. 2 * — 3 5 — — —.— Die Franzſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Jul. Paraquin. . Rechtsgeſchichtliche Einleitung und Gerichtsorganiſaticn 2 „ . München, 1861. Literariſch⸗Artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. Proſpeetus ſiehe umſtehend. ⸗ 7 N 5 3 5 6 „ — — „ * — Prospreius. Im Verlage der Unterzeichneten erſcheint: Die Franzüſiſcht Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Julius Paraquin. In ſechs Abtheilungen. gr. 8Sb. Dieſes von dem Herrn Verfaſſer, einem rheinbayeriſchen Juriſten, den Gebildeten aller Stände überhaupt, ſowie ſeinen Berufsgenoſſen in den Ländern des deutſchen Staates insbeſondere gewidmete Werk umfaßt die geſammte Civil- und Strafgeſetzggebung Frankreichs in klaren, bündigen und doch erſchöpfenden Zügen. Der Darſtellung der Geſetzgebung iſt eine rechtshiſtoriſche Einleitung und die Gerichtsorganiſation (Bichteramt, öffentliches Miniſterium, Anwaltſchaft, Advokatur, Notariat, Gerichts ſchreiberei . ꝛc.) vorausgeſchickt, neben welcher auch das zum Verſtändniß Nothwendige über Prganiſation und Competenz der Adminiſtration ſeinen Platz findet. Das Ganze erſcheint in ſechs Heften von je 6 bis 8 Bogen. Einleitung und Organiſation bilden den Inhalt des erſten Heftes, dem in monatlichen Zwiſchenräumen die fünf andern folgen, deren erſtes das Civilrecht, das zweite den Civilprozeß, das dritte das Bandelsrecht, das vierte das Ztrafrecht und das fünfte den Straf- prozeß behandeln. Einem jeden Hefte iſt ein Inhaltsverzeichniß beigegeben. Der Preis eines Heftes richtet ſich nach der Bogenzahl; der Preis eines Bogens wird circa 8 kr. betragen. Literariſch⸗artiſtiſche Anſtalt der 3. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. der Die Fraͤnzöſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Jul. Paraquin. L. uechtsgeſchichtliche Einleitune und Gerichtsorganiſation. München, 1861. Literariſch-Artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. — — Porrede. Seit etwa zwei Dezennien hat ſich in den Staaten des deutſchen Bundes im Felde der Geſetzgebung eine nie geahnte Thätigkeit ent⸗ wickelt, und im entſprechenden Verhältniſſe das Intereſſe aller Schich⸗ ten der Staatsangehörigen für die Werke der Geſetzgebung geſtei⸗ gert. — Der in Folge der techniſchen Erfindungen der Neuzeit täglich an Lebendigkeit und Ausdehnung zunehmende Verkehr der Völker, die tauſendfach hieraus reſultirenden Combinationen des ſocia⸗ len und Geſchäft⸗Lebens, vor allem aber der Sieg des conſtitutio⸗ nellen Syſtems in dem Staatsrechte der deutſchen Stämme, wel⸗ cher an Sicherheit und Nachhaltigkeit von Jahr zu Jahr in den erfreulichſten Dimenſionen zunimmt, ſind die Factoren obiger Er⸗ ſcheinungen. Ueberall aber, wo es ſich um die Umgeſtaltung und Refor— mirung der vorhandenen Geſetze und um die Schöpfung neuer han⸗ delt, kömmt jene außerordentliche und merkwürdige Geſetzgebung zur Sprache, die ſich in Frankreich unter dem Einfluſſe der Revolution 1* IV am Schluſſe des vorigen Jahrhunderts entwickelt, und dann unter dem Kaiſerthum ihre Ausbildung und völligen Abſchluß gefunden n hat. — Wir ſind glücklicherweiſe über den ſtarren und unfruchtbaren Standpunkt hinausgekommen, das Gute zu verſchmähen, wenn wir de es nicht ſelbſt entdeckt und herangebildet haben; die Vernunft iſt g zu ihrem Recht gekommen, die uns heißt, das Gute zu benützen und 6 zu pflegen, wo wir es auch finden; — und ſo iſt es gekommen, daß u mehr und mehr die franzöſiſche Geſetzgebung in ihrem Werthe erkannt wird, und die Vorurtheile gegen ſie ſchwinden. Einzelne Theile derſelben, wie die Gerichtsverfaſſung, die bürgerliche Prozeßordnung i der Strafprozeß erfreuen ſich ſchon jetzt des Triumphes, in ihren Hauptzügen und Prinzipien die Grundlage der meiſten neuen Geſetz⸗ gebungen geworden zu ſeyn. Und warum ſollte das nicht auch ſo ſ ſeyn?! — Hat ja doch die franzöſiſche Geſetzgebung ihren practiſchen Werth, ihre Tüchtigkeit durch eine ſechzigjährige Erfahrung in der mannigfaltigſten Weiſe unter den verſchiedenſten Verhältniſſen bewährt. — Und haben nicht wir Deutſche bei näherer Bekanntſchaft mit der— ſelben ſo manches germaniſche Element in derſelben gefunden, im ma⸗ teriellen wie im formellen Rechte, ſo daß wir mit Freude es wahr⸗ nehmen, wie uns nicht ein völlig fremder Gaſt entgegentritt. — Es iſt ja auch ganz natürlich ſo gekommen, denn das Hauptelement — des franzöſiſchen Volkes iſt ja ein germaniſches, Blut von unſerm Blut, Bein von unſerm Bein! — Und wenn wir ihren Werth aner⸗ tennen, iſt es darum nothwendig, gegen ihre Mängel blind zu ſeyn. — Wie ſich aber dieſer Werth eben bewährt hat, den Nachweis dieſer Behauptung ſind wir noch ſchuldig, und wollen ihn ſofort liefern. — nter den wen wir ſſt und daß nnt eile ung hren ſetz⸗ ſ chen V An und für ſich liegt ſchon der beſte Beweis in dem Umſtande, daß man, wie geſagt, bei allen Geſetzgebungswerken auf die fran⸗ zöſiſche Geſetzgebung recurrirt, und ganze Beſtandtheile derſelben mit dem glücklichſten Erfolge in den Staaten unſeres Vaterlandes ein⸗ geführt hat und überall daran iſt, noch welche einzuführen. — Einen ſolchen gewichtigen Einfluß aber kann nur ein gutes Werk ausuben. — In den Ländern, welche Frankreich vecupirt hatte, und die nach dem Sturze des Kaiſers von dieſem Staate getrennt und zu einer neuen Staatenverbindung angewieſen wurden, oder zum alten Vaterlande wieder zurückkehrten, wie die Provinzen des linken Rheinufers — Rheinpreußen, Rheinbayern, Rheinheſſen, Baden — war auf Befehl des Imperators oder ſchon früher der republikani⸗ ſchen Regierungen Frankreichs, dieſe Geſetzgebung eingeführt, das heißt, dieſen Ländern aufgedrungen worden, und es mußte alſo an⸗ fänglich das odium des Zwanges darauf laſten. Allein der vortreffliche Gehalt hatte in verhältnißmäßig kurzer Zeit die betreffenden Völker ſo verſöhnt und befreundet mit ihr gemacht, daß ſie, als ſie es gekonnt hätten, ſich nicht mehr davon trennen wollten, und ſich glücklich ſchätz⸗ ten, wie billige Regierungen ihnen den weitern Beſitz eines von ihnen als ſo ſchätzenswerth erkannten Gutes verſprachen und zuſicherten. — Wie zufrieden aber die Franzoſen ſelbſt mit derſelben ſind, das beweiſt unter anderm auch der Umſtand, daß die ſonſt ſo leicht be⸗ wegliche Nation bezüglich der Veränderung ihrer Geſetze, ſo weit ſie nicht das Staats⸗ und Verfaſſungsrecht betreffen, einen überraſchen⸗ den Conſervatismus an den Tag legt, und ſelbſt zugeſtandene Mängel nur mit leiſer und ſchonender Hand berührt, aus Furcht, die Har⸗ monie und den Zuſammenhang des Ganzen zu ſtören. 3 1 6 3 V Es iſt für gar Viele ein unerklärliches Räthſel — die Erſchei— nung, welche die franzöſiſche Nation ſeit den letzten zehn Jahren der Welt darbietet. Wir ſehen ein Volk, das, in dem kurzen Zeitraum von ſechzig Jahren, drei Staatsumwälzungen unter den furchtbar— ſten Kraftanſtrengungen, welche oft ſeinen gänzlichen ſittlichen und politiſchen Untergang herbeizuführen drohten, zur Erringung oder Er⸗ haltung ſeiner politiſchen Freiheit durchgekämpft hat; — das in ſinn⸗ loſer Wuth die Regierung niederſchlug, die ihm ein größeres Maaß politiſcher Freiheit gewährt, als es vorher beſeſſen und vielleicht je beſitzen wird, die Regierung eines Fürſten, den es ſich ſelbſt erwählt, der in der rauhen Schule des Lebens herangereift und durch harte Schickſale geprüft war und milde und klug herrſchte, der bei man⸗ chen Mängeln ausgezeichnet war durch Vorzüge des Geiſtes und des Herzens, und deſſen durch hohe, vortreffliche Tugenden glänzende Familie die beſten Garantien einer weiſen und wohlwollenden Re— gierung auch für die Zukunft darbot; — wir ſehen dieſes nämliche Volk heute aller politiſchen Freiheit beraubt, mit dem Scheine der— ſelben nur genarrt, unter den eiſernen Scepter eines gewaltigen Mannes gebannt, von Cayenne und Lambeſſa bedroht, zu unermeß— lichen Geldverluſten, zu furchtbaren Menſchenopfern in Kriegen gezwun— gen, die ſein Herr aus rein egviſtiſchen Zwecken führt. — Ja noch mehr, wir ſehen es mit guter Miene ſich dem Regime des Napoleoni— den unterwerfen, und immer noch im Wohlſtande und finanziellen Credite gut daſtehen. Wo liegt der Grund dieſer Erſcheinung? — Nicht in der Cha⸗ rakterloſigkeit, nicht in dem Ehrgeiz der Nation, wie man ihr 3 5 . — —— — * E — E — er m U⸗ nd VM oberflächlicherweiſe vorwirft. Er liegt allein in ſeiner guten Geſetzgebung, die ſie freilich gegen ein Meer von Blut und Thrä⸗ nen eingetauſcht hat, die aber ſo mächtig iſt, ſie mit der bürgerli⸗ chen Freiheit, welche ſie im vollen Maaße darbietet, für den Verluſt der politiſchen, auf einige Jahre vielleicht noch hinaus, zu entſchädigen. Unbeſtreitbar von großem Intereſſe iſt es alſo, dieſe Geſetz⸗ gebung von ſo hohen Vorzügen näher kennen zu lernen, aber ein tieferes Studium derſelben erfordert Zeit, Vorkenntniſſe und Hülfs⸗ mittel, wie ſie nicht Jeder hat, wie es auch nicht für Jeden noth⸗ wendig iſt. Kennt er die Grundlagen des Ganzen und die Aus⸗ fit hrung derſelben nach ihren Hauptbeſtandtheilen, ſo genügt das. Wir haben es uns nun zur Aufgabe gemacht, die franzöſiſche Ge— wie ſie unter dem Kaiſer Napoleon ihren Abſchluß ge— funden hat, mit Ausſchluß der politiſchen Geſetzgebung, in ihren Grundzügen in ſcharfer und klarer Zeichnung darzuſtellen und nicht allein für den Juriſten ſondern me hr noch für den Gebildeten jeden Standes, der an der Entwicklungsgeſchichte der Menſchheit reges In⸗ tereſſe nimmt, zu ſchreiben. Wir werden ſo nach einer rechtsgeſchicht⸗ lichen Einleitung die Gerichtsverfaſſung, dann Civilrecht und Civil⸗ prozeß, Handelsrecht, Criminalrecht und Criminalprozeß dem Leſer vorführen. — Den Gegenſtand betreffend, g laube ich nach dem Ge⸗ ſagten keiner weitern Rechtfertigung mehr zu bedürfen, um ſo weniger, als bis jetzt unſeres Wiſſens in dieſer Richtung noch kein Werk in der dentſchen Literatur erſchienen iſt. — ein längeres theoretiſches Studium dieſer Geſetzgebung, die uns theil⸗ weiſe lieb und theuer iſt, ſowie durch practiſche Beſchäftigung in Wir ſelbſt aber wollen durch VII derſelben als Einzeln⸗ wie als Collegialrichter, in Civil⸗ und Straf⸗ ſachen, ſowie als Beamter der Staatsbehörde, unſere, allerdings ſchwache Befähigung zu gegenwärtiger Unternehmung legitimiren, und ſo erlauben wir uns noch ſchließlich, unſer Buch dem Wohlwollen und der Nachſicht des Leſers ſowie der Kritik zu empfehlen. München im Jannar 1861. E. J. Paraquin. —— Eä . — —— 2. — — 2 N 95 n, en Rechtsgeſchichtliche Einleitung. I. Pie franzöſiſche Geſetzgebung vor der Revolution bot ein ſehr unbefriedigendes, trübſeliges Bild im Ganzen wie im Einzelnen dar. Weder im bürgerlichen, noch im Straf⸗Recht, noch in der Gerichtsverfaſſung eine Einheit; kein unabhängiger Rich⸗ terſtand, ein zum Sprichwort gewordener ſchlechter Anwalt⸗ oder Prokuratorenſtand; keine genaue Abgränzung der Juſtiz von der Ad⸗ miniſtration und Politik; Verkäuflichkeit aller Stellen; in Straf⸗ ſachen keine, in Civilprozeduren eine höchſt dürftige und beſchränkte Oeffentlichteit des Verfahrens; eine Menge Ausnahmsgerichte, namentlich in Criminalſachen die ſogenannten Commiſſionen von welchen eine Maſſe Unſchuldiger, oft die edelſten Männer des Landes hingemordet oder in ſchrecklichem Kerker gehalten wurden. Erklärlich iſt es alſo, daß bei dem erſten Beginn der Revo⸗ lution die Umbeſſerung ſolcher Verhältniſſe in die vorderſte Reihe der Wünſche und Beſtrebungen trat. Immer zahlreicher wurden die Vorſchläge für Beſſerung hier und dort, immer drängender geſtaltete ſich das Bedürfniß darnach, immer unerträglicher und peinlicher drück⸗ ten die Mängel des ancien regime auf die Nation, immer näher rückte der Sturm heran — da endlich entlud ſich das entſetzliche Wetter, das ſich ſeit langen Jahren am politiſchen Horizonte Frankreichs ge— ſammelt hatte, in furchtbaren Schlägen, zerſchmetterte Alles was im Wege ſtund, das Gute mit dem Schlechten, und führte durch Jahre der ſinnloſeſten Barbarei, der grauſenhafteſten Greuel und Menſchen⸗ ſchlächterei die franzöſiſche Nation zum Beſſern. 10 Rechtsgeſchichtliche Einleitung. Eine große, ſreie Geſetzgebung, wie noch nie eine beſtanden, ſollte geſchaffen werden; nach dem Willen der Idealiſten ohne allen Zuſammenhang mit dem Dageweſenen; aber ſchließlich mußte man ſich zur Benützung der gegebenen Grundlagen dennoch verſtehen, denn Geſchichte und Tradition läßt ſich nicht ſo ohne weiteres Widerſtreben zum Thore und Hauſe hinauswerfen. Sehen wir uns alſo im Ein— zelnen die beregten Grundlagen an: Das Civilrecht war nach Provinzen ein verſchiedenes; ein für alle Theile des Reiches geltendes bürgerliches Geſetzbuch eriſtirte nicht. Frankreich war in dieſer Beziehung eingetheilt in die Länder des geſchriebenen Rechts pays du droit éerit. worunter das römiſche Recht zu verſtehen war, und in die Länder des Gewohnheitrechts — pays du droit coutumier, was germaniſcher Herkunft war. Im Norden und Oſten des Landes herrſchte vorzugsweiſe das letztere Recht, im Süden und Weſten das erſtere. Der Gewohnheitsrechte oder coutumes gab es eine ſehr große Anzahl. Galten ſie für ganze Diſtricte oder Provinzen, (z. B. für Burgund, die Normandie ꝛ.) ſo nannte man ſie coutumes générales, waren es nur Ortsrechte, coutumes locales. Die letzteren ſollen ſich auf 300 belaufen haben, die erſteren etwa auf 60. — Die Juriſten pflegten ſie auch nach ihrem Inhalt zu benennen, z. B c d'usage, d'usufruit. des ser- vices fonciers. — aus dem Sachenrecht — d'égalité. aus dem Erb⸗ recht, c. Die erſte offizielle Sammlung der coutumes geſchah auf Befehl Karl VII. 1452 durch die Ordonnanz von Tours. Und zwar wurde mit den coutumes de Bourgogne der Anfang gemacht. Die Arbeit wurde unter den folgenden Königen fortgeſetzt und die betref⸗ fende coutume jedesmal vom König durch einen lettre patente, offe⸗ nen Brief, beſtätigt, ſobald ihre Redaction vollendet war. Indeſſen galt in den Ländern des Gewohnheitsrechtes das Römiſche ſub⸗ ſidiariſch. — Etwas mehr Einförmigkeit bot der Civilprozeß dadurch dar, daß ſich die meiſten Unter- und Obergerichte nach den königlichen Decreten hiefür — ordonnanges du roi*) — in der Hauptſache *) Auch für einzelne Beſtimmungen des Civilrechts waren königliche Ordonnan⸗ zen erlaſſen, ſo die von Franz I. 1539, Karl IX. 1561, Ludwig XIV. 1667, S Rechtsgeſchichtliche Einleitung. 11 wenigſtens richteten, und namentlich durch die Ptablissements de saint Louis, (1270) durch eine Ordonnanz Philipp des Schönen vom Jahre 1291 und eine ſpätere deſſelben Königs vom Jahre 1302, endlich aber durch die ordonnance civile vom Jahre 1667 eine feſtere Baſis erhielt. Noch präciſer regulirte eine Ordonnanz von 1771 das bei den Parlamenten auszuführende Verfahren. Aber einem beſſern und gleichförmigern Zuſtande ſtanden die ungeheuern Mängel in der Gerichtsverfaſſung im Wege, ſowie die vielen Gewohnheiten, die ſich hauptſächlich an den Untergerichten gebildet hatten. In we⸗ niger kläglichem Zuſtande befand ſich in Folge ſchon früh organiſir⸗ ter, aus Handelsleuten zuſammengeſetzten, Handelsgerichten, die ſich trefflich bewährten — das Handelsrecht, deſſen Grundlagen eine ordonmance pour le commerce du continent. 1673, und die or- donnance de la marine. 1681, beide unter Ludwig XIV erlaſſen, waren, nachdem man ſich früher mit ſehr vereinzelten Dekreten und Gewohnheiten beholfen hatte. Ein allgemeines Strafgeſetzbuch beſtund eben ſo wenig, als ein ſolcher Strafprozeß. Auch hier hielt man ſich an vereinzelte, geiſtig und hiſtoriſch unzuſammenhängende Geſetze, und an hergebrachte Gewohnheiten. Das Verfahren war ein geheimes ſchriftliches, nachdem das öffentliche, urſprüngliche ger⸗ maniſche unter den Merovingern von den Karolingern zum größten Theile, von den Capetingern vollſtändig verdrängt worden war. Unbeſtreitbar aber am erbärmlichſten ſah es in der Gerichts⸗ verfaſſung aus, in der Region derer, die das Recht zu ſchöpfen, zu wahren und zu vertheidigen hatten. Um den Beweis dieſer Behaupt⸗ ung ſofort und bündig zu führen, dürfen wir nur des Umſtandes erwähnen, daß alle, aber auch alle Stellen verkäuflich, ja zu Zeiten an den Meiſtbietenden verkäuflich waren. Nur die Advokatur, die als eine freie Kunſt betrachtet wurde, machte eine Ausnahme. Die von der Advokatur getrennte Prokuratur oder Anwaltſchaft dagegen, die Stellen der Richter, Gerichtsſchreiber, Beamten des öffentlichen Miniſteriums (gens du roi, Staatsprokuratoren), Notäre, Gerichts⸗ vollzieher (huissiers, sergens) waren erblich und verkäuflich. Ludwig XV. über Schenkungen 1731, über Teſtamente 1735, über Sub⸗ ſtitutionen 1747. — — — 12 Rechtsgeſchichtliche Einleitung. Die nothwendigen Conſequenzen eines ſolchen Syſtems liegen am Tage: Unfähige drängten ſich vermöge ihrer Mittel zu den Aemtern, während dieſelben dem unbemittelten Talente verſchloſſen blieben; Leute, welche durch Kauf zum Amt gelangten, wollten in der Regel ſobald als möglich auch ihre Kaufſumme wieder heraus⸗ ſchlagen und dazu langten die ehrenhaften Mittel natürlich nicht aus. Verhältnißmäßig beſſer ſah es bei denen aus, welche kraft Erb⸗ lichkeit zu Stellen gelangt waren und es gab Familien, die mehrere Jahrhunderte hindurch ſtets berühmte Richter und Räthe und Be⸗ amte des öffentlichen Miniſteriums an die Parlamente lieferten und als familles de robe durch Talent, Kenntniſſe und Charakter ihrer Mit⸗ glieder damals glänzten und heute noch mit Achtung genannt wer⸗ den, wie die d'Agueſſean, Montesquieu, Molé, Séguiér 7. Die Erſt⸗Inſtanzgerichte waren theils königliche, theils patrimo⸗ niale, theils kanoniſche. Während die königlichen unabhängiger wa⸗ ren, machte ſich bei den patrimonialen der Einfluß ihrer Herren gel— tend. Die patrimoniale Gerichtsbarkeit war in eine hohe, mittlere und niedere eingetheilt, je nach dem Umfang ihrer Competenz. Die hohe Gerichtsbarkeit ertheilte das Recht, über alle Civil⸗ und Cri⸗ minalſachen zu entſcheiden, die mittlere über alle Civilſachen und leichte Vergehen, die niedere über geringe Sewan Gefälle des Grund⸗ herrn und Polizeiübertretungen. Die geiſtlichen Gerichte erkannten über alle perſönlichen Klagen zwiſchen Geiſtlichen oder worin der Beklagte dem Klerus angehörte. Ferner ſtand ihnen über den nichtgeiſtlichen Stand (Layen) die Com— petenz zu in Sachen der Ehe, der Ketzerei, der Simonie, der geiſtlichen Zehnten. Alle dieſe Untergerichte kommen unter verſchiedenen Namen vor als bailliages, présidiaux, s6uéchaussées, prévötés. Bailliages hießen ſolche Untergerichte, weil Barone die ihnen auf ihren Gütern zuſtehende Gerichtsbarkeit ſtatt ſie ſelbſt auszuüben, öfter verpachteten, weßhalb man denn ſolche Gerichtsperſonen baillifs, Pächter nannte. Anfänglich ſtund ihnen Civil- und Criminal⸗Juris⸗ diction in letzter Inſtanz zu, aber die Parlamente, deren Macht ſich immer mehr erhob, drängten ſie zu Erſtinſtanzgerichten herab. Présidiaux kamen unter Heinrich II. auf und wurden den —— —— Rechtsgeſchichtliche Einleitung. 13 größern Städten zugetheilt. Sie waren urſprünglich ſtädtiſche Ge⸗ richte geweſen, indem im 11. und 12. Jahrhundert die Städte in ihrer Blüthezeit auch die Civil⸗ und Eriminal⸗Gerichtsbarkeit erlangt hatten. Als aber das Königthum mächtiger geworden war, als es der Städte zuk Bändigung der großen Barone nicht mehr be⸗ durfte, begann es auch mit der Zerſtörung der Freiheiten und Pri— vilegien der Städte, deren Gerichtsbarkeit fallen und deren Gerichtshöfe dieſen présidiaux weichen mußten, die von königlicher Gewalt aus⸗ gingen. Sénéchaussées waren Gerichte wie die bailliages und wurden ſo genannt von einem königlichen Beamten unter der frän⸗ kiſchen Dynaſtie, der die Gerichte inſpizirte und präſidirte und Sené- chal betitelt waren. *) Die Prévotes waren königliche Gerichte, deren Bedeutſamkeit gleichfalls durch die Parlamente überflügelt und hinabgedrückt wurde, ſo daß ſie ſpäter auch nur als Untergerichte fungirten. Die Pré⸗ votes in Paris hieß bekanntlich das chatelet, weil ſie in einem befeſtigten Schloſſe reſidirte. — Die prévötes des marechaus de France waren adelige Criminalgerichte, die in allen Provinzen Frank⸗ reichs fungirten. Dieſe adeligen Richter brauchten nicht ſtudirt zu ha⸗ ben, mußten aber deßwegen rechtsgelehrte Beiſitzer beiziehen, die lieutenants betitelt wurden. Außerdem kommen noch eine Menge Ausnahmsgerichte in der franzöſiſchen ältern Rechtsgeſchichte vor, wie le prevöt de Phötel, les requétes de P'hötel, les connétablies et maréchaussées de France, les eaux et forets, les jurisdictions des lieutenants generaux de police; la jurisdiction de Phötel de ville, la jurisdiction des intendants, les juges consuls etc. ſo wie viele, welche, oft von kurzer Dauer, namentlich für beſtimmte Verbrechen (wie la chambre ardente, dann ſogenannte Criminal⸗ Commiſſionen) reineBlutgerichte ohne Ehre und Gewiſſen waren. Die zweite Inſtanz bildeten die Parlamente. Ludwig der Heilige, um die Ordalien oder Gottesurtheile abzuſchaffen und zu⸗ gleich die königliche Macht mehr und mehr zu heben, hatte eine Ap⸗ pellation an den König ſelbſt conſtituirt. Anfänglich galt dieß *) Der Seneſchal erinnert an das Amt der missi dominici, welches die fränki⸗ ſche Monarchie geſchaffen hat, und deſſen Träger ebenfalls die Verwaltung des Rechts durch Bereiſen ihrer Legationen oder Diſtrikte zu beſorgen hatten. 14 Rechtsgeſchichtliche Einleitung. nur für ſeine unmittelbaren Domänen, bald aber fand es aller⸗ wärts Nachahmung. Der König konnte natürlich nicht über alle Fälle der Berufung zu Gerichte ſitzen, behielt deßhalb die wichtigſten für ſich, und verwies die andern au ſeinen Staatsrath. Letzterer wurde nun viermal im Jahre in Paris berufen und enſſchied die unerledig⸗ ten Rechtsſachen, und wenn er in dieſer Weiſe fungirte, nannte er ſich Parlament. Daß ein einziger ſolcher Gerichtshof in Paris nicht lange dem Bedürfniſſe des Reiches entſprechen konnte, verſteht ſich von ſelbſt und es wurden ſolcher Parlamente immer mehrere in den größern Städten organiſirt, bis es dreizehn waren, nämlich zu Paris, Toulouſe, Grenoble, Bordeaur, Dijon, Rouen, Aix, Rennes, Pau, Metz, Douay, Beſancon und Nancy. Dieſe Gerichtshöfe erkannten über alle Civil- und Criminalſachen in letzter und zweiter Inſtanz. Ihre Urtheile arréts genannt (von arréter, anhalten, feſthalten, eine Rechtsſache beſchließen) waren nicht mehr angreifbar und ſo hießen ſie cours souverains. — Ein Prä⸗ ſident, mehrere Vicepräſidenten — présidents à mortier von der Sammtmütze mortier, die ſie trugen — und 25 bis 30 ja bis 60 Räthe — conseillers — bildeten das Parlament, dem auch eine entſprechende Zahl von Gerichtsſchreibern (greffiers), Advokaten, Pro— kuratoren und Gerichtsvollziehern beigegeben waren. — Auch ein öffentliches Miniſterium hatte das kluge Königthum zur Vertretung ſeiner Intereſſen dieſen Höfen beigeſellt, wie ſchon früher bei den prevòtes und den bailliages. — Die Beamten des öffentlichen Miniſteriums hießen gens du roi im Allgemeinen; bei den Parla— menten procureurs generaux mit ihren Gehilfen den avocats ge— neraux, bei den Untergerichten procureurs du roi, auch avocats du roi. Aber nicht allein die Fragen der Juſtiz zogen die Parlamente vor ihr Forum, ſondern auch eine Menge Dinge, welche politiſcher und adminiſtrativer Natur waren. Wir erinnern, ohne darauf näher eingehen zu können, weil wir uns ſonſt zu tief in die Geſchichte verlieren müßten, an die Kämpfe der Parlamente, namentlich des Pariſer Parlaments, gegen die immer abſoluter werdende Monarchie, welche nunmehr, nachdem Adel, Städte und Bürger vollſtändig unterjocht waren, den letzten Funken der Freiheit in den Parlamenten ſuchte Rechtsgeſchichtliche Einleitung. 15 und verfolgte *). Am meiſten wurde ihr politiſches Anſehen durch Ludwig XIV. gebeugt, der das Pariſer Parlament als junger Menſch mit der Reitpeitſche auseinander jagte, weil es ſich nicht fügen wollte. Durch dieſes Hereinziehen adminiſtrativer und politiſcher Dinge konnte aber natürlich für die Juſtiz kein Vortheil erwachſen und man konnte ſie nicht rein und abgeſchloſſen nennen. Das Pariſer Parlament zählte 57 weltliche und 15 geiſtliche Räthe in ſeinen Senaten mit einem Präſidenten und ſechs Kam⸗ merpräſidenten (présidents à mortier) an der Spitze, die königlichen Prinzen, die Pairs, die Herzoge, die Staatsräthe, der Erzbiſchof von Paris und der Abt von Clugny hatten Sitz und Stimme und wohn⸗ ten gewöhnlich den Sitzungen der wichtigern Abtheilung des Parla⸗ ments bei, welche Grande Chambre hieß. Die beiden andern großen Abtheilungen hießen Chambre des Enquétes und Tournelle. Die Parlamente behaupteten ein durch Uſus erworbenes Recht, die neuen Geſetze zu prüfen, ſie durch ihre Einregiſtrirung gültig zu machen, oder durch Verweigern des Enregiſtrements der Geltung der Geſetze Einſprache zu thun. — Dieſes allerdings ſehr zweifelhafte Recht gab, wie ſehr erklärlich, die Urſache zu den vielen Kämpfen zwiſchen König und Parlament, welche die letztern mit einer unge⸗ meinen Hartnäckigkeit durchfochten. Manches Parlamentsmitglied brachte ſo ſeinen Namen durch Muth und Seelengröße in unſterb⸗ lichem Ruhme zur Nachwelt, wie der Präſident Jacques de la Vacquerie, [Höpital, Molé, d'Agueſſeau v. Auch eine legislative Macht hatten ſich die Parlamente erworben durch den gleichfalls zum Recht gewordenen Uſus ſogenannte arréts de reglément, für ſämmtliche Behörden bindend, zu erlaſſen, da wo die Geſetze lückenhaft oder unklar ſchienen oder ganz ſchwiegen. — Auch dieſes Recht gab zu vielen Streitigkeiten Veranlaſſung und X ) Im 16. Jahrhundert führte man, um die Oppoſition der Parlamente zu entkräften, die ſog. lits de justice ein, königliche Sitzungen, in denen der Monarch, umgeben von ſeinem Hofſtaat unter allem Gepränge der Maje⸗ ſtät im Parlamente erſchien, und Verordnungen, die er gern durchgeſetzt, in ſeiner Gegenwart discutiren ließ. Aber oft proteſtirte gleich nach ſeiner Ent— fernung das Parlament gegen ſolche erzwungene Beſchlüſſe. 16 Rechtsgeſchichtliche Einleitung. wurde ſpäter den Gerichten durch Artikel 5 des Civilgeſetzbuchs von ² . 1804 entſchieden unterſagt. 6 Die Competenz der Parlamente über die ſogenannten appels comme d'abus zu erkennen, werden wir in der Gerichtsverfaſſung Wi bei den Appellhöfen näher betrachten. — Ebenſo wird die Geſchichte un des grand conseil du roi, an welchen Staatsrath jedoch nur mit i N Genehmigung des Königs Geſuche um Caſſation von arréts der Parlamente in gewiſſen Fällen gebracht werden durften, in dem u Abſchnitte: „der Caſſationshof“ ſo weit nothwendig, berührt werden. wb In gleicher Weiſe müſſen wir, um für den Leſer läſtige Wie⸗ 51 derholungen zu vermeiden, die Geſchichte der Gerichtsſchreiberei, der hu Prokuratur, des Notariats und der Gerichtsvollzieher in die betref⸗ u fenden Kapitel der Gerichtsverfaſſung verweiſen und hoffen ein ge⸗ 1* nügendes und klares Bild von dem Zuſtand der Juſtiz in Frank⸗ reich in allen ihren Theilen vor der Revolution gegeben zu haben. i un II. Geſetzgebung während und nach der Revolution. . mé Die ſiegende Revolution mit ihren Prinzipien: Einheit des ii⸗ Staates, Gleichheit vor dem Geſetze, Aufhebung der Feudalherr⸗ udt ſchaft, Trennung des Staates von der Kirche, Entfeſſelung des Bo⸗ ii dens und der Gewerbe ſtürzte das ganze Gebäude zuſammen der bisher beſtehenden Einrichtungen und Geſetze, die ſich zu ihren Grund⸗ iht ſätzen allerdings im vollſten Widerſpruch befanden. Sie begann ₰ mitten unter innern und äußern Kriegen, unter den ſchauervollſten in Blut⸗ und Jammerſcenen den Aufban einer neuen Geſetzgebung, welche 1 im Einklang zu obigen Prinzipien ſtund. — Schon durch Geſetz vom 5 4. Auguſt 1789 in jener merkwürdigen Nachtſitzung, welche Mignet iſ die St. Barthelemie der Mißbräuche nennt, da ſie ein Anderer die z St. Barthelemi des Eigenthums ſchelten wollte, — auf Antrag ini edler und vernünftiger Adeligen*) hatte die Nationalverſammlung die Lehensherrſchaft, die herrſchaftliche Gerichtsbarkeit und den Zehn— 7 . ut * Ri Lafayette. Lameth, Noailles, Montmorency. Dieſelben beantragten die Ab⸗ k ſchaffung der Adelsrechte überhaupt am 14 Juli 1790 (Jahrestag der Zer⸗ ſtörung der Baſtille). on lMeb ſn ithe t nit § Det den wen. Vie der enf⸗ ge⸗ unk⸗ ben. des her der und⸗ ann ſten lche om et rag ung Ab⸗ Zer⸗ Rechtsgeſchichtliche Einleitung. 17 ten aufgehoben; näher wurde dieſes Geſetz präziſirt und erweitert durch jenes vom 28. März 1790. Ein weiterer Beſchluß der Nationalverſammlung in derſelben Nachtſitzung hob die Verkäuflichkeit der gerichtlichen und Ver⸗ waltungs⸗Aemter ſofort auf mit der Beſtimmung, daß die Juſtiz gra⸗ tis geſpendet werde. — Und dann ſchuf das Geſetz vom 16. bis 24. Auguſt 1790 eine neue Juſtizorganiſation, deren Grundzüge bis auf heute beſtehen, und die eine weitere Vollendung durch das Geſetz vom 27. November bis 1. Dezember 1790 über die Einführung, Organiſation ꝛc. eines Caſſationshofs für das ganze Reich erhielt Die Aufhebung aber aller alten Gerichte des Reichs *) wurde durch ein Geſetz vom 6., 7. und 11. September deſſelben Jahres verfügt. Die Grundzüge der neuen Organiſation waren folgende: Es werden für die unterſte Inſtanz in Civilſachen Einzelnrichter, unter dem Namen Friedensrichter beſtellt, denen auch die Polizeiſa⸗ chen zur Aburtheilung übertragen werden. — Es werden in Civil⸗ und Strafſachen zwei Inſtanzen eingeführt. Es werden hiefür Be⸗ zirks⸗ oder Diſtrictsgerichte gebildet. — Bei allen Diſtrictsgerichten wird ein öffentliches Miniſterium organiſirt. — Es werden Handels⸗ gerichte geſchaffen. Die Verkäuflichkeit der gerichtlichen Aemter iſt aufgehoben; — die Richter werden vom Staate beſoldet und verſehen ihren Dienſt gratis. **) — Die Gerichte können keinen Act der geſetzgebenden Gewalt aus⸗ üben, noch der Vollziehung der Beſchlüſſe derſelben in den Weg treten. Die Juſtiz iſt von der Verwaltung getrennt. — In Civil⸗ und Criminal⸗Sachen iſt Oeffentlichkeit und Münd⸗ lichkeit eingeführt. Für die Aburtheilung der Verbrechen werden Geſchwornengerichte eingeführt. ***) *) Alſo auch der Parlamente, deren Anſehen ſo geſunken war, daß ihre Aufhebung auch nicht das mindeſte Geräuſch mehr machte. **) Die Richter und Räthe erhielten vor der Revolution Geſchenke, épices, von den Parteien, die durch das Geſetz förmlich regulirt waren. Die Verlock⸗ ung zur Beſtechung lag alſo ſehr nahe. **) Das Inſtitut der Friedensrichter und der Geſchwornengerichte entnahmen die 2 18 Rechtsgeſchichtliche Einleitung. Jedes privilegirte Forum iſt für immer abgeſchafft. Alle Staats⸗ ſn bürger nehmen vor denſelben Richtern, in denſelben Formen, in 3 denſelben Fällen Recht. Niemand darf ſeinem natürlichen Richter entzogen werden. Alle Bürger ſind vor dem Geſetze gleich. uit Ein bürgerliches, allgemeines Geſetzbuch, eine beſſere Prozeß⸗ uin ordnung, und ein entſprechendes Strafgeſetzbuch ſoll ſofort entworfen i werden. m So war man alſo in der Gerichtsverfaſſung in kurzer Zeit mit uü Rieſenſchritten vorangeeilt, und wie ſchon geſagt, auch die ſpätere in Zeit behielt die Grundzüge dieſer Organiſation bei. — Manches be⸗ ün wies ſich durch die Erfahrung als unpraktiſch, wie die Wahl der w Richter durch das Volk und wurde bald aufgegeben und die Er⸗ un nennung der Richter der oberſten Staatsgewalt zuerkannt. Aber die in Cardinalſätze haben ſich bewährt bis auf die Jetztzeit. ſin Nicht ſo raſch, wie das auch natürlich iſt, wickelte ſich der noch ſeiner Umbeſſerung harrende größere Theil des Geſetzgebungswerkes, un das Civilrecht, ab. Die Bearbeitung eines allgemeinen bürger⸗ lul lichen Geſetzbuchs ſchien nicht gelingen zu wollen. Die auf die kon⸗ ii ſtituirende Verſammlung folgende legislative kam nicht dazu, die ui große Aufgabe zu löſen. Auch dem Nationalconvente, obwohl er dem Gegenſtande alle Aufmerkſamkeit gewiſſenhaft zuwendete, war dieſer ini franzöſiſchen Geſetzgeber der engliſchen Gerichtsverfaſſung und modifizirten die⸗ ſelben nach dem Bedürfniſſe der Franzoſen. — Die Aburtheilung durch Ge⸗ i ſchworne in öffentlichen und mündlichen Verfahren aber iſt ein uralt germani⸗ M ſches Inſtitut, das die Angelſachſen aus Deutſchland unter Hengiſt und Horſa ni nach England gebracht und mit der dem ſächſiſchen Elemente eigenen Zähig⸗ in keit feſtgehalten und dieſes, ſo wie deutſches Recht überhaupt nach harten Käm⸗ pfen mit der normaniſchen Dynaſtie ſich erhalten und fortgebildet haben, ſo 6 daß der Einfluß des römiſchen und kanoniſchen Rechts nicht ſo draſtiſch in ſl England gegen das germaniſche Recht gewirkt hat, als in Deutſchland ſelbſt zun und in Frankreich. In dieſes letztere Land hatten bekanntlich die Franken, als „ Ug ſiegreiche Eroberer das deutſche Recht getragen und unter den Merovingern zur un Herrſchaft gebracht. — Die völlige Verdrängung des germaniſchen Rechts aber gelang dennoch nicht dem römiſchen und kanoniſchen Rechte und wir finden deßhalb, wie ſchon früher gezeigt wurde, in dem Gewohnheitsrechte, das im ue Norden und Oſten Frankreichs galt, viele Spuren des germaniſchen Rechtes. Ui gats⸗ in zeß⸗ ufen die⸗ ani⸗ orſa hig⸗ im⸗ ſo in lbſt als zur chts den tes. Rechtsgeſchichtliche Einleitung. 19 Ruhm von dem Verhängniſſe nicht beſtimmt. — Er ſollte dem wun⸗ derbarſten Manne ſeiner Zeit zu Theil werden. Der Volksrepräſentant Cambacérès — ſpäter Conſul und Mini⸗ ſter des Kaiſerreichs — arbeitete einen Entwurf zu einem Civilgeſet⸗ buche faſt allein aus und legte ihn am 9. Auguſt 1793 dem Natio⸗ nalconvente vor. Obwohl dieſer Entwurf im Geiſte jener Zeit abge⸗ faßt war, ſchien er doch dem Convent nicht den neuen Grundſätzen ganz entſprechend und ſchwunghaft genug, und es beſchloß derſelbe die Abfaſſung des bürgerlichen Geſetzbuches einer Commiſſion Ge— lehrter anzuvertrauen. — Die Commiſſion kam aber nicht zu Stande. Eben ſo wenig befand ſich nach dem Sturze der Schreckensregierung das Direktorium im Stande die ebenfalls von ihm wieder aufge⸗ nommene Arbeit zu vollenden, obwohl Cambacérès dem Rath der Fünfhundert einen neuen Plan vorgelegt hatte, der jedoch mit ſeinem früheren Projekte vom Jahre 1793 ſehr übereinſtimmend war. Die Couſularregierung verdrängte das Direktorium und der junge General Napoleon Bonaparte erhob ſich zur Würde des erſten Conſuls in Frankreich. — Das baldige Erſcheinen eines allgemeinen Civilgeſetzbuches war wiederum verheißen worden durch das Geſetz, welches die Conſulsregierung (19 brum. VIII.) eingeführt. Eine Commiſſion beſtehend aus Tronchet Präſident des Caſſa⸗ tionshofs), Portalis (Regierungskommiſſär), Bigot de Préa— meneu (Staatsprokurator am Caſſationshof) und Maleville (Caſſa⸗ tionsrath) wurde von den Conſuln zur Entwerfung des Civilgeſetz⸗ buchs niedergeſetzt. Ihre Arbeiten, welche in 4 Monaten beendet waren, wurden gedruckt und dem Caſſationsgerichte wie den Apell⸗ gerichten zur Durchſicht und Begutachtung übergeben. Das Werk führte den Titel: projet de code civil présenté par la commission nommée par le gouvernement le 24. therm. VIII. — In dem⸗ ſelben Jahre noch gelangte die Berathung des Entwurfes an den Staatsrath, wo die einzelnen Beſtimmungen des Geſetzes zuerſt in der section de législation, dann vor dem verſammelten Staatsrath unter Vorſitz des Conſuls Napoleon oder des Conſuls Cambacéros, immer mit Zuziehung obiger Commiſſion diskutirt wurden. — Die vom Staatsrath genehmigten Titel kamen ſodann an die geſetzgebende Verſammlung und an das Tribunat, welch' ie Annahme 20 Rechtsgeſchichtliche Einleitung. oder Verwerfung durch Erſtere zu beantragen hatte. Amendements oder Vorſchläge zu Verbeſſerungen konnten damals nicht geſtellt werden. Drei Geſetzesvorſchläge wurden nun im Jahr X der Legislative vorgelegt. Auf Antrag des Tribunats verwarf dieſelbe den erſten, und da die Regierung vorherſah, daß daſſelbe Schickſal dem zwei⸗ ten blühen werde, nahm ſie die ſämmtlichen Geſetzesvorſchläge wie⸗ der zuruͤck und erklärte, der Augenblick ſei noch nicht gekommen, wo man dieſen wichtigen Angelegenheiten die nöthige Ruhe widmen könne. Aber noch in demſelben Jahre, nach einer Erneuerung der Le⸗ gislative und des Tribunats zu einem Dritttheile, und einer Ver⸗ minderung deſſelben, nahm die Conſularregierung die Arbeit von Neuem auf. Und dießmal endlich kam ſie zum Abſchluß. Die ver⸗ ſchiedenen Geſetze, welche den code civil bilden, wurden nun von der Legislative in den Jahren XI und XII (1803 und 1804) de⸗ kretirt, nachdem man das eben beſchriebene Verfahren wieder einge— halten hatte. — Sie wurden unter dem Namen: code civil zu einem Ganzen vereinigt mit Herbeiziehung verſchiedener einzelner Geſetze, die frag⸗ mentariſch während der Revolution dekretirt worden waren, um dem dringendſten Bedürfniſſe abzuhelfen. — Dieſe letztere fragmentariſche Geſetzgebung wird das Zwiſchenrecht genannt. Im Jahre 1807 wurde, nachdem Napoleon unterdeſſen die Re⸗ publik in ein Kaiſerthum umgeſtaltet hatte, eine neue Ausgabe des code civil der geſetzgebenden Verſammlung vorgelegt und von der⸗ ſelben unter dem Namen: code Napoléon dekretirt (3. Sept. 1807). Am Inhalt des Geſetzbuchs wurde wenig, weſentliches gar nichts verändert, nur hier und da die Worte. *) Die Veränderungen, welche der code civil ſpäter erfuhr, werden in dem Abſchnitt dieſes Werks der ihm ſpeziell gewidmet iſt, be⸗ ſprochen werden. *) Republikaniſch wurde in kaiſerlich verwandelt, wie früher königlich in republikaniſch, und ſpäter kaiſerlich in königlich, dann wieder königlich in republikaniſch, ſchließlich republikaniſch wie oben in kaiſerlich. In was dieſes kaiſerlich ſeinerzeit wird umgewandelt werden, das wiſſen die Götter; daß es aber ſeine Umwandlung früher oder ſpäter erfahren wird, das wiſſen und glauben wir ſterbliche Menſchen. — S— — — im Wi im 3 nin ulu m ſh ſcht ſeh hun i i i ſ1 uyn ſir w u ſin 9 un nts en. tive ten, ei⸗ ie⸗ wo e. L⸗ et⸗ on on Rechtsgeſchichtliche Einleitung. 21 Was den Civilprozeß anbetrifft, ſo wurde von der Conſular⸗ Regierung eine Commiſſion, beſtehend aus Treilhard, Seguier, Berthereau und Pigeau gebildet und derſelben die Abfaſſung einer neuen Prozeßordnung anvertraut, nachdem man ſich über ein Projekt im Jahre V nicht hatte einen können und bis hieher mit fragmentariſchen Beſtimmungen und der Ordonnanz vom Jahre 1667 beholfen hatte. Ganz auf dieſelbe Weiſe, wie der code civil, wur⸗ den die Arbeiten dieſer Commiſſion dem Staatsrathe und der geſetz⸗ gebenden Verſammlung zur Prüfung und Beſchlußfaſſung vorgelegt, und unter dem Kaiſer 1806 von der Legislative angenommen und dekretirt. Dieſe Prozeßordnung trat unter dem Titel code de proce- dure civil mit dem 1. Januar 1807 in Wirkſamkeit. Zur Entwerfung eines Handelsgeſetzbuchs hatte ebenfalls die Regierung der Conſule eine aus 7 Juriſten und Kaufleuten zuſammengeſetzte Commiſſion ernannt, welche im Jahre X ihre Arbeit vollendete und der Regierung vorlegte. — Gleichfalls wieder Prüf⸗ ung durch die Appellgerichte, das Caſſationsgericht, aber auch durch die Handelsgerichte und Handelskammern, der Berathung im Staats⸗ rath und der Verhandlung in der geſetzgebenden Verſammlung vor⸗ hergehend. Dekretirt wurde unter dem Namen code de commerge das Handelsgeſetz am 15. September 1807 und trat mit dem 1. Januar 1808 in geſetzliche Kraft und Wirkſamkeit. Schon in den erſten Jahren der Revolution hatte Frankreich ſich ein Strafrecht und einen Strafprozeß geſchaffen, den code pénal vom 25. September 1791 und den code des délits et des peines vom 3. brumaire IV. — Der Strafprozeß war ohnehin durch die neue Juſtizorganiſation vom Auguſt 1790 mit Einführung der Jury und Oeffentlichkeit und Mündlichkeit raſch ſeiner Umbeſſerung entgegen gegangen und ſo bot dieſer Theil des Geſetzgebungswerkes bei weitem nicht mehr die Schwierigkeiten dar, welche wir bei dem vorhergehenden Theile deſſelben ſich erheben ſahen. Durch die Veränderungen, welche die Staatsverfaſſung erlitten hatte, wurde jedoch eine Reviſion auch dieſes Zwiſchenrechts in Straf⸗ ſachen nothwendig und gleichfalls war es die Conſulariſche Regier⸗ ung, welche im Jahre KII. eine Commiſſion zur Entwerfung des neuen Strafgeſetzbuchs berief. Viellard, Target, Oudart, Treilhard und 8 . — 8 „ 22 Rechtsgeſchichtliche Einleitung. Blondel waren die hiezu berufenen Juriſten. Nachdem dieſe Männer ihrem Auftrage nachgekommen waren, wurde daſſelbe Verfahren auch bei dieſen Geſetzbüchern wie bei den vorhergehenden eingehalten: Prüfung durch die Gerichte, dann durch den Staatsrath, dann Vor⸗ lage an die legislative Verſammlung, welche das Strafgeſetzbuch im Jahre 1809, das Strafprozeßgeſetz im Jahre 1810, erſteres unter dem Titel code pénal, letzteres unter dem eines code d'instruction criminelle, genehmigte und dekretirte. Beide codes traten jedoch erſt mit dem 1. Januar 1811 in Kraft und Wirkſamkeit. So war denn der große Bau glücklich vollendet. Verhältniß⸗ mäßig in kurzer Zeit! Denn es darf nicht außer Acht gelaſſen wer⸗ den, unter welchen Umſtänden dieſes Werk geſchah. Während die Nation mit dem ganzen übrigen Europa und in allen Welttheilen kämpfte, während innere Bürgerkriege wütheten, war ſie dennoch fähig, dieſe großartige Geſetzgebung zu ſchaffen. Welche Zeit erfordert ſonſt die Schaffung von Geſetzbüchern im tiefſten Frieden! Mit doppeltem Erſtaunen und mit zweifacher Anerkennung müſſen daher jene Ge⸗ ſetzbücher erfüllen, wenn wrr ſehen, welch hohe Vorzüge, namentlich der praktiſchen Brauchbarkeit, ihnen innewohnen und wie jedenfalls ihre Lichtſeiten bei weitem ihre nicht zu läugnenden Mängel, denn nil sub sole perfectum, überſtrahlen. Mit gerechtem Stolze darf der Franzoſe auf ſeine Geſetzgebung blicken, die in der Harmonie des Ganzen noch nirgends ihres gleichen gefunden hat und heller als der Ruhm ſeiner Schlachten ſtrahlt das Verdienſt des mächtigen Cäſaren dieſes Geſetzgebungswerk gefördert und vollendet zu haben, ja, wie man ſie auch anſehen mag, dieſe Schöpfungen eines neuen Zeitalters der menſchlichen Cultur⸗ und Staatengeſchichte, Eines bleibt dabei unumſtößlich: „Sie ſind ein erhabenes, ein würdiges Denkmal menſchlicher Weisheit.“ Weit⸗ aus der größere Theil der beſſeren Rechtslehrer und Rechtsgelehrten hat ihren Werth anerkannt und faſt in alle Sprachen der civiliſirten Welt ſind die 5 franzöſiſchen Geſetzbücher überſetzt worden, nament⸗ lich der code civil, dem billigerweiſe die größere Aufmerkſamkeit ge⸗ widmet worden. Zwei Ueberſetzungen in lateiniſcher Sprache eriſtiren auch, von denen die eine eine amtliche für das ehemalige Königreich Italien t ii duſ (i lin iu ji. hol i in Un nu Un ſ ni nnet auch ten: Bor⸗ nter ion och iß⸗ er⸗ die len ig, nſt em je ic s un 9 Rechtsgeſchichtliche Einleitung. 23 war. Dieſe lateiniſchen Ueberſetzungen haben jedoch nur den code civil zum Gegenſtand. Die beſten Ueberſetzungen deſſelben in's Deutſche ſind von Daniels Göln), Erhard (Leipzig), Cremer (Crefeld), Laſſaulr (Coblenz), Ackermann (Landau), Müller Leipzig), Spielmann (Straßburg), Gebhardi Gießen). Als Curioſum wollen wir noch anführen, daß auch eine Ueber⸗ ſetzung in Verſe des code civil beſteht: ein Buch das unter dem Titel: le code Napoléon mis en vers francais par D. exlégis- lateur zu Paris im Jahre 1811 erſchien. Der Verfaſſer, der ſich nicht nannte, war, wie er ſich bezeichnete, ein Mitglied der ehemaligen Legislative geweſen. Unter der Napoleoniſchen Herrſchaft war der Code Napoléon eingeführt worden in Italien, Holland (Belgien), im Herzogthum Warſchau, im Großherzogthum Berg, in den hanſeatiſchen Departe⸗ ments, im Herzogthum Köthen, Königreich Weſtphalen, im Groß⸗ herzogthum Baden und Großherzogthum Frankfurt, im Fürſtenthum Arenberg, im Herzogthum Naſſau. Vor allem natürlich in den Ländern, welche Frankreich zuerſt einverleibt worden waren, in Deutſchland alſo auf dem linken Rhein⸗ ufer: Rheinbayern, Rheinpreußen und Rheinheſſen. Nach der Schlacht von Leipzig aber geſtalteten ſich die Verhält⸗ niſſe wieder anders. Faſt in allen Ländern dieſſeits des Rheins wurde ſofort der code Napoléon wieder abgeſchafft (in Warſchau erhielt er ſich am längſten); — doch blieb er, wie in Baden, in Warſchau, die Grundlage der neuen Geſetzgebung. Den nach den Pariſer Friedensbeſchlüſſen von 1814 und 1815 an Deutſchland zuruͤckgegebenen deutſchen Ländern auf dem linken Rheinufer, welche die Departemente Donnersberg, Saar, Niederrhein, Moſel, unter franzöſiſcher Herrſchaft gebildet oder zu denſelben gehört hatten, ließen die neuen Herrſcher Preußen, Bayern und Heſſen⸗Darmſtadt die ihnen liebgewordene Geſetzgebung, ſo daß dieſelbe in dieſen Pro⸗ vinzen, mehr oder minder in Folge der Zeitanſprüche modifizirt, heute noch herrſcht. — In der bayeriſchen Rheinpfalz hat ſie ſich am meiſten in der alten Faſſung von 1807— 1810 erhalten, weil ihr die ſpätern Verbeſſerungen, die ſie in Frankreich erfuhr, namentlich unter Louis Philipp's Regierung nicht zu Gute kommen konnten. 8 65 ½ 24 Rechtsgeſchichtliche Einleitung. Wir werden nun das ganze Geſetzgebungswerk, wie es im Jahre 1810 unter Napoleon vollendet war, in ſeinen einzelnen Theilen betrachten und zwar in folgenden Hauptabſchnitten: A. Gerichtsverfaſſung. B. Bürgerliches Recht (code civih. C. Bürgerliche Prozeßordnung (code de procedure civih. D. Handels⸗Recht (code de commercc). E. Strafgeſetz (code pénal). F. Strafprozeßgeſetz (code d'instruction criminelle). Literatur der franzöſiſchen Rechtsgeſchichte. Histoire du droit Francais. 1682. par Silberrad. — 4. ſit par Boileau 1806. Ferner die rechtshiſtoriſchen Werke von Duchesne, Bonvillaret, Bernardi, Fleury, Dupin, Laferrière, Guizot, Pastoret, Lerminier. Alle dieſe Schriften umfaſſen die Geſchichte des fran⸗ ie zöſiſchen Rechts in allen ſeinen Theilen; die Geſchichte der Gerichts⸗ 1j verfaſſung ſpeziell behandeln hauptſächlich folgende Schriftſteller: hn Henrion de Pansey, de Pautorité judiciaire en Frange. — Merlin, répertoire universel de Jurisprudence. — Carré, ü traité des lois de lorganisation judiciaire etc. — Carré et In Foucher, cours élémentaire de l'organisation judiciaire etc. n — d'Eyraud, de l'administration de la justice et de l'ordre ih judiciaire en France. — M. Dalloz, jurisprudence du 19 *me ſ siecle, mot pouvoir judiciaire. i i ul u ——— un i ii ſil i nn w hre h A. Gerichtsverfaſſung. 5 I. Idminiſtrative Yrganiſation. 1 Organiſation der Verwaltung. Competenz derſelben. Competenz⸗Con⸗ 8 flikt. Gerichtliche Verfolgung der Verwaltungsbeamten — Literatur.- t Obgleich die Beſprechung derſelben nicht eigentlich unter die Auf⸗ 3 gabe gehört, die wir uns geſtellt haben, bleibt es denn doch uner⸗ ⸗ läßlich einen kurzen Blick auf dieſelbe zu werfen, da ohne eine ſolche 1 Betrachtung Vieles in der Gerichtsverfaſſung ſelbſt unklar und un⸗ 3 vollkommen erſcheinen müßte. Wir haben in der rechtsgeſchichtlichen 6 Einleitung nachgewieſen, wie unter dem ancien regime Juſtiz und t Adminiſtration nicht ſcharf von einander getrennt waren, wie deßhalb ₰ von dieſer Seite aus die Gerichtsverfaſſung keine reine und für ſich 2 abgeſchloſſene war, und wie dann der Geſetzgeber der neuen Aera die vollſtändige Trennung der Juſtiz von der Adminiſtration und geſetzgebenden Gewalt unter ſein Programm aufnahm und auch in dieſer Weiſe durchführte. — Es iſt deßhalb nothwendig und auch intereſſant, zu erfahren, welchen Behörden man die Leitung der Adminiſtration zugetheilt und welche Stelle man geſchaffen hat, um bei Conflikten über die Com⸗ petenz zwiſchen Juſtiz und Adminiſtration zu entſcheiden. Die conſtituirende Verſammlung hatte ſchon im Jahre 1790 mit Zuſtimmung des Königs die alte Provinzialeintheilung des König⸗ reichs, welche rein hiſtoriſchen Urſprungs, ein Werk des Zufalls, völlig fendaliſtiſchen Charakters war, beſeitigt und aufgehoben und eine neue Eintheilung in Departemente dekretirt. Dieſe erhielten ihre Namen und Begränzung von Gegenſtänden der Natur und von natürlichen Marken, meiſt von Flüſſen und Bergen, zu deren Ge⸗ 26 Gerichtsverfaſſung. biet ſie gehörten, wie Departement der Ober⸗, der Nieder⸗, der See⸗ alpen, der Rhonemündung, der Nordküſte, der Eure, der Eure und Loire, des Jura, der Loire, der Ober⸗Loire, der Unter⸗Loire, der Moſel, Ni des Nieder⸗Rhein, des Ober⸗Rhein, der Rhone, der Seine, der Marne, in der Maas, des Kanals, der Ober⸗, der Unter⸗Pyrenäen u. ſ. w. Die † 31 Staatsverwaltung wurde dadurch einfacher, gleicher und leichter und 8 0 es muß überhaupt dieſe Veränderung in der Eintheilung des Landes u als eine ſolche, die von tiefeingreifender Wirkung ſich zeigte, ange⸗ u ſehen werden. i Die Departemente wurden in Diſtrikte oder Bezirke, die Diſtrikte is in Kantone eingetheilt, die Kantone in Gemeinden. Die Gränzen m der Departemente wurden beſtimmt, abgeändert oder berichtigt durch u die geſetzgebende Verſammlung. Kein Departement durfte mehr als 100 Quadratmiriameter im Umfang haben; keine Gemeinde eines Kantons weiter als einen Miriameter von dem Hauptorte deſſelben entfernt ſeyn. Nach der erſten Eintheilung waren es 83 Departemente, welche u zuſammen 249 Diſtrikte bildeten. — In gleicher Weiſe wurden auch u die franzöſiſchen Kolonien abgetheilt. ſi Wie nun in der Juſtizverwaltung ein Friedensrichter (am Haupt⸗ ſitze des Kanton) mit einem Gerichtsſchreiber, einem oder mehreren Gerichtsvollziehern, einem oder mehreren Notaren für jeden Kanton; ſ dann ein Diſtriktsgericht für jeden Diſtrikt über mehrere Friedens⸗ i gerichte oder Kantone, dann ein Appellationsgericht über mehrere Diſtrikte, und über alle Gerichte ein Caſſationsgericht zur Wahrung der Einheitlichkeit und Gleichförmigkeit der Juſtizverwaltung des ganzen — Reiches conſtituirt worden waren, — ſo wurde eine entſprechende Inſtanzenreihe in der Adminiſtration geſchaffen, nämlich: Jeder Ge⸗ 4 meinde wurde ein maire, Bürgermeiſter, an die Spitze gegeben; eine gewiſſe Anzahl Gemeinden, gewöhnlich 2 Kantone, wurden unter eine Unterpräfektur, mehrere Unterpräfekturen unter eine Ober- oder Prä— fektur ſchlechtweg gethan. Und wie die Juſtiz im Caſſationsgericht, 4 gipfelt die Adminiſtration im Staatsrath. *) *) Die Beſchlüſſe der höhern Verwaltungsbehörden werden arrétés genannt, während bekanntlich die Urtheile des Caſſations⸗ und der Appellhöfe arréts heißen. Gerichtsverfaſſung. 27 Der Präfekt mit dem Präfekturrath iſt die höchſte adminiſtrative Stelle eines Departements und ihr iſt die Eigenſchaft einer erſten Inſtanz für alle die Sachen, welche die Geſetzgebung der adminiſtra⸗ tiven Juſtiz zugewieſen hat, ertheilt. Der Präfekturrath beſteht aus 3 bis 5 Mitgliedern, wird vom Präfekten präſidirt und hat dieſem gegenüber ſehr wenig Bedeutung und Macht. Der Staatsrath bildet in ſeiner zweiten Abtheilung (er hat deren 6) die zweite und letzte Inſtanz der Verwaltungs⸗Juſtiz und iſt hiefür zuſammengeſetzt aus etwa 12 Beamten, nämlich 6 Staatsräthen, und ebenſoviel maitres des requétes. *) — Alle dieſe Beamten der Adminiſtration werden von der höchſten Staatsgewalt — Präſident, König oder Kaiſer — nach Willkür ernannt und abgeſetzt; letzteres ohne einen Anſpruch auf Penſion oder ſonſtige Entſchädigung. Nach der Conſtitution vom Jahre III. dagegen wurden ſie alle, wie die Juſtizbeamten, vom Volke gewählt. Das Geſetz hat die richterlichen Beamten mit ſtrengen Strafen bedroht, wenn ſie in Amtsverrichtungen der Verwaltung eingreifen würden, umgekehrt aber auch jene der Verwaltung, wenn ſie ſich in legislative oder richterliche einmiſchen ſollten. Durch Artikel 127 des code pénal vom Jahre 1810 werden die richterlichen Beamten der Pflichtvergeſſenheit — forfaiture — ſchuldig erklärt, welche, poſitiv oder negativ, einen Eingriff in die Attribute der geſetzgebenden Gewalt, oder in das Gebiet der Ver⸗ waltungsbehörden begangen haben. Die Strafe, welche der Artikel droht, iſt die degradation civique, welche eine infamirende und zu allen Aemtern unfähig machende Strafe iſt. — Die Artikel 130 und 131 behandeln daſſelbe Thema in Beziehung auf die Verwaltungs⸗ *) Das kaiſerliche Dekret vom 25. Januar 1852 componirt den Staatsrath in folgender Weiſe: 1) Aus dem Kaiſer als Präſidenten. 2) Aus den Miniſtern. 3) Aus einem Vicepräſidenten. 4) Aus 40—50 ordentlichen Staatsräthen. 5) Aus höchſtens 20 außerordentlichen Staatsräthen. 6) Aus 40 maitres des requètes, Requetenmeiſtern. 7) Aus 40 Auditeurs und 8) einem General⸗ ſekretär. Der Vicepräſident hat einen Gehalt von 80,000 Franken, die Räthe von 25,000 Franken; die Vorſitzenden der Sektionen von 35,000 Franken, die Requetenmeiſter von 10,000 und 6000 Franken, die Auditeurs erſter Klaſſe von 2000 Franken, die zweiter Klaſſe ſind unbeſoldet. . — — ehiüiiiih ⸗ — „* — —= * * — S ½ . . —* 3.8 — — * 3 28 Gerichtsverfaſſung. beamten, für welche die gleiche Strafe — dégradation civique — angedroht iſt. Was gehört aber zum Reſſort der Verwaltungsbehörden und eriſtiren klare und erſchöpfende geſetzliche Beſtimmungen über die wechſelſeitige Competenz der Gerichte und der Verwaltungsbehörden? Leider kann dieſe Frage nicht vollſtändig und geradezu bejaht werden. Bis heute machen ſich in dieſer Beziehung noch recht be⸗ deutende Lücken fühlbar. — Die Geſetze aber, welche die Competenz der Verwaltung beſtimmen, ſind folgende: I. Das Geſetz vom 22. Dezember 1789 theilt der Competenz der Verwaltung, Sektion III. Artikel 1 und 2 zu: a) Vertheilung der direkten Steuern; Anfertigung der Steuerrollen, Beaufſichtigung der einſchläglichen Beamten, Anweiſung der Aus⸗ gaben, welche in jedem Departement aus den Steuern beſtritten werden ſollen. b) Handhabung der Polizei über Vagabunden und Bettler; Armen⸗ weſen. c) Die Beaufſichtigung der Hoſpitäler, Gotteshäuſer, Wohlthätig⸗ keitsanſtalten, Gefängniſſe jeder Art. d) Die Ueberwachung des Unterrichts, der öffentlichen Erziehung. e) Bewahrung und Verwendung der Fonds, die in jedem Departe⸗ mente beſtimmt ſind zur Ausübung der öffentlichen Wohlthätig⸗ keit und zur Aufmunterung des Ackerbaues und der Induſtrie. ) Erhaltung des Staatseigenthums, der Wälder, Flüſſe, Kanäle ꝛc., Anordnung und Ausführung der Arbeiten von Straßen, Kanälen und andern öffentlichen Werken. g) Erbauung, Unterhaltung und Ausbeſſerung von Kirchen, Pfarr— gebäuden 1. h) Einrichtung und Verwendung der Nationalgarden. i) Handhabung der öffentlichen Ruhe, der Sicherheit, der Rein— lichkeit. II. Eine zu obigem Geſetze erlaſſene Inſtruktion vom 12. bis 20. Auguſt 1790. IIMI. Ein Geſetz vom 6., 7. und 11. September 1790, deſſen Hauptbeſtimmungen folgende ſind: die Verwaltung entſcheidet ohne Dazwiſchenkunft der Gerichte Beſchwerden gegen die Umlagen von . 4* ſir ſil ihe ch zu ſi ſin ih 10 ſi N h hu an wl w ⸗ Gerichtsverfaſſung. 29 direkten Steuern; — die Gerichte erledigen in beiden Inſtanzen Civilklagen, welche ſich auf die Erhebung indirekter Steuern be⸗ ziehen; — die Verwaltung entſcheidet die Zweifel, die ſich allenfalls erheben über die von Unternehmern öffentlicher Arbeiten eingegan⸗ genen Verträge; — ebenſo die Klagen der Privaten über Schaden, den dieſelben durch die von Unternehmern öffentlicher Arbeiten aus⸗ gefuͤhrten Bauten erlitten haben wollen; — den Verwaltungsbe⸗ hörden ſteht die Verwaltung der Landſtraßen zu, den Gerichten die Erhaltungspolizei derſelben; — ebenſo der erſtern die Erhaltung und Verwaltung der Wälder, des Holzverkaufs daraus, und der Flüſſe; die Polizei der Forſte und des Fiſchfangs dagegen wieder den Gerichten. Es erxiſtiren in dieſer Materie noch hunderte von Geſetzen und Verordnungen, aber nur über einzelne Materien, ohne allgemeine Grundſätze zu enthalten oder ſolche ſchließen zu laſſen. Dem Leſer wird es nicht entgangen ſeyn, wie gar unvollkom⸗ men dieſe geſetzlichen Beſtimmungen über die Competenz der Ver⸗ waltung und der Gerichte ſind, und wie nothwendig eine Menge von Fällen eintreten mußten, wo die Competenz zweifelhaft war und mit einigem Recht von der Verwaltung wie von den Gerichten in Anſpruch genommen werden konnten. Um alſo die Harmonie und den Frieden unter ihnen zu erhalten, erfand der Geſetzgeber ein Mittel, und dieſes Mittel iſt die Conſtituirung des ſogenannten „Competenzconfliktes.“ Durch das Geſetz vom 21. Fructidor des Jahres III (Art. 27) war der Juſtizminiſter mit der Entſcheidung der Conflikte, unter Vorbehalt der Genehmigung des Vollziehungs⸗Direktoriums beauf⸗ tragt; — nach Einſetzung des Staatsrathes wurde dieſem durch einen Conſularbeſchluß vom 5. Nivose Jahr VIII dieſe Funktion übertragen. Die Art und Weiſe, wie die Competenzeonflikte zu erheben ſind, beſtimmt ein Conſularbeſchluß vom 13. Brumaire Jahr X folgender⸗ maßen: „Sobald die Staatsprokuratoren Kenntniß erhalten, daß eine „zur Cognition der Verwaltung gehörige Streitſache vor das Gericht, „an dem ſie amtiren, gebracht worden iſt, müſſen ſie die Ver⸗ 30 Gerichtsverfaſſung. „weiſung der Sache vor die Verwaltung beantragen, und ihr An⸗ „trag muß in das ergehende Urtheil eingerückt werden. — Lehnt „das Gericht die Zurückverweiſung ab, ſo ſetzen ſie den Präfekten „hievon ſofort in Kenntniß und fügen ihre Concluſionen mit Mo⸗ „tiven bei. — Der Präfekt muß innerhalb 24 Stunden den Con⸗ „flikt erheben und ſogleich Abſchrift ſeines Beſchluſſes dem Staats⸗ „prokurator einſenden. Dieſer hat ihn dem Gerichte mit dem An⸗ „trage vorzulegen, ſich auf den Grund des Artikels 27 des Geſetzes „vom 21. Fructidor alles ferneren Verfahrens zu enthalten, bis der „Staatsrath entſchieden haben wird. Die Präfekten ſollen, auch „ohne Mittheilung des Staatsprokurators, den Konflikt jedesmal er— „heben, wenn ſie erfahren, daß ein Verwaltungsgegenſtand vor die „Gerichte gebracht worden iſt, und in dieſem Falle muß der Staats⸗ „prokurator obigen Antrag ſelbſt alsdann ſtellen, wenn er anderer „Meinung ſeyn ſollte.“ Die Entſcheidung des Staatsrathes, welche der Genehmigung des Staatsoberhauptes zu ihrer Gültigkeit bedarf, war geſetzliche Norm für die Behörden ſodann wie für die Parteien, und die Sache wird entweder der Verwaltung oder den Gerichten zur fer⸗ nern Behandlung zugewieſen. Gegen ein in Rechtskraft erwach⸗ ſenes Urtheil iſt keine Competenzconflikt⸗Erhebung mehr zuläſſig. — Dekret vom 15. Januar 1813 und 6. Januar 1814 gegen eine gegentheilige Anſicht. Ebenſo wie bei einem poſitiven Conflikte mußte in gleicher Weiſe der Competenzconflikt beim Staatsrathe erhoben und durch ihn entſchieden werden, wenn er negativer Natur ſeyn ſollte, das heißt, wenn Verwaltung und Juſtiz in demſelben Falle ſich dahin entſchieden, daß die Sache nicht zu ihrer Cognition gehöre. Unter dem Miniſterium Villoͤle trieb der Staatsrath einen ar⸗ gen Mißbrauch mit den Competenzconflikten. Alle Streitigkeiten riß er an ſich. Dieſem Treiben trat Cormenin gegenüber kräftig auf und es wurde unter dem folgenden Miniſterium Martignac beſſer. Düpin behauptete einmal, jener Villolſche Staatsrath habe förmlich die Juſtiz interdiciren wollen. Die republikaniſche Regier⸗ ung organiſirte zuletzt in den Jahren 1848, 1849 und 1850 einen eigenen Gerichtshof von 4 Caſſationsräthen und 4 Staatsräthen, ——— ——— wa ni hu 6i . ſ un v in ehnt ten No⸗ on⸗ ats⸗ tzes der uch die s⸗ rer Gerichtsverfaſſung. 31 denen der Juſtizminiſter und im Verhinderungsfall der Unterrichts⸗ miniſter präſidirt, zur Entſcheidung der Competenzeonflikte. Ein Parketmitglied des Caſſationshofes und ein Requetenmeiſter des Staatsraths ſind als öffentliches Miniſterium demſelben beigegeben. Und ſo iſt es heute noch. Nicht alle Sachverſtändige ſind zufrieden und einverſtanden mit der Conſtituirung der contentiöſen Adminiſtration oder adminiſtra— tiven Juſtiz. Und ihre Gründe hiefür ſind nicht zu verwerfen. Da die Präfekten und die Glieder des Staatsraths, die Richter in Iter und 2ter Inſtanz, in keiner Weiſe unabhängig ſind, ſondern von der höchſten Staatsgewalt und dem Miniſter des Innern geradezu nach bon plaisir entlaſſen werden können, ſo hat man nicht die Garantie eines unabhängigen Forums, wie bei dem unabſetzbaren Richter der Juſtiz; überdieß iſt die Verwaltung oft in eigener Sache, z. B. überall da, wo es ſich um Akte der Verwaltung handelt oder um das Jutereſſe derſelben, Partei und Richter, und das iſt eben kein kleiner Uebelſtand. In conſequenter Ausführung des Prinzips, welches den Juſtiz⸗ behörden die Kritik eines Verwaltungsaktes verbietet, hat das Geſetz vom 14. Oktober 1790 auch verfügt, daß kein Verwaltungsbeamter wegen Handlungen ſeines Amts vor Gericht geſtellt werden kann, wenn nicht vorher die höhere Verwaltungsbehörde die Er— laubniß hiezu ertheilt habe. Bezüglich der Munizipalbeamten genügte die Ermächtigung zu ihrer Verfolgung durch die Departemental-Ver⸗ waltung nach der Beſtimmung des Geſetzes vom 14. Dezember 1790. — Die Conſtitution vom Jahre VIII hat im Artikel 75 dem Staatsrath dieſes Ermächtigungsrecht in Betreff aller Ver⸗ waltungsbeamten übertragen, und dieſes iſt auch bis heute im fran⸗ zöſiſchen Staatsrecht ſo geblieben. Daß eine ſolche Ermächtigung aber auch nur wegen Dienſt⸗ handlungen nothwendig iſt und auf dieſe Fälle beſchränkt bleiben muß, verſteht ſich von ſelbſt und es kann der Verwaltungsbeamte alſo, wenn er ſtrafbare Handlungen begeht, die mit ſeinem Amte in keiner Verbindung ſtehen (Diebſtahl, Mißhandlung, Jagdfrevel) ohne Ermächtigung von den Strafgerichten verfolgt werden, wie er vor den Civilgerichten belangt werden kann wegen eines Civilrechts⸗ 32 Gerichtsverfaſſung. anſpruches an ſeine Perſon ſelbſt, oder auch wenn der Staat wegen eines finanziellen Intereſſes oder wegen einer Eigenthumsfrage in der Perſon eines ſolchen Beamten vor Gericht gefordert werden ſoll. Hat der Verwaltungsbeamte die Grenzen ſeiner Befugniſſe überſchritten, ſo haben die Staatsbehörden die Erlaubniß, ihn vor Gericht zu ſtellen, durch ein Geſuch von dem Staatsrath zu erholen; im Weigerungsfalle unterbleibt die gerichtliche Verfolgung. Daß mit dieſen Beſtimmungen auch hie und da Mißbrauch getrieben wurde und wird, daß man Geſetzesübertretungen von Ver⸗ waltungsbeamten, die mit ſeinem Amte nicht im Zuſammenhang ſtehen, um ihn, weil er ſonſt ein brauchbares Subjekt vielleicht iſt, zu ſchützen, gewaltſam als eine in Beziehung auf ſeine Funktionen begangene Handlung charakteriſirt, die Nachſuchung der Ermächtig⸗ ung alſo gebietet und dann dieſelbe verweigert, iſt allerdings eine traurige Thatſache, welche in den immer etwas unſaubern Zuſtänden der Geſellſchaft ihren leicht erklärlichen Grund findet und in den⸗ ſelben wurzelt. *) Literatur. Pléments du droit public et administratif. par Foucart. 1834. droit public et administratif francais. par Bouchené-Lefer. 1830. Abrégé de principes d'administration par Bonnin. 1829. — Institutes du droit administratif francais. par Gérando. code administratif, par Fleurigeon. 1809. dictionnaire de droit publie et administratif. par Albin le Rat de Magnitot et Huard Dela- marre. 1836. Ferner die Werke von Gandillot 1834, die von Lalouette 1823, von Henrion de Panſey, von Péchart. — Die Schriften von Rondonneau, Dumont, Dujardin, Boyard zum Hand— gebrauch für Munizipalbeamte (ſogenannte manuels). *) In der belgiſchen Staatsverfaſſung (wohl eine der beſten überhaupt, die eriſtiren) iſt durch Art. 106 die Entſcheidung der Competenzconflikte dem Caſſationshofe von Belgien zugewieſen, für deſſen Unabhängigkeit alle Garantien gegeben ſind. — In Bayern werden dieſe Conflikte durch eine mit gleichen Garantien ausgerüſtete Commiſſion entſchieden, die aus einem Vorſtande und drei Räthen des oberſten Gerichtshofes und drei höheren Ver⸗ waltungsbeamten — welchen faſt dieſelben pragmatiſchen Rechte zur Seite ſtehen — componirt iſt; Geſetz vom 28. Mai 1850 Art. 1 und 22. — egen ein ſoll. niſe vor len auch Ver ang it, nen tig⸗ ine den en⸗ Gerichtsverfaſſung. 33 II. Zuſtizorganiſation. a) Das Richteramt. Aeußere n. innere Organiſation deſſelben. Friedensgerichte. Bezirksgerichte. Appellationsgerichte. Handels⸗ gerichte. Caſſationsgericht. (. In welch' glücklichere und beſſere Lage durch den Umſchwung der Dinge vor Allem die Inſtizorganiſation gekommen war, haben wir nur dort 1) in der Einleitung, in deren Abſchnitt II gezeigt und wir wollen in Kürze recapituliren, was in Beziehung auf das Richteramt vorgetragen wurde. — Es war von jetzt an: Das Amt des Richters nicht mehr verkäuflich; — Die Spendung der Juſtiz unentgeltlich, ſoweit ſie durch den Richter geſchah; (natürlich nicht die Mühewaltung der Anwälte und Advokaten) die Richter wurden vom Staate beſoldet; Die Richter aller Grade inamovibel, d. h. unabſetzbar, nicht verſetzbar außer durch richterlichen Spruch; *) Das Verfahren vor den Gerichten ein öffentliches und mündliches in Civil- und Criminalſachen. Die Funktion des Richters auf die Verwaltung der Juſtiz be⸗ ſchränkt, geſchieden von Polizei und Adminiſtration. Ein regelmäßiger Inſtanzenzug für Civil⸗ und Strafſachen, ſowie ein gut organiſirtes Caſſationsgericht conſtituirt. Die Patrimonial⸗Gerichtsbarkeit aufgehoben. Es waren alſo nunmehr dem Lande alle möglichen Garantien gegeben, einen unabhängigen, ehrenhaften Richterſtand zu beſitzen, *) In dem Begrif des inamovibel liegt es auch, daß ſie nicht quiescirbar ſind, außer auf eigenes Anſuchen. In Deutſchland verſteht man dagegen un⸗ ter Ina movibilität des Richters nur die Unabſetzbarkeit desſelben, außer durch richterliches Urtheil; — verſetzt und quiescirt können ſie dagegen nach Herzensluſt werden, was natürlich ihre Unabhängigkeit ſehr be⸗ einträchtigen kann. Indeſſen wurden die franzöſiſchen Richter doch erſt durch die Charte vom Jahre 1814 vollſtändig inamovibel, denn zuerſt, als ſie auf 6 Jahre wählbar waren, konnten ſie nicht ſo qualificirt werden, da ja jeder neue Wahl⸗ akt ſie in Frage ſtellte; und eben ſo waren ſie es nicht ganz unter Napoleon, da dieſer einen Termin von 5 Jahren bis zur definitiv erreichten Inamovibi⸗ lität feſiſetzte. 2 0 34 Gerichtsverfaſſung. 5 und wenn Mitglieder desſelben gefunden werden, die nicht dieſe Be⸗ zeichnungen verdienen, ſo muß dieſes auf Rechnung ihres Charakters und nicht der geſetzlichen Inſtitutionen geſchrieben werden. Der Thatſache, daß nach dem Geſetze vom 16. — 24. Anguſt 1790 die Richter vom Volke gewählt wurden, daß aber nach dem ſpätern Staatsrechte die Ernennung derſelben durch das Staats— oberhaupt geſchieht, haben wir ebenfalls ſchon erwähnt, und wir wollen nun die einzelnen Gerichte in ihrer Zuſammenſetzung, ihrer Competenz und ſonſtigen Attributen ins Auge faſſen, nachdem wir noch angeführt haben, daß obiges Geſetz vom Jahr 1790 durch ſpätere Conſtitutionen und Organiſationsgeſetze erweitert und modi— ficirt, in ſeinen Grundzügen aber, namentlich in den oben ange— führten 7 Punkten bis heute ſeine Geltung hat. Die letzten Napoleoniſchen Organiſationsgeſetze ſind: 1) das kaiſerliche Decret vom 20. April 1810, welches von ſeinem 48ten Artikel an bis zum 62ten inclusive auch eine Zuchtordnung“) ent— hält; 2) das kaiſerliche Dekret vom 6. Juli 1810. Die ſtreitige Gerichtsbarkeit, als Gegenſatz der nicht ſtrei— tigen oder freiwilligen, welche hauptſächlich die Notäre verwal— ten, wird alſo ausgeübt: 1) Durch Friedensrichter, Einzelnrichter. 2) Durch Erſtinſtanz, Diſtrikts⸗ oder Bezirksgerichte. 3) Durch Appellgerichte. (Zweit⸗Inſtanzgerichte). 4) Durch Handelsgerichte. 5) Durch ein Caſſationsgericht. Die Friedens⸗ und die Handelsgerichte werden zur er⸗ ceptionellen **) oder außerordentlichen Gerichtsbarkeit gerechnet, *) Die Disciplinarſtrafen ſind nach Art. 50 des Dekretes: 1) der einfache Verweis oder die einfache Cenſur. 2) Die Cenſur mit ſcharfem Verweis (hat von Rechtswegen die Entziehung eines Monatsgehaltes zur Folge). 3) Die Sus⸗ penſion. (Beraubung des Gehalts während ihrer Dauer). Jede dieſer Stra⸗ fen kann nach Umſtänden erkannt werden; ſie müſſen nicht in dieſer Reihen⸗ folge angewendet werden, und 4) die definitive Abſetzung (déchéance). (Dekret vom 1. März 1852). **) Zu der exeeptionellen Gerichtsbarkeit gehören auch die „conseils des Prud' hommes“ für Fabrik⸗ und Handelsſtand; — und die „conseils de guerres“ ihl ſin i ſ him hin ufn ijur v i ſui nie ſium ſnu di J haralin Myn luch en Sint und wi , ih en vit 0 duz dne nane 1) do 48teh ) ut tſtrei voral un en echn Veweis hat von eSus⸗ Ein⸗ Reihen⸗ anee) Pm uen Gerichtsverfaſſung. 35 die andern Gerichte zu der ordentlichen Gerichtsbarkeit; justice ordinaire und justice extraordinaire oder tribunaux d'exception. Exceptionell iſt das Gericht wenn es nur auf beſtimmte Sachen beſchränkt iſt, ordentlich wenn es als Regel gilt. — Die Handels⸗ gerichte werden an vielen Orten durch die Erſtinſtanzgerichte reprä⸗ ſentirt, wo die Handelsverhältniſſe nicht bedeutend genng ſind zur Errichtung eigener Handelsgerichte. Die ordentliche Gerichtsbarkeit hat zwei Inſtanzen, Bezirksgerichte in lter, Appellgerichte in 2ter Inſtanz. — Daß das Caſſationsgericht nicht als eine eigentliche Inſtanz angeſehen werden kann, geht aus ſeiner Competenz hervor, auf welche wir in dem Capitel hierüber verweiſen wollen. Von den Friedensgerichten. Die Friedensgerichte ſind zuſammengeſetzt aus dem Friedens⸗ richter und ſeinem Gerichtsſchreiber. An denſelben fungiren ferner noch Gerichtsvollzieher oder huissiers, ein oder zwei, nach Bedürf⸗ niß; und in Polizeiſachen ein Polizeibeamter als Organ des öf⸗ fentlichen Miniſteriums. — Der Polizeibeamte iſt entweder Bürger⸗ meiſter, Adjunkt (Munizipal- oder Gemeindebeamte) oder ein Poli⸗ zeicommiſſär, Beſoldeter, Angeſtellter der Regierung. In jedem Canton*) und für denſelben iſt ein ſolches Friedensgericht conſtituirt. — Wir haben es indeſſen hier nur mit dem Richter allein zu thun, während die Nebenperſonen in dem ihnen gewidmeten Abſchnitte be⸗ ſonders behandelt werden. — Im Jahre 1790 hatte man dem Friedensrichter zwei Aſſeſſoren zum Sitzungsdienſt zugewieſen, denen man das Stimmrecht zuge⸗ ſtand. Dieſelben waren Bürger oder Bauern, die nicht beſoldet waren, und oft nicht leſen und nicht ſchreiben konnten. Dieſe trüb⸗ ſeligen Figuranten ſchaffte das Geſetz vom 9. ventose Jahr IX für das Militär. — Letztere liegen aber außer dem Bereiche unſerer Auf⸗ gabe, erſtere ſind in dem Handelsrechte aufzuführen. Der Schiedsgerichte wird in der Civilprozeßordnung Erwähnung geſchehen. *) In Paris ſind ausnahmsweiſe 12 Friedensrichter für die 12 Artondiſſements der Stadt angeſtellt. Die Zahl ſämmtlicher Friedensgerichte des Reichs be⸗ läuft ſich auf 2847 ohne Savoyen und Nizza. 32 6 ———————— —— — ————————— 1 36 Gerichtsverfaſſung. wieder ab, und führte die Suppleant⸗ oder Ergänzungsrichter ein, welche den Friedensrichter im Verhinderungsfall zu erſetzen haben. — Die Attribute, welche die Geſetzgebung den Friedensrichtern zu⸗ getheilt hat, ſind folgende: à) in Civilſachen. 1) Sie ſind Richter in rein perſönlichen und Mobiliarſachen bis zu 100 Francs unter Vorbehaltung der Berufung, bis zu 50 Francs in letzter Inſtanz. 2) Sie erkennen bis zum Werth von 50 Francs in letzter In⸗ ſtanz, und in erſter Inſtanz, wie hoch ſich auch der Werth belaufen mag: über Klagen wegen Beſchädigungen, welche Menſchen oder Vieh an den Feldern, Früchten und Ernten verübt haben; — über Verrückung von Grenzſteinen, Uſurpationen an Land, Bäumen, Hecken, Gräben zc., welche innerhalb des Jahres begangen worden ſind, und über alle andere poſſeſſoriſche Klagen oder Beſitzſtreitig⸗ keiten; — über die Reparaturen, welche den Pächtern von Hof⸗ gütern und Häuſern zur Laſt fallen; — über die von Miethern und Pächtern geſtellten Entſchädigungsanſprüche wegen Vorenthalt⸗ ung des Genuſſes der gepachteten Güter; — über Klagen wegen Verbal⸗ und Realinjurien, wenn die Partheien nicht vor den Straf⸗ gerichten klagen; — über die Vollziehung der Verträge zwiſchen Herrn und Dienſtleuten oder Arbeitsleuten, ſowie über die Zahlung ihrer Löhne. Ueberdem kann ihre Competenz durch Prorogation der Partheien erweitert werden. — Auch üben ſie das Vermittlungs⸗ Amt aus in Prozeſſen, die vor die Tribunale gehören. Dieſes Attribut, das ſchönſte und wichtigſte, was dem Friedensrichter ge⸗ geben, iſt fähig, wenn es gehörig geübt wird, das Inſtitut der Friedensrichter allein ſchon zum ſegensreichſten zu machen. — Siehe im Civilprozeß: „vom Vermittlungsamt.“ Ihre Urtheile heißen „jugements“ wie die der Erſtinſtanzgerichte. 3) Ihnen iſt die Anlegung und Abnahme der Siegel bei Ver⸗ laſſenſchaften zugetheilt; Art. 907— 940 code de procedure civil, ebenſo die Aufnahme von Notoritätsakten, um den Mangel von Geburtsakten zu erſetzen. Art. 70— 72 des code civil; — ebenſo die von Adoptionsakten, Art. 353 ibidem. — von Teſtamenten in Gemeinden, worin die Peſt oder eine anſteckende Krankheit herrſcht, u m ) ſun ſten, 5) mb m u M ui Nh v ſin. vin ehn 5 itn ipd im it u hun ſut, git ſm nötihtn eſttn htem zu inſun s zu 50 hier I belufe en ode — iber giunen, worden ſtriti n He Niethen renthal⸗ wegen E zwiſen Zahlung ion der lungs⸗ Dieſts hier g⸗ tnt de Siehe Urtheil ei Ve⸗ e (iril ſl von ebenſo nten in erſtt Gerichtsverfaſſung. 37 Art. 985 ibidem. — von Emanzipationsurkunden, Art. 477 ibidem. — von Anerkennungsakten natürlicher Kinder. 4) Sie haben das Recht der Zuſammenberufung und des Prä⸗ ſidiums des Familienraths, ſowie der Redaktion der Beſchlüſſe des⸗ ſelben, — wohl eine ihrer wichtigſten Funktionen. 5) Sie haben verſchiedene Beamten niederer Kathegorie, Feld⸗ und Waldſchützen, Förſter und Zollſchutzwächter in Beeidigung zu neh— men und Urkunde darüber errichten zu laſſen. Außerdem ſind ihnen durch das Handels⸗, das Prozeß⸗ und das Civilgeſetzbuch eine Menge prozeſſualiſcher Funktionen zugetheilt worden, ſo wie ſie auch Aufträge erhalten können (Rogatorien oder Reguiſi⸗ torien) von den Collegialgerichten zur Abhaltung von Zeugenver— hören, Ortsbeſichtigungen, Eidesabnahmen, Erpertenbeeidigungen und dergleichen. v) In Strafſachen. 1) Die Aburtheilung aller Polizeiübertretungen iſt ihnen über⸗ tragen, wozu auch die Forſtrüge in erſter Inſtanz zu rechnen iſt. 2) Sie ſind Hilfspolizeibeamte des Staatsprokurators. 3) Sie werden delegirt zu Unterſuchungen durch den Unterſuch— ungsrichter, wenn derſelbe nicht im Kanton wohnt. Wie vielfältig die Berufsgeſchäfte des Friedensrichters alſo ſind, das geht aus dem obigen hervor, wobei wir noch bemerken müſſen, daß wir vieles als weniger bemerkenswerth unterlaſſen haben anzu⸗ führen. Nur ſpäter ſoll noch einer ganz beſondern Attribution er⸗ wähnt werden, nämlich der Befreiung von widerrechtlich gefangen gehaltenen Perſonen. Daß alſo die Idee, welche man bei Einführung der Friedens⸗ richter von Seite der Geſetzgeber hatte, „daß hiezu ein Mann ge⸗ nüge, der das Herz auf dem rechten Flecke hat und nur einige Er⸗ fahrung und Unſicht beſitzt“, eine zu kühn phantaſtiſche war, ergiebt ſich aus dieſen außerordentlich vielen Attributen. Der Deputirte Thouret, welcher in der assemblée nationale die vorerwähnten Worte ſprach, und Alles von der Einfachheit der für den Friedensrichter gewählten Prozeßformen hoffte, hat ſich gewaltig geirrt und die Er⸗ fahrung ergibt, daß gute Friedensrichter viel ſchwerer zu finden ſind, 38 Gerichtsverfaſſung. als gute Collegialrichter. Der letztere ſchöpft Rath und leiht bei ſeinen Collegen, wenn ihm die Weisheit ausgeht; der Erſtere aber ſteht allein und nur auf ſich angewieſen. — Und immer ſchwieriger wird die Verwaltung der Friedensgerichte, da die neuere Geſetzgeb⸗ ung (in Frankreich wie in Belgien, Rheinpreußen z.) die Competenz derſelben in bürgerlichen Streitſachen immer mehr erweitert. Wir haben ſchon früher darauf hingedeutet, daß der franzöſiſche Geſetzgeber die Idee des Inſtituts und deſſen Benennung aus der engliſchen Verfaſſung ſich geholt aber einen ganz andern Beamten daraus geſchaffen hat, als der engliſche Friedensrichter iſt, der von dem franzöſiſchen durch ſeinen Geſchäftskreis, amtliche Stellung, Ver— hältniß zum Amt und zur Regierung, himmelweit verſchieden iſt. Ein engliſcher Friedensrichter*) braucht allerdings kein Juriſt zu ſeyn, was beim franzöſiſchen unumgänglich nothwendig iſt. Die Grundlage des franzöſiſchen Friedensrichters ſollte, wie der Geſetzgeber meinte, die Tugend ſeyn, während ſie beim eugliſchen im Vermögen beſteht. Der franzöſiſche Friedensrichter bezog früher eine, allerdings nicht bedeutende Beſoldung von 600 — 1600 Francs je nach der Be⸗ deutung ſeines Kantons; nach dem Geſetz vom 21. Juni 1845 aber beziehen ſie jetzt in Paris 7000 Franken, in anderen Städten 4000, 2500, 3000, 2100, 1800, 1500 und als Minimum 1200 Franken. Durch dieſes Geſetz ſind übrigens alle Sporteln weggefallen und aufgehoben, denn derſelbe bezog bis dahin noch eine weitere Ein— *) Ein Jeder, der gewiſſe Bedingungen in England erfüllt, iſt Friedensrichter, de droit. Ein guter Name und eine Revenue von hundert Pfund lebens— länglich ſind dieſe Bedingungen. Der König vollzieht das Geſetz, indem er einem ſolchen-Bürger, wenn er den Antrag ſtellt, die Beſtallung als Friedens— richter — judge of peace — gibt — Die Zahl der engliſchen Friedens richter iſt unbeſchränkt. Sie ſind unbeſoldet. Ihre Attribute ſind nicht allein juſtizieller Natur, ſondern ſie üben auch einen großen Theil der Verwaltung, der Verwaltungs⸗ und gerichtlichen Polizei aus; endlich ſind ſie Polizeirichter in Baga tellſachen, und urtheilen collegialiſch mit Zuziehung mehrerer Collegen in Viertel— jahrsſitzungen über bedeutendere Civil⸗ und Strafſachen. Ihre vorzüglichſte Amts⸗ pflicht aber iſt die Erhaltung des Königsfriedens, das heißt der Ruhe der Bürger und der öffentlichen Ruhe. nn luh niſt M 6 1 n r be ui zu ule mi wib im in ſi in ſi in fu enj ih ſhi liht h ſen dh ſhwinn Geſtgt nen niſſte aus d Beann der wn 19, Vr iſ. En zu ſin, wie der ſchen in leing der Be 45 aber 4000, ſtanken. en und e in ntrichter, leben nen en Frildens t allin ng dn nBah Lientel⸗ eAntt⸗ he det Gerichtsverfaſſung. 39 nahme an Sporteln für Familienrathsſitzungen, Siegel⸗Anlegung und Abnahme, Ortsbeſichtigungen in gewiſſer Entfernung von ſeinem Amtsſitze, und für ſeine Aſſiſten; bei Verhaftnahmen wegen Wechſel— und Handelsſchulden. *) Das ihm vorgeſetzte Bezirksgericht iſt ſeine Disziplinarbehörde, inſofern es ſich um ſeine Stellung als Richter handelt. Auch legt er vor demſelben den Amtseid ab. — Als Hülfspolizeibeamter kann er auch durch Verweiſe der Staatsbehörde beahndet werden. — Die Strafen ſind die des Art. 50 des Dekrets vom 20. April 1810, welche weiter oben angeführt wurden. Das Amtskleid (die Uniform) des franzöſiſchen Friedensrichters iſt die ſchwarze Toga mit einem Barette derſelben Farbe und weißer Halsbinde, ganz ſo wie die der Erſt⸗ inſtanzrichter. Schließlich kommen wir auf die Attribution des Friedensrichters, im Falle er von einer unbefugten oder ungehörigen Gefangenhaltung eines Staatsangehörigen Kenntniß erlangt, den Gefangenen ſofort in Freiheit zu ſetzen, zurück. — Dieſe Verpflichtung iſt indeſſen nicht ihm allein, ſondern dem Unterſuchungsrichter und den Beamten des öffentlichen Miniſteriums gleichfalls auferlegt und zwar allen bei Strafe der Complizität mit den Urhebern des Verbrechens, wenn ſie nicht in der vom Geſetze Art. 615 — 618 des Strafprozeſſes vorge⸗ ſchriebenen Weiſe verfahren. Von den Bezirksgerichten. Die Diſtrikts⸗ oder Bezirksgerichte, welche die erſte Inſtanz in Civil⸗ und Strafſachen bilden, waren durch das Geſetz vom 16. bis 24. Auguſt 1790 in's Leben gerufen worden mit der Beſtimmung, daß ſie auch unter ſich wechſelſeitig die Appellationsgerichte bilden ſollten. Aber ſie bewährten ſich durch die Erfahrung nicht, und die Conſtitution vom 5. Fructidor Jahr III. ſchuf für jedes Departe⸗ ment ein einziges großes Tribunal für Civilſachen. Für die Straf⸗ ſachen wurde ein Departemental⸗Criminalgericht beſtimmt, das mit Zuziehung von Geſchwornen über Verbrechen aburtheilte und zugleich *) In Rheinbayern, Rheinpreußen und Rheinheſſen beziehen ſie noch dieſe Sporteln oder Diäten. 40 Gerichtsverfaſſung. das Appellgericht für die Zuchtpolizeigerichte bildete. Dieſe wurden componirt aus zwei Friedensrichtern unter dem Präſidium eines Gliedes des Civiltribunals, der zugleich als Unterſuchungsrichter fun— girte, und den Titel „directeur du Jury“ führte. — Die fraglichen Civiltribunale wurden unter ſich wechſelſeitig zu Appellgerichten ver⸗ wendet. Das Mangelhafte dieſer Einrichtung ſpringt in's Auge, und Napoleon als erſter Conſul beſeitigte dieſelbe durch das Geſetz vom 27. ventose Jahr VIII., das am Hauptort eines jeden Bezirks (arrondissement) ein Tribunal erſter Inſtanz für Civil⸗ und Zucht⸗ polizeiſachen, ſowie eigene Appellationsgerichte conſtituirte. — Die Departemental⸗Criminalgerichte dagegen wurden beibehalten und erſt durch das Strafgeſetz vom Jahre 1810 durch Aſſiſſenhöfe erſetzt. Nach den beiden letztgenannten Geſetzen zerfallen bezüglich der Anzahl der Mitglieder dieſelben, die Erſtinſtanzgerichte nämlich, in verſchiedene Klaſſen, je nachdem ſie bei Bildung der Aſſiſſenhöfe zu concurriren haben, oder nicht *) Nämlich in Tribunale mit zehn Richtern und vier Suppleantrichtern, in ſolche mit neun Richtern und vier Suppleanten, in ſolche mit zwölf Richtern und ſechs Supple— anten, in ſolche mit acht oder ſieben Richtern und vier Suppleanten und endlich ſolche mit vier oder drei Richtern und drei Suppleanten. Der Präſident iſt immer unter den Richtern mitgerechnet, und einer der Richter, den der Kaiſer hiezu ernennt, fungirt auf die Dauer von 3 Jahren als Unterſuchungsrichter. Jedem dieſer Tribunale iſt ein öffentliches Miniſterium mit 3 oder 2 Beamten und die nöthige Anzahl von Gerichtsſchreibern und Gerichtsvollziehern beigegeben. Ausnahmsweiſe zählte das Tribunal zu Paris 36 Richter und 12 Suppleanten, welche Zahl ſpäter wiederholt vermehrt wurde. **) Die meiſten Tribunale beſtehen aus vier oder drei Richtern. *) In ganz Frankreich beſtehen dermalen 316 Erſtinſtanzgerichte, Savoyen und Nizza nicht mitgerechnet. **) Dermalen bilden 1 Präſident, 8 Vicepräſidenten, 56 Richter (worunter 10 als Unterſuchungsrichter fungiren) und 8 Suppleanten in 8 Kammern das Tribunal zu Paris. Beigegeben ſind ihm: 1 Staatsprokurator mit 18 Subſtituten, 1 Obergerichtsſchreiber mit 20 Untergerichtsſchreibern, 30 Huiſſiers, 1 Sekretär für Präſident und 1 für Staatsprokurator. 1 w fi iſ ld ) vurde eines r fun⸗ glihen ver⸗ Auge Geſez zirts Zucht Die deert h der , in fe zu ſehn htern pple⸗ mten nten. einer Muer und als unal uten, retär Gerichtsverfaſſung. Kein Tribunal aber kann ein Urtheil erlaſſen ohne wenigſtens aus 3 Richtern componirt zu ſeyn. — Ihre Urtheile werden „juge- ments“ genannt. Die Competenz dieſer Tribunale und die ihnen zugeſtandenen Attribute ſind folgende: In Disziplinarſachen urtheilen ſie ab über die Friedens⸗ richter, die Notäre, die Anwälte und Advokaten, die Gerichtsvollzieher. Dem Präſidenten ſteht eine Disziplinarbefugniß gegen die Ge⸗ richtsſchreiber des Tribunals zu. In Strafſachen: 1) Sie erkennen unter dem Namen Correktionnelgerichte über alle Forſtfrevel, welche auf Betreibung der Forſtbehörde eingeklagt werden, ſo wie über alle andern Vergehen, worauf eine höhere Strafe als fünftägiges Gefängniß und fünfzehn Franken Geldbuße geſetzt iſt. — Gegen ſolche Urtheile kann an den Appellhof appellirt werden. 2) Sie erkennen als Appellationsgerichte über die von den Friedensgerichten ergangenen Urtheile in einfachen Polizeiſachen, wenn dieſe Urtheile appellabel ſind. 3) Sie bilden auch nach Art. 200 und 201 der Strafprozeß⸗ ordnung die Appellations⸗Inſtanz für andere Tribunale erſter Inſtanz, wenn das Erſtinſtanzgericht in dem Hauptorte des Departements ſeinen Sitz hat und ſich nicht zugleich ein Appellhof daſelbſt befindet. 4) Sie führen und leiten die Unterſuchungen über die in ihrem Gerichtsbezirke verübten Vergehen und Verbrechen. 5) Sie erkennen in geheimer, in der Rathskammerſitzung (cham- bre de conseil) über die vom Unterſuchungsrichter geführten und durch das öffentliche Miniſterium an ſie gebrachten Unterſuchungen über den weitern Gang der Prozedur, nämlich: a) daß kein weiteres Verfahren ſtatt zu finden habe, oder b) daß die Sache zur Aburtheilung vor die öffentliche Sitzung des Correktionalgerichts, oder c) zu gleichem Zwecke vor das einfache Polizeigericht zu verweiſen ſei; oder d) daß die Sache ſofort als Verbrechen indicirt der Anklagekammer des Appellhofs zu überweiſen ſei. — In Handelsſachen: Ueben ſie in denjenigen Bezirken, wo es keine Handelsgerichte 42 Gerichtsverfaſſung. gibt, alle den Handel sgerichten übertragenen Funktionen aus und erkennen über alle die Sachen, welche in den Reſſort der Handels⸗ gerichte fallen. In Civilſachen: I. Sie erkennen in erſter und letzter Inſtanz, a) über alle perſönlichen und Mobiliarklagen, deren Gegenſtand die Summe von 1000 Francs nicht überſteigt; p) über alle dingliche und vermiſchte Klagen, inſoferne der Ren— tenbetrag die Summe von fünfzig Franken nicht überſteigt; c) über alle Klagen wegen indirekter Steuern; droits d'enregistre- ment. droits réunis ete. d) über alle Streitſachen, in ite ſie ui Compromiß der Parteien als letzte Inſtanz provogirt wurden; II. Sie erkennen nur in letzter Inſtanz, als Appellations⸗ gericht, in Berufungen von Urtheilen der Friedensgerichte, deren Klage⸗Gegenſtand die Summe von 50 Franken überſteigt. III. Sie erkennen nur in erſter Inſtanz: a) über alle perſönliche und Mobliarklagen, deren Objekt den Be— trag von 1000 Franes überſteigt; b) über alle dingliche und vermiſchte Klagen, deren Objekt die Summe von 50 Francs überſteigt oder nicht genau beſtimmt iſt; c) über alle Oppoſitionen gegen den Vollzug von Urtheilen der Handelsgerichte, oder der Strafgerichte hinſichtlich der Civilent⸗ ſchädigung, oder ihrer eigenen Urtheile; d) über alle Klagen in Bezug auf Staatsdomainen. Alle Prozeſſe werden in öffentlicher Sitzung entſchieden, wenn nicht der öffentlichen Ordnung oder Sittlichkeit halber die Verhand⸗ lung bei geſchloſſenen Thüren angeordnet wurde, was immer durch ein förmliches Urtheil des Gerichts unter Anhörung des öffentlichen Miniſteriums conſtatirt werden muß. Die Handlungen der nicht ſtreitigen Gerichtsbarkeit vagegen, als freiwillige Eheſcheidungen, Homologationen oder Genehmigungen von Familienrathsbeſchlüſſen geſchehen in der Rathskammer in geheimer Sitzung. Außerdem äußert ſich noch die richterliche Thätigkeit des einzel— nen Mitgliedes eines Tribunals durch Uebertragung von Commiſſo⸗ Gerichtsverfaſſung. 43 . rien, als in Collocationsſachen, zu Zeugenverhören, zu Ortsbeſichtig⸗ ungen, zu Eidesabnahmen bei kranken Perſonen oder auch der Juden in den Synagogen; endlich zu Interrogatorien bei Prozeduren wegen geiſtiger Unfähigkeit, beim ſogenannten Interdictionsprozeß. Dem Präſidenten, wenn er auch nur als primus inter pares ſin erſcheint, das heißt, wenn er auch nur wie jeder andere Richter zu ſun votiren hat und ſeine Stimme bei Gleichheit nicht einmal den Aus⸗ ſchlag gibt, ſind doch der nothwendigen hierarchiſchen Ordnung halber, iß ſo wie wegen des Geſchäftsgangs theils durch das Organiſations— tre- dekret theils durch den code civil und den code de procedure civil gewiſſe Vorzüge und Funktionen allein übertragen, in denen allen d er ſich übrigens kraft ſeiner mündlichen oder ſchriftlichen Delegation durch ſeine übrigen Collegen, die einfachen Richter, jederzeit vertreten ous laſſen kann; dieſe beſondern Attribute ſind folgende: eren a) Der Präſident hat die Polizei in der Sitzung zu handhaben in Civil⸗, Straf⸗ und Handelsſachen. b) Er verkündet das Urtheil. Be⸗ c) Ihm iſt ſpeziell übertragen: die Zurechtweiſung der Gerichts⸗ ſchreiber, die Beaufſichtigung des Richterperſonals und ihre di Qualifikation, die Ertheilung des ſogenannten kleinen Urlaubs iſt an richterliche Perſonen. der d) Ihm ſteht zu: die Abhaltung der Reſerveſitzungen; en⸗ e) Der Verſuch der Sühne in Eheſcheidungsſachen; †) Die Vertheilung der Prozeſſe unter die Kammern des Gerichts. 2) Die Bezeichnung von Richtern zur Wahrnehmung gewiſſer Ge— nn Referate auf Requeten und Bittſchriften namentlich; nd⸗ n) Die Vollziehbarkeitserklärung ſchiedsrichterlicher Urtheile; ch i) Er ertheilt die Erlaubniß, Arreſte und proviſoriſche Pfändungen en anzulegen. k) Er beſtimmt den Notär zur Depoſition eines olographiſchen als Teſtaments. on 1) Er erkennt bei Hinderniſſen, auf welche Siegel⸗Anlegungen und ner Abnahmen, Errichtung von Inventarien und Verkäufen von Mobilien ſtoßen. el⸗ m) Er regulirt die Oppoſitionen gegen Urtheilsqualitäten. Außerdem ſteht ihm das Recht und die Verpflichtung zu, von — — — — * — — — 2 — 44 Gerichtsverfaſſung Amtswegen oder auf Antrag der Staatsbehörde jeden Richter, der gegen ſeine Amtswürde verſtößt, zu ermahnen. Die Disziplinirung der Richter geſchieht durch den Appellhof, vor welchen er vorgeladen und gehört werden muß. Die Staatsbe⸗ hörde hat dabei zu konkludiren. Alle disziplinariſchen Erkenntniſſe müſſen dem Juſtizminiſter eingeſchickt werden; wenn ſie auf geſchärf— ten Verweis oder Suspenſion lauten, bedürfen ſie ſeiner Beſtätigung. Disziplinarbeſchlüſſe der Tribunale erſter Inſtanz bedürfen vor ihrer Vollziehung der Beſtätigung des kompetenten Appellhofs, und werden in der Rathskammer gefaßt und die Sache verhandelt. Der Juſtizminiſter iſt befugt, Mitglieder der Erſtinſtanzgerichte und auch der Appellationsgerichte vor ſich zu beſcheiden, damit ſie ſich über die ihnen zu Laſt gelegten Thatſachen verantworten. Iſt ein Richter auch nur einfach polizeilich beſtraft worden, ſo muß der Juſtizminiſter hievon in Kenntniß geſetzt werden, und dieſer iſt be⸗ rechtigt den Caſſationshof über Suspenſion oder Abſetzung des frag⸗ lichen Richters entſcheiden zu laſſen. Sobald ein Richter verhaftet wird, iſt er vom Amte ſuspendirt; ebenſo wenn er zuchtpolizeilich beſtraft worden, ſelbſt während der Dauer der Appellinſtanz. Die Amtskleidung der Richter iſt: a) Toga und Simarre (Oberkleid) von ſchwarzer Wolle, Gürtel desgleichen, Toque oder Barett ebenſo mit ſchwarzem Sammt eingefaßt, Cravatte von gefältetem weißen Batiſt; — bei ge⸗ wöhnlichen Sitzungen; — die Präſidenten und Vicepräſidenten haben am Barett einen Beſatz von Silber. b) Die Simarre und der Gürtel von Seide, erſtere ſchwarz, letz⸗ tere hellblau; ſilberne Bordüre an der Togue — bei feier— lichen Sitzungen und öffentlichen Ceremonien; — die Präſi⸗ denten tragen dann doppelten ſilbernen Beſatz. Dieſe Amtskleidung iſt durch das Geſetz vom 2. nivose Jahr XI feſtgeſetzt und bis jetzt beibehalten worden. Die Beſoldungen bewegten ſich je nach der Größe der Städte und Orte, in denen ſie reſidiren, nach dem Geſetz vom 27. ventose Jahr VIII zwiſchen 2400 und 1000 Franken in Zwiſchenanſätzen 0 i Nl N ho in u N i U un Gerichtsverfaſſung. 45 n, k von 1800, 1500 und 1200 Franken. Die Präſidenten bekamen die Hälfte, die Vizepräſidenten ein Viertel als Zulage. wlhe In neuerer Zeit — 1847 — wurde der Gehalt nicht unbe⸗ mi⸗ deutend erhöht, ſo daß ſich derſelbe zwiſchen 1800 Franken als 5 Minimum und 7000 Franken, welche die Richter in Paris beziehen, ſti bewegt. Die Präſidenten beziehen im Marimalſatze 18000 Franken, ihun im Minimum 3000 Franken. Ihre Penſionen, die ein Geſetz vom n ur 2. Sktober 1807 regulirt, ſind gering. „m Ueberhaupt iſt man in Frankreich früher, auch vor der Revo— lution, von der Anſicht ausgegangen, daß die richterlichen Aemter eitt hauptſächlich als Ehrenpoſten zu betrachten ſeyen und nur reiche i ſt Leute als Adſpiranten auftreten dürften. — Ja, es wurde der 3 Nachweis beſtimmter Revenuen erfordert, ſelbſt noch von den juges- ßun auditeurs unter Napoleoniſcher Herrſchaft, welche junge Leute waren, ſb die man allmälig in die richterlichen Funktionen einſchulte. Die ſu Suppleanten oder Ergänzungsrichter ſind unbeſoldet und werden nur aushülfsweiſe beigezogen. Sie ſind meiſtens dem Advokaten⸗ und Anwaltsſtande angehörig, oft auch junge Staatsdienſtadſpiranten oder Leute von Anſehen, die die Rechte abſolvirt haben, aber nicht 6 in den wirklichen Dienſt eintreten wollen. Schließlich iſt noch zu bemerken, daß nach dem Dekret vom April 1810 — Art. 64 — ein Mann volle 25 Jahre haben muß, ire um Richter oder Suppleant, 27 Jahre dagegen, um Präſident zu m werden. Ueber den Dienſt in der Sitzung und in den Rathskam⸗ mern das Nähere in der Prozeßordnung; über die Ferien der Ge⸗ nen richts⸗ und die ſogenannten Ferienkammern halten wir es für ge⸗ eignet noch in dieſem Abſchnitte das Nöthige unſerm Leſer vorzu⸗ letz⸗ führen: ier Vom 1. September nämlich jeden Jahres bis zum 1. November, iſ⸗ alſo zwei Monate hindurch, haben die Civilkammern der Tribunale Gerichtsferien. Zur Erledigung dringender Sachen wird jedoch eine hr Ferienkammer gebildet, welche wöchentlich zweimal öffentliche Sitzun⸗ gen halten muß. Präſidenten, Vizepräſidenten, Richter, ſowie die e Mitglieder des öffentlichen Miniſteriums wechſeln von Jahr zu Jahr, 8e ſo daß alle ſucceſſive den Genuß der Ferien, ſo wie den Dienſt in n den Ferienkammern haben. Die Sitzungstage müſſen öffentlich be⸗ Gerichtsverfaſſung. kannt gemacht werden. Wie ſchon geſagt, kommen in denſelben nur die als dringend erklärten Sachen, und dann die ſummariſchen zur Erledigung. Was unter dringenden und unter ſummariſchen Sa— chen zu verſtehen iſt, wird im Civilprozeßgeſetzbuch näher erörtert werden. Auf die Unterſuchungsrichter, die Rathskammern und Sitzungen in Strafſachen finden jedoch dieſe Ferien keine Anwend— ung, ſondern für ſie gilt der alte Rechtsſatz; nullae feriae in cri— minalibus. Von den Appellationsgerichten. Die Ueberzeugung, daß in den wichtigeren Civil- und Straf— ſachen, die Prüfung derſelben durch mehr als einen Gerichtshof im Intereſſe der Gerechtigkeit überhaupt wie in dem der Partheien und zu ihrer Beruhigung, nothwendig ſey, hat ſchon im ancien re— gime durch die Conſtituirung der Parlamente als Appellgerichte von den Präſidiaur, Bailliages und Prevöts ꝛc. ſich ausgeſprochen, und es iſt daher ſehr natürlich, daß ſofort der Geſetzgeber von 1790 das Prinzip eines Inſtanzenzugs im Juſtiz⸗ und Verwaltungsweſen ausſprach. Aber in der Organiſation der zweiten Juſtizinſtanz hat er es anfänglich verfehlt, denn ſtatt eigene Gerichtshöfe mit ſtärkerer Beſetzung und von höherem Range, deſſen Glieder alſo wenigſtens die Präſumtion höhern Alters, gereifterer Erfahrung, beſſerer Kenntniſſe und hervorragender Fähigkeiten für ſich gehabt hätten, zu ſchaffen, hat er, wie wir ſchon früher geſehen haben, die Erſtinſtanz— gerichte ſich wechſelſeitig als Appellationsgerichte untergeordnet. Das Mangelhafte dieſer Einrichtung, die ſich aus Gründen der Spar— ſamkeit in dem damaligen zerrütteten und bankrotten Frankreich, ſo wie aus der republikaniſchen Thorheit die Gerichte alle einander gleich, keines höher als das andere zu ſtellen, erklären läßt, bewog den Geſetzgeber durch das Geſetz vom 27. ventose Jahr VIII. ei— gene Appellationsgerichte zu creiren, die dann durch die ſpätern Ge⸗ ſetze und kaiſerliche Dekrete (namentlich das oft citirte Dekret vom 20. April 1810) ihre Vollendung erhielten. Dutch letzteres wurde die Benennung derſelben „Appellgerichte, Appelltribunale“ umgewandelt in „kaiſerliche Gerichtshöfe“; — die Titel der Richter wurden gleichfalls erhöht, ſie hießen von nun an —— ſ jun M ſi ii len m ſten zu hen Sr nirn m ih Nwen . et E nihthe auhin eienn lgei proihe, on 170 göviſu anz hu ſtirken vigſen beſſ ten ſ inſan⸗ eich ſ inander bevh II. n bi et wn iht — di un a Gerichtsverfaſſung. 47 „kaiſerliche Räthe, oder Räthe Seiner Majeſtät des Kaiſers.“ — Ebenſo hatten ſich die Parlamente „cours“ von dem lateiniſchen „curia“ (Ort und Verſammlung, wo Juſtiz geſpendet wird) Höfe genannt und ihre Glieder den Titel Räthe geführt. — Die Urtheile der Appellhöfe genießen die Auszeichnung, wie die des Caſſations⸗ hofes, arrets betitelt zu werden, während die der Friedens⸗ und Erſtinſtanzgerichte, wie wir geſehen haben, jugements heißen. Der Gerichtsſprengel der Appellhöfe erſtreckt ſich über zwei bis vier Departemente. Ausnahmsweiſe, wegen der Natur der Ver— hältniſſe, iſt der Appellhof von Ajaccio, jetzt Baſtia, auf die Inſel Corſika, welche nur Ein Departement bildet, beſchränkt. — Der Appellhof von Paris dagegen bildet die zweite Inſtanz für ſieben Departemente. Nach ihm erſcheint der von Rennes mit dem größten Sprengel, mit 5 Departementen. Man war ſo viel als möglich bemüht, den Städten, welche früher der Sitz von Parlamenten ge⸗ weſen waren, Appellhöfe zu gewähren. *) Anfänglich waren 29 Appellhöfe conſtitnirt, welche unter dem Kaiſerthume auf 37 ver⸗ mehrt wurden; es befanden ſich welche zu Genua, Briüſſel, Lüttich, Trier, Rom, Florenz, Turin, im Haag; — Städte, die aus der franzöſiſchen Herrſchaft durch den Pariſer Frieden wieder heim oder in andere Hände kehrten. Dermalen befinden ſich im eigentlichen Frankreiche 26 Appellhöfe, ferner einer auf Corſika, alſo 27, ohne die, welche in dem neu annexirten Savoyen und Nizza errichtet werden. Der Appellhof für Corſika iſt aus einem erſten Präſidenten, zweiten Präſidenten und 16 Räthen componirt, die übrigen alle aus einem Präſidenten, mehreren Kammerpräſidenten und wenigſtens 16 Räthen; bis auf 34 Räthe ohne die Präſidenten iſt indeſſen die Zahl derſelben an den bedeutenden Häfen firirt. — Jetzt beſteht der Perſonalſtand des Appelhofs zu Paris aus: 1 Präſidenten, 6 Kammer⸗ präſidenten, 59 Räthen und mehreren Ehren- oder Honorarräthen. Die conseillers- auditeurs, welche als unbeſoldete Räthe fun— girten, beſtehen heute nicht mehr. Seit der Juli⸗Revolution iſt *) Von den alten Parlamentsſtädten ſind mit Appellhöfen bedacht: Paris, Ren⸗ nes, Douai, Toulouſe, Grenoble, Bordeaur, Dijon, Rouen, Aix, Pau, Be⸗ ſancon, Nangy, Metz. 48 Gerichtsverfaſſung. dieſes Inſtitut eingegangen. Es waren Advokaten, nach 2jähriger Praris, die eine Revenue von 3000 Francs nachweiſen konnten, welche man zu dieſen Stellen nahm. Suppleanten gibt es an den Appellhöfen keine. Jedem Appelhofe iſt ein Generalprokurator mit Generaladvokaten und Subſtituten, ein Gerichtsſchreiber en chef und eine Anzahl Untergerichtsſchreiber nebſt den nöthigen Huiſſiers beigegeben. — Am Pariſer Appellhof befinden ſich 1 Generalprokurator, 4 General⸗ advokaten, 10 Subſtituten, 9 Gerichtsſchreiber, 25 Huiſſiers und 4 Sekretäre des Generalprokurators. Jeder Appellationsgerichtshof zerfällt mindeſtens in 3 Kammern, deren eine chambre civile die Civilſachen erledigt — hier ſind zur Deliberation und Urtheilsfällung wenigſtens 7 Räthe nothwendig — deren andere chambre correctionelle, ſich mit der Erledigung der Appellationen in Zuchtpolizei⸗ oder Vergehensſachen befaßt, — hier ſind 5 Mitglieder nothwendig, um beſchlußfähig zu machen — und deren dritte die Anklagekammer bildet, chambre de mise en accusation; auch in dieſer Sektion müſſen 5 Mitglieder des Hofes zugegen ſein. Die Kammerpräſidenten und die Räthe machen ſucceſſive den Dienſt in allen Kammern mit, und jedes Mitglied einer Kammer kann auch im Nothfall zum Dienſte in eine andere Kammer gezogen werden. Neu ernannte Räthe werden zuerſt in die Criminalkammern eingereiht. An Höfen die aus 30 Räthen beſtehen, werden 2 Civil— kammern, und bei ſolchen, die aus mehr als 30 Räthen componirt ſind, drei Civilkammern gebildet. Jeder Hof entwirft ein Dienſtreglement, welches der Genehmigung des Juſtizminiſteriums unterworfen iſt. Die Civilabtheilung hat Ferien und die Ferienkammer wird aus einem Präſidenten und 7 Räthen gebildet, die Criminalabtheilungen dagegen haben keine, wie es bei den Richtern der erſten Inſtanz der Fall iſt. Wenn es das Bedürfniß erfordert, ſo kann eine vorübergehende Civilkammer organiſirt werden, auch kann, um bei weniger drängenden Umſtänden zu helfen, der Präſident die ſummariſchen Sachen der correktionellen Appellkammer zuweiſen. — Auf die Aburtheilung der ſummariſchen Sachen muß übrigens jede Civilkammer eine Stunde * wij ſiß i uß h iln de d um zim E v N uh tigh m ſüt nüd im ſiiſ ſme 1Pi ſion zud h hu hin iten ein jihign bonn, s an dwofn e ben — Ge ſies un tamen ſid zn thwen rin fußt, 8 hen— nie a ſive du Kanne ge lamen 2 ii onwit hnin ung ine, wi cgeheld ngenden hen d un der Stune Gerichtsverfaſſung. 49 wenigſtens von jeder Sitzung verwenden, und Sitzungen ſelbſt, das heißt öffentliche, alſo abgeſehen von den Rathskammerſitzungen muß wenigſtens eine wöchentlich abgehalten werden. In wichtigen Fällen findet auch ein Zuſammentreten, eine Vereinigung zweier oder dreier Kammern réunion des chambres ſtatt, was an Tribu⸗ nalen erſter Inſtanz nie geſchehen darf, weil ſonſt leicht in der 2. Inſtanz weniger Richter ſitzen könnten, als in der Iten. So geſtattet es der Artikel 3 des Dekrets vom 6ten Juli 1810, daß dem Anklageſenat bei ſehr verwickelten Criminalunterſuchungen noch eine andere Sektion auf Requiſition des Generalprokurators beigegeben werden darf; gewöhnlich iſt die korrectionelle Kammer die verſtärkende Sektion. In Civilſachen hat die erſte Kammer abwechſelnd mit der zweiten Civilkammer, und bei den ſtärker beſetzten Höfen, mit der dritten Civilkammer die feierliche Sitzung zu bilden; wo vier Kammern organiſirt ſind, bilden die feierliche Sitzung die zwei Civilſektionen und wo nur drei Kammern ſind, wird die Correktionell⸗ kammer mit der Civilkammer bei ſolcher Gelegenheit vereinigt. Der I. Präſident präſidirt ſolche feierliche Sitzungen; die übrige Zeit hindurch die erſte, oder wo es nur eine gibt, die Civilkammer. In dieſen feierlichen Sitzungen werden entſchieden: Syndicatsklagen (prises à partie) gegen Friedens⸗, Handels⸗ und Erſtinſtanzgerichte, Prozeſſe über Standesfragen, das heißt über den Civilſtand der Bürger, und Sachen, die einem Appellhofe durch den Caſſationshof überwieſen worden ſind. Ebenſo werden die Appellräthe in ſolchen Sitzungen auf ihr Amt beeidigt, während der J. Präſident den Amtseid in die Hände des Kaiſers ablegt. Eine Réunion ſämmtlicher Kammern findet alljährlich zu Anfang des neuen Juſtizjahres, am erſten Mittwoch eines jeden Novembers in der Rathskammer ſtatt. Der Generalprokurator oder deſſen Generaladvokat hält einen Vortrag über die Verwaltung der Juſtiz im verfloſſenen Jahr, hebt allenfallſige Mängel hervor und ſtellt Anträge, über welche der Hof berathſchlagt und Beſchlüſſe faßt, welche der Generalprokurator abſchriftlich mit ſeiner Rede und ſeinen Anträgen dem Juſtizminiſter zuſchickt. Auch ſtellt der Hof eine Liſte auf der Richter und Advokaten ſeines Sprengels, welche ſich durch Talent, Kenntniſſe, Fleiß und Charakter am meiſten auszeichnen. 4 50 Gerichtsverfaſſung. Ebenſo verſammlen ſich alle Kammern zu einer feierlichen öffent⸗ lichen Sitzung nach Ablauf der Ferien, worin der Generalprokurator oder einer ſeiner Generaladvokaten eine Rede über einen paſſenden Gegenſtand der Juſtiz*) hält, der verſtorbenen Richter und Advokaten gedenkt, und Antrag auf Beeidigung der anweſenden Advokaten nimmt, was dann durch den I. Präſidenten geſchieht. „Die Juſtiz wird von den Appellationshö fen unumſchränkt — souverainement — verwaltet“, ſagt der Artikel 7 des Geſetzes vom 20. April; das heißt: ihr Urtheil macht definitiv Recht, ſie urtheilen in letzter Inſtanz und nur wegen einer ausdrücklichen Geſetzesverletzung kann Caſſation dagegen eingelegt werden. Denn die Juſtiz in Frankreich hat nur 2 Inſtanzen und der Caſſationshof kann nicht als 3te In⸗ ſtanz angeſehen werden, da er nicht sur le fond erkennt, das heißt, nicht über die Hauptſache. Wird das Urtheil eines Appellgerichts kaſſirt, ſo verweiſt der Caſſationshof ſtets die Sache an einen andern Appellhof. Die Competenz der Appellhöfe umfaßt folgende Rechtsſachen: I. Alle Berufungen, welche gegen die Urtheile der Erſtinſtanz⸗ gerichte, ſie mögen als Civil⸗, Correktionell⸗ oder Handelsgerichte ge⸗ ſprochen haben, oder die der Handelsgerichte, wo ſolche organiſirt ſind, gerichtet werden; — ferner die Berufungen gegen die ſchieds⸗ richterlichen Urtheile, gegen die Referatsurtheile der Präſidenten der Erſtinſtanzgerichte, gegen die disziplinariſchen Urtheile; und früher gegen die Entſcheidungen der Richter-Commiſſäre, gegen die Ent— ſcheidung geiſtlicher Behörden wegen Gewaltsüberſchreitung (appels comme d'abus.) II. Die Rehabilitirung fallirter Kaufleute. II. Die Shndikatsklagen gegen Friedensrichter, Erſtinſtanz⸗ und Handelsgerichte, gegen einzelne Mitglieder dieſer Gerichte, ſo wie gegen Mitglieder eines Appell⸗ oder Aſiiſſenhofs. IV. Sie bilden die Anklagekammer. V. Sie bilden den Aſſiſſenhof. **) *) Piscours de rentrée. — Antrittsrede. **) Die Bildung der Aſſiſſenhöfe könnte hier allerdings beſprochen werden, aber wir ziehen es vor die Materie über Aſſiſſenhöfe und überhaupt über Criminal⸗ höfe in dem Strafprozeß zu behandeln. i im d ſijt ſiche ſnd Soube wh ſd n inn w xi D pha lim ſ6 ſd uß ſl itt Sun w u hil lin iyn u in ni iſn 6 3 u E ihnijt nlyrin len piſn d etn Min werinen hrh w in t tzng in in ſinhit als eh nt, ds iß verei h of. Rchtſthn E lögrit; he uu die ſiid iſdennn un jün n h ug ( Eiſiuſm Griht, wen, in ibe brnn Gerichtsverfaſſung. 51 Eine ihrer heiklichſten Funktionen wohl war die Entſcheidung über die appels comme d'abus. Auch hierin ſind ſie direkte Nachfolger der Parlamente geworden, denen die Erkenntniß über ſolche in erſter und letzter Inſtanz oblag. Der appel comme d'abus fand ſtatt, wo geiſtliche Behörden zum Nachtheil der königlichen Souverainität ihre Jurisdiktion erweiterten, oder wenn die Freiheiten der gallikaniſchen Kirche verletzt, oder den Ordonnanzen der Könige oder den arréts der Parlamente entgegen gehandelt wurde, auch gegen päbſtliche Bullen und Breves. Aber auch gegen Uebergriffe in das geiſtliche Gebiet von Seite weltlicher Behörden war der appel zuläſſig. Das Geſetz vom Auguſt 1790 übertrug den Tribunalen die Entſcheidung über den appel comme d'abus. Das organiſche Dekret vom 18. Germinal Jahr X über das Con⸗ cordat von 1801 ſetzt die Fälle des abus oder abusus alſo feſt: Uſurpation und Ueberſchreitung der Gewalt, Zuwiderhandlung gegen die Geſetze und Verordnungen des Staats; Verletzung der Grund⸗ ſätze der in Frankreich geltenden kanoniſchen Geſetze; Angriffe auf die Freiheiten der gallikaniſchen Kirche; kirchliche Handlungen, welche die Ehre oder das Gewiſſen der Bürger beeinträchtigen; aber nicht mehr den Juſtizbehörden, ſondern der Adminiſtration, dem Staatsrathe wurde die Entſcheidung über dieſe appels übergeben, was jedenfalls nicht ſehr weiſe und zweckmäßig war. Daher kam auch ſpäter, aber etwas zu ſpät, Napoleon auf den Entſchluß und theilte durch ein Dekret vom 25. März 1813 die appels comme d'abus den Appellhöfen wieder zu. Allein dieſes Dekret wurde nirgends mehr vollzogen. Die Beſoldungen der Appellräthe richten ſich ebenfalls wieder nach der Größe und Bedeutung der Städte, in welchen dieſelben reſidiren. Sie bewegten ſich früher zwiſchen 2000 und 4200 Fran⸗ ken in Zwiſchenanſätzen von 2400, 3000, 3600 Franken. Den Präſidenten wurde die Hälfte, den Kammerpräſidenten ein Viertel als Zulage gegeben und ein kaiſerliches Dekret vom 30. Januar 1811 hat die Gehalte dieſer Chefs bedeutend erhöht. *) *) Im Jahre 1847 wurden die Beſoldungen alſo beſtimmt: Räthe in Paris 10,000 Franken, ſonſt 4000 — 6000 Franken. Präſident in Paris 25,000 4* 52 Gerichtsverfaſſung. Die Amtskleidung der Appellräthe beſteht: 1) Bei den feierlichen Sitzungen und öffentlichen Ceremonien: aus einer Toga von rother Wolle, ſeidner Simarre, Gürtel von ſchwarzer Seide und ſolchen Franzen, herabfallende Cra⸗ vatte von gefaltetem weißen Battiſt; Toque von ſchwarzem Sammt, unten mit einer ſeidenen, mit Gold durchwirkten Bordur. Der Präſident trägt dieſen Beſatz doppelt. 2) In der gewöhnlichen Sitzung: Toga von ſchwarzer Wolle, ſchwarzſeidene Simarre, ebenſo der Gürtel; Toque von ſchwarzer Seide, herabfallende Cravatte von gefaltetem weißen Battiſt. Der Präſident und die Kam⸗ merpräſidenten tragen einen Beſatz an der Toque von ſchwar⸗ zem Sammt mit Gold. Von den Handelsgerichten. *) Wie wir in der Einleitung ſchon angeführt haben, erſcheinen die Handelsgerichte ſchon ziemlich frühe in der innern Geſchichte Frankreichs. Philipp von Valvis organiſirte durch lettres patentes vom Jahre 1349 ſolche Gerichte. In Lyon beſtund 1535 ein Han⸗ delsgericht unter dem Titel „conservation de Lyon.“ Karl K führte durch ein Edikt vom Jahre 1563 die jurisdiction consulaire zu Paris ein, die Jurisdiction der Handelsgerichte nämlich, und die Ordonnanz vom Jahr 1673 dehnte das Edikt auf alle tribunaux consulaires in Frankreich aus, und beſtand dasſelbe bis zum Jahre 1807, wo es abgeſchafft und das jetzige Handelsgeſetz⸗ buch proklamirt wurde. — Der Grundſatz, dem die Beſtimmungen des alten Regime bei Organiſation und Zuſammenſetzung der Han⸗ delsgerichte gehuldigt hatten, dieſelben nur aus Kaufleuten beſtehen zu laſſen, welche durch freie Wahl der Standesgenoſſen aus dem Franken, ſonſt 20,000, 18,000 und 15,000. Die Kammerpräſidenten 6000 bis 9000 Franken, in Paris 12,500 Franken. *) Die in ähnlicher Weiſe beſtehenden conseils des prud' hommes, zu Gunſten und zur Hebung der Fabriken durch Napoleon, zuerſt in Lyon 1806, einge⸗ führt, deren es jetzt 80 gibt, finden ihre Behandlung im Handelsrecht. ju jn vitl it hu ud Pijf un hun Un Py wt ſui ulhe monin u, Gi ende h n ſhuun tien Lehn , (beſt e Gmm Nd di m von ſhn u eiſtin m Giſt res els 35 in ho u1 n eonsi he xini tit a i nſlei hunelhit eſinnnn 1g d hy uen bit e gus d iſmn 6 n buß elöncht Gerichtsverfaſſung. Schooße des Standes hervorgegangen waren und nur kurze Zeit zu fungiren hatten, wurde von dem Geſetzgeber der Jahre 1790 und folgende ſeiner praktiſchen Bewährtheit halber beibehalten und es find die Mitglieder der Handelsgerichte, Präſidenten wie Richter, unbe⸗ ſoldet und ihre Stellen bloße Ehrenämter. (Art. 628 des Handels⸗ geſetzbuchs). — Ein Amtskleid indeſſen, ſchwarze Toga und ent⸗ ſprechende Toque u. ſ. w. ähnlich wie das der Erſtinſtanzgerichte, iſt ihnen für öffentliche Ceremonien und Sitzungen angeordnet. — Den Amtseid legen ſie wie die übrigen Richter, vor den Appell⸗ höfen ab. Der Präſident und die Richter werden mittelſt verſchloſſener Zettel auf die Dauer von zwei Jahren gewählt. Letztere, die Rich⸗ ter müſſen ein Alter von 30 Jahren, der Präſident ein ſolches von 40 Jahren haben. Auch Suppleantrichter gibt es an den Handels⸗ gerichten, die ebenfalls 30 Jahre alt ſeyn müſſen. Die Wahl Aller geſchieht gleichzeitig. Die Liſte der Wähler wird aus der Zahl der Notabeln des Handelsſtandes eines Bezirks vom Präfekten verfertigt und vom Miniſter genehmigt. — Als Vorbedingung zur paſſiven Wahlfähigkeit wird außer dem Alter für die Richter und Supple⸗ anten gefordert, daß ſie fünf Jahre mit Ehre und Auszeichnung Handlung treiben. Die Präſidenten dürfen nur aus der Zahl der alten Handelsrichter gewählt werden. Der Monarch beſtätigt die Wahlen, außerdem ernennt die Regierung einen Gerichtsſchreiber und Gerichtsboten für ein jedes Handelsgericht. Bloß für die Stadt Paris ſind beſondere Beamten, gardes du commerce angeſtellt, welche die Urtheile zu vollſtrecken haben, die perſönlichen Arreſt nach ſich ziehen. Die Zahl derſelben beläuft ſich auf 10. Eigene Appellations⸗Handelsgerichte gibt es nicht; die Beruf⸗ ungen von den Handelsgerichten werden an den ordentlichen Appell⸗ höfen angebracht und entſchieden. Die Regierung beſtimmt die Anzahl der Handelsgerichte*) und die Städte, welche wegen des Umfangs ihres Handels und ihres Gewerbfleißes geeignet ſind, der Sitz ſolcher zu werden. — Jedes *) In den letzten Jahren belief ſich ihre Anzahl auf 221 in ganz Frankreich; während 170 Tribunale erſter Inſtanz als Handelsgerichte fungiren. 54 Gerichtsverfaſſung. Handelsgericht hat denſelben Sprengel wie das Civilgericht, in deſſen Bezirk es errichtet iſt; finden ſich im Bezirk eines einzigen Civil— tribunals mehrere Handelsgerichte vor, ſo werden ihnen beſondere Sprengel angewieſen. Jedes Handelsgericht beſteht 1) aus einem Präſidenten und wenigſtens zwei, höchſtens acht Richtern. Die Zahl der Suppleanten hängt von dem Bedürfniß des Dienſtes ab und wird wie die der Richter durch die Regierung feſtgeſetzt. 2) Aus einem Gerichtsſchreiber, und 3) aus einem oder mehreren Huiſſiers. Gerichtsferien ſind keine an den Handelsgerichten eingeführt. An den Handelsgerichten ſind keine Beamten des öffentlichen Miniſteriums angeſtellt; alſo haben an den Erſtinſtanzgerichten, wenn ſie wegen Mangel an Handelsgerichten in ihrem Reſſort, als ſolche ſprechen, ebenfalls die Staatsprokuratoren und ihre Subſtituten nicht zu fungiren. 6 Die Zuziehung der Anwälte, avoués, zu Amtsverrichtungen vor Handelsgerichten iſt nicht geſtattet. Die Partheien müſſen ſich ſelbſt vertreten oder durch Bevollmächtigte erſcheinen, die mit Spe⸗ zialvollmacht verſehen ſind. Anwälte und Advokaten können nun wohl als Spezialbevollmächtigte aufgeſtellt werden, aber ihr amtlicher Charakter mit den Attributen, z. B. in Hinſicht auf die Koſten, Ordonnanzirung derſelben und ſonſtige Rechte, bleibt beſeitigt. Und ſo befinden ſich dennoch viele Prozeſſe in den Händen der Advokaten und Anwälte, ja an manchen Handelsgerichten genießen immer et⸗ liche Mitglieder des Advokaten⸗ oder Anwaltskollegiums abusive den Vorzug, unter dem Namen „agrées“ beeidigt und ſpeziell zur Vertretung der Handelsprozeſſe gewiſſermaſſen vom Gerichte den Partheien deſignirt zu werden. Endlich gehören die Handelsgerichte zu den Attributionen des Juſtizminiſters und ſtehen unter ſeiner Aufſicht. Die Competenz der Handelsgerichte iſt geſetzlich alſo feſtgeſetzt: Sie erkennen in erſter und letzter Inſtanz über alle Klagen, deren Hauptſumme nicht den Werth von Eintauſend Franken über⸗ ſteigt; ſo wie über diejenigen Klagen, wobei die Parteien durch Prorogation die Gerichte ermächtigt haben, in letzter Inſtanz zu ſprechen, reſp. alſo auf die Berufung von vorneherein durch Piſ Znh iii nim ſum m n nin d M i in w ſu in 8 in in v gn G beſnn aus in di es ch w hriſ h. fmlin hten, vn a ſi inten it mihtunn niſſn ſt nit e innn m r anitn die hſn iigt lu Neiun innn s ahi ſpeiel i eriche d delsgent nter ſin iſgei eg nken ibe ein dut nfan ein wi Gerichtsverfaſſung. 55 Compromiß verzichtet haben. Sie erkennen, was die Materie anbetrifft: 1) über alle Streitigkeiten, die ſich auf Verbindlichkeiten und Ver⸗ träge zwiſchen Handelsleuten, Kaufleuten und Bankiers beziehen; 2) über Streitigkeiten, die ſich auf Handelsgeſchäfte beziehen, die Parteien mögen Handelsleute ſeyn oder nicht; 3) über Klagen, die gegen Handelsvorſteher, Kaufmannsdiener, Commis angeſtellt werden, jedoch blos in Beziehung auf das⸗ jenige, womit der Kaufmann, in deſſen Dienſten ſie ſind, Handlung treibt; 4) über Wechſel und Billets, die von öffentlichen Beamten der Finanzen ausgeſtellt ſind; 5) über die Hinterlegung der Bilanz und der Handelsbücher eines fallirten Kaufmanns und über die Unterſuchung und Affirma⸗ tion der Forderungen; 6) über Oppoſitionen gegen den zwiſchen dem Falliten und den Gläubigern abgeſchloſſenen Vertrag; 7) über die gerichtliche Beſtätigung ſolcher Verträge; 8) über die vom Falliten geſchehene cessio bonorum, Güter⸗ abtretung. Unter Handelsgeſchäften aber verſteht das Geſetz: jedes Wechſel⸗, Bank⸗ und Maäklergeſchäft; jede Operation öffentlicher Banken, Wechſelbriefe und Rimeſſen jeder Art; jede Verbind⸗ lichkeit unter Bankiers, Handelsleuten und Kaufleuten; jede Unter⸗ nehmung von Manufacturen, von Commiſſionsgeſchäften, von Ver⸗ ſendung oder Spedition zu Waſſer und zu Land; jede Unternehmung von Lieferungen, von Ahentſchaften, Geſchäftsbureaur, Lizitations⸗ anſtalten und öffentlichen Schauſpielen; jeden Ankauf von Le⸗ bensmitteln und ſonſtigen Waaren, um ſie entweder im Naturzuſtande oder verarbeitet wieder zu verkaufen; ferner jede Unternehmung eines Schiffsbaues, alle Käufe und Verkäufe von Schiffen, alle Seeex⸗ peditionen; alle Käufe und Verkäufe von Takelwerk, Schiffs⸗Geräth und Proviant; jede Miethung oder Befrachtung eines Schiffes, jedes Anlehen auf Bodmerei, alle See⸗Aſſekuranzen, alle Verträge über Beſoldung und Lohn der Schiffsmannſchaft, alle Verbindlich⸗ keiten von Seeleuten zum Dienſte eines Kauffartheiſchiffes. 56 Gerichtsverfaſſung. Das Inſtitut der Handelsgerichte hat ſich glänzend bewährt und die Abſichten der alten und neuen Geſetzgeber vollſtändig realiſirt. . Der Credit, der raſche und ſichere Verkehr des Handels, und dadurch u dieſer ſelbſt iſt unendlich dadurch gefördert worden und die Befürcht⸗ ung von rechtsgelehrter Seite (die ſich überall unentbehrlich glaubt), 6. daß Perſonen, die nicht Juriſten ex professo ſind, ſich als richter⸗ liche Beamten nicht zurechtfinden würden, iſt durch die Erfahrung * dahin zurückgewieſen worden, daß die Urtheile von Handelsperſonen 6 weit weniger in der Berufungsinſtanz reformirt werden, als die von un Erſtinſtanzgerichten, wenn ſie als Handelsgerichte ſprechen. Wir 5 denken auch, daß das ſehr erklärlich iſt, denn ein Handelsmann, der m ſein Geſchäft verſteht, taugt beſſer zur Beurtheilung dieſer ſeiner Ge⸗ ſi ſchäfte als ein Jnriſt. . Vom Caſſationsgericht oder Caſſationshof. N Die Idee, einen Gerichtshof oder eine Behörde zu conſtituiren, fi an welche man die Berufung gegen Urtheile, die ſelbſt in letzter In⸗ ) ſtanz ergangen, wegen Rechtsirrthum oder offenbarer Verletzung der ) Geſetze, bringen konnte, hatte ſchon in der alten Monarchie durch die Creirung einer eigenen Caſſationsinſtanz ihren Ausdruck gefun⸗ M den. Dieſe Inſtanz war aber höchſt unvollkommen, denn entweder n war der Caſſationsrichter der König ſelbſt oder er ließ kraft eines lettre de gràce dem Parlament unter ſeinem Vorſitz die Sache von w neuem vortragen und durch es entſcheiden. Dieſe Verfügungen l ſind zuerſt in den Etablissements de St. Louis und dann in der Ordonnanz vom 23. März 1302 enthalten. Aber nirgends waren die Fälle präcifirt, in welchen ein Recurs zur Caſſation ſtattfinden N konnte, und es wurde daher durch die Hofleute ein wahrer Handel u mit den lettres de gräce getrieben. ſi Geld, politiſcher Einfluß, Schönheit konnte ſich dieſelben nach in Bedürfniß verſchaffen. Deßhalb verbot Philipp von Valois auf eine lu Remonſtration des Parlaments gegen dieſe Mißbräuche die lettres de grace und befahl durch eine Ordonnanz vom Dezember 1344, 3 daß Niemand zukünftig die arréts der Parlamente anfechten ſolle, 4 ohne in einer Bittſchrift an den König die Irrthümer nahmhaft ge⸗ . macht zu haben. Dieſe Irrthümer ſollten durch den conseil des Gerichtsverfaſſung. — Königs geprüft, und wenn richtig befunden, die Sache von dem Par⸗ lamente auf's Neue unter Zuziehung föniglicher Abgeordneten geprüft 6 und entſchieden werden. Interlocutoriſche Urtheile durften indeſſen din nicht Gegenſtand des Rekurſes ſeyn und den Succumbenten wurden 6 Geldſtrafen frirt. c it. Ludwig XI. fand es nicht für gerathen, die Parlamente, die Sin ihm ohnehin ſchon zu mächtig waren, über die Caſſationsrekurſe ent⸗ hin ſcheiden zu laſſen und maßte ſich die künftige Entſcheidung über ſolche a * unmittelbar ſelbſt an, indem er ſie vor ſeinen Grand conseil *) zu. 5 — Staatsrath — verwies, und dieſen erkennen ließ, wie er es ihm önm n vorſchrieb. Jetzt und nach ihm hatte die Hofwirthſchaft wieder ſiunb⸗ freies Spiel in dieſer Sache, und das Recht lag in den Händen der Hofſchranzen, der Miniſter und der Maitreſſen, bis der Kanzler Olivier durch eine königliche Ordonnanz vom Jahre 1579 gegen dieſe Mißbräuche in der Weiſe einwirkte, daß nun künftig die arréts weder cujiuin taſſirt noch eingezogen werden konnten, als im Wege Rechtens, kzet 1) durch die restitutio in integrum oder die requéte civile, ehnn u 2) wegen Geſetzesverletzung, und 3) durch die Nachweiſung eines mije dut faktiſchen Irrthums von Seiten des Parlaments. Wegen Geſetzes⸗ wut zin verletzung ſollte der Grand conseil, über die beiden andern Rechts⸗ n un mittel das Parlament erkennen. uſt is So verblieb es nun bis zur Erſcheinung der ordonnance civile Sihh u von 1667, welche die Civilprozeßordnung feſtſetzte, die bis zum napo⸗ zerfiynn leoniſchen code de procedure civile beſtand und die Hauptgrund⸗ un in b lage deſſelben iſt. Dieſe Ordonnanz führte zwei weſentliche Ver⸗ ds vm beſſerungen ein, die eine dadurch, daß der Rekurs wegen faktiſchen ſutfn Irrthums unterſagt wurde, ein Rechtsmittel, welches man auf die u hun muthwilligſte Weiſe zur Verewigung der Prozeſſe mißbrauchte, und die zweite durch die Präziſion der Fälle, in welchen die requéte ſihn u civile angewendet werden durfte; der Staatsrath aber, was keine is uin Verbeſſerung war, wurde mit der Funktion des Caſſationsgerichts ie lit betraut, denn die abhängige Stellung der Staatsräthe garantirte keine be ll unparteiiſche Rechtsſpendung. ihun ſi⸗ hnhi *) Die Abtheilung des Staatsrathes, welche die Caſſationsinſtanz bildete, hieß oweil M conseil des parties. * 58 Gerichtsverfaſſung. Eine Prozeßordnung für den Caſſationsrekurs wurde dann, ſehr ausführlich, durch ein Dekret vom 1. Juni 1738 erlaſſen, die theil⸗ weiſe noch jetzt für den Pariſer Caſſationshof maßgebend iſt. Das Geſetz vom 27. November bis 1. Dezember 1790 dekre⸗ tirte ein von Richtern gebildetes eigenes Caſſationsgericht, deſſen Zweck ſeyn ſollte: „Die monarchiſche Einheit zu erhalten; alle politiſche Theile des „Staates zu verbinden, die Einheit der Geſetzgebung zu bewahren; „die Verſchiedenheit der Jurisprudenz zu verhindern; der Wächter „des Eigenthums, der Mittelpunkt der gerichtlichen Gewalt, das „Bindungsmittel der Appellationsgerichte und die letzte Zuflucht der „Unſchuld zu ſeyn.“ Ein Dekret vom 4. Germinal II. zählt die Fälle auf, worin Civilurtheile kaſſirt werden müſſen und können. Wie die übrigen Richter waren auch die Caſſationsrichter zuerſt wählbar; wie die übrigen Gerichte tribunal d'arrondissement, tribunal d'appel be⸗ titelt wurden, ſo wurde auch tribunal de cassation als offizieller Name für die Caſſationsinſtanz gewählt; aber ebenſo wurde durch die ſpätere Geſetzgebung die Wählbarkeit der Caſſationsrichter zuerſt dem Senat, dann das Ernennungsrecht dem Kaiſer zugeſtanden, wel⸗ cher durch das Geſetz vom 28. Floréal Jahr XII. die Benennung tribunal beſeitigte und dafür „cour de cassation“ einführte, ihre Urtheile von nun an nicht mehr jugements, ſondern arréts, und die Mitglieder Räthe ſtatt Richter betitelte. Nach dem Geſetze vom 27. Ventose Jahr VIII. — Artikel 58 bis 91 inclusive, Titel V. — wird der Caſſationshof aus 48 Rich⸗ tern — die Präſidenten mitbegriffen — gebildet, denen beigegeben iſt ein Generalprokurator, 6 Subſtituten, ein Obergerichtsſchreiber, 4 Gerichtsſchreiber und 8 Gerichtsvollzieher. Die Mitglieder des Caſſationshofs legen den Amtseid in die Hände des Kaiſers ab. Der Caſſationshof hat in Paris ſeinen Sitz. Aus den ausge⸗ zeichnetſten Mitgliedern der Appellhöfe rekrutirt er ſich; das Alter, das zum Eintritt in denſelben nothwendig iſt, hat das Geſetz auf 30 Jahre firirt. Mit erreichtem 75. Jahre treten die Räthe in den Ruheſtand. *) *) Richter und Appellräthe mit dem 70. Jahre. — Mit dem 70. und reſp. 75. Jahre erliſcht alſo die Inamovibllität der franzöſiſchen Richter. „ jm 0 itß In ſi U 1 ohre Gerichtsverfaſſung. 59 Die Beſoldung des 1. Präſidenten*) beläuft ſich auf 30,000 Franken, die der Kammerpräſidenten auf 18,000, der Räthe auf 15,000 Franken. (Ordonnanz vom 7. November 1837.) — Der Caſſationshof bietet in ſeinen vereinigten Sitzungen einen äußerſt würdevollen und großartigen Anblick dar, da die feierliche Amtskleidung, welche ihm beigelegt iſt, an eine Verſammlung von Fürſten aus alter Zeit erinnert. Die Räthe tragen eine Toga von rother Wolle, eine Toque (Hut) von ſchwarzem Sammt mit einem Gold⸗ gürtel beſetzt. Eine weiße Bordüre an der Toga und zwei Gold⸗ gürtel an der Toque, ſowie die Epitoge (Oberkleid), ein über die Schultern hängendes Band zeichnet die Präſidenten und Kammer⸗ präſidenten aus. **) (Beſchluß vom 20. Vendemiaire XI. und Dekret vom 4. Juni 1806.) Der Caſſationshof zerfällt in 3 Kammern, nämlich in die chambre des requétes (Kammer der Bittſchriften, das heißt der eingereichten Caſſationsgeſuche), in die chambre civile, welche ſich mit der Be⸗ urtheilung der Caſſationsgeſuche in Civilſachen und in die chambre criminelle, welche ſich mit den Strafſachen befaßt. — Die chambre des requétes erkennt nur über Caſſationsgeſuche in Civilſachen und zwar zuerſt; wird das Caſſationsmittel zuläſſig gefunden, ſo verweiſt dieſe Kammer die Sache ſofort an die chambre civile. — Geſuche in Strafſachen kommen ſogleich an die chambre criminelle, ohne vorher erſt die Requetenkammer paſſiren zu müſſen. Jede Kammer zählt 16 Mitglieder und einen der Präſidenten. Bei ſämmtlichen Verhandlungen aber müſſen ſtets 11 Mitglieder zugegen ſeyn. Alle 3 Kammern verſammeln ſich in geſetzlich beſtimmten Fällen, welche weiter unten vorgetragen werden, in feierlicher Sitzung, audienge solenelle, welcher der erſte Präſident vorſitzt, oder auch unter dem Präſidium des Juſtizminiſters. ***) Das Präſidium des *) Unter Napoleon I. auf 60,000 Franken. **) Das Coſtüme in gewöhnlichen Sitzungen iſt ſchwarze Toga aus Seide, Toque von ſchwarzer Seide, rother Gürtel mit Goldquaſten und weiße Battiſthals⸗ binde. Die Präſidenten und Vicepräſidenten haben einen goldenen Beſatz an der Toga. ***) Der Napoleoniſche Juſtizminiſter war der höchſte Richter des Reichs und führte als ſolcher den Titel grand Juge, Großrichter = Juſtizminiſter. Er präſi⸗ 60 Gerichtsverfaſſung. letztern iſt indeſſen jetzt auf die Fälle beſchränkt, in welchen der Caſſationshof als oberſte Disziplinarbehörde erkennt. Die zwei Civilkammern haben ebenfalls Gerichtsferien; die Criminalkammer dagegen, wie bei den Höfen und Tribunalen, keine und beurtheilen dann als Ferienkammer auch die dringlichen Civilſachen. Am Caſſationshof ſind 60 Advokaten accreditirt, welche das alleinige Recht der Stellvertretung bei demſelben in Anſpruch nehmen, während ſie mit den übrigen Advokaten vor allen Gerichten des Reichs concurriren können. Hier iſt der Unterſchied zwiſchen An⸗ wälte, avoués, und Advokaten, avocats, nicht durchgeführt. Die Competenz des Caſſationshofes in Civilſachen beſchränkt ſich auf folgende 3 Fälle: I. Er kaſſirt die gerichtlichen Urtheile, welche auf einer Verletz⸗ ung der Geſetze beruhen und weiſt die betreffenden Rechtsſtreitig⸗ keiten an ein anderes Gericht zur nochmaligen Beurtheilung. II. Er beſeitigt Störungen, die in dem Gange der Juſtizpflege eintreten und deren Beſeitigung durch die übrigen Gerichte nicht ge⸗ ſchehen kann, und III. Er übt die oberſte Disziplinargewalt aus. In Beziehung auf Nummer l. iſt zu bemerken, daß der Caſſa⸗ tionshof angerufen werden kann, wenn das anzugreifende Urtheil eine ausdrückliche Geſetzesverletzung enthält, oder wenn weſent⸗ liche unter Strafe der Nullität — Nichtigkeit — vorgeſchriebene Formen verletzt werden; oder wenn mehrere in derſelben Sache, zwiſchen denſelben Parteien, von verſchiedenen oder demſelben Ge⸗ richte, auf dieſelbe Motivirung hin erlaſſene Urtheile in offenbarem Widerſpruche zu einander ſtehen; oder wegen Inkompetenz und Ueber⸗ ſchreitung der geſetzlichen amtlichen Schranken. (Uncompétence und excés de pouvoir.) dirte den Caſſationshof und die Appellhöfe, wenn die Staatsregierung es für angemeſſen hielt. Ihm war im Senat und im Staatsrath ein ausgezeichneter Platz vorbehalten. Auch ſtund ihm das Aufſichts⸗ und Zurechtweiſungsrecht über die Gerichte erſter Inſtanz und ihre Mitglieder, ſowie über die Friedens⸗ richter zu. Unter ſeinem Präſidium disziplinirte der Caſſationshof die Mit⸗ glieder der Appellhöfe. Obige Beſtimmungen bilden die Artikel 78, 79, 80, 81, 82. Titel IX. des Senatusconſults vom 16. Thermidor Jahr X. ſ ſwi det 7 den heß ode ih m h 6 hen d en u „kein iſuhn he d wehnn, ſen d hen l eſhrin Perl ſtniih ipſ icht g⸗ E Uirhel weſent ritbene Sihe en Ge nbaren lebe⸗ und es fir ichneter ngönt tieden⸗ e Mi⸗ 9, 50 . Gerichtsverfaſſung. 61 In Beziehung auf Nummer II. Unter dieſen Störungen ſind die Fälle zu verſtehen, wenn ein Appellhof in Folge erkrankter, ver⸗ ſtorbener oder rekuſirter Räthe nicht mehr hinlänglich componirt iſt; oder wenn der ganze Appellhof aus beſtimmten Gründen als partei⸗ lich angeſehen wird; oder wenn zwiſchen mehreren Gerichten, die nicht dem Sprengel eines und deſſelben Erſtinſtanzgerichtes oder Appell⸗ hofes angehören, negativer oder poſitiver Competenzconflikt entſteht; oder wenn die Verhandlung einer Sache vor dem competenten Ge⸗ richte die öffentliche Sicherheit gefährden könnte. Die unter Nummer II. ihm attribuirte Gewalt übt er auch im Falle Verbrechen von einem Mitgliede eines kaiſerlichen Gerichts⸗ hofs oder des Caſſationshofs, oder von einem ganzen Gerichte, bei Ausübung ſeiner amtlichen Funktionen begangen werden. In Criminalſachen bedingt die Verletzung der Geſetze, die Nicht⸗ beobachtung der unter Strafe der Nichtigkeit vorgeſchriebenen Formen, ſowie die Verſagung eines Rechts, das dem Beſchuldigten oder dem öffentlichen Miniſterium zuſteht, die Caſſation. In feierlicher Sitzung verſammelt ſich der Caſſationshof, wie ſchon oben bemerkt, gewöhnlich unter dem Präſidium des Juſtizminiſters bei Disciplinarſitzungen, wegen ſchwerer Fälle*); ohne den Juſtiz⸗ miniſter, wenn eine Sache zum zweiten Mal an den Caſſationshof tömmt. Alsdann wird eine Entſcheidung in rechtsverbindlicher Weiſe für das Gericht erlaſſen, an welches die Sache zum dritten Mal ver⸗ wieſen wird. Ueber die Natur des Caſſationsmittels iſt noch zu bemerken, läſſig iſt, wenn kein anderes mehr platzgreiflich iſt und daß es keinen Suſpenſiveffect hat. Eine Summe von 300 oder 450 Fraucs muß deponirt werden vor Verhandlung der Sache als Buße im Unterliegungsfalle zu Gunſten des Staates und einer Schadenserſatzſumme zu Gunſten des Gegners. Sowohl die Parteien können in den geſetzlich beſtimmten Fällen *) Wenn der betreffende Beamte mit der höchſten Strafe, der Amtsentſetzung (Péchéange) beahndet werden ſoll. — Dekret vom 1. März 1852. daß dasſelbe ein außerordentliches Rechtsmittel, daher nur dann zu⸗ — C 62 Gerichtsverfaſſung. den Caſſationsrekurs ergreifen, als auch im Intereſſe des Geſetzes das öffentliche Miniſterium, dieſes ſogar nach Ablauf der geſetz⸗ lichen Friſt. Es iſt eine Pflicht, nicht allein ein Recht dieſer Behörde und ſie kann durch ihren oberſten Chef, den Generalpro⸗ kurator am Caſſationshof oder den Juſtizminiſter dazu befehligt werden. Auch dieſes große Inſtitut hat, wenige Momente ſeiner Eriſtenz ausgenommen, den hohen Erwartungen, welche man bei ſeiner Creirung von Seiten des Geſetzgebers hegte, glänzend ent⸗ ſprochen und hat ſich oft als der Schutz gegen Deſpotismus und Pöbelherrſchaft als die Stütze der Freiheit und der Ordnung be⸗ währt. Es bewahrte durch ſeine Erlaſſe — arréts — die Rechts⸗ Einheit im Lande und übte ſo einen wunderbaren Einfluß auf den geregelten und ruhigen Gang der Juftizpflege aus. Mit Freuden durchliest der Sachverſtändige die Jahresbücher ihrer Urtheile, denn ein großer Theil derſelben zeichnet ſich durch kritiſchen Scharfſinn und herrliche, präciſe Redaction aus. Wohl dem Lande, das ſich eines ſo vorzüglichen Inſtitutes zu erfreuen hat! *) B. Das öffentliche Miniſterium. Mit den Verordnungen, durch welche Paris zur bläbenden Reſidenz eines Parlaments für Frankreich beſtimmt wurde, wurde zugleich das Inſtitut des öffentlichen Miniſteriums, oder wie wir heute in Deutſchland ſagen, der Staatsanwaltſchaft, in klarer und präciſer Weiſe begründet und geſchaffen. Alles Vorhergehende in dieſer Beziehung, was man organiſirt hatte, waren nur ſehr dürftige und unvollkommene Annäherungen an die große Idee dieſes erhabenen Inſtituts. Karl der Große hatte die Ahnung eines ſolchen, wie aus ſeinen Capitularien hervorgeht, aber auch weiter nichts. *) Die Literatur über Gerichte und Richteramt, ſo wie über öffentliches Mini⸗ ſterium e. findet ſich in den ſchon citirten zu Ende der Einleitung genannten Werken über Rechtsgeſchichte und Organiſation theils in allgemeiner, theils in ſpezieller Behandlung. zi i j w i hin hut uſt m in a wul m Mri 6 if u d 6ij f u zi Reht ſin Grnenh au biſti mente ſin che unt inen n otisnus w nn die Ri lu ufu Mit theile, m 6 nde, d ſt . blütun ude, wu er wi u len mgehi ſihinih s echehun ulhn, u h. lis ung gunn inn hi Gerichtsverfaſſung. 63 Schon zu jener Zeit der Parlamente ſah man die Beamten des Inſtituts als berufen an, „die Wahrer zu ſeyn der Intereſſen des „Fürſten und des Volkes, der Schutz der und der Un⸗ „ſchuld, die Erhalter der Geſetze.“ Dieſelbe hohe Idee hegte der Geſetzgeber vom Jahre 1790 über das öffentliche Miniſterium, das er beibehielt und ihm dieſelbe wich⸗ tige Stellung wie unter dem angien regime anwies. Unter den Königen nannte man dieſe Klaſſe von Beamten gens du roi, die Leute des Königs, und ſie zerfielen, nachdem das Königthum ſehr raſch ihre Nützlichkeit herausgefunden und ſie auch den Untergerichten zugetheilt hatte, in zwei Klaſſen. Die erſte war an den Parlamen⸗ ten angeſtellt, der Chef derſelben hieß procureur general und ver⸗ waltete ſein Amt ſchriftlich; der ihm untergebene Kolleg hieß avocat general und führte ſeine Funktionen in den Sitzungen durch mündlichen Vortrag aus. Die zweite Klaſſe befand ſich an den Präſidiaur, Bailliages, Prevots und Sennechauſee's, deren wir alle in der Einleitung er⸗ wähnt haben und zwar in derſelben Organiſation, wie ihre Kollegen an den Parlamenten. Der Chef und ſchriftliche Arbeiter hieß procureur du roi, ſein Kollege, der in den Sitzungen plädirte, avocat du roi. Auch gens du parquet wurden ſie genannt, welcher Name ſich bis heute erhalten hat und womit man ſowohl die Amts⸗ zimmer der Staatsanwaltſchaft als auch das geſammte Perſonal der⸗ ſelben an einem Gerichtshof oder im ganzen Reiche zu bezeichnen pflegt; ſo ſagt man: das Parket von Frankreich, oder: das ganze Parket am Appellhof zu Paris war der Anſicht u. ſ. w. Um den Zweck der Creirung des Inſtituts zu erreichen, war es natürlich nothwendig, den Beamten desſelben ſehr gewichtige und tief eingreifende Attribute zu verleihen und ſie ſo zu hoher Bedeut⸗ ung zu bringen. Ohne Zweifel ſehr lobens⸗ und anerkennenswerth, aber auch ſehr gefährlich und dieß iſt eine Schattenſeite desſelben, namentlich in Frankreich. Für einen ehrgeizigen Charakter iſt der Boden des Parkets ein ſehr glatter und leicht zum Sturze führender. Man hat die hohe Bedeutung und Attribution der Staatsprokuratur ſehr häufig mißbraucht und nebenbei ein politiſches Amt daraus ge⸗ macht. Wozu das Alles führen kaun, zumal die Staatsprokura⸗ 64 Gerichtsverfaſſung. toren*) wie die übrigen adminiſtrativen Beamten, ohne alle Ent⸗ ſchädigung und Penſion beliebig abgeſetzt werden können, liegt am Tage. Bei jedem Syſtem⸗, bei jedem Miniſterwechſel (was letz⸗ tere noch ärger iſt) finden wir in den franzöſiſchen Regierungsblät⸗ tern eine Maſſe Abſetzungen und neue Ernennungen im Perſonal des Parkets. In der alten Monarchie war ihr Amt erblich und verkäuf⸗ lich, und ſo hatten ſie einen gewiſſen Schutz gegen willkührliche Ab⸗ ſetzung, obwohl dieſelbe dem Könige zuſtand, indem mit der Abſetz⸗ ung ihnen das Amt abgelöſt oder abgekauft werden mußte. Die republikaniſche Geſetzgebung nannte ſie commissaires du gouvernement, und diejenigen unter ihnen, welche in Crimi⸗ nalſachen fungirten „accusateurs publics“ öffentliche Ankläger, welcher Titel durch die Conſtitutivn vom 22. Frimaire VIII. beſeitigt wurde, indem man die Funktionen derſelben dem commissaire du gouvernement übertrug. Napoleon erhöhte ſie in Titel und Ge⸗ walt, wie er es bei den Gerichten gethan, und ſie hießen von nun an wieder General⸗Prokurator, procureur géneral am Caſſations⸗ hof und an den Appellhöfen, procureur imperial an den Erſtin⸗ ſtanzgerichten. Die hierariſche Gliederung der Staatsanwaltſchaft in Frankreich iſt folgende: An den Erſtinſtanzgerichten iſt ein procureur imperial (oder, nach Umſtänden, du roi) angeſtellt mit einem oder mehreren Subſtituten. An den Appellhöfen ein procureur géneral mit mehrern Sub⸗ ſtituten, deren einer den Titel avocat géneral führt, und gewöhn⸗ lich in den Civilſitzungen das Wort führt, plädirt. Der General⸗ prokurator ſteht über allen Staatsprokuratoren des Sprengels des Appellhofs, bei welchem er angeſtellt iſt, ſowie über ihren Sub⸗ ſtituten. Er hat das Beaufſichtigungs⸗ und Zurechtweiſungsrecht über alle Parketbeamten ſeines Sprengels. Aber über den Generalprokuratoren der Appellhöfe, ſo wie den *) Er ſollte eben ein gerichtlicher Beamte und den Richtern in Beziehung auf Inamovibilität gleichgeſtellt ſeyn; aber aus politiſchen Rückſichten muß er wi⸗ der den Geiſt ſeiner Funktionen, Adminiſtrator oder politiſcher Beamte ſeyn. äu ſiu ſtün uy ih wol m NW in uß 9 ſe ſch vi ih im wi n M le Ghe ligt n ws iz ngübli Perſnl tkini rihe h aires d Ein nli, beſih zire d und G. von mn ſſuns rin ranlit inei nehumn n Et gevöhn Genen ls nEt nyönh wie de ehung uf et vi⸗ ſe ſen Gerichtsverfaſſung. 65 Staatsprokuratoren an den Erſtinſtanzgerichten mit allen ihren Sub⸗ ſtituten und Generaladvokaten ſteht der Generalprokurator des Caſ⸗ ſationshofs, als deſſen Subſtitute alle Parketbeamten des Reiches angeſehen werden. *) Und ſo wie der Juſtizminiſter der erſte Richter des Reiches iſt, ſo iſt er auch an die Spitze der ſtaatsan⸗ waltſchaftlichen Hierarchie geſtellt, die von ihm Anträge ausführen und Verweiſe annehmen muß. Die Disziplinirung des Parketbeamten ſteht den höhern zu, ſo daß das Gericht oder der Präſident weder in öffentlicher Sitzung noch in geheimer oder ſonſt wo einen Staatsanwalt zurechtweiſen, das heißt, diszipliniren darf. Daß aber dieſe Sache cum gremio salis verſtanden werden muß, und daß der Präſident, dem die Sitzungspolizei zuſteht, nicht Ungebührlichkeiten von Seiten des Par⸗ tets gegen Gericht, Vertheidiger, oder Publikum dulden darf, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Er kann dem Staatsanwalt, wie den Ad⸗ vokaten und Vertheidigern, ſo wie den Parteien, das Wort ent⸗ ziehen, wenn das Gericht ſich für gehörig inſtruirt erachtet, und kann die Sitzung aufheben bei groben Verſtößen des Staatsan⸗ waltes und hierüber Protokoll errichten laſſen, was dem Juſtiz⸗ miniſter, ſo wie den betreffenden Generalprokuratoren an dem Ap⸗ pellhofe und dem Caſſationshof zur Disziplinirung des Schul⸗ digen übermittelt wird. Die Amtskleider und die Gehälter dieſer Beamten find dieſelben wie die der Kollegialrichter an den entſprechenden Gerichten, ſo daß Präſident oder Kammerpräſident und Generalprokurator, Appellrath und avocat général oder Subſtitut des Generalprokurators, Prä⸗ ſident und Staatsprokurator, Richter und Subſtitut gleich geſtellt ſind. *) Das öffentliche Miniſterium in Frankreich iſt zu einer Uniformität gebildet und zu einer Solidarität verpflichtet, wie kein anderes Inſtitut der Art in der Welt meyr. Namentlich kann das engliſche Inſtitut gar nicht damit verglichen werden, denn dort iſt dasſelbe unabhängig geſtellt und ſeine Beamten haben nicht durch rhetoriſche Siege — oft auf Koſten der Wahrheit und materiellen Gerechtig⸗ teit — über die Vertheidiger zu glänzen, ſondern die Wahrheit und das Recht zu ermitteln, und ſo wahren ſie dieſes und jene nach zwei Seiten hin, Ver⸗ folgung und Vertheidigung. 5 66 Gerichtsverfaſſung. Ein Generalprokurator ſoll 30 Jahre, ſein Subſtitut 25 Jahre, ein Staatsprokurator 25 Jahre und deſſen Subſtitut 22 Jahre alt ſeyn, um dieſe Aemter erhalten zu können. Aber bei dieſen wie bei den Richtern hat ſich der Kaiſer ein Diſpenſationsrecht vorbehalten. Außer den Kenntniſſen, die man vom Richterperſonale *) verlangt, wird von den Parketbeamten ein gewandter, fließender Vortrag ge⸗ fordert und raſche Faſſungskraft, um hinter den Advokaten im öffent⸗ lichen Sitzungsdienſt nicht zurückzubleiben und zur Stelle repliziren oder widerlegen zu können. Was nun den Wirkungskreis der Staatsanwälte in ihrem Amte betrifft, ſo iſt derſelbe ein zwiefacher, im Civil⸗ und im Kri⸗ minaldienſt nämlich. Indem ſie das Organiſationsgeſetz zu Wächtern des Rechts und der Ordnung gemacht hat, attribuirt ſie denſelben die Beiwohnung aller öffentlichen Civil⸗ und Strafſitzungen, um durch Beobachtung und Stellung von Anträgen den Rechtsgang zu ſchützen und zu wahren. Ihre Gegenwart iſt bei Strafe der Nich⸗ tigkeit vorgeſchrieben, während bei den Handelsgerichten dieſelben nicht zu erſcheinen haben. In Civilſachen aber erſcheinen ſie in doppelter Geſtalt: als Hauptpartei nämlich, um über die Intereſſen der Ab⸗ weſenden zu wachen, um von Amtswegen auf die Auflöſung recht⸗ lich ungültiger Ehen anzutragen; um die Interdiktion eines Raſenden zu betreiben, wenn keine Kläger ſonſt vorhanden ſind; um Civil⸗ ſtandsbeamte (Bürgermeiſter und Adjunkte) wegen Geſetzwidrigkeiten in Führung der Civilſtandsregiſter zu verfolgen; um gegen Notare, Anwälte und Gerichtsboten wegen Pflichtwidrigkeit auf Disziplinar⸗ ſtrafen Antrag zu ſtellen; um die Ernennung eines Vormunds zu bewirken bei Fideikommiſſen zu Gunſten von Enkeln, falls die Fidei⸗ kommiſſare keinen ernannt haben; um die Rechte des Fiskus zu vertreten, daferne derſelbe es nicht vorzieht, ſich durch einen An— walt vertreten zu laſſen, indem in letzterer Beziehung die Staats— *) Die Civilprozeßordnung ordnet in ihrem B4ſten Artikel an, daß bei Ver⸗ hinderung des Parketperſonals ein Richter als Staatsprokurator fungiren ſoll. Alſo auch von einem ſolchen wird eine gewiſſe Gewandtheit im münd— lichen Vortrage vorausgeſetzt, welche ihm übrigens auch bei Referaten in öffent⸗ licher Sitzung z. B. bei Rectificationen von Civilſtandsurkunden, zu ſtatten kömmt. ww u Si w ſte n ji 5 Rhr, Johr il nwie hi cbehan. vuln utag N m ifin ren n ihm in Ki Pizn denſihn en, un gung u e Nil⸗ dieſen nſii der A nt aſend Gii igtin Nom, ipina⸗ nds jl idi⸗ kus ſ en N Staats ei Ver fungirn nind⸗ nöfent kömmt. Gerichtsverfaſſung. 67 anwaltſchaft durchaus nicht gerade die Vertreterin des Fiskus ſeyn muß. Als Nebenpartei, und das iſt eigentlich ihre ordentliche Stellung, während die als Hauptpartei aufzutreten, mehr für eine exceptionelle anzuſehen iſt, muß ſie gehört werden und Anträge ſtellen: In allen Sachen, welche die öffentliche Ordnung, den Staat, die Domänen *), die Gemeinden, öffentlichen Anſtalten Girchen, Kirchenfabriken, Spitäler, Stiftungen ꝛc.) betreffen; in allen Rechtsſachen, welche den Civilſtand und Vormund⸗ ſchaften betreffen; in allen Sachen, wo es ſich um Competenz, Competenzconflikte, Recuſationen von Richtern oder ganzen Gerichten, um Syndikatsklagen handelt; in den Angelegenheiten verheiratheter Frauen, wenn ſie von ihren Männern nicht zur Erſcheinung vor Gericht autoriſirt ſind, oder wenn es ſich von ihrem Brautſchatze handelt, wenn ſie nach Detailrechten ſich verheirathet haben; in allen Sachen, wo Minderjährige, durch Curatoren vertretene oder vermuthlich abweſende Perſonen betheiligt ſind. Alle die hiebei erwachſenen Prozeßſchriften müſſen dem öffentlichen Miniſterium vor der Sitzung in gehöriger Zeit, damit ſie durchgeprüft werden können, mitgetheilt (ommunicirt) werden. In allen übrigen civilrechtlichen Streitigkeiten kann, wenn ſie es für gemeſſen hält, die Staatsanwaltſchaft Anträge ſtellen und be⸗ gehren, gehört zu werden. Alle Anträge der Staatsbehörde müſſen in dem Urtheile er⸗ wähnt werden. Auch kann der Beamte derſelben, wie ein Richter, in Civilſachen rekuſirt oder abgelehnt werden. In Kriminalſachen hat die Staatsbehörde im Namen des Staates alle geſetzlich ſtrafbaren Handlungen von Amtswegen zu verfolgen; ſie iſt der öffentliche Ankläger. Die Unterſuchung wird von ihr geleitet durch Anträge an den Unterſuchungsrichter und *) Wie wir gerade oben geſehen haben, tritt ſie als Hauptpartei, partie prin- cipale — nur bei Mangel der Aufſtellung eines Vertreters für den Fiskus auf; als Nebenpartei — partie jointe — aber muß ſie hiefür amtiren. —% 68 Gerichtsverfaſſung. die Rathskammer. Sie ſteht an der Spitze der Beamten der ge⸗ richtlichen Polizei und dieſe haben daher alle Denunciationen und Anzeigen vorgekommener geſetzwidriger und ſtrafrechtlich verfolgbarer Handlungen ihr zu übermitteln und Aufträge von ihr zu empfangen und auszuführen. Ihr ſteht die Ergreifung der Rechtsmittel gegen richterliche Urtheile, Beſcheide und Ordonnanzen zu, und endlich der Vollzug der Strafen und reſp. die Ueberwachung derſelben. Die Correſpondenz mit den übrigen Behörden ruht faſt ganz in den Händen der Staatsbehörde und iſt eines ihrer läſtigſten aber doch wichtigen Attribute. Ihr ſteht ferner das Aufſichtsrecht zu über alle Beamten der gerichtlichen Polizei (Friedensrichter, Unter⸗ ſuchungsrichter, Offiziere und Mannſchaft der Gendarmerie, Bürger⸗ meiſter, Adjunkte, Polizeidiener, Feld⸗ und Waldſchützen), ſo wie über die miniſteriellen Beamten ihres Gerichtsſprengels. *) Endlich eröffnet ſie neu erlaſſene Geſetze als Organ des Ju⸗ ſtizminiſteriums den Tribunalen und Gerichtshöfen mit Antrag auf Vollzug derſelben. Welch' außerordentlichen Wirkungskreis die Staats⸗ behörde hat, dadurch welche Bedeutung und welchen tief gehenden Einfluß, haben wir alſo geſehen und wir citiren noch zum Schluſſe Merlin's Worte über die Staatsbehörde, nachdem er ſein Erſtaunen darüber an den Tag gelegt hat, daß Griechenland und Rom kein öffentliches Miniſterium hatten, und ihnen nicht einmal durch das Amt eines Cenſors die Idee dazu gekommen ſey, „aber noch auf⸗ fallender, fährt er fort, „will es mir bedünken, daß, nachdem ſich dieſe Anſtalt in Frankreich und England befeſtigt hat, die übrigen *) Welche Beamten zu den miniſteriellen zu zählen ſind, darüber herrſcht in Frankreich keine entſchiedene Einigkeit. In der Geſetzgebung, im Prozeß ſowohl als in Organiſationsdekreten kommt der Ausdruck vor, aber nirgends die Erklärung, wer darunter zu verſtehen ſey. — Die Mehrheit der franzöſi⸗ ſchen Juriſten aber zählt unter die miniſteriellen Beamten: 1. die Gerichts⸗ ſchreiber, 2. die Anwälte, aber nicht die Advokaten, 3. die Notäre, 4. die Gerichtsboten. Dieſer Anſicht huldigen die meiſten Gerichte und ſo wollen wir uns auch zu ihr bekennen. Carré meint; der Titel eines miniſteriellen Beamten gehöre jedem Beamten, den das Geſetz verpflichtet, den Richtern und Parteien ſein Amt zu leihen — ministerium — ſo oft er geſetzlich darum angeſprochen wird. Dalloz will die Gerichtsſchreiber nicht dazu rechnen, aber aus ſehr unſtichhaltigen Gründen. Toullier äußert keine ganz beſtimmte Meinung darüber. 6u u I ſc und Arer igen egen der ber er⸗ ger ber ſſe Gerichtsverfaſſung. 69 Staaten noch immer zaudern, ſolche in ihre Länder zu verpflanzen und ſich deren Früchte theilhaftig zu machen.“ In Rheinpreußen, Rheinbayern und Rheinheſſen beſteht das Inſtitut noch ganz ſo, wie wir es geſchildert haben, oder doch mit ſehr unbedeutenden Modifikationen, in Rheinbayern in ganz un⸗ veränderter Geſtalt. Auch das diesſeitige Bayern, ſo wie die meiſten Staaten des deutſchen Bundes haben eine Staatsanwalt⸗ ſchaft eingeführt, aber bis jetzt nur in ſtrafrechtlichen Sachen, und ſind im Uebrigen mit der Organiſation derſelben auf halbem Wege ſtehen geblieben, ſo daß das Inſtitut für die betreffenden Staats⸗ regierungen nie das leiſten und werden kann, wie in England und Frankreich. C. Die Gerichtsſchreiberei. Die Gerichtsſchreiber der franzöſiſchen Gerichte erſcheinen als Mitglieder der Gerichte, nicht als bloße Hülfsbeamte. Aus dieſer Eigenſchaft will Dalloz und ſeine Anhänger es auch begründen, daß ſie nicht zu den miniſteriellen Beamten gerechnet werden. Aber da ſie, wie die übrigen Beamten, die zu den miniſteriellen gerechnet werden, Notäre, Anwälte und Gerichtsvollzieher, ihr Miniſterium, das iſt ihren Dienſt leihen müſſen, wenn ſie von Richtern oder Par⸗ teien geſetzlich aufgefordert werden, ſo iſt die Dalloz'ſche Anſicht nicht haltbar. Auch damit kann dieſelbe nicht unterſtützt werden, daß die Gerichtsſchreiber einen Sold vom Staate beziehen, denn dieſer iſt nur ein Theil ihrer amtlichen Einkünfte; der bei weitem größere Theil derſelben fließt ihnen aus Gerichtsſchreiberei⸗Gebühren zu, welche die Parteien ihnen, eben für die Leihung ihres Miniſteriums, ent⸗ richten müſſen. Die Hauptaufgabe dieſes Beamten iſt, dem Richter überall wo er amtirt, zur Seite zu ſtehen, die Vornahme aller amtlichen Verrichtungen deſſelben durch Abfaſſung von Protokollen vollſtändig zu konſtatiren, die Originale dieſer Protokolle in Archiven zu be⸗ wahren, und den Perſonen, welche das Geſetz hiezu berechtigt, Ab⸗ ſchriften davon auszufertigen. —— —————————— — — — 4 * — . * . — X . 2 — * N S — 5 70 Gerichtsverfaſſung. Wir haben geſagt, dem Richter überalt zur Seite zu ſtehen, denn die Anweſenheit und Mitwirkung des Gerichtsſchreibers wird erfordert, wenn ein Collegium in corpore in öffentlicher oder Rachs⸗ kammer handelt, ſo wie wenn der Einzelnrichter (am Friedensgerichte) oder ein einzelner Richter (als Commiſſär eines Collegiums) eine Verrichtung vornimmt, die amtlicher Natur iſt, ſey es in Civil⸗ und Handels⸗, ſey es in ſtrafrechtlichen Sachen. Der Richter iſt an die Unterzeichnung des Gerichtsſchreibers gebunden, und ohne die⸗ ſelbe kann eine Urkunde nicht als eine authentiſche gelten. Der Ge⸗ richtsſchreiber hat auch nur das zu beurkunden, was er geſehen und gehört, alſo erfahren hat im Laufe gerichtlicher Verhandlungen, nicht was ihm etwa der Richter in die Feder diktiren will. Er hat daher auch das Recht und die Pflicht, wenn der Richter wahrheitswidrig oder irrthümlich protokolliren laſſen wollte, dagegen zu remonſtriren und im äußerſten Falle ſein Miniſterium zu verweigern. Urſprünglich und zu Zeiten des Parlaments hatte jeder Richter oder Rath ſeinen Schreiber, der jedoch keinen amtlichen Charakter hatte. Philipp der Schöne ſchaffte dieſe Gewohnheit durch eine Ordonnanz vom Jahre 1303 ab und errichtete eine Gerichtsſchreiberei an den Gerichten, die in Pacht gegeben wurde wie die bailliages der Seigneurs. Franz I. hob dieſes Verhältniß auf und machte im Jahre 1521 erbliche und verkäufliche Aemter aus den Gerichtsſchreibereien. Es wurde an den Parlamenten wie an den Untergerichten nunmehr ein Chef der Gerichtsſchreiberei, greffiér genannt, (von greffe. Ort einer Amtsſchreiberei, Kanzlei) angeordnet, der ſich mit der ihm nöthi⸗ gen Zahl von Unterbeamten und Schreibern verſah. Die Verricht⸗ ungen und amtliche Competenz derſelben ſind dieſelben geweſen, wie ſie heute noch beſtehen, und auch ihr Name hat ſich vollſtändig bis auf den heutigen Tag in der franzöſiſchen Gerichtsverfaſſung erhalten. Das Geſetz vom Jahre 1790 behielt das Inſtitut mit dem Titel der Beamten deſſelben, alſo faſt vollſtändig bei; nur die Erblichkeit und Verkäuflichkeit wurde aufgehoben, im Jahre 1816 dagegen wieder eingeführt. Der Stand dieſes Inſtituts nach der Revolution und heute iſt alſo der, daß an jedem Gerichte ein Gerichtsſchreiber angeſtellt iſt, ſ ſo ſii Mi ſin hen, wird thö⸗ hie) eine und an di⸗ und cht het ri ren ehr Gerichtsverfaſſung. 71 der grefüér en chef heißt; dieſer legt ſich nun nach dem Umfang des Gerichtsſprengels und des daraus reſultirenden Geſchäftskreiſes die nöthige Anzahl Gehülfen bei, welche entweder: expẽditionnaires einfache Schreiber, oder Kopiſten, ohne amtlichen Charakter ſind, und deßhalb auch bei keiner gerichtlichen oder richterlichen Handlung aſſi⸗ ſtiren können; oder ſie ſind beeidigte Gehülfen, commis-greffiérs assermentés, welche ihren Chef, den Gerichtsſchreiber, in allen amtlichen Verrichtungen vertreten können. Indeſſen gelten dieſelben nicht, wie der greftiér en chef als Mitglieder des Gerichts und werden von demſelben nach Gütdünken entlaſſen und angenommen; letzteres jedoch nur mit Genehmigung des Gerichts, vor dem ſie auch vorher den Amtseid zu leiſten haben. In den Sitzungen tragen ſie daſſelbe Amtskleid wie ihre Chefs, und müſſen auch, wie dieſe, zur Uebernahme des Amts fünfundzwanzig Jahre haben. Die Chefs der Greffen werden, auf Präſentation ihrer Vor⸗ gänger, weil das Amt käuflich iſt, vom Staatsoberhaupt ernannt und können auch von demſelben wieder abberufen — denommés — werden. Sie müſſen, wie geſagt, 25 Jahre alt ſeyn, haben aber nicht nöthig, Rechtsſtudien gemacht zu haben. Sie haben, wie alle Beamten in Frankreich, einen Amtseid zu leiſten, und noch ferner, wie Fiskalbeamten, für redliche Verwaltung ihrer Stellen, eine Kaution zu ſtellen. ⸗ Ihre Beſoldung ſteht der gleich, welche die Richter der Tribu⸗ nale, bei denen ſie angeſtellt find, beziehen. Auch ihre Amtskleidung ſowie die ihrer beeidigten Gehülfen iſt wie die richterliche, nur ein⸗ facher und ohne Bordüren an Toga und Toque. Außer ihrer Beſoldung*) beziehen ſie aber noch mehr Einkünfte durch die ſogenannten droits de greffe, Gebühren der Gerichts⸗ ſchreiberei oder Greffe. Sie beziehen Gebühren für Vornahme von prozeſſualiſchen Ak⸗ ten, für Original und Ausfertigung gerichtlicher Protokolle, für Le⸗ *) Die Gerichtsſchreiber an den Handelsgerichten haben eine kleinere Beſoldung aber größere Sportel⸗Einnahmen. Im Uebrigen iſt kein Unterſchied in Be⸗ ziehung auf Amtsattribution und Vorbedingung zum Amt zwiſchen ihnen und den Gerichtsſchreibern an den ordentlichen Gerichten. 72 Gerichtsverfaſſung. galiſation von Unterſchriften, für Nachſchlagung in den älteren Ak⸗ ten oder Nachſuchung im Archiv. Sie haben dagegen zu beſtreiten: die Beſoldungen ihrer Gehülfen und Schreiber, des Papiers, der Regiſter, Dinte, Federn, Lichter, Heizung und überhaupt alle Aus⸗ gaben ihrer Kanzlei. Außerdem ſind ſie für alle amtlichen Handlungen ihrer Gehülfen verantwortlich. Auch dafür ſind ſie verantwortlich, daß die Akten der Einre⸗ giſtrirung rechtzeitig unterworfen werden und daß die Gerichte ſich nur auf gehörig regiſtrirte Akte berufen. Die Anwälte deponiren ihre Akten und ziehen ſie wieder zurück auf den Kanzleien und ſtehen ſo in ununterbrochener Verbindung mit denſelben. Ihre Disziplinirung geſchieht durch den Präſidenten, und nach Sachlage, wo die Abſetzung in Ausſicht ſteht, durch den Juſtiz— miniſter. Geſetz vom 20. April 1810. Artikel 62. D. Die Anwaltſchaft und die Advokatur. Dieſe beiden Inſtitute, welche in Deutſchland in eines ver⸗ ſchmolzen ſind, in das der Advokaten, haben von je eine ſehr ver— ſchiedene Rolle in Frankreich geſpielt. Während unter dem alten regime der Stand der procureurs, Prokuratoren oder Sachwalter (von pro ffür) und cura [Sorge]) — den Namen hat die neuere Geſetzgebung in avoués umgeändert — ein höchſt anrüchiger war, die Träger desſelben in Satyren und Luſtſpielen als Ideale der Schlechtigkeit, der Habſucht und der Rabuliſterei lächerlich und ver⸗ haßt gemacht wurden, und zwar leider mit Recht, ſpielte die Advo⸗ katur eine große und glänzende Rolle zu Parlamentszeiten, wie während und nach der Revolution bis heute. Wie heute plaidirten ſie damals vor den Gerichten und vor den Parlamenten, während das Poſtulations⸗ oder Antragsrecht, die Prozeßführung und die Ab⸗ wartung der Termine den Prokuratoren zukam. Ihr Amt war käuf⸗ lich und erblich wie heute noch, während die Advokatur als eine ſuit bl ur w dol w m d ſt ſi A⸗ iten: der Aus ülfen iure⸗ ſic iten und nach uſti k. ver ver⸗ ulten altet uere war, der ver⸗ doo⸗ wie tten end Ab⸗ uf⸗ ine Gerichtsverfaſſung. 73 freie Kunſt angeſehen wurde und von dieſem Schmutze unberührt blieb. — Schelme und Spekulanten ſchafften ſich durch Stellenkauf in die Prokuratur; Talent und nobler Ehrgeiz, Kenntniſſe und Be⸗ redſamkeit führte der Advokatur ihre Candidaten zu. Wir werden nun zuerſt die Anwaltſchaft abhandeln und dann die Advokatur, durch welche Darſtellungsweiſe der Unterſchied iſchen beiden Inſtituten ſich am klarſten ergeben wird. *) Die Nationalverſammlung, als ſie über die Verbeſſerung in dem Weſen der Prokuratur verhandelte, beſchloß vor allen Dingen den Amtsnamen der Vergeſſenheit zu übergeben, damit das odium ſchwinde und der neue Stand oder vielmehr der frühere Stand un⸗ ter neuem Namen — denn tiefer ging im Grunde die Verändérung nicht — Vertrauen gewänne, und beſtimmte für ſie den Titel avoués. Woués hießen im Mittelalter die Schutz⸗ und Schirmvögte der Klöſter und Kirchen, auf deren Feder wie auf deren Degen in ge⸗ gebenen Fällen recurirt ward und dieſe werden wohl hier zu Taufe geſtanden haben, während Andere behaupten, die Benennung ſey vom lateiniſchen advotare, einem Votum, Wunſche, einer Bitte bei⸗ treten, ſich anſchließen, entnommen oder hergeleitet worden. Dieſe Umtaufe geſchah in dem Geſetze vom 29. Januar bis 20. März 1791 und dasſelbe firirte die Attribution dieſer avoués folgender⸗ maßen: „Es ſollen offizielle Beamten oder avoués, Anwälte, bei den Diſtriktsgerichten beſtehen, welche den Beruf haben, die Parteien „vor Gericht zu vertreten, die Akten und Schriften derſelben zu ver⸗ „wahren und dafür zu haften; die zur Regelmäßigkeit der Prozedur „nöthigen Akten abzufaſſen, und den Prozeß zum Vortrage vorzu⸗ „bereiten. Dieſe Anwälte dürfen auch die Parteien mündlich oder „ſchriftlich vertheidigen, wenn ſie hiezu aufgefordert werden; allein *) Nur in Einem Punkte beſteht wenig Unterſchied zwiſchen ihnen, in der Amtskleidung nämlich. Advokaten wie Anwälte tragen die ſchwarze Toga und das ſchwarze Barett, erſtere noch die chausse, ein Streif ſeidener Zeug, den die Doktoren der Wiſſenſchaften bei öffentlichen Ceremonien haben. Die Ad⸗ vokaten plaidiren ſtehend, mit bedecktem Haupte, als Zeichen der freien und unabhängigen Stellung des Vortrags vor Gericht; die Anwälte dagegen leſen ihre Anträge mit unbedecktem Haupte. 74 Gerichtsverfaſſung. „es ſteht den Partheien immerhin frei, ſich ſelbſt mündlich oder „ſchriftlich zu vertheidigen, oder den Beiſtand eines amtlichen Ver⸗ „theidigers — defenseur officieus — anzurufen.“ Unter dieſem letztern verſtand das Geſetz den Advokaten, *e unter dieſem Titel in die neue Verfaſſung zuerſt eingeführt ward, dem aber Napoleon ſpäter ſeinen alten Titel wieder zurückgab. Das Geſetz vom 3. Brumaire Jahr II. (24. Oktober 1793) — ein Kindlein des damals herrſchenden republikaniſchen Unfinnes, der ſo weit ging, die Völker auf die primären Zuſtände rückführen und alle Formen des Lebens und der Gerichte verbannen zu wollen, ſchaffte Anwälte und Advokaten zugleich ab und befahl, die Parteien ſollten ſich in eigener Perſon oder durch Spezialbevollmächtigte vor den Gerichten vertreten laſſen. Allein ſo wurde die Sache ſchlimmer als je. Die Parteien, durchdrungen von dem Gefühle ihrer Un— fähigkeit, die Prozeduren ohne rechtskundigen Beiſtand vor den Ge— richten durchzuführen, nahmen ihre Zuflucht zu den Er-Anwälten und Er⸗Advokaten und machten ſie zu ihren Spezialbevollmächtigten, welche ſich hiefür mehr als gebührend bezahlen ließen. Man wurde daher dieſer Verhältniſſe überdrüſſig und immer lauter ſprachen ſich die Wünſche dahin aus, zu dem frühern Syſteme wieder zurückzukehren. Die Conſularregierung ſtellte auch das alte Verhältniß durch das Geſetz vom 27. Ventose Jahr VIII. wieder her und ſchuf auf's Neue den Stand der avoués mit dem Rechte, „zu poſtuliren und „bei den zuſtändigen Gerichten Anträge und Concluſionen ſchriftlich „zu überreichen.“ Den Parteien ward jedoch das Recht vorbehalten, ſich mündlich oder ſchriftlich ſelbſt zu vertheidigen oder ihre Verthei— digung durch eine Perſon, die ihnen beliebig war, vortragen zu laſſen. Ihre Ernennung ward dem erſten Conſul übertragen und ſie hatten eine Amtskaution zu ſtellen, welche nach Maßgabe der Bedeutung des Gerichts ſich zwiſchen 600 und 2700 Franken be⸗ wegte. Zu ihrem Amte ward ein Alter von 25 Jahren erfordert, und ſie mußten den Grad der Capazität auf einer Rechtsſchule er— langt haben; dieſer aber wird nach einem einjährigen Courſe ſchon ertheilt. *) Auch eine Praris von 5 Jahren auf einem Anwalts⸗ bureau, eine ſogenannte stage, wird zu den Vorbedingungen erfordert. *) Die meiſten Anwälte in Frankreich abſolviren in der neuern Zeit ihre Stu⸗ dien auf den Rechtsſchulen vollſtändig und erwerben ſich den Lizentiatengrad. d ji iu hn 1 lun i lm ſ oder Net Hld, 93) nes, hren llen, eien vor mer Un Ge⸗ len ten, ude die ten. uch f6 und lic en, ei⸗ Gerichtsverfaſſung. 75 Auch nur eine beſtimmte Anzahl derſelben ward an jedem Ge⸗ richte durch die Staatsregierung auf Grund gerichtlicher Vorſchläge verfügt. Sie hatten den Amtseid (nach dem Geſetz vom 22. Ventoſe Jahr XII.) zu leiſten, „als Rathgeber nichts zu ſagen oder bekannt „zu machen, was den Geſetzen, Verordnungen, guten Sitten, der „Sicherheit des Staates und der allgemeinen Ruhe zuwider iſt, und „den Anſtand, welchen man den Gerichten und der öffentlichen Ge⸗ „walt ſchuldig iſt, nie zu verletzen.“ Auch ward ihnen ein ähnliches Amtskleid wie den Richtern vorgeſchrieben, nämlich eine Toga von ſchwarzer Wolle, vorn zuge⸗ knöpft, mit weiten Aermeln mit einem ſchwarzen Hut (Toque) und einer herabhängenden Cravatte von weißem Battift. Die Anwälte ſind nach dem Geſetze bezahlte Bevollmächtigte der Parteien und ihre Gebühren ſind geſetzlich beſtimmt worden durch den Tarif vom 16. Februar 1807. Sie haben ein Regiſter zu führen, das vom Gerichtspräſidenten auf jeder Seite nummerirt und paraphirt iſt, worin ſie alle ihre Gebühren und Deſerviten eintragen müſſen. Stärkere, als die geſetzlichen Gebühren zu fordern, iſt ihnen bei Strafe des Rückerſatzes und disziplinariſcher Ahndung unter⸗ ſagt. An den Appellhöfen ſind ihre Gebühren höher tarifirt, allein dort werden auch weniger Prozeſſe geführt als an den Erſtinſtanz⸗ gerichten. An dem Caſſationshofe gibt es deren keine, wie wir oben geſehen haben, und ebenſo ſollen keine an den Handelsgerichten fun⸗ giren, ausgenommen in der Eigenſchaft als einfache Mandatare mit Spezialvollmacht, desgleichen an den Friedensgerichten. Das Man⸗ dat des Anwalts kann ſchriftlich und mündlich ertheilt werden, ja es läßt ſich ſelbſt durch Präſumtionen (Vermuthung) beweiſen. Für beſondere Prozeßhandlungen ſind ihm indeſſen Spezialvollmachten ſeiner Partei nothwendig, wenn er nicht der Gegenſtand eines desaveu. das heißt einer Mißbilligungsklage werden will. Die Wahl zum Anwalte in einem Prozeſſe macht ihn zum Herrn des Prozeſſes und er führt ihn nach ſeinem guten Wiſſen. Läßt er ſich Saumſal, Chikane, Unfleiß, Verſäumniß zu Schulden kommen, ſo kann er mit Diszi⸗ plinar⸗ und Regreßklagen verfolgt werden. Durch Conſularbeſchluß vom 13. Frimaire Jahr IX. iſt bei jedem Tribunale eine Anwaltkammer gebildet worden, welche durch 76 Gerichtsverfaſſung. einen Ausſchuß dirigirt wird. Die Chargen ſind: 1) Der Präſident, 2) der Syndik, (gewiſſermaßen das öffentliche Miniſterium der Kam⸗ mer), 3) der Schatzmeiſter und 4) der Sekretär. Jährlich treten ſämmt⸗ liche Anwälte eines Gerichts zuſammen und wählen ihren Ausſchuß. Die Kammer iſt berechtigt, die Disziplin unter den Anwälten auf⸗ recht zu erhalten und folgende disziplinäre Strafen zu verhängen als: 1) Verweiſung zur Ordnung. 2) Einfacher Verweis. 3) Geſchärfter Verweis in Gegenwart der ganzen Kammer. 4) Suspenſion des Zutritts zur Kammer. Die wichtigeren Disziplinarbeſchlüſſe werden auf der Kanzlei des Gerichts deponirt, um die Staatsbehörde zu veranlaſſen, weitere Maßregeln zu ergreifen. Ferner legt ſie Streitigkeiten zwiſchen An⸗ wälten und Parteien in Beziehung auf Taren und Gebühren bei, zwiſchen den Anwälten ſelbſt in Beziehung auf Mittheilung und Rückgabe der Akten und ſonſtige Funktionen; ſie ſtellt Zeugniſſe aus der Moralität und der Fähigkeit das Amt eines Anwalt zu verſehen für Dienſtes⸗Adſpiranten; ſie ſoll ein gratis Conſultationsbureau bilden für Unbemittelte; ſie vertritt die Corporation bei gemeinſchaft— lichen Angelegenheiten. Obige Beſtimmungen über Disziplinargewalt hindern indeſſen die Staatsprokuratoren nicht, die fehlenden Anwälte vor Gericht direkt zu verfolgen und die Strafen des Dekrets vom 30. März 1808 gegen ſie zu beantragen. In der Regel pflegen ſie jedoch vor der Gerichtsſtellung ein Gutachten der Anwaltskammer über Sache und Perſon einzuholen. Wir gehen nun zum Stande der Advokaten über und kom⸗ men auf das zurück, was wir oben geſagt haben, wie die Rolle der Advokatur unter dem ancien regime eine glänzende geweſen ſey Ja die Gerichts⸗Annalen des alten Frankreichs weiſen eine fünf⸗ hundertjährige ruhmvolle Geſchichte dieſes Standes nach. Die erſten Jahre der Revolution trafen indeſſen auch ihn, wie ſo man⸗ ches wirklich Schöne und Gute unter dem Wuſte von Verwerflichen und Schlechten, bis zur Vernichtung. Wie der Anwaltsſtand ward er von dem Unſinn und der Raſerei aufgehoben und verſchwand auf einige Jahre aus der Geſchichte. Die Mitglieder deſſelben lebten in uh jice ſim iu wiſn heß u hu m ſch wt M ſo 1 M. in ſun hiſ Di M wr 1 eh u m den, an⸗ umt⸗ auf als: tere An bei, und aus hen eau aft ſen relt 08 der und Gerichtsverfaſſung. 77 den Privatſtand zurückgezogen, oder unter der Geſtalt von defenseurs officieux, oder unter der von Spezialbevollmächtigten, um die Par⸗ teien vor Gericht zu vertreten, letztere meiſtens die Unwürdigſten ihres vorigen Standes. Viele aber auch glänzten in der National⸗ verſammlung durch Geiſt und Beredſamkeit, wie Thouret und Tron⸗ chet; und ſo wird es auch begreiflich, warum in legislativer Bezieh⸗ ung ſo Vieles und großentheils Gutes geleiſtet ward, da ſo berühmte Advokaten in großer Zahl in die geſetzgebende Verſammlung gewählt und ſpäter zu den höchſten Staatsämtern, ſowie zur Reviſion der Ge⸗ ſetzgebung herangezogen wurden. Die beſſern Zeiten begannen für denſelben mit der Erhebung Napoleons. Unter ihm erſtand wieder der Advokatenſtand zu neuer, lebensfriſcher Thätigkeit, und begann ſofort wieder auf der alten ruhm⸗ und ehrenvollen Bahn vorwärts zu ſchreiten unter der Leitung der alten Advokaten aus der Zeit vor der Revolution. Bald auch führten die neu geſtifteten Rechtsſchulen ihm junge und friſche Kräfte zu. Durch das Dekret vom 14. Dezember 1810 wurde der Advo⸗ fatenſtand genau organiſirt, allein das Mißtrauen des despotiſchen Kaiſers, *) das überall durch die Beſtimmungen dieſes ſowie des Dekrets vom 2. Juli 1812 durchblickte, gegen den Advokatenſtand, der ihm zu frei war und den er gern deßhalb ſeinem Willen unter⸗ worfen hätte, machte dieſe Beſtimmungen ſo unpopulär und verhaßt in Frankreich, daß Ludwig XVIII. durch eine Ordonnanz vom 27. Februar 1822 den Advokaten ihre frühere Prärogative wieder gab, welche Ordonnanz in einzelnen Beſtimmungen auf Reclamation hin durch eine Ordonnanz vom 27. Auguſt 1830 noch modifizirt ward. Am Caſſationshof erlaubte man zuerſt den Advokaten unter dem *) Napoleon äußerte ſich gegen Cambacéros in Beziehung auf dieſes Dekret, das viele Beſtimmungen gegen ſeinen Willen enthielt: le decret est absurde; il ne laisse aucune prise, aucune action contre les avocats. Ces sont des factieux, des artisans de crimes et de trahisons; tant que j'aurai épée au cöté, jamais je ne signerai un pareil décret; je veux qu'on puisse couper la langue à un avocat, qui s'en sert contre le gouver- nement. Uebrigens gereicht der Eingangspaſſus des Dekrets, den Advokaten⸗ ſtand betreffend, demſelben zu hohem Ruhme, da ihm offiziell von der Staats⸗ regierung die erhabenſten Eigenſchaften zugeſprochen werden. 3 78 Gerichtsverfaſſung. Namen avoués zu plaidiren und ließ auch wirkliche avoués bei dem⸗ ſelben zu. Allein im Jahre 1806 wurde wieder der Titel avocat bei dem Caſſationshof hergeſtellt und verordnet, daß keine avoués an demſelben zu fungiren haben. In demſelben Jahre wurden auch Advokaten zur Vertretung der Parteien bei dem Staatsrathe durch Unterzeichnung der Geſuche und Denkſchriften, in allen dorthin ge⸗ hörigen Streitſachen, creirt. Und beide Arten von Advokatur be⸗ ſtehen heute noch fort in der Weiſe, daß unter dem Namen Advokat, der Beruf des Advokaten und des Anwalts, aber nur am Caſſations⸗ hof und beim Staatsrath, verſchmolzen iſt. Das Organiſationsgeſetz hat den Advokaten das ausſchließliche Recht zugeſtanden die Parteien und ihre Intereſſen in Civil⸗ und Criminalſachen vor allen Gerichten des Reichs zu vertreten und zwar allein durch mündlichen Vortrag. Das Poſtulations⸗ und die übrigen Rechte des Anwalts ſteht ihnen nicht zu. Und dieſes ihr Recht üben ſie in der großen Mehrzahl mit Talent, mit Anſtand und mit Mäßigung aus, ſo daß ihr Stand eine große Achtung unter der Nation genießt und manche derſelben einen europäiſchen Ruf erlangt haben, wie die Berryér, Senard, Marie, Paillet, Duvergiér, Carette, Marcadè, Fabre, Moreau, Nouguiér, Pelangle, Lionville, Oliviér, Jules Fabres, Crémieux, Chain-d'Est-Ange und viele andere. Letzterer durch ſeine glänzende Beredſamkeit ausgezeichnet, hat den Stand, der ihm ſo viel Ruhm und ſo viel Reichthum eintrug, verlaſſen und die Generalprokuratur am Appellhof zu Paris, welche ihm die Regierung anbot, über⸗ nommen. Verletzt der Advokat ſeine Pflichten, verfehlt er ſich gegen ſeinen Amtseid in irgend einer Beſtimmung derſelben, ſo kann er ſowohl durch das Gericht, an welchem er fungirt oder vor welchem er ge⸗ rade plaidirt, disciplinär beahndet werden. Außerdem aber ſteht er noch unter einem Disciplinarrathe der eigenen Standesgenoſſen, un⸗ ter dem conséil de discipline. An allen Gerichten nämlich, wo ſich eine Anzahl von Advo⸗ katen befindet, wird von denſelben in einer Generalverſammlung zu Anfang eines jeden Gerichtsjahres ein Comitée gewählt, das wenig⸗ — ſtens aus 5 Perſonen beſtehen ſoll. Dieſe wählen aus ihrer Mitte un zihn ibt v zju ſe6 ſ ii wi u ſih e mn in ſde im iſ luj l h eel ju ſn hin w i den⸗ wat wou n auch duh in ge ur he doſ, uions⸗ ehlihe un md l nit Sim ſelben Uard rehn, ieun nzende Ruhn natu über⸗ einn wohl ge⸗ ht e „un⸗ Advo⸗ 9 zu enig⸗ Ritte Gerichtsverfaſſung. 79 den Präſidenten, ſogenannten bätonniér, Stabträger, weil er zum Zeichen ſeiner Würde einen Stab (baͤton) trug. Dieſer Ausſchuß übt die Disziplin durch Verweiſe, Warnungen, temporäre, ja ſogar gänzliche Einſtellung des Berufs. Auch vertritt er das Intereſſe des Standes, wo es nothwendig iſt, und oft ſehr energiſch gegen die Gerichte, die Präſidenten und den Juſtizminiſter. Schließlich führt er die Aufſicht über die jungen Advokaten, die noch ihre stage machen und verfügt ihre Eintragung in die Liſte der avocats exercants, wenn ſie ihren Pflichten nachkommen und ihre stage durchgemacht haben, oder verſagt ihnen die Eintrag⸗ ung, wenn ſie ſich derſelben durch Unfleiß und unſittliche Aufführung nicht würdig gemacht haben. Mit der Anführung dieſes weitern Attributs des conseil de discipline kommen wir aber logiſch dahin, zu betrachten, was denn unter stage zu verſtehen ſey und welche Vorbedingungen zur Aus⸗ übung der Advokatur erfordert werden. Jeder Franzoſe, der an einer Rechtsſchule des Landes die Rechts⸗ ſtudien abſolvirt und das Diplom eines Licentiaten erlangt hat, kann ſofort dieſes Diplom dem Generalprokurator eines Appellhofes präſentiren mit dem Erſuchen, ihn als Advokaten beeidigen zu laſſen. Auf Antrag des Generalprokurators wird er ſofort zur Leiſtung des Advokateneides in öffentlicher Sitzung zugelaſſen. Und von da an hat er, wenn er in die Liſte der ausübenden Advokaten (avocats exercants) eingetragen und in den Genuß der Rechte und Privile⸗ gien ſeines Standes kommen will, drei Jahre lang die Gerichts⸗ ſitzungen zu beſuchen, den Verſammlungen des Conſultationsbureaus beizuwohnen, welches wöchentlich Sitzungen hält, die Rechtsſachen der Armen zu prüfen (denn ein ſonſtiges Armenrecht, wie bei uns, z. B. in Bayern, kennt man in Frankreich nicht) die ihm übertra⸗ genen Plaidoirien gut zu beſorgen und die Conferenzen *) zu be⸗ ſuchen und ſich in denſelben bemerkbar zu machen. Dieſe dreijährige *) Conférences des avocats ſind Verſammlungen, die in kürzern Zeiträumen, oft wöchentlich wie in Paris zuſammentreten und wo dann unter dem Vorſitze des Batonniers, deſſen Ehrenamt ſeine Kenntniſſe, ſein Talent, ſein Alter und ſein Charakter ihm verſchafft haben, die Stage⸗Advokaten die ſchwierigern Rechtsfragen verhandeln und beſprechen, die im Laufe des Jahres ſich ergeben. — 80 Gerichtsverfaſſung. Lehr⸗ oder Prüfungszeit aber wird stage genannt und nach ehren⸗ voller Zurücklegung derſelben wird er durch den Disciplinarrath in die Liſte der Erercants eingetragen*), das heißt er iſt jetzt ganz fertig. Manche von dieſen geben ſich ſelten mit Plaidiren, ſondern mit Abfaſſung ſchriftlicher Rechtsgutachten ab und werden dann avocats consultants genannt. Viele junge Leute auch machen die stage nicht durch und ſuchen die Eintragung in die fragliche Liſte gar nicht nach, und begnügen ſich mit dem Titel „Advokat“, weil es ihnen an Luſt oder Fähigkeit zur Ausübung der Advokatur fehlt. Dieſe nennt man denn avocats titulaires, Titular⸗Advokaten. Der Gerichtsſtand und das öffentliche Miniſterium, mit denen beiden ja die Advokaten in beſtändiger Wechſelwirkung ſtehen, rich⸗ ten ſtets ihr Augenmerk auf die jüngern und ältern Glieder der Advokatur, welche ſich durch Talent, Beredſamkeit, Kenntniſſe und gute Sitten auszeichnen und bezeichnen ſie der Staatsregierung in empfehlender Weiſe, um ſie den Gerichten oder der Staatsprokura⸗ tur zu gewinnen. Mittelloſe Advokaten, wenn ſie ſich durch Fleiß und Talent ein Vermögen erworben haben, pflegen öfters gerne in ſpätern Jahren ſich dem mühevollen Berufe zu entziehen und ein ruhigeres Leben auf den Stühlen der Magiſtratsperſonen zu ſuchen. Daß aber Gerichts⸗ und Staatsanwaltsſtand nur durch ſolche Män⸗ ner gewinnen können, iſt klar und durch die Erfahrung hinlänglich bewährt. Und ſo ſchließen wir denn dieſes Kapitel mit der Be⸗ merkung, daß leider der Stand der Anwälte (avoués) nicht gleichen Lauf eingehalten hat mit dem der ihm verwandten Advokaten, daß er nicht zu dem Anſehen und der Achtung gelangen konnte wie dieſer und daß er immer noch das Vertrauen des Volkes nicht gewonnen hat, das ihm, und oft nicht mit Unrecht Schlendrian, Gewiſſenloſig⸗ keit und Gebührenſchneiderei vorwirft. **) *) Dieſe Liſte wird tableau des avocats genannt. Die Geſammtheit der Advo⸗ taten an Einem Gericht oder im ganzen Frankreich wird das barreau ge⸗ nannt, von dem Orte, der ihnen in den Gerichtsſälen zum Amtiren und Ver⸗ weilen eingeräumt iſt und eine Schranke mit Thürchen bildet zwiſchen Gericht und Parteien oder Publikum. Der Ausdruck barreau wird von dem Advo⸗ tatenſtand gebraucht wie Parket von der Staatsanwaltſchaft. **) In Rheinbayern (ebenſo in Rheinpreußen ſeit 1820 und in Rheinheſſen) hat . piße m di it m ſdu ns ſu lin Urt 1 ſ hir ön boh un u h ehr ath jt iſen demn ni wat ie ſ it ihnn diſ it dun n, i⸗ der de ſſe m ung i oiun ſ em i i ſichn Vin lini r B geiha dß a ditſe vomn enluſh rMe⸗ au h nd Ver Grrict nM⸗ n) h N Gerichtsverfaſſung. 81 P. Die Gerichtsvollzieher. Das Inſtitut der Gerichtsvollzieher, oder wie ſie ſonſt noch heißen, Gerichtsboten, Huiſſiers war ſchon bei den Parlamenten und den übrigen Gerichten des alten Frankreichs eingeführt und bekannt. Die neue Geſetzgebung hat dasſelbe beibehalten und ihr amtlicher Wirkungskreis, die Exekution richterlicher Beſcheide, die Zuſtellung der Prozeßſchriften und Akten in den Rechtsſtreitigkeiten, die Vor⸗ ladung der Zeugen und Parteien iſt derſelbe geblieben, wie er da⸗ mals war. Ihre Organiſation iſt unbedingt nothwendige Folge des franzöſiſchen Syſtems, daß der Richter nur auf Anſuchen der Par⸗ teien in Wirkſamkeit tritt und daß die Erekution ſeiner Beſcheide und Urtheile nicht ſeine Sache iſt. Huiſſiers hießen ſie bei den Parlamenten deßhalb, weil ſie als Ordnungsdiener an den Thüren der Parlamente ſtunden und die Aufwartung bei Gericht hatten von huis, die Thüre; huissier, Thürhüter, Thürſteher. Bei den Untergerichten hießen ſie sergens, Sergenten, von servire, dienen, servientes, die Dienenden. Der Volkswitz aber leitete sergens von serrer, drücken, plagen, klem⸗ men und gens, Leute, alſo Leutedrücker, Leuteſchinder oder von serrer und argent, Geldpreſſer her. Im Weſentlichen iſt der Geſchäftskreis der Huiſſiers folgender; Sie laden Parteien und Zeugen vor den Richter; Sie vollziehen die richterlichen Beſcheide und Urtheile. Sie ſtellen auf Requiſition einer Partei Aufforderungen zu an eine andere Partei in denjenigen Fällen, in welchen die Intervention des Richters nicht erfordert wird. Sie ſind ermächtigt, freiwillige und gezwungene Verſteigerungen abzuhalten. Der Huiſſier gehört, wie ſchon früher geſagt, zu den wenige Jahre nach der Beſitzergreifung die Staatsregierung die amtlichen Funktionen und Titel der Anwälte und Advokaten in einen vereinigt unter dem Titel: Advokat-Anwalt. Weitaus die große Mehrzahl dieſes Standes ſind als Ehrenmänner geachtet und vom Volke, faſt nur zu ſehr, als Vertreter ſeiner Rechte in öffentlichen Angelegenheiten, politiſcher oder religiöſer Natur, angeſehen. 6 82 Gerichtsverfaſſung. miniſteriellen Beamten, und aus der Aufzählung ſeiner Funktionen geht hervor, wie er unter den Mitarbeitern der Juſtiz eine bedeu⸗ tende Stelle einnimmt, zu welcher eine nicht oberflächliche Bildung in Rechtsgeſchäften gehört. Sie müſſen daher, um die Vorbeding⸗ ungen zum Amte zu erfüllen, nach dem kaiſerlichen Dekrete vom 14. Juni 1813, dem wichtigſten Dienſtreglement für dieſelben, baſirt auf die Geſetzbücher des Reichs und ältere und neuere Verordnungen, 1) 25 Jahre alt ſeyn, 2) eine Stage (Lehrzeit) von zwei Jahren bei einem Notar, Anwalt oder Gerichtsboten, oder von drei Jahren auf der Gerichtsſchreiberei eines ordentlichen Gerichts nachweiſen können; 3) ein Certificat der Moralität und der Fähigkeit, erlaſſen durch die Gerichtsbotenkammer, beibringen. Ihre Ernennung geſchieht durch das Staatsoberhaupt, und das Erzinſtanzgericht ihres Spren⸗ gels nimmt ſie in Eid und Pflicht, ſo wie es auch Disziplinarbe⸗ hörde über ſie iſt, in Concurrenz mit dem Präſidenten des Gerichts, und mit dem Staatsprokurator an demſelben. Vom Staate ſind ſie nicht beſoldet, ſondern werden für ihre amtliche Funktionen nach geſetzlich beſtimmten Tarifen honorirt. Ge⸗ bührenüberſchreitungen oder ſonſtige Ungehörigkeiten werden disziplinär auf Anzeige geahndet, und ſie ſind überdieß in Verrichtung ihrer amtlichen Funktionen für Verſäumniß, Nachläſſigkeit, Fehler jeder Art verantwortlich, ſo daß ſie mit Regreßklagen in niederm und höherm Betrage verfolgt werden können. Ihr Amt war, wie alle andern auch, vor der Revolution ver⸗ käuflich. Die Käuflichkeit desſelben wurde durch Geſetz vom 29. Jan. 1791 abgeſchafft, aber wie die des Notariats, der Gerichtsſchreiberei und des Anwalts in den erſten Jahren der Reſtauration wieder eingeführt. Aber immer hat natürlich der Käufer die durch das Ge⸗ ſetz vorgeſchriebenen Vorbedingungen des Alters, der Stage u. ſ. w. zu erfüllen, wodurch doch einigermaßen das Unweſen gemildert wird, wenn auch die Käuflichkeit eines Amtes an und für ſich von der niedern Idee, die man von demſelben hegt, zeugt. In Deutſchland hat man eine viel zu hohe Meinung von den öffentlichen Aemtern, als daß ſie zu Gegenſtänden des Verkehrs und des Handels gemacht werden könnten. Wenigſtens nicht geſetzlich und offiziell! vd mi ifn wo Pi zi in h vi i ni Gerichtsverfaſſung. 83 ionen Diejenigen Gerichtsboten, welche ſich aus beſonderem Vertrauen, bede wie das Dekret vom 30. März 1808 ſagt, das Gericht auserleſen hat, un den innern Dienſt an dem Gerichte zu beſorgen, das heißt, bei den ding öffentlichen Sitzungen und Verhandlungen die Aufwartung haben, von werden Andienzgerichtsboten, huissiers audienciers genannt. baſin Während dieſes Dienſtes iſt ihnen durch das Dekret vom 2. Nivòse gen, Jahr XI. ein Amtskleid vorgeſchrieben, welches in ſchwarzer Civilkleidung ahnn beſteht mit einem Mantel von ſchwarzer Wolle auf dem Rücken und ahren einem ſchwarzen Stabe in der Hand. Bei öffentlichen Ceremonien eiſe haben ſie in dieſer Amtskleidung vor den Gerichten herzuſchreiten ſn wie ehemals die Liktoren vor den römiſchen Magiſtraten. Vor iht dem Eintritt des Gerichts in den Saal machen ſie durch Auf⸗ prn⸗ ſchlagen des Stabs das Publikum auf den Eintritt desſelben auf⸗ arhe merkſam und gebieten Ruhe, Stillſchweigen Gilence). Die Gerichts⸗ iht, boten eines jeden Sprengels eines Erſtinſtanzgerichts bilden, wie Notare, Anwälte und Advokaten, unter ſich einen Verein und wählen ſich einen Ausſchuß, der Disziplinarkammer genannt wird. Derſelbe in beſteht aus einem Syndik als Vorſitzenden, einem Berichterſtatter, 6 einem Sekretär, einem Caſſier und mehreren Mitgliedern als Bei⸗ luit ſizern. Der Wirkungskreis dieſer Disziplinarkammer erſtreckt ſich: ihu 1. auf die Ueberwachung der Disziplin unter den Gerichtsboten; jede 2. auf die Schlichtung von Streitigkeiten zwiſchen Gerichtsboten und ſelbſt, oder zwiſchen Parteien und Gerichtsboten; 3. auf Verhängung von Disziplinarſtrafen; 4. auf Ertheilung von Zeugniſſen der Moralität und Befähigung 6 für Candidaten, ſo wie auf Prüfung derſelben; 5. auf Ertheilung von Zeugniſſen über Gerichtsboten ſelbſt; ve 6. auf Ertheilung von Gutachten über Taren; ge 7. auf Vertretung der gemeinſamen Intereſſen, ſo wie auf die 6 Führung und Verwaltung der Vereinskaſſe. in, Die Strafen der Disziplin ſind: a. Verweis zur Ordnung; pi b. einfacher Verweis; c. geſchärfter Verweis durch den Syndik in W Gegenwart der Kammer; d. Verluſt des Zutritts in die Kammer 5 während der Dauer von ſechs Monaten höchſtens. it Die Disziplinirung vor dieſer Kammer ſchließt natürlich nicht die etwaige gleichzeitige Disziplinirung vor den Gerichten aus. 6 * — 84 Gerichtsverfaſſung. Die häufigſte und einträglichſte Art der Vollziehung von Ur⸗ theilen iſt die Pfändung und Verſteigerung von Mobilien, und da derartige Geſchäfte in Paris ſo häufig vorkommen, ſo wurden ſchon unter der alten Monarchie eigene Beamte hiefür geſchaffen, die mit den Gerichtsboten in dieſen Funktionen concurriren in den Provinzial⸗ ſtädten, in Paris aber alleinige Befugniß dazu haben, und früher jurés -priseurs vendeurs de meubles, ſeit dem Geſetz vom 18. März 1801 commissaires-priseurs genannt werden. Durch dieſes Geſetz (aliter vom 27. Ventose Jahr M.) wurde ihre Zahl auf 80 für Paris feſtgeſetzt, ihre Beeidigung und ſonſtige Organiſation näher präciſirt, ſo wie eine Disziplinarkammer attribnirt, die Cor⸗ poration aber unter die Aufſicht der Staatsbehörde am Erſtinſtanz⸗ gericht geſtellt. Vor ihrer Beeidigung haben ſie eine Caution zu leiſten von 10,000 Franken. Ihre Ausdehnung auf andere Städte war ſchon durch ein Dekret vom Februar 1771 geſtattet worden, durch Geſetz vom 17. September 1793 war ihr Inſtitut aufgehoben, durch das vom 22. Pluviòse (Jahr VII.) wieder eingeführt worden. Sie ſind, wie die Gerichtsboten überhaupt, nicht beſoldet, ſon⸗ dern werden von den Parteien bezahlt nach Verhältniß der Sum⸗ men, die in den Verſteigerungen erlöst werden, und geſetzlichem Tarife. Das Inſtitut ſcheint indeſſen nicht allwärts mit günſtigem Auge betrachtet zu werden; ein Gutachten des Staatsrathes vom 18. Aug. 1818 hat ſich für die Aufhebung desſelben ausgeſprochen, da mit geringern Koſten und größerer Auswahl der Parteien unter den Gerichtsboten die Funktionen durch dieſe letztern ſelbſt viel beſſer ver⸗ ſehen werden könnten. Aber ſie müſſen, wie oben geſagt, eine Amtscaution von 10,000 Franken in dem öffentlichen Staatsſchatze deponiren und das macht für alle commissaires-priseurs im ganzen Reich eine ſchöne Summe aus, welche die Staatsregierung wohl nicht gerne miſſen wird. Die Intereſſen, welche von den Amtskautionen geleiſtet werden, ſind nicht hoch, und wenn die Noth am größten iſt, geht auch das Capital der Caution in die Brüche, wie wir es ſchon einmal im Laufe der Revolution erlebt haben und möglicherweiſe noch einmal erleben werden. vi nin n i im Mn ſe mi M ſir Ni ſ ifin un ſe1 m ifn iln uſh im u in N wt i Um lir d h ſchu mit ial⸗ üher ieſes auf tion Cor an zu ädte den, Gerichtsverfaſſung 85 Die Literatur über Gerichtsvollzieher findet ſich in den Werken über Gerichtsorganiſation überhaupt, die zu Schluſſe der Einleitung citirt ſind. F. Das Notariat. Schon in den erſten Aufängen des Staatenlebens begegnen wir einer gewiſſen Klaſſe Perſonen, die, theils mehr theils minder Anſehen unter ihrem Volk genießend, ſich einen Beruf daraus machten, die Rechtsgeſchäfte Anderer zu verbriefen, hie⸗ für gewiſſer Formen ſich zu bedienen, wodurch dann ſolche Ur— kunden allmählig eine gewiſſe Authenticität erlangten und der Keim zu dem Notariat, wie es ſich ſpäter ausbildete, gelegt wurde. So hatten die Hebräer und Griechen ſchon ihre Notäre, wie Merlin ziemlich umſtändlich in ſeinem repertoire universel de Jurisprudence, verbo motairer nachweist, und es hat ſich ſonach das Notariat eines ſehr ehrwürdigen Alters zu erfreuen, da ſeine Wurzeln in die Zeiten der jüdiſchen Richter und Könige hineinragen. Die griechiſche Ge— ſetggebung übertrug ſich auf die Römer und mit ihr das Inſtitut der öffentlichen Schreiber, die unter verſchiedenen Namen als scribae und librarii in den Zeiten der Republik vorkommen. Auch wurden ſie notarii — eine Art Stenographen, weil ſie mit Noten ſchrieben — und bisweilen exceptores genannt, und wurden theils von den öffentlichen Aemtern und Behörden, theils von Privatperſonen für ihre Dienſtleiſtungen beſoldet oder honorirt, je nachdem ſie im ſpe— ziellen Dienſte Jener oder im allgemeinen Dienſte ſich befanden. Ihr Anſehen mochte damals nicht groß ſeyn, da ſehr viele dem Sklaven⸗ ſtande angehörten oder doch nur Freigelaſſene (libertini) waren. In den Kaiſerzeiten dagegen wuchs ihr Anſehen mit ihrer Anzahl. Sie fingen an, eigne Corporationen zu bilden, welche theils der Magiſtratur aggregirt waren, theils ſelbſtſtändig und unabhängig von dieſer ihrem Berufe oblagen; ſie conſtituirten ſich Vorſtände (primicerius) und man findet ſie ſelbſt bei Hofe und den höhern Aemtern als Sekretäre. Diejenigen, welche auf öffentlichem Markte 86 Gerichtsverfaſſung. zum Dienſte des Publikums bereit waren, wurden personae pub- licae, häufiger tabelliones forenses genannt, welche letztere Benen⸗ nung, tabellions, ſich noch in den Ordonnanzen der franzöſiſchen Könige bis zum Jahr 1790 vorfindet, obgleich die Ausdrücke no- taire und garde —note gebraucht werden. Ihre Amtsverrichtungen wurden bei dem ſich ſteigernden Verkehr und der dadurch hervorge⸗ rufenen größern Entwickelung von Rechtsgeſchäften immer wichtiger, immer mehr Bedürfniß, und es wurden allmählig für die Abfaſſung ihrer Urkunden und Akten durch kaiſerliche Verordnungen und De⸗ krete immer mehr beſtimmte Normen und Formalitäten feſtgeſetzt. So wurde namentlich die Zuziehung ſogenannter Inſtrumentszeugen, welche allerdings ſchon früher, aber mehr der Sitte und Gewohnheit nach herbeigezogen worden waren, nunmehr obligatoriſch und geſetz⸗ lich bedingt; auch das Honorar für ihre Dienſtleiſtungen wurde geregelt, wie ſie denn unter Diocletian ſchon einen förmlichen Tarif erhielten. Unter Juſtinian ſtehen ſie als corpus togatorum in voller Blüthe und nehmen in der Beamtenhierarchie jener Zeit eine nicht unbedeutende Stelle ein. Bisweilen werden ſie auch jetzt tabularii genannt, obſchon dieſe Benennung anderen Beamten, welche ſtädtiſchen Archiven und Finanzbureaus vorgeſetzt waren, zukam. Ueber das römiſche Notariat vergleiche: v. Savigny, Geſchichte des römiſchen Rechtes I. Hergot, de scribis veter. Graec Romau. et German. Lydus, de magistratibus populi romani, 1, 18, 17. D. de muneribus; 1. 4 cod. de appellat. et 1. 13 D. de extra- ord. cognit. Novell. 44. cap. l. 2. — I. 9. 4 D. de poenis. R. 78 5 8. Mit andern römiſchen Einrichtungen übertrugen die fränkiſchen Könige auch das Notariat nach Deutſchland und Frankreich. Karl der Große hatte zuerſt das Verdienſt, dieſen Beamten eine präciſere Stellung, begränztere Attributionen zu geben. In ſeinen Capitularien trennt er ſie von den Beamten der contentiöſen Juſtiz gänzlich und nennt ſie judices chartularii, Richter der freiwilligen Gerichtsbarkeit, da in ihrer Gegenwart, unter ihrer Autorität, die Parteien gleichſam, wie in letzter Inſtanz, ihre Rechtsgeſchäfte ordneten und feſtſetzten. In den Reichskanzleien waren Notare angeſtellt zur Auffaſſung und Gegen⸗ zeichnung von Urkunden und ſind hier bald notarii, bald referendarii pu⸗ Benen⸗ ſicn e ne ungen vuge hger afun d De geſeßt. ugen, huhei geſez wurde Tyrif n in eine jeßzt velche hicht Mal. 17* itrir euis. ſchen Karl iſere nien ennt in ie in den gen⸗ arii Gerichtsverfaſſung. 87 und cancellarii genannt; die höchſtſtehenden derſelben kommen unter der Benennung archinotarius und summus notarius vor, ein Amt, welches ſpäter in das viel bedeutendere, hierarchiſch an der Spitze aller Landesſtellen und Behörden ſtehende des Reichskanzlers über— ging. Die deutſchen Kaiſer eigneten ſich bald das Vorrecht zu, Notäre allein zu ernennen, welche Gewalt auch mittelbar durch den comes palatinus auf kaiſerliche Ermächtigung geübt wurde. Auch die Päbſte legten ſich das Recht der Ernennung von Notären bei und wir finden ſolche päbſtliche Notäre unter dem Namen notaires apostoliques bis zur Revolution in Frankreich. Freilich hatten ſie hier nur im Dienſt der Kirche und in geiſtlichen Angelegenheiten zu funktioniren. Wie aber der Kaiſer die Pfalzgrafen, ſo delegirte auch der Pabſt die Biſchöfe häufig zur Ernennung der Notäre, und letztere übten dieſes Recht bisweilen, wie die weltlichen Fürſten, auch auf ihre eigene Autorität aus, ſo daß man vielfach neben den kaiſer⸗ lichen, königlichen, päbſtlichen auch auf biſchöfliche Notäre ſtößt. Selbſt die seigneurs ernannten Notäre, welche jedoch unter dem Titel no— taires seigneuriaux nur innerhalb des Beſitzthumes ihrer Feudal⸗ herren inſtrumentiren durften. Ludwig der Heilige verbeſſerte weſentlich die Notariatsordnung Karl des Großen, wie denn nun dieſelbe immer mehr unter den folgenden franzöſiſchen Königen ausgebildet wurde und zu dem In⸗ ſtitute heranreifte, wie es dermalen in Frankreich beſteht. Namentlich verdienen hier in Erwähnung gebracht zu werden: 1) die Ordonnanz Philipp des Schönen von 1302; 2) das Edikt Philipp V. von 1319 3) Erklärung Karl VI. von 1411; 4) Or⸗ donuanz Ludwig XII. vom Juni 1510; 5) die Ordonnanzen Franz 1. vom Sktober 1535, Auguſt 1539 und 1. September 1541 6) Dr⸗ donnanz Heinrich III. vom Mai 1559; 7) Ordonnanz Karl IX. vom Jauuar 1560; 8) die Heinrich's IV. vom Mai 1579; 9) die Ludwig XIV. vom Auguſt 1670 tit. 3; 10) Declaration desſelben Fürſten vom 15. Juni 1697 und 14. Juli 1699, Art. 13 So ſtand unter der Herrſchaft der Könige das Notariat bei Ausbruch der Revolution in voller Blüthe und die nun folgende Legislation behielt nicht allein das Inſtitut bei, ſondern gab ihm noch weſentliche Verbeſſerungen; das Geſetz vom 29. September 88 Gerichtsverfaſſung. 1791 hob den bisher beſtandenen Unterſchied zwiſchen den Notären auf und ſtatt der notaires royaux, seigneuriaux und apostoliques gab es nunmehr nur die einzige Claſſe der notaires publics, welche berechtigt und verpflichtet wurden, alle die Akten, welche früher nur beziehungsweiſe die königlichen, herrſchaftlichen oder apoſtoliſchen No— täre aufnehmen durften, nunmehr ohne Unterſchied abzufaſſen, ihnen den Charakter der Authenticität, welchen die Akten der öffentlichen Behörden genoſſen, zu geben und unabhängig von den Gerichten den Vollzug derſelben anzuordnen. Den Schlußſtein bildet das Ge⸗ ſetz vom 25. Ventose, Jahr 11, welches das ganze Inſtitut um⸗ faßt und auf den Grund der königlichen Ordonnanzen, Declarationen und Edikte, ſowie der Geſetze vom September und Oktober 1791 ordnet und regulirt. Wir erlauben uns nun, unſern Leſern die wichtigſten Beſtimm⸗ ungen des Ventoſe⸗Geſetzes, da dieſes das heute in Frankreich be⸗ ſtehende Notariat beſtimmt und beherrſcht, vorzuführen. Das ganze Geſetz umfaßt 69 Artikel, von welchen die 67 erſten in III Titel, und dieſe wieder in Sektionen getheilt ſind, die zwei letzten, 68 und 69, generelle Beſtimmungen enthalten. Tit. I. handelt in 2 Sektionen (30 articles) die Funktionen, die Pflichten und den Amtsbezirk des Notärs, die Form ſeiner Akte, die Beſtimm⸗ ung über deſſen Repertorium und Archiv ab. Wir laſſen der Wich⸗ tigkeit halber, welcher dieſer Titel für das Inſtitut überhaupt hat, denſelben in ſeiner erſten Sektion in der Ueberſezung, ohne Abkürz⸗ ung und vollſtändig folgen: 1) Die Notäre ſind die öffentlichen Beamten, die eingeſetzt ſind, um alle Aufſätze oder Contrakte, denen die Parteien den Rechtsgil⸗ tigkeitscharakter, der den Akten der öffentlichen Gewalt eingeprägt iſt, geben laſſen müſſen oder wollen, aufzunehmen, das Datum davon zu verſichern, die Verwahrung davon zu behalten, Sg Con⸗ trakte und Abſchriften zu ertheilen. 2) Sie ſind lebenslänglich eingeſetzt. 3) Sie ſind verbunden, ihr Amt zu leihen, wenn ſie darum erſucht werden. 4) Jeder Notär Siüt an dem Ort wohnen, der ihm von der Regierung feſtgeſetzt werden wird. Im Uebertretungsfalle ſoll der Gerichtsverfaſſung. 89 3 Notär als Demiſſionär betrachtet werden; es kann demzufolge der iques Großrichter, Miniſter der Gerechtigkeitspflege, nachdem er das Gut⸗ elie achten des Gerichtes darüber eingeholt, der Regierung die Stellbe⸗ ſetzung vorſchlagen. N 5) Die Notäre üben ihr Amt, nämlich die der Städte, wo das hun Appellationsgericht eingeſetzt iſt, in dem Umfange der Gerichtsbarkeit iten dieſes Gerichtes; chten jene der Städte, wo nur ein Gericht erſter Inſtanz iſt, in dem 6e Umfang der Gerichtsbarkeit dieſes Gerichts; jene der andern Gemeinden in dem Umfang der Gerichtsbarkeit onn des Friedensgerichts. 791 6) Es iſt einem jeden Notär verboten, außer ſeinem Bezirke zu inſtrumentiren, bei Strafe, ſeines Amtes während 3 Monaten imn⸗ entſetzt, und im S ganz abgeſetzt und in Schaden be und Unkoſten verurtheilt zu werden. 7) Die Notärsämter ſind mit denen der Richter, Regierungs⸗ 67 kommiſſäre bei den Gerichten, ihren Subſtituten, Gerichtsſchreibern, „die Advokaten, Pedellen, Vorſtehern der Einnahme der mittel⸗ oder un⸗ it. I. mittelbaren Steuern, der Richter, Gerichtsſchreiber und Gerichtsboten hten der Friedensgerichte, der Polizeikommiſſäre und der Kommiſſäre bei mn⸗ den Verkäufen unverträglich. bih⸗ Art. 8 beginnt die zweite Sektion und beſtimmt, daß die No⸗ hat. täre keine Urkunde aufnehmen dürfen, in welchen ihre Verwandte kür⸗ und Verſchwägerte (ohne alle Ausnahme in direkter Linie, bis zum Oheim und Neffen einſchließlich in der Seitenlinie) Parteien ſind, ind, oder die Verfügungen zu Gunſten derſelben enthielten. gil Art. 9 verfügt, daß die Urkunden vor einem Notär mit Zu⸗ ſ. ziehung zweier Zeugen oder vor zwei Notären aufgenommen werden von ſollen. Die Zeugen müſſen franzöſiſche Bürger, des Unterzeichnens or⸗ kundig und in dem Gerichtsbezirk wohnhaft ß in welchem der Akt aufgenommen wird. Die Art. 10— 30 enthalten nun die weitern Verfügungen über un Qualität der Zeugen; auch dieſe dürfen weder mit dem Noͤtär, noch mit den Parteien verwandt, noch in deren Dienſten ſein; über die er Form der Akte, Correkturen derſelben, Eintragung in beſondere Re⸗ 5 giſter, Repertorien, Aufbewahrung derſelben im Original mit Aus⸗ —— —— — —— —— 90 Gerichtsverfaſſung. nahme weniger Akte, die auch in Urſchrift (en brevet) ausgegeben werden dürfen; über Authenticität und Executionskraft derſelben; über das Verfahren, welches einzuſchlagen iſt, wenn Abſchriften mit erecutoriſcher Formel zu Verluſt gegangen ſind; über Legaliſation der Akte, wenn ſie außerhalb des Gerichtsbezirks oder außerhalb des Departements in Gebrauch kommen. Titel II. beſtimmt in 4 Sektionen von Art. 31—61 inclus. die Anzahl der Notäre im Verhältniß zur Einwohnerzahl; die Höhe der Cautionen, welche ſie zur Garantie einer guten Amtsführung zu erlegen haben; die Bedingungen, unter welchen die Zulaſſung zum Notariat geſtattet iſt, welche leider kein vollſtändiges Rechtsſtu⸗ dium von dem Aſpiranten, ſondern nur folgende 4 Qualifikationen verlangen: 1) Genuß der bürgerlichen Rechte, 2) den militäriſchen Conſcriptionsgeſetzen genügt zu haben, 3) Alter von 25 Jahren und 4) Nachweis, die Stage gemacht zu haben, d. h. ſechs Jahre, in gewiſſen Fällen auch nur 4 Jahre, auf der Amtsſtube eines Notärs als Clerc und zuletzt als erſter Clerc gearbeitet zu haben; den Amtseid und die Art der Ernennung durch die Regierung; die Organiſation einer Disciplinarkammer, welche in Concurrenz mit der öffentlichen Behörde die Aufführung der Notäre eines Bezirks über— wacht, übrigens auch das Intereſſe des Notariats im Allgemeinen durch Beſchlüſſe und Anträge an die Gerichte oder die Regierung wahrnimmt; endlich den Ort, an welchem die Urkunden eines abge⸗ ſetzten, reſignirten oder geſtorbenen Notärs aufbewahrt werden ſollen; die Art und Weiſe der Uebertragung derſelben an die Amtsnachfolger. Titel III. verfügt in Art. 62 bis 67 inclus. über das damalige Perſonal im Notariat und der Tabellionage und legt demſelben ge— wiſſe Verpflichtungen auf, wie z. B. die Option, wenn Notäre mehrere Aemter zugleich bekleideten, unter dieſen: die Leiſtung des Amtseides; die Nachſuchung beim Gouvernement im früheren Amte. Die allgemeinen Beſtimmungen der Art. 68 und 69 enthalten die Abrogation der früheren Notariatsgeſetze und Strafen bei Con⸗ traventionen gegen einzelne Beſtimmungen des Ventoſe⸗Geſetzes. Das Notariat in dieſer Geſtalt hat ſich bis jetzt in Frankreich in der ſchönſten Blüthe erhalten, erfreut ſich der Sympathie aller Einwohnerklaſſen und trägt hauptſächlich zur Beſchleunigung des ben en; mit der des u. öhe ung ung ſtu⸗ nen hen ten Ne, nes Gerichtsverfaſſung. 81 Gerichtsganges bei, da die Gerichte faſt von allen Geſchäften der freiwilligen Juſtiz befreit ſind. Die Notäre ſind die Rathgeber, die Vertrauten der Familien und oft die Erhalter der Ehre und der Glücksgüter derſelben, ſo daß in jeder Beziehung dieſes Inſtitut zur Nachahmung empfohlen werden darf. Allerdings kommen auch Kla⸗ gen gegen Mißbräuche vor, ſind ſchändliche Prellereien, Schwinde⸗ leien und Unterſchlagungen einzelner Notäre ſchon zu Tage gekom⸗ men. Aber dies beweiſt Alles nichts gegen das Inſtitut, ſondern nur gegen die Individualitäten. Uebrigens iſt auch das franzöſiſche Notariat der Verbeſſerung fähig und ſelbſt bedürftig, da einige Be⸗ ſtimmungen deſſelben offenbar zu tadeln ſind, namentlich daß die Notariatsbureaus, resp. das Amt, Eigenthum des betreffenden Be⸗ amten und ſeiner Familie, ſonach erblich und käuflich*) iſt, und daß nicht ein volles Studium des Rechts von den Aſpiranten ge⸗ fordert wird. Die deutſchen Länder auf dem linken Rheinufer, auf welche die franzöſiſche Occupation die franzöſiſche Legislatur übertrug, haben, ſeitdem ſie unter deutſche Herrſchaft zurückgekehrt ſind, das Inſtitut des Notariats beibehalten, aber weſentlich verbeſſert, ſo daß keine beſondern Klagen gegen dasſelbe vorzukommen pflegen. Preußen, Bayern und Heſſen haben die Verkäuflichkeit des Amtes aufgehoben, ebenſo die Verpflichtung zur Stellung von Cau⸗ tionen und fordern von den Candidaten dieſelbe Ausbildung im Rechte wie von den übrigen Staatsdienſtaſpiranten. Auch haben dieſe Länder den Koſtentarif präciſer geregelt, der allerdings in Frankreich höchſt vage iſt und viel zu wünſchen übrig läßt. Auch in den meiſten italieniſchen Staaten beſteht das Notariat nach franzöſiſcher Grundlage, mit Modifikationen und Verbeſſerungen jedoch; ſo in Neapel, im Kirchenſtaat, in Sardinien und Toscana. Der letztere Staat hat ſich um die Verbeſſerung der Notariats⸗Ord⸗ nung durch das Geſetz vom 11. Februar 1815 beſondere Verdienſte erworben. *) Die Reſtauration hat im Jahre 1816 durch ein Geſetz vom 28. April des⸗ ſelben Jahres die durch die Revolution aufgehobene Verkäuflichkeit der Aemter bezüglich des Notariats, wie ſchon früher bemerkt, wieder hergeſtellt. 92 Gerichtsverfaſſung. In dem übrigen Deutſchland war das Material indeſſen nicht in dem Maße, wie in Frankreich fortgebildet worden, und nach Auf⸗ löſung des deutſchen Reichsverbandes verlor es faſt alle Bedeutung. In den meiſten deutſchen Staaten findet man von da an nur noch eigne Wechſelnotäre, d. i. für die Wechſelgeſchäfte exclusive be⸗ ſtimmt. Das Amt der freiwilligen Gerichtsbarkeit findet ſich mit dem der ſtreitigen faſt überall vereint und wird gepflegt und ver⸗ ſehen durch die Untergerichte *), meiſt durch Aſſeſſoren oder auch Ak⸗ tuare. Man iſt der Selbſtſtändigkeit der Notäre entgegen, weil man fürchtet, ſie möchten leicht dadurch Gegner der Regierungen und An⸗ hänger der Umſturzpartei werden, und führt einzelne Fälle als Be⸗ lege an. Letztere aber vermögen Nichts zu beweiſen, da ja aus allen Claſſen der Staatsangehörigen Männer der revolutionären Partei aufgetaucht ſind, und wahrlich iſt es kein Erfahrungsſatz, daß unter dieſen die Notäre in vorwiegender Zahl ſich finden; denn der Notar hat vor Allem, wenn ſein Amt gedeihen und ihm einen befriedigenden Ertrag abwerfen ſoll, ſtaatliche Ruhe und Ordnung nothwendig. In der That hat auch die neueſte Geſchichte Frank— reichs bewieſen, daß bei weitem die immenſe Majorität der Notäre ſich auf der Seite der Conſervativen befindet. Man hat von einer Seite angerathen, dieſe Selbſtſtändigkeit dadurch zu ſchmälern oder aufzuheben, daß man die Notäre von Staatswegen beſolden, und daß man ſie unbedingt der Verſetzung unterwerfen ſolle. Gegen beide Vorſchläge ſtreiten aber höchſt ge— wichtige Argumente. Der Beſoldung von Staatswegen ſteht entgegen, daß durch eine ſolche das Intereſſe und der rege Eifer der Notärs für die Er⸗ ledigung der Geſchäfte in hohem Grade leiden würde, da ſich hier der Notär in ähnlichem Falle befindet, wie der Advokat und An⸗ walt; daß für die außerordentliche Verantwortlichkeit, welche den Notär bezüglich ſeiner Amtsführung belaſtet, ein entſprechender Ge⸗ winn von Emolumenten nothwendig gegeben ſein muß, denn ſeine Verantwortlichkeit iſt formell und materiell viel präciſirter und von *) Im dießſeitigen Bayern durch die Bezirks⸗ und Landgerichte. * ub u Pi M nicht Auf ung noch be⸗ nit vet⸗ A nan An⸗ Be⸗ us ren un en ng äre eit on 9 Gerichtsverfaſſung. 93 unbedingterer Conſequenz, als die aller übrigen Beamten des Staats⸗ haushaltes, abgeſehen davon, daß um die Beſoldung in gebührender Würdigung der Arbeit und Verantwortlichkeit des Notärs zu fixiren, der Staat ziemlich hohe Anſätze nehmen müßte und ſo bei der großen Zahl der Notäre, wie ſie namentlich in den bevölkerteren Provinzen nothwendig würde, eine enorme Mehrbelaſtung des Juſtiz⸗ etats herbeiführen würde. Bei geringen Beſoldungen aber würde man der höchſt bedenklichen und gefährlichen Chance begegnen, ſich ein gewiſſenloſes, der Beſtechung und Schlechtigkeit zugängliches Be⸗ amtenproletariat zu ſchaffen. Und welche der Rechtsgelehrten würden ſich dann auch für ſolche Stellen melden? Jedenfalls nur diejenigen, welche ſich für die übrigen Staatsdienſte nicht fähig fühlten. Der letzte Grund iſt auch geltend zu machen gegen das unbe⸗ dingte Verſetzungsrecht des Staates. Es iſt eine natürliche und bekannte Sache, daß Beamte, wie Notäre und Advokaten, erſt im Laufe der Zeiten im Stande ſind, zu einer befriedigenden Praris zu gelangen; haben ſie endlich eine ſolche erlangt, ſo muß ihnen doch eine Garantie gegeben ſeyn, dieſelbe, wenn nicht von ihrer Seite durch ſchwere Fflichtverletzung gefehlt wird, erhalten zu können. Durch eine Verſetzung aber könnten ſie leicht auf ihren frühern An⸗ fangspunkt wieder zurückgeworfen werden. Es müßte daher eine Verſetzung nur in Folge gewichtiger Disciplinarurtheile geſtattet ſeyn: denn Jedermann wird wohl im Falle offener Pflichtverletzungen dem Staate gern das Verſetzungsrecht des Notärs einräumen. Den vom Staate beſoldeten Beamten trifft die Verſetzung keineswegs ſo ſchwer, wie ſie den Notär treffen würde, da er immer dieſelbe Beſoldung hat, und von ihnen kann daher nicht auf den Notär argumentirt und geſchloſſen werden. Endlich iſt auch die Selbſtſtändigkeit der Notäre durch die Disciplinargewalt ihrer Kammern, und in noch höherem Grade durch die der Gerichte und das Beaufſichtigungsrecht der Staatsanwälte begränzt, ſo daß von ihr weder für das Intereſſe des Staats im höheren Sinne, noch für das der Staatsangehörigen zu fürchten ſteht. Ein Inſtitut aber ohne alle Mängel iſt wohl bis jetzt nach dem Sprüchworte: nil perfectum sub sole noch nicht erfunden worden, und ſo mögen denn die Mängel des Notariats mit dem vielen Guten desſelben, das gewiß jene mehr als paralyſirt, 94 Gerichtsverfaſſung. * aufgenommen und der Sympathie und Fürſorge der legislativen Gewalten unſers Vaterlandes empfohlen werden. In anerkennender Weiſe ſprechen ſich Toullier, Réal, Merlin, Favard, Furgole und überhaupt alle franzöſiſchen Rechtslehrer und Staatsmänner von Bedeutung aus, und die Citate ihrer Ausſprüche über das Notariat würden zu weit fübren. Aber auch deutſche Juri⸗ ſten von Ruf, welche das Inſtitut kennen gelernt haben, erwähnen deſſelben nur mit Lob, und namentlich dürfen wir uns hier auf Zachariä, Mittermaier und Schlink berufen. iven rlin, und üche zuri⸗ en auf Anhang. Das Bypothekenamt und das Enregiſtrement. In dem alten Frankreich herrſchte in deſſen meiſten Provinzen das römiſche Hypotheken⸗ oder Unterpfandsrecht und die Wirkſamkeit der Unterpfänder hing alſo nicht von der Eintragung in beſtimmte öffentliche Regiſter oder Bücher ab. Nur in einigen Provinzen im Norden des Reiches (Ländern des Gewohnheitsrechtes), konnte die Wirkſamkeit der Unterpfandsrechte gegen dritte allein dadurch erhal⸗ ten werden, daß ſie in ſolche Bücher eingetragen wurde. Dieſe Pro⸗ vinzen wurden pays de nantissement, Länder der Sicherheit, des Unterpfands genannt, und das Recht war altgermaniſcher Herkunft. Das Syſtem aber nannte man das der publicité des hypothoques, der Oeffentlichkeit der Hypotheken. Das Zwiſchenrecht (die während der Revolution erlaſſenen Ge⸗ ſetze) dehnte das Syſtem der Oeffentlichkeit auf ganz Frankreich aus und ſchuf eigene Aemter, denen die Eintragung der Unterpfandsrechte anvertraut wurde. Zuerſt wurden die Verwalter der Staatsgefälle (Domänen) und des Enregiſtrements mit dieſer Funktion betraut, durch das Geſetz vom 21. Ventose Jahr VII. aber eigene Hypo⸗ thekenämter errichtet. Nach langen Kämpfen im Staatsrath in deſſen Geſetzgebungsſek⸗ tion wurde das Syſtem der Oeffentlichkeit beibehalten ſowie die Hy⸗ pothekenämter des Geſetzes vom Jahr VII. Auf den Werth der beiden Syſteme näher einzugehen und zu unterſuchen, welches den Vorzug verdiene, iſt hier nicht der Ort und 96 Anhang. wir müſſen in dieſer Beziehung auf das Civilrecht in deſſen Ab⸗ ug ſchnitt: „über Privilegien und Hypotheken“ verweiſen. ſ In Frankreich beſtehen alſo bis jetzt öffentliche Kanzeleien, unter dem Namen bureaus des hypotheques, welche dazu dienen, das wi beſprochene Syſtem der Oeffentlichkeit der Unterpfands und Vorzugs⸗ 1 rechte auszuführen. it Die Hauptbeſtimmungen des Ventosgeſetzes vom Jahre VII. 5 über die Hypothekenämter ſind folgende: N In jedem Sprengel eines Gerichts erſter Inſtanz gibt es ein ſi Hypothekenbureau. Einem jeden ſolchen Bureau ſteht ein Beamter (conservateur n des hypotheques, Pfandſchreiber) vor, deſſen Amtspflicht es iſt: 8 durch Eintragung der Privilegien und Hypotheken in die Bücher ſeines Archivs oder ſeiner Kanzlei dieſelben zu wahren, ſowie die . Gebühren zu erheben, die zu Gunſten des Staats von jeder Formali⸗ 1 tät, zu der ſeine Amtsgeſchäfte veranlaſſen, firirt ſind. N Bevor der Hypothekenbewahrer ſein Amt antritt, hat er vor ſu dem Erſtinſtanzgerichte ſeines Sprengels den Antseid zu leiſten. Er u hat überdieß zur Sicherung einer rechtlichen und fehlerloſen Verwalt⸗ ung eine Amtscaution in Immobilien (liegenden Gütern) zu ſtellen. Ueber dieſe Caution, reſp. über deren Annahme hat das Erſtinſtanz⸗ gericht in Benehmen mit dem öffentlichen Miniſterium zu entſcheiden. Das Domizil des Hypothekenbewahrers iſt auf ſeiner Kanzlei. it Die Caution muß einen Werth von 20,000 Franken, von 30,000 Franken, von 40,000 Franken, von 50,000 Franken dar⸗ ſ bieten, je nach der Bedeutendheit des Sprengels und ſeiner Bevölker— ſi ung. In Paris beläuft ſich die Höhe derſelben auf 100,000 Franken. v Die Hypothekenbewahrer beziehen keine fire Beſoldung vom i Staate, ſondern Gebühren von ihren Amtsgeſchäften, und zwar von den Einſchreibungen (Inſcriptionen), Uebertragungen (Transſcriptionen), u Tilgung oder Löſchungen der Einſchreibungen Radiationen), von dem u Nachſchlagen in ihren Regiſtern und von den Copien, die ſie von den auf ihren Bureaus deponirten Inſcriptionen, Transſeriptionen und 6 Radiationen auf Begehren fertigen und ausliefern. „ Einzelne dieſer Beſtimmungen über Amtscaution, Gebühren und dergleichen haben im Laufe der Zeiten nicht bedeutende Veränder⸗ „ ntet das ugs VII. ein eur iſt: cher die nali⸗ vor Er ali⸗ Hypothekenamt und Enregiſtrement. 97 ungen erlitten. In der Hauptſache aber iſt dieſes Geſetz heute noch in voller Kraft. Der Hypothekenbewahrer iſt für richtige Amtsführung dem Staate wie den Parteien verantwortlich. Ein gerichtlicher Beamter iſt er allerdings nicht, und ſtreng logiſch genommen gehört die Abhandlung über ihn nicht in das Kapitel der Juſtizorganiſation, äber er iſt ein Beamter der gerichtlichen Polizei, und als ſolchen glaubten wir ihn, der Vollſtändigkeit halber, hier aufführen zu dürfen. In Disziplinar⸗ ſachen unterliegt er der Cognition der Erſtinſtanzgerichte. Was wir ſchließlich vom Hypothekenbewahrer bezüglich der Be⸗ rechtigung dieſes Beamten am Schluſſe der Gerichtsverfaſſung einer Betrachtung unterzogen zu werden, geſagt haben, gilt in noch höherm Maaßſtabe von dem Beamten des Enregiſtrements, der rein zur Ver⸗ waltung gehört. Aber wenn wir ſeinen ſteten und unmittelbaren Verkehr mit den miniſteriellen Beamten (Gerichtsſchreibern, Notären, Anwälten und Gerichtsboten) in Anbetracht nehmen, ſowie den Um⸗ ſtand, daß ſeine Funktionen außer der finanziellen auch eine civil⸗ rechtliche Seite haben, durch Eintragung der Privaturkunden in ſeine Regiſter nämlich, wodurch denſelben ein ſicherer Datum erſt gegeben wird, ſo hoffe ich, wird die Kritik mir die logiſche Sünde nicht zu ſchwer nehmen und mir es lieber verzeihen, wenn ich etwas über die Aufgabe zu deren Nutzen und Frommen hinausgehe, als wenn ich etwas Weſentliches innerhalb derſelben überſehen hätte. Das Motiv zur Einführung des Enregiſtrements in Frankreich iſt offenbar ein finanzielles geweſen. Man ſchuf dadurch dem öffent⸗ lichen Schatze eine bedeutende Revenue, ohne direkt Grund und Bo⸗ den, Gewerbe, Haus und Werkſtätte, einzelne Perſon und Familie mit einer allgemeinen Steuer zu belaſten. Die Hauptaufgabe aber im Finanzweſen des Staates iſt, für die Steuern die möglichſt an⸗ genehme, Druck und Ungunſt des Volkes vermeidende Form zu fin⸗ den. Und wenn auch im Gange der Verhältniſſe Alle daran müſſen, Abgaben dem Enregiſtrement zu leiſten und dann im concreten Falle es vielleicht läſtig finden, die Steuer iſt nicht ſo anſtößig überhaupt, weil ſie nur in ſpeziellen Fällen gegeben wird. Das Enregiſtrement beſteht alſo in der Eintragung von Doku⸗ menten, Verträgen, Urkunden jeder Art, für welche das Geſetz die 98 Anhang. Einregiſtrirung vorgeſchrieben hat, in hiezu beſtimmte öffentliche Bücher gegen eine geſetzlich fixirte Gebühr. Privaturkunden, wie ſchon oben geſagt, erhalten dadurch einen ſicheren Datum (date certain) und mit dem finanziellen iſt ſo ein civilrechtlicher Zweck verbunden, der aber unbeſtreitbar der untergeordnetere iſt. Die Führung dieſer Bücher iſt Finanzbeamten anvertraut, welche receveurs de k'enre- gistrement heißen, Amtscautionen und Amtseid zu leiſten haben und unter der höhern Adminiſtrativbehörde ſtehen. Sie beziehen Tan⸗ tiomen der Staatseinnahmen als Beſoldung für ſich, die nebſt an⸗ dern Gefällen, die aus andern finanziellen Verwaltungen, wie Ver⸗ kauf der Hölzer aus öffentlichen Waldungen w. ihnen erwachſen, eine je nach der Größe ihres Sprengels, mehr oder minder bedeutende Revenue, ihnen zuſichern. Prozeſſe wegen Einregiſtrirung werden vor den ordentlichen Ge⸗ richten entſchieden. Die miniſteriellen Beamten alle ſind bei Geld⸗ ſtrafen verantwortlich, daß alle Urkunden, für welche die Förmlichkeit vorgeſchrieben iſt, wenn ſie in ihre Hände zum amtlichen Gebrauch kommen, der Einregiſtrirung unterworfen werden. Kein Gericht darf in einem Urtheil, kein miniſterieller Beamte in einer Urkunde Bezug auf ein nicht regiſtrirtes Dokument nehmen. Faſt in jedem Cantone befindet ſich ein ſolches Finanzbureau, das competent iſt bezüglich der Akten, welche die Cantonsbeamten innerhalb deſſelben errichten und bezüglich der Güter, welche inner⸗ halb deſſelben liegen. Privaturkunden dagegen können bei jedem be⸗ liebigen Bureau im ganzen Reiche einregiſtrirt werden. Durch Ge⸗ ſetz vom 19. Dezember 1790 wurde das Enregiſtrement für Frank⸗ reich eingeführt und das wichtigſte Geſetz für deſſen Organiſation, Competenz und Beſtimmung der Gebühren oder Steuern iſt das vom 22. Frimaire Jahr VII. Literatur über Enregiſtrement und Hypothekenbureaus. Nouveau manuel de legislation et de jurisprudence sur l'enregistrement et le timbre par Biret, 1836. Lois du timbre (Stempelgeſetz) et de l'enregistrement extraites du bulletin des lois, par Tardif 1827. Dictionnaire général de l'enregistrement, des domaines et des hypotheques, par Trouillet 1835. Juris- ni ui uit in m Münze, Maaß und Gewicht. 99 ihe prudence de l'enregistrement, par Perry. 1835. Mehrere Wör⸗ ſhu terbücher noch über Enregiſtrement, Stempelgeſetz und Hypotheken⸗ uin) weſen von Teste-Lebeau 1833, von verſchiedenen unter der Redak⸗ nden tion von Masson de Longpré. 1837, von Championnière et Ri- ieſ gaud 1835 et seq. Ure- 2 Zeitrechnung wührend der Rrvolution. g⸗ Franzöſiſche Münze, Maaß und Gewicht. Ver Die Beſtimmungen über Zeitrechnung, Münze, Maaß und Ge⸗ eine —wicht hängen ſo oft mit den Fragen des bürgerlichen und Straf⸗ tend rechts zuſammen, das heißt ſie ſtehen in genauer Verbindung mit der Lehre von der Auslegung oder Interpretation der Geſetze, in Ge⸗ welchen Zeitbeſtimmungen ꝛc. vorkommen, daß wir nicht glanben, Hel⸗ dieſen Theil der Geſetzgebung übergehen zu dürfen, wenn er auch chteit ſtrenge genommen nicht ſeine Stelle hier zu finden hätte. Nament⸗ rauch lich iſt Obiges von der Zeitrechnung zu verſtehen, an dieſe aber darf reiht ſich ſehr natürlich die Beſprechung auch der Münze, des ezug Maaßes und Gewichtes in den Veränderungen, welche ſie durch die 8 Revolution erfuhr, an. reau, Der Nationalconvent erließ im zweiten Jahre ſeiner Macht ein mten Geſetz, nach welchem eine neue Zeitrechnung in Frankreich eingeführt mer⸗ wurde. Die Zählung der Jahre ſollte eine andere werden, ſo wie be⸗ die Eintheilung des Jahres ſelbſt. Deßhalb mußte auch der bis⸗ Ge⸗ herige Gregorianiſche oder chriſtliche Kalender abgeſchafft werden und rant einem republikaniſchen weichen. tion, Der Grund dieſer ſeltſamen Erſcheinung aber iſt in der Situa⸗ das tion der damaligen Verhältniſſe und in den Tendenzen derer zu ſuchen, welche dieſe Verhältniſſe beherrſchten. Das Haupt des un⸗ glücklichen Monarchen war auf dem Blutgerüſte gefallen, ein großer Theil des Adels ermordet oder ausgewandert, ebenſo ein bedeutender ʒur Theil des Clerus, die Verhältniſſe der alten Monarchie in allen ihren bre Theilen aufgelöst, alle Feudalverhältniſſe aufgehoben und die Macht⸗ des haber im Nationalconvent machten es ſich zur Aufgabe, um alle ent. Rückkehr dem Volke abzuſchneiden, dasſelbe von allen alten Erin⸗ — nerungen loszureißen. Der junge neugeborne Staat ſollte ſich en * — . * * . „ — — N. Le — 3 100 Anhang. aller Vergangenheit losſagen und alle Zeit künftig von dem Tage ſeiner jungen Exiſtenz an berechnen. Zugleich glühte ſchon damals der verbrecheriſche Gedanke, den Altar des Chriſtenthums umzu⸗ ſtürzen und den Dienſt der Vernunft einzuführen, in dem wahn⸗ witzigen Gehirne jener Demagogen, welche die Welt noch heute nur mit Abſchen und Schrecken nennt. Und die Abſchaffung des chriſt⸗ lichen Kalenders mit ſeinen Feiertagen, der chriſtlichen Zeitrechnung überhaupt galt ihnen als Mittel, ihre ſchändlichen Zwecke durchzu⸗ führen, jedenfalls als vorbereitende Sache von Gewicht. So wurde denn durch das Geſetz vom 4. Frim. II. und 7. Fructidor. III. der 22. September 1792, als der Stiftungstag der Republik, als Anfang der neuen Aera dekretirt, von welchem Tage an nun mit Jahr I. Jahr II. der Republik und ſo weiter gerechnet werden mußte. Alle Aemter und Behörden weltlichen, geiſtlichen und mili⸗ täriſchen Standes, alle Privatleute mußten nun ſo rechnen, bei Strafe als Feinde des Vaterlandes angeſehen zu werden. Das Jahr fing an um Mitternacht des Tages, auf welchen die Tag⸗ und Nachtgleiche des Herbſtes für die Pariſer Sternwarte fiel. Es wurde eingetheilt in zwölf Monate, jeder Monat in drei De⸗ ſaden oder Wochen von 10 Tagen; die fünf übrigen Tage des Jahrs, denn durch die 36 Dekaden konnten nur 360 Tage ein⸗ gereiht werden, wurden keinem Monate zugetheilt und hießen Er⸗ gänzungstage, jours complémentaires; in den Schaltjahren gab es deren 6. Das erſte Jahr der Republik fängt ſich alſo an mit dem 23. September 1792. Die Monate wurden zugleich umgetauft, und in ihrer neuen Reihenfolge hieß nunmehr: 1. Der Monat vom 22. September bis 22. Oktober Vendé- miaire, Herbſtmonat. 2. Der vom 22. Oktober bis 21. November Brumaire, Ne— belmonat. 3. Der vom 21. November bis 21. Dezember Frimaire, Reifmonat. 4. Der vom 21. Dezember bis 20. Januar Nivòse, Schnee⸗ mongt. age als nzu h nur riſ⸗ Republikaniſcher Kalender. 101 5. Der vom 20. Januar bis 19. Februar Pluviose, Regen⸗ monat. 6. Der vom 19. Februar bis 21. März Ventöse, Windmonat. 7. Der vom 21. März bis 20. April Germinal, Keim⸗ oder Sproßmonat. 8. Der vom 20. April bis 20. Mai Floréal, Blüthemonat. 9. Der vom 20. Mai bis 19. Juni Prairial, Wieſenmonat. 10. Der vom 19. Juni bis 19. Juli Messidor, Erntemonat. 11. Der vom 19. Juli bis 18. Auguſt Thermidor, Hitzmonat. 12. Von da bis 22. September Fructidor, Obſtmonat. Durch Senat⸗Conſult vom 22. Fructidor Jahr XIII. das iſt alſo vom 9. September 1805 wurde unter Napoleon der Gre⸗ gorianiſche Kalender für ganz Frankreich eingeführt und die alte chriſtliche Zeitrechnung wieder angenommen und zwar vom 11. Nivöse des Jahres XIV. das heißt vom 1. Januar 1806 an. Eine andere Einrichtung der Revolution aber, betreffend Münze, Maas und Gewicht, von nun an auf das Dezimalſyſtem und die Meſſung des Meridians gegründet, hat ſich nicht allein in Frank⸗ reich bis auf den heutigen Tag erhalten, ſondern in einer Menge anderer Staaten Propaganda gemacht, ſo daß die Zeit vorauszuſehen iſt, in welcher in allen civiliſirten Ländern wenigſtens Maas und Gewicht nach dem Dezimalſyſtem beſtimmt werden., Durch das Geſetz vom 17. Floréal Jahr VII. (6. Mai 1799) war befohlen worden, daß vom 23. September 1799 (dem Neujahrs⸗ tag vom Jahre VIII.) die Summen in Verträgen und Urkunden nimmer anders als nach dem Dezimalſyſtem eingeführt oder evaluirt werden durften. Die unterſte Einheit dieſes Münzſyſtems iſt ein Centime, Hunderttheil. Hundert Centimes geben einen Fran⸗ ken, der ſich zum alten Livre (Livre auch franc tournois, Tournoſe) verhält wie 1 zu 1,03, ſo daß 48 Livres alter Münze 47 Francs, 20 Cent. neuer Münze gleich geſtellt wurden, ſo wie das alte 3 Livreſtüͤck = 2 Francs, 75 Centimes, das alte 6 Livreſtück = 5 Francs, 80 Centimes. 15 25 Centimes = ½ Franc. (etwa 7 Kreuzer). 50 Centimes = ½ Franc. (etwa 14 Kreuzer). 100 Centimes = 1 Franc. (etwa 28 Kreuzer). 102 Anhang. In derſelben Weiſe wird vom Franken an aufwärts das Geld in Frankreich gemünzt, nämlich man hat 5 Francs- 10 Francs- 20 Francs und noch höhere Stücke, von 10 Francs an in Gold. Durch die Geſetze vom 1. Auguſt 1793 und 18. Germinal III., 1. Vendémiaire IV., 19. Frimaire VIII. und das Dekret vom 12. Februar 1812 war und zwar durch jenes vom 1. Auguſt 1793 das neue Syſtem in Maas und Gewicht adoptirt, durch die andern Geſetze und das Dekret weiter geregelt worden. Die Einheit des Gewichts bildete jetzt der Gramm (Quent⸗ chen) altfranzöſiſch Denier. Zehn Gramm bilden ein Decagramm (gros), hundert Gramm bilden den Hektogramm (once), tau⸗ ſend Gramm den Kilogramm (etwa 2 Pfund Zollgewicht). zehntauſend Gramm den Myriagramm. Der Gramm bildet ſich aus 10 Decigramm oder 100 Centi⸗ gramm oder 1000 Milligramm. Die Einheit des Längenmaaßes bildet der Meter, gebildet aus 10 Dezimeter oder (ehemals palme) aus 100 Centimeter (doigt) oder aus 1000 Millimeter (trait). Der Meter ſelbſt entſpricht 3 Fuß 11 Linien Pariſer Maaß. Aufwärts bilden 10 Meter einen Decameter (perche), 10 Deca⸗ meter einen Hektometer (100 Meter), 10 Hektometer einen Kilo⸗ meter (1000 Meter), 10 Kilometer einen Myriameter (10,000 Meter, etwa zwei deutſche Stunden). Das Landmaaß wird durch Are, Hektare und Centiare gebildet. Das Gehaltmaaß für Flüſſiges wird bezeichnet durch Liter, aufwärts Decaliter, Hektoliter, abwärts Deciliter. (Maaß, Zuber, Ohm, Schoppen.) Das Gehaltmaaß für Trockenes (Getreide ꝛc.) wird bezeichnet durch Liter, Decaliter, Hektoliter, Kiloliter. (Maaß, Viernſel, Schäffel, Malter.) Das Holzmaaß durch Stere, Klaf⸗ ter oder Cubikmeter, und Deciſtere, (altfranzöſiſch Solive) Trag⸗ laſt, 1% Cubikmeter. Durch geſetzliche Verfügungen wurden alle öffentlichen Beamten angewieſen, in ihren Urkunden und Akten, Ausſchreibungen und Ver⸗ trägen bei Vermeidung verſchiedener, oft empfindlicher Geldſtrafen nur die Ausdrücke des neuen und nicht mehr die des alten zu gebrauchen. * eld old. nal kret die ent⸗ um u⸗ 6. us gt) uß. ta⸗ ilo⸗ tet, det. er, 1.) aß, laf⸗ g⸗ et⸗ en ten Inhalt. Vorrede. Rechtsgeſchichtliche Einleitung I. Die franzöſiſche Zeſetzgebung vor der benhn II. Die franzöſiſche Zeſetzgebung während und nach der Revolution. Literatur der franzöſiſchen Rechts⸗ und Gerichtsverfaſſungsgeſchichte A. Gerichtsverfaſſung . I. Adminiſtrative Vrganiſation 1 t Organiſation der Verwaltung. Competenz derſelben. Competenz⸗ Conflikt. Gerichtliche Verfolgung der Verwaltungsbeamten. Literatur II. Zuſtiz⸗PDrganiſation A. Das Richteramt. Innere und äußere Organiſation deſſelben. Friedensgerichte. Bezirksgerichte. Appellationsgerichte. Handels⸗ gerichte. Caſſationsgericht . . . B. Das öffentliche Miniſterium C. Die Gerichtsſchreiberei . . D. Die Advokatur und die Anwaliſcaft E. Die Gerichtsvollzieher F. Das Notariat Anhang. Das Hypothekenamt und das Enregiſtrement. Franzöſiſche Münze. Maaß und Gewicht. Republikaniſcher Kalender und Zeitrechnung Seite. 16 24 25 25 33 33 62 69 72 81 85 95 Berichtigungen. In der Vorrede, Seite V, Zeile 11 von oben, wo es heißt: Rheinpreußen, Rheinbayern, Rheinheſſen, Baden, iſt letzteres Wort Baden durch ein Verſehen bei Streichung eines Satzes ſtehen geblieben. Man bittet dasſelbe zu ſtreichen, da Baden nicht zu den von Frankreich occupirten Staaten und eben ſo wenig auf dem linken Rheinufer liegt. Seite 21 lies procodure civile ſtatt civil. Seite 24 ebenſo. eußen, en bi n, da weniz Die dargeſtellt von Ernſt Jul. Paraquin. II. Das bürgerliche Recht. München, 1861. Literariſch-Artiſtiſche Anſtalt Franzüſiſche Geſetzgebung; Vx der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. Proſpeetus ſiehe umſtehend. Prosprrfus. Im Verlage der Unterzeichneten erſcheint: Die Franzüſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Julius Paraquin. In ſechs Abtheilungen. gr. 8o. Dieſes von dem Herrn Verfaſſer, einem rheinbayeriſchen Juriſten, den Gebildeten aller Stände überhaupt, ſowie ſeinen Berufsgenoſſen in den Ländern des deutſchen Staates insbeſondere gewidmete Werk umfaßt die geſammte Civil- und Strafgeſetzgebung Frankreichs in klaren, bündigen und doch erſchöpfenden Zügen. Der Darſtellung der Geſetzgebung iſt eine rechtshiſtoriſche Einleitung und die Gerichtsorganiſation (Richteramt, öffentliches Miniſterium, Anwaltſchaft, Advokatur, Notariat, Gerichtsſchreiberei . ꝛc.) vorausgeſchickt, neben welcher auch das zum Verſtändniß Nothwendige über Prganiſation und Competenz der Adminiſtration ſeinen Platz findet. Das Ganze erſcheint in ſechs Heften von je 6 bis 8 Bogen. Einleitung und Organiſation bilden den Inhalt des erſten Heftes, dem in monatlichen Zwiſchenräumen die fünf andern folgen, deren erſtes das Civilrecht, das zweite den Civilprozeß, das dritte das Handelsrecht, das vierte das Strafrecht und das fünfte den Btraf— prozeß behandeln. Einem jeden Hefte iſt ein Inhaltsverzeichniß beigegeben. Der Preis eines Heftes richtet ſich nach der Bogenzahl; der Preis eines Bogens wird circa 8 kr. betragen. Literariſch⸗artiſtiſche Anſtalt der 2. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. Die Franzüſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Jul. Paraquin. nuriſn, ſögſu —— met ritß i ſiſrit ifni H. inin zeim Vas bürgerliche Recht. iiinin i 8 Byhn en hei gen, delh 5 dritte den u — =. — eben. nhh München, 1861. Literariſch⸗Artiſtiſche Anſtalt J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. nſtolt ln £ — —— = — — — —= = n n B. Das bürgerliche Recht. Einleitung. Wir haben in der rechtsgeſchichtlichen Einleitung die Geſchichte der Entſtehung des Geſetzbuchs, welches das bürgerliche Recht der Franzoſen in ſeinem materiellen Theile umfaßt, dargeſtellt, woraus hervorging, daß dieſes Recht theils auf die römiſche Geſetzgebung, theils auf die Gewohnheitsrechte der Provinzen germaniſchen Elemen⸗ tes, theils auf die Ordonnanzen der Könige, und endlich auf das Zwiſchenrecht, das heißt die während der Revolution fragmentariſch erlaſſenen Geſetze, begründet wurde. Wir wollen nun den Haupt⸗ inhalt dieſes Geſetzbuches, das den offiziellen Namen code civil führt und eine Reihe von Jahren zu Ehren des mächtigen Imperators offiziell code Napoléon benannt wurde, und zwar nach dem Ideen⸗ gang des Buches ſelbſt*), unſern Leſern vorführen, und ihnen ſo die Grundzüge des franzöſiſchen Civilrechtes darlegen. Die Prinzipien, von welchen der Geſetzgeber des code civil ausging, ſind Freiheit und Sicherheit der Perſon und des Eigen⸗ thums, Gleichheit Aller vor dem Geſetze, Unabhängigkeit des bürger⸗ lichen Rechts von der religiöſen Meinung, gleiche Berechtigung der Familienglieder am Vermögen der Familie, Entfeſſelung des Bodens *) Wir folgen bei dieſem Geſetzbuche, weil es möglich und unſerm Zwecke, dem Leſer auch eine äußere Anſchauung des Buches zu geben, entſprechender iſt, dem tertuellen Syſteme deſſelben, während wir für die Bearbeitung der übrigen Bücher, da es dort nicht anders thunlich iſt, mehr ein wiſſenſchaftliches Syſtem wählen müſſen. Wir erinnern bei dieſer Gelegenheit nochmals daran, daß wir tein Lehrbuch noch einen Commentar ſchreiben, ſondern das Geſetz in ſeinen Hauptzügen darſtellen wollen, und uns deßhalb nicht zu tief in die einzelnen Materien einlaſſen können. n. Civitrecht. 4 Civilrecht. und Beförderung des Ackerbaues, Sicherung des Credits und des Privatverkehrs. Verſchieden wird wohl überall der Werth dieſer Prinzipien beurtheilt werden, je nach dem Standpunkte, welchen der Kritiker in ſtaatsrechtlicher, kirchlicher und politiſcher Beziehung ein— nimmt, denn ſie ſtehen im intimſten Zuſammenhange mit den höchſten und ſchwierigſten Aufgaben der Politik. Während hier verſchwen⸗ deriſches Lob geſpendet wird, trifft von dort ſcharfer Tadel dieſe Marximen. Aber Alle müſſen wohl in der Anerkennung übereinkommen, daß der Geſetzgeber ſeinen Grundſätzen Conſequent tren geblieben iſt, ſie nie aus den Augen verlor und ein Werk voller Harmonie und logiſchen Zuſammenhangs geſchaffen hat. Den Franzoſen iſt die bürgerliche Freiheit in vollſter und umfaſſendſter Weiſe dadurch garan⸗ tirt und die individuelle Freiheit nur da beſchränkt, wo es im großen Intereſſe der Freiheit und der Gleichheit der ganzen Geſellſchaft ge⸗ legen iſt, z. B. im Erbrecht (kein Erſtgeburtsrecht, keine gänzliche Enterbung von Kindern, beſchränktes Verfügungsrecht und ein Pflicht⸗ theil) ebenſo im Elternrecht c. Und Alle müſſen in den Ausdruck der Bewunderung ein⸗ ſtimmen, welcher der Redaktion dieſes Buches wegen ihrer Klar⸗ heit, Bündigkeit und Präziſion, die praktiſch alle wiſſenſchaftlichen Ver⸗ tiefungen vermeidet, zukommen muß. Die Faſſung des code civil iſt bis jetzt nie übertroffen worden und wird für lange Zeit hinaus noch ein Muſter bleiben. *) Der code civil umfaßt alſo das ganze materielle bürgerliche Recht der Franzoſen, in 2281 Artikeln, und iſt eingetheilt in drei Bücher, welchen ein Präliminartitel vorangeht. Die einzelnen Bücher ſind in Titel, dieſe in Kapitel und dieſe wiederum in Sectionen weiter abgetheilt. Das erſte Buch iſt be⸗ titelt: „von den Perſonen“ und enthält das Perſonenrecht in 11 Titeln und 515 Artikeln. Das zweite Buch zerfällt in vier Titel und behandelt in 193 Artikeln, von Art. 517— 710 inclus. einen Theil des Sachenrechts. (Die Lehre von den Gütern, dem Eigenthum, den Servituten.) Es *) Wir werden daher auch immer, wo es nur angeht, die Beßtstnn des Ge⸗ ſetzbuchs wörtlich geben. ſn inl Einleitung. 5 iſt mit der Ueberſchrift „des biens, et des différentes modifica- 3 tions de la propriété“ bezeichnet. un 3 Das dritte Buch (in 20 Titeln mit einer entſprechenden Anzahl itjn von Kapiteln und Sectionen) führt die Ueberſchrift „des différentes ehn manières dont on acquiert la propriété“ und enthält in 1570 Nuin, Artikeln, von Art. 7 11 bis 2201 inclus. das übrige Sachenrecht 63 (Erbrecht) und Obligationenrecht. ihni Der Präliminartitel enthält in 6 Artikeln nachſtehende allge⸗ ſt in meine Beſtimmungen über Verkündigung, Wirkung und Anwend⸗ ſi ung der Geſetze: gn 1) Die Geſetze ſind vollziehbar auf dem ganzen Umfang des fran⸗ ngujn zöſiſchen Gebietes, kraft der Promulgation, die durch den Kaiſer ſtij z geſchieht. Sie müſſen in jedem Theile des Reiches von dem g Augenblicke an vollzogen werden, da die Promulgation derſelben ni bekannt ſeyn kann. *) 2) Das Geſetz verfügt nur für die Zukunft; es hat keine zurück⸗ ung än wirkende Kraft. tet n⸗ 3) Die Polizei⸗ und Sicherheitsgeſetze verpflichten einen Jeden, der ihen Vr auf dem Gebiete wohnt. Die Rechte in Betreff der Immobi⸗ Me ii lien, auch jene nicht ausgenommen, welche Ausländer beſitzen, i him richten ſich nach dem franzöſiſchen Geſetze. Die Geſetze, welche den rechtlichen Zuſtand und die Rechtsfähigkeit der Perſonen innit betreffen, erſtrecken ſich auf die Franzoſen, wenn ſie gleich in tin du fremden Ländern ſich aufhalten. 4) Der Richter, der unter dem Vorwand, daß das Geſetz den vor⸗ und ſit getragenen Fall unberührt laſſe, daß es dunkel oder unzuläng⸗ hſ ⸗ lich ſey, ein Urtheil zu ſprechen ſich weigert, kann wegen Ju⸗ t in 1 ſtizverſagung gerichtlich verfolgt werden. 5) Es iſt dem Richter verboten, mittelſt einer allgemeinen Ver⸗ in 15 mih *) Die Promulgation wird als bekannt angenommen: in dem Departement der hi te) 6 Reſidenz einen Tag nach derſelben; in jedem der übrigen Departemente nach Verlauf dieſes Tags, verlängert um einen Tag für jede zehn Miriameter (20 Stunden) welche der Hauptort des Departements von der Stadt entfernt nd be . liegt, in welcher die Promulgation geſchehen iſt. — — . . — . ** X 6 Civilrecht. fügung, die zur Vorſchrift dienen ſoll, die ihnen vorgelegten Rechtshändel zu entſcheiden *). 6) Durch Privatverträge kann man den Geſetzen, welche die Hand⸗ habung der öffentlichen Ordnung und die Erhaltung der guten Sitten zum Zwecke haben, nicht derogiren (ſie nicht abändern). Durch das Geſetz vom 21. März 1804 (30. ventose XII) wurde ſodann in deſſen 7. Artikel verfügt, daß von dem Tage an, da die Geſetzesſammlung (code civil, code de Napoléon) ihre Voll⸗ ziehbarkeit in Frankreich erlangt hat, ſofort das Römiſche Recht, die Ordonnanzen, die coutumes générales et locales, Statuten und Verordnungen in all' den Materien, welche der Gegenſtand der be⸗ ſagten Geſetze ſind, woraus das Geſetzbuch beſteht, als allgemeine oder als beſondere Geſetze keine verbindliche Kraft mehr haben. Die 6 Präliminarartikel, als Einführungsgeſetz an der Spitze, trat alſo das neue bürgerliche Recht in's Leben und ſicherte durch dieſelben zuvörderſt zu, daß es in die beſtehenden Verhältniſſe nicht ſtörend und zerſtörend eingreifen werde, indem Rechtszuſtände und Verträge unter der Herrſchaft des bisherigen Rechts geſchaffen und eingegangen, nicht unwirkſam gemacht oder aufgelöſt würden, da ja das Geſetz nur für die Zukunft verfügt und keine rückwirkende Kraft hat; daß ſelbſt, was rechtlichen Zuſtand und Rechtsfähigkeit betrifft, der Aufenthalt im Auslande, nicht den Schutz und die Wohlthat der Geſetze entziehe; daß kein Richter ungeſtraft, unter nichtigem Vorwande, Gerechtigkeit verweigere und daß die Gerechtigkeit geübt werde nach dem Geſetze und reſpektive der amtlichen Auslegung der⸗ ſelben, nicht mißbräuchlich nach einer Norm, die als Gerichtsgebrauch Guris prudence, usus fori) von dem Richter zum Recht oder Ge⸗ ſetz ſelbſt erhoben worden. Zugleich aber wird vorausgeſetzt, daß der Franzoſe ſein Geſetz auch kennen lerne, denn Unwiſſenheit oder Irrthum im Rechte **) *) Dieſer Artikel bezog ſich auf den Uſus der ehemaligen Parlamente, ſolche all⸗ gemeine Verfügungen zu erlaſſen und ihnen geſetzliche Kraft beizulegen; und ſollte durch denſelben ähnlichen Beſtrebungen der neu organiſirten Gerichte in den Weg getreten werden. Siehe rechtshiſtoriſche Einleitung „von den Par⸗ lamenten.“ **) Wenigſtens im Allgemeinen, denn einzelne ſpezielle Fälle kommen ſchon vor, m u u In i Einleitung. 7 egn kann nicht wirkſam vorgeſchützt werden, um einem Rechtsnachtheile aus dem Wege zu gehen. Der alte Rechtsſpruch ignorantia legis e hun nocet geht in logiſcher Folgerung aus dem erſten Artikel, die Pro⸗ e gun mulgation betreffend, hervor. Die Promulgation geſchieht durch die irden) Unterzeichnung eines Geſetzes von Seiten des Staatsoberhauptes 8 M) mit dem Befehle, daß dasſelbe in Vollzug geſetzt werden ſolle. Nur a kraft eines ſolchen durch das Staatsoberhaupt gegebenen und unter⸗ te Vl ſchriebenen Befehls ſind die Geſetze vollziehbar. Die Publikation eh de oder Veröffentlichung derſelben aber geſchieht erſt durch die Einrück⸗ ten m ung nach ſtattgehabter Promulgation in die Geſetzesblätter, bulletin der be des lois, welche dann von der Hauptſtadt aus in alle Theile des genin Reiches verſendet werden. Bonnunt en. Der Artikel enthält nun eine rechtliche Vermuthung, Praesumtio E juris, daß von dem feſtgeſetzten Zeitpunkte an ein Geſetz durch die te durh Publikation (als präſumirte Thatſache) im Reiche oder in einem iſe it beſtimmten Theile desſelben bekannt ſey. Daraus folgern ſich die e m Sätze, zuerſt, daß die geſchehene Publikation nicht weiter zu beweiſen fe un iſt, und dann, daß der Beweis, ein Geſetz ſey nicht publicirt wor⸗ dt den, unzuläſſig iſt, den Fall ausgenommen, wenn der Beweis auf dnf die Thatſache geſtützt wird, daß der betreffende Landestheil von feind⸗ betift lichen Truppen zu der fraglichen Zeit beſetzt geweſen. Bohlhe Der dritte Artikel iſt für das überaus Schwierige ſeiner ihihn Materie etwas kurz gehalten und wird auch ſonſt durch den code it g civil ſehr wenig ergänzt, ſo daß die aus ihm reſultirenden Rechts⸗ ng w fragen, welche Geſetze in dem concreten Falle von den franzöſiſchen gůn Gerichten anzuwenden ſeyen, die des Inlandes oder die des Aus⸗ der G⸗ landes, ſehr oft zu den ſchwierigſten und delikateſten gehören. Wenn z. B. eine Standesfrage, die durch das ausländiſche Geſetz begründet n6ii erſcheint oder zuläſſig, nach dem franzöſiſchen Rechte es aber nicht ne⸗ iſt, etwa eine Klage auf Vaterſchaft, wie iſt da zu entſcheiden? Wir haben gerade in dieſer Beziehung ſchon gauz widerſprechende Ent⸗ ſelhe u * in welchen dieſer Satz eine Ausnahme erleidet, z. B. wenn ich etwas bezahlt itt habe, was ich nicht ſchuldig war, zu bezahlen, ſo kann ich es (mit der con- m ſy dictio indebiti) klageweiſe zurückfordern, gleichviel ob ich mich in einem fak⸗ n n tiſchen oder rechtlichen Irrthume befand. „ — * 5 J „ 2 — — — — 8 Civilrecht. ſcheidungen, da manche Gerichte eine ſolche Klage zuließen, wenn ſie in den Standesrechten der Parteien im Auslande gerechtfertigt waren, auf eben die Beſtimmung des dritten Artikels hin, die meiſten an⸗ dern Gerichte aber eine ſolche Klage als unzuläſſig abwieſen aus Gründen der öffentlichen Ordnung, als contre Pordre public ver⸗ ſtoßend, und letztere Gerichte ſind auch offenbar hier mit ihrer Meinung im Rechte. Auch der ſechste Artikel findet, ſo klar und bündig er aus⸗ ſieht, in der Anwendung ſo manche Schwierigkeit. Denn die Haupt⸗ frage wird und muß ſeyn, welches ſind die Geſetze, die öffentliche Ordnung und gute Sitten in dieſem Sinne intereſſiren. Da werden nun in den tauſendgeſtaltigen Fällen des Lebens eine ſchöne Anzahl derſelben kommen, in welchen es der Weisheit des Richters über⸗ laſſen bleiben muß, ob hier öffentliche Ordnung oder gute Sitte mit intereſſirt iſt. Manche ſind allerdings im code civil und einige in der Civilprozeßordnung vorgeſehen und als ſolche bezeichnet, in denen eine Derogation der Geſetze durch Privatverträge nicht ſtattfinden kann, z. B. eine Trennung von Tiſch und Bett kann nicht vertragsweiſe zwiſchen Ehe⸗ gatten ſtattfinden. c. c. 307. Auf die Erbſchaft einer noch lebenden Perſon kann man nicht verzichten, noch die eventuellen Rechte veräußern, die man an dieſer Erbſchaft hat. 791. c. c. Weder der elterlichen, noch der eheherrlichen Gewalt kann durch einen Vertrag derogirt werden. 1387. 1388. c. c. Jeder Vertrag iſt nichtig, der gegen die guten Sitten oder die öffentliche Ordnung läuft, 1133. c. c. Löwenge⸗ ſellſchaften (Societas leonina) ſind, wie im römiſchen Rechte auch, verboten. 1855. c. c. Eine Klage auf Spielſchuld iſt nicht zu⸗ läſſig. 1965. c. c. Seit dem Sturze der kaiſerlichen Herrſchaft 1815 erfolgte die verbindende Kraft der Geſetze durch die königliche Sanction, auf welche erſt die Promulgation und die Publikation durch Einrückung in die bulletins des lois auf Betreiben des Juſtizminiſters geſchah. wem tigtnn neiſen ſ ieſen zu ublie w nit in g e m⸗ di han⸗ futi da wenn ne An ters ile⸗ Site ni ige in denen in m 5 ſcen⸗ en Perſn ußern di noch de werdn die gun Löwenge hie auh nicht j lg i n, al ridm gſte Erſtes Vuch. Von den Perſonen. I. Titel. Von dem Genuſſe und dem Verluſte der Civilrechte. Der bürgerliche Tod. Wnt⸗ 33. 6 Frei wie Frankreichs Erde, iſt ihr Bewohner frei im Kreiſe des bürgerlichen Lebens. Wie die großen Principien der Geſetzgebung des Jahres 1790, des conſtitutionellen Königthums, jene entfeſſelt von dem Drucke und den Laſten des Feudalismus und ſeiner Zölle, ſo haben ſie dieſen befreit von dem Zwange, den verjährter Mißbrauch und herzloſer Egoismus den unverjährbaren Rechten der Menſchheit aufgebürdet. Die Ausübung aller bürgerlichen Rechte iſt ihm ge⸗ ſtattet, kein Zunftzwang hindert ihn, in der Freiheit des Willens dieſes oder jenes Gewerbe, dieſen oder jenen Handel zu treiben **). Er kann ſich niederlaſſen überall, wo es ihm beliebt, auf dem ganzen großen Boden ſeines ſchönen Vaterlandes; nicht verkümmert durch kleinliche Vorſchriften iſt ihm das heilige Recht, einzutreten in den Stand der Ehe; frei kann er verfügen über ſein Vermögen, kann verſchenken, vererben, verkaufen, vermiethen, kann erwerben und taufen, kann erben und pachten ꝛc. Und Alle ſind gleich vor dem *) c. c. gebräuchliche Abkürzung für code civil. **) Geſetz vom 4. Auguſt 1790, welche unter Aufhebung aller Zünfte und Inn⸗ ungen, ſo wie des Zunftzwangs, die Gewerbefreiheit für Frankreich dekretirte. — 10 Civilrecht. Geſetze: Ein jeder Franzoſe hat den Genuß der bürgerlichen Rechte (Civilrechte) in Frankreich für ſich in Anſpruch zu nehmen, wenn er nicht durch eine beſtimmte Handlung (Auswanderung ꝛc.) ſich der⸗ ſelben verluſtig gemacht hat, oder in Folge einer gerichtlichen Ver⸗ urtheilung dieſes Genuſſes beraubt iſt. Auch die Fremden, die ſich in Frankreich aufhalten, ſollen desſelben theilhaftig ſeyn und zwar nach den Grundſätzen der Reziprozität; ja ſeit 1819 ſelbſt ohne Rückſicht auf eine ſolche. Die Rechtsfähigkeit des Menſchen in Beziehung auf das bür⸗ gerliche Recht iſt der Civilſtand desſelben. Dieſer Ausdruck hat aber auch noch die engere Bedeutung, daß er die Weiſe bezeichnet, wie die Familienverhältniſſe einer Perſon beſtimmt ſind. In civilrechtlicher Beziehung ſind die ſogenannten moraliſchen oder juriſtiſchen Perſonen (Gemeinheiten und Korporationen) nach denſelben Rechtsgrundſätzen zu beurtheilen, wie die einzelnen Menſchen, wenn nicht beſondere Verfügungen, in der Regel aus Gründen der Adminiſtration herrührend, entgegenſtehen. Der Civilſtand des Franzoſen iſt nicht abhängig von dem po⸗ litiſchen Stande desſelben; das heißt, alle die bürgerlichen Rechte ſind ihm geſtattet, ohne daß es nöthig iſt, daß er das Staats⸗ bürgerthum beſitzt, daß er citoyen iſt. Der politiſche Stand umfaßt die Rechte, die in Beziehung auf die Regierung und das Verfaſſungsleben dem Franzoſen zugeſtanden ſind, z. B. aktives und paſſives Wahlrecht zur Landesvertretung, das Recht Staats⸗Gemeinde⸗ Kirchenämter zu bekleiden, auf der Geſchwornenliſte verzeichnet zu werden, Zeuge ſeyn zu können bei Notariatsakten wie Teſtamenten 1. Nicht alle Franzoſen haben dieſe politiſchen Rechte, nicht alle ſind citoyens. Ein Lohndiener kann z. B. während ſeiner Dienſt⸗ zeit gar nicht die politiſchen Rechte, droits civiques, ausüben; un⸗ behindert aber iſt er in der Uebung der droits civiles, welche der Ausfluß ſeines Civilſtandes ſind. Der Civilſtand beruht auf den Thatſachen, daß ein Menſch lebendig und lebensfähig geboren wurde, und daß er noch lebt. Jedes Kind, das von einem Franzoſen geboren wird, iſt kraft ſiſt vid iy nPit vene ſih N. hen Iu diſ nd zun bſ chn s bit ung, di Pern liſchen utionen inehen gel u Nen yi ht taats⸗ eEin und d ves und meind⸗ hut z enten 1. ht all Dien n U⸗ he de NManſt ht. tit Perſonenrecht 10 dieſes Umſtandes Franzoſe, auch wenn es im Auslande geboren wird. Und wenn ſelbſt Vater oder Mutter des Kindes die rechtliche Eigenſchaft eines Franzoſen verloren haben, ſo kann das Kind dieſe Eigenſchaft dadurch für ſich verlangen, daß es ſeinen Aufenthalt in Frankreich nimmt und erklärt, daſelbſt wohnen zu wollen, oder daß es während ſeines Aufenthalts im Auslande dieſe Erklärung von ſich gibt und ein Jahr ſpäter dieſelbe auch wirklich realiſirt. Der Verſprechende muß volljährig ſeyn, um die Erklärung rechtoguig abgeben zu können. In derſelben Weiſe kann ein Kind von nben Eltern in Frankreich geboren, die rechtlichen Eigenſchaften eines Franzoſen erlangen. Die Vernunft und die Humanität haben einen großen Sieg gefeiert, als die conſtituirende Verſammlung durch Dekret vom 15. Dezember 1790 alle Nachkommen derer, welche Frankreich wegen ihrer religiöſen Meinung früher verlaſſen hatten, (Hugenotten ꝛc.) als Staatsbürger Frankreichs, als citoyens erklärten, aller bürgerlichen und politiſchen Rechte fähig und theilhaftig. Wie groß, wie erhaben waren damals die Akte der franzöſiſchen Nation und ihrer politiſchen Leiter, und wie ſchmählich, wie empörend wurden ſie entweiht durch die bald darauf folgenden Thaten blutdürſtiger Raſerei und plebeji⸗ ſcher Despotie! Der Geiſt der Liebe, die Ideen einer hie und da vielleicht mehr ſchönen als praktiſchen Philoſophie beſeelte und durch⸗ wehte die Geſetzgebung Frankreichs aus jener erſten Zeit der Be⸗ wegung; Haß und Neid, Trotz und blinde Zerſtörungswuth glühte unheimlich in den Dekreten der ſpätern Jahre. Die Ausländerin, welche einen Franzoſen heirathet, wird eben⸗ falls Franzöſin, da ſie dem rechtlichen Zuſtande ihres Mannes folgt. Der Fremde, der in Frankreich wohnt, iſt ſelbſt im Falle der Nichtgegenſeitigkeit ſeines Landes, aller Civilrechte theilhaftig, wenn die Staatsregierung ihn ermächtigt hat, ſeinen Wohnſitz ebendaſelbſt außzuſchlagen. Wir haben alſo bis jetzt drei Arten der Erwerbung der fran⸗ zöſiſchen Rechtsfähigkeit oder des Civilſtandes eines Franzoſen ange⸗ führt, nemlich: 1) durch die Geburt, 2) durch die Naturaliſation und 3) durch die Verheirathung. 12 Civilrecht. Eine vierte iſt die, wenn ein Land mit Frankreich politiſch ver⸗ einigt wird und ſeine Bewohner als Franzoſen erklärt werden. Je größere Fortſchritte der internationale Verkehr macht, um ſo mil⸗ der und wohlwollender wird die Geſetzgebung eines Landes in Be⸗ ziehung auf die Rechte des Fremden denen des Inländers ge⸗ genüber; ſo ſind im Jahre 1819 durch die franzöſiſche Legislation Franzoſen und Fremde in Beziehung auf Erbſchaften einander ganz gleich geſtellt worden, was ein außerordentlich wichtiger Vorgang zu nennen iſt *). Die ſtaatsbürgerlichen Rechte erwirbt der geborne Franzoſe, nach der Verfügung ſeines Staatsrechtes, wenn er nach zurückgelegtem 21. Jahre ſich in das Bürgerregiſter ſeiner Ge⸗ meinde hat einſchreiben laſſen, und nachher ein Jahr lang auf dem Gebiet des Reichs gewohnt hat. (Grundlage der Erwerbung: die Geburt). Ein Fremder erwirbt dieſelben, wenn er nach erlangter Voll— jährigkeit ſeine Abſicht, ſich in Frankreich niederzulaſſen, erklärt hat, und zehn Jahre lang nach einander daſelbſt geblieben iſt. (Naturaliſation.) Fremde können ferner durch ein Dekret ſchon nach dem Ab⸗ laufe eines Jahres zum Genuſſe des Staatsbürgerrechts zugelaſſen werden, wenn ſie dem Staate wichtige Dienſte leiſten oder geleiſtet haben durch Talente, Erfindungen, Einführung nützlicher Induſtrien und Errichtung großer Etabliſſements (Fabriken, Werkſtätten ꝛc.) Wie aber der Fremde der Civil⸗Rechte genießt, ſo wird er auch korrelaten Pflichten unterworfen erklärt; ſo kann er bei den franzö⸗ ſiſchen Gerichten belangt werden wegen einer Verbindlichkeit, die er gegen einen Franzoſen im Auslande eingegangen hat; um ſo mehr, wenn er Verbindlichkeiten gegen einen Franzoſen in Frankreich ſelbſt eingegangen hat. *) Das droit d'aubaine, Fremdenrecht, nach welchem der Nachlaß eines in Frank⸗ reich verſtorbenen Fremden dem franzöſiſchen Staate anheim fällt, auch Heim⸗ fallsrecht genannt, wurde 1790 und 1791 aufgehoben, durch Napoleon wenig⸗ ſtens theilweiſe wieder hergeſtellt, und im Jahr 1819 zum zweitenmal aufge⸗ hoben. Jetzt können die Fremden in Frankreich teſtiren und vererben und erben wie die Franzoſen. iſ Au M . — e— — — h ven erden. o ni n Be⸗ 6 g⸗ Matien gn rhn ornt n e Ge f den g di Vol⸗ t hat, n iſt. n A⸗ elaſen eleift uſtrien .) t auc tunzi⸗ die et mehr, ſelh Fmt⸗ hein⸗ weriß⸗ uge d erben Perſonenrecht. 13 Dagegen kann der Fremde auch den Franzoſen vor den frau⸗ zöſiſchen Gerichten belangen wegen Verbindlichkeiten, welche dieſer im Auslande, ſelbſt mit einem Fremden eingegangen hat; muß jedoch, wenn er keine Immobilien in Frankreich beſitzt, eine Caution hen für Prozeßkoſten und Schäden. Die Civilrechte jeder Art (droits civiques et civils) gehen verloren oder hören auf: I. In Folge einer beſtimmten Handlung, durch welche man aufhört, die rechtliche Eigenſchaft eines Franzoſen zu haben. II. In Folge gerichtlicher Verurtheilung. 1II. Durch den phyſiſchen Tod. Ad I. Ein Franzoſe, der ſich in einem fremden Lande natu⸗ raliſiren läßt ohne Bewilligung der Staatsregierung, der in die Dienſte einer fremden Regierung tritt ohne Autoriſation des Kaiſers, der im Ausland ein Etabliſſement errichtet ohne die Abſicht zurück⸗ zukehren, verliert die rechtlichen Eigenſchaften eines Franzoſen, kann ſie aber wieder erlangen, wenn er mit Erlaubniß des Kaiſers nach Frankreich zurückkehrt, auf fremde Auszeichnungen und Würden, wenn ſie im Widerſpruch zu den franzöſiſchen Geſetzen ſtehen, ver⸗ zichtet und erklärt, daß er von nun an wieder in Frankreich wohnen wolle. Wenn eine Frauzöſin einen Fremden heirathet, ſo folgt ſie dem rechtlichen Zuſtande ihres Mannes und verliert die rechtlichen Eigen⸗ ſchaften einer Franzöſin, wie umgekehrt conſequenterweiſe die Fremde durch Verheirathung mit einem Franzoſen ſie gewinnt. Wird die Franzöſin in obigem Falle Wittwe und kehrt ſie nach Frankreich zu⸗ rück oder wohnt daſelbſt, ſo leben ihre rechtlichen Eigenſchaften wieder auf. Der Franzoſe der ohne Autoriſation des Staatsoberhauptes in fremde Kriegsdienſte tritt, verliert gleichfalls die rechtlichen Eigen⸗ ſchaften und kann nur mit Erlaubniß desſelben wieder nach Frankreich zurückkehren und die Eigenſchaften eines franzöſiſchen Staatsbürgers nur dann wieder erlangen, wenn er die Bedingungen erfüllt, die dem Fremden auferlegt ſind, um Staatsbürger zu werden. Selbſtverſtändlich iſt hier von ſolchen auswärtigen Kriegs⸗ dienſten die Sprache, die nicht gegen Frankreich gerichtet waren, 14 Civilrecht. denn in dem gegentheiligen Falle unterliegen ſie der Anwendung des Artikels 75 des Strafgeſetzbuches, deſſen Text folgender iſt: „Jeder Franzoſe, der die Waffen gegen Frankreich getragen hat, ſoll „mit dem Tode beſtraft werden.“ Die Schärfe dieſes Geſetzes war hauptſächlich gegen die emigrirten Prinzen, Adeligen und Offiziere gerichtet, welche mit den fremden Heeren die Herſtellung der alten Monarchie erkämpfen wollten. Die Abneigung der Franzoſen gegen die Bourbons der Reſtauration hatte ihren tiefſten Grund darin, daß ſie durch feindliche Truppen wieder eingeſetzt worden waren, daß ſie die Waffen gegen Frankreich getragen oder wenigſtens in Frankreich feindlichen Ländern gewohnt. Deßhalb hat auch im Jahre 1859, als der Krieg zwiſchen Frankreich und Oeſterreich zum Aus⸗ bruch kam, der Graf von Chambord den Wohnſitz in letzterem Staate aufgegeben und für die Dauer des Krieges in Belgien ſich nieder⸗ gelaſſen, um ſich für die Zukunft durch Aufenthalt in feindlichem Gebiete nicht unpopulär und unmöglich zu machen. Ad II. Die Verurtheilungen zu ſolchen Strafen, deren Wirkung darin beſteht, daß ſie den Verurtheilten von aller Theil⸗ nahme an den Civilrechten ausſchließen, welche ſpäter benannt find, ziehen den bürgerlichen Tod nach ſich. An die Spitze aller der Strafen, welche mehr gegen das Ge⸗ fühl und die Ehre gerichtet ſind als gegen Leib und Leben, muß, als die höchſt potenzirte derſelben, der bürgerliche Tod*) geſtellt werden; denn derſelbe beſteht in der gänzlichen Abolition aller bür⸗ gerlichen Rechte und Anſprüche auf äußere Ehre und Achtung in der Geſellſchaft und geſtattet nur noch ein Recht auf die Erxiſtenz. Dieſem Inſtitute, das keines ſeinesgleichen an Seltſamkeit, juriſtiſcher Verkehrtheit, Inhumanität und Unſittlichkeit in der antiken wie in der modernen Geſetzgebung hat, erlauben wir uns, eine nähere Betrachtung zu widmen, da der franzöſiſchen Legislatur *) Wir machen jetzt ſchon darauf aufmerkſam, um Irrungen zu verhüten, daß das franzöſiſche Strafgeſetz allerdings mit Ausnahme eines einzigen Falles, den bürgerlichen Tod nicht als eine principielle Strafe behandelt, ſondern als die Folge der Verurtheilung zu einer Strafe, mit welcher das Geſetz expressis verbis den bürgerlichen Tod verbunden hat. Die nähere Erörterung weiter unten. M wendun der ji: ha ſl be wn Ofijn der an en gyn d dy, wn, ſens i n hn in Mu⸗ EU hnie indichen n, dem er Yei⸗ mn ſin dos be n, m l Alet bi⸗ hung i riſen. liſmi t miin s, ü ezjsan ien, di en ful onden i epres ung weittt Perſonenrecht. 15 der traurige Ruhm geworden, dasſelbe hauptſächlich ausgebildet und bis jetzt ſorgſam erhalten zu haben. Eigenthümlicher Weiſe trifft gerade die republikaniſchen Legislatoren der Vorwurf, außerordent⸗ liche Affektion und zarte ausbildende Pflege dieſem rechtlichen Mon⸗ ſtrum geſchenkt zu haben, dem, in ſeiner vollendetſten Geſtalt ein Baſtard der Revolution ſeit neuerer Zeit die Beſtimmung geworden zu ſeyn ſcheint, unter dem anatomiſchen Meſſer der Reform zu enden: denn Belgien und Bayern, in deren Geſetzgebungen ſich dasſelbe eingedrängt hatte *), haben dem Eindringling auch wieder den Ab⸗ ſchied gegeben, erſteres ſchon im Jahr 1831, letzteres durch das Ge⸗ ſetz vom 18. November 1849; und es iſt intereſſant, hier zu ſehen, wie das Inſtitut die allgemeine Mißbilligung und Ueberzeugung ſeines Unwerthes gegen ſich in einem ſolchen Grade hatte, daß in der bayeriſchen Deputirten⸗ und Reichsrathskammer auch nicht Eine Stimme für dasſelbe ſich erhob und ſeine Abſchaffung in beiden mit ſeltener Einſtimmigkeit beſchloſſen wurde. Auch die ſonſt ſo redſelige Nationalverſammlung zu Frankfurt hob faſt ohne Diskuſſion den bürgerlichen Tod für ganz Deutſchland mit bedeutender Majorität auf. Vergl. Décr. du 11. Février 1831. Code pén. Belg. art. 12, 28, 29, 30, 31. Verhandlungen der bayeriſchen Kammer aus dem Jahr 1848 und 1849, insbeſondere Protokoll der 15. Sitzung der Kammer der Reichsräthe vom 9. Juli 1849 und der dritten Sitzung vom 24. September 1849. Deutſche Reichsverfaſſung VI. Abſchnitt. §. 135. Art. I. von den Grundrechten. Stenographiſcher Bericht über die Verhandlungen der deutſchen conſtituirenden National⸗ verſammlung zu Frankfurt. II. Band. S. 1087 Nro. 45. Wie ſchon oben bemerkt, hat die franzöſiſche Geſetzgebung die Lehre vom bürgerlichen Tode conſervirt und ausgebildet, ohne jedoch dieſelbe eigentlich ſelbſt erfunden zu haben, denn ſie hatte ſich ſchon bei den Römern zur Zeit der Könige, Republik und der Kaiſer zur Herrſchaft gebracht. Schon damals conſtituirte die Legislatur in ge⸗ wiſſen Fällen eine gänzliche Aufhebung aller Ehre und Rechte des Bürgers, und zwar zur Kaiſerzeit durch die Ver⸗ *) Feuerbach ſoll ſich ſehr geſträubt haben, den bürgerlichen Tod in das Geſetz vom Jahr 1813 aufzunehmen. 16 Civilrecht. hängung der servitus poenae. Letztere enthielt die capitis diminutio maxima, media und minor, den Verluſt des status libertatis zu⸗ gleich mit dem der andern status (civitatis et familiae) in ſich und re⸗ ſultirte aus der Todesſtrafe und den Verurtheilungen in metalla, ad bestias et in ludum venatorium. (. D. 17. de poenis I. 8. 28. ibid. I. 12. ibid. 1. 4. D. de interd. et rel. et dep.) Da zugleich dieſe barbariſche Strafe die Confiskation der Güter im Gefolge hatte und demnach mit gleicher Härte gegen die un⸗ ſchuldigen Kinder und Verwandten des Verurtheilten verfuhr, ſo hob Juſtinian durch die Nov. 22 Kap. 8 die servitus poenae ſammt der Güterconfiskation auf. Die lateiniſchen Juriſten aber des Abend⸗ landes, deſpotiſch, ſchamlos und wenig achtend das Andenken jenes griechiſchen Kaiſers (die Güterconfiskation fand nämlich zu Gunſten der Imperatoren ſtatt und er hatte demnach in ſeiner Humanität auf dieſes bedeutende Bereicherungsmittel verzichtet) brachten mit der Confiskation ein der servitus poenae ähnliches Inſtitut unter dem Namen mort civile in die Geſetzgebung Frankreichs ein, und es er⸗ hielt ſich dasſelbe in dem Gerichtsgebrauche wie in der Ordonnanz vom Jahr 1670 Tit. 7 bis es durch das Zwiſchenrecht und das bürgerliche Geſetzbuch vom Jahr 1803 ſeine höchſte Vollendung erhielt. b Der Stand der Geſetzgebung nun nach dem Code civil art. 22 bis 23 inclus. iſt in Frankreich folgender: „Der bürgerliche Tod iſt eine Rechtsfiction, welche in der An⸗ nahme beſteht, daß ein Menſch, der lebt, todt ſey.“ Abgeſehen von der Widerſinnigkeit dieſer geſetzlichen Erdichtung, daß ein Menſch zugleich lebend und todt ſey, die zwei entſchiedenſten Gegenſätze in der Natur des Erſchaffenen, kann dieſelbe auch in ihrer Conſequenz nicht durchgeführt werden. Der bürgerliche Todte hat ein Recht auf ſein Leben, auf ſeinen Unterhalt, auf ſeinen Körper. Wer ihn tödtet, begeht einen Mord oder nach Umſtänden einen Todſchlag an ihm; wer ihn mißhandelt, macht ſich des Verbrechens, beziehungs⸗ weiſe des Vergehens der Mißhandlung an ihm ſchuldig. Können aber Mord, Todſchlag, Mißhandlung u. dgl. an dem todten Menſchen, üinimi rtuts ih nn netl de Gin en di w ht, ſit nae ſun des Ahm enken j zu Guſn Hmnii ten nü unte in ud Ordonm tnd Lolludun jril ut2 in der Eritin iſtidunn auch uin o hui wer e n Tuſ beühm inn nVuſ Perſonenrecht. 17 an einem Leichnam ausgeübt werden? Aber noch mehr, ein todter Menſch kann keine Güter, kein Vermögen mehr erwerben; der bür⸗ gerlich Todte kann das, es iſt ihm durch das Geſetz geſtattet, aber die Diſpoſitionsfähigkeit über das Erworbene iſt ihm benommen. Art. 33 6 e „Der bürgerliche Tod iſt keine ſelbſtſtändige Strafart, ſondern „nur das Acceſſorium, die Folge der Condemnation zu einer Strafe, „mit welcher das Geſetz expressis verbis den bürgerlichen Tod ver⸗ „bunden hat. Art. 22. C. c.“ In einem einzigen Falle jedoch tritt er als Principalſtrafe auf, nämlich in dem der Anwendung des Dekrets vom 6. April 1809 Art. 22, 26, 28, 29 und 30, welches gegen die Franzoſen gerichtet iſt, die im Dienſte anderer Mächte ſtehen und auf Reklamation hin dieſen Dienſt nicht quittiren, wenn ein Krieg zwiſchen Frankreich und der betreffenden Macht ausbricht. „Er tritt von Rechtswegen mit den Strafen ein, mit denen „das Geſetz ihn verbindet.“ Im Verdammungsurtheile muß alſo nicht angegeben ſeyn, daß der bürgerliche Tod den Verurtheilten treffe. „Die Strafen, welche nach dem code civil den bürgerlichen „Tod zur Folge haben, ſind: 1) Die Todesſtrafe Art. 23 C. c. „2) Die Strafe der lebenslänglichen Zwangsarbeit Art. 18 code „pen. 3) Die Strafe der Deportation ibid.“ Vor der Revolution wurden ferner zu den bürgerlich Todten gezählt: 1) Diejenigen, welche die Ordensgelübde abgelegt hatten. 2) Diejenigen, welche aus dem Vaterlande verwieſen wurden. (Edikt vom Auguſt 1669 und Deklaration vom 16. Juni 1685.) Im Laufe der Revolution wurde das Inſtitut hauptſächlich ge⸗ gen die Emigranten benutzt und deßhalb auch ſorgfältig in ſeinen Lehren vervollſtändigt, denn ein Geſetz vom 17. September 1793 ſtellte die Emigranten den Deportirten gleich und nun konnte die revolutionäre Regierung nach Herzensgelüſten die Güter des ge⸗ flüchteten Adels an ſich ziehen und unter dem Titel: erbloſe Ver⸗ laſſenſchaft confisciren. Es erſcheint alſo als ein wahres Geſetz des Haſſes, der Rache und des politiſchen Fanatismus und ſchon aus dieſem Grunde ver⸗ M. Civilrecht. 2 —— 18 Civilrecht. werflich, ſo wie das Geſetz vom 28. März 1793, das eigentliche Emigrantengeſetz, deſſen erſter Artikel folgendermaßen gefaßt iſt: Les émigrés sont bannis à perpétuité du territoire fran- gais; ils sont morts civilement; leurs biens sont acquis à la république. Allerdings wurde ſpäter wieder dieſes entſetzliche Geſetz des National⸗Convents abgeſchafft, allein Rechte und Verbindlichkeiten, welche auf dasſelbe begründet waren, konnten nicht mit aufgehoben werden, und ſo blieb es bis in die neueſte Zeit praktiſch ſehr wichtig. Geſetz vom 27. April 1825 und vom 27. April 1827, die Ent⸗ ſchädigung der Emigrirten betreffend.) Bezüglich der Deportirten iſt noch anzuführen, daß Art. 18 des code pén. die Regierung ermächtigt, denſelben am Orte der Depor⸗ tation die Ausübung der bürgerlichen Rechte oder einiger dieſer Rechte zu geſtatten. „Erſt die Vollziehung der Strafe (die wirkliche oder die bild⸗ „liche) nicht die bloße Verurtheilung zu derſelben, hat den bürger⸗ „lichen Tod zu Folge.“ Stirbt demnach der Verurtheilte vor dem Vollzug, ſo iſt er in dem vollen Genuſſe ſeiner bürgerlichen Rechte geſtorben; ſelbſt im Falle des Selbſtmordes. „Der bürgerliche Tod tritt mit dem Tage ein, an welchem das „Urtheil, wenn es ein contradictoriſches, vollzogen worden iſt; Ein „Urtheil in contumaciam dagegen oder par défaut hat erſt nach 5 „Jahren vom Tage ſeiner Vollſtreckung in effigie an gerechnet, den „bürgerlichen Tod zur Folge.“ Art. 26, 27, 29, 30, 31 code civ. Delvincourt und Duranton ſind der Anſicht, daß der bürgerliche Tod auf contradiktoriſches Urtheil hin nicht mit dem Tage der Urtheilsvollſtreckung, ſondern mit dem Augenblicke der Vollziehung ſelbſt erſt eintrete. Toullier und Merlin dagegen ſind für die ſtrengere Meinung und datiren ihn vom Anbruch des Tages der Vollziehung an, in der Vorausſetzung jedoch, daß dieſe Exekution wirklich oder in effigie erfolgt ſei. Gleicher Anſicht iſt auch Berriat- Saint-Prix, Teulet et d'Auvilliers, Rolland de Villargues, Va- zeilles, Proudhon und Pesquiron. Wenn der Contumar in den fünf Gnadenjahren ſtirbt, ſo iſt igulit tiß: ie im. t aen jeſit d ichin, iſgehohn twihi die G . 18 W tDyen et diſn die lid bin⸗ iſ ei ſelb in hen wi it; G h net du ode cn daß du n y lijehun fir i ges de rekuin Berit ſr Perſonenrecht. 19 er im vollen Genuſſe ſeiner bürgerlichen Rechte geſtorben; wenn er während dieſer Zeit verhaftet wird oder der Juſtiz ſich geſtellt, ſo wird gleichermaßen das Defaut-Urtheil als nicht geſprochen ange⸗ ſehen. Art. 28 und 29 code civ. Art. 465 code d'instruct. crim. „Durch den bürgerlichen Tod verliert der Verurtheilte alle Güter, „die er beſaß. Seine Verlaſſenſchaft wird zu Gunſten ſeiner Erben „eröffnet, denen ſein Vermögen auf die nämliche Art anfällt, als „wenn er natürlich und ohne Teſtament geſtorben wäre. Er kann „fernerhin weder ſelbſt erben, noch das Vermögen, das er in der „Folge erworben hat, durch Erbrechte auf andere bringen. Er kann „über ſeine Güter weder ganz noch zum Theile verfügen, es ſey „durch Schenkung unter Lebenden oder durch Teſtament, noch auf „dieſe Weiſe etwas empfangen, ausgenommen zu ſeinem Unterhalte. „Er kann weder zum Vormunde ernannt werden, noch zu den Ver⸗ „richtungen mitwirken, die ſich auf die Vormundſchaft beziehen. Er „kann nicht Zeuge ſeyn in einem ſolennen oder authentiſchen Akte, „noch bei Gericht als Zeuge angenommen werden. Er kann bei „Gerichte weder als Beklagter noch als Kläger anders auftreten, als „unter dem Namen und unter Vertretung eines beſondern Curators, „den ihm das Gericht ernannt, bei welchem die Klage angebracht „worden iſt. Er iſt unfähig, eine Heirath zu ſchließen, die irgend „eine bürgerliche Wirkung hervorbringe. Die Heirath, die er vorher „geſchloſſen hatte, iſt in Beziehung auf alle ihre bürgerlichen Wir⸗ „kungen aufgelöst. Sein Ehegatte und ſeine Erben können, jeder „für ſeinen Antheil, die Rechte ausüben, und die Klagen anſtellen, „die durch ſeinen natürlichen Tod eintreten würden.“, In dieſer Faſſung ſtellt der Art. 25 das code civ. die recht⸗ lichen Wirkungen des bürgerlichen Todes zuſammen. Hiezu kömmt noch die Beſtimmung des Art. 33: „Die Güter, welche der Verurtheilte erworben hat, ſeitdem er „durch den bürgerlichen Tod betroffen wurde, und in deren Beſitz „er am Tage ſeines natürlichen Todes iſt, fallen dem Staate kraft „ſeiner Rechte auf erbloſe Güter anheim. Der Kaiſer kann jedoch, „zum Vortheil der Wittwe, der Kinder oder der Verwandten des „Verurtheilten hierüber ſolche Verfügungen treffen, die ihm die „Menſchlichkeit einflößen mag“ 2 X 20 Civilrecht. Was endlich die politiſchen und ſtaatsrechtlichen Folgen des bür⸗ gerlichen Todes anbelangt, ſo geben hierüber die Art. 16, 20, 22, 28 und 34 des code pén. Aufſchluß. Der bürgerliche Todte ver⸗ liert nämlich: 1) Das Recht Waffen zu tragen und in der Armee zu dienen; 2) Geſchworner oder Sachverſtändiger, Wähler oder Gewählter zu der Landesvertretung zu ſeyn; 3) irgendwelche Aemter oder An⸗ ſtellungen zu verſehen; 4) mitzuſtimmen bei der Wahl der Muni⸗ cipalitäten. Schauderhafte Beſtimmungen die obigen, am entſetzlichſten aber da, wo ſie dem Verurtheilten nicht nur ſein Vermögen, ſondern ſelbſt ſeine Gattin, ſeine Kinder entreißen. Iſt es ſchon an ſich eine Leicht⸗ fertigkeit des franzöſiſchen Rechts zu nennen, daß es eine Auflöſung der Ehe mittelſt gegenſeitiger Einwilligung (consentement mutuel et perséverant) zuließ, *) ſo iſt dagegen die Auflöſung derſelben durch den bürgerlichen Tod mit keinem Ausdruck ſtark genug zu be⸗ zeichnen. Ebenſo die Beſtimmung über den Abſchluß einer Ehe während des bürgerlichen Todes, denn eine ſolche iſt a) nur ein Concubinat, b) iſt kein Hinderniß zur Eingehung einer neuen Ehe nach erfolgter Aufhebung des bürgerlichen Todes; c) begründet nur die Schwägerſchaft der außerehelichen Geſchlechtsgemeinſchaft und d) die aus derſelben entſpringenden Kinder ſind als uneheliche zu betrachten; e) auch wird eine ſolche Ehe durch Aufhebung des bür⸗ gerlichen Todes nicht rechtsgiltig; ſomit iſt die unter b allegirte Eigenſchaft nur eine Conſequenz dieſer Verfügung. Kann ein Ge⸗ ſetz in ſchneidenderem Widerſpruche ſtehen mit den Prinzipien der Moral und den Lehren des Chriſtenthums? Iſt es eine Möglichkeit, daß ſolche Beſtimmungen ſich bis jetzt unter einem der civiliſirteſten Völker der Erde erhalten konnten? Allerdings haben es viele Rechts⸗ lehrer verſucht, durch Interpretation dieſe grauſame Lehre zu mildern, allein weiter als höchſtens zur Controverſe vermochten ſie die Sache nicht zu bringen, da leider der Buchſtabe des Geſetzes nur zu klar ſpricht. Welche maſſenhafte Verwickelungen und Schwierigkeiten riefen *) Iſt jedoch dieſes Geſetz unter der Reſtauration wieder aufgehoben worden, vide Ehe und Eheſcheidung, Titel V. und VI. dieſes Buches. — ndehin zu ſien vihin det 1 de n ihſen un den ſi ine lih⸗ Aiſn t mt deſ ug zu inet i mun hh rint m ſcat w eheihe g do i d alzju m in 6 jpin w Nögli iviſtun iele Reit z nihen die hi un z in in in nin ſ Perſonenrecht. 21 dieſe Beſtimmungen nicht in Folge der von den Emigrirten im Aus⸗ lande geſchloſſenen Ehen hervor, beſonders durch die unſinnige Ver⸗ fügung des Art. 30 code civil, welcher alſo redigirt iſt: „Wird derjenige, der in contumaciam verurtheilt war, und ſich „erſt nach 5 Jahren geſtellt hat, oder in Verhaft genommen worden „iſt, durch das neue Urtheil losgeſprochen, oder nur zu einer Strafe „verurtheilt, die den bürgerlichen Tod nicht nach ſich zieht, ſo tritt „er für die Zukunft und von dem Tage an, da er wieder bei Ge⸗ „richt erſchienen iſt, in den vollen Genuß ſeiner Civilrechte wieder „ein; aber das erſte Urtheil behält für das Vergangene die Wirk⸗ „ungen, welche in der Zwiſchenzeit, die nach Ablauf der 5 Jahre „bis zum Tage ſeiner Erſcheinung vor Gericht verſtrichen iſt, der „bürgerliche Tod nach ſich gezogen hatte.“ Läßt ſich was Ungerechteres, was Grauſameres denken, als die Belaſtung ſelbſt eines ſchuldlos Erkannten mit ſo furchtbarer Strafe? „Die Wiedereinſetzung des bürgerlich Todten in den Genuß der „verlornen Rechte geſchieht durch die Begnadigung oder durch Amneſtie.“ Aber beides hat nicht rückwirkende Kraft und bereitet deßhalb ſelbſt dem Begnadiger Verlegenheiten, da er zu leicht unterdeß er⸗ worbene Rechte Dritter verletzen kann. Die Anſichten der Rechts⸗ lehrer weichen bezüglich der nicht rückwirkenden Kraft der Gnadenakte von einander ab, ſo iſt Dalloz hier der milderen Meinung zugethan, während Merlin, Lagrange, Duranton, Sirey und Laſſaulr der ſtrengern huldigen. „Ebenſo gelangt der bürgerliche Todte im Falle des oben alle⸗ „girten Art. 30 wieder zum Genuſſe ſeiner bürgerlichen Rechte.“ „In keinem Falle ſetzt die Verjährung der Strafe den Verur⸗ „theilten für die Zukunft in ſeine Civilrechte wieder ein.“ Art. 32 ibid. Können aber nach den Geſetzen der Natur, der Moral und der Religion die ewig heiligen Rechte der Eltern, der Ehegatten ver⸗ jähren? Kann es eine Verjährung der eben ſo heiligen Pflichten derſelben und ihrer Kinder geben? Gleich bei der Dekretirung des Geſetzes und ſeiner Ausdehnung auf Ehe und Familie haben ſich auch in Frankreich gewichtige Stimmen dagegen erhoben. Ja es wird von Napoleon erzählt, er habe ſich im Staatsrath entſchieden gegen die Auflöſung der Ehe durch den bürgerlichen Tod ausge⸗ 22 Civilrecht. ſprochen. Er ſoll der Frau oder vielmehr Wittwe eines ſolchen Todten die Worte in den Mund gelegt haben: „mieux valut lui öter la vie; du moins me serait-il per- „mis de chérir sa memoire; mais vous ordonnez, qu'il vivra „et vous ne voulez pas, que je le console. *) Ad III. Die Erlöſchung der Civilrechtsfähigkeit durch den phyſi⸗ ſchen Tod betreffend, bedarf es keiner weitern Erörterung. I. Titel. Von den Urkunden des Civilſtandes. Art. 34— 101 inclus. c. c. Die Urkunden, welche von den Beamten des Civilſtandes zur Conſtatirung der Thatſachen, welche ſich auf die Begründung und Veränderungen des Civilſtandes einer Perſon beziehen, errichtet wer⸗ den, ſind Civilſtandsurkunden, actes de l'état civil genannt. Die Beamten des Civilſtandes ſind die Spitzen der Munizipali⸗ tät einer jeden Gemeinde, der Bürgermeiſter (maire von major) und in deſſen Verhinderung ſein oder einer ſeiner Beigeordneten, Adjunkten, adjoints. Dieſe Urkunden konſtatiren entweder: 1) die Geburt eines Menſchen, und werden Geburtsurkunden ge⸗ nannt; oder 2) den Tod eines Menſchen, und heißen Sterbeakte, oder 3) den Eintritt zweier Perſonen in das eheliche Leben, Heiraths⸗ urkunden; 4) ebenſo die offizielle Verkündigung der projektirten Ehe, derſelben vorhergehend, um begründeter Einſprache gegen dieſelbe Raum zu geben, Verkündigungsakten; *) Lautet in der Ueberſetzung: „Es wäre beſſer ihm das Leben zu nehmen, dann „wäre mir wenigſtens erlaubt mit Liebe ſeinem Andenken zu leben, aber Ihr „befehlt, daß er lebe, und wollt es nicht dulden, daß ich ihm tröſtend zur „Seite ſtehe.“ Perſonenrecht. 8 ſlhun 5) auch die Auflöſung der Ehen durch Eheſcheidung kraft richter⸗ lichen Urtheils; (fällt jetzt weg, da die Eheſcheidung nicht mehr geſtattet iſt.) n 6) oder die geſchehene Adoption einer Perſon; 7) oder die Anerkennung eines natürlichen Kindes. Die Anerkenn⸗ phyſ ungsakten werden indeß nicht eigentlich zu den Civilſtandsakten gerechnet, da auch andere Beamte als Friedensrichter und No⸗ täre dieſelben aufnehmen können. Alle dieſe Urkunden haben den Charakter öffentlicher Ur⸗ tunden *) und ſonach vor den Gerichten Glauben und Beweiskraft, welche nur durch die Führung des Beweiſes eines Factums, eine ſchwierige und durch Geldſtrafen im Falle des Unterliegens erſchwerte Prozedur (inscription de faux genannt) angegriffen werden kann, vorausgeſetzt, daß die Urkunde innerhalb der geſetzlichen, weſentlichen Formalitäten und Vorſchriften aufgenommen wurde. Die Führung der Regiſter des Civilſtandes oder die Aufnahme der Urkunden über Geburt, Abſterben, Heirath lag vor der Revolu⸗ 5 tion in Frankreich, wie heute noch in einem großen Theile Deutſch⸗ lands, allein in den Händen der Geiſtlichkeit. Unter die großen Ver⸗ n dienſte, welche ſich die Kirche des Mittelalters durch wiſſenſchaftlichen ihui chriſtlichen Einfluß verbeſſernd und veredlend auf Völker⸗ und Staats⸗ ur recht, Civil⸗ und Strafrecht, Prozeßordnung und Polizei um die 3. menſchliche Geſellſchaft erwarb, iſt auch das zu zählen, daß ſie es war, die zuerſt ſolche Urkunden aufnahm und dann die Aufnahme derſelben fortführte. Die Regiſter, in welche die Urkunden einge⸗ tragen wurden, hießen oder heißen heute noch Kirchenbücher. Die Urkunden hatten damals volle Beweiskraft öffentlicher Ur⸗ uhi tunden. Jetzt haben dieſelben, da ja heute noch wie früher ein jedes Pfarramt ein Kirchenbuch über Geburt, Sterbfälle und Trauungen ltu innerhalb ſeines Sprengels hält, nicht mehr dieſe Eigenſchaft und uun Beweiskraft. Daß die Kirche bis zur Revolution im Beſitze des Rechtes die⸗ ſer amtlichen Funktionen blieb, war um ſo natürlicher und erklär⸗ *) Jeder Urkunde des Civilſtandes, ſie mag Franzoſen oder Ausländer betreffen, zur die in einem fremden Lande gefertigt worden, hat volle Beweiskraft, wenn ſie nach der im beſagten Lande herkömmlichen Form abgefaßt iſt. 24 Civilrecht. licher, als eben die bürgerliche Giltigkeit einer Ehe von der kirchlichen m Giltigkeit derſelben abhängig war. Conſequenterweiſe dann auch die n Ehelichkeit der Abſtammung. Auf die Dokumente der Kirche in dieſer Beziehung mußte alſo das Hauptgewicht gelegt werden. Es wurde indeſſen die Art und Weiſe, wie dieſe Kirchenbücher zu führen waren, ſchon im ſiebzehnten und achtzehnten Jahrhundert nicht dem freien Gutdünken des Klerus überlaſſen, ſondern durch Geſetze der Staatsregierung geregelt, wie durch die Ordonnanz von 1667, und eine Declaration von 1736. Die Revolution, welche die Unabhängigkeit und völlige Trenn⸗ ung des Staates von der Kirche zu ihren Hauptaufgaben rechnete, ſchuf als ein ſehr wirkſames Mittel zu Erreichung dieſes Zweckes unter anderm auch das Inſtitut der bürgerlichen Ehe; das heißt, die Gültigkeit einer Ehe war ſofort nach den bürgerlichen Geſetzen und nicht mehr nach den kirchlichen oder kanoniſchen zu beurtheilen, ja die Vollziehung des kirchlichen Aktes blieb von nun an den reli⸗ giöſen Anſichten der Parteien überlaſſen und hatte keinen Einfluß mehr auf die civilrechtliche Eigenſchaft. Der bürgerliche Akt war zur Hauptſache gemacht worden und demgemäß entzog man dem geiſt⸗ lichen Stande die Funktion, die Civilſtandsurkunden, als Akten der civilrechtlichen Polizei, aufzunehmen und übertrug dieſe Funktion den neugeſchaffenen Gemeinde⸗ oder Munizipalitätsbeamten, welche in dieſer Eigenſchaft Civilſtandsbeamte genannt werden. Sie ſind als ſolche Beamte der civilrechtlichen Polizei, und ſtehen deßhalb unter der Aufſicht und Disziplin der Gerichte, der Staatsprokuratur und des Juſtizminiſters, während ſie ſonſt als Verwaltungsbeamte unter den Präfekten und den Miniſter des Innern geſtellt ſind. Nach⸗ läſſigkeiten und Fehler in Führung der Civilſtandsregiſter werden durch den Staatsprokurator vor den Civilgerichten verfolgt, nicht vor den Strafgerichten, eben weil dieſe Zuwiderhandlungen civilpolizei- rechtlicher Natur ſind. Die geſetzlichen Strafen beſtehen, wenn nicht verbrecheriſche In⸗ tentionen von Fälſchung ſich ergeben, in Geldbußen höhern und niedern Grades. Entſchädigungen oder Honorare für dieſe Funktionen ſind den Civilſtandsbeamten nicht zuerkannt. Die geſetzlichen Vor⸗ ſchriften über die Aufnahme der Civilſtandsakten ſind ſehr genau S — — — — — — — — — —— —— lichen h di alſo und huten leru „wie 1736. renn⸗ hnet, veces heiß ſehen rilen, rrli⸗ inſuß t zut ij⸗ der den e in als unter und unte Nach⸗ erden or lizei und onen Vor⸗ nau Perſonenrecht. 25 und die Zuwiderhandlungen ſtrenge bedroht, allerdings eine Noth⸗ wendigkeit, angeſehen die außerordentliche Wichtigkeit ſolcher Dokumente. Die Vorſchriften für die Aufnahme derſelben ſind theils allge⸗ meine, das heißt ſolche, die ſich auf die Förmlichkeit aller beziehen, z. B. es muß in jeder Urkunde Stunde, Tag, Monat und Jahr derſelben, die Bezeichnung des Civilſtandsbeamten, vor welchem der Akt vorgeht, die Vornamen, Geſchlechtsnamen, der Stand, das Al⸗ ter, der Wohnort der Intereſſenten, ſo wie der Zeugen enthalten; theils beſondere, welche ſich nur die eine oder andere Art der Civil⸗ ſtandsurkunden angehen, z. B. für Geburtsakten ſind ſpezielle Normen vorgeſchrieben, deren es bei den andern Akten nicht bedarf, und ebenſo fuͤr die Heiraths⸗, Sterbe⸗ und Verkündungsakten. Die Ur⸗ kunden werden in mehrere, (gewöhnlich vier) Regiſter eingetragen ¶ für Geburts⸗Anerkennungs⸗Adoptionsakten; 1 für Sterbakten, 1 für Verkündigungs⸗ und 1 für Heirathsakten). Dieſe Regiſter werden doppelt geführt und ſind die Seiten desſelben von dem Prã⸗ ſidenten des Erſtinſtanzgerichts oder bei deſſen Verhinderung von einem der Richter, für und für cotirt und paraphirt, die Anzahl der Blätter genau angegeben und bei dem letzten bemerkt, daß das⸗ ſelbe das letzte ſey. So wird Einſchiebungen, Ausreißungen und Beſeitigungen der Akten wirkſam in den Weg getreten. Die Akten werden in chronologiſcher Ordnung eingetragen, von den Parteien, den Zeugen und dem Civilſtandsbeamten nach Vorleſung unter⸗ ſchrieben. Es iſt in denſelben zu conſtatiren, daß ſie vorgeleſen und unterſchrieben wurden, überhaupt alles das, was in Bezug auf die⸗ ſelben dabei vorgegangen iſt. Können von den Parteien welche nicht ſchreiben, das heißt nicht unterſchreiben, ſo geſchieht Erwähnung davon. Radirt und corrigirt darf in denſelben Nichts werden. Randſchriften müſſen von allen eben bezeichneten ebenfalls unter⸗ ſchrieben werden. Gehören zu den Akten beſondere Belege, . B. Vollmacht, Einwilligungsakt der Aeltern, wenn dieſelben nicht zu⸗ gegen ſeyn können oder wollen, ſo werden dieſelben gleichfalls ne varietur, daß ſie nicht verwechſelt werden können, von den Gegen⸗ wärtigen unterſchrieben und beigelegt. Kindesanerkennungen und Adoptionen werden auf den Rand des Geburtsaktes des Anerkannten oder Adoptirten geſchrieben, in gleicher Weiſe die eheſcheivlichen Ur⸗ 26 siitrecht. theile auf den Rand der Heirathsakte des getrennten Ehepaares; endlich werden auf den Rand der betreffenden Akte die Rectifikations⸗ oder Berichtigungs⸗Urtheile geſchrieben. Letztere betreffend, ſo iſt zu bemerken, daß, wenn Irrthümer in Namen, Alter, Geſchlecht, Wohn⸗ ort der Parteien oder ſonſt weſentliche Fehler und Ueberſehungen bei der Aufnahme einer Civilſtandsurkunde vorgekommen ſind, und ſich in dieſelbe eingeſchlichen haben, dem Civilſtandsbeamten verboten iſt, die Correctur ſelbſt vorzunehmen; in einem ſolchen Falle ge⸗ ſchieht die Berichtigung oder Rectifikation der Akte durch das Civil⸗ Erſtinſtanzgericht auf Betreiben der Staatsbehörde oder der intereſſirten Partei durch eine Verhandlung in öffentlicher Sitzung und durch Urtheil, nachdem einer der Richter als hiezu ernannter Referent in ſeinem Vortrag über die Sache, ſowie der Staatsanwalt in ſeinen Concluſionen in der⸗ ſelben Sitzung vernommen worden ſind. Für Akten, die auf See⸗ reiſen, Feldzügen und ſonſt im Ausland oder auf dem Meer auf⸗ genommen wurden, ſind beſondere Vorſchriften gegeben. Alle aber müſſen ſie bei der Ankunft der Intereſſenten oder Zeugen in Frank⸗ reich in dem betreffenden Civilſtandsregiſter deponirt werden. Die Koſten der Regiſter hat die Gemeinde zu tragen. Der Friedens⸗ richter hat wenigſtens zweimal im Jahr die Civilſtandsregiſter aller der Gemeinden ſeines Cantons zu prüfen, und daß dieſes geſchehen, in den Akten ſelbſt protokollariſch zu conſtatiren, auch Fehler, Miß⸗ bräuche und Unzukommlichkeiten unverzüglich dem Staatsanwalt des Sprengels, in welchem ſein Canton liegt, zu denunciren. Für dieſe Inſpektion iſt dem Friedensrichter ein Honorar zugeſtanden, unter dem Namen Civilſtands⸗Akten⸗Verifikationsgebühr, welches die ver⸗ ſchiedenen Gemeindekaſſen zuſammen im Betrag von 150 bis 250 Franken zu leiſten haben. Am Ende eines jeden Jahres werden die Regiſter nach geſetzlicher Vorſchrift von dem Civilſtandsbeamten förmlich abgeſchloſſen, und den Monat darauf eines der Exemplare in dem Gemeinde⸗Archiv, das andere auf der Gerichtſchreiberei des be⸗ treffenden Erſtinſtanzgerichts deponirt; hier werden ſie nun abermals durch den Staatsprokurator durchgeſehen und geprüft, Fehler und Mängel gerügt, oder disziplinariſch vor den Gerichten verfolgt; die Civilſtandsbeamten aber, die ſich durch Fleiß, Treue und Ge⸗ ſchicklichkeit auszeichnen, dem Generalprokurator bezeichnet, der ihrer in i ſin wes; ions⸗ ſt zu ohr⸗ ngen um botn ege⸗ Gwll ſiten thei, tr dNer⸗ St auf aber rant⸗ Di dens⸗ llet Nhen, Miß⸗ t de iſe untet ven 250 erden mten re in s be⸗ mals und igi Ge⸗ ihrer Perſonenrecht. 27 lobende Erwähnung thut in ſeinem discour de rentrée, dem öffent⸗ lichen Rechenſchaftsbericht bei Anfang eines neuen Gerichtsjahres in feierlicher Sitzung. *) Jedermann iſt berechtigt, ſich von den Gerichts⸗ oder Munizipal⸗ kanzleien, bei welchen die Regiſter des Civilſtands hinterlegt find, Auszüge aus dieſen Regiſtern geben zu laſſen, gegen Entrichtung der hiefür fixirten geſetzlichen Gebühren. Schließlich müſſen wir noch einer eigenthümlichen Art von Ur⸗ kunden erwähnen, welche bei der Führung der Civilſtandsregiſter nicht ſelten ihre Rolle ſpielt, nämlich der Notorietätsurkunden. Wenn eine Perſon ſich ihre Geburtsurkunde nicht verſchaffen kann, weil keine aufgenommen oder in Folge von Feuersbrunſt, Krieg, bürger⸗ lichen Unruhen ꝛc. die aufgenommene zerſtört wurde, ſo bringt ſie vor den Friedensrichter des betreffenden Cantons ſieben Zeugen, die männlichen oder weiblichen Geſchlechts, verwandt oder nicht verwandt mit den Intereſſenten ſeyn dürfen, ihn und ſeine Verhältniſſe aber kennen müſſen. Dieſe geben nun zu Protokoll, was ſie von der betreffenden Perſon, ihren Eltern, ihrer Geburt, ihrem Wohnort, ihrem Gewerbe w. wiſſen. Auch der Urſachen wird gedacht, warum teine Urkunde vorhanden ſey. Dieſes Protokoll wird von den Zeu⸗ gen und dem Friedensrichter unterſchrieben und dann dem Erſtinſtanz⸗ gerichte vorgelegt, das nach Anhörung des Staatsanwaltes dasſelbe genehmigt oder die Beſtätigung ihm verſagt. Das beſtätigte Pro⸗ tokoll erſetzt dann die Geburtsurkunde. Bei Abſchließungen von Ehen, reſp. Aufnahmen der Heirathsakten kommen dieſe Fälle nicht ſelten vor, jetzt allerdings weniger als früher, wo man den Kriegs⸗ und Revolutionsjahren, der Zerſtörung und Unordnung näher ſtund. *) Die Führung der Civilſtandsregiſter iſt in Folge der Zeit zu einer wahrhaft wiſſenſchaftlichen Sparte geworden und iſt z. B. in Rheinbayern zu einer Vollendung gekommen, die Staunen erregen muß. Dort hat ſich ſchon vor Jahren eine Reihe talentvoller und gewiſſenhafter Staatsprokuratoren (Meuth, Piris, Bomhard, D'all Armi, welch' letzterer auch ein faßliches Handbuch für die Civilſtandsbeamten ſchrieb, und Andere) ein außerordentliches Verdienſt um den genauen und geſetzlichen Vollzug der betreffenden Normen durch unermüdliche und weiſe Beaufſichtigung und Leitung der Civilſtandsbeamten erworben. Was dieſe leiſten iſt wirklich rühmenswerth. Auch vermehrt ſich von Jahr zu Jahr die Liſte derer, welche der Generalprokurator in ſeinem Jahresbericht belobt. III. Titell. Von dem Wohnſitze. Artikel 102 — 111 c. c. Der Wohnſitz, le domicile, iſt der Ort, an welchem eine Perſon, als beſtändig gegenwärtig von dem Geſetze betrachtet wird, inſoferne es ſich um die Ausübung ihrer Rechte und Pflichten han⸗ delt. Das faktiſche Nichtgegenwärtigſeyn an dieſem Orte ändert an dieſer Definition des Begriffes, domicile, nichts. Verſchieden von dem Wohnſitze iſt der Aufenthaltsort, Thabitation, la ré- sidence, womit der Ort bezeichnet wird, an welchem Jemand in der Regel zu finden iſt. Iſt der Wohnſitz nicht bekannt, ſo wird er durch den Aufenthaltsort erſetzt. Es gibt mehrere Arten des Wohnſitzes, wie einen politiſchen, einen bürgerlichen. Der erſte bezieht ſich auf die Ausübung der ſtaatsbürgerlichen oder poli⸗ tiſchen Rechte; ich wohne z. B. in Paris, habe aber actives und paſſives Wahlrecht durch meine Güter in Straßburg, ſo kann ich mein bürgerliches Domizil in Paris, mein politiſches in Straßburg haben. Hier kömmt nur der bürgerliche Wohnſitz weiter zu Sprache. Derſelbe iſt alſo der Ort, an welchem Jemand in Be⸗ ziehung auf bürgerliche Rechte und Verbindlichkeiten als ununter⸗ brochen gegenwärtig von dem Geſetze betrachtet wird. Entweder iſt der bürgerliche Wohnſitz ein allgemeiner, inſoferne er ſich auf alle buͤrgerlichen Rechte und Verbindlichkeiten bezieht, oder ein be⸗ ſonderer, wenn er nur in Beziehung auf ſpezielle oder beſondere Rechtsverhältniſſe gedacht wird. Der allgemeine Wohnſitz iſt begründet entweder in einer geſetzlich en Beſtimmung und heißt dann geſetzlicher Wohnſitz. Einen ſolchen haben: 1) Lebenslänglich angeſtellte Beamte an dem Orte, wo ſie zu amtiren verbunden ſind. 2) Die Ehefrau an dem Orte, wo ihr Mann ſeinen Wohnſitz hat, auch wenn ſie von Tiſch und Bett getrennt iſt. 3) Minderjährige, Interdicirte, unter Curatel Geſtellte, an dem Orte, wo der Vormund oder der Curator ſeinen Wohnſitz hat. eine win, han⸗ inder ieden r. din wid des De pol⸗ un nic bun tju Be⸗ mten r iſt uf be der einet niß. z Perſonenrecht. 29 4) Dienſtboten und Arbeiter an dem Orte, wo ihre Dienſtherrn wohnen, vorausgeſetzt daß ſie mit demſelben in Einem Hauſe ſind. Oder er iſt begründet in einer Thatſache, nämlich auf der, daß Jemand ſich an einem Orte niedergelaſſen hat, mit der Abſicht, da⸗ ſelbſt fortwährend ſich aufzuhalten; wirklicher Wohnſitz, domi- cile réel. Ein Jeder, der einen wirklichen Wohnſitz hat, kann den⸗ ſelben jederzeit nach Belieben vertauſchen mit einem andern. Eine bloße Aenderung des Wohnſitzes reicht aber nicht dazu hin, die Ab⸗ ſicht der Verlegung des Domizils feſtzuſtellen. Es muß mit dem Faktum der Aenderung noch die Erklärung derſelben verbunden ſeyn, abgegeben vor der Munizipalität das heißt der Gemeindeverwaltung des Orts, den man verläßt und vor der des Orts, an dem man ſich niederläßt. Der allgemeine Wohnſitz begründet den Gerichtsſtand, forum domicilii einer Perſon, ihres Nachlaſſes und überhaupt die Com⸗ petenz der Gerichte und übrigen Behörden für dieſelbe. Der beſondere Wohnſitz iſt begründet in gewiſſen Fällen auf das Geſetz, welches einen Aufenthalt, der ſonſt unzureichend wäre, zur Begründung eines Wohnſitzes für hinreichend erklärt; z. B. bei Eheverkündigungen, wenn eines der Brautleute nur die letzten ſechs Monate an einem Orte gewohnt hat; oder er beruht auf der Wahl einer Perſon; gewähltes Domicil, Wohnſitz der Wahl, domicile élu, domicile de choix. Auch der gewählte Wohn ſitz iſt wieder entweder ein frei⸗ willig gewählter, oder ein durch die Vorſchrift des Geſetzes gewählter. Letzterer findet ſeine Würdigung in dem Civilprozeſſe. Ihren Folgen nach kommen beide gewöhnlich mit einander überein. Der Zweck der geſetzlichen Vorſchriften iſt Abkürzung und leichtere Bewegung im Prozeſſe, z. B. ich wohne in Lyon und habe einen Prozeß in Calais; ich wähle zu dieſem Prozeſſe meinen nicht wirk⸗ lichen, ſondern nur fingirt angenommenen Wohnſitz bei meinem An⸗ walte in Calais; bei dieſem werden nun alle den Prozeß betreffenden Aktenſtücke und Prozeßſchriften jeder Art mir mitgetheilt, als ob ich dort wohnte, während ich in Wirklichkeit nicht aus Lyon hinausge⸗ 4 * 6 2 * m e — * — . — , N 2 7 „ „ —— — — ⸗ 2 . —1. 1 — . 5 3 . * 5 — — . — 3 . N — . 8 3 ———— ½ 6 „ 4 ₰ — 8 S 30 Civilrecht. kommen bin. Der freiwillig gewählte iſt dahin zu erklären, daß man zur Vollziehung eines Rechtsgeſchäftes einen beſondern Wohnſitz, der aber auch nur für dieſen Zweck gilt, wählt. Es kann dieß von beiden Parteien, oder auch nur von einer geſchehen, muß aber jedenfalls in einer authentiſchen Urkunde erklärt werden. In einer ſolchen Wahl liegt die Prorogation oder Ausdehnung der Gerichtsbarkeit des gewählten Ortes auf Perſonen und Dinge, die ſonſt außerhalb ihrer Competenz liegen, ſowie eine Vollmacht für diejenige Perſon, welcher die gerichtlichen Akten ſtatt der eigentlichen Partei mitzutheilen und zuzuſtellen ſind. Von den Abweſenden. Artikel 112 — 143 c. c. Abweſend überhaupt iſt derjenige, welcher an einem beſtimm⸗ ten Orte nicht gegenwärtig iſt. Abweſend in der engern, ge⸗ ſetzlichen Bedeutung iſt der, welcher ſich von ſeinem gewöhnlichen Wohnſitze oder Aufenthalt entfernt hat, und von dem man nicht weiß ob er noch lebt. Von dieſer letztern Abweſenheit wird hier nur die Rede ſeyn. Die Grundſätze des franzöſiſchen Rechts hierin ſind folgende: Die Geſetze bringen in möglichſte Uebereinſtimmung das Intereſſe des Abweſenden mit dem der Zurückgebliebenen. Ein Abweſender wird geſetzlich weder für todt noch für lebend gehalten; die Folgen der Abweſenheit ſind verſchieden, je nachdem die Vermuthung für die erſtere oder letztere Thatſache die wahrſcheinlichere iſt. Das In⸗ tereſſe der Zuruckgebliebenen wird ſucceſſive mehr berückſichtigt, wie die Wahrſcheinlichkeit abnimmt, daß der Abweſende noch am Leben ſey. Es hat das Geſetz deßhalb drei Perioden fixirt, in welchen die Rückſichtnahme für die Intereſſen der Abweſenden und Zu⸗ rückgebliebenen in diametralen Gegenſätzen ſich bewegt, nämlich: M — — —. —— ite, dem lun mß J ung und eine ſtat imn⸗ in nicht hier nde reſt wet gen fit J wie ſch. hen 3u. Perſonenrecht. 31 Erſte Periode. In der erſten Zeit, nachdem der Abweſende verſchwunden iſt, oder die letzten Nachrichten von ihm kamen, ver⸗ muthet das Geſetz, daß er noch am Leben ſey. Er wird nur ver⸗ mißt. Alle Maßregeln können nur dahin auslaufen, ihn in ſeinen Rechten und in ſeinem Beſitze zu ſchützen. Zweite Periode. Die Abweſenheit dauert immer länger; mehrere Jahre verlaufen und es gehen keine Nachrichten, keine Le⸗ benszeichen von ihm ein. Die Vermuthung des Geſetzes, daß er noch am Leben ſey, wird ſchwächer. Er kann jetzt für verſchollen erklärt werden, und die zurückgebliebenen werden proviſoriſch, wie Güterverwalter, in ſeinen Beſitz eingeſetzt. Dritte Periode. Dieſer proviſoriſche Beſitz hat eine Reihe von Jahren gedauert und das Geſetz entſcheidet ſich nun für die Vermuthung, daß der Abweſende nicht mehr am Leben ſey. Die Beſitzenden können ſich nun definitiv in den Beſitz des Vermögens des Abweſenden einweiſen laſſen. Aber immer noch kann der Ab⸗ weſende, wenn er wieder erſcheint, oder deſſen Nachkommen, ſein Vermögen wieder in Anſpruch nehmen, aber er muß ſich jetzt mit dem begnügen, was noch ſich davon vorfindet. Dieſe Vermuthung, ſo wie die endgültige Vermögenseinweiſung fann erſt nach 30 Jahren nach der proviſoriſchen Einweiſung oder 100 Jahre nach der Geburt des Abweſenden gehegt werden, 6⸗ ſtattfinden. In Beziehung auf das Vermögen des Abweſenden haben wir ſchon geſagt, daß derſelbe ſolches nach der definitiven Einweiſung nur ſoweit reclamiren kann, als es ſich noch vorfindet. In der zweiten Periode ſind die Bedingungen für ihn günſti⸗ ger. Ihm muß dann das ganze Vermögen mit einem Theile der Einkünfte, welcher ein größerer oder kleinerer iſt, je nachdem die Ver— ſchollenheit eine längere oder kürzere war, zurückgegeben werden. Auch kann das Vermögen weder ganz, noch theilweiſe veräußert öder mit Hypotheken belaſtet werden. Wenn Rechte dem Abweſenden anfallen oder eröffnet werden, ſo können ſie von Niemand für ihn in Anſpruch genommen werden, ohne daß bewieſen würde, daß er noch lebe. Wenn daher eine Erb⸗ ſchaft dem Abweſenden eröffnet wird, ſo fällt ſie proviſoriſch 32 Civilrecht. an denjenigen, welcher der Berechtigte wäre, wenn der Abweſende wirklich mit Tod abgegangen wäre. In Beziehung auf die Ehe ändert eigentlich die Abweſenheit Nichts. Dieſelbe wird nicht dadurch aufgelöst, und wenn 100 Jahre ſeit der Geburt des Abweſenden verfloſſen ſind. Wenn aber durch falſche Todesnachrichten oder Papiere getäuſcht der zurückgeblie⸗ bene Ehegatte eine neue Ehe eingegangen, ſo kann Niemand, auch der Staatsprokurator nicht, dieſe Ehe als eine Doppelehe an⸗ fechten, als nur der Abweſende ſelbſt, wenn er in Perſon oder durch einen Bevollmächtigten wieder erſcheint. Hat aber der abweſende Ehegatte eine zweite Ehe abgeſchloſſen, ſo kann dieſe von jedem Intereſſenten, ſo wie von dem öffentlichen Miniſterium angefochten werden. In Beziehung auf die elterliche Gewalt hat die Abweſen⸗ heit die Folgen, daß, wenn der Vater verſchwindet und minderjährige, nicht emanzipirte Kinder zurückläßt, die Mutter einſtweilen in die Rechte des Vaters tritt, was die Erziehung der Kinder und die Verwaltung des Vermögens betrifft. Iſt die Mutter geſtorben oder ſtirbt ſie vor der Volljährigkeit und Wiederkunft des Vaters, ſo wird durch den Familienrath ein Vormund vorläufig gewählt oder dem nächſten Aſcendenten die Vormundſchaft übertragen. Verſchwindet dagegen die Mutter, ſo verbleiben dem Vater die Rechte der väter⸗ lichen Gewalt ohne alle Schmälerung. Iſt der Vater todt oder ſtirbt er, wie im obigen Falle die Mutter, ſo tritt wieder der Familien⸗ rath zur Uebertragung der Vormundſchaft an den nächſten Aſcen⸗ denten oder einen proviſoriſch gewählten Vormund zuſammen. Alle die Erklärungen, daß eine Perſon abweſend ſey, daß ſie verſchollen ſey, daß die Zurückgebliebenen proviſoriſch oder definitiv in den Vermögensbeſitz des Abweſenden einzuweiſen ſeyen, müſſen durch die Erſtinſtanzgerichte auf Antrag der Intereſſenten nach An⸗ hörung der Staatsbehörde in ihren Concluſionen geſchehen. Dieſer letztern iſt das Staatsaufſichtsrecht über die Abweſenden, wie über die Minderjährigen, Interdicirten, unter Curatel Geſtellten, über alle die eben, welche ihre Rechte nicht vertheidigen können wegen phyſi⸗ ſcher oder geiſtiger Unmöglichkeit, anvertraut und zur heiligen Sorge gemacht. Ueber die Thatſache und Urſache der Abweſenheit finden u bit N hel end nhei uh duth lie⸗ ind, m du ende den chin eſen⸗ rige, die die oder wid den inde iten ſirht iie⸗ ſun⸗ ſie nit üſſn A ieſe über alle by orge nden Perſonenrecht. 33 Zeugenverhöre ſtatt durch einen Richter-Commiſſär auf Betreiben der Betheiligten. Als Gegenpartei, das heißt als der Vertreter der Rechte des Abweſenden fungirt hier wie bei allen dieſe Materie betreffenden Verhandlungen die Staatsbehörde. Das Urtheil, welches den Abweſenden für verſchollen erklärt, kann erſt ein Jahr nach dem Urtheil, das auf Zeugenverhör erkannt hat, geſprochen werden. Er⸗ ſteres wie letzteres werden durch den Staatsprokurator dem Juſtiz⸗ miniſter überſendet, welcher die Publikation der Urtheile durch Ein⸗ rückung derſelben in den Moniteur zu beſorgen hat. V. Titel. Art. 144— 228 c. C. *) Die Ehe iſt das edelſte Band, das zwei Perſonen des einen und des andern Geſchlechtes verbindet, Leiden und Freuden hienieden gemeinſam zu tragen, der Segen künftiger Geſchlechter zu werden, die Grundlage der Geſellſchaft und des Staates, der Träger der Sittlichkeit und der Tugend zu ſeyn. Kirche und Staat haben deß⸗ halb dieſem wichtigen Inſtitute die größte Aufmerkſamkeit gewidmet und dort wohl wird am beſten für die Erhaltung desſelben im rich⸗ tigen Sinne ſeiner hohen Bedeutung geſorgt ſeyn, wo beide, Kirche und Staat, gemeinſam die Ehe ſchützen und ſegnen. Deßhalb hat auch die katholiſche Kirche in ihr eine durch Liebe und Treue ge⸗ knüpfte, durch die Religion zu einem Sakramente geheiligte Ver⸗ bindung erkannt, deßhalb hat auch die proteſtantiſche Kirche, wenn ſie auch in der Ehe kein Sakrament anerkennt, doch eine durch die tirchliche Einſegnung geheiligte Verbindung in ihr fortwährend erblickt. Der franzöſiſche Geſetzgeber der Neuzeit in Verfolgung ſeines Prinzips, Staat und Staatsbürger unabhängig zu halten und frei von dem Einfluß und der Herrſchaft der Kirche hat die Ehe zu ei⸗ *) Die Vermögensrechte der Eheleute werden nach dem Syſteme des c. c. als aus dem Vertrage reſultirend, im dritten Buche, in der Lehre von den Ver⸗ trägen, behandelt. I. Civilrecht. 3 34 Civilrecht. nem rein bürgerlichen Akte gemacht, zu einem Geſellſchaftsvertrage ſolenner Art, die Weihe der Kirche für unweſentlich erachtet und es dem Gewiſſen und den religiöſen Anſchauungen der Parteien über⸗ laſſen, ihren Bund durch dieſe Weihe heiligen zu laſſen oder nicht. In dieſen Grundſätzen iſt das Weſen der Civilehe enthalten, die, in ziemlicher Uebereinſtimmung mit dem heidniſchen Eherecht der Römer, die ſich indeſſen doch auch durch ihre Prieſter zur Ehe ein⸗ ſegnen ließen, der code civil alſo definirt: die Ehe iſt eine Ver⸗ bindung zwiſchen Mann und Frau zur Gemeinſchaft der Lebensver⸗ hältniſſe, eingegangen unter Beobachtung der Geſetze Frankreichs. Und trotz dieſes geſetzlichen Prinzips gibt es doch verhältniß⸗ mäßig nur ſehr wenig Civilehen in Frankreich, wollen doch nur nicht nennenswerth Wenige des Segens der Kirche entbehren und hat die nur civilrechtliche Auffaſſung der Ehe der Religion, dem frommen Glauben an die Heiligung des Bundes durch die Kirche wenig Eintrag gethan. Aus dem Prinzip der katholiſchen Kirche über das Weſen der Ehe ergibt ſich auch die Anſicht von der Unauflöslichkeit derſelben, aus dem des code civil die Möglichkeit der Auflöſung der Ge— meinſchaft. Bis zur Revolution war das in Frankreich herrſchende Eherecht das der katholiſchen Kirche. Die Könige hatten jedoch durch Ordon⸗ nanzen für die bürgerliche Gültigkeit der Ehe mancherlei vom kanoniſchen Rechte unabhängige Vorſchriften gegeben. Auch hatten in Eheſachen ne⸗ ben den geiſtlichen Gerichten die weltlichen Gerichte in Frankreich eine um⸗ faſſendere Gerichtsbarkeit als ſonſt wo. Die franzöſiſchen Proteſtanten hatten ſich gleichfalls nach den Hauptſätzen des kanoniſchen Rechts zu richten, wenn nicht durch beſondere Verträge anders feſtgeſetzt worden war. Solche Ausnahmen hatten ſich einige deutſche Provinzen, welche mit Frank⸗ reich vereinigt wurden (Elſaß, Lothringen) zu Gunſten der Prote⸗ ſtanten ſtipulirt. Dieß war der Stand der Geſetzgebung in Frank⸗ reich in der Lehre von der Ehe, als die Revolution mit ihren neuen Doftrinen an ſie herantrat. Die Unabhängigkeit des Staates und ſeiner Geſetzgebung von der Kirche ſollte vor Allem in dem wichtig⸗ ſten und einflußreichſten Theile des Rechts feſtgeſtellt werden, und ſo conſtituirte man die Ehe zu einem bürgerlichen Akte, deſſen Ein⸗ i uit ſ N iſ i rage des iber⸗ ſiht die, der ein⸗ Ver sver⸗ miß nicht t dit men eniy del lber, Ge rech don⸗ ſchen nne un⸗ mten zu wur. tun⸗ rote ran euen und h und Ein⸗ Perſonenrecht. 35 gehung und Löſung man mit weltlichen Förmlichkeiten umgab und unter unſchweren Bedingungen die letztere geſetzlich geſchehen ließ. Es war die franzöſiſche Ehe ein gewöhnlicher Geſellſchaftsvertrag geworden, den man, wenn man nicht mehr Luſt hatte, ihn fortzuführen, auf⸗ löſen konnte, denn man hatte die Sache ſo weit getrieben, daß die Ehe auf den Grund der beiderſeitigen Einwilligung, wenn ſie ſich ein volles Jahr lang nicht änderte, geſetzlich auflösbar war. Der code civil adoptirte im Allgemeinen dieſes Syſtem des Zwiſchenrechts, fühlte aber doch, wie er ſchuldig war, den religiöſen Gefühlen der Bürger, welche noch deren hatten, einige Rechnung zu tragen. Er näherte ſich daher den Grundſätzen des ältern Rechts, inſoferne es ſich um die Bedingungen bei Eingehung einer Ehe, um Hinderniſſe gegen eine ſolche, um die Rechte des Mannes über die Frau handelt. Er behielt dagegen die Lehre des Zwiſchenrechts von der Scheidung bei und geſtattete für die Anhänger der Kirche die Scheidung von Tiſch und Bett. Aber das Gewiſſen der Gläubigen konnte ſich nie mit den Grundſätzen der neuen Lehre in dieſem Punkte vertraut machen und verſöhnen; in Schrift und Wort wurde gegen dieſelben gearbeitet und angekämpft und endlich im Jahr 1816 durch das Geſetz vom 8. März der ganze Titel von der Eheſcheidung aufgehoben und nur die Verfügungen über Trennung von Tiſch und Bett beibehalten. In Frankreich iſt alſo die Eheſcheidung nicht mehr ge— ſtattet, ſondern nur die körperliche Trennung. Alle Bemühungen, welche man nach der Erhebung der Orleans auf den franzöſiſchen Thron von einer Seite ſich gab, die napoleoniſche oder republikaniſche Geſetzgebung in der Lehre von der Ehe wieder herzuſtellen, blieben fruchtlos und ſcheiterten an den religiöſen Anſchauungen der Mehrheit. *) In dem auf dieſen folgenden Titel VI. werden wir der abge⸗ geſchafften wie der beſtehenden Geſetzgebung unſere Aufmerkſamkeit *) In der bayeriſchen Pfalz, welche 1816, als das fragliche Eheſcheidungsgeſetz in Frankreich durch die geſetzgebende Gewalt aufgehoben wurde, nicht mehr zu Frankreich gehörte, beſteht dasſelbe ganz noch ſo fort, wie es im code de Napoléon enthalten iſt. Nur dem vorwiegend ſittlichen und ſoliden Charakter der Bewohner dieſer Provinz, ſo wie vielleicht dem Mangel einer großen Stadt mit den ſchlimmern Einflüſſen einer ſolchen iſt es zuzumeſſen, daß dieſes Geſetz dieſen bayeriſchen Landestheil nicht demoralifirt hat. Civilrecht. zuwenden und kehren zu der im Eingange des Titels angeführten Definition des geſetzlichen Begriffes der franzöſiſchen Ehe zurück, um die Darſtellung der geſetzlichen Vorſchriften bezüglich derſelben daran zu reihen. Die Ehe iſt alſo die Verbindung zwiſchen Mann und Frau zu gemeinſchaftlichen Lebenszwecken, nach den civilrechtlichen Vorſchriften darüber eingegangen. Die geſchlechtliche Grundlage muß natürlich im weltlichen wie im kirchlichen Rechte als erſte Bedingung des Be⸗ griffes der Ehe angenommen werden, denn zwiſchen zwei Perſonen einen und desſelben Geſchlechtes kann es keine Ehe geben. Jeder bürgerlich rechtsfähige Franzoſe iſt berechtigt, eine Ehe einzugehen. An adminiſtrative Bewilligung iſt er nicht gebun⸗ den, wenn er nicht in der Landarmee oder im Seekriegsdienſte ſich als Offizier oder Militärbeamte befindet, denn ſolche müſſen die Er⸗ laubniß ihrer Obern zur Abſchließung einer Ehe einholen, aber na⸗ türlich aus andern als civilrechtlichen Gründen. Vermögensnachweiſe oder Nachweiſe eines Nahrungsſtandes hat er keine zu erbringen. Er übt ja nur ein natürliches Recht, das allen Bürgern gleichmäßig zuſteht, aus. Iſt dieſes Prinzip gefährlicher und für den Staat nachtheiliger als das in einem großen Theile Deutſchlands herrſchende Syſtem, die Ehebewilligung von der Adminiſtration abhängig zu machen, die zu prüfen hat, ob der Nahrungs⸗ oder Vermögensſtand gehörig nachgewieſen iſt? Solche Fragen ſind in der Theorie immer ſchwer zu entſcheiden und die theoretiſche Entſcheidung hat zuletzt auch keinen beſondern Werth. Sehen wir uns alſo in der Praris um, wie ſich die Wirk⸗ ungen der beiden Syſteme zeigen. Von Seite derer, die für das Bevormundungsſyſtem ſind, wird vorgeſchützt: wo ſoll der Staat, wo die Gemeinde hinkommen, wenn man die Leute ohne Vermögen, ohne Nahrungsſtand in Ehen treten läßt? Nur elende Familien, hülfsbedürftige Kinder, die man zu ernähren hat, ſind die Folgen davon. Wir ziehen uns ein ge⸗ fährliches Proletariat groß. Nein, die Ehe muß erſchwert ſeyn! Wir dagegen, als Gegner dieſes Syſtems, ſagen: den Zweck, den ihr euch vorgeſetzt, erreicht ihr durch eure Härte, durch das Bn ſiſt ſüb mi ind l ih ſi Un ſi hriet „Um atan nz iften irli Be⸗ onen Che bun⸗ ſih E n weiſ gn. ißih lige ſten, „die hti iden dern irt vit bem ihe mn ge wec, das Perſonenrecht. 37 Verſagen der natürlichſten Rechte des Menſchen nicht. Die armen, hülfloſen Kinder kommen doch zur Welt, fallen Euch doch zur Laſt; ſie kommen aber nur durch unſittliches Verhältniß zur Welt. Iſt damit der Staat und die Gemeinde beſſer dran? Seht Euch um in den Ländern, wo Euer Shſtem gilt, prüft die ſtatiſtiſchen Ta⸗ bellen und Ihr werdet erſchrecken über das Verhältniß der unehe⸗ lichen Geburten zu den ehelichen. Ziert ein ſolches Sittlichkeitszeng⸗ niß ein Land? Seht nach in den Zucht⸗ und Arbeitshäuſern des Landes, erforſcht die Geſchichte ihrer Inwohner. Die Mehrzahl ſind der Erfahrung nach ſolche arme Kinder, gebrandmarkt ſchon durch ihre Geburt, verlaſſen von denen, die ſie erzeugt, welche nur eine vor⸗ übergehende Luſt mit einander verbunden hatte, ohne Schule und Zucht dem Schlechten nothwendig entgegengetrieben. Wer iſt für den Ausgang ihres Thuns und ihres Lebens verantwortlich zu machen? ſie oder euer Syſtem! Für den Aermſten iſt die Familie ein Band, das die ſonſt lockern Verhältniſſe noch immer zuſammen⸗ hält; es iſt etwas Großes drum, auch in der bitterſten Armuth noch einen Vater, noch eine Mutter, noch einen Gatten zu haben, der durch bürgerliche und religiöſe Geſetze zum Schutze, zur Ernährung, zur Ertragung der gemeinſchaftlichen Mühen und Drangſale, zur Liebe ſich angewieſen ſieht. Welches Proletariat wird das gefährlichere ſeyn? Jenes, das keine Familie kennt oder hat, oder die armen Leute, die durch ein bürgerliches und heiliges Band in einer Familie zuſammengehalten werden. Der Franzoſe darf ſtolz darauf ſeyn, daß ſein Geſetz in dieſem Punkte den edlen und humanen Weg einge⸗ ſchlagen hat. Nach demſelben iſt zum Weſen einer Ehe erforderlich: die freie Einwilligung der Parteien zur Abſchließung der Ehe; ſowie die civilrechtliche Fähigkeit der Parteien. Ohne Einwilligung, ſagt das Geſetz, gibt es keine Ehe. Wegen ſtattgehabten Zwangs oder Irrthums in der Perſon kann eine ab⸗ geſchloſſene Ehe vor Gericht als nichtig angefochten werden, Zwang und Irrthum in der Perſon gehören zu den trennenden Ehe⸗ hinderniſſen. Nur den Ehegatten ſelbſt, nicht dem öffentlichen Miniſterium ſteht die Anfechtung der Ehe in dieſen Fällen zu. Aber die Ehegatten ſelbſt ſind nicht mehr mit einer ſolchen Klage zuläſſig, wenn der gezwungene Theil, nach erlangter Freiheit und Selbſt⸗ N — 38 Civilrecht. ſtändigkeit, der im Irrthum oder in der Täuſchung befindliche, nach entdecktem Irrthum, nach erkannter Täuſchung ſich beruhigt und von dieſer Zeit an ſechs Monate lang mit dem andern Ehegatten zu⸗ ſammenlebt. Weitere trennende Ehehinderniſſe ſind begründet: 1) Im Alter; eine Mannsperſon kann nicht vor zurückge— legtem 18., eine Frau nicht vor zurückgelegtem 15. Lebensjahre eine Ehe eingehen. In geeigneten Fällen kann der Kaiſer indeß dis⸗ penſiren. 2) In einer ſchon beſtehenden Ehe; man kann keine zweite Ehe ſchließen, bevor die erſte aufgelöst iſt. 3) In der Verwandtſchaft; die Ehe iſt wegen der Bluts⸗ verwandtſchaft in der graden Linie zwiſchen den Aſcendenten und den Deſcendenten ſchlechthin verboten; fernerhin unter Schweſter und Bruder und Verſchwägerten in demſelben Grade. Ueberall macht eheliche oder uneheliche Geburt hier keinen Unterſchied. Die Ehe iſt ſchließlich verboten zwiſchen Oheim und Nichte, Muhme und Neffe. Hierin aber iſt wiederum dem Kaiſer ein Dis⸗ penſationsrecht vorbehalten. Alle Intereſſenten, die Ehegatten und der Staatsanwalt können eine Ehe anfechten oder gegen die Eingehung einer ſolchen gerichtlich auftreten, welche mit einem trennenden Hinderniſſe der unter obigen drei Rubriken angeführten Art behaftet iſt. Wenn das Gericht eine Ehe für nichtig erklärt hat, ſo ſind alle rechtlichen Wirkungen derſelben beſeitigt, ausgenommen wenn bei Eingehung der Ehe den Contrahenten das Ehehinderniß unbekannt, und ſie in gutem Glauben waren Gnatrimonium putativum). War jedoch nur der eine Ehegatte in gutem Glauben, ſo hat nur in Be⸗ ziehung auf dieſen die Ehe eine rechtliche Wirkung, ſo wie auch auf die Kinder, welche dann die Rechte ehelich erzeugter Kinder haben. 4) In den geſetzlichen Beſtimmungen über elterliche Gewalt; nämlich Söhne, welche noch nicht das 25., Töchter, welche noch nicht das 21. Lebensjahr zurückgelegt haben, können ſich nicht ohne Einwilligung ihrer Eltern, oder desjenigen von ihnen, der noch am Leben iſt, verheirathen. Sind die Eltern verſchiedener Anſicht, ſ . 50 ſid lu ichge eine dis⸗ keine lut dden und nacht icht, nnen htüh bigen in n be amn, Vn Be⸗ auc inder lich velcht nicht noch ſih. Perſonenrecht. 39 „ ſo genügt die des Vaters. Sind die Eltern todt, ſo treten an ihre Stelle die Großeltern; ebenſo wenn die Eltern nicht im Stande ſind ihre Einwilligung zu erklären durch Geiſteskrankheit, Verſchol⸗ lenheit, bürgerlichen Tod ꝛc. Leben weder Eltern noch Großeltern, ſo haben Söhne und Töchter den Familienrath um Einwilligung zu erſuchen, jedoch beide nur wenn ſie noch nicht 21 Jahre alt ſind. Mit erreichter Voll⸗ jährigkeit hört dieſe Verbindlichkeit auf. Wir haben nun die eine Art der Eheverhinderniſſe des fran⸗ zöſiſchen Rechtes aufgeführt, die trennenden Gmpedimenta diri- mentia) und gehen ſofort über zu der Aufzählung der andern Art, der blos verhindernden (impedimenta tantum). In dieſer Beziehung iſt die Ehe unterſagt: 1) auch dem, welcher in einer nichtigen Ehe ſteht, ſo lang dieſelbe nicht aufgelöſt iſt; 2) zwiſchen dem Adoptanten und deſſen Adoptivkinde und deſſen Nachkommen; zwiſchen den Adoptivkindern eines und desſelben Adop⸗ tanten; zwiſchen dem Adoptivkinde und einem Kinde, das der Adop⸗ tant noch ſpäter erzeugt; zwiſchen dem Adoptanten und dem Ehe⸗ gatten des Adoptivkindes; zwiſchen dem Adoptivkind und dem Ehe⸗ gatten des Adoptanten. Dieſe Verbote begründen ſich auf das recht⸗ liche Weſen der Adoption, die ja dasſelbe Verhältniß ſchaffen will, wie es durch natürliche Zeugung ſonſt entſteht; adoptio est imi- tatrix naturae; 3) den Eheleuten, welche von einander geſchieden werden; ſie können nicht eine zweite Ehe zuſammen eingehen. Iſt nach Aufhebung des Eheſcheidungsgeſetzes nicht mehr von Belang; 4) der Frau, welche ihren Mann durch den phyſiſchen oder bürger⸗ lichen Tod verloren hat, vor Ablauf von zehn Monaten nach dieſem Ereigniſſe; 5) auch den Kindern, welche das 25te und reſp. 2lte Jahr erreicht haben, ohne Einwilligung der Eltern; jedoch nur auf einen kurzen Zeittermin hinaus. Wenn die Eltern oder die Großeltern nämlich ihre Zuſtimmung nicht ertheilen wollen, ſo richtet die 21jährige Tochter oder der 25jährige Sohn ein ſogenann⸗ tes ehrerbietiges Anſuchen an dieſelben (acte respectueus) und bittet ſie darin um ihre Einwilligung. Dieſes Anſuchen wird in einem Notariatsakt aufgenommen und durch den Notär mit zwei Zeugen oder durch zwei Notäre ohne Zeugen den Eltern oder Groß⸗ N 40 Civilrecht. eltern kundgegeben. Ueber dieſen Vorgang und die Antwort der Eltern nimmt der Notär ein Protokoll auf. Hat der Sohn noch nicht das 30te, die Tochter noch nicht das 25te Lebensjahr zurück⸗ gelegt, ſo iſt das Anſuchen zweimal von Monat zu Monat zu wie⸗ derholen, ganz in derſelben Form. Iſt der Sohn oder die Tochter 30 Jahre, reſp. 25 Jahre ſchon vorüber, ſo genügt ein einziger Reſpektsakt. Sind dieſe Formalitäten erfüllt, dann können die Kinder auch ohne Einwilligung der Aſcendenten eine Ehe eingehen. Ein natürliches, anerkanntes Kind hat dasſelbe Geſuch an ſeinen Vater, nicht aber an deſſen Vater, ein natürliches, nicht an⸗ erkanntes Kind das Geſuch nur an ſeine Mutter zu richten; beide vor zurückgelegtem 21ten Jahre, wenn die Eltern oder die Mutter todt ſind, an den Familienrath. Die Ehe ſelbſt wird durch den Akt der Trauung bürgerlich gültig abgeſchloſſen und protokollariſch conſtatirt. Die bürgerliche Trauung aber wird von dem Civilſtandsbeamten durch die Erklärung desſelben, daß zwei Perſonen der A. und die B. zu Folge ihres dem Beamten erklärten Willens, als Eheleute mit einander verbun⸗ den ſeyn wollen, vorgenommen und vollzogen. Der Akt hat mit Zuziehung von 4 Zeugen zu geſchehen. Eltern oder Großeltern müſſen entweder in Perſon zugegen, oder durch Urkunden, welche ihren Willen enthalten, oder durch Bevollmächtigte vertreten ſeyn. Alle auf die Ehe und den Civilſtund der Contrahenten bezüglichen Dokumente, ſo Geburtsſcheine derſelben, Todesſcheine der Eltern und Großeltern, des einen Ehegatten, wenn eine der Parteien im ver⸗ wittweten Stande ſich befindet, Eheeinwilligung, Reſpektsakten . werden dem Civilſtandsregiſter beigelegt und einverleibt. Der Civil— ſtandsbeamte hat überdieß das 6te Kapitel von der Ehe, Rechte und Wirkungen derſelben enthaltend, den Brautleuten vorzuleſen. Competent zur Trauung iſt der Beamte des Civilſtandes, der⸗ jenigen Gemeinde, in welcher die eine oder die andere Partei ihren Wohnſitz hat, oder wo ſie ſich ſeit 6 Monaten aufhielt. Die Trau⸗ ung geſchieht im Gemeindehauſe und iſt ein öffentlicher Akt. Den Trauungen vorausgehend ſind die Verkündigungen oder das Aufgebot unter Strafe der Nichtigkeit vorgeſchrieben. der noch rüc⸗ wi⸗ hter iger auch an eide ttter rlic iche ung res un⸗ nit ern lche hen und r⸗ il⸗ nd Perſonenrecht. 41 Das Aufgebot muß vor Abſchließung der Ehe durch den Civilſtands⸗ beamten des Orts, der auch zur Abſchließung der Ehe der kompetente iſt, geſchehen, und beſteht in einer zweimaligen förmlichen Bekannt⸗ machung des Entſchluſſes zweier Perſonen, daß ſie mit einander eine Ehe eingehen wollen. Die Bekanntmachung hat vor dem Gemeinde⸗ hauſe an zwei aufeinander folgenden Sonntagen zu einer gewählten Stunde zu geſchehen und eine Abſchrift des Aufgebotsaktes iſt an die Thüre des Gemeindehauſes anzuheften, und hat hier zu ver⸗ bleiben bis nach dem zweiten Aufgebot. Die Trauung darf nicht früher als drei Tage nach der zweiten Verkündigung ſtattfinden. Vom zweiten Aufgebot kann man wegen hinreichenden Grundes dis⸗ penſirt werden. Zweck der Verkündigung iſt, wie ſehr erſichtlich, be⸗ gründeten Einſprachen gegen die Abſchließung der Ehe Raum und Gelegenheit zu geben. Eine Einſprache gegen dieſelbe wird nach franzöſiſchem Rechte durch ein ſogenanntes Eheverlöbniß, welches einſt in der katho⸗ liſchen Kirche ein verzögerndes Hinderniß war, und heute noch in der griechiſchen Kirche ein trennendes Ehehinderniß iſt, nicht be⸗ gründet, das heißt, der Akt der Trauung wird gültig abgeſchloſſen, auch wenn eines der Brautleute vorher ſchon mit irgend einer an⸗ dern Perſon ein Eheverlöbniß eingegangen war. Denn ein ſolches Verlöbniß kann nur nach den Grundſätzen des Vertragsrechtes be⸗ urtheilt und allenfalls eine Klage darauf mit Erfolg nur dann an⸗ geſtellt werden, wenn ein beſonderer Schaden oder Nachtheil der klagenden Partei, welcher zu Geld evaluirt werden kann, nachge⸗ wieſen wird. Durch die Ehe übernehmen die Ehegatten die Verbindlichkeit, ihre Kinder zu ernähren und zu erziehen; ferner ſich gegenſeitig einander zu ernähren, zu unterſtützen in geſunden wie in kranken Tagen und ſich gegenſeitig treu zu bleiben. Der Mann iſt überdieß der Frau Schutz, die Frau dem Manne Gehorſam ſchuldig. Aus dieſer tertuellen Beſtimmung des Ge⸗ ſetzes folgert ſich auch die weitere geſetzliche Vorſchrift: die Frau iſt verpflichtet bei dem Manne zu wohnen und ihm an einen jeden Ort zu folgen, wo er es für gut findet. Daß dieſes Alles unter Berückſichtigung der Verhältniſſe nur zu geſchehen hat, daß Wohn⸗ — 42 Civilrecht. ort und Wohnung nach den Vermögens und Standesverhältniſſen im Falle der Streitigkeit hierüber zu beurtheilen iſt, verſteht ſich von ſelbſt. Der Mann dagegen hat die Frau in ſeine Wohnung auf⸗ zunehmen und ſie daſelbſt als Hausfrau zu behandeln. Der Gerichts⸗ ſtand des Mannes iſt auch der der Frau, wie ſie überhaupt dem Stand deſſelben folgt. War ſie eine Ausländerin und hat einen Franzoſen geheirathet, ſo hat ſie dadurch den Civilſtand einer Fran⸗ zöſin erworben. Ehefrauen bedürfen zu allen Rechtsgeſchäften vor Gerichten oder ſonſtwie der Ermächtigung, Autoriſation ihres Man⸗ nes. Dieſes leidet nur dann eine Ausnahme, wenn eine Frau vor den Strafgerichten verfolgt wird; wenn ſie eine Klage auf Trennung von Tiſch und Bett anſtellt; die Ermächtigung ertheilt ihr dann das Gericht; wenn ſie eine Klage auf Sonderung der Güter anſtellt, ebenfalls autoriſirt ſie hier zuvor das Gericht; wenn ſie Handels⸗ frau iſt, das heißt als ſolche erklärt iſt; wenn ſie zu irgend einer Rechtshandlung beſonders von dem Gerichte autoriſirt iſt; wenn ſie ein Teſtament machen will; wenn ſie eine Schenkung annimmt, welche ihrem Kinde gemacht wird; auch kann die Mutter eines un⸗ ehelichen Kindes, die ſich verheirathet hat, die Einwilligung zur Ver— heirathung dieſes Kindes ertheilen. In wenigen Fällen wird eine ſtillſchweigende Autoriſation des Mannes, der in demſelben Akte concurrirt, angenommen; in der Regel bedarf es der ausdrücklichen Autoriſation. Und über⸗ dieß muß die Frau zu jeder Rechtshandlung ſpeziell autoriſirt werden; nur zur Verwaltung ihres Vermögens kann der Mann ſeiner Frau eine allgemeine Ermächtigung geben. Die Nichtigkeit, die ſich auf den Mangel der ehelichen Ermäch— tigung gründet, kann nur von der Frau, dem Manne oder ihren Erben entgegengeſetzt werden. Die Ehe wird aufgelöſt: 1) durch den Tod eines der Ehegatten; 2) durch die Verurtheilung eines der Ehegatten zu einer Strafe, welche den bürgerlichen Tod nach ſich zieht, wenn die Verurtheilung definitiv geworden iſt. Durch Trennung von Tiſch und Bett erfolgt keine Auflöſung der Ehe, und die dritte Art der Auflöſung durch die Eheſcheidung beſteht, wie wir geſehen haben, geſetzlich nicht mehr in Frankreich. —ᷣ, iſen von auf ht⸗ den inen ran⸗ vor Nan⸗ or un dus ſtel, dels⸗ einer nſi mn, n Ver tion z in über riſn Num ihrn ſen aft, iun ſung dung reich. Perſonenrecht. 43 Titel. Von der Eheſcheidung. Dieſer ganze Titel, mit Ausnahme der Artikel 306, 307, 308, 309 und 311, welche ſich auf die Trennung von Tiſch und Bett beziehen, wurde alſo, wie wir im vorigen Titel gezeigt haben durch das unter dem Einfluſſe der Kirche erlaſſene Geſetz vom 8. Mai 1816, aufgehoben; eine der wenigen, unter dieſen aber die grůßie und bedeutendſte Modifikation, welche der code civil ſeitdem erlitten hat. Von dieſem Augenblicke an war die Ehe wieder in Frankreich ein unauflösliches Band, das nur der Tod trennen konnte, da die Trennung von Tiſch und Bett die Ehe keineswegs auflöſt, ſondern nur das körperliche Zuſammenleben und die Gemeinſchaft der Güter aufhebt. Die Grundzüge des aufgehobenen Geſetzes waren in Kurzem folgende: Die Eheſcheidung kann durch richterliches Urtheil erfolgen auf den Grund beſtimmter Urſachen, oder auf den Grund beiverſeitigen Uebereinkommens. Beſtimmte Urſachen, welche das Geſetz als Eheſcheidungsgründe gelten läßt, find: 1) Der Ehebruch. Der Mann kann unbedingt dieſen Grund geltend machen, die Frau nur dann, wenn der Mann ſeine Concu⸗ bine in's eheliche Haus verbringt oder in demſelben unterhält. 2) Lebensgefährliche oder grobe Mißhandlungen, ebenſo ſchwere Beleidigungen und Verbalinjurien. 3) Die Verurtheilung eines der Ehegatten zu einer ent— ehrenden Strafe. Die Eheſcheidung ſelbſt wird auf den Grund des richterlichen Urtheils durch den competenten Civilſtandsbeamten ausgeſprochen und protokollariſch in den Civilſtandsregiſtern conſtatirt. Wird die Eheſcheidung wegen Ehebruchs des Mannes ausge— ſprochen, ſo wird derſelbe in dem nämlichen Urtheile zu einer Geld⸗ ſtrafe verurtheilt; wird die Scheidung dagegen wegen Ehebruchs der 44 Civilrecht. Frau ausgeſprochen, ſo wird dieſelbe in dem nämlichen Urtheile zu einer Gefängnißſtrafe von drei Monaten bis zwei Jahren verurtheilt. Daſſelbe findet ſtatt wenn die Trennung von Tiſch und Bett erkannt wird auf den Grund des Ehebruchs des einen oder andern Theils. Die Eheſcheidung zu Folge der Uebereinſtimmung der Ehegatten iſt nur an gewiſſe Bedingungen und prozeſſualiſche Formalitäten ge⸗ knüpft, welche den Richter überzeugen ſollen, daß die Parteien ſelbſt⸗ ſtändigen Willen und Erfahrung und Ausdauer im Entſchluſſe haben. So muß der Mann ſein 25. Jahr, die Frau ihr 21. Jahr erreicht haben; die Ehe muß wenigſtens zwei Jahre gedauert haben. Hat ſie ſchon zwanzig Jahre gedauert oder iſt die Frau 45 Jahre alt, ſo iſt die Scheidung nicht mehr zuläſſig. Viermal im Laufe eines Jahres haben die Eheleute in Gegenwart zweier Notäre in beſtimm⸗ ten Perioden die Erklärung vor dem Präſidenten des Erſtinſtanzge⸗ richtes, zu deſſen Sprengel ſie gehören, daß ſie auf dem Entſchluſſe der Scheidung beharren, abzugeben. Sind dieſe Formalien nicht unterbrochen, geſtört, ſondern regelmäßig erfüllt worden, dann ſpricht auf Antrag des Staatsanwalts, der ſo geſtellt werden muß: das Geſetz erlaubt die Eheſcheidung; oder ſo im entgegengeſetzen Falle: das Geſetz iſt entgegen der Eheſcheidung, das Gericht das Urtheil aus, und verweiſt die Parteien, wenn ſie die Eheſcheidung zuläßt, vor den Civilſtandsbeamten. Gegen jedes Urtheil in Eheſcheidungsſachen können die einſchläg⸗ lichen ordentlichen und außerordentlichen Rechtsmittel ergriffen werden. Die rechtlichen Wirkungen der Eheſcheidung gingen dahin, daß ſobald der Civilſtandsbeamte dieſelbe ausgeſprochen hatte, die gegen⸗ ſeitigen Rechte und Pflichten der Ehegatten aufhörten. Die Frau verlor alſo den Stand ihres Mannes, ſowie den Namen deſſelben, oder ſie mußte ihn mit dem Zuſatze „geſchiedene“ näher bezeichnen. Die Gemeinſchaft der Güter wurde aufgelöſt, die Pflicht gegenſeitiger Unterſtützung hörte auf. Das geſetzliche Erbfolgerecht, welches ihnen im betreffenden Falle zugeſtanden, fiel weg. Auch in Beziehung auf dritte Perſonen hörten die rechtlichen Folgen auf, welche in der vorher beſtandenen Ehe ihren Grund hatten. Die Frau bedurfte der männlichen Autoriſation nicht mehr. Die Rechte der elterlichen Gewalt ſtunden nur mehr dem unſchul⸗ Perſonenrecht. 45 digen Theile zu; die Rechte der Kinder dagegen auf Ernährung, Unter⸗ haltung, Erbrecht konnten nicht geſchmälert werden. In der Regel wurden durch die Gerichte die auf die Kinder und die geſchiedenen Eheleute ſelbſt gehenden Verpflichtungen, immer nach Maaßgabe des Standes und Vermögens firirt. Geſchiedene Ehegatten endlich konnten nicht eine zweite Ehe mit einander wieder eingehen. Das Geſetz über die Trennung von Tiſch und Bett dagegen behielt die franzöſiſche Geſetzgebung in den Ar⸗ tikeln 306, 307, 308, 309 und 311 bei. Wir haben ſchon nach⸗ gewieſen, daß dieſes kanoniſche Inſtitut durch das Zwiſchenrecht ganz beſeitigt und dann durch den code civil erſt wieder eingeführt wor⸗ den war, um die Gemüther kirchlich Geſinnter zu beruhigen. Die Grundzüge desſelben laſſen ſich dahin zuſammenfaſſen: Die Trennung von Tiſch und Bett geſtattet das Wegfallen der Verbindlichkeit zum gemeinſchaftlichen Leben, ſo wie der Gütergemein⸗ ſchaft, aber keineswegs wird durch ſie die Ehe aufgelöſt. Sie kann nur aus denſelben Urſachen verlangt werden, aus welchen man die Eheſcheidung verlangen kann, alſo: wegen Ehebruch, Miß⸗ handlungen ſchwerer Art thätlich oder wörtlich, Verurtheilung zu einer entehrenden Strafe. Eine Trennung auf den Grund gegenſeitiger Uebereinkunft iſt nicht zuläſſig. Der Richter und nicht der Civil⸗ ſtandsbeamte ſpricht die Trennung aus. An den ſonſtigen Rechten und Verbindlichkeiten der Ehegatten unter ſich, den Kindern gegenüber und gegen Dritte wird Nichts ge⸗ ändert. Die Ehegatten ſind ſich alſo eheliche Treue und Unterſtütz⸗ ung immer noch ſchuldig. Von der Verpflichtung ſich Schutz und Beiſtand zu leiſten ſind ſie jedoch entbunden, da die Frau ihr Domizil nach Gefallen wählen kann. Die Frau bedarf noch der Autoriſation ihres Mannes zu allen Rechtshandlungen. Die Trennung kann jederzeit durch die Ehe⸗ leute ſelbſt, ohne Dazwiſchenkunft des Richters, aufgehoben wer⸗ den. Dann tritt die Ehe wieder in ihre volle Wirkſamkeit ein Eine Trennungsklage kann dann nach der Vereinigung zum zweitenmal erhoben werden, aber nur auf Gründe, welche ſich erſt nach der Wiedervereinigung ergeben haben; das Zurückkommen auf die Gründe 46 Civilrecht. bei der erſten Prozedur iſt nicht zuläſſig, weil durch die Wiederver⸗ einigung die Verſöhnung conſtatirt erſcheint. VII. Titel. Von der Vaterſchaft und der Kindſchaft. Art. 312 — 342 inclus. c. c. Die Vaterſchaft iſt ein Rechtsbegriff, ihre faktiſche Grundlage kann mit Gewißheit nicht feſtgeſtellt, es kann nur bezüglich ihrer eine Wahrſcheinlichkeit angenommen werden. Von jeher haben des⸗ halb die Geſetze geſitteter Staaten dem Grundſatz gehuldigt, daß ein in rechtmäßiger Ehe erzeugtes Kind den Ehemann zum Vater zu haben rechtlich präſumirt werden müſſe. Die legitime Vaterſchaft beruht alſo auf einer Rechtspräſumtion; für Kinder welche nicht in einer Ehe erzeugt ſind, fehlt dieſe Rechtspräſumtion. Dieſe Anſicht iſt auch die des römiſchen Rechtes. Wem die Anſprüche einer legitimen Geburt nicht zur Seite ſtunden, hatte gegen ſeinen natürlichen Vater keinen Anſpruch auf Alimentation. Spurii, vulgo quaesiti, adulterini, incestuosi, das iſt natürliche Kinder von ledigen Weibsperſonen, Huren, im Ehebruch oder in der Blutſchande erzeugt, hatten kein Alimentationsrecht gegen die Er— zeuger. Nur ſpäter die liberi naturales, uneheliche Kinder aus einem Concubinat gelangten durch eine Beſtimmung Juſtinians (Novelle 89) dahin, daß ſie auf Alimentation und nach dem Ableben des natürlichen Vaters auf Fortreichung derſelben aus der Erbſchaftsmaſſe Anſpruch hatten. Das Concubinat hatte eine ſolche äußere Geltung damals erlangt, daß die Concubine der Ehe⸗ frau faſt gleich ſtund. Die italieniſchen Rechtsſchulen dehnten in ihren Theorien dieſe mildere und billigere Anſichten auf die übrigen unehelichen Kinder mit Ausnahme der adulterini und incestuosi aus, und ahs das römiſche und kanoniſche Recht ſeine Geltung in Frankreich und Deutſchland erlangt hatte, beſiegte es auch hierin den Widerſtand ie u5 Perſonenrecht. 47 des germaniſchen Elements, das ſich gegen natürliche Kinder jeder Art feindſelig gezeigt hatte. Es wurde nun der Alimentations⸗ Anſpruch in beiden Ländern gemeinrechtlich. *) Die Geſetzgebung der Revolution ſtellte in Beziehung auf un⸗ eheliche Kinder ein total anderes Syſtem auf, indem es die na⸗ türlichen Kinder den chelichen geradezu gleichſtellte und nur die Zu⸗ läſſigkeit des Beweiſes der Vaterſchaft erſchwerte; der code civil endlich ließ dieſe Anſicht des Zwiſchenrechts wieder fallen und ge⸗ ſtattete nur den legitimirten (die ohnehin den legitimen völlig gleich⸗ geſtellt ſind) und den nach geſetzlicher Vorſchrift anerkannten unehe⸗ lichen Kindern eine Klage auf Alimentation. Er verwies die nicht anerkannten lediglich an ihre Mutter, eventuell an deren Eltern und an die Gemeinde, und unterſagte durch Artikel 340 des code civil jede Vaterſchaftsklage, wenn nicht die Klage auf das Faktum einer vorhergehenden Entführung baſirt werden kann., Die fran⸗ zöſiſche Anſicht haben Belgien, Holland Geſetzbuch von 1837) und Sardinien adoptirt, ebenſo Rheinheſſen. Geſetzbuch von 1821.) Jedoch haben dieſe Staaten außer dem Falle der Entführung auch die Klage auf Grund einer Nothzucht für zuläſſig erklärt. Dem franzöſiſchen Syſtem gegenüber ſteht die Anſchauung des gemeinen deutſchen Rechts, das die Vaterſchafts⸗ und Alimentations⸗ klage zuläßt, bald mehr, bald minder bedingungsweiſe, Württemberg durch ſein Geſetz vom Jahr 1839. Preußen durch ſein Landrecht von 1794. Oeſterreich durch ſein Geſetzbuch von 1811. Bayern durch ſein Landrecht von 1756. Baden durch Modifikationen des Art. 340 c. c. aus den Jahren 1809 und 1812. England und die Schweiz ſchließen ſich theilweiſe dem Mater⸗ nitätsprinzip des franzöſiſchen Rechts an, laſſen jedoch in modifizirter Weiſe eine Vaterſchaftsklage zu, jedoch ſo, daß in erſter Reihe die Mutter als alimentationspflichtig erſcheint. *) Doch blieb im Uebrigen in Frankreich das Geſetz gegen natürliche Kinder ungerecht und grauſam, beſonders in Beziehung auf Schenkungen und Erb⸗ recht. Der Nachlaß eines natürlichen Kindes, das ohne Teſtament und eheliche Nachkommen ſtarb, verfiel kraft der droit de batardise dem Könige oder dem Seigneur ſeines Wohnorts. 48 Ciilrecht. Aus dieſer Verſchiedenheit der Syſteme der Legislatur geht deut⸗ lich hervor, wie ſchwierig die Beurtheilung und richtige Löſung dieſer Frage iſt, und welche wichtige Gründe einer ſolchen nach der einen oder der andern Seite hin unterliegen. Der franzöſiſche Geſetzgeber hat nach unſerer Anſicht die Rechte des ſchwächern Geſchlechtes und noch mehr die des ſch uldloſen Kindes ſchwer verletzt, und wir treten aus Gründen der materiellen Gerechtigkeit, der Billigkeit und der Humanität den Anſichten des gemeinen Rechts in Deutſchland bei, indem wir die Motive des franzöſiſchen Rechts *) alſo kritiſiren: Das Motiv, das Geſetz dürfe die Sünde nicht in Schutz neh⸗ men, darf nicht einſeitig nur gegen die Mutter angewendet werden, denn ja auch der Vater iſt Sünder. Er aber wird gerade durch das Geſetz gegen die Folgen ſeiner Sünde geſchützt; alſo iſt das Geſetz inconſequent, indem es unter dem Vorwande der Anforderung der Sittlichkeit eine unmoraliſche Handlung in ihren Folgen zugleich ſchützt und nicht ſchützt, je nachdem Mann oder Weib ihm gegenüber ſteht. Wer aber von beiden iſt in der Regel der größere Sünder und des Schutzes weniger würdig? Darüber appellire ich an die Erfahrung. Wem aber wird am meiſten der Schutz entzogen 2 Dem Kinde, das nicht geſündigt hat. Es handelt ſich darum, ein Kind ernähren zu helfen, nicht dem Elend preiszugeben; heißt das etwa eine Prämie auf die Sittenloſigkeit ſetzen? Steht nicht der Grund⸗ ſatz des gemeinen Rechts in vollem Einklang mit den Principien der Billigkeit und Humanität, den Urheber der phyſiſchen Exiſtenz eines Menſchen mit verantwortlich zu machen für die Erhaltung und Ernährung desſelben, ſo lange er noch hülf⸗ und ſchutzlos iſt? Das zweite Motiv, das Gerichtsforum ſolle nicht den Schau⸗ platz ſchmutziger, ſtandalöſer Geſchichten geben, iſt noch weniger ²) Frankreich hat allerdings ein wichtiges Motiv für das Verbot in ſeinen In⸗ ſtitutionen der freien Anſäſſigmachung, Ehe, Gewerbebetreibung, welche am meiſten dazu beitragen, die Zahl der unehelichen Kinder nicht hoch zu halten. Auch hat es durch Errichtung von Findelhäuſern dieſen Unglücklichen einige Hilfe gebracht. Aber wie kann man in Ländern, wo alle dieſe Dinge nicht beſtehen, von einem Verbot der Vaterſchafts⸗ und Alimentationsklage reden wollen?! ku⸗ eſer ven hte ſen llen Nes Nes neh⸗ den, uch da ung leich über nder die den ſind wa und pin ſten ung iſt? hal⸗ iger an alten. einige nicht reden Perſonenrecht. 49 ſtichhaltig. Denn an und für ſich kann dieß unmöglich ein Grund ſeyn, die Geltendmachung ſo wichtiger, die Exiſtenz eines Menſchen ſelbſt betreffender Rechte zu hindern, da ja in andern Materien die abſcheulichſten Dinge oft verhandelt werden müſſen, z. B. vor den Strafgerichtshöfen Verletzung der Schamhaftigkeit, Unzucht, Ver⸗ führung, Nothzucht, Ehebruch und auch vor den Civilgerichtshöfen die Klagen auf Ehetrennung oder Scheidung von Tiſch und Bett auf den Grund ehelicher Untreue und Ehebruchs. Das dritte Motiv, für den Geſetzgeber und Juriſten offenbar das wichtigſte iſt das, daß der Beweis für die Vaterſchaft ein voll⸗ ſtändig nicht zu führender iſt, ſondern immer nur bis zur Wahr⸗ ſcheinlichkeit ausreichen wird, nicht zur Gewißheit, und Rechtsprä⸗ ſumtionen für die uneheliche Vaterſchaft nicht aufgeſtellt werden fönnen. Ueber dieſen Satz kommt man eigentlich, wenn man ſtreng juriſtiſch erwägen will, nicht hinaus, aber Humanitäts⸗ und Billig⸗ keitsrückſichten müſſen drüber hinaushelfen und das Geſetz ſelbſt iſt ſich durch die Wucht der Gegengründe und das ſchreiende Unrecht gedrungen untreu geworden, indem es bei der Entführung eine Rechtspräſumtion zugeſteht. Warum nicht wenigſtens auch bei con⸗ ſtatirter Nothzucht? Die andern Gründe hatte der franzöſiſche Geſetzgeber beim Er⸗ laß des Geſetzes nicht für ſich, ſie ſind a posteriori; man will ſie aus der Erfahrung geſchöpft haben, nämlich zuerſt negativ: „Die Kindesmorde mehren ſich nach ſtatiſtiſcher Erhebung nicht „in den Ländern, welche unter der Herrſchaft des Art. 340 ſtehen; „ſie ſind nicht einmal außer Verhältniß zu der Zahl der Kindsmorde „in jenen Ländern, wo die Vaterſchaftsklage geſtattet iſt.“ Abge⸗ ſehen davon, daß es immer etwas Mißliches iſt um die Genauigkeit ſtatiſtiſcher Tabellen dieſer Art und zugegeben die Richtigkeit derſelben, wo haben wir denn ſichere Erhebungen über die Fälle der Kindesab⸗ treibung hier und dort? Dieſe Verbrechensart dient am meiſten zur Beſeitigung unehelicher Produkte und, wie ich aus Erfahrung ſagen kann, gehört zu denen, welche am ſchwerſten vollſtändig nachzuweiſen ſind, am wenigſten denunzirt werden und am häufigſten, in manchen Gegenden geradezu gewerbsmäßig vorkommen. II. Civitrecht. 4 50 Civilrecht. Dann aber wird poſitiv behauptet: „Die Sittlichkeit ſteht „nach den ſtatiſtiſchen Tabellen in den Ländern des Art. 340 höher „als in denen der entgegengeſetzten Praxis. Die Zahl der unehe⸗ „lichen Geburten belaͤuft ſich hier höher als dort.“ Dieſe letztere Thatſache zugegeben, aber nicht die Schlußfolgerung auf die höhere Sittlichteit Jener. Die höhere Zahl reſultirt nicht aus der Ge⸗ ſtattung der Vaterſchaftsklage ſondern ſie iſt das traurige Reſultat einer traurigen Inſtitution jener Länder, welche das natürlichſte Recht, die Ehe, einer ungeheuren Maſſe im Volk vorenthält, weil ſie nicht Vermögen und Nahrungsſtand nachweiſen kann. Aber Leidenſchaften haben dieſe Menſchen doch auch wie die Vermöglichen und ſo ergeben ſich die Folgen von ſelbſt. Iſt aber gerade die Zahl der unehelichen Kinder unbedingt und allein der richtige Meſſer für die Sittlichkeit eines Volkes? Ich möchte das ſehr bezweifeln: dieſelbe, nur be⸗ gründet auf günſtige Reſultate ſtatiſtiſcher Erhebungen unehelicher Geburten muß deßhalb nicht unbedingt eine höher ſtehende, ſie kann im Gegentheil trotz dieſer Thatſache eine tiefſtehende ſeyn. Ich will nur auf die raffinirte Liederlichteit z. B. in Paris hin⸗ deuten, deren Folgen ſich allerdings nicht ſowohl in den Geburts⸗ regiſtern als ſonſtwo und viel ſchlimmer zeigen. Es mag, das kann man nicht beſtreiten, in manchen Fällen die Vaterſchafts⸗ und Alimentationsklage zu ſchlechten Spekulationen und Betrug mißbraucht werden, aber der Mißbrauch hebt ja nie das an und für ſich Gute einer Sache auf, und wie oft iſt ſchon mit dem Edelſten Mißbrauch getrieben worden! Dagegen muß eben das Gewiſſen, der Fleiß und der Verſtand der Richter wie der Anwälte vorkehren und wachen. Wir gehen nach dieſen Erörterungen zum Tert des Geſetzes über. Der code civil ſtellt, nachdem er die Rechtspräſumtion be⸗ züglich der ehelichen Kinder an der Spitze des Titels aufgeführt, die Grundſätze auf, gemäß welcher dieſe Präſumtion von dem Ehemanne beſtritten werden kann. Er kann durch die Abläugnungsklage gegen die Anerkennung des Kindes für das ſeinige aufkommen, wenn er beweist, daß er in der ganzen Zwiſchenzeit von dem 300ſten Tag bis zum 180ſten Tag vor der Geburt dieſes Kindes wegen Eutfernung oder durch die Folgen eines unglücklichen Zufalls ſich in der phyſiſchen Unmög⸗ it ſeht höher unhe lehten höher r Ge eſuhn eRich, ie nih ſchaftn ergeben helihn tüchtet urbe heliche de, ſi e ſeh is hi ſburt⸗ g, N 6 und bruh Gu bnt eiß u chen. eſthes ion be hu di enm ennn a in en ch i lnniy Perſonenrecht. 51 lichkeit befunden hat, ſeiner Gattin ehelich beizuwohnen. Aber er iſt nicht berechtigt, das Kind zu verläugnen, unter der Angabe des natürlichen Unvermögens überhaupt, ausgenommen, wenn ihm die Geburt verläugnet worden. Ein Kind, das vor dem 180ſten Tag der Heirath geboren iſt, darf von dem Manne nicht verläugnet werden, wenn ihm die Schwangerſchaft vor der Ehe bekannt war, wenn er der Aufnahme der Geburtsurkunde beigewohnt oder ſie unterzeichnet hat, oder wenn das Kind für nicht lebensfähig erklärt wird. Die eheliche Geburt eines Kindes, das dreihundert Tage nach aufgelöster Ehe geboren worden iſt, kann beſtritten werden. Der Beweis der ehelichen Abſtammung wird durch die Geburts⸗ Urkunden und in Ermanglung derſelben durch den beſtändigen Beſitz des Standes eines ehelichen Kindes geführt. Der Beſitz des Stan⸗ des wird begründet durch eine Kette von Thatſachen, deren vornehm⸗ lichſten die ſind, daß der Vater das Kind als das ſeinige behandelt, ihm ſeinen Namen (Familiennamen) geſtattet, ſeine Erziehung, ſeinen Unterhalt, ſein Geſchäft, ſeine Niederlaſſung beſorgt, daß Geſellſchaft und Familie es dafür anerkannt hat. Der Beweis durch Zeugen fann auch für die Kindſchaft geführt werden, im Falle keine Civil⸗ ſtandsurkunden und kein beſtändiger Beſitz vorhanden, wenn nur ein Anfang von ſchriftlichem Beweis gegeben iſt. Dieſer ergibt ſich aus Papieren des Vaters oder der Mutter, Briefen, Familienurkunden, Hausregiſtern, öffentlichen und Privaturkunden, welche auf die Sache Bezug nehmen. Die Civilgerichte ſind allein befugt, über die Klagen zu erkennen, wodurch ein Stand in Anſpruch genommen wird. Die Klagen heißen Staatsklagen (questions d'état) und ſind, was das Kind ſelbſt betrifft, unverjährbar. Uneheliche Kinder können durch die nachherige Ehe ihrer Eltern legitimirt werden, wenn ſie durch dieſelben in der Heirathsurkunde oder vor der Heirath geſetzlich anerkannt werden. Sie haben dann eben die Rechte, als wären ſie aus dieſer Ehe geboren. Die Anerkennung natürlicher Kinder muß in deren Geburts⸗ urkunden, oder in einer öffentlichen Urkunde geſchehen, wie wir ſchon geſehen haben, vor einem Friedensrichter, Notär oder dem Civil⸗ ſtandsbeamten. 4 52 sivilrecht. Die Legitimation durch nachfolgende Ehe ſo wie die Aner⸗ kenuung iſt verboten in Anſehung der unglückſeligen Kinder, welche in Ehebruch oder in Blutſchande gezeugt wurden. Ein natürliches, anerkanntes Kind hat Recht auf Alimentation und eine gewiſſe Erbſchaftsquote gegen ſeinen Vater, aber die vollen Rechte eines ehelichen oder legitimirten Kindes ſind ihm nicht zuerkannt. Jede Anerkennung von Seiten des Vaters oder der Mutter, ſo wie auch jede Reclamation von Seiten des Kindes kann von jedem Intereſſenten beſtritten werden. Die Klage wegen Vaterſchaft iſt, wie wir uns zu Eingang dieſes Titels weiter verbreitet haben, unterſagt und zwar in dem be⸗ rühmt gewordenen Artikel 340, welcher der Hort und Schutz vieler ehrloſer Schufte geworden iſt, in folgenden Worten: „Es iſt verboten eine Unterſuchung darüber anzuſtellen, wer der „Vater eines Kindes ſei.“ Dieſes Verbot gehört zu denen, die d'ordre public ſind, das heißt, die Staatsbehörde darf im Intereſſe der öffentlichen Ordnung eine ſolche Verhandlung vor Gericht nicht geſtatten und die Gerichte dürfen ſich nicht mit der Sache befaſſen, ſie nicht annehmen. Hatte jedoch eine Entführung vor der Geburt ſtatt, ſo kann die Klage auf Vaterſchaft gegen den Entführer mit Erfolg angeſtellt werden, wenn der Zeitpunkt der Entführung mit jenem der Empfäng— niß übereinſtimmt. Dagegen iſt es erlaubt eine Unterſuchung darüber anzuſtellen, wer Mutter eines Kindes ſey. Die Maternitätsklage, mit anderen Worten, iſt geſtattet und muß durch den Beweis begründet werden, daß ein Kind von der Perſon, welche es als ſeine Mutter in An⸗ ſpruch nimmt, entbunden worden. Der Beweis iſt durch Urkunden zu führen, durch Zeugen nur dänn, wenn der Anfang eines ſchrift⸗ lichen Beweiſes vorliegt. . Auch die Maternitätsklage iſt den in Ehebruch und Blutſchande Erzeugten nicht geſtattet. Warum tödtet man denn nicht lieber ge⸗ radezu dieſe ſchuldloſen Produkte entſetzlicher Verhältniſſe und Ver⸗ brechen! Iſt das Billigkeit, iſt das Humanität! Iſt das der Geiſt der Chriſtenlehre, der unſere Legislatur mit den Geboten der Liebe und Verſöhnung durchwehen ſoll! Anen velhe ation volle kan. uttn, on ign m be⸗ vielet er de duun) eicht nn die ſtel pfünn ſtelln, nderen erden, n A unden ſchuft chande et g⸗ dVer Geiſ iebe Perſonenrecht. 53 vI. Titel. Von der Adoption und von den Pflegekindern. Art. 343— 370. c. c. Als am 20. Januar 1793 (einen Tag vor deröffentlichen Hin⸗ richtung des unglücklichen Ludwig XVl.) der Abgeordnete Le Pelle⸗ tier Saint⸗Fargeau durch den ehemaligen Leibgardiſten Päris, bei einem Speiſewirthe im Palais royal ermordet wurde, weil er im Convent für den Tod des König geſtimmt hatte, adoptirte der Natio⸗ nalconvent am 25. Januar darauf im Namen des Vaterlandes die verwaiſte Tochter des Le Pelletier. Und dieſer Fall war der erſte einer Adoption überhaupt in Frankreich. Unter der alten Monarchie war die Adoption daſelbſt unbekannt; man hatte dieſe Lehre des römiſchen Rechts von ſich gewieſen, weil ſie den eheloſen Stand begünſtige *) Die Nationalverſammlung aber beſchloß, daß ihr Geſetzgebungs⸗ comité in das Projekt der Civilgeſetze auch das Inſtitut der Adop⸗ tion aufnehme, und in den von Zeit zu Zeit erſcheinenden Ent⸗ würfen eines bürgerlichen Geſetzbuchs wurde die Adoption als eine zuläſſige Rechtshandlung aufgeführt. So kam dieſelbe allmählich that⸗ ſächlich in den Gebrauch, ohne daß eigentlich das verſprochene Ge⸗ ſetz erlaſſen worden war. Der code civil nahm es nach längern Debatten als Rechtsinſtitut, das in Harmonie ſtehe mit dem In⸗ tereſſe der Einzelnen, mit den Anſprüchen der Menſchlichkeit und der Billigkeit, in ſich auf, jedoch in anderer Organiſation als in der des römiſchen Rechts, deſſen Grundſatz: „adoptio imitatur naturam“ bedenklich ſchien wegen allenfallſiger Veränderungen in der Familie in Folge einer Adoption. Man näherte ſich daher, unter Benützung des römiſchen Rechts**) *) Auch im germaniſchen Rechte war die Adoption unbekannt und wurde im zwölf⸗ ten Jahrhundert erſt durch das römiſche Recht in Deutſchland eingeführt. **) Napolcon ſprach in den Staatsrathsſitzungen mit Geiſt und Kenntniſſen, wie immer, aber auch dießmal mit ganz beſonderer Wärme für die Adoption, die er auch bald für ſich ſelbſt anwandte, indem er den herrlichen Eugen und ſeine Schweſter, die ſchöne Hortenſia, Kinder erſter Ehe ſeiner Gemahlin 54 Civilrecht. über Adoption, einem uralten Gebrauche, welcher unter der alten Monarchie vielfältig vorkommt, nämlich dem der Erbeinſetzung eines liebgewordenen Menſchen unter der Bedingung Namen und Wappen des Erbeinſetzers und Erblaſſers zu führen. Die Adoption des franzöſiſchen Rechts iſt daher das Rechtsge⸗ ſchäft, durch welches zwiſchen zwei Perſonen ein Verhältniß begrün⸗ det wird, welches dem zwiſchen ehelichen Eltern und Kindern ähnlich iſt; verſchieden von der Pflegekindſchaft, welche ein blos fakti⸗ ſches Rechtsverhältniß, keine dauernde Rechte begründet und von der Einkindſchaft des deutſchen Rechts, welche darin beſteht, daß bei einer zweiten Ehe ſtipulirt wird, wie die Kinder der erſten Ehe zu denen der zweiten und dem neuen Ehegatten ihres Vaters oder ihrer Mutter in daſſelbe Verhältniß treten ſollen, als wären ſie alle aus einer und derſelben, der zweiten Ehe herkömmlich. Das Recht zu adoptiren oder adoptirt zu werden haben Männer ſowohl als Frauen, Verheirathete wie Unverheirathete, jedoch unter folgenden Bedingungen: 1) Der Adoptant muß wenigſtens über 50 Jahre alt, und wenigſtens 15 Jahre älter ſehn als der zu Adoptirende; auch darf er zur Zeit der Adoption keine ehelichen oder legitimirten Nach⸗ kommen haben. 2 Ein Ehegatte kann ohne die Einwilligung des andern nicht adoptiren. 3) Die, welche keine Ehe abſchließen fönnen, z. B. Interdicirte, bürgerliche Todte, Prieſter, ſind auch nicht fähig zu adoptiren. 4) Nur Volljährige können adoptirt werden, alſo erſt nach zu⸗ rückgelegtem 21. Jahre. 5) Wenn einer adoptirt werden will, der noch nicht 25 Jahre alt iſt und noch ſeine Eltern hat, ſo iſt die Einwilligung derſelben nothwendig oder desjenigen von ihnen, das noch lebt. 6) Iſt er 25 Jahre und darüber alt, ſo hat er nur nöthig, die Eltern um ihren Rath ehrerbietig zu erſuchen. Joſephine Taſcher de la Pagerie an Kindesſtatt annahm. 1806 adop⸗ tirte er auch die Nichte der Kaiſerin Joſephine, Stephanie Luiſe Adri⸗ enne, nachherige Großherzogin von Baden. alten eins zape htne erin ihnit ſl d n ſ, dß n Ghe s oder ſie ale Ninne nte „n h duf Nui⸗ nniht dicitt, ch j Jhn erſchn ig⸗ di 6 adoh⸗ Adri⸗ Perſonenrecht. 55 Man kann mehrere Perſonen adoptiren, aber immer muß man den, welchen man adoptiren will, während ſeiner Minderjährig⸗ teit wenigſtens 6 Jahre lang, unterſtützt haben. Mau kann nicht von mehreren Perſonen adoptirt werden, ausgenommen von einem Ehepaar. Die Adoptionsurkunde wird vor dem Friedensrichter des Wohnorts des Adoptanten aufgenommen und in Abſchrift dem Staatsprokurator des kompetenten Civiltribunals zugeſchickt, welcher es dem Gerichte zur Beſtätigung vorlegt. Die Verhandlung der Sache geſchieht in der Rathskammer, nicht in öffentlicher Sitzung. Der Ausſpruch des Gerichts heißt: die Adoption hat ſtatt, oder: die Adoption hat nicht ſtatt. Entſcheidungsgründe wer⸗ den keine angegeben. Dieſes Urtheil iſt im Laufe eines Monats, es mag bejahend oder verneinend ſeyn, an den Appellhof zu ſenden, welcher es ebenfalls in der Rathskammer prüft und das erſte Ur⸗ theil beſtätigt oder nicht beſtätigt. Wird die Adoption in zweiter Inſtanz beſtätigt oder jetzt erſt zugelaſſen, ſo wird das Urtheil in öffentlicher Sitzung geſprochen und Abſchriften an den Orten, welche das Gericht hiefür beſtimmt, angeheftet. In den nächſten 3 Mo⸗ naten darauf, bei Strafe der Nullität des ganzen bisherigen Ver⸗ fahrens, wird die Adoption dem Civilſtandsbeamten zur Eintragung in die Civilſtandsregiſter unter Vorlegung des Urtheils des Appell⸗ gerichtshofs übergeben und erſt mit dieſer Eintragung iſt die Adop⸗ tion vollends rechtsgültig und zu Rechte beſtehend. Die rechtlichen Folgen der Adoption gehen dahin, daß: 1) Der Adoptirte ſeinem Geſchlechtsnamen den des Adoptanten beifügt. 2) Daß der Adoptirte und der Adoptant fortan in der gegen⸗ ſeitigen Verpflichtung der Unterſtützung, des Unterhalts ſtehen. 3) Daß der Adoptirte auf den Nachlaß des Adoptanten die⸗ ſelben Rechte hat, wie ein legitimes Kind; ſelbſt dann, wenn dem Adoptanten nach der Adoption ſolche noch geboren wurden. Auf den Nachlaß der Verwandten des Adoptanten dagegen hat der Adop⸗ tirte keinerlei Rechte. 4) Daß der Adoptirte zwar in der Familie verbleibt, welcher er durch die Geburt angehört und auch alle ſeine Rechte darin be⸗ hält, daß aber deſſen ungeachtet die Ehe verboten iſt zwiſchen dem —— 56 Givilrecht. Adoptanten und Adoptirten, ſowie deſſen Kindern, zwiſchen den Adoptivkindern einer und derſelben Perſon u. ſ. w. Siehe im Ehe⸗ recht, trennende Hinderniſſe. Wenn der Adoptirte ohne cheliche Abkömmlinge ſtirbt, ſo fällt Alles, was er von dem Adoptanten geſchenkt oder aus deſſen Nach⸗ laß erhalten hatte, und beim Abſterben noch in natura vorhanden iſt, auf den Adoptanten und ſeine Abkömmlinge zurück, unbeſchadet der Rechte Dritter und mit der Verbindlichkeit der Beitragung zur Schuldentilgung. Das Geſetz hat außer dieſer gemeinrechtlichen Adoption noch eine beſondere privilegirte geſtattet. Wenn eine Perſon einer andern das Leben im Gefecht, aus den Flammen oder den Fluthen gerettet, ſo darf der Gerettete ſeinen Retter adoptiren, wenn erſterer volljährig, älter als der zu Adoptirende iſt, und keine ehelichen Kinder oder Enkel hat. Iſt er verheirathet, ſo muß auch ſeiner Ehegattin Einwilligung dabei ſeyn. Die freiwillige Pflege eines minderjährigen Kindes beſteht in einer Vormundſchaft über dasſelbe, verbunden mit der Verbindlichkeit, das Kind zu ernähren, zu erziehen und in den Stand zu ſetzen ſeinen Lebensunterhalt einſt ſelbſt zu verdienen. Auch dieſes Inſtitut war dem franzöſiſchen Rechte früher ganz fremd und wurde erſt infolge der Conſtituirung der Adoption in die Ge— ſetzgebung eingeführt. Man wollte dadurch die Adoption erleichtern und auch für Minderjährige ſorgen, da die Adoption nur an Voll— jährigen ja geſchehen kann. Der Pfleger, deſſen Geſchlecht gleich— gültig iſt, muß über 50 Jahre alt ſeyn und keine ehelichen Nach⸗ kommen am Leben haben; auch muß er berechtigt ſeyn, eine Vor⸗ mundſchaft überhaupt zu führen. Iſt er verheirathet, ſo iſt die Ein— willigung des andern Ehegatten erforderlich. Zu Pflegekindern können nur Kinder angenommen werden, welche noch nicht 15 Jahre zurückgelegt haben. Ein und dasſelbe Kind kann nicht von Mehreren angenommen werden, ausgenommen von einem Ehepaare. Die Einwilligung der Eltern des Kindes iſt erforderlich, oder desjenigen von ihnen, das noch lebt; des Familien⸗ raths, nach dem Tode beider Eltern, und, wenn das Kind in einem = 1 1 Perſonenrecht. 57 Waiſenhauſe oder einer ſonſtigen Anſtalt der Art ſich befindet, der G. Vorſteher desſelben oder der Munizipalität des Orts. Die Annahme eines Pflegekindes geſchieht vor dem Friedens⸗ filt richter des Wohnſitzes des Kindes. Die Rechte und Verbindlich⸗ Nac⸗ keiten des Vormunds ſind außer Ernährungs⸗ und Erziehungspflicht anden die Attribute des Pflegevaters. Zu ſeinen eigentlichen Eltern bleibt chedet das Kind in demſelben Verhältniß wie früher. Erbrechte erwachſen gin dem Kinde keine aus der Pflegſchaft. In der Regel erfolgt nach erlangter Volljährigkeit des Kindes durch deſſen Pflegevater die Adoption und iſt als Vorbereitung zu derſelben zu betrachten Stirbt h der Pflegevater vor der Volljährigkeit des Kindes, ohne für dasſelbe geſorgt zu haben, ſo wird demſelben bis dahin eine Unterſtützung aus dem Nachlaß des Pflegevaters gereicht. Das etwaige Vermögen 69 des Kindes hat derſelbe wie jeder Vormund zu verwalten und Rech⸗ t nung darüber abzulegen. Die Ernährungs⸗ und Erziehungskoſten ue aber darf er nicht aus dem Vermögen des Kindes beſtreiten; er muß ſie ſelbſt leiſten. Der code civil bezeichnet dieſe Vormund⸗ ndes ſchaft mit Pflegſchaftsverbindlichkeit mit dem Namen: tutelle off- it de cieuse, willfährige, oder dienſtfertige Vormundſchaft, auch Vormund⸗ n den ſchaft von Amtswegen, welche Bezeichnung indeſſen nicht ganz dem ienn. Begriffe des Inſtituts, das durch das deutſche Pflegekindſchaft beſſer fum bezeichnet iſt, entſprechen. e Ge⸗ ichten S Vol⸗ gleih Von der väterlichen Gewalt. Artikel 371 — 387 c. C. erden, S . sſile Die elterliche Gewalt nennt der code civil, gleich dem rö⸗ nnn miſchen Rechte, väterliche Gewalt, weil während des Beſtehens iſ der Ehe, der Vater in der Regel dieſe Gewalt kraft der Verfügung niln des Artikels 373 ausübt. Im Uebrigen ſteht ſie der Mutter gleicher⸗ iun maßen zu. Das Weſen derſelben werden wir betrachten, nachdem 58 Civilrecht. wir noch vorher einen kurzen Blick auf die Geſchichte des Inſtitutes und auf den Standpunkt geworfen haben werden, von welchem aus der franzöſiſche Geſetzgeber des code civil bei Organiſation desſelben ausging. Vor der Revolution herrſchte in den Ländern des ge⸗ ſchriebenen Rechts die römiſche Geſetzgebung in dieſer Materie mit einigen Einſchränkungen und Modifikationen. Die väterliche Gewalt ſtand da dem Vater allein zu und baſirte auf dem allerdings gemil⸗ derten Juſtinianeiſchen Recht, deſſen urſprüngliche Grundlage, das Eigenthumsrecht des Vaters an ſeinen Kindern, immer noch durch⸗ ſchimmert. In den Ländern des Gewohnheitsrechtes dagegen machten ſich die Anſichten des altgermaniſchen Rechtes, dem hie und da ein Zuſatz aus dem römiſchen ward, geltend, welches (das germaniſche Recht) auf eine gerechte Weiſe, die Rechte der Eltern und die An⸗ ſprüche der Kinder würdigend, den Umfang der elterlichen Gewalt in gebührender und edler Art feſtſetzte, auch die elterliche Gewalt den beiden Ehegatten übertrug, weil die deutſche Frau die gleichge⸗ ſtellte Genoſſin des Mannes war, die römiſche mehr eine untergeordnetere Bedeutung hatte. Den republikaniſchen Anſchauungen der revolu⸗ tionären Legislatoren mißfiel natürlich die römiſche Rechtsanſicht voll⸗ ſtändig, genügte aber auch nicht die richtige germaniſche des Gewohn⸗ heitsrechtes. Er warf ſie beide hinter ſich und ſchuf ein neues In⸗ ſtitut, das der damals geltenden Idee entſprach. Mit der Erlangung der Volljährigkeit, dem erreichten 21ten Jahre war der junge citoyen fertig und die Gewalt der Eltern hörte vollſtändig auf, denn er war ja republikaniſcher Staatsbürger. Während ſeiner Minderjährigkeit aber war ſie auf ein Minimum beſchränkt. Der code civil machte dem Zwiſchenrechte einige Conceſſionen, indem er den Eltern das Enterbungsrecht verſagte, den Pflichttheil hoch anſetzte und die Dauer der elterlichen Nutznießung nur bis zum achtzehnten Jahre des Kin⸗ des erſtreckt hat. Grundſätze, die übrigens nicht ohne Berechtigung und durchſchnittlich mehr zu billigen als zu tadeln ſind. Im Uebrigen kehrte der code civil zum Gewohnheitsrechte zu— rück und ſchöpfte nur in wenigen Punkten aus dem römiſchen Rechte, wie z. B. das Einſperrungsrecht, das den Eltern zugeſtanden iſt, als ein Ausfluß der römiſchen Theorien über die väterliche Gewalt angeſehen werden muß. Von kompetenter Seite wird vielfach dieſer tutes aus elben ge e nit ewalt Renit das durch⸗ chten a ein niſhe A⸗ ewalt ewalt ichge neten voh⸗ voll⸗ wohr⸗ J⸗ gung toyen r war tigtit nachte das Dauer Kin igun e w echt, n iſt, jewalt dieſer * Perſonenrecht. 59 Lehre des bürgerlichen Rechts der Vorwurf gemacht, als ob der Ge⸗ ſetzgeber nicht genugſam die hohe moraliſche Bedeutung derſelben be⸗ rückſichtigt habe. Die väterliche Gewalt des c. c. beſteht hauptſächlich in dem Recht und der Pflicht die Kinder zu erziehen, ſie zu leiten und zu überwachen, Unterricht und Beruf derſelben zu beſtimmen, vorausge⸗ ſetzt im Einklang mit den guten Sitten und der öffentlichen Ord⸗ nung, ſie zu warnen und zu beſtrafen; letzteres natürlich mit Maaß und Ziel und nicht ſo, daß es einer ſtrafrechtlichen Verfolgung we⸗ gen Mißhandlung, Körperverletzung oder gar Tödtung Raum geben darf. Die Kinder dürfen nicht ohne Zuſtimmung des Vaters — wo dieſer fehlt, der Mutter — das elterliche Haus verlaſſen, es ſey dann, nachdem der Sohn das achtzehnte Jahr zurückgelegt hat, um in die franzöſiſche Armee oder Marine einzutreten. Die Jurisprudenz geſtattet dem Kinde auch im Falle thätlicher Mißhandlung, welche das elterliche Züchtigungsrecht überſchreitet, das Elternhaus zu verlaſſen, womit denn auch Vernunft und Humani⸗ tät übereinſtimmen. Der Strenge der römiſchen Geſetzggebung von der väterlichen Gewalt ſich anſchließend hat der code civil den Eltern das Recht zugeſprochen, im Falle genügender Unzufriedenheit mit demſelben es ein ſperren zu laſſen und hat hiefür folgende Bedingungen feſt⸗ geſetzt: Wenn das Kind noch nicht 16 Jahre alt iſt, ſo kann der Prä⸗ ſident des Erſtinſtanzgerichts des Wohnorts des Vaters auf deſſen Anſuchen dasſelbe einſperren laſſen *), aber höchſtens auf einen Monat. Wenn es 16 Jahre zurückgelegt hat, aber noch minderjährig und nicht emanzipirt iſt, ſo kann der Vater nur mit Angabe der Gründe ſeines Geſuchs (was er im obigen Falle nicht zu thun hat) den Präſidenten um Einſperrung ſeines Kindes angehen. Der Präſident hat das Geſuch dem Staatsprokurator mitzutheilen, und *) Nach einem Dekret vom 30. September 1807 ſollen die Mädchen in die Re⸗ fugien (Zufluchtsörter, klöſterliche Inſtitute) der Damen zum heil. Michael geſchickt werden, welchen jedoch zur Pflicht gemacht iſt, die Mädchen nicht ohne ſchriftlichen Befehl des Präſidenten des Gerichts aufzunehmen. 60 Civilrecht. in Benehmen mit dieſem das Geſuch zu beſtätigen oder zu ver⸗ weigern. Die Einſperrung kann höchſtens auf ſechs Monate feſtgeſtellt werden. Der Befehl des Präſidenten muß ſchriftlich abgefaßt ſeyn, je⸗ doch ohne Angabe von Beweggründen. Der Vater muß ein ſchrift⸗ liches Verſprechen geben, daß er die Koſten bezahlen und das Kind in zuſtändiger Weiſe ernähren will. Andere Schriften oder pro⸗ zeſſualiſche Akte kommen in dieſem Verfahren nicht vor. Erſchwerter, wie billig, iſt jedoch das Verfahren, wenn der Vater zu einer neuen Ehe geſchritten iſt. Dann kann er, ſelbſt wenn das Kind noch nicht 16 Jahre alt iſt, nur unter Angabe der Gründe die Einſperrung desſelben nachſuchen. Die Mutter kann das Kind nur einſperren laſſen, wenn ſie nicht in einer zweiten Ehe nach dem Tode ihres Mannes ſteht. Zwei Verwandte des Kindes, die nächſten ſeines Vaters müſſen das mit Gründen belegte Geſuch der Mutter unterſtützen. In derſelben Weiſe hat der Vater zu han⸗ deln, wenn das Kind eigenes Vermögen hat oder ein Gewerbe für ſich treibt. Das eingeſperrte Kind kann ſich an den Generalprokurator des Appellhofes, zu dem es gehört, mit einer Beſchwerdeſchrift wenden. Der Generalprokurator läßt ſich ſofort von dem Staatsprokurator des betreffenden Erſtinſtanzgerichtes berichten und erſtattet dann dem Präſidenten des Appellhofs Bericht über die Sache. Der Präſident inſtruirt ſich hinreichend in der Sache, vernimmt den Vater des Kindes und kann dann den Befehl ſeines Collegen von der erſten Inſtanz beſtätigen, wiederrufen oder modifiziren. Auch der Vormund kann auf die Einſperrung ſeines Mündels antragen. Eltern und Vormünder können übrigens aus freiem Willen die Einſperrungszeit beliebig abkürzen und das Kind ohne weitere Formalität und richterlichen Befehl wieder zurücknehmen. Setzt das Kind ſeine ſchlechte Aufführung fort, ſo kann auch die Einſperrung öfter angeordnet werden. Das Kind, zu welchem Alter es auch gelangt ſeyn mag, iſt ſeinen Eltern Ehre und Achtung ſchuldig. Es kann ſich daher ohne Einwilligung derſelben gar nicht verheirathen, oder muß bei einem beſtimmten Alter ein⸗ oder mehrmal durch Zuſtellung von Reſpekts⸗ ver nate , je chrif⸗ Kind pr⸗ n der ſelbſ e det fan n Che indes, Heſuch ha be fir t des enden. urator den iſden t de erſtn indes fnien ohne hnen. c die iſt ohne einen pelts⸗ Perſonenrecht. 61 Akten um ihre Einwilligung nachſuchen. (Siehe das Kapitel: Von der Ehe). Daß übrigens die Unterhaltungs⸗ und Ernährungs⸗ pflichten betreffenden Falls auch den Kindern ihren Eltern gegenüber aufliegen, haben wir ſchon früher geſehen. In Beziehung auf die Vermögensverhältniſſe der Kin⸗ der hat das Geſetz folgende Beſtimmungen getroffen: 1) Den Kindern ſteht ein Recht am Nachlaſſe der Eltern und dieſen an dem der Kinder zu. 2) Die Eltern nehmen die Schenkungen an, die ihren minder⸗ jährigen Kindern gemacht werden, und zwar für dieſelben. 3) Sie genießen eine Nutznießung an dem Vermögen der Kinder. Die Satzungen des römiſchen Rechts über die Peculien, welche ſich der Sohn erwirbt, ſind nicht in das franzöſiſche Recht aufgenommen worden; die Kinder können ſich Vermögen erwerben und beſitzen, ſelbſt wenn ſie noch unter der väterlichen Gewalt ſtehen. Die Nutznießung ſteht den Eltern an dem Geſammtvermögen des Kindes zu, außer an dem, was ihm geſchenkt wurde, unter der Be⸗ dingung, daß dieſe Nutznießung ausgeſchloſſen ſey; ſo wie an jenem Vermögen, welches das Kind durch ein Geſchäft oder ein Gewerbe, ſich erwirbt. Jedoch nur dann, wenn dieſes Geſchäft oder Gewerbe nicht im Namen des Vaters, ſondern von dem Kinde für ſich aus⸗ geübt wird. Die Nutzuießung iſt überdieß auf den Eintritt in das achtzehnte Jahr beſchränkt; von dieſem Zeitpunkt an hört ſie auf und dem Kinde müſſen die Renten ſeines Vermögens verrechnet werden. Sie gilt als Aequivalent der elterlichen Laſten und Erziehungskoſten. Uebri⸗ gens ſind die Eltern nicht verpflichtet, ihre Kinder auszuſtatten zur ſelbſtſtändigen Niederlaſſung, zur Verheirathung, zur Einrichtung eines Geſchäfts oder Gewerbes. Die elterliche Gewalt erliſcht mit dem Tode der Eltern oder der Kinder, ebenſo mit dem bürgerlichen Tode der einen oder der andern. Ferner durch die Volljährigkeit des Kindes oder durch ſeine Eman⸗ zipation (Entlaſſung aus der väterlichen Gewalt oder der Vormund— ſchaft). Proviſoriſch können die Eltern, oder das Eine von ihnen, wegen Gemüthskrankheit von der Ausübung der elterlichen Gewalt ausgeſchloſſen werden. Auch zur Strafe kann ihnen dieſelbe abge⸗ 62 Civilrecht. nommen werden, z. B. im Falle der Artikel 334 und 335 des code pénal, wenn die Eltern ihre Kinder zu unzüchtiger Lebensart an⸗ reizen, oder deren Verführung begünſtigen; ſchreitet eine Frau zur zweiten Ehe, ſo verliert ſie das Recht der Nutznießung. Den Eltern natürlicher, anerkannter Kinder ſtehen in Bezug auf elterliche Gewalt und Rechte dieſelben Befugniſſe zu, wie ſie das Geſetz den legitimen Eltern zuerkannt hat. X. Titel. Von der Minderjährigkeit, der Vormundſchaft und der Emanzipation. Art. 388— 487 c. C. Eine der wichtigſten Aufgaben der bürgerlichen Geſetzgebung iſt wohl jener Theil derſelben, welcher ſich mit der Fürſorge für die Perſonen beſchäftigt, deren zartes Alter und die damit verbundene Unerfahrenheit, oder deren getrübter Seelenzuſtand und unglückliche geiſtige Entwicklung eine ſelbſtſtändige Leitung und Führung der Ge⸗ ſchäfte des bürgerlichen Lebens nicht räthlich oder geradezu unmöglich machen. Die Mittel, welche man zur Erreichung dieſes Zweckes wählen wird, werden ſelbſtverſtändlich nach dem Grade der bürger⸗ lichen und politiſchen Entwicklung eines Volkes ſehr verſchiedener Natur ſeyn, wie denn überhaupt eine jede Geſetzgebung die Con⸗ ſeguenz der Geſchichte der Nation iſt. So erſcheint ein Ueberwachen des Vormundſchaftsweſens von Seiten der Staatsgewalt abſolut noth⸗ wendig, aber wie mehr oder minder läſtig und beengend nun jene Gewalt in das bürgerliche und Familiengebiet hineinrage, das wird allein von dem mehr oder minder politiſch gebildeten Charakter eines Volkes abhängen. Frankreichs neues Staatsrecht mußte zu dem ebenfalls neu zu ſchaffenden Civilrechte in nothwendige Wechſelwirkung treten, denn auf beide übten dieſelben nunmehr zur Geltung gekommenen philo⸗ ſophiſchen und ſtaatsrechtlichen Ideen gleich gewaltigen Einfluß; die eode ut an au zu ug auf ſie Ns ipatin. bung it für die bundne glütlie det Ge mizit Zwein bürge chicenn ie Go ewahn ut mih un jen as wi ter eins mu n, denn n pib lußj . Perſonenrecht. 63 Emanzipation auf politiſchem Gebiete, bedingte einen freiern, er⸗ weiterten Horizont des bürgerlichen und Familienlebens. Beſonders glücklich iſt dem Geſetzgeber die Feſtſtellung der Ver⸗ hältniſſe gelungen, welche den Gegenſtand dieſer Betrachtungen bilden ſollen: das Geſetz über das Vormundſchaftsweſen. Mit Geſchick wurde die Klippe zwiſchen bureaukratiſcher Bevormundung und ſchranken⸗ loſer Unabhängigkeit des bürgerlichen Vormunds umſchifft und ein Syſtem geſchaffen, welches in voller Achtung individueller und bür⸗ gerlicher Freiheit dem Schutzbedürftigen einen eben ſo wirkſamen Schutz des Staates zuſichert. Man ſchritt an dem allzu unbeſchränkten Vormund des römiſchen Rechts vorüber zu dem Familienrathe des Gewohnheitsrechts (der contume) und ſchuf aus dieſem eine berathende, beaufſichtigende Be⸗ hörde des Vormunds, über welche Alle man als oberſte überwachende und leitende Behörde die Staatsgewalt ſtellte, ſo daß ſich dieſes Syſtem ſo detaillirt: dem Vormunde allein zur Vollziehung ſind die Akte der reinen Verwaltung anheim gegeben, doch ſo, daß ein Bei⸗ oder Gegenvormund Recht und Pflicht der Ueberwachung deſſelben zum Schutze des Mündels gegen Gefährde hat. Gleiches Recht und gleiche Pflicht ſind aber ferner der ganzen Familie des Pupillen (ein deutlicher Beweis, daß das Inſtitut des Familienraths im germani⸗ ſchen Volksleben ſich begründet) aufgegeben, welche bei Uebung der⸗ ſelben in ein Collegium zuſammentritt, componirt zur Hälfte aus den Verwandten der väterlichen, zur Hälfte aus denen der mütterlichen Linie des Unmündigen unter dem Vorſitze des Friedensrichters des Cantons der Fflegſchaft, welchem bei den Entſchließungen eine ent⸗ ſcheidende Stimme zuſteht. Immer jedoch bleibt dieſes Collegium nur eine berathende Behörde und iſt weder mit richterlichen noch admini⸗ ſtrativen Funktionen betraut. Handelt es ſich dagegen um die Vornahme von Akten, welche eine Vermögensveränderung erzielen ſollen durch Verkauf, Ceſſion, Tauſch, Aufnahme von Darleihen mittelſt Hypothekenbeſtellung, Con⸗ ſtitnirung von Servitüten perſönlicher oder dinglicher Natur, oder eine Veränderung in der Perſon des Vormundes ſelbſt durch deſſen Abſetzung und Entfernung von ſeinem Amte, ſo unterliegen alle die⸗ ſelben außer der vorgängigen Deliberation des Familienrathes noch 6 5 —— 7 „ 64 Civilrecht. der nachträglichen Beſtätigung und Prüfung des Bezirksgerichtes; und dem Staatsanwalte iſt hiebei eine bedeutende Mitwirkung zu— geſtanden, welche er durch Anträge ſowohl als ſelbſt durch Ergreif⸗ ung von Recursmitteln gegen die Urtheile und Verfügungen des Gerichtshofs ausübt und geltend macht. Zuerſt alſo wird die Familie gehört. Von wem als ihr läßt ſich ein regeres Intereſſe für den Unmündigen vorausſetzen, eine genauere und beſſere Kenntniß lokaler Verhältniſſe, welche beide Fak⸗ toren offenbar die ſicherſte Grundlage bilden zu zweckmäßigen Be⸗ ſchlüſſen in Leitung pupillariſcher Angelegenheiten? Zu mehrerer Sicherheit ſitzt dieſer Familienverſammlung ein rechtsgelehrter Richter vor, deſſen beſchränkter Gerichtsſprengel eine gewiſſe Kenntniß ört⸗ licher Verhältniſſe erwarten läßt, deſſen enger gezogene Jurisdiction ihm Muße gönnt, ſich näher und angelegentlicher mit dieſen Pflichten zu befaſſen. Man denke ſich dagegen den Pupillarrichter des deut⸗ ſchen Rechts, der durch den Zuſammenfluß der Materie erdrückt, ſich unmöglich mit den Verhältniſſen ſo in's Detaillirte und Speciellere bekannt machen kann, und es wird kein Zweifel ſeyn, zu weſſen Gunſten ſich die Wagſchaale neigen wird. Aber Irrthum, Verkehrtheit und Böswilligkeit können mög⸗ licherweiſe den Familienrath leiten; darum unterliegen ſeine Aus⸗ ſprüche in allen wichtigern Angelegenheiten der Prüfung eines Ge⸗ richtshofes, darum tritt eine Mitwirkung der Staatsgewalt ein. So ſichert dieſes Syſtem gewiß nach allen Richtungen hin das Wohl des Unmündigen; ſo wird der Familie das ihr natürliche und heilige Recht erhalten, ein gewichtiges Wort mitzureden bei den Verfügungen über das Schickſal der Ihrigen, ſo wird das Rechtder Ueberwachung und höhern Sorge, welches der Staat in Anſpruch nehmen muß, gewahrt, und ſo erfreut ſich endlich zugleich das Volk eines freien, zweckmäßigen Inſtituts, und der Druck des Bureau⸗ kratismus laſtet nicht auf ihm und macht ihm ſelbſt das Zuträgliche verhaßt. Zugleich empfiehlt ſich dasſelbe durch eine einfache, erpeditive und mit wenigen Koſten verbundene Procedur. Die Praris hat das Syſtem bewährt; man ſchaue ſich um in den Ländern ſeiner Herrſchaft und man wird die erfreulichſten Re— ihts; 9 treif n des lißt eine ßi en Be ehrere Rih iß ött⸗ dirion ſiihtn s deut⸗ c ſih ieller weſſn ni eAut⸗ es Ge⸗ in. hin du che ud Mi den echtde nſpnc 6 Vol Burea⸗ riglihe peile un in en Re Perſonenrecht. 65 ſultate finden. Verwahrloſung der Unmündigen, Zerrüttung ihrer Vermögensverhältniſſe in Folge ſchlechter und liederlicher Verwaltung des Vormunds verſchwindet immer mehr, und in den Annalen der Rechtspflege gehören die Prozeſſe gegen ſolche Vormünder zu den ſeltenſten Erſcheinungen. In dieſem Titel haben wir es zunächſt mit der Vormundſchaft über minderjährige Perſonen zu thun, während im nächſten das Verhältniß derer beſprochen werden wird, die trotz der Reife des Alters durch unglückliche Krankheiten oder Anlagen als nicht ſelbſt⸗ ſtändig und rechtsfähig betrachtet werden können, und deßhalb unter einer Bevormundung verharren müſſen, ihres eigenen Intereſſes halber. Minderjährig iſt ohne Unterſchied des Geſchlechts Jeder, der das Alter von einundzwanzig Jahren noch nicht zurückgelegt hat. Volljährig iſt demnach gleichfalls ohne Unterſchied des Ge⸗ ſchlechts Jeder, der dieſes Alter zurückgelegt hat. Alle minderjährigen Perſonen, wenn ſie nicht emancipirt ſind, ſtehen unter Vormundſchaft. Leben ihre Eltern noch, ſo vertritt die elterliche Gewalt die Vormundſchaft. Einem jeden Vormunde iſt zum weitern Schutze des Minderjährigen und zur Controle ein Bei⸗ vormund, tuteur subrogé, an die Seite gegeben. Der Vor⸗ mund hat in allen Angelegenheiten, welche die Perſönlichkeit und das Vermögen des Pupillen betreffen, denſelben zu vertreten. Vor⸗ münder, welche nur zu einzelnen Rechtshandlungen erwählt werden, nennt man tutor ad hoc. Auch protuteurs, jedoch nicht im Sinne der römiſchen protutores, kennt das franzöſiſche Recht. Es ſind Verwaltungsvormünder des Vermögens Minderjähriger auf den Kolonien, wenn dieſe in Frankreich wohnen, oder auch um⸗ gekehrt des Vermögens Minderjähriger in Frankreich, wenn ſie auf den Kolonien wphnen. Letztere Vormünder, die Protuteurs, ſind nach den Grundſätzen zu beurtheilen, welche das Geſetz über die Vormundſchaft überhaupt aufſtellt, während erſtere nur die Ver⸗ pflichtungen eines Verwaltungsvormunds in ſpeziellen Dingen für ſich haben. Die Vormundſchaft iſt von dem Geſetze als ein öffentlicher, unbeſoldeter Dienſt (munus publicum) im Intereſſe des Minder⸗ IM. Civilrecht. 5 N 0 2 — „ ½ — 66 Civilrecht. jährigen angeſehen und von dieſem Prinzip ausgehend ſind auch alle Handlungen des Vormunds zu kritiſiren. Die Vormundſchaft wird übertragen: 1) entweder durch das Geſetz, oder 2) durch die Verfügung der Eltern; oder 3) durch die Wahl des Familienraths. Die geſetzliche Vormundſchaft ſteht den Eltern und ſub⸗ ſidiariſch den Großeltern zu. Die der Eltern geht allen andern vor, die der Großeltern nur jener, welche durch den Familienrath conſtituirt wird. . Wenn die Ehe durch den phyſiſchen oder bürgerlichen Tod eines Ehegatten aufgelöst wird, ſo iſt der überlebende Theil, Vater oder Mutter, von Rechtswegen Vormund der Kinder. Wenn beide Eltern verſtorben ſind, ohne einen Vormund ernannt zu haben, ſo iſt von Rechtswegen der Großvater der väterlichen Linie, und wenn dieſer todt iſt, der Großvater der mütterlichen Linie des Minderjährigen, Vormund desſelben. Die Großmütter haben dagegen dieſes Recht auf die Vormundſchaft ihrer Enkel nicht. Auch dem Vater oder der Mutter, ſo wie den Großvätern, in ihrer Eigenſchaft als Vormünder, ſteht ein Gegenvormund nebſt Familienrath leitend und controlirend zur Seite. Den Eltern hat das Geſetz das Recht gegeben, einen Vormund durch ihre Wahl für ihre minderjährigen Kinder im Falle des Abſterbens zu ernennen. Dieſe Wahl kann mittelſt Teſtamentes, oder in einer Urkunde, vor einem Friedensrichter oder Notär aufge⸗ nommen geſchehen. Endlich geſchieht die Wahl des Vormundes durch den Familienrath, welcher auch den Beivormund wählt. Zur Uebernahme einer Vormundſchaft iſt in der Regel ein Jeder berechtigt und verpflichtet, doch liegt es in der Natur der Ver⸗ hältniſſe, daß in gewiſſen Fällen dieſes Recht nicht geſtattet ſeyn kann, dieſe Pflicht nicht übernommen werden muß. Nichtberechtigt oder unfähig zur Uebernahme einer Vor⸗ mundſchaft ſind: 1) Minderjährige, die Eltern ausgenommen; 2) Interdizirte, unter Beiſtand und Curatel geſetzte Perſonen; 3) Frauen⸗ zimmer außer der Mutter und den Großmüttern; 4) die Perſonen, welche einen Rechtsſtreit mit dem Minderjährigen haben, der deſſen Stand oder größern Vermögenstheil betrifft; auch in dem Falle, ch al h ds duch dſit⸗ andem iennt deins er oder Clen iſt n dieſe ihrigg, Net oder du nünder, toliun ormund alle do mentei, auſe mundes wihlt gel ei der V et ſih er Vor en Fraut⸗ erſon r deſſen ßull Perſonenrecht. 67 wenn nicht ſie ſelbſt, ſondern ihre Eltern, Ehefrauen oder Kinder einen ſolchen Prozeß führen; 5) die, welche zu einer Leibes⸗ oder entehrenden Strafe verurtheilt worden ſind, ausgenommen über ihre eigenen Kinder auf das Gutachten des Familienraths, Artikel 28 des code pénal; 6) Leute von notoriſch ſchlechtem Betragen; das⸗ ſelbe muß aber ſo offenkundig ſeyn, daß der Familienrath keine Unterſuchung darüber anzuſtellen hat; 7) die, welche ein Zucht⸗ polizeigericht des Rechts, Vormund⸗ und Pflegſchaften zu verwalten, verluſtig erklärt hat, z. B. wegen Verletzung der Sitten, Anreizung und Verführung zur Unzüchtigkeit, Verläumdung, Diebſtahl, Prellerei, Gannerſtreiche ꝛc. In den erſten fünf Fällen tritt die Unfähigkeit kraft Geſetzes ein, in dem ſechsten kraft eines Beſchluſſes des Fa⸗ milienrathes, in dem ſiebenten auf den Grund einer zuchtpolizeilichen Verurtheilung. Nicht verpflichtet zur Uebernahme einer Vormundſchaft ſind die Perſonen, denen vom Geſetz gewiſſe Entſchuldigungsgründe, excusations, geſtattet ſind, ſich der Annahme einer ſolchen zu ent⸗ ſchlagen, dahin gehören: 1) Die in den Titeln 3, 5, 6, 8, 9, 10 und 11 der Conſti⸗ tution vom 18. Mai 1804 bezeichneten Perſonen als: die franzöſi⸗ ſchen Prinzen, der Großwähler, der Erzkanzler des Reichs, der Etz⸗ ſchatzmeiſter, der Connetable, der Großadmiral, die Reichsmarſchälle, die 8 Inſpektoren der Artillerie und des Ingenieurkorps, der Ca⸗ vallerie und Marine, die Civil⸗Großbeamten der Krone, die Sena⸗ toren, die Staatsräthe, die Mitglieder des te Corps und des Tribunats. *) 2) Die Räthe, Präſidenten, Generalprokuratoren und General⸗ Advokaten am Caſſationshof. 3) Die Präfekten. 4) Alle Beamten, welche in einem andern Departement, als wo die Vormundſchaft angeordnet iſt, ein öffentliches Amt weltlichen oder geiſtlichen Charakters verſehen. 5) Die aktiven Militärperſonen und *) Das Tribunat wurde durch ein Senatus-Conſult vom 19. Auguſt 1807 aufgehoben. 5 * —, N* — 68 Civilrecht. 6) alle andern Staatsbürger, welche außer dem Gebiete des Reichs eine Sendung von dem Kaiſer verrichten. 7) Die, welche das 6öſte Lebensjahr zurüͤckgelegt haben. Im 7oſten Lebensjahre kann ſich der durch den Familienrath gewählte Vormund ohnehin dispenſiren laſſen. 8) Die, welche erweislich an einem ſchweren Gebrechen leiden. 9) Die, welche bereits zwei Vormundſchaften verwalten; 10) Die, welche fünf oder mehr eheliche Kinder am Leben haben. WVon der Vormundſchaft ab geſetzt können diejenigen werden, deren Unfähigkeit oder Untreue aus ihrer Verwaltung hervorgeht und deren üble Aufführung notoriſch iſt. Dieſe Perſonen können dann auch nicht mehr Mitglied eines Familienraths werden. Be⸗ ſonders organiſirte Vormundſchaften ſind die über die Kinder eines Abweſenden, über minderjährige Majoratsherren und über die Kin⸗ der, welche in öffentliche Wohlthätigkeitsanſtalten aufgenommen ſind. Die Rechte und Pflichten des Vormunds beſtimmt das Geſetz dahin, daß derſelbe für die Perſon des Minderjährigen Sorge tragen (Ernährung, Unterhalt, Erziehung, Bildung) und ihn in allen Ci⸗ vilhandlungen vertreten muß; daß er das Vermögen desſelben als ein guter Hausvater verwalten und ihm für den Schaden und ent⸗ behrten Gewinn verantwortlich ſeyn muß, der aus einer übeln Ver⸗ waltung entſteht. Er darf die Güter des Mündels weder kaufen, noch in Pacht nehmen (ausgenommen auf Ermächtigung des Fami⸗ lienraths hin), noch ſich Rechte oder Forderungen desſelben oder wider denſelben übertragen laſſen. Er muß ihm ſchließlich am Ende der Vormundſchaft eine genaue Rechnung über ſeine Verwaltung vorlegen. Das ganze Vermögen des Vormunds iſt und bleibt durch eine geſetzliche Hypothek zu Gunſten der Minderjährigen für gute Ver⸗ waltung verhaftet bis zur Genehmigung der erwähnten Vormunds⸗ Rechnung. Allerdings können unter gegebenen Fällen dieſe Ver⸗ pfändungen beſchränkt werden, aber nur durch richterliches Urtheil. Siehe im 3ten Buche den 18ten Titel.) Der Vormund hat jedoch nicht die Verpflichtung, aus ſeinen Mitteln die Ernährung und Erziehung des Mündels zu beſtreiten, oder das Kind ſelbſt zu erziehen, ausgenommender geſetzliche Vormund. e e wählt liden. haben verden, votgeht fönnen Be⸗ iins e Kin nſin Giſez mnn len G en a d ent⸗ n Pen faufen ßuni⸗ node nEre altung ch ün e Ver⸗ munds⸗ e Ver Urthei ſinn treiten, mund Perſonenrecht. 69 (Eltern und Großeltern.. Auch ſteht ihm das Recht zu, auf Ein⸗ ſperrung des Mündels wegen übler Aufführung anzutragen, wie es den Eltern zuſteht; ſo wie die Entlaſſung des Mündels aus der vormundſchaftlichen Gewalt zu betreiben. Die Bildung des Familienrathes geſchieht, wie ſchon Ein⸗ gangs erwähnt, zur Hälfte aus den Verwandten der väterlichen Linie des Minderjährigen, zur Hälfte aus denen der mütterlichen Linie. Finden ſich an dem Orte ſelbſt oder in einer Entfernung von zwei Myriameter keine Verwandte oder Verſchwägerte der einen oder der andern oder beider Linien, ſo beruft der Präſident des Fa⸗ milienraths, der Friedensrichter, die nöthige Anzahl Bürger aus dem Ort oder der nächſten Entfernung, von denen er weiß, daß ſie mit den verſtorbenen Eltern des Kindes in freundlichem Einvernehmen ſtanden. Weniger als ſechs Mitglieder, den Präſidenten nicht mit⸗ gerechnet, ſollen es nicht ſeyn, die den Familienrath bilden. Dagegen dürfen es mehr ſeyn, wenn nämlich vollbürtige Brüder des Minder⸗ jährigen und Ehegatten ſeiner vollbürtigen Schweſtern in größerer Anzahl vorhanden ſind. Der Funktionen des Familienraths haben wir ſchon erwähnt und fügen noch bei, daß ihm auch das Recht zuſteht einen curator ventris zu ernennen, wenn beim Hinſcheiden des Mannes die Frau in geſegneten Umſtänden ſich befindet. Die Vormundſchaft endet relativ oder abſolut: 1) Mit dem phhſiſchen oder bürgerlichen Tod des Vormundes oder des Pupillen. 2) Mit der Entfernung oder Abſetzung des Vormunds. 3) Mit der Volljährigkeit des Mündels. 4) Mit deſſen Emanzipation. Mit der Vormundſchaft hört auch die Gegenvormundſchaft auf, ausgenommen wenn das Ende derſelben nur auf die Perſon des Vormunds ſich bezieht. Denn in dieſem Falle, wenn alſo der Vor⸗ mund ſtirbt, entfernt oder abgeſetzt wird, betreibt der Gegenvor— mund beim Familienrath die Ernennung eines andern Vormunds. Die Emanzipation einer minderjährigen Perſon (Mündigſprech⸗ ung oder Entlaſſung aus der vormundſchaftlichen Gewalt) iſt ein Rechtsakt, durch welchen dieſelbe aus dieſer oder der väterlichen Ge⸗ 70 Civilrecht. walt entlaſſen wird. Dieſelbe tritt von Rechtswegen ein, wenn ſich ein Minderjähriger oder eine Minderjährige verheirathet. Sonſt ge⸗ ſchieht ſie auf Berathung des Familienraths durch die Erklärung des Friedensrichters, daß der Minderjährige emanzipirt ſey, wenn der⸗ ſelbe keine Eltern mehr am Leben hat. Sind dagegen die Eltern noch am Leben oder Eines von ihnen, ſo ſteht dieſen das Recht der Emanzipation zu, welche durch eine Erklärung vor dem Friedens⸗ richter unter Aſſiſtenz des Gerichtsſchreibers bewerkſtelligt wird. Die Einwilligung zur Emanzipation von Seiten des Minderjährigen wird durch das Geſetz nicht verlangt. Der Emanzipirte kann über ſeine Perſon verfügen, in Dienſte jeder Art, vor Allen in Kriegsdienſte gehen und in Beziehung auf ſein Vermögen alle Handlungen vornehmen, welche die Verwaltung desſelben zum Gegenſtande haben. Er darf demnach ſeine Einkünfte beziehen, Mobilien veräußern, Immobilien verpachten, Güter erwer⸗ ben, Mobiliarklagen anſtellen und ſich gegen ſolche vertheidigen und ſelbſt Hypotheken beſtellen auf ſeine Liegenſchaften zu Gunſten von ſolchen Schulden, welche er auf eine zu Recht beſtändige Weiſe ge⸗ macht hat. In allen übrigen Rechtshandlungen bedarf er des Beiſtandes eines Pflegers oder Curators. Der Familienrath ernennt den⸗ ſelben, ſonſt iſt das Ernennungsrecht Niemanden, auch nicht den Eltern zuerkannt. Ebenſo wenig gibt es Perſonen, welche das Geſetz zu dieſer Pflegſchaft beruft. Angenommen wird zwar von Pigeau, Duranton, Vazeille und Andern, daß der Ehemann ſchon von Rechtswegen der Curator ſeiner minderjährigen, durch die Hei⸗ rath emanzipirten Frau ſey. Die Meinung gründet ſich auf die Beſtimmung des Artikels 2208 des code civil und wird von der ganzen franzöſiſchen Praxis angenommen. Des Beiſtands des Curators bedarf der Emanzipirte, wenn er dem geweſenen Vormunde die Rechnung abnimmt, wenn er eine Liegenſchaft auf längere Zeit als 9 Jahre in Pacht gibt, wenn er eine Immobiliar⸗ oder eine Standesklage anſtellen oder ſich gegen eine ſolche vertheidigen will; wenn er eine Forderung, Mobiliarka⸗ pital erheben, quittiren oder dasſelbe verkaufen (cediren) will; zur Perſonenrecht. 71 m ſih Annahme einer Schenkung und zu Anſtellung einer Theilungsklage, ſo wie uſt ge zur Veräußerung von Staatsrenten bis zum Betrag von 50 Franks. ng des Der Ermächtigung durch den Familienrath, jedoch immer unter in der Beiſtand des Curators, bedarf der Emanzipirte zur Aufnahme Elen eines Anleihens, zur Veräußerung einer Liegenſchaft, zur Annahme Reht oder Ausſchlagung einer Erbſchaft, zur Abſchließung eines Vergleichs, iedent⸗ zur Veräußerung von Staatsrenten, welche mehr als 50 Franks d Di betragen, ſo wie in dem Falle, wenn er gegen eine gegen ihn er⸗ n wied hobene Immobiliarklage Abſtand nimmt und Verzicht leiſtet. In Beziehung auf gegen ihn gerichtete Standesklagen gilt dasſelbe. Die Curatel oder Pflegſchaft hört auf mit dem Tode, mit der Volljährigkeit des Emanzipirten und mit dem Wiederruf der Emanzipation. Wenn der Emanzipirte nämlich ſchlecht wirthſchaftet, wenn das Gericht ſich genöthigt ſah, die von ihm contrahirten n Schulden herabzuſetzen oder für nichtig zu erklären wegen Miß⸗ brauchs ſeiner Jugend und Unerfahrenheit, ſo kann derſelbe auf den n u Grund der Artikel 484, 485 und 486 der Emanzipation unter * 3 denſelben Formen, wie bei der Ertheilung derſelben, verluſtig er⸗ ie g. klärt werden, und tritt ſodann wieder in den Stand der vollen Minderjährigkeit und unter Vormundſchaft bis zur Volljährigkeit zurück. ſtande Der Curatoren über Abweſende, über bürgerlich Todte, den ſo wie der Leibesfrucht (curator ventris oder curateur au t du ventre) iſt an den bezüglichen Stellen ſchon gedacht worden. Außer⸗ e das dem gibt es noch Curatoren vakanter Erbſchaftsmaſſen, ab⸗ ar von getretener Hypotheken⸗Güter, und bei mehreren prozeſſuali⸗ nſihn ſchen Handlungen, deren ſeinerzeit erwähnt werden wird. auf di * Von der Volljährigkeit, der Interdictivn und dem gerichtlich ange⸗ ordneten Beiſtand. 6 Artikel 488 — 515 c.c. egu Wir haben im vorigen Titel ſchon der Perſonen gedacht, welche, iin ſelbſt nach erreichter Volljährigkeit oder mit zurückgelegtem 21ten l; iu 72 Civilrecht. Lebensjahre der Rechtsfähigkeit ganz oder theilweiſe unfähig und unter Vormundſchaft geſtellt ſind. Die Erklärung der Rechtsun⸗ fähigkeit dieſer Art wird Interdiction genannt und beruht entweder dieſelbe auf dem Geſetze oder auf einem richterlichen Urtheile. In Folge geſetzlicher Beſtimmungen ſind diejenigen inter⸗ dicirt oder mundtodt, welche zu einer Zwangsarbeitsſtrafe auf eine beſtimmte Zeit oder zur Einſperrung verurtheilt werden, ſo lange dieſe Strafe dauert. Einem ſolchen iſt ein Curator zu ernennen, der ſeine Güter beſorgt und verwaltet und ihn bei ſeinen Rechts⸗ handlungen verbeiſtändet. In Folge richterlichen Urtheils tritt die Interdiction ein, wenn der Volljährige in einem Zuſtande des Blödſinns, des Wahn⸗ ſinns oder der Raſerei ſich befindet und dieſe Umſtände gehörig be⸗ wieſen auf Betreiben der Perſonen, welche geſetzlich hiezu ermäch⸗ tigt ſind, dem Gerichte vorgetragen werden. Von Amtswegen kann das Gericht nicht einſchreiten, obwohl die Interdiction zu den Ge⸗ genſtänden gehört, welche der beſondern Aufſicht und Fürſorge des öffentlichen Miniſteriums anvertraut ſind. Deßhalb iſt auch das⸗ ſelbe ermächtigt und verpflichtet, die Interdictionsklage anzuſtellen und zu betreiben in folgenden zwei Fällen, aber auch nur in dieſen: 1) wenn eine Perſon raſend iſt und die Verwandten oder der Ehe⸗ gatte die Interdiction nicht betreiben; 2) wenn eine Perſon geiſtes⸗ ſchwach oder wahnſinnig iſt, und weder verheirathet iſt noch Ver⸗ wandte hat. In allen übrigen Fällen ſteht der Antrag auf Interdiction nur den Verwandten und dem andern Ehegatten zu, und iſt bei dem Civil-Erſtinſtanzgericht des Bezirks des zu Interdicirenden anzubringen. Das Verfahren findet gegen den letztern als Interdictionsbe⸗ flagten ſtatt und hat folgendermaaßen zu geſchehen. Der Interdie⸗ tionskläger reicht eine Schrift (requéte) bei dem Präſidenten des Gerichts ein, in welchem er Antrag auf Interdiction ſtellt, wobei er die Thatſachen einzeln anzuführen, auf welche ſein Antrag ſich grün⸗ det, und die Beweismittel anzugeben hat, indem er die Zengen namhaft macht und allenfallſige Urkunden dem Geſuche beilegt. Nun wird der Familienrath zuſammenberufen und in ſeinem Gutachten n und sun beruht ichen inte f ein lang unen, techt⸗ nein, Bahm ig be mich⸗ fum n Ge e de dos⸗ ſtellen ieſen: eiſte⸗ Ve nn iden ingen. usbe terdir ndes hei er grin⸗ eugen Nun achten Perſonenrecht. 73 gehört. Das Gericht ſelbſt hält eine oder mehrere Unterredungen mit dem Beklagten, entweder in der Rathskammer durch das Colle⸗ gium, oder an dem Aufenthaltsort des Beklagten durch einen com⸗ mittirten Richter, um ſich von dem Geiſteszuſtande desſelben zu un⸗ terrichten. Schon nach der erſten Unterredung, Interrogatorium, kann das Gericht einen Verwalter für die Güter und zur Sorge der Perſon des Beklagten beſtellen. Nach beendetem Verfahren (Zeugenverhör, Urkundenprüfung) kann das Gericht die Interdiectionsklage verwerfen, oder zuerkennen und den Beklagten für interdicirt erklären, oder ihm nur einen gerichtlichen Beiſtand geben. Gegen dieſe Urtheile kann die Berufung ergriffen werden, von dem Kläger, wie von dem Beklagten. Das Urtheil, welches die Interdiction ausſpricht, oder einen Beiſtand ernennt, iſt durch öffentliche Anheftungen von Urtheilsaus⸗ zügen zur Kenntniß des Publikums zu bringen, damit Jeder ſich in ſeinen Verhältniſſen zum Beklagten darnach richte. Der Interdicirte wird von dem Geſetze in Beziehung auf Per⸗ ſon und Vermögen einem Minderjährigen gleichgeſtellt. Er wird unter den Schutz eines Vormunds geſtellt, welchen allemal der Familienrath ernennt mit Ausnahme des einzigen Falles, wenn eine Ehegattin interdicirt wird. Hier iſt der Mann kraft geſetzlicher Verfügung (de droit) Vormund der Frau. Im Uebrigen ſind die Vorſchriften über Vormundſchaft, Gegenvormund und Familienrath ſowie obervormundſchaftliche Ueberwachung durch Gerichte und Staats⸗ behörde, wie ſie für die Minderjährigen beſtimmt ſind, auch hier an⸗ wendbar. Rechtshandlungen eines Interdicirten ſind verſchieden zu be⸗ urtheilen, je nachdem ſie vor Erlaß des Interdictionsurtheils geſchahen oder nachher. Die von ſpäterm Datum ſind de droit nichtig, jedoch nur dem Interdicirten, ſeinen Erben und Repräſentanten gegenüber. Die von früherem Datum können als nichtig von denſelben Per⸗ ſonen angefochten werden, wenn bewieſen werden kann, daß zur Zeit der Rechtshandlung die Urſache der Interdiction notoriſch oder der andern Partei bekannt war. 74 Civilrecht. Die Beendigung dieſer Vormundſchaft erfolgt mit dem Auf⸗ hören der Urſache, welche ſie nothwendig machte. Die Aufhebung der Interdiction aber kann nur durch gerichtliches Verfahren (wie bei ihrer Herſtellung) und Urtheil geſchehen. Niemand iſt verbun⸗ den, die Vormundſchaft länger als 10 Jahre zu behalten, mit Aus⸗ nahme der Aſcendenten, Deſcendenten und dem Ehegatten des Inter⸗ dicirten. In den Fällen, in welchen auf Interdiction geklagt wird, kann auch der Antrag nur auf Beſtellung eines Beiſtandes gerichtet ſeyn. Oder das Gericht erkennt in ſeinem Urtheile nicht auf Inter⸗ diction ſondern nur auf Beſtellung eines Beiſtandes. In gleicher Weiſe kann einem Verſchwender, einem Menſchen, der auf un⸗ ſinnige und ungebührliche Weiſe ſein Vermögen verſchleudert, ein ge— richtlicher Beiſtand gegeben werden. Das Verfahren iſt daſſelbe wie bei der Interdiction, in letzterm Falle, wie in erſterem. Alſo muß auch die Staatsbehörde gehört und das Urtheil zur Kenntniß des Publikums gebracht werden. Der Verſchwender ſelbſt kann Antrag ſtellen auf Stellung ſeiner Perſon unter einen Beiſtand. Ohne Zuziehung des Beiſtandes kann der Verſchwender keine Vergleiche ſchließen, nicht vor Gericht als Kläger oder Beklagter auf⸗ treten, kein Anleihen aufnehmen, kein Capital erheben, keine Güter veräußern und ſie nicht mit Hypotheken belaſten. Auch dieſe kleinere Art von Interdiction erreicht ihr Ende, wenn die Urſache derſelben aufhört und muß das Aufhören derſelben durch Urtheil und demſelben vorgängiges Verfahren erwirkt werden. Das ältere franzöſiſche Recht hatte ſchon die römiſche cura prodigi, Curatel des Verſchwenders in ſich aufgenommen und zwar mehr nach dem römiſchen Muſter. Das neue Recht ſträubte ſich lange gegen die Aufnahme derſelben, weil die bürgerliche Frei⸗ heit dadurch beeinträchtigt erſcheint und nahm ſie zuletzt in milderer Form an. Dem engliſchen Rechte iſt ſie unbekannt. Literatur des Perſonenrechts. Die juriſtiſchen Schriftſteller Merlin, Duranton, Dalloz, Toullier, Sirey, Proudhon, Bellet, Le Besnier, Delvincourt, Malleville, Locré, Mf⸗ hebun wie erbun tM⸗ Int⸗ „kamn erichtet Iuter gleiche uf u⸗ in ge be wie o mß iß des Antn rein et auß Giüter „wen nduch eura ud triubt e ßi nildere vullier, Lon, Perſonenrecht. 75 Laſſaulr, Favard, Vazeille und viele Andere haben theils das ge⸗ ſammte Perſonenrecht, theils einzelne Lehren derſelben in Commen⸗ taren, Compendien, Repertorien, Dictionnairen und einzelnen Ab⸗ handlungen dargeſtellt und haben wir aus der großen Zahl der Autoren dieſes Fachs unſern Leſern die vorzüglichſten und bekannte⸗ ſten hervorgehoben. Zweites Buch. Von den Gütern und den verſchiedenen Be⸗ ſchränkungen des Eigenthums. Art. 516 — 716 c. e Mit dem zweiten Buche beginnt der code civil das Sachen⸗ recht, das er aber hier nicht vollendet, ſondern in dem dritten neben dem Obligationenrecht fortſetzt und beſchließt. Die meiſten Lehren dieſes Theils des Rechts ſind auf das römiſche Recht gegründet, die kleinere Zahl auf das Gewohnheitsrecht. Und wo die franzöſiſche Geſetzgebung vor der Revolution (in der Lehre von den Dienſtbar⸗ keiten und dem getheilten Eigenthum) die römiſchen Grundſätze in Folge der Aufſtellungen des Feudalismus verlaſſen hatte, kam der Geſetzgeber des code civil wieder auf dieſelben zurück. Das in der Wiſſenſchaft geltende römiſche Recht für die franzöſiſchen Juriſten aber iſt das Juſtinianöiſche nach dem Commentare Pothiérs, des großen und berühmten Lehrers dieſes Rechts in Frankreich. itel Von der Eintheilung der Güter. Art. 516 — 543. c. C. Der code civil theilt vor Allem, wie es auch die Natur der Dinge an die Hand gibt, die Güter in zwei große Klaſſen ein, in bewegliche und unbewegliche. achen⸗ neben Lehren et, die ſſte nſtbar e in m de in der triſten des ur der in, in Sachenrecht. 77 Die beweglichen Güter ſind es entweder ihrer Natur nach oder durch geſetzliche Beſtimmung. Vermöge letzterer ſind beweglich: die Klagen und Verbind⸗ lichkeiten, deren Gegenſtand in einforderbaren Summen, oder in Handlungen, oder in Mobiliareffecten beſteht; die Erb⸗ und Leib⸗ renten, mag ſie der Staat oder die Privatperſonen zu zahlen haben; Aktien in induſtriellen und commerciellen Geſellſchaften, in Staats⸗ und Privat⸗Banken; Aemter, die im Verkehr ſind, als Notariate, Gerichtsſchreibereien, Anwalts⸗ und Huiſſiers⸗Stellen. *) Beweglich ihrer Natur nach ſind diejenigen Sachen, welche durch eine eigene innere Kraft ſich bewegen, wie die Thiere, oder welche nur in Folge einer äußern Krafteinwirkung ihre Stelle ver⸗ ändern können, wie Haus⸗ und Ackergeräthe, Gelder, Inſtrumente, Kleidungsſtücke ꝛc. Die Gegenſtände, welche zum Gebrauch oder zur Ausſchmückung der Wohnzimmer beſtimmt ſind, nennt das franzöſiſche Geſetz meubles meublans, während es unter biens meubles, mo- bilier oder effets mobiliers überhaupt Alles begreift, was geſetz⸗ licherweiſe für bewegliches Gut gehalten wird. Nach dem römiſchen Rechte und der Natur der Sache kömmt die Eigenſchaft der Beweglichkeit oder Unbeweglichkeit nur den Sachen zu. Das franzöſiſche Recht dagegen, wie wir eben geſehen haben und noch weiter ſehen werden, dehnt dieſe Eigenſchaftsbezeichnungen auch auf Rechte und Klagen aus, indem es Mobiliarrechte und Mo⸗ biliarklagen, Immobiliar⸗Rechte und Klagen annimmt. Immobiliarrechte ſind: das Nutznießungs⸗, das Gebrauchs⸗ recht, (usus fructus et usus) wenn dieſe Rechte ſich auf eine Liegen⸗ ſchaft beziehen; das Wohnungsrecht (habitatio); die Grunddienſt⸗ barkeiten; die Klagen, welche auf ein dingliches Recht an einer Liegen⸗ ſchaft gehen. *) Wie in der Gerichtsorganiſation bei den betreffenden Aemtern bemerkt wurde, iſt die Verkäuflichkeit derſelben durch das Geſetz vom 28. April 1816 wieder hergeſtellt worden, allerdings in einer anſtändigeren Form, als vor der Revolution, aber der Hauptſache nach ganz in denſelben Grundſätzen. In Folge des eben erwähnten Geſetzes nämlich iſt der betreffende Beamte berechtigt, ſeinen Nachfolger, das heißt den Mann, dem er ſein Amt verkauft hat, zu präſen⸗ tiren, und dann erfolgt die Ernennung durch das Staatsoberhaupt. 78 Civilrecht. Auch die questions deétat, Standesklagen, müſſen hieher ge⸗ rechnet werden, wenn ihrer das Geſetz auch hier nicht ausdrücklich erwähnt, da daſſelbe ſie ſonſt überall z. B. in der Lehre von der Vormundſchaft und der Curatel, den Immobiliarklagen wenigſtens formell gleichſtellt. Immobil oder unbeweglich ſind die Sachen ihrer Natur nach (Grundſtücke) oder nach der Beſtimmung des Eigenthümers; zu den letztern gehören an und für ſich bewegliche Gegenſtände wie das Inventar einer Oekonomie, Thiere, Saatfrucht, Ackergeräthſchaften, Tauben im Taubenhaus, Kaninchen im Gehäge, Fiſche im Teiche, Bienen in Körben, Kelter, Fäſſer, Stroh, Dünger. Ferner Gegen⸗ ſtände in Gebäuden, welche nur für das betreffende Gebände ange⸗ fertigt wurden, als Schlüſſel, Winterfenſter, Geräthſchaften zum Feuer⸗ löſchen, Geräthſchaften der Fabriken, Papiermühlen, Hammerwerke, Bilder und Spiegel in Getäfel eingemacht, Statuen in eigens her⸗ gerichteten Niſchen oder Blenden u. dgl., ſowie die auf die Gebäude ſich beziehenden Rechtsurkunden über Kauf, Tauſch, Servitutbeſtell⸗ ung und dingliche Rechte. Alle dieſe Sachen ſind aber nur ſo lange unbewegliches Gut, als ſie den beſagten Zweck haben oder zu einem Ganzen, zu einer universitas rerum verbunden ſind. Wird dieſe aufgelöſt, dienen ſie dem gedachten Zwecke nicht mehr, ſo nehmen ſie wieder die Qua⸗ lification der beweglichen Dinge an. Wird ein Gebäude z. B. ein⸗ geriſſen oder durch Feuer eingeäſchert, ſo iſt das übrig bleibende Material an Steinen, Balken, Holzwerk, mobiles Gut. Unbeweglich iſt auch, was in der Tiefe, im Grunde einer Liegen⸗ ſchaft iſt, ſo wie was auf der Oberfläche ſich befeſtigt findet, ſo lange der Eigenthümer will, daß es mit der Liegenſchaft zuſammen bleibe, als Bäume in Wäldern und Gärten, Bergwerke, Gruben und Stein⸗ brüche, Früchte auf dem Halm, Waſſer⸗ und Windmühlen. Werden die Bäume gefällt, ſind die Steine, Kohlen, Metalle aus den Berg⸗ werken und Brüchen herausgegraben, die Früchte gemäht oder ge⸗ ſchnitten, die Mühlen zerlegt, ſo ſind alle dieſe Gegenſtände wieder zu den beweglichen zu rechnen. Die Güter ſind entweder vertretbar oder nicht vertret⸗ bar (ungibilis, non fungibilis.) Zu den erſten ſind im Zweifel Nt ge vicli on da igſen rh imets; nde wit ſhufn Lihe Gegn e an nßeur erwee, ns her Hbitde utheſel es Gu u in „dienn ie Ou⸗ V. in⸗ leibende tLiegen ſo anh n blibe, E Warden en Bey oder g⸗ e wiede Sachenrecht. 79 alle zu zählen, welche im Handel nach Maaß, Gewicht oder Zahl verkauft werden. Zu den andern z. B. Gemälde, Affektionsgegen⸗ ſtände, Kunſtwerke jeder Art. Die vertretbaren Gegenſtände können Gegenſtände der Compenſation ſeyn Geld, Getreive, Holz), die nicht vertretbaren können es nicht. Die Güter ſind ferner verbrauchbar oder nicht ver⸗ brauchbar. Die Eigenſchaft wird oft mit der obigen (vertretbar) verwechſelt, was aber unrichtig iſt, denn nicht alle vertretbare Sachen ſind auch verbrauchbar und nicht alle verbrauchbaren ſind vertretbar, z. B. Muſcheln ſind vertretbar, aber nicht verbrauchbar; ein antikes Kleidungsſtück iſt verbrauchbar, vielleicht aber nicht vertretbar. Endlich unterſcheidet das Geſetz zwiſchen Hauptſachen (prin- cipale) und Nebenſachen (accessorium); die letzteren ſind nach erſteren zu beurtheilen; (accessorium sequitur principale, die Ne⸗ benſache folgt der Hauptſache.. Zu einem Herrſchaftsgut z. B. ge⸗ hört ein Jägerhaus; erſteres iſt die Hauptſache, letzteres das Ac⸗ ceſſorium oder Zugehör. Oder eine Sache erhält einen Zuwachs; (an eine größere Inſel ſchwemmt ſich eine kleinere an). Auch die Rechte können in Prinzipal⸗ und acceſſoriſche Rechte eingetheilt werden. Die Sachen ſind ferner entweder erwerblich oder nicht er⸗ werblich. Jede Sache, die einen Eigenthümer haben kann, hat einen ſolchen nach dem franzöſiſchen Rechte, denn die Sachen, welche einem einzelnen Menſchen oder einer Corporation, Gemeinheit nicht gehören, haben den Staat zum Eigenthümer. Eigentlich herrenlos ſind nur die Naturerſcheinungen, welche zum gemeinſamen Gebrauch der Menſchen von denſelben ausſchließ lich beſtimmt ſind und ihren Geſetzen nach nicht Eigenthum eines Einzelnen werden können, als: Luft, Licht, Weltmeer. Und ſelbſt in dieſen Dingen gibt es Ausnahmen; dem Eigenthümer eines Grundſtüͤcks z. B. gehört die Luftſäule, welche ſich über dem Grund⸗ ſtücke befindet. Nur er, nicht ein anderer kann in dieſe Luftſäule hinein ein Gebäude, eine Windmühle errichten. Die Güter derjeni⸗ gen, welche ohne Erben geſtorben ſind, oder deren Erbſchaft Niemand angenommen hat, werden als vakant vom Staate einge⸗ zogen, ſo wie ſonſtige Cedige und herrenloſe) Güter, die keinen Civilrecht. Eigenthümer haben. Erwerblich ſind übrigens nur Sachen und nicht Menſchen; denn an ſolchen kann man in Frankreich kein Eigenthumsrecht haben oder erwerben. Ein Sklave (Neger oder Leibeigener) wird, ſobald er das franzöſiſche Continentalgebiet betritt, frei. Anders iſt dagegen die Geſetzgebung auf den Colonien der Fran⸗ zoſen. Dort beſteht die Sklaverei und das Eigenthumsrecht an den Negern noch fort, trotz der Geſetze vom 15. April 1818 und vom 23. April 1827, ſo wie vom 4. März 1831, welche den Neger⸗ handel abgeſchafft haben. Die Sachen gehören alſo entweder dem Staate oder einer Privatperſon; (einer ſolchen, wie ich nochmals erwähnen will, ſind Gemeinheiten und Geſellſchaften gleich geſtellt.) Staatsgut in engerer Bedeutung ſind die Wege und Straßen, welche der Staat zu unterhalten hat, die Ströme und Flüſſe, welche ſchiff⸗ oder flößbar ſind, der Meeresſtrand, die Buchten, Rheden und Häfen, die Feſtungswerke, Zeughäuſer, Staats- oder Regierungsgebäude, Staatsbibliotheken, Muſeen, Sammlungen, Gal⸗ lerien; die Nationalwaldungen; die Inſeln in ſchiffbaren Flüſſen und Strömen; die Ländereien, welche das Meer, wenn es zurück⸗ tritt, hinterläßt; Wüſtungen (Oedungen), die keinem Privaten und keiner Gemeinde gehören. Staatsgut im weitern Sinne iſt alles das, was den Ge⸗ meinden der Städte oder Dörfer an Wegen, Bächen, Waldung, Liegenſchaften jeder Art, Teichen, Gebäuden, Sammlungen jeder Art gehört. Sachen ſind entweder im Verkehr, und das iſt die Regel; oder ſie ſind nicht im Verkehr. An ſolchen kann Niemand als der Staat ein Eigenthumsrecht erwerben. Sie ſind unveräußerlich. Aber ſie können dennoch in Verkehr kommen und veräußerlich wer⸗ den, allein nur durch den Staat unter beſtimmten Formen und Be⸗ dingungen. Der Staat z. B. ſchleift eine Feſtung und veräußert ſein Eigenthum an dem Terrain und den Gebänden derſelben. Unveräußerlich ſind kraft des Geſetzes: das Krongut in Frankreich; das liegenſchaftliche Mündelgut; die Beſtand— theile eines Majorats und eines Fideikommiſſes in den Fällen, in welchen die napoleoniſchen Geſetze die Errichtung ſolcher C = —* P d b u . v iſt u nd ch kin roder it fri Fran an du dvn eget⸗ einer nwil, ne und uchte, „der 1 Gal Flüfn uic en und nGe⸗ aldung, der Au Regel als de erlich ch wen nd B räußer n. ut eſtand⸗ in den ſolhe Sachenrecht. 81 geſtatten, und Immobilien, welche zum Brautſchatz gegeben wor⸗ den ſind. Außer dem Verkehr ſind jedoch dieſe Sachen nicht und ſie können daher unter gewiſſen Bedingungen veräußert werden. Die Rechte *), die man an den äußern Gegenſtänden haben kann, ſind entweder perſönliche oder dingliche, je nachdem das Recht auf eine Leiſt ung oder auf einen erxiſtirenden Gegenſtand ſich bezieht. Perſönliche Rechte gibt es ſo viele, als es Rechtshand⸗ lungen der Menſchen gibt. Dingliche Rechte dagegen gibt es nur 3 Arten: das Eigenthumsrecht, das Servitutenrecht, das Unterpfandsrecht. Die Gegenſtände der dinglichen Rechte ſind: Sachen jeder Art, Vermögen, Geiſteswerke. Gewiſſe Rechte ſind dinglich und perſönlich zugleich; es ſind die Rechte, welche gegen jeden Beſitzer der Sache verfolgt werden können. Die Rechte, ſo wie alle äußere Gegenſtände überhaupt, die im Verkehr ſind, können auf verſchiedene Weiſe erworben werden, wie durch Erbfolge, Vertrag, Acceſſion, Occupation ⁊c. Die Art und Weiſe nun des Erwerbes nennt man die Erwerbungsart, modus acquirendi. Jede Erwerbung aber muß auch ihren Rechtsgrund haben, einen justum titulum oder einen titre (auch juste titre). So beerbe ich meinen Vater aus dem Rechtsgrunde oder dem titre der ehelichen Blutsverwandtſchaft zu ihm. Titre wird auch gewöhnlich für Urkunde, acte, gebraucht, weil nach den franzöſiſchen Grund⸗ ſätzen über Beweiſe faſt jede Art des Erwerbungsgrundes und der Erwerbungsart durch eine Urkunde feſtgeſtellt wird, indem der Zeu⸗ genbeweis in jeder Weiſe ſehr beſchränkt erſcheint, vielfach ganz aus⸗ geſchloſſen. Erwerbungsgrund und Erwerbungsart unterſcheiden ſich alſo dadurch, daß erſterer auf das Recht ſich bezieht, kraft deſſen ich rechtsmäßig erwerbe, letztere die Thatſache bezeichnet, durch welche die Erwerbung geſchieht; titulus ad jus, modus acquirendi ad factum *) Auch Rechte können veräußerlich und unveräußerlich genannt werden, z. B. Aemter (mit Ausnahme derer, die im Verkehr ſind), Penſionen und Ruhge⸗ halte, Nutzungs⸗ und Wohnungsrecht, Conceſſion zum Buchhandel ſind un⸗ veräußerliche Rechte. II. Civirecht. 6 82 Civilrecht. spectat. Der letzte und tiefſte Grund einer Erwerbung iſt das Geſetz. Die Rechtsgründe beruhen entweder unmittelbar auf dem Geſetze, oder auf einer Handlung der Perſon, gegen die man ein Recht erwirbt. Inſofern iſt die Handlung entweder eine rechtmäßige oder eine rechtswidrige. Die Rechtsgründe wie die Erwerbungsarten laſſen ſich in allgemeine und beſondere, universales et singulares, klaſſifiziren, je nach⸗ dem mittelſt derſelben ein ganzes Vermögen, eine beſtimmte Quote eines ſolchen oder nur eine einzelne Sache erworben wird. Die Rechtsgründe, welche auf einer Willenserklärung beruhen, ſind unentgeltliche, lucrativi, wenn die Erwerbung ohne Gegen⸗ leiſtung geſchieht, belaſtende, onerosi, wenn nicht; entweder be⸗ rechtigend zu einer Erwerbung auf den Todesfall einer Perſon hin, oder zu einer Erwerbung unter Lebenden. Die Rechte gehen auf den Erwerber, wenn ſie vertragweiſe übertragen werden, eben ſo wie die Pflichten, durch die bloße Uebereinkunft der Parteien über. Einer Tradition oder ſon— ſtigen Förmlichkeit bedarf es nicht zur Erwerbung des Rechts. Die— ſes Prinzip, von welchem das römiſche wie das franzöſiſche vor der Revolution entſchieden abweicht und welches einen Hauptunterſchied zwiſchen jenem und dieſem begründet, iſt nur durch wenige Aus⸗ nahmen, um ſchädlichen Folgen der ſo ausgedehnten Zwangsloſigkeit desſelben vorzubengen, beſchränkt. Der Uebertragende kann nicht mehr und nicht beſſere Rechte übertragen, als er ſelbſt hatte, der Erwerber keine beſſere erwerben. Die Erwerber, Rechtsnach⸗ folger, ſind eben ſo wie die Erwerbarten in allgemeine und beſondere, in geſetzliche und vertragsmäßige zu klaſſifi⸗ ziren, je nachdem ein ganzes Vermögen, eine Quote desſelben oder ein einzelner Gegenſtand auf ſie überging, je nachdem ſie in die Rechte eines Andern kraft geſetzlicher Beſtimmung oder mittelſt eines Vertrags eingetreten ſind. iſt d uf den en dit er ein ründe e nd e m⸗ Qut d. Di n, ſin Geyn der be Peſſ tagweiſ bloße der ſon . Di⸗ vor der ſerſtin ge Au slo un nih tte, del snach⸗ ne und kuſi ben der in di eſt ins Sachenrecht. 83 II. Titel. Von dem Eigenthum. Art. 544 — 577. c. C. Eigenthum iſt, nach der Definition des code civil das Recht, eine Sache auf die unumſchränkteſte Weiſe zu benützen und darüber zu ſchalten, vorausgeſetzt, daß man keinen durch Geſetze und Verordnungen unterſagten Gebrauch davon mache. Dieſe Definition iſt dem römiſchen Rechte entnommen und ganz mit ihm übereinſtim⸗ mend, wie denn überhaupt die Lehre von dem Eigenthum (de dominio) großentheils auf das römiſche Recht begründet wurde. Die leitenden Grundſätze dieſer Lehre ſtellen ſich alſo dar: 1) Das Eigenthum an einer Sache erſtreckt ſich auf die Sache ſelbſt wie auf das Zugehör derſelben; es mag die Sache eine be⸗ wegliche oder eine unbewegliche ſeyn. Jedoch muß das Eigenthums⸗ recht an den beweglichen Sachen der Natur derſelben nach ein be⸗ ſchränkteres ſeyn, als das an Liegenſchaften. Aber auch durch die Geſetze iſt dieſes Recht weniger vollſtändig als das an unbeweg⸗ lichen Gegenſtänden, welcher Unterſchied in den Grundſätzen über Erſitzung und Vindication der Sachen ſich ſtark fühlbar macht. Auch die Werke des Geiſtes, ſo wie Erfindungen und Ent⸗ deckungen ſind Gegenſtände des Eigenthumsrechts. Auf ſie iſt aber nicht ſowohl das gemeine Recht anwendbar, als die ſpeziell hierüber gegebenen Geſetze und Verordnungen, auch Staatsverträge. Die Geſetzgebung über literariſches, artiſtiſches Eigenthum, Eigenthum an Erfindungen und Entdeckungen, brevets d'invention, de perfection- nement, d'importation, iſt ſeit vierzig Jahren eine ziemlich um⸗ faſſende geworden und wird immer mehr anſchwellen in Folge der leichtern und raſchern Verkehrsmittel, welche eine engere Verbindung der Völker und Staatsverträge zwiſchen ihnen zum Schutze ſolcher Eigenthumsrechte nothwendig herbeiführen. 2) Das freie Verfügungsrecht des Eigenthümers kann durch Ver⸗ trag beſchränkt werden oder durch Verfügung der Geſetze. Eine Beſchränkung mittelſt eines Vertrages, z. B. der Eigenthümer ver⸗ 6 X a 84 Civilrecht. pflichtet ſich, auf einem Grundſtücke kein Gebäude aufzuführen, iſt als eine freiwillige Rechtshandlung zu betrachten; der Eigenthümer legt ſich ſelbſt die Beſchränkung auf. Diejenige dagegen, welche durch die Geſetze geboten iſt, beruht auf den allgemeinen Intereſſen der Geſellſchaft in nationalökonomiſcher, ſicherheits⸗ und ſanitätspoli— zeilicher Beziehung, ſo wie auf den Anforderungen der Landesver⸗ theidigung und der Staatseinnahmen; ſo beſchränken die Geſetze über Behandlung der Forſten und Wälder, über Austrocknung der Sümpfe, Ausbeutung der Bergwerke, über Gebäude und Straßen, Fabriken, feuergefährliche Werkſtätten, über Feſtungswerke und Rayons, über das Gewinnen des Salpeters, über den Tabaksbau, da dieſer in Frankreich Monopol iſt, u. ſ. w. die Eigenthumsrechte in ſehr weit⸗ gehender Weiſe. 3) Im Uebrigen kann der Eigenthümer über die Sache nach Gefallen verfügen, ihr eine andere Geſtalt geben, Felder in Gärten, Wieſen in Felder verwandeln, Gebäude niederreißen und andere aufführen laſſen, oder ſonſtwie den Bauplatz benutzen. 4) Er kann das Eigenthum an denſelben theilweis oder ganz aufgeben, er kann verkaufen, vertauſchen, verſchenken, legiren, ver— pfänden und Dienſtbarkeiten darauf beſtellen. 5) Dagegen kann er nicht gezwungen werden, ſein Eigenthum ganz oder theilweis aufzugeben, (wenn er nicht vertragsweiſe ſich dazu verpflichtet hat) es ſey denn um des öffentlichen Nutzens willen ind vermittelſt einer gerechten und vorläufigen Entſchädigung, z. B. bei Anlagen von Straßen, Feſtungen, Herſtellung von öffentlichen Gebäuden, Eiſenbahnen, Kanälen ꝛc. Das neuere Hauptgeſetz über die Expropriation wegen des öffentlichen Nutzens iſt das vom 3. bis 6. Mai 1841 in 77 Artikeln *); ein früheres vom 30. März 1831 hatte ſchon Verfügungen getroffen für ſummariſches Verfahren bei den Erpropriationen im Falle drängender Umſtände (bei Errichtung von Fortifikationen in Erwartung baldigen Angriffs) und dieſe Vor⸗ ſchriften wurden dann in das Hauptgeſetz mit übergenommen, ſo *) Das napoleoniſche Geſetz hierüber vom 8. März 1810 wurde durch das vom ch Jahr 1841 aufgehoben. „ v i ſunn Sch viſ ſih Ihi ſit Ue ſü n w i ſih en, it thüm welhe terefun itspoli desver⸗ te über üny briten, „ie eſer in rwit e lder in en und er gun , ber enthun iſe ſi willn nlichen iber 3. bis 1 ten bei ichtun ſe Vur en, ſ das vol Sachenrecht. 85 daß es ein ordentliches Verfahren in gewöhnlichen Fällen, ein ſummariſches in dringenden gibt. 6) Ein Ausfluß des Eigenthumsrechts iſt die Benutzung der Sache auf jede mögliche Weiſe und Beziehung der Früchte derſelben. Dieſe ſind entweder natürliche Früchte (Garten⸗, Feld⸗, Wieſen⸗, Weinbergsfrüchte, Holz, Mineralien, die Jungen der Thiere, das Wild aus dem eingezäunten Walde oder Parke, die Fiſche aus dem Teiche) oder bürgerliche Früchte, wozu gehören die Kapitalzinſen,Renten, Mieth⸗ und Pachtgelder. Dem Eigenthümer ſteht mit einem Worte das Recht des Zuwachſes (accessionis) einer Sache zu in Beziehung auf das, was die Sache her⸗ vorbringt Gructuum perceptio). 7) Es ſteht ihm aber auch das Recht des Zuwachſes zu in Beziehung auf das, was mit der Sache vereinigt oder ihr ein⸗ verleibt wird. Hier unterſcheidet der code civil zwiſchen dem Zuwachsrecht einer unbeweglichen und einer beweglichen Sache. I. Das Eigenthum an einer unbeweglichen Sache, das heißt hier an Grund und Boden zieht das Eigenthum an allem nach ſich, was über und unter der Oberfläche iſt; als die Pflanzungen, Bau⸗ ten und Werke auf dem Grundſtücke. Wenn alſo ein dritter auf einem fremden Grundſtücke irgend eine Anlage der einen und der andern Art gemacht, ſo kann ihn der Eigenthümer zwingen, die An⸗ lage wieder zu entfernen und ſelbſt Entſchädigung zu leiſten, wenn der Dritte nicht in gutem Glauben war, das Grundſtück ſey ſein Eigenthum. War dagegen der Dritte in gutem Glauben, ſo hat der Eigenthümer die Auslagen deſſelben in billigem, durch den Arti— kel 555 gegebenen Maaßſtab zu vergüten. In gutem Glauben war der Dritte, wenn er kraft eines rechtlichen Grundes (Titels) wodurch das Eigenthum übergehen kann, deſſen Mängel ihm aber unbekannt waren, Beſitzer der Sache war. Von dem Beſitze wird ſpäter die Rede ausführlicher ſeyn. Das Eigenthum einer Sache zieht ferner das nach ſich, was ſich mit einer Sache vereinigt Wenn ein Strom oder ein Fluß ſich von einem Ufer zurückzieht oder an das andere Ufer Land anſetzt, ſo gehört (accessione alluvionis) das trocken gelaſſene oder das an— geſchwemmte Land dem Eigenthümer des Ufers. Das Recht des — —— — — . — — . . * * * . — — „8 . 6 . 63 86 Civilrecht. Zuwachſes durch Alluvion legt aber dem neuen Eigenthümer die Ver⸗ ² pflichtung auf, einen Leinpfad zu laſſen, wenn der Fluß ſchiffbar iſt. 8 Wenn der Strom ein ganzes Stück Land losreißt und es anderswo 6 wieder anſetzt, ſo kann der Eigenthümer es nur binnen Jahresfriſt in reclamiren, und nur dann noch ſpäter, wenn der Eigenthümer des lu Grundſtückes, an welches ſich das fragliche Land angeſetzt nicht Be— w ſitz davon genommen hat (vis fluminis, Gewalt des Fluſſes). 66 Wenn ſich in einem ſchiff⸗ oder floßbaren Strome Inſeln und „ ſta Anwüchſe bilden, gehören ſie dem Staate, da ein ſolcher Strom un Eigenthum des Staates iſt; wenn aber der Fluß nicht ſchiff⸗ oder Uu flößbar iſt, ſo gehören die Inſeln und Anwüchſe den Eigenthümern M der Grundſtücke am Ufer in dem Maaßſtabe, daß man ſich den Fluß Wm der Länge nach zwiſchen dieſen Eigenthümern getheilt denkt. Dieſes m Recht wird im römiſchen Geſetze accessio per insulam in flumine güu natam, Zuwachs durch eine Inſel im Fluſſe entſtanden, genannt. Wenn der Fluß, gleichviel ob er Staats⸗ oder Privateigenthum 6 iſt, einen neuen Arm macht und dadurch eine Iuſel bildet, ſo ge u hört dieſelbe dem bisherigen Eigenthümer des Landes. Wenn er ut ſein Bett verläßt und ſich ein neues macht, ſo gehört das verlaſſene Bett dem Eigenthümer des neuen Bettes, in dem Verhältniſſe, in in welchem er an Land verloren hat. i Tauben, Kaninchen, Fiſche, welche in das Taubenhaus, Gehäge ih oder den Teich eines andern übergehen, gehören dem Eigenthümer ſ des neuen Aufenthalts, vorausgeſetzt, daß die Thiere nicht dahin ge⸗ ſu lockt wurden durch Betrug und Kunſtgriffe. II. Die Acceſſion einer beweglichen Sache geſchieht ganz wie im im Pandektenrechte mittelſt der adjunctio, specificatio, con— Ni kusio und commixtio. Unter adjunctio verſteht man den Fall, ini wenn mehrere Gegenſtände, die verſchiedene Eigenthümer haben, zu um einem Ganzen in der Art vereinigt worden ſind, daß ſie zwar ein ſ Ganzes bilden, jedoch von einander getrennt werden können, ſo daß Ri eine ohne die andere beſtehen kann. Hier gehört das Ganze dem Eigenthümer der Hauptſache unter der Verbindlichkeit, den andern in Eigenthümer gebührend zu entſchädigen. Unter specificatio verſteht uyt man den Fall, wenn einer die Sache eines andern dazu verwendet N hat, um eine Sache einer neuen Gattung zu bilden. w ie Vr— bar iſ. detöwe usfüſt ner des cht Be . ln w Stn f⸗ vder thümem en ſlu Ditſe funine aunt. genthun ſo ge zenn e erlaſſn iſſe, ü Gehiy uthime ahin g an wi Con en Fil, ben, j wur ei „ſo d nze den andem verſtht erwende Sachenrecht. 87 Ein Künſtler z. B. fertigt eine Statue aus dem Marmor, dem Erze, dem Gypſe, der einem andern gehört. Hier gehört die Haupt⸗ ſache, das heißt die Sache, welche den größten Werth hat, dem alten Eigenthümer oder dem neuen, je nachdem der Stoff oder die Umwandlung am meiſten werth iſt, mit Verpflichtung, den andern, dem die geringere Werthſache zugehört, zu entſchädigen. Confusio et commixtio findet dann ſtatt, wenn verſchiedene Sachen, die ver⸗ ſchiedenen Eigenthümern gehörten, mit einander vermiſcht oder ver⸗ mengt wurden. Können ſie wieder getrennt werden, ſo kann die Trennung von jedem Eigenthümer beantragt werden; im gegentheili⸗ gen Falle gehört die Sache von minderem Werthe dem Eigenthümer der Sache von größerem Werthe, ebenfalls mit der Verbindlichkeit der Entſchädigung. Dem Richter, der ſich allerdings nach den ge⸗ gebenen Marimen zu richten hat, muß es übrigens überlaſſen bleiben, hier hauptſächlich nach der Billigkeit zu urtheilen. Wer indeſſen die Sache eines Andern abſichtlich ohne deſſen Willen und Wiſſen ver⸗ arbeitet oder vermiſcht und vermengt hat, kann auch zu Schadens⸗ erſatz verurtheilt werden. 8) Dem Eigenthümer ſteht das Recht zu, durch Klagen und Einreden ſein Eigenthum zu ſchützen, zu wahren und, gegebenen Falls, zurückzuverlangen. Die res vindicatio iſt in dieſer Be⸗ ziehung die Hauptklage des franzöſiſchen Rechts, die meiſten andern Klagen des römiſchen finden ſich jedoch auch vor, wenn nicht dem Namen doch der Sache nach. 9) Eine Sache kann einem allein, aber auch mehreren zu⸗ ſammen angehören, oder es kann an einer Sache mehreren ein Miteigenthum zuſtehen. Dieſes Niteigenthum iſt entweder das con- dominium in solidum, (das Miteigenthum des germaniſchen Rechts) wenn mehrere ungetheilt Eigenthümer einer Sache in der Art find, daß jeder als Eigenthümer des Ganzen betrachtet wird; oder das Miteigenthum des römiſchen Rechts, condominium pro diviso, wenn ein jeder der Genoſſen Eigenthümer der gemeinſchaftlichen Sache zu einem intellektuellen Theile iſt; z. B. mehrere beſitzen ein Landgut ungetheilt, jedoch ſo, daß jeder gleiche Rechte und Pflichten daran hat. Das letztere iſt das eigentliche Miteigenthum des franzöſiſchen Rechts; das erſtere, auch Geſammteigenthum genannt, kömmt im fran⸗ 88 ivilrecht. zöſiſchen Rechte nur im Erbrechte vor, indem die Idee des Ge⸗ ſammteigenthums der Familie die Baſis des franzöſiſchen Erbrechts iſt. Jeder Miteigenthümer kann die Theilung der gemeinſchaftlichen Sache zu jeder Zeit verlangen. 10) Eine Theilung des Eigenthums in Obereigenthum und Nutzeigenthum hat an praktiſcher Bedeutung durch den Unter— gang des Feudalweſens viel verloren. Ein derartig getheiltes Eigenthum kommt ausnahmsweiſe bei Fideikommiſſen und Majoraten vor, welche Napoleon, nachdem ſie die Republik beſeitigt hatte, wieder in's Leben rief. *) Die Feudalverfaſſung wurde, wie ſchon erwähnt, durch die Re⸗ volution zu Gunſten der Entfeſſelung des Grund und Bodens voll— ſtändig aufgehoben, nachdem ſie in Frankreich in der mißbräuchlich⸗ ſten Weiſe bis zu dem Grade ausgebildet worden war, daß der Rechtsſatz nulle terre sans seigneur überall faſt ein ariſtokratiſches Obereigenthum ſchuf, und mit eine der Haupturſachen der Revolution — abgab. Feudale Frohnden und Dienſte in Folge des Obereigenthums, ſowie Grundrenten dieſer Art wurden ohne Entſchädigung aufge— hoben, die anderen Grundrenten aber für ablöslich erklärt. Die Abtretung eines Grundſtücks gegen eine Grundrente iſt nach dem Standpunkte des code civil ſo zu beurtheilen, daß entweder in der⸗ ſelben die Natur eines Pachtvertrags gefunden und nach den Re⸗ geln über Pacht behandelt werden muß; oder daß die Abtretung als Uebertragung eines vollen Eigenthums gilt, und dann iſt die Rente (wie ein Kaufſchilling anzuſehen) abkäuflich. 11) Das Eigenthum iſt entweder ein wiederrufliches oder ein unwiederrufliches. Das letztere iſt die Regel. Wiederruflich iſt das Eigenthum, wenn es zufolge des Erwerbungsgrundes, der Verabredung der Parteien oder zufolge einer geſetzlichen Beſtimmung an den vormaligen Eigenthümer oder deſſen Rechtsnachfolger von dem dermaligen Eigenthümer wegfällt. Die revocatio ex tunc und revocatio ex nunc kennt beide das franzöſiſche Recht. Wenn *) Die Majorate wurden 1835 unter Louis Philipp wieder aufgehoben, vide Erbrecht. — ů ˙ ů˖· ,— 6i w e m es Ge⸗ rbrecht in m Unte⸗ eiſe bi den ſi die Re us vol⸗ iuchli⸗ daß der ratiſhes olutien nthuns, aufge t. Di ich den in der en Fe ung ab eRent odet in ertufit , der mmunz er en tune Wenn n, ſilb Sachenrecht. 89 z. B. der Käufer oder der Verkäufer (Art. 1673) das Reukaufs⸗ oder beziehungsweiſe das Wiederkaufsrecht vorbehalten hat, ſo iſt das ein Wiederruf oder revocatio ex munc, wenn der eine oder das andere dieſes Recht ausübt. Wenn ein Kauf angefochten wird, wegen einer Verletzung über (laesio enormis) ſo liegt, wenn das Gericht den Kauf auflöſt, ein revocatio oder Wiederruf des Eigenthums ex tunc vor. 12) Das Eigenthum erliſcht oder geht an einen andern über: durch den Untergang der Sache, die den Gegenſtand bildete, durch die Aufgabe desſelben, durch die freiwillige oder gezwungene Ueber⸗ tragung desſelben auf andere Perſonen und durch die Confiskation. Die Conſtitution vom Jahre 1814, ſowie die vom Jahre 1830 hat jedoch die Confiskation des geſammten Vermögens für immer aufgehoben. Nur einzelne Sachen ſind noch durch Beſtimmungen des Strafgeſetzes der Confiskation unterworfen, z. B. die Inſtru⸗ mente, mittelſt welcher eine rechtswidrige Handlung verübt, das Geld, die Geſchenke, mittelſt welcher eine Beſtechung verſucht, die Waaren, mittelſt welcher ein Betrug bewerkſtelligt wurde, die Gegenſtände, welche man Schmugglern wegnahm und das auf den Tiſchen lie⸗ gende Geld bei verbotenen Hazardſpielen u. ſ. w. III. Titrl. Von dem Nießbrauch, dem Gebrauch und dem Wohnungsrecht. Art. 578—636 c. c. Die drei genannten Inſtitute, welche im römiſchen Rechte als perſönliche Dienſtbarkeiten unter den Bezeichnungen usus fructus, usus und habitatio vorkommen, beruhen auf der Anſicht, daß ein Eigenthum zwei verſchiedene Rechte in ſich ſchließt, das der Pro— prietät, des eigentlichen Eigenthums und das der Nutzung Dieſe Idee führte in ihrer weitern Fortbildung zu den Grundſätzen über das in Ober- und Nutz⸗Eigenthum getheilte Eigenthum, und direkte fort zum Lehensweſen. 90 Civilrecht. Das alte germaniſche Recht, das am vollen Eigenthumsrechte hielt, widerſtrebte lange der Aufnahme der römiſchen Anſicht, bis endlich dieſelbe durchdrang und dann durch das Inſtitut der Emphy⸗ teuſe*), die Ausbildung des Feudalismus vorbereitete und erleichterte. Jetzt aber ging das deutſche Recht im Laufe der Zeit weit über die römiſche Anſchauung hinaus, welche viel vernünftiger und freifinniger war. Ganz ſo war das franzöſiſche Recht vorangegangen. Das römiſche Recht beſchränkte das nutzbare oder dienende Eigenthum, mit Ausnahme ſeiner 4 Perſonalſervituten, auf den Dienſt einer Liegenſchaft, während das Lehensweſen die Verpflichtungen in ſehr weitgehender, harter und oft abſurder Weiſe auch auf die Per— ſon übertrug. Als perſönliche Dienſtbarkeit kannte das römiſche Recht nur außer den Eingangs genannten, noch die operae ser- vorum, ein ausſchließend perſönliches Recht auf die Dienſte eines fremden Sklaven. Das neue Recht in Frankreich hat das Nießbrauchs⸗, Nutzungs⸗ und Wohnungsrecht von den perſönlichen Dienſtbarkeiten beibehalten, hat es aber vorgezogen ſie droits de jouissance. Genußrechte zu nennen. Die Nutznießung oder der Nießbrauch iſt das dingliche Recht, die Sache oder das Recht eines Andern, wie dieſer, der Ei— genthümer ſelbſt, zu benutzen mit der Verbindlichkeit, ihre Subſtanz zu erhalten, und kann an jeder Gattung beweglicher oder unbeweg— licher Güter geſtattet werden; entweder bedingt, bis zu einer ge⸗ wiſſen Zeit oder unbedingt. Die Nutznießung wird entweder durch das Geſetz oder den Willen eines Menſchen ertheilt. Durch das Geſetz z. B. ſind die Eltern Nutznießer des Ver⸗ *) Die Emphyteuſis iſt das Rechtsverhältniß, kraft deſſen eine Perſon von einer andern die Benutzung einer unbeweglichen Sache erhalten hat, unter der Bedingung dieſelbe nicht untergehen oder ſchlechter werden zu laſſen und eine Abgabe (pensio, cauon) davon zu entrichten. Dagegen kann ſie die Liegen⸗ ſchaft veräußern, verpfänden, mit Servituten belaſten, vererben, aber immer nur unter den ihr auferlegten Bedingungen. Aehnlich iſt die Superficies, kraft welcher Jemand gegen Entrichtung eines Bodenzinſes (solarium) auf dem Grund und Boden eines andern ein Gebäude oder ſonſt Etwas errichtet und dieſes dann auch vererben, veräußern w. kann, unter der Laſt des Solariums. srecht , bis nphy htert. er di mige Ds ſthun, inn en in Per iſce e ser eins zung⸗ halte, chte zu nglihe er Gi ubſtmz bewey er ge durh ſon wu ntet der und eine Liegen⸗ imnet ficies, u) uf errichtet ariumt. Sachenrecht. 91 mögens ihrer Kinder bis zum 18. Jahre derſelben. Durch den Willen wird der Nießbrauch beſtellt mittelſt Vertrag, Schenkung, Teſtament u. ſ. w. Dem Nutznießer gehören die natürlichen, indu⸗ ſtriellen oder bürgerlichen Früͤchte der ihm in Nießbrauch gegebenen Sache. Er muß die Sache wie ein bonus pater familias behan⸗ deln, unterhalten und dafür Bürgſchaft ſtellen. Vater und Mutter haben ausnahmsweiſe für den geſetzlichen Nießbrauch am Vermögen ihrer Kinder, ſo wie derjenige, welcher unter dem Vorbehalt des Nießbrauchs verkauft oder verſchenkt hat, keine Bürgſchaft zu ſtellen. Der Nießbrauch erliſcht durch den natürlichen und durch den bürger⸗ lichen Tod des Nießbrauchers; durch Ablauf der Zeit, auf welche er verliehen wurde; durch dreißigjährigen Nichtgebrauch; durch den Untergang der Sache, worauf der Nießbrauch beſtellt iſt und durch Vereinigung der beiden Eigenſchaften eines Nießbrauchers und eines Eigenthümers in einer und derſelben Perſon. Das Recht des Gebrauchs (usus) und der Wohnung wird in derſelben Weiſe erworben und verloren wie das der Nutz⸗ nießung. Auch gelten für beide ſo ziemlich dieſelben Grundſätze, ſo in Beziehung auf Bürgſchaft, Benutzung und Erhaltung der betref— fenden Sache. Beide Rechte können nicht verpachtet, noch über⸗ tragen werden. Das dingliche Recht, in dem Hauſe eines andern zu wohnen, iſt das Wohnungsrecht und beſchränkt ſich auf ihn und ſeine Familie. Das Recht einer Benutzung (usus) richtet ſich nach den Beſtimmungen der Verleihungsurkunde. Wenn in dieſer über den Umfang des Rechtes Nichts geſagt iſt, ſo kann der Nutzer von den Früchten des ihm zum usus überlaſſenen Grundſtücks (Obſt, Getreide, Holz) nicht mehr nehmen als er für ſich und ſeine Fa⸗ milie nothwendig hat. Hinſichtlich des Gebrauchsrechts in Wald— ungen und Holzungen hat er ſich überdieß nach den geſetzlichen Be⸗ ſtimmungen über forſtmänniſche Behandlung derſelben zu richten. Civilrecht. w. Titel. — den Servituten oder den Dienſtbarkeiten auf Grund und Boden. Art. 637 — 710 c. c. Eine Servitut iſt eine Laſt, die auf ein Grundſtück gelegt iſt, zum Gebrauch und zum Nutzen eines Grundſtücks, das einem an⸗ dern Eigenthümer zugehört. Es wird jedoch kein Vorzug eines Grundſtücks vor dem andern dadurch begründet. Wie wir ſchon geſagt haben hat das römiſche Recht klug und liberal nur im Intereſſe der Landwirthſchaft, der Polizei der Felder und Gebäude Servituten oder Dienſtbarkeiten geſchaffen, die ein Grundſtück, eine Gebäulichkeit zu tragen hatte und nur für und zu Gunſten eines andern Grundſtücks. Die Revolution be⸗ ſeitigte alle durch den Feudalismus abuſiv eingeführte, von den rö⸗ miſchen Grundſätzen abweichende Inſtitute des Servitutenrechts und ſtellte dasſelbe wieder ſo her, wie die Vernunft und das gegenſeitige Intereſſe der Geſellſchaft es verlangen und bedingen. Wir haben deßhalb im franzöſiſchen Rechte nach den im vorigen Kapitel behan— delten Inſtituten, nur noch von den Servituten zu ſprechen, welche für ein Grundſtück an einem andern beſtellt ſind, wobei das Geſetz ausdrücklich ein Vorzugs⸗ oder oberes Recht des einen über das an— dere verbietet, wenn man auch in der Rechtsſprache das eine das herrſchende, das andere das dienende Grundſtück nennt. Die Lehre von den Servituten iſt faſt ganz auf das römiſche Recht gegründet, und nur bei den Beſtimmungen über einige geſetz⸗ liche Servituten, die Ausſicht auf des Nachbars Grundſtück, die Dachtraufe, und den Weg über des Nachbars Grund und Boden betreffend, hat ſich der code civil auf die coutime von Paris geſtützt. Die Dienſtbarkeiten auf Grund und Boden (servitudes oder services fonciers) beruhen entweder auf dem Geſetze oder auf den Rechtsakten (Vertrag, Teſtament, Erſitzung) der Parteien. 1. Auf dem Geſetze beruhende Dienſtbarkeiten, ſind ſolche, welche wegen der natürlichen Lage der Grundſtücke oder wegen der Intereſſen des Grundeigenthums oder jener des Staates und der Gemeinden geſetzlich als Servituten beſtimmt ſind. Zu letztern ge⸗ u ſü i ſi N ii ine l N he M Frund legtſi, en n ein ug um Fihde die ei u fit ion be den ri⸗ ts um nſig haben behan welhe Giſt s d ine dos . rniſce geſeß ic, di Beden geſtüßt 8 det er auf arteien. ſolche en der nd der rn g N Sachenrecht 93 hört z. B. der Leinpfad an ſchiff, und flößbaren Strömen ꝛc. und ſind dieſelben mehr der Gegenſtand ſpezieller Geſetze, auch theilweiſe der Feldpolizei als des bürgerlichen Geſetzbuchs. Hieher gehören: das Geſetz vom 16. Dezember 1811 über Staats⸗ und Departemen⸗ talſtraßen. Das vom 21 Mai 1836 über Vizinalſtraßen; die Ge⸗ ſetze von 1791, 1811 und 1819 über militäriſche Servituten; das Feldpolizeigeſetzbuch vom Jahre 1791; das Geſetz über Austrocknung von Sümpfen 1807 4. a) Aus der Lage der Grundſtücke entſtehen folgende Dienſt⸗ barkeiten: 1 1) Das niedriger liegende Grundſtück muß das Waſſer auf⸗ nehmen, das von dem höher liegenden abfließt. Doch muß dieſes ſeinem natürlichen Laufe nach geſchehen, und darf nicht durch menſch⸗ liche Arbeit ſo geleitet werden. Der Eigenthümer des untern Grund⸗ ſtücks darf keinen Damm aufwerfen, der den Abfluß verhindert; der des obern Grundſtücks nichts unternehmen, was die Dienſtbarkeit erſchwert. S 2) Der Eigenthümer eines Grundſtücks kann auf den Gebrauch einer Quelle, die auf einem fremden Grundſtücke ſich befindet, durch Ableitung derſelben auf ſein Eigenthum Anſpruch machen, wenn er den Gebrauch durch Erſitzung oder Rechtstitel erworben hat. Gegen⸗ theiligen Falls kann der Eigenthümer des Grundſtücks über die auf demſelben befindliche Quelle nach Belieben verfügen. 3) Ein Eigenthümer, deſſen Grundſtück an ein fließendes Waſſer das nicht Staatseigenthum iſt, unmittelbar gränzt, hat das Recht, ſich, ſo weit ſeine Gränze geht, dieſes Waſſers zur Bewäſſerung ſeines Grundſtücks zu bedienen. 4) Der Eigenthümer, durch deſſen Grundſtück ein ſolches Waſſer fließt, kann noch überdieß das Waſſer in mehrere Kanäle leiten oder ſonſt den Lauf deſſelben verändern, muß jedoch daſſelbe da, wo es ſein Grundſtück verläßt, wieder in ſein gewöhnliches Bett leiten. 5) Jeder Eigenthümer kann ſeinen Nachbarn zur Abmarkung ihrer aneinander ſtoßenden Grundſtücke nöthigen. Die Abmarkung geſchieht auf gemeinſchaftliche Koſten. b) Auf dem Intereſſe des Grundeigenthums beruhen folgende Dienſtbarkeiten: Civilrecht. 1) Jeder Eigenthümer eines Hauſes, eines Hofes oder eines Gartens in Städten und Vorſtädten kann ſeinen Nachbarn nöthigen, eine Scheidemauer zur Abſonderung und Einfriedigung ihrer Grund⸗ ſtͤcke auf gemeinſchaftliche Koſten zu errichten und zu unterhalten. 2) Der Eigenthümer eines Grundſtücks darf nur in einer be— ſtimmten Entfernung von dem Grundſtücke des Nachbarn Bäume oder Sträucher anpflanzen. Die Entfernung beſtimmen Ortsrechte und Ortsgebrauch. Iſt die Entfernung überſchritten worden, ſo kann der Nachbar das Abhauen der Bäume oder Sträucher verlangen. 3) Der Eigenthümer eines Grundſtücks kann den Nachbar an⸗ halten, die von deſſen Grundſtück aus herüber hängenden Aeſte ab⸗ zuſchneiden. Die Wurzeln, die herüber laufen, kann er ſelbſt ab— ſchneiden. Ob der Eigenthümer des Baumes berechtigt iſt, die Früchte welche auf das angränzende Grundſtück fallen, aufzuleſen, iſt nicht im code civil beſprochen und daher zweifelhaft. 4) Wer auf ſeinem Grundſtück einen Brunnen, einen Feuer⸗ herd, eine Grube, einen Viehſtall, ein Hammerwerk, einen Ofen, ein Salzmagazin oder dergleichen anlegt, muß die durch Ortsgebrauch oder Recht vorgeſchriebene Entfernung von dem Grundſtück des Nach⸗ barn einhalten. 5) Kein Nachbar darf in einer Scheidemauer ohne Zuſtimmung des Angränzers Oeffnungen oder Fenſter anbringen. Ein Fenſter, nur um Licht zu geben, heißt jour (Lichtfenſter); ein ſolches, um Ausſicht zu geben, vue. 6) Der Eigenthümer eines Gebäudes muß ſein Dach ſo her⸗ ſtellen laſſen, daß das Regenwaſſer von dem Dache auf eigenen Grund und Boden, oder auf die Straße, nicht auf das Grundſtück des Nach⸗ barn fällt. 7) Der Eigenthümer einer Gränzmauer darf nur in einer Höhe von acht Fuß über dem Fußboden des Zimmers, welchem man Licht verſchaffen will, wenn es ebener Erde iſt, und von ſechs Fuß, wenn es in den höhern Stockwerken ſich befindet, Fenſter oder Lichtlöcher anbringen. Die Fenſter müſſen ein eiſernes Gitter haben, deſſen Stäbe etwa 3 Zoll und 8 Linien von einander entfernt ſind, und müſſen mit einem Rahmen befeſtigt ſeyn, der ſich nicht öffnen läßt. 8) Man darf nach dem Grundſtück des Nachbarn keine Aus⸗ 1 ven ju N ß ſi Nl ſi it di i un iw Un ſch N e 8 b ſti eins higen, jtund alten. er be äume örecht n en. ar a ſte ab⸗ rücht nich Feuer Ofa, brauch munh enſter, , un he⸗ Grun Hihe niht wen tlůcher deßſen „und lißt. Aus⸗ Sachenrecht. 95 ſicht in gerader Richtung, keinen Erker, keinen Balkon anbringen, wenn nicht die Entfernung ſechs Fuß beträgt von der Gränzmauer, in welchem die Ausſicht angebracht werden ſoll bis zum Grundſtück des Nachbarn. 9) Der Eigenthümer, deſſen Grundſtück überall eingeſchloſſen iſt und der keinen Ausweg auf die öffentliche Straße hat, darf zur Benützung ſeines Grund und Bodens einen Weg über die Grund⸗ ſtücke der Nachbarn fordern mit dem Bedinge, für allenfallſigen Schaden Erſatz zu leiſten. Dieſer Weg muß der Regel nach auf der Seite genommen werden, wo er von dem eingeſchloſſenen Grund⸗ ſtücke der nächſte auf die Straße iſt. Gervitus viae necessariae, die Servitut des Nothwegs.) II. Auf den Rechtshandlungen der Parteien beruhende Dienſtbarkeiten. Es iſt den Eigenthümern erlaubt, ihr Eigenthum mit jeder Dienſtbarkeit zu belaſten oder zum Vortheile ihres Eigenthums Dienſt⸗ barkeiten zu erwerben. Dieſelben dürfen jedoch der öffentlichen Ord⸗ nung nicht zuwiderlaufen und nur zum Vortheil und zur Belaſtung eines Grundſtücks, nicht einer Perſon beſtellt werden. Ueber den Umfang dieſer dinglichen Rechte beſtimmen die Verträge; wo dieſe fehlen, das Geſetz. Die Dienſtbarkeiten ſind entweder zum Nutzen der Gebäude in der Stadt und auf dem Lande beſtimmt und heißen dann Bau— dienſtbarkeiten Gervitutes urbanae) oder zum Vortheil des Bodens (Wieſen, Felder, Gärten) und werden dann Felddienſt⸗ barkeiten Gervitutes rusticae) genannt. Ein rechtlicher Unter⸗ ſchied beſteht zwiſchen beiden indeſſen nicht. Sie ſind entweder ſtändige Dienſtbarkeiten (continues) oder nicht ſtändige (discontinues). Die erſtern ſind diejenigen, deren Gebrauch ein immerwährender iſt, oder doch ſeyn kann, ohne daß es einer Handlung des Menſchen hiezu bedarf, wie das Aus⸗ ſichtsrecht, Dachtraufe, Waſſerleitung ꝛc. Die letztern ſind diejenigen, die ohne eine jedesmalige Handlung des Menſchen nicht ausgeübt werden können, wie das Recht, Waſſer zu ſchöpfen, über des andern Grund ſeinen Weg zu nehmen, die Huthgerechtigkeit. Endlich: ſie ſind entweder ſichtbare oder nicht ſichtbare 96 Civilrecht. Dienſtbarkeiten. Sichtbar ſind ſolche, welche ſich durch äußere An⸗ lagen (Thüre, Fenſter, Waſſerleitung) ankündigen; nicht ſichtbar, wenn kein äußeres Merkmal ihrer Erxiſtenz in die Augen fällt, z. B. die servitus non altius tollendi, die Servitut, ein Gebäude, nicht über eine beſtimmte Höhe zu bauen. Erworben werden die Servitute durch Vertrag oder durch dreißigjährigen Beſitz nach folgenden geſetzlichen Regeln: Con— tinuirliche und zugleich ſichtbare Servituten erwerben ſich durch Vertrag und durch dreißigjährigen Beſitz. Continuirliche und nicht ſichtbare Servituten laſſen ſich nur durch ſchriftliche Verſtattung erwerben. Ebenſo die discon⸗ tin uirlichen, ſie mögen ſichtbar ſeyn oder nicht. Selbſt ein un⸗ denklicher Beſitz iſt zu ihrer Erwerbung nicht hinreichend, außer in den Provinzen, wo ſie auf ſolche Weiſe ſich früher erwerben ließen. Wenn erwieſen werden kann, daß zwei Grundſtücke, welche verſchiedenen Eigenthümern gehören, vormals nur einen Eigen⸗ thümer gehabt haben, und durch dieſen die Sachen in einen Zuſtand verſetzt wurden, woraus ſich die Dienſtbarkeit ergibt, ſo wird dieſe als durch Beſtimmung des ehemaligen Herrn (per destinationem patris familias) begründet angeſehen. Jedoch müſſen die Dienſt⸗ barkeiten continuirliche und ſichtbare ſeyn. Die Einräumung einer Dienſtbarkeit zieht die Vermuthung nach ſich, daß man alles geſtatte, was erforderlich iſt, ſie auszuüben. Der Berechtigte hat das Recht, alle Anlagen zu machen, die erfor⸗ derlich ſind, um ſich ihrer zu bedienen. Ueberdieß iſt das Recht der Dienſtbarkeit ein untheilbares Recht; es haftet auf jedem Theile des herrſchenden Grundſtücks. Der Eigenthümer des dienenden Grundſtücks iſt gehalten, nichts zu unternehmen, was den Gebrauch der Servitut ſchmälern, unbe⸗ quemer oder unmöglich machen kann. Dienſtbarkeiten erlöſchen, wenn durch ein Naturereigniß oder durch die rechtmäßige Handlung eines Dritten die Sachen in einen ſolchen Zuſtand kommen, daß die Dienſtbarkeit nicht mehr ausgeübt werden kann. Sie leben jedoch wieder auf, wenn innerhalb dreißig Jahren die Sachen wieder in den Zuſtand gekommen ſind, daß man ſie ſ hu An⸗ hhar, „8. nich duch Con⸗ durh n ſih con⸗ n un⸗ et in ießen. welhe Figen⸗ uſtan dieſe nen ienſt thung tüben. erfor⸗ ht der Thiile nicht unbe⸗ oder einen sgeübt ahren n ſi Sachenrecht. 97 ausüben kann. Sie erlöſchen ferner durch Confuſion, das heißt, wenn das herrſchende und das dienende Grundſtück an einen und denſelben Eigenthümer kömmt; endlich durch einen dreißigjährigen Nichtgebrauch. Auch die Art, wie eine Dienſtbarkeit ausgeübt wird, kann, wie die Dienſtbarkeit ſelbſt und auf dieſelbe Weiſe verjährt werden. Zur Erhaltung der Servituten und zum Schutze in den⸗ ſelben ſtehen dem Berechtigten petitoriſche und poſſeſſoriſche Klagen zur Seite, nicht minder aber auch dem Herrn des dienenden Grund⸗ ſtücks gegen ungebührliche Erweiterung und Anmaßung ſolcher. Literatur. Allgemeine und ſpezielle Werke über die Lehren dieſes Buchs ſind vorhanden von Pothiér, Laſſaulr, Sirey, Merlin, Proudhon, Delvincourt, Duranton, Malleville, Ferriere, Toullier, Dalloz, Trop⸗ long, Favard, Pardeſſus und Andere. I. Civilrecht. 7 Drittes Buch. Von den verſchiedenen Arten das Eigenthum zu erwerben. Art. 711 — 2281 c. c. Das dritte Buch des code civil behandelt unter dieſem Titel einen großen Theil des Sachenrechts, ſo weit dasſelbe nicht im zwei⸗ ten Buche erörtert wurde, als die Erwerbung des Eigenthums mit— telſt Oecupation, Erſitzung und Verjährung, das Unterpfandsrecht, das Erbrecht, den Beſitz, ſo wie das ganze Obligationenrecht. In letzteres iſt auch das Eherecht, inſoweit es die Vermögensverhältniſſe der Eheleute betrifft, eingereiht. Man ſieht, daß der franzöſiſche Ge⸗ ſetzgeber einen eigenen, zwar nicht wiſſenſchaftlichen, aber doch nicht unnatürlichen Weg in der Syſtematiſirung ſeines Geſetzbuchs einge⸗ ſchlagen hat, der jedoch nicht gerade zur Nachahmung zu empfehlen ſeyn dürfte, da er zuſammengehörige Materien unlogiſch trennt und ebenſo nicht ſtreng zuſammenpaſſende einander anreiht. Die Sünden an der Wiſſenſchaftlichkeit in dieſer Beziehung werden allerdings wie⸗ der gut gemacht durch die außerordentlich praktiſche Behandlung der Sache und die unerreichte Präciſion und Klarheit in der Redaktion zuſammengehalten mit der wunderbaren Bündigkeit, welche der fran⸗ zöſiſchen Sprache, wie keiner andern verliehen iſt und die ſie deßhalb ſo vorzugsweiſe zur Geſetzes⸗ und Gerichtsſprache tauglich macht. Das Buch beginnt mit einer Einleitung, welche allgemeine Verfügungen überſchrieben iſt und folgende Rechtsſätze enthält: vi ſ thun n Zil in zwei ns ni dörech hi. J hälniſe ſche Ge ch nih einge nyſihlu nt ud Sünden gs wi ung de dalion et frn deßhalb aht. neine enthält Sachenrecht. 99 Das Eigenthum an Sachen wird erworben: 1) durch Zuwachs und Einverleibung Gegenſtand des zweiten Titels des vorigen Buches); 2) durch Verjährung (Erſitzung); 3) durch Erbfolge und durch Schenkungen auf den Todesfall, ſo⸗ wie unter Lebenden; 4) durch die Wirkung der Verbindlichkeiten; 5) durch die Beziehung der Früchte von einer fremden Sache; (Fructuum perceptio); 6) durch Occupation. Von letzterer allein wird in den allgemeinen Verfügungen in wenigen Artikeln gehandelt; dann folgt die Lehre vom Erbrecht, dieſer das Obligationsrecht, an welches ſich die Grundſätze über Be⸗ ſitz, Erſitzung und Verjährung das Geſetzbuch ſchließend, anreihen. Die Oecupation des römiſchen Rechtes kennt der code civil nicht, denn herrenloſe Sachen gehören dem Staate. Der Grund⸗ ſatz res nullius cedit occupanti, die Baſis der römiſchen Lehre über Occupation kömmt jedoch bei folgenden Fällen nach geſetzlicher Vorſchrift zur Anwendung. 1) Wenn Gegenſtände, die dem Feinde gehören, erbeutet werden und es geſtattet iſt, Beute zu machen. 2) Beim Jagen und Fiſchen innerhalb der Gränzen der Polizeivorſchriften hierüber *). 3) Bei Bienenſchwärmen, die ihr Haus verlaſſen, wenn ſie der bisherige Eigenthümer nicht verfolgt; ſie gehören dann dem, an deſſen Bäume oder Eigenthum ſie ſich anhängen. 4) Bei Sachen, welche in das Meer geworfen oder vom Meere ausgeworfen werden; Pflanzen, Kräuter, die am Ufer wachſen; je⸗ doch ſind auch hier überall polizeiliche Geſetze maaßgebend, welche die Rechte auf dieſe Gegenſtände regeln. *) Die Jagdgeſetze von Frankreich ſind: Ordonnanz vom Juni 1604, vom 13. Auguſt 1669, vom 4. Auguſt 1789, vom 28.— 30. April 1790, Dekret vom 4. Mai 1812, Verordnung vom 20. Auguſt 1814. Das Fiſchereigeſetz vom 15. April 1829 regulirt das Fiſchen in den Flüſſen; ältere Geſetze: die Ordonnanz von 1669, das Geſetz vom 14. Floréal Jahr 10, das Geſetz vom 3. Brumaire IV. 7* Civilrecht. 5) Bei Sachen, die verloren und vom Eigenthümer aufgegeben wurden. 6) Bei Findung von Schätzen. Hier beſtimmt das Geſetz: wer auf ſeinem eigenen Grund und Boden einen Schatz findet, er⸗ wirbt ihn eigenthümlich; wer als Arbeiter zufällig auf dem Grund und Boden eines Andern einen Schatz findet, hat die Hälfte des Schatzes zu beanſpruchen, während die andere Hälfte dem Ei— genthümer zufällt. Wenn aber der Eigenthümer abſichtlich nach einem Schatze auf ſeinem Grunde graben läßt und derſelbe wird gefunden, ſo gehört er ganz dem Eigenthümer; deßgleichen können andere, wenn ſie auf fremden Boden nach einem Schatze gegraben und ihn gefunden haben, kein Recht auf denſelben weder ganz noch theilweiſe geltend machen, weil bei denen, die arbeiten und nicht Eigenthümer des Grundes ſind, nur das Zufällige zu Gunſten entſcheidet. I. Titel. Von der Erbfolge. Art. 718— 892 c. e. Das römiſche Erbrecht iſt ein Ausfluß eines Eigenthumsrechts, welches über das Grab hinaus geht, auf die Idee begründet, daß die Perſon, welche ein Eigenthum erworben hat, für alle Zeit auch darüber allein zu verfügen hat. Deßhalb ſtund auch die teſta⸗ mentariſche Erbfolge in erſter Linie, und nur, wenn letztwillige Verfügungen fehlten, trat die Inteſtaterbfolge ein, gewiſſer⸗ maßen als ob das Geſetz hier ſtatt des Erblaſſers teſtire. Die Erbfolge auf den Grund von Verträgen war dem römiſchen Rechte unbekannt, während ſie im germaniſchen ſehr üblich war. In den Provinzen des geſchriebenen Rechts galt auch hier, wie in den andern Rechtsmaterien, das römiſche Recht, allerdings hie und da durch Sätze aus dem Gewohnheitsrecht modifizirt. So galt z. B. faſt überall der Rechtsſatz des letztern: le mort saisit le vit, der Todte ergreift den Lebenden, was ausdrücken ſollte, daß der in N ht ni e 6 he ſlt m uhn ſſh NMn ſult N il we, ni ul hit U — — nn NM M uh ſgegeben ndet, er uf dn it Hißt den 6 ich mi lbe vin ämn gegrabe an w ud nih Gunſm nötecht, det, d eit ut e teſe zwilin geiſt⸗ . di n Reht iet, wi n ſi So gil daß de Erbrecht. 101 Blutsverwandte von Rechtswegen Eigenthuͤmer des Nachlaſſes wird, und der teſtamentariſche Erbe als bloßer Legatar angeſehen wird, der ſogar vom Erben de droit die Herausgabe der Hinterlaſſen⸗ ſchaft verlangen kann und muß. In den Provinzen des Gewohnheitsrechtes galten verſchiedene Coutümes, alle aber auf einer und derſelben Grundlage, der ger⸗ maniſchen, begründet, welche die Erblichkeit auf die Geſchlechtsfort⸗ pflanzung baſirt hat. Nach dem germaniſchen Prinzip haben die Mitglieder Eines Geſchlechts zuſammen ein Geſammteigen⸗ thum an allen den Liegenſchaften, welche ſie von einem ihnen ge⸗ meinſchaftlichen Aſcendenten ererbt haben. Es ſind demnach nur die ehelichen Blutsverwandten des Erblaſſers die Erben und zwar kraft Geſetzes Eigenthümer und Beſitzer des Nachlaſſes (e mort saisit le vif). Jedoch konnten ſie auf denſelben verzichten, nach dem Rechtsſatze: Wer nicht will, iſt nicht Erbe, n'est héretier qui ne veut pas. Das Zwiſchenrecht entſchied ſich für die Annahme der germaniſchen Anſchauung“) und veränderte durch Zuſatz und Weg⸗ nahme verſchiedener Rechtsſätze das Erbrecht im Geiſte der demokra⸗ tiſchen Republik und der Gleichheit. So wurden die Vorrechte, die dem Aelteſten zugeſtanden waren, aufgehoben. (Majorate.. Es ſollte unter den Blutsverwandten Gleichheit der Anſprüche und dadurch Brüderlichkeit und Familienſinn herrſchen. Und das iſt allerdings auch ein richtiges Mittel hiezu. Man beſchloß fer⸗ ner, daß, wenn keine Nachkommen hinterlaſſen werden, das Ver⸗ mögen in zwei gleichen Hälften an die väterliche und an die müt⸗ terliche Linie falle, ohne Rückſicht auf Qualität und Herkommen der Güter. Subſtitutionen (Fideikommiſſe) wurden ebenfalls unterſagt; und dem Verfügungsrechte wurden enge Gränzen geſetzt. Der code civil folgte dem Zwiſchenrechte in der Annahme des germaniſchen Prinzips, verbot eine vollſtändige Enterbung der Kin⸗ der durch die Eltern und ließ ihnen nur ein mäßiges Verfügungs⸗ recht zu. Auch nahm er beim Mangel an Nachkommen das Theil⸗ *) Alſo auch hier wieder, wie in ſo vielen ſchon berührten Inſtituten, begegnen wir, wie wir in der Vorrede ſchon im Voraus geſagt haben, germaniſchem Rechte als Grundlage des franzöſiſchen. 102 Civilrecht. ungsſyſtem in väterliche und mütterliche Linie an und ertheilte den natürlichen anerkannten Kindern ein reduzirtes, dem überlebenden Ehegatten ein bedingtes Erbrecht. Subſtitutionen, Majorate und Fideikommiſſe blieben für die Regel unterſagt, wurden jedoch, wie ſpäter gezeigt werden wird, ausnahmsweiſe zugelaſſen. Wenn alſo eine Erbſchaft durch den natürlichen oder bürger⸗ lichen Tod einer Perſon eröffnet wird, ſo kommen zunächſt die Bluts⸗ verwandten in 4 Klaſſen, von denen jede die andere nach⸗ folgende ausſchließt, zur Erbfolge. Dieſe heißt die regel— mäßige Erbfolge und die blutsverwandten Erben heißen die recht— mäßigen Erben. Ein bedingtes Erbrecht iſt ertheilt den natürlichen anerkannten Kindern, dem überlebenden Ehegatten und dem Staate, (in welcher Weiſe werden wir ſpäter ſehen) und dieſe Erbfolge heißt die un⸗ regelmäßige. (irregulisre). Während die rechtmäßigen Erben kraft Geſetzes in den Be— ſitz aller Güter, Rechten und Klagen des Erblaſſers treten mit der Verpflichtung, die Laſten der Erbſchaft zu berichtigen, müſſen ſich die Erbfolger (natürliche Kinder, Ehegatte und Staat) erſt richterlich nach beſtimmten Formen in den Beſitz einweiſen laſſen. Die Erbſchaft wird an dem Orte eröffnet, wo der Verſtorbene ſeinen Wohnſitz hatte. Um zu erben muß man erbfähig ſeyn, das heißt man muß zur Zeit der Eröffnung der Erbſchaft exiſtiren. Nicht erbfähig oder erbunfähig ſind alſo: die noch nicht Empfangenen; die bürger⸗ lich Todten und das Kind, das nicht lebensfähig geboren iſt. Früher waren auch die Fremden erbunfähig, welche Beſchränkung jedoch durch das Geſetz vom 14. Juli 1819 in den Artikeln 726 und 912 auf⸗ gehoben wurde; ſiehe I. Titel des erſten Buchs des code civil unter Rechtsfähigkeit. Man darf ferner nicht erbunwürdig ſeyn, weil die Erb⸗ unwürdigkeit von der Erbſchaft ausſchließt. Erbunwürdig aber iſt: 1) derjenige, welcher verurtheilt worden iſt, weil er den Ver⸗ ſtorbenen getödtet oder zu tödten verſucht hat; 2) derjenige, welcher wider den Verſtorbenen eine Capitalanklage angebracht hat, die durch ein Urtheil für verläumderiſch erklärt worden; eitt du lebenn ate un h, wi birnn ie But te nah⸗ regel⸗ ie recht eriannm nwelhe die un⸗ den B nit de nſih i rlih mi erſtorben nan mi erbfihi ie bürge ſ. Fiühe doch at 912 uß iril un die G⸗ abet iſt den Vr talankan t worden Erbrecht. 103 3) der volljährige Erbe, der die ihm bekannte Ermordung des Verſtorbenen nicht bei Gericht angezeigt. Hat jedoch der Ehegatte, ein Aſcendent oder ein Deſcendent, der Bruder oder die Schweſter, der Oheim oder die Baſe, der Neffe oder die Nichte, der Schwiegervater oder die Schwiegermutter, der Schwager oder die Schwägerin des Mörders die Anzeige unterlaſſen, ſo verfällt er nicht in die Strafe der Erbunwürdigkeit. Zur Erbfolge ſind alſo berechtigt die ehelichen Deſcendenten und Aſcendenten und Seitenverwandten des Erblaſſers, letztere jedoch nur bis zu und mit dem zwölften Grade. Die Nähe der Verwandtſchaft wird durch die Generationen beſtimmt⸗ eine jede Generation heißt ein Grad. Die Reihe mehrerer auf einander folgender Grade heißt Linie; dieſe werden eingetheilt in gerade Linien und in Sei— tenlinien. Gerade Linie heißt die Folge der Grade unter Per⸗ ſonen, deren eine von der andern abſtammt; Seitenlinie die Folge der Grade unter Perſonen, die nicht von einander abſtammen, aber einen gemeinſchaftlichen Stammvater haben. Die gerade Linie wird in die aufſteigende (Eltern, Großeltern) und in die abſteigende Kinder, Enkel ꝛc.) abgetheilt. Zwiſchen Verwandten männlichen und zwiſchen denen weiblichen Geſchlechts macht der code civil keinen Unterſchied und handelt demnach nicht von den Agnaten und Cog⸗ naten des römiſchen, den Schwert⸗ und Spillmagen des deutſchen Rechts. Auch ein Vorzug der Geburt, der Erſtgeburt, iſt ihm und ſeinen Prinzipien fremd. In der erſten Klaſſe erben die Nachkommen des Verſtorbe⸗ nen, Kinder, Enkel, Urenkel. In der zweiten Klaſſe erben die Brüder und Schweſtern, alſo die Geſchwiſter des Verſtorbenen, und ſoferne dieſe todt ſind, die Nachkommen derſelben, die Geſchwiſter mögen vollbürtig geweſen ſeyn oder halbbürtig. Sind die Eltern des Verſtorbenen, oder eines von ihnen noch am Leben, ſo erben ſie in dieſer Klaſſe mit und zwar ſo, daß Eines derſelben ein Viertheil der Erbſchaft erhält; die Hälfte alſo, wenn ſie beide noch am Leben ſind, wird ihnen zuſammen zu Theil. In der dritten Klaſſe erben die Aſcendenten des Erblaſſers, Eltern, Großeltern. 104 Civilrecht. In der vierten Klaſſe die übrigen Seitenverwandten bis zu und mit dem zwölften Grade. In einer jeden dieſer Klaſſen richtet ſich die Erbordnung nach der Nähe des Grades, das heißt der dem Grade nähere Verwandte ſchließt den dem Grade nach weitern Verwandten aus. Wenn die Erbſchaft an die Aſcendenten oder an die Seitenver⸗ wandten des Verſtorbenen fällt, alſo keine Erben der erſten Klaſſe da ſind, ſo muß der Nachlaß in zwei gleiche Hälften getheilt werden. Die eine Hälfte fällt an die Verwandten der väterlichen Linie, die andere an die der mütterlichen Linie. Iſt der Erbe ein Verwandter auf beiden Linien zugleich, ſo erbt er in beiden Linien; z. B. Fried⸗ rich hinterläßt als Erben nur zwei Brüder, einen vollbürtigen (der alſo beide Eltern mit ihm gemein hatte) und einen halbbürtigen (wenn nur Vater oder Mutter gemeinſam war). Seine Verlaſſen⸗ ſchaft beträgt zweitauſend Gulden. Dieſelbe wird getheilt in zwei Hälften, trifft alſo jede Hälfte eintauſend Gulden. In der einen Linie (wo die Eltern gemeinſam waren) erben beide gleich, alſo Jeder 500 Gulden; in der andern Linie (wo nur Vater oder Mutter ge⸗ meinſam war) erbt nur der Vollbürtige die 1000 Gulden allein. Er hat alſo im Ganzen 1500 Gulden, der halbbürtige nur 500 Gul— den ererbt. Die Erben gelangen zur Erbfolge kraft eigenen Rechts; de leur chef, jure proprio) nämlich wenn ſie die dem Grade nach nächſten Erben ihrer Klaſſe ſind und zur Erbfolge als ſolche berufen werden; oder ſie erben durch das Repräſentationsrecht. Letz⸗ teres iſt eine Rechtserdichtung, (tctio juris) welche die Wirkung hat, daß die Repräſentanten in die Stelle, den Grad und die Rechte des Repräſentirten eintreten; z. B. die Kinder repräſentiren ihre ver⸗ ſtorbenen Eltern, Vater, Mutter bei Erbſchaften der Großeltern, der Geſchwiſter c. Sie nehmen ihre Stellen ein, erben aber nicht wie ihr Autor nach dem Kopfe, ſondern nach dem Stamme, das heißt ſie zuſammen ſtellen eine Perſon dar, die des verſtorbenen Vaters oder der Mutter, denn nur Erben kraft eigenen Rechtes erben nach dem Kopfe. (So viel Mund, ſo viel Pfund.) Die Repräſentation oder Erbvertretung findet in der erſten und zweiten Klaſſe der Erben ſtatt und nur in dieſen. Aber ſie findet, n im v in in wit 1 In ſt is ſ nch andte enver Klaſe erden. di andier Frie (der rtigen laſſen⸗ wei einen Rede er g n. Er Gu⸗ echts; e nh etufen Lez⸗ g ha, te des eve⸗ n, der ht wi heit aturs nch n und findet, Erbrecht. 105 wie das Geſetz ſagt, in's Unendliche ſtatt, das heißt, wenn der erſte Grad ausgeſtorben iſt, wird der zweite berufen; iſt dieſer aus⸗ geſtorben der dritte und ſofort. Die Transmiſſion der Erbſchaft iſt der Uebergang der Erb⸗ ſchaft auf die Erben des erſt nach dem Tode des Autors verſtorbe⸗ nen Erben; z. B. A. ſtirbt und hinterläßt ſeinen Sohn B. als Erben; kurze Zeit nach dem Tode des A. ſtirbt auch ſein Sohn B. Dann iſt dem B. der Nachlaß des A. ſchon anheimgefallen und er transmittirt ihn mittelſt ſeines Todes auf ſeinen Sohn C., den Enkel des A. Durch die Irregular⸗ (außerordentliche, unregelmäßige) Erb⸗ folge ſind, wie geſagt, zunächſt die natürlichen anerkannten Kinder berufen, aber nicht als rechtmäßige Erben, indem ihnen das Geſetz nur ein beſchränktes Erbrecht auf den Nachlaß ihrer Eltern geſtattet, kein Recht auf das Vermögen der Verwandten ihrer Eltern. Das Geſetz hat ihre Rechte folgendermaßen feſtgeſtellt: Wenn der Vater oder die Mutter eheliche Abkömmlinge hinterlaſſen haben, ſo beſteht dieſes Recht in einem Drittel des Erbantheils welchen es als ehe⸗ liches Kind erhalten hätte; es beſteht in der Hälfte, wenn Vater oder Mutter keine ehelichen Nachkommen, aber Aſcendenten und Ge⸗ ſchwiſter hinterlaſſen haben; es beſteht in drei Viertel, wenn der Erb⸗ laſſer nur Erben der vierten Klaſſe hinterläßt; es beſteht in dem ganzen Vermögen, wenn Vater oder Mutter gar keine Verwandten der 4 Klaſſen zurückgelaſſen haben. Die Erbſchaft eines natürlichen Kindes, das keine ehelichen Nach⸗ kommen hinterläßt, fällt auf dasjenige der Eltern, welches es aner⸗ kannt hat, auf beide zur Hälfte, wenn es von beiden anerkannt wurde. Natürliche Kinder des unehelichen Kindes, die von ihm an⸗ erfannt wurden, ſubſidiariſch der Ehegatte, noch ſubſidiariſcher der Staat ſind gleichfalls zur Erbfolge in den Nachlaß deſſelben berufen. Wenn der Verſtorbene keine Erben der 4 Klaſſen, auch keine natürlichen Kinder hinterläßt, fällt das Vermögen an den noch leben⸗ den Ehegatten, wenn er nicht geſchieden lebte. Hinterläßt der Verſtorbene auch keinen Ehegatten, ſo fällt das Vermögen an den Staat, und auch nach Maaßgabe beſonderer Vor⸗ ſchriften, ſtatt an dieſen an Spitäler, Pfründen, Wohlthätigkeits⸗ 106 Civilrecht. anſtalten, in welchen der Verſtorbene gelebt hatte und verpflegt wor⸗ den war. In gewiſſen Fällen ertheilt das Geſetz beſtimmten Perſonen ein Rückfallsrecht, droit de retour, kraft deſſen dieſe Perſonen die⸗ jenigen Güter zurücknehmen, welche ſie dem Erblaſſer geſchenkt haben. So iſt ein geſetzliches Rückfallsrecht den ehelichen Kindern des Vaters eines unehelichen Kindes auf deſſen ihm vom Vater geſchenkte Güter geſtattet. Auch durch Vertrag kann ein ſolches der Schenkgeber für ſich und ſeine Erben bei Schenkungen unter Lebenden und auf Todes⸗ fall conſtituiren. Wir haben geſehen, welch' tief eingreifender Unterſchied zwiſchen der Grundlage des römiſchen Erbrechts und des franzöſiſchen (ger⸗ maniſchen eigentlich) beſteht, und welches die Conſequenzen der einen und der andern ſind. Wir kommen nunmehr wieder auf eine Grundlehre, die einen ebenſo ſcharf einſchneidenden Unterſchied zwi⸗ ſchen den beiden Geſetzgebungen begründet, nämlich auf die Prin— zipien über Anfall (Delation) und Annahme der Erbſchaft. Nach dem römiſchen Rechte erwirbt der Erbe die Erbſchaft erſt, wenn er ſie annimmt, denn der Teſtator oder ſtatt ſeiner das Geſetz hat ſie ihm nur angetragen. Der franzöſiſche Inteſtaterbe aber erwirbt die Erbſchaft nicht erſt durch die Annahme, ſondern „das Eigenthum und der Beſitz geht auf den rechtmäßigen Erben „kraft Geſetzes in dem Augenblick, wo die Erbſchaft eröffnet wird, „mit allen Schulden, Laſten und Verbindlichkeiten über.“ Der Erbe tritt nach dem Tode des Erblaſſers kraft Geſetzes an deſſen Stelle ausſchließlich und ſofort: le mort saisit le vif. *) Dieſer Grundſatz zwingt jedoch nicht den Erben, die Erbſchaft unbedingt anzutreten. Wenn er Gründe hat, weil z. B. die Erb⸗ ſchaft überſchuldet iſt, ſo kann er die Erbſchaft ausſchlagen, das heißt er kann auf dieſelbe verzichten. Der Verzicht wird jedoch nie *) Ein gleicher Ausfluß dieſer Anſchauung der bürgerlichen Erbfolge war der feier⸗ liche Ausruf des Marſchalls oder des Herolds an die Verſammlung: le roi est mort, vive le roi! in der ſtaatsrechtlichen Erbfolge. Der König iſt todt! rief der Herold in der Kapelle zu St. Denis, das heißt: das Individuum, das gerade Träger des Rechtsbegriffes war, iſt todt, aber der König, als Rechtsbegriff, kann nicht ſterben. Es lebe der König! r NM uj — — — gi wor⸗ nen ein ſen die⸗ haben. Vute e Gütn eber fir Tdet⸗ wiſchn en Ge et einn uf ein itd zwi e Pri rbſchf haft e iner d teſtante ſonden Eibn net win, Der bre n Stelt Erbſchn die Ett das hi doch nit 7 ar der feir g k ni ig iſ dividuun König, Erbrecht. 107 vermuthet, ſondern er muß ausdrücklich durch den Verzichten⸗ den oder deſſen Stellvertreter (Bevollmächtigten, Vormund, Curator) auf der Kanzlei des Gerichts, in deſſen Sprengel die Eröffnung der Erbſchaft fällt, geſchehen. Ein ſtillſchweigender Verzicht iſt nicht geſtattet, ebenſo wenig ein theilweiſer, er muß ganz und vollſtändig ſeyn. Jeder aber, der rechtsfähig iſt, kann verzichten und zwar ohne Angabe der Gründe: N'est heritier, qui ne veut pas. Des Rechts, Verzicht zu leiſten, wird der Erbe verluſtig, wenn er vor der Ver⸗ zichtleiſtung Erbſtücke unterſchlagen oder verheimlicht hatz auch durch Verjährung eiliſcht das Recht, wozu aber die längſte Verjährungs⸗ zeit der Immobiliarrechte, alſo dreißig und beziehungsweiſe zwanzig Jahre, erfordert wird. Um den Erben zu ſchützen und ihm die Annahme der Erbſchaft nicht als eine zu gewagte Rechtshandlung in beſtimmten Fällen ent⸗ gegentreten zu laſſen, hat das Geſetz demſelben die Rechtswohl⸗ that des Erbverzeichniſſes, peneficium inventarii, zugeſtanden. Der Erbe hat hiedurch das Recht, auf der Gerichtskanzlei zu er⸗ klären, daß er nur unter Vorbehalt des Inventars die Erbſchaft annehmen werde, und das Reſultat des darauf errichtet werdenden Inventars kann ſeine weitern Entſchließungen leiten. Dadurch kann er ſein eigenes Vermögen retten, wenn die Schuldenlaſt der Erb⸗ ſchaft den aktiven Theil derſelben überſteigt. Nach den gegebenen Grundſätzen wird dann die Theilung des Nachlaſſes vorgenommen. Jeder Miterbe hat das Recht, die⸗ ſelbe zu begehren; denn Niemand kann gezwungen werden, in der Gemeinſchaft zu verbleiben. Sind Minderjährige, Interdicirte ꝛ. bei der Erbſchaft betheiligt, ſo kann die Theilung nur unter Mitwirkung des Gerichtes, das dieſelbe auch ſchließlich zu ge⸗ nehmigen hat, vorgenommen werden. Auch können die Theilungen während ihrer Fertigung und nach ihrem Abſchluſſe durch die Re⸗ ſciſſions- und andere Klagen ganz oder theilweiſe wegen Argliſt, Gewalt, Uebervortheilung und Benachtheiligung angefochten werden. Die Theilenden ſind gehalten, zur Erbſchaftsmaſſe alles das anzumelden, was ſie vom Erblaſſer durch Schenkung unter Lebenden ſchon erhalten haben, damit es ihnen angerechnet werde. Dieſen Akt nennt man die Collation, Einwerfung in die Erbſchaftsmaſſe 108 Civilrecht. und von den Erben ſagt man, ſie müſſen conferiren (einwerfen, zuſammentragen). Natürlich ſind unter dieſen Schenkungen nur ſolche zu verſtehen, die von einiger Bedeutung ſind; bei Beurtheilung der einzelnen Fälle miſſen offenbar die Vermögensverhältniſſe dem Richter den Maaßſtab an die Hand geben. Was zum Etabliſſement eines der Miterben oder zur Zahlung ſeiner Schulden verwendet wurde, muß ebenfalls conferirt werden. Befreit von der Collation ſind: die Koſten der Ernährung, Erziehung, der Lehrzeit, die Ausſtaffirungs⸗ koſten, die der Hochzeit und die üblichen Geſchenke. Dagegen müſſen ſelbſt die Geſchenke und Vermächtniſſe, welche vom Erblaſſer unter der ausdrücklichen Anordnung, daß ſie zum Voraus und mit Befreiung von der Collation hinausgegeben wurden, über den Betrag des Theils, worüber der Verſtorbene verfügen konnte, conferirt werden. II. Titel. Von Schenkungen unter Lebenden und von Teſtamenten. Artikel 893 — 1100 c. c. In dieſem Titel wird die Erbfolge mittelſt Teſtamente, alſo ein Bruchſtück des Erbrechts zugleich mit der Lehre von den Schenk— ungen, die eigentlich in das Obligationsrecht gehört, verhandelt. Das Recht hinſichtlich der Schenkungen war vor der Re— volution theils römiſches, theils Gewohnheitsrecht, theils durch könig⸗ liche Ordonnanzen regulirtes. (Hrdonnanzen über Schenkungen 1731, über Subſtitutionen 1747. Offener Brief über Schenkungen in Heirathsverträgen 1769.) Dieſelben bilden die Quellen des Zwi⸗ ſchenrechts und des code civil, ſich einander gegenſeitig ergänzend. Bezüglich der Deſtamente galt wieder in den Ländern des ge⸗ ſchriebenen Rechts das römiſche; man unterſchied alſo Teſtamente und Codicille. In den Ländern des Gewohnheitsrechtes war dieſer Unterſchied nicht bekannt, und ein gänzliches Enterbungsrecht der Blutsverwandten nicht geſtattet. erfen, ſole 9 de ichter tins urde, die ungs nüſen unter nit ibet onnte, uten. alſo chent t. rRe⸗ fönig 1731, en in Zui⸗ mzend. ge⸗ nente dieſer tde Erbrecht. 109 Das Zwiſchenrecht, jedoch noch mehr im demokratiſchen Sinne, und der code civil ſchloſſen ſich hauptſächlich dem Gewohnheitsrechte an, benützten jedoch nebenbei einzelne Beſtimmungen des römiſchen Rechts (z. B. das geheime Teſtament) und noch mehr die Ordon⸗ nanzen. So verbot die Revolution die Subſtitukionen (Fidei⸗ kommiſſe) ſchlechthin, als der geſunden Nationalökonomie und der Gleichheit entgegenſtrebend durch das Geſetz vom 25. Oktober und 14. November 1792. Der code civil wiederholte im Art. 896 dieſe Verfügung in den Worten: „Subſtitutionen ſind verboten. Jede Verfügung, wo⸗ „durch dem Geſchenknehmer, dem eingeſetzten Erben oder dem Legatar „auferlegt wird, für einen Dritten etwas aufzubewahren und ihm „zurückzuliefern, iſt ungültig, ſelbſt in Hinſicht des Geſchenknehmers, „eingeſetzten Erben oder Legatars.“ In denſelben Artikel jedoch wurde ſofort eine Ausnahme gemacht bezüglich der freien Güter, welche die Dotirung eines erblichen Titels ausmachen, den der Kaiſer zu Gunſten eines Prinzen oder Familienhauptes errichtet hat; ſie konnten wieder erblich übertragen werden. Napoleon hatte durch kaiſerliches Dekret vom 30. März 1806 zwölf Provinzen zu Herzog⸗ thümern, großen Reichslehen erhoben mit kaiſerlichem Inveſtitur⸗ und Rückfallsrecht und dem Vererbungsrecht der Lehensträger nach dem Rechte der Erſtgeburt, alſo zur Erhöhung des kaiſerlichen Anſehens und Glanzes, zur Stütze der kaiſerlichen Macht die Lehen, die Fidei⸗ kommiſſe, das Majorat wieder in Frankreich eingeführt, deren Ver⸗ nichtung ſo viel Blut gekoſtet, ſo viel Elend geſchaffen hatte, und der ganze Unterſchied zwiſchen ehemals und jetzt beſtand hauptſächlich darin, daß ſtatt der alten adeligen Familien nun mehr novi homines, glückliche Soldaten und Generale die Lehensträger waren. Zugleich geſtattete der code civil im Artikel 897 im Zuſam⸗ menhalt mit dem Artikel 1048 eine weitere Ausnahme des Verbots zu Gunſten der Verfügungen, die zum Vortheil der Enkel des Geſchenkgebers oder Teſtirers, oder zum Vortheil ſeiner Geſchwi⸗ ſterkinder in fideikommiſſariſcher Weiſe getroffen werden. Die Reſtauration erweiterte durch Geſetz vom 17. Mai 1826 das Recht, ſideikommiſſariſche Subſtitutionen zu gründen in Civilrecht. umfaſſenderer Weiſe. Die Majorate aber wurden unter Louis Phi⸗ lipp durch Geſetz vom 12. Mai 1835 wieder aufgehoben. Um durch Vertrag unter Lebenden ſchenken oder durch ein Te⸗ ſtament vererben zu können, muß man rechtsfähig und bei ge⸗ ſundem Verſtande ſeyn. Perſonen, die nicht rechtsfähig und nicht bei geſundem Ver⸗ ſtande ſind, iſt aus ſehr begreiflichen Gründen das Verfügungsrecht unterſagt. Hiebei ſind jedoch noch folgende ſpezielle Beſtimmungen getroffen: Ein Minderjähriger, der noch nicht 16 Jahre alt iſt, kann auf keine Weiſe verfügen; hat er 16 Jahre erreicht, ſo kann er nicht durch Schenkung, aber durch Teſtament verfügen bis zum Betrag der Hälfte des Vermögens, über das er, volljährig geworden, hätte verfügen können. Eine Frau kann ohne Autoriſation ihres Mannes oder des Gerichtes ein Teſtament errichten, aber nicht mit⸗ telſt einer Schenkung verfügen. Um fähig zu ſeyn, etwas durch Schenkung oder Teſtament zu empfangen, genügt es, wenn man im Augenblick der Schenkung oder wenn der Teſtirer ſtirbt, em— pfangen iſt. Geiſtliche, Aerzte, Chirurgen, Apotheker (die drei letztern wegen der Behandlung in der Krankheit, woran die Perſon geſtorben iſt) können aus den Verfügungen während der letzten Krankheit nur dann Nutzen ziehen, wenn ſie erbfähige Verwandte ſind, oder wenn ihnen etwas unter dem Titel eines Partikularver⸗ mächtniſſes oder einer Partikularſchenkung zugedacht worden, jedoch nur mit Rückſicht auf den Werth der geleiſteten Dienſte und das Verhältniß des Vermögens des Teſtirers oder Schenkgebers. Ebenſo erhalten ſolche Verfügungen zu Gunſten von Spitälern, der Armen der Gemeinden, gemeinnützigen Anſtalten *) ihre Wirkung nur inſo⸗ ferne, als ſie durch ein Dekret des Staatsoberhaupts genehmigt werden. Auch kann ein Minderjähriger nicht zu Gunſten ſeines Vormunds verfügen, wenn nicht der Vormund ein Aſcendent iſt. Selbſt wenn er volljährig geworden iſt, kann er zu deſſen Gunſten erſt dann verfügen, wenn die Vormundſchaftsrechnung abgeſchloſſen *) Hieher gehören auch die Kirche, ihre Anſtalten, Stiftungen und Corporationen. (Orden v.) Auch ſie bedürfen der Genehmigung des Staatsoberhaupts. Geſetz vom 2. Januar 1817. s0 in T⸗ hei ge⸗ n Per⸗ igörht mungn alt i ſo km is zn worda, ihn icht mi⸗ 8 du n um t, en⸗ die dri Perſyn rlehen rwardte ulawer „je ind do Ghenſ nen ur inſ nehni n ſin dent iſ. Gunſtn ſchleſn oratibnen⸗ berhoupt Erbrecht. 114 worden iſt. Schließlich iſt auch jede Verfügung zu Gunſten unfähi⸗ ger oder unterſtellter Perſonen nichtig. Als unterſtellte Gnter- pos6es) Perſonen werden angeſehen die Eltern, Abkömmlinge und der Ehegatte des Unfähigen. Das Geſetz hat endlich zu Gunſten von Schenkungen unter Lebenden oder auf Todesfall, welche durch Minderjährige in Eheverträgen geſchehen, Ausnahmen des gemeinen Rechts geſtattet. In der Regel kann eine Perſon über ihr geſammtes Vermögen nach Gefallen verfügen, dasſelbe alſo auch ganz oder theilweiſe mit⸗ telſt Schenkung unter Lebenden oder Teſtament auf Andere über⸗ tragen, inſoferne nicht die Geſetze eine Ausnahme von dieſer Regel machen. Dieſes thun ſie aber in gewiſſen Fällen und hauptſächlich beſchränken ſie im Geiſte der Prinzipien ihres Erb⸗ und Familien⸗ rechts zu Gunſten der Verwandten des Schenkgebers oder Teſtirers in gerader Linie (auf⸗ oder abſteigend) das Verfügungsrecht des⸗ ſelben. Den Theil des Vermögens, über welchen man verfügen darf, nennt man den disponibeln oder verfügbaren; den Theil, welchen dieſe Blutsverwandten für ſich in Anſpruch zu nehmen be⸗ rechtigt ſind, den Vorbehalt oder den Pflichttheil derſelben. Nur den Erben in gerader Linie, alſo den Abkömmlingen und den Aſcendenten ſteht ein ſolcher als ihr geſetzlich zuerkanntes Erbrecht zu, und zwar in folgendem Maaßſtabe: Freigebigkeiten durch Schenk⸗ ungen unter Lebenden oder durch Teſtament dürfen nicht die Hälfte des Vermögens des Verfügenden überſteigen, wenn er bei ſeinem Hinſcheiden nur ein eheliches Kind hinterläßt; nicht das Dritttheil, wenn er zwei, nicht das Viertel, wenn er drei oder mehrere ſolcher Kinder hinterläßt. Unter dem Namen Kinder ſind hier auch die Kindeskinder, welche ihre Eltern nach deren Tod repräſentiren, verſtanden. Die Verfügungen eben erwähnter Art dürfen nicht die Hälfte des Vermögens überſteigen, wenn der Verſtorbene zwar kein Kind, aber einen oder mehrere Aſcendenten in beiden Linien hinter⸗ läßt; nicht drei Viertel, wenn er nur in der einen Linie Aſcendenten hinterläßt. Sind keine Abkömmlinge und keine Aſcendenten vor⸗ handen, ſo können die Freigebigkeiten das ganze Vermögen er⸗ ſchöpfen. Wird der disponible Theil überſchritten, ſo iſt den er⸗ wähnten Vorbehaltserben geſtattet, mittelſt einer Klage auf Reduktion 112 Civilrecht. der Schenkungen oder teſtamentariſchen Verfügungen aufzutreten, deren Reſultat darin beſteht, daß die Gerichte den Betrag der Ver⸗ fügungen bis zur geſetzmäßigen Quote reduziren. Die teſtamentariſchen Verordnungen ſind entweder univerſal oder ſie geſchehen unter einem Univerſal⸗ oder unter einem Par⸗ tikulartitel. Ein Univerſalvermächtniß iſt diejenige teſtamentariſche Verfügung, wodurch der Teſtirer einer oder mehreren Perſonen das ganze Ver⸗ mögen gibt, das er bei ſeinem Ableben hinterlaſſen wird. Wenn Erben (Inteſtaterben) beim Abſterben des Teſtirers vorhanden ſind, denen das Geſetz eine Quote des Vermögens vorbehält, ſo geht auf dieſe Erben der Beſitz der ganzen Erbſchaft kraft des Geſetzes über und der Univerſallegatar muß von denſelben die Auslieferung des Univerſalvermächtniſſes verlangen. Sind keine Vorbehaltserben vor⸗ handen, ſo geht die Verlaſſenſchaft nach dem Tode des Teſtirers ſo⸗ fort auf ihn über, ohne daß er irgend eine Auslieferung, delivrance, zu begehren hätte. Ein Univerſallegatar haftet mit dem etwa vor⸗ handenen Notherben für die Schulden und Laſten der Erbſchaft, per⸗ ſönlich nach Verhältniß ſeines Antheils und hypothekariſch für das Ganze; er iſt ferner verbunden, alle Vermächtniſſe zu berichtigen, wenn nicht eine Reduktion eintritt. Ein Vermächtniß unter einem Univerſaltitel iſt dasjenige, wo⸗ durch der Teſtirer eine Quote ſeines Vermögens, z. B. die Hälfte, das Drittel, oder alle ſeine Immobilien, oder eine beſtimmte Quote derſelben, oder alle ſeine Mobilien oder eine beſtimmte Quote der⸗ ſelben vermacht. Solche Legatare ſind gehalten, wenn Notherben vorhanden ſind, von dieſen, in Ermanglung ſolcher von den Univer⸗ ſallegataren, und in Ermanglung dieſer von den Inteſtaterben die Auslieferung des Vermächtniſſes zu verlangen. Sie haften, wie die Univerſallegatare, für die Schulden und Laſten der Erbſchaft, per⸗ ſönlich nach Verhältniß ihres Antheils und hypothekariſch für das Ganze; auch ſind ſie verbunden, gemeinſchaftlich mit den Erben et⸗ waige Partikularvermächtniſſe zu berichtigen. Ein Partikularvermächtniß iſt ein ſolches, wodurch der Teſtirer eine beſtimmte bewegliche oder unbewegliche Sache vermacht. Der Legatar iſt gehalten, von den Erben, den Univerſallegataren oder den Ni 10 1 zuttetn, der Per iverſel n Pu rfügn, ne Vr Pen den ſin, geht uf tzes übe rung di rben wr ites ſ. lime twa vo haſt, ve für d richigen ige, w eHiff te Qt uote N Nothebe nUnin erben ſi wie ſ t, ve für du Erben e ht Du oder du Erbrecht. 113 Legataren unter Univerſaltitel, je nachdem die einen oder andern vorhanden ſind oder nicht, die Auslieferung des Legats oder der legirten Sache zu begehren. Er haftet nicht für die Schulden der Erbſchaft, unterliegt jedoch gegebenen Falls der Reduktion und den Gläubigern bleibt die hypothekariſche Klage vorbehalten. Der Teſtirer kann nach Gefallen den Zweck beſtimmen, zu wel⸗ chem das Vermächtniß verwendet werden ſoll, vorausgeſetzt, daß der Zweck ein erlaubter iſt. Auch iſt er befugt, die Vermächtniſſe von jeder ihm genehmen Bedingung, wenn ſie nur geſetzlich zuläſſig und möglich iſt, abhängig zu machen, die Bedingung mag eine aufſchie⸗ bende oder eine auflöſende ſeyn. Bezüglich der Form der Schenkungen unter Lebenden verfügt der code civil wie folgt: Die Schenkung einer unbeweglichen Sache gehört zu den feierlichen Verträgen und kann nur mittelſt eines Notariatsaktes geſchehen; ſonſt iſt ſie nichtig. Bewegliche und unkörperliche Sachen dagegen können durch bloße Uebergabe mit dem Willen zu ſchenken, animo donandi, rechtsgültig geſchenkt werden. Ebenſo kann der Nachlaß einer Forderung oder die Verzichtleiſtung auf eine Leiſtung mündlich geſchehen, indem man die Urkunde über die Forderung oder die zu präſtirende Leiſtung dem Schuldner über⸗ gibt. Auch kann eine Schenkung in einem andern Notariatsakt z. B. einem Heirathsvertrag, einer Güterabtheilung rechtsgültig ge⸗ ſchehen, weil hier immer die Natur des ſolennen Aktes gegeben iſt. Jeder Schenkungsakt muß transſcribirt werden, um gegen Dritte wirkſam zu ſeyn. (Siehe Titel XVIII.) Die geſetzlichen Beſtimmungen über die Formen der Teſta⸗ mente ſind folgende: In Einem und demſelben Teſtamente dürfen nicht zwei oder mehrere Perſonen gegenſeitig oder zu Gunſten eines Dritten verfügen. Der Teſtirer kann aber eine der Formen, die das Geſetz zuläßt, beliebig wählen. Die Formen des gemeinen Rechts ſind: 1) Das olographiſche Teſtament oder das eigenhändige. Dasſelbe muß ganz von der Hand des Teſtirers geſchrieben, datirt und unterzeichnet ſehn; eine jede dieſer Förmlichkeiten iſt bei Strafe der Nichtigkeit vorgeſchrieben. 2) Das öffentliche Teſtament. Ein ſolches muß von zwei II. Civilrecht. 8 . 114 Civilrecht. Notarien in Gegenwart von zwei Zeugen oder von einem Notär in Gegenwart von vier Zeugen aufgenommen werden. Es muß von dem Teſtirer laut und deutlich vorgeſagt, von dem Notär nie⸗ dergeſchrieben und vorgeleſen und von Teſtirer, Notär und Zeugen unterſchrieben werden. Alles dieſes muß im Teſtamente conſtatirt werden, ebenſo wenn der Teſtirer nicht unterzeichnen kann, weil er außer Stand oder des Schreibens unkundig iſt. 3) Das myſtiſche oder geheime Teſtament. Will der Te⸗ ſtirer ein ſolches errichten, ſo muß er ſeine Verfügungen unter⸗ ſchreiben, nachdem er oder ein anderer, was hier ganz gleichgültig iſt, ſie niedergeſchrieben hat. Dieſen letzten Willen muß er ver⸗ ſchließen und verſiegeln. In dieſem Zuſtande zeigt er ihn dem Notär in Gegenwart von wenigſtens ſechs Zeugen vor und erklärt, daß das, was in dieſem Papiere ſey, ſein Teſtament enthalte, das er ſelbſt oder ein Anderer niedergeſchrieben, er aber unterzeichnet habe. Der Notär fertigt eine Aufſchrifts⸗Urkunde darüber, welche auf das Papier des Teſtamentes ſelbſt oder auf ein Unſchlagblatt geſchrieben wird. Teſtirer, Notär und Zeugen unterſchreiben dieſe Urkunde. Alles muß in einer ununterbrochenen Folge und, ohne zu andern Handlungen zu ſchreiten, geſchehen. Für beide Arten des öffentlichen Teſtamentes beſteht die geſetz⸗ liche Vorſchrift, daß der Notär ausnahmsweiſe bei Strafe der Nich⸗ tigkeit das Teſtament oder die Aufſchriftsurkunde eigen händig niederſchreiben muß, ſie nicht wie ſonſtige Urkunden durch Gehülfen in ſeiner Gegenwart ſchreiben laſſen kann. Aus Rückſicht auf beſondere Umſtände und Lagen im menſch⸗ lichen Leben geſtattet das Geſetz noch weitere Formen der letztwilli⸗ gen Verfügungen, welche ſich im code civil auf vier Arten zurück⸗ bringen laſſen, nämlich: 1) Das militäriſche Teſtament. Offiziere, Beamte, Un⸗ teroffiziere, Soldaten, welche im Felde ſtehen, kriegsgefangen ſind, außerhalb Frankreich im Quartier liegen, können Teſtamente errich⸗ ten vor ihren Vorgeſetzten, Militärärzten, Geſundheitsbeamten, Kriegskommiſſären in Gegenwart zweier Zeugen. 2) Das Teſtament zur Peſtzeit oder während anſteckender Krankheiten, welche einen Ort außer Verkehr ſetzen. Hier kann vor 1 en Mui Es u Nutit 1i d Zuhn enſit n, will u ill de gen un gliiti uß er den Ni rlärt, d e, dos ichnet hi he auf geſhrihn e Urhm zu umn die i e du Ji nhindi h Gehiſn in nuſt rlezuil ten zi eant, l ngen ſt ente mit itsbeann aſtüm r kan Erbrecht. 115 dem Friedensrichter, Bürgermeiſter, Adjunkten in Gegenwart zweier Zeugen der letzte Wille niedergeſchrieben werden. 3) Das Teſtament während der Seereiſe. Solches kann aufgenommen werden auf Kriegsſchiffen vor Schiffsoffizieren und Schiffsbeamten, auf Kauffahrteiſchiffen vor dem Rheder, dem Schiffs⸗ patron, Kapitän, Schiffsſchreiber, aber immer in Gegenwart zweier Zeugen. . 4) Auf dem Lande, wo vorausſichtlich viele Perſonen nicht ſchreiben können, iſt ein Teſtament ausnahmsweiſe ſchon gültig, wenn einer der beiden Zeugen mit den Notären oder zwei der vier Zengen mit dem Notäre unterzeichnet haben. ₰ Dieſe vier Arten nennt man die privilegirten Teſtamente, von welchen jedoch zu bemerken iſt, daß der Teſtirer, ſobald er in die Lage wieder kömmt, ein Teſtament nach gemeinem Rechte zu machen, er ſolches thun muß, widrigenfalls nach Ablauf einiger Zeit das privilegirte ſeine Kraft verliert. Ein jedes Teſtament kann zu jeder Zeit von dem Teſtirer durch ein anderes Teſtament oder eine Notariatsurkunde widerrufen werden. Später errichtete Teſtamente, worin die vorigen nicht aus⸗ drücklich widerrufen ſind, machen von den Verfügungen, die ſie ent⸗ halten, nur jene unwirkſam, die ſich mit den ſpätern nicht vereinigen laſſen oder mit ihnen in Widerſpruch ſtehen. Eine Schenkung kann dagegen nur 1) wegen Nichterfüllung der Bedingungen, unter denen ſie geſchehen iſt, 2) wegen groben Undanks und 3) wegen nachgeborner Kinder widerrufen werden. Der Widerruf wegen nachgeborner Kinder tritt kraft geſetzlicher Be⸗ ſtimmung, de droit, ein. Wegen der unter 1 und 2 bezeichneten Gründe dagegen muß der Wiverruf erſt mit gerichtlicher Hülfe er⸗ reicht werden. Des groben Undanks hat ſich nach geſetzlicher Be⸗ ſtimmung der Geſchenknehmer ſchuldig gemacht: 1) wenn er dem Schenkgeber nach dem Leben getrachtet hat, 2) wenn er ſich gegen ihn Mißhandlungen, Verbrechen oder grober Unbilden ſchuldig ge⸗ macht hat, und 3) wenn er ihm den Unterhalt verſagt. Wegen der Eröffnung der Teſtamente ſind in der Civilprozeß⸗ ordnung verſchiedene Vorſchriften gegeben, je nachdem das Teſtament ein eigenhändiges, mhſtiſches, öffentliches oder eines der vier privile⸗ 8 * —— — 5 Civilrecht. girten iſt. Das eigenhändige und das myſtiſche Teſtament wird durch einen Notär und beziehungsweiſe den Friedensrichter dem Präſi⸗ denten des Erſtinſtanzgerichtes übergeben, von dieſem in Gegenwart des übergebenden Beamten und weiterer Zeugen geöffnet, in der Kanzlei deponirt, und Protokoll hierüber aufgeſetzt. Dieſe Formali⸗ täten ſind indeſſen nur Vorſichtsmaßregeln und können, wenn ſie nicht vorſchriftsmäßig vollzogen würden, an der Rechtsgültigkeit der Teſtamente nichts ändern. Eltern können mittelſt Schenkung unter Lebenden ſowie durch teſtamentariſche Verfügung ihr Vermögen unter ihre Kinder und Enkel theilen unter Beobachtung der Vorſchriften, welche für Schenk⸗ ungen und Teſtament bezüglich der Form, ſowie des verfügbaren Vermögentheils gegeben ſind. Den übrigen Aſcendenten iſt daſſelbe Recht geſtattet. Andere Formen der Teſtamente, als die oben angeführten, kennt das franzöſiſche Recht nicht, alſo auch nicht das römiſche mündliche Teſtament (nuncupativum) und den germaniſchen Erbverbrüder⸗ ungsvertrag (confraternitas) der ſich hauptſächlich heute noch im deutſchen Staatsrecht vorfindet. In Kurheſſen, Großherzogthum Heſſen, Sachſen wird in den Verfaſſungsurkunden dieſes Inſtitut aufrecht erhalten. Der Teſtirer kann einen oder mehrere zu Vollzieher oder Erecutoren ſeines Teſtamentes ernennen. Er kann denſelben auf die Dauer eines Jahrs, als Honorar, den Beſitz ſeines Mobiliar⸗ vermögens ganz oder theilweiſe einräumen. Iſt dieſer Beſitz dem Erecutor nicht eingeräumt, ſo kann er ihn nicht fordern. Derſelbe hat für die Vollziehung des Teſtamentes in jeder Weiſe zu ſorgen und ſchließlich Rechnnng abzulegen. Alle ſeine Auslagen fallen der Erbſchaft zur Laſt. len imli ſul 1 init ſ,0 ſch tid. ſ6 nul ſicd Won wo dy den ent wic en Riſ⸗ gnn t in de ſom wen ſi igtit w wie du wer m E figun ſt dſch ten, kn indlith tbrüder nhn mn hſu tufth her ſelben u Niin Beſtz du Derſh zu ſuh filen w Obligationenrecht. 117 IMI. Titel. Von Contrakten oder Verbindlichkeiten im Allgemeinen, die aus Verträgen entſtehen. Art. 1101 1369 e e Das franzöſiſche Obligationenrecht, d. i. die Lehre von den Ver⸗ bindlichkeiten und den Verträgen des bürgerlichen Rechts iſt vor der Revolution, einige Modifikationen durch die Contümen in Beziehung auf Heirathsvertrag und Kauf namentlich, abgerechnet, ganz das römiſche geweſen. Der neue Geſetzgeber, dem nichts Beſſeres vor⸗ lag, auch nicht vorliegen konnte, da in dieſer Materie das römiſche Recht vortrefflich und ein Muſter für alle Zeiten iſt und bleiben wird, nahm daſſelbe Syſtem mit den ſchon gegebenen Abweichungen des Gewohnheitsrechtes an, ſo daß das römiſche Recht als die Haupt⸗ quelle des franzöſiſchen Obligationenrechts bei Beurtheilung und Ent— ſcheidung der einzelnen Fragen deſſelben erſcheint. In dieſem Titel ſind die Grundſätze von den Verträgen und von den Verbindlichkeiten zugleich und nebeneinander behandelt; wir werden aber der Deutlichkeit halber, ſie mehr auseinander halten und deßhalb zuerſt die Lehre von den Verbindlichkeiten und dann die von den Verträgen darſtellen. I. Von den Berbindlichkeiten. Alle Verbindlichkeiten ſind begründet durch die Nothwendigkeit, etwas zu leiſten oder zu unterlaſſen. Sie ſind alſo entweder poſi⸗ tiver oder negativer Natur. Dieſe Nothwendigkeit aber wird in dem natürlichen Rechte oder in den Geſetzen der Geſellſchaft ihre Quelle finden, und ſo ſind die Verbindlichkeiten entweder natürliche oder bürgerliche. Die natürlichen ſind jedoch in der Regel da⸗ durch zugleich bürgerliche geworden, daß das Geſetz ſich ihrer ange⸗ nommen und ſie als civilrechtliche Inſtitute in ſich aufgenommen hat, ſo das Recht der Ernährung und des Schutzes, das ſich Kinder und Eltern wechſelſeitig ſchuldig ſind. Die Verbindlichkeiten können ſo⸗ wohl durch Klage als durch Einrede geltend gemacht werden und die hiebei intereſſirten Perſonen ſind entweder Gläubiger oder Be⸗ 2 118 Civilrecht. rechtigte, wenn ſie die Verbindlichkeit anzuſprechen haben, oder Schuld⸗ ner, Verpflichtete, wenn ſie dieſelben zu leiſten haben. Wenn nur eine Perſon die Verbindlichkeit anzuſprechen, nur eine Perſon ſie zu leiſten hat, ſo iſt die Verbindlichkeit eine ſubjektiv⸗einfache. Wenn mehrere Perſonen Gläubiger, oder mehrere Perſonen Schuldner ſind, ſo iſt ſie eine ſubjektiv-mehrfache. In letzterem Falle ſteht das Recht oder die Verpflichtung jedem Gläubiger oder jedem Schuldner gemeinſchaftlich zu und dann iſt es eine Sammt⸗ verbindlichkeit, ein gemeinſchaftliches Recht; oder Recht und Verbindlichkeit ſteht nur Jedem für einen gewiſſen Antheil zu, dann iſt Recht und Verbindlichkeit alternativ. Eine Verbindlich— keit iſt ferner entweder perſönlich, wenn der Schuldner für ſeine Perſon haftet und ihr Gegenſtand iſt dann eine Handlung; oder ſie iſt dinglich, wenn der Schuldner nur als Beſitzer gewiſſer Sachen oder Güter für ihre Erfüllung haftet, und dann iſt der Gegenſtand derſelben die Uebergabe oder Herausgabe einer Sache oder einer Forderung oder einer universitas rerum, einer Geſammt⸗ heit von Gütern (Erbſchaft). Eine dingliche Verbindlichkeit hat immer nach römiſchem Ausdrucke alſo ein jus personale in rem scriptum zur Grundlage. Jede Verbindlichkeit, etwas zu thun oder zu unterlaſſen, löſt ſich, wenn ſie der Schuldner nicht erfüllt, in die Verbindlichkeit des Schadenserſatzes auf. Jede Verbindlichkeit, etwas zu geben, begreift die Verpflichtung des Schuldners in ſich die Sache mit ihrem Zu⸗ behör zu erhalten und ſie ſeiner Zeit herauszugeben. Eine Verbindlichkeit kann aber auch objektiv⸗einfach oder zuſammengeſetzt ſeyn, je nachdem ihr Gegenſtand ein ein⸗ zelner iſt, oder ein mehrfacher. Sie iſt eine facultative wenn dem Schuldner die Wahl gelaſſen iſt, einen Gegenſtand an die Stelle eines andern zu ſetzen; oder eine alternative, wenn der Schuldner zu mehreren Leiſtungen aber in der Weiſe verpflichtet iſt, daß die Verbindlichkeit erfüllt wird, wenn er einer der Leiſtungen nachkömmt. Die Verbindlichkeiten ſind theilbar, wenn ſie theilweiſe erfüllt werden können; iſt dieſes nicht der Fall, ſo ſind ſie untheilbar. Die Verbindlichkeit, etwas nicht zu thun oder die Shul enn m urſn ſ Peſun leztenn ger ou annt er Reit heil w. erbilit, fir ſin ug; u gwiſt niſt d er Si Geſunn at inn Seripun ſſen, li ichtet di byui hren 3r fach OM tin ein ltativt ſtand u e, en veyfliht Leiſtunh heitweit ſd ſi oder di Obligationenrecht. 119 Ausübung einer Dienſtbarkeit zu geſtatten oder die Conſtituirung einer ſolchen oder einer Hypotheke gehören z. B. zu den untheilbaren Verbindlichkeiten. Der einzelne Gläubiger einer ſolchen iſt berechtigt die Schuld ganz zu fordern, und Jeder einzelne Schuldner verpflich⸗ tet, die Schuld ganz zu leiſten oder zu bezahlen. Die Verbindlichkeiten ſind entweder bedingt, wenn ihre Rechts⸗ kraft von einer Bedingung abhängt; im Gegenfalle ſind ſie unbe⸗ dingt. Die Bedingungen können willkührlich oder zufällig ſeyn, je nachdem ihre Erfüllung in der Willkühr der Parteien ſteht oder nicht; möglich oder unmöglich, je nachdem das Ereigniß eintreten kann und darf, oder nicht; unmögliche Bedingungen ſind entweder phyſiſch oder moraliſch, rechtlich unmöglich; dann ſind ſie auch geſetzlich nicht geſtattet. Vermiſcht iſt eine Bedingung, wenn ſie zu gleicher Zeit von dem Willen eines der Contrahenten und eines Dritten abhängt. Die Bedingungen können ebenfalls, wie die Verbindlichkeiten ſelbſt, poſitiv oder negativ ſeyn, je nachdem ſie erfüllt werden, wenn etwas geſchieht oder nicht geſchieht. Die Bedingungen ſind entweder aufſchiebend (condition suspensive) wenn ihre Erfüllung von einem zukünftigen, ungewiſſen, oder einem ſchon ſtattgehabten aber den Parteien unbekannten Er⸗ eigniſſe abhängig gemacht iſt; oder ſie ſind auflöſend, (Condition résolutoire) wenn die Verbindlichkeit aufhört, rechtskräftig zu ſeyn im Falle ein Ereigniß, das man vorſieht, eingetreten iſt oder nicht. Eine auflöſende Bedingung z. B. iſt die Uebereinkunft, daß, wenn der unter den Parteien abgeſchloſſene Vertrag von der einen Partei nicht erfüllt wird, (der Kaufpreis, das Unterhaltungsgeld, der Ge⸗ ſellſchaftsbeitrag nicht bezahlt wird) der Vertrag aufgelöſt ſeyn ſoll; die lex commnissoria des römiſchen Rechts. Eine Verbindlichkeit kann ferner auf einen Termin, Zeitpunkt beſtimmt ſeyn oder nicht. (obligation à terme.) Der Zeitpunkt wird Zahltag, Zahlfriſt, Lieferungsfriſt ꝛc. genannt. In zweifelhaften Fällen iſt hier immer zu Gunſten des Schuldners zu interpretiren. Endlich werden die Verbindlichkeiten noch in Haupt⸗ und Nebenverbindlichkeiten eingetheilt, wenn von zwei Verbindlich⸗ keiten die eine der Grund der Eriſtenz der andern iſt. Dieſes Ver⸗ „ 120 Civilrecht. hältniß kann kraft geſetzlicher Beſtimmung eintreten; z. B. die Ver⸗ bindlichkeit zum Schadenserſatz; oder kraft eines Vertrags. Neben⸗ verbindlichkeiten erlöſchen mit der Hauptverbindlichkeit, und ſind in der Regel als nicht zu Recht beſtehend zu betrachten, wenn die Haupt⸗ verbindlichkeit ungültig iſt. Alle Verbindlichkeiten beruhen entweder auf dem Geſetze oder auf einer Handlung des Verpflichteten. Dieſe Handlungen können entweder geſetzmäßiger oder geſetzwidriger Art ſeyn. Die geſetzmäßigen beruhen entweder auf einem Vertrag oder auf einem Quaſivertrag (quasicontractus); die geſetzwidrigen, auf einem Vergehen, Delikt, oder einer Handlung, die einem ſolchen gleich⸗ geſtellt wird, Quaſidelikt. Eine Verbindlichkeit begründet für den Berechtigten der⸗ ſelben vor Allem das Recht, den Verpflichteten zur Erfüllung der— ſelben auf dem geſetzlichen Wege anzuhalten. Wie dieſes zu ge⸗ ſchehen hat, iſt der Gegenſtand des Prozeßrechtes. In obigem Rechte aber liegt das weitere des Gläubigers auf Schadenserſatz, wenn der Schuldner die Verbindlichkeit gar nicht oder nicht zur gehörigen Zeit leiſtet (wenn er in mora, im Verzuge iſt); in ihm liegt end⸗ lich das Recht auf Gewährleiſtung (garantie), das heißt, der⸗ jenige, welcher das Eigenthum oder den Genuß an einer Sache oder eines Rechts einem Andern übertragen hat, iſt ſchuldig, dem⸗ ſelben dafür zu haften, daß er in ſeinem Beſitze oder Genuſſe nicht durch Rechtsanſprüche eines Dritten geſtört werde. In den meiſten Fällen, wie beim Verkauf, bei der Servitut, bei der Nutznießung tritt dieſe Garantie oder Gewähr ohne weitere Verabredung durch Verfügung des Geſetzes ſelbſt ein, und wird dann die rechtliche oder geſetzliche Gewähr genannt. Bei geſchenkten Sachen tritt ſie in der Regel nicht von ſelbſt ein, kann aber verabredet oder ſti⸗ pulirt werden. Der Glänbiger hat nicht allein ein Recht auf die Hauptverbindlichkeit, ſondern da, wo eine ſolche eriſtirt, auch auf die Nebenverbindlichkeit. Eine ſolche iſt unter anderm die clausula poenalis, Strafklauſel, wenn auf die Nichterfüllung oder nicht rechtzeitige Erfüllung der Verbindlichkeit eine Strafe verabredeterweiſe geſetzt wurde. Die Strafklauſel iſt, wie jede Nebenverbind⸗ ſihl ti w ſui 60i ſthn ſln t wnn eü ſut itt ſo uſ mi ie in le im t ni w N n ti w die Wr Neben ſid i Hun etze imn u. Di uf iun f tiun n glit⸗ en de ung de n Rch z, wen ehötihn iegt en ißt, de et So g, dn⸗ uſſe nit meiſtn zießun ng dut chtlict en it oder ſi uf i auch uf clausuh et nit terwi erbind Obligationenrecht. 121 lichkeit, ungültig, wenn die Hauptverbindlichkeit nicht zu Rechte beſtehen kann. Außerdem ſind dem Gläubiger Hülfsrechte (jura adminiculantia) zugeſtanden, kraft welcher er zur Sicherung und Erhaltung ſeiner Rechte und Forderungen alle geſetzlichen Maßregeln ergreifen kann. So iſt er berechtigt, im gegebenen Falle die ſeinem Schuldner zu⸗ ſtehenden Rechte ſelbſt auszuüben, wenn damit ſeine Rechte an dem⸗ ſelben geſchützt und geſichert werden. So iſt er befugt, die Rechts⸗ handlungen ſeines Schuldners anzugreifen, wenn dieſelben vorge⸗ nommen wurden, um ſeine, des Gläubigers Rechte zu beeinträchtigen (actio Pauliana). Im Uebrigen bringen Verträge nur unter den Contrahenten eine Wirkung hervor und gereichen einem Dritten nicht zum Nachtheil. Verbindlichkeiten erlöſchen durch Zahlung (Solutio); durch Novation; durch den freiwilligen Erlaß der Schuld; durch die Com⸗ penſation; durch die Confuſion; durch den Untergang der Sache; durch richterliches Urtheil, wenn dieſes die Verbindlichkeit für nich⸗ tig erklärt; durch den Eintritt der reſolutoriſchen Bedingung, wenn eine ſolche gegeben war, und durch die Verjährung. Die Zahlung iſt die Erfüllung einer Verbindlichkeit, nicht allein wenn ein Geben, ſondern auch wenn ein Thun der Gegen⸗ ſtand derſelben war. Sie ſetzt eine Schuld voraus; wer alſo, ohne ſchuldig zu ſeyn, irrthümlich Zahlung leiſtete, kann das Gezahlte mittelſt der condictio indebiti, die auch angeſtellt werden kann, wenn der Irrthum ein error juris war, zurückfordern. Wenn ein Dritter für den Schuldner zahlt und ſich durch den Gläubiger in deſſen bisherige Rechte einſetzen läßt, ſo wird dieſes Subrogation genannt. Eine ſolche kann geſetzlich verfügt, oder unter den Par⸗ teien verabredet worden ſeyn. Wenn der Gläubiger aus irgend welchen Gründen ſich weigert, die zu leiſtende Geldzahlung anzu⸗ nehmen, ſo kann der Schuldner ihm das Geld durch ein ſogenanntes reales Anerbieten (offre réel) anbieten laſſen, und es dann hinter⸗ legen, wenn der Gläubiger fortfährt zu verweigern. Das Anerbieten muß durch einen öffentlichen Beamten (Huiſſier) gemacht und mit⸗ telſt eines öffentlichen Aktes conſtatirt werden. Wenn der Schuldner auf rechtmäßige und geſetzliche Weiſe Anerbieten und Hinterlegung . 2 122 Civilrecht. der Geldſumme beſorgt hat, ſo iſt er gültig liberirt oder befreit, das heißt, es wird ſo angeſehen, als ob er rechtsgültig bezahlt hätte. Eine Art der Zahlung iſt die Vermögens⸗Abtretung (cession des biens, cessio bonorum), wodurch ein Schuldner, wenn er ſich außer Stand findet, ſeine Schulden zu zahlen, ſein ganzes Vermögen den Gläubigern überläßt. Sie iſt freiwillig oder ge⸗ richtlich. Die erſte iſt die, welche die Gläubiger freiwillig an— nehmen. Die zweite iſt eine Wohlthat, die das Geſetz dem unglück⸗ lichen und redlichen Schuldner geſtattet, um ſeine perſönliche Freiheit zu erhalten. Uebrigens befreit ſie den Schuldner nur bis zum Be⸗ trag des Werths der abgetretenen Güter. Waren dieſe nicht hin⸗ reichend und der Schuldner kommt in der Folge zu neuem Ver⸗ mögen, ſo iſt er verbunden, auch dieſes herzugeben, bis vollſtändige Zahlung geleiſtet iſt. Die Novation iſt die Verwandlung einer Verbindlichkeit in eine andere. Sie iſt entweder eine geſetzliche (nothwendige) oder eine freiwillige, je nachdem ſie kraft des Geſetzes oder kraft einer Uebereinkunft eintritt. Die freiwillige Novation kann auf drei Ar⸗ ten geſchehen, nämlich: 1) der bisherige Schuldner contrahirt mit ſeinem bisherigen Gläubiger eine neue Schuld, die an die Stelle der alten, welche nunmehr erliſcht, eintritt. Hier verändern ſich die Parteien nicht, ſondern nur die Schuld. 2) Die Schuld bleibt, aber an die Stelle des alten Schuldners tritt ein neuer. Der alte Schuldner wird hier entweder ausdrücklich befreit, oder er bleibt noch eventuell verpflichtet (Delegation). Sie kann ohne die Da⸗ zwiſchenkunft des bisherigen Schuldners auch geſchehen (expromissio). 3) An die Stelle des bisherigen Gläubigers tritt ein neuer, dem gegenüber der Schuldner eine neue Verbindlichkeit eingeht, während er von dem fruhern Gläubiger von der bisherigen Verbindlichkeit losgeſprochen wird. Die Verzichtleiſtung oder der Erlaß einer Schuld kann ſtillſchweigend oder ausdrücklich geſchehen und beſteht in einer Rechtshandlung, durch welche ein Berechtigter ein ihm zuſtehendes Recht aufgibt. Der code civil ſtellt einige Fälle auf, in welchen der Erlaß der Schuld rechtlich vermuthet wird, wenn nämlich 1) ein Gläubiger dem Schuldner das Original der Privaturkunde, uh u 6 ſni ſe w! ſide ſ. un* ſmner ſih iſ ſi iin ein w inn m ſn lih hob ſ i u 90 wl 5 i6 i i teit, a lt hite tetun t, wen gan oder gu ilig u unglit Frihit un Pe icht in en V lſini lihhtit i ige) u tuft in di — uſi „ß i eibt atu Der al er bli die onisi uer, an wihr inditt uld jun t in in ſſehm welhu nninit urfude Obligationenrecht. 123 welche über die Schuld ausgeſtellt wurde, zurückgibt, und 2) wenn der Gläubiger dem Schuldner freiwillig die mit der Vollziehbarkeits⸗ klauſel verſehene Abſchrift eines Notariatsaktes (a grosse) welcher die Schuld conſtatirte, herausgibt. Durch die Verzichtleiſtung wird das betreffende Recht mit allen Rebenrechten und Folgen aufgegeben. Die Compenſation iſt die Tilgung einer Schuld durch eine Forderung, welche der Schuldner an ſeinen Gläubiger zu machen hat. Es iſt aber erforderlich, daß die eine und die andere Forder⸗ ung vertretbare Güter oder Geld zum Gegenſtande hat; daß ferner die Forderung, welche zum Compenſiren verwendet werden ſoll, liquid, das heißt rechtsgültig und im Betrage beſtimmt, und daß ſie klagbar iſt. Durch die Compenſation wird die Zahlung geleiſtet, das heißt die erſtere vertritt die Stelle der zweiten. Die Confuſion iſt die Tilgung einer Schuld durch die Ver⸗ einigung des Rechts des Gläubigers und der Verpflichtung des Schuldners in einer und derſelben Perſon. Sie tritt von Rechts⸗ wegen ein und iſt nicht gleich einer Zahlung, ſondern ſie bildet einen Grund, warum eine Perſon nicht weiter rechtlich verpflichtet iſt. Durch den Untergang der Sache erliſcht eine Verbindlichkeit nur dann, wenn dieſelbe eine individuell beſtimmte Sache zum Ge⸗ genſtande hat und wenn die Leiſtung rechtlich oder phyſiſch unmög⸗ lich wird. Jedoch nur der Zufall darf den Untergang herbeigeführt haben, nicht die That, nicht einmal die eulpeſe Schuld des Verpflich⸗ teten. Ich verkaufe einen Jagdhund an Jemanden, aber derſelbe wird mir vor der bedingten Uebergabsfriſt ohne mein Verſchulden auf der Jagd erſchoſſen; hier iſt die Verbindlichkeit durch den Unter⸗ gang der Sache rechtsgültig erloſchen. Eine Verbindlichkeit erliſcht ferner durch richterliches Urth heit, welches dieſelbe für nichtig erklärt und die Sache in den vorigen Stand wieder ſetzt, alſo durch die ſogenannte restitutio in in— tegrum. Die Wiedereinſetzung in den vorigen Stand wird be— gehrt durch die Klage auf Reſeiſſion (demande en rescission) und dieſe Klage iſt dasjenige Rechtsmittel, mittelſt deſſen eine ſonſt gül— tige Verbindlichkeit aus dem Grunde angefochten wird, weil der Kläger bei dem Rechtsgeſchäfte, welches der Verbindlichkeit zu Grunde liegt, verletzt worden iſt. Die eigentliche Nichtigkeitsklage, de- Givilrecht. mande en nullité, iſt darauf gerichtet, daß eine Verbindlichkeit, welche ſchon von Rechtswegen nichtig iſt oder nur in Beziehung auf einen beſtimmten Fall durch Richterſpruch vernichtbar ſeyn kann, wirklich gerichtlich für nichtig erklärt werde. Die Nichtigkeitsklage kann angeſtellt werden: 1) wenn der Verpflichtete nicht die erfor⸗ derliche Rechtsfähigkeit hatte. Nichtig aus dieſem Grunde ſind die Rechtshandlungen der In⸗ terdicirten, der Ehefrauen ohne Ermächtigung ihrer Männer oder des Gerichts, ſowie der Perſonen, welche ohne Beiſtand eines Cu⸗ rators nicht handeln konnten. In dieſen Fällen kann indeſſen die Klage nur von dem Interdicirten, nach aufgehobener Interdiction oder von deſſen Vormund, von der Ehefrau oder ihrem Manne, oder von dem Curator angeſtellt werden, nicht aber von den Con⸗ trahenten, denen ſie ſich verpflichtet haben. 2) Wenn die Einwillig⸗ ung zur Verbindlichkeit aus Irrthum gegeben, durch Betrug erſchlichen, durch Gewalt erzwungen worden war. 3) Wenn die Verbindlichkeit auf einem geſetzwidrigen Verpflichtungsgrunde beruht. 4) Wenn die Leiſtung mit den Geſetzen und guten Sitten in Widerſpruch ſteht. Das Recht, die Wiedereinſetzung in den vorigen Stand zu verlangen, ſteht als Vorrecht nur den Minderjährigen zu. Als ein Recht in Beziehung auf gewiſſe Rechtsgeſchäfte ſteht es Jedem zu. Dagegen ſteht den Minderjährigen nach franzöſiſchem Rechte die Nichtigkeitsklage nicht zu, wie denn auch das römiſche ihnen blos die restitutio in integrum geſtattet hat. Dieſe findet ſtatt, wenn eine Verletzung derſelben in ihren Rechten bei einem Rechtsgeſchäfte ſtattgefunden hat, und ſie haben den Beweis der Rechtsverletzung zu führen. Die Klage geht auf die Erben und Rechtsnachfolger des Minderjährigen über. Ausnahmsweiſe iſt ſie demſelben nicht geſtattet, wenn die Verletzung nur aus einem zu⸗ fälligen Ereigniſſe entſpringt, wenn er den Contrahenten getäuſcht hat mit der Angabe, daß er volljährig ſey und wenn er hiezu be⸗ ſondere Täuſchungsmittel angewendet hat; wenn er Handelsmann oder Künſtler iſt in Beziehung auf ſeine Geſchäftsverbindlichkeiten; wegen Verbindlichkeiten, die aus einem Ehevertrag entſtehen, wenn der Ehevertrag mit Beiſtimmung der Eltern, Vormünder oder Cu⸗ N Ri hu ufn in d lu . wiy uß ſil i ig vit ußt mit hi m ſk i bin viht uf Mj id ſib in ſih ndlihtt, uga lm, kitka it eßr der net cr ines eſſen di terdirin Mnn den G inwili, rſchihn indliſi 4) Ven iderſynt Stnd ſ zu 1 ſieht mſſtn riniſte eſe ſn ei einn weis d ben einen ſ gei hizu b⸗ delsnam lihieien n wen oder Cu Obligationenrecht. 125 ratoren abgeſchloſſen wurde; wegen Verbindlichkeiten, die aus einem Delikt oder Quaſidelikt entſtehen; wegen ſolcher, die eine Perſon ohne Rückſicht auf ihre Rechtsfähigkeit kraft geſetzlicher Beſtimmung treffen. Wenn eine Verbindlichkeit für nichtig erklärt oder eine Perſon in den vorigen Stand verſetzt wird, ſo wird die Verbindlichkeit in allen ihren Theilen und Folgen aufgehoben. Die Klage auf Nichtigkeit und die auf Wiedereinſetzung in den vorigen Stand verjährt in der Regel und wo das Geſetz keine kür⸗ zere Friſten feſtgeſetzt hat, in zehn Jahren. Nach dem Rechte vor der Revolution konnte man die Nichtig⸗ keitsklagen wegen Verbindlichkeiten, die durch Coutumes oder könig⸗ liche Ordonnanzen für nichtig erklärt waren, direkt vor die Gerichte bringen. In den Fällen aber, wo das römiſche Recht die restitutio in integrum geſtattet, oder die Verbindlichkeit für nichtig erklärt, mußte man in den Kanzleien der Parlamente einen königlichen Brief erwirken (lettre de rescission), zum Behufe der Reſtitution. Dieſer Brief aber nahm den Gerichten nicht das Recht die Sache zu prüfen und auch nach Befund zu verwerfen. Jufolge des Geſetzes vom 7. September 1790, welches die Parlamente und ihre Kanzleien beſeitigte, konnte man die beiden Klagen nunmehr vor die Gerichte bringen. Die Resciſſionsklage aber verjährte damals in zehn Jahren, während die Nichtigkeitsklage erſt in dreißig Jahren, ja wenn ſie auf einem Staatsintereſſe bezüglich der Nichtigkeit beruhte, gar nie verjährte. Der code civil fixirte, wie wir oben geſehen haben, für beide die gleiche Verjährungsfriſt. Durch die Verjährung erlöſchen die Verbinblichteiten, wenn in den von dem Geſetze beſtimmten Zeitfriſten die Erfüllung der⸗ ſelben nicht verlangt wird. Die Friſten ſind je nach dem Gegen⸗ ſtande der Verbindlichkeit und den Umſtänden unter welchen die Ver⸗ jährung geſchieht, verſchieden. Das Nähere werden wir in dem zwanzigſten Titel dieſes Buches, der ſpeziell von den Verjährungen handelt, anführen. Wer die Erfüllung einer Verbindlichkeit fordert, muß ſie be⸗ weiſen, und umgekehrt muß derjenige, welcher von einer Verbind⸗ lichteit befreit zu ſeyn behauptet, die Zahlung oder die Thatſache — — 156 - Civilrecht. beweiſen, wodurch ſeine Verbindlichkeit erloſchen ſeyn ſoll. Der code civil hat von Artikel 1316 an bis 1369 die Beweismittel detaillirt aufgezählt, mittelſt welcher die Verbindlichkeiten bewieſen werden können, als vor Allem Urkunden (den Urkundenbeweis ſtellt der franzöſiſche Geſetzgeber am höchſten und mit Recht) und zwar öffentliche und Privat⸗Urkunden, Kerbſtöcke, (in man⸗ chen Provinzen auf dem Lande üblich), Zeugen, (ein Beweismittel, gegen welches der Geſetzgeber ſehr mißtrauiſch iſt), faktiſche und geſetzliche Vermuthungen, Geſtändniß der Parteien und Alle dieſe Beweismittel*) ſind allerdings zunächſt für die Be⸗ weiſe der Verbindlichkeiten gegeben, haben aber dennoch dem Richter bei allen übrigen Rechtsmaterien im Beweisverfahren als Norm zu dienen und üben ſo über das ganze materielle und formelle fran— zöſiſche Rechtsſyſtem einen beherrſchenden Einfluß aus. Wir werden deßhalb im Civilprozeſſe, wohin ſie eigentlich auch gehören, dieſelben näher anſehen und in ihrem Weſen und ihrer Bedeutung würdigen, und vamit zugleich nachweiſen, wie unbegründet die vielgehegte und in Deutſchland weitverbreitete Meinung iſt, der franzöſiſche Civil— richter, da er nicht dazu verdammt iſt, in den gualvollen Zwangs— ſtiefeln der Beweistheorie des deutſchen Verfahrens einherzuſchreiten, ſey aller geſetzlichen Beſtimmungen über die Würdigung der Beweiſe und Auffaſſung des faktiſchen Theils der Rechtsſtreite frei und ledig, ein judex facti wie der Geſchworne im Criminalverfahren und die ſtreitige Frage ſelbſt dann ohne alle Garantie einer ſiegenden Ent— ſcheidung, wenn ihr die beſten Beweismomente zur Seite ſtänden, da ja der Ausgang hauptſächlich dem bon plaisir des Richters über⸗ antwortet ſey. II. Von den Verträgen. Nach der Definition des franzöſiſchen Rechts iſt Vertrag, Con⸗ trakt, eine Uebereinkunft, wodurch eine oder mehrere Perſonen ſich *) Siehe Kapitel V im Civilprozeß das Nähere und auch darüber, inwieferne von Eid, Geſtändniß, Vermuthung nicht als eigentlichen Beweismitteln geſprochen werden kann. u i nit unh ſtu ſin hun in ni mth 6 iß i i ndi ſini aumn ſni i er ün Min ſun Obligationenrecht. 327 gegen eine oder mehrere andere verbinden, etwas. zu geben, zu thun „ oder nicht zu thun. Das franzöſiſche Recht weicht in einem Grund⸗ 3. prinzip des römiſchen Vertragsrechts von dieſem in ſo weit ab, als 6 es ſchon bloße Verſprechungen und Annahmen derſelben verpflichtend cho u erklärt. Im Uebrigen hat es die meiſten Definitionen der einzelnen (nm Verträge dem römiſchen Rechte entliehen und gebraucht auch die vini Ausdrücke contrat et pacte in demſelben Sinne, wie dieſes con- ſte u tractus et pactum; nämlich den erſtern Ausdruck, welcher aller⸗ itu dings im Allgemeinen jeden Grund einer Verbindlichkeit bezeichnet, für die vollgültigen und klagbaren Verträge des ältern römiſchen t di g⸗ Civilrechts; pactum dagegen für jene Verträge, welche nicht als n tn contractus ausdrücklich vom Geſetz bezeichnet aber durch das neuere Nm Civilrecht beſtätigt oder durch den Prätor aufrecht erhalten wurden. ele ſun Die römiſche Eintheilung in Conſenſual? und Realverträge, it wenn in Verbal⸗ und Literalcontrakte, hat der code civil nicht ein⸗ diſlt geführt; obwohl alle dieſe Verträge ſich in ihm vorfinden und die wniyn Merkmale der römiſchen Herkunft tragen. Der code civil theilt die heg m Contrakte ein in einſeitige, wenn eine oder mehrere Perſonen che G gegen eine oder mehrere andere verbunden ſind, ohne daß dieſe letz⸗ Jwy tern ſich zu etwas verbunden haben; hieher gehören die Schenkung, zuſchrin die Bürgſchaft, der Unterpfandsvertrag; und in zweiſeitige oder t Pei ſynallagmatiſche“), wenn die Contrahenten ſich wechſelweiſe und loh einer gegen den andern verpflichten; die zweiſeitigen aber ſind ent⸗ nd weder Tauſch⸗ oder Glücksverträge. Er theilt die Verträge nen En ferner ein in w ohlthätige, worin einer der Contrahenten dem n ſinn andern einen durchaus unentgeltlichen Vortheil verſchafft, z. B. eine ters itn Schenkung ohne Leiſtung und beſchwerende Bedingung, und in be⸗ laſtende, die jeden der Contrahenten verbinden, etwas zu thun oder zu geben. Alle Tauſchverträge gehören hieher. Er theilt ſie endlich ein in benannte oder nicht benannte, je nachdem ihnen ein eigener Name zugetheilt wurde oder nicht. Alle aber die be⸗ nannten und unbenannten ſind denſelben Regeln unterworfen, welche das Geſetz von den Verträgen überhaupt aufſtellt. ung b rſonen ſt Der code civil hat dieſen Namen aus dem Griechiſchen entlehnt; Synal⸗ lagma heißt Handel, Verkehr, Tauſch, Vertrag; ſynallagmatiſch, das Adjektiv davon, bedeutet: was zum Handel ꝛc. gehört, ihn betrifft. wieftn ln gnin 128 Civilrecht. Die Verträge können Haupt⸗ oder Nebenverträge ſeyn, je nachdem dadurch eine Hauptverbindlichkeit begründet wird oder nur eine Nebenverbindlichkeit. Und inſoferne das Vermögen der Parteien durch Verträge vermehrt oder nur geſichert wird, ſind ſie Erwerbungs⸗ oder Verſicherungsverträge. Wenn die Gültigkeit der Verträge an gewiſſe Formen gebunden iſt, z. B. die einer Schenkung, ſo nennt man ſie feierliche. Zur Gültigkeit eines Vertrags fordert das franzöſiſche Geſetz vier weſentliche Bedingungen: 1) Einwillig ung der Contrahenten; freie nicht aus Irrthum gegebene, durch Gewalt erzwungene oder durch Betrug erſchlichene Einwilligung. 2) Fähigkeit der Contrahenten zu contrahiren. Unfähig dazu ſind: die Minderjährigen, die Interdicirten, die Frauen ohne Er⸗ mächtigung ihrer Männer oder des Gerichts; diejenigen, denen das Geſetz gewiſſe Contracte unterſagt. 3) Eine gewiſſe Sache, welche den Gegenſtand der Ver— bindlichkeit ausmacht, Sachen, die dem Verkehr entzogen ſind, können dieſen Gegenſtand nicht bilden. Die Sache muß der Gattung nach beſtimmt ſeyn, jedoch nicht der Quotität nach. Auch zu⸗ künftige Sachen können Gegenſtand der Verpflichtung ſeyn, z. B. ich verkaufe im Voraus meine nächſte Aepfelerndte. Eine noch nicht eröffnete Erbſchaft kann indeſſen nie der Gegenſtand eines Vertrags rechtsgültig werden. 4) Eine erlaubte, der Verbindlichkeit zu Grunde liegende Bewegurſache, causa obligandi, cause licite. Eine Verbind⸗ lichkeit sans cause, d. h. ohne einen Beweggrund, oder welche auf einem falſchen oder unerlaubten Beweggrund beruht, kann keine rechtliche Wirkung hervorbringen. Unerlaubt iſt der Beweggrund, wenn er den guten Sitten oder der öffentlichen Ordnung zuwider iſt. Rechtmäßig abgeſchloſſene Verträge gelten als Geſetz unter denjenigen, die ſie abgeſchloſſen haben; ſie müſſen deßhalb redlich und ohne Argliſt vollzogen werden und können nur inſoferne wi⸗ derrufen werden, als das Geſetz die Gründe hiezu billigt und die Parteien gegenſeitig einwilligen. Sie verbinden nicht allein zu dem, was in ihnen ausgedrückt iſt, ſondern auch zu dem, was Geſetz, hh ſu uöf fit D bin uud 7 mi i ign ni d ſlnf u b Uuſt inL viljn d ſhn uhin ſin wige inen Scch Je u NW ii hu u ge ſin, it ee igen du ird, in Pen vi . ſi he Geſt Inthn ſchlihen ihig du ohne br enen d der d fömn jattung Auch zu⸗ u, 1. wch ith Venng liegen Vebiw velhe u ann kin wegynn uwideriſ et lb wit ſem m mi n zu dil, s Giſc Obligationenrecht. 129 Gebrauch oder Billigkeit, ihrer Natur nach, als Folge beilegt. Nur für die Parteien aber, wozu jedoch die Erben und Rechts⸗ nachfolger derſelben gehören, bilden die Verträge das Geſetz, nicht für dritte Perſonen. Dieſe ſind ſolche, welchen die eben erwähnten Eigenſchaften nicht zukommen, das heißt, die nicht Contrahenten ſind, und auch nicht Erben oder Rechtsnachfolger derſelben. Die Verträge ſind ihrem Geiſte nach, das heißt nach dem, was in der gemeinſchaftlichen Abſicht der Contrahenten lag oder liegen mußte, zu beurtheilen und auszulegen und nicht gerade nach dem ſtarren Buchſtaben. Sind die Ausvrücke doppelſinnig, ſo ſollen ſie in dem Sinne genommen werden, der dem Gegenſtande des Contractes am meiſten angemeſſen iſt, und eine doppelſinnige Clauſel ſoll eher in dem Sinne genommen werden, in welchem ſie eine Wirkung hervorbringen kann, als in dem, in welchem ſie un⸗ wirkſam bleiben würde. Zweideutiges wird, wo möglich, aus dem Landesgebrauch erklärt. Im Zweifel wird der Vertrag oder die Be⸗ dingung ſtets zu Gunſten des Verpflichteten, ſtets wider den Be⸗ rechtigten ausgelegt. Auch muſſen bei einem Contracte die Clauſeln hinzugedacht werden, welche landesüblich ſind, wenn ſie auch nicht ausgedrückt worden ſind. Jede Clauſel aber iſt durch die andere zu interpretiren. Allgemein gefaßte Ausdrücke werden auf diejenigen Sachen beſchränkt, worüber die Parteien offenbar contrahiren wollten. W. Titel. Von den Verbindlichkeiten, die ohne Vertrag entſtehen. Artikel 1370 — 1386 c. c. Gewiſſe Verbindlichkeiten entſtehen, ohne daß irgend ein Ver⸗ trag weder von Seite desjenigen, der ſich verpflichtet, noch von Seite desjeuigen, gegen den er verbunden wird, ſtattfindet. In einigen dieſen Fällen, ſagten die Römer, ſey der Verpflichtete ebenſo ver⸗ bunden, als ob er einen Contract abgeſchloſſen hätte; quasi con- trauisset. Zu ſolchen Quaſicontracten aber zählten ſie: 1) die 1I. Civilrecht. 9 130 Civilrecht. Tutel (Vormundſchaft), 2) die Erbſchaftsantretung, 3) die Verwaltung einer Erbſchaft oder 4) einer gemeinſchaftlichen Sache, 5) die Ge⸗ ſchäftsführung und 6) die Bezahlung einer Nichtſchuld. Das fran⸗ zöſiſche Recht hat die römiſche Lehre von den Quaſiverträgen voll⸗ ſtändig in ſich aufgenommen und nurunterſchieden, wie dieſe Rechts⸗ handlungen theils bloß aus der Beſtimmung des Geſetzes ent⸗ ſtehen, z. B. Annahme einer Tutel, die man nicht ablehnen kann, theils aus einer eigenen perſönlichen Handlung des Verpflichteten, wie die Geſchäftsführung und die Zahlung einer Richtſchuld. Von dieſen letztern beiden wird hier allein die Rede ſeyn, da die vier erſteren Fälle bereits anderorts, wo ſie des Zuſammenhangs wegen hingehören, beſprochen wurden. Unter Geſchäftsführung, negotiorum gestio, verſteht man den Fall, wenn Jemand freiwillig die Geſchäfte eines andern führt, mit oder ohne Wiſſen des Eigen⸗ thuͤmers oder Herrn des Geſchäftes. Letztern nannten die Römer domins negotiorum, erſtern negotiorum gestor. Ein ſolcher übernimmt dadurch die ſtillſchweigende Verpflichtung, dieſe Geſchäfts⸗ führung fortzuſetzen und zu vollenden, bis der domins im Stande iſt, ſelbſt Sorge dafür zu tragen. Alles, was zum Geſchäfte ge⸗ hört, muß er dabei auf ſich nehmen und die Sorgfalt eines guten Hausvaters — bonus pater familias — präſtiren. Der dominus dagegen muß die Verbindlichkeiten erfüllen, welche der gestor in ſeinem Namen übernommen hat, ihn für alle perſönliche Verpflich— tungen, nützliche und nothwendige Auslagen entſchädigen und ſie ihm erſetzen. Dem Geſchäftsführer geſtattete das römiſche Recht die actio negotiorum gestorum contraria, dem Herrn gegen ihn die actio negotiorum gestorum directa. Wer aus Irrthum oder wiſſentlich etwas empfängt, was ihm nicht gebührt, verpflichtet ſich, es demjenigen zu erſetzen, von dem er es unbefugt empfangen hat; wenn Jemand eine Schuld getilgt hat, der aus Irrthum glaubte, er ſey der Schuldner, ſo iſt er be⸗ rechtigt, das Gezahlte von dem Gläubiger zurückzufordern. Die Klage, welche das römiſche Recht hiefür geſtattete, hieß die con— dictio indebiti. Die Anſicht, die Toullier aufſtellt, daß die con- dictio auch zuläſſig ſey, wenn die Zahlung aus einem Rechts⸗ Irrthume geleiſtet worden iſt, hat außer der Meinung vieler An⸗ vr ſün un ſii nd ind n, Mh iſt u u6 in lin un u ſe hi Pe mu ( Nl he ni g walun die Ge das ſun gen wl ſeRit tzes en ſen m, pfichun d. ſchn, h nenhuß ührun) frinilh es Eihn die Fin in ſon Geſtift Sin ſchift z⸗ nes gun tlonim gesor i Peyſit n mſ Reht en ih i wis in von M uld gih iſt bo em. di ß die c ß die Recht vile Obligationenrecht. 131 derer auch die Faſſung des Artifels 1376 für ſich. War der Em⸗ pfänger in böſem Glauben, ſo muß er Kapital, Zinſen und Früchte vom Tage der Zahlung an zurückerſetzen, und für alle Schäden und ſelbſt zufällige Verluſte haften. Derjenige, dem die Sache zurück⸗ gegeben wird, muß ſelbſt dem unredlichen Beſitzer alle — und nützlichen Auslagen erſetzen. Hat der Beſitzer in gutem Glau⸗ ben die Sache verkauft, ſo hat er blos den Kaufpreis zu erſetzen. Jede Handlung eines Menſchen, von welcher Art ſie auch ſeyn mag, die einem Andern Schaden verurſacht, verbindet denjenigen, durch deſſen Verſchulden der Schaden zugefügt wurde, zum Schadens⸗ erſatz. Aus dieſer Definition erſieht man, wie der Geſetzgeber unter der Handlung, delictum, delit, nicht gerade und allein eine ſolche im Sinne des ſtrafrechtlichen Begriffes Delict vorausgeſetzt, ſondern eben jede Handlung ſonſt, durch welche wiſſentlich oder fahrläſſig Einer einen Andern beſchädigt und verletzt. Ebenſo daß nicht nur unter Handlung hier eine That, ſondern auch eine Unterlaſſung verſtanden wird, indem das Geſetz durch beſondere Vorſchrift in ge⸗ wiſſen Fällen befiehlt, Schaden von dem Andern abzuhalten, z. B. bei Feuersbrunſt, Waſſersnoth, Lebensgefahr. Aber das muß feſt⸗ gehalten werden, daß die Handlung eine u nbefugte geweſen ſeyn muß; denn wer innerhalb ſeines Rechts einen Andern beſchädigt, (qui jure suo utitur, nemini injuriam facit) kann nicht zu Scha⸗ denserſatz angehalten werden, z. B. ein Angeklagter, der losgeſpro⸗ chen wird, kann den Staatsprokurator und den Unterſuchungsrichter nicht auf Schadenserſatz belangen, weil die Unterſuchung gegen ihn geführt wurde, ſondern nur wenn ſie pflichtwidrig, ungeſetzlich, i verbrecheriſcher Abſicht gegen ihn geführt wurde. Aber nicht allein für den Schaden, den man ſelbſt durch unbe⸗ befugte Handlungen herbeiführt, iſt man vei ſondern in gewiſſen Fällen auch für den, welchen andere Berſonen verurſachen. Dieſe Verbindlichkeit nennt man eine ſolche aus dem Quaſi⸗ delict, gleich als ob man ſelbſt das Delict begangen hätte. Selbſt für Thiere und lebloſe Gegenſtände iſt man aus dem Quaſidelict verantwortlich, weil die geſetzliche Vermuthung eintritt, der Schadens⸗ pflichtige ſey Schuld, daß die unter ſeiner Aufſicht ſtehenden Per⸗ ſonen, die ihm angehörigen Thiere und Gegenſtände den Schaden * 192 Civilrecht. herbeigeführt. In dieſer Weiſe hat das Geſetz verantwortlich erklärt: 1) Elttern für ihre Kinder, 2) Vormünder für die Mün⸗ del, 3) Lehrer für die Schüler, 4) Lehrherren und Meiſter für ihre Zöglinge und Geſellen, 5) Hausherren und Comit— tenten für ihre Dienſt- und Geſchäftsleute, 6) Eigenthümer von Thieren für den Schaden, den dieſe herbeigeführt, und 7) der Ei⸗ genthümer eines Hauſes für den Schaden, den der Einſturz des Hauſes verurſacht hat. Der Gegenbeweis jedoch, daß eine gewiſſe Handlung von Eltern, Vormündern ꝛ. nicht verhindert werden konnte, nicht ein Ausfluß ſchlechter Kindererziehung ſey; von Committenten, Lehrern, Meiſtern ꝛc., daß die That geſchehen ſey während einer Zeit, wo ſie nicht die Aufſicht über Lehrlinge, Zöglinge ꝛc. haben können; von dem Beſitzer des Thiers, daß dasſelbe von dem Beſchädigten gereizt worden ſey, iſt zuläſſig; und dem Eigenthümer eines Hauſes ſteht im gegebenen Falle eine Rückgriffsklage gegen Baumeiſter und Bau⸗ leute zu. 65 Durch das Geſetz vom 10. Vendemiaire des Jahres IV. ſind auch die Gemeinden verantwortlich gemacht für den Schaden, welcher in der Gemarkung von Leuten, die ſich bewaffnet oder unbewaffnet zuſammengerottet haben, verübt wurde. Dieſes Tumultgeſetz iſt ſeit dem Jahre 1848 in vielen deutſchen Staaten nachgeahmt und ein⸗ geführt worden. Nach römiſchem Rechte konnte man ex quasi delicto klagen durch die actio in factum, actio de dejectis et effusis, actio no- xalis (verſchiedene Arten derſelben), actio de pauperie, de pastu, (gegen die Eigenthümer von Thieren) und auf die les Rhodia de jactu. Jen ( ( in e ſiſt n un ( 3 ßit ſide ſi ufd Obligationenrecht. 133 wor 8 V. Titrl. ie Min Von dem Heirathsvertrage und den gegenſeitigen Neiſ Rechten der Ehegatten. oni. Art. 1387— 1581 c.e. me un In den Provinzen des geſchriebenen Rechts in Frankreich galt in Beziehung auf die Vermögensverhältniſſe der Eheleute das rö⸗ S miſche Recht mit ſeinem Dotalſyſtem und der Conſtituirung der . Paraphernalgüter, wenn nicht durch einen Heirathsvertrag eine Gü⸗ tergemeinſchaft bedungen worden war. it i In den Ländern des Gewohnheitsrechtes herrſchte dagegen das Umn Gütergemeinſchaftsſyſtem (e régime en communauté) unter ver⸗ it wſ ſchiedenen Modifikationen. Dasſelbe iſt germaniſcher Herkunft wie faſt alle Lehren des Gewohnheitsrechtes. Einen beſondern Einfluß n pu auf die Geſtaltung des Eherechtes im code civil übte die coutume iſ ſi von Paris aus, welche eine Gütergemeinſchaft conſtituirte, die das unbu bewegliche Vermögen der Ehegatten und dasjenige Immobiliarver⸗ mögen, welches ſie während der Ehe erworben hatten, in ſich ſchloß. ſü Dieſe Gütergemeinſchaft konnte indeſſen nach der Coutüme von Paris n, wlhu ſelbſt wie nach den meiſten andern Coutümes modifizirt, beſchränkt bewfu oder ausgedehnt, auch ganz ausgeſchloſſen werden. Die Güterge⸗ ez it ſü meinſchaft war aber die Regel. ud in Der code civil, der dieſe Verhältniſſe noch ziemlich in dem⸗ ſelben Zuſtande traf, da das Zwiſchenrecht hierin faſt gar nichts ver⸗ to lahn ändert hatte, geſtattete, um die Familienverhältniſſe möglichſt zu atio n ſchonen, volle Freiheit, dieſelben nach dem einen oder dem andern le pn Syſtem zu regeln, indem er folgende Grundſätze aufſtellte: Das Ri Geſetz erlaubt den Ehegatten mittelſt eines Heirathsvertrages zu er⸗ klären, daß ſie ſich nach den Geſetzen über die eheliche Gütergemein⸗ ſchaft, oder nach Dotal⸗Rechten verheirathen, oder daß ſie die Gü⸗ tergemeinſchaft beſchränken oder ausdehnen wollen. Wenn ſie in, allgemeinen Ausdrücken erklärt haben, ſich nach den Geſetzen über die eheliche Gütergemeinſchaft zu verheirathen, oder wenn ſie gar teinen Vertrag abgeſchloſſen haben, ſo gelten für ſie die Regeln, die das Geſetz für die eheliche Gütergemeinſchaft, welche deßhalb die geſetzliche (communauté légale) genannt wird, aufgeſtellt hat. 134 Civilrecht. i Die geſetzliche Gütergemeinſchaft iſt alſo die Regel, in z wie ſie es früher in der coutüme von Paris war. 2 Sie iſt eine unter den Ehegatten beſtehende Geſellſchaft und ßinn zu ihrem Gemeingute gehören die ſämmtlichen beweglichen Güter, uini welche die Ehegatten zur Zeit der Schließung der Ehe beſitzen, oder Nit in der Folge erwerben, ſowie die Liegenſchaften, welche ſie während iber d der Ehe durch Fleiß, Geſchicklichkeit und Sparſamkeit erringen. Sie ſihe nimmt von dem Tage an ihren Anfang, da die Heirath vor dem mg Civilſtandsbeamten abgeſchloſſen wurde, ſie mag geſetzlich oder ver— vl) tragsmäßig ſeyn. Auch gehören zu dem Aktiv⸗Vermögen der Ge⸗ ai meinſchaft alle beweglichen Güter, welche die Ehegatten während der nin Ehe durch Schenkung oder Erbfolge erhalten, ſo wie die Früchte, 15 Zinſen und Renten, die während der Ehe verfallen oder bezogen worden ſind. Zu den Laſten und Schulden der Gemeinſchaft gehören: 2 1) Alle Mobiliarſchulden, welche die Ehegatten am Tag ihrer Ver⸗ heirathung zu zahlen hatten, oder womit die Erbſchaften belaſtet ſind, die ihnen während der Ehe anfallen. 2) Schulden, welche der Mann während der Gütergemeinſchaft oder die Frau mit Be⸗ g willigung des Mannes gemacht hat. 3) Von den perſönlichen Ka⸗ pitalſchulden beider Ehegatten die Zinſen, und 4) die Reparaturen der Immobilien, die nicht in die Gemeinſchaft fallen. 5) Der Un⸗ terhalt der Ehegatten, die Erziehung und Unterhaltung der Kinder und alle übrigen Laſten der Ehe. 6 Der Ehemann iſt kraft Geſetzes Herr und Verwalter der Gemeinſchaft. Er kann über das Gemeingut nach Gefallen ver⸗ fügen. Die Frau kann nur unter ſeiner Ermächtigung (Autoriſation) in Beziehung auf die Gemeinſchaft, wie überhaupt in allen Rechts⸗ geſchäften handeln. Der Ehemann iſt ferner kraft Geſetzes auch der Verwalter jener Güter der Frau, welche ihr eigen ſind, und nicht zur Gemeinſchaft gehören, denn die Nutznießung dieſer „Güter gehört der Gemeinſchaft. Die eheliche Gütergemeinſchaft wird aufgelöſt: 1) durch den phyſiſchen oder bürgerlichen Tod eines der Ehegatten; 2) durch u die Sonderung von Tiſch und Bett; 3) vormals durch die Ehe⸗ ſcheidung; 4) in Folge eines richterlichen Erkenntniſſes Geparation ie R ſhaſ m en Gitn ihen, ewihnn gen 3 e n de e 1der G ihrn d ie Fich et biph t gehin ihrer V en bilſ en, welh nit d nlichen eparutun De l der hin valtet euln w utoriſtin len it⸗ ſehes u fid, u ung üſ duch de 3) du die ⸗ seharuin Obligationenrecht. 135 de biens) wenn die Frau auf Gütertrennung wegen ſchlechter Ver⸗ waltung oder zerrütteter Vermögensverhältniſſe Klage geſtellt hat. Die Eheleute können aber durch Heirathsvertrag die geſetzliche Gütergemeinſchaft in jeder Art und Weiſe modifiziren, welche nicht ausdrücklich durch das Geſetz unterſagt iſt. Verbote enthalten die Artikel 1387— 1390 inclus., welche hernach bei den Beſtimmungen über den Heirathsvertrag erörtert werden. Das Geſetz hat eine Reihe von Modifikationen aufgeſtellt, welche hauptſächlich bei der ver— tragsmäßigen Gütergemeinſchaft (communauté conventio- nelle) vorkommen können, obwohl damit die Rechtsbeſtändigkeit nicht aufgezählter, ſonſt erlaubter Modifikationen damit nicht beeinträchtigt werden ſoll. Die erwähnten aufgezählten Modifikationen ſind: 1) Die Gütergemeinſchaft ſoll nur die Errungenſchaft um⸗ faſſen, communauté reduite au acquéts. 2) Das gegenwärtige oder künftige Mobiliarvermögen ſoll gar nicht oder nur zum Theil in die Gemeinſchaft fallen. 3) Die Gemeinſchaft ſoll ſich auf die gegenwärtigen und künftigen Immobilien ganz oder theilweiſe erſtrecken. 4) Ein jeder der Ehegatten ſoll die Schulden für ſich beſonders zahlen, welche er vor der Ehe gemacht hat. 5) Die Ehefrau ſoll, im Falle ſie der Gütergemeinſchaft entſagt, ihr zugebrachtes Vermögen frei von Schulden zurücknehmen können. 6) Der Ueberlebende ſoll etwas zum Voraus haben. 7) Die Ehegatten ſollen ungleiche Theile erhalten bei der Auflöſung der Gemeinſchaft. 8) Die Gütergemeinſchaft ſoll unter ihnen unter einem Univerſal⸗ titel ſtatt haben; (communauté à titre universel) das heißt es ſoll die Gemeinſchaft alle gegenwärtige und zukünftige, be⸗ wegliche und unbewegliche Güter umfaſſen, oder wenigſtens alle gegenwärtige oder alle künftige. Die univerſelle Gemeinſchaft, die alle Güter ohne Ausnahme umfaßt, iſt die dem Weſen der Ehe allein vollſtändig entſprechende, und es iſt zu bedauern, daß, allerdings ſehr wichtige, Rückſichten den Geſetzgeber abgehalten haben, nicht ſie als die ge⸗ ſetzliche Gütergemeinſchaft in Frankreich einzuführen. 136 Civilrecht. Iſt die Gemeinſchaft aufgelöſt worden, ſo geſtattet das Geſetz der Frau auf die Gütergemeinſchaft, reſp. ihren Antheil daran zu verzichten, welche Verzichtleiſtung aber ausdrücklich auf der Kanzlei des Erſtinſtanzgerichts zu erklären und protokollariſch in ein eignes hiezu beſtimmtes Regiſter aufzunehmen iſt. Alle Eheverträge müſſen vor der Heirath mittelſt einer No⸗ tariats⸗Urkunde aufgenommen werden. Dieſen Vertrag hat das Geſetz den feierlichen oder ſolennen zugezählt. Nach der Hei⸗ rath können Eheverträge nicht mehr abgeſchloſſen, auch nicht ver⸗ ändert werden. Veränderungen des Ehevertrags können vor der Heirath noch ſtatt finden, aber nur mittelſt einer Notariatsurkunde. Außerdem ſind alle Veränderungen, alle Gegenſcheine ungültig. Im Ehevertrag können die künftigen Ehegatten ihre Verhältniſſe in Be— zug auf die projectirte Ehe nach Gutbefinden ordnen, jedoch dürfen die Verabredungen nicht wider die guten Sitten gehen oder an den geſetzlichen Beſtimmungen über die Rechte und Gewalt des Ehe⸗ manns, über väterliche Gewalt, über Erbfolge etwas ändern. Alle derartige Verfügungen würden ungültig ſeyn. Schenkungen unter Lebenden und auf den Todesfall können gleichermaßen in den Ehe⸗ verträgen verbrieft werden. Wenn ſich die Brautleute nach Dotalrechten verheirathen wollen, ſo müſſen ſie dieſes mittelſt eines Ehevertrages thun. Hei⸗ rathsgut oder Brautſchatz (dos) iſt dasjenige Vermögen, welches die Frau dem Manne zubringt, um die Laſten der Ehe zu beſtreiten. Alles, was ſich eine Frau im Heirathsvertrage ausſetzt oder ihr hierin gegeben wird, iſt dotal, wenn nicht das Gegentheil ausbe⸗ dungen worden. Die Beſtellung der dos kann ſich auf alle Güter der Frau, oder auch nur auf einen Theil derſelben, oder ſelbſt auf einen individuellen Gegenſtand beſchränken. Während der Ehe kann die dos jedoch nicht mehr beſtellt, noch verändert werden. Der Ehemann hat die Verwaltung und Nutznießung der Dotalgüter während der Ehe. Allein dieſelben dürfen weder von ihm allein, noch unter Mitwirkung ſeiner Frau veräußert noch mit Hypotheken belaſtet werden, außer wenn es geſchieht 1) um die gemeinſchaft⸗ lichen Kinder zu verſorgen; 2) um den Mann oder die Frau aus dem Schuldengefängniß zu befreien; 3) wenn die Erlaubniß hiezu nini ſin un han fn nul j niun Nun u di mit Mn das 60 daun Ner ni tin ez einer Ne rtng der hi⸗ iht un vot e ſöurhnd ilig h ſe in B. och dirn et an des Gi em. M gen unn den Ge echeirathe un Hli n, welhe beſmiu. oder in eil mte le Gin ſelbſt uf der Gi den. Du otalin n all, ochein neinſhif⸗ Frau au riß hin Obligationenrecht. 137 ausdrücklich im Chevertrag vorgeſehen war, oder 4) in Folge gericht⸗ licher Ermächtigung zur Zahlung dringender Schulden, 5) zur Er⸗ haltung und Ernährung der Familie; 6) zur Verbeſſerung und Er⸗ haltung des übrigen Theils der dos. Wenn die dos in Gefahr iſt, kann die Frau auf Gütertrennung klagen. Güter der Frau, die nicht zur dos beſtimmt find, Parapher⸗ nalien, werden von ihr ſelbſt verwaltet, wie ihr auch die Nutz⸗ nießung derſelben zuſteht. Sie kann dieſelben ohne Autoriſation des Mannes oder des Gerichtes weder veräußern, noch in Beziehung auf dieſelbe vor Gericht ſtehen. Sie kann aber dem Manne Voll⸗ macht geben, ſie zu verwalten, und auch die Nutznießung demſelben daran ertheilen. Im erſten Falle ſteht der Mann einem Mandatar, im zweiten einem Nutznießer in Rechten und Pflichten gleich. Uebri⸗ gens ſind die Eheleute, die ſich nach Dotalrechten verheirathen, dennoch befugt, eine Gemeinſchaft der Errungenſchaft unter ſich zu ſtipuliren. VI. Titel. Von dem Verkaufe. Art. 1582— 1701 c. C. Der Verkauf iſt einer der benannten, ſynallagmatiſchen Ver⸗ träge, nach dem Pandektenrecht ein Conſenſualkontrakt, und die De⸗ finition desſelben hat der code civil dem römiſchen Rechte entliehen, indem er ſagt: der Verkauf iſt ein Contrakt, wodurch der Eine ſich verbindet, eine Sache zu überliefern, und der Andere ſie zu be⸗ zahlen. Zu dem Weſen dieſes Vertrags gehört demnach: 1) Die Uebereinſtimmung der Contrahenten. 2) Eine Sache, welche übertragen werden ſoll. 3) Ein beſtimmter Preis, Erſatz für den Werth der Sache. Die Conſtituirung eines Daraufgelds (arrha) iſt durch⸗ aus nicht weſentlich, begründet aber die Vermuthung, daß, wo es gegeben wurde, die Contrahenten ſich ſtillſchweigend den Rücktritt vom Geſchäfte ausbedungen haben und zwar der Geber der arrha gegen den Verluſt, der Empfänger gegen doppelte Rückgabe derſelben. 138 Civilrecht. Das Eigenthum an der verkauften Sache geht auf den Käufer über mittelſt der bloßen Uebereinſtimmung der Contrahenten, ohne daß es zuvor der Tradition, Ueberlieferung, bedarf. Der Verkauf iſt entweder ein freiwilliger oder ein noth⸗ wendiger, entweder ein Privat⸗ oder ein öffentlicher Ver⸗ kauf, je nachdem er aus dem freien Entſchluß des Verkäufers oder aus dem Zwang ſeiner Lage hervorgeht, je nachdem er ſich einen Käufer gewählt, oder die Sache öffentlich feilgeboten hat. Zu der Rechtsgültigkeit des Kaufes iſt die Verbriefung des⸗ ſelben nicht erforderlich, wohl aber zur ſichern Conſtatirung des Ge⸗ ſchäftes. Sie kann mittelſt öffentlicher und Privaturkunde geſchehen. Der Eigenthümer einer Sache hat das Recht, dieſelbe zu ver⸗ kaufen, inſoferne er ſonſt rechtsfähig iſt; ein Jeder, welcher per⸗ ſönlich fähig iſt, ſich verbindlich zu machen, kann kaufen. Jedoch unterſagt das Geſetz den Kauf: 1) der Güter des Mündels dem Vormund, 2) der Güter der Mandanten dem Mandatar, 3) der Güter einer Gemeinde, öffentlichen Anſtalt den Verwaltern derſelben, 4) der Nationalgüter den öffentlichen Beamten, durch welche der Verkauf geſchieht. Unter Eheleuten kann in der Regel kein Verkauf abgeſchloſſen werden. Nur drei Ausnahmsfälle hat das Geſetz geſtattet. Alles, was dem Verkehr nicht entzogen iſt, kann Gegenſtand des Verkaufs ſeyn, wenn nicht beſondere Geſetze die Veräußerung unterſagt haben. Die Erbſchaft einer noch lebenden Perſon kann man nicht verkaufen, im Uebrigen zukünftige Dinge ſo gut wie ge⸗ genwärtige, z B. Erndten. Wie bei andern Verträgen können auch bei dem Kaufvertrage die Parteien denſelben auf verſchiedene Weiſe modifiziren und von Bedingungen abhängig machen. Faſt alle die pacta adjecta, bei— gegebene Verträge des römiſchen Rechts ſind in das franzöſiſche mit übergegangen, ſo die lex commissoria, das pactum addictionis in diem, pactum protimiteos, displicentiae, de retrovendendo. Der Verkäufer iſt verpflichtet: . Dem Käufer die Sache zu übergeben. Die Uebergabe, traditio, iſt entweder eine wirkliche oder eine fingirte (traditio est vel vera vel ficta), das heißt eine Handlung, welche die Stelle ul ſü ler ſv i G run ü uh u b niſu rbe lun ßnit auf du ahenn noth⸗ et Ve ſers ce ſch iun ung d⸗ des b geſchehe zu ver⸗ derſelh elche d eſchuſi egenim iußen ſon im twie h⸗ ufren und vu (ta, ti aniſſt liciu endend benh (tmii die Sull Obligationenrecht. 189 der Uebergabe vertritt. Wenn der Verkäufer einer Liegenſchaft den Käufer an Ort und Stelle in den Beſitz einweist, oder wenn der Verkäufer einer beweglichen Sache dieſelbe dem Käufer übergibt, ſo iſt die Tradition eine wirkliche, vera. Eine fingirte iſt ſie, wenn . B. der Verkäufer einer Liegenſchaft dem Käufer die auf dieſelbe ſich beziehenden Urkunden überliefert. Bei unkörperlichen Sachen Rechten) findet die Uebertragung durch Uebergabe der betreffenden Urkunden ſtatt (quasi traditio). Die Koſten der Ablieferung hat der Verkäufer, die der Weg⸗ ſchaffung der Käufer zu tragen; auch die Koſten des Vertrags für Verbriefung, Stempel, Einregiſtrirung, Transſcription fallen letzterm zur Laſt. Ort, Zeit und Maaß, wie alle drei bedingt wurden, müſſen bei der Tradition eingehalten werden. II. Dem Käufer für den ruhigen Beſitz, ſo wie für die verborgenen Fehler der Sachen Gewähr zu leiſten. Bei Entwährungen aus dem Beſitze iſt die Entwährungs⸗ oder Evictionsklage anzuſtellen, bei Entdeckung verborgener Fehler, deren Nichtdaſeyn geſetzlich oder vertragsweiſe bedungen iſt, die red⸗ hibitoriſche Klage (actio redhibitoria). Der Käufer iſt verpflichtet, die Sache zu übernehmen, wegzu⸗ nehmen und das Kaufgeld zu bezahlen in der Art und Weiſe, wie ſtipulirt worden. Zahlt er dasſelbe nicht, ſo hat der Verkäufer das Recht mittelſt der Reſolutionsklage die Auflöſung des Vertrags gerichtlich zu begehren. Dieſe Klage kann er auch gegen den dritten Beſitzer anſtellen. Unter den Urſachen, welche die Nichtigkeit und Auflöſung eines Kaufs begründen, ſind vornehmlich das ausbedungene Wieder⸗ kaufsrecht und die Auflöſung wegen unverhältnißmäßiger Niedrigkeit des Preiſes hier noch zu erörtern. Die Ausbedingung des Wiederkaufs iſt ein Vertrag, wo⸗ durch der Verkäufer ſich vorbehält, gegen Wiedererſtattung des Hauptpreiſes und ſonſt ſtipulirte oder geſetzliche Vergütungen die verkaufte Sache wieder zurückzunehmen. Auf eine längere Zeit als fünf Jahre darf er jedoch keinenfalls ausbedungen werden, widrigenfalls er auf dieſe Friſt eingeſchränkt wird. Auch kann die bedungene Friſt von dem Richter nicht verlängert werden. Es iſt 2 Civilrecht. der Wiederkauf nicht ein neuer Kauf, ſondern die Auflöſung des frühern, was bei der Beurtheilung desſelben in concreten Fällen nicht außer Acht gelaſſen werden darf. Iſt der Verkäufer einer Sache um mehr als 7 Zwölftel, alſo über die Hälfte bei dem Preiſe derſelben verletzt worden (laesio enormis), ſo hat er das Recht auf Reſeiſſion des Vertrags ſelbſt dann anzutragen, wenn er auf dieſes Recht verzichtet hatte. Nach Ablauf von zwei Jahren iſt dieſe Klage indeſſen nicht mehr zuläſſig. Der Werth der Sache muß gerichtlich durch drei Sachverſtändige feſtgeſtellt werden. Ein anderer Beweis iſt nicht zuläſſig. Dem Käufer bleibt, wenn. die Klage auf Reſciſſion zugelaſſen wird, die Wahl, entweder die Sache zurückzugeben und den Preis zurückzunehmen oder gegen Nachzahlung der Summe, die an dem wahren Werthe fehlt, das Grundſtück zu behalten. Nur bei unbeweglichen Sachen iſt die Klage zu⸗ läſſig, und nur dem Verkäufer, nie dem Käufer geſtattet. Auch unkörperliche Sachen, als Rechte und Klagen, können der Gegenſtand des Kaufvertrags ſeyn, der in dieſem Falle Ceſſion (cessio) genannt wird. Die Ueberlieferung der cedirten Sache ge⸗ ſchieht durch den Cedenten (Abtretenden) an den Ceſſionär (Erwerber) mittelſt Einhändigung der Urfunde. In Beziehung auf den cedirten Schuldner gelangt der Ceſſionär erſt dann in den rechtlichen Beſitz, wenn der Uebertrag demſelben bekannt gemacht oder von ihm in einer öffentlichen Urkunde anerfannt wurde. Die ſon⸗ ſtigen Grundſätze, welche beim Verkaufe überhaupt gelten, finden auch ihre Anwendung auf die Ceſſion. Nur in Beziehung auf die Stan⸗ desverhältniſſe der Parteien verfügt der code civil im Artikel 1597, daß Richter, Staatsprokuratoren, miniſterielle Beamte und Advokaten ſich keine ſtreitigen Rechte und Anſprüche übertragen laſſen dür⸗ fen, die zur Erkenntniß des Gerichtes gehören, in deſſen Sprengel ſie ihr Amt ausüben. mi diſ vi ier fin In Eut it beſi ibe was uf eh hu ier hu ing w n ßiln in en bei dn t et d wen e i Rhm e Si en. G vem ſi ie Soh chohln dſtüt Kage ſ limn Ceſſien ache g ſſionit hung u in nacht u Die ſi den ut ie Sin el 1507, Advolun ſſen ſi⸗ Syrn Obligationenrecht. 141 VII. Titel. Von dem Tauſche. Art. 1702 — 1707 c. c. Der Tauſch (permutatio) iſt ein Vertrag, wodurch die Con⸗ trahenten ſich gegenſeitig eine Sache für eine andere geben. Dieſer Vertrag iſt ganz nach denſelben Grundſätzen zu beurtheilen, wie der Kaufvertrag, nur die Reſciſſionsklage wegen Verletzung über ½ iſt nicht zuläſſig. Er iſt ebenfalls ein zweiſeitiger Vertrag, kein Conſenſualvertrag dagegen nach römiſchem Rechte, ſondern zu den ungenannten Contracten gezählt. VIII. Titel. Von dem Miethcontrakte. Art. 1708 — 1831 c. C. Der Miethvertrag (ein benannter, zweiſeitiger, Conſenſual⸗ Contrakt) iſt ein Vertrag, wodurch einer der Contrahenten ſich an⸗ heiſchig macht, dem andern eine beſtimmte Zeit hindurch gegen einen beſtimmten Preis den Genuß und den Gebrauch einer Sache zu überlaſſen, oder gegen einen beſtimmten Preis für den andern et⸗ was zu thun. Im letztern Falle wird er Miethvertrag (oyer) auf Arbeit oder Dienſte genannt; im erſtern Falle wird er ein⸗ getheilt: 1) in den Miethvertrag über Häuſer und Mobilien (bail à loyer); 2) in den Pachtvertrag (bail à ferme), Miethe über Landgüter, Aecker, Wieſen, Gärten ꝛc.; 3) in den Vieh⸗ Pachtvertrag (bail à cheptel), Miethe von Thieren. Alle Arten beweglicher oder unbeweglicher Güter können Ge⸗ genſtand dieſes Vertrags ſeyn. Er iſt kein ſolenner Vertrag, und man kann deshalb mündlich oder ſchriftlich vermiethen und miethen, verpachten und pachten. Die Hauptpflicht des Miethers iſt die Sache in gutem, zweckdienlichen Stande zu erhalten, den Miethſchilling zu bezahlen — 142 Civilrecht. und die Sache ſeinerzeit wieder dem Vermiether zurückziliefern. Der Vermiether iſt ſchuldig, dem Miether die Sache in einem guten Stande zu überliefern und ihm während der Miethzeit den ruhigen Beſitz und Gebrauch zu ſichern, auch die Sache mit allem Zubehör, wie bedungen, geſetzlich oder ortsgebräuchlich zu übergeben. Beide werden zur Entſchädigung verpflichtet, wenn ſie dieſen Bedingungen nicht nachkommen. Für den Zufall iſt jedoch der Miether nicht ver⸗ antwortlich, wohl aber für die Verwaltung der Sache als guter Hausvater. Der code civil hat nun eine Reihe von Beſtimmungen getroffen, die ſich auf die verſchiedenen Arten dieſes Vertrags be⸗ ziehen, die aber der Zweck dieſer Schrift nicht geſtattet, erörterungs⸗ weiſe vorzuführen. Durchgehends iſt die römiſche Lehre von der locatio conductio die Grundlage des franzöſiſchen Miethvertrags; nur der Viehver— trag (ail à cheptel) iſt dem Gewohnheitsrechte entnommen. Der Rechtsſatz: „Kauf bricht Miethe,“ der in den deut⸗ ſchen Privatrechten, namentlich in einzelnen ſtädtiſchen Statutar— rechten (G. B. München) oft bis zur empörendſten Rechtsun— gleichheit ſeine Geltung hat, iſt nicht in das franzöſiſche Recht, welches das Prinzip der Gleichberechtigung der Contrahenten wahrt und nicht den Einen zum Schaden des Andern ganz ungerechtfertigt begünſtigt, aufgenommen worden. Die Aftermiethe iſt geſtattet, wenn ſie nicht ausdrücklich im Vertrag unterſagt wurde. IX. Titel. Von dem Geſellſchafts⸗Contrakte. Art. 1832— 1873 c. c. Der Geſellſchaftsvertrag (Conſenſual⸗Contrakt, benannt, zweiſeitig) iſt derjenige Contrakt, wodurch zwei oder mehrere Per⸗ ſonen ſich vereinigen, etwas in eine Gemeinſchaft zu legen, in der Abſicht, den Gewinn, der daraus entſpringen kann, zu theilen. iſe 1 mn iu Geſ wel ) iun i ſi i u l. De n gun mhihn Zubchi Ped ignn nicht u als gun nnn nßs be renn onie zieho en. den M Stun echtsu⸗ he Rit en waht echijrin rödrüttit bennm, wr P in de len. Obligationenrecht. 143 Ein ſolcher Vertrag muß einen erlaubten Zweck haben und für das gemeinſchaftliche Intereſſe der Contrahenten abgeſchloſſen werden, daher der ſog. Löwenvertrag, Societas leonina, kraft deſſen ein Geſellſchafter allen Gewinn, der andere nur den Schaden haben ſoll, nach dem franzöſiſchen Rechte ſo un⸗ gültig iſt, wie er es nach römiſchem Rechte war. Der Gegenſtand der Einlage kann, je nachdem, Geld oder jedes andere Gut, oder Kunſtfleiß ſeyn. 5 Alle Geſellſchaftsverträge müſſen ſchriftlich abgefaßt werden, wenn ihr Gegenſtand den Werth von 150 Franken überſteigt, und es wird, wenn dieſes der Fall iſt, kein Beweis durch Zeugen gegen den Inhalt des Vertrages, noch über Nebenverabredungen, noch über Reden zugelaſſen, die vor, bei, oder nach Abfaſſung des ſchriftlichen Vertrags gefallen ſeyn ſollen. Die Geſellſchaften ſind entweder Univerſal— oder Parti⸗ kularGeſellſchaften. Die Univerſal- oder allgemeine Geſellſchaft begreift entweder alle gegenwärtige Güter in der Gemeinſchaft oder die Gemeinſchaft des Erwerbs in ſich. Erſtere iſt die Gütergemeinſchaft, letztere die Erwerbsgemeinſchaft. Eine Partikular⸗Geſellſchaft iſt diejenige, die ſich nur auf ge⸗ wiſſe beſtimmte Sachen oder auf ihren Gebrauch oder auf die daraus zu ziehenden Früchte bezieht. Auch der Contrakt, wodurch ſich meh⸗ rere Perſonen für eine beſtimmte Unternehmung oder für die Aus⸗ übung eines Gewerbs vereinigen, iſt gleichfalls eine Partikular⸗ Geſellſchaft. Die Geſellſchaft endigt, 1) durch den Ablauf der Zeit, auf welche ſie geſchloſſen wurde; 2) durch die Vollendung des Geſchäfts; 3) durch den Untergang der Sache; 4) durch den natürlichen Tod eines Geſellſchafters; 5) durch den bürgerlichen Tod oder die Inter⸗ diktion oder den Bankrott eines ſolchen; 6) durch die Willenser⸗ klärung der Geſellſchafter oder eines von ihnen, daß ſie nicht mehr in Geſellſchaft ſeyn wollen. Für Handelsgeſellſchaften ſind die Verfüg⸗ ungen des code civil nur inſoferne anwendbar, als ſie nicht mit denen des Handelsgeſetzbuchs oder den Gebräuchen desſelben in Widerſpruch ſtehen. N 0 Civilrecht. X. Titel. Von dem Leih- und Darlehens-Contrakte. Art. 1874 — 1914 c. c. Wir kommen nun in dieſem und dem nächſten Titel an die genannten Real⸗Verträge des römiſchen Rechts, das com— modatum, den Leihcontrakt, das mutuum, das Darlehen und das depositum, den Niederlegungscontrakt. Nach der Eintheilung des code civil find ſie benannte, ſynallagmatiſche Verträge und ihre Quelle iſt das römiſche Recht. Der Leihe ontract (commodatum, commodat, prét à usage) iſt der Vertrag, wodurch eine Partei der andern eine Sache zum Gebrauche unentgeltlich überläßt, unter der Vorausſetzung, daß die Sache nicht zerſtört, verbraucht, ſondern ſeinerzeit dem Eigenthümer wieder in gutem Zuſtande zurückgegeben werde. Der Darlehensvertrag (nutuum, prét de consommation oder prét ſchlechtweg) iſt der Vertrag, wodurch einer der Contrahenten dem andern eine gewiſſe Quantität Sachen, die durch den Ge— brauch verzehrt werden, unter der Bedingung überliefert, ihm eben ſo viel von derſelben Gattung und Qualität wiederzugeben. Während beim Leihvertrag die Ueberlaſſung eine unentgelt— liche ſeyn muß, iſt es beim Darlehen erlaubt, ſich Zinſen aus⸗ zubedingen. Dieſelben ſind entweder geſetzlich oder vertrags⸗ mäßig. Die vertragsmäßigen können, ſo oft es das Geſetz nicht verbietet, die geſetzlichen Zinſen überſteigen. Die ältern franzöſiſchen Ordonnanzen hatten nach dem Beiſpiel des kanoniſchen Rechts gänzlich verboten, Zinſen zu bedingen. Ein Verbot, welches ſchlecht befolgt wurde; nur in den Ländern des ger⸗ maniſchen Rechtes wurde es heilig gehalten. Das Zwiſchenrecht ge— ſtattete Geld auf Zinſen zu leihen, jedoch nach dem Zinsfuß nur, wie ihn das Geſetz beſtimmte, 5 Prozent in bürgerlichen, 6 Prozent in Handelsſachen. Das Geſetz vom 11. April 1793 ließ nach den Grundſätzen der Oekonomiſten die Zinſen unbeſchränkt beſtimmen, geſtattete alſo kein Wuchergeſetz. Der code civil erkannte an, daß Zinſen ſtipulirt werden dürften, jedoch nicht ſchrankenlos, und w6 in! juſ ſunh ſn N g uiht mui ſ im wi) imn hn un ſw mu M) Uh b M wen ug 3 Ni D mn 8 eon hen m heihn ud in àusgh che zn g, d ſit dn nw mnutin trahenn den Ge ett, ih geben. nthelt en u tragi⸗ ſez it Biil m. Gi des echt fuß u, Pren nach M finnn unte , o, und Obligationenrecht. 145 das Geſetz vom 3. September 1807, (das ſog. Wuchergeſetz) in dieſer Materie das neueſte Recht, verordnete, daß der geſetzliche Zins⸗ fuß 5, in Handelsſachen 6 Prozent ſeyn ſolle und daß, wenn höhere Zinſen bedungen und bezahlt worden ſind, das Uebermaß zurück zuzahlen oder auf das Kapital zu rechnen ſey; daß, wenn eine Per⸗ ſon erweislich mehrere Darlehen unter höher ſtipulirten Zinſen, als der geſetzliche Zinsfuß erlaubt, ausgeliehen habe, Gewohnheits⸗ wucher vorliege, gegen welchen Geldſtrafen außer der Zinſen⸗ reduktion einzutreten haben. War Betrug oder Liſt mit im Spiel, ſo kann zugleich mit der Geldſtrafe auf Gefängnißſtrafe bis zu zwei Jahren erkannt werden. In neueſter Zeit erheben ſich in den geſetzgebenden Verſamm⸗ lungen, wie in ſchriftlichen Abhandlungen viele Stimmen zur Auf⸗ hebung der Wuchergeſetze. Man behauptet von dieſer Seite, eben vom Standpunkt der Oekonomiſten aus, Geld ſey eine Waare wie jede andere; jeder müſſe berechtigt ſeyn, ſein Geld ſo gut, wie jede andere Waare, um den möglichſt höchſten Preis zu verwerthen oder den höchſten Gewinn daraus zu ziehen; gerade die Aufhebung der Wuchergeſetze werde die Kapitale williger machen und den Zinsfuß herabdrücken. Letzteres können wir nicht glauben und in Betreff der erſtern Aufſtellungen müſſen wir die übelſten Folgen fürchten, wenn die Geſetzgebung ſie adoptiren würde. Einer anderen Maß⸗ regel würden wir dagegen gerne zuſtimmen, nämlich alle 5 oder 10 Jahre durch die Regierung oder die geſetzgebende Gewalt den Zins⸗ fuß nach den jeweiligen Verhältniſſen fixiren zu laſſen. Wenn der Darleiher ſich Zinſen von einem Kapital ausbe⸗ dingt, auf deſſen Zurückforderung er verzichtet, ſo wird dieſes ein Rentenkauf genannt (constitution de rente). Dieſe Verträge haben ſich aus dem Gewohnheitsrecht und dem Gerichtsgebrauch ent⸗ wickelt und können nicht auf römiſche Quellen zurückgeführt werden. Die Rente kann auf zweierlei Art errichtet werden, für immer, als Erbrente, oder auf Lebenszeit, Leibrente. Von der Leibrente wird im XKlII. Titel die Rede ſeyn, die Erbrente dagegen (rente constituée en perpétuel), muß gleich hier näher erörtert werden. Dieſelbe iſt entweder eine vorbehaltene (reservative) oder eine beſtellte Rente (rente constitutive). Vorbehaltene Renten II. Civilrecht. 10 146 Civilrecht. ſind gewiſſe jährliche Leiſtungen an Geld oder Sachen, welche ſich der Eigenthümer einer Liegenſchaft bei der Veräußerung derſelben für die Uebertragung des Eigenthums oder ſtatt des Kaufpreiſes ausbedungen hat. Beſtellte Renten ſind Zinſen von einem Ka⸗ pital, das der Gläubiger mit dem Verſprechen dargeliehen hat, das⸗ ſelbe nicht aufzukündigen. Die Erbrenten beider Art ſind ihrem Weſen nach lösbar. Die Uebereinkunft, daß die Ablöſung nicht vor Ablauf einer Friſt geſchehen darf, kann den Zeitraum von zehn Jahren nicht überſchreiten; ohne vorher den Schuldner benachrichtigt zu haben, kann der Gläubiger die Ablöſung nicht fordern. Das Kapital einer beſtellten Rente kann zurückgefordert werden, wenn der Schuldner fallirt oder in gänzlichen Vermögensfall ge⸗ rathen iſt; außerdem kann der Schuldner zur Ablöſung gezwungen werden, wenn er in zwei Jahren die Zinſen nicht entrichtet, oder wenn er dem Darleiher die im Contrakte verſprochene Sicherheit nicht verſchafft. XI. Titel. Von dem Hinterlegungs-Contrakte und der Sequeſtration. Art. 1915 — 1963 c. c. Der Hinterlegungsvertrag (e dépöt) iſt ein Vertrag, wodurch eine Perſon eine beſtimmte Sache, welche einem Andern gehört, übernimmt, mit der Verbindlichkeit, über die Sache zu wa⸗ chen und ſeinerzeit dieſelbe Sache wieder herauszugeben. Es gibt zwei Arten dieſes Vertrags: 1) der eigentliche Hinterlegungsvertrag und 2) die Sequeſtration. Der eigentliche Hinterlegungsvertrag kann nur bewegliche Sachen zum Gegenſtande haben und iſt ſeinem Weſen nach ein un⸗ entgeldlicher Vertrag. Die Hinterlegung iſt entweder freiwillig oder durch Noth abgedrungen (depositio miserabilis). Die erſtere erklärt ſich leicht aus ihrer Bezeichnung und kann nur von uct u lin ſ* ir ibe he un Pit 1 n ut ſm nj bi ju u Obligationenrecht. 147 i ſt rechtsfähigen Perſonen geſchehen. Die letztere iſt diejenige, zu dſhn welcher man durch ſchlimmen Zufall z. B. Plünderung, Schiffbruch, ufpuiſ Einſturz, Feuersbrunſt, Waſſersnoth gezwungen worden iſt. Dieſelbe un ſ. iſt von der freiwilligen nur dadurch unterſchieden, daß der Beweis hat, W für letztere auch durch Zeugen geführt werden darf, wenn der Werth nd ihn über 150 Franken hinausgeht. (Siehe Civilprozeß, vom Zeugen⸗ ung beweis). von h Zu der gezwungenen Hinterlegung wird auch die der Effekten ahritti und Sachen, welche Reiſenden oder Gäſten angehören, in den „ Wirths⸗ und Gaſthäuſern, gezählt. Die Wirthe ſind vom Geſetze tt weu als verantwortliche Depoſitäre, die Gäſte als gezwungene Deponenten nsful p betrachtet. Die Wirthe ſind ſelbſt dann verantwortlich, wenn ihre n Leute oder Andere die Sachen des Reiſenden ſtehlen. Für gewalt⸗ hiet, ſame Diebſtähle oder für Verluſte, die in Folge höherer Macht (orce Eihe majeure) vorkommen, ſtehen ſie nicht. Unter force majeure ſind Ereigniſſe zu verſtehen, denen man nicht widerſtehen kann, z. B. Feuersbrunſt, Plünderung, räuberiſcher Ueberfall . Die Sequeſtration geſchieht entweder in Folge eines Ver⸗ trags, oder ſie wird vom Gerichte angeordnet. Die Sequeſtration in Folge eines Vertrags iſt die Hinter⸗ legung einer ſtreitigen Sache in die Hände eines Dritten unter er der Bedingung, daß dieſer Dritte ſie nach beendetem Streite dem übergibt, dem ſie zuerkannt wurde. Ihr Gegenſtand können beweg— liche und unbewegliche Sachen ſeyn. Sie kann gegen Entgeld oder unentgeldlich geſchehen. Pun Die gerichtlich angeordnete Sequeſtration bezieht ſich ent⸗ n Anm weder auf die bei einem Schuldner gepfändeten Mobilien; oder auf eun eine ſtreitige, bewegliche oder unbewegliche Sache, oder auf die 6i z Sachen, welche ein Schuldner anbietet, um ſich zu befreien. Der zrernn Depoſitär wird gerichtlich aufgeſtellt, muß für die Erhaltung der 6 Sache als guter Hausvater Sorge tragen, ſie ſeinerzeit zurückliefern bewegit und überhaupt Alles thun, was der vertragsmäßige Depoſitär zu . thun hat. Dagegen hat er auf geſetzlich beſtimmte Gebühren An⸗ 6 ſpruch, welche der entrichten muß, der die Pfändung oder den Se— queſter bewirkt hat. tnu 10* 148 Civinecht. XII. Titrl. Von gewagten Geſchäften, Glücks⸗ oder Hoffnungs⸗ Verträgen. Art. 1964 — 1983 c. e. Wir gelangen nunmehr an die unbeſtätigten pacta des römiſchen Rechts, an die Spielverträge, Wetten und Hoffnungs⸗ oder Gluͤcksverträge überhaupt. Das franzöſiſche Recht nennt ſie contrats aléatoires, hat ſie theils auf das römiſche Recht, theils auf das Gewohnheitsrecht begründet und definirt ſie im Allgemeinen ſo: Der aleatoriſche Vertrag iſt eine gegenſeitige Uebereinkunft, deren Wirkungen, was den Gewinn und Verluſt, entweder für alle — Contrahenten oder für einen oder mehrere aus ihnen betrifft, von einer ungewiſſen Begebenheit abhängen. Dergleichen ſind: 1) der Aſſekuranz⸗Contrakt; 2) das Darlehen auf Bodmerei (e prét à grosse aventure); 3) das Spiel und die Wette; 4) der Leibrenten⸗Contrakt (e contrat de rente viagère). Die beiden erſten gehören in das Handels⸗ und Seerecht, und werden in der Darſtellung des Handelsrechtes ihre Stelle finden; die beiden letztern werden wir ſofort näher betrachten. Die Grundſätze über Spiel und Wette (jeu et parti) ſind dem römiſchen Rechte vollſtändig entnommen, daher Klagen aus Spiel und Wette nicht zuläſſig, weil im alten Rom die Spiele verboten waren, wenn ſie nicht auf Abhärtung des Körpers und Uebung des Muths hinzielten. Das franzöſiſche Recht hat alſo mit dem römiſchen in Uebereinſtimmung nur ſolche Klagen geſtattet, welche auf Wetten und Spiele begründet ſind, die Vorübungen zum Kriegsdienſte bezwecken, als gymnaſtiſche Uebungen, Fecht⸗ und Schieß⸗Uebungen, Wettrennen zu Fuß, zu Pferd, zu Wagen ꝛe. Nach der Jurisprudenz gehört das Billardſpiel nicht zu dieſen Ueb⸗ ungen und wird die Klage auf eine ſolche Wette nicht zugelaſſen. Die Gerichte haben indeſſen das Recht, ſelbſt ſolche Klagen, die ſich auf gymnaſtiſche Uebungen, resp. Wetten darüber, ſtützen, abzu⸗ weiſen, jedoch auch zu ermäßigen, wenn die Summe nach Stand ſtl m C) c— — — S — nz eta d fung em ſe hit einnſ einkuf fir a. ft, n 2) M 3 raft U echt, u efnde ri) in gen u e Spil ers u alſ mi geſun, gn zn h⸗ un agen ſn Ue gelſun deſit n ahh Sn Obligationenrecht. 149 und Vermögen der Parteien übermäßig erſcheint. Hat jedoch Einer eine Spiel⸗ oder Wettſchuld bezahlt, ſo kann er die Zahlung nicht wieder zurückfordern, ausgenommen, wenn der Gewinnende ſich einer Ueberliſtung oder Gaunerei ſchuldig gemacht hätte. Sogenannte Zeitverkäufe Cnarchés à temps), oder Dif⸗ ferenzial⸗Verkäufe auf Lieferungen von Staatspapieren, Ef⸗ fekten, Getreide ꝛc, deren Lieferung in einer beſtimmten Zeit, in⸗ deſſen nicht wirklich, geſchehen, ſondern nur die Differenz zum Vortheil des Einen, zum Nachtheil des Andern berechnet werden ſoll, gehören gleichfalls hieher und ſind die Klagen aus ihnen un⸗ zuläſſig; mit vollem Rechte, da ſie zu den gemeinſchädlichſten Hän— deln gehören, welche auf Private und die ganze Geſellſchaft die nach⸗ theiligſten Wirkungen äußern, den Credit erſchüttern oder Theurung der Lebensmittel mit hervorrufen. Eine Leibrente (rente viagöre) kann für eine Summe Gel— des, oder für eine bewegliche Sache, die ſich zu einem Werthe an⸗ ſchlagen läßt, oder für ein unbewegliches Gut errichtet, endlich auch durch Schenkung und durch Teſtament beſtellt werden. Sie kann ſowohl auf das Leben deſſen, der ſie bezieht, als auf das irgend eines Dritten, oder mehrerer zugleich errichtet werden. Ein jeder Leibrenten⸗Vertrag, der auf die Lebenszeit einer Per⸗ ſon geſchloſſen wurde, die am Tage des Contraktes todt war, iſt ohne alle Wirkung. Die Zinſen bei Leibrenten⸗Verträgen werden durch die Contra⸗ henten feſtgeſetzt, ebenſo die nähern Bedingungen des Vertrags, der unter verſchiedenen äußern Formen übrigens auftreten kann. Die gewöhnlichſten ſind: der Lebensverſicherungs⸗Vertrag, die Sparkaſſe⸗Tontine und die zuſammengeſetzten Tontinen. Die Leibrente erliſcht mit dem phyſiſchen Tode deſſen, auf deſſen Leben ſie errichtet war, aber, ausnahmsweiſe von den ſonſtigen Grundſätzen des franzöſiſchen Rechts hierüber, nicht mit dem bür⸗ gerlichen Tode des Berechtigten. — 150 Civilrecht. XUI. Titel. Von dem Bevollmächtigungs⸗Contracte. Art. 1984— 2010 c. c. Der Bevollmächtigungs⸗Vertrag (le mandat ou la procuration, ſynallagmatiſcher Vertrag, nach römiſchem Rechte Con⸗ ſenſualcontract, mandatum) iſt ein Contract, wodurch Jemand einen Andern ermächtigt, etwas für ſich und in ſeinem Namen zu thun, und kann erſt durch die Annahme des Bevollmächtigten (Man⸗ datärs) als abgeſchloſſen betrachtet werden. Das Mandat kann mündlich und ſchriftlich gegeben werden: ſchriftlich mittelſt öffent⸗ licher und Privaturkunden, ſelbſt durch einen Brief. Es iſt ent⸗ weder ein allgemeines, für alle Geſchäfte des Machtgebers (Mandanten) gemeint und heißt dann Gen eralvollmacht; oder beſchränkt ſich auf ein einzelnes Geſchäft oder auf gewiſſe Geſchäfte allein, Spezialvollmacht. Das Mandat gibt kein Recht auf Belohnung, iſt alſo unentgeltlich, wenn nicht das Gegentheil bedun⸗ gen worden. Für Auslagen ꝛc. muß jedoch der Mandatar natürlich jedenfalls entſchädigt werden, auch ohne daß dieſes ausdrücklich ſti⸗ pulirt worden; das Geſchäft, das er übernommen, iſt er ſchuldig zu Ende zu führen, der Vollmacht gemäß, und haftet dem Mandanten nicht allein für Argliſt, ſondern ſelbſt für Verſehen; ſchließlich hat er über ſeine Geſchäftsführung Rechnung abzulegen und iſt für den Schaden und entbehrten Gewinn verantwortlich. Der Mandant da⸗ gegen iſt ſchuldig, die Verbindlichkeiten zu erfüllen und alle Hand⸗ lungen genehm zu halten, welche der Mandatar gemäß der ihm er⸗ theilten Vollmacht eingegangen, reſp. vollzogen hat. Er hat das Recht, die Vollmacht zu widerrufen, während dagegen dieſer berech⸗ tigt iſt, ſie aufzukündigen. Im Uebrigen erliſcht der Vertrag durch die Beendigung des Geſchäfts, für das er gegeben wurde, durch den natürlichen oder bürgerlichen Tod, durch die Interdiction und den gänzlichen Vermögensverfall des Einen oder des Andern der Contrahenten. Die Quelle dieſer Lehre für den code civil iſt durchgehends das römiſche Recht, von welchem er in keiner nennenswerthen Weiſe abweicht. i it in mng hen vo ſihf Un w all t uh hi Gn nd ein u in nMn ot n ſ fn iſt n tgeber ht; e Giſtiſ Recht u il bon nutirit ickih ji hudu lanann elih u fir nant d le hn rihn hat h ſt but ng dut de, n tin m derm M cgehm hen Peiſ Obligationenrecht. 151¹ XIV. Titel. Von der Bürgſchaft. Art. 2011 — 2043 c. C. Mit dieſem Titel beginnen wir die Reihe der Zuſicherungs⸗ Verträge, welche bei den Römern zu den unbeſtätigten Pacten und theilweiſe zu den Nebenverträgen gehörten. Der code civil führt derſelben folgende vier an: 1) Die Bürgſchaft, 2) den Vergleich, 3) die Verpflichtung bei perſönlicher Haft und 4) den Pfandvertrag. Von der erſten werden wir zuerſt, als dem Inhalte dieſes Titels ſprechen. Die Bürgſchaft Ce cautiomement, fidejussio, eine Art der intercessio cumulativa et subsidiaria) iſt der Ver⸗ trag, durch welchen ſich eine oder mehrere Perſonen verbindlich ma⸗ chen, einem oder mehrern Andern Etwas zu leiſten oder zu bezahlen, was ein Dritter ſchuldig iſt oder wird, inſofern dieſer Dritte nicht ſelbſt Zahlung leiſtet. Sie kann nur für eine gültige und erlaubte Verbindlichkeit ſtatthaben und darf zwar unter jeder Form, das heißt ſchriftlich oder mündlich, aber ſie muß ausdrücklich geſchehen und wird nie vermuthet, ſo wie ſie auch nicht über ihre Gränzen hinaus ausgedehnt werden darf. Der Bürge kann aus dem Vertrage oder in Folge eines rich⸗ terlichen Urtheils oder kraft des Geſetzes als ſolcher erſcheinen, das heißt, ſeine Conſtituirung beruht entweder auf einer freien Ueber⸗ einkunft oder auf einer Verbindlichkeit, welche das Gericht oder welche das Geſetz dem Schuldner auferlegt. Er kann, wenn er nicht förmlich darauf verzichtet hat, gegen einen Angriff des Gläubigers Gebrauch von der Einrede der Vorausklage (pene- ßicium ordinis oder excussionis, bénefice de discussion) machen. Hat er ſich ſo lidariſch mit dem Hauptſchuldner gegen den Gläu⸗ biger verbunden, ſo kann er ſich dieſer Rechtswohlthat nicht mehr bedienen. Wenn er für den Schuldner bezahlt hat, bleibt ihm der Regreß wider denſelben. Die aus der Bürgſchaft entſtehenden Ver⸗ bindlichkeiten erlöſchen ganz ſo, wie die Verbindlichkeiten überhaupt, die Nehenverbindlichkeiten insbeſondere. 152 Civilrecht. Auch dieſer Vertrag iſt dem römiſchen Rechte ſeinem ganzen Umfange nach entnommen. XV. Titel. Von dem Vergleiche. Art. 2044 — 2058 c. c. Der Vergleich (transaction, transactio, depectio) iſt ein Vertrag, wodurch die Contrahenten einen ſchon beſtehenden Rechts⸗ ſtreit beenden oder einem bevorſtehenden vorbeugen, und gehört zu den ſolennen Verträgen, muß alſo ſchriftlich abgefaßt werden; außerdem iſt er ein ſynallagmatiſcher Vertrag. Seine Eigenſchaft als ſolenner Vertrag wird ihm zwar von Andern beſtritten, welche die Worte des Geſetzes: ce contrat doit étre redigé par écrit, in dem Sinne auslegen, daß nur des Bew eiſes halber die Vor⸗ ſchrift gegeben ſey, d. h. daß er nur durch Urkunden bewieſen werden könne. Er iſt entweder gerichtlich oder außergerichtlich, je nachdem er vor Gericht abgeſchloſſen wird, oder nicht; für beide gelten jedoch dieſelben Prinzipien. Er kann, wenn er erliſtet oder erzwun⸗ gen worden, als nichtig angefochten werden, und iſt nichtig, wenn er auf Urkunden hin abgeſchloſſen wurde, die nachher für falſch er⸗ klärt worden ſind, oder wenn er über einen Rechtsſtreit ſtattfand, der ſchon durch richterlichen Spruch beendet war, ohne daß die Parteien oder eine von ihnen es wußten. Ein bloßer Rechnungsfehler in einem Vergleiche muß verbeſſert werden; wegen Rechtsirrthum und Verletzung kann er nicht angefochten werden, wohl aber wegen Irr⸗ thums in der Perſon oder dem Gegenſtande des Streites. Wer ſich nicht verbindlich machen kann ohne Beiſtand des Vor⸗ munds, Curators, oder der Aufſichtsbehörde, kann auch keinen Ver⸗ gleich eingehen. Gemeinde⸗ und öffentliche Anſtalten können ſich nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Kaiſers vergleichen (Regierungs⸗ beſchluß vom 13. Dezember 1803). Gegenſtand des Vergleichs kann nur eine Sache (oder ein Jon n hu ins ſtih ſb, en g de n i u hnn 0 ſi n Rit⸗ ehön wedn igerſch n, welhe ar äeit die Un beilſn lich, ide geln t enwn g, wm fulſh fand, Portin ſchle u un un gen des Vo nen Ve ſih u ieruni der ein Obligationenrecht. 153 Recht) ſeyn, die nicht verboten oder die im Verkehr iſt. Man kann ſich z B. nicht vergleichen über Streitpunkte, die den Stand einer Perſon angehen, wie über Abſtammung eines Kindes, elterliche Ge⸗ walt, Ehe, Trennung von Tiſch und Bett; eben ſo wenig über die Erbverlaſſenſchaft eines noch Lebenden, weil dieſes als gegen die öffentliche Ordnung und guten Sitten verſtoßend, ausdrücklich un⸗ terſagt iſt. XVI. Titel. Von dem perſönlichen Arreſte, als einem Exekutions⸗ Mittel in Civilſachen. t 05 Von den Grundſätzen der Handelsgeſetzgebung bezüglich der perſönlichen Haft, welche durch das Geſetz vom 15. Germinal Jahr VI und den code de conmerce als gewöhnliches Exeku⸗ tionsmittel in allen Handels⸗ und Wechſelgeſchäften zugelaſſen er⸗ ſcheint, weichen die Beſtimmungen der Civilgeſetzgebung bedeutend ab, indem ſie die Anwendung dieſes Zwangsmittels im Intereſſe der perſönlichen Freiheit auf möglichſt wenige Fälle beſchränken und nur gegen gewiſſe Perſonen zulaſſen. In der Regel haften die Verbindlichkeiten, inſofern ſie in Geld oder Geldeswerth beſtehen, nur auf dem Vermögen des Schuld⸗ ners. Nur in gewiſſen Fällen hat das Geſetz Ausnahmen von dieſem Grundſatze aufgeſtellt. Grundlage der Beſtimmungen des code civil über perſönliche Haft (contrainte par corps) iſt die Civilordonnanz vom Jahr 1667 und das Geſetz vom 15. Germinal Jahr VI. Das neueſte Recht iſt nunmehr ein milderes geworden und hat durch das Geſetz vom 17. April 1832 einen nicht unbedeutenden Theil der Härte der ältern Geſetzgebung beſeitigt. I. Vertragsweiſe kann ſich der Schuldner nur in folgenden Fällen bei perſönlicher Haft verpflichten: 1) Wenn er zufolge eines Urtheils der Gerichte Bürgſchaft leiſtet; 154 Civilrecht. 2) wenn er ſich für einen Schuldner verbürgt, der für die be⸗ treffende Schuld dem perſönlichen Arreſte unterworfen iſt; 3) der Pächter kann ſich zur Bezahlung des Pachtgeldes in dieſer Weiſe verpflichten. Alle andere mittelſt Vertrag eingegangene Verbindlichkeiten zur perſönlichen Haft ſind ungültig und iſt dem Richter verboten, darauf zu erkennen. II. Auf den Grund geſetzlicher Beſtimmung muß der Richter auf perſönliche Haft erkennen: 1) Gegen den, welcher des Stellionats ſich ſhuldig gemacht hat. Stellionat iſt vorhanden, wenn man eine unbewegliche Sache verkauft oder zur Hypothek ſtellt und weiß, daß man nicht der Ei⸗ genthümer derſelben iſt, und wenn man mit Hypotheken belaſtete Güter für frei ausgibt, oder weniger Hypotheken angibt, als die, womit dieſe Güter beſchwert ſind. 2) Gegen den, welchem eine Sache mittelſt nothgedrungener Hinterlegung (depositum miserabile) anvertraut wurde, auf Aus⸗ antwortung derſelben. 3) Gegen den, der ſich gewaltſam in den Beſitz eines Grund⸗ ſtücks geſetzt hat, wegen Abtretung des Grundſtücks nebſt Erſtattung der Früchte und der gebührenden Entſchädigung des außer Beſitz geſetzten Klägers. 4) Gegen den, bei welchem Gelder deponirt ſind, wenn er hie⸗ für von Staatswegen angeſtellt iſt, auf Herausgabe dieſer Gelder; 5) Gegen den, bei welchem Sachen von Gerichtswegen zur Aufbewahrung deponirt wurden, wegen Herausgabe dieſer Sachen. 6) Gegen öffentliche Beamten, um ſie zur Vorlage ihrer Ori— ginalurkunden, wenn dieſes befohlen wurde, zu zwingen. 7) Gegen Notäre, Anwälte und Huiſſiers wegen Zurückgabe der zufolge ihrer Amtsverrichtungen ihnen anvertrauten Urkunden und der Gelder, welche auf gleiche Weiſe für ihre Clienten be⸗ zogen haben. 8) Gegen Fremde, die einem Franzoſen ſchulden, wenn ſie nicht in Frankreich ihren Wohnſitz oder Liegenſchaften haben. Dieſe Ver⸗ fügung iſt durch das Geſetz vom 10. September 1807 angeordnet, yn u Gu zui N die h eldes lihkein boten uß de gene he Eahe de 6i belaſt als die wungn uf Mu Gr iſtatun et Peſß n ei Gede n u Sohn ner Di midyb Urkun enten be nſenih ieſe V gurn Obligationenrecht. 155 durch das Geſetz vom 17. April 1832 aber ſehr modifizirt worden, wie weiter unten detailirt angegeben werden wird. 9) In einigen Fällen der bürgerlichen Prozeßordnung, die in der Darſtellung derſelben angegeben werden ſollen. III. Auf den Grund des Geſetzes kann der Richter auf die perſönliche Haft erkennen: 1) Gegen diejenigen, welche durch ein im petitoriſchen Prozeſſe ergangenes und rechtskräftiges Urtheil angewieſen worden ſind, ein Grundſtück zu räumen und innerhalb der nächſten 14 Tage von Zuſtellung des Urtheils an dem Urtheil nicht nachkommen. 2) Gegen die Pächter, wenn ſie am Ende des Pachtes das gepachtete Vieh, Saatkorn und Ackergeräth nicht zurückliefern. 3) In den Fällen der Artikel 126, 127, 213, 221 und 534 der Civilprozeßordnung, in welcher dieſe Fälle näher detailirt werden. Die perſönliche Haft kann (auch in den obigen Fällen nicht) nie gegen Minderjährige oder Interdicirte erkannt werden; gegen Frauen, unverheirathete Frauenzimmer und gegen ſiebzigjährige Per⸗ ſonen nur in dem Falle des Stellionats. Frauen können ſich in⸗ deſſen nur eines Stellionats ſchuldig machen, wenn ſie Sondergut haben und das Stellionat dasſelbe betrifft. Selbſt wenn die Frau Sondergut beſitzt, mit ihrem Manne aber in Gemeinſchaft der Güter ſteht, kann ſie in Hinſicht ſolcher Contrakte, mittelſt deren ſie ſich mit ihrem Manne zugleich verpflichtet, kein Stellionat begehen. Auch darf die Haft nicht wegen einer Summe, die unter drei⸗ hundert Franes iſt, erkannt, ferner nicht gegen den Aſcendenten, Deſcendenten und Ehegatten des Gläubigers, nicht gegen die Erben des Schuldners nach deſſen Tode in Vollzug geſetzt werden. Die Mitglieder der erſten Kammer können nicht ohne Bewilligung der Kammer und die der zweiten Kammer nicht während der Sitzungs⸗ zeit noch ſechs Wochen vor⸗ oder nachher zur Haft gebracht werden. Die perſönliche Haft kann nur, auch wo ſie kraft Geſetzes ſtattfinden darf, mittelſt eines Urtheils vollzogen werden. Der Vollzug derſelben wirkt nicht ſtörend oder einſtellend ein auf das gerichtliche Exekutionsverfahren wider die Güter des Schuldners, wohl aber kann der Vollzug durch die Ertheilung eines Sauf-conduit 156 Civilrecht. (Salvus conductus), ſichern Geleits, von Seiten des Gerichts⸗ präſidenten auf Antrag des Staatsprokurators gegeben, unterbrochen werden, wenn der Schuldner als Zeuge vor ein Schwur⸗, Diſtrikts⸗ oder Appellationsgericht vorgeladen wird; (Artikel 783 der Prozeß⸗ ordnung.) Das Geſetz vom Jahr 1832 hat nicht allein die Verfügungen des code civil, ſondern auch die des Handelsgeſetzbuchs in milderem Sinne modifizirt, namentlich in Betreff der Fremden, der Verwandten und Ehegatten und hat die Dauer der Haft in den verſchiedenen Fällen bedeutend abgekürzt. Die Mitglieder der Deputirten⸗ und Pairskammer erfreuten ſich ſchon in Folge der Verfügungen der Charte vom Jahr 1814 befreiender Beſtimmungen. — XVII. Titel. Von dem Pfandcontrakte. Art. 2071 — 2091 c. c. Der Pfandcontrakt (e nantissement, pignus) iſt ſeiner Natur nach acceſſoriſch, ein Zuſicherungs⸗Vertrag, wodurch ein Schuldner ſeinem Gläubiger zur Sicherheit der Schuld eine Sache einhändigt. Iſt der Gegenſtand des Vertrags ein beweglicher, ſo heißt er Fauſt⸗ pfand (gage); iſt er ein unbeweglicher, antichretiſcher oder Pfandnutzungs⸗Vertrag (antichrése). Das Fauſtpfand haftet für die Zahlung der Schuld vor allen andern Gläubigern. Dieſes Vorzugsrecht iſt aber bedingt, nämlich durch folgende geſetzliche Beſtimmungen: Das Pfand muß mittelſt einer Urkunde beſtellt werden, wenn deſſen Werth 150 Francs überſteigt und gibt ein untheilbares Recht. Der Gläubiger oder ein Dritter, über den er mit dem Schuldner übereingekommen, muß im Beſitze des Pfandes ſeyn und bis zur Zahlung bleiben. Uebrigens iſt der Gläubiger verbunden, nach befriedigter For⸗ derung das Pfand zurückzugeben, bis dahin aber als guter Haus⸗ heitt chroihn diſtt⸗ Punf ignn niden wantn hicdun u⸗ m igen w ier Nun Shudun inhindi er ßauß her e huld u bedingt and mi 0 Fnn odet in mij in ger ſo et hu⸗ Pfandrecht. 157 vater zu verwahren. Bezüglich der öffentlichen Leihhäuſer (monts— depiété) ſind ſpezielle Verfügungen erlaſſen, wie das Dekret vom 8. Thermidor XIII. Art. 411 des code pénal, Geſetz vom 26. Pluv. XII. Der antichretiſche Vertrag hat, wie geſagt, eine Liegenſchaft zum Gegenſtande der Zuſicherung, mit dem Rechte für den Gläubi⸗ ger, die Früchte derſelben als Zinſen zu beziehen, wenn die Forder⸗ ung Zinſen trägt; wenn nicht, um ſolche auf das Kapital als Ab⸗ ſchlagszahlung anzurechnen. Auch bei dieſem Vertrage ſagt, wie beim Vergleiche der code civil bantichrèse ne s'etablit que par écrit; und wir ſind deß⸗ halb mit Duranton der Anſicht, daß die urkundliche Beſtellung zu der Form des Geſchäftes gehört. Andere dagegen ſind, wie dort auch, der Meinung, dieſe Verfügung ſey nur in dem Sinne zu ver⸗ ſtehen, daß der Beweis nur durch Urkunden, nicht durch Zeugen zuläſſig ſey. Der Glänbiger iſt berechtigt, die Liegenſchaft ſo lange inne zu halten, bis er gänzlich bezahlt iſt, aber durchaus nicht, ſie zu be⸗ halten, wenn der Schuldner nicht bezahlt; jede Uebereinkunft mit Letzterem in dieſem Sinne iſt ungültig. Er muß ſie vielmehr, wenn er bezahlt worden, zurückgeben, oder ſie mittelſt Anrufung des Ge⸗ richtes durch einen Notär verſteigern laſſen, wenn der Schuldner nicht zahlen will oder kann. Dann iſt ihm allerdings die Erſteiger⸗ ung derſelben geſtattet. Während ſeines Beſitzes hat er die Sorg⸗ falt eines guten Hausvaters für das Pfand zu präſtiren. Sein Recht iſt, wie beim Fauſtpfand, ein untheilbares. XVIII. Titel. Von den Privilegien und Hypotheken. Art. 2092— 2203 c. C. Wir haben in dem Anhange zur Gerichtsverfaſſung, in dem Kapitel über „Hypothekenamt“ ſchon angeführt, wie das ältere fran⸗ 158 Civilrecht. zöſiſche Recht in dieſer Lehre nach dem römiſchen ſich geordnet hatte, mit Ausnahme der Länder des nantissement, wie alſo die Prin⸗ zipien der Generalität und Nichtöffentlichkeit der Hypotheken (généralité et clandestineté des hypothöques) die herrſchenden waren; wie jedoch an beweglichen Sachen keine Hypotheken erwor⸗ ben und wie die vertragsweiſen nur mittelſt öffentlicher Urkunden, abweichend vom römiſchen Rechte, beſtellt werden konnten. Ferner wie das Zwiſchenrecht das Syſtem der Oeffentlichkeit und der Spezialität (publicité et spécialité) der Hypotheken einführte, das heißt die Wirkſamkeit derſelben von der Eintragung in öf⸗ fentliche Regiſter abhängig machte, und von dem Grundſatze ausging, daß man nur für eine beſtimmte Summe und nur auf beſtimmte Liegenſchaften ein Hypothekenrecht mittelſt Vertrag erwerben könne; wie zum Vollzug dieſes Geſetzes Hypothekenämter errichtet und wie dieſelben organiſirt wurden. Endlich wie die Geſetzgeber des code civil nach langen Käm⸗ pfen zwiſchen den Anhängern des durch das Edikt vom Jahr 1771 modifizirten römiſchen Rechts, und denen des Geſetzes vom 11. Brum. VII. ſich zuletzt für das Syſtem dieſes Geſetzes erklärten. Nicht ohne Einfluß hiebei war die aktive Theilnahme des damaligen erſten Conſuls und ſpätern Kaiſers, der bei verſchiedenen Veranlaſſungen einen juriſtiſchen Scharfblick und eine Gewandtheit in dem Erfaſſen und der Kritik der zu Sprache kommenden Grundſätze offenbarte, welche an einem Soldaten unbegreiflich erſcheinen und für das eminente, umfaſſende Genie dieſes Mannes am beſten zeugen. Die Hauptfrage: wird der Credit am beſten gewahrt durch das Syſtem der Publicität oder der Clandeſtinität? wird von den An⸗ hängern und Gegnern des einen oder des andern Syſtems natür⸗ lich auch verſchieden beantwortet; beiden aber ſtehen jedenfalls für ihre Anſichten ſehr gewichtige Gründe zur Seite. Während von einer Seite behauptet wird, der Credit werde durch die Veröffent⸗ lichung der finanziellen Verhältniſſe in den Hypothekenämtern er⸗ ſchüttert, beharrt die Gegenpartei darauf, daß er gerade dadurch be⸗ feſtigt und geſichert werde, da man ſich ja von der materiellen Lage der Perſonen, mit denen man contrahiren, oder denen man Ver⸗ mögen anvertrauen wolle, am beſten auf dieſe Weiſe überzeugen nt hut, die Pi Wothehn nſchene erer likundn, nn und h tinfihte, g in if Hrndi ur Vert ekeninn gen hin ahr 177 1. Bnn n. Ri gen uin nlaſungn nErjſſt ofinbn fir d gn. duch i dn ns nin ufilb ſ hrend Vrrifin intem e durch b elen i nan iberxuy Pfandrecht. 159 fönne. Oft ſchon war die Reform des jetzigen Hypothekenſyſtems auf der Tagesordnung der geſetzgebenden Gewalt, der Gegenſtand umfaſſender Arbeiten des Juſtizminiſteriums, der Gerichte und aus⸗ gezeichneter Juriſten, aber immer noch iſt man, trotz unzweifelhafter und anerkannter Mängel beim Alten geblieben aus Furcht, erſchüt⸗ ternd in die beſtehenden Verhältniſſe einzugreifen und am Ende mit den neuen Experimenten nichts Weſentliches gebeſſert zu haben. Die Privilegien oder Vorzugsrechte können ſowohl bewegliche Sachen, als Liegenſchaften, die Hypotheken nur letztere zum Gegen⸗ ſtande haben. Alle die Güter und Sachen der einen und der andern Art müſſen, um der Gegenſtand dieſer Rechte ſeyn zu können, im Verkehr ſich befinden. Sie bilden, inſoferne ſie einem Verpflichteten oder Schuldner gehören, das gemeinſchaftliche Unterpfand ſeiner Gläubiger und der Preis, welcher aus ihnen bei einer Veräußerung erlöst wird, ſoll verhältnißmäßig unter ſie vertheilt werden, wenn nicht rechtmäßige Urſachen eintreten, wodurch einer dem andern vor⸗ gezogen wird. Dieſe Urſachen aber, die einen Vorzug begründen, ſind die Privilegien und Hypotheken. Sie ſind dingliche Rechte auf ein fremdes Gut und untheilbare Rechte und gehen, wie in der Regel jedes Recht, auf die Erben und Rechtsnachfolger des Gläubigers über. Ein Privilegium (privilége) iſt ein Recht, welches die Be⸗ ſchaffenheit der Forderung einem Gläubiger ertheilt, den übrigen, ſelbſt den hypothekariſchen Gläubigern vorzugehen. Unter den pri⸗ vilegirten Gläubigern *) richtet ſich der Vorzug nach den verſchie⸗ denen Eigenſchaften der Privilegien, und ſolche, die in demſelben Range ſtehen, werden nach Verhältniß ihrer Forderungen bezahlt. Die Privilegien können auf Mobilien oder auf Immobilien haften, wie ſchon erwähnt, und entweder auf alle Güter des Schuldners ſich erſtrecken, allgemeine Privilegien, oder nur auf beſtimmte Mobilien oder Liegenſchaften, beſondere Privilegien. *) Das Privilegium des öffentlichen Schatzes und ſeine Rangordnung iſt durch verſchiedene ſpezielle Geſetze beſtimmt, ſo durch das Geſetz vom 5. September 1807 Rummer 80 und 81. Gutachten des Staatsraths vom 13. Februar 1808. Geſetz vom 18. November 1808 Nummer 83. ————————— 160 Civilrecht. a) Allgemeine Privilegien an den Mobilien in ihrer Geſammtheit haben in folgender Rangordnung: 1) die Gerichts⸗ koſten, 2) die Leichenkoſten, 3) die Koſten der letzten Krankheit, 4) der Lohn der Dienſtboten für das laufende Jahr, 5) was dem Schuldner und ſeiner Familie an Lebensbedürfniſſen in den letzten 6 Monaten von denen, die im Kleinen liefern (Bäcker, Metzger), in dem letzten Jahre von Großhändlern und Koſtgebern geborgt wurde. b) Privilegien an gewiſſen Mobilien haben: 1) die Vermiether und Verpächter für die Miethgelder und Pachte an den Früchten und der Erndte des letzten Jahrs, ſo wie an dem Werth des ganzen Inventars der Häuſer oder Pachtgüter; 2) der Gläu⸗ biger an dem Unterpfand, das er in Händen hat; 3) die Koſten, welche auf die Erhaltung einer Sache verwendet wurden, auf dieſe Sache; 4) der Kaufpreis unbezahlter Mobiliargegenſtände, wenn der Schuldner ſie noch beſitzt; 5) die Lieferungen des Gaſtwirths an den Effekten des Reiſenden, die in ſein Gaſthaus gebracht wor⸗ den find; 6) der Fuhrlohn und die Nebenkoſten an der transpor⸗ tirten Sache und 7) die Forderungen, die daraus entſtehen, daß öffentliche Beamte in ihren Amtsverrichtungen ihre Gewalt miß— braucht oder pflichtwidrig gehandelt haben, an den Zinſen und dem Kapital der von ihnen geſtellten Dienſtcautionen. c) An Immobilien haben ein Privilegium: 1) der Verkäufer einer unbeweglichen Sache an dieſer Sache für den Kaufpreis; 2) derjenige, der das Geld zur Erwerbung einer unbeweglichen Sache hergegeben hat, an derſelben, vorausgeſetzt jedoch, daß er urkundlich beweiſen kann, wie er das Geld für dieſen Zweck vorgelegt und den Kaufſchilling auch wirklich bezahlt hat; 3) die Miterben an den zur Erbſchaft gehörigen Immobilien, zur Sicherſtellung der unter ihnen gemachten Theilungen und desjenigen, was ein Miterbe dem andern auf ſeinen Antheil herausgeben muß; 4) die Baumeiſter, Bau⸗ Unternehmer, Maurer und ſonſtige Arbeiter, welche gebraucht worden ſind, um Gebäude, Kanäle oder andere Werke jeder Art aufzuführen oder zu verbeſſern, an dieſen Gebäuden und Arbeiten für ihre hier⸗ aus reſultirenden Forderungen und 5) diejenigen, welche das Geld geliehen haben, dieſe Maurer und Arbeiter zu bezahlen. up ſui al — ift ſ int zi W nn No ſt uh di ſec hgl ni qhi und io au N i v in ih erihn Nit, 6) as den lezin Rezeh twurde ) di an du Veh Glir Koſtn, uf diſ , en ſwitht cht ver ransyor en, d alt n und den zerfüujn tis; 7) n Sihe tumlt und d den jl et ihun ande Pul⸗ woldel ufihre e hir Pfandrecht. 161 d) Die Privilegien, welche ſich auf die Mobilien und Im⸗ mobilien zugleich erſtrecken, ſind den Forderungen und Rechten zugeſtanden, welchen eine geſetzliche Hypothek beigelegt iſt, wie den Rechten der Muͤndel an den Gütern des Vormunds, der Frauen an den Gütern des Mannes, des Staats, der Gemeinden, der öffentlichen Anſtalten an den Gütern ihrer Verwalter und Einnehmer. Die Erhaltung der Privilegien und ihre Wirkſamkeit wird durch die Einſchreibung derſelben in die Regiſter der Hypotheken⸗ ämter (Inſcription) bedingt. Einige der Privilegien bedürfen jedoch nach geſetzlicher Beſtimmung dieſer Formalität, deren bei der Einſchreibung der Hypothekenbeſtellung näher gedacht werden wird, nicht, wie die unter a. angeführten allgemeinen Privilegien, an den geſammten Mobilien. Die Hypotheke iſt ein dingliches Recht an Immobilien, welche für die Erfüllung einer Verbindlichkeit haften; ſie iſt ihrer Natur nach untheilbar und geht auf Erben und Rechtsnachfolger über. Die Claſſifizirung der Hypotheken entſpricht ganz der des römiſchen Rechts. Wie dieſes dieſelben eintheilte in geſetzliche, tacita oder legalia, in prätoriſche, judicialia und praetoria, in vertrags⸗ mäßige, voluntaria und conventionalia, ſo unterſcheidet der code civil zwiſchen geſetzlichen (légales), gerichtlichen (judiciaires) und vertragsmäßigen Hypotheken (hypothéques conven- tionelles), je nachdem die Hypothek aus dem Geſetze entſteht, oder aus Urtheilen und gerichtlichen Handlungen entſpringt oder von den Verträgen der Parteien und der äußern Form der Urkunden abhängt. Geſetzliche Hypotheken ſind zugeſtanden: 1) Den verheiratheten Frauen an den Gütern ihrer Männer. Anch nach dem römiſchen Rechte ſtand den Frauen ein geſetzliches allgemeines Pfandrecht zu wegen der dos und deren Vermehrung, wegen der donatio propter nuptias und der Paraphernalien. 2) Den Minderjährigen und Interdicirten an den Gütern ihres Vormunds; ganz wie im römiſchen Rechte. 3) Dem Staate, den Gemeinden, den öffentlichen Anſtalten an den Gütern ihrer Verwalter und Einnehmer; dem römiſchen Fiskus war gleichfalls dieſe geſetzliche Hypotheke bewilligt, ſo wie ſeinem Ceſſionär, und nach der Ausdehnung des römiſchen Rechts in Frank⸗ II. Civilrecht. 1 162 Civilrecht. reich und Deutſchland durch die Praxis auch den Städten, Kirchen, Stiftungen ꝛc. Die gerichtliche Hypothek entſpringt aus Urtheilen zum Vor⸗ theile desjenigen, der ſie erwirkt hat; das Urtheil mag ein defini⸗ tives oder ein proviſoriſches, ein contradiktoriſches, das heißt, wo beide Theile vor Gericht erſchienen waren, oder ein Defaut⸗Urtheil (Contumazialurtheil) ſeyn, wo der Beklagte ſich nicht vor Gericht einfand. Sie entſpringt ferner ſelbſt aus Anerkennungen oder Be⸗ währungen von Unterſchriften, die ſich unter einer verbindlichen Pri⸗ vaturkunde befinden, ſobald dieſe Anerkennung vor Gericht geſchieht. Sie kann geltend gemacht werden an den Immobilien des Schuld⸗ ners, die er bei Erlaß des Urtheils oder Anerkennung der Unter⸗ ſchrift ſchon erworben hatte oder noch ſpäter erwerben mag. Schiedsrichterliche Urtheile müſſen, um eine Hypothek be⸗ wirken zu können, mit einem gerichtlichen Vollzugsbefehl zuvor ver⸗ ſehen worden ſeyn. Urtheile, welche im Auslande ergangen ſind, können gleichfalls in Frankreich nur dann eine Hypotheke begründen, wenn ſie zuvor von einem franzöſiſchen Gerichte vollziehbar erklärt worden ſind. Eine vertragsmäßige Hypotheke kann nur mittelſt einer vor zwei Notären oder vor einem Notär und zwei Zeugen in authen⸗ tiſcher Form verfertigten Urkunde beſtellt werden. Nur die gegen⸗ wärtigen Güter, nicht die künftigen können Gegenſtand der Hy⸗ pothekenbeſtellung ſeyn, und Natur und Lage eines jeden der zur Hypotheke beſtellten Immobilien muß beſonders ausgedrückt werden. Alle Güter zuſammen oder einen Theil derſelben kann der Schuldner nicht mittelſt eines Vertrags zur Hypotheke ſtellen, wenn dieſes nur in allgemeinen Ausdrücken geſchieht. Dieſe Ver⸗ fügungen reſultiren aus dem Prinzip der Spezialität der Hypo⸗ theken, reſp. bilden das Weſen derſelben. Auch iſt eine Hypotheke nur dann gültig, wenn die Summe, wofür ſie verwilligt wird, ge— wiß und in der Urkunde beſtimmt iſt. Die Hypotheken zu Gunſten der Minderjährigen und Inter⸗ dicirten an dem Vermögen ihres Vormunds, ſo wie die der Frauen wegen ihres Vermögens an dem der Männer treten ein kraft Ge⸗ ſetzes, unabhängig von der Inſcription, von dem Tage an, ihe zun V in vt heiſt, u ut⸗hi or Geit der ihn tgiſih E der lun 9 wothe vr w anguſih begtinu be eit eine w in aut ie gegen dder h eden de uigit im N len un diiſt der hy Hwot wird, ſi ud er ſun uft Toge 0 Pfandrecht. 163 wo der Vormund die Verwaltung übernommen hat, beziehungsweiſe von dem Tage der Heirath an. Unter allen übrigen Gläubigern hat eine Hypothek, ſie mag geſetzlich, gerichtlich oder vertragsmäßig ſeyn, erſt von dem Tage an einen Rang, da der Gläubiger ihre. Inſcription oder Eintragung in die Hypothekenregiſter nach der vom Geſetze beſtimmten Form und Weiſe bewirkt hat. Der Tag der Vormundſchaft, der Heirath und der Inſeription iſt alſo die Grund⸗ lage der Rangordnung, die ſich dann nach dem Rechtsgrundſatze prior tempore, potior jure, das heißt die der Zeit nach frühere geht der ſpätern vor, richtet. Die Hypotheken müſſen, wie die Privilegien, mit alleiniger Ausnahme der angeführten vom Geſetze ausdrücklich dispenſirten Hypotheken und Privilegien, um wirkſam ſeyn zu können, in die Regiſter der Hypothekenbewahrer in geſetzlich vorgeſchriebenen Formen eingetragen worden ſeyn. Die Hypothekenämter, ihre Organiſation und Attribute haben wir in dem Anhange zur Gerichtsverfaſſung näher beleuchtet und verweiſen deßhalb hier darauf hin, indem wir zur Beantwortung der weitern Fragen übergehen, wie die Inſcrip⸗ tion bewerkſtelligt wird und wer dieſelbe betreibt? Die Eintragung geſchieht auf dem Bureau der Hypothekenbe⸗ wahrung des Bezirks, in welchem die dem Privilegium oder der Hypothek unterworfenen Güter gelegen ſind. Alle am nämlichen Tage eingetragenen Gläubiger haben eine Hypothek vom näm⸗ lichen Datum, die ſie verhältnißmäßig geltend machen ohne Un⸗ terſchied, ob die Eintragung Morgens oder Abends geſchehen iſt. Um die Eintragung zu bewirken, überreicht der Gläubiger ſelbſt oder durch einen Dritten dem Hypothekenbewahrer die Urſchrift oder eine authentiſche Ausfertigung des Urtheils oder der Urkunde, welche den Entſtehungsgrund des Privilegiums oder der Hypotheke abgibt. Er legt zwei auf geſtempeltes Papier geſchriebene Auszüge (Pordereau bei, von denen das eine auf das Urtheil oder die Urkunde ſelbſt geſchrieben ſeyn darf, und welche enthalten müſſen: 1) Namen, Vornamen, Wohnort des Gläubigers, ſeinen Stand oder ſein Ge⸗ werbe, die Wahl eines Wohnſitzes für ihn innerhalb des Bezirks des Hypothekenbewahrers; 2) Namen, Vornamen, Wohnort, Stand oder Gewerbe des Schuldners; 3) Datum und Beſchaffenheit der — ————— . — 164 Civilrecht. * Urkunde, welche das Privilegium oder die Hypothek begründet; 4) den Kapitalbetrag der Forderungen, die in dem begründenden Titel ſelbſt ausgedrückt ſind, den Betrag der Acceſſorien dieſes Kapitals und die Zeit, wo die Zahlung gefordert werden kann; 5) die An⸗ zeige der Gattung und der Lage der Güter, woran er ſein Privi⸗ legium oder ſeine Hypothek aufrecht halten will; dieſes iſt indeſſen nur bei vertragsmäßigen, nicht bei geſetzlichen oder gerichtlichen Hy⸗ potheken nöthig. Der Hypothekenbewahrer bemerkt in ſeinem Regiſter den Inhalt der Bordereaur, gibt demjenigen, der die Eintragung verlangt hat, den Originaltitel oder die Ausfertigung des Titels, ſo wie eines der beiden Bordereaur zurück und bezengt am Schluſſe desſelben, daß er die Eintragung gemacht habe. Die Eintragungen halten die Hypothek und das Privilegium zehn Jahre lang, von dem Tag ihres Datums anzurechnen, auf⸗ recht; ihre Wirkung hört auf, wenn dieſe Eintragungen vor Ablauf der Friſt nicht erneuert worden ſind. Die Ehemänner und Vormünder ſind verbunden, die ihnen auferlegten geſetzlichen Hypotheken eintragen zu laſſen, und fönnen im Unterlaſſungsfalle wegen Stellionat verfolgt werden. Die Nebenvormünder ſind verpflichtet, wenn die Vormünder ſäumig ſind, die Eintragung der Legalhypothek gegen dieſelben zu betreiben bei Strafe eigener Verantwortlichkeit. Wenn die Vor⸗ münder, Gegenvormünder, Ehemänner die Hypothek zu Gunſten ihrer Pupillen und Frauen nicht haben eintragen laſſen, ſo läßt ſie der Staatsprokurator eintragen. Die Legalhypotheken an den Gütern der Adminiſtratoren und Einnehmer hat der Staat, die Ge⸗ meinde oder betreffende Stiftung, Kirche ꝛc. durch ihre hiezu be⸗ ſtimmten Organe beſorgen zu laſſen. In den übrigen Fällen iſt es überall Sache des Gläubigers, ſeiner Erben und Rechtsnachfolger, die Eintragung geſchehen zu laſſen. Ein Gleiches gilt von der nach zehnjähriger Friſt nothwendig gewordenen Erneuerung der Einſchreibung der Hypotheken und Privilegien. Durch die Transſcription, gleichfalls eine Eintragung von Rechtstiteln, welche ein Privilegium begründen, in die Regiſter des h ſi w i au J in ime; den Ii s Kwinz ) die N ſein Pii ſt idſn lihen H du Ju ung h wie in desſln Prijtin hnen, u vor Wlu unden, aſen, w gt wela Vomin ieſelhen ie u Guf ſo liſ ſ en n at, de b. hien b ilen ſi znachſh uthnen heln m gung ezjſnr d Pfandrecht. 165 Hypothekenbureaus wahren nachfolgende privilegirte Gläubiger ihr Vorzugsrecht an den betreffenden Immobilien: 1) Der Verkäufer an dem verkauften Gute, durch die Trans⸗ ſcription der Kaufurkunde, wenn ſie beſagt, daß der Kaufſchilling noch nicht oder erſt theilweiſe bezahlt ſey. Der bezahlte und der rückſtändige Theil muß angegeben werden. Der Verkäufer kann auch ſtatt der Transſeription die Inſeription wählen. Wenn der Verkäufer die Transſeription gewählt hat, ſo muß der Hypotheken⸗ bewahrer von Amtswegen auch die Inſcription des Privilegiums in ſeine Regiſter vornehmen. 2) Ganz dasſelbe gilt von dem, welcher den Kaufſchilling zur Erwerbung eines Guts vorgeſtreckt hat. Durch die Transſcription oder Kaufurkunde wird auch ſein Privilegium gewahrt, wenn dieſelbe conſtatirt, daß er hiefür das Geld vorgeſtreckt hat. Der Miterbe und jeder Miteigenthümer wahrt ſein Privi⸗ legium, das er wegen der Anſprüche, die ihm aus der Theilung des Gemeingutes reſultiren, hat, durch die Inſeription, indem die Trans⸗ ſcription hier weder erforderlich noch hinreichend iſt. Die Dransſcription iſt außerdem die Eintragung oder Uebertragung von Erwerbungsurkunden behufs der Vervollſtändigung des Eigenthums in die Regiſter des Hypothekenbewahrers, welcher in Beziehung auf ſie dieſelben Verrichtungen vorzunehmen hat und derſelben Verantwortlichkeit unterworfen iſt wie bei der Inſcription der Unterpfänder und Privilegien. Der Gläubiger des Verkäufers, der Verkäufer, der Käufer, der Schenknehmer, der Schenkgeber, kurz ein Jeder, welcher bei der Transſeription des Erwerbtitels rechtlich betheiligt iſt, kann dieſelbe verlangen. Sie iſt unbedingt noth⸗ wendig bei der Erwerbung von Liegenſchaften mittelſt Schenkung unter Lebenden. Ihre Wirkung aber beſteht darin, daß ſie das Eigenthum an den Immobilien, welche Gegenſtand eines hypothe⸗ kariſchen Rechts ſeyn können, completirt oder die Completirung ge⸗ ſtattet. Sie iſt alſo nicht gleich dem Veräußerungsvertrag das Mittel, eine Liegenſchaft zu erwerben und die Erwerbung einer ſolchen hängt nicht von ihr ab, ſondern ſie vervollſtändigt nur das ſchon erworbene Eigenthumz— B. nur in Folge der Trausſctiption kann der Erwerber die nöthigen Schritte thun, um * — Civilrecht. die erworbenen Liegenſchaften von den darauf haftenden Vwhen zu befreien. Eingetragene Hypotheken und Privilegien werden mit Cin⸗ willigung der Parteien, die dabei ein Intereſſe haben, oder kraft eines rechtskräftig gewordenen Urtheils ausgeſtrichen. Diejenigen, welche die Ausſtreichung Radiation) nachſuchen, haben die Ausfertigung der Urkunde, welche die Einwilligung enthält oder die Ausfertigung des Urtheils, auf dem betreffenden Hypotheken⸗ amte zu hinterlegen. Auf angebrachte Klage um Streichung müſſen die Gerichte dieſelbe befehlen, wenn die aus einem Privilegium oder einer Hypothek entſtandenen Rechte auf eine geſetzliche Weiſe getilgt ſind, oder wenn die Eintragung, ohne auf einen Titel oder ein Ge⸗ ſetz gegründet zu ſeyn, oder zufolge eines unregelmäßigen Titels oder eines erloſchenen, oder eines durch Zahlung wieder aufgehobenen Titels geſchehen iſt. Ueber die geſchehene Ausſtreichung ertheilt der Hypothekenbe⸗ wahrer eine Urkunde, welche in vorgeſchriebener Form die Aus⸗ ſtreichung conſtatirt und Certifikat heißt. Die Reduktion (Verminderung oder Beſchränkung) einer Inſcription iſt die theilweiſe Streichung oder Löſchung einer ſolchen, die ſchon genommen iſt. Sie kann mittelſt eines Vertrags geſchehen und iſt dann eine freiwillige, oder ſie geſchieht kraft eines richterlichen Urtheils, und iſt dann eine gezwungene. Die Reduktion kann die Pfandſumme oder die haftenden Liegenſchaften oder beide zuſammen treffen. Sie kann nur daun vom Gerichte anbefohlen werden, wenn der Werth der verpfändeten Güter zu der Summe oder dem Vermögen, für das ſie haften, in einem ſolchen Mißverhältniſſe ſteht, daß der Werth jener den Werth dieſer um mehr als ein ganzes Drittel überſteigt. Wenn der Vormund auf Reduktion der gegen ihn zu Gunſten ſeines Mündels beſtehenden Inſcription klagt, ſo richtet er die Klage gegen den Beivormund, und wird der Familienrath in ſeinem Gut— achten und die Staatsbehörde in ihren Concluſionen gehört. Der Ehemann hat in dieſem Falle die Zuſtimmung ſeiner Frau und ihrer vier nächſten Anverwandten zuerſt zu erholen und richtet dann die Klage auf Reduktion gegen die Staatsbehörde. Inſcriptionen gegen un it Net e i ſi 0 N qn i Hehin nit Fir n, Uder eſtihn hen, hh nthält e pohin niſſn egiun iſe gih der inß⸗ igen Ai fgehehn Pothein die Uu⸗ ung) in hung in Peny ſchiht hi ene i egenſhn on Geiht üter ju b un ſlh dieſetu zu Guſn r die ſh inen Gl hit. Du un ihn tdun i nen geh Pfandrecht. 167 Adminiſtratoren und Einnehmer des Staates, der Gemeinden, Stif⸗ tungen ꝛc. können nach dem Geſetz vom 16. September 1807 nur mit Genehmigung des Oberrechnungshofes reducirt werden; nach der Meinung einiger Rechtslehrer ſelbſt dann nicht. Die Eintragung ertheilt den Unterpfändern ihre Wirkſamkeit gegen dritte Perſonen. Unter dieſen ſind hier zu verſtehen die ſon⸗ ſtigen Gläubiger des Schuldners, ſo wie die dritten Beſitzer der ver⸗ pfändeten Liegenſchaften. Alſo nur mittelſt der Eintragung kann das Unterpfandsrecht gegen dritte Beſitzer geltend gemacht werden und wird der Rang des Rechtes geſichert. Nur die durch das Geſetz ausdrücklich aus⸗ genommenen Hypotheken, deren wir ſchon oben gedacht haben, be⸗ dürfen der Eintragung nicht. Die Hypotheken und Privilegien erlöſchen: 1) Durch Erlöſchung der Hauptſchuld; 2) durch Verzichtleiſtung des Glänbigers auf die Hypothek; 3) Durch Erfüllung der Formen, welche dem dritten Beſitzer vorgeſchrieben ſind, um die von ihm erworbenen Güter frei zu machen, durch das Purgationsverfahren, welches im Weſent⸗ lichen darin beſteht, daß der Erwerber ſeinen Rechtstitel transſcri⸗ biren, dann die eingeſchriebenen Gläubiger auffordern läßt, ſich zu melden und zu erklären, ob ſie mit der Zahlung des Kaufſchillings, die er ſofort bewertſtelligen wolle, einverſtanden ſeyen, oder ob ſie auf Verſteigerung der Liegenſchaft beſtehen. Im letztern Falle wird ſodann die Liegenſchaft öffentlich verſteigert, im erſtern müſſen die inſcribirten Gläubiger den Kaufſchilling ausbezahlt erhalten; in beiden Fällen aber wird durch dieſes Verfahren die Liegenſchaft von den auf ihr haftenden Laſten purgirt, befreit. Erſte Bedingung und Mittel hiezu war, wie wir eben gezeigt haben, wiederum die Trausſcription. 4) Durch die Verjährung; ſie wird vollendet zum Vor⸗ theil des Schuldners bezüglich der Güter, die in ſeinen Händen ſind, in dem Zeitraum, in welchem die Klage verjährt, welche die Hypotheke oder das Privilegium begründete; zum Vortheeil des dritten Beſitzers in der Zeitfriſt, welche erforderlich iſt, um das Eigenthum überhaupt für ſich durch Verjährung zu erwerben. Der 168 Civilrecht. Lauf dieſer Verjährungen wird nicht durch die Inſcription des Gläubigers unterbrochen. XIX. Titrl. Von der gezwungenen Vergantung unbeweglicher Güter und der Rangordnung unter den Gläubigern. Art. 2204 — 2218 c. c. Der Gläubiger iſt berechtigt, wenn der Schuldner nicht zahlen will oder kann, die ihm an dem Vermögen desſelben zuſtehenden Rechte in der Art wirkſam zu machen, daß er mittelſt Anrufung der Gerichte und unter Einhaltung der vorgeſchriebenen Formen die Im⸗ mobilien des Schuldners zur öffentlichen Vergantung bringen läßt, um ſich aus dem Erlöſe dann bezahlt zu machen. Dabei hat der Gläubiger nicht nothwendig, bevor er ſeine Rechte auf die Immo— bilien des Schuldners geltend macht, das Mobiliarvermögen des⸗ ſelben zuerſt anzugreifen und verganten zu laſſen. Das Verfahren, das hiebei zu beobachten und das bei dem Erſtinſtanzgerichte zu be⸗ treiben iſt, in deſſen Sprengel die Liegenſchaften oder der Haupt⸗ theil derſelben, der Hauptſitz der Bewirthſchaftung gelegen ſind, ge⸗ hört in die Prozeßordnung und zwar in jenen Theil derſelben, der von der Execution der Urtheile handelt. Nicht minder verweiſt der code civil bezüglich der Rangord⸗ nung der Gläubiger auf die betreffenden Artikel des Civilprozeſſes hin und es wäre überhaupt richtiger geweſen, dieſen Titel dorthin und zwar an die Spitze des Kapitels, welches von der Beſchlag⸗ nahme der Immobilien (aisie-immobiliore) handelt, zu verweiſen. Hier wäre allenfalls noch zu bemerken, daß die Vergantung der Immobilien nur kraft eines authentiſchen und vollziehbaren (execu— toriſchen) Titels wegen einer gewiſſen (ſichern, beſtimmten) Schuld, die zugleich liq uid iſt, verordnet werden kann. Wirklich ſtattfinden fann ſie aber nur in Folge richterlicher Verordnung oder Urtheils, letzteres mag proviſoriſch oder definitiv ſeyn, wenn es nur im erſtern Falle, der Appellation unbehindert, proviſoriſch vollſtreckt Verjährung. 169 in werden darf. Einem jeden Verfahren auf Vergantung muß ein Zahlbefehl (commandement de payer) an den Schuldner vor⸗ hergehen, dem überhaupt jede Gelegenheit gegeben werden muß, Mittel, Wege und Zeit zu finden, durch ganze oder theilweiſe Zahl⸗ ung der Vergantung, die ihn zur Verarmung führt, vorzubeugen, 3 da es die Aufgabe dieſes Theils der Geſetzgebung iſt, die Rechte bitn des Gläubigers und zugleich die Lage des Schuldners gebührend zu tn. berückſichtigen und beider Intereſſen möglichſt in Einklang zu bringen, nach den Geboten des Rechts, des Credits und der Humanität. iht zhn uſehenn . ufung N ni XX. Titel. ngnn liß Von der Verjährung. Art. 2219 — 2281 c. c. ie m⸗ ögen M Die Verjährung (praescriptio, prescription) iſt ein Mit⸗ Verſihn tel, durch Ablauf einer gewiſſen Zeitfriſt und unter den im Geſetze hie zub beſtimmten Bedingungen, etwas zu erwerben (erwerbende Ver⸗ t H jährung, p. acquisitiva) oder ſich von Verbindlichkeiten zu ſi, befreien (P. extinctiva, eigentliche Präſcription). Nach dem lben, Vorgange des Pandektenrechts, dem der franzöſiſche Geſetzgeber in dieſer Lehre folgte, hat derſelbe beide Verjährungen zugleich und Ruhn neben einander in dieſem Titel behandelt, obwohl ſie beide von ein⸗ ihnt ander ſehr verſchieden ſind. Der Hauptunterſchied zwiſchen ihnen dl dor beſteht darin, daß die erſtere, die Acquiſitiv⸗Verjährung oder geih Erſitzung (usucapio) ſich nur auf das Eigenthumsrecht an Sachen und auf Dienſtbarkeiten bezieht, die zweite auf die Klagen. Die in — erſte beſtätigt eine Erwerbung mittelſt eines rechtmäßigen, die en enn ſchriftsmäßige Zeit andauernden Beſitzes; die zweite tritt zerſtörlich E als Einrede den Klagen und dem Klagerecht entgegen. ufn Jeder, der Vermögen beſizen kann, iſt berechtigt, ein Recht, das rhels er erworben hat, durch Erſitzung zu vervollſtändigen, iſt befugt zu m verjähren. Gegen einen Jeden, auch gegen den Staat oder eine ulin Gemeinde, nur nicht gegen Minderjährige und Interdicirte, gegen 170 Civilrecht. Ehefrauen *), auch nicht unter Eheleuten und nicht gegen den Be⸗ neficiarerben wegen der Forderungen die er an den Nachlaß hat, läuft die Verjährung. In dieſen Fällen ſteht der Lauf der Verjähr⸗ ung ſtill, nach dem Rechtsausdruck: die Verjährung ruht (quiescit, dormit, la p. est suspendue). Sie ruht ferner: 1) in dem Falle, wo die Klage der Frau erſt nach der Wahl der Annahme der Gü⸗ tergemeinſchaft oder der Verzichtleiſtung auf dieſelbe, angeſtellt werden kann; 2) in dem Falle, wo der Mann, der ein ſeiner Frau zuge⸗ höriges Gut ohne ihre Einwilligung veräußert hat, den Verkauf gewähren muß. Sie läuft endlich nicht in Hinſicht einer Forder⸗ ung, welche von einer Bedingung abhängt, bis die Bedingung ein⸗ tritt; in Hinſicht einer Klage auf Gewährleiſtung, bis die Eviction ſtatt hat; in Hinſicht einer an einem beſtimmten Tage fälligen For⸗ derung, bis dieſer Tag erſchienen iſt. Man kann nicht im Voraus auf eine Verjährung verzichten, aber wohl auf die wirklich vollendeten, und zwar ausdrücklich durch Erklärung oder ſtillſchweigend durch eine Handlung, welche vorausſetzen läßt, daß man dem erworbenen Rechte entſage. Nur wer veräußern kann, iſt berechtigt, zu verzichten. Die Verjährung kann in jeder Lage des Rechtsſtreites, ſelbſt vor dem Appellhofe vorgeſchützt werden; der Richter aber darf nicht von Amtswegen den Vertheidigungsgrund, welchen die Verjährung darbietet, erſetzen. Auch dritte Perſonen, als Gläubiger oder Andere die dabei ein In⸗ tereſſe haben, können ſich auf die vollendete Verjährung beziehen, ſelbſt wenn der Schuldner oder der Eigenthümer Verzicht darauf leiſtet. Sachen, die dem Verkehr entzogen ſind, können nicht der Ge⸗ genſtand der Erwerbung mittelſt der Verjährung ſeyn. Gegenſtände der Erſitzung können nur liegenſchaftliche Rechte (Eigenthum und Dienſtbarkeiten) ſeyn, nie bewegliche Güter oder Sachen. Denn in Beziehung auf dieſe ſtellt der code civil, zur Beförderung des Handels und Verkehrs das Prinzip auf: „en fait de meubles la posdession vaut titre“, das heißt, in Betreff der beweglichen Sa⸗ chen, gilt der (bloße) Beſitz als Rechtstitel. Der Beſitz gilt als *) Das heißt: in der Regel; ſiehe weiter unten die Ausnahmen. Verjährung. 171 . . Rechtsgrund, vertritt die Stelle eines Rechtstitels. Dennoch kann gin ich ausnahmsweiſe und von dieſem Grundſatze abweichend eine n Sache, die mir verloren ging oder entwendet wurde, drei Jahre . zu lang von dem Tag des Verluſtes oder des Diebſtahls an gerechnet, . 6i von jedem, in deſſen Händen ich ſie finde, vindiciren, und dieſem bleibt der Regreß wider den vorbehalten, von dem er die Sache hat. Hat der effektive Beſitzer der verlornen oder geſtohlnen Sache * ſh ſie auf einem Jahrmarkt, einem Markte, einer öffentlichen Verftei⸗ Lun gerung oder von einem Handelsmanne gekauft, der mit ähnlichen in Dingen handelt, ſo muß ich, um ſie vindiciren zu können, den Preis zurückerſtatten, welchen der dermalige Beſitzer für dieſelbe bezahlt hat. Siin Der Beſitz ſelbſt, (Mittel, wodurch die Erſizung möglich und u h zuläſſig iſt, Possessio, la Possession) iſt die körperliche Inhabung oder der Genuß einer Sache oder eines Rechts, die wir in unſerer ichtn, Gewalt haben, oder das wir ausüben, entweder ſelbſt in eigener iclit Perſon oder durch einen andern, der die Sache in unſerm Namen „wih inne hat, oder das Recht ausübt. Nur mittelſt eines fortdauernden, n ununterbrochenen, ruhigen, öffentlichen, unzweideutigen Beſitzes als jihmn Eigenthümer kann man verjähren, d h. durch Erſitzung ſein Eigen⸗ pellheß thum beſtätigen. Gewaltſame Handlungen können keinen Beſitz be⸗ tsweg gründen, wodurch eine Verjährung bewirkt werden könnte. Auch erſtzen tann der, welcher nur für einen andern beſitzt, als Pächter, Depo⸗ ein J ſitär, Nießbraucher ꝛc. nie verjähren, wie lange er auch beſitzen mag.. ezjehe Fortdauernd und ununterbrochen muß der Beſitz ſeyn, damit duuf nicht die Erſitung innerhalb der für ſie geſetzlich beſtimmten Zeitfriſt geſtört werde. Denn beide Arten von Verjährung, die acquiſitive der wie die ertinctive, können unterbrochen werden. Die Unter⸗ fün brechung in Beziehung auf die acquiſitive Verjährung (usurpatio) m m iſt die Thatſache, daß der Beſitzer des Beſitzes der Sache verluſtig en i ging, oder eine Dienſtbarkeit nicht mehr ausüben kann, in Folge g N eines Naturereigniſſes oder einer Handlung eines Menſchen. Sie les h wird die natürliche Unterbrechung genannt. Die Unterbrechung n E⸗ der Extinctivverjährung iſt eine Handlung, mittelſt welcher die Per⸗ ſl eb ſon, gegen die man verjährt, ihr Klagerecht geltend macht, und dieſe Unterbrechung wird die bürgerliche genannt Gnterruptio naturalis; interruptio civilis). 172 Civilrecht. Eine Vorladung vor Gericht, ein Zahlungsbefehl, eine Pfänd⸗ ung oder Beſchlagnahme, welche demjenigen inſinuirt worden ſind, den man verhindern will, zu verjähren, machen die Civil⸗Interrup⸗ tion aus. Die Unterbrechung dieſer Art wird jedoch als nicht geſchehen betrachtet, wenn die Vorladung wegen Formfehler ungültig iſt, der Kläger „von der Klage abſteht, die Inſtanz erlöſchen läßt oder wenn ſeine Klage verworfen wird. Ferner wird die Verjährung dadurch unterbrochen, daß der Schuldner oder der Beſitzer das Recht desjenigen anerkennt, wider den er verjährte. Die Verjährung wird nicht nach Stunden, ſondern nach Tagen berechnet: ſie iſt vollendet, wenn der letzte Tag der erforderlichen Zeitfriſt abgelaufen iſt. Sie kann eine Zeitfriſt von 30 Jahren, von 20 und 10 Jahren, von 5, 3 und 2 Jahren, von einem Jahre und von 6 Monaten erfordern, je nach geſetzlicher Beſtimmung. In 30 Jahren werden verjährt alle dinglichen und per⸗ ſönlichen Klagen, ohne daß derjenige, der ſich auf dieſe Verjährung bezieht, nöthig hat, einen Titel davon vorzulegen, oder daß man ihm die Einrede, daß er in böſem Glauben geweſen ſey, entgegen⸗ ſetzen könnte. Unter böſem Glauben iſt hier unredlicher Beſitz zu verſtehen. Der Schuldner einer Rente kann deßhalb nach 28 Jahren, von dem Datum des letzten Titels anzurechnen, angehalten werden, ſeinem Gläubiger oder deſſen Rechtsnachfolger einen neuen Titel, das heißt ein neues Schuldbekenntniß auf ſeine Koſten zu verſchaffen. Wer in gutem Glauben und durch einen rechtmäßigen Titel Rechtsgrund) eine Liegenſchaft erwirbt, verjährt das Eigen⸗ thum daran in 10 Jahren, wenn der wahre Eigenthümer in dem Sprengel des Appellhofs wohnt, in deſſen Umfang das Immobil liegt, und in 20 Jahren, wenn er außerhalb dieſes Sprengels wohnhaft iſt. Der gute Glaube wird immer vermuthet; wer den böſen Glauben behauptet, muß ihn beweiſen. Auch iſt es hin⸗ reichend, wenn der gute Glaube im Augenblick der Erwerbung vor— handen war. Ein Titel, der wegen Mangel an Form ungültig iſt, kann der Verjährung von 10 und 20 Jahren nicht zur Grundlage dienen, wohl aber der von 30 Jahren, da ein Titel überhaupt dort nicht mehr nöthig iſt. — — Verjährung. 173 ſin Baumeiſter und Bauunternehmer können nicht mehr nach zehn „ ſin Jahren durch Klage belangt werden für die von ihnen oder unter umn ihrer Leitung aufgeführten Hauptbauten. snit In 5 Jahren nach erfolgter Entſcheidung des Prozeſſes iſt uili die Klage verjährt wider den Richter und die Anwälte wegen der n li ihnen anvertrauten Aktenſtücke; ferner verjähren in derſelben Zeit: 1) Rückſtändige Unterhaltspenſionen. deß du 2) Rückſtände fällig gewordener Erb⸗ und Leibrenten. „wie 3) Die Miethgelder der Häuſer. 4) Der Pachtſchilling der Landgüter. Lagen 5) Zinſen von geliehenem Gelde, und überhaupt alles, was derichn jährlich oder in kürzern periodiſch wiederkehrenden Friſten zahlbar iſt. Juhrn, In 3 Jahren verjähren die Vindicationsklagen wegen ver⸗ inn lorner oder entwendeter Gegenſtände. nn In 2 Jahrenverjähren die Klagen: d per 1) Gegen Huiſſiers wegen Herausgabe der Aktenſtücke, die jihun ihnen anvertraut worden ſind. Die Zeit wird gerechnet von der uß un Vollziehung des ihnen ertheilten Auftrags an, oder von der Inſi⸗ ngen nuation der Akte an; eiſchn 2) der Anwälte auf Zahlung ihrer Auslagen und Gebühren; en, m von dem Zeitpunkt anzurechnen, wo der Prozeß entſchieden oder un⸗ wene ter den Parteien verglichen, oder die Vollmacht des Anwaltes ein⸗ Fi gezoen wurde. ſfn In ein em Jahre verjähren die Klagen: ißipn ¹ der Aerzte, Wundärzte, Apotheker wegen ihrer Beſuche, Cig⸗ Operationen und Arznueien; n n 2) der Huiſſiers wegen der Gebühren für Akten, die ſie inſi⸗ n nuiren, fuͤr Aufträge, die ſie vollziehen; ungt 3) der Kaufleute, wegen der Waaren, die ſie den Nichthandels⸗ v dn leuten verkaufen; 6 ſi 4) der Dienſtboten, die ſich jahrweiſe verdingen, auf Zahlung ihres Lohns; und 5) der Vorſteher einer Penſionsanſtalt und der andern Meiſter wegen Penſion, Lehrgeld, Honorar ihrer Zöglinge, Schüler ze. In 6 Monaten werden verjährt die Klagen: —— 1) der Gaſtgeber und Speiſewirthe wegen Wohnung und Nahrung; — 174 Civilrecht. 2) der Arbeiter und Taglöhner wegen ihres Taglohns, ihrer Lieferungen und ihres Gehaltes; 3) der Meiſter und Lehrer der Wiſſenſchaften und Kunſte auf Zahlung für den Unterricht, den ſie monatweiſe geben. Alle dieſe Verjährungen von 5, 3, 2 Jahren, 1 Jahre, 6 Monaten laufen wider Minderjährige und Interdicirte mit Vorbehalt ihres Rückgriffs gegen ihre Vormünder. Die Kläger können jedoch den Beklagten, wenn ſie ihre Ein⸗ reden auf dieſe Verjährungen gründen, den Eid zuſchieben, ob die Zahlung wirklich geſchehen ſey, und ſelbſt der Wittwe und den Er⸗ ben des Verſtorbenen den Eid dahin antragen, ob ſie nicht wiſſen, daß dem Kläger die Sache oder die Forderung gebührt. Literatur des Obligationenrechts, des Erb⸗ und Pfandrechts. Am fruchtbarſten in dieſen Rechten, im Allgemeinen wie in den einzelnen Lehren derſelben war der unermüdliche Pothiér; ferner ſind anzuführen die Schriften von Le Brün, Chabot, Tiſſan⸗ dier, der ſchon öfter citirten Vazeille, Pailliet, Bellot, Dalloz, Del⸗ vincourt, Delaporte, Duranton, Grenier, Levaſſeur, Laſſaulr, Locré, Merlin, Proudhon, Sirey und Troplong ꝛc. Unter den Werken deutſcher Schriftſteller aber für das geſammte franzöſiſche Civilrecht iſt das Handbuch des verſtorbenen, in aller Welt bekannten und berühmten Heidelberger Profeſſors Zachariä das hervorragendſte, das zur Ehre und zum Triumpfe deutſcher Wiſſenſchaft in's Fran⸗ zöſiſche überſetzt wurde und an den franzöſiſchen Rechtsſchulen als vorzügliches Lehrbuch für das Studium des franzöſiſchen Civilrechts in hohem Anſehen ſteht. , ihm nſt uf Jhr, dieirtt re bin ch de den b wiſtn, . vi in othiöt Tſn⸗ , D „Loo, VPyin hiriteh ſten u ugenſe s Fin⸗ ulen i iviteh Vaterlandes dauerte ungeſtört fort bis zum Jahr 1808, wo er eini⸗ Anhang. Das kaiſerliche Zudendekret vom 17. März 1808. Die Iſraeliten lebten in Frankreich vor der Revolution ein ähnliches gedrücktes und trauriges Leben wie ihre Glaubensgenoſſen in den meiſten übrigen Staaten Europas. Der Geiſt der Freiheit und der bürgerlichen Gleichheit, der nach dem Sturze des alten Syſtems durch Frankreich dahinbrauste, hier die Mordfackel in wilder Zerſtörungswuth ſchwingend, dort das Licht edler Aufklärung ſpen⸗ dend und die entehrenden Schranken niederreißend, die Brutalität und Habſucht um ganze Klaſſen des Volkes gezogen und ihnen die natürlichſten Rechte, ſelbſt das der menſchlichen Exiſtenz verkümmert hatte, konnte nicht vorüberziehen an einer Erſcheinung, welche ſo laut und dringend die Humanität anrief um Billigkeit und Gerech⸗ tigkeit, an der Erſcheinung, wie ſie die mißhandelten und nieder⸗ getretenen Iſraeliten darboten. Ihr Jammer, ihre gerechten Klagen wurden gehört und der Geſetzgeber, welcher es als eine Norm des neuen Geſetzes verkündete, daß fortan kein Unterſchied mehr be⸗ ſtehen dürfe unter den Kindern Frankreichs als der, den die Tugend und das Talent ſchaffe (Art. 6 der Conſtitution vom Jahr 1791), erlöste ſie aus den Feſſeln, welche ſie Jahrhunderte lang gedrückt hatten. Die Geſetze vom 22. Januar 1790 und 27. September 1791 emanzipirten ſie vollſtändig. Der Zuſtand dieſer vollen Gleichheit mit den übrigen Bürgern des gemeinſamen germaßen und ausnahmsweiſe nur unterbrochen wurde durch — *. 176 Anhang. das napoleoniſche Dekret vom 17. März jenes Jahrs. Napoleon war nicht gegen die Iſraeliten eingenommen; er ſuchte im Gegen⸗ theil ihre religiöſen Angelegenheiten, die Organiſation ihres Prie⸗ ſterthums und ihrer Gemeindevorſteher zu ordnen und zu fördern, und ſelbſt durch das Dekret wollte er zwangsweiſe auf die Beſſerung eines Theils der franzöſiſchen Inden einwirken. Es waren nämlich aus verſchiedenen Departementen die Klagen immer häufiger geworden, welche ſich gegen den Schacher der Juden, die Uebervortheilung, der ländlichen Bevölkerung namentlich, durch die⸗ ſelben richteten. Jenen wo möglichſt zu vermindern, dieſer durch geſetzliche Vorkehrungen entgegenzutreten war der Sinn des Geſetzes, das jedoch nach dem 18ten Artikel desſelben nur tranſitoriſcher Natur und auf die Dauer von 10 Jahren berechnet ſeyn ſollte. Von dem Geſetze waren gleich die in Bordeaux und in den Departementen der Gironde und der Haiden wohnenden Juden, weil ſie zu keiner Klage Anlaß gegeben hatten, durch den 19ten Artikel desſelben dis⸗ penſirt. Schon durch ein Dekret vom 16. Juni des nämlichen Jahrs noch wurden auch die Inden zu Livorno von der Laſt der erceptionellen Geſetzgebung befreit und durch Dekret vom 11. April 1810 die Juden von 16 andern Departementen. Der Inhalt des Geſetzes war in Kurzem folgender: Die Juden durften ſich bei der Conſcription durch Stellvertreter nicht erſetzen laſſen, ſondern mußten perſönlich dienen. Ein nicht anſäßiger Jude durfte ſich in jedem Departemente niederlaſſen, nur nicht in denen des Ober⸗ und Niederrheins (wo das Unweſen derſelben zu den ſtärkſten Klagen veranlaßt hatte). Er konnte ſich aber nur unter der Bedingung niederlaſſen, daß er keinen Handel, ſondern den Ackerbau trieb und Grundeigenthum erwarb. Jeder Jude, der Handel im Großen oder im Kleinen, ein Geſchäft, welches im Kaufen, Verkaufen oder Austauſchen beſteht, treiben wollte, mußte hiezu ein Patent vom Präfekten des De⸗ partements haben. Dieſes mußte alle Jahre erneuert und durfte nur ſehr vorſichtig ertheilt werden auf Zeugniſſe hin des jüdiſchen Conſiſtoriums (oder Rabbinats), dem der Betreffende angehörte und des Municipalrathes der Gemeinde, in welcher er wohnte. Jedes Handelsgeſchäft, das ein nicht patentiſirter Jude vornahm, war — — — — Das Judendekret. 177 4 nichtig und kraftlos. Eben ſo waren nichtig die auf Güter genom⸗ zn ſi menen Hypotheken des nicht Patentiſirten, wenn die Grundlage der⸗ vſn ſelben ein Wechſelbrief oder Handelsgeſchäft war. ſe ufn Alle Verträge oder Schuldverſchreibungen, die zu Gunſten eines viſn ſi nicht patentiſirten Juden unterzeichnet worden waren und ſich auf agen im Urſachen bezogen, die mit dem Handel im Großen oder Kleinen Joa, i Nichts gemein hatten, konnten zufolge einer Zeugenvernehmung noch⸗ „duch i mals unterſucht werden. Der Schuldner wurde zum Beweis zuge⸗ ieſer mi laſſen, daß Wucher oder ein Reſultat eines betrügeriſchen Handels es Giſt vorhanden war; wurde dieſer Beweis geliefert, ſo konnte die For⸗ ſitoriſhe derung m Gericht nach Gutbefinden herabgeſetzt, oder wenn der ſole Wucher zehn Prozent überſtieg, für nichtig erklärt werden. Dieſe Verfügung war grauſam, allen Geſetzen der Billigkeit eh üin und Gerechtigkeit Hohn ſprechend; ſie war nicht mehr gegen den chnſ Handel gerichtet, ſondern gegen jede Rechtshandlung des Juden, der niniz ſich in Beziehung auf ſolche den niederträchtigſten und frivolſten u i Klagen preisgegeben ſah. Die Vorſchrift bezüglich der ſogenannten 1 h Moralpatente oder Certifikate war, wenn auch entwürdigend, doch Jha W nicht barbariſch wie dieſe. Kein Jude durfte Inſtrumente, Geräthſchaften, Werkzeuge, Klei⸗ ötelleunn dungsſtücke von Arbeitern, Taglöhnern und Dienſtboten als Unter⸗ ſn, * pfand annehmen. o ln Dagegen war Nichts einzuwenden; im Gegentheile hätte man fnt it auch dieſe Beſtimmung auf die Chriſten ausdehnen ſollen, wo ſie n hul bei ſo Manchem ſehr gut am Platz geweſen wäre. Dasſelbe gilt ch. auch davon, daß ferner kein Inde Dienſtboten oder Lohnbedienten, Tag⸗ inmn, i löhnern vc. auf Pfänder überhaupt leihen, auch andern Perſonen hen beitt nur unter der Bedingung wirkſam leihen konnte, wenn eine No⸗ n des 0 tariatsurkunde über das Geſchäft errichtet wurde, in welcher der Notär un du bezeugte, daß die Gelder in ſeiner und der Zeugen Gegenwart über⸗ s jüſihn zählt worden waren. Widrigenfalls verlor der Jude alles Recht auf das gehöre m Pfand, deſſen unentgeltliche Zurückgabe in dieſem Falle gerichtlich an⸗ me J geordnet wurde. Kein Wechſelbrief, keine Ordre, kein Schuldſchein, uhn, u teine Promeſſe, welche zu Gunſten eines Juden unterzeichnet war, n. Givilrecht. 12 178 Anhang. konnte eingefordert werden, ohne daß der Inhaber bewies, daß deſſen Werth ganz und ohne Betrug hergegeben worden war. Jede Forderung, deren Kapital durch Anhäufung von mehr als öprozentigen Zinſen erſchwert worden war, ſollte gerichtlich herab⸗ geſetzt und wenn mehr als 10 Prozent Zinſen herausgefunden wor⸗ den, als wucheriſch erklärt und vernichtet werden. Jede Verpflichtung wegen eines Darleihens, das Juden an Minderjährige ohne Bewilligung des Vormunds, an Frauen ohne Autoriſation ihres Mannes, an Militärperſonen ohne Erlaubniß des Hauptmannes, wenn der Empfänger Soldat oder Unteroffizier war, ohne Erlaubniß des Regimentschefs, wenn er ein Offizier war, ab⸗ gegeben hatten, war von Rechtswegen nichtig. Dieſes waren die Beſchränkungen, welche das Dekret den Iſraeliten auferlegte und welche oft ſchändlich mißbraucht wurden, um dieſelben geradezu rechtlos zu machen, wenn ſie auch hie und da, was nicht zu läugnen iſt, wohlthätig gewirkt haben. Im Jahr 1818, alſo zehn Jahre nach ſeinem Beſtehen, wurde in Gemäßheit des im 18ten Artikel enthaltenen Verſprechens unter Ludwig XVIII. das Dekret aufgehoben *) und die Juden ſtehen ſeit der Charte des Jahres 1830 allen Bürgern Frankreichs an civilrechtlichen und ſtaats⸗ bürgerlichen Rechten wieder vollkommen gleich. Der Erfolg dieſer Emanzipation hat bewieſen, daß dieſelbe durchaus nothwendig iſt, um die Anſprüche, welche man an die Juden macht, begründen zu können; und es wird Frankreich zum bleibenden Ruhme gereichen, von Vorurtheilen unbeirrt, nur von großen Prinzipien geleitet, auf dieſem Wege vorangegangen zu ſeyn. Deutſchland muß und wird folgen, denn laut fordern Chriſtenthum und Politik, was immer noch zurückgehalten wird, die volle Emanzipation dieſer Leute, und iſt ihnen dieſe gewährt, ſo werden ſie auch gute Staatsbürger ſeyn, was jetzt ſchon, ſelbſt unter dem Drucke, gar Manche derſelben ſind. Der Mann, dem das Geſetz ſeiner Heimath Recht und Billigkeit verſagt, hat kein Vaterland, iſt nicht durch die Banden der Liebe an dasſelbe gefeſſelt und wird einem ſchädlichen und flachen Kosmopolitismus in die Arme *) Dasſelbe beſteht in der Rheinpfalz bis auf den heutigen Tag noch fort. diujn nehe ich h nden n Jon u men chu ubißn ijet n Wat i Mfnt du ht wn him In Genißp ig IMU Churt M und jn aß diſh nrith n „m m nſſn hriſnhn die M ſ we uin d us Gi Vuten iſel un die Um h ſn Das Judendekret. getrieben. Bald wird die Löſung der Emanzipationsfrage an Deutſchlands Länder herantreten und bald wird hoffentlich erreicht werden, was der edle Dohm ſchon im vorigen Jahrhundert durch Wort und Schrift in Preußen angeſtrebt hat. Der Genius der Liebe und der Menſchlichkeit, das Andenken aller edlen Streiter für die Befreiung Unterdrückter mögen Regier⸗ ungen und geſetzgebende Verſammlungen umſchweben und leiten, wenn ſie zur Löſung der Frage ſchreiten. München, Druck von C. R. Schurich. Potiz an den Leſer. Am Schluſſe des ganzen Werkes wird ein Verzeichniß der Druckfehler, die ſich trotz aller Correktur zu erhalten wußten, für die ſechs Abtheilungen gegeben werden. Bis dahin müſſen wir um gütige Nachſicht und Selbſtberichtigung bitten. Inhalt. Einleitung 5 . . . ⸗ . 3 I. Buch. Von den Perſonen. I. Titel. Von dem Genuſſe und dem Verluſte der Civil⸗ rechte. Der bürgerliche Tod. * II. Titel. Von den Urkunden des Civilſtandes . . III. Titel. Von dem Wohnſitze 8 IV. Titel. Von den Abweſenden 2 V. Titel. Von der Ehe . 2 6 . . VI. Titel. Von der Eheſcheidung ler, iü ſt VII. Titel. Von der Vaterſchaft und Kindſchaft gchen vn VIII. Titel. Von der Adoption und den Pflegekindern n. IX. Titel. Von der väterlichen Gewalt . 3 X. Titel. Von der Minderjährigkeit, der und der Emanzipation XI. Titel. Von derVolljährigkeit, der gerichtlich angeordneten Betſtand . 5 Literatur des Perſonenrechts. I. Buch. Von den Gütern. I. Titel. Von der Eintheilung der Güter. Bewegliche, unbewegliche ꝛc. Rechte. Erwerbart und gechts⸗ grund. Rechtsnachfolger. II. Titel. Von dem Eigenthum III. Titel. W. Siisl. Literatur des Sachenrechts Begriff. Gegenſtand. Beſcräntung. Recht. Miteigenthum. Erlöſchung des Eigenthums. Von dem Nießbrauch, dem Gebrauche und der Wohnung . 8 . Von den Servituten Begriff. Geſetzliche Servituten. Pertugemigs Prädiale Continuirliche. Discontinuirliche. Sichtbare, Erwerbung und Erlöſchung derſelben. Ruſticale. nicht ſichtbare. 22 28 30 33 43 46. 53 57 71 74 76 83 89 92 97 II m. Buch. Von den verſchiedenen Arten das Eigenthum Einleitung 1. EHI. W. VI. VII. VM⸗ Titel. Pitel. Titel. Sitele Titel. Titel. itele zu erwerben. Von der stiſi. Römiſche Anſchauung. Snniſh Anſchauung. Zuteſtt⸗ erbfolge. Erbfähigkeit. Erbunwürdigkeit. Regelmäßige Inteſtaterbfolge. Repräſentativnsrecht. Transmiſſion. Ir⸗ reguläre Inteſtaterbfolge. Delation der Erbſchaft. Ver⸗ zicht auf dieſelbe. Rechtswohlthat des Inventars. Theil⸗ ung der Verlaſſenſchaft. Collation. Von den Schankungen unter Lebenden und von Teſtamenten . . Einleitung. Subſtitutionen. Majorate. Rechtsfähigkeit des Teſtirers; der Empfänger. Vom Pflichttheil. Reduk⸗ tion der Vermächtniſſe. Univerſalerbeinſetzung. Vermächt⸗ niß unter Univerſaltitel. Partikular⸗Vermächtniß. Moda⸗ lität der Legate. Form der Schenkung. Form der Teſta⸗ mente. Widerruf der Schenkungen und der Teſtamente. Eröffnung der Teſtamente. Elterliche Theilung. Sonſtige Teſtamentsformen. Teſtamentserekutoren. Von Contrakten oder Verbindlichkeiten im All⸗ gemeinen, die aus Verträgen entſtehen Einleitung. Eintheilung. Bedingungen. Rechtsgrund. Wirkung Erlöſchen der Verbindlichkeiten (restitutio in integrum). Beweis der Verbindlichkeiten. Von den Verträ⸗ gen. Eintheilung. Erforderniß. Wirkung. Auslegung. Von Verbindlichkeiten die ohne Vertrag ent⸗ ſtehen Quaſicbntrakte. Delikte und Quaſidelikte. Von demHeirathsvertrage und dengegenſeitigen Rechten der Ehegatten. . Einleitung. Geſetzliche Gütergemeinſchaft. Vertragsmäßige Gütergemeinſchaft. Heirathsvertrag. Von den Dotal⸗ rechten. Paraphernalien. Von dem Verkaufe Definition. Weſentlichketten. Eintheilung. Frnt en. Gegenſtand. Pacta adjecta. Traditton. Gewährleiſtung. Uebernahme und Preis der Sache. Auflöſung des Ver⸗ kaufs. Wiederkaufsrecht. Laesio enormis. Ceſſion. Von dem Tauſche . 3 Von dem Miethvertrag. * Seite 98 100 108 117 129 137 141 141 higti Redut⸗ nich⸗ Mehe⸗ Teſt⸗ men. onfige lb grund tio i Berti⸗ legung. en ⸗ tigen nifin Dolul nien. iſtunt. 3 Pet⸗ K Sitel . Sitel XI. Titel. XII. Titel. XIII. Titel. XIV. Titel. XV. Titel. XVI. Titel. XVII. XIX. Titel. XX. Titel. Titel. XVIH. Titel. Von dem Geſellſchaftsvertrag Von dem Leih⸗ und Darlehenscontrakt „ Realcontrakte. Leihvertrag. Darlehen. Zins. Zinsfuß. Zinswucher. Rentenkauf. Erbrente. Von dem und der Se⸗ queſtration Von gewagten Geſchäften, Glüts⸗ 6 Hoff⸗ nungs⸗Verträgen Aſſekuranz⸗ und Bodmerei⸗ Pe. ferenzialhändel. Leibrente. Von dem Bevollmächtigungs⸗Vertrag Von der Bürgſchaft Von den Vergleichen Von dem perſönlichen Arreſt, als S S mittel in Civilſachen . . Von dem Fauſtpfand Von den Privilegien und Secn Einleitung. Allgemeine Beſtimmungen. J. Pripilegien. II. Hypotheken: mäßige. Rangordnung der Gläubiger. Inſcription. Trans⸗ ſeriptivn. Ausſtreichung und Reduktion. Wirkung der Ein⸗ tragung. Erlöſchung der Hypotheken und Privilegien. Von der Gant der Immobilien und der Rang⸗ ordnung der Gläubiger Von der Verjährung . . Begriff, Formen, Weſen derſelben. Beſitz. Unterbrechung der Verjährung. Zeitfriſt der Verjährung. Spirl. Wett. Dif⸗ X Literatur des Pbligationenrechts, Erb⸗ und Anhang: Das Judendekret 2 a) geſetzliche, b) gerichtliche, c) vertrags⸗ III Seite 142 144 146 148 150 151 152 153 156 157 168 169 174 175 Die Lramzſiſche Geſehgebung; dargeſtellt von Ernſt Jul. Paraquin. M. Die bürgerliche Prozeß-Ordnung. München, 1861. Literariſch⸗Artiſtiſche Anſtalt S der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. , Proſpeetus ſiehe umſtehend. ₰ —— — .P „ — — Prosprekus. Im Verlage der Unterzeichneten erſcheint: Dir Franzöſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Julius Paraquin. In ſechs Abtheilungen. gr. So. Dieſes von dem Herrn Verfaſſer, einem rheinbayeriſchen Juriſten, den Gebildeten aller Stände überhaupt, ſowie ſeinen Berufsgenoſſen in den Ländern der deutſchen Staaten insbeſondere gewidmete Werk umfaßt die geſammte Civil- und Strafgeſetzgebung Frankreichs in klaren, bündigen und doch erſchöpfenden Zügen. Der Darſtellung der Geſetzgebung iſt eine rechtshiſtoriſche Einleitung und die Gerichtsorganiſation (Bichteramt, öffentliches Miniſterium, Anwaltſchaft, Advokatur, Notariat, Gerichtsſchreiberei w. ꝛc.) vorausgeſchickt, neben welcher auch das zum Verſtändniß Nothwendige über Prganiſation und S der Adminiſtration ſeinen Platz findet. Das Ganze erſcheint in ſechs Heften von je 6 bis 8 Bogen. Einleitung und Organiſation bilden den Inhalt des erſten Heftes, dem in monatlichen Zwiſchenräumen die fünf andern folgen, deren erſtes das Civilrecht, das zweite den Civilprozeß, das dritte das Pandelsrecht, das vierte das Strafrecht und das fünfte den Straf- prozeß behandeln. Einem jeden Hefte iſt ein Inhaltsverzeichniß beigegeben. Der Preis eines Heftes richtet ſich nach der Bogenzahl; der Preis eines Bogens wird circa 8 kr. betragen. Literariſch⸗artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. 0 Iuiſn ögenſ net Pe ii it ſibrſt ſinih ſchrini eimnj initnin 8 Pon en Het gen dun ritt du en öt. ben. nhb d. nſtult lunh Die Franzöſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Jul. Paraquin. III. Die bürgerliche ProzeßGrdnung. Müunchen, 1861. Literariſch-Artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. C. Die bürgerliche Prozeßordnung. I. Rapitel. Einleitung und Literatur. Die dermalige franzöſiſche Civilprozeß⸗Ordnung, gebaut auf die Civilordonnanz von 1667 oder vielmehr dieſelbe ihrem Hauptinhalte nach wiedergebend, bearbeitet durch die Commiſſion der Conſular⸗ Regierung Treilhard, Seguier, Berthereau und Pigeau, wurde unter dem Kaiſerreiche 1806 von den geſetzgebenden Gewalten unter dem Titel: code de procedure civile angenommen und de⸗ kretirt und trat mit dem 1. Januar 1807 in Wirkſamkeit. Der äußern Form nach iſt dieſes Geſetzbuch in zwei Theile abgetheilt, deren erſter unter dem Titel: „Verfahren vor den Gerichten“ in fünf Büchern, die alle wieder in Titeln eine weitere Unterabtheilung finden, die Vorſchriften enthält für die Prozedur vor den Friedensgerichten, vor den Erſtinſtanzgerichten (im ordent⸗ lichen und ſummariſchen Prozeſſe), vor den Handelsgerichten, vor den Appellationsgerichten und mit den geſetzlichen Beſtimmungen über den Vollzug der Urtheile abſchließt. Der zweite Theil iſt überſchrieben: „Von dem Verfahren in verſchiedenen Fällen“; oder wörtlicher überſetzt: „Verſchiedene Pro⸗ zeduren“; und begreift viele Vorſchriften in ſich, welche für einzelne Prozeduren, als Zahlungsanerbieten, einige Arten der Pfändung, Autoriſation der Frauen, Gütertrennung, körperliche Trennung, In⸗ terdiction ꝛc geltend ſind, ſowie für verſchiedene Akten der freiwilli⸗ III. Civilprozeß. 4 Civilprozeß. gen Gerichtsbarkeit als Siegel⸗Anlegung und Abnahme, Inven⸗ tarium, Verſteigerung, Familienrathsſitzungen, Güterabtretung, Ver⸗ zichtleiſtung auf Erb⸗ oder Gütergemeinſchaften, Curatelen erbloſer Hinterlaſſenſchaften. Alle dieſe Beſtimmungen ſind in den zwei erſten Büchern die⸗ ſes Theils gegeben, in einer entſprechenden Anzahl von Titeln. Das dritte und letzte Buch desſelben enthält in einem einzigen Titel die Lehre von den Schiedsgerichten, reſp. den ſchiedsgerichtlichen Erkenntniſſen und, gewiſſermaßen als Anhang des Ganzen, unter der Rubrik: „allgemeine Verfügungen“ verſchiedene Vor⸗ ſchriften in Beziehung auf prozeſſualiſche Strafen, Nichtigkeiten, Ro⸗ gatorien, gerichtliche Akten, in bunter, unzuſammenhängender Reihe, welche mit einem in den Artikeln 1041 und 1042 enthaltenen ſehr ſummariſchen Einführungsgeſetz, das ganze Prozeßgeſetzbuch abſchließt. Durch dieſe Schlußartikel wurde verfügt: daß der code de proce- dure civile vom 1. Januar 1807 in Vollzug trete, daß alle von dieſer Epoche an anhängig gemacht werdenden Rechtsſtreitigkeiten nach ſeinen Verfügungen eingeleitet werden und alle frühern auf das Verfahren in Civilſachen ſich beziehende Geſetze, Gewohn⸗ heiten, Gebräuche und Verordnungen abgeſchafft ſeyn ſollen. In Gemäßheit dieſes Artikels alſo kann die Civilordonnanz von 1667 nur als Quelle des Civilprozeßgeſetzbuches gelten, auf die man bei Erklärung und Erläuterung desſelben zurückkommen darf, nicht aber als geltendes Geſetz angerufen werden in den Fäl⸗ len, in welchen der code keine oder mangelhafte Beſtimmungen ent⸗ hält. Uebrigens wird dieſe Anſicht von einigen bedeutenden Rechts⸗ lehrern beſtritten, wie es denn auch welche gibt, welche die Rechts⸗ gültigkeit verſchiedener Vorſchriften der fragmentariſchen Civilprozeß⸗ Ordnung, welche einen Theil des großen Geſetzes vom 16.— 24. Auguſt 1790 bildet, trotz der Verfügung des obigen Artikels 1041 behaupten. Mit dieſen 1042 Artikeln des code de procedure civile iſt aber keineswegs der ganze Prozeß erſchöpft, ſondern es müſſen, um ihn zu vervollſtändigen, noch bedeutende Geſetze von anderm Datum herbeigezogen werden, ſo das Dekret vom 30. März 1808, vom 27. Vent. VIII., vom 20. April 1810, vom 6. Juli 1810, welche , wn ung N en ecli ichen Liteh. n inn guihlitn ſen, un dene Vo ieien, ſder ih ltenn ſh h aiſtlit le ywu ß alle vo ſtriigtin ftühen u Gewoh ſehn ſln ilodomn gelen, u ridomn n da ſi⸗ ungun u den Riit die eh 6iihm ils 1Ul eitib i niſen, Un m Dun 1808, M 10 wit Einleitung und Literatur. 5 ſo unerläßig nothwendig ſind, daß man eben ohne dieſelben das ganze Prozeßgeſetzbuch nicht verſtehen kann. *) Dasſelbe hat ſich überhaupt keiner guten Redaktion zu rühmen. Ueberall fehlt es! Da iſt vor Allem kein allgemeiner Theil zu fin⸗ den, der ſyſtematiſch Klagen, Einreden, Gerichtsbarkeit, Competenz, Arten oder Formen des Prozeſſes behandelt, wenn auch fragmen⸗ tariſch hier und dort eingeſtreute Beſtimmungen der Art vor⸗ kommen; da iſt von dem Verfahren vor dem Caſſationshof und von dieſem ſelbſt keine Spur zu entdecken. Ganz unnöthigerweiſe dage⸗ gen macht ſich das Verfahren vor den Handelsgerichten in dem Civilprozeſſe breit. Durch das ganze Geſetzbuch zieht ſich eine Reihe von Vorſchriften in höchſt mangelhafter Ordnung dahin und geben demſelben nur ein novellenartiges Anſehen, durchaus aber nicht die äußere Geſtaltung eines durchdachten, wohl ſyſtematiſirten und geordneten Geſetzbuchs. Wenn ein deutſcher Juriſt, der an die ſtreng wiſſenſchaftliche Behandlung der Geſetzbücher ſeines Vaterlandes gewöhnt iſt, vor dieſem Geſetzbuche, das ihm unverſtändlich und mangelhaft, wie ein aus vielen Ingredienzen zuſammengeſetztes unverdauliches Gericht erſcheinen muß, wundernd ſteht und kopfſchüttelnd ſich fragt: wo nun in aller Welt liegt denn das Vortreffliche des franzöſiſchen Prozeſſes, von dem immer ſo viel Weſen's gemacht wird? ſo darf ihm dieſes unerfreuliche Staunen, dieſer in der äußern Erſchein⸗ ung der franzöſiſchen Prozeßordnung, oder eigentlich und beſſer ge⸗ ſagt, Prozeßunordnung, ſehr begründete Zweifel nicht übel ver⸗ merkt werden, denn nach dem, was er mit leiblichen Augen ſieht, hat er Recht ſo zu fragen. Er muß eben in das Innere, in das Gehäuſe der Maſchine hineinſehen und die unſichtbaren Faktoren dieſes Prozeſſes kennen lernen, er muß den Schleier des myſteriöſen Bildes zu Sais lüften, dann erſt wird ihm klar werden, welch' hohe Vorzüge dieſem Verfahren, ungeachtet der überhudelten und mangel⸗ haften Redaktion des Geſetzbuchs, innewohnen. Doch darüber wer⸗ *) Es kann dasſelbe überhaupt nur der verſtehn, der es praktiſch geübt hat, was bei ſeinen Legislatoren der Fall war. Zuviel wird zu ſeinem Verſtändniſſe vor⸗ ausgeſetzt. 6 Civilprozeß. den wir im zweiten Kapitel ſprechen und reihen hier zunächſt die franzöſiſche und deutſche Literatur des Prozeſſes an. Voraus ſchicken wir die Bemerkung, daß faſt alle franzöſiſche Commentare, Lehrbücher und Annotationen des Prozeſſes dem Deut⸗ ſchen ſo unverſtändlich im Allgemeinen ſeyn werden, wie dieſer ſelbſt, oder doch wenigſtens ſchwerfaßlich und zum Studium wenig geeig⸗ net, ſo trefflich die Rechtslehrer ſind, welche ſich damit befaßten, ſo hoch ſie durch Scharfblick, Gelehrſamkeit und gute Sthliſtik glänzen. Commentare und Annotationen folgen dem Texte des Buches, ſind alſo durchaus exegetiſcher Natur und als Acceſſorium des Buches zu betrachten, wobei die Rechtsregel gilt: accessorium sequitur principale, das heißt hier, wenn man die Hauptſache nicht verſtehen kann, iſt es auch ſchwer, die Zugabe zu begreifen. Die Lehrbücher befolgen meiſtens dasſelbe Syſtem und ſind überdies entweder zu compendiös und kurz, oder zu voluminös und umfaſſend. Das von Berriat⸗Saint⸗Prir z. B. hat überall auf 6 Zeilen Tert 30 Zeilen Noten, ſo daß es nur als Grundlage allenfalls betrachtet werden kann zu Vorleſungen oder Vorträgen über den Prozeß. Wir führen nun, außer dem ebengenannten, noch die Namen einiger Rechtslehrer auf, welche mit als die beſten in ihrem Fache bekannt ſind und ſich durch ihre Werke einen Namen gewonnen haben, nämlich: Boitard, Locré, Rodiér, Faure, Rauter, Pigeau, Carré, Deſenne, Lepage, Delaporte, Thomines, Demiau⸗ Crouzilhac, dann Dalloz, Merlin, Sirey, Denevers in ihren größern Werken, Repertorien und Wörterbüchern. Mit Aus⸗ zeichnung muß auch hier der Schweizer Bellot, welcher ſich um die bürgerliche Rechtspflege des Kantons Genf ſehr viel Verdienſte erworben hat, genannt werden. Alle dieſe Schriftſteller gehören dem vorigen und unſerm Jahrhunderte an. Solche die noch vor der Herrſchaft der Civil⸗Ordonnanz vom Jahr 1667 in dieſem Fache ſich auszeichneten, ſind unter andern: Desfontaines (deſſen Rath, conseil), Beaumanvir (die Coutümen von Beauvoiſis und die Aſſiſen von Jeruſalem), Bouteillier (a somme rurale), Loiſel Gewohnheitsrechtliche Inſtitute), Imbert, Laurisre ꝛc. Von deutſchen Schriften über den franzöſiſchen Prozeß beſitzen wir vor Allem als bedeutendſtes Werk: Schlinks Commentar ſin ſi itß Literatur. 1 niüſ i über die franzöſiſche Civilprozeßordnung; Coblenz 1843, in vier Bänden, ein ſprechendes Zeugniß deutſchen Fleißes, deutſcher Ge⸗ fmijſſ wiſſenhaftigkeit und Gründlichkeit, aber nicht faßlich genug, weil un du der Verfaſſer gleichfalls dem Syſtem der franzöſiſchen Schriftſteller, itnſ dem Tert des Geſetzbuches ſich anzuſchließen gefolgt iſt. Dann eine a giß kleinere Schrift des Freiherrn von Völderndorff⸗Waradein: ſin ſ Das Weſentliche des franzöſiſchen Civilprozeſſes *), Nördlingen 1848, it ginn die ihrem Zwecke, inſoferne derſelbe nur auf die Vorführung der iches, ſih äußern Prozeßgeſtaltung gerichtet war, auch ganz gut entſpricht; es Buhe ſehr werthvolle Beiträge zum Civilprozeß von Mittermaier, ein Eſcher aus der Schweiz (eſſen Schrift über bürgerliche Rechts⸗ t verfehn pflege durch Scharfblick, Wahrheit und Eleganz angenehm auffällt) Ahttin und Andern. nwee n Ganz insbeſondere aber müſſen wir eines höchſt bedeutenden Das un erſt in jüngſter Zeit erſchienenen Werkes erwähnen, nämlich der nPet Schrift: „über die Ermittlung des Sachverhaltes im franzöſiſchen ben Civilprozeſſe von E. Zink, ein Beitrag vergleichender Studien und w. Bi beleuchtender Rechtsfälle zur Umbildung des gerichtlichen Verfahrens nen inh in deutſchen Landen.“ Wenn auch dieſes Werk kein Commentar, he bim tein Lehrbuch des Civilprozeſſes iſt, noch ſeyn ſoll, ſo iſt es doch für einen deutſchen Juriſten von größerm Werth und eröffnet ihm nen hn, — ein richtigeres Verſtändniß in den franzöſiſchen Civilprozeß und — deſſen tiefe und prinſpielle Abweichungen vom deutſchen, als alle uut i ſonſtige Lehrbücher und Compendien zuſammen es vermögen. Scharf⸗ Wi ſinn, gewaltige und blühende Phantaſie, die ſich in wunderbar wohl⸗ er ſih n gewählten Bildern ſo recht con amore und mit trefflichem Humore Lmn den Zügel ſchießen läßt, eine Fülle edler Gedanken, die Rechtsſinn, chöten du Wahrheitsliebe und Abſcheu vor der Lüge und dem Gemeinen ath⸗ c u men, eine elegante, überaus glänzende Manier des Styls, vor in u Allem aber ein überraſchend tiefes und richtiges Verſtändniß des eſen Ru, is und d *) Mit beſonderer Rückſicht auf die Rheinpfalz. Der Verfaſſer hatte die Ten⸗ 0) Loiſel denz, der bayeriſchen Juriſtenwelt dießſeits des Rheins die Formen des fran⸗ zöſiſchen, reſp. rheinpfälziſchen Verfahrens in Civilſachen in ſyſtema⸗ e heiz tiſcher Ordnung bekannt zu geben und hat durch beigegebene Formularien das mnn Verſtändniß ſehr erleichtert. 8 Civilprozeß. innern Theils des franzöſiſchen Prozeſſes; namentlich in Beziehung auf die geiſtige Operation des Richters bei Feſtſtellung der faktiſchen Verhältniſſe oder des Sachverhalts, ſind die hervorragenden Vorzüge dieſes Buchs. Was der franzöſiſche Richter, inſtinktartig vielleicht und traditionell, jedenfalls nicht des großen Unterſchiedes und hohen Vorzuges ſeines prozeſſualiſchen Verfahrens vor dem deutſchen Pro⸗ zeſſe in umfaſſender Weiſe und ganz ſich bewußt, übt, das hat dieſer geiſtreiche Schriftſteller in ſchärfſter Weiſe erfaßt und in klarer, herrlicher Weiſe dargeſtellt, wie noch kein Rechtslehrer vor ihm. Aber es iſt einmal ein unumſtößliches Geſetz in allen Werken der Natur und des Menſchen in dieſer unvollkommenen Welt; dem ſtrahlenden Lichte fehlen nie die obligatoriſchen Schatten. Alſo auch hier. Wir rechten nicht mit dem Verfaſſer, wenn er der richtigen und glücklichen Idee vollſte Rechnung trägt, die vernünftige Stellung des Richters zu dem Sachverhalte des Rechtsſtreites hervorzuheben und zu den entſchiedenſten Vorzügen des Verfahrens zu zählen; dazu iſt er vollkommen berechtigt. Wir verargen ihm auch nicht, wenn er in dieſer Idee ſchwelgt, ſie ſelbſt über ihre Gränze hinaus ſchwärmen läßt und dem Richter allzu ideale Freiheiten attribuirt (wie in der Benutzung der Notorietät bei der Beweiswürdigung), die über ſeine geſetzlichen Privilegien hinausgehen. Gleicht doch der Verfaſſer hierin ganz dem glückſeligen Vater eines wohlgeſtalteten und talentvollen Kindes, der überall nur ſeinen Liebling noch ſieht und tief in dem innern Spiegel der Seele des Kindes ſein eigenes Ich wieder er⸗ ſchaut, — ein Gefühl, das wir begreifen, entſchuldigen, ja achten und theilen. Aber das müſſen wir bedauern, daß dieſe Anſchauung bei ihm eine ſolche Suprematie in dem Kreiſe ſeiner Ideen gewon⸗ nen hat, daß er neben ihr die großen Vehikel des franzöſiſchen Prozeſſes, Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, wo nicht über⸗ ſehen, doch nicht genug gewürdigt, und daß er der Mitarbei⸗ terſchaft der Staatsbehörde bei dem geiſtigen Werke der Schöpfung und Spendung des Rechts einen nur zu kärglichen Sei⸗ tenblick zugeworfen, in welchem es deutlich liegt, wie ziemlich über⸗ flüſſig ihm dieſe Concurrenz erſcheine. Gerade in einem ſo mächtig imponirenden Buche doppelt bedauerlich! — — — — — Beihn füiſhn n ih g ulih und hhn iſchen ſn hat i in inn t r in. Prkn N Velt an tten. I ichinun Stlng uhehen m n; dnſ „ wene ſchwimn wie in d e ibe ſin jſe ſin ulenboln tif in wie jn n Aſhaun een gen funiſſhu riht ibn Mitutbei Perke M glihen hi enlih in ſo niti Literatur. 9 Auch die Beurtheilung des deutſchen und baheriſchen Advokaten⸗ ſtandes, wenn uns auch weſentlich aus Mangel an Erfahrung kein competentes Urtheil über das Geſchäftsleben derſelben zuſteht, müſſen wir zu allgemein, zu hart und verletzend finden, denn wir tönnen nicht überall an eine ſolche ſittliche Fäulniß und Ver⸗ kommenheit glauben, wie ſie dem ganzen Stande zugeſchrieben wird, da uns Ehrenmänner genug aus demſelben bekannt ſind, die un⸗ möglich ſo qualifizirt werden können. Iſt aber das Geſetz hier der ſchuldige Theil, ſo muß dieſes der Vorwurf treffen, nicht den Vollzieher desſelben, denn Anwälte und Richter leiden gleichheit⸗ lich unter ſeinem Banne. Bei den franzöſiſchen Anwälten iſt auch nicht Alles Gold, was glänzt, und ich weiß nicht, ob bei einer ge⸗ nauen Abwägung der moraliſchen Eigenſchaften ſich nicht am Ende das Zünglein zu Gunſten unſerer deutſchen Landsleute neigt. Ich conſtatire lieber deutſche Vorzüge als franzöſiſche; mag es nun eine individuelle Schwachheit oder eine nationale Berech⸗ tigung ſeyn. Wo aber Mißbräuche walten, da müſſen ſie abgeſtellt, nie aber das Geſetz oder ein Inſtitut desſelben wider Verſchulden haft⸗ bar gemacht werden, denn ſeine Schuld iſt es dann nicht. Um dieß am beſten zu beweiſen, genügt es, auf den Advokatenſtand in Rheinbayern hinzuweiſen, dem, obgleich er die Funktionen des An⸗ walts in ſich ſchließt und nach demſelben Rechte arbeitet wie der franzöſiſche Anwalt, das ehrende Zeugniß ertheilt werden muß, wie er ſich rein erhalten hat von den Vorwürfen, die öfter den fran— zöſiſchen Anwaltsſtand mit Recht treffen, von dem Schmutze, der an manchem ſeiner Glieder klebt. Anwälte und Gerichte, ſo wie Staats⸗ behörden genießen dort in der Handhabung der bürgerlichen Rechts⸗ pflege unbedingtes Vertrauen, volle Achtung bei den Gerichtsunter⸗ gebenen, weil erſtere als Ehrenmänner keine Mißbräuche in ihren amtlichen Funktionen ſich erlauben, letztere aber zu ſorgſame und verläſſige Wächter ſind, um welche aufkommen zu laſſen *). *) Daß in den Rheinprovinzen Funktion und Titel der Advokaten und Anwälte in ein und denſelben Beamten, Advokat⸗Anwälten, vereinigt ſind, dürfen wir, als aus der Gerichtsverfaſſung noch erinnerlich, vorausſetzen. 10 . Civilprozeß. II. Rapitel. Grundlagen des franzöſiſchen Civilprozeſſes. Heffent⸗ lichkeit. Mündlichkeit. Zweck und Grundlage der neu zu geſtaltenden Civilprozeß⸗ ordnung, wie ſie dem franzöſiſchen Geſetzgeber vorſchwebten, war: Ra ſche und ſichere Erreichung des Rechts, Schutz der materiellen Gerechtigkeit gegenüber dem nicht zu umgehenden formellen Rechte, weiſe Unterordnung dieſes unter jene, Wahrung der perſönlichen Rechte und des Eigenthums, Beförderung des Handels und Wandels, des Crédits und des induſtriellen Fleißes, Vermeidung großer Koſten des Verfahrens alſo Wohlfeilheit desſelben und alles Dieſes für Alle gleichförmig. Ein großes, erhabenes Ziel hatte der Geſetzgeber ſich ſo geſteckt und es muß einbekannt werden, er hat ſein Ziel erreicht. Nur in einem Punkte iſt es ihm nicht gelungen, in der Anſtrebung der Wohl⸗ feilheit nämlich des Verfahrens, was aber nicht ſeine Schuld iſt, wie wir weiter unten zeigen werden. Da der code de procedure civile nur eine Ueberarbeitung der Civilordonnanz von 1667 iſt, und nicht einmal eine ſorgfältige und fleißige, da die Civilordonnanz vor der Revolution galt und dennoch, wie wir aus der rechtsge⸗ ſchichtlichen Einleitung geſehen haben, die bürgerliche Rechtspflege gar nicht brillant ſich damals ausnahm, ſcheint die Behauptung derer, welche den franzöſiſchen Civilprozeß rühmen, in Widerſpruch zu allen dieſen Thatſachen zu ſtehen und es muß ſich die Frage aufwerfen, mittelſt welchen Zaubers gelang es dem Geſetzgeber, ein neues, ganz anders ſtrömendes Leben der Ordonnanz des alten Regime einzuhauchen und ſeine Ideale zu realiſiren? Und wir ant⸗ worten darauf: Er hat vor Allem den unſchönen, trocknen Körper in herrliche und ſtrahlende, wohlthuende und erwärmende Gewänder gehüllt, in die Vehikel der Heffentlichkeit und Mündlichkeit, er hat dem Richter in deſſen geiſtigen Relationen zu den thatſächlichen Verhält⸗ niſſen des Rechtsſtreites ein würdiges Vertrauen geſchenkt, ihm ſeine Oeffentlichkeit und Mündlichkeit. 17 Operationen erleichtert und die Findung der materiellen Wahr⸗ heit mög lich gemacht durch Befreiung desſelben von der auf Ver⸗ deffut ſtand und Gewiſſen gleich ſchwer wie ein böſer Alp laſtenden und drückenden mathematiſchen Beweistheorie des alten franzöſiſchen Prozeſſes; er hat einfache, natürliche Formen gewählt, welche ih eine unbehinderte Raſchheit des Verfahrens ermöglichen und ſich im i, m Verfahren vor den Friedensgerichten faſt bis zur Formloſigkeit t N verlieren; er hat in allen einigermaßen für den Stand oder das npiun Eigenthum der Bürger wichtigen Fragen einen Inſtanzenzug an⸗ nter jen, geordnet, aber denſelben ökonomiſch auf zwei Inſtanzen beſchränkt nthunt und nur in ganz beſtimmten Fällen eine letzte Hülfe durch einen Creit Caſſationshof geſtattet, auch die Zulaſſung der früher übermäßigen ir Fefn Friſten und der Rechtsmittel, namentlich der requéte civile auf die les dij restitutio in integrum in billiger und kluger Weiſe beſchränkt, da⸗ mit die Prozeſſe nicht durch chikanös angewendete Rechtsmittel und geſuit n Reſtitutionen ins Endloſe laufen, die Rechtspflege nicht die fette in einn Weide werde gewiſſenloſer, ſchmutziger Anwälte, das Unglück und et Pohl der Fluch derer, die Recht ſuchen und desſelben bedürfen; er hat Shud endlich außer dem Richter noch einem weitern treuen Wächter, dem preeun öffentlichen Miniſterium, den Schutz, die Wahrung und die Ver⸗ 1657 waltung auch der bürgerlichen Rechtspflege anvertraut und ihm eine 8 lordomm aktive Rolle hiebei zugeſtanden. Er hat alle dieſe Grundſätze, er wihih⸗ alle ſeine Vorſchriften für Alle gleich gegeben, keine privilegirte Rehtyſn Gerichtsbarkeit zugeſtanden, wie es ſchon durch das Staatsrecht der huun neuen Aera und ſeine Prinzipien geboten worden war. *) Wideyn Dieſes waren die Mittel, deren er ſich bediente, um ſeine ie ſun Zwecke zu erreichen, und ſie haben ſich in einer Weiſe bewährt, daß gebet, i man aus der Erfahrung wohl die Behauptung aufſtellen darf: Dieſe des eln Mittel ſind unumgänglich nothwendig eine raſche, wit n ſichere Rechtspflege zu erreichen, aber ſie müſſen alle zuſammenwirken. Keines derſelben darf fehlen in dieſer geiſtig n benlte zuſammenhängenden Kette. Daß die Einführung der Reichsein⸗ Kilt i heit auch in Beziehung auf materielles bürgerliches Recht dem et hu d n Vohil⸗ *) Les frangais plaident tous en la méme forme et devant les mémes ihn ſin juges, dans les mémes cas. Geſetz vom 24. Auguſt 1790. 12 Civilprozeß. formellen eine weitere und weſentliche Erleichterung und Unter⸗ ſtützung gewährte, verſteht ſich von ſelbſt und kann nicht als ein innerer Vorzug dieſes ſelbſt angeſehen werden. Wir wenden uns nun zur Betrachtung der beiden großen Prinzipien des Prozeſſes: der Oeffentlichkeit und der Münd⸗ lichkeit. Und da freut es uns denn wieder, darlegen zu können, daß dieſelben ebenfalls alte Landsleute von uns ſind, altgerma⸗ niſcher Herkunft, die im engliſchen Rechte ſich erhalten hatten, in Frankreich und Deutſchland durch das römiſch-canoniſche Recht verdrängt worden waren. Die alten Germanen waren in Reden und Handlungen aufrichtig und offen; Heimlichkeit und hinter dem Rücken ſpielen war ihnen verhaßt und galt als Feigheit. Wer mit einem andern zu hadern hatte, ſich von ihm in Ehr oder Gut verletzt glaubte, den geſtellte er öffentlich vor das Gericht und münd⸗ lich erklärten ſich Kläger und Beklagter. Auch der Richter mußte ſo verfahren und ſein Spruch mußte mündlich, den Parteien und den Gaugenoſſen gegenüber öffentlich geſchehen. *) Und liegt nicht tief in der menſchlichen Natur begründet dieſe Scheu gegen die Heimlichkeit, dieſes Mißtrauen gegen ein geheimes Treiben, das unſere Intereſſen angeht und in das wir nicht hin⸗ einſehen ſollen? Die Oeffentlichkeit beim Verfahren iſt der Schutz des Richters, der Schutz der Partei, die unerläß⸗ liche Bedingung der Sicherheit des Rechts. Sie ſchwebt über dem Richter in dem Saale der Gerechtigkeit und mit der Zau⸗ berpalme des Vertrauens ſchützt ſie ihn gegen Mißtrauen und An⸗ zweiflung der Parteien, ſie hält ihn jederzeit wach in den Pflichten ſeines Berufs durch ihre Gegenwart, durch die ſelbſt nur mechaniſche Erinnerung ihrer Gegenwart. Sie flößt den Parteien ein Vertrauen zum Richter ein, wie es in keiner andern Weiſe möglich iſt, denn ſie ſehen und hören ja Alles, was bezüglich ihrer geſchieht und be⸗ ſchloſſen und geſagt wird, vor ihren leiblichen Augen, und es iſt ein eigenthümlicher, echt menſchlicher Zug, daß ſich das Gefühl ſelbſt Jener ſchon durch die körperliche Gegenwart beruhigt, denen es *) Selbſt die Schreiberei hatte etwas Widerwärtiges, Unheimliches, Myſteriöſes für die geraden, rohen Männer. — — dht a in n Nin⸗ fimn, gem nhan, he ſih n Run inter n it. Pu oder u udnin et mi teien u ndet ſiſ gehin iq li niſ d unerli ie ſiw der Ju mh Fiihn nchonſ Verun iſ, d t b nsi bſelbi denn Oeffentlichkeit und Mündlichkeit. 13 vermöge ihrer Individualität nur geſtattet iſt, mit leiblichem, nicht mit geiſtigem Auge zu ſehen. Der intelligentere Theil des Publi⸗ tums wird zugleich mit dem Geſetze wenigſtens in ſo weit vertraut gemacht, daß derſelbe die Nothwendigkeit und Motive, die vornehm⸗ ſten Licht- und Schattenſeiten ihren Grundzügen nach begreift und nicht den Gerichtsſaal wie eine Herenküche, die Gerichtsperſonen wie verdächtige Zauberer, das Geſetz ſelbſt als eine furchtbare und läſtige Schwarzkunſt mit unheimlichem Grauen und Mißtrauen an⸗ ſtarrt. Wir ſprechen es nochmals aus voller Ueberzengung als einen Erfahrungsſatz aus: Der Richter des öffentlichen Ver⸗ fahrens genießt ein Vertrauen wie kein anderer. Das Prinzip der Oeffentlichkeit iſt alſo mehr ein moraliſches und ſtaatsrechtliches, auf die Erreichung auch derartiger Zwecke ge⸗ richtet und ſoll nur indirekt auf die Raſchheit und Energie im Ver⸗ fahren wirken, indem allerdings Richter und Advokaten durch den Gedanken auf öffentlichem Forum zu ſtehen, auch zum Fleiß ange⸗ trieben oder angehalten werden, darin nicht zu erlahmen. Um nur ein kleines Beiſpiel aus dem Gerichtsleben anzuführen: glaubt man, daß es⸗möglich ſey, beim öffentlichen Verfahren ſo ſcham⸗ und gewiſſenlos immer neue Friſten und Zurückſetzung der Prozeſſe ohne jede gewichtige Urſache von Seiten der Anwälte ſich geſtatten zu laſſen, wie dieſes ſo allenthalben in den deutſchen Landen geklagt wird? In einer öffentlichen Halle der Gerech⸗ tigkeit müßte der Anwalt ſich ſchämen, ſolche Forderungen zu ſtellen, der Richter ſich ſchämen, ſie zu geſtatten. Wie armſelig klingt es, wenn dieſem großen Prinzipe in ſeiner hohen Bedeutung gegenüber eingewendet wird, die Gerichte ſeyen regelmäßig leer von Zuhörern, außer bei ſcandalöſen Prozeſſen, es ſey das Prinzip eben doch nur eine Illuſion. Für müſſige Zu⸗ hörer und Tagediebe hat das Geſetz nicht die Oeffentlichkeit geſchaf⸗ fen, ſondern für die moraliſche Haltung und das Vertrauen des Richters den Parteien gegenüber, für die öffentliche, allgemeine Acht⸗ ung und Ehrfurcht der Bürger vor dem Geſetze. Warum ſteht das Geſetz in England ſo hoch vor der Nation? Weil es Jahrhunderte hindurch öffentlich vor der Nation geübt wird und weil das Gerichtsverfahren kein römiſch⸗kanoniſches Amtsgeheimniß iſt, 14 Civilprozeß. wie anderswo. Nur das, was nicht gut iſt, hat das Licht zu ſcheuen. Die Tage aber für die Eulen der Juſtiz in verſchloſſenen Thürmen und Warten ſind vorüber. Die Zeit hat über ſie gerichtet. Das Geſetz aber hat in weiſer Fürſorge und ſich nicht durch die Trefflichkeit des Prinzips zur Ueberſtürzung hinreißen laſſend, auch geſtattet, unter Einhaltung beſtimmter Formen in jenen Fällen die Oeffentlichkeit zu beſchränken, in welchen eine Gefährde für Sitt⸗ lichkeit, eine unnöthige und gefährliche Proſtitution der Parteien daraus erwachſen könnte. Die Beſchränkung, oder wie ſie im Gerichtsausdruck heißt, die Verhandlung bei geſchloſſenen Thüren (à huis clos) kann nur mittelſt Urtheil des Gerichtes nach Anhörung der Staatsbehörde in öffentlicher Sitzung beſchloſſen, und dieſes Urtheil muß nebſt dem Antrag der Staatsbehörde in das Er— kenntniß der Sache überhaupt, vollſtändig eingerückt werden. Der Urtheilsſpruch ſelbſt muß jedoch wieder bei geöffneten Thüren ver⸗ tündet und von dem ganzen Vorgange dem Generalprokurator am be⸗ treffenden Appellhofe ſo wie dem Juſtizminiſter Bericht erſtattet werden. *) Bei Standesklagen und Klagen auf körperliche Trennung pfle⸗ gen Verhandlungen dieſer Art öfter vorzukommen. Sonſt wird das Prinzip ſo ſtreng gewahrt, daß ſelbſt ein zufälliges Verſchloſſen⸗ werden der Thüren die Nichtigkeit des ganzen, während des Thür⸗ ſchluſſes verhandelten Verfahrens nach ſich ziehen würde. Außer den angefuͤhrten Gründen kann es keine andere geben, welche eine Beſchränkung der Oeffentlichkeit berechtigen würden, denn die Einwendung, Familien⸗ oder Privatgeheimniſſe möchten dadurch verletzt werden, die etwaige Unbehaglichkeit von Privatperſonen bei öffentlicher Verhandlung ihrer Angelegen⸗ heiten können dem ſtaatsrechtlichen Prinzipe gegenüber nicht im Ernſte geltend gemacht werden. Auch den Vortheil noch ſchließt die Oeffentlichkeit des Ver⸗ fahrens in ſich, daß unfähige, unwiſſende Beamte weniger durch ſie als durch das entgegengeſetzte Syſtem gehalten werden, da ihre Mängel zu ſchnell offenbar werden. Und das iſt auch kein gering anzuſchlagender Punkt. *) Art. 87 des code de proced. civ.; ferner 8, 88, 111, 112, 341 desſelben. Litn ſhloſun geiht iht unt n hiſen, en Filn ir Sitz tion w odet vi ſchloſn ihts m oſen, m nni de. D hirn w tor un weden“ ung ſi onſt ni erſhlſn des Ii e ander rechtizn ghimſi ihli m Aghn t ihi des nduch i „dih ein geun 1 vſ Oeffentlichkeit und Mündlichkeit. 15 Wir können daher der Einführung einer beſchränkten Oeffent⸗ lichkeit im Civilprozeſſe, etwa wie ſie im alten franzöſiſchen Prozeſſe geſtattet war, wo ſie auf die Parteien und etliche Verwandte oder intime Freunde derſelben reducirt geweſen, nicht das Wort reden. Durch das zweite Prinzip, das der Mündlichkeit im Verfahren ſoll die größere Möglichkeit der Ermittlung der faktiſchen Verhältniſſe, der raſchere, energiſche Gang des Prozeſſes angeſtrebt werden. Natürlich kann die Mündlichkeit nicht in dem Sinne verſtanden werden, als ob gar teine ſchriftliche Verhandlung, gar keine ſchriftliche Darlegung der Sach⸗ und Rechtsverhältniſſe geſtattet wäre. Das wäre in vielen, na⸗ mentlich verwickelten, auf Rechnungen und Gegenrechnungen baſirten Prozeſſen rein unmöglich und das hat der Geſetzgeber auch nicht gewollt. Dem richterlichen Gedächtniſſe, das in ausgezeichneteſter Qugalification nicht im Stande wäre, eine Maſſe durcheinander ge⸗ brachten Einzelnheiten oder Angaben von Zahlen und Summen feſt zu halten, hat das Geſetz in doppelter Weiſe ausreichende Unterſtütz⸗ ung und Hülfe geſchaffen. Einmal iſt dem Richter das Recht zu⸗ geſtanden, wenn er es für nothwendig erachtet, den mündlichen Vorträgen der Parteien und ihrer Vertreter einen unter ſeiner In⸗ ſpizienz ſtattfindenden Wechſel von Schriften beigeſellen zu laſſen. Dieſes Verfahren iſt durch Artikel 95 des code de procedure ci- vile geſtattet und geregelt und heißt instruction par écrit; kömmt aber nicht häufig vor. Zweitens hat das Geſetz in allen h Gicht ſummariſchen) Prozeßſachen ein ſchriftliches Vorverfahren, zwiſchen den Anwälten ohne Einwirkung des Gerichtes ſtattfindend, angeordnet. Dieſes ſchriftliche Vorverfahren hat indeſſen viele Geg⸗ ner gefunden, unter denen namentlich Boitard in ſeinen lecons im erſten Theile nachweiſen will, daß es durchaus überflüſſig, nur im Intereſſe der Geldbeutel der Anwälte, ohne allen Gewinn für die Parteien ſey; denn da, wo ein Schriftenwechſel nothwendig, könne er auf den Grund des Artikels 95 angeordnet werden, in den übrigen Fällen aber genügten die Erpoſitionen der Ladungs⸗ ſchrift an den Beklagten und die drei Tage vor der öffentlichen Ver⸗ handlung zu inſinuirenden Anträge der Parteien, ſo daß dieſelben von der Klage und deren Begründung, ebenſo wie von den Ein⸗ 16 Civilprozeß. reden und deren Beweismitteln vollſtändig in Kenntniß geſetzt wür⸗ den, und keine Ueberraſchung oder Ueberrumpelung (Gurprise) zu fürchten hätten. Dieſe Anſicht iſt nicht ganz richtig und kömmt daher, weil ge⸗ rade dieſes ſchriftliche Vorverfahren von franzöſiſchen Anwälten, welche durch allerlei Schreibereien, die bogenweiſe bezahlt werden, die Akten anſchwellen machen, ja oft nur das weiße Stempelpapier beilegen und den Parteien als Prozeßſchrift anrechnen, auf die ſchmählichſte Weiſe zur Ausplünderung der Parteien ausgebeutet wird, auch manchmal keinen weitern Erfolg hat, als den, eine maß⸗ loſe Schreiberei herbeizuführen, den Zweck des Princips zu vereiteln und die Koſten des Verfahrens bedeutend zu erhöhen. *) Das iſt aber nur ein Mißbrauch der Sache, gegen den man ſeyn muß, aber er hebt nicht das ſonſt Gute und Nothwendige der Sache auf; denn die Erfahrung weist es nach, daß dieſes Vorverfahren nothwendig iſt, um die Anwälte zu inſtruiren, und wo es nicht ſtattfindet, wer⸗ den dieſelben zur nähern Inſtruktion anderweitige Termine (remises) erbitten müſſen, da in den meiſten Sachen die Zuſtellung der An⸗ träge drei Tage vor der Sitzung nicht hinreichen wird. Die Mündlichkeit des Verfahrens hat den ungemeinen Vortheil vor dem ſchriftlichen Verfahren voraus, daß zu gleicher Zeit in gleicher Weiſe durch eigene Anſchauung ſämmtliche Rich⸗ ter den Rechtsſtreit kennen lernen, inſtruirt werden. Wie ſehr im Nachtheil dagegen ſteht die Inſtruktion des Richters, die durch ein Referat, und wenn es noch ſo geſchickt iſt, geſchieht. Der Richter muß durch die Brille ſeines Collegen ſehen. Das Correferat kann ihn dagegen nicht ſchützen, das ſich überdieß gar oft als leere, nichts⸗ ſagende Förmlichkeit erweist. Wie oft wird im franzöſiſchen Ver⸗ fahren durch die mündliche Erklärung und Auseinanderſetzung auf eine Weiſe, die beim ſchriftlichen nicht möglich iſt, raſch der Richter zum richtigen Verſtändniſſe, der ganze Prozeß oder doch einzelne Theile desſelben mit einem Schlage zur Entſcheidung gebracht. *) Auch hier müſſen wir wieder rühmend und anerkennend erwähnen, wie die rheinbayeriſchen Advokat-Anwälte nicht der Unſitte ihrer franzöſiſchen Collegen folgen, ſondern Ehre und Gewiſſen wahren. h in et vin i) wil z laniln, wen, ehi uf i sgehut tine u eith Dos j uß, in uf; mn oihweni ndet we (renis nVui Ztit i he it Vie ſir di mi Ner ſihn ernt in re, nihl ſhen b zung u Rit inu gint n, nie en bolin Ordentlicher und ſummariſcher Prozeß. 17 Um ſo eher, als dem Präſidenten des franzöſiſchen Civilgerichts wie jedem Richter geſtattet iſt, während der Verhandlung direkte Fragen an die Parteien und die Zeugen zu ſtellen, um ſich über Unklar⸗ heiten oder Ungewißheiten Licht zu verſchaffen. HI. Fapitel. Einfachheit der Form. Ordentlicher und ſummariſcher Prozeß. Dem Geſetzgeber der neunziger Jahre lag es noch aus kurzer Zeit her ſehr ſchwer im Sinne, zu welch' heilloſer Wirthſchaft nichts⸗ nutzige Anwälte die Rechtspflege herabbringen können, wenn nicht durch die Einfachheit der Prozedurformen, noch außer den andern Hülfsmitteln auf Erzielung eines raſchen Ganges des Rechts⸗ ſtreites, ein draſtiſches Palliativ gegen endloſe Verſchleppung der Prozeſſe, gegeben iſt. Er beſchloß daher auch in dieſem Punkte zu den Grundſätzen einer längſt vergangenen Zeit, wo noch nicht die juriſtiſche Gelehrſamkeit ſich im Rococo⸗ und Renaiſſangeſtyl aus⸗ gebildet und die liebe Natur unbarmherzig verdrängt hatte, zurück⸗ zugreifen und dieſelbe wieder in ihre Rechte einzuſetzen. Die Ein⸗ fachheit der Prozedur der alten Römer, der alten germaniſchen Stämme ſchwebte ihm wie ein ſchönes Bild vergangener Zeiten vor und er ſchritt muthig zum Werke. Den Zopf hieb er mit einem kräftigen Schlage dem alten Monſtrum ab, kam aber dazu in ſeinem Jugend⸗ übermuthe, das Kind mit dem Bade auszuſchütten. Er wollte gar keine Formen mehr dulden. Die Formloſigkeit ſollte Prinzip ſeyn. Das ging nun auf die Dauer nicht, und die übereilten De⸗ trete des Nationalconvents vom 3. Brumaire Jahr II und 7. Fructidor III mußten der Correktur unterliegen. Aber die Haupt⸗ ſache war gewonnen; die allgemeine Anſchauung ſprach ſich für eine einfache, zur kräftigen Wirkung geeigneten Form in der Pro⸗ zedur überhaupt, wie in den einzelnen Stadien derſelben, die Er⸗ hebung der Beweismomente z. B., aus und das Verfahren im franzöſiſchen Civilprozeſſe iſt ein ſolch' einfaches und natürliches ge⸗ MI. Civilprozeß. 2 18 Civilprozeß. worden, wo es nicht durch Mißbrauch unter ſtrafwürdiger Connivenz des Richters und der Staatsbehörde verunſtaltet wird, daß die ei⸗ gentlich ſummariſche Prozedur nicht viel von der ordentlichen ſich unterſcheidet, als durch größere Wohlfeilheit. Ganz ſummariſch iſt das Verfahren vor den Friedensge⸗ richten, ebenſo das vor den Handelsgerichten. Hier hat na⸗ türlich mit vollſtem Rechte der Geſetzgeber die einfachſten, primären Volkszuſtänden ſich nähernden Formen gewählt und geſtattet. Man kann vor dem Friedensrichter, wenn man ſo übereinkommt, ſelbſt ohne Ladung erſcheinen; er läßt ſich die Sache von Part und Wi⸗ derpart vortragen und erkennt; er darf im eignen Hauſe, im eignen Zimmer, aber nur bei offenen Thüren richten; Anwälte als ſolche ſind vor ihm nicht zugelaſſen, nur Bevollmächtigte der Parteien u. ſ. w. Aehnliches findet ſich auch vor den Handelsgerichten, doch über das Verfahren vor beiden Gerichten wird in eigenen Kapiteln, über letz⸗ teres jedoch erſt im Handelsrechte, als dorthin gehörig, ver⸗ handelt werden. Das Verfahren vor den ordentlichen Gerichten iſt ein zweifaches, entweder im Wege des ordentlichen Prozeſſes oder in dem des ſummariſchen. In letzterem findet kein Vorverfahren mittelſt Schriftenwechſel zwiſchen den Anwälten ſtatt; es wird auf bloßen Akt hin, nach Verſtreichung der Vorladungsfriſt die Sache in öffentlicher Audienz verhandelt, die Zeugen ebenda vernommen und wenn das Urtheil nicht appellabel iſt, nicht einmal ein eigener Verbalprozeß (procos-verbal) über das Zeugenverhör aufgenommen, ſondern nur die Namen der Zeugen und das Reſultat ihrer Aus⸗ ſagen vom Gerichte vermerkt und derſelben im Urtheil erwähnt. Incidenzgeſuche und Interventionen werden durch eine Requéte (Bitt⸗ ſchrift) des Anwaltes eingebracht und darf dieſelbe nur die motivirten Anträge enthalten. *) Hierin ſind die Hauptunterſchiede zwiſchen dem ordent⸗ lichen und dem ſummariſchen Prozeſſe gelegen, mit Ausnahme des weitern großen Unterſchiedes, deſſen ich ſchon erwähnt habe, näm⸗ *) Die ſogenannten Ref éré⸗Prozeſſe ſind die ſummariſchſten Prozeduren, die Summarissima des franzöſiſchen Civilprozeſſes, ſiehe Kapitel 19. Gonin o di , eutlich tdiniy⸗ ier hin „pinin ttet. In mnt, ſih t in iyn te abſh tienuſu h ibe ibe i höti, teniu eſſes orwerhn ni n die Ech vemunn ein ihn ſgenonnn iher h wihn gut bi tnin en oen nahne M wn i Ordentlicher und ſummariſcher Prozeß. 19 lich bezüglich des Koſtenpunktes. Die Gebühren für den Anwalt ſind im Tarife in ſummariſchen Sachen viel niederer als in ordent⸗ lichen, oft zu nieder firirt. Auch fällt der Gewinn an dem ſchrift⸗ lichen Vorverfahren weg. Summariſche Sachen machen aber dem Anwalte ebenſo große Schwierigkeiten, oft viel größere als ordinäre, und ſo entſprechen die Koſtenanſätze nicht immer ſeiner Arbeit und Mühe. Deßhalb kommt es nicht ſelten vor, daß Anwälte und Ge⸗ richtsperſonen abweichender Meinung ſind, ob die Sache ordinär oder ſummariſch zu behandeln, reſp. zu tariren iſt und da gehen bald die Einen darin zu weit, daß ſie ſo Manches für ordinär an⸗ ſehen, was ſommär iſt, die Andern, daß ſie auch leicht die ordinären Sachen für ſommäre anſchauen wollen, um ſo mehr, als die geſetz⸗ liche Beſtimmung hie und da etwas allgemein gefaßt und eine mehr⸗ deutige Interpretation zuläßt. Wir haben alſo zu erforſchen, was ordinär, was ſummariſch iſt. Ordinär iſt jede Sache, welche nicht durch das Geſetz als ſummariſche bezeichnet iſt; als ſummariſche Sachen aber ſollen nach den Beſtimmungen desſelben folgende angeſehen und dem⸗ gemäß behandelt werden: 1) Die Appellationen von den Friedensgerichten. 2) Die reinperſönlichen Klagen, auf welche Summe ſich immer ihr Gegenſtand belaufen mag, wenn ihr Grund auf einer Urkunde beruht, und dieſe nur nicht beſtritten wird; 3) Klagen, zu deren Begründung man keine Urkunden vorge⸗ bracht hat, inſofern ſie den Betrag von 1000 Franken nicht überſteigen. 4) Klagen auf proviſoriſche Leiſtungen, oder die ſonſt eine Be⸗ ſchleunigung erheiſchen. 5) Klagen auf Zahlung der Miethe, der Pachte und der rück⸗ ſtändigen Renten. Auf den erſten Blick ſieht man, wie die unter Rubrik 4 in dem alternativen Satze „oder ſonſt eine Beſchleunigung erheiſchen“ allgemein beſtimmten Sachen zu einer Menge Controverſen führen können, da zuletzt jeder Kläger ſeine Klage des ſummariſchen Ver⸗ fahrens für würdig und bedürftig erachtet. Der code civil wie der code de procedure civile haben zwar in dieſer oder jener Materie 2 * 20 Civilprozeß. verfügt, daß eine ſummariſche Behandlung einzutreten habe, aber damit bei weitem nicht den größern Theil der Frage erſchöpfend be⸗ antwortet. In dieſer Weiſe hat das Geſetz eine ſummariſche Be⸗ handlung zugeſtanden: 1) Den Differenzen bei Wahl des Vormunds ((Art. 449 c. c.) ſo wie bei der Abſetzung desſelben. 2) Den Streitigkeiten zwiſchen Erben, wenn einer derſelben ſich weigert, in die Theilung einzuwilligen, oder wenn ſie über die Art der Theilung oder den Schluß derſelben in Uneinigkeit gerathen. *) (Art. 823 c. c.) 3) Den Klagen, welche angebracht werden: in Folge der Re⸗ cuſation von Experten (Art. 311 c. d. p. c.), in Folge der Saum⸗ ſeligkeit der Experten (Art. 320 ibid.); bei Stellung von Bürg⸗ ſchaften (Art. 521 ibid.); bei Revindikationen gepfändeter Meubel (Art. 608 ibid.); bei Conteſtationen in Distributionsſachen und Collocationen (Art. 669, 761, 762, 765, 766 ibid.); bei Be⸗ rufungen gegen Reférébeſcheide (Art. 809 ibid.); bei Compulſorien und Klagen auf Entlaſſung aus dem Civilarreſt wegen Stellionat, Schulden ꝛ. (Art. 805, 847 ibid.); bei Oppoſition gegen die Li⸗ quidation der Koſten (Art. 6 des Dekretes als Zuſatz zum Koſten⸗ tarif vom 16. Februar 1807) und bei den Klagen auf Vernichtung einer Verhaftung (Art. 794, 795 c. d. P. c.) Viele Rechtslehrer fügen noch weitere Fälle den aufgezählten bei, in welchen der Geſetzgeber nach ihrer Anſicht die ſummariſche Behandlung der Sache angeordnet haben ſoll, aber dieſe weitern Fälle werden von andern Rechtsgelehrten beſtritten und müſſen in der Jurisprudenz als controvers betrachtet werden, ſo daß wir uns mit der Reihe der oben erwähnten, die jedenfalls einſtimmig von der Jurisprudenz als ſummariſch behandelt werden, begnügen wollen, um nicht über die Gebühr weitläufig zu werden. Die Veranlaſſung zu den abweichenden Meinungen der Rechts⸗ gelehrten in dieſer Materie hat eigentlich das Geſetz ſelbſt gegeben, indem es in manchen Fällen den Ausdruck gebraucht: „eine Sache — *) Damit nicht zu verwechſeln iſt die Theilungsklage ſelbſt, die ordinärer Natur iſt. — — he, ie ijedb ariſte h. 4ee etſihnſt ber ſi erahu ge der der Em wn Lin ter Wl ſch m bi onyuſſn Sulim en un hoin Venihtn ujih ſimniſ ſſe vin niſn i wit u imin gn mln der tgn in Su⸗ ie ohin Ordentlicher und ſummariſcher Prozeß. 21 ſolle ſummariſch abgeurtheilt werden“; in andern aber des Aus⸗ drucks „ſummariſch“ ſich nicht bedient, wohl aber verfügt, die Sache ohne prozeſſualiſche Vorverhandlung in die Sitzung zu bringen. Darin ſoll nun der Unterſchied liegen, ob eine Sache als ſum⸗ mariſche anzuſehen ſey oder nicht. Ich bin überzeugt, wenn der Koſtentarif nicht wäre, welcher die Anwaltsgebühren in ſummariſchen Prozeſſen faſt zu nieder ſtellt, hätten wir einen guten Theil dieſer Controverſen weniger. Wir haben weiter oben geſagt, wie der ordentliche Prozeß nicht minder wie der ſummariſche ſich in einfachen, raſchen Formen be⸗ wegt, die Einleitung desſelben ſo natürlich und erpeditiv wie die Fortführung desſelben (im Beweisverfahren) iſt und der möglichſt baldigen Beendigung des Rechtsſtreites zueilt, ſo daß ſelbſt der or⸗ dentliche Prozeß mit vollem Rechte auf das Attribut eines ſummari⸗ ſchen Verfahrens Anſpruch machen darf. Die Belege hiezu geben die ungeheure Zahl von Prozeſſen, welche in Frankreich und in den Rheinlanden jährlich in wenigen Wochen oder Monaten entſchieden werden und die kleine Zahl derer, welche länger als ein Jahr brauchen, um zu ihrem Abſchluſſe zu gelangen. W. Rupitel. Concurrenz des öffentlichen Miniſteriums bei der Ver⸗ waltung der bürgerlichen Rechtspflege. Von nicht geringer Bedeutung iſt der Einfluß, den das öffent⸗ liche Miniſterium in geſetzlicher Weiſe auf die Verwaltung der bür⸗ gerlichen Rechtspflege ausübt. Nicht allein, daß durch die Conclu⸗ ſionen der Organe desſelben die Weisheit der Berathung der Richter verſtärkt und ſo die Sicherung des Rechtes noch weiter unterſtützt wird, ſondern in noch viel höherm Grade wird die letztere erreicht durch die direkte Aufſicht, welche der Staatsbehörde vom Geſetze ver⸗ trauensvoll in die Hände gelegt wurde über den ſtetigen Gang der Rechtspflege, über die raſche und fleißige Erledigung der Rechts⸗ ſtreite, und über die amtliche Thätigkeit des Richters und jedes mi⸗ 22 Civilprozeß. niſteriellen Beamten. Mit Klugheit, Zartgefühl und ſittlichem Ernſte geführt kann dieſe erhabene Wache nur die ſegensreichſten und ſchönſten Früchte tragen, und hat ſie ſich, alſo den Erwartungen ent⸗ ſprechend, in der Wirklichkeit bewährt, wenn auch anderſeits nicht geläugnet werden darf, wie durch Anmaßung, herriſches und ſtreit⸗ ſüchtiges Gebaren der Staatsprokuratoren die Harmonie an den Gerichten geſtört, der Dienſt der Beamten widerwärtig gemacht und ein erquicklicher Gang der Rechtspflege erſchwert werden kann, und wie leider derartige Fälle auch nicht ſelten vorgekommen ſind. An⸗ ders iſt es dagegen, wenn ein edler Ehrgeiz, eine legitime Eiferſucht Staatsbehörde und Gericht beſeelt und auf der Bahn des Guten und des Ehrenwerthen zum Beſten der Gerichtsuntergebenen und ihrer Intereſſen rüſtig voranſchreiten läßt. Ihren Eifer und ihre gewiſſenhafte Ueberwachung beweiſt die Staatsbehörde vorzüglich durch die Berichte, welche ſie jährlich über den Gang der Rechts⸗ pflege, über den Stand der Prozeſſe dem Juſtizminiſterium einſchickt und welche mittelſt Druck öffentlich bekannt gemacht werden. Säu⸗ mige Anwälte werden angehalten, dafür zu ſorgen, daß die von ihnen betriebenen Rechtsſtreite bald ihre Erledigung finden, von der Rolle geſtrichen werden und nicht weiter in den Jahresberichten als längerer Rückſtand figuriren; ſäumige Richter, die in Erledigung von Commiſſorien, Collocationen und dergleichen nicht den nothwen⸗ digen Fleiß und Eifer präſtiren, werden veranlaßt, eine größere Ge⸗ wiſſenhaftigkeit ihren amtlichen Pflichten zuzuwenden und ganze Ge⸗ richte, wenn traurigerweiſe der Geiſt der Gleichgültigkeit und der Trägheit Herrſchaft über ſie gewonnen hätte, werden ſo aus ihrer Lethargie, aus ihrer ſtrafbaren Pflichtvergeſſenheit durch die ernſte und öffentliche Denunzirung ihrer Fehler bald herausgeriſſen oder verfallen der rächenden Disziplinargewalt. Wir haben ſchon in der Gerichtsorganiſation in dem Abſchnitte, welcher von dem öffentlichen Miniſterium handelt, dargeſtellt, wie bei der Verhandlung der Rechtsſtreite und ebenſo bei der Verwaltung der freiwilligen Gerichtsbarkeit durch die Gerichte, demſelben eine Concurrenz in der Art attribuirt erſcheint, daß ihm einmal zuge⸗ ſtanden iſt, Einſicht in die Prozeßhefte aller bürgerlichen Prozeſſe zu nehmen und ihm paſſend ſcheinende Anträge an das Gericht zu — — Conkurrenz des öffentlichen Miniſteriums ꝛc. 23 zn n ſtellen, welche Berechtigung, ſoweit ſie die Staatsbehörde betrifft, iſn m in dieſen Fällen nur fakultativ iſt; wie aber in beſtimmten an⸗ uhun dern Fällen die Verpflichtung für die Staatsbehörde beſteht, is i die Akten einzuſehen und Antrag zu ſtellen. Eine Unterlaſſung der m ſu letztern Amtspflicht würde in ſolchen Fällen die Nichtigkeit des Ver⸗ ie n h fahrens nach ſich ziehen. Um nun die Einſicht in die Akten mög⸗ imit m lich zu machen, hat das Geſetz verordnet, daß in den ſogleich ge⸗ im, m nannt werdenden Prozeduren die Anwälte die Akten vor der Ver⸗ ſih handlung der Staatsbehörde mitzutheilen haben; dieſe Beſtimmung ebijrit hat denn auch jenen Sachen, welche der Mittheilung oder Commu⸗ des Gun nikation an die Staatsbehörde unterworfen ſind, die, Bezeichnung: benn n communicabele Sachen verſchafft. Nach der Verfügung des t. mh Artikels 83 des code de procedure civile müſſen dem Staats⸗ rin prokurator zur Einſicht und Antragſtellung folgende Sachen mitge⸗ der öt theilt werden: n ini 1) jene, welche die öffentliche Ordnung, den Staat, die Gemeinden, en ei die Domänen, öffentliche Anſtalten, Schenkungen und Vermächt⸗ in niſſe zum Vortheil der Armen betreffen; n nn 2) jene, die den Stand der Perſonen und die Vormundſchaften nihn betreffen, überhaupt alle Standesklagen; biun 3) jene, welche die Kompetenz des Gerichtes angehen, reſp. beſtreiten; nuhn 4) die Geſuche um Beſtimmung eines unter mehreren Richtern, tijn Recuſationen und Verweiſungen an ein anderes Gericht wegen unb Verwandt⸗ und Schwägerſchaft; tmn 5) Klagen, wodurch ein Richter wegen ſeines Verfahrens zur Ver⸗ 5 antwortung gezogen wird; us in um 6) Angelegenheiten verheiratheter Frauen, wenn ſie von ihren 4 Männern nicht autoriſirt ſind, oder wenn von ihrem Braut⸗ iſn ſchatze die Frage iſt, inſoferne ſie ſich nach Dotalrechten ver⸗ lin heirathet haben; 7) Sachen der Minderjährigen, der Interdicirten, unter Beiſtand ile u oder unter Curatel Geſtellten; min 8) Sachen welche abweſende, vermißte, verſchollene Perſonen be⸗ hm i treffen oder intereſſiren. nal i In den meiſten dieſer Fälle tritt das öffentliche Miniſterium als Nebenpartei, (artie adjointe) äuf, nur in einigen als eiht 24 Civilprozeß. Hauptpartei Partie principale), das heißt, es iſt dann ſelbſt Kläger oder die Klage wird gegen dasſelbe, als Beklagten gerichtet. Als Hauptpartei funktionirt die Staatsbehörde: 1) um die Intereſſen eines Raſenden zu betreiben, wenn keine andern Kläger, Verwandte oder Ehefrau vorhanden ſind; 2) um von Amtswegen auf die Nichtigkeit oder Auflöſung recht⸗ lich ungültiger Ehen anzutragen; 3) in Disziplinarſachen gegen miniſterielle Beamten und Civil⸗ ſtandsbeamten; 4) in Sachen Abweſender; 5) in Sachen des Fiskus, wenn dieſer ſich nicht durch einen An⸗ walt vertreten läßt; ſtellt dagegen derſelbe einen Anwalt auf, ſo funktionirt die Staatsbehörde als Nebenpartei. In allen übrigen Sachen tritt das öffentliche Miniſterium als Nebenpartei auf. Wenn dasſelbe nicht gehört worden iſt, in Sachen die der Communikation unterliegen, iſt die Verhandlung nichtig, welche Nichtigkeit jedoch nicht mittelſt der Caſſation, ſondern durch die re- quéte civile auf Wiedereinſetzung der lädirten Partei in den vori⸗ gen Stand zu verfolgen iſt. Art. 480 u. 481 des c. d. p. c.) Iſt der Staatsprokurator eines Gerichts und ſeine Subſtituten verhindert oder abweſend, ſo müſſen ſie durch einen Richter oder Suppleanten erſetzt werden. Ob auch Advokaten die Beamten des öffentlichen Miniſteriums vertreten können, iſt controvers. Dieſelben können nämlich in Ver⸗ hinderungsfällen, Richter und Suppleanten erſetzen und ſo gelangt ein Theil der Rechtsgelehrten zu dem Schluſſe, daß ſie auch als Organe der Staatsbehörde funktioniren dürften, da ja Richter und Suppleanten nach Beſtimmung des Artikels 84 die Staatsprokura⸗ toren zu erſetzen haben. Der Appellhof von Montpellier hat ſich durch arréts vom 14. Januar 1833, 2. März 1807, der von Paris durch arréts vom 4. Auguſt 1807, der von Beſangon durch arréts vom 1. Juni 1809, der von Nimes durch arréts vom 11. Februar 1822 und 16. Juni 1830 (ſiehe journal du palais) für die Bejahung der Frage ausgeſprochen, ebenſo die Rechtsgelehrten Deniſart, Pi⸗ mn ſih eit en lin ic; ung ut ud Gil inen W walt u iniſein niie h ig wel ch di r den w d. h. 0 Suſinn ichtt cu iſeim h i 1 ſo gin ui i icht un eynn voh 1 möts wn 1. Iu 185 u hn N art, 5 Beweistheorie ꝛc. 25 geau, Bioche und Goujet, Carré und Thomine. Im ver⸗ neinenden Sinne hat ſich erklärt ein arrét des Appellhofs zu Metz vom 10. April 1811, ſowie der Prozeſſualiſt Dam ian in ſeiner Inſtruktion über den Prozeß. Die Gegenwart eines Beamten des öffentlichen Miniſteriums bei allen öffentlichen Sitzungen der Civilgerichte (natürlich auch dann, wenn die Oeffentlichkeit auf Anhörung der Staatsbehörde aus den im zweiten Kapitel angegebenen Urſachen durch richterliches Urtheil beſchränkt wurde) iſt unerläßlich, aber es iſt nicht unbedingt. nothwendig, daß ein und derſelbe Beamte während des Prozeſſes zugegen iſt, wenn nur überhaupt immer ein Parketbeamter den Stuhl des öffentlichen Miniſteriums einnimmt. Auch das Gericht kann verfügen, daß eine Sache, die ſonſt nicht zu den communicabeln gehört, der Staatsbehörde communicirt werde. V. Kapitel. Beweisthevrie und Beweismittel. Um den Richter in die Möglichkeit zu verſetzen, ein Urtheil zu fällen, das heißt, die geſetzlichen Beſtimmungen einer gegebenen Thatſache anzupaſſen oder erſtere auf letztere anzuwenden, bedarf es vor Allem der Feſtſtellung der fraglichen Thatſache. Dieſe Feſtſtell⸗ ung bildet den Gegenſtand und Zweck des Beweisverfahrens. Die richterliche Operation bei Schöpfung eines Urtheils erſcheint uns alſo als eine zweifache, zuerſt in der Ermittlung und Feſtſtellung des Faktums und dann in der Anwendung des Geſetzes auf das⸗ ſelbe thätig. Beide Operationen aber ſind gleich wichtig; die erſtere im Grunde noch bedeutungsvoller als die zweite, weil ſie das Fundament derſelben bildet. In der zweiten werden ſich wohl die Richter aller Prozeduren gleichen, bezüglich der erſten beſteht ein eminenter Unterſchied zwiſchen dem Standpunkt des franzöſiſchen Richters und dem jener Länder; wo noch eine feſte und ſtarre Be⸗ weistheorie herrſcht. 5 z* „ 26 Civilprozeß. Dem römiſchen Rechte fehlte bekanntlich eine ſolche und in der alten Zeit kannte man ſie weder in Deutſchland noch in Frankreich, u denn den alten germaniſchen Stämmen war es mehr um materielle — Gerechtigkeit zu thun, als um formelle Spitzfindigkeiten. Es war die Zeit, deren wir ſchon oft in dieſem Werke gedacht haben, und ſ1 deren wir immer mit einer gewiſſen Wehmuth gedenken, der Zeit der echten deutſchen Herrlichkeit, wo germaniſches Recht und Sitte herrſchte in Frankreich und in Deutſchland und der Rheinſtrom den Mittelpunkt bildete der mächtigen Stämme. Der Ausgangspunkt fuͤr beide große Nationen war ein gemeinſamer, auch die Fortbildung des Rechts blieb im Grunde bis zur Revo⸗ lution eine gemeinſame, wenn auch im Uebrigen der Gang der Ge⸗ ſchichte mächtige Verſchiedenheiten, tiefe Riſſe zwiſchen Beiden herbei⸗ geführt und gebildet hatte. Die geſunden und großen Grundlagen in dem Prozeßverfahren Beider, Heffentlichkeit, Mündlichkeit, welche die Form der Materie unterordnete, wurden gleichmäßig Formeneinfachheit und eine vernünftige Beweistheorie, hier und dort verdrängt durch die Ausbildung oder vielmehr Ver⸗ bildung des römiſchen Rechts, durch den Einfluß des mannichfach verdienſtvollen, hier aber unglücklich wirkenden kanoniſchen Rechtes, durch den Geiſt der Scholaſtiker und Dialektiker, welche auf den Hochſchulen jener Zeit ihre Herrſchaft begründeten und ausbreiteten, und alles geſunde, nationale Leben mit traürigen, äußerlich gelehrt ausſehenden, im Innern aber leeren und faulen Wort⸗ und Formen⸗ kram tödteten. Auch in Frankreich waltete dieſes krankhafte und geiſtloſe Syſtem des Formalismus in dem gerichtlichen Verfahren bis zu dem Jahre 1790 fort, wo dann durch eine glückliche Inſpiration des Geſetzgebers der neuen Epoche dasſelbe endlich verdientermaßen in die Rumpelkammer verwieſen wurde, in welcher die zerſchlagenen Fragmente der Inguiſition, der Feudalherrſchaft, der Folter⸗ und Marterkammern des alten Syſtems bereits Platz genommen. In „ dem neuen Prozeßſyſteme wurde dem Richter die Würdigung des Beweiſes nicht nach mathematiſchen Regeln vorgeſchrieben, ſondern dieſe Würdigung ſeinem richterlichen Gewiſſen und ſeinem Scharf⸗ ſinne anvertraut. Deßhalb iſt der franzöſiſche Civilrichter immer d in Funftit mtrile 6s vn ben, u der Zei es Rit land m Stinn minſm ju J g der den hech nn dlichkei ztheoti⸗ lichniß ehr P anniiſ nRetht uf sbnien ih glun dſm geilun ſchrn i ſinin nemen ſchugun lter⸗ u un gun N „ſun E un im Beweistheorie ꝛc. 27 noch nicht, vor welchem Irrthum wir nachdrücklichſt verwarnen wollen, dem Geſchwornen im Criminalverfahren, dem reinſten juder facti gleich geſtellt, ſondern das Civilgeſetz hat ihm in einer Reihe von Beſtimmungen Direktiven an die Hand gegeben, welche voll⸗ kommen hinreichen, ihn vor bloßer Willkuͤr zu bewahren, der ma⸗ teriellen Wahrheit aber den Sieg in der Regel zu ſichern. Um dem Richter aber noch mehr vor Allem den Schutz letzterer an's Herz zu legen und denſelben zu ermöglichen, hat das Geſetz ihm geſtattet durch Fragen an die Parteien, an die Zeugen ſich klar zu machen über die faktiſchen Verhältniſſe und überhaupt in dieſem Momente des Rechtsſtreites eine wahrhafte Inſtruktionsmaxime conſtituirt, während ſonſt die Thätigkeit des franzöſiſchen Richters nach den Grundſätzen der Verhandlungsmarime ſich zu richten hat. Die Stellung aber, wie ſie ihm vom Geſetze eingeräumt wird, baſirt auf das Vertrauen zu ſeiner Moral, zu ſeinem Talente und zu ſeinen Kenntniſſen und menſchlichen Erfahrungen, iſt die einzig richtige und des Richteramtes würdige. Wie verhält ſich dagegen deſſen Stellung dort, wo das Geſetz ſeine Vernunft in Zwangs⸗ ſchrauben legt, ihn zu einem ſinnloſen und paſſiven Inſtrumente einer Theorie, die aber auch weiter nichts iſt als nur eine gedanken⸗ loſe Formel, erniedrigt, ihn controllirt und ihm auf Schritt und Tritt in beleidigender Ueberwachung nachgeht, wie die Polizei dem Manne, von dem ſie ſicher iſt, daß er jeden freien Moment zum Betruge mißbrauchen wird! und welches Syſtem iſt geeigneter, die Wohlfahrt und die Zufriedenheit der Parteien zu begründen, die Wahrheit in ihrem Rechte zu erhalten, der Lüge zu wehren und ſie nicht Herr werden zu laſſen durch die Schlauheit der Menſchen und durch die Beſchränktheit des Geſetzes? Wir gehen nun über zu der Darſtellung der Beweismittel, wie ſie das Civilrecht in ſeinem dritten Buche von Artikel 1315— 1369 inclus. gibt *), und welche allerdings zunächſt für die Beweiſe der Verbindlichkeiten, thatſächlich aber und überhaupt im ganzen Rechts⸗ verfahren gültig und dominirend ſind. Nach dieſen Vorſchriften hat ſich der Richter zu halten, nach *) Siehe Civilrecht, Heft II. Seite 125. 28 Civilprozeß. dieſen Normen die Beweiſe zu würdigen, aber jeden Beweis nach ſeiner innern Glaubwürdigkeit, nicht nach der Spezies noch nach der Zahl anzuſehen und richterlich zu tariren. An die Spitze der Beweismittel hat der Geſetzgeber den ſchrift⸗ lichen Beweis geſtellt, der mit Recht ihm der ſicherſte dünkte, und deßhalb in Bezug auf viele Rechtshandlungen die Vorſchrift gegeben, daß ſie nur mittelſt Urkunden bewieſen werden können. Die Urkunden nun ſind entweder öffentliche (authentiſche) oder Privat⸗Urkunden; entweder Originale Ulrſchriften) oder Abſchriften; entweder (ihrem Gehalte nach) urſprüngliche Titel oder Anerkennungs⸗ und Beſtätigungs⸗Urkunden; (titres primordials oder actes récognitifs et confirmatifs). Eine öffentliche oder authentiſche Urkunde iſt diejenige, die von öffentlichen Beamten innerhalb der geſetzlichen Erforderniſſe aufgenommen worden iſt. Unter den geſetzlichen Erforderniſſen iſt zu verſtehen: 1) die Berechtigung und Competenz des Beamten, die fragliche Urkunde aufzunehmen; 2) die Einhaltung aller der Formen, Vorſchriften und Feierlichkeiten, welche das Geſetz für die Aufnahme ſolcher Urkunden im Allgemeinen oder im Speziellen an⸗ geordnet hat, z. B. die Zuziehung von Inſtrumentszeugen, die An⸗ gabe des Datums, des Orts der Urkunde, der Parteien, des Beamten ꝛ. Wenn der Beamte, welcher die Urkunde aufnahm, inkompetent war, z. B. in Anſehung des Gerichtsſprengels nicht amtiren durfte, oder wenn er unfähig war, z. B. ein Friedensrichter nimmt einen Vertrag auf, den nur ein Notär aufnehmen kann, oder wenn die Formen mangelhaft ſind, ſo gilt die öffentliche Urkunde als Privat⸗ urkunde, wenn ſie von den Parteien unterſchrieben wurde. Eine Privaturkunde oder wie ſich das franzöſiſche Geſetz immer ausdrückt, eine Urkunde unter Privatunterſchrift (acte sous seing privé oder signature privée) iſt, wie ſich aus dem Wortlaute ſchon ergibt, eine jede von einem Privatmann geſchrie⸗ bene oder unterſchriebene Urkunde. Die Unterſchrift iſt zum Weſen einer verpflichtenden Urkunde dieſer Art erforderlich, dagegen die Beiſetzung von Siegeln ganz unnöthig. Ebenſo iſt es nicht nothwendig, daß die Parteien oder der ſich Verpflichtende die Urkunde ſelbſt geſchrieben habe. —— weis n Speziez ſhtiſt te dn, vyſi n limn theniſe ften) un nglie kundu . dijnh jordeniſ miſeni Benn alet K iz fir ſ jielen n die h eien, u ſonpe en dr, mt ein wen s Pin ei etſihtit eſih u eſen in Beiſhn hen hi Beweistheorie ꝛc. 29 Eine öffentliche Urkunde beweist alles das, was ſie enthält, wenn das, was ſie enthält, vor dem Beamten vorgegangen iſt, unter den Parteien, ihren Rechtsnachfolgern und gegen Dritte; dieſe Be⸗ weiskraft kann nur durch die Beſchuldigung des Falſums, d. h. daß die Urkunde falſch oder gefälſcht ſey, angegriffen werden. Rückſcheine, Gegenreverſe (contre-lettres), welche den Inhalt einer öffentlichen Urkunde modifiziren oder aufheben, beweiſen gegen Dritte nichts, unter den Parteien nur dann, wenn ſie nicht, wie beim Heirathsvertrag vom Geſetze geradezu verboten ſind. Erzählende Ausdrücke (verba enunciativa) in einer öffentlichen und auch in einer Privaturkunde beweiſen inſoferne, als ſie mit dem Zwecke des Aktes in direkter Verbindung ſtehen; iſt letzteres nicht der Fall, ſo bilden ſie nur den Anfang eines ſchriftlichen Be⸗ weiſes (un commencement de preuve par écrit). Hierunter iſt jede Urkunde zu verſtehen, welche von der Gegenpartei, ihrem Man⸗ datar oder Vertreter ausgegangen iſt, und welche wegen Form⸗ mangel oder fehlerhaften Inhalts die in Frage ſtehende Thatſache nicht vollkommen beweist, aber dieſelbe doch wahrſcheinlich macht. Liegt ein ſolches commencement vor, ſo kann der Richter einen ſonſt unzuläſſigen Zeugen⸗ oder künſtlichen Beweis zulaſſen. Eine Privaturkunde, welche von der Partei unterſchrieben iſt, gegen welche ſie gebraucht wird, beweist nur inſoferne, als ſie von der Gegenpartei anerkannt worden oder gerichtlich anerkannt oder für ächt erklärt worden iſt. Derjenige, gegen den eine ſolche Urkunde gebraucht wird, iſt verbunden, ſeine Unterſchrift oder Handſchrift förm⸗ lich anzuerkennen oder abzuläugnen. Geſchieht dieſes nicht, ſo iſt die Urkunde als ächt zu betrachten. Wird Schrift oder Unterſchrift abgeläugnet, ſo erkennt das Ge⸗ richt auf Ermittlung der Aechtheit der Schrift, verification d' éeriture. Die anerkannte Privaturkunde oder die für ächt erklärte hat unter den Parteien und gegen Dritte ganz dieſelbe Beweiskraft wie eine öffentliche Urkunde. In zwei Fällen nur iſt die Beweiskraft der Privaturkunden von einer beſondern Form abhängig gemacht, nämlich: 1) wenn eine ſolche Urkunde einen ſynallagmatiſchen Gwei⸗ ſeitigen) Vertrag enthält, muß ſie in ſo viel Exemplaren ausgefertigt worden ſeyn, als es Parteien ſind, welche ein geſondertes In⸗ 30 Civilprozeß. tereſſe haben. Contrahenten, welche zuſammen nur ein Intereſſe haben, bilden nur eine Partei, wenn es auch mehrere Perſonen ſind. Wenn z. B. mehrere Verkäufer, welche ein gemeinſchaftliches Gut unter für alle gleiche Bedingungen an Xveräußern, ſo reichen zwei Ausfertigungen hin, eine für die Verkäufer, eine für den Käufer X. Aber auch die Erwähnung in der Urkunde, daß ſie in ſo und ſo vielen Exemplaren verfaßt worden ſey, iſt zur Beweiskraft erforderlich; derjenige jedoch, welcher den Vertrag bereits vollzogen oder angefangen hat, ihn zu vollziehen, kann ſich weder auf den Abgang der Erwähnung noch auf den Umſtand ſelbſt berufen, daß die Urkunde nicht in der geſetzlichen Zahl von Exemplaren errichtet worden ſey. 2) Ein Schuldſchein oder ein Verſprechen unter Privat⸗ unterſchrift, wodurch ein Contrahent allein gegen andere ſich ver⸗ bindet, ihnen eine Summe Geldes oder eine Sache, die nach Maaß, Gewicht und Zahl beſtimmt iſt, zu leiſten, muß ganz von der Hand desjenigen geſchrieben werden, der ſie unter⸗ zeichnet, oder er muß wenigſtens, außer ſeiner Unterſchrift, mit eigener Hand, ein gut oder genehmigt (bon ou approuvé) für die Summe oder für die Quantität der Sache, die in Buchſtaben aus⸗ gedrückt ſeyn muß, geſchrieben haben. Ausgenommen ſind die Fälle, wo die Urkunde von Handelsleuten, Handwerkern, Ackersleuten, Wein⸗ bauern, Taglöhnern und Dienſtboten herrührt oder ausgeſtellt iſt. Dieſe Verfügung hat ihren Grund darin, daß man ſo viel als möglich den Schuldner gegen Ueberliſtung und Täuſchung ſchützen will. Die Ausnahmen beruhen in Beziehung auf die Kaufleute auf den Rückſichten des ſchnellen Verkehrs und Credits, in Beziehung auf die andern Perſonen auf dem Unſtande, daß er⸗ fahrungsgemäß ein großer Theil dieſer Leute, wenigſtens damals in Frankreich, nichts ſchreiben konnten oder können als ihren Namen. Hausbücher und Familienpapiere beweiſen nicht für den, der ſie geſchrieben hat, aber gegen ihn in allen Fällen, wo ſie eine em⸗ pfangene Zahlung förmlich ausdrücken, oder wenn ausdrücklich er⸗ wähnt iſt, daß die Aufzeichnung geſchehen ſey, um den Abgang einer Urkunde zum Vortheile desjenigen zu erſetzen, zu deſſen Gunſten ſie eine Verbindlichkeit ausdrücken. zuſu 1 vb „ in iui un li gij, Un! ) ini u ni ma nt L ſui w ſt i . unſt eſnn ſht ſonihn ſe ſir n v ſii Beuit l tauf ufen, d n enin ter Pun te ſih u⸗ ac Mu von dr untn hrif, u ounh fi ſaben u die ßile en, Pin ſult it ß unſ Liuſhn ufi d Git e,d n dnes i Nnn den, d ein rüctih guh in uſn ſi Beweistheorie ꝛc. 31 Was bezüglich der Buͤcher der Kaufleute gilt, iſt im Handelsrecht nachzuſehen. In Beziehung auf den Unterſchied zwiſchen Originalurkun⸗ den (minutes) und Abſchriften (expeditions und copies) der⸗ ſelben verfügt der code civil, daß, ſo lange die Originalurkunde vorhanden iſt, die Abſchriften nichts anders beweiſen können, als was im Originale, deſſen Vorlage zu jeder Zeit gefordert werden kann, enthalten iſt. Die Abſchriften aber ſelbſt ſind entweder einfache Copien oder mit der exekutoriſchen Formel (Vollziehbarkeitserklärung im Namen des Staatsoberhaupts) verſehene Expeditionen die man Groſſen nennt (grosses von den dicken, großen Buchſtaben, mit welchen die Eingangsworte Louis, roi etc. oder Napoléon, empereur etc. à tous ceux, qui cés présentes verront, salut; und die Schlußworte, die eigentliche exekutoriſche Formel: mandons et ordonnons à tous etc., welche an die Vollziehungsbehörden ge⸗ richtet ſind, geſchrieben wurden.. Auch haben ſie die weitere Be⸗ nennung premieres expéditions. Während nun die Abſchriften von Privaturkunden gar nichts beweiſen, hat das Geſetz den Abſchriften authentiſcher Urkunden, wenn das Original nicht mehr eriſtirt, Beweiskraft ertheilt in fol— gendem Maaßſtabe: 1) Groſſen und Abſchriften, die im Beiſehn der Parteien mit ihrer Einwilligung oder auf obrigkeitlichen Befehl gemacht wurden, wohnt dieſelbe Beweiskraft inne wie dem Originale; 2) Abſchriften, welche nicht unter dieſen Vorausſetzungen und Umſtänden gemacht wurden, beweiſen nur, wenn ſie alt ſind. Als alt werden ſie be⸗ trachtet, wenn ſie mehr als 30 Jahre alt ſind. Iſt dieſes nicht der Fall, ſo dienen ſie nur als commencement de preuve par écrit. 3) Abſchriften von Abſchriften können nach den Umſtänden als bloße Nachrichten zur Aufklärung der Sache (comme simples renseigne- mens) betrachtet werden. Wir haben nun noch die Urkunden in Beziehung auf ihre Eigen⸗ ſchaften als urſprüngliche oder Primordialtitel (titres primor- dials, actes primitifs) und als anerkennende oder beſtätigende Urkunden (actes recognitifs ou confirmatifs) zu betrachten und da iſt denn als Hauptgrundſatz zu merken, daß die letztern nicht von . ℳ 52 Civilprozeß. der Vorlage des Primordial⸗Titels befreien, wenn nicht deſſen In⸗ halt hierin beſonders angeführt iſt. Was ſie mehr oder weniger 1 oder Verſchiedenes enthalten, hat keine Wirkung. zu Einem Urkundenbeweiſe gewiſſermaßen gleich iſt der Beweis jw durch Kerbſtöcke oder Kerbhölzer (tailles et échantillons) un⸗ 6 ter den Perſonen, die auf ſolche Weiſe die Lieferungen zu conſtatiren vu gewohnt ſind, welche ſie im Kleinen machen und empfangen. wm Dieſe Sitte herrſcht in vielen Provinzen oder Departements und un wird namentlich im Verkehr mit Schenkwirthen, Metzgern, Bäckern ꝛc. iu angewendet und beſteht darin, daß ein Stück Holz in zwei Theile n geſpalten wird, deren eines, taille, der Lieferant behält, das andere, zuk échantillon, der Empfänger. Jedesmal, wenn eine Lieferung ge⸗ 3 macht wird, werden die beiden Stücke Holz zuſammengepaßt und i mit einem Einſchnitt, einer Narbe bezeichnet. Die Narben, wenn Un ſie zuſammenpaſſen, beweiſen die Lieferung, aber nur im Kleinen, i jedoch unter den Parteien, wie gegen Dritte. iin Wir haben ſchon früher bemerkt, daß der franzöſiſche Geſetz⸗ geber gegen den Zeugenbeweis (la preuve testimoniale) ſehr il mißtrauiſch und ungünſtig geſtimmt iſt und allerdings aus ſehr hin⸗ i reichenden Urſachen, die hauptſächlich in der Schwäche des menſch⸗ uhn lichen Gedächtniſſes ſich begründen, welches ſo oft in eigenen Ange⸗ ulji legenheiten, geſchweige denn in fremden ſich nicht mehr zurechtfindet, iuii ſich ſehr leicht täuſcht, ſich ſehr leicht unrichtige Vorſtellungen von it einer Sache, von einem Vorfalle macht, wenn einmal eine längere u Friſt verſtrichen iſt. Wenn nun gar der Egoismus oder die Arg⸗ ini liſt des Menſchen in Betracht gezogen wird, ſo muß Beides noch un viel ängſtlicher gegen den Zeugenbeweis ſtimmen. Derſelbe iſt da⸗ un her vom code civil in der Regel geradezu für unzuläſſig erklärt, außer in beiden folgenden Fällen: in 1) Wenn der Werth des ſtreitigen Gegenſtandes ein in ſo unbedeutender iſt, daß die Raſchheit des Verkehrs berückſichtigt Nu werden muß und der Beweis durch Zeugen rathſam und nicht ſo gefährlich erſcheint. 4 2) Wenn die Natur des concreten Falles den Beweis 4 durch Zeugen nothwendig, ja unerläßlich macht, z. B. ein Depoſitum Beweistheorie ꝛc. 33 un ſoll bewieſen werden, welches bei einer Feuershrunſt gegeben wurde tweiz oder bei einer Plünderung 2. In Beziehung auf die Fälle unter Nummer 1 verfügt das t Beni Geſetz, daß kein Rechtsanſpruch, der ſich ſeinem Werthe nach über orh n 150 Franks evaluirt, durch Zeugen bewieſen werden kann und daß onniu gegen den Inhalt öffentlicher oder Privaturkunden, noch über an⸗ minn gebliche vor, bei oder nach Abfaſſung der Urkunden getroffene Ne⸗ it benverabredungen niemals ein Zeugenbeweis zuläſſig iſt; ebenſo giümn wenig können durch Zeugen bewieſen werden die ſogenannten feier⸗ ⁰ i i C 1 lichen oder Literalcontrakte, als: Eheverträge, Hypothekenbe⸗ ſtellungen, Schenkungen unter Lebendeu, Handelsgeſellſchaftsver⸗ as an, m träge Siehe im Civilrecht die betreffenden Verträge.) 8 In Beziehung auf die Fälle unter Nummer 2 iſt der Zeugen⸗ * beweis zuläſſig; — a) wenn ein commencement de preuve par écrit vorliegt; Kin b) in allen Fällen, wo es dem Gläubiger unmöglich war, ſich einen ſchriftlichen Beweis zu verſchaffen, als: ſie Gi 1) Wenn die Verbindlichkeit aus Quaſicontrakten, Delikten und inle) ſi Quaſidelikten entſpringt; 2) in allen Fällen des depositum miser- s ſchth abile; (ſiehe Civilrecht; von dem Hinterlegungsvertrag); 3) in den N nu der depositio miserabilis gleich geſtellten Fällen der Hinterlegung un von Effekten durch Reiſende in den Gaſthäuſern; 4) wenn die Ver⸗ mihf bindlichkeit bei unvorhergeſehenen Zufällen contrahirt wurde, wo es ungen u nicht thunlich war, ſchriftliche Aufſätze zu fertigen; 5) wenn der ne liun Gläubiger durch die Folge eines unvorhergeſehenen Zufalls, der von r die einer höhern Gewalt herrührt, ſeine Urkunde verloren hat. eides u Unter der höhern Gewalt oder force majeure werden ſowohl Hand⸗ be ſw lungen der Menſchen, denen man nicht widerſtehen kann, z. B. ſg uin triegeriſche Ereigniſſe, Plünderung, Beraubung, bürgerliche Unruhen verſtanden als auch Naturereigniſſe und ſonſtige Zufälle, z. B. nes 6 Feuersbrunſt durch Blitz, Selbſtentzündung oder Nachläſſigkeit des iſii Menſchen, Waſſersnoth u. ſ. w. — — ſ Die Zeugen ſelbſt nun, welche die Partei dem Gerichte vor⸗ ſtellen will, zur Führung des nothwendigen Beweiſes, müſſen fähig zur Zeugſchaft ſeyn. Im Allgemeinen fähig iſt Jeder, der im nhui Stande iſt, über die Thatſachen des Beweisthemas Auskunft zu dyim UI. Cwilprozeß. 3 34 Civilprozeß. geben, ohne Unterſchied des Geſchlechtes, der Nationali⸗ tät, der Religion. Selbſt die Minderjährigen ſind als Zeugen berufbar; nur wenn ſie unter 15 Jahre alt ſind, geſtattet das Geſetz (Art. 285 c. d. p. c.) dem Richter die Verwerfung der⸗ ſelben und empfiehlt ihm jedenfalls, wenn er ſie hört, bei der Wür⸗ digung des Beweiſes die nöthige Vorſicht an. Dieſe Empfehlung des Geſetzes an den Richter, einen Beweis ſehr ſorgſam und gewiſſenhaft zu würdi⸗ gen und zu prüfen, wiederholt ſich öfters und gibt ein weiteres ſprechendes Zeugniß davon, daß das Geſetz nichts weniger als daran gedacht hat, den Richter von aller Norm in Beziehung auf Würdigung des Beweiſes und Feſtſtellung des Sachverhaltes zu entbinden, ſon⸗ dern ihm nur vernunftgemäß die Würdigung zu über⸗ laſſen. Unfähig, Zeuge zu ſeyn, ſind abſolut: Raſende, Wahn⸗ ſinnige, Blödſinnige, bürgerlich Todte, ſo wie die zur dégradation civique wegen Fälſchung, Meineid ꝛc. Verurtheilten. Relativ unfähig dagegen: derjenige, welcher mit einem der ſtreitenden Theile in gerader Linie verwandt oder verſchwägert oder ſein Ehegatte iſt, wenn er auch durch körperliche Scheidung von ihm getrennt wäre, außer in Eheſcheidungs⸗ reſp. Trennungs⸗ Prozeſſen von Tiſch und Bett. Der Richter muß dieſe Unfähig⸗ keitsgründe ex officio berückſichtigen. Als der Parteilichkeit ver⸗ dächtig oder in Folge ihrer Conduite ohne Vertrauen können von den Parteien als Zeugen abgelehnt, rekuſirt werden: 1) Die Seitenverwandten und Verſchwägerten der beiden Par⸗ teien bis zum Grade der Kinder von Geſchwiſterkindern; 2) die Seitenverwandten und Verſchwägerten des Ehegatten der einen oder der andern Partei bis zu dem Grade von Geſchwi⸗ ſterenkeln, wenn der Ehegatte ſich noch am Leben befindet, oder wenn die Partei oder der Zeuge von ihm lebende Deſcendenten hat; 3) die Verſchwägerten des Ehegatten der Parteien in gerader Linie, die Brüder, Schweſtern, Schwäger und Schwägerinnen, wenn der Ehegatte nicht mehr am Leben iſt, und auch weder der Partei noch dem Zeugen lebende Deſcendenten hinterlaſſen hat; Beweistheorie ꝛc. 35 4) der muthmaßliche Erbe und der Geſchenknehmer der Gegen⸗ partei; 5) der Zeuge, welcher mit der Gegenpartei und auf ihre Ko⸗ ℳ ſten ſeit der Verkündigung des Urtheils, welches die Zeugeneinver⸗ d Pi⸗ nahme angeordnet, gegeſſen oder getrunken hat; 6) derjenige, welcher über die Thatumſtände, welche mit dem iz Prozeſſe in Verbindung ſtehen, ſchriftliche Zeugniſſe ausgeſtellt hat; z i 7) der Diener oder Hausangehörige der Gegenpartei; gibt it 8) derjenige, welcher ſich unter dem Banne einer criminellen s Biſt Anklage befindet; htet un 9) derjenige, welcher zu einer entehrenden oder Leibesſtrafe, Brwiſſe oder auch nur correktionell wegen eines Diebſtahls verurtheilt worden iſt. den, ſon Die Zeugen dieſer Art ſollen indeſſen von dem Richter abge⸗ ſu ibn hört und dann erſt über den Werth des Rekuſationsgrundes erkannt und der Zeuge allenfalls nicht berückſichtigt werden. e, Vih Ob nun der Richter das Recht habe, die Rekuſationsgründe ilin gegen die unter eben aufgeführten neun Rubriken erwähnten Per⸗ ſonen etwa nicht zu berückſichtigen, wenn anders der Charakter der tinen M Zeugen ihm Garantie der Wahrhaftigkeit desſelben ſey, iſt controvers. etſhwiyn Der größte Theil der Gerichte und der Rechtslehrer ſpricht ſich für Sheu dieſes Recht des Richters aus. Ebenſo controvers iſt die Frage, Iumn ob der Richter die Zahl der Verwerfungs⸗ oder Ablehnungsgründe e lhijt nach Analogie der eben erwähnten vermehren dürfe. Auch dafür ichhü ve⸗ hat ſich die größere Zahl der theoretiſchen und praktiſchen Juriſten en ünn entſchieden und laſſen Rekuſationsgründe gelten z. B. gegen den, n welcher am Ausgang des Prozeſſes ein Intereſſe hat oder mit dem, eiden n gegen welchen er zeugen ſoll, ſelbſt im Prozeſſe ſteht; gegen den natürlichen Bruder, den Vormund, Beivormund, Kurator, Lehrmei⸗ Ghun ſter, beſondern Feind der Partei u. ſ. w. Befreit in Folge be⸗ nihn ſonderer Standesverhältniſſe von der Pflicht, Zeugſchaft in Betreff u un beſtimmter Thatſachen zu geben, ſind die Beichtväter bezüglich zu der Geheimniſſe, die ihnen unter dem Siegel der Beichte anvertraut u zun wurden, aber nur bezüglich dieſer, nicht abſolut; die Aerzte, u m Chirurgen, officiers de santé, Apotheker und Hebam⸗ n men, aber nur in Beziehung auf die ihnen in Folge ihres Berufs anvertrauten Geheimniſſe; ebenſo die Advokaten und 3 * * N „ . „ „ + ₰ 1*. 36 Civilprozeß. Anwälte, aber auch nur bezüglich derſelben Fälle, wie die vorher genannten Perſonen. Dieſe Befreiung iſt um ſo natürlicher, als der Artikel 378 des code pénal die Aerzte, Wundärzte, Geſundheitsbeamte, Apotheker, Hebammen und alle andere Perſonen, die kraft ihres Standes oder Gewerbes Beſitzer der Geheimniſſe ſind, die man ihnen anvertraut, wenn ſie dieſelben verrathen, mit Gefängnißſtrafe bis zu 6 Monaten und Geldſtrafe bis zu 500 Franken bedroht. Die Praxis hat nun „unter allen andern Perſonen“ die Beichtväter, Advokaten und Anwälte verſtanden. Auch die Notäre waren vor der Revolution unter den Perſonen begriffen, die vom Zeugnißgeben in Betreff ihnen anver⸗ trauter Geheimniſſe befreit waren. Die probatio in perpetuam rei memoriam (enquéte d'examen à futur) war früher auch in Frankreich ſehr gebräuchlich, wurde aber durch die Ordonnanz von 1667 verboten und iſt durch den code civil, der ganz über dieſe Art des Zeugenbeweiſes ſchweigt, nicht wieder eingeführt worden. Auch findet in Folge der Verfügungen der Artikel 1415, 1442 und 1504 des code civil eine ganz eigenthümliche Weiſe eines Zeugen⸗ beweiſes ſtatt, der ſogenannte Beweis durch den gemeinen Ruf, wenn die Größe, die Beſchaffenheit, der Werth eines Mobiliarver⸗ mögens, das geſetzlicher Vorſchrift nach hätte inventariſirt werden ſollen, aber nicht inventariſirt wurde, Lonſtatirt werden ſoll. Mit der Ausdehnung des Notariats über Frankreich und der zunehmenden Zahl von Perſonen, welche ſchreiben lernten, alſo ſeit dem 13ten und 14ten Jahrhundert hatte ſich das Syſtem, überall ſchriftlichen Beweis zu fordern und den Zeugenbeweis zu verdrän⸗ gen, immer geltender gemacht, ſo daß der Kanzler Höpital in der Ordonnanz von Moulins 1566 faſt ganz ſchon die Grundſätze auf⸗ ſtellte, wie ſie der code civil ſanktionirt hat, ja die Geldſumme, über welche der Zeugenbeweis zuläſſig iſt, auf 100 Franks nur fixirte. Ueber den geſetzgeberiſchen Werth dieſer Grundſätze des fran⸗ zöſiſchen Rechts verweiſen wir auf Mittermaiers Archiv für Civil⸗Praris. Band V. Seite 97 und folgende, ohne jedoch allen von ihm entwickelten Gründen contra beitreten zu wollen. Wir ſind nunmehr auf der Wanderung durch das Reich der ſ uñ li hi iud wl in ſun ni die wihn [30 % Methe udes anyernnt Mnn he m dMih unte da nen mn eunn vude te den ü eit, it 13, 1 es Juhn en Ri lobiimn ſit nn . aſpſi n, ibul u in itl inw mſiß u Feldunn n fin de ſu At ſi d il n. Rih d Beweistheorie ꝛc. 37 Beweismittel an einem fruchtbaren Felde angelangt, das dem richter⸗ lichen Denkvermögen und Scharfſinne einen weiten Spielraum ge⸗ währt, ich meine bei den Vermuthungen, an welche ſich die No⸗ torietät dicht anſchließt, deren Weſen eigentlich darin beſteht, daß ſie alle Beweismittel überflüſſig macht, indem kraft ihrer eine That⸗ ſache für Gericht und übrige Welt zweifellos ſicher conſtatirt erſcheint. Vermuthungen ſind Schlüſſe, welche das Geſetz oder der Richter aus einer bekannten Thatſache auf eine unbekannte macht. Aus dieſer geſetzlichen Definition ergibt ſich ſchon, wie die Vermuth⸗ ungen in ſolche zu claffifiziren ſind, welche der Richter vermöge ſeiner Einſicht und Klugheit ſelbſt zu finden angewieſen iſt und die man richterliche oder faktiſche Vermuthungen nennt (Praesumtiones judicis oder facti), und in ſolche, welche das Geſetz, dem Richter in ſeinen geiſtigen Operationen zuvorkommend und ihm für beſtimmte Fälle die Vorſchrift diktirend, aufgeſtellt hat, geſetzliche Vermuth— ungen, praesumtiones juris oder legis. Wider eine geſetzliche Vermuthung wird entweder kein Beweis zugelaſſen und der Richter muß ſie anwenden, ihm bleibt da keine willkührliche Kritik; nur das Geſtändniß der Partei ſelbſt oder die Zuſchiebung des gerichtlichen Eides kann ihr entgegengeſtellt werden, oder der, zu deſſen Gunſten ſie eintritt, iſt dadurch von allem Be⸗ weiſe befreit, der Gegenpartei aber der Gegenbeweis vorbehalten. Die erſtern ſind die praesumtiones juris et de jure; die letztern die p. juris ſchlechthin. Durch das ganze materielle und formelle Recht hindurch zerſtreut find die Fälle, mit welchen das Geſetz eine geſetz⸗ liche Vermuthung verbunden hat und ſämmtliche laſſen ſich, wie der Artikel 1350 c. c. ſie zuſammenſtellt, auf 4 Klaſſen zurückbringen: 1) Handlungen, welche das Geſetz für ungültig erklärt, weil, nach ihrer bloßen Beſchaffenheit zu urtheilen, von ihnen vermuthet wird, daß ſie vorgenommen worden ſind, um ſeine Verfügungen zu um⸗ gehen; 2) die Fälle, worin das Geſetz erklärt, daß ſich aus gewiſſen beſtimmten Umſtänden das Eigenthum oder eine Befreiung ergebe; 3) die Wirkung, welche das Geſetz einer rechtskräftigen Entſcheidung einräumt, und 4) die, welche dasſelbe dem Geſtändniſſe der Parteien oder ihrem Eide beilegt. Geſetzliche Vermuthungen, eche unter Rubrik 1 und 2 ge⸗ — Civilprozeß. hören, ſind z. B.: Jede letztwillige Verfügung zum Vortheil eines Unfähigen iſt ungültig, man mag ſie unter der Form eines läſtigen Contraktes verbergen oder unter dem Namen unterſtellter (inter— posées) Perſonen machen. Für unterſtellte Perſonen werden die Eltern, Kinder, Enkel und der Ehegatte des Unfähigen angeſehen. Gegen dieſe Perſonen ſtreitet die geſetzliche Vermuthung. Ebenſo die Verfügungen der Artikel 1099 und 1100 c. c., deren Inhalt den Ehegatten verbietet ſich gegenſeitig auf verſteckte Art oder an unterſtellte Perſonen mehr zu ſchenken, als das Geſetz geſtattet. (Art. 1094 und 1098 c. c.) Als unterſtellte Perſonen werden wiederum angeſehen die Kinder des beſchenkten Ehegatten aus einer früheren Ehe, die Verwandten desſelben, deren präſumtiver Erbe er iſt. Auch gegen dieſe ſpricht die geſetzliche Vermuthung. Eine ſolche beſteht ferner für das Kind das in der Ehe geboren iſt (Art. 312 c. c.) nach dem Satze: pater is est, quem justae nuptiae demonstrant; für den Schuldner, welcher die Groſſe oder das Ori⸗ ginal der Schuldurkunde (erſteres bei authentiſchen, letzteres bei Privat⸗Urkunden) in Händen hat. (Art. 1283 c. c.) Hier iſt je⸗ doch ein Gegenbeweis zuläſſig und die Vermuthung nur einfacher Natur; dann in den Fällen der Art. 472, 502, 654, 666, 670, 1082, 1597, 1908 26. Die faktiſchen Vermuthungen bilden den ſog. künſtlichen Beweis und während das Geſetz ihre Folgerungen in rühmens⸗ werther Liberalität dem Richter überläßt, hat es doch nicht verfehlt, demſelben im Art. 1353 c. c. an's Herz zu legen, wie er nur triftige, paſſende und unter ſich übereinſtimmende Ver⸗ muthungen (présomptions graves, précises et concordantes) be⸗ achten ſoll. Durch ſie kann übrigens der Beweis nur in den Fällen geführt werden, in welchen der Zeugenbeweis zuläſſig iſt. Von der Notorietät ſteht Nichts im Geſetzbuch des Ci⸗ vilrechts und der Prozeßordnung, aber deſto mehr in dem großen Geſetzbuch der menſchlichen Vernunft und mit großem Glück und Geſchicke benützt ſie in nicht ſeltenen Fällen der franzöſiſche Richter. 2 Notoriſch oder offenkundig ſind aber die Thatſachen, welche vermöge der Allgemeinheit ihrer Beſchaffenheit auch allgemein heil ins liſizn ter inte. weden ſi geſehn Cben en h de n gefut n wen aus inn tivet G ng. Ein iſt Un e nyt do Di zters be iet iſ j einſtch 666, 67 nſtlichn rihnn t veiit, ee m nde b mteg b rin ſg des rin ud n Filen w haſhe algeni Beweistheorie ꝛc. 39 bekannt ſind, und daher vernünftiger Weiſe auch keines Be⸗ weiſes mehr bedürfen, wie große Akte der Geſchichte, Vorgänge im Völkerleben, Naturereigniſſe, große Unglücksfälle ꝛc. Die Notorietät iſt demnach kein Produkt anderer Beweismittel, ſondern eine Gewiß⸗ heit, welche aus der Thatſache ſelbſt hervorgeht. Dann aber gibt es auch Thatſachen, welche dem Richter aus andern Rechtsſtreiten oder Gerichtshandlungen als unumſtößlich ſichere bekannt ſind, eben deßhalb keines weitern Beweiſes mehr bedürfen und von ihm ſofort als gerichtlich notoriſche oder gerichtskundige benützt werden tönnen. Die Notorietät der erſten Art nennt man gewöhnlich die allgemeine oder Weltkundigkeit. Beſtehende Ehen, Inter⸗ diktionen, Vormundſchaften z. B. ſind einem Gerichte, in deſſen Sprengel die Parteien wohnen, durch Rechtsakten, welche in Bezieh⸗ ung auf dieſe Zuſtände dort vorgenommen wurden, bekannt. Wäre es nicht ein baarer Unſinn, eine gewiſſenloſe Zeit⸗ und Geldver⸗ geudung, wollte dieſes Gericht erſt über die Exiſtenz dieſer ihm wohlbekannten, in ſeinen eignen Regiſtern conſtatirten Zuſtände und Rechtsverhältniſſe ein Beweisverfahren anordnen. *) Die franzöſiſchen Gerichte verfahren ſehr ſummariſch in der Beſeitigung der Anfecht⸗ ungen notoriſcher Zuſtände; entweder erklären ſie bloß in den Er⸗ wägungsgründen des Urtheils, daß die Sache notoriſch ſey, oder ſie laſſen ſich brevi manu, nicht in Folge eines Urtheils, die Urkunden des Gerichts oder des Civilſtandes zur Einſicht vorlegen, was durch die Staatsbehörde oder die Gerichtſchreiberei zur Stelle geſchieht und beziehen ſich dann erſt auf die Notorietät. Als kein Beweismittel iſt auch ferner das Geſtändniß zu betrachten, ſondern als ein Verzicht auf den Beweis, den die Gegenpartei zu führen hätte. Wo das Geſtändniß vorliegt, bedarf es, wie bei der Notorietät, für die Thatſache, welche durch dasſelbe conſtatirt wird, keines Beweismittels mehr. Dieſe Eigenſchaft wohnt *) So erzählt Zink Seite 240, Band I., daß ein Landgericht in der Klagſache eines Vormunds und Spezialcurators gegen den Vater des Pupillen wegen Erhöhung des Muttergutes, als letzterer deſſen Curatorium beſtritt, dem Klä⸗ ger den Beweis desſelben auferlegte, das ſelbe Landgericht, welches das Curatorium beſtätigt und gerichtlich conſtatirt hatte! quod non in actis, non in mundo; da hört Alles auf! 5 40 Civilprozeß. dem gerichtlichen Geſtändniſſe an, das heißt einem ſolchen das vor Gericht abgelegt wurde, wie dem außergerichtlichen Geſtänd⸗ niſſe, das iſt jenem, welches in Geſprächen, Briefen oder ſonſtigen Papieren enthalten iſt. Wenn ein gerichtliches Geſtändniß das Reſultat der freien Willenserklärung einer Partei iſt, ſo wird es ein freiwilliges genannt; geht es dagegen aus den Fragen hervor, welche in Folge der Art. 324 et seq. der Prozeßordnung eine Partei der andern mittelſt gerichtlicher Verfügung und mittelſt des Richters vorlegen läßt (in der ſogenannten Vernehmung über Thatumſtände und Artikel), ſo wird es ein erzwungenes genannt. Das gerichtliche Geſtändniß beweiſt vollſtändig gegen den, welcher es abgelegt hat, kann jedoch nicht zu dem Nachtheil desſelben getheilt werden. Das heißt, wenn das Geſtändniß mehrere That⸗ ſachen, die unter ſich in innigem Zuſammenhange ſtehen, enthält, kann ein Theil des Geſtändniſſes von dem andern nicht zum Nach⸗ theil des Geſtehenden getrennt werden, weil das eine ſchlechte Prä⸗ mie für die Bekennung der Wahrheit wäre und das Geſtändniß ſehr mißlich und ſelten machen würde, z. B.: Ich werde eingeklagt, zwei Pferde für 1000 Franken gekauft zu haben; ich gebe zu, die Pferde gekauft zu haben, behaupte aber, der Kaufſchilling ſey nur auf 900 Franken fixirt geweſen. Alsdann darf der Richter nicht die beiden Fakta in der Art mir zum Nachtheile trennen, daß auch bezüglich der Kaufſumme ich auf den Beweis der Gegenpartei durch mein Geſtändniß verzichtet hätte. Theilbar iſt das Geſtändniß in⸗ deſſen dann, wenn der Beklagte den Klagegrund zwar einräumt, z B. 1000 Franken als Darleihen empfangen zu haben, ganz fremde Thatſachen aber beifügt, welche die Klage modifiziren oder beſeitigen ſollen, als, er habe das Darleihen zurückbezahlt oder durch Compenſation getilgt. Das gerichtliche Geſtändniß kann nur wegen eines faktiſchen Irrthums widerrufen werden, nicht unter dem Vorwande eines Rechtsirrthumes. Das außergerichtliche Geſtändniß kann nur mittelſt der vom Beweiſe überhaupt geltenden Regeln erwieſen werden, alſo z. B. ſhn nGlfin et ſuſin det ſün willgs he in ſih det auden wlh ſtäne m gegen il deiſeh ehrenr Ih n, niit, zun ſit hlechte ſi Grſünn eini ebe u i ng ſ m Rihtn i d u purti ſtinn i reinin aben, iftiren der i s fitſn une in ſt det alſo 8 Beweistheorie ꝛc. 41 nicht durch Zeugenbeweis, wenn dieſer letztere wegen der Klagefor⸗ derung nicht zuläſſig iſt. Jede Partei kann in jeder Lage des Prozeſſes über jede Gattung von Streitigkeiten der andern, ſtatt Beweis zu führen, den Eid antragen. Der Eid iſt ebenfalls kein Beweismittel, ſon⸗ dern ein Vergleich, ein Compromiß der Parteien, dahin, daß durch Leiſtung desſelben der Streit über eine gewiſſe Thatſache entſchieden wird; der geleiſtete Eid vertritt für den Richter den Beweis ſelbſt und ſo die Stelle eines jeden andern Beweismittels. Er conſtatirt unter den Parteien und für den Richter die Wahrheit einer That⸗ ſache, die erſt mittelſt Urkunden, Zeugen oder ſonſt nachzuweiſen ge⸗ weſen wäre. Das Geſetz ſtellt zwei Gattungen des gerichtlichen Eides *) auf: 1) den Haupteid Germent déciscire, jur. decisorium), welchen eine Partei der andern anträgt, um die Entſcheid⸗ ung des ſtreitigen Klagepunktes davon abhängig zu machen; 2) den Eid, welchen der Richter von Amtswegen der einen oder der andern Partei auferlegt, entweder um die Hauptfrage entſcheiden zu machen, Erfüllungseid (jusjurandum suppletorium, serment suppletif) oder um den Betrag, Werth einer Summe oder eines Gegenſtandes feſtzuſtellen (jusjur. aestimatorium, Serm. éstimatit) Würderungseid. Der Haupteid kann von einer Partei der andern zurückge⸗ ſchoben werden, die Eide des Richters nicht. Eine Partei kann der anderen das litis decisorium antragen, aber nicht ein Dritter; und nur über eine dem Kläger oder dem Beklagten eigene per⸗ ſönliche Handlung kann er angetragen werden, alſo nur da, wo ſonſt ein Beweis zuläſſig wäre, aber ſelbſt gegen den Inhalt einer öffentlichen oder Privaturkunde. Wer einen Eidesantrag angenommen hat, kann nicht wieder davon zurückgehen; wer ſich der Eidesleiſtung weigert, auch den Eid nicht zurückſchiebt, wird ſachfällig. Wem der Eid erlaſſen wird, der wird angeſehen, als ob er ihn rechtlicher Ordnung nach *) Vom außergerichtlichen Eide, jur. extrajudiciale (Amtseid zc.) iſt hier nicht die Rede. 42 Civilprozeß. geleiſtet hätte. Den Erben und Rechtsnachfolgern eines Schuldners fann der Eid auch über die Handlungen des Autors, aber nur in der Weiſe angetragen werden, daß ſie ſchwören, nicht zu wiſſen und nicht zu glauben, daß ihr Autor dieſe oder jene Verpflichtung über⸗ nommen oder Handlung begangen habe (jusjur. credulitatis). Wenn der angetragene oder zurückgeſchobene Eid geleiſtet wurde, ſo iſt die Gegenpartei nicht mehr mit dem Beweiſe zuzulaſſen, daß der Eid falſch geſchworen worden. Eine ſolche Behauptung kann nur bei dem Criminalgerichte angebracht werden und hat übrigens ſelbſt in dem Falle, wenn derjenige, welcher den Eid geleiſtet hatte, des Meineids für ſchuldig erklärt und verurtheilt wurde, keinen Ein⸗ fluß mehr auf die entſchiedene Civilſache. Der ſuppletoriſche oder Erfüllungseid kann durch den Richter von Amtswegen nur unter zwei Bedingungen auferlegt werden, nämlich wenn die Klage oder die Einrede nicht vollſtän⸗ dig erwieſen und wenn ſie zugleich nicht von allem Beweiſe entblößt iſt. Iſt die Klage durchaus ohne allen Beweis, ſo iſt ſie zurückzuweiſen; iſt es mit der Einrede ſo der Fall, ſo iſt die Klage einfach zuzuſprechen. Der Reinigungseid, jusjur. purgatorium wird zwar nir⸗ gends im code civil genannt, aber kömmt offenbar der Sache nach unter dem Namen und Titel des ſuppletoriſchen Eides vor. VI. Kapitel. Die Koſten des franzöſiſchen Civilprozeſſes. Wir kommen nun an das Kapitel O. und W. im Civilpro⸗ zeſſe, an die Koſten, die den Parteien aus den Streitigkeiten in Verfolgung ihrer Rechte erwachſen. Es iſt die Wohlßeilheit oder möglichſte Koſtenloſigkeit des Civilprozeſſes der einzige Punkt, welchen der Geſetzgeber nicht erreichen konnte, obwohl er ihn mit großem Eifer, ja mit einer ganz beſondern Vorliebe in das Pro⸗ gramm vom 4. Auguſt 1790 aufgenommen hatte. Die Richter ſind allerdings von dort an vom Staate beſoldet worden und die Parteien durften dieſelben nicht mehr honoriren, oder mit den ſoge⸗ —— ſn Aim mn wi in m vu. i in niij knn ſün j iu o uin iun mnv iiu hu mi iij ubt jun wün iü iin 3 w . Schudun bet mui wiſn m tung ite atih) iſet uun laſen d ung im t ibign eiſtet hut, keinen i duch n aufein vollſin Bewriſ eis, ſoi ſo iſ di ſwn i Sache ni . ſet. n Eirihn tighkini lheit jge Int, r ihn ni dos J i Fitn n mnd ſi den ſch⸗ Prozeßkoſten. 43 nannten épices beſchenken; aber die Prozeſſe in Frankreich ſind den⸗ noch theurer für ſie geworden, als ſie ſelbſt vor der Revolution waren. Die Gebühren für Anwälte, Advokaten, Huiſſiers ſind, ob⸗ wohl zuſammen immerhin nicht unbedeutend, durch geſetzliche Tarife ſtreng und genau regulirt, und man muß geſtehen, in einer durch⸗ aus billigen Weiſe, ohne alle Uebertreibung. Ja, die Anſätze für die Taren der Advokaten und Anwälte ſind in den ſummariſchen Prozeſſen, deren es doch eine große Anzahl gibt und die nicht we⸗ niger Geſchicklichkeit und Studium erfordern, als die ordentlichen, wie wir ſchon früher geſagt haben, eher zu niedrig als zu hoch ge⸗ griffen. Die Einhaltung der Taren iſt ihnen zur unerläßlichen Pflicht gemacht und ſie ſind gehalten, jedem Rechtsſtreite ein Koſten⸗ verzeichniß beizufügen, das alle Koſten detaillirt enthält und von dem Präſidenten des Gerichts oder einem von ihm hiezu committirten Richter (juge taxateur) geprüft und in den einzelnen Anſätzen ge⸗ nehmigt oder geſtrichen wird. Nur auf den Grund eines richterlich tarirten Koſtenverzeichniſſes können ſie ihre Gebühren und Deſer⸗ viten von den Parteien beanſpruchen und einklagen, ſind die Par⸗ teien verpflichtet zu bezahlen. Differenzen bezüglich der Deſerviten werden von der Disziplinarkammer der Anwälte und Advokaten ge⸗ ſchlichtet, oder auf Rekurs durch das Gericht entſchieden. Geregelt ſind die Deſerviten durch das Tarif⸗Geſetz vom 16. Februar 1807*), das überdieß in ſeinem 151. Artikel die Anwälte verpflichtet, ein Regiſter zu führen, um alle empfangenen Gelder und Vorſchüſſe, Tag für Tag, mit eigener Hand, ohne Zwiſchenräume, leere Stellen und Lücken einzutragen. Dieſes Regiſter iſt von dem Gerichtspräſidenten Seite für Seite nach der Zahl und Reihe zu bezeichnen und zu paraphiren. Ueberſchreitungen der Taren werden disziplinariſch geahndet durch Verurtheilung zur Rückgabe, zum Schadenserſatz, zum Verweis und ſelbſt zur Suspenſion. Derſelbe Tarif für Civilſachen vom 16. Februar 1807 firirt auch die Gebühren für die Huiſſiers, gleichfalls in einem billigen und beſcheidenen Maaßſtabe. *) Später noch durch die Ordonnanzen vom 18. Septbr. 1833, 10. Okt. 1841, Geſetz vom 18. Juni 1843 und Beſchluß vom 24.— 29. März 1849. — — Fꝛ S— — 44 Civilprozeß. In den Gebühren für dieſe Beamten wäre alſo grade noch nicht die Koſtſpieligkeit zu finden, obwohl dieſelbe, wie wir ſchon früher angedeutet haben, oft mißbräuchlich erhöht wird durch un⸗ nöthige Schreibereien der Anwälte in ihren Anträgen und dem ſchriftlichen Vorverfahren. Sie bedienen ſich hierzu namentlich fol— genden Mittelchens, deſſen Aufdeckung indeſſen nicht mehr als eine Plauderei aus der Schule erſcheinen kann, da es in Frankreich be⸗ reits eine ſehr üble Notorietät erlangt hat, nämlich: In den An⸗ trägen, welche ſie ſich einander zuſtellen und faktiſche wie rechtliche Auseinanderſetzungen des Prozeſſes enthalten, laſſen ſie, da dieſelben bogenweiſe bezahlt werden, ganze Kapitel aus dem Geſetzbuch, ganze Abhandlungen und weitläufige Citaten juriſtiſcher Schriftſteller über die betreffende Materie, zum Prozeſſe durchaus unnöthig und allen⸗ falls in ein Lehrbuch paſſend, hineinſchreiben. Ja, man behauptet, es geſchehe nicht ſelten, daß geradezu die leeren Stempelbogen hinein⸗ gelegt, Stempel und Redaktionsgebühr angerechnet und dann die Stempel wieder herausgenommen und anderweits verwendet würden. Doch für die Richtigkeit dieſer Behauptung welche den Vorwurf der niederträchtigſten Prellerei in ſich ſchließt, können wir nicht bürgen und wollen ſie dahin geſtellt ſeyn laſſen. Die Wahrheit aber des vorher erwähnten Verfahrens können wir verbürgen und theilen zum Beweiſe hiefür den eigenen Terminus mit, welcher für dieſe Gaunerei gebraucht wird. Man nennt dieß: amplifiér on emplir les requétes (die Anträge erweitern oder dicker machen, herausfüttern). Das ſind aber immer noch nicht die gewichtigſten und eigent⸗ lichen Urſachen der Koſtſpieligkeit des Prozeſſes, um ſo weniger, als der Mißbrauch durch gerichtliche Ueberwachung und ſtrenge Einſchrei⸗ tung ſchon unterdrückt werden könnte. Dieſelben ſind in den maß⸗ loſen Anſprüchen des franzöſiſchen Fiskus zu ſuchen, in den Geſetzen über Enregiſtrement Geſetz vom 22. Frimaire VII. und vom 19. Dezember 1790), über Stempel (Geſetz vom 13. Brumaire VII.), über Gerichtsſchreibgebühren, droits de greffe (Ge⸗ ſetz vom 21. Ventòse VII., vom 22. Prairial desſelben Jahres, Dekret vom 12. Juli 1808 und Ordonnanz vom 5. Novbr. 1823) und über die Eintragungen in die Hypothekenbücher (Geſetz vom 21. Ventòse VII.) auh b lun „ ſn in* uiu 1in lhu 1 ubn vini R ii n vhn j hwin, n N ſuzu ſuh lun vb n un u Iu in gude u ie wit ſin duhn ud e mentih jt eht us i ſuntih t Ju inh wie nhlit da diſn tuch m ſiſtler in ndn m behnn bogen i dmi ndet win Vorwuf u icht lun eit abr und in et ſi ſi enpitb rausfiun und ihn weni i e bintu den u den Gen l ud Bnin wefe 6 ben Jin oubr 15 her Git Prezeßkoſten., 45 Die Beſtimmungen des letzten Geſetzes ſind die wenigſt läſti⸗ gen, nicht zu hoch angeſetzten Abgaben und auf gerechten Erwägungen beruhend. Die Steuern aber aus dem Einregiſtrirungs⸗, Stempel⸗ und Greffgebühren⸗Geſetz ſind in's Arge gehend. Jedes Dokument, jede Urkunde, die im Prozeſſe dient oder in Folge des Prozeſſes zu Stande kömmt (errichtet wird), muß auf Stempel geſchrieben, gegen die fixirte Gebühr einregiſtrirt ſeyn und jede Urkunde, Original oder Abſchrift, welche die Gerichtſchreiberei aufnimmt oder expedirt, hat eine verhältnißmäßige Gebühr als droit de greffe an den Fiskus zu entrichten. Die Stempelbögen ſind in verſchiedenen Dimenſionen nach beſtimmten Vorſchriften zu verwenden; einfache Stempelblätter zu 25 Centimes (7 kr.), doppelte zu 50 Centimes (14 kr der Bogen Groß⸗Regiſter zu 1 Frank 50 Centimes; der Bogen Groß⸗ papier zu einem Frank, der Bogen Mittelpapier 7 Centimes Qlkr.) Die Einregiſtrirgebühren werden in beſtimmte Gebühren abgetheilt, das heißt in ſolche, die für die Natur des Aktes ohne Rückſicht auf Summen oder Werthbeſtimmungen entrichtet werden, und in proportionelle, die nach der Größe der Summen, welche der Akt enthält, erhoben werden. Die der erſtern Art haben in ihrem Minimalanſatze 1 Frank und in dem Marimalanſatze 25 Franken. Zwiſchenſätze ſind 2, 3, 5, 10, 15 Franken. Hieher ge⸗ hören z. B. die Urkunden über Verzichtleiſtung auf eine Erbſchaft, Adoption, Notorietätserklärung, Vollmacht, Vormundsernennung, Ehevertrag, Inventar, Kindsanerkennung, Eivesleiſtung miniſterieller Beamten, Emanzipation, Urtheile der Gerichte u. ſ. w. Der Minimalſatz der proportionellen Gebühren iſt 25 Centimes Prozent (alſo für 100 Franken), der Marimalanſatz fünf Fran⸗ ten Prozent. Der proportionellen Gebühr ſind unterworfen alle Urkunden, die eine Veräußerung von Mobilien und Liegenſchaften durch Verſteigerung, Tauſch, Kauf, Vergleich ꝛc., eine Verpachtung, Vermiethung derſelben, eine Herausgabe bei Theilungen, Schenkung unter Lebenden ꝛc. enthalten, ſo wie noch eine Maſſe anderer Urkunden. Damit aber noch nicht zufrieden, ließ ſich der Fiskus für die Dauer des Kriegs durch Geſetz vom 6. Prairéal VII. noch weiter eine außerordentliche Kriegsſteuer zuerkennen, beſtehend in einem ℳ 46 Civilprozeß. Dezime (Zehntel) vom Franken für die Gebühren des Stempels, der Einregiſtrirung, der Hypotheken⸗ und Greffegebühren, der Zölle u. ſ. w. Dieſe außerordentliche Kriegsſteuer beſteht, wenn wir uns nicht ſehr irren, unter dem Namen Centime additionell noch heute in Frank⸗ . zi reich und wurde erſt im — 1831 in der bayeriſchen Rheinpro⸗ ni vinz beſeitigt. u l Daß dieſe Steuern alle einen enormen Betrag für die Staats⸗ un kaſſe ausmachen, begreift ſich leicht und ſind von dieſem Standpunkt zuh 7 aus betrachtet ſehr zweckmäßig und gar nicht übel, aber allerdings nn ſehr rückſichtslos gegen die Perſon, die ihr Recht ſuchen oder ver⸗ wo theidigen muß. Wir finden in dem Budget Frankreichs die Staats⸗ 3 einnahmen aus Stempel⸗ Einregiſtrir⸗, Gerichtsſchreiberei⸗ und Hy⸗ pothekengebühren per Jahr in den letzten zehn Jahren zu Beträgen 3 von 250 bis 260 Millionen Franken eingeſtellt, welche Summen F. den beſten Begriff von der Tüchtigkeit der ſiskaliſchen Eigenſchaften * der fraglichen Inſtitute geben. uij* Das Nähere über Organiſation ꝛc. der Regiſtrir⸗ und Hypo⸗ nn thekenämter, ſo wie die Bezeichnung der Behörden, welche die Strei⸗ an tigkeiten über die Gebühren obiger Art zu entſcheiden haben, iſt im uä erſten Hefte theils im Anhang, theils in dem Abſchnitt über ad— ütu miniſtrative Competenz angegeben, weßhalb wir in dieſer Beziehung vit dorthin verweiſen müſſen. Die Koſten ſpielen alſo im franzöſiſchen Prozeſſe ſo gut ihre in u Rolle wie im deutſchen Verfahren und treten dort nicht minder wie hn hier in dem Fache der großen Räuber, abgefeimten Gauner und cu herzloſen Wucherer auf. Ihrer wird daher ſtets in den Con⸗ in kluſionen der Parteien mit angelegentlicher Sorge gedacht und wie inin ein Echo hallt ſie das Urtheil in ſeinem Dispoſitiv wider. Die nſ Hauptgrundſätze bezüglich der Belaſtung der Parteien durch dieſelben ſuM finden ſich im nächſten Kapitel in der Abhandlung über die Urtheile. i üh Un npels, h ileuſu ſih ſin in ſn Rhei⸗ ie Sunt Snyn aleß ode w it Sint mh Biin Sinnn genſnn und h die Eni en, ſti iber Pejhn o gut in nine vi au m dn lu tm u ider h niſn e Urhi Klagen. Einreden. Urtheile. 47 VII. Knpitel. Klagen. Einreden. Urtheile. Die juridiſche Sprache in Frankreich hat zwei Worte für „Klage“ in Gebrauch, action und demande. Unter action wird jedoch mehr das Klagerecht ſelbſt verſtanden, unter demande die Klage, als Mittel das Recht geltend zu machen. Die weſentlichen Beſtand⸗ theile einer Klage werden mit kond (die zu Grund liegende That⸗ ſache), maxime de droit (der Rechtsgrund, auf welchem die action beruht) und conclusions petition (das petitum) bezeichnet. Während manche Klagearten des römiſchen Rechts, die eben im Syſteme des prätorianiſchen Rechts begründet waren, dem franzöſi⸗ ſchen fern geblieben ſind, finden ſich dagegen die hauptſächlichſten Arten und Claſſifizirungen desſelben in ihm wieder vor. Zuerſt namentlich die umfaſſendſte Eintheilung aller Klagen in perſön⸗ liche, dingliche und gemiſchte. Die perſönliche Klage (ae- tion personelle) hat eine Verbindlichkeit etwas zu thun, zu leiſten, eine Schuld zum Rechtsgrunde und iſt gegen die verpflichtete Perſon gerichtet; actio in personam. Die dingliche Klage hat ein ding⸗ liches Recht zum Rechtsgrunde und wendet ſich immer wider den Beſitzer der Sache; action réelle, actio in rem. Die gemiſchte Klage (action mixte, actio mixta) wird gegen die Perſon gerichtet, welche zu gleicher Zeit uns verpflichtet und als Beſitzer der Sache erſcheint, die wir beanſpruchen als ein uns zuſtehendes dingliches Recht oder als unſer Eigenthum. Die Rechtslehrer und Gerichte ſind darüber nicht einig, welche Klagen alle zu den gemiſchten zu rechnen ſind, was deßhalb keine müſſige Controverſe iſt, da die Com⸗ petenz des Gerichtes von der Qualifikation derſelben oft abhängt. Einige beſchränken dieſelben auf wenige, gewöhnlich auf die here- ditatis petitio (lage auf Auslieferung der Erbſchaft) und die Thei⸗ lungsklagen des ältern Rechtes (actiones divisoriae); andere zählen alle dinglichen Klagen dazu, welche auf die Erſtattung erhobener Nutzungen oder auf ſonſtige Leiſtungen gerichtet find⸗ Die dinglichen Klagen ſind Mobiliar⸗ oder Immobiliar⸗ klagen (actiones mobilières ou immobilières), je nachdem ihr 48 Civilprozeß. Gegenſtand eine bewegliche oder unbewegliche Sache iſt. Sie ſind 1u petitoriſche, wenn ihr Gegenſtand ein dingliches Recht oder ein zubl Standesrecht (quéstion d'état) bildet, oder poſſeſſoriſche, wenn in ſie auf den bloßen Beſitz ſich richten. auu Die poſſeſſoriſchen Klagen ſuchen entweder Schutz im geſtörten nſ Beſitze nach und werden dann complaintes genannt, die inter— M dicta oder actiones retinendae des Pandektenrechtes; oder ſie be⸗ uubui zwecken die Wiedererlangung eines verlornen Beſitzes, réintégrande, un actio recuperandae possessionis. Die interdicta adipiscendae un possessionis fehlen dem franzöſiſchen Rechte. Die hauptſächlichſten der Ründ petitoriſchen Klagen ſind die Vindikationen (révendications). unlh Poſſeſſoriſche und petitoriſche Klagen können nicht cumulirt, das heißt, i nicht zugleich und neben einander angeſtellt werden, und der Kläger, u der zuerſt den petitoriſchen Weg betreten hat, darf nicht mehr auf ininl die poſſeſſoriſche Klage zurückkommen. Dem Richter iſt es nament⸗ zujn . lich unterſagt, durch ein Urtheil in Poſſeſſoriv und Petitorio zu er— gün kennen, während einzelne Fälle eine gewiſſe Art der Cumulation ex⸗ an u ceptionell zulaſſen. Der durch eine Beſitzſtörungsklage getroffene Be⸗ ani klagte kann erſt nach deren Austrag den petitoriſchen Weg betreten, nin und im Falle er in erſterem Prozeſſe unterlegen iſt, erſt dann, wenn n er das Urtheil vollſtändig vollzogen hat. Die richterlichen Unter⸗ mh ſuchungen in Beſitzſtörungsklagen dürfen ſich nicht auf den Grund des Rechts ausdehnen, das heißt, ſie dürfen nicht das Eigenthum in kin Frage und Betracht ziehen. Wenn der Beklagte gegen den Kläger wechſelſeitig eine Klage ishe anſtellt, ſo nennt man dieß eine Widerklage (reconvention.) i Wenn die eine Partei ſo gut als die andere als Kläger auftreten 3 8 kann, ſo hat die Klage die Natur einer wechſelſeitigen. Solche 6. ſind die Theilungsklagen, welche das römiſche Recht mixtae nannte. Viele Autoren nehmen an, mit dem Ausdruck actio mixta habe nur eine wechſelſeitige Klage bezeichnet werden wollen und eine 3 — actio in personam und rem zugleich in der Hauptſache gebe es „ gar nicht. Die Eintheilung in actiones bonae fidei, stricti juris, utiles, in factum und auch praescriptis verbis hat das franzöſiſche i Recht nicht in ſich aufgenommen. 6 Nachdem wir die verſchiedenen Arten der Klagen dargeſtellt . 14 Sie ſn toder ih he, um giſnn die ile der ſi he tigmi ipiseeni hchſenin dieutin „dashe der iꝝ neht aj es nan ri z ulain tofen b g benn am, vn en l du hu ehi ine A nein taſun e n ixt h in he gü i ici j funiſſ wſil Klagen. Einreden. Uurtheile. 49 haben, gehen wir zu den Vertheidigungsmitteln des Beklagten, welche er den Klagen entgegenſtellt, zu den Einreden über. Der code de proced. civile behandelt, während er von den Klagen gar nichts ſagt, auch die Einreden nicht erſchöpfend und ſyſtematiſch, ſon⸗ dern begnügt ſich damit, im 9. Titel des zweiten Buchs von Art. 166— 192 einzelne Arten derſelben aufzuſtellen, nämlich die Ein⸗ rede der Cautionsſtellung gegen Fremde, die der Inkompetenz des Richters, der Nichtigkeit von Prozedurakten, mehrere dilatoriſche Ein⸗ reden und die Incidentprozedur wegen nicht mitgetheilter Beweisſtücke. Die Einreden nun können zwiefacher Natur ſeyn; ſie können gegen das Klagerecht ſelbſt, gegen den Grund der Klage gerichtet ſeyn Ces defenses proprement dites) oder gegen die Klage formell C. la demande), ohne den Grund derſelben zu berühren; (es ex- ceptions oder les fins de non-recevoir.) Der Ausdruck exception wird indeſſen vom Geſetze, in der Jurisprudenz und in juriſtiſchen Werken oft auch für die detenses gebraucht, das heißt, für die Einreden, welche ſich au kond, auf den Klagegrund ſelbſt beziehen, wie die exceptio solutionis, die Einrede der Bezahlung einer Schuld oder geleiſteten Verbindlichkeit. Die fins de non-recevoir, auch conclusions, denn fins und conclusions ſind Synonhme, können verſchiedener Art ſeyn, nämlich: Entweder eigentliche kins, die peremtoriſch gegen die Klage wirken ſollen wie die Einrede der Verjährung, des Vergleichs, der res judicata, der mangelnden Qualität oder der Intereſſenloſig⸗ keit des Klägers; oder die fins de non-valoir ou nullités, welche die Nichtigkeit von Ladungen (exploits) oder ſonſtigen Prozedur⸗ akten wegen Formfehler behaupten; oder fins de non proceder, deklinatoriſche Einreden, welche die Competenz des Gerichts in Anſehung der Perſon oder der Materie oder wegen Connexität und Litispendenz beſtreiten. Connexität iſt dann vorhanden, wenn der Klagegrund in ſolch' innigem Zuſammenhange mit dem eines andern Prozeſſes, der nicht demſelben Tribunale zur Entſcheidung unterbreitet iſt, ſteht, ſo daß das Urtheil der beſtrittenen Inſtanz das der zuletzt erwähnten beeinfluſſen könnte. Litispendenz liegt vor, wenn dieſelbe Rechts⸗ ſache, und zwar ein und dieſelbe in Beziehung auf die Parteien, III. Civilprozeß. 4 2 50 Civilprozeß. die Sache ſelbſt und den Klagegrund an einem andern Gerichte ſchon anhängig iſt; oder dilatoriſche Einreden, welche als Gegenſatz der peremtoriſchen, den Beklagten einſtweilen (ielleicht auch für immer) von der Klage befreien. Dahin gehören die Einrede der Cautionsleiſtung (exceptio actionis nondum natae, exceptio non- dum praestitae cautionis pro expensis) und alle forideclinatoriſche Einreden. Bezüglich der Ordnung, in welcher die Einreden vorzubringen ſind, iſt nun folgendes Syſtem zu merken: Die eigentlichen Exceptionen ſind anzubringen vor den Einreden (defenses) gegen den Klagegrund ſelbſt, denn die Unterſuchung des letztern wird überflüſſig, wenn eine der Exceptionen begründet er⸗ ſcheint; die Exceptionen unter ſich aber in folgender Weiſe: 1) Die Einreden aus Gründen der Nullität der Klage wegen Formfehler, die ſogenannten Nullitäten müſſen vor jeder Einrede, mit Ausnahme der allein der Inkompetenz, vorge⸗ bracht werden, weil ſie durch die weitere Einlaſſung in den Streit gedeckt, couvrirt, d. h. unwirkſam würden. 2) Die forideclinatoriſchen Einreden müſſen vor jeder weitern Einlaſſung in den Streit und den übrigen Einreden vorge⸗ bracht werden, indem eine weitere Einlaſſung einer Prorogation des Gerichts gleich betrachtet würde. Nur wenn die Einrede der In⸗ kompetenz auf die Materie der Sache ſich gründet, kann dieſelbe in jeder Lage des Prozeſſes angebracht werden, ja das Gericht hat ſie von Amtswegen zu ergänzen und die Verweiſung (e ren- voi) des Streites an das kompetente Gericht zu verordnen. Man nennt deßhalb auch dieſe Einreden noch weiters les ren- vois, die Verweiſungen. Die Geſuche um Verweiſung werden ſummariſch vor Entſcheidung der Hauptſache behandelt und ent⸗ ſchieden. 3) Die eigentlichen fins de non-recevoir wie die exc. rei judicatae, der Verjährung, des Vergleichs ꝛc. ſollen auch jeden⸗ falls vor den defenses vorgebracht, können aber gleichwohl in jeder Sachlage bis zu Schluß der Inſtruktion, alſo ſelbſt in der Berufungsinſtanz, noch wirkſam vorgeſchützt werden. Das röniſche in 1 i in u mi nin zut nil imn 05 h tgenſtz i ht ah ſt bin w Ceptio n Nclinnniſt vorihn den bin rſuchmn w begim tiſ: it M iy niſn u tenz, uuh n dn en en wr jn reden bo whin de * tus l ſn v lt die l u hi ſchi i dus int Klagen. Einreden. Urtheile. 51 Recht, wie man es in Frankreich interpretirte, hielt an dieſem Grund⸗ ſatze und die Ordonnanz von 1667, nach den Erläuterungen des Rodiör gleichfalls, ſo daß, da das neuere Recht hierüber ſchweigt, die Jurisprudenz denſelben adoptirt hat. Der Geſetzgeber ſcheint auch wirklich dem Grundſatze ſchweigend gehuldigt zu haben, da er dem Richter verbietet, Einreden dieſer Art ſelbſt zu ſchaffen oder zu⸗ zulaſſen und zwar bei Strafe der Caſſation des Urtheils wegen Gewaltüberſchreitung (excés du pouvoir). 4) Die dilatoriſchen Einreden ſollen vor der Einlaſſung in den Klagegrund, und zwar zuſammen vorgebracht werden. Dieſe Vorſchrift des Artikels 186 iſt die einzige, die in der franzöſiſchen Prozedur an die Eventualmarime erinnert, aber man darf ſich durch den fraglichen Artikel durchaus nicht zu der Idee verleiten laſſen, der Geſetzgeber habe dieſe Marime in der Starrheit des deut⸗ ſchen Prozeſſes eingeführt oder auch nur einführen wollen. Denn es iſt den Parteien trotzdem geſtattet, auch noch ſpäter, wenn ſie erſt hintendrein die Umſtände erfahren, welche eine dilatoriſche Einrede begründen, mit demſelben aufzukommen und ihrer nicht verluſtig zu gehen. Die Verfügung des Artikels iſt mehr als ein guter Rath, als eine Ermahnung an Anwälte und Parteien, die Prozeſſe nicht zu verſchleppen und hinzuhalten, anzuſehen. Die hauptſächlichen Einreden dieſer Art, wie ſchon erwähnt, ſind: a) Die exc. nondum praestitae cautionis pro expensis. Jeder Ausländer, mag er als Hauptkläger oder als Intervenient auftreten, iſt ſchuldig, wenn der Beklagte es vor jeder andern Ein⸗ rede verlangt, für die Zahlung der Koſten, Schäden und des ent⸗ behrten Gewinnes, wozu er verurtheilt werden könnte, Caution zu leiſten. Er iſt dieſelbe nicht ſchuldig, wenn er eine genügende Summe hinterlegt oder beweiſt, daß er Güter in Frankreich habe, die hinreichend die Bürgſchaft decken. (Artikel 166 und 167). b) Die Einrede der Gewährleiſtung oder der Garantie (de la garantie). Der Beklagte ſchützt ſie vor, wenn ein Dritter die Mittel zur Vertheidigung gegen die Klage in Folge geſetzlicher oder vertragsmäßiger Beſtimmung herbeizubringen hat. Die Ga⸗ rantie iſt entweder eine formelle oder eine einfache (garantie formelle ou simple). Die formelle bezieht ſich auf dingliche Kla⸗ 4* S 52 Civilprozeß. gen, z. B. eine Revindikationsklage gegen den Käufer einer Liegen⸗ ſchaft wird angeſtellt, dieſer läßt ſeinen Verkäufer als Garanten (Gewährsmann, Garantiebeklagten) zum Prozeſſe dazu laden. Die einfache Garantie kömmt bei perſönlichen Klagen vor, z. B. es wird gegen einen einfachen Bürgen geklagt; dieſer zieht den Hauptſchuldner als Gewährsmann in den Prozeß. Der Garantiebeklagte kann in⸗ gleichen auch ſeinen Gewährsmann in den Prozeß hereinziehen; dieſer heißt dann Untergarantiebeklagter. Und ſo Jeder ſeinen Garanten, daß es eine ganze Kette Unterbeklagter gibt. (Art. 175— 185). c) Die Einrede der nicht geſchehenen Communikation der Beweisſtücke. Die Parteien können die Mittheilung der Be⸗ weisſtücke, welche gegen ſie gebraucht werden, mittelſt eines bloßen Aktes verlangen. Die Beweisſtücke ſind entweder auf der Greffe zu deponiren oder gegen Haftſchein dem Anwalte der betreffenden Partei zu übermitteln. Kläger und Beklagter können dieſe Einrede geltend machen und das Verfahren hiebei, wenn in Folge verweigerter Mit⸗ theilung das Gericht um Entſcheidung wird, iſt ein ſum⸗ mariſches. (Art. 188— 192). d) Die Einrede der nicht abgelaufenen Friſten, welche das Geſetz zur Errichtung von Inventarien und zur Bedenkzeit über Annahme oder Ausſchlagung einer Erbſchaft den Benefiziarerben, einer Gütergemeinſchaft der Wittwe oder ſeparirten Frau geſtattet hat. (Art. 174 und 187). Nachdem wir nun die Mittel, welche dem Kläger und dem Beklagten zur Geltendmachung, Begründung und Vertheidigung ihrer Rechte geſetzlich an die Hand gegeben ſind, unterſucht haben, wollen wir ſofort die verſchiedenen Arten und Weiſen, in welchen der Rich⸗ ter, nachdem er dieſe Mittel gebuͤhrend gewürdigt, ſeine Entſcheid⸗ ungen kund gibt, in Betracht nehmen. Die richterlichen Entſcheide, Urtheile, werden in der franzöſiſchen Gerichtsſprache jugemens genannt, wenn ſie von Friedens⸗, Handels⸗Erſtinſtanzgerichten her⸗ rühren; arréts, wenn ſie von Gerichtshöfen, alſo von den Ap⸗ pellhöfen und dem Caſſationshofe erlaſſen ſind; arrétes, wenn ſie von Adminiſtrativbehörden ergehen. Andere richterliche Verfügungen, welche ſich nicht auf den Entſcheid des Prozeſſes ſelbſt beziehen, ſondern nur zur Vornahme gewiſſer prozeſſualiſcher Handlungen von iner in 6 Gamn ld J. 6n uſihtn e m iehen; iit nGnnn —185 nikrtin ung w eines biſt e Gu enden ut nrode gin eigenn it in jn ſten uh dnhi it mjjmin tn yi et u w dizn in ben, wl en d i e Biſt Grſti jugenen etithin ſ on de , we . fignh ſ hju lungen Klagen. Einreden. Urtheile. 53 einem einzelnen Richter erlaſſen werden, wie Terminbeſtimmungen zur Vornahme von angeordneten Zeugenverhören, Ortsbeſichtigungen, Gläubigeranmeldungen ꝛc. ferner die Beſcheide des Präſidenten wer⸗ den ordonnances genannt. Die Urtheile ſind entweder prozeß⸗ entſcheidende (definitits), welche den Rechtsſtreit in der Haupt⸗ ſache oder nur in einem Punkte abſchließend entſcheiden, oder ſolche, welche den Endbeſcheid nur vorbereiten. Dieſe letztern werden unterſchieden: 1) in präparatoriſche (j. Préparatoires); dieſelben ent⸗ halten eine Verfügung des Richters zur Inſtruktion des Rechts⸗ ſtreites, um denſelben in die Möglichkeit zu verſetzen, definitiv zu entſcheiden, und präjudiziren nicht den Klaggrund; . B. das Gericht verordnet einfach die Communikation der Beweisſtücke; 2) in interlokutoriſche (Gnterlocutoires); auch dieſe ordnen eine prozeſſualiſche Operation an, aber mit einem Pr äjudiz für die Hauptſache, wie die Vornahme eines Zeugenverhörs, einer Orts⸗ beſichtigung, eines Urkundenbeweiſes ꝛc.; 3) in proviſoriſche Grovisoires); dieſelben ordnen für⸗ ſorgliche Maßregeln gegen Gefährden an, welche die Parteien oder den Streitgegenſtand während des Ganges des Prozeſſes treffen. tönnten, z. B. das Gericht verordnet: die Verabreichung der Ali⸗ mente an die Frau während eines Trennungsprozeſſes von Tiſch und Bett, die Sequeſtrirung einer Sache wie eines Pferdes, Ge⸗ treide⸗Weinvorrathes u. ſ. w. bis zur endgültigen Entſcheidung. II. Die Urtheile ſind entweder in erſter Inſtanz erlaſſen und können durch Berufung oder Appellation angegriffen werden, oder in letzter Inſtanz; und ſind dann durch Berufung nicht mehr zu bekämpfen, ſondern nur mittelſt außerordentlicher Rechts⸗ mittel (j. souverains). III. Dieſelben ſind entweder contradiktoriſche G. contra- dictoires) auf Anhörung beider Theile, des Klägers und des Beklagten ergangene oder Defaut⸗Urtheile (j. Par défaut), auch Contumazial⸗Urtheile genannt, erlaſſen auf Anhören nur einer Partei, des Klägers oder des Beklagten allein. Bleibt der Beklagte aus, ſo iſt das Urtheil das eigentliche jugement de oder par dé- faut; bleibt bei der öffentlichen Verhandlung der Kläger aus, ſo iſt eeeeee0ec 54 Civilprozeß. der Beklagte berechtigt, gegen dieſen ein Defaut⸗Urtheil zu nehmen, welches défaut-congé heißt. Da an den ordentlichen Gerichten die Parteien nur mittelſt Aufſtellung eines Anwalts erſcheinen können, ſo nennt man das Defaut, wenn die beklagte Partei keinen Anwalt beſtellt, alſo nicht erſcheint, défaut contre la partie; wenn der beſtellte oder conſtituirte Anwalt keinen Antrag nimmt, défaut contre avoué. Wenn in einem Rechtsſtreite mehrere Beklagte figuriren und von dieſen ein oder einige keinen Anwalt beſtellen, ſo ergeht zwar gegen die Ausbleibenden ein Defaut⸗Urtheil, welches aber mit der Hauptſache verbunden und den Ausbleibenden mit wiederholter Vorladung zu einer fixirten Sitzung zugeſtellt wird. Ein ſolches Verbindungsurtheil heißt détaut de jonction; (Art. 153 c. d. p. c.) wird jedoch nur in Beziehung auf Beklagte erkannt, nie aber, wenn unter mehrern Klägern welche ausbleiben. W. Wenn die Parteien die Jurisdiktion eines Gerichtes mit⸗ telſt Uebereinkunft freiwillig erweitern in Anſehung der Perſon oder der Sache, ſo wird das in Folge dieſer Uebereinkunft ergehende Ur⸗ theil Prorogations-Urtheil, (. prorogé) genannt. Jugement convenu oder de convenance oder d'expédient, freiwilliges Urtheil heißt ein ſolches, welches die Parteien durch ihre Anwälte, gewiſſermaßen wie eine Transaktion, dem Richter präſentiren, der keine Streitpunkte, indem keine eriſtiren, entſcheiden, ſondern nur dieſen in Urtheilsform eingekleideten Vergleich legaliſtren, ihm den Ausdruck richterlicher Autorität verleihen ſoll. Homologations⸗ Urtheile 6. dhomologation) nennt man diejenigen, welche die Beſtätigung oder Genehmigung einer Verhandlung, die von einem Friedensgerichte oder Notariat ausgegangen iſt, enthalten. Der Ho⸗ mologation z. B. bedürfen die Beſchlüſſe des Familienraths in ge⸗ wiſſen, bedeutungsvollern Pupillenangelegenheiten (ſiehe Civilrecht, Titel X), die Theilungen, wobei Minderjährige, Interdicirte ꝛc. be⸗ theiligt find u. ſ. w. Die Urtheile, welche auf Bittſchriften einer Partei ergehen, werden jugemens sur requétes genannt. Endlich heißen die Urtheile, wogegen kein Rechtsmittel mehr zuläſſig iſt, jugemens passés en force de chose jugée (res ju- dicata). ſu whm en Geihn ts hin Pu kin rtie; u nt, lin ſguin n oegtn aber ni viheht bu ſit (An lt ecmt, i n. erihts n Pein egehel t. Mge teiwilln ihr Ui iſenitn, * ſhn n ren, in n ologatin 1, wihe ie un in en Dnh miths u he ſiiu dieire v huin in . nitl u gie ſöß Klagen. Einreden. Urtheile. 55 Ein jedes Urtheil muß enthalten: 1) Namen, Stand, Wohnort der Parteien, Namen der An⸗ wälte, die Concluſionen, die ſummariſche Auseinander⸗ ſetzung der faktiſchen und rechtlichen Punkte. Dieſes zu⸗ ſammen nennt man die Qualitäten (les qualités). 2) Die Namen der Richter und des Staatsprokurators, wenn er gehört wurde auch die Erwähnung ſeines Antrags, die Erwäg⸗ ungsgründe oder Motive und den verfügenden Theil, das Dis⸗ poſitiv. (Art. 141 und 142 c. Zu dem Dispoſitiv gehört auch die Verfügung wegen der Koſten des Prozeſſes. Als Hauptgrundſatz gilt hier, daß die unter⸗ liegende Partei in die Koſten verurtheilt wird. Es kann aber auch eine Vertheilung derſelben ſtattfinden oder auch eine Compenſation, wegen verwandtſchaftlicher Verhältniſſe, oder wenn beide Parteien in einzelnen Streitpunkten wechſelſeitig unterliegen. Bei Erbtheil⸗ ungen, wobei Minderjährige, Abweſende, Interdicirte betheiligt ſind und welche geſetzlicher Vorſchrift nach, unter Mitwirkung des Gerichtes zu geſchehen haben, wird die Entnehmung der Koſten aus der Maſſe angeordnet, weil ja nicht eine einzelne Partei, ſondern das Geſetz die gerichtliche Handlung provocirt hat. (130 — 134, 543 und 544 d. c. d. p. c. Tarif und Dekret vom 16. Februar 1807.) Zur Redaktion der Motive hat die Jurisprudenz ohne alle ge⸗ ſetzliche Vorſchrift eine ſehr bequeme und faßliche Form gewählt. Die faktiſchen Verhältniſſe, die Beweiſe, die rechtlichen Punkte wer⸗ den in einer Reihe von Schlüſſen gewürdigt, deren jeder ſich anfängt mit considérant oder attendu (in Erwägung, in Be⸗ tracht) und welche Form die Kürze, Bündigkeit und Präciſion der franzöſiſchen Urtheile ermöglichen. Die Urtheile müſſen in öffentlicher Sitzung laut und deutlich verkündet werden. Berathen werden ſie in der Rathskammer oder gleich nach inſtruirtem Prozeſſe in der Sitzung durch ſtille Unfrage des Vorſitzenden. Sie werden nach Stimmenmehrheit gefaßt, in ein Originalregiſter eingetragen und von dem Präſidenten (Vorſitz⸗ enden überhaupt) und dem Gerichtſchreiber unterſchrieben. In dieſem Regiſter iſt jedoch nur der Tenor des Urtheils enthalten, das heißt: Namen, Stand, Wohnort der Parteien, Namen der Anwälte, der 56 Civilprozeß. Richter und des Staatsprokurators, die Concluſionen der Parteien, — die Conſiderants der Richter und das Dispoſitiv. Die Erpoſitionen ſw der Anwälte, welche die Qualitäten enthalten, werden erſt in die Urtheilsabſchrift eingerückt. Dieſe iſt dann im Namen des Staats⸗ — oberhauptes auszufertigen und mit der executoriſchen Formel an die „ Vollzugsbehörden zu verſehen. „ b nin u uhli VIII. ünpitel. 1 vbi, Gerichtsbarkeit und Kompete nz. ie Unter Gerichtsbarkeit (jurisdictio, jurisdiction) verſteht u man die einer gerichtlichen Behörde oder Perſon zuſtehende geſetzliche in! Befugniß über einen Rechtsſtreit zu erkennen oder beſtimmte Rechts⸗ hü handlungen vor ſich vorgehen zu laſſen und ihnen dadurch ein ge⸗ umi ſetzliches Anſehen zu ſichern. Die letztere Art von Jurisdiktion wird iin die freiwillige genannt (la jurisdiction gracieuse ou volon- 1 taire) und iſt hauptſächlich dem Notär, in vielen Fällen auch dem imn Richter anvertraut. So übt der Friedensrichter als Präſident des unb Familienrathes, als Vermittlungsbeamter, wenn vor ihm Anerkenn⸗ ſin ungen natürlicher Kinder, Adoptionen, Emanzipationen geſchehen, ſti wenn er auf eine Verlaſſenſchaft Siegel anlegt oder ſolche wieder mun abnimmt, ſo üben die ordentlichen Gerichte, wenn ſie Familienraths⸗ iui beſchlüſſe, Adoptionen, Theilungen, wobei Minderjährige ꝛc. betheiligt find, genehmigen, Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit aus. wih Die erſterwähnte Jurisdiktion iſt die ſtreitige da jurisdiction vh contentieuse) oder die Jurisdiktion ſchlechthin, und ruht in den imn Händen der Gerichte. um Jede Jurisdiktion iſt der Ausfluß der oberſten Staatsgewalt, liim der Souveränität einer Nation, welche durch ihr Oberhaupt reprä⸗ ſyi ſentirt wird; die Geſetze aber beſtimmen die Gränzen und den Um⸗ ſu fang der Jurisdiktion, innerhalb welcher die Beamten des Staates i zu handeln und ſich zu bewegen haben. öſ Man theilt die ſtreitige Gerichtsbarkeit in eine ordentliche ſun Puin ii ii iß Ns Sint, ml nn ) wi de giſtli nie ht ch inp⸗ ikion un on ſhr mah iſdent w Anen geſhehn che win nilemn bechih . risiein ſ in d utg t mi mlu EL entliht Gerichtsbarkeit und Kompetenz. 57 (jurisdiction ordinaire) und in eine erceptionelle (jurisdiction d'attribution ou d'exception) ein. Die letztere befaßt ſich nur mit gewiſſen Rechtsſachen, welche mit Rückſicht auf die beſondere Natur ihrer Subjekte oder Objekte ausnahmsweiſe behandelt werden ſollen, während die erſtere alle beherrſcht, welche nicht zur Ausnahme gehören und die Regel bildet. Zu jener gehören die Friedensge⸗ richte, die Handels⸗ und Fabrikgerichte, die Schiedsrichter und die adminiſtrativen Dikaſterien (Regierung, Staatsrath, oberſter Rechnungshof); zu dieſer die Bezirks⸗ oder Erſtinſtanzgerichte und die Appellhöfe oder Zweitinſtanzgerichte. Ueber den richterlichen Tribunalen allen aber als treuer Wächter der Geſetze, als Wahrer der Einheit der Rechtsverwaltung im gan⸗ zen Reiche ſteht als oberſter Leiter, nicht als eine Inſtanz, und mehr als ein großes politiſches Inſtitut denn als ein richterliches Tribunal, der Caſſationshof. Da die Jurisdiktion der außerordentlichen oder exceptionellen Ge⸗ richte auf eine gewiſſe Gattung von Rechtsſachen beſchränkt iſt, welche ihnen zur Entſcheidung nur kraft beſonderer Attribution zuge⸗ theilt ſind, ſo können dieſe beſondern Attribute nicht über ihre be⸗ ſtimmte und geſetzliche Gränze hinaus erweitert werden, das heißt, mit der Entſcheidung der ihnen zugewieſenen Rechtsſachen hört ihre Funktion auch auf und die Wirkſamkeit der ordentlichen Gerichte tritt ſofort ein, wenn es ſich um die Vollziehung der Urtheile der außerordentlichen Gerichte handelt, über welche nie ein tribunal d'exception erkennen kann. Die Jurisdiktion eines Gerichtes kann indeſſen innerhalb der ihm gegebenen Kompetenz oder Attribute ſowohl in Anſehung der Perſon, als der Materie, inſoferne es ſich in letzterer Be⸗ ziehung um eine beſtimmte Werthſumme derſelben handelt, prorogirt oder erweitert werden. Dieſes geſchieht entweder kraft geſetzlicher Beſtimmung, bei der Wider⸗ oder Gegenklage Reconventions⸗ klage) oder in Folge freiwilliger Uebereinſtimmung der Par⸗ teien. Letztere können auf dieſe Weiſe z. B. dem Friedensrichter die Cognition ihrer Sache in letzter Inſtanz oder über eine Summe, die ſonſt ſeiner Kompetenz entrückt iſt, oder in Beziehung auf Per⸗ ſonen, über die er ſonſt keine Jurisdiktion hätte, zugeſtehen oder dem 4 5 * „ — 58 Civilprozeß. Erſtinſtanzgerichte die Befugniß, in letzter und zweiter Inſtanz zu erkennen, wo es ſonſt nur in erſter mit Vorbehalt der Be⸗ rufung hätte erkennen dürfen. Nur muß überall, wo die Pro⸗ rogation ſtattfindet, das prorogirte Gericht bezüglich der Gattung der Rechtsſachen kompetent geweſen ſeyn, den Urſprung oder Samen der Jurisdiktion gewiſſermaßen in ſich getragen haben. So kann ein Friedensrichter durch Prorogation nie zur Cognition über Handels⸗ ſachen, ein Handelsgericht nicht zur Cognition in Civilſachen ermäch⸗ tigt werden. Und zwar kann dieſes ebenſo wenig durch die Ueber⸗ einſtimmung der Parteien als in Folge des Geſetzes (bei der Re⸗ conventionsklage) geſchehen. Wenn ein Gericht oder der einzelne Richter die Gränzen ſeiner Jurisdiktion überſchreitet, ſo iſt der Fall eines excés de pouvoir gegeben. Dieſes geſchieht hauptſächlich in dem Falle, wenn ſich der Richter verleiten läßt, die Gränzen der richterlichen Gewalt nicht innezuhalten und in das Gebiet der legislativen oder der vollziehen⸗ den Gewalt einzudringen. Eine ſolche Ueberſchreitung bildet einen Caſſationsgrund und es erkennt über dieſes Caſſationsmittel ſchon die Abtheilung für Requéten, ohne daß es durch dieſe nach Unter⸗ ſuchung der Zuläſſigkeitsklage erſt an die section civile wie in den übrigen civilen Caſſationsſachen überwieſen werden müßte. Wenn der Richter über einen Gegenſtand entſcheidet, deſſen Beurtheilung einem andern Gerichte zuſteht, ſo liegt der Fall der Inkompetenz vor, und auch dieſe Art der Machtüberſchreitung iſt der Beurtheilung und Annullirung des Caſſationshofes anvertraut, bildet ein Caſſationsmittel. Ueber Kompetenz⸗ und Jurisdiktionsconflikte müſſen wir, um weitläufige Wiederholungen zu vermeiden, auf das I. Heft, Abſchnitt I. Adminiſtrative Organiſation, Seite 25 verweiſen und gehen nun zu den vier Generalregeln, welche in Frankreich über Jurisdiktion Geltung haben, über: Die erſte iſt die, daß in Gemäßheit des 16. Artikels, II. Ti⸗ tels des Geſetzes vom 24. Auguſt 1790 alle Franzoſen in der⸗ ſelben Form, vor demſelben Richter, in denſelben Fäl⸗ len Recht nehmen; les francais plaident tous en la méme forme u mi ſl we Gerichtsbarkeit und Kompetenz. 59 et Jin ut — et devant les mémes juges dans les mémes cas. Niemand hat V alſo ein privilegirtes Forum. gutun Die zweite: die Jurisdiktion hat (in der Regel) zwei In⸗ du dun ſtanzen. Sti Inſtanzen läßt das Geſetz nirgends zu, wohl aber S ni hat es ausnahmsweiſe für beſtimmte Rechtsſachen nur eine Inſtanz n juh (Friedensgericht, Handelsgericht, Erftinſtanzgericht) geſtattet wegen zu mi der Unbedeutendheit der Prozeßgegenſtände oder der Werthſummen it lin die in Frage ſtehen. 6i Die dritte: Niemand darf ſeinem ordentlichen Rich⸗ ter entzogen werden. Dieſer Grundſatz, ebenfalls ein Kind der Geſetzgebung vom Auguſt 1790, hat allmählig in allen conſtitu⸗ inzn ſin tionellen Ländern in deren Verfaſſungsurkunden, zum Heile der le yni Bürger und zur Wahrung der Gerechtigkeit Eingang gefunden und em ſih u feſte Herrſchaft erlangt. Demzufolge iſt das Reich der frühern jewalt n Commiſſionen und der für beſtimmte Händel tranſitoriſch con⸗ r vlihe ſtituirten Aus nahmstribunale geſtürzt. Jedermann, wenn er bidet im vor einem unzuſtändigen Richter, deſſen Jurisdiktion er nicht un⸗ nitte ſte terworfen iſt, geladen wird, kann die Verweiſung (e renvoi) vor nh un ſeinen ordentlichen Richter verlangen, und auch der Richter kann vie ih ſeine Jurisdiktion nicht einem andern übertragen, außer in den . Fällen geſetzlich geſtatteter Delegationen oder Rogatorien zur Vor⸗ u ſ nahme von Zeugenverhören, Eidesabnahmen und andern einzelnen et z v prozeſſualiſchen Operationen. Endlich verbietet die vierte den Tribunalen die Einmiſchung iuimi in die Funktionen der legislativen Gewalt und der ad⸗ miniſtrativen Behörden. Der Richter darf demnach weder die Akten der Adminiſtration interpretiren, noch über ſolche erkennen nwi u und ebenſo wenig darf er Entſcheidungen erlaſſen, die als Geſetz Aſun für künftige Fälle gelten ſollen. hn m Wir laſſen nun die Beſtimmungen über Jurisdiktion und Kom⸗ Ruidin petenz der einzelnen Gerichte, wie ſie in dem Geſetz vom Auguſt 1790, dann in den Artikeln 2, 3, 50, 59, 60, 420 des c. d. P. C. es I.7 enthalten ſind, folgen: n in en I. Der Friedensrichter erkennt in allen rein perſönlichen lben ßil und Mobiliarſachen ohne Appellation bis zum Betrag von 50 Fran⸗ ne im ten und mit Vorbehalt der Appellation bis zum Betrag von ein⸗ 1 4 6 — ₰ [ 7 60 Civilprozeß. hundert Franken. In letzterm Falle ſind ſeine Urtheile, ohnerachtet der Appellation, jedoch gegen Bürgſchaft vollziehbar. In Folge des Geſetzes vom 25. Mai 1838 iſt die friedensrichterliche Kompetenz erweitert worden und zwar in folgender Weiſe: 1) Die Friedens⸗ richter erkennen in rein perſönlichen und Mobiliarſachen ohne Ap⸗ pellation bis zum Betrag von 100 Franken, mit Vorbehalt der Appellation bis zum Betrag von 200 Franken. 2) Ebenſo erkennt er ohne Appellation bis zum Betrag von 50 Franken (nunmehr 100 Franfen, Art. 2. d. G. v. 1838) und mit Vorbehalt der Ap⸗ pellation, wie hoch ſich auch die Klage belaufen möge: a) in Klagen wegen des den Feldern, Früchten und Erndten zugefügten Schadens, ſey derſelbe durch Menſchen oder Thiere ge⸗ ſchehen; b) über Gränzverruͤckungen, eigenmächtige Zueignungen von Land, Bäumen, Hecken, Gräben oder ſonſtigen Einfriedigungen, die im Jahreslauf verübt wurden, über Eingriffe im Laufe des Waſſers zur Wieſenwäſſerung, welche ebenfalls im Laufe des Jahres ſtatthatten und über alle andere poſſeſſoriſche Klagenzſch über die den Miethern und Pächtern zur Laſt fallenden Ausbeſſer⸗ ungen an Häuſern und Pachtgütern; d) über die von dem Pächter oder dem Miether angeſprochenen Vergütungen wegen Nichtgenuß, wenn das Recht der Vergütung nicht beſtritten iſt, und über die vom Eigenthümer behaupteten Beſchädigungen; e) über die Bezahlung des Lohns der Arbeitsleute, des Liedlohns der Dienſtboten und über die Vollziehung der wechſelſeitigen Verpflichtungen zwiſchen Herrſchaft und Dienſtboten oder Arbeitsleuten; 4) über Klagen wegen wört⸗ liche Beſchimpfungen, Zänkereien, Thätlichkeiten (voie de fait), we⸗ gen welcher die Parteien nicht den Kriminalweg eingeſchlagen haben. Außer den ſchon angegebenen Erweiterungen der Kompetenz des Friedensrichters hat das fragliche Geſetz in ſeinen Artikeln 2, 3, 4, 5 und 6 noch eine große Reihe ſolcher dekretirt. Das Geſetz vom 14. Mai 1791 hat den Friedensrichtern auch die Cognition über jene Klagen, welche wegen Störung der Eigen⸗ thumsrechte an brevets d'invention erhoben werden, zuerkannt; das vom 4. Germinal II. und 14. Fructidor III. über Streitigkeiten in Mauthſachen; das vom 21. April 1832 über Conteſtationen be⸗ chunit ſohw fnn Ficden⸗ hne , behelt u ſo uim (un t de d Eun Zhin z ngen ungen, i Laue d des Juhn gen Ausbeſe⸗ n Pii ſichgen di un Beſhin und i Henſt en it ait) v en het ein d 3 3, , en ut Eie mntz d kien i onen b Gerichtsbarkeit und Kompetenz. 61 treffs der Rechte der Schifffahrt auf dem Rheine in den Kantonen, welche zum Gebiet dieſes Fluſſes gehören. Der Friedensrichter kann nicht erkennen über den Lollzug ſeiner Urtheile eben ſo wenig auf Verifikation von Urkunden noch auf Conteſtationen, welche das Eigenthum ſelbſt betreffen. In perſönlichen und Mobiliarklagen ſteht dem Richter des Wohnorts und des Aufenthaltsorts des Beklagten die Jurisdiktion zu; in den unter den Rubriken a, b c und d angeführten Klagen dem Richter des Orts, wo der ſtreitige Gegenſtand liegt. (Forum rei et forum rei sitae.) IH. Die Handelsgerichte erkennen in allen Laltetzſeci. (Siehe Handelsrecht, Heft IV. und Handelsgerichte, Heft 1) III. Ueber Jurisdiktion und Kompetenz der Schiedsrichter ſiehe Kapitel 22 dieſes Heftes. IV. Die Erſtinſtanz⸗ oder Bezirksgerichte erkennen in erſter und letzter Inſtanz: a) Ueber alle perſönlichen und Mobiliarklagen, deren Gegen⸗ ſtand die Summe von 1000 Franken nicht überſteigt; b) über alle dinglichen und vermiſchten Klagen, inſofern der Rentenbetrag die Summe von 50 Franken nicht überſchreitet; c) über alle Klagen wegen indirekter Steuern (droits d'en- registrement, droits récurs); d) über alle Streitſachen, in welchen ſie durch Compromiß der Parteien als letzte Inſtanz prorogirt wurden. Sie erkennen nur in letzter Inſtanz: in Berufungen von Urtheilen der Friedensrichter, als Appellationsgerichte. Sie erkennen nur in erſter Inſtanz: a) Ueber alle perſönlichen und Mobiliarklagen, deren Objeft den Betrag von 1000 Franken überſteigt; p) über alle dinglichen und vermiſchten Klagen, deten Objekt die Summe von 50 Franken überſteigt oder nicht genau beſtimmt iſt; c) über alle Oppoſitionen gegen den Vollzug der Urtheile der Handelsgerichte, ihrer eigenen Urtheile und der Erkenntniſſe der Strafgerichte hinſichtlich der Civilentſchädigung; d) über alle Klagen in Beziehung auf Staatsdomainen. 62 Civilprozeß. Die Jurisdiktion der Bezirksgerichte in perſönlichen Klagen richtet ſich nach dem Wohn⸗ oder Aufenthaltsorte des Beklagten, oder eines derſelben, wenn es mehrere ſind, nach der Wahl des Klägers; in dinglichen Klagen wird ſie bedingt durch die Ortsklage des ſtreitigen Gegenſtandes; in gemiſchten Klagen wird ſie begründet entweder durch den Wohnort des Beklagten oder durch den Ott, wo der ſtreitige Gegenſtand liegt. In Societätsſachen ſteht die Cognition dem Richter des Orts, wo die Geſellſchaft beſteht, zu, ſo lange dieſelbe fortdauert; in Erbſchaftsſachen dem Richter des Orts, wo die Succeſſion eröffnet wird; in Fallimentsſachen dem Richter des Wohnorts des Falliten und bei Klagen auf Gewährleiſtung dem Richter, bei welchem die urſpruͤngliche Klage anhängig iſt. V. Die Appellationshöfe erkennen in zweiter Inſtanz über alle Berufungen von Urtheilen der Erſtinſtanz⸗ oder der Hau⸗ delsgerichte, von Reféré⸗Urtheilen und ſolchen der Schiedsrichter; über die Syndikatsklagen gegen eigene Mitglieder oder gegen die Bezirksgerichte und in Disziplinarſachen. Ihre Urtheile ſind sou— verainement geſprochen und können nur wegen ausdrücklicher Ge⸗ ſetzesverletzung am Caſſationshof angefochten und caſſirt werden. Außerdem üben ſie auch Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit aus z. B. bei Adoptionen. VI. In welchen Fällen die Entſcheidung des Caſſations⸗ hofes angerufen werden darf, darüber ſiehe Heft I, Seite 56 und Kapitel MX dieſes Heftes. Schließlich erinnern wir daran, daß die Einrede der Inkom— petenz, inſoferne es ſich um die Materie handelt, in jeder Lage des Rechtsſtreites vorgeſchützt werden kann und vom Richter ſelbſt von Amtswegen ergänzt und der Renvoi an das kompetente Gericht ausgeſprochen werden ſoll, daß es ſich dagegen anders verhält, wenn es ſich um die Inkompetenz bezüglich der Perſon handelt. Siehe forideklinatoriſche Einreden, Kapitel VII dieſes Hefts. — 2 en yn Blhhn Ulw Oriliy e begin ſicht uht zſ de Oit en ſihn ihrliſn g iſ. er Jin der hu icdorihn gen ſ w dlihe h werd. ihtitni ſſutins te ö m Infn in jce n ihn fonem andu Perſn ſeöhffi Gerichtsbarkeit und Competenz. 63 K. Rapitel. Ordentliche und außerordentliche Rechtsmittel. Ein Urtheil kann nur mittelſt eines der vom Geſetze geſtatteten Rechtsmittel Goie de droit) innerhalb der geſetzlichen Beſtimmungen hierüber und mit Einhaltung der vorgeſchriebenen Förmlichkeiten an⸗ gegriffen werden. Die Rechtsmittel ſelbſt werden in ordentliche und außerordentliche eingetheilt, auch in devolutive und nicht devolutive, in ſuspenſive und nicht ſuspenſive, je nachdem ſie eine Wirkſamkeit der einen oder der andern Art äußern. Devo⸗ lutiv iſt das Rechtsmittel, wenn es bei einem höheren Richter an⸗ gebracht werden muß, z. B. die Berufung; nicht devolutiv, wenn derſelbe Richter über das Rechtsmittel erkennt, wie bei der Oppo⸗ ſition. Einen Suspenſiv⸗Effekt hat ein Rechtsmittel, wenn die Ein⸗ legung desſelben die Vollziehung des angefochtenen Urtheils hindert; kein Suspenſiv⸗Effekt iſt demſelben attribuirt, wenn das Urtheil ge⸗ ſetzlicher Beſtimmung nach, trotz des geſtatteten Rechtsmittels voll⸗ zogen werden darf. Die ordentlichen Rechtsmittel find: 1) Die Berufung C'appel); 2) die Oppoſition C'opposition). Die außerordentlichen Rechtsmittel ſind: 1) die Oppoſition dritter Perſonen (a tierce-opposition); 2) die Requste civile Ca requéte civile); 3) die Syndikatsklage (a prise à partie); 4) die Caſſation (a cassation). Die Mißbilligungsklage (e desaveu) wird von einigen Rechts⸗ lehrern auch hieher gezählt. Dieſe Prozedur indeſſen wird in einem beſonderen Kapitel, dem 171ten abgehandelt werden, da ſie ſich nicht ſowohl gegen ein Urtheil oder gegen den Richter wendet, als gegen den Anwalt und den Huiſſier. Sie und die Syndikatsklage werden deßhalb, da ſie gegen Perſonen zunächſt gehen, hie und da indi⸗ rekte außerordentliche Rechtsmittel genannt, während die übrigen direkte heißen. Im Allgemeinen nun ſind bezüglich der Anwendung der Rechts⸗ mittel folgende Grundſätze feſtzuhalten: 64 Civilprozeß. un Man kann zwei Rechtsmittel nicht zu gleicher Zeit gegen 3 ein Urtheil ergreifen; man darf nicht die Rechtsmittel cumuliren. Man kann dasſelbe Rechtsmittel nur einmal gegen ein 37 und dasſelbe Urtheil anwenden. . Man darf ſich der außerordentlichen Rechtsmittel nur dann 3 bedienen, wenn man die ordentlichen nicht gebrauchen kann; 3 z. B. wenn man die Berufung ergreifen kann, iſt es nicht geſtattet, dieſelbe zu übergehen und Caſſation oder die Requéte civile anzu⸗ 1 wenden. u Die außerordentlichen Rechtsmittel ſind Maßnahmen erceptio⸗ h neller Natur, deren man ſich nur in den vom Geſetz geſtatteten 5 Fällen bedienen darf, welches deßhalb auch die Partei, die ſich deren 4 bedient, wenn ſie unterliegt, mit Geldſtrafen und Schadens— ſa Erſatz bedroht. Auf das Unterliegen dagegen bei den ordentlichen tnn Rechtsmitteln ſtehen keine (wie bei der Oppoſition) oder nur ſehr n leichte Succumbenzſtrafen (wie bei der Berufung). iui I. Oppoſition C'opposition) wird die verhindernde Einſprache u gegen den Vollzug eines Urtheils genannt, das eine Partei zu einer — Leiſtung verurtheilt, und dieſes Rechtsmittel wird im Allgemeinen m gegen ſolche Erkenntniſſe ergriffen, welche eine nicht erſchienene mn Partei verurtheilen, alſo gegen Defaut-Urtheile. Es iſt ge⸗ liht meinrechtlich überall erlaubt, wo es nicht durch beſondere ge⸗ 1 ſetzliche Beſtimmung unterſagt iſt. Letzteres aber iſt der Fall: 1 bei üm einem Defaut nach ſtattgehabter erſter Oppoſition; 2) wenn in an⸗ ſithn geordnetem ſchriftlichen Verfahren Gnstruction par écrit) eine Partei nh Defaut gibt; 3) wenn ein Defaut ſtattfindet auf ein Verbindungs⸗ üß Urtheil (. de jonction ou de profit-joint); 4) bei Defaut auf im Incidentpunkte beim Ordre und der Saiſie immobiliore. uh Die Oppoſition wird an demſelben Tribunale angebracht, welches n das Defaut⸗Urtheil, gegen das man einkommt, erlaſſen hat; iſt alſo kein Devolutiv⸗Rechtsmittel. a Sie muß innerhalb 8 Tagen eingelegt werden vom Tage der Urtheils⸗Zuſtellung an gerechnet, bei dem Anwalt des Verur⸗ theilten, wenn er einen hatte. Hatte er keinen Anwalt aufgeſtellt, liſ ſo iſt ſie zuläſſig bis zur Urtheils⸗Exekution. Im erſten Falle i muß die Oppoſition durch Requéte von Anwalt zu Anwalt ange⸗ J n ein Mn un tte, u i⸗ eien e ui hen ſcht Gerichtsbarkeit und Competenz. 65 bracht werden, welche Requéte die Rechtsmittel des Opponenten ent⸗ hält. Im zweiten Falle kann ſie durch einen außergerichtlichen Akt, durch eine Deklaration auf einen Zahlbefehl oder Vollzugsakt eingelegt werden, welche Deklaration aber innerhalb acht Tagen wiederholt und mittelſt Anwalts⸗Conſtituirung durch eine Requéte eingeführt werden muß. Die Oppoſition hat eine doppelte Wirkung; ſie ſuspendirt den Vollzug des Urtheils und ſtellt dasſelbe ganz in Frage, da der Opponent, wenn er die Oppoſition gerechtfertigt hat, au fond gegen das Urtheil plädiren, reſp. die Zurücknahme desſelben beantragen darf. Eine eigene Art der Oppoſition iſt die ſogenannte opposition d'exécution, mittelſt welcher man das Tribunal, welches die Exe⸗ kution eines ſchiedsrichterlichen Urtheils anzuordnen hat, er⸗ ſucht, die Nichtigkeit eines Aktes auszuſprechen, welcher als ſchieds⸗ richterliches Urtheil qualifizirt wird. Dieſelbe iſt in folgenden Fällen geſtattet: wenn der Compromiß fehlt, nichtig oder abgelaufen iſt, wenn erkannt wurde über Punkte, die nicht Gegenſtand der Klage waren oder über die Gränze des Compromiſſes hinaus; endlich wenn die Schiedsrichter (arbitres) nicht alle zugegen oder um ihre Anſicht befragt worden waren. II. Die Berufung ('appel) richtet ſich gegen ein Urtheil, mit dem man nicht zufrieden iſt, das Einem unrichtig oder ungerecht dünkt, weßhalb man ſeine Sache einem andern, höhern Richter zur Entſcheidung vortragen will. Sie hat alſo Devolutiv⸗Effekt. Es gibt zwei Arten der Berufung; einen appel principal und einen appel incident. Der Prinzipal⸗Appel iſt derjenige, welcher zuerſt und von dem Appellanten ergriffen wurde; der In⸗ cident⸗Appel derjenige, welcher inzwiſchen von der andern Partei, dem Appellaten, eingelegt wurde. Beide Berufungen gehen aber gegen dasſelbe Urtheil. So lange die Oppoſition gegen ein Urtheil zuläſſig iſt, kann die Berufung nicht ergriffen werden; dieſelbe iſt überdieß unzu⸗ läſſig gegen Urtheile, die in letzter Inſtanz erlaſſen ſind, gegen präparatoriſche, und gegen rechtskräftig gewordene Urtheile. Die Rechtskraft erlangen die Urtheile, wenn die Parteien nicht III. Civitprozeß. 5 1 ½ —— 66 Civilprozeß. in der geſetzlichen Friſt die Berufung ergreifen, wenn ſie ſich mit dem Urtheile beruhigt, wenn ſie auf die Berufung verzichtet haben und wenn die Berufung perimirt (erloſchen) iſt. Für jede Art von Urtheilen iſt die Hauptfriſt der Berufung ein Zeitraum von drei Monaten. Bei contradiktoriſchen Urtheilen läuft dieſe Friſt vom Tage der Urtheilszuſtellung an die Perſon oder das Domizil; bei Defaut⸗Urtheilen vom Tag an, wo die Oppoſition nicht mehr zuläſſig iſt. Die Berufung hat, wie ſchon geſagt, einen Devolutiv⸗ und zugleich einen Suspenſiv⸗Effekt. Letzterer tritt jedoch nicht ein, wenn das Urtheil den proviſoriſchen Vollzug ausdrücklich ange⸗ ordnet hatte. Dem Appellations⸗Richter iſt geſetzlich das Recht geſtattet, den Grund der Sache zu evociren, das heißt zu prüfen und beſſer zu beurtheilen, als es der erſte Richter, der ihn entweder gar nicht oder unrichtig kritiſirte, gethan hat, nach der Marime: „Der Richter der „Berufung kann Alles das thun, was der erſte Richter thun ſollte, „aber nicht gethan hat.“ Er kann z. B. wenn er ein Interlocut des erſten Richters aufhebt, zugleich über den Grund der Klage er⸗ kennen, wenn die Materie reif iſt zur definitiven Entſcheidung. Eine Frage, die jedoch bei der erſten Inſtanz gar nicht in Anregung oder zur Unterſuchung kam, kann der zweite Richter nicht zur Evocirung der Klage au fond zurückhalten, weil er ſonſt die zwei geſetzlichen Inſtanzen auf eine beſchränken würde. Nachdem wir das Weſen der ordentlichen Rechtsmittel geprüft haben, gehen wir zur Betrachtung der außerord entlichen Rechts⸗ mittel über und beginnen mit der I. Dritt⸗Oppoſition, tiorce opposition. Der Artikel 474 der Prozeßordnung erklärt: Eine dritte Perſon kann ſich durch Oppoſition wider ein Urtheil ſchützen, das ihre Rechte be⸗ einträchtigt, und wozu ſie ſelbſt, oder diejenigen, welche ſie repräſentirt, nicht vorgeladen worden. Die Tiorce⸗Oppoſition iſt demnach das außerordentliche Rechtsmittel, welches denjenigen Perſonen zu Gebote ſteht, deren Rechte durch die Entſcheidung eines Rechtsſtreites zwiſchen andern Parteien, in welchem ſie in keiner Weiſe in gehöriger Weiſe be⸗ theiligt waren, in Gefahr ſtehen oder wirklich ſchon beeinträchtigt ſind. 0 in i imd ſün min it u m in u i N o uli ſin du erp de tde ſole, leru en bin du mn ih i eht⸗ 4¹4 r be eſ te den dern be ſind Rechtsmittel. 67 Dem deutſchen Prozeſſe iſt ſie fremd, dem deutſchen Prozeſſua⸗ liſten vielleicht unerklärlich und überflüſſig erſcheinend, obwohl im ältern deutſchen Prozeſſe ein ähnliches Rechtsmittel vorkam, das gleichen Zweck und Erfolg hatte, nämlich eine erweiterte Inter⸗ vention, welche zu allen Zeiten, in der höhern Inſtanz und ſelbſt noch im Anfang des Urtheils⸗Vollzugs ſtattfinden konnte. Der neuere deutſche Prozeß erkennt in der Intervention in einen Rechtsſtreit, der geſchlichtet oder entſchieden iſt, alſo nicht mehr eriſtirt, ein logiſches Unding. Man wird vor Allem fragen: wozu denn dieſes ſonderbare, allen Rechtsgrundſätzen über Prozeß und Urtheil (in Beziehung auf dritte Perſonen) ganz widerſprechende Rechtsmittel, während ja dem beeinträchtigten Dritten die dikekte und Prinzipalklage gegen die Partei, welche ſeine Rechte verletzt, zuſteht? Die Erfahrung, die Gerichts⸗Annalen geben die Antwort auf dieſe Frage: In einer Maſſe von Fällen hätte die Prinzipalklage nichts mehr ändern, nichts mehr nützen können, wäre der Kläger um ſein Recht, wäre jedes Rechtsmittel verſpätet geweſen; nur da⸗ durch konnte er ſein Recht wahren, daß er dem Vollzug des Ur— theils, das ihn beeinträchtigte, rechtzeitig entgegengetreten, ihn ſus⸗ pendirt und die Aufhebung des Urtheils bewirkt hat. Damit aber nicht Mißbrauch mit dieſer geſetzlichen Wohlthat getrieben werde, iſt zugleich durch den Artikel 479 des c. d. p. C. verfügt, daß wenn die Tiorce⸗Oppoſition verworfen wird, die unter⸗ liegende Partei in eine Geldbuße von wenigſtens 50 Franken ver⸗ urtheilt werden ſoll, vorbehaltlich dem andern Theile Anſpruch auf Vergütung des Schadens und des entbehrten Gewinns. Das Rechtsmittel der Tièrce⸗Oppoſition iſt nicht durch das Ge⸗ ſetz befohlen und die Unterlaſſung desſelben kann keinen rechtlichen Nachtheil (wohl aber einen faktiſchen) für den Dritten äußern. Dieſem ſteht es frei, ſich des Mittels zu bedienen oder auf dem Wege der Hauptklage ſein Recht zu erreichen. Wenn Jemand es aber benutzen will, ſo iſt nach dem Geſagten unerläßlich: daß er durch das Urtheil einen wirklichen Nachtheil erlitten, und in dem Rechtsſtreite in keiner Weiſe (als Haupt⸗ oder Nebenpartei) figurirt habe. Der Beweis für beides liegt ihm ob und in der 68 Civilprozeß. Regel wird natürlich der bezüglich des zweiten Punktes leichter zu 1 führen ſeyn als der für den erſten. i Man unterſcheidet zwiſchen einer Tiérce⸗Oppoſition principale und incidente. Die erſtere findet ſtatt, wenn der Opponent um durch eine direkte und beſtimmte Klage das Urtheil angreift, das in 6 ihn lädirt. Für die Entſcheidung dieſer Oppoſition iſt das Gericht ſi competent, von welchem das beſtrittene Urtheil herrührt. Incidente wit dagegen wird dieſelbe genannt, wenn in einem Prozeſſe gegen eine m Partei (den tiers-opposant) das gegen einen Dritten erwirkte mi Urtheil angerufen wird, dieſer aber deſſen Rechtskraft ihm gegen⸗ i uber beſtreitet und behufs der Abwehr des drohenden Nachtheils die auli Einrede der unter Andern abgeurtheilten Sache nicht für genügend ali hält. Das Gericht, bei welchem der Hauptprozeß anhängig iſt, be⸗ ) hauptet auch, als Regel, die Competenz für die Entſcheidung der iil Zwiſchenfrage, aber nur unter der Vorausſetzung, daß es gleichen in Rang mit jenem Gerichte hat, welches das angerufene Urtheil er⸗ laſſen hat; iſt ſein Rang ein niederer, ſo wird die Entſcheidung un — der Tioͤrce⸗Oppoſition an das fragliche höhere Gericht gewieſen. Die Tioͤrce⸗Oppoſition wird durch eine Ladung (exploit ou mt den Huiſſier dem Anwalte der Gegenpartei zuſendet. Bei der inci- U yt assignation) eingeleitet, welche der Anwalt des Opponenten durch tin dente, wenn das Gericht des Hauptprozeſſes competent iſt, wird ſie durch ein Geſuch an das Gericht, welches dem Gegenanwalte um ſchriftlich communicirt wird, angebracht. Ueber die Friſt, innerhalb welcher dieſes Rechtsmittel anzu⸗ t bringen iſt, liegen keine geſetzlichen Beſtimmungen vor; man nimmt daher die gewöhnliche Verjährungsfriſt an, die alſo ſelbſt auf 20 u Jahre ſich erſtrecken kann (und man hat auch ſolche Beiſpiele, ſiehe „3 ein Caſſations⸗Arrét vom 17. Germinal 4), welche dann von dem Tage an läuft, an welchem das Urtheil der Partei bekannt ge⸗ 5 worden war. * Die Wirkung der geltend gemachten und begründet erfundenen Tiorce⸗Oppoſition beſteht vornehmlich darin, daß das angegriffene ſ Urtheil aufgehoben wird und die Anträge des Opponenten, til deren Zweck eine völlige Reſtitution desſelben in integrum war, zu⸗ nin geſprochen werden. Den urſprünglichen Parteien gegenüber bleibt it le ſent d ih te ine tit ſi Rechtsmittel. 69 indeſſen das Urtheil inſoferne in Kraft, wenn nicht ſeine Untheilbar⸗ teit die vollſtändige und gänzliche Aufhebung bedingt. II. Die requéte civile (Art. 480 — 504 c. d. p. C.) iſt das außerordentliche Rechtsmittel, durch welches man ein in letzter In⸗ ſtanz (es ſey übrigens bei einem Untergericht oder einem Appellations⸗ gericht ergangen) gefälltes Urtheil vor demſelben Gerichte, welches dasſelbe erlaſſen hat, angreift, um es annulliren und ſich in in— tegrum reſtituiren zu laſſen. Das Urtheil mag ein contradiktoriſches oder ein Defaut ſeyn; nur darf, wenn es letzteres iſt, das ordent⸗ liche Rechtsmittel der Oppoſition nicht mehr zuläſſig ſeyn, da außer⸗ ordentliche Rechtsmittel nie ergriffen werden dürfen, ſo lange noch ordentliche den Parteien offen ſtehen, wie wir ſchon eben angeführt haben. Das Geſetz hat den Gebrauch der Requéte eivile in folgenden eilf Fällen geſtattet, jedoch ohne derſelben einen Suſpenſiveffekt bei⸗ zulegen. a) Wenn perſönliche Argliſt (dol personnel) bei Erwirk⸗ ung des Urtheils unterlaufen iſt; b) wenn entweder vor oder bei Fällung des Urtheils For⸗ men verletzt worden ſind, die bei Strafe der Nichtigkeit vorge⸗ ſchrieben waren, und nicht durch das Verfahren der Parteien gedeckt worden ſind; ch wenn über Dinge erkannt worden iſt, die Niemand verlangt hat; d) wenn mehr zuerkannt wurde, als man verlangt hatte; „ e) wenn über einen Klagepunkt gar nicht erkannt wurde; †) wenn ſich unter mehreren Urtheilen in letzter Inſtanz, die unter denſelben Parteien und auf dieſelben Klag⸗ oder Vertheidigungsgründe bei denſelben Gerichten er— gangen ſind, ein Widerſpruch findet; g) wenn ein und dasſelbe Urtheil widerſprechende Ver⸗ fügungen enthält; h) wenn in denjenigen Fällen, in welchen das Geſetz die Mit⸗ theilung der Verhandlungen an das öffentliche Miniſterium befiehlt, dieſe Mittheilung nicht ſtattgefunden hat, und das Urtheil wider den ausgefallen iſt, zu deſſen Gunſten die Mittheilung vorge⸗ ſchrieben iſt; 70 Civilprozeß. i) wenn das Urtheil auf Urkunden ſich gründet, die nach⸗ her für falſch anerkannt oder als ſolche erklärt wurden; k) wenn man nach ergangenem Urtheile entſcheidende Ur⸗ kunden entdeckt, deren bisherige Zurückhaltung das Werk der Gegenpartei war; l) wenn der Staat, Gemeinden, öffentliche Anſtalten und Minderjährige in einem Rechtsſtreite entweder gar nicht oder doch nicht auf eine gültige Weiſe vertheidigt wor⸗ den ſind. Im Allgemeinen muß dieſes Rechtsmittel in drei Monaten vom Tage der Signifikation des Urtheils an die Partei oder den Wohnort (à personne ou domicile) ergriffen werden; gegen Min⸗ derjährige läuft dieſe Friſt indeſſen erſt, wenn die Signifikation bei ihnen geſchah, nachdem ſie großjährig geworden waren; bei wider— ſprechenden Urtheilen läuft ſie erſt von der Signifikation dieſer Ur⸗ theile an; bei den unter a, i, k angeführten Fällen der Argliſt, der Fälſchung, der Entdeckung dolos zurückgehaltener Urkunden laufen die Friſten nicht eher als von dem Tage an, wo die Argliſt, die Fälſchung oder die zurückgehaltenen Urkunden entdeckt wurden. Iſt der unterliegende Theil geſtorben innerhalb der Friſten, ſo fängt die noch übrige Zeit nicht eher an wider die Erbſchaft fortzulaufen, als in den für die Berufung (Art. 447) feſtgeſetzten Friſten und in der⸗ ſelben Art und Weiſe. Militäre der Landarmee und der Marine, diplomatiſche Perſonen, wenn ſie im Dienſte abweſend und außer⸗ halb Landes ſind, genießen außer den drei Monaten noch eine wei— tere Friſt von einem Jahre zu ihrem Vortheile. Diejenigen, welche auf den Kolonien wohnen, haben außer den drei Monaten noch die weitere Friſt für ſich, welche der Art. 73 für Vorladungen an ſie beſtimmt. Um die Requéte civile ergreifen zu können, muß man folgende Formen einhalten: Zuerſt müſſen zwei verſchiedene Geldſummen deponirt werden, deren eine für die Geldſtrafe (300 Franken), die andere (wenigſtens 150 Franken) als Schadenserſatz für die Gegenpartei im Falle des Unterliegens beſtimmt iſt; dann muß ein Gutachten dreier Advokaten (nicht Anwälte), die bei einem der Gerichte, welche dem Appellationsgerichte untergeordnet ſind, in deſſen hit niin u ſiun mſ N in u Uui ſui 6 unn pi zi ni zunb juin In wini uv whl N nh ln n U zuh i ſ n it uim 1 M hit v ſ uch⸗ der i. ſin ie R di ul ine, er⸗ ei⸗ en, ten en Rechtsmittel. 71 Bezirk das Urtheil ergangen iſt, wenigſtens ſeit 10 Jahren ihr Amt ausüben, erwirkt werden, welches Gutachten die Erklärung enthalten muß, daß die Wiedereinſetzung in den vorigen Stand, nach der Meinung der Verfaſſer, aus den und jenen Gründen in dem gege⸗ benen Falle zuläſſig ſey. Die Quittung über das deponirte Geld wird mit dem Gut⸗ achten und der Requéte dem Gerichte vorgelegt und dann eine Vor⸗ ladung an den Gegenanwalt erlaſſen in deſſen Domizil, wenn die Klage in den erſten ſechs Monaten nach dem Urtheil geſchieht; an die Gegenpartei ſelbſt, wenn die Requéte erſt nach dieſer Friſt ſtattfindet. Bei der Verhandlung muß das öffentliche Miniſterium, dem die Sache mitgetheilt werden muß, gehört und dieſelbe ganz auf die Punkte beſchränkt werden, welche als Grund der Requéte oder des Reſtitutionsgeſuches angegeben ſind. Man unterſcheidet auch bei der Requéte civile eine principale und eine incidente. Mittelſt der erſten greift man ein Urtheil direkte an, die zweite kömmt als Incidentpunkt in einem andern Prozeſſe vor, der bei Gerichten ſchon anhängig iſt. Hat dieſes Gericht nicht das anzugreifende Urtheil erlaſſen, ſo muß das Geſuch durch eine Vorladung an das Gericht gebracht werden, welches das Urtheil ge⸗ geben hat. Wenn das Gericht die Requéte civile zuläßt, ſo wird das angefochtene Urtheil zurückgezogen und die Parteien in den vorigen Stand, in welchem ſie vor dem Urtheile waren, wieder eingeſetzt, ſo wie die deponirten Gelder zurückgegeben. Verwirft das Gericht die Klage, ſo wird das erſte Urtheil aufrecht erhalten, der Kläger zu der Geldſtrafe und dem Schadens⸗ erſatze, wie er deponirt war, und, wenn der Fall gegeben, zu noch weiterm Erſatze verurtheilt, ſo wie in die Koſten des Verfahrens. Allerdings mußten auf dieſe rigoroſe Weiſe für den Gebrauch des weitgehenden und in ziemlich vielen (1) Fällen geſtatteten Rechtsmittels Vorſichtsmaßregeln getroffen werden, damit nicht die Wohlthat des Geſetzes zu Chikanen und Verſchleppungen der Pro⸗ zeſſe mißbraucht werde. III. Die Syndikatsklage (prise à partie) iſt eine Re⸗ 72 6ivilprozeß. klamation gegen einen Richter oder ein Gericht wegen eines Nach⸗ theils, der dem Reklamanten zugefügt wurde, weil der Richter ſich weigerte, zu erkennen oder pflichtvergeſſen und mit Perfidie erkannt hat. Sie kann in folgenden vier Fällen hauptſächlich angeſtellt werden (Art. 505— 516 c. d. p. c.): 1) Wenn Argliſt, Betrug oder Erpreſſung ſtattgehabt haben im Laufe des Prozeſſes oder bei Entſcheidung desſelben; 2) wenn das Geſetz ausdrücklich beſtimmt, daß die Syn— dikatsklage ſtattfinden ſolle; die Civilordonnanz beſtimmte dieſelbe für mehrere Fälle, z. B. bei illegalen Evocationen, während in dem code civil und dem c. d. p. c. keine ſolche Fälle angegeben ſind. Im Criminalverfahren dagegen ſind Syndikatsklagen angedroht gegen den Unterſuchungsrichter und den Staatsprokurator (Art. 74 — 77, 112 des code d'instruction eriminelle), den Präſidenten und den Gerichtsſchreiber des Correktionnalgerichtes (Art. 164 ibid.), die Richter und den Gerichtsſchreiber am Aſſiſenhof (Art. 370 und 593 ibid.), gegen den Generalprokurator (Art. 271 ibid.) und gegen den Staats⸗ beamten, der in ſeinem Amte verläumderiſch denuncirt hat (Art. 358 ibid.); 3) wenn das Geſetz die Richter verantwortlich erklärt und die Verfügung enthält, daß ſie für den Schadenerſatz haften ſollen; z. B. wenn der Friedensrichter durch ſein Verſehen die Inſtanz peri⸗ miren läßt, wenn er zu ſpät die Siegel anlegt (Art. 15 und 928 des c. d. p. c.), wenn ein Richter auf körperliche Haft in einer Civilſache, in welcher das Geſetz ſie nicht erlaubt hat, erkennt (Art. 20 6 4) wenn die Juſtiz verweigert worden iſt; eine Juſtiz⸗ verweigerung (déni de justice) liegt vor, wenn der Richter ſich weigert, auf eine Bittſchrift zu dekretiren, wenn er es vernach— läſſigt, Prozeſſe zu entſcheiden, die vorbereitet und an der Reihe ſind; auch wenn er ſich weigert zu entſcheiden unter dem Vorwande, das Geſetz ſchweige, ſey unklar oder unzulänglich. (Art. 4 c. c., 185 c. pén., 506 c. d. p. c.; ſiehe überdieß Heft II. bürgerliches Recht Seite 5 und6.) Sie wird erwieſen durch zwei Anſuchen (requétes), welche in der Perſon der Gerichtsſchreiber den Richtern von drei zu drei, beziehungsweiſe von acht zu acht Tagen infinuirt werden w i ui Pi u in ſiw ſn un M juin ji iw ſu J zit i iſti nü n ſii Ii hnn Ai iſin w mj un und um zin zun in In ſih A „—————— Rechtsmittel. 73 durch einen Gerichtsboten, der bei Amtsentſetzung die Inſinuation vollziehen muß. Wider den Friedensrichter, die Bezirks⸗ und Handelsgerichte oder einzelne Richter derſelben, eben ſo wider einzelne Mitglieder der Appell⸗ oder Kriminalhöfe wird die Syndikatsklage bei dem Appell⸗ hofe, worunter ſie gehören, angebracht. Wider die Appellhöfe und Kriminalhöfe oder Sektionen derſelben wurde die Syndikatsklage unter dem Kaiſerthume in Gemäßheit des 101. Art. der Reichskon⸗ ſtitution vom 28. Floréal XII. bei dem hohen kaiſerlichen Gerichts⸗ hofe, ſpäter unter dem Königthume bei der Pairskammer und zuletzt bei dem Caſſationshofe angebracht, der nunmehr auch dieſe Klagen gegen Mitglieder von Bezirksgerichten und Appellhöfen entſcheidet. (Teulet et d'Auvilliers, c. d. p. c. art. 509 amot. 39 — 42.) Die Klage wird durch eine Bittſchrift eingeleitet, die von der Partei oder ihrem Spezialbevollmächtigten unterzeichnet iſt; die au⸗ thentiſche Vollmacht nebſt allenfallſigen Beweisſtücken müſſen der Bittſchrift bei Strafe der Nichtigkeit beiliegen. Beleidigende Aus⸗ drücke wider den Richter darf man ſich bei Strafe in dieſer Bitt⸗ ſchrift nicht erlauben. Wird die Klage zugelaſſen, ſo wird ſie in den nächſten drei Tagen dem betreffenden Richter infinuirt, der in acht Tagen ſeine Vertheidigung einzureichen hat. Dann wird die Klage auf einen einfachen Akt zur Andienz gebracht und von einer andern Sektion, als welche ſie zugelaſſen hat, entſchieden. Wird das erſte Geſuch verworfen, ſo wird der Reklamant zu wenigſtens 300 Franken Geld⸗ ſtrafe und zu Schadenserſatz verurtheilt. Ebenſo wird der Kläger, wenn das Geſuch zugelaſſen, aber in der Verhandlung nicht begrün⸗ det und die Klage abgewieſen wurde, zu derſelben Geldſtrafe und Schadloshaltung der Parteien verurtheilt. Der angegriffene Richter oder Gerichtshof hat ſich bis zur aus⸗ getragenen Syndikatsklage alles Erkenntniſſes über den ſtreitigen Gegenſtand und ſelbſt in ſolchen Sachen zu enthalten, welche die Verwandten oder der Ehegatte des Reklamanten bei Gericht an⸗ hängig haben. Wenn der Kläger obſiegt, wird der Richter zum Schadenserſatz verurtheilt, unbeſchadet der Kriminal⸗ oder Disciplinar⸗ Klage wider ihn. 74 Civilprozeß. 8 I[V. Die Caſſation (la cassation) iſt im Allgemeinen das Rechtsmittel, wodurch man die Vernichtung eines Prozeßaktes und insbeſondere die Annullirung eines Urtheils, das der Retraktion oder Reformirung nicht fähig iſt, erreichen will. In Beziehung auf letz⸗ tern Zweck gehört ſie zu den außerordentlichen Rechtsmitteln, mittelſt welcher man ein Urtheil angreifen kann. Außer den Parteien kann auch der Generalprokurator am Caſſationshofe Urtheile jeder Art, wenn ſie eine Gewaltüberſchreitung enthalten, durch dieſes Rechtsmittel anfechten. Ja der Letztere kann, wenn die Rekursfriſt für die Parteien ohne Ergreifung des Rekurſes verſtrichen iſt, im Intereſſe des Geſetzes Caſſation gegen alle in letzter Inſtanz er⸗ laſſene, eine Gewaltüberſchreitung oder Contravention gegen das Geſetz erlaſſene Urtheile einlegen. Die Urtheile, gegen welche man mit der Caſſation aufkommen will, müſſen in letzter Inſtanz erlaſſen ſeyn, ausgenommen: 1) Die ordinären ſchiedsrichterlichen Entſcheidungen; ein Caſſa⸗ tionsgeſuch hat nur gegen Urtheile ſtatt, welche von den Tribunalen auf eine Requéte civile gegen ein ſchiedsrichterliches Urtheil oder auf die Appellation von einem ſolchen Urtheile erlaſſen worden fſind. t e 2) Defaut⸗Urtheile können während der Oppoſitionsfriſt, prä⸗ paratoriſche Urtheile, während der Inſtanz und vor dem Endbeſcheide, Urtheile und Arréts in Disziplinarſachen nicht mit der Caſſation an⸗ gegriffen werden. In folgenden drei Hauptfällen kann ein Urtheil der Caſſation unterliegen, oder folgende drei Fälle bilden Caſſationsgründe: 1) Ausdrückliche Verletzung des Geſetzes oder Zuwi⸗ derhandlung gegen dasſelbe. Eine ſolche Contravention liegt vor, wenn die Dispoſition eines Urtheils ſich in formellem Widerſpruch zu der tertuellen Beſtimmung des Geſetzes befindet. (Geſetz vom 20. April 1810 Art. 7; vom 1. Dezember 1790; 27. Ventöse 8. Conſtitut. vom Jahr 8. Art. 66.) 2) Gewaltüberſchreitung (excés de pouvoir); ſolche liegt vor, wenn der Richter außerhalb des Kreiſes ſeiner Attribute ſich begeben hat und wenn er thut, was das Geſetz ihm verbietet oder — jü ſiten wili i uu ſuin ſtb jm ä ul ſin ij Rechtsmittel. 75 nicht erlaubt. Unter dem excès de pouvoir iſt auch die Inkom⸗ petenz mit einbegriffen. (Geſetz vom 27. Ventöse Art. 80 und 88.) 3) Widerſprechende Verfügungen in Urtheilen, die unter denſelben Parteien durch verſchiedene oder auch durch ein und das⸗ ſelbe Tribunal ergangen ſind. Der Akt, durch welchen man Caſſation einlegt, wird pourvoi en cassation genannt und übt keinen Suſpenſiveffekt aus; demſelben muß die Conſignation einer Geldſumme für die Geldſtrafe (150 Franken für contradiktoriſche Urtheile, 75 Franken für Defaut) und für Schadenserſatz zum Vortheil der Gegenpartei im Falle der Ver⸗ werfung der Caſſation vorhergehen. Der Staat (Generalprokurator) und der Dürftige iſt von dieſer Gelddeponirung diſpenſirt. Die Caſſation muß jedenfalls innerhalb drei Monaten nach Signifika⸗ tion des Urtheils angemeldet werden, und geſchieht durch eine Re⸗ quéte, welche von einem Advokaten am Caſſationshofe unterzeichnet und auf der Gerichtsſchreiberei deponirt und einregiſtrirt wird. Die⸗ ſer Requéte muß die Abſchrift des Urtheils, welches man angreift, beigelegt werden, auch muß ſie die Caſſationsgründe (les moyens de cassation) enthalten. Die erſte Sektion des Hofes, die Requéten⸗ Kammer, erkennt ſofort auf den Bericht eines Rathes und die Con⸗ kluſionen des Generalprokurators, ohne dem Beklagten die Requéte mitgetheilt zu haben, über die Zuläſſigkeit derſelben. Wird dieſelbe nicht zuläſſig erklärt, ſo iſt das angegriffene Ur⸗ theil aufrecht erhalten. Wird dieſelbe aber zuläſſig erklärt, ſo autorifirt die Requéten⸗ kammer den Kläger, nunmehr den Beklagten vor die zweite Kammer (a chambre ou section civile) laden zu laſſen. Der Kläger muß dem Beklagten das Arrét der Admiſſion in drei Monaten vom Tage ſeines Erlaſſes an mittheilen. Die Inſtruktion geſchieht dann durch einfache Bittſchriften oder Dentgeſuche (Memvirs), welche auf der Gerichtskanzlei deponirt werden. Das Urtheil C'arrét) wird gefällt in öffentlicher Sitzung auf den Bericht eines Rathes, nach An⸗ hörung der Parteien in ihren Plädoyers und der Conkluſionen des öffentlichen Miniſteriums, das in Caſſationsſachen immer gehört werden muß. Die Chambre civile verwirft (rejette) entweder die Klage — 76 Civilprozeß. oder kaſſirt (casse) das angefochtene Urtheil. Im erſten Falle 5 verurtheilt ſie den Kläger zur Geldſtrafe, zum Schadenserſatz und zu nin den Koſten. Im zweiten Falle ſind die Parteien in dieſelbe Lage 44 gebracht wie vor dem kaſſirten Urtheile und wird die Sache an ein 3 anh anderes Tribunal zur Aburtheilung verwieſen *) unter Zurückgabe der conſignirten Gelder. Dieſes Tribunal muß von demſelben Range ſeyn wie dasjenige, welches das nunmehr kaſſirte Urtheil erlaſſen iti hat. Die Anſicht des Caſſationshofes iſt indeſſen nicht maßgebend ijh für dasſelbe; es entſcheidet nach freier Ueberzeugung und kann ſo uM die Sache wieder entſcheiden wie das erſte Gericht. Wird dann in nhu dieſem Falle die Sache nochmals an den Caſſationshof gebracht, whn ſo verſaͤmmelt ſich dieſer in feierlicher Sitzung, prüft von Neuem, ſunu und entſcheidet, aber dießmal mit rechtsverbindlicher Kraft für das vim Gericht, an welches die Sache nunmehr zur dritten Beurtheilung ver— iſtim wieſen wird. (Geſetz vom 1. April 1837. Siehe auch Heft J. ſym „vom Caſſationshof“ Seite 61.) 1 un j un jin X. Kupitel. wul Verfahren vor den Friedensgerichten. ſtnſt t. 1 4 . * lujni Die Friedensrichter ſollen wöchentlich wenigſtens zwei Audienz⸗ inn tage feſtſetzen, gleichwohl iſt es ihnen erlaubt, alle Tage, ſelbſt Sonn⸗ uii und Feiertage, Morgens und Nachmittags über Streitigkeiten zu nin entſcheiden. Ihre Sitzungen werden gewöhnlich in der Mairie oder ü dem Gemeindehauſe abgehalten; ſie können indeſſen auch zu un Hauſe, jedoch nur bei offenen Thüren, das heißt, in einem uiſ Zimmer, zu welchem Jedermann den Zutritt haben kann, Audienz ſin geben. Die Polizei in der Sitzung iſt ihnen anvertraut und ſie *) Der Caſſationshof in Paris erkennt nicht au fond der Sache, wie der für me Bayern (in München), welcher zugleich Reviſionshof iſt, da die Verhält⸗ zu niſſe den renwoi nicht geſtatten, indem nur ein Appellhof in der Rheinpfalz ſich befindet und nur für dieſe Provinz der Caſſationshof beſteht. yi Rechtsmittel. könuen mit Geldſtrafen gegen Perſonen einſchreiten, die Anſtand und Ehrerbietung vergeſſen, und ſelbſt mit Gefängnißſtrafe bis zu drei Tagen, wenn die Unziemlichkeit gröberer Natur war. Ueber ſolche Vorfälle haben ſie ſummariſche Verbalprozeſſe (procés-verbal) zu errichten. Die Parteien erſcheinen perſönlich oder durch einen Bevoll— mächtigten entweder freiwillig oder in Folge eines Erlaub⸗ nißzettels des Friedensrichters (cedule) in dringenden Sachen oder auf den Grund einer Vorladung. Letztere geſchehen durch den Huiſſier und müſſen enthalten: Namen, Wohnort und Gewerbe der Parteien; Namen, Wohnort und Matrikel des Huiſſiers; Tag, Monat und Jahr der Vorladung; Bezeichnung des Friedensrichters, der erkennen ſoll, und Beſtimmung des Tags und der Stunde der Erſcheinung; ſummariſche Auseinanderſetzung des Gegenſtandes der Klage und der Klagegründe. Ein ſchriftliches Verfahren iſt nicht geſtattet. Anwälte und Ad⸗ vokaten ſind als ſolche nicht zugelaſſen, nur, wie andere Private als Bevollmächtigte der Parteien. Dieſe tragen ihre Sache dem Friedensrichter vor und haben ſich mit der Mäßigung auszudrücken und der Ehrerbietung zu benehmen, welche ſie dem Geſetze und dem Richter ſchuldig ſind. Der Friedensrichter ſpricht ſofort das Urtheil oder vertagt den Ausſpruch desſelben auf eine nächſte Sitzung. Iſt ein Beweisver⸗ fahren nothwendig und zuläſſig, ſo erläßt er einen Zwiſchenbeſcheid und beſtimmt zugleich den Tag an welchem das Beweisverfahren ſtattfindet. Ortsbeſichtigungen nimmt er in Gegenwart des Gerichtsſchreibers zur firirten Zeit an Ort und Stelle vor. Zeu⸗ genverhöre finden in der Sitzung ſtatt, ebenſo Urkundenbe⸗ weiſe. Wird die Aechtheit der Urkunde beſtritten, ſo kann der Friedensrichter als erceptioneller Richter nicht hierüber erkennen und die verification d'écriture anordnen, ſondern muß die Parteien vor das Bezirksgericht verweiſen. Sachverſtändige werden an Ort und Stelle des ſtreitigen Gegenſtandes, oder in der Sitzung, wie es gerade zweckmäßig iſt, vernommen. Eide werden in der Sitzung abgeſchworen. *N 78 Civilprozeß. Das Urtheil, nach ſtattgehabtem Beweisverfahren wird ent⸗ „ weder ſogleich oder in der nächſten Sitzung verkündet. w Weitläufige Schreibereien finden nicht ſtatt. Sind die Sachen nicht der Appellation unterworfen, ſo wird kein beſonderer Verbal⸗ vuh prozeß über das Beweisverfahren aufgenommen, ſondern dasſelbe il formell und materiell, z. B. mit Anführung der Zeugen ꝛc. in den ni Urtheilserwägungen angeführt. Die Originale (minute) der Urtheile werden in ein Audienz ubi heft eingetragen und von dem Richter und dem Gerichtsſchreiber un⸗ ni 9 terzeichnet. Iſt ein Interlokut erlaſſen, ſo ſoll die Sache längſtens i in 4 Monaten definitiv entſchieden werden; nach Umlauf dieſer Friſt i iſt die Inſtanz erloſchen. Geſchah dieſes durch die Schuld des Rich⸗ tit i ters, ſo hat er den Schaden und den entbehrten Gewinn zu erſetzen. in Er kann die proviſoriſche Vollziehung ſeiner Urtheile bis zum Be⸗ gin trag von 300 Franken anordnen; ja darüber hinaus, aber dann iiitt unter der Bedingung, daß Bürgſchaft hiefür geſtellt werde. kim Die Berufungsfriſt gegen ein in erſter Inſtanz erlaſſenes iin uſ Urtheil des Friedensrichters iſt drei Monate nach Inſinuation des in Urtheils. Die Oppoſitionsfriſt gegen ein Defaut iſt drei Tage im nach Inſinuation desſelben an die Partei. Weiß der Friedensrichter ijm aus eigner Erfahrung oder iſt es ihm durch Bekannte und Freunde wichü der ausbleibenden Partei in der Sitzung geſagt worden, wie dieſelbe hiſi keine Nachricht von den Prozeſſen erhalten, wie ſie (wegen Abweſen⸗ uü heit ꝛc.) die Ladung nicht erreichen konnte, ſo erläßt er zwar das uni Deéfaut, verlängert aber die Friſt zur Oppoſition in demſelben Urtheil. Rzl Die Friedensrichter können abgelehnt (rekuſirt) werden: iuiß 1) wenn ſie perſönliches Intereſſe bei dem Rechtsſtreite n haben; jjn5 2) wenn ſie mit einem der ſtreitenden Theile bis zum Grade it der Geſchwiſterkinder einſchließlich verwandtoder verſchwägert ſind; ſuü 3) wenn innerhalb eines Jahres vor der Recuſation ein Kri⸗ ſuh minalprozeß unter dem Friedensrichter und dem ſtreitenden Theile, i oder deſſen Verwandte und Verſchwägerte in gerader Linie, oder deſſen Ehegatten ſtatt hatte; 4) wenn zwiſchen dem Richter und einer Partei oder deſſen Ehegatten ein Civilprozeß anhängig iſt; Verfahren vor den Friedensgerichten. 79 5) wenn ſie ein ſchriftliches Gutachten in der Sache ab⸗ gegeben haben. Die Rekuſation wird durch einen Huiſſiersakt, der die Gründe der Recuſation und dieſe ſelbſt enthält, dem Gerichtsſchreiber inſinuirt, welcher unter das Original ſein Viſa ſetzt. Die Partei oder ihr Spezialbevollmächtigter muß Original und Abſchrift des In⸗ ſinuationsaktes unterzeichnen. Derſelbe wird dann dem Richter durch den Gerichtsſchreiber mitgetheilt und Jener iſt verbunden, innerhalb zwei Tagen ſchriftliche Erklärung auf die Recuſation abz zugeben, wodurch er dieſelbe entweder annimmt, oder ſich weigert in der Sache nicht zu erkennen. Im letztern Falle, oder wenn der Richter das Geſuch nicht beantwortet, bringt der Recuſant eine Ausfertigung des Recuſationsaktes nebſt der Erklärung des Richters, wenn er eine gegeben hat, an den Staatsprokurator bei dem einſchläglichen Be⸗ zirksgerichte, welches letztere dann in den nächſten acht Tagen nach Anhörung der Staatsbehörde in letzter Tübn über die Recu⸗ ſation entſcheidet. Ein Hauptaugenmerk des Friedensrichters ſoll es ſeyn, auch in den Prozeſſen, welche er zu entſcheiden hat, alſo nicht allein in jenen, in welchen er als Sühnerichter fungirt (ſiehe nächſtes Kapitel) die Parteien zum Vergleiche, und, zum Frieden zu bringen. Dieſe ſchöne Attribution hatte der Geſetzgeber hauptſächlich vor Au⸗ gen, als er das Inſtitut, das ſegensreichſte und herrlichſte in der ganzen hierarchiſchen Ordnung der Staatsämter Frankreich's einführte. Die Zahl der auf dieſe Weiſe verglichenen Prozeſſe beläuft ſich durch⸗ ſchnittlich per Jahr auf 120,000, wie die Berichte der Juſtizminiſter auf den Grund der Jahrestabellen nachweiſen. Darum auch iſt dieſem Beamten der ſchönſte und bezeichnendſte aller Titel: „Frie— densrichter“ beigelegt worden*), weil er wie das Haupt einer Familie in ſeinem Gerichtsſprengel Ruhe, Ordnung und Frieden (in England den ſogenannten Königsfrieden) erhalten, die materielle SMinigeit ſeiner Gerichtsuntergebenen befördern ſoll. *) In der bayeriſchen Rheinpfalz iſt dieſer Litel, den England, Frank⸗ reich, Rheinpreußen, Rheinheſſen bis jetzt erhalten haben, ſeit etwa 6 Jahren abgeſchafft und mit dem Titel „Landrichter“, ver⸗ tauſcht worden. 80 Civilprozeß. Wie einfach, wie geräuſchlos und wohlfeil das ganze Verfahren vor dieſem Richter iſt, haben wir nachgewieſen und wir gehen nun zur Beſprechung eines andern Attributs des Friedensrichters über, welches nicht minder ſegensreich wirken kann, wenn es in den Hän⸗ den des rechten Mannes ſich befindet, wir meinen, die Beſtallung desſelben zum Sühnerichter in den Prozeſſen, welche vor das Forum der ordentlichen Gerichte gehören. XI. Rupitel. Von dem Sühneverſuch. Art. 48— 58 c. d. p. C. 5 Alle Völker, die ſich nur der Civiliſativn annäherten, haben es von jeher als eine Wohlthätigkeit erkannt, durch Sitten oder geſetz⸗ liche Inſtitute die Beendigung der Rechtsſtreite mittelſt friedlicher Beilegung derſelben ſtatt gerichtlicher Austragung herbeizuführen. Ueberall in der Cultur- und Rechtsgeſchichte der Völker begegnen wir dieſer Anſchauung; meiſtentheils aber erhielt ſie ihren Ausdruck nur durch die Weiſung des Geſetzes an den Richter, die Parteien an der Schwelle des Prozeſſes, oder auch in jedem Stadium des⸗ ſelben zur Verſöhnung, zum Vergleiche zu ermahnen; eigene In⸗ ſtitute zur Begünſtigung der Sühne hatte man nur hie und da. Der franzöſiſche Geſetzgeber entlehnte die Idee hauptſächlich dem engliſchen Verfahren, hat aber durch einzelne Beſtimmungen die Wirkung des Inſtituts, welches der Ausdruck dieſer Idee ſeyn ſollte, beeinträchtigt und es verhindert, ſo ſegens⸗ und erfolgreich zu wirken, wie er ſich ſelbſt die Conſequenzen ſeiner Schöpfung gedacht hatte. Aber wenn auch nicht im vollen Umfange, viel doch des Guten und Erſprießlichen iſt gewonnen worden. Und es iſt demnach undankbar und thöricht, wegwerfend über das Inſtitut zu urtheilen, weil nicht deſſen ganzer Zweck durch ſeine Organiſation, die ja der Verbeſſer⸗ ung fähig iſt, erreicht worden. In England, Frankreich, Rheinbayern, vor allen am erfolgreichſten in Dänemark, in Preußen, in Meiningen haben ſich die Vermittlungsämter unter niid ſt ull zul 1il wun, il in zün li uin m n ſ u zü ninw ſyr in uß ſſ In lin di it ſt du il, i ſithn iuim in tinl ni i uh in h ſih Uß ub ijn m ch ſter Vom Sühneverſuch. 81 1 verſchiedenen Benennungen, bald mehr bald minder glücklich organi⸗ ſirt, vollkommen bewährt und einer Unzahl Prozeſſe ſchon an der Schwelle derſelben ein Ende gemacht. In Frankreich beläuft ſich die Zahl der Vergleiche, welche auf dem Vermittlungsamte zu Stande kommen, durchſchnittlich auf 22 bis 23,000 per Jahr. Iſt das nicht ein namhaftes Reſultat, wenigem Zeit⸗ und Koſtenaufwand gegenüber? Eigene Sühneinſtitute hatte Frankreich keine vor der Revo⸗ lution und ſie wurden erſt durch das Geſetz vom Auguſt 1790 ein⸗ geführt. Die erſte Organiſation war folgende: Der Friedensrichter bildete mit ſeinen beiden Aſſeſſoren das Vergleichs⸗Bureau; in jeder Stadt, in welcher ſich ein Diſtriktsgericht befand, organiſirte der Ge⸗ meinderath ein Vergleichsburean aus 6 Mitgliedern, welche ſich durch Bürger⸗Tugenden auszeichneten, und von denen zwei Rechtsgelehrte ſeyn mußten. Jede Hauptklage mußte vorher zum Vergleich an dieſe Vermittlungsämter gebracht werden; ebenſo jede Berufung von Urtheilen der Diſtriktsgerichte. Die ſpätere Einrichtung, wie ſie in dem code de procedure civile ſich vorfindet, iſt im Weſentlichen alſo: Der Friedensrichter allein iſt der Richter der Sühne, der Ver⸗ mittler, der Beamte, welcher den Vergleich amtlich anzurathen und pflichtgemäß zu begünſtigen hat. Jede Hauptklage muß, vor der Einleitung in die Inſtanz, vor das Vermittlungsbureau zum mög— lichen Vergleiche (conciliation) gebracht werden. Nur auf der Schwelle des Prozeſſes, nicht ſpäter hat dieſes zu geſchehen, alſo auch nicht bei der Berufung wie früher. Die Parteien erſcheinen in Perſon oder durch Bevollmächtigte. Wer nicht erſcheint, wird in eine Geldſtrafe von 10 Franken verurtheilt, und kann am Bezirks⸗ gericht nicht zur Audienz kommen, ohne Quittung über die bezahlten 10 Franken vorzulegen. Dispenſirt von der Erſcheinung vor dem Vermittlungsamt ſind: 1) die Klagen, wobei der Staat, die Domänen, Gemeinden, öffentliche Anſtalten, Minderjährige, Interdizirte und Curatoren va⸗ kanter Erbſchaften betheiligt ſind; 2) Klagen, die keinen Aufſchub leiden; 3) Klagen auf Intervention oder auf Gewährleiſtung; IMI. Civilprozeß. 6 5 82 Civilprozeß. 4) Klagen in Handelsſachen; 5) Klagen auf Entlaſſung aus perſönlichem Arreſt, auf Auf⸗ hebung eines Mobiliar⸗Arreſtes, auf Zahlung einer Miethe, eines Pachtes oder verfallener Renten und Penſionen; 6) Klagen der Anwälte auf Zahlung der Koſten; 7) Klagen, welche wider mehrals zweiPerſonen gerichtet ſind; 8) Klagen auf Unterſuchung einer Handſchrift; 9) auf Mißbilligung (desaveu); 10) auf Verweiſungen an ein anderes Gericht; 11) auf Beſtimmung eines unter mehreren Richtern; 12) Syndikatsklagen; 13) Klagen über Realanerbietungen, Herausgaben von Ur⸗ kunden, über Vormundſchaften, Kuratelen, Aufhebung der Güterge⸗ meinſchaft und alle in den Geſetzen ausdrücklich ausgenommene Sa⸗ chen (wie in den Fällen der Art. 193, 352, 363, 368, 505, 566, 570, 687, 718, 815, 865, 882 und 890). In perſönlichen und dinglichen Klagen begründet der Wohnort des Beklagten die Competenz des Vermittlungsrichters; in Geſell⸗ ſchaftsſachen der Ort, wo die Geſellſchaft beſteht und in Succeſſions⸗ ſachen der Ort, wo die Succeſſion eröffnet wird. Kömmt ein Vergleich zu Stande, ſo wird derſelbe protokollirt, vom Richter, dem Gerichtsſchreiber und den Parteien unterzeichnet. Es hat aber derſelbe nur die Kraft einer Verbindlichkeit unter Pri⸗ vatunterſchrift, alſo einer Privat⸗Urkunde. Kömmt keine Verſöhnung zu Stande, wird in einem ſummariſchen Verbalprozeſſe dieſes certifizirt. Die Gebrechen dieſes Geſetzes, welche demſelben am häufigſten, am berechtigtſten und ſelbſt von der Seite vorgeworfen werden, die das Inſtitut der Hauptſache nach, liebt und vertheidigt, ſind nun vornehmlich folgende: a) es ſtatuirt zu viele Ausnahmen von der Regel; b) dadurch, daß Bevollmächtigte unbedingt zugelaſſen werden, wird ſein Zweck nicht wohl erreicht; c) der Vergleich, welcher zu Stande kömmt, ſollte jedenfalls den Charakter eines authentiſchen Aktes tragen und d) die ganze Sache wird zur Komödie, wenn man ſich mit 10 Franken Geldſtrafe dispenſiren kanu. . iſ u uſ npi ſin in vi iinß lire mn R M ſn i. hn ſes , Vom Sühneverſuch. Dieſe Ausſtellungen ſind gegründet und es iſt nichts Weſent⸗ liches dagegen einzuwenden, aber leicht wäre die Verbeſſerung und keinenfalls ſind ſie geeignet, die Exiſtenz des Inſtitutes nicht wünſchens⸗, nicht erhaltenswerth zu machen. Manche der Ausnahmen, wie die unter Rubrik 7 wäre zu ſtreichen; Bevollmächtigte wären nur bedingt, etwa in Fällen ſchwerer Krankheit, längerer Abweſen⸗ heit, größerer Entfernung der Parteien und ihres Wohnorts, zuzu⸗ laſſen; die Vergleichsurkunden könnten mit einem höhern Charakter bekleidet werden, als dem bloßer Privaturkunden; außer der Geld⸗ ſtrafe müßte die ſofortige Zurückverweiſung der Parteien, welche vor dem Vermittlungsamt nicht erſchienen ſind, vor dasſelbe zu geſchehen haben; und dann wäre vollſtändig allen Mängeln ab⸗ geholfen und das Vermittlungsamt nicht mehr, wie der ſelige Feuer⸗ bach ſehr witzig bemerkte, der Schlagbaum auf der großen Landſtraße der Juſtiz, den man nur mittelſt der Zahlung von 10 Franken Zoll paſſiren kann. Der Friedensrichter ſelbſt aber hat zwei, ſich diametral entge⸗ genſtehende Fehler zu vermeiden; er darf nicht zu läſſig im Ver⸗ mittlungswerke ſeyn, aber auch nicht zu eifrig und leidenſchaft⸗ lich, wie es bisweilen vorkommt, und die Parteien zum nicht moraliſch zwingen wollen. XII. inpitel. Verfahren vor den Bezirksgerichten. Art. 59 413 6 d p. Das Verfahren vor den Bezirksgerichten wird durch eine Vor⸗ ladung (exploit, exploit d'ajournement, assignation) eingeleitet, welche der Kläger der beklagten Partei durch einen Huiſſiér zuſtellen läßt. Die Vorladung muß, wie die vor das Friedensgericht, ent— halten und zwar bei Strafe der Richtigkeit: 1) Namen, Wohnort, Stand der Parteien; 2) Namen, Wohnort, Matrikel des Huiſſiers; 6* . — k . 3 84 Civilprozeß. 3) Namen und Matrikel des Anwalts, den der Kläger be⸗ ſtellt hat; 4) Datum der Zuſtellungsurkunde; 5) Gegenſtand der Klage, ſowie ſummariſche Darſtellung der Klagegründe; 6) Petitum der Klage; 7) Anzeige des Gerichts, das erkennen ſoll; 8) Friſt der Erſcheinung, innerhalb welcher der Beklagte einen Anwalt zu beſtellen und dieſes zu notifiziren hat; die Friſt für In⸗ länder iſt 8 Tage, welche um je einen Tag für jede 3 Myriameter Entfernung vom Gerichtsſitze verlängert wird; 9) und bei dinglichen und gemiſchten Klagen eine genaue Be⸗ ſchreibung des ſtreitigen Objektes nebſt den angränzenden Guts⸗ nachbarn. Der Präſident kann in dringenden Fällen auf Bittſchrift durch eine Ordonnanz die Erlaubniß geben, daß die Vorl ladungsfriſt abgekürzt werde. Bittſchrift und Ordonnanz muß dann abſchriftlich mit der Ladung dem Beklagten mitgetheilt werden. Die Ladungen und Inſinuationsakte müſſen dem Beklagten in Perſon oder an ſeinem Wohnort zugeſtellt werden. Iſt der Vorge⸗ ladene abweſend, ſo ſtellt der Huiſſier den Akt einem Nachbarn, einem Verwandten, dem Bürgermeiſter oder Adjunkten der Ge⸗ meinden, in beſtimmten Fällen dem Staatsprokurator (au parquet) zu. Der Huiſſiér oder der Anwalt können die Ladung entwerfen; beſſer jedoch wird es ſeyn, wenn es der letztere beſorgt, da, wie be⸗ merkt, die ganze Klage in derſelben enthalten iſt und die hiezu noth⸗ wendigen Kenntniſſe, wenigſtens in ſchwierigen Fällen, eher bei dieſem als bei jenem zu vermuthen ſind. Binnen der Vorladungsfriſt ſtellt der Beklagte, wenn er den Streit annehmen will, einen Anwalt auf, dem er die Vorladung übergibt, ihn mit dem Stande der Sache bekannt macht und um Vertretung erſucht. Der Gegenanwalt notifizirt nun dem klägeriſchen Collegen durch einen einfachen Akt ſeine Beſtellung oder Conſti⸗ tuirung. Dieſe Beſtellung, ſo wie alle von Anwalt zu Anwalt gehenden Akte, werden durch einen Audienzhuiſſiör übermittelt. In den nächſten 15 Tagen nach der Conſtituirung läßt der Anwalt des vlin mi i im ihn ſi nl un ij ni m h ſin hi ſin 6 hin n in miin uns uſn kuin ſii wa duch E un n de inen Iy neter uts⸗ hit zſ ti in ie an, Uet) ſu oth⸗ hi den unh un hen ſi alt 6 Iu Verfahren vor dem Bezirksgericht. 85 Beklagten dem gegentheiligen Collegen eine Antwort auf die Klage durch den Audienzhuiſſiér zuſtellen, welche die Einreden und das Petitum ſeiner Partei kurz und bündig enthalten muß. Sind Ur⸗ kunden als Beweisſtücke vorhanden, ſo erbietet ſich der Beklagte zu⸗ gleich, dieſelben in Original dem Kläger von Anwalt zu Anwalt zu⸗ ſtellen zu laſſen oder auf der Greffe zu deponiren. Erſteres iſt das gewöhnliche Verfahren, letzteres der ſeltnere Fall. *) In den auf dieſe Mittheilungen folgenden 8 Tagen beantwortet der Kläger die Einwendungen des Beklagten gleichfalls durch Inſi⸗ nuation einer Anwaltsſchrift, oder aber der Kläger läßt, ohne weiter die Einreden des Gegentheils zu beantworten, die Sache in der Sitzung fortſetzen. Hat der Beklagte nicht in den erſten fünfzehn Tagen ſeine Einwendungen vorgebracht, ſo bedarf es, um die Sache in der Audienz fortzuſetzen, nur eines Aktes, den ein Anwalt dem andern inſinuiren läßt. Keine andern ſchriftlichen Verhandlungen oder Inſinuationen können bei der Liquidation der Koſten in Rech⸗ nung gebracht werden. Iſt die Sache communikabel, das heißt, muß ſie dem öffent⸗ lichen Miniſterium mitgetheilt werden, ſo geſchieht dieſes in dem jetzigen Stadium des Prozeſſes durch die Mittheilung der Prozeß⸗ ſchriften an den Staatsprokurator. **) Hiermit iſt das regelmäßige Vorverfahren geſchloſſen und der betreibende Theil Ca partie diligente) läßt durch den Gerichtsſchreiber in ein Regiſter, welches Audienzrolle genannt wird, die Namen der Parteien und ihrer Anwälte, ſo wie eine kurze Bezeichnung des Streitgegenſtandes eintragen. Aus der Audienzrolle wird ein Ver⸗ zeichniß der Prozeſſe, welche in den nächſten 8 Tagen verhandelt werden ſollen, ausgezogen und an das Gerichtsbrett angeſchlagen. Vorhergehend der Eintragung in die Audienzrolle iſt die Eintragung der Sache in die Generalrolle und die Firation der Tage, an welchen die aufgetragenen Prozeſſe der Reihe nach zur Verhandlung kommen ſollen. Iſt die Sache auf der Audienzrolle, ſo läßt der betreibende *) Siehe Kapitel VII. **) Siehe Kapitel IV. 86 Civilprozeß. Theil dem Gegentheile durch einfachen Akt von Anwalt zu Anwalt . dieſe Eintragung notifiziren und in die fixirte Sitzung einladen. Die Sitzungen ſind öffentlich, ausgenommen in den we⸗ npont nigen Fällen, in welchen die Oeffentlichkeit durch Urtheil beſeitigt un wird (ſiehe Seite 14). Die Richter ſitzen auf einer Tribüne oder wn Eſtrade an einem Tiſche, der Präſident in der Mitte, zu ſeiner Dn Rechten der älteſte Richter, zu ſeiner Linken der jüngere; an einem n ſi Seitentiſche rechts ſitzt der Beamte des öffentlichen Mini⸗ üiſu ſteriums, an einem ſolchen links der Gerichtsſchreiber. Vor ſun der Eſtrade befindet ſich ein Platz für den Audienzhuiſſiér und vſu das Barreau, der mit Bänken verſehene Platz für die Anwälte ziüf und Advokaten. Alle erwähnten Beamten erſcheinen in ihrer i Amtskleidung. ut Hinter dem Barreau, durch eine Schranke getrennt, befindet hin ſich der Raum für das Publikum. Jedermann iſt der Zutritt ge⸗ tde ſtattet; beſondere Bevorzugungen oder Begünſtigungen kennt das zn Geſetz keine. Der Audienzhuiſſier ruft nun aus der Audienzrolle anhe eine Sache nach der andern in der beſtimmten Reihe auf. Nach lh Aufruf der Sache lieſt der klägeriſche Anwalt ſtehend mit ent⸗ blößtem Haupte den früher erwähnten Antrag und übergibt ihn un durch den Audienzhuiſſier dem Gerichte. Sofort beginnt das Plai⸗ mn doher, oder der mündliche Vortrag. Der Advokat erhebt ſich, un bedeckt ſein Haupt mit dem Barette und entwickelt die Klage in i allen ihren Theilen. Darauf die Antwort des Beklagten in derſel⸗ N ben Weiſe; Verleſung des Gegenantrags durch den Anwalt, münd⸗ ni licher Vortrag durch den Advokaten. Replik, Duplik, Triplik ꝛ. inn wenn ſie nöthig werden, tragen die Advokaten der Parteien in der⸗ itin ſelben Ordnung vor. Die Advokaten müſſen mit Mäßigung und „it Ehrerbietung vor dem Geſetze ſprechen, keiner den andern unter⸗ jn brechen und jeder warten, bis der Gegentheil vollſtändig ausge⸗ 5n ſprochen und ſich niedergeſetzt hat. u Das Geſetz geſtattet den Parteien unter Beiſtand ihres An⸗ 3 walts ſich ſelbſt zu vertheidigen und keines Advokaten zu bedienen, m ermächtigt aber das Gericht, ihnen den Gebrauch dieſes Rechtes zu unterſagen, wenn es erkennt, daß Leidenſchaft oder Mangel an Er⸗ i walt we iig der in un ni Vu um lte hrer Verfahren vor dem Bezirksgerichte. 87 fahrung die Partei verhindert, ihre Sache mit dem gehörigen An— ſtande oder der nöthigen Klarheit vorzutragen. Das Gericht kann jederzeit die perſönliche Erſcheinung der Parteien (la comparution) verordnen, um ſich durch direkte Fragen an dieſelbe die nothwendige Aufklärung und Belehrung zu verſchaffen. Wenn das Gericht ſich für inſtruirt erachtet, ſo erklärt dieſes der Präſident und die Verträge der Parteien ſind hiermit abge⸗ ſchloſſen. Der Staatsprokurator muß oder kann nunmehr ſeine Concluſionen vortragen und das Gericht ſpricht ſofort das Urtheil nach ſtattgehabter ſtiller Umfrage durch den Präſidenten aus, oder es zieht ſich auf kurze Zeit in die Rathskammer zurück, um dort das Urtheil zu berathen und es dann in der Audienz auszuſprechen, oder es vertagt den Ausſpruch des Urtheils auf einen der nächſten Audienztage; oder es verordnet die Niederlegung der Akten, damit auf den Vortrag eines Referenten, der zugleich mit der Firation des Tages, an welchem derſelbe in ſeinem Berichte gehört wird, ernannt wird, das Urtheil berathſchlagt werde (delibération, delibérés); oder es befiehlt die Anwendung des ſchriftlichen Verfahrens (instruction par écrit art. 95). Dieſelbe war Seite 15 der Ge⸗ genſtand unſerer Betrachtung geweſen, und es iſt nur noch zu be⸗ merken, daß auch hier ein Richter⸗Referent zur Erſtattung des Vor⸗ trags in der Sache an das Gericht ernannt wird. Der Vorſitzende leitet die Debatten und handhabt die Ordnung und die Polizei in der Sitzung. Die Zuhörer und die Parteien halten das Haupt entblößt und beobachten Ehrerbietung und Still⸗ ſchweigen. Die Befehle des Vorſitzenden müſſen ſogleich in allem, was ſich auf die Polizei bezieht, vollzogen werden. Gegen Ruhe⸗ ſtörer, Ercedenten kann nach Maaßſtab mit Ausweiſung aus dem Sitzungsſaal und mit Verhaftung eingeſchritten werden. Wirkliche Vergehen können zur Stelle abgeurtheilt werden, oder ſie werden wie allenfalls vorkommende Verbrechen zur Inſtruktion an den Un⸗ terſuchungsrichter verwieſen. Die Urtheile werden nach Stimmenmehrheit erlaſſen und in ein Original⸗ oder Minutenregiſter eingetragen. Sie müſſen binnen — — 88 Civilprozeß. 24 Stunden von dem Präſidenten und dem Gerichtsſchreiber unter⸗ — zeichnet werden (ſiehe im Uebrigen das Kapitel VII. von den 3 Urtheilen). * Prozeſſe, welche endgültig durch Urtheil oder durch Vergleich wb erledigt ſind, oder welche die Parteien nicht mehr betreiben, oder an a ein anderes Gericht übergehen, werden durch Gerichtsbeſchluß in der * öffentlichen Sitzung von der Rolle geſtrichen. in „ Iſt durch das Urtheil ein Beweisverfahren angeordnet worden, * „ ſo wird dasſelbe alſo betrieben: iü 5 Wenn ein Zeugenbeweis zugelaſſen worden iſt, ſo werden * die Zeugen, wenn die Sache ſummariſch iſt, in die Sitzung ge⸗ 1* laden und ihr Verhör findet vor dem verſammelten Gerichte ſtatt. mb Einwendungen gegen die Glaubwürdigkeit und ſonſtige Eigenſchaften in der Zeugen *) werden ſofort durch das Gericht entſchieden. Im or⸗ uu dentlichen Verfahren wird ein Richter als Commiſſär ernannt, i vor dem die Abhör der Zeugen ſtatt zu finden hat. Die Parteien inl und ihre Anwälte können durch den Richter zur Sache gehörige izn Fragen an die Zengen ſtellen, welcher überhaupt die Pflicht hat, die it Enquéte ſo ſorgfältig und gründlich, als möglich, zu leiten. Ein⸗ ins wendungen gegen die Zeugen (reproches) werden vom Richter und n Gerichtsſchreiber in das Protokoll conſtatirt, dieſelben dann nach ge⸗ N leiſtetem Eide vernommen und erſt in der Sitzung wird dann durch MMi das Collegium, bevor die Ausſage verleſen und kritiſirt wurde, über n die Reproche entſchieden. ſün Auf Beweis durch Sachverſtändige wird entweder auf An⸗ iuin trag der Parteien oder von Amtswegen, wenn das Gericht die Ver⸗ hi nehmung der Experten zu ſeiner Inſtruktion nothwendig hält, er⸗ un kannt. Die Sachverſtändigen werden drei an der Zahl vom Ge⸗ byn richte auf Vorſchlag der Parteien, wenn dieſelben ſich verſtändigt imj haben oder ex officio ernannt, zugleich mit ihnen ein Richterkom⸗ i miſſär, welcher die Erperten zu beeidigen hat. Dieſelben nehmen in wn Anweſenheit der Parteien die Beſichtigung der ſtreitigen Gegenſtände ſun vor und geben ein gemeinſchaftliches Gutachten unter Beifügung der i *) Siehe Kapitel V. 5 Verfahren vor dem Bezirksgericht. 89 Gründe ab und zwar iſt das Gutachten wie ein Urtheil nach der e Mehrheit der Stimmen zu faſſen. Die abweichenden Meinungen dürfen mit ihren Gründen in's Gutachten aufgenommen, aber ihre Autoren nicht bezeichnet werden. u Sachverſtändige können aus denſelben Gründen wie Zeugen rekuſirt N werden. Das Verfahren hiebei iſt ein ſummariſches. Das Gut⸗ achten wird in Original auf der Greffe deponirt und in Abſchrift , zur Audienz und Kritik der Parteien gebracht. Die Richter ſind nicht verbunden, ihrer eigenen Ueberzeugung zuwider nach der Mein⸗ e ung der Sachverſtändigen zu urtheilen. g Wenn das Gericht auf Antrag der Parteien oder von Amts⸗ t wegen die Beſichtigung der in Frage ſtehenden Hertlich⸗ ten teiten (den Augenſchein) anordnet, committirt es in demſelben In⸗ terlokute zugleich einen Richter zur Vornahme dieſer Operation. Die⸗ nt, ſer begibt ſich zu der von ihm mittelſt Ordonnanz beſtimmten Zeit in mit dem Gerichtsſchreiber an Ort und Stelle, wohin der Kläger den ig Beklagten auch laden ließ. In Gegenwart der Parteien und ihrer di Anwälte wird die Operation vorgenommen, Protokoll errichtet und in auf der Greffe deponirt. Abſchriftlich bringen die Parteien dasſelbe nd zur Sitzung und zur rechtlichen Kritik. g Der Haupteid ſowohl als der Erfüllungseid wird in der Regel in öffentlicher Sitzung von der Partei in Perſon ge⸗ bet ſchworen; bloß im gehörig erwieſenen Verhinderungsfalle wird ein Richter delegirt, den Eid in der Wohnung der Partei, welche zu M⸗ ſchwören hat, abzunehmen; auch bei weiter Entfernung kann das er Gericht des Wohnorts des zum Schwur Verpflichteten um Eidesab⸗ nahme requirirt werden. In beiden Fällen aber wird der Eid in 6e Gegenwart auch der Gegenpartei und der Anwälte vor dem Richter⸗ i Commiſſär und dem Gerichtsſchreiber geleiſtet, Protokoll hierüber er⸗ n⸗ richtet und abſchriftlich zur Sitzung gebracht. Calumnien⸗Eide jn und der Unſinn der Gewiſſensvertretung ſind natürlich dem e franzöſiſchen Rechte fremd. der Urkunden, wenn ſie zum Beweiſe dienen ſollen, werden der Gegenpartei mitgetheilt, welche ſich darüber zu erklären hat, ob ſie dieſelben anerkennt, abläugnet oder nicht anerkennt, wenn von Pri⸗ vaturkunden die Rede iſt. Wird die Urkunde nicht anerkannt oder * 90 Civilprozeß. abgeläugnet, ſo wird das Verifikationsverfahren (erification d'écriture) angeordnet, welches vor einem Richter⸗Commiſſär und dem Gerichtsſchreiber durch Gutachten dreier Experten ſtattfindet. „ Wird die Aechtheit der Urkunde nachgewieſen, ſo wird der Ab⸗ läugnende zu Schadenserſatz, Koſten und einer Geldſtrafe von wenig⸗ . ſtens 150 Franken zu Gunſten des Staats verurtheilt. Wird die . Urkunde als falſch oder verfälſcht beſtritten, ſo entſteht hierüber ein Incidentverfahren weitläufiger Art, wie es von Art. 214— 251 vorgeſchrieben iſt. Wer eine Urkunde als falſch angegriffen hat und dabei unterliegt, ſoll in eine Geldbuße von wenigſtens 300 Franken und zur verhältnißmäßigen Schadloshaltung verurtheilt werden. Er⸗ geben ſich dagegen Merkmale einer Fälſchung ſo kann der Präſident wider den Verdächtigen aus eigenem Antrieb oder auf Antrag des Staatsprokurators einen Vorführungsbefehl (mandat d'amener) er⸗ laſſen und überweist ihn der Staatsbehörde und dem Unterſuchungs⸗ richter zur criminellen Prozedur. Den Parteien ſteht es immer frei, in welcher Lage auch der Prozeß ſich befinden mag und was auch immer deſſen Gegenſtand uns ſey, darum anzuſuchen, daß ſie ſich wechſelſeitig vom Richter uu über erhebliche Thatumſtände und Artikel, die den Gegen⸗ mn ſtand des Streites betreffen, befragen laſſen, ohne daß das Verfahren oder die Urtheilsfällung dadurch aufgehalten werden darf. ult Dieſe Operation nennt man interrogatoire sur fait et articles. Sie wird auf Bittſchrift der betreibenden Partei mit Bezeichnung der h Thatumſtände durch ein Urtheil des Gerichts erlaſſen und vor dem b Präſidenten oder einem Richter, den er hiezu ernennt, vorgenommen. Auf Antrag der Parteien kann das Gericht (ſiehe Kapitel X.) den proviſoriſchen Vollzug ſeiner Urtheile befehlen und zwar: i ohne Bürgſchaft, wenn der obſiegende Theil einen authen⸗ i tiſchen Rechtstitel, ein anerkanntes Verſprechen, ein vorhergehendes hi condemnatoriſches Urtheil, von dem nicht appellirt wurde, für ſich hat; mit und ohne Bürgſchaft, je nach den Umſtänden, wenn es ſich handelt: — 1) um Anlegung oder Abnahme der Siegel oder Errichtung eines t Inventars; 2) um dringende Reparaturen; Verfahren vor dem Bezirksgericht. 91 3) um Ausweiſung aus einem Orte, wenn entweder kein Pacht⸗ vertrag vorhanden oder dieſer erloſchen iſt; 4) um Anerkennung eines Sequeſters, Commifſärs oder Be⸗ wahrers; 5) um die Annahme eines Bürgen und Afterbürgen; 6) um die Ernennung eines Vormunds, Kurators, Verwalters und Ablage einer Rechnung; 7) um Koſtgelder (pensions) oder proviſoriſchen Unterhalte. XIII. Kupitel. Incident⸗ und Interventionsprozeß. Art. 337 — 341 c. d. p. C. Incident⸗Prozedur oder Incidentklage nennt man den in einem anhängigen Prozeſſe zufällig unvermuthet dazu kom⸗ menden weitern Streit, welcher den Lauf des Haupwerfahrens un⸗ terbricht. Alle Incidentklagen müſſen zu gleicher Zeit geltend gemacht werden und werden nach Beſchaffenheit der Umſtände vorläufig durch ein Urtheil erledigt; in Sachen, worin ein ſchriftliches Verfahren an⸗ geordnet iſt, werden ſie zur Audienz und nöthigen Entſcheidung ge⸗ bracht. Sie geſchehen durch einen einfachen Akt, welcher die Gründe und den Antrag enthält, mit dem Anerbieten, die Beweisſtücke gegen Empfangſchein oder durch Hinterlegung auf der Kanzlei mitzutheilen. Der Incidentbeklagte antwortet hierauf durch einen bloßen Akt. Die Anfechtung einer Urkunde als falſch oder gefälſcht bildet z. B. einen ſolchen Incidentpunkt und iſt ſpeziellen vom Geſetze ſehr detaillirten Verfügungen unterſtellt worden Ce faux incident civil). Interventionsklage nennt man diejenige Klage, mittelſt welcher eine Partei, die einem ſchon anhängigen anfänglich fremd war, ſich in denſelben einmiſcht, um Rechte, die zu ihrem Nach⸗ theil compromittirt werden könnten, unterſtützen zu helfen. Der Intervenient hat deßhalb den Kläger oder den Beklagten oder beide zum Gegner. Dieſe Klage wird durch ein ſchriftliches Geſuch ein⸗ 92 Civilprozeß. geführt, welches die Gründe und die Concluſionen des Intervenienten — enthält und wird nebſt den Beweisſtücken abſchriftlich mitgetheilt. Ah Inſoferne die Entſcheidung der Hauptſache völlig vorbereitet iſt, wird 2 ſie durch die Intervention nicht aufgehalten. Wenn ein ſchriftliches W Verfahren angeordnet iſt und einer der ſtreitenden Theile widerſetzt in ſich der Interventiou, ſo wird dieſelbe als Incidentpunkt zur Audienz iu gebracht. nin XIV. Rupitel. Von den Reférs⸗Sitzungen. ſer Art. 806 — 811 c. d. p. C. In ſehr dringenden Fällen, oder wo es darauf ankommt, daß d über Hinderniſſe, die ſich gegen die Vollſtreckung eines Urtheils oder uhan eines erekutoriſchen Titels erheben, proviſoriſch und mit Raſchheit in ni entſchieden werde, iſt ein ganz ſummariſches Verfahren, das ſich in im nachbeſchriebener Weiſe darſtellt, vom Geſetze geſtattet: Eine dringende, keinen Aufſchub duldende Klage wird in einer uulj beſondern Sitzung (Reféréſitzung), welche von dem Präſidenten des n Bezirksgerichts oder dem ſtellvertretenden Richter, an einem von dem iuin Gerichte beſtimmten Tage und zur feſtgeſetzten Stunde zu dieſem vůi Zwecke abgehalten wird, angebracht und Gur rétérés) entſchieden. e Ja, wenn die Gefahr, welche auf dem Verzuge ſteht, eine noch tijn größere iſt, ſo kann der Präſident die Erlaubniß ertheilen, den Geg⸗ hiin ner zu einer beſtimmten Stunde, ſelbſt an Feſttagen, in den Audienz⸗ jin ſaal oder in die Wohnung des Präſidenten vorzuladen. Die Vor⸗ ſi ladung geſchieht zufolge einer Ordonnanz des Präſidenten, der zu⸗ Im gleich in derſelben einen Huiſſier mit der Zuſtellung derſelben com⸗ mittirt. Die Originale der Verfügungen, welche auf die Reférés ſh erfolgen, werden auf der Greffe deponirt; indeſſen kann auch der u Präſident befehlen im Falle unumgänglicher Nothwendigkeit, daß die Ordonnanz auf Vorzeigung des Originals vollſtreckt werden ſoll. Die Verfügungen ſelbſt bringen der Hauptſache keinen Nachtheil; ſt ſie werden mit und ohne Bürgſchaft, wie richterlich befohlen wurde, li — — — Von den Reféré ⸗Sitzungen. 93 proviſoriſch vollſtreckt. Oppoſition kann nicht wider dieſelben einge⸗ legt werden. In den Fällen, in welchen das Geſetz die Berufung erlaubt, kann dieſelbe vor Umlauf der erſten acht Tage nach dem Urtheile eingelegt werden; ſie iſt nicht mehr zuläſſig, wenn ſie nach fünfzehn Tagen von dem Tage der Inſinuation des Urtheils an zu rechnen erſt eingelegt wird. Ueber die Berufung ſelbſt wird ſum— mariſch entſchieden. XV. Kapitel. Unterbrechung und Wiederaufgreifung der Inſtanz. Art. 342 — 351 c. d. p. c. Der Gang einer Inſtanz kann auf zweifache Weiſe unter⸗ brochen oder geſtört werden, indem nämlich eine Partei der Klage keine weitere Folgen gibt und auch nicht die Gegenpartei die Been⸗ digung derſelben betreibt; oder indem gewiſſe Ereigniſſe eintreten, welche ohne und gegen den Willen der Parteien die Unterbrechung veranlaſſen. Erſtere nennt man die freiwillige Interruption, Q'interruption volontaire), letztere die gezwungene C'interrup- tion forcée). Die Ereigniſſe, welche eine gezwungene Interruption herbeiführen, ſind folgende: 1) Der Tod einer der Parteien; 2) der Tod oder die Standesveränderung des Anwalts (durch Abſetzung, Suſpenſion, Abdankung oder Verſetzung in die Magiſtratur); 3) Veränderung in dem rechtlichen Zuſtande der Parteien wie Inter⸗ diktion; oder in ihrer amtlichen Eigenſchaft, worin ſie in dem Pro⸗ zeſſe bisher aufgetreten waren, wie Niederlegung einer Verwalters⸗, Vormunds⸗, Curators⸗Stelle. Die Fortſetzung des Prozeſſes von Seite der Erben oder in Folge der Conſtituirung eines neuen Anwalts oder von Seite des neu ernannten Vormunds, Curators ꝛc. heißt die Wiederauf⸗ greifung (a reprise) der Inſtanz. Wenn eine Sache ſpruchreif war, ſo begründen keinerlei Ur⸗ ſachen die Unterbrechung; wenn aber im Laufe des Prozeſſes die Urſachen eingetreten ſind, ſo wird derſelbe ſo lange ſiſtirt, bis durch 94 Civilprozeß. die eben aufgezählten Veränderungen in Partei oder Anwalt die Sache wieder für aufgenommen erklärt worden iſt. Die Repriſe iſt immer eine gezwungene, denn eine angefangene Inſtanz muß auf irgend eine Weiſe erledigt oder beendet werden, ſey es durch Urtheil, Repriſe, oder geſetzlichen Streitabſtand. Obwohl nun die Wieder⸗ aufgreifung eigentlich immer als etwas vom Geſetze Befohlenes erſcheint, kann ſie dennoch von drei verſchiedenen Standpunkten aus betrachtet und 1) in eine freiwillige, 2) eine geſetzliche oder natürliche und 3) in eine eigentlich gezwungene (volontaire, légale ou naturelle, forcée) eingetheilt werden. Die erſte findet ſtatt nach einer freiwilligen oder nach einer gezwungenen Interruption in einer Sache, die noch nicht im ge⸗ hörigen Stande iſt. Im Falle der freiwilligen Interruption fordert das Geſetz keinerlei Art von Formalitäten, es geſtattet ſchwei⸗ gend den Parteien, die Prozedur fortzuſetzen, durch welchen Akt es immer geſchehe, weil jedweder Akt hinreichend iſt, die Inſtanz nicht perimiren zu laffen; im Falle der gezwungenen Unterbrechung be⸗ darf es von Seiten der fortſetzenden Partei zur Wiederaufgreifung eines Aktes von Anwalt zu Anwalt, der die Inſtanz wieder aufzu⸗ greifen erklärt, und einer neuen Vorladung, wenn die Gegenpartei zur Zeit noch keinen Anwalt beſtellt hatte. Ebenſo wird die legale oder natürliche Wiederaufgreifung bewerkſtelligt. Wenn der Vertreter der Partei, welche von der Unſche der Interruption betroffen wurde, nicht freiwillig die Repriſe ergriffen hat, ſo kann die Gegenpartei, um die Vortheile der Inſtanz zu be⸗ nützen oder Benachtheiligungen auszuweichen, die Repriſe ergreifen, was man die gezwungene im eigentlichen Sinne 85 Worts nennt. Widerſetzt ſich die zur Wiederaufnahme eingeladene Partei, ſo wird dieſe Oppoſition als Incidentpunkt ſummariſch entſchieden. Unter dem Ausdrucke étre en 6état (im gehörigen Stande ſich befinden), den das Geſetz in dieſer Lehre öfter von einem Rechts⸗ ſtreite gebraucht, wird verſtanden, wenn die Coneluſionen der Par⸗ teien zur Audienz gebracht und das Plaidoyer eröffnet worden war; v n ſin zini iun) zf ui hh ſü in zu n wn ſin m nhil ſt Ju ſin ſini muſ vhi ſtuj nih m , Unterbrechung und Wiederaufgreifung der Inſtanz. 95 und in der Inſtruktion par écrit, wenn dieſe complet Collſtändig) oder wenn die Friſt zur Produktion oder Beantwortung derſelben verſtrichen war. VI. Bapite Peremtion der Inſtanz. Anerkennung des Urtheils. Streitabſtand. Art. 396 — 403. Ordonnanz von 1667. Tit. 27. Art. 5. Die Peremtion (la péremption) iſt die Vernichtung einer Inſtanz in Folge der Einſtellung der Prozedur während einer be⸗ ſtimmten Zeitfriſt. Sie findet ſtatt, wenn die Verhandlungen in einem Rechtsſtreite drei Jahre lang nicht mehr betrieben wurden. Die Peremtions⸗ friſt wird jedoch unterbrochen durch Ereigniſſe, für welche die Partei, gegen welche perimirt wird, nicht haftbar gemacht werden kann, wie durch den Tod der Parteien und ihrer Anwälte. In allen dieſen Fällen und wo das Geſuch um Wiederaufnahme der Inſtanz oder um Beſtellung eines neuen Anwalts eintritt, wird die Friſt um ſechs Monate verlängert. Die Peremtion hebt das Klagerecht nicht ſelbſt auf, ſondern nur das bisherige Verfahren, weßhalb man auch teinen Akt des perimirten Prozeſſes dem Gegentheile entgegenſetzen oder ſich darauf berufen darf. Sie tritt nicht de droit und kraft des Geſetzes ein, ſondern in Folge eines Aktes der Gegenpartei; ſie hört auf oder verliert ihre Wirkung, wenn eine der Parteien vor der Klage auf Peremtion gültige, auf den Prozeß bezügliche Rechts⸗ verhandlungen vorgenommen hat. Sie tritt aber wider alle Par⸗ teien ein, auch wider den Staat, öffentliche Anſtalten, Minder⸗ jährige c., jedoch mit dem Vorbehalte des Regreſſes derſelben wider die Vormünder und Verwalter. Die Klage auf Peremtion wird durch ein ſchriftliches Geſuch eingeleitet, das ein Anwalt dem andern inſinuiren läßt, wenn anders 96 ˙ Civilprozeß. nicht ſeit dem Augenblicke, wo die Peremtion eingetreten war, der Anwalt verſtorben, ſuspendirt oder interdicirt worden iſt. Die Peremtion der Berufung ertheilt dem erſten Urtheile das Anſehen der res judicata. Die Peremtion hat ſchließlich die Wirkung, daß der Haupt⸗ kläger in alle Koſten des erloſchenen Prozeſſes verurtheilt wird. Die Anerkennung eines Prozeßaktes oder eines Urtheils von Seiten der Gegenpartei wird acquiescement, Einwilligung, Füg⸗ ung genannt. Dieſelbe kann eine ſtillſchweigende oder ausdrückliche ſeyn; erſtere findet ſtatt, wenn eine Partei ihre Einwilligung da⸗ durch zu verſtehen gibt, daß ſie nicht proteſtirt oder daß ſie anerken⸗ nende Handlungen vornimmt; letztere, wenn die Partei oder ihr Bevollmächtigter eine beſtimmte, ausdrückliche Erklärung des Aec⸗ quiescements gibt. Das Prozeßgeſetzbuch hat dieſem Inſtitute kein eigenes Kapitel gewidmet, es jedoch, wie aus den Artikeln 31, 241, 443 und 451 hervorgeht aus der Civilordonnanz von 1667, welche es an der Stelle, die in der Kapitelsüberſchrift citirt iſt, behandelt, beibehalten; jedoch läßt der code wenigſtens ſcheinbar nur jene Art gelten, die wir die ausdrückliche genannt haben und welche er die formelle (¶'acquiescement formel) nennt. Ihre Wirkung geht dahin, das Anfechten von Akten und Ur⸗ theilen zu hindern, indem ſie durch eine Art von Vertrag anerkannt werden. Hier müſſen wir auch des contrat judiciaire, eines Vertrags, erwähnen, welchen zwei Parteien während eines Prozeſſes mit einander abſchließen und der auf denſelben Zweck gerichtet iſt, wie das Acquiescement ſelbſt, als deſſen Reſultat eigentlich dieſer Vertrag erſcheint. Es ſind deßhalb auf ihn auch dieſelben Grund⸗ ſätze und Regeln wie auf das Acquiescement anzuwenden. Der Streitabſtand (e desistement) iſt die Erklärung einer Partei, daß ſie auf die Fortſetzung eines begonnenen Rechtsſtreites verzichten, von demſelben abſtehen wolle. Dieſe Erklärung kann durch einen einfachen Akt, der von der Partei oder ihrem Be⸗ vollmächtigten unterzeichnet und von einem Anwalt dem andern u u inin „u unk lili hin ſihh u in du mm li init iß zün nyil vn h zu ln ſibt ht ſütnt lutn ſiin i ul ln! lun mt l de di uyt 0 ſiy lich E lin⸗ rih E in hl E aln i nell dln tm ins eſt iſſ un in wits irung n Be uden Peremtion der Inſtanz ꝛc. 97 inſinuirt wird, geſchehen und angenommen werden. Der Abſtand gilt, ſobald er angenommen wurde, ſofort und von Rechtswegen als Einwilligung, daß die Sache von beiden Seiten in eben denſelben Zuſtand, worin ſie ſich vor dem Prozeſſe befand, zurückgeſetzt werde, und hat die weitere Folge, daß die verzichtende Partei die bisher er⸗ laufenen Koſten zu tragen hat. Die Zahlung derſelben hat auf eine bloße Ordonnanz des Präſidenten hin zu geſchehen, welche, aller Oppoſition oder Appellation ungeachtet, vollſtreckt wird. Es wird dieſelbe unter die Koſtentare geſetzt entweder in Gegenwart der Par⸗ teien oder nachdem dieſelben wenigſtens hiezu vorgeladen worden waren. XVII. Kapitel. Die Mißbilligungsklage. Art. 352 — 362 Aehnlich der Syndikatsklage, welche gegen den Richter als Schutzmittel wider eine Gefährde der Rechte einer Partei vom Ge⸗ ſetze geſtattet iſt, hat dasſelbe auch unter dem Namen Mißbillig⸗ ungsklage (e désaveu) den Parteien eine weitere Hülfe gewährt wider Nachtheile, die ihnen aus Erklärungen und Rechtshandlungen ihrer Anwälte und Huiſſiers, wozu dieſelben nicht ausdrück⸗ lich befugt und autoriſirt waren, erwachſen können. Wie wir im neunten Kapitel in der Abhandlung der außerordentlichen Rechtsmittel ſchon angegeben haben, zählen einige Rechtslehrer wie Rauter dieſes Rechtsmittel zu den außerordentlichen und bezeichnen es näher als indirektes, weil dasſelbe nicht geradezu und direkt gegen ein Urtheil oder richterliche Verfügung ſich wendet. Der Désaveu iſt alſo die Mißbilligung eines Aktes, den ein Anwalt oder ein Gerichtsbote vollzogen hat; und man kann zwei Arten desſelben unterſcheiden, einen désaveu principal und einen désaveu incident, je nachdem er als ſelbſtſtändige Klage oder wäh⸗ rend eines Prozeſſes als Incidentpunkt angeſtellt wird. Er geſchieht MI. Civilprozeß. 7 . „ 98 Civilprozeß. auf der Greffe mittelſt eines Aktes, der die Gründe und die Con⸗ cluſtonen der Mißbilligung ſo wie die Beſtellung eines Anwalts enthält, und von der Partei oder ihrem Bevollmächtigten, welcher jedoch hiezu einer Spezialvollmacht in authentiſcher Form bedarf, un⸗ terzeichnet ſeyn muß, und wird durch eine Ladung der Partei in ihrem Domizil zugeſtellt. Der Incident⸗Désaveu wird durch den Akt eines Anwalts demjenigen, deſſen Handlung man mißbilligt, und den andern An⸗ wälten, die in dem Prozeſſe fungiren, inſinuirt; durch Exploit der Partei, wenn ſie keinen Anwalt beſtellt hat. Die Mißbilligung wird immer bei dem Gerichte angebracht, bei welchem das mißbilligte Verfahren ſtattfand, ſelbſt wenn die Inſtanz, in deren Fortlaufe die Mißbilligung geſchieht, bei einem andern Ge— richt anhängig ſeyn ſollte, und wird dann den bei der Hauptinſtanz betheiligten Parteien kund gemacht, wobei dieſelben ebenfalls zu der Inſtanz über die Mißbilligung geladen werden. Ein miniſterieller Beamte kann mit der Mißbilligungsklage an⸗ gegriffen werden wegen aller Fälle, in welchen er die Grenzen ſeiner Funktionen überſchritten hat, ohne hiefür Spezialvollmacht gehabt zu haben; namentlich wenn er, ohne eine ſolche, Anerbietungen, Geſtändniſſe oder Einwilligungen ertheilt oder angenommen hat. Wenn die Gegenpartei keinen Nutzen aus ſolchen Akten ziehen ſoll, iſt der Désaven des betreffenden Beamten unerläßlich. Die Wirkungen des Désaven beſtehen darin: Bis zur Entſcheidung über denſelben wird mit allem Verfahren und mit dem Urtheile über die Hauptſache, bei Strafe der Nichtig⸗ keit, eingehalten. Derſelbe gehört zu den Klagſachen, welche dem öffentlichen Miniſterium mitgetheilt werden müſſen. Wird derſelbe vom Gericht für gültig erklärt, ſo verfügt das Urtheil, daß die angegriffenen Rechtsakte aufgehoben und kraftlos ſeyn ſollen, und verurtheilt den Beamten zum Erſatz des Schadens und entbehrten Gewinns allen Parteien gegenüber, ſowie zur Suspenſion vom Amte. Auch kann gegen denſelben, wenn der Fall gegeben iſt, ſonſt dis⸗ ciplinär und ſelbſt auf criminellem Wege eingeſchritten werden. Wird die Mißbilligung für unſtatthaft erklärt, ſo geſchieht auf dem Rande des Aktes, der angegriffen wurde, Erwähnung des ſil v In iim in in m in m Ji wni aw mpiſ ſuſ uun hnt i ſüb iin i n wal welhn tf un i i nt m leit de aht bi Juim en Ge pinim ſ ag u ſin hut ieunqn un ſu hun ſi bejihm ihi elhe N i d ſi len, u entbehun von n dun. giti nung d Mißbilligungsklage. 99 Urtheils, das den Désaveu verwirft, und der Kläger kann gegen den Beamten zur Genugthuung, demſelben und den übrigen Parteien gegenüber zum Schadenserſatz verurtheilt werden. XVIII. Rapitel. Von dem Réglement der Richter. Art. 363 — 367 c. d. p. e. Man verſteht unter réglement der Richter das Klagegeſuch um Beſtimmung, welcher Richter oder welches Gericht unter mehreren über einen Prozeß erkennen ſoll. Es findet ſtatt, wenn dieſelbe oder eine connere Sache vor zwei verſchiedene Gerichte gebracht wurde, wenn alſo ein Jurisdiktionsconflikt Wisbt Die Klage muß immer an dem höhern Gerichte angebracht werden, in deſſen Sprengel die Gerichte i befinden, zwiſchen wel⸗ chen der Conflikt beſteht. Demnach wird, wenn unter Friedensrich⸗ tern desſelben Sprengels eines Bezirksgerichts eine Streitſache den Conflikt veranlaßt hat, durch dieſes Bezirksgericht die Regulirung vorgenommen; wenn die Friedensrichter verſchiedenen Bezirksgerichts⸗ Sprengeln angehören, durch das betreffende Appellationsgericht. Erſt⸗Inſtanzgerichte werden regulirt durch den Appellhof, wenn ſie in dem Sprengel ein und desſelben Hofes ſich befinden; durch den Caſſationshof, wenn ſie den Sprengeln verſchiedener Appellhöfe zu⸗ getheilt ſind. — Ebenſo entſcheidet der Caſſationshof, wenn unter mehreren Appellhöfen ein Streit über die Siaſeit in einer Sache vor⸗ handen iſt. Die Klage ſuspendirt alles weitere Verfahren bis zur Beſtim⸗ mung des eigentlichen Richters und wird durch eine Bittſchrift ein⸗ geleitet, auf welche die Erlaubniß ertheilt wird, zum Reglement vor⸗ zuladen. Dieſe Entſcheidung wird den Parteien nebſt Ladung inner⸗ halb 15 Tagen inſinuirt, widrigenfalls der Kläger ſein Recht ver⸗ liert. Hat er die Friſt eingehalten, ſo wird, wenn die Klage be⸗ 100 Civilprozeß. gründet iſt, das Reglement ausgeſprochen und die Jurisdiktion be⸗ ſtimmt. Unterliegt der Kläger, ſo kann er den übrigen Parteien gegenüber zum Schadenerſatze verurtheilt werden. XIX Rapitel. Von der Verweiſung einer Sache an ein anderes Gericht wegen Verwandtſchaft . Art. 368 — 377 c. d. p. c. Die Verweiſung (le renvoi) einer Rechtsſache von einem Ge⸗ richte an ein anderes kann von einer Partei nachgeſucht werden, wenn ihr Gegner an dem erſten Gerichte zwei Verwandte oder Ver⸗ ſchwägerte bis zum Grade der Geſchwiſterenkel einſchließlich oder wenn es ſich um einen Appellhof handelt, wenn der Gegner drei ſolcher Verwandten oder Verſchwägerten an demſelben hat. Iſt der Gegner ſelbſt Mitglied des Bezirksgerichtes, ſo genügt es zur Klage, wenn er nur einen Verwandten dieſes Grads, inſofern er Mit⸗ glied eines Appellhofes iſt, wenn er nur zwei Verwandte w. des beſagten Grades an demſelben zählt. Die Klage wird eingeleitet mittelſt eines auf der Greffe gefer⸗ tigten Aktes, welcher die Gründe enthalten und von der Partei oder ihrem Bevollmächtigten, welcher einer Spezialvollmacht in authenti⸗ ſcher Form bedarf, unterzeichnet ſeyn muß. Die Verweiſung muß vor dem Anfang des mündlichen Ver⸗ fahrens nachgeſucht werden. Das Gericht läßt darauf ein Urtheil ergehen, in welchem angeordnet wird: 1) die Mittheilung an die Richter, wegen welcher die Verweiſung erfolgen ſoll, zur Abgabe ihrer Erklärung; 2) die Mittheilung an das öffentliche Miniſterium und 3) die Erſtattung eines Referats an einem beſtimmten Tage durch einen Richter, welcher hiezu ernannt wird. Die Klage hat Suspenſiv⸗Effekt. Unterliegt der Kläger, ſo wird er in eine Geldbuße von wenigſtens 50 Franken verurtheilt, ſo wie, nach Umſtänden, zum Schadenerſatze den übrigen Parteien gegenüber. wue viſi i) ſi, hhl vif un. ubit Nu un ui ln n be reitn ericht n Ge wen, u e h u thi Rh tahg n Ni 1 ſe gin ri ae uthn en V Mhi i abe ihn in m ge wi uße 900 n, ſu Verweiſung vor ein anderes Gericht. 101 Siegt derſelbe, indem ſeine Gründe erwieſen oder eingeſtanden werden, ſo wird die Sache an ein anderes Gericht verwieſen in dem Sprengel desſelben Appellhofes; wenn die Verweiſung wegen eines Appellationsgerichtes nachgeſucht wurde, an einen der drei zunächſt gelegenen Appellhöfe. Außerdem kann die Verweiſung auch noch begehrt werden wegen Mangel an gehöriger numeriſcher Beſetzung des Ge⸗ richts in Folge Abſterbens, Krankheiten oder weil Recuſationsgründe gegen einzelne Mitglieder vorliegen und dann die Zahl der übrigen Richter nicht mehr hinreichend erſcheint. Ferner kann dieſelbe verlangt werden aus legitimen Verdachtsgründen gegen ein Gericht in folgenden zwei Fällen: 1) wenn alle Mitglieder eines Gerichts recuſabel ſind; 2) wenn zu befürchten ſteht nach Maaßgabe beſonderer Um⸗ ſtände, daß das Gericht nicht mit Unparteilichkeit urtheilen werde. Endlich kann ein Renvoi im Intereſſe oder vielmehr wegen Mangel an öffentlicher Sicherheit, z. B. bei Invaſionen ꝛc. angeordnet werden. Die Verweiſungen der letzterwähnten Arten wegen Mangel an Beſetzung ꝛc. finden ſich nicht im Prozeßgeſetzbuch, ſondern im Dekret vom 30. Germinal V. und 16. Ventos XII. * XX. Rupitel. Von der Reeuſation der Richter⸗ Art. 378— 396 c. d. P. c. Jeder Richter kann aus folgenden Urſachen recuſirt werden: 1) wenn er den Parteien oder einer von ihnen bis zum Grade der Geſchwiſterenkel verwandt oder verſchwägert iſt; 2 wenn die Ehegattin des Richters mit einer der Parteien, oder der Richter ſelbſt mit der Ehegattin eines der ſtreitenden Theile in dem oben erwähnten Grade verwandt oder verſchwägert iſt, vor⸗ ausgeſetzt, daß die Ehegattin entweder noch lebt, oder zwar verſtor⸗ ben iſt, aber noch Kinder von ihr am Leben ſind; iſt ſie verſtorben, und ſind keine Kinder von ihr mehr übrig, ſo können der Schwie⸗ 102 Civilprozeß. gervater, der Tochtermann und der Schwager nicht Richter ſein. Die Verfügungen, welche ſich auf eine verſtorbene Ehegattin beziehen, ſind gleichfalls auf eine durch Eheſcheidung getrennte Ehegattin, wenn Kinder aus der aufgelöſten Ehe am Leben ſind, anwendbar; 3) wenn der Richter, ſeine Ehegattin, ihre Ascendenten und Descendenten oder ihre Verſchwägerte in derſelben Linie in einer Streitſache über eine Frage verwickelt ſind, welche jener, worauf es unter den ſtreitenden Theilen ankömmt, ähnlich iſt; 4) wenn ſie für ſich und in ihrem eigenen Namen einen Pro— zeß bei dem Gerichte haben, wobei einer der ſtreitenden Theile Richter ſeyn wird; wenn ſie Gläubiger oder Schuldner eines der ſtreitenden Theile ſind; 5) wenn unter ihnen und einem der ſtreitenden Theile, oder deſſen Ehegatten oder deſſen Verwandten oder Verſchwägerten in gerader Linie, in den nächſten 5 Jahren vor der Recuſation ein Kriminalprozeß ſtattgehabt hat; 6) wenn unter dem Richter, ſeiner Ehegattin, ihren Ascen— denten und Descendenten oder Verſchwägerten in derſelben Linie und einem der ſtreitenden Theile ein Civilprozeß obwaltet, und dieſer Prozeß, inſofern er von der Partei angeſtellt worden, vor der In— ſtanz, worin die Recuſation vorgetragen wird, ſeinen Anfang ge— nommen hat; und ſo ebenfalls, wenn dieſer Prozeß zwar nicht mehr beſteht, aber erſt in den letzten ſechs Monaten vor der Recuſation zu Ende gegangen iſt; 7) wenn der Richter, Vormund, Nebenvormund oder Curator, vermuthlicher Erbe oder Geſchenknehmer, der Herr oder Tiſchgenoſſe eines der ſtreitenden Theile iſt; wenn er der Verwalter einer An⸗ ſtalt, Geſellſchaft oder Direktion iſt, welche bei der Sache unter die Zahl der ſtreitenden Theile gehört; wenn eine der Parteien⸗ ſein vermuthlicher Erbe iſt; 8) wenn der Richter in der Sache einen Rath gegeben, darin Aufſätze verfaßt, oder als Redner ſie vor Gericht vertheidigt; wenn er vorher ſchon als Richter und Schiedsrichter darüber erkannt; wenn er den Fortgang des Prozeſſes zu befördern geſucht (ihn ſolli⸗ citirt) ihn empfohlen oder zu den Koſten desſelben beigetragen hat; wenn er als Zeuge darin verhört worden iſt; wenn er ſeit dem u Mü zn vin in juin n hi uni un i min wſ um 5 iis un nu un bi muſ Rb ita ſ aut ſhun 1 heiſmi w h uin m ſi h ih uh ſis hiü ſ pijn vh — * 1. Di zithen, ui endin um nin wu i n P Jitt rinn ile, iu ern i tion i Men init m d in de ſn ict n etuſin Gun ſtgu int h m teiin ſü en, h um nim (in ſil agen hu ſit n Recuſation der Richter. 103 Anfange des Prozeſſes mit einem oder dem andern der ſtreitenden Theile in deſſen Hauſe getrunken oder geſpeiſt, oder von ihm Ge⸗ ſchenke empfangen hat; 9) Wenn unter ihm und einem der ſtreitenden Theile eine Todfeindſchaft beſteht; wenn er ſeinerſeits, ſeit dem Anfange der Inſtanz oder in den letzten ſechs Monaten vor dem Anbringen der Recuſation mündlich oder ſchriftlich die Partei angegriffen, ſie an ihrer Perſon oder Ehre beleidigt oder bedroht hat. Iſt der Richter nur mit dem Vormunde oder dem Curator eines der ſtreitenden Theile, oder mit den Mitgliedern oder Ver⸗ waltern einer Anſtalt, einer Geſellſchaft, eines Syndikats oder Gü⸗ terpflegeramts bei Concurſen, die bei der Sache betheiligt ſind, ver⸗ wandt, ſo hat keine Reruſation ſtatt, es ſei dann, daß beſagte Cu⸗ ratoren, Verwalter oder Intereſſenten ein beſonderes oder perſön⸗ liches Intereſſe bei dem Prozeſſe haben. Jeder Richter, der ſich bewußt iſt, daß bei ihm eine Urſache zur Recuſation eintritt, iſt ſchuldig, dem im Rathszimmer verſam⸗ melten Gerichte ſie anzugeben; dieſes entſcheidet, ob er ſich des Er⸗ kenntniſſes in der Sache enthalten ſoll. Die Gründe zur Recuſation, welche ſich auf die Richter be⸗ ziehen, ſind auf das öffentliche Miniſterium, wenn es als beige⸗ ordnete Partei auftritt, ebenfalls anwendbar; es kann aber, wenn es Hauptpartei iſt, nicht recuſirt werden. Wer recuſiren will, muß es vor dem Anfange des mündlichen Verfahrens thun, und, wenn ein Referent in der Sache ernannt worden, ehe das ſchriftliche Verfahren vollendet iſt, oder die Friſten verſtrichen ſind; außer die Thatumſtände, worauf die Recuſation beruht, hätten ſich erſt ſpäterhin ereignet. Die Recuſation geſchieht durch einen auf der Greffe gefertigten Akt, welcher die Gründe der Recuſation enthalten und von der Partei oder ihrem Bevollmächtigten, der hiezu einer authentiſchen Specialvollmacht bedarf, unterſchrieben ſeyn muß. Die Vollmacht wird dem Akte beigelegt. Der Gerichtsſchreiber übergibt in vierundzwanzig Stunden dem Präſidenten des Gerichts eine Ausfertigung des Recuſationsaktes; der Präſident erſtattet hierüber ſeinen Vortrag an das Gericht, das 4 4 104 Civilprozeß. öffentliche Miniſterium wird mit ſeinem Antrag gehört, und hierauf erfolgt ein Urtheil, welches die Recuſation, wenn ſie unzuläſſig iſt, verwirft, und im entgegengeſetzten Falle verordnet, daß ſie dem re⸗ cuſirten Richter und dem öffentlichen Miniſterium mitgetheilt werden ſoll. Zugleich wird ein Richter⸗Referent ernannt und der Tag zur Verhandlung fixirt. Der recuſirte Richter ſchreibt ſeine Antwort auf das Original des Recuſationsaktes. Die Recuſation übt einen Suspenſiveffekt aus; bis zu ihrer Entſcheidung kann in der Prozedur Nichts weiter geſchehen. Gibt der recuſirte Richter die Thatumſtände zu, worauf die Recuſation gegründet iſt, oder werden dieſelben erwieſen, ſo wird verordnet, daß er ſich jeder Thätigkeit in dem fraglichen Prozeſſe zu enthalten habe. Wird dagegen die Recuſation für unſtatthaft oder verſpätet er⸗ kannt, ſo wird der Recuſant in eine Geldſtrafe von wenigſtens 100 Franks verurtheilt; unbeſchadet des Klagerechts auf Schadenerſatz, welches dem Richter vorbehalten iſt. Gegen jedes Urtheil, welches über eine Recuſation erkennt, iſt die Berufung zuläſſig; dieſelbe muß aber in 5 Tagen nach dem Ausſpruche des Urtheils ergriffen werden. XXI. Rapitel. Von dem Verfahren vor den Appellationsgerichten. Art. 443 — 473 c. d. p. C. Die Appellation muß, wie wir ſchon in dem Kapitel M ange⸗ geben haben, längſtens innerhalb drei Monaten von Inſinuation des Urtheils an ergriffen werden; widrigenfalls dieſelbe verſpätet erſcheint. Auch darf dieſelbe nicht in den erſten acht Tagen nach Erlaß des Urtheils eingelegt werden. Bei Döfaut⸗Urtheilen läuft die dreimonatliche Friſt von dem Tage an, wo keine Oppoſition mehr zuläſſig iſt. DM un i wlin uin ſum nbuln ilij u muvi un M in im ſun i wlitil ji 6 9 4) iuf ſſ mn n ween n nwot uihn uf de owin uſ itet e⸗ ns 10 enuſ mt i 1 in hten Xap imnin epit en ni n liif woſin Verfahren vor den Appellationsgerichten. 105 Der Appellant läßt durch einen Huiſſierakt die Gegenpartei vorladen in der geſetzlichen Friſt von acht freien Tagen vor dem Appellationsgerichte mittelſt Aufſtellung eines Anwalts zu erſcheinen und ſeine Anträge zu hören. Er ſelbſt erwählt in dieſem Akt einen Anwalt. Die Erſcheinungsfriſt, welche um einen Tag für je drei Myriameter Entfernung verlängert wird, bedeutet auch hier, wie bei den Vorladungen vor das Bezirksgericht, nicht, daß der Appellat wirklich vor dem Appellhofe erſcheinen, ſondern nur, daß er ſich einen Anwalt wählen ſolle, um das Verfahren weiter zu betreiben. Letz⸗ terer, der Appellat nämlich, muß dieſer Aufforderung nachkommen und der von ihm aufgeſtellte Anwalt dem Anwalte des Appellanten ſolches notifiziren. Unterläßt es der Appellat der Aufforderung nachzukommen, ſo kann der Appellant die Sache ſofort in die Sitz⸗ ung bringen und Deéfaut gegen den Appellaten nehmen. Wenn beide Parteien wechſelſeitig, auch der Appellat, nachdem ſchon die Berufung ſeines Gegners angemeldet iſt, gegen ein Ur⸗ theil appelliren, ſo wird die des Appellaten, welche nur gewiſſer⸗ maßen gelegenheitlich angebracht wurde, Incident⸗Appellation genannt. Wenn der Appellat dem Gegentheile bekannt gemacht, wie er einen Anwalt beſtellt habe, läßt ihm alsdann der Anwalt des Ap⸗ pellanten eine ſchriftliche Auseinanderſetzung der Beſchwerden gegen das Urtheil durch einen Huiſſier zuſtellen, welche binnen acht Tagen auf gleiche Weiſe beantwortet wird. Dem Appellaten iſt hiebei das Recht der Adhäſion zugeſtanden. Die Sache wird ſodann auf die Audienzrolle getragen und ohne weiteres Verfahren in die Sitzung gebracht. In ſummariſchen Sachen fällt alle weitere Prozeßform, außer der Vorladung, vor dem mündlichen Verfahren weg. In der Andienz iſt das Verfahren ganz dasſelbe wie bei den Bezirksgerichten, in Beziehung auf Oeffentlichkeit, Beſchränkung der⸗ ſelben, Mündlichkeit, öffentliches Miniſterium, Reihenfolge der münd⸗ lichen Vorträge, Sitzungspolizei, Plätze der Richter, der Staatspro⸗ kuratoren, der Gerichtsſchreiber, der Huiſſiers, der Advokaten, der Anwälte und des Raums für das Publikum. Wie das Bezirks⸗ gericht, ſo kann auch das Appellationsgericht ein ſchriftliches Ver⸗ fahren anordnen. In Beziehung auf Faſſung und Verkündung des Urtheils gelten gleichfalls dieſelben Grundſätze wie in der erſten In⸗ 4 106 Civilprozeß. ſtanz. Das Unterliegen bei der Berufung zieht eine Geldſtrafe von 10 Franken, wenn von einem Bezirks⸗ oder Handelsgericht appel⸗ lirt wird; eine ſolche von 5 Franken, wenn gegen ein friedens⸗ richterliches Urtheil die Berufung ergriffen war, nach ſich. Neue Geſuche dürfen in zweiter Inſtanz nicht angebracht, die frühern jedoch in nicht weſentlichen Punkten modificirt werden. Neue Rechtsgründe dagegen dürfen vorgebracht werden, auch neue Beweismittel, aber dieſe nur inſoferne, als ſie ſich erſt nach dem Urtheile erſter Inſtanz ergeben haben, z. B. erſt aufge⸗ fundene Urkunden. Daß gewiſſe Einreden, wie die der Compen⸗ ſation ꝛc. auch wenn ſie in erſter Inſtanz nicht vorgeſchützt wurden, in der Berufungs⸗Inſtanz noch zuläſſig ſind, darüber ſiehe Kapitel VII. (Klagen und Einreden). XXII. Knpitel. Verfahren vor dem Caſſationshofe. Wir haben dasſelbe, ſo weit es geboten erſcheint, zugleich mit der Abhandlung des außerordentlichen Rechtsmittels, der Caſſation, im K. Kapitel dieſes Heftes dargeſtellt und wollen deßhalb dorthin, ſowie auf die Beſprechung der Rechtsgeſchichte, der Organiſation und der Attribute des Kaſſationshofes im erſten Hefte, Seite 56 und folg. verweiſen, um unnöthige Wiederholungen zu erſparen. Nur daran wollen wir nochmals erinnern, daß von dem Inſtitute des Caſſationshofes, wie von dem Verfahren vor demſelben, ſonderbarer Weiſe in dem code de procedure civile gar Nichts, als hie und da eine fragmentariſche Beſtimmung enthalten iſt, obwohl der Caſſa⸗ tionshof vor der Vollendung dieſes code durch die Geſetze und De⸗ krete vom 27. November bis 1. Dezember 1790, 4 Geérminal Il. 28. Floréal XII., 27. Ventos VIII., Beſchluß vom 20. Vende⸗ miaire XII, Dekret vom 4. Juni 1806 begründet, organiſirt und attribuirt worden war. i zuntl um! uim zini it n it nlon ſin ſul, b ij jt uiin nin. ſmm jnn M uh jin Von den Schiedsgerichten. 107 von m XXIII. Bnpitel. dens⸗ Von den Schiedsgerichten. 6 Art. 1003 — 1028 c. d. p. c. Es gibt zwei Arten von Schiedsrichtern, ordinäre und z Handels⸗Schiedsrichter; letztere gehören in das Handelsgeſetz⸗ zei buch und werden dort ihre Darſtellung finden, erſtere ſind der Ge⸗ u genſtand mit welchem wir uns jetzt zu beſchäftigen haben. Die nt, Schiedsrichter Ces arbitres) ſind Privatrichter, durch Privaten ge⸗ * wählt, um ihre Streitigkeiten zu entſcheiden. Eine amtliche Eigen⸗ wit ſchaft klebt ihnen nicht an und mit der Beendigung ihres ſpeziellen Geſchäftes hört auch ihr richterliches Amt auf. Sie werden durch ein Compromiß der Parteien ernannt, welches errichtet wurde mit⸗ telſt einer Notariatsurkunde, oder einer Privaturkunde, oder eines Protokolls, das ſie ſelbſt verfaßt haben. Alle Streitſachen, worüber die Parteien frei zu verfügen be⸗ rechtigt ſind, können Schiedsrichtern zur Entſcheidung unterbreitet werden, ausgenommen Streitigkeiten über Schenkungen, geſchenkte oder als Legat vermachte Unterhaltung, Wohnung und Kleidung, 6 ni über Separation zwiſchen Mann und Frau, Eheſcheidung, Standes⸗ klagen, überhaupt über alle jene, in denen die Mittheilung an das tin öffentliche Miniſterium geſchehen muß. nnd Die Compromiß Urkunde muß unter Strafe der Nichtigkeit die 6un ſtreitigen Gegenſtände bezeichnen und die Namen der Schiedsrichter An enthalten. Iſt in derſelben keine andere Zeit beſtimmt, ſo iſt der do Compromiß blos drei Monate lang gültig. rba Die Schiedsrichter können, während der zum ſchiedsrichterlichen 1d d Ausſpruche beſtimmten Zeitfriſt, nur mit einſtimmiger Einwilligung uſo der Parteien revocirt werden. De Bei dem Verfahren haben die Schiedsrichter wie die Parteien al II die für das Verfahren vor den gewöhnlichen Gerichten feſtgeſetzten zende Formen und Zeitfriſten zu befolgen, wenn nicht die Parteien ein tnd anderes unter ſich feſtgeſetzt haben. In dem Compromißakt, wie auch nachher können dieſelben auf die Berufung verzichten. Durch das Abſterben der Parteien verliert das Compromiß ſeine Kraft nicht, wenn alle Erben großjährig ſind; aber wohl 108 Civilprozeß. durch den Tod eines Schiedrichters, durch den Ablauf der Zeitfriſt für das Compromiß, und wenn die Schiedsrichter in ihren Mein⸗ ungen getheilt ſind, inſoferne ihnen nicht von den Parteien die Er⸗ mächtigung ertheilt worden, einen Obmann zu ernennen. Sie können, wenn ſie einmal ihre Operationen angefangen haben, die Entſcheidung nicht mehr von ſich ablehnen; auch können ſie nicht mehr recuſirt werden, ausgenommen wegen Urſachen, die F nach dem Compromiß eingetreten ſind. Sind die Schiedsrichter in ihren Meinungen getheilt und au⸗ toriſirt, für dieſen Fall einen Obmann zu ernennen, ſo müſſen ſie dieß in derſelben Entſcheidung thun, in welcher ſie erklären, daß ſie in den Meinungen getheilt ſind; werden ſie über die Wahl des Obmanns nicht einig, ſo ernennt ihn auf Requéte hin der Präſi⸗ dent des Gerichts, welcher die Vollſtreckung des ſchiedsrichterlichen Urtheils anzuordnen hat. Kein ſolches kann nämlich vollzogen werden, wenn es durch eine Präſidial⸗Ordonnanz nicht vorher für vollziehbar oder erecutoriſch erklärt worden iſt. Streitigkeiten über die Vollziehung entſcheidet das Bezirksgericht. Oppoſition findet gegen ſchiedsrichterliche Urtheile nicht ſtatt. Dagegen kann die Appellation gegen dieſelben ſelbſt dann ergriffen werden, wenn die Summe nicht appellabel iſt und die Sache vor einem gewöhnlichen Gerichte in der letzten Inſtanz ent⸗ ſchieden worden wäre. Sie wird an denſelben Berufungs⸗Inſtanzen angebracht, wie in andern Sachen. Wird die Appellation ver⸗ worfen, ſo tritt die Geldſtrafe von 5 und beziehungsweiſe 10 Franken ein, als wenn von einem gewöhnlichen Gerichte appellirt worden wäre. Die Regeln über die proviſoriſche Vollſtreckung der Urtheile der Gerichte ſind auch auf ſchiedsrichterliche Urtheile anwendbar. NMit⸗ telſt der Requste civile kann die Reſtitution gegen ſchiedsrichter⸗ liche Urtheile binnen den Zeitfriſten, nach den nämlichen Formen und in denſelben Fällen nachgeſucht werden, die früher bezeichnet wurden Gapitel 9) um dieſes Rechtsmittel gegen die von ordent⸗ lichen Gerichten erlaſſene Urtheile zu ergreifen. Schiedsrichterliche Urtheile können bis zum Vollzug als null und nichtig angefochten werden, wenn über Dinge erkannt wurde, die von den Parteien gar nicht begehrt worden waren, oder wenn ij ui im um ſumſ wſn ii innit Mn, inſt N m Kih ür zißi i ie 6 1. 6 be, ſi ih n ud u iſin j dſ ahl d t Piij ierihn oluhn he i en ih nicht bſ dn udi m u ſmn u ſinin nvin ie d ziht ſemu jihu od zu wude wem Von den Schiedsgerichten. 109 die Vorſchriften und Formen verletzt worden ſind, welche für das Compromiß beſtehen. Dieſes geſchieht in der Form, daß gegen die Vollſtreckungs⸗Ordonnanz des Präſidenten bei demſelben Gericht Oppoſition eingelegt wird, welches ſodann in gewöhnlichem Ver⸗ fahren über die Oppoſition erkennt. Caſſationsgeſuch hat nur gegen Urtheile ſtatt, die von den Gerichten entweder auf das Geſuch um Wiedereinſetzung in den vorigen Stand gegen ein ſchiedsrichter⸗ liches Urtheil oder auf die Appellation von einem ſolchen Urtheil er⸗ laſſen worden ſind. Die Einlegung der Tiörce⸗⸗Oppoſition wird in der Re⸗ gel ganz nutzlos ſeyn, indeſſen wurde doch ſchon dieſes Rechtsmittel gegen ſchiedsrichterliche Urtheile angewendet. Ein Caſſations⸗Arrét vom 29. Dezember 1821 erlaſſen durch die vereinigten Sektionen liegt hierüber vor, ſo wie Carré einen Fall angibt (ois, art. 1022) in welchem ein ſchiedsrichterliches Urtheil eine Wirkung wider dritte äußert. XXIV. RKupitel. Von der Vollſtreckung der urtheile. (Art. 517— 805 c. d. P. 6. Die Vollziehung der richterlichen Entſcheide und Urtheile iſt nicht mehr Sache des franzöſiſchen Richters, ſondern der Parteien ſelbſt und der miniſteriellen Beamten, vornehmlich des Huiſſiers. Nur dann tritt die Hülfe des Richters wieder ein, wenn die Voll⸗ ſtreckung ſelbſt auf Schwierigfeiten und Verwickelungen ſtößt, welche, wie jeder andere Rechtsſtreit, durch Urtheil und richterliche Verfügung geſchlichtet werden müſſen. Aber nur die ordentlichen Gerichte fönnen über die Vollziehung der Urtheile erkennen, nie die exceptio⸗ nellen, weil die Attribute dieſer sensu strictissimo zu interpre⸗ tiren ſind. Die Urtheile werden auf eine freiwillige Weiſe vollzogen, wenn der Verurtheilte oder Verpflichtete vollſtändig den Verfügungen desſelben nachkommt, das, was ihm auferlegt wurde, aufrichtig er⸗ füllt und der Gegner oder Gläubiger die Verfahrungsweiſe genehmigt. 110 Civilprozeß. Wie nun die Urtheile in dieſer Weiſe vollzogen werden ſollen, darüber haben, um Streitigkeiten und wiederholte Prozeſſe zu ver⸗ meiden, die Geſetze beſtimmte Normen gegeben, nach welchen ſich die Parteien bei der Vollſtreckung der Urtheile zu richten haben, namentlich: 1) durch die Verfügungen der Artikel 517— 522 über Stellung und Annahme von Bürgſchaften (reception de caution); 2) durch die Vorſchriften der Artikel 523 — 525 über Liqui⸗ dation des erlittenen Schadens und entbehrten Gewinnes (iquidation des dommages-intéréts); 3) durch die Anweiſung der Artikel 526 — 544 über Liqui— dation der Früchte Ciquidation des fruits), über Rechnungs— ablagen (reddition de comptes), über Liquidation der Pro⸗ zeßkoſten und Auslagen Clquidation des dépens et frais); 4) durch die Beſtimmungen der Artikel 812 — 818 über Real⸗ Anerbieten, Conſignationen von Geldern (offres réelles et con- signations) ſowie der Artikel 889— 906 über die Abtretung des Vermögens (cession de biens, cessio bonorum). Wenn der Verurtheilte dagegen den Verfügungen des Urtheils nicht gehorſamt, weil er nicht will oder nicht kann, dann tritt die Vollſtreckung auf dem Zwangswege C'exécution forcée) ein, die ſich wider das Vermögen des Verpflichteten, ja in gewiſſen Fällen ſelbſt wider ſeine Perſon richtet. Letztere geſchieht durch das Mittel der körperlichen Haft (contrainte par corps) oder der Einth ürmung des Schuldners; erſtere durch das Mittel der Beſchlagnahme (saisie) der Güter desſelben, um durch Veräußerung derſelben die Erfüllung ſeiner Ver⸗ bindlichkeiten zu erzwingen, denn nie iſt es dem Gläubiger geſtattet, in der Weiſe ſich bezahlt zu machen, daß er die Güter des Schuld⸗ ners für ſich wegnehmen läßt; ſtets muß er ſie dem öffentlichen Verkaufe unterſtellen und nur der Erlös wird demſelben nach Maß⸗ gabe ſeiner Forderung geſetzlich zugeſprochen. Die Beſchlagnahme kann ſich gegen die Mobilien des Schuld⸗ ners richten und dann auf verſchiedene Weiſe geſchehen, nämlich: a) durch die Pfändung von Geldern oder Effekten in den Händen dritter Perſonen, welche dieſelben an den Schuldner zu zahlen oder zu geben haben, z. B. Kaufſchillinge Gaisie arrét M n in ſu hw ju brd 6 N un i i u zuin kani Mr zum vihn u inih vp luſn mu iuh iuni hm luün tjalt ſüiſn uh. ſiii i wh Mi ſlen ber ſich unit uln Lin inne Lizn nungt e Pu ruis); Real et (u ng lirhi nit ſ ein, di en ßiln nHeft ud Gitn inet be gſun E fenih s Sü imlih: kten Shudu ie amit Urtheils⸗Vollſtreckung. 111 oder opposition); dieſe Pfändungen heißen deßhalb in der franzöſi⸗ ſchen Rechtsſprache Oppoſ itionen, (oppositions), weil der Gläu⸗ biger opponirt, ſich widerſetzt, daß die gepfändeten Gelder oder Ef⸗ fekten an den Schuldner oder ſonſt wen ausgeliefert werden; p) durch die Pfändung und Sequeſtrirung der Mobi⸗ lien des Schuldners, in deren Beſitz er ſich ſelbſt befindet Gaisie-exécution); c) durch die Pfändung und Sequeſtrirung der dem Schuldner gehörigen Früchte, welche noch auf dem Halme ſtehen, nicht eingeerntet ſind (aisie-brandon); d) durch die Pfändung und Sequeſtrirung von zu Gunſten des Schuldners conſtituirten Renten (aisie des ren- tes constituées). Oder die Urtheilsvollſtreckung nimmt die Liegenſchaften des Schuldners in Anſpruch Gaisie-immobilière) durch Beſchlagnahme derſelben und durch ihre Veräußerung (expropriation, auch expr. forcée). der gezwungenen Urtheilsvollſtreckung wollen wir nun in kurzen Umriſſen an uns vorübergehen laſſen. I. Freiwillige Vollſtreckung. a) Wenn eine gerichtliche Bürgſchaft oder Caution angeordnet wird, ſoll das Urtheil zugleich die Zeitfriſt beſtimmen, innerhalb welcher der Bürge vorgeſchlagen, angenommen oder abge⸗ lehnt wird. Die Vorſchlagung geſchieht durch einfachen Inſinuations⸗ akt, wenn die Gegenpartei keinen Anwalt hat, ſonſt durch Akt von Anwalt zu Anwalt. Einwendungen wider einen Bürgen werden durch bloßen Akt zur Audienz und Entſcheidung gebracht. Das Verfahren iſt hiebei ſummariſch und das Urtheil wird, der Appellation unbehindert, vollſtreckt. Wird der Bürge angenommen, ſo ſtellt derſelbe ein ſchriftliches Verſprechen auf der Gerichtskanzlei aus, das ohne vor⸗ heriges Urtheil exekutoriſch iſt, und ſelbſt durch perſönlichen Arreſt, wo derſelbe zuläſſig iſt, vollſtreckt werden kann. b) Wenn der erlittene Schaden und entbehrte Gewinn, den ein Theil dem andern zu erſetzen hat, in dem Urtheile nicht — 2 Alle die verſchiedenen Arten und Weiſen der freiwilligen wie —— — 2 112 Civilprozeß. ſchon beſtimmt iſt, ſo geſchieht die Liquidation durch einen Inſinua⸗ tionsakt vermittelſt der Greffe oder gegen Empfangſchein des Gegen⸗ anwalts. Derſelbe iſt ſchuldig, in geſetzlicher Friſt ſich darauf ver⸗ nehmen zu laſſen und der klägeriſchen Partei die Summe, die er für genügend hält, anzubieten. Iſt der Kläger damit zufrieden, ſo iſt die Sache beendet, im gegentheiligen Falle wird ſie durch bloßen Akt zur Sitzung gebracht und ſofort entſchieden. c) Die Liquidation der Prozeßkoſten und Auslagen geſchieht in ſummariſchen Sachen in dem Urtheil über die Haupt⸗ ſache ſelbſt auf den Grund einer Aufſtellung der obſiegenden Partei; in ordentlichen Sachen dagegen kann die Liquidation nicht im Urtheil ſelbſt geſchehen, ſondern findet ſtatt in einem Exekutvire, welches der Gerichtsſchreiber liefert. Einer der Richter, welcher die Sache mitentſchieden hat, erläßt oder firirt dieſes Exekutoire auf ein Verzeichniß des Anwalts hin. Gegen dieſe Aufſtellung kann die Gegenpartei Oppoſition machen, welche ſummariſch entſchieden wird. Die Rechnungsablagen geſchehen vor einem Richter⸗Commiſſär, welchen das Gericht in demſelben Urtheile, in welchem es die Ablage verordnet, ernennt. Die Rechnung inſinuirt die eine Partei der an⸗ dern und am beſtimmten Tage findet über Einwendungen, Beweis⸗ gründe ꝛc. vor dem Commiſſär Verhandlung ſtatt. Wenn die Par⸗ teien ſich nicht vereinigen, verweist ſie der Richter-Commiſſär zur Sitzung, in welcher er dem Collegium Bericht erſtattet und dieſes dann entſcheidet. In gleicher Weiſe wird verfahren, wenn Jemand verurtheilt wurde, Früchte zu erſetzen, welche er, ohne hiezu qualifizirt zu ſeyn, bezogen hatte. Auch hier, wie bei der Rechnungs⸗ ablage, muß das Urtheil, welches auf das Liquidationsverfahren folgt, die Ausrechnung des Empfangs oder Bezugs, ſo wie der Aus⸗ gaben enthalten und gegebenen Falls genau beſtimmen, wie viel dem Rechnungsableger zur Laſt bleibt. d) Wenn einem Gläubiger ein Zahlungserbieten (offre reel) gemacht wird, was in dem Falle geſchieht, da der Schuldner ſich entlaſten, der Gläubiger aber die Zahlung nicht annehmen will (ſiehe Civilrecht IHI. Seite 121), ſo geſchieht dieſes durch einen Huiſ— ſiersakt, in welchem die angebotene Summe oder Sache, ſo wie die Antwort des Glänbigers genau bemerkt werden muß. Weigert ſich n u ln niuu zzln ſint n ln lin mu ih u jnn chai iuni k ſüt nſin i lmn julit niui in ſi ü dt im Aine iiim int ſcn imn ſe fve tfi iſdi t zu age ut urti ſ in uoit, e di if i n di win. niſi, l et u ewei⸗ Pr ir ju iſſi enn hi ung⸗ ſuhm rMu⸗ e vil (e udu nil hui ie di ſ urtheils⸗Vollſtreckung. 113 derſelbe, anzunehmen, ſo läßt der Schuldner das Geld oder den Ge⸗ genſtand des Anerbietens hinterlegen oder conſigniren und bringt durch ein ſchriftliches Geſuch die Sache zur Entſcheidung in die Sitzung. Wird das Anerbieten gültig erklärt, ſo iſt der Schuldner vom Augenblick der Conſignation entlaſtet und der Zinszahlung entbunden. Schuldner, welche zur cessio bonorum zugelaſſen ſind (ſiehe Civilrecht II. Seite 122) haben Vermögensbilanz, allenfallſige Bücher und Urkunden auf dem Greffe zu deponiren und das Geſuch um Zulaſſung zur Wohlthat der Güterabtretung zu ſtellen. Dasſelbe muß dem öffentlichen Miniſterium mitgetheilt und dann durch das Gericht entſchieden werden. Eine abſolute Suspenſivkraft hat die Einreichung des Geſuches nicht, doch kann das Gericht die Gläubiger, nachdem dieſelben zugeladen ſind, proviſoriſch anweiſen, mit ihren Ver⸗ folgungen inne zu halten. Geſtattet das Gericht die Güterabtretung, ſo iſt der Schuldner vor der perſönlichen Haft geſichert, und wenn er ſchon eingeſperrt iſt, wird er durch dieſe Geſtattung befreit. Namen, Vornamen, Gewerb und Wohnort des Schuldners werden auf eine öffentliche Tabelle, welche in dem Saale des Gerichts und des Ge⸗ meindehauſes angebracht iſt, niedergeſchrieben. Fremde, Stellionatäre (ſiehe Civilrecht II. Seite 153 und folg.) betrügeriſche Bankerottirer, Diebe, Betrüger, welche als ſolche gerichtlich verurtheilt ſind, werden nicht zur Wohlthat der Güterabtretung zugelaſſen; ebenſo wenig Vormünder, Verwalter, Depoſitäre und Perſonen, die kraft ihres Amtes zur Rechnungsablage verbunden ſind. II. Gezwungene Pollſtreckung. Allgemeine Regeln über die Vollſtreckung der Urtheile und Akte, inſoferne ſie nicht freiwillig geſchieht, hat das Prozeßgeſetzbuch in ſeinen Artikeln 545 — 556 aufgeſtellt, welche ſich hauptſächlich in folgenden Sätzen zuſammenfaſſen laſſen: Urtheile und Akte können nur dann vollſtreckt werden, wenn ſie mit den geſetzlich vorgeſchriebenen Vollziehungsformen und Befehlen verſehen ſind. Dieſelben beſtehen: zu Eingang dieſer Akten in der Formel, welche andeutet oder ausdrückt, daß alle Uebung der Gerechtigkeitspflege von der höchſten Staatsgewalt ausgeht: „N. N., III. Civilprozeß. 8 Civilprozeß. König GKaiſer) der Franzoſen, allen Gegenwärtigen und Zukünftigen unſern Gruß;“ und zu Schluß derſelben der Befehl an alle Be⸗ amten, die es angeht, die Pfleger der Gerechtigkeit, Vollzieher rich⸗ terlicher Befehle ſind, den Inhalt des Aktes oder des Urtheils zu vollziehen. Urtheile, welche bei ausländiſchen Gerichten ergangen ſind, können nur dann vollſtreckt werden, wenn franzöſiſche Gerichte ſie vollziehbar erklärt haben. Jeder Exekution muß ein Zahlbefehl, welcher durch einen Huiſ⸗ ſier zugeſtellt wird (commandement), in beſtimmten Zeitfriſten (bei Mobiliarpfändungen in der Regel 24 Stunden, bei Immobiliar⸗ pfändungen 30 Tage) vorhergehen. Dem Schuldner iſt das Rechtsmittel der Oppoſition gegen die Exekution geſtattet, welche indeſſen raſch vor dem Gerichte verhandelt und entſchieden werden muß. Die Exekution, inſoweit ſie die Pfän⸗ dung betrifft, wird indeſſen auf Gefahr der verfolgenden Partei pro— viſoriſch vollzogen. Auch die Gläubiger des Schuldners können ſich einmiſchen und gegen die Exekution Oppoſition erheben. Vollziehungsbeamte, welche ſich weigern, rechtmäßige Akten zu vollſtrecken, werden für Schaden verantwortlich und disciplinär, ja ſelbſt ſtrafrechtlich verfolgt. Ebenſo wegen Saumſal und Nachläſſig— keit. Dagegen werden ſie auch durch die Geſetze gegen Beleidigungen und Mißhandlungen, wenn ſie innerhalb ihrer Funktionen handeln, geſchützt. Und nun gehen wir nach dieſen für alle Vollſtreckungsarten gemeinſchaftlichen Regeln zur Betrachtung der einzelnen Prozeduren der gezwungenen Vollziehung über und beginnen mit der rigoroſeſten derſelben, welche ſich gegen die Perſon des Schuldners ſelbſt richtet, mit der: a) körperlichen Haft oder contrainte par corps (Art. 780 — 805 c. d. p. c.). In welchen Fällen dieſelbe ſtattfinden darf und gegen welche Perſonen, iſt durch das Civilgeſetzbuch be⸗ ſtimmt (Art. 2059 — 2070 c. c. ſiehe Civilrecht II. Seite 153); hier haben wir es nur mit den Vorſchriften über die Vollziehung jener Geſetze zu thun, welche im Weſentlichen dahin lauten: 1) Die Contrainte kann nur dann vollſtreckt werden, wenn die Liquidation in Geld geſchehen iſt. (Art. 552 c. d. p. c.) ſin min wn u iib ſi, hiſna 95 ubih u 5) uA heil⸗ 51 wuſh 10 uin u ömi wu Riüt 1) iäs mlu ) uſ — fizn * B iih⸗ z nhn iht Hi i hiün⸗ n di ad ipu⸗ arn durn iſiſn ticht, (u fude ch be 15) ehunh m di Urtheils⸗Vollſtreckung. 115 2) Sie hindert nicht die Verfolgungen auf die Güter des Schuldners. (Art. 2069 c. c.) 3) Sie kann nur vollzogen werden zu der erlaubten Zeit und an den erlaubten Orten. Sie darf nicht vollzogen werden: vor Sonnen⸗Aufgang und nach Sonnen-Untergang; an den geſetzlichen Feiertagen; in den zum Gottesdienſt beſtimmten Gebänden während gottesdienſtlicher Handlungen; in den Gebäuden der konſtituirten Ge⸗ walten und während ihrer Sitzungen; in irgend einem Hauſe und ſelbſt nicht in dem des Schuldners. In letzterm Falle kann ſie zwar geſchehen, aber nur in Gegenwart des Friedensrichters, der den Huiſſier auf Erſuchen dahin begleitet. (Art. 781 c. d. P. 6) 4) Sie kann nicht gegen den Schuldner vollzogen werden, der im Beſitze eines richterlichen Geleitsbriefes Gauf-conduit) ſich be⸗ findet. (Art. 782 c. d. p. c. und Civilrecht II. Seite 155.) 5) Derſelben muß eine Urtheilsſignifikation und eine freie Friſt von 24 Stunden vorhergehen; auch muß der Huiſſier mit einer Spezial⸗Vollmacht des verfolgenden Theils hiezu verſehen ſeyn. (Art. 780.) 6) Mit der Urtheilsſignifikation muß ein Commandement ver⸗ bunden ſeyn, deſſen Kraft in Jahresfriſt erliſcht. Art. 784.) 7) Die Verhaftung geſchieht durch den Huiſſier in Gegenwart zweier Zeugen und, im gegebenen Falle, des Friedensrichters. (Art. 783 und 781.) 8) Ueber die Verhaftung muß ein Verbalprozeß aufgeſetzt werden. (Art. 783.) 9) Im Falle der Widerſetzlichkeit kaun die bewaffnete Macht, Militär und Gendarmerie, requirirt werden. (Art. 785.) 10) Im Arreſthauſe wird Urtheil und Verhaftung ſummariſch in ein Regiſter eingetragen; auch muß der Gläubiger eine Summe zum Unterhalt des Schuldners deponiren. (Art. 788— 792.) 11) Den übrigen Gläubigern des eingeſperrten Schuldners, wenn ſie das Recht haben, wider ihn auf perſönlichen Arreſt zu ver⸗ fahren, ſteht das Recht der Empfehlung Grecommandation) zu, das heißt, dieſelben können den Schuldner zur fernern gefänglichen Haft, jedoch nur unter denſelben Formalitäten und Conſignation der 5 — 2 116 Civilprozeß. Unterhaltsgelder empfehlen, welche bei der Verhaftung überhaupt vorgeſchrieben ſind. (Art. 792 — 793.) 12) der Schuldner wird in Freiheit geſetzt, 1) ſobald er Ka⸗ pital, Zinſen und Koſten, auch die der Verhaftung zahlt (Art. 798); 2) wenn die Verhaftung gerichtlich für ungültig erklärt wird (Art. 797); 3) wenn der Gläubiger einwilligt, auch ohne daß er ganz oder theilweiſe bezahlt hat; 4) wenn der Schuldner zur Güter⸗ Abtretung zugelaſſen wird; 5) wenn der Gläubiger die Unterhalts⸗ gelder nicht deponirt; 6) wenn der Schuldner ſein 70tes Lebensjahr erreicht Art. 800). 13) Alle Oppoſitionen gegen die Exekution, alle Geſuche des Schuldners auf Freilaſſung (6largissement) werden höchſt ſumma⸗ riſch in den ſogenannten Reféré⸗Sitzungen erledigt (Art. 786, 787, 794, 795, 802, 803, 805). 14) Ungültig erklärte Verhaftungen begründen für den Schuld⸗ ner das Recht auf Schadenserſatz gegen den Gläubiger Art. 799); Huiſſiers, die ſich hiebei einer Pflichtverletzung ſchuldig machen, werden gerichtlich verfolgt (Art. 788). Schließlich müſſen wir noch auf die Modifikationen und Mil⸗ derungen des Geſetzes vom 17. April 1832 in dieſer Materie, im Civilrechte Seite 153 und folg. aufmerkſam machen. b) Die saisie-execution iſt der Akt, vermittelſt deſſen man, um zu ſeiner Forderung zu gelangen, die Mobilien des Schuldners pfänden und ſchließlich verſteigern läßt. Die Vorſchriften, welche hiebei zu beachten ſind, finden ſich in den Artikeln 583— 625 des Prozeſſes und ſind dieſelben in muce dahin zu faſſen: 1) Die Pfändung hat durch den Huiſſier in Gegenwart zweier Zeugen zu geſchehen. Die gepfändeten Gegenſtände werden einem Hüter anvertraut. Die Verſteigerung derſelben geſchieht öffentlich nach acht freien Tagen von der Inſinuation der Pfändung an durch den Huiſſier. Bekanntmachungen haben derſelben vorauszugehen. 2) Alle Oppoſitionen, Einwendungen ꝛc. gegen die Exekution werden ſummariſch oder en référé entſchieden; 3) die Pfändungsakten müſſen genan die gepfändeten Gegen⸗ ſtände nach Stück, Maaß, Gewicht, Zahl ꝛc. enthalten; 4) die Pfändung darf ſich auf folgende Gegenſtände nicht er⸗ nn imum ih ſiat ſim! „ M ni in iniu iim kihu uſni nkm mihn het jin v ſich n h wun viin m hnh 5 vih! vju im mn ju m it echun er hi 798) d n zn Gitn echult enijh che di ſum 6 7, Sihh 790) mh, d M rit, in nn uhne welhe 25 dei win einn fiuit n d hen iuin Gigen ht Urtheils⸗Vollſtreckung. 117 ſtrecken: auf Sachen, welche das Geſetz für unbeweglich ihrer Be⸗ ſtimmung nach, erklärt hat (ſiehe Civilrecht Seite 78); auf die nöthige Bettung und Kleidungsſtücke der Gepfändeten und ihrer Kinder; auf die gewöhnlichen Lebensmittel, Mehl und dergleichen, inſoferne der Vorrath für einen Monat berechnet iſt; auf die Werk⸗ zeuge der Handwerker, welche zur Ausübung ihrer Profeſſion erfor⸗ derlich ſind; auf die Waffen⸗ und Equipirungsgegenſtände der Mi⸗ litärperſonen, deren ſie nach der Ordonnanz und ihrem Range be⸗ dürfen; auf die Bücher, welche ſich auf den Beruf des Gepfändeten beziehen, und die er ſich ſelbſt bis zum Betrag von 300 Franken wählen darf; auf Maſchinen und Inſtrumente, die zum Unterrichte in Wiſſenſchaften und Künſten, zur Praris des Gepfändeten ge⸗ hören, gleichfalls bis zum Betrag von 300 Franken nach eigener Wahl deſſelben. Endlich müſſen dem Gepfändeten nach ſeiner Wahl eine Kuh oder zwei Ziegen, oder drei Schafe gelaſſen werden, nebſt dem zur Streue und zum Unterhalt dieſer Thiere auf einen Monat er⸗ forderlichen Stroh, Getreide und ſonſtiger Fütterung. Bettzeug und Kleider dürfen unter keiner Bedingung ge⸗ pfändet werden, die übrigen Gegenſtände ausnahmsweiſe nur für Mieth⸗ und Pachtgelder und von denen, welche das Geld für den Ankauf derſelben vorgelegt haben. Alle dieſe Gegenſtände werden non saisissables nicht greifbar genannt; 5) Von den gepfändeten Gegenſtänden werden nur ſo viele verſteigert, als zur Deckung der Forderung und der Koſten noth⸗ wendig ſind; der Zuſchlag geſchieht an den Meiſtbietenden gegen baare Zahlung; 6) nach dem Geſetze vom 21. Ventoſe IX können die Gehalts⸗ bezuge der öffentlichen Beamten und Civilbedienſteten bis zum Be⸗ lauf eines Fünftheiles für die erſten tauſend Franken und die ge⸗ ringern Summen, dann eines Viertheils für die folgenden fünf⸗ tauſend Franken und eines Drittheils für das, was ſechstauſend Franken überſteigt, wie hoch ſich auch die Summe belaufen möge, und zwar auf ſo lange, bis alle Gläubiger befriedigt ſind, mit Ar⸗ reſt belegt werden. Ausgenommen ſind hievon der Gehalt und die 118 Civilprozeß. ſonſtigen Bezüge der Geiſtlichen auf den Grund eines Arrété vom 18. Nivoſe XKI, die nicht mit Arreſt belegt werden können. c) Die saisie brandon (Art. 626— 635) iſt die Exekution genannt, mittelſt welcher man die noch nicht eingeheimſten Früchte (die noch auf dem Halme ſtehen) des Schuldners pfändet und ver⸗ ſteigert. Die Vorſchriften ſind im Allgemeinen ſo ziemlich dieſelben wie bei der Mobiliarerekution. Die Feldſchützen werden hier als Hüter ernannt. Auch müſſen öffentliche Bekanntmachungen der öf— fentlichen Verſteigerung, wie dort, vorhergehen. d) Die saisie des rentes constituées (Art. 636 — 655) wird in den Händen desjenigen angelegt, der die Renten zu zahlen hat. Auch hier gelten im Weſentlichen bezüglich der Pfändung, der Op— poſitionen, der Bekanntmachungen, der Verſteigerung, des Erlöſes dieſelben Regeln wie bei der Mobiliarerekution überhaupt. e) Ebenſo bei der saisie-arrét oder opposition (Art. 557 bis 582) mittelſt welcher man Gelder und Gegenſtände, die dem Schuld⸗ ner gehören, aber in den Händen Dritter ſich befinden, mit Beſchlag belegt und ſich der Auslieferung an den Schuldner widerſetzt. Die dritte Perſon wird als tiers-saisi, Drittarreſtat mit vor Gericht vorgeladen, welches über die Gültigkeit des Arreſtes ſofort erkennt. Auch hier ſind wieder beſondere privilegirte Gegenſtände, wie Ali— mentationen, Unterhaltsgelder ꝛc. der Pfändung entzogen; ſie ſind nicht ſaiſirbar, non saisissables. ) Die Pfändung der Immobilien Gaisie-immobiliere) und deren Vergantung (Art. 673 — 748). Die Verfügungen des code de procedure civile ſind durch das Geſetz vom 2. Juni 1841 in dieſer Materie durchgängig verändert worden. Beſtimmungen über die Zeitfriſte, Weiſe der Beſchlagnahme der Güter (Güteraufnahms⸗ Protokoll), Art und Form der Verſteigerung hat man zu verbeſſern geſucht; ebenſo die Regeln über Oppoſitionen gegen die Exekution, über die Distraktionsklagen, welche von dritten Perſonen angeſtellt werden, die auf ſaiſirte Güter rechtliche Anſprüche aus irgend einem Titel behaupten und die Herausgabe dieſer Güter aus dem Arreſte bezwecken. Natürlich verbietet uns der Umfang und Zweck dieſes Buches hier in's Detail näher einzugehen, und wir müſſen in dieſer Beziehung auf die alte und neue, ſehr weitläufige Geſetzgebung, wie — uuſi b l mb i zui ſi n lun bii tinh ſur hui ſo ſit zm i un niin ſith und diſlin hin i dri 5) pih en h de D kriſ 557 i Sih Beſtlh z. Ji Guit uim wie Ui ſi ſi e) 6 (ie 8ui en ibt ſuhn rbeſin eluin, ngeſil inn Inſt diſ ndiſe , vie Urtheils⸗Vollſtreckung. 119 ſie im Civilprozeſſe enthalten iſt, verweiſen und zum Claſſifikations⸗ Verfahren übergehen, welches nach ſtattgehabter Erekution einzu⸗ treten hat. Die Vertheilung des Erlöſes aus verſteigerten Mobilien oder nicht verpfändeten Immobilien geſchieht nach Verhältniß der Forder⸗ ungen, wird distribution par contribution genannt und iſt durch die Artikel 656 — 672 des Prozeſſes geregelt. Die Vertheilung des Erlöſes aus verſteigerten Immobilien, die mit Hypotheken belaſtet ſind, wird Rangordnungsverfahren, Claſſifikation, l'ordre genannt und durch die Artikel 7490 — 779 beſtimmt. . Die distribution par contribution findet ſtatt, wenn der Er⸗ lös der verſteigerten Mobilien, Renten ꝛr nicht hinreicht, um die intereſſirten Gläubiger zu befriedigen. Sie kann auf gütlichem Wege (amiable) unter den Gläubigern geſchehen oder, wenn in⸗ nerhalb eines Monats eine ſolche Vereinigung nicht zu Stande kam, auf gerichtlichem Wege. Der Gerichtsſchreiber hat ein eignes Regiſter für derlei Prozeduren zu führen, registre des contributions. Die Verhandlung findet vor einem Richterkommiſſär ſtatt, der die Einreden aufzunehmen, und falls keine vorgebracht werden, die Gläubiger zu lociren und die Gelder durch Anweiſungen zu ver⸗ theilen hat. Werden Einreden erhoben oder ergeben ſich ſonſtige Anſtände, ſo verweiſt der Richter⸗Commiſſär die Parteien in die Gerichtsaudienz, wo die ſtreitigen Punkte dann, wie ſonſtige Prozeſſe plädirt und entſchieden werden. Die Staatsbehörde muß hiebei ge⸗ hört und allenfallſige Berufung gegen ein Urtheil in 10 Tagen ein— gelegt werden, welche, wie in ſummariſchen Sachen entſchieden wird. In ähnlicher Weiſe wird beim ordre verfahren. Das Regiſter, welches für die Eintragung dieſer Prozedur auf der Greffe ſich vor⸗ findet, heißt registre des adjudications. Auch hier findet die Verhandlung vor einem Richter⸗Commiſſär ſtatt, der zu lociren und Einwendungen, Oppoſitionen zc. vor das Gericht zur Audienz zu verweiſen hat. Berufungen gegen Urtheile ſind gleichfalls hier innerhalb 10 Tagen von Inſinuativn des Ur⸗ theils an, einzulegen. Incidentpunkte werden ſummariſch entſchieden. Die Gläubiger empfangen Anweiſungen auf die Steigerer der Immobilien ihres Schuldners. Bezüglich des Rangs der Gläubiger — — 120 Civilprozeß. entſcheiden die Beſtimmungen des Civilrechts, welche in den Titeln über Privilegien und Hypotheken (ſiehe Civilrecht II, Seite 157 und folg.) enthalten ſind. Vor allen Forderungen aber werden die Gerichtskoſten bei der Claſſifikation angewieſen. Wir haben nun noch einiger beſondern Arten von Exekutionen zu erwähnen, welche das Prozeßgeſetz im zweiten Theile, nicht bei der Vollſtreckung der Urtheile, wohin ſie ſtrenge genommen, auch nicht gehören, behandelt. Wir nehmen jedoch keinen Anſtand, ſie hier anzureihen, da ſie eben doch die Exekution angehen, welcher wir überhaupt dieſes Kapitel gewidmet haben. Es ſind dieſes: Di Saisie-gagerie, die Pfändung von Mobilien, Früchten, Effekten, welche den Vermiethern von Häuſern und Landgütern ge⸗ gen die Pächter und Miether wegen rückſtändiger Pacht⸗ und Mieth⸗ gelder geſtattet iſt. Die Artikel 819 — 821 beſtimmen die hiebei ein⸗ zuhaltenden Vorſchriften, welche im Weſentlichen dieſelben ſind, wie bei der saisie-execution. 2) Die saisie-foraine (Art. 822 — 825) iſt die Pfändung der Effekten eines auswärtigen Schuldners, die ſich in dem Wohnort des Gläubigers befinden. Sie geſchieht auf den Grund einer Or— donnanz des Bezirksgerichts⸗Präſidenten und ſelbſt des Friedensrich⸗ ters. Auswärtiger Schuldner iſt hier Jeder, der nicht ſein Domizil im Wohnort des Gläubigers hat. Beiden Arten ſind folgende Hauptregeln gemeinſam: a) Die gepfändeten Effekten können nur, nachdem die Pfändung für gültig erklärt worden, verſteigert werden. b) Verkauf und Vertheilung des Erlöſes richtet ſich nach den Vorſchriften, welche bezüglich der Saisie-execution beſtehen. c) Die Hüter (gardiens) ſind zur Vorzeigung der Effekten bei perſönlichem Arreſte verpflichtet. 3) Die saisie-revendication. (Art. 826— 831.) Wir haben in dem Kapitel über Verjährung (Civilrecht II, Seite 169 und folg.) geſehen, daß „en fait de meubles la possession vaut titre“, das heißt, daß hier der bloße Beſitz als Rechtsgrund gilt; daß jedoch dem Eigenthümer einer Sache, die ihm verloren ging oder geſtohlen wurde, das Recht zuſteht, innerhalb drei Jahren dieſelbe zu vindi⸗ ciren. Das Geſetz hat nun einem ſolchen Eigenthümer, um ihm m uhb him en ie ie 1 ) eden i rekuin niht i en, ut ſan, ſ „welht ſes: ßrihtn iem dMi iebe i , wi un N Pohnn net 0 dusnit Dynij indu h du he. ten li habu ſuh 6 d jndoc ſohlu vind ihn Urtheils⸗Vollſtreckung. 121 die Revindikation zu erleichtern und überhaupt zu ermöglichen, ge⸗ ſtattet, fragliche Gegenſtände mittelſt dieſer Art von saisie in Be⸗ ſchlag zu nehmen und dann den Richter darüber entſcheiden zu laſſen. Die Regeln der saisie-execution finden auch hier ihre Anwen⸗ dung mit der einzigen Ausnahme, daß man den effektiven Beſitzer zum gardien ernennen kann und daß, wenn derſelbe ſich weigert, die Thüren ſeiner Wohnung zu öffnen, man eine Wache vor die Thüre ſtellen darf. Die Beſchlagnahme geſchieht auf Ordonnanz des Bezirksgerichtspräſidenten und in dringenden Fällen ſelbſt an geſetz⸗ lichen Feiertagen. 4) Die surenchère oder das Uebergebot beim Falle freiwilli⸗ ger Verſteigerung. (Art. 832 — 838.) Ihrer bedient ſich der Gläu⸗ biger, deſſen Schuldner ſeine Güter freiwillig veräußern läßt, um denſelben zur nochmaligen Verſteigerung zu zwingen, wobei ſich der Gläubiger jedoch verbindlich machen muß, wenigſtens ein Zehntel mehr zu zahlen, als bei dem Verkaufe, gegen den er opponirt, er⸗ löst wurde. 5) Die folle-enchère kommt als Incidentpunkt bei Immobiliar⸗ vergantungen vor (Art. 737, 738— 745) und bedeutet die noch⸗ malige Verſteigerung einer Liegenſchaft auf Gefahr und Koſten des Steigerers, der die Bedingungen des Zuſchlags nicht erfüllt. 6) Die verſchiedenen Arten und Mittel, welche man an⸗ wendet, um Ausfertigungen und Abſchriften von Ur⸗ kunden zu erhalten, welche bei öffentlichen Beamten deponirt ſind. (Art. 839 — 858.) Wenn ein Notär oder ein anderer Depoſitär die Aus⸗ fertigung oder Abſchrift einer Urkunde ſeines Archives dem berech⸗ tigten Intereſſenten verweigert, ſo läßt ihn der Intereſſent auf Ordonnanz des Präſidenten hin auf kurze Zeitfriſt vorladen und ihn, wenn die Klage begründet iſt, zur Ablieferung bei perſöulichem Ar⸗ reſte verurtheilen. Das Verfahren iſt ſummariſch und das Urtheil, trotz Oppoſition und Appellation in Vollzug zu ſetzen. Wenn ein Dritter die Auslieferung eines Aktes erhalten will, ſo muß er um ein Compulſorium nachſuchen (von compulsare, compellere, zwingen), über welches Geſuch das Gericht ſummariſch entſcheidet. Kraft des Compulſoriums muß der betreffende Beamte die gewünſchte Abſchrift ausliefern. 122 Civilprozeß. Schlußkupitel. Die Beſprechung der Vorſchriften und Regeln für die Ver— handlungen bei einem Sterbfalle (Anlage und Abnahme von Sie— geln, Inventar, Theilung, Verſteigerung gemeinſchaftlicher Güter, wobei Minderjährige ꝛc. betheiligt find), bei einer Gütertrennung oder Trennung von Tiſch und Bett“*), bei der Autoriſation verheiratheter Frauen, bei Verzichtleiſtungen auf Gütergemeinſchaften oder auf Erbſchaften, bei Kurateln erbloſer Verlaſſenſchaften, bei Familiengutachten und Interdiktionen, welche der code de procedure civile außer der Prozeßordnung enthält, gehört ſelbſtverſtändlich nicht in unſern Plan, der auf die Darſtellung der Grundzüge des bürgerlichen Prozeſſes allein gerichtet ſeyn mußte. Wir wollen nun noch vor dem Schluſſe der Darſtellung des Prozeſſes der verſchiedenen geſetzlichen Beſtimmungen gedenken, welche im Geſetzbuche unter der Ueberſchrift „allgemeine Verfügungen“ in den Artikeln 1029 — 1040 enthalten ſind und deren wir in der Ein⸗ leitung, Seite 4 dieſes Heftes ſchon in Kurzem erwähnt haben. Zuerſt ſprechen ſich die Artikel 1029, 1030 und 1031 über die durch das Geſetz angedrohten Nichtigkeiten (Mullitäten) aus und ſtellen hiefür folgende Grundſätze auf: 1) Jede Strafe, ſie mag in der Nichtigkeit des Aktes, in einer Geldbuße oder im Verluſte eines Rechtes beſtehen, womit das Civil⸗ prozeßgeſetz die Nichtbefolgung einer Vorſchrift bedroht, wird de droit und ohne weiteres verwirkt. Die Strafe iſt nicht blos commina— toriſch, das heißt nicht bloß angedroht und es iſt nicht dem Richter überlaſſen, die Drohung nach ſeinem Arbitrium zu realiſiren oder nicht. Es bleibt demſelben vielmehr nichts anderes übrig, als das Geſetz anzuwenden und es iſt ihm durchaus nicht geſtattet aus Er⸗ wägungen der Billigkeit, der Humanität einen Akt gelten zu laſſen, welchen das Geſetz für nichtig erklärt oder eine Geldſtrafe oder den *) Ausnahmsweiſe dürfen in Eheſcheidungsprozeſſen keine Anwälte als ſolche, ſondern nur als Rathgeber (conseils) der Parteien auftreten, in Trennungs⸗ prozeſſen aber weder Anwälte noch conseils. —— zui Miin i i un mt n N. un ſ m viln ſü ii w ſun mun juiſt ſiu ſb v mil Ji u 0) i ha in et bin u n then fun f bhin unhn u ie unn ſ E „ nlnn euin vih iymn“ in hi than 103l in titn) u , in in eii onnin en hit in a d aus b u hiſn odet d ſolte⸗ nmng⸗ Schlußkapitel. 123 Verluſt eines Rechts überſehen und nicht ausſprechen zu wollen. Nullitäten können indeſſen, wie wir im 7. Kapitel, Seite 49 und 50 geſehen haben, durch das Benehmen der Gegenpartei, wenn ſie gar nicht oder nicht zur rechten Zeit ercipirt, couvrirt oder gedeckt werden. Ob eine Rechtsverlurſtigung dagegen (déhéance) couvrirt werden kann, iſt ſehr zweifelhaft. Theorie und Praris bieten in dieſer Materie eine Menge Controverſe dar und machen das Kapitel von den Nullitäten und den Rechtsverlurſten zu dem ſchwierigſten in der ganzen Prozeßordnung. 2) Kein prozeſſualiſcher Akt kann für nichtig erklärt werden, wenn das Geſetz nicht ausdrücklich den Fehler, mit dem er behaftet iſt, mit der Nullität bedroht hat. Aber der miniſterielle Beamte, der einer Contravention ſich ſchuldig gemacht, wenn auch nicht eine Nullität aus derſelben hervorgeht, kann immerhin mit einer Geld⸗ ſtrafe von 5 bis 100 Franken beahndet werden. 3) Beamte, die durch ihre Nachläßigkeit und Pflichtvergeſſenheit Prozedurakten mit Rullitäten behaftet, nutzloſe Koſten gemacht oder fruſtratoriſche Akten, das heißt ſolche, die keinen andern Zweck als chikanöſe Verſchleppung erzielen, errichtet haben, können mit Geldſtrafen, Suspenſion und Abſetzung vom Amte beſtraft und den Parteien gegenüber entſchädigungspflichtig erklärt werden. Der Art. 1032 macht darauf aufmerkſam, daß die Gemein— den und öffentlichen Anſtalten, wenn ſie vor Gericht als Kläger auftreten wollen, den adminiſtrativen Vorſchriften hier⸗ über nachkommen müſſen. Dieſelben ſind in den Geſetzen vom 29. Vendemiär V und vom 18. Juli 1837 (das für die heutigen Ver— hältniſſe in Frankreich gilt) enthalten. Der Hauptgrundſatz iſt, daß die Gemeinde, öffentliche Anſtalt ꝛc. als Kläger wie als Beklagte der Autoriſation der Regierung bedarf, um vor Gericht aufzutreten oder belangt zu werden. Die Art. 1033 und 1034 beſchäftigen ſich mit der Art und Weiſe, wie die Zeitfriſten in Vorladungs⸗ und ſonſtigen pro⸗ zeſſualiſchen Akten zu berechnen ſind. Hier iſt Prinzip, daß der Tag, an welchem eine ſolche Urkunde zugeſtellt wird, und der Tag, auf welchen die Aufforderung lautet, nicht mitgerechnet werden. Werde ich z. B. am 12. März geladen, in acht freien Tagen — — —— 3 124 Civilprozeß. vor Gericht zu erſcheinen, ſo wird der 12. März zu dieſen acht zi Tagen nicht gerechnet, ebenſo wenig der 20. März, ſondern die acht nn freien Tage begreifen die Zeitfriſt vom 13. bis 20. inclus. in ſich ſuh und erſt am 21. Tage habe ich zu erſcheinen. Bei jeder Entfernung . um von 3 Miriametern wird die freie Friſt um 1 Tag vermehrt. 15 Der Art. 1035 beſchäftigt ſich ganz allgemein mit dem Rechte ühm der Gerichte, andere Gerichte oder Richter mit der Vornahme pro⸗ . p zeſſualiſcher Handlungen (Abnahme von Eiden, Vornahme von Zeu⸗ nl genverhören, Vernehmung der Parteien ꝛc.) zu delegiren, oder i dieſelbe zu requiriren, Rogatorien zu ſtellen, wenn es die Umſtände erfordern, weil allenfalls die Streitgegenſtände, die Parteien oder i die Zeugen ſehr weit entfernt ſind. Dieſes Delegationsrecht iſt ihnen ſüd zugeſtanden, Gerichten desſelben Rangs und Einzelnrichtern gegenüber. hi Den Gerichten iſt ferner durch den Art. 1036 das Recht ge⸗ geben, ſelbſt von Amtswegen, in Sachen die bei ihnen anhängig bi ſind, Schriften verläumderiſchen Inhalts zu unterdrücken, ſie int für verläumderiſch zu erklären und den Druck und die An⸗ ni heftung des deßhalb ergangenen Urtheils auf Koſten der ſchul⸗ 4ii digen Partei zu verordnen. Dieſer Artikel iſt im 23. Artikel des Preß⸗ n geſetzes vom 17. Mai 1819 ſeinem weſentlichen Theile nach reproducirt. i Inſinuationen und Executionen gerichtlicher Akte und Urtheile dürfen nach der Vorſchrift des Art. 1037 vom 1. Oktober bis 31. März (im Winterſemeſter) von 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends, in in der übrigen Zeit (im Sommerſemeſter) von 4 Uhr Morgens bis jun! 9 Uhr Abends vorgenommen werden, nicht früher und nicht ſiun ſpäter. An geſetzlichen Feiertagen ſollen auch keine dergleichen pro⸗ uhh zeſſualiſche Handlungen vorgenommen werden, wenn nicht der Rich⸗ u ter, weil Gefahr auf dem Verzuge ſteht, ausdrücklich hiezu ermäch⸗ bi tigt und Erlaubniß ertheilt hat. 1ibn Der Art. 1038 enthält die Verpflichtung der Anwälte, it ihre Parteien zu vertreten, ſelbſt ohne hiezu neue Vollmacht erhalten zu haben, wenn über die Vollſtreckung von Endurtheilen, welche ſie erwirkten, Streit entſteht. Damit aber dieſe Verpflichtung für die ſin Anwälte keine endloſe und unbegränzte werde, fügt der Artikel die zu Vorausſetzung bei, daß dieſe Vollſtreckung innerhalb der Friſt eines ſ Jahres nach Erlaß des Urtheils vor ſich gehe. iu iint udent ucn ii u huſn emhn. dn h omuhnn hne oh „ giten, di luſin utin echtiiin n gyuih Ft n mi tücen i ddi der ſi d li nyruit d h hrihn unu m ih ihnn N ſ emit wilte chaln elhe ſ fin ji itl eine Schlußkapitel. 125˙ Die Art. 1039 und 1040 enthalten Anweiſungen für Beamte, öffentliche Funktionäre u. dergl., wie ſie ſich bezüglich der Inſinua⸗ tionsakten, die ihnen vorgelegt werden, und der Akten, die ſie abzu⸗ faſſen haben, verhalten ſollen. Jene haben ſie, das heißt das Ori⸗ ginal derſelben, unentgeltlich zu viſiren und die Abſchrift anzunehmen. Im Weigerungsfalle viſirt dann die Staatsbehörde; die aber, welche ſich geweigert haben, unterliegen einer Geldſtrafe. Dieſe müſſen die Richter ſtets unter Aſſiſtenz des Gerichtsſchreibers aufnehmen, und ſollen in der Lokalität, in welcher das Tribunal reſidirt, in der Regel abgefaßt werden. Nur in dringenden Fällen ſoll hievon Um⸗ gang genommen und Ordonnanzen und Weiſungen auch im Hauſe des Präſidenten und Richters ertheilt werden können. Ueber den Inhalt der Schlußartikel 1041 und 1042 ſiehe Seite 4 dieſes Heftes. Wir haben ſomit das Gebiet des Prozeſſes an der Hand des Geſetzes und der Kritik durchwandert und erlauben uns an der Gränze des Gebietes nochmals einen kurzen Rückblick auf dasſelbe mit geiſtigem Auge zu werfen und den Leſer daran zu erinnern, welch' kräftiges, geſundes und naturwüchſiges Leben ihm überall entgegentrat, welch' wohlthuende Einfachheit in der Form, welche lebenskräftige Energie in dem ganzen Gange der Verhandlung! Wie jede Garantie dem gegeben iſt, der ſein Recht ſucht, es zu finden, wenn es wirklich ein Recht iſt, wie leicht beweglich und geſchickt zur Hand die Mittel ſind, ſich gegen Unverſtand und Per⸗ fidie des Richters, des miniſteriellen Beamten zu ſchützen und ihre Fehler zu verbeſſern oder wirkungslos zu machen, wie ſolchen Waffen die Chikane nicht lange entgegenzukämpfen vermag und wie das gute Recht die mächtige Wehr in der Hand in ihren dunkelſten Winkeln und Höhlen ſie leicht zu erfaſſen und an das Tageslicht zu ziehen vermag, deſſen Schimmer, wie der ſcheuen Eule ihr uner⸗ träglich, ſie entlarvt und vernichtet! Wir hoffen und wünſchen nun, daß unſere Leſer finden möchten, wie wir ihnen nicht bloß eine rohe und trockene Skizze des Ver⸗ fahrens gegeben, ſondern uns nach Kräften bemüht haben, unſern Bildern die belebenden und erwärmenden Farben nſcht fehlen zu laſſen. 126 Civilprozeß. Unſere größte Genugthuung aber werden wir darin erblicken, wenn eine wohlwollende Kritik es uns zugeſtehen wird, nicht allein den äußern Formen, ſondern was das Wichtigere iſt, den innern Faktoren des Prozeſſes die gebührende Aufmerkſamkeit gewidmet und dadurch das nothwendige und lohnende Verſtänd— niß herbeigeführt zu haben. Wir geſtehen es aufrichtig, wir leben und weben in den Prin⸗ zipien, deren Darſtellung wir ſo eben beendet haben; ſie ſind uns das liebe und theure Ideal einer richtigen und geſunden Rechtspflege, deren Wohlthaten in reichem Maße ganze Völker beglücken, und für das wir uns ſo gerne begeiſtern, da ihr hoher Werth ſo lebhaft und entſchieden in unſerer Seele feſtſteht. Möge es uns deßhalb gelungen ſeyn, unſere freundlichen Leſer auch nur einigermaßen in den Kreis unſerer Ueberzeugungen eingeführt und ſie in demſelben heimiſch gemacht zu haben. Dann iſt auch unſer ſchüchterne Wunſch erfüllt, einen kleinen und ſchwachen Beitrag geliefert zu haben, der Geſetzgebung, deren Grundlage ja eine ganz germaniſche, der Denk— weiſe und den Sitten unſerer früheſten Ahnen entſproſſene und ent⸗ ſprechende iſt, die Anerkennung zu ſichern, welche ihr ſo ſehr ge⸗ bührt, die, wie keine andere beſtimmt iſt, Muſter für Geſetzgebungs⸗ werke der jetzigen und kommenden Geſchlechter zu ſeyn. München, Druck von C. R. Schurich. ichin it li ti, n mni nh * etſin du i ſon Seite cjin 1. Kapitel. Einleitung und Literatur 8 II. Kapitel. Gtnnplißentettrenzöſiſcher trcheſſen ſ Oeffentlichkeit. Mündlichkeit . 10 ſo lihe III. Kapitel. Einfachheit der Form. S s dh ſummariſcher Prozeß — . 17 min IV. Kapitel. Conkurrenz des öffentlichen Miniſerinms bei der Verwaltung der Rechts⸗ denſtin pflege 21 Puſt V. Kapitel. Beweistheorie und pininitet 25 ben, de VI. Kapitel. Die Koſten des franzöſiſchen ewithroſes 42 er ut VII. Kapitel. Klagen. Einreden. Urtheile 47 VIII. Kapitel. Gerichtsbarkeit und Competenz . 56 ud a IX. Kapitel. Ordentliche und NRechts⸗ ſehtp mittel Rebun X. Kapitel. Verfahren vor Fitnte XI. Kapitel. Von dem Sühneverſuch . . 80 XII. Kapitel. Verfahren vor den Bezirksgerichten . 83 XIII. Kapitel. Incident⸗ und Interventions⸗Prozeß 91 S Kapitel. Von den Reféré⸗Sitzungen . 92 XV. Kapitel. Unterbrechung und Wtentſ 55 Inſtanz 93 XVI. Kapitel. Peremtion der Suſtäßt rheitsannton ung. Streitabſtand 95 XVII. Kapitel. Von der Mißbilligungsklage 97 XVIII. Kapitel. Von dem Röglement der Richter. 99 XIX. Kapitel. Von der Verweiſung an ein anderes Gericht wegen Verwandtſchaft r. XX. Kapitel. Von der Recuſation der Richter . 101 XXI. Kapitel. Verfahren vor den Appriintipneß 104 XXII. Kapitel. Verfahren vor dem Caſſationshof 6 XXIII. Kapitel. Von den Schiedsgerichten „ XXIV. Kapitel. Von der Vollſtreckung der urtheile 5 6 Schlußkapitel . 3 S — „ — E— 3 — r — Die Frazüſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Jul. Paraquin. Dos Handelsrecht. München, 1861. Literariſch⸗Artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. Proſpeetus ſiche umſtehend. Prosperius. Im Verlage der erſcheint: Die Franzöſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Julius Paraquin. In ſechs Abtheilungen. gr. 80. Dieſes von dem Herrn Verfaſſer, einem rheinbayeriſchen Juriſten, den Gebildeten aller Stände überhaupt, ſowie ſeinen Berufsgenoſſen in den Ländern der deutſchen Staaten insbeſondere gewidmete Werk umfaßt die geſammte Civil- und Strafgeſetzggebung Frankreichs in klaren, bündigen und doch erſchöpfenden Zügen. Der Darſtellung der Geſetzgebung iſt eine rechtshiſtoriſche Einleitung und die Gerichtsorganiſation (Richteramt, öffentliches MWiniſterium, Anwaltſchaft, Advokatur, Notariat, Gerichtsſchreiberei . ꝛc.) vorausgeſchickt, neben welcher auch das zum Verſtändniß Nothwendige über Prganiſation und Competenz der Adminiſtration ſeinen Platz findet. Das Ganze erſcheint in ſechs Heften von je 6 bis 8 Bogen. Einleitung und Organiſation bilden den Inhalt des erſten Heftes, dem in monatlichen Zwiſchenräumen die fünf andern folgen, deren erſtes das Civilrecht, das zweite den Civilprozeß, das dritte das Bandelsrecht, das vierte das Strafrecht und das fünfte den Straf⸗ prozeß behandeln. Einem jeden Hefte iſt ein Inhaltsverzeichniß beigegeben. Der Preis eines Heftes richtet ſich nach der Bogenzahl; der Preis eines Bogens wird circa 8 kr. betragen. Literariſch⸗artiſtiſche Anſtalt der Z. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. Die Fraͤnzüſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von E rnſt Jul. Paraquin. uin ſn t Pe is ü ſoriſt nih nini 3 in imin 6 5 andelsrecht. Bihn Hifti, den e d zu 1. de 3 München, 1861. t Anſtalt er J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. ſu it u jüii u ni ſh ubi u n ſin u in dun duun ſu in u in wn C. Das Handelsrecht. Einleitung. Frankreich hatte bis zu Anfang des 12. Jahrhunderts faſt nichts, und nur ſehr wenig bis zur Regierung Ludwig XIV. zum Rechtsſchutze des Handels gethan. In Italien und Spanien war bereits mächtig der Handel emporgeblüht, bedeutende Grundlagen der Geſetzgebung desſelben für Continental- und Seehandel gelegt und ein Wechſelrecht ausgebildet worden, das aus dem Inſtitute der Campsores ſich allmählig entwickelt hatte. Endlich erſchien die ordomance de commerce vom Jahr 1673, indem nach dem Frieden von Aiwla-Chapelle Ludwig XIV. die Hebung und den⸗ Schutz des Credits und Handels ſich zur Aufgabe machte. Dieſe Ordonnanz regulirte hauptſächlich das Wechſelrecht und iſt als die Quelle des Theils des code de commerce zu betrachten, welcher ſich mit dem Handel im Allgemeinen, mit dem Landhandel und dem Wechſelrechte beſchäftigt. Ihr folgte die Ordonnanz vom Jahre 1681 für den Seehandel, I'ordonnance pour le commerce mari- time ou de la marine. Beide verdanken ihre Exiſtenz dem ge⸗ nialen Miniſter Colbert, ſowie dem berühmten Savary, Col— berts rechter Hand. Obwohl beide Ordonnanzen des Vorzüglichen ſo viel enthielten, daß man ſpäter ohne Bedenken einen guten Theil der Verfügungen derſelben in das moderne Handelsrecht, den Napoleoniſchen code de commerce aufnehmen konnte, ſo waren dieſelben nach Verlaufe von ſechs bis ſieben Dezennien doch nicht mehr im Stande, den An⸗ ſprüchen des Handels, der unterdeſſen in Frankreich wie in Europa W. Handelsrecht. 1 * Einleitung. — mit Rieſenſchritten in ſeiner Entwicklung vorangeſchritten war, voll⸗ ſtändig zu genügen. Namentlich waren die vielen Gerichtsbräuche in der Prozedur, deren faſt jedes Handelsgericht andere adoptirt hatte, ein Gegenſtand allgemeiner und gerechter Klage; ebenſo war eine große Rechtsunſicherheit dadurch hervorgerufen worden, daß der Begriff und die Attribute von Handels⸗ und Kaufleuten, nicht genau präciſirt waren, daß ihre Verhältniſſe in Bezug auf Ehefrauen und deren Vermögen, auf ihre Bücher und auf das Fallimentsweſen nicht vollſtändig genug regulirt waren, was um ſo größere Miß— ſtände hervorrief, als in Folge des gewaltigen Umſchwunges des Handels und der großartigen Dimenſionen, die er jetzt annahm, eine Unzahl von Leuten ſich nunmehr zum Handelsſtande drängten und überall im Kleinen und im Großen die Handelsgeſchäfte, Krä⸗ mereien, Buden, Läden, Bank⸗ und Wechſelhäuſer wie Pilze aus der Erde emporſchoſſen. So war der Stand der Verhältniſſe in Franfreich, als die Re⸗ volution herannahte, nachdem eine Verbeſſerung des Handelsrechts, das heißt der beiden Ordonnanzen unter dem Miniſterium Miro⸗ ménil angeſtrebt worden, aber mit dem Sturze desſelben auch wieder in Vergeſſenheit gerathen war. Die Geſetzgeber der neuen Aera richteten ihr Augenmerk ſofort auch auf die Verbeſſerung dieſes wichtigen Zweiges der Geſetzgebung, die höchſt dringendes Bedürfniß war, denn, wie ſie ſpäter im Staatsrathe ſich ausdrückten: „Jeder „wurde in Hoffnung auf baldigen und reichen Gewinn Kaufmann; „Schwindel und Golddurſt hatte ſich der Gemüther bemächtigt; glän⸗ „zend dekorirte Läden ſollten die innere Unſolidität des Geſchäftes „decken; die Weiber der Kaufleute trieben unerhörten Lurus und „entriſſen den betrogenen Gläubigern ihr Vermögen mit Berufung „auf ihre Privilegien und weiblichen Rechtswohlthaten; Zahlungs⸗ „einſtellungen, einfache und betrügeriſche Bankerotte waren an der „Tagesordnung; der Credit war total erſchüttert.“ Aber es gelang der revolutionären Regierung nicht, ein neues Handelsgeſetz zu ſchaffen; auch dieſes hatten die Geſchicke dem wun⸗ derbarſten Manne ſeiner Zeit vorbehalten. Er ließ, wie aus der rechtshiſtoriſchen Einleitung (Seite 21) noch erinnerlich ſeyn wird, eine Commiſſion zur Entwerfung eines Handelscoder niederſetzen u Mr ii hm ium ſn u ti u u lh il i ſinb ſ in ſüm* in di n ſun vub . . vbig ſun uht uhni Mn wih alut vol⸗ inhe oyit wnr ß dr Run E weſn N d ahn, ni als R cht, lir auh eun iſt iß Rde an ir ifis um ſin n der eus vu der it, eten Handelsrecht. 5 laut Dekret vom 9. Germinal IX. Im folgenden Jahre überreichte dieſe Commiſſion, welche aus den Juriſten und großen Handels⸗ männern Vignon, Bourſier, Legras, Vital, Rour, Cou⸗ lomb und Morgues zuſammengeſetzt war, der Regierung ihre Arbeit unter dem Titel: projet du code de commerce, présenté aux Consuls de la république frangaise. Nun wurde dieſes Projekt in derſelben Weiſe behandelt, wie wir geſehen haben, daß bei der Codifizirung aller Geſetze überhaupt verfahren wurde. Zu⸗ erſt Einſendung an die Handelsgerichte, Handelskammern, Appell⸗ höfe und den Caſſationshof und Erholung von Gutachten von allen dieſen Dikaſterien. Dann Diskuſſion im Staatsrathe, wobei ſich be⸗ ſonders Regnaud, Jaubert, Real, Begouen, Berenger, Fourcroi, Corretto, Maret, Segur, Treilhard, Pelet und der Generalſekretär und große juriſtiſche Schriftſteller Baron Locré in glänzender Weiſe hervorthaten und großen Einfluß auf das Geſetzgebungswerk ausübten. Schließlich Vorlage an die geſetz⸗ gebenden Kammern und Genehmigung durch dieſelben auf Anträge und Expoſitionen des Tribunats. Ein Geſetz vom 15. September 1807 dekretirte ſodann, daß mit dem 1. Januar 1808 das neue Handelsgeſetzbuch in's Leben treten ſolle und daß von dieſem Tage an alle alten Geſetze, welche Handelsmaterien betreffen, die in dem neuen Coder entſchieden ſind, aufgehoben ſeyen. In jenen Materien alſo, über welche nicht entſchieden iſt, gelten demnach noch die frühern Geſetze, Beſtimmungen und Gewohnheiten. Benutzt haben bei ihrer Arbeit, wie ſchon geſagt, die Geſetz⸗ geber vor Allem die Ordonnanzen des großen Colbert und nament— lich die ordomance de la marine, die ſie faſt ganz beibehielten, da dieſelbe mit den übrigen in Europa geltenden Seerechten voll— ſtändig in Harmonie ſtund und auf die hauptſächlichſten Seeord⸗ nungen jener Zeit baſirt war, namentlich auf das consolato del mare, die jugements ou röles d'Oléron, den guidon de la mer, das Wisbyer Seerecht, das von Amalfi, die Amſterdamer, Lübi⸗ ſchen, Brüſſeler, Hanſeatiſchen Seerechte, das von Antwerpen 1c. *) *) Die erſten Spuren von Geſetzgebung und feſten Gewohnheitsrechten im See⸗ rechte finden ſich bei den Rhodiern vor; an ihnen machten die Römer 6 Einleitung. Der Handelscoder vom Jahr 1807, le code de commerce umfaßt den Haupttheil des franzöſiſchen Handelsrechts für den Con— tinental⸗ und Seehandel in 648 Artikeln, welche in 4 Bücher ein⸗ getheilt ſind. Das I. Buch ſtellt in 8 Titeln (189 Artikeln) die Vorſchriften auf über Continentalhandel und Handel im Allgemeinen, über Han— delsleute, Handelsbücher, Geſellſchaften, Handelsfrauen, Börſen, Agenten, Mäkler, Commiſſionäre, Verkäufe und Wechſelrecht. Das II. Buch enthält in 14 Titeln (von Art. 190 — 436) den Seehandel. Das III. Buch behandelt die Geſetze über Zahlungseinſtellung, einfachen und betrügeriſchen Bankerott, Güterabtretung und Reha⸗ bilitation in 5 Titeln von Art. 437— 614. . Das IV. Buch dekretirt die Organiſation der Handelsgerichte, die Competenz derſelben, das Verfahren vor den Appellationshöfen in 4 Titeln von Art. 615 — 648 (ſ. Gerichtsverfaſſung I. Seite 52). ihre Studien in dieſer Materie; (lex Rhodia de jactu, actio exercitoria, nautae caupones, L. I. 1, 2, 3, 14, 15 de re nautica; L. 1. 5, 7, 9, 12 de exerc. act.) Auch die Maſſilier (Marſeiller) ſollen nach Livius Cib. 37) und Tacitus (Leben Agricola's) mit großem Geſchicke und Er⸗ folge die Rhodiſche Geſetzgebung angewendet und verbeſſert haben. Sichere Anhaltspunkte liegen indeſſen hiefür nicht vor. Dann wurde das Conſolato del mare, eine Sammlung aller Seerechte und Gewohnheiten der alten und neuen handeltreibenden Völker zur Zeit der erſten Kreuzzüge auf Betreiben Arragoniſcher Könige zuſammengeſtellt, allgemeines Seerecht. Faſt um dieſelbe Zeit ließ die Königin Elevnore, Gemahlin König Ludwig des Jungen von Frankreich, die Rhodiſchen Geſetze, welche im römi⸗ ſchen Rechte enthalten waren, ſo wie die Gewohnheiten und Urtheilsſprüche handeltreibender Städte und Colonien ſammeln und unter dem Namen juge- mens oder röles d'Oléron zuſammenſtellen. Die Ordonnanzen von Wisby wurden in Schweden auf Gothland geſammelt; den Guidon de la mer hat Rouen in's Leben gerufen. In Amalfi endlich, der blühenden und reichen Handelsſtadt am Meerbuſen von Salerno, der Heimath des Flavio Gioja, dem man, indeſſen wohl nicht mit Recht, die Erfindung des Compaſſes (1320) zuſchreibt, da derſelbe ſchon im 13ten Jahrhundert ohne Zweifel im Gebrauche war und von ihm wahrſcheinlich nur verbeſſert wurde, war eine Seeordnung um jene Zeit ihres Reichthums und ihrer Macht geſchaffen worden. i b zyulit 9 in uin uuſ ſam n lih vhi mi vnh uuh jin bii nin ſüb unn lin nere hn⸗ til hiiſen tſ 435) lun, Rohn eiht, hiſn 52) citri ivits ſ 6r Eiten ſelate n un iten Rni in wite g ilnd n n Ri l3ten nu 6 und Handelsrecht. 7 Nicht aufgenommen in den code de commerce und durch ſpezielle Geſetze vorgeſehen ſind vornehmlich: die Beſtimmungen über bürgerliche Haft in Handelsſachen (ſ. Anhang dieſes Heftes) und über das Seerecht zur Kriegszeit (Caperei, Piraterie 1.) ſowie über Seepolizei überhaupt. Das Verfahren vor den Handelsgerichten, ein ſehr einfaches, formloſes und zweckmäßiges, iſt ferner nicht in dem code de commerce enthalten, ſondern war bereits in die früher dekre⸗ tirte Civilprozeß⸗Ordnung aufgenommen, wo es ſich im 25. Titel des 2. Buches des I. Theiles von Art. 414 — 442 vorfindet. Der Grund dieſer ſeltſamen Verfügung iſt darin zu ſuchen, daß Napoleon, der dem Handel eine außerordentliche aber ſehr gerechtfertigte Auf⸗ merkſamkeit zuwendete, ſo ſchleunig als möglich den Mängeln im Verfahren vor den Handelsgerichten abhelfen und deßhalb mit der Verbeſſerung in dieſer Materie die fertige Codifizirung des Handels⸗ rechts, welche vorausſichtlich noch einige Jahre in Anſpruch nahm, nicht abwarten wollte. Einheit der Geſetzgebung und Beſeitigung der vielen Gebräuche Meſancen) und Localſtatute, Hebung und Schutz des Handels und des Credits hatten ſich die Geſetzgeber als Zweck vorgeſetzt und demgemäß gearbeitet. Sie haben im Ganzen ihren Zweck erreicht und die Vorzüge des Geſetzbuchs überſtrahlen weit die Mängel desſelben. Theilweiſe wurden auch dieſe durch die ſpätere Geſetzgebung verbeſſert oder wenigſtens ihre Verbeſſerung angeſtrebt. So wurden die Vorſchriften über den perſönlichen Ar⸗ reſt als Erekutionsmittel durch das Geſetz vom 17. April 1832 be⸗ deutend gemildert und verbeſſert, ebenſo wurden die Beſtimmungen über das Fallimentsverfahren, welches nur die großartigſten kauf⸗ männiſchen Verhältniſſe im Auge hatte und deßhalb nicht praktiſch erſcheinen konnte für die zahlloſen Geſchäfts⸗Einſtellungen kleiner Kauf⸗ und Handelsleute, Krämer ꝛc., durch ein Geſetz vom 28. Mai 1838 weſentlich umgeſtaltet. Einfachheit, Natürlichkeit, Klarheit und deßhalb große praktiſche Brauchbarkeit theilt das Handelsgeſetzbuch als Vor⸗ zuge mit den übrigen Codes, und ſo konnte es nicht fehlen, daß dasſelbe einen bedeutenden Einfluß auch auf die Handelsgeſetzgebung 8 Einleitung. anderer Länder ausübte, wie auf das Handelsrecht von Toskana, Neapel, Parma, Sardinien, Rom, Lombardei, Spanien, Portugal, Holland; in den Rheinprovinzen und in Belgien gilt es vollſtändig, nur wenige Modifikationen abgerechnet. Die Verbeſſerungen, welche es unter Ludwig Philipps Regierung in Frankreich erfahren hat, ſind namentlich der bayheriſchen Rheinpfalz nicht zu gut gekommen. Li Ueberſetzungen des code de commerce in die meiſten Sprachen der civiliſirten Nationen finden ſich viele vor, wie von Ackermann, Ehrhard, Daniels, Laſſaulr, Mannrc. in's Deutſche. Lehr⸗ bücher des Handelsrechts hat man von Pardeſſüs, Delvin⸗ court, Boulay⸗Paty; Handbücher und Commentare von Rogron, Vincens, Montgalvy und Germain, d'Ageville, Horſon, Santeyra, Boucher, Maugeret, Dufour, Four⸗ nel, Delaporte, Locré, Delvincourt; Repertorien und Ab⸗ handlungen über einzelne Lehren von Favard de Langlade, Marre (Wechſelrecht), Laurent, Lavaur, Dalloz (Fallimente), Rondonneau (Mäkler und Wechſelagenten), Malöépehre und Jourdain, Perſil, Delangle, Troplong (Geſellſchaften) u. ſ. w. Wir haben zur Darſtellung des Handelsrechtes wieder dasſelbe Syſtem gewählt, deſſen wir uns beim Vortrage des Civilrechtes bedient haben, und konnten dieſes hier um ſo unbedenklicher thun, als die logiſche Ordnung in dem code de conmerce durchaus ge⸗ wahrt iſt und dieſer code nicht an den Mängeln und Unvollkom⸗ menheiten der Redaktion des code de procedure leidet, ſo daß dieſe Behandlung, welche nicht durch auseinandergeriſſene oder falſch zuſammengeſtellte Materien geſtört wird, in innerer und äußerer Be⸗ ziehung als die zweckmäßigſte erſcheint. zin, tug, in welhe nhu, chen an, Lehr lvi en ville Feun d ⸗ lade, ente) em 1.ſ.w. ſ ucht h, 1 Mon o d t Be Erſtes Buch. Von dem Handel im Allgemeinen. Art. 1— 189 c. d. c. I. Titel. Von den Handelsleuten. Handelsleute ſind diejenigen, welche Handelsgeſchäfte treiben und daraus ihr gewöhnliches Geſchäft machen. Jeder, den das Geſetz nicht ausdrücklich ausnimmt, kann auf Grund der Geſetzgebung vom Jahr 1790 und 1791 Art. 7 und der ſpätern Jahre Gewerbe oder Handel treiben, wie er es für gut findet. Vor der Revolution war der Handel verboten dem Adel, den Magiſtraten (gens de robe), den Geiſtlichen (Oieſen durch das kanoniſche Recht); außerdem war er behindert durch die Statu⸗ ten der Korporationen (maitrises et jurandes). Durch ein Dekret vom Jahr 1810 iſt er den Advokaten verboten, welches Verbot wohl auch aus denſelben Gründen auf die Staatsbeamten aus⸗ zudehnen iſt. Der Adel als ſolcher, das heißt als beſonderer Stand, exiſtirt geſetzlich nicht mehr in Frankreich; für ihn erxiſtirt alſo dermalen kein Verbot. In Beziehung auf die Geiſtlichen gehen die Meinungen der Rechtsgelehrten und Gerichte auseinander; einige nehmen an, daß ihnen durch das kanoniſche Geſetz immerfort der Handel verboten ſey, andere behaupten, das kanoniſche Recht ſey durch das Civilrecht beſeitigt, inſofern es nicht ausdrücklich von dem⸗ ſelben anerkannt und ſanktionirt ſey. 10 Handelsrecht. Uebrigens hatten zu Gunſten des Adels auch ſchon vor der Revolution in beſondern Handelszweigen Dispenſationen ſtatt, zuerſt für den Seehandel, dann für den Continentalhandel im Großen. Minderjährige, die emanzipirt ſind, können Handel treiben, wenn ſie, 18 Jahre alt, von ihren Eltern oder vom Familienrath hiezu ermächtigt werden (487 c. c.); der Akt, der die Autoriſation ent— hält, muß bei dem Handelsgerichte des Ortes, wo ſich der Minder⸗ jährige niederläßt, einregiſtrirt und öffentlich angeſchlagen werden. Sie können dann auch ihre Liegenſchaften verpfänden und verhypo⸗ thekiren, ſelbſt unter beſtimmten Formen veräußern. Dieſes gilt von männlichen wie von weiblichen Emanzipirten, denn dem ſchönen Geſchlechte ſind bezüglich des Handels alle Rechte geſtattet, welche dem Manne zugegeben find. Und auch ganz billig, denn das Weib hat, wenigſtens zum Handel im Kleinen, mehr na⸗ türliche Anlagen und Neigungen durchgehends als der Mann. Nur bedürfen die verheiratheten Frauen der Autoriſation ihrer Männer, welche indeſſen auch eine ſtillſchweigende ſeyn darf, die aus den Hand⸗ lungen und dem Benehmen des Mannes vermuthet werden kann. Fitel Von den Handelsbüchern. Der neue Geſetzgeber hat ſehr kluger und vorſichtiger Weiſe den Handelsbüchern eine beſondere Aufmerkſamkeit gewidmet und an⸗ geordnet, daß der Kaufmann alle Ausgaben, alle Einnahmen, alle übernommene Verbindlichkeiten, das Einbringen ſeiner Frau, die ihm zugefallenen Erbſchaften, Schenkungen ꝛc., alle von ihm acceptirten und indoſſirten Effekten in ein Journal Tag für Tag eintragen muß, vorbehaltlich der Führung der übrigen Handelsbücher. Gleichermaßen muß er jährlich ein Inventarium über ſein Mobiliar⸗ und Immobiliarvermögen, über Aktiva und Paſſiva errichten und dasſelbe in ein beſonders hiezu beſtimmtes Regiſter einſchreiben. Dieſe Bücher ſind von einem Richter des Handelsgerichtes, von dem Maire oder dem Adjunkten auf jeder Seite mit der Seitenzahl wi „ wil 8 * nn in ſn uim ſu ln un mim! u i un ui ſw Uii mi jd ſu ii Rb lnin un hhi iliin Handelsbücher. 11 zu bezeichnen und zu paraphiren, und müſſen zehn Jahre lang ein iedes derſelben aufbewahrt werden. Die Briefe, welche der Kaufmann empfängt, müſſen der Ord⸗ nung nach zuſammengebunden und aufbewahrt werden; die, welche er abſendet, müſſen in ein eigenes cotirtes und paraphirtes Regiſter nach der Ordnung ohne Lücken, Zwiſchenräume und Randbeſchrei⸗ bungen eingetragen werden. Regelmäßig geführte Handelsbücher werden dann auch zur Be⸗ weisführung in Handelsſachen unter Handelsleuten gerichtlich zuge⸗ laſſen. Unregelmäßig geführte dagegen nicht. Ja unregelmäßig geführte Bücher, die nicht gerade einen Betrug involviren, machen den faillirten Kaufmann des einfachen Bankerottes ſchuldig, während fälſchlicher und doloſer Weiſe geführte Bücher ihn wegen betrüglichen Bankerottes auf die Anklagebank führen. (Art. 587 und 593, 594 c. d. c.) Auf dieſe Weiſe kann der ganze Vermögensſtand eines Kauf⸗ manns jederzeit überſehen, und im Falle er ſeine Zahlungen ein⸗ ſtellt, ſogleich erkannt werden, ob er unglücklich oder ſtrafwürdig iſt. III. Titel. Von den Geſellſchaften. Die Geſellſchaftsverträge der Handelsleute ſind theils nach den allgemeinen Regeln des Civilrechtes, theils nach den beſondern Nor⸗ men des Handelsrechtes hierüber feſtzuſtellen und zu beurtheilen. In Beziehung auf letzteres werden vier verſchiedene Arten von Geſellſchaften angenommen, nämlich: I. Die Geſellſchaft unter einem gemeinſchaftlichen Na⸗ men (la société en nom collectit); ſo wird die Societät ge⸗ nannt, welche zwei oder mehrere Perſonen unter ſich ſchließen, um eine Handlung unter einer gemeinſchaftlichen Firma zu führen. Dieſe Firma kann nur aus den Namen der Geſellſchafter zuſammengeſetzt werden. Alle Intereſſenten, welche als ſolche in dem Geſellſchafts⸗ 12 Handelsrecht. vertrage bezeichnet ſind, haften ſammt und ſonders mit ihrem gan⸗ zen Vermögen für alle Verpflichtungen der Geſellſchaft. II. Die Kommanditgeſellſchaft (a société en coman- dite), auch hie und da ſtille Geſellſchaft genannt. Sie wird von einem oder mehreren, die mit ihrem ganzen Vermögen für alle Handelsſchulden zu haften verbunden ſind, mit einem oder mit mehreren Geſellſchaften, die nur ein beſtimmtes Kapital dazu her⸗ ſchießen, abgeſchloſſen. Die Geſellſchafter heißen Commanditäre, auch ſtille Compagnons. Die Geſellſchaft wird unter einer ge⸗ meinſchaftlichen Firma geführt, die jedoch nicht den Namen eines Commanditärs enthalten darf, den Namen (oder auch mehrere) aber eines der Geſellſchafter, welche mit dem ganzen Vermögen haften, ausdrücken muß. Die Commanditäre haften nur für den Verluſt, ſo weit das Kapital reicht, das ſie einzuſchießen übernommen haben; ſie dürfen ſich nicht in die Führung der Geſchäfte einmiſchen, nicht einmal als Vollmachtträger, wenn ſie nicht als ſolidariſch für das Ganze verpflichtete Geſellſchafter angeſehen werden wollen. II. Die anonyme Geſellſchaft (a société anonyme); ſie beſteht unter keiner gemeinſchaftlichen, die Namen der Betheiligten ausdrückenden Firma und legt ſich den Namen von dem Gegen⸗ ſtande ihrer Handelsunternehmungen bei, z. B. Rentenanſtalten, Tontinen, Eiſenbahngeſellſchaften, Bank, Creditbank, Leihhaus ꝛc. Sie wird von Bevollmächtigten, die in ihrem Dienſte ſtehen, ob Theilnehmer oder nicht iſt gleichgültig, verwaltet. Die Verwalter haben nur für ihre Verwaltungsakte, die Ge⸗ ſellſchafter nur für den Betrag ihres Antheils an der Geſellſchaft zu haften. Dieſer Antheil wird in irgend einer auf den Inhaber lautenden Verſchreibungsform abgefaßt und heißt Aktie. In ſolche Aktien wird das Kapital der anonymen Geſellſchaft abgetheilt. Der Uebertrag von Aktien, die au porteur lauten, geſchieht durch die bloße Ueberlieferung der Urkunden; der Uebertrag der auf Namen geſtellten Aktien durch eine ſummariſche Ceſſion, gewöhnlich nur durch Namensunterſchrift des Cedenten auf der Urkunde ſelbſt an einer hiefür bezeichneten Stelle. Jede anonyme Geſellſchaft kann nur mit Erlaubniß der Staats⸗ regierung beſtehen. zui tiß i ihu Abt uuß ziün ſ amn ui i ſhin lu hün iin niſ wa u lm in a hunn uih ij il ſn i un * zn Oman. dn ir le et ni ſu he itin, er g⸗ in 0 ibe hafin, Per, haben it fir N 9i Niige Geh nſlen ils 1. eu, die Ge ilſin Rhib nſih . D h i Nn ndni nein Stat⸗ Handelsgeſellſchaften. 13 Auch die Geſellſchaft en commandite fann ihr Kapital in Ak⸗ tien vertheilen. Die drei genannten Geſellſchaften müſſen durch Urfunden con⸗ ſtatirt werden und zwar die anonyme durch öffentliche Urkunden, die zwei andern nach Belieben auch durch Privaturkunden. Gegen den Inhalt dieſer Urkunden, auch wenn der Werth unter 150 Franken beträgt, iſt kein Zeugenbeweis zuläſſig. Sie müſſen zur Notorie⸗ tät gebracht werden und zwar in folgender Weiſe: Der Societätsakt einer anonymen Geſellſchaft wird mit der Er⸗ laubniß⸗ oder Conceſſions⸗Urkunde der Regierung öffentlich angeſchlagen, ſo wie in amtlichen und andern Journalen Jedermann zur Kenntniß gebracht. Die Geſellſchaftsakten der Societäten en nom collectif und en commandite müſſen in 14 Tagen von ihrem Datum in der Kanzlei des betreffenden Handelsgerichts auszugsweiſe hinterlegt, dieſer Auszug in ein beſonderes Regiſter eingetragen und dann drei Monate lang in dem Audienzſaale öffentlich angeſchlagen werden. Verlängerungen der Geſellſchaft, Veränderungen jeder Art der⸗ ſelben müſſen in derſelben Weiſe zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden. Gegen Unterlaſſungen der vorgeſchriebenen Förmlichkeiten hat das Geſetz überall drohende Pönalbeſtimmungen gerichtet. 1V. Die Handelsgeſellſchaft für halbe Rechnung (a conto meta, l'association commerciale en participation) beſchränkt ſich auf eine oder mehrere Handelsunternehmungen. Form, Bedingungen, Antheil an Gewinn und Verluſt, Handelsgegenſtand, alle dieſe Dinge hängen von der Uebereinkunft der Geſellſchafter ab. Dieſe Geſellſchaft iſt den Formalitäten nicht unterworfen, welchen die drei andern bezüglich der Abfaſſung und Publikation ihrer Ver⸗ träge unterliegen. Handelsbücher, Correſpondenz und Zeugen, wo ſolche zuläſſig ſind, beweiſen die Geſellſchaft und ihre Handelsange⸗ legenheiten. Entſtehen unter Handelsgeſellſchaften Streitigkeiten oder Differenzen wegen ihrer Societät, ſo ſollen dieſelben durch Schieds⸗ richter (arbitres) geſchlichtet werden. Die Schiedsrichter in civilrechtlichen Sachen werden ſchlechtweg arbitres, auch arbitres ordinaires genannt, die in Handelsſachen 4 14 Handelsrecht. arbitres forcés oder arbitres de commerce. (Siehe bürgerliche Prozeßordnung Seite 107.) Dieſelben werden ernannt: 1. durch einen Akt unter Privat⸗ unterſchrift, oder 2. durch einen Notariatsakt, oder 3. durch einen außergerichtlichen Akt, oder 4. durch Einwilligung vor dem Gerichte; entweder auf Antrag der Geſellſchafter oder von dem Gerichte von Amtswegen. Die Parteien haben ihre Beweisſtücke den Schieds⸗ richtern, ſowie allenfallſige Denkſchriften zu überreichen und dieſe haben in der von den Betheiligten oder dem Gerichte beſtimmten Friſt ihres Commiſſoriums ſich zu entledigen. Wo nöthig, kann indeſſen dieſe Friſt verlängert werden. Wenn die Schiedsrichter wegen Theilung der Stimmen einen Obmann nöthig haben, ſo wählen die Parteien oder das Gericht einen ſolchen. Die ſchiedsrichterlichen Urtheile, welche die Entſcheidungsgründe enthalten müſſen, werden auf der Kanzlei des Handelsgerichts depo⸗ nirt, in die Regiſter eingetragen und durch Ordonnanz des Präſi⸗ denten executoriſch erklärt. Wider dieſelben iſt die Appellation zu⸗ läſſig und der Rekurs an den Caſſationshof, wenn nicht durch Ueber⸗ einkunft die Anwendung der Rechtsmittel beſeitigt wurde. Ein Vor⸗ mund kann jedoch eine ſolche Uebereinkunft nicht eingehen, wenn es ſich um die Streitigkeit eines Minderjährigen hiebei handelt. Alle Klagen wider Geſellſchafter, die nicht zu liquidiren haben, erlöſchen in fünf Jahren nach dem Ende oder der Auflöſung der Geſellſchaft durch Verjährung. Die Arbitrage iſt ſchon ein altes Inſtitut in Frankreich. Eine Art derſelben hat 1560 im Auguſt der Kanzler LHospital für die Kaufleute eingeführt; derſelbe, der wenige Jahre nachher im November 1563 unter Karl IX. die jurisdiction des juges-consuls in Paris in's Leben rief. 1 ſinm vih win vi n zuſth 6 i ha vſin zi iu mun kii nlhin ſuint jun u Un iün ilin ſi w in m wul ſun ch ib inn itt ie von ii deiſt inmn im in Genh sgüne eho Piſ ion hUn in U vun hb ung mit hwin he in (onb Von der Gütertrennung. 15 W. Titel. Von der Gütertrennung. Die Vorſchriften über Versffentlichung der Eheverträge und Gütertrennung der Kaufleute ſind ſehr zweckmäßig zur Beſeitigung des Schadens Anderer durch Liſt und betrügeriſche Umſchleierung der Verhältniſſe eines Kaufmanns, wenn ſie auch für dieſen ſelbſt wegen der Rückſichtsloſigkeit, mit welcher ſeine Vermögensumſtände darge⸗ legt werden, oft ſehr läſtig ſeyn müſſen. Aber das gemeinſame Intereſſe hat dem des Einzelnen vorzugehen. Die Gütertrennungen der Handelsleute ſind, was die gericht⸗ liche Prozedur anbetrifft, demſelben Verfahren unterworfen, wie die der Nichthandelsleute. Nur muß das Separationsurtheil, wenn eine Partei Kaufmann oder Handelsmann iſt, in der Sitzung des be⸗ treffenden Handelsgerichts öffentlich verleſen und ein Auszug des Urtheils in ein beſonderes Regiſter eingetragen, dann ein ſolcher in dem Andienzſaale der betreffenden Bezirks⸗ und Handelsgerichte, der Notarien⸗ und Anwaltskammern des Bezirks auf die Dauer eines Jahres lang angeſchlagen werden. Wenn kein Handelsgericht in dem Wohnort des Mannes be⸗ ſteht, ſo wird ein Auszug in dem Saale des Gemeindehauſes an— geheftet. Jeder Heirathsvertrag unter Brautleuten, wovon Eines Hand⸗ lung treibt, muß in dem erſten Monate ſeiner Abfaſſung auf der Gerichtsſchreiberei der betreffenden Bezirks⸗ und Handelsgerichte, in der Kammer der Notäre und der Anwälte auszugsweiſe angeheftet und überall auf eine Tabelle eingetragen werden. Der Auszug be⸗ ſagt, ob unter den Eheleuten Gütergemeinſchaft beſteht, ob ſie ſich in Gütern getrennt, oder nach Dotalrechten verheirathet haben. Der Notär, welcher den Ehevertrag aufgenommen hat, iſt verpflichtet, bei Strafe von 100 Franken, ſelbſt der Haftung gegen die Gläubiger und der Abſetzung, dieſe Auszüge an die betreffenden Kanzleien und Kammern zu beſorgen. 3 2 * 16 Handelsrecht. V. Titel. Von Börſen, Wechſelagenten und Mäklern. Die Handelsbörſe iſt die Vereinigung der Handelsleute, welche Continental⸗ oder Seehandel betreiben, unter dem Schutze und mit Genehmigung der Regierung. Das Wort Börſe bezeichnet ſowohl dieſe Vereinigung ſelbſt, als auch das Lokal derſelben. Die Nothwendigkeit und der Nutzen ſolcher Inſtitute iſt ſo einleuchtend, daß es wohl nicht der Worte bedarf, dieſes darzuthun. Im Jahre 1549 wurde die Börſe zu Toulouſe, im Jahre 1556 die zu Rouen hergeſtellt; ſie waren die erſten in Frankreich. Die von Paris wurde erſt im Jahre 1724 konſtituirt, begründet durch die Gebrüder Päris (1721), we⸗ nige Jahre, nachdem Jean Law mit ſeinem fürchterlichen Schwin⸗ del Frankreich in Schulden und Elend geſtürzt hatte. Seine Bank (1718), die man anfangs „das Syſtem“ (le système) nannte, wurde 1720 königliche Bank und dann ruinirt. Die Reorganiſation der franzöſiſchen Banken erfolgte durch die Geſetze und Verordnungen vom 28. Vent. 9. 29 Germ. 9. 27 Prair. 10 ꝛc., ſowie durch die Artikel 71, 72, 75 des code de commerce. Die Regierung, welche das Recht der Genehmigung der Kon⸗ ſtituirung einer Börſe hat, iſt auch berechtigt, dieſelbe zu unter⸗ drücken. Das Reſultat der Händel und Verträge, welche auf der Börſe abgeſchloſſen werden, beſtimmt den Kurs der Wechſel, der Staats⸗ papiere und anderer Effekten, der Waaren, und Aſſekuranzen, der Schiffsfracht, des Fuhrlohns zu Waſſer und zu Land ꝛc. Der Curs wird nach polizeilichen Vorſchriften durch die Wechſelagenten und Mäkler (agens de change et courtiers) conſtatirt. Dieſe ſind von der Regierung ernannte Mittelsperſonen, welche berufen ſind, die Handelsgeſchäfte für Andere einzuleiten und abzu⸗ ſchließen. Die erſten ſchuf Karl M. im Jahre 1572 zu Lyon und zu Paris unter dem Namen courtiers de change, deniers et marchandises. Im Jahre 1791 wurde das Geſchäft freigegeben, 1795 wieder, aber nur für Paris, ſolche Agenten als einfache Offi⸗ zianten ernannt, und im Jahre 1816 dieſe Agentur als verkäufliches unh umt 51 ſin h umi ſijn Ri ihic n welhe dni ſühz Rzn Pur iſe ſ woln Jhn ), We chin n nt ſſuin nuyn uch i ne n iſ Su e d e lun en wl dohn on 1 iers e gegebo e Of Börſen, Wechſelagenten ꝛc. 17 und vererbliches Amt mit einer vergrößerten ein⸗ geführt. Wer fallirt hat und nicht rehabilitirt iſt, kann weder Wechſel⸗ agent noch Mäkler ſeyn. Jeder Agent oder Mäkler aber, welcher fallirt, wird als Bankerottirer verfolgt. Der Artikel 75 des c. d. c. hat ſie in allen Städten einge⸗ führt, wo eine Handelsbörſe iſt. Die Wechſelagenten haben allein das Recht, den Handel der Staatspapiere und der Effekten, die einen Kurs haben, zu be⸗ treiben, Wechſel und Billets und alle im Handel circulirende Pa⸗ piere zu kaufen und zu verkaufen, ſowie den Kurs zu beurkunden. Auch haben ſie das Recht, wie die Mäkler, die Metallkäufe und Verkäufe zu unterhandeln und abzuſchließen. Sie bilden an jeder Börſe einen geſchloſſenen Stand und werden durch einen Diszipli⸗ narrath geleitet, der aus einem Syndik und ſechs Adjunkten zu⸗ ſammengeſetzt iſt. Der code de commerce unterſcheidet vier Arten von cour- tiers oder Mäklern: 1. c. de marchandises (Waarenmäkler); 2. c. d'assurances (Aſſekuranzmäkler); 3. c. interprétes et conducteurs de navires (Schiffsmäkler, Dollmetſcher und Conduktoren); 4. c. de transport par terre et par eau (Mätler für Ver⸗ ſendungen zu Land und zu Waſſer), und ſeit 15. Dezember 1813: 5) die courtiers, gourmets, piquers de vin zu Paris; (fünf⸗ zig an der Zahl zur Vermittlung des Weinhandels). Die Waarenmäkler haben das Recht, den Kauf⸗ und Ver⸗ kauf der Waaren und der Metalle zu — und abzuſchließen und deren Kurs zu beurkunden. Die Aſſekuranzmäkler verfaſſen Aſeturanztontratt⸗ und Policen, beurkunden mittelſt ihrer Unterſchrift die Wahrheit derſel⸗ ben und die Höhe des Preiſes für alle Reiſen zur See oder auf Flüſſen. Die Schiffsmäkler, Dollmetſcher und Conduktoren ſchließen die Befrachtungscontrakte ab, verdollmetſchen die Connoſſemente, Ma⸗ IV. Handelsrecht. 2 „ „— p 6— 18 Handelsrecht. nifeſte, Chartepartien (ſiehe II. Buch Seite 34) und beurkunden den laufenden Frachtpreis. Auch werden ſie in Geſchäften und Handelsdifferenzen, die bei den Donanen (Mauthen) zu verhandeln ſind, von allen Fremden, Kaufleuten, Schiffsherren, Seeleuten und allem Schiffsvolke ausſchließlich als Dollmetſcher gebraucht. Die Mäkler für Verſendungen zu Land und zu Waſ⸗ ſer haben das Recht, die Befrachtungen zu Waſſer und zu Land zu ſchließen. Auch die Mäkler ſtehen unter einer Disziplinarkammer, be⸗ ſtehend aus Syndik und Adjunkten. Gemeinſam iſt den Wechſelagenten und den Mäklern ver⸗ boten: 1) Bürgſchaft zu leiſten für die Vollziehung der Käufe, die ſie vermitteln; . 2) Handels⸗ oder Bankgeſchäfte auf eigene Rechnung zu be⸗ treiben; 3) für Rechnung der Committenten zu zahlen oder zu em⸗ pfangen; 4) in Handelsunternehmungen mittelbar oder unmittelbar, in eigenem oder unterſtelltem Namen ſich einzulaſſen. Zuwiderhandlungen werden mit Abſetzung und einer Geldſtrafe von höchſtens 3000 Franken durch die Zuchtpolizeigerichte beahndet; den Committenten bleibt Klage auf Schadenerſatz vorbehalten. Die Abſetzung geſchieht für immer und kann nie mehr ſpäter eine Zu⸗ laſſung des Betheiligten zu dieſen Aemtern erfolgen. Gemeinſam iſt ihnen vorgeſchrieben, ein Journal zu füh⸗ ren, wie die Kaufleute, cotirt und amtlich paraphirt, in welches ſie nach der Zeitordnung Tag für Tag alle Käufe und Verkäufe, Wech⸗ ſel⸗, Handels⸗, Aſſecuranz⸗Geſchäfte, die ſie vermittelt haben, eintra— gen müſſen. Die Worte dürfen hiebei nicht abbrevirt, die Summen nicht in Zahlen geſchrieben, ſondern nur in Worten bezeichnet wer⸗ den; Streichungen von Stellen, Verſetzungen und Einſchiebungen von Worten ſind unterſagt. Die Vorſchriften für den Handel der Staatspapiere erläßt die Regierung. ſm mihr nb vn Kui innl iu vi iin nnu m nim iu w ſuun nihu ude adeh um Piſ n bar, it ſhſn ehrd in I zuji hes ſ Pi „inn Sunnn net we ieb rij i Commiſſionäre. 19 VI. Titel. Von den Commiſſionären. Commiſſionäre (commissionaires) ſind Mittelsperſonen, welche unter ihrem eigenen Namen aber für Rechnung eines An⸗ dern Handelsgeſchäfte abſchließen. Ihre Pflichten und Rechte ſind durchaus nach den Grundſätzen des Civilrechts über das Mandat (Vollmacht) zu beurtheilen, wenn ſie auch nicht im Namen des Com⸗ mittenten handeln und nicht dieſen, ſondern ſich ſelbſt, Andern gegen⸗ über, verbindlich machen. Der Commiſſionsauftrag iſt ein gegen⸗ ſeitiger und kann ſchriftlich, mündlich und ſelbſt ſtillſchweigend gege⸗ ben werden. Letzteres z. B. in dem Falle, wenn ich einen Com⸗ miſſionär, der für mich ohne Auftrag handelt, gewähren laſſe und ihm nicht entgegenſpreche. Individuen und Societäten können die Commiſſion geben. Angenommen wird ſie auf dieſelbe Weiſe, wie ſie gegeben wird. Der Commiſſionär hat ſich dem Committenten gegenüber alſo zu verhalten, wie der Mandatär zu dem Mandanten des bürger⸗ lichen Rechts, und damit ſind die Pflichten und Rechte eines Jeden von ihnen gekennzeichnet. Das Geſetz aber hat außerdem noch dem Commiſſionär, unab⸗ hängig von der perſönlichen Klage gegen den Committenten oder Mandanten, ein erceptionelles Privilegium geſtattet für Vorſchüſſe, die er gemacht, für Zinſen und Koſten, an dem Werthe der Waa⸗ ren, die er noch in ſeinem Gewahrſam, entweder in eigenen Ma⸗ gazinen oder in öffentlichen Lagerhänſern zu ſeiner Diſpoſition hat. Sind die Waaren ſchon verkauft oder überliefert worden, ſo iſt der Commiſſionär berechtigt, vor allen Gläubigern ſich für Vorſchüſſe, Zinſen und Koſten aus dem Kaufpreiſe bezahlt zu machen. Der Handelscoder, nachdem er die Commiſſionäre im Allgemei— nen behandelt hat, ſtellt noch für zwei beſondere Arten von Com⸗ miſſionsgeſchäften die ſie betreffenden Vorſchriften in zwei Abſchnitten auf, nämlich jene für die Transporte zu Waſſer und zu Land und für den Fuhrmann. Der Commiſſionär, der einen Transport zu Waſſer oder zu Land übernimmt (le e. pour les transports par terre et par eau), 2* S 26 Handelsrecht. hat ein Journal zu führen, in welches er die ihm gemachten Erklaͤr⸗ ungen über Qualität, Natur und Werth der Waaren, die er beſor⸗ gen ſoll, einzuſchreiben hat. Er haftet für das richtige Eintref⸗ fen der Waaren am beſtimmten Orte zur beſtimmten Friſt, von welcher Haftbarkeit ihn nur der Beweis einer ſtattgehabten force majeure (höhern Gewalt) entbinden kann. Unter dem rich⸗ tigen Eintreffen iſt auch zu verſtehen, daß Waaren und Effekten keinen Schaden genommen haben oder zu Verluſte gegangen ſind. Er haftet zugleich für den Commiſſionär, an welchen er als weitere Mittelsperſon die Waare abſendet. Wenn die Waare aus dem Magazin des Verkäufers oder des Güterverſenders herausgenommen iſt, geht ſie auf Gefahr desjeni⸗ gen, dem ſie zugehört, wenn nicht das Gegentheil ſtipulirt wurde, mit Vorbehalt jedoch der Regreßklage des Eigenthümers gegen den Commiſſionär und den Fuhrmann. Der Frachtbrief (a lettre de voiture) bildet den Vertrag zwiſchen dem Güterverſender, dem Commiſſionär und dem Fuhrmann und iſt von dem Commiſſionär in ein cotirtes und paraphirtes Re⸗ giſter abſchriftlich in ununterbrochener Ordnung ohne Lücken und Zwiſchenräume einzutragen. Die weſentlichen Erforderniſſe deſſel⸗ ben ſind: 1) Datum und Beſtimmung der Zeitfriſt, innerhalb welcher der Transport geſchehen muß; 2) Natur, Inhalt, Gewicht der Waaren; 3) Namen und Wohnort des Commiſſionärs, Güterverſenders, Fuhrmanns, Empfängers; 4) Frachtpreis und ſtipulirte Entſchädigung; 5) Zeichen und Nummer der Waaren; 6) die Unterſchrift des Güterverſenders oder des Commiſſionärs. Der Fuhrmann (e voiturier) haftet, wie der Commiſſionär, für Verluſt, Beſchädigung, rechtzeitiges Eintreffen der Waare außer den Fällen der force majeure. Er wird durch die Annahme der trans⸗ portirten Gegenſtände von aller Haftbarkeit entbunden, eben ſo wie durch die Zahlung des Frachtpreiſes. Alle Klagen wider ihn, wie gegen den Commiſſionär, wegen Beſchädigung oder Verluſt der Waaren, wenn innerhalb Frankreich der Transport zu geſchehen hatte, min nni win ſinſi hm ſul i ſüln il i um al juiji ir iſr uſ ſi, bten tic⸗ fin nyn til tdo jn nde, E erun man R E dſit velie ders, oni. it ü er du nani⸗ ſo wi , vie ſt de halt⸗ Kauf und Verkauf. 21 verjähren in ſechs Monaten von dem Tage an, wo der Trans⸗ port hätte bewerkſtelliget ſeyn ſollen, in einem Jahre bei Verſend⸗ ungen in's Ausland. Wird die Annahme transportirter Gegen⸗ ſtände verweigert, ſo ernennt der Präſident des Handelsgerichts, oder in deſſen Ermangelung der Friedensrichter, auf eine Bittſchrift durch Ordonnanz Sachverſtändige, welche den Zuſtand der Gegenſtände unterſuchen und konſtatiren. Die Hinterlegung, Sequeſtrirung, der Transport in ein öffentliches Lagerhaus, der Verkauf derſelben, die Anweiſung des Fuhrmanns für die Fracht an den Erlös, alles die⸗ ſes kann ſodann, den Umſtänden gemäß, verfügt werden. Unternehmer öffentlicher Fuhrwerke und Poſten (entre- preneurs de voitures publiques et de diligences), Eigenthümer von Schiffen, Booten zc. ſind ganz nach den Grundſätzen, die für die Commiſſionäre und Fuhrleute gegeben ſind, zu beurtheilen. Bezüglich ihrer exiſtiren verſchiedene ſpezielle Geſetze und Regierungs⸗ verordnungen, wie das Dekret vom 13. Auguſt 1810. Das vom 6. Juli 1806. Geſetz v. 9. Vend. 7. vom 5. Vent. 12. Dekret vom 14. Fruct. 12. Geſetz vom 15. Vent. 13. Dekret vom 30. Flor. 13. Geſetz vom 24. Auguſt 1790 und 21. Sept. 1792. Kon⸗ ſularbeſchluß vom 27. Prair. 9. VMI. Titel. Vom Kauf und Verkauf. In Beziehung auf die Beurtheilung der Handelsgeſchäfte gelten die Beſtimmungen des Civilrechts, wenn ſie nicht ausdrücklich durch das Handelsgeſetz modifizirt worden ſind. Die Geſetze des code civil alſo über Kauf, Tauſch, Pacht, Miethe, Mandat, Depoſitum, Darleihen, Vergleich . ſind auch in Handelsmaterien herrſchend und ebenſo wird es mit dem Beweiſe der Handelsgeſchäfte gehalten. Dieſer Titel gibt nun die Beweismittel kurz an, mittelſt welcher Kauf und Verfauf, als die häufigſt vorkommenden Handelsgeſchäfte, das eigentliche Weſen des Handels, bewieſen werden können, nämlich: 1) durch Urkunden jeder Art, öffentliche und private, Notizen 22 Handelsrecht. der Wechſelagenten und Mäkler, Korreſpondenzen, Handels⸗ bücher, angenommene Fakturen; 2) durch Zeugen, inſofern ſie zuläſſig ſind. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Handelsrichter, wie der Ci— vilrichter, die Notorietät beachten, auf Thatſachen hin Vermuthungen folgern, ſuppletoriſche Eide auferlegen, und daß eine Partei der andern, wie im Civilverfahren, den Eid, unter den gegebenen Vor— ausſetzungen zuſchieben kann. ——— — — ——— — VIII. Titel. Von Wechſelbriefen, Billets à ordre und der Verjährung derſelben. Die Wechſel oder Wechſelbriefe ſind eine Erfindung der neue⸗ ren Völker; unter den alten Phöniziern, Griechen, Römern 1c. finden wir keine Spur von ihnen. Sie mögen ungefähr zu Anfang des 13. Jahrhunderts in Aufnahme gekommen ſehn, denn die erſten Spuren, welche man von ihnen hat, finden ſich in dem Statut von Avignon von 1243 vor, in welchem ein Kapitel mit der Ueberſchrift: de litteris cambii enthalten iſt. Mit Unrecht bringt man demnach die Erfindung der Wechſel mit der Verjagung der Gibelinen durch die Guelfen aus Italien in Verbindung, denn die⸗ ſelbe erfolgte erſt, nachdem ſchon Wechſel gebräuchlich waren. Villain in ſeiner histoire universelle, Savary in ſeinem parfait négociant und Montesquien in ſeinem esprit des lois, Buch 21, Kapitel 20 behaupten, die Juden hätten die Wechſel erfun⸗ den, ſich jedenfalls derſelben zuerſt bedient, als ſie unter Philipp Auguſt 1184, dann unter Philipp dem Langen 1316 und noch früher, das erſtemal, unter Dagobert I. 640 aus Frankreich ver⸗ bannt worden waren und ſich in die Lombardei geflüchtet hatten. Von da aus hätten ſie durch Reiſende und fremde Handelsleute von denjenigen, welchen ſie bei der Flucht ihre Effekten und Werthſachen anvertraut, mittelſt geheimer Briefe, welche ſie dieſen Reiſenden mit⸗ gegeben, dieſelben zurückbegehrt, erhalten und den Empfang guittirt. Bit i m w ui vin ihn Er A U AMdelz⸗ du ß huhn ſti d n Un e mu ſnn ng N e nin Stn nit M t bih ug M. emn ſi nſin les li l en⸗ bhiln m wi rih u hein eute v thſhn den ni gutit Wechſel ꝛc. Allein abgeſehen davon, daß eigentlich nur ein geheimes Mandat, aber nicht der Gebrauch von Wechſeln beanzeigt erſcheint, wenn die Wahrheit dieſer Behauptungen feſtſtünde, ſo iſt doch vor Allem an der Richtigkeit derſelben ſtark zu zweifeln, denn das Geſchäft wäre ein gar gefährliches geweſen, da die Regierung alle Güter der Jnden fonfiszirt und mit den ſchwerſten Strafen Alle bedroht hatte, welche in irgend einer Weiſe ſie begünſtigen, unterſtützen oder unterhalten würden. Wer hätte es gewagt, unter dieſen Unſtänden ihre Schätze aus dem Bereiche des franzöſiſchen Staates zu holen und ihnen zu überbringen? * Dupuy in ſeiner Abhandlung über Wechſelbriefe bekämpft mit Erfolg die Anſichten Villains . und gibt nur zu, daß allem Anſcheine nach zuerſt in Italien, ſpeziell in der Lombardei Wechſel anfgekommen wären. Dem ſey, wie ihm wolle. Außer dem oben eitirten Kapitel im Statut von Avignon, iſt das älteſte franzöſiſche Geſetz in dieſer Materie ein Edikt Ludwig XI. über die Meſſen zu Lyon vom März 1432. Bei der Errichtung der Conſuln zu Toulouſe 1549 und der von Paris 1563 wurde ihnen auch die Funktion anvertraut: über Wechſel zu erkennen. Die Ordonnanz von 1673 indeſſen war es zuerſt, welche Grundſätze über Wechſelrecht und Begriff des Wech⸗ ſels, ſo wie für denſelben geltende Vorſchriften aufſtellte und den Gebrauch desſelben umſtändlich regulirte. Der code de commerce hat ſich in der Lehre über Wechſel an die Ordonnanz gehalten und ſo zwiſchen eigentlichem Wechſel und Billet unterſchieden. Wechſel Cettre de change) iſt nach ihm die Urkunde, in welcher Jemand ſich verpflichtet, daß durch einen Andern an einem von dem Ausſtellungsorte entfernten Orte eine Summe Geldes be⸗ zahlt wird. Eine andere Urkunde, die Wechſelform hat, der aber dieſe Merkmale fehlen, heißt billet à ordre. Das Geſetz hat an den Wechſel zu viel Erforderniſſe geſtellt und denſelben zu vielen Beſchränkungen unterworfen, was der Freiheit des Wechſelverkehrs ſtörend in den Weg tritt. Der Wechſel des Handelscoder iſt der traſſirte Wechſel eigentlich; der eigene (oder trockene) Wechſel, 24 * Handelsrecht. wenn er auf Ordre geſtellt iſt, das billet à ordre. Letzterer iſt in⸗ deſſen, in Anſehung der Wirkung dem erſteren gleichgeſetzt und der Unterſchied zwiſchen beiden beſteht eigentlich bloß darin, daß die Tratten oder traſſirten Wechſel auf einen andern gezogen ſind, die Billets auf den Ausſteller ſelbſt lauten. Beſondere Verfuͤgungen des code de commerce in dem Wechſelrechte ſind vorzugsweiſe folgende: Der Inhaber, welcher den Proteſt zu ſpät einlegt, verliert ſeinen Regreß an den Traſſanten (Ausſteller) nur inſoweit, als dieſer die erfolgte Deckung des Bezogenen darthun kann. (Art. 117.) Alle Vergünſtigungs⸗, Discretions⸗ und Reſpekt⸗ tage (Reſpitttage, delais de grace, de faveur) ſind abgeſchafft. (Art. 135,) Der Proteſt bei mangelnder Zahlung muß nach dem Verfall⸗ tage des andern Tages eingelegt werden. (Art. 162.) Wer einen Wechſel bezahlt, hat die Präſumtion für ſich, daß er ſich ſeiner Verbindlichkeit auf eine rechtsgültige Weiſe ent⸗ ledigt habe. (Art. 145.) Das Billet à ordre iſt der Tratte in Anſehung der Verjähr⸗ ung gleichgeſtellt. (Art. 129.) Die geſetzlichen Erforderniſſe eines franzöſiſchen Wechſels nun ſind: 1) Der Name desjenigen, der zahlen ſoll de tiré), der Name reſp. die Unterſchrift desjenigen, der ihn ausſtellt (tireur, Traſſant), und der Name desjenigen, der bezieht (preneur), müſſen in dem⸗ ſelben enthalten ſeyn, ferner 2) die Summe, welche gezahlt werden ſoll, der Ort und die Zeit, wo dieſes geſchehen ſoll, der Werth, wie er in Geld, Waare, Rechnung oder ſonſtwie dem Traſſanten verſchafft worden. 3) Er muß datirt ſeyn und wird von einem Orte auf den andern bezogen. Es wird ausgedrückt, ob er ein prima, secunda u. ſ. w. Wechſel iſt; er wird auf Ordre eines Dritten oder des Traſſanten ſelbſt geſtellt. Wechſel, worin der Name oder die Qualität, oder der Wohn⸗ ort der Intereſſenten, oder der Ort des Bezugs anders angegeben ſind, als ſie ſich wirklich verhalten, gelten als bloße Schuldbe⸗ ſſ ih uſt in ſiſ ſhe in it, 117) ſpelt⸗ huff. Peil in ſ iſe u zejih Beiſts m uſin n den⸗ tt m 1Geh oden. uf du ecunh der de Vohr g ldbe⸗ Wechſel ꝛc. 25 kenntniſſe, Promeſſen (simples promesses). Ebenſo die Wechſel eines Frauenzimmers, das keine Handelsfrau iſt. Die Wechſel eines Minderjährigen ſind ungültig. Die Wechſel müſſen bei Geldſtrafe auf geſtempeltes, ſogen. Wechſelpapier geſchrieben ſeyn. Das Eigenthumsrecht an einem Wechſel wird mittelſt des In⸗ doſſaments (endossement) übertragen. Dasſelbe iſt eine einfache Ceſſion, und muß datirt ſeyn, den verſchafften Werth ausdrücken, ſo wie den Namen desjenigen enthalten, an deſſen Ordre der Wechſelbrief indoſſirt worden. Alle diejenigen, welche einen Wechſelbrief unterzeichnet, ac⸗ ceptirt oder indoſſirt haben, ſind dem Wechſelinhaber zur Zah⸗ lung ſollidariſch verpflichtet. Die Annahme eines Wechſels (acceptation) muß eine un⸗ bedingte ſeyn; indeſſen kann ſie auf eine geringere Summe, als im Wechſel ausgedrückt iſt, beſchränkt werden. In letzterm Falle iſt der Inhaber verbunden, den Wechſel für das, was er mehr enthält, proteſtiren zu laſſen. Die Annahme eines Wechſels muß unter⸗ zeichnet ſeyn und wird einfach durch das Wort acceptirt (c- cepté) ausgedrückt. Auch muß ſie datirt werden. Iſt der Wech⸗ ſel an einem andern Orte zahlbar, als wo der Acceptant ſeinen Aufenthalt hat, ſo wird in der Acceptation der Ort ausgedrückt, wo die Zahlung erfolgen oder der Inhaber ſich anmelden ſoll. Ein Wechſel muß bei der Präſentation längſtens in 24 Stunden nach derſelben ac⸗ ceptirt werden. Wenn nach 24 Stunden der Wechſel ohne Accepta⸗ tion zurückgegeben wird, iſt der, welcher ihn zurückhielt, dem Inhaber zum Schadenserſatze verpflichtet. Die Annahme des Wechſels macht den Aeceptauen verbindlich, deſſen Betrag zu zahlen, und zwar unbedingt, ſelbſt wenn er nicht wußte, daß der Zieher fallirt hatte. Dieſer, ſo wie die In⸗ doſſanten eines Wechſels haften alle für deſſen Annahme und Zah⸗ lung zur Verfallzeit. Wird die Annahme des Wechſels verweigert, ſo geſchieht dieſes durch einen Akt, den man Proteſt wegen nicht ge⸗ ſchehener Annahme (protét faute d'acceptation) nenut. Indoſ⸗ ſanten und Zieher ſind, ſobald ihnen der Proteſt bekannt gegeben — . — 5 „ S — — 8 . 3 5 3½ 8 . * b 3 b 1 . * 8 6 * — 26 Handelsrecht. wird, verbunden, Bürgſchaft zu ſtellen für die Zahlung des prote⸗ ſtirten Wechſels oder ſofort die Zahlung mit den Koſten des Pro⸗ teſtes und des Rückwechſels zu leiſten. Bei der Proteſtation kann ein Dritter als Intervenient den Wechſel für den Zieher oder den Indoſſanten acceptiren. Dieſes wird die Acceptation per Honor (per onor di lettera oder per onor del giro), Acceptation aus Achtung und Freundſchaft genannt. Der Intervenient iſt verpflichtet, die Intervention unverzüglich dem bekannt zu geben, für den er ſich dargeſtellt hat. Der Wechſel⸗ Inhaber behält indeſſen, trotz aller Intervention, ſeine Rechte wider den Traſſanten und die Indoſſanten, die ihm aus der durch den Traſſaten geſchehenen Verweigerung der Annahme erwachſen ſind. Die Intervention wird in der Proteſturkunde eingeführt und erklärt und von dem Intervenienten unterzeichnet. Der Zieher (Traſſant) iſt verpflichtet, die Proviſion (la pro— vision) für den Wechſel zu ſtellen. Hierunter wird verſtanden die Summe Geldes, der bewilligte Credit, die Gegenforderung, welche den Werth eines Wechſels decken ſoll. Die Annahme des Wechſels präſumirt das Vorhandenſeyn der Proviſion. Der Artikel 115 des code de c. hat durch das Geſetz vom 19. März 1817 folgende andere Faſſung erhalten: „Die Proviſion muß durch den Zieher geſchehen oder durch „denjenigen, für deſſen Rechnung der Wechſel gezogen worden, ohne „daß der Zieher hierdurch aufhört, perſönlich den Indoſſanten und „dem Inhaber allein verpflichtet zu ſeyn.“ Was die Zeitbeſtimmungen nun anbetrifft, innerhalb wel⸗ cher ein Wechſel gezogen werden kann, ſo ſind dieſelben ſehr ver⸗ ſchieden. Ein Wechſel kann auf Sicht (à vue), das heißt bei der Präſentation zahlbar ſeyn, oder auf einen oder mehrere Tage, auf einen oder mehrere Monate, auf einen oder mehrere Uſo nach Sicht (jours, mois, usances de vue); oder ebenſo nach Datum (jours etc. de date); auf einen beſtimmten Tag oder auf die Meſſe. Uſo iſt eine Zeitfriſt von 30 Tagen, welche den auf den Datum nächſtfolgenden Tag ſich anfängt. Die Monate werden nach dem Gregorianiſchen Kalender gerechnet. Wenn der Wechſel s ſwl⸗ ei P eien Diſt due geun gih a Uch he ue duh M hſen ſu uit nu imai g, bi E l1M ſihw de wi en, ſmn n echab w ſcht ijt in re nthtl e ibut nten à ute v de Pii Wechſel ꝛc. 27 auf die Meſſe zahlbar iſt, ſo verfällt er den Tag vor dem Ende derſelben, und wenn ſie nur einen Tag dauert, an dem Tage, wo ſie gehalten wird. Fällt die Verfallzeit eines Wechſels auf einen Feiertag, ſo iſt er den Tag vorher zahlbar. Alle Vergünſtigungs⸗Riſpett⸗Tage rc. ſind, wie ſchon oben be⸗ merkt, durch Art. 135 aufgehoben worden. Die Zahlung eines Wechſels kann außer Acceptation und In⸗ doſſament, noch durch einen ſogenannten Aval (aval) verbürgt werden. Hierunter wird die Bürgſchaft eines Dritten auf dem Wechſel⸗ briefe ſelbſt oder durch einen beſondern Akt verſtanden. Der Aus⸗ ſteller des Aval tritt in alle Verpflichtungen des Traſſanten und der Indoſſanten ein, haftet ſolidariſch für den ganzen Inhalt des Wechſels und kann durch dieſelben Zwangsmittel, wie Jene, zur Zahlung angehalten werden. Die Zahlung ſelbſt muß zunächſt in der Münzſorte ge⸗ ſchehen, welche in dem Wechſel ausgedrückt iſt, und zwar an dem Verfalltage. Wer einen Wechſel vor der Verfallzeit zahlt, haftet für die Gültigkeit der Zahlung, welche indeſſen ein Wechſelinhaber vor dem Verfalltag gar nicht anzunehmen braucht. Wer einen Wechſel am Verfalltag und ohne Einſpruch eines Andern zahlt, hat die Präſumtion für ſich, daß er ſich gültig entlaſtet habe. Die Zahlung eines Secunda⸗, Tertia⸗, Quarta⸗Wechſels iſt gültig, wenn auf denſelben bemerkt iſt, daß ſie die Wirkung der übrigen auf⸗ heben ſoll. Gegen die Zahlung eines Wechſels iſt kein anderer Einſpruch geſtattet, als der, daß der Wechſel verloren gegangen oder der Inhaber fallirt hat. Zahlungen, welche auf einen Wechſel abſchläglich geſchehen ſind, entlaſten gleichfalls den Traſſanten und Indoſſanten in gleichem Betrage. Die Richter können keinen Ausſtand für die Zahlung eines Wechſels verleihen. Durch Intervention kann der proteſtirte Wechſel von jedem Dritten bezahlt werden, der für Zieher oder Indoſſanten in die Schranken tritt. Der Intervenient gelangt durch die Zahlung in alle Rechte und Pflichten des Inhabers. Iſt die Inter⸗ vention zu Ehren des Ziehers Ger onor di lettera) geſchehen, ſo 28 Handelsrecht. ſind alle Indoſſanten hierdurch befreit. Iſt ſie zu Gunſten eines Indoſſanten (per onor del giro) eingelegt worden, ſo ſind nur die ſpätern Indoſſanten, nicht die frühern und nicht der Traſſant befreit. Der Proteſt wegen verweigerter Annahme oder Zahlung eines Wechſels wird durch 2 Notäre, oder durch 1 Notär und 2 Zeugen, oder durch 1 Huiſſier und 2 Zeugen eingelegt und zwar an dem Wohnort desjenigen, bei dem der Wechſel zahlbar war, und muß enthalten: Die buchſtäbliche Abſchrift des Wechſels, der Acceptation, der Indoſſamente, und allenfallſiger Nothadreſſen; die Aufforderung, den Betrag des Wechſels zu bezahlen; die Urſachen, warum die Zahlung geweigert wurde; die Erwähnung der Anweſenheit oder Abweſenheit desjenigen, welcher zahlen ſollte. Der Gegenwechſel, Rückwechſel, die Rucktratte (la retraite) iſt ein neuer Wechſel, mittelſt deſſen der Inhaber eines proteſtirten Wechſels ſich für den Betrag desſelben, für ſeine Koſten und den Verluſt, den er beim Wechſelkurs leidet, bei dem Zieher oder einem der Indoſſanten bezahlt macht. Derſelbe wird mit einer Retour⸗ rechnung begleitet, welche zu enthalten hat: den Betrag des pro⸗ teſtirten Wechſels, die Proteſtkoſten und ſonſtige Auslagen für Ge⸗ bühren der Wechsler, Mäckler, Stempel, Porto ꝛc., den Namen des Traſſaten des Gegenwechſels, ſo wie den Kours desſelben; die Be⸗ glaubigung der Rechnung durch einen Wechſelagenten. Für einen und denſelben Wechſel darf nur eine Retourrechnung gemacht werden. Ein Indoſſant hat ſie dem andern und zuletzt der Zieher zu vergüten. Alle die auf den Wechſel anwendbaren Beſtimmungen über Indoſſament, Zahlungszeit, Solidarverbindlichkeit, Aval, Zahlung, Intervention, Proteſt ꝛc. ſind, wie oben bemerkt, für das Billet à ordre gültig, da das Geſetz letzteres dem Wechſel in ſeinen Wirk⸗ ungen gleich geſtellt hat. Ein Billet à ordre muß jedoch, wenn ihm auch die ſtrengere Form des Wechſels erlaſſen iſt, folgende weſentliche Beſtandtheile enthalten: Datum des Billets; die Angabe der Summe, die be⸗ zahlt werden ſoll; die Zeit, da die Zahlung geſchehen ſoll; der Name desjenigen, an deſſen Ordre das Billet geſtellt iſt; der Werth in baarem Gelde, in Waaren, oder in Rechnung. A hun zh i m* ſm wi Pitwe ſitt w Guin ſo ſu ſiit M ung in Zun un in udm ein en atun i heit c etnit wifin EL Ner iin Reton de pe ſin b⸗ unn zb ßir im ht weu nin ugn it Zhhln ps hil inn Wi , un „ſi e ſi b ſul NM ſtißn Wechſel ꝛe. 29 Alle Wechſel und Billets, welche für Handelsgeſchäfte oder den Handelsleuten, Wechslern, Krämern ꝛc. ausgeſtellt ſind, werden in 5 Jahren von dem Tage des eingelegten Proteſtes oder der letzten gerichtlichen Verhandlung an, verjährt, wenn noch keine Verurtheil⸗ ung erfolgt oder die Schuld nicht durch einen beſondern Akt aner⸗ kannt wurde. Es kann jedoch den angeblichen Schuldnern der Eid zugeſchoben werden, ob ſie nichts mehr ſchuldig ſind; und ihren Wittwen, Erben und Rechtsnachfolgern der Credulitätseid, ob ſie nicht wiſſen oder glauben, daß ihr Autor noch ſchulde . — Zweites Buch. Vom Seehandel. Porbemerkungen. Die Verfügungen, welche der Handelscodex in dieſem Buche enthält, ſind faſt alle ohne bedeutende Modifikation der Ordonnanz von 1681 entnommen, reſpektive bilden eine Reproduktion derſelben. Indeſſen geben ſie nicht ihren ganzen Inhalt, ſondern hauptſächlich nur den Theil, welcher ſich mit den Contrakten beſchäftigt. Die Seepolizei, welche gleichermaßen in der Ordonnanz enthalten iſt, wird vom code de commerce nur hie und da berührt, ſonſt igno⸗ rirt; (ſiehe das Seerecht von Boulay⸗Paty). Auch behandelt derſelbe nur das Seerecht in gewöhnlicher Zeit, im Zuſtande des Friedens, nicht aber im erceptionellen, in dem des Krieges und ſchweigt deßhalb von der Kaperei, den Priſen, den Corſaren, der Piraterie und den Priſengerichten (frühern Amirautés). In Beziehung auf dieſe Materie müſſen wir auf die verſchiedenen Ordonnanzen und internationalen Verträge verweiſen, welche ſie zum Gegenſtande haben, namentlich auf die: 1. Ordonnanz von 1681. Tit. III über Priſen; Reglement vom 26. Januar 1778, welches die Ordonnanz modificirt und Be⸗ ſchluß vom 2. Prairial XI. Sie bilden zuſammen die Grundlage des Priſenrechts in Frankreich. *) *) Als gute Priſe gilt die Wegnahme jedes Piratenſchiffes, ſowie jedes feind⸗ lichen Schiffes, oder eines Schiffes das unter feindlicher Flagge ſegelt. Siehe am Schluß des Heſtes Anhang, N. II. jde uht hiij i6 iſh ux ſoh eſen b Dn u dihn hawii ifin. haln i ſu ch behw zuin hiys n Corſin nitauti veſtim „wih Reglen irt u* e Gm ei jui l5 Vom Seehandel. 31 2) Geſetz vom 31. Januar 1793 über Kaperei und Kaper⸗ briefe, lettres de marque et contre-marque; altes Reglement vom 14. Februar 1675. Reglement über Priſe feindlicher Schiffe vom 23. Juli 1704, welches den Satz im 5. Art. feſtſtellt: robbe d'en- nemie confisque robbe d'ami; 3) Geſetz vom 10. April 1825 über alliirte, neutrale, feind⸗ liche Schiffe, Priſen, Flaggen ꝛc.; 4) Ordonnanz von 1676, 1689 und 1705 über feindliche Schiffe oder neutrale, wenn ſie mit franzöſiſchem Paſſe verſehen ſind; 5) Friedens⸗ und Handelsverträge von Utrecht, Vertrag von 1744 und 1786 und das neueſte Seerecht, Act 5. des Pariſer Kongreſſes vom 16. April 1856, welcher für die Zukunft folgende humane, die früheren Beſtimmungen total aufhebende internationale Grundſätze feſtſtellte: la course est et demeure abolie; le pa- villon neutre couvre la marchandise ememi à l'exception de la contrebande de guerre; la marchandise neutre, à Fexcep- tion de la contrebande etc. n'est pas saisissable sous pavillon ennemi; les blocus, pour étre obligatoires, doivent étre effec- tifs, c'est à dire maintenus par une force suffisante pour inter- dire réellement l'acces du littoral de 'ennemi. I.— VI. Fitet Von den Schiffen, den Schiffseigenthümern, Kapitainen und Matroſen. Unter dem Worte navire verſteht die franzöſiſche Sprache ein jedes Fahrzeug, das zum Seehandel beſtimmt iſt; unter vaisseau mehr ein Staats⸗ und Kriegsſchiff (bätiment d'état). Nach der Größe der Schiffe werden denſelben verſchiedene Namen beigelegt, als Dreimaſter, Brigg, Kutter, Brigantine 1c. Ihre Transport⸗ fähigkeit wird nach Tonnen, einem kubiſchen Maaße berechnet und angenommen. Unter navire wird indeſſen nicht der Körper des Schiffes allein, ſondern auch deſſen Zugehör verſtanden, als Maſte, Segel, Taue 32 Handelsrecht. (Kabel), Anker, Boote, Schaluppen t. Schiffe jeder Art nun hat das Handelsgeſetz als bewegliches Gut erklärt, mit der Eigen⸗ thümlichkeit jedoch, daß ſie für die Schulden des Verkäufers und für die privilegirten Schulden haften. Als privilegirte Schulden ſind erklärt und werden in folgender Ordnung klaſſifizirt: 1) Die Gerichts⸗ und andern Koſten, die man verwendet hat, um zum Verkaufe und zur Vertheilung des Preiſes zu gelangen; 2) die Lootſen⸗, Tonnen⸗, Kiel⸗, Anker- und innern oder äußern Hafengelder; 3) der Lohn des Schiffshüters und die Koſten, welche zur Be⸗ wachung des Schiffes ſeit dem Einlaufen in den Hafen bis zum Verkaufe erforderlich geweſen; 4) die Miethe für den Gebrauch der Lagerhäuſer, worin das Takelwerk und Schiffsgeräth niedergelegt worden; 5) die auf die Unterhaltung des Schiffes, des dazu gehörigen Takelwerkes und Geräthes ſeit deſſen letzter Reiſe und ſeit dem Ein⸗ laufen in den Hafen verwendeten Koſten; 6) die Beſoldung und der Liedlohn des Capitains und des übrigen Schiffsvolkes, welche bei der letzten Reiſe gebraucht worden; 7) die Summen, welche dem Schiffscapitain während ſeiner letzten Reiſe für die Schiffsbedürfniſſe lehnbar vorgeſtreckt worden; und die Wiedererſtattung des Preiſes derjenigen Waaren, die er zu eben dieſem Zwecke verkauft hat; 8) die Summen, welche der Verkäufer, die Lieferanten und Handwerker, die zum Schiffsban gebraucht worden ſind, zu fordern haben, in ſo fern das Schiff noch keine Reiſe gemacht hat, und, wenn das Schiff ſchon unter Segel geweſen iſt, die Summen, we lche denjenigen Creditoren gebühren, deren Forderungen von Lieferungen, verfertigter Arbeit, Arbeitslohn, Ausbeſſerung, Verproviantirung, Ausrüſtung und Bemannung des Schiffes vor deſſen Abfahrt her⸗ rühren; 9) die Summen, welche auf das Schiffsgebände, den Kiel, das Takelwerk und Schiffsgeräth, für Ausbeſſerung, Verproviantirung, Ausrüſtung und Bemannung des Schiffes vor deſſen Abfahrt durch einen Bodmereivertrag dargeliehen worden; ————————— vliu u dol, vil vord un be vir 1 ui un h ihn wj ſlynn Wet h nzn n iujn u his n orin N gehiin d i mN on ſin t wod die K nn ſu ſn hah u a uh ſn imin ſihr p Kic W inimn ehn du Von den Schiffen ꝛe. 33 10) der Betrag der Aſſecuranzprämien, in ſo weit das Schiffs⸗ gebäude ſelbſt, der Kiel, das Takelwerk und Schiffsgeräthe, und was zur Ausrüſtung und Bemannung des Schiffes gehört, verſichert wor⸗ den, und die von der letzten Reiſe her dem Verſicherer gebühren; 11) ver Schadenerſatz, der den Befrachtern gebührt, entweder weil die Waaren, die ſie in Ladung gegeben haben, nicht abgeliefert worden, oder um die Beſchädigungen zu vergüten, die beſagte Waa⸗ ren durch Verſchulden des Capitains oder des Schiffsvolkes erlitten haben. Gläubiger, die in einer der verſchiedenen Nummern des gegen⸗ wärtigen Artikels zuſammengeſtellt ſind, concurriren, wenn der Preis zu ihrer vollen Befriedigung nicht hinreicht, verhältnißmäßig und nach dem Betrage ihrer Forderungen. Die Vorrechte oder Privilegien erlöſchen a) in Folge aller der Gründe, wodurch Verbindlichkeiten beenvigt werden, ferner b) durch freiwilligen Verkauf, wenn nach demſelben das Schiff unter Namen und Gefahr des Erwerbers ohne Einſpruch von Seiten des Gläu⸗ bigers des Verkäufers eine Seereiſe gemacht hat, und e) vurch ge⸗ richtlichen Verkauf. Jedes Seefahrzeug kann in Beſchlag genommen und unter Beobachtung der in den Artikeln 198 — 213 enthaltenen Förmlich⸗ keiten zur öffentlichen Verſteigerung gebracht werden, wodurch dann das Schiff von allen darauf haftenden Privilegien befreit, der Erlös aber an die privilegirten Glänbiger vertheilt wird. Ein Schiff, das ſegelfertig iſt, kann jedoch nicht in Beſchlag genommen werden, ausgenommen wegen der Ausrüſtungsſchulden für die vorhabende Reiſe, wenn für dieſelben nicht Bürgſchaft gelei⸗ ſtet worden. Segelfertig wird das Schiff genannt, wenn der Ca⸗ pitain mit den nöthigen Erpeditionen verſehen iſt. Zu dieſen gehören: 1) die Urkunden über das Eigenthum des Schiffes; 2) die Urkunde der Franuciſation deſſelben (der Franzoſir⸗ ung), die ſeine Abkunft, ſeine Nationalität darthut; ſie muß enthal⸗ ten: Namen, Stand, Wohnort des Eigenthümers, Affirmation des⸗ ſelben, daß er alleiniger Eigenthümer oder mit dem und jenem gemeinſchaftlich Eigenthümer iſt; Namen des Schiffes (Vengeur, IV. Handelsrecht. 3 —— 34 Handelsrecht. Victory, Bellérophon w.), Größe, Qualität, Gehalt, Tiefe, Länge, Breite deſſelben; Angabe der Zeit und des Ortes ſeiner Erbauung, Veräußerung, Verurtheilung c., Bezeichnung des Hafens, wohin es gehört; 3) die Muſterrolle des Schiffsvolkes (le röle das Verzeichniß aller Perſonen, welche ſich an Bord befinden. Drei Viertel der Matroſen und alle Offiziere müſſen Franzoſen ſeyn; 4) die Certapartie des chartes parties), im mittelländiſchen Meere nolissement genannt, eine Urkunde, welche eine Ueberein⸗ kunft enthält, deren Gegenſtand die Miethung eines Schiffes iſt. In dieſer Urkunde muß ausgedrückt ſeyn: a) Name und Größe des Schiffes; b) Name des Capitains, des Rheders (fretteur) und des Mie⸗ thers (affréteur); fret heißt der Miethvertrag im Ocean, nolis im mittelländiſchen Meer; c) Ort und Zeit der Ladung und Ausladung des Schiffes; dh Frachtpreis, Angabe, ob das Schiff ganz oder theilweiſe ge— miethet wurde, ob und welche Entſchädigung im Falle einer Ver⸗ zögerung ſtipulirt wurde; 5) die Connoſſemente oder Befrachtungspolizen (es con- naissements); dieſelben ſind Verzeichniſſe der zu transportirenden Gegenſtände und Waaren nach Natur und Qualität; außerdem müſſen ſie die unter a — d enthaltenen Requiſiten der Certapartie gleichfalls enthalten. Sie ſind der Frachtbrief auf dem Meere und müſſen in vier Originalien abgefaßt ſeyn, für den Capitain, für den Rheder, für den Befrachter und den Adreſſaten; 6) die Verbalprozeſſe über die geſchehene Beſichtigung, les proces-verbaux de visite; der Capitain iſt ſchuldig, ehe er eine Ladung an Bord nimmt, ſein Schiff in vorgeſchriebenen For⸗ men unterſuchen zu laſſen. Der Befund wird auf der Kanzlei des Handelsgerichts niedergelegt und dem Capitain ein Auszug ertheilt; 7) die Quittungen der Donuanen, welche gegen Zahlung oder Kaution gegeben werden (acquits de paiement ou à caution); 8) den Abſchied (es congés), eine Art den jedes Schiff nehmen und bei ſich führen muß. Im mittelländiſchen Meere wurden dieſe Päſſe ertheilt zum lin un wi ihag Di ſin miſhn kheuit ſt. Mi l i jfs iſe p ne Un es n rinm — nni er m firm tign) che un ſu ni v echit zhlu uutiol) E ilt jn Von den Schiffen ꝛc. 35 Auslaufen in's Meer, wenn daſſelbe offen (apertum) war, das heißt von Stürmen frei, von April bis November; verweigert von November bis April, weil das Meer dann ſehr ſtürmiſch war und clausum genannt wurde. Früher gaben die Gouverneure der betreffenden Provinzen die congés; ſeit Richelien die Groß— Admiralität, heute die Douanen. Im atlantiſchen Ocean hatte man drei verſchiedene Arten von congés, welche der König ertheilte und die man brevets, brefs oder brieux nannte, nämlich brefs de conduite oder guidage zum Schutze an den Küſten der Bretagne, ſowohl wegen der Klippen, als der Piraterie der Normannen, breis de sauveté, Schutzbriefe, welche man um Geld einlöste, damit man nicht im Falle des Schiffbruches dem Strandrecht verfalle; breis de victuailles, welche denen ertheilt wur⸗ den, die ausſchließlich das Recht hatten, Lebensmittel in der Bre⸗ tagne zu kaufen, und welche man jenen verweigerte, von denen man fürchtete, ſie würden ſie den Piraten zuführen. Jetzt ertheilt ſie die franzöſiſche Regierung fremden, ja ſelbſt ſolchen Schiffen, deren Na⸗ tion in Krieg mit Frankreich ſteht, um ſie unbehindert und ohne als Priſe behandelt zu werden, in den angewieſenen Hafen einlaufen zu laſſen; 9) das Manifeſt (e manifeste), auch die Factura genannt; ein Generalverzeichniß der Schiffsladung, auf welches die Quittun⸗ gen der Douanen genau ſtimmen müſſen; 10) das Geſundheitszeugniß (la patente de santé), welches von der Quarantäne befreit und nur im mittelländiſchen Meere in Gebrauch iſt. Der Capitain hat alſo 8 alle dieſe Papiere zu ſorgen und ſie bei ſich zu führen; außerdem haftet er für jeden Fehler, den er in ſeiner Amtsführung begeht, enjen jeder Schiffsmeiſter und Patron, der ein Schiff führt) und für die Waaren, die er aufnimmt; für jeden Schaden derſelben iſt er verantwortlich, aus⸗ genommen im Falle der force majeure. Er iſt gehalten, ein cotirtes und paraphirtes Regiſter, Reiſe⸗ journal, zu führen, in welches die Beſchlüſſe, welche während der Reiſe genommen werden, Alles was ſich auf ſeine Amtsführung bezieht, Empfang und Ausgabe, welche das Schiff betreffen, 3 * 36 Handelsrecht. — eingetragen werden müſſen. Zu den Schiffsausgaben*) gehö⸗ ren auch die verſchiedenen Contributionen oder Steuern, denen die Seefahrzeuge unterworfen ſind, als die Tounengebühren, Loot— ſengelder, Piloten- und Beiziehungsgebühren Groits de tonnage, de lamanage, de pilotage et de touage), die Gebüh⸗ ren für Fäſſer und andere Signale an gefährlichen Orten Groits de balises, tonnes, ou de bouées), die Anker⸗, Anhaltungs⸗, Leuchtthurms⸗ und Hafengebühren (les droits d'ancrage, d'ammarage, de feux et de bassin et avant-bassin), endlich die Gebühren für den Rapport (Bericht), welchen der Capitain abzu⸗ faſſen hat, wenn er in dem Hafen ſeiner Beſtimmung oder der für Schiff und Mannſchaft nothwendigen Ruhe und Raſt eingelaufen iſt. Er hat das Schiff zu bemannen, die Matroſen, ſowie die ſonſtigen Schiffsleute zu wählen und zu dingen; im Einverſtändniß mit den Eigenthümern des Schiffes, wenn er an dem Orte des Aufenthaltes derſelben ſich befindet. Er iſt gehalten, beim Einlaufen in einen Hafen oder Fluß auf ſeinem Schiffe ſich zu befinden; ebenſo beim Auslaufen und haftet für jedes Ereigniß, wenn er hiergegen fehlt. Er darf das Schiff, ohne Spezialvollmacht des Eigenthümers, nicht verkaufen, ausgenommen, wenn konſtatirt wird, daß das Schiff zur Seereiſe nicht mehr tauglich war; er darf daſſelbe auch nicht ohne bewieſenen Nothſtand verpfänden, eben ſo wenig die Waaren, das Geräth, die Lebensmittel ꝛc. Er muß, bei Strafe des Schadenserſatzes, die Reiſe zu der er ſich anheiſchig machte, vollenden; während der Reiſe, ſo groß die Gefahr ſein mag, auf dem Schiffe aushalten, und darf das⸗ ſelbe nur dann verlaſſen, wenn die Offiziere und Erſten der Schiffs⸗ mannſchaft damit übereinſtimmen, wobei er darauf zu ſehen hat, die Gelder und koſtbarſten Waaren möglichſt zu retten. Der Schiffscapitain, der Schiffbruch gelitten und ſich entweder allein oder mit einem Theile des Schiffsvolkes gerettet hat, muß ſich gerichtlich ſtellen, Bericht erſtatten und Unterſuchung über ſich ergehen laſſen. *) Siehe privilegirte Forderungen an das Schiff, Seite 32. gehi. udie Lvot s büh oit ugö⸗ nge ch di bz ſir n iſ e di indiß N ju und im, i auc ig de 1 de gu fw⸗ if t hi wedel m hung Von den Schiffen ꝛ. Seine Waaren darf der Kapitain nicht eher ausladen laſſen, als bis er Bericht an die Behörde des Hafens, in welchen er, um zu raſten oder die Ladung zu löſchen, eingelaufen, erſtattet hat. Nur dringende Gefahr kann ihn ermächtigen, zuvor löſchen zu laſſen. Der Eigenthümer des Schiffes haftet für die Handlungen des Kapitains, was Intereſſe und Schadenserſatzberechtigung der Beſchädigten betrifft, und kann ſich dieſer Haftung nur dadurch ent⸗ ledigen, daß er Schiff und Fracht Preis gibt. Er kann den Kapi⸗ tain entlaſſen und zwar ohne Entſchädigung, wenn eine ſolche nicht ſtipulirt worden. Hat ein Schiff mehrere Eigenthümer, ſo ſind deren Rechte und Verbindlichkeiten nach dem Vertrage, den ſie unter ſich errichtet haben, nach den Gewohnheiten und nach den Regeln des Geſellſchaftsvertrages zu beurtheilen. Sie können in Conkurrenz mit dem Kapitain das Schiff bemannen und das Schiffsvolk dingen. Die Anwerbung, Miethe ('engagement) der Matroſen und der übrigen Leute der Schiffseguipage geſchieht durch einen Mieth⸗ vertrag, der ſchriftlich errichtet werden muß und nicht durch Zeugen bewieſen werden kann. Er iſt ein zweiſeitiger Vertrag, welcher den Kapitain verpflichtet, zu zahlen, den Matroſen zu dienen. Er kann abgeſchloſſen werden: 1) für eine beſtimmte Reiſe, 2) monatweiſe, 3) auf Profit oder 4) auf Fracht; unter 1. wird verſtanden, wenn für die ganze Reiſe ein beſtimmter Lohn bedungen wird; unter 2, wenn für jeden Monat während der Reiſe ein Liedlohn firirt wird; unter 3., wenn der Lohn zum Theil von dem gehofften Gewinn abhängig gemacht wird; unter 4., wenn nach dem Transport der Waaren und der Fracht ein Theil des Lohns ſich richtet. Auch die Matroſen dürfen wie der Kapitain nicht ihr Enga— gement aufgeben, bis die Reiſe, zu welcher ſie ſich werben ließen, vollendet iſt; nicht Waaren auf ihre Rechnung laden und Han⸗ del treiben, wenn es nicht ausdrücklich ſtipulirt worden; nicht das Schiff ohne Erlanbniß und geſetzliche Urſache verlaſſen. Wird der Matroſe während der Reiſe krank, im Dienſte des Schiffes, im Gefechte gegen Piraten, Feinde ꝛc. verwundet, ſo wird er auf Koſten des Schiffes und der Ladung geheilt. Wurde er da— gegen verwundet, indem er ohne Erlaubniß ſich auf das Land ent⸗ 38 Handelsrecht. fernt hatte, ſo wird er auf eigene Koſten geheilt, ja der Kapitain kann ihn entlaſſen. Wenn das Schiff vom Feinde oder von Seeräubern genom⸗ men wird, wenn es ſcheitert und zu Grunde geht, ſo kann der Matroſe kein Miethgeld mehr fordern, iſt aber auch nicht ſchuldig, das ihm vorgeſtreckte zurückzuzahlen. Wurde ein Theil des Schiffes oder der Waaren gerettet, ſo werden die Matroſen, ſoweit der Er⸗ lös reicht, nach Verhältniß ihrer Forderungen befriedigt. Wird der Matroſe auf dem Schiffe gefangen und in die Gefangenſchaft oder die Sklaverei abgeführt, ſo hat er wegen Löſegeldes Nichts zu fordern; ihm ſteht nur ſein Lohn zu bis zum Tag der Gefangennehmung; wird er gefangen und Sklave, während er im Dienſte des Schiffes irgend zur See beordert oder an's Land geſchickt worden war, ſo hat er ein Recht auf das ganze Miethgeld und ſelbſt auf Löſegeld, wenn das Schiff glücklich an⸗ landet. Dieſer Beitrag zum Löſegeld iſt auf 600 Franken firirt und durch die Schiffseigenthümer zu leiſten. Wenn ein Matroſe während der Reiſe ſtirbt, ſo erhalten ſeine Erben den Lohn, der ihm nach dem Miethvertrage, den er eingegangen war, gebührt. Iſt er bei Vertheidigung des Schiffes gefallen, ſo gebührt ſeinen Erben der Lohn für die ganze Reiſe, wenn das Schiff glücklich in den Hafen einläuft. Wenn ſich die Reiſe verlängert, ſo wird der Sold der Schiffsmannſchaft nach Verhältniß erhöht; aber nicht vermin⸗ dert, wenn die Waaren freiwillig eher ausgeladen werden, als ur⸗ ſprünglich beſtimmt war. Der Kapitain darf den Matroſen niemals in fremden Län— dern entlaſſen, wenn keine beſondere Urſache aus einer ſtrafbaren Handlung deſſelben vorliegt; im Uebrigen hat der Matroſe, welcher be⸗ weist, daß ihn der Kapitain ohne hinlängliche Urſache entlaſſen hat, Ent⸗ ſchädigung zu fordern und zwar ein Drittel des Lohns, wenn die Entlaſſung vor der Reiſe, den ganzen Lohn und die Koſten der Rückreiſe, wenn ſie während der Reiſe geſchah. Vor dem Ab⸗ ſchluſſe der Muſterrolle kann der Kapitain den Matroſen nach Gut⸗ dünken entlaſſen, ohne entſchädigungspflichtig zu werden. Wenn der Handelsverkehr mit dem Orte verboten wird, ) — ſin de i, es di g biz we, der me ſit len f iſ, der un in un Schiffsfracht. 39 wohin das Schiff ſich begeben wollte, oder vasſelbe auf Befehl der Regierung mit Beſchlag belegt wird, ſo hat der Matroſe nur ein Recht auf den Lohn für die Tage der Ausrüſtung. Solche Belegung mit Beſchlag kann auf dreifache Weiſe geſchehen, entweder ſo, daß ein Fürſt aus Gründen des öffentlichen Wohls alle Schiffe, die in ſeinen Häfen ſich befinden, nicht auslaufen läßt (arret de prince), oder daß er die Schiffe in ſeinen Häfen zwingt, ſeine Truppen . zu transportiren ('angarie) oder daß er fremde Schiffe in ſeinen Häfen zurückhält C'embargo). Schiff und Fracht haften als beſonderes Unterpfand für die Zahlung des Lohns der Schiffsmannſchaft. Schließlich wollen wir noch des Geſetzes vom 7. Januar 1791 erwähnen, ſo wie des vom 25. Oktober 1795 und der Ordonnanz vom 31. Oktober 1784, welche alle Bewohner Frankreichs, die Seegeſchäfte treiben; gens de mer ſind, zum Marinedienſt des Staates zur See oder in den Seearſenalen verpflichten und deshalb klaſſifiziren. Der Umfang aller der Verpflichteten wird mit in- scription maritime bezeichnet und bewegt ſich zwiſchen 90 und 100,000 Männern. In manchen Küſtenorten gehört die ganze männliche Bevölkerung dazu. Diejenigen, deren man bedarf, ruft man nach Rollen auf und nur in der Zwiſchenzeit können ſie auf Handelsſchiffen Dienſte nehmen. Auch kann Niemand Offizier auf einem Handelsſchiffe werden, der nicht zuvor eine beſtimmte Zeit auf einem Staatsſchiffe gedient hat. Ohne Zweifel eine harte Maßnahme der Regierung! aber im⸗ mer noch weit entfernt von der ſcheußlichen Barbarei der Engländer, welche oft durch die Preſſe rekrutiren, das heißt nächtliche Strei— fereien veranſtalten und dabei jeden brauchbaren Mann, den ſie er— wiſchen können, zum Seedienſt wegſchleppen, preſſen. VII. Titel. Von der Schiffsfracht oder Miethe. Der Vertrag, mittelſt deſſen der Eigenthümer eines Schiffes oder der Schiffskapitain ein Schiff ganz oder theilweiſe zum Trans⸗ 40 Handelsrecht. port von Waaren an einen beſtimmten Ort miethweiſe einer Perſon überläßt, wird im atlantiſchen Meere fret, im Mittelmeere nolis genannt; der Vermiether heißt Rheder (treteur), der Miether Be⸗ frachter (affreteur). Auch der Miethpreis ſelbſt oder die Fracht wird fret und nolis genannt. Dieſer Vertrag kann nicht durch Zeugen bewieſen werden, ſon⸗ dern nur durch Urkunden und zwar durch die Certapartie und das Conoſſement, welche im vorigen Kapitel ſchon beſprochen wurden. Er kann auf verſchiedene Weiſe abgeſchloſſen werden, unbedingt (pur et simple) oder bedingt; letzteres z. B. wenn der Kapitain ſtipulirt, nicht eher abzureiſen, als bis die Schiffsladung vollſtändig iſt Kr. à cueillette); auf's Gewicht (affrétement à quintal); auf den Raum, welchen die Waaren einnehmen (afl. au ton— neau); auf Bauſch und Bogen (aff. à forfait); ferner für eine ganze Reiſe oder nach Monaten; auf das ganze Schiff oder einzelne Theile desſelben. Der Befrachter iſt ſchuldig, die Miethe zu zahlen; auch dann, wenn er während der Reiſe ſeine Waaren zurücknimmt. Er iſt be⸗ rechtigt, vom Kapitain Entſchädigung zu verlangen, wenn dieſer nicht nach dem Akkord die Waaren in den beſtimmten Hafen bringt, aus⸗ genommen wenn Sturm, Schiffbruch, Piraterei oder ſonſtige torce majeure ihn hinderte. Der Kapitain hat an den Waaren ein Vorrecht für ſeinen Frachtlohn, 14 Tage lang nach der Ablieferung. Er darf jedoch nicht dieſelben in ſeinem Schiffe zurückhalten unter dem Vorwande, daß die Fracht nicht bezahlt worden. Wenn die Waaren im Preiſe gefallen ſind oder ſich verſchlimmert haben, kann der Befrachter ſie nicht abandonniren, das heißt für den Frachtlohn abtreten; ſind indeſſen Fäſſer, welche mit Wein, Oel, Honig, Spiritus . gefullt waren, ausgelaufen, ſo daß ſie leer oder faſt leer ſind, ſo dürfen die Fäſſer für Fracht überlaſſen werden. ſi u i in + Bodmereiverträge. 41 ſſn lis IX. Titel. ö. Von Bodmereiverträgen. Der Bodmereivertrag (le contrat de prét à la grosse *) iſt eine Art Darlehen, wobei der Darleiher (preteur) ſein Geld ſo auf die Zufälle der See hin, auf gut Glück vorſchießt und ſein Ka⸗ pital mit Zins und dem ſog. profit maritime nur dann fordern kann, wenn das Schiff glücklich im Hafen gelandet iſt; dasſelbe aber ohne Entſchädigungsrecht verliert, wenn die Sache, auf die er ge⸗ S liehen hat, durch force majeure zu Grund geht. Er iſt alſo ein mi aleatoriſcher Vertrag, Strictissime zu kritiſiren (ſiehe Civilrecht II. ah Seite 148), und gehört zu den älteſten Verträgen des Seerechts, bei den Römern unter dem Namen foenus nauticum bekannt. Er z muß ſchriftlich abgefaßt werden und kann nicht durch Zeugen be⸗ iſ wieſen werden, und zwar entweder vor einem Notäre oder durch die Parteien ſelbſt. Die Urkunde muß enthalten: Namen und Stand der Parteien, 6 Namen des Schiffs und des Kapitains, Angabe der Reiſe, der i Summe, die geliehen wird, den Profit maritime welchen der Dar⸗ 5 leiher erhalten ſoll, die Zeit der Wiedererſtattung, die Gegenſtände, welche für den Betrag haften ſollen. Die Urkunde kann auch auf Ordre ausgeſtellt werden. In dieſem Falle iſt ſie durch Indoſſament verhandelbar. Uebrigens muß . jeder Bodmereivertrag auf der Kanzlei des Handelsgerichts einregi— d ſtrirt werden. Haftbare Gegenſtände der Bodmerei können ſeyn: das Schiff und der Schiffskiel, das Takelwerk und das Schiffsge⸗ räth, die Ausrüſtung und der Proviant, die Ladung. Auf alle dieſe Gegenſtände zuſammen oder auf einzelne derſelben kann Bodmerei genommen werden. nu ir 0. Die Bodmereigeber tragen für Rechnung der Entlehner zur großen Haverei bei; auch zur kleinen, wenn nicht das Ge— gentheil ſtipulirt wurde. Sie haben im Falle eines Schiffbruchs die *) Eigentlich à la grosse aventure. Die Weglaſſung von aventure iſt nur eine Abbreviatur. 42 Handelsrecht. Zahlung der geliehenen Summe nur inſoweit zu fordern, als der Werth der geretteten, im Contrakte verpfändeten Gegenſtände nach Abzug der Rettungskoſten beträgt. X. Titrl. Von den Verſicherungs-Verträgen. Ein Verſicherungs⸗Contrakt (contrat d'assurance) iſt ein Vertrag, mittelſt deſſen ein Contrahent gegen Empfang einer be— ſtimmten Prämie ſich verbindlich macht, dem andern den Verluſt zu erſetzen, den er durch Zufall oder ein unvorhergeſehenes Ereigniß erleiden könnte. Sie können auf alle mögliche Fälle und für jeden Gegenſtand abgeſchloſſen werden und ſo gibt es Feuer⸗, Hagel⸗, Lebens⸗Aſſekuranzen ꝛc. Die Verſicherungen können auch wechſel⸗ ſeitig geſchehen. Hier haben wir es ſpeziell mit den Verſicherungsverträgen oder Aſſekuranzen, welche in Bezug auf die Gefahren der Seefahrt gegen Prämie abgeſchloſſen werden, zu thun. Der See⸗Aſſekuranz⸗Contrakt iſt wie jeder andere Verſicherungs⸗ Vertrag ein ſynallagmatiſcher Gweiſeitiger), aleatoriſcher, oneroſer Vertrag, wie dieſes ſchon im Civilrecht II. Seite 148 erwähnt iſt. Zum Zwecke hat demnach dieſer Vertrag die Sicherung gegen einen Verluſt; zum Gegenſtande kann er haben: das Schiff, das Takelwerk, den Proviant, die Schiffsgeräthſchaften, die Aus⸗ rüſtung, die Fracht, die auf Bodmerei geliehenen Summen. Alle dieſe Gegenſtände können ganz oder theilweiſe, im Einzelnen oder zuſammengenommen verſichert werden. Die Verſicherung kann, je nach den Statuten der Geſellſchaft, in Friedens- wie in Kriegs— zeiten, vor und während der Reiſe, für die Hinreiſe allein, für die Herreiſe allein, oder für beide, zur See, auf Flüſſen und ſchiffbaren Kanälen geſchehen. Der Verſicherungs⸗Vertrag muß mittelſt öffent⸗ licher oder Privaturkunde ſchriftlich abgefaßt werden und ent— halten: Datum der Unterzeichnung und zwar mit Bezeichnung 67 Wi ſe hiß 5 ie uh tih e he ſt u ini j ul ecſ non fahr uny ün, ghn Ms M de 1 jt ith ir di ben fin⸗ e⸗ munh Aſſekuranzvertrag. 43 ob Vor⸗ oder Nachmittags; Namen, Wohnort und Eigenſchaft desjenigen, der verſichern läßt, ſo wie der Partei, welche die Ver⸗ ſicherung ertheilt; die verſicherte Summe; die Prämie, das heißt das, was überhaupt für die Verſicherung bezahlt wird; die Gattung, der Werth der Waaren oder Gegenſtände, die man verſichern läßt; den Namen des Schiffs und die Bezeichnung desſelben; den Namen des Kapitains; die Bezeichnung des Orts, wo die Waaren geladen worden ſind, oder noch geladen werden ſollen, der Häfen und der Rheden, woraus das Schiff abſegelt und in welche es zum Kaufen oder Abladen einſegeln ſoll; die Zeit, wann die Verſicherung ihren Anfang nimmt und wann ſie endet; das Verſprechen der Parteien, ſich einem Schiedsgerichte zu unterwerfen, falls Streitigkeiten entſtehen ſollten, und überhaupt alle Bedingungen, welche ſie miteinander eingegangen ſind. Er darf keine Lücke oder unausgefullte Stelle enthalten. Eine ſolche Urkunde wird Police genannt. Ein Verſicherer kann die Gegenſtände, welche er aſſecurirt hat, wiederum von Andern verſichern laſſen. Die Prämie für die Wieder⸗ oder Rückverſicherung kann höher oder niedriger, oder gerade ſo hoch ſeyn, als jene der erſten Verſicherung. Der Verſicherte kann auch die Prämie verſichern laſſen. Der Verſicherte iſt verpflichtet, die Prämie zu zahlen, die Ge⸗ genſtände der Verſicherung ehrlich und aufrichtig anzugeben, eben ſo den allenfallſigen Verluſt und den Betrag desſelben. Der Verſicherer haftet für jeden Schaden und Verluſt der verſicherten Gegenſtände, welche ſie erleiden durch Sturm, Schiffbruch, Stranden, Zuſammen⸗ ſtoßen der Schiffe, gezwungene Aenderung der Straße, der Reiſe oder des Schiffes, durch Seewurf, Brand, Priſe, Plünderung. Kriegserklärung, Embargo, Repreſſalien ?c. Er haftet nicht für Abgang, Verringerung, Verluſt der Sachen, welche aus der ſchlechten Beſchaffenheit der Sachen, aus Fehler und Nachläſſigkeit der Eigen⸗ thümer, der Befrachter, des Kapitains und des Schiffsvolks (ba- ratterie de patron) herrühren, ausgenommen, wenn dieſes ausdrück⸗ lich ſtipulirt worden. Er hat keine Abgaben, noch Steuer⸗, Bugſir⸗ und Lotſengelder zu vergüten. Waaren, die einer beſondern Gefahr des Verderbens ihrer 44 Handelsrecht. Natur nach unterworfen ſind, Getreide, Salz, oder welche der Leckaſie, dem Ausrinnen ſollen beſonders in der Po⸗ lice angegeben werden. Der Verſicherte kann in folgenden Fällen, aber nur in dieſen die verſicherten Gegenſtände aufgeben oder abond onniren delaisser): 1) wenn dieſelben aufgebracht und weggenommen worden ſind; 2) im Falle eines Schiffbruches oder einer Strandung, wenn das Schiff zertrümmert wurde; 3) wenn das Schiff durch Zufälle, die ſich auf der See er— eignet haben, zum fernern Dienſte untauglich geworden iſt; 4) im Falle eines von einer fremden Macht herrührenden Ar⸗ reſts oder Beſchlags; 5) wenn dieſelben verloren oder beſchädigt worden ſind, inſo— ferne Schaden oder Verluſt wenigſtens drei Viertheile erreicht; 6) wenn ſie nach angetretener Reiſe von der Regierung in Beſchlag genommen wurden. Vor angetretener Reiſe kann die Abtretung (e delaisse— ment) nicht Statt haben. Alle übrigen Schäden werden als Haverei betrachtet und nach Verhältniß zwiſchen Verſicherer und Verſichertem vertheilt. In dieſem Falle ſteht dem letztern nur die action d'avarie zu. Das Delaiſſement kann weder ſtückweiſe noch unter Bedingung geſchehen, und erſtreckt ſich nur auf die Güter, welche den Gegenſtand der Verſicherung ausmachen. Es muß dem Ver⸗ ſicherer angezeigt werden mit der Urſache, durch welche es herbeige⸗ führt wurde, und zwar in ſechs Monaten von dem Tage der erhaltenen Nachricht, wenn ſich Verluſt oder Schaden in den Häfen oder an den Küſten von Europa, im mittelländiſchen Meere oder an jenen von Aſien und Afrika ergab; in zwölf Mo⸗ naten, wenn ſich der Vorfall in den Weſtindiſchen Colonien, bei Madera, den Azoriſchen, Canariſchen und andern weſt⸗ lichen Inſeln von Afrika oder den öſtlichen Küſten von Amerika ereignet hat; in zwei Jahren, für alle übrigen Welttheile. Nach Verlauf dieſer Friſt kann die Erklärung des Delaiſſe ment nicht mehr wirken. li mn ſlb l ſin ſia det ſo ieſen iten ſu; ven juſ⸗ zi S ud 9 N uter volhe Iu beig⸗ ede hiſn eere No el, weſ riln Nut iht Haverei. 45 Wird das Delaiſſement angenommen oder für gültig er⸗ klärt, ſo geht das Eigenthum an den abandonnirten Gegenſtänden unmittelbar und unwiederruflich auf den Verſicherer über und der⸗ ſelbe iſt ſchuldig, binnen 3 Monaten die Verſicherungsſumme zu zahlen, wenn nicht die Parteien eine kürzere oder längere Friſt be⸗ ſtimmen. Der Verſicherte aber kann auf keinen Fall mehr die abandonnirten Gegenſtände wieder an ſich nehmen. Ehe der Verſicherer angehalten werden kann, die Verſicherung zu zahlen, muß ihm von dem Verſicherten die Beweisſtücke über geſchehene Verladung und Verluſt oder Schaden mitgetheilt werden und ihm bleibt dann der Gegenbeweis vorbehalten bezüglich der Thatſachen, die in den Zeugniſſen enthalten ſind. Durch die Zu⸗ laſſung zum Gegenbeweiſe wird jevoch die Verurtheilung des Ver⸗ ſicherers zur proviſoriſchen Zahlung nicht aufgeſchoben; der Verſicherte muß jevoch Bürgſchaft ſtellen, die nach dem Umlauf von 4 Jahren erliſcht, wenn mit dem Verfahren vor Gericht inzwiſchen eingehalten wurde. XI. Titel. Von der Haverei. Unter Haverie, Haverei, Avarie (avarie) wird ein materieller Schaden, den Schiffe oder Waaren auf der See erleiden, verſtanden; man ſagt daher avarirte Schiffe, avarirte Waaren. Man theilt die Avarien ein in: ein fache (Simples) worunter jeder zufällige und unfreiwillige Schaden verſtanden wird; und in große Avarien, womit die Schäden bezeichnet werden, welcher man ſich freiwillig begibt, um Schiff und Fracht gemeinſam zu retten. Letztere nennt man deßhalb auch ge⸗ meine (communes) erſtere beſondere (articuliéres) Avarien. Als Havarien werden nach der Beſtimmung des Artikel 397 angeſehen: alle fuͤr das Schiff und die Waaren, zuſammen oder beſonders verwendeten außerordentlichen Ausgaben; jeder Schade, der an dem 46 Handelsrecht. Schiffe und den Waaren von der Ladung und Abfahrt an zu rech⸗ nen bis zur Ausladung und Rückkehr geſchieht. Insbeſondere gehören zur großen Haverei: 1) Was zu Folge einer Uebereinkunft und als Löſegeld, um Schiff und Waaren loszukaufen, gegeben worden; 2) Sachen die in's Meer geworfen worden; 3) Kabel und Maſten, die gebrochen oder abgelappt worden ſind; 4) Anker und andere für gemeinſchaftliche Rettung abandonnirte Gegenſtände; 5) Schäden, welche durch den Seewurf den im Schiffe geblie⸗ benen Waaren zugefügt worden; 6) Verpflegung und Unterhalt der bei Vertheidigung des Schif⸗ fes verwundeten Matroſen, Sold und Unterhalt der Matroſen wäh⸗ rend des Aufenthalts, wenn entweder das Schiff aus Befehl einer Macht auf der Reiſe angehalten worden, oder während man an Ausbeſſerung der Schäden arbeitet, denen man ſich zum gemeinſchaft⸗ lichen Beſten freiwillig ausgeſetzt hat, inſofern das Schiff monats⸗ weiſe vermiethet worden; 7) Ausladungskoſten, die man verwendet hat, um das Schiff zu lichten, und ſodann in einen Hafen oder Fluß einzulaufen, inſo⸗ fern das Schiff durch Sturm, oder weil es vom Feinde verfolgt wurde, hiezu genöthigt geweſen; 8) Koſten, die verwendet worden ſind, um das Schiff wieder flott zu machen, das man in der Abſicht auf den Strand treiben ließ, um zu verhindern, daß es nicht ganz zu Grunde ging oder weggenommen würde. — Und überhaupt Schäden, denen man ſich freiwillig ausſetzt, und Koſten, die man auf vorhergegangene, mit Gründen unterſtützte Berathſchlagungen, zum gemeinſchaftlichen Beſten und zur Rettung des Schiffes und der Waaren ſeit der Verladung und Abfahrt bis zu ihrer Rückkehr und Ausladung verwendet hat. Zur kleinen oder beſondern Haverei gehören: 1) der Schaden, der ſich an den Waaren, wegen ihrer innern Mängel, durch Sturm und Ungewitter, Wegnahme, Schiffbruch oder Strandung ereignet; 2) die zu ihrer Rettung verwendeten Koſten; 3) der Verluſt an Kabeln, Ankern, Segeln, Maſten oder Tau⸗ — u, ſch bt N ven ud vn vo mß ſine vn ie Ve un ſo zu i l ho ſu u⸗ d m en ſn donnit gbü E wi⸗ hlin nn n inſheft nona E ni vjh vice win oder m ſt ſe, ni Bin lan t hu. jmen odel Haverei. 47 werk, der durch Sturm oder andere Zufälle auf dem Meere verur⸗ ſacht worden; — die mit jedem Aufenthalt in einem Nothhafen verbundenen Koſten, gleichviel ob das Einlaufen in denſelben durch den zufälligen Verluſt der erwähnten Gegenſtände, oder die Noth⸗ wendigkeit einer Verproviantirung, oder weil das Schiff Waſſer zieht und ausgebeſſert werden muß, veranlaßt worden; 4) Unterhalt und Sold der Matroſen während des Beſchlags, — wenn das Schiff auf der Reiſe aus Befehl einer Macht angehalten worden, und während der Ausbeſſerung, die man daran vornehmen muß, inſofern das Schiff für die Reiſe überhaupt gemiethet war; 5) Unterhalt und Sold der Matroſen während der Quaran⸗ täne, das Schiff mag für die Reiſe überhaupt oder monatsweiſe vermiethet geweſen ſeyn; — und überhaupt Koſten und Schäden, die man für's Schiff allein, oder für die Waaren allein ſeit ihrer Verladung und Abfahrt bis zur Rückkehr und Ausladung gemacht und erlitten hat. 6) Schäden, die ſich an den Waaren ereignen, weil der Schiffs⸗ kapitain die Lucken nicht gehörig verſchloſſen, das Schiff nicht feſt⸗ gemacht, kein gutes Tauwerk zum Aufhiſſen herbeigeſchafft hat, ſowie diejenigen, die von jedem andern Zufall herrühren, der in der Nach⸗ läſſigkeit des Schiffskapitains oder des Schiffsvolkes ſeinen Grund hat, und dieſe fallen zunächſt auf den Eigenthümer der Waaren zu⸗ rück, der ſich jedoch hiefür an dem Kapitain, dem Schiffe und der Fracht erholen kann. Große oder gemeine Haverei trifft die Waaren und die Hälfte des Schiffes und der Fracht, und wird hierunter nach Verhältniß ihres Werthes vertheilt. Der Preis der Waaren wird nach dem Werthe beſtimmt, den ſie am Ausladungsorte haben. — Beſondere Haverei trägt und zahlt der Eigenthümer der Sache, welche beſchä⸗ digt worden, oder die Ausgabe veranlaßt. Was, um in einen Hafen oder Fluß ein⸗ oder von da aus⸗ zulaufen, an Bugſir⸗, Lotſen⸗ und Steuergeldern und ſonſt an Ar⸗ beitslohn gezahlt worden, ſowie die Gebühren für den Seepaß, die Viſitirung, den Rapport, die Tonnen⸗, Baken⸗ und Ankergelder und andere auf die Schifffahrt gelegten Abgaben, gehören nicht zur Ha⸗ verei, und ſind bloß dem Schiffe allein zur Laſt fallende Koſten. 48 Handelsrecht. Sind Schiffe aufeinander geſtoßen, und war die Begebenheit ein bloßer Zufall, ſo hat das Schiff, welches hiedurch beſchädigt wurde, den Schaden allein zu tragen ohne einige Rückforderung. — Hat ſich das Zuſammenſtoßen durch Verſehen eines der beiden Schif⸗ fer ereignet, ſo iſt derjenige, der den Schaden verurſacht hat, ihn zu tragen oder zu erſetzen verbunden. — Iſt es zweifelhaft, welcher Urſache man das Zuſammenſtoßen zuſchreiben müſſe, ſo wird der Schade auf gemeinſchaftliche Koſten und zu gleichen Theilen von den Schiffen erſetzt, die ihn verurſacht und erlitten haben. — In den beiden letzten Fällen wird der Schaden durch Sachverſtändige geſchätzt. Bei der gemeinen Haverei wird niemand mit der Klage auf Anlegung der Havereirechnung gehört, weun der Schaden nicht ein Prozent von dem Werthe des Schiffes und der Waaren zuſammen⸗ genommen überſteigt, und ſo hat gleichfalls bei der beſondern Ha⸗ verei keine Klage ſtatt, wenn der Schaden nicht ebenmäßig ein Pro⸗ zent von dem Werthe der beſchädigten Sache überſteigt. Die Klanſel: frei von Haverei, befreit die Verſicherer von aller gemeinen oder beſondern Haverei, die Fälle jedoch ausgenom⸗ men, worin es erlaubt iſt, die Sache dem Verſicherer zu abandon⸗ niren, und in dieſen Fällen haben die Verſicherten die Wahl, ob ſie die Sache überlaſſen oder auf Anlegung ver Havereirechnung an⸗ tragen wollen. XI. Titel. Von dem Seewurfe und dem Beitrag. Wenn der Schiffskapitain bei einem Sturme oder einer Ver— ſolgung (Jagd) durch den Feind, der Anſicht iſt, daß er zur Rettung des Schiffes genöthigt ſey, einen Theil der Ladung über Bord zu werfen, die Maſten abzukappen oder die Anker zurückzulaſſen, ſo hat er ſofort einen Rath zu halten mit den Offizieren und den Erſten ſeiner Mannſchaft, um ihre Meinung einzuholen. Sind die Mein⸗ ungen getheilt, ſo darf der Kapitain der ſeinigen, wenn ſie von einigen tüchtigen Seeleuten unterſtützt wird, folgen. —— * — ———— — ———— ic . w ih w ſte benhei ſhidh un— E d in welhe ih M on du zn d ſtih e u iht in mnn m ho 1 er geun⸗ Undon ob ſ u u er Ve elun or ſo h Eiſen Min ſe b Vom Seewurf. 49 Unter die Erſten der Mannſchaft gehören in ſolchen Fällen nicht allein die übrigen Seeoffiziere, die Piloten, Hochbvotsmänner und Steuermänner, ſondern auch die älteſten Matroſen. Dem Schiffs⸗ kapitain, als demjenigen, der ſein Schiff am beſten kennen, die Ge⸗ fahr am richtigſten beurtheilen ſoll, iſt ſchon durch die Ordonnanz von Wisby (Art. 20) und die röles d'Oléron (Art. 8) eine ent⸗ ſcheidende Stimme zugeſtanden. Die Erlaubniß, durch Zerſtörung einzelner Gegenſtände, in⸗ dem man ſie über Bord wirft, das Ganze und die Hauptſache zu retten, iſt ein ſo natürliches Zugeſtändniß, daß ſie in den älteſten Zeiten ſchon gegeben, aber auch zugleich mit der Meinung verbun⸗ den erſcheint, daß ein ſolcher Seewurf als eine gemeinſame Haverie für Alle zu betrachten, und deßhalb von Jedem nach Verhältniß zum Verluſte beizutragen ſey. Dieſe Anſchauung liegt der lex Rhodia de iactu zu Grunde, dem älteſten Seegeſetze, das uns erhalten blieb. Man theilt bei den Schiffsleuten den Seewurf in einen regulären und irregulären ein. Mit erſterem Ausdruck wird derſelbe be⸗ zeichnet, wenn man noch Zeit hat, zu berathſchlagen; unter dieſem wird verſtanden, daß die Gefahr ſo dringend und nahe ſteht, daß nur ſofortiges Handeln, keine Deliberation mehr ſtattfinden darf. Das Verfahren beim Seewurf ſoll nun folgendes ſeyn: Zuerſt werden nach Wahl und Gutachten des Kapitains und des Schiffsrathes die entbehrlichſten Sachen, welche das Schiff am meiſten beſchweren und am wenigſten Werth haben, über Bord ge⸗ worfen, namentlich diejenigen, welche auf dem erſten Verdecke gela⸗ gert ſind. Dann kommen die übrigen Gegenſtände ſucceſſive an die Reihe. Sobald der Kapitain in die Lage kömmt, muß er über den ganzen Vorgang einen Bericht niederſchreiben, welcher in dem Regiſter eingetragen, vom Schiffsrathe unterzeichnet wird und ein Verzeichniß der Gegenſtände, welche über Bord geworfen, enthalten muß. Er muß ferner in dem erſten Hafen, in welchem das Schiff anlandet, beim Handelsgericht, Friedensrichter oder Konſul dieſen Bericht vor⸗ legen und ihn eidlich bekräftigen. Der Richter oder der Konſul ernennen ſofort Sachverſtändige, welche nach ſtattgehabter Beeidigung wo möglich auf den Grund von Connoſſementen, Fakturen und Frachtbriefen, die in Frage ſtehenden Waaren nach dem laufenden IV. Handelsrecht. 4 50 Handelsrecht. Preiſe anſchlagen und dann die Vertheilung des Verluſtes und Schadens ſteſtſtellen, welche hierauf durch die obengenannten Behör⸗ den exekutoriſch erklärt werden muß. Kriegs⸗ und Mundvorrath, Kleidungsſtücke der Seemannſchaft leiſten keinen Beitrag zu dem Erſatze der geworfenen Güter; ſind jedoch ſolche über Bord geworfen worden, ſo wird der Werth der⸗ ſelben auf die übrigen Effekten verhältnißmäßig vertheilt. Sonſt werden zum Beitrag die Hälfte des Schiffes und der Fracht, ſowie die geretteten Waaren, nach Verhältniß des Werthes herangezogen. Effekten, worüber kein Konnoſſement vorliegt, auch keine Erklärung des Schiffcapitains vorhanden iſt, werden nicht vergütet, wenn ſie geworfen wurden; ſie haben dagegen Beitrag zu leiſten, wenn ſie gerettet wurden. Wenn das Schiff durch den Seewurf nicht gerettet wurde, ſo hat gar kein Beitrag ſtatt; wird es gerettet und geht erſt bei der Fortſetzung ſeiner Reiſe verloren, ſo tragen die geretteten Güter zu dem Seewurfe nach dem Werthe mit bei, den ſie alsdann noch haben. Die Waaren haben zur Zahlung des Schiffes nichts beizutragen, wenn daſſelbe zu Grunde gegangen, oder zu weiterem Dienſte un⸗ brauchbar geworden iſt. 3 In allen Fällen hat der Kapitain und die Schiffsmannſchaft für den Beitrag, der zu ihren Gunſten ſtatt zu finden hat, ein Vor⸗ recht an den Waaren oder an den hieraus erlösten Preiſen. — XIII. und XIV. Titel. Von Verjährungen und einigen Unzuläſſigkeits⸗ Einreden. In beiden Titeln wird die Acquiſitiv⸗ und Extinctivjährung im Seerecht, indeſſen nur mit einigen Worten, höchſt ſummariſch be⸗ handelt, ſowie die Aufſtellung einiger Unzuläſſigkeitseinreden Gins de non recevoir) die alle beſſer ihren Platz in den Titeln gefunden hätten, wo ſie hingehören und theilweiſe auch wirklich ſich vorfin⸗ den. Nach den Beſtimmungen dieſer Titel verjähren ſich demnach m u 6 ju hu in I w vy v ſ den it ſti es un Bihi⸗ unſhn e; ſ th de Emn t ſiui gein mlimn ven ſ wen ſi ud ſt bi hiten hhatn wumyn, ſe m anſ in Vr it⸗ mg i iſh b (is i efn vorf dmnt Vom Seewurf. 54 in fünf Jahren die Klagen aus der Bodmerei und einer Verſicher⸗ ungspolice; in 1 Jahr nach der Reiſe alle Klagen auf Zahlung der Schiffsfracht, der Beſoldung, des Miethlohns der Seeleute, auf Ver⸗ gütung des Unterhalts der Matroſen, auf Zahlung des Bauholzes, Proviantes, des Arbeitslohnes, der Waarenablieferung. In Bezug auf Acquiſitivverjährung iſt verfügt, daß der Kapi⸗ tain nie ein Eigenthumsrecht an dem Schiffe erlangen kann durch Verjährung. Als unzuläſſig ſind alle Klagen abzuweiſen, welche wider den Schiffer und die Verſicherer für Schaden an Waaren angeſtellt werden, wenn dieſelben ohne Proteſt und Vorbehalt angenommen wurden; jene wider den Befrachter, die ſich auf Haverei gründen, wenn der Kapitain die Waaren überliefert und ſeine Fracht ohne Proteſt und Vorbehalt empfangen hat; jene auf Erſatz eines Scha⸗ dens, den ein Zuſammenſtoß der Schiffe verurſachte, wenn der Ka⸗ pitain nicht reklamirt hat, obſchon er im Stande und an einem ſchicklichen Orte war, zu reklamiren. 5 Prittes Vuch. Von Fallimenten und Bankerotten. Art 437— 614 e. d. c. Dieſer Theil der Handelsgeſetzgebung ſollte nach Segür den Gläu⸗ bigern hinlängliche Sicherheit und Ausſicht auf baldige Befriedigung bieten, der Verſchwendung und den thörichten Unternehmungen durch Zuchtpolizeiſtrafen Schranken ſetzen und dem Betruge drohend entgegentreten mit der Criminalſtrafe, dem redlichen, aber unglücklichen Kaufmanne die Mittel geſtatten, ſich dem Elende und dem Verderben zu entreißen und bei Verluſt ſeines Vermögens ſeine Ehre zu retten. Raſch und energiſch ſind die Formen, mit welchen das Verfahren beginnt: ſchnelle Entſetzung des Falliten der Vermögensverwaltung, Verſieglung ſeiner Papiere und Bücher, Ver⸗ hinderung ſeiner Flucht, ſofortige Maſſe⸗Verwaltung durch Agenten unter Aufſicht des Gerichts und eines ſpeziellen Richter⸗Commiſſärs. Von großer und wohlthätiger Bedeutung iſt auch die Einheit in der Aufſicht über die Führung des Creditweſens, die Einfachheit des Liquidationsweſens und die Erleichterung des Dis⸗ tributionsverfahrens durch Abſonderung der hypothekariſchen von der chirographariſchen Maſſe. Endlich ſind die Rechte der Ehe⸗ frauen der Handelsleute in eben ſo humaner als auch für die Gläu⸗ biger befriedigenden Weiſe feſtgeſtellt. Wie aber ſchon in der Einleitung bemerkt, im Ganzen ſind die Umriſſe im Fallimentsverfahren zu großartig angelegt, haben ihre Bedeutung nur bei dem Falle großer Häuſer und nehmen ſich lihe ſin Pi rit j N 0 i wel 1. nGlit halig rihten unddn edlihen nCe emizn nn, ni in d ſe, dn Nun miſit heit i elriihn de hi ie Gi ſi i ben ihn mu ſt Falliment. 53 lächerlich aus in ihrer Anwendung auf die Zahlungseinſtellungen kleiner Kaufleute, Krämer ꝛc., weßhalb auch eine Reform dieſes Theils des Handelscoder durch das Geſetz vom 28. Mai 1838 erfolgte. Wir werden die Modifikationen, welche dasſelbe herbeiführte, wo nöthig, bemerken. Das dritte Buch enthält in drei Artikeln unter der Bezeichnung „allgemeine Verfügungen“ nachſtehende Definitionen über Falliment und Bankerott: „Jeder Handelsmann, der ſeine Zahlungen einſtellt, iſt im Zu⸗ „ſtande des Falliments; jeder fallirte Handelsmann, der ſich „in einem der Fälle des Betrugs oder grober Verſchuldung befindet, „den das Geſetz als ſolchen bezeichnet, iſt im Zuſtande entweder des „betrüglichen oder des einfachen Bankerotts, welcher letztere „vor den Zuchtpolizeigerichten, erſterer aber vor den Criminalgerichts⸗ „höfen verfolgt wird.“ I. Titel. Vom Falliment. Das Falliment iſt alſo der Zuſtand eines Handelsmanns, in welchem er aufgehört hat, Zahlung zu leiſten, ſeinen Verbindlichkeiten nachzukommen. Sobald derſelbe ſich in dieſe Lage verſetzt ſieht, iſt er verbunden, binnen drei Tagen auf der Kanzlei des Handelsge⸗ richts Anzeige hievon zu machen. Das Handelsgericht erklärt ſofort in öffentlicher Sitzung die Eröffnung des Falliments, firirt den Zeitpunkt, von welchem an das Falliment als vorhanden zu betrachten iſt, welcher Zeitpunkt entweder durch die Flucht des Falliten oder die Schließung ſeines Waarenlagers oder durch Urkunden, welche die Einſtellung der Zahlung beweiſen, ſo wie durch die Erklärung des Falliten ſelbſt beſtimmt wird. Derſelbe iſt ſofort der Verwaltung ſeines Vermögens von Rechtswegen enthoben und auf ſeine Bücher, Regiſter, Porte⸗ feuillen, Papiere, Mobilien, Effekten, Kaſſen, Komptoirs und Waa⸗ renlager läßt das Handelsgericht Siegel anlegen, welche Hand⸗ 2 2 v* 54 Handelsrecht. lung der Friedensrichter vorzunehmen hat. Zugleich ernennt das Gericht in demſelben Urtheile, in welchem es die Anlegung der Sie⸗ ni gel befiehlt, einen Richter als Commiſſär zur Leitung des Ver⸗ fahrens und, je nach der Wichtigkeit des Falls, einen oder meh⸗ † z rere Agenten. ni Die Siegel können auch ohne dieſes Urtheil ſofort angelegt . werden, wenn das Falliment notoriſch geworden iſt. Das Urtheil verfügt ſchließlich die Verbringung des Schuldners in ein Arreſthaus oder die Ueberwachung ſeiner Perſon durch einen . Gendarmen, einen Polizei⸗ oder Juſtizbeamten. Der Ausbruch des Falliments hat ſodann folgende geſetzliche Wirkungen: alle Akte, wodurch der Fallit in den zehn Tagen vor . dem Ausbruch des Falliments unbewegliches Eigenthum un⸗ . entgeltlich auf Jemand übertragen hat, ſind nichtig, ebenſo alle Akte oder Zahlungen, welche geſchehen ſind, um die Gläu⸗ biger zu betrügen; alle Geldſummen, welche in dieſer Zeit . zur Tilgung noch nicht verfallener Handelsſchulden bezahlt worden ſind, werden zur Maſſe zurückgebracht (rapportées). Die noch nicht i verfallenen Paſſivſchulden können dennoch ſofort eingefordert werden. Das Urtheil, deſſen wir vorhin erwähnt haben, wird ſogleich durch Anheftung an den geeigneten Orten, ſo wie durch Einrückung in Zeitungen und Lokalblätter öffentlich bekannt gemacht. Die Agenten *) haben nach ihrer Ernennung den Eid zu leiſten und ſofort die nothwendigſten Handlungen vorzunehmen, welche ſich durch die Verhältniſſe darbieten. Das Gericht kann ſie ganz nach Gutdünken ernennen, ob ſie Gläubiger des Falliten ſind oder nicht, wenn ihre Perſönlichkeit nur Sicherheit darbietet für die Treue ihrer Geſchäftsführung. Lebensmittel und —— we 4 dem Verderben unterworfen *) Nach dem Geſetz von 1838 werden ſtatt der Agenten ſogleich proviſoriſche Syndiken ernannt und die Agenten fallen ganz weg. Zugleich verſammelt der Richter⸗Commiſſär die Gläubiger zur Einſichtnahme, Beſprechung des Status und allenfallſiger Vereinigung. (Art. 462.) Ueber die Verhandlungen dieſer Verſammlung wird Protokoll geführt, dem Gerichte dasſelbe vom Commiſſär vorgelegt und dann die definitiven Syndiken jetzt ſchon ernannt, entweder in der Perſon der proviſoriſchen Syndiken oder ganz neu Gewählter. unt dy der Si de Ve n⸗ ugl hudun ch in geſchlh agen w n u „henß Glit ſſer R vonn h i wenan ſolit niin uliſn di ſi m u e ſitt tur ihn mon woiſtiſt mnlt E gen ſin oniſi woer i Falliment. 55 ſind, laſſen die Agenten mit Genehmigung des Commiſſärs verkau⸗ fen und die erhaltenen Summen werden in eine Kiſte gelegt, welche mit zwei verſchiedenen Schlöſſern verſehen iſt, zu denen einen Schlüſſel die Agenten, den andern einer der Gläubiger, welchen der Commiſſär bezeichnet, führen. *) Nach Anlegung der Siegel erſtattet der Com⸗ miſſär dem Handelsgericht Bericht über den Stand der Sache und kann hiebei die Ertheilung eines ſicheren Geleites in Vorſchlag brin⸗ gen, worauf dasſelbe nach Lage der Sache verfügt. Wenn der Fallit keine Bilanz **) angefertigt hat, ſo wird eine ſolche nunmehr durch die Agenten aufgenommen. Dieſelbe muß die Aufzählung und die Tare des ſämmtlichen beweglichen und unbe⸗ weglichen Vermögens des Schuldners, das Verzeichniß ſeiner Aktiv⸗ und Paſſiv⸗Schulden und der Ausgaben enthalten, auch vom Schuld⸗ ner, wenn er nicht flüchtig iſt, unterzeichnet und datirt werden. Sobald die Agenten dem Richter-Commiſſär die Bilanz zuge⸗ ſtellt haben, hat dieſer binnen drei Tagen das Verzeichniß der Gläubiger zu fertigen und dem Gerichte zu überreichen und die⸗ ſelben durch Briefe, öffentliche Anſchlagszettel und Einrückung in die Zeitungen zuſammen zu berufen. Die Gläubiger treten nun zuſammen, entwerfen eine dreifache Liſte zur Wahl der proviſoriſchen Syndiken und übergeben dieſelbe dem Commiſſär, welcher ſie dem Handelsgerichte vorlegt, das hierauf die proviſoriſchen Syndiken aus derſelben ernennt. Das Geſchäft der Agenten iſt nun beendet und das der proviſoriſchen Shndiken, welches in einer Fortſetzung der Operationen der Erſteren beſteht, beginnt, immer unter der Auf⸗ ———— *) Dieſe einfältige Beſtimmung, welche zudem nie durchgeführt wurde, da die Kaſſe mit den zwei Schlöſſern nur im Reiche der Mondkälber und Wichtel⸗ männchen eriſtirte, wurde durch das Geſetz vom Jahr 1838 aufgehoben, die Verwahrung der Gelder in den öffentlichen Depots⸗ und Conſignationskaſſen angeordnet und ſo der willkürlichen Verwendung der Syndiken, die ſolche Gelder während des Verfahrens in ihrem Säckel, nicht in der fabelhaften zweiſchlöſſtigen Kiſte verwahrten und zu eigenem Nutzen und Frommen zu verwenden pflegten, entzogen. Jetzt muß der Fallit mit der Fallimentserklärung die Bilanz auf der Kanzlei des Handelsgerichts deponiren. (Art. 439.) — 56 Handelsrecht. ſicht des Richter⸗Commiſſärs, nachdem die Agenten vor dieſem den Syndiken Rechenſchaft über ihre Verrichtungen abgelegt haben und Uu für dieſelben nach Verhältniß honorirt worden ſind *). bi Die Abnahme der Siegel, ſo wie der Verkauf der 8 Waaren und Mobilien, die Eintreibung der Aktivſchulden erfolgt nunmehr nach geſchehener Inventariſation. i Civilklagen müſſen jetzt gegen die Syndiken gerichtet werden i ſelbſt in dem Falle, wenn ſie vor dem Ausbruch des Falliments hu ſchon angeſtellt worden und gegen den Falliten gerichtet waren **). Abermals werden die Gelder in eine mit zwei Schlöſſern verſehene 0 Kiſte gelegt, zu welchen der Aelteſte der Syndiken und einer der i Gläubiger die Schlüſſel führen. ſm Die Syndiken ***) ſind, wie es vorher die Agenten waren, 1 verbunden, alle Vorkehrungen zu treffen, welche auf die Erhaltung ſo des Vermögens im Iuntereſſe des Falliten und der Gläubiger ab⸗ zielen, und nunmehr die Unterſuchung der Aechtheit der c Forderungen Gérification des créances) vor dem Commiſfär in vornehmen zu laſſen. Die Gläubiger, hiezu öffentlich eingeladen, haben in Perſon oder durch Bevollmächtigte in dieſem Termin zu u erſcheinen, ihre Forderungen anzugeben, ſie eidlich zu bekräftigen, ſie prüfen zu laſſen und die Beweisſtücke gegen Emnpfangſchein zu über⸗ geben. Nach Ablauf des Termins, welcher für dieſe Unterſuchung m firirt worden, fertigen die Syndiken einen Bericht, worin die Namen di *) Es iſt wirklich nicht abzuſehen, warum der Handelscode erſt Agenten, dann proviſoriſche, dann definitive Syndiken, die ſich alle, der Ordnung nach, in ziemlich raſcher Reihenfolge einander ablöſen, beliebt hat. Die Erſetzung der d Agenten durch ſofortige Syndiken, wie das neue Geſetz angeordnet hat, darf deßhalb als eine namhafte Verbeſſerung angeſehen werden. **) Nach Art. 571 des neuen Geſetzes können vom Tage des Urtheils an, welches ſu das Falliment erklärt, Civilgläubiger nur noch die Expropriation ſolcher Güter ſ betreiben, auf die ſie Hypotheke haben. Der Verkauf findet vor dem Civil⸗ . 9 tribunale ſtatt und das Verfahren iſt gegen die Syndike gerichtet. ***) Dieſelben ſind nunmehr durch Art. 596 mit correktioneller Verfolgung nach Maßgabe des Art. 406 des code pénal Unterſchlagung mit Gefängnißſtrafe von zwei Monaten bis fünf Jahren) bedroht „wenn ſie ſich eines Unterſchleifs bei ihrer Geſchäftsführung ſchuldig machen. ſn en n uf ze neh wedn linens mn*) eſehen uut d wnn, haln ger ⸗ it de nniſit gelode, min ifihn, u ibe ſchu Nnn n, dmn uch, i ung be t, duf welth ütn ißſn ſilit Falliment. 5* der Gläubiger, welche nicht erſchienen ſind, aufgezeichnet werden. Der Commiſſär ſchließt dieſen Bericht ab, und die nicht erſchienenen Gläubiger werden dadurch in mora verſetzt. Nun ſetzt auf Bericht des Commiſſärs das Gericht einen neuen Termin zur Prüfung der Forderungen feſt, welcher ebenfalls öffent⸗ lich bekannt gemacht wird. Die Gläubiger, welche auch jetzt noch nicht erſcheinen, werden nunmehr von den zu machenden Vertheilun⸗ gen ausgeſchloſſen. Nach geſchehener Prüfung der Forderungen werden die Gläu⸗ biger, deren Forderungen angenommen worden ſind, vor den Com⸗ miſſär durch die proviſoriſchen Syndiken zu einer Verſammlung zu⸗ ſammenberufen. Auch der Fallit wird hiezu eingeladen und kann zu dieſem Zwecke ein ſicheres Geleite erhalten. Die Syndiken legen Rechenſchaft ab und die Gläubiger wählen definitive Syndiken und ſchließen einen Vereinigungsvertrag (union) unter ſich ab, wenn kein Vertrag zwiſchen ihnen und dem Falliten zu Stande kömmt. Ein Vertrag der letztern Art, Conkordat genannt, kann erſt nach allen den beſchriebenen Formalitäten zu Stande kommen, jedoch niemals, wenn die Indicien eines Bankerotts vorliegen. Er wird dem Gerichte durch den Commiſſär mit Bericht vorgelegt und ſofort angenommen oder verweigert. Die Annahme desſelben beendigt das Fallimentsverfahren und die Verrichtungen des Commiſſärs und der Syndiken hören auf. Die Verweigerung der Beſtätigung oder wenn kein Vertrag zu Stande kommt, hat die Union der Gläubiger und die Wahl der definitiven Syndiken, ſo wie die Fortſetzung des Verfahrens unter der Aufſicht des Commiſſärs zu Folge. Es wird nun, nachdem auch die Immobilien veräußert worden ſind, zur Vertheilung des Erlöſes der Mobilien und der Liegen⸗ ſchaften, ſo wie zur Anweiſung der Gläubiger an die Steigerer der Liegenſchaften geſchritten nach folgenden Grundſätzen: I. Jeder Verkäufer iſt berechtigt, die von ihm dem Falliten verkauften und abgelieferten Waaren, deren Preis noch nicht bezahlt worden, als ſein Eigenthum zurückzufordern, zu vindiciren, wenn ſie noch nicht in das Waarenlager des Falliten gekommen waren 58 Handelsrecht. und ihre Identität zweifellos feſtgeſtellt wird. Handels oder auch alle andern Effekten, die noch nicht fällig oder noch nicht bezahlt ſind, die dem Falliten remittirt worden und noch wirklich in ſeinem Portefeuille vorhanden ſind, können vindicirt werden, ebenſo Ri⸗ meſſen, die ohne Acceptationen zu decken, gemacht worden ſind, wenn ſie in eine laufende Rechnung gebracht wurden, worin der Eigen⸗ thümer blos als Glaͤubiger erſcheint; war er aber nur das Geringſte ſchuldig, als er die Rimeſſe machte, kann er nicht mehr vindiciren. Die Syndiken prüfen die Vindikations⸗Anſprüche und entſcheiden dieſelben mit Genehmigung des Commiſſärs; entſtehen Differenzen hiebei, ſo entſcheidet das Gericht. HI. Die Ehefrauen, welche nach Dotalrechten geheirathet haben, in Gütern getrennt, oder mit ihrem Manne in Gütergemein⸗ ſchaft leben aber die in die Ehe eingebrachten Immobilien nicht zum Gegenſtande dieſer Gemeinſchaft gemacht haben, nehmen dieſe Im— mobilien, ſowie diejenigen, welche ſie während der Ehe durch Erb— ſchaft oder Schenkung unter Lebenden erhalten haben, zurück; endlich auch die Immobilien, welche ſie ſelbſt und auf ihren Namen mit den aus fraglichen Erbſchaften oder Schenkungen herrührenden Gel⸗ dern angekauft haben. Sie ſind befugt, den Schmuck, die Diaman⸗ ten, das Gold⸗ und Silbergeſchirr zurückzunehmen, wenn ſie durch ein geſetzmäßig angefertigtes, den Urkunden beigeheftetes Verzeichniß oder durch gute Inventarien nachweiſen können, daß ihnen dieſelben im Heirathscontrakte geſchenkt worden ſind oder daß ſie dieſelben bloß durch Erbſchaft erhalten haben. *) Alle zum Gebrauche in den Wohnzimmern beſtimmte Mobilien, Mobiliareffekten, Gemälde, alles Gold⸗ und Silbergeſchirr gehören, wenn nicht ſolcher Beweis geführt wird, den Gläubigern zu, nur das nothwendige Weißzeug und die unentbehrlichen Kleider kann die Frau mit den Kindern für ſich in Anſpruch nehmen und ſoll mit den unentbehrlichſten ſonſtigen Mo⸗ bilien ſchon von den Syndiken in Beſprechung mit dem Commiſſär *) Das Geſetz von 1838, welches bezüglich der Rechte der Ehefrauen ſehr wenig an der ältern Geſetzgebung geändert, hat das Recht der Zurücknahme (1 droit de reprisc) weiter ausgedehnt auf alle Mobiltareffekten (effets mo- bili ers) der Frau. Art. 560 des neuen, Art. 554 des alten Geſetzes. m il Pe der m ſch u il Ne du u iht beut in ſiun benſe ind, un der Gin Geni viniim ſſhedn difun geheinth itergmi nicht un dieſe ⸗ duch b ; wit lann ni wen G Dimn⸗ ſie Veiznß ndiſltn t ihlin che i n ie, ali i gyin gwi in ſti ign P omiſi ſi wi ne le i eles w he. Falliment. 59 und mit Genehmigung des Gerichts auf Verzeichniſſe hin, der Fa⸗ milie des Falliten überlaſſen werden. Auch kann ihr auf dieſe Weiſe ein momentaner Alimentationsbeitrag aus den erlöſten Gel⸗ dern zuerkannt werden. In Bezug auf ihr ſonſtiges Mo⸗ und Im⸗ mobiliarvermögen haben die Frauen, wenn ſie nicht mit ihrem Manne ſich ſolidariſch haftbar gemacht haben, was natürlich alle ihre Vor⸗ rechte aufhebt, kein anderes Hypothekenrecht an dem Vermögen des fallirten Mannes als auch deſſen Immobilien, welche er zur Zeit der Heirath beſaß. III. Die Vertheilung des Erlöſes*) geſchieht nach Maaß⸗ gabe der Qualität der Gläubiger in verſchiedenen Akten. Die Pri⸗ vilegien- und Hypothekar⸗Maſſe wird geſondert vor der Chirogra⸗ pharmaſſe verhandelt. Geſchieht die Austheilung des Kaufpreiſes der Immobilien vor jener des Erlöſes aus den Mobilien, ſo haben bloß jene Hypothekargläubiger, die aus dem Kaufſchillinge der Im⸗ mobilien nicht völlig befriedigt wurden, nach Verhältniß ihrer Reſt⸗ forderung mit den Chirographargläubigern an der Chirographarmaſſe Antheil zu nehmen. Werden die Mobilien vor den Immobilien verkauft und der Erlös vertheilt, ſo haben die Hypothekargläubiger auch an dieſer Vertheilung nach Verhältniß ihrer ganzen Forderung Theil. Bleiben Gelder aus der Hypothekarmaſſe übrig, ſo werden ſie zur Chirographarmaſſe geſchlagen. Alle Vertheilungen geſchehen vor und durch den Commiſſär auf monatlich eingereichte Verzeich⸗ niſſe der Syndiken hin, welche die Lage der Maſſe und den Kaſſa⸗ vorrath darſtellen. IV. Die Immobilien werden unter Autoriſation des Commiſſärs durch die Syndiken der Union zur öffentlichen Veräußerung gebracht unter den Förmlichkeiten, die bei Veräußerung von Mündelgut vor⸗ geſchrieben ſind; jeder Gläubiger kann ein Uebergebot Gurenchoère) binnen 8 Tagen nach geſchehenem Zuſchlage machen, welches in⸗ *) Das neue Geſetz (Art. 565 — 570) unterſcheidet ſich von dem alten (558 — 563) in dieſer Lehre nur dadurch, daß jenes auch die Rechte und das Intereſſe der außerhalb Frankreich wohnhaften Gläubiger berückſichtigt und für dieſelben lobenswerthe Fürſorge trifft. * 60 Handelsrecht. deſſen nicht geringer als ein Zehntel des Hauptpreiſes, wofür der Zuſchlag geſchehen iſt, ſeyn darf. *) V. Durch die Güter⸗Abtretung (cessio bonorum, vide Civilrecht Seite 122) wird der Schuldner nur vom perſönlichen Arreſte befreit; ſie hebt nicht die Anſprüche der Gläubiger auf das Vermögen auf, das der Fallit in der Folge erwerben mag. Die Zulaſſung zur Güterabtretung geſchieht nur durch gerichtliches Ur⸗ theil. Zur Wohlthat derſelben ſind unzuläſſig Bankerottirer, Stellio⸗ natäre, Diebe, Betrüger, Fremde, Verwalter, Depoſitarien, Vor⸗ münder und öffentliche Finanzbeamte.“**) VI. Iſt die Liquidation beendigt, ſo werden die Gläubiger, un⸗ ter welchen die Union beſteht, auf Betreiben der Syndiken vor dem Commiſſär zuſammenberufen; die Syndiken legen ihre Rechnungen ab, und was nun noch in der Maſſe übrig bleibt, macht den Ge⸗ genſtand der letzten Vertheilung aus. Alle während des Fallimentsverfahrens von Anfang bis zu Schluß ſich ergebenden Bedenken, Schwierigkeiten, Conteſtationen ꝛc. werden ſtets auf Bericht des Commiſſärs durch das Handelsgericht in öffentlicher Sitzung entſchieden. *) Nach Art. 573 kann nunmehr Jedermann und zwar 15 Tage lang ein Uebergebot machen, durch welche Verfügung die Controverſe beſeitigt wurde, ob die Art. 832 et seq. des Prozeſſes und Art. 2185 des Civilrechts nicht mit dem Art. 565 des alten Geſetzes über Falliment concurriren. Bezüglich der Geltendmachung von Anſprüchen der Civilgläubiger auf nicht verhypo— thekirte Güter ſiehe die erſte Note Seite 56. **) Nach der neuen Geſetzgebung iſt dem fallirten Handelsmann die Güterabtret⸗ ung nicht mehr geſtattet. (Art. 541). Die Befreiung vom perſönlichen Ar⸗ reſt erfolgt jetzt nur dann, wenn die Union den Falliten für entſchuldbar (Excusable) erklärt und dieſe Erklärung das Gericht auf Bericht des Com⸗ miſſärs beſtätigt hat. d fit l, ſitt minitn uf w . Di ihes l Stli , V ge, u vr Mn hunnn den Ge bis z onent. lgeitt lun in gt wn, cht ſit Beigit uhe ienbtt⸗ en ln uldbun e Con Falliment. 61 IV. Titel. Von Bankerotten. A. In folgenden Fällen ſoll ein fallirter Handelsmann wegen einfachen Bankerotts verfolgt werden: 1) Wenn die Ausgaben ſeines Hauſes, die er von Monat zu Monat in ſein Tagebuch einzutragen ſchuldig iſt, für übertrieben erkannt werden; 2) wenn dargethan wird, daß er große Summen im Spiele oder zu Operationen verbraucht hat, die bloß vom Zufalle abhangen; 3) wenn aus ſeinem letzten Inventar hervorgeht, daß, unge⸗ achtet ſein Aktivvermögen um fünfzig Prozent geringer als ſein Paſ⸗ ſivſtand war, er nichts deſtoweniger beträchtliche Summen lehnbar aufgenommen, und wenn er Waaren mit Verluſt, oder unter dem laufenden Preiſe wieder verkauft hat; 4) wenn er Kredit⸗Wechſelbriefe für eine Summe unterzeichnet hat, die, ſeinem letzten Inventar zufolge, dreimal ſo hoch iſt, als ſein Aktivvermögen; 5) wenn er die vorgeſchriebene Erklärung ſeiner Lage auf der Gerichtskanzlei nicht abgibt, oder ſich nicht zu den Verſammlungen der Agenten und Syndiken, trotz der Einladung, einfindet, ohne rechtmäßig verhindert zu ſein; oder nicht alle ſeine Bücher vorzeigt; oder wenn die Bücher unregelmäßig geführt ſind, jedoch keine An⸗ zeichen eines Betruges darbieten. *) Ueber den einfachen Bankerott erkennen die Zuchtpolizeige⸗ richte, und werden diejenigen, welche als einfache Bankerottirer *) Jetzt muß er wegen der unter 1 und 2 rubrizirten Fälle, dann wenn er nach Einſtellung der Zahlungen einen Gläubiger zum Nachtheil der Maſſe be⸗ zahlt, oder wenn er, um das Falliment zu verzögern, Einkäufe gemacht, die Waaren aber unter dem Preiſe wieder losgeſchlagen hat, wenn er ſogenannte Wechſelreiterei getrieben, wegen einfachen Bankerotts verfolgt worden. Wenn er dagegen neuerdings fallit erklärt wurde, ohne dem früher abgeſchloſſenen Conkordate Genüge geleiſtet zu haben, ſo wie in dem unter 3, 4, 5 aufge⸗ zählten Fällen, kann er nach umſtänden prozeſſirt oder auch mit der ſtraf⸗ rechtlichen Verfolgung verſchont werden. ? b — 3 62 Handelsrecht. überführt und erklärt worden ſind, mit einer Gefängnißſtrafe von mindeſtens einem Monate und höchſtens 2 Jahren beahndet. B. Jeder fallirte Handelsmann ſoll wegen betrüglichen Bankerotts verfolgt werden: 1) wenn er Ausgaben oder Verluſte angegeben hat, die in der That nicht ſtattgefunden haben; 2) wenn er irgend eine Summe Geldes, irgend eine Aktiv⸗ ſchuld, Waaren, Lebensmittel oder Mobiliargegenſtände bei Seite geſchafft hat; 3) wenn er falſche Verkäufe, falſche Händel oder falſche Schenk⸗ ungen gemacht hat; 4) wenn er zwiſchen ſich und erdichteten Gläubigern heimlich verabredete Paſſivſchulden gemacht hat; 5) wenn er einen beſondern Auftrag erhalten, oder Geld, Handelseffekten, Lebensmittel oder Waaren in Verwahr genommen, und, den aus dem Vollmachts⸗ oder Hinterlegungscontrakte ent— ſpringenden Pflichten zuwider, die Fonds, oder den Werth der Ge⸗ genſtände, die in der Vollmacht oder der Hinterlegung begriffen waren, zu ſeinem Nutzen verwendet hat; 6) wenn er Immobilien oder Mobiliargegenſtände angekauft und ein anderer ſeinen Namen dazu hergeliehen hat; 7) wenn er ſeine Bücher verborgen hat; 8) wenn er keine Bücher geführt, oder aus ſeinen Büchern nicht erſichtlich iſt, wie es mit ſeinen Aktiv⸗ und Paſſivſtande wahr⸗ haft beſchaffen ſei; 9) wenn er ein ſicheres Geleit erhalten und ſich vor Gericht nicht geſtellt hat. *) Die betrüglichen Bankerotte werden vor den Criminalgerichts⸗ höfen verfolgt und ſind mit der Strafe der Zwangsarbeit auf be⸗ ſtimmte Zeit (fünf Jahre bis zwanzig Jahre) bedroht. In den Fällen, in welchen wegen einfachen oder betrügeriſchen Bankerotts Unterſuchung gepflogen wird, geht unbehindert das Ver⸗ *) Das Geſetz von 1838 hat dieſe Fälle auf 3 reducirt, nämlich, wenn er ſich der Handlungen, die in den Rubriken 2, 7 und 4 vorgeſehen ſind, ſchuldig gemacht hat. ſe glhe „die eNMi i Siih E hein r G, umn e u der e epifn ngeiuf ichen ewhr Geih eiht uf b⸗ viſte 6 Ve enſi ſtuhi Falliment. 63 fahren, wie bei gewöhnlichen Fallimenten, vor dem Handelsgerichte fort, und die Civilklagen bleiben abgeſondert. Nur haben die Syn⸗ diken den Staatsprokuratoren die Akten⸗ und Beweisſtücke, Papiere und Renſeignements, die zur Unterſuchung nöthig ſind, und von ihnen gefordert werden, mitzutheilen. V. Titel. Von der Rehabilitation. Ein Fallit, der nachweiſt, daß er alle Gläubiger befriedigt hat, kann durch den Appellhof in ſeine vorigen Rechte auf ſchriftliches Geſuch wieder eingeſetzt werden. *) Dieſes Geſuch wird zuvor öf⸗ fentlich bekannt gemacht und jeder unbefriedigte Gläubiger kann ge⸗ gen die Rehabilitation Oppoſition machen. Das Rehabilitations⸗ Urtheil wird öffentlich bekannt gemacht, im Sitzungsſaale verleſen und in die Regiſter der Handelsgerichte eingetragen. Einfache Ban⸗ kerottirer können nach erſtandener Strafe, wenn ſonſt die Umſtände dafür ſprechen, rehabilitirt werden. Betrügeriſche Bankerottirer, Stellionatäre, Diebe, Verwalter, Vormünder, Depoſitäre, Preller c. dagegen niemals. Nur ein rehabilitirter Handelsmann darf ſich, wenn er zuvor fallirt hatte, wieder auf der Börſe einfinden. Kein Fallit wird vor ſtattgehabter Rehabilitation auf dieſelbe zugelaſſen. *) Das Geſetz von 1838 hat in Art. 614 ausdrücklich verfügt, daß ein Fallite auch nach ſeinem Tode zu Gunſten der Wittwe und der Kinder rehabilitirt werden kann, was allerdings auch früher in Folge einer humanen Jurisprudenz geſchah. N Piertes Buch. Von der Handelsgerichtsbarkeit. Art. 615 — 648 c. d. e. I. Handels⸗ und Fabrikgerichte. Wir haben in der Gerichtsverfaſſung Seite 52 und folgende die Geſchichte, die Organiſation, die Jurisdiction und Kompetenz der Handelsgerichte behandelt, müſſen daher, um zweckloſe Wiederholun⸗ gen zu vermeiden, dorthin zurückverweiſen, und wollen nur daran er⸗ innern, daß überall, wo es eigene Handelsgerichte gibt und die Erſtinſtanzgerichte nicht als ſolche fungiren, die Handelsrichter aus dem Schooße der Kaufmannſchaft mittelſt freier Wahl hervorgehen, daß ſie, wie ihre Präſidenten, auf die Dauer von zwei Jahren ge⸗ wählt werden, daß vom Monarchen ihre Wahl beſtätigt wird, daß ſie Dienſteseid leiſten und Amtskleid tragen, daß ſie ohne Bezahlung oder Entſchädigung amtiren und daß die Gerichtſchreiber an den Handelsgerichten von der Regierung ernannt werden und beſol⸗ det ſind. Wir haben dort auch in Kurzem und nur in einer Note der Fabrikgerichte (conseils des prud'hommes fabricants) ge⸗ dacht, und wollen nun dieſes Juſtitut, das gleichfalls zur Hebung, Förderung und zum Schutze des Handels in's Leben gerufen wurde, und mit den Handelsgerichten Vieles gemein hat, näher betrachten. Das erſte Fabrikgericht war eine Schöpfung des Kaiſers Na⸗ poleon; er conſtituirte daſſelbe zu Lyon 1806, gleichſam wie ein Friedensgericht zur Schlichtung der Händel der Fabrikanten, wie ſich ſln Nten du dechohn⸗ darn t md i hin u vorhn hrn 9⸗ ith di ezehin an d d be ner Nu nt) g Hon truchen us N wie in vi ſi Handelsgerichtsbarkeit. 65 ſehr gut Napoleon III. in den „Napoleoniſchen Jeen“ Seite 45 ausdrückt. Das Inſtitut bewährte ſich ſo gut, daß bald eine große Anzahl ſolcher Fabrikgerichte in den bedeutendern Fabrikſtädten ent⸗ ſtunden. Vor acht Jahren war bereits ihre Zahl auf 80 geſtiegen, da die Regierung berechtigt iſt auf den Grund des Geſetzes vom 18. März 1806 und des Dekrets vom 11. Juni 1809 ſolche überall, wo ſie es für zweckmäßig findet, zu konſtituiren. *) Vor der Revo⸗ lution beſtunden ſchon ähnliche Einrichtungen, aber nicht in ſo voll⸗ endeter Organiſation, wie z. B. in Lyon, und dieſe dürfen als die erſten Anfänge des Inſtitutes überhaupt, wie es Napoleon ent⸗ wickelt hat, betrachtet werden. Der Zweck der Fabrikgerichte iſt, Organiſation und Disciplin den Fabrikgeſellſchaften zu geben, die Differenzen zwiſchen Fabrikan⸗ ten ſelbſt, zwiſchen ihnen und den Fabrikarbeitern ſchnell und mög⸗ lichſt koſtenlos zu ſchlichten und den ſogenannten Strikes, die in England eine ſo große Rolle ſpielen, im Intereſſe der allgemeinen Ruhe und Sicherheit vorzubeugen. Die Mitglieder der Fabrik⸗ gerichte werden frei gewählt in Generalverſammlungen, welche aus Fabrikanten und Fabrikarbeitern beſtehen und auf Einberufung des betreffenden Präfekten zuſammentreten. Wahlfähig ſind Alle, welche 21 Jahre alt, Inländer ſind und ſeit ſechs Monaten in dem Gerichtsſprengel domizilirt ſind; außerdem dürfen ſie nicht im Fallimentszuſtande noch wegen unehren⸗ hafter Handlungen beſtraft worden ſeyn. Wählbar ſind Alle, welche 25 Jahre alt und im Gerichts⸗ ſprengel ſeit einem Jahre domizilirt ſind, leſen und ſchreiben kön⸗ nen, nie wegen unehrenhafter Handlungen beſtraft wurden und ſich nicht im Fallimentszuſtande befinden. In zwei getrennten Verſammlungen wird dann zur Wahl ge⸗ ſchritten. In der erſten wählen unter dem Vorſitze des Präfekten *) Belgien iſt dem Beiſpiele Frankreichs gefolgt und hat conseils des prud- hommes in Gent, Brügge, Antwerpen, Brüſſel, Löwen, Courtrai, Oſtende, Lokeren, Renaix, Saint⸗Nicolas, Mons, Charlervi, Tournay, Lüttich, Ver⸗ viers, Arlon und Namür. (Dekret vom 10. Dezbr. 1839 auf den Grund der Organiſationsdekrete vom 11. Juni 1809, 3. Auguſt und 3. Septem⸗ ber 1810.) W. Handelsrecht. 5 66 Handelsrecht. oder des von dieſem deſignirten Suppleanten des Friedensrichters 1) die patrons (eigentliche Fabrikherren, welche Stoff und Muſter den Arbeitern zum Verarbeiten liefern und den Verkauf des Fabri⸗ kats betreiben); 2) die chefs d'ateliers (Vorſteher der Werkſtätten, welche nicht ſelbſt Handel treiben, ſondern für die Patronen arbei⸗ ten laſſen); 3) die contre-maitres (Leiter der Arbeit als Bevoll⸗ mächtigte der Patronen oder der chefs d'atelier). In der zweiten wählen unter dem Vorſitze des Friedensrichters ſelbſt die ouvriers patentés (welche in ihrer Behauſung für die Fabrikherren arbeiten) und die compagnons (die eigentlichen Fabrikarbeiter). Die Wahlen finden jährlich ſtatt, wobei immer ein Drittheil der Richter austreten muß; unter die Richter darf nicht weniger als ein Viertheil der Fabrikherren, Patronen, Chefs gewählt werden. Die Zahl der Mitglieder der Gerichte muß eine gerade ſeyn, nie unter ſechs, nie über ſechsundzwanzig betragen, im übrigen ſich nach den Bedürfniſſen der Gegend richten und wird durch das Einführungsdekret jedesmal beſtimmt. Dieſe Richter werden nicht von dem Staatsoberhaupt inſtituirt, beziehen keine Beſoldung und keine Diäten, tragen kein Amtskleid, leiſten aber den Eid in die Hand des Präfekten. Ihre Sitzungen werden von Präſidenten oder Vicepräſidenten geleitet, welche aus den Mitgliedern des Gerichts durch die Wahl⸗ verſammlung immer auf drei Monate gewählt werden. Nach Ab⸗ lauf dieſer Zeit müſſen ſie in die Reihe der übrigen Richter wieder zurücktreten, können aber nach Verlauf der nächſten drei Monate wieder gewählt werden. Der Gerichtsſchreiber Gecretaire) wird von dem Gerichte außer⸗ halb ſeines Kreiſes gewählt. Er wird bezahlt, hat den Eid zu lei⸗ ſten, aber keine Dienſtescaution zu ſtellen. Seine Funktionen ſind ähnlich denen der Gerichtsſchreiber an andern Gerichten. Außer Greffegebühren bezieht er wenigſtens 1000 Franken Gehalt. Im nöthigen Falle kann ihm ein beeidigter und beſoldeter Ge⸗ hülfe, commis, beigegeben werden. Audienz⸗Gerichtsboten wählt das Gericht ſich gleichfalls aus der Zahl der gewöhnlichen Huiſſiers des Orts und beſoldet und be⸗ eidigt ſie. N — — idihn un M f d ſlh Puffin tonen whi als Pul det ſwin die ounin ten ubin in Dithi wuin t wede gerie in in itin dh w pi iniu Mntlh yridun i W ſh her vin ri M iht u 6duli tienn ſn n A l. edern b ls m m bo Handelsgerichtsbarkeit. 67 Sachwalter und öffentliches Miniſterium finden ſich dagegen an den Fabrikgerichten ſo wenig, wie an den Handelsgerichten. Die Prozedur iſt ſo ziemlich wie dieſelbe an den Handels⸗ gerichten, einfach und formlos. Die Parteien erſcheinen perſönlich, nur im Falle von Abweſenheit oder Krankheit durch Bevollmächtigte. Dieſe letztern dürfen nie aus dem Stande der Juriſten gewählt ſeyn. Der Natur der Sache nach erſtreckt ſich die Kompetenz dieſer Gerichte auf die Angelegenheiten ihrer Standesgenoſſen in civilrecht⸗ licher, polizeigerichtlicher und adminiſtrativer Beziehung. Berufungen von ihren Urtheilen gehen an das nächſte Han⸗ delsgericht. In Rechtsſtreitigkeiten kann die Appellation nur ein⸗ gelegt werden, wenn der Streitgegenſtand mehr als 100 Franken Werth beträgt. Auch haben die Fabrikanten ein Vergleichsbureau, komponirt aus einem Patron und einem Arbeiter, vor welchem zuerſt die Par⸗ teien zur gütlichen Beilegung ihrer Differenzen zu erſcheinen haben, und welches den Namen bureau particulier hat. Kömmt kein Ver⸗ gleich zu Stande, ſo werden ſie an das bureau général verwieſen, das eigentliche Gericht, das zur Hälfte aus Patronen, zur Hälfte aus Arbeitern, wo möglich mindeſtens aus acht Mitgliedern be⸗ ſtehen muß. Das Vermittlungsamt hat wöchentlich wenigſtens eine Sitzung, das Gericht monatlich wenigſtens zwei Sitzungen zu halten. Außer dieſen conseils des prud'hommnes fabricants gibt es auch des prud'hommes pécheurs in mehreren Seeſtädten, nament⸗ lich zu Marſeille. Sie haben die Händel in Beziehung auf den Fiſchfang und Fiſchhandel zwiſchen den Fiſchern und den Patronen derſelben zu ſchlichten, die Aufführung dieſer Leute zu überwachen und Verbeſſerungen vorzuſchlagen und einzuführen. Wahl, Organi⸗ ſation, Prozedur ꝛc. iſt ſo ziemlich dieſelbe, wie bei den andern conseils. Die Schiedsgerichte der Handelsleute ſind im I. Buche Seite 13. ſchon erörtert worden. u. Verfahren vor den Handelsgerichten. Das rechtliche Verfahren vor den Handelsgerichten geſchieht, wie wir ſchon mehrmals erwähnt haben, ohne Dazwiſchenkunft von 5 * „ 68 Handelsrecht. Anwälten und iſt, wie aus der Einleitung zu dieſem Hefte noch er⸗ innerlich, aus dem dort angegebenen Grund im Civilprozeß von Artikel 414 — 442 enthalten. Daſſelbe iſt ſo einfach und koſtenlos als möglich angeordnet und deshalb höchſt zweckmäßig. Die Par⸗ teien erſcheinen in Perſon oder durch Bevollmächtigte, tragen ihre Angelegenheiten mündlich vor und die ganze Prozedur, welche kei⸗ nen Schriftenwechſel geſtattet, iſt ſummariſch. Die Erſcheinung fin⸗ det auf Vorladung ſtatt; dem Beklagten iſt wenigſtens ein freier Tag geſtattet. In dringenden Fällen kann jedoch der Präſident durch Ordonnanz die Erlaubniß ertheilen, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde vorzuladen, die Mobiliarſchaft des Beklagten mit Arreſt zu belegen, aber auch dem Kläger auferlegen, Kaution zu leiſten oder zu beweiſen, daß er Zahlungsmittel beſitzt. Auch in den Sitzungen der Handelsgerichte iſt das Prinzip der Oeffentlichkeit gewahrt. Das Publikum wie die Parteien haben jederzeit Zutritt in die Gerichtsſäle und findet ſich in jedem derſelben ein eigener Raum hiefür vor. Im Uebrigen iſt die äußere Erſchein⸗ ung der Sitzungen der Handelsrichter ziemlich dieſelbe, wie die, welche die Bezirksgerichte darbieten, mit der Ausnahme jedoch, daß keine Beamten des öffentlichen Miniſteriums in den erſtern zugegen ſind. Die Richter ſitzen auf einer Eſtrade an einem länglicht viereckigen Tiſche, zu ihrer Rechten an einem kleinern Tiſche der Gerichtsſchrei⸗ ber; der Präſident nimmt ſeinen Platz in der Mitte der Richter, welche ſich nach ihrem Dienſtesalter rechts und links an ihn anreihen. Vor der Eſtrade befindet ſich der Audienzhuiſſier, dem gleichfalls ein Tiſchchen oder ein Pult beigegeben iſt. Das geſammte Perſonal er⸗ ſcheint in dem vorgeſchriebenen Amtskleide, wie Heft I. Seite 53 dargeſtellt iſt. Die Urtheile werden in gleicher Weiſe geſchöpft, wie bei den Bezirksgerichten, alſo entweder ſogleich durch ſtille Umfrage des Präſidenten, durch kurze Entfernung in die Rathskammer und Deliberation dort, oder in einer kurzen Friſt, gewöhnlich von acht Tagen, binnen welcher Zeit die Sache in der Rathskammer genauer geprüft und verhandelt wird. Im Uebrigen gelten die Beſtimmungen des Verfahrens vor den Bezirksgerichten auch bei der Abfaſſung und Ausfertigung der Urtheile, bezüglich der contradiktoriſchen und Defauturtheile, der Interlocute 1c. — — — — ſe whe hu d hſen Di h tuyn jn wlhe ji imng jt ein fin Piſin Ig m flgin n ſuinz Rtith d ien hhn ndeſlhn e Eiſtin di, h diß ſin hen ſi vini ihtſihn rihtn uih öfnm por d Mtheil lorut Handelsgerichtsbarkeit. 69 Wenn das Handelsgericht auf Zeugenbeweis erkennt, ſo wird derſelbe ganz ſo geführt, wie in ſummariſchen Civilſachen. Die Zeu⸗ gen werden alſo in der Sitzung abgehört und ihre Ausſagen nur ſummariſch vom Gerichtsſchreiber vorgemerkt; iſt die Sache jedoch appellabel, ſo führt derſelbe ein Protokoll, in welches er die Aus⸗ ſagen aufnimmt und von den Zeugen unterzeichnen läßt. Die Handelsgerichte können befehlen, daß ihre Urtheile, der Appellation unbehindert, ſelbſt ohne Caution proviſoriſch voll— ſtreckt werden, inſofern die Klage auf einer unbeſtrittenen Ur⸗ kunde beruht oder auf einer vorgängigen Verurtheilung, wovon nicht appellirt wurde; in den übrigen Fällen kann die proviſoriſche Voll⸗ ſtreckung nur gegen Kaution, oder wenn der Kläger hinlängliche Zahlungsmittel nachweist, angeordnet werden. Da die Jurisdiktion der Handelsgerichte eine erzeptionelle iſt, demnach auch stricto jure zu interpretiren, ſo kann denſelben nicht geſtattet ſeyn, 1) über die Vollziehung ihrer Urtheile zu erkennen (Art. 442 2) die verification d'ecriture einer nicht anerkannten, abge⸗ läugneten oder als falſch angegriffenen Urkunde vorzunehmen; ſie ſind in dieſen Fällen genöthigt, die Sache als Incidentpunkt an das kompetente Civilgericht zu verweiſen und das Erkenntniß in der Hauptſache bis zur Entſcheidung der Incidentſache zu ſuspendiren (At. 6 4 6 Auch den Handelsrichtern ſteht das Recht zu, in allen Fällen, wo ſie es für gut und nöthig finden, von Amtswegen die Vernehm— ung der Parteien im Audienzſaale oder in der Rathskammer anzu⸗ ordnen, um ſich auf den Grund der gegenſeitigen Erklärungen Auf⸗ klärung zu verſchaffen. Sie dürfen zum Zwecke ſolcher Vernehm⸗ ungen auch einen Richter aus ihrer Mitte als Kommiſſär, oder ſelbſt einen Friedensrichter delegiren. Eigene Appellations⸗Handelsgerichte gibt es, wie wir in der Organiſation geſehen haben, nicht. Die Berufungen müſſen vor die ordentlichen Appellhöfe gebracht werden. Dort werden ſie nach der Beſtimmung des Artikels 648 des Handelscodex ſo eingeleitet und 70 Handelsrecht. abgeurtheilt, als wenn es Berufungen von Urtheilen wären, die in ſummariſchen Sachen erlaſſen worden. Die Appellation kann nur eingelegt werden, wenn der Haupt⸗ gegenſtand der Klage die Summe von 1000 Franken überſteigt. Es iſt gleichgültig dabei, ob das Handelsgericht ſein Urtheil als ein in letzter Inſtanz oder mit Vorbehalt der Berufung erlaſſenes charakteriſirt hat. Die Berufung muß binnen drei Monaten ergriffen werden. Die Friſt läuft bei contradiktoriſchen Urtheilen vom Tage der Inſi⸗ nuation des Urtheils an, bei Defauturtheilen vom Tage an, wo die Oppoſitionsfriſt verſtrichen iſt. Letztere iſt, vom Tage der Inſi⸗ nuation des Contumacialsurtheils an, auf acht freie Tage firirt, wie in Civilſachen. Auch hat man hier das defaut-congé, wenn der Kläger nicht erſcheint, ſowie das gewöhnliche defaut, wenn der Be⸗ klagte ausbleibt, ganz wie im Civilprozeß. en, di u hu ibei il a in uluſ n we. der In⸗ der Iſ e fi, wenn nder Anhang. I. Die Geſetzgebung über den perſönlichen Arreſt als Crekutionsmittel in Handelsſachen. Wir haben im Civilrechte geſehen, daß in der Regel und zuerſt die Güter des Schuldners das gemeinſame Pfand ſeiner Gläubiger ſind, welche das Recht haben, ſie zum Verkauf zu bringen und ſich aus dem Erlös bezahlt zu machen, daß aber auch in gewiſſen Fällen dem Gläubiger das rigoroſere Recht zuſteht, durch perſönliche Haft (contrainte par corps) des Schuldners denſelben zur Er⸗ füllung ſeiner Verbindlichkeiten zu zwingen. Dabei war ſchon er⸗ wähnt worden, daß zu Gunſten des Handels, eines ſichern und raſchen Verkehrs, einer noch mehr garantirten baldigen Vollziehung der Verbindlichkeiten die Geſetzgebung ſchon der frühern Zeiten den Gebrauch und die Anwendung dieſes harten Exekutionsmittels in weit ausgedehnterem Maßſtabe, ja über alle Verbindlichkeiten in dieſer Materie erſtreckend bewilligt hat. Wir erinnern hier an den 16ten Titel des 3. Buches des Ci⸗ vilrechts Seite 153 und an das 24ſte Kapitel des Civilprozeſſes Seite 114. Die Verhaftung des Schuldners kommt ſchon in den älteſten Zeiten vor, bei den Römern und in den erſten Zeiten der fränkiſchen Geſetze bis zur ſcheußlichſten Barbarei getrieben. Philipp der Schöne unterſagte dieſes Recht, wenn es ſich um private Schulden handelte und der Schuldner nicht ausdrücklich ſich demſelben unter⸗ worfen hatte, aber die Ordonnanz von Moulins dehnte 1556 72 Handelsrecht. die Haft wieder auf jede Art civilrechtlicher Verurtheilung aus; die . Ordonnanz von 1667 ſchränkte dann wiederum dieſelbe in civilrecht⸗ * lichen Sachen auf wenige Fälle ein; die Ordonnanz von 1673 *) aber machte ſie zu einem gemeinrechtlichen Exekutionsmittel in faſt allen Handelsſachen; ingleichen die Ordonnanz von 1681 **), be⸗ m züglich des Seehandels. Der Nationalconvent hob dieſe Geſetze wieder auf, aber bald wurden it ſie wieder durch das Geſetz vom 24. Ventöſe V. hergeſtellt. Auf dieſes folgte b das Geſetz vom 15. Germinal VI., welches den beſondern Zweck hatte, K die Exekutionsmittel zu reguliren, und dann das vom 4. Floréal VI., 5 welches die Verhältniſſe der Ausländer den Franzoſen als Gläubi⸗ u gern gegenüber ordnete und zwar in Beziehung auf Handelsſachen. Letzteres Geſetz wurde durch das Geſetz vom 10. September 1807 in Betreff der Ausländer vervollſtändigt. u Durch das Geſetz vom 17. April 1832 endlich wurde die ganze Lehre in dieſer Materie in billiger und humaner Weiſe mo⸗ d difizirt und namentlich durch Artikel 46 desſelben die Geſetze vom 15. Germinal VI., vom 4. Floréal desſelben Jahres und 10. Sep⸗ v tember 1807 abgeſchafft. ***) ſ Aber auch nach dieſem letzten Geſetze wurde die perſönliche oder körperliche Haft für alle Handelsverbindlichkeiten zu Gunſten und *) Tit. 7. Die, welche Wechſel oder Billete unterzeichnet haben, können durch körperliche Haft gezwungen werden, ingleichen die, welche einen Aval geleiſtet haben ꝛc., überdieß alle Handelsleute und Kaufleute, welche Scheine unter— zeichnet haben über erhaltene Waaren oder empfangenen Werth; die Haft ſoll auch ſtattfinden zur Vollziehung der Verträge im Seehandel als bei Bodmerei Charta⸗Parthie, Kauf und Verkauf von Schiffen, Rhederei und Schifferlohn. **) Tit. 13. Die Urtheile, erlaſſen wegen Handels mit Schiffen, Rhederei, Noli, Schiffslohn, Verſicherungen, Bodmerei und ſonſtigen Verträgen über Seehandel und Meerfiſcherei, find mittelſt körperlicher Haft vollziehbar. Aus dem Geſetze vom Jahr 1832 ſind ſpeziell für Handelsmaterien anwend⸗ bar: Tit. 1. Art. 1 — 6 Tit. 4. Art. 19 — 32 inclus. Der erſte Artikel lautet in der Ueberſetzung: Die Verurtheilung bei körperlicher Haft wird aus⸗ geſprochen, vorbehaltlich der ſpäter beſtimmten Ausnahmen und Modifikationen, gegen Jedermann, welcher wegen einer Handelsſchuld im Betrag von zweihundert Franken und darüber hinaus verurtheilt wird. u 1 ilu n 16¹) adwn iſ iht wei ha. lünll Gliu delſn ber 190 wure Weiſ n ſee bn 2 10. S ulihe an un m zun in lu glt hin un ie he ſl i Ponn iifuon deni E en uum ſe il twih u tiſnin heirng u Perſönliche Haft ꝛ.. 78 zum Schutze des Verkehrs aufrecht erhalten *), wenn die Summe, welche geſchuldet wird, 200 Franken und darüber beträgt. Früher, wie jetzt noch in der Rheinpfalz, war in allen Handelsſachen un⸗ bedingt, die Summe mochte noch ſo gering ſeyn, die körperliche Haft anwendbar. Ferner darf nach dem Geſetze von 1832 die körperliche Haft nicht mehr Platz greifen, auch in Handelsſachen, wenn es ſich um Weiber und Mädchen handelt, die nicht als öffentliche Handelsfrauen gelten, oder um Minderjährige, die keinen Handel treiben, oder um Wittwen und Erben von Perſonen, welche der Handelsgerichtsbarkeit unterliegen. Auch gegen 70 jährige Perſonen kann die Haft nicht mehr voll⸗ zogen, oder wenn ſie in Haft ſind, über das 7oſte Lebensjahr hin⸗ aus nicht fortgeſetzt werden. Endlich wurde die Dauer der Haft in den verſchiedenen Fällen durch die neueſte Geſetzgebung bedeutend abgekürzt. Ueber den Vollzug dieſes Exekutionsmittels aber bitte ich, das 24ſte Kapitel des Civilprozeſſes Seite 114 nachzuleſen, da die⸗ ſelben Vorſchriften auch in Handelsſachen ihre Geltung haben. *) Es iſt nirgends in den hieher gehörigen ältern Geſetzen ausdrücklich geſagt, daß auch für die Koſten in einer ſtreitigen Handelsſache die Contrainte aus⸗ zuſprechen wäre, weßhalb die Jurisprudenz und viele Rechtslehrer der Anſicht ſind, daß für die Koſten dieſelbe nicht ſtattfinden dürfe, da die Beraubung der perſönlichen Freiheit als ein höchſt exceptionelles und rigoroſes Geſetz nicht über die wörtliche Beſtimmung des Geſetzes ausgedehnt werden könnte. Andere ſind der Meinung, die Koſten als Acceſſorium der Hauptſache, des Kapitals ſeyen auch in dieſer Materie in gleicher Berechtigung, wie in dem ganzen übrigen Rechtsſyſteme, in dem bekanntlich der Satz gilt: accessorium sequitur prin- cipale. In der eminenten Mehrzahl der Fälle wird indeſſen dieſe Contro⸗ verſe als eine ziemlich müßige und unpraktiſche erſcheinen, da nach Art. 798 und 800 des Civilprozeſſes der Schuldner nur dann in Folge der Zahlung aus dem Gefängniſſe entlaſſen werden darf, wenn er Kapital, Zinſen, liqui⸗ dirte Koſten und Arreſtkoſten zuvor entrichtet hat. Der Art. 23 des Geſetzes vom 17. April 1832 ſpricht ſich übrigens, inſoweit es die neuere Ge⸗ ſetzgebung angeht, ſehr klar und beſtimmt für die bejahende, das heißt für die Anſicht derer aus, welche auch die Contrainte für die Koſten angewendet wiſſen wollen, „ * 74 Handelsrecht. in II. Die Geſetzgebung über Priſen, Raperei und Piraterie. ſ Obgleich das Meer allen Menſchen gemeinſam, keinem als ſpe⸗ zielles Gut gehört, auf das er beſondere Rechte hätte, iſt dennoch 1 ſeit uralten Zeiten die Barbarei herrſchend geweſen, daß eine Nation, ſi welche mit einer andern in Krieg geräth, es für erlaubt hält, ſich li auf der See aller Schiffe, Fahrzeuge der Angehörigen der feindlichen 1 Nation, wenn ſie auch nicht zum Kriegsdienſte verwendet werden, ſammt den darauf befindlichen Waaren, Effekten und allem Zugehör z zu bemächtigen und als gute Beute zu behalten. Dieſe Befug⸗ t niß, Räuberei auf dem Meere zu treiben, übt der betreffende Staat in der Regel in der Weiſe aus, daß die Regierung desſelben den Angehörigen und Unterthanen die Erlaubniß mittelſt ſogenannter Kaperbriefe Cettres de marque) ertheilt, Kaperei zu treiben ſe (faire la course), das heißt alle der feindlichen Nation gehörigen . Schiffe zc. mit Allem, was ſich darauf befindet, zu erbeuten. ſi Diejenigen nun, welche ſolche Räuberei als Kriegsrecht und ſt mit Bewilligung der Regierung auf den Grund erhaltener ( Kaperbriefe treiben, werden Corſaren genannt (corsaires), ſind 4 alſo bedeutend von jenen unterſchieden, die Piraten heißen, und welche aus dem Raube auf dem Meere, zu Friedens⸗ und zu Kriegszeiten, ohne Autoriſation einer Regierung ihr ge⸗ wöhnliches Geſchäft machen. Die Letztern ſtehen außerhalb des Völ⸗ kerrechts, können durch alle Nationen verfolgt und vor den Gerichten d aller Nationen abgeurtheilt werden nach den Geſetzen der betreffenden —— 6 Nation. *) Ihre Schiffe wegzunehmen iſt im Kriege wie im Frieden nicht allein ein Recht ehrlicher und anſtändiger Schiffe, ſondern auch, wenn möglich, eine Pflicht, insbeſondere für Kriegsſchiffe und ſonſtige ſeemilitäriſche Fahrzeuge. Man darf demnach nicht die Corſaren mit den Piraten identifiziren, wenn es auch öfter geſchieht, daß Corſaren —— *) In Frankreich erkennen die Seetribunale (les tribunaux maritimes) über Verbrechen der Seeſoldaten auf Schiffen, Werften, in Seearſenalen und über Piraterie, mit Vorbehalt in letzterer Beziehung der Ausnahmen, welche die Art. 17 und 19 des Geſetzes vom 10. April 1825 über Piraterie feſtgeſtellt haben. Dieſe Tribunale ſind zwar nicht permanent, werden aber nach geſetz⸗ lichen Beſtimmungen componirt und berufen. —— pirur mab ſo i du ne Min hit, i fiwlin et we nui iſe Iii de Sin ſelhn geumn zu wi gehiihn n. rehtw halun re ſo ſen, w und 1 Grihn wfn nßin denu ſni ſnn byjmn ne) in ind ib wliti ſin u viß Piraterie. 75 ihre Inſtruktionen und die Bedingniſſe ihres Kaperbriefs nicht ein⸗ halten und ſo Piraten oder eigentliche Seeräuber werden. Die franzöſiſche Regierung hatte ſchon mehrmals die übrigen europäiſchen Seemächte eingeladen, die Kaperei für immer aufzu⸗ heben, allein erſt durch die fünfte Akte des Pariſer Congreſſes vom 16. April 1856 iſt dieſelbe beſeitigt worden durch die Beſtimmung: la course est et demeure abolie. Nach den Beſtimmungen der Ordonnanz von 1681 in ihrem Titel III., ferner nach dem Réglement vom 26. Januar 1778, wel⸗ ches die Ordonnanz modifizirte und nach einem Arréte vom 2. Prairial XI verhielt es ſich mit der Kaperei folgendermaſſen: Nur mit Bewilligung der Staatsregierung auf den Grund ſo⸗ genannter Kaperbriefe (ettres de marque), welche der Marinemini⸗ ſter ertheilte, konnten Privatleute Kaperei treiben und Priſe machen. Allen Staatsangehörigen war es verboten, ohne Regierungserlaub⸗ niß im Dienſte und unter der Flagge eines auswärtigen Staates ſich zur Kaperei zu engagiren. Der, welcher das Schiff ausrüſtete q'armateur) konnte auch dasſelbe befehligen als deſſen Kapitain, aber ebenſo gut konnten zwei verſchiedene Perſonen Ausrüſter und Kapitain ſeyn. Der Armateur mußte eine Caution, früher von 15,000 Livres, ſpäter von 37,000 bis 74,000 Franken, je nach der Größe der Schiffsequipage, ſtellen, welche für die gute Aufführung des Kapitains und des Schiffsvolks zu haften hatte. Die Deſertion dieſes letztern wurde mit ſehr empfindlichen Strafen geahndet, der Erlös aus dem Schiffe und den Waaren, welche ſie erbenten durf⸗ ten, wurde zwiſchen Armateur und Schiffsequipage getheilt. Außer⸗ dem hatte Kapitain und Mannſchaft noch eine beſondere Prämie für einen jeden Gefangenen, den ſie machten, und für jede Kanone, welche ſie erbeuteten. Gegen⸗Kaperbriefe Cettres de contre- warque) wurden jene Erlaubnißſcheine genannt, welche gegen die Nation ertheilt wurde, die bereits Kaperbriefe ausgegeben hatte. Da die Corſaren, ſo wie die Schiffe, welche denſelben entgehen wollen, verſchiedene Flaggen bei ſich fuͤhren, um den Feind zu tãu⸗ ſchen, ſo bedienen ſich die Corſaren, wenn ſie eines Schiffes auf dem Meere anſichtig werden, der ſogenannten Aufforderung, se⸗ monce, entweder mittelſt des Zurufs oder indem ſie auf das Schiff v 76 Handelsrecht. eine nur mit Pulver geladene Kanone abfeuern, blinden Schuß thun. Das Schiff, welches dieſe Aufforderung erhalten hat, muß, mag es ein feindliches, ein neutrales oder ein freundliches ſeyn, ſofort die Segel ſtreichen, ſeine Schaluppe in See ſetzen und an Bord des Schiffes, welches die Einladung erließ, ſeine Papiere bringen. Auch kann der Commandant dieſes letztern das angerufene Schiff ſelbſt viſitiren und an Bord desſelben ſich begeben, oder einige ſeiner Leute zur Durchſuchung in einer Schaluppe dahin beordern. Wenn das ſemoncirte Schiff ſeine Segel nicht ſtreicht, ſteht es dem Corſaren zu, dasſelbe mit Gewalt hiezu anzuhalten, und wenn es fliehen will oder Widerſtand leiſtet, ſich desſelben als gute Beute (bonne prise) zu bemächtigen. Die Regierung kann auch, um Repreſſalien zu üben, das heißt, um ſich Revanche zu nehmen für Schaden, den ein anderer Staat ſeinen Unterthanen zufügte, Kaperbriefe bewilligen. Als gute Priſe nun erklärte der 4. Artikel, Titel 9 der Or⸗ donnanz alle feindlichen und Piraten⸗Schiffe. Selbſt die Waaren, die Franzoſen oder ihren Alliirten gehören, ſind als gute Priſe zu betrachten, wenn ſie auf feindlichem Schiffe gewonnen werden, nach dem Satze: robbe d'ennemi confisque robbe d'ami; das italieniſche Wort robba bedeutet Gut jeder Art, Waaren, Gel⸗ der, Kleider, Metalle ꝛc. Unter feindlichen Schiffen ſind Kriegs⸗, Staats⸗ und Kauffahrteiſchiffe jeder Gattung zu verſtehen. Nach Art. 6 der Ordonnanz ſind als feindliche Schiffe auch ſolche anzu⸗ ſehen, welche keine Charte⸗parthie, Conneſſement oder Faktura auf⸗ weiſen können. Wenn fremde, ja feindliche Schiffe mit einem fran⸗ zöſiſchen Paſſe verſehen ſind, können ſie nicht genommen werden. Priſe kann erſt gemacht werden nach geſchehener Kriegserklär⸗ ung und bevor der Frieden oder ein Waffenſtillſtand abgeſchloſſen wurde. Im Falle der Kriegserklärung wird gewöhnlich ein Em⸗ bargo auf alle feindlichen Schiffe, die ſich in den Seehäfen der betreffenden Nation befinden, gelegt. Dieſer Embargo iſt jedoch nur ein Sequeſter; Schiff und Waare werden nach geſchloſſenem Frieden wieder freigegeben. Auch hat man oft durch Verträge be⸗ ſtimmt, daß im Falle ein Krieg zwiſchen zwei Nationen ausbricht, die Schiffe in den feindlichen Seehäfen einen Termin zur Rückkehr w ſu ve do in u i E iß, un „ſon Be oen. U Sijf ſii ſinerhu Pen w n Cnn ſichnnl ue pri iben, W in mn 9 duh Schf i dis geumn be i aren, bi d hi⸗ m Fi lche mn un u un ſm⸗ ver. igni geſthſu in bu hiſe h ſ jut hleſun rin b möbii Riiit Kaperei und Piraterie. 77 frei haben. Nach dem Utrechter Vertrag (Art. 19) war dieſer Termin auf 6 Monate fixirt, und dieſe Verfügung wurde 1744 erneuert, als der Krieg zwiſchen England und Frankreich zum Aus⸗ bruch kam. Im Handelsvertrag von 1786 zwiſchen dieſen beiden Nationen wurde derſelbe Termin wieder ſtipulirt. Die Wegnahme eines Schiffes in einem fremden Hafen, ſey derſelbe freundlich oder neutral, oder unter den Kanonen der Feſtung einer freundlichen oder neutralen Macht war von je durch Völker⸗ recht und Verträge verboten. Auch iſt dieſelbe nichtig, wenn ſie in einer Entfernung von nur zwei Stunden von neutralem Territorium geſchah. Ein Schiff, das, um dem Schiffbruche zu entgehen, in einem franzöſiſchen Hafen ſeine Zuflucht ſucht, muß freigegeben werden, es mag ein feindliches oder ein neutrales ſeyn. Auch das neutrale Schiff kann als gute Priſe erklärt werden, wenn es nach der Semonce die Segel nicht geſtrichen und Wider⸗ ſtand geleiſtet hat. Beides muß geſchehen ſeyn, um die Priſe zu legitimiren. Wenn ein neutrales Schiff Contrebande führt, welche drei Viertel des Werthes der Ladung ausmacht, ſo wird dasſelbe als gute Priſe betrachtet; wenn die Contrebande einen ge⸗ ringern Werth hatte, wird ſie einfach confiscirt. Auch kann ein neutrales Schiff in dem Falle als gute Priſe erklärt werden, ſelbſt wenn es keine Contrebande hatte, wenn es verſuchte, eine regelmäßig notificirte Blokade zu durchbrechen. In den Gewäſſern einer neutralen Macht kann dagegen ſelbſt ein feindliches und ein Contrebande⸗Schiff nicht genommen werden. Man verſteht unter ſolchen neutralen Gewäſſern die Buchten, Rhe⸗ den und die See in einer Diſtanz von zwei Stunden vom neu⸗ tralen Ufer. Die Corſaren ſind verpflichtet nicht allein die Schiffe wegzu⸗ nehmen, ſondern auch die Mannſchaft und dieſelbe unter keinem Vorwande loszugeben oder auszuſetzen, außer im Falle der Gefahr, wegen zu großer Anzahl derſelben oder wegen Mangel an Lebens⸗ mittel. Sie ſollen in ſolchen Fällen ſie an neutrale Schiffe ab⸗ geben oder, wo es geht, gegen franzöſiſche Kriegsgefangene aus⸗ tauſchen, oder in neutralen Häfen an's Land bringen. Ferner ſind ſie verbunden, ſich aller Papiere des gekaperten Schiffes zu bemäch⸗ ₰ . 78 Handelsrecht. tigen und dieſelben in einem Sacke, der verſiegelt wird, zu ver⸗ wahren. Schränke, Koffer, Kiſten ꝛc. find ſorgſam zu ſchließen und dafür zu ſorgen, daß Nichts abhanden kömmt, ehe über die Gültig⸗ keit der Priſe entſchieden iſt. Deßhalb muß auch baldmöglichſt die Priſe in einen ſichern Hafen gebracht und bei der Seebehörde an⸗ gezeigt werden. Das Verſenken gekaperter Schiffe in's Meer, ſo⸗ wie das Ausſetzen der Gefangenen auf Inſeln, Küſten ꝛc. iſt den Corſaren, den Matroſen, den Seeſoldaten, ſowie ihren Offizieren und Chefs ſtrenge verboten. Die Verfolgung eines Schiffes, das Beute gemacht hat, um ihm dieſe Beute wieder abzujagen und es ſelbſt als gute Priſe zu nehmen, wird recousse oder rescousse genannt. Dieſelbe kann aber nur gegen ein feindliches oder ein Piraten⸗Schiff angeſtellt werden⸗ Nach einer Deklaration vom 22. September 1638 iſt es den Franzoſen geſtattet, Waaren, welche ihnen der Feind auf der See wegnahm und ſpäter nach Frankreich zu Markt verbracht werden, ſofort zu revindiciren; eine gewiß weitgehende Derogation des Satzes des Civilrechts: en fait de meubles la possession vaut titre. Ein gefangenes Schiff, der gefangene Kapitain oder die Schiffs⸗ mannſchaft kann ſich unter gegebenen Umſtänden gegen Löſegeld frei⸗ kaufen, rangonniren. Die Bedingungen, unter welchen die Ran⸗ zonnirung geſchieht, müſſen in einer doppelt ausgefertigten Urkunde, welche billet de rangon heißt, niedergeſchrieben werden. Dieſes Billet dient dem Kapitain des Schiffes als Geleitsbrief und bewahrt ihn vor der Gefahr, von Neuem wieder gekapert oder durch ein feindliches Schiff als gute Beute genommen zu werden. Urſprünglich wurde Schiff und Geſchirr, ſowie die Waaren, welche gute Beute waren, in natura unter die Intereſſenten ver⸗ theilt. Später wurden, und das iſt jetzt noch Gebrauch und Geſetz, alle dieſe Gegenſtände gerichtlich und öffentlich verſteigert und der Erlös unter die Berechtigten getheilt; alſo zwiſchen dem Armateur und der Schiffsequipage hat die Theilung ſtatt zu finden, nachdem vorher die Wachegelder und 5 Centimes vom Franken zu Gunſten der Kaſſe der Marine⸗Invaliden abgezogen worden find. Die Prämie für einen Gefangenen auf einem Kauffartheiſchiffe beträgt 40 Fran⸗ ten, für einen ſolchen auf einem Kriegs⸗ oder Corſarenſchiff 45, 50, le itd „j w ſtlſnn die ili niglihit ebchin n 5 Vn nrſh en Ofiin t het, n ute Pi ieſihe in eſell ven 8ich uf iht wn rgin nſut in die Eij lſyeh ji en din ten Min en. Jiſi und leit r au it ie Pum eſun n biß tmb mn n min u buſn di in n f 43 i Kaperei und Piraterie. 79 60 Franken, für jede Kanone, je nach dem Kaliber derſelben und der Gattung des Schiffes 100 bis 360 Franken. Wenn die Priſe nicht für gültig erklärt wird, ſo wird das Schiff mit den Waaren wieder frei und dem Eigenthümer zurückgegeben. Ueber die Gültigkeit der Priſen, ſowie über alle Fragen und Anſtände, die ſich hierüber erheben, entſchieden zu verſchiedenen Zeiten verſchiedene Behörden, einmal der Priſenrath (le conseil des prises) früher die Amirauté's und jetzt die Handelsge⸗ richte. Das Geſetz vom 14. Februar 1793 nämlich theilte den Handelsgerichten die Attribution zu, über Priſen zu urtheilen, was bisher den nunmehr aufgelösten Amirauté's zugeſtanden war. Un⸗ ter dem Konſulate wurde dann ein eigner Priſenrath konſtituirt, gegen deſſen Entſcheidungen man beim Staatsrath Recours ergreifen konnte. Später wurde der Priſenrath dem Departement des Juſtiz⸗ miniſters zugetheilt und zum Tribunal erhoben. Nach der Reſtau⸗ ration wurde dieſer Rath abgeſchafft und ſeine Attributionen theil⸗ weiſe der Section des Staatsrathes zugetheilt, welche ſich mit der contentiöſen Adminiſtration beſchäftigt; die Prozedur hiefür wurde geregelt durch ein Arrété vom 6. Germinal VIII. Dieſe Veränder⸗ ung iſt indeſſen nur inſoweit es die adminiſtrativen Befugniſſe des Priſenraths betraf geſchehen; was die gerichtlichen Attribute deſſelben anging, ſo wurden ſie den Handelsgerichten zugewieſen, reſp. belaſſen. Im Jahre 1792 erkannte der Wohlfahrtsausſchuß (le comité de salut publich über die Gültigkeit der Priſen, und die Handels⸗ gerichte hatten die Liquidation und Vertheilung derſelben zu beſorgen. Die Liquidation jener Priſen, welche Staatsſchiffe machen, wird nach Maaßgabe verſchiedener Spezialgeſetze vorgenommen, deren bedeu⸗ tendſtes ein Arrété vom 9. Ventos IM. iſt. Wir ſehen alſo, wie das Seekriegsrecht ſich von dem Kriegsrecht auf feſtem Lande darin bedeutend unterſcheidet, daß erſteres die Wegnahme und den Raub des Privatgutes der fried⸗ lichen Nationalen geſtattet, letzteres, wenigſtens nach vernunftrecht⸗ lichen und auch konventionell meiſt anerkannten Geſetzen, nicht. München, Druck von E. R. Schurich. Einleitung . Literatur . . I. Buch. Von dem Handel im Allgemeinen. I. DTitel. Von den Handelsleuten IH. Titel. Von den Handelsbüchern III. Titel. Von den Geſellſchaften 3 W. Titel. Von der Gütertrennung S V. Titel. Von der Börſe, den Wechſelagenten u. Mäklern Titel. Von den Commiſſionären VII. Titel. Vom Kauf und Verkauf. . . itel. Von Wechſelbriefen, billets à ordre, und der Verjährung derſelben . IMI. Buch. Vom Seehandel. Vorbemerkungen . 8 I.— VII. Titel. Von den Schiffen, den Schiffs⸗Eigenthümern, Seekapitainen und Matroſen * * . VIII. Titel. Von der Schiffsfracht IX. Titel. Von den Bodmereiverträgen X. Titel. Von Aſſekuranzen XI. Titel. Von der Haverei * XII. Titel. Von dem Seewurf und dem Beitrag XIII. u. XIV. Einrede der Verjährung und ſonſtige Einreden, Pitel. die unzuläſſig ſind x IMI. Buch. Von Fallimenten und Bankerotten. M. Tite. Vom Fallimente IV. Titel. Von Bankerotten . 2 . V. Titel. Von der Rehabilitation IV. Buch. Von der Handelsgerichtsbarkeit. 1) Handels⸗ und Fabrikgerichte 2) Verfahren vor den Handelsgerichten Anhang: I. Die Geſetzgebung über den perſönlichen Arreſt, als Erecutionsmittel in Handelsſachen IHI. Die Geſetzgebung über Priſen, Kaperei und Piraterie. 1 1 2 50 — — 6 — — — 8 — ranzüſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt lern dder * Ernſt Jul. Paraquin. ern, den, . Vns Strafrecht. alt München, 1861. 1 Literariſch-Artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. E Proſpeetus ſiehe umſtehend. und 2 — 5* S 5 — 2— Proꝛpeekus. Im Verlage der Unterzeichneten erſcheint: Vir Franzüſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Julius Paraquin. In ſechs Abtheilungen. gr. So. Dieſes von dem Herrn Verfaſſer, einem rheinbayeriſchen Iuriſten, den Gebildeten aller Stände überhaupt, ſowie ſeinen Berufsgenoſſen in den Ländern der deutſchen Staaten insbeſondere gewidmete Werk umfaßt die geſammte Civil- und BStrafgeſezgebung Frankreichs in klaren, bündigen und doch erſchöpfenden Zügen. Der Darſtellung der Geſetzgebung iſt eine rrechtshiſtoriſche Einleitung und die Gerichtsorganiſation (ichteramt, öffentliches miniſterium, Anwaltſchaft, Advokatur, Uotariat, Gerichtsſchreiberei . ꝛc.) vorausgeſchickt, neben welcher auch das zum Verſtändniß YNothwendige über Brganiſation und Competenz der Adminiſtration ſeinen Platz findet. Das Ganze erſcheint in ſechs Heften von je 6 bis 8 Bogen. Einleitung und Organiſation bilden den Inhalt des erſten Heftes, dem in monatlichen Zwiſchenräumen die fünf andern folgen, deren erſtes das Civilrecht, das zweite den Civilprozeß, das dritte das Fandelsrecht, das vierte das Strafrecht und das fünfte den Straf- prozeß behandeln. 5 Einem jeden Hefte iſt ein Inhaltsverzeichniß beigegeben. Der Preis eines Heftes richtet ſich nach der Bogenzahl; der Preis eines Bogens wird circa 8 kr. betragen. Literariſch⸗artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. Die Franzüſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Jul. P araquin. n Juriin ufägeſn net Ui irtis zhibitt ifnlit⸗ V. ſhrün iun Vas Strafrecht. initin Sn n hiin gen, dern nitte h en int N 4 *7 München, 1861. Literariſch⸗Artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. ſ — —= — — S —— —, = S S S 8 —— = S 2 — — S —= — — S £ = = = S E. Das Strafrecht. Einleitung. Das Strafgeſetzbuch der Franzoſen (le code pénal) iſt im Laufe des Jahres 1810 in 7 aufeinanderfolgenden Sitzungen der geſetzgebenden Verſammlung dekretirt und ſofort auch promulgirt worden, aber erſt mit dem Strafprozeßgeſetzbuch (code d'instruction criminelle) welches ſchon 1809 dekretirt worden war, am 1. Januar 1811 in Wirkſamkeit getreten. Die Commiſſion, welche dieſe beiden Strafcodices entworfen hatte, beſtand aus den Rechtsgelehrten Treilhard, Target, Viellard, Oudard und Blondel. Seit der Revolution hatte übrigens nur ausnahmsweiſe mehr das alte Strafrecht Geltung gehabt, indem die Mängel desſelben ſowohl was den materiellen als den formellen Theil desſelben betraf, ſo ſchrei— end waren, daß die neuen Geſetzgeber ſich ſofort mit der Verbeſſer⸗ ung des Strafrechts eifrigſt befaßten und den code pénal vom 25. Sept. 1791 ſo wie den code des délits et des peines vom 3. brum. IV zu Stande brachten. Erſterer enthielt das Strafrecht und gab die Grundlage zu dem code pénal vom Jahre 1810 ab; letzterer behandelte den Strafprozeß und ſein Material wurde zum Aufbau des code d'instruction criminelle verwendet. Auch die Polizeigeſetze vom 22. Juli 1791 und 4.— 6. Oktober 1791 wurden theilweiſe in den code pénal aufgenommen. Wie wir ſchon in der rechtshiſtoriſchen Einleitung erwähnt haben, beſaß Frankreich vor der Revolution kein gemeinſames, ſyſte⸗ matiſches Strafgeſetzbuch, ſondern nur einzelne, höchſt barbariſche, in keinem geiſtigen Zuſammenhang ſtehende Geſetze, deren umfaſſendſtes V. Strafrecht. 4 Strafrecht. die Ordonnanz von 1670 war, hauptſächlich bezüglich des Straf⸗ prozeſſes. Außerdem hatte man ein militäriſches Strafgeſetz von 1761, eine Ordonnanz über die Fälſchung von 1737, ein Duellge⸗ ſetz von 1679, einzelne Geſetze von Ludwig XII., Karl VIII. und Karl VI., die Ordonnanz von 1539, die von 1344, 1228, 1250 und die Etabliſſements des heiligen Ludwig. Ludwig XVI., ein Regent von ebenſo großer Gutmüthigkeit und Humanität als bedauerlicher Schwäche, welche Eigenſchaften zu⸗ ſammen ſein beklagenswerthes Geſchick und Ende herbeiführten, fühlte nicht minder, wie die Beſſern der Nation, die entſetzlichen Gebrechen der franzöſiſchen Strafrechtspflege und gerne kam ſein milder Sinn und edles Herz den Wünſchen und Anforderungen der Generalſtände entgegen und ſprach ſich durch ſeine Rede vom 23. Juni 1789 in verheißender Weiſe aus, die als ſeinen innigſten Wunſch die Verbeſſerung des Criminalrechtes darſtellte, nachdem er ſchon dieſelbe in der Deklaration vom 23. September 1788 in nächſte Ausſicht geſtellt hatte. Den Anforderungen der Humanität und den Anſichten der berühmten Schriftſteller in dieſem Fache (Beccaria, Filangieri, Montesquien, Servan, Dupaty und Voltaire), welche veredelnd auf die Gebildeten der Nation einge⸗ wirkt hatten, ſollte nunmehr die gebührende und nothwendige Rechnung getragen werden. Es wurde ſofort die Folter abgeſchafft, der Strafprozeß auf beſſern und vernünftigen Grundlagen hergeſtellt, die barbariſchen Strafen beſeitigt, alle geſetzwidrigen Handlungen, ob ſie den Staat oder den Privaten betreffen, zu infractions communs gemacht, das heißt, ſie wurden alle als gemeingefährlich charakteriſirt und ihre Verfolgung mittelſt der öffentlichen Klage (action publique) durch die Organe des Staates angeordnet, indem man von der bisherigen Uebung, dieſelben in öffentliche und private Delikte“) einzutheilen, deren erſtere nur von Amtswegen verfolgt wurden, ab⸗ *) Man war hierin dem römiſchen Strafſyſteme gefolgt, welches dann die öf⸗ fentlichen Delikte wieder in ordentliche und außerordentliche, ferner in ſolche die mit Capitalſtrafen (von caput) bedroht waren, oder nicht abtheilte. ih ug1 ub li w zufn 15 ub urſi tiln ſeſn vitu euf vu . itek wimn ſchb inih iin in ie ub hih w fitn wo iit zi in nit N en ſiz u n duh ſm nith ſheſnn heifihtn miſi in ji unhn Ree n ninijn dnſtl Syunb ugn b in diſn ah m ion ih⸗ thuun uehe u achniſt du Em naih di mw i pubin von M Del nen miiß dentlihl ann en Einleitung. 5 ging; endlich beſtimmte man den Begriff jeder geſetzwidrigen Hand⸗ lung und zugleich die Strafe für dieſelbe, welche man nicht länger dem Gutdünken und der Laune des Richters, wie früher überließ. Es wurde bei den meiſten Strafen ein niederſtes und höchſtes Strafmaaß firirt, bei Freiheitsſtrafen gewöhnlich von 1 Jahre bis zu 5 Jahren, ſo daß der Richter eine freiere Bewegung hatte in der Verurtheilung, je nachdem der ſpezielle Fall gelagert war. Auch wurde der Grundſatz aufgeſtellt und feſtgehalten, daß die Strafen perſönlicher Natur ſeyn müſſen, das heißt nur den Verur⸗ theilten treffen können, nicht ſeine Familie, Gattin, Eltern, Kinder c. noch ſeine ſonſtigen Erben und Rechtsnachfolger, wie früher, wo die Familie in's Elend gejagt, verbannt, eingekerkert, ja mit hin⸗ gerichtet wurde. Wenigſtens liegen Beiſpiele hiefür vor. Nur die Strafe der Vermögenseinziehung, die General⸗Confiskation wich lei⸗ der von dieſem Prinzipe ab, wurde aber deßhalb ſchon 1814 abgeſchafft. Der code pénal vom Jahre 1810 nun iſt auf dieſe Grund⸗ ſätze baſirt und enthält in 484 Artikeln, welche vier Bücher com⸗ poniren, einen großen Theil der franzöſiſchen Straf- und Polizeige⸗ ſetzgebung, aber nicht dieſelbe in ihrem vollen Umfange. Denn ne⸗ ben ihm beſtehen noch eine Menge Spezialgeſetze, meiſt polizei— licher und fiskaliſcher Natur, als Geſetze über Jogd, Fiſcherei, Aus⸗ übung der ärztlichen Praris, der Chirurgie, der Hebammenkunſt, über den Verkauf von Pulver, von Waffen, von Medikamenten, von Geheimmitteln, über Feld⸗, Straßen⸗, Waſſer⸗, Waldpolizei, über Buchhandel, Preſſe und Preßerzeugniſſe jeder Art, über die Polizei der Poſten ꝛc. Auch beſteht neben ihm ein beſonderes Geſetzbuch, für militäriſche Uebertretungen, Vergehen und Verbrechen. Da der code pénal demnach ſo wenig vollſtändig iſt, ſo ſah ſich der Geſetzgeber durch den Schlußartikel desſelben (484) zu beſtimmen genöthigt „daß in allen Materien, in welchen dieſer Code keine Be⸗ „ſtimmungen enthalte, die darüber vorhandenen beſondern Geſetze „und Verordnungen von den Gerichtshöfen und Gerichten fort⸗ „während gehandhabt werden ſollten.“ *) ³) Milit äriſcche Geſetze ſind von verſchiedenen Daten vorhanden, als Kriegs⸗ Ordonnanzen von 1665, 1666, 1725 und 1750; dann Art. 2 und 4 des * . „ „ „ . Strafrecht. Dieſe Unvollſtändigkeit muß offenbar als ein Mangel des Geſetzbuchs angeſehen werden, deren es überhaupt noch genug hat, Geſetzes vom 22. September — 29. Oktober 1790; Geſetz vom 12. Mai 1793; vom 22. Meſſid. IV; vom 13. Brüm. V; Geſetz vom 15. Juli 1829 und vom 21. März 1832; Geſetz über den verbotswidrigen Verkauf von Waffen⸗ und Monturſtücken vom 28. März — 2. April 1793. Preßgeſetz vom 9. September 1835; vom 26. Mai 1819. Forſtgeſetz vom 21. Mai 1827; Ordonnanz von 1669. Jagdgeſetz: Ordonnanz von 1669; Dekret vom 4. Mai 1812; Geſetz vom 28. — 30. April 1790; vom 20. Auguſt 1814; Ordonnanz vom 14. Septbr. 1830. Geſetz über Fiſchfang vom 15. April 1829; Ordonnanz vom 15. November 1830; Geſetz vom 8. März 1810; Ordonnanz von 1669. Geſetz über den Verkauf von Schießpulver vom 13. Fruktidor V. Ueber Medicinalweſen (Pfuſcherei, Apotheker, Geheimmittel ꝛ.): Geſetz vom 19. Ventos XI; vom 21. Germinal XI; vom 23. Paireal XIII. Douanengeſetz vom 22. Auguſt 1791; 4. Germ. II; 14. Frukt. III.; 9. Flor. VII; 26. Flor. X; 8. Flor. XI und 26. April 1816. Geſetze über die Feldpolizei vom 28. Septbr. und 6. Oktober 1791; vom 23. Therm. IV über Alignement in den Städten und auf den Landſtraßen; Geſetz vom 16. Dezember 1811. Ueber Straßenpolizei überhaupt: Geſetz vom 16. Auguſt 1790 Tit. 31; vom 29. Flor. X; vom 14. Flor. XI; vom 16. Septbr. 1807; vom 23. Juni 1808. Ueber Mu⸗ nicipalpolizei: Geſetz vom 19.— 22. Juli 1791. Ueber Ausbeutung von Minen ꝛc.: Geſetz vom 21. April 1810. Ueber Seepolizei, der Marinecoder vom 21. Auguſt 1790; vom 12. Oktober desſelben Jahres; Geſetz vom 20. Septbr. 1791; Dekrete vom Juli und Novbr. 1806; Or⸗ donnanzen aus den Jahren 1816, 1818 und 1823; Spezialgeſetze bezüglich Verbrechen und Vergehen durch Forgats (Sträflinge im Bagnio) begangen vom 20. Septbr. 1791 und Dekret vom 12. Novbr. 1806. Ueber die Po⸗ lizei der Poſten, öffentlichen Wagen ꝛc.: Geſetz vom 9. Vend. VI; vom 5. Vent. XII; vom 15. Vent. XIII; 30. Flor. XIII. Bezüglich der Briefe .: Geſetz vom 24. Auguſt 1790; 21. Septbr. 1792; Conſular⸗ beſchluß vom 27. Prair. IX; Geſetz vom 5. Niv. V. Ueber die Polizei der Continental-Gewäſſer: Ordonnanz von 1669, Art. 42, 43 und 44; Dekret vom 22. Januar 1808; Geſetz vom 30. Flor. X; vom 6. Frim. VII. Ueber Sümpfe⸗Austrocknung und Entwäſſerung: Geſetz vom 20. Auguſt 1790 und vom 16. Septbr. 1807. Ueber indirekte Steuern: Geſetz vom 1. Germ. XIII. In dieſer Aufzählung werden wohl alle Spezialgeſetze Frankreichs, die von einiger Bedeutung ſind, begriffen ſeyn, und wie man ſieht, ſind es deren eine ſchöne Menge, die jedoch, was das Mißliche in der Anwendung derſelben iſt, oft nur theilweiſe noch in Gelt⸗ ung, theilweiſe ourch die ſpätern Geſetze aufgehoben ſind. nut lede bim auin ni Nhyo i in jit ui — Mngln gug on M 5. J Prluf m Puſyiſt on A. M 1669; Mi 2 fenz m wn Ni hießpulm „Wehe minl U l4. Um d . h d6. Oin den un ßenyolipi ur. I; u lbn Dr usbeutun lizei, k en hn 1905; Dr te bülit 0) bnhn ber de hr mn igi i Gonſn e Prle 3 m4 Fin ſl. hi ndireki ng vn d behufn ſoth n c u ⸗ Einleitung. 7 ſo daß ſich über den Werth desſelben nicht beſonders viel Gutes ſagen läßt. Es iſt allerdings leicht faßlich, kurz und zum praktiſchen Gebrauche ſehr geſchickt und beweglich, ſeine Definitionen ſehr ſcharf und klar. Aber es entſpricht in keiner Weiſe den Anforderungen der Wiſſenſchaft, noch weniger aber denen der Humanität und iſt in vollſtem Sinne einer grauenhaften Abſchreckungs⸗ theorie abgefaßt. Die Strafen ſind erorbitant; ganze Kapitel enthalten faſt nur Todesſtrafen; der Abſchnitt „von den politiſchen Verbrechen“ trieft ordentlich von Blut, denn in nicht weniger als 17 Artikeln faſt in einer Reihenfolge iſt die Todesſtrafe angedroht. Manche Reate, z. B. der Diebſtahl, ſind faſt in allen ihren Nüancirungen unzweckmäßig und übertrieben hart mit dem criminellen Charakter bekleidet, ſo daß die Richter, um nicht wahre Bagatellſachen vor die Schwurgerichte zu bringen, ſich genöthigt ſehen, oft geradezu den criminellen Charakter zu ignoriren und ſolche Reate vor den Zucht⸗ polizeigerichten abzuthun (zu correktionaliſiren). Außerdem ſind durchgängig die Freiheitsſtrafen und Geld⸗ ſtrafen viel zu hoch gegriffen und meiſtens ſchon das Minimum mit einem Jahre und einer Geldſtrafe von 16, 50, 100 Fran⸗ ken angeſetzt. Um ſich dieſe Härte zu erklären, muß man ſich in die Zeiten zurückverſetzen, in welchen der code pénal in's Leben trat. Eine Deſpotie, die ſich zu befeſtigen ſuchte gegen die alten und neuen politiſchen Parteien des Landes, eine durch eine furchtbare Revolu⸗ tion durch und durch erſchütterte Nation, eine Menge Diebsgeſindel, Räuberbanden, Sitten⸗, Zucht⸗ und Geſetzloſigkeit an der Tagesordnung! So war der Zuſtand Frankreichs in jenen Tagen. Unter blutigen Zuckungen hatte eine alte Welt geendet, unter furchtbaren Wehen war eine neue Aera geboren worden und das Strafgeſetz⸗ buch mußte nothwendig die Zeichen ſeiner Zeit tragen. Die Geſetzgeber halfen ſich zwar ſogleich einigermaßen durch die Schöpfung des Artikels 463, der damals vorläufig nur für die Härte der Vergehensſtrafen ein Hinterpförtlein offen ließ, indem er bei dem Vorhandenſeyn genereller Milderungsgründe und wenn der verurſachte Schaden nicht 25 Franken überſtieg, den Richter ermäch⸗ 8 Strafrecht. tigte, in allen ſolchen Fällen bis auf einen Tag Gefängniß und einen Franken Geldſtrafe zurückzugehen. Damit war aber ſo ziemlich, nur in humanerem und reducir⸗ terem Sinne, wie früher, eine arbiträre Strafgewalt des Richters geſchaffen. Eine noch größere materielle Rechtsungleichheit aber hatte das Correktionaliſiren zur Folge, da nun geradezu nach dem bon plaisir eines Tribunals eine Sache zuchtpolizeilich abgewandelt wer⸗ den kann, die ein anderes Gericht, das ſtrenger denkt, vor die Anklagekammer verweist. Auch konnte die Beſtimmung des Artikels 463 nicht verhindern, daß das Geſetzbuch ſehr bald unerträglich wurde. Die Franzoſen pfuſchten bald da bald dort an demſelben, bis eine durchgreifende Verbeſſerung unter Louis Philippe durch das Geſetz vom 28. April 1832 zu Stande kam, nachdem das Geſetz vom 25. Juni 1824, welches die mildernden Umſtände (circonstances attenuantes) auch auf die Verbrechen anwenden ließ, nicht die rechte Wirkung ge⸗ zeigt hatte. Der Art. 463 wurde nun namentlich in einer weit⸗ gehenden Weiſe verändert; bei Correktionnellſachen bedurfte es nicht mehr des Umſtandes, daß der Schaden einen gewiſſen Geldbetrag erreichte; die Reduktion der Strafe konnte nunmehr ſtattfinden, wenn nur im Allgemeinen mildernde Umſtände vorliegen; in Criminal⸗ ſachen wurde überall die Annahme mildernder Umſtände, auch generell, zugelaſſen und in Folge derſelben die Strafe meiſtens auf den zu⸗ nächſt niedern Grad herabgeſetzt. Auch wurden in vielen Fällen die Todesſtrafe beſeitigt und geringere Freiheitsſtrafen angeſetzt. Damit war auch in Verbrechensſachen das Arbitrium in die Hände der Richter, hier zunächſt der Geſchwornen, gelegt und der beſte Beweis gegeben, daß man mit dem Geſetzbuche, wie es war, nicht mehr länger regieren konnte. Rheinpreußen und Rheinheſſen haben längſt den code pénal abgeſchafft; Belgien hat ihn wie Frankreich bedeutend modifizirt; nirgends mehr beſteht er in ſeiner urſprünglichen Form als in der bayeriſchen Rheinpfalz. Seit 1810 hat er dort nur zwei Modifikationen erfahren: die eine, bedeutendere, durch den Generalgouverneur der proviſoriſchen Regierung vom Jahr 1814, ruſſiſchen Staatsrath Juſtus Gruner, bezüglich der Stra⸗ uin z i u a ſufn uo di un ſiin wlhe un üb nu ſ us e ſh ſidnt enn ſſ ub ſoh d im inuß m nd nn⸗ es Rihn tabn u den h andetun t, vr ſi verhidn, Funn chgun 2 hhi uni 182 tenuuts jthun g iner wi e e ni Gehtun den, un Grnin ch guu f dup ßilni . un i und e e e M dn ui bedeu ringitn 10 he tender wn der Su Einleitung. 9 fen im Allgemeinen. Derſelbe ſchaffte die Generalconfiskation ganz ab, reducirte die Strafe der Brandmarkung und des Pran⸗ gers auf wenige Fälle und ließ eine mildere Behandlung und Be⸗ ſtrafung der Haus⸗ und Aerndtediebſtähle zu, welche nach dem code pénal criminell ſind. (Dekret vom 19/31. Mai 1814.) Die andere, von minderer Bedeutung, durch einen Beſchluß der Regierung der bayeriſchen Lande am Rhein vom 23. Januar 1817, welche den Richter ermächtigte, bei Beleidigungen miniſterieller Be⸗ amten und Agenten der bewaffneten Macht ſtatt der Geldſtrafe des Artikels 224 eine Gefängnißſtrafe von ſechs Tagen bis zwei Mo⸗ nate zu erkennen. In allem Uebrigen iſt die Rheinpfalz noch im glücklichen Beſitze ihres code pénal, der jedoch, wie wir hoffen, bald ſein Ende erreicht haben wird. In dem Augenblicke, in welchem wir Gegenwärtiges niederſchreiben, berathet die bayeriſche geſetzgebende Verſammlung ein Strafgeſetzbuch, das für ganz Bayern, die Rheinpfalz mit einge⸗ ſchloſſen, Geltung haben ſoll, und das nach ſeinem Entwurfe und der Geſtaltung, welche es durch die Geſetzgebungscommiſſion erhalten hat, den Anſprüchen der Wiſſenſchaft vollſtändig entſpricht und in einem durchgehends milden und humanen Geiſte abgefaßt iſt. Der code pénal hat, wie geſagt, ſeinen Stoff in vier Bücher vertheilt, deren I. die Lehre von den Strafen und dem Wieder⸗ holungsfalle, ſo wie von den Wirkungen der Strafen enthält; deren II. die Grundſätze über Autorſchaft, Complicität, Reiz, Entſchuldigung, Unterſcheidungskraft, Verantwortlichkeit aufſtellt. Sie zuſammen bil⸗ den alſo, wie erſichtlich, den allgemeinen Theil des Geſetzbuchs in gar kurzer und faſt dürftiger Behandlung. Das III. Buch behandelt die Verbrechen und Vergehen im Einzelnen; das IV. die Polizeiübertretungen; beide bilden zuſammen den ſpeziellen Theil. Vorangängig dem 1. Buche ſind fünf Artikel unter der Ueber⸗ ſchrift: „einleitende Verfügungen“, die zum allgemeinen Theile gehören. Der fünfte dieſer Artikel beſtimmt einfach, daß der code pénal nicht anwendbar ſey auf militäriſche Verbrechen, Vergehen und 10 Strafrecht. Uebertretungen, für welche, wie wir ſchon geſagt haben, ein Spe⸗ zialcoder beſteht. Der erſte Artikel dagegen iſt von beſonderer Wichtigkeit, indem er die Claſſifikation der geſetzwidrigen Handlungen in ſehr geſchickter, bündiger und einfacher Weiſe aufſtellt. Es werden die drei Gattun⸗ gen ſtrafbarer Handlungen nämlich ſo definirt: 1) Uebertretung (contravention) iſt die geſetzwidrige Hand⸗ lung, welche die Geſetze mit Polizeiſtrafe belegen; 2) Vergehen (delit) iſt die geſetzwidrige Handlung, welche die Geſetze mit Zuchtpolizeiſtrafe belegen; 3) Verbrechen (crime) iſt die geſetzwidrige Handlung, welche die Geſetze mit einer Leibes⸗ oder entehrenden Strafe belegen. Dieſe Definitionen ſind höchſt zweckmäßig, machen allen Quä⸗ lereien, wiſſenſchaftliche, präciſe Beſtimmungen hiefür zu erfinden, die eben einmal hier nicht möglich ſind, ein Ende und ſind in vielen neuern Geſetzbüchern zur Baſis der Claſſifikation gemacht worden. Der vierte Artikel ſtellt den Grundſatz auf: nulla poena sine lege, indem er verfügt, daß keine geſetzwidrige Handlung mit Strafe belegt werden könne, wenn das Geſetz keine ſolche verhängt habe. Bei der Behandlung aber der geſetzwidrigen Handlungen im ſpeziellen Theile iſt der Geſetzgeber dem faſt gleichlautenden, aber umgekehrt geſtellten Grundſatze gefolgt: nulla lex sine poena *), welches Prinzip, wie ſchon geſagt, in der frühern franzöſiſchen Straf⸗ geſetzgebung keine Geltung hatte, indem es den Richtern überlaſſen war, aus der allgemeinen Vorrathskammer der Strafen ſich nach Belieben welche für einen betreffenden Fall herauszuſuchen und die Exekution mit allerlei Zuthaten einer ſchönen und edlen Phan⸗ taſie, als Herausreißen und Durchſtechen der Zunge, Herauszwicken von Stücken Fleiſch aus dem Körper mit glühender Zange und Ein⸗ gießung ſiedenden Pechs oder Blei's in die Wunden ꝛc., zu ver⸗ ſchönern zur Freude und Luſt des Volkes und vor Allem der ſchönen *) Oder beſſer: nullum crimen sine poena. Der dritte Grundſatz, der hierher gehört, heißt: nulla poena sine crimine, alſo gerade umgeſtellt. Eine Handlung, die mit Strafe geſetzlich bedroht iſt, wird bedingt zur Anwendung einer Strafe. Nu ſilen, dmie D uſu u umi jt li m hhl Hudl ub Lil iſwi Md juv ech lufi vu u m] ſch ſzt 6d ſeit inn Rſtün ti Gum tip hw g, w n w e beln lin Dui ſnen in vin word. l peu dung i ethi nni Nn, c wen“ en Enn ibauſn ſch n chen u n P iin mli⸗ 1 M ſtin v hich el bi nnu Einleitung. 11 Damen am königlichen Hofe des alten Paris. Man leſe nur die Beſchreibung der Hinrichtungen in den ältern franzöſiſchen Schrift⸗ ſtellern, z. B. im Pitaval, Méjan, die des Ravaillac, des Damiens und Anderer *). Der zweite und dritte Artikel ſtellt die Grundſätze über den Verſuch bei Verbrechen und Vergehen auf. Bei Contraventionen polizeilicher Natur gibt es keinen Verſuch, wie auch kein dolus oder animus erfordert wird. Die Lehre über den Verſuch gehört bekanntlich zu den ſchwierigſten des Criminalrechts und es werden nicht leicht anderswo die Definitionen über den Verſuch in der Schärfe und Klarheit ausgerückt ſeyn, wie hier. „Jeder Verſuch eines Ver⸗ „brechens, heißt es im Text des 2. Artikels, der durch äußere „Handlungen an den Tag gelegt worden, und worauf ein Anfang „von Vollziehung erfolgt iſt, wird, wenn er nur durch zufällige, vom „Willen des Thäters unabhängige Umſtände aufgehalten worden iſt „oder ſeine Wirkung verfehlt hat, wie das Verbrechen ſelbſt an⸗ „geſehen.“ Und dann im 3. Artikel: „Die Verſuche eines Ver⸗ „gehens werden nur in den durch eine beſondere Verfügung des „Geſetzes beſtimmten Fällen als Vergehen angeſehen.“ Das Geſetz vom Jahre 1832 hat die Faſſung des 2. Artikels inſoweit geändert, daß der die nähere Präciſion enthaltende Beiſatz: „der durch äußere Handlungen an den Tag gelegt worden,“ geſtri⸗ chen wurde und der Artikel demnach heißt: „Jeder Verſuch eines „Verbrechens, worauf ein Anfang von Vollziehung ꝛc.“ In dieſer Auffaſſung iſt das preußiſche Strafgeſetzbuch dem code pénal bei⸗ getreten. Auch das öſterreichiſche definirt in ſeinem 8. Paragraphen den Verſuch ziemlich in derſelben Weiſe. Das Geſetzbuch vom 25. September 1791 hatte nur bei Gift⸗ und Meuchelmord (empoissonnement et assassinat) einen Ver⸗ ſuch und deſſen Beſtrafung zugelaſſen, ſonſt nirgendswo. Das Ge⸗ ſetz vom 22. Praireal IV. aber generaliſirte das Prinzip, wie es dann in den code pénal überging. Die franzöſiſche Geſetzgebungsgewalt konnte ſich bis jetzt nicht *) Pitaval, causes célèbres, Paris 1734. XXIV Bände. Mejan, recueil des causes célèbres etc. Paris 1808. XXII Bände. „r 2 12 Strafrecht. dazu entſchließen, den Verſuch minder zu beſtrafen, wie das Ver⸗ brechen ſelbſt, obwohl die Natur der Sache dafür ſpricht und die meiſten kriminaliſtiſchen Schriftſteller ſich entſchieden dafür ausgeſpro⸗ chen haben, wie Beccaria, Le Graverend, Carnot, Roſſi, Chauveau und Héllie. Anderer Anſicht iſt dagegen Filangieri. Im germaniſchen Strafrechte hat ſich immer die Anſicht auf⸗ recht erhalten, die offenbar auch die richtigere iſt, daß der Verſuch minder ſtrafbar ſey, als das vollendete Verbrechen. (Siehe Art. 178 und folgende der peinlichen Gerichtsordnung Karl's V. von 1532, der ſog. Carolina.) Der Verſuch muß alſo, wie auch billig und vernünftig, durch äußere Handlungen ſich manifeſtirt haben, es genügt nicht der ſchlechte oder verbrecheriſche Gedanke. Verbrechen durch Gedanken finden ſich im kanoniſchen Rechte vor, und haben ſich auch ſchon in das weltliche Recht einzudrängen gewußt. Lingard in ſeiner Geſchichte Englands Band VI. Kap. 5 gegen Schluß er⸗ zählt, daß als Hochverrath (haute-trahison) die Meinung verfolgt wurde, welche die Ehe Heinrich's VIII. mit Anna Boley für gültig hielt. Die Prozedur wurde, um dieſes Verbrechen des Ge⸗ dankens oder der Meinung zu konſtatiren, in der Weiſe betrieben, daß der Richter den Verdächtigen den Eid auflegte, zu ſchwören, ob ſie nicht die fragliche Ehe für gültig hielten. Was war nicht Alles in dieſer Welt ſchon möglich! Die Literatur für das Strafrecht tragen wir bei der Litera— tur des Strafprozeſſes vor, weil ſie für den materiellen und for— mellen Theil dieſes Rechtes faſt bei allen Schriftſtellern eine gemein— ſame iſt. — . ( ninel ſyiel ukt un it d m wus tj vid loi u d twi ſughu t, Roſſ langie ſiht u et Bit eMt 1 von 15) fiß m nigt it 1g wh Beley j ndo be bein in iit A det lin 1 d ſ ne gni Erſtes Vuch. Von den Strafen in Criminal⸗ und Zuchtpolizeiſachen. Art. 6 — 58. c. p. Man kann die Strafen überhaupt eintheilen in körperliche, (Tod⸗ und Freiheitsſtrafen), Geld- und Ehren⸗Strafen, in eri⸗ minelle, correktionelle und einfachpolizeiliche, in prin⸗ zipielle und acceſſoriſche, in criminelle und Civilſtrafen, in Strafen des gemeinen Rechts und in Spezialſtrafen (Beamte betr.), in zeitliche und perpetnelle, in Kapital⸗ und nicht Kapital⸗Strafen. Dieſe Bezeichnungen ſind wohl alle der Art, daß ſie keiner weitern Erläuterung bedürfen und wir ſofort zu dem Syſtem des Geſetzbuches in dieſer Materie übergehen können. A. Die Strafen des code pénal in Criminalſachen ſind entweder Leibes⸗ und entehrende Strafen (Peines afflictives et infamantes) oder bloß entehrende Strafen (P. infamantes). a) Die Strafen der erſten Kathegorie ſind: 1) die Todesſtrafe (la mort); dem zum Tode Verurtheilten wird der Kopf abgeſchlagen mittelſt eines Inſtrumentes, das Guil⸗ lotine genannt wird; *) geſchärft wird dieſe Strafe bei Vater⸗ und Regentenmord in folgender Weiſe: Der Verurtheilte wird *) Die Todesſtrafe kann an einer Frauensperſon, welche ſich in geſegneten Um⸗ ſtänden befindet, erſt nach deren Entbindung vollſtreckt werden. (Art. 27 c. P.) — 14 Strafrecht. in einem Hemde, mit bloßen Füßen, das Haupt mit einem ſchwar⸗ zen Schleier bedeckt, zum Richtplatze geführt; er wird daſelbſt zur Schau ausgeſtellt, während ein Huiſſier dem Volke das Urtheil vor⸗ liest; ſodann wird ihm die rechte Hand abgehauen und unmittelbar hierauf die Hinrichtung vollzogen. Der Körper der Hingerichteten wird der Familie auf deren Ver⸗ langen ausgeliefert, muß aber ohne Aufſehen und Pomp beerdigt werden. Die Todesſtrafen unter dem alten Regime wurden vollzogen mittelſt des Scheiterhaufens, des Rades, des Schwertes, des Gal⸗ gens, des Beiles, der Zerreißung durch Pferde oder Ochſen. Ge⸗ ſchärft konnten dieſelben werden durch Pranger, Schleifen auf den Richtplatz in einer Kuhhaut, durch Folter und Verſtümmelungen jeder Art, deren nachher bei der Brandmarkung erwähnt werden wird. Oeffentliche Bußen, Abbitten vc. gingen in der Regel der Hinricht⸗ ung voraus. Das Geſetz vom 8. — 9. Oktober 1789 beſeitigte alle dieſe Scheußlichkeiten und am 1. Juni 1791 dekretirte die Conſtituante, daß die Todesſtrafe nur in einer einfachen Beraubung des Lebens beſtehen dürfe; der code pénal vom Jahr 1791 verfügte, daß mit⸗ telſt der Enthauptung künftig die Todesſtrafe zu vollziehen ſey, und ein Dekret vom 20. März 1792 führte auf den Bericht des ſtän⸗ digen Sekretärs der chirurgiſchen Akademie, Louis, den Gebrauch der Guillotine ein, einer Hinrichtungsmaſchine, welche der Arzt Guillotin, Mitglied der Conſtituante, erfunden oder in ihrer Con⸗ ſtruktion wenigſtens weſentlich verbeſſert hatte, da erwieſen iſt, daß man ſich im Mittelalter in Italien und Deutſchland einer ähnlichen Maſchine ſchon bediente. Auch der Erfinder oder Verbeſſerer ſtarb unter den politiſchen Opfern jener Zeit, durch die Maſchine, welche ſeinen Namen führte. Die gänzliche Aufhebung der Todesſtrafe war ein Gegenſtand eifriger Berathung ſchon in der erſten Zeit der Conſtituante. Ein Geſetz vom 4. Brumaire IV. verfügte ſpäter in ſeinem 1. Artikel, daß vom Tage der Verkündung des allgemeinen Friedens in Frank⸗ reich die Todesſtrafe aufhören ſolle, aber es geſchah nicht alſo. Ein Geſetz vom 8. Nivos X. beſtimmte darauf, daß vorderhand bis in ſinn chſn luhel unih dern 1. ben ln „do G hn 6 uf ngn jn den wi hiit⸗ ale di uſium N n „di ui ſ w de ſi Gitmt de ihn u ni ihnit ur ſn vih jyuin e n . Nii jn ſm and hi Von den Strafen ꝛ. 15 zu anderer Beſtimmung die Todesſtrafe vollzogen werden ſolle. Aber die andere Beſtimmung blieb aus. Die Julirevolution brachte die nicht gelöste Frage wieder auf's Neue zur Tagesordnung. Die Deputirtenkammer ſchlug einſtimmig die Aufhebung der Todesſtrafe vor und Louis Philipp kam ihr zuſtimmend entgegen, aber die poli⸗ tiſchen Unruhen ließen es nicht zu einem geſetzlichen Beſchluſſe kommen. Jedoch wurde durch die Geſetzgebung vom Jahre 1832 die Todes⸗ ſtrafe für verſchiedene Fälle abgeſchafft und in Folge der Einführung der mildernden Unſtände (circonstances attenuantes) auch in Verbrechensſachen dieſelbe höchſt ſelten in Frankreich zur Anwend⸗ ung gebracht. Immer aber noch ſcheint es einer Reihe von Jahren zu bedür⸗ fen, bis es der Philoſophie und dem Chriſtenthume gelingen wird, die ungerechtfertigte, wirkungsloſe, allen Geſetzen der Moral hohnſprechende Strafe, ein Ueberbleibſel der Barbarei früherer Zeiten, wenigſtens im ruhigen Zuſtande des Staates, zu beſeitigen, da allerdings während Revolutionen und Kriegen, Re⸗ bellionen und bewaffneten Angriffen auf das Geſetz und ſeine Or⸗ gane andere Beweggründe und Erwägungen platzgreiflich ſind. Aus der ziemlich allgemeinen Abneigung gegen die Todes⸗ ſtrafe erklärt ſich auch allein und vollſtändig die Erſcheinung an den franzöſiſchen Geſchwornengerichten, daß oft mildernde Umſtände an⸗ genommen werden in Fällen, in welchen einmal keine Milderung vorliegt. Man hat mit Unrecht hie und da an dem Gewiſſen und dem Rechtsgefühl jener Geſchwornen gezweifelt. Sie ſehen nicht das Verbrechen in milderem Lichte, ich möchte ſagen mit frivolerem Auge; nein, ſie halten die Strafe des Todes nicht für erlaubt, gerecht, zweckdienlich und eine lebenslängliche, harte Einſperrung und Ge⸗ fangenſchaft für hinreichend und geeigneter. 2) Die lebenslänglichen Zwangsarbeiten (les travaux forcés à perpetuité); ſie traten an die Stelle der Strafe der Eiſen Oeine des fers), welche 1791 der Strafe der Galeere unter dem alten Regime ſubſtituirt worden war. Sie und die Deportation ſind allein perpetuelle Strafen. Gegen das Perpetuelle der Strafen hat man ſeit der Revolution mit großer Heftigkeit gekämpft und der Straf⸗ 3 * 16 Strafrecht. Coder von 1791 hatte auch ſchon das Prinzip angenommen, daß keine Strafe länger als 24 Jahre dauern dürfe. Die hiezu verurtheilten Männer ſollen zu den beſchwerlichſten Arbeiten gebraucht werden in dem Innern der Zwangshäuſer, in den Häfen, Schiffswerften und Arſenalen. Sie können auch in Bergwerken und zum Trockenlegen von Moräſten verwendet werden. Sie müſſen an einer Kette eine eiſerne Kugel nachſchleppen oder werden zwei und zwei, wenn es die Arbeit geſtattet, mit eiſernen Ketten zuſammengebunden. Der Ort ihres Aufenthaltes wird das Bagnio (es bagnes) genannt und ſie ſelbſt heißen forcats. Die Weiber, welche zur Zwangsarbeit verurtheilt werden, dürfen nur in dem Innern von Arbeitshäuſern (maisons de force) zu Arbeiten verwendet werden. Mit dem erreichten 70. Lebensjahre verwandelt ſich von Rechts⸗ wegen (Art. 70, 71 und 72 c. p.) die Strafe der Zwangsarbeit in die der Einſperrung (reclusion). Die Brandmarkung und Ausſtellung an den Pranger, welche früher den Verurtheilten vor der Abführung in's Bagnio traf, ſind conform der Geſetzgebung von 1791, welche durch den code pénal vom Jahre 1810 verändert worden war, durch das Geſetz vom April 1832 wieder abgeſchafft worden. Im alten Frankreich wurde eine Lilie und ein Buchſtabe, der ſich auf das Verbrechen bezog, dem Verurtheilten mittelſt eines glühenden Eiſens durch den Henker auf die Schulter gebrannt. Nach dem code pénal vom Jahre 1810 geſchah die Brandmarkung öffentlich; die Buchſtaben, welche aufge⸗ brannt wurden, waren T. P. bei lebenslänglicher Zwangsarbeit, L. bei ſolcher auf beſtimmte Zeit, und hatte der Verurtheilte eine Fälſchung begangen, ſo wurde noch der weitere Buchſtabe F. mit aufgebrannt. Wie geſagt, im Jahre 1832 kam man wieder dazu, dieſe Ab⸗ ſcheulichkeiten zu beſeitigen, welche man ſchon 1791 aus der Geſetz⸗ gebung geſtrichen hatte. 3) Die Strafe der Deportation (a deportation) beſteht darin, daß der Verurtheilte auf lebenslängliche Zeit an einen be⸗ ſtimmten Ort außerhalb des Continentalgebietes von Frankreich ver⸗ bracht und daſelbſt gehalten wird. Während der Revolution bis 16 lin mih W b i ſohen nin wii d zun ziin hui m ji ſiifi win ſgan Uhe mn, ſhriſn Rhitſn i en uii det wen lepn nit iſmn with i rat it vohn 6 de ine vn it wannit er, wi o uuf ſo cole hiu Geſz m nih vn beph in Huin u hhr lhe up ungini thein in abe T diſ 1 der heit n bii inn b trih luten iö Von den Strafen ꝛc. 17 1805 deportirte man nach Cahenne. Vor der Revolution gab es keine Deportation. Unter dem Kaiſerreich und der Reſtauration verwahrte man die zur Deportation Verurtheilten in dem Strafhaus des Berges vom heiligen Michael (Manche). Unter Louis Philipp kam die Strafe nicht zur Anwendung. Unter Napoleon III. iſt Cahenne und Lambeſſa ſprichwörtlich geworden. Kehrt der De⸗ portirte auf das Gebiet des Reiches zurück, ſo ſoll er, auf geführten Identitätsbeweis zur lebenslänglichen Zwangsarbeit verurtheilt werden. Die Verurtheilung zur Deportation oder zur lebenswierigen Zwangsarbeit zieht den bürgerlichen Dod nach ſich. Ueber dieſes Inſtitut ſiehe Civilrecht I. Seite 14. 4) Die Strafe der Zwangsarbeiten auf eine beſtimmte Zeit (trav. forc. à temps) muß wenigſtens auf 5 Jahre und darf höchſtens auf 20 Jahre erkannt werden. Bezüglich der Be⸗ handlung und Verwendung der Verurtheilten gelten dieſelben Grund⸗ ſätze wie bei der perpetuellen Zwangsarbeitsſtrafe. 5) Die Strafe der Einſperrung (reclusion) beſteht in der Verwahrung des Verurtheilten in einem Arbeitshauſe auf die Dauer von fünf bis zehn Jahren. Dieſe Sträflinge werden mit Arbeiten beſchäftigt, deren Ertrag theilweiſe zu ihrem Rutzen verwendet wer⸗ den kann. Die Strafe wurde ſtatt der frühern Detention und der ſogenannten géne *) eingeführt. Letztere beſtand in einer einſamen Abſperrung, Einzelnhaft, ohne Ketten, Banden, aber auch ohne Ar⸗ beit und Communikation mit lebenden Weſen. 6) Die Strafe der Detention (detention) beſteht darin, daß der Verurtheilte in einer Feſtung auf dem Continentalgebiet Frankreichs wenigſtens fünf, höchſtens zwanzig Jahre lang ver⸗ wahrt wird. Der Code von 1791 hatte dieſe Strafe eingeführt, der von 1810 ſie beſeitigt, das Geſetz von 1832 hat ſie wieder eingeführt, um die Deportation unnöthig zu machen und zu erſetzen. Eine königl. Ordonnanz vom 5. Mai 1833 bezeichnete die hiezu nöthigen Feſtungen. Die Strafe ſollte hauptſächlich bei politiſchen Verbrechen angewendet werden. Die der Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit, der Re⸗ e Géne = Zwang, Qual, Folter, Tortur. V. Strafrecht. 2 18 Strafrecht. cluſion und der Detention ziehen die bürgerliche Degradation und die geſetzliche Interdiktion (ſiehe weiter unten) nach ſich.*) b) Die bloß entehrenden Strafen ſind: 1) Die Landesverweiſung, Verbannung (banissement), welche in der Entfernung des Verurtheilten auf eine Zeit von 5 bis 10 Jahren außerhalb der Gränzen Frankreichs beſteht. Dieſe Strafe zieht die bürgerliche Degradation aber nicht die ge⸗ ſetzliche Interdiktion nach ſich. Bricht der Verurtheilte den Bann, das heißt, kehrt er eigenmächtig zurück, ſo verfällt er der Strafe der Deportation, aber nur auf beſtimmte Zeit. 2) Die bürgerliche Degradation (a degradation civique) oder der Verluſt der ſtaatsbürgerlichen Rechte beſteht in der Abſetz⸗ ung und Ausſchließung von allen öffentlichen Aemtern und Anſtell⸗ ungen, ſowie in dem Verluſte folgender Rechte: der Verurtheilte kann niemals Geſchworner noch Sachverſtändiger ſeyn, er kann we⸗ der als Zeuge bei Urkunden zugezogen werden, noch bei Gerichte Erklärungen machen, es ſey denn, um dem Richter bloße Aufſchlüſſe zu geben. Er iſt unfähig Vormund und Kurator zu ſeyn, außer über ſeine Kinder und einzig auf das Gutachten ſeiner Familie. Er iſt des Rechtes verluſtig, Waffen zu tragen, und bei den Armeen des Reiches zu dienen. Dieſe Strafe iſt hauptſächlich gegen Beamte wegen Verbrechen, die ſie bei Ausübung ihrer Funktionen begehen, gerichtet; namentlich gegen jene geſetzwidrigen Handlungen, welche das Geſetz unter der Bezeichnung korfaiture (Fflichtverletzung) be⸗ greift. Aber auch diejenigen ſind höchſt unzweckmäßig mit dieſer Strafe bedroht, welche in Civilſachen als Partei wiſſentlich einen Meineid geleiſtet haben, da gegen ſolche Perſonen erfahrungs⸗ gemäß eine empfindliche Freiheitsſtrafe weit mehr am Platz wäre, als eine bloße Ehrenſtrafe. 3) Der Pranger (le carcan) wurde durch das Geſetz vom *) Die geſetzliche Interdiktion beſteht in der Entziehung der Verwaltung des Ver⸗ mögens, in der Unterſtellung des Verurtheilten unter einen Curator, welcher nach erſtandener Strafe Rechnung ablegt aber während der Strafe keine Re⸗ venüen, Zinſen, Geld, nicht einmal Mundvorrath an den Sträfling verab⸗ reichen darf. hr ujm . u i i ift Jon gtadatie nhſ⸗ witen Zii in icht Ji iit ſ⸗ nthele N fült nh incin i un hil Penrhi e imw. bi Geiht eluſſiſ ſn u jniit den Un gen n en heghn ge vi izu) ni i li in ihm uz vin Geſz un u nin, vlin ſi linl⸗ iſin i Von den Strafen ꝛc. 19 Jahre 1832 wieder abgeſchafft, nachdem ihn der Code von 1791 entfernt, der von 1810 wieder eingeführt hatte. Unter den bloß entehrenden Strafen des alten Regime waren auch 1 le blame, der öffentliche, ſchimpfliche Verweis, welcher ſtets mit einer Geldſtrafe verbunden war und 2 l'amende honorable, die öffentliche Abbitte, Kirchenbuße, welche in der Regel vor den Thoren der Kirche geſchah. Beide wurden 1791 abgeſchafft. In vielen Fällen konnten den unter den beiden Kategorien aufgezählten Prinzipal⸗Strafen als weitere acceſſoriſche Strafen noch beigefügt werden: 1) Die Einziehung oder Confiskation des ſämmtlichen Vermögens (la confiscation générale); ſie war, dem römiſchen Rechte entnommen, in Frankreich, jedoch nicht in allen Provinzen, zur Aufnahme gekommen; im Jahre 1790 war ſie CQ1. Januar) abgeſchafft, 1792 und 1793 wieder gegen die Emigrirten, Bour⸗ bonen, Verſchwörer, Münz⸗ und Banknotenfälſcher hergeſtellt und erſt durch die Charte von 1814 auf immer, hoffentlich, beſeitigt worden. Sie trifft nicht allein den Verurtheilten, ſondern noch mehr ſeine Familie, was unmenſchlich und ungerecht iſt, denn eine Strafe darf nur perſönlich ſehn, das heißt nur den Uebertreter der Geſetze, nie aber ſeine unſchuldige Familie treffen. Den Grund⸗ ſatz der Perſönlichkeit der Strafe hatte man, wie ſchon geſagt, früher nicht und verfuhr oft auf's Grauſamſte gegen die unglück⸗ lichen Verwandten und Kinder. Die Spezial⸗Confiskation dagegen iſt aufrecht erhalten worden, nämlich die Einziehung der ſogenannten Ueberführungsſtücke, Gegenſtände, mittelſt welcher ein Verbrechen oder Vergehen begangen worden, als Waffen, Gelder, Maſchinen, Stempel, Inſtrumente jeder Art ꝛc. 2) Die Brandmarkung (la marque, la fletrissure) mit einem glühend gemachten Eiſen. Abgeſchafft durch das Geſetz vom Jahre 1791, wurde dieſe Barbarei durch die Geſetze vom 23. Flor. X. und 12. Mai 1806 wieder eingeführt und dann, hoffentlich auf immer, durch das Geſetz von 1832 abermals beſeitigt. Auch dieſe Strafe iſt dem römiſchen Strafrechte entlehnt worden, nach welchem bis zu Konſtantin die Brandmarkung auf die Stirne geſchah. Nach einem Dekrete dieſes Kaiſers fand ſie dann auf dem Arme oder dem * ℳ — — 20 Strafrecht. Beine ſtatt. Der Brandmarkung verwandte, barbariſche, gleichfalls in acceſſoriſche Strafen, welche das Geſetz von 1789 und dann das iun Strafgeſetz von 1791 abgeſchafft, waren: a) die Folter (a question), mehr als Mittel zur Erpreſſung von Geſtändniſſen, wie als eigentliche Strafe, jedoch auch in dieſer Gigenſchaft gebraucht. Die Martern derſelben waren in verſchiedene umn Grade abgetheilt; l p) le poing coupé (das Abhauen der Hand), la lövre ou la n langue coupée ou percée (das Durchbohren oder Abſchneiden der Lippen oder der Zunge) waren hauptſächlich acceſſoriſche Strafen bei Blasphemie und Kirchenraub, überhaupt beim Sacrilegium; i c) die Ruthe oder der Staupbeſen Ce fouet), welche nur m gegen Unadelige, Bürgerliche angewendet werden durfte; d) das Drillhäuschen (le pilori), eine Art Pranger; lin e) verſchiedene ſonſtige Verſtümmelungen (mmtilations), Martern, Entmannung (castration) u. dgl. lli Alle Verurtheilungen zu peinlichen Strafen werden auszugs⸗ weiſe gedruckt und öffentlich bekannt gemacht Die Vollſtreckung iu der Urtheile geſchieht auf einem öffentlichen Platze des Ortes, welcher im Urtheile hiezu bezeichnet iſt, darf aber nie an Sonntagen, Feier⸗ n oder nationalen Feſttagen vollzogen werden. üd B. Die Strafen in Zuchtpolizeiſachen (en watiere cor- t rectionnelle) ſind: in 1) die Einſperrung in ein Correktionshaus auf eine beſtimmte Zeit (l'emprisonnement), welche mit Ausnahme der Wiederholungsfälle höchſtens 5 Jahre dauern ſoll. Die Sträflinge werden mit nützlichen, aber nicht ſchweren Arbeiten beſchäftigt und 6 ein Theil des Verdienſtes kömmt ihnen zu Theile. Das Minimum 39 dieſer Strafe iſt 6 Tage; kann aber unter Anwendung des Art. 463 lu auf 1 Tag reduzirt werden. *) i 2) Die Unterſagung der Ausübung ſtaatsbürgerlicher, ſu *) Dieſe Art Einſperrung wurde erſt 1791 als Strafe eingeführt; vorher konnte ſie nur als Unterſuchungshaft gebraucht werden. Ein Arret des Parlaments vom 20. Jult 1685 unterſagte dem Criminal⸗Lieutenant von Amiens dieſe N Strafe ferner aufzuerlegen. ſo giijit dn N Gjn h in i verſtihn Wre ah huedn Stjn i welhe m Utilaiens nin lſreün es, wi gen jin tiere cr uf in nhm M Stiſin hijig u Nuinn itznit wrle pulmn n jeni ii Von den Strafen ꝛc. 21 bürgerlicher oder Familienrechte auf eine beſtimmte Zeit ('interdiction à temps), als 1) des Stimm⸗ und Wahlrechts; 2) der Fähigkeit gewählt zu werden; 3) des Rechtes zu den Verrichtungen der Geſchwornen oder andern öffentlichen Aemtern oder zu Anſtellungen bei der Verwalt⸗ ung berufen oder ernannt zu werden, oder ſolche Aemter und An⸗ ſtellungen zu verſehen; 4) Waffen zu tragen; 5) bei Familienberathſchlagungen zu ſtimmen; 6) Vormund oder Eurator zu ſeyn, es ſey denn für ſeine eige⸗ nen Kinder und einzig auf ein Gutachten der Familie; 7) Sachverſtändiger zu ſehn, oder als Zeuge bei Errichtung der Urkunden gebraucht zu werden; 8) als Zeuge bei Gerichte aufzutreten, es ſey denn, um bloße Erklärungen daſelbſt abzugeben. 3) Die Geldbuße ('amende), deren geringſter Betrag dem Liedlohne für 1 Arbeitstag gleichkommen darf, 1 Frank alſo ſeyn muß. Das alte Frankreich hatte noch eine beſondere Geldbuße (aumòne), welche Beamte wegen Pflichtvergeſſenheit und Todſchläger für die Erhaltung der Begnadigung zu entrichten hatten. Die Geld⸗ buße iſt mehr dem Strafrechte der Germanen, welche die ſogenannte Compoſition bei Verbrechen, Zweikämpfen ꝛc. zu leiſten gewohnt waren, als dem der Römer entnommen. Als Strafe iſt auch die Geldbuße völlig perſönlich und trifft weder die Erben noch Repräſentanten des Verurtheilten. Sie findet ſtets zu Gunſten des Staats ſtatt und kann durch körperliche Haft eingetrieben werden. Werden mehrere Individuen durch daſſelbe Urtheil wegen deſſelben Verbrechens oder Vergehens zu einer Geld⸗ buße verurtheilt, ſo haften ſie ſolidariſch für die Zahlung derſelben. Ebenſo können auch die Verurtheilungen zu Schadenserſatz und zur Wiedererſtattung mittelſt körperlicher Haft vollzogen werden. Als eine acceſſoriſche Strafe, die in Criminal⸗ und Zucht⸗ polizeiſachen erkannt werden darf oder m uß, iſt die Verweiſung des Verurtheilten unter die Aufſicht der Staatspolizei de ren- voi sous la surveillance de la haute police) zu betrachten. Ihre 22 Strafrecht. Wirkſamkeit tritt erſt nach erſtandener Strafe, aber ſehr empfindlich ein. Unter haute police iſt die allgemeine adminiſtrative Polizei, welche über ganz Frankreich verbreitet iſt, zu verſtehen. Ihre Dauer iſt verſchieden; bei Verurtheilungen zur Zwangs⸗ arbeit, Recluſion, Landesverweiſung, ferner wegen politiſcher Ver⸗ brechen oder Vergehen iſt ſie lebenswierig, ſonſt 5 bis 10 Jahre andauernd. Ihre Wirkung beſteht darin, daß der Verwieſene Bürgſchaft ſtellen muß für gute Aufführung. Wird dieſe nicht geſtellt, ſo wird er an einen beſtimmten Wohnort verwieſen, wo er ſich in regelmäßigen Perioden (z. B. alle 24 Stunden) vor der Polizei zu präſentiren hat; kömmt er dieſer Verweiſung nicht nach, oder bricht er den Bann dieſer Internirung, ſo übt die Regierung ihre Aufſichtsgewalt durch Einſperrung des Verwieſenen aus. Manche der Haupthärten des code pénal in dieſer Materie hat das Geſetz vom 28. April 1832 durch gänzliche Streichung eini⸗ ger und mildern Modifikation vieler andern Beſtimmungen beſeitigt. Den Schluß dieſes Buchs bildet die Zuſammenſtellung der Grundſätze über die Strafen, welche beim Wiederholungsfalle anzuwenden ſind. Wiederholungs⸗ oder Rückfall (recidive) iſt theoretiſch und geſetzlich nur dann vorhanden, wenn Jemand, der wegen eines Verbrechens oder Vergehens ſchon beſtraft worden iſt, auf's neue eine Handlung dieſer Art begeht und deßhalb gerichtlich verfolgt wird. Die Beſtrafung des früher ſtattgehabten Reates wird noth⸗ wendigerweiſe ſchon vorausgeſetzt. Handelt es ſich dagegen um meh⸗ rere Verbrechen und Vergehen, die ſucceſſive oder auch zugleich von demſelben Individuum begangen aber noch nicht gerichtlich abge⸗ urtheilt wurden, ſo liegt ein Concours von Reaten vor, und die Strafe, welche als die härteſte unter den angedrohten erſcheint, wird nach dem Grundſatze, daß eine Cumulation der Strafen nicht ſtattfinden dürfe, angewendet. Poena major absorbet minorem. Dieſer Grundſatz iſt indeſſen nicht, wie es ſeyn ſollte, in dem Straf⸗ rechte, ſondern in dem formellen Theile deſſelben, im Strafprozeß Art. 365 ausgeſprochen. Der Rückfall präſumirt einen gefährlichern, der Verbeſſerung ihn g uigt n u ilue ) zuung ze ) fim nſit uiuh 6 ſſſ im 9 Une ſem w, z di in ſiht njn ninſ he. u zu ju niin 5 i git ſen wei or de gl tiht u n Rin 1u. diſe Nun izn i ugn ii enſiln olungifil ii henit wen in uf n ilih uh id n gn in n zugli u ihti ch u, mi hein m taſen i ninn mẽn Stufn beſin Von den Strafen ꝛ. 23 nicht geneigten Charakter, und der Geſetzgeber, von dieſer Anſicht ausgehend, hat die gewöhnliche Strafe im Rückfalle verſchärft, und zwar in der Regel, indem er ſie um einen Grad erhöht hat; in folgender Weiſe in Criminalſachen: 1) Wenn das zweite Verbrechen die lebenslängliche Zwangsarbeitsſtrafe nach ſich zieht, ſo ſoll der Rückfällige zum Tode verurtheilt werden; 2) wenn das zweite Verbrechen die Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit oder die Deportation in Gefolge hat, ſo iſt der Rückfall mit der lebenslänglichen Zwangsarbeitsſtrafe zu beahnden; 3) wenn das zweite Verbrechen mit Einſperrung bedroht iſt, ſo ſoll im Rückfalle auf Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit erkannt werden; 4) wenn das zweite Verbrechen mit den Pranger oder der Landesverweiſung beſtraft wird, ſo ſoll ſtatt deſſen auf Ein⸗ ſperrung verurtheilt werden; 5) wenn das zweite Verbrechen die bürgerliche Degrada⸗ tion nach ſich zieht, ſo tritt hiefür die Strafe des Prangers ein; 6) wenn Jemand, der wegen eines Verbrechens verurtheilt worden, ein Vergehen verübt, ſo befindet er ſich gleichermaßen im Falle der Recidive und ſoll gegen ihn die höchſte Strafe erkannt werden, die das Geſetz auf das betreffende Vergehen geſetzt hat. Ja das Gericht ſoll dieſe höchſte Strafe noch auf das Doppelte erhöhen können. In Vergehens ſachen ſoll der Rückfall in der Weiſe beſtraft werden, daß, im Falle eines neuen Vergehens der Schuldige, wenn er vorher ſchon wegen eines Vergehens zu einer Strafe verurtheilt worden war, die ein Jahr Correktionnelgefängniß überſtieg, mit der höchſten Strafe, die das Geſetz über das fragliche Vergehen ver⸗ hängt, belegt werden ſoll, welche überdieß auf das Doppelte er⸗ höht werden kann, und wobei noch ferner die Verweiſung unter die beſondere Aufſicht der hohen Polizei auf 5 bis 10 Jahre erfolgt. Wer wegen eines Vergehens beſtraft wurde und dann ſich eines Verbrechens ſchuldig macht, wird nicht als im Rückfalle befindlich von dem Geſetze angeſehen. 2 24 Strafrecht. Auch werden die Gerichte ſelbſt in Fällen, in welchen keine Ver⸗ urtheilung, welche ein Jahr überſteigt, vorliegt, bei neuen Vergehen die frühern Beſtrafungen als allgemeine oder ſpezielle Erſchwerungs⸗ gründe bei der Strafzumeſſung, inſoweit dieſelbe ihrem Arbitrium anvertraut iſt, in Betracht ziehen. Ueber die Dauer der Strafen finden wir im code pénal auch nicht einmal eine Andeutung, obwohl die Beſprechung derſelben hier am ſchicklichſten Orte wäre; die Beſtimmungen darüber ſind im Straf⸗ prozeß enthalten und zwar an verſchiedenen Stellen, die wir näher angeben werden. Die Strafe im Allgemeinen wird beendet durch den phyſi⸗ ſchen Tod des Verurtheilten oder durch die Erſtehung derſelben. Bei der Todesſtrafe alſo durch den Tod, bei den Freiheitsſtrafen durch das Verweilen im ſchweren oder leichtern Gefängniſſe während der Zeitdauer, die im Urtheile angegeben war. Aber ſelbſt mit der Beendung der Strafe hören gewiſſe Folgen derſelben, die privat— rechtlichen, nicht auf; ſo iſt die Ehrloſigkeit ſelbſt den zeitlichen, nicht allein den lebenslänglichen Criminalſtrafen immerfort anklebend *), wenn nicht eine Rehabilitation des Verurtheilten erfolgt. 1) Durch dieſe, 2) durch die Gnade des Monarchen, 3) durch Amneſtie und 4) durch die Verjährung kann die Strafe ſelbſt oder ihre Folgen außerdem beſeitigt und aufgehoben werden. Die Rehabilitation (Art. 619 — 634 c. d'inst. crim.) iſt ein Akt der Prärogative des Monarchen, mittelſt deſſen die Wir⸗ kungen einer infamirenden Verurtheilung, alſo einer Cri⸗ minalſtrafe, in der Perſon des Verurtheilten, wenn er die Strafe erſtanden hat, beſeitigt werden oder wegfallen. Sie iſt alſo ein Gnadenakt des Souverains, der ſich nicht auf die Strafe ſelbſt bezieht, ſondern auf die Folgen derſelben in Be⸗ ziehung auf die Ehre des bürgerlichen und ſtaatsbürgerlichen Lebens. Im Strafprozeß iſt nun vorgeſehen, welche Mittel ergriffen werden müſſen, um zur Rehabilitation zu gelangen, und welche Perſonen *) Bei Vergehensſtrafen iſt der Verluſt S Ehrenrechte nur ein zeitlicher im code pénal. i N imn, vin Nui tit wo iſzlu ) ſub minlh j ln M ve d ſ hini M Giſ c wh in u biſt in in ni ſunſ. hng d uhlihn di vſnd ſiz ſtn6 N Ru mn N he ſin . uen Un * in n en Uit e u u dehn nd in en ie vit iin den phhſ ug duſln riheitſu iſe vin ilbſt nin „die pin zeitlitu n imi Bernhin Nonatn g im ujin ein)i di Pin inn bu vem ui nit n en in b hen küa fu van ePern Von den Strafen ꝛc. 25 dieſe Mittel ergreifen können; und ſo iſt ſie, wie auch die Begna⸗ digung, die Amneſtie und die Verjährung, nicht im Strafrecht er⸗ wähnt, obwohl alle dieſe Dinge dort behandelt ſeyn ſollten. Nach erſtandener Strafe kann eine Perſon, die criminell verur⸗ theilt worden war, unter nachſtehenden Bedingungen um Wieder⸗ einſetzung in ſeine vorigen Rechte, um Rehabilitation nachſuchen: 1) Wenn fünf Jahre verfloſſen ſind ſeit dem Zeitpunkte, wo ſie die Strafe erſtanden hat; 2) wenn ſie Zeugniſſe einer guten, untadelhaften Aufführung während dieſer ganzen Zeit von der Muni— zipalität beibringen kann. Unzuläſſig zur Rehabilitation iſt derjenige, welcher zum zweiten Male wegen eines Verbrechens ähnlicher Art verurtheilt worden iſt. Das Geſuch wird an den Monarchen gerichtet, zuvor aber durch die Criminalbehörden inſtruirt. Der Criminalgerichtshof gibt über das Geſuch, nach Anhörung des Generalprokurators, ein Gutachten ab, welches dem Juſtizminiſter übermittelt wird. Dieſer ſtattet dem Fürſten Bericht im Geheimen Rathe ab und dann erfolgt die Ge— nehmigung des Geſuches durch ein fürſtliches Reſcript Gettre de rehabilitation) oder deſſen Abweiſung. Die Begnadigung durch den Monarchen (la gräce), das ſchönſte, älteſte und einzig beneidenswerthe Vorrecht eines Dynaſten, iſt kein Gegenſtand des Strafprozeſſes, ſondern des Staatsrechts einer Nation. Sie darf erſt eintreten nach rechtskräftigem Urtheile, auf Geſuch oder ex motu proprio des Souverain und kaun die Strafe ganz oder theilweiſe aufheben, ebenſo die härtere Strafe in eine mildere verwandeln. Eine Begnadigung vor abgeſchloſſenem Prozeſſe, ehe das Urtheil erfolgt iſt, erſcheint als ein Eingriff in den Gang der Juſtiz, als Kabinetsjuſtiz, und nach den neuern ſtaats⸗ rechtlichen Theorien nicht geſtattet oder wenigſtens nicht gebilligt. Die Amneſtie ('amnestie) bezeichnet denjenigen Akt, mittelſt deſſen die höchſten Autoritäten eines Landes (Fürſt, Miniſterium und geſetzgebende Kammern oder Verſammlungen zuſammen) aus politi⸗ ſchen Erwägungen die Strafloſigkeit beſtimmter Verbrechen oder Ver⸗ gehen aus ſprechen oder dekretiren. Sie kann eintreten vor, im Laufe und nach der Unterſuchung; ſie kann alſo dahin wirken, daß gewiſſe Delikte gar nicht verfolgt oder daß ſie nicht länger verfolgt werden, „ 26 Strafrecht. oder daß die erlaſſenen Urtheile gar nicht oder nicht weiter vollzogen werden ſollen. Durch die Verjährung Ca préscription) läßt das Geſetz eine Strafe nach dem Verlauf einer gewiſſen Reihe von Jahren als erloſchen erſcheinen in derſelben Weiſe, wie es eine Klage (auch Criminalklage) nach einem beſtimmten Zeitraume als unzuläſſig (durch die Zeit getilgt, verjährt) erſcheinen läßt. In Criminalſachen ver⸗ jährt eine Strafe in zwanzig vollen Jahren vom Tage des Ur⸗ theils an, in Zuchtpolizeiſachen in fünf Jahren von dem Tage an, da das Urtheil rechtskräftig geworden iſt.*) Die Gruͤnde des Geſetzgebers, auch in Criminal⸗Klagen und Strafen eine Verjährung zuzulaſſen, ſind der Menſchlichkeit und Billigkeit entfloſſen und be⸗ dürfen wohl keiner weitern Ausführung. Jedoch hat das Geſetz, um Schaden, Aergerniß und Unglück zu vermeiden oder zu verhüten, verfügt, daß der zu einer Criminalſtrafe Verurtheilte, welcher die gegen ihn ausgeſprochene Strafe verjährt hat, nicht in dem Depar⸗ tement ſich aufhalten darf, wo derjenige, an deſſen Perſon oder an deſſen Eigenthum das Verbrechen verübt worden, ſeinen Wohnſitz hat oder wo ſeine Kinder und direkten Erben wohnen. Die Verjährung der Strafe erſtreckt ſich jedoch nur auf dieſe ſelbſt, nämlich auf die öffentliche Strafe, nicht aber auf die Verur⸗ theilung zur Civilentſchädigung, zur Reſtitution, zum Schadenserſatz, zu Reparationen, zu den Koſten, welche alle nur nach dem in Code civil feſtgeſetzten Regeln verjähren. (Art. 642 c. d'inst. cr.) *) In Polizeiſachen, ſiehe über Strafe und Verjährung 4. Buch. 6 ſon d ſe 1 M ſiit Zt nvort ſtn un m hihi, iiſhui ſin Si guſtz jus o hebe ſiſa, ig. 5i ſchiih iin im ter leh won Iuhn lage u liſi du lſuchen w uge des li en Grine u wein welhei den Dan on cn n Pohm uf iſ die Vm eniſ nin o er) Zweites Buch. Von den Perſonen, die wegen Verbrechen oder Vergehen ſtrafbar, entſchuldbar oder verantwortlich ſind. Art. 59— 75 c. p. In dem zweiten Buche werden die Grundſätze über Compli⸗ cität, Zurechnungsfähigkeit und bürgerliche (Civil⸗) Ver⸗ antwortlichkeit ſucceſſive vorgeführt. Am durftigſten erſcheint gerade an dieſer Stelle die Lehre von den Milderungsgründen ver⸗ treten und es iſt deßhalb nothwendig, dem Schlußartikel des dritten Buchs, dem berühmt gewordenen Art. 463, ſo wie den ſonſt im Geſetzbuche zerſtreuten Prinzipien hierüber in dieſem Abſchnitte ſchon ſeine Stelle anzuweiſen. I. Bei der Mitſchuld ſtellt der code pénal als Haupt⸗ grundſatz auf, daß die Mitſchuldigen (complices) eines Verbre⸗ chens oder eines Vergehens mit der nämlichen Strafe wie die Urheber des Verbrechens oder Vergehens ſelbſt belegt werden müſſen, wenn nicht ausnahmsweiſe das Geſetz ein Anderes verfügt. Solche Ausnahmen enthalten die Artikel 63 und 67 (Hehler), 100 (Leute betreffend, die ſich bei einem Aufruhr nicht als Führer betheiligt und ſich auf Einladung der Civil⸗ oder Militärbehörde zu⸗ rückgezogen haben), 107 und 108 (wegen Verſchweigung eines Complotts gegen die Regierung von Seiten verwandter Perſonen 2c.), 28 Strafrecht. 114 und 116 (Beamte, die auf höhern Befehl die Geſetze verletzt haben, betr.), 138 (Perſonen betr., die Mitglieder von Falſchmün⸗ zerbanden ſind und dieſelben denunciren), 144 *) (Mitglieder von Geſellſchaften betreffend, welche Staatsſiegel, Banknoten, Staats⸗ papiere c. nachmachen und dieſelben denunciren), 190 (Beamten und öffentliche Agenten betreffend, welche auf höhern Befehl Mißbrauch ihrer Gewalt verübt haben), 213 (Empörung), 267 und 268 (Zu⸗ ſammenrottung von Uebelthätern), 284, 285 und 288 (Vergehen betreffend, die mittelſt Druckſchriften, Bildern ꝛc. verübt werden), 293 (die Direktoren, Häupter geheimer, unerlaubter Geſellſchaften betreffend), 415 (die Anführer bei Strikes, Arbeiter⸗Aſſociationen be⸗ treffend), 438 (die Anſtifter der Zerſtörung öffentlicher Arbeiten be⸗ treffend) und 441 (GPerſonen betreffend, welche verleitet worden ſind, in Banden zu plündern oder Eigenthum zu zerſtören). Als Mitſchuldige aber einer Handlung im Verbrechens⸗ oder Vergehensgrade erklärt der Code alle diejenigen Perſonen, welche ſonſt und in der Theorie unter den verſchiedenen Bezeichnungen als Gehilfen, intellektuelle Urheber, Mitverbündete, Be⸗ günſtiger, Hehler r. begriffen werden, indem er den Art. 60, 61 und 62 folgende Faſſung gegeben: Als Mitſchuldige einer Handlung, die für ein Verbrechen oder Vergehen erklärt iſt, ſollen geſtraft werden: 1) die, welche durch Geſchenke, Verſprechen, Drohungen, Mißbrauch von Anſehen oder Macht, Anſchläge oder ſträfliche Kunſt⸗ griffe zu einer ſolchen Handlung gereizt oder Anweiſungen gegeben haben, um ſie zu begehen (ntellektuelle Urheber); *) Zufolge der Art. 138 und 144 werden Mitglieder von Banden und Geſell⸗ ſchaften, die Münz⸗, Banknoten⸗, Staatspapier⸗, Staatsſiegel- und Stempel⸗ Fälſchung treiben, von aller Strafbarkeit entbunden und völlig frei, wenn ſie den Behörden ihre Kameraden, deren Werkſtätte und Zufluchtsorte verrathen. Die Gemeingefährlichkeit dieſer Verbrechen für den Staat, der große, meterielle Schaden, der in kurzer Zeit für denſelben entſtehen kann, hat in Folge adminiſtrativer Erwägungen den Geſetzgeber zu dieſer an und für ſich unmoraliſchen und materiell ungerechten Beſtimmung veranlaßt. Das engliſche Strafrecht hat dieſes Syſtem viel ausgedehnter im „Königs⸗ zeugen“. gil, iieb „ min i de ſhin 95 lin ve v bin in mi mn in h i ins u Ni nn inijut ſ il wlſi uuw min nim hi i jn eiß lut ſ unn ſin Un . ith n un g hle iliy 1 iihn ün wh d Geſze ut n hiſtu ſihin n ten, Ein Pamn ſ Pjnt 5 (Shh ibt vnn Gelſijn einionmn b Abenb worden ſn wiheni⸗ oun, ui hunn ndete, b den In uhi in tiſ, ſ Duhnn iſiheſu gen n m bit und Em und ili it dfte n Stnt, mſhn in tiſt u ml nini Complicitãt. 6 2) diejenigen, welche Waffen, Werkzeuge oder jedes andere Mittel, das zur Handlung gedient hat, verſchafft haben, wiſſend, daß ſie dazu dienen ſollten (Gehilfen eines niedern Grads); 3) diejenigen, welche dem Urheber oder den Urhebern der Hand⸗ lung in den Thatſachen, die die Handlung erleichtert oder vorbe⸗ reitet, oder in jenen, die ſie vollendet haben, wiſſentlich geholfen oder beigeſtanden haben (eigentliche Gehilfen); 4) diejenigen, die von dem ſtrafbaren Betragen der Miſſe⸗ thäter, welche Ränbereien oder Gewaltthätigkeiten gegen die Sicherheit des Staates, die öffentliche Ruhe, die Perſonen oder das Eigen⸗ thum ausüben, Kenntniß haben und ihnen gewöhnlich eine Woh⸗ nung, einen Zufluchts⸗ oder Verſammlungsort geben (Begünſtiger); 5) diejenigen, welche geſtohlene, bei Seite geſchaffte oder mit⸗ telſt eines Verbrechens oder Vergehens erlangte Sachen ganz oder zum Theile wiſſentlich verhehlen (Hehler). Indeſſen ſollen die Heh⸗ ler mit der Todes⸗, lebenslänglichen Zwangsarbeits⸗ oder Deporta⸗ tionsſtrafe, wenn dieſe ſtatthaben, nur in ſo ferne belegt werden, als ſie überwieſen werden, zur Zeit der Verhehlung Wiſſenſchaft von den Umſtänden gehabt zu haben, denen das Geſetz dieſe drei Gat⸗ tungen von Strafen beilegt; widrigenfalls ſollen ſie nur mit Zwangs⸗ arbeiten auf eine beſtimmte Zeit geſtraft werden. Ueber den geſetzlichen Begriff eines Complotts iſt im allge⸗ meinen Theile nichts geſagt; der Art. 89 dagegen im ſpeziellen Theile, in der Lehre von den Verbrechen gegen die innere oder äu⸗ ßere Sicherheit des Staates, definirt das Complott ſo: Ein Com⸗ plott iſt vorhanden, ſobald der Entſchluß zu handeln unter zwei oder mehreren Verſchwornen abgeredet und beſchloſſen iſt, obſchon noch kein Unternehmen ſtattgehabt hat. Die Nichtentdeckung von projek⸗ tirten, verſuchten oder begangenen Verbrechen oder Vergehen, zu deren Kenntniß man gelangte, ohne irgend eine Theilnahme daran zu haben, begründet keine Complicität, in gewiſſen Fällen wohl aber ein eigenes Reat (Art. 108) oder Verletzung amtlicher Pflichten. II. Die Strafbarkeit einer geſetzwidrigen Handlung muß billigerweiſe nicht allein nach der eigenen, innern und äußern Qua⸗ lifikation derſelben und dem Grade der Gefährlichkeit, ſondern auch nach der Perſönlichkeit des Fehlenden, ſowie nach den Unſtänden, 30 Strafrecht. welche die Handlung begleiten, beurtheilt werden, und aus dieſer Anſchauung ergeben ſich die Grundſätze des Strafgeſetzbuches über Zurechnungsfähigkeit (Imputabilität) überhaupt, über gänz⸗ liche Aufhebung der Strafbarkeit, über Entſchuldigungs⸗ (excuses) und Milderungsgründe (circonstances attenuantes) insbeſondere. Das Syſtem des Code in dieſer Materie iſt folgendes: a) Weder Verbrechen noch Vergehen iſt dann vorhan⸗ den, wenn der Beſchuldigte zur Zeit der Handlung in einem Zu⸗ ſtande von Wahnſinn (demence) war, oder durch eine Gewalt, der er nicht widerſtehen konnte, gezwungen worden iſt (contrainte). b) Kein Verbrechen oder Vergehen kann entſchuldigt, noch die Strafe gelindert werden, als nur in den Fällen und unter den Umſtänden, wo das Geſetz erklärt, daß die That ſich entſchuldi⸗ gen läßt, oder wo es die Anwendung einer gelindern Strafe erlaubt. Unter a) ſind alſo die perſönlichen Zuſtände eines Angeſchul⸗ digten angeführt, welche die Strafbarkeit vollſtändig aufheben, nämlich 1) wenn derſelbe ſeiner Sinne völlig beraubt, nicht mehr als ein Menſch zu betrachten iſt, der denken und für ſein Thun und Laſſen verantwortlich gemacht werden kann, mit einem Worte, der ſich im Zuſtande des Wahnſinns, der Raſerei, der Tobſucht, des völligen Blödſinns befindet. Das Kapitel von den Seelenkrankheiten (Pſychiatrie) iſt bekanntlich eines der ſchwierigſten und noch am wenigſten ſichergeſtellten in der Heilkunde und die An⸗ wendung der Grundſätze dieſes Theiles der Medizin auf die Beur⸗ theilung ſtrafbarer Handlungen eine unnennbar ſchwierige und deli⸗ kate Operation; 2) auch dadurch wird die Strafbarkeit eines Deliktes völlig aufgehoben, wenn der Angeſchuldigte im Zuſtande eines Zwan⸗ ges (contrainte), gedrängt durch eine Gewalt, welcher er nicht widerſtehen konnte, gehandelt hat. Dieſer Zwang muß natürlich ein ſolcher ſeyn, daß im Weigerungsfalle Gefahr für Leib und Leben, Ehre und Geſundheit wirklich vorhanden war. Der Zwang darf ein phyſiſcher oder ein moraliſcher geweſen ſeyn. In dieſer Beziehung unterſcheidet das Geſetz, mit Recht, nicht. In der Regel ſör u zi 7 h Jrhiln md n N uh u dijti 3 zihſ u in ſl zmt nuf W n iin i hiut njn it woh ſin l uha, uhhn ginn Lin . ſ ſt ul ſten ſ ſi tim ſel e du i ezhhs in in zit uhizug ittenu ſuzns n vohn niun, ue Genll (cutrit ldigt, u nn n ih uſu mft eint 6 Ait aufhebn, ht nhi Dnn Por, b Lobſth el wn n ſhrinjn ni fdie b m ies vilih es Jun ni gtrih i um böu wun M gſiſt der Zurechnungsfähigkeit. 31 iſt es der moraliſche Zwang, der ſich bei Ausübung eines Verbre⸗ chens geltend gemacht hat, gewöhnlich durch gefährliche Bedrohung. Hunger, Elend, Noth werden nicht als Zwangs⸗ wohl aber als Milderungsgründe angeſehen, ebenſo konſtatirt das gewöhnliche Verhältniß des Gehorſams der Kinder gegen die Eltern, der Frau gegen den Mann, der Diener gegen die Herrſchaft, der Lehrlinge gegen die Meiſter nicht den Zuſtand einer Contrainte, und können auch nur eine Milderung in den gegebenen Fällen begründen. Wenn zufolge des Geſetzes und auf Befehl der rechtmäßigen Obrigkeit Todſchlag, Verwundungen, Schläge, Zerſtörungen, Schä⸗ den ꝛc. geſchehen ſind, iſt weder Verbrechen noch Vergehen vor⸗ handen. In wie weit iſt der Soldat ſchuldig, der im Dienſte auf Befehl ſeines Obern eine ſtrafbare Handlung begeht? Steht ihm in dieſem Falle die Kritik der Geſetzlichkeit eines Befehles zu, oder handelt er unter dem Einfluſſe der Disziplinargewalt, wie unter dem Banne eines unwiderſtehlichen Zwanges? Iſt er z. B. ſtraflos, wenn er auf friedliche Bürger, auf Kinder Feuer gibt, ein Haus anzün⸗ det, wenn er das Alles auf Befehl des Offiziers und während er ſich im Dienſte befindet, thut? Die Vernunft muß gegen die Bejah⸗ ung dieſer Frage ſeyn und die Gerechtigkeit kann ſich nicht mit der Haftbarkeit des Befehlenden allein begnügen. Die Beantwortung der Frage im Allgemeinen iſt natürlich etwas ſchwierig und wird ſich wohl am beſten dahin geben laſſen, daß der Soldat die Befehle ſeiner Obern innerhalb der militäriſchen Geſetze, welche kein Ver⸗ brechen, keine Schandthat geſtatten, zu vollziehen hat; daß er ſich dagegen weigern muß, ſolchen Befehlen nachzukommen, wenn ſie nach gewöhnlichen Begriffen ſchon den Charakter des Unerlaubten und Verbrecheriſchen an ſich tragen. c) Wenn ein Angeklagter noch nicht ſechszehn Jahre alt iſt, ſo muß erkannt werden, ob er ohne oder mit Unterſcheid⸗ ungskraft gehandelt hat. Wider entſchieden, daß er mit Unter⸗ ſcheidungskraft (avec discernement) gehandelt hat, ſo läßt das Ge⸗ ſetz ſeine Jugend nur als Milderungsgrund gelten. Wird dagegen erkannt, daß er ohne Unterſcheidungskraft (Sans disc.) handelte, ſo ſoll er freigeſprochen werden; er kann, den Umſtänden nach, in . 32 Strafrecht. dieſem Falle entweder ſeinen Eltern zurückgegeben oder in ein Correk⸗ tionshaus verbracht werden, um dort eine Reihe von Jahren, welche ⁰ 6 das Urtheil beſtimmt, die ſich aber nicht über das zwanzigſte Lebensjahr . hinaus erſtrecken darf, in Haft gehalten und erzogen zu werden. 2 Als Strafe darf dieſe Haft indeſſen nie angeſehen, noch als ſolche . geſetzlich behandelt werden. ku d) Als ein weiteres fait justicatif oder eine excuse legale welche alle Strafbarkeit aufhebt, wird die geſetzliche Nothwehr 2 (a défense légitime) angeſehen und behandelt. Der Code pénal iuhn gedenkt ihrer gar nicht in ſeinem allgemeinen Theile, behandelt ſie * aber im ſpeziellen Theile in dem Abſchnitte über Todſchlag, Ver⸗ ſuh wundung, grobe Gewaltthätigkeit in den Artikeln 328 und 329, ihu deren Tert alſo lautet: inn Weder Verbrechen noch Vergehen iſt vorhanden, wenn wirkliche 3 Noth ſich ſelbſt oder Andere rechtmäßig zu vertheidigen, den Tod⸗ 6 ſchlag, die Verwundungen und Schläge nothwendig machte. n In den Fällen wirklicher Nothwehr ſind folgende zwei einbe⸗ griffen: nn 1) wenn der Todſchlag, die Verwundungen oder Schläge ge⸗ ſt un ſchehen ſind, indem man des Nachts die Erſteigung oder den Ein⸗ vn bruch der Umzäunungen, Mauern oder des Eingangs zu einem be⸗ ina wohnten Hauſe oder Zimmer oder ihrem Zubehör abwehrte; mM 2) wenn die That ſtatt hat, indem man ſich gegen die Urheber ihnt ſolcher Diebſtähle oder Plünderungen, die mit Gewaltthätigkeiten S ausgeführt werden, vertheidigt. ihp Indem das Geſetz in dieſer Weiſe den Begriff der geſetzlichen e Nothwehr feſtſtellte, hat es ſchweigend zu erkennen gegeben, daß da, u e wo die Grenzen der Nothwehr überſchritten werden, nicht von einer inm eigentlichen excuse légale, ſondern nur von einem gewöhnlichen hinh Milderungsgrunde die Rede ſeyn könne. iIn e) Weitere excuses légales des code pénal find in folgenden ſu. Fällen zugelaſſen: äujn 1) beim Verbrechen der Entmannung, wenn daſſelbe begangen inn wurde, um ſich direkte gegen eine gewaltſame Verletzung der Scham⸗ hhm haftigkeit zu ſchützen (Art. 325); ) 2) bei Mord, Verwundung und Schläge, wenn ſie durch mSt in ſun hu nit tnijt ju wen ib ſi ete kyl Rothweh (od yi haud i ihlah he un mn icit den . wi ih Shlin p et du i inn b r di liheh chiifin giihln n did un in wihnlt h eben n Shn ſe wt Zurechnungsfähigkeit. 33 ſchwere Schläge oder grobe Gewaltthätigkeiten hervorgerufen wurden (Art. 321), oder wenn ſie geſchahen in Folge der Abwehrung gegen eine Erſteigung oder den Einbruch der Mauern, Einzäunungen oder des Eingangs zu einem bewohnten Hauſe oder Zimmer oder ihrem Zubehör bei Tage (Art. 322); bei Nacht conſtituirt eine ſolche Abwehr die geſetzmäßige Nothwehr (ſiehe oben); 3) wenn der Ehemann die Gattin, welche er im ehelichen Hauſe auf friſcher That im Ehebruche ertappt, oder den Mit— ſchuldigen, oder beide zuſammen tödtet (Art. 324). Die Excuſation ſoll aber nur eintreten, wenn, wie geſagt, die Ertappung auf fri⸗ ſcher That und im ehelichen Hauſe geſchah. Bekannt iſt, daß die Praris der Geſchwornen hier ganz anders, und ſtets im ent⸗ laſtenden Sinne, urtheilt. Auch Ehemänner, welche geraume Zeit nach der Ueberführung den Verführer oder die Frau getödtet haben, oder die ſie erſchlugen, wenn auch nicht das Verbrechen im ehelichen Hauſe geſchah, wurden freigeſprochen. Indeſſen hat das Geſetz Nie⸗ manden als dem beleidigten Ehemann die excuse légale geſtattet, alſo namentlich nicht: der Ehefrau, welche ihren Mann auf dem Ehe⸗ bruche ertappt, dem Freunde oder Vertrauten des Mannes, welcher das Mandat erhielt, über die Ehre und Tugend der Gattin des Freundes zu wachen, und den Verwandten der Eheleute. Nach römiſchem Rechte konnte der Vater, welcher die Tochter auf dem Ehebruch ertappte, die⸗ ſelbe mit ihrem Mitſchuldigen tödten (ex 20 ad leg. Jul. de adult.). Wenn die Thatſache, welche zur Entſchuldigung dient, bewieſen wird, ſo ſoll ein Gefängniß von 1 bis 5 Jahren ſtatt haben, wenn das Verbrechen ſonſt die Todes⸗ oder lebenslängliche Zwangsarbeits⸗ ſtrafe oder die Deportation nach ſich zieht; die Gefängnißſtrafe ſoll ſeyn von 6 Monaten bis zu 2 Jahren, wenn von einem andern Verbrechen die Rede iſt; die Gefängnißſtrafe ſoll auf 6 Tage bis 6 Monate beſchränkt werden, wenn von einem Vergehen es ſich handelt. Ueberdieß läßt die Jurisprudenz zu dieſen reducirten Strafen noch die Anwendung des Art. 463 zu. Die Schuldigen können indeſſen durch das Urtheil auf eine Zeitdauer von 5 bis 10 Jahren unter Aufſicht der Staatspolizei geſtellt werden. †) Das Geſetz hat, indem es ein Minimum und Marimum der Strafe und einen ziemlich weiten Spielraum für das Arbitrium V. Strafrecht. 3 5 34 Strafrecht. ſhe zwiſchen beiden ſchuf, dem Richter alle Gelegenheit gegeben, den Schuldigen und ſeine Handlung genau mit allen Nebenumſtänden, ubi welche dieſelbe erſchweren oder in verzeihlicherm Lichte erſcheinen laſſen, . i zu kritiſiren und den Geboten einer materiellen Gerechtigkeit Rech⸗ nung zu tragen. Theilweiſe hat es ausdrücklich angegeben, welche Umſtände es als ſolche angeſehen wiſſen will, die eine Strafbarkeit ſchwächen oder mindern können, theilweiſe hat es dem weiſen F und menſchlichen Ermeſſen des Richters dieſes überlaſſen. Der Reiz, der bei Verbrechen entſchuldigt und eine excuse légale bildet, iſt genau genommen nichts weiter, als ein vom Geſetze ſpeziell be⸗ ſtimmter Milderungsgrund. Der Artikel 463 nun geſtattet eine u Strafherabſetzung ſchon dann, wenn im Allgemeinen Umſtände oder inſ Gründe vorliegen, die eine geſetzwidrige Handlung zu ſchwächen I ſcheinen, und beſtimmt, im Falle auf das Vorliegen mildernder ulih Umſtände (circonstances attenuantes) erkannt wird, (den Ge⸗ ſümm ſetzen von 1835 und 1836 zufolge haben die Geſchwornen, wenn min die Majorität der Anſicht iſt, daß mildernde Umſtände vorliegen, itu dieſes in ihrem Verdicte zu erklären), folgende Strafreduktionen: in 615i Vergehensſachen bis zu Gefängniß von 1 Tage und Geldſtrafe ſul u von 1 Franken; in Verbrechensſachen die Herabſetzung der an⸗ iihe gedrohten Strafe auf den zunächſtſtehenden niedern Grad derſelben, iht n in der Regel, als vom Tode auf lebenslängliche Zwangsarbeit, oder njn h ſelbſt auf beſtimmte Zwangsarbeit, auch auf Dettatnn und De⸗ zu A tention in politiſchen Prozeſſen u. ſ. w. Lkin Als Milderungsgründe werden in der Theorie und Praris an⸗ m W genommen: Noth, Elend, ſchlechte Erziehung, Trunkenheit, Bornirt⸗ ſ heit, ſonſtiger guter Leumund, Geſtändniß, Reue, hervorragendes uny Talent, körperliche Schwäche und Fehlerhaftigkeit, Verführung, Ver⸗ mn, lockung, Beſchwatzung, Unwiſſenheit, Irrthum, Zorn, Leidenſchaft, ſmn Melancholie, Geſchlecht, Jugend, hohes Alter ꝛc. In Beziehung auf d hohes Alter beſtimmt noch außerdem der Art. 70, daß eine Per⸗ ſon, die volle 70 Jahre alt iſt, niemals zu Zwangsarbeiten oder 3 zur Deportation verurtheilt werden darf, ſondern nur zur Einſperr⸗ ung auf Lebenszeit oder auf eine beſtimmte Zeit. In Beziehung ) auf Jugend verfügt der Art. 67, daß, wenn ein Angeſchuldigter, der noch nicht 16 Jahre alt iſt, beurtheilt wird, als habe er mit uh Zurechnungsfähigkeit. 35 e Unterſcheidungskraft gehandelt, nie zur öffentlichen Schau mnſinn ausgeſtellt werden darf, daß er, wenn es ſich um ein Vergehen han⸗ innlt delt, zu jeder angemeſſen ſcheinenden Zuchtpolizeiſtrafe verurtheilt tigti t werden ſoll, die aber jedenfalls zur Hälfte geringer ſeyn muß als tbe nit die, zu welcher er verurtheilt worden wäre, wenn er ſechzehn Jahre Einni alt geweſen; daß er zu 10 bis 20 jähriger Gefängnißſtrafe in einem dn wiſ Correktionshaus verurtheilt werden ſoll, wenn die ordentliche Strafe Dei die Todes⸗, lebenslängliche Zwangsarbeitsſtrafe oder die Deportation e lide i wäre; daß gegen ihn nur die Einſperrung in ein Correktionshaus ſtejel b erkannt werden darf auf die Hälfte der Zeitdauer der ordentlichen eintn in Strafe, wenn dieſe Zwangsarbeit auf eine beſtimmte Zeit oder Re⸗ nſine cu cluſion iſt. u ſhizn III. Der code civil hat das Syſtem der Civil⸗Verant⸗ 3 ildem wortlichkeit, das heißt, der Verbindlichkeit gewiſſer Perſonen in beſtimmten Fällen ſelbſt für den Schaden, welchen andere Perſonen men un verurſachen zu haften, aus der römiſchen Lehre über das Quaſi⸗ e wein delikt in ſich aufgenommen und im Obligationenrecht, Art. 1370 uieneni bis 1386 (ſiehe Civilrecht II, Seite 131) behandelt. Der code d Gihſn pénal verweiſt in ſeinem 74. Artikel auf jene Beſtimmungen des ng n bürgerlichen Rechts und erklärt ſie als Direktive für die Strafge⸗ ddeiſlia richte, nachdem er noch zuvor im Art. 73 die Wirthe kleiner und arbei, u großer Gaſthäuſer, welche überwieſen werden, Perſonen, die während nu ihres Aufenthaltes eine ſtrafbare Handlung begangen, länger als 24 Stunden ohne Eintragung des Namens, Standes und Wohn⸗ un orts des Fremden in das Regiſter oder Fremdenbuch beherbergt zu Vunit haben, verantwortlich macht, mit ihrem Vermögen für die Wiederer⸗ umgn ſtattungen, Entſchädigungen und Koſten zu haften, welche denen zu⸗ ung kommen, die durch das Verbrechen oder Vergehen zu Schaden ge⸗ innn kommen ſind. icn Das Civilgeſetz macht nun verantwortlich: in 1) die Eltern für ihre Kinder, ſo lange dieſe minderjährig tin ſind, oder im elterlichen Hauſe unter elterlicher Gewalt ſich befinden; nbin 2) die Vormünder für die Mündel; . 3) die Lehrer für die Schüler während der Zeit, wo ihnen „ die Aufſicht über dieſe zukömmt; 3* 36 Strafrecht. 4) die Lehrherrn und Meiſter für ihre Zöglinge, Jun⸗ gen oder Lehrbuben und Geſellen; 5) die Hausherrn und Committenten für ihre Dienſt⸗ und Geſchäftsleute, welche bei ihnen wohnen. Jedoch iſt dieſen civilverantwortlich erklärten Perſonen der Ge⸗ genbeweis nicht ausgeſchloſſen, daß die That zu einer Zeit geſchehen ſey, wo ſie nicht die Aufſicht über Schüler, Zöglinge, Geſellen, Dienſtboten ꝛc. haben können. Selbſt für Thiere und lebloſe Gegenſtände können die Eigenthümer geſetzlich civilverantwortlich erklärt werden. So haftet der Beſitzer eines Thiers für den Schaden, den dasſelbe anrichtet z. B. durch Beißen, Kratzen, Treten, Stoßen, wenn er nicht den Gegenbeweis führen kann, daß das Thier von dem Beſchädigten muthwillig gereizt wurde. So haftet der Eigenthümer eines Ge⸗ bäudes für den Schaden, den dasſelbe durch ſeinen etwaigen Ein⸗ ſturz verurſacht, und ihm ſteht nur, im gegebenen Falle, eine Rück⸗ griffsklage gegen Baumeiſter und Bauleute zu. Nach dem Geſetze vom 10. Vendemiaire IV. ſind die Gemeinden verantwortlich gemacht für den Schaden, welcher in der Gemarkung von Leuten, die ſich zuſammengerottet haben, verübt wurde. N wiba Miin zitidn jui v uzn g li 1i du tingn ) vSn — — — At, n Dien e de „Geln limn 6o hij u ni Vrittes Buch. rriht . gi Von Verbrechen und Vergehen und ihrer ins 6. B eſtraf ung. vigen i *3* Art. 75 — 463 c. p. Gminn Das dritte Buch des code pénal bildet den ſpeziellen Theil Gmnim desſelben und handelt die einzelnen Verbrechen und Vergehen, ihre Definitionen und Strafbeſtimmungen, neben einander, in nicht geſchiedener Weiſe abl. Das Syſtem des Code hiebei iſt folgendes: Zuerſt werden alle Verbrechen und Vergehen in zwei große Abtheil⸗ ungen gebracht, nämlich: I. in Verbrechen und Vergehen gegen den Staat und IHI. in Verbrechen und Vergehen gegen die Privatperſonen. Dann zerfällt die Abtheilung I wieder in folgende Unterab⸗ theilungen: 1) Verbrechen und Vergehen gegen die äußere Sicherheit des Staats; 2) gegen die innere Sicherheit desſelben; 3) gegen die Staatsverfaſſung; 4) gegen die öffentliche Ruhe oder den öffentlichen Frieden; 5) Verbrechen und Vergehen der Beamten; 6) Störung der öffentlichen Ordnung der Geiſtlichen in ihren Amtshandlungen; 7) Verbrechen und Vergehen wider die öffentliche Gewalt und die Beamten; 38 Strafrecht. 8) Zuſammenrottung von Uebelthätern, Landſtreicherei und Bettelei; 9) Vergehen mittelſt Schriften und Bildern; 10) Vergehen wider die Vereinsgeſetze. Die Abtheilung II umfaßt zwei große Unterabtheilungen: A. Verbrechen und Vergehen gegen die Perſonen (Mord, Nothzucht, Meineid, Verläumdung ꝛc.); B. gegen das Eigenthum (Diebſtahl, Brandſtiftung, Zer⸗ ſtörung ꝛc.). Wir wollen nun curſoriſch und kurz das ganze Gebiet der Verbrechen und Vergehen nach ihren Haupt⸗ und Unterabtheilungen durchnehmen. I. Verbrechen und Pergehen wider den Staat. 1. Gegen die äußere Sicherheit desſelben. a) Der feindliche Angriff Frankreichs durch Franzoſen oder das Tragen der Waffen eines Franzoſen gegen ſein Vaterland iſt mit dem Tode beſtraft. b) Einverſtändniſſe mit den Feinden, Erleichterung des Eintritts desſelben in's Land, Ueberlieferung von Städten, Feſt⸗ ungen, Plätzen, Arſenalen, Poſten, Häfen, Schiffen an ihn; Unter— ſtützung desſelben durch Geld, Waffen, Lebensmittel, Kriegsbedürf— niſſe ꝛc.; Verführung der Land⸗ und Seetruppen; Verheimlich⸗ ung feindlicher Spione oder Soldaten; auf alle dieſe Verbrechen iſt die Todesſtrafe geſetzt. c) Die Verwickelung des Landes in einen Krieg durch feindſelige, von der Regierung nicht genehmigte Handlungen iſt mit der Deportation bedroht; die Provocation von Repreſſalien gegen Franzoſen durch Handlungen, die von der Regierung nicht genehmigt waren mit der Landesverweiſung. Art. 75 — 85. im t, vhfu iſu 51 m i im i n 91 ſun, m luf u Mb zil w liſ 1„ itn, ln un zu 903 p vi jih hitſ ſtn ilt m i tihni m t. eh. mſu aumi tenn iig t n ſin teſſuin un it 5. l. Verbrechen wider den Staat. 8 2. Gegen ſeine innere Sicherheit. a) Ein Attentat oder Complott gegen das Leben oder die Perſon des Kaiſers bildet das Verbrechen der beleidigten Majeſtät, und iſt mit geſchärfter Todesſtrafe bedroht, wie der Vatermord. *) b) Ein Attentat oder Complott gegen das Leben oder die Perſon der Glieder der kaiſerlichen Familie, und c) Verſuch oder Complott zum Zwecke des Thronum⸗ ſturzes, der Veränderung der Thronfolgeordnung, der Regierung, der Aufreizung der Bürger gegen die kaiſerliche Gewalt zieht die Todesſtrafe nach ſich. d) Aufreizung zum Bürgerkrieg, zur Verheerung, Plün⸗ derung, zum Mord, Werbung von Soldaten und Truppen hiezu, Lieferung von Kriegsbedürfniſſen und Waffen an dieſelben, iſt gleich⸗ falls mit Todesſtrafe beahndet. e) Uebernahme eines Kommandos von Truppen, Armeen, Flotten, Städten, Feſtungen, Häfen ꝛc. ohne Genehmigung der Re⸗ gierung, Beibehaltung eines ſolchen gegen den Befehl der Regier⸗ ung, Aufforderung und Befehl der Kommandanten an die bewaff⸗ nete Macht, gegen ihre beſtimmten Zwecke zu wirken, iſt, wenn der Befehl vollzogen wurde, mit der Todesſtrafe, wenn ihm nicht Folge geleiſtet wurde, mit Deportation bedroht. 1) Zerſtörung durch Brand, Sprengung c. von Minen, Ge⸗ bäuden, Magazinen, Zeughäuſern, Schiffen und andern Staatsgütern; Uebernahme eines Kommandos bewaffneter Banden, deren Zweck es iſt ſich öffentlichen Eigenthums, Gelder, Domänen, *) Das Geſetz vom 28. April 1832 hat den Ausdruck „beleidigte Majeſtät“ geſtrichen, und, was ſehr zweckmäßig war, dem Artikel einen Beiſatz gegeben, welcher die Beleidigung der Perſon des Königs mit 6monatlicher bis 5jähriger Gefängnißſtrafe beſtraft. In dem Napoleoniſchen Strafcoder war dieſes Reat nicht vorgeſehen, aus guten Gründen. Napoleon wußte ſich ſchon ohne Geſetz zu helfen, wenn er wollte. In der bayeriſchen Pfalz füllten die Gerichte die geſetzliche Lücke durch den Art. 222 6 p aüs, der von den Beleidigungen richterlicher und adminiſtrativer Beamten handelt, ſo daß ſie den König auf gleiche Linie mit dem Beamten bis zum Feld⸗ ſchützen herab, in dieſer Materie ſtellten. * 40 Strafrecht. Feſtungen, Städte, Häfen, Schiffe ꝛc. zu bemächtigen, Eigenthum der Nation oder der Gemeinden und öffentlichen Anſtalten zu plün⸗ dern und zu theilen, gegen die bewaffnete Macht zu kämpfen; Or⸗ ganiſation, Unterſtützung, Werbung ſolcher Banden, Einverſtändniß mit ihnen; jede Theilnahme an ihnen; alle dieſe Verbrechen werden mit der Todesſtrafe geahndet*); freiwillige Geſtattung eines Zufluchtsortes, einer Wohnung für dieſelben, mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit. 2) Oeffentliche, direkte Aufreizung durch Wort und Schrift zu allen den vorhergehenden Verbrechen iſt mit der Todes⸗ ſtrafe; wenn die Aufreizung ohne Erfolg blieb mit der Landesver⸗ weiſung bedroht; Nichtentdeckung von Verbrechen und Com— plotten gegen die innere und äußere Sicherheit des Staates mit der Einſperrung beziehungsweiſe mit Gefängniß bis zu 5 Jahren. Art. 86— 107.**) 3) Verbrechen und Vergehen gegen die Staats⸗ verfaſſung des Reichs. a) Verhinderung der Staatsbürger, ihre politiſchen Rechte auszuüben, durch Drohung, Zuſammenrottung und Ge— walt iſt mit Gefängniß von ſechs Monaten bis zwei Jahren vorge⸗ ſehen; geſchah dieſes Vergehen planmäßig im ganzen Reiche oder in mehreren Bezirken, ſo wird es als Verbrechen mit der Landes⸗ verweiſung beſtraft; b) Fälſchung, Unterſchlagung von Stimmzetteln bei öffentlichen Wahlen, wenn ſie durch Comitémitglieder geſchieht, „ *) Ein Geſetz vom 10. April 1831 behandelt in 11 Artikeln ſpeziell aufrühreriſche Verſammlungen (attroupemens) und das geſetzliche Verfahren beim Aufruhr, gegen bewaffnete und unbewaffnete Banden. Unter Waffen verſteht das Strafgeſetz (Art. 101) alle ſchneidende, ſtechende, zerquetſchende Maſchinen; Werkzeuge, Geräthe, Taſchenmeſſer, Taſchenſcheeren, einfache Stöcke ſind nur inſoferne Waffen, als Gebrauch von ihnen zum Morden oder Verwunden ge⸗ macht worden. **) Durch das Preßgeſetz von 1819 wurde der Artikel 102, die Aufreizung betr., aufgehoben; die Art. 103— 107 durch das Geſetz vom Jahr 1832, ſo daß alſo die Nichtentdeckung in den beregten Fällen kein Reat mehr bildet. iiſe thil, Nuu Uuhaf hil, te imn in 8 ) ſu ſi N win m n hin itin ſi d Mn 6i i pöen biun en zin yfen dr bimn ihnn; fuinili ſſihen n VPon m der T Uurdein und Un tes ni d 6 5 Jhr lats⸗ litiſch gm un w ſite du e Und tteln ki uftint in Uunh, vrſcht W Miſtin; idt ſn u wunen eung k⸗ 3, ſm e 1. Verbrechen wider den Staat. 41 war mit Pranger und iſt ſeit 1832 mit bürgerlicher Degradation beſtraft; wenn ſie durch die ſonſtigen Wählenden verübt wurde, mit Gefängniß von ſechs Monaten bis zwei Jahren und Verluſt der Wahlfähigkeit auf 5— 10 Jahre; Kauf und Verkauf der Stimmen bei ſolchen Wahlen mit bürgerlicher Degradation auf 5 bis 10 Jahre und Geldbuße. c) Verletzung der individuellen Freiheit oder der ſtaatsbürgerlichen Rechte der Bürger durch Beamte iſt mit bürgerlicher Degradation bedroht; gab ein Miniſter den Befehl hie⸗ zu, ſo trifft dieſen die Landesverweiſung; die Weigerung richterlicher oder polizeilicher Beamten, auf Anzeige und Requiſition, geſetzwidrige Verhaftungen zu beurkunden und anzuzeigen, wird mit bürgerlicher Degradation beſtraft; die Aufnahme und Verwahrung in Arreſt⸗, Sequeſtrations⸗, Juſtiz⸗ oder Strafhäuſer durch die Aufſeher und Inſpektoren derſelben ohne richterlichen Befehl oder Urtheil, oder ohne Befehl der Regierung mit Gefängniß von ſechs Monaten bis zwei Jahren und Geldbuße von 16 — 200 Franken; Verhaftung durch Beamte der gerichtlichen Polizei ohne Urtheil, Mandat, Ordonnanz oder geſetzliche Autoriſation mit bür⸗ gerlicher Degradation; Verwahrung in andern als den hiezu be⸗ ſtimmten öffentlichen Gebäuden mit gleicher Strafe für die frag⸗ lichen Beamten. d) Vereinigung von Beamten zu verfaſſungswidri⸗ gen Zwecken überhaupt iſt mit Gefängniß von zwei Monaten bis ſechs Monaten und Degradation bis zu zehn Jahren bedroht. Be⸗ zweckt die Vereinigung Maßregeln gegen die Befehle der Regierung, mit Landesverweiſung; geſchieht die Vereinigung zwiſchen Civil⸗ und Militärgewalten, trifft die Chefs die Strafe der Deportation, die übrigen Landesverweiſung, und wenn die Verabredung die innere Sicher⸗ heit des Staates bedroht, die Todesſtrafe; hat die Vereinigung die Abdankung zum Zwecke, um die Verwaltung der Gerechtigkeit oder die Erfüllung eines Dienſtes zu hindern, ſo wird ſie als forfaiture mit der Degradation beſtraft. e) Eingriffe der richterlichen Gewalt in die geſetz⸗ gebende und adminiſtrative Gewalt, oder dieſer in jene, 5 „ 42 Strafrecht. (orfaiture) iſt mit Degradation beſtraft und zugleich Geldbuße nii von 16 bis 500 Franken in beſtimmten Fällen. (Art. 109 — 131.) 2 lih 4) Verbrechen und Vergehen gegen öffentliche Ruhe ſni und Frieden. iu ſen ſ a) Die Fälſchung franzöſiſcher Gold- und Silber— 4 münzen iſt mit der Todesſtrafe *), franzöſiſcher Scheide⸗ mnn münzen und kupferner Münzſorten mit lebenslänglicher nin Zwangsarbeit, fremder und ausländiſcher Münzen mit zi Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit bedroht; der Gebrauch einge⸗ nommener falſcher Münzen, nachdem man ihre Mängel entdeckt hat, mit Geldbußen von 16 Franken bis zum ſechsfachen Betrag der 1. ausgegebenen Münzen; die Nichtentdeckung von Falſchmünzereien . mit Gefängniß von einem Monate bis zwei Jahren (ſeit 1832 nicht mehr); Mitglieder ſolcher Banden, die ihre Kameraden den Behör— 6 den verrathen, ſollen frei von Strafe ſeyn, können aber auf be⸗ ſtimmte Zeit oder lebenslänglich unter Aufſicht der Staatspolizei ge⸗ 8 ſtellt werden. b) Die Nachmachung, das Nachſtechen, der Nachdruck in der Staatsſiegel, der Bank⸗ und Staatspapiere, der Bank⸗ uijt billete oder Gebrauch der gefälſchten Gegenſtände iſt mit Todes⸗ bin ſtrafe bedroht **); Nachmachung und Fäſchung der Nationalſtempel, Waldhämmer oder Waldſtempel des Staats, der Gold- und Silber⸗ jun ſtempel oder Gebrauch ſolcher gefälſchten Stempel mit Zwangsarbeit lu auf beſtimmte Zeit; unerlaubter Gebrauch der ächten Stempel mit kin Einſperrung; Fälſchung der Stempel irgend einer Obrigkeit, einer ſiſt Privatbank, einer Handlungsanſtalt oder Gebrauch ſolcher Stempel n gleichfalls mit Einſperrung; unerlaubter Gebrauch ſolcher ächten Stempel mit Pranger und jetzt mit bürgerlicher Degradation. Mu c) Fälſchungen durch öffentliche Beamte mittelſt falſcher Un⸗ n ſte, *) Nach der Coutüme von Bretagne wurden die Falſchmünzer in heißem u, Waſſer abgeſotten und dann der Leichnam an den Galgen gehängt. Con⸗ ſrin ſtantin ließ ſie lebendig verbrennen. Nach dem Geſetz von 1832 iſt die Todesſtrafe durch lebenswierige Zwangsarbeit erſetzt. d **) Jetzt lebenslängliche Zwangsarbeit (1832). — heuh d Sile. Giheihe enslinihn inzen u uch üp ngll unt Ben hninniu 183) ii dn Bii er f b yoli Nahhm d vnt nit IM onſn un Eitn wngihi en i ei, in er Sim he itn ſin. iſtu in hin ing. ben sſi I. Verbrechen wider den Staat. 43 terſchrift oder mittelſt Verfälſchung der Urkunden, Schriften oder Unterſchriften, oder mittelſt Unterſchiebung von Perſonen oder mittelſt Einſchaltungen und Eintragungen in geſchloſſene Regiſter mittelſt Niederſchreiben anderer Bedingungen, als die Parteien verabredet, mittelſt Conſtatirung nicht gemachter Geſtändniſſe, falſcher That⸗ ſachen ſind mit lebenslänglicher Zwangsarbeit beſtraft. d) Die Fälſchung öffentlicher oder authentiſcher Ur⸗ tunden durch Privatperſonen mittelſt Verfälſchung oder Nach⸗ machung von Schriften und Unterſchriften, der Fertigung falſcher Verträge, Schuldſcheine, Quittungen, Teſtamente oder Einrückung ſolcher nachträglich in derartige Urkunden, der Veränderung oder Hinzuſetzung nicht ſtipulirter Klauſeln, Erklärungen oder Thatſachen, oder Gebrauch ſolcher gefälſchten Urkunden iſt mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit bedroht. Ebenſo iſt der Gebrauch von Urkunden, die Beamte gefälſcht haben, beſtraft. e) Die Strafe der Fälſchung von ij oder Gebrauch derſelben iſt die Einſperrung. f) Die Fälſchung von Reiſepäſſen oder Gebrauch ge⸗ fälſchter Päſſe zieht Gefängniß von einem Jahr bis fünf Jahren nach ſich; die Annahme eines falſchen Namens in einem Paſſe, Gefängniß von einem Monat bis zu drei Monaten; wiſſentliche Ein⸗ tragung von Wirthen und Gaſtgebern ihrer Gäſte unter falſchem Namen in die Fremdenregiſter, Gefängniß von ſechs Tagen bis drei Monate; die Ausfertigung von Päſſen durch Beamte an unbekannte Perſonen, Gefängniß von einem Monat bis ſechs Monate; die Fälſchung von Marſchzetteln oder der Gebrauch gefälſchter Narſchzettel, Gefängniß von einem Jahre bis fünf Jahre. 9) Ausſtellung von Krankheitscertifikaten u. dergl. unter dem Namen eines Arztes, Chirurgen oder Geſundheitsbeamten iſt mit Gefängniß von 2—5 Jahren bedroht; die Ausſtellung fal⸗ ſcher, unwahrer Certifikate durch Aerzte, Chirurgen, Geſundheitsbe⸗ amte, um Perſonen zu begünſtigen, von geſetzlichen Dienſten zu be⸗ freien, mit Gefängniß von 2 —5 Jahre. Geſchah die Ausſtellung gegen Geſchenke oder Verſprechen, trifft die Landesverweiſung den Arzt und den Verführer. Die Ausſtellung von Certifikaten über gute Auf⸗ 3 44 Strafrecht. führung, Armuth und andere Umſtände unter dem Namen einer obrigkeitlichen Behörde oder Perſon wird mit Gefängniß von ſechs Monaten bis zwei Jahre, die Fälſchung eines guten Certifikats die⸗ ſer Art mittelſt Uebertragung auf andere Perſonen und der Gebrauch ſolcher Certifikate mit derſelben Strafe belegt. i) Die Fälſchung von Certifikaten jeder andern Art zum Nachtheil des Aerars oder dritter Perſonen ſind zu ſtrafen, je nachdem ſie in die Kategorie der öffentlichen oder Privaturkunden fallen. Art. 132 — 165. 5) Von der Pflichtverletzung (torfaiture) der öffentlichen Beamten. Als forfaiture bezeichnet das Strafgeſetz jedes Verbrechen, welches ein Beamter in ſeinen Amtsverrichtungen begeht; ein bloßes Vergehen dagegen macht den Beamten nicht der Pflichtverletzung ſchuldig. Verſchiedene rechtswidrige als forfaiture vom Geſetz be⸗ zeichnete Handlungen haben wir in den vorhergehenden Rubriken ſchon vorgeführt, und nun folgt unter dieſer die ganze Reihe ſonſti— ger Verbrechen und Vergehen, welche ſich Beamte in ihren Amts⸗ verrichtungen ſchuldig machen können. Der code pénal hat ſie in folgende Sektionen gebracht, als: a) Entwendungen, Unterſchlagungen von Geldern, Ur⸗ kunden, Effekten ꝛc. durch Finanzbeamte ſind mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit, wenn die bei Seite geſchafften Sachen den Werth von 3000 Franken überſteigen und mit Gefängniß von 2—5 Jahren bedroht, wenn der Werth unter 3000 Franken beträgt; ferner in beiden Fällen mit einer Geldbuße bis zum Viertel der Wiedererſtat⸗ tung und Entſchädigung. Die Entwendung, Unterſchlagung, Unter⸗ drückung, Vernichtung von Urkunden, Rechtstitel ꝛc. durch Richter, Verwalter, öffentliche Beamten, Agenten und Präfekte der Regier⸗ ung und öffentliche Depoſitarien ſoll mit Zwangsarbeit auf be⸗ ſtimmte Zeit beſtraft werden. b) Erpreſſung, das iſt Forderung oder Annahme nicht ge⸗ ſchuldeter Gebühren, Taren, Steuern, Einkünfte, Gelder, Löhne, Sölde von Seiten öffentlicher Beamten, ihrer Gehilfen, obrigkeitlicher Perſonen zieht die Einſperrung und für die Commis und Gehilfen zuſ i di ſihn mn iſ ſujn win ih iht Sin ſine antn in n ſt riſis i. et hünt anden h ſuſn, vaturn der töntn iin ll hueren Geſz . uſhin teihe ſuſ hun lu⸗ hat ſei eden l sarbei u du Prt — hn fen i iedere u lun c ſihn e jn auf t niht t, lin, igtiihe ehiſn I. Verbrechen wider den Staat. 45 Gefängniß von 2 —5 Jahre nach ſich; auch eine Geldbuße bis zum Viertel der Wiedererſtattung. c) Die Vornahme von Handels- oder ſonſtigen Ge⸗ ſchäften, die mit dem Amte unverträglich ſind, einen unerlaubten Gewinn und eine Benachtheiligung des öffentlichen Schatzes herbei⸗ führen durch Beamte der Civil⸗ und Militärgewalt iſt mit Gefäng⸗ niß von ſechs Monaten bis zwei Jahre, beziehungsweiſe Geldbuße von 500 — 10,000 Franken bedroht. d) Beſtechung der Beamten hat für die Beamten die bür⸗ gerliche Degradation und eine Geldbuße zu Folge, wenn der Zweck der Beſtechung auf eine ſonſt nicht verbrecheriſche oder ſelbſt auf eine erlaubte Handlung gerichtet war; hatte die Beſtechung ein Verbre⸗ chen zum Zweck, ſo tritt die Strafe des beabſichtigten Verbrechens ein; die Verführer oder diejenigen, welche den Beamten durch Be⸗ ſtechung zur Fflichtverletzung verleiten, werden ebenſo wie die Be⸗ amten beſtraft. Der Verſuch der Beſtechung wird mit einem Ge⸗ fängniß von drei bis ſechs Monaten und einer Geldbuße von 100 bis 300 Franken beahndet. Die Gelder und Sachen, mittelſt derer beſtochen wurde oder werden ſollte, müſſen confiscirt werden. Richter oder Geſchworne, die ſich zu Gunſten oder Nachtheil des Angeklag⸗ ten beſtechen laſſen, ſollen mit der Einſperrung und beziehungsweiſe mit der höhern Strafe, welche dem Sneiesen in Folge der Beſtechung zuerkannt wurde, beſtraft werden. Richter, die in Civilſachen aus Gunſt oder Feindſchaft einen Beſchluß Sefaßt, werden bürgerlich de⸗ gradirt. e) Mißbrauch der amtlichen Gewalt durch Beamte gegen Privatperſonen durch ungeſetzliches Eindringen in ihre Wohnungen, durch Verweigerung der Juſtiz, durch Eröffnung von Briefen auf der Poſt, durch Unterſchlagung derſelben iſt mit Geld⸗ ſtrafen von 16 bis 500 Franken beziehungsweiſe und mit Degra⸗ dation bis auf 20 Jahre bedroht. ) Mißbrauch amtlicher Gewalt wider den Staat mit⸗ telſt Befehligung der öffentlichen Macht wider Regierungserlaſſe, richterliche Ordonnanzen, Vollſtreckung der Geſetze, Erhebung der Steuern iſt mit der Deportation beſtraft und Falls die Befehligung teine Wirkung hatte mit der Einſperrung. — 46 Strafrecht. 8) Vergehen, die ſich Civilſtandsbeamte bei Führung der Civilſtan dsregiſter zu Schulden kommen laſſen, werden mit Ge⸗ fängniß von 1 bis 3 Monaten und Geldbuße von 16 bis 200 Franken beſtraft, wenn das Vergehen darin beſteht, daß der Beamte die Urkunden auf fliegende Blätter ſchreibt; mit Gefängnißſtrafe von 6 Monaten bis 1 Jahr und einer Geldbuße von 16 bis 300 Fran⸗ ten, wenn der Beamte traut, ohne ſich der Einwilligung der Eltern, Vormünder ꝛc. verſichert zu haben; mit einer Geldſtrafe von 16 bis 300 Franken, wenn er eine ſchon verheirathet geweſene Frau traut, ehe 10 Monate nach Auflöſung der vorigen Ehe verlaufen ſind; wurden ſchwerere Verbrechen beabſichtigt, ſo treffen die Strafen für dieſelben nach Maßgabe des Geſetzes dieſe Beamten. h) Die Verrichtung amtlicher Funktionen ohne vorher geleiſteten Dienſtes eid wird mit einer Geldſtrafe von 16 bis 150 Franken beſtraft; die Fortführung amtlicher Funktionen nach geſchehener Abberufung, Abſetzung, Interdiction 1. iſt mit Gefängniß von 6 Monaten bis 2 Jahren und einer Geldbuße von 100 bis 500 Franken bedroht. Auch kann bis auf die Dauer von 10 Jahren die Ausübung aller amtlichen Verrichtungen unter⸗ ſagt werden. i) Die Begehung eines Verbrechens oder eines Vergehens durch Beamte oder öffentliche Perſonen, oder die Theilnahme an der Ver⸗ übung eines ſolchen, wird auf den Grund des Art. 198 höher und ſchärfer beſtraft, wenn der Beamte daſſelbe kraft ſeines Amtes zu beſtrafen, demſelben Einhalt zu thun oder daſſelbe zu verhüten hatte. Art. 169 — 198. 6. Störung der öffentlichen Ordnung durch Geiſtliche in ihren Amtsverrichtungen. Hierher gehören: a) Die Einſegnung einer Ehe, ohne daß zuvor die Heiraths⸗ urkunde vor dem Civilſtandsbeamten aufgenommen worden iſt; dieſes Reat iſt für den Geiſtlichen mit einer Geldbuße von 16 bis 100 Franken, im Wiederholungsfalle mit einer Gefängnißſtrafe von 2 bis 5 Jahren und im zweiten Rückfalle mit der Deportation beahndet. b) Kritik oder Tadel der kaiſerlichen Regierung, ihrer De⸗ wi ub hijn ſo uin inl ſtbb nü hnd 6 itet NWoer i, m il ſin mi nett ud jw hi I. Verbrechen wider den Staat. 47 * krete, Befehle, Geſetze oder der öffentlichen Gewalt durch Geiſtliche E in Kanzelreden oder ſonſt in Verrichtung ihres Amtes. Strafe: Gefängniß von 3 Monaten bis 2 Jahrenz Aufreizung in ſolchen ſWhb Reden zur Revolution, Empörung, zum Bürgerktieg, zum Unge⸗ eden zur Revolution, Empörung, zum Bürgerkrieg, zum Unge fünſt horſam iſt mit 2 bis 5 Jahren Gefängniß bedroht, wenn die Auf⸗ Pii wiegelung ohne Folgen geblieben iſt; mit Landesverweiſung, wenn lin wl ſie bloßen Ungehorſam veranlaßt hat; wenn eine Empörung erfolgte, ſut uhi mit jeder höhern Strafe, die auf Empörung nach ihren verſchiedenen veſen ſnn Graden geſetzt iſt. e ennt c) Kritik oder Tadel in Hirtenbriefen gegen die öffent⸗ ndie Etn liche Gewalt oder die Regierung. Solcher Tadel iſt mit der Lan⸗ 1. desverweiſung des Geiſtlichen bedroht; Aufreizung zum Ungehor⸗ nen inn ſam, zum bürgerlichen oder Religions⸗Krieg in derartigen Briefen inſt ht und Paſtoralinſtruktionen mit Deportation, und wenn die Aufreiz⸗ et juiin ung Empörung oder Aufruhr bewirkt hat, wie unter Rubrik b) mit rdittint jeder höhern Strafe. deine büt d) Briefwechſel oder Correſpondenz mit fremden Hö⸗ s uuf di d fen und Mächten über Fragen oder Gegenſtände der Religion tihmn n ohne Genehmigung des Kaiſers oder Cultusminiſters zieht für den betreffenden Geiſtlichen eine Gefängnißſtrafe von 1 Monate bis Venchan 2 Jahren und eine Geldbuße von 100 bis 500 Franken nach ſich; nennb war der Briefwechſel dem Geſetze oder kaiſerlichen Verordnungen 198 litn ausdrücklich zuwider oder folgten verbotene Handlungen darauf, ſo ſin lu iſt der Geiſtliche mit der Landesverweiſung, vorbehaltlich der ſchwe⸗ reren Strafen im geeigneten Falle zu belegen. Daß unter den „fremden Höfen und Mächten“ der päpſtliche Stuhl gemeint iſt, be⸗ darf wohl keines weitern Commentars Art. 199 — 208. verin 1 7. Verbrechen und Vergehen wider die öffentliche Gewalt und die Beamten. nhu a) Empörung oder Rebellion (Angriff oder Widerſtand 68 mit Gewaltthätigkeit gegen die Diener der Juſtiz, gegen die bewaff⸗ „ nete Macht, gegen die Polizei⸗, Adminiſtrativ⸗, Douanen⸗Behörden 3 und ihre Diener in Ausübung ihrer Funktionen) von mehr als . zwanzig Bewaffneten verübt, wird mit Zwangsarbeit auf in kun ) beſtimmte Zeit beſtraft; mit der Einſperrung, wenn keine Waffen 19, i „ S 3 * F S * . —— N — S 48 Strafrecht. getragen wurden; mit Einſperrung, wenn es 3 bis 20 Bewaffnete waren; mit Gefängniß von 6 Monaten bis 2 Jahren, wenn die Rebellen keine Waffen trugen; mit derſelben Gefängnißſtrafe, wenn es nur 1 oder 2 Bewaffnete waren; mit Gefängniß von 6 Tagen bis 6 Monaten, wenn keine Waffen gebraucht wurden. Aufreiz⸗ ung zur Rebellion durch Rede, Schrift, Anſchlagzettel ſind wie die Rebellion ſelbſt zu beſtrafen. Die Häupter derſelben, ſowie die intellectuellen Urheber können unter Aufſicht der Staatspolizei auf die Dauer von 5 bis 10 Jahren geſtellt werden. Art. 209 — 221 und Geſetz vom 17. Mai 1819. b) Die Beleidigung der Beamten aus dem richterli⸗ chen oder Verwaltungsfache, aus der adminiſtrativen oder gerichtlichen Polizei während ſie ſich im Dienſte befinden oder in Beziehung auf den Dienſt durch unehrerbietige, undelikate, be⸗ ſchimpfende Worte iſt bedroht mit einem Gefängniſſe von 1 Monat bis zu 2 Jahren; wenn die Beleidigung in der Audienz eines Ge⸗ richtshofes geſchah, mit 2 — 5jährigem Gefängniß; wenn die Belei⸗ digung in Drohungen beſtand, mit einem Gefängniſſe von 1 bis 6 Monaten; wenn die Drohung in öffentlicher Sitzung geſchah, mit Gefängniß von 1 Monat bis zu 2 Jahren. Art. 222 u. 223. c) Die Beleidigung miniſterieller Beamten oder der Agenten der bewaffneten Macht durch Worte, Geberden oder Drohungen während oder in Beziehung auf ihre Amtsverrichtungen werden mit einer Geldbuße von 16 — 200 Franken beſtraft; war einem Befehlshaber der bewaffneten Macht die Beleidigung zu⸗ gefügt worden, ſo tritt Gefängnißſtrafe von 6 Tagen bis 1 Monat ein. Gemeinſam den Art. 222, 223, 224 und 225 iſt die Verfügung, daß eine Abbitte in der Audienz oder eine ſchriftliche, zu welcher mittelſt perſönlicher Haft gezwungen werden darf, nebſt der Prinzi⸗ palſtrafe verordnet werden kann. Art. 224 — 227. d) Mißhandlung einer obrigkeitlichen Perſon in Aus⸗ übung ihres Dienſtes ohne Waffen und Verwundung iſt mit 2— 5jährigem Gefängniſſe bedroht; mit der bürgerlichen Degrada⸗ tion, wenn die That in einer Sitzung geſchah; mit Gefängniß von 1 bis 6 Monaten, wenn ſie an einem miniſteriellen Beamten oder Agenten der bewaffneten Macht geſchah; mit Einſperrung, wenn die Ne un um N iu! Pud ii w6 mn b zug iun u iun enf ſich u iht wn inn n Ieh hij mn ſin im m wn w ſu N is 20 zuft Juhrn, m ihnſinn ſß mnih mn l lagetl ſut ſlben, ſui Stuthi An M) dn tihn ſratinn ſte beinn u undelin n dien in wen ie hü iſe wlt geſtth n 21 ten n Gebenn i töeritin beuf; w lediyn 1 ie Vrizn ſon u en Diyn jinß mn , wehn I. Verbrechen wider den Staat. 49 Mißhandlung eines der Beamten der drei Kategorien Blutvergießen, Krankheiten oder Wunden zur Folge hatte; mit der Todesſtrafe, wenn binnen 40 Tagen der Tod des Beamten eingetreten iſt, oder wenn die Verwundungen zu denjenigen gehören, die das Merkmal des Mordes an ſich tragen; mit der Einſperrung, wenn die Mißhand— lung mit Vorbedacht oder Auflauern, wenn auch ohne Blutvergießen, Wunden und nachträgliche Krankheiten, ſtatt fand. Art. 228 — 233. e) Die Verweigerung eines geſetzlichen Dienſtes durch Offiziere oder Unteroffiziere der bewaffneten Macht auf Requiſition der Civilbehörde iſt mit einer Gefängnißſtrafe von 1 bis 3 Mona⸗ ten bedroht; die Vorſchützung von Entſchuldigungsgründen durch Zeugen und Geſchworne, wenn dieſelben falſch befunden werden, mit einem Gefängniſſe von 6 Tagen bis 2 Monaten. Art. 234 — 236. f) Entweichung aus dem Gefängniſſe mittelſt Erbrech— ung deſſelben und mit Gewalt, ſowie der Verſuch hiezu, iſt mit einer Gefängnißſtrafe von 6 Monaten bis 2 Jahren, den Flüchtling betreffend, beſtraft; mit dreimonatlichem bis zweijährigem Gefängniß ſind die Begünſtiger der Flucht, wenn ſie den Gefangenen nicht zu bewachen hatten, bedroht; mit 2 — 5jährigem Gefängniß, wenn der Flüchtling zu einer Leibesſtrafe oder wegen Verbrechens verurtheilt worden war; mit der Einſperrung, wenn derſelbe zum Tode oder einer perpetuellen Strafe verurtheilt war; Entweichung von Gefan⸗ genen, die kriegsgefangen, zu einer Polizei⸗ oder bloß entehrenden Verbrechensſtrafe verurtheilt waren, zu Folge der Nachläſſigkeit der Huiſſiers, Gensdarmen, bewaffneten Macht, Poſten, Kerkermeiſter, Gefangenwärter iſt mit einem Gefängniß von 6 Tagen bis 2 Mo⸗ naten für dieſe Agenten beſtraft; geſchah zu Folge eines Einver⸗ ſtändniſſes der Agenten oder Wächter die Flucht, ſo trifft dieſelben 6monatliches bis 2Jjähriges Gefängniß; Einſperrung, wenn die Ge⸗ fangenen zu Verbrechensſtrafen niedern Grades, und Zwangsarbeit, wenn dieſelben zur Todes⸗ oder perpetuellen Strafe verurtheilt wor⸗ den waren; lebenswierige Zwangsarbeit, wenn die Wächter Waffen zur Bewerkſtelligung des Ausbruches mit Gewalt herbeibrachten. Art. 237 — 247. g) Die Verheimlichung von Perſonen, welche Verbrechen begangen haben, ſoll für die, welchen dieſe Umſtände bekannt ſind, V. Strafrecht. 4 50 Strafrecht. nit einer Gefängnißſtrafe von 3 Monaten bis 2 Jahren beſtraft wer⸗ den. Ausgenommen die Verheimlicher waren Ascendenten, Descen⸗ denten, Brüder, Schweſtern, Schwäger, Schwägerin, Schwiegervater, Schwiegermutter, Gatte oder Gattin der verheimlichten Perſon. Ar⸗ tikel 248. n) Die Erbrechung von Siegeln, die auf Befehl der Re⸗ gierung oder einer richterlichen Perſon angelegt ſind, iſt mit einer Gefängnißſtrafe von 6 Monaten bis 2 Jahren beſtraft; mit Ein⸗ ſperrung, wenn die Siegel auf die Papiere und Effekten eines ange⸗ ſchuldigten oder verurtheilten Verbrechers gelegt waren; mit Zwangs⸗ arbeit, wenn die Wächter ſolche Siegel erbrochen haben. Die Ent— wendung, Zerſtörung⸗ Wegnahme von Urkunden, Proto⸗ kollen, Regiſter, Effekten, die ſich in öffentlichen Archiven, Kanzleien c. befinden, wird mit der Einſperrung beſtraft; war der Depoſitär der Schuldige ſelbſt, mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit; waltet Nachläſ⸗ ſigkeit der Depoſitäre ob, ſo trifft dieſe Gefängniß von 3 Monaten bis 1 Jahr und Geldbuße von 100 — 300 Franken. Art. 249 — 256. i) Die Beſchädigung und Zerſtörung öffentlicher Denk⸗ mäler, Bildſäulen w. iſt mit einem Gefängniß von1 Monat bis zu 2 Jahren und einer Geldbuße von 100— 500 Franken bedroht. Art. 257. ſc) Die Anmaßung von Titeln, amtlichen Verrichtun⸗ gen im Civil⸗ oder Militärdienſte zieht eine Gefängnißſtrafe von 2— 5 Jahren nach ſich; das unberechtigte Tragen von Uni⸗ formen, Koſtümen, Ehrenzeichen iſt mit einem Gefängniß von 6 Monaten bis 2 Jahren belegt. Art. 258, 259. Gewaltthätige Verhinderung der Ausübung der Religion, der Haltung der Feiertage durch That oder Bedrohung iſt bedroht mit einer Gefängnißſtrafe von 6 Tagen bis 2 Monaten und einer Geldbuße von 16 — 200 Franken; Störung des Gottesdienſtes mit Gefängniß von 6 Tagen bis 3 Monaten und Geldbuße von 16 — 300 Franken; Verhöhnung und Ver⸗ ſpottung der Religion, der geheiligten Gegenſtände, der Diener der Religion, Beſchimpfung derſelben mit einem Gefängniß von 15 Tagen bis 6 Monaten und einer Geldbuße von 16 bis 500 Fran⸗ ten; Mißhandlung eines Dieners der Religion im Dienſte durch Schläge mit der bürgerlichen Degradation. Art. 260 bis 264. * M i i un ſu 6e ten bhn denn Nn Shuihn in Pin Biich uh i nn ſt; ni n in ni n . Ji in tundn hu n hnin rDeyeſtih walu 3 Nount . 140—i tlicher u Nonat ün! wht Ml Penitin gißſut u en w l e heinn zübug* gantmi n img 3 Pu g m 1 e diun gß m 3 50 ſn diuſt m N. I. Verbrechen wider den Staat. 5¹ S. Zuſammenrottung von Uebelthätern. Landſtreicherei. Bettelei. a) Die Chefs, Organiſatoren, Unterbefehlshaber der Banden, Zuſammenrottungen (attroupemens) von Uebelthätern gegen Perſonen und Eigenthum ſind deßhalb allein, und wenn kein au⸗ deres Verbrechen noch erfolgt iſt, mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit zu belegen; die Mitglieder der Bande, die Hehler, Gehülfen, Begünſtiger derſelben mit der Einſperrung. Art. 265 — 268. b) Landſtreicherei an und für ſich wird als Vergehen ge⸗ ſtraft. Man verſteht unter Landſtreicher geſetzlich jene Perſonen, die weder einen beſtimmten Wohnort, noch Mittel zum Lebensunter⸗ halt haben, noch ein Gewerbe oder ein Handwerk treiben. Strafe: Gefängniß von 3 bis 6 Monate. Art. 269 — 273. c) Bettelei an Orten, wo Anſtalten beſtehen um dem Bettel vorzubengen, iſt mit einer 3 bis 6monatlichen Gefängnißſtrafe bedroht; wenn keine ſolche Anſtalten beſtehen mit 1 bis Zmonatlichem Gefängniſſe, wenn die Bettler ſtark und geſund ſind; mit Gefäng⸗ niß von 6 Monaten bis 2 Jahre, wenn die Bettler außerhalb des Kantons betroffen werden, oder wenn ſie ſich Drohungen bedienen, oder wenn ſie ohne Erlaubniß des Eigenthümers in Häuſer und eingeſchloſſene Räume eindringen, oder Wunden, Gebrechen ꝛc. er⸗ dichten und vorſchützen oder wenn ſie in Geſellſchaft betteln, ausge⸗ nommen wenn es Eltern und Kinder, Mann und Frau, Blinder und Führer ſind. Art. 274 — 276. Landſtreicher und Bettler, welche verkleidet, bewaffnet, mit Dieb⸗ ſtahlswerkzengen verſehen ergriffen werden, ſollen mit 2— 5jährigem Gefängniſſe beſtraft werden; wenn ſie Effekten bei ſich führen von mehr als 100 Franken Werth ohne beweiſen zu können, woher ſie dieſelben haben, mit einer Gefängnißſtrafe von 6 Monaten bis 2 Jahre. Art. 277— 281. Auch ſollen dieſe Leute ſtets zur Ver⸗ fügung der Regierung bleiben. Art. 282. 9. Vergehen mittelſt Schriften, Bildern w. Durch das Preßgeſetz vom Jahre 1819, durch das frühere vom Jahre 1814, durch die Preßgeſetze der Jahre 1822, 1827, 1828, 1830, 1834, 1835 und 1841 ., ſowie durch das Geſetz von 4* 52 Strafrecht. 1832 ſind die Artikel 283 bis 290, welche die Mittheilung und den Verkauf von Druckſchriften jeder Art, von Bildern ꝛc., deren Autor, Verfaſſer oder Drucker nicht genannt iſt, die anſtößigen, un⸗ ſittlichen Inhalts ſind, oder zu Vergehen oder Verbrechen irgend einer Art auffordern, mit verſchiedenen Strafen bedrohen, theils aus⸗ drücklich aufgehoben worden, wie der Art. 290; theils durch die angeführten Preßgeſetze erſetzt, modificirt und überflüſſig gemacht worden. 10. Vergehen wider die Vereinsgeſetze. Im alten Frankreiche waren Vereine und Verſammlungen faſt durchgängig, bald als der Staatsſicherheit, bald als der öffentlichen Ruhe zuwider, verboten. Die Revolution wendete ſich dem Prin⸗ zipe des römiſchen Rechtes zu, das Verſammlungen und Vereine unbeſchränkt geſtattete, wenn deren Zweck nicht auf bürgerliche Un⸗ ruhen, Aufſtand gerichtet war; ſiehe l. 1. C. 1. ad leg. Jul. majest. und l. 3 ad leg. Jul. de vi publ. Durch das Geſetz vom 13.— 19. November 1791 und die Conſtitution vom 3. Sept. 1791 wurde freies Vereins⸗ und Verſammlungsrecht geſtattet. Die politiſchen Geſellſchaften jener Tage beuteten dieſes Recht in jeder Weiſe aus und man wird ſich erinnern, wie ſchrecklich die Jakobiner durch dasſelbe und durch das Geſetz vom 13. Juni1793 (über Vereine) wirkten. Bald ſah man ein, daß ein Staat nach ſolchen Grundſätzen und mit ſolchen Mitteln nicht regiert werden könne und man trat der zügelloſen Freiheit entgegen. Prohibitiv⸗Maßregeln wurden nament— lich gegen politiſche und religiöſe und jede Vereine geſchaffen, welche dem öffentlichen Wohle entgegen ſchienen; Geſetz vom 7. Thermidor V. Der code pénal behandelt nun dieſe Materie in den Artikeln 291, 292, 293 und 294, welche indeſſen durch ein eignes Vereinsgeſetz vom 10. April 1834, ſowie durch die Charten von 1830 bedeutende Modifikationen erfahren haben und theilweiſe, namentlich in Bezieh⸗ ung auf religiöſe Geſellſchaften und Vereine ganz aufgehoben wurden. Die leitenden Grundſätze dieſer Artikel ſind nun folgende: Vereinigungen von mehr als zwanzig Perſonen, die zum Zwecke haben, an beſtimmten Tagen oder alle Tage ſich zu verſammeln, um ſich mit religiöſen, wiſſenſchaftlichen, poliliſchen und andern Gegen— ſicd Uhn iy tin tn 41 ui im u ſ zih m ig h ſt um M vh in ſi m ſin U icheinu eun t, in nſüjhn uhn in heis is wit liſi zu ze mlnnſi e ifuli ch den und hu ugeit l al lg R i on 3 6h uu cht ij ie Miin bn Un mſitun un mb n ſn henu zninhi beeu in i n vnn mn Jui unhu n 6 I. Verbrechen wider den Staat. 53 ſtänden zu beſchäftigen, bedürfen der Genehmigung der Regierung hiezu, welche die Geſellſchaft auch wieder, ſelbſt nach gegebener Ge⸗ nehmigung, auflöſen kann. Bildet ſich eine Geſellſchaft ohne An⸗ zeige und Genehmigung, ſo ſoll ſie aufgelöſt und ihre Chefs, Di⸗ rektoren, Verwalter mit einer Geldbuße von 16 bis 200 Franken beſtraft werden. Finden in ſolchen Verſammlungen Aufreizungen zu Verbrechen oder Vergehen mittelſt Reden, Ermahnungen, Allo⸗ kutionen, Gebete, in welcher Sprache es auch ſeyn mag (man begreift, gegen wen dieſe Verfügung beſonders gerichtet war) mit— telſt Vorleſung und Austheilung von Schriften Statt, ſo ſollen die Chefs w. mit einer Gefängnißſtrafe von 3 Monaten bis 2 Jahren und einer Geldbuße von 100 — 300 Franken belegt werden mit Vorbehalt der Strafen, welche das Geſetz gegen die der Auf⸗ wiegelung ſchuldigen Perſonen verhängt. Die Geſtattung des Ge⸗ brauchs von Zimmern oder Häuſern an nicht genehmigte Vereine iſt mit einer Geldſtrafe von 16— 200 Franken bedroht. Dieſes ſind die Verfügungen des Strafgeſetzbuchs, welche, wie man ſieht, mangelhaft ſind. Der Art. 1 des Geſetzes vom Jahr 1834 gab ſogleich der Sachlage eine völlig veränderte Geſtalt, in⸗ dem er den gemachten Erfahrungen gemäß, verfügte, daß die Ge⸗ nehmigung jederzeit zurückgenommen werden könne, daß ſich die Be⸗ ſtimmungen des Geſetzes auch auf die Vereine erſtrecken ſollen, die nicht an beſtimmten Tagen und nicht alle Tage ſich verſammeln und die in Sektionen von weniger als 20 Perſonen abgetheilt ſind, um derartigen Umgehungen des Geſetzes vorzubeugen. Art. 2 be⸗ ſtimmt Gefängnißſtrafen von 2 Monaten bis zu 1 Jahre und Geld⸗ buße von 50 — 1000 Franken für alle Mitglieder nicht genehmigter Geſellſchaften, im Wiederholungsfalle doppelte Strafe und Stellung unter polizeiliche Aufſicht. * F. ——— 54 Strafrecht. II. Perbrechen und Pergehen wider die Privatperſonen. A. Verbrechen und Vergehen wider die Perſonen. 1. Mord, Meuchel⸗, Gift-, Vater-, Kinder-Mord, eulpoſer Todſchlag, Kindsabtreibung, Entmannung, Verwundung, Mißhandlung. a) Die freiwillig verübte Tödtung eines Menſchen iſt als Mord betrachtet (meurtre); jeder Mord, der mit Auflauern oder Vorbedacht verübt wurde, iſt Meuchelmord (assassinat). Jeder Mord, der an natürlichen, legitimen oder Adoptiv⸗Vätern oder Müttern, oder an legitimen Asſcendenten verübt wird, iſt Va⸗ termord; der Mord eines neugebornen Kindes iſt Kindermord; der Mord einer Perſon mittelſt Beibringen von metalliſchen, anima⸗ liſchen oder vegetabiliſchen Subſtanzen, die mehr oder weniger ſchnell den Tod herbeiführen, auf welche Weiſe auch dieſe Subſtanzen ge⸗ braucht oder beigebracht werden, iſt Giftmord. Das Auflauern cle guet apens) beſteht darin, daß man fürzere oder längere Zeit hindurch an einem oder an verſchiedenen Orten auf Jemand wartet, um ihn zu tödten oder Gewaltthätig⸗ teiten an ihm auszuüben. Der Vorbedacht (la préméditation) beſteht in einem vor der Handlung gemachten Vorſatze, eine be⸗ ſtimmte geſetzwidrige Handlung zu begehen an einem beſtimmten In⸗ dividuum oder Gegenſtand, oder auch an einem nicht beſtimmten, das zufällig zur Begegnung kommen wird; Vorbedacht wird ſelbſt auch dann geſetzlich angenommen, wenn der Vorſatz von irgend einer Beſtimmung oder von einem Umſtande abhängig gemacht wurde. Einfacher Mord iſt mit lebenslänglicher Zwangsarbeit bedroht; mit Todesſtrafe dagegen: der Meuchel⸗, Gift⸗, und Kinder⸗Mord, ſowie jeder andere Mord, wenn ihm ein anderes Verbrechen oder Vergehen vorhergegangen, darauf erfolgt iſt oder davon begleitet worden, wie Raub, Diebſtahl, Mißhandlung, Nothzucht x.; mit ge⸗ ſchärfter Todesſtrafe iſt der Vatermord bedroht. (Siehe S. 13 u. 14). Als des Meuchelmords ſchuldig ſollen auch die beſtraft werden, e ſt v n vi e u ul tuihrin erſun. der⸗Na tuaun ſhn ſt Auflun (hilh dyivbin vin i indemun ſin, nn in ſu ſmn 1, d m verjihn enuti niijui e, in b innd bffimn vin ſli wu ihn i h it baut de⸗Mn uchu d nbei nit ſ l31l twe, I. Verbrechen wider die Privatperſonen. 55 welche zur Ausführung von Verbrechen (Erpreſſung, Raub, Noth— zucht) ſich der Folter bedienen oder barbariſche Handlungen begehen. Dieſer Artikel war hauptſächlich gegen die Mörder und Räuber ge⸗ richtet, die unter der Bezeichnung chauffeurs (Heizer, Schürer) und garrotteurs Gnebler) Frankreich um jene Zeiten unſicher machten und eine furchtbare Plage für das Land waren. Art. 295 — 304. Ueber geſetzliche Entſchuldigungsgründe und Nothwehr in dieſer Materie, ſiehe Seite 32. b) Todſchlag oder Tödtung durch Nachläſſigkeit, Un⸗ geſchicklichkeit, Nichtbeobachtung von Verordnungen, Unachtſamkeit, iſt mit 3monatlichem bis 2jährigem Gefängniſſe und einer Geldbuße von 50 — 600 Franken bedroht. Art. 319. c) Kindsabtreibung, mittelſt Arzneien, Getränken, Nahr⸗ ungsmittel und jedes ſonſtigen andern Mittels iſt für die Schwangere, wie für Urheber und Gehülfe des Verbrechens mit Einſperrung bedroht; für Aerzte, Chirurgen, Apotheker, wenn ſie geholfen, ge⸗ rathen, die Mittel verſchafft oder beigebracht haben, mit Zwangs⸗ arbeit auf beſtimmte Zeit. Ar 317 d) Entmannung zieht lebenslängliche Zwangsarbeit nach ſich und wenn der Entmannte innerhalb 40 Tage ſtirbt, die Todes⸗ ſtrafe. Art. 316. c) Verwundungen, Mißhandlungen, Schläge ſind mit einer Gefängnißſtrafe von 1 Monate bis 2 Jahren und einer Geldbuße von 16 bis 200 Franken belegt; mit einer ſolchen von 2 bis 5 Jahren und von 50 bis 500 Franken, wenn Vorbedacht oder Auf⸗ lauern dabei ſtattfand; mit der Einſperrung, wenn die Verwundung oder Mißhand⸗ lung eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als 20 Tagen zu Folge hatte; mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit, wenn Auflauern oder Vorbedacht dabei ſtattfand; wenn das Verbrechen oder das Vergehen an den legitimen Asſcendenten, an legitimen, natürlichen oder Adoptiv⸗Eltern verübt wurde, ſo wird die gewöhnliche Strafe immer um einen Grad erhöht. Iſt die Beſchädigung oder Verwundung uur in Folge Mangels an Vorſicht oder Geſchicklichkeit geſchehen, ſo tritt eine Gefängniß⸗ 56 Strafrecht. ſtrafe von 6 Tagen bis 2 Monate und eine Geldbuße von 16 bis 200 Franken ein. 1) Der Verkauf gefälſchter Getränke, die der Geſund⸗ heit ſchädlich ſind, zieht die Confiskation dieſer Getränke, ſo wie eine Geldbuße von 16 bis 500 Franken und eine Gefängnißſtrafe von 6 Tagen bis 2 Jahren nach ſich. g) Der Verkauf und das Fertigen der Stilette, Trom⸗ blons und ſonſtig verbotener Waffen iſt mit einem Gefängniß von 6 Tagen bis 6 Monate, das Tragen derſelben mit einer Geld⸗ ſtrafe von 16 bis 200 Franken und der Confiskation der Waffen bedroht. Art. 309 bis 312, 314 und 315, 318 und 320. Dekret vom 12. März 1806 und Edikt vom 23. März 1728. Geſetz vom 24. Mai 1834 über Waffenfabrikation und Verkauf; Ordonnanz vom 23. Febr. 1837 über Taſchenpiſtolen. Ueber Entſchuldigungsgründe und Nothwehr bei Schlägen, Miß⸗ handlung, Entmannung ſiehe Seite 32. 2) Bedrohung. Bedrohung mit Meuchelmord, Vergiftung, Brandſtiftung und jedem andern Verbrechen, welches die Todes⸗ oder lebenslängliche Zwangsarbeitsſtrafe, oder die Deportation nach ſich ziehen würde, wenn ſie ſchriftlich geſchehen, iſt mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit belegt, inſoferne ſie mit dem Befehle begleitet iſt, eine Summe Geldes irgendwo zu deponiren oder ſonſtige Bedingungen zu er⸗ füllen. Fehlt dieſer Befehl, ſo iſt die Strafe auf Gefängniß von 2 bis 5 Jahre und Geldbuße von 100 bis 600 Franken reducirt. Iſt die Bedrohung mündlich geſchehen, und war ſie von einem Befehle oder einer Bedingung begleitet, ſo verordnet das Geſetz deren Beſtrafung mit einem Gefängniß von 6 Monaten bis 2 Jahren und einer Geldbuße von 25 bis 300 Franken. Auch kann die Stellung aller der Perſonen, die wegen Bedrohung verurtheilt wur⸗ den, unter die Aufſicht der Staatspolizei verfügt werden. Münd⸗ liche Bedrohung von Privatperſonen, wenn ſie von keinem Befehle begleitet, unter keiner Bedingung gegeben ſind, conſtituiren fein Vergehen, können aber wohl als Anzeichen oder Indicie einer he Ne nc iu ſw veil ud me ni 6 d ſun lin de ſih jm hun f m he ein van W mi in kih hiſt ziti ſit uht die de hin ul, ſt uhniſin n ilete, un Gejunn nit in ht n de D n heſez un!. wonn u hlihn ifunn tbenlint iehen vit uf bim in õm ngn u finß m ken wu vn in n bi is 2hn im rtheit un Vin von him cnſiuin diie in II. Verbrechen wider Privatperſonen. 57 nachfolgenden verbrecheriſchen Handlung gelten und benützt werden. Art. 305 — 308. 3) Sittenverletzung; Verführung zur Unzucht; Noth⸗ zucht; Ehebruch; Bigamie. a) Oeffentliche Verletzung der Schamhaftigkeit durch Handlungen oder Geberden zieht eine Gefängnißſtrafe von 3 Monaten bis 1 Jahr, eine Geldbuße von 16 bis 200 Franken nach ſich. b) Verletzung der Schamhaftigkeit einer Perſon des einen oder andern Geſchlechtes, wenn ſie mit Gewalt geſchehen iſt, ſowie die Nothzucht eines ledigen, verheiratheten oder verwitt⸗ weten Frauenzimmers iſt mit der Strafe der Einſperrung bedroht und mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit, wenn das Verbrechen an einem Kinde geſchah, welches noch nicht volle 15 Jahre alt iſt; mit lebenslänglicher Zwangsarbeit iſt dieſes Verbrechen belegt, wenn es durch öffentliche Beamte, Geiſtliche, Lehrer, Dienſtherren an Per⸗ ſonen, die unter ihrer Gewalt ſich befinden, alſo auch wenn es durch Eltern, Vormünder, Verwandte ꝛc. begangen wird, oder wenn zwei oder mehrere Perſonen das Verbrechen zuſammenverüben. Als Noth⸗ zucht kann nach der Praris nicht angeſehen werden, wenn ein Frauenzimmer ohne Anwendung von Gewalt in Folge eines Irr⸗ thums, einer Liſt, eines Betrugs mißbraucht wurde, z. B. eine Ehe⸗ frau hält einen Lüſtling, der ſich nächtlicher Weiſe in ihr Zimmer und Bett eingeſchlichen hat, für ihren Ehemann (ſiehe Journ. Pal. Beſangon 16. Okt. 1828); hier ſoll blos eine Verletzung der Sitten, eine unmoraliſche Handlung vielleicht nur vorliegen. Chau⸗ veau und Hélie ſind, mit Recht wie es uns ſcheint, der Meinung, daß eine ſolche Handlung ſo infam iſt, wie eine Nothzucht mit Gewalt und wollen derſelben namentlich den Fall gleichſtellen, wenn Jemand eine Frauensperſon durch narkotiſche Getränke in lethargiſchen Schlaf oder Ohnmacht bringt, um ſie dann zu benützen. Nach dem Geſetz von 1832 iſt die Nothzucht mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit in allen Fällen beſtraft. c) Verleitung zu unzüchtiger Lebensweiſe, Verführung zu geſchlechtlicher Ausſchweifung, zur Proſtitution, Begünſtigung ſol⸗ b 58 Strafrecht. cher Lebensweiſe und Laſter, Perſonen gegenüber männlichen oder weiblichen Geſchlechts, die noch nicht 21 Jahre alt, alſo noch nicht volljährig ſind, iſt, wenn ſie gew ohnheitsmäßig geſchieht, mit einer Gefängnißſtrafe von 6 Monaten bis 2 Jahre und einer Geld⸗ buße von 50 bis 500 Franken bedroht, welche auf zwei⸗ bis fünf⸗ jähriges Gefängniß und eine Geldſtrafe von 300 bis 1000 Fran⸗ ken erhöht wird, wenn Eltern, Vormünder und andere Perſonen, welche die Aufſicht über die Minderjährigen haben, die Schuldigen ſind. Außerdem tritt für dieſelben die legale Interdiktion ein und in Beziehung auf Eltern die Entziehung der Rechte der väterlichen d) Der Ehebruch, den die Frau begeht, iſt mit einer Ge⸗ fängnißſtrafe von 3 Monaten bis 2 Jahren bedroht. Der Mit⸗ ſchuldige iſt mit demſelben Gefängniſſe und einer Geldbuße von 100 bis 1000 Franken zu beſtrafen. Nur der Ehemann iſt befugt, den Ehebruch der Frau bei den Behörden anzugeben, welche Befugniß ihm indeſſen nicht geſtattet iſt, wenn er ſelbſt des Ehebruchs ſich ſchuldig macht. Der Ehemann kann zu jeder Zeit ſich mit ſeiner Frau verſöhnen und ſie aus dem Gefängniſſe wieder zu ſich nehmen. Beim Ehemanne wird der Ehebruch nur beſtraft, wenn er Nitſchuldiger einer Frau, welche die Ehe bricht, iſt, beim ſogenannten doppelten Ehebruch alſo; oder wenn er im ehelichen Hauſe eine Beiſchläferin hält. In dieſem Falle iſt er mit einer Geldſtrafe von 100 bis 2000 Franken bedroht, aber nur, wenn ihn die Frau anklagt. e) Die Bigamie iſt mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit bedroht. Der Civilſtandsbeamte, der eine zweite Ehe amtlich con⸗ ſtatirt, das heißt die Trauung vornimmt, während ihm die Exiſtenz einer ſchon beſtehenden, nicht aufgelösten Ehe bekannt war, ſoll mit derſelben Strafe belegt werden. Früher beſtand in Frankreich keine beſtimmte Strafe für die Bigamie; man belegte ſie indeſſen gewöhn⸗ lich mit der Todesſtrafe. Der code pénal von 1791 firirte eine Strafe von 12 Jahren Eiſen für dieſelbe. Art. 330 — 340. 4) Illegale Verhaftung und Sequeſtration. Entführung Minderjähriger. a) Die Verhaftung, Deteution oder Sequeſtration in ſn N ſun ſ un im M h l u i hil in M ninlin aut gitih und in bis 10 j uden Pein itin irn de hitih nit unt dhut ſbihn vlhe bin zu ſtum uſt, m! in ſun n hu Gehin u eſin bſim miite n di hiin wur ſl mnit iu eſin u ſit 3l0 ation uſnin II. Verbrechen wider die Privatperſonen. 59 von Perſonen ohne obrigkeitlichen Befehl und außerhalb der Fälle, in welchen das Geſetz die Verhaftung anordnet, iſt mit Zwangs⸗ arbeit auf beſtimmte Zeit bedroht. Dauerte die illegale Haft länger als einen Monat, ſo werden die Schuldigen mit lebenslänglicher Zwangsarbeit beſtraft; wurde die ungeſetzlich gefangene Perſon vor dem zehnten Tag ihrer Verhaftung oder Detention wieder freigege⸗ ben, ſo iſt die Detention nur als Vergehen cenſirt und mit einer Gefängnißſtrafe von 2—5 Jahren und der Stellung der Schuldigen unter Polizeiaufſicht belegt. In letzterm Falle iſt jedoch bedingt, daß die Schuldigen die be⸗ treffende Perſon in Freiheit geſetzt haben, ehe ſie wegen dieſes Ver⸗ brechens verfolgt wurden. Als Erſchwerungsgründe, welche die To⸗ desſtrafe nach ſich ziehen, ſind geſetzlich vorgeſehen: wenn die Ver⸗ haftung mit falſchem Amtskleide, unter falſchem Namen oder auf falſchen Befehl der Obrigkeit vollzogen wurde, wenn der ergriffenen oder ſequeſtrirten Perſon mit dem Tode gedroht wurde; wenn ſie körperlich gefoltert worden iſt. Wer die Lokalität hergibt, um eine Verhaftung oder Sequeſtra⸗ tion auszuführen, wird mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit be⸗ ſtraft. Art. 341 — 344. b) Die Entführung Minderjähriger aus der elterlichen oder geſetzlichen Gewalt und Aufſicht mit Gewalt oder die heimliche Ent— ſernung derſelben und Verbringung an andere Orte iſt mit der Ein⸗ ſperrung bedroht, und wenn es ein Mädchen war, das entführt wurde und noch nicht 16 Jahre alt war, mit Zwangsarbeit auf be⸗ ſtimmte Zeit. Dieſe Strafe tritt ſelbſt in dem Falle ein, wenn das Mädchen in die Entführung einwilligte und der Entführer über 21 Jahre alt war. Iſt dagegen der Entführer ſelbſt minderjährig, ſo ſoll ihn eine Gefängnißſtrafe von 2 —5 Jahren treffen. Wenn der Enutführer die Entführte geheirathet hat, ſo können nur diejenigen Perſonen gegen ihn klagend auftreten, welche die Nichtigkeit dieſer Ehe anzufechten berechtigt ſind, und eine Verur⸗ theilung wegen der Entführung kann in dieſem Falle nur daun ſtattfinden, wenn vorher die Nichtigkeit der Ehe ausgeſprochen wor⸗ den iſt. Art. 354 — 357. 2 1 1 60 Strafrecht. 5) Unterdrückung des Civilſtandes. Ausſetzen hilfloſer Kinder. a) Die Entführung, Verheimlichung⸗ Unterdrückung der Beweiſe des Daſeyns oder Standes eines Kindes, die Unterſchiebung eines ſolchen an die Stelle eines andern oder einer nicht entbundenen Frau, die Vorenthaltung eines Kindes Perſonen gegenüber, die berechtigt ſind, die Ueberlieferung des Kin⸗ des zu verlangen, alle dieſe Verbrechen ſind mit der Einſperrung bedroht. Schon die Unterlaſſung der Anzeige einer geſchehenen Entbindung von Seite der Perſonen, welche derſelben beigewohnt haben und zur Deklaration vor dem Civilſtandsbeamten verpflichtet ſind, iſt mit einem correktionnellen Gefängniſſe von 6 Tagen bis 6 Monaten und einer Geldbuße von 16 bis 300 Franken beahndet. Dieſelbe Strafe ſoll diejenigen treffen, die ein lebendes neugebornes Kind finden und es dem Civilſtandsbeamten nicht überbringen und vor⸗ zeigen. p) Die Ausſetzung eines Kindes, das noch nicht7 Jahre alt iſt, an einen einſamen Ort iſt mit folgenden Strafen je nach den Folgen des Verbrechens oder der Perſönlichkeit des Verbrechers bedroht: wenn die Ausſetzung ohne ſchlimme Folgen geblieben iſt, mit Gefängniß von 6 Monaten bis 2 Jahren und einer Geldbuße von 16 bis 200 Franken; wenn die Verbrecher die Eltern, Vormünder, Lehrer des Kindes waren, mit Gefängniß von 2 — 5 Jahren und Geldbußen von 50 bis 500 Franken; wenn das Kind in Folge der Ausſetzung zu Grunde ging, mit der Todesſtrafe; wenn das Kind dadurch gelähmt oder verſtümmelt wurde, mit der Strafe, die auf freiwillige Verwundung, je nach ihrem Grade, geſetzt iſt. Die Ausſetzung eines Kindes, das noch nicht 7 Jahre alt iſt, an einen nicht einſamen Ort iſt mit einer Gefängnißſtrafe von drei Monaten bis zu einem Jahre und mit einer Geldbuße von 16 bis 100 Franken vorgeſehen; mit Gefängniß von 6 Monaten bis 2 Jahren und Geldbuße von 25 bis 200 Franken, wenn das Ver ibt iſ, dn m Ful Gifi 345 ſue 1 ſinl ſudl hehe a ſo hile uhn 0 li 1 ie ( Glhb II. Verbrechen wider die Privatperſonen. 61 tzeniſe Vergehen von den Eltern, Vormündern, Lehrern des Kindes ver⸗ übt wurde. Die Verbringung eines Kindes, das noch nicht 7 Jahre alt lumit iſt, in ein Hoſpital iſt nur inſoferne ſtrafbar, wenn die Perſonen, denen es anvertraut war, den Unterhalt, die Verpflegung übernom⸗ unt men hatten oder hiefür zu ſorgen gehalten waren. Dieſe trifft im ius ſu Falle des Vergehens dann eine Strafe von 6 Wochen bis 6 Monate munt Gefängniß nebſt einer Geldbuße von 16 bis 50 Franken. Artifel venun lou 345 — 353. un butin in un 6. Illegale Beerdigung. ſin,it Die Beerdigung einer verſtorbenen Perſon ohne vorhergegan⸗ is 6 Jun gene Erlaubniß des Civilſtandsbeamten iſt bei einer Gefängnißſtrafe e Jiſ von 6 Tagen bis 2 Monaten und einer Geldbuße von 16 bis 50 ugebom Franken unterſagt. Dieſe Strafe iſt überhaupt auf alle Zuwider⸗ gn mn haudlungen gegen die Verordnungen über Beerdigung geſetzt. Die Verheimlichung oder das Verſtecken des Leichnams einer ermordeten oder an den Folgen von Schlägen und Verwundungen geſtorbenen Perſon iſt, vorbehaltlich der Strafen, wenn die Verheimlicher An⸗ theil an dem Morde oder der Verwundung hatten, mit einer Ge⸗ fängnißſtrafe von 6 Monaten bis 2 und einer Geldbuße von 50 bis 400 Franken belegt. niht Mut n je nh es Puhn ſibn i Die Verletzung von Grabmälern oder Begräbnißörtern zieht Gltriu eine Gefängnißſtrafr von 3 Monaten bis zu 1 Jahre und eine n Pnin Geldbuße von 16 bis 200 Franken nach ſich. Art. 358 — 360. 5 Jhmn 7. Falſches Zeugniß. Meineid. me zih a) Die Abgabe eines falſchen Zeugniſſes iſt, je nach er vfimt den das Verbrechen begleitenden Umſtänden mit folgenden Strafen ung, i bedroht: Mit der Einſperrung in Polizei⸗ oder Zuchtpolizeiſachen (für oder gegen den Beſchuldigten). Mit derſelben Strafe in Civilſachen. Mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit in Criminalſachen (für oder gegen den Angeklagten). Mit derſelben höhern Criminalſtrafe, welche gegen den Ange— 7 eſinnifin Gehhj i 6 Mu , n 62 Strafrecht. klagten in Folge des falſchen Zeugniſſes erkannt wurde, wenn der Zeuge gegen ihn falſch ausſagte. Mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit, in Polizei⸗, Zuchtpolizei⸗ oder Civilſachen, wenn durch Belohnung oder Verſprechung der Zeuge zum falſchen Zeugniß ſich verleiten ließ. *) Die Verleitung zum falſchen Zeugniß trifft nach dem Geſetze von 1832 dieſelbe Strafe, wie die falſchen Zeugen, als Complicen derſelben. Nach dem Code von 1810 traf ſie immer ein Grad höherer Strafe, als die von ihnen verleiteten Zeugen im betreffenden Falle treffen mußte. Jedenfalls aber iſt es logiſch rich⸗ tiger, die Subornation als Complicität, hier als intellectuelle Ur⸗ heberſchaft anzuſehen, denn als eigenes Verbrechen. b) Die Ausſchwörung eines Meineides oder falſchen Eides in Civilſachen als Partei wird mit der bürgerlichen Degradation beſtraft. Es iſt völlig gleichgültig, ob der Eid ein deciſoriſcher, ein Haupteid, oder ein ſuppletoriſcher war. Art. 361 bis 366. 8. Verläumdung, Unbilden. Falſche Denuneiation. Entdeckung anvertrauter Geheimniſſe. a) Die Beſtimmungen über Verläumdung und Unbilde mittelſt Druck, Schrift z. an öffentlichen Orten oder in öffentlicher Weiſe, enthalten in den Art. 367 — 372 nebſt dem Gegenbeweis der Wahrheit, der nur dann zugelaſſen iſt, wenn er ein legaler iſt, das heißt aus öffentlichen authentiſchen Aktenſtücken, Urtheilen, Urkun⸗ den hervorgeht, ſind durch das Preßgeſetz vom Jahre 1819 abrogirt, ebenſo die dazu gehörigen Artikel 374, 375, 377. p) Die bei irgend einer Obrigkeit ſchriftlich gemachte, falſche oder verläumderiſche Denunciation gegen eine oder mehrere Perſonen iſt mit einer Gefängnißſtrafe von 1 Monat bis zu 1 Jahre und mit einer Geldbuße von 100 bis 3000 Franken bedroht. c) Die Entdeckung oder Veröffentlichung anvertrauter *) Nach dem Geſetze vom 28. April 1832 iſt das falſche Zeugniß in Polizei⸗ ſachen mit niederen Verbrechensſtrafen vorgeſehen worden, nämlich mit der bürgerlichen Degradation im einfachen Falle, mit der Einſperrung, wenn der Zeuge durch Geſchenke oder Verſprechungen ſich gewinnen ließ. U P de 0 hi di K. Verbrechen wider die Privatperſonen. 63 u m Geheimniſſe, wenn dieſelben nicht durch das Geſetz (im Falle Verbrechen oder Vergehen vorliegen) geboten erſcheint, iſt in An⸗ 8 zn ſehung der Aerzte, Chirurgen, Geſundheitsbeamten, Apotheker, Heb⸗ zuzu ammen und aller andern Perſonen, die kraft ihres Standes, ihrer Kunſt, ihres Gewerbes nothwendige Beſitzer ſolcher Geheim⸗ ſift utn niſſe ſind, mit einer Gefängnißſtrafe von 1 bis 6 Monaten und un einer Geldbuße von 100 bis 500 Franken beſtraft. uß ſein Nach der Jurisprudenz in Frankreich kann kein Prieſter ge⸗ en junt zwungen werden, wegen Verbrechen oder Vergehen, welche ihm im hjht Beichtſtuhle offenbart wurden, Zeugſchaft zu leiſten. Die Geiſtlichen ulenul und die Advokaten ſind jedenfalls unter der Rubrik „aller andern Perſonen“ in dem hier gehörigen Artikel 378 mit einbegriffen. Der⸗ ode juſtn ſelbe iſt offenbar gegen Indiscretionen gerichtet, welche die Ehre, et binih den guten Namen, den häuslichen, ehelichen Frieden, die Vermögens⸗ E oder Geſundheitsverhältniſſe CGerſteckte Gebrechen, heimliche Krank— u. M heiten und Schäden) der Intereſſenten betreffen, nicht aber die Ent⸗ deckung heimlich gebliebener Verbrechen oder Vergehen zu verhindern. B. Verbrechen und Vergehen wider das Eigenthum. ſſe luib 1) Diebſtahl. Straſſenraub. Extorſion. Unterſchlagung. in jjul Mißbrauch des Zutrauens. Giun a) Die argliſtige (doloſe) heimliche Entwendung Goustraction) in kuni einer fremden Sache, iſt nach der Erklärung des code pénal Dieb⸗ heien lin ſtahl. Als Mitſchuldige eines Diebſtahls ſind die Hehler geſtohlener l it Gegenſtände zu beſtrafen, wie diejenigen, welche dieſelben zu ihrem Nutzen verwenden. Die Strafe des einfachen Diebſtahls iſt Ge⸗ nuit ſit fängniß von 1 bis 5 Jahren, fakultativ mit einer Geldbuße von der nn 16 bis 500 Franken und der legalen Interdiction auf 10 Jahre n1 verbunden. Auch kann auf Stellung unter polizeiliche Aufſicht er⸗ tenht kannt werden. Als einfacher Diebſtahl wird jeder betrachtet, der mm nicht als crimineller oder qualifizirter ausdrücklich bezeichnet wird. Eigenthümlichkeiten des franzöſiſchen Rechtes in dieſer Materie ſind, u ſ daß daſſelbe keinen polizeilichen Diebſtahl, außer unbedeutenden rini i Feldentwendungen von Obſt, Früchten . anerkennt, und daß es auf u den Werth oder den Betrag der entwendeten Gegenſtände oder 64 Strafrecht. Summe bei der Qualifizirung des Reates keine Rückſicht nimmt. Als ausgezeichnete, das heißt unter erſchwerenden und das Reat als Verbrechen characteriſirenden Umſtänden geſchehene Dieb⸗ ſtähle ſind nun folgende: 1) Wenn der Diebſtahl auf öffentlichen Wegen geſchah (Straßenraub); dieſes Verbrechen iſt mit lebenslänglicher Zucht⸗ hausſtrafe bedroht. Art. 383. Das Geſetz vom Jahre 1832 hat den Artikel vernünftigerweiſe dahin modifizirt, daß ein ſolches Verbrechen nur dann mit dieſer Strafe belegt werden kann, wenn es mit Gewaltthätigkeit und mit Waffen, oder mit Drohung, oder des Nachts, oder von mehr als einer Perſon begangen wurde; war es nur von einem dieſer Umſtände begleitet, ſo hat Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit einzutreten, in allen übrigen Fällen Einſperrung. 2) Wenn der Diebſtahl mit 1) Gewaltthätigkeit, 2) des Nachts, 3) von mehr als einer Perſon, 4) mit Waffen, 5) mittelſt Einſteigen, falſchen Schlüſſels, äußern Ein— bruches oder mittelſt Bedrohung, in der Uniform von Beam— ten des Civil⸗ oder Militärſtandes verübt, ſo tritt bei dem Zuſam⸗ mentreffen dieſer fünf Umſtände die Todesſtrafe ein; das Geſetz vom Jahre 1832 hat lebenswierige Zwangsarbeit ſubſtituirt. 3) Wenn der Diebſtahl des Nachts, von mehr als einer Per⸗ ſon und mit Waffen verübt wurde, iſt er mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit bedroht; ebenſo wenn er nur mittelſt Gewaltthätig⸗ teit geſchah; wenn er nur mittelſt falſcher Schlüſſel, oder nur mittelſt äußern oder innern Einbruchs, oder nur mit Einſteigen geſchah. 4) Mit Einſperrung wird der Diebſtahl beſtraft: a) wenn er in der Nacht von mehr als einer Perſon verübt wurde; b) wenn er unter einem dieſer Umſtände in einer Wohnung geſchah; c) wenn der Dieb Waffen bei ſich führte; d) wenn der Dieb ein Hausgenoſſe iſt, gegen Lohn dient oder Arbeiter, Geſelle, Lehrling in der Werkſtätte, dem Waaren⸗ lager, der Wohnung iſt, in welchen er ſtiehlt. jn ll ſ — II. Verbrechen wider die Privatperſonen. 65 iiſt in e) wenn der Diebſtahl im Gaſthofe oder im Wirthshauſe, in wel⸗ n mn chem der Schuldige aufgenommen war, geſchah; ſchn f) wenn der Wirth, der Fuhrmann, der Schiffer, der Depoſitär die ihm anvertrauten Gegenſtände ſtiehlt; Bn zü g) wenn der Diebſtahl auf dem Felde, an Fruchthaufen, Erndten, lin z Ackerbauwerkzeugen, Wagen, Karren, großem und kleinem Vieh, als Pferden, Ochſen, Eſel, Mauleſel, Schaafen, Kühen, uinſhn. Kälbern, Ziegen ꝛc. geſchah; urü h) wenn er verübt wurde an Holz, das klaftrirt iſt, an Steinen iilin in Steinbrüchen, an Fiſchen in Teichen, Weihern oder Be⸗ his, n lien; i) wenn Grenzſteine verrückt werden, um Land zu ſtehlen; zſiu k) wenn in Räumen geſtohlen wurde, die einem der Culten, die in Frankreich geſetzlich geſtattet ſind, gehören und dem Gottes⸗ dienſte geweiht ſind. Dieſe Verfügung iſt erſt durch das Ge⸗ leit ſetz von 1832 dem Art. 386 beigeſchloſſen worden. it Pifſ Entwendungen, die Familienglieder wechſelſeitig an ſich begehen, ußen li als die Ehegatten unter ſich, die Kinder an ihren Eltern, dieſe an w ben jenen, Ascendenten an Descendenten, dieſe an jenen, Schwieger⸗ en eltern an ihren Schwiegerſöhnen oder Töchtern und dieſe an jenen, Giſtz u ſind nicht mit der öffentlichen Klage zu verfolgen, ſondern können nur Privatklagen auf Schadenserſatz begründen. ſin b) Die Extorſion, das heißt die durch Zwang, Gewalt ꝛc. nutin bewirkte Herausgabe einer Schrift oder Urkunde, welche eine An⸗ gewil ordnung, Verbindlichkeit, Befreiung von einer Verbindlichkeit enthält, mii iſt mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit bedroht; ebenſo die durch git Zwang und Gewalt bewirkte Unterzeichnung einer ſolchen Ur⸗ 6 kunde. c) Die Verfälſchung von Weinen, flüſſigen Gegenſtänden anſn wi oder von Waaren durch Fuhrleute, Schiffer und dergleichen Leute, die ihnen zum Transport anvertraut waren, iſt bedroht: Pinm 1) mit der Einſperrung, wenn die Miſchung mit ſchäblichen — Subſtanzen geſchieht; 2) mit Gefängniß von 1 Monat bis 1 Jahr und Geldbuße in von 16 — 100 Franken, wenn die Subſtanzen der Geſundheit nicht n Pu ſchädlich ſind. V. Strafrecht. 5 — . 66 Strafrecht. d) Das Fertigen, Verändern, Nachmachen von Schlüſſeln zu verbrecheriſchen Zwecken wird an und für ſich ſchon mit 3monatli⸗ chem bis 2jährigem Gefängniſſe beſtraft und mit einer Geldbuße von 25 — 150 Franken; mit der Einſperrung, wenn der Angeſchul⸗ digte ein Schloſſer iſt; e) Die Unterſchlagung von Effekten, Waaren, Geldern, Urkunden, beweglichen Gegenſtänden jeder Art, die einer beſoldeten Arbeit oder des Verwahrs halber anvertraut waren, um ſie wieder zurückzugeben oder auf Anſuchen vorzuzeigen, oder zu beſtimmten Zwecken zu verwenden, iſt mit Gefängniß von 2 Monaten bis 2 Jahren und mit einer Geldbuße von wenigſtens 25 Franken be⸗ droht. In gleicher Weiſe der Mißbrauch der Bedürfniſſe, Schwächen, Leidenſchaften eines Minderjährigen, um Schuld⸗ ſcheine, Quittungen, Wechſel, Handelseffekten ſich von ihm unter⸗ zeichnen zu laſſen. Die Entwendung einer Denkſchrift in einem gerichtlichen Pro⸗ zeſſe iſt mit einer Geldbuße von 25 bis 300 Franken vorgeſehen, ebenſo einer ſonſtigen Urkunde, die in dem Prozeſſe ſchon vorge⸗ bracht worden war. 1) Der Mißbrauch eines Blanketts, das heißt die ver⸗ brecheriſche und betrügeriſche Ausfüllung eines weißen, nur mit der Unterſchrift verſehenen, zu einem beſtimmten und andern Zwecke übergebenen Papiers, wodurch Belaſtung mit einer Verbindlichkeit oder Entlaſtung von einer ſolchen herbeigeführt werden ſoll, iſt mit der Einſperrung bedroht. War das Papier (Blankett) nicht anver⸗ traut, ſo tritt die ordentliche Strafe der Fälſchung einer Urkunde ein. Art. 379— 401 und 406— 409. 2. Prellerei. Bankerott. a) Dei Definition der Prellerei oder des Betrugs, wie ſie das franzöſiſche Strafgeſetzbuch gibt, gehört zu den umfaſſendſten, die bezüglich dieſes Reats, das wegen ſeiner eigenthümlichen Natur und der unendlichen Verſchiedenheit der enormen Anzahl der Fälle am ſchwierigſten zu definiren iſt, eriſtiren. Der Artikel 405, der dieſes Reat behandelt, iſt nämlich ſo gefaßt: — — —, — II. Verbrechen wider die Privatperſonen. 67 Wer mittelſt Gebrauches falſcher Namen oder falſcher Eigenſchaften, oder mittelſt Anwendung tänſchender Ma⸗ növer (Kunſtgriffe) um Jemanden zum Glauben an das Daſeyn nicht beſtehender Unternehmungen, einer fingirten Macht oder eines fingirten Credits zu bewegen, oder um die Hoffnung oder die Be⸗ ſorgniß eines chimäriſchen Erfolgs oder Zufalls oder eines ſolchen Ereigniſſes zu erregen, ſich Gelder, Mobilien, Effekten, Wechſelbriefe, Schuldſcheine, Quittungen ꝛc. einhändigen oder überliefern läßt, und durch ein ſolches Mittel die betreffende Perſon um ihr ganzes Vermögen oder um einen Theil desſelben prellt oder zu prellen verſucht; ꝛc. Das Vergehen des Betrugs, welches durch den Betrag oder die Größe der Summen oder des Werths der Gegenſtände, um die es ſich handelt, in ſeiner Qualifikation nie alterirt wird, iſt mit einer Gefängnißſtrafe von 1 bis 5 Jahren und mit einer Geldbuße von 50 bis 3000 Franken, gegebenen Falls auch mit der legalen Interdiktion und der Stellung unter polizeiliche Aufſicht bedroht. Iſt der Betrug durch eine Schriftverfälſchung verübt worden, ſo iſt die gerichtliche Verfolgung auf dieſes Verbrechen gerichtet und die darauf geſetzte Verbrechensſtrafe zu erkennen. b) Ueber einfachen und betrügeriſchen Bankerott ver⸗ weiſen wir auf das Handelsrecht IV. Seite 61. Die Strafe des einfachen Bankerotts iſt correktionnelles Gefäng⸗ niß von 1 Monat bis 2 Jahren; die des betrügeriſchen, Zwangs⸗ arbeit auf beſtimmte Zeit. Wechſelagenten und Mäkler ſind im Falle des einfachen Ban⸗ kerotts mit Zwangsarbeit auf Zeit, im Falle des betrügeriſchen mit lebenslänglicher Zwangsarbeit bedroht. Art. 402— 405. 3. Vergehen wider die Beſtimmungen über Lotterien, Spiel- und Pfandhäuſer. a) Durch das Geſetz vom 21. Mai 1836 ſind Lotterien jeder Art in Frankreich verboten, mit Ausnahme jener, welche zu wohlthätigen Zwecken, zur Ermunterung der Künſte durch Beiträge von Mobiliar⸗Gegenſtänden unter obrigkeitlicher Bewilligung und Aufſicht zu Stande kommen. Ein früheres Defret vom 13. Sept. beſchäftigte ſich mit den geheimen Lotterien. 5* 68 Strafrecht. Der code pénal bedroht das Halten von Lotterien, die nicht autoriſirt ſind, mit Gefängniß von 2 bis 6 Monaten und Geld⸗ buße von 100 — 6000 Franken, mit der Confiskation der Gelder und Effekten, die darauf Bezug haben und mit Stellung unter po⸗ lizeiliche Aufſicht, was die Angeſtellten, Verwalter, Agenten ſolcher Anſtalten betrifft. In derſelben Weiſe durch denſelben Artikel 410 iſt auch das Halten von Spielzimmern, Spielhäuſern, zu denen das Publikum frei, oder auf Rekommandation, auf Vorſtellung hin, Zutritt hat, vorgeſehen. Hier können ſogar außer den Geldern, Effekten ꝛ. die Möbel der Spielzimmer confiscirt werden. Der Stand der Geſetzgebung über Lotterien bei Erlaß obi⸗ ger Beſtimmungen war folgender: Das Geſetz vom 3. Frimaire VI hatte Privatlotterien verboten und dem Fiskus das Monopol der⸗ ſelben zugeſtanden, und der Art. 410 ſollte dann dieſes Geſetz wei⸗ ters ſchützen. Die Lotterie überhaupt war aus Italien durch ein Edikt vom 21. Mai 1539 eingeführt, durch ein anderes Edikt vom 14. März 1687 unterdrückt, durch Arréts des Conſeils vom 11. Mai 1700 und 30. Juni 1776 wieder hergeſtellt und durch Dekret vom 25. Brüm. II zum zweitenmal verboten worden. Letz⸗ teres Dekret bezeichnete die Lotterie als „eine Erfindung des Des⸗ potismus, dazu beſtimmt, das Volk über ſein Elend verſtummen zu machen, indem man es mit einer Hoffnung narrt, die noch ſeinen traurigen Zuſtand erhöht.“ Aber die Geſetze vom 9. Vendom. und 9. Germ. hoben dieſes Verbot wieder auf und ſtellten die Staatslotterie wieder her. Ein Geſetz vom 22. Februar 1829 hob zur Einleitung der gänzlichen Beſeitigung der Staatslotterie in 28 Departementen die Spielbureaus auf, und das Geſetz vom 21. April 1832, Artikel 48 verfügte die Aufhebung der Lotterie in ganz Frankreich vom 1. Jan. 1836 an, die auch dann vollzogen wurde. Im alten Frankreich war das Halten von Spielhäuſern ſo ſtrenge verboten, daß ſelbſt die Häuſer confiscirt, die Beſitzer der⸗ ſelben ſo wie die Spieler mit Landesverweiſung, öffentlicher Stäup⸗ ung, Infamie und Geldbußen beſtraft wurden; (Ordonnanz von 1254, 1577, 1611, 1629; Edikt von 1763; Deklaration v. 1781). Das Geſetz von 1791 vom 19. bis 22. Juli verbot gleichermaßen n. Verbrechen wider die Privatperſonen. 69 das Halten von Spielhäuſern unter Androhung zuchtpolizeilicher Strafen. Das Dekret vom 24. Juni 1806 wiederholte dieſes Ver⸗ bot, autoriſirte aber in den Bädern Frankreichs und der Stadt Paris öffentliche Spielhäuſer. Ein Geſetz vom 14. Juli 1836 hob dann alle Spielhäuſer und Anſtalten in ganz Frankreich vom 1. Januar 1838 an, auf. b) Die Leih⸗ oder Pfandhäuſer (monts de piété) ent— ſtanden im 15. Jahrhundert in Italien, zuerſt in Peruſia, wohlthätigen Zwecken der Nächſtenliebe und Unterſtützung gewidmet, und um der Bewucherung der Bedürftigen vorzubeugen. Mehrmals war ihre Herſtellung in Frankreich verſucht worden, als Ludwig XVI. ſie durch eine Ordonnanz vom 9. Dezbr. 1777 als öffentliche Anſtalten förmlich einführte und durch ein Edikt vom 10. Anguſt 1779 alle derartigen Privatanſtalten verbot. Während der Revo⸗ lution gingen ſie ein, wurden aber durch Geſetz vom 16. Pluv. XII und Dekrete vom 24. Meſſid. XII und 8. Thermid. XIII wieder hergeſtellt. Der Art. 411 bedroht die Herſtellung oder das Halten nicht genehmigter Pfandhäuſer oder die Nichteinhaltung der geſetz⸗ lichen Vorſchriften über ihre Bücher, Regiſter, über Pfänder und Zinſen mit Gefängniß von 15 Tagen bis 3 Monaten, und einer Geldbuße von 100 bis 2000 Franken. 4. Vergehen wider die Freiheit des öffentlichen Verkaufs. Die Beeinträchtigung der Freiheit des Bietens bei öffentlichen Verſteigerungen, Submiſſionen w. durch Bedrohung, Gewaltthätigkeit, iſt mit einer Gefängnißſtrafe von 15 Tagen bis 3 Monaten und einer Geldbuße von 100 bis 5000 Franken bedroht. Mit derſelben Strafe ſucht der Art. 412 das Vergehen vor, welches darin beſteht, Steigliebhaber durch Geſchenke oder Verſprechungen zu entfernen und dadurch den öffentlichen Verkauf zu beeinträchtigen. 5. Vergehen wider die Beſtimmungen über Handel, Manufakturen und Künſte; Arbeiterkonſpirationen. a) Die Zuwiderhandlung gegen die Verordnungen der Regier⸗ ung, inſofern ſie ſich auf den Exporthandel der Manufakturen 70 Strafrecht. beziehen, auf den guten Namen, die gute Qualität der franzöſiſchen Waaren, iſt mit einer Geldbuße von 200 bis 3000 Franken be⸗ droht und mit der Confiskation der Waare. Die Täuſchung oder der Betrug der Käufer, Gold⸗ oder Silberwaaren, Steine, Tücher, Waaren jeder Art betr., durch falſches Maaß oder Gewicht, durch Fälſchung der Waare und ſchlechtere Qualität, durch Abgabe un⸗ ächter Waare als ächte ꝛc. iſt mit Gefängniß von 3 Monaten bis 1 Jahr und mit Geldbußen von wenigſtens 50 Franken beſtraft. b) Die künſtliche Steigerung oder Herunterdrückung der Preiſe für Waaren, Lebensmittel, Getreide, Staatspapiere und Effekten durch Verbreitung falſcher Gerüchte, durch das Anbieten höherer Preiſe als ſelbſt die Verkäufer fordern, durch Conſpirationen und Verabredung nur zu gewiſſen Preiſen oder gar nicht zu ver⸗ kaufen, iſt mit einem Gefängniß von 1 Monat bis 1 Jahr und einer Geldbuße von 500 bis 10,000 Franken beſtraft. Ebenſo die Wetten auf das Steigen und Fallen der Staatspapiere. In Anſehung des Handels mit Getreideſorten iſt ſpeziell noch die Beſtimmung getroffen, daß hier Gefängniß von 2 Monaten bis 2 Jahren und Geldbuße von 1000 bis 20,000 Franken eintreten ſoll. c) Der Nachdruck, Nachſtich von Schriften, muſikaliſchen Compoſitionen, Zeichnungen, Malereien ꝛc., die Einführung nachge⸗ druckter, nachgeſtochener Werke iſt mit einer Geldbuße von 25 bis 500 Franken für die Verkäufer, mit einer ſolchen von 100 bis 2000 Franken für die Nachdrucker zu beſtrafen nebſt der Confiska⸗ tion der nachgedruckten Gegenſtände, Matritzen, Platten ꝛc. Schon die Ordonnanzen von Moulins, die Deklaration Karl IX. vom 16. April 1571, die Patente Heinrich III. vom 12. Okt. 1586, die Deklaration von 1626 und die Ordonnanz von 1629 verboten unter ſchweren Strafen jeden Nachdruck, ſo wie jede Her⸗ ausgabe irgend eines Werkes ohne Genehmigung der Staatsregierung. Das Monopol oder Privilegium der Autoren wurde, wie alle Pri⸗ vilegien, am 4. Auguſt 1789 aufgehoben aber durch ein Geſetz vom 19. Juli 1793 wieder hergeſtellt und durch Dekrete vom 1. Germin. XIII und 5. Februar 1810 befeſtigt und erweitert, auch auf Nach⸗ kommen, Wittwen, Ceſſionnäre ꝛc. ausgedehnt. IHI. Verbrechen wider die Privatperſonen. 71 Die Aufführung dramatiſcher Werke auf dem Theater wider das Eigenthumsrecht dramatiſcher Schriftſteller Geſetz vom 8. Juni 1806) iſt den Schauſpielergeſellſchaften, Direktoren, Unter⸗ nehmern bei einer Geldſtrafe von 50 bis 500 Franken und der Confiskation der Einnahme zu Gunſten des Autors unterſagt. d) Die Beeinträchtigung des inländiſchen Kunſt⸗ fleißes durch Verlockung von Direktoren, Commis, Arbeiter in's Ausland iſt gleichfalls als Vergehen angeſehen und mit einer Ge⸗ fängnißſtrafe von 6 Monaten bis 2 Jahren, einer Geldbuße von 50 bis 300 Franken bedroht. Der Verrath von Geheimniſſen franzöſiſcher Manufakturei und Fabriken an Ausländer iſt mit der Einſperrung und einer Geldbuße von 500 bis 20,000 Franken beſtraft, an Inländer mit Gefängniß von 3 Monaten bis 2 Jahren und Geldbußen von 16 bis 200 Franken. e) Vereinigungen von Fabrikanten ., um den Arbeits⸗ lohn auf ungerechte und ungeſetzliche Weiſe herunterzudrücken, ſind bei einer Gefängnißſtrafe von 6 Tagen bis 1 Monat und Geldbußen von 200 bis 3000 Franken verboten. Vereinigungen von Arbeitern zur ungeſetzlichen Erhöhung des Lohns, zur Beſchränkung der Arbeitszeit, zur Verhinderung, Be⸗ ſchränkung oder Einſtellung der Arbeit (Striks) ſind mit einer Ge⸗ fängnißſtrafe von 1 Monat bis zu 3 Monaten, mit zwei⸗ bis fünf⸗ jährigem Gefängniſſe für die Urheber und Anſtifter bedroht. Gleiche Strafe trifft die Arbeiter, wenn ſie gegen die Vorſteher von Werkſtätten oder Unternehmer von Arbeiten oder auch unter ſich Verbote, Verbannungen (Verſchißerklärungen), Suspenſionen, Geldbußen erlaſſen. Art. 413— 429. 6) Verbrechen und Vergehen bei öffentlichen Lieferungen. *) Privatperſonen oder Geſellſchaften und ihre Agenten, die für Rechnung der Land⸗ oder Seetruppen Lieferungen, Verwaltungen, *) Dieſer Abſchnitt würde offenbar, logiſcher Ordnung nach, in die Rubrik der Verbrechen I. wider den Staat gehören. 72 Strafrecht. Unternehmungen übernommen haben und ihren Verbindlichkeiten nicht nachkommen, ſind außer den Fällen der force majeure, die ſie außer Verantwortung ſetzt, mit der Einſperrung, mit Geldbußen von wenigſtens 500 Franken und mit Schadenserſatz zu beſtrafen. Schwerere Strafen vorbehalten, wenn Einverſtändniſſe mit dem Feinde oder Verrätherei obgewaltet haben. Sind öffentliche Beamten oder Regierungsagenten bei dieſem Verbrechen betheiligt geweſen, ſo ſollen dieſelben mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit beahndet wer⸗ den, mit Todesſtrafe, wenn Verrath im Spiele war. Wurden die Lieferungen aus Nachläſſigkeit verſpätet, ſchlechter geleiſtet, als bedungen war, nach Quantität oder Qualität der Waaren, Getreideſorten, Früchte, Arbeiten ꝛc., ſo iſt ſolches als Ver⸗ gehen mit 6monatlichem bis 5jährigem Gefängniſſe und mit einer Geldbuße von wenigſtens 100 Franken zu beſtrafen. Zu Anzeigen dieſer Verbrechen oder Vergehen behufs ihrer gerichtlichen Verfolgung iſt Jedermann berechtigt und verpflichtet, aber nur auf Requiſition der Regierung kann die Prozedur vorgenommen werden. Ar⸗ tikel 430 — 433. 7) Zerſtörung von Immobilien, Schiffen, Getreide, Mobilien. Brandſtiftung. Tödtung nützlicher Thiere. a) Die Brandſtiftung an Gebäuden, Schiffen, Lagerhäuſern, Bauplätzen, Wäldern, Schlagholz, Erndten aus Bosheit iſt mit der Todesſtrafe bedroht. *) (Art. 434.) *) Das Geſetz vom Jahre 1832 hat dieſen Artikel ſehr erweitert und bedeutend modifizirt. So tritt die Todesſtrafe nur ein, wenn die Gebäude ꝛc. bewohnt ſind, oder in der Regel zur Wohnung dienen; in den übrigen Fällen iſt ſie auf Zwangsarbeit, beziehungsweiſe Einſperrung herabgeſetzt. Brandſtiftung aus Nachläſſigkeit, Unverſtand, Fahrläſſigkeit iſt Gegenſtand des Art. 458 und mit hohen Geldbußen belegt. So iſt ferner in den Art. 434 die Beſtrafung der Brandſtiftung am eignen Gute zum Schaden der Brandkaſſe mit aufge⸗ nommen und mit der Einſperrung bedroht worden. Sind bei einer boshaften oder in betrügeriſcher Abſicht geſchehenen Brandſtiftung eine oder mehrere Per— ſonen umgekommen, ſo tritt ebenfalls für die Urheber und Complicen des Verbrechens die Todesſtrafe ein. — II. Verbrechen wider die Privatperſonen. 73 b) Die Zerſtörung von Gebäuden und Schiffen mittelſt Minen iſt gleichfalls mit der Todesſtrafe vorgeſehen. c) Die Zerſtörung von Gebäuden, Brücken, Dämmen, Dei⸗ chen durch irgendwelche Mittel iſt mit der Einſperrung und einer Geldbuße von wenigſtens 100 Franken beſtraft; mit der Todes⸗ ſtrafe, wenn Jemand dabei um's Leben gekommen iſt; mit Zwangs⸗ arbeit auf beſtimmte Zeit, wenn Jemand dabei verwundet wurde.“ d) Widerſetzlichkeit gegen Fertigung öffentlicher Arbeiten, welche die Regierung angeordnet hat, iſt mit einem Gefängniß von 3 Monaten bis 2 Jahren und einer Geldbuße von wenigſtens 16 Franken belegt. e) Zerſtörung von Regiſtern, Originalurkunden 1c. der Obrig⸗ keit iſt mit Einſperrung beſtraft. 1) Plünderung und Zernichtung von Lebensmitteln, Waaren, Mobilien, Effekten ꝛc. durch Banden iſt mit Zwangsarbeit auf beſtimmte Zeit und Geldbußen von 200 bis 5000 Franken bedroht. g) Zerſtörung von Waaren und Stoffen durch ätzende Mittel und dergleichen iſt zu beſtrafen mit Gefängniß von 1 Monat bis 2 Jahren; mit 2“ bis 5jährigem Gefängniſſe, wenn der Schul— dige ein Arbeiter der Fabrik oder ein Commis des Hauſes war, zu deſſen Nachtheil das Vergehen begangen wurde. Zerſtörung von Einſchließ ungen jeder Art, von Mobilien, Hecken, Gränz⸗ ſteinen iſt mit einmonatlichem bis einjährigem Gefängniſſe und Geld⸗ buße von wenigſtens 50 Franken beahndet. Zerſtörung von Ackerbauwerkzeugen, Hüterhütten, Viehparken ebenſo. h) Die Zerſtörung von Getreide auf dem Halm, von Früchten am Baum, von Setzlingen und Pflanzen iſt mit zwei⸗ bis fünfjährigem Gefängniſſe beahndet. Die Verſtümmlung von Bäumen, Reben mit einem Gefängniſſe von 6 Tagen bis zu 6 Monaten für jeden abgeſchnittenen oder verſtümmelten Baum, im Ganzen jedoch nicht über 5 Jahre. i) Die muthwillige Tödtung von Pferden, Zug⸗, Reit⸗ Laſt⸗ vieh, Hornvieh, Schafen, Ziegen, Schweinen, Fiſchen in Weihern oder Behältern durch Gift iſt mit ein⸗ bis fünfjährigem Gefäng⸗ niſſe und Geldbußen von 16 bis 300 Franken bedroht; die Tödtung 74 Strafrecht. ſolcher Thiere ohne Noth auf andere Weiſe iſt milder beſtraft, ge⸗ wöhnlich mit Gefängniß von 6 Tagen bis 6 Monaten. ) Die Urheber von Ueberſchwemmungen ſind mit Geld⸗ bußen von wenigſtens 50 Franken nach Maßgabe des Schadens zu beſtrafen. 1) Die Contravenienten gegen die Geſetze und Verordnungen über Viehſeuchen ſind, je nach dem Schaden und Verſchulden, mit Gefängniß von 6 Tagen bis zu 5 Jahren, mit Geldbußen von 16 bis 1000 Franken zu beſtrafen. m) Wenn Polizeibeamte, Feld⸗ oder Forſthüter irgend eines der Vergehen, die in den Rubriken d—! bezeichnet ſind, ſich ſchuldig machen, ſo trifft ſie eine wenigſtens um einen Monat höhere Ge⸗ fängnißſtrafe und um ein Drittel höher angeſetzte Geldbuße als die, welche den Privatleuten angedroht iſt. Art. 434— 462. Piertes Buch. Von den Polizeiübertretungen und ihren Strafen. Art. 464— 484 c. P. Wir kommen nun zu einem Fragmente der Geſetzgebung jener Staats⸗ einrichtung, die von jeher keine beneidenswerthe Stellung eingenom⸗ men hat, die von Allen gebraucht, benützt und jederzeit zu Hilfe ge⸗ rufen, von Allen zugleich gefürchtet, mit mißtrauiſchem Auge ange⸗ ſehen und verachtet wird, die höchſt wichtig und unbedingt noth⸗ wendig im Staatsorganismus erſcheint, der Ausfluß einer höchſt in⸗ tereſſanten und reſultatreichen Wiſſenſchaft iſt, und dennoch bis auf den heutigen Tag vielfach mißverſtanden und verkannt wird, wir meinen, wie leicht erſichtlich, die Legislatur der Polizei. Allerdings wird oft der Mißkredit, in welchem die Polizei ſteht, durch verfehlte Organiſation, durch ſchlechte Wahl ihrer Beamten, durch unrichtiges Auffaſſen des Zwecks und der Aufgabe derſelben herbeigeführt; denn die Organiſation muß eine in ihrem innern und äußern Zuſammenhange vortreffliche, leicht bewegliche, geſchickte und energiſche ſeyn und ihre Beamten Männer von Talent, Erfahrung und Charakter, der Vertrauen und Achtung einflößt. Der Zweck aber kann nur ein großer, auf die Wohlfahrt des Staates und ſei⸗ ner Angehörigen in allen Theilen und nach allen Richtungen hin gerichteter ſeyn und nicht in kleinlichen, erbärmlichen Verationen der Bürger ſich verlieren, die zu NRichts führen, als das Inſtitut dem 2 — 76 Strafrecht. Haſſe, der Verachtung und dem Fluche derer preiszugeben, die ſich unter ihm geſchützt und behaglich fühlen ſollten. Groß und umfaſſend iſt das Gebiet der Angelegenheiten, welche der Polizei nach wiſſenſchaftlichem und hiſtoriſchem Begriffe anver⸗ traut ſind, und welche ihr der Geſetzgeber im Jahre 1789 durch ſein Geſetz vom 4. Auguſt und 14. Dezbr., ſpäter durch das Ge⸗ ſetz vom 24. Auguſt 1790 (Tit. XI.) auch wirklich anvertraut hat. Als gerichtliche Polizei hat ſie die ſtrafrechtlichen Zuwiderhand⸗ lungen jeder Art zu verfolgen, zu erforſchen, die Beweiſe des That⸗ beſtandes zu ſammeln und vor den Richter zur Aburtheilung zu bringen. Sie wird ausgeübt durch das öffentliche Miniſterium, die Präfekten der Departemente, den Polizeipräfekten zu Paris, die Un⸗ terſuchungsrichter, Friedensrichter, Polizeikommiſſäre, Bürgermeiſter, Adjunkten, Offiziere der Gendarmerie, Polizeidiener, Wald⸗ und Feldſchützen. Als adminiſtrative Polizei, verwaltet durch die Regierung und die Munizipalitäten (Bürgermeiſter) hat ſie präven⸗ tive geſetzwidrige Handlungen zu verhüten und zu wachen über die Sicherheit und Ruhe in den Straßen, auf den Wegen und an öffentlichen Orten, auf den Feldern und in den Gewäſſern jeder Art; über Reinlichkeit daſelbſt, über alles, was die Geſund⸗ heit der Menſchen und der Thiere angeht, über die Erhaltung der Ordnung überall, namentlich dort wo ſich viele Menſchen ver⸗ ſammeln, auf Märkten, Meſſen, in Kirchen, Schauſpielhäuſern, Wirths⸗ und Kaffeehäuſern, bei öffentlichen Spielen, Aufzügen, Ce⸗ remonien u. ſ. w.; über Redlichkeit im Handel und Wandel, in Maaß und Gewicht, in der Qualität der Waare ꝛc.; über die Verhütung und ſchnelle Unterdrückung großer Unglücks⸗ fälle und Landesplagen, als Feuers⸗ und Waſſersnoth, anſteckende Krankheiten, Viehſeuchen; über die Unterſtützung und Verrin⸗ gerung des Elends, der Noth ꝛc.; über das Leben und Treiben von Perſonen, welche dem Staate und ſeinen Angehörigen nach ihrer bisherigen Aufführung gefährlich und verderbenbringend er⸗ ſcheinen müſſen, als beſtrafte Verbrecher jeder Art oder Leute, die ſchlechter und verbrecheriſcher Handlungen indicirt, fähig oder ver⸗ dächtig ſind. Daß hiezu auch die Ueberwachung regierungsfeindlicher, zu Verſchwörungen und Aufreizungen geneigter Perſonen in politi⸗ — 5 3 Von den Polizeiübertretungen ꝛc. 77 ſchen Dingen gehört, verſteht ſich von ſelbſt. Nur iſt dieſes gewöhn⸗ lich die Klippe, an welcher die Polizeianſtalten ſcheitern, indem ſie des Guten in dieſem Punkte zu viel thun, ſich um wenig mehr be⸗ kümmern, als um die Gedanken, die Geſpräche, die Bekanntſchaften, das Treiben jedes unbedeutenden Bürgers, jedes harmloſen Phili⸗ ſters und mit wahrer Wolluſt ſich einer unſinnigen und widerwär⸗ tigen Demagogenriecherei hingeben. Im alten Frankreich hatte man kein eignes Polizeiſtrafgeſetz⸗ buch; einzelne Beſtimmungen und Verordnungen fanden ſich in Cri⸗ minalgeſetzen eingeſtreut und neben denſelben vor; die Strafen waren arbiträr, oft erorbitant und infamirend. Die erſten Polizeigeſetzbüͤcher waren das vom Jahre 1791 und der Code vom 3. Brumär IV. Ihre Verfügungen nahm der code pénal vom Jahre 1810 in ſein 4. Buch in den Art. 464— 484 theilweiſe auf. In demſelben iſt der größte Theil polizeilicher Zu⸗ widerhandlungen in 3 Sektionen oder Claſſen abgetheilt, enthalten. Viele aber finden ſich in Spezialgeſetzen vor und namentlich in den Statuten, welche auf den Grund der Geſetze vom Jahre 1789 zu erlaſſen der Autonomie der Munizipalitäten überlaſſen iſt. Auch in dieſem Theile des Strafgeſetzes ſind verſchiedene Modifikationen durch die Reviſion des Jahres 1832 herbeigeführt worden. 2 Das Weſen der polizeilichen Contraventionen beſteht darin, daß es Handlungen ſind, die meiſtens aus Unachtſamkeit, Nachläſſigkeit, Unklugheit geſchehen und bei denen kein Dolus zu ihrer Conſtituir⸗ ung erfordert wird. Leichtere Fehler in der Regel, die mit leichtern Strafen zu unterdrücken ſind! Alle Contraventionen müſſen durch den Richter, und zwar durch den Friedensrichter in ſeiner Eigenſchaft als Strafpolizeirichter, ab⸗ geurtheilt werden. Die Polizei ſelbſt iſt öffentlicher Ankläger und kann deßhalb nicht zugleich Richter ſeyn. Die Strafen in Polizeiſachen ſind: Gefängnißſtrafe von 1 bis zu 5 Tagen, der Tag zu 24 Stunden berechnet; Geldbußen von 1 bis zu 15 Franken; Confiskation des corpus delicti in beſtimmten Fällen. Die öffentliche Klage in Polizeiſachen verjährt in einem Jahre, und die Strafe in zwei Jahren. Geldſtrafen, 78 Strafrecht. Schadenserſatz und Koſten ſind mittelſt perſönlicher Haft eintreibbar. Rückfall iſt bei Contraventionen dann vorhanden, wenn im Laufe eines Jahres ein Contravenient in demſelben Kanton zum zweitenmal wegen einer Contravention, die im code pénal vor⸗ geſehen iſt, beſtraft werden ſoll. Die Contraventionen der I. Klaſſe ſind zu beſtrafen mit einer Geldbuße von 1 bis zu 5 Franken, vorbehaltlich einer Gefängniß⸗ ſtrafe von 1 bis 3 Tagen in einigen beſondern Fällen und im Wie⸗ derholungsfalle, wie weiter unten angegeben wird. In dieſe Klaſſe gehören folgende Zuwiderhandlungen: Vernachläſſigung der Unterhaltung, Ausbeſſerung oder der Rei⸗ nigung von Kaminen, Backöfen, Hammerwerken; Abbrennen von Kunſtfeuerwerken an verbotenen Orten; Vernachläſſigung der Straßen⸗ beleuchtung und Reinigung, der Vorſchriften der Straßenpolizei überhaupt. Abbrechen und Verzehren fremder Früchte; Stoppeln, Nachleſen, Nachrechen fremder Felder bei Nachtzeit, oder wenn dieſelben noch nicht völlig entleert ſind; Vernachläſſigung der Eutfernung der Rau⸗ pen von den Bäumen; das Gehen über fremde Grundſtücke, das Treiben und Laufenlaſſen des Viehs über ſolche vor Wegnahme der Erndte, überhaupt die kleinern Fehler gegen die Feldpolizei. Beleidigungen, zugefügt durch Schimpfworte geringerer Bedeu⸗ tung ohne Provokation; das Werfen von Unrath auf Perſonen, das Ausgießen von übelriechenden Stoffen auf die Straße. Auch kann auf Gefängnißſtrafe gegen die erkannt werden, welche Kunſtfenerwerke abgebrannt oder ungeſetzlich geſtoppelt und nach⸗ geleſen haben. Im Wiederholungsfalle ſoll bei allen dieſen Contraventionen auf Gefängniß erkannt werden. Die Contraventionen der II. Klaſſe ſind mit einer Geldſtrafe von 6 bis 10 Franken beſtraft. In dieſe Klaſſe gehören folgende Zuwiderhandlungen: Gegen die Munizipalbeſchlüſſe über die bans (pans de ven- danges), das heißt, Verbote in Weinberge, Gärten ꝛc. zur Zeit der Reife der Früchte außer beſtimmten Tagen und Stunden; das Gehen — det Von den Polizeiübertretungen ꝛe. 79 über eingeſäte Felder; das Treiben des Viehs über ſolche oder in's Schlagholz; die größern Fehler gegen die Feldpolizei. Ebenſo die gröbern Fehler gegen die Straßenpolizei, als die Verſtöße der Fuhrleute, Kärner, Kutſcher ꝛc. gegen die Verordnungen bezüglich des Ausweichens ꝛc. Fehler gegen die Sicherheitspolizei, als Nachläſſigkeit von Wirthen bei Führung der Fremdenregiſter; ſchlechte Aufſicht über Narren, Raſende, bösartige oder wilde Thiere, biſſige Hunde; Theil⸗ nahmsloſigkeit und Verweigerung der Erfüllung geſetzlich geſchuldeter Bürgerpflichten bei Unglücksfällen, Tumulten, Schiffbruch, Feuers⸗ brunſt, Plünderungen, Räubereien, Verhaftungen von Uebelthätern; Errichtung von Lotterien und Hadarſpielen an öffentlichen Orten, Plätzen, Straßen, Wegen; das Werfen mit Steinen und harten Körpern auf Perſonen, Gebäude, Fenſter, in Gärten und einge⸗ ſchloſſene Räume; die Weigerung gute Nationalgeldſorten und Mün⸗ zen nach ihrem gangbaren Werth anzunehmen; der Verkauf im Großen oder im Kleinen gefälſchter, jedoch unſchädlicher Getränke. Contra⸗ ventionen der Fuhrleute gegen die Straßenpolizei, der Krämer und Wirthe beim Verkaufe gefälſchter Getränke, der Perſonen, welche mit harten Körpern werfen, können auch mit Gefängnißſtrafe von 1 bis 3 Tagen beahndet werden. Der Rückfall in dieſer Klaſſe zieht eine Gefängnißſtrafe von 5 Tagen nach ſich. Die Contraventionen der III. Klaſſe ſind mit einer Geldſtrafe von 11 bis 15 Franken bedroht. In dieſe Klaſſe gehören die Beſchädigungen an fremdem Eigen⸗ thume, die nicht correctionnell ſind; Uebertretungen der Vorſchriften der Straſſen⸗ und Sicherheitspolizei durch zu ſchnelles Fah⸗ ren und Reiten, durch ſchlechte Führung der Thiere, und durch über⸗ mäßige Beladung, wodurch der Tod derſelben oder anderer Thiere herbeigeführt werden kann; durch ungeſchicktes Werfen mit Steinen und harten Körpern, durch ungeſchickten Gebrauch von Waffen, durch Nachläſſigkeit in der Inſtandhaltung der Gebäude; der Beſitz an⸗ derer als der geſetzlichen Gewichte und Maaße; der Beſitz falſcher Gewichte und Maaße in den Läden, Werkſtätten, Buden, ohne daß ein Gebrauch derſelben bewieſen iſt; das Wahrſagen, Prophezeihen, 8 * — — — 80 Strafrecht. Auslegen von Träumen, wenn es als Nahrungsquelle gewerbsmäßig getrieben worden; die Ruheſtörung der Bürger durch beſchimpfenden oder nächtlichen Lärm und Getöſe. Mit Gefängnißſtrafe können belegt werden die Urheber ſolchen Lärms, die Wahrſager und Traumdeuter, die Beſitzer falſcher Ge⸗ wichte und die, welche den Tod von Thieren durch ihre Unachtſam— keit herbeiführen. Der Rückfall bei den Contraventionen dieſer Klaſſe wird mit einem Gefängniß von 5 Tagen beſtraft. Den Bürgermeiſtern in Frankreich iſt es durch das Geſetz vom 22. Juli 1791 Tit. I. Art. 46 geſtattet, vorbehaltlich der allen⸗ fallſigen Abänderung durch die höhern Adminiſtrativ⸗ behörden, Beſchlüſſe zu faſſen, wenn es ſich davon handelt, lo⸗ tale Vorſichtsmaaßregeln über Gegenſtände, die ihrer Compe⸗ tenz durch Art. 3 und 4 Tit. XI. des Geſetzes vom 24. Auguſt 1790 anvertraut ſind, zu treffen. Die Strafen für die Zuwider⸗ handlungen gegen ſolche Beſchlüſſe haben ſich ganz nach den im code pénal vorfindlichen, wie wir ſie eben in den drei Klaſſen vor⸗ geführt haben, zu richten, reſp. ihnen anzuſchließen. Der Competenz und Wachſamkeit aber der Bürgermeiſter iſt anvertraut: die Sicher⸗ heit und Bequemlichkeit der öffentlichen Straßen, Plätze und Wege; Beleuchtung und Reinigung derſelben, die Verhütung von Vergehen, Tumulten, Zänkereien ꝛc., die Erhaltung der Ordnung, die Aufſicht über Maaß und Gewicht, über die gute Qualität der Lebensmittel im öffentlichen Verkaufe, die Vorſichtsmaaßregeln gegen Feuer⸗ und Waſſernoth, gegen Viehſeuchen ꝛc., die Aufſicht über Schauſpiele, öffentliche Verſammlungen, Meſſen ꝛc., über Fleiſch⸗ und Brodtaxen. München, Druck von E. R. Schurich. li ſlin lih 6. luin n iiſ iz u ealln iſrt h le n Un qwin M in in ur wun Sin⸗ P ahhn, iih ſuini un u ude IJnhalt. Einleitung . I. Buch. Von den Strafen in Criminal⸗ und und von ihren Wirkungen 1I. Buch. Von den Perſonen, die wegen Verbrechen oder Vergeben ſtrafbar, entſchuldbar oder verantwortlich ſind III. Buch. Von Verbrechen und von Vergehen und ihrer Beſtrafung. I. Von Perbrechen und Pergehen gegen den Staat: 1) Wider die äußere Sicherheit. ½. 2) Wider die innere Sicherheit 3) Wider die Staatsverfaſſung. * 4) Wider öffentliche Ruhe oder Frieden 5) Verbrechen und Vergehen der Beamten im Dienſt 6) Störung der öffentlichen Geiſtliche im Dienſt 7) Verbrechen und gegen vie öffentliche Gewalt und gegen die Beamten im Dienſt . 8) Zuſammenrottung von Uebelthätern, Landſtrei⸗ cherei, Bettelet 9) Vergehen mittelſt Druck, Scrift, Bitver 10) Vergehen wider die Vereinsgeſetze „ „ II. Von Verbrechen und Vergehen gegen die Privatperſonen. A. Wider die Perſonen: 1) Mord, Meuchel⸗, Gift⸗, Vater⸗, Kinder⸗Mord, culpoſer Todſchlag, Kindsabtreibung, Entman⸗ nung, Verwundung, Mißhandlung 2) Bedrohung. 5 3) Sittenverletzung, zur unu Noth⸗ zucht, Ehebruch, Bigamie 4) Illegale Verhaftung. Sen Entfüh⸗ rung minderjähriger Perſonen . V. Strafrecht. 6 Seite 13 27 38 39 40 42 44 46 47 51 51 52 54 56 57 58 IV. Buch. Von den Polizeiübertretungen und ihrer Strafe 5) des Ausſetzung hilfloſer Kinder 6) Illegale Beerdigung . 7) Falſches Zeugniß, Meineid . 8) Verläumdung. Falſche en Fi deckung anvertrauter Geheimniſſe. B. Wider das Eigenthum: 1) Diebſtahl. Straßenraub. Ertorſion. Unter⸗ ſchlagung. Mißbrauch des Zutrauens . 2 Prellerei; Bankerpt 3) Vergehen wider die ne 6er 1 terien, Spiel⸗ und Pfandhäuſer 4) Vergehen wider die Freiheit des eiſentt Verkaufs 5) Vergehen wider die Beſbiminzen ive Fe Manufakturen und Künſte; Ftenne ſpirationen (Strikes) 6) Verbrechen und Vergehen bei eig Lie ferungen 7) Zerſtörung g6h „pitien Schiffen, Mobilten, Getreide ꝛc., Brandſtiftung, Tödtung nützlicher Thiere — . Seite 60 61 61 62 63 66 67 69 69 71 Tranzöſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Jul. Paraquin. V * Ver Strafprozeß. München, 1861. Literariſch⸗Artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Puchhandlung. Proſpeectus ſiehe umſtehend. 3 5 5 ——— * E — * 2. 2 —— — B Proꝛpeckus. Im Verlage der Unterzeichneten erſcheint: Die Franzöſiſche Geſetzgebung; dargeſtellt von Ernſt Julius Paraquin. In ſechs Abtheilungen. gr. So. Dieſes von dem Herrn Verfaſſer, einem rheinbayeriſchen Juriſten, den Gebildeten aller Stände überhaupt, ſowie ſeinen Berufsgenoſſen in den Ländern der deutſchen Staaten insbeſondere gewidmete Werk umfaßt die geſammte Civil- und Strafgeſetzgebung Frankreichs in klaren, bündigen und doch erſchöpfenden Zügen. Der Darſtellung der Geſetzgebung iſt eine rechtshiſtoriſche Einleitung und die Gerichtsorganiſation (üichteramt, öffentliches MWiniſterium, Anwaltſchaft, Advokatur, Notariat, Gerichtsſchreiberei v. ꝛc.) vorausgeſchickt, neben welcher auch das zum Verſtändniß Nothwendige über Prganiſativn und Competem der Adminiſtration ſeinen Platz findet. Das Ganze erſcheint in ſechs Heften von je 6 bis 8 Bogen. Einleitung und Organiſation bilden den Inhalt des erſten Heftes, dem in monatlichen Zwiſchenräumen die fünf andern folgen, deren erſtes das Civilrecht, das zweite den Civilprozeß, das dritte das Pandelsrecht, das vierte das Strafrecht und das fünfte den Straf- prozeß behandeln. Einem jeden Hefte iſt ein Inhaltsverzeichniß beigegeben. Der Preis eines Heftes richtet ſich nach der Bogenzahl; der Preis eines Bogens wird circa 8 kr. betragen. Literariſch⸗artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. Pie Franzſiſche Geſetzgebung; . dargeſtellt von Ernſt Jul. Paraquin. n, ſin er ſhe ht urli u Der Strafprozeß. lion en. fts, eren das nif· Ne München, 1861. Literariſch⸗Artiſtiſche Anſtalt der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. F. Der Strafprozeß. Einleitung. Die Rechtsgeſchichte Frankreichs hat von alten Zeiten her einen nicht beneidenswerthen Reichthum an Ausnahmsgerichten und ſoge⸗ nannten Commiſſionen aufzuweiſen, welche die jeweiligen Machthaber zur Verfolgung und Aburtheilung gewiſſer Perſonen und Prozeſſe neben den permanent beſtehenden Ausnahms⸗Tribunalen, den Prevotalhöfen, tranſitoriſch einſetzten und deren Beruf regel⸗ mäßig der war, mißfällige, gefürchtete oder beneidete Perſonen durch Hinrichtung, lebenslängliche Einkerkerung oder Verbannung aus dem Wege zu räumen oder wenigſtens unſchädlich zu machen. Be⸗ kannt iſt, wie der Mönch zu Marcouſſis, Franz l., am Grab⸗ male des hingerichteten Generals von Montagu erwiederte: Nicht durch die Juſtiz wurde Montagu verurtheilt, ſondern durch die Commiſſion. (Siehe Bérenger, von der Criminaljuſti; und Du⸗ pin's Bemerkungen über die Criminalgeſetze). Der alte Pitaval erzählt uns, unter Andern, eine ſchöne Anzahl ſolcher Schurkereien im Dienſte der Juſtiz, und die Erinnerung an die chambres ar- dentes Franz II. *), die maréchaussées Ludwig XI., die Criminal⸗ Commiſſionen Ludwig XIII., vielmehr Richelieu's, die ſoge⸗ nannten Giftmiſcher⸗Commiſſionen**) Ludwig XIV. und die *) Feuerkammern wurden ſie genannt, weil ihre Opfer, die Proteſtanten, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Ihr Präſident war Mouchi, von woher Mouchard abgeleitet wurde. **) Unter dem Präſidenten La Regnie und dem Polizeiminiſter Argenſon. VI. Strafprozeß. 1* * X 4 Strafprozeß. chambres de justice des Regenten“) (Herzogs von Orleans) wird ein ewiges Grauen und Entſetzen in der civiliſirten Welt wach erhalten. Das Strafverfahren war damals durchaus ein geheimes, inquiſitoriſches, die Vertheidigung ſehr beſchränkt, die perſönliche Freiheit in keiner Weiſe geſchützt; die Strafen waren in der Regel arbiträr, wenigſtens die Execution derſelben konnte nach dem Gut⸗ dünken und der barbariſchen Laune der Richter mit allerlei gräulichen Zuthaten, welche Schrecken und Entſetzen erregen, die Martern und die Todesangſt des Opfers oder auch des Verbrechers in's Endloſe vermehren und verlängern mußten, verſehen werden. Die Folter (a question) ſpielte bei dieſer willkührlichen, elenden Prozedur eine furchtbare Rolle; und Alles das nannte man Juſtiz! Welch' kurze Zeit liegt zwiſchen damals und jetzt! welch' un⸗ geheure Veränderung und Umgeſtaltung in Sitte, Anſicht und Recht! Und wem verdanken wir dieſen Rieſenſchritt zum Beſſern und zur Vernunft?! — Die Ordonnanz von 1670 hatte das Verfahren einiger⸗ maßen geregelt, aber alle die Attribute einer ſchlechten, willkührlichen Gerechtigkeitspflege, als Folter, Commiſſionen, Inquiſitionsprozeß, geheimes, ſchriftliches Verfahren beibehalten und die Prevötaljuris⸗ diction noch mehr organiſirt und befeſtigt. Die frühern Verbeſſer⸗ ungsverſuche waren alle total mißlungen. Die Ordonnanz von 1539 hatte ſchon früher einige Mißbräuche aufgehoben, dafür aber den Gebrauch der Folter ſanktionirt, die Vertheidigung beſchränkt, das Verfahren bis zum Schluß zu einem völlig geheimen gemacht. Der Kanzler Poyet hatte dieſe Grundzüge des kanoniſchen Pro⸗ zeſſes eingeführt, um das beſtehende Recht zu verb eſſern! Die Schöpfung der Criminal⸗Lieutnance (Criminal⸗Lieutenante) 550) war keine weitere Verbeſſerung zu nennen, als daß durch ſie die Geſchäftslaſt der Bailli und Seneſchallen etwas erleichtert wurde. **) *) Auch dieſe wurden, wie die Giftmiſcher⸗Commiſſionen, gewöhnlich chambres ardentes genannt. ***) Der Parlaments⸗Präſident Lamoignon gibt den Prevötalhöfen, an welchen dieſe Lieutenants fungirten, das ſchöne Zeugniß; daß ſie noch ſchlechter ſeyen, als die Räuber ſelbſt! ziine e inn Po ſ hm ai 5 Un be ni v u 1 iß u nin v ſih w 6he mblſcht ijenli ſe d ſmn ( luuſ! ſe de xßid wſii, i Snf uſeret kn h iſie iln 3 u di duſſil ti ihn Iunh ſun ſhin D Sythr. ſ ſ Einleitung. 5 iin) Aber endlich war die Menſchheit des Gräuels, der barbariſchen t Tyrannei müde. Ausgezeichnete Männer hatten durch ihre Schriften immer größere Kreiſe zur Umgeſtaltung des Syſtems vorbereitet, wie Montesquieu, Servan, Depaty, Voltaire w. und für ſuh die Gequälten und ihre Henker, für Tortur und Inguiſition ſchlug h endlich die letzte Stunde. Die Generalſtände brachten 1789 aus nbi allen Gegenden und Provinzen vor Allem den Wunſch, den Aus⸗ iihn druck des dringenden Bedürfniſſes nach Umgeſtaltung und Verbeſſer⸗ nun ung der Strafrechtspflege vor den Thron des milde geſinnten Kö⸗ le nigs, und ſein Herz war dieſen Wünſchen ſchon durch die Dekla⸗ olter ration von 1788 zuvorgekommen, welche ſeine Rede vom 23. Juni ine 1789 nochmals beſtätigte. Schon der 8. und 9. Oktober 1789 ſtellte das Prinzip der E unbeſchränkten Vertheidigung, der Anklageprozedur, der iet öffentlichen und mündlichen Verhandlung auf und rief r wieder das uralte germaniſche Inſtitut der Schöffen unter dem Namen Gericht der Notabeln in's Leben. Das Geſetz vom 16. en Auguſt 1790 legte weiters die verbeſſernde Hand an die beſtehenden ihen Zuſtände, wandelte das Inſtitut der Notabeln in das der Jury h, oder der Geſchwornen um, indem es wie in der Organiſation wü⸗ der Friedensgerichte, in der Aufſtellung der Grundzüge des Civil⸗ eſer prozeſſes, dem engliſchen Geſetze, dem altgermaniſchen ſich nun auch vn im Strafrechte anſchloß. Und ſo kamen die Sitten und das Recht her unſerer Altvordern und Ahnen, welche die Engländer ſich er⸗ in, halten hatten, nachdem in Frankreich und Deutſchland ſie das rö⸗ uht miſche und kanoniſche Recht verdrängt hatte, nach dem Verlaufe Pr⸗ vieler Jahrhunderte wieder in Frankreich zu Ehren und Geltung, Di und die letzten Dezennien konnten es erleben, wie endlich auch in n) Deutſchland die Grundzüge des uralten germaniſchen Rech⸗ ſe tes ihren Triumpf⸗Einzug hielten, welche ein bornirter, egoiſtiſcher 6) Bureaukratismus ſo lange fern gehalten und als die hölliſche Aus⸗ geburt der Revolution und des Franzoſenthums verläumderiſch ver⸗ uhr ſchrieen hatte. Die Organiſation der Jury erfolgte durch das Geſetz vom 16. ilin Septbr. 1791. Die alten Prevötal⸗ und ſonſtigen Criminalgerichte, die Folter, die Verſtümmlung, die Brandmarkung wurden aufge⸗ 6 Strafprozeß. hoben; (Geſetz vom 20. Januar 1790 vom 19.— 22. Juli 1791. 15. Septbr. bis 6. Oktober 1791) der Criminalprozeß nach den neuen Grundzügen in dem Geſetze vom 3. Brumaire IV codificirt. Auf den Grundlagen dieſes Geſetzbuchs arbeitete dieſelbe Com⸗ miſſion, welche auch das Strafrecht in ſeinem materiellen Theile be⸗ handelte, nämlich Treilhard, Target, Viellard, Oudard und Blondel, den Straſprozeß unter dem Kaiſerthume im Jahre 1807 aus und derſelbe wurde im Jahre 1808 in der Legislative berathen und dekretirt und trat unter dem Namen code d'instruction criminelle mit dem 1. Januar 1811 in's Leben, zugleich mit dem code pénal. Er enthält in 643 Artikeln, welche in zwei Bücher abge⸗ theilt ſind, das Verfahren in ſtrafrechtlichen Sachen vor den einfa⸗ chen Polizeigerichten, den Bezirksgerichten, den Appellhöfen, den Cri⸗ minalgerichtshöfen, mit und ohne Jury (letzteres wenn der Angeklagte nicht erſcheint oder vor den Spezialgerichten). Das Verfahren in Militär⸗Strafſachen, in Preßſachen, in Forſtſachen, vor den Staats⸗ gerichtshöfen und ſonſtigen Ausnahmsgerichten iſt nicht darin ent⸗ halten, mit alleiniger Ausnahme der Prozedur vor den ordentlichen Spezialgerichtshöfen. Wir wollen nun zuvörderſt auf dieſe, die Staatsgerichtshöfe und ſonſtige erceptionelle Gerichte einen kurzen Blick werfen. I. Kapitel. Speecial⸗ und Ausnahmsgerichte der neuern Zeit. Politiſche Gerichtshöfe. Die erſte Creirung der Specialhöfe fällt in das Jahr IX der Republik durch das Geſetz vom 18. Pluviése. Sie waren eine Fortſetzung und Nachbildung der unter der Monarchie beſtandenen Ausnahmstribunale und hatten in Betreff ihrer Competenz die meiſte Aehnlichkeit mit den prévòts des maréchaux de France; denn wie vor dieſe Prevotalhöfe, wurden vor ihr Forum verwieſen: die Ver⸗ brechen der Vagabunden und Bettler, Münzfälſchung, Diebſtähle mit Einbruch, Straßenraub, Meuchelmord, wenn ſolcher durch bewaffnete Banden vorbereitet war, und bewaffnete Rebellion; letzteres Ver⸗ — — nunln u ih bun u jn ſun ſ i s ie Ke mu jinng ſiſnic II n u en e uh h m ö0 be Uhyr uim ſihen b it uj mnbe Mle NW er lumi M a n. ah dn dſin. eUn eile h tom 1807 erathen inelle nal age uft Gr fugr wi ts⸗ elt⸗ hen di uhn Specialgerichte ꝛc. 7 brechen jedoch nur dann, wenn die Rebellen in flagranti ergriffen worden waren. (Geſetz vom 18. Pluv. 9. Art. 6 — 12. Legrave- rend traité de la législation criminelle T. II. pag. 332.) Seit 1791 nämlich und in Folge der Konſtitution aus dieſem Jahre — Kap. 5 Art. 9 du pouvoir judiciaire — hatten in Frank⸗ reich beſondere Criminalhöfe mit Zuziehung von Geſchwornen über die Verbrechen erkannt; nun aber häuften ſich in Folge der Bür⸗ gerkriege in den meiſten Provinzen obige Spezies von Verbrechen in dem Maße, daß die Aburtheilung derſelben durch Geſchworne zu langſam, zu deren ſofortigen Repreſſion nicht mehr genügend erſchien. Dieſe Erſcheinung führte ſodann zur Errichtung von Ausnahms⸗ tribunalen mit ſtrengern und abgekürzten Formen und Beſeitigung von Geſchwornen, welche man mit dem Namen Specialgerichte be⸗ zeichnete und welche, wie in dem Geſetze ſelbſt geſagt iſt, bis zur Herſtellung des allgemeinen Friedens andauern, alſo tranſitoriſcher Natur ſeyn ſollten. Sie waren offenbar eine Art Standgerichte, wie dies auch die Zuziehung von drei Militärperſonen in das rich⸗ terliche Kollegium beweist. Zur Zeit der Republik waren den drei rechtsgelehrten und drei militäriſchen Richtern auch zwei von der Regierung hiezu gewählte Bürger beigegeben, was ſpäter unter dem Kaiſerreich wegfiel. (Thiers, histoire du consulat et de 'empire F. II. und Dalloz, Dictiomaire Géneral etc. 1. partie. T. . mot. compétence criminelle.) Aber unter einer Napoleoniſchen Herrſchaft konnte wohl nicht mehr die Beſeitigung eines ſo rigoroſen, dem Deſpotismus ſo be⸗ quemen Inſtituts erwartet werden. Das Dekret vom 15. Dezember 1808 behielt daſſelbe unter einiger Modifikation bei, jenes vom 20. April 1810 über die Gerichtsorganiſation ſchuf ſogar noch eine weitere Abart, eine außergewöhnliche cour spéciale, und die bisher beſtehende erhielt ſofort die Bezeichnung „ordinäre.“ Aber nicht zufrieden mit dieſen Standgerichten, beſchwor Napoleon, das undankbare und entartete Kind der Freiheit, welcher er Alles ver⸗ dankte, auch aus dem Grabe einer traurigen Vergangenheit nochmals das erbärmliche und deſpotendieneriſche Inſtitut der tranſitoriſchen Commiſſionen hervor. So entſchied in dem Criminalprozeſſe gegen den edlen Moreau ein Senatus⸗Conſult, daß derſelbe ohne Ge⸗ 5 8 Strafprozeß. ſchworne zu prozeſſiren ſey; ſo ernannten ähnliche Conſulte Militär⸗ Commiſſionen, welche ſtatt der legalen Gerichtshöfe zu funktioniren hatten, ſo erklärte die Regierung geradezu Departemente außerhalb der Konſtitution, um die ordentlichen Gerichte in beſtimmten Fällen beſeitigen zu können. Seit der Konſularregierung überhaupt (1799) hatte der tyranniſche Geiſt des Buonaparte nach und nach alle Er⸗ rungenſchaften der Freiheit auf dieſem Gebiete allmählig zu zerſtören und zu beſeitigen begonnen. Selbſt die Militärcommiſſionen genüg⸗ ten ihm nicht. Jede Form auch nur einer gerichtlichen Prozedur gegen politiſch Mißliebige oder Verdächtige genirte ihn. Im März 1810 dekretirte er förmlich „prisons d'état“ wie er ſagte: „im In⸗ tereſſe des öffentlichen Wohls für Perſonen, die man unmöglich in Freiheit belaſſen, aber auch nicht mit Erfolg prozeſſiren laſſen könne.“ Dieſe adminiſtrativen oder politiſchen Beraubungen der Freiheit, der menſchlichen und bürgerlichen Rechte durch Staatsgefängniß und De⸗ portation ſpielen bekanntlich ſeit dem Staatsſtreich wieder eine große Rolle in Frankreich. Erſt die Charte vom Jahre 1814 unterdrückte in ihrem 63. Ar⸗ tikel alle Ausnahmsgerichte, mit Ausnahme der Prevötalhöfe jedoch, welchen indeſſen nur die Cognition über bewaffneten Schleichhandel und dabei vorkommende Widerſetzlichkeiten gegen die Beamten, Miß⸗ handlung, Mord ꝛc. zugeſtanden war. Endlich beſeitigte die Charte vom Jahre 1830 alle und auch dieſe Ausnahmstribunale durch ihre Artikel 50, 53 und 54. — In der bayeriſchen Rheinpfalz beſteht das Inſtitut der Specialgerichtshöfe in derſelben Weiſe fort, wie es die Napoleoni⸗ ſche Geſetzggebung ausgebildet hat; nur die Beſetzung des Gerichts wurde durch ein Dekret des Generalgouverneurs Juſtus Gruner Cuſſiſcher Staatsrath, welcher in dieſer Eigenſchaft im Namen der Verbündeten nach der Vertreibung Napoleon's in den Rheinprovin⸗ zen zu Koblenz fungirte) vom 25. April 1814 für die Rheinlande dahin modifizirt, daß die Zuziehung dreier Militärperſonen zur Bild⸗ ung des Gerichtshofes aufgehoben wurde und fortan die fünf rechts⸗ gelehrten Richter des Aſſiſenhofes auch den Spezialhof zu bilden hatten. Der Code d'instruction criminelle enthält in dem 6. Titel * n Sh Uii Du his E ſſin. ne: h! Bfu lyifi zimn y juihen, ſlhen ve E ihü du mhe ſm wa. De ſhtni ſpt wlhe d lujen ſiln Oh hhr v ſim zu Gn un 0 h in ſule Mtit linimn ufehub ßiln (n ale G. etfün hiß wn Vin in J lih in ime“ der dDe⸗ ſe Ar doch, del Mi⸗ ib⸗ den il Specialgerichte ꝛc. 5 des 2. Buches das fragliche Dekret vom 15. Dezember 1808 von den Specialgerichtshöfen in einem Einzigen Kapitel, welches fünf Abſchnitte hat, die 47 Artikel enthalten. Der erſte Abſchnitt behandelt die Competenz, die Bildung des Hofes, die Qualifikation und Attribute der dabei fungirenden Räthe und Staatsanwälte, ſowie die Beſtimmungen über Zeit und Ort der Seſſion. Wie ſchon oben erwähnt begründete ſich die Competenz entweder: 1) ratione materiae, indem die Verbrechen einer mit Waffen geſchehenen Empörung gegen die bewaffnete Macht, eines durch Waffen unterſtützten Schleichhandels, der Münzfälſchung und des Angriffs auf das Leben einer Perſon, wenn ſolcher durch bewaffnete Zuſammenkunft vorbereitet war, dahin verwieſen waren; oder: 2) ratione personae, indem die Verbrechen, welche von Land⸗ ſtreichern, Leuten ohne Nahrungszweig (gens sans aveu) oder von ſolchen verübt worden, welche ſchon einmal zu Leibes⸗ oder entehren⸗ den Strafen verurtheilt worden waren, der Cognition dieſer Special⸗ gerichtshöfe unterſtellt wurden. Der zweite und dritte Abſchnitt t die Prozedur vor der öffentlichen Verhandlung und in derſelben, welche eine ſummariſche iſt und wobei, wie ſchon erwähnt, keine Geſchwornen zugezogen werden. Der vierte Abſchnitt behandelt das Urtheil, gegen welches kein Rechtsmittel zuläſſig iſt. Nur die Anrufung der Gnade des Kaiſers iſt geſtattet, welche Imploration die Vollſtreckung des Urtheils, über welche der fünfte Abſchnitt in nur zwei Artikeln ſpricht, ſuspendirt. Außerdem wird das Urtheil in den nächſten 24 Stunden nach S Fällung vollzogen. Obwohl es ein Cardinalprinzip der Geſetzgebung der neunziger Jahre war, die Ausnahmsgerichte zu beſeitigen und die Juris⸗ diktion der ordentlichen Gerichte allein aufrecht zu erhalten, wel⸗ cher Grundſatz durch die geſetzliche Beſtimmung: „Niemand darf ſei⸗ „nem natürlichen Richter entzogen werden;“ ſeinen Ausdruck ſeit 1790 in allen Verfaſſungsgeſetzen bis zur neueſten Zeit, im Civil⸗ und im Criminalprozeſſe fand, ſo wollte dieſes Aufgeben der ercep⸗ tionellen Criminalgerichte doch nicht den Franzoſen gelingen, und ſo 3 2 „ * 10 Strafprozeß. finden wir, außer den eben detaillirten Specialgerichtshöfen ordent⸗ licher und außerordentlicher Natur und den Militärcommiſſionen unter Napoleon auch noch eine haute cour imperiale, die, errichtet durch das organiſatoriſche Senatusconſult vom 28. Floreal XII., welches das Kaiſerthum einführte und den bisherigen erſten Conſul Napoleon Bonaparte zum Kaiſer ernannte, über politiſche Ver⸗ brechen, über Verbrechen durch Mitglieder des kaiſerlichen Hauſes, Großwürdenträger, Miniſter, Staatsräthe, Senatoren, Gouverneure der Kolonien, Präfekten, Großoffiziere und andere hohe Beamten begangen ꝛc. erkannte. Der hohe kaiſerliche Gerichtshof war aus den Senatoren komponirt und vom Erzkanzler des Reichs präſidirt. Er fiel mit dem Kaiſerthume, ohne je eine Sitzung gehalten zu haben. Wir finden ferner noch: 1) cours prévötales des douanes zur Verfolgung der Schmugglerbanden, der Einſchwärzungen mit Waffen und Gewalt und ſonſtiger Rebellionen durch Geſetz vom 20. Dezember 1815 *) unter Ludwig XVIII. wieder eingeführt, aber bald auch wieder durch die Kammern im Jahre 1817 auf— gehoben; 2) dann einen Staatsgerichtshof für politiſche Ver⸗ brechen, den Pairshof (Art. 33 der Konſtitution vom Jahre 1814) vor dem die Generale Ney und Lavalette prozeſſirt wurden, von denen jener bekanntlich erſchoſſen, dieſer, gleichfalls zum Tode ver⸗ urtheilt, durch ſeine Frau aus dem Gefängniſſe befreit und durch glücklich bewerkſtelligte Flucht in's Ausland gerettet wurde. Er fand zuerſt in Freiſing, dann an den Ufern des ſchönen Starnberger Sees (zu Ammerland) ein ſchützendes Aſyl unter dem Scepter eines edlen Königs, des unvergeßlichen, menſchenfreundlichen erſten Mari⸗ milian's, des bayeriſchen Titus. Wir finden, nachdem auch die Charte von 1830, ganz wie die der 100 Tage, den Grundſatz aufgeſtellt, daß keine Ausnahms⸗ gerichte und Commiſſionen geſchaffen werden dürfen, dennoch wie⸗ der einen außerordentlichen Gerichtshof, durch den Art. 28 dieſer nämlichen Charte konſtituirt, welcher, wörtlich wie der Art. 33 *) Damals wüthete (1815) nach dem Sturze des Kaiſers die chambre introu- vable der Altroyaliſten mit unerhörter Niederträchtigkeit und Willkühr. Sie wurde 1816 aufgelöst. Die Prevötalhöfe waren beſonders bei dem Aufſtande in den Sevennen thätig. nlont m vu u n nm ſuſt! hum lmn nJhe ſit Po Un1e n v ſoc ſiſie m n in ie Nu in itjn ſit u ein ſiſnl ninii ui de ichen itun im in ſjn ſ wn. imgu Gyn ui de N hite oent ſin mihn MM. Gunſ Ven auſt men umtn aus ſdit nn aes nit eſez hr e⸗ 4) ou ver urh md ger nes i⸗ 6⸗ e⸗ 6 rou. Sit jande Specialgerichte ꝛc. 11 der Konſtitution von 1814, verfügt: „die Kammer der Pairs „erkennt über die Verbrechen des Hochverraths und der Angriffe „wider die Sicherheit des Staats, wie ſie das Geſetz (der code „pénal nämlich) bezeichnet.“ Damit waren alle politiſchen Verbre⸗ chen der Cognition der ordentlichen Gerichtshöfe abermals entzogen. Prozeſſe von Bedeutung unter ihm ſind gegen Louis Napoleon Bonaparte, jetzigen Kaiſer der Franzoſen, wegen ſeines Boulogner⸗ Attentats, gegen die aufrühreriſchen Republikaner zu Lyon und Paris im Jahre 1834 und 1835, gegen die Königsmörder Fieschi, Pe⸗ pin, Morey, Boireau 1836, Alibaud und Meunier (1837), gegen Teſte, Cubieres, den Herzog von Praslin und Andere geführt worden. Nach dem Sturze Louis Philipp's führte die republika⸗ niſche Konſtitution gleichfalls wieder einen Staatsgerichtshof unter dem Namen haute cour de justice (Art. 91 und folg.) ein, wel⸗ cher über Anklagen gegen den Präſidenten der Republik und ſeine Miniſter, die von der Nationalverſammlung erhoben werden, ent⸗ ſcheiden ſollte, ferner über alle Verbrechen gegen die innere und äußere Sicherheit des Staats, welche durch ein Geſetz von der Nationalverſammlung an dieſe cour verwieſen werden. Aber nur kraft eines Geſetzes der Nationalverſammlung ſollte dieſelbe in Wirkſamkeit treten können ꝛc., die Prozedur ſollte öffentlich und mündlich ſeyn; vor 36 Geſchwornen, 4 Ergänzungsgeſchwornen, die aus der Zahl der Generalräthe gewählt werden, und vor dem Hofe, beſtehend aus einem Präſidenten, 4 Richtern und 2 Ergänzungs⸗ richtern ſtattfinden. Die Richter ſollten mittelſt geheimen Scruti⸗ niums aus dem Caſſationshofe gewählt, die Mitglieder des öffent⸗ lichen Miniſteriums vom Präſidenten der Republik, oder wenn gegen dieſen ſelbſt die Anklage geht, von der Nationalverſammlung ernannt werden. Nach dem Sturze der Republik aber wurde die neue Aera des Cäſarismus mit der Bildung vier großer Militärcommiſſionen inaugurirt, die als Ausnahmsgerichte zur Verfolgung der politiſchen Gegner in die verſchiedenen Departemente abgeſchickt wurden. Zahl⸗ loſe Deportationen bezeichneten ihre Thätigkeit. Abgeſehen von dieſen politiſchen Gerichtshöfen beſtanden und beſteyen noch folgende außerordentliche oder Ausnahmstribunale 12 Strafprozeß (tribunaux d'exception ou d'attribution) für beſtimmte Stände und beſtimmte Gattungen rechtswidriger Handlungen in Frankreich: 1) die Militärgerichte für die Landtruppen (les conseils de guerre pour les troupes de terre); 2) die Militärgerichte für die Seetruppen Ces tribunaus maritimes ordinaires et speciaux); 3) die Tribunale für die Disciplinarvergehen der Nationalgarde; 4) die Tribunale der Fabrikanten (es conseils de prud'hommes), welche leichte Contraventionen bis zu drei Tage Gefängniß abzuurtheilen kompetent ſind. . Rte. Prinzipter und Grundlagen des franzöſiſchen Straf⸗ Prozeſſes. Der aus der Revolution hervorgegangene Strafprozeß iſt auf folgende Grundlagen und Prinzipien begründet: 1) Niemand ſoll ſeinem ordentlichen Richter entzogen werden; Commiſſionen und erzeptionelle Gerichte ſollen keine beſtehen. In wie weit dieſer Grundſatz eingehalten wurde, haben wir im vorigen Kapitel geſehen. 2) Niemand ſoll ſeiner perſönlichen Freiheit beraubt werden, als in den durch das Geſetz zugeſtandenen Fällen. Die Wahrung dieſes koſtbaren Rechts, der franzöſiſchen Habeas⸗Corpusakte, iſt zu ſehr der Willkühr der Gerichtspolizeibeamten überlaſſen, als daß man es als eine Wahrheit anſehen dürfte. 3) Das Recht, auf Anwendung einer Strafverfügung zu kla⸗ gen, ſteht nur den öffentlichen Beamten zu, welchen es anvertraut iſt. Alſo Begründung des Anklageprozeſſes mittelſt der öffent⸗ lichen Klage (action publique). Die Klage auf Entſchädigung und Ehren⸗Erſatz kann zu gleicher Zeit mit der öffentlichen Klage vor demſelben Richter mittelſt der Civilklage (action civile) von der beſchädigten Partei betrieben werden (Adhäſionsprozeß). 4) Das Verfahren in Criminalſachen hat zwei Stadien, ein Vorverfahren, welches inquiſitoriſch, geheim und ſchrift⸗ lich iſt, und das eigentliche oder welches öffentlich und mündlich iſt. j m in il dort nhni uilnb nhn mi uin a m M gihit un vj ſ in nkit ii u wbho ilfn ils id Uh i ui li zuc tiht i ſit him im hi mn dij nyif iit m ne ſi jen in In M ver hie Sithe uit: Seisie eriht ir et gehen auten en bis uf en gen do, un z nn la⸗ ut ⸗ n ge 0u it⸗ hes Grundlagen des Strafprozeſſes. 13 Ueber die hohen Vorzuge dieſer beiden Prinzipien haben wir uns im Civilprozeſſe ſchon genugſam ausgeſprochen, ſo daß wir dort⸗ hin verweiſen dürfen und nur hier bemerken wollen, daß dieſelben eine viel größere Bedeutung noch hier im Criminalverfahren haben, als dort, daß dieſelben hier noch unerläßlicher und unentbehrlich zur Ermittlung und Feſtſtellung der Wahrheit, zur Spendung ma⸗ terieller Gerechtigkeit, zur Erweckung des Vertrauens zum Richter, zur Kenntnißnahme des Geſetzes von Seite des Publikums ꝛc. ſind. Denn in dem ſittlichen Gefuͤhle und in dem Rechtsbewußtſeyn einer Nation allein kann das Strafrecht ſeine natürliche Wurzel ſchlagen und dazu bedarf es der öffentlichen Pflege derſelben. Dieſe Wahrheiten ſind auch in neuerer Zeit ſo entſchieden überall aner⸗ kannt, daß ſich weiter darüber zu verbreiten unnöthig erſcheinen muß. Auch im Strafverfahren kann, wie im Civilverfahren, aus Gründen der Sittlichkeit, der öffentlichen Moral und Ordnung, die Oeffent⸗ lichkeit auf Antrag des Staatsprokurators durch ein Urtheil von der Expoſition der Anklage an bis zu Schluß der Debatten aus⸗ geſchloſſen werden. Die Verkündung des Urtheils aber muß jeden⸗ falls wieder in öffentlicher Sitzung geſchehen. Ueber Verbrechen entſcheidet ein Criminal⸗Gerichtshof mit Zuziehung von Geſchwornen; über Vergehen die Bezirks⸗ als Zuchtpolizei⸗Gerichte in erſter, die Appellationsge⸗ richte in zweiter Inſtanz; über Polizeiübertretungen ein Polizeirichter, und zwar der Friedensrichter des Kantons, in erſter Inſtanz und die Bezirks⸗ als Zuchtpolizei⸗Gerichte in zweiter In⸗ ſtanz. Die Geſchwornen entſcheiden souverainement. Gegen ihre Verdikte findet keine Berufung ſtatt. Nur in beſtimmten Fällen kön⸗ nen dieſelben durch außerordentliche Rechtsmittel am Caſſationshofe angegriffen werden. Gegen die Urtheile der Polizei⸗ und Zuchtpo⸗ lizeigerichte iſt die Berufung an den höhern Richter zuläſſig, wenn nur die geringſte Freiheitsſtrafe (4 Stunden), oder wenn bei jenen eine Geldſtrafe über 5 Franken erkannt, bei dieſen eine Verfügung überhaupt erlaſſen wurde, welche dem verfolgten oder dem verfolgenden Theile mißfällt. Sie iſt alſo in Zuchtpolizeiſachen unbeſchränkt, ſelbſt gegen präparatoriſche und interlokutoriſche Ur⸗ theile zuläſſig. 5 14 Strafprozeß. 6) Die Richter, die rechtsgelehrten ſowohl als die Geſchwornen, . urtheilen nach ihrer Ueberzeugung. Sie haben die Beweiſe nach 3 ihrem Gewiſſen und Wiſſen zu würdigen, und das Geſetz hat ihnen , keine Regeln vorgeſchrieben, welche ſie hiebei weſentlich beſchränken. m Nur die Polizei⸗ und Zuchtpolizeirichter haben ſich an die Protokolle „6 gewiſſer Beamten, denen das Geſetz eine unbedingte Glaubwürdig⸗ zn keit zugeſteht, geſetzlich zu halten, wenn dieſe Protokolle nicht durch eine Fälſchungsklage angegriffen werden. Solche Protokolle ſind die der Waldhüter und beſtimmter Finanzbeamten. m Eine Beweistheorie iſt demnach im franzöſiſchen Strafpro⸗ uuti zeß ausgeſchloſſen, und zwar der Natur der Sache nach, noch uhi vollſtändiger, als in dem Civilprozeſſe. u hi M M. Rapitel. ohren Die öffentliche und die Civilklage. nin Art. 1—4 und 637 —640 c. d'inst. cr. um! m Die öffentliche Klage (laction publique) iſt diejenige, welche von den hiezu geſetzlich berufenen Beamten gegen die Ueber⸗ treter der Strafgeſetze bei den Strafgerichten erhoben wird und die zin Anwendung der im Geſetze angedrohten Strafen bezweckt. Zu ihrer 6 Erhebung iſt allein das öffentliche Miniſterium durch ſeine 5 verſchiedenen Ober⸗ und Unterorgane (Generalprokuratoren und i Staatsprokuratoren und deren Subſtituten an den Appellhöfen und d Bezirksgerichten, Polizeikommiſſären und Adjunkten an den Polizei⸗ uhe n gerichten) berechtigt. Jede Uebertretung eines Strafgeſetzes iſt hin⸗ zn7 reichend, die Klage hervorzurufen. Die Berechtigung der Staats⸗ uh n behörde hierin iſt eine unbedingte, nur in wenigen Fällen macht min, das Geſetz eine Ausnahme, indem es die öffentliche Klage nur unter un gewiſſen Bedingungen zuläßt, als 1) wenn der verletzte Theil es u ausdrücklich verlangt, z. B. der Ehebruch kann nur auf Verlangen uhe j des beleidigten Ehegatten verfolgt werden (ſiehe Strafrecht Seite 58); uhiz 2) wenn die Anſtellung der öffentlichen Klage erſt von der Ent⸗ — ſcheidung einer mit ihr im Zuſammenhange ſtehenden Civilſache ab⸗ E — — — 8 Oeffentliche und Civilklage. 15 unn, haͤngig gemacht iſt, z. B. eine Entführung kann nur dann in it ut dem Falle, wenn der Entführer die Entführte geehelicht hat, mit der ihnn öffentlichen Klage verfolgt werden, wenn zuvor das Civilgericht die riin Nichtigkeit dieſer Ehe ausgeſprochen hat (ſiehe Strafrecht Seite 59); wolul⸗ 3) wenn die Genehmigung der Verfolgung einer beſtimmten Perſon vimi von Seiten einer höhern Behörde (z. B. des Staatsraths) oder n einer Korporation erforderlich iſt. — in Das Recht der öffentlichen Klage wird beendet oder erliſcht: a) durch den Tod des Angeklagten oder Angeſchuldigten; b) durch upn⸗ Amneſtie*); c) durch Verjährung; dh durch die rechtskräftige u Entſcheidung der Klage, wenn ſie auf dieſelbe Geſetzesüber⸗ tretung gerichtet war (non bis in idem). Bezüglich der Verjährung verfügen die Art. 637 und fol⸗ gende des code d'instruction criminelle, daß dieſelbe 1) in Criminalſachen eintritt nach dem Verlauf von zehn Jahren von dem Tage des Verbrechens an gerechnet, wenn in dieſer Zwiſchenzeit durchaus keine Unterſuchung noch irgend ein anderes Verfahren gegen den Urheber des Verbrechens ſtattfand; vom Tage der letzten Inſtruktionshandlung an, wenn ein uge Verfahren, jedoch ohne Abſchluß mit Urtheil, erfolgte; 2) in Zuchtpolizeiſachen in drei Jahren, vom Tage des 4 Vergehens an oder der letzten Inſtruktionshandlung an gerechnet; 3) in einfachen Polizeiſachen nach dem Ablaufe eines Jahres, von dem Tage der Contravention allein an gerechnet. B Die Civilklage C'action civile oder privée) iſt diejenige, ie welche von der durch eine Geſetzesübertretung beſchädigten oder ver⸗ letzten Partei (Damnifikat) gegen den Urheber derſelben (Damnifi⸗ tant) angeſtellt, und durch welche der Erſatz des Schadens, die Re⸗ it paration, bezweckt wird. Nur die verletzten oder zu Schaden gekom⸗ ⁰ menen Perſonen, nach ihrem Tode ihre Erben und legitimen Rechts⸗ ſu nachfolger, ſowie die Wittwe oder die, unter deren Gewalt ſie ſtehen, t n welche für ſie geſetzlich zu ſorgen und ſie zu vertreten haben, ſind berechtigt die Civilklage anzuſtellen, alſo die Eltern, Ehegatten, Vor⸗ ) Eu Se b *) Siehe Strafrecht Heft V. Seite 25. 16 Strafprozeß. n münder, Curatoren c. Sie werden in dieſer Eigenſchaft Civil⸗ ſu ben kläger, auch Civilpartei genannt. zuglit Die Klage kann bei dem kompetenten C twilg erichte erhoben juli werden, oder auch, nach der Wahl des Damnifikaten, bei dem Straf⸗ uti n gerichte, bei welchem die öffentliche Klage verhandelt wird. Sie gin wird durch Vorladung des Beklagten oder durch Intervention ſius bei der Verhandlung der öffentlichen Klage angebracht. Wird ſie an julin dem kompetenten Strafgerichte angeſtellt, ſo wird ſie, nach den Vor⸗ uhz ſchriften des Strafprozeſſes inſtruirt, mit und neben der Verfolgung A6 der öffentlichen Klage; dieſes Verfahren macht das Weſen des Ad⸗ ſuli! häſionsprozeſſes aus, der ein gezwungener ſehn kann oder un p ein freiwilliger (auch fakultativer). Erſteres iſt er näm⸗ aut lich, wenn die beleidigte Perſon den Urheber der Beleidigung oder ut Beſchädigung vor das Strafgericht vorladen läßt und Antrag gegen i ihn auf Civilbeſtrafung nimmt. In dieſem Falle iſt die Staats⸗ u g behörde gezwungen, die Rechte des Staates, das heißt Aller 3 im Intereſſe des Geſetzes geltend zu machen und dem Civilkläger in der Verfolgung beizutreten; natürlich nur in der Vorausſetzung, daß die Klage begründet iſt. Wenn dagegen die öffentliche Klage von der Staatsbehörde betrieben wird und es der beſchädigten Par⸗ tei demnach freiſteht, mit Civilanſprüchen der Klage beizutreten oder nicht, ſo nennt man im Falle des Beitretens der Civilpartei den Adhäſionsprozeß einen facultativen oder freiwilligen. Wenn keine ſtrafbare Handlung vorhanden iſt, kann auch eine Civilklage am Strafgerichte nicht anhängig gemacht werden; die gewöhnlichen Ent⸗ ſchädigungsprozeſſe wegen Verbindlichkeiten aus dem Civilrechte ge— hören alſo nicht hieher. 3 4 Die Civilflage iſt nicht präjndicielt für die öffentliche; dieſe hi dagegen unbedingt für jene (e criminel emporte le civil). Wird pui daher der Angeſchuldigte freigeſprochen, ſo iſt die Civilklage wvu gegen ihn als Beklagten zu verwerfen, womit jedoch die Schäden⸗ ni klage nicht zugleich in allen Fällen ausgeſchloſſen bleibt. Wird da⸗ Kn gegen der Angeſchuldigte verurtheilt, ſo präjudicirt dieſe Condem⸗ d nation die Civilklage ſo ſehr, daß ſelbſt der Civilrichter, wenn ſie an ſin u ihn gebracht wird, das ſtrafrechtliche Urtheil als eine Wahrheit aner⸗ hn kennen muß und ihm keine nähere Unterſuchung über das Daſeyn ini U St linil ehchn Struſ Si ntion ſe n Vor un N oder nin⸗ oder ſgen ats⸗ ler ſer 1, og ar der den ine iſe id ge d m uen ehn Die Vorunterſuchung. 17 der ſtrafbaren Handlung und die Thäterſchaft des Beklagten zuſteht. Ein Verzicht des Verletzten auf die Civilklage, eben ſo wenig ein Vergleich kann alſo auch nicht den geringſten Einfluß auf die öffentliche Klage ausüben, denn ausgenommen den Fall des Ehe⸗ bruchs, wo den Ehegatten jederzeit Verſöhnung und Verzicht auf Verfolgung ſelbſt der öffentlichen Klage im Intereſſe des ehelichen Friedens und Familienlebens geſtattet iſt, kann im Intereſſe der öffentlichen Ordnung und geſetzlicher Beſtimmung nach, die öffent⸗ liche Klage weder durch Vergleich noch durch Verzicht beſeitigt werden. Die Civilklage wird in denſelben Zeitfriſten verjährt wie die öffentliche Klage; aber ſie erliſcht, da ſie nicht perſönlicher Natur iſt, ſondern gegen die Erben angeſtellt werden kann, nicht durch den Tod des Angeſchuldigten; eben ſo wenig durch Amneſtie oder durch die rechtskräftige Aburtheilung der öffentlichen Klage allein. In dieſen drei Fällen muß ſie indeſſen vor das Civil⸗ gericht gebracht werden. V. Bupitel. Die Vorunterſuchung. Art. 8— 136 und 217—250 code d'inst. cr. I. Zweck und Formen derſelben. Die Vorunterſuchung hat zum Zweck den Thatbeſtand und die Natur einer ſtrafbaren Handlung, ſo wie den Urheber und ſeine Mitgehilfen derart feſtzuſtellen, daß dem Strafrichter die Möglichkeit gegeben iſt, zu erkennen, welche Art einer ſtrafbaren Handlung vor⸗ liege, welche Perſonen als Urheber derſelben oder als ſeine Gehilfen (complices) angeſehen werden müſſen und welche Strafe gegen dieſe Perſonen in Anwendung zu bringen ſey. Das Verfahren der Vorunterſuchung iſt inquiſitoriſch, ge⸗ heim und ſchriftlich oder protokollariſch, während das Hauptverfahren, die eigentliche Unterſuchung, mittelſt der An⸗ klage öffentlich und mündlich zu geſchehen hat. VI. Strafprozeß. 2 18 Strafprozeß. Die Vorunterſuchung wird alſo geführt protokollariſch oder uli mittelſt Protokolle. vbitſ Die Protokolle (förmliche und ſchriftliche Aufzeichnungen der nin i Handlungen, welche ſich vor den Gerichtsbeamten im Laufe ihrer wyli Amtsverrichtungen zutragen, und der Reſultate ihrer Forſchungen) vw conſtatiren hauptſächlich: 1) den Thatbeſtand einer ſtrafbaren Hand⸗ s his lung; 2) Ort und Zeit und beſondere Umſtände, wo, wann und in unter welchen ſie ſich zugetragen hat; 3) die Erklärungen der hiebei betheiligten Perſonen, als der Zeugen, Sachverſtändigen, Ange⸗ ſchuldigten . (Verhöre); 4) die Amtsverrichtungen der Beamten, als die Ortsbeſichtigungen, die Hausdurchſuchungen, die Beſchlag⸗ nihli nahme von Ueberführungsſtücken, die Verhöre, die Verhaftungen, ſo niliſ wie die Geſetz⸗ und Regelmäßigkeit aller dieſer Handlungen. u hil Die Form der Protokolle iſt im Allgemeinen dem fungirenden 1d Beamten überlaſſen und nicht ſtrikte durch das Geſetz vorgeſchrie⸗ pinn ben. Nur gewiſſe Beſtandtheile derſelben ſind durch ſakra⸗ fin mentelle Vorſchriften als unerläßlich bezeichnet. In dieſer Be⸗ ſinn ziehung müſſen ſie enthalten: Datum und Ort der Verhand⸗ mn lung, Namen und Eigenſchaften der Beamten, Namen, u m Stand, Alter, Wohnort der Perſonen, die vernommen iiine werden oder Erklärungen abgeben. Sie müſſen von den Beam⸗ mi ( ten am Schluſſe unterzeichnet ſeyn, theilweiſe ſogar auf jeder „9 Seite. Sie müſſen von den Erklärenden und den Verhör⸗ v ten (Zeugen oder Angeſchuldigten, Sachverſtändigen, Auskunftsper⸗ it ſonen, Aſſiſtenzperſonen ꝛc.), nachdem die Protokolle ihnen vorgeleſen uu worden ſind, am Schluſſe unterzeichnet werden; von den Ange⸗ 5. ſchuldigten auf jeder Seite. Können oder wollen dieſe Perſonen t nicht unterzeichnen, ſo muß hievon Erwähnung geſchehen, auch die Urſache der Weigerung oder der Unfähigkeit zu unterzeichnen, ange⸗ % geben werden. Zwiſchenlinien ſind unterſagt und haben nbi keine Geltung; Ausſtreichungen und Randbemerkungen 1 haben nur dann Geltung, wenn ſie von den Beamten und allen Perſonen, die unterzeichnen müſſen, ausdrücklich genehmigt ſind und die Genehmigung durch Unterzeichnung conſtatirt erſcheint. Regel⸗ mäßig geführte Protokolle haben bei den Polihei⸗ und Zuchtpolizei⸗ 97 gerichten (bei den Geſchwornen niemals) in einigen Fällen Glau⸗ ae hen e ſe ihn uyn hn⸗ nm hiehe My⸗ umt, ſhl en ſo enden ſhti⸗ fra⸗ Die Vorunterſuchung. 19 ben bis zum Beweiſe des Gegentheils; in wenigen Fällen hat das Geſetz ſogar den Protokollen Glaubwürdigkeit inſoweit zuge⸗ ſprochen, daß dieſelbe nur durch die inscription en faux (die Fäl⸗ ſchungsklage) angefochten werden kann. Dieſe ſind die Protokolle der agens et gardes forestiers und der préposés des douanes et des droits réunis. II. Führung und Leitung der Porunterſuchung. Brgani- ſation der gerichtlichen Polizei. Die Vorunterſuchung im Allgemeinen wird durch die Beamten der gerichtlichen Polizei unter Leitung der Gerichtshöfe (Appellations⸗ gerichtshöfe) geführt. Dieſe Beamten ſind theils Oberbeamte, theils Hilfsbeamte. Die der erſten Kategorie ſind folgende: 1) Die Beamten der Staatsbehörde oder des öffentlichen Miniſteriums; ſie üben unter der ſpeziellen Ueberwachung des be⸗ treffenden Generalprokurators in ihren Bezirken die gerichtliche Po— lizei aus. Die Staatsbehörde iſt Verfolgungsbehörde, überwacht die Vorunterſuchung, iſt bei den Gerichten Vertreter der öffentlichen Klage, betreibt und leitet die Vollſtreckung der gerichtlichen Urtheile und Be⸗ ſchlüſſe in Strafſachen und iſt zugleich das Organ der oberſten Staats⸗ aufſicht. (Siehe Gerichtsverfaſſung Seite 62.) 2) Der Polizeipräfekt in Paris und die Präfekten in den Departementen; ſie ſind ermächtigt, alle Handlungen, welche er— forderlich ſind, um Reate zu conſtatiren und die Urheber derſelben den Strafgerichten zu überliefern, ſelbſt vorzunehmen, ſo wie an alle Beamten der gerichtlichen Polizei Requiſitionen zu erlaſſen; alles dieſes im Umfange ihres Amtsbezirkes. 3) Die Unterſuchungsrichter Ues juges d'instruction) an den Bezirksgerichten. Zu den Hilfspolizeibeamten werden gerechnet: 1) die General⸗Polizei⸗Commiſſäre; 2) die Offiziere der Gendarmerie; 3) die Friedensrichter und ihre Suppleanten; 4) die Polizei⸗Commiſſäre; 5) die Maires (Bürgermeiſter) und ihre Adjunkten; 6) die Feld⸗ und Waldſchützen. 2 20 Strafprozeß. Alle dieſe Beamten und Agenten werden zu ihren amtlichen * Funktionen berechtigt und verpflichtet, das heißt, ſie werden zur 2 Führung einer Unterſuchung kompetent, wenn die That ſich in ihrem Amtsbezirk zugetragen oder wenn der Angeſchuldigte (Beanzeigte) un . ſeinen Wohnſitz oder Aufenthalt in demſelben hat, oder wenn er in demſelben betreten oder verhaftet wurde. Obwohl alle uu drei Gerichtsſtände gleich geſtellt ſind, ſo gilt doch in der Praxis der un Grundſatz, daß bei Colliſion die Prävention, welche durch das ſ erſte Erlaſſen eines Mandats bewerkſtelligt wird, in einer Unter⸗ a ſuchung den Vorzug begründet. h Die Vorunterſuchung bietet in ihrem Gange verſchiedene Sta⸗ it dien dar, die ſich abtheilen laſſen 1) in das Stadium der vorberei⸗ * tenden Handlungen. In dieſem zu fungiren ſind alle die aufge⸗ tüt 5 zählten Beamten berechtigt und verpflichtet. Ja jeder Bürger und nin, Depoſitär der bewaffneten Macht iſt geſetzlich berechtigt und ver⸗ min pflichtet, hier in gewiſſen Fällen mitzuwirken, z. B. einen Menſchen uſu feſtzuhalten, der bei Verübung eines Verbrechens auf friſcher That un d betreten wird, und ihn ſofort der Staatsbehörde oder ihren Gehilfen uin, zu überliefern; 2) in das Stadium der eigentlichen und regelmäßi⸗ an fil gen Unterſuchung; dieſe wird durch die Gerichte mittelſt Delegation uſhin eines ihrer Mitglieder, des Unterſuchungsrichters, in Concurrenz mit ſün li der Staatsbehörde, die ihre Thätigkeit durch ihre Gegenwart und tiſa d Anträge äußert, geführt; 3) in das Schlußſtadium, welches darin un. beſteht, daß nach beendeter Unterſuchung und geſtelltem Schlußan⸗ trage der Staatsbehörde der Unterſuchungsrichter dem Gerichte in der n hni Rathskammer Bericht über die ganze Unterſuchung (in objektiver mii und ſubjektiver Beziehung) erſtattet, welches ſofort über den weitern hlih Gang derſelben durch Ordonnanzen verfügt. zil,d Wir werden nunmehr die Thätigkeit der gerichtlichen Beamten, minn wie ſie ſich in dieſen verſchiedenen Stadien manifeſtirt, näher be⸗ wih: trachten. ) A. Die vorbereitenden Handlungen können, wie ge⸗ inen ſagt, durch ſämmtliche Beamten der gerichtlichen Polizei vorgenom⸗ ſon men werden; das heißt, jeder von ihnen hat hiezu das Recht und gun die Verpflichtung. Ihre Attribute entſpringen aus dem Willen des ſin Geſetzes, daß mit aller Energie und Raſchheit eingeſchritten werde, iin Die Vorunterſuchung. 21 „ wo ſtrafbare Handlungen vorfallen, damit ihre Spuren nicht ver⸗ wiſcht, die erſten Eindrücke feſtgehalten, der Thatbeſtand baldmöglichſt conſtatirt, die Schuldigen gleich entdeckt und, wenn nöthig, ergriffen ihe werden, ehe ſie durch Zeitverluſt begünſtigt der ſtrafenden Gerechtig⸗ um keit ſich durch die Flucht entziehen können. Eine Verfolgung aber u kann auf dreifache Weiſe veranlaßt werden: 3 1) entweder auf amtliche oder private Anzeigen (dénonciations) hin; lut 2) auf Beſchwerden, Klagen von Privatperſonen (plaintes); . 3) auf den Grund des gemeinen Rufs und in den Fällen der Sn friſchen That (en cas de flagrant délith. ben Die vorbereitenden Handlungen beſtehen in der Aufnahme der uß Berichte (rapports), der Beſchwerden, der Anzeigen, in der ſum⸗ ud mariſchen, nicht beeidigten Vernehmung der ſich ergebenden Aus⸗ „ kunftsperſonen, in der Nachſuchung nach den Ueberführungsſtücken ſin und ſonſtigen Beweiſen der Reate, in der Ergreifung und Beſchlag⸗ ha nahme derſelben, in der Beſichtigung der Lokalitäten, wo Verbrechen f vorfielen, in der Herbeiholung von Gerichts- und andern Aerzten iji⸗ in den Fällen, in welchen dieſes geboten erſcheint, in den erſten lin Fundſcheinen derſelben, in der Verfolgung und Verhaftung der in⸗ ni dicirten Urheber ſtrafbarer Thaten. Wenn auch nur ſummariſch, ſo und müſſen doch über alle dieſe Handlungen Protokolle aufgenommen in werden. ſun Der Unterſuchungsrichter, der im regelmäßigen Verfahren nur nde auf Requiſitionen und mit Zuziehung der Staatsbehörde handeln ie kann, iſt in dem Falle des flagrant délit dieſem und den übrigen iem gerichtlichen Polizeibeamten ausnahmsweiſe in ſeinen Attributen gleich⸗ geſtellt, das heißt, er kann ohne Antrag, ohne Zuziehung derſelben iun, handeln und einſchreiten, damit der erſte Eindruck feſtgehalten werde be und ſich nicht verwiſche. Speziell mit der Aufſuchung der Polizeicontraven⸗ tionen ſind beauftragt: Die Polizeikommiſſäre, Maires, Adjunkten, k⸗ Feld⸗ und Waldhüter. Ihre Protokolle und Berichte in dieſer u Materie haben ſie dem Vertreter der Staatsbehörde an den Polizei⸗ d gerichten Polizeikommiſſär, Maire oder Adjunkt), wenn ſie nicht ved ſelbſt dieſe Funktion ausüben, zu übergeben und dieſer hat daun ₰ „ ₰ 6 22 Strafprozeß. 2 die Beſtrafung der Contraventionen vor dem Polizeigericht zu be⸗ treiben. B. Die eigentliche, regelmäßige Vorunterſuchung wird vom Unterſuchungsrichter geführt, wobei jedoch die Staats⸗ behörde in der Weiſe betheiligt iſt, daß derſelben die Mittheilung der Prozedurakten gemacht werden muß, daß ſie den Gang der Unter— ſuchung überwacht, durch Stellung von Anträgen leitet, und daß ihr die geſetzlichen Mittel zu Gebote geſtellt ſind, die Ausführung ihrer Anträge auch zu betreiben. Auch muß ſie zur Begleitung und Aſſi⸗ ſtenz eingeladen werden, wenn der Unterſuchungsrichter ſich irgendwo hinbegibt, um Prozedurakten vorzunehmen. Der Unterſuchungsrichter iſt ein Mitglied des Bezirksge⸗ richts, ein richterlicher Beamter und nimmt, wenn ihm Zeit gegönnt iſt, an den civil- und ſtrafrechtlichen Funktionen ſeines Collegiums Theil; in dieſer Eigenſchaft iſt er Richter wie ſeine Collegen, und ſteht unter dem Banne der richterlichen Disziplin. Als Unterſuchungs⸗ beamte dagegen iſt er der Ueberwachung des Generalprokurators als gerichtlicher Polizeibeamte anheimgegeben und hat als ſolcher die Vorunterſuchungen über die im Bezirk ſeines Gerichtes vorgefallenen Verbrechen und Vergehen zu führen und zu leiten. Er ſoll nach der Beſtimmung des Art. 55 des c. d'instr. cr. in der Regel nur auf drei Jahre mit dieſer Funktion durch den Kaiſer betraut werden und dann in die Reihe der übrigen Richter wieder zurücktreten. Allein er kann ebenſo gut länger und ſo lange in ſeinen Funktionen belaſſen werden, als es der Staatsregierung gut dünkt. An jedem Bezirksgerichte iſt wenigſtens ein Unterſuchungsrichter angeſtellt, an den größern Gerichten aber nach Bedürfniß mehrere, in Paris der⸗ malen 10. Wenn der Unterſuchungsrichter amtirt, muß er ſtets von einem Gerichtsſchreiber aſſiſtirt ſeyn. Dieſer hat das Protokoll zu führen und alle Unterſuchungshandlungen, welche der Richter vornimmt, amtlich zu conſtatiren. Die Form der Protokolle iſt im We ſentlichen ihm überlaſſen; nur in Beziehung auf beſtimmte ſakramentelle Vor⸗ ſchriften iſt er gebunden, wie wir im Abſchnitt I. dieſes Kapitels ſchon erklärt haben. ——— wihr iſn vl hnn ngö imt nit uu ſmin nmi in jn * W ui bi ſünliz ſiyn nill Die Vorunterſuchung. 23 . Die hauptſächlichſten Inſtruktionshandlungen, welche vorzukom⸗ men pflegen, ſind folgende: hun 1) Hausdurchſuchungen; ſt⸗ 2) Beſchlagnahme von Ueberführungsſtücken; ng 3) Vernehmungen von Zeugen jeder Art; ln 4) Beſichtigung von Lokalitäten; cih 5) Vernehmung von Sachverſtändigen; in 6) Verhöre der Beſchuldigten; ſi 7) Verhaftungen. nw Die Hausdurchſuchungen und Beſchlagnahme von Ue⸗ berführungsſtücken ſind von dem Inſtruktionsrichter, aſſiſtirt vom Gerichtsſchreiber, in Gegenwart der Staatsbehörde vorzunehmen. In to der Regel werden noch ſonſtige Beamte der gerichtlichen Polizei oder — Gendarmen und Polizeidiener zu Hilfe beigezogen. Sie dürfen nur 6 zur Tagszeit geſchehen, denn die Beſtimmung der Conſtitut. vom iſ 22. Frimaire VIII. Art. 76 „la maison de toute personne ha- bitant le territoire francais est un asile inviolable pendant la i nuit; nul wa le droit d'y entrer, que dans le cas d'incendie, d'inondination ou de réclamation faite de l'interieur de la maison“ iſt bis jetzt nicht aufgehoben. Die Tags⸗ oder Nachtzeit ut aber iſt auf den Grund des Art. 1037 des Civilprozeſſes zu be⸗ 1 ſtimmen (ſiehe C. P. Seite 124). u Sie lönnen nicht allein in dem Hauſe der Beſchuldigten vor— 6 genommen werden, ſondern auch in den Wohnungen anderer Perſo⸗ 1 nen, wenn gegründete Vermuthung vorliegt, daß Ueberführungsſtücke n irgend einer Art dorthin verſchleppt worden ſeyen oder ſich Ange⸗ u ſchuldigte dort verſteckt haben. k Auch beim Augenſchein muß die Staatsbehörde zugezogen, und können, wo es nothwendig oder räthlich erſcheint, auch die Sach— n verſtändigen zugeladen werden, damit ihre Erklärungen unmit⸗ n telbar vor dem Gegenſtande der Betrachtung um ſo deutlicher für m. das Gerichtsperſonal werden. he Bei Zeugenvernehmungen erſcheinen entweder die Zeugen or⸗ freiwillig, auf Ruf von Nachbarn, Gemeindedienern oder ſonſtigen Bürgern, oder in Folge einer Ladung des Richters, welche durch Vermittlung der Staatsbehörde von dem Gerichtsboten den als Zeu⸗ . 6 24 Straſprozeß. nd gen zu Vernehmenden zugeſtellt wird. Die Gegenwart der Staats⸗ * behörde bei dieſen Vernehmungen iſt nicht geradezu geboten, findet un aber in wichtigern Fällen doch in der Regel ſtatt. Die Zeugen er⸗ wi halten eine tarifmäßige Entſchädigung für ihr Verſäumniß und für — ihre Reiſe. Die Pflicht, Zeugniß abzulegen, iſt eine allgemeine und — kann durch Geldbußen und ſelbſt durch körperliche Haft erzwungen r werden. Die Zeugen haben, bevor ſie ausſagen, den Eid zu leiſten, uh die Wahrheit zu ſagen. Jedoch iſt dieſes nur ein moraliſches Zwangs⸗ — mittel für dieſelben, denn wegen falſchen Zeugniſſes vor dem Unter⸗ 8 ſuchungsrichter findet keine Verfolgung ſtatt, außer etwa im Falle calumniöſer Denunciation. Nur im Hauptverfahren, in der öffent⸗ vzi lichen und eigentlichen Unterſuchung hat das falſche Zeugniß ſeine iu ſtraftechtlichen Folgen. Die Zeugen unterſchreiben nach geſchehener jun Verleſung ihre Ausſagen mit dem Richter und dem Gerichtsſchreiber. Bei dem Verhör des Beſchuldigten iſt die Aſſiſtenz der d Staatsbehörde gleichfalls nicht erforderlich. Iſt er gefangen einge⸗ 9 bracht worden, ſo ſoll er in 24 Stunden vernommen werden. Der nit Unterſuchungsrichter ſoll ſeine Fragen ſelbſt an ihn ſtellen; dieſelben kr i müſſen klar, beſtimmt und unverfänglich ſeyn. Sind mehrere Beſchul⸗ wn! digte zu vernehmen, ſo hat dieſes geſondert zu geſchehen; jedoch kön⸗ ibil nen auch Confrontationen oder Gegenüberſtellungen unter ihnen W oder den Zeugen gegenüber, wo nur immer räthlich oder geboten, i jn ſtattfinden. Die Beſchuldigten unterſchreiben das Protokoll des Ver⸗ uhn hörs, das mit ihnen abgehalten wurde, auf jeder Seite und am nhe Schluſſe deſſelben mit Richter und Gerichtsſchreiber; nachdem es zu⸗ nhh vor ihnen vorgeleſen worden war. Vertheidiger oder Vertreter zu ußem dieſen Verhören zuzuziehen, iſt nicht geſtattet. ſiun, Die Verhaftung angeſchuldigter Perſonen wird in der Regel i f nur dann angeordnet, wenn die Indicien eines Verbrechens mhen vorliegen. In Vergehensſachen ſoll nur dann dieſelbe eintreten, iuln wenn der Angeſchuldigte kein beſtimmtes Domizil hat, ein Auslän⸗ 1 der iſt, oder der Flucht, der Colluſion der Zeugen oder anderer iheihl Handlungen, welche die Verheimlichung der Wahrheit, die Entfer⸗ in nung der Beweiſe, Ueberführungsſtücke ꝛc. bezwecken, verdächtig min! erſcheint. Die Verhaftung geſchieht entweder geradezu ohne Befehl in den int ſwo en n n ji eun ungn liin, n utn ßul fen⸗ ſin hener ihe, der e hen el 1 n⸗ er f⸗ hiz dM Die Vorunterſuchung. 25 Fällen der friſchen That Gagrant délit) und wird dann erſt ſpäter durch einen Befehl des Unterſuchungsrichters ſanctionirt, oder in Folge eines ſolchen ſchon vorher ergangenen Befehls. Dieſe Befehle (mandats) erläßt in der Regel der Unterſuchungsrichter und ſie wer⸗ den durch die Vermittlung der Staatsbehörde vollzogen; ſie können aber auch, wie wir oben geſehen haben, durch die ſonſtigen Beam⸗ ten der gerichtlichen Polizei als Vorbereitungs⸗Handlung erlaſſen werden. Alle müſſen ſie datirt, von dem Beamten, der ſie erläßt, unterzeichnet und mit dem Amtsſiegel verſehen ſeyn; der zu Verhaftende muß darin deutlich genannt oder bezeichnet werden. Ihre Zuſtellung geſchieht durch einen Huiſſier oder einen Agenten der öffentlichen Macht. Der Act der Zuſtellung wird durch dieſe Beamten protokollirt und dem Angeſchuldigten eine⸗Abſchrift ertheilt. Vollziehbar ſind dieſe Befehle im ganzen Umfange Frankreichs. Der Mandats gibt es nach dem Strafprozeß 4 Arten, nämlich: a) die Erſcheinungsbefehle Gnandats de comparution): der Angeſchuldigte wird vorgeladen vor dem Unterſuchungsrichter zum Verhör zu erſcheinen; eine Verhaftung iſt hiemit noch nicht verbun⸗ den; der Befehl aber kann nach Ergebniß des Verhörs in einen Haftbefehl verwandelt werden; b) die Vorführungsbefehle (les mandats d'amener). Sie ſind richterliche Ordonnanzen, auf deren Grund die Huiſſiers oder Agenten, die ſie zuſtellen, verpflichtet ſind, die darin bezeichne⸗ ten Perſonen körperlich und, wenn nöthig, mit Hülfe der bewaffne⸗ ten Macht, dem Unterſuchungsrichter vorzuführen. In der Regel wer⸗ den ſie nur gegen Perſonen erlaſſen, die eines Verbrechens indicirt erſcheinen, oder die dem Erſcheinungsbefehl nicht nachgekommen oder nicht feſt domizilirt, oder Ausländer ſind, oder wenn Colluſion zu vermuthen ſteht. Der Unterſuchungsrichter kann dieſes Mandat auch ohne Antrag der Staatsbehörde erlaſſen, was jedoch ſeltner geſchieht; ch die Verwahrungsbefehle (les mandats de dépõt); ſie befehlen die Verhaftung des Angeſchuldigten, gleichfalls wo nö⸗ thig, mit Hülfe der bewaffneten Macht und die Verwahrung derſel⸗ ben im Unterſuchungsgefängniſſe*). Der Vollzugsbeamte muß ſich *) Man hat 3 Arten von Unterſuchungsgefängniſſen; maisons de dépòt zur 26 Straſprozeß. von dem Gefängnißaufſeher eine Beſcheinigung der Uebergabe aus⸗ ſtellen laſſen. Gewöhnlich werden ſie erſt nach dem Verhör der Angeſchuldigten erlaſſen, wenn dieſelben die Indicien, welche gegen ſie vorliegen, nicht beſeitigen oder zerſtören konnten. Sie können er⸗ laſſen werden, wenn der Angeſchuldigte ſich freiwillig oder auf Er⸗ ſcheinungsbefehl ſtellte oder mittelſt Vorführungsbefehl vor den Rich⸗ ter gebracht wurde, und in allen den Fällen, in welchen ein Vor⸗ führungsbefehl gegeben werden kann. Auch kann ſie der Unterſuch⸗ ungsrichter ohne Antrag der Staatsbehörde nach eigenem Ermeſſen ergehen laſſen. d) Die Verhaftsbefehle (les mandats d'arrét); ſie können nur auf Antrag der Staatsbehörde erlaſſen werden und ſind die ſtrengſte Form der Mandats überhaupt. Sie dienen auch als Steck⸗ briefe und müſſen noch ſpeziell das Verbrechen oder Vergehen, ſo wie das Geſetz bezeichnen, das daſſelbe beſtraft. Sie müſſen jedes⸗ mal gegeben werden, wenn die Auslieferung einer proviſoriſch deti⸗ nirten Perſon an den ſaiſirten Unterſuchungsrichter bewirkt wer⸗ den ſoll. Die Attributionen der Staatsbehörde bei der Vorunterſuchung ergeben ſich aus dem bisher Dargeſtellten ebenfalls, ſo daß eine ſpe⸗ ziellere Behandlung derſelben nicht gerade geboten ſeyn dürfte. Die proviſoriſche Freilaſſung eines angeſchuldigten Ver⸗ hafteten kann nur gegen Caution ſtattfinden, aber nur, wenn er eines Vergehens indicirt erſcheint, niemals, wenn von einem Ver⸗ brechen die Rede iſt. Auch können Vagabunden und Perſonen, die ſchon einmal beſtraft wurden (repris de justice) gleichfalls, ſelbſt gegen Caution nicht proviſoriſch in Freiheit geſetzt werden. Die proviſoriſche Freilaſſung war ſchon im alten Frankreich ge⸗ bräuchlich (Edikt Franz I. vom Jahre 1639 Art. 150), ebenſo bei den Römern (. 1 und 4 de custodia et exhibitione reorum) und Feſthaltung der Verdächtigen, gewöhnlich ein Gelaß im Gemeindehaus; mai- sons d'arrét für die in Vorunterſuchung Befindlichen, die eigentlichen Unter— ſuchungsgefängniſſe; ſie müſſen ſich an jedem Orte finden, wo ein Tribunal reſidirt; und die maisons de justice, für die, welche vor die Aſſiſen verwie⸗ ſen ſind; ſie befinden ſich an dem Orte, wo dieſelben abgehalten werden. luin ſin zi n n im iuin ſu uu i min m nñj in im mne in uin, im deb u jilin mn gſt nſhne u ſ ul ſie Su in Di iti nui mi um ſnt u ijlin ſihni ith jir jöhh. ihe in ſjiinn ſun huhil jren 1 di de in⸗ it d ſyn len e f ſ it⸗ I nſit⸗ nſn mn die tet ſ et⸗ mal wie⸗ Die Vorunterſuchung. 27 den Athenienſern, wie Filangieri nachweist und iſt baſirt auf Gründe der Humanität und der Billigkeit. Sie kann in jeder Lage des Prozeſſes nachgeſucht werden, wenn nur einmal feſtſteht, daß es ſich um ein Vergehen und nicht um ein Verbrechen handelt. Die Art und Weiſe, wie das Anſuchen zu ge⸗ ſchehen hat, iſt nicht weiter durch das Geſetz beſtimmt und geſchieht in der Praris durch eine Bittſchrift, welche der Angeſchuldigte ſelbſt oder durch einen Dritten (gewöhnlich durch einen Advokaten) an die Staatsbehörde oder an den Unterſuchungsrichter richtet. Die Raths⸗ kammer entſcheidet über das Geſuch, nachdem vorher die Staatsbe⸗ hörde ihren Antrag geſtellt hat. Nach der Praris kann dies die Rathskammer des Bezirksgerichts, an welchem die Unterſuchung ge⸗ führt wird, ſeyn; aber auch die Rathskammer des tribunal supe- rieur und die Anklagekammer am Appellhofe. Die Caution kann der Angeſchuldigte ſelbſt leiſten oder mittelſt eines gültigen Bürgen. Sie kann geſchehen durch Hinterlegung der baaren geſetzlich beſtimmten Geldſumme (consignation) oder durch den Nachweis unbeſchwerter, freier Immobilien, welche anderthalb⸗ mal ſo viel werth ſind, als die geforderte Caution beträgt. Die ge⸗ ſetzliche Summe iſt im mindeſten Betrag auf 500 Franken feſtzu⸗ ſetzen. Die Höhe derſelben hat die Rathskammer zu fixiren, welche hiebei die allenfallſige Gefängnißſtrafe, Geldbuße und den Schaden genau in's Auge zu faſſen hat. Die Staatsbehörde und die Civil⸗ partei, wenn eine ſolche auftritt, nehmen Inſcription beim Hypothe⸗ kenamte auf die Immobilien des Cautionsſtellers und zwar jeder mit giltiger Wirkung für den andern. Die Caution ſelbſt haftet der Civilpartei für den Schadenserſatz und ihre Koſten, dem öffentlichen Schatze für die Unterſuchungskoſten und Geldbußen. (Geſetz vom 5. Septbr. 1807 und Art. 121 des c. d'instr. cr.) Verwirkt wird dieſelbe im Falle des Ungehorſams gegen die richterlich angeordnete Erſcheinung oder Stellung des Angeſchuldigten, wobei es jedoch Controverſe iſt, ob ſie verwirkt wird ohne Rückſicht darauf, ob eine Verurtheilung oder eine Freiſprechung des Angeſchuldigten erfolgt. Für erſtere Anſicht hat ſich der Caſſationshof durch ein Arrét vom 19. Oktober 1822 ausgeſprochen. Die Freilaſſung ſelbſt, wenn ſie durch die Rathskammer be⸗ . 28 Strafprozeß. willigt wird, erfolgt in der Regel durch eine Ordonnanz des Unter⸗ ſuchungsrichters oder des Staatsprokurators mit Bezugnahme auf den Rathskammerbeſchluß. Das Geſetz ſelbſt hat keine beſtimmte Norm hiefür gegeben und die eben erwähnte Weiſe hat ſich die Praxis gebildet. C. Das Schlußſtadium der Vorunterſuchung beſteht, wie ſchon erwähnt, in der Berichterſtattung des Unterſuchungsrichters an die Rathskammer, nachdem vorher die Staatsbehörde in dem Akten⸗ hefte der Unterſuchung ſchriftlich ihren Antrag genommen hat, und dem Richter der objective und ſubjective Thatbeſtand, ſoweit er feſt⸗ geſtellt werden konnte, erſchöpft, reſp. jede gebotene Unterſuchungs⸗ handlung vorgenommen erſcheint. Der Bericht des Unterſuchungs⸗ richters geſchieht nach der Praris mündlich aber in geheimer, das heißt in der Rathskammerſitzung, die, den Unterſuchungsrichter miteinbegriffen, aus 3 Richtern wenigſtens beſtehen muß. In einer Woche ſoll jedenfalls einmal der Unterſuchungsrichter Bericht erſtat⸗ ten und die Unterſuchungsacten werden hiebei den Richtern vorge⸗ legt, welche ſie zu prüfen berechtigt und verpflichtet ſind. Der An⸗ geſchuldigte erſcheint hiebei nicht; er kann aber, wie die Civilpartei durch Denkſchriften ſich vertreten laſſen. Die Beſchlüſſe Ces ordonnances) der Rathskammer, ihrem Inhalte nach, können nun verſchiedene ſeyn; ſie können nämlich verordnen: 1) Die Siſtirung oder Einſtellung des Verfahrens, wenn die Kammer der Anſicht iſt, daß keine von dem Geſetz als Verbre⸗ chen, Vergehen oder Contravention bezeichnete Handlung vorliegt; die Freilaſſung des Angeſchuldigten, wenn er verhaftet war, wird zugleich verordnet. 2) Die einſtweilige Siſtirung des Verfahrens, wenn der Urheber des Reates flüchtig ging, wenn nicht hinreichende Indizien gegen ihn vorliegen; auch in dieſem Falle wird, wenn er verhaftet war, ſeine Freilaſſung angeordnet. *) 3) Die Verweiſung der Sache vor ein Polizeigericht, *) Die Einſtellung hebt das Recht der Civilklage nicht auf, ſondern wirkt nur beſchränkend auf dieſelbe. —— m n ju . 15 * lue u liin ti nih . 1 unn l . ih De m, el hnchen i eh mihlt i i i n jung d jüm, ſ aM hg um ſill i Pi . Du 4 unn de i hr hnin ſmn ken duß l ſchrſi, mihuin ſi nin icr ium ⸗ Die Vorunterſuchung. 29 ln — wenn die Rathskammer der Anſicht iſt, daß nur eine Polizei⸗Con⸗ u u . travention indicirt erſcheint; war der Angeſchuldigte in Haft, ſo wird fim der Haftbefehl aufgehoben. uißi 4) Die Verweiſung vor das Zuchtpolizeigericht, wenn der Angeſchuldigte eines Vergehens hinlänglich indicirt erſcheint; iſt i u das Vergehen der Art, daß es eine Gefängnißſtrafe nach ſich zieht, ihn n ſo bleibt die Haft, wenn ſie verhängt war, beſtehen oder kann auch * ln noch befohlen werden; zieht das Vergehen nur eine Geldſtrafe nach , * ſich, ſo wird die etwa beſtehende Haft aufgehoben. ünji 5) Die Completirung der Unterſuchung, wenn die Raths⸗ in tammer der Anſicht iſt, daß noch nicht alle Unterſuchungsmaßregeln hn⸗ erſchöpft ſind und die Sache zum Hauptverfahren noch nicht reif iſt. heinn 6) Die Verweiſung der Vorunterſuchung an die Anklage⸗ itn tammer, wenn auch nur einer der Richter der Anſicht iſt, daß ein Jin Verbrechen vorliege und der Angeſchuldigte deſſelben hinreichend in indicirt erſcheint. In dieſem Falle wird zugleich in dem Rathskam⸗ merbeſchluß ein ſogenannter Leibverhaftsbefehl (ordomance de dnh prise de corps) gegen die angeſchuldigte Perſon erlaſſen, welche die tihni Verhaftung derſelben zur Folge hat, wenn ſie bisher noch nicht in Haft war, ſonſt aber, wenn ſie nämlich ſchon verhaftet geweſen, ihn an der Lage derſelben nichts verändert und nichts bedeutet, außer ninit in dem Falle, wenn die verhaftete Perſon entweichen würde, wo dann die Wiedereinziehung derſelben auf Grund dieſer Ordonnanz wen zu erfolgen hat. zehn Der Leibverhaftsbefehl muß den Namen, das vollſtändige Sig⸗ tg nalement, den Wohn⸗ oder Aufenthaltsort der angeſchuldigten Per⸗ vin ſon, die Erpoſition des Thatbeſtandes und die Qualification des Verbrechen nebſt den Artikeln, welche die geſetzlichen Beſtimmungen der für den betreffenden Fall in ſich ſchließen, enthalten. jn Der Gerichtsſchreiber hat ſofort und unverzüglich die Ordonnanz ſte nebſt den Unterſuchungsacten dem Staatsprokurator zu übermitteln, welcher ſie, geordnet und numerirt mit einem Actenrenner dem Ge⸗ 6 neralprokurator am betreffenden Appellhofe zu überſenden hat. Zu⸗ — gleich wird ein Verzeichniß der Ueberführungsſtücke beigelegt; dieſe ſelbſt aber bleiben in Verwahr in dem Unterſuchungscabinet, bis die lm Anklagekammer ihre Einſendung verlangt. * 30 Strafprozeß. Die Anklagekammer am Appellhofe, welche wenigſtens aus fünf Räthen beſtehen muß *) und an jedem Appellhofe eine beſon⸗ dere Sektion bildet, iſt nur für Strafſachen beſtimmt und hat ſich zur Behandlung derſelben wenigſtens jede Woche einmal zu ver⸗ ſammeln. Ihr iſt von dem Geſetze prinzipiell die Verſetzung in den Anklageſtand und die Verweiſung vor die Aſſiſen, ſubſidiär die Regelung der Rathskammerbeſchlüſſe durch höhere Entſcheidung zugewieſen. Eine Strafſache kann nun an die Anklagekammer gelangen: 1) durch einen Rathskammerbeſchluß, wenn nämlich in Folge eines Rathskammerbeſchluſſes eine Sache an die Anklagekammer ver⸗ wieſen wurde und der Generalprokurator die oben erwähnten Akten⸗ ſtücke in Empfang genommen hat, ſo hat derſelbe ſie zu prüfen und innerhalb zehn Tagen Bericht in der Rathskammer abzuſtatten. Dem mündlichen Berichte wird öfter, namentlich bei verwickelten Sachen, ein ſchriftlicher beigelegt. Während der fraglichen zehn Tage iſt es den Angeſchuldigten und der Civilpartei geſtattet, Denkſchriften zur Vertheidigung gegen die Anklage, beziehungsweiſe zur Unterſtützung derſelben, einzureichen. Nach der Berichterſtattung hat der Gerichts⸗ ſchreiber die Akten vorzuleſen und der Generalprokurator einen ſchrift⸗ lichen Antrag, von ihm unterzeichnet, zu übergeben; dann entfernen ſich beide und die Richter beginnen die Berathung. Die Anklage⸗ kammer entſcheidet nach Stimmenmehrheit; bei Stimmengleichheit (was ſelten vorkömmt, da regelmäßig nur fünf Räthe fungiren), gilt die dem Angeklagten günſtigere Anſicht. Sie muß über jeden Anklagepunkt erkennen, der im ſchriftlichen Antrag des Generalpro⸗ kurators enthalten iſt, alles dieſes längſtens in drei Tagen nach dem Berichte deſſelben, und hat ſie einmal die Berathung eröffnet, ſo darf die Sitzung nicht eher geſchloſſen werden, bis das Erkenntniß gefällt iſt. Die Sitzungen der Anklagekammer, als Handlungen zur Vorunterſuchung gehörig, ſind geheim, bei verſchloſſenen Thüren; weder Angeſchuldigte (erſönlich oder durch Vertheidiger), noch Zeu⸗ gen, noch Civilpartei werden zugelaſſen. Die Erkenntniſſe werden kurz motivirt und von ſämmtlichen Mitgliedern unterzeichnet. Sie *) Siehe über Appellhof und Anklagekammer Heft I. Seite 48. * m he ſnn 5 iwlin tii njiit an ſwi unn. ijis nb in in h )M iii iyl kzü muſitü mr ud uht ſition r n hn vſhü v un3 ſum wülſſ ihni ber. itſnib ſu ji nn miu vch n win ſuſ uiht R ka ſtiſe m hihns iunh nin Stn ſn ven u bihn ſt ng it idiit dun n: ihe en ln⸗ und Dn hen r 19 ſ⸗ ift⸗ un hei Die Vorunterſuchung. 31 können die Verweiſung vor die Aſſiſen anordnen und damit die Erkennung der Anklage, oder die Siſtirung des Verfahrens, oder die Kompletirung der Unterſuchung, oder die Verweiſung vor ein Polizei⸗ oder Zuchtpolizeigericht. In dem erſten dieſer Fälle wird die Verbringung der angeſchuldigten Perſon auf den Grund des Leibverhaftsbefehls in das Juſtizarreſthaus des Orts der Aſſiſen an⸗ geordnet, ſowie die Fertigung einer Anklageſchrift durch den General⸗ prokurator. Gegen die Erkenntniſſe der Anklagekammer kann ſowohl die Nichtigkeitsbeſchwerde, als auch der Caſſationsrecurs erhoben wer⸗ den. Beide werden vor den Kaſſationshof 66 (Siehe das Nähere in Kapitel IX von der Caſſation.) 2) Durch eine Oppoſition, welche gegen einen beſchluß eingelegt wurde. Es gibt nämlich zwei geſetzliche Rechtsmittel gegen die Raths⸗ kammerbeſchlüſſe, die Oppoſition und die Kaſſation. Der Staats⸗ prokurator und die Civilpartei (ſonſt Niemand, nicht einmal die an⸗ geſchuldigte Perſon) kann einen Rathskammerbeſchluß mittelſt der Oppoſition anfechten, wenn derſelbe die Freilaſſung einer verhaf⸗ teten Perſon anordnet, oder die Nichtverhaftung einer im Zuſtande der Freiheit verbliebenen ausſpricht. Viele Autoren und die Praxis dehnen das Recht der Oppoſitionsergreifung auch noch auf weitere Fälle aus. Die Oppoſition muß innerhalb 24 Stunden vom Tage des Beſchluſſes, beziehungsweiſe vom Tage der Zuſtellung (die Ci⸗ vilpartei betr.) erklärt werden. Sie geſchieht mittelſt einer auf der Gerichtsſchreiberei abgegebenen Erklärung, welche gewöhnlich in ein beſonders hiezu beſtimmtes Regiſter eingetragen und von dem Oppo⸗ nenten unterzeichnet wird. Ihre Wirkung iſt eine devolutive (weil die Sache an ein anderes, höheres Gericht zur Entſcheidung gelangt) und eine ſuſpenſive, (weil die Sache in statu quo, der Ange⸗ ſchuldigte in Haft bleibt). Die Kaſſation kann eingelegt werden gegen Rathskammer⸗ beſchlüſſe die inkompetent erlaſſen ſind oder die eine Siſtirung des Verfahrens anordnen, jedenfalls aber nur dann, wenn keine Oppo⸗ ſition mehr geltend gemacht werden kann. Wenn die Verweiſung an ein Strafgericht angeordnet wurde, kann die Kaſſation nicht er⸗ griffen werden, weil dort bei der Verhandlung Gelegenheit gegeben 32 Strafprozeß. wird die Einreden vorzubringen. Staatsbehörde und Angeſchuldig⸗ ter ſind befugt, Kaſſation einzulegen, die Civilpartei in der Regel N nicht. Nur in dem Falle, wenn die Ordonnanz den Civilkläger zum ib Schadenserſatz verurtheilt, welcher gegen einen Rathskammerbeſchluß 4nn auf Freilaſſung des Angeſchuldigten Oppoſition eingelegt hat und in damit durch die Anklagekammer abgewieſen wurde, muß demſelben dieſes Rechtsmittel geſtattet ſeyn. Die Zeitfriſt für Ergreifung der hu b Kaſſation iſt auf 3 Tage firirt. 3) Durch den ſelbſtſtändigen Antrag des Generalprokurators. bi Demſelben iſt auf den Grund der Art. 249 und 250 des code mi d'instr. crim. geſtattet, wenn ihm in den Liſten der Staatsprokura⸗ viiin toren über Criminal⸗, Correktionnal⸗ und Polizeiſachen, die alle acht nn M Tage an ihn einzuſenden ſind, welche erſcheinen, als indicirten ſie mih ein Verbrechen, ſich binnen 15 Tagen die Akten einſchicken zu laſſen nin de und binnen weitern 15 Tagen beliebigen Antrag zu ſtellen. v w w 4) Durch eine Verfügung des Aſſiſenpräſidenten; im Falle des nun wi Art. 330 nämlich, wenn derſelbe einen Zeugen wegen falſcher Aus⸗ Um ni ſage in öffentlicher Sitzung verhaften läßt und eine ſofortige Unter— unſ ſuchung gegen ihn einleitet. Er führt dann dieſe Unterſuchung als ſuin Inſtruktionsrichter und der Generalprokurator fungirt als Vertreter in U der gerichtlichen Polizei. Nach geſchloſſener Inſtruktion werden die ſumii Akten direkt an die Anklagekammer zur Entſcheidung befördert ohne weitere Dazwiſchenberichte des Generalprokurators. 5) Durch die Anklagekammer ſelbſt, von Amtswegen. Dieſelbe kann, nach Maßgabe der Art. 235 — 240 c. d'instr. eine Verfolgung von Amtswegen anordnen in allen Fällen, in wel⸗ uzu chen ein Verbrechen zu ihrer Kenntniß gelangt. Ein Mitglied ver⸗ ſieht dann die Stelle des Unterſuchungsrichters, der Generalproku⸗ ini rator fungirt als Staatsbehörde. Nach beendigter Unterſuchung wer⸗ den die Akten dem Generalprokurator zugeſtellt, welcher innerhalb 2 5 Tagen der Anklagekammer Bericht erſtattet. . ih Wenn die Anklagekammer auf Anklage erkannt, die angeſchul⸗ B digte Perſon vor die Aſſiſen verwieſen und deren Abführung in das kn Arreſtjuſtizhaus des Orts, wo die Aſſiſen abgehalten werden, befoh⸗ 6 5 len hat, ſo verordnet ſie zugleich die Anfertigung einer Anklage⸗ w . ſchrift durch den Generalprokurator. Dieſe muß nun enthalten: init n Un ſnip Ry mn ſſhu tm ſebn 1h h oli. eode lu⸗ aht n ſi aſn deb us⸗ ter telet die ohne tl. wel ver ou⸗ ver alb Das Hauptverfahren. 33 a) die Thatſachen, welche die Merkmale des objektiven That⸗ beſtandes des Verbrechens bilden; b) die Bezeichnung der Umſtände, unter welchen die Handlung verübt worden iſt, gleichviel, ob ſie erſchwerend oder mildernd er⸗ ſcheinen; c) Namen und genaue Bezeichnung des Angeklagten; d) die Entwicklung der Belaſtungsmomente, einzeln und in ihrem Zuſammenhange. Das Erkenntniß der Anklagekammer und der Anklageakt wer⸗ den abſchriftlich dem Angeklagten zugeſtellt und zurückgelaſſen. In den nächſten 24 Stunden nach Inſinuation dieſer Akten wird er dann nach dem Gefängniſſe abgeführt, das ſich bei dem Gerichtshofe befindet, der ihn zu richten hat. Das Erkenntniß wird ferner auch dem Maire des Orts, wo der Angeklagte wohnt, ſowie dem des Orts, wo das Verbrechen begangen worden, durch den General⸗ prokurator notifizirt. Wenn die Anklagekammer entſchieden hat, daß kein Grund vor⸗ handen ſey, die Sache wegen Verbrechen zu verweiſen, ſo kann der Beſchuldigte nur mehr auf den Grund neuer Anzeigen (Zeugen⸗ ausſagen, Urkunden, Protokolle) deßhalb ſpäter nochmals vor die Aſſiſen verwieſen werden. . Das Hauptverfahren. Die ordentlichen Strafgerichte. Zuſtändigkeit derſelben. Beweismittel. Urtheile. I. Das Hauptverfahren bildet eine vollſtändige Unterſuchung des Thatbeſtandes einer geſetzlich ſtrafbaren Handlung in objektiver und ſubjektiver Beziehung und bezweckt die Unterdrückung der Ge⸗ ſetzesverletzungen durch Anwendung der Strafgeſetze gegen ihre Ur⸗ heber. Es findet vor den geſetzlich beſtellten Strafgerichten ſtatt und zwar in öffentlichen Sitzungen. Die Verhandlung geſchieht mündlich und wird durch den aſſiſtirenden Gerichtsſchreiber in ihrem ganzen Verlaufe und ihren wichtigſten Momenten protokollariſch kon⸗ VI. Strafprozeß. 3 34 Strafprozeß. ſtatirt. Dieſe öffentliche Unterſuchung wird begründet durch die An⸗ „ klage des Staates oder einer Civilpartei. Ohne beſtehende Anklage — ſind die Strafgerichte weder befugt noch verpflichtet zu unterſuchen ½ und durch Urtheil zu entſcheiden. Bei dem Hanptverfahren iſt dem⸗ — nach das Prinzip des Anklageprozeſſes oder der Anklage das 6 herrſchende, während bei der Vorunterſuchung der Grundſatz des . Unterſuchungs⸗ oder Inquiſitions⸗Prozeſſes vorwaltet. a II. In Strafſachen erkennen, je nach der Art der ſtrafbaren S Handlung, in hierarchiſcher Abſtufung folgende Strafgerichte: *) 3 1) die Polizeigerichte (tribunaus de simple police); ſie erkennen über Contraventionen nur im Hauptverfahren; das ſulin heißt, ſie führen keine Vorunterſuchung über die Reate, die ſie zu i beurtheilen haben; ilul 2) die Bezirks⸗ oder Erſtinſtanzgerichte als Zuchtpoli⸗ nhuh zeigerichte (tribunaus de police correctionelle); ſie erkennen um über Vergehen (delits), führen die Vorunterſuchung durch den iihtſ Unterſuchungsrichter, bilden eine Rathskammer zu dieſem Zwecke i 3 (chambre de conseil) und die Appellationsinſtanz für die min u Urtheile der Polizeigerichte, welche dieſelben in erſter Inſtanz erlaſſen ui ba haben. imhd Eine eigene Art dieſer Bezirksgerichte, mit einem höhern Cha— üd rakter bekleidet, ſind die ſogenannten Zuchtpolizei-Obergerichte d Cribunaux superieurs), welche im Weſentlichen dieſelbe Competenz ſſ ſr und Attribution haben, wie die correktionellen Untergerichte, aber ſich mn ge dadurch bedeutend von ihnen unterſcheiden, daß ſie die Appella⸗ iufi tionsgerichte bilden für die erſtinſtanzlichen Urtheile der gewöhn⸗ in h lichen Zuchtpolizei⸗Untergerichte. Sie ſind nur dort inſtallirt, wo ſich jö ny nicht im Departemente ein Appellhof befindet und reſidiren immer tne am Departementshauptort. Wie an den Appellhöfen muß immer Je ein Kollegium von wenigſtens 5 Richtern über die Berufungen, üicher welche an dieſe tribunaux superieurs gebracht werden, erkennen. ſnl h 3) Die Appellhöfe (cours d'appell); ſie erkennen über alle ſii u *) Ueber die folgende Abhandlung, welche Polizei⸗, Zuchtpolizei⸗, Appellhöfe und umfaßt, müſſen wir bitten, Gerichtsverfaſſung Seite 35 2c. nach⸗ jnt zuleſen. kin Das Hauptverfahren. 35 kl Berufungen gegen Strafurtheile der Zuchtpolizeitribunale ihres De⸗ uin partements; ſie bilden überdieß die Anklagekammern und die ſin Aſſiſenhöfe, letztere mit Zuziehung von Geſchwornen. im Endlich bildet der Caſſationshof (cour de cassation), wie g in der bürgerlichen Rechtspflege, auch im Strafrechte die höchſte Auf⸗ 6 d ſichtsſtelle der Juſtiz in Frankreich, keine eigentliche Inſtanz, ſondern ein überwachendes Dykaſterium, das nur dort einzuſchreiten hat, wo ſtumn Verletzung und unrichtige Interpretation des Geſetzes oder ſeiner . ſakramentellen Formen beanzeigt erſcheinen. ſe III. Die Kompetenz der Strafgerichte iſt Sache der d öffentlichen Ordnungz es kann daher die Jurisdiktion derſelben ſe n nicht durch Prorogation erweitert, noch die Inkompetenz durch Einlaſſung gedeckt werden. Jede inkompetent vorgenom⸗ voli mene Handlung iſt deßhalb nichtig. Dieſe Grundſätze haben ihre mn Geltung bei der materiellen Inkompetenz, das heißt, wenn Nn die Sache ſelbſt, die Materie der Gerichtsbarkeit des fraglichen Straf⸗ v gerichts entzogen iſt, wie bei der relativen. Wenn ein Gericht die kompetent iſt über die Sache oder die Materie zu urtheilen, nicht ſen aber die Gerichtsbarkeit über den Angeſchuldigten oder, wo das Ge⸗ richt durch die Civilklage ſaifirt wird, des Beklagten hat, ſo wird Chn dieſes in der Jurisprudenz relative Inkompetenz genannt. ihte Die Kompetenz der Strafgerichte erſtreckt ſich in der Regel eten auf die ſtrafbaren Handlungen, welche im Inlande verübt ſih wurden, gleichviel von Franzoſen oder von Ausländern, alſo li⸗ nicht auf die, welche im Auslande, wenn auch gleich von Fran⸗ in zoſen begangen wurden. *) Die Artikel 5, 6, 7 des Strafpro⸗ — zeſſes dagegen conſtituiren folgende von dieſem Generalprinzipe ab⸗ un weichende Ausnahmen: Jeder Franzoſe, der außer dem Gebiete von Frankreich wider n, die Sicherheit des Staates etwas unternommen, das Staats⸗ ſiegel, kurſirende Nationalmünzen, Nationalpapiere oder l geſetzlich anerkannte Bankzettel nachgemacht hat, kann in Frank⸗ 5 *) Nach dem Geſetze vom 13. Vent. II. ſind im Allgemeinen die Geſandten, fremden Botſchafter, diplomatiſche Perſonen und ihr Gefolge nicht der Juris⸗ dietion der franzöſiſchen Gerichte unterworfen. 3* 36 Strafprozeß. [ reich nach den Beſtimmungen der franzöſiſchen Geſetze, zur Verant⸗ 3 wortung gezogen, gerichtet und beſtraft werden. yul Dieſe Verfuͤgung kann auch auf Fremde ausgedehnt werden, n1 die als Urheber ſolcher Verbrechen oder als Mitſchuldige in Frank⸗ 6 reich verhaftet worden ſind, oder deren Auslieferung von der Re⸗ gierung bewirkt worden iſt. ul Jeder Franzoſe, der außerhalb des Reichsgebietes ſich eines unb Verbrechens wider einen Franzoſen ſchuldig gemacht hat, kann uki nach ſeiner Rücktehr in Frankreich zur Verantwortung gezogen und nn gerichtet werden, in ſo ferne er nicht ſchon im Auslande belangt jin und gerichtet worden iſt, und der beleidigte Franzoſe wider ihn un Klage führt.. vimb Der Gerichtsſtand wird regelmäßig in Betreff eines Rea⸗ tun tes durch die Verübung eines ſolchen, durch den Aufenthalts⸗ oder kbt Wohnort des Schuldigen, oder durch den Ort, wo derſelbe betroffen h oder auch verhaftet wird, begründet. Erſteren nennt man den Ge⸗ ini richtsſtand des Delicts, der That (lieu du délit); den zwei⸗ uhſul ten den des Wohnorts (ieu de la résidence) des Schuldigen, ulnſin den dritten den der Auffindung oder Ergreifung des Ange⸗ ni ic zeigten (ieu ou le prévenu peut étre trouvé). *) Wenn nun he, verſchiedenen Strafgerichten die den Gerichtsſtand begründenden Be⸗ ini dingungen vorhanden ſind, ſo liegt eine Colliſion von Gerichtsſtän⸗ in wor den vor, bei welcher dann die Prävention nach der Praxis, denn tn ſir das Geſetz hat den drei Gerichtsſtänden gleiche Berechtigung ihn m ſchweigend zugeſtanden, keinem einen Vorrang zuerkannt, den Vorzug inm begründet. Als prävenirendes oder zuvorkommendes Gericht wird ſu gil jenes angeſehen, in deſſen Bezirk ein gerichtlicher Polizeibeamter oder der Unterſuchungsrichter ein Mandat zuerſt erlaſſen hat. iun Wenn durch die Colliſion der Gerichtsſtände Conflikte entſtehen, iſnt ſo werden ſie, wie die Competenzconflikte überhaupt behandelt und ibörd entſchieden. (Siehe Kapitel XII. dieſes Heftes.) el Als Beweismittel beim öffentlichen Verfahren gelten, wie wlnyn bei der Vorunterſuchung: inin ſam( *) Forum delicti commissi; forum domicilii et forum deprehensionis. le Das Hauptverfahren. 37 un 1) Das Geſtändniß des Angeſchuldigten oder des An⸗ geklagten; n 2) die Ausſagen der Zeugen; 3) der Augenſchein; der 4) das Gutachten der Sachverſtändigen; 5) die Ueberführungsſtücke (piéces de conviction); Sa⸗ chen oder Gegenſtände jeder Art (Waffen, Stöcke, Gefäße, Gelder, in Kleider, Wäſche, Inſtrumente, Lebensmittel, Waaren w., auch Ur⸗ kunden aller Art, öffentliche und Privaturkunden, Originale und n Abſchriften u. ſ. w.), die mit dem Reate oder der Urheberſchaft in in inniger Verbindung oder innerm Zuſammenhange ſtehen, und deren Betrachtung Gründe darbieten kann, eine Thatſache für wahr oder ſ nicht wahr zu halten. t Der Beweis ſelbſt, das heißt, der Inbegriff der Gründe für ſu die Wahrheit einer Thatſache Beweisgründe), zu deren Kennt⸗ niß der Richter mittelſt der Beweismittel gelangt, iſt entweder ein Anſchuldigungsbeweis (Anklage, auch Klagebeweis) oder , ein Entſchuldigungs⸗, Entlaſtungsbeweis (preuve à charge N ou à decharge); ein direkter oder ein künſtlicher Beweis. bi Direkt iſt er, wenn die Wahrheit der Thatſache unmittelbar aus den 8 Beweismitteln hervorgeht, künſtlich, wenn aus den letztern That⸗ ſachen hervorgehen ſollen, welche die Präſumtion für andere That⸗ em ſachen, hier Geſetzesverletzungen, in der Weiſe begründen, daß durch ¹9 Folgern von Schlüſſen die Wahrheit ſich feſtſtellen läßt. Die That⸗ ſ ſachen der erſtern Art, aus denen auf das eigentliche Faktum, das Reat, geſchloſſen werden ſoll, heißen Anzeigen oder Indicien. Dieſelben ſind entweder belaſtende (à charge) oder entlaſtende ( decharge). Je ſtärker die erſtern an Zahl oder innerer Kraft 1, ſind, je mehr begünſtigen ſie die Schlußfolgerung des Richters auf die Schuld und im gegentheiligen Verhältniſſe auf die Nichtſchuld. Die Urtheile der Strafgerichte, wie ſie ſich aus den Ver⸗ handlungen und auf den Grund der Beweiſe ergeben, bilden wie diejenigen der Civilgerichte (iehe Civilprozeß Kap. VII.) ver⸗ ſchiedene Gattungen, und ſind: l. entweder definitive Endurtheile oder Zwiſchenur⸗ N . d 38 Strafprozeß. theile (präparatoriſche und interlocutoriſche); verurtheilende zln h (condemnatoriſche) oder freiſprechende Urtheile; zn II. entweder contradiktoriſche, erlaſſen auf das Erſcheinen pn und Anhören der Parteien, reſp. Angeſchuldigten, oder Contuma— i li zialurtheile (défauts oder jugemens par defaut) erlaſſen, wenn u n der Angeſchuldigte nicht erſcheint; 6 ku III. entweder in erſter Inſtanz oder in letzter Inſtanz er⸗ nin laſſen; entweder rechtskräftige Urtheile (j. passés en force de un i chose jugée), gegen welche kein Rekurs mehr zuläſſig iſt, oder alin noch nicht rechtskräftig gewordene. jimih . n ſi n VI. Kapitel. Das Verfahren vor den einfachen Polizei⸗, Zucht⸗ polizei⸗ und den Appellations⸗Gerichten. ub e. q'instr. er⸗ iiſs un I. Die Polizeigerichte ſind komponirt: k 1) aus einem Einzelnrichter; 4 In 2) aus einem Vertreter der Staatsbehörde; pin 3) aus dem Gerichtsſchreiber. mcj Beigegeben zum Dienſte iſt jedesmal ein Huiſſier; auch ſind in iu in der Regel Gendarmen oder Polizeidiener zur Unterſtützung in der ii Erhaltung der Ruhe und Ordnung in der Sitzung anweſend. it Der Einzelnrichter iſt der Friedensrichter des Kantons als Straf⸗ Kipihn richter. Er präſidirt dem Polizeigerichte, leitet die Debatten, ver⸗ in jn nimmt Zeugen und Angeſchuldigte, verkündet das Urtheil und iſt in won der Herr der Sitzungspolizei. in , Der Repräſentant der Staatsbehörde iſt ein Lokal⸗Polizei⸗Be⸗ win eſt amter (ein Adjunkt oder ein Polizeikommiſſär gewöhnlich); er ver— in joi tritt bei den Verhandlungen in jeder Weiſe das öffentliche Intereſſe nwotn durch Entwicklung der Klage, Beibringen von Zeugen, Stellung von in lijn. Anträgen und Ergreifung von Rechtsmitteln gegen Urtheile, die ihm ſuit z oder der Staatsbehörde bedenklich erſcheinen. Der Gerichtsſchreiber ver⸗ um6e liest die Klagen und Anzeigen und führt über jede einzelne Verhandlung ahicht, ende ein mt⸗ wen e ie Odet Das Verfahren vor den Polizeigerichten. 39 ſummariſches, aber doch genaues Protokoll. Alle Urtheile und ge⸗ richtliche Akten hat er mit dem Richter zu unterzeichnen und deren Abſchriften zu erlaſſen. Außerdem gibt es noch eine Art Polizeigericht, vom Geſetze aber ſehr beſchränkt inſtituirt und in der Praris ſelten zur An⸗ wendung kommend, an welchem der Maire oder Bürgermeiſter des Orts als Strafrichter, der Adjunkt als öffentliches Miniſterium, als Greffier ein vom Maire ernannter, vom Bezirksgerichte beeidigter Bürger und ein Polizeidiener als Huiſſier fungirt. Das Verfahren iſt im Uebrigen dasſelbe wie das bei den Polizeigerichten, welchem der Friedensrichter präſidirt und dem Maire ſtehen als Vorſitzenden dieſelben Befugniſſe zu. Er hat indeſſen nur in ſeiner Gemeinde, wenn ſie nicht der Hauptort des Kantons iſt, dieſe mit dem Friedensrichter concurrente Gerichtsbarkeit zu beanſpruchen und nur inſoferne, als Polizeicontraventionen in Frage ſtehen, die im Um⸗ fange des Gemeindebezirks von Perſonen begangen wurden, die in der Gemeinde wohnen, ſich aufhalten, dort anweſend ſind, ebenſo wie dieſes von den Zeugen vorausgeſetzt wird, oder die auf friſcher That ertappt werden. Die Jurisdiction der Bürgermeiſter kömmt zwar, wie ſchon ge⸗ ſagt, in der Praris äußerſt ſelten vor; daß ſie aber überhaupt con⸗ ſtituirt erſcheint, iſt eine Anomalie des franzöſiſchen Geſetzes, das ſonſt eine Cumulation der adminiſtrativen und richterlichen Gewalt wie überhaupt der Staatsgewalten nicht geſtattet. Die Erſcheinung der Angeſchuldigten wie der Zeugen vor den Polizeigerichten, deren Sitzungen gewöhnlich einmal in der Woche in einem Zimmer oder Saale des Gemeindehauſes öffentlich abge⸗ halten werden, findet entweder freiwillig, auf geſchehene Benachrich⸗ tigung hin, oder auf Vorladung durch einen Huiſſier ſtatt. Die Parteien erſcheinen in Perſon oder durch einen Spezialbevollmäch⸗ tigten, jedoch kann das Gericht das perſönliche Erſcheinen der Erſte⸗ ren verordnen. Auch können ſie ſich durch einen Vertheidiger aſſi⸗ ſtiren laſſen. Sie haben, wie überhaupt das ganze Auditorium, mit Ruhe ſich zu benehmen und durch Stille und Anſtand dem Geſetze und dem Gerichte die ſchuldige Ehrfurcht zu bezeugen. Wird dage⸗ gen gefehlt, ſo ſteht dem Richter das Recht zu, Rügen und Ver⸗ warnungen zu ertheilen, die Störenden aus dem Saale zu weiſen, oder auch zur Stelle zu mäßiger Geldbuße oder polizeilicher Gefäng⸗ nißſtrafe zu verurtheilen und ſie in's Gefängniß abführen zu laſſen. Arten die Störungen in Vergehen oder Verbrechen aus, ſo läßt der Richter die Schuldigen vor die Staatsbehörde führen und errichtet Protokoll über den Vorfall. Das Verfahren iſt höchſt ſummariſch folgendes: Die Sache wird durch den Gerichtsboten aufgerufen. Die Protokolle werden ſodann durch den Gerichtsſchreiber vorge⸗ leſen, Zeugen und Sachverſtändige vernommen, nachdem ſie beeidigt worden; an dieſelben können von allen Betheiligten (Staatsbehörde, Angeſchuldigte, Civilpartei) durch das Organ des Richters Fragen geſtellt werden. Darauf erfolgt in derſelben Weiſe die Erledigung des Entlaſt⸗ ungsbeweiſes, wenn ein ſolcher angetreten wird. Iſt eine Civilpartei vorhanden, ſo ſtellt ſie jetzt ihren Antrag und begründet ihn. Die Staatsbehörde ſtellt und entwickelt ihren Antrag. Das Verhör und die Vertheidigung des Angeſchuldigten erfol⸗ gen nunmehr, ebenſo der civilverantwortlichen Perſonen. Der Richter ſpricht, fortwährend in öffentlicher Sitzung, das Urtheil aus, oder er vertagt den Ausſpruch in die nächſte öffentliche Audienz. Beim Ausſpruch des Urtheils muß er die Geſetzesſtellen, die angewendet werden, laut und deutlich vorleſen. Ueber die ganze Verhandlung führt der Gerichtsſchreiber ſum— mariſches Protokoll. Wenn der Beſchuldigte einer Contravention überwieſen wird, verurtheilt ihn der Richter zur geſetzlichen Strafe, wo nöthig zum Schadenserſatze und in die Koſten; wird er nicht überwieſen, ſo wird er freigeſprochen; läßt ſich die That nicht als Contravention, noch als Verbrechen oder Vergehen betrachten, ſo annullirt der Rich⸗ ter die Ladung und erkennt über etwa nachgeſuchten Schadenserſatz; erſcheint ein Vergehen oder Verbrechen indicirt, ſo verweist der Rich⸗ ter die Sache vor die Staatsbehörde. Das Original des Urtheils muß in 24 Stunden von dem Richter unterſchrieben werden. Es iſt in demſelben anzuführen ob es in erſter oder letzter Inſtanz geſprochen iſt, was indeſſen nur eine „uni vin wn iun b ſni ſol ſun der mit m ünſ nj im mnn vi z mih k i unda m iü am ſhn ll uiun tö n bi 1 ſt inuf miten u it i ynk nu in U d i eyij in kyi 1 Di ſuiſchen liih i bu ujuf m do un w Das Verfahren vor den Polizeigerichten. 41 n leere, nicht präjudicirliche Form iſt. Bei Strafe der Nichtigkeit da⸗ w gegen iſt vorgeſchrieben, daß das Urtheil motivirt ſeyn muß, was u ſehr ſummariſch zu geſchehen pflegt und daß der wörkliche Tert des n angewandten Strafgeſetzes in das Urtheil vor dem Dispoſitiv ein⸗ in gerückt werden muß. Die Vollſtreckung der condemnatoriſchen Ur⸗ theile liegt dem Vertreter der Staatsbehörde, beziehungsweiſe der Civilpartei, ſoweit zu deren Gunſten entſchieden wurde, ob. Wenn der Angeſchuldigte nicht erſchienen iſt, ſo wird gegen ihn in Contumaciam verfahren und ein Contumacialurtheil erlaſſen. Gegen ein ſolches iſt das Rechtsmittel der Oppoſition zuläſſig, ice wenn ſie binnen drei Tagen durch eine einfache Erklärung i angemeldet wird. Der Angeſchuldigte erſcheint dann in nächſter Sitzung, begründet ſeine Oppoſition und vertheidigt ſich in der i Hauptſache. Es erfolgt dann ein zweites Urtheil, welches das n erſte entweder beſtätigt oder aufhebt. Erſcheint der Opponent abermals nicht, ſo wird ſeine Oppoſition als nicht geſchehen, ange⸗ ſehen und das erſte Urtheil, das contumaciale, bleibt erhalten. o Gegen Urtheile der Polizeigerichte iſt das Rechtsmittel der Ap⸗ pellation ebenfalls zuläſſig, aber nur, wenn eine Verurtheilung zu einer Gefängnißſtrafe oder zu einer Gelvleiſtung (außer den Koſten), ihe die 5 Franken überſteigt, erfolgt iſt. Sie muß innerhalb zehn en Tagen auf der Gerichtsſchreiberei angemeldet werden und hat ſus⸗ penſiven und devolutiven Effect. Der Gerichtsſchreiber über⸗ m ſchickt die Acten mit der Abſchrift des Urtheils und der Appellerklär⸗ ung an den Staatsprokurator, welcher ſofort die Sache in eine Sitz⸗ , ung des Correctionnellgerichtes vorladen läßt. m Auch der Caſſations⸗Recurs kann gegen ein polizeiliches ſo Urtheil ergriffen werden, welches Rechtsmittel wir jedoch in einem n, eigenen Kapitel für alle Strafgerichte gemeinſam, behandeln wollen. . II. Die Zuchtpolizeigerichte; ſie erkennen in allen Ver⸗ gehensſachen in erſter Inſtanz, und über die Berufungen gegen die 6 Urtheile der Polizeigerichte in letzter Inſtanz, als Appellgerichte. Das höchſte Strafmaß, das ſie auszuſprechen haben, iſt in Freiheitsſtra⸗ n fen fünf Jahre Gefängniß, welche Strafe jedoch, im Rückfalle, b auf das Doppelte erhöht werden kann; das niederſte 6 Tage, und unter Anwendung des Artikels 463 ein Tag Gefängniß, (ſiehe du 42 Strafprozeß. agriſi Strafrecht, V. Buch I, von den Strafen). Das Minimum der Geld⸗ . ſtrafe iſt 16 Franks, unter Anwendung des Art. 463 ein Frank. — Das Marimum iſt nicht beſchränkt auf eine rund fixirte Summe ur und kann in gegebenen Fällen die Höhe von 10,000 bis 100,000 „ghe Franken erreichen. Mittelſt der öffentlichen Klage durch die Staatsbehörde oder der Civilklage durch eine Partei wird das Gericht mit der Verhandlung 1 einer Sache befaßt und zwar direct, wenn die Vorunterſuchung nicht durch den Unterſuchungsrichter geführt wurde. Die öffentliche P 5. Klage aber begründet ſich, 1) auf Protokolle der Staatsbehörde ſelbſt, tn * 8 oder der Beamten der gerichtlichen Polizei, der Beamten der Forſt⸗ bil verwaltung und öffentlichen Fiſcherei, welche letztere die Verfolgung in hn auch ſelbſtſtändig in Concurrenz mit der Staatsbehörde betreiben vMnin können; 2) auf Beſchwerden, Anzeigen und Klagen von Privatper⸗ unt in ſonen, 3) auf den Auftrag, welchen der Generalprokurator dem Staats⸗ . prokurator ertheilt hat, 4) auf Verweiſungsurtheile der Rathskammer tin k und der Anklagekammer, 5) auf Verweiſungsurtheile der Polizeige⸗ buit richte, 6) auf Urtheile derſelben überhaupt, gegen welche die Beruf⸗ u hi ung ergriffen wurde. Mim Das Gericht iſt zuſammengeſetzt wenigſtens aus drei Richtern, nuliß. einem Vorſitzenden (Präſidenten) und zwei beiſitzenden Richtern, ei⸗ heih nem Beamten des öffentlichen Miniſteriums *) (gewöhnlich einem iin uh de Subſtituten des Staatsprokurators) und einem Gerichtsſchreiber oder um in einem beeidigten Gehülfen deſſelben. Ein Andienzgerichtsbote Gum iun ds Aufrufe der Verhandlungen und ſonſtigen Dienſten) und in der Re⸗ un Pich gel ein oder zwei Gendarmen ſind ferner zugegen, das Gericht in tun ug der Handhabung der Sitzungspolizei und ſonſtwie zu unterſtützen. in uynj Die Sitzungen werden wenigſtens einmal in der Woche öffent⸗ In m lich in einem eigens hiezu beſtimmten Saale abgehalten. Das Ge⸗ uin qyn richt nimmt Platz hinter mit Teppichen überdeckten Tiſchen auf einer un hl Eſtrade, vor welcher ſich ein Platz für die Angeſchuldigten, dann in V das Bareau, abgeſchloſſener Platz für die Advokaten und Verthei⸗ miuiſt diger und zuletzt der Raum für das Publikum befindet. **) Alle Be⸗ Rln amten, auch die Advokaten, erſcheinen in ihrem Amtskleide. —— ²) In Forſt⸗, Fiſcherei⸗ und andern Verwaltungsſachen nimmt ein Beamter dieſer Branchen neben der Staatsbehörde ſeinen Sitz. **) Auffallenderweiſe klein, aber günſtig für deutliches Vernehmen ſind die Gerichts⸗ ſun fn im, Das Verfahren vor den Zuchtpolizeigerichten. 43 bu Dem Präſidenten ſteht die Sitzungspolizei zu, die Leitung t der Verhandlung, die Verhöre der Angeſchuldigten, die Vernehmung der Zeugen und Sachverſtändigen. Nur durch ihn können die Par⸗ 0 teien Fragen an dieſe ſtellen. Er ertheilt das Wort der Staatsbe⸗ hörde, der Vertheidigung, der Civilpartei. Er eröffnet und ſchließt die Debatten, leitet die Berathungen der Richter und verkündet das m Urtheil. tun Die Angeſchuldigten, Zeugen, Sachverſtändige c. erſcheinen auf iit Ladung des öffentlichen Miniſteriums, welches dieſelben durch Ge⸗ ihi richtsboten den Betheiligten zuſtellen läßt. Der Gerichtsſchreiber fertigt ein Verzeichniß aller Sachen, die gun an einem beſtimmten Sitzungstage zur Verhandlung kommen ſollen, iben welches Verzeichniß Rolle (röle) genannt wird. Die Sitzung wird wer eröffnet durch einen Ruf des Gerichtsboten, der Schweigen Gilence) ut⸗ verlangt und das Eintreten des Gerichts verkündet. Dabei ſtößt er mer mit ſeinem Stabe auf den Boden. e Das Gerichtsperſonal tritt nach dieſer Ankündigung unter dem uf Vortritt des Präſidenten in den Saal; die Advokaten, Parteien und das Publikum erhebt ſich; alle halten das Haupt während der Sitz⸗ ung entblößt. Der Gerichtsbote ruft dann die auf der Rolle eingetragenen Sachen nach der Reihe auf, ebenſo die Beſchuldigten, die Zeugen det und wenn eine vorhanden iſt, die Civilpartei. Alle treten vor die m Schranken des Gerichts. Die Zeugen werden ſummariſch zur An⸗ R⸗ gabe der Wahrheit ermahnt und treten dann aus dem Sitzungsſaale in ab in das Zengenzimmer, aus welchem ſie einzeln zur Vernehmung wieder vorgerufen werden. n Wenn nun der Angeſchuldigte nicht erſchienen iſt, wird in con— tumaciam gegen ihn verhandelt; wenn nur eine Civilklage vorliegt und der Kläger nicht erſcheint, wird die Sache von der Rolle ge⸗ n ſtrichen. Wenn der Angeſchuldigte erſchienen iſt, beginnt ſofort die i⸗ contradictoriſche Verhandlung. e Die Ladung wird dem Gerichte vorgelegt. Die Staatsbehörde ſäle in Frankreich meiſtens, ſelbſt diejenigen, welche zur Abhaltung der Aſſiſen dienen. 5 ) 44 Strafprozeß. z ih (der Beamte der Forſtverwaltung ꝛc.) entwickelt kurz den Gegenſtand 3 ſih der Klage, die Civilpartei, wenn eine vorhanden, thut daſſelbe ent⸗ zub U weder perſönlich oder durch ihre Aſſiſtenten. Nur gerichtsablehnende pi i Einreden können in dieſem Stadium geltend gemacht werden. nin,i Dann erfolgt das der Inſtruction. Etwaige Protokolle und i ſchriftliche Beweisſtücke werden vorgeleſen. Die Ueberführungsſtücke ᷣÿin werden auf dem Gerichtstiſche oder vor demſelben niedergelegt, um 3i azt, dem Angeſchuldigten und den Zeugen zur Anerkennung vorgezeigt nlnit werden zu können. zui Die Belaſtungszeugen werden zuerſt, dann die Entlaſtungszeu⸗ mi gen einzeln vorgerufen, beeidigt und vernommen; Reprochirungen derſelben ſofort durch Urtheil entſchieden. Die Zeugen müſſen bis * zum Schluſſe der Verhandlung in der Sitzung bleiben, wenn ihnen nicht in ſpeziellen Fällen der Präſident erlaubt, dieſelbe zu verlaſſen. . Der Angeſchuldigte wird verhört, ebenſo werden die civilverantwort— Iu in lichen Perſonen vernommen. Mit dieſem Verhöre, bei welchem der Angeſchuldigte oder die ſu ij Civilverantwortlichen ihre Vertheidigungsgründe vorbringen, beginnt mmt eigentlich ſchon das Stadium der Debatte. Der Beamte der aunl Staatsbehörde ſtellt das Reſultat der Verhandlung ſummariſch dar un l und nimmt Antrag (in den gegebenen Fällen in Concurrenz mit ſimhin ihm die betreffenden Verwaltungsbeamten). Der Angeſchuldigte und in ſein Vertheidiger antworten. Iſt der Vertheidiger ein Advokat, ſo kun bedeckt er das Haupt mit dem Barett, wenn er das Plaidoyer er⸗ ubi * öffnet, wodurch angedeutet werden ſoll, daß das Wort der Verthei— uinii digung vor Gericht frei ſey. Iſt eine Civilpartei da, ſo nimmt und nit begründet ſie ebenfalls, wie die Staatsbehörde, ihre Anträge. Es ai ln können auch weitere Debatten ſtattfinden, bis das Gericht ſich für mü hih inſtruirt erachtet. Dasſelbe iſt befugt, durch den Präſidenten ſich thjn für inſtruirt und die Debatten für geſchloſſen zu erklären. Jeden⸗ ui Ii falls aber muß dem Angeſchuldigten das letzte Wort verbleiben. n Dann erfolgt die Verkündung des Urtheils durch den Präſidenten, hn hu wobei er den Tert der Geſetzesſtellen, die zur Anwendung gekommen in ſind, laut und deutlich vorleſen muß, oder die Vertagung des Aus⸗ luh ſpruchs in die nächſte Audienz. Das Urtheil wird nach Stimmen⸗ ühn mehrheit geſchöpft entweder durch ſtille Umfrage des Präſidenten in ſnn, ——— Das Verfahren vor den Zuchtpolizeigerichten. 45 im der Sitzung ſelbſt oder durch Berathung in dem Rathskammerzimmer. bem Der jüngſte Richter ſtimmt zuerſt, der Präſident zuletzt. hun Wenn im Laufe der Verhandlung ſich Anzeichen ergeben, daß den. die That ſich nicht als Vergehen qualifiziren laſſe, daß ein Verbre⸗ m en vorliege, ſo kann das Gericht ſofort einen Verwahrungs⸗ oder iſit Verhaftsbefehl erlaſſen und die Verweiſung der Sache vor den Un⸗ , n terſuchungsrichter verordnen, ebenſo kann dieſe Verweiſung geſchehen, tet wenn ſich ergibt, daß die Vorunterſuchung nicht vollſtändig genug iſt, zur Completirung derſelben. gin Wenn die That durch die Verhandlung ſich nur als Polizei⸗ unn übertretung darſtellt, ſo ſteht der Staatsbehörde und der verletzten in hü Civil⸗) Partei das Recht zu, die Verweiſung vor das Polizeigericht imn zu verlangen. Wird kein ſolcher Antrag geſtellt, ſo erkennt das Ge⸗ liſn richt in letzter Inſtanz auf die geſetzliche Strafe und über etwaigen wor Schadenserſatz. Wenn im Sitzungsſaale eine Handlung ſtattfindet, die ſich als rhie Vergehen qualifizirt, ſo kann der Gerichtshof zur Stelle den Fall im inſtruiren und aburtheilen oder auch die Sache vor die Staatsbe⸗ e hörde und den Unterſuchungsrichter verweiſen. Wird ein Verbrechen während der Audienz begangen, ſo läßt das Gericht die Schuldigen n ſogleich verhaften und übergibt ſie der Staatsbehörde zum weitern Verfahren. ſ Berufungen wider Urtheile der Polizeigerichte werden in der⸗ ee ſelben Weiſe behandelt und erledigt und finden nur nachſtehende Spezialitäten hiebei ſtatt: Nach dem Aufruf der Sache wird zuerſt . der Ladungsakt von Seiten des Appellanten vorgelegt; der Greffier ßi liest die Akten des Polizeigerichts vor. (An manchen Gerichten ir ſtattet ein Richter oder der Präſident Bericht über dieſelben ab ſtatt i der Verleſung durch den Gerichtsſchreiber). Der Staatsprokurator und die Parteien können die frühern Zeugen, auch neue in den Fällen, in welchen es zuläſſig iſt, zur Vernehmung produciren; der Appellant hat nach geſchloſſener Inſtruktion die Berufung zu recht⸗ ten, — u Die Urtheile der Zuchtpolizeigerichte müſſen eine Zuſammen⸗ 6. ſtellung der Thatſachen, die Anträge der Parteien und des Staats⸗ 1i prokurators, das Despoſitiv (den entſcheidenden Theil), die Motive, den 1 1 du 46 Strafprozeß. v Tert des angewandten Geſetzes, und falls eine Verurtheilung erfolgt nn¶i iſt, die Liquidation der Koſten enthalten. Ein jedes Endurtheil 5 yu nämlich, das gegen den Beſchuldigten, die civilverantwortlichen Per⸗ ſ ſonen oder die Civilpartei ergeht, verurtheilt den unterliegenden Theil * in alle Koſten, auch in jene, welche die Unterſuchung und das öffent⸗ liche Miniſterium veranlaßt haben. Es muß in demſelben erwähnt 3. u ſeyn, daß der Tert des Geſetzes, der die Strafbeſtimmungen enthält, qu öffentlich verleſen worden iſt und innerhalb 24 Stunden muß das . 6t Urtheil von allen Richtern, die zu ſeiner Erlaſſung mitgewirkt ha— ul u ben, mit dem Gerichtsſchreiber bei Strafe der Verfolgung durch die 1 Syndikatsklage unterzeichnet werden. nhi Die Rechtsmittel wider die Urtheile der Zuchtpolizeigerichte ſind hu dieſelben wie die gegen die Erkenntniſſe der Polizeigerichte, als: die Be⸗ b . rufung oder Appellation, die Oppoſition und die Caſſa⸗ tion. Von letzterer wird, wie ſchon bemerkt, im 9. Kapitel die Rede ſeyn. nn Ein jedes Contumacialurtheil kann von der Perſon, gegen die es uMMe erlaſſen wurde, mittelſt der Oppoſition bekämpft werden. Im Weſent⸗ 1 mnb lichen gelten dieſelben Beſtimmungen bei Ergreifung dieſes Rechtsmittels nluin hier wie an den Polizeigerichten. Nur folgende Abweichungen finden tiijn bit ſich vor: Die Oppoſitionsfriſt iſt eine fünftägige; die Zuſtellung ni u des Contumacialurtheils geſchieht an die verurtheilte Partei ſelbſt nis Ji oder in ihrem Domizil; die Oppoſition kann nicht auf dem Zu⸗ tiy lunſt ſtellungsakt angemeldet werden, ſondern muß der Staatsbehörde und tin aed der Civilpartei notificirt werden. Die Koſten des Contumacialver⸗ I D fahrens, ſo wie die Urtheilszuſtellung hat der Opponent zu tragen, lin, me auch wenn er die Oppoſition begründet. Das Urtheil, welches auf iu Pini die Oppoſition erlaſſen wurde, kann in allen Fällen durch die Be— ſun ſu rufung angefochten werden. bing w Gegen jedes Urtheil eines Zuchtpolizeigerichtes iſt die Appel⸗ lʒ niſ lation zuläſſig, alſo auch gegen präparatoriſche und interlocutoriſche. mus Die Wirkung der Berufung iſt, wie ſchon öfter bemerkt, eine ſus⸗ mnit ſy penſive und devolutive. mnn, u Die Appellationsfriſt iſt eine zehntägige, nur der Staats⸗ iMi behörde an dem Gerichte, welches über die Appellation entſcheidet, uin alſo am Appellhofe oder am cour superieure, iſt eine zwei⸗ iimt monatliche Friſt zugeſtanden. ingi eh uh n ſe nhi zifu wih mihit it he uh heſn ie Fe jaſſa⸗ Nſihn. di e eſent⸗ ituls fuden lun ſelſt 3l eun iluer ahen uf e Be pel⸗ iſche ſt⸗ unt hede wri⸗ u Das Verfahren vor den Zuchtpolizeigerichten. 47 Das Recht zu appelliren haben: 1) die Beſchuldigten und die civilverantwortlichen Perſonen; 2) die Civilpartei; 3) die Forſtver⸗ waltung; 4) die Staatsbehörde am Tribunale, welches das Urtheil erlaſſen hat, ſo wie die an dem Gerichtshofe, welches über die Ap⸗ pellation zu erkennen hat. Die Berufung wird auf der Kanzlei vor dem Gerichtsſchreiber erklärt oder angemeldet, der hierüber Akt in ein beſonderes Regiſter aufnimmt. Der Generalprokurator meldet die Berufung nicht durch eine ſolche Erklärung an, ſondern muß ſie dem Angeſchuldigten oder den Civilverantwortlichen notifiziren laſſen. Die Partei kann in eigener Perſon oder durch einen Spezialbevollmächtigten die Anmeld⸗ ung vollziehen. Der Gerichtsſchreiber übergibt die Unterſuchungs⸗ akten, geordnet und numerirt, mit einer Abſchrift des Berufungs⸗ aktes an die Staatsbehörde ab, die mit Bericht dieſe Urkunden dem Generalprokurator oder dem Criminal- oder Staatsprokurator der cour superieure überſendet. Wenn nur die Civilpartei die Beruf⸗ ung angemeldet hat, ſo hat dieſelbe Abſchrift des Urtheils und des Appellationsaktes dem Präſidenten des Appellationsgerichtes mit ſchriftlicher Bitte um Firirung einer Audienz für die Verhandlung der Sache, zu übergeben, und dann dem Staatsprokurator des Un⸗ tergerichts Mittheilung hievon zu machen und ihn zu erſuchen, allen⸗ fallſige Unterſuchungsakten und Ueberführungsſtücke an die Staats⸗ behörde oder die Kanzlei des Appellationsgerichtes einzuſchicken. III. Das Verfahren vor den Appellationsgerichten beider Klaſſen, den cours superieures, wie den eigentlichen Appellhöfen, iſt im Weſentlichen durchaus daſſelbe, wie das vor den Zuchtpolizei⸗ gerichten. Nur folgende Abweichungen finden ſich nach geſetzlicher Verfügung vor: Es müſſen die Gerichtshöfe, wenn ſie Sitzung halten, wenig⸗ ſtens aus 5 Räthen oder Richtern, den Präſidenten mit eingerechnet, komponirt ſeyn. Das übrige Gerichtsperſonal iſt in derſelben Zahl vorhanden, wie am Erſtinſtanzgerichte, als ein Beamter des öffent⸗ lichen Miniſteriums (Generalſtaatsprokurator oder einer ſeiner Ge⸗ neraladvokaten und Subſtituten, an der cour superieure der Crimi⸗ nalprokurator, le procureur au criminel), ein Gerichtsſchreiber, ein Audienzgerichtsbote. Der Präſident hat durchgehends dieſelben Attri⸗ 48 Strafprozeß. butionen hier wie dort, ebenſo die Staatsbehörde; der Gang der ſ Debatten iſt derſelbe; die Art der Inſtruktion ebenſo, nur geht hier derſelben ſtets eine Berichterſtattung durch einen der Richter gleich nach dem Aufruf der Sache voran, indem der Präſident bei Firir⸗ ung der Audienz für die Verhandlung einer Berufung zugleich einen jia Richter mit der Prüfung der Sache und Berichterſtattung zu beauf⸗ un ii tragen hat. Der Gerichtsſchreiber muß dem berichterſtattenden Rich⸗ nu ter die Unterſuchungsakten wenigſtens einen Tag vor der Audienz zunit einhändigen. Daß der Bericht ein öffentlicher und mündlicher iſt, nün geht aus dem Geſagten bereits hervor. in! Nach dem Bericht wird dem Appellanten das Wort gegeben. vlunn Die in erſter Inſtanz ſchon abgehörten Zeugen dürfen auf Antrag n un der Parteien nochmals abgehört werden. Neue Zeugen, auch neue ilin Beweismittel können produzirt werden. Der Greffier bemerkt die nun in geſtellten Anträge, die auf die generellen Fragen erfolgten Antwor⸗ ten; die Aufnahme der Depoſitionen der Zeugen, der Erklärungen ut des Angeſchuldigten in's Audienzprotokoll iſt nicht geboten. nn 5 Das Urtheil wird gleichfalls wieder nach Stimmenmehrheit ge⸗ zu ut funden; der Berichterſtatter gibt ſein Votum zuerſt ab. Die Form n der Urtheile bietet nichts beſonderes dar, ebenſo die Verfügung der⸗ zi ſelben bezüglich der Koſten. Wird das angefochtene Urtheil erſter 5 Inſtanz beſtätigt, ſo nennt man das zweite Urtheil ein confirma— toriſches; im gegentheiligen Falle ein reformatoriſches. Die — Reformation kann eine ganze oder eine theilweiſe ſeyn. Wird das g erſte Urtheil vernichtet, weil ein Verbrechen indicirt erſcheint, ſo erläßt k das Appellationsgericht einen Verhaftsbefehl und ſchickt die Sache an die Staatsbehörde zur weitern Verhandlung zurück. Hier dürfen 6 jedoch die Gerichtsbeamten, welche die Sache vorher inſtruirt haben, * nicht mehr fungiren. Wird das Urtheil erſter Inſtanz reformirt, weil nur eine polizeiliche Contravention dem Appellgerichte vorzulie⸗ inh gen ſcheint, ſo erkennt daſſelbe auf Strafe und über Schadenserſatz, . 6 wenn die Verweiſung an das Polizeigericht nicht beautragt wurde. — aſlezj Uals den inijen wihuhi Aſſiſenhöfe. 49 * E VIM. Rapitel. Die Sſ ſenhöfe. Das Verfahren vor den i Schwurgerichten. Art. 251 — 406 c. d'instr. cr u Die Aſſiſen ſind die Strafgerichte, welche über jene ſtrafbaren it Handlungen, die das Strafrecht als Verbrechen bezeichnet, zu er⸗ nin tennen haben. Ihre Componirung und das Verfahren vor denſel⸗ i ben iſt ein verſchiedenes, je nachdem der Prozeß gegen Angeklagte gerichtet iſt, die anweſend oder gegen ſolche die abweſend ſind. n Im folgenden Kapitel werden wir das Verfahren gegen Abwe⸗ un ſende (Contumacialverfahren) darſtellen, im gegenwärtigen das Verfahren gegen Anweſende. i Die Aſſiſen werden zur Aburtheilung der Eriminalfälle, welche 6 im Umfange eines beſtimmten Bezirkes (eines Departements z. B.) vorkommen, in periodiſch wiederkehrenden Epochen, gewöhnlich alle drei Monate, beſonders gebildet, und ſind demnach keine mit dem „ Charakter der Permanenz bekleideten Gerichtshöfe. Die Aſſiſen, ſi welche in den regelmäßig wiederkehrenden Epochen ſtattfinden, wer⸗ w den ordentliche auch Quartalaſſiſen) genannt, während n auch außerordentliche wiſchen oder außer den Duartalſizungen angeordnet werden können. Die Dauer der jedesmaligen Aſſiſen di iſt unbeſtimmt und richtet ſich nach dem Zeitaufwand, den die zur Aburtheilung beſtimmten Criminalprozeſſe in Anſpruch nehmen. Die Aſſiſen beſtehen, wenn ein contradictoriſches Ver⸗ fahren ſtatt hat, aus zwei Hauptelementen: h 1) aus einem Gerichtshofe von rechtsverſtändigen Richtern mit einem Präſidenten, der jedesmal eigens zu dieſer ba Funktion ernannt wird. Dieſer Gerichtshof wird im engeren Sinne 6 mit dem Ausvruck „Aſſiſenhof“ bezeichnet; und ſ 2) aus dem Gerichte der Geſchwornen, der Jury im ſh engern Sinne, indem man auch mit Jury oder Schwurgericht die 6 beiden Kollegien zuſammen bezeichnet. Die Geſchwornen ſind Män⸗ ner aus dem Volke, berufen einen Ausſpruch darüber abzugeben, ob und inwiefern ein Angeklagter eines beſtimmt bezeichneten Verbre⸗ chens ſchuldig iſt, oder nicht ſchuldig. VI. Strafprozeß. 4 — 50 Strafprozeß. u lil Der Appellationsgerichtshof beſtimmt in vereinigten Kam⸗ mern: „ mn 1) die Epoche, in welchen die ordentlichen und außerordent⸗ znh lichen Aſſiſen abgehalten werden, durch ein Erkenntniß. Letzteres 6 u wird allen Tribunalen des Gerichtsſprengels mitgetheilt und binnen „ ſ drei Tagen nach dem Empfange in öffentlicher Sitzung verleſen. ſn Auch ſoll daſſelbe durch Anſchläge an öffentlichen Orten und durch inn Einrückung in die Zeitungen des Gerichtsſprengels zur allgemeinen 3 it Kenntniß gebracht werden. Der erſte Präſident des Appellhofes be⸗ 3 uinir ſtimmt durch eine Ordonnanz den Tag, an welchem die Aſſiſen 6 eröffnet werden ſollen und den Präſidenten derſelben. Dieſe „c „ — p „ g, Ordonnanz wird gleichfalls öffentlich bekannt gemacht. . Die einmal eröffneten Sitzungen dürfen nicht eher geſchloſſen . 6 werden, bis alle beim Beginne derſel ben an die Aſſiſen verwieſenen Anklagen erledigt ſind. 2) Den Ort der Aſſiſenſitzung, dſiſe auf Antrag des Ge⸗ neralprokurators andere Orte als die gewöhnlichen oder geſetz⸗ niin ug rin a in ir lich vorbeſtimmten erwählt werden. Der letztere nämlich iſt in mih der Regel die Hauptſtadt oder der Hauptort eines Departements, iüuſn wo ſich ein Appellations⸗ oder wenigſtens ein Erſtinſtanzgericht be⸗ mü in findet. uih in I. Der Aſſiſenhof (im engern Sinne) wird aus e it hiezu delegirten Beamten zuſammengeſetzt und beſteht normal aus iſtn einem Richterkollegium mit einem Präſidenten an der Spitze, M dem das Geſetz beſondere Befugniſſe zuerkannt hat, einem Beam⸗ tinut ten der Staatsbehörde und einem Gerichtsſchreiber. un ui d Der Aſſiſenpräſident wird durch den Juſtizminiſter oder u e den erſten Präſidenten des Appellhofes in den erſten acht Tagen nach dem Schluſſe einer Seſſion für die nächſte mittelſt einer Or⸗ ſis a donnanz ernannt. Nur ein Rath oder Richter des Appellhofes ſi um kann hiezu ernannt werden, 6. indeſſen nicht in einem Prozeſſe ſu hin mitſitzen darf, in welchem er Unterſuchungsrichter war, Unterſuchungs⸗ i M l handlungen vorgenommen oder in der Anklagekammer mitgewirkt hat. 3 M Der erſte Präſident des Appellhofes kann ſelbſt die Aſſiſen präſidi⸗ in gia ren und ſich durch ſeine Ordonnanz zum Präſidium beſtimmen. Auch 1 kann er dieſes thun, ſelbſt wenn er ſchon einen Rath hiezu ernannt uYi wine is b Iſin Diſ oſn ſinen Ge⸗ ſez t in is, tbe ders aus iße, an der ahen Or fes eſe g hu. iſdi Nu um Aſſiſenhöfe. 5 hat. Wenn keine Störung dadurch entſteht, iſt es geſetzlich geſtattet, daſſelbe Mitglied des Appellhofes für mehrere hintereinander folgende Aſſiſen zu ernennen. Wenn der ernannte Präſident verhindert wird, ſo erfolgt ſofort eine andere Ernennung, wenn die Publika⸗ tion noch vor Eröffnung der Aſſiſen geſchehen kann; wenn das Hinderniß zu ſpät eintritt, ſo erſetzt ihn ein anderer als Richter zum Aſſiſenhof delegirter Rath, und wenn kein Rath vorhanden iſt, der Präſident des Erſtinſtanzgerichts. Das Geſetz hat den Aſſiſenpräſidenten mit einer ſogenannten diskretionären Gewalt bekleidet, welche darin beſteht, daß er nach gewiſſenhafter Ueberzeugung und nach eigenem Ermeſſen alles anzuordnen hat, was der Ermittlung der Wahrheit förderlich ſeyn kann. Dieſes Zugeſtändniß iſt, wie man fühlt, ſehr allgemeiner Natur und es wird nöthig ſeyn, ſchon hier daſſelbe durch gewiſſe Prinzipien enger zu begrenzen; die diskretionäre Gewalt kann ſich nur über die adminiſtrative Juſtiz erſtrecken und nicht das Recht ertheilen, über ſtreitige Incidentpunkte zu entſcheiden; ſie kann den Geſetzen nicht zuwider handeln, in ſofern dieſelben ausdrückliche Vorſchriften, gebietenden oder verbietenden Charakters, aufgeſtellt haben; in Ausübung dieſer ſeiner geſetzlichen Attribute iſt der Prä⸗ ſident nicht einmal an die Entſcheidungen des Aſſiſenhofes gebunden. Das Richterkollegium beſteht jetzt regelmäßig außer dem Präſidenten noch aus zwei Richtern. Nach der Beſtimmung der Art. 252 und 253 des code d'instr. waren, den Präſidenten mit eingerechnet, fünf Richter erforderlich. Dieſelben werden er⸗ nannt aus dem Kollegium des Appellhofes, wenn in einem Depar⸗ temente die Aſſiſen abgehalten werden, in welchem ſich ein Appell⸗ hof befindet; aus den Präſidenten und Richtern des Erſtinſtanz⸗ gerichts oder auch durch Delegation zweier Räthe des Appellations⸗ hofes, wenn in dem betreffenden Departemente kein Appellhof ſich befindet. Keiner dieſer Räthe oder Richter aber kann fungiren, wenn er bei der Unterſuchung der zu entſcheidenden Strafſache thätig war oder in der Anklagekammer mitgewirkt hat. Die Ernennung der Richter geſchah nach dem Geſetze vom 20. April 1810 (Art. 16) durch den erſten Präſidenten oder den Juſtizminiſter, ſeit dem Geſetze vom 4. März 1831 kann ſie nur durch den Appellhof ſtattfinden. 52 Strafrecht. In beſonders wichtigen Criminalfällen kann nach dem Dekret M vom 6 Juli 1810 (Art. 93) eine zuſammengeſetzte Bildung des Aſſiſenhofes aus der Civilkammer des Erſtinſtanzgerichts und dem normal gebildeten Aſſiſenhof ſtattfinden. Der erſte Präſident des — Appellhofes präſidirt dann dieſen combinirten Aſſiſen. Auf die Er⸗ greifung dieſer Maßregel muß indeſſen der Generalprokurator An⸗ ſw⸗ trag genommen und der Appellhof durch Urtheil erkannt haben. . Auch kann dieſer Aſſiſenhof nur an einem Orte gebildet werden, an welchem der Appellhof ſeinen Sitz hat. uhl Der Beamte der Staatsbehörde, welcher die Funktionen n h derſelben bei den Aſſiſen zu verſehen hat, iſt, wenn dieſelben am ml Sitze des Appellhofes ſtattfinden, der Generalprokurator oder (nach W dem Geſetze vom 4. März 1831) einer ſeiner Generaladvokaten oder 1 Subſtituten; wenn die Aſſiſen nicht am Sitze des Appellhofes ab⸗ intlich gehalten werden, fungiren der Criminalprokurator am cour supe- pmm ricure oder der Staatsprokurator und deſſen Subſtituten am Erſt⸗ „Uiſl d inſtanzgerichte. Indeſſen kann dieſes auch der Generalprokurator für zldi ſich oder einen ſeiner Stellvertreter in Anſpruch nehmen. Die frag⸗ ſit un lichen Funktionen beſtehen in der mündlichen Entwickelung und Be⸗ Um? gründung der Anklage, in der Mitwirkung bei der Inſtruktion durch 16 Fragen und Antragſtellung auf die Vornahme dieſer und jener In⸗ md ſtruktionshandlung (Confrontation .), in der Stellung des Straf— unn antrags, wenn die Geſchwornen ein Schuldig ausſprechen, und in tn ſt der Vollziehung des Urtheils. pw Der Gerichtsſchreiber des Appellhofes oder des Erſtinſtanz⸗ nzjn gerichtes, nachdem die Aſſiſen an dieſem oder jenem Orte abgehalten m werden, oder einer ſeiner beeidigten Gehilfen verſieht die Funktionen un iil bei den Aſſiſen, welche in der Verleſung der Anklageſchriften und n i der producirt werdenden Urkunden, in der Führung des Protokolls über die ganze Verhandlung und in der Verleſung der Erklärung i60 der Geſchwornen beſtehen. ahun Die Attributionen des Aſſiſenhofes im Allgemeinen beſtehen m darin, daß er die prozeſſualiſtiſche und rein juridiſche Seite der Cri⸗ tünmn minalſache zu behandeln und entſcheiden hat. Ihm ſteht es daher zu, alle Incidentpunkte, die ſtreitig werden, durch Erkenntniß zu er⸗ e ledigen, auf die Anträge der Staatsbehörde zu erkennen, ebenſo auf Dn nd dn eut d di G. ot N habn. verden, tienn en n n nder es a⸗ he. Eif⸗ für ſu Pe⸗ durh ⸗ tunf din ian⸗ alten oun und ls n hen Gi⸗ her E Aſſiſenhöfe. 53 die des Angeklagten oder ſeines Vertheidigers; im Falle der Schul⸗ digerklärung durch die Geſchwornen das Strafurtheil zu erlaſſen, im gegentheiligen Falle die Freiſprechung des Angeklagten auszuſprechen; über Entſchädigungsanſprüche und über die Koſten zu erkennen, auch die Suſpendirung des Verfahrens, wenn der Fall gegeben erſcheint (z. B. wenn ein Präjudicialpunkt erhoben wird, welcher nur durch die Civilgerichte entſchieden werden kann), zu verordnen. Streitig⸗ keiten über Inkompetenz ſind abweiſend von ihm zu beſcheiden, da ſeine Jurisdiktion eine allgemeine iſt, die ſich über Verbrechen, Vergehen, Polizeicontraventionen erſtreckt und er ſich daher nicht in⸗ competent in Sachen erklären kann, welche die Anklagekammer an die Aſſiſen verwieſen hat. II. Die Jury oder das Gericht der Geſchwornen*) vertritt die öffentliche Geſellſchaft, iſt ein Volksgericht und Richter der That und der Schuld zugleich. Die Organiſation derſelben hat nach dem Wechſel der verſchiedenen politiſchen und Regierungsſyſteme ver⸗ ſchiedene bald liberalere, bald reaktionäre Modifikationen erfahren. Die Geſetze vom 5. Febr. 1817, vom 29. Juni 1820, vom 2. Mai 1827 und 2. Juli 1828, die vom 4. März 1831, vom 19. und 28. April 1831 und 1832, vom 9. Septbr. 1835, vom 13. Mai 1836; das Dekret der proviſoriſchen Regierung vom 6. März 1848, die Dekrete der Conſtituante vom 7. Auguſt und 18. Oktober 1848 beſchäftigen ſich alle mit Modifikationen der erſten Geſetze über die Jury und des Strafprozeſſes vom Jahre 1809 durch Erweiterungen oder Beſchränkungen in Organiſation und Attributionen, je nach dem in den oberſten Regionen ſtrömenden politiſchen Luftzuge. Wir be⸗ trachten dieſelbe zunächſt nach dem Standpunkte, den ſie im code d'instruct. einnimmt. Die Geſchwornen werden nicht frei gewählt, ſondern einer Ur⸗ oder Generalliſte, welche der Präfekt fertigt, entnommen. Sie beſteht aus 60 Perſonen und wird auf Anſuchen des Aſſiſenhofs⸗ Präſidenten für jede ordentliche oder außerordentliche Aſſiſe gefertigt *) Der Code vom 3. Brum. IV. hatte nach engliſchem Syſteme eine Anklage⸗ und eine Urtheils⸗Jury eingeführt, welche letztere der code d'instr. crim. beibehielt, die erſtere dagegen abſchaffte. 54 Strafprozeß. n bi und dieſem zugeſchickt, welcher ſie auf 36 Perſonen reduzirt. Der „m Präfekt notifizirt dieſen 36 Männern nicht die ganze Liſte, ſondern 5 u den Auszug derſelben, der jeden Einzelnen betrifft. Die Notifika⸗ nn tion enthält zugleich die Aufforderung, an dem beſtimmten Tage bei niſini Vermeidung der geſetzlich angedrohten Strafe ſich einzufinden. n Die reduzirte Liſte muß dem Juſtizminiſter, dem erſten Präſi— u Pi denten des Appellhofes, dem Generalprokurator, dem Präſidenten des mſin t Aſſiſenhofes, dem Criminalprokurator eingeſendet werden. um Die Berechtigung, auf dieſer Liſte eingetragen und Geſchworner i werden zu können, haben zunächſt nur die Männer, welche 30 Jahre ſü beit zurückgelegt haben und ſich im Genuſſe der bürgerlichen und ſtaats⸗ uiu. bürgerlichen Rechte befinden. Außerdem waren noch nachſtehende ſö ue Qualifikationen erforderlich. Die Geſchwornen konnten nur entnom⸗ n 3 men werden: 1) dem Stande der Notäre, 2) dem der Wechsler, umnd Bangquiers, Großhändler, Kaufleute, welche bezüglich der Patentzahl— nbe ung zu den zwei höchſten Klaſſen gehören, 3) dem der Verwaltungs⸗ u beamten, welche wenigſtens eine Beſoldung von 4000 Franken be⸗ 4 gut ziehen, 4) den Wahlkollegien, 5) den dreihundert höchſtbeſteuerten whn Bürgern des Departements, 6) den vom Kaiſer ernannten Verwalt— 4 ungsbeamten, 7) den Doktoren und Licentiaten der Rechte, der Me⸗ * dizin, der Wiſſenſchaften und der Literatur, dem Inſtitute und den anerkannten gelehrten Geſellſchaften. . tö m Wer nicht zu einer dieſer Klaſſen gehörte, war nicht be⸗ rechtigt Geſchworner zu werden; indeſſen konnte der Miniſter des jun jl Innern Perſonen, welche gerade nicht hier mitzählten, aber bittweiſe 1 Nime um Zulaſſung zur Funklion eingekommen waren, auf günſtigen Be⸗ wühn h richt des Präfekten hin, die Aufnahme in die Liſte geſtatten; auch ſhh ſtn war der Präfekt ex ofticio verpflichtet, taugliche Männer der Art iumnb dem Miniſter in Vorſchlag zu bringen. ID Nach der neuen Geſetzgebung kann jeder Franzoſe, der 30 Jahre iihofe, alt iſt und ſich im vollen Genuſſe der bürgerlichen und politiſchen iw n Rechte befindet, in die Generalliſte aufgenommen werden. dl Außer den bürgerlich Degradirten, den Interdicirten, den Tag⸗ )Uj löhnern, Dienſtleuten, den Perſonen, welche ſich nicht im vollen Ge— uhihf nuſſe der bürgerlichen und politiſchen Rechte befinden, können nach ſunz Du ſn Nifir g h Piſ en des wome ihr ſuat⸗ ſehene mnom höler tzahl ungs⸗ nbe⸗ urtn walt⸗ Me d den tbe des weiſ aut I hre 6 Aſſiſen höfe. 55 neuerem Geſetze wegen Unverträglichkeit mit ihrer Stellung nicht Geſchworne werden: 1) Die Volksrepräſentanten; 2) die Miniſter, die Chefs der Sectionen eines Miniſteriums, die Generalſekretäre, die Unterſtaatsſekretäre; 3) die Richter und die Beamten des öffentlichen Miniſteriums; 4) die Präfekten, Unterpräfekten, Mitglieder des Staatsraths, die Kommiſſäre bei öffentlichen Verwaltungen; 5) die aktiven Militärperſonen; 6) die mit einem aktiven Staatsdienſte Beauftragten; 7) die Geiſtlichen eines jeden Cultus und die Elementarlehrer der Gemeinden. Nach dem code d'instr. find nur ausgenommen die unter den Rubriken 2, 3, 4, 7 bezeichneten Beamten. Außerdem darf Niemand in einer Sache als Geſchworner fun⸗ giren, in welcher er als gerichtlicher Polizeibeamter, Zeuge, Dollmet⸗ ſcher, Sachverſtändiger oder als Partei aufgetreten iſt. Jeder Berechtigte und Verpflichtete kann ſich von dem Dienſte, Geſchworner zu ſeyn, diſpenſiren laſſen, ein für allemal, wegen vor⸗ gerückten Lebensalters mit erreichtem 7oſten Jahre, ſonſt wegen Krankheit und andern legalen Verhinderungen nur im ſpeziellen Falle. Aus der reduzirten Liſte des Aſſiſenpräſidenten, reſp. aus der Zahl der darauf verzeichneten 36 Perſonen wird nun für den be⸗ treffenden Fall die Verſammlung der Geſchwornen gebildet, welche aus 12 Männern zu beſtehen hat. Doch darüber, und wie dieſes zu geſchehen hat, werden wir in dem Abſchnitte III. ſprechen, da dieſer Akt ſchon zu dem Verfahren vor dem Schwurgerichte gehört, das wir dort behandeln wollen. III. Der eigentlichen Verhandlung vor dem Schwurge⸗ richtshofe, nachdem die Anklage erkannt worden iſt, gehen noch folgende Prozeduracten voran, wie ſchon zum Theil im Kapitel W. in der Darſtellung der Vorunterſuchung angegeben worden iſt: 1) Abfaſſung der Anklageacte und Zuſtellung derſelben nebſt dem Beſchluß der Anklagekammer, beide in Abſchrift, an den An⸗ geklagten; „ * 56 Strafprozeß. 2) Abführung deſſelben in das Arreſthaus (maison de justice) nk des Orts, wo die Aſſiſen abgehalten werden; nif 3) Das Verhör des Angeklagten in dieſem Arreſthauſe, welches „m längſtens 24 Stunden nach ſeiner Ankunft der Aſſiſenpräſident mit * ihm vorzunehmen hat. Es wird daſſelbe durch ein Protokoll, das nſ der Greffier niederſchreibt, conſtatirt. Der Präſident fordert den An⸗ 1b geklagten auf, ſich einen Vertheidiger zu wählen und, wenn dieſer id die Wahl nicht treffen kann oder will, ſo muß er ihm auf der Stelle hn bei Strafe der Nichtigkeit einen von Amtswegen ernennen. Der — Angeklagte hat das Recht, einen Verwandten oder Freund zu ſeinem Beiſtande zu nehmen, in der Wahl des Advocaten aber iſt er, wie on der Präſident in der Ernennung eines ſolchen, auf die im Gerichts⸗ — ſprengel wohnhaften Advokaten und Anwälte beſchränkt. Zugleich — muß der Präſident den Angeklagten aufmerkſam machen, daß er wi⸗ . der das bisherige Verfahren die Nichtigkeitsklage innerhalb der näch⸗ 1 „ ſten 5 Tage anſtellen könne, wenn er ſich hierzu berechtigt glaube; ub daß dieſe Klage nur gegen das Verweiſungs⸗Urtheil gerichtet ſeyn ihMn dürfe und zwar nur in 3 Fällen, nämlich wenn 1) die dem Ange⸗ „ klagten zu Laſt gelegte That in keinem Geſetze für ein Verbrechen mih erklärt iſt; 2) das öffentliche Miniſterium nicht vorher vernommen anin ð worden iſt; 3) wenn die Richter, welche das Verweiſungsurtheil er— ſunnn laſſen haben, nicht in geſetzlicher Anzahl verſammelt geweſen. Nach n beh dem Verhöre iſt dem Vertheidiger der Zutritt zu dem Angeklagten in in zur Beſprechung und die Einſicht in alle Actenſtücke an dem Orte, iln wo ſie aufbewahrt ſind, geſtattet. Auch darf er ſich von den Acten— ti ſtücken auf ſeine Koſten Abſchrift nehmen laſſen. 5 4) Eine Liſte der in der Sitzung zu vernehmenden Zeugen ſo⸗ nhn 8 A Mllg wie der Geſchwornen, eine Abſchrift der Conſtatirungs⸗ und Zeugen⸗ verhör⸗Protokolle muß dem Angeklagten noch vorher mitgetheilt wer⸗ 2 den und 3 unen 5) die Einſendung der Ueberführungsſtücke zum Gebrauche bei 1 der öffentlichen Verhandlung auf Befehl der Anklagekammer wird vollzogen. * u Die Verhandlung ſelbſt beginnt am feſtgeſetzten Tage mit ſmi der Bildung des Geſchwornengerichts für die ſpezielle Ver— wl handlung. Dieſer Act iſt nicht öffentl ich, findet aber in Gegen⸗ njni ejwicc elh ſent ni ol, den un ditſt Stle n Dr nſinn , wi eit Zugleit et wi er nä⸗ glaube tſeyn nge brchen ommen heil er Not flagen Ont, een gen ſ een tner he be nit ge ni Pen Ge Das Verfahren vor den Schwurgerichten. 57 wart des Angeklagten, ſeines Beiſtandes, des Aſſiſenpräſidenten, des Beamten der Staatsbehörde und des Gerichtsſchreibers und der Ge⸗ ſchwornen ſelbſt ſtatt. Zur Bildung der Jury kann nur geſchritten werden, wenn von den auf der Liſte, welche dem Angeklagten noti⸗ ficirt wurde, bezeichneten Geſchwornen wenigſtens 30 nicht dispen⸗ ſirte erſchienen ſind. Der Gerichtsſchreiber ruft die Namen derſelben auf und auf bejahende Antwort des gerufenen Geſchwornen wird eine Karte mit deſſen Namen verſehen in eine Urne gelegt. Dann zieht der Präſident dieſe Stimmzettel aus der Urne, einen nach dem andern hervor, bis zwölf Geſchworne gezogen ſind, die nicht recu⸗ ſirt worden. Bei vorausſichtlich länger andauernden Verhandlun⸗ gen kann der Aſſiſenhof anordnen, daß ein oder zwei Geſchworne mehr als zwölf ausgelvost werden ſollen, um als Ergänzungs⸗ oder Suppleant⸗Geſchworne der Verhandlung beizuwohnen. Sie treten dann in der Reihenfolge, in der ſie durch das Loos be⸗ rufen ſind, zur Urtheilsjury, aber nur in dem Falle, wenn ein oder zwei Mitglieder verhindert werden ſollten, bis zur Erklärung auf die Fragen an der Verhandlung Theil zu nehmen. Der Präſident beendet in dieſen Fällen die Ziehung erſt dann, wenn 13 oder 14 nicht recuſirte Geſchworne gezogen wurden. Dieſe bilden dann das Geſchwornengericht. Der Geſchworne kann durch den Angeklagten und ſeinen Ver⸗ theidiger einerſeits oder durch die Staatsbehörde anderſeits recuſirt oder abgelehnt werden, und zwar muß dieſe Recuſation ohne Motivirung geſchehen und ſobald der Name aus der Urne gezo⸗ gen und vom Präſidenten mit lauter Stimme an gegeben worden iſt. Dem Angeklagten ſteht immer zuerſt das Recht der Ablehnung, dann erſt der Staatsbehörde, jedem aber von ihnen zur Hälfte zu, und es können ſo viele Geſchworne abgelehnt werden, als deren über die Zahl für die Jury und die Suppleanten erforderlich ſind. Iſt nur mehr die nothwendige Zahl der Stimmzettel in der Urne, ſo macht der Präſident hierauf aufmerkſam und das Recuſationsrech iſt erſchöpft. Die Recuſationen bemerkt der Gerichtsſchreiber im Protokoll. Mehrere Angeklagten in einer Sache haben kein grö ßeres Recuſationsrecht als einer. Sie müſſen ſich unter einander 58 Strafprozeß. verſtändigen oder durch das Loos einen herausſuchen, der für alle recuſirt. Geſchworne, welche nicht erſchienen ſind oder ſich ohne legale Entſchuldigung entfernen, ſind zum erſten Male mit 500, zum zwei⸗ ten Male mit 1000, zum dritten Male mit 1500 Franken und der Unfähigkeitserklärung, Geſchworner zu ſeyn, durch den Gerichtshof mittelſt Urtheil in öffentlicher Sitzung zu beſtrafen. Das Urtheil wird gedruckt und öffentlich angeheftet. Wenn der Geſchworne nach— weist, daß gültige Entſchuldigungsgründe ihn abhielten, ſo kann der Gerichtshof das Urtheil aufheben. 2 Ueber Dispenſationen vom Dienſte für die ganze Seſſion oder für eine oder mehrere Sitzungen entſcheidet der Gerichtshof auf angebrachtes Geſuch in der Rathskammer. Die Entſcheidung muß jedoch, nachdem die Staatsbehörde vernommen wurde, in öffentlicher Sitzung durch den Präſidenten verkündet werden. Nach der Bildung der Jury beginnt die öffentliche Ver⸗ handlung. Der Aſſiſenhof nimmt im Hintergrunde des Saals Platz und zwar die Richter den Mittelplatz, die Staatsbehörde in ihrer Nähe zur Rechten, der Gerichtsſchreiber zur Linken; die Glie⸗ der des Geſchwornengerichts nehmen in der Reihenfolge, in welcher ſie gezogen wurden, theils neben, theils hintereinander ihre beſtimm⸗ ten Plätze ein, zur Linken des Aſſiſenhofs, dem Angeklagten gegen⸗ üͤber. Dieſer und ſein Vertheidiger befinden ſich zur Rechten des Gerichtshofs, auf der Seite der Staatsbehörde. Für die Zeugen, die Civilpartei und das Publikum ſind beſon⸗ dere Räume, welche von den eben erwähnten Plätzen getrennt ſind, beſtimmt und reſervirt. Gendarmen halten die Ruhe aufrecht oder Militärwachen; zwei oder mehrere Huiſſiers verſehen den perſönli— chen Dienſt. Der Angeklagte erſcheint ungefeſſelt, nur von Wachen begleitet, um ſeine Entweichung zu verhindern. Der Präſident, welcher die ganze Verhandlung, Inſtruction und Debatten nach den allgemeinen Vorſchriften des Geſetzes zu lei⸗ ten hat, in Einzelnheiten aber nach ſeinem Ermeſſen verfahren darf, dem die Polizei der Sitzung obliegt und deßhalb die bewaffnete Macht zur Verfügung geſtellt iſt, der die Würde des Gerichts und do n whr in un * n n ihn 6 nnetre nnlit mi hebr maſ m * ln „ mun m 8 nſü ſn M ſt uf itr ſmn u ii ſtnin hgn m s hg ſhein mnſ uni ung chge 1nn hr iu m ſin m nlimugn in Juhe un aſſhl iu in vunut n luittu ſum! aud un Das Verfahren vor den Schwurgerichten. 59 ſch den Ernſt zu wahren hat, welcher über ſo wichtiger Verhandlung herrſchen muß, eröffnet die öffentliche Sitzung mit den Fragen nach Namen, Vornamen, Alter, Stand, Wohnort, letztem Aufenthalt, nſt Geburtsort, die er an den Angeklagten ſtellt. Damit hat die letzte 1 Unterſuchung ('examen) begonnen und die Verhandlung muß itt nun ununterbrochen fortgeſetzt werden bis zur Erklärung der ln Jury. Namentlich dürfen die Glieder derſelben mit der Außenwelt nh in keinerlei Berührung treten. Doch iſt dem Präſidenten geſtattet, un d i Sitzung auf kurze Zeit, welche zur Erholung für den Gerichts⸗ hof, die Jury, den Angeklagten und den Vertheidiger nothwendig Siſn iſt, aufzuheben. In dieſen Zwiſchenpauſen darf keine andere Rechts⸗ fau handlung vorgenommen werden. E Nach der Stellung der Generalfragen an den Angeklagten iihe wendet ſich der Präſident an den Vertheidiger und ermahnt ihn, nichts gegen ſein Gewiſſen und die den Geſetzen ſchuldige Achtung Ver⸗ zu ſagen und ſich mit Mäßigung und Anſtand auszudrücken. aals Darauf richtet der Präſident ſein Wort an die Geſchwornen, die ſich erheben und entblößten Hauptes ſtehen. Er ſpricht: Gli „Sie ſchwören und verſprechen vor Gott und den Menſchen, che „die Anklagen und Beweiſe, welche wider — (Name und Bezeich⸗ im⸗ „nung des Angeklagten) — vorgebracht werden ſollen, mit der ge⸗ „wiſſenhafteſten Aufmerkſamkeit zu prüfen, das Intereſſe des Ange⸗ d „klagten ſo wenig, als jenes der bürgerlichen Geſellſchaft, welche ihn „anklagt, zu verletzen, ſich mit niemanden zu beſprechen, ehe ſie ihre e „Erklärung abgegeben haben, ſich weder durch Haß noch durch Bos⸗ ſin, „heit, weder durch Furcht noch Gunſt leiten zu laſſen, bei ihrer Ent⸗ u „ſchließung nur die Beweiſe und Vertheidigungsgründe in Betracht n „zu ziehen, und ſich hierauf nach ihrem Gewiſſen und ihrer innig⸗ „ſten Ueberzeugung mit jener Unparteilichkeit und jenem unerſchüt⸗ en „terlichen Muthe, die einem rechtſchaffenen und freien Manne gezie⸗ „men, zu entſchließen.“ Jeder einzelne Geſchworne wird hierauf perſönlich aufgerufen ion 5 und antwortet mit erhobener Hand eidlich die Worte: „Ich ſchwöre.“ u Unmittelbar nach der Vereidigung der Geſchwornen ermahnt der fun Präſident den Angeklagten, zu achten auf das, was jetzt vorge⸗ m hen werde und befiehlt dem Gerichtsſchreiber das Verweiſ⸗ d 60 Strafrecht. int ungsurtheil und den Anklageact vorzuleſen. Dieſes geſchieht u in laut und deutlich, damit Richter, Geſchworne, Angeklagter und i Vertheidiger es verſtehen können. 3. in Der Beamte des öffentlichen Miniſteriums entwickelt dann die Anklage in allen ihren Momenten und macht auf die Beweiſe aufmerkſam. Er legt hierauf ein Verzeichniß der in Zeugen vor, die in geſetzlicher Friſt notificirt worden ſind. Der K 1 Gerichtsſchreiber hat mit lauter Stimme dieſes Verzeichniß n** vorzuleſen und die Zeugen aufzurufen. Jeder derſelben ant⸗ ⸗ wortet, um ſeine Anweſenheit zu beſtätigen und tritt vor die Schran⸗“ = ⸗ ten des Gerichts. Ausgebliebene Zeugen werden mit der geſetzlichen 6h Strafe belegt. iuß Der Präſident befiehlt hierauf, daß ſich ſämmtliche erſchienene ibihu Zeugen in das für ſie beſtimmte Zeugenzimmer zurückziehen ſollen. — Daſſelbe muß innerhalb des Juſtizgebäudes, außerhalb des Audienz⸗ h ſaales ſeyn. Muß wegen eines ausgebliebenen Zeugen die Sache 1Mhi vertagt werden, ſo ſoll der Afſiſenhof denſelben in alle Koſten wul in ohne Ausnahme verurtheilen. Das Zeugenzimmer darf kein Zeuge mn nn verlaſſen, bis er durch den Huiſſier aufgerufen wird, zur Vernehm⸗ n go ung in der Audienz zu erſcheinen. Die Inſtruction wird fortge⸗ zui de di ſetzt durch die Prüfung der Beweismittel, Anhörung der . Zeugen, Vergleichung der Ueberführungsſtücke ꝛc., Er⸗ 1 klärungen des Angeklagten. Den Richtern, der . Staatsbehörde iſt es erlaubt, durch das Organ des Präſitenten * Fragen an ihn zu ſtellen, obwohl ein ſpezielles Verhör des 2 Angeklagten gerade nicht vorgeſchrieben iſt. 6 5 Die Zeugen werden einzeln, von einander getrennt, der Rei⸗ 1 E henfolge nach, zuerſt die zur Belaſtung, dann die zur Ent⸗ laſtung vorgeladenen, vernommen. Keiner der Zeugen darf ohne Erlaubniß des Präſidenten nach ſeiner Vernehmung den Sitzungs⸗ uh ſaal verlaſſen. Jeder Zeuge hat vor ſeiner Vernehmung bei Strafe Pſ der Nichtigkeit den Eid zu leiſten: „ohne Haß und ohne Furcht zu reden, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu ſagen.“ . Hierauf befragt ihn der Präſident nach ſeinem Namen, Vornamen, n h Stand, Alter, Wohn⸗ oder Aufenthaltsort, ob er den Angeklagten hedun früher gekannt habe, ob er mit ihm oder der Civilpartei verwandt in Das Verfahren vor den Schwurgerichten. 61 ii oder verſchwägert ſey und wie, ob er zu dem Angeklagten oder der n m Civilpartei in irgend einem Verhältniſſe, namentlich dienſtlicher Na⸗ tur ſtehe. Nach dieſem Vorgange legen die Zeugen mündlich (ſie ntwite dürfen ſich keiner ſchriftlichen Notizen bedienen) ihr Zeugniß ab. ufn Der Zeuge darf hiebei nicht unterbrochen werden. Nach der Aus⸗ huiß w ſage fragt ihn der Präſident, ob es der gegenwärtige Angeklagte D ſey, den er in ſeinen Ausſagen gemeint habe; und hierauf den An⸗ ihnif geklagten, ob er auf das, was eben gegen ihn gezeugt wurde, ant⸗ lben n worten wolle. Der Angeklagte, ſein Vertheidiger, die Richter, die E Geſchwornen, die Staatsbehörde ſind berechtigt, Fragen an die eſehichn Zeugen zu ſtellen und zwar der Aſſiſenhof und die Jury direkte, nur mit Erlaubniß des Präſidenten, der Vertheidiger, der Angeklagte ſtinn und die Civilpartei durch das Organ desſelben. Die Ueberführungs⸗ nſiln ſtüͤcke werden den betreffenden Zeugen zur Anerkennung und Er⸗ Nwien klärung vorgelegt und auch die Geſchwornen darauf aufmerkſam ge⸗ Eie macht. Der Präſident kann verordnen, daß der Angeklagte aus dem hin Sitzungsſaale hinausgeführt und der Zeuge in ſeiner Abweſenheit zuge vernommen werde; nach ſeinem Wiedereintritt muß er ihm jedoch mhn. Alles bekannt geben, was in ſeiner Abweſenheit conſtatirt wurde. Kraft der diskretionären Gewalt kann der Präſident alle Per⸗ 19 ſonen, von denen er irgend eine Aufklärung erwarten darf, als Zeugen vernehmen und ſelbſt gegen diejenigen, die ſich weigern, zu 1 erſcheinen, einen Vorführungsbefehl erlaſſen. Solche Zeugen dürfen ſun indeſſen nicht vereidigt, ſondern müſſen nur auskunftsweiſe angehört i werden. Er darf aber keinen in Folge eines Einſpruches, einer Reproche verworfenen Zeugen auf Grund dieſer diskretionären u ſi Gewalt verhören. Es können nämlich folgende Perſonen als Zeu⸗ 6u⸗ gen von Seiten des Angeklagten, der Civilpartei und der Staats⸗ f ohn behörde mittelſt der Reproche verworfen werden: 1) alle Asſcendenten des Angeklagten; Stfe * it 2) alle Deſcendenten desſelben; . in“ 3) alle Geſchwiſter und Verſchwägerte gleichen Grads; . 4) der Ehegatte des Angeklagten, ſelbſt nach ausgeſprochener n Scheidung (dieſe iſt jedoch ſeit 1816 in Frankreich aufge⸗ m . 62 Strafprozeß. 5) Denuncianten, welchen eine Geldbelohnung durch das Geſetz bewilligt iſt. Ueber die Reprochen entſcheidet der Aſſiſenhof jedesmal durch ein förmliches Urtheil. Wird eine Reproche nicht geltend gemacht, ſo wird ein ſolcher Zeuge dann auch vernommen.. Perſonen, welche in Folge crimineller Beſtrafungen oder einer ausdrücklichen Verur⸗ theilung abſolut unfähig ſind, Zeugniß vor Gericht abzulegen, können gleichwohl unbeeidigt, als bloße Auskunftsperſonen (nicht als Zeugen) gehört werden. Wenn im Laufe der Verhandlung ſich der Verdacht gegen einen Zeugen ergibt, als habe er ein falſches Zeugniß abgelegt, ſo ordnet der Präſident ſofort deſſen Verhaftung an. Seinem Ermeſſen iſt es allein überlaſſen, ein Zeugniß als falſch oder verdächtig an— zuſehen, obwohl die Staatsbehörde, die Civilpartei und der Ange⸗ klagte Antrag darauf nehmen können. Er ſoll ſodann als Inſtruk— tionsrichter mit Concurrenz der Staatsbehörde fungiren, die Zeugen vernehmen, deren Ausſagen protokolliren und unterſchreiben laſſen und Verhaftsbefehl erlaſſen. Die Staatsbehörde nimmt hiebei die geeigneten Anträge, die Unterſuchungsakten werden dann durch den Generalprokurator der Anklagekammer übermittelt. Uebrigens kann auch ſtatt deſſen der Präſident einen der Richter mit der Unter— ſuchung committiren. Eignet ſich der Fall hiezu, ſo iſt der Aſſiſen⸗ hof ermächtigt, die Verhandlung auszuſetzen und auf die nächſte Seſſion zu vertagen; dieſes kann es officio und auch auf Antrag der Parteien geſchehen. Wenn der Angeklagte oder ein Zeuge nicht dieſelbe Sprache, dasſelbe Idiom ſprechen, iſt der Präſident verpflichtet, einen Dollmetſcher (Interpreten) beizuziehen. Derſelbe muß beeidigt werden, 21 Jahre alt, nicht aus den Zeugen, Geſchwornen, den Richtern gewählt ſeyn und kann von den Parteien abgelehnt oder recuſirt werden. Wenn der Angeklagte oder ein Zeuge — iſt, ſo muß, wenn er ſchreiben kann, der Gerichtsſchreiber die Fragen und Be— merkungen aufſchreiben und dieſelben dem Taubſtummen zur ſchrift⸗ lichen Beantwortung vorlegen. Wenn der Taubſtumme nicht ſchrei⸗ ben kann, ſo ſoll die Perſon mit der Auslegung betraut werden, ibe — ſ mn M imitu uin ſun niitu ſi wllen i u zn bivilp in ſln in jih de xhinauf i ſhizu ini ud di n un ſin ſih Mn S kulu fir i n iih ingallet gün ſyrch uu, velhe umnih u zabſhrin inn ſid; un haſch ting ufne um hate ins le uß hnn Uſn 6. Das Verfahren vor den Schwurgerichten. 63 bi welche gewöhnlich mit ihm verkehrt, ohne Rückſicht * ihr Alter oder Geſchlecht. nu ut Faſt alle die bei der Inſtruktion vorgeſchriebenen — ſind Rut bei Strafe der Nichtigkeit des Verfahrens befohlen und der Ge⸗ u richtsſchreiber hat nach den vielen ſpeziellen Beſtimmungen hier⸗ n Vn über jede einzelne Inſtruktionshandlung, jede einzelne Form, Zeu⸗ bzuln genvernehmung, Frageſtellung, die Ermahnungen, Warnungen und n hit Aufforderungen des Präſidenten, zu welchen ihn das Geſetz aus⸗ drücklich verpflichtet, protokollariſch zu conſtatiren. Auch ihm ſind n in die meiſten ſeiner Amtshandlungen hiebei unter Strafe der Nichtig⸗ egt, ſ ekeit vorgeſchrieben. Emſn Nach vollendeter Inſtruktion beginnen die Debatten, hig an das heißt die mündlichen Vorträge der Parteien. Zuerſt r ſpricht die Civilpartei ſelbſt oder durch ihren Anwalt oder unter Inſmt Aſſiſtenz desſelben; ſie kann auch einen Advokaten beibringen. Zeug Dann folgt der Beamte der Staatsbehörde mit ſeinem Vor⸗ hſen trage. Hierauf antworten Angeklagter und Vertheidiger. ei die Dieſer iſt hiezu verpflichtet, jener nur hiezu berechtigt. Die chm Civilpartei und die Staatsbehörde können erwidern, aber dem An⸗ s jun geklagten und ſeinem Vertheidiger muß immer das letzte Wort lun gegönnt ſeyn. in Nach dem Schluſſe der Debatten hat der Präſident die nitſt Verhandlung für geſchloſſen zu erklären und das Réſumé an hum die Jury zu richten. Dasſelbe muß eine überſichtliche Dar⸗ ſtellung aller Beweiſe enthalten, welche für oder gegen den rucht Angeklagten ſprechen, ſo wie eine genaue Erklärung der Funk⸗ im tionen, welche die Jury zu erfüllen hat. Es muß ſich das Ré⸗ e ſumé namentlich auf eine parteiloſe Zuſammenſtellung der That⸗ de ſachen beſchränken, welche in der Verhandlung ſelbſt vor⸗ de gekommen ſind; es darf die Beweiſe nicht kritiſiren oder die er⸗ mittelten Thatſachen beurtheilen. Es darf jedoch in allgemeiner m, Erklärung aufmerkſam machen auf die geſetz lichen Begriffe dB, eines zum Thatbeſtande gehörigen Merkmals oder eines beſondern Umſtandes; aber durchaus nicht die Rechtsanſicht des Reſumirenden ₰ über die Anwendung des Rechtsgrundſatzes auf den vorliegenden n Fall geben. Gegen das Réſumé ſteht keiner Partei ein Wider⸗ 64 Strafprozeß. ſpruchsrecht zu; es i . . disktretionären Gewalt des Präſi⸗ bul Dem Réſumé folgt die 2 ſeinem Talent anvertraut. Iiln Präſident ſoll die Fragen, wel ageſtellung an die Jury. Der znt ſaß Fragen zu Klaſifziren ind heece uu li v ren und den C zclihene — — — der —— aber an dieſelben öff — rgibt ſie ſodann ſchriftli l i d Chef 1 g68 iſt demjenigen, deſſen Name zuerſt aus ——— vE uſirt wurde, hervorging. Die Anklageſ — daß er tirungs⸗Protokolle und alle Pro Pie die Conſta⸗ An ſchriftlichen Erklärungen der — iuſſ nen gleichfalls übergeben. en den Geſchwor⸗ ſhny c Die Parteien ſind b ziſi w ind berechtigt, die S ii gem jn hranträg eny fr — — beſonderer Fra⸗ in hun des Präfidenten zu reklamiren „ inu dann nach contradiktoriſcher —— entſcheidet ſn U punktes. . “ g eines ſolchen Incident⸗ „ I. a) Die Hauptfra t enthält, und muß — rbrechens gehörige hnin, in folgender Weiſe ge Thatſachen umſchließen. Sie wird zn „ſen ſchuldig, dieſe oder jene Mordthat (die uhui iebſtahl oder jedes andere Verbrechen) mit all Piiſde ktes t — . in der ſummariſchen Wiederholung des A — uuß ch ſind, begangen zu haben?“ yn un d Hauptfrage Fragen werden als Beiſatz zu d üſ Huiftage S. gelangen nur zur Beantwortung — winpj Handlung als Ihren Inhalt kann eine andere 6 jede ſtrafbare Gitlang —2 gerichtet iſt, und kann ſnn den Gegenſtand der A e derieni 5 nklage gen, die uuß dus Reſtlat de eiſcheiuen muß. Ihre Stellun it . B. bei einer . Srn e Als ſubſidiäre V mord, kinde fird — gehenden Hauptftage, die auf — der auf dieſes iuumb pöſe Tödtung des Kindes geſtellte Bei äſſige oder cul⸗ mnil ifrage anzuſehen. Bei Dieb⸗ un“ Hi ſmugſ A. D 3 wonn h vor⸗ un doß er oußt⸗ luß de ſhwor Frn tagen ſheidet cdent⸗ Lhat hothe⸗ win i⸗ aln lage zu der n die ſton jun die ſun⸗ lung ßun diſſ rl Diel⸗ Das Verfahren vor den Schwurgerichten. 65 ſtahl mit Gewalt und Mißhandlung kann die ſubſidiäre Frage auf Mißhandlung allein gerichtet ſeyn u. ſ. w. c) Die Zuſatzfragen ſind diejenigen, welche einen, die Strafbarkeit des in der Anklageakte bezeichneten Hauptverbre⸗ chens erhöhenden, entſchuldigenden, mildernden oder die Perſönlichkeit des Angeklagten betreffenden Thatumſtand ent⸗ halten. Sie werden in folgender Weiſe geſtellt: (Bei erſchwerendem Umſtande): „Hat der Angeklagte das Verbrechen mit dieſem oder jenem Umſtande begangen?“ (Bei entſchuldigendem Umſtande): „Iſt dieſe Thatſache (der Entſchuldigung) conſtant?“ (Bezüglich der Perſönlichkeit des Angeklagten): „Hat der Angeklagte (wenn er noch nicht 16 Jahre alt iſt) mit Unterſchei⸗ dungskraft gehandelt?“ Bei der Uebergabe der Fragen hat der Präſident die Ge⸗ ſchwornen zu erinnern, daß ſie bei allen Fragen zu erklären haben, ob deren Bejahung durch einfache Stimmenmehrheit erfolgt ſey. *) Der Gerichtsſchreiber hat im Protokolle bei Strafe der NRichtig⸗ keit zu bemerken, daß der Präſident die Fragen geſtellt, die Benach⸗ richtigungen den Geſchwornen gegeben und die ſchriftlichen Fragen nebſt den Prozeßakten übergeben habe. Der Präſident verordnet nach Uebergabe der Fragen in der Form, wie ſie eben erwähnt wurde, die Entfernung des Ange⸗ klagten unter Begleitung der Wache aus dem Sitzungsſaale, begibt ſich ſelbſt mit den Richtern und dem Gerichtsſchreiber in das Berathſchlagungszimmer, während der Staatsbehörde und dem Ver⸗ theidiger in dieſer Beziehung keine Vorſchriften gegeben ſind. Die Geſchwornen ziehen ſich in ihr Berathungszimmer zurück, *) Nach den Geſetzen vom 28. April 1832 und 18. Oktbr. 1848 hat der Prä⸗ ſident die Geſchwornen ferner darauf aufmerkſam zu machen, daß, wenn ſie bei einem Schuldig in der Mehrheit der Anſicht ſind, es ſeyen Milderungs⸗ gründe für den Angeklagten vorhanden (circonstances attenuantes), ſie dieſes in der Erklärung mit den Worten auszudrücken haben: „Mit Stim⸗ „menmehrheit; es ſind zu Gunſten des Angeklagten Milderungsgründe vor⸗ „handen.“ Die Unterlaſſung dieſer Erklärung zieht die Nichtigkeit des Ver⸗ fahrens nach ſich. VI. Strafprozeß. 5 „ . „. 66 Strafprozeß. und die öffentliche Verhandlung bleibt ſuspendirt, bis dieſelben in Pu den Aſſiſenſaal zurückkehren, um ihr Verdikt abzugeben. ſhl Kein Geſchworner darf das Berathſchlagungszimmer ver⸗ a laſſen; gemeinſam nur kehren die ſämmtlichen Mitglieder der Jury Zu nach beendigter Berathung in den Saal zurück. Eine Verletzung i dieſer Beſtimmung iſt mit 500 Franken Geldbuße (höchſtens) be⸗ Per droht. Niemanden darf der Eintritt zu den Geſchwornen n erlaubt werden. Nur der Präſident kann auf ausdrückliche ſih Requiſition der Geſchwornen eintreten, um Erklärung zu erthei⸗ M len. Er hat dem Chef der dienſtthuenden Gendarmerie oder be⸗ „un waffneten Macht ſchriftlichen Befehl zu ertheilen, die Ein⸗ Her gänge zu dem Geſchwornenzimmer bewachen zu laſſen. Hig Die Berathſchlagung der Geſchwornen wird durch den Chef derſelben geleitet. Wie ſchon geſagt, iſt dieſer derjenige unter ihnen, un, deſſen Name zuerſt aus der Urne gezogen wurde, oder der, den ſie mit Bewilligung dieſes Letztern hiezu erwählt haben. Er liest ihnen O folgende Inſtruktion vor, welche zugleich an dem Orte des Zimmers, dii der am meiſten in's Auge fällt, in großen Buchſtaben angeſchlagen wum ſeyn ſoll: i 9 „Das Geſetz fordert von den Geſchwornen keine Rechenſchaft itit „über die Gründe, wodurch ſie ſich überzeugt gefunden haben; es ſut „ſchreibt ihnen keine Regeln vor, nach welchen ſie vorzüglich beur⸗ ni „theilen ſollen, ob ein Beweis vollkommen und hinreichend ſei; was „es von ihnen fordert, iſt, daß ſie in der Stille und ganz in ſich nhel „zurückgezogen ſich ſelbſt befragen und in dem Innerſten ihres Ge⸗ ned „wiſſens erforſchen, welchen Eindruck die wider den Angeklagten vor— zint „gebrachten Beweiſe und die Gründe, worauf deſſen Vertheidigung e „beruht, auf ihre Urtheilskraft gemacht haben. Das Geſetz ſagt ſhh „ihnen nicht: Sie ſollen jeden Thatumſtand für wahr uii „halten, der von dieſer oder jener Zeugenanzahl für guhn „wahr angegeben iſt, es ſagt ihnen ebenſo wenig: Sie ſollen uyn „jeden Beweis als unzureichend verwerfen, der nicht in „auf dieſem oder jenem Protokoll, auf dieſen oder jenen guhn „Urkunden, auf ſo und ſo viel Zeugen oder Anzeigen „beruht; es macht an ſie nur die einzige Frage, welche den Inbe⸗ „griff aller ihrer Pflichten enthält; ſünd ſie innig überzeugt? ſ“ NM S Uunt Das Verfahren vor den Schwurgerichten. 67 ſini „Was ſie durchaus nicht vergeſſen dürfen, iſt, daß die ganze Berath⸗ 43 „ſchlagung der Geſchwornen ſich auf die Anklage beſchränkt. Nur zn „auf die Thatumſtände, welche ihr zu Grunde liegen und damit im „Zuſammenhange ſtehen, haben ſie ausſchließlich ihr Augenmerk zu in „richten, und ſie fehlen gegen ihre erſte Pflicht, wenn ſie an die „Verfügungen der Strafgeſetze zurückdenken und die Folgen in Be⸗ „tracht ziehen, welche die von ihnen abzugebende Erklärung in Be⸗ itit „ziehung auf den Angeklagten haben mag. Ihre Sendung hat we⸗ uuh „der die gerichtliche Verfolgung noch die Beſtrafung der Verbrechen p * „zum Gegenſtande; ihr Beruf iſt nur, die Frage zu entſcheiden, ob tin „der Angeklagte des Verbrechens, das man ihm zur Laſt legt, ſchul— „dig ſei oder nicht.“ h Die Jury hat über jede geſtellte Frage in Berathung zu tre⸗ rihn ten, ſo wie darüber, ob Milderungsgründe vorhanden ſind oder nicht. duſt Auch die auf die Berathung folgende Abſtimmung leitet der Chef tihnn (Obmann) der Geſchwornen. Derſelbe ſtimmt in der Regel zuletzt, me, die übrigen nach der Folge, in welcher ſie aus der Urne gezogen n wurden. Die Diskuſſion bei der Berathung iſt ausdrücklich geſetz⸗ . lich geſtattet durch Dekret vom 6. März 1848, nachdem ſie vorher uſhif üblich, weil nicht verboten, war. Ueber die Verhandlung wird kein nz 6 Protokoll aufgenommen; nur das Reſultat der Abſtimmung bn wird zu jeder Frage als deren Beantwortung niedergeſchrieben. iz wi Die Antwort muß genau der Frage entſprechen und darf nichts iſh enthalten, was über dieſelbe hinausgeht, und, je nach dem Reſul⸗ s be tate der Abſtimmung, in den betreffenden Fällen folgendermaßen ab⸗ en gefaßt ſeyn: Entweder: „Nein, der Angeklagte iſt nicht ſchuldig“ dign oder: „Ja, der Angeklagte iſt des Verbrechens (des Mords ꝛc.) 6 ſint ſchuldig, er hat es unter allen Umſtänden begangen, welche in den vahr aufgeſtellten Fragen enthalten ſind;“ oder: „Ja, der Angeklagte iſt des fir Verbrechens ſchuldig, er hat es mit dieſem oder jenem Umſtande be⸗ llen gangen, aber es iſt nicht erwieſen, daß er es mit dieſem oder jenem nicht weitern Umſtande verübt hat“; oder: „Ja, der Angeklagte iſt des jenen Verbrechens ſchuldig, aber keiner der Umſtände iſt wider ihn erwie⸗ eigen ſen.“ Die Entſcheidung der Geſchwornen wird nach der Mehrheit Jh der Stimmen abgefaßt. Sind die Stimmen gleich, ſo gilt die dem egt Angeklagten günſtigere Entſcheidung. 5 * 68 Strafprozeß. Mni Die Geſchwornen treten in den Gerichtsſaal zurück, der Ge⸗ N E richtshof, der Staatsanwalt, der Vertheidiger erſcheinen wieder, nur ⁰ der Angeklagte bleibt noch entfernt. Der Präſident eröffnet auf's i Neue die Verhandlung mit der Frage an die Geſchwornen, was das ſu Reſultat ihrer Berathung ſei? Der Vorſteher der Jury hat ſich jetzt zu erheben, die Hand u auf's Herz zu legen und zu ſagen: „Auf meine Ehre und auf ſ mein Gewiſſen, vor Gott und den Menſchen, die Erklärung der a Jury iſt folgende.“ Hierauf verliest er jede einzelne Antwort mit in der hiezu gehörigen einzelnen Frage, und überreicht die in Gegen⸗ , wart ſämmtlicher Geſchwornen von ihm unterzeichnete Erklärung dem ſü Präſidenten, welcher dieſelbe ebenfalls mit dem Gerichtsſchreiber un⸗ u6 terzeichnet. ſun Erſcheinen die Erklärungen der Geſchwornen unklar, wider⸗ ſprechend oder ungenügend, ſo kann die Berichtigung der⸗ dig ſelben durch den Präſidenten von Amtswegen angeordnet werden, lum wobei ihnen aufgegeben wird, ſich zu dieſem Zwecke in's Berathungs— er zimmer zurückzuziehen. Auch die Staatsbehörde und der Vertheidiger w1 können auf Berichtigung antragen, über welchen Antrag dann der Nö v Aſſiſenhof erkennt. Auch der Aſſiſenhof kann ex officio die Berich⸗ u tigung anordnen. du 6 Nach der Abgabe der Erklärung, wenn keine Berichtigung ver⸗ ſii ordnet wird, läßt der Präſident den Angeklagten in den Audienz⸗ L ſaal zurückführen und durch den Gerichtsſchreiber die Erklärung der Sinn Geſchwornen nochmals verleſen und Alles im Protokolle bei Strafe ihtr der Nichtigkeit conſtatiren. iter Wenn das Verdikt der Jury auf Nichtſchuldig lautet, hat un un der Aſſiſenpräfident ſofort eine Entbindungs⸗Ordonnanz von w Si der Anklage zu erlaſſen und die Freilaſſung des Angeklagten zu ſijn befehlen, inſofern dieſer nicht wegen einer weitern Strafſache ver⸗ ſll de folgt und in Haft bleiben muß. Zugleich erkennt der Aſſiſenhof P über die etwa geſtellte Civilklage. ſih de Dem Angeklagten ſteht in dieſem Falle das Recht zu, an die uin Staatsbehörde das Anſuchen zu ſtellen, wer ihn denuncirt habe. ſthi o Dieſem Anſinnen muß entſprochen werden. Iſt der Denunciant eine i Privatperſon, ſo kann ihn der Angeklagte wegen calumniöſer De— L Das Verfahren vor den Schwurgerichten. 69 nunciation vor dem Eivilgericht nach der Seſſion oder am Schluſſe der Seſſion beim Aſſiſenhof belangen; war der Denunciant eine 3 obrigkeitliche Perſon und fällt ihm Argliſt oder ſonſt ein Verſchulden zur Laſt, ſo wird er mit der Syndikatsklage verfolgt. Wenn die Erklärung der Geſchwornen auf Schuldig lautet, hn und alle Mitglieder des Aſſiſenhofs übereinſtimmend überzeugt un u ſind, daß ſich die Geſchwornen geirrt haben, ſo darf der Aſſiſenhof inn n ex officio, niemand iſt zu einem Antrage hiezu berechtigt, und es u u findet überhaupt kein Recurs gegen die Erklärung der Geſchwornen Gin ſtatt, die Siſtirung des Verfahrens verordnen und die Sache auf un die folgende Seſſion verweiſen. Dieſe Maßregel iſt indeſſen nur öer u zu Gunſten des Angeklagten durch das Geſetz geſtattet, nicht ge⸗ gen ihn. wide In den übrigen Fällen, in welchen die Erklärung auf Schul⸗ 1 e dig lautet, ſtellt und entwickelt zunächſt die Staatsbehörde ihren wee Antrag auf Beſtrafung des Beſchuldigten. Auf dieſen Antrag kann hunge⸗ der Angeklagte und ſein Vertheidiger erwidern, jedoch nur bezüglich hediyt der Anwendung des Strafgeſetzes und des Beſtehens und der Höhe m des von der Civilpartei behaupteten Schadens, nicht mehr bezüglich Bri⸗ der Thatſachen, die der Jury zur Erkenntniß unterbreitet waren. Der Gerichtshof entſcheidet dann über die öffentliche und über die ung ve Civilklage. Aien Wenn der Angeklagte nur mit ſieben Stimmen, alſo mit einer ung d Stimme Majorität ſchuldig erklärt worden, ſo berathſchlagen die Stu Richter unter ſich über dieſelbe Sache und tritt die Mehrzahl der Richter jener Meinung bei, welche die mindere Zahl der Geſchwor⸗ e, hu nen angenommen hatte, ſo daß, wenn man auf jeder Seite die Zahl m der Stimmen der Richter und Geſchwornen zuſammenzählt, jene Zahl größer iſt, die für als jene die gegen den Angeklagten ſpricht, ſo heur ſoll die dem Angeklagten günſtigſte Anſicht gelten. ſenhof Wenn im Laufe der Verhandlung ſich Indizien ergeben, daß ſich der Angeklagte an andern Verbrechen, welche nicht Gegenſtand u M der Anklage ſind, betheiligt habe, ſo ſoll der Aſſiſenhof ex officio thabe ſelbſt ohne Antrag der Staatsbehörde die Verfolgung deſſelben in nt in dieſer Richtung auordnen. ſu d Wenn die Geſchwornen den Angeklagten der ihm zu Laſt ge⸗ 70 Straſprozeß. legten Thatſache für ſchuldig erklärt haben, dieſelbe aber durch kein Strafgeſetz vorgeſehen noch verboten oder mit Strafe bedroht iſt, ſo erläßt der Aſſiſenhof nach Anhörung des Staatsprokurators ein Frei- ſprechungsUrtheil. Der Präſident kann nach Verkündigung des Urtheils dem An⸗ geklagten die geeigneten Ermahnungen machen und ihn auffordern, ſein Schickſal mit Geduld zu ertragen; er muß ihn aber aufmerk⸗ ſam machen, daß ihm das Recht zuſtehe, binnen 3 Tagen das Rechts⸗ mittel der Caſſation auf der Kanzlei des Gerichtshofes anzumelden. Hievon hat wieder der Gerichtsſchreiber, bei Strafe der Nichtigkeit, im Protokolle Erwähnung zu thun. Alle Erkenntniſſe des Aſſiſenhofs, die im Laufe der Verhand⸗ lung oder nach dem Ausſpruch der Geſchwornen erlaſſen werden, müſſen geheim berathen und abgeſtimmt, öffentlich und laut verkündet und mit Motiven verſehen werden, den Text des Strafgeſetzes enthalten wenn eine Verurtheilung darin ent⸗ halten iſt, und in Urſchrift unterzeichnet werden. Zwiſchener⸗ kenntniſſe hat der Präſident mit dem Gerichtsſchreiber allein zu unterzeichnen; die Enderkenntniſſe müſſen auch von den übrigen Richtern mitunterſchrieben werden. Die Unterlaſſung dieſer Förm⸗ lichkeit iſt mit der Syndicatsklage gegen die Richter, mit einer Ord⸗ nungsſtrafe von 100 Franken gegen den Gerichtsſchreiber bedroht. Die Vollſtreckung der Erkenntniſſe der Aſſiſenhöfe darf erſt nach Ablauf der Caſſationsfriſt, und falls ein Caſſationsrecurs angemeldet wurde, nach der Entſcheidung deſſelben, ſtattfinden. Dann muß ſie in 24 Stunden vor ſich gehen. Ueber die Vollziehung hat der Gerichtsſchreiber Protokoll aufzunehmen. Will der Verurtheilte irgend eine Erklärung abgeben, ſo iſt von einem Richter des Ge⸗ richts, in deſſen Sprengel der Ort der Vollſtreckung gelegen iſt, die⸗ ſelbe unter Aſſiſtenz des Gerichtsſchreibers aufzunehmen. Die Voll— ſtreckung des Verdammungsurtheils ſelbſt geſchieht auf Befehl des Generalprokurators und dieſer hat zu dieſem Zwecke das Recht ohne Dazwiſchenkunft einer andern Behörde die bewaffnete Macht zum Beiſtand aufzufordern. der Ordt Ien w 6 virde vß R ben u ſy hihuer m en ſiul o M n ine J uch iin 0 in ſu den fonen, ujnt 5eit mnebe. iihi, hen⸗ weren m rt des ent net⸗ in ſu hign ßirm Di⸗ woht. eduf tecur Dum 1g bat theile G⸗ „di⸗ Loll des ohne zn Das Contumacialverfahren. 71 VIII. Fapitrl. Das Contumacialverfahren in Verbrechensſachen. Art. 465 — 478. c. d'instr. cx. Wenn eine angeſchuldigte Perſon ſich der Unterſuchung durch die Flucht entzieht, ſo hat dieſe Abweſenheit keinen weiteren Einfluß auf das Vorverfahren als allenfalls den, daß aus Gründen . B. der Zweckmäßigkeit oder der Oekonomie die Siſtirung des Verfah⸗ rens bis zur Habhaftwerdung des Angeſchuldigten verordnet wird. Beſtehen dieſe Gründe nicht oder iſt es im öffentlichen Intereſſe ge⸗ legen, die Sache weiter zu verfolgen, ſo wird die Vorunterſuchung ganz in der Weiſe geführt, wie gegen einen Anweſenden. Nur fol⸗ gende Abweichungen in den Formen treten ein: 1) Der Verweiſungsbeſchluß der Anklagekammer wird am Do⸗ mizil des Angeklagten zugeſtellt. . 2) Zehn Tage ſpäter, wenn derſelbe nicht eingebracht wurde, oder ſich freiwillig geſtellt hat, erläßt der Aſſiſenpräſident eine Ordonnanz, welche den Angeklagten auffordert, ſich innerhalb 10 Tagen zu ſtellen, unter der Drohung, daß er ſonſt als Rebell gegen das Geſetz erklärt und ſeine bürgerlichen Rechte ſuſpendirt werden würden, daß das Contumacialverfahren gegen ihn ſtattfinden werde, daß Jedermann verpflichtet ſeyn ſolle, ſeinen Aufenthaltsort anzuge— ben und daß ihm die Anſtellung jeder gerichtlichen Klage unterſagt ſey. Das Verbrechen, auf welches die Anklage lautet, ſowie der Leibverhaftsbefehl müſſen in der Ordonnanz angegeben ſeyn, welche am erſten Sonntag nach ihrer Erlaſſung öffentlich bei Trompeten⸗ ſchall oder Trommelſchlag verkündet und an dem Hauſe, in welchem der Angeklagte wohnte, an dem Gemeindehauſe und am Aſiiſenge⸗ bäude angeheftet wird. In dem Hauptverfahren dagegen ſind die Abweichungen bedeu⸗ tender und durchgreifender. Nämlich: Nach Ablauf von 10 Tagen nach Veröffentlichung der Ordon⸗ nanz kann die gerichtliche Verhandlung wider den Abweſenden ſtattfinden. Sie geht vor ſich vor dem Aſſiſenhof allein, ohne Zuziehung einer Jury, jedoch in öffentlicher Sitzung. Für den Angeklagten iſt kein Vertheidiger irgend einer Art zuzu⸗ 72 Strafprozeß. laſſen, auch kein Anwalt zur Vertretung gegen eine Civilklage allen⸗ in falls. Der Damnificat dagegen kann als Civilpartei auftreten. Ver⸗ ti u wandte oder Freunde des Angeklagten können bei dem Aſſiſenhof M v ein Anſuchen auf Vertagung des Contumacialverfahrens anbringen, gifu wenn ſie nachweiſen können, daß derſelbe ſich außerhalb des europäi⸗ ml ſchen Franfreichs oder in der Unmöglichkeit befinde, erſcheinen zu ſim können. In der Inſtruction findet keine mündliche Vernehm⸗ zu ung ſtatt; die Anklageſchrift und die nöthigen Proceduracten wer— uh den verleſen. Die Civilpartei ſtellt dann ihren Antrag auf Ent— wit ſchädigung und begründet denſelben; nach ihr die Staatsbehörde den vot ihrigen auf Strafanwendung und Civilentſchädigung. Der Aſſiſen⸗ aut hof entſcheidet und der Präſident verkündet das Urtheil. nN Iſt daſſelbe ein condemnatoriſches, ſo wird es 3 Tage nach itlhe ſeiner Verkündigung auszugsweiſe an einem Pfahl auf dem öffent⸗ nir lichen Platze des Bezirks⸗Hauptortes durch den Nachrichter ange⸗ lira, ſchlagen. g imn Wenn der Verurtheilte vor Ablauf von 5 Jahren erſcheint, itdig ſo erliſcht das wider ihn ergangene Urtheil mit allen Folgen von nidu Rechtswegen und das gewöhnliche Verfahren tritt nun gegen ihn inon6 ein. Die Verjährung contumacialer Strafen wird in derſelben Zeit— friſt vollendet wie die der in Folge contradictoriſcher Verhandlung iktten erlaſſenen, (V. Strafrecht, Seite 26 und bezüglich der bürgerlichen uhſi Folgen beim Contumacialverfahren Civilrecht, Seite 18 und folg.). Me. ſhimnn u M. Rapitel. 2 Die Caſſation. Das Verfahren vor dem Caſſationshof. uuſ Art. 407 — 442 c. d'inst. cr. uß m , nwhn Ueber die Organiſation, die Attributionen „. des Caſſations⸗ mn S hofes müſſen wir vor Allem bitten, Heft I. Gerichtsverfaſſung, ſn Seite 56 nachzuleſen, um nicht alles dort Geſagte hier nochmals . wiederholen zu müſſen. Wir haben uns hier auf das Caſſations⸗ 6 geſuch in Strafſachen und das Verfahren hiebei zu be— Wi ſchränken und bemerken wiederholt im Allgemeinen, daß die Ca ſſa⸗ ſein Die Caſſation ꝛc. 73 tion ein außerordentli ches Rechtsmittel iſt, das nur gegen Ur⸗ in theile und Erkenntniſſe, die in letzter Inſtanz ergangen ind und hi gegen welche die ordentlichen Rechtsmittel nicht mehr zuläſſig ſind, an ergriffen werden kann und das abſ olute weder Suſpenſiv⸗ noch Devolutiv⸗Effect, ſondern den einen und den andern nur in beſtimmten Fällen hat*). Zuvörderſt ſind zwei Arten Caſſationsgeſuche zu unterſcheiden: 8 a) die Nichtigkeitsbeſchwerden, des demandes en nullité) uf Gu⸗ angeſtellt auf den Grund ſpezieller und ausdrücklicher Beſtimmungen h des code d'instr. und b) die Caſſationsrecurſe, Ces recours i en cassation) welche wegen Incompetenz einer Gerichtsbehörde, wegen Machtüberſchreitung (excès de pouvoir), wegen aus⸗ g u drücklicher Geſetzesübertretung, ergriffen werden können. Un⸗ iſe⸗ ter letzterer iſt zu verſtehen die irrige Anwendung, das vollſtändige ange Ueberſehen, die falſche Auslegung eines Geſetzes oder die Unterſtell⸗ ung einer Thatſache unter ein unrichtiges Geſetz. Wegen falſcher eut, Würdigung factiſcher Verhältniſſe kann der Recurs nicht angemeldet und nur gegen das Dispoſitiv, nicht gegen die Mo⸗ wihn tive oder Erwägungsgründe gerichtet werden. ui Die Nichtigkeitsbeſchwerde kann erhoben werden gegen wlug die Erkenntniſſe der Anklagekammer, wenn eine Verweiſung lhn vor die Aſſiſen ausgeſprochen iſt, und zwar nur aus den in Att. olh 299 des e d'instr. enthaltenen 3 Gründen (v. Seite 30 c.); gegen die Erkenntniſſe der Aſſiſenhöfe und Entbindungsordonnan⸗ zen des Aſſiſen⸗Präſidenten, wenn ein Verweiſungsurtheil oder in der Verhandlung vor dem Aſſiſenhof oder im Erkenntniſſe, welches die Verurtheilung enthält, eine Formalität verletzt oder öhof. unter laſſen wurde, welche unter Strafe der Nichtigkeit vorge chrie⸗ . tig ben iſt, wenn ein Proceduract von incompetenten Beam⸗ ten vorgenommen worden, wenn das condemnatoriſche Urtheil eine ions⸗ andere Strafe ausgeſprochen hat, als jene, mit welcher das Straf⸗ ſung, geſetz die Thatſache bedroht, deren der Angeklagte für ſchuldig erklärt hnals wurde; wenn eine Freiſprechung auf den Mangel eines Geſetzes ions⸗ begründet iſt, das in der That exiſtirt; gegen die Urtheile der iſſe *) Siehe auch Civilprozeß, Heft III. Seite 74. 74 Strafprozeß. Polizei und Zuchtpolizei⸗Gerichte, aus ebendenſelben Gründen, aus welchen die Erkenntniſſe der Aſſiſenhöfe ie werden können. Das Recht zur Ergreifung der Nhtgkeitsbeſhwerde ſteht dem Angeklagten wie der Staatsbehörde zu, der Civilpartei nur gegen jenen Theil der Erkenntniſſe, welcher ſich auf die beantragten Civil— entſchädigungen bezieht. Die Staatsbehörde kann im Falle einer Ent⸗ bindungsordonnanz auf Richtſchuldig nur im Intereſſe des Ge— ſetzes eine Nichtigkeitsbeſchwerde einlegen, deren Entſcheidung auf das Schickſal des Angeklagten vielmehr Freigeſprochenen keinen Einfluß hat. Der Faftäibrrs (e pourvoi en cassation) kann in den oben angeführten Fällen von der Staatsbehörde wie von dem Angeſchul digten oder dem Angeklagten angemeldet werden. Die Ci⸗ vilpartei kann ihn jedoch nur gegen den Theil des Erkenntniſſes ergreifen, welcher ſich auf die Civilentſchädigung oder die beantragte civilrechtliche Verurtheilung bezieht. In denſelbem Verhältniſſe be⸗ finden ſich die civilverantwortlichen Perſonen. Er iſt nur gegen rechtskräftige Endurtheile, nicht gegen interlocutoriſche, präparatoriſche Urtheile ꝛ. ſelbſt wenn ſie präjndiciell ſind, zuläſſig. Alle Caſſationsgeſuche ſollen in der Friſt von drei freien Tagen angemeldet werden, nur den Richtigkeitsbeſchwerden gegen die Verweiſungsbeſchlüſſe der Anklagekammer iſt eine fünftägige Friſt geſtattet, während jenen, welche die Staatsbehörde gegen die Entbindungs⸗Ordonnanz des Präſidenten oder welche die Civilpartei gegen ein Erkenntniß des Aſſiſenhofs bezüglich der Entſchädigungs⸗ ſumme ergreifen wollen, nur ein vierundzwanzigſtündiger Termin gegönnt iſt. Die Anmeldung des Caſſationsgeſuchs hat in der Regel auf der Kanzlei des Gerichts zu geſchehen, deſſen Erkenntniß angegriffen werden will; ſie wird in ein beſonderes Regiſter eingetragen, vom Recurrenten und vom Gerichtsſchreiber unterſchrieben; erſterer kann ſich einen Auszug ertheilen laſſen; ſie kann durch Specialbevollmäch⸗ tigte, Anwälte ebenſo wie durch die Parteien geſchehen. Ausnahms⸗ weiſe kann die Anmeldung der Richtigkeitsbeſchwerde gegen einen üß wbf miſu Dr nn ile im win iun di in i fun ſiömye di tun ih m ilimg d! ſſiint uli un ſ uin ſin e i n he ſihſn in uß iti whſuit un ini mniſcs i de ß filn, ſg t6 unn lmm win 4 deSt in ban 10 W — — —— Grihn, nwen ſeht du ur gn ten Gii⸗ iner En⸗ des Ge— ſchidn nhinn jun in von den Die G⸗ mmiſes mtragte ſe be⸗ gegen tiſche, ſind, freien ngegen tigige gen di viheui igung⸗ ndiger el auf egtiftn n er kan olni⸗ uhn⸗ n inen Die Caſſation ꝛ. 75 Beſchluß der Anklagekammer, welcher vor die Aſſiſen verweist, auf der Greffe des Gerichtshofs geſchehen, vor welchen der Angeklagte verwieſen wurde. Der Verurtheilte und die Civilpartei haben die Befugniß, ch Anmeldung eine Denkſchrift oder Memoire beizufügen oder die⸗ ſelbe innerhalb 10 Tagen nach der Erklärung auf der Kanzlei zu deponiren. Der Gerichtsſchreiber beſcheinigt den Empfang und be⸗ fürdert dieſe Rechtfertigungsſchrift an die Staatsbehörde. Die Ueber⸗ reichung einer ſolchen Schrift iſt indeſſen ganz dem Willen der be⸗ treffenden Perſonen anheimgeſtellt, dagegen haben ſie folgende Ver⸗ pflichtungen zu erfüllen: . Die Staatsbehörde, wenn ſie Caſſation ergreift, muß (wenn der Angeſchuldigte oder Angeklagte verurtheilt wurde oder nicht) demſelben den Anmeldungsact, innerhalb 3 Tagen von der Erklärung an, mittheilen. Der Verurtheilte, wenn er in Polizei⸗ oder Zuchtpoligei Sachen Caſſation einlegt, muß eine Succumbenzſtrafe (von 150 Fran⸗ ken bei contradictoriſchen, 75 Franken bei Defauts) hinterlegen und die Quittung mit dem Hinterlegungsſchein der Anmeldung beifügen. Iſt der Recurrent zu einer Gefängnißſtrafe verurtheilt, ſo muß er ſich zur Haft ſtellen oder durch giltigen Beſchluß die proviſoriſche Freilaſſung erlangt haben, um Caſſation einlegen zu können. Hier⸗ über muß gleichfalls ein Ausweis beiliegen. Die civilverantwortliche Perſon hat gleichfalls, wenn ſie den Caſſationsrecurs ergreift, die Succumbenzgelder zu hinterlegen, und überdieß eine autenthiſche Ausfertigung des angefochtenen Er— kenntniſſes in Abſchrift beizubringen. Die Civilpartei hat dieſe beiden Verpflichtungen gleichfalls zu erfüllen, auch die Caſſationserklärung dem Angeſchuldigten oder dem Angeklagten notificiren zu laſſen. Der Gerichtsſchreiber, vor welchem die Caſſation angemeldet worden iſt, hat ſofort der Staatsbehörde die Aktenſtücke mit einem Aktenrenner zu überſchicken nebſt der Caſſationserklärung in Abſchrift und den allenfalls deponirten Memvires. Die Staatsbehörde muß, wenn eine Nichtigkeitsbeſchwerde gegen einen Verweiſungsbeſchluß der Anklagekammer vor die Aſſiſen vor⸗ 76 Strafprozeß. liegt, die Aktenſtücke unverzüglich dem Generalprokurator am Caſſationshof einſenden, welcher ſie dem Hof übermittelt, der ſie ohne Zeitverluſt zu prüfen und zu entſcheiden hat. In allen übrigen Fällen überſchickt die Staatsbehörde binnen zehn Tagen die ſämmtlichen Aktenſtücke an den Juſtizminiſter, welcher ſie innerhalb 24 Stunden nach ihrem Empfang der Kauzlei des Caſſationshofes überſendet und hievon die Staatsbehörde benachrichtigt. Der Caſſa⸗ tionshof ſoll ſpäteſtens in Monatsfriſt über die Caſſation entſcheiden. Das Verfahren vor dem Caſſationshofe hierauf iſt fol⸗ gendes: Der Präſident ernennt für jede Sache, die zu entſcheiden iſt, ein Mitglied der chambre criminelle zum Berichterſtatter, der binnen Monatsfriſt einen ſchriftlichen Bericht auf der Kanzlei deponirt und die ihm übergebenen Aktenſtücke zurückgibt. Dann folgt die öffentliche Verhandlung. Nach dem Aufrufe der Sache trägt der Berichterſtatter die Sachlage und die Gründe vor, aus welchen die Caſſation eingelegt wurde. Er ſpricht ſeine Anſicht hie— bei nicht aus und kritiſirt auch nicht die Caſſationsgründe. Nach dieſem Berichte plädiren die Advokaten der Parteien; letztere ſelbſt dürfen, wenn ihnen der Präſident hiezu Erlanbniß er— theilt, aber nur unter der Aſſiſtenz ihrer Advokaten ſprechen. Auf das Plaidoyer der Advokaten erfolgt der mündliche Vor⸗ trag des Generalprokurators (oder eines ſeiner Generaladvo⸗ katen und Subſtituten), der Antrag ſtellt und ihn begründet. Der Advokat des Angeklagten oder des Angeſchuldigten darf erwiedern; die Civilpartei jedoch nicht. Schließlich geheime Deliberation des Hofes, bei welcher zuerſt der Berichterſtatter das Wort hat, zuletzt der Präſident, Ab⸗ ſtimmung, bei welcher erſt der Berichterſtatter, dann der jüngſte Rath und ſo fort, zuletzt der Präſident votirt, und Verkündigung des Urtheils in öffentlicher Sitzung durch den Präſidenten. Die Originale jedes Erkenntniſſes müſſen vom Präſidenten, Berichterſtatter und Gerichtsſchreiber unterzeichnet werden, auch hat der Berichterſtatter Motive und Dispoſitiv in der auf die Verkün⸗ digung des Urtheils folgenden Woche abzufaſſen und das Original ſelbſt zu ſchreiben. (Art. 41 der Ordonnanz vom 15. Januar 1826.) yi um m tn 90 ſ9 ſuh amiu uuinn hſt gin iniu 80 pun der jijit in ude ſu wm wnit de ſöch u uſlts 6 iſmß umn. Umi un tu hei l d nibiht ſinn u Um ſhit ſininiſer in gle ijin qu imſs ſisße in a twſi hln Uhn di imehil iunheſ er Gſi h iſhedu fiiſ nſhedn ſtatter, Kaſli n ſih Saht i aus t hi⸗ Kien; niß u⸗ Von dladoo⸗ Der iedern; velher Nb in gung nten. enten, ch ha uün⸗ iin 1825) Die Caſſation. Im Dispoſitiv ſoll zugleich der Tert der Geſetze niedergeſchrieben werden, auf welche ſich die Entſcheidung ſtützt. Wenn die Caſſation verworfen wird (rejet de ta ſo bleibt das angefochtene Erkenntniß erhalten; wird die Caſſation da⸗ gegen begründet erachtet, ſo wird mittelſt eines arrét de cassation die angegriffene Entſcheidung aufgehoben. Beim rejet verfallen die Succumbenzgelder der Parteien zu Gunſten des Staats, auch ſoll die unterliegende Civilpartei dem Angeſchuldigten oder dem Angeklagten eine Entſchädigung von 150 Franken zahlen. Iſt die Caſſation als begründet anerkannt worden, ſo iſt die Rückgabe der hinterlegten Geldſtrafe zugleich zu verordnen. Auch die Verweiſung an ein an⸗ deres Gericht oder einen Unterſuchungsrichter unter Bezeichnung der⸗ ſelben iſt, wenn eine ſolche ſtatt hat, im Urtheil mit aufzunehmen. Wird in einer Criminalſache der Beſchluß einer Anklage⸗ kammer, der die Sache vor die Aſſiſen verweist, auf Grund einer Nichtigkeitsbeſchwerde caſſirt, ſo ſoll der Caſſationshof die Sache an einen andern Appellhof, als an den, der die Anklagekammer bildete, verweiſen; wird das Erkenntniß eines Aſſiſenhofes allein oder mit der vorangegangenen Inſtruktion caſſirt, ſo muß die Sache an einen andern Aſſiſenhof verwieſen werden; wird ein ſolches Erkenntniß wegen Incompetenz der Gerichtsbehörden caſ⸗ ſirt, ſo muß die Sache an die kompetenten Behörden verwie⸗ ſen werden. Wenn in Zuchtpolizei⸗ oder Polizei⸗Sach en Erkenntniſſe caſſirt werden, ſo ſoll die Sache ſtets an ein anderes aber ches Gericht verwieſen werden. Ueber die Verhandlungen in vereinigten Kammern, wenn das zweite Gericht ebenſo entſcheidet, wie das erſte entſchieden hat, deſſen Erkenntniß caſſirt wurde, ſiehe Civilprozeß Seite 76. Wenn ein gewöhnlicher Akt, ein Erkenntniß oder ein Urtheil gegen die Vorſchriften der Geſetze verſtößt, ſo kann der Ju⸗ ſtizminiſter dem Generalprokurator am Caſſationshofe die An⸗ weiſung geben, den Hof hievon in Kenntniß zu ſetzen, damit dieſer in ſeiner chambre criminelle die Vernichtung des Aktes oder des Erkenntniſſes ausſpreche. Dieſe Caſſirung findet nur im Inter⸗ eſſe des Geſetzes ſtatt. Der Generalprokurator hat in dieſem Falle * * 78 Strafprozeß. nur zu handeln, wenn ihm der Miniſter ausdrücklich ſo befohlen hat, und dieſer Befehl kann nur erfolgen, wenn kein Caſſations⸗ geſuch eingereicht wurde. Gleichfalls nur im Intereſſe des Geſetzes geſchieht die Caſ⸗ ſirung einer rechtskräftigen Entſcheidung eines Aſſiſenhofs, eines Po⸗ lizei⸗ oder Zuchtpolizeigerichts, wenn der Generalprokurator am Caſſa⸗ tionshof ſie provocirt hat, weil er der Anſicht war, daß eine Ge⸗ ſetzesverletzung unterlaufen ſey. In dieſem Falle ſteht ihm das Recht ex officio zu, die Sache der Enſcheidung des Caſſationshofes unter⸗ zubreiten, damit eine Caſſation erfolge. X. Rapitel. Die Reviſion. Art. 443 — 447 cr. d'instr. cr. Nur in drei Fällen hat der franzöſiſche Strafprozeß geſtattet, daß mittelſt der Reviſionsklage rechtskräftige, der Cafſation nicht unterworfene Urtheile eines Aſſiſenhofes, welche eine cri⸗ minelle Verurtheilung ausgeſprochen haben, nochmals einer gericht— lichen Cognition und zwar der des Caſſationshofes unterſtellt werden dürfen und zwar: Erſter Fall, wenn zwei Angeklagte durch zwei ver⸗ ſchiedene Erkenntniſſe wegen eines und deſſelben Ver⸗ brechens verurtheilt worden ſind, ſo daß dieſe beiden Erkenntniſſe in einem ſolchen Widerſpruche zu einander ſtehen, daß ſie nicht neben einander beſtehen können, indem ſie nothwendigerweiſe den Beweis für die Unſchuld des einen der beiden Angeklagten liefern müſſen. Zweiter Fall, wenn nach erfolgter Verurtheilung wegen Tödtung eines Menſchen Beweiſe vorgelegt werden, welche hinreichend geeignet erſcheinen, die Vermuthung zu unterſtützen, daß der angeblich getödtete Menſch wirklich noch am Leben ſei. Dritter Fall, wenn nach erfolgter Verurtheilung eines An⸗ geklagten ein Zeuge, welcher ein belaſtendes Zeugniß gegen wile ni U m ſ hiſ ſftin nin ſe k ſA9 ſſiten ſuhof e nſ ſw e m di in iner hin an ufmn ulluß n in ib un d miü zu i hiche üi an ( minn. wi nee ihn inge z ſugl ſiſts Uiſm n win inun hin e ſſuin ttl ines he anſ in Ge das Nit ſes m⸗ Rſtate, uſuien ine ui geticht twern ei ven n Ver emmiſt htnben Beweis niſn. wegen wilhe en, dß ns 9000 Die Reviſion. 79 denſelben abgelegt hat, wegen falſchen Zeugniſſes rechtskräftig ver⸗ urtheilt worden iſt. Im erſten dieſer Fälle iſt nur der Juſtizminiſter berechtigt, die Reviſionsklage zu veranlaſſen und den Generalprokurator am Caſſationshof zu beauftragen, die Entſcheidung des Hofes zu pro⸗ vociren. Nach erhobener Reviſionsklage muß die Vollſtreckung beider Erkenntniſſe ſuſpendirt werden. Findet der Caſſationshof die Klage geſetzlich begründet, ſo ſoll er die beiden Erkenntniſſe caſſiren und die beiden Angeklagten vor einen andern Aſſi⸗ ſenhof verweiſen. Im zweiten Falle ſteht gleichfalls nur dem Juſtizmini⸗ ſter das Recht zu, den Caſſationshof mit der Prüfung zu beauf⸗ tragen. Die Vollſtreckung des Urtheils wird ſuſpendirt. Der Caſſationshof befiehlt einem Appellhofe, eine Unterſuchung über die Exiſtenz und die Identität der angeblich getödteten Perſon anzuſtellen und zu erkennen, ob die Identität der betreffenden Perſon erwieſen ſei oder nicht. Das Erkenntniß des Appellhofs wird mit der hiezu gehörigen Unterſuchung dem Caſſa⸗ tionshofe überſchickt, der dann nach Ermeſſen die Verurtheilung wegen Tödtung kaſſiren kann und die Sache an einen Aſſiſenhof verweist. Im dritten Falle iſt der Juſtizminiſter verpflichtet, auf Anſuchen des Verurtheilten der Staatsbehörde oder auch e officio dem Generalprokurator Anzeige zu machen der beiden Ver⸗ urtheilungen. Die Vollziehung des erſten Urtheils muß ſofort ſus⸗ pendirt werden, ſobald gegen einen Belaſtungszeugen eine Ver⸗ folgung eingeleitet wurde. Wenn der Caſſationshof conſtatirt findet, daß der fragliche Zeuge wider den früher Verurtheilten ein belaſten⸗ des falſches Zeugniß abgelegt hat, ſo hat er die erſte Verurtheilung zu kaſſiren und den Verurtheilten vor einen andern Aſſiſenhof zu verweiſen. Die des falſchen Zeugniſſes ſchuldig erklärte Perſon darf bei der neuen Verhandlung unter keiner Bedingung als Zeuge abgehört oder zugezogen werden. 80 Strafprozeß XI. Rupitel. Die Reeuſation der Richter. Die Verweiſung an ein Mi anderes Gericht. Der code d'instr. enthält über die Ablehnung der Richter ſir ſ in Criminalfachen keine geſetzlichen Verfügungen und die Praris 1 i wendet daher die desfallfigen Beſtimmungen des Civilprozeſſes Ar⸗ nin tikel 378—396 auch im Strafverfahren an, weil dieſelben allge⸗ n meine Rechtsregeln enthalten. Wir verweiſen daher in dieſer Be⸗ i ziehung auf den Civilprozeß Seite 106. Speziell darf hier bemerkt Der werden, daß die Recuſation eines Unterſuchungsrichters (Art. 542 uſſt c. d'instr.) zuläſſig iſt, aber als Ablehnung eines ganzen Gerichts vlun angeſehen wird, über welche der Caſſationshof entſcheidet. 1 de Die Ablehnung eines ganzen Gerichts (Art. 542 bis n u 552 c. d'inst. cr.) kann nur wegen rechtmäßigen Verdachts 6 ſ, oder wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit in allen ſungn Strafſachen, ſie mögen crimineller, zuchtpolizeilicher oder polizeilicher un Natur ſeyn, ſtattfinden. Das Verfahren hiebei iſt ein contradik⸗ . toriſches und der Caſſationshof allein hat über Ablehnungs⸗ vig tlagen zu entſcheiden und die Verweiſung der Sache an einen d ſn andern gleichen Gerichtshof Ge renvoi) zu verordnen. Der rechtmäßige Verdacht iſt vorhanden, wenn aus 1. beſtimmten Thatſachen ſich die Wahrſcheinlichkeit ergibt, daß ein * Gericht bei der Beurtheilung einer ſpeziellen ſtrafbaren Handlung ien nicht die nothwendige und geſetzliche unparteiiſche Stellung behaupten in lu wird. Der Caſſationshof hat die Thatſachen und die Vermuthungen in. zu würdigen. Die Parteien ſo wie die Staatsbehörde können ein iMn Gericht ablehnen und die Verweiſung an ein anderes Gericht be— mn antragen. Kue m Die Ablehnung und Verweiſung aus Gründen der ſ tü öffentlichen Sicherheit entſcheidet ebenfalls der Caſſationshof, aber nur der Juſtizminiſter kann den Antrag auf dieſe Maßregel ſtellen. Als ſolche Gründe können gelten: politiſche Bewegungen, Reibungen, Partei- und Bürgerkämpfe in der Provinz oder in dem Bezirk, in welchem das abzulehnende Gericht ſich befindet oder feind⸗ ven liche Occupation des fraglichen Territoriums. 3 ſiign länhu gin ein ichtn de ui ſſes allze dieſer P hene Art. 50 Gritt 542 bii achts allen jiliher nmit ungs einen mn ans uf in andlun hauptn thungen nen ein icht be n der nshof, ßrege gunhel, in den find⸗ Jurisdiktionsconflikt ꝛc. 81 XII. Rapitel. Jurisdiktionsconflikt und Reglément der Richter. Art. 525 — 541 c. d'instr. cr. Eine Regulirung (reglément) der Gerichtsbarkeit muß im Falle eines poſitiven wie eines negativen Competenzcon⸗ fliktes zweier oder mehrerer Richter oder Gerichte in der Regel durch den Caſſationshof vorgenommen werden außer in folgen⸗ den Fällen, in welchen das Geſetz dieſe Regulirung zu gewieſen hat: I. Der correktionnellen Kammer des Erſtinſtanzgerichtes, wenn der Conflikt zwiſchen zwei Polizeigerichten, welche k* zu ihrem Gerichtsſprengel gehören, beſteht. II. Der correktionnellen Kammer des Appellhofes, wenn a) zwiſchen zwei Polizeigerichten ihres Sprengels der Conflikt ausge⸗ brochen iſt, welche nicht zum Sprengel eines und desſelben Erſtinſtanzgerichts gehören; b) wenn er beſteht zwiſchen zwei Zucht⸗ polizeigerichten oder zwiſchen zwei Unterſuchungsrichtern, welche beide zu dem Sprengel des Appellhofs gehören. Die Regulirung kann von allen Parteien, die bei der Sache betheiligt ſind, beantragt werden, von dem Angeſchuldigten, der Civil⸗ partei, der Staatsbehörde. Das Verfahren findet durch Denk⸗ ſchriften der Parteien und ſchriftliche Berichte der Staatsbe⸗ hörde, nie mündlich ſtatt. Das Erkenntniß, wenn es definitiv entſcheidet, kann mit der Oppoſition angegriffen werden, welche in⸗ nerhalb zehn Tagen durch eine Denkſchrift begründet werden muß. Die Oppoſition ſiſtirt das Verfahren bis zur zweiten Entſcheidung, welche dann nicht mehr angegriffen werden kann. Wenn der An⸗ geſchuldigte unterliegt, ſo kann er außer dem Koſtenerſatze zu einer Geldſtrafe bis zu 300 Franken verurtheilt werden. XIII. Rnpitel. Die Syndikats⸗Klage. Die Syndikatsklage (a prise à partie) iſt eine von dem An⸗ geſchuldigten oder der Civilpartei gegen die Privatperſon eines Richters VI. Strafprozeß. 6 82 Strafprozeß. erhobene Klage, welche die Zuſprechung eines Schadenserſatzes be⸗ wirken ſoll, den der Richter durch ungeſetzliches oder ſtrafbares Ver⸗ fahren herbeigeführt haben ſoll. Sie iſt eine Civilklage, nach den Regeln des Civilprozeſſes zu beurtheilen, wenn ſie auch gewöhnlich die Veranlaſſung zu einem ſtrafrechtlichen Verfahren gegen den Rich⸗ ter gibt, und nur inſoweit hier zu erwähnen, als damit geſagt wer⸗ den ſoll, daß ſie auch gegen den Strafrichter zuläſſig iſt. Wir müſſen daher um ſo mehr auf die betreffende Darſtellung im Civilprozeſſe (Seite 71) verweiſen, als durch den Art. 505 des c. d. p. c. die allgemeinen Rechtsregeln für dieſe Klage aufgeſtellt ſind, der Strafprozeß aber hiefür keine allgemeinen Regeln gibt, ſondern nur in einzelnen Fällen (Art. 77, 112, 164, 271, 370, 593.) die Klage als zuläſſig erklärt. XIV. Rupitel. Die Prozeſſirung öffentlicher Beamten und Richter. Art. 479— 503 c. d'instr. cr. A. Das Verfahren gegen Friedensrichter, Richter oder Beam⸗ ten der Staatsbehörde an Erſtinſtanzgerichten, Richter des Appell⸗ oder des Caſſationshofs, wenn ſie eines Vergehens beſchuldigt ſind, außerhalb ihrer Amtsverrichtungen und nicht in Be⸗ zug auf dieſelben, iſt folgendes: eine eigentliche Vorunterſuchung findet nicht ſtatt; der Generalprokurator am Appellhofe läßt den beſchuldigten Beamten vor die Civilkammer des Appellhofs durch direkte Ladung vorbeſcheiden, welche in letzter Inſtanz ent⸗ ſcheidet. Wenn ein Friedensrichter, ein Richter oder Parketbeamter eines Erſtinſtanzgerichtes eines Verbrechens außerhalb ſeiner Amts⸗ verrichtungen indicirt erſcheint, ſo hat der erſte Präſident am Appellhofe einen Richter als Unterſuchungsrichter, der Generalpro⸗ kurator einen Parketbeamten zu bezeichnen, welcher die Funktionen der gerichtlichen Polizei und der Staatsbehörde zu verſehen hat. In * Um viln ii il in nn ſt inh5 in dn nñ bi ut in nu vihale Pem tn Pol in cu i inw ſun nir u lughn ſu biz di iu Ler n un! in ſiſ; unvlzjt un eiiti lin ibe i Im ein zmr n hudes uhergeh i wr whime 6 41 7 . etſth uhers U. , wh o geihl en dit geg Prniſn Gvihriſ 1. p. c t fid, ondem m 593.) di ichter. der Ben⸗ Mll beſchu htin 5. nterſuhu e lißt d lhefs aut ſtanz mter in uer In iſden en Gmhu jutinn hu 3 Prozeſſirung der Richter ꝛc. 83 der Regel findet die Unterſuchung am Appellhofe unter Leitung der Anklagekammer ſtatt und find die Inſtruktionsbeamten dem Appell⸗ hofe entnommen; doch können auch (namentlich wenn Friedensrich⸗ ter die Angeſchuldigten ſind) die Inſtruktionsbeamten dem Erſtin⸗ ſtanzgericht entnommen werden, dann wird an dieſem, unter Leitung der Rathskammer die Unterſuchung geführt. Wenn ein Richter des Appellhofs oder ein Parketbeamter an demſelben eines ſolchen Verbrechens beanzeigt wird, ſo findet gleichfalls eine Delegation des Unterſuchungsperſonals ſtatt, aber es muß auch zugleich dem Juſtizminiſter Berichterſtattung geſchehen, welcher die Sache an den Caſſationshof überweist, damit dieſer ent⸗ ſcheide, was überhaupt in der Sache weiter zu geſchehen habe, ob eine Verweiſung vor die Anklagekammer oder ſonſt ein Gericht oder die Siſtirung des Verfahrens. Dasſelbe Verfahren findet ſtatt wenn es einen Rath am Caſſationshof betrifft nur darf derſelbe nur vor die Aſſiſen verwieſen werden, die am Sitze eines Appell⸗ hofs abgehalten werden. B. Wenn ein Friedens⸗ oder Polizeirichter, ein Beamter der ge⸗ richtlichen Polizei, ein Parketbeamter oder ein Richter eines Erſt⸗ inſtanz- oder eines Handelsgerichtes eines Vergehens in Aus⸗ übung der Amtsverrichtung und mit Bezug auf dieſelben beſchuldigt wird, ſo findet dasſelbe Verfahren ſtatt, wie wenn er eines Vergehens außer Dienſt bezüchtigt erſcheint und wie es im erſten Satze dieſes Kapitels dargeſtellt iſt. Iſt einer dieſer Beam⸗ ten eines Verbrechens im Dienſte beanzeigt, ſo haben der erſte Präſident am Appellhofe und der Generalprokurator die Vorunter⸗ ſuchung ſelbſt zu führen oder Beamte ihres Bezirks in ihrem Na⸗ men zu delegiren. Nach geſchloſſener Unterſuchung ſtattet der Prä⸗ ſident Bericht an die Anklagekammer des Appellhofs ab, welche allein über die Verſetzung in Anklagezuſtand zu entſcheiden hat. Wenn ein Rath am Caſſationshof oder am Appellhof oder ein Parketbeamter an dieſen Höfen, wenn ein ganzer Appellhof, ein ganzes Handels⸗ oder Erſtinſtanzgericht, ein correktionnelles Gericht eines Vergehens im Dienſte beanzeigt erſcheint, ſo werden alle dieſe direkt vor die Civilkammer eines Appellhofs geladen und in letzter Inſtanz abgeurtheilt; wenn dagegen ein Verbrechen indicirt 6* 84 Strafprozeß. iſt, ſo haben wieder der erſte Präſident und der Generalprokurator die Vorunterſuchung ſelbſt zu führen und nur die Anklagekammer zu entſcheiden. Ein Caſſationsrath kann dann auch nur vor Aſſiſen geſtellt werden, welche am Sitz eines Appellhofs abgehalten werden. XV. Kupitel. Einige beſondere Prozeduren. Unter dieſem Titel hat der code d'instr. einige Prozeduren angegeben, die vom regelmäßigen Verfahren mehr oder minder ab⸗ weichen und aus verſchiedenen Rückſichten eingeführt erſcheinen. Wir geben die hauptſächlichſten derſelben in folgender Weiſe an: I. Wenn die Identität einer Perſon (die verurtheilt und entflohen, deportirt, verbannt oder angeblich getödtet war) hergeſtellt werden ſoll, ſo geſchieht dieſes ohne Zuziehung von Geſchwornen, ohne Vorunterſuchung durch den Gerichtshof, der die Verurtheilung ausgeſprochen hat. Das Verfahren iſt öffentlich und kann nicht in contumaciam ſtattfinden. Wider das Urtheil iſt der Caſſations⸗ rekurs zuläſſig. (Art. 518 — 520 c. d'instr.) II. Wenn während einer Gerichtsſitzung oder einer Amtsverrichtung eines Einzelnrichters Störungen ent⸗ ſtehen, die in Beleidigungen und Gewaltthätigkeiten ausarten, ſo fann jedes Gericht ſofort die Sache inſtruiren und Urtheil fällen, wenn es ſich um Vergehen oder Contraventionen handelt. Wird dagegen ein Verbrechen begangen, ſo hat das Gericht nur die Befugniß, den Schuldigen verhaften zu laſſen, den Thatbeſtand zu conſtatiren und ihn zur weitern Unterſuchung im regelmäßigen Verfahren zu verweiſen. (Art. 504 — 510 c. d'instr.) III. Das Verfahren bei Klagen wegen Fälſchung von Schriftſtücken wird durch die Art. 448 — 464 geregelt, ſo⸗ wohl hinſichtlich der Hauptfälſchungsklage (faux principal) als der Incidentfälſchungsklage (faux incident). Eine Detaillirung desſelben dürfte indeſſen hier nicht geboten noch intereſſant genug erſcheinen. IV. Die Art. 510 — 517 enthalten ſpezielle Vorſchriften über inm nſime „ u6 n ſll m iit ti hu juni wen jit ſu i mn liun. uſlhe ji di d ve ſupſitiot tiß jugen ig un 13. ſII, 1 du hrit ngüt d ahe ſ juin Aui u NW ift njurienn in ün Ge hnn m Jo hu iiid win ginnz vr Ijn len wehn Puhun ninde c inen. Pi theit m heryeell hwomen, theiun un niht ſuien⸗ der in gen e arun, ſ il filn n h heicht u hateim geniſin un igi, d in ſhun iſin in Einige beſondere Prozeduren. 85 die Art und Weiſe, wie zu verfahren iſt, wenn Prinzen und Prin⸗ zeſſinnen kaiſerl. Geblütes, Großwürdenträger des Reiches, und der Großrichter-Juſtizminiſter als Zeugen vernommen werden ſollen. Sie können nie vorgeladen werden oder erſcheinen, wenn nicht zuvor der Kaiſer auf Bittgeſuch die Autoriſation er⸗ theilt hat. V. Die Art. 521 — 524 enthalten die Vorſchrift des Ver⸗ fahrens, wenn Urtheile, Prozeßakten, Urkunden ꝛc. durch Zufall, Unglück, Feuersbrunſt t. zu Grunde gegangen ſind, entwendet oder zerſtört wurden. Wenn Abſchriften exiſtiren, ſo iſt die Sache eine leichtere. Dieſelben werden zu Originalen erhoben. Wenn keine ſolche vorhanden ſind, ſo müſſen die Prozeduren, welche durch ſie conſtatirt wurden, wiederholt werden. XVI. Rupitel. Die Procedur der Militär⸗Tribunale. Das Verfahren vor den Militär⸗Gerichten, ſowie die Compoſition derſelben iſt durch verſchiedene Geſetze theils ältern, theils jüngern Datums ſorgfältig geregelt, namentlich durch die Ge— ſetze vom 13. Brum. V., 18. Vendém. VI., 4. Fructid. V., 17. Vent. VIII., vom 10. März 1818, vom 21. März 1832, vom 30. Juli 1828 . Der Kriegsrath (le conseil de guerre) wird aus 7 Rich⸗ tern gebildet, deren einer als Präſident fungirt *). Beigegeben die⸗ ſem Rathe ſind ein capitaine-rapporteur, Berichterſtatter und öffentlicher Ankläger zugleich und ein capitaine procureur als Be⸗ amter des öffentlichen Miniſteriums. Der c. rapporteur iſt mit den Functionen des Unterſuchungsrichters betraut und wählt ſich hiezu einen Gerichtsſchreiber; für jede Sache hat er ihn immer von Neuem zu ernennen. Auch iſt er zugleich der anklagende Beamte, *) Die Grade der beigezogenen Richter haben ſich jedesmal nach dem Grade des Angeſchuldigten oder Angeklagten zu richten. 86 Strafprozeß. der die Klage begründet und entwickelt, die Execution des Urtheils zu leiten hat und dem Angeſchuldigten einen Vertheidiger von Amts⸗ wegen ernennt, wenn dieſer ſelbſt keinen wählen will. Der c. procureur wacht, wie die Staatsbehörde, über die Handhabung der Geſetze und ſtellt den Strafantrag. Das Gericht tritt zuſammen auf Einberufung des Chefcom⸗ mandanten der betr. Militärdiviſion. Der Militärrichter hat dieſel— ben Rechte und Pflichten, wie ein Civilrichter, und hat wie der Geſchworne nach ſeiner Ueberzeugung abzuſtimmen. Das Verfah⸗ ren richtet ſich nach den Vorſchriften der Procedur vor den bürger⸗ lichen Strafgerichten; nur in Beziehung auf Oeffentlichkeit tritt eine Beſchränkung derſelben inſoweit ein, daß nicht mehr Zuſchauer als die dreifache Zahl der Richter beträgt, zugelaſſen werden. Der Rath tritt nach geſchloſſener Unterſuchung in Berathung; während derſel⸗ ben muß das Auditorium, der Angeſchuldigte und Jedermann ſonſt, außer dem c. procureur von der Sitzung fern gehalten werden. Fünf Stimmen von den ſieben ſind nothwendig, um das Schul⸗ dig zu erklären; drei entlaſtende Stimmen alſo führen ſchon die Freiſprechung herbei. Der Kriegsrath kann weder auf mil— dernde Unſtände erkennen, noch die Strafe herabſetzen, aber den Verurtheilten der Gnade des Monarchen empfehlen. Das Ur⸗ theil wird öffentlich verkündet. Die Urtheile des Kriegsraths können angegriffen werden durch die Rechtsmittel der Caſſation und der Reviſion. Die Caſſation wird auf Ueberweiſung durch den Juſtizminiſter am Caſſationshof in derſelben Weiſe, wie in nicht militäriſchen Sa— chen, behandelt und entſchieden. Sie kann wegen Incompetenz und Gewaltüberſchreitung ergriffen werden. Die Reviſion iſt auf Vernichtung eines Urtheils aus einem der folgenden 5 Gründe gerichtet: 1) wenn der Kriegsrath nicht gehörig componirt war, 2) wenn er in Beziehung auf Perſon oder Materie ſeine Jurisdiction überſchritten hat; 3) wenn er ſich ungeſetzlicher Weiſe für competent erklärt hat; 4) wenn eine geſetzliche Form in der Inſtruction oder in dem Verfahren nicht beobachtet wurde; 5) wenn das Urtheil in der Anwendung der Strafe oder in der Frei⸗ ſprechung nicht den Geſetzen gemäß iſt. Dieſes Rechtsmittel hat in⸗ nl ſwn mh vöm iiitn ni in i oMe pliil un ini un hi Tr um in ih ſuc m di ulile t viſiot u in mnſt ls ſe imllu ihun (löh ulhmven uun ſinn um Gra min⸗u un (830 ſin hn in Ma en u din n iu il M huhun in ui hu vin Du Iuj w du iy lijti n i tzuzuni mu ht viun mi mn in un mn nMéhu inn ſini u u ii tſzu i n 6 nn m 1. 6iln nin iiſh“ wen nnhn miti eini in ſu ni ui Literatur. 87 nerhalb 24 Stunden beim ſogenannten beſtändigen Reviſions⸗ hof angemeldet zu werden. Dieſer (le conseil de révision per- manent) beſteht aus 5 Richtern und einem Gerichtsſchreiber; einer der Richter wird zum rapporteur gewählt. Außerdem iſt noch ein militäriſcher Staatsprocurator beigegeben. Der Chef⸗Commandant beruft ihn zuſammen. Die Reviſion kann ergreifen der Verurtheilte und der c. procureur. Das Verfahren iſt wie beim Kriegsrath. Das Urtheil kann nur das angegriffene Erkenntniß vernichten, nicht aber au fond erkennen; es muß zu dieſem Zwecke die Sache an einen andern Kriegsrath verweiſen, an den der nächſt garniſonirenden Diviſion. Die Tribunale für Seetruppen und Matroſen im Kriegsdien ſt ſind aus 8 Richtern, einem commissaire-rappor- teur und einem Gerichtsſchreiber gebildet. Dieſer Commiſſär ver⸗ ſieht die Functionen des c. rapporteur et c. procureur der Land⸗ truppen. Die Procedur iſt dieſelbe wie beim Kriegsrath. Gegen die Urtheile kann man gleichfalls Caſſation beim Caſſationshof und Reviſion bei einem Reviſionshof, der aber aus 4 Richtern eines Erſtinſtanzgerichtes und einem Beamten der Staatsbehörde zu⸗ ſammengeſetzt wird, einlegen. Literatur. Als die bekannteren Werke, welche den materiellen und formellen Theil des Strafrechtes behandeln, verdienen die von Pigeau (1808), von Berriat⸗Saint Prix (825 und 1837), von Chauveau und Hélie (1835), von Boitard (herausgege⸗ ben von ſeinem Schüler Linage), von Carnot (1824), von Rog⸗ ron und Grattier (1836), von Bourguignon (1835), von Garnier⸗Dubourgneut und Chanvine (1836), von Le Gra⸗ verend (1830), von Laporte (1832), von Rauter (836) mit großer Anerkennung genannt zu werden, ebenſo die ſchon oft alle⸗ girten Repertoires und Wörterbücher von Dalloz, Düranton, 2 88 Schlußwort. Sirey, Merlin, Toulier .; nicht minder Höchſter's Lehrbuch die des franzöſiſchen Strafprozeſſes (1850) und eine ſehr werthvolle Ab⸗ mii handlung „über das deutſche Schöffengericht“ (unter welcher Bezeich⸗ mn n nung der Verfaſſer das Geſchwornengericht verſteht) von Fr. Gottf. in m Leue (1847). gj lin ſi jne hoiön lug Schlußwort. ii lů I wilo Wir haben nun das ganze Gebiet der franzöſiſchen Geſetzgeb⸗ ung mit Ausſchluß allein des Staats⸗ und Verwaltungs⸗Rechtes durchgegangen und überall gezeigt, aus welchen Quellen der Ge⸗ ſetzgeber geſchöpft hat. Unſere Leſer werden ſich überzeugt haben, daß ein großer Theil des trefflichen Civilrechtes dem römiſchen Rechte, ein eben ſo bedeutender dem Gewohnheitsrechte, das heißt, dem germaniſchen Rechte entnommen iſt, daß aber gerade die vorzüglichſten Inſtitute, ſowie die beſten und liberalſten Prinzipien des Civil⸗ und Strafprozeſſes, welche den großen Ruhm der franzöſiſchen Geſetze begründet und ſie zum Muſter für andere Völker erhoben haben, rein germaniſchen Urſprungs ſind, dem deutſchen Volke von uralter Zeit her eigenthümlich waren und angehören. Wir haben alſo keine Urſache der Wieder⸗ einführung dieſer Prinzipien in unſer Vaterland mit einem falſch verſtandenen Nationalſtolze, einem bornirten Mißtrauen entgegen zu treten; wir haben im Gegentheile alle Urſache, und ſind es uns und unſerer Vergangenheit ſchuldig, energiſch und raſch das Erbe der Altvordern, das ein betrübter Gang unſerer Rechtsgeſchichte uns aus den Händen geſpielt hat, in die alte Heimath zurück zu bringen und wieder zur frühern Geltung zu erheben. * Der edle Geiſt einer vernünftigen Freiheit durchweht den ganzen germaniſchen Theil dieſer Geſetzgebung und ſpendet un⸗ aufhörliche Wohlthaten ſeinen Schutzbefohlenen. Sollten wir ohne Verlangen und gleichgiltig zuſehen, wie der Romane ſich glücklich fühlt in dem Beſitze deſſen, was einſtmalen uns gehörte?! ſlSn 7 ole bi ſht⸗ ſehts r Gl⸗ haben, ſhen hei die lſen ße füt unhs ini icen iſ en z Gre us ſgen weht tm ohn ici Schlußwort. 89 Die Macht aber dieſes Geiſtes wird ſich in Bälde auf's Neue unwiderſtehlich offenbaren und die franzöſiſche Nation den Rückweg finden laſſen von einem Syſteme, das ihrer und des ganzen civili— ſirten und ehrenhaften Europa's unwürdig iſt; denn ein ſo großes Maß bürgerlicher Freiheit kann ſich auf die Länge nicht vertragen mit jener völligen politiſchen Rechtloſigkeit, die ein ausgeprägter Despotismus über die ſchwer heimgeſuchte Nation verhängt hat. Allzugewaltige Gegenſätze, die ſich nach dem Geſetze der Nothwen⸗ digkeit bis zum Siege des Einen, zum Untergange des Andern ruhe⸗ und raſtlos bekämpfen müſſen! München, Druck von C. R. Schurich. VI. Strafprozeß. — Jnhalt. Seite Einſeitung . 3 Kapitel J. Spezial und Ausnahmsgerichte der neuern Zeit. Politiſche Gerichtshöfe . 6 Kapitel I. Grundlagen und Prinzipien de rggzöſifhzn Strafprozeſſes. . . 12 Kapitel III. Die öffentliche und die gittnge 14 Kapitel IW. Die Vorunterſuchung 17 Kapitel V. Das Hauptverfahren. Die ordentlichen Straf⸗ gerichte. Ihre S Beweismittel. Ur⸗ theile . Kapitel VI. Das Verfahren vor den vuutr. Zuchtpolizei⸗ und Appellationsgerichten . 38 Kapitel VII. Die Aſſiſenhöfe. Das Verfahren vor 6. gerichten . 49 Kapitel VIII. Das Contumacial⸗ in ſachen Kapttel X Dite Fiffrti Das Bpfehten vor dem Caſſa Kapitel X. Die Reviſion 78 Kapitel XI. Die Recuſation der Richter. Die Verweiſung an ein anderes Gericht 80 Kapitel XII. Jurisdictionsconflict und behirit be Ricter 8 Kapitel XIII. Die Syndicatsklage. 81 Kapitel XIV. Die Prozeſſirung Snen n Richter 2 5 5 82 Kapitel XV. Einige 84 Kapitel XVI. Die Procedur der Militärtribunale. 85 Literatur 87 Schlußwort . 88 Berichtigungen. Außer den am Ende des Heftes l. angegebenen errata bitten wir noch zu leſen: 42 Zeile 13 von 15 von Heft I. Seite Seite Seite Seite Heft II. Heft III. Seite 43 Zeile Zeile 67 Zeile 78 Zeile 63 Zeile 101 Zeile 138 Zeile 123 Zetle 11 2 13 15 5 5 von von von von von von von oben prorogirt ſt. provogirt. unten Reféré ſt. Reſerve. oben grano ſt. gremio. oben Dotalrechte ſt. Detailrechte. unten Chaix-d'Est-Ange ſt. Chain etc. oben coutüme ſt. contume. oben héritier ſt. héretier. unten protimiseos ſt. protimiteos. oben décheance ſt. deheance. 2 3 * 8 Alphabetiſches general⸗Sachregiſter. Uuuſſie teſſo Uhiſie Ujmct, lijunet Kniniſ 6 Mniniß lytien lwucah luorute lunn, lut, ſ Alphabetiſches general⸗Sachregiſter. Die römiſche Zahl bezeichnet die Abtheilung, als I. Gerichtsverfaſ⸗ ſung, II. Civilrecht, III. Civilprozeß, IV. Handelsrecht, V. Krimi⸗ nalrecht, VI. Kriminalprozeß; A. Abandonniren, IV. 40 — 44. Abſchied, Schiffspaß, IV. 35. Abſchrift, einer Urkunde, III. 31. Abſtand, vom Streite, III. 96. Abtretung, des Vermögens, ſ. cessio. Abweſende, Abweſenheit II. 30. Abweſende, im Civilprozeß, III. 53. 5 im Strafprozeß, VI. 71. Acceſſion, (Zuwachs) II. 85. Acceſſorium, II. 79. Adhäſtons⸗Prozeß, VI. 16. Adjunet, I. 35 V. 19. 36. Adjunctio, II. 86. Adminiſtrative Organiſation u. Competenz, l. 25. Adminiſtrative, Beamten, I. 26. deren Verfolgung, 34. Juſtiz, I. 26. 7 Adoption, II. 53. Advocatur, I. 72. Advocatenkammer, l. 78. Agenten, beim Falliment, IV. 54. an den Börſen, IV. 16. 7/ Agnat, ſ. Anverwandte. die arabiſche die Seitenzahl. Alimentationspflicht, II. 47. 61. Alluvion, Alluvionsrecht, II. 85. Alteriren, ſ. Fälſchung. Amende, Geldſtrafe, Buße, V. 19— 21. Amirauté, VI. 79. Amneſtie, V. 25. Amt, Verkäuflichkeit, I. 11. 17. 70. 72. 82. Anerkennung, natürl. Kinder, II. 46. eines Urtheils, III. 94. „ Aet derſelben, II. 23. Ankinden, ſ. Adoption. Anklage, ſ. öffentl. Klage. Anklage⸗Schrift⸗Act. VI. 32. Anklage⸗Kammer, VI. 29. Anklage⸗Prozeß, VI. 12. Anonyme Geſellſchaft, ſ. Geſellſchaft. Anſtalten, öffentliche, ſ. juriſtiſche Perſon. Anſuchen, ehrerbietige zur Ehe, II. 39. Antichretiſcher Vertrag, lI. 156. Anverwandte, Grade, II. 103. Anwaltſchaft, I. 72. Anwälte, Kammer derſelben, I. 75. Appell comme d'abus, I. 51. Appellation, Berufung, III. 65. VI. 41. 45. 1* 7 71 7 Appellationsgerichte, I. 46. Verfahren vor demſelben in Civilſachen, III. 104. inStrafſachen, v. Armenrecht, l. 79. Arreſt, perſönlicher, II. 153. 3 III. 144. — S auf Gelder, Gehälter c. III., 116. Arreſthäuſer, VI. 26. Arrha, Draufgeld, Il. 137. Aſcendenten, II. 103. Aſſecuranzen, II. 148. IV. 42. Aſſiſen, VI. 49. ordentliche, außerord., VI. 49. Aſſiſenhof, VI. 50. 1½ Aſſiſen-Präſident, discret. Gewalt Vl. 51. Aufbewahrungsvertrag, ll. 146. Aufenthaltsort, ll. 28. Aufgebot, zur Ehe, lI. 40. Auflauern, V. 54. 3 Augenſchein, VI. 23. 37. Ausgewanderte, Emigrirte, II. 14— 18. Auslegung, der Geſetze, II. 6. 7. 8. 3 der Verträge, II. 129. Ausmärker, lII. 120. Ausnahms⸗Gerichte, ſ. Gerichte. Ausſetzung, von Kindern, V. 60. Autonomie, der Gemeinden, V. 80. Autoriſation, eheliche, II. 42. Aval, Rückbürgſchaft, IV. 27. Avarie, Haverei, IV. 45. Avous, ſ. Anwalt. B. Baden, Großherzogthum, I. 23. Bagno, (bagne) V. 16. Baillif, Bailliage, 1. 12. Banden, von Uebelthätern, V. 51. Bandenführer, V. 39. 51. Banditenmord, V. 54. Banissement, Landesverweiſung, V. 18. Bankerott, einfacher, IV. 61. V. 66. betrügeriſcher, IV. 62. V. 66. Banknoten, Fälſchung derſelben, V. 42. Barraterie, beim Seerecht, IV. 43. Barreau, der Advokaten, I. 80. Baſtardenrecht, II. 47. Batonniér, der Advokaten, I. 79. Baudienſtbarkeit, II. 95. Baupolizeigeſetze, V. 6. Bauprivilegien, II. 160. Beamte, Pflichtverletzung derſelben, V. 41 — 44. Prozeſſirung derſelben, VI. 82. Beleidigung derſelben, V. 48. Bedrohung derſelben, ibid. Mißhandlung derſ. ibid. adminiſtrative, I. 26. Juſtiz⸗ I. 33. gerichtl. polizeiliche, VI. 19. 3 Arreſt ihrer Gehälter, III. 116. Bedingung, Arten derſelben, II. 119. Bedrohung, V. 56. Beerdigung, illegale, V. 61. Begnadigung, Gnade, V. 25. Beiſtand, II. 73. 74. Bekenntniß, ſ. Geſtändniß. Beneficium inventarii, II. 107. Betrug, Prellerei, V. 66. Berufung, ſ. Appellation. Beſchlag, ſ. Arreſt und saisie. Beſitz, II. 171. Beſitzſtörungs⸗Klage,JI. 171. III. 48. Beſtechung, von Beamten, V. 45. „ von Zeugen, V. 61. Bettelei, Bettler, V. 51. Bevollmächtigungsvertrag, ll. 150. Beweis, Beweismittel, II. 126. „ im Civilprozeß, III. 25. ben Brſa bezie hihar hilan hillet Hlant lanle 6 Flolad Jtone grſe, honor Forden Frandn Zundſ znutſt hrels e Irtet, tigant hitgerl hirerli bitgerli hirſihn lulender, luumnit liymi, ſtyitin, liſition liſſttion lulitn, linlin, leſſien,! lezio be N. 6 ſehun, en . ſ. 6. ihit il l. 19. II. 119. 107. 148. 150. Beweis, im Strafprozeß, VI. 37. 5 in Handelsſachen, IV. 21. Bezahlung, II. 121. „ einer Nichtſchuld, II. 130. Beziehung, von Früchten, II. 99. Bigamie, Doppelehe, V. 57. Bilanz, IV. 55. Billet à ordre, IV. 23. 28. Blame, alte Ehrenſtrafe, V. 19. Blankett, Mißbrauch eines ſolchen, V. 66. Blokade, im Seekrieg, IV. 31. Bodmerei, IV. 41. Börſe, IV. 16. Bonorum cessio, ſ. cessio. Bordereau, II. 163. Brandmarkung, V. 19. Brandſtiftung, V. 72. Brautſchatz, dos, II. 136. Brefs, auch brevets und brieux, IV. 35. Brevet, d'invention, II. 83. III. 60. Brigantine, IV. 31. Bürgerliches Recht, l. 10. 18. II. 3. Bürgerlicher Tod. ll. 14. V. 17. Bürgerliche Rechte, II. 9. * Standesbücher, 1I. 22. Degradation, II. 13. V. 18. Bürgſchaft, Caution, II. 151. III. 111. VI 26 Einrede derſelben, III. 51. E. Calender, Kalender, 1. 100. Calumnie, Verläumdung, V. 62. Caperei, Kaperei, IV. 30. 74. Capitän, eines Schiffes, IV. 31. Caſſation, III. 74. VI. 72. Caſſations hof, l. 56. III. 106. VI. 72. Caution, ſ. Bürgſchaft. Carolina, Strafgeſetzbuch, V. 12. Ceſſion, Abtretung, II. 140. Cessio bonorum, 1I. 122. III. 113. IV. 60. Certapartte, IV. 34. Certificat, Fälſchung, V. 43. Civilrecht, ſ. bürgerl. Recht. Civilprozeß, l. 10. 21. III. 3. Civilrechte, II. 9. Civilſtand, II. 10. Unterdrückung desſ., V. 10. Beamte desſ., II. 22. V. 46. „ Urkunden desſ., II. 22. Civilverantwortlichkeit, lI. 131. V 35 Code Napoleon, I. 20. Il. 3. de procedure civile, I. 21. II. 3. de commerce, I. 21. W. 3. pénal, I. 21. V. 3. d'instruction crimi- nelle, I. 21. VI. 3. Cognaten, (Spillmagen), II. 103. Collateral⸗Verwandte, II. 103. Collation, in die Erbmaſſe, II. 107. Commissaires-priseurs, I. 84. Commiſſionen, I. 9. 13. VI. 3. Commiſſionär, 1V. 19. Commiſſoriſcher Vertrag, len commiss., Il. 138. Commixtio, II. 86. Commodat, (Leihvertrag), II. 144. Compenſation, II. 123. Competenz, I. 28. III. 56. VI. 35. Competenz⸗Conflict, I. 29. III. 99 81 Competenz⸗Conflict⸗Hof, l. 30. Complizität, V. 27. Complott, V. 29. Compoſition, germaniſche, V. 21. Compulſorium, llI. 121. Concordat, der Gläubiger, IV. 57. Concurs, ſ. Gant und Falliment. Condictio indebiti, II. 120. Confiscation, lI. 89. V. 19. 77. Conlusio, Il. 86. 123. Confraternität, ll. 116. Confrontation, VI. 24. Congés, Schiffspäſſe, IV. 35. Connerität, lII. 99. Connoſſement, IV. 34. Conseil de guerre, vl. 85. 5 des parties, I. 57. 5 duroi, 6rand conseil, I. 57. Conseiller-Auditeur, I. 47. Contract, ſ. Vertrag. Contravention, V. 10. 78. Contrebande, im Seerecht, IV. 31. 77. Contumazial⸗Verfahren, vl. 71. 5 Urtheile, H. 53. 38. 72. ntieFe Gemeinheiten, 1I. 10 123 Correctionnell⸗ Gerichte, ſ. Ge⸗ richte. 5 Strafen, ſ. Strafen. Corſaren, IV. 31. 74. Cvutümes, l. 10. II. 6. 100. 133. 158. Criminal⸗Recht, ſ. Strafrecht. . Gerichte, ſ. Gerichte. 6 Strafen, ſ. Strafen. Curator, Curatel, II. 70. 73. 74. D. Damnificant, VI. 15. Damnificat, VI. 15. Darbietung der Zahlung, II. 121. III. 442. Darlehensvertrag, lI. 144. Datum, ſicherer, l. 98. Debatte, III. 86. VI. 44. Defaut, Defaut-Urtheil, ſ. Contuma— cialurtheil. Degradation civique, V. 18. Delaissement „ IV. 44. Delegation, II. 122. Delict 10. „ Klagen aus demſelben, II. 129. Denunciatton, falſche, V. 62, Denunciation, amtliche, VI. 21. 69. Denunciant, VI. 68. Deportation, V. 16. Depoſitum, einfaches, II. 146. miserabile, II. 147. Desaveu, III. 97. Deſcendenten, II. 101. Destinatio patris familias, II. 96. Detention, 17. Diebſtahl, V. 63. Dienſtleute, lI. 132. Dienſtvertrag, lI. 141. Dienſtbarkeit, II. 92. 5. perſönliche, II. 89. dingliche, II. 92. Bau⸗urbanae, II. 95. Feld⸗praedial. II. 95. „ „ continuirliche, II. 95. „ ſichtbare, II. 96. Dusuffinn Recht der, II. 151. Dispenſation, kaiſerliche, II. 38. Diſtrictsgericht, ſ. Gericht. Distributton, II. 119. Domaine, ſ. Staatsgut. Domizil, II. 28. Donation, 1l. 108. Dotalgut, Il. 136. Dotalrecht, ll. 133. 136. Dramatiſche Werke, Schutz derſ., . Draufgeld, lI. 137. Droit d'aubaine, II. 12. „ 0e bätardiss; H. 27. Droils, de greffe, II. 44. „ de timbre, III. 45. Druck, Vergehen durch denſelben, V. 41. E. Ehe, 1l. 33. Ehebruch, II. 43. V. 57. Ehegatten, lI. 41. Ehehinderniſſe, II. 37. bbi 6her 1 heſ⸗ ßhevtt eel hr S öiu irſ id, Be lizent liginb lizent tuſin ßimtdet imtiſ tuſper iuſnt limilli N. lterlicht bnunjiy knkarze tupitte fuphyteb hmimn hgliſtet huirßeru bufihnn Fununnn hunihmn e 1 1 in rjulze tih iunit,1 iirthuun hünmte,1 iuſhft, — — 195 195. 1 5 Eheliche Gütergemein ſchaft, I. 134. Eherecht, bezügl. des Vermögens, II. 133 Eheſcheidung, lI. 43. Eheverlöbniß, lI. 41. Ehevertrag, lI. 133. Ehre, Ehrenſtrafe, V. 18. 20. Ehrloſigkeit, l. 14. V. 24. Eid, Begriff, Arten, III. 41. Eigenthum, Begriff, Arten, II. 83. Eigenthumsrechte, ibid. Eigenthumsabtretung, unfreiwil⸗ lige, I. 84. Einkindſchaft, deutſches Recht, Il. 54. Einreden, Begriff, Arten, lII. 49 Einregiſtrirung, l. 97. Einſperrung, V. 17. Einſpruch, ſ. Oppoſition. Einwilligung, der Contrahenten, Il. 128. Elterliche Gewalt, lI. 57. Emanzipation, Minderjährige, lI. 62. der Juden, li. 175. Embargo, IV. 39. 76 Emigrirte, ll. 14. 17. 18. Emphyteoſe, II. 90. Empörung, Rebellion, V. 47. Engliſcher Friedensrichter, 1. 38. Entäußerung, ſ. Erpropriation. Entführung, Minderjähriger, V. 58. Entmannung, V. 55. Entwährungsklage, II. 139. Entweichung, Gefangener, V. 49. Erbe, lI. 102. Erbfähigkeit, II. 102. Erbfolge, ll. 100. Erbpacht, lI. 90. Erbrecht, ll. 100. Erbrechnung von Siegeln .V50. Erbrente, ll. 145. Erbſchaft, Annahme, Verzicht, I1 106. Delation, lI. ibid. 77 „ — — — * — Erbſchaft, Theilung, II. 107. 3 — . Transmiſſion, II. 105. 2 Erbtheilung, ll. 116. Erbunwürdigkeit, U. ibid. Erbverbrüderung, lI. 116. Erfüllungseid, II. 41. Ergänzungsrichter, ſ. Richter. Erlaß, einer Verbindlichkeit, II. 122. Erpreſſung, V. 44. Erſcheinungsbefehl, VI. 25. Erſitzung, usucapio, II. 169. Erſtinſtanz gerichte, ſ. Gerichte. Errungenſchaft, ſ. Eherecht. Erwerbliche Güter, ll. 79. Erwerbungs⸗Art, II. 81. Verträge, ll. 128. Erceptionelle Gerichte, ſ. Gerichte Excös de pouvoir, ſ. Competenz und Caſſation. Excuses legales, V. 32. Erecution, ſ. Vollzug, Vollſtreckung. Erpropriation, Il. 84. Ertorſion, V. 63. Eventualmarime, III. 51. Evictionsklage, l. 139. F. Fabrikanten, Fabrikarbeiter, IV. 64. Fabrikgerichte, IV. ibid. Fallbeil, Guillotine, V. 14. Falliment, Zahlungseinſtellung, IV. 53. Falſchmünzerei, V. 42. Fälſchung, von Münzen, ibid. „ von Staatspapieren, ibid. von Bankzetteln, ibid. öffentlicher Urkunden, V. 43. Privat⸗Urkunden, ibid. von Certifikaten, ibid. von Reiſepäſſen, ibid. von Getränken, V. 65. 70. 5 von Waaren, V. 70. Falſche 61. VI. 62. 78. — — — * Familienrath, II. 69. Fauſtpfand, II. 156. Feldpolizeigeſetze, II. 93. V. 6. Ferien, Gerichts⸗, I. 45. Feudale Laſten, I. 16. II. 88. 90. Fideicommiß, II. 101. 109. Fiſchereigeſetze, II. 99. V. 6. Fluß, Schiffahrt, Polizei c. II 93. V. 6. Folle-enchere, III. 121. Folter, V. 20. Forgat, V. 16. Forfaiture, Dienſtesverbrechen, I. 27. V. 44. Formalismus, III. 26. Forſtgeſetze, V. 6. Fracht, Frachtbrief, IV. 19. 39. Wukekettäns des Aſſiſenpräſidenten . 64 Franciſation, IV. 33. Franzöſiſcher Adel, I. 16. II. 14. IV.9. Frauen, Autoriſation derſelben II. 42. Frauen, Handels⸗, IV. 10. 15. 58. Freiheit, ſtaatsbürgerliche, Beeinträch⸗ tigung V. 41. Freiheit, perſönl., Verletzung, V. 59. 69. Freilaſſung, gegen Caution, VI. 26. Freiſprechung, VI. 40. 68. Fremdenrecht, II. 12. Friedensgerichte, I.35. III. 76. VI.38. Friedensrichter, engliſcher, I. 38. Frohnen, I. 16. II. 88. 90. Fromme Stiftungen, ſ. Juriſtiſche Perſon. Fuhrmann, IV. 20. Fuhrwerk, öffentliches, IV. 21. Functionär, ſ. Beamter. G. Galeere, V. 16. Gallicaniſche i . 5. Gant, II. 168. III. 118. IV. 59. Garantie, II. 139. Garantie, formelle, einfache, III. 51. Gaunerei, V. 67. Gebrauch, usus, Recht desſelben, U. 89. Geburtsacte, II. 22. Gefangenhalten, illegales, V. 59. Gefangener, Entweichung, V. 49. Gefängniſſe, V. 17. 20. VI. 25. Gegenforderung ſ. Compenſation. GeheimesVerfahren, III. 12. VI. 17. Geiſtliche, I. 12. 51. II. 17. 110. IV. 9. V. 46. . Geiſtliche Gerichte ſ. Gerichte. Geheimniſſe, illeg. Entdeckung V. 62. 71. Gehilfe, Complige, V. 28. Geldſtrafen, V. 21. Geleite, Geleitsbrief, II. 156. III. 115. Gemeinde, I. 26. II. 10. 80. 110. IHI. 123. V. 80. Gemeinheit, ſ. Juriſtiſche Perſon. 66ne, eine Art Haft, V. 17. Generalſtaats⸗Procurator, ſiehe Staatsbehörde. Gensdarmerie, VI. 19. Gerichte, Organiſation, I. 17. 33. 5 ordentliche, I. 33. erceptionelle, I. 35. VI. 6. „ Spezial⸗, VI. 6. geiſtliche, I. 13. 5 feudale, I. 12. * politiſche, VI. 7 8 militäriſche, VI. 85. „ Se 87 des angien regime, I. 12. 5 „Priſen⸗, IV. 79. Friedens⸗, I. 35. III. 76. Handels⸗, I. 52. IV. 67. „ Fabrik⸗, I. 52. IV. 64. * Diſtrikts⸗, Bezirks⸗, oder. Erſtinſtanz⸗, I. 39. III. 87. 5 Appellations⸗, I. 46. * Caſſations⸗, I. 56. . Polizei⸗, I. 35. VI. 34. „ Zuchtpolizei⸗, I. 41. VI. 34. gnit bnit hritt heritht betiit ſ14 hnittl hrrittt ßnitt 10. hemini I N hſunnt hiſntiſt hiſtvor biſllſt .1I. hiſellſtz hijtze, u 5 nÿn i hiſtze, Qn „ F hiimi, bſntheit binihehen hhihrltifn bnalt, iun bnuln dr hniliberſt hunneſteit bniſt,1 10 ſuhihitt hinnztne ungſ. litziton lithul, ſuh, f. 3 V. 59 .4 1 ſun. 7 10 k. I. 115 10 ſihe . Gerichte, Criminal⸗, VI. 49. „ Präſidenten, I. 43. 48. VI.50. Ferien, I. 45. Gerichtsbarkeit, I. 34. III. 56. Gerichtsſtand, III. 61. VI. 35. 36. Gerichtskoſten, II. 160. III. 42. Gerichts⸗Polizei, III. 76. 87. VI. 43. 58. Gerichtliche Polizei, VI. 19. Gerichtsſchreiber, I. 69. Gerichts⸗Vollzieher, Gerichtsbote, I. 81. Germaniſches Recht, I. 10. II. 101. III. 26. Geſammteigenthum, II. 101. Geſandtſchaftsrecht, VI. 35. Geſchwornengericht, Jury, I. VI. 53. Geſellſchafts⸗Vertrag, II. 142. 1 Geſellſchaften, Handels⸗, IV. 11. Geſetze, neuere, Geſchichte, I. 16. 5 Publikation, II. 7. „ Geiſt derſelben, ſ. Einleitung zu jeder Abtheilung. Geſetze, Derogation, II. 8. Priorität, II. 6. Geſtändniß, III. 39. VI. 37. Geſundheitspolizei, ſ. Polizei. Getreidehandel, illegaler, V. 70. Gewährleiſtung, ſ. Garantie. Gewalt, elterliche, II. 57. Gewalten, Trennung der, I. 17. 25. 33. Gewaltüberſchreitung ſ. excés. Gewerbefreiheit, I. . Gewicht, I. 102. Gewohnheitsrecht, I. 10. II. 3. Gezwungene Eigenthums⸗Ab⸗ tretung, ſ. Expropriation. Giro, ſ. Wechſel. Gleichheit vor dem Geſetze, II. 9. Glücksſpiele, II. 148. Gnade, V. 25. Gränzverrückung, V. 65. Greffier, Greffe, ſ. Gerichtsſchretber. Groſſe, II. 31. Großrichter, ſ. Juſtizminiſter. Grund⸗Dienſtbarkeiten, II. 92. Grundeigenthum, lI. 93. Grundzinſen, Gülten, II. 88. 145. Güter, Eintheilung, II. 76. Gütergemeinſchaft, II. 133. IV. 15. 55 Guillotine, V. 14. H. Haft, körperliche, ſ. Arreſt. Handel, See⸗, IV. 30. I. 55. S Continental⸗, IV. 9. I. 55. 3 illegaler, V. 69. Handelsleute, IV. 9. ihre Bücher, IV. 10. S Ehefrauen, IV. 15.58. 3 Vermögens⸗Verhält⸗ niſſe, IV. 15. „ Ehe⸗Verträge, W. 15. Fallimente, IV. 52. „ Gerichte, I. 52. IV. 64. „ Geſellſchaften, „ Recht, IV. 3. Hauptſache, principale, II. 79. Hauptverfahren, ſtrafrechtl., VI. 33. Hausbücher, Beweismittel, II. 51. H 3 Hausdiebſtahl, V. 63. Haverei, Avarie, IV. 45. Hazardſpiele, II. 148. V. 67. 79. Hehler, Hehlerei, V. 28. 29. Heimathsrecht, ſ. Indigenat. Heimfallsrecht, ſ. Fremdenrecht. Heirath, ſ. Ehe. Heirathsvertrag, ſ. Ehevertrag. Herrenloſe Güter, II. 79. Hinterlegung der Zahlung, II. 121. 1 Hinterlegungsvertrag, lI. 146. Hochverrath, V. 38. Homologation, III. 54. Hugenotten, Nachkommen, II. 11. Huiſſiér, ſ. Gerichtsvollzieher. Hypotheke, II. 161. geſetzliche, gerichtl., II. 161. „ conventionale, 1I. 161. „ Inſcription derſ., II. 162. . Rang derſ., II. 163. 8 Radiation derſ., II. 166. Reduction derſ., II. 166. Hypothekenamt, I. 95. II. 157. Hypothekenbewahrer, ibid. Hypothekenrecht, 96 l. 157. Jagd, II. 99. V. 6. Jagdgeſetze, V. 6. Jahr, Rechnung, I. 99. Jahr, republikaniſches, I. 100. Identität einer Perſon, Ignorantia facti, II. 7. 128. Immobil, I. 76. Immobiliarbeſchlag, II. 168. III. 118 Immobiliarklage, II. 76. III. 47. Immobiliarrechte, II. 76. — Immobilien, Zerſtörung von, V. 72. Incidentprozeß, II. 91. JRi Indoſſament eines Wechſels, IV. 25. Induſtrieller Schutz, V. 69. Inhabung eines Rechts, ſ. Beſitz. Inſcription, Hypotheken der, II. 163. „ Privilegien, II. 161. Inſtanz, Peremption, III. 95. 5 Repriſe, III. 93. „ Interruption, III. 93. Inſtanzenzug, I. 17. Inteſtaterbe, II. 108. Inteſtaterbfolge, Il. 100. VI. 79. 84. Ignorantia legis oder juris, II. 7. 10 Interdietton, H. 73. 5 ſtrafrechtl., Interdieirte H. 79. Interpretation der Verträge, II. 129. Interpoſées, Perſonen, II. 111. Interruption der Verjährung, II. 171 Intervention, II. 91. IV. 27 Inventar, Erbverzeichniß, II. 107. IV. 56. „ Wohlthat desſ., Judendeeret, II. 175. Juriſtiſche Perſonen, Gemeinheiten, II. 10. 110. III. 123. Jurisdiction, ordentliche, II. 35. außerordentl., contentiöſe, I. 34. freiwillige, I. 34. 99. VI. 81 39 civile, III. 56. criminelle, VI. 36. Jury, Geſchwornngtiicht V531 Anklage⸗, VI. 53. Bildung der, VI. 54. Geſchichte der, Iusties de 5 Juſtizhäuſer, V. 26. Juſtizverweigerung, III. 72. K. Kalender,republikaniſcher, II. 100. Kanoniſches Recht, ſ. Kirchenrecht. Kaperei, Kaperbrief, IV. 30. 74. Kaſſation, ſ. Caſſation. Kaufleute, ſ. Handelsleute. Kaufverir 137 Kerbhölzer, II. 126. III. 32. Kinder, Arten derſelben, II. 46. 8 Pflege⸗, II. 56. 3 Erbfolge der, II. 103. 105. „ Adoptiv⸗, II. 53. II. 107. P3 adminiſtrative, I. 27. Conflict, I. 28. III.“ der Bürgermeiſter, VI. I. 17. VI. 53. iner ſinte himiut füſſte ſinnt hirhen irhen Kugn1 * ßi 7 in linn bů ifn Anſln, b ieerle ſſſinen hn ſ 6. luzibet, higtzefunt igirth, luut, I lie bi uhehtwei ſihere uinitent mjißigle in hun1 iintiun iufnt, ) umt, 1 1 nuftzen unmg I. innn iſ iin ſ. fl. inſtuft, zu i i Imn li ijliceh in ufm 1] 1 100. 105. — Kinder, Rechte u. Pflichten der II. 59. 60. Kindsabtreibung, V. 55. Kindsausſetzung, V. 60. Kindſchaft, II. 46. Kindsmord, V. 54. Kirchenrecht, II. 23. Kirchenraub, V. 65. Klagen, Arten derſ., III. 47. Civil⸗, Criminal⸗, VI. 14. 32. Standes⸗, II. 51. 78. „ öffentliche, VI. 14. Kläger, Civil⸗, VI. 16. öffentlicher, VI. 14. V. 15. Klauſeln, bei Verträgen, II. 120. 129. Körperverletzung, V. 55. Konoſſament, Koſten, ſ. Gerichts⸗ u. Prozeßkoſten. Kriegsbeute, II. 99. Kriegsgefangene, V. 49. Kriegsrath, Kriegsgericht, VI. 85. Krongut, II. 80. Künſte, Schutz derſ., V. 69. S Landesverweiſung, ſ banissement. Landesſicherheit, Verrath der, V. 38. Landſtreicherei, V. 51. Lebensfähigkeit, II. 102. Legat, Legatat, H. 172. Legitimation der Kinder, II. 47. 51. Leibesfrucht, Pfleger der, II. 71. Leibrente, II. 149. Leibverhaftsordonnanz, VI. 29. Leihvertrag, II. 144. Lieferanten, öffentliche, Verbrechen ſolcher, V. 71. Liegenſchaft, gleich Immobil. Linie, der Verwandten, II. 103. Litde justice (angien regime), I. 15. Literatur der franz. Gerichtsverfufſung, I 24. 33. 45. III. 26. Verjährung derſ., II. 169. V. 26. Conoſſement, IV. 34. 14 Literatur d. Civilrechts, II. 74.97. 174. d. Civilprozeſſes, III. 6. d. Handelsrechts, IV. 8. d. Strafrechts, VI. 87. d. Straſprozeſſes, VI. 87. 3 d. adminiſtrativen Organi⸗ ſation, I. 32. Litispendenz, III. 49. 99. Locatio, II. 144. Löſegeld der Matroſen, IV. 38. der Schiffe, IV. 78. Löwenvertrag, soc. leonina, II.8, 143. Lotterie, Lottoſpiel, V. 67. Maaß, franz. neues u. altes, I. 99. Majeſtätsverbrechen, V. 39. Majorat, II. 108. Mandat, ſ. Vollmacht. Manifeſt, IV. 35 Manufacturen, Schutz, V. 69. Matroſen, IV. 37. Meineid 61 Miethe, II 141 IW 39. Milderungsgründe, V. 34. 8. Militäre, II. 36. 178. VI. 85. Militär⸗Tribunale, VI. 85. Minderjährigkeit, I. 65. Miniſter der Juſtiz, I. 59. VI. 79. 85. des Innern, I. 31. S Miniſterium, öffentliches, K 62 Miniſterielle Beamten, I. 68. Mitbürge, I. 151. Miteigenthum, II. 87. Miterbe, II. 105. Mitvormund, II. 65. Mißbilligungsklage, III. 97. Mißbrauch des Zutrauens, V. 63. Mobil, 1I. 77. Mobiliarrechte, II. 77. Mobilien, II. 77. Mobilien, Zerſtörung von, V. 73. Modus acquirendi, Erwerbsart, II. 81. — — X * 6 E — L Mord, Gift⸗, Eltern⸗, der⸗Mord, V. 54. Meuchel, Kin⸗ Mundtodterklärung, ſ. Interdie⸗ tion. Mündel, ſ. Vormundſchaft. Mündlichkeit, im Verfahren, 1. 17. R. 15 V 3 Münze, 1. 101. Muſterrolle, IV. 34. Mutterſchaft, Maternität, 1I. 47. Mutuum, II. 144. N. Nachdruck, V. 70. Naturaliſation, . Negotiorum gestio. II. 130. Nichtigkeit, II. 124. II. 11. 5 III. 122. Nichtigkeitsklage, II. 124. Nichtſchuld, ll. 130. Nießbrauch, ll. 90. Nolis, Schiffsmiethe, IV. 40. Notariat, Notäre, I. 85. Nothwehr, V. 32. Nothzucht, V. 57. Notoriſch, ſ. Offenkundig. Notorietät, ſ. Offenkundigkeit. Notorietätsact, I. 27. Novation, ll. 122. Nullität, ſ. Nichtigkeit. Nutzeigenthum, ll. 88. Nutznießung, II. 61. 90. Nutzungsrecht, ll. 91. O. Obereigenthum, Il. 88. Obervormundſchaft, II. 63. Obligationenrecht, II. 117. Occularinſpection, VI. 23. 27. Occupation, II. 99. Oeffentliche Klage, VI. 14. 77 Sittenverletzung, V. 57. 12 — Oeffentlicher Ankläger, l. 64. VI. 14. Verkauf, II. 137. Miniſterium, ſ. * Oeffentliches Staatsbehörde. Heffentlichkeit im Civilverfahren, M. 12. im Strafverfahren, Vl. 13 Beſchränkung der, III. 14. VI. 13. der Handelsgerichte, I. 52. W. 68. Offre réel, II. 121. III. 112. Oppoſition, gg. ein Civilurtheil, III. 64. gg. ein Strafurtheil, VI. 41. gg. einen Rathskammer⸗ beſchluß, VI. 31. gg. die Erecution, III. 64. gg. eine Heirath, II. 41. d'execution, III. 65. dritter, tiérce, III. 66. Ordentliche Rechtsmittel, ſ. Rechts⸗ mittel. „ Aſſiſe, ſ. Aſſiſe. Ordentlicher Prozeß, ſ. Prozeß. Ordonnance civile, 1667, I. 11. de commerce, . 3. 57 29. Ordon nances des rois, I. 10. Ordonnanzen, der Richter, III. 53. VI. 28. Organiſation der Gerichte, l. 33. Ortsbeſichtigung, II. 89. VI. 23. P. Pachtvertrag, ll. 141. Paraphernalien, ll. 137. Parket, l. 63. 1673, de la marine, 1681,IV. 3. de pris des corps, VI. Rathskammer, hurn yuuli In erſtn, ſfun, ſntit inet fget, juglint ſitthe gutnrie gt ſinerun guliſce zliee Iſ ſipi, un bi 5 bi „b „60 „ 6en hijihtin giſien, piſmtin, hiſtiun,1 himin, zulunt, ſ. wijnſezt, hnulife iſ⸗ in hin, Gi hiiſien, A 5 ſuſ I2 wi iuuin, de 4l 3 unſ emihn, eijhn g, ith 68. hil Il heil umnn II64 l. L. M 65 1 65 Reht⸗ 1573 13 po ſ nmet, 1. B. Parlamente, l. 13. Peculien, der Söhne, II. 61. Peremtion, der Inſtanz, III. 95. Perſon, juriſtiſche, II. 10. Pfand, Fauſt⸗, gage, II. 156. 5 Nutzungs⸗, II. ib. Pfandhäuſer, V. 69. Pfandrecht, II. 157. Pfleger, II. 70. Pflegkindſchaft, lI. 54. 56. Pflichttheil, lI. 111. Piraterie, IV. 74. Playdoiér, IlI. 86. Plünderung, V. 73. Politiſche Rechte, II. 10. Polige, Aſſecuranzurkunde, V. 43. Polizei, adminiſtrative, I. 28. V. 76. * Sicherheits⸗, Reinlichkeits⸗, Straßen⸗, mediziniſche⸗, Feld⸗, V . 5 Geſetzbuch, V. 75. 77. Geſetze, V. 5. Gerichte, VI. 34. 38. Prsſeriptioh, ſ. Verjährung. Präſident, ſ. Gerichte. Präſumtion, ſ. Vermuthung. Präſidiaur, I. 12. Prävention, eines Gerichts, VI. 20. Prellerei, V. 66. Preßgeſetze, V. 51. Prevotalhöfe, l. 13. VI. Priſe, Priſengericht, IV. 74. 79. Prieſter, ſ. Geiſtliche. Privilegien, Arten, II. 159. Inſcription derſ., II. 161. 5 Transſcription derſ., II. 165. Streichung, Erlöſchen der, II. 166. Rang derſ. II. 160. nſ W 25. Promulgation, der Geſetze, II. 7. Prorogation, der Gerichte, II. 54. 57. S 8 — 3 — 13 — Protutor, lI. 65. Prozeßkoſten, III. 42. Publication, der Geſetze, 1I. 7 Purgationsverfahren, 1I. 167. B. Qualitäten, III. 55. Quaſicontract, lI. 129. Quaſidelict, II. 129. Quittung, IV. 34. R. Radiation, Ausſtreichung, II. 166. Rang, der Gläubiger, II. 168. IV. 59. Ranzion, ſ. Löſegeld. Rapport, der Schiffkapitäns, IV. 36. Rapporteur, militäriſcher, VI. 85. Raſerei, II. 72. V. 30. Rathskammer, l. 41. II. 87. VI. 20. 28. Ratification, gleich Genehmigung. Ratihabition, ebenſo. Raub, V. 64. Räuberbanden, V. 51. 73. Realanerbieten, ll. 121. II. 112. Realarreſt, ſ. Arreſt. Realgarantie, ſ. Garantie. Realinjurie, V. 79. Reallaſt, lI. 81. 92. Realvertrag, lI. 127. Reaſſecuranz, Rückverſicherung, 1V. 43. Reate, Concurs ſolcher, V. 22. Reaſſumtion, ſ. Wiederaufnahme. Rebellion, V. 47. Reciprozität, ll. 10. Reconventionsklage, III. 57. Recousse, rescousse, IV. 78. Rechnungshof, oberſter, II. 167. Rechte, politiſche, II. 10. Rechte, Arten der, Il. 77. 81. Rechtsgrund, Rechtstitel, II. 81. Rechtskraft, der Urtheile, III. 54. Rechtsmittel, III. 63. vI. 41. 46. 72. Rechtsnachfolger, II. 82. Redhibitoriſche Klage, ll. 139. Reduction, lI. 166. 112. Reféré⸗Sitzung, III. 92. Rehabilitation, IV. 63. V. 24. Reiz, Entſchuldigung bei Delicten, V. 32. Rentenkauf, Renten, II. 145. Rentréerede, I. 30. Repreſſalien, Provocation von, V. 38. Repräſentationsrecht, II. 104. Reprise, der Inſtanz, III. 93. Republikaniſches, ſ. Zwiſchenrecht. Requste civile, II. 69. Reſciſſionsklage, II. 123. Reſolutionsklage, II. 139. Reſpects⸗Acten, II. 39. Reſpects⸗respetti⸗Tage, IV. 24. Restitu tio in integrum, II. 123. III. 69. Reſümé des Aſſiſenpräſidenten, VI. 63. Retour, droit de, ſ. Rücfallsrecht. Retorſion, IV. 76. Reviſion, VI. 78. Revocatio, ex tunc und ex nunc, II. 88. Rhederei, IV. 40. Rheder, ibid. Rhodia, lex de iactu, IV. 6. 49. Richter, Richteramt, I. 33. Suppleant, I. 36. 40, 48. Auditeurs, I. 47. „ Perhorrescirung, III. 101. VI. 80. 5 Recuſation, ibid. Reglement, III. 99. VI. 81. „ Disciplin und Prozeſſirung, I 60. VI. 84. Robe, Amtskleid, famille de robe, I. 12 Rolle, Sitzungs⸗, III. 85. VI. 43. Römiſches Recht, II. 3. 76. 100. 117. Rückbringen, I. 108. Rückfall, Wiederholungsfall, V. 22. Rückfallsrechts, geſetzliches, II. 106. 14 — Rückfallsrecht, bedungenes, II. ibid. Rückſchein, contre-lettre, III. 29. Ruraldienſtbarkeit, II. 95 S. Sachen, Eintheilung, II. 77. Sachenrecht, II. 77. Saiſie, Arten derſelben. III. 110. 120. Sanction, der Geſetze, II. S. Schamhaftigkeit, öffentliche letzung, V. 57. Schatz, Auffinden eines, II. 100. Scheidung, eheliche, II. 43. Schenkung, II. 113. Schiff, Schiffseigenthümer, IV. 31. 39. Schiedsgerichte, II. 107. IV. 13. Schwurgerichte, VI. 49. Slaverei, II. 80. Seerecht, Seehandel, IV. 30. Seekriegsrecht, IV. 31. 74. Seewurf, IV. 48. Semonce, IV. 75. Seneſchauſſees, Seneſchal, I. 13. Sequeſtration, II. 147. illegale, V. 58. Servitut, ſ. Dienſtbarkeit. Sicherheit des Staats, Verbrechen, V. 88. Siſtirung des Strafverfahrens, VI. 28. Sittenverletzung, öffentliche, V. 57. Sondergut, I. 137. Spezialgerichte, VI. 6. Spezificatio, II. 86. Spiel, II. 148. Staatsanwalt, ſ. Staatsbehörde. Staatsbehörde, l. 62. III. 21. VI. 19. Staatsgerichtshof, VI. 10. Staatsgut, II. 80. Ver⸗ Staatsprocurator, ſ. Staatsbehörde. Staatsrath, I. 27. Standesklagen, M. 51. Stellionat, II. 154. Stempel, Stempelgeſetz, MI. 44. 6tr Str 6tt Gt 6un Str ßir Str Stre Suhr Subſt Eutte Hihn Sunn hiſpe 6yndie Eyndie Syſen tuſt, Lartn, kemin Lefane Lefame „ eilm kierte⸗ tüel, m h 1o jhjſ „lig tehetſtra tiung, twitien 41 ſi. Jinin, n B. e 5 ehöe 21 M. 0. ubehöth⸗ — Strafen, Arten derſelben, V. 13.. S.j Cumulation, V. 22. z. civilprozeſſualiſche, III. 122. 1 des alten Rechts, V. 14. 19. Strafbarkeit, V. 29. Strafgerichte, ſ. Gerichte. Strafrecht, V. 3. Strafprozeß, VI. 3. Strafzumeſſung, V. 30. Straßenpolizei, V. 6. 79. Straßenraub, V. 64. Streitabſtand, III. 96. Subrogation, II, 122. Subſtitution, I. 109. Succeſſionsrecht, ſ. Erbrecht. Sühneverſuch, II. 80. Summariſcher Prozeß, III. 17. Suſpenſiv-Effeet der Rechtsmittel, 6. Syndicatsklage, III. 71. VI. 81. Syndicen, IV. 57. Syſtem, das, v. Law, IV. 16. Tauſch, II. 141. Taren, ſ. Gerichtskoſten. Termin, lI. 119. Teſtamentariſche Erbfolge, I. 100. Deſtamente, Form der, II. 113. 5 Executoren der, II. 116. Wiederruf, II. 115. Theilung, des Nachlaſſes. II. 107. 2 elterliche, des Vermögens, H 16 Tierce⸗Oppoſition, MI. 66. Titel, rechtlicher, titre, II. 81. „ gleich Urkunde, II. ibid. Tod, phyſiſcher, II. 13. 22. „ bütgerliche, . 1 17 Todesſraft . 18. Tödtung, nützlicher Thiere, V. 73. . culpoſe, V, 55. Dradition, Uebergabe, II. 82. 138. 15 — Transmiſſion, einer Erbſchaft, II. 105. Transſcription, II. 164. Tratte, Traſſant IV⸗ 24. Trauung, II. 40. Traungsact, M. ibid. Trennung, körperliche, II. 45. der Güter, II. 135. IV. 15. der Staatsgewalten, I. 17. L5. Tribunale, Ober⸗, VI. 34. Tribunat, I. 20. Tutel, ſ. Vormundſchaft. Tutor, ad hoc. U. Umſtände, mildernde, V. 8. VI. 65. Uneheliche Kinder, II. 47. Ungehorſamsverfahren, ſ. Con⸗ tumacialverfahren. Univerſalerbe, II. 112. Univerſallegat, legatar, ibid. Universitas rerum, II. 118. Union, der Gläubiger, IV. 57. Unterbrechung der Inſtanz, III. 93. der Verjährung, II. 171. Unterhaltungspflicht, II. 45. 52. 57. Bl. Untergang, der Sache, lI. 123. Unterpfandsrecht, ſ. Hypotheke. Unterpfand, ſ. Pfand und Hypotheke. Unterſcheidungskraft, V. 31. Unterſchlagung, V. 66. Unterſtellte Perſonen, II. 111. Unterſuchungsrichter, VI. 22. Unzucht, Verführung zur, V. 57. Urheber, intellectueller, V. 28. Urkunden, Arten derſelben, III. 28. Fälſchung ſolcher, V. 43. 5 Ertorſion ſolcher, V. 65. „ Beweis, III. 29. 5 Urſchriften, Originale, III. 31. Urtheile, Arten derſelben, III. 47. 52. — urtheile, ſtrafrechtliche, VI. 37. Anerkennung, III. 96. Rechtsmittel gegen dieſelben, III. 63. VI. 41. 46. 72. Vollzug derſelben, III. 109. VI. 62. 70. weſentliche Theile derſelben, R. 55. uſangen, Handelsgebräuche, IV. 7. uſo, Zeitfriſt, IV. 26. nati uſurpation amtlicher Titel, Zeichen, Uniformen, Functionen, V. 50. V. Vadimonium, gleich Bürgſchaft. Vaganten ſ. Landſtreicher. Vater, Rechte und Pflichten, II. 61. Vatermord, V. 54. Vaterſchaft, II. 46. Väterliche Gewalt, II. 57. Linie, II. 104. Verarmung ſ. Gant. Verantwortlichkeit, civile, II. 131. V. 35. Veräußerung, II. 138. III. 118. IV. 59. Verbannung, V. 18. Verbindlichkeiten, Begriff, II. 117. Entſtehung, ibid. Arten der, ibid. 121. 126. Verdingungsvertrag, II. 141. Vereine, illegale, V. 52. 71. 41. Vereinsgeſetze, V. 52. Vereinigte Kammern, I. 49. 59. Vereinigung der Gläubiger, IV. 57. Verfälſchung ſ. Fälſchung. Verfügung, freigebige, II. 108. Verführung Minderjähriger, V. 57. Vergehenu. Verbrechen, V. 36. Erlöſchen der, II. Beweis der, II. 16 — Vergehen u. Verbrechen wider den Staat, V. 38. wid. die Pri⸗ vaten, V. 54. wid. d. Eigen⸗ thum, V. 63. der Beamten, V. 41. 44. d. Geiſtlichen, V. 46. öffentl. Liefe⸗ ranten, V. 71. „ Concurs der⸗ ſelben, V. 22. Klagen aus denſelben, II. 3. Vergleich, II. 152. Verhaftung, III. 114. IV. 71. VI. 24. illegale, V. 58. Verhaftsbefehl, VI. 26. Verheimlichung v. Verbrechen, V. 61. der Verbrecher, V. 49. einer Geburt, V. 60. Verhör der Zeugen, VI. 18. 23. „ der Beſchuldigten, VI. 18. 24. Verjährung, praescriptio, II. 125. „ erſitzende, Acquiſitiv⸗, II. 169. „ der Klagen, zerſtörliche ibid. der Strafen, V. 26. derHandelsklagen, IV. 50. der criminellen Klagen⸗ VI. 15. Einrede der, III. 49. Unterbrechung der, II. 171. Stillſtand der, II. 170. Lertauf Kauf, II. 137. verbotener Waffen, V. 56. gefälſchter Getränke, V. 56. gefälſchter Wa aren, V. 69. „ öffentlicher, Privat⸗, II. 138. Lrlit hemi hemi Umit hemi hemt himiht Iuſchr huſiche .4 Inſin Iuftize I. 39 hrrſuch, Uurige . hemahn lunnit Imtiger jnwtiſun lmun huſtt, u „ u — — n 3 eh in ſ.it hihn mſ unn 41.4 Gelitn 4 ſal ki nin. ent lin [0 ln u lnl 1M . hen ſi tche 4 1I2 u ſ.ü 2. 1 .1 l 1 uiſtt, zitli en Kg II 6. 1 10 .5 u ſü n ſ. iö Verkehr, Sachen im, II. 80. 6 Sachen außer, eod. loc. Verläugnung eines Kindes, II. 46. Verläumdung, V. 62. Verleiher ſ. Darlehn. Verletzung im Kauf, lI. 140. 5 körperliche, V. 55. 1 der Sitten, V. 57. * der Schamhaftigkeit, V. 57. 5 ſtaatsbürgerl. Rechte, V. 41. Verlöbniß ſ. Eheverlöbniß. Vermächtniß, lI. 109. Vermißte, 1l. 31. Vermittlungsamt, III. 80. Vermögen ſ. Eigenthum. Vermuthungen, lI. 126. III. 37. Vernichtung einerVerbindlichkeit, II. 123. Verſchollene, II. 31. Verſicherungs⸗Verträge, II. 148. Verſchwender, lI. 74. Verſteigerung, II. 138. III. 118. Verſuch, ſtrafrechtl. Begriff, V. 11. Verträge, Arten, Begriff der, II. 126. „ Wirkung der, lI. 128. Auslegung der, lI. 129. Verwahrungsbefehl, VI. 25. Verwandtſchaft, II. 103. Verweigerung geſetzl. Dienſte, V. 49. 5 der Juſtiz, III. 72. Vreweiſung an ein Gericht, III. 100. im Strafprozeß, VI. 28. 80. Verwundung, V. 55. Verzicht, auf eine Erbſchaft, II. 107. auf eine Gütergemeinſchaft, I. 136. „ auf Waaren, delaissement, 4 „ auf Klagen, VI. 17. III. 96. . auf eine Schuld, Leiſtung, H. 122 Viehpacht, Il. 141. Volljährigkeit, Il. 71. Vollmacht, lI. 150. Vollſtreckung der Urtheile, UI. 109. V 62. 20. Vorbehalt, Vorbehaltserbe, II. 111. Vorbedacht, Prämeditation, V. 54. Vorführungsbefehl, V. 25. Vorkaufsrecht, II. 138. Vorklage, Ercuſſio, Einrede der, II. 151. Vormund, Rechte u. Pflichten, II. 68. Vormundſchaft überhaupt, lI. 62. Belaſtung der, lI. 161. 164. Vorunterſuchung, VI. 25. Vorzugsrecht ſ. Privilegium. W. Wahl, der Beamten, I. 18. 34. „ der Handelsrichter, I. 53. „ der Fabrikrichter, IV. 65. „ der Schiedsrichter, III. 107. „ »Beſtechung, V. 41. „ „Fiälſchung, V. 40. „ des Vormunds, II. 66. Reh Wahnſinn, ſ. Zurechnungsfähigkeit. Wechſel, Wechſelbrief, IV. 22. 5 Rückbrief, IV. 28. ⸗„Recht, IV. 22. trockner, IV. 23. „Agent, IV. 16. „Proteſt, IV. 25. Wette, II. 148. Wettſchlagung, Compenſation, lI. 123. Widerſetzung, V. 47. 73. Widerſpruch in Urtheilen, III. 69. Wiederaufgreifung der Inſtanz, III. 93. Wiedereinſetzung in den vorigen Stand, II. 123. III. 69. V. 63. 2 18 Wiederholungsfall, ſ. Rücfall. Wiederklage, reconvenlio, III. 57. Wiederrufliches Eigenthum, II. 88. Wille, letzter, ſ. Teſtament. Wirthe, ihre Verantwortlichkeit. II. 147. F. 35. Wittwe, Trauerzeit, II. 39. V. 46. Wohlthatserbe, lI. 107. Wohnſitz, Domieil, II. 28. Wohnungsrecht, II. 91. Wucher, ſ. Zinswucher. Würderungseid, III. 41. Z. Zahlbefehl, I. 169. III. 114. Zahlung, II. 121. einer Nichtſchuld, II. 120. 77 , Anerbieten zur, III. 112. Friſt derſelben, II. 119. Zehnte, Abſchaffung derſelben, I. 16. Zeitberechnung, I. 100. III. 123. Zeitfriſt, II. 119. Zerſtörung von Immobilien, V. 72. Mobilien, V. 73. Waaren, Stoffen, ibid. von Getreide ꝛc. ibid. von Bäumen . ibid. öffentlicher Denkmäler V. 50. Zeugen, Beweis durch, II. 126. III. 32. Strafverfahren, VI. 36. von von 3 im 60. Zeugen, Beſtechung ſolcher, S. Verhör der, VI. 18. 23. „ Vernehmung der, III. 88. Zeugniß, falſches, V. 61. als Reviſionsgrund, 7 „ 7 7 VI. 78. 6 „ in der Sitzung, VI. 62. 3 „ Verleitung hiezu, 61 Zinſen, Zinswucher, Zinsfuß, II. 144. Zuchthaus, Correct. Gefängniß, 20. Zuchtpolizeigerichte, VI. 34. 41. Zünfte, Aufhebung der, II. 9. IV. 9. Zufall, II. 100. 123. Zurechnungsfähigkeit, V. 30. Zuſammenrottungen, altroupe- mens, V. 51. Zuſicherungsverträge, ſ. Aſſecu⸗ ranzen. Zuſtändigkeit ſ. Competenz. Zuwachs, accessio, II. 85. Zwang, bei Vorträgen, II. 128. bei Delicten, V. 30. Zwangsverſteigerung, I. 168. I. 118. Zwangsweiſe Entäußerung, Expro⸗ priation, II. 84. Zwangsarbeitsſtrafe, V. 15. Zwangsarbeitshäuſer, V. 16. Zwiſchenrecht, I. 20. ſn X e 3 5 N 7 5 — —— E — Sb 8 e . 6 * 1 1 — — Z — — ttu nzt aitt un UB Gießen 6 . 2 — — — e *