1683), der sich sehr ausführlich mit der Aussprache beschäftigt und großen Wert darauf legt:„Man bemühe sich alles fein lieblich und naturelt ohne affectirung einer weibischen Zärtlichkeit und bäurischen Grobheit auszusprechen.:¹) Collmard(1688) wendet der Aussprache seine besondere Sorgfalt zu. Man solle sie, auf die„das meiste absehn dieses Buchs gerichtet ist“, aus seiner Grammatik lernen, wie es auf dem Titelblatt heißt: avec autant de delicatesse et aussi distinctement gu'il est famais possible. Nicht immer hätten Lehrer und Schüler soviel Wert auf diesen Teil der Sprache gelegt. Nur wenige könnten richtig lesen, denn viele seien schon froh, wenn sie nur„ein Buch verstehen und ihre Gedanken einiger massen von sich geben können/ und bekümmern sich nicht allererst darum, welches gut oder böse pronunciret sey/ sondern halten es vor eine Thorheit daß man sich bey einer so unbeständigen und variablen Sprache so lange aufhalten soll.“ Des Pepliers(1689, 1723) sieht es als erste Pflicht des Lehrmeisters an, dem Schüler die Aussprache„rein und aufrichtig“ zu lehren. Des Pepliers' weitverbreitete Grammatik wurde an der im Jahre 1753 in St. Gallen errichteten Französischen Schule dem Unterricht zu Grunde gelegt. Deshalb beginnt auch die Anweisung, die der Schulrat dieser Stadt dem neuen Lehrer gibt, mit den Worten:„Bei der information der französischen sprache soll der präzeptor den knaben von anfang an eine pronuntiation und beachtung des akzentes angewöhnen.“ ²) Die gleiche Auffassung von dem Wert und der Wichtigkeit der Aussprache finden wir bei den Methodikern des 18. Jahrhunderts. Hatte schon Palsgrave(1530) drei Vorzüge der fran- zösischen Aussprache hervorgehoben(to be armonious in their Speking: lo be brefe and sodayne in soundyng of theyr wordes, avoydyng all maner of harshenesse in theyr pronunciation: and thirdty to Syve every worde that they abyde and reste upon, theyr most audible sounde) ³), Sso rühmt Roux die Schönheit der französischen Sprache mit überschwänglichen Worten in der französischen Vorrede seines Noum lumen(1711). Richelet(1710) sucht diese besondere Schönheit dadurch zu beweisen, daß er daran erinnert, man sage allgemein ᷣuho— mulieribus loguendum' esse Gallice, weil diese Sprache so„lieblich und freundlich“ sei,«um hostibus vero loguendum esse Germanice, weil das Deutsche„ernsthafftig und strenge“ sei.“) Jacquier(1742) widmet seiner Muttersprache auf dem Titelblatt seiner Méthode folgende Verse: Du beau-monde et des Cours le Langage à-la-mode Est le Frangois, doux, pur, énergigue et commode, und der Grammatiker Kilg(1783) erzählt seinen Lesern, daß an dem Hofe des Bischofs Friedrich Wilhelm von Hildesheim die französische Sprache beliebt sei als une langue épurée ¹) Den gleichen Gedanken bei Besel(1701): Man dürfe nicht mit weibischer Affektierung sprechen, noch durch die Zähne„fispern“; ebenso Schatz(1724) und De Flans(1745), S. 212:„ohne Affectirung einer weibischer Zärt- lichkeit und baurischer Grobheit.“ 2 Zitiert nach Alge a. a. O. 416. 3) Palsgrave, Ausg. v. Génin, S. XV. 4) Schon Holyband(oder St. Lien) hatte gesagt: Quoniam gallicum idioma(propter pronuntiationis, ac soni suauitaten iurè lingua mulierum nuncupari potest, danda est opera ut candidus lector omnem asheritatem fugiat, imo HBrorsus abhorreat. Vgl. Lange a. a. O. 16 und Thoene a. a. O. 2. — o— et élégante gqui fait les délices de la conversation et les charmes du commerce de lettres ches toutes les Nations polies. Schlett(1797) meint, daß auf die Bildung der französischen Sprache besonders viel Fleiß verwandt worden sei. Diese— sprachwissenschaftlich natürlich unhaltbare— Ansicht beruht vielleicht auf der Tatsache, daß die historische Schreibung von der Aussprache sehr abweicht, deshalb die heutige(resp. damalige) Sprache als ein besonders künstliches Produkt erscheint. Während noch De la Veaux(1787) die französische Sprache„die sanfteste, wegen der weichen Harmonie ihrer Laute“ nennt, ist Rädlein(1729) nicht so begeistert von der be- sonderen Schönheit des Französischen. Die lieblichste Sprache sei das ltalienische; die zwar härteste,¹) aber prächtigste das Deutsche. Das Französische sei wohl die bequemste und deutlichste, doch auch„zugleich weit ärmer als die zwey vorher benannten“ Sprachen. Das ist besonders zu beachten, daß mit diesen Worten ein Deutscher am Anfang des 18. Jahrhunderts der allgemein herrschenden Ansicht von der besonderen Vorzüglichkeit der französischen Sprache entgegentritt und sich nicht scheut, auf die Kraft und Pracht seiner Muttersprache hinzuweisen. Daraus, daß einige Grammatiker in ihren Lehrbüchern von der Aussprache überhaupt nicht handeln, läßt sich noch nicht schließen, daß sie dieser Seite der Sprache keine Bedeutung bei- gemessen hätten. Manche Methodiker sehen eben die Lehre von der Aussprache nicht als eine Aufgabe des Lehrbuchs, sondern einzig und allein des mündlichen Unterrichts an. So sagt z. B. De Grimarest in der Vorrede zu seiner 1719 erschienenen Grammatik: Ne ne traite point de la pronontiation ni de lortographe dans mon ouvrage, gquoique ces deux choses qéhendent en guelgue fagon de la Grammaire. Je croi qu' il est tréès diſficile de bien enseigner la prononciation sur le hapier, parcegu'elle consiste seulement en des sons qui ne peuvent étre parfaitement bien exprimes gue har la voix ²). Die Bücher, die sich mit diesem Stoff befaßten, enthielten sehr viele falsche Regeln. Ebenso ist z. B. Haaß(1730) der Ansicht,„daß die Pronunciation mehr ad Praxin als ad Theoriam gehöre.“ Ausführlich dagegen behandelt Mouton die französische Aussprache(und Orthographie), besonders in seinem 1711 erschienenen Novum linguae gallicae sidus. Von vornherein weist er da- rauf hin, daß jede Sprache, und so auch die französische, besondere Eigentümlichkeiten der Artikulation besitze: Quamlibet linguam peculiarem suam servare, ut Orthographiam, ita et genui- nam ex eä resultante Pronunciationem, longé certissimum; praecipuégue apud eos in confesso est, qui addiscendis Linguis oberam dant, praeterquam guod impingendo satis illud supergue prodant. Suam namgue guaevis Lingua sibi singularem vindicat elocutionem, etsi alioguin literas cum caeteris ferè linguis communiten possideat. Onde etiam illud primum in Linguà Gallicä attendendum, guod clareè, distinctèé et convenienter omnes efferantur Syllabae, prae primis ultimae, ut poteguae nec nimis pro- ducendae, negue nimium corripiendae sunt, ne suaviloguentia impediatur, et aspera more quorumdam, quin et rustica loquendi ratio, guae à Graecis zauoqorta dicitur, introducatur: Quaeverò uti teretibus et argutis auribus ingrata, eögue nomine marimé vitanda est, ita suavis contra, geniogue moderno ¹) Besonders fallen den Franzosen die ihrer Sprache fremden, im Deutschen dagegen sich ziemlich haäufig findenden Kehllaute auf. So bezeichnet z. B. Zola in seiner Novelle L'attague du moulin(Kap. V) den Lärm der preußischen Soldaten als exclamations gutturales. ²) Sarganeck(1743), der diese Bemerkung Grimarests kennt, vertritt(S. 51) dieselbe Ansicht, daß der mündliche Unterricht vorzuziehen sei.— Ebenso betont z. B. Parrot(1763) die Uebung als besten Lehrmeister für die Er- lernung der Aussprache.— Genaueres über die mündliche Unterweisung in einem besonderen Kapitel. — 10— consentanea pronunciatio,(çuam ab affectatä tamen et adscitä probe discriminandam esse, quilibet haud degré fudicabit) orationem non parum commendat ¹). Großen Wert legt auch Roux in seinen verschiedenen Büchern auf die Aussprache²). Doch ist er ebenso wie Schatz(1724) der Ansicht, daß man anfangs nur die wichtigsten Regeln der Aussprache durchnehmen dürfe; das andere müsse später nachgeholt werden oder dem Usus überlassen bleiben. Ebenso spricht sich Sarganeck, der Herausgeber des Verbesserten Frans. Langius(1743, 1758, 1769) aus. Da die Aussprache der schwierigste Teil der Sprache sei, komme es bei ihr vor allem auf die richtige Methode an, sonst könne dem Schüler leicht von Anfang an der ganze Unterricht verleidet werden. Die Generalregeln würden„zur allgemeinen Vorbereitung und Anschickung des Mundes“ viel beitragen.„Von den Specialregeln aber ist anfangs nicht nützlich etwas mehr theoretisch und gleichsam lehrende durchzugehen, als nur die vorne sehr groß gedruckten Buchstaben ¼, u,, g, h, J, s, 2, und derselben ihre Lesegesetze, ohne die Exceptionen.“ Alles Uebrige solle man der Praxis überlassen und in Zweifelsfällen in der Grammatik(vor allem in der beigegebenen Pronunciationstabelle) nachschlagen. Wie wir aus den weiter unten angeführten Uebungen noch sehen werden, legte Sarganeck großen Wert auf die Aussprache. Um so sonderbarer berührt bei ihm die der Bequemlichkeit der Schüler entgegenkommende Bemerkung, man brauche nicht bei allen Silben und Tönen zu skrupulös zu sein,„zumal da sich mancher kleiner Fehler durch ein eilendes Aussprechen verbergen läßt.“ Als erstrebenswert für den Unterricht gilt Schatz— und ebenso Sarganeck— die etwas leichte, flüchtige Aussprache, wie sie„in der Conversation bey Familiair-Discursen“ üblich sei. Doch meint er damit natürlich die Sprache der Gebildeten, nicht des Pöbels. Vor allem solle man sich nicht den sog. Schulton angewöhnen,„da man die Worte eckelhaffter Weise lang verziehet und ausdähnet, daß solche Pronunciation mehr einem Gesang, als blosem Lesen ähn- lich wird.“ Denn dadurch würden leicht Buchstaben mitgelesen, die gar nicht ausgesprochen werden sollten. Wie jeder Lehrer der französischen Sprache weiß, kostet es auch heute noch, selbst in den Oberklassen, große Mühe, die Schüler zu einer fließenden Aussprache, zu einiger Gewöhnung an den französischen Akzent zu bringen. Auf die Wichtigkeit dieser Aufgabe macht schon Beza(1584) mit Rücksicht auf die von Natur aus schwerfälligeren Deutschen aufmerksam. Nachdem er die ltaliener ermahnt hat: auenda est illa in pronuntiando grauitas gqugę in penultimarum praesertim gyllabarum productione sentitur, heißt es weiter(S. 9): Germanis autem multo etiam magis fugienda est tum illa tarditas in singulis penè dictionibus vocem sistens, et tandem in extrema periodo guasi bHondere quodam delassatam praecipitaus, tum etiam in literis nimium fortiter exprimendis asperitas summopbere vitanda. Lrancorum enim ut ingenia valde mobilia sunt, ita quogue pronuntiatio celerrima est nullo consonantium concursu confragosa paucissimis longis syllabis retardata: eodem] tenore denigue volubilis: consonantibus, si dictionem aliguam terminarint, sic cohaerentibus cum proximis vocibus à vocali incipientibus, ut integra interdum sententia haud secus gquàm si unicum esset vocabulum efferatur.... Hoc igitur imprimis est Germanis prouidendum et attentissimé obseruandum, ut sese huic volubilitati quàm studiosissimè assuefaciant(S. 10)). Ebenso weist Beza, wie schon Pals- grave¹) auf die Kürze der französischen Silben hin: Sunt autem hoc loco mihi admonendi pere- ¹) In Moutons Esprit de langue franc.(1712), der allerdings auch nur 48 Seiten umfaßt, sind der Aussprache nur 3 ½ S. gewidmet. 2²) Ebenso Jacquier(1742). 3) Zum Teil zitiert von Lange a. a. O. 9. 4) Vgl. das Zitat bei Lange a. a. O. 17. — 11— grini paucissimas esse longas Syllabas in Vrancica lingua, prae innumerabili breuium multitädine (S. 75)) Auch heute noch kann man beobachten, wie unsere Schüler die französischen Wörter, hauptsächlich die Endsilben in die Länge ziehen. Das liegt aber tief in dem Wesen der deutschen Sprache begründet; man denke nur daran, wie die Volksaussprache in Fremd- und Lehnwörtern die Endsilben gelängt hat, z. B. in Wörtern wie Journal, General, Kapital, Spektakel, Staket, Pirat, Marmelade, Promenade u. dergl. Bernhard(1607) dürfte die oben erwähnten Ausführungen Bezas gekannt haben, denn ganz ähnlich wie dieser charakterisiert er die französische Aussprache.²) Auch ermahnt er wie Beza die Deutschen, auf eine fließende Aussprache bedacht zu sein: Germanis autem hbrae caeteris nakionibus fugienda est tarditas illa, quã vocem in omnibus fere dictionibus sistere, et intervalla guasi inserere consueverunt. Viele Grammatiker unterscheiden zwischen der Sprache und Aussprache in der Unterhaltung und der mehr gehobenen Ausdrucksweise beim Lesen, hauptsächlich poetischer Stoffe. So hat Rädlein(1729) seine Ausspracheregeln nicht nach der in Reden und beim Vortrag von Versen üblichen Aussprache gerichtet, sondern wie der eben genannte Schatz nach der gebildeten Um- gangssprache. Wenn man jemand in der Konversation unterweise, dürfe man ihn nicht dieselbe Aussprache lehren wie beim Lesen. Auch„des gemeinen Pöbels Aussprach soll man wegen des Commercü verstehen lernen, solche aber durchaus nicht nachahmen“(S. 12). Raädlein weist des- halb auch bei der Lektüre von Komödien des Terenz oder Molières darauf hin, daß der Dichter manche Personen absichtlich im Dialekt reden läßt:„Darbey auch den Characterem der Personen in acht zu nehmen hat, als welche nicht alle gut Französisch reden, als wenn z. E. ein Bauer, Schweitzer oder Gascogner redend eingeführt wird.“³) Während Mauvillon(1754), Parrot(1763), Demengeon(1791) ⁴) u. a. die familiäre Um- gangsaussprache von der Aussprache in der Poesie trennen, unterscheidet die Grammaire raisonnée (1762) sogar dreierlei Aussprachen: LZa première est pour le discours familiers et la prose commune, la seconde pour les vers, et la troisiéme pour le discours soutenu, o'est-adire guand on parle en public. Oder Schlett(1799) äußert sich gelegentlich der Bindung(S. 40) darüber:„Die richtige Ver- bindung der Consonanten zu Ende eines Wortes mit einem künftigen, das mit einem Vocal anfängt, ist vielen Schwierigkeiten unterworfen. Anders verhält sich die Sache in der gewöhn- lichen Rede, in dem freundschaftlichen Umgange, ganz anders in öffentlichen Reden, auf der Kanzel, bey der theatralischen Deklamation, bey Lesung der Verse. Man hat so zu sagen eine eigne Sprache für den Umgang, eine eigne für die erhabnere Deklamation.“ Auch De la Veaux(1785) bemerkt gerade im Hinblick auf die Bindung(S. 25):„Dies ist eine unumgänglich zu beobachtende Regel, wenn man Verse und höhere Prosa lieset. Lächerlich und pedantisch wäre es, diese Regel stets in der Konversation zu beobachten, zumahl wenn die- selben Mitlaute zu verschiedenen mahlen aufeinander folgen.“ Alle diese letztgenannten Grammatiken sind in Deutschland erschienen. Aus den angeführten Beispielen sehen wir, daß man es auch bei uns für nötig hielt, auf diese Unterschiede der Aus- ¹) Palsgrave meinte, daß alle franz. Silben von Natur aus kurz seien, daß Dehnung nur am Ende des Satzes unter Einfluß des Akzentes eintreten könnte. Vgl. das Zitat bei Lange a. a. O. 10. ²) Vgl. S. 7 dieser Abhandlung. 3) Schon H. Estienne weist in der Vorrede seiner Wbomneses auf die Bedeutung der Dialekte hin, die die Sprache schmückten und bereicherten(an ornament et une richesse). In seiner Précellence empfiehlt er sie den Dichtern, à ceuæ mesmement gui escrivent en prose. Clément a. a. O. 383. *) Er unterscheidet z. B. Sassion und Hass/on. — 12— sprache hinzuweisen. Erst recht geschah das natürlich in den ursprünglich für Franzosen be-— stimmten Lehrbüchern. Mehr dem mündlichen Unterricht weist Lasius(1734, S. 30 seines Quinque folium) die Aus- sprache zu. Er hält sie für das Schwerste bei der Erlernung der französischen Sprache, betont deshalb auch die Notwendigkeit steter Uebung, wie er überhaupt mehr für eine induktive Ge- winnung der Sprachkenntnisse ist ¹). Ob und inwieweit die Aussprache im französischen Unterricht der früheren Jahrhunderte gepflegt wurde, das hing vielfach auch von der Person des Lehrers und seinen Kenntnissen ab. Wurde das Französische von einem Deutschen, etwa dem Lateinlehrer gelehrt²), so wird die Aussprache im mündlichen Unterricht keine so große Rolle gespielt haben; lag dagegen der Unterricht in den Händen eines Franzosen, so nahm die mündliche Unterweisung in der Aus- sprache oft einen sehr breiten Raum ein. So wird dem Lektor der Gießener Universität, Chastel, der als Verfasser verschiedener grammatischer Werke bekannt geworden ist, einmal seine„auf die höchste Pünktlichkeit getriebene“ Unterweisung in der Aussprache vorgeworfen ³). Chastel nahm es eben mit seinem Unterricht sehr genau. Auch verfügte er im Gegensatz zu vielen seiner in Deutschland unterrichtenden Landsleute über grammatische Kenntnisse nicht nur seiner Muttersprache, sondern auch des Lateinischen und Deutschen). Gerade unter den früheren durch Deutschland vagabundierenden Sprachmeistern französischer Herkunft waren die meisten nicht imstande, einen methodisch geregelten Unterricht zu erteilen ⁵). So meint Du Grain(1738), daß manche Grammatiker nur deshalb so großen Nachdruck auf die Aussprache legten, weil es ihnen an anderen Kenntnissen fehlte:„Da werden nun offt gantze Stunden über der Pronunciation eines Wortes oder Sylben zugebracht, wie nemlich das s und æ in der Pronunciation zu unterscheiden, das d und t, das 5 und„ usw. Es ist dieses alles an sich sehr gut und nöthig, aber daß man Mücken seiget und Camele verschlucket, darüber wundere ich mich, dann da können manche wohl ein eintzeln Wort gar nett aussprechen, aber nicht drey oder vier zusammensetzen.... Sonderlich wann sie Fragen wollen formiren.“ Du Grain hält es für zwecklos, allzuviel Mühe auf die Aussprache zu verwenden,„da doch kein Hoch- teutscher nimmermehr oder selten er mag auch einen Maitre haben wie er will, einen gewissen Unterschied unter 5 und„, d und!, unter und se, wird erlangen können, wie Herr Rädlein recht davon zaisonnirt, dannenhero alle angewandte Mühe in Wind gehet.“(Vorrede 1719.) lm übrigen ist Du Grains Grammatik— das sei hier nur nebenbei erwähnt— keineswegs schlecht, sondern führt den Schüler vollkommen methodisch in die Sprache ein und leitet geradezu vorzüglich zu ihrer praktischen Beherrschung an. Auch in seinen zahlreichen Beispielen hat dieser Grammatiker weniger auf den Inhalt, als auf die sprachliche Nützlichkeit gesehen, denn er hat sich„keine Khetoric noch Oralorie, wie auch keine andere Sientiam zu dociren vorge- nommen, sondern bloß Grammalicam in Praxin zu bringen, und Mund und Zunge, ja auch das Gehör und die Feder Rabiles zu machen, daß sie auf alle Fälle geschickt seyn sich fein geschwind zu exprimiren, und andere recht zu verstehen.“ Großen Wert legt Curas(1739) 6) auf die Aussprache.“) Ebenso läßt es auch Mauvillon (1754) nicht an entsprechenden Uebungen fehlen, da er eine gute Aussprache und guten Akzent ¹) Vgl. Streuber a. a. O. 115 und 119. 4 ²) wie z. B. am Pädagogium zu Helmstedt(1779/80). Vgl. Monum. Germ. Paed. VIII, 464 und 473. 3) Vgl. Behrens a. a. O. 332 und 335. 4) Vgl. Behrens a. a. O. 333. 5) Vgl. Streuber a. a. O. 91. 6) Aus der Grammatik des Curas hat Jean Rondon seine„NVeue fransz. Sprachlehre“(1792) fast wörtlich abgeschrieben. 7) Vgl. Lehmann a. a. O. 31. — 193— für außerordentlich wichtig hält. Kilg(1783) sucht seine Schüler durch folgende Worte für ein gründliches Studium der Aussprache zu gewinnen(S. 122): I est d'autant plus imporlant de la bien connoitre, gque c'est souvent elle gui décide du choi des mots pour flatter l'oreille par un mélange bien assorti de diférens sons harmonieux. Der bereits vorhin erwähnte Chastel hält bei lebenden Sprachen und besonders bei der französischen die Aussprache für einen Hauptgegenstand des Unterrichts. Er hat ihr deshalb einen besonderen Traktat¹) gewidmet, der eine Reihe beachtenswerter Bemerkungen enthält. Von Anfang an dürfe man den Schüler nicht, wie das so oft geschehe, an eine schwülstige und ge- zwungene Aussprache gewöhnen. Der Lehrer dürfe deshalb nicht nur einzelne Wörter, sondern müsse oft auch ganze Sätze mit ihrem natürlichen und im Umgang gebräuchlichen Ton aus- sprechen lassen. Was andere Grammatiker, wie ihre zusammenhängenden Beispiele zeigen), in der Praxis wohl schon längst gefordert hatten, die Einübung nicht am einzelnen, für sich be- tonten Wort, sondern an Hand von fortlaufenden Sätzen, die Beachtung der für eine natürliche Aussprache so wichtigen Satzmelodie, das ist in einer in Deutschland erschienenen Grammatik der französischen Sprache meines Wissens hier zum ersten Mal ausgesprochen. De la Veaux(1785), der gerade in der Geschichte der Aussprachelehre eine besondere Rolle spielt, weil er völlig bewußt nicht mehr vom Schriftbild, sondern von dem gesprochenen Laut ausgeht, fordert deshalb für diesen Teil des Unterrichts mündliche Unterweisung:„Das einzige Mittel, gute Aussprache zu erlernen, besteht darin, einen guten Lehrmeister anzunehmen.“ Aus dem gleichen Grunde verlangt Hezel(1799)) von dem Sprachlehrer, daß er, wenn er auch kein vollendeter fran- zösischer Sprachkenner zu sein brauche, wenigstens„die ächte Aussprache oder den richtigen Accent“ habe. Von diesen beiden Methodikern wird weiter unten ausführlicher die Rede sein. 1) Traite méthodigue de la bonne prononciation et de l'orthographe francoise. Gießen 1781. Dies Buch ist ein vor- bereitender Kurs für den 1792 erschienenen„Versuch't. ²) Sätze und Dialoge. 3) S. 16 seines Elementarwerkes. II. Die Mittel zur Erlernung der französischen Aussprache. 1. Anknüpfen an bekannte Laute. Die Mittel, deren man sich bei der Anleitung zur französischen Aussprache bediente, sind verschiedene. Am nächsten lag es, daß man, wie man ganz allgemein an die deutsche Mutter-— sprache oder an die den Schülern früher fast ebenso bekannte lateinische Sprache anknüpfte, ebenso auch bei der Aussprache von den dem Lernenden geläufigen Lauten der deutschen oder lateinischen Sprache ausging. Da dieses allerdings sehr primitive Verfahren vielen Grammatikern mit Recht nicht als genügend erschien, bedienten sich die meisten, wie wir später sehen werden, gleichzeitig noch anderer Hülfsmittel. Schon Palsgrave(1530), der für Engländer schreibt, vergleicht die französischen Laute mit englischen(und italienischen). So sagt er z. B.: E in Uhe french long hath thre dyverse Sotemdes, for somtyme they sowmde Eym lyke as we do in our tonge in these words, a beere, a beest a peere, a beene and suche lyke.... The socomndyng of e, zohiche is most generally epte with them, is suche as we gyve to e in our tong in these wordes aboue rehersed, that is to say, lyte as the ltalianes sounde e, or they with vs that pronounce the latine tonge aright.¹) Und an einer anderen Stelle schließt er seine Erklärungen mit den Worten: So that, for the most generalte, the frenche men sounde all theyr fyue vowelles lyke as the Italiens do, except onely theyr v, whiche euen so often as they vse for a vowel alone, hath with them suche a sounde as we gyue Tthis diphthong ew, in our tong in these wordes rewe an herbe, a mewe for a hacoke, a clewe r threde.²) Auch macht Palsgrave auf einen allgemeinen Unterschied zwischen der französischen und englischen Aus- sprache aufmerksam, nämlich, daß zu seiner Zeit das e am Ende der Wörter im Französischen gesprochen wurde, was im Englischen damals nicht mehr der Fall war). y Ellis a. a. O. I, 77. ²) Ellis a. a. O. III, 818.— Eine Reihe von Beispielen aus Palsgrave in deutscher Uebersetzung bei Lütgenau a. a. O. 9, 16, 24, 36, 42, 43, 64. Desgl. bei Lange a. a. O. 19, 21. 4 3) Vgl das Zitat bei Lange a. a. O. 27.— Dieselbe Bemerkung schon im Lambeth-Fragment(1528), was Lange nicht bemerkt; es heißt da: Sur toultes choses doibuit noter gentz Englois, guil leur fault acustemern de Hronucer la derniere lettre du mot fräcois, guelg; mot gue ce soit(rime æxceptee) ce gue la lan gue englesche ne Hermet. Ellis a. a. O. III, 815. — 16— Auch De la Faye(1611) hält diese Methode des Vergleichens, vorausgesetzt, daß das mündliche Vorbild des Lehrers nicht dabei fehlt, für die beste: Paratur autem haec(sc. pronun— ciatio) potissimum Natura, Arte et Erercitatione, docendi caussa haec in principia interna et externa distingui possunt. Natura enim causa est remotior, et guasi uroxsiusvoy Subfectum illius: habitus, gqui Arte et Exercitatione comparatur.— Kalio autem Artis tradendae, est fidelissimi Praeceptoris: modus discendi optimus iurta MHMethodum artificialem, guae est, cum Pronuncialio haec Gallica cum Germanica confertur el perité demonstratur; et hac Methodo solä paucissimis horis Pronunciatio Gallica demonstrari potest. Ganz allgemein spricht er es aus, daß ein ersprießlicher Unterricht„in stetem Vergleich beider Idiome“ bestehe. Mit lateinischen Lauten vergleicht Caffa(1661), ebenso Serreius, in dessen Grammatica Gallica(1618) es z. B. über den Laut a heißt: Pronunciatur ut apud Latinos oder über b.: Latinorum more leniter profertur, et non ita duriter ut P. Ided cauendum ne cum eo confundatur. Mit deutschen Lauten vergleichen der unbekannte Verfasser der 1656 in Tübingen er- schienenen Grammatica Gallica, gelegentlich auch Oudin(1640)), Rayot(1643), A. Mey (1669), der damit ziemlich unbeholfene Bemerkungen über die Hervorbringung der Laute ver-— bindet²), Gravius(1671), der Abrégé de la Grammaire Françoise(1699), Canel(1688) Perger(1698) u. a. Besonders betont wird das Vergleichen mit der Muttersprache von Duez in seinem Guidon (1657 ff), wo es heißt:„Darnach seynd.... alle Regeln mit Fleiß auff die Teutsche Sprach ge- richtet worden; weil ich offtmahls erfahren/ daß man einem Menschen/ so irgend eine Sprach lernen will/ auff keine bessere Weise einiger Silben oder einiges Buchstabens wahre Aussprach recht ein bilden und zu begreiffen geben kan/ als durch Gegenhaltung und Vorstellung etlicher anderer Sylben oder Buclistaben/ die in seiner Mutter-Sprach eben also(wo nicht gantz/ je- doch beynahe) lauten.“ D. Martin, der Universitäts-Sprachmeister war, konnte, wie wir aus seinem Compendium Favi(1627) sehen, bei seinen Schülern nicht nur mit deutschen und lateinischen, sondern auch mit griechischen und hebräischen Lauten vergleichen ²). Ebenso hat er umgekehrt in seinem zur Erlernung des Deutschen bestimmten Acheminement(1635) die deutschen Laute durch ähnliche französische erläutert. Es heißt deshalb schon auf dem Titelblatt dieser deutschen Sprachlehre: contenant des reigles faciles de la prononciation exprimée par le moyen du son des Lettres Françoises. Auch Jean Meyer(1683) meint, wenn man sich schon schriftlicher Ausspracheregeln be- diene, dann sollten sie wenigstens so eingerichtet sein,„wie es des lernenden natürlicher Mutter- sprach am nächsten kommt.“ Er legt großen Wert auf den richtigen Akzent der Worte, eine gleichmäßige Betonung und leichte, fließende Aussprache. Besonders hebt er noch hervor, daß man in der gewöhnlichen Unterhaltung das e der Endung nicht aussprechen dürfe. Die Beispiele für die Unterdrückung dieser Laute hat er aus der Grammatik des Duez entnommen,„und einem Anfängling zulieb allzeit mit teutschen Buchstaben dero ontrahirten Laut exprimiret. Obwohl ¹) z. B. S. 41: Wostre eu d'ordinaire se prononce comme I' õ margué lô] des hauis Allemands. ²) Mey's Kapitel De Pronunciatione beginnt folgendermaßen:„Die Frantz. Buchstaben werden wie auf Teutsch ge- sprochen, ausgenommen: ia, ie, ii, io, iu, ge, gi, Werden wie /sch/ mit Stimm gesprochen. Die Stimme ist nur eine Auswerffung aus dem Magen, so einen Schall hat. Ohne Stimm aber ist/ wann man nur bläset, ohne Schall.“ 3) Buffier(1711) stellt in einer Tabelle für bestimmte Laute französische, deutsche, englische, italienische und spanische Wörter zusammen, in denen diese Laute vorkommen, und verweist außerdem als gelehrter Grammatiker auf das Griechische. — 17— nicht zu läugnen/ daß die Teutsche expression nicht allzeit die Frantz. naturelle Art asseguirt, und daher etwa noch einig lebendige Vorsprach des docentis dabey wird vonnöthen seyn.“ Das Vergleichen mit der deutschen Muttersprache anstatt mit dem Lateinischen nimmt im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts immer mehr zu. Das ist die natürliche Folge des Umstandes, daß die lateinische Sprache allmählich immer mehr von ihrer früheren Bedeutung und weiten Verbreitung einbüßte. So meint z. B. M. Kramer(1691), der auch in syntaktischen Fragen großen Wert auf den Vergleich mit der Muttersprache legte, eine fremde Sprache lerne man viel leichter„durch Gegeneinanderhaltung der angebornen/ als einer erstudirten Sprach.“ Im 18. Jahrhundert finden wir noch das gleiche Verfahren. Wie z. B. Herbau(1708) in seinen Ausspracheregeln das Deutsche zur Erklärung heranzieht, zeigen einige Beispiele aus seiner Grammatik: „ai Wie ein Teutsches ä: als faire machen/ raire schweigen. Nimm auß nachfolgende Wörter/ in welchen es wie ein Lat. E lautet/ 1. pai, ich hab/ je nai, ich werde gebohren/ fe scay, ich weiß.— 2. Das Futurum aller Verborum, als: je ferai, ich werde thun/ je dirai, ich werde sagen.— 3. Das einfache Perfectum der ersten Conjugation]/ als: ſ'aimai, ich hab geliebet/ e parlai, ich hab geredet. aign Wie auff Teutsch äni/ als baigner, baden/ daigner, würdigen. Man schreibt gagner, gewinnen/ und nicht gaigner. ail In einer Sylben wie alg/ als: atirail, Zurüstung/ bétail, das Vieh/ travail, Arbeit. ail! Wird gelesen wie al-i oder alg/ als tailler, schneiden/ travailler, arbeiten. aim In einer Sylb wie im Teutschen äing/ als faim, Hunger/ daim, eine Gemf.“ usw. Aehnliche Zusammenstellungen finden sich in vielen Grammatiken ¹), wo in gleicher Weise wie bei Herbau schon Bemerkungen aus der Formenlehre(z. B. über Endungen) eingeflochten werden. An das Lateinische schließen sich im 18. Jahrhundert noch Raucourt(1704)) und De Pratel(1715)) an, der in seiner 834 Seiten umfassenden Grammatica Burgundica sehr aus- führlich von der Aussprache handelt. P. Roux(1760, 1765) verweist in seinen Büchern wegen der französischen Aussprache ebenfalls noch auf lateinische, hauptsächlich aber auf deutsche Laute, macht aber gleichzeitig auf die Mängel dieses Verfahrens aufmerksam, so wenn er S. 8 seines „Kursen Begriſfs“(1765) sagt:„Wenn man hier sagt, daß man aim, ain etc. fast wie eng oder eing ausspricht, kan man mercken, daß in Aussprechung dieser letzten teutschen Sylbe einige etwas von a, als in dem teutschen Wort ein mercken lassen, welches aber nicht im Französischen geschehen darf. Man muß sich auch nicht einbilden, daß man das n sowohl als g, gleich wie in dem teutschen Wort eng an statt enge, oder doch etwas gelinder müsse vernehmen. Den man 1) z. B. Sarganeck, Chastel. ²) 2. B. S. 11:„Vocalis i. et O. gallice et latine eodem modo exprimuntur, vocalis autem u. eſffertur Burius et absgue adminiculo vocalis O. sed Quasi sibilus ederetur, v. g. rompu fractus, suben sur.“ 3) So sagt er z. B.:»A sonum Latinis Brobrium servate oder über die beiden e-Laute, die er unterscheidet, bemerkt er: Masculinum ex accentu cognoscitur et ad Latinam pronuntiationem accedit. EFemininum... omni caret Accentu et molli eſfertur sono.— Auch mit spanischen und flandrischen Wörtern vergleicht er. — 18— muß von dem æ fast gar nichts hören, welches auch bey den folgenden Num. II. 23. und 30. zu wiederholen ist; sintemal z. E. ang ja nicht darf lauten, wie in dem teutschen Wort Anfang; sondern man hort in allen diesen Sylben nichts als einen dunkeln Klang Sonum nasalem) und nicht ein n oder& so stark, wie im Teutschen.“ Hatte Bernhard(1607) die Dialektaussprache zum Vergleich herangezogen, so warnt Roux davor, beim Vergleichen mit deutschen Lauten falsche Dialektaussprachen mit einzu- mischen. So sagt er z. B.(S. 9) bei der Unterscheidung von ö, e, ä:„absonderlich müssen es diejenigen Teutschen wohl mercken, welche es lnämlich das ö] gar zu helle machen, und pro- nunciren blede an statt ölöde, damit sie nicht hernach Serviter an statt Serviteur pronunciren.“ Reichlich Gebrauch von dem Vergleichen mit der Muttersprache macht der Herausgeber des Verbesserten Fransösischen Langius(1743). Im Anschluß an Comenius vertritt er die Ansicht, man solle beim Lehren und Lernen einer Sprache Stück für Stück an eine schon bekannte, z. B. die Muttersprache anknüpfen und das damit Uebereinstimmende und davon Abweichende hervorheben.) So stellt er z. B. zur Verdeutlichung des Unterschiedes zwischen Tenues und Mediae deutsche Wörter gegenüber,²) was besonders auch der Dialekte wegen von Nutzen sein konnte. Der Verfasser sagt nämlich:„Die Herren Sachsen und Franken können sich diesen gewiß guten Rath mit un- gemeinem Vorteil zu Nutze machen.“ Weil dieser Grammatiker den französischen Silbenklang möglichst aus den deutschen Tönen, „mithin das unbekannte aus Vergleichung mit dem bekannten erläutern“ will, geht er zunächst mit seinen Schülern an der Hand von Freyer's„Orthographie“ das Wichtigste aus der deutschen Schreibung und Aussprache durch. Auch als Sarganeck über den Gebrauch seiner„General- Tabelle alles Declinirens und der natürlichen Syntax“ spricht(1743, S. 146), bemerkt er:„Nach dieser Tabelle ist... zuvörderst die Muttersprache des Lernenden wohl zu exerciren...“³) — Sogar auf satzphonetische Fragen seiner Muttersprache macht Sarganeck— wie schon Meigret¹)— seine Schüler aufmerksam, um daran dieselbe Erscheinung in der französischen Aussprache zeigen zu können.⁰) Auch heute noch hört man immer wieder, wie die Schüler hauptsächlich der Unterklassen die dem Sinne nach meist schwachbetonten Wörter(wie Artikel, Pronomina, Präãpositionen u. dgl.) ebenso stark betonen wie die Wörter(Substantiva, Verben u. dgl.), die Hauptträger des Sinnes sind. Und auch heute noch haben wir kein besseres Mittel, ¹) Auch S. 607 ff. der Aufl. von 1743(in den Auflagen 1758, 1769 S. 470 ff.) wird in dem„Verbess. Pranz. Langius“ auf die Vorzüge der Obera didactica des Comenius verwiesen; es heißt da u. a., daß dieser Grammatiker mit der Muttersprache und einigen anderen vergleiche, was in vielen Dingen Licht und Vergnügen schaffe. 2)„B und P ist unterschieden, wie im Teutschen, in den Worten Bein und Pein, z. E. bas und Bas.“ Aehnliche Bei—- spiele sind: d: t— denen: tönen, don ton g:—, k— Garten: Karten, guerir. guerir j, g: ch— schaden, Jacgues.† chague V: f— Wein: fein, vin. fin z: s— Rose: Rosse, Zéle. selle. 3) Hezel(1799) geht zunächst an der Muttersprache die wichtigsten Begriffe von Sprachlehre, Sprachregeln, Rede- teilen, grammatischen Terminologien u. àA. durch. 4) Ausg. seiner Grammatik von W. Förster(Sammlung französischer Neudrucke, Bd. 7), Seite VII. 5)„Vocales werden zuweilen durch die drauffolgenden Sylben im Ton verändert: z. E. der Vocallsa in au ist kurtz und schwach in dieser Connexion: Du sagst gar nichts darzu, weil eine starke, laute oder steigende Sylbe drauf folgt. Hingegen ist das„ lang, stark und laut in dieser Connexion: Sagst du denn nichts dazsu? weil eine schwache, stille oder fallende Sylbe drauf folgt.“ — 19— den Schülern, die Wort für Wort gleich stark hervorstoßen, das Sinnwidrige einer derartigen Artikulation zu zeigen, als ihnen ebendenselben Satz mit der gleichen Betonung deutsch vor- zuführen. Poetevin(1728 und 1753), der sich an Roux und z. T. auch an den„Verbesserten frans. Langius“ anschließt, vergleicht ebenfalls mit deutschen Lauten, behandelt aber die Aussprache nicht so ausführlich wie seine Vorbilder, sondern begnügt sich mehr mit tabellarischen Zusammen- stellungen. Ebenfalls von Roux oder Comenius scheint Georg August Fuchs(1739) be- einflußt zu sein, der seine Regeln an das Deutsche oder das Lateinische anzupassen sucht, „welches ein Hauptvortheil ist, wenn man eine fremde Sprache erlernen will, daß man beständig das unbekannte auf etwas bekanntes reducire.“ Dieses Prinzip überträgt er auf die Aussprache- lehre. Er nennt dem Schüler deutsche oder lateinische Wörter, in denen die in Frage kommen- den Laute in gleicher Weise ausgesprochen werden. Auf diese Art stelle man die bekannte Aus- sprache der IZmagination als gegenwärtig dar und messe die noch unbekannte gleichsam danach ab. Mit deutschen Lauten vergleichen um jene Zeit noch P. Mignot, dit Beautour(1743) ¹), Steinbrecher(1744), Colom(1776)), Greiffenhahn(1749), Klüter(1750), die Gram- maire Raisonnée(1762)), Parrot(1763), Demengeon(1791)), Chastel(1792) 5), Debo- nale(1797), Brüel(1799) u. a. Während uns die neuere Phonetik gezeigt hat, daß die scheinbar im Französischen und Deutschen gleichlautenden Laute doch von beiden Völkern verschieden hervorgebracht werden, worauf auch gelegentlich frühere Grammatiker schon hinwiesen, meint Du Grain(1738):„Man muß sich nicht einbilden daß alles anders als in Latinitate und im Teutschen ausgesprochen werde.“ Auch Steinbrecher(1744) identifiziert einfach eine Reihe von deutschen und französischen Lauten. Vorsichtiger drückt sich Rädlein(1729, 3. Aufl.) ⁰) aus, der in einem besonderen Abschnitt davon spricht,„was ein Teutscher im pronunciren im Frantzösischen vornehmlich in Acht zu nehmen hat.“ Vor allem warnt er vor der aspirierten Aussprache der Hochdeutschen und weist auf die Verschiedenheiten der Aussprache hin mit den Worten:„Wer unterschiedene Landübliche Sprachen gelernet, der muß, wenn er eine jede recht aussprechen will, bey einer jeden den Mund und die Zunge auf andere Art formiren.“(S. 71). Mouton(1712), der das Deutsche nur sehr mangel- ¹) Er sagt z. B.(S. 5) über den ersten Laut in Wörtern wie 7uste, Jesus: presgque le même son gu'ils lles Allemands] donnent à sch, le plus délicatement gu'il leur est Hossible. ²) S. 22 heißt es bei ihm:„Dieses nasse, oder lieblich fließende? muß so zweifelhaft lauten, daß man nicht weiß, ob das 7 mehr vor, oder mehr hinter dem? gehõret werde. Am besten ist es, daß man den Laut des Vocalis oder Diphtongi etwas lang schleppe, und dann das folgende wie j spreche, wie im Deutschen Familie, so auch fa-mi-lle. Wenn dieses am Ende steht, so muß man kurz abbrechen, mit einer gelinden Zerfliessung: als mail wie mahlf, oder ein sanftes mahlch.“ 3) In ihr wird z. B. der dumpfe n-Laut verglichen mit dem e der Votsilben in deutschen Wörtern wie„Gewerb, Ge- dächtniß, Getümmel“ u. a.— Daß die Laute keineswegs gleich sind, hebt K. Quiehl hervor in seiner„Franz. Aussprache und Sprachfertigkeit.“ 5. Aufl.(Leipzig u. Berlin 1912), S. 31. 4) z. B. S. 33: Das m, n der Nasalvokale laute„Ungefähr wie das deutsche a vor in den Wörtern Mangel, fangen, länger.“ Doch dürfe man ja nicht das mit aussprechen. 5) In seinem Essai d' une Grammaire achevée, der sich hauptsächlich mit der Formenlehre und Wortfügung befaßt und in dem deshalb die Aussprache nur kurz behandelt ist, heißt es:„D klingt wie das deutsche a, noch etwas sanfter.— G vor a,, u, und vor einer consonne klingt wie in dem deutschen Worte Gott, oder groß, nach der oberrheinischen Mundart, das ist, wie ein halbes 2.— G vore und? wie ein halb ausgesprochenes deutsches sch.“ 6) Rädleins Behandlung der Aussprache wird von Du Grain(1738) als eine in jeder Hinsicht vollkommene gerühmt. — 20— haft beherrschte, war sich dieses Unterschiedes in der Artikulation wohl nicht bewußt. Immerhin aber hält er es für nötig, seine Vergleiche mit deutschen Lauten durch ein hinzugefügtes„bei- nahe“ einzuschränken. Aehnlich wie Roux ¹) warnt Greiffenhahn(6. Aufl. seiner Grammalica Literatorum, 1749, 8. 16) vor dem Uebertragen einer falschen provinziellen Aussprache:„B wird ausgesprochen Wie es die Niedersächs. Teutschen aussprechen, nemlich so, daß man den äussersten Teil der Lippen gelinde comprimire, doch bh nicht mit dem Teutschen confundire.“ Welche Nachteile das stillschweigende Anlehnen an dialektische Eigentümlichkeiten haben konnte, zeigt folgendes Beispiel. Setau spricht S. 22 seiner„Franz. SDrachlehre für die Deutschen“(1787) von dem sanften deutschen s in Wörtern wie sehen, Nase u. dgl. Für ihn, der vielleicht von Geburt Norddeutscher war— seine Grammatik erschien in Danzig— bestand freilich kein Unterschied, aber Süddeutsche wurden durch derartige Regeln leicht irregeführt. Gerade bei den Grammatikern des 18. Jahrhunderts können wir immer häufiger beobachten, daß sie auf deutsche Dialektaussprachen Rücksicht nehmen. So läßt Ohm(1795) das französische & vor a, o, u,„wie ein gelindes ½“ sprechen. Den Vergleich mit deutschem& weist er zurück, „weil viele Deutsche das wie ein gelindes-h aussprechen“ und deshalb„chott, char, chut“ sprächen. ²) Daulnoy(1797) bezeichnet französisches ꝗ vor a,, u ebenfalls als gelindes A, und& vor, i als gelindes schᷣ. Er bemerkt aber dazu:„Keine bessere Aussprache können wir angeben: wer aber einen gebohrnen Franzosen sprechen gehört hat, wird sich von selbst überzeugen, daß zwischen dieser und der französischen Aussprache noch ein ÜUnterschied ist.“ Daulnoy zieht sogar Fremdwörter zum Vergleich heran, ohne dadurch aber dem Schüler die Aufgabe zu ver- einfachen. Wenn man Wörter wie Genie, logiren gut aussprechen könne, dann habe man die ächte Aussprache; ebenso, wenn man von dem deutschen& vor a, o, u„die harte und aus der Kehle kommende Aussprache“ wegnehme. Dieser Grammatiker ist sich also ebenfalls der Mangel- haftigkeit der sich ans Deutsche anlehnenden Aussprachemethode bewußt und warnt auch vor der Anwendung einer provinziellen Aussprache(z. B. Kenig für König, fri für früh), weil man sonst mit den Zeichen ö und é einen falschen Laut verbinde. Gegen das Vergleichen französischer Laute mit deutschen wendet sich De la Veaux in seinen Vrais Princihes(1785):„Ein großer Fehler aller bisherigen Franz. Sprachlehren für die Teutschen liegt darin, daß sie die Töne der Franz. Sprache schlechterdings mit den Tönen der Teutschen Sprache übereinstimmig machen wollen, und daß sie lehren, jene wie diese auszu- sprechen. Eine ganz untaugliche Methode! Sie ist schuld, daß niemand, der ihr folgt, gut aus- sprechen lernt.“ Auch gedenkt De la Veaux der Schwierigkeiten, die sich für dieses Verfahren aus den dialektischen Verschiedenheiten der deutschen Sprache ergeben. Er fährt fort:„Freilich ist der Unterschied zwischen dem 7 der Franzosen und dem à der Teutschen nicht groß, allein in der Art beyde auszusprechen, giebt es einen Unterschied. Der Teutsche spricht mehr mit der Kehle ³), der Franzose mehr mit dem Munde, und ist auch dieser Unterschied in gewissen Ländern Teutschlands nicht vorhanden, so wird er doch in vielen anderen merklich, wo man verschiedene Aussprache hat. Wir wollen uns einer solchen Methode zu bedienen wohl in Acht nehmen, und nur sagen: Das einzige Mittel, gute Aussprache zu erlernen besteht darin, einen guten Lehr- meister anzunehmen.“ ¹) S. 17 dieser Abhandlung. ²) Auch Mauvillon(1754) warnt vor gewissen französischen wie deutschen Dialektaussprachen. ³) Vgl. S. 9, Anm. 1 dieser Abhandlung. — 21— Wohl unter dem Einfluß dieses bedeutendsten Grammatikers des 18. Jahrhunderts wendet sich auch Schlett(1799) gegen ein Anknüpfen an deutsche Laute. Auf S. 1 sagt er in seiner Grammatik:„Einige Sprachlehrer kamen auf den Gedanken, die Töne durch Buchstaben aus- drücken zu wollen. Sie sagten z. B. das französische ai oder ois wird ausgesprochen wie das deutsche ä, das& wie sch. Jedem, der nur nicht ganz harte Ohren hat, wird das Lächerliche und Falsche dieser Art bald auffallen.“ Schlett betont(S. 21) nicht nur:„„lautet viel leiser als ein deutsches sche vor, i“, sondern gibt auch Beispiele von Ausspracheunterschieden, die zeigen, daß er schon recht scharf zugehört hat. So sagt er S. 3:„z lautet im Französischen viel schärfer und heller als im Deutschen. Karl, so wie es ein Deutscher ohne Affectation ausspricht, und Charles von einem Franzosen gesprochen, welch ein Unterschied im Tone!“ Oder S. 17 heißt es:„C hat eine doppelte Aussprache. Es lautet wie ½, doch ohne dem Nachhall ¼, der sich im Deutschen hören läßt, und kurz und scharf vor a, o, u.“ Innerlich verwandt mit dem in diesem Abschnitt geschilderten Verfahren ist das ebenfalls seit den Anfängen des französischen Unterrichts übliche Transkribieren der fremden Laute durch Zeichen der lateinischen oder deutschen Sprache, denn auch das ist im Grunde ein Vergleichen mit den Lauten einer dem Lernenden bekannten Sprache. Von dieser Methode wird in einem besonderen Kapitel ausführlich die Rede sein; auch werden wir dort an Beispielen zeigen, wie man zunächst nur die Aussprache einzelner Laute und Silben, allmählich aber ganze Wörter, Sätze und Uebungsstücke mit deutschen und lateinischen Lettern umschrieb und diese Trans- kriptionen zu verbessern suchte. Mit Rücksicht auf den uns zu Gebote stehenden Raum schließen wir jetzt ein kleineres Kapitel an, in dem wir auf ein anderes Verfahren eingehen werden, die französischen Laute auf schriftlichem Wege zu verdeutlichen. 2. Anweisungen über die Hervorbringung der Laute. Schon im lateinischen Unterricht muß es üblich gewesen sein, die Hervorbringung der fremden Laute zu beschreiben. So sagt z. B. Desiderius Erasmus in seinem De recta Latini Graecigue sermonis pronuntiatione Dialogus(o. O. 1528) auf S. 92 über den Laut a: A, diducto largiter ore profertur, lingua recta suspensa, hoc est, nec ad palatum superius afflexa, nec in latus dentin uallum impacta, nec in latus dentii illisa, nec inter dentium hiatum inserta, uoxgue prodit er arteria profundiore, feriens superius palatunm. Was uns vielleicht sonderbar erscheinen mag, daß sich die neusprachliche Methode in ihren Anfängen durchweg an den Lateinunterricht anschloß¹), war nur eine ganz natürliche Folge des Umstandes, daß die lateinische Sprache durch das ganze Mittelalter hindurch noch eine lebende Sprache war und sich wie eine solche den jeweiligen Bedürfnissen der Gesellschaft, deren Denken und Empfinden anpaßte. So wurden auch in die lateinischen Grammatiken stets die jeweilig neuen Wörter, Formen und Konstruktionen aufgenommen. Geflissentlich stellten die Grammatiker schon seit Priscian den modernen Sprachgebrauch dem alten entgegen ²). ¹) Vgl. Streuber a. a. O. 81/82.— Vgl. auch meinen Aufsatz in den Veueren Sprachen XXII, 457, 460, 581 u. 582. ²) Vgl. Dietrich Reichling, S. VI der Einleitung zu der kritisch-exegetischen Ausgabe des Doctrinale des Alexander de Villa-Dei.(¶Monumenta Germaniae Paedagogica, Bd. XII). Berlin 1893. — 22— Für das Französische finden wir eine Angabe über die Stellen, wo die Vokale hervorge- bracht werden, schon in dem um 1400 geschriebenen Donait francois des Johan Barton: Le premier vouyel est a et serra sonne en la poetrine, le seconde est e el serra sonne en la gorge, le tiers est i et serra sonne entre les joues, le guart est O et serra sSonne au palat de la bouche, le quint est u et serra sonne entre les levres.¹) In dem Lambeth Fragment on French(1528) finden wir folgende Stelle: A. ought to be pro- nounced from the bottom of the stomak and all obenly. E. a lytell hyer in the throte there probrely where the englysshe man soundeth his a.— i more hyer than the e within the mouthe.— O in the roundenesse of the lyphes.— V in buttynge a lytell of wrynde out of the mouthe thus, ou, and not you. Und Tory(1529) sagt in seinem Chamfp fleury: I veult estre pronunce.... dune alayne et esperit yssant entre les dents ung peu serrees. ²) Mehr allgemeinerer Art ist die Bemerkung, die Palsgrave(1530) über die Hervorbringung der französischen Laute macht. In der Einleitung zu seinem umfangreichen Eclaircissement sagt er: To be armonious in theyr Spekyng, they use one thyng, which none other nation dothe, but onely they, that is to Say, they mabe a maner of modulation inwardly, for they forme certayne of theyr vowelles in theyr brest, and suffre nat the sounde of them to Hasse out by the mouthe, but to assende from thhe brest straight up to the palate of the mouth, and so by reflection vssueth the Sounde of them by The nose. 2²). Aus der Introductorie des Du Guez(1532) ließe sich allenfalls die folgende Stelle als eine derartige Beschreibung der Artikulation ansprechen: Ve shal pronounce your a, as wyde mouthed as ye can.¹). Im übrigen vergleicht Du Guez, der die Aussprache überhaupt ziem- lich kurz behandelt, mit den lateinischen und englischen Lauten. Häufiger hat Pillot(1550) derartige Beschreibungen angewandt. So heißt es bei ihm: Iuter b, et p, d, æt t, v/consonantem et digammam t, Germani perguam tenue discrimen faciunt: Galli mullo maius pronunciantes b, et d, et v, consonantes leuiori Spiritu remissiorigue labiorum motu guam p, t, et i. Ueber den durch n in Wörtern wie Allemagne u. ä. bezeichneten Laut bemerkt er: lingua in medio curua et pulsante inferius maxillam, Ssalina interclusa, ut Sonus fiat madior et delicatior, quod imitatione diligenti galli loquentis, guam descriptione longa, melius discere licet, neque sane, ad id idioma recté scribendum ut effertur, hactenus habuimus satis indonaeum elementum.⁵) Ueber die den Deutschen eigentümliche Ausprache des französischen) heißt es bei demselben Grammatiker: Germani primum gallicéè sonore discentes hanc consonantem malè exprimunl largiore gquiphe Spiritu et plus aeguo referatis primoribus dentibus ijsgue non satis oppressa lingua. H. Estienne(1582) bemerkt über das weibliche«, es werde obtuso minusgue claro algue adeo imperfecto quodam sono, guasi faucibus inhaerente gesprochen. Von Beza(1584) können wir mehrere derartige Beispiele anführen. Ueber à sagt er S. 12: Haec vocalis, sono in radice linguae solis faucibus formato, ore hiante dlarè et sonorèé d Francis egfertur, quum illam Germani obscurius et sono gquodam ad gquartam vocalem o accedente pro- ¹) Vgl. Stengel in Zeitschrift f. neufranz. Sprache u. Lit. J, 25. 2) Zitiert von Lange a. a. O. 19, Anm. 2. ³) Ausg. von Génin, S. XV.; auch zitiert von Ellis a. a. O. III, 816. 4) Ausg. von Génin(derselbe Band wie Palsgrave) S. 899. 5) Pillot ist sich also schon der Unzulänglichkeit phonetischer Transkriptionen wie überhaupt jeder schriftlichen Fixierung von Lauten bewußt. Er verwirft derartige Hülfsmittel keineswegs, sondern fordert nur zur Ergänzung den mündlichen Unterricht, wovon in einem besonderen Kapitel die Rede sein wird. 28— nuntient.*). Der Lautem werde in gewissen Stellungen wie n ausgesprochen: ita videlicet ut non modo labia non occludantur, sed etiam linguae mucro dentium radicem non feriat(S. 30). Und n müsse gesprochen werden(S. 32): mucrone videlicet linguae miniméè illiso Superiorum dentium radici.²) Beza scheint aber auch schon erkannt zu haben, daß jedes Volk seine eigene Artikulationsweise hat. Eine Hauptschwierigkeit für die Ausspracheerlernung erblickt er nâmlich darin, quòd unaguaegue gens in natiuo Suo idiomate peculiare guiddam obseruet, ad cuius normam qum peregrinas etiäã linguas vitiosè inflectit, ita fit ut Cermani Germanicè, Angli Anglic, Franci Erancicé, Lalinas voces enuntient tam varié, ut erudite quidem aures, quarum Sueerbissimum est fadicium, grauiter lfendantur: vulgus autem imperitum totidem linguas audire sibi merito vicleatur. Von den Grammatikern des 17. Jahrhunderts nennen wir: Cachedenier, Du Val, Bernhard 3), Knobloch, Mey und DPielat, der teilweise recht gute Beschreibungen über die Hervorbringung der Laute gegeben hat. In Cachedenier's Introductio(1601) heißt es z. B. S. 2: ₰ clarée et sonore effertur, id est, aperto ore, lingua videlicel ad palati radices ita reducta, ut non feriat dentes. Oder über das 5 sagt der Verfasser S. 10: Hec onsonans oris labiorum compressis intus mutit, estgue plenioris et durioris soni quäm p. Beide Laute würden von den Deutschen leicht durcheinander geworfen. Ueber die Hervorbringung des ᷣ heißt es S. 12: Haec litera molaribus super lingua extrema apbulsis intimague lingua ante palati fastigium percussa, exprimitur. Du Val(1604) schreibt z. B. S. 8 vor: C. Se prononce les leures ouuertes, du bout de la langue contre les dents, tellement gu'il en a un son plus obtus et moins discerné, tirant sur la con-— sonnante§ ⁴)j. Oder über d sagt er: D. est en cela conforme au b, gu'il ne change point de pronon- ciation, toujours fraphé du bout de la langue contre le rang des dents hautes(S. 11). Bei einer ganzen Reihe von Lauten macht Mey(1669) Bemerkungen über ihre Hervor- bringung. Allerdings sind seine Beschreibungen über die physiologischen Vorgänge bei der Lauterzeugung selbst im Vergleich zu den oben genannten früheren derartigen Versuchen recht unbeholfen, so wenn er z. B. zu Anfang seiner Grammatik sagt:„Die Frantzösischen Buchstaben werden wie auf Teutsch gesprochen, ausgenommen: ia, ie, ii, io, io, ge, gi, werden wie/ sch/ mit Stimm gesprochen. Die Stimm ist nur eine Auswerffung aus dem Magen, so einen Schall hat. Ohne Stimm aber ist/ wenn man nur bläset/ ohne Schall.“ Oder es heißt bei ihm:„é, es, er am ende wie langes e, aber mit lachendem Mund.“ Oder:„ai, ei, eck, el, ets, oient wie ein langes e, aber mit eröffneten Zähnen“.—„u wie 2, mit geschlossenen Leftzen“ und ill werde wie ili„mit der Zunge halb am gaumen gehalten“ gesprochen. Auch im 18. Jahrhundert findet das Verfahren, die Laute und ihre Hervorbringung zu be- schreiben, eine ganze Reihe von Anhängern. Fr. Roux sagt S. 9 seines Wvum lumen(1711): Sonus duarum Literarum B et D per labiorum compressionem formatur et discernitur. P cum duriori interioris labiorum bartis compressione, B autem exteriorem saltem labiorum partem leniter compri- mendo effertur5³). Fuchs(1739), der sich an Roux anschließt, will in seinem Unterricht bei jedem ¹) Zitiert von Ellis a. a. O. III, 820 und Lange a. a. O. 19. ²) Vgl. Ellis a. a. O. III, 826 und Lange a. a. O. 31. 3) Vgl. S. 15, Anm. 8 dieser Abhandlung. 4) Er umschreibt deshalb auch Wörter wie Zacçon, deca mit Fason, desa. ³) Auch in seinem„Kurzen Besrile(1765), S. 63 ff. finden sich Beschreibungen der Lippenstellung u. dgl. — 24— Konsonanten angeben:„l. wie er ausgesprochen wird; 2. wo er ausgesprochen oder ver- schwiegen wird.“ Mauvillon(1754), der die Anwendung von Transkriptionen zur Verdeutlichung einer fremden Aussprache für unzureichend hält, sieht dagegen in den Beschreibungen der Hervor- bringung der Laute ein vorzügliches Hilfsmittel für den Ausspracheunterricht: J'ajoute encore qu'on beut faciliter la brononciation en décrivant en dötail les divers mouvemens de la langue et des léèvres; et αest αe que fe me propose de faire, non pas pour ceux de ma nation, comme le Philosophe de Moliere;¹) mais pour les Etrangers, dont la plüpart ne prononcent mal plusieurs de nos voyelles et de nos consonnes, que par les fauæ mouvemens gqu'ils font faire à ces organes.(S. 4) ²). Kilg(1783) bemerkt(S. 122) zunächst allgemein über die Ausprache: Elle consiste en des sons formés de l air gui séchape des poumons, et articulés à leur passage par les divers mouvemens et Situations de la langue, du gosier, du palais, des lévres et des dents. Die Laute teilt er(S. 132) ihrer Hervorbringung nach ein und erklärt kurz, wo sie gebildet werden. Zu p und 5 bemerkt er z. B.: Des levres plus ou moins serrées ensemble. Dann folgt m: Comme b, mais moitié du nes. Dann f, ph, v: De la levre inférieure contre les dents supérieures.— s, c,&, z: Des dents de devant.— ch, j, g: Du large des dents.— t, d: Du dbout de la langue contre les dents de devant.— n: comme d, mais moitis du nes.— l: Du bout de la langue contre le palais vers les dents.— r: comme l, mais dure et la langue tremblante.— q, c(k), g: Du dos de la langue contre le palais vers le gosier.— h: Elle est ou forte, sortant avec force de la Hoitrine pan le gosier, ou muette.— gn: Du dos de la langue contre les dents, mais moilié du nes. Während Kilg, wie die Beispiele zeigen, von dieser beschreibenden Methode ausgiebig Ge- brauch macht, bedient sich Demengeon(1791) ihrer nur gelegentlich einmal, nämlich für die stimmhafte breite Spirans(z. B. juger), S. 58:„Um den gehõrigen Laut zu treffen, darf man es nur mit zurückgehaltener Zunge und ohne die Lippen zu bewegen aussprechen.“ Ueberhaupt machen viele der in diesem Kapitel genannten Grammatiker nur gelegentlich einmal, bei be- stimmten Lauten, von diesem Verfahren Gebrauch. So z. B. auch Schlett(1799), der(S. 13) nur über die nasale Aussprache bemerkt:„Es kömmt nämlich der Laut nicht offen zum Munde heraus, sondern er stößt sich ober dem Munde ab, und die Consonanten a und n werden gar nicht gehört.“ Außer auf die Vokale wird die die Lautentstehung beschreibende Methode von den Grammatikern besonders auf die Nasale, die stimmhafte breite Spirans und den Unterschied von Mediae und Tenues angewandt. Für alle Laute dagegen bedienen sich dieses Verfahrens schon Palsgrave und Beza und vor allem dann im 18. Jahrhundert Fuchs, Kilg, Mey, Chastel, Daulnoy u. a. Auf die Hervorbringung der Nasallaute macht Chastel(1792) in seinem Essat d'une Grammaire achevée(S. XXI) aufmerksam:„Die voyelles nazales werden auf viererley Arten ausge- sprochen,s) alle vier mit offener Kehle, und mit vier verschiedenen Aufsperrungen des Mundes, indem sich die Kinnbacken mehr oder weniger auseinandergeben. Die vier Töne lauten un- gefähr wie ang, eng, ong, öng.“ Und S. XXII fügt er hinzu:„Bey der Aussprache der Nasensylben darf weder der Gaumen noch die Lippen anstoßen, und die Luftröhre in dem hintersten Munde muß offen bleiben.“ In seinem Traité methodique de la bonne prononciation et de lorthographe ¹) Vgl. Molière, Ze Bourgeois gentilhomme II, 6, wo man eine ganze Reihe solcher Lautbeschreibungen findet. ²) Beispiele derartiger Beschreibungen bei Mauvillon(1754), S. 56 ff. 3) z. B. fambe, aimant, vin, bon, un. —-— 25+ frangoise(1781) empfiehlt er dem Lehrer, die Schüler die verschiedensten Mundstellungen für die Hervorbringung der Laute einnehmen zu lassen, z. B.„bald den Mund zu ölnen, wie bei dem Vokal o in or, und bei dem Nasendoppellauter ien in bien...; bald die Zähne zusammen zu halten, wie in der Aussprache des e in été...; bald die Spitze der Zunge an den Gaumen zu bringen, wie bei dem... wie bei der Aussprache des konsonant...“ usw. Auch De la Veaux macht in seinen Vrais Princibes(1785) gelegentlich einmal(S. 22) eine Bemerkung über die Hervorbringung. Bemerkenswerter ist, daß er— wie der vorhin genannte Kilg— die Konsonanten nach ihrer Hervorbringung einteilt in Lippen-, Zungen-, Gaumen-, Zahn- und Nasenlaute. Diese Einteilung der Laute in Gutturale, Palatale, Labiale und Dentale, die Fogliani(1791) in dem der italienischen Sprache gewidmeten Teil seiner Elemens philosophigues(S. 4) als jetzt üblich bezeichnet, hat sich ganz allmâhlich durchgesetat. Während zwar die meisten Grammatiker des 16. bis 18. Jahrhunderts die Laute oder vielmehr die Buchstaben noch in alphabetischer Ordnung aufführen, finden sich Ansätze zu einer phonetischen Einteilung schon seit der ältesten Zeit. Wenn allerdings in dem Lambeth Fragment(1528) die Laute f, L, m, n, r, s als Halbvokale ſdemy voelles) von den übrigen Konsonanten(mutes) getrennt werden, ¹) so handelt es sich hierbei noch um keine eigentliche Einteilung nach der Hervorbringung. Barcley(1521) hatte über die Konsonanten gesagt: These consonantis be deuyded agayne into mutes liquides and semy vowels. ²) Dagegen rechnet der für Deutsche schreibende Lumnius(1588), der in seiner Grammatik die Buchstaben— nicht die Laute— in„Consonanten, Vocalen und Liquiden“ einteilt, zu letzteren nur I, m, ¹n, T. Ramus(1562) unterscheidet voyelles ouvertes und voyelles arrondies, scheint also schon eine Vorstellung von dem Unterschied zwischen rein lingualen und labialisierten Vokalen gehabt zu haben. ²) An die Einteilung des Lambeth Fragment erinnert Canels(1688) Unterscheidung der Kon- sonanten in Liquidae und Mutae. Er definiert(S. 7):„Die Liquidae seynd C. F. L. N. und K. die allezeit so wol im Anfang/ Mitten/ als am Ende der Wörtern müssen ausgesprochen werden... Die übrige Consonantes seynd mutae.“ Fuchs(1739) erinnert zwar daran, daß die Hebräer ihre Konsonanten nach der Hervor- bringung in Gutturale, Labiale u. s. w. eingeteilt hätten, behält aber selbst die alphabetische An- ordnung bei. Durchgeführt wird die phonetische Einteilung der Laute im Unterricht erst am Ende des 18. Jahrhunderts bei Kilg, De la Veaux und Fogliani. Diese Anordnung fand nach und nach immer mehr Anklang. In der 4. Auflage z. B. der„Grossen franz. Sprachlehre“ von Daulnoy(1821) werden der Reihe nach die Lippenlaute(S. 29), Zahnlaute(S. 32), Nasen- laute(S. 34), Zungenlaute(, 7 S. 36), Kehllaute(c,& vor a, o, u), Zischlaute(5, 7, vor ⸗, 5, hervorgebracht durch das Zischen der dem Gaumen sich nâhernden Zunge, und h,&, 7 vor,:, hervorgebracht durch das Zischen der von dem Gaumen sich entfernenden Zunge), Labiodentale O., pkh, v) u. s. w. behandelt. Das nur nebenbei. 3 Hatte schon Pillot) auf die Unzulänglichkeit derartiger Anweisungen über die Artikulation, wie wir sie oben angeführt haben, hingewiesen, so spricht sich doch von all den Grammatikern, deren Lehrbücher wir eingesehen haben, nur einer direkt gegen dieses Verfahren aus, nämlich ¹) Vgl. Ellis a. a. O. III, 815. ²) Vgl. Ellis a. a. O. III, 806. 3) Vgl. Lange a. a. O. 20. 4) Vgl. S. 22 dieser Abhandlung. — 26— Setau(1781). Genau so wie er sich gegen das Transkribieren der Laute wendet, sagt er, auch Regeln, die angeben,„wie man den Mund, die Zunge, die Lippen, und die Backen bewegen, und mit wieviel Wind jeder Ton herausfahren soll“, seien unbrauchbar.¹) In den um jene Zeit erschienenen englischen Grammatiken finden sich wahrscheinlich für all diese Versuche, dem Schüler die fremde Aussprache beizubringen, analoge Beispiele. Anhangs- weise sei hier nur eine Bemerkung aus der französisch-englischen Grammatik von Rogissard (1734) mitgeteilt. Es wird darin nicht die Hervorbringung einzelner Laute beschrieben, sondern allgemein auf die Eigentümlichkeit der englischen Artikulation hingewiesen: Les Anglois mouvrent gue fort peu la bouche en parlant, et ils ne se servent presgue que du bout de la langue, des levres et des dents pour prononcer leurs mots. Und ganz zutreffende Beschreibungen über die Hervor- bringung einzelner Laute, z. B. des stimmhaften th, finden sich auch in der nach den Grundsätzen der Meidingerschen Grammatik abgefaßten Englischen Sprachlehre des Erlanger Lektors Joh. Christian Fick(1797).²) Doch hält dieser Autor andererseits die mündliche Unterweisung gerade für den Ausspracheunterricht für unerläßlich. Denn in der Vorrede zur 1. Auflage seines Englischen Lesebuchs(1800) ³) sagt er, der Lehrer habe beim ÜUnterricht darauf zu achten,„daß er die Aussprache des Lernenden durch eigenes Vorlesen, und vermittelst des Gehörs, verbessere und verfeinere; weil unser deutsches Alphabet selten hinreicht, die Aussprache genau zu be- zeichnen.“ Mit diesen Worten lehnt Fick auch die Transkriptionen ab, sofern sie nicht bloß Hülfsmittel für den Ausspracheunterricht neben der mündlichen Unterweisung bleiben. ¹) In seiner„Franz. Sprachlehre für die Deutschen“(1787) führt er folgendes Beispiel einer solchen zwecklosen Laut- beschreibung an:„um das auszusprechen, muß sich die Zunge von beiden Seiten gegen den Gaumen erheben, und einen kleinen Kanal bilden, durch welchen die Luft aus dem Munde gestoßen wird.“ ²) Vgl. die Beispiele bei Beck a. a. O. 106. 3) Die 4. Aufl. dieses Lesebuchs findet sich zusammen mit des Verfassers„Prakt. Engl. Sprachlehre“(13. Aufl., 1820) unter dem Gesamttitel„Theoretisch-praktische Anweisung sur leichtern Erlernung der Engl. Sprache“ in der Roth-— schild-Bibliothek zu Frankfurt a/M.(Signatur: Or 375). Literatur. E. Stengel, Chronologisches Verzeichnis französischer Grammatiken vom Ende des 14. bis zum Ausgang des 18. Jahr- hunderts. Oppeln 1890. Außer den darin verzeichneten Grammatiken wurden benutzt: Wilh. Gerberding, Ueber die orthographischen Reformversuche der ältesten französischen Grammatiker. Programm der Luisenstädtischen Gewerbeschule in Berlin. 1868. A. J. Ellis, On early english pronunciation. Part I, London 1869. Part III, ib. 1871. F. Lütgenau, Jean Palsgrave und seine Aussprache des Französischen. Bonner Diss. 1880. A. Lange, Der vocalische Lautstand in der französischen Sprache des 16. Jahrhunderts. Gött. Diss. 1883. O. Thoene, Die lautlichen Eigentümlichkeiten der französischen Sprache des 16. Jahrhunderts. Gött. Diss. 1885. E. Stengel, Beiträge zur Geschichte der romanischen Philologie in Deutschland.(Ausgaben und Abhandlungen aus dem Gebiete der romanischen Philologie, LXIII. Marburg 1886. ——, Die ältesten Anleitungsschriften zur Erlernung der französischen Sprache.(Zeitschrift für neufranz. Sprache und Literatur I, 1 ff.). 1879. ——, plan einer Geschichte der französischen Grammatik besonders in Deutschland.(Zeitschrift für franz. Sprache und Literatur XII, 257 ff.). 1890. F. Koldewey, Braunschweigische Schulordnungen von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1828. Bd. II.(Monumenta Germaniae Paedagogica, Bd. VIII.). Berlin 1890. K. Dorfeld, Französischer Unterricht.(Reins Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik, 2. Aufl., Bd. III, 1 ff.). Langensalza 1905. L. Clément, Henri Estienne et son oeuvre française. Thèse.— Paris 1898. A. Lehmann, Der neusprachliche Unterricht im 17. und 18. Jahrhundert, insbesondere seine Methode im Lichte der Reform der Neuzeit. Programm der Annenschule(Realgymnasium) zu Dresden. 1904. D. Behrens, Zur Geschichte des neusprachlichen Unterrichts an der Universität Gießen.(„Die Universität Gießen 1607 bis 1907.“ Festschrift.) Gießen 1907. O. Boerner und E. Stiehler, Zur Geschichte der neueren Sprachen.(Neue Jahrbücher für Pädagogik, IX. Jahr- gang(Bd. XVIII von Ilbergs Neuen Jahrbüchern), Seite 334, 392 und 459). 1906. L. E. Farrer, La vie et les œuvres de Claude de Sainliens alias Claudius Holyband. Thèse.— Paris 1908. Chr. Beck, Die neueren Sprachen in den Markgrafenländern Anspach und Bayreuth.(Zeitschrift für französischen und englischen Unterricht IX, 1 ff. u. 97 ff.). 1910. G. Kemmerer, Philipp Garnier, sein Leben und seine Werke. Gieß. Diss. 1911. A. Alge, Die Entwicklung der Methode im Französisch-Unterricht an einer Schule während hundert Jahren(seit 1753). (Neuere Sprachen XXI, 415). 1913. A. Streuber, Beiträge zur Geschichte des französischen Unterrichts im 16. bis 18. Jahrhundert. I. Die Entwicklung der Methoden im allgemeinen und das Ziel der Konversation im besonderen.(Eberings Romanische Studien, XV.) Berlin 1914.