5„ 1bhf Pſi6 „*— 1— 73—. Der bis Ausgang dieſes Jahres guͤltige Subſeriptionspreiß fur ſaͤmmtliche acht Baͤnde der kleinen juridiſchen Schriften, des Herrn Ober⸗Appellationsraths Harſcher von Almendingen iſt acht Thaler ſaͤchſiſch.— Nach Ablauf dieſes Termins tritt der Ladenpreiß ein, welcher zwolf Thaler hetraͤgt. Gottg. Muͤller. rarnb 37 Kleine juridiſche und ſtaatswiſſenſchaftliche S ch rfen Ausgearbeitet und in Verbindung mit mehrern Gelehrten herausgegeben von L. Harſcher von Almendingen, Herzoglich Naſſauiſchem Ober⸗ Appellations⸗Rathe. Achter Theil. Gieſen bi Gottg. Muͤller Vortraͤge uͤber den Coder Napoleon und ſeine organiſchen Umgebungen. Ausgearbeitet und in Verbindung mit mehreren Gelehrten * berausgegeben von L. Harſcher von Almendingen, Herzoglich Naſſauiſchem Geheimen⸗Rathe und Vice⸗ Praͤ⸗ ſidenten zu Wiesbaden. Bierter Band. Gieſen bei Gottg. Muͤller 1 8 1 2. Anzeige. Der Subſeriptionspreiß auf folgende litterariſche Unterneh⸗ mungen, welche zufaͤllig ein gewiſſes Ganze bilden, iſt wiederhol⸗ ter Aufforderungen zu Folge bis Ausgang dieſes Jahres verlaͤn⸗ gert worden. Gottg. Muͤller. I. Geiſt der Civilgeſeps öung Frankreichs. Ein ganz aus den Duellen geſchöbfter erklarender Commentar von Loeré, Gene⸗ ral Seeretaͤr des Staate⸗Raths zu Paris ꝛc. 4 Baͤnde ar. 8. Ladenpreiß 4 Thaler.— Subſeriptionspreiß Drei Thaler. UI. Vortraͤge uͤber den Codex Napoleon und ſeine organiſchen Umgebungen von Harſcher von Almendingen. 4 Baͤnde gr s. Ladenpreiß 8 Thaler.— Subſeriptionspreiß Sechs Thaler. III. Verſuch einer Metaphyſik des deutſchen und franzoͤſiſchen Civilprozeſſes von Harſcher von Almendingen. Erſte bis dritte Abtheilung gr. 8. Ladenpreiß 2 Thaler.— Suvſerip⸗ tionspreiß Einen Thaler und Zwoͤlf Gro⸗ ſchen. IWV. Syſtematiſche Darſtellung der wichtigſten Lehren des in deutſchen Laͤndern geltenden gemeinen, oder ſubſidiariſchen Civilrechts von Dr. Gottlieb Hufeland, Praͤſidenten in Dan⸗ zig gr. 8. Ladenpreiß 2 Thaler.— Subſeriptionspreiß Einen Thaler und Zwoͤlf Groſchen. N 04* N0 Furje Darſtellung Napoleoniſchen Livil⸗Geſetzgebung in Beziehung auf die Rezeption des Code Napoléon in teutſchen Landen. Gieſen und Wetzlar bei Taſchs und Müller 1809. —˙—˙——— 8 8———.——— ————=——— ——. ——— ⸗———= Seiner Hoheit dem Fuͤrſten Primas der rheiniſchen Konfoͤderation vorgelegt, und zur kurzen Ueberſicht für teutſche Geſchäftsmänner, deren Berufsgeſchäfte ein müheſames Studium der neuen Geſetzbücher nicht geſtatten, geſchrieben vom Direktor von Mulzer zu Wetzlar in May 1309. Vorbemerkung. Zur Vermeidung aller itrigen Deutungen muß der Verfaſſer des nachfolgenden Aufſatzes ausdrucklich anzeigen, daß ſolcher lediglich ſeine individuellen Privat⸗Anſichten enthalte. Se. . Poheit der Fürſt Primas der rheiniſchen Kon⸗ foͤderation haben die Entſcheidung fur die Pri⸗ matiſchen Lande bis zur Endigung der hieruber eingeleiteten Vorarbeiten Sich vorbehalten. Eure Hobeit haben bereits in dem verfloſſenen Jahre geruhet, meine unvorgreifliche Anſichten in Beziehung auf die Rezeption des franzöſiſchen Civil⸗ Geſetzbuchs in den Staaten des rbeiniſchen Bundes 9nädigſt aufzunehmen. Da dieſer Gegenſtand für die teutſchen Rechtsgelehrten und praktiſchen Ge⸗ ſchäftsmänner täglich wichtiger wirdz ſo nehme ich mir die Freiheit, mit einer allgemeinen Ueberſicht unh Darſtellung des franzöſiſchen Civil⸗ Geſetzbuchs und einer Vergleichung der in den teutſchen Bundeslan⸗ den bis jezt erſchienenen Modiſikationen deſſelben, zu⸗ gleich meine unvorgteiflichen Ideen über dieſen Ge⸗ genſtand Eurer Hoheit ſchriftlich andurch unterthã⸗ nigſt vorzulegen. — Seſchtspunkte bei Rezeptiondes Sod⸗ Napolson in teutſchen Landen. Veränderungen im privatrechtlichen Zuſtande ei⸗ nes Volkes ſind, wie mit Recht zeither öfters wieder⸗ holt ward, eine ſehr wichtige Angelegenheit. Jeder Staatsbürger iſt hiebei in ſeinen beiligſten Verhäl⸗ 1 3 niſſen betheiligt. Es iſt daher gewiß nicht überflüſ⸗ ſig, wenn die Sache von allen Seiten beleuchtet, die Gründe für und wider genau aufgeſucht, und die Bearbeiter der Sache hiedurch mit den ſich zei⸗ genden Schwierigkeiten vertraut gemacht werden, weil die Auffindung der Mittel, dieſe zu heben, eine genaue Kenntniß der Hinderniſſe ſelbſt vorausſezt⸗ Eben ſo war zur Aufklärung der Sache er⸗ wünſcht, daß mehrere teutſche Rechtsgelehrte dieſe Hinderniſſe bereits in ſo zahlreicher Maſſe zuſammen⸗ ſtellten, daß man beinahe bätte bewogen werden kön⸗ nen, die aufgeſteilte Frage über die Aufnabme des Code Napolẽon in Teutſchland zurückzunebmen. Ich muß aufrichtig geſteben, daß ich mich nicht überzeugen kann, daß der privatrechtliche Zuſtand der teutſchen Völker ſo große Veränderung durch die Einführung des Code Napoléon erleiden werde, als man bei dem erſten Anblicke neuer Formen zu glau⸗ ben, verſucht werden könnte. Es iſt zwar ganz richtig, daß der Code Napo- léon, äls Perſonenrecht, von unſern zeitherigen Ge⸗ wohnheiten in manchen Punkten bedeutend abweichet, und, mit gleichen Abweichungen als Sachenrecht, ſich nicht über alle bürgerliche Geſchäfte ausdehnet. Es dürfte daher einige Rechtsunſicherheit an die Stelle der bisherigen feſteren Prinzipien treten, wie nicht ohne Grund behauptet wird. Richter, Anwälte und Partheien dürften unter die Herrſchaft einer Ge⸗ ſetzgebung verſetzt werden, deren Inhalt ſie noch nicht — kennen, deren Geiſt, Sprache, Terminologie„Uum⸗ gebungen und Hauptbegriffe ihnen vorderſamſt ein neues Studium nöthig machen⸗ Indeſſen waren wir Teutſche bis izt noch nie ſo glücklich, ein eigenes Geſetzbuch zu beſizen. Viel⸗ mehr dienten unſere Privatgeſetze bis izt mehr dazu, uns in geſetzlicher Forin immer mehr und mehr zu iſoliren. Das römiſche Recht, ein eben ſo ftemdes Ge⸗ ſetz als der Code Napoléon, war von uns zur Hauptnori angenommen, eine Maſſe unverarbeite⸗ ter Materialien, welche in weit mehreren Punkten für teutſche Nation und teutſche Sitten unpaſſend iſt, als das franzöſiſche Civil⸗Geſetzbuch, das Reſultat mancher reifen Erfahrungen, ſchwer erkauft in den Stürmen der neuern Zeitepoche. Man vergleiche das Perſonenrecht des römiſchen Rechts mit jenem des franzöſiſchen Eivil⸗ Geſetbuchs, ſo wird man jenes unſeren Sitten ganz fremd,— dieſes weniger in der Materie, ſondern nur in der Form, gegen zeitherige Gewohnheit, und vielleicht gegen einige kirchliche Inſtitute anſtößig finden. Das römiſche Recht kennt eine Menge teutſcher Verträge und Inſtitute nicht, welche man im franzöſiſchen Rechte einheimiſch findet ꝛ⁊c.——— Ein neues Civil⸗Geſetzbuch war in Teutſchlanb lange National⸗Bedürfniß und allgemeiner Wunſch des Patrioten. Könnte man jemals hoffen, daß der Kompler der teutſchen Völker ſich zu einer einzigen 4 eigenen Geſetzgebung vereinigen werde— ſo dürfte man wohl die Frage leicht entſcheiden: ob eine ſolche teutſche Geſetzgebung der Rezeption des Code Na- poleon vorzuziehen ſey?— Das National⸗Be⸗ dürfniß einer teutſchen Geſetzgebung ſchuf ſchon in Prenſſen, Oeſtreich und Bayern Geſetzbücher. Was ſind ſie aber für die übrigen teutſchen Lande anders geblieben, als wiſſenſchaftliche Vermehrungen der Geſetzkunde? Vielleicht treten bei dem Code Napo⸗ 160n günſtigere Verhältniſſe zur Univerſalirung eines neuen Geſetzbuchs ein, als bisher den übrigen neuen Geſetzgebungen ſeit Juſtinians Zeiten zur Seite ſtan⸗ den; und dann iſt wenigſtens der Vortheil eines glei⸗ chen Civilgeſetzes für die Lande des rheiniſchen Bun⸗ des— näher gebracht. Die Frage: Ob?— dürfte in Anſebung der Rezeption des Code Napoléon durch den bereits ge⸗ äuſſerten Willen vieler teutſchen Souverains, und ſelbſt Eurer Hoheit, ſo entſchieden ſeyn, daß jede Verweilung bei dieſer Frage überflüſſig ſcheint. Da die den Landen Eurer Hobeit nächſtgelege⸗ nen Staaten, als Weſtpbalen und Berg, den Code NMapoléon bereits ohne Vorbehalt, Bayern und Baden denſelben mit Modifikationen aufgenommen, Heſſen und Naſſau biezn aber ähnliche Vorbereitun⸗ gen gemacht haben: ſo würden die kleinen Landes⸗ theile Eurer Hoheit ohnehin mit ihrer alten Geſetzge⸗ bung iſolirt daſteben, wenn Höchſtdieſelben jenem Beiſpiele nicht folgen wollten. Dieſe Frage haben „ Eure Hoheit auch ſchon durch das H. Patem vom ten Julius v. J. entſchieden. Es könnte daher nur über das: Wie?— die Frage entſtehen: Soll die Aufnahme des Code Napoléon als Prinzipal⸗Geſetzbuch, oder als ſubſidiariſches Geſetzbuch ſtatt finden? Hiebei dürften durch einige, beſonders für deutſche Lande fühlbare, Unvollſtändigkeit des Code Napo⸗ léon ſich Zweifel aufwerſen, indem dieſes Geſetzbuch mehrere in Teutſchland noch beſtehende Inſtitute, als Lehnrecht, Fideicommiſſe, Zehenten u. d. gl., als nicht mehr beſtehend, vorausſetzt, ſolche gar nicht berübrt und auf ſolche nicht paßt. Soll nun der Code Napoléon ausſchließliches Prinzipal⸗Geſetzbuch werden, ſo zeigt ſich die Be⸗ denklichkeit, daß ſeine ſcheinbare Unvollſtändigkeit für teutſche Lande die theoretiſchen und praktiſchen Zweifel und Streitigkeiten im Felde der Rechtskunde wohl noch vermehren, und die Kaſuiſtick des Rechts für die Rechtsſprechung wohl noch ungewiſſer, als zeither, machen werde. Die anſcheinende Unvollſtändigkeit des franzö⸗ ſiſchen Geſetzbuchs erregt den weitern Anſtand, daß bei der Rezeption des Code Napoléon als Prinzi⸗ pal⸗Geſetzbuch, die Rothwendigkeit anerkannt wer⸗ den müſſe, auch die künftige Geſetzgebung Frank⸗ reichs zur Norm zu nehmen, und die Entſcheidungen des Kaſſationshofs zu Paris als geſetzliche Autorität für die deutſchen Lande forthin anzuerkennen, indem 4 bung zu betrachten ſind. Den bemerkten Zweifelsgründen, gucheſ glän⸗ zend von mehreren teutſchen Gelehrten und Geſchäfts⸗ männern herausgehoben werden, könnte man wohl am beſten durch die Fragen antworten: exiſtiret nicht der nämliche Fall, wenn man das HOeſterreichiſche oder Preuſſiſche Geſetzbuch zum Landesgeſetze anneh⸗ men wolle? Oder; gienge man in neuern Zeiten aus Teutſchland nach Rom, um dort neue Geſetze und Erklärungen des Juſtinianiſchen Rechts zu holen? Sollte übrigens die Unvollſtändigkeit des Code Na- poléon wohl nachtheiliger ſeyn, als das zeitherige Unpaſſende des Juſtinianiſchen Rechts? Sollte es nicht weit wünſchenswerther ſeyn, wenn teutſche Völ⸗ ker gleiche Rechtsprinzipien nach dem Code Napo- l6on annehmen, als wenn dieſelben ſich in hundert diverſen Landrechten unähnlich erſcheinen? Den Einwürfen der Unvollſtändigkeit des Code Napolcon ſuchte man in Bayern und Baden durch eine freie Ueberſetzung und Unterſchiebung der einhei⸗ miſchen Inſtitute theils mehr theils weniger zu begeg⸗ nen. Dieſe Art der Rezeption würde, obgleich hie⸗ durch der Code Napoléon nicht mehr rein bleibt, doch Beifall verdienen, wenn die teutſchen Regenten ſich nur über einerlei Modifikationen vereinigen woll⸗ ten. Aber da wir nun ſchon gleich im Anfange wie⸗ der ungleichartige Modiftkationen erhalten: ſo ſcheint der Code Napoléon uus Teutſchen wieder das näm⸗ dieſe Entſcheidungen als Sti der geſhu 7 6 liche Geſchenk der Difformität machen zu wollen, wel⸗ ches durch einige hundert teutſche Privatrechte und Statute das Studinm des teutſchen Privatrechts bis jetzt ſo ſehr erſchweret hat. Bayern und Baden ha⸗ ben jedoch mit ihren Modifikationen den Code Na- polcon als Privat⸗Geſetzbuch erklärt. Wollte man dieſem Grundſatze nicht gleichfalls folgen; ſo würde man ſich in die Fragen verwickeln: ob der Code Na- poléon als Surrogat des römiſchen Rechts, oder des teutſchen Privatrechts, oder als Surrogat der Landes⸗ und Lokalſtatute dienen, und in welchen Fällen dann eigentlich ſeine ſubſidiariſche Kraft ein⸗ treten ſolle? Hiegegen möchte wohl gleich mit Recht der Ein⸗ wand gemacht werden können, daß dieſe Art von Rezeption nichts anders, als eine unnöthige multi- plicatio entium bilde. Man würde wohl durch eine ſolche Art der Rezeption nur das Quellen⸗Stu⸗ dium ohne Roth vermehren, und die Disziplinen der Rechtswiſſenſchaft vervielfältigen; denn ſchon Porta⸗ lis gibt den Rechtsgelehrten ſeiner Nation in den ſtaatsräthlichen Verhandlungen über den Code Na⸗ poléon die wichtige Lehre,„daß derjenige das neue „Recht weder kenne noch verſtehen lernen werde, „der als Rechtsgelehrter nur den Code Napoléon „ſtudieren wolle.“ Wenn die Nothwendigkeit der Rezeption des code Napolson doch einmal im Einklange der neu⸗ ern Zeit⸗ und Kultur⸗Verhältniſſe gegründet ſeyn ſoll; 3 ſo würde ich den Code Napoléon immerhin als Hauptgeſetzbuch und mit einsweiliger proviſoriſchen Beibehaltung der uns werthen vaterländiſchen Inſti⸗ rutionen zu rezipiren anrathen. Meine individuelle Ueberzeugung und mehrzährige Geſchäfts⸗Erfahrung konnten mir das römiſche Recht ſo wenig, als die, eben ſo verſchiedenen, als willkührlichen Privatſta⸗ tute für die Praxis ſo werth machen, daß ich nicht für die teutſche Nation ein Civilgeſetzbuch und eine adminiſtrative Form durch alle Rubricken, überhaupt eine Einheit für die Länder des rheiniſchen Bun⸗ des wünſchen ſollte. Haben wir Teutſche doch ſeit langer Zeit ſo manches weniger Gute von Frankreich rezipirt, warum ſoll Frankreichs Geſetzbuch nicht auch für uns gleiche Anwendung baben? Liegt die Ein⸗ führung des Code Napoléson in den teutſchen Lan⸗ den einmal in der Abſicht der teutſchen Souveraine, und iſt ein allgemeines Bundes⸗Geſetzbuch nicht zu boffen: ſo dürfte immerhin beſſer ſeyn, den Code Napoléon als Hauptgeſetzbuch in den teutſchen Bun⸗ deslanden einzuführen.— Gewinnen wir doch we⸗ nigſtens hiedurch Kürze und Beſtimmtheit in den Materien, über welche der Code Napolson ſeine Geſetzgebung erſtreckt!— erſparen wir doch die mü⸗ beſame Ausklaubung des Brauchbaren im römiſchen Rechte, und lernt doch alsdann der Bürger mit ſchlichtem Verſtande leichter die Rormen des Rechts und Nichtrechts kennen, welche für ihn bis jetzt un⸗ bekannt waren; erhalten wir doch durch den Code * Napoléon Beſtimmungen im Perſonenrechte, welche uns bis jetzt entweder ganz mangelten, oder einer nachtheiligen Willkühr ohne poſitive Beſtimmungen überlaſſen waren! Bei der Rezeption des Code Napoléon dürfte daher wohl der erſte Grundſatz ſeyn: „daß der Code Napoléon als Univerſalgeſetz „anfgenommen, durch denſelben alle Partiku⸗ „largeſetze(Statute) in jenen Fällen, welche „ihre Entſcheidung dort finden, aufgehoben „werden, daß aber, da der Code Napoléon zeine generelle Geſetzgebung nicht enthalte, die „übrige zeitherige Geſetzgebung für die nicht „entſchiedenen Fälle proviſoriſch ſtehen bleiben, „oder für dieſe, wenn ſolche mit dem neuen „Geſetzbuche im Widerſpruch ſtehen ſollte, eine „neue Norm gegeben werden müſſe.“ Dieſe Art von Rezeption dürfte für uns Teutſche die unſchädlichſte ſeyn, weil hiedurch die Gefahr einer partiellen Rechtswillkühr, die die Unterdrückung aller alten Geſetze mit dem Code Napoléson veranlaſſen könnte, vorgebeugt wird. Der Code Napoléon enthält Entſcheidungen zwar für den größten Theil der legislativen Gegenſtände, berühret aber doch manche Gegenſtände gar nicht. Der Code Napoléon bindet den Richter in den dücken ſeiner mangelnden Entſcheidung in der Regel an kein Statut oder Gewohnheitsrecht, ſondern läßt der Individualität ſeiner Anſichten den Vorzug über 10 ſremde Authorität. Für dieſe in dem Code Napo- 16on nicht berührten und nicht entſchiedenen Gegen⸗ ſtände dürfte das zeither geltende Recht(ſey es römi⸗ ſches, kanoniſches oder teutſches Recht) inſofern daſ— ſelbe mit dem Code Napolson nicht ganz unverträg⸗ lich iſt, ohne Anſtand, bis zu weiter erfolgenden Ab⸗ änderungen, fortbeſtehen. Der auch hier etwa wiederholte Einwurf, daß der Code Napoléon nur alsdann die Nuellen des Rechtsſtudiums ohne Noth vermehren, und zwar gegen den Geiſt dieſes Civilgeſetzbuches vermehren werde, kann meine Ueberzeugung nicht lähmen: denn ich denke, daß eine Vermehrung des Rechtsſtudiums weit weniger Rachtheil bringen wird, als der Zu⸗ ſtand einer willkührlichen Rechtsſprechung, die keine Schranken des geſchriebenen Geſetzes kennt, und die das Rechtsſtudium nach und nach ganz vernachläſſſ⸗ gen wird. Will man die alten Geſetze durchaus nicht beſtehen laſſen; ſo fülle man dann die Lücken des Code Napoléon auf eine den teutſchen Sitten ho⸗ mogene Art aus, welches aber auch wieder andre Anſtände finden wird, und nach meiner Ueberzeu⸗ gung dem Geiſte der neuen Geſetze mehr zu ſchaden ſcheint, als eine proviſoriſche Beibebaltung der alten Mormen, ſo lange man dieſe nicht entbehren kann. Jede andere Art der Rezeption dürfte indeſſen weder die oben bemerkte, noch irgend andre Vor— — 11 theile gewähren, und daher unotgreiſich nicht an⸗ zurathen ſeyn. Vergleichende Darſtellung der zeitherigen Rezep⸗ tionsarten des Code Napoléon in teutſchen Landen. Ebe ich meine unvorgreifliche Gedanken über den vorliegenden Gegenſtand weiter zu entwickeln wage, werde ich eine kurze Ueberſicht deſſen vorlegen, was in dieſem Betreffe in den Staaten des rheiniſchen Vundes bis jetzt geſchehen iſt, weil dieſe Notitzen zum endlichen Reſultate nöthig ſeyn dürften. Ganz, und ohne Modifikationen, iſt der Code Napoléon bereits im Königreiche Weſtphalen und dem Herzogthum Aremberg wirklich eingeführt, auch im Großherzogthum Berg ohne Modifikationen der Einführung nahe, mit Modifikationen aber für das Königreich Bayern und Großherzogthum Baden zur Einführung beſtimmt. Ferner hahen ſich, nebſt Eurer Hoheit, für vi Rezeption nach und nach erklärt: Anhalt⸗Cöthen, Heſſen und Naſſau. Eeine kurze Ueberſicht der Rezeptionsformen dürf⸗ te die Beurtheilung erleichtern. Weſtphalen. Das Königreich Weſtphalen erhielte das Ke 19 zöſiſche Geſetzbuch kraft ſeiner Konſtitution Art. 45. Zur Vollziehung dieſes Conſtitutionsgeſetzes wurde der Code Napoléson für das Königreich Weſtphalen in die teutſche Sprache überſetzt, welcher man zu⸗ Hleich die lateiniſche Ueberſetzung für das Königreich Italien beifügte. Im königlichen Geſetze vom 21ten September 1808, welches dem Code Napoléon vorgedruckt iſt, wird verordnet: daß alle römiſche, kanoniſche und Reichsgeſetze, alle Privatſtatute und Verordnungen, Halle Landes⸗Lokal⸗Obſervanzen und Gewohnheiten, in Anſehung aller Gegenſtände, worüber der Code Napoléon Verfügungen enthalte, die Kraft eines allgemeinen oder beſondern Geſetzes verlieren ſollen. Die Frage: ob da, wo der Code Napoléon nichts verorbne, dieſe alten Geſetze, und nach wel⸗ cher Rangordnung etwa ihre Kraft noch beibehalten ſollen? iſt nicht berührt, und daher wohl nach dem Sinne des Code Napoléon als entſchieden zu be⸗ erachten, welcher dieſes dem Richter überläßt. Der Code Napoléon iſt in der Weſtphäliſchen Geſetzgebung unverändert geblieben; nur ſind manche Ausdrücke dem Königreiche Weſtphalen angepaßt⸗ Es heißt nämlich z. B. ſtatt: Kaiſer„König,“ ſtatt franzöſiſches Kaiſerthum,„König⸗ reich,“ ſtatt: Franzoſen,„Weſtphalen“ dder„Weſtphäliſche Unterthanen,“„Ein⸗ länder,“ je nachdem es der Sinn des Geſetzes er⸗ fordert; ſtatt: procureur impérial,„kö⸗ 13 niglicher Prokurator“ u. ſ. w. Der weſt⸗ phäliſchen Ueberſetzung des Code Mapoléon folgent ein Geſetz über den Zeitpunkt der verbindlichen Kraft des neuen Geſetzbuches in den verſchiedenen Departe⸗ ments— ein Verbot, in auswärtige Dienſte zu treten, — ein Geſetz vom 31ten Januar 1308, wodurch den Predigern und Pfarrern die Urkunden des Civil⸗ ſtandes übertragen werden,— die Einrichtung ei⸗ nes jüdiſchen Konſiſtoriums,— ein vom Code Na- poléon abweichendes Geſetz wegen Dispenſation vom Eheverbote unter verſchwägerten Perſonen,— eine Erklärung des Art. 13. der Konſtitution über Leibei⸗ genſchaft,— ein Geſetz über Ausübung der Jagd, — ein Geſetz über Gültigkeit der Subſtitutionen und Fideicommiſſe für alle vor dem ten Jänner 1305 ge⸗ bohrne Adquirenten,— ſodann ein Auszug der kai⸗ ſerlichen Verordnung vom 30ten März 1306, in wel⸗ cher Kaiſer Napoleon die Errichtung neuer Majorate ſich vorbehält. Die von dem Miniſter Siméon entworfene Proz zeßordnung für das Königreich Weſtphalen iſt bei⸗ nahe der reine franzöſiſche Code de procédure, nur in anderer Ordnung der Materien, mit wenigen we⸗ ſentlichen Abänderungen, und noch nicht vollſtändig. Aremberg. Im Herzogthum Aremberg wurde die Rezeption des Code Napolson durch eine Verordnung vom 14 a8ten Januar 1603 verfügt. Dieſe Verordnung ent⸗ hält nur wenige Modiſikationen und Zuſätze. Sie be⸗ ſtimmt ſehr löblich, daß die Einwohner der Bundes⸗ lande nicht als Freide zu betrachten ſeyen. Sie ent⸗ hält Beſtimmungen in Anſehung der gutsherrlichen Rechte, der Religionsgleichbeit, der Dispenſation des Eheverbots unter Verſchwägerten, der fideikommiſſari⸗ ſchen Subſtitutionen, welche landesherrliche Beſtä⸗ tigung vorausſetzen, überhaupt nur Verfügungen über Frohnd⸗und Lehnsverfaſſung, und das Ge⸗ ſetz, daß alle im Code Napoléon nicht entſchiedenen Fälle nach gemeinen Rechten beurtheilt werden ſollen. Eine Beſtimmung über die Gerichtsverfaſ⸗ ſung und Prozeßordnung fehlt gänzlich, und es iſt, wie Herr von Almendingen in ſeinen Abhandlungen über den Code Napoléon öfters bemerkt, auch mir unbegreiflich, wie in dem Herzogthum Aremberg nach dem Code Napoléon ohne geänderte Gerichts⸗ verfaſſung verfahren werden könne. Es iſt daher zu vermuthen, daß man ſich durch eine eigne Inſtrukti⸗ on anfangs nur auf Anwendung der Doktrin einge⸗ ſchränkt habe. Für das Herzogthum Aremberg iſt die Ueberſetzung des Code Napoléon von Daniels als offiziel angenommen, welche eine der früheſten, aber jetzt weniger ſchätzbaren Ueberſetzungen ſeyn vürfte. — 15 Berg. Das Gutachten der Kommiſſion des Staats⸗ raths in Betref der Einführung des Code Napoléon in dem Großherzogthum Berg geht nicht in das Detail ein, ſondern findet nur im franzöſiſchen Ge⸗ ſetzbuche die Verbeſſerung des bürgerlichen Rechts und der Anpaſſung der Geſetze nach der höhern Stu⸗ fe der Kultur der Menſchheit. Dieſe Kommiſſion findet in Teutſchland nirgends jus, ſondern nur con- fusio jurium. Sie glaubt, es koſte ein halbes Menſchenalter, von den in Teutſchland geltenden un⸗ gebeuer vielen Geſetzen nur etwas auffaſſen zu kön⸗ nen, während die Bürger, für welche ſie Normen des geſetzlichen Zuſtands ſeyn ſollen, nie zu dieſer Kenntniß gelangen werden. In den zeitherigen Pro⸗ jekten zur Verbeſſerung der teutſchen Geſetzgebung ſieht die Kommiſſion nur Federkriege zwiſchen Dok⸗ toren der Rechte und der Philoſophie, und nur Spiel⸗ räum zu Privatleidenſchaften. Die Kommiſſion glaubt, gute Geſetze gehörten nicht einer Nation, ſondern der ganzen Menſchheit an, und der Code Napoléon müſſe eben ſo gut für Teutſchland als für Frankreich paſſen. Sie glaubt, man habe im Code Napolson die zeither nöthigen Geſetze nur nach einer höhern Stufe der Kultur, lichtvoller und wohlthäti⸗ ger geordnet, und findet ſich überzeugt, daß die durch den Code Napoléon abgeſchaften Juſtitute ge⸗ gen die gleichen Rechte der Menſchheit ſtreiten, und aus allen wohlgeordneten Staaten verbannt werden 16 müſſen; ferner, daß der Code Napoléon das beſte Geſetzbuch ſey, was man aufzuweiſen habe. Möge er auch Lücken haben, ſo liege dies in der Natur der Sache, und die Geſetzgebungskommiſſion könne dieſe Lücken nach und nach leicht ausfüllen, auch etwa im Großherzogthum Berg dem Geſetzbuche Modifika⸗ tionen geben, welches aber die Rezeption pure nicht bindere. Das Gutachten der gedachten Kommiſſion erwähnt zwar der franzöſiſchen Gerichts- und Pro⸗ zeßordnung nicht ausdrücklich, der Geiſt des Gut⸗ achtens ſelbſt aber ſpricht ſeine gleiche Annahme aus. Uebrigens ſoll für das Großherzogtbum Berg die weſtphäliſche Ueberſetzung des Code Napoléon als offiziel beſtimmt ſeyn, welche auch unter allen bis jetzt erſchienenen Ueberſetzungen die gelungenſte ſeyn möchte C. Baypern. ₰ Für das Königreich Bayern iſt eine Bearbeitung des Code Napoléon nach einer freien Ueberſetzung mit mehreren Zuſätzen und Abänderungen, welche im Ganzen den Geiſt der franzöſiſchen Geſetzgebung unverändert belaſſen, jedoch noch unvollſtändig, er⸗ ſchienen. Bis jetzt beſitzen wir nur das erſte Buch, pas Perſonenrecht, das zweite Buch von dem Eigen⸗ 4*¹ Durch das kaiſerliche Dekret aus Fontainebleau vom 12ten November 1309 iſt nun die Rezeption des Oode Napoléon und der weſtphäliſchen Ueberſetzung als Civilgeſetzbuch im Großherzogthum Berg wirklich vererdnet worden. 17 tbum und den Formen des Eigenthums, und das dritte Buch von den verſchiedenen Arten, wie das Eigenthum an perſönlichen und dinglichen Rechten er⸗ worben, oder verlohren werde, nut bis zum dritten Titel(). Dieſes allgemeine bürgerliche Geſehbuch für das Königreich Bayern befolgt meiſtens und mit wenigen Abanderungen in den Materien die Ordnung des Code und ändert ſich nur in der Otd⸗ nu ing und Zahl der Artickel durch die gemachten Zu⸗ ſätze oder Medi fieationen, welche bis jetzt bei der Doktrin in der Erbfolge am weſentlichſten ſichtbar ſind. Das Ganze iſt eben ſo auf Bayern, ſo wie die weſtphäliſche Ueberſetzung auf Weſtphalen ange⸗ paßt. Navigationsgegenſtände ſind ganz weggelaſ— ſen. Uebrigens ſcheint die franzöſiſche Gerichtsver⸗ faſſung und Prozeßordnung für das Königreich Bayern nicht beſtimmt zu ſeyn, indem bereirs in dem erſchie⸗ nenen Theile des Geſeßbuchs einige wichtige Inſtitute der franzöſiſchen Gerichtsverfaſſung übergangen ſind. So wird z. B. die Funktion des kaiſerlichen Proku⸗ rators theils dem Gerichte, theils den Polizeibehör⸗ den beigelegt, und an manchen Orten ganz übergan⸗ N . Bis zum Abdrucke dieſes Aufſatzes iſt das Bayerſche Civil⸗ Geſetzbuch nach deſſen individuellen Anordnung bis zum Art. 1860. erſchienen. — 18 gen. Eben ſo wird das Notariatsinſtitut meiſtens zum Gerichtsreſſort geſchlagen. Baden. Der Code Napoléson als Landrecht für das Grosherzogthum Baden iſt gleichfalls eine freie Ue⸗ berſetzung mit Zuſätzen, welche aber den einzelnen Artickeln mit Buchſtabenbezeichnung angehängt ſind. In der vorgedruckten Grosherzoglichen Vrrordnung vom 3ten Februar 1309 werden über die geſetzliche K aft der einzelnen Materien genane Vorſchriften er⸗ theilt. Der Code Napoléon, als Landrecht für Ba⸗ den, verändert die einzelne und auf franzöſiſche Ver⸗ faſſung Bezug babende Ausdrücke in gleichbedeuten⸗ dere allgemeinere Benennungen, z. B. ſtatt Kaiſer heißt es„Staatsherrſcher“ ſtatt: Franzoſen„Ein⸗ länder“ u. d. gl. Der Code Napoléon für Baden behält den Procureur impérial unter dem Titel: Kronanwalt bei, beſtätigt verſchiedene Baden⸗ ſche Privatgeſetze, die Lehn⸗ und Stammgüter, auch das privilegirte Forum. Das Badenſche Civil⸗Ge⸗ ſetzbuch enthält eigne Beſtimmungen über Zehenten, Gülten, Erbzinſen, Bannpflichten, Frohndpflich⸗ ten, Erbpflichten, Schupfflehen, Erblehen und Erb⸗ beſtände, Zinsfuß, Verpfründungsverträge ꝛc. und am Ende folget ein Auszug der franzöſiſchen Han⸗ delsgeſetze, jedoch ohne Seegeſetze. Ich kaun nicht bergen, daß die Sprache dieſes ¹9 Geſetzbuchs mir nicht ganz die Popularität zu beſitzen ſcheine, welche einem ſolchen Geſetzbuche zu wün⸗ ſchen ſeyn möge. Auch wird die mit demſelben ver⸗ bundene neue Geſetzgebung den mit dem Geiſte des Code Napolẽon vertrauten Gelehrten vielleicht nicht ganz gefallen. Dahingegen enthält das neue Bar denſche Landrecht ſchätzbare Erläuterungen, welche als Inſtruktion bei der Anwendung allgemeinen Werth haben. Anhalt⸗Cöthen. In dem Herzogthum Anhalt⸗Cöthen war die Einfübrung des Code Napolson bereits auf den ten Januar 1309 feſtgeſetzt. Man ſchien aber ſpãterhin Hinderniſſe zu finden, und die unter ſich eingreifende Verbindung aller franzöſiſchen Geſetzbücher ganz rich⸗ tig zu fühlen, indem durch eine neuere Erklärung die Einfübrung des Code Napolon bis zum Erſcheinen des franzöſiſchen Criminalgeſetzbuchs verſchoben wur⸗ de, um, wie das herzogliche Patent ſich ausdrückt, beide Geſetzbücher miteinander adoptiren zu können. Heſſen und Naſſau. Der Grosherzog von Heſſen, ſodann der Her⸗ zog und Fürſt von Naſſau beſchloſſen im Anfange des laufenden Jahrs eine gemeinſchaftliche Kommiſſſon zuſammen zu ſetzen und gutachtliche Vorſchläge über r0 die Einführung des Code Napolson und die nöthi⸗ gen Modifikationen entwerfen zu laſſen. Von den Arbeiten dieſer Kommiſſion kann bis jetzt noch nichts bekannt ſeyn. ————— Fortdauernder Iſolirungsgeiſt in Leutſchland und Mangel an Einheit auch in der Rezeption oes GCode Napoléon.— Wunſchzur nähern Vereinigung. Der erſte Blick auf dasjenige, was für die Ein⸗ fübrung des Code Napoléon bis jetzt in den teut⸗ ſchen Landen geſchehen iſt, zeigt aber leider! ſchon hnlänglich, daß der leidige Iſolirungsgeiſt durch die Konföderationsakte aus unſerm Vaterlande keines⸗ wegs verdrängt, ſondern im Fache der neuen Civil⸗ Geſetzgebung ſchon wieder vorherrſchend iſt. Wenn ich mit ſo vielen teutſchen patriotiſchen Rechtsgelehr⸗ ten den Wunſch theile, daß Teutſchland durch eine neue Geſetzgebung erfrenet werden möge, ſo iſt dieſer Wunſch doch mit der Bedingung verbunden, daß auch eine und dieſelbe Geſetzgebung die teutſchen Völ⸗ ker vereinigen möge. Ich finde daher meinen gerin⸗ gen Einſichten nach bei Rezeption des Code Napo- léon mit mancherlei und ungleichartigen Modifika⸗ tionen im Grunde nicht viel mehr, als eine neue mo⸗ derniſirte Ausgabe unſerer mancherlei Landes⸗und Lokalſtatute. Soll die Rezeption des Code Napo- léon zur Gleichförmigkeit der Geſetzgebung in den konföderirten Landen führen, ſo müßten die für uns 3. 21. teſinnten Modifikationen für den Fayttn wie für den Sachſen, für den Franken wie für den Weſtpha⸗ len, für den Rheinländer wie für den Mainbewoh⸗ ner, dieſelben ſeyn. Iſt dieſer Gemeingeiſt in der großen teutſchen Geſetzgebung nun einmal nicht zu boffen: ſo wäre wenigſtens zu wünſchen, daß jene kleinere Staaten, welche gegenwärtig im Begriſſe ſind, das franzöſiſche Geſetzbuch einzuführen, biezu gemeinſchaftliche Sache machten, um nicht ſo viele modificirte Codes Napoléon als konföderirte Staa⸗ ten zu erhalten.⸗ Rothwendigkeit organiſcher Vorbereitungsanſtal, ten zur Einführung des Code Napolson. Allen äuſſern Umſtänden nach iſt den teutſchen Landen eine immer enger und enger werdende Verbin⸗ dung mit dem franzöſiſchen Kaiſerthume beſtimmt. Bei der Rezeption des Code Napoléon drängen ſich daher zugleich die Fragen auf: Ob, bei der innigen Verbindung der franzöſi⸗ ſchen Civilgeſetzgebung mit der franzöſiſchen Gerichts⸗ und adminiſtrativen Verfaſſung, man nicht zugleich den Bedacht auf gleichförmige or⸗ ganiſche Anſtalten nehmen müſſe, um ſich nach Einführung des Code Napolson für die Pra⸗ ris nicht in einein Zuſtande der Peſorganiſation N befiuden? Ob man nicht zu Vermeidung ſolcher übeln 6 2 Folgen das Innere der teutſchen Staaten dem Innern des franzöſiſchen Reichs möglichſt nahe bringen, und daher in den teutſchen Landen Adminiſtration, Civilgeſetzgebung, Gerichts⸗ und Prozeßordnung und peinlichen Rechtsgang zugleich nach einerlei Prinzipien ordnen müſſe? 39 fühle ſelbſt alle Einſprüche des teutſchen Patrio⸗ ten und das Zurückſtoßende dieſer Fragen. Ich dächte, aber, es ſey bernhigender, eine ſolche Frage zu rechter Zeit aufzuwerfen, als ſolche ganz zu unterdrücken, und dann einmal, ohne Vorbereitung, bejahen zu müſſen. Im Grunde iſt mau in den teutſchen Lan⸗ den die Adoption fremder Inſtitute zu ſehr gewöhnt, als daß von einer neuen Aufnahme ftemder Formen beſondrer Rachtbheil für unſern privatrechtlichen Zu⸗ ſtand zu befürchten wäre. Iſt doch ſo manches Gute in dieſen neuen Formen, und läßt ſich jetzt ſo man⸗ ches Revolutionaire vermeiden, was ſelbſt in Frank⸗ reich jetzt ſchon in gehäſſigem Lichte erſcheint. Auch wird man in der Sache oft nur fremde Namen und alte Dinge finden. Eure Hoheit haben zwar dieſem Satze bei der erſten Aeuſſerung den höchſten Beifall verſagt, der⸗ ſelbe hat aber im Laufe des letzten Jahres eben ſo ſehr die Zuſtimnung der praktiſchen teutſchen Rechtslehrer erbalten, als meine Ueberzeugung durch das fortge⸗ ſetzte Studium bes franzöſiſchen Rechts ſich über die⸗ ſen Punkt beſtärkt hat; weswegen ich mir ehrfurchts⸗ 33 voll die Freiheit nehme, ſolchen nochmals der böch⸗ ſten Prüfung vorzulegen. Der Code Napoléon und ſeine Verfügungen beziehen ſich zu ſehr' auf die in Frankreich einheimi⸗ ſchen Gerichts⸗ und Adminiſtrations-Inſtitute, als daß man, wie in der Ueberſetzung für das Königreich Bayern geſchieht, ſo geradezu hierüber binausgeben könnte, ohne in der Folge nicht Lücken bei der An⸗ wendung befürchten zu müſſen. 1 Eine weitere Ausführung würde mich hier von meinem Zwecke entfernen. Ohne jedoch von indivi⸗ duellen Anſichten zu ſehr geleitet zu ſeyn, wünſchte ich ſelbſt, gegen das Reſultat meines Studiums der franzöſiſchen Geſetze, daß die einſtige Erfahrung mich anders belehren möge. Abweichende Momentezwiſchen der franzöſiſchen und teutſchen Gerichtsverfaſſung⸗ Zwiſchen der franzöſiſchen und der zeitherigen teutſchen Serichtsverfaſſung finden ſich weſentliche Differenzen, welche theils mittelbar theils unmittelbar im Code Napoléon wirkend erſcheinen. Die prakti⸗ ſche Organiſation unſter zeitherigen teutſchen Ge⸗ richtsverfaſſung iſt beinahe durchaus rechtſprechend. Der Richter handelt von Einleitung des Prozeſſes bis zur Beendigung der Exekution. Eben ſo iſt die ſogenannte willkürliche Gerichts— arkeit beinahe an lauter richterliche oder gerichtli⸗ 24 che Handlungen gebunden. Die praktiſche Orgam⸗ ſation der franzöſiſchen Civil⸗Geſetzgebung beruht aber auf zweierlei ganz getrennten Anſtalten, wovon ein Theil zu den richterlichen und der andre zu den die Rechtsſprechung umgebenden Inſtituten gehört. Richterliche Anſtalten. Die erſten, die richterlichen Behörden, formi⸗ ren eine Stufenfolge der Gerichte, und eine Kette, deren Zerreiſſung ohne Inkonſequenz und ohne Lücken nicht wohl denkbar iſt. In dieſer Kette zeigen ſich: Friedensgerichte, Tribunäle erſter Inſtanz, Appel⸗ lationshöfe, der Kaſſationshof, und endlich der ho⸗ be kaiſerliche Gerichtshof. Das in der franzöſiſchen Verfaſſung ſich über⸗ all ausſprechende Prinzip der Trennung der geſetzge⸗ benden, richterlichen und vollziehenden Gewalt zeigt ſich bei den Friedensgerichten ſchon eben ſo, wie bei den Gerichtshöfen erſter Inſtanz und den Appella⸗ tionshöfen durch alle Theile ihrer Organiſation. Auch die polizeiliche und peinliche Gerichtsbar⸗ keit ſind von der bürgerlichen Rechtspflege ſtrenger, als bei uns, geſondert, obgleich dieſe Abſonderung oft mehr in der Form, als in dem wirkenden Perſo⸗ nale, erſcheint. Friedensgeriſchte. Der Friedensrichter(von ſeinem ſtändigen Ver⸗ ſöbnungsauftrage in Rechtsſachen aller Art ſo ge⸗ 25 nannt) und ſein Aectuar, bilden in allen ſtreitigen Fällen, welche zur Kompetenz der Friedensgerichte gehören, das allgemeine Forum. Weder unſre Orts⸗ ſchulteißen, noch unſte Amtleute, Amtsvögte oder Stadtſchulteißen, wenn ſolche auch nur in der Kate⸗ gorie als ledigliche Gerichtshalter betrachtet werden, ſind mit den franzöſiſchen Friedensrichtern in eine ganz paſſende Parallele zu ſetzen. Eine auffallende Differenz liegt ſchon in dem Umſtande, daß den Friedensrichter⸗ auſſer der Emanzipationserklärung, dem Adoptionsakte und dem Vorſtandsamte bei dem Familienrathe, bei⸗ nahe gar keine Handlungen der willkührlichen Ge⸗ richtsbarkeit zuſtehen, wozu nur der franzöſiſche Ro⸗ tar geſchaffen iſt. Die Vereinigung des adminiſtrativen richterli chen, polizeilichen und inquirirenden Reſſorts bei un⸗ ſern Aemtern und Untergerichten kennt die franzöſi⸗ ſche Verfaſſung nicht. Der Maire, der öffentliche Einnehmer, der Polizeikommiſſär, der Cicherheits⸗ beamte und das Zucht⸗Polizeigericht ſind in Frank⸗ reich die Behörden, die wir bei uns oft in einer Stelle vereinigt finden. Rur den Verſitz bei dem Polizei⸗ oder Zuchtgerichte iſt neuerdings in Frankreich den Friedensrichtern übertragen, und eben ſo im König⸗ reiche Weſtphalen verfahren worden. Bayern und Baden haben die franzöſiſchen Friedensgerichte nicht adoptirt, ſondern die in ihrer Organiſation liegende Untergerichts⸗ und Amtsverfaſſung beibehalten. 26— Tribunsleerſter Tnſanz⸗ Gegenſtände, welche die Kompetenz der Frie⸗ densgerichte überſteigen, oder von dieſen zur Beru⸗ fung geeignet ſind, gehören an die Gerichtshöfe er⸗ ſter Inſtanz. Dieſe Tribunäle beſtehen aus einem Präſiben⸗ . ten, mehreren Richtern und Sußpleanten, je nach⸗ dem der Gerichtsbezirk gros oder klein iſt. Bei je⸗ dem Tribunale befindet ſich ein kaiſerlicher Prokurator. Unſere Landämter, Stadtgerichte und Juſtitzſenate, als ledigliche Gerichtsſtellen für Rechtsſtreitigkeiten, ſeben bis auf die Form des Verfahrens und des beſon⸗ dern Prozeßgangs, denſelben ähnlich, und vertreten ibre Stelle. Aus den Mitgliedern der Gerichte er⸗ ſter Inſtanz bilden ſich zugleich die Zuchtpolizei⸗Ge⸗ richte und die Criminalhöfe, worüber der neue Codex für das peinliche Verfahren beſondre Normen giebt. Die Handelsgerichte für Handelsſachen in Frankreich gehören in die Kategorie der Tribunäle erſter Inſtanz, jedoch als beſonderes Inſtitut. Apyellationshöfe⸗ Die franzöſiſche Prozeßordnung und Gerichts⸗ verfaſſung kennt nur zwei Inſtanzen. Es würde ir⸗ rig ſeyn, wenn man die Ergreifung des Rechtsimit⸗ tels der Caſſation und die Verweiſung der Sache an ein anderes Appellationsgericht zum neuen Spruche für die Eröfnung mehrere Inſtanzen oder Reviſionen 47 halten wollte. Dadurch, daß der Caſſationsbof, an welchen der Rekurs von den Appellationshöfen geht, nicht ſelbſt Urtheile ſpricht, ſondern nur Ur⸗ theile kaſſirt oder die nachgeſuchte Caſſation verwei⸗ gert, im erſten Falle aber, wenn gegen das Mate⸗ rielle der Geſetze geurtheilt iſt, die Schöpfung eines neuen Urtheils an einen andern Appellationshof ver⸗ weiſet, erfodert die franzöſiſche Gerichtsverfaſſung mehrere Appellationshöfe, und zwar wenigſtens drei, indem in einer und derſelben Sache der Caſſationsfall mehrmals eintreten kann. Hier zeigt ſich eine große Schwierigkeit für kleine Staaten, die mit Mühe ein kleines Appellationsge⸗ richt bilden und unterhalten können. Wie ſollen dieſe mehrere Gerichtshöfe zweiter Inſtanz oder gar einen Caſſationshof allein beſolden? fragt man mit Recht. Aber man dürfte ſogar dieſe Frage meiner Anſicht nach erſparen, indem, auch ohne Rückſicht auf dieſe Unmöglichkeit, mehrere Caſſationshöfe in den teut⸗ ſchen Landen nach dem Geiſte der franzöſiſchen Ge⸗ ſetgebung nicht wohl beſteben können. Weſtphalen hat den Staatsrath zugleich zum Caſſationshofe formirt und einen Appellationshof mit drei Sektionen gebildet. Bayern und Baden haben ſich über ihre Gerichtsverfaſſung noch nicht deutlich geäuſſert. Die franzöſiſchen Appellationshöfe ſpre⸗ chen in Civil- und Polizeiſachen in letzter Inſtanz⸗ 25 Auch tre Mitglieder konkurriren zur Formirung der Crininalhöſe. —————— „. Caſſationshof. Der Caſſationshof iſt das wichtigſte Inſtitut der ganzen franzöſiſchen Civil⸗Geſetzgebung. Dieſer iſt die Stütze der Gleichförmigkeit für das ganze Gerichts⸗ verfahren in allen Tbeilen des franzöſiſchen Reichs, und vervollſtändigt die franzöſiſche Eivil-Geſetzge⸗ bung durch die Conſequenz ſeiner Eutſche idungen. Der Caſſationshof erkennt über alle Beſchwer— den gegen Urtbeile letzter Inſtanz in Eivil und Cri⸗ minalſachen dergeſtalt, daß er entweder Urtheile ge⸗ gen die Form, anrechte Anwendung des Geſetzes oder Ueberſchreitung der Kompetenz kaſſirt und an andre Gerichte verweiſet, oder ungegründete Beſchwerden verwirft. Dieſes giebt dem richterlichen Verfahren ei⸗ nen gleichen Gang. Wenn ich nicht irre, ſo kann nut ein ſolches Inſtitut als dauerhafter Damm ge⸗ gen die Vielſeitigkeit der richterlichen Interpretation der Geſetze betrachtet werden, und fehlte von jeper im teutſchen Vaterlande. Derhohe kaiſerliche Gerichtshof. Der hohe kaiſerliche Gerichtshof iſt zwar im We⸗ ſentlichen mehr Staatsinſtitut als zur einfachen Ge⸗ richtsverfaſſung unentbehrlich. Jedoch bildet er die 35 oberſte Stufe in der Kette der Gerichtsordnung, und iſt als der erſte neue Schritt zur Wiederherſtellung ei⸗ ner privilegirten Inſtanz in Frankreich zu betrachten. Er darf um ſo weniger hier unbemerkt bleiben, als er in Sindikarsklagen die Appellationsinſtanz bildet. Der hohe Gerichtshof iſt in Criminalſachen das judicium parium für die kaiſerlichen Prinzen und andre im Geſetze beſtimmten Staatsbeamten des er⸗ ſten Ranges. Ein ſolches Inſtitut würde für ganz Teutſchland eben ſo vortreflich ſeyn, als ein einziger Caſſationshof für teutſche oder konföderirte Lande eine große Wohlthat und das einzige Mittel zur Er⸗ reichung einer gleichmäßigen Geſetzgebung ſeyn wür⸗ de, welches bekanntlich die ehemaligen Reichsgerichte niemals waren. ———— Das Richteramt umgebende und bei der Cibilge⸗ richtsbarkeit mittelbar einwirkende Anſtalten. Hiezu gebören: die für die Beurkundung des Perſonenſtandes, der Geburten, Heirathen und Sterbfälle beſtimmten Anſtalten, der Familienrath, das Rotariatsinſtitut, das Hypotheken⸗Conſervato⸗ rium und Enregiſtrement, die allen Gerichtshöfen beigeordnete kaiſerliche Prokuratur(Ministère pub- lic) die Juſtitzdiener(Huissiers), endlich die Frie⸗ densgerichte, als Bureaux de conciliation oder Ausſöhnungs⸗ und Vergleichsbehöden⸗ 30 ürkunden des Civil⸗oder Perſonen⸗Standes— und Familienrath. Es wird weiter unten bei einer kurzen Darſtel⸗ lung der im Code Napoléon von unſern zeitherigen Geſetzen abweichenden Verfügungen die Gelegenheit ſich ergeben, von der Beurkundung des Perſonen⸗ ſtandes und von dem Familienrathe das Nähere zu detailliren. Ich füge daher nur einige kurze Bemer⸗ kungen in Anſehung der übrigen Abweichungen und Einrichtungen bei. Notariat. Das Notariat, welches in Frankreich tief in die bürgerlichen Verhältniſſe eingreifet, iſt mit dem teut⸗ ſchen Notariatsinſtitute in keine gleiche Kategorie zu fetzen. Der franzöſiſche Notar iſt eine wichtige Per⸗ ſon in der bürgerlichen Verfaſſung, er iſt der Ver⸗ traute und Aufbewahrer der bürgerlichen und Fami⸗ lien⸗ Verhältniſſe. Der geringſte Theil der zeitheri⸗ gen teutſchen Notärs würde zum MRotariatsamte nach dem Sinne der franzöſiſchen Geſetzgebung qua⸗ lificirt ſeyn, wenn man dieſes Amt zur Stufe des all⸗ gemeinen Vertrauens hinauf heben wollte, auf wel⸗ cher ſolches in der franzöſiſchen Geſeßgebung ſteht. Die meiſten Handlungen der willkührlichen Gerichts⸗ öarkeit ſind den franzöſiſchen Gerichtsſtellen abgenom⸗ en und dem Reſſort des Notartatamts zugeeignet. — Die Frage: ob es nicht beſſer ſey, das Notariat 32 nach unſern zeitherigen Grundſätzen forthin einzu⸗ ſchränken, und den Gerichten ſelbſt die meiſten Hand⸗ lungen der ſogenannten freiwilligen Gerichtsbarkeit fortzubelaſſen? glaubte ich, bejahend beantworten zu müſſen, ſo wie es Bayern mehr und Baden we⸗ niger gethan hat, wenn nur die Erfahrung in der Applikatur des Code Napoléon einmal die Möglich⸗ keit hiezu erprobt haben würde. Eine modifizirte Ein⸗ führung eines neuen Rotariats wird jedoch kaum zu umgehen ſeyn, um nicht in der Applikatur des Code Napoléon auf Anſtände zu ſtoßen, die, wenn auch vielleicht nicht im erſten Anfange, doch ſehr bald den Gerichten ſelbſt fühlbar ſeyn werden. In den Land⸗ ſchreibern und Gerichtsſchreibern mancher teutſchen Lande liegt vielleicht ſchon ein großes Erleichterungs⸗ mittel zur Einrichtung des Notariats. Hypothekenamt in Verbindung mit dem Enregi⸗ ſtrement. Eben ſo iſt die Sorge für gerichtliche Verpfän⸗ dung, das Hypothekenweſen, von dem Gerichtsreſ⸗ ſort getrennt. Das Hyypothekengeſchäft iſt nach der zeitherigen Einrichtung der teutſchen Länder, gewöhnlich den Untergerichten zugetheilt, und mit einer gewiſſen Re⸗ ſponſabilität der Ortsſtände und Feldgerichte für die Intereſſenten in Verbindung geſetzt. Die franzöſiſche Civil⸗Geſetzgebung weicht hie, 32 von ganz ab„und überträgt das Hypothekenamt ei⸗ nem beſondern öffentlichen Beamten, der dem Fi⸗ nanz⸗ und Juſtitzdepartement gleich emmeſ iſt.— Wenn ich auch dieſe Einrichtung, wobei mehr für Priorität der Foderungen, als für Sicherheit der⸗ ſelben durch den Werth des Unterpfandes geſorgt iſt, nicht grade einer Lobrede werth halte; ſo iſt doch die des⸗ falſige Einrichtung nach einfachen Grundfätzen geord⸗ net. Ihre Verbeſſerung oder Abänderung dürfte dem Geiſte des Code Napoléon ſo wenig entgegen ſtehn, als dieſer Geiſt die Einführung des drücken⸗ den Enregiſtrements als Einnahms⸗Rubrik gradezu ſordern wird. Jedoch iſt das Enregiſtrement, als Ve⸗ rifikatur des Datums in den Urkunden über bürger⸗ liche Geſchäfte aller Art und durch die hieraus flie⸗ ßenden Rechte, mit dem Gode Napoléon eng ver⸗ bunden, wie ſich in den letzten Titeln des drirten Buchs zeigen wird. Kaiſerliche Prekuratur. Die kaiſerliche Prokuratur bildet in mancher Hinſicht eine Kontrolle der Rechtspflege durch einen Bevollmächtigten des Regenten, den ſogenannten Procureur impérial, welcher allen Gerichtshöfen beigeordnet iſt. Die kaiſerliche Prokuratur wacht über die richtige Anwendung und Vollziehung der Geſetze. Sie wacht aber nicht allein für das Inte⸗ 1 33 keſſe des Staats, ſondern ſie bildet überdies eine of⸗ fizielle Vertretung der Unmündigen, Abweſenden und andrer ſchutzbedürftiger Perſonen, wofuͤr man bei unſerer zeitherigen Verfaſſung kein Surrogat kannte, wenn der Riehter nicht Pflichtenhalber Offi— zialanwälte verordnete. Die Fiskale oder Fiskal⸗ Advokaten hatten zwar eine entfernte aber einge⸗ ſchränkte Aehnlichkeit nit der kaiſerlicheu Prokuratur; beide Inſtitute weichen jedoch zu ſeht von einander ab, als daß man den Begriff des einen zur Erklä⸗ rung des andern gebrauchen dürfte. Der kaiſerliche Prokurator hat kein Stimmtecht; er macht nur bei Gerichte ſeine Anträge und verlangt, daß man hier⸗ auf Rückſicht nebme. In der neuen peinlichen Ge⸗ richtsordnung iſt ihm die Aufſuchung der Vergehen und überhaupt ſo manche wichtige Funktion über— tragen, daß er nun für die peinliche ſo wie für die bürgerliche Juſtitpflege unentbehrlich geworden iſt. Die kaiſerliche Prokuratur bildet die Kette der Auf⸗ ſicht über die Juſtitpflege im Staate bis zum Juſtit⸗ miniſter. Das Inſtitut des kaiſerlichen Prokurators, welches die Bayerſche Ueberſetzung des Code Napo- leon ganz übergeht, die Grosherzoglich-Baden⸗ ſche aber unter der Benennung:„Kron-Anwalt“ beibebält, iſt unſtreitig ein lobenswerthes Inſtitut, und ſollte billig bei der Rezeption des Code Napo⸗ 16on nicht als unnöthig geſtrichen, ſondern zur Be⸗ förderung der Juſtitz beibehalten werden, Dieſes 3 34 N Amt greifet in die Geſetzgebung des Code Napoléon und in deſſen Applikatur bei den wichtigſten Materien ſelbſt zu ſehr ein, als daß man, wie die Bayerſche Geſetzgebungskommiſſion, ſolches ganz vorübergehen könnte, ohne in der Folge eine Lücke zu fühlen. Huiſſier. Da die franzöſiſche Verfaſſung die geſetzgebende, richterliche und vollziebende Gewalt ganz trennt und von einander ganz unabhängig macht; ſo folgt hier⸗ aus, daß der Richter mit der Vollziehung ſeines Ur⸗ theils nichts zu ſchaffen hat. Er hat aber auch eben ſo wenig mit der Inſtruirung des Prozeſſes zu thun. Beide Geſchäfte, die Mittheilung unter den Par⸗ cheien und die Vollziehung der Urtheile iſt dem Huiſ⸗ ſier, eigentlich Diener der Juſtitz und nicht Gerichts⸗ diener, übertragen. Derſelbe iſt in dieſer Hinſicht ziemlich unabhängig von dem Gerichtshofe, wenn er gleich bei dem Gerichte noch andre Verrichtungen, unſerin Gerichtsdiener gleich, zu beſorgen hat. Je⸗ doch wird aus dieſer kurzen Andeutung ſchon fühlbar ſeyn, daß der größte Theil unſter Gerichtsdiener zum Huiſſier nach dem Sinne der franzöſiſchen Geſetzbü⸗ cher ſich ſo wenig qualifizire, als unſte teutſche Nota⸗ rien zum franzöſiſchen Notariatsamte. Der franzö⸗ ſiſche Diener der Juſtitz iſt ſelbſthandelnde Perſon, und faſt möchte ich ſagen, daß dieſes Amt und ſein bedeutender Wirkungskreis zu ſehr auf fehlerfteie und —„—— —— e————— —„—— 35 leidenſchaftsloſe Menſchen gegründet ſey, als daß man in dieſem Punkte nicht einen fühlbaren Mangel der franzöſiſchen Gerichtsverfaſſung finden dürfte, welcher in der teutſchen Gerichtsordnung, wo der Richter vom Anfange bis zum Ende bandelt und lei⸗ tet, weniger ſichtbar iſt. Zu wünſchen wäre daher, man belaſſe dem Richter das Verfahten bis zum Spru⸗ che und nach dem Spruche. Beſonders entziehe man ihm nicht die Aufſicht über die Exekution. Die eigne Erekutivkraft der actes authendiques mag immerhin bleiben, wenn auch das Gericht bei der Exekution mitwirkt. Unſtreitig wird auch dies geſchehen kön⸗ nen, ohne den Geiſt des Code Napolson zu belei⸗ digen. Friedensgericht, als Verföhnungsſtelle. In mehreren neuern teutſchen Gerichtsinſtruktio⸗ nen iſt zwar das richterliche Bemühen zur Verglei⸗ chung und Vereinigung der Partheien ſchon mit gu⸗ tem Nutzen vorgeſchrieben. Jedoch iſt dieſer Punkt noch nicht in der teutſchen Geſetzgebung ſo weit gedie⸗ hen, wie in der franzöſiſchen Gerichtsordnung, nach welcher keine Rechtsſache vom Gerichtshofe erſter In⸗ ſtanz angenommen werden darf, von welcher nicht die verſuchte und vergebliche Bemühung des Ver⸗ gleichs beſcheiniget werden kann.— Daß dieſe An⸗ ſtalt nicht zu verwerfen ſey, darf alletdings behauptet werden, wenn auch gleich ihr Rutzen nicht ſiberall 36 ſch glänzend zeigen kaun. Dieſer ſtändige Auftrag zu Verſöhnungsverſuchen in bürgerlichen Rechtsſtrei⸗ tigkeiten bildet eine beſondre Geſchäftsbranche der Friedensgerichte. In der Gerichtsordnung für das Königreich Weſiphaien findet man ſolche nicht. ———————— Die Andeutung der vorbemerkten abweichenden Einrichtungen muß ich mir um deswillen erlauben, weil die ſranzöſiſche Civilgeſetzgebung ſolche voraus⸗ ſetzt und in vielen Punkten auf denſelben ruhet. Ich bemerke hiebei vorläufig, daß das zweite und dritte Buch des Code Napoléon, mit Ausnahme dieſer Inſtitute, und gewiſſer Konſtitutionsverhältniſſe, für alle Länder und Völker paſſe, indem, mehrere Ab⸗ änderungen in der Lehre vom letzten Willen, dem Erbrechte, Ehevertrage und ähnlichem Güterverbält⸗ niſſe, Hypothekenweſen u. d. gl. ausgenommen, auch der Geiſt des römiſchen Rechts ſich durchaus in dem⸗ ſelben ausſpricht. Dieſem ungeachtet ſcheint mir, als Reſultat ei⸗ nes gründlichen Studiums der franzöſiſchen Civilge⸗ ſetzgebung, der Satz feſtzuſteben: daß die Rezeption des ganzen Code Napolòon als Civilgeſetzbuch eine vorderſamſte Rezeption gewiſſer Konſtitutions⸗Prin⸗ zipien ſeines Vaterlandes als Bedingung in ſich führe. Es wird ſich bei der folgenden kurzen Ueberſicht des Code Napoléon von ſelbſt zeigen, wie genau der Coce de proce qure cirile mit dem CGode Napo- 37 lon zuſammenhänge und wie manchmal dieſer aus jenem ergänzt werden muß. So bängen auch die Geſetzbücher mit den Grundprinzipien der Konſtitus tion zuſammen, ohne jedoch mit einer andern Konſti⸗ tution gradezu ganz unverträglich zu ſeyn. Bergleichende Ueberſicht der einzelnen Materies des Code Napolson mit den für die teutſchen Lande bereits erſchienenen Modifikationen. Rach dieſen Bemerkungen über das franzöſiſche Geſetzbuch, in Beziehung auf das teutſche Vater⸗ land im Allgemeinen, gehe ich zu einer kurzen und vergleichenden Andeutung der Geſetze und Vorſchrif⸗ ten des Code Napoléon über, welche, in Hinſicht auf zeitherige Verfaſſung und Geſetze, für uns nicht ganz paſſend ſcheinen dürften, und als Gegenſtände eigner Modifikationen ſchon bereits angeſehen wor⸗ den ſind. Präliminar⸗Sitel. Der Code Napoléon fängt mit einem kurzen Präliminar⸗Titel über Bekanntmachung, Wirkun⸗ gen und Anwendungen der Geſetze im Allgemeinen an, in welchem die für das franzöſiſche Reich allein beſtimmte Dispoſition des erſten Artickels über die Zeit der Gültigkeit neuer Geſetze für jeden einzelnen Staat umgeändert werden muß, wie die Bayerſche 36 und Sne Ueberſetzungen gethan tibe So⸗ dann verſteht ſich von ſelbſt, daß da, wo der code Napoléon von Franzoſen, voni Kaiſer, Kaiſerthum u. d. gl. die Bayerſche und Weſtphäliſche Ueber⸗ ſetzung vom Könige, vom Königreiche Bayern und Weſipbalen ſpricht, nach dem Beiſpiele der Baden⸗ ſchen Ueberſetzung andere allgemein paſſende Worte, z. B. Staatsbeherrſcher, Regent, Inländer ꝛc. zu ſu ogi en ſeyen, wenn von der Anwendung auf an⸗ dere Länder die Rede ſeyn ſoll. Dieſer Präliminar-Artickel iſt nicht allein 46 Civilgeſetze, ſondern auch auf die übrigen Geſetze und Verordnungen im Staate berechnet. Auch erſcheint der Franzoſe ſchon in einer gewiſſen höhern Kategorie (Art. 3.) als auf die Eingebohrnen der konföderirten teutſchen Lande paſſen dürfte. In der Einleitung vor dem Bayerſchen Geſetz⸗ buche finden ſich einige Zuſätze und Rechtsgrundſätze, welche eben ſo, wie die Zuſätze in der Einleitung des Badenſchen Geſetzbuchs, als nützliche Erklärungen anzuſehen ſind. Im Badenſchen Geſetzbuche iſt be⸗ ſonders über die Anwendung des römiſchen Rechts und des Herkommens, manche Beſtimmung vorbau⸗ ven, welche den Artickel 4. des Code Napoléon, der eine nicht ganz wünſchenswerthe richterliche Will⸗ kür zu ſanktioniren ſcheint, näber beſtimmt und be⸗ ſchränkt. 39 Der Code Napoléon enthält drei Bücher. Das erſte enthält das Perſonenrecht, das zweite und dritte das Sachenrecht. Der erſte Titel des erſten Buchs entwickelt die bürgerliche Rechte, derſelben Genuß und Verluſt, ſetzt den Franzoſen gegen den Ausländer auf eine beſonders ausgezeichnete Stufe, und legt die Civilrechte der Fremden in die Hände der Regierung. Der Artickel 14. hebt den Satz, daß der Klä⸗ ger dem kompetenten Gerichtsſtande des Beklagten folgen müſſe, auf, und erlaubt dem klagenden Fran⸗ zoſen, den beklagten Ausländer vor die franzöſiſche Gerichte zu fodern, wodurch eine betrübte Retorſi⸗ ons⸗Nothwendigkeit des Auslandes entſtehen wird. Meines Entſinnes hat Frankreich dieſen Satz nur in Anſehung der Schweitz ſuspendirt. Es dürfte dieſe einzige Ausnahme aber hinlänglich ſeyn, teutſche Miniſterien auf die Möglichkeit von Staatsverträgen aufmerkſam zu machen, um die nachbarlichen Un⸗ annehmlichkeiten des Art. 14. zu mildern, und auch vielleicht den dieſſeitigen Rechtsſprüchen Exekutivkraft in Frankreich zu verſchaffen. Auch ergiebt ſich im zweiten Kapitel erſten Ab⸗ ſchnitt Art. 17. für uns die Frage; ob zwiſchen den teutſchen Bundeslanden der wechſelſeitige Begriff ei⸗ nes fremden Landes ſtatt habe? Das Bayerſche Geſetzbuch behält die Beſtime mungen des Code Napoléon für Bayern bei, und ſcheint die verbündeten teurſchen Staaten für Aus⸗ land gelten zu laſſen. Cben ſo finde ich im Baden⸗ ſchen Geſetzbuche nichts, was dieſen unkonföderirten Satz modifizirt. Rur in der oben angeführten Her⸗ zoglich Arembergiſchen Verordnung wird beſtimmt, daß die Einwohner der teutſchen Bundesſtaaten*5 als Ausländer zu betrachten ſcen. urkunden des Perſonenſtandes. Der zweite Titel handelt von den Urkunden des Civilſtandes, von Geburts⸗Ehe⸗ und Sterbe⸗Re⸗ giſtern. Hier und an mehrern andern Stellen des Perſonenrechts giebt der Code Napoléon Beſtim⸗ mungen über Gegenſtände, worüber es bis jetzt bei uns im Allgemeinen an geſetzlichen Normen feblte, wobei man aber auch gewöhnt war, gröſtentheils nur geiſtliche Beſchäftigungen und religiöſe Anſicht der zu erblicken⸗ ———— Unter den Prinzipien der franzöſiſchen Konſtitu⸗ tion iſt beſonders gänzliche Trennung des Staats von der Kirche bemerklich. Bisher war man gewöhnt, den Menſchen bei dem erſten Eintritte in die Welt mit der Kirche verbunden zu ſehen, an der Hand der Kir⸗ che die wichtigſten bürgerlichen Verhältniſſe ſchließen⸗ und ſolche eben ſo endigen zu ſehen. Der Code Na- poléon giebt den bürgerlich⸗ religiöſen Verhältniſſen eine andre Anſicht. Er ſäkulariſirt die im bürgerli⸗ 31 chen Leben ſo nöthige Beurkundung über den Eintritt in das Leben, in die Ehe und über den Ausgang aus dem Leben. Er heftet die Gültigkeit des Geburts⸗ Ehe⸗ und Sterbe⸗Regiſters allein an die bürgerliche Geſetzgebung, nicht an die religiöſen Zeremonien. Er macht jene zum unentbehrlichen Erforderniß, wäb⸗ rend dem er den kirchlichen Theil der Handlung nur als Sache des Glaubens und Gewiſſens, als reine Religionsſache, betrachtet und unberührt läßt, wie Herr von Almendingen in ſeinen Aufſätzen über den Code Napolson treflich ausführt. Bisher knüpfte die Kirche die Ehe mit einem religiöſen Bande, und gab dem Eide ſeine Wichtigkeit durch die Grundſätze der Religion. Die franzöſiſche Praxis ſäkulariſirt den Eid ſo, wie der Code Napo- léon die Ehe, indem die religiöſen Formen von der Praxis und dem Geſetze getrennt ſind. Der Code Napoléon oder vielmehr die franzöſiſche Verfaſſung knüpft die Religion an den Staat und an die bürger⸗ lichen Verhältniſſe, ohne ſolche in die bürgerlichen und geſetzlichen Verhandlungen einzumiſchen, oder den bürgerlichen Verhältniſſen durch die Religion erſt, wie zeither, die Sanktion zu verleiben. Gegen den Geiſt des Evangeliums mag dies vielleicht nicht gra⸗ dezu ſtreiten; es ſtreitet aber dies zum Theile gegen unſere zeither gewohnte Anſicht, und könnte vielleicht die ſchon bei der Menge verminderte religiöſen Ideen noch mehr im Werthe herabſetzen. Beſonders könnte 42 das Mißverſtehen dieſes Prinzips das Eheband im Allgemeinen zu locker für das Staatswohl knüpfen. Dieſer Geiſt, welcher das erſte Buch des Code Napoléon durchgreift, kann bei der Bekanntſchaft mit demſelben nicht unberührt bleiben. Bis jetzt hat, auſſer Weſtphalen, kein teutſcher Bundesſtaat durch die Verſchiedenheit dieſer Anſichten ſich bewogen ge⸗ funden, bei Rezeption dieſes erſten Buchs Etwas zu modifiziren. Weſtphalen allein hat durch die Uebertragung der Beurkundungen des bürgerlichen Standes an die Seelſorger(aber nur an die chriſtli⸗ chen ²) die Seelſorger zu Beamten des Civilſtandes erklärt, und hiedurch wenigſtens einige Modifikation der Auſſenſeite bewirkt. Das königliche Dekret vom saten Januar 1808 autoriſirt die Prediger und Pfar⸗ ret zur Haltung der Civilſtandesbücher, bindet die⸗ ſelben aber an die Vorſchriften des Code Napoléon. Bayern und Baden ſind dieſem Veiſpiele nicht ge⸗ folgt, ſondern ließen den Sinn des Code Napoléon in dieſem Betreffe unverändert; eben ſo Aremberg, welches ohnehin die Vorſchriften des Code Napoléon unverändert rezipirte. Ich muß geſtehen, daß— unabhängig von der zeitherigen Gewohnheitsanſicht dieſer Gegenſtände — die Regiſter des bürgtrlichen Standes und die nothwendige Beobachtung der vorgeſchriebenen For⸗ malitäten mir beſſer in weltlichen, als in geiſtlichen Händen verwahrt zu ſeyn ſcheinen. Auch wird die Führung det Regiſter des Perſonenſtandes in gemiſch⸗ 45 ten Orten durch die Seelſorger das Geſchäft aus ſei⸗ ner wünſchenswerthen Einfachheit reißen und manche praktiſche Inkonvenienz erzeugen. Dies iſt nicht zu mißkennen; jedoch dürfte die religiöſe Anſicht die⸗ ſer Sache im teutſchen Vaterlande noch zu großen Werth haben, um ſie auf Einmal ohne Roch geſetz⸗ lich zu vertilgen. In Frankreich fand die neue Ge⸗ ſetzgebung alle religiöſe Etabliſſements durch die Re⸗ volution vertilgt. Die Klugheit befahl ihr andre Schritte, und ſie mußte nothwendig einen andern Gang gehen, als jetzt in teutſchen Landen nöthig iſt. Auf jeden Fall ſind die Vorſchriften des Code Napoléon für die Regiſter des Perſonen⸗Standes auch für uns ſehr wichtig. Wollte man auch den Civilſtandsbeamten im Geiſte des Code Napoléon nicht etabliren: ſo müßte doch wenigſtens die Füh⸗ rung der Civilſtandsregiſter in jedem Orte eine alle Unordnung entfernende Einrichtung erhalten, und mehr als zeither unter obrigkeitliche Aufſicht genom⸗ men werden. Die verſchiedene Anſicht der Sache giebt nun hier viele, oder wenige Hinderniſſe, welche allein in dem Geſichtspunkte liegen, von welchem man aus⸗ gebet. Iſt die Hauptfrage über die Regiſter des Perſonenſtandes einmal entſchieden; ſo heben ſich die übrigen Anſtände von ſelbſt. So iſt z. B. die Form der Beurkundungsbücher des bürgerlichen Sandes Titel 2. Artickel 41. an Paginirung und Handzug des Tribunalpräſidenten gebunden, welchen Präſidenten das Bayerſche Geſetzbuch durch den Vor⸗ ſtand des Untergerichts, das Badenſche durch den Bezirksrichter ſubſtituirt. Dieſer Punkt bedarf da⸗ her für jedes Land eine eigne Beſtimmung, wenn die Verfaſſungen ungleichartig bleiben. So ſpricht fer⸗ ner Artickel 43. von der jährlichen Depoſition der Ci⸗ vilſtandsregiſter in der Kanzlei des Tribunals erſter Inſtanz, welches in dem Bayerſchen Geſetzbuche durch das Archiv des Untergerichts, und in dem Ba⸗ denſchen Geſetzbuche durch die Bezirkskanzlei ausge⸗ druckt iſt. Der Artickel 53. berührt zuerſt die kaiſerliche Prokuratur mit Funktionen bei der Prüfung der Ci⸗ vilſtandsregiſter, welche Funktion im Bayerſchen Geſetzbuche dem Vorſtande des Untergerichts übertra⸗ gen, im Badenſchen aber dem Kronanwalte belaſ⸗ ſen iſt. Das dritte Kapitel im sten Titel handelt von den Ehebüchern nach Vorſchriften, welche in den Bayer⸗ ſchen und Badenſchen Geſetzbüchern ganz beibehal⸗ ten ſind. Hier fängt die Säkulariſung der Ehe an. Auch im Falle, wenn die Führung der Civilſtands⸗ regiſter den Geiſtlichen anvertrauet wird, wird dieſe prävalirende Anſicht nicht gehoben. Die Proklami⸗ rung am Gemeindehauſe und andre Erforderniſſe bleiben immer in den Auger der Menge noch ſäkula⸗ riſirende Erſcheinungen, deren gute Seite zwar nicht ſchwer aufzufinden, deren Einführung aber für uns doch wohl nicht ganz nöthig iſt. 46 Das vierte Kapitel 2. Tit. von den Sterbregi⸗ ſtern, Sterbeurkunden, Todtenbüchern 2e. enthält ſchon weniger auffallend neue Anſichten, weil die me⸗ diziniſche Polizei unſrer mangelhaften Civil Geſetz⸗ gebung in dieſem Punkte ſchon mehr vorgearbeitet hat. Bei der Materie von den Eivilſtandsregiſtern Fann ich mich überhaupt nicht von der Anſicht tren⸗ nen, daß dieſe Materie mehr in die polizeiliche als in die reine Civil⸗Geſetzgebung gehören möge. Der dritte Titel vom Wohnſitze und der vierte Ti⸗ tel von der Abweſenheit und ihren Folgen enthält Ber ſtimmungen, anwendbar auf alle Völker und Religio⸗ nen, ohne Unterſchied der Verfaſſung. Der Titel vom Wohnſitze dürfte manche Frage nnerörtert belaſſen, der Titel über Abweſenheit aber bedentende Vorzüge vor dem römiſchen Rechte auf⸗ zuweiſen haben. Im Artickel 114. erſcheint der kaiſerliche Proku⸗ rator, Ministers public, in der wichtigen Funktion, für das Intereſſe der Abweſenden zu wachen, und in dieſen Gegenſtänden ſich beſonders vernehmen zu laſſen. Im Artickel 113. kommt der kaiſerliche Proku⸗ rator und der Miniſter Grosrichter bei der Abweſen⸗ heitserklärung als handelnde Perſonen vor, welche in dem Bayerſchen Geſetzbuche durch Gerichtshand⸗ lungen ſubſtituirt;, im Badenſchen jedoch ganz nach dem Geiſte des Originals belaſſen ſind. Ich bemerke 46 dieſe Punkte, weil ſolche eine unmittelbare Beziehung auf die franzöſiſche Staatsverfaſſung baben, und ei⸗ nen Staat mit einem Juſtitz⸗Miniſterium voraus⸗ ſetzen. Der fünfte Titel handelt die Materie von der Ebe ab, worüber bereits oben das Röthige geſagt worden. Bei der Lehre von den Ehebinderniſſen we⸗ gen Verwandtſchaft beſtimmt Artickel 162. das Ver⸗ bot der Ehe zwiſchen Verſchwägerten als zur Dis⸗ penſation nicht geeignet, welches aber in Weſtphalen, Bayern und Baden für einen zur Dispenſation ge⸗ eigneten Fall erklärt worden; wobei nur der beſondre Fall ausgenommen iſt, wenn nämlich eine Ehe durch Scheidung getrennt worden⸗ Artickel 166. und folgende, welche die Schlieſ⸗ ſung der Ehe vor dem Civilbeamten verordnen, ſchei⸗ nen, nebſt der Abweichung von den religiöſen For⸗ men, auch noch das Abweichende an ſich zu tragen, daß die Ehen nach dem Code Napoléon weder eine gewiſſe Ernährungsfähigkeit noch obrigkeitliche Er⸗ laubniß vorausſetzen. Dieſe ſiud nach der franzöſi⸗ ſchen Geſetzgebung keineswegs erfoderlich, welches auch ganz natürlich in dem Geiſte eines großen Mi⸗ litärſtaats gegründet iſt. Ob die desfalls beſtehenden frühern Verordnun⸗ gen in kleinen Staaten ſo unbedingt aufzuheben ſeyn möchten, will ich nicht behaupten. Weder das Bayerſche noch das Badenſche Ge⸗ ſetzbuch ſcheinen dieſen Gegenſtand zu berühren, nur 47 im Badenſchen Geſetzbuch Artickel 144. beſchränket ein Zuſatz die Heirathsfähigkeit der Männer vor 26 Jahren und jene der Weiber vor 18 Jahren durch das Erfoderniß der Polizei⸗Erlaubniß, welche Be⸗ ſchränkung auf jene Bemerkung deuten dürfte. Das Badenſche Landrecht enthält bei Artickel 233. einen Beſtimmungszuſatz über die Religionser⸗ ziehung der Kirder, mit Beziehung auf die Kirchen⸗ verfaſſung des Staats, wo das Grundgeſetz über die Verträge der kirchlichen Erziehung u. d. gl. beſtimmt iſt. Ein ſehr ſachdienlicher Zuſatz, welcher für kein Land überſehen werden darf. Der ſechste Titel handelt von der Eheſcheidung nach unſtreitig ſehr hellen Grundprinzipien, verweiſet dieſen Gegenſtand lediglich zum Reſſort der Civiltri⸗ bnnäle, welches zwar gegen unſee zeitherige Gerichts, verfaſſung anſtößt, jedoch den Wunſch realiſirt, daß Ebeſcheidungsklagen, vorbehaltlich des Gewiſſens⸗ punktes, von dem geiſtlichen Reſſort getrennt werden mögen. Um in der Beurtheilung der Eheſcheidungs⸗ Materie des Code Napoléon überhaupt keinen Fehl⸗ grif zu machen, muß man wohl bemerken, daß die Geſetze jeder Religionsparthei einen Weg zur Tren⸗ nung öfnen, und die Auswahl des Weges den indi⸗ viduellen Religionsgrundſätzen überlaſſen, ohne von Staatswegen einen Gewiſſenszwang aufzulegen. So iſt für den Katholiken die ledigliche Scheidung von Tiſche und Bette beibehalten, und für andre Reli⸗ gionsverwandten die gänzliche Trennung freigegeben. 48 Auch die Frage: ob geſchiedene Ehegatten wer⸗ den heirathen dürfen? behandelt der Code Napoléon Artickel 296. u. f. ohne Rückſicht auf die kanoniſchen Rechte lediglich als Civilſache, und ihm folgen das Bayerſche und Badenſche Geſetzbuch ohne Abände⸗ rung; nur bezieht ſich das letztere noch insbeſondere auf die in Baden beſtehende Eheordnung. Die kaiſerliche Prokuratur ſpielt in dem ganzen Eheſcheidungs⸗Prozeſſe eine ſehr bedeutende und über⸗ all einwirkende Rolle. Dieſer Prozeß iſt in die Ci⸗ vil⸗Geſetzgebung des Code Napoléon ſchon einge⸗ webt. Die Funktionen des Präſidenten erſter Inſtanz in Eheſachen beſtimmen das Bayerſche und Baden⸗ ſche Geſetzbuch lediglich durch den allgemeinen Aus⸗ druck: Gericht u. d. gl. Die Funktionen des kaiſer⸗ lichen Prokurators ſind nur in dem Badenſchen Land⸗ rechte beibehalten. Der ſiebente Titel begreift die Beſtimmungen von der Vaterſchaft und Kindſchaft, welche in Anſehung der unehelichen Kinder manche neue Sätze enthalten. Der achte Titel behandelt die Grundſätze der Adoption nach einem von dem römiſchen Rechte ab⸗ weichenden Prinzip, bei welcher Materie Art. 354. auch der kaiſerliche Prokurator wieder als handelnd auftritt.— Der neunte Titel enthält die Beſtimmungen der väterlichen Gewalt, deren Applikatur, ihrer bie und da vorkommenden eignen Sätze ungeachtet, auf teut⸗ 49 ſche Völker, ſo wie die Lehre der vorßerigen Titeln, keinen Anſtand findet. Rur müſſen die hier vorkom⸗ menden Geſetze über die beſchränktere elterliche Nutz: nieſung am Vermögen der Kinder in Hinſicht auf Ap⸗ plikatur und Zeit für Lande, in welchen zeither hierü⸗ ber abweichende Statute exiſtirten, nähere Beſtim⸗ mung erhalten, um Prozeſſe und Streite zu vermei⸗ den, wie auch Baden ſehr wohl gethan hat. Der zehnte Titel bandelt von der Minderjäßrig⸗ keit, der Vormundſchaft und Emancipation. Hier kommen mehrere Einrichtungen und Beſtimmungen vor, welche unſern zeitherigen Einrichtungen fremd ſind und daher eine beſondre Erörterung verdienen. Familienrath⸗ Der Code Napolson bildet nämlich für die An⸗ gelegenheiten der Minderjahrigen und der ihnen gleich geachteten Perſonen, in den Perſonen der nächſten An⸗ verwandten von väterlicher und mütterlicher Seite, unter dem Vorſitze des Friedensrichters, einen Fami⸗ lienrath, eine Art von Familiengericht, welches In⸗ ſtitut mit Unrecht als unpraktiſch angefochten wird, Läßt man ſich durch das Reue in Benennung und Form nicht irre leiten, ſo findet man in demſelben nichts weniger, als ein unſern Voreltern oder uns fremdes Inſtitut. Der Familienrath beſorgt die Funktion unſter Obervormundſchaft. 4 60 Wenn gleich die teutſchen Vormundſchafts: und Pupillar⸗Verordnungen den Obrigkeiten und Pupil⸗ larämtern einen großen Wirkungskreis in Verwaltung des vormundſchaftlichen und Pupillar⸗Reſſorts bei⸗ legten: ſo entfernte man die anverwandtliche Theil⸗ nahme doch nie ganz von dem Intereſſe der Bevor⸗ mundeten. Dieſes vormundſchaftliche Intereſſe er⸗ weiterte der Code Napoléon mit Recht durch das Inſtitut des Familienraths, und befeſtigte die richtige Leitung des Geſchäfts durch Uebertragung der Direk⸗ tion an den Friedensrichter, welcher durch ſein gutes Benehmen eben ſo alles Gute erzwecken kann, wie die zeitherigen Pupillargerichte und Pupillarſenate. Wenn gleich der Friedensrichter im Allgemeinen keine entſcheidende Stimme hat, ſondern nur in beſondern Fällen dieſes Recht ausüben kann; ſo wird ſeine Ein⸗ wirkung, bei gehöriger Klugheit und Rechtlichkeit, doch in der Regel eben ſo gros ſeyn, als wenn er ſol⸗ che in allen Fällen beſäße. Das Verfahren des Fa⸗ milienrathes muß durch den Code de procedure ci- vile a. Th. 1. B. 10. Tit. ergänzt werden. Das Bayerſche Geſetzbuch ernennt einen Bei⸗ ſitzer des Untergerichts an die Stelle des Friedensrich⸗ ters zum Vorſtande des Familienraths. Das Ba⸗ denſche Geſetzbuch macht die Ortsvorſteher zu Vor⸗ ſtänden des Familienraths. Beide Geſetzbücher über⸗ tragen die Zuſammenberufung des Familienratbs zur Beförderung der Sache den Ortsvorſtehern, den ei⸗ gentlichen Civilſtandesbeamten, den Maires im Sin⸗ 51 ne der franzöſiſchen Verfaſſung. Die durch den Code Naßolson verfügte Veiordnung eines Neben⸗ oder Gegenvormundes für Fälle, wo der Hauptvor⸗ mund nicht handeln kann, iſt nicht neu, indem be⸗ reits in Teutſchland beinahe überall die Ernennung zweier Vormünder gewöhnlich war. Durch die An⸗ ordnung des Nebenvormundes, subrogé Tuteur, in vode Napoléon, iſt noch beſonders eine Control⸗ lirung des in ausgedehnter Hanblungsvollmacht er— ſcheinenden Hauptvormundes beabſichtet. Eben dieſe ausgedehnte Autorität, beſonders in Hinſicht der Be⸗ ſtimmung des Art. 469.,(daß nämlich jeder Vor⸗ mund über ſeine Verwaltung nur am Ende der Vor⸗ mundſchaft Rechnung abzulegen ſchuldig ſey,) veran⸗ laßte die Abänderung im Bayerſchen Geſetzbuche, daß die Rechnungsablage alle Jahre zu geſchehen, und daß der Nebenvormund für allen aus der Unter⸗ laſſung entſtehenden Schaden zu haften habe. Das Badenſche Geſetzbuch bleibt in dieſer Hinſicht dem Code Napoléon getreuer, und ſubſtituirt uur der im Art. 470. bewilligten Etatsvorlegung die Beſtim⸗ mung, daß der Vormund angehalten werden könne, zu gewiſſen, vom Familienrathe beſtimmten, Zeften die Rechnungen vorzulegen. Mit dem Geiſte des Ge⸗ ſetzes, welches durch einzelne Rechnungsſtellungen die Verantwortlichkeit des Vormunds nicht gern verein⸗ zeln mag, dürfte zweckmäſiger vereinbarlich ſehn, dem kontrollirenden Gegenvormunde jährlich die Durch⸗ ſicht belegter Etats zur Pflicht zu machen. 52 Bei der im Art. 427. gegebenen Beſtinmung über die von Uebernahme der Vormundſchaften befrei⸗ ten Perſonen tritt, bei der Verſchiedenheit der Verfaſ⸗ ſung der einzelnen teutſchen Staaten, die Rothwendig⸗ keit einer Modifikation nach der Verfaſſung ein. Je⸗ doch darf hiebei nicht überſehen werden, daß die Exemtionen mehr als zeither eingeſchränkt werden müſſen, wenn man nicht das neue Vormundſchafts⸗ Inſtitut zu ſehr erſchweren will. Die Emancipation, wovon der zehnte Titel noch handelt, iſt bei der geſetzlichen früben Volljährigkeit nicht begünſtigt, und ſogar im Falle eines Mißbrau⸗ ches die Aufhebung der ſchon ertheilten venia astatis verordnet. Der zehnte Titel handelt von der Volljährigkeit und Volljährigkeits⸗Erklärung. Der Code Napo- 16on ſetzt die Volljährigkeit auf 1 volle Jahre, und bindet den Volljährigen nur noch bei dem Vereheli⸗ chungsgeſchäfte vor 25 Jahren, an elterliche, vor⸗ mundſchaftliche oder verwandtſchaftliche Conſenſe. Da unſte zeitherigen Geſetze die Volljährigkeit auf a5s Jahre ſetzen, ſo iſt dies allerdings eine bedeu⸗ tende Abweichung. Auch findet dieſe frübe Voll⸗ jäbrigkeit ſelbſt bei den franzöſiſchen Juriſten einige Anſtände. Indeſſen iſt doch nicht in Abrede zu ſt llen, daß die römiſche und teutſche ſpäte Volljäh⸗ rigkeit nicht ganz in der Natur gegründet iſt⸗ und daher die ewige Quelle der Dispenſationen und man⸗ cher andern Inkonvenienzen war. Die Bayerſche und Badenſche Geſetzbücher haben die Beſtimmung des Code Napoléon hier ganz und gar beibehalten⸗ welches auch wegen dem Zuſammenhange mit der übri⸗ gen Geſetzgebung nicht anders möglich iſt. Dieſem Titel fügt das Badenſche Geſetzbuch noch ein eignes Geſetz über die Geſchlechtsbeiſtandſchaft bei, welches für die Frauen in allen Rechtsgeſchäften einen Bei⸗ ſtand verordnet. Die Grundſätze der Interdiktion, als Vorſorge für volljährige Blödſinnige und Wahnfinnige, ſo⸗ dann die Maasregeln gegen Verſchwender ſteben im engen Zuſammenhange mit dem Inſtitute des Fami⸗ lienrathes. ——— Pribilegirtes Forum gegen die Prinzipien des Code Napoléon. Die franzöſiſche Gerichtsverfaſſung und mit ibr der Code Napoléon kennt, bis auf die Kompetenz des hohen kaiſerlichen Gerichtshofes bekanntlich nur einen Gerichtsſtand und kein privilegirtes Forum, kein geiſtliches, kein militairiſches Gericht für Civilſachen⸗ Das Bayerſche und Badenſche Geſetzbuch ſchei⸗ nen den privilegirten Gerichtsſtand nicht ganz aufzu⸗ beben, indem Bayern bei dem Code Napoléon ſeine kurz vorher erſchienenen Konſtitutionsedikte auftecht erhalten will, und in dem Badenſchen Geſetzbuche 54 des privilegirten Forums ſchon in einem Zuſatze zum Art. 406. gedacht wird. Wenn gleich privilegirte Gerichtsbehörden als Exemtionen gegen den Geiſt der neuen Geſetzgebung zu betrachten ſind, ſo kann man doch nicht gradezu behaupten, daß die Rezeption des Code Napolson die Abſchaffung des privilegirten Gerichtsſtandes in bürgerlichen Rechtsſachen abſolut erfordere. Auch ſtaatsrechtliche Verhältniſſe und ſelbſt die rheiniſche Bundesakte könnten dieſer abſoluten Abſchaffung in den konföderirten teutſchen Landen Hinderniſſe entgegenſetzen. Es dürfte daher für den erſten Augenblick räthlich ſeyn, irgend einen privjle⸗ girten Gerichtsſtand proviſoriſch beizubehalten, aber die zeitherige Ausdehnung der privilegirten Kompetenz auch gleich einzuſchränken: In den vorſtebenden Materien handelt der Code, Napoléon das Perſonenrecht ab. Sollten auch hie und da auffallende Abänderun⸗ gen gegen die zeitherigen Formen erſcheinen: ſo ſind doch alle gegebene geſetzliche Beſtimmungen unſerm gegenwärtigen bürgerlichen Zuſtande weit angemeſſe⸗ ner, als Alles, was das römiſche Recht über dieſen Gegenſtand enthält. 55 IItes Buch. Sachenrecht. Bei dem Austritte aus dem erſten Buche tritt man gleichſam wieder in die alte Welt der Geſetze über. 2 Mit dem Art. 517. fängt das Sachenrecht im Ccode Napoléon an, und giebt im erſten Titel, je⸗ doch ſehr kurz, die Beſtimmungen über unbewegliche und bewegliche Güter, meiſtens nach den Grundſäz⸗ zen des römiſchen Rechts. Wenn gleich der Code Napoléon nur eine Ein⸗ theilung der Sachen aufſtellt, ſo zeigt ſich doch in der Folge, daß er mehrere Eintheilungen kenne, de⸗ ren Zuſammenſtellung er aber der Doktrin überläßt. Vorausgeſetzte Aufhebung der Feudallaſten. Schon in den Beſtimmungen von beweglichen Gütern fängt der in den Code Napoléon eingewebte Satz über die Ablösbarkeit der ſtändigen Renten und erblichen Gutslaſten an, ſich zu begründen. Dieſer Satz ſelbſt, durch die Aufhebung des Feudalſyſtems in der Konſtitution geheiligt, gieng aus der Konſtitu⸗ tion in das Civilgeſetz über, und dürfte zu jenen Prin⸗ zipien gehören, über deren Werth vor der Rezeption des Code Napoléon in teutſchen Landen zu entſchei⸗ den ſeyn wird. Den teutſchen Landen fehlt im All⸗ gemeinen noch eine Konſtitution. Das hier bemerkte Prinzip iſt lediglich Folgerungsſatz aus der Verfaſ⸗ ſung des franzöſiſchen Reichs. Se lange in teut⸗ 56 ſchen Landen die Feudal⸗Verfaſſung noch nicht auf⸗ gehoben iſt, ſo lange wird der in das Privatrecht übergegangene Satz der Ablösbarkeit ſtändiger Guts⸗ laſten nur mit Vorſicht zur Anwendung gebracht wer⸗ den müſſen. Uebrigens ſcheint bei dieſem Punkte eine ſtaats⸗ rechtliche Verfügung dem Privatrechte den Weg bah⸗ nen zu müſſen. Rach Art. 543. ſind im Bayerſchen Geſetzbuche Definitionen und Grundſähe über die dinglichen Rech⸗ te eingeſchaltet, wie auch nach Art. 529., wodurch manches ergänzt iſt, weil der Code Napoléon bei⸗ nahe gar keine Definitionen enthält, ſondern ſolche zur Jurisprudenz verweiſet. Der zweite Titel handelt von dem Eigenthume und Beſitze, von dem Zuwachsrechte bei beweglichen und unbeweglichen Sachen. Das Badenſche Ge⸗ ſetzbuch fügt dem Code Napoléon nach Ende des zweiten Titels noch einige Kapitel vom Grund⸗ und Miteigenthum, Familieneigentbum oder Stamm⸗ gut und vom Familieneigenthum bei. Durch dieſe Beiſätze iſt eine der ſchon berührten Lücken der Ge⸗ ſetzggebung durch manche Beſtimmung für unſte Ver⸗ faſſung ausgefüllt, zu deren abſoluten Adoptirung ich jedoch nicht rathen würde. Der dritte Titel handelt von der Rutznieſung, von dem Gebrauchs⸗ und Wohnungsrechte, von den Rechten und Obliegenheiten der Nutznieſung und von den verſchiedenen Arten der Nutznieſung. 57 Gleich im Anfange des Sachenrechts, ſchon Art. 551. wird ſich auf den Codede procédure civile bezogen, welchen Bezug auf Prozeßordnung im All⸗ gemeinen, die Badenſche Geſetzgebung beibehält, die Baierſche Geſetzgebung aber übergeht. Der vierte Titel handelt von den Grunddienſtbar⸗ keiten oder Servituten, von den Dienſtbarkeiten aus der Lage der Orte, von den Dienſtbarkeiten aus dem Geſetze, von den Schiedmauern und Schied⸗ gräben, von der Entfernung und den Zwiſchenmau⸗ ern bei Bauanlagen, von der Ausſicht auf Nach⸗ bars Gut, von der Dachtrauſe, von der Durchfart— gerechtigkeit. Ferner erſcheint hier die Lehre von den Dienſtbarkeiten, welche durch Handlung der Men⸗ ſchen erworben werden, bei welchen von den verſchie⸗ denen Gattungen der liegenſchaftlichen Dienſtbarkei⸗ ten, von der Art, Dienſtbarkeiten zu erwerben, von den Rechten des Eigenthümers einer Dienſtgerechtig⸗ keit, und von Erlöſchung der Dienſtbarkeiten, die Rede iſt. Der Art. 652. beziehet ſich auf Feldpolizeigeſez⸗ ze, welche im Code rural zu finden ſind, ſo wie dann das Bayerſche und Badenſche Geſetzbuch ſich ebenfalls auf ihre eignen feldpolizeilichen Verordnun⸗ gen bezieben. Das Badenſche Geſetzbuch fügt nach Art. 710. noch einen fünften Titel von Erbdienſtbarkeiten bei⸗ welche die ſeanzöſiſche Verfaſſung nicht kennt, näm⸗ lich von Zehenden, von der Zehendherrſchaft, Ze⸗ bendbezug, Zehendlaſten, Erlöſchung des Zebend⸗ rechts, ferner von Grundpflichtigkeiten, von den Bannpflichten, der Frohnd- und Ecbpflichtigkeit, in welchen Zuſätzen man die Ergänzungen des Code Napolson für teutſche Lande findet, wenn das oben berührte Prinzip über Aufhebung und Ablösbatkeit der bisher in ablösbaren Feudallaſten bei uns keinen Eingang finden ſollte.. Zweckmäßiger, als eine neue Geſetzgebung über dieſe dem Code Napoléon unbekannte Materie, wür⸗ de mir ſcheinen, bei der Rezeption dieſes Geſetzbu⸗ ches die alten Geſetze und Herkommen noch zur Zeit fortbeſtehen zu laſſen, wie ich bereits oben im Allge⸗ meinen bemerkt habe. IIItes Buch. Mit dem Art. 710. endiget ſich das ate Buch des Code Napoléon, und hierauf folget im öten Buche die Lehre von den verſchiedenen Arten, Ei⸗ genthum zu erwerben. Das öte Buch handelt über⸗ haupt von den Rechtsgeſchäften, wodurch zwiſchen Perſonen und Sachen gewiſſe Verhältniſſe geknüpft oder aufgelößt werden. Die hier vorkommenden Materien ſind nach keinem Syſtem, ſondern. Zufall geordnet. Nach einigen vorausgeſetzten allgemeinen Ver⸗ fügungen über die Erwerbsarten des Eigenthums, handelt der erſte Titel von Erbſchaften, von Eröfnung 59 der Erbſchaften, von der Erbfähigkeit. Bei der Reuheit mancher Rechtsſätze muß die Geſetzgebung nur im Allgemeinen den Satz mit Vorſicht aufrecht halten, daß den neuen Geſetzen in der Applikatur keine rückwirkende Kraft beigelegt werde. Der Art. 726. hebt das ehemalige Droit d'aubaine in Frank⸗ reich durch den Grundſatz der Reziprozität in Staats⸗ verträgen auf, welches im Badenſchen Geſetzbuch wörtlich— und im Bayerſchen gleichfalls nur mit einer Beziehung auf die einleitenden Definitionen vom Genuſſe und Verluſte der bürgerlichen Privatrechte beibehalten iſt. Dieſe Reziprozität in Beſtimmung der Eigenſchaft der Erbfähigkeit der Freinden durch Staatsverträge iſt wohl die natürlichſte, indem, wenn ſie allgemein wird, der poſitive Satz der fremden Erbfähigkeit leicht feſtgeſetzt werden wird. Nachſteu⸗ er, als adminiſtrative Staatsſache, wird nirgends berührt, iſt auch in Frankreich nicht bekannt. Der erſte Titel handelt ferner von verſchiedenen Ordnungen des Erbganges, von allgemeinen Berfü⸗ gungen, von dem Erbvertretungsrechte, vom Erb⸗ rechte der Ahnen und Seitenverwandten. Das Badenſche Landrecht folgt ganz den Wor⸗ ten des Code Napoléon. Das Bayherſche Geſetz⸗ buch beſtimmt die Erbfolge nach andern Grundſätzen, welche jener des Heſterreichſchen Landrechtes gleichen, und fügt zur deutlichen Erklärung einè beſondre Stammtafel bei. Die Materie von der Erbfolge im Code Napo- 60 léon weicht von dem römiſchen Rechte bedeutend ab. Da jedoch die Geſetzgebung in dieſem Punkte, beſtimme ſie auch wie ſie immer wolle, allenthal⸗ ben paſſend iſt: ſo iſt auch die Erbfolge des Napoleo⸗ niſchen Rechtes keinem Anſtande bei der Rezeption unterworfen. Rur bedarf die Applikatur der neuen Geſetze in Anſehung der Wirkungszeit, beſonders bei der neuen Inteſtatordnung und der Erbberechti⸗ gung der unehelichen Kinder, eben ſo einer genauern Vorſchrift, wie bereits oben bemerkt iſt. Könnte lch hier meiuer Privatmeinung folgen; ſo würde ich den Abweichungen in der Bayerſchen Erbfolgeordnung vor dem Code Napoléon nach me⸗ tapbyſiſchen Gründen des Rechtes den Vorzug geben. Ferner handelt der erſte Titel von der auſſeror⸗ dentlichen Erbfolge, von dem Rechte natürlicher Kin⸗ der auf das Vermögen ihrer Eltern, und von dem Erbrechte der Eltern an dem Nachlaſſe natürlicher Kinder, die ohne Abkömmlinge ſterben. Hierauf folgt die Lehre von den Rechten des überlebenden Ehegatten und des Staats, von Antretung und Ausſchlagung der Erbſchaften, und zwar insbeſon⸗ dere von der Antretung, und eben ſo von der Aus⸗ ſchlagung derſelben, von der Vorſicht und Rechts? wohlthat des Inventars, ihren Wirkungen und den Pflichten des Benefizialerben, von vakanten oder erbloſen Verlaſſenſchaften. Der erſte Titel ſchließt ſich mit den Rechtsſätzen über Theilung und Kellation, und handelt von der Erbtheilungsklage 61 und deren Form, von der Konferirung bei Zahlung der Schulden, von den Wirkungen der Erbtheilung und der Gewährleiſtung in Anſehung der Looſe, von der Umſtoßung der Theilungen. Alle dieſe Verfügungen ſind gröſtentheils geſetz⸗ liche Vorſchriften nach dem Sinne des römiſchen Rechts. Die hier und da gemachten Zuſätze der Ba⸗ denſchen und Bayerſchen Ueberſetzungen ſind nützlich, ohne nothwendig zu ſeyn. Der zweite Titel handelt von den Schenkungen unter Lebenden und von Teſtamenten. Schon die Vereinigung dieſer beiden Gegenſtände deutet auf ei⸗ nige Verſchiedenbeit von den Grundſätzen des alten Rechts. Die Applikatur aller bier vorgeſchriebenen Formen iſt auf das franzöſiſche Notariat gegründet. Verbot der Subſtitutionen. In den bier vorkommenden allgemeinen Verfü⸗ gungen erfolgt nun Art. 396. das— bedeutende Folgen in ſich führende Geſetz des Verbots der fidei⸗ kommiſſariſchen Subſtitutionen. Dieſes Verbot greift mit wenigen Worten die Fideikommiſſe und adelichen Familienverträge an. In dem früheren Code civil ſtund das Verbot der Subſtitutionen unbedingt. In dem revidirten und dem Kaiſerthum angepaßten Code Napoléon ſind die durch das kaiſerliche Statut vom zoten März 1806 errichteten neuen Stammgüter ſchon als geſetzliche Ausnahme aufgeführt. 62 Demohngeachtet gieng man im Königreiche Weſt⸗ phalen einen andern Weg. Im Königreiche Weſt⸗ phalen find nemlich die Fideikommißrechte allen vor dem erſten Januar 1805 gebohrnen Adquirenten durch ein beſonderes königliches Geſetz vom 9ten Januar 1306 belaſſen, und dieſem letzten Berechtigten völlig freie Verfügung über die Fideikommißgüter zugeſtan⸗ den. Das Bayerſche Geſetzbuch modifizirt dieſes Geſetz dahin, daß nur diejenigen Güter, welche zur Gründung eines erblichen Adelstitels von dem Könige verliehen, oder von dem Beſitzer eines Adelstitels, unter Beobachtung der geſetzlich vorgeſchriebenen Be⸗ dingungen und Formen, zum Majoratsgute erhoben worden ſeyen, auf die Rachkommen des erſten Er⸗ werbers oder Stifters übergehen, ſo wie durch das Adelsſtatut beſtimmt ſey. Die Aufhebung trift da⸗ her in Bayern nur die kleinere Fideikommiſſe, und durch die übrigens eingeführte Beſchränkung ſcheint mir der Sinn des Code Napoléon erreicht zu ſeyn. Der nemliche Fall iſt in Baden⸗ Das Badenſche Geſetzbuch verbietet nemlich ſo, wie das Bayerſche, die Subſtitutionen, fügt aber hinzu, daß nur dasjenige Gut, welches durch Ver⸗ ordnung des Staatsoberhaupts, zu Gunſten ſeiner eignen Familienglieder oder der Stamm“ auch Lehn⸗ erbberechtigten Familien für Stammgut erklärt ſey, nach den desfalls beſtehenden Geſeßen als Erbe für die Nachkommen unveräuſſerlich ſeyn könne. Das uneingeſchränkte Verbot aller Subſtitutio⸗ — 63 nen rübrt noch aus jenem Zeitgeiſte in Frankreich her, wo der Erbadel zu dem Verbrechen der Nation ge⸗ pörte. Dieſer im Grunde undankbare Zeitgeiſt, der⸗ ohne Rückſicht auf alte Verdienſte, nur zu zerſtören ſuchte, iſt durch neuere Reichskonſtitutionen, ſelbſt in Frankreich als trügeriſcher Zeitgeiſt beinahe wieder vertilgt, und ein neuer Erbadel, jedoch nach andern und richtigern Prinzipien eingeführt worden, welcher für alle Majorate der unmittelbaren Sanktion des Kaiſers bedarf. Werfe daher die teutſche Revolu⸗ tion der Geſetze weniger undankbare Blicke auf alte Verdienſte, erhalte etwa die alten Stammgüter als Ausnahmen von der Regel, und binde die künftigen Subſtitutionen an die Genehmigung des Regenten zur Belohnung der Verdienſte; ſo wird man dem Zeitgeiſte huldigen, ohne ſeine ungerechte Auswüchſe zu adoptiren(). Der zweite Titel behandelt ſnnet die Fähigkeit, durch Schenkung unter Lebenden oder durch Teſta⸗ meut zu verfügen oder zu erhalten, die Verfügung über die zur Dispoſition beſtinunten Vermögensan⸗ theile und derſelben Reduktion, und zwar die Lehre vom disponiblen Vermögensantheile, von Herabſez⸗ zung der Schenkungen und Legate. Bei der Erbfolge überhaupt dürfte auch in An⸗ ſehung der Lehen⸗ und Stammgüter eine Ausnahme () M. ſ. hierüber die während dem Drucke dieſes Aufſatzes erſchienene intereſſante Abhandlung des Herrn R. K. G. Aſſeſſors v. Hohnhorſt in Germania B. 3. H. 2. No. ri. N ßo in Beſtimmung des Art. 732. ſtatt haben, wo es beißt: daß weder die Natur der Güter, noch die Perſon, von der ſie berkommen, den geſetzlichen Erb⸗ gang beſtimmen, welches zur Beibehaltung der ade⸗ lichen Fideikoinmiſſe nicht paßt. In dieſem zweiten Titel Art. 939. erſcheint zu⸗ erſt das franzöſiſche Inſtitut des Hypotbekenbüreau's und Enregiſtrements. Das Badenſche Geſetzbuch folgt der Beſtimmung des Originals, mit dem Aus⸗ drucke„Pfandſchreiberei.“ Das Bayerſche Ge⸗ ſetzbuch dahingegen Art. 977. beſtimmt zwar gleich⸗ falls, daß die Schenkungen unbeweglicher Güter in das Hypotbekenbuch des Bezirks, in welchem die Güter liegen, eingetragen werden ſollen, ſcheint aber, ſo viel man aus dem Ganzen urtheilen kann, das ſranzöſiſche Hypotheken⸗ Konſervirungs⸗ Büreau nicht rezipiren zu wollen, welches man jedoch, da das Bayerſche Geſetzbuch erſt bis zum Art. 1327. erſchie⸗ nen iſt, noch nicht genau beſtimmen kann. Sodann enthält der zweite Titel die Geſetze von Schenknngen unter Lebenden, und zwar von der Form der Schenkungen und von den Ausnahmen der Unwiderruflichkeit der Schenkungen. Nun folgt die Beſtimmung über die Form der Teſtamente, über die auſſerordentlichen oder privile⸗ girten Teſtamentsformen, deren der Code Napoléon vur einige kennt, nämlich auf Seereiſen, in Kriegs⸗ gefahr und zu Peſtzeiten. Ferner folgen die Lehren von Erbeinſetzungen und Vermächtniſſen, von Uni⸗ 65 verfulennchilſjſn Legaten untet einem Unierſab Titel, und von Partikularvermächtniſſ en. Die Verfügungen der vorhergebenden Kapitel weichen von dem römiſchen Rechte und den zeitheri⸗ gen teutſchen ſtatutariſchen Rechten, beſonders in den Formen, bedeutend ab, jedoch iſt ibre Anwen⸗ dung wöglich, wenn man nur die alten Teſtamente in Anſebung ihrer Gültigkeit nach der Zeir ihrer Er⸗ richtung beſtehen und beurtheilen läßt. Die Leſta⸗ mente des Code Napoléon kennen keine innere We⸗ ſenheit, ſondern nur änſſere Formen. Sie kennen die Nothwendigkeit der Erbseinſetzung nicht. Hier erſcheint das franzöſiſche Notariatsinſtitut bandelnd an vielen Stellen. Das Badenſche Geſetz⸗ buch bleibt mit wenigen Zuſätzen dem Originale treu. Das Bayerſche Geſetzbuch hat mehrere Abweichun⸗ gen, und ſcheint das franzöſiſche Inſtitut der Roto⸗ rien, welche Baden„Staatsſchreiber“ nennt, nicht adoptiren zu wollen. Daß Bayern die franzöſiſche Gerichtsordnung mit mehreren neuen Inſtitutionen nicht zu rezipiren gedenke, zeigt ſich abermals in vorſtehenden Mate⸗ rien, wo die Art. 1007. und 1006., welche ſich auf den Code de pröcédure civile beziehen, in der Bayerſchen Ueberſetzung nicht zu füden ſind. Da⸗ bingegen findet man in dem Badenſchen Geſetzbuch bei den Funktionen des Präſidenten des Tribunais 66 arſter Inſtanz nur den Vorſteher des Gerichts im All⸗ gemeinen ſubſtituirt. Der zweite Titel des zten Buches gehet ſodann auf die Teſtamentsexekutoren über, welche die Ba⸗ denſche Ueberſitzung„Treuhänder“ nennt. Die⸗ ſet Titel handelt ferner von Wiederrufung und Um⸗ ſtoßung der Teſtamente, von den Verfügungen zum Beßten der Enkel und Geſchwiſterkinder, von den Theilungen der Eltern, oder anderer Ascendenten unter ihren Descendenten, von der Schenkung durch Eheverträge für Ehegatten und Kinder, und von dergleichen Schenkungen während der Ehe. In den obengenannten Materien enthält zwar das Bayerſche Geſetzbuch hie und da eine andre Ord⸗ nung der Geſetze mit einigen nähern Erläuterungen, ſo wie das Badenſche Geſetzbuch manche Zuſätze und Erklärungen beigefügt bat, welche aber im Grunde die Sache nicht verändern, und im Bayer⸗ ſchen Geſetzbuch vielen Bezug auf den Vorſatz zu haben ſcheinen, die franzöſiſche Gerichtsverfaſſung nicht recipiren zu wollen. Das Badenſche Geſetz⸗ buch handelt noch von Eigenthumsübergaben, von nutznießlicher Uebergabe und von Erlöſchung der Schenkungen und Vermächtniſſe, welche, als er⸗ klärende Sätze, bei beſonders auf dem flachen Lande öfters vorkommenden Verträgen, anzuſehen ſind. „ Der dritte Tütel handelt von Kontrarten und vertragsmäßigen Vepbindlichkeiten, und zwar ſebr kurz von den Erfoderniſſen zur Gültigkeit der Verträ⸗ ge, von der Einwilligung, vom Gegenſtande der Kontrakte, von der Einwilligung der kontrahirenden Theile, von der Veranlaſſung der Kontrakte. Rach Art. 1153. handelt das Bayerſche Ge⸗ ſetzbuch, welches den Gerichten die Notariatsgeſchäfte überträgt, Art. 1201. von der geſetzlichen Nothwen⸗ digkeit ſchriftlicher Verträge, von freiwillig ſchriftli⸗ chen Verträgen, von Reverſen, von den verſchiede⸗ nen Arten ſchriftlicher Verträge, von gerichtlichen Verträgen, von den Formen in Anſehung der Zah⸗ lung, vom Datum, von den Folgen der vernachläſ⸗ ſigten Form u. ſ. w., welche Materien in Frankreich großentheils die Notariatsordnungen beſtimmen.— Da man die Funktionen des Notariats in Bayern an die Gerichte überweiſet, ſo muſte durch dieſe Er⸗ gänzungen der Faden angeknüpft werden, welcher an⸗ ſonſten für die Verſtändlichkeit mehrerer Materien im Code Napoléon für Bayern gefehlt haben würde. Der Code Napoléon handelt ferner im dritten Titel von den Wirkungen der Obligationen, von der Verbindlichkeit zu geben, zu thun oder nicht zu thun, von Leiſtung des Intereſſe wegen Richterfüllung einer Verbindlichkeit, von Auslegung der Verträge und von der Wirkung der Verträge in Anſehung dritter Perſonen. Dann werden die geſetzlichen Beſtimmun⸗ gen über die verſchiedenen Gattungen der Verbind⸗ lichkeiten gegeben, und zwar von bedingten Verbind⸗ lichkeiten, von der aufſchiebenden und auflöſenden Bedingung, von Terminweiſe übernommenen Ver⸗ 6³ hindlichkeiten, von wechſelſeitigen oder von ſolidari⸗ ſchen Verbindlichkeiten der Gläubiger und der Schuld⸗ uer, von theilbaren und untheilbaren Verbindlichkei⸗ ven, von Verbindlichkeiten unter Conventionalſtrafen und von Erlöſchung der Verbindlichkeiten. Hierauf folgen die geſetzlichen Beſtimmungen von der Zah⸗ lung im Allgemeinen, von der Zahlung mit dem Ein⸗ tritte in die Rechte der Gläubiger, von Anrechnung der Zahlung, von dem Anerbieten zur Zahlung und der Depoſition, von der Vermögensabtretung, von der Novation, von der Erlaſſung der Schuld, von der Kompenſation, von der Konfuſion, von dem Un⸗ tergange der Sache, des Gegenſtandes der Verbind⸗ lichkeit, von der Klage auf Rullität und Auflöſung der Verträge. Denn geht der Code Napoléon über auf die Lehren vom Beweiſe der Bezahlung, von öffentlich beglaubten Urkunden, von Privaturkunden⸗ von Kerbhölzern, von abſchriftlichen Urkunden, von Anerkennungs; und Beſtätigungs-Urkunden, vom ſehr eingeſchränkten Beweiſe durch Zeugen, durch ge⸗ ſetzliche Vermuthungen, durch Vermuthungen, wel— che nicht durch die Geſetze beſtimmt werden, von dem Einverſtändniß des Gegners. In den vorſtehenden geſetzlichen Beſtimmungen kommen natürlich wieder mehrere Beziehungen auf das Notariatsinſtitut und das Enregiſtrement vor. Auch enthält Art. 1341. die Veſtimmung des Wer⸗ thes der Objecte, wo kein Beweis durch Zeugen zu⸗ gelaſſen wird, als eigenthümliche Verfügung, welche mit dem Enregiſtrement und der Rothwenbigkeit ſchrifts licher Verträge zuſammenhängt. Das Bayerſche Geſetzbuch geht nur bis zur Verbindlichkeit umer Konventionalſtrafe, alſo bis zum Art. 1233., bis wohin daſſelbe 97 Zuſatzartickel enthält(). Hierauf folgen die Beſtimmungen vom Eide, vom angetragenen Eide und vom auferlegten Eide, womit ſich der dritte Titel ſchließt. Das Badenſche Geſetzbuch behält die alte Eidesordnung bei, um die mißliche Säkulariſirung des Eides in der franzöſiſchen Praxis zu vermeiden. Der vierte Titel behandelt die Verbindlichkeiten, welche ohne Vertrag entſteben, die quasi contrac⸗ tus, vertragsähnliche Handlungen, und zwar hin⸗ ſichtlich der Geſchäftsführungen und der ohne Schul⸗ digkeit geleiſteten Zablung, nach welchen im Baden⸗ ſchen Geſetzbuche ſehr gute geſetzliche Zuſätze von Ret⸗ tungsanſtalten, von Empfehlungen und Rathſchlä⸗ gen eingeſchaltet ſind. Endlich handelt dieſer nämliche Titel noch vom Vergehen und Verſehen, oder von Vergehungen und den ihnen gleich geltenden Handlungen, den dürftig abgehandelten delictis et quasi delictis, wobei das Badenſche Geſetzbuch wieder zu ergänzen ſucht. Der fünfte Titel handelt von der Eheſtiftung, von Heirathsverträgen und wechſelſeitigen Rechten der Ehegatten, auf eine von unſern zeitherigen Rech⸗ ten abweichenden Art. Derſelbe giebt im erſten Thei⸗ *) NR. ſ. die Note S. 17. 70 le allgemeine Verfügungen von der ebelichen Güter⸗ gemeinſchaft, von Aktiv⸗ und Paſſiv⸗Vermögen, von der gegen die Gemeinſchaft entſtehenden Klagen, von der Auflöſung der Gütergemeinſchaft, von der Verzichtleiſtung und desfallſigen Bedingungen, von Theilung des Aktiv⸗ und Paſſiv⸗Vermögens, von Beiträgen zur Tilgung der Schulden, von der Ver⸗ zichtleiſtung auf die Gütergemeinſchaft und deren Wir⸗ kungen, von den Verträgen bei der Gütergemein⸗ ſchaft, welche die geſetzliche Gemeinſchaft modifiziren, auch ſolche ausſchlieſſen können. Der Code Napo- léon nimt eine gewiſſe Art von Gütergemeinſchaft als Regel an, geſtattet aber vor Schlieſſung der Ehe alle Arten von Eheverträgen, welche den guten Sitten und ausdrücklichen Geſetzen nicht entgegenlaufen. Der zweite Theil des fünften Titels handelt fer⸗ ner von der Gemeinſchaft und zwar von derjenigen Gü⸗ tergemeinſchaft, welche auf die Errungenſchaft einge⸗ ſchränkt iſt, von der Verabredung, durch welche das Mobilar⸗ und Immobilar⸗Vermögen, oder die Schul⸗ den ganz oder zum Theile von der Gemeinſchaft ausge⸗ ſchloſſen werden;— von der Befugniß der Ehegatten, ihr eingebrachtes Vermögen voraus zurücknehmen zu dürfen, von der Bedingung ungleicher Theile an der Gemeinſchaftsmaſſe, ſodann von der allgemeinen Güter⸗ gemeinſchaft, wobei Verfügungen gegeben werden, die für die vorhergehenden Fälle gemeinſchaftlich gelten. Dieſer Theit des neuen Geſetbuches erfordert ein vor⸗ ſchtiges Rormativ für die Art und Weiſe, die alten 71 Ehen in die geſehliche Form zu bringen. Schlüßlich handelt der fünfte Titel von Verträgen, welche die Gutergemeinſchaft ausſchlieſſen, und von Verträgen, welche Vermögensabſonderung feſtſetzen,— von den Rechten des weiblichen Einbringens, vom Hei⸗ rathsgute, vom Rechte des Mannes an demſelben und von deſſen Unveräuſſerlichkeit, von Wiedererſtat⸗ tung des Brautſchatzes, vom zugebrachten oder Pa⸗ raphernal⸗Vermögen. Großentheils Grundſätze des römiſchen Rechts und ausführliche Behandlung verbinden ſich hier mit einzelnen Abweichungen und Beziehungen auf das Rotoriatsinſtitut, wie Art. 1394. und folgende, de⸗ ren Vorſchriften aber, wenn man das franzöſiſche Rotoriatsinſtitut bei uns nicht rezipirt, ohne beſon⸗ dre Intenvenienz⸗Handlungen vor Gerichte ſubſtituirt werden können. Im ſechſten Titel folgt die geſetzliche Lehre vom Verkaufe, von der Ratur und Form des Verkaufes. Die wechſelſeitige Einwilligung bringt zwar alle Ver⸗ träge zur Wirklichkeit, des Beweiſes wegen aber iſt Skriptur erforderlich. Hier erſcheint die Skriptur als weſentliches Erforderniß bei allen Verträgen, in⸗ dem nur dieſe den Beweis bildet. Die Gründe hiezu ſind im Enregiſtrement, im Notariate und im Exeku⸗ tions⸗Verfahren zu ſuchen. Der ſechſte Titel handelt insbeſondre von Be⸗ ſtimmung der Qualität zum Kaufe und Verkaufe in Hinſicht auf Käufer, von verkäuflichen Sachen, von 7e den Obliegenheiten des Verkäufers, von der Ueber⸗ gabe, von der Gewährleiſtung im Falle der Eviktion, von den Pflichten des Käufers, von Ungültigkeit und Auflöſung des Kaufs, vom Rechte des Wieder⸗ kaufs, von Auflöſung des Verkaufs wegen Verlez⸗ zung, von Verſteigerung gemeinſchaftlicher Sachen, von Uebertragung der Forderungen und anderer un⸗ körperlichen Rechte. Bei dieſem ſechſten Titel hat das Badenſche Geſetzbuch geſetzliche Beſtimmungen über das Re⸗ traets: und Einſtands⸗Recht beigefügt, welche dieſe Materien in geſetzlicher Form, wie mir ſcheint, ohne Moth beibehalten. Der ſiebente Titel handelt kurz vom Tanſche. Der achte Titel handelt von Beſtand-Pacht⸗ und Miethverträgen, und zwar beziehen ſich die all⸗ gemeinen Verfügungen Art. 1722. für die Verpach⸗ tungen der Staatsgtiter und der Gemeindegüter auf beſondre Verordnungen, welche in der Ueberſetzung des Code Napoléon von Daniels angeführet ſind. Das Badenſche Geſetzbuch enthält ebenfalls dieſe algemeine Beziehung auf eigne Geſetze. Der Code Napoléon kennt die Miethe über Sachen und Dienſtleiſtungen wie das alte Recht. Der achte Titel handelt daher insbeſondre von den Regeln, die der Miethe der Häuſer und dem Pachte der Feldgüter zugleich gelten, ſodann von den ſpeziellen Regeln des Miethevertrags bei Häu⸗ ſern, don dem Dienſtvertrage, vom Miethvertrage 53 über Arbelten, und Gewerbsfleiß, von der Miethé der Dienſtboten und Handarbeiter, von der Miethe der Fuhrleute, Schifleute, von den Bauanſchlägen und Akkorden. Dann folgen ausführliche Doktri⸗ nen vom Viehepachte, von den gewöhnlichen und einfachen Viehepächten, von den Viehepächten zur Hälfte, von dem gewöhnlichen Viehpachte mit den Gutspächtern, von dem Theilpachte, von dem un⸗ eigentlichen Viehpachte, welcher im Badenſchen Ge⸗ ſetzbuch durch eigenthümliche Zuſätze erläutert iſt. Auch folgt im Badenſchen Geſetzbuch als Zuſatz ein Kapitel von Schupflehen, oder Todtbeſtänden, von Beſtänden auf Lebenslang, ſodann ein anderes von Erblehen und Erbbeſtänden, als eigenen teutſchen Beſtandsarten, die das franzöſiſche Geſetzbuch nicht kennt. Der neunte Titel giebt dem Geſellſchaftsvertrage ſeine Beſtimmungen, zergliedert die Geſellſchaften, die Verbindlichkeiten derſelben gegeneinander und ge⸗ gen Dritte, die verſchiedenen Arten der Geſellſchafts⸗ auflöſung, wobei Art. 1373. beſtimmt, daß die ge⸗ genwärtigen Geſetze nur in jenen Punkten anwend⸗ bar ſeyn ſollen, wo ſolche den Handelsgeſetzen und Handelsgebräuchen nicht zuwiderlaufen, welches als allgemeine Beziehung auf das eigne Handelsgeſetz⸗ buch anzuſehen iſt. Uebrigens ſind auch hier die Hauptprinzipien des römiſchen Rechts mit den die Materie von Verträgen durchlaufenden Eigenheiten des Code Napoléon ju ſinden. 74⁴ Der zebente Titel faßt den Leihe⸗ und Darlei⸗ bekontrakt zuſammen, beſtimmt die Ratur des Leihe⸗ vertrags, die Verbindlichkeit des Darleihers und An⸗ leibers, und ſchließt mit der Lehre vom Darleihen auf Zinſen. Der Code Napoléon beſtimmt eigentlich keinen geſetzlichen Zinsfuß, dahingegen ſetzt ein ſpäteres Geſetz vom 3ten September 1307 die Zinſen in ge⸗ wöhnlichen Geſchäften auf fünf vom hundert, in Handelsgeſchäften aber auf ſechs Prozente feſt. Auch das Badenſche Geſetzbuch rezipirt dieſe Beſtimmung, nimmt aber überhaupt ſechs Prozente als erlaubt an, verbietet zwar noch höhere Zinſen nicht, benimmt derſelben jedoch das Pfand⸗ und Vorzugs⸗Recht, und begünſtiget den Schuldner ſehr zweckmäßig gegen ſolche höhere Zinſen. Der eilfte Titel handelt von der Depoſition und der gerichtlichen Beſchlagnebmung, von Hinterlegung zur ſichern Hand, und zwar von der freiwilligen Hin⸗ terlegung, von der Verbindlichkeit des Depoſitars und Deponenten, von der Depoſition im Notbfalle, fer⸗ ner von der Beſchlagnehmung oder Hinterlegung zur dritten Hand, von der gerichtlichen Hinterlegung, Sequeſter. Der zwölfte Titel handelt von Glücksverträgen, vonm Spiele und der Wette, wobei Art. 1964. ſich wie⸗ der auf das Handelsgeſetbuch und die Seegeſetze be⸗ ziechet. Dann folgt die geſetzliche Abhandlung vom 75 Leibrentenvertrage, inſofern ſolcher den franzöſiſchen Sitten entſpricht, von den zur Gültigkeit dieſes Ver⸗ trags erforderlichen Bedingungen und deſſen Wirkun⸗ gen zwiſchen den kontrahirenden Theilen. In dem Badenſchen Geſetzbuch iſt hier ein Kapitel von Ver⸗ pfründungsverträgen nach teutſchen Sitten eingeſchal⸗ tet, welche Materie ſehr häufig auf dem platten Lan⸗ de teutſcher Provinzen ihre praktiſche Anwendung fin⸗ det. Der dreizehnte Titel handelt von dem Auftrage und der Vollmacht, d. i. von der Ratur und der Form des Bevollmächtigungskontrakts, von der Pflicht des Mandatars und des Mandanten, von den ver⸗ ſchiedenen Erlöſchungsarten des Auftrags, welchem in dem Badenſchen Geſetzbuch ein ſehr praktiſches Ka⸗ pitel von Anweiſungen nach Art. 2040. folgt. Der vierzehnte Titel behandelt die Bürgſchaft, die Ratur und den Umfang derſelben, die Wirkungen der Bürgſchaft zwiſchen dem Gläubiger und den Bür⸗ gen, zwiſchen dem Schuldner und dem Bürgen, zwi⸗ ſchen den Bürgen unter ſich und den Mitbürgen⸗ Dieſer Titel ſchließt mit der Lehre von Erlöſchung der Bürgſchaft und mit der Lehre von der geſetzlichen und gerichtlichen Bürgſchaft. In dem Publikationsedikte des Badenſchen Geſetzbuchs wird für den vierzehnten Titel noch beſonders beſtimmt, daß nicht der Tag des verbürgten Hauptvertrags, ſondern der Tag der lei⸗ ſtenden Bürgſchaft der Tag ſey, der beſtimme, nach welchem Rechte die Bürgſchaft zu beurtheilen ſey. 76 Der funfzebnte Titel ſtellt nur wenige Haupt⸗ grundſätze vom Vergleiche auf, und überläßt dem Code de procédure civile die weitere Ausführung. Ueber rechtsgültige Vergleiche mit Communitäten be⸗ ſteht ein beſonderes Geſetz vom 13ten December 1303, nach welchem zum rechtsgültigen Vergleiche über An⸗ gelegenbeiten der Gemeinheiten ein auf das Gutach⸗ ten dreier Rechtsgelehrten gefaßter Schluß des Ge⸗ meinderathes, die Genehmigung des Präfekten und ein beſtättigendes Dekret der Höchſten Staatsgewalt erfordert werden. Der ſechzehnte Titel handelt nach Grundſätzen des alten franzöſiſchen Rechts vom Perſonalarreſte wegen bürgerlichen Verbindlichkeiten. Zum Art. eo65. muß ein neueres Geſetz wegen perſönlichem Ar⸗ reſte gegen Fremde in Foderungsſachen vom 10ten September 1607 nachgetragen werden, welches als Ausfluß der Anſichten des Code Napoléon über Fremden⸗Recht betrachtet werden muß. Eben ſo bürfte zum Art. 2o70., nebſt den angezogenen beſon⸗ dern Verordnungen, noch ein Geſetz vom a5ten Au⸗ guſt bo4 gehören, welches den Perſonalarreſt gegen die direkten Schuldner des öffentlichen Schatzes ver⸗ bãngt. Das Badenſche Geſetzbuch giebt Zuſätze über die Ernährung und Arreſtköſten bei verhängten Per⸗ ſonalarreſten, um richterliche Zweifel zu heben. Ei⸗ gentlich aber muß der 16te Titel des Code Napo- leon durch den funfzehnten Titel 1. Th. 5. B. des 77 code de procedure civile ergänzt und erläutert werden. Der ſiebenzehnte Titel geht auf die Verpfändung über, handelt vom Pfandvertrage, vom Fauſtpfan⸗ de, vom antichretiſchen Pfandvertrage oder Rutz⸗ pfande. Schon hier giebt nur die Enregiſtrirung der Jorderung ein wahres Privilegium. Die Vorauſſetzung des franzöſiſchen Enregiſtres ments und Hypotheken⸗Büreaus durchwandern den 17ten, 6ten und 19ten Titel, und macht dieſe Inſti⸗ tute zur wörtlichen Applikatur unentbehrlich. Der achtzehnte Titel handelt von Vorzugsrech⸗ ten, Privilegien und Hypotheken. Hier wird natür⸗ lich das von der teutſchen Hypothekeneinrichtung ganz verſchiedene Inſtitut des franzöſiſchen Hypotbeken⸗ Büreau's vorausgeſetzt. Die franzöſiſche Manipu⸗ lation iſt zwar einfacher, gewährt aber dem Gläubi⸗ ger die Sicherheit nicht ſo, wie unſer zeitheriges Hy⸗ potheken⸗Inſtitut. Jenes verſichert lediglich die Priorität durch die Eintragung, und beſtimmt das Vorzugsrecht durch die Zeit, ohne ſich um den Werth des Pfandes und die objektive Sicherheit zu beküm⸗ mern, auf welche die teutſche Hypothekenverfaſſung ſo große Aufmerkſamkeit richtet. Das Badenſche Geſetzbuch folget hier ganz dem Code Napoléon und nimt das franzöſiſche Hypothe⸗ kenamt unter dem Namen„Pfandſchreiberei“ auf, wie bereits bemerkt worden iſt. Die franzöſiſche Hypotheken⸗Form ſcheint mir immerhin weniger vor⸗ 78 züglich als unſre zeitherige, und es wird den Geiſt der franzöſiſchen Geſetzgebung nicht verändern, wenn wir bier die franzöſiſchen Formen noch zur Zeit nicht rezipiren. Der achtzehnte Titel behandelt insbeſondre die Materie von Vorzugsrechten auf beweglichen und unbeweglichen Sachen, von Vorzugsrechten, die ſich auf bewegliches und unbewegliches Vermögen zugleich erſtrecken, von den Mitteln dieſe Vorzugsrechte auf⸗ recht zu erhalten, von geſetzlichen, gerichtlichen und vertragsmäßigen oder Konventional⸗ Hypotheken. Dieſe können gegen Dritte ſtets nur durch die In⸗ ſtription erworben werden, welches wohl zu bemerken iſt. Den Schluß im zwölften Titel bildet die Ord⸗ nung der Hypotheken untereinander. Ueber dieſe Materie muß der Code de procésdure civile 1. Th. 5. B. 11. 12. 13. und 14r Titel als E Erläuterung angeſeben werden. Bei Art. 2098. kann der Code Napolson auch durch ein neueres Geſetz vom öten September 1807 in Betreff der Rechte des Aerariums auf Erſtattung der Gerichtskoſten in peinlichen— Zucht- und Po⸗ lizeiſachen ergänzt werden.— Bei Art. 133. tritt eine Inſtruktion des Groß⸗ richters vom 16ten September 1806 in Hinſicht auf bypothekariſche Sicherheit der Weiber für den Braut⸗ ſchatz, und bei Art. e143. ein beſondres Geſetz vom 4ten September 180) über die Eintragung der byp⸗ thekariſchen Foderungen als Ergänzung ein. 79 Das te und 5te Kapitel des 18. Titels bezeich⸗ net die Art und Weiſe der Vormerkung der Vorzugs⸗ rechte und Hypotheken im Inſkriptionenbuche, und die Löſchnung der Einzeichnungen. Sodann folgen die Geſetze von den Wirkungen der Vorzugsrechte und Unterpfänder gegen dritte Beſitzer, und die Ge⸗ ſetze über Erlöſchung der Vorzugs- und Unterpfands⸗ rechte. Ferner handelt der achtzehnte Titel von der Art, ſein Eigenthum von Vorzugs⸗ und Unter⸗ pfandsrechten zu entledigen, von der Art, die Gü⸗ ter der Ehegatten und Vormünder von darauf haf⸗ tenden Hypotheken zu befreien, wenn keine Einzeich⸗ nungen geſcheben ſind, endlich von der Publizität der Hypothekenbücher und der Verantwortlichkeit der Hypotheken⸗Verwahrer. Lauter Normen für Frankreichs eigne Inſtitute. Zu Art. 2161. iſt ein zum Geſetze erhobenes Gutachten des Staatsraths vom eten May 1805 zu bemerken, welches die Uebertragung der Privatver⸗ käufe im Enregiſtrement geſtattet. Im Art. 2194. iſt den kaiſerlichen Prokuratoren zum Vortheile der Frauen und Minorennen eine beſondre Aufſicht zur Notbwendigkeit gemacht, wodurch eine wichtige Funk⸗ tion dieſes unentbehrlichen Amtes bemerkbar wird. Der Art. 2196. wird durch ein Geſetz vom 1ten Juny 1307 erläutert, welches die Mittel angiebe, den Schwierigkeiten vorzubeugen, welche ſich bei ge⸗ ſetzlichen Hypotheken finden, die unabhängig von der Eintragung in das Hypothekenregiſter beſtehen. 5b Der neunzehnte Titel handelt von der Exeku⸗ tion, von den Schuldenhalber vorzunehmenden ge⸗ richtlichen Verkäufen, der unfreiwilligen Veräuſſe⸗ rung der Mobilien und Immobilien, und von der Klaſſifikation bei Konkurſen, wobei Art. 2317., ſo wie dieſe ganze Materie überhaupt, ſich auf die fran⸗ zöſiſche Gerichtsverfaſſung, auf Zahlungsbefehle durch den Huiſſier u. ſ. w. bezieht. Dieſer neunzehnte Ti⸗ tel gründet ſich auf das franzöſiſche Gerichtsverfahren und die Exekutivkraft der aotes authendiques. In dem Badenſchen Geſetzbuch iſt der Verſuch gemacht, durch Geſetze über die Erekution die Doktrin des code Napolẽon mit dem teutſchen Gerichtsverfahren zn verbinden Das 2te Kapitel des neunzehnten Titels behan⸗ delt die Vertheilung des Erlöſes unter mehrere Gläu⸗ biger, beziehet ſich aber geradezu auf die Gerichts⸗ ordnung, weswegen im Badenſchen Geſetzbuch die Ordnung der Vertheilung genauer beſtimmt und erläu⸗ tert iſt. Die eigentliche Erläuterung kann aber am zweckmäſigſten im Code de procédure civile 1. Theil 5. Buch von ſechſten bis vierzehnten Titel und in der franzöſiſchen Gerichtsverfaſſung ſelbſt ge⸗ ſucht werden. Der zwanzigſte Titel enthält die Geſetze von Verjährung und vom Beſitze, von den Urſachen, welche die Verjährung im Laufe bindern, ganz bem⸗ men, over ſtillſteben machen. Dieſes Mittel gegen Unſicherbeit und Ungewißheit des Eigenthums hat der 31 Code Napoléon aus dem römiſchen Rechte beibe⸗ halten. Der Art. 2246. ſetzt Friedensgerichte in der Ei⸗ genſchaft als Vergleichs Büreau's voraus, worüber das Badenſche Geſetzbuch hinausgeht, und lediglich eine Vorladung zum Verſuche der Güte unter die Unterbrechungsurſachen der Vrrjährung aufnimt, ob⸗ gleich unſre zeitherigen Gerichtsordnungen einen ſol⸗ chen Fall durch die Ratur der Verfaſſung ſelten auf⸗ zeigen werden. Das fünfte Kapitel des zwanzigſten Titels han⸗ delt von der zur Verjährung erfoderlichen Zeit, von der dreißigjährigen, zehen- und zwanzigjährigen Ver⸗ jäbrung und von einigen beſondern Arten der Ver⸗ jäbrung. Der Art. 2276. beſtimmet, daß Richter und Advokaten nach dem Verlaufe von fünf Jahren nach erfolgtem Urtheile in Prozeßſachen, und die Ge⸗ richtsdiener nach dem Verlaufe zweier Jahre von der Vollziehung ihres Auftrags oder Inſinuationen, der Verantwortlichkeit in Anſehung der ibnen anvertrau⸗ ten Urkunden entbunden werden. Art. 2a31., der letzte Artickel des ganzen Code Napoléon beſtimmt, daß Verjährungen, welche bei Verkündigung des gegenwärtigen Geſetzes bereits ih⸗ ten Anfang genommen haben, nach den alten Geſez⸗ zen zu beurtheilen ſeyen, und daß jene angefangenen Verjährungen, zu welchen nach den alten Geſetzen mehr als 30 Jahre erfoderlich geweſen ſeyn würden, 6 8 2 demungeachtet durch den Ablauf dieſer 30 Jahre vol⸗ lendet ſeyn ſollen. Dieſes letzte Geſetz iſt vas einzige in dem ganzen Code Napoléon, welches auf die alte Legislation einen ſolchen ausdrücklichen Blick wirft. Als eine gewiſſe Folge der Rezeption des Code Napoléon in teutſchen Landen, darf man annehmen, daß auch unwillkührlich nach und nach Manches aus der franzöſiſchen Gerichtsverfaſſung ſich mit der Ap⸗ plikatur der Geſetze verweben, und daß biedurch der Uebergang zu einer aſſimilirten Organiſation ſich bil— den werde. Die Fäden, mit welchen das Civil;Ge⸗ ſetzbuch an die ganze Organiſation in Frankreich ge— enüpft iſt, ſind zu fein, aber auch zu unzerreißbar, als daß dieſe Vorausſetzung trügen könne. Auch kann obige kurze Darſtellung unter andern den Beweis lie⸗ fern, daß der Code Napoléon die geſetzlichen Ror⸗ men für alle Verhältniſſe des bürgerlichen Lebens, für uns, nicht ausführlich enthalte. Dieſes wird jedoch ſeinem Werthe nichts benehmen, denn auch allzugro⸗ ße Vollſtändigkeit eines Geſetzbuchs kann nachthei⸗ lige Folgen baben und die Rechtsſprechung zur Ma⸗ ſchiene umformen. Das vollſtändigſte aller neuen Geſetzbücher, nämlich das Preuſſiſche, dürfte durch ſeinen zu großen Umfang und ausgedehnte poſitive Beſtimmung dem Rechtsſtudium und vorzüglich dem pbiloſophiſchen Rechtsſtndium weit mehr Nachtheil bringen können, als die Unvollſtändigkeit des Gode Napoléon, welcher ein freies Rechtsſtudium nicht allein zuläßt, ſondern zur Rothwendigkeit macht. Gebe der teutſche Regent nur die geſetzliche Be⸗ ſtimmung, daß in den Fällen, wo der Code Napo⸗ léon nicht entſcheidet, die zeitherigen Geſetze, und welche, fortgelten ſollen: ſo wird es an poſitiven Ge⸗ ſetzen nicht fehlen und keine Stockung entſtehen. Je⸗ doch iſt nicht zu läugnen, daß gerade durch die Auß— bebung der ganzen zeitherigen Legislation allein, und durch das Inſtitut des Kaſſationshofes die Gleichför⸗ migkeit der Legislation in Teutſchland, ſo wie in Frankreich, zu erzwecken ſey.— Allerdings ein Gegenſtand weiterer Betrach⸗ tung!— Bei der Rezeption des Code Napoléon in teut⸗ ſchen Landen wird der Zuſammenhang dieſes Geſetz⸗ buchs mit der franzöſiſchen Gerichtsverfaſſung und mit dem Code de procédure civile die meiſten Anſtände erregen. Daß das franzöſiſche Civil-Geſetzbuch mit der franzöſiſchen Gerichtsverfaſſung und Prozeßord⸗ nung wicklich genau zuſammenhänge, muß wohl von allen ſtreitenden Theilen zugegeben werden. tir ſcheint aber bis jetzt, von allen Lobrednern und Tad⸗ lern über dieſen Gegenſtand, die Gerichtsverfaſſung mit der Prozeßordnung zu ſehr vermengt worden zu ſeyn. Beide haben gewiß manches Vorzügliche, aber auch manches, welches mit den teutſchen Ordnungen nicht wohl un den Vorzug ſtreiten kann. Der letztere Fall dürfte vielleicht in manchen Materien der franzö⸗ 64 ſiſchen Prozeßordnung gefunden werden. Dahinge⸗ gen könnten wir aus der franzöſiſchen Gerichtsverfaſ⸗ ſung viel Gutes entlehnen, vorausgeſetzt, daß ſich einzelne Theile von der ganzen Maſchine ohne Inkon⸗ venienz trennen laſſen. Die ausführliche Unterſu⸗ chung und Erörterung hierüber gehört nicht in gegen⸗ wärtigen Aufſatz; ich glaube aber meine Meinung er⸗ foderlichen Falls mit guten Gründen vertheidigen zu können. Die Bayerſche und Badenſche Bearbeitung des Code Napoléon haben ſchon die Stellen anzugeben geſucht, wo eine Modifikation oder Erweiterung für teutſche Länder nothwendig ſeyn dürfte. Auch dieſe Geſetzbücher werden ſeiner Zeit Verbeſſerungen er⸗ halten; indeſſen werden ſie immer das Verdienſt der künftig noch erſcheinenden Rezeptionsarten in andern Landen vorzüglich theilen. Ein auffallendes Reſultat meiner kurzen Dar⸗ ſtellung der Napoleoniſchen Civil⸗Geſetzgebung dürfte der Satz ſeyn: daß kleinere Staaten, welchen die organiſche Umgebungen des Code Napoléon fehlen, ſich vorläufig nur mit der Doktrin des neuen Geſetz⸗ buches begnügen müſſen, und daß denſelben nicht an⸗ zurathen ſey, bei der Rezeption vorläufig weiter als auf die Doktrin zu geben. Will man jedoch gleich weiter gehen, ſo muß man den Verſuch machen, die vorhandenen inländiſchen Bebörden den im Code Na- polẽon als handelnd erſcheinenden fremden Bebör⸗ den proviſoriſch zu ſurrogiren. Der inſtruirende Weg iſt ſodann wohl der räthlichſte, weil ſich auf dieſem die Lehren der Erfahrung am leichteſten für die Ap⸗ plikatur benutzen laſſen. Bei allen meinen unvorgreiflichen Bemerkungen drängt ſich indeſſen der Wunſch auf, daß bei der Re⸗ zeption eines neuen Geſetzbuches in dem Gebiete des rbeiniſchen Bundes die Geſetzgebung durch ungleich⸗ artige Modifikationen ſich nicht wieder neuerdings ſo verſchieden bilden möge, wie es bei den zeitherigen vielen Landrechten und Statuten der Fall war. Ich nehme mir daher die Freiheit, meinen un⸗ vorgreiflichen Wunſch zu wiederholen, daß Eure Ho⸗ beit geruben mögen, Sich mit jenen höchſten Sou⸗ verains zur gemeinſchaftlichen Abfaſſung der nöthigen Modifikattonen zu vereinigen, welche bis jetzt zu einer ſolchen gemeinſchaftlichen Vereinigung ſich bereit er⸗ klärt haben. Sollten Eure Hoheit geneigt ſeyn, mit Heſſen und Raſſau Sich hierüber zu vereinigen: ſo werden mehrere teutſche Bundesfürſten vielleicht auf gelegen⸗ beitliche Auffoderung dieſem Vereine beitreten, und ein ſolcher Verein würde vielleicht in legislativer Hin⸗ ſicht nützlicher ſeyn, als wenn dieſer Zweck durch ei⸗ nen einſtigen Bundestag erreichet werden ſollte. Sollte die Vereinigung zu einem gemeinſchaftli⸗ chen Kaſſationshofe, und den übrigen Inſtituten, welche die franzöſiſche Legislation vorausſetzt, in den teutſchen Bundesſtaaten nicht zu erwarten, und eine Einheit der Verfaſſung und Legislation für teutſche 36 Völker niemals zu hoffen ſeyn: ſo kann ich auf dieſen Fall nicht unbemerkt laſſen, daß der Primatiſche Staat für die Einführung des Code Napoléon ge genwärtig ſchon größere Erleichterungsmittel, als mancher größere Staat, in ſich faſſe. Dadutch, daß Eure Hoheit den vier getrennten Diſtrikten Höchſtdero Staats eigne Berwaltungen und Gerichte in zwei Inſtanzen gegeben haben;— dadurch, daß dieſe Lande vier Appellationshöfe, ei⸗ ne Rechtsſchule als Spruchkollegium, und ein O⸗ berappellationsgericht beſitzen, welches in einiger Hin⸗ ſicht vielleicht in die Stelle des Kaſſationshofes ein⸗ treten könnte; durch dieſe Inſtitute und andre in un— ſrer Verfaſſung liegenden Verhältniſſe würden im Rothfalle manche Schwierigkeiten in der Sache ge⸗ boben werden können. Vorzüglicher bleibt jedech ohne allen Zweifel die Errichtung eines allgemeinen Kaſſationshofes für die verbundeten Lande in Teutſch⸗ land, welche den Code Napoléon als Geſetzbuch rezipiren wollen C. Ich glaube ſogar, daß partielle Kaſſationshöfe der Bundesſtaaten ganz auſſer dem Einheitsprinzip des neuen Rechtes liegen. Die Vortheile eines gemeinſchaftlichen Kaſſa⸗ tionshofes aber und ſeiner Einrichtung nach dem Prin⸗ zip der franzöſiſchen Gerichtsbierarchie ſind um ſo () Daſ ein ſolcher Kaſſations hof mit den zeither vorgeſchlagenen Bundesgerichten nicht zu verwechſeln ſey, wird wohl keiner Erklarung bedürfen. 67 größer, weil bei derſelben die Schwierigkeiten der Erekution wegfallenwelche das Anſehen der ehema⸗ ligen Reichsgerichte ſo ſehr ſchwächten Da der Kaſ⸗ ſationshof keine Urtheile ſpricht, ſondern nur annul⸗ liret oder die Kaſſationsgeſuche verwirft, und die Ap⸗ pellationsgerichte eigentlich das rechtliche Verfahren endigen; ſo wird der Fall der Exekution von ſelbſt wohl ganz beſeitiget ſeyn. Ich miskenne die Einwürfe nicht, welche man gegen ein Gericht ohne Exekutionsgewalt nach teut— ſchen Anſichten beibringen wird: indeſſen darf man mit der Erfahrung des großen franzöſiſchen Reichs vieſe Einwürfe beantworten, und hiebei auf den Standpunkt zurückführen: „daß die Einführung des Code Napoléon in „den teutſchen Landen als ſachdienlich bereits „anerkannt worden, und daher auch die hiezu „nöthigen Einrichtungen, als unvermeidliche „Folge des erſien Prinzips, angeſehen werden „müſſen.“ — „Geſichtspunkte fuͤr die von deutſchen Regierun⸗ „gen fur die Bearbeitung des Koder Napo⸗ „eon niedergeſetzten Kommiſſionen“*). (Monat May 1809.) „E⸗ ſollen die Modifikationen, unter welchen der „Koder Napoleon fur deutſche Nationen Geſetzbuch „werden kann, ausgemittelt werden. „Dies iſt im Allgemeinen die Aufgabe, welche „deutſche Miniſterien, den fuͤr die Bearbeitung des „franzoͤſiſchen Geſetzbuchs niedergeſetzten Kommiſſio⸗ „nen, zur Beantwortung vorgelegt haben. „Iſt aber dieſe Aufgabe beſtimmt genug? „Haben die Miniſterien ihre Abſichten, ihre „Zwecke hinreichend ausgeſprochen? „Sind ſie ſelbſt vom Geiſte der Aufgabe durch⸗ „drungen? „Dieſes alles erlaube ich mir zu bezweifeln. „Es beſtimmen mich dazu folgende Betrachtun⸗ „9gen. 3 *) Rheinbund 34 ſtes Stuck S. 142— 146. r 2 „Anderswo habe ich ausgefuͤhrt, daß der Koder „Rapoleon in alle Zweige der Verfaſſung tief eingreift. „Seine Aeſte laufen durch das Finanzweſen, durch „die Polizei, durch das gerichtliche Verfahren, durch „die kirchlichen Einrichtungen, und ſelbſt durch die „Grundverfaſſung hindurch. „Mit dem Finanzweſen ſteht das Enregiſtrement „und die Inſeription in inniger Verbindung. Auf „jenem beruht die Gewißheit und Sicherheit des „Grundeigenthums, die Beweiskraft bei Gerichten; „auf dieſer der offentliche Glaube; beide laufen wie⸗ „der durch alle Adern des proceſſualiſchen Verfahrens. „Polizeivorſorgen finden ſich in den Beſtimmun⸗ „gen über die actes de'état civil: z. B. in demjeni⸗ „gen, was uber die Beerdigungen und die Bedingun⸗ „gen der Zuläſſigkeit derſelben verordnet wird. Die „Kaiſerliche Prokuratur oder das ministère public in „ſeiner unermeßlichen Wirkungsſphaͤre, iſt nichts an⸗ „ders als eine hoͤhere Polizeianſtalt. „Der Zuſammenhang der franzoſiſchen Civilge⸗ „ſetzgebung mit dem gerichtlichen Verfahren, ange⸗ „kuͤndigt von den Organen der franzoͤſiſchen Regie⸗ „rung, anerkannt von franzoſiſchen Gelehrten, iſt „ſo vorherrſchend, ſo karakteriſtiſch, daß die Leichtig⸗ „keit, mit welchem Zachariä, Goͤnner und an⸗ „dere dieſen Zuſammenhang uͤberſehen, oder gar ge⸗ „leugnet haben, unbegreiflich, ich moͤchte ſagen unver⸗ „eihlich iſt. So iſt der ganze 19te Titel des dritten „Buchs sur Texpropriation forcée, ohne die Ei⸗ „genheiten des franzoſiſchen Vollziehungszwangs, ohne „das franzdſiſche Notariat, und ohne Vorausſetzung „des Inſtituts der Huissiers, weder anwendbar noch „verſtaͤndlich. „Indem der Kodey Napoleon die Ehe fuͤr ein rein „burgerliches Inſtitut erklärt, bricht er auch dem pro⸗ „teſtantiſchen Kirchenrecht den Stab. Wenn Zach a⸗ „ria die Grundſätze des franzoͤſiſchen Eherechts fuͤr 3 „die nämlichen haͤlt, welche die Lehrer des proteſtanti⸗ „ſchen Kirchenrechts längſt aufgeſtellt haben, ſo hat „er entweder jene oder dieſe nicht verſtanden. Mit „dem franzoͤſiſchen Eherecht ſteht nicht blos das fran⸗ „oͤſiſche Familienrecht, ſondern auch die Lehre von „den Beurkundungen des Familien⸗Zuſtandes(actes „de letat civil) in der genaueſten Verbindung. „Endlich erſchuttert auch der Koder Napoleon, „auf deutſchen Boden verpflanzt, die Grundverfaſſung „deutſcher Staaten, wenn es ſeit der Proclamation der „Rheinbundsſouverainität anders noch eine Grund⸗ „erfaſſung gibt. Die darin enthaltene Aufhebung „der Frohnden, die Abloͤßlichkeit der Grundzinſen und „Zehnten revolutioniren das Kameralſyſtem; die Auf⸗ „hebung der Fideikommiſſe ſturzt den Guͤteradel; die „Beſtimmungen ber den Genuß und Verluſt der „burgerlichen Rechte legen der Regierung ein zwei⸗ „ſchneidiges Schwerdt in die Hand, mit welchem ſie „jedes, den einzelnen Buͤrger an den Mitbuͤrger eines „andern Staates knuͤpfende Band zerſchneiden, und „uͤber das Eigenthum und die Familienverhaͤltniſſe „einer großen Anzahl von Einwohnern gebieten kann. „Ich habe hier nur Beiſpiele und Winke gege⸗ „ben; der große Gegenſtand iſt keineswegs auch nur „um hundertſten Theil erſchoͤpft. „Macht ein deutſches Miniſterium Vorſchläge „über die Modifikationen des Kodex Napoleon, zu „einer Aufgabe fuͤr Geſetzgebungskommiſſionen, ſo „fraͤgt es ſich vor allen Dingen, was fuͤr ein Sinn „wird beſtimmt mit dieſer Aufgabe verknuͤpft? „Sollten blos objektive Verbeſſerungen der „franzoͤſiſchen Civilgeſetzgebung vorgeſchlagen werden „— die ſich dann auch freilich werden finden laſſen „— ſo koͤmmt es auf die innere Kritik des Koder „Napoleon an. Dann haben wir einen litterariſchen „Kampf, dann uͤbt ſich deutſcher Scharfſinn am fran⸗ 1* 4 „oſiſchen. Von dieſer Seite ſcheinen es viele genom⸗ „men zu haben. Sie wollen wiſſen, wie ſich die „Luͤcken der franzoͤſiſchen Civilgeſetzgebung durch Mo⸗ „difikation ausfullen, wie ſich ihre Mängel heben laſ⸗ „ſen. Goͤnner und ſeine Waffenbruͤder machen „ſich die Aufloͤſung der Aufgabe leicht. Sie finden „im Koder Rapoleon alles unuͤbertrefflich, alles welt⸗ „buͤrgerlich, alles hervorgehend aus einer obſektiven „Vernunftgeſetzgebung. Hiernach waͤre eigentlich „gar nichts zu modificiren.— Dies iſt aber nicht „der Geiſt der Aufgabe. Auf Verbeſſerungen des „Koder Napoleon koͤmmt es vor der Hand nicht an. „Wenn deutſche Gelehrte den Kodex Napoleon fuͤr „unverbeſſerlich halten— ſo kann man ihnen eben ſo „gern den Weihrauch goͤnnen, den ſie ſich dieſer Ent⸗ „deckung wegen untereinander ſtreuen, als die Ver⸗ „achtung der Gelehrten des Siegervolks, welche von „ihrem Lobe keine Notitz nehmen. „Wird dagegen nicht eigentlich nach Verbeſſe⸗ „rungen der Napoleoniſchen Geſetzgebung gefragt, „koͤmmt es nur darauf an, ſie mit demjenigen, was „auſſerdem in einem deutſchen Staate gilt, in Ein⸗ „klang zu bringen, ſo erhält die Aufgabe eine andere „Anſicht. Die Kritik des Code Napoléon wird „Nebenſache. „Es fraͤgt ſich nicht: ob und wie ſern der Koder „Napoleon durch Maͤngel und Widerſpruͤche einen „menſchlichen Urſprung beurkunde, ob nicht deutſcher „Scharfſinn etwas Gediegeneres haͤtte erfinden kon⸗ „nen, ſondern einzig und allein: wie verhaͤlt ſich der „Kodeyr Rapoleon, als Theil eines unermeßlichen Gan⸗ „zen zu dieſem Ganzen? Wie greifen ſeine einzelnen „Verfuͤgungen und Verordnungen in alle Zweige der „Staatsverwaltung ein? Wie iſt es zu machen, daß „in einem deutſchen Staate der aus einem fremdarti⸗ „gen Ganzen geriſſene Theil, in ein fremdartiges 5 „Ganze wieder verſchlungen und harmoniſch damit „verbunden werde? „Dies iſt der Geiſt der Aufgabe. Sie iſt zwei, „von einander durchaus abweichender Aufloͤſungen „faͤhig. Entweder wird der Kodex Napoleon nach „deutſchen Einrichtungen modificirt, oder deutſche Ein⸗ „richtungen bequemen ſich unter die Vorausſetzungen „und Forderungen des Kodex Napoleon. Im erſten „Fall wird der Kodex Napoleon dem Geiſt und der „Wahrheit nach deutſchen Einrichtungen, im zweiten „wird die deutſche Adminiſtration, Juſtitz⸗ Kirchen⸗ „und Grundverfaſſung, dem Kodex Napoleon aufge⸗ „opfert. Verlangen deutſche Miniſterien die Aufid⸗ „ung der Aufgabe im erſten oder im zweiten Sinn? „Keines hat ſich daruͤber erklaͤrt. „Oder ſoll die Aufgabe durch Vergleich⸗ und „Vermittlung geloͤſt werden. Soll hier der Kodex vinniebn einer deutſchen Einrichtung, ſoll dort eine „deutſche Einrichtung dem Kodex Napoleon weichen 2 „Aber welch ein unermeßliches Feld fuͤr verwik⸗ „kelte Vorſchlaͤge, fuͤr verſchlungene Anſichten, fuͤr Fabweichende Modifikationen! Wurde bisher die „M annigfaltigkeit der Geſetzgebungen den einzelnen „deutſchen Staaten zum Vorwurf gemacht, ſo waͤre „gerade die Einfuͤhrung eines modificirten Kodex Na⸗ „poleon das ſichere Mittel die Abweichungen noch „groͤßer, die Kontraſte noch auffallender zu machen. „Die modificirte Einführung des Kodex Napo⸗ „leon ſoll ja aber in den Staaten des Rheinbundes „gerade das engegengeſtht⸗ Reſultat herbeifuͤhren. „Das iſt der Zweck der Aufgabe der Miniſterien. „Da aber dieſe Aufgabe„ſo wie ſie jetzt vorliegt, ſo „wie ſie allgemein und unbeſtimmt von den oberſten „leitenden Staatsbehoͤrden in mehreren deutſchen „Staaten aufgeworfen worden iſt, das verlangte Re⸗ „ſultat unmoͤglich herbeifuͤhren kann, ſo darf man „ohne Unbeſcheidenheit vorausſetzen, daß die deut⸗ 6 „ſchen Miniſterien ſelbſt, vom wahren Geiſt der Auf⸗ „gabe noch nicht durchdrungen ſind. „Um dies anzunehmen, muͤßte man vorausſez⸗ „zen, daß ſie den innigen Zuſammenhang der fran⸗ „zoͤſiſchen Civilgeſetzgebung mit dem Ganzen des fran⸗ „zoͤſiſchen Staatsorganismus überſehen, daß ſie die⸗ „ſem letzten die Struktur einer deutſchen Staatsver⸗ „waltung gegenuͤber geſtellt, daß ſie die unzaͤhligen „und weſentlichen Abweichungen zwiſchen beiden ge⸗ „faßt haben; man muͤßte annehmen, daß ſie den „Koder Napoleon beſſer als Zachariaà, Seiden⸗ „ſticker, Schmidt und alle diejenigen, welche „durch die Bearbeitung deſſelben fur deutſche Regie⸗ „rungen ſich Verdienſte erwerben wollten, einſtudiert „haben. So etwas kann man von keinem Staats⸗ „mann fordern. „Im Grunde ſind aber blos die deutſchen Ge⸗ „lehrten an der großen Unbeſtimmtheit der Aufgabe „der Miniſterien ſchuld. Welcher von ihnen hat den „Koder Rapoleon als Theil des Ganzen aufgefaßt, „als Theil des Ganzen konſtruirt? Wer hat gezeigt, „wie ſich in dieſem Theile das Ganze ſpiegelt, und „wie das Ganze den Theil reflectirt? Wie duͤrftig iſt „gerade uber dieſen Gegenſtand Seidenſtickers „Einleitung in den Code Napoleon?— Daß „ſein angekundigter Geiſt des Code Napoléon die „Aufgabe loͤſen werde, bezweifle ich, nach demje⸗ „nigen, was bereits uͤber ſeine Hauptanſicht bekannt „iſt, ſehr. „Nach meiner Anſicht kann keine Geſetzgebungs⸗ „kommiſſion die Aufgabe der Regierungen loͤſen, ſo „lange die Aufgabe ſelbſt nicht von den Regierungen „determinirt wird. Sie kann aber von letztern nicht „determinirt werden, wenn deutſche Regenten nicht „den Geiſt der Anfgabe, ihren Zweck, ihre Schwie⸗ „rigkeiten, ihre Tendenz kennen. „Es iſt Pflicht der Gelehrten, die Regenten uͤber 7 „jenen Geiſt zu informiren; es iſit nicht unter der „Wuͤrde der Regenten, uͤber den naͤmlichen Gegen⸗ „ſtand eine Information zu fodern, „Der Zweck wuͤrde erreicht, es wuͤrde ihm we⸗ „nigſtens naͤher getreten werden, wenn den Geſetzge⸗ „bungskommiſſionen ſtatt des Auftrags uͤber vorzu⸗ „ſchlagende Modifikationen, der Auftrag zugienge, „nicht ſowohl uͤber den Inhalt des Koder Rapoleon, „als uͤber das Verhaͤltniß deſſelben zu allen Zweigen „des franzoͤſiſchen Staatsorganismus, und der „Staatsverwaltuug Frankreichs, und uͤber die Ver⸗ „aͤnderungen, welche die Einfuͤhrung jenes Geſetz⸗ „buchs, in den Staaten der rheiniſchen Konfoͤdera⸗ „tion, in der Grundverfaſſung, in der Adminiſtra⸗ „tion, im Finanzweſen, in der Kriminaljuſtiz, in „der Polizei, in dem Kirchenrecht, in der Gerichts⸗ „verfaſſung u. ſ. w. nach ſich ziehen wuͤrde— aus⸗ „fuͤhrliche und gruͤndliche Berichte zu bearbeiten. „Die Frage würde ſich auf folgende Art zerglie⸗ „dern laſſen: A)„In welchem Verhaͤltniß ſteht der Koder Ra⸗ „poleon zu allen Zweigen der Verfaſſung und „Adminiſtration des Franzoſiſchen Staats, und „zwar a)„zur Adminiſtration b)„zur Juſtiz aa)„zur Civiljuſtiz bb)„zur Kriminaljuſtiz c)„zu dem Finaazweſen d)„zum Kirchenweſen e) ur Grundverfaſſung B)„Welche Veraͤnderungen wuͤrde die Einfuͤh⸗ „rung des Koder Napoleon in einem Staat der „rheiniſchen Konfoͤderation hervorbringen a)„in der Adminiſtration b)„in der Juſtiz aa)„im Civilproceß 8 bb)„im Friminalptoeeß c)„im Finanzweſen dh„im Kirchen Syſtem e)„in der Grundverfaſſung „in den deutſchen Staaten eigenen Inſti⸗ *„tuten im Lehenweſen, in der Verfaſſung „des Guͤteradels ꝛc. ꝛc. „Erſt die Bearbeitung dieſer Aufgabe wuͤrde „deutſche Regenten voͤllig informiren; ſie wuͤrden ſe⸗ „hen, worauf es bei der Einfuͤhrung des Kodex Na⸗ „poleon ankömmt; der Rebel, den deutſche Gelehr⸗ „te vorſaͤtzlich oder aus Unkunde vor ihren Augen „verbreiten, wurde zerfließen; ſie wurden alle Schwie⸗ „rigkeiten uͤberſehen und nun genau, nach politiſchen „oder weltburgerlichen Zwecken beſtimmen koͤnnen, „in welchem Geiſt der Koder Napoleon modificirt „werden, ob und wo deutſche Einrichtungen dem Ko⸗ „der Napoleon oder der Kodex Rapoleon deutſchen „Einrichtungen weichen ſoll.“ II. Anſichten uͤber die Art der Aufnahme des Na⸗ poleoniſchen Geſetzbuchs in den Fuͤrſtlich Primatiſchen, Großherzoglich Heſſiſchen und Herzoglich Naſſauiſchen Staaten. l1 (Vorgetragen am 4ten September 1809.) D Wie Aufnahme des Civilgeſetzbuchs einer fremden Ration iſt, ihrer Natur nach, mit weit groͤßeren Schwierigkeiten verbunden, als die Abfaſſung und Einfuͤhrung eines eignen Nationalcodex. Die autonomiſche Geſetzgebung eines Volkes geht vom Standpunkt ſeiner Verfaſſung, Einrichtun⸗ gen und Sitten aus. Vom eignen Vaterland gezo⸗ gen, gibt ſie dem mutterlichen Boden dankbar heimi⸗ ſche und veredelte Fruͤchte zuruͤck. Die Verpflanzung einer fremden Civilgeſetzge⸗ bung auf eignen Boden, bringt die Erzeugniſſe frem⸗ der Zonen in ein an ſie nicht gewohntes Land. Wenn leicht jene bei der Verpflanzung entarten, ſo bedarf dieſes einer kuͤnſtlichern Zubereitung; das ſogenannte Akklimatiren erfordert Zeit und Geduld. Daß die deutſchen Nationen, nach dem Unter⸗ gang ihrer veralteten und unbrauchbar gewordenen Konſtitution, einer ihren neuen Verhaͤltniſſen ange⸗ meſſene Civilgeſetzgebung beduͤrfen, wird von allen 10 Staͤnden tief gefuͤhlt. Daß dieſe Civilgeſetzgebung die nur zu ſehr zerriſſenen Bande des Zutrauens, welche vormals den Deutſchen an Deutſche knuͤpften, erneuere, daß ſie dem Deutſchen eben ſo, wie ſeine fortdauernde Sprache ein Unterpfand von National⸗ einheit darbiete, iſt in gleichem Grade Forderung der Politik und des Patriotismus. Freilich waͤre es ein Gluͤck, wenn jene lautge⸗ forderte einfoͤrmige Civilgeſeßgebung aus der Mitte von Deutſchland hervorgehen, wenn ſie die Bluͤthen ſeiner eignen Civiliſation darſtellen, wenn ſie dem deutſchen Buͤrger das Gewohnte und Bekannte ver⸗ edelt und vereinfacht ſchenken koͤnnte. Es waͤre ferner ein Gluͤck, wenn es jedem deut⸗ ſchen Staate uͤberlaſſen bleiben koͤnnte, nach ſelbſt⸗ ſtaͤndigen Zwecken, ſeine Civilgeſetzgebung ſelbſiſtaͤn⸗ dig auszubilden, unbekuͤmmert um dasjenige, was etwa Konvenienz und Politik einem andern Staate vorſchreibt. Allein die Natur der Verhaͤltniſſe, daß Beduͤrf⸗ niß der deutſchen Voͤlker ſelbſt, erlaubt weder jenes noch dieſes. Die Landesherrliche Geſetzgebungsgewalt hatte die große Abweichung der ſtatutariſchen Rechte unter ſich und vom gemeinen Rechte zur Folge; durch ſie wurde die unter der ſogenannten Reichskonſtitution vereinigte deutſche Nation, in Hinſicht des Civilrechts, in etwa dreihundert Volker getheilt, und der Deutſche dem Deutſchen entfremdet; dieſe Entfremdung wuͤrde unter der Herrſchaft der Rheinbundsſouverainität nothwendig noch groͤßer werden, wenn jeder deutſche ſouveraine Fuͤrſt, von ſeiner Geſetzgebungsgewalt, durch Aufſtellung eines eignen ſelbſtſtaͤndigen, ohne Einverſtaͤndniß mit ſeinen Rachbarn abgefaßten Ci⸗ vilkodex, Gebrauch machen wollte. Sollen deutſche Voͤlker unter einer und der naͤm⸗ lichen Civilgeſetzgebung vereinigt werden, ſo muͤſſen ſich ihre Beherrſcher uͤber die Annahme eines und def⸗ ſelben Geſetzbuchs vereinigen. Daß ſie ſich uͤber die Annahme eines deutſchen vaterlaͤndiſchen Geſetzbuchs vereinigen werden, wäre vergebliche Hoffnung. Jenes Selbſtgefuͤhl, welches den deutſchen RNamen dem Bewußtſeyn ſub⸗ ordinirt, daß man der Baierſchen, Säaͤchſiſchen, Wuͤr⸗ tembergiſchen Nation u. ſ. w. angehoͤre, brechen einer ſolchen Hoffnung den Stab. Kein Souverain des Rheinbundes kann und wird ſich beſtimmt finden, ſein Volk dem Geſetzge⸗ bungsſyſtem eines benachbarten konfoͤderirten Staates zu unterwerfen. Vor der hoͤhern Gewalt des großen ſchuͤtzenden Staates ſind alle ſouveraine Mitglieder der Konfode⸗ ration gleich.— Frankreichs ſchirmender Fluͤgel um⸗ gibt Baiern und Aremberg mit gleicher Sicherheit; ein Fuͤrſt von untergeordneter Macht nimmt ſogar im Kollegium der Koͤnige den erſten Rang ein. Kein deutſcher Staat wird, durch hoͤhere Weis⸗ heit, ſein Geſetzbuch zu einem alle Voölker und Zun⸗ gen deutſchen Namens beherrſchenden Kodex zu adeln im Stande ſeyn. hicht und Aufklaͤrung iſt durch alle deutſche Staaten gleich verbreitet. Die Anſpruͤche, welche etwa eine Saͤchſiſche Geſetzgebungskommiſſion an die innere Huldigung einer Geſetzgebungskommiſ⸗ ſion des Wuͤrtembergiſchen Staats aufſtellen moͤchte, ſtellt auch dieſe gegen jene auf. Und träten alle deut⸗ ſche Geſetzgebungskommiſſionen zuſammen, ſo wuͤrde die Gleichheit ihrer Anſpruͤche einen troſtloſen Zuſtand erzeugen, aus welchem Einverſtändniß und Ordnung ewig nicht hervorgehen koͤnnten. Man darf daher von den ſich ſelbſt uberlaſſenen deutſchen Staaten die Vereinigung zu einer gemein⸗ ſchaftlichen Civilgeſetzgebung deutſchen Urſprungs nie erwarten. 12 Schon hierin liegt die dringende Aufforderung zur Aufnahme eines fremden Geſetzbuchs. Wenn nun dieſes fremde Geſetzbuch zugleich ei⸗ nem großen, herrſchenden und gebildeten Volke an⸗ gehoͤrt, wenn es den Namen eines Geſetzgebers an der Stirne traͤgt, der als Held, als Eroberer, als Staatengruͤnder die Schickſale der Gegenwart und Zukunft, der Voͤlker und Familien beherrſcht, eines Geſetgebers, auf deſſen Gebot Einrichtungen und Inſtitute, welche die Ehrfurcht der Voͤlker und das Vorurtheil von Jahrhunderten geheiligt hatten, eben ſo ſchnell vernichtet, als neue politiſche Organiſatio⸗ nen, deren Moͤglichkeit ſein Genieblick wahrnahm, in die Wirklichkeit gerufen werden, wenn die An⸗ nahme jenes Geſetzbuchs die deutſche Nation mit den nur als Wuͤnſche ausgeſprochenen Forderungen ihres Siegers in Harmonie ſetzt, wenn ſie alle große und liberale Inſtitute des regenerirten Frankreichs, ohne gewaltthaͤtige Erſchuͤtterungen, auf deutſchen Boden perpflanzt— ſo kann die Fraze; unter welchem frem⸗ den Geſetzbuch die Volker der rheiniſchen Konfoͤdera⸗ tion ſich vereinigen ſollen?— auch nicht einen Au⸗ genblick Stof zu Diskuſſionen und Zweifeln darbieten. Die Annahme des Codex Napoleon iſt, aus dieſem Geſichtspunkt betrachtet, ein Beduͤrfniß der Civiliſation, eine Forderung der Politik. Die mit der Annahme eines fremden Geſetzbuchs unvermeid⸗ lich verbundenen Schwierigkeiten geben keinen Wider⸗ rathungsgrund an die Hand. Sie machen nur die Aufloͤſung der Frage noͤthig: auf welchem Wege und durch welche Mittel ſie uͤberwunden werden koͤnnen? Die Aufloͤſung dieſer Frage iſt der Zweck der Vereinigung der einſichtsvollen, vom Zutrauen deut⸗ ſcher Souveraine umgebenen Maͤnner, in deren Mitte ich zu reden die Ehre habe. Es ſey mir erlaubt, be⸗ ſcheiden und anſptuchlos, meinen Beitrag zur Auf⸗ 13 kläͤrung derſelben zu liefern. Ich erbitte mir dabei kollegialiſche Rachſicht. Es kann vor allen Dingen nicht davon die Rede ſeyn, ob der Koder Napoleon mit, oder ohne Mo⸗ difikationen, in einem deutſchen Staate, aufgenom⸗ men werden ſoll. Einer Aufnahme ohne Modifika⸗ tionen widerſpricht die Erfahrung aller Zeiten und Voͤlker, das noch in jeder deutſchen Bruſt laut ſich regende Geſuͤhl von Nationalitäͤt, und endlich die Lehren der Weisheit, welche uns Frankreichs Geſetz⸗ geber ſelbſt gegeben haben. Noch nie wurde ein fremdes Geſetz in ein frem⸗ des Land verpflanzt, ohne in der Art der Anwendung, nach den Eigenheiten des letzteren abgeaͤndert zu wer⸗ den. Das romiſche Recht wurde im neuen Europa nie anders, als modificirt nach Sitten und Einrich⸗ tungen, angewendet. Dieſe Modifikationen giengen aus der Natur der Sache hervor. Ueber die Grenzen derſelben wur⸗ de unter den Gelehrten geſtritten, da die Geſetzge⸗ bung ſelbſt, ſie nie ausgezeichnet und beſtimmt hatte. Steht die Civilgeſetzgebung eines Volkes theils mit ſeinem oͤffentlichen Recht, theils mit ſeinen Sit⸗ ten, Gebraͤuchen und mit den Individualitaͤten ſeiner Civiliſation in Einklang, ſo kann die Civilgeſetzge⸗ bung eines fremden von andern Individualitäten be⸗ herrſchten Volks, nicht durch einen Zauberſchlag un⸗ ter einen fremden Himmelsſtrich verpflanzt werden. Geſchaͤhe es dennoch, ſo wuͤrde der Zauberſchlag nichts anders, als das Machtwort des Deſpoten ſeyn, welches ein Volk in NRichtswuͤrdigkeit und Knechtſchaft ſtuͤrzt. Von andern Anſichten ſind auch Frankreichs Geſetzgeber nie ausgegangen. „Nie— ſagte Portalis— hat ſich ein Volk „der gefaͤhrlichen Unternehmung hingegeben, ſich von „allem, was es civiliſirt hatte, ploͤtzlich zu trennen 14 „und ſeine ganze Exiſtenz umzuſchaffen. Es gibt „Verhaͤltniſſe, welche ſeine Gegenwart an die Ver⸗ „gangenkeit, ſeine Zukunft an die Gegenwart knuͤp⸗ „fen. Wird es nicht vernichtet, oder ſinkt es nicht „in einen Zuſtand von Herabwuͤrdigung, welcher „noch aͤrger iſt, als Vernichtung, ſo kann es nie auf⸗ „hoͤren, ſich ſelbſt zu gleichen.“ Es koͤmmt nur auf die Fragen an: 1) Nach welchem Princip iſt der Code Napo- 16on in einem deutſchen Staate zu recipiren 2 2) Nach welchen Princip iſt er zu modificiren? 3) Soll die Reception und Modifikation auf ein⸗ mal oder ſtufenweiſe erfolgen? 4) Mit welchen Gegenſtaͤnden ſoll, im letzten Fal⸗ le, die Reception angefangen, mit welchen ſoll ſie geſchloſſen werden? Was ich uͤber dieſe vier Fragen zu ſagen habe, iſt von der hoͤchſten Wichtigkeit. Das Beduͤrfniß des Augenblicks fordert dringend die Beantwortung derſelben. Man ſucht ſie vergeblich in den jetzigen tongebenden juriſtiſchen Schriftſtellern. ) Rach welchem Princip iſt der Code Napoléon in einem deutſchen Staa⸗ te zu recipiren? Der gemeine Geſchaͤftsmann, der blos prakti⸗ ſche Juriſt, welcher Nation er auch angehoͤren mag, weiß auf die Frage gar nichts zu antworten. Seine Verlegenheit iſt die harte aber nicht ungerechte Stra⸗ fe ſeiner Verachtung gegen jeden Blick in die Welt hoͤherer Ideen und in ihre großen Verhaͤltniſſe. Da⸗ her der unbeſiegbare Widerwille des großen Haufens deutſcher Geſchaͤftsmaͤnner gegen die Aufnahme des franzoͤſiſchen Geſetzbuchs. Daher die Selbſtbetaͤu⸗ bung und die faſt unerklaͤrbare Sorgloſigkeit, mit 13 welcher ſie dieſer Veraͤnderung entgegen ſehen. Was ſie nicht ſehen moͤgen iſt fuͤr ſie gar nicht da. Eben darum bekuͤmmern ſie ſich ſo wenig um das Mate⸗ rielle, als um den Geiſt und Zuſammenhang des Co⸗ de Napoléon. Der franzoſiſche blos praktiſche Juriſt findet ſſich auf keinem hoͤhern Standpunkt. Er weiß ſich unter der Aufnahme des Code Napoléon, in einem deut⸗ ſchen Staate, weiter nichts zu denken, als daß, was er verordnet, angewendet werden ſoll; daß es uͤber⸗ all an den Bedingungen der Anwendbarkeit fehle, ahnet er nicht, weil er es nie der Muͤhe werth ge⸗ funden hat, ſich um das Materielle des deutſchen Privatrechts und um die deutſchen Vollziehungsmit⸗ tel deſſelben zu bekuͤmmern. Der von der Erfahrung verlaſſene, mit Blicken in das Leben nicht vertraute deutſche Gelehrte laͤßt zwar die Frage nach welchem Princip der Code Na- polcon in einem deutſchen Staate aufzunehmen ſey, nicht ohne Antwort. Er ſtellt daruͤber eine glänzen⸗ de von einem oberſten Grundſatz ausgehende Theorie auf. Allein gleich der erſte Verſuch, ſie in das Le⸗ ben einzufuͤhren, bezeichnet ſie als einen Sophismus und weißt ihr einen Platz im Reiche der philoſophi⸗ ſchen Chimaͤren an. „Jede wahre Civilgeſetzgebung— ſagen deut⸗ ſche Schriftſteller—„iſt die reale Darſiellung der „Idee des Rechts. Sie iſt ein Verſuch in der Zeit „und fuͤr ein beſtimmtes Volk, als Geſetz auszu⸗ „ſprechen, was die Vernunft fuͤr alle Voͤlker und „Zeiten als Recht geheiliget hat. Eben darum iſt „jede wahre Civilgeſetzgebung von allen Zufaͤlligkei⸗ „ten der Staatsverfaſſung und des Religionszuſtan⸗ „des, von allen Ruͤckſichten des Handlungsintereſſes „und der Politik gänzlich unabhaͤngig. Elles, was „durch dieſe Ruͤckſichten beſtimmt wird, gehoͤrt einer „andern Klaſſe von Geſetzen an. In einen Civilco⸗ 16 „der gehoͤrt es nicht. Eben darum aber muß jener „Kodex, von Zufaͤlligkeiten gereinigt, die Bedingun⸗ „gen ſeiner Univerſalherrſchaft— ohne daß es dazu „eines Befehls bedarf— in ſich ſelbſt tragen. In „ſofern der Code Napoléon dieſe ewige, unabän⸗ „derliche, objektive Idee des Rechts darſtellt, iſt er „durch ſeinen Inhalt zur allgemeinen Reception ge⸗ „weiht. Nur inſofern ſeine Urheber gegen ihren „eignen Zweck, ſich politiſchen Ruͤckſichten hingege⸗ „ben haben, iſt er es nicht. Hierdurch iſt die Frage „geldſt. Der Code Napolson werde als „ewiges unabaͤnderliches objektives Ver⸗ „nunftrecht und nicht weiter recipirt.“ Ich umgehe die Unterſuchung: ob eine Civilge⸗ ſetzgebung, als objektives, von Zufälligkeiten— vom Einfluß der Verfaſſung, der Sitten, der Gebraͤuche, der Rationalindividnalität unabhaͤngiges Vernunft⸗ techt— moͤglich ſeyn? Rur fordere ich den Beweis, daß Frankreichs Geſetzgeber ein ſolches Vernunftrecht im Code Napolcon haben niederlegen wollen. Sie haben allerdings ihren Glauben an das Daſeyn deſſelben ausgeſprochen; ſie haben es aber keineswegs im Code Napoléon, ſondern im roͤmi- ſchen Recht geſucht. Sie haben dem Geſetz— loi — das bloße Vernunftrecht— raison öcrite— entgegengeſetzt; jenem haben ſie in Rapoleons, die⸗ ſem in Juſtinians Geſetzbuch ſeine Heimath angewie⸗ ſen; fuͤr die Erhaltung des erſtern haben ſie den Kaſ⸗ ſationshof, fuͤr die Erhaltung des letzteren den Verſtand und die Moral der Richter verant⸗ wortlich gemacht. Weit davon entfernt, ſich bei Abfaſſung der den code Napoléon bildenden Geſetze, von politiſchen Zwecken zu entfernen, hatte der Code Napoléon ſelbſt, einen ſehr erhabenen politiſchen Zweck. Er ſollte die Inſtitute des offentlichen Rechts mit den Inſtituten des Privatrechts in Harmonie ſetzen. 17 Hatte das oͤffentliche Recht die Forderungen der Philoſophie durch den Sturz der Geburtsvorzuge, der kirchlichen Oberherrſchaft, der Patrimonialho⸗ heit, der Frohnden, des Dienſtzwangs, der Lehen⸗ herrlichkeit, durch die Trennung der Gewalten ꝛc. ꝛc. glänzend und geraͤuſchvoll befriedigt, ſo ſollte das neue Civilgeſetz auch in dem ſtillen Kreis der buͤrger⸗ lichen Verhaͤltniſſe die Maximen einer regenerirenden Staatsumwaͤlzung geltend machen; hatte der Sturz des Foͤderalismus die eine und untheilbare Repub⸗ lik proklamirt, und das eine und naͤmliche Recht uͤber alle Departements von Frankreich verbreitet, ſo ſollte der neue Code civil alle Zweige der großen Familie dem einen und nämlichen Privatrecht unterwerfen. Nach welchem Merkmal kann nun im Code Napolson das rein Buͤrgerliche von dem durch poli⸗ tiſche Zwecke, durch Forderungen des oͤffentlichen Rechts, der Verfaſſung und Adminiſtration Be⸗ ſtimmten, geſchieden werden? Auf dieſe große und wichtige Frage hat jene Theorie keine Antwort. Das Princip der Reception des Code Napoléeon in einem deutſchen Staate muß alſo wohl anderswo aufgeſucht, es muß nicht an der Hand der reinen Spekulation und großer Theorien, ſondern an der leitenden Hand der Geſchichte gefunden werden. Uebereinſtimmung der Rechte der Einzelnen mit den Forderungen der Verfaſſung und mit oͤffentlichen Einrichtungen, Vertilgung der Verſchiedenheiten der Gewohnheitsrechte, welche Frankreichs Provinzen unter den Bourbonen theilten, war der Zweck der Einfuͤhrung eines einzigen, uͤber alle Franzoſen gleich herrſchenden, das ſüdliche und noͤrdliche, das alte und neue Frankreich aſſimilirenden, in die Konſti⸗ tution tief eingreifenden Civilkodex. Ueberall, wo Napoleons ſiegreiche Waſſen auf 2 18 den Truͤmmern eingeſtuͤrzter Reiche neue Staaten gruͤndeten, wurde die Konſtitution, die Organiſa⸗ tion, die Civilgeſetzgebung, Frankreichs Inſtituten nachgebildet; der Kodex Napoleon wurde durch das Fundamentalſtatut zum Civilgeſetzbuch der Nation erhoben. Dies geſchah in Italien, Reapel, im Koͤnigreich Weſtphalen, im Großherzogthum War⸗ ſchau. Die Staaten der rheiniſchen Konfoͤderation fin⸗ den ſich, als politiſche Schoͤpfungen, mit den Koͤ⸗ nigreichen Neapel, Italien, Weſtphalen und dem Groß⸗ herzogthum Warſchau in einem gleichen Kreiſe. Sie bil⸗ den Glieder des unter dem Schatten des franzoͤſiſchen Kaiſerthrons bluͤhenden Staatenvereins. Sie ſind aus Napoleons ſchaffender Hand, nicht aus der zer⸗ ſtoͤrten und im Rheinbunde keineswegs wieder aufer⸗ weckten deutſchen Reichskonſtitution hervorgegangen. Nach Napoleons Wuͤnſchen ſoll ihre innere Ein⸗ richtung und Verfaſſung unter ſich eben ſo aſſimilirt werden, wie Frankreichs Provinzen unter einander, und Reapel, Italien, Weſtphalen, der Kirchenſtaat r. ac. mit Frankreich aſſimilirt worden ſind.. Rur unterſcheiden ſich die zuletzt genannten Staaten von den Staaten der rheiniſchen Konfoͤde⸗ ration in einer ſehr wichtigen Hinſicht. Und dieſer Unterſchied hat auf die Art der Aſſimilation einen einen ſehr weſentlichen Einfluß. Napoleon hat jenen Koͤnigreichen und Großher⸗ zogthümern unmittelbar, den Staaten der rhei⸗ niſchen Konfoͤderation dagegen— mit Ausſchluß des Koͤnigreichs Weſtphalen— nur mittelbar ihr Daſeyn geſchenkt. Dort hat er den Königsthron ſelbſt gebaut. Hier hat er eine ſchon beſtehende Regentengewalt auf eine neue Baſis gegruͤndet. In jenen Staaten iſt die Perſon des Regenten eben ſo neu als die ihn zum Regenten proklamirende 19 Konſtitutionsurkunde. Hier verdankt die alte Herr⸗ ſcherfamilie ihre erweiterte Rechte einem neuen Titel. Dort hat Napoleon den Staat und ſeine ganze Verfaſſung und Geſetzgebung erſt geſchaffen, und dann das politiſche Kunſtwerk der Lenkung des neuen Regenten uͤbergeben. Hier hat er es dem alten Re⸗ genten ſelbſt uͤberlaſſen, die Verfaſſung und Geſetz⸗ gebung des neu gegruͤndeten Staates, nach dem von ſeinem Herrſchergenie entworfenen Plan auszubilden. Hiermit iſt das Princip fuͤr die Aufnahme des Code Napolson in den Staaten der rheiniſchen Kon⸗ foͤderation bezeichnet. Es iſt— wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf— das Princip der moͤglichſten innern Aſſi⸗ milation der Verfaſſung und Geſetzge⸗ bung in allen zum europaͤiſen Voͤlker⸗ bunde gehoͤrenden Staaten. In den Koͤnigreichen Italien, Neapel, Weſt⸗ phalen hat Napoleon ſelbſt das Beiſpiel gegeben, welches die Souveraine der rheiniſchen Konfoͤdera⸗ tion nachzuahmen aufgefordert und eingeladen werden. Die Rathgeber der Souveraine duͤrfen, bei der Einfuͤhrung des Code Napoléon, dieſen herrſchen⸗ den Grundſatz, ausgeſprochen und niedergelegt in Napoleons eignen Handlungen, nie aus den Augen verlieren. Jede die Aſſimilation erleichternde und befoͤr⸗ dernde Verfuͤgung und Einrichtung iſt empfehlungs⸗ würdig, alles was die Aſſimilation entfernt, muß vermieden und umgangen werden. I) Nach welchem Prineipiſt der code Napoléon in einem Staate derrhei⸗ niſchen Konfoͤderation zu modifi⸗ ciren? Das Princip der Reception des Code Napo- 2* 20 1on iſt, ſeiner Natur nach, in einem Staat der reihiſchen Konfoͤderation p oſitiv. Es ſchließt Modifikationen nicht aus. Jeder Staat findet ſich auf ſeiner eignen Stelle. Jedes Volk hat von der Natur eine eigne Er⸗ ziehung, von ſeinen Regenten eigne Einrichtungen, von den Umſtaͤnden eigne Beduͤrfniſſe erhalten. „Les lois“— ſagt Montesquieu—„sont „tellement propres pour le peuple pour lequel „elles sont faites; que c'est un très grand ha- „sard, si celles d'un nation peuvent convenir à „une autre.“ Ein großer Eroberer und Geſetzgeber kann von der Idee der Einfoͤrmigkeit der Geſetzgebung bei al⸗ len Volkern, tief ergriffen werden. Aber ohne Be⸗ dingung und Einſchraͤnkung kann er ſie nicht ausfuͤh⸗ ren. Die Natur iſt mächtiger als das Genie. Der Code Napoléon wird daher auch bei den Voͤlkern der rheiniſchen Kofoͤderation Modifikationen erhalten muͤſſen. Das Princip derſelben liegt in ih⸗ rem bisherigen Zuſtande. Es iſt dem Princip der Reception des Code Napoléon geradezu entgegenge⸗ ſetzt. Damit es aber nicht zerſtoͤrend wirke, damit zwei entgegengeſetzte Princiien einander, bei der An⸗ wendung, nicht aufheben, muͤſſen dentſche Geſetzge⸗ ber dem Princip der Modifikation nur eine nega⸗ tive Wirkung einraͤumen, indeß ſie das Princip der Reception des Code Napoléon poſitiv geltend machen. Ich will mich deutlicher erklären. Welche Hinderniſſe auch der unbedingten An⸗ nahme des Code Napoléon im Wege ſtehen moͤgen, ſo muß die Geſtzgebung doch immer darauf wachen, daß jede Modifikation dem großen Zweck der Recep⸗ tion,— moͤglichſte Gleichſtellung der Geſetzgebung in allen Staaten des Rheindundes, moͤglichſte Aſſimilation 21 mit Frankreichs Inſtituten und Geſe⸗ tzen— nicht entgegen wirkt. Wenn die Anwen⸗ dung des Prineips der Modiſikation der Anwendung des Princips der Reception Schranken ſetzt, ſo darf es doch nie, in entgegengeſetzter Richtung, neue Mannigfaltigkeiten in den Geſetzgebungen und Ver⸗ faſſungen erzeugen. Es gibt bei der Aufnahme und Einfuͤhrung des franzoͤſiſchen Civilgeſetzbuchs und ſeiner einzelnen Verfuͤgungen, nur vier denkbare Arten von Modifikatio⸗ nen. Es gibt naͤmlich 1) ergaͤnzende und verbeſſernde Verfuͤgungen, a) abaͤndernde Verfuͤgungen, 3) Suspenſion, 4) gänzliche Aufhebung einzelner Beſtimmungen des Code Napoléon. Keine dieſer Arten von Modifikationen wird durch das Princip der Reception ausgeſchloſſen; aber bei allen muß dieſes naͤmliche Princip beruͤckſichtigt werden. 1) Ergaͤnzende und verbeſſernde Ver⸗ fuͤgungen. Es gibt Gegenſtaͤnde, welche der Code Napo- léon nur angedeutet, nur oberflaͤchlich normirt, oder ganz uͤbergangen hat, und welche doch offenbar dem Civilrecht angehoͤren. Dahin gehoͤren die Lehre von Emphyteuſe, Be⸗ ſitz und andere. Die deutſche Geſetzgebung wird gewiß dem Princip der Reception nicht entgegenhandeln, wenn ſie die Luͤcken ausfuͤllt, welche Frankreichs Geſetzge⸗ ber der Wiſſenſcheft und der Erfahrung offen gelaſ⸗ ſen haben. Fänden ſich Menſchlichkeiten— Widerſpruͤche und Maͤngel— im Code Napoléon, ſo kann es ewig nicht die Abſicht des Protektors ſeyn, die Ent⸗ deckung derſelben deutſchem Scharfſinn zu unterſa⸗ 22 gen, oder die Benutzung dieſer Entdeckung der deut⸗ ſchen Geſetzgebung zu veruͤbeln.. 2) Abaͤndernde Verfuͤgungen. Es gibt Grundſaͤtze in einer Civilgeſetzgebung, welche mit keinem politiſchen Zwecke, mit keinem Grundſatz des oͤffentlichen Rechts zuſammenhaͤngen, und welche dennoch die Individualiaͤten der Denkart und der Sitten einer Nation charakteriſiren. Oft bezeichnen auch dieſe Grundſaͤtze nur die Geiſtesindividualitäten der Urheber des Geſetzes ſelbſt. Finden ſich im Code Napoléon ſolche Grund⸗ ſätze, ſo kann es ewig die Abſicht des Protektors nicht ſeyn, dem Deutſchen ein ſeinem Rationalge⸗ fuͤhl widerſprechendes, mit keinem einzigen politiſchen Zwecke, mit keiner großen weltherrſchenden Idee zu⸗ ſammenhaͤngendes Geſetz aufzudringen. Die Individualitaͤten der Rationen will Rapo⸗ leon nicht vertilgen. Er hat ſich als Schoͤpfer nicht als Zerſtoͤrer proklamirt. Wenn Frankreichs Geſetz die Ehe, durch den buͤrgerlichen Tod, ſtillſchweigend trennt, und die ih⸗ rem Gatten in die Verbannung folgende Gefaͤhrtin ſeines Lebens fur eine Beiſchlaͤferin erklaͤrt, ſo ſagt deutſches Nationalgefuͤhl, daß die Ausuͤbung mora⸗ liſcher Pflichten von keinem Geſetz mit buͤrgerlicher Schande heimgeſucht werden darf. Dieſem Gefuͤhle ſprach Napoleon das Wort, als der achte Paragraph des 25ten Artickels des Co- de Napoléon im Staatsrathe zur Diskuſſion kam. Was er gegen die Faſſung deſſelben ſagte, wurde die Schriften des Philoſophen zu Koͤnigsberg geehrt ha⸗ ben. Die Individnalität der Geſetzgeber Frankteichs entſchied anders; und Napoleon opferte ſeine Ueber⸗ zengung der Stimmenmehrheit. Wenn Frankreichs Geſetz der Eleganz der For⸗ men in dem Verbot der Unterſuchung der Vaterſchaft 23 eines auſſerehlichen Kindes huldigt, wenn es dadurch — wie ſich deutſche Profeſſoren ausdruͤcken— den ſkandaloͤſen Hurenproceſſen ein Ende macht, ſo ſieht deutſches Nationalgefuͤhl im unehlichen Kinde einen Gegenſtand des Mitleids und des Schutzes. Das Geſetz ubernimmt ſeine Anſpruͤche gegen ſeinen Er⸗ zeuger und hält die Verletzung des konventionellen Anſtandes fuͤr ein geringeres Uebel. Fur das große Ganze, fuͤr den bei der Recep⸗ tion des Code Napoléon zu realiſirenden herrſchen⸗ den Zweck, iſt es aber wohl ſehr gleichgultig, ob die Klage auf Anerkennung der Vaterſchaft, in einem deutſchen Staat unterſagt, oder verſtattet ſey. Dieſe Beiſpiele moͤgen hinreichen. Viele hier⸗ her gehoͤrende Verfuͤgungen zaͤhle ich im Code Na- poléon nicht. 3) Suspenſion. Der Code Napoléon fordert mehr, als die Ei- vilgeſetzgebung irgend eines civiliſirten europaͤiſchen Volks, große, weitwirkende, in den ganzen Staats⸗ organismus tief eingreifende Anſtalten, als Bedin⸗ gungen ſeiner Anwendbarkeit, oder als Vollzie⸗ hungsmittel. Er haͤngt mit einem eignen, den Deutſchen vol⸗ lig unbekannten Gerichtsverfahren zuſammen, Dieſes Verfahren ſetzt aber wieder eine ganz eigne Gerichtsverfaſſung voraus. Ich nenne dieſe Anſtalten die organiſchen Umge⸗ bungen des Code Napoléons. Dieſe Umgebungen ſind nicht blos Vollziehungs⸗ mittel, ſie erzeugen eigne Rechte. Es ſind theils adminiſtrative, theils gerichtliche, theils fiskaliſche Anſtalten. Aile Verlegenheiten der deutſchen Geſetzgebung bei der Annahme des Code Napoléon werden durch dieſe organiſchen Umgebungen erzengt. Sie ſind vom Code Napoléon nicht verordnet. 3 „ 24 Sie werden von ihm nicht erſt in die Civilgeſetzge⸗ bung eingefuͤhrt, ſondern uberall als ſchon eingefuhrt und vorhanden vorausgeſetzt. Sowohl bei der Aufnahme als Nichtaufnahme derſelben zeigt ſich etwas, was mit dem Geiſt der Re⸗ ception des Code Napoléon nicht vereinbar ſcheint. Werden ſie aufgenommen, ſo iſt zu viel, wer⸗ werden ſie verworfen, ſo iſt zu wenig geſchehen. Im erſten Falle muͤßten neben dem Code Napo- lSon auch Frankreichs Konſtitution, das Adminiſtra⸗ tive⸗ und Juſtitzſyſtem, fiskaliſche Inſtitute und die dazu gehoͤrenden Verordnungen aufgenommen werden. Aus der Konſtitution muͤßte in einen deutſchen Staat der Grundſatz hinuͤber verpflanzt werden, daß das buͤrgerliche Geſetz von der Kirche und ihren In⸗ ſtituten keine Rotitz nimmt und ihren Handlungen keine buͤrgerlichen Folgen beilegt. Hiermit wuͤrde die Errichtung des aͤuſſerſt verwickelten, fur uns ganz fremdartigen Inſtituts, der olficiers de['état civil noͤthig werden. Aus der Adminiſtration waͤre das Inſtitut der Maire und Municipalitaͤten auf deutſchen Boden zu verpflanzen. Aus der Iuſtitzverfaſſung die in Deutſchland ganz unbekannte Trennung der jurisdictio conten- tiosa und voluntaria, die Errichtung der Rotaire und ihrer Disciplin zur Ausuͤbung der letztern, die Einfuͤhrung eines von der Rechtsſprechung unabhaͤn⸗ gigen, ſowohl der Realiſirung des vom Rotair beur⸗ kundeten, als des vom Richter zuerkannten Rechts, gewidmeten Vollziehungszwangs, die Unterdruͤckung jeder vom Souverain nicht emanirenden Gerichtsbar⸗ keit, die Errichtung der Juſtizcontrolle unter dem Na⸗ men Ministère public, die Verwandlung der drei in zwei Inſtanzen, und eine Procedur, deren Ab⸗ weichungen vom deutſchen gerichtlichen Verfahren ſich kaum uͤberſehen und berechnen laſſen. Zu den aufzunehmenden fiskaliſchen Inſtituten würde vor allen andern das Enregistrement und die Inſcription gehoͤren. Wer ſieht aber nicht, daß durch dieſe Art der Aufnahme des Code Napoléon weit mehr in einem deutſchen Staat eingefuͤhrt worden waͤre, als jenes Geſetzbuch? An jede organiſche Umgebung deſſelben knupft ſich eine eigne in ihm nicht enthaltene Geſetz⸗ gebung. Für die Aufnahme des Code Napoléon ſprechen die beſtimmten Winke des großen Legislators. Fuͤr die Mitaufnahme der mehr oder weniger vom Code Napoleon ausgegangenen oder in ihn zuruͤck⸗ gefloſſenen Geſetzbuͤcher— namentlich des Code de Procedure civile— ſprechen dieſe beſtimmten Winke nicht. Durch die Mitaufnahme der organiſchen Umge⸗ bungen des Code Napoléon wuͤrde offenbar zu viel geſchehen, mehr wenigſtens, als jetzt gefordert und erwartet wird, mehr als der noch unvorbereitete Zu⸗ ſtand der Sitten und Einrichtungen es vertraͤgt. Unberechenbare Schwierigkeiten ſetzen ſich dieſet Aufnahme im jetzigen Augenblicke entgegen— Man⸗ gel an Subjekten füͤr die Ausubung fremdartiger Funk⸗ tionen— Vorurtheil der Menge gegen unbekannte Inſtitute— Unmoͤglichkeit der Ueberſicht von Seiten der hoͤhern Staatsgewalt— Unmoͤglichkeit, ein dem Kuͤnſtler ſelbſt noch unbekanntes Räderwerk harmo⸗ niſch in einander zu fuͤgen— Unmoͤglichkeit, neben dem beſtehenden Abgabenſyſtem, fiskaliſche Inſtitute einzufuͤhren, durch welche Inſtiz⸗ und Finanzverfaſ⸗ ſung in einander verſchlungen werden. Eben ſo zweckwidrig wuͤrde aber auch die Ver⸗ werfung der organiſchen Umgebungen des Code Napolton ſeyn. Sie ſind die Elementarprincipien der ganzen franzoͤſiſchen Geſetzgebung. Sie bilden den Grundcharakter derſelben. 26 Es hieße, den Code Napolcon verſtuͤmmeln, den Geiſt deſſelben vernichten, dem ſeine Aufnahme gebietenden Aſſimilationsprincip entgegen handeln, wenn man die organiſchen Umgebungen des Code Napoleon von ihm abloͤſen, und was, nach dieſer Abloſung uͤbrig bleibt, als franzoͤſiſches Civilgeſetz betrachten wollte. Schwerlich duͤrfte ſich dieſe Art der Aufnahme des Beifalls des Protektors erfreuen. Es zeigt ſich aus dieſem Dilemma ein doppelter Ausweg. Entweder koͤnnen die organiſchen Umgebungen des Code Napoléon, nach dem jetzigen Zuſtand der Dinge, nach den Kenntniſſen, der Faſſungsfä⸗ higkeit, den Beduͤrfniſſen der Adminiſtratoren und nach den Sitten der Adminiſtrirten und den unter ihnen beſtehenden Einrichtungen modificirt wer⸗ den, oder dieſe naͤmlichen organiſchen Umgebungen werden, bis weitere vorbereitende Veraͤnderungen eingetreten ſind, ſuspendirt. Modifikationen der organiſchen Umgebun⸗ gen des Code Napolcon ſcheinen mir— jetzt we⸗ nigſtens bedenklich. Welche Principien koͤnnten die drei zu einer ein⸗ förmigen Anpaſſung des Code Napoléon vereinig⸗ ten Staaten dabei geltend machen? Soll der Genius des deutſchen Geſchaͤftsgangs dabei vorherrſchen? Soll er deſinitiv das zu fixiren ſtreben, was der in Napoleons Anſichten und Wuͤnſchen ausgeſproche⸗ ne Weltgeiſt unwiederbringlich dem Untergang weihte? Die drei Staaten werden von Frankreich, dem Koͤnigreich Weſtphalen und dem Großherzogthum Berg umgeben. Das innere Juſtiz⸗ und Verwal⸗ tungsſuſtem der beiden letzteren Staaten wird taglich mehr nach dem Vorbilde des großen Kaiſerreichs aus⸗ gebildet. Der Code Napoléon herrſcht im Koͤnig⸗ reich Weſtphalen mit allen ſeinen organiſchen Umge⸗ 27 bungen. Und im Großherzogthum Berg ſind ſogar die letztern der Herrſchaft des erſtern vorangegangen. Kann und darf die Geſetzgebung von Heſſen und Naſſau alte Einrichtungen mitten in einer neuen Welt zu erhalten ſuchen? Duͤrfen ſich beide Staaten durch ihre innere Verwaltung mit ihren maͤchtigen Rachbarn in einen dauernden Antagoismus ſetzen? Duͤrſen ſie deutſche Einrichtungen unter dem mißbrauchten Namen franzoſiſcher verhuͤllen? Die deutſche Procedur unnatuͤrlich in ein, auf die fran⸗ zoſiſche berechnetes Geſetzbuch verweben? Wuͤrde die Taͤuſchung dem durchdringenden Auge des Rie⸗ getaͤuſchten verborgen bleiben? Wuͤrden die taͤglichen Beruͤhrungen zwiſchen den Bewohnern der rechten und der linken Rheinſeite ſie nicht zur Sprache bringen? Wollte man die Modifikationen im Geiſt des code Napolcon und des franzoſiſchen Staats Or⸗ ganismus ausmitteln, ſo koͤnnte man fragen: was überall mit ſolchen Modifikationen gewonnen werde? Man haͤtte noch alle Schwierigkeiten zu beſiegen, welche der unmodifieirten Einfuͤhrung der organiſchen Umgebungen des Code Napoléon im Wege ſtehen. Wollte man endlich zwiſchen Altem und Neuem einen Vergleich treffen; wollte man ſo vieles von die⸗ ſem annehmen, als es jenes vertraͤgt, ſo vieles von jenem beibehalten, als es dieſes zulaͤßt, ſo moͤchte der erfinderiſchſte Scharfſinn an der Vereinigung wi⸗ derſprechender Forderungen verzweifeln. Und waͤre die Vereinigung gelungen, ſo wuͤrde man noch im⸗ mer dem Princip der Aufnahme des Code Napoléon, dem Aſſimilations⸗Princip, entgegen gehandelt ha- ben. Man haͤtte ſich mit Frankreich, Weſtphalen und Berg in eine dauernde Diſſonanz geſetzt. Man haͤtte der Moͤglichkeit eines kuͤnftigen Einverſtaͤndniſ⸗ ſes mit den uͤbrigen ſouverainen Mitgliedern des Rheinbundes entgegengewirkt. Mit welcher Hoff- nung wuͤrde man vorausſetzen duͤrfen, daß ſich einſt 28 Wuͤrtemberg, Wuͤrzburg, Sachſen u. ſ. w. die von den drei einverſtandenen Geſetzgebungen ausgemit⸗ telten Modifikationen werden gefallen laſſen? Mit welcher Selbſtſtaͤndigkeit koͤnnte man, mit Verzicht⸗ leiſtung auf die von eigner Einſicht ausgehenden Ver⸗ ordnungen, die von andern Regierungen ausgemit⸗ telten Modifikationen annehmen? Man muͤßte mit⸗ hin wieder ruͤckwaͤrts ſchreiten, weil man zu weit vor⸗ waͤrts gegangen war; man muͤßte ein demuͤthigendes Geſtaͤndniß eigner Kurzſichtigkeit und Schwäche ab⸗ legen. Oder man muͤßte ſich durch Beibehaltung der einmal angenommenen Modifikationen, in einem andern Sinn, mit ſeinen deutſchen Mitſtaaten in Diſſonanz ſetzen, und, in einer andern Ruͤckſicht, dem Aſſimilationsprincip entgegenwirken. Bei der Befolgung des andern Auswegs fallen alle dieſe Schwierigkeiten hinweg. Werden die organiſchen Umgebungen des Code Napoléon nicht verworfen, ſondern ausgeſetzt, werden die darauf ſich beziehenden Verfuͤgungen deſ⸗ ſelben weder aufgehoben noch modificirt, ſondern ſuspendirt— ſo werden alle Forderungen einſt⸗ weilig verſoͤhnt; es wird der Zukunft nicht vor⸗ gegriffen, dem Aſſimilationsprincip nicht zuwider⸗ gehandelt; es wird kein Stand,keine Klaſſe der Nation in Verlegen heit geſetzt; alle durch die Aufnahme desCo- de Napoléon jetzt erreichbaren Zwecke werden erreicht. Durch die unbedingte Aufnahme der mit organi⸗ ſchen Umgebungen nicht zuſammenhaͤngenden Verfuͤ⸗ gungen deſſelben iſt ein bedeutender Schritt zur Aſſi⸗ milation der innern Geſetzgebung mit Frankreich und den vom großen Beherrſcher deſſelben unmittelbar ge⸗ gruͤndeten Staaten geſchehen. Es entſteht keine Stockung im Gang der Ge⸗ ſchaͤfte. Alle mit einer totalen innern Umwälzung unvermeidlich verbundenen Uebel— Verſchiebung der Stellen— Anſtellung unkundiger Subjekte— 49 daraus hervorgehender Mangel an Einklang und Zuſammenwirken der verſchiedenen Staatsbehoͤrden, Unſicherheit des Mein und Dein, Verſchwinden des Zutrauens und Kredits— werden umgegangen. Durch die Nothwendigkeit, ſich mit dem aufge⸗ nonmenen Theil des Code Napolcon bekannt zu ma⸗ chen, werden die Diener des Staats veranlaßt, auch den ſchwierigern ſuspendirten Theil kennen zu lernen. In dem Ausdruck: ſuspendirt liegt eine dringende Mahnung, zum tiefern Studium. Dieſe Mahnung bietet dem Publikum Beruhigungsgruͤnde dar. Wird das blos Suspendirte fruͤher oder ſpaͤter realiſirt, ſo kann es an ſachkundigen Maͤnnern nicht mehr fehlen. Man ſetzt ſich mit ſeinen maͤchtigen Nachbarn in keine dauernde Diſſonanz. Man hat ſich der gefaͤhr⸗ lichen Unternehmung jene Diſſonanz unter franzoͤſi⸗ ſchen Benennungen zu verſchleiern, den ganzen Code Napoléon mit dem Munde anzunehmen und durch Handlungen zu verleugnen, nicht hingegeben. Man hat endlich den Willen der franzoͤſiſchen Civilgeſetzgebung im Geiſt und in der Wahrheit zu huldigen, ausgeſprochen, aber auch eben ſo redlich die Gruͤnde dargelegt, warum dieſe Huldigung im vollen Sinne des Worts noch nicht erfolgen kann. Dieſe Art der Aufnahme gewaͤhrt noch einen Vortheil, welcher ſich erſt in der Zukunft in ſeiner ganzen Wohlthätigkeit aͤuſſern wird. Es werden da⸗ durch die Scheidepunkte zwiſchen Frankreichs innerer Verwaltung und dem Organismus deutſcher Staaten ſcharf und genau bezeichnet, Scheidepunkte, welche Frankreichs und Deutſchlands Geſetzkundige bis jetzt nicht zu kennen ſcheinen und welche deutſche Gelehrte leichtſinnig verleugnen. Die eigentliche und große Schwierigkeit der voll⸗ ſtaͤndigen Aufnahme des Code Napoléon in deutſch beherrſchten Staaten, derjenigen Aufnah⸗ me, welche unter der Leitung franzdſiſcher Geſetzge⸗ 30 ber und Staatsraͤthe im Koͤnigreich Weſtphalen und im Großherzogthum Berg ſchon erfolgt iſt, oder noch erfolgen ſoll, kommt mit Preciſion und mit Freimuͤthigkeit zur Sprache. Es werden dadurch alle deutſche Regierungen aufgeklaͤrt. Es vereinigen ſich alle Talente, alle Einſichten zur Pruͤfung des Beſſern, zur Ueberwindung alter Vorurtheile, zur Bekaͤmpfung leichtſinniger Neue⸗ rungsſucht. Das die moͤglichſt gleichfoͤrmige Aufnahme des Code Napoléon und ſeiner organiſchen Umgebungen dringend anrathende Aſſimilationsprincip koͤmmt auf. der einen Seite zur wiſſenſchaftlichen und auf der an⸗ dern zur praktiſchen Diskuſſion. Die Uberzeugung, daß der hohe Zweck des Protektors nur durch Einfuͤh⸗ rung einer moͤglichſt gieichfoͤrmigen innern Verfaſſung in allen Staaten des großen Voͤlkerbundes, erreich⸗ bar ſey, wird durch das Beiſpiel der zu einer gleich⸗ formigen Anpaſſung des Code Napoléon vereinig⸗ ten Geſetzgebungskommiſſionen geweckt. Die partikulaire Veremigung uͤber einen ſpeciellen, mit organiſchen Umgebungen nicht nothwendig verbundenen Theil des Code Napolcon kann die Wiege einer generellen Verbindung al⸗ ler Regierungen zur gleichfoͤrmigen Aufnahme des ganzen Geſetgebungsſyſtems werden. So kann die einfoͤrmige Aufnahme des Code Napoléon dem Buchſtaben und Geiſt nach in einer nahen Zukunft, ohne Anarchie, freiwillig, mit Wahl, mit Beſonnenheit und Wuͤrde, ohne unmit⸗ telbare Dazwiſchenkunft einer aͤußern gebietenden Macht, erfolgen. Nur eine ſolche Entwicklung der gegenwaͤrtigen Kriſe kann wolthätig werden fuͤr die deutſche Na⸗ tion. Sie wuͤrde unmoͤglich ſeyn, wenn die zur Einfuͤhrung einer gleichfoͤrmigen Geſetzgebung verei⸗ nigten Staaten, ſchon jetzt den vollſtaͤndigen Code Napoléon, mit allen ſeinen Vollziehungs⸗ mitteln, ſich anpaſſen, modificiren und einfuͤhren wollten. Gänzliche Aufhebung. Rach dem oben entwickelten Vorſchlag wuͤrde bei der vorlaͤufigen Anpaſſung des Code Napoléon wenig verändert, deſto mehr dagegen ſuspen⸗ dirt werden. In der Regel iſt kein einziger weſentlicher, mit offentlichen Anſtalten und Einrichtungen zuſam⸗ menhängender Artickel zu unterdruͤcken oder gaͤnzlich aufzuheben. Was einſt— weil es im Code Napoléon enthalten iſt— mit oder ohne Abaͤnderung— in allen Staaten der rheiniſchen Konfoͤderation Geſetz werden kann— muß von keinem einzelnen Staat als Geſetz aufgehoben werden. Mit andern Worten: die geſetzgebende Klugheit kann keinem ein⸗ zelnen Staat anrathen, ſich ohne Noth und ſchon im voraus mit Frankreich in Diſſonanz zu ſetzen. Aber dieſe Regel leidet ein in der Natur der Sache ſelbſt und in Napoleons eigner Schoͤpfung gegruͤndete Ausahme. Mit dem Pariſer Vertrag vom r2ten July 106 begann eine neue oͤffentliche Ordnung. Es wurde der Grund zu einer Verfaſſung ge⸗ legt, welche ihre Vollendung noch nicht erlangt hat. Wie ſie ſich entwickeln werde, gehoͤrt zu den Geheimniſſen der Zukunft, der Vorſehung, und— wenn ich hinzuſetzen darf— unſers maͤchtigen Pro⸗ tektors. Auf jeden Fall aber wurde die Bundesakte vom 12ten July 1806, ein Staatsvertrag, abgeſchloſ⸗ ℳ 32 ſen, die Rechte und Verbindlichkeiten der Paciscen⸗ ten zwiſchen dem Protektor und den verbuͤndeten Fuͤr⸗ ten und Intereſſenten feierlich beſtimmend, noch durch keine neue Staatshandlung in ſeiner rechtlichen Kraft aufgehoben oder beſchraͤnkt. Nur da, wo ſich der Inhalt dieſes Staatsver⸗ trags mit dem Code Napoléon nicht in Einklang findet, muß jener dieſem, ungeachtet der Aufnahme des letzteren, vorgehen. Das oͤffentliche Recht beherrſcht das Privatrecht 32 binden dem Civilgeſetzgeber die and. Wenn irgend eine herrſchende Maxime des Code Napoléon der Bundesakte vom 12ten July 1806 widerſpricht, ſo muß bei Aufnahme des Code Na- polcon dieſer als aufgehoben, die Bundesakte als allein geltend betrachtet werden. Es koͤmmt nur auf die Anwendung dieſes Grundſatzes, auf die Gegeneinanderſtellung der Bun⸗ desakte und des Code Napoléon an. 1) Der Code Napoléon vernichtet art. 396. Stamm⸗ und Familienguͤter. Nach dem Geiſt der Bundesakte kann dieſe Vernichtung auf die Kammerguͤter, welche einem deutſchen ſouverainen Hauſe angehoͤren, nicht ange⸗ wendet werden. Durch die Einfuͤhrung der Souverainität ſind die Kammerguter, Stantsguͤter oder Staatsdomain im eigentlichen Sinne, geworden. Staatsgut iſt aber eben ſo untheilbar und un⸗ veraͤußerlich, wie der Staat ſelbſt. Es muß, der Natur der Sache nach, eben der Hand uͤbergeben werden, in welcher ſich die Staatsmacht findet und durch welche die Staatseinheit realiſirt wird. 2) Der Code Napoléon erklärt art. 1911. alle 33 Renten und Guͤlten, mithin auch Zehnten und Erb⸗ zins fuͤr abkaͤuflich. In ſo fern dieſe naͤmlichen Renten und Guͤlten Kammergut ſind, ſind ſie durch die Bundesakte Staatsgut geworden, in dieſer Eigenſchaft unver⸗ außerlich und eben darum nicht abkaͤuflich. Indem der 27te Artickel der Bundesakte den Standesherren den Fortgenuß ihrer Gefaͤlle und Zehn⸗ ten verſichert, und ſie nicht der Bedingung der Ab⸗ kaͤuflichkeit unterwirft, hebt er als Staatsgeſetz die nur als Civilgeſetz wirkenden Beſtimmungen des 191rten Artickels des Code Napoléon auf. 3) Der Code Napoléon ſanctionirt in den Ar⸗ tickeln 638. und 686. die Unguͤltigkeit der Perſonal⸗ ſervituten. Im deutſchen Privatrecht erſcheinen die den Hoheitsfrohnden entgegengeſetzten Patrimonial⸗ frohnden, als wahre Perſonalſervituten; ſie ſind mithin mit dem Art. 638. und 686. des Code Napoléon, unvereinbar. Allein der oft angefuͤhrte 27te Artickel der Bun⸗ desakte ſichert den Standesherrn den Fortgenuß aller ihrer mit der Souverainitaͤt nicht weſentlich verbun⸗ denen gutsherrlichen oder Patrimonialrechte zu. Hier⸗ unter ſind die Patrimonialfrohnden enthalten. Durch einen Staatsvertrag geſichert, koͤnnen ſie dem im Co- de Napoléon enthaltenen Civilgeſete, nicht aufge⸗ opfert werden. Dieſe Beiſpiele werden hinreichen. Ich habe nunmehr das Princip der Auf⸗ nahme des Code Napoléon und das demſelben entgegenwirkende Princip der Modifika⸗ tion deſſelben, entwickelt. Ich habe das Verhaͤlt⸗ niß beider Principien gegeneinander dargelegt und die Moͤglichkeit, beide friedlich zu vereinigen, bewieſen. Ich habe gezeigt, wie das Princip der 3 34 Modifikation, bald Ergaͤnzungen und Zuſä⸗ tze, bald Abänderungen des Code Napoléon anraͤth; wie es ſehr haͤufig Suspenſionen noͤ⸗ thig macht, und nur in ſehr wenigen Faͤllen die gaͤnz⸗ liche Aufhebung einiger Verfuͤgungen des franzo⸗ ſiſchen Civilkoder herbeifuͤhrt. Noch habe ich zwei Fragen zu beantworten. Ich werde mich daruͤber kurz faſſen koͤnnen. Habe ich, bei der bisherigen Ausfuͤhrung, den Beifall einer verehrungswuͤrdigen Geſetzgebungskommiſſion nicht vermißt, ſo finden jene Fragen darin von ſelbſt ihre Beantwortung. III) Soll die Reception und Modifikation des Code Napoléon auf einmal oder ſtufenweiſe erfolgen? Die Zeiten der Stuͤrme im innern und aͤußern Leben der Staaten ſind voruͤber. Raſch, aber nicht zerſtoͤrend entwickelt ſich die Geſchichte vor unſern Augen. Deutſche Regenten ſind die Vaͤter, nicht die Zuͤchtiger ihrer Voͤlker, ihrer Staatsdiener, der er⸗ ſten und letzten Organe ihres Willens. Der Beruf des Reformators iſt groß und erhaben; die Rolle des Revolutionaͤrs zweideutig und gefaͤhrlich. Steht der Code Napoléon, als Geſetzbuch ei⸗ nes, durch Sprache, Sitten und Gebraͤuche, von Deutſchland, ſeit Jahrhunderten, getrennten Vol⸗ kes, in ſeinen herrſchenden und charakteriſtiſchen An⸗ ſichten nicht im Einklang mit deutſchen Einrichtun⸗ gen und Gebraͤuchen, mit den Vorurtheilen und Ge⸗ wohnheiten der Staatsdiener und Geſetzkundige, mit dem Gang der Geſchaͤfte, ſo iſt die ploͤtzliche, un⸗ votbereitete Einfuͤhrung deſſelben in Maſſe, ohne“ eine revolutionäre innere Umwaͤlzung, nicht denkbar. Sie iſt ſelbſt nicht in den Ländern erfolgt, welche 35 der großte Feldherr des Jahrtauſends ſich erſt durch das Recht der Eroberung unterwarf, und in welchen er erſt hiernaͤchſt die geſellſchaftliche Ordnung auf ei⸗ ne neue Baſis gruͤndete. Die Einfuͤhrung des Code Napoléon wurde im Koͤnigreich Weſtphalen und im Großherzogthum Warſchau zwar in der Konſtitutionsurkunde dekre⸗ tirt, aber erſt nach und nach durch organiſche Ge⸗ ſetze realiſirt. Die mit dem Code Napoléon weſentlich ver⸗ bundene Proceßordnung wurde ſpäterhin pro⸗ mulgirt und erſt, vor wenigen Monaten, wirklich, eingefuͤhrt. Der erhabene Fuͤrſt Primas wurde nicht durch das Recht der Eroberung Beherrſcher ſeiner gluͤckli⸗ chen Staaten. Die Unterthanen der Heſſiſchen und Naſſauiſchen Provinzen verehren in ihren weiſen und milden Regenten, die Abkoͤmmlinge eines uralten durch Bande der Liebe und des Zutrauens an ſie ge⸗ knuͤpften Regentenſtammes. Wie koͤnnten ſie vergeſſen, daß es nur dem Er⸗ oberer— nachdem er einen Staat im Sturme ge⸗ ſturzt hat— ziemt, ihn durch ein kuͤhnes und ra⸗ ſches Machtwort aufs neue zu begruͤnden, daß, Voͤl⸗ ker regieren, nichts anders heißt, als ſie fuͤhren und leiten und daß, bei der Umwerfung alles Beſtehenden, Aufſicht, Ordnung, Familiengluck nnausweichlich verlohren gehn. Eine aus ſich ſelbſt hervorgehende, in ihren eig⸗ nen Elementen erzeugte Nationalgeſetzgebung kann in Maſſe und auf einmal eingefuͤhrt werden. Der neue Zuſtand erſcheint in ihr als bloße Evolu⸗ tion der alten Ordnung. Das preußiſche Land⸗ recht konnte daher auf einmal, ſeinem gan⸗ zen Umfang nach, Geſetz werden. Ein fremdes, mit weitwirkenden, tief eingrei⸗ 3 36 fenden Regierungsanſtalten verſchlungenes Civilge⸗ ſetzbuch kann nur nach und nach die alte Ordnung verdraͤngen. Es iſt, ſeiner Natur nach, vom Alten abgeſchnitten. Es iſt die Sache des Regenten und ſeiner vom Geiſte der Maͤßigung beherrſchten Raͤthe, die Unterthanen in die fremdartigen Formen hinein⸗ zufuͤgen. Dies kann unmoͤglich das Werk eines Au⸗ genblicks und eines Machtſpruchs ſeyn. Eine Maasregel muß die andere an der Hand fuͤhren, eine Ordnung die andere vorbereiten. Die vollſtaͤndige Einfuͤhrung des Code Napo- 1eon mit ſeinen mehr oder weniger modificirten orga⸗ niſchen Umgebungen, durch eine einzige Verord⸗ nung, iſt daher nicht rathſam. Es wuͤrde dieſer einzigen Verordnung Weisheit und Umſicht fehlen. Es wuͤrde ihren Verfaſſern al⸗ les das mangeln, was ſie erſt von der Erfahrung ler⸗ nen koͤnnen. Sie wuͤrden alle Faͤden, durch welche das Alte an dem Reuen haͤngt, abgeſchnitten haben. Statt die Adminiſtrirten auf gebahnten Pfaden in das Gebiet der neuen Civilverfaſſung einzufuͤhren, haͤtten ſie— wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf— alle Bruͤcken abgeworfen— alle Uebergänge unweg⸗ ſam gemacht. Nur zerſtoͤrende Anſtrengungen, er⸗ ſchoͤpfende Aufopferungen koͤnnten die Adminiſtrirten in den neuen Zuſtand einweihen. I1) Mit welchen Gegenſtaͤnden des Code Napoléon ſoll die Einfuͤhrung deſ⸗ ſelben angefangen, mit welchen ſoll ſie geſchloſſen werden? Auch dieſe Frage hat der Gang der Unterſu⸗ chung aufgeklaͤrt. Ich glaube bewieſen zu haben, daß die Auf⸗ nahme mit denjenigen Gegenſtaͤnden beginnen muß, welche mit dem den Code Napoléon umgebenden Rechts organismus in keiner Verbindung ſtehen. ſ 37 Ich habe gezeigt, daß die einſeitige Modiſika⸗ tion dieſes Rechtsorganismus gefaͤhrlich ſey und dem Geiſt der Sache widerſpreche. Zu dieſem ſtufenweiſen Gang des Geſchaͤfts for⸗ dert noch eine andere Betrachtung auf. In einem umgeſtuͤrzten und eben dadurch des⸗ organiſirten Staate iſt eine neue Organiſation das dringendſte, in einem Staate, der in allen ſeinen Verhaͤltniſſen ſchon von lange her organiſirt iſt, iſt eine neue Organiſation das letzte Beduͤrfniß. Im Koͤnigreich Weſtphalen mußte man mit der Organiſation beginnen. Das Kurthum Heſſen hatte mit dem Sturz der Reichsverfaſſung aufgehoͤrt. Alle adminiſtrative Juſtizbehoͤrden wurden nur durch ein Machtwort des Siegers zuſammengehalten. Durch neue und heterogene Beſtandtheile hatte man das Heſſiſche Stammland vergroͤßert. Die oͤffentli⸗ che Ordnung mußte neu geſchaffen, der Gang der Geſchaͤfte neu vorgeſchrieben werden. Das Aſſimi⸗ lationsprincip war daher im Koͤnigreich Weſtphalen, vor allen Dingen in der Organiſation wirkſam. In den Staaten der deutſchen Souveraine iſt alles vollſtaͤndig organiſirt, Ein von deutſchen Raͤthen umgebener deutſcher Juͤrſt ſteht an der Spitze. Deutſche Kollegien, deutſcher Geſchaͤftsgang, deutſche Juſtizformen ſchuͤtzen Sicherheit und Eigen⸗ thum. Die Aſſimilation mit Frankreichs Inſtituten kann hier unmoͤglich mit dem Umſturz der eignen In⸗ ſtitute beginnen. Diejenigen Staatsbehoͤrden, aus deren Mitte die Aſſimilation hervorgehen, und welche die Unter⸗ thanen darauf vorbereiten ſollen, koͤnnen unmoͤg⸗ lich zu ihrer eignen⸗Vernichtung die Hand bie⸗ ten. 38 Kein Beduͤrfniß fordert in dieſem Augenblick, eine Veraͤnderung; keine politiſche Schoͤpfung iſt, wie im Koͤnigreich Weſtphalen, vor dem Friedens⸗ ſchluß von Tilſit zerſtoͤrt worden; eine neue Organi⸗ ſation wuͤrde, in dieſem Augenblick, die Harmonie, die ſie erzengen ſoll, zerſtoͤren und die Sto⸗ ckungen, die ſie verhuͤten ſoll, hervorbringen. Das Beduͤrfniß derſelben muß erſt nach und nach geweckt und ſo, wie es geweckt worden iſt, befriedigt werden. Dieſes wird aber die unfehlbare Folge der vor⸗ geſchlagenen partiellen Aufnahme des Code Na- poléon ſeyn. Jede Geſeßgebung ſtrebt nach Harmonie mit ſich ſelbſt; jede Misharmonie verkuͤndigt ſich in ihren Folgen; jeder Vorſchritt in der Civiliſation ſtrebt ihr entgegen. Iſt einmal der Code Mapoléon theilweiſe eingefuͤhrt, iſt derjenige Theil eingeſuͤhrt, der durch organiſche Umgebungen nicht nothwendig bedingt iſt und der ſich zur Noth auch in den deutſchen Rechts⸗ organiſmus hineinfuͤgen laͤßt, ſo werden ſich unſere Staatsdiener mit dem Ganzen bekannt machen muͤſſen. Sie werden einſehen, daß der Code Napoléon ſich nicht, im Geiſt ſeines Urhebers, nicht im Geiſt eines Univerſalgeſetzbuchs aller Bundesſtaaten, ohne die von ihm vorausgeſetten Vollziehungsanſtalten, in Ausubung bringen laͤßt. Sie werden erkennen, daß die Aufnahme des Code Napoléon vervollſtaͤn digt werden muß, und daß nur dadurch und nicht anders die Aſſimila⸗ tion mit Frankreichs Inſtituten vollendet werden fann. Aber ſie werden auch einſehen, daß dieſes der IZnſtand der Geſetzgebung und Eiviliſation ſelbſt in dem Fall fordern wuͤrde, wenn daruͤber der Wunſch des Protektors ſchwiege. 39 Sie werden den deutſchen Schriftſtellern, die Rapoleon dem Großen und deutſchen Miniſtern, Praͤſidenten und Räthen zugleich ſchmeicheln woll⸗ ten, indem ſie den Code Napoleon und deutſche Verfaſſung und Juſtitzformen fuͤr vereinbar er⸗ klaͤrten, kein unverdientes Zutrauen mehr ſchenken. Sie werden zuerſt ihre Stimme fuͤr die Einfuͤh⸗ rung des vollſtändigen Code Napolcon erheben. Sie werden in den organiſchen Umgebungen deſſelben ein Meiſterſtuͤck der Konſequenz erkennen und die Vollkommenheit des Code Napoléon ferner nicht mehr da ſuchen, wo ſie nicht zu finden iſt, und ſie da miskennen, wo ſie wirklich exiſtirt. So wird das Sträuben der deutſchen praktiſchen Geſetzkundigen gegen die Einfuͤhrung des Code Napo- 16on von ſelbſt aufhoͤren. So werden Rapoleons weltherrſchende Plane ohne Gewaltſtreich und Machtſpruch ihrer Vollen⸗ dung nahen Den zur Anpaſſung des Code Napoléon vereinigten drei deutſchen Staaten wird der Ruhm bleiben, dieſe unvergeßliche Revolution vorberei⸗ tet und in den Planen Napoleon des Großen ge⸗ wirkt zu haben. 111. Unvorſchreibliche Bemerkungen der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſion uͤber die Eroͤff⸗ nungen und Mittheilungen der verehrlichen Fuͤrſtlich Primatiſchen Commiſſion. li¹) Dantbar und verehrungsvoll erkennt der unterzeich⸗ nete Kommiſſarius den Werth des ihm von einem erhabenen, weiſen und ſelbſtdenkenden Fuͤrſten ge⸗ ſchenkten Vertrauens. Er glaubt es nur durch an⸗ ſpruchloſe Offenheit verdienen zu koͤnnen.— Bey der Einfuͤhrung des Napoleoniſchen Geſetzbuchs in den Staaten der rheiniſchen Confoͤderation, iſt der Gegenſtand, der Augenblick, die Behandlungsart in weltbuͤrgerlicher und politiſcher Hinſicht von unbe⸗ rechenbarer Wichtigkeit. Die erſte Vorfrage iſt die: Was wollte Napo⸗ teoon der Große bezwecken, als er den Sonverainen des Rheinbundes den Wunſch ans Herz legte, daß ſie ſein Geſetzbuch in ihren Staaten aufnehmen moͤchten 2 Die zweyte Vorfrage: Welche Hinderniſſe ſtehen der Ausfuͤhrung dieſes Wunſches im Wege, und wie laſſen ſie ſich beſeitigen? 6 1. Wenn ein großer, uͤberall ſelbſiſtaͤndig han⸗ delnder Mann, allen ſeinen Thaten Zweckbeſtimmung aufpraͤgt, fo darf man, wenn man uͤber ſeine innern 41 Abſichten verlegen iſt, nur die Geſchichte ſeines aͤuſ⸗ ſern Wuͤrkens fragen. Bleibt man uͤber die Zwecke Napoleons des Großen, bey der von ihm gewuͤnſchten Propagation ſeines Geſetzbuchs einen Augenblick zwei⸗ felhaft, ſo richte man nur ſeinen Blick auf die Ge⸗ ſchichte der Ausbildung der innern Verfaſſung der Koͤnigreiche Italien, Neapel, Weſtphalen u. ſ. w. Frankreichs Adminiſtration, Gerichtsverfaſſung, Grundverfaſſung, Civilgeſetzbuch wurde nach und nach in allen den Staaten eingefuͤhrt, welchen ſein Herrſcherruf unmittelbar ihr Daſeyn gab. Alle aus dem Mittelalter hervorgegangenen, durch Vorurtheil und Gewohnheit geheiligten Inſti⸗ tute mußten in wenig Jahren einem, Frankreich nach⸗ gebildeten Staatsorganismus weichen, und werden ihm noch kuͤnftig weichen muͤſſen. Das Napoleoniſche Geſetzbuch haͤngt, bald mehr, bald weniger ſichtbar, bald mittelbar, bald unmittelbar, oft durch ſehr zarte, allein immer durch ſehr ſtarke Faͤden, mit allen Zweigen des franzoſiſchen Staatsorganismus zuſammen. Die klare und voll⸗ ſtaͤndige Auffaſſung dieſes Zuſammenhangs ſetzt nicht allein einen philoſophiſchen Blick, ſondern auch die vollſtandigſte theoretiſche und praktiſche Kenntniß der ganzen franzoſiſchen Geſetzgebung voraus. Man kann ſicher annehmen, daß dasjenige, was bis jetzt daruͤber geſagt worden iſt, noch bey weitem den großen Gegenſtand nicht erſchoͤpft. Es ſey mir er⸗ laubt, mich hier auf mehrere eritiſche Blaͤtter z. B. No. 28. 29, auch No. 79. 80. der Jenaiſchen allgemeinen Litteraturzeitung, auf die beyden Ab⸗ handlungen: Anſichten uͤber die Ein fuͤh⸗ rung des Code Napolson in den Staa⸗ ten der rheiniſchen Confoͤderation, vor allen aber auf die Abhandlung des Profeſſor Arnolds zu Koblenz, über die Verbreitung des Code Napolson Caſſauly's Annalen der Geſetzgebung 2 — Napoleons Band 2. St. a. u. 3.) und endlich auf Laſſaulx's Kritik des Code Napolson als Badenſches Landrecht,(am angef. Ort St. 3.) zu beziehen. Der fuͤr die Annahme des Code Napoléon ausgeſprochene Wunſch des erhabenen Protectors der rheiniſchen Confoͤderation, war daher nichts als der Wunſch, daß die Verfaſſung aller Staaten der rhei⸗ niſchen Confoͤderation, der Verfaſſung des Koͤnig⸗ reichs Weſtphalen nachgebildet werden moͤchten. Es war der Wunſch, daß alle von Frankreich verworfenen Inſtitute, z. B. Lehen, Fideikommiſſe, Erbbeſtand, Zehnten, privilegirte Gerichtsbarkeit, Patrimonialjurisdiction, Patrimonialfrohnden, Kir⸗ chenverfaſſung ꝛc. ꝛc. in deutſchen Staaten nieder⸗ geriſſen, alle von Frankreich neugeſchaffene Inſti⸗ tute dagegen, z. B. Ministere public, Bureaux de Conciliation, notariat etc. etc. in deytſchen Staaten aufgebaut werden moͤchten. Es war der Wunſch, alle mit Frankreich foͤde⸗ rirten Staaten durch eine einfoͤrmige Organiſation politique vereinigt zu ſehen. Der halbofficielle Ar⸗ gus nannte ſie le plus bel hommage rendu à la dignité de Tespece humaine. Der Code Napoléon enthaͤlt, wie ich nicht zu oft wiederholen kann, mittelbar oder unmittelbar alle Keime der franzoͤſiſchen Verfaſſung, er iſt, wie in dem Vortrag meiner verehrlichen Großherzoglich Heſ⸗ ſiſchen Herrn Mitkommiſſarien, ſehr gruͤndlich ausge⸗ fuͤhrt wurde, mit der Gerichts⸗Organiſation und mit dem franzoſiſchen gerichtlichen Verfahren aufs innigſte verſchlungen. Das gerichtliche Verfahren wird dage⸗ gen durch Principien der Adminiſtration beſtimmt, die Adminiſtration iſt wieder mit der Grundverfaſſung verbunden. So findet ſich im Code Napoléon mittelbar, was nicht unmittelbar darinn enthalten iſt. So bildet er mit Frankreichs uͤbrigen Verfaſſung ein Ganzes. In dieſem Ganzen iſt er gedacht und 43 aufgefaßt worden. Auſſer dieſem Ganzen und in einer heterogenen Umgebung kann er nicht gedacht werden. it dem ernſtlichen Vorſatz, den Code Napoléon unveraͤndert, ſeinem Geiſt und Buchſta⸗ ben nach, vollſtaͤndig aufzunehmen, gibt ein deutſcher Regent den Vorſatz zu erkennen, ſeinen ganzen Staat in aller und jeder Hinſicht nach Frank⸗ reichs Vorbild einzurichten; er bricht allen, Deutſch⸗ land eignen Inſtituten den Stab; er ſetzt ſich in die unausweichliche Nothwendigkeit, diejenigen Geſetzbuͤ⸗ cher Frankreichs, deren Faͤden in den Code Napo- 16on hineinlaufen, wo nicht dem Buchſtaben, doch dem Geiſt und der Sache nach, ebenfalls aufzu⸗ nehmen. Und dies war es, was Napoleon der Große bei dem Wunſch, den Code Napoléon zum Principal⸗ geſetzbuch aller Bundesſtaaten zu erheben, zu beab⸗ ſichtigen ſchien. Mit ihm ſind ſeine Handlungen im Einklang. Die Organiſationsgeſchichte des Koͤnig⸗ reichs Weſtphalen liefert dazu einen fortlaufenden Com⸗ mentar. Im Großherzogthum Berg, an deſſen Grenzen der unterzeichnete Commiſſarius lebt, ſtuͤrzt ein deut⸗ ſches Inſtitut nach dem andern, es wird ein franzoͤ⸗ ſiſches nach dem andern eingefuͤhrt; alles als erklär⸗ ter Vorlaͤufer der bevorſtehenden, ſchon mehr⸗ mals angekuͤndigten Einfuͤhrung des Code Napoléon, und der nach Frankreichs Vorbild zu organiſirenden Gerichtsverfaſſung. Was Napoleon der Große ſelbſt in Weſtphalen, und Berg, durch die Organe ſeines Willens ausfuͤhrt, ſollon nach ſeinem Wunſch deutſche Fuͤrſten in ihren Staaten ausfuͤhren; ſein eignes Gebaͤude ſoll ihnen zum Muſter dienen. Es iſt der kuhnßte Plan, den je ein Staaten⸗ grunder gefaßt, der groͤßte Gedanke, der je einen Ge⸗ 44 ſetzgeber ergriffen hat; die Ausfuͤhrung deſſelben iſt wahrſcheinlich nur ein Uebergang zu einer noch uner⸗ wattetern Entwicklung, die Grundlage eines Gebaͤu⸗ des, zu welchem die Geſchichte der alten Voͤlker kein Vorbild zeigt. Doch was hier koͤnnte geſagt werden, liegt außer dem Beruf des unterzeichneten Commiſ⸗ ſarius. II. Er wendet ſich daher zur zweiten Vorfrage. Welche Hinderniſſe ſtehen der Aus⸗ fuͤhrung des Wunſches Napoleons des Großen im Wege? und wie laſſen ſie ſich beſeitigen? Sie ſind in dem Aufſatz: Anſich⸗ ten uͤber die Art der Aufnahme des Na⸗ poleoniſchen Geſetzbuchs in den Fuͤrſtlich Primatiſchen, Großherzoglich Heſſiſchen, und Herzoglich Naſſauiſchen Staaten— entwickelt, und draͤngen ſich dem Beobachter beim erſten Blick auf. Was Jollivet, Beugnot und Siméon im Koͤ⸗ nigreich Weſtphalen ohne Schwierigkeit durchſetzen konnten, kann ein deutſcher, von deutſchen Untertha⸗ nen umgebener Fuͤrſt nicht ſofort realiſiren. Jene Maͤnner erſchienen in Caſſel als Ueberbrin⸗ ger der Befehle des Siegers. Zu ihren Fuͤßen lag ein uͤberwundenes Volk. Der Arm, der den ganzen Staat vernichtet hatte, konnte mit leichter Muͤhe alle ſeine einzelnen Inſtitute vernichten. Beſtuͤrzung und Anarchie herrſchte in allen Staͤn⸗ den; die neue Organiſation war der erſte Schritt zur ruͤckkehrenden Ordnung. Sie war das Siegel der Verſoͤhnung zwiſchen den Beſiegten und dem Sie⸗ ger, das Unterpfand ſeines feſten Willens, nicht als Eroberer, ſondern als Regent zu herrſchen. Sie ronnte mit Freuden angenommen werden; denn ſie verkuͤndigte Erloͤſung aus einem troſtloſen Zuſtand⸗ In ganz andern Verhaͤltniſſen ſteht der deutſche Furſt zu ſeinen deutſchen Unterthanen und Staatsdie⸗ 45 nern; durch alte Bande des Zutrauens und der kebe iſt er an ſie geknuͤpft. In den Tagen der Stuͤrme und der Geſetzloſigkeit hat er mit ihnen gefuͤrchtet, ge⸗ litten und geblutet. Er erſcheint ihnen als ſelbſt⸗ ſtändiger und vaͤterlicher Regent, nicht als Ueberbrin⸗ ger hoͤherer Befehle. Er kann nicht, ohne Verlaͤug⸗ nung dieſer ſchoͤnen Eigenſchaft, ſie ploͤtzlich von ihren alten Einrichtungen und Inſtituten, dem theuren Erbtheil ihrer Vaͤter, trennen. Er kann nicht, ohne ihre Liebe und ihr Vertrauen aufs Spiel zu ſetzen, das unberechenbare Uebel einer neuen Organiſation uͤber ſie unvorbereitet verhaͤngen, er kann ihnen nicht fuͤr dieſe Uebel einen Erſatz durch die Beendi⸗ gung eines Zuſtandes leiſten, der in den, zur Ein⸗ fuͤhrung einer moͤglichſt gleichfoͤrmigen Geſetzgebung, vereinigten Staaten, gottlob! nie vorhanden war. Was der Eroberer den Buͤrgern Weſiphalens als Wohlthat darzubieten im Stande war, kann von den Haͤnden deutſcher Regenten, die ihr Land nicht er⸗ obert haben, nicht als Wohlthat gegeben werden. Deutſche, von Napoleons hohem Plan ergriffene Fuͤrſten muͤſſen daher das naͤmliche Ziel auf einem ganz andern entgegengeſetzten Wege zu erreichen ſu⸗ chen. Sie muͤſſen mit dem Leichtern der franzoͤſiſchen Geſetzgebung beginnen, mit dem Schwerern fort⸗ ſahren, mit dem Schwerſten ſchließen. Sie muͤſſen ihre Unterthanen nicht in den neuen Zuſtand hinein⸗ werfen, ſondern ſie zu demſelben erziehen, durch die Einfuͤhrung der Doetrin das Beduͤrfniß der Ein⸗ fuͤhrung der Inſtitute wecken, dieſe von unten herauf ſucceſſiv realiſiren, hierbey der Erfahrung, dem Gang der Zeit, den Forderungen der Politik folgen und nachgeben, und vielleicht die Umwandlung der Verfaſſung, mit denjenigen Gegenſtaͤnden beſchlie⸗ ßen, mit welchen ſie im Koͤnigreich Weſtphalen nach dem Frieden von Tilſit begonnen wurde. 46 Den Weg hat Unterzeichnetet in den Anſich⸗ ten uͤber die Art der Aufnahme des Na⸗ poleoniſchen Civilgeſetzbuches in den Fuͤrſtlich Primatiſchen, Großherzoglich Heſſiſchen und Herzoglich Raſſauiſchen Staaten— zu bezeichnen gleich erlaubt. Er be⸗ zieht ſich auf dieſen Aufſatz. IV. Unvorſchreiblicher Antrag der Herzoglich Naſ⸗ ſauiſchen Commiſſion den Code Napo- leon von Artikel zu Artiket der in drei ſouverainen Staaten beſtehenden Gerichts⸗ und ubrigen Verfaſſung anzupaſſen. lr2 Unterʒeichneter erlaubt es ſich, ſeinen Hertn Mit⸗ kommiſſarien eine Angelegenheit von großer Wichtig⸗ keit zu empfehlen. Die Anpaſſung des Napoleoniſchen Geſetzbuchs auf drei ſouveraine deutſche Staaten, nach moglichſt gleichfoͤrmigen Grundſätzen und Geſichtspunkten, iſt wohl unſtreitig der Zweck des Zuſammentritts der einſichtsvollen Männer, deren Achtung und Zutrauen Unterzeichnetem immer unſchätzbar ſeyn wird. Eine voͤllige Uebereinſtimmung der Grundlage und Grundanſichten, nach welchen zu verfahren ſeyn moͤchte, erſcheint zwar im hohem Grade wuͤnſchens⸗ wuͤrdig, iſt aber bei der Verſchiedenheit menſchlicher Anſichten kaum zu hoffen. Indeſſen hat ſich ſchon bei der Darlegung der Grundanſichten von Seiten der drei Commiſſionen eine Uebereinſtimmung in ſehr weſentlichen Punkten gezeigt. 48 Hoͤchſt wichtig und intereſſant erſcheint dagegen eine Vereinigung uͤber die Frage: welche Artikel und Beſtimmungen des Code Napoléon, nach der Ein⸗ fuͤhrung deſſelben in dem die Anwendung beſtimmen⸗ den Geſetz zu beſchränken, oder gleich mit der Einfuͤhrung in dem Einfuͤhrungsedict zu ſuspen⸗ diren ſeyn moͤchten. Eine ſolche Vereinigung ſcheint Unterzeichnetem blos dadurch moͤglich, daß der Code Napoléon in den Conferenzen von Artikel zu Artikel durchgegan⸗ gen, und der beſtehenden Verfaſſung gegenuͤber ge⸗ halten wurde, eine, auch noch in Hinſicht auf andre wichtige Zwecke den weſentlichſien Nutzen verſprechen⸗ de Arbeit. Zwiſchen der Anſicht der verehrungswuͤrdigen Großherzogl. Heſſiſchen Herren Commiſſarien und det⸗ jenigen, welche der Unterzeichnete als die Anſicht ſei⸗ nes Hofes gleich bei der erſten Conferenz officiell dar⸗ zulegen die Ehre hatte, zeigt ſich zwar ein groͤßerer Abſtand; es zeigen aber auch ſo viele Vereinigungs⸗ punkte, daß die artikelweiſe Anpaſſung des Code Napolòon ſelbſt im Geſichtspunkt der Großherzog⸗ lich Heſſiſchen Commiſſion den weſentlichſten Nutzen zu verſprechen ſcheint. In den Aufſätzen beider Commiſſionen erſcheint der Code Napoléon als eine in Frankreichs Gerichts⸗ und uͤbrige Verfaſſung hineingefugtes Geſetzbuch, welches aus ſeinem Zufammenhang, ohne Vernich⸗ tung ſeines Weſens und Geiſtes nicht herausgeriſſen werden kann. Beide Aufſaätze miskennen aber auch zugleich nicht, daß der Code Napoldon neben einer, bei je⸗ der Staats⸗ und Gerichtsverfaſſung anwendbaren Doctrin, davon nicht nothwendig abhaͤngige, auf Ge⸗ richtsverfaſſung und Rechtsanſtalten ſich beziehende Verfuͤgungen enthalte. Eben dadurch wird von den Großherzogl. Heſſi⸗ 49 ſchen Herren Commiſſarien die Moͤglichkeit, aus dem Code Napoleon Beſtimmungen, welche mit dem beſtehenden deutſchen Rechtsorganismus vereinbar ſind, herauszuheben, anerkannt. Beide Anſichten vereinigen ſich daruͤber, daß man bei der bloßen Einfuͤhrung der Doetrin des Co⸗ de Napoléon nicht ſtehen bleiben koͤnne, daß durch eine ſo beſcheaͤnkte und einſeitige Aufnahme der Zweck der Reform der Geſetzgebung keineswegs erreicht, und eben ſo wenig der Politik ein Genuͤge geleiſtet ſey. Nur wuͤnſcht man von Herzogl. Naſſauiſcher Seite mit der Einfuͤhrung der ſparſam modificirten Doetrin des Code Napoleon den Anfang zu machen, mit der Einfuͤhrung der im Code Napoléon vorausge⸗ ſetzten Rechtsanſtalten dagegen nach und nach, nach dem Beduͤrfniß der Unterthanen und der Umſtaͤnde, fortzufahren. Von Seiten der Großherzogl. Heſſiſchen Herren Commiſſarien haͤlt man es dagegen fuͤr zweckmaͤßi⸗ ger, die Organiſation vorerſt zu bearbeiten und ſie demnaͤchſt mit der Doctrin zugleich einzufuͤhren. Von Herzogl. Naſſauiſcher Seite wuͤnſcht man die baldmoͤglichſte Einfuͤhrung der Doectrin. Von Seiten der Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien wuͤnſcht man, daß wirkliche Einfuͤh⸗ rung der Organiſation ſammt der Doetrin erſt nach ein, zwei, oder drei Jahren erfolge. Es wird zwi⸗ ſchen den zum Code Napoléon weſentlich und den nicht weſentlich dazu gehoͤrenden Rechtsanſtalten un⸗ terſchieden, zu letztern der Caſſationshof, das Enre⸗ giſtrement und der Kaiſerliche hohe Gerichtshof ge⸗ rechnet, und von der Einfuͤhrung der letztern An⸗ ſtalten abſtrahirt. Es ſey Unterzeichnetem erlaubt, nur im Vorbei⸗ gehen zu bemerken, daß, nachdem in den, die drei 4 30 ſouveraine Staaten von allen Seiten umgebenden Län⸗ dern und Reichen, der Code Napoléon theils wirklich laͤngſt eingefuͤhrt worden iſt, theils fuͤr die Einfuͤh⸗ rung deſſelben hoͤchſt bedeutende praktiſche Schritte geſchehen ſind, es ſelbſt in politiſcher Hinſicht be⸗ denklich ſcheint, die Einfuͤhrung in den dieſſeitigen Provinzen noch mehrere Jahre hindurch auszuſetzen; daß durch die Einfuͤhrung einer ſparſam mo⸗ dificirten Doetrin ſogleich und ohne Gefahr, ein An⸗ fang gemacht werden kann; daß auch das Enregiſtrement, vor allem aber der Caſſationshof zu den hoͤchſt weſentlichen Umge⸗ bungen und Rechtsanſtalten des Code Napoléon zu gehoͤren ſcheint, welches Unterzeichneter bei einer andern Gelegenheit auszufuͤhren, ſich vorbehaͤlt; daß die Rechtsanſtalten des Code Napoleon dergeſtalt ein Ganzes bilden, daß der Zweck derſel⸗ ben nicht wohl anders, als durch gleichformige, gleich⸗ zeitige und mit Einverſtändniß vorgenommene Ein⸗ füͤhrung in allen Staaten der rheiniſchen Confode⸗ ration erreichbar iſt;„ daß ein ſolches gleichfoͤrmiges und gleichzeitiges Einverſtaͤndniß, wenigſtens von der Einſicht der deutſchen Regierungen in ihr wahres Intereſſe, ge⸗ hofft werden darf; daß eine einſeitige in den drei ſouverainen Staaten, dem Vorbild des Code Napoléon nach⸗ gebildete Organiſation(denn eine vollkommene Gleich⸗ foͤrmigkeit machen ſchon der Laͤnderumfang und Loka⸗ litäten unmoͤglich) eine kuͤnftige neue Diſſonanz in der Organisation politique ganz gegen den Geiſt der Sache, vorbereiten wuͤrde; daß eine plotzliche Aufhebung des Beſtehenden und eine neue auf eine ganz neue Baſis gegruͤndete Totalorganiſation namenloſe Uebel erzeugt; daß dieſe Uebel ſo gut nach zwei Jahren, als 51 jetzt eintreten wuͤrden, wenn man mit der Organiſa⸗ tion beginnen wollte; daß die vortreflichſte theoretiſche Ausarbeitung dieſe Uebel, aus leicht ſich ergebenden Urſachen, nicht verhuͤten kann, wenn nicht nach und nach mit Maͤßi⸗ gung und Weisheit berechnete, von den Umſtaͤnden geforderte praktiſche Vorkehrungen getroffen und die beabſichtigte Revolution unter mildernden Reformen verſchleiert wird. Indem Uhterzeichneter alle dieſe Betrachtungen hier nur noch im Vorbeigehen beruͤhrt, ſey es ihm er⸗ laubt, ſeine verehrungswuͤrdigen Herren Mitcommiſ⸗ ſarien angelegen um Beherzigung folgender Betrach⸗ tungen zu bitten. Indem ſie ſelbſt die Vereinbarkeit des groͤßten Theils der bloßen Doetrin des Code Napoléon mit dem beſtehenden deutſchen Rechtsorganismus aner⸗ kennen, wird ihrem Scharfſinn die Moͤglichkeit der genauen, obgleich oft mit großen Schwierigkeiten ver⸗ bundenen Abſonderung jener Doctrin von den, auf Rechtsanſtalten ſich beziehenden Verfuͤgungen nicht entgehen. Die Nuͤtzlichkeit dieſer Abſonderung wird ebenſo wenig gelaͤugnet werden koͤnnen, wenn man aunimt, daß es moͤglich, und ſogar nach den Wuͤn⸗ ſchen des Herzogl. Raſſauiſchen Hofs raͤthlich iſt, ei⸗ nen Theil des Code Napoléon ſogleich einzufüh⸗ ren, ja, daß Seine Hoheit der Fuͤrſt Primas eine ſoiche unverzuͤgliche Einfuͤhrung ſogar ſchon unwider⸗ ruflich beſchloſſen haben. Es iſt nicht einmal wahrſcheinlich, daß— wenn nicht neue unerwartete Ereigniſſe die definitive Be⸗ ſtimmung der Verfaſſung der rheiniſchen Confoͤdera⸗ tion, oder das in der Bundesacte vom 12 Jul. 1806. verſprochene Hauptſtatut verzogern— die Einfuh⸗ 4* 52 rung der Rechtsanſtalten des Code Napoléon in al⸗ ten Staaten des rheiniſchen Bundes viel laͤnger als zwei Jahre werde verzoͤgert werden. Es muͤßte daher— wenn man ſelbſt von Her⸗ zoglich Raſſauiſcher Seite die Hauptanſicht der Groß⸗ herzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien zum Grun⸗ de legen wollte— in praktiſcher Beziehung im Ge⸗ ſichtspunkt dieſer verehrten Gelehrten ziemlich gleich⸗ guͤltig erſcheinen, ob man mit der Bearbeitung des Doctrinellen oder des Organiſchen des Code Napo- lcon den Anfang machen wollte. In zwei Jahren wuͤrden demnach ſowohl die Großherzogl. Heſſiſchen, als die Herzoglich Raſſaui⸗ ſchen Laͤnder in Beziehung auf eine vom Code Napo- jéon geforderte Rechtsorganiſation, auf gleichem Punkt ſtehen. Unterzeichneter ſchmeichelt ſich daher, daß die Großherzoglich Heſſiſchen Herten Commiſſarien in ih⸗ ren eigenen Anſichten und Ueberzeugungen keine Gruͤn⸗ de finden werden, die Bitte um eine von Artikel zu Artikel vorzunehmende Anpaſſung des Code Napo- 1con auf den bis jetzt in den drei ſouverainen Staa⸗ ten beſtehenden Rechtsorganismus abzulehnen. Er wagt es, ſie zu dieſer Anpaſſung nebſt der verehrten Fuͤrſtlich Primatiſchen Commiſſion, im Fall nicht die Weiſung ihres hoͤchſten Committenten ſie daran verhindern ſollte, einzuladen. Im entgegengeſetzten Fall dagegen erlaubt er ſich die Bitte, uͤber den Gegenſtand ſeines Geſuches an die hoͤchſte Großherzogl. Heſiiſche Staatsbehoͤrde, unter Beifuͤgung dieſes Vortrags gutachtlich zu be⸗ richten, und ihm, ſo bald es thunlich iſt, in den Stand zu ſetzen, die Entſchließung derſelben ſeinen eignen hoͤchſten Committenten zu berichten. Gießen, den 14 Sept. 1809. V. Erſter Vortrag uͤber den erſten Titel des erſten Buchs des Code Napoléon sur la jouis- sance et la privation des droits civib. l16 De Titel des Code Napoléon, deſſen Diskuſion der gegenwaͤrtige Vortrag gewidmet iſt, gehoͤrt— ſelbſt nach dem unbefangenen Urtheil franzoͤſiſcher Ju⸗ riſten— zu den ſchwierigſten des Code Napoléon. Er ſanktionirt den Grundſatz: nur der Franzoſe, nur der Genoſſe des franzoͤſiſchen Indigenats, oder der Regnicole, iſt ein Subject burgerlicher Rechte. Er entſcheidet hiernaͤchſt die Frage: 1) wer buͤr⸗ gerliche Rechte zu genießen habe, oder mit andern Worten, wer als Franzoſe zu betrachten ſey, und 2) wie der Franzoſe des Genuſſes buͤrgerlicher Rechte beraubt werde. Beiden Fragen liegt eine Präjudicialfrage zum Grunde. Ihre Entſcheidung findet ſich nicht im Ge⸗ ſetz, ſondern in der Diskuſſion. Es iſt die Frage: was ſind buͤrgerliche Rechte? Die Beantwortung derſelben iſt nothwendig. Ohne eine klare und beſtimmte Vorſtellungsart der Na⸗ tur und des Weſens buͤrgerlicher Rechte, bleibt die 54 Tendenz des Geſetzes uͤber den Genuß und Verluſt derſelben ein Geheimniß. Die Perſon— ſagt der franzoͤſiſche Juriſt— als Subject von Rechten und Verbindlichkeiten, iſt Menſch und Buͤrger. Als Menſch gehoͤrt er der gan⸗ zen menſchlichen Geſellſchaft, als Buͤrger gehoͤrt er einem beſtimmten Staate an. Als Menſch hat er natuͤrliche, als Buͤrger hat er buͤrgerliche oder diejeni⸗ gen Rechte, welche die Civilgeſetzgebung ſeines Staats ihm beilegt. Meine verehrten Herren Collegen muͤſſen es mir verzeihen, daß ich— arm an litterariſchen Schätzen— hier aus dem Gedaͤchtniß niederſchreibe. Buͤrgerliche Rechte ſind hiernach nichts anders, als diejenigen Rechte, welche die franzoͤſiſche Civilge⸗ ſetzgebung der Perfon als Buͤrger, als Genoſſe der franzoſiſchen Nation, als Regnicole(nicht gerade als Staatsbuͤrger) beilegt. Natuͤrliche Rechte ſind diejenigen, welche dem Menſchen unabhaͤngig vom Civilgeſetz zukommen. Buͤrgerliche Rechte bilden den Status civilis, natuͤrliche den Status naturalis. Buͤrgerliche Rechte hat der Franzoſe, natuͤrliche der Fremde. Frägt man weiter, welche beſtimmte burger⸗ liche Rechte legt das franzoͤſiſche Geſetz dem Franzoſen bei, mit Ausſchluß des Fremden, ſo muß man die Antwort der Doctrin von der Antwort des Geſetzes ſelbſt unterſcheiden. Buͤrgerliche Rechte— ſagt Boulay— werden vom Civilgeſetz beſtimmt und beigelegt. Es ſind, ſetzt Locré hinzu, Fähigkeiten der Perſon, welche ſich auf das Eigenthum beziehen; ſie werden vom Privatrecht dem Individuum als bloßem Regnicole, unabhaͤngig von ſeinen politiſchen Faͤhigkeiten beigelegt. Locré, esprit du Code Napoléon I. 8. 237.— Welche unbefriedigende Erklaͤrung! 55 Bürgerliche, im Gegenſatz der natuͤrlichen Rech⸗ te, ſagen, wenn mich mein Gedaͤchtniß nicht truͤgt, Lassaulx, Schmidt und andere— beſtehen blos in der activen und paſſiven Erbfaͤhigkeit durch Teſtament oder Geſetz. Dieſe Erbfaͤhigkeit beſitzt blos der Fran⸗ zoſe, der Fremde beſitzt ſie nicht. So die Doctrin. Das Geſet enthaͤlt weder einen allgemeinen Be⸗ griff der buͤrgerlichen Rechte, noch ein Verzeichniß der⸗ ſelben. Der 45. Artikel des Code Napoléon ſpeci⸗ ficirt nur in Verbindung mit dem 22. Artickel folgen⸗ de einzelnen buͤrgerlichen Rechte. 1) die Fähigkeit ab intestato zu erben. 2) die Faͤhigkeit ab intestato zu vererben. 3) die Fähigkeit, ſein Vermoͤgen durch Teſta⸗ ment oder durch Schenkung unter Lebenden ganz oder zum Theil, titulo universali oder particulari an⸗ dern zu uͤbertragen. ₰ die Fähigkeit, auf die naͤmliche Art Vermoͤ⸗ gen zu erwerben. 5) die Fähigkeit, zum Vormund ernannt zu wer⸗ den, oder an der Verwaltung oder Beſtellung einer Vormundſchaft Antheil zu nehmen. 6) die Faͤhigkeit, bei einem Acte authentique, oder bei einem Acte solemnel(Art. 75.) als Zeuge zugezogen zu werden. 7) die Faͤhigkeit, perſoͤnlich, oder durch einen ſelbſtgewaͤhlten Bevollmaͤchtigten activ oder paſſiv vor Gericht zu erſcheinen. 8) die Faͤhigkeit, eine Ehe, welche buͤrgerliche Wirkungen erzeugt, einzugehen. Doch damit iſt das Verzeichniß der buͤrgerlichen Rechte nicht eingeſchloſſen. Eine genaue Herzaͤhlung derſelben ſagt Portalis, iſt ſehr ſchwer; wer ſich dar⸗ auf einlaſſen wollte, wurde noch unentſchiedene Con⸗ troverſen beruͤhren, z. B. bei Erwaͤhnung der Praͤ⸗ 56 ſeriptionsfaͤhigkeit, die Frage, ob ſie dem buͤrgerlichen oder natuͤrlichen Recht angehoͤrt. Nicht unentſchieden dagegen iſt es, daß buͤrger⸗ liche Rechte nur dem Franzoſen, nicht dem Fremden zuſtehen; daß dieſer nur auf naturliche Rechte, und nach dem 1I. Artikel nur in ſofern auf beſtimmte buͤr⸗ gerliche Rechte Anſpruch machen kann, als die Staats⸗ vertraͤge der Nation, welcher er angehoͤrt, mit Frank⸗ reich— dem Franzoſen dieſe naͤmlichen Rechte zu⸗ ſichern. Es geht aus dieſer Darſiellung klar hervor, daß das franzoſiſche Recht den Franzoſen, unendlich hoͤher, als den Fremden— wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf— potenzirt. Es geht klar hervor, daß die Geſetzgebung Frank⸗ reichs abſichtlich uͤber die Frage: in wie fern? einen Schleyer hat fallen laſſen. Ich halte beides im Geiſt der franzoͤſiſchen Ge⸗ ſetzgebung fuͤr keinen Fehler. Eine weltherrſchende Nation kann ihr politiſches Hochgefuͤhl durch haͤrtere Behandlung der Fremden ausdruͤcken. Weil ſie weltherrſchend iſt, hat ſie keine Retor⸗ ſion zu fuͤrchten; ſie kann auf jeden Fall die kaum ſichtbaren Wirkungen derſelben verachten. Sie kann durch heiligere Bande ihre Buͤrger an den vaterlaͤndiſchen Boden, an den geſellſchaftlichen Verein, ketten. Sie kann den Fremden, indem ſie die wichtigſten Rechte des Familienvaters fuͤr buͤrgerliche, d. h. fuͤr ausſchließende Rechte des Franzoſen erklaͤrt, an ſeinen Zuſtand von Abhaͤngigkeit erinnern. Was der Nationalſtolz energievoll ausſprach, kann eine ungeheure Nationalmacht kraftvoll ſchuͤtzen. Auch die Unbeſtimmtheit der buͤrgerlichen— im Gegenſatz der natuͤrlicher Rechte war politiſchweiſe. Begreiflich verliert dabey der Franzoſe nichts, da ——————— 57 er ſich als Menſch und Buͤrger im ganzen Umfang aller denkbaren Rechtsfaͤhigkeit findet. Nur fuͤr den Fremden iſt es wichtig zu wiſſen, welche Rechte er in ſeinem Verhaͤltniß zu Franzoſen als natuͤrliche Rechte in Anſpruch nehmen koͤnne. Aber uͤber das Verhaͤltniß der Franzoſen gegen Fremde wacht nicht die Geſetzgebung, ſondern die Regierung; nicht die Conſtitution, ſondern der Kaiſer. In dem Stillſchweigen der Geſetzgebung uͤber dieſes Verhaͤltniſi liegt daher hohe Conſequenz. Findet es der Kaiſer fuͤr gut, eine fremde Nation zu beguͤnſtigen, ſo haͤngt es von ſeiner Weisheit ab, durch Tractate, Civilrechte fur Franzoſen, welche mit Individuen jener Ration in Verhaͤltniſſe treten, aus⸗ zubedingen. Dieſer Grundſatz athmet im 11. Artikel, und ſo laͤßt es ſich vollkommen rechtfertigen, daß die Be⸗ handlung der Fremden von Staatsvertraͤgen, nicht wie es im Baieriſchen Civilgeſetzbuch geſchehen iſt, von der Retorſion abhaͤngig gemacht wird. Mit gleicher Conſequenz legte die Geſetzgebung die Behandlung des einzelnen Fremden in die Haͤnde der Regierung nieder. Nur der Kaiſer kann ihm die Riederlaſſung in Frankreich verſtatten; alsdann genießt er, ſo lange er in Frankreich bleibt, alle buͤrgerliche Rechte; allein er genießt ſie begreiflich nur als Gnade der Regie⸗ rung, welche ihm den Aufenthalt eben ſo gut haͤtte verweigern koͤnnen. Wie der nicht naturaliſirte Fremde zu beurthei⸗ len und zu behandeln ſey, haͤngt— da die Geſetz⸗ gebung die den Fremden zukommende natuͤrlichen Rechte nicht beſtimmt hat— wieder von der Regie⸗ rung ab. So glaube ich die Hauptanſicht des Titels uber den Genuß und den Verluſt burgerlicher Rechte, aus 58 ſeinem Princip erklaͤrt, ſo glaube ich ſelbſt die angeb⸗ lichen Maͤngel deſſelben gerechtfertigt zu haben. Eine gebietende Politik, das hohe Gefuͤhl von Rationaluͤberlegenheit hat das Geſetz erzeugt. Nach einem andern politiſchen Princip, wurde der Unferſchied zwiſchen buͤrgerlichen Rechten des Fran⸗ zoſen und den natuͤrlichen Rechten des Fremden ver⸗ ſchleiert Dieſe Verſchleierung laͤßt ſich nicht, aus einer Fonſtitutionellen Umgebung, aus einer Staatsverfaſ⸗ ſung, in welcher Geſetzgebung und Regierung ver⸗ ſchiedenen Staatsgewalten uͤbertragen ſind, heraus⸗ reißen. Das Princip, welches in der Grundanſicht des Geſetzes herrſcht, hat auch das Eingreifen deſſelben in andere Zweige der Geſetzgebung beſtimmt. Daher die Verordnung des 14. Artikels, nach welcher der im Ausland wohnende Fremde vor Frank⸗ reichs Tribunalen wegen der in Frankreich oder im Ausland contrahirenden Verbindlichkeiten, belangt werden kann. Unterzeichnetem iſt es wohl bekannt, daß dieſe Verordnung keineswegs aus Haß gegen Fremde erlaſ⸗ ſen worden iſt. Er weiß ſehr wohl, daß es zur Bedingung ihrer Wirkſamkeit gehort, daß der Fremde in Frankreich Vermoͤgen beſitze. Es iſt ihm endlich bekannt, daß ein Grundſaß des gerichtlichen Verfahrens, nach welchem nur die im Ramen des Kaiſers erlaſſene Urtheile und Aete, auf franzoͤſiſchem Boden vollzogen werden koͤnnen, bei dieſer Verordnung ſtillſchweigend vorausgeſetzt wird. Er raͤumt ſogar ein, daß die deutſche Gerichts⸗ verfaſſung ein aͤhnliches Inſtitut kennt, wenn ſie ge⸗ gen Fremde einen Arreſt zur Begründung der Ge⸗ richtsbarkeit in der Hauptſache zulaͤßt, durch deſſen 39 Folgen Klagen gegen Fremde vor einheimiſche Ge⸗ richte gebracht werden. Er iſt daher weit entfernt, den 14. Artikel aus dem gehaͤſſigen Geſichtspuncte zu betrachten, aus wel⸗ chem manche deutſche Rechtsgelehrten ihn zu betrach⸗ ten gewohnt ſind. Dennoch iſt das— wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf— hoͤhere Potenziren der franzoſiſchen gegen fremde Nationen in dem naͤmlichen Artikel unverkenn⸗ bar. Er verſagt dem von einer fremden Staatsge⸗ walt emanirenden Rechtsſpruch, die Rechtskraft— la force de la chose jugée,— er verſagt im voraus der Requiſition eines fremden Gerichts um Huͤlfsvoll⸗ ſtreckung am Vermoͤgen eines, jenem fremden Gericht unterworfenen Verurtheilten, eine nachbarliche Folge⸗ leiſtung. Dieſe Folgeleiſtung war bisher in deutſchen Staa⸗ ten durch eine Art von volkerrechtlichen Princip ein⸗ gefuͤhrt. Noch ſtaͤrker zeigt ſich die Herrſchaft des naͤmli⸗ chen Princips bei den Beſtimmungen des Geſetzes uͤber den Verluſt der buͤrgerlichen Rechte. Sie gehen durch den Verluſt der Eigenſchaft ei⸗ nes Franzoſen, und durch diejenige peinliche Verur⸗ theilungen, welche den buͤrgerlichen Tod nach ſich zie⸗ hen, verloren. Im erſten Fall betrachtet das Geſetz den bisheri⸗ gen Franzoſen als Fremden, im zweiten als Geſtraf⸗ ten, nach dem todten Buchſtaben des Geſetzes, ſind beide in Beziehung auf bürgepliche duchuſijtet einander gleich. Wohl weiß Unterzeichneter, daß deutſche Bear⸗ beiter des franzoͤſiſchen Rechts dieſer Gleichſetzung wi⸗ derſprechen— namentlich Schmidt. Allein wo das Geſetz klar ſpricht, muͤſſen Auslegungen verſtummen. Die Jurisprudence des arréts uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand iſt mir nicht bekannt. 60 Das Geſetz ſpricht aber deutlich von einer pri- vation des droits civils par la perte de la qualits de Frangois und von einer privation des droits ci- vils par suite des condemnations judiciaires. Wenn die droits civils im einen wie im andern, Fall aufhoͤren, ſo bleibeu doch wohl nichts als die vom Geſetz verſchwiegenen oder unbeſtimmt gelaſſenen droits naturels uͤbrig. Darum ſind freilich der zum Fremden herabge⸗ ſunkene Franzoſe und der buͤrgerlich Todte einander in Ruckſicht ihres Verhaͤltniſſes zum franzoͤſiſchen Staat nicht gleich. Jener bleibt der Regierung, dieſer dem Strafgeſetz anheim gegeben. Jener hat die Beſtim⸗ mung ſeines Schickſals von der Weisheit des Kaiſers und des Staatsraths zu erwarten; auf dieſem laſtet der categoriſche Fluch des unerbittlichen Geſetzes. Jetzt erſt iſt die Beantwortung der Frage vorbe⸗ reitet, ob die Einfuͤhrung des vorkiegenden Titels des code Napoléon in den drei reſpectiven Staaten ohne oder mit Modiſicationen anzurathen ſey. Ich muß nach gewiſſenhafter Ueberzeugung ſo⸗ wohl jene als dieſe Frage verneinen. Der Einfuͤhrung ohne Modification ſtehen fol⸗ gende Widerrathungsgruͤnde im Wege. 1) der politiſche Grund und Zweck der Propaga⸗ tion des Code Napoléon ſteht in den drei reſpectiven Staaten der Aufnahme dieſes Titels geradezu im Wege. 2) der Unterſchied zwiſchen geſetgebender und regierender Gewalt, welcher dem Geſetz ſtillſchweigend zum Grunde liegt, findet ſich in der Verfaſſung der drei reſpectiven Staaten nicht. 3) Die Anwendung des Geſetzes wurde in ihren practiſchen Folgen, Familien zu Grunde richten und den nachbarlichen Frieden mit Frankreich und den Bun⸗ desſtaaten, ſtoͤren. i. 61 ad 1. Der politiſche Grund und Zweck der Propagation des Code Napoléon ſteht in den drei reſpectiven Staaten der Aufnahme dieſes Titels geradezu im Wege. Unterzeichneter kann es nicht zu oft wiederholen, die moͤglichſte Aſſimilation der Geſetzgebung und Ver⸗ faſſung der drei reſpectiven Staaten mit Frankreichs Inſtituten, iſt der Zweck der Aufnahme des Code Napoléon. Rur die Natur der Verhaͤltniſſe ſetzt dieſer Aſſi⸗ milation Grenzen. In Frankreich wurde das Geſetz sur la jouis- sance et Ia privation des droits civils durch das Hochgefuͤhl eines ſiegenden Volks erzeugt. Es war Forderung der Politik, das Indigenat durch glaͤnzende Vorzuͤge auszuzeichnen, und Frank⸗ reichs treuen Buͤrgern den großen Abſtand zwiſchen Franzoſen und Fremden kund zu thun. Ein ſolches— Weltherrſchaft vorausſetzendes und dadurch begruͤndetes— Geſetz, mußte die Welt⸗ herrſchaft des franzoͤſiſchen Namens befeſtigen und erweitern. Wir duͤrfen es uns nicht verbergen, meine Herren, die drei reſpectiven Staaten finden ſich in keinem glei⸗ chen Verhaͤltniß. Von Frankreich abhaͤngig, einſt berufen, unter ſeinem Schutz glucklich und bluͤhend zu werden, koͤn⸗ nen ſie auf die glanzvolle Stelle, welche Frankreich im Staatenſyſtem einnimmt, auch nicht die entfernte⸗ ſten Anſpruͤche machen. Es waͤre Eingriff in die hoͤhere Weihe, mit wel⸗ cher Frankreich ſeine Buͤrger umgeben konnte und durfte, wenn die reſpectiven Staaten ihren eignen Un⸗ 62 terthanen ein, dem franzoͤſiſchen nachgebildetes Indi⸗ genat beilegen wollten Der Sieger ſelbſt muͤßte dieſes Indigenat an⸗ maßend und laͤcherlich finden. Ich wenigſtens moͤchte gegen ihn die Verantwortlichkeit wegen Rachahmung eines, nur ſeinem Geiſte und Wuͤrde entſprechenden Inſtituts, nicht uͤbernehmen. ad 2. Der Unterſchied zwiſchen geſetzge⸗ bender und regierender Gewalt, wel⸗ cher dem Geſetz ſtillſchweigend zum Grunde liegt, findet ſich in der Verfaſ⸗ ſung der dreireſpectiven Staatennicht. Schon hier findet ſich Unterzeichneter genoͤthigt, der Behauptung der Großherzoglich Heſſiſchen Com⸗ miſſarien, daß Frankreichs Verfaſſung in den Gode Napoléon nicht unmittelbar verwebt ſey, zu wider⸗ ſprechen. Dieſer Widerſpruch— wie ich hier einmal fuͤr immer verſichere— ſchadet der hohen Achtung, wel⸗ che ich ihren Einſichten und Kenntniſſen widme, nicht. Indem das Geſetz sur la jouissance et la pri- vation des droits civils, die den buͤrgerlichen ſtill⸗ ſchweigend entgegengeſetzten, natuͤriichen Rechte nicht beſtimmt, hat es Frankreichs Buͤrger dem Schutz der Conſtitution und des Geſetzes, Fremde dagegen dem Schutz der Regierung uͤbergeben. Denn nur Fremde waren bei der Beſtimmung der droits naturels intereſſirt. Wo aber Frankreichs Geſetzgebung und Conſtitution ſchweigt, da bleibt der offne Spielraum der Weisheit der Regierung uͤber⸗ laſſen. Stumm, aber maͤchtig ſpricht dieſer Geiſt den philoſophiſchen Forſcher aus dem vorliegenden Titel an. Er adelt zu hoher Conſequenz, was eine einſei⸗ 63 tige Interpretation fuͤr Mangel und Unvollkommen⸗ heit erklaͤrt hatte.— Durch Conſtitution und Ge⸗ ſetzgebung uͤber ihr eignes Schickſal beruhigt, uber⸗ laſſen die Buͤrger mit Recht die Behandlung des Frem⸗ den der Politik und Humanitat einer kraftvollen Re⸗ gierung. Da in den drei reſpectiven Staaten Geſetzge⸗ bung und Regierung ſich durchaus in der einen und naͤmlichen Hand finden, ſo findet die Vorausſetzung, welche die Conſequenz und Vernunftmaͤßigkeit des franzoͤſiſchen Geſetzes rechtfertigt, in denſelben nicht ſtatt. Was die Grundverfaſſung der Regierung uͤber⸗ tragen hat, hat ſie auch der geſetzgebenden Gewalt anheim gegeben, und was dieſe beſtummt, bleibt auch der Regierung uͤberlaſſen. Es waͤre alſo— nach dieſer Verfaſſung— un⸗ gereimt, auch nur ſtillſchweigend zu ſagen: die buͤr⸗ gerlichen Rechte des Unterthanen hat die Geſetzgebung beſtimmt, die natuͤrlichen Rechte des Fremden dage⸗ gen hat die Regierung zu beurtheilen. ad z. Die Anwendung des Geſetzes wuͤr⸗ de in ihren practiſchen Folgen Fami⸗ lien zu Grunde richten, und den nach⸗ barlichen Frieden mit Frankreich und den Bundesſtaaten, ſtoͤren. Die Buͤrger eines großen, geruͤndeten, von Mee⸗ ren und Fluͤſſen umgebenen, von 30 Millionen Men⸗ ſchen bewohnten Staates, beruͤhren ſich meiſtens nur untereinander. In die unendliche Maſſe taͤglich neuer, durch den Wechſelverkehr des gemeinen Lebens erzengter Verhaͤltniſſe, werden verhaͤltnißmaͤßig, Auslaͤnder nur ſelten eingeflochten. 64 Die geſetlichen Folgen der Beruͤhrungen mit Ausländern, wie ſie auch beſtimmt ſeyn moͤgen, ma⸗ chen daher im Ganzen nur wenig Senſation. Waͤre die geſetzliche Folge jener Beruͤhrungen fuͤr den Fremden auch noch ſo nachtheilig, ſo treffen ſie doch nur dieſen; und faͤnde der Staat, dem der Frem⸗ de angehoͤrt, ſich auch noch ſo ſehr zu retorquirenden Beſtimmmungen bewogen, ſo wuͤrde die Wiedervergel⸗ tung doch nur im Ganzen wenige Baͤrger treffen. Waͤre vollends der, ſeine eignen Buͤrger gegen Fremde durch ein glaͤnzendes Indigenat auszeichnende Staat maͤchtig und weltherrſchend, ſo muͤßte es ihm leicht ſeyn, denn uͤblen Willen ſeiner Nachbarn zu vereitlen. In dieſer gluͤcklichen Lage findet ſich keiner der drei reſpectiven Staaten. Die Bewohner ſeiner uͤberall offnen, leicht er⸗ reichten Graͤnzen finden ſich mit ihren Grenznachbarn durch Heirathen, Dienſtanſtellungen, Veraͤndeiungen des Wohnorts, in täglichem Wechſelverkehr. Was wuͤrde dabei herauskommen, wenn Bun⸗ desſtaaten gegen einander die Grundſaͤtze aufſtellen wollten, welche das triumphirende Frankreich gegen die zu ſeinen Fuͤßen liegenden Nationen aufſtellen durfte? Wenn Raſſau ſagte: wer ohne Abſicht der Ruͤck⸗ kehr ſich im Auslande niederlaͤßt, verliert ſeine buͤr⸗ gerlichen Rechte; der eine halbe Stunde von der Grenze wohnende Bruder meines Unterthan beerbt ihn nicht. Muͤßte nicht jeder benachbarte Bundesſtaat ſeine eignen Unterthanen durch Retorſion ſchuͤtzen, oder ſich, um allen Beruͤhrungen mit den unfriedlichen Nach⸗ barn zu entgehen, in ſich ſelbſt abſchließen? Und wäre eine ſolche Abſchließung moglich? Mit welcher Klugheit koͤnnte man eine ſolche Ge⸗ ſetzgebung gegen die Bewohner des linken Rheinufers 65 geltend machen; mit welcher Conſequenz koͤnnte man ſie nicht gegen ſie geltend machen? Jeder Buͤrger in den drei reſpectiven Staaten wuͤrde ſich von ſeinen, in Deutſchland zerſtreuten Ver⸗ wandten abgeſchnitten finden. An die Stelle des freien, durch Zutrauen und gleiche etaſet bo⸗ ſeelten Verkehrs zwiſchen den Bewohnern der Staa⸗ ten des Rheinbundes, wuͤrde eine, allen Ueberreſt von Nationalität toͤdtende, Iſolation treten. ꝛ VI. Zweiter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſion uͤber den erſten Titel des er⸗ ſten Buchs des Code Napoléon sur la eu et la privation des droits ci- vils. lr7] Ee ich den abgebrochenen Faden meines bereits vorgeleſenen erſten Vortrags uͤber dieſen Gegenſtand wieder anknuͤpfe, ſey es mir erlaubt, einige muͤndli⸗ che Bemerkungen meiner verehtten Herren Concommiſ⸗ ſarien gegen jenen Vortrag, zu eroͤrtern. Es wurde behauptet, daß ich den Geiſt des Ti- tels nicht richtig aufgefaßt habe; daß es keineswegs die Abſicht der franzoͤſiſchen Geſetzgebung geweſen ſey, den Franzoſen vor dem Fremden durch ein hoͤchſt⸗ gläͤnzendes, den Fremden auf bloße natürliche Rechte zuruͤckverweiſendes Indigenat herauszuheben; daß die Gleichſtellung des zum Fremden herabgeſunkenen Franzoſen, mit dem buͤrgerlich Todten, in Hinſicht auf buͤrgerliche Rechte,— als Regel— denn aus andern Artikeln des Code Napoléon gehen al⸗ lerdings einzelne Aus nahmen hervor— keines⸗ wegs weder aus dem Buchſtaben, noch aus dem Geiſt des Geſetzes folge, daß eben ſo wenig behaup⸗ ——— — 67 tet werden koͤnne, der Franzoſe ſey dem Schutz der Geſetzgebung, der Fremde dagegen, als Individuum oder als Nation, in ſo fern ſie aus rechtsfaͤhigen In⸗ dividuen beſteht, der Weisheit der Regierung uͤber⸗ geben, daß endlich meine Irrthuͤmer theils aus der Diskuſſion, noch beſſer aber aus der Jurisprudence des arréts ſich beweiſen ließen ꝛc. Ich raͤume ein, daß meine Herren Mitkommiſ⸗ ſarien— umgeben von einer Fuͤlle litteraͤriſcher Huͤlfs⸗ mittel, die Art der Anwendung des Titels, oder die Jurisprudence des arréts beſſer kennen muͤſſen, als ich. Ich habe indeſſen meine Anſicht aus dem Inn⸗ halt des Geſetzes ſelbſt gerechtfertigt. Ich habe dieſes Geſetz nach hoͤhern Principien conſtruirt. Aus ihnen habe ich die Uebereinſtim⸗ mung des Geſetzes mit ſich ſelbſt dargethan, und die Zweckmaͤßigkeit ſeiner angeblichen Luͤcken bewieſen. Den Geiſt des Geſetzes athmet nicht ſowohl die Jurisprudence des arréts als die Diskuſſion. Denn wie oft hat die Anwendungsart der Gerichte den Geiſt und den Buchſtaben eines Geſetzes hin⸗ wegſchickanirt. Die von mir aufgeſtellten Saͤtze ſind folgende. Es ſey mir erlaubt, die Beweisſtellen jedes einzel⸗ nen Satzes aus dem Geſetz und aus dem treuen In⸗ terpreten der Diskuſſion, dem Staatsrathsſekretaͤr Locré beyzufuͤgen. ¹) Es gibt droits naturels, civils, politiques. Die erſten hat der Menſch, die zweiten der franzoͤſi⸗ ſche Buͤrger, die dritten der franzoͤſiſche Staats⸗ buͤrger. Die Richtigkeit dieſes Satzes wird von Nie⸗ mand beſtritten. 2) Die droits civils et politiques des franzöſi⸗ ſchen Rechts hat nur der Franzoſe, ſo daß die droits politiques auch die droits civils in ſich ſchteßen, nicht umgekehrt. 5 68 Der Art. g. ſagt: Tout franqois jouira des droits civils. Locrèẽ ſagt(I. 322.) pour jouir des droits ci- vils, il faut étre frangois; on se rappelle que harticle Z. a fait des droits civils un attribut tel- lement essentiel'de cette qualité, qu'on ne peut ni en étre privé tant qu'on la conserve, ni la con⸗ server quand on les perd. Alſo hat der Franzoſe als ſolcher alle buͤrger⸗ lichen Rechte; er verliert ſie ſaͤmmtlich durch den Ver⸗ luſt dieſer Eigenſchaft. 3) Der Fremde hat als ſolcher, und wenn nicht die im IIten u. 13ten Art. beſtimmten Ausnahmen eintreten, in Frankreich gar keine buͤrgerlichen Rechte; er hat blos natuͤrliche. Der Beweis liegt in Folgendem. In dem Pro- jet du code civil waren die Rechte der Fremden durch folgende Worte beſtimmt: Les étrangers jouissent en france de tous les avantages du droit naturel, du droit des gens et du droit civil proprement dit, sauf les modifi- cations 6tablies par les loix politiques qui les concernent. Der Sinn des Projekts ſtimmte mit der Abſicht der Assemblée constituante überein. Dieſe hat⸗ te Fremde und Franzoſen in Beziehung auf buͤrgerli⸗ che Rechtsfaͤhigkeit auf voͤllig gleichen Fuß ſetzen wol⸗ len. Das Projet du code civil dagegen nahm Modifieationen, welche das politiſche Geſetz einfuͤhren koͤnne, als moͤglich an.* Gegen das Projekt erinnerten die Appellations⸗ hoͤfe zu Rouen und in Paris, der Ausdruck droit des gens(jus gentium) ſtehe muͤſſig da, indem nicht von volkerrechtlichen Verhaͤltniſſen die Rede ſey, der Ausdruck droit civil proprement dit ſey unver⸗ ſtaͤndlich, weil man dadurch zum Irrthum verleitet 69 werde, daß es noch ein anderes droit civil in einem weiteren Sinn gebe. Der Staatsrath, von der Wahrheit dieſer Be⸗ merkungen uͤberzeugt, beſchloß hierauf folgende Faſ⸗ ſung des Artikels. LCtranger jouira en france des mẽmes droits civils, que ceux qui sont ou seront accordés aux franqois par les loix ou les traitẽs de la na⸗ tion, à laquelle cet étranger appartiendra(Lo⸗ crẽ 30.) Das Tribunat erinnerte dagegen, daß Frank⸗ reich die Behandlung des Fremden durch Staatsver⸗ traͤge ſelbſt beſtimmen muͤſſe, daß es dagegen un⸗ ſchicklich ſey, ſie von der Geſetzgebung fremder Na⸗ tionen beſtimmen zu laſſen. Irre ich nicht, ſo wurde dieſe Bemerkung in dem insgeheim berathſchlagenden Tribunat vorgebracht; ſie iſt von Looré nur aus den Observations manuscri- tes mitgetheilt worden(p. 310.). Wem iſt es aber aus der Geſchichte der in Frankreich erfolgten Staats⸗ veraͤnderungen nicht bekannt, daß dieſes Tribunat vielleicht noch mehr wie der Staatsrath vom Geiſt der Regierung beſeelt war und ihre Anſichten kannte und ausſprach? Wer wird daher mit den deutſchen Commentatoren glauben moͤgen, daß die Faſſung des Art. 11. wie wir ſie im Code finden, zufaͤllig ſey, oder daß ſie den Geiſt des Geſetzes nicht enthalte. Wer wird nicht lieber hoͤhere Weisheit, Zweck⸗ beſtimmung und Politik darin ahnden? Und wel⸗ che andre Politik darf man alsdenn vorausſetzen, als diejenige, welche ich in meinem vorigen Vortrag dargelegt habe? Ich bemerke dies nur im Vorbeigehen und eile zu Reſultaten. Wenn Frankreichs Tribunat den Ausdruck droit civil proprement dit, welches das projet du Code dem Fremden beilegen wollte, aus dem Grunde ver⸗ 70 warf, weil es kein droit civil proprement dit als Gegenſatz des droit civil dans une acception plus large gebe, wenn der Staatsrath und das Tribunat in der Regel dem Fremdem gar keine droits civils zuge⸗ ſtehen wollten, und nur uͤber die Beſtimmung der Ausnahmen nicht einig waren, ſo folgt wohl unaus⸗ weichlich, daß nach der Abſicht der franzoͤſiſchen Ge⸗ ſetzgebung der Fremde als ſolcher auf das bloße droit naturel reducirt werden ſollte. 4) Der buͤrgerliche Tod raubt ebenfalls die droits civils und laͤßt dem Geſtraften die bloßen droits naturels uͤbrig. Das erſtere ſagt Locré mit duͤrren Worten: Gelui qui perd la qualité de frangois et ce- lui, qui est frappé de mort civile, sont privés de leurs droits civils l'un et l'autre. Der zum Fremden herabgeſunkene Franzoſe, und der Fremde, der nie Franzoſe war, ſind hier⸗ nach doch wohl in Beziehung auf buͤrgerliche Rechts⸗ faͤhigkeit einander gleich, und zwiſchen einem droit civil proprement dit und einem droit civil dans un sens plus large, wird hier abermals nicht un⸗ terſchieden. Das letztere— daß naͤmlich der buͤrgerlich Ge⸗ ſtorbene auf natuͤrliche Rechte noch einen Anſpruch machen koͤnne, ſagt Locré an einer andern Stelle. (S. 385.) La mort civile õöte au condamné les droits civils, qui sont l'ouvrage de la loi, et un bien- fait, dont elle gratifie qui elle veut; il est au- dessus de son pouvoir, de lui öter la qualité d'homme, et les droits que la loi naturelle y attache,. 5) Der buͤrgerlich Todte ſteht daher dem Frem⸗ den, als ſolchem, in Beziehung auf buͤrgerliche Rechts⸗ faͤhigkeit in der Regel gegenuͤber. Das volle buͤr⸗ gerliche Leben iſt der hohe und glaͤnzende Vorzug des 1 franzoͤſiſchen Indigenats. Dieſer Satz iſt das un⸗ ausweichliche Reſultat aller vorhin dargelegten und bewieſenen Sätze. Daß die Parallele zwiſchen dem buͤrgerlich Tod⸗ ten und dem Fremden nicht durch den ganzen Code hindurch laͤuft, daß in einzelnen Artikeln dem letztern Befugniſſe beigelegt werden, welche der erſtere ver⸗ mißt, macht mich hierin nicht irre. Es war mir nur um die Darlegung der Grundanſicht, des herr⸗ ſchenden Princips, zu thun; die Politik der Geſetz⸗ gebung mußte ſelbſt es gebieten, von dem aus der Politik geſchoͤpften Princip Ausnahmen zu machen. Die Bekaͤmpfung dieſer Anſicht uͤber den Geiſt des Titels, wuͤrde zugleich den Beweis liefern, daß das Geſeß in hohem Grade ſchlecht und gegen die Ab⸗ ſicht ſeiner eigenen Urheber abgefaßt ſeyn. Von den genialiſchen Urhebern des Code Napoléon laͤßt ſich ein ſolcher Mißgriff nicht erwarten. Es wird mir auf jeden Fall leichter, von Maͤnnern, wie Frank⸗ reichs Legislatoren, ein mit hoher Politik berechnetes und vortreflich abgefaßtes, als ein aus der gemeinen und inconſequenten aͤltern Jurisprudence ohne Plan geſchoͤpftes und ſchlecht redigirtes Geſetz zu erwarten. Ein Indigenat, wie ich mir das franzoͤſiſche denke, iſt uͤbrigens in der Geſchichte keineswegs oh⸗ ne Beiſpiel. Die roͤmiſche Geſetzgebung kannte noch unter den Kaiſern ein aͤhnliches. Es umgab und be⸗ feſtigte die Glorie des Herrſchervolkes, deſſen Anden⸗ ken Rapoleon der Große in der Geſchichte zuruͤckge⸗ rufen hat. Nachdem ich es verſucht habe, in dem vorigen Vortrag zu zeigen, daß in den drei reſpectiven Staaten der Titel sur la jouissance et la privation des droits civils, ohne Modifikationen nicht aufge⸗ nommen werden koͤnne, eroͤrtere ich nun die Frage, 72 ob eine Aufnahme deſſelben mit Modifikationen an⸗ zurathen ſey? Vor allen Dingen bemerke ich, daß ein Geſetz aus ſeinem Zweck und nicht gegen ſeinen Zweck modificirt werden muß. Die Modiſikation eines Geſetzes gegen ſeinen iſt nichts anders, als die Vernichtung deſſel⸗ en. Frankreich hat durch ſein Indigenat ſeine Buͤr⸗ ger gegen Fremde hehr und glaͤnzend ausgezeichnet. Die ganze Fuͤlle dieſer Auszeichnung liegt in dem LIten Artikel. Wird dieſer Artikel ſo, wie es in Baiern ge⸗ ſchehen iſt, modificirt, ſo iſt ſein Geiſt erloſchen, und mit ihm die ganze Kraft des Geſetzes gelahmt. Es wird dann in Beziehung auf buͤrgerliche Rechtsfaͤhigkeit, ein gemeines, untergeordnetes In⸗ digenat gebildet, und der einzige Vortheil der Auf⸗ nahme des Geſetzes koͤnnte dann nur noch darin be⸗ ſtehen, daß die Bedingungen der Erwerbung und des Verluſtes deſſelben ſchaͤrfer und genauer, als nach gemeinem Recht beſtimmt waͤren. Allein ich hege Bedenklichkeiten gegen die Ein⸗ fuͤhrung und Befeſtigung irgend eines Indigenats— oder gegen irgend eine Nachbildung des Titels sur la jouissance et la privation des droits civils in den drei reſpectiven Staaten, Durch die Propagation des Code Napoléon uͤberhaupt ſoll das Innere der drei Bundesſtaaten mit Frankreich und mit den ubrigen Bundesſtaaten naͤher verbunden werden.. Jedes Indigenat zieht eine Scheidewand zwi⸗ ſchen Einheimiſchen und Fremden. Jedes in den drei reſpectiven Staaten neugebildete Indigenat wuͤr⸗ de daher die Scheidelinie gegen Frankreich und gegen alle andere Bundesſtaaten aufs neue befeſtigen. F o. 3 „ Jedes neue Indigenat wuͤrde eben darum dem —— ———————— 73 Geiſt der Sache widerſprechen, wuͤrde den Grund⸗ ſatz ſanktioniren, daß Heſſen und Naſſau, daß die Einwohner von Aſchaffenburg, Frankfurt und Re⸗ gensburg auf der einen Seite die Bewohner von Frankreich, auf der andern Baiern, Wuͤrtemberger, Wuͤrzburger u. ſ. w. ja, daß ſie ſich ſeibſt unter ei⸗ nander als Fremde betrachteten. Dies ſoll in der Folge— man darf dies ſicher annehmen— wenn einmal der große Foͤderativſtaat zu ſeiner vollen Konſiſtenz, wenn der Code Napo- léon zur allgemeinen Herrſchaft gekommen iſt— nicht mehr ſeyn, Franzoſen, Deutſche, Italiener, Spanier u⸗ ſ. w. ſollen kuͤnftig eine große, untereinander durch einerlei Geſetz im Frieden vereinigte Familie bilden. Auch die Rebenaͤſte des einzelnen deutſchen Zweigs dieſer Familie ſollen in einander harmoniſch verſchlungen werden Auch der ſtille Krieg, den Nationen gegen Na⸗ tionen durch politiſche, Fremde herabſetzende, den Ein⸗ laͤnder auszeichnende, Inſtitute, fuͤhren, ſoll unter den Mitgliedern des großen Foͤderativ⸗Syſtems auf⸗ oren. ² Das deutſche, italieniſche, ſpaniſche Indigenat ſoll verſchwinden, an ſeine Stelle ſoll ein europaͤi⸗ ſches Indigenat treten. Dies fordert der Geiſt der Propagation des Code Napoléon. Duͤrfen die drei reſpectiven Staaten dieſem Gei⸗ ſte entgegenhandeln? Duͤrfen ſie Ueberreſten des vorigen Zuſtandes, mit der Aufnahme des Code Napoléon und gegen den Zweck dieſer Aufnahme, ein fortdauerndes Da⸗ ſeyn ſichern 2 Duͤrfen ſie ein kleinliches, aͤngſtliche und jllihe⸗ rale Anſichten athmendes Indigenat me u begruͤnden, welches doch in wenig Jahren Napoleons Sonnen⸗ 3 S 3 — 3 3 E S 74 blick, gleich einem aus Suͤmpfen emporgeſtiegenen Nebel zerſtreuen wuͤrde?— Darf ſich ein noch ſo beſcheidenes Naſſauiſches Indigenat demjenigen gegenuͤber ſtellen, welches viel⸗ leicht einſt Napoleon der Große als europaͤiſches In⸗ digenat proklamiren wird? Nein, meine Herren, den Schoͤpfungen ſeines Genie's wollen wir nicht vorgreifen. Verzeihen Sie der Lebendigkeit meiner Ueberzeugung die Waͤrme meines Ausdrucks, denn Ihren Einſichten will ich dar⸗ um keineswegs vorſchreiben, Sein fuͤr Frankreich geſchaffenes, das kuͤnftige Staatenſyſtem gegen alles, was außer dieſem Sy⸗ ſteme liegt, ſchuͤtzendes und adelndes Indigenat, wol⸗ len wir durch Modifikationen nicht meiſtern und ver⸗ beſſern. Durch nichts koͤnnen wir unſere huldigende Ach⸗ tung gegen den großen Urheber des franzoͤſiſchen In⸗ digenats unzweideutiger darlegen, als wenn wir bei unſern hoͤchſten Committenten auf die Suspenſion des ganzen Titels sur la jouissance et la privation des droits civils antragen. Freilich werden die duͤrftigen, im Herkommen, oder in einzelnen Verordnungen enthaltene Beſtim⸗ mungen uͤber den Vorzug der Raſſauiſchen, Prima⸗ tiſchen, Heſſiſchen Eingebohrnen gegen Nichteinge⸗ bohrne fortdauern. Aber ſie werden nur fortdauern als ein hinfaͤlli⸗ ger Ueberreſt alter Einrichtungen, nicht als ein dem erhabenen Geſetzbuch Napoleons nachgebildetes neues Inſtitut. Sie werden fortdauern bis zum Zeitpunkt der Vollendung der großen civilrechtlichen Regeneration. Sie werden nicht einem, von der zuſammen⸗ geſeßten kleinen Geſetzgebungscommiſſion der Napo⸗ leoniſchen Geſetzgebung nachgebildeten Indigenat, ſondern nur Frankteichs eignen, reinen, zur Herr⸗ 75 ſchaft des mit Frankreich foͤderaliſirten Europas er⸗ hobenen Indigenat weichen. Nur ſo werden unſere erhabenen Souveraine der un⸗ angenemen Nothwendigkeit entgehen, wieder ruckwaͤrts zu ſchreiten, weil ſie zu weit vorwaͤrts gegangen waren. Sie werden— wenn ſie, ſtatt den Titel sur la jouis- sance et la privation des droits civils zu modifi⸗ ciren, ihn blos ſuspendiren— ſich nicht einſt ge⸗ noͤthigt finden, der Macht der Umſtände, und einer unter Napoleons Herrſcherruf ſich neu geſtaltenden politiſchen Weltordnung, ihr eignes in den, in dieſer Hinſicht zum Landrecht herabgewuͤrdigten Code Na⸗ poléon hineingeflochtenes Geſetz zum Opfer zu brin⸗ gen. Doch die menſchlichen Anſichten ſind verſchieden. Daß ich Sie, meine Herren, von der Wahrheit der meinigen uͤberzeugt habe, darf ich mir bei der Schwaͤ⸗ che meiner Talente kaum ſchmeicheln. Auf dieſen Fall nicht unvorbereitet, halte ich es fuͤr Pflicht, wenn dennoch der Titel sur la jouissan- ce et la privation des dr its civils ſollte fur re⸗ ceptionsfaͤhig gehalten werden, meine Anſichten uͤber die Art der Reception darzulegen. Daß eine Reception ohne Modifikationen un⸗ moͤglich ſey, habe ich ſchon oben gezeigt. Die Reception mit Modifikationen, iſt zwar aus den oben dargelegten Gruͤnden, nicht rathſam, aber unmoͤglich iſt ſie nicht. In den drei reſpectiven Staaten,— votrzuglich in der Stadt Frankfurt— beſteht ein, theils auf Herkommen, theils guf Verordnungen beruhendes Indigenat. Die Beſtandtheile deſſelben koͤnnen die aus⸗ ſchließenden, buͤrgerlichen Rechte der Raſſauiſchen, Heſſiſchen, Primatiſchen Unterthanen genannt werden. 76 Dies angenommen wuͤrde es einer neuen Be⸗ ſtimmung der Frage, worin die buͤrgerlichen Rechte beſtehen— eben ſo wenig beduͤrfen, als die buͤrger⸗ lichen Rechte im Code Napoléon aufgezaͤhlt worden ſind. Der„te Artikel— l'exercice des droits ci- vi's est indépendant de la qualité de citoyen, laquelle ne s'acquiert et ne se conserve que con- formément à la loi constitutionelle— wuͤrde muͤſſig und gehaltlos daſtehen, weil es in den drei reſpectiven Staaten an den Bedingungen ſeiner An⸗ wendbarkeit, an einer repraͤſentativen Verfaſſung und an einem Staatsbuͤrgerrecht fehlt.— Der Artikel wuͤrde ſich deshalb vorlaͤufig von ſelbſt ſuspendiren. Gegen die Anwendbarkeit des gten, oten und Loten Artikels laͤßt ſich nichts Erhebliches erinnern. Der rte Artikel— Létranger jouira en fran- ce des mémes droits civils que ceux qui sont ou seront accordés aux frangois par les traités de la nation à laquelle cet étranger appartiendra— iſt ſchlechterdings in einem Staat der rheiniſchen Con⸗ foderation gegen einen Staat der rheiniſchen Confoͤ⸗ deration nicht anwendbar. Baierns weiſe Geſetz⸗ gebung hat dies vollkommen erkannt. Sie hat den Inhalt deſſelben im 18ten und roten Artikel des allgemeinen buͤrgerlichen Geſetzbuchs fuͤr das Koͤnigreich Baiern auf folgende Art umge⸗ ſtaltet. Art. 18. „Dem Auslaͤnder wird nur die Ausuͤbung der⸗ jenigen buͤrgerlichen Privatrechte zugeſtanden, die der Staat, zu welchem der Auslaͤnder ge⸗ hoͤrt, den baieriſchen Unterthanen zugeſteht. „Werden in einem auswaͤrtigen Staate durch Geſetz oder beſondre Verfuͤgungen entweder Fremde im Allgemeinen, oder baieriſche Unter⸗ thanen insbeſondere, von dem Vortheile gewiſ⸗ 77 ſer Privatrechte ausgeſchloſſen, welche nach dort geltenden Geſetzen den Einheimiſchen zuſtehen; ſo iſt in Balern gegen deſſen Unterthanen der⸗ ſelbe Brundſatz anzuwenden. Art. 19. „Dieſes Retorſionsrecht kann indeffen nicht an⸗ ders, als nach beſonders eingeholter koͤniglicher Genehmigung von den Gerichten ausgeubt werden.“ Der Zweck des 19ten Artikels ſcheint mir nicht verborgen. Es ſoll jede, von auslaͤndiſchen Geſetzgebun⸗ gen oder Regierungen an Baieriſchen Unterthanen verubte, Unbilligkeit zur Kenntniß der hoͤchſten Staats⸗ gewalt gelangen. Die hoͤchſte Staatsgewalt ſoll dadurch veran⸗ laßt werden, ſich fuͤr die Abwendung des Unrechts, fur die Aufhebung des feindſeligen Geſetzes, oder der unnachbarlichen Verfuͤgung zu verwenden. Damit dieſes deſto wirkſamer geſchehen koͤnne, wird ſie betechtigt, in dem zur Retorſion geeigneten Fall die Retorſion nicht eintreten zu laſſen, mithin ihre eigne Bereitwilligkeit zu Beobachtung eines gleichen und billigen Rechts an den Tag zu legen. So liberal auch dieſe Anſicht ſeyn mag, ſo ſcheint ſie mir doch nicht ſtreng rechtlich⸗ Es iſt uͤberhaupt hoͤchſt mißlich, irgend eine recht⸗ liche Entſcheidung in einer reinen Civilſache von einer koͤniglichen Genehmigung abhaͤngig zu machen. Es wird dadurch die Frage uͤber Recht und Un⸗ recht, welche, ſo wie der Rechtsſtreit anhaͤngig ge⸗ macht wird, nach einem bekannten ſchon gel⸗ tenden Rechtsſaß, materiell entſchieden iſt, ſo daß dieſe Entſcheidung nur durch den richterlichen Aus⸗ ſpruch noch formell anerkannt werden ſoll, von ei⸗ ner kuͤnftigen noch unbekannten Verfuͤgung abhaͤngig gemacht. 78 Außerdem uͤbernimmt der das Recht der Re⸗ torſion einfuͤhrende Staat die Vertheidigung ſeiner Unterthanen gegen auswaͤrtige, unbillige und miß⸗ handelnde Geſetze. Aus der Uebernahme dieſer allgemeinen Verbindlichkeit, erlangt jeder einzelne Unterthan in jedem einzelnen Fall das Recht, durch⸗Aus⸗ uͤbung der Retorſion wirklich vertheidigt zu werden. Zur Abwendung der eigne Unterthanen betref⸗ fenden Folgen unbilliger fremder Geſetze und Ver⸗ fuͤgungen wird das in der Retorſion enthaltene Ue⸗ bel angekuͤndigt; zur Aufrechthaltung der Wirk⸗ ſamkeit der Ankuͤndigung wird es in einzelnen Faͤllen vollzogen. Daß die Folgen dieſer Vollziehung einen aus⸗ waͤrtigen Unſchuldigen treffen, kann nicht in Betracht kommen; denn jener Unſchuldige iſt Mitglied eines fremden buͤrgerlichen Vereins. Die Vollziehung der Retorſion ſoll den gan⸗ zen Verein in ihm treffen. Er muß als Glied des Ganzen fuͤr die Fehler des Ganzen ebenſo buͤßen, wie ihm ſeine Wohlthaten zu gut kommen. Macht man die Vollziehung der Retorſion in einzelnen Faͤllen von der koͤniglichen Genehmigung abhaͤngig, ſo iſt es freilich nicht anders, als wenn die Vollziehung eines Strafurtheils der Gnade des Regenten anheim gegeben wird. Bei einer Criminalſache iſt hiergegen nichts zu erinnern. Wo im Allgemeinen wie im Einzelnen, bei der Erlaſſung wie bei der Vollziehung des Straf⸗ geſetzes einzig und allein die Sicherheitsforderungen des ganzen Staatsvereins in Betracht kommen, da hat der Repraͤſentant dieſes Vereins, auch allein zu beurtheilen, was zum Schutz deſſelben zu thun und zu laſſen ſey⸗ Wo aber zugleich Rechte des Einzelnen, wo dein und Dein des Buͤrgers in der Mitte liegt, wie 79 das bei einer auszuuͤbenden Retorſion immer der Fall iſt, da kann kein Begnadigungsrecht eintreten. Nach meiner Einſicht waͤre daher die Behand⸗ lung des Fremden, ohne es in einzelnen Faͤllen auf eine koͤnigliche Genehmigung ankommen zu laſſen, nach demjenigen zu beſtimmen, was in ſeinem Lande gegen Fremde, als Fremde uͤberhaupt, oder der drei reſpectiren Staaten insbeſondere, nach Staatsver⸗ trag, Geſetz oder Herkommen, beobachtet wird. Ein⸗ zelne Regierungsverfuͤgungen fuͤr einzelne Ereigniſſe, ſo lange ſie nicht in die allgemeine Geſetzgebung uͤber⸗ gehen, koͤnnen hier nicht in Betracht kommen. Der xrte Artikel bleibt an und fuͤr ſich, da er ſich, ohne ſeinen Geiſt zu vernichten, nicht abaͤndern läßt, ſuspendirt. Er wuͤrde dagegen durch folgende Verordnung zu erſetzen ſeyn: Fremde genießen mit Einheimiſchen vor den Gerichten der drei reſpectiven Staaten, gleiche Privatrechte. Ungleiche Rechte genießen ſie nur in dem Fall, wenn die Rechtspflege ihres Staats gegen Frem⸗ de uͤberhaupt, oder gegen die Unterthanen der drei reſpectiven Staaten insbeſondere, ein un⸗ gleiches Recht beobachtet. Wird ein ſolches ungleiches Recht gegen Frem ⸗ de wirklich in Anwendung gebracht, ſo iſt die hoͤſte Staatsgewalt von der desfalſigen Rechts⸗ entſcheidung und den Grunden derſelben ſogleich zu benachrichtigen. Der 14. Artikel, in ſofern er folgende Dispo⸗ ſition enthaͤlt:— il pourra étre traduit devant les tribunaux de france pour les obligations par lui contractées en pays étranger, méme avec un étranger— haͤngt, wie ich es in dem vorigen Vor⸗ trag beruͤhrt habe, mit der franzoſiſchen Gerichtsver⸗ faſſung aufs genaueſte zuſammen. — 80 Ohne Storung nachbarlicher Verhaͤltniſſe kann er in den reſpectiven Staaten nicht eingefuͤhrt werden. Daß der deutſche Gerichtsgebrauch einen Arreſt zur Begruͤndung der Jurisdietion in der Hauptſache zuläßt/ und dadurch die Klage gegen einen im Aus⸗ lande wohnenden Fremden vor einheimiſche Gerichte bringt, kann nicht als Beweis angefuͤhrt werden, daß die Einfuͤhrung des 2ten Abſatzes des 14. Arti⸗ kels in den reſpectiven Staaten keine Neuerung hevor⸗ bringen wuͤrde. Ein ſolcher Arreſt ſetzt bewegliche Gäter und Ge⸗ fahr der Verſchleppung voraus. Dieſer Gefahr wegen wird der Arteſt zugelaſſen. Und weil der Richter des Arreſts am fͤglichſten uͤber die Hauptſache zu urtheilen im Stande iſt, weil die den Arreſt techtfertigende Gruͤnde auch gewoͤhnlich in die Hauptſache eingreifen, ſo erhebt der Gerichtsge⸗ brauch mit Conſequenz den Arreſtrichter zum Richter uͤber die durch den Arreſt geſicherte Forderung. Ein Landſaſſiat, welches den auswaͤrtigen Be⸗ ſitzer unbeweglicher Guͤter, auch in Anſehung perſoͤn⸗ licher Klagen einheimiſchen Gerichten unterwirft, kennt man im Herzogthum Raſſau nicht. Aus einem ganz andern Geiſt iſt der 14. Artikel hervorgegangen. Er beruht auf dem Grundſaß, daß die im Aus⸗ land erlaſſenen Urtheile in Frankreich keine Rechtskraft aben. Der deutſche Gerichtsgebrauch huldigt ſo ſehr. der entgegengeſetzten Maxime, daß ein deutſches Tri⸗ bungl unbedenk ich auf das, von einem fremden Ge⸗ richt erlaſſene Urtheil, eine actio rei judicatae zu⸗ 1 hei⸗ laͤßt. Ich muß daher auf die mit folgenden Worten zu faſſende Suspenſion dieſes Artikels ebenfalls an⸗ tragen. 81 Bleibt bis zu weiterer Verfuͤgung ſuspendirt doch kann gegen Fremde zur Begruͤndung der Gerichtsbarkeit in der Hauptſache, bei einheimi⸗ ſchen Gerichten, nach Beſchaffenheit der Um⸗ ſtaͤnde ein Arreſt ausgewirkt werden. Im zweiten Kapitel wuͤrde zwar die ganze erſte Sektion von Artikel 17. bis 21. in der Anwendung wenig Schwietigkeiten machen. Nur wuͤrde es im 18. Artikel der geſetzlichen Verfuͤgung: et qu'il renonce à toute distinction contraire à la loi frangoise, an einem Gegenſtand des Verzichts, mithin an dem Objekt der Anwendun fehlen. Eben fo wuͤrde beim 20. Artikel in Anſehung des Ausdrucks: les individus qui recouvreront la qualité de Frangois,— ne pourront s'en préva- loir— et seulement pour Fexercice des droits ouverts ã leur profit depuis cette&poque— die Frage entſtehen; was ſind das fuͤr droits? Nach der franzoͤſiſchen Geſetzgebung heißt das, um Beiſpiele anzufuͤhren, nichts anders, als, die Erbſchaften, welche der zum Fremden herabgeſunkene Franzoſe nicht beziehen konnte, und welche ihm, ohne ſeine Denaturaliſation wuͤrden eroͤffnet worden ſeyn, erlangt er, wenn er nachher wieder Franzoſe wird, nicht. Dies muͤßte allenfalls auf denjenigen Heſſen, Naſſauer, Frantfurter angewendet werden, der in ei⸗ nem Lande naturaliſirt worden waͤre, welches ſelbſt kei⸗ nen Heſſen, Raſſauer ꝛe. zu Erbſchaften zulaͤßt, und deſſen Einwohner nach dem Art. 11. ebenfalls der Retorſion wegen von Erbſchaften ausgeſchloſſen bleiben muͤſſen. Der in die drei reſpective Staaten verpflanzte Abſchnitt sur la privation des droits civils, par 6 82 suite de condemmations judiciaires wuͤrde in die⸗ ſen Staaten eine ſeltſame, und mit dem vorhergehen⸗ den nicht zuſammenhaͤngende Erſcheinung ſeyn. Nach dem Original handelt das 2te Kapitel des vorliegenden Titels von dem Verluſt der buͤrgerlichen Rechte. Der Verluſt erfolgt: a) durch das Herabſinken des Franzoſen zum Frem⸗ den; b) durch die Folgen von Strafurtheilen, durch wel⸗ che der Verurtheilte alle oder einzelne buͤrgerliche Rechte verliert. Das haͤrteſte dieſer Strafur⸗ theile hat den buͤrgerlichen Tod zur Folge. Hierbei muß ich die Bemerkung wiederholen, daß, ſo wie das Herabſinken des Franzoſen zum Fremden, den Inbegriff der droits civils raubt,(mit ein⸗ zelnen, in andern Artikeln des Code Napoléon be⸗ gründeten Ausnahmen) dieſer näͤmliche Inbegriff durch den burgerlichen Tod verloren geht. Es wuͤrde auffallen, wenn man in den drei re⸗ ſpectiven Staaten ſagen wollte, das Indigenat(durch die franzoͤſiſchen Worte: droits civils bezeichnet) geht verloren a) durch die Naturaliſation in einem fremden Staat, durch Annahme eines auswaͤrtigen Staatsamts, durch Annahme fremder Kriegsdienſte ohne Ge⸗ nehmigung des Souverains; b) durch den buͤrgerlichen Tod. Es wuͤrde dadurch die Meinung veranlaßt wer⸗ den, daß ein mit dem buͤrgerlichen Tod— einer der ſchrecklichſten Strafen— bedrohtes Verbrechen, und der Ueberzug in ein, eine Viertelſtunde von der Grenze liegendes Dorf gleich mißliche Handlungen ſind⸗ Von dieſer Vorſtellung muͤßte der Unterthan leicht zu einer andern uͤbergehen. Er muͤßte glauben, ſein Souverain habe ihn in ſeinem Lande bei buͤrgerli⸗ cher Todesſtrafe einſperren wollen. ⸗ 83 Dieſer Mißſtand iſt der Geſetzgebung Baierns nicht entgangen. Statt, wie im Code Napoleon im zweiten Kapitel des vorliegenden Titels geſchehen iſt, blos von dem Verluſt der Cwvilrechte zu handeln, und dann in einer erſten Sektion vom Verluſt der Civilrechte durch den Verluſt des Indigenats und in einet zweiten vom naͤmlichen Verluſt durch die Folgen von Straferkenntniſſen zu reden, handelt die Ueber⸗ ſchrift des aten Kapitels vom Verluſt des Indigenats und der Civilrechte, und die erſte Abtheilung von dem Verluſt des Indigenats, die zweite Abtheilung von dem Verluſt der Privat⸗ oder Civilrechte durch den buͤrgerlichen Tod. Hierdurch wird denn dentlich genug geſagt, daß im n keineswegs der Inbegriff der droits ci⸗ vils enthalten ſey, und daß der buͤrgerliche Tod und der Verluſt des Indigenats keineswegs mit einander parallel laufen. Da man ſo wenig in den drei reſpectiven Staa⸗ ten, wie es im Koͤnigreich Baiern geſchehen iſt, das Indigenat(die qualité de frangois) fuͤr einen In⸗ begriff der droits civils wird erklaͤren wollen, ſo wuͤr⸗ de in der Ueberſchrift des Titels eben die Modification ſtatt haben muͤſſen, welche im Koͤnigreich Baiern ſtatt gehabt hat. Nur dann wuͤrde nicht, wie im franzoͤſiſchen Ge. ſetz die mort civile der plénitude des droits civils gerade ſo gegenuͤber ſtehen, wie in der qualité de frangois die naͤmliche blenitude des droits civils enthalten iſt. Dann wuͤrde der Gegenſtand der erſten Sektion des zweiten Titels ganz vom Gegenſtand der zweiten Sektion verſchieden ſeyn, und belde ſich nur zufällig im nemlichen Titel vereinigt finden. 6* 84 Dies waͤre freilich vollkommen gegen den Geiſt des Code Napoléon, in welchem dieſe beiden Unter⸗ abtheilungen des Iten Kapitels dem Gegenſtand nach unzertrennlich mit einander verbunden ſind. Ich ſehe aber nicht ein, wie dem Uebel, wenn der Titel auf eine nicht alle beſtehende Verhaͤltniſſe umſtuͤrzende Art eingefuͤhrt werden ſoll, abzuhelſen ſey. Bei Durchgehung der Artikel 22. bis 32. dringt ſich die Bemerkung auf, daß unſere beſtehenden Straf⸗ geſetze den burgerlichen Tod nicht kennen. Gegen die Einfuͤhrung deſſelben laͤßt ſich nichts erinnern, ſie muß indeſſen einem kuͤnftigen Strafcoder vorbehalten bleiben. Durch die Aufnahme des Code Napoléon kann ſie nicht geſchehen; es werden dadurch nur eventuelle und zukuͤnftige buͤrgerliche Folgen beſtiment. Unter dieſer Vorausſetzung habe ich uͤber den Inhalt des Art. 22. bis 33. nur wenige Bemerkun⸗ gen zu machen. Im 23. Art. beduͤrfen folgende Punkte einige Pruͤfung. Im 4ten§. wuͤrde der Ausdruck ni concourir aux operations de la tutelle— durch welche der buͤr⸗ gerlich Geſtorbene vom Familienrath, und von der kontrollirenden Vormundſchaft ausgeſchoſſen wird, muͤßig da ſtehen, wenn man einſehen ſollte, daß die Einfuͤhrung der franzoͤſiſchen Vormundſchaft zur Zeit noch den groͤßten Schwierigkeiten ausgeſetzt iſt. Doch moͤgen einzelne Verfuͤgungen, welchen es nur an den Bedingungen der Anwendbarkeit, an den dazu gehoͤrenden Inſtituten fehlt, unbedenklich ſtehen bleiben. Dagegen kann ich den Zten§. des 25. Artikels unmoͤglich ſtillſchweigend vorubergehen. 85 Er vernichtet die buͤrgerlichen Wirkungen einer, von dem zum buͤrgerlichen Tode Verurtheilten fruͤher eingegangenen Ehe. Hier greift das buͤrgerliche Geſetz in eine, durch die Macht der Sitten und der Meinung geheiligte Ver⸗ bindung. Die Verehelichten werden gegen ihren Willen eben ſo auseinander geriſſen, als wenn ſie im Inceſt, oder in einer verbotenen Verbindung lebten. Die treue Gefaͤhrtin des Mannes, den vielleicht ungluͤckliche Lagen und Einwirkungen in Verhaͤltniſſe ſtuͤrzten, in welchen er als Opfer des Geſetzes fallen mußte, wird zur Beiſchlaͤferin herabgewuͤrdigt; eine edle Handlung wird mit Schande gebrandmarkt. Alles, was man zur Vertheidigung dieſer Ver⸗ fuͤgung geſagt hat, iſt, daß ſie durch Conſequenz ge⸗ boten werde, daß das franzoͤſiſche Geſetz die Ehe als ein rein buͤrgerliches Verhaͤltniß betrachte, daß das Inſtitut ſelbſt, ſamt allen ſeinen Folgen dem droit civil angehoͤre, und daß derjenige, der dem drit ci- vil nicht mehr angehoͤrt, auch in einer guͤltigen Ehe nicht mehr leben koͤnne. Wenn— wie ich in der Folge zeigen werde— die Ehe ein moraliſch religioͤſes Inſtitut iſt, ſo kann ein von den Sitten und der religioͤſen Meinung ge⸗ ſchlungenes und vom Staat in dieſer Eigenſchaft anerkanntes Band, vom buͤrgerlichen Geſetz gegen den Willen der Vereinigten nicht getrennt werden. Hiernach wäre die Einfuͤhrung des Zten§. des 25. Artikels des Code Napoléon in einem Staat, welcher die Ehe als religidſes Inſtitut anerkennt, nicht einmal eine Forderung der Conſequenz. Irre ich aber nicht, ſo giebt es noch etwas Hoͤhe⸗ res upd Heiligeres, als juriſtiſche, oder wenn man 86 will, geſekliche Conſequenz. Dieſes Hohere und Hei⸗ ligere heißt Humanitaͤt. Wie koͤnnte ein Geſetzgeber des neunzehnten Jahr⸗ hunderts die Wahrheit mißkennen, daß Recht und Geſetz nur um der Menſchheit willen, keineswegs die Menſchheit um des Geſetzes und des Rechts willen da ſey2 Sollte dies dennoch der Fall ſeyn, ſo wuͤrde ich dieſem Geſetzgeber die Worte des groͤßten Legislators des neunzehnten Jahrhunderts uͤber den naͤmlichen Artikel zurufen: „15 socicté est assez vengée par Ja condemna- tion, lorsque le coupable est privé de ses biens, lorsqu'il se trouve scparé de ses amis, de ses habitudes. Faut-il étendre la peine jusqu'à la femme, et l'arracher avec violeuce à une union qui identifie son existene avee celle de son époux? Elle vous dirait: mieux valait lui öter la vie; du moins me serait-il permis de chérir sa womoire, mais vous or- donnez qu'il viyra, et vous ne voulez pas que je le console!“ Groces verbaus 5 6 Der Bte§. des 25. Artikels konnte indeſſen durch wenig Worte geaͤndert und ſo gefaßt werden, daß die Humanitat nicht dadurch beleidigt wird. Statt die Ehegattin des zum burgerlichen Tod Verurtheilten zu zwingen, ihn zu verlaſſen, und die Ehe als aufgeloſt zu betrachten, ſielle man es ihrer Willkuͤhr anheim, eine Ehetrennung zu fordern. Der Artikel waͤre daher dahin abzuaͤndern: Die vorher eingegangene Ehe kann auf Verlangen des unſchuldigen Ehegatten in Anſehung aller ihrer buͤrgerlichen Wirkungen aufgeloſt werden. Ich kann indeſſen nicht dringend genug den Wunſch wiederholen, daß der Titel, da er ſeinem Geiſt nach 6 37 nicht eingefuͤhrt werden kann, lieber gar nicht moͤge eingefuͤhrt werden. Rach meiner Einſicht liegt die Aufnahme deſſel⸗ ben jetzt außer dem Kreiſe der weltherrſchenden Politik des Protektors. Ich kann daher— von welcher Seite ich auch die Sache betrachten moͤge— fuͤr die Einfuͤhrung deſſelben keinen einzigen anrathenden Grund ent⸗ decken. Vorgetragen am 23. Sept. 1809. v. Almendingen. VII. Erſter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Com⸗ miſſion uͤber den zweiren Titel des erſten Buchs des Code Napoléon sur les actes de Tetat civil. l2ol Geburt, Ehe und Sterbefall begründen und been⸗ digen alle Rechtsfaͤhigkeit der Individuen. Die Bemerkung derſelben hat fur die Geſellſchaft die hoͤchſte Wichtigkeit. Dieſer Beurkundung hatte ſich bisher die Kirche bemaͤchtigt. Sie fuͤhrte das Verzeichniß ihrer neu erworbenen und abgehenden Mitglieder. Aus ihren Notizen ſchoͤpfte die buͤrgerliche Geſellſchaft die Nach⸗ richten, deren ſie hedurfte. So lange die Kirche den Staat beherrſchte, ſo lange der Staat in der Kirche vorhanden war, war dieſe Einrichtung conſequent. Ueber den Altar erhob ſich der Thron. Der Staat loſte ſich von der Kirche ab. Es gab Mitglieder des Staats, welche keine Kirchenmitglieder waren. Run wurde die Einrich⸗ tung inconſequent. Denn fuͤr die nicht zur Kirche ge⸗ hoͤrenden Mitglieder der buͤrgerlichen Geſellſchaft wur⸗ den keine Geburts⸗, Ehe⸗ und Sterbe⸗Regiſter ge⸗ fuͤhrt. —— 89 Die franzöſiſche Revolution ſtuͤrzte den Altar voͤllig. Sie ſtellte den Grundſatz auf, daß der Staat uͤber die Geburten, Ehen und Sterbefaͤlle ſeiner Buͤr⸗ ger ſeine eignen buͤrgerlichen Regiſter zu fuͤhren habe, und daß ihn die kirchlichen nichts angingen. Napoleon der Große gab der Kirche ihren Glanz, dem Prieſterthum ſeine Wuͤrde wieder. Aber zur— Staatsherrſchaft erhob er die Kirche nicht. Er pro⸗ klamirte den Grundſatz, daß die katholiſche Religion die Religion der großen Majoritaͤt der Nation ſey. Die Unabhaͤngigkeit des Staats von der Kuche ließ er ſtehen, und die Kirchenregiſter hob er zu ihrem vo⸗ rigen Anſehen nicht, i Daher das vorliegende, den Geiſt der Staats⸗ verfaſſung athmende, ihr unentbehrliche Geſetz. Es werden dadurch fuͤr die Verzeichnung der Ge⸗ burten, Ehen und Sterbefaͤlle eigne Staatsbeamte angeſtellt. Sie werden Officiers de I'état civil genannt. Die von ihnen gefuͤhrten Buͤcher heißen Registres de l'état civil; die Beurkundungen ſelbſt actes de l'etat civil. Das Princip, aus welchem das Geſetz hervorge⸗ gangen iſt, iſt edel und liberal. Wir duͤrfen und koͤnnen es nicht mißkennen, daß es in den drei reſpectiven Staaten zwar dem Geiſt, aber noch nicht dem Buchſtaben nach herrſcht. Der Grundſatz, daß der Staat als ſolcher keiner beſtimm⸗ ten Kirchengeſellſchaft angehoͤre, dieſer Grundſatz ſpricht ſich in den liberalen Handlungen der reſpectiven Regierungen ans. Aber in der Verfaſſung iſt er noch nicht ſichtbar dargeſtellt. Er iſt bei uns adminiſtrativer, nicht conſtitutio⸗ neller Grundſatz.. Es fragt ſich daher vor allen Dingen, ob das Geſetz sur les actes de l'état civil, wenn die Idee, bei der erſten und partiellen Einfuͤhrung des Code Na- 90 poléon, an der beſtehenden Verfaſſung noch nichts zu aͤndern, Beifall erhalten ſollte— zu ſuspendiren, oder ſchon jetzt mit Modificationen einzufuͤhren ſey? Mit der, meinen verehrten Herren Mitkommiſſa⸗ rien dargelegten Grundanſicht im Einklang, muß ich auf Suspenſion des ganzen Titels antragen. Indeſſen wird bei einer kuͤnftigen Organiſation kein Geſetz leichter einzufuͤhren ſeyn, als das vorlie⸗ gende. Bei keinem laſſen ſich nach meiner Anſicht zweck⸗ maͤßigere, aus dem Geiſt der Sache ſelbſt hervorge⸗ hende Modificationen anbringen. Ich trage deshalb kein Bedenken, dieſe Modi⸗ ficationen ſogleich vorzuſchlagen. Der ganze Titel zerfaͤllt in ſechs Kapitel. Das erſte Kapitel enthalt allgemeine Verfuͤgun⸗ gen und Grundſaͤtze. Es verdienen folgende heraus⸗ gehoben zu werden; 1) der ſogenannte Civilſtandsbeamte erſcheint als Staatsdiener. Seine Funktion iſt mit jedem andern Geſchaͤft vereinbar. Doch kann nicht wohl ein anderer als ein Mitglied der Gemeinde, und zwar nur fuͤr dieſe Gemeinde damit beauf⸗ tragt werden. 2) der Civilſtandsbeamte fuhrt üͤber Geburten, Ehen und Sterbefaͤlle ein eignes dopoeltes Repiſter. 3) das eine Regiſter bleibt im Gemeinde⸗Archivz das andere wird an die Regiſtratur des Tribunals erſter Inſtanz, unter welchem die Gemeinde ſtehr, abgegeben. 4) Jeder kann, ohne ein ſpecielles Intereſſe nach⸗ zuweiſen, Auszuͤge aus dem Regiſter begehren. Der Auszug wird durch den Praͤſidenten des Ge⸗ richts legaliſirt. Er beweißt ſo lange, bis eine Falſchungsklage(inscription en faux) dagegen erhoben wird. 91 5) Die Controlle über die Regiſter fuhrt der pro- cureur imperial; er zeigt die von ihm entöeck⸗ ten Fehler dem Gericht an, und dringt auf die Vollziehung der geſetzlichen Strafe. 6) der Fehler wird dennoch ſelbſt nicht von Amts⸗ wegen, ſondern erſt auf Anſuchen der Partei verbeſſert. 7) In die Regiſter darf nichts eingetragen werden, als was die Parteien freiwillig angeben und an⸗ geben müſſen. Anzeigen von Umſtaͤnden, welche das Geſetz nicht wiſſen will, Antworten auf will⸗ kuͤhrliche Fragen des Civilſtandsbeamten durfen nicht eingezeichnet werden. Das zweite Kapitel handelt von der Beurkundung der Geburt. Das dritte Kapitel von den Heirathsurkunden. Ich glaube zu Erſparung von Zeit und Raum den Inhalt beider Kapitel ubergehen und als bekannt vorausſetzen zu konnen. Aufgebot und Trauung ſind von einander getrennt. Beide verrichtet der Civil⸗ ſtandsbeamte. Das Aufgebot wird in einem beſon⸗ deren Regiſter verzeichnet. Eben ſo uͤbergehe ich den Inhalt des vierten und fuͤnften Kapitels, welche von der Beurkundung der Sterbefaͤlle und von der Beurkundung des buͤrgerli⸗ chen Standes der Militärperſonen, welche außer dem Gebiet des Reichs im Felde ſtehen, handeln. Das ſechſte Kapitel enthält Vorſchriften uͤber die Rectification der Urkunden des Civilſtandes. Ich gehe nun ohne mich weiter beim Inhalt des Geſetzes zu verweilen, zur Nutzanwendung über. Das vorliegende Geſetz des Kodex Napoieon ruht auf einer philoſophiſchen Baſis. Es gehoͤrt zu den beſſeren Fruͤchten der Revolu⸗ tion, obgleich Mängel des Details darin ſichtbar ſind. Dennoch zeigen ſich bei der Verpflanzung deſſel⸗ K 92 ben auf deutſchen Grund und Boden mancherlei Schwierigkeiten. Die beſtehende Geſetzgebung, welche den Staat an die Kirche verweiſt, wenn er Rachrichten uͤber Geburt, Ehe und einen Sterbefall verlangt, geht freilich von einem einſeitigen und illiberalen Geſichts⸗ punkt aus. Die Kirche fuͤhrt die Kirchenbuͤcher hlos fuͤr ihre Mitglieder Sie verſtummt, wenn der Staat nach der Geburt, Ehe und dem Sterbefall eines Buͤr⸗ gers fragt, welcher zur Kirche nicht gehoͤrt, z. B. ei⸗ nes Juden. Die franzoͤſiſche Geſetzgebung bricht mit Recht dieſer intoleranten Einſeitigkeit den Stab. Sie gibt dem Staat, was des Staats, und der Kirche was der Kirche iſt. Sie entbindet letztere von der Verwaltung eines nur zufällig fuͤr den Staat gefuͤhrten Amts. Sie ernennt einen fuͤr die Beurkundung der Ge⸗ burten, Ehen und Sterbefaͤlle verpflich⸗ teten Staatsdiener. Aber hierin liegt gerade die Schwierigkeit der neuen Einrichtung. Der ſogenannte Ofcier de Tétat civil kann auf dem Lande niemand anders, als der Bauernvorſteher einer Gemeinde von Bauern ſeyn. In den reſpectiven Staaten wuͤrden in Gemaͤßheit der unmodificirten Einfuͤhrung des Kodex Napoleon, ſtatt der Pfarrer, Heimberger und Dorſſchultheiſen die Ge⸗ burts⸗, Heiraths⸗ und Sterberegiſter fuͤhren. Iſt von dieſen, oft des Schreibens unerfahrnen, auf je⸗ den Fall an Geſchaͤftsordnung auf keine Art gewoͤhn⸗ ten Menſchen, eben die Ordnung und Puͤnktlichkeit zu erwarten, welche in Pfarr⸗ und Kirchenbuͤchern herrſcht? Soll man ihnen uͤberhaupt ein Geſchaͤft an⸗ vertrauen, welches die Geſetzgebung mit Recht fuͤr hoͤchſt wichtig, fuͤr die Baſis der Familien⸗ und der meiſten Eigenthumsrechte haͤlt? Außer den Pfarrern finden ſich in einem ganzen Amt nur noch die Beamte— moͤgen ſie in Friedens⸗ 93 richter umgeſchaffen werden oder nicht— oder die Ae⸗ tuarien oder Regiſtratoren derſelben, welchen man das Geſchaͤft mit Sicherheit anvertrauen koͤnnte. Allein der Code Napolcon verlangt— ich glaube mit Recht— daß das neugebohrne Kind dem Ofcier de létat ci- vil vorgezeigt werde. Dieſe Vorzeigung war in Frank⸗ reich, deſſen Juſtitzannalen ſo viele Beiſpiele von Ver⸗ wechſelung der Kinder und ſogenannten suppressions d'état liefern, doppelt nothwendig. Um das Amt, den Friedensrichter oden den Amtsacturius zu erreichen, muͤßte der Vater oder die Hebamme das neugebohrne Kind oft drei bis vier Stunden tragen; dies leidet der Zuſtand deſſelben nicht. Auch wuͤrde die Laſt fuͤr die Eltern unertraͤglich ſeyn. Alſo iſt auch dieſes Aus⸗ kunftsmittel als unausfuͤhrbar zu verwerfen. Endlich wird nichts ſchwerer ſeyn, als den Land⸗ mann und uberhaupt den bei weitem zahlreichern min⸗ der gebildeten Theil des Volks an eine ſolche Ordnung zu gewoͤhnen, und ihm— bei Geburten, Heirathen und Sterbefaͤllen— den gewohnten, durch Vorur⸗ theil und Religion lieb gewordenen Pfarrer, durch den Dorfſchultheiſen, Heimberger, Friedensrichter oder Amtsactuarius zu erſetzen. Die Schwierigkeiten werden ſich bei Geburten und Sterbefällen, ſie werden ſich aber noch weit mehr bei Heirathen zeigen. Der Bauer und gemeine Buͤrger laͤßt ſein Kind taufen. Dies muß er, weil es ihm ſein Katechis⸗ mus befiehlt, und weil ihm das Seelenheil ſeines Kin⸗ des am Herzen liegt. Er wuͤrde bei dem Gedanken, es ungetauft zu laſſen, und dem Pfarrer die Geburt deſſelben nicht anzuzeigen, zuruͤckſchaudern. Bei Gelegenheit der Taufe erfolgt aber die Einſchreibung ins Taufbuch und der Staat erfaͤhrt, was er wiſſen will. So verbuͤrgen die Religionsbegriffe des Volks dem Staat die Erreichung ſeiner, von dieſen Be⸗ griffen ganz unabhaͤngigen, Zwecke. 7 1 94 Dieſe Buͤrgſchaft verſchwindet, ſobald dem Pfar⸗ rer ein Oficier l'état civil und dem Kirchenbuch ein baͤrgerliches Geburtsregiſter ſubſtituirt wird. Von der Wichtigkeit deſſelben hat der Landmann keinen Be⸗ griff. Die Furcht, ein ihm theures, unſchuldiges We⸗ ſen der Gefahr von der Holle verſchlungen zu werden, blos zu ſetzen, treibt ihn auch nicht zur Anzeige der Geburt deſſelben bei dem ihm gleichguͤltigen Regiſter⸗ fuͤhrer. Alſo muͤßte buͤrgerliche Strafe den Abgang der, in der Furcht vor uͤberſinnlichen Uebeln erhalte⸗ nen Triebfeder erſetzen? das franzoͤſiſche Geſetz hat keine verordert. Es hat ſogar die, in einer fruͤhern Verordnung vom Jahr 1792 denjenigen, welche die Geburt eines Kindes icht dem Olcier de Tétat ci- vil anzeigen wuͤrden, angedrohete Strafen aufgeho⸗ ben. Der Redner des Staatsraths Thibeaudeau druͤckte ſich hieruͤber auf folgende Art aus:„die vom Geiſetz aufgegebene Anzeige der Geburt iſt in Hinſicht der Zeugen derſelben, und der Aeltern des Kindes nur ein Rath, nur eine Erinnerung an ihre Pflicht. Man beſorgte, daß Strafen von der Mutter die Huͤlfslei⸗ ſtungen der Freundſchaft, der arztlichen Wiſſenſchaft, des Mitleids in einem Augenblick entfernen wuͤrden, in welchem ſie einem ſchwachen Weſen das Daſeyn ge⸗ geben hat, und fuͤr ſich und ihr Kind Huͤlfe bedarf. Wer moͤchte Zeuge einer Thatſache ſeyn, wegen wel⸗ cher er vielleicht unſchuldig gerichtlich in Anſpruch ge⸗ nommen, und zu Geld⸗ oder Gefaͤngniß⸗Sttafe ver⸗ urtheilt werden koͤnnte? Auſſerdem muͤßte— um die Unterlaſſung einer Geburtsanzeige beſtrafen zu koͤn⸗ nen, ein Termin feſtgeſetzt wrrden, binnen welchem ſie geſchehen ſoll. Waͤre nun wegen Umſtände, wel⸗ che der Geſetz zeber nicht vorausſehen kann, die Anzeige binnen der vorgeſchriebenen Zeit nicht erfolgt, ſo wuͤr⸗ de ſie gar nicht geſchehen. Man wuͤrde die Geburt des Kindes verheimlichen, um ſich keiner Strafe durch eine verſpaͤtete Anzeige blos zu ſetzen. So wuͤrden 95 die zur Sicherung des buͤrgerlichen Rechtszuſtandes getroffenen Maasregeln umgekehrt dieſen Rechtszu⸗ ſtand compromittiren.“— Dieſe Gruͤnde uͤberzeugen mich zwar nicht ganze Sie zeigen, indeſſen, wie mißlich die Beſtrafung der unterbliebenenen Anzeige der Geburt eines Kindes bei der buͤrgerlichen Behoͤrde ſeyn wuͤrde. Sie zeigen, wie mißlich ſelbſt der franzoͤſiſche Geſetzgeber ſie gehalten habe. Nicht ganz die naͤmlichen, aber andere Schwie⸗ rigkeiten treten bei Sterbfaͤllen ein. Nicht der Ein⸗ tragung ins Kirchenbuch und der Sicherung des buͤr⸗ gerlichen Rechtszuſtandes der Nachkommenſchaft, ſon⸗ dern des ehrlichen und chriſtlichen Begraͤb⸗ niſſes wegen, zeigt der Landmann das Abſterben eines Angehoͤrigen dem Pfarrer an. Es iſt wieder kirchliche Meinung, es iſt, wenn man will, religioſes Vorurtheil des Volks, welches der Erreichung des Staatszwecks die Hand bietet. Muͤßte es nicht des Begraͤbmiſſes wegen geſchehen, ſo wuͤrde der Land⸗ mann dem Pfarrer vom Abſterben ſeiner Aeltern, Kin⸗ der, Geſchwiſter und Verwandten gar nichts kund thun, und die Eintragung ins Kirchenbuch wuͤrde ganz unterbleiben. Soll er alſo außer dem Pfarrer noch bey einer andern buͤrgerlichen Behoͤrde feierliche Declarationen abgeben, mehrere Zeugen zuziehen, Nachrichten uͤber die Herkunft des Ver⸗ ſtorbenen, den Geburtsort, Namen ſeiner Aeltern n. — Dinge, von welchen er oft ſelbſt nichts weiß— mittheilen, ſo iſt vorauszuſehen, daß die Anzeige, zu welcher kein Intereſſe und kein Vorurtheil den An⸗ zeigenden verbindet, oft ganz unterbleiben wird. Die buͤrgerlichen Staatsregiſter werden unvollſtaͤndig ſeyn⸗ Sie werden dieſer Unvollſtändigkeit wegen keinen 96 Werth haben. Um Vollſtaͤndigkeit zu erlangen, wird man zu Strafen, welche das franzoͤſiſche Geſetz nicht einmal verlangt, ſeine Zuflucht nehmen muͤſſen, Ein trauriger Nothbehelf, zu welchem ich indeſſen doch rathen wuͤrde, wenn nun von den Regiſterfuh⸗ rern Ordnung und Puͤnktlichkeit zu erwarten waͤre. Die groͤßte Schwierigkeit endlich wird die Ein⸗ fuͤhrung des franzoͤſiſchen Geſetzes in Hinſicht der Hei⸗ rathsformalitaͤten finden. Richt blos der ſogenannte kirchliche Aufruf wird ſtillſchweigend fuͤr uͤberfluͤßig er⸗ klaͤrt, und einer buͤrgerlichen Behoͤrde uͤbertragen. Auch die Trauung oder die Vereinigung der Reuver⸗ ehlichten faͤllt dem Staat anheim, und geſchieht von einem, mit dem Namen Maire detorirten Dorfſchult⸗ heiſen oder Heimberger im RNamen des Staats. Dieſe Vereinigung wird abſolut erfordert, die kirchliche dagegen dem Gewiſſen uͤberlaſſen. Gegen dieſe Ver⸗ eingungsform aber werden ſich alle Vorurtheile des Volks, und ſelbſt Gefuͤhle empoͤren, welche ſich viel⸗ leicht ſehr truͤbe ausſprechen moͤgen, deren Quelle aber darum nicht weniger achtungswuͤrdig iſt. Es iſt et⸗ was Hoͤheres in dem Gedanken, daß das wichtigſte Geluͤbde des haͤuslichen Lebens im Angeſicht einer un⸗ ſichtbaren und uͤberſinnlichen Macht abgelegt, daß eine Vereinigung, deren zarte Faͤden die ganze Geſellſchaft umſchlingt, und welche die Gegenwart und Zukunft umfaßt, unter der Garantie dieſer Macht geſchloſſen werde. Bei allen Voͤlkern der alten und neuen Welt war die eheliche Vereinigung eine religioͤſe, am Fuß der Altaͤre vorgenommene Handlung. Unſer ſogenann⸗ tes philoſophiſches Zeitalter hat vom Begriff der Ehe den religioͤſen Nimbus weggeſtreift, und ſie fuͤr einen bloßen buͤrgerlichen Contract erklärt. Um recht conſe⸗ quent zu bleiben, geht die franzoͤſiſche Civilgeſetzgebung noch einen Schritt weiter, und verlangt, daß dieſer buͤrgerliche Contract, damit ihn der Staat als ſolchen 97 anerkenne, auch in einer buͤrgerlichen Form abgeſchloſ⸗ ſen werde. Ich habe allen Reſpeet vor der Cenſequenz, und vor reinen ſtaatsbuͤrgerlichen Anſichten. Ich ſehe aber nicht ein, warum es abſolut der Kopulation des Meire im Namen des Staats beduͤrfe, um der Ehe vor den Augen des Staats die Wuͤrde eines buͤrgerlichen Con⸗ tracts zu ertheilen. Ich dächte jeder Contract, werde er mit oder ohne Eid, unter oder außer der Sanction einer herrſchenden oder nicht herrſchenden Kirche geſchloſſen, konne auch fuͤr den Staat guͤltig ſeyn, mithin vom Staat als ein buͤrgerlicher Con⸗ tract betrachtet werden, ohne daß es noch einer beſon⸗ dern Sanction deſſelben im Namen des Staats noth⸗ wendig bedarf. Die kirchliche Trauung gibt dem Con⸗ tract jene Publicitaͤt, welche der Staat mit Recht for⸗ dert, und wes halb er die Einſchreibung in das den buͤr⸗ gerlichen Rechtszuſtand beurkundende Regiſter verlangt. Sie gibt ihm einen Charakter von Ernſt und Wuͤrde, welchen die buͤrgerliche Trauung ihm nicht gibt. Der ſinnliche an Abſtraction nicht gewoͤhnte Menſch wird in der kirchlichen Trauung die Weihe der Ehe durch eine hoͤchſte moraliſche, unſichtbare, in einer uͤberirrdiſchen Sphaͤre wirkenden Macht wahrnehmen, indeß die buͤr⸗ gerliche Trauung und der damit verbundene Begriff eines dieſe Trauung ſanctionirenden Staats, ihm wohl das Bild von phyſiſcher Gewalt, allein eben nicht das Bild von moraliſcher Hoheit vorhalten wird. Der große Haufe wird daher fur die unter bloſer buͤrgerlicher Sanction geſchloſſene Ehe nie die Achtung hegen, welche ihm die unter kirchlicher Sanction ge⸗ ſchloſſene Ehe einfloͤßt. Er wird die prieſterliche Trauung mehr reſpectiren, als die Trauung eines Dorf⸗ ſchultheiſen oder Heimbergers. Der Staat aber, wel⸗ chem die Sitten des Volks nicht gleichguͤltig ſeyn kon⸗ nen, und welcher deswegen die Ehe mit Wuͤrde und 7 98 Hoheit zu umgeben ein Intereſſe hat, wurde ſehr zweck⸗ widrig handeln, wenn er die buͤrgerliche Trauung der kirchlichen ſubſtituiren, dieſe fuͤr entbehrlich, jene da⸗ gegen fuͤr abſolut nothwendig erklaͤren wollte. Der Zweck der Notorietaͤt und Publicitaͤt kann dennoch auch ohne dieſe Subſtitution erreicht werden; er iſt faſt in allen Staaten Deutſchlands, welche nichts von einer burgerlichen Trauung wiſſen, vollkommen, ſelbſt in Anſehung des Inden und des zu keiner der drei herr⸗ ſchenden Kirchen ſich bekennenden Chriſten, erreicht. Dagegen wuͤrde der Staat ohne Noth durch die ge⸗ waltſame Einfuͤhrung der buͤrgerlichen Trauung den Vorurtheilen des Volks vor den Kopf ſtoßen. Er wuͤr⸗ de der Ehe eine Form aufdringen, auf welcher das Auge dieſes naͤmlichen Vorurtheils ohne Abſcheu nicht haften koͤnnte, und eben dadurch die Ehe in der Mei⸗ nung des Volks herabſetzen. Moͤchte das Geſetz im⸗ merhin ſagen, die kirchliche Tranung ſey keineswegs verboten, ſondern dem Gewiſſen eines jeden uͤberlaſſen. Der große Haufe wuͤrde immer nicht begreifen, wie der Staat eine Trauungsform, die ihm veraͤchtlich ſcheint, als nothwendig vorſchreiben, eine andere dagegen, die ihm nothwendig ſcheint, als uͤberfluͤßig erlaſſen koͤnne. Man ſage nicht: die Einfuͤhrung der buͤrgerlichen Trauung ſey doch in Frankreich erfolgt; ſie habe kei⸗ nen Widerſpruch gefunden; ſie habe die Wuͤrde der Ehe nicht herabgeſetzt; es wuͤrde ſogar uberall neben der buͤrgerlichen Trauung auch die kirchliche nicht ver⸗ nachlaͤßigt; die Verehelichten waͤren durch ein dop⸗ peltes, buͤrgerliches und kirchliches Band, durch eine doppelte religioͤſe und civilgeſetzliche Form vereinigt; das Band der Ehe ſey dadurch nur um ſo viel ſtaͤrker geknuͤpft. PVon der Verſtaͤrkung der ehelichen Verbindung im innern Frankreich, wird derjenige, welcher die Men⸗ ge der vor Frankreichs Tribunaͤlen anhaͤngige Eheſchei⸗ 99 dungsproeeſſe kennt, ſich eben nicht uͤberzeugen koͤn⸗ nen. Daß aber die Einfuͤhrung der buͤrgerlichen Trauung in Frankreich keine vorzuͤgliche Senſation erregt hat, liegt in andern Urſachen. Dieſe Einfuͤhrung erfolgte im Jahr 1792. Da⸗ mals war die Nation in zwei Haͤlften getheilt. Die eine hatte mit Glut alle revolutionaͤre Ideen ergriffen. Die Trennung der Ehe von kirchlichen Meinungen ge⸗ hoͤrte in das Syſtem der damals practiſch in Ausubung gebrachten Metaphyſik des Staatsrechts; die andere Haͤlfte wurde von der revolutionaͤren Partei durch das Meſſer der Guillotine beherrſcht. Die eine Haͤlfte der Ration empfing die neue Ordnung mit Jubel, die andre mit Zittern. Sechzehnjaͤhrige Gewohnheit machte beide Theile dagegen gleichguͤltig. Alle ſind das taͤgliche Schauſpiel der buͤrgerlichen Trauung ge⸗ wohnt, und erfuͤllen mechaniſch die Forderung des Geſetzes, indem ſie zugleich ſeitdem aͤußere Religio⸗ ſität in Frankreich wieder Mode geworden iſt, den Forderungen der Kirche huldigen. In Deutſchland herrſcht in dieſem Augenblick kein revolulionärer Schwindel. Eine kalte Apathie hat alle Staͤnde ergriffen. Jede Reuerung erregt bei der erſten wie bei der letzten Klaſſe des Volks, Widerwillen. Jede wuͤnſcht die Erhaltung des Ueber⸗ reſis vaͤterlicher Gebraͤuche und Sitten. Die buͤrger⸗ liche Trauung wuͤrde— wenn man ſie mit Zwang einfuͤhren wollte, keine Empoͤrung, keinen Aufſtand— dazu iſt in dieſem Augenblick das Volk zu ſtumpf— aber gewiß auch nicht eine frohe, heitre Empfindung erregen. Sie wuͤrde von allen Staͤnden mit Ekel und Widerwillen aufgenommen werden. Die Forde⸗ rung des Geſetzes, welches auf jeden Fall durch Strafe bewaffnet werden muͤßte, wuͤrde man mit keinem an⸗ dern, als mit einem knechtiſchen Herzen erfuͤllen. Der Staat koͤnnte aber nur in ſehr ausgezeichneten Vor⸗ 5 100 theilen, in uͤberwiegenden Forderungen der buͤrgerli⸗ hen Ordnung Gruͤnde finden, ein gehaͤſſiges Geſetz zu erlaſſen ⸗ Solche Vortheile und Forderungen ſcheinen mir indeſſen nicht zu exiſtiren. Ich halte es vielmehr fuͤr ſehr moglich, das ganze Geſetz üͤber die Beurkundung des buͤrgerlichen Rechtszuſtandes, der Geburten, Ehen und Sterbefaͤlle und ſelbſt die Form der Trauung auf den Boden der drei reſpectiven Staaten zu verpflan⸗ zen, ohne dem Vorurtheil des Volks, welches alle dieſe Beurkundungen an kirchliche Gebraͤuche und Meinungen knuͤpft, zu nahe zu treten. Ich glaube, daß der Staat, ohne von der Kirche abzuhängen, ohne erſt durch die Firche die Notizen, welche er be⸗ darf, zu erlangen, ſeinen Zweck erreichen und der Konſequenz des Grundſatzes, daß der Staat als Staat keiner Kirche angehoͤre, unbeſchadet, die von dem Pfarrer gefuͤhrten Tauf⸗, Kopulations⸗ und Beer⸗ digungsregiſter bei ihrer bisherigen Wuͤrde erhalten koͤnne. Das ganze Problem iſt aufgeloͤſt, wenn der Staat die Pfarrer ſelbſt, nach dem er ſie bisher bloß als Kirchendiener betrachtete, in die von der fran⸗ zoſiſchen Geſetzgebung eingefuͤhrte Officiers de I'état civil, oder Beurkunder des buͤrgerlichen Rechtszu⸗ ſtandes umſchafft. Die Schwierigkeiten, welche man der Ausfuͤh⸗ rung dieſes Vorſchlages entgegen ſetzen koͤnnte, will ich nachher beſeitigen. Jetzt ſey es mir nur erlaubt, die Vortheile deſſelben darzuſtellen Die Vorurtheile des Volks wuͤrden durchaus geſchont werden. Das Geſetz häͤtte in den Augen des Volks keine, wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf, buͤrgerliche Tauf⸗, Trauung und Beerdigungsart ſanktionirt. Der Staat haͤtte es blos mit den Pfarrern zu thun. Die Vorſchriften uͤber die Formen der Beur⸗ 101 kundungen des buͤrgerlichen Rechtszuſtands waͤren blos an ſie gerichtet. Die Pfarrer wuͤrden auch das Volk leicht zur Befolgung jener Vorſchriften z. B. zur Production mehrerer Zeugen bei Geburtsanzeigen, zur Angabe des Gewerbes und Wohnorts der Aeltern ꝛc. noͤthigen koͤnnen, indem ſie die Wohlthat der Kirche— die Taufe, Beerdigung u. ſ. w. davon abhaͤngig mach⸗ ten. Es wuͤrde indeſſen weder räthlich noch noͤthig ſeyn, dieſen pſychologiſchen Zwang im Geſetz zu ver⸗ ordnen. Er wuͤrde ſich aus der Ratur der Sache von ſelbſt ergeben. Die bisher der Kirche wegen gefuͤhrten Tauf⸗, Copu⸗ lations⸗ und Beerdigungsregiſter, wuͤrden ſich ohne wei⸗ teres in buͤrgerliche Geburts⸗, Heiraths⸗ und Sterb⸗ verzeichniſſe verwandeln. Alles, was das Geſetz von den, den buͤrgerlichen Rechtszuſtand beurkunden⸗ den Regiſtern fordert, koͤnnte auf dieſe Regiſter an⸗ gewendet werden. Der Staat wuͤrde auf dieſe Art ſeine Zwecke erreichen und die Kirche die ihrigen nicht vermiſſen. Jene Regiſter wuͤrden weit puͤnklicher und ge⸗ wiſſenhafter gefuͤhrt werden, als ſelbſt in Frankreich die Regiſter des Maire auf dem Lande gefuͤhrt wer⸗ den koͤnnen. Es wuͤrden nicht, wie es hier nach der Verſicherung des Staatsraths Thibaudeau geſchehen iſt, von unwiſſenden oder gemaͤchlichen Regiſterfuͤh⸗ rern,„wenn am Ende des Jahrs das uͤber das Sterb⸗ regiſter gefuͤhrte Buch voll war, die weiter ſich ereig⸗ nenden Sterbfaͤlle auf die unbeſchrieben gebliebene Blaͤtter des Geburtsregiſters eingetragen werden. Es wuͤrde auch nicht, wie es im Geſetz geſchehen iſt, zur Beſeitigung einer geſetzwidrigen Unordnung, die Unordnung ſelbſt fuͤr geſetzlich erklaͤrt und die Ein⸗ tragung der Geburts⸗, Sterb⸗ und Heirathsfaͤlle un⸗ tereinander im naͤmlichen Buch zugelaſſen werden muͤſſen. Ein wunderliches Huͤlfsmittel, uͤber welches 102 Thibaudeau ſehr naiv ſich auf folgende Art aus⸗ druͤckt. On a donc pensé, qu'il etoit plus convena- ble de n'avoir qu'un seul registre tenu double pour linscription des actes de toute espoce à la suite les uns des autres, et que ce procedè 6toit beaucoup plus simple, evigeoit moins d'atten- tion, et exposoit à moins d'erreurs.(Code ci- vil etc. g. 94.) Eendlich würde die kiechliche Drauung die buͤr⸗ gerliche in den meiſten Faͤllen uͤberfluſſig machen⸗ Man wuͤrde dem Volk den in der letztern enthaltenen Verſtoß gegen ſeine Vorurtheile erſparen. Die Einwuͤrfe, welche meinem Vorſchlag ent⸗ gegengeſetzt werden koͤnnen, ſehe ich voraus. Man wird 1) erwiedern, daß die Inconſequenz, welche das franzoſiſche Geſetz beſeitigen ſollte,— die Beurkundung des buͤrgerlichen Rechtsſtandes durch die Kirche— durch eine ſolche Einrichtung aufs neuo wuͤrde ſanktionirt werden. Dies glaube ich nicht. Was der Pfarrer bisher als Pfarrer der Kir⸗ che wegen gethan hat, wuͤrde er durch das Geſetz für den Staat als Staatsdiener zu verrichten angewieſen werden. Die Eigenſchaft des Staats? und Kirchen⸗ dieners wuͤrde nur zufaͤllig ſich im Pfatrer verei⸗ nigt finden. Dieſer Vereinigung wegen, und da der Staat uber die Einrichtungen der Kirche herrſcht, wird es nicht der Staat ſey, der von der Kirche uͤber die Epiſtenz einer Geburt, eines Sterbfalls und ei⸗ ner Che, durch eine Taufe, Beerdigung und Kopu⸗ lation informirt wird, ſondern umgekehrt die Kirche, welche durch den Staat von einer Taufe, Beerdigung und Kopulation, durch einen Geburt⸗, Sterbe⸗ und Heirathsfall Kundſchaft erhalt. Der Staat wuͤrde die kirchliche Trauung als das burgerliche Merkmal der Exiſtenz der Ehe hetrachten. 103 Er wuͤrde aber dieſes Merkmal nicht kirchlich, ſondern nur buͤrgerlich gelten laſſen. 2) Iſt der Pfarrer der Beurkunder des Rechts⸗ zuſtandes— wird man weiter einwenden— ſo haͤngt ja wieder dieſe ganze Beurkundung von der religioſen Meinung ab. Wer keinem Pfarrer ange⸗ hoͤrt, hat auch keine ſolche Beurkundung zu erwarten. Der Einwurf wuͤrde gegruͤndet ſeyn, wennmein Vorſchlag darauf gerichtet waͤre, daß der Pfarrer nur ſeine eingepfarrten Religionsgenoſſen in das den Rechtszuſtand beurkundende Regiſter einzutragen hät⸗ te. Hiervon bin ich weit entfernt. Der Pfarrer wird der Oficier de Pétat civil des Koder Napoleon. Er verrichtet das Geſchaͤft in dieſer Eigenſchaft, nicht als Pfarrer. Er verrich⸗ ret es nicht blos fuͤr ſeine Religionsgenoſſen, ſondern ohne Rückſicht auf Religion— fuͤr alle Einwoh⸗ ner der Commuͤne. Auch fuͤr Juden? wird man fta⸗ gen. Ich wuͤßte keinen Grund zur Verneinung der Frage.— Einſchreibung der Judenkinder wird den Pfarrer ſo wenig degradiren, als den Eivilbeamten oder den Friedensrichter beſchimpfen koͤnnte, wenn ihm das Geſchaͤft zugewieſen wuͤrde. Freilich eriſtirt fuͤr die Aeltern und Muͤtter, wel⸗ che bei dem Pfarrer ihre Kinder nicht taufen laſſen, alſo um ſo viel weniger fuͤr die Juden— in der Taufe kein pſychologiſches Noͤthigungsmittel zur Beo⸗ bachtung des Geſetzes.— Wenn man indeſſen— wobei ich nicht das mindeſte Bedenken finde— es der Hebamme zur Pflicht macht, alle in der Gemein⸗ de ſich ereignende Geburten, ohne Ruͤckſicht auf Re⸗ ligion der Muͤtter und Aeltern, dem Pfarrer anzuzei⸗ gen, wenn die Polizei dieſe Verordnung durch Stra⸗ fe ſchaͤrft— ich halte es nicht ſuͤr noͤthig im Geſetz der Strafe zu erwaͤhnen,— ſo iſt faſt nicht zu zwei⸗ 10½ feln, daß alle in der Gemeinde ſich ereignende Ge⸗ burten richtig werden angezeigt werden. 3) Die Geſchaͤfte des Pfarrers, wird man endlich ſagen, wenn man ihn zum Officier de l'état civil ernennt— werden vermehrt. Er muß die Regi⸗ ſter doppelt fuͤhren; er muß mehr Faͤlle einſchreiben, als er bisher in die Kirchenbuͤcher einſchrieb, da ſich ſein Amt uͤber mehr Individuen gls blos uͤber ſeine Religionsgenoſſen erſtreckt. Er muß nach mehrern Umſtaͤnden fragen, muß mehrere bemerken, als im Kirchenbuch.— Ich antworte hierauf einmal; daß unter allen Dienern des Staats, Pfarrer auf dem Lande ſich am wenig⸗ ſten uͤber Ueberladung mit Geſchaͤften beklagen duͤr⸗ fen, daß ihnen mithin Zeit genng zu Fuͤhrung der doppelten vermehrten und verbeſſerten Regiſter uͤbrig bleibt. Ich antworte zweitens, daß man ſeine Muͤ⸗ he durch zweckmaͤßige Tabellen, welche ich nachher vorſchlagen und zu welchen ich das Formular beifuͤ⸗ gen werde, erleichtern kann. Angenommen, daß der fuͤr die drei reſpectiven Staaten modificirte Code Napoléon alle, dem Offi- cier de l'état ciyil obliegende Geſchaͤfte dem Pfar⸗ rer zuweiſen ſollte, entſteht die fernere Frage, ob das Geſetz sur les actes de l'état civil weiter nun nicht abzuaͤndern, oder ob es einer hohern Vervollkommnung faͤhig ſey. Ich glaube letzteres und hebe daher die einzel⸗ nen Zweige des franzoͤſiſchen Geſetzes heraus. Vor allen Dingen bemerke ich, daß bei der Zu⸗ ſammenwerfung der Geburten, Heirathen und Sterb⸗ faͤlle in ein Regiſter unmoͤglich Ordnung und Ue⸗ berſicht im Ganzen erhalten werden kann. Das Nachſuchen wird ungemein dadurch er⸗ ſchwert. Die Ueberſicht ſaͤmmtlicher Geburten, Ehen und Sterbfaͤlle wird unmoͤglich gemacht. 105 Der Grund dieſer Zuſammenwerfung liegt, wie Thibaudeau ſagt, in der Unwiſſenheit der franzyſi⸗ ſchen Ofliciers de Tétat civil. Werden dieſe Stellen deutſchen Pfartern uͤber⸗ tragen, ſo faͤllt jener Grund weg. Es wird ausdruͤcklich die Trennung der Ge⸗ burts⸗, Heiraths ⸗ und Sterbregiſter verfuͤgt werden muͤſſen. Hiernaͤchſt ſcheint mir die Einfuͤhrung ei⸗ ner tabellariſchen Beurkundungsart nicht allein raͤth⸗ lich, ſondern ſelbſt noͤthig. Die Tabellen koͤnnen ge⸗ druckt und die Columnen zur Ausfuͤllung offen ge⸗ laſſen werden. Die Muͤhe des Regiſterfuhrers wird durch die Tahellen erleichtert. Fuͤr jeden weſentli⸗ chen Hauptumſtand gibt es eine eigne Columne. Fuͤr unvorhergeſehene, außerordentliche Umſtände, ſo wie fuͤr Nachtraͤge und Verbeſſerungen bleibt eine Gene⸗ ralcolumne offen. Dies ſind Gruͤnde fuͤr die Räthlichkeit der Ein⸗ füͤhrung der Tabellen. In dem vervollkommneten Beurkundungsſyſtem der Geburten, Ehen und Sterbfaͤlle, welches ich ſogleich entwickeln werde, ſind ſie ſogar nothwendig. 1) Vorſchlaͤge uber die Beurkundung der Gebur⸗ ten. Das Verzeichniß der Geburten iſt das wichtig⸗ ſte. Es iſt die Baſis aller andern. Es beurkundet die Exiſtenz des Menſchen, als eines Subjects von Rechten. Es iſt das Archiv der Familien— und der buͤrgerlichen Filiationen. Ich ſage der buͤr⸗ gerlichen Filiationen, weil es vor dem Geſetz und im Staat keineswegs darauf ankoͤmmt, wer einen Men⸗ ſchen als ein Subject von Rechten wirklich erzengt habe, ſondern wer in den Augen des Geſe⸗ tzes als ſein Erzeuger betrachtet werde. Ich vermiſſe an den Geburtsregiſtern des Ko⸗ der Napoleon zwei Eigenſchaften; Vollſtändigkeit und vollkommene Rutzanwendung fuͤr die Sicherheit 106 der buͤrgerlichen Rechte des Gebohrnen ſelbſt und ſei⸗ ner Umgebungen. Ich vermiſſe einmal Vollſtaͤndigkeit. Das Geburtsregiſter ſoll nicht blos die Frage beantworten, wie viel Kinder in einem Jahr geboh⸗ ren worden ſind. Dies iſt nur ein zufaͤlliger Nutzen, welchen es der Statiſtik und der Bevoͤlkerungspolizei gewaͤhrt. Es iſt, wie ich oben bemerkte, das Archio der buͤrgerlichen Filiationen. Es zeigt, zu welcher Familie jeder Gebohrne gehoͤre, ob er vor dem Geſetz einen Vater und eine Mutter, oder nur eine Mutter, oder keines von beyden habe, wie B. z. bey gefun⸗ denen, oder nach dem Koder Napoleon durch Blut⸗ ſchande oder Ehebruch erzeugten Kindern. Das Geburtsregiſter bezeichnet den Verwandten, den Erben, den zur Alimentation Verbundenen, das Mitglied der Familie— lauter Folgen der buͤr⸗ gerlichen Filiation. Da indeſſen die buͤrgerliche Filiation eine buͤr⸗ gerliche Einrichtung iſt, welche durch die natuͤrliche Geburt nur in der Regel wirkſam wird; da es eine buͤrgerliche Filiation ohne natuͤrliche Geburt giebt, nemlich die Adoption; da das Geburtsregiſter nicht der natuͤrlichen Geburten, ſondern der buͤrger⸗ lichen Filiation wegen, und damit dieſe verewigt werde, exiſtirt, ſo gehoͤren nothwendig die Adoptionen auch in das Geburtoregiſter. Sie duͤrfen um ſo viel weniger darin ausgelaſſen werden, da die Adoption des Koder Napoleon zwiſchen den Adoptivaͤltern, dem Adoptivkinde und den Adoptivgeſchwiſtern alle Folgen der ehelichen Zeugung hervorbringt, ob ſich gleich dieſe Folgen nicht auf die Blutsverwandten beider Theile erſtrecken, und die Adoption kein jus sanguinis begruͤndet. Der 359. Artickel des Kodex Napoleon hat nun zwar auch die Eintragung der Adoption in die den bürgerlichen Rechtszuſtand beurkundenden Regi⸗ 107 ſter durch den dazu geeigneten Beamten allerdings verordnet. In dieſer Hinſicht trifft ihn der Vorwurf der Inconſequenz nicht. Allein er beſtimmt nichts uͤber die Form, nichts uber die Klaſſe der Einre⸗ giſtrirung. Und das den actes de l'état civil ge⸗ widmete Geſetz ſchweigt davon ganz. Ferner ſollte dq5 Geburtsregiſter als Filiationen⸗ Archiv die Folge der Filiation oder den Umſtand angeben, ob eln Kind das von naͤmlichen Vater und der naͤmlichen Mutter im Sinn des Geſetzes erzeugte erſte, zweite, dritte u. ſ. w. eheliche oder uneheliche Kind ſey. Rach dreißig und mehrern Jahren iſt die Zahl der aus einer Ehe erzeugten inder im Gedaͤchtniß der Menſchen erloſchen. Beim Anfall einer Erbſchaft, bei der Regulirung der Erb⸗ portionen entſtehen daruͤber die groͤßten Schwierig⸗ keiten und ein koſtſpieliges Beweisverfahren. Mir iſt in meiner Erfahrung ein illuͤſtrer Fall daruͤber vorgekommen— ein Fall, wo ein ſchon geendigter Proceß, einen weit koſtſpieligern neuen blos deswe⸗ gen erzeugte, weil die durch Taufſcheine beurkun⸗ deten Competenten nicht die Reihenfolge der in einer Ehe gebohrnen Kinder beurkunden konnten. Zeigt der Geburtsſchein, daß das dadurch bezeichnete In⸗ dividuum das vierte aus dieſer Ehe erzeugte Kind iſt, ſo kann nicht mehr behauptet werden, daß es das einzige Kind geweſen ſey⸗ Um den Zweck noch vollſtändiger zu erreichen, Lann bey jeder Geburtsbeurkundung bemerkt wer⸗ deu, das wie vielte in der Ehe gezeugte Individuum eingetragen worden ſey. Ob von den vorher Ge⸗ bohrnen ſchon das eine oder andere vorher geſtorben ſey, wird hier keiner Erwähnung beduͤrfen. Eine Notiz iſt zwar durchaus daruͤber nothig. Es wird ſich indeſſen bey der Einrichtung der Sterbregiſter der ſchicklichſte Ort zu Aufbewahrung derſelben finden. Eine die Vorſorge des Koder Napoleon uͤber⸗ 108 treffende Vollſtaͤndigkeit der Geburtsregiſter wird auch zu einer vollkommnern Nutzanwendung derſelben fuͤhren. Wenn vom Nutzen der Ge⸗ burtsurkunden bey Erbſchaftsſtreitigkeiten geredet wird, ſo wird nur ein Fall namhaft gemacht, deſ⸗ ſen ganze Beurtheilung vom Innhalt der Geburtsur⸗ kunde abhaͤngt. Es giebt der Faͤlle noch mehrere. Der Koder Napoleon hat einen andern voraus geſehen, indem er die Production der Geburtsur⸗ kunde bey der Verehelichung erfordert, damit der zur huͤrgerlichen Vollziehung der Ehe geeignete Staatsfunttionär daraus erfahren koͤnne; ob die zu Verehelichenden das geſetzmäßige Alter erreicht, ob ihre Aeltern oder Großaͤltern eingewilligt haben, ob es ihrer Einwilligung nach dem Alter der Verlobten beduͤrfe u, ſ. w. Geburtsurkunden werden indeſſen fuͤr die Si⸗ cherung des Rechts und der Geſetzlichkeit noch weit nuͤtzlicher werden, wenn man ſie mit Heiraths⸗und Sterburkunden in gehoͤrige Verbindung ſetzt. Ueber⸗ haupt ſcheint es mir, daß Geburts⸗, Heiraths⸗ und Sterburkunden ein geſchloſſenes Ganzes darſtel⸗ len, und daß ſie erſt durch Verkettung und Wechſel⸗ beziehung die Zwecke des Staats vollſtaͤndig ſichern. Eine Geburtsurkunde wirft erſt dann auf Familien⸗ verhaͤlthiſſe und Familienrechte ein vollſtaͤndiges Licht, wenn ſie zugleich die Heiraths⸗ und Sterbe⸗Epo⸗ che zeigt. Eine Eiurichtung, nach welcher auch dieſe Epochen in die Geburtsurkunden eingetragen werden koͤnnen, und muͤſſen, muß ſich daher noth⸗ wendig als empfehlungswuͤrdig darſtellen. Ich will dies durch einige Beiſpiele erlaͤutern. Erfahrung und Nachdenken werden mehrere an die Hand geben. Der Koder Napoleon verlangt, daß vor der buͤrgerlichen Vollziehung der Ehe, jeder Theil ſeine 109 Geburtsurkunde zur Ausmittelung der oben bemerk⸗ ten Umſtaͤnde producire. Wird nun in einem Nachtrag zur naͤmlichen Geburtsurkunde die Ehe des Subjects bemerkt, ſo kann bey einer folgenden Ehe die naͤmliche Ge⸗ burtsurkunde nicht anders, als mit der Beſcheini⸗ gung der erſten Ehe producirt werden. Doppelte Ehe oder Bigamie wird dadurch ſchlechterdings un⸗ moͤglich gemacht. Bei einer Erbſchaftsſtreitigkeit wird behauptet, daß außer dem, durch Filiation und directe oder indirecte Abſtammung aus einer beſtimmten Ehe legitimirten Erbſchaftscompetenten, noch andere Com⸗ petenten vorhanden ſeyn müſſen(Exceptio plurium litis consortium), weil in der nämlichen Ehe noch mehrere Kinder erzeugt worden waͤren. Die Be⸗ hauptung wird durch Auflegung der Beurkundung der Geburten derſelben bewieſen. Enthaͤlt aber jede Be⸗ urkundung der Geburt in einem Nachtrag auch eine Ruͤckweiſung auf die Sterbeurkunde, ſo kann uͤber den Gehalt der Einrede ohne Umſtaͤnde geurtheilt, beiden Theilen ein koſtſpieliges Verfahren erſpart und uberhaupt die ganze Erbſchaftsangelegenheit weit ein⸗ facher regulirt werden.— Jeder Geburtsurkunde eine Nachweiſung uͤber die Heirath des betreffenden Individuums beizufuͤgen, iſt ſehr leicht. Der Koder Napoleon hat ſchon die Bahn dazu gebrochen, indem er verordnet, daß der zu Verehelichende dem, zur buͤr⸗ gerlichen Trauung geeigneten Officier de Tetat civil, eine legale Ausfertigung ſeiner Geburtsurkunde vor⸗ zulegen habe. Geſchieht dies, ſo darf nur der Offi- cier de l'état civil, welcher die Trauung verrichtet, dem Officier de TEtat civil, in deſſen Regiſter ſich das Original der Geburtsurkunde findet, eine legale Ausfertigung der Trauungsurkunde zuſenden, um dieſen in den Stand zu ſetzen, die geſchehene Trauung in der Geburtsurkunde zu bemerken. Das Geſetz 110 kann dieſes verordnen und dadurch die Veruͤbung des Verbrechens der Bigamie in allen den Faͤllen ſchlech⸗ terdings unmoͤglich machen, in welchen die Diener des Staats ihre Schuldigkeit erfullt haben. Iꝝch ſehe wohl ein, daß die Beurkundung des Abſterbens des Individuums in dem Geburtsregiſter nicht ſo leicht, in manchen Faͤllen ſchwer, und in an⸗ dern obgleich ſeltenen Faͤllen ganz unmoͤglich iſt.— Bei manchem Sterbefall weiß man nicht, wo die Ge⸗ burtsbeſcheinigung des Geſtorbenen zu ſuchen ſeyz und der Einzige, welcher daruͤber Auskunft geben koͤnnte, iſt nicht mehr vorhanden. Es ſterben Individuen im Auslande, auf See⸗ reiſen ꝛc. uͤber deren Tod gar nicht beurkundet wird, mithin auch in dem Geburtsregiſter nicht nachgewie⸗ ſen werden kann. Cs ſterben andere, ohne daß die Ueberlebenden wiſſen und wiſſen koͤnnen, wo oder in welchem Jahr ſie gebohren ſind. Ich kann und will keine vollkommene, ſondern nur eine ſolche Einrichtung vorſchlagen, welche ſich derjenigen Vollkommenheit naͤhert, deren uͤberhaupt menſchliche Einrichtungen faͤhig ſind. Bei den mei⸗ ſten Individuen wird eine Nachweiſung des Abſter⸗ bens derſelben in der Beurkundung ihrer Geburt, oder eine Ausmittelung des Regiſters, in welchem ihre Ge⸗ burt eingetragen worden iſt, nicht ſchwer ſeyn. Hatte der Verſtorbene einen Ehegatten hinter⸗ laſſen, ſo muß letzterer den Ort und das Jahr der Ge⸗ burt wiſſen, da ſeine eigne Trauung mit dem Verſtor⸗ benen, ohne Production des Geburtsſcheins nicht konnte vollzogen werden. War der Verſtorbene Wittwer oder Wittwe, ſo iſt wenigſtens anzunehmen, daß ſich ſein Geburts⸗ ſchein unter ſeinem Rachlaß finden werde. Außerdem läßt ſich fuͤr alle Einwohner einer Ge⸗ meinde eine weder koſtſpielige noch muͤhſame Einrich⸗ ILT tung treffen, welche nach und nach es dahin bringen muß, daß der OlRicier de l'état civil beim Abſter⸗ ben eines in der Gemeinde anſaͤßigen Individuums, auch uber deſſen Geburt nicht allein Nachricht beſitzt, ſondern ſogar den Geburtsſchein in Haͤnden hat. Man kann es naͤmlich jedem, der in einer Ge⸗ meinde ſich haͤuslich niederlaſſen und domiciliren will, zur Pflicht machen, ſeinen Geburtsſchein in glaub⸗ hafter Abſchrift dem Officier de l'état civil zu üͤber⸗ geben. Dieſes kann bei Gelegenheit derjenigen Er⸗ klärung geſchehen, welche ohnehin der Kodex Napo⸗ leon in dem Geſetz uͤber den Wohnort eines Buͤrgers dem neuen Ankoͤmmling, der ein Domicilium konſti⸗ tuiren will, im 104ten Art. vorſchreibt. Man kann den Officier de l'état civil anweiſen, dieſen Ge⸗ burtsſchein im Gemeindearchiv niederzulegen. Stirbt nun ein Gemeindemitglied, ſo war es entweder in der naͤmlichen Gemeinde gebohren, oder hatte ſich daſelbſt niedergelaſſen. Im erſten Fall leidet ohne⸗ hin die Nachweiſung ſeines Abſterbens im Geburts⸗ regiſter keine Schwierigkeit. Im zweiten Fall fin⸗ det ſich der Geburtsſchein im Gemeindearchiv. Der Ofcier de I'état civil der Gemeinde, des Orts, wo das Individuum geſtorben iſt, kann ohne Muͤhe und Umſtaͤnde eine Rachricht vom Abſterben deſſel⸗ ben an den Olßcier de I'état civil der Gemeinde, wo es gebohren wurde, gelangen laſſen. Endlich kann den Erben des Verſtorbenen die Pflicht auſerlegt werden, vor der Theilung der Erb⸗ ſchaft nachzuweiſen, daß die Eintragung des Inhalts der Sterburkunde im Geburtsregiſter am gehoͤrigen Ort auf, oder ohne ihr Anſuchen erfolgt ſey. Dies waͤren meine unvorſchreiblichen Vorſchlaͤge uͤber die Verbeſſerung der vom Koder Napoleon ein⸗ gefuͤhrten Geburts⸗ ich moͤchte lieber ſagen— Filia⸗ tionsbeurkundung. Alle ubrigen Vorſchriften ſchei⸗ nen mir ſehr paſſend, ſelbſt die Vorſchrift, daß bei 112 einem unehelich gebohrnen Kinde der Name des von der Mutter angegebenen Vaterts nicht eingetragen werden darf. Dieſe Eintragung ſtoͤrt ohne Noth die Harmonie der Familien und nutzt dem Kinde nichts— da wenn auch der Grundſatz: l'a récher- che de la paternité est interdite, nicht von der Geſetzgebung der drei reſpectiven Staaten angenom⸗ men wird, die Angabe der Mutter dennoch keine Vaterſchaft beweiſen kann. 2) Vorſchläge uͤber die die Vollziehung der Ehe, vorbereitenden Maasregeln, uͤber die buͤrgerliche Vollziehdung der Ehe ſelbſt und uͤber die Beurkundungs⸗ form derſelben. Der die Ehen betreffende Titel des franzoͤſiſchen Geſetzes sur les actes de l'etat civil, verbreitet ſich uͤber zwei Gehenſtände. Er betrifft einmal die buͤrgerliche Formaliſirung der Ehe und dasjenige, was derſelben vorangehen muß. Dies mußite beſtimmt werden, da der Oflicier de l'état civil nicht blos die geſchloſſene Ehe beur⸗ kundet, ſondern die Ehe ſelbſt formaliſirt, und ihr den Stempel der Geſetzlichkeit auforäckt. Er ſchreibt zweitens die Art und Weiſe der Be⸗ urkundung der Ehe vor. Was das Geſetz in Anſe⸗ hung des erſten Gegenſtandes beſtimmt, betrifft wieher„ a) Das eheliche Aufgebot. b) Die buͤrgerliche Trauung. Ich habe ſchon vorhin meine Beſorgniſſe bei der Einfuͤhrung der buͤrgerlichen Trauung als ein ab⸗ ſolutes Requiſit der Ehe ausgedruͤckt. Ich wuͤrde dieſer Beſorghiſſe wegen darauf an⸗ tragen, in dem fur die drei reſpectiven Staaten mo⸗ dificirten Code Napoléon der buͤrgerlichen Trauung gar nicht zu erwaͤhnen. Dies iſt indeſſen einer ſehr wichtigen Ruͤckſicht 113 wegen nicht möglich. Nur glaube ich nicht, daß man die buͤrgerliche Trauung wie es im franzoͤſiſchen Geſetz geſchehen iſt, als abſolut nothwendige Form betrachten, die kirchliche dagegen ſtillſchweigend uͤber⸗ gehen muͤſſe. Ich halte es umgkehrt fuͤr zweckmaͤßi⸗ ger, die kirchliche Trauung als gewoͤhnliche Form beizubehalten, die buͤrgerliche dagegen als ſubſi⸗ diariſche neben derſelben einzufuͤhren.. Dieſe Anſicht wird ſich bei der Darſtellung des franzoͤſiſchen Geſetzes uͤber die Ehe vollſtaͤndig recht⸗ fertigen. Ich fuͤhre ſie hier nur vorlaͤufig aus. Die kirchliche Trouung iſt blos die Sanction ei⸗ nes ohnehin gultigen Contracts. Sie iſt dem Staat darum wichtig weil ſie dem Contraet Wuͤrde und Notorietaͤt ertheilt. Es iſt ſogar dem Staat daran gelegen, daß der Contract nicht bürgerlich gelte, wenn er nicht durch irgend eine Feierlichkeit vor dem Ange⸗ ſicht der ganzen Geſellſchaft proclamirt worden iſt. Ob dieſe Feierlichkeit nun eine religioͤſe oder eine blos buͤrgerliche Handlung ſey, das iſt an und fuͤr ſich ei⸗ nerlei. Dieſer Anſicht nach wuͤrde die kirchliche Trau⸗ ung zum buͤrgerlichen Stempel der Ehe erhoben wer⸗ den koͤnnen, ohne daß es vor der Hand eines andern Stempels beduͤrfte. Und dies iſt auch mein Antrag. Die Trauung der katholiſchen und proteſtanti⸗ ſchen Kirche, die Herrnhuther⸗Vereinigung vor der Gemeinde, die juͤdiſche durch den Rabbinen forma⸗ liſirte Ehe wuͤrden vor dem Geſetz einerlei Werth haben. Der Pfarrer der Gemeinde(unter welchen ich hier keine Kirchengemeinde, ſondern eine Commune im Sinn des Koder Napoleon verſtehe,) wuͤrde zwar alle in der Gemeinde, durch Prieſter- oder Rab⸗ binen⸗Hand vollzogene Ehen als Offcier de Tétat . 41— sivil in das Eheregiſter einzuttagen haben. Allein 8 ——— 214 die Copulation haͤtte er doch nur bei ſeinen Pfarr⸗ kindern zu verrichten. Wollte etwa ein in der Ge⸗ meinde wohnendes katholiſches Brautpaar ſich lieber von einem katholiſchen Geiſtlichen, als von dem pro⸗ teſtantiſchen Gemeindepfarrer trauen laſſen, ſo muͤßte demſelben dieſes unverwehrt bleiben. Nur muͤßte die Eintragung ins Eheregiſter nothwendig von dem Pfarrer geſchehen, der in Anſehung dieſes Braut⸗ paars Oficier de Il'état civil iſt, wenn er ſchon ei⸗ ner andern Religion angehoͤrt. Eben ſo koͤnnte man dem Pfarrer als Oficier de l'etat civil unmoͤglich zumuthen, ein juͤdiſches Brautpaar nach juͤdiſchem Ritus zu verbinden, oder umgekehrt dem Brautpaar, ſich von dem Pfarrer nach chriſtlichen Gebrauch copuliren zu laſſen. Iſt aber die Verbindung nach den Vorſchriften der juͤ⸗ diſchen Kirche vorgegangen, dann muß die Handlung legal zur Notiz des Pfarrers als Olicier de l'état civil, gelangen und von demſelben in das Eheregi⸗ ſter eingetragen werden. Bis dahin wuͤrde man nun freilich uͤberall die burgerliche Trauung auch nicht einmal als eine ſubſi⸗ diariſche Solenniſirungsform der Ehe einzufuͤhren ge⸗ noͤthigt ſeyn. Indeſſen wuͤrde die kirchliche Ceremonie in Anſehung ihrer Kraft und Wirkſamkeit anders, als nach dem buͤrgerlichen Geſetz beurtheilt werden duͤrfen. Sie wuͤrde vor dem Geſetz die Ehe mit kei⸗ ner hoͤhern Weihe umgeben, als es das Geſetz ſelbſt thut. Meinte es die Kirche damit anders, ſo koͤnnte und duͤrft das Geſetz hiervon keine Notiz nehmen. Hier wird ſich aber bald zwiſchen der Kirche und dem Staat eine Divergenz zeigen. Und dieſer Di⸗ vergenz wegen wuͤrde es Faͤlle geben, in welchen die buͤrgerliche Trauung nicht umgangen werden koͤnne. Wenn die katholiſche Kirche die Ehe fur ein nur 115 durch den Tod auflosbares Band erklärt, wenn die proteſtantiſche wenigſtens nie der wechſelſeitigen Ue⸗ bereinkunft der Verehelichten die Wirkung einer gul⸗ tigen Ehetrennung beilegt, ſo erklaͤrt dagegen Frank⸗ reichs buͤrgerliches Geſetz die Ehe auch beim Leben beider Verehelichten fuͤr aufloͤsbar, und laäßt ſogar eine Trennung wegen beharrlicher wechſelſeitiger Ein⸗ willigung zu.— Die in Gemaßheit des buͤrgerli⸗ chen Geſetzes aufgeloſte Che hoͤrt auf, vor dem Ge⸗ ſetz zu exiſtiren. Sie verſtattet jedem Theil eine neue Heirath. Sollte nun dieſe neue Heirath wieder durch eine neue kirchliche Trauung ſolenniſirt werden, ſo wuͤrde es Fälle geben, in welchen jede Kirche, die katholi⸗ ſche und die peoteſtantiſche, die Trauung verweigern muͤßte. Ob die katholiſche Kirche den Gruudſatz, daß die Ehe ein Sacrament und darum unauflosbar ſey, ſtehen zu laſſen gendthigt ſey, ob proteſtantiſche Theo⸗ logen nicht die ſchon von Michaelis behauptete Wahrheit einſehen wuͤrden, daß die Ansſpruͤche des neuen Teſtaments uͤber die Wuͤrde der Ehe nur Ge⸗ wiſſensermahnungen, kein Geſetz fuͤr aͤußere Hand⸗ lungen ſind, daß uͤberhaupt der Geiſt des neuen Teſta⸗ ments auf Moralität, nicht auf Legalität hin⸗ ſtrebt— unterſuche ich hier nicht. Der Staat hat uͤber die Meinungen der Theologen keine Jurisdiction. Hat er aber keine Jurisdiction uͤber ihre Mei⸗ nungen, ſo hat er auch keine uͤber ihr Gewiſſen. Es wuͤrde ungerecht ſeyn, einen Pfarrer zu noͤthigen, den kirchlichen Segen uber ein Ehepaar auszuſprechen, welches nach, den Geſetzen der Kirche ſich nicht hei⸗ rathen kann. In einem ſolchen Fall wuͤrde nun die buͤrgerli⸗ che Trauung abſolut nothwendig ſeyn, und durch die kirchliche nicht erſetzt werden koͤnnen. Da ſoiche Faͤl⸗ 8* 116 le eintreten koͤnnen und eintreten werden, da es noch andere Faͤlle geben kann, in welchen der Staat eine Ehe verſtattet, welche die Kirche fuͤr unerlaubt haͤlt— ſo ſcheint es mir nothwendig, einſtweilen und bis die Geſetze der Kirche und die Geſetze des Staats in vol⸗ lige Harmonie gebracht worden ſind, neben der kirch⸗ lichen Trauung die buͤrgerliche Trauung beizubehalten. Man wende nicht ein, daß in Faͤllen, in welchen ein katholiſcher Pfarrer nach den Grundſätzen ſeiner Kirche ein katholiſches Brautpaar nicht vereinigen darf, es dem katholiſchen Brautpaar unbenommen bleibe, ſich an den gemaͤchlichern und gefaͤlligern Pfar⸗ rer einer andern Kirchengeſellſchaft zu wenden. Ein⸗ mai moͤchte eine laxere Kirchengeſellſchaft uberall nicht zu finden ſeyn, außerdem moͤchte es katholiſche Braut⸗ paare geben, die ſich lieber von einem Civilbeamten, zja wenn es geſchehen muͤßte, lieber von einem Rab⸗ binen, als von einem proteſtantiſchen Geiſtlichen ver⸗ einigen ließen. Die Intoleranz religioſer Meinungen ſpricht ſich oft ſehr conſequent aus. Und ſobald ſie ſich als Gewiſſensſache darſtellt, und die Ruhe anderer nicht ſtoͤrt, darf man ſie keinem Zwang unterwerfen. Um fuͤr alle denkbare Faͤlle der Colliſton zwiſchen dem Ehegeſetz der Kirche und dem Ehegeſetz des Staats, einen freien Spielraum zu laſſen, ſchlage ich vor, ohne weitern Unterſchied neben der kirchli⸗ chen, die buͤrgerliche Trauung einzufuͤhren. deine Abweichung vom franzoͤſiſchen Geſetz liegt blos darin, daß dieſes die buͤrgerliche Trauung als abſolutes Requiſit der Ehe erfordert, nach meinem Verſchlag dagegen, die kirchliche Trauung alle Wir⸗ kungen der buͤrgerlichen vor dem Geſetz hervorbrin⸗ gen, und ſie in Hinſicht des Geſetzes uͤber⸗ ſtuͤſſig machen wuͤrde. Jedem Brautpaar bliebe es uͤberlaſſen, ſich ent⸗ weder der buͤrgerlichen oder der kirchlichen Feierlichkeit 117 zu bedienen; fuͤr den Staat wuͤrden beide einerlei Ge⸗ halt haben. Statt des Maire ſcheint es mir indeſſen zweck⸗ maͤßiger, dem Friedensrichter das Geſchaͤft der Pro⸗ clamation der buͤrgerlichen Ehe zu uͤbertragen. Der Friedensrichter iſt immer ein gebildeter Mann. Der Maire auf dem Lande iſt es gewoͤhnlich nicht. Es wuͤrde vollends ungereimt ein auf dem lande lebendes, zu dem ſogenannten hoͤhern Stan⸗ de gehoͤrendes Brautpaar, welches ſich an den Pfar⸗ rer nicht wenden will, oder kann, in die Rothwen⸗ digkeit zu ſetzen, ſich von einem Bauern copuliren zu laſſen. Zum Schluß meiner Antraͤge uber die Formaliſi⸗ rung der buͤrgerlichen Trauung kann ich meine Ueber⸗ zeugung nicht unterdruͤcken, daß das franzoͤſiſche Ge⸗ ſetz dem Ofcier de l'état civil, welcher ohne vor⸗ gaͤngiges Aufgebot, oder uberhaupt ohne Beobach⸗ tung der die Ehe vorbereitenden Maasregeln, eine Ehe buͤrgerlich vollzieht, viel zu gelinde Strafen an⸗ droht. Nach dem 68ten Art. bleibt es ſogar bei einer Geldſtrafe von 300 Franken, wenn der Ofſcier de l'état civil ohngeachtet eines geſchehenen Einſpruchs, vor der Aufhebung deſſelben mit der buͤrgerlichen Tranung vorſchreitet. Dieſe Sebuße ſcheint nach dem 182ten Art. das Maximum der Strafe zu ſeyn. Andere Contraventionsfaͤlle werden gelinder geahndet. Nach dem Geſetz Frankreichs haben die Forma⸗ litaͤten des Aufgebots, und alle der buͤrgerlichen Trauung vorangehende Formalitäten die Verhuͤtung nichtiger Ehen zum Zweck. Dies wird ſich bei der Darlegung des Geſetzes uͤber die Ehe deutlich zei⸗ gen. Der Offcier de l'état civil, welcher durch die Folge der Verſaͤumung der geſetzlichen Vorſchriften ei⸗ ne nichtige Ehe proclamirt hat, hat die weibliche Ehre 118 der hetrogenen Gattin vernichtet, und die aus ihrer Verbindung etwa erzeugten Kinder der Vorrechte der ehelichen Geburt— und nach dem Grundſat: la récherche de la paterrité est interdite— ſegar ihres vhyſiſchen Erzeugers beraubt. Er hat zwei Fa⸗ milien entehrt.* 6. Sind fuͤr ein ſolches Factum dreihundert Fran⸗ ken eine angemeſſene Strafe, ſo wird es einem reichen Verfuhrer ſehr leicht werden, Unerfahrenheit und Zu⸗ trauen durch eine Schein⸗Ehe zu hintergehen, ſobald er ſich nur wegen der Strafe von 300 Franken mit dem Officier de l'état civil abfindet. Ich trage darauf an, ein ſolches Verbrechen, mag es vom Pfarrer oder vom Friedensrichter durch eine kirchliche oder durch eine burgerliche Trauung wiſſent⸗ lich begangen worden ſeyn, durch Abſetzung zu be⸗ ſtrafen. Rur der zu beweiſende Mangel der boͤſen Abſicht— d. h. des Mangels des Bewußtſeyns der Uebertretung des Geſetzes, keineswegs des Man⸗ gels des Bewußtſeyns, daß die Trauung nur eine Scheintrauunz ſey— muͤßte eine gelindere Strafe nach ſich ziehen. Ich wende mich jetzt zum zweiten Gegenſtande des die Ehe betreffenden Titels des vorliegenden fran⸗ zoͤſiſchen Geſetzes. Es werden die Formen der Beurkundung einer geſchloſſenen Ehe und der Eintragung derſelben in die oͤffentlichen Regiſter beſtimmt. Ich wiederhole hier dasjenige, was ich zur Be⸗ gruͤndung meiner Vorſchläge uͤber die Verbeſſerungen der Geburtsregiſter, uͤber den nur durch Vereinigung der Geburts ⸗, Heiraths⸗ und Sterbregiſter, und durch Wechſelbeziehung derſelben erreichbaren Zweck der ganzen Anſtalt geſagt habe. Sind Geburts- und Sterbregiſter eine fuͤr die ganze buͤrgerliche Geſellſchaft, fuͤr die gegenwärtige und kuͤnftige Generation geführtes, den Rechtszuſtand 119 jeder Familie, und das Rechtsverhaͤltniß jedes Ein⸗ zelnen zu ſeiner Familie, beurkundendes Archiv, ſo ſind es die Heirathsregiſter ebenfalls. Sie muͤſſen mit gleicher Sorgfalt gefuͤhrt werden. So wie mit der Geburt des Einzelnen das Le⸗ ben eines Individuums beginnt, ſo faͤngt mit der Ehe die Exiſtenz einer neuen Familie an. So wie die Familie aus Individuen beſteht, ſo iſt die buͤrger⸗ liche Geſellſchaft aus Familien zuſammengeſetzt, nur daß oft ein einziges Individumm eine ganze Familie vorſtellt.— Die Aufloͤſung der Ehe iſt dagegen nichts anders, als die partielle oder totale Aufloͤſung der Familie. Und wenn der Staat Geburts⸗und Sterberegiſter fuͤr die Individuen fuͤhrt, ſo ſollte er auch Geburts⸗ und Sterbregiſter fuͤr die Familien aufbewahren. Nach dieſer Idee waͤren die Heirathsregiſter ein⸗ zurichten, ſie muſſen nicht blos das Andenken des An⸗ fangs, ſondern auch des Endes jeder Ehe aufbe⸗ wahren. Ueber die Beurkundung des Anfangs der Ehe läßt die franzoͤſiſche Geſetzgebung nichts zu wuͤnſchen uͤbrig. Von der Beurkundung des Endes oder der Aufioſung derſelben ſchweigt ſie in dieſem Titel ganz. Im 294ten Art. wird blos geſagt, daß die Auflo⸗ ſung durch Scheidung, nachdem ſie durch Richter⸗ ſpruch erkannt worden, vom Officier de Tétat civil müſſe ausgeſprochen werden. Daß die Scheidung im Eheregiſter zu erwaͤhnen ſey, wird wieder nicht geſagt. Wird fuͤr die Heirathen ein beſonderes Regi⸗ ſier— ein Trauungsbuch gefuͤhrt, ſo iſt es eben ſo leicht, das Ende als den Anfang einer Ehe tabella⸗ riſch zu beurkunden, und neben dem Trauungsbuch auch ein Scheidungsbuch zu fuͤhren. Die Ehe wird durch den Tod, oder ein Schei⸗ 120 dungsurtheil aufgelöſt; beide Trennungsarten muͤßten beſonders verzeichnet werden. 3 5 So raͤthlich und nuͤtzlich es iſt, eine Nachwei⸗ ſung uͤber das Abſterben des Individunms in das Geburtsregiſter, an dem dazu geeigneten Ort einzu⸗ tragen, eben ſo raͤthlich und nätzlich wuͤrde es auch ſeyn, auf dem Blatt, auf welchem die geſchloſſene Ehe beurkundet worden, auch wenigſtens eine Nach⸗ richt uͤber die Trennung der Ehe einzutragen, und dasjenige Regiſter dabei namhaft zu machen, in wel⸗ chem die eigentliche Trennungsurkunde zu finden iſt. Dieſe Vorſorge wuͤrde weit geringern Schwie⸗ rigkeiten unterworfen feyn, als die Eintragung einer Nachricht vom Abſterben des Individuums in das Geburtsregiſter Wird die Ehe am naͤmlichen Ort aufgeloͤſt, wo ſie geſchloſſen worden iſt, ſo iſt die Nach⸗ weiſung im Trauungsbuch ganz einfach. Im entge⸗ gengeſetzten Fall iſt immer der uͤberlebende Ehegatte im Stande, das Regiſter, in welchem die Trauung beurkundet worden, nahmhaft zu machen. Der die Trennung beurkundende Officier de Tétat civil kann ohne Weitlaͤuftigkeit demjenigen, der die Trauung beurkundete, und welcher ihm durch den uͤberlebenden Ehegatten bekannt geworden iſt, eine legale Nach⸗ richt uͤber die Eherennung zukommen laſſen. Die Trennungsbeurkundung muͤßte enthalten: 1) Den Ramen und Vornamen, Aufenthalt und das Gewerbe des Verſtorbenen.. 2) Den Namen, Vornamen, Aufenthalt und das Gewerbe des Ueberlebenden. 3) Die Nachweißing des Regiſters, und der Sei⸗ tenzahl, wo die Todesbeurkundung zu finden iſt. 4) Die Namen der in der Ehe erzeugten, der be⸗ reits verſtorbenen, und der noch lebenden Kin⸗ der, auch den Aufenthaltsort der letztern nach⸗ weiſen. Wäre die Ehe durch ein Scheidungsurtheil auf⸗ — T2T gehoben worden, ſo wuͤrde eine legale Ausſertigung deſſelben beizufuͤgen ſeyn. Nr. 1. und 2. waͤren da⸗ durch von ſelbſt erledigt, Nr. 3. fiele weg, Nr. 4. waͤre noch auszufuͤllen. Durch eine ſolche Vorſorge wuͤrde das Beur⸗ kundungsſyſtem der Filiation und des Familienzuſam⸗ menhangs einen hohen Grad von Vollkommenheit erlangen, bei Erbſchaftsſtreitigkeiten unbeſchreiblichen Weitläuftigkeiten vorgebeugt, und die dabei zu fuͤh⸗ renden Beweiſe eben ſo ſehr vereinfacht und erleichtert werden. Mit der Production einer Ehetrennungsurkun⸗ de, wuͤrde zugleich die Rachkommenſchaft aus dieſer Ehe, und die Erben des Verſtorbenen bezeichnet ſeyn. Es bleiben mir jetzt noch 3) Vorſchlaͤge uͤber die Beurkundun⸗ gen der Todesfaͤlle uͤbrig. Da die Eintragung einer Todesanzeige in ein buͤrgerliches Regiſter auf keinerlei Art mit kirchlichen Meinungen und Formen zuſammenhaͤngt, ſo koͤmmt die Eigenſchaft eines Pfarrers bei den Vorſchriften uͤber dieſen Gegenſtand uͤberall nicht in Betracht. Dagegen draͤngt ſich beim erſten Anblick die Be⸗ merkung auf, daß fuͤr diejenigen Einwohner der Ge⸗ meinde, welche nicht zur Kirche des Pfarrers gehoͤren, oder welche nicht ſeine Pfarrkinder ſind, in der pſy⸗ chologiſchen Macht des religioͤſen Vorurtheils, in dem Verlangen nach einer chriſtlichen Beerdigung kein Zwangsmittel zur geſetzmaͤßigen Auzeige des Todes exiſtirt. Das franzoͤſiſche Geſetz belegt die unterlaſſene Anzeige mit keiner Strafe. Es fragt ſich, ob die Erreichung des Zwecks des Staats ohne Strafdrohung geſichert werden koͤnne. Ich glaube dieſe Frage bejahen zu duͤrfen. 122 Die Berbigung iſt in ganz Deutſchland eine religioͤſe Handlung. Daß ſie es bleiben werde, dafuͤr buͤrgt die Macht religioͤſer Meinung. Es muß den Geiſtlichen und Kirchenvorſtehern aller Confeſſionen und Secten verboten werden, eine Beerdigung eher zu geſtatten, als bis ſie von der Beur⸗ kundung des Sterbfalls im S ſbegiſter legal infor⸗ mirt worden ſind. Hat der Officier de létat civil als Pfarrer die Beerdigung vorzunehmen, ſo haͤngt die Befolgung ver Vorſchrift von ihm allein ab, und die Sache macht ſich von ſelbſt. Erlangt ein Geiſtlicher, welcher in Hinſicht des zu Beerdigenden nicht Officier de l'état civil iſt, die Kenntniß des Abſterbens, ſo muß dieſer die An⸗ zeige betreiben. Das nemliche gilt don der jůdiſchen Beerdi⸗ gung. Das franzoͤſiſche Geſetz hat hiernaͤchſt bey den Vorſchriften uͤber die Beurkundung eines Todesfalls folgende Zwecke im Auge: 1) Verhuͤtung voreiliger Beerdigungen. 2) Verſicherung der Identitaͤt des etensi des im Todtenregiſter eingetragenen Subjects. 3) Vorſorge, daß jeder Todesfall im Todtenregi⸗ ſter des Wohnorts des Verſtorbenen beur⸗ kundet werde. 4) Die Schonung der Ehre der Familie des Ver⸗ ſtorbenen bei gewaltſamen Todesarten. Die voreilige Beerdigung kann a) bei einem Individuum ſtatt haben, von deſſen wirklichen Abſterben man noch nicht völlige Gewiß⸗ heit erſangt hat. b) bei Individuen, welche eines gewaltfamen Todes geſtorben ſind, und bei welchen der Juſtiz⸗ oder 123 der Polizei an der Erforſchung der Todesurfache gele⸗ gen iſt. a) Zur Vermeidung der Gefahr, einen Scheintod⸗ ten zu beerdigen, wird verordnet, 1) daß der Officier de l'état civil ſich ſelbſt in das Sterbehaus verfuͤge und den Leichnam beaugenſcheinige, 2) daß die Beer⸗ digung nicht eher vorgenommen werde, bis er ſie au⸗ toriſirt hat; 3) daß er dieſe Autoriſation nicht eher als 24 Stunden nach dem Hinſcheiden ertheile. Alle drei Vorſichtsmaaßregeln reichen nicht zu, wie Sach⸗ verſtändige Merzte bezeugen werden. Der Scheintod kann mehrere Tage fortdauern. Der Officier de l'état civil hat keinen Vorzug vor andern Sterblichen, um den Scheintod vom wirkli⸗ chen zu unterſcheiden. Seine Beaugenſcheinigung ſichert daher gegen die Gefahr nicht. Die Beurtheilung der Frage gehoͤrt zum Wir⸗ kungskreis der Medicinalpolizei. Die Autoriſation zur Beerdigung ſollte nicht der Offcier de I'etat ci- vil, ſondern der Officier de santé ertheilen. Ich weiß wohl, daß in Frankreich die Zahl der letztern kleiner iſt, als die Zahl der erſtern. Ich weiß auch, daß in den drei reſpectiven Staaten die Verordnung, daß keine Beerdigung ohne eine— auf Stempel⸗ freies Papier zu ertheilende— Autoriſation des Amts⸗ phyſicus oder wenigſtens eines verpflichteten Wund⸗ arztes vorgenommen werden ſoll, Schwierigkeiten fin⸗ den wird. Doch will ich lieber auf ein ſchwer auszu⸗ fuhrendes Geſetz antragen, als auf Reception einer, nach meiner Meinung uͤberflüſſigen und zweckwidri⸗ gen Verordnung. b) Sind an der Leiche des Individuums Spuren eines gemaltſamen Todes vorhanden, oder begruͤnden andere Umſtaͤnde den Verdacht, daß das Individuum keines natuͤrlichen Todes geſtorben ſey, ſo ſoll eine, von einem Polizeibeamten mit Zuziehung eines Arz⸗ tes oder Wundarztes vorzunehmende Unterſuchung des 124 Zuſtandes des Leichnams der Beerdigung vorangehen. Ueber jenen Zuſtand ſoll ein Protokoll gefuͤhrt werden. Die Verordnung iſt vernuͤnftig. Daß aber der Legal⸗ ſection dabei nicht erwaͤhnt wird, iſt nicht zweckmaͤßig. Das dentſche Geſetz muß dieſe Auslaſſung nachholen. Wird zu jeder Beerdigung die Autoriſation eines Arz⸗ tes oder Wundarztes erfordert, ſo iſt auch die Verord⸗ nung der Unterſuchung des Zuſtandes des Leichnams und der Legalſcetion an den Arzt oder Wundarzt in dem vom franzoſiſchen Geſetz vorausgeſehenen Fall, zu richten. ad a. Um der Identität des geſtorbenen und des im Todtenregiſter eingetragenen Individuums verſi⸗ chret zu ſeyn, wird die Anzeige des Todes durch zwei Zeugen verordnet. Die Zeugen ſollen wo moͤg⸗ lich die naͤchſten Verwandten oder Rachbaren ſeyn. Iſt jemand außer ſeinem Wohnort geſtor⸗ ben, ſo ſoll der Hausherr die Anzeige verrichten. Vielleicht ſoll auch um dieſes Zwecks willen der Officier de Petat civil ſelbſt die Leichenſchau vornehmen, Alle dieſe Verordnungen moͤgen, weil ſie wenig⸗ ſtens unbedenklich ſind, in dem fuͤr die drei reſpecti⸗ ven Staaten modificirten Code Napoléon ſtehen bleiben. Fuͤr abſolut nothwendig halte ich ſie nicht, am wenigſten die dem Oklicier de l'état civil aufer⸗ legte Leichenſchau, deren unerlaßliche Nothwendigkeit ich gar nicht einſehe. Mit der Verwechſelung der Le⸗ benden und Todten hat es Gottlob! in Deutſchland nicht viel auf ſich. Eine Pſeudo-Eva von Trott wur⸗ de hier nur einmal begraben. ad 3. Die vom Geſetz getroffene Vorſorge der Beurkundung des Todes in dem Todtenregiſter des Orts, wo das Individuum zuletzt domiciliirt war, ſcheint mir durchaus Beifalls wuͤrdig, und der Aufnahme werth. Der gewoͤhnliche Wohn⸗ ort eines Individuums iſt am leichteſten zu er⸗ forſchen. Rachrichten uͤber ſein Abſterben wer⸗ den am erſten in dem Todtenregiſter dieſes Orts geſucht. Durch dieſe naͤmliche Einrichtung iſt es am leichteſten die Geburtsurkunde durch eine dachweiſung auf die Todesanzeige zu einem Gan⸗ zen zu bilden. Wie dieſes mohlich ſey, habe ich oben gezeigt. Eben ſo wird es raͤthlich und nuͤtz⸗ lich ſeyn, in der Todesbeurkundung eine Rach⸗ weiſung auf die Beurkundung der Geburt und wo ſie zu finden iſt, einzuruͤcken. Dies wird gar keine Schwierigkeit machen, wenn jeder neu Domieiliirte eine legale Ausfertigung ſeines Ge⸗ burtsſcheins bei dem Oficier de Tétat civil nie⸗ derlegen muß. So wird die Verewigung der Filiationen und des Familienzuſammenhangs einer immer groͤßern Voll⸗ kommenheit naͤher gebracht. Die Wichtigkeit meiner verbeſſernden Vorſchlaͤge rechtfertigt ſich durch die Wich⸗ tigkeit, welche die franzoſiſche Geſetzgebung uͤberhaupt den ſogenannten Actes de l'état civil beilegt. Die Vorſorge, durch welche das Abſterben von Individuen, welche ihr Leben in Spitaͤlern, Gefaͤng⸗ niſſen, Zucht⸗ und andern oͤffentlichen Anſtalten, oder gar durch Hinrichtung geendigt haben, nicht allein in die Todtenregiſter jener Anſtalten, ſondern auch in dem Todtenregiſter des letztern Wohnorts der in Frage ſtehenden Individuen eingetragen wird, traͤgt das Ge⸗ praͤge jener Anſicht. Degegen hat das Geſetz vergeſ⸗ ſen, das naͤmliche in Ruͤckſicht der Individuen zu ver⸗ ordnen, welchs zufaͤllig außer ihrer Heimath ſterben. Dies muͤßte in dem fuͤr deutſche Staaten modificirten Geſetz nachgeholt werden. ad 4. Ueber die Todesart ſoll nach dem franzoͤſi⸗ ſchen Geſetz in dem Todtenregiſter nichts bemerkt werden. Es ſoll aus Rüuͤckſichten fuͤr das Vor⸗ urtheil, Hinrichtungen und gewaltſame Todes⸗ 126 arten— durch Zweikampf und Selbſtmord ver⸗ ſchweigen. Mir ſcheint dieſer Grund nicht hinreichend, um die Vernachlaͤßigung der Aufbewahrung von Rotizen zu rechtfertigen, welche dem Staate in mehr als einer Hinſicht wichtig ſind. Wenn ſchon der Hauptzweck der Aufnahme von Geburts⸗, Hetraths⸗ und Sterberegiſter, ein rein rechtucher Zweck— die Beurkundung der Familien⸗ rechte und des buͤrgerlichen Rechtszuſtands iſt, ſo ver⸗ einigen ſich doch auch damit untergeordnete Zwecke. Fuͤr mehrere Zweige der Polizei koͤnnen daraus inter⸗ eſſante Notizen geſchoͤpft werden. Fuͤr die Bevoͤlke⸗ rungspolizei ſind Geburts- und Heirathsregiſter, fuͤr die Polizei der Sitten, das Verzeichniß der Eheſchei⸗ dungen, fuͤr die Geſundheits⸗ und Sicherheits⸗Po⸗ lizei Sterberegiſter wichtig. Wie die Bevoͤlkerung durch die Vermehrung der Geburten und Ehen zu⸗ nimmt, die Sitten durch Verminderung der Ehen und Vermehrung der Scheidungen ſich verſchlimmern, die Sanitaͤtsanſtalten durch Verminderung oder Ver⸗ mehrung gewiſſer Krankheiten ihren Zweck erreichen oder verfehlen, wie die oͤffentliche Sicherheit und die Sitten des Volks in einer andern Hinſicht gewonnen haben, indem Hinrichtungen ganz aufhoͤren und das Abſterben in Zuchtanſtalten abnimmt— uͤber dies alles und vieles andere werfen vollſtaͤndige Geburts⸗, Heiraths⸗ und Sterbeverzeichniſſe Licht. Die Ver⸗ beſſerungen derſelben werden daher immer als Sym⸗ ptome ſteigender Cultur zu betrachten ſeyn. dehrere jener Zwecke bleiben unerreicht, wenn nicht auch die Todesart des Individuums in dem Tod⸗ tenregiſter bemerkt wird. Die Schonung der Ueberlebenden ſcheint mir dagegen keine hinreichende Ruͤckſicht, um das Abſter⸗ ben durch Hinrichtung, Selbſtmord und Zweikampf zu verſchweigen. 127 Wer durch Selbſtmord ſein Leben endigt, ſollte billig nur Bedauern erregen. Daß man ihn fuͤr be⸗ ſchimpft haͤlt, iſt ein Ueberreſt truͤber theologiſcher An⸗ ſichten; er wird bald verſchwinden, wenn man die Beſtrafung des Selbſtmoͤrders aus dem peinlichen, und die Verſagung eines ehrlichen Begraͤbniſſes ans dem kirchlichen Geſetzbuch verbannt. Daß man die uͤberlebende Familie des Selbſtmoͤrders durch die Hand⸗ lung deſſelben fuͤr beſchimpft haͤlt, iſt ein noch hoͤherer Grad von Ungereimtheit. Betrachtet einmal die Ge⸗ ſetzgebung den Selbſtmord als einen moraliſchen, we⸗ der zum Schimpf, noch zur Ehre gereichenden Wahn⸗ ſinn, ſo werden auch die Ueberlebenden ſo wenig durch dieſe Todesart, als durch eine natuͤrliche, als entehrt erſcheinen. Daß ſich der Selbſtmord durch Straflo⸗ ſigkeit vermehren werde, iſt nicht zu beſorgen, weil ſchon die menſchliche Natur ſelbſt und die Liebe zum Leben mehr fuͤr die Abwendung deſſelben ſorgt, als es irgend eine Strafanſtalt zu thun im Stande iſt. Der Tod durch Zweikampf kann ſo lange in den Augen des Vorurthtils kein ſchimpflichet Tod ſeyn, als das Vorurtheil der Ehre ſelbſt die Gefahr, wel⸗ cher der Verſtorbene ſich aufgeopfert hat, erzeugte. Sollte aber einmal dieſes Vorurtheil aufhoͤren, ſo wird es uͤberhaupt keinen Zweikampf mehr geben. Es bleibt daher nur der Tod durch Hintichtung, in Gefaͤngniſſen und im Zuchthauſe uͤbrig, welcher die Familie des Individuums in den Augen des Vor⸗ urtheils wirklich beſchimpft. Der Schimpf wird in⸗ deſſen durch Notorietat, keineswegs durch die Ein⸗ tragung ins Sterberegiſter erzeugt. Mit dem Anden⸗ ken der Strafe vermindert ſich auch nach und nach die Wirkung des Vorurtheils. Sie hoͤrt ganz auf, wenn die Erinuerung an jene Strafen aus dem Gedaͤcht⸗ niß der Menſchen erloſchen iſt. Wird denn auch ſpa⸗ terhin durch Production eines der Hinrichtung erwaͤh⸗ nenden Todtenſcheins in einer gerichtlichen Verhand⸗ lung, das Andenken an die Strafe erneuert, ſo lebt doch darum der ſchon erloſchene Schandfleck nicht wie⸗ der auf, die ganze Senſation beſchraͤnkt ſich auf Par⸗ teien und Richter, da ſelbſt nach den Grundſaͤtzen der franzoͤſiſchen Civilprocedur eine gerichtliche Verhand⸗. lung bei geſchloſſenen Thuͤren wegen beſonderer Um⸗ ſtaͤnde verordnet werden kann⸗ bringe aus den eben entwickelten Gruͤnden, die Nachweiſung der Todesart ebenfalls in die uͤber die Todesbeurkundungen nach meinem Vorſchlag ein⸗ zufuͤhrenden Tabellen. Ich koͤnnte hier meine unmaaßgeblichen Vorſchlaͤ- ge uͤber die Verbeſſerung der Actes de létat civil und der Aufbewahrung derſelben, wie ſie der Kodex Napoleon einfuͤhrt, ſchließen, wenn mir nicht noch einige Bemerkungen uͤber das funfte und ſechſte Ka⸗ pitel des franzoͤſiſchen Geſetzes uͤbrig blieben. Das fuͤnfte Kapitel handelt von den Geburts⸗, Heiraths⸗ und Sterbebeurkundungen bei den außer⸗ halb Frankreichs Gtenzen beſindlichen Armeen. Thi⸗ baudeau hielt dieſe Verordnung fur ſehr nothwendig. Er ſagte zur Rechtfertigung derſelben: pendant la derniére guerre, on s'est joué du plus saint des contracts, du mar age. Des heritiers dont Tori- gine a cté inconnue aux familles viennent cha- que jour y porter le trouble: des parents sont toujours dans lincertitude sur l'existence de leurs enkans. II V a eu sans doute des abus que le caractère extraordinaire de cette guerre ne per- mettoit pas de prévenir; mais il en est un grand nombre qu'on peut attribuer à limprevoyance de la législation.(Code civil etc. II. 10.0 Die zur Abwendung der geruͤgten Unordnungen getroffenen Verfugungen des Koder Mapoleon, ſchei⸗ nen mir erſchoͤpfend und zweckmaͤßig. Sie concen⸗ triren ſich auf den Grundſatz, daß jede bei der Armee erfolgte Geburt, Heirath und Tod, in dem dazu ge⸗ 1 2. 129 eigneten Regiſter des Wohnorts der Individuen ver⸗ zeichnet werden muß. In Anſehung der Geburten wird die Befolgung der Vorſchrift Schwierigkeiten verurſachen. Siméon ſagt: on rencontre quelquefois des naissances dans les camps, comme ces fleurs rares dont la n tu- re égaie les monumens funébres, et couronne les arcs de triomphe. Er bemerkt aber nicht, daß es oft unmoͤglich iſt, die Wurzel zu finden, aus welcher jene ſparſamen Blu⸗ men hervorgewachſen ſind. Dem Troß der Armeen folgen Weiber ohne Nahmen, z. B. Marketenderin⸗ nen, Waͤſcherinnenzc., welche ihre Heimath und ihre Her⸗ kunft verläugnen. Wie es moͤglich iſt, im Falle ſie Kinder zur Welt bringen, aufrichtige Angaben uͤber ihren Wohn⸗ ort von ihnen zu erhalten, zeigt das Geſetz nicht. Die Zahl der den Armeen folgenden verheirathe⸗ ten Weiber iſt verhaͤltnißmaͤßig die geringere. Die Befolgung des Geſetzes kann in Hinſicht derſelben keine Schwierigkeiten finden. Die zur Verhuͤtung des Mißbrauchs der Ehe ein⸗ gefuͤhrte Nothwendigkeit des Aufgebots an dem Wohn⸗ ort der zu Verehelichenden und der Production der Ge⸗ burtsſcheine ſcheint mir in Verbindung ſmit der von mir vorgeſchlagenen verbeſſerten Einrichtung der Ge⸗ burtsregiſter voͤllig erſchoͤpfend. Da die drei reſpectiven Staaten keine Armeen, ſondern nur Truppencorps im Felde unterhalten wer⸗ den, ſo ſcheinen die vom franzoͤſiſchen Geſetz im 89. Art. eingefuͤhrten Vorſchriften uͤber die Frage, wer die Stelle des Oflicier de l'état civil bei den reſpectiven Corps zu verwalten habe? am paſſendſten zu ſeyn. Die militairiſchen Todtenliſten koͤnnten den re⸗ ſpectiven Kriegscollegien, oder den oberſten admini⸗ ſtrativen Behoͤrden zugeſendet, und denſelben die Ver⸗ fuͤgung der Eintragung in die reſpectiven Orts⸗ oder 9 130 Gemeinde⸗Regiſter uͤberlaſſen werden. Die naͤhere- Pruͤfung des von mir vorgeſchlagenen Geſetzentwur⸗ fes uͤberlaſſe ich dem Urtheile eines beſſern Kenners militairiſcher Organiſationen. Das ſechſte und letzte Kapitel des Geſetzes sur les actes de létat civil, welches die Berichtigungs⸗ art derſelben beſtimmt, ſanctionirt einen doppelten Grundſatz: Einmal, daß die Fehler dieſer Regiſter vom Procureur Impérial von Amtswegen angezeigt, und daß die Beſtrafung derſelben von Amtswegen ver⸗ folgt; zweitens, daß dagegen die naͤmlichen Fehler nie von Amtswegen, ſondern erſt auf Antrag der in⸗ tereſſirten Theile und nach vorgaͤngiger richterlicher Entſcheidung verbeſſert werden ſollen. Beide Grundſaͤtze ſcheinen ſich beim erſien Blick zu widerſprechen, gehen aber harmoniſch und noth⸗ wendig aus dem ganzen Syſtem hervor. Der Ofü- cier de l'état civil iſt bloßer Beurkunder fremder Ausſagen uber gewiſſe Thatſachen, welche das Geſetz zu wiſſen verlangt. Dieſe Ausſagen, moͤgen ſie ausfallen, wie ſie wollen, moͤgen ſie vollſtaͤndig, oder unvollſtaͤndig ſeyn, begruͤnden ein jus quaesitum der Intereſſenten. Weder der Oflicier de l'état civil noch das die oͤffentlichen Geburts⸗, Heiraths⸗ und Sterberegiſter verwahrende Tribunal kann in dieſen Ausſagen von Amtswegen etwas aͤndern, ohne in die einſtweilig durch den Inhalt des Regiſters, als eines Beſitztitels durch Urkunden, erworbenen jura quaesita eines Un⸗ gehoͤrten einzugreifen. Daher die Vorſchrift, daß kein Fehler von Amts⸗ wegen verbeſſert werden darf. Dagegen iſt der Oficier de I'état civil ange⸗ wieſen, nach den Umſtaͤnden zu fragen, welche das Geſetz wiſſen will, und Handlungen vorzunehmen, 131 welche die Sicherheit des buͤrgerlichen Rechtszuſtan⸗ des bezwecken. Unterlaͤßt er dieſe Pflicht, ſo iſt er ohne weiters ſtrafbar. Wollte man die Strafen der Klage des beſchaͤdigten Theils ſubordiniren, ſo wuͤrde man zu dem Beiſpiel von Unordnung und Inſubordination einſt⸗ weilig conniviren muͤſſen. Man wuͤrde die Erhal⸗ tung von Ordnung und Geſetzlichkeit der Beamten⸗ willkuͤhr Preis geben. Daher die Nothwendigkeit der officiellen Con⸗ trolle des Procureur Impériale, der officiellen An⸗ zeige begangener Fehler und der officiellen Strafe. Zum Schluß dieſes Vortrags ſey mir noch fol⸗ gende Bemerkung erlaubt. So wohl das franzoͤſiſche Geſetz sur les actes de J'état civil, als meine Vorſchlaͤge uͤber die Ver⸗ beſſerungen derſelben zeigen, wie ſehr dem Geiſte der franzoͤſiſchen Legislation ein großer ausgedehnter Staat vorgelegen habe— ein Staat, deſſen ſaͤmtliche Be⸗ hoͤrden und Regiſtraturen ſich in beſtaͤndiger Wechſel⸗ beruͤhrung und Cohaͤrenz finden und unter einer und der naͤmlichen hoͤchſten Gewalt ſtehen. Nur in ei⸗ nem ſolchen Staate laſſen ſich die Geburts⸗, Heiraths⸗ und Sterberegiſtraturen in Verbindung ſetzen; nur in einem ſolchen Staate gehen die allermeiſten Veraͤn⸗ derungen des Wohnorts der Familien, aus einer Ge⸗ gend des Reichs in eine andere, vor; nur in ſolchem Staate koͤnnen daher die Veraͤnderungen von einem Localbeamten dem andern ſo mitgetheilt werden, daß der vom Geſetz intendirte Zweck dieſer Mittheilung, mit Gewißheit— da uͤberall eine und die naͤmliche hoͤchſte Gewalt uͤber die Vollziehung des Geſetzes wacht— erreicht wird. Es geht hieraus wenigſtens die Nothwendigkeit hervor, den Koder Napoleon in allen Staaten des Rheinbundes mit moͤglichſt gleich foͤrmigen Mo⸗ 9 — 182 diſſtationen zu adoptiten. Nur durch die Gleichfor⸗ migkeit der Principien und des Inhalts der Geſetzge⸗ bungen der Rheinbundesſtaaten kann der Abgang ei⸗ ner Gemeinſchaftlichkeit der hoͤchſten Staatsgewalt erſetzt werden. Rur durch ſie wird ein Staat des Rheinbundes veranlaßt, daß er freiwillig durch die Vollziehung ſeiner eignen Inſtitute der Vollziehung der Inſtitute eines andern Rheinbundsſtaates die Hand biete. —— 8 2 —„—„—„— 3— ——— Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſ⸗ ſion uͤber die Bemerkungen der Großherzoglich Heſ⸗ ſiſchen Herren Commiſſarten uͤber die Vorfragen, welche deutſche Regierun⸗ gen bei einer beabſichtigten Einfuͤhrung des Code Napoléon zu entſcheiden ha⸗ ben. ſe —. De Raſſauiſche Commiſſair hat mit dem groͤßten Intereſſe den ausfuͤhrlichen und gruͤndlichen, unter Quadrangel 2. dem Conferenzprotocoll beigefuͤgten, Vortrag der Großherzoglich Heſſiſchen verehrten Herren Commiſſarien geleſen und gepruſt. Er bringt der darin herrſchenden Gelehrſamkeit, Gruͤndlichkeit und Umſicht denjenigen Zoll der Ach⸗ tung dar, welchen jeder gebildete Mann auch den von ſeiner Ueberzeugung abweichenden Anſichten, wenn ſie ſo dargelegt werden, unbefangen widmet. Dieſer Vortrag und die darin aufgeſtellten Grund⸗ ſätze ſind fur die Behandlung des Gegenſtandes, wel⸗ cher die Geſetzgebungskommiſſionen der reſpectiven 134 Staaten zuſammengeführt hat, hochſtl entſcheidend und wichtig Unterzeichneter muß deshalb fur eine umſtaͤndli⸗ che Eroͤrterung derſelben Aufmerkſamkeit erbitten. Um vollkommen deutlich zu werden, ſey es ihm erlaubt, die Gegenſtaͤnde der Unterſuchung nach der⸗ jenigen Ordnung zu trennen, welche dem Entwicke⸗ lungsgang des Geſchaͤfts und den Divergenzen zwi⸗ ſchen den dieſſeitigen und jenſeitigen Anſichten am an⸗ gemeſſenſten ſcheint. Es fragt ſich vor allen Dingen, ob der Code Napoléon vorerſt nur in Anſehung der modificirten, oder nicht modificirten, verbeſſerten, oder nicht ver⸗ beſſerten, mit oͤffentlichen Anſtalten nicht weſentlich zuſammenhaͤngenden Doctrin zu recipiren, oder ob der ganze Code mit ſeinen Inſtituten und Regie⸗ rungsanſtalten auf einmal einzufuͤhren ſey? Jenes iſt von Seiten der Raſſauiſchen, dieſes von Seiten der Großherrzoglich Heſſiſchen Commiſ⸗ ſion vorgeſchlagen worden. Man hat dabei von Raſſauiſcher Seite nicht miskennt, daß der hohe Zweck der Propagation des code Napolson ohne allmaͤhlige Einfuͤhrung al⸗ ler Inſtitute deſſelben— ſo ſo weit es nur immer die Natur der Verhaͤltniſſe zulaͤßt, nicht zu erreichen ſey. Man iſt ſogar weiter gegangen, und hat zuge⸗ geben, daß Inſtitute des franzöſiſchen Reichs, welche der Buchſtabe des Code Napoléon nirgends mit ei⸗ ner Sylbe beruͤhrt, dennoch in ſeinem Geiſt enthal⸗ ten ſind, und daß daher der endliche Zweck der Auf⸗ nahme des Code Napoléon ohne die endliche Auf⸗ nahme dieſer von demſelben verſchwiegenen Inſtitute erreichbar ſey. Dagegen haben die Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien eingeraͤumt, daß der Code Na- poléon doctrinelle Beſtimmungen enthalte, welche bei jeder Staats⸗ und Gerichts⸗Verfaſſung anwendbar 135 ſind. Rur haben ſie bezweifelt, daß es räthlich ſey, mit der Einfuͤhrung derſelben den Anfang zu machen, die Einfuͤhrung der Inſtitute dagegen auszuſetzen. II) Von dieſer letztern Anſicht ausgegangen— fragt es ſich weiter, welche Inſtitute weſentlich zum Code Napoléon gehoͤren, und welche davon als außerweſentlich zu trennen ſind? Die Eroͤrterung dieſer Frage hielt man von Naſſauiſcher Seite nicht. für noͤthig, weil man dieſſeits alle Inſtitute deſſelben fuͤr weſentlich, nur die Ordnung ihrer ſuecceſſiven Ein⸗ fuhrung fuͤr außerweſentlich achtete. Da man indeſ⸗ ſen von Seiten der Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien auf dieſen Unterſchied ein großes Ge⸗ wicht legt, und legen muß, ſo wird ſich dieſſeitiger Commiſſarius jetzt ebenfalls auf die Eroͤrterung deſſel⸗ ben einlaſſen. II) Dieſe Erörterung haͤngt aber wieder mit einer andern Frage zuſammen, über welche die bei⸗ derſeitigen Commiſſionen ebenfalls in ihren Anſichten be⸗ deutend abzuweichen ſcheinen. Wenn man naͤmlich fragt, in welchem weſentlichen Zuſammenhang der Code Napoléon mit ſeinen eignen Inſtituten ſteht, ſo wird man zur weitern Frage genoͤthigt, in welchem Zuſammenhang dieſe Inſtitute zu Frankreichs ganzer übrigen Verfaſſung ſtehn, wie ſich im Code Napoléon offenbart habe, und wie der Code Napoléon auf die Verfaſſung zuruͤck wirke? Dieſe Frage erſcheint als hoͤchſt wichtig, wenn nicht nach dem Antrag der Her⸗ zoglich Naſſauiſchen Commiſſion, von einer ſucceſſi⸗ ven, ſondern nach dem Antrag der Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien von einer ſimulta⸗ nen und voͤlligen Einfuͤhrung des Code Napoléon die Rede iſt. Ich habe hier die Hauptfragen der Unterſuchung in diejenige Ordnung geſtellt, welche der Entwicke⸗ lungsgang des Geſchaͤfts erzeugt hat. Sie iſt aber nicht diejenige, welche der Gang einer wiſſenſchaftli⸗ 136 chen Unterſuchung fordert. Dieſe fordert umgekehrt folgende Stellung der Fragen. 1) In welcher weſentlichen Verbindung ſteht der Code Napoléon mit Frankreichs uͤbriger Ver⸗ faſſung und Geſetzgebung? 2) Welche Inſtitute Frankreichs— nicht gerade des Code Napoléon— muͤſſen daher im Ver⸗ haͤltniß zu dieſem letztern als weſentlich, wel⸗ che als außerweſentlich betrachtet werden? 3) Welche Reſultate liefert die Unterſuchung dieſer beiden Fragen fuͤr die Vorzuͤge ind Nachtheile der partiellen oder totalen, mit der von der Ver⸗ faſſung unabhaͤngigen Doetrin, oder mit der Organiſation beginnenden Einfuͤhrung? ad 1. In welcher weſentlichen Verbin⸗ dung ſteht der Code Napoléson mit Frankreichs uͤbriger Verfaſſung und Geſetzgebung? Hoͤchſtwichtig und folgenreich iſt die gruͤndliche und vollſtaͤndige Beantwortung dieſer Frage; aber ſie iſt auch eben ſo ſchwierig. Es gehoͤrt dazu die ge⸗ naueſte Kenntniß des Materiellen der franzoͤſiſchen Verfaſſung und Geſetzgebung, wie ſie nach vieljaͤhri⸗ gem Studium und Erfahrung nur ein Merlin er⸗ langt. Dieſe Kenntniß iſt unerlaßlich, aber doch bei weitem nicht hinreichend. Es gehoͤrt dazu eben ſo nothwendig ein philoſophiſcher Blick, welcher alle Wechſelwirkungen der Sitten und Geſetze, alle oft dem Geſetzgeber ſelbſt verborgene Beziehungen der Doctrin und der Einrichtungen, der Grundverfaſſung, der Regierungsmaximen, des Abgabenſyſtems, des Militairſyſtems, in ihren feinſten Verbindungen uͤberſchaut, dem es nicht verborgen bleibt, wie eins durch das andere geſtaltet wird, wie alles Einzelne aus dem Ganzen hervorgeht und in das Ganze ſzu⸗ ruͤckwirkt, wie durch eins große, unſichtbare Kette in 3 der Zeit wie im Raum, das Aufeinanderfolgende wie das Zuſammeneyiſtirende, auch im Gebilde der Staa⸗ ten wechſelſeitig bedingt und zuſammengehalten iſt. Eine ſolche Aufgabe wuͤrde die Lebensjahre ei⸗ nes Montesquieu wuͤrdig beſchäftigen. Meine verehrten Herren Collegen werden es mir unverſichert glauben, daß ich weder die zur Aufloͤſung derſelben noͤthigen Geiſteskraͤfte, noch die dazu eben ſo unent⸗ behrlichen Kenntniſſe in Anſpruch nehme. Was ich hier daruͤber ſage, kann ſich nur auf das Allgemeine und in die Augen fallende beziehen. Ich folge hierbei der von den verehrten Groß⸗ herzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien vorgezeich⸗ neten Ordnung. a) Verhaͤltniß des Code Napoléon zur Admini⸗ ſtration. Der Zuſammenhang der Adminiſtration mit dem Code Napolcon iſt allerdings in dieſem letztern nicht ſichtbar. Dennoch ſcheint es mir, daß der vollſtän⸗ dige und ſeinem Geiſt nach eingefuͤhrte Code Napo- 16on mit dem adminiſtrativen Syſtem deutſcher Staaten nicht zu vereinigen ſey. Gerade die ſtrenge Trennung der Adminiſtration von der Juſtiz gehoͤrt zum Weſentlichen des franzoͤſiſchen Rechtsorganismus. Die— wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf— Tren⸗ nung in der Erſcheinung wird Zuſammenhang in der Wiſſenſchaft. Der deutſche Amtmann iſt ein weſentliches Glied in der deutſchen Adminiſtration. Er iſt auf der einen Seite fuͤr ſeinen ganzen Amtsbezirk erſte Inſtanz in der Juſtiz. Er iſt auf der andern erſte Inſtanz in der Regierung. Die niedere Adminiſtration findet ſich im vollſten Sinn des Worts in ſeiner Hand. Er ubt alle Zweige der Polizei, alles Detail in Kirchen⸗, Cameral⸗, Finanz⸗Sachen aus. Er iſt im Amt 138 der wahre und einzige Statthalter des in der höhern Geſchäftsregion durch adminiſtrative und Juſtiz⸗Col⸗ legien repraͤſentirten Souverains. Dem deutſchen Amtsbezirk ſteht der franzoſiſche Canton gegenuͤber. In die Functionen des Amt⸗ manns theilen ſich der Maire nebſt den Municipal⸗ raͤthen, der Friedensrichter nebſt ſeinem Beyſitzer und Actuar(Suppléant et greffier) und das Tribunal erſter Inſtanz. Daß dadurch in der untern Region die Staats⸗ diener vermehrt, und wenn man ſie verhaͤltnißmaͤßig beſolden will, die Ausgaben vergroͤßert werden, leidet keinen Zweifel. Die geringe Beſoldung der Friedensrichter iſt in Frankreich ein tiefgefuͤhltes Uebel. Im Großherzog⸗ thum Berg werden die Maire und Municipalrathe auf dem Lande und in kleinen Staͤdten nicht bezahlt, und das Publikum freut ſich dieſer neuen Einrichtung bis jetzt nicht. Will man den Friedensrichtern zugleich die Fune⸗ tionen des Maire und der Municipalraͤthe uͤbertragen, ſo ſtellt man freilich in dieſer Vereinigung den deut⸗ ſchen Amtmann wieder her. Man ſuͤndigt vielleicht gegen keinen einzigen Artikel des Cade Napoléon, aber gewiß und zuverlaͤſſig gegen ſeinen in der ganzen franzoͤſiſchen Verfaſſung athmenden Geiſt. Admini⸗ ſtrative Ruͤckſichten wuͤrden ſich in die Verwaltung der friedensrichterlichen Funetionen miſchen, und das war es ja gerade, was man in Frankreich durch die Tren⸗ nung verhuͤten wollte. Ob endlich der belaſtete Staats⸗ functionaͤr die doppelte Buͤrde zu tragen im Stande ſeyn werde, dies koͤnnte erſt die Erfahrung zeigen. Man koͤnnte zwar die Anſicht haben, daß der franzoͤſiſche Friedensrichter als Diener der Juſtiz weniger beſchaͤftigt ſey, als der deutſche Juſtizbeam⸗ te. Denn wenn jener nur als Ausnahme Richter erſter Inſtanz iſt, ſo iſt es dieſer in der Regel. Bei 139 einer nähern Anſicht wird man aber anders zu ur⸗ theilen genoͤthigt werden. Der Friedensrichter iſt in allen den Sachen, in welchen er nicht Richter ſeyn kann, der Verſohner. Er wird in dieſer Eigenſchaft Inſtruent. Das Procès verbal de non con cilia- tion muß die Thatſachen und die von beiden Theilen gebrauchten Rechtsgruͤnde enthalten. Dieſe Einrich⸗ tung iſt gewiß beifallswuͤrdig. Indeſſen wird es wohl jeder Geſchaäftsmann wiſſen, daß das Amt des Inſtruenten muͤhſamer iſt, als das Amt des Decer⸗ nenten. Es wird es wohl jeder erfahren haben, daß es zeitraubender iſt, einen Vergleich zu ſtiften, als ei⸗ nen Spruch auf ein einfaches Protocoll zu machen. Und ſo wird die Anſicht, daß der franzoſiſche Frie⸗ densrichter weniger, als der deutſche Juſtizbeamte, beſchaͤftigt ſey, ſich von ſelbſt verlieren. Nimmt man hinzu, daß der Friedensrichter als Vorſteher des Familienraths eine Muͤhe ubernimmt, mit welcher die Muͤhe des, bloße Vormunds⸗Rech⸗ nungen receſſirenden Beamten nicht entfernt ver⸗ glichen werden kann, und daß der Familienrath bei ſo mancherlei Familienangelegenheiten zuſammengeru⸗ fen werden muß, ſo wird man zugeben, daß es nicht ſo unbedenklich ſey, ſein Amt mit Functionen zu ver⸗ binden, welche demſelben, im Geiſt des franzoͤſiſchen adminiſtrativen und Juſtitzverwaltungsſyſtems ganz fremdartig ſind. Von dieſer Wahrheit durchdrungen, hat man im Koͤnigreich Weſtphalen bei der Einfuͤhrung des code Napoléon nicht daran gedacht, die Friedens⸗ gerichte und Mairien in Einer Perſon zu vereinigen. Im Großherzogthum Berg ſind Frankreis admini⸗ ſtrative Anſtalten ſogar der ſchon mehrmals angekuͤn⸗ digten nahen Einfuͤhrung des Code Napoleon vor⸗ angegangen. Die Mairien und Municipalitäten ſte⸗ hen ſeit einigen Monaten in voller Function, indeß — 140 die auf bloße Juſtizverwaltung beſchraͤnkten Beamten jeden Tag ihrer Verwandlung in Friedensrichter entgegenſehen. Werden in den drei reſpectiven Staaten Frie⸗ densgerichte im Geiſt und Sinn des Code Napoléon eingefuͤhrt, ſo wird die Einfuͤhrung von Mairien eben ſo wenig umgangen werden koͤnnen, als im Grosherzogthum Berg nach der Einfuͤhrung von Mairien, die Errichtung von Friedensgerichten zu umgehen iſt. Und dadurch wird in der Adminiſtra⸗ tion eine der weſentlichſten Veraͤnderungen erfolgen muͤſſen. b) Verhaͤltniß des Code Napoléon zur Juſtizver⸗ waltung. Der Zuſammenhang des Code Napoléon mit der franzoͤſiſchen Eivil⸗ und Criminaljuſtitzverwaltung, iſt von den Großherzoglich Heſſiſchen Herren Com⸗ miſſarien ſo ausfuͤhrlich entwickelt worden, daß mir faſt nichts weiter als eine Recapitulation ubrig bleibt. aa) Zur Civiljuſtitzverwaltung. Sehr richtig wird in Anſehung der Civiljuſtit⸗ verwaltung, die gerichtliche Organiſation vom ge⸗ richtlichen Verfahren geſchieden. aaa) Zur Organiſation. Bei der Organiſation zeigt ſich 1) eine frei⸗ willige Gerichts barkeit der Notaͤre deren Wirkſam⸗ keit, gleich der Wuͤrkſamkeit der Gerichte, Rechts⸗ Fraft hervobringt, 2) eine Hypothekenrecht erzeugende Anſtalt, durch welche der Glaͤubiger, in der Regel ohne Vorwiſſen und Zuthun des Schuldners, auf unbewegliche Guͤter Pfandrechte erwirbt, 3) ein 141 Rechtscollegium und ein eollegialiſches Ver⸗ fahren in der erſten Inſtanz als Regel, ₰ eine zweifache Inſtanzenhierarchie, 3) ein oberſter, Urthei⸗ le vernichtender, aber nie Rechtskraft oder formelles Recht erzeugender Caſſationshof, 6) ein Ministére public, oder eine von Seiten der Regierung die Ad⸗ miniſtration der Juſtitz bewachende, controllirende, aber nie in ihre Verwaltung ſelbſt eingreifende Staats⸗ behoͤrde. bbb) Zum Verfahren. Im gerichtlichen Verfahren zeigt ſich r) eine außergerichtliche, blos durch den Huissier bei Frie⸗ densgerichten, durch ihn und den Avoué bei Tribunaͤ⸗ len formaliſirte Inſtruction, 2) kurze, nicht zu ver⸗ langernde Friſten, nach deren Ablauf jeder Theil(1a partie la plus diligente) in der Audienz einen Rich⸗ terſpruch verlangen kann, 3) ein offentliches mit Audienz und Plaidoirie verbundenes Verfahren, 4) ein Vollziehungszwang, der den Weiſungen des Geſetzes mehr als den Weiſungen des Richters unterworfen, von einem ſelbſtſtaͤndigen Gerichtsdie⸗ ner, Huissier genannt, geleitet wird, und beim Acte authentique das Verfahren da beginnt, wo es der der deutſche Civilproceß bendigt. Wuͤrde in den drei reſpectiven Staaten der voll⸗ ſtäͤndige Code Napoléon eingefüͤhrt, ſo wuͤrde die deutſche dreifache Inſtanzenhierarchie, die richterliche Leitung der Inſtruction und Exeeution, die Berath⸗ ſchlagung bei verſchloſſenen Thuͤren, das ſchriftliche Verfahren, faſt die ganze Evolution des deutſchen Proeeſſes verſchwinden muͤſſen. Von der Inſtruction des Proeceſſes iſt die Be⸗ weis fuͤhrung unzertrennlich. Auch in dieſer Hinſicht zeigt ſich zwiſchen dem Code Napoléon und dem pro⸗ ceſſualiſchen Verfahren inniger Zuſammenhang. Der 444 Zeugenbeweis iſt in der Regel unzulaͤßig. Ausnah⸗ men finden nur bei geringfuͤgigen Gegenſtaͤnden, da wo bereits der Anfang eines Urkundenbeweiſes(Com- mencement de preuve par écrit) vorhanden iſt, und endlich da, wo die Natur der Sache uͤberhaupt keinen Urkundenbeweis zulaͤßt, ſtatt. So weit der Code Napoléon.— Die franzoͤſiſche Civilproce⸗ dur verordnet das oͤffentliche Verhoͤr der Zeugen, ſo⸗ gar im Beiſeyn beider Theile, kennt keinen Rotul und kein Verhoͤr uͤber Artikel.— Die Zeugen wuͤrden— nach der Einfuͤhrung des Code Napoléon in den wichtigſten Streitſachen aus unſern Gerichten ver⸗ ſchwinden, Artikel und Zeugenrotul wegfallen, und die Parteien genoͤthigt werden, ſich uͤberall nach Be⸗ weisurkunden umzuſehen, mithin nicht leicht anders als ſchriftlich zu contrahiren. Ueberhaupt finden ſich im franzoͤſiſchen Civilpro⸗ ceß alle einzelne Inſtitute im Zuſammenhang, ſo wie das Ganze wieder mit dem Code Napoléon zuſam⸗ menhaͤngt. Es iſt ſchwer, mit Gewißheit die Unab⸗ haͤngigkeit eines Inſtituts vom andern zu behaupten. Die Erfahrung zeigt hier mehr, als der Scharfblick ſieht. Man wird oft durch verborgene Zweckbeſtim⸗ mung uͤberraſcht, welche Tadel in Lob verwandelt, und was man fuͤr verwerflich hielt, als zum Zweck gehoͤrend darſiellt⸗ So bildet die Heffentlichkeit des Verfahrens— Plaidoirie und Audienz— den Hauptcharacter der franzoͤſiſchen Civilprocedur. Der Code Napolson ſetzt ſie uͤberall ſtillſchweigend voraus, und weiſt hin und wieder ausdruͤcklich darauf hin. Rapoleon der Große hielt dieſe Heffentlichkeit fur ſo weſentlich, daß er in Weſtphalens Conſtitution ſie zu einem Funda⸗ mentalgeſetz erhoben hat. Es wuͤrde ſich aber leicht zeigen laſſen, daß dieſe Heffentlichkeit mit der außer⸗ gerichtlichen Inſtruction in einem weſentlichen Zuſam⸗ 143 menhang ſteht. Wenn ſich das Tribunal verſammelt, nicht um den concentrirten, kalten Vortrag einés Re⸗ ferenten uͤber den ganzen Zuſammenhang der Sache— ſondern um die ausfuͤhrliche und durch widerſprechen⸗ des Intereſſe beſeelten Vortraͤge beider Theile zu ho⸗ ren, ſo hat das naͤmliche Tribunal warlich nicht Zeit, zu beſondern Berathſchlagungen uͤber den Gang der Inſtruction. Dieſe muß den Parteien ſelbſt uͤber⸗ laſſen bleiben. Damit aber die Inſtruction, unbe⸗ wacht vom Auge des Richters, nicht in einen Tum⸗ melplatz der Chikane ausarte, mußte ſie deſto ſtrenger vom Auge des Geſetzes bewacht werden. Daher die Rothwendigkeit, die Klagſchrift, Exceptionshand⸗ lung, Replik ꝛc. an Formulare zu knuͤpfen, welche in der Regel an die Stelle der weitlaͤuftigen deutſchen Parteiſchriften treten. Daher die kurzen, peremtori⸗ ſchen Friſten, welche der Richter ſo wenig zu verlaͤn⸗ gern befugt iſt, daß der Mechanismus ſeiner Thätig⸗ keit ihm nicht einmal eine Gelegenheit dazu darbietet. Das Geſetz wuͤrde aber durch Einfuͤhrung der Formu⸗ lare ſeinen Zweck ſchlecht erreicht haben, wenn nicht die Thatumſtaͤnde, welche nothwendig in die Formel gehoͤren, beſtimmt worden waͤren. Das Geſetz muß⸗ te noch weiter gehen; es mußte bei Strafe der Nich⸗ tigkeit der ganzen Handlung die Wahrnehmung der Formeln verordnen. Nur ſo konnte die ganze außer⸗ gerichtliche Inſtruction gegen die Verunſtaltung der Chikane und Unkunde geſichert werden. Daher die vielen Rullitaͤten im franzoͤſiſchen Proceß, welche der oberflaͤchliche Beobachter fuͤr willkuͤhrlich haͤlt, und welche tiefere Forſchung als nothwendig anerkennen muß. Daher der Grundſatz der franzoͤſiſchen Juris⸗ prudenz, daß die Nullitäten einzig und allein der Si⸗ cherheit der Parteien wegen eingefuͤhrt worden ſind. Daher endlich der Grundſatz, daß wenn die Partei die begangene Rullitat nicht rügt, der Richter in der Regel von Amtswegen nicht darauf Ruͤckſicht nehmen 144 dürfe.(Les nullités sont couvertes par le silen · ce des parties.) bb) Zur Criminal⸗Juſtizverwaltung. Nach der Anſicht der Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien ſteht der Code Napoléon mit der Verwaltung der franzoͤſiſchen Criminaljuſtitz we⸗ der in mittelbarer noch unm ttelbarer Verbindung. Ich kann dieſer Anſicht nicht unbedingt bei⸗ pflichten. Daß der C de Napoléon mit dem Code pẽnal und mit dem neuen Code d'instruction criminelle in keiner unmittelbaren Verbindung ſtehe, folgt ſchon aus dem Gegenſtande des erſtern. Ich will auch keineswegs zum Beweiſe des Ge⸗ gentheils, mich auf den erſten Titel des Code Napo- 1éon sur la jouissance et la privation des droits civils berufen. Wenn ſchon hier vom buͤrgerlichen Tod, mithin von einem, dem deutſchen Criminalrecht fremden Strafinſtitut geredet wird, ſo wuͤrde nichts leichter, als die Nachbildng deſſelben in einem deut⸗ ſchen Strafediet ſeyn. Der Code Napoléon ſtreift hier nur zufaͤllig an einem Rebengebiet der Strafge⸗ ſetgebung voruber, ohne ſie in ihrer Grundanſicht zu beruͤhren⸗ Dagegen glaube ich, daß mittelbar der Code Napoléon mit Frankreichs Strafgeſetzgebung in ei⸗ ner ſehr innigen Verbindung ſteht; es ſcheint mir, daß wenn er in den drei reſpectiven Staaten einſt im vollen Umfang, im wahren Sinn des Worts einge⸗ führt wird, das deutſche peinliche Verfahren noth⸗ wendig veraͤndert werden muß Der Code Napoléon iſt von Frankreichs eivil⸗ gerichtlichem Verfahren unzertrennlich. Er beruͤhrt dieſes Verfahren nicht in einzelnen Partien, ſondern in ſeiner Grundanſicht. Die Plaidoirie, die Audienz, 145 das Ministère public werden darin als weſentliche Beſtandtheile vorausgeſetzt. Die naͤmliche Heffentlichkeit, das naͤmliche Mi- nistère public ſind aber auch weſentliche Beſtand⸗ theile des franzoͤſiſchen Criminalproceſſes. Inconſequent wuͤrde die Geſetzgebung ſeyn, wel⸗ che die Wohlthat der Oeffentlichkeit und der hoͤchſten Staatsoberaufſicht uͤber den Gang und die Handlun⸗ gen der Rechtspflege, dem oft ſehr kleinlichen Intereſſe des Mein und Dein zuſichern, und ſie den wichtigſten Guͤtern der Menſchheit,— Leben und Freiheit, entziehen wollte. Im Koͤnigreich Weſiphalen hat man an dieſe Incon⸗ ſequenz nicht gedacht; die Oeffentlichkeit des Verfah⸗ rens wurde, ohne Unterſchied zwiſchen Civil⸗ und Cri⸗ minal⸗Verfahren durch die Conſtitution der ganzen Nation, mithin auch dem peinlich angeklagten Buͤr⸗ ger geſichert, und die Einfuͤhrung einer Criminalge⸗ richts⸗Ordnung ging mit der Einfuͤhrung einer neuen Civilprocedur Hand in Hand. Beide waren Frank⸗ reichs Inſtituten nachgebildet. Aus dem buͤrgerlichen Geſetzbuch fuͤr das Koͤnig⸗ reich Baiern hat man die Grundzuͤge des franzoͤſiſchen gerichtlichen Verfahrens ausgemerzt; es iſt darin we⸗ der Oeffentlichkeit des Verfahrens, noch ein Ministé- re public ſichtbar. Man konnte daher auch nicht das Beduͤrfniß der Reaction auf die Formen des pein⸗ lichen Verfahrens fuͤhlen. Badens Geſetzbuch hat zwar das Ministéère pu- blic, aber nicht die Heffentlichkeit des Verfahrens bei⸗ behalten. Außerdem iſt es bis jetzt ſowenig, wie das baieriſche Civilgeſetzbuch wirklich eingefuͤhrt. So ge⸗ wiß die Geſetzgebung eines aufgeklaͤrten Staates ein Ganzes bildet, und ſo gewiß ſie auch zur Harmonie mit ihren eignen Principien ſtrebt, eben ſo gewiß wird die Disharmonie, welche ſich oft dem Blick des Ge⸗ 10 * 146 ſetzgebers entzogen hat, erſt im wirklichen Leben aber auch hier deſto auffallender ſichtbar. Die Beiſpiele von Baden und Baiern koͤnnen daher ſo lange nicht gegen den Zuſammenhang zwi⸗ ſchen dem Code Napoléon und dem franzoͤſiſchen Criminalverfahren beweiſen, bis ſie ins wirkliche Leben eingefuͤhrt, und bis ihre Zweckmaͤßigkeit durch die Erfahrung bewaͤhrt worden iſt. c) Verhaͤltniß des Code Napoléon zum Finanz⸗ ſyſtem. Wenn die Großherzoglich Heſſiſchen Herren Com⸗ miſſarien der Anſicht ihren Beifall ſchenken, daß der Code Napoléon in keinem weſentlichen Zuſammen⸗ hang mit Frankreichs Finanzſyſtem ſtehe, und in die drei reſpektiven Staaten eingefuͤhrt, keine Abaͤnderung im Abgabenſyſtem hervorbringen werde, ſo werden ſie als wahrheitsliebende Gelehrte den Gruͤnden, aus welchen der Raſſauiſche Commiſſarius ſich zu einer entgegengeſetzten Ueberzeugung beſtimmt findet, Pruͤ⸗ fung und Aufmerkſamkeit nicht verſagen. Es laͤßt ſich auf der einen Seite nachweiſen, daß der Code Napoléon deutſchen Staaten Einkuͤnfte nimmt, und daß er auf der andern neue Quellen von Einnahmen oͤffnet. In dieſer doppelten Hinſicht greift er tief in das Finanzſyſtem ein. Die Aufhebung aller Frohnden(corvées) wur⸗ de von der Assemblée constituante beſchloſſen; eben ſo die Aufhebung der Zehnten und Guͤlten. Die Frohnden wurden als Ueberreſte der Leibei⸗ genſchaft, die Zehnten und Grundzinſen als Feſſeln des Grundeigenthums betrachtet. Zwiſchen Frohnden, die aus dem gutsherrlichen, und Frohnden, die aus dem leibherrlichen Verhaͤlt⸗ niß entſpringen, zwiſchen Frohnden, die dem Beſitzer ———— 147 eines Guts zum Vortheil des Beſitzers eines andern Guts obliegen, und Frohnden, die auf der bloßen Perſon des Frohnpflichtigen haften, wurde nicht un⸗ terſchieden. Beide wurden mit einem gleichen Ver⸗ dammungsurtheil belegt. Der 638. Artikel bricht, wenn ich ihn anders recht verſtehe— den Patrimonialfrohnden— der 686. dagegen den leibhertlichen Frohnden den Stab. Auf jedem Fall iſt es nicht zweifelhaft, daß das regenerirte Frankreich weder die eine, noch die andere Gattung von Frohnden kennt, und daß nach der An⸗ ſicht der franzoͤſiſchen Rechtsgelehrten der Geiſt der Civilgeſetzgebung beide nicht duldet. In deutſchen Staaten bilden die Kammerguͤter einen beträchtlichen Theil des Vermoͤgens der Sou⸗ veraine. Die damit verbundenen Frohnden geben dieſen Kammergutern einen Werth, welcher, wenn ſie davon getrennt werden, um ein recht ſehr Merkliches herab⸗ inkt. Daß ſeit der Entſtehung der Landeshoheit aus den Kammerguͤtern, Staatsausgaben beſtritten wur⸗ den, und reichsverfaſſungmaͤſig beſtritten werden mußten, daß auf jeden Fall der Abgang der Frohn⸗ den die Einnahme der Hofkammern betraͤchtlich ver⸗ mindern werde, bedarf hiernach keines Beweiſes. Den Zehnten und Grundzinſen hat Frankreichs Geſetzgebung als Ueberreſten des Mittelalters, der Feu⸗ dalität im Sinn der franzoͤſiſchen Jurisprudenz oder der droits seugneuriaux, längſt ihr Grab gegraben. Unter der Rente fonciéère verſtanden Frankreichs Geſetzgeber nichts anders, als einen fortwaͤhrenden, nicht abkaͤuflichen Grundpacht; die Emphyteuſe wur⸗ de fuͤr eine Spielart deſſelben gehalten. Sie war im revolutionären Strudel, als vermeintliche Zubehoͤrde des droit féodal untergegangen. 3 Man erkannte den 10 148 Irtthum. Man gab, ſo viel ich weiß, dem Grund⸗ herrn das Seinige unter der Bedingung, daß er den Erwerbtitel nachweiſe, wieder. Allein man betrach⸗ tete den unabloͤslichen Grundpacht darum nicht we⸗ niger als eine, vom Geiſt der neuen Civilgeſetzgebung zu vernichtende, Feſſel des Eigenthums. Der Code Napoléon erklaͤrte unter dem Ramen Rente perpe- tuelle jeden Erbpacht, Grundzins. für abkaͤuf⸗ lich. Will man alle auf den Grundſtuͤcken unſerer Banern haftende Laſten, unter die Rentes des Code Napoléon ſubſumiren, und dieſes wird man mit der Einführung des 1911. Artikels thun muͤſſen, ſo folgt von ſelbſt, daß ſie dem Geſetz der Abkaͤuflichkeit un⸗ terworfen werden muͤſſen. Das franzoſiſche Civilgeſetz wird keineswegs be⸗ friedigt, wenn man die Bedingungen der Loskaufung der Uebereinkunft der Intereſſenten uͤberlaſſen wollte. Es wuͤrde hierdurch nichts Neues geſchehen, und die Feſſel des Grundeigenthums gegen den Willen und Geiſt des Geſetzes fortdauern, oder, was eben ſo viel heißt, die Fortdauer derſelben wuͤrde von der Will⸗ kuhr des Berechtigten abhaͤngen. Die Abſicht des Geſetzes iſt nicht anders als dadurch erreichbar, daß es ſelbſt die Bedingungen feſigeſetzt, unter welchen der Eigenthuͤmer des belaſteten Grundſtuͤcks, gegen den Willen des Berechtigten frei werden kann In ſo fern die Hofkammern in den reſpectiven Staaten ſelbſt berechtigter Theil ſind, in ſo fern die Zinspflichtigen Unterthanen in den Stand geſetzt wer⸗ den, nach einem beſtimmten Maasſtab ihre, mit Zehn⸗ ten, Erbzinſen ꝛc. behafteten Guͤter frei zu machen, wird und muß in dem Finanzſyſtem der reſpectiven Staaten nach dem Ablauf mehrerer Jahre die wich⸗ tigſte Veraͤnderung, ein fuͤhlbarer Verluſt entſtehen. Ohne allen Zweifel wurden bisher aus den guts⸗ herrlichen Revenüen deutſcher Fuͤrſten, aus ihren 149 Zehnten, Zinsfruͤchten u. ſ. w. Staatsausga⸗ ben eben ſo gut als aus dem Ertrag der directen oder indtrecten Steuern beſtritten. Dieſes Fac⸗ tum kann nicht gelaͤngnet werden. Es waͤre hierbei uͤberfluͤßig, zu fragen, ob die Fuͤrſten dazu verpflich⸗ tet waren oder nicht, und ob ſie, wenn ſie gewollt haͤtten, dieſen Zweig ihrer Einkuͤnfte als Privatver⸗ moͤgen häͤtten betrachten, und zu Privatzwecken haͤt⸗ ten verwenden koͤnnen. Daß ſie beſſer dachten, als ihre Hofjuriſten, zeig⸗ ten ihre Handlungen, und die Unterthanen waͤren un⸗ gluͤcklich geweſen, wenn ſie es anders gemacht haͤtten. Es entſteht daher die Frage, was es fuͤr Folgen haben werde, wenn dieſer Theil der Staatseinkuͤnfte nach und nach durch ein Kapital erſetzt wird? Fuͤr den im Staat und unter dem Schutz des Staats lebenden Guͤterbeſitzer iſt die Abloͤslichkeit der Rente kein ſo großes Uebel. Das Kapital iſt ein Surrogat derſelben, in ſo fern er leicht Gelegenheit findet, es anders wo wieder anzulegen und ſich da⸗ durch wieder eine Rente zu verſchaffen. Der Staat aber iſt weder Guͤterbeſitzer noch Ka⸗ pitaliſt. Die Produetionskraft und die Thaͤtigkeit der Buͤrger, in ſo fern er beide fuͤr ſeine Zwecke in An⸗ ſpruch nimmt, iſt das Kapital, von welchem er lebt. Ein anderes Kapital iſt fuͤr ihn nicht da. Die Sum⸗ me, welche er auf einmal bezieht, kann nur in ſo fern fuͤr ihn Werth haben, als er dadurch eine verhaͤltniß⸗ maͤßige Maſſe von Thaͤtigkeit und Productionskraft weckt und beſteuert. Kann er dieſes nicht, ſo wird der Staat als Staat durch das todte Merall ſeinen Zweck nicht erreichen; was er in den Schatzkammern niederlegt, kann zwar in Zeiten der Roth einen zufaͤl⸗ ligen Nutzen gewaͤhren, der wahre, thaͤtige, leben⸗ dige Reichthum des Staats wird dadurch nicht ver⸗ mehrt. 150 Iſt vollends das Kapital das Surrogat einer bis⸗ her vom Staat in Anſpruch genommenen, und von nun an fuͤr ihn verlorne Produktionskraft des Unter⸗ thanen ſo wird er in der That, da ſein wahres Grund⸗ vermoͤgen nur in ſeinen Anſpruͤchen auf jene ſucceſſive Productionskraft beſteht, aͤrmer. Er kann den Ver⸗ luſt nur dadurch erſetzen, daß er mit dem Kapital neue Thaͤtigkeit und Productionskraft weckt und be⸗ ſteuert. Aber dazu bieten ſich nicht immer Ausſich⸗ ten dar. Jede der Hofkammer in den reſpectiven Staaten abgelegte Grundrente wird alſo nach meiner Anſicht immer eine Lucke in den Einkuͤnften erzeugen; ſie wird das Einſtroͤmen in die Staatscaſſe vermindern, welche doch nur durch beſtandiges, raſches Aus⸗und Einſtro⸗ men gedeihen kann. Dieſer Verluſt iſt gewiß. Der Erſatz haͤngt von der oft zufaͤlligen Verwendung des Surrogats der Grundrente ab, und iſt ungewiß. Sollte meine Anſicht dunkel bleiben, oder ſophi⸗ ſtiſch ſcheinen, ſo denke man ſich nur den Fall, daß alle Staatseinkunfte auf einmal durch ein großes Ka⸗ pital unter der Bedingung erſetzt wuͤrden, daß der Staat allen ſeinen kuͤnftigen Anſpruͤchen auf die Pro⸗ duktionskraft der Unterthanen entſagte. Der Staat wuͤrde ſich im Beſitz einer ungeheuren Maſſe Metalls finden, außer Stand, ſie zweckmäßig zu gebrauchen⸗ Er wuͤrde unter ſeinen eignen Schaͤtzen erſticken, und ſein finanzielles Leben ein Ende haben.— Spanien wurde bekanntlich im neuen Beſitz ſeiner Metallſchaͤtze induſtrielos, arm, entvoͤlkert. Der Code Napoléon gibt daher unverkenn⸗ bar— ſo ſcheint es mir wenigſtens— eine reiche Quelle von Einkuͤnften aus den Staatscaſſen durch die Abkaͤuflichkeit der Grundrenten ab. Dagegen offnet er allerdings andere Quellen. Ich rede hier von der Hypotheken⸗ Inſecription und vom Enregistrement. 157 Die Hypotheken⸗Inſetiption kann nach meiner Einſicht nicht mit der in den drei reſpectiven Staaten uͤblichen Eintragung in die Hypothekenbuͤcher und der gerichtlichen Beſtätigung derſelben verglichen werden. Dieſe Eintragung und Beſtätiguug hat— wenigſtens im Herzogthum Naſſau— nur bei der Conveutional⸗ hypothek ſtatt. Sie erfolgt nie gegen den Willen des Schuldners. Die Confirmationsgebuͤhren ſind ge⸗ ring und uͤberſteigen nicht den Betrag einer gewoͤhnli⸗ chen Amtsſportel, welche der Schuldner traͤgt. Die Hypotheken⸗Inſcription des Code Napoléon dage⸗ gen umfaßt alle Arten von Hypotheken und ſelbſt die privilegirten Forderungen. Sie erſtreckt ſich auch auf die legale und judicielle Hypotheken. Ohne ſie hat zwar der hypothekariſche Glaͤubiger einen titre, der aber erſt durch die Inſcription wirkſam wird. Ich weiß wohl, daß dieſe Regel einige Ausnahmen hat, aber die Ausnahmen ſcheinen eine Inconſequenz zu ſeyn.— Es iſt der Glaͤubiger, nicht der Schuldner, der ſich eine hypothekariſche Sicherheit durch die In⸗ ſeription erwirkt. Es iſt daher auch der Glaͤubiger, welcher die an dieſe Handlung geknuͤpfte betraͤchtliche Steuer entrichtet, welche in Frankreich nach Abzug der Adminiſtrationskoſten jaͤhrlich 40 bis 50 Millio⸗ nen Livres eintraͤgt. Das Enregistrement iſt ebenfalls im Code Na- poléon enthalten, oder— was einerlei iſt— wird von demſelben ſtillſchweigend als nothwendig voraus⸗ geſetzt. Daß es weſentlich mit demſelben verbun⸗ den ſey, muß ich aus Gruͤnden, welche ich nachher darlegen werde, beſtimmt behaupten. Hier iſt mir die Bemerkung hinreichend, daß das franzoſiſche En- registrement dem Staat, nach Abzug aller Kdmini⸗ ſtrationskoſten jaͤhrlich einen reinen Ertrag von 90 bis 100 Millionen uͤbrig läͤßt. Ich glaube daher, von der Wahrheit nicht weit entfernt zu ſehn, wenn ich annehme, daß dasjenige, 152 was der Code Napoléon den Finanzen durch Aufhe⸗ bung der Frohnden, der gutsherrlichen Rechte, und durch die Abloͤslichkeit der Grundrente nimmt, mit großem Ueberſchuß durch das Enregistrement durch die Inscription und durch die ihr aͤhnliche Tran- scription erſetzt werde; ob aber zur Zufriedenheit der Unterthanen— das iſt eine andere Frage. Die Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſ⸗ ſaire haben im Vorbeigehen einen Ausdruck geruͤgt, deſſen ich mich anderswo bedient hatte. Sie halten den Glauben fuͤr irrig, daß der Code Napoléon in ſeinen Folgen das Kameralſyſtem revolutioniren werde. Es wird nicht uͤberfluͤßig ſeyn, mich hieruͤber na⸗ her zu erklaͤren. Ich betrachte den Code Napoléon als ein mit Frankreichs Staatsorganismus zuſammenhaͤngendes Ganze, gehalten durch eine unſichtbare Kette, welche ihn mittelbar oder unmittelbar an alle Grundideen der franzoͤſiſchen Totalgeſetzgebung heftet. Man werfe einen Blick auf das, was im Groß⸗ herzogthum Berg und im Koͤnigreich Weſtphalen fuͤr die Vorbereitung der Einfuͤhrung des Code Napo- 16on geſchehen, oder auf das, was auf dieſe Einfuh⸗ rung und in Gemaͤsheit derſelben gefolgt iſt— und man wird an der Wahrheit meiner Behauptung nicht zu zweifeln geneigt ſeyn. Man wird ſie nicht bezweifeln, wenn man ſich erinnert, daß die Civilgeſetzgebung das Product der ganzen Rationalcultur, mithin auch der Verfaſſung, des Finanzſyſtems, des Militairzuſtandes, der Sit⸗ ten und Meinungen eines Volks iſt. Wenn ich daher von einer Revolutionirung des Kameralſyſtems durch die Einfuͤhrung des Code Na- polꝰon rede, ſo rede ich von nichts anderm, als von der, mit dieſer Einfuͤhrung unvermeidlich gewordenen —— ————— 153 ſucceſſiven Aufnahme des ganzen franzoͤſiſchen Staats⸗ organismus. Daß aber in dieſem Organismus ein Finanzprin⸗ eip vorherrſche, welches in die drei reſpectiven Staaten verpflanzt, das Kameralſyſtem revolutioniren werde, laͤßt ſich leicht nachweiſen. Seit dem Sturz des roͤmiſchen Reichs hat ſich ein doppeltes Kameralprineip in der Verfaſſung der europaͤiſchen Staaten entwickelt. Nach dem einen hat der Staat ſich ſelbſt zum reichſten Guͤterbeſitzer konſtituirt, nach dem andern hat er den Erwerbsfleiß der Guͤterbeſitzer in Anſpruch genommen. Nach dem einen Princip erſcheint der Unterthan als gutspflichtiger Landmann, nach dem an⸗ dern erſcheint der gutspflichtige Landmann als beſteuer⸗ ter Unterthan. Man kann das Reſultat des einen Princips das Domanialſyſtem, das Reſultat des andern das Ab⸗ gabenſyſtem nennen. Das Domanialſyſtem iſt der Kindheit der Staa⸗ ten am angemeſſenſien; das Abgabenſyſtem entſpricht mehr dem Geiſt eines hochkultivirten, durch Handel, Kunſtfleiß, Geld und Guͤtertauſch ſich auszeichnen⸗ den Volks. Nach dem Domanialſyſtem beſitzt nicht nur der Staat großes Vermoͤgen an Grund und Boden— Domainen im engern Sinn— ſondern die Unmoͤg⸗ keit der Selbſtadminiſtration ſeines Grundvermoͤgens noͤthigt ihn oft durch Andere benutzen zu laſſen, was er nicht ſelbſt benutzen kann. Die Emphyteuſe, die Grundzinſen, die Frohnden u. ſ. w. kann man als Reſultate des Domanialſyſtems betrachten. Rach dem Abgabenſyſtem beſitzt der Staat gar kein Grundvermoͤgen. Er ſchoͤpft ſeine Beduͤrfniſſe einzig und allein aus dem Erwerbfleiß der Baͤrger. Er erſcheint nicht als ſelbſterwerbender Eigenthuͤmer; er vereinigt nicht in ſeiner Perſon die widerſprechenden Ei⸗ 134 genſchaften des Herrſchers und Beherrſchten. Er iſt Staat im reinen Sinne des Worts. Wirft man einen Blick auf das Finanzſyſtem der europäiſchen Staaten und auf die Geſchichte deſſelben, ſo kann man vom tiefſten Mittelalter an, nicht miß⸗ kennen, daß das Domanial⸗ und Abgabenſyſtem zu⸗ gleich geherrſcht und ſich wechſelſeitigt durchkrenzt habe. Manche Domanial⸗Revenuͤe erſcheint in der Geſtalt einer Steuer, und manche Steuer nahm in der Roh⸗ heit des Mittelalters die Geſtalt einer Domanial⸗Re⸗ venuͤe an. Die Scheidung der einen von der andern iſt in manchem beſtimmten Fall hiſtoriſch unmoͤglich. Das Domanialſyſtem fand in Enropa in ſeinen eignen Maͤngeln einen langſamen, aber unvermeidli⸗ chen Untergang. Schlechte Staatshaushaltung, Krie⸗ ge, Schulden, Kalamitaͤten verminderten die Kron⸗ domainen, und in manchen Staaten verſchwanden ſie ganz. Der deutſche Kaiſerthron ging unter, weil die Domainen und die Domanial⸗Revenuͤen verſchwen⸗ det waren und durch Abgaben nicht erſetzt werden konnten. Keine europäiſche Krone war vielleicht beſſer do⸗ tirt, als die engliſche. Wilhelm der Eroberer berei⸗ cherte ſie durch die Confiscation der Guͤter der halben Nation. Buͤrgerliche Kriege, die Verſchwendung der Nachfolger, veraͤndertes Militaͤrſyſtem, begruͤn⸗ deten das Abgabenſyſtem. Und aus dieſem Abga⸗ benſyſtem entſprang Englands Conſtitution und Frei⸗ heit, indem ſich die Volksrepraͤſentation das Recht zu Bewilligung und Verſagung der Steuern errang. Schon gegen Ende des ſiebenzehnten Jahrhun⸗ derts gab es in England weder Krondomainen, noch Domanial⸗Revenuͤen. Das Abgabenſyſtem iſt das allein herrſchende. Und da jede Abgabe von der Bewilligung der Nationalrepraͤſentation abhaͤngt, da jede Bewilli⸗ 155 gung nur auf eine beſtimmte Zeitveriode gerichtet iſt, ſo wuͤrde der Koͤnig bei glänzenden Praͤrogativen, umgeben von Flotten und Armeen, ohne den guten Willen der Nationalrepraͤſentation leere Schatzkam⸗ mern beſitzen und die Ausuͤbung ſeiner Gewalt ſich von ſelbſt aufloͤſen. Dieſe Bemerkung ſcheint hier muͤßig zu ſtehen. Ich werde aber nachher davon einen wichtigen Ge⸗ brauch machen. Faſt in allen europäiſchen Staaten wirkte die Entwickelung der Kultur dem Domanialſyſtem ent⸗ gegen. In Frankreich lag es ſchon vor der Revolution in den letzten Zuͤgen. Die wenigen noch uͤbrigen Krondomainen ſtanden mit den Schulden der Krone in keinem Verhaͤltniß. Und aus dieſem Verhaͤltniß entſtand der Funke, der, genaͤhrt vom Geiſte der Zeit zur verzehrenden Flamme wurde, Zwar ſchien die zufaͤllige Entwickelung der Re⸗ volution dem Domanialſyſtem ſelbſt zufaͤllig einen neuen Schwung zu geben. Die der Nation heim⸗ gefallenen Guͤter der Geiſtlichkeit, der frommen Stiftungen und des ausgewanderten Adels bilde⸗ ten eine ungeheure Guͤtermaſſe. Aber der Geiſt der Zeit und der Nation war fuͤr immer fuͤr das Doma⸗ nialſyſtem verlohren. Die mit Ungerechtigkeit ge⸗ ſammelten Schaͤtze wurden mit Leichtſinn verſchwen⸗ det. Alle Handlungen des großen Kaiſers zeigen dar⸗ auf hin, daß er das Finanzſyſtem ſeines Reichs und der von ihm neu geſchaffenen Staaten einzig und al⸗ lein auf das Abgabenſyſtem und nicht auf das Do⸗ manialſyſtem zu bauen entſchloſſen iſt. Im Großherzogthum Berg werden alle Vor⸗ bereitungen zur Veraͤußerung der Domainen ge⸗ troffen. Im Koͤnigreich Weſtphalen ſind die Domainen 156 vom Staat abgeſondert worden, und die den Stän⸗ den voörgelegten Koſten der Staatshaushaltung wer⸗ den blos aus dem Ertrag der von den Staͤnden be⸗ willigten Abgaben beſtritten. Eine gleiche Abſonderung der Domainen hat in den, fuͤr Rapoleon den Großen adminiſtrirten deut⸗ ſchen Provinzen ſtatt. Mit der Aufhebung des Domanialſyſtems ſteht die durch die Einfuͤhrung des Code Napoléon noth⸗ wendig werdende Aufhebung der Frohnden und der droits féodaux im Sinn des franzoͤſiſchen Rechts im Einklang. Rirgends hatte das Domanialſyſtem tiefere Wurzeln geſchlagen, als in den Staaten des vorma⸗ ligen deutſchen Reichs. Unter den Einſchraͤnkungen der Reichsverfaſſung Fonnte das Abgabenſyſtem nie zu der Hoͤhe empor⸗ ſteigen, welche es in Frankreich und England laͤngſt erreicht hatte. Voczäglich war das Finanzſyſtem der geiſtli⸗ chen deutſchen Staaten faſt ganz auf das Domanial⸗ ſyſtem gebaut. So war es noch im Augenblick der Aufloͤſung der deutſchen Reichsverfaſſung. In den reſpectiven Staaten muͤſſen es die von den Hofkammern und den Rentämtern gefuhrten Rechnungen nachweiſen, ob nicht bei weitem aus dem Ertrag der Domainen und der Patrimonialgefaͤlle, welche letztere man als Produet des Domanialſyſtems betrachten muß, mehr Einnahme gefloſſen ſey, als aus dem Ertrag der eigentlichen directen oder indi⸗ recten Steuern, und ob nicht die Koſten der Staats⸗ haushaltung mehr durch Domanialrevenuͤen— im weitern Sinne des Worts— als durch den Ertrag der Abgaben beſtritten worden ſind. Seit der Einführung der Souverainität durch die Bundesacte, gewinnt das Abgabenſyſtem in den 157 Bundesſtaten immer mehr den Sieg uͤber das Do⸗ manialſyſtem. Der Code Napoléon kuͤndigt dem Domanial⸗ ſyſtem den Krieg an. Diejenigen Einrichtungen und Grundſätze der Staatshaushaltung, welche der Code Napoléon als mittelbare oder unmittelbare Folgen ſeiner Einfuͤh⸗ rung, als Reſultate der Nachbildung des franzoͤſi⸗ ſchen Staatsorganismus, oder als drangvolle, von Zeitumſtänden und Beduͤrfniſſen gebotene Verfuͤgun⸗ gen herbeifuͤhren wird, werden vielleicht in wenig Jahren das Domantalſyſtem voͤllig ſtuͤrzen, und in eben dem, oder vielleicht noch hoͤherm Grade das Abgabenſyſtem befeſtigen und erweitern. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich dieſe Ver⸗ aͤnderung eine ganzliche Revolutionirung des Kameralſyſtems nenne. Eine lange Reihe von Ur⸗ ſachen hat ſie, an der Hand des Zeitgeiſtes, im gu⸗ ten und ſchlimmen Sinn des Worts, hervorgebracht. Und in dieſer Reihe erſcheint der Code Napoléon als ein großes, maͤchtiges Glied. Was das deutſche Volk bei dieſer Veraͤnderung gewinnen oder verlieren werde, gehoͤrt nicht zum Ge⸗ genſtande dieſer Unterſuchung. Waͤre die Induſtrie im Steigen, bluͤhete ein feſſelloſer Handel, genoͤſſe Europa des See- und Kontinentalftiedens, koͤnnte die Productionskraft des deutſchen Buͤrgers einen freien Schwung nehmen, ſo wurde die gaͤnzliche Auf⸗ hebung des Domanialſyſtems eine Wohlthat und die Erweiterung des Abgabenſyſtems kein Ungluͤck ſeyn. 4) Verhaͤltniß des Code Napoléon zum Kirchen⸗ weſen. Daß der Code Napoléon in das Kirchenwe⸗ ſen tief eingreife, wird in dem Vortrage der Groß⸗ herzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſaire anerkannt. 159 Ob hier nicht ein Mißverſtaͤndniß zum Grunde liege, ob man nicht chriſtliche Religion und chriftliche Kirche, oder vielmehr dieſe mit ihren Secten verwech⸗ ſelt habe, ob nicht die chriſtliche Religion in die In⸗ dividualität der europäiſchen Eiviliſation auf das in⸗ nigſte verwebt ſey, ob der religioſe Glaube in ſeiner hoͤchſten poſitiven Potenz ſich nicht auch in der Staats⸗ verfaſſung und Civilgeſetzgebung ausſprechen muͤſſe,— dies ſind Fragen, welche ich hier nicht unterſuche. Ich trage hier nur Thatſachen in ihrer philoſophiſchen Verbindung hiſtoriſch vor. Der Grundſatz, daß der Staat keine Religion habe, machte ſeine Herrſchaft bei der Abfaſſung der franzoͤſiſchen Ehegeſetze und der Eidesformel geltend. In den drei reſpectiven Staaten iſt die chriſtli⸗ che Religion die herrſchende, die juͤdiſche die gedul⸗ dete. Von der wechſelſeitigen der Intoleranz, durch Noth abgedrungenen, auf eine illiberale Grundla⸗ ge gebauten ausſchlieſſenden Coordination der drei chriſtlichen Hauptparteien, wie ſie der Weſtphaͤliſche Frieden verordnet, kann ſeit dem Sturz der publici⸗ ſtiſchen Grundlage deſſelben nicht mehr die Rede eyn. In den drei reſpectiven Staaten herrſcht ſeit je⸗ ner unvergeßlichen Epoche die chriſtliche Religion als Staatsreligion, nicht im Geiſte des Weſt⸗ phaͤliſchen Friedens, ſondern im Geiſte der europaͤi⸗ ſchen Geiſtescultur. Sie herrſcht durch das ſtill⸗ ſchweigende Einverſtaͤndniß zwiſchen den Herrſchern und ihren Untergebenen. Sie herrſcht indem ſie je⸗ de entgegengeſetzte Ueberzeugung duldet, jede Secte ſchuͤtzt.. 6 In den drei reſpectiren Staaten vereinigt der Regent fur ſeine ſich zur nämlichen aͤußern Kirche be⸗ kennenden Unterthanen, die hoͤchſte kirchliche mit der hoͤchſten weltlichen Gewalt.. Dieſes ſchoͤne, durch Gleichheit religioͤſer An⸗ 158 Die Juͤhrung der Geburts⸗, Sterb⸗ und Trau⸗ ungsregiſter wird der Kirche entzogen und die Ehe in ein rein buͤrgerliches Verhaͤltniß verwandelt. Was die Cultur, was die Moralitaͤt des Volks hierbei gewinnen oder verlieren wird, ob die rein buͤrgerliche Ehe ein naturgemaͤßes Verhaͤltniß dar⸗ ſtelle oder nicht habe ich hier nicht zu unterſuchen. Die Darlegung meiner desfalſigen Anſichten bleibt eigenen Vortraͤgen jewidmet. Der Eid wird zwar durch keinen, mir bekann⸗ ten Artikel des Code Napoléon ſeines religioſen Characters beraubt. Als Augenzeuge kann ich in⸗ deſſen verſichern, daß vor franzoͤſiſchen Gerichten noch im Anfang des Jahrs 1g08. kein anderer als ein— wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf— buͤr⸗ gerlicher Eid abgelegt wurde. Die Formel iſt fol⸗ gende. Der Schwoͤrende verſichert, daß er die Wahrheit, die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit ſagen wolle. Das kann ich aber nicht unbemerkt laſſen, daß das Verhaͤltniß des Code Napoléon zur Kirche, kei⸗ neswegs im Code Napoléon ſelbſt, ſondern in ei⸗ nem, in den Code Napoléon hineingefloſſenen Grundſatz der Conſtitution enthalten ſey. In der Conſtitutionsacteurkunde wird erklaͤrt, daß die katholiſche Religion die Religion der großen Majoritaͤt der franzoͤſiſchen Nation ſey. Es wird ihr eben dadurch die Wuͤrde einer Staats⸗ oder herr⸗ ſchenden Religion abgeſprochen. In dem Koͤnigreich Italien und Spanien iſt die katholiſche Religion umgekehrt fuͤr die alleinherr⸗ ſchende, oder fur die Staatsreligion erklaͤrt worden. Die im Namen der franzoͤſiſchen Nation abge⸗ gebene Erklaͤrung war nur die Folge des fruͤher von den erſtern Begruͤndern der Revolution ausgeſproche⸗ nen Grundſatzes, daß der Staat, alle Religionen ſchuͤtzend, ſelbſt keiner angehoͤre. 160 ſichten geſchlungene Band, wuͤrde durch die Einfüh⸗ rung der Ehegeſetzedes Code Napoléon in den drei re⸗ ſpectiven Staaten zum Theil aufgeloͤſt werden. Betrachtet die Geſetzgebung in den drei reſpecti⸗ ven Staaten die Ehe als ein religioſes Inſtitut, und den Souvperain nur als Epecutor einer von ihm nicht gegebenen, ſondern aus hoͤherer Ordnung emaniren⸗ den Geſetzgebung, miskennt ſelbſt der proteſtantiſche Regent an der katholiſchen, und der katholiſche an der proteſtantiſchen Ehe, die Herrſchaft der poſitiven chriſtlichen Kirchengeſetzgebung oder dasjenige nicht, woruͤber alle chriſtliche Religionsparteien unterein⸗, ander einig ſind, und iſt uͤber alle dieſe Gegenſtän⸗ de das poſitive Recht und die Denkart der Nation, Geſetz und Sitten, Herrſcher und Beherrſchte voll⸗ kommen einig, ſo wuͤrde der unmodificirte Code Na- poleon einen unvermeidlichen Antagonismus zwi⸗ ſchen der Geſetzgebung und den Sitten herbeyfuͤhren. Der Beherrſcher wuͤrde im Geſetz Anſichten ausge⸗ druͤckt haben, welche die Beherrſchten nicht mit ihm theilen koͤnnten. e) Verhaͤltniß des Code Napoléon zur Poli⸗ zei. In den Vortrag der verehrten Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien wird das Verhaͤlt⸗ niß des Code Napolton zu Polizeianſtalten nicht erwaͤhnt. Er ſcheint mir aber auch in dieſen Zweig der Staatsverwaltung weſentlich einzugreifen. Man hat in neuern Zeiten uͤber den Begriff der Polizei haͤufig geſtritten, und nachdem man ihn ſo oder anders bildete, ſich unter der Polizei und Poli⸗ zeigeſeßgebung etwas anders gedacht. Bald hat man unter Polizei die Vorſorge des Staats fuͤr die Geſundheit, Freiheit und Sicherheit 161 der Vuͤrger verſtanden, und nach dieſer Anſicht die ganze Criminalgeſetzgebung eine bloße Polizeianſtalt genannt. Man hat nach der Wichtigkeit der Gegenſtaͤnde die hohe der niedern Polizei entgegengeſetzt und die⸗ ſer Unterſchied liegt ſogar einem wichtigen Artikel der Bundesacte vom r2ten Juli 1806. zum Grunde. Irre ich nicht, ſo verdienen nur diejenigen Staatsanſtalten den Namen von Polizeianſtalten, wel⸗ che getroffen werden, um die Vereitlung der durch Ge⸗ ſetze, Anſtalten und Einrichtungen intendirten ſelb ſt⸗ ſtändigen Zwecke des Staats zu verhuͤten. Die Polizei im hoͤchſten Sinne des Worts un⸗ terſcheidet ſich hierdurch beſtimmt von der Geſetzge⸗ bung. Wenn die Geſetzgebung belohnt und ſtraft, er⸗ laubt, gebietet und verbietet, wenn ſie dieſe oder jene geſetzlichen Folgen an Privathandlungen knuͤpft, ſo hat ſie dabei beſtimmte materielle, auf Indu⸗ ſtrie, Guͤterumtauſch, Religionszuſtand, Finanzſi⸗ ſtem, Geſundheit, Sicherheit u. ſ. w. berechnete Zwecke. Die Polizei ſteht hinter dem Geſetz und ſorgt dafuͤr, daß der Staat bei der Anwendung und Aus⸗ uͤbung des Geſetzes ſeine Zwecke nicht verfehle. In dieſem Sinne iſt die Polizei die beſtaͤndige Begleiterin der Adminiſtration in ihren erhabenſten, wie in ihren gemeinſten Functionen. Sie hat keinen ſelbſtſtaͤndigen, ſondern nur ei⸗ nen untergeordneten, oder denjenigen Zweck, wel⸗ chen der Zweig der Geſetzgebung, Adminiſtration oder Verfaſſung, welchen ſie umgibt oder begleitet, fordert. Zum Strafrecht gehoͤren Polizeigeſetze, durch welche Verbrechen verhuͤtet, oder wenn ſie dennoch begangen worden ſind, ausgemittelt werden. 11 162 Die Erhebung der Abgaben iſt ſelbſtſtaͤndiger Staatszweck; die Vorſorge gegen Unterſchleife, Di⸗ lapidationen u. ſ. w. ſind polizeimaͤßige, die Errei⸗ chung derſelben ſichernde Anſtalten. Die Erhaltung der Geſundheit, die Ruhe und Sicherheit der Buͤrger bei ihrem taͤglichen Thun und Treiben iſt ſelbſtſtaͤndiger Staatszweck. Fuͤr die Erreichung deſſelben werden polizeiliche Anſtalten mancher Art organiſirt, welche die Wiſſenſchaft— von einem, wie es mir ſcheint zu aͤngſtlichen und nie⸗ drigen Standpunct ausgehend— ausſchließend Po⸗ lizei nennt. Auch die zur Erhaltung der Staatsverfaſſung getroffenen Anſtalten ſtellen ſich im hoͤhern Sinn des Worts, im Verhaͤltniß zur Conſtitution ſelbſt, als Polizeianſtalten dar. So uͤbt in Hinſicht der Conſtitution Frankreichs, der Erhaltungsſenat ein Polizeiamt aus; ſo war in Sparta das Ephorat die conſtitutionelle Polizeibe⸗ hoͤrde fuͤr die Republik der Lacedaͤmonier. Nur in dieſem Sinn kann von einem Zuſam⸗ menhang des Code Napoléon mit Polizeianſtanſtal⸗ ten die Rede ſeyn. Es ſind darin zwei ſelbſtſtaͤndige wichtige Staats⸗ zwecke ſichtbar. Fuͤr die Erreichung beider Zwecke ſind weitwirkende Polizeianſtalten getroffen. Den einen ſelbſtſtaͤndigen Zweck hat Frankreichs Civilgeſetzgebung mit allen vernuͤnftigen Eivilgeſetz⸗ gebungen gemein, der andere iſt dem franzoſiſchen Staatsorganismus durchaus eigen. Es iſt einmal felbſiſtändiger Zweck, daß in je⸗ dem einzelnen Fall dem Buͤrger ſein Recht wider⸗ fahren, daß der Richter gegen ſeine eigne Ueberei⸗ lungen gewarnt und geſchuͤtzt, und daß auch die Sa⸗ che desjenigen gehandhabt werde, welcher ſie ſelbſt zu vertreten außer Stande iſt. 163 Um der Erreichung dieſes Zwecks, oder vielmehr um allen zur Erreichung deſſelben außerdem getrof⸗ fenen Anſtalten ihre volle Wirkſamkeit zu ſichern, iſt das Ministère public eingefuͤhrt. Es iſt alſo eine Polizeianſtalt im hoͤhern Sinne des Worts. Die naͤmlichen ſelbſtſtaͤndigen Zwecke liegen auch der Adminiſtration der deutſchen Juſtiz zum Grunde; allein um die Stoͤrung derſelben zu verhindern, iſt die naͤmliche Anſtalt nicht getroffen. Nach einem andern, dem franzoͤſiſchen Staats⸗ organismus eignen ſelbſtſtändigen Zweck, ſolt uͤber und unter allen franzoͤſiſchen Buͤrgern, neben einer⸗ lei Muͤnzfuß, einerlei Maas und Gewicht, auch ei⸗ nerlei Civilgeſetz, einerlei Teſtamentsformen, einerlei Erbfolgeart ꝛc. herrſchen; die Einfoͤrmigkeit der Theo⸗ rie ſoll ſich nicht in der Anwendung verleugnen; ſo wie das Geſetz fuͤr ganz Frankreich das namliche iſt, ſo ſoll auch die Praxis die naͤmliche ſeyn. Um die Stoͤrung dieſes Zwecks zu verhuͤten, erhebt ſich uͤber alle Juſtitzhoͤfe ein einziger Caſſa⸗ tionshof, er wuͤrkt allen Divergenzen der Praxis ent⸗ gegen und fuͤhrt ſie zur Einheit zuruͤck. Zwar hatte Deutſchland nie ſich der Wohlthat eines einfoͤrmigen Civilgeſetzes zu erfreuen. Es gab keinen Grundſatz des gemeinen Rechts, der nicht in irgend einem Lande durch ein beſonderes Statut eine Ausnahme erhalten haͤtte. Vielartige Geſetze konn⸗ ten in der Anwendung nicht einfoͤrmig werden. Aber auch da, wo ſie wirklich einfoͤrmig waren, nahmen ſie in der Praxis mancherlei Geſtalten an; die Strei⸗ tigkeiten der Gelehrten, die Abweichungen der Rechts⸗ Collegien bei der Erklaͤrung und Anwendung des ei⸗ nen und nemlichen Geſetzes, waren endlos. Dies war allerdings der Abſicht der hoͤchſten Staatsgewalt nicht gemaͤß. Die Gerichte wurden zu gleichfoͤrmiger Rechtsſprechung angewieſen. Dem 1 164 Kammergericht wurde von der Geſetzgebung Ueber⸗ einſtimmung in der Praxis ausdruͤcklich zur Pflicht gemacht. Was Frankreich durch den Kaſſationshof und durch kaſſatoriſche Verfuͤgungen wirklich erreicht, ſuchte man in Deutſchland durch die Senatus con- [ulta cameralia zu erreichen. Der Code Napoléon erwaͤhnt nirgends des Caſſationshof. Allein die Zwecke, welche der Code Napoléon in Frankreich erreichen ſollte, konnten oh⸗ ne den Caſſationhof nicht erreicht werden. Vergeb⸗ lich haͤtte der Geſetzgeber dem Volk eine und dieſelbe Geſetzgebung geben, umſonſt alle Rechtsverſchieden⸗ heit verbannen, umſonſt dem 380. und mehrern ſta⸗ tutariſchen Rechten im Code Napoléon ihr Grab bereiten wollen. Die in der Theoric untergegangene Rechtsverſchiedenheit, waͤre in der Praxis wieder auf⸗ geſtanden; der den Gerichtshoͤfen zugegangene Be⸗ fehl, nach Gleichheit in der Rechtsſprechung zu ſtre⸗ ben, haͤtte ſeines Zwecks verfehlt. Nur eine Polizeianſtalt im hoͤheren Sinn des Worts konnte die Vereitlung dieſes Staatszwecks verhuͤten. Sie zeigt ſich im Caſſationshof. 4) Verhaͤltniß des Code Napoléon zur Grund⸗ verfaſſung. Ich beruͤhre hier eine der wichtigſten und fol⸗ genreichſten Fragen. In dem Vortrag der verehrten Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien, wird S. 129. der Zuſammenhang des Code Napoléon mit Frankreichs Grundverfaſſung geleugnet; es wird behauptet, daß dieſes Geſetzbuch weder ſeinem Geiſt noch Buchſta⸗ ben nach, durch irgend eine Grundverfaſſung we⸗ ſentlich bedingt ſey, ſobald man darunter die beſon⸗ dere Staatsconſtitution verſtehe; und ſo wenig es 165 zweifelhaft ſeyn konne, nach welchen Principien die Kon⸗ ſtitution der einzelnen Staaten des Rheinbundes— vielleicht Europa's ſich ausbilden werde, ſo konne doch ſo wenig die vorhergeſchehene, als die nachher erfolgende Einfuͤhrung des Code Napoléon hierin Veraͤnderungen hervorbringen. Wenn ich gerade das Gegentheil dieſer Anſicht fuͤr Wahrheit halte, ſo werden meine verehrten Herren Mitcommmiſſarien den Gruͤnden, durch welche ich dieſe Behauptung unterſtuͤtze, eine wohlwollende und nachſichtsvolle Pruͤfung nicht verſagen. Der Zuſammenhang des Code Napoléon mit Frankreichs Staatsverfaſſung iſt hin und wieder— wie es mir wenigſtens ſcheint— im Buchſtaben deſ⸗ ſelben vollkommen ſichthar, er iſt aber noch weit tiefer im Geiſte jenes Geſetzbuchs gegruͤndet. Er iſt ſichtbar im Buchſtaben. Schon der 7. Art. redet von dem Staatsbuͤrger (citoyen) und ſetzt ihn dem Franzoſen(frangois) entgegen. Außerhalb der franzoͤſiſchen Grundverfaſ⸗ ſung aber kann kein Staatsbuͤrger gedacht werden. Der r45. 164. und 169. Artikel reden vom Dispenſationsrecht des Kaiſers. Der erſte autoriſirt ihn, die Heirath vor dem geſetzlichen Alter der Hei⸗ rathsfaͤhigkeit zu geſtatten; der zweite, die Ehe in be⸗ ſtimmten verbotenen Graden der Verwandſchaft zu erlauben, der dritte berechtigt ihn, das zweite eheliche Aufgebot(publication du mariage zu erlaſſen. Dieſe Verfuͤgungen ſetzen eine Grundverfaſſung voraus, welche das Recht der Seſezgeduñg nicht in die Haͤnde des Kaiſers niedergelegt hat. Sie legen dem Kaiſer eine Dispenſationsbefugniß von beſtimmten geſetzlichen Verordnungen bei, welche ſich keineswegs von ſelbſt verſteht, du die fran⸗ zöſiſche Conſtitution dem Kaiſer als Oberhaupt des franzoſiſchen Staats zwar bei einem neuen Geſetz die Initiative, und bei dem beſchloſſenen Geſeß die Voll⸗ 166 ziehungsbefugniß beilegt, aber nichts weniger als die Befugniß, das Geſetz im Ganzen, oder in Anſehung einzelner Perſonen wiéder aufzuheben. Eben deshalb werden in den angefuͤhrten Arti⸗ keln der Dispenſationsbefugniß des Kaiſers beſtimmte Grenzen geſetzt; jenſeits derſelben kann er nicht dis⸗ penſiren. Findet ſich in einem Staat Geſebgebung und Vollziehung durchaus in der einen und naͤmlichen Hand, ſo iſt die im Geſetz vorbehaltene Dispenſation, und ſogar die der Dispenſationsbefugniß geſteckte Grenze eine leere Floskel. Es verſteht ſich hier alles auch ohne jenen Vorbehalt von ſelbſt. Wer das Ge⸗ ſetz gegeben hat, kann es auch im Ganzen oder in ein⸗ S Beziehungen wieder aufheben oder einſchraͤn⸗ en. Der 106. und 107. Art. reden von einer fono- tion publique temporaire ou révocable, von einer fonction conférce à vie und vom Einfluß, welchen die Annahme der einen und andern auf die Beſtimmung des Wohnorts habe. Hier wird wieder auf die Grundverfaſſung Ruͤck⸗ ſicht genommen. Sie verordnet, daß Richterſtellen lebenslaͤnglich ubertragen und ohne Urtheil und Recht nicht wieder genommen werden ſollen. Alle andere Staatsaͤmter dagegen werden eben dadurch ſtillſchweigend fuͤr widerruflich erklaͤrt. Ueber die Widerruflichkeit oder Unwiderruflichkeit der Staatsämter wurde bekanntlich— ſo lange eine deutſche Reichsverfoſſung Kand— unter den Publi⸗ ciſten geſtritten, und die Praris der beiden hochſten Reichsgerichte war ſogar verſchieden. Seit dem Sturz der Reichsverfaſſung kann von der konſtitutionellen Unwiderruſiichkeit irgend eines Staatsamts nicht mehr die Rede ſeyn ⸗ Haben. ſeitdem wenig Beiſpiele von willkhrlichen Dienſtent⸗ laſſungen etlebt, ſo liegt der Grund davon keines⸗ 167 wegs in konſtitutionellen Beſchraͤnkungen, ſondern in der moraliſchen Guͤte der Geſinnungen und in der Hu⸗ manitaͤt der deutſchen Regenten. Ich glaube hierdurch die Behauptung, daß der code Napoléon ſichtbar in Frankreichs Grundver⸗ faſſung eingreife, durch hinreichende Beiſpiele belegt zu haben. Mehrere werden ſich finden laſſen, wenn man ſie ſucht. Doch lege ich auf alle dieſe im Code Napoléon ausgeſprochenen Beziehungen auf die Conſtitution kein uͤbergroßes Gewicht. Weit bedeutender iſt der unſichtbare Zuſam⸗ menhang des Code Napoléon mit Frankreichs Grund⸗ verfaſſung. Indem der Code Napoléon, wie ich vorhin gezeigt habe, tief in das Abgabenſyſtem eingreift, wirkt er, durch eine unvermeidliche, in der Geſchichte des neuern Europa's auf jedem Blatt bewaͤhrte Reac⸗ tion auf die Grundverfaſſung zuruͤck. Ich ſtehe hier am wichtigſten Moment meiner gan⸗ zen bisherigen Unterſuchung. Was ich daruͤber zu ſagen habe, iſt vielleicht, wenigſtens in der Beziehung, in welcher es hier ge⸗ ſagt wird, nen. Allein hierin liegt kein Grund es als unbedeutend zu uͤberſehen. Es ſey mir noch einmal erlaubt, auf das noch in dieſem Augenblick in den drei reſpectiven und mehr oder weniger in allen Staaten der rheiniſchen Confo⸗ deration fortdauernde Finanzſyſtem des Mittelalters zuruͤckzukommen. Ich habe es mit dem Nahmen Domanialſyſtem brzeichnet; man kann es auch das Patrimonialſyſtem nennen. Rach einer Grundidee, welche ſich im tieſſten Mittelalter in ganz Europa findet, war das Ober⸗ haupt des Volksvereins— Kaiſer, Konig, Herzog N 168 u. ſ. w. der urſpruͤngliche Eigenthuͤmer des ganzen von ſeinem Volk bewohnten Grund und Bodens. Er nannte ſich nicht nach dem Volk, welches er regierte, ſondern nach dem Land, uͤber welches er Herr war, nicht wie in der alten Welt, Koͤnig der Perſer, Kaiſer der Roͤmer, ſondern Koͤnig von England, Ko⸗ nig von Deutſchland u. ſ. w. Nach dieſer Grundidee war alles Eigenthum des Einzelnen abgeleitet vom Eigenthum des Oberhaupte, und dieſes erſcheint uͤberall als Obereigenthuͤmer. Die deutſchen Dynaſten machen eine ſcheinbare Ausnahme. Allein blos ihr Verhaͤltniß zum Grund⸗ herrn von Deutſchland iſt ſchwierig; ſie erſcheinen deſto ſ als Grundherren in ihren eignen Dyna⸗ ien. Jeder Guͤterbeſitzer ſteht mit dem großen Land⸗ eigenthuͤmer in einem Contract, welcher ſeiner Ratur nach kein ſtaatsrechtliches Verhaͤltniß iſt. Der Vaſall und Aftervoſall traͤgt Guͤter zu Lehen und leiſtet dafuͤr Kriegsdienſte. Der Landbauer genießt Laͤndereien und entrichtet dafuͤr dem Grundherrn Erbzins, Zehnten,(daß die Deeimation ein ausſchließendes Vorrecht der Kirche ſey, war eine bloße Hypotheſe der Canoniſten) Ra⸗ turalpraͤſtation, Frohnden u. ſ. w. Die geringſte und aͤrmſte Klaſſe wird, indem ſie die Luft des Grundherrn athmet, und von ſeinem Grund und Boden lebt, ſelbſt Eigenthum deſſelben, oder leibeigen. Wuͤſte Plaͤtze, Landesſtroͤme gleich dem unbedeu⸗ tendſten Bach, Jagd, Fiſcherei, Bergwerke, gehoͤren dem großen Grundeigenthuͤmer. Waſſerzoͤlle, Grund⸗ und Bodenzins, Waſſer⸗ zins, Weidhammelſchnitt ꝛc. finden in dieſem Syſtem ihren Urſprung. Alle Abgaben erſcheinen darin als gutsherrliche Gefulle 169 Der Unterthan erſcheint nicht als Staatsbuͤrger, ondern als untergeordneter Hausgenoſſe; der Schutz, welcher ihm zu Theil wird, iſt kein ſtaatsrechtlicher, ſondern der Schutz, den der Hausherr ſeinem Haus⸗ geſinde ſchenkt. Der ganze Volksverein iſt kein Staat, ſondern eine unermeßliche große Haushaltung. Das Fundament der ganzen Verfaſſung iſt nicht publiciſtiſch, ſondern patriarchaliſch. In dieſer Verfaſſung gibt es keine wahre Volks⸗ repraͤſentation und es bedarf keiner. Die Koſten der großen Haushaltung werden aus dem Ertrag des großen Landguts beſtritten, mag dies Landgut Koͤnigreich oder Herzogthum heißen, mag es unmittelbar oder mittelbar, durch Vaſallen, Cenſiten, Pachtpflichtige oder Leibeigne benutzt werden. Da es in dieſem Syſtem keine eigentlichen Steuern im ſtaatsrechtlichen Sinn gibt, keine zu eigentlichen ſtaatsrechtlichen Zwecken zu verwendenden Abgaben, ſo hat ſich auch der Unterthan um die Verwendung ſeiner Leiſtungen nicht zu bekuͤmmern. Er braucht dies um ſo viel weniger, da ſie auf Vertraͤgen und Verhaͤltniſſen des Landbaues beruhen, nach hundert Jahren eben ſo beſchaffen ſind, wie ſie es vor hundert Jahren waren, und die Abgaben mit den Raturga⸗ ben, fuͤr welche ſie geleiſtet werden, ewig gleichen Schritt halten. Finden wir dennoch im tiefen Mittelalter große Verſammlungen, welche den Schein von Volksver⸗ ſammlungen annehmen, finden wir Wittenagemots bei den Angelſachſen, ein Maͤrzfeld bei den Franken, ſo zeigt ſich doch dabei kein Schatten von einer Natio⸗ nalrepraͤſentation. Es iſt der Hausherr, der mit ſei⸗ nen oberſten Familiengliedern uͤber Angelegenheiten der Haushaltung berathſchlagt. Das Hausgeſinde wird dabei nicht vertreten. Zwiſchen den Wittenage⸗ mots der Angelſachſen und der heutigen Nationalce⸗ 170 praͤſentation des engliſchen Volks zeigt ſich hiſtoriſch keine engere Verbindung, als zwiſchen den Verſamm⸗ lungen im Maͤrzfelde und der Assemblée consti- tuante vom Jahr 1789. Aber, wie ich vorhin bemerkte— ſchon im Mittelalter entwickelt ſich neben dem Patrimo⸗ nial⸗— ein Buͤrger⸗Verhaͤltniß, neben dem Doma⸗ nial⸗— ein Abgabenſyſtem. Durch eine Reihe unerwarteter Ereigniſſe, an der Hand verborgener Raturnothwendigkeiten, erhob ſich neben dem Adel und der Geiſtlichkeit der ſoge⸗ nannte dritte Stand. Er erwarb ſich Reichthum durch Kunſifleiß. Vom Adel gedruͤckt und verfolgt, buhlte er um die Gunſt des oberſten Grundherrn; er erkaufte ſie durch Stenern und Abgaben. Der Grundherr be⸗ trachtete ihn als Stuͤtze gegen uͤbermuͤthige Vaſallen und einen herrſchſuͤchtigen Clerns. Der dritte Stand erſchien anfangs leiſe und anſpruchlos in den Verſammlungen der Großen. Seine demuͤthigen Abgeordneten nahmen darin die un⸗ terſte Stelle ein. In derjenigen Verſammlung, welche damals das Parlament von England genannt wurde, ſaßen ſie auf wollenen Saͤckrn. Sie ſchienen faſt darum zu erſcheinen, um den koͤniglichen Hausvater oder den Grundherrn durch Steuern und Gaben zu er⸗ freuen. Lurus, Zeitgeiſt, veraͤnderte Art, Kriege zu fuͤh⸗ ren, hatten die Beduͤrfniſſe des Grundherrn vermehrt. Seine Patrimonial⸗Einkuͤnfte reichten nicht mehr hin. Er mußte zu den Steuern des dritten Stan⸗ des ſeine Zuflucht nehmen. Sie wurden ihm unent⸗ behrlich. Hiermit war der Saame zu einer ganz neuen Ordnung der Dinge reichlich ausgeſtreut. Das Bewußtſeyn, daß man ihn nothig habe, machte nach und nach den dritten Stand muthiger. 171 Er brachte ſeine durch ſteigende Induſtrie und Kultur neu erzeugten Beduͤrfniſſe durch ſeine Reprä⸗ ſentanten zur Sprache. Er verſchaffte ſich Gehoͤr, indem er Steuern und Abgaben darbot. Die Grundherrlichkeit fing an druͤckend zu wer⸗ den. In ſo fern ſie Leibeigenſchaft, Regalien, uͤber⸗ triebene Beſchraͤnkungen des Eigenthums erzeugte, war ihr der Geiſt der Zeit entgegen. Hatte der oberſte Grundherr den dritten Stand gegen Adel und Geiſtlichkeit beſchutzt, ſo machten haͤufig die beiden letzten Staͤnde mit dem naͤmlichen dritten Stande gemeine Sache, um die Grundherr⸗ lichkeit in ihren Ausfluͤſſen zu ſchwaͤchen So entſtanden in Frankreich die états gens- raux, in Spanien die Cortès, in England das aus allen drei Staͤnden zuſammengeſetzte Parlament. In Deutſchland hatte ſich noch eine andere Ver⸗ änderung zugetragen. Die urſpruͤngliche Grund⸗ herrlichkeit des Oberhaupts der Nation war von der abgeleiteten Grundherrlichkeit der Reichsvaſallen ver⸗ draͤngt worden. Die Landeshoheit hatte die Reichs⸗ hoheit geſchwaͤcht. Aber mit der Ausbildung der Londeshoheit hatten ſich auch vom 15ten Jahrhun⸗ dert an in den maͤchtigern und groͤßern Territorien die aus den drei Ständen zuſammengeſetzten Landta⸗ ge erhoben⸗ Immer war es bei der Zuſammenberufung der 6tats genéraux in Frankreich, der Cortes in Spa⸗ nien, des Parlaments in England, der Landtage in Deutſchland auf die Bewilligung von Steuern und Abgaben angeſehen; immer wurde dabei der zahl⸗ reichſte Theil der Nation, der dritte Stand repraͤſen⸗ tirt; immer kamen aber auch bei Gelegenheit der Steuerbewilligung, Angelegenheiten der Geſetzge⸗ bung und Verfaſſung, oder ſogenannte Volksbe⸗ ſchwerden, dolgances, griefs, zur Sprache. Bei mehrern Rationen gingen ſelbſt unter ſchwa⸗ 172 chen und ſchlechten Regenten aus dem Schoos der Staͤndeverſammlung vortrefliche und unvergeßliche Geſetze hervor. Im engliſchen Parlament war es unter und vor Farl I. herkommlich mit jeder Steuerbewilligung ein Geſuch um Abſtellung irgend einer wirklichen oder angeblichen Volks beſchwerde zu verbinden. Nach Hume's und Delolmes Zeugniß, ſagten die damgli⸗ gen engliſchen Publiciſten, der Steuerbill muͤſſe die Petition darum beigefuͤgt werden, damit ſie in der angenehmen Geſellſchaft gewiſſern Eingang finde. Spaͤterhin erkannte man den Mißbrauch. Man ſah ein, daß, wenn der Koͤnig jede Steuerbewilligung mit irgend einer Nachgiebigkeit gegen das Unterhaus erkaufen muͤſſe, die Volksrepraͤſentation ein leichtes Mittel in Haͤnden habe, die ganze Verfaſſung nach Willkuͤhr umzuſtuͤrzen. Man ſetzte den conſtitutio⸗ nellen Grundſatz feſt, daß jede Steuerbewilligung rein, unbedingt und ohne allen Anhang erfolgen muͤſſe. So erhob ſich aus der Mitte des dritten Standes das Abgabenſyſtem und das Re⸗ praſentationsſyſtem zugleich. Der Patrimonialherr erſchien in demſelben als Oberhaupt eines Staats⸗ vereins, der Unterthan als Buͤrger, das Band der Unterwuͤrfigkeit als conſtitutioneller Grundvertrag. Das Syſtein der Grundherrlichkeit wurde in ſeiner Grundlage angegriffen, und vom Steuer⸗ und Repraͤſentativ⸗Syſtem bekämpft. In Europa's ge⸗ bildeten Staaten hielten ſich beide das Gleichgewicht und das Oberhaupt erſchien zugleich als Grundherr gutspflichtiger Unterthanen, und als Regent freier Buͤrger; in jener Eigenſchaft war die Volksmaſſe fuͤr ihn vorhanden, in dieſer war er ſelbſt der Con- ſtitution ſubordinirt; als Grundherr ſchienen ſeine Rechte um ſeinetwillen, als Regent ſchienen ſie um des Volks willen eingefuͤhrt. 173 In England bildete ſich gegen das Jahr 168g. das Abgaben⸗ und Repraͤſentativ⸗Syſtem voͤllig con⸗ ſequent aus. Um dieſe Zeit war das Syſtem der Grundherrlichkeit der Sache nach verſchwunden; es lebte nur noch in eitlem Gepraͤnge, leeren Formeln und gehaltloſen Phraſen fort. Ein unſichtbarer Genius ſchien uͤber den bluti⸗ gen Kataſtrophen der innern Geſchichte dieſes wun⸗ derbaren Inſelvolks zu walten. HOhne daß je ein einzelner Kopf eine Conſtitutionsurkunde entworfen haͤtte, geſtaltete ſich alles nach einem philoſophiſchen Typus. Aus dem Sturm der buͤrgerlichen Kriegs trat eine Volksrepraͤſentation hervor, wie ſie noch keine Nation beſeſſen hatte. Und dieſe reine Volks⸗ repraͤſentation fand ſich auch im ausſchließenden Be⸗ ſitz der Beſteurung. Das Oberhaus nahm daran nicht den mindeſten Antheil, konnte aber auch nicht als Repraͤſentant des Volks in England betrachtet werden. Das Volk oder der dritte Stand beſteuer⸗ te ſich durch ſeine Repraͤſentation ſelbſt, und ließ nur an der Geſetzgebung den hohen Clerus und den Adel Antheil nehmen. Im uͤbrigen Europa hatte zwar des Repraͤſentativ⸗ Syſtem neben dem Abgabenſyſtem Wurzel geſchlagen, aber jenes blieb in ſeiner Kindheit, und dieſes hing mehr oder weniger vom Oberhaupt, welches noch immer ſeine meiſten Einkuͤnfte aus ſeiner Grundherrlichkeit und aus den Domainen ſchoͤpfte, ab. In Spanien und Frank⸗ reich ſchien die neugebohrne Ordnung ſogar ihrem Untergang nahe. Dort wurden ſeit Karl V. die Cor⸗ tés, hier ſeit dem Jahr 1614 die 6tats généraux nicht mehr verſammelt. An dem Recht der Beſteue⸗ rung nahm von nun an der tiers état keinen wei⸗ tern Antheil. Sie wurde einzig und allein vom Grundhern ausgeuͤbt. Frankreich und Spanien ſtell⸗. ten das Bild einer abſolut willkuͤhrlichen Monarchie dar. Und damit ſchienen aus jder Verfaſſung beider 174 Reiche alle liberale und ſtaatsbuͤrgerliche Ideen auf immer geflohen. Deutſchland bildete einen Staatenſtaat unter den Feſſeln einer traͤgen und veralteten Reichsconſti⸗ tution. Nirgends ſchien die Grundherrlichkeit der Landesherren mit allen ihren Emolumenten tiefere Wurzeln geſchlagen zu haben. Die Grundherrlichkeit des Kaiſers war faſt nur noch im Reichslehns Nexus vorhanden. Neben beiden gab es eine Repraͤſentation des dritten Stan⸗ des auf den Reichs⸗ wie auf den Landtagen. Von jenen wurden Reichsſtenern, von dieſen Landſteuern feſtgeſetzt, und in Anſehung der erſtern den Landes⸗ herren das Subeollectations⸗Recht uͤbertragen. Doch fand ſich bei den Reichs⸗ wie bei den Landſteuern, der dritte Stand nicht im ausſchließenden Vorrecht der Beſteuerung. Seine Repraͤſentanten theilten es auf den Reichs wie auf den Landtagen mit der Geiſt⸗ lichkeit und dem Adel. Ueberhaupt aber blieb in Deutſchland bis zur Aufloͤſung der Reichsverfaſſung das Domanial⸗ oder Gutsherrlichkeits- Syſtem durchaus vorherrſchend⸗ Reben demſelben konnte das Steuerſyſtem nur wenig Raum gewinnen. In keinem europaͤiſchen Staat waren die Abgaben ertraͤglicher, als in den meiſten dentſchen Laͤndern. Hier legten Landtage, dort die Reichsgerichte dem Beſteurungsrecht der Lan⸗ desherren Feſſeln an. Landſtaͤnde konnten gewonnen werden, aber die Reichsgerichte waren unerbittlich. Die großen Reichsſtaaten, welche Landſtaͤnde hatten, waren daher weit hoͤher beſteuert, als die kleinern, in deren innern Verfaſſung auch nicht eine Spur von einer ſteuerbewilligenden Repraͤſentation ſichtbar war. In der That bedurften aber auch die letztern zur Beſtreitung der oͤffentlichen Haushaltung der Steuern am wenigſten. Eine militäriſche Macht ſtellten ſie nicht vor. 175 Seußzten Deutſchlands maͤchtige, von Landſtaͤn⸗ den vertretene Laͤnder unter dem Druck ſtehender Hee⸗ re, ſo fuͤhlte das ſchwächere, von Landſtaͤnden ver⸗ laſſene Territorium kaum die Laſt der Unterhaltung des Kreis⸗Contingents. Die Grundherrlichkeit offnete uberall reiche und ergiebige Quellen. Die Stamme guts⸗Eigenſchaft, der Widerſpruch der Agnaten mach⸗ te Veraͤußerungen unmoglich. So konnten ſelbſt Leichtſinn und Verſchwendung zwar Debit⸗Commiſſionen herbeifuͤhren, nie aber im Finanzſyſtem eine Veraͤnderung, viel weniger eine Re⸗ volution hervorbringen. Es ſchien durch Deutſch⸗ lands innere Geſehgebung auf Jahrhunderte begrun⸗ det.— Aber in einem benachbarten Staat erhob ſich im Jahr 1789 ein Sturm der nach 8 bis 20 Jahren auch die Grundfeſten der deutſchen Reichs⸗ und Ter⸗ ritorial⸗Verfaſſung ergriff; ſeine unberechenbare Fol⸗ gen drohen dem deutſchen Patrimonial⸗ oder Grund⸗ herrlichkeits⸗Syſtem und dem darauf gebauten Fi⸗ nanzſyſtem den Untergang, fuͤhren auf ſeinen Truͤm⸗ mern das reine Abgabenſyſtem auf, und ſcheinen im Gefolge deſſelben das Repraͤſentativſyſtem herbeizu⸗ fuhren. Frankreichs Staatsumwaͤlzung begann mit der ausſchließenden Herrſchaft des dritten Standes, mit dem Fall des Adels und der Geiſtlichkeit, mit der Ab⸗ ſchaffung der Grundherrlichkeit, oder der Feodalität der franzoͤſiſchen Jurisprudenz, und allen ihren Fol⸗ gen, mit der Grundung der Staatshaushaltung auf das reine Abgabenſyſtem und mit der Einfuͤhrung des Repraͤſentatioſyſtems. Alle dieſe großen und unglaublichen Veraͤnderungen gingen Hand in Hand; alle waren durcheinander wech⸗ ſelſeitig mit Nothwendigkeit bedingt. Sollte die Staatsverfaſſung auf einer reinen ſtaatsburgerlichen 176 Baſis ruhen, ſo mußten die Buͤrger repraͤſentirt wer⸗ den. Wollte man die Krone, wie es in England ge⸗ ſchehen war, von der Rationalrepraͤſentation abhaͤn⸗ gig machen, ſd mußte man ihr die Mittel rauben, durch welche ſie ihre Selbſtſtaͤndigkeit haͤtte behaupten koͤnnen. Dieſe Mittel waren die Grundherrlichkeit und die daraus fließenden Einkuͤnfte. Mit jener wur⸗ den dieſe zerſtoͤrt. Den Abgang erſetzten die Steuern, und letztere wurden von der Nationalrepraͤſentation bewilligt. Fuͤnfmal wechſelte Frankreich vom Jahr 1789 an ſeine Grundverfaſſung. Aber die Grundideen— die vernichtete Grundherrlichkeit—(suzéraineté, feodalité, droits de seigneur) ein auf Steuern baſirtes Finanzſyſtem, eine an die Rationalrepräſen⸗ tation gebundene Beſteuerung blieben unerſchuͤttert. Napoleon der Große baute auf dieſe naͤmliche Grund⸗ ideen ſeine Staatenſchoͤpfung. Der Code Napoléon hob noch einmal die Grundherrlichkeit auf. Und hier⸗ in liegt ſein unſichtbarer, aber feſter Zuſammenhang mit der Grundverfaſſung des franzoͤſiſchen Kaiſer⸗ reichs. Man verpflanze ihn in die Staaten des Rhein⸗ bundes; er wird fruher oder ſpaͤter, durch einfache und ſcheinbar anſpruchloſe civiliſtiſche doetrinelle Beſtim⸗ mungen, eine— wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf— conſtitutionelle Entwickelung herbeifuͤhren. Die Zeit iſt nicht fern, wo das Finanzſyſtem deutſcher Staaten auf bloße und reine Abgaben baſirt ſeyn wird. Die Einfuͤhrung des Code Napoléon wird dieſen Zuſtand der Dinge beſchleunigen. Was verhuͤtete in deutſchen Reichsſtaaten, wel⸗ che keine Laͤndſtände beſaſſen, die Nothwendigkeit fort⸗ ſchreitender Beſteuerung? denn die ſubcollectirten Reichs⸗ und Kreisſteuern waren nie bedeutend.— Wenige Ausgaben von der einen Seite, ein unbedeu⸗ 177 tendes Militär im Frieden— zahlreiche und wohlad⸗ miniſtrirte Kammerguͤter— eine, mancherlei Patri⸗ monialrevenuen erzeugende Grundherrlichkeit— alles belegt mit der Stammguts⸗Eigenſchaft und unver⸗ aͤußerlich ohne Einwilligung der Agn aten— ſo konnte die Staatshaushaltung ohne große Ebteuern und ohne eine Steuern bewilligende Volksrepraͤſentation be⸗ ſtehen. Seit der Vernichtung der Reichsverfaſſung hat ſich alles veraͤndert; die Einfuͤhrung des Code Napo- lécon wird noch mehr veraͤndern. Die Koſten der Bewaffnung haben ſich vervielfacht; zur Tilgung der Schulden zeigt ſich beinahe kein anderes Mittel, als die Veraͤußerung der Domainen. Der 896. Art. des Code Napoléon hebt— wenn er nicht in Anſehung der Kammergüter der Sou⸗ veraine eine Ausnahme erhaͤlt— die Stammguts⸗ Eigenſchaft auf. Kein Vero der Agnaten kann mehr der Veraͤußerung in den Weg treten. Der Code Napoléon vernichtet die Grundherr⸗ lichkeit und mit ihr die daraus fließenden Revenuͤen; er erklaͤrt die Grundrenten, Zehnten u. ſ. w. fuͤr ab⸗ loſlich, und verſchließt dadurch nach und nach eine Quelle von Kameral⸗Einkuͤnften. Faſt alle Natu⸗ ral⸗Einkuͤnfte werden und muͤſſen allmaͤhlig verſchwin⸗ den. Was bleibt hier dem deutſchen Souverain ubrig, als eine immer wachſende Beſteuerung? Gefaͤhrlich wird ſeine neue Lage. Der Regent, der nothwendig beſteuern muß, und willkuͤhrlich beſteuern kann, fin⸗ det ſich am Rande des Despotismus. Er muß thun, was vielleicht ſeinem Herzen ſchmerzt, und ihn dennoch gegen Mißtrauen, Unzu⸗ friedenheit und Murren der Unterthanen nicht ſchuͤtzt. Von Raturnothwendigkeiten und Zeitumſtanden ge⸗ druͤckt, muß er wieder druͤcken, und bei den beſteu Abſichten den Seegen ſeines Volks entbehren. Will 12 278 er wieder vor demſelben in einem ſtaatsburgerlichen Verhaͤltniß auftreten, ſo bleibt ihm nur ein Mittel ubrig. Er muß Frankreichs Vorbild folgen und eine Nationalrepraͤſentation einfuͤhren. Er muß dieſer Repraͤſentation offentlich die Beduͤrfniſſe vorlegen und die Mittel der Abhelfung vorſchlagen. Nur ſo kann das Gehaͤſſige eines auf bloße Beſteuerung baſirten Finanzſyſtems verſchwinden. Und ſo kann einſt die Einfuͤhrung des Code Napoldon wohlthãtig auf die kuͤnftige Grundverfaſſung der ſouverainen deutſchen Staaten wirken. Der Wichtigkeit des Gegenſtandes bitte ich meine Ausfuhrlichkeit zu verzeihen. Alle Hauptzweige der franzoſiſchen Verfaſſung und Geſetzgebung ſind nun im Verhaͤltniß zum Code Napoléon durchgegangen· Es zeigte ſich uͤber⸗ all ein weſentlicher Zuſammenhang. Er war bald ſichtbar, bald unſichtbar, bald unmittelbar, bald mittelbar, aber uberall innig, heerſchend und tief ein⸗ greifend. ad 2. Ich gehe jetzt zum zweiten Gegenſtand des gegenwaͤrtigen Vortrags uber, oder zur Unterſuchung der Frage: Welche Inſtitute Frankreichs— nicht gerade des Code Napoléon— muͤſ⸗ ſen im Verhaͤltniß zu dieſem letztern als weſentlich, welche als außerweſent⸗ lich betrachtet werden?. Ich würde dieſe Frage nicht beruͤhrt haben, wenn mich nicht der Vortrag der verehrten Heſſiſchen Her⸗ ren Commiſſarien darauf geleitet haͤtte. Noch getraue ich mir bei weitem nicht eine voll⸗ ſtändige Kenntniß und Ueberſicht des franzoſiſchen Staatsorganismus zu. Ich ſehe das ganze unermeßliche Gebaͤnde in ſei⸗ nen großen Partien, aber noch nicht in ſeinem De⸗ 179 Ich ſehe, wie ſo manches in einander verbunden und verſchlungen iſt, und je wetter ich in meinen Kenntniſſen komme, deſto mehr erkenne ich uͤberall Zuſammenhang und Einklang. Ich erkenne, wie wahr der unſterbliche Montes⸗ quieu behauptete, daß jedes Volk in ſeiner Geſetzge⸗ bung ſich ſelbſt ausſpreche, und daß es vermeſſen ſey, einzelne Partien fuͤr verwerflich zu erklaͤren, wenn man nicht das Ganze uͤberſieht. Daß der Code Napoléon zum Staatsorganis⸗ mus Frankreichs in der innigſten Beziehung ſtehe, leugnen meine verehrten Großherzoglich Heſſiſchen Herren Mitcommiſſarien nicht. Was iſt aber jeder Staatsorganismus anders, als eine kuͤnſtliche Ma⸗ ſchine, berechnet auß buͤrgerliche und politiſche Zwecke der Herrſchenden und Beherrſchten, getrieben durch Leidenſchaften, Naturbeduͤrfniſſe und Vernunftnoth⸗ wendigkeit, in welcher ein Schwungrad in das andere greift? Wer kann ſagen: dieſes Rad iſt weſentlich nothwendig, jenes nicht? Wer anders als der Kuͤnſt⸗ ler ſelbſt, der ſeine eigne Schoͤpfung kennt, oder der den Kuͤnſtler uͤberfluͤgelnde Kunſtverſtändige, der die Geſetze der Kunſt ſelbſt in ihrem hoͤchſten Princip auf⸗ aßt? Ich fuͤhle es, daß ich mich weder dem politiſchen Kuͤnſtler, noch dem Kunſtverſtaͤndigen an die Seite ſetzen kann. Ich wage es daher nicht zu entſcheiden, welche Theile der franzoͤſiſchen Verfaſſung im Verhältniß zum Code Napoléon als weſentlich und welche als außerweſentlich zu betrachten ſind. Ich wage noch weniger die Loͤſung der Frage, welche im Code Napoléon ſelbſt enthaltene oder vor⸗ ausgeſetzte organiſche Anſtalten in Beziehung zu die⸗ ſem Geſetzbuch jenen Character annehmen oder nicht annehmen. 12* 180 Mehr koͤnnte daruͤber die Erfahrung entſcheiden. „Aber unter den Staaten, welche den Code Napoléon wirklich— nicht blos in Edicten und Verordnun⸗ gen— aufgenommen haben, kenne ich noch keinen, der den Unterſchied gemacht, nach dieſem Unterſchied den Code Napoléon umgeformt, und nur das We⸗ ſentliche, mit Verwerfung des Außerweſentlichen, ſich in der Erſcheinung angeeignet haͤtte. Im Koͤnigreich Weſtphalen hat man den ganzen franzdoſiſchen Staatsorganismus ſtufenweiſe nachgebil⸗ det. Aber jede neue Annaͤherung war auf gewiſſe Art die Vorlaͤuferin einer weitern Annaͤherung. Nach ſichern Nachrichten ſteht das Enregistrement jetzt an der Reihe. Aufjeden Fall glaube ich zeigen zu koͤnnen, daß die⸗ jenigen organiſchen Umgebungen des Code Napolé n, welche die verehrten Großherzoglich Heſſiſcheu Herren Commiſſarien fuͤr außerweſentlich halten, mit denje⸗ nigen, welche ſie fuͤr weſentlich erklaͤren, in der innig⸗ ſten Realverbindung ſiehen, und daß die Aufnahme der letztern die Nothwendigkeit der gleichzeitigen oder nachfolgenden Aufnahme der erſtern in ſich ſchließt. Die Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſai⸗ re erklaͤren fuͤr weſentlich: 1) das Ministère public, oder den Procureur impérial S. 70. 2) das bureau conservateur des hypothè- ques S. 80 3) das kollegialiſche richterliche Entſcheiden gleich in der erſten Inſtanz als Regel, mithin die Errichtung franzoͤſiſcher Gerichte erſter Inſtanz. 4) das Notariat. 5) die Abſchaffung der ſubſidiariſchen geſetzlichen Guͤltigkeit des roͤmiſchen Rechts. Fuͤr außerweſentlich erklaͤren ſie dagegen: 1) die Heffentlichkeit des Verfahrens. 18r 2) die Selbſtleitung des Proeeſſes durch evploits dhuissier und actes d'avoues und avoues S. 35. 3) Die Exploits ſelbſt, oder die Inſtruction des Proceſſes durch Formeln S. 88. 4) die Unabhaͤngigkeit der Cxecution von richter⸗ lichen Befehlen, oder das Amt der huissiers S. 76. u. 77. 50 den Caſſationshof S. 6g. 6) das Enrégistrement S. 70. 7) die Trennung der Adminiſtration von der Ju⸗ ſtiz in der unterſten Region der Verwaltung S. 41. Es kommt auf den Beweis des weſentlichen Zu⸗ ſammenhangs der zuletzt unter Nr. 1. bis 6. genann⸗ ten Einrichtungen und des Grundſatzes Nr. 7. mit den zuerſt unter Nr. 1. bis. bemerkten Einrichtun⸗ gen und Grundſätze an. Iſt dieſer Beweis gefuͤhrt, ſo wird ſich nicht behaupten laſſen, daß das eine ein— gefuͤhrt und das andere weggelaſſen werden kann. 1) Heffentlichkeit des Verfahrens. Ich verſtehe darunter die Plaidoirie und Au⸗ dienz. Daß die Plaidoirie Talente bildet und die Na⸗ tionalcultur hebt, iſt ihre glaͤnzende Seite. Daß ſie aber den Proceß unendlich abkuͤrzt, iſt ein weniger ſchimmernder, weniger geachteter und den⸗ noch weit wichtigerer Vortheil. Nachdem beider Theile Anwaͤlde in kurzen, bloße Thatſachen enthaltenden Formeln, in eben ſo kurzen, nicht zu verlaͤngernden Friſten gegeneinander gehan⸗ delt haben, erſcheinen ſie durch ihre Anwaͤlde vor Ge⸗ richt, tragen muͤndlich ihre Rechtsangelegenheit vor und in der naͤmlichen Sitzung erfolgt die Entſchei⸗ dung. Vergleicht man dieſes Verfahren gegen das deut⸗ ſche gerichtliche Verfahren, ſo iſt die Zeitokonomie fur Parteien und Richter gar nicht zu berechnen. 182 Daß dabei die Gruͤndlichkeit der richterlichen Be⸗ urtheilung verloren gehe, iſt falſch. Unterzeichneter kann als Augenzeuge das Gegentheil verſichern. Auch klagt das Publicum uͤber die Oberflaͤchlichkeit der Ur⸗ theile in den Ländern, in weſchen die Plaidoirie einge⸗ fuͤhrt iſt, nicht mehr und weniger als anderswo. Daß dagegen die naͤmliche Kürze des Verfahrens mit der Organiſationsmarime zuſammenhaͤngt, nach welcher in der Regel gleich in der erſten Inſtanz alle Rechtsſachen kollegialiſch beurtheilt werden muͤſ⸗ ſen, iſt wahr. Unſere erſten Inſtanzgerichte, Aemter genannt, umfaſſen gewoͤhnlich eine Bevolkerung von 6 bis 7000 Menſchen. Die Inſtruction iſt protocollariſch. Es werden wochentlich zwei Gerichtstage gehalten. Und dennoch klagt man uber Geſchäftsdrang und uber die Unmoͤglichkeit, eine Sache gruͤndlich zu inſtruiren. Der Gerichtsſprengel der franzoſiſchen erſten In⸗ ſtanzgerichte umfaßt wohl ſelten weniger, als eine Be⸗ volkerung von 130,000 Menſchen. Es ſind dabei nie weniger als drei Richter mit Einſchluß des Praͤ⸗ ſidenten angeſtellt. Alle drei koͤnnen nicht mehr als ein einziger Amtmann thun, weil ſie immer beiſam⸗ men ſeyn, alles zuſammen anhoͤten und gemeinſchaft⸗ lich beſchließen muͤſſen. Man kann hiernach ohne Uebertreibung annehmen, daß das franzoſiſche erſte In⸗ ſtanzgericht etwa zehnmal ſo viel Rechtsſachen zu ent⸗ ſcheiden habe, als das deutſche erſte Inſtanzgericht. Man kann dies um ſo viel ſicherer, da das naͤmliche erſte Inſtanzgericht zugleich in Stadten, die kein eig⸗ nes Handelsgericht haben, das letztere vorſtellt, und da es in Sachen, in welchen der Friedensrichter in er⸗ ſter Inſtanz entſcheiden koͤnnen, die zweite Inſtanz bildet. Dennoch werden alle Sachen weit ſchneller ent⸗ ſchieden, als bei deutſchen Aemtern. Noch mehr. In den meiſten Städten ſind die Mitglieder des Civil⸗ 183 gerichts zugleich Mitglieder des Polizei⸗ und Beſſe⸗ rungsgerichts, bei welchem bekanntlich ebenfalls plai⸗ dirt wird. Und dennoch entſteht keine Stockung, kein Geſchaͤftsſtillſtand. Dies alles läßt ſich aus der Heſſentlichkeit des Verfahrens wohl erklaͤren. Wenn der Richter keine Actenſtoͤße liest, ſondern blos den kurzen Proces ver- bal de non conciliation und die noch kuͤrzeren/ bloße Thatſachen enthaltenden exploits, wenn ihm nicht zugemuthet wird, weitſchichtige Advokatenſchriften, mit ſchriftlichen Citaten uͤberladene Rechtsausfuͤhrun⸗ gen zu leſen, wenn er die Anwälde in kurzen, gut und pracis vorgetragenen Reden nur anhoͤren muß; wenn die Parteien ihre eigenen Referenten ſind, und es keines richterlichen Referenten bedarf,— dann wird er ſchnell genug informirt und kann eben ſo ſchnell ſeine Entſcheidung ausſprechen. Ich kann es ſehr kurz faſſen. Der franzoͤſiſche Richter hat in der Regel nichts zu ſchreiben, nichts zu excerpiren. Er hoͤrt, denkt und ſpricht. Selbſt die Riederſchreibung des Urtheils und der Urtheilsgruͤnde (considérans), iſt Sorge des Greffier. Daß der Richter in kurzer Zeit vieles zu thun im Stande iſt, iſt einleuchtend. Ich begreife daher die Moͤglichkeit nicht, unſere Hof- oder zweite Inſtanzgerichte in Gerichte erſter Inſtanz zu verwandeln, beinahe alle die Rechtsſachen, welche unſere Aemter zu entſcheiden haben, an ſie zu verweiſen, und dennoch den Schriftenwechſel, den ſchriftlichen Referentenvortrag und die Richt⸗Heffent⸗ lichkeit des Verfahrens beizubehalten. Der Himmel bewahre uns, daß der Mißbrauch mancher hohern Gerichte, auf bloßen muͤndlichen Re⸗ ferentenvortrag Beſchluͤſſe abzufaſſen, Geſetz werde. Beim muͤndlichen Vortrag der Parteien ſelbſt, iſt gar nichts zu beſorgen. Ihr eignes Intereſſe, und die Aufſicht des andern Theils wird ſie ſchon zum deutli⸗ 134 chen und klaren Vortrag nothigen. Der durch bloße Amtspflicht getriebene Referent dagegen, den kein eig⸗ nes Intereſſe zum Einſtudieren einer ihm ohnehin frem⸗ den Sache ſpornt, muß durch ſchriftliches Arbeiten ſich in die Struktur der Sache erſt hineinſtudieren, oder er traͤgt ſie ſicher, wenn er blos zu leſen, und das Geieſene zu ekzaͤhlen angewieſen wird, in der Regel ſchlecht und verſchoben vor. Eine ſolche geſetzliche Nachſicht wuͤrde aber durch⸗ aus nothwendig ſeyn, wenn es nach meiner Einſicht nur einen Schatten von Moͤglichkeit geben ſollte, die erſte Inſtanz in die Hofgerichte zu verlegen. 2) Selbſtleitung des Proceſſes durch exploits d'huissier und actes d'avous und avou6. Dieſe Form der Inſtruction haͤngt weſentlich mit der Grundanſicht des franzoſiſchen Proceſſes zuſam⸗ men. Der Richter erſter Inſtanz iſt nur im Tribunal ſichtbar. Er iſt nur beiden Theilen zugaͤnglich. Alle ſeine Verfuͤgungen ſind Urtheile im Sinn der franzoͤ⸗ ſiſchen Jurisprudenz Uugemens). Urtheile konnen aber nur, nachdem ſich beide Theile wirklich oder fin⸗ girt(durch Contumaz) vertheidigt haben, oder ver⸗ theidigen konnten, erlaſſen werden. Die beiderſeitige Vertheidigung erfolgt muͤnd⸗ lich in der Andienz. Dies iſt das wahre Verfahren, aus welchem der Richter die Materialien ſeines Ur⸗ theils ſchoͤpft. Was vorher und außer der Audienz geſchieht, iſt das wahre Verfahren nicht. Es iſt nur eingefuͤhrt, damit die Parteien wechſelſeitig von demjenigen, wor⸗ auf es ankoͤmmt, unterrichtet ſind, oder damit ſie mit andern Worten, nicht unvorbereitet in der Audienz erſcheinen. 185 Die Selbſtleitung des franzoͤſiſchen Proeeſſes iſt der in jus vocatio und der Editionsverbindlichkeit des roͤmiſchen Rechts ähnlich und vielleicht beiden nachgebildet. Sie kann nicht, wenn man das muͤndliche Ver⸗ fahren beibehaͤlt, umgangen werden. Das muͤndli⸗ che Verfahren iſt auf Kuͤrze berechnet. Die Kuͤrze iſt der Organiſation wegen— ſobald man erſte In⸗ ſtanzgerichte im Sinn der franzoͤſiſchen Juſtizverfaſ⸗ ſung in den reſpectiven Staaten einfuͤhrt durchaus nothwendig. Es erſcheint alſo auch hier wieder alles ineinan⸗ der verkettet. Ein erſtes Inſtanzcollegium fuͤr 150 bis 200,000 Menſchen, Kuͤrze, muͤndliches, oͤffentli⸗ ches Verfahren, außergerichtliche, von den Parteien ſelbſt geleitete Inſtruction, nichts kann hier ausge⸗ ſchieden, nichts kann unabhaͤngig vom andern ange⸗ nommen werden. Wenn daher nach dem Verlangen der verehrten Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien ein erſtes Inſtanzgericht nach den Forderungen des Code Nap l6on eingefuͤhrt werden ſoll, ſo ſcheint mir al⸗ les das weſentlich zu folgen, was die Herren Com⸗ miſſarien nicht fuͤr weſentlich und nothwendig halten. Hiermit verbindet ſich noch eine andere Be⸗ trachtung. Die Großherzoglich Heſſiſchen verehrten Herren Commiſſarien erklaͤren, wie ich glaube, mit vollem Recht das Ministèére public für eine weſentliche Umgebung des Code Napoléon. Ich will auch keineswegs behaupten, daß das Ministere public mit dem deutſchen ſchriftlichen Verfahren, mit der Juſtizverwaltung bei verſchloſſe⸗ nen Thuͤren unvereinbar ſey. Es wuͤrde vielmehr— traͤten keine andere Hin⸗ derniſſe, z. B. finanzielle Ruͤckſichten in die Mitte, nichts leichter ſeyn, als jene Staatscontrolle in alle 186 unſere deutſche Gerichte, auch in die Aemter zu ver⸗ pflanzen. Wollte man dieſes nicht, ſo waͤre es eben ſo leicht, erſt bei unſern zweiten Inſtanzgerichten ein Ministère public anzuſtellen. Im Geiſt des franzoͤſiſchen gerichtlichen Verfah⸗ rens, der ſich in dieſer Hinſicht ſchon im Code Na- polẽon ſehr deutlich ausſpricht, muß ſich indeſſen das Ministere public bei allen Rechtsſachen in der Re⸗ gel gleich in der erſten Inſtanz thaͤtig zeigen koͤn⸗ nen. Mit andern Worten, es gibt privilegirte Sa⸗ chen, bei welchen das Ministère public dazwiſchen treten muß, es gibt dagegen keine einzige, bei wel⸗ cher es nicht dazwiſchen treten darf. Die geringfuͤgigen bei den Friedensgerichten in erſter Inſtanz zu entſcheidenden Rechtsſachen machen allein eine Ausnahme. Da es nun, wie die verehrten Groß herzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien ſehr richtig bemer⸗ ken, nicht moͤglich iſt, bei unſern deutſchen Aemtern ein Ministere public anzuſtellen, da das Ministè- re public nur bei einem Juſtizcollegiuen in der ihm eignen Wuͤrde und Wirkungsſphaͤre erſcheinen kann, da es im Geiſt des Code Napoléon Zleich bei der erſten Inſtanz in der Regel thätig wird, ſo haͤngt al⸗ lerdings das Ministère public mit der Errichtung erſter Inſtanzgerichte im Sinn der franzoͤſiſchen Ju⸗ ſtizverfaſſung zuſammen. Es zeigt ſich hier wieder in der großen Kette ein neues Glied, und kein einziges iſt als unweſentlich abzuloͤſen. In Baiern und Baden hat man auch den Zu⸗ ſammenhang des Ministère public mit der Errich⸗ tung franzoͤſiſcher erſten Inſtanzgerichte, die man doch nicht errichten wollte, wohl eingeſehen. Des⸗ halb hat die Baieriſche Civilgeſetzgebung das Minis- rère publio ganz verbannt. Die Badenſche hat bei der Amtsjuſtiz den Beamten oder den Richter ſelbſt, 187 zum procureur impeèrial beſtellt. Eine— wie es mir ſcheint— auf nicht ſehr richtige pſychologiſche Vorausſetzungen berechnete Einrichtung. 3) Die Exploits ſelbſt, oder die In⸗ ſtruction des Proceſſes durch Formeln. Die Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſ⸗ ſarien halten ſie S. 83. fuͤr nicht weſentlich. Wenn ſie indeſſen, wie ich eben zeigte, und wie auch von Großherzoglich Heſſiſcher Seite zuge⸗ geben wird, mit der Heffentlichkeit des Verfahrens, der Plaidoirie und Audienz zuſammenhaͤngen, und wenn dieſe Oeffentlichkeit eingefuͤhrt werden muß, ſo⸗ bald man nach dem Wunſch der Großherzoglich Heſ⸗ ſiſchen Herren Commiſſarien Gerichte erſter Inſtanz errichtet, ſo werden die Exploits auch wohl als we⸗ ſentlich erſcheinen. Die Badiſche und Baieriſche Geſetzgebung kennt zwar ſo wenig exploits als Heffentlichkeit des Ver⸗ fahrens. Allein beide Staaten haben auch die drei⸗ fache Inſtanzenhierarchie, und die untergerichtliche oder Amtsjuſtiz ſtehen laſſen. Weſtphalen beſitzt Bezirksgerichte erſter Inſtanz. Allein die Einfuͤhrung der exploits ging damit Hand in Hand⸗ Unabhaͤngigkeit der Exeeution von richterlichen Befehlen, oder das Amt des franzoͤſiſchen Huissier. Die verehrten Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien haben, wie ich glaube, mit Recht, das franzoͤſiſche Notariat(S. 47. u. folg.) fur eine der weſentlichſten Inſtitute des Code Napoléon erklärt⸗ Mit dieſem Inſtitut haͤngt indeſſen das Inſti. uut der, nicht nach richterlichen, ſondern nach geſetz⸗ 188 lichen Verfuͤgungen exequirenden Huissiers aufs in⸗ nigſte zuſammen. Dieſer Zuſammenhang iſt ſogar in mehrern Ar⸗ tikeln des Code Napoléon vorzuglich in dem Titel sur l'expropriation forcée ſehr ſichtbar. Auf den ſogenannten Acte auchentiqus wird naͤmlich ſofort, nach vorgaͤngiger, ebenfolls vom Huissier vorzunehmender Mahnung, die Execu⸗ tion, ohne Dazwiſchenkunft des Richters vorgenom⸗ men. Dies iſt nach meiner Einſicht die glaͤnzenſte Sei⸗ te des Notariats. Durch die der Notariatsurkunde beigelegte Rechtskraft lauft die jurisdictio volunta- ria der Notare vollkommen mit der jurisdictio con- tentiosa der Gerichte parallel; es werden dadurch Proceſſe geſpart, und der Chicane gerade in den wichtigſten Angelegenheiten die Veranlaſſung benom⸗ men, bei klaren und einfachen Sachen, den Glaͤubi⸗ ger zu ermuͤden und die Epecution zu verzoͤgern. Die theoretiſche Vortrefflichkeit dieſer Einrich⸗ tung mißkenne ich gewiß nicht. Weder die gerichtli⸗ che Confirmation, noch die deutſche Landſchreiberei kann den Abga g des franzoͤſiſchen Rotariats erſetzen. Entzieht man dagegen dem acte authentique die Rechtskraft, und damit auch den Vorzug, ohne weitere richterliche Verfuͤgung vollzogen zu werden, ſo ſehe ich den Vorzug des franzoͤſiſchen Notariats vor einer wohlorganiſirten und controllirten deutſchen Landſchreiberei nicht mehr ein. Ich begreife dann aber auch nicht, wie dem Code Napoleon in den unzaͤhligen Stellen, wo vom Acte authentique und von dem Vorzug und der Kraft deſſelben die Rede iſt, ein Genuͤge geleiſtet werden kann. In den drei reſpectiven Staaten wuͤrde dann wohl ein Acte au- thentique eingefuͤhrt werden, aber er waͤre etwas himmelweit von dem franzoͤſiſchen Acte authenti- que Verſchiedenes. Das durch den Acte authenti- que beurkundete Recht mußte eben ſo gut wie jedes andere erſt ſeinen Weg durch die Gerichte und durch das gerichtliche Verfahren nehmen, um zur Execu⸗ tion zu fuͤhren. Läßt man dem Acte auchentique den Vorzug, welchen die franzoſiſche Gerichtsverfaſſung ihm bei⸗ legt und welche der Code Napoleon überall als no⸗ toriſch vorausſetzt, ſo ſehe ich noch weniger ein, wie man des franzoͤſiſchen Huissier als Executanten ent⸗ behren kann. Ich ſehe daher nicht ein, wie das franzoͤſiſche Kotariat als ein weſentliches Inſtitut des Code Na- poléon ſofort aufgenommen, der Huissier dagegen als außerweſentliches Inſtitut beſeitigt werden kann. Man koͤnnte einen Zuſatz zum Titel des Code Napoléon sur l'expropriation forcée, oder eine Einrichtung vorſchlagen, nach welcher jedesmal erſt das Gericht die Erlaubniß zur Vollziehung des Acte authentique zu ertheilen, oder die Art und Weiſe, wie er vollzogen werden ſoll, vorzuſchreiben hätte. Die vorgeſchriebene Erlaubniß ⸗Ertheilung wuͤr⸗ de indeſſen weiter nichts als ein Mißtrauen in das Notariat zeigen, mithin ein ſchlechtes Notariat vor⸗ ausſetzen. Wo der Notar ſeine Schuldigkeit gethan und dadurch foͤrmliches Recht erzeugt hat, wird es einer richterlichen Erklaͤrung, daß es foͤrmliches Recht ſey, nicht bedürfen. Sollte das Gericht die Art und Weiſe der Voll⸗ ziehung vorſchreiben, ſo muͤßte dies entweder nach Vernehmlaſſung des andern Theils, oder ohne ſie geſchehen. Im erſten Fall haͤtten wir wieder ein proceſſua⸗ liſches Verfahren, im zweiten wurde das Tribunal durch eine, auf einſeiriges Geſuch erlaſſene Verfuͤgung ſeine Wuͤrde als Richter verleugnen. Außerdem muͤßte entweder das Gericht die Voll⸗ ziehung ganz im Allgemeinen, oder wie es bei deut⸗ 190 ſchen Gerichten geſchieht, bei jeder einzelnen Hand⸗ lung waͤhrend dem ganzen Fortgang der Execution vorſchreiben. Im erſten Fall waͤre nicht mehr ge⸗ ſchehen, als was die franzoͤſiſche Civilprocedur ohne⸗ hin gethan hat, welche fur Partei und Huissier die Art und Weiſe der Execution ſehr beſtimmt vor⸗ zeichnet, im zweiten Fall haͤtten wir wieder Proceß, Verfahren, und dasjenige, was der Acte authenti- que beſeitigen ſollte. Die verehrten Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſaire ſchlagen vor, den Huissier einem zwei- ten Sekretaͤr des Tribunals zu ſubordiniren. Dies waͤre dann der eigentliche Huissier. Ich ſehe aber nicht ein, wie in einem Bezirk von 150 bis 200,000 Menſchen, alle Executionen durch einen einzigen zweiten Sekretar beſorgt werden konnen. Laͤßt man endlich die Execution in den Haͤnden des Tribunals ſelbſt, ſo ſehe ich wieder nicht ein, wie dies eine Tribunal fuͤr einen ſolchen Zuwachs von Geſchaͤften zureichen kann. Ich glaube hiermit meinen Glauben an die We⸗ ſentlichkeit des Inſtituts des Huissier, ſobald das Notariats-Inſtitut als weſentlich aufgenommen wird, gerechtfertigt zu haben. Außerdem waͤrde ſich, wenn ich nicht irre, zeigen laſſen, daß nicht blos die ex- ploits des, ohne richterliches Geheiß inſtruirenden, ſondern auch die exploits des, ohne richterlichen Be⸗ fehl die jugemens exequirenden Huissier, mit der Piaidoirte und Andienz zuſammenhaͤngen. Allein das Geſetz der Sparſamkeit erinnert mich, meinen ohnehin zu ausfuͤhrlichen Vortrag nicht ohne Noth zu verlaͤngern. 5) Der Caſſationshof. Dor Caſſationshof iſt in mehr als einer Hin⸗ ſicht zur Ausbildung der franzoͤſiſchen Jurisprudenz unentbehrlich. 151 Der Code Napolcon enthaͤlt nur allgemeine Grundſätze. Es hat nie ein Geſetzbuch von ſo we⸗ nigem Umfang gegeben, welches zugleich ſo viele Ge⸗ genſtände umfaßt haͤtte. Unter hundert Faͤllen wird es vielleicht kaum ei⸗ nen geben, der gerade aus dem Code Napolẽon entſchieden werden kann. Doctrin und Jurispru⸗ denz muͤſſen das Uebrige thun. Damit aber die Doetrin durch ganz Frankreich eine feſte und einformige Geſtalt erhalte, wird jede n des Caſſationshofs ſogleich allgemeine egel. Frankreichs poſitives Recht wird hiernach durch den Caſſationshof ergaͤnzt. Seine mréts gelten mehr als das roͤmiſche Recht. Waͤre er nicht da, ſo wuͤrde Frankreich— da das roͤmiſche und das vormalige Gewohnheitsrecht kein geſetzliches Anſehn haben,— kein Mittel beſi⸗ tzen, um in den meiſten Faͤllen der richterlichen Will⸗ kuͤhr Schranken zu ſetzen. Indem der Caſſationshof durch ſeine arréts den Spielraum fuͤr die verſchiedenartige Interpretation des Code Napoléon nach und nach verengt, erhaͤlt er auch in ganz Frankreich die Einfoͤrmigkeit der Praxis. Ohne den Caſſationshof hätte folglich der Code Napoléon für Frankreich den Zweck— die Geſetz⸗ gebung und die Anwendung in ganz Frankreich auf gleichen Fuß zu ſetzen— unmoͤglich erreichen koͤn⸗ nen⸗ Was haͤtte ein gleiches Geſetz geholfen, welches in der Anwendung ungleich geworden und vielleicht ſo viel Formen angenommen hätte, als es(ours d'appel, oder in letzter Inſtanz entſcheidende Tribu⸗ näle gibt? Ich kann daher nicht umhin, zu glauben, daß 492 im Geiſt der franzoſiſchen Verfaſſung der Caſſations⸗ hof gerade zu den weſentlichſten Umgebungen des Code Napoléon, gehoͤre. Die Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſ⸗ ſaͤre ſcheinen dieſes zu bezweifeln. Ueber das Nicht⸗ weſentliche eines Caſſationshofes ſagen ſie folgendes: „Der Caſſationshof iſt ein, der deutſchen Ver⸗ faſſung gaͤnzlich unbekanntes Inſtitut des franzoͤſiſchen Rechtsorganismus. Er iſt das wichtige Mittel zur Erhaltung der Einheit des Rechts in Frankreich, in⸗ dem, wo das Geſetz verletzt iſt, nicht nur den Par⸗ teien, ſondern auch, wenn dieſe die Sentenz rechts⸗ kraͤftig werden laſſen, dem Procureur der Recurs an dieſes hoͤchſte Gericht frei ſteht, um die Caſſation des geſetzwidrigen Spruchs in dem letzten Fall, um uns der techniſchen Sprache zu bedienen, dans I'in- terét de la loi, zu bewirken. Mit dem Code, bis in die unbedeutendſten Artikel hin, ſteht der Caſ⸗ ſationshof in keiner nothwendigen Verbindug. Die⸗ ſer macht daher ſeine Annahme nicht nothwendig. Auch der Grund, welcher dieſe Nothwendigkeit fuͤr Frankreich erzengte, faͤllt fuͤr Deutſchlands ſouverai⸗ ne Staaten hinweg. In Frankreich naͤmlich, wel⸗ 3 ches 33 Cours d'appel zaͤhlt, wuͤrde ohne dieſes . Mittel, in kurzer Zeit der Code ſich praktiſch in 30 Zöfacher Geſtalt dargeſtellt haben; in den deutſchen Staaten dagegen, welche nur ein Oberappellations⸗ gericht beſitzen, genuͤgt dieſes zur Erhaltung der 1 Rechtseinheit, wenn nur es zugleich Rullitätsklagen im Sinn des franzoͤſiſchen Rechts, und daher auch in Sachen, in welchen Appellation nicht ſtatt findet, und in Sachen, in welchen eine Appellation nicht 1 ergriffen wird, von Seiten des Procureur blos im ſ6 Intereſſe des Geſetzes anzunehmen befehligt wird. 5 Einen andern Gebrauch von dem an ſich vortreffli⸗ chen Gedanken der franzoͤſiſchen Verfaſſung zu ma⸗ 393 chen, verbieten den einzelnen deutſchen Staaten ihre Verhaͤltniſſe.“ Daß der Taſſationshof mit dem Code Napo- léon vom erſten bis zum letzten Artikel in keiner unmittelbaren Verbindung ſtehe, raͤume ich gern ein. Dagegen ſcheint es mir eben ſo unleugbar, daß, wenn kein Code Napoléon in der Welt waͤre, oder mit andern Worten, wenn Frankreich an die Stelle des roͤmiſchen und mehrerer hundert ſtatutariſchen Rechte, im Code Napoléon nicht ein einziges Ci⸗ vilrecht mit der Abſicht erhalten haͤtte, daß kuͤnftig in ganz Frankreich nur ein einziges Recht gelten ſol⸗ le, daß in dieſem Falle Frankreich auch keinen Caſ⸗ ſationshof wuͤrde noͤthig gehabt haben. Sobald aber ein ſolcher Code zu dieſem Zweck einge⸗ fuͤhrt wurde, mußte auch ein ſolches Inſtitut nothwendig geſchaffen werden. Dies ſcheinen ſelbſt die verehrten Großherzog⸗ lich Heſſiſchen Herren Commiſſaire nicht zu mißken⸗ nen. Denn wenn ich ihren Vorſchlag anders recht verſtehe, ſo ſollen die in den drei reſpectiven Staaten eingefuhrten Oberappellationsgerichte zugleich Caſ⸗ ſationshoͤfe ſeyn. Ich haͤtte dieſem Vorſchlag— ich darf es nicht verſchweigen— mehr Beſtimmtheit gewuͤnſcht. Denn ſo wie er im Allgemeinen vorliegt, laͤßt ſich uͤber die Ausfuͤhrbarkeit deſſelben nicht wohl urtheilen⸗ Muͤßte aber auch dieſe zugegeben werden, ſo zweifle ich doch an der Moglichkeit, durch die Ausfuͤhrung den Zweck,— Gleichfoͤrmigkeit des Rechts in den⸗ jenigen deutſchen Staaten zu erreichen, welche den Code Napoleon gleichfoͤrmig oder moͤglichſt gleich⸗ foͤrmig aufnehmen. Bekanntlich gibt es in Frankreich nur zwei Inſtanzen, nur, zwei einander ſubordinirte, uͤber 13 194 Parteien⸗Recht erkennende, und durch ihre Er⸗ kenntniſſe foͤrmliches Recht erzeugende Tribu⸗ naͤle⸗ Jeder Appellationshof erkennt en dernier ressort, und wo der Friedensrichter in erſter In⸗ ſtanz ſpricht, erkennt das erſte Inſtanzgericht en der- nler ressort. Der pourvoi en cassation, in ſofern ihn die Partei zur Hand nimmt, iſt allerdings an eine Friſt gebunden. Allein das arrét de cassation enthaͤlt ſelbſt kein neues Urtheil, ſondern hebt nur, wenn die Caſſation fuͤr zulaͤſſig gehalten wird, das vorige Ur⸗ theil auf, und verweiſt die Sache an ein anderes letz⸗ tes Inſtanzgericht. Dieſes muß alsdann ein neues Urtheil erlaſſen. Es wird wird folglich nicht blos da, wo der procureur genéral ein von den Parteien nicht an⸗ gefochtenes Urtheil mit einem Caſſationsgeſuch an⸗ greift, ſondern in allen Fäͤllen blos dans l'interét de la loi, nicht dans Tinterét des parties caſſirt. Werden nach dem Vorſchlag der verehrten Groß⸗ herzoglich Heſſiſchen Herren. Commiſſaire unſere Hofgerichte in Gerichte erſter Inſtanz verwandelt, ſo bleiben die Oberappellationsgerichte, Gerichte letzter Inſtanz und die Unterthanen erhalten ſtatt ihrer jetzi⸗ gen drei nur zwei Inſtanzen. Sollten nun die nämlichen Oberappellationsge⸗ richte Caſſationshoͤfe werden, ſo fragt es ſich vor al⸗ len Dingen, ob ſie nur Caſſationsgeſuche— Nul⸗ litätenklage im Sinn der franzoͤſiſchen Jurisprudenz— gegen ihre eignen in letzter Inſtanz erlaſſenen Urtheile, oder Nullitaͤtenklagen gegen die Urtheile der erſten Inſtanz annehmen. Im erſten Fall muͤßten die Oberappellationsge⸗ richte nothwendig in zwei Sectionen vertheilt werden, in eine Appellations⸗ und eine Caſſations⸗Section, da man unmoͤglich von dem naͤmlichen Richter, wel⸗ cher angeblich contra jus in thesi ſoll geſprochen ha⸗ 195 ben, verlangen koͤnnte, daß er ſich ſelbſt fuͤr einen Ignoranten erklaͤre. Eine ſolche Einrichtung halte ich allerdings fuͤr ausfuͤhrbar. Nur ſehe ich nicht ein, warum man in dieſem Fall das Oberappellationsgericht in zwei See⸗ tionen theilen, und nicht lieber in jedem der drei re⸗ ſpectiven Staaten ein eignes Caſſationsgericht er⸗ richten wollte. Aus weniger Mitgliedern als die jetzigen Ober⸗ appellationsgerichte koͤnnte doch die Appellationsſection — wenn anders der Zweck der Tribunalrechtspflege, collegialiſche Umſicht, erreicht werden ſoll, nicht zu⸗ ſammengeſetzt ſeyn. Aus einer geringern Zahl Votanten duͤrfte die Caſſationsſection auch nicht beſtehen. Auch waͤre es nicht zweckmaͤßig, die Appella⸗ tions⸗ und Caſſations⸗Section mit einander abwech⸗ ſeln zulaſſen, ſo daß man diejenige Section in der ei⸗ nen Sache als Apellationsbehoͤrde handeln ließe, wel⸗ che in der andern als Caſſationsbehoͤrde auftritt. Eine Einrichtung, nach welcher mehrere Mit⸗ glieder des Rechtscollegiums berechtigt waͤren, andere Mitglieder abwechſelnd, im Angeſicht des Publikums und der Parteien fuͤr ignorante Themisprieſter zu er⸗ klaͤren, wuͤrde entweder große collegialiſche Erbitte⸗ rung, oder eben ſo große collegialiſche Connivenz er⸗ zeugen. Bei jener wuͤrden, wie bei dieſer weder die Parteien, noch die Rechtspflege, noch die Wiſſen⸗ ſchaft gewinnen. Außerdem ſteht in der buͤrgerlichen aͤußern Wuͤr⸗ digung des Staats der Caſſationsrichter eben ſo hoch uͤber dem Appellationsrichter, als dieſer uͤber dem Richter erſter Inſtanz. Dieſe aͤußere Wuͤrdigung muß ihrem Innern entſprechen. Die Caſſationsrichter muͤßten die ein⸗ 13 . 196 ſichtsvollſten und kenntnißreichſten Juriſten ſeyn,“ welche der Staat beſitzt. Sie werden herabgewuͤr⸗ digt, wenn man ſie den Appellationsrichtern gleich ſeßt. Es iſt daher zweckmaͤßig, die Caſſationsbehoͤrde gaͤnzlich von der Appellationshehoͤrde zu trennen. Geſchaͤhe dieſes in jedem der drei reſp. Staaten, ſo wuͤrde ein eigner Caſſationshof errichtet werden muͤſſen. Er iſt eine ſehr koſtſpielige Anſtalt, gegen deren Einfuͤhrung die Kameraliſten vieles zu erinnern finden moͤchten. Auch ſehe ich durchaus nicht ein, woher Maͤn⸗ ner zu einer wuͤrdigen Zuſammenſetzung genommen werden ſollten. Die franzoͤſiſche Jurisprudenz iſt we⸗ nigſtens in dem Staat, deſſen Intereſſe in dieſer wich⸗ tigen Angelegenheit ich zu vertreten die Ehre habe, beinah noch voͤllig ein unbekanntes Land. Sollen dagegen in den drei reſp. Staaten die jetzigen Oberappellationsgerichte nicht gegen ihre eignen Urtheile, ſondern blos gegen die Urtheile der erſten Inſtanzgerichte Caſſationsgeſuche oder Rullitaͤtenkla⸗ gen annehmen, ſo muß ich fragen, ob dies im Wege der Appellation geſchehen ſoll, oder ob das Caſſations⸗ geſuch nur gegen diejenigen Urtheile ſoll angenommen werden, gegen welche nicht mehr appellirt werden kann. Im erſtern Fall wird gegen den beſtimmten und auf einer ſehr vernuͤnſtigen Anſicht beruhenden Grund⸗ ſatz der franzoͤſiſchen Jurisprudenz und Juſtiz⸗Orga⸗ niſation geſundigt werden; naͤmlich gegen den Grund⸗ ſatz, daß nur Jugemens oder arréts prononcés en dernier ressort dem Caſſationsgeſuch unterworfen ſind. In dieſem naͤmlichen Fall haͤtten die Parteien ſtatt der drei Inſtanzen, welche ſie jetzt genießen, ſtatt der zwei Inſtanzen, welche ihnen die franzoͤſiſche Verfaſſung zugeſteht, gar nur eine Inſtanz. Denn 197 die Caſſation wird bekanntlich von der franzoͤſiſchen Jurisprudenz fuͤr keine Inſtanz gehalten., Sehr mit Recht, da ſie nicht dans l'intérét des parties, ſon⸗ dern dans l'intérét de Ja loi erlaſſen wird, da nicht dabei, wie bei der Appellation, das Factum, die Quan⸗ titaͤt des Beweiſes, die richtige oder unrichtige An⸗ wendung des Geſetzes auf das Fuit⸗ ſondern nur die Frage gewuͤrdigt wird, ob der Richter das Geſetz unabhaͤngig vom Factum, richtig oder unrichtig ver⸗ ſtanden habe. Soll dagegen das Caſſationsgeſuch, oder die Nul⸗ litaͤtenklage des franzoͤſiſchen Rechts nur gegen diejeni⸗ gen Urtheile der erſten Inſtanz zuläßig ſeyn, welche nicht mehr mit der Aptellation angefochten werden koͤnnen, ſo wird die Zahl der nachgeſuchten Caſſatio⸗ nen ſehr groß, die Zahl der bewill igten dagegen ſehr gering ſeyn. Es iſt mir aus eigner Erfahrung be⸗ kannt, daß, wenn die Anwaͤlde alle Rechtsmittel er⸗ ſchoͤpft haben, ſie mit der Behauptung auftreten, es ſey contra jus in thesi erkannt worden. Die ſchon jetzt mit Geſchaͤften überladenen Oberappellationsgerich⸗ te wuͤrden noch mehr uͤberladen werden. In dieſem letzten Sinn genommen, ſcheint mir iudeſſn der Vorſchlag der verehrten Großherz. Heſſ. Herren Commiſſaire am erſten ausfuͤhrbar zu ſeyn, und in diéſem Sinn ſcheinen ſie ihn auch genommen zu haben. Es muͤßte dann aber das vorige Urtheil nicht blos caſſirt, ſondern ſogleich ein anderes an ſeine Stelle gefetzt, es muͤßte zugleich dans l'intérét de la loi und dans l'intérét des parties erkannt werden. Dies waͤre freilich ganz gegen den Geiſt des franzo⸗ ſiſchen Rechtsorganismus, aber nicht gegen den Buch⸗ ſtaben des Code Napoléon. Es muͤßten ferner die eaſſatoriſchen Urtheile nebſt ihren Gruͤnden durch den Druck bekannt gemacht, 198 und als Regel fuͤr die Praxis oder fuͤr die Anwen⸗ dungsart des Geſetzes vorgeſchrieben werden. Von dieſer Seite betrachtet, in dieſem Sinn ge⸗ nommen, erſcheint der Vorſchlag der verehrten Groß⸗ herzogl. Heſſ. Herren Commiſſarien allerdings als aus⸗ fuͤhrbar, wenn nicht etwa die Erfahrung unvoraus⸗ geſehene Schwierigkeiten enthält. Daß aber dadurch ein anderer Zweck zu erreichen ſey, als Einfoͤrmigkeit des Rechts in jedem Einzel⸗ nen der drei reſp. Staaten ſelbſt, bezweifle ich ſehr. Bekanntlich iſt Gleichfoͤrmigkeit des Rechts oder Rechtseinheit in allen Staaten der rheiniſchen Con⸗ foͤderation einer der wichtigſten Zwecke der Einfuͤhrung des Code Napoléon. Eben ſo bekannt und eben ſo oft geſagt ſind die Gruͤnde, aus welchen des naͤmlichen Zwecks wegen fuͤr ganz Frankreich nur ein Caſſationshof errichtet werden konnte. Haͤtte man fuͤnf und dreißig Caſſationshoͤfe, oder eben ſo viel Caſſationshofe errichtet, als es Appella⸗ tionshoͤfe gibt, ſo haͤtte jeder Caſſattonshof eine eigne Jurisprudenz und Praxis gebildet. Die Rechtsver⸗ ſchiedenheit waͤre weit groͤßer geweſen, als vorher, da der Praxis im roͤmiſchen Recht, mit welchem jeder Richter es machen kann, wie er will, kein Vereini⸗ gungspunet dargeboten wird. Wie koͤnnte man in den drei reſp. Staaten nur entfernt auf die Erhaltung einer Rechtseinheit in der Jurisprudenz und in der Praxis hoffen, wenn man keinen gemeinſchaftlichen Caſſationshof fur ſie conſti⸗ tuirt, und wenn das Oberappellationsgericht jedes ein⸗ zelnen Staats, außer Verbindung mit dem andern Oberappellationsgericht, eine beſondere Praxis bildet? Die Drvergenzen muͤſſen durch die Folgen eines andern Vorſchlags der verehrten Großherzogl. Heſſ. Herren Commiſſaire, wie nach meiner Einſicht ſehr richtig der Fuͤrſtlich Primatiſche verehrte Herr Com⸗ 199 miſſarius muͤndlich bemerkt hat, noch erweitert wer⸗ den. Denn indem das roͤmiſche Recht, nach dieſem Vorſchlag in den drei reſp. Staaten, keine geſetzliche Guͤltigkeit behalten ſoll, wird die Praxis in jedem Lan⸗ de, nicht geleiter vom roͤmiſchen Recht, aus dem Co- de Napolẽon ihre eignen und ganz verſchiedenen Fol- gerungen ziehen. Sie muͤßte ſich in jedem Lande nach der Individualität des Perſonals der oberſten Ge⸗ richtshofe auf eine eigne Art ausbilden, und nach dem Ablauf von einigen Jahrzehnden unter einander ſo ungleich werden, daß man den Punct, von welchem jedes Gericht gemeinſchaftlich ausgegangen iſt, nicht mehr erkennen koͤnnte.. Der Hauptzweck der Einfuͤhrung des Code Na- poleon waͤre dann gaͤnzlich verfehlt. Dem Uebel konnte nicht einmal durch die Errich⸗ tung eines gemeinſchaftlichen Caſſationshofs fuͤr die drei reſp. Staaten vorgebeugt werden. Wer koͤnnte fur die Rechtseinheit mit Weſtpha⸗ len, Baden, Baiern und den uͤbrigen Staaten, in welchen der Code Napoléon entweder ſchon einge⸗ fuhrt iſt, oder noch eingefuͤhrt werden wird, buͤrgen? durch welche Anſtalt waͤre ſie geſichert? die drei reſp. Staaten unter ſich durch Rechtseinheit verbunden, wuͤrden ſich wieder mit allem, was ſie umgiebt, in ei⸗ ner Rechtsverſchiedenheit finden. Es gibt fur die Erhaltung der Rechtseinheit hier kein anderes Mittel, als die Errichtung eines einzi⸗ gen Caſſationshofs fuͤr alle Staaten der rheiniſchen Confoͤderation. 6) Das FEnregistrement. Die verehrten Großherzogl. Heſſ. Herren Com⸗ miſſarien erklaͤren S. 9r. das Enregistrement für vollig entbehrlich, und glauben, daß es mit keinem zoo0 einzigen n Inſitut des Code Napolòon in veſenücher Verbindung ſtehe. Ich muß mich auch hier zu der egeern Meinung bekennen. Es iſt wahr, daß das in Frank⸗ reich als eine vorzuͤgliche Quelle von Einnahme be⸗ wird, daß es nach Abzug aller Erhebungs⸗ und Adminiſtrationskoſten einen reinen Ertrag von 90 bis 100 Millionen uͤbrig läßt, daß es einer eignen Régie unterworfen, und daß in jedem Departement ein eignes Bureau fuͤr das Enxeistet errich⸗ tet iſt. Es iſt daher vollkommen richtig, daß das Enre- gistrement beim erſten Blick ſich als eine bioße FJinanzanſtalt darſtellt. Bei einer naͤhern Pruͤfung zeigt es ſich indeſſen im erfteulichen licht einer wahren Juſtiz⸗ und Poli⸗ zeianſtalt. Als Urkundeneontrolle iſt es ſchon ſeit mehrern Jahrhunderten in Frankreich eingefuͤhrt. Alle Urkunden, aus welchen privatrechtliche Rechte und Verbindlichkeiten abgeleitet werden, alle Teſtamente, Vertraͤge, Urtheile, actes authenti- ques etc. ſind dem Enregistrement unterworfen, d. h. der Inhalt derſelben wird in deshalb von einem fonctionnaire public gefuͤhrte Buͤcher eingeſchrie⸗ ben; in jedem Bezirk findet ſich ein enregiſtrirendes Bureau. Hierdurch entſteht eine Ur kundencontrolle und Falſa werden verhuͤtet. An das Enregistrement hat der Code Napo- 16on ſelbſt rechtliche Folgen geknuͤpft. Bekanntlich kann uͤber einen Streitgegenſtand, welcher 150 Franken uͤberſteigt, kein Zeugenbeweis gefuͤhrt werden. „ 201 Dieſe Regel leidet unter andern eine Ausnahme, wenn der Anfang eines Urkundenbeweiſes vorhan⸗ den iſt. Iſt die Haupturkunde verloren gegangen, und wird nur gezeigt, daß ſie enregiſtrirt war, ſo iſt nach dem 1336. Art. der Anfang eines Urkundenbemei⸗ ſes vorhanden, und der Zeugenbeweis wird zu⸗ gelaſſen. Um Antedatirungen zu verhuͤten, verordnet der 1328. Art., daß Privaturkunden gegen den dritten z. B. den cessus erſt vom Tage des Enregistre- ments an ein gewiſſes Datum erhalten. Schon hieraus geht ein ſichtbarer und unmittel⸗ barer Zuſammenhang des Code Napoléon mit dem Enregistrement hervor, der nach meiner Einſicht ſchwerlich unweſentlich genannt werden kann. Aber es gibt noch einen mittelbaren und unſichtba⸗ ren Zuſammenhang, welcher nach meiner Einſicht weit weſentlicher iſt. Die Großherzogl. Heſſ. Herren Commiſſarien halten die Einfuͤhrung des franzoſiſchen Notariats fuͤr weſentlich. Wenn ſich nun nachweiſen laͤßt, daß das fran⸗ zoͤſiſche Enregistrement die weſentliche Zubehoͤrde des franzoͤſiſchen Notariats ſey, ſo wird jenes, nach meiner Einſicht, nicht als unweſentlich koͤnnen betrach⸗ tet werden. Der Rotar iſt der Depoſitair der wichtigſten Familiengeheimniſſe. Er muß uͤber alle ſeine Hand⸗ lungen eine Regiſtratur fuͤhren, und das Concept der⸗ ſelben(minute) aufbewahren. Er darf niemand eine Abſchrift(expedition) derſelben zukommen laſ⸗ ſen, als demjenigen, der als Partei dazu befugt iſt, oder den der Richter zu einer ſolchen Forderung durch ein Urtheil(Compulsoire) autoriſirt. Iſt die Haupterpedition(grosse), der eigentlich mit der Vollziehungskraft verſehene acte authenti- 202 5 que à titre executoire verloren gegangen„ ſo findet man die Minute immer bey ihm wieder, und dieſe hat volle Beweiskraft. Ils sont destinés à remplir des fonctions trop importantes pour que rien ne garantisse à la société la réparation de leurs erreurs, et méme, autant qu'il est possible, celle de leurs — ſagt der Staatsrath Real S. 7J. grantteichs Geſetzgebung haͤlt es fur hohe Pflicht, nicht blos gegen die Unachtſamkeit, ſondern auch ge⸗ gen die Praͤvarication des Notars zu ſchuͤtzen. Dazu dient die Vorſchrift, daß der Notar nicht außerhalb dem Bezirk des Gerichts, bei welchem er angeſtellt iſt, inſtrumentiren darf. Dazu wurde die chambre de discipline der Notaͤre errichtet. Dazu endlich dient die Vorſchrift, daß jede Ro⸗ tariatsurkunde bei Strafe in das Bureau d'enregistre- ment des Bezirks, in welchem er wohnt, dinnen. 10— 15 Tagen enregistrirt werden muß. Lec actes des notaires— ſagt Fleurigeon im Code administratif Thl. 2. S. 94.— doivent 6étre enregistrés dans les dis jours, lorsque le notaire réside dans la' commune ou le bureau est établi, et dans les quinze jours lorsqu'il n'y réside pas. Les notaires ne peuvent faire enre- gistrer leurs actes qu'au bureau de Tarrondisse- ment dans lequel ils résident. Bei den Aotes sour seing privs iſt dieſes nicht erforderlich. Sie koͤnnen ohne Unterſchied in jedes Bureau enregiſtrirt werden. Bei der hohen Wichtigkeit des Rotariats war die Controlle ſeiner Urkunden durch das Enregistre- ment doppelt noͤthig. Ohn dieſe Controlle wurde das Vermoͤgen jedes Bür ſo oft die grosse oder die expédition des 203 acte notarie verloren gegangen iſt, von der Willkühr und der Ehrlichkeit des Notars abhaͤngen. Daß man im Koͤnigreich Weſtphalen, wo das Notariat ſelbſt erſt ſeit wenigen Monaten in Thaͤtig⸗ tigkeit geſetzt worden iſt, dos Enregistrement noch nicht eingefuͤhrt hat, beweiſt nichts gegen meine An⸗ ſicht und ihre Wahrheit. Ich habe ſchon vorhin be⸗ merkt, daß nach ſichern Nachrichten die Einfuͤhrung es Enregistrement in Weſtphalen an der Tages⸗ ordnung ſteht. Der Gradationsſtempel kann mit dem Enregi- strement nicht entfernt verglichen werden; eriſt aller⸗ dings nur eine fiscaliſche Anſtalt, ohne alle Beziehung und Verbindung mit Juſtiz⸗ und Polizeizwecken., 7) Gaͤnzliche Trennung der Admini⸗ ſtration von der Juſtiz⸗ Ich habe uͤber dieſen Gegenſtand nur wenig zu ſagen. Die verehrten Großherzogl. Heſſ. Herren Commiſſarien halten jene Trennung in der untern Re⸗ gion der Staatsverwaltung(denn in der obern iſt ſie in den reſp. Staaten ſchon erfolgt) nicht fuͤr weſent⸗ lich. Die Gruͤnde meiner entgegengeſetzten Ueberzeu⸗ gung habe ich oben ausgefuͤhrt. Erſt jetzt glaube ich mir den Weg zur Beantwor⸗ tung der dritten und letzten Frage; ad 3. Welche Reſultate liefert die Un⸗ terſuchung der beiden erſten Fragen fuͤr die Vorzuͤge und Rachtheile der partiellen oder totalen, mit der von der Verfaſſung unabhaͤngigen Dor⸗ trin, dder mit ſder Organiſation be⸗ ginnenden Einfuͤhrung.. gebahnt zu haben. 13 204. Es ſeh vor allen Dingen erlaubt, den Stand⸗ punct, auf welchen mich die ganze bisherige Ausfüh⸗ rung gefuͤhrt hat, zu uͤberſehen. 1) Der Code Napoléon enthaͤlt doetrinelle Be⸗ ſtimmungen, vereinbar mit jedet Staats ⸗ und Ge⸗ richtsverfaſſung. 2) Er enthaͤlt außerdem Beſtimmungen, welche auf Frankreichs beſtimmten Staatsorganismus und uͤbrige Geſetze berechnet ſind. 3) Durch dieſe Beſtimmungen werden a) Ju⸗ ſtiz und Adminiſtration getrennt, b) eine von deut⸗ ſcher Gerichtsorganiſation und deutſchem gerichtlichem Verfahren gaͤnzlich verſchiedene Gerichtsverfaſſung und Proceßgang, ſowohl in Anſehung der Civil⸗ als Cri⸗ minaljuſtiz vorausgeſetzt. c) Ein auf die Grund⸗ herrlichkeit gebautes Finanzſyſtem wird geſtuͤrzt, und an ſeine Stelle ein auf das Abgabenſyſtem baſirtes Finanzweſen gegruͤndet. d) Es werden weitwirkende Juſtiz⸗ und Polizeianſtalten vorausgeſetzt. e) Es werden kirchliche Inſtitute, auf welchen bisher das Familienband und die Filiation beruhete, aufgehoben. 1) Es werden durch den Sturz des bisherigen Fi⸗ nanzſyſtems die Keime zu einer, Frankreichs Conſti⸗ tution nachgebildeten Repraͤſentativ⸗Verfaſſung aus⸗ geſtreut. 4) Alle organiſche, vom Code Napolson vor⸗ ausgeſetzte, darin enthaltene, oder durch die Einfuͤh⸗ rung deſſelben nothwendig werdende Inſtitute bilden ein organiſches Ganzes. Jeder Theil deſſelben er⸗ ſcheint als weſentlich. Wenigſtens ſind die Gerichte erſter Inſtanz, das Rotariat, das Ministére public, das bureau conservateur des hypotheques nicht weſentlicher als die Plaidoirie und Audienz, die ex- ploics, das enregistrement, der Caſſationshof he ſ w. Es folgt daraus, daß die unter Nr. 1. erwaͤhn⸗ ten des Code Npt ſofort 205 weitere Schwierigkeiten in den reſpectiven Staaten koͤnnen eingefuͤhrt werden. Es folgt aber auch eben ſo gewiß daraus, daß die unter Nr. 2. Z. u. 4. erwaͤhnten Dispoſitionen entwe⸗ der als ein Ganzes eingefuͤhrt werden muͤſſen, oder daß durch die getrennte Einfuͤhrung Stuͤckwerk, Dis⸗ harmonie, Stockungen entſtehen, bei welchen der Wohlſtand der Buͤrger nothwendig gefaͤhrdet, die Ab⸗ ſicht des Protectors verfehlt, und zuletzt die innere deutſche Selbſtſtaͤndigkeit compromittirt wird. Vorzuͤglich iſt der franzoͤſiſche Civilproceß(Or⸗ ganiſation und Verfahren zuſammengenommen) ein Ganzes, gerade wie der deutſche Civilproceß(Organi⸗ ſation und Verfahren wieder zuſammengenommen) ein Ganzes bildet. Beide koͤnnen wohl in wiſſen⸗ ſchaftlicher Hinſicht, der eine durch den andern ergänzt, verbeſſert und modificirt werden; denn in dieſer Hin⸗ ſicht gehen beida aus einerlei Grundſätzen hervor. Aber in Anſehung des Mechanismus oder des Orga⸗ niſchen ſind beide gänzlich verſchieden. Wer ei⸗ nen Theil dieſes Organiſchen will, muß das Ganze wollen und umgekehrt. Verlangt man erſte Inſtanz⸗ gerichte, das Ministère public und das B otariat, ſo muß man auch exploits, huissier, plaidoirie u. ſ. w. einfuͤhren. Koͤnnten die Gruͤnde, durch welche ich a priori dieſe Behauptung unterſtutzt habe, zweifelhaft ſchei⸗ nen, ſo duͤrfte ich mich nur auf die Erfahrung be⸗ ruſen. Im Koͤnigreich Weſtphalen hat manden ganzen franzoͤſiſchen Civilproceß(Organiſation und Verfah⸗ ren) angenommen, erſte Inſtanzgerichte, zwei ſtatt drei Inſtanzen, Ministère public, exploits, huis- siers, plaidoirie u. ſ. w.— Nur wiſſenſchaft⸗ liche Anſichten hat man aus dem deutſchen gemeinen Proceß in die weſiphaͤliſche Gerichtsordnung hinuͤber⸗ 206 getragen, z. B. die Verbindung der Einrede mit ei⸗ ner Widerklage. Im Koͤnigreich Baiern hat man den ganzen franzoͤſiſchen Civilproceß mit allen ſeinen Inſtituten aus dem baieriſchen Civilcoder ausgemerzt. Man hat die drei Inſtanzen, das ſchriftliche Verfahren u. ſ. w. beibehalten. Dagegen gibt es aber auch im baieriſchen Civilcodex ſo wenig ein Tribunal erſter In⸗ ſtanz im Sinn der franzoͤſiſchen Verfaſſung, ſo wenig ein Ministere public und ein Notariat, als ex- ploits, enregistrement, huissiers, plaidoirie u. ſ. w. Der Badenſche Coder Napoleon hat einen Mit⸗ telweg eingeſchlagen, und wird eben deshalb hart ge⸗ tadelt. Man kann alſo nicht, nach meiner Einſicht die Frage aufwerfen: ſoll man mit der Aufnahme des Code Napoléon Notaire einfuͤhren, weil das fran⸗ zoͤſiſche Notariat beim aote authentique bei Teſta⸗ menten, Theilungen, und in hundert andern Fällen unentbehrlich iſt; ſoll man Tribunäle erſter Inſtanz, Friedensrichter, ein Ministere public u. ſ. w. er⸗ richten, weil der Code Napoléon in mehrern hun⸗ dert Artikeln aller dieſer Einrichtungen erwähnt; ſoll man dagegen den Caſſationshof weglaſſen, weil der Code Napoléon faſt nirgends dieſes Inſtitut nennt?— ſondern die Frage iſt ganz einfach die: Soll man, damit es dem Code Napoléon nicht an Vollziehungsmitteln ſehle in den drei reſpecti⸗ ven Staaten die ganze Gerichtsverfaſſung, gra⸗ de ſo wie es im Koͤnigreich Weſtphalen geſchehen iſt, nach Frankreichs Vorbild umformen und orga⸗ niſiren? Iſt dieſe Frage zu bejahen, ſo wird die von mir vorgeſchlagene theilweiſe Einfuͤhrung des Code Napoléon oder die Suspenſion beſtimmter Titel und Artikel nicht noͤthig ſeyn. — 207 Wo der Code Napoléon in das Finanz⸗und Kirchenweſen eingreift, werden ſich ſchon Answege finden laſſen. Wenigſtens ſind ſie hier nicht ſchwe⸗ rer, als die Aufhebung der ganzen deutſchen Ge⸗ richtsverfaſſung. Der Zuſammenhang des Code Napoléon mit der franzoͤſiſchen Adminiſtration wird eben ſo wenig Schwierigkeiten verurſachen, da uͤberhaupt, wie es ſchon die Erfahrung in Baiern und im Großher⸗ zogthum Berg gezeigt hat, Frankreichs Adminiſtra⸗ tiv⸗Syſtem ſich leichter wie alles andere in einem deutſchen Staat einfuͤhren läſit. Endlich leite ich auch aus dem ſichtbaren und unſichtbaren Zuſammenhang des Code Napoléon mit der Conſtitution keinen Einwurf gegen die theil⸗ weiſe Aufnahme deſſelben ab. Denn vor unſichtba⸗ ren Zuſammenhang, welcher hier das wichtigſte iſt, habe ich nur behauptet, daß er ſich nach der Ein⸗ fuͤhrung und nach der damit verbundenen Einfuͤh⸗ rung des Abgaben⸗ und Aufhebung des Gutsherr⸗ lichkeits⸗Syſtems bald zeigen, und entweder eine Volksrepraͤſentation, oder einen ſehr traurigen Des⸗ potismus bilden werde. Die große und Hauptſchwierigkeit der nicht theil⸗ weiſen Aufnahme des Code Napoléon entſpringt aus der in dieſem Fall nicht zu umgehenden Mitein⸗ fuͤhrung der franzoͤſiſchen ganzen und vollſtaͤndigen Gerichtsverfaſſung(wenigſtens ſo ganz und ſo voll⸗ ſtaͤndig wie ſie im Koͤnigreich Weſtphalen erfolgt iſt), ſo wohl der jurisdictio contentiosq als voluntaria, und aller derjenigen Inſtitute, welche damit mittel⸗ bar oder unmittelbar verbunden ſind. Iſt dieſe Einführung in dieſem Augenblick nicht moͤglich, ſo iſt der Suspenſion mehrerer Titel und Artikel im Code Napoléon in dieſem Augen⸗ bick nicht auszuweichen. Es wird dann, da doch einmal die Suspenſion 5 unvermeidlich wird, wenigſtens raͤthlich, Beſtimmun⸗ gen des Code Napoléon, welche ſich auf organiſche, nicht gerichtliche Anſtalten, oder auf conſtitutionelle Grundſaͤtze, z. B. das Kirchenweſen beziehen, eben⸗ falls nur ſo lange zu ſuspendiren, bis die drei reſper⸗ tiven Staaten zur Aufnahme vorbereitet ſind. Die ganze mir noch uͤbrige Unterſuchung be⸗ ſchraͤnkt ſich daher auf die einzige Frage: Kann in den drei reſpectiven Staaten in dieſem Augenblick die franzoͤſiſche oder eine ihr nachge⸗ bildete Gerichtsverfaſſung im Geiſt und in der Wahrheit— alſo nicht ohne Plaidoirie, ex- ploits und Caſſationshof eingefüͤhrt werden? Ich muß dieſe Frage beſtimmt verneinen. Dre Gruͤnde diefer Verneinung habe ich zum Theil ſchon in meinen vorigen Vortraͤgen darzulegen die Ehre gehabt. Es verbinden ſich damit noch andere wichtige Ruͤckſichten. 1) Es ſehlt in dieſem Augenblick durchaus an ſachkundigen, in eine ſolche Ordnung hineinpaſſenden Subjecten. Sie werden nach meiner Einſicht dadurch nicht her⸗ beigeſchafft, daß man jetzt ſchon erklaͤrt, es ſolle in ei⸗ nem, zwei, drei Jahren die neue Doetrin und die neue HOrganiſation zugleich eingefuͤhrt werden. Der Widerwille der Geſchaͤftsmaͤnner gegen alles Reue, alſo auch gegen dieſes Reue iſt groß, ihr Zu⸗ trauen in das interim aliquid fit unbegrenzt, und ihre vis inertiae ohne einen auf der Stelle wirken⸗ den pſychologiſchen Zwang unbeſiegbar. Seit bei⸗ nahe zwei Jahren weiß im Herzogthuin Naſſau jeder Anwald und Geſchaͤftemann, daß die Einfuͤhrung des Code Napoléon bevorſtehe. Er weiß es ſo ge⸗ wiß, als wenn; es in dem von den Großherzoglich 209 Heſſiſchen verehrten Herren Commiſſarien vorgeſchla⸗ genen Einfuͤhrungsedict ihm waͤre angekuͤndigt wor⸗ den. Dennoch— ich kann es aus eigner Erfah⸗ rung verſichern— weiß man von der Napoleoni⸗ ſchen Civilgeſetzgebung im Herzogthum Naſſau jetzt nicht viel mehr, als man vor zwei Jahren davon wußte. Die zahlreich daruͤber erſchienenen Schrif⸗ ten haben dort kein Publikum gefunden. Jeder Ge⸗ ſchaͤftsmann naͤhrt die ſtille, im Hintergrund ſeiner Neigung fortlebende Hoffnung, es werde aus jener Einfuͤhrung nichts werden. Er wird ſie ſo lange fortnaͤhren, bis der Code Napoleon wirklich einge⸗ fuͤhrt iſt, und bis das Geſchrei der auf den code Napolèon ſich berufenden und die Artikel deſſelber eitirenden Anwaͤlde und Parteien ihn aus ſeinem nar⸗ kotiſchen Schlummer aufweckt. Ob man im Großherzogthum Heſſen eine ande⸗ re Erfahrung gemacht habe, muß ich dem Urtheil der verehrten, das Intereſſe dieſes Staats vertretenden Herren Mitcommiſſarien uͤberlaſſen. Dennoch hätte man noch mehr Urſache, dies zu erwarten, als im Herzogthum Raſſau. Denn ſchon ſeit dem 1ten Au⸗ guſt 1808. alſo ſeit laͤnger als einem Jahr iſt der Code Napoléon im Großherzogthum Heſſen wirk⸗ lich, jedoch mit unbeſtimmter Suspenſion des gan⸗ zen Geſetzbuchs, eingefuͤhrt. Hebt man dieſen Zuſtand auf der Stelle, oder doch in kurzer Zeit auf, führt man den Code Napo-. 16on in Anſehung der von der Verfaſſung unabhaͤn⸗ gigen Doetrin wirklich ein, ſo gewinnt alles eine an⸗ dere Geſtalt. Anwaͤlde und Juſtizdiener muͤſſen ſich dann inj die franzoͤſiſche Civilgeſetzgebung hineinſtudieren. Sie muͤſſen ſich mit dem unbekannten, gefuͤrchte⸗ ten Phantom befreunden. Sie werden dazu auf dem leichteſten, bequemſten Weg von der Welt ge⸗ 14 210 zwungen. Sie dörfen nur den Code Napolòon die Diskuſſion, die Werke der franzoſiſchen Jurispru⸗ denz, die hoͤchſt planen und klaren Schriften eines Pothier, Grenier, Chabot de IAllier, Delvin- court, und andere über die Lehren des franzoͤſiſchen Rechts vom Eigenthum, Servituten, Contracten, Guͤtergemeinſchaft, Inteſtaterbfolge u. ſ. w. nach⸗ ſchlagen und nachleſen. Das uͤbrige geht von ſelbſt. Indem ſie gezwungeu werden, einen Theil kennen zu lernen, lernen ſie ungezwungen das mit dieſem Theil zuſammenhängende Ganze. In wenig Jahren wird es dann an Subjecten, brauch⸗ bar für eine neue Organiſation, nicht mehr fehlen. So wird ein vom Staat ſelbſt— an der Hand des Parteien Intereſſe und der Ehrliebe herbeige führtes practiſches Studium des Code Napoléẽon den Befehl, den Code bei Strafe der Abſetzung bin⸗ nen einem, zwei, oder drei Jahren theoretiſch einzu⸗ ſtudieren, uberfluͤſſig machen. Es iſt vorauszuſehen, daß ohne ein ſolches durch die That abgezwungenes, practiſches Studium, die urcht vor entfernten, in den Augen einer ſchmeichle⸗ riſchen, ſelbſttäuſchenden Gemaͤchlichkeit, ungewiſſen Uebel, die Staatsdiener weder in zwei, noch in fuͤnf Jahren zum theoretiſchen Studium beſtimmen werde. Will man dann diejenigen, welche als unwiſ⸗ ſend erfunden werden, ihrer Dienſte entlaſſen, ſo wird man ſich der brauchbarſten und thaͤtigſten Maänner berauben. Denn auch die Erfahrung glaube ich gemacht zu haben, daß gerade diejenigen Maͤnner, welche ſich mit Gruͤndlichkeit und Scharfſinn fuͤr die deutſche Rechtspflege am vorzuglichſten gebildet ha⸗ ben, gegen die auslaͤndiſche die entſchiedenſte Abnei⸗ gung hegen. Will man nach einem, zwei oder drei Jahren Doctrin und Organiſation zugleich einfuͤhren, ſo moch⸗ 211 te man, wie ich fuͤrchte, ein Ministère public, No- tai e, Conservateur des hypotheques, Friedens⸗ richter u. ſ. w. anſtellen, welche von dem, was ſie thun oder unterlaſſen ſollen, nichts verſtehen und in einem Geſchaͤftskteis, in welchem ſie herrſchen ſollen, nicht einmal beherrſcht werden koͤnnen. Und ſollte es richtig ſeyn, wie ich glaube, daß mit den, von den Großherzoglich Heſſiſchen verehrten Herren Commiſ⸗ ſarien als weſentlich vorgeſchlagenen organiſchen Anſtalten, die von ihnen als unweſentlich abge⸗ lehnten nothwendig verbunden ſind, ſo wuͤrde Au⸗ dienz, Plaidoirie, Huissier ꝛc. mit eingefuͤhrt wer⸗ den muͤſſen, und dann waͤre das Uebel noch aͤrger. Mit der Einführung des Co le Napoléon als Doetrin wird weiter nichts, als ein neues Landrecht eingefuͤhrt. Dies kann in der Anwendung um ſo viel weniger Schwierigkeit machen, da es ſich in den wichtigſten Ruͤckſichten an das alte anſchließt, und⸗ der Richter in ſeinen Erkenntniſſen durch das Geſetz geleitet und beherrſcht wird.— Durch die Einfuhrung einer neuen Organiſation werden dage⸗ gen neue, in einander greifende, mit ganz neuen At⸗ tributen bekleidete Aemter creirt. Hier iſt die Schwie⸗ rigkeit— wenn ein unkundiger Funktionnaͤr ernannt wird— weit groͤßer, da er nicht blos meinen und urtheilen, ſondern ſelbſtſtaͤndig handeln und uͤber ſeine Umgebungen herrſchen muß. 2) Die Gerichtsorganiſation iſt ein objektives Ganze. Die franzoͤſiſche iſt es mehr wie jede andere. Sie kann nicht zum Theil eingefuͤhrt, zum Theil verwor⸗ fen werden. Die iſolirte Einfuͤhrung der ganzen franzoͤſiſchen Gerichtsorga⸗ niſation in den drei reſpectiven Staa⸗ ten iſt ſchon an und fuͤr ſich unmoͤglich. 14 212 Ich habe an einem andern Orte bemerkt, daß der Caſſationshof den Schlußſtein des franzöſiſchen Rechtsorganismus bildet. Denkt man ſich ihn hinweg, ſo zerfaͤllt das gan⸗ ſchoͤne Gebaͤnde in Truͤmmer. Die Rechtseinheit loͤſt ſich in Rechtsanarchie und Richterwillkuhr auf. Dieſe Folge wird unvermeidlich, wenn man dem roͤ⸗ S Recht ſeine ſubdiariſche geſetzliche Kraft raubt. Nach der, wie ich glaube, ſehr richtigen An⸗ ſicht der verehrten Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien, kann in keinem der reſpectiven Staa⸗ ten ein Caſſationshof eingefuͤhrt werden. Das da⸗ fur vorgeſchlagene Surrogat der Geſtattung der Nul⸗ litaͤtenklage, wo keine Appellation mehr ſtatt hat, wird Rullitaͤtenklagen um ſo viel mehr haͤufen, da der geringe Umfang und die gedraͤngte Sprache des code Napoléon fuͤr die Frage, was jus in thesi und nicht jus in thesi ſey, ſobald ihn die Praxis und die juriſtiſche Controverſe auffaßt, ein unermeß⸗ liches Feld oͤffnet, Außerdem wuͤrde die naͤmliche Einrichtung in den drei reſpectiven Staaten die Jurisprudenz und Doctrin nach ganz verſchiedenen Richtungen, nach Rorden, Suͤden und Weſten, ausbilden. Dadurch wuͤrde der Zweck der gleichfoͤrmigen Einfuͤhrung des code Napoléon in dieſen naͤmlichen Staaten gaͤnz⸗ lich zerſtoͤrt werden⸗ Ich wuͤrde auf dieſe Beſorgniß kein uͤbergroßes Gewicht legen, wenn der Organiſationsvorſchlag der Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien einen blos tranſitoriſchen und nicht einen bleibenden Zu⸗ ſtand begrunden ſollte, und wenn ſie ſich nicht ſo beſtimmt gegen alle halbe Maasregeln, gegen alles Suspendiren erklaͤrt haͤtten. 3) Die Gerichtsorganiſation iſt in 213 Beziehung auf die Staaten der rheini⸗ ſchen Confoöderation auch ein ſubjeectives Ganzes. Sollen die Staaten der rheiniſchen Confoͤdera⸗ tion durch die Einfuͤhrung des Code Napoléon eine einfoͤrmige Geſetzgebung erhalten, ſo muß dieſe Ein⸗ foͤrmigkeit eben ſo ſehr und noch mehr in der Gerichts⸗ verfaſſung, als in der Doetrin ſichtbar ſeyn. Wir wiſſen aus officiellen und halbofficiellen Winken, wir wiſſen es aus der Verfaſſungsgeſchichte der Koͤnigreiche Weſtphalen, Reapel und Italien, welchen hohen Werth Napoleon der Große auf die uniformité de Porganisation politique zu legen gewohnt iſt. Dieſer Einfoͤrmigkeit wird, wie es mir ſcheint, geradezu entgegengearbeitet, wenn man nach dem Vorſchlag der verehrten Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien, nebſt der Doectrin des Code Napoleon eine, zum Theil der franzoͤſiſchen, zum Theil und noch mehr der deutſchen Gerichtsverfaſſung nachgebildete Gerichtsorganiſation einfuͤhrt. Im Koͤnigreich Weſtphalen finden wir die fran⸗ zoͤſiſche Gerichtsverfaſſung in ihrer ganzen Reinheit. Im Großherzogthum Berg iſt dieſe naͤmliche Verfaſſung zu erwarten. In dem, dem Code Napoléon nachgebilde⸗ ten Eivilgeſetzbuch des Koͤnigreichs Baiern, hat man alle Spur des Buchſtabens und Geiſtes der franzoͤſi⸗ ſchen Gerichtsverfaſſung ausgemerzt. Man findet da keine Friedensgerichte, keine erſten Inſtanzgerich⸗ te, keine Notaire, kein Ministere public, und ſtatt zwei, drei Inſtanzen. Der Koder Napoleon als Landrecht fuͤr das Großherzogthum Baden hat ſich aͤngſtlich bemuͤht, die Namen der franzoͤſiſchen Gerichtsverfaſſung uͤber deutſche Inſtitute herumzuhullen, oder den framzoſi⸗ ſchen Woͤrtern deutſche Sache unterzuſchieben. 3 So findet man im Badenſchen Koder Rapoleon keine zwei, ſondern drei Inſtanzen, kein wahres, gleich bei der erſten Inſtanz wirkendes Ministère public, kein wahres, rechtskraftig inſtrumentirendes Rotariat u ſ. w. Wier haben wir ſchon mitten im Rheinbund drei neue Spielarten von Gerichtsverfaſſung, neben wel⸗ chen die alte als eine vierte figurirt. Wuͤrde nach dem Vorſchlag der verehrten Groß⸗ herzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien gehandelt, ſo erhielten wir wieder mitten im Rheinbund eine vierte und reſpective fünfte Spielart, ſehr abweichend von der ächt franzoͤſſchen— zu deren nothwendigem und weſentlichem Character, Oeffentlichkeit, Plaidoi- rie und Audienz gehoͤrt,— ſehr abweichend von der Baieriſchen, welche kein Ministere public und keine Rotaire duldet,— merklich abweichend von der Baden⸗ ſchen, welche drei Inſtanzen beibehalten, das Minis- tère public, und die Friedensgerichte nur hoͤchſt un⸗ vollkommen, das Rotariat dagegen nur dem Schein nach angenommen hat,— und eben ſo abweichend von der bisherigen, und in den Staaten, welche den Code Napoleon noch nicht angenommen haben, fort⸗ dauernden Gerichtsorganiſation. Wo bliebe hier die uniformité de Porganisa- rion politique, qui est— wie der halbofficielle Argus im votigen Jahr ſagte— Je plus bel hom- mage rendu à la dignité de lespece humaine? Ich ſehe wohl ein, daß, wenn in den drei re⸗ ſpectiden Staaten die bisherige Gerichtsverfaſſung vorlaͤufig beibehalten wird, man der uniformitẽ de lorganisation politique nicht viel naͤher kommt. Ader da alles Alte nur einſtweilen und als Rothbehelf fortdauert, ſo hat man ihr doch nicht ſichtbar entgegengewirkt. —— ñ — — 215 Man hat nicht definitiv eine Gerichtsverfaſſung eingefuhrt, die zwar nicht mehr die alte, aber doch auch nicht die wahre franzoſiſche iſt. Haͤtten unſere verehrten Herren Mitcommiſſa⸗ rien ihre Vorſchläge über die Grundzuge der neuen⸗ in den drei reſpectiven Staaten einzufuͤhrenden Ge⸗ richtsverfaſſung in Beziehung auf den Code Napo- 16on nur als ein Proviſorium, als einen vorlaͤu⸗ figen Schritt zur Annaͤherung mit der Art und Wei⸗ ſe, wie der Code Napoléon in Frankreich und Weſt⸗ phalen gilt, dargelegt, ſo wuͤrde ich von dieſer Seite frei⸗ lich weniger Bedenken bei det Annahme deſſelben fin⸗ den koͤnnen. Ich wuͤrde dann nur noch fragen: wenn man ſich nur ſchrittweiſe annaͤhern ſoll und an⸗ nähern kann, warum will man denn Rieſen⸗ und nicht Menſchen-Schritte? Warum traͤgt man Be⸗ denken, mit der, von der Gerichts⸗ und ubrigen Ver⸗ faſſung unabhaͤngigen Doctrin den Anfang, und da⸗ durch die Geſchaͤftsmaͤnner nicht allein mit dieſer Doe⸗ trin, ſondern auch mit dem franzoſiſchen Rechtsorga⸗ nismus bekannt zu machen? Allein in dem naͤmlichen Vorſchlag ſtellt ſich, wenigſtens in Beziehung auf den Code Napoléon alles definitiv und nichts Proviſoriſches dar. In den Vortrag der verehrten Urheber deſſelben, wird S. 38. folgendes geſagt: „Gegen unbeſtimmte Suspenſionen iſt noch im⸗ mer das zu bedenken, daß das Volk weit weniger Abneigung gegen einen beſtimmten Zuſtand der Din⸗ ge, woher er auch komme, als gegen die unleidlichen proviſoriſchen Verfaſſungen und halben Maasregeln habe, welche es, eben weil es, ſey es uͤber kurz oder über lang, neuen Aenderun gen entgegen ſehen muß, eben ſo wenig geneigt machen, in dem gegenwaͤrti⸗ gen voruͤbergehenden Zuſtande Gruͤnde zu ſeiner Zu⸗ friedenheit zu ſuchen, als dergleichen von einer ihm unbekannten Zukunft zu erwarten.“ Und dennoch muß ich auf dieſe unbeſtimm⸗ te Suspenſion der ganzen franzoſiſchen Gerichts⸗ verfaſſung noch aus zwei Gruͤnden antragen, die noch nicht zur Sprache gekommen ſind. 4) Die Gerichtsotganiſation ſteht in den drei reſpectiven Staaten mit dem, durch den Staatsvertrag vom 12 Juli 1506. gegruͤndeten gerichtsherrlichen Recht der Standesherren in Verbindung. Bekanntlich haben die Standesherren nachj jenem Vertrag die basse et moyenne jurisdiction, die Souveraine dagegen die haute jurisdiction. Hier werden aiſo drei Inſtanzen gerade unter⸗ ſchieden. Es iſt zwar uͤber die Bedeutung der Worte bas- se et moyenne jurisdiction unter den Publiciſten geſtritten worden, und die Souveraine haben ſie in einem verſchiedenen Sinn geltend gemacht. Im Großherzogthum Berg hat man unter ten se jurisdiction den Wirkungskreis der Dorfgerichte, unter moyenne jurisdiction die Amtsgerichtsbarkeit verſtanden. Rach dieſer Erklärung fiel die zweite und dritte Inſtanz an den Souverain und gehoͤrte zur Wirkungsſphäre der haute jurisdiction. In den Fürſtlich Primatiſchen und Großherzog⸗ lich Badenſchen Landen hat man das Recht der Stan⸗ desherrn, Juſtizkanzleien oder zweite Tribunale zu er⸗ richten, anerkannt. Dieſe Anerkennung iſt ſogar in der Art und Wei⸗ ſe, wie der Code wapoléon iw Großherzogthum Baden eingeführt werden ſoll, ſichtbar. Welche Erklaͤrung die richtige oder unrichtige ſey, habe ich hier nicht zu entſcheiden. Mit beiden Erklaͤrungen ſcheint mir der Vor⸗ ſchlag der verehrten Großherzoglich Heſſiſchen 217 Commiſſarien, die erſte Inſtanz, um die Forderun⸗ gen des Code Napoléon zu befriedigen, in den Schoos der Hofgerichte zu verlegen, nicht vereinbar. Die Ausfuͤhrung dieſes Vorſchlags wuͤrde den Standesherren nicht blos die zweite, ſondern auch die erſte Inſtanz nehmen. Die Friedensgerichte bilden im Sinn der fran⸗ zoͤſiſchen Jurisprudenz, und auch im Sinn des Code Napoléon keinen premier dégré de juris- diction. Die Standesherren wuͤrden mithin die erſte In⸗ ſtanz keineswegs behalten, wenn man ſie berechtigte, zu der Anſtellung friedensrichterlicher Stellen taugli⸗ che Subjecte vorzuſchlagen, auch die Friedensgericht⸗ lichen Functionen mit in ihrem Namen ausuͤben zu laſſen. Die religioͤſe Achtung Seiner Hoheit des Fuͤr⸗ ſten Primas der rheiniſchen Confoͤderation fuͤr den Staatsvertrag vom 12ten Juli 1806. iſt bekannt. Dieſer Vertrag legt Hoͤchſtdenſelben die Pflicht auf, vor allen andern Souverainen des Rheinbun⸗ des auf die Erfuͤllung der darin enthaltenen Stipula⸗ tionen zu wachen. Wie theuer dieſe Pflicht ſeinem erhabenen Her⸗ zen iſt, zeigt die edle Behandlungsart, welche er den Hoͤchſt⸗Ihm unterworfenen Standesherren hat widerfahren laſſen. Ich darf mir daher ſchmeicheln, daß die hier beruͤhrten Bedenklichkeiten von Hoͤchſtdemſelben nicht als gehaltlos werden uͤberſehen werden. Wollte man da, wo den Standesherren die zweite Inſtanz in Gemaͤßheit des Staatsvertrags vom 12. Inli 1806 zugeſtanden worden iſt, ihre Juſtiz⸗Canz⸗ lei⸗Gerichte in Gerichte erſter Inſtanz verwandeln, ſo wuͤrde man ihnen die zweite Inſtanz willkuͤhrlich nehmen, mithin von ſeiner eignen Erklaͤrung des Staatsvertrags einſeitig wieder abgehen muͤſſen. 213. ) Die Organiſation der Gerichts⸗ barkeit in den Staaten der rheiniſchen Confdderatinn ſcheint mit dem noch zu erwartenden Fundamentalſtatut zuſam⸗ men zu haͤngen. Sie bildet in dieſer Hin⸗ ſicht ein Ganzes. Es wuͤrde dieſem Gan⸗ zen in den reſpectiven Staaten durchein⸗ ſeitige halbe Maasregeln vorgegriffen werden. Man hat uns oft genug in Journalen und Lehr⸗ buͤchern geſagt, daß Napoleon der Große durch Ein⸗ fuhrung ſeines Civilcodex in den Staaten der rheini⸗ ſchen Conföderation, aus dem dentſchen Volk wieder ein Ganzes machen, und dadurch den Sinn fuͤr Volks⸗ einheit wieder beleben wolle. Ueber die weltherrſchenden Plane des großen Nannes ziemt mir kein Urtheil. Doch glanbe ich ohne Unbeſcheidenheit ſagen zu fönnen, daß Einfoͤrmigkeit der civiliſtiſchen Doctrin ſich noch nie als vorzuͤgliches Mittel, Rationaleinheit hervorzubringen, beurkundet hat. Am Ende des r6ten und im ganzen Lauf des 17ten Jahrhunderts waren Italien, Spanien, Frank⸗ reich, Holland im Beſitz der Doetrin des rdmiſchen Rechts und doch fuͤhrten dieſe Nationen untereinan⸗ der beſtaͤndige Kriege. Die Spanier und Hollaͤnder waren darum nicht einiger, daß Ramos del Mazano und Gerhard Noodt, jener in Valadolit und dieſer in Leiden einerlei Civilrecht vom Katheder herab pre⸗ digten. Ja— wird man weiter ſagen— es iſt nicht die Einheit der Doetrin, ſondern die Einheit der In⸗ ſtitute, welche Staaten einander nähert und zu einem Gemeingeiſt verbindet. Auch davon habe ich keinen Begriff. Frankreich hat Großbrittanien im Jahr 1789 ſeine Juty's, ſeine 219 Friebensgerichte und ſeine Volksrepräſentation nach⸗ gebildet. Dadurch ſind aber beide Nationen einan⸗ der um keine Linie naͤher gekommen. Ich ſehe daher nicht ein, warum und wie ſich Baiern und Wirtemberger dadurch einander naͤhern, oder dadurch mehr, als jetzt ein politiſches Ganze bil⸗ den koͤnnen, daß in beiden Staaten die récherche de la paternité unterſagt und ein erſtes Inſtanzge⸗ richt nebſt einem Ministère public eingefuhrt wird. Unter den Staaten der rheiniſchen Conſoͤberation herrſcht ſeit der Verwandlung der Landeshoheit in Sou⸗ verainitaͤt, in der That keine andere Einheit als die⸗ jenige, welche der große Feldherr durch die Hoheit ſeines Ramens, und durch die Macht ſeine Heere, hervorbringt. Dieſe Einheit iſt— wie ſich ein illuſtrer deut⸗ ſcher Schriftſteller ausdruͤckt— an den Olymp ge⸗ bunden. Sie wird von einer maͤchtigen, aber ſterb⸗ lichen Hand, nicht von einer Verfaſſung gehalten. Wenn einſt dieſe Hand ſinkt, ſo faͤllt der Bund ſchmaͤh⸗ lich und zerſchmettert in den Tartarus nieder. Soll zwiſchen den deutſchen Fuͤrſten und ihren Voͤlkern eine wahre Verfaſſung einſt zur Einhert be⸗ gruͤndet werden, ſo kann es nicht durch eine gleich⸗ foͤrmige oder nicht gleichformige Aufnahme eines gleich⸗ foͤrmig oder nicht gleichfoͤrmig modiſicirten Civilgeſetz⸗ buchs und einer analogen, fuͤr jeden einzelnen Staat beſonders abgerundeten Gerichtsverfaſſung geſchehen, ſondern es iſt dazu eine Fundamental- und eine Ge⸗ richtsverfaſſung noͤthig, welche alle Bundesſtaaten zu einem organiſchen Ganzen verbindet. Deutſchland hat eine ſolche Gerichtsverfaſſung beſeſſen, und je kraftvoller ſie ſich ausſprach, deſto ge⸗ achteter war die Nation. Als ein Heinrich der Loͤwe, ein mächtiger Herzog von Baiern und Sachſen, ein kriegeriſcher, von ſei⸗ nen Unterthanen angebeteter Juͤrſt, von Friedrich Bar⸗ 220 baroſſa vor Gericht geladen, vom Reichstag contuma · cirt in die Acht erklaͤrt, und der Spruch an Laͤn⸗ dern, welche das halbe Deutſchland umfaßten, voll⸗ zogen werden konnte, da gab es eine deutſche Ge⸗ richtsbarkeit, da ſtand der deutſche Rame hoch und es gab unter den deutſchen Nationen Gemeinſinn und Gemeingeiſt. Und dennoch gab es unter dem Schirm dieſer Ge⸗ richtsbarkeit deutſche Dynaſten, unabhaͤngiger und maͤchtiger im Genuß ihrer Grundherrlic eit, als deut⸗ ſche regierende Fuͤrſten in den letzten Tagen der Lan⸗ deshoheit, Die deutſche hoͤchſte Gerichtsbarkeit zerfiel und ſchien im 15ten Jahrhundert ganz erloſchen. Jetzt war der deutſche Gemeinſinn dahin. Dentſchland war unter der langen Regierung des gut⸗ muͤthigen und traägen Friedrichs des III. der Schau⸗ platz endloſer Fehden, Raͤubereien und Verwuͤſtun⸗ gen. Der im Jahr 1493 errichtete Landfrieden ging mit der Errichtung eines hoͤchſten Reichstribunals Hand in Hand. Die Landeshoheit war damals ſchon ſo gut wie entwickelt; ſie wurde durch den weſtphaͤliſchen Frieden nicht geſchaffen, ſondern conſtituirt. Die Frage, wie z00 und mehrere Staaten, mit dem Recht, Krieg zu fuͤhren und Frieden zu ſchlie⸗ ßen, ausgeruͤſtet, unabhaͤngig in ihrer innern Geſetz⸗ gebung und Adminiſtration, bei unaufhoͤrlich ſich durchkreuzenden Iutereſſen, dennoch mehrere Jahr⸗ hunderte, ja bis zum Sturz der ganzen Verfaſſung des Staatenſtaats, zum Frieden untereinander ge⸗ zwungen werden konnten— dieſe Frage waͤre ohne die Errichtung der beiden oberſten Reichsjuſtizhoͤfe und der Reichserecutions⸗Ordnung vom Jahr 1555 ein unauflosliches Problem geblieben. 221 Erhielt eine im Verfahren langſame, in der Voll⸗ ziehung gelaͤhmte Reichsjuſtiz den innern oder den Landfrieden, wie wuͤrde eine raſche und mit Vollzie⸗ hungsmitteln ausgeruͤſtete Juſtiz gewirkt haben? Ich ſehe nicht ein, wie ohne eine gleiche Anſtalt, ohne Errichtung eines von Gelehrten un ingelehrten oft ſo unedel und illiberal verſpotteten Bu. sgerichts, der innere Frieden der Bundesſtaaten auf Jahrhun⸗ derte hinaus geſichert werden kann. Daß Napoleons des Großen maͤchtiges Wort ihn, auch ohne ein Bundesgericht werde zu ſchaͤtzen wiſſen, leidet keinen Zweifel. Aber werden denn Staatsverfaſſungen und Staatenſyſteme auf ein ſterb⸗ liches Leben, oder werden ſie auf Generationen berech⸗ net? Sollen ſie, obgleich in der Erſcheinung allen Zu⸗ fälligkeiten und Zeiteinwirkungen unterworfen, nicht in der Idee unſterblich und unzerſtorlich ſeyn? Es iſt keineswegs meines Zwecks, ich bin auch von meinen gnaͤdigſten Souverainen keineswegs auto⸗ riſirt, die organiſche Vereinigung der Staaten des Rheinbundes durch Anordnung einer hoͤchſten Bun⸗ desgerichtsbarkeit, oder ein Bundesgericht vorzuſchla⸗ gen. Indeſſen werden meine verehrten Herren Mit⸗ commiſſarien gewiß nicht mißkennen, daß eine folche hoͤchſte Bundesgerichtsbarkeit wuͤnſchenswuͤrdig, daß ſie ſogar fuͤr die Zukunft durchaus noͤthig und daß ſie vielleicht in dem noch zu erwartenden Fundamental⸗ ſtatut, enthalten iſt. Aus dieſer, wie ich glaube, nicht gewagten Vor⸗ ausſetzung entwickelt ſich eine mit dem Gegenſtande der gegenwaͤrtigen Unterſuchung innigſt verſchlungene Anſicht. Die vorige hoͤchſte Reichsgerichtsbarkeit bildete mit der Territorialgerichtsbarkeit ein organiſches Ganzes. 322 Die hoͤchſte oberappellationsgerichtliche Inſtanz emanirte ſogar nicht aus der Landeshoheit, ſondern aus der katſerlichen Verleihung. Die beiden erſten aus der Landeshoheit emani⸗ renden Inſtanzen durften weder vermehrt, noch ver⸗ mindert werden. 3 Die Reichsconſtitution verlangte die Verwaltung der zweiten Inſtanz durch ein Rechtscolleginm. Kabinetsjuſtiz war unterſagt. Das Verfahren war vorgeſchrieben. Die Reichsjuſtiz fuͤhrte eine ſpe⸗ eielle und generelle Auſſicht uͤber die Territorialjuſtiz. Groß war der Umfang der Landeshoheit, nur eine zarte Scheidelinie trennte ſie von der Souverai⸗ nität. Ein Churfurſt von Sachſen und Baiern, beide voll religiöſer Achtung fur die Beſchränkungen der Reichsverfaſſung, ſtanden nicht blos durch äußern Pomp, ſondern auch durch politiſche Macht den Koͤ⸗ vigen gleich. Aber die nämliche Scheidelinie, nur ſelten ſicht⸗ bar im wirklichen Leben, war nicht weniger ſeſt. Sie zeigte ſich nirgends bedeutender als in der Gerichtsver⸗ faſſung und in der organiſchen Einheit einer verfaſ⸗ ſungsmaͤßigen und ineinander greifenden Territorial⸗ und Reichsjuſtiz. Cin Churfürſt von Baiern haͤtte nicht ohne reichs⸗ gerichtliche Ruge die drei in zwei Inſtanzen verwan⸗ deln, das ſchriftliche Verfahren abſchaffen, Plaidoirie und Audienz einführen, eine ſofort zur Execution fuͤh⸗ rende Landſchreiberei errichten koͤnnen⸗ Es iſt nicht blos wahrſcheinlich, es iſt beſtimmt vorauszuſehen, daß, wenn einſt der Rheinbund durch Einfuͤhrung einer oberſten Gerichtsverfaſſung orga⸗ niſch conſtituirt wird, der nämliche Zuſammenhang zwiſchen der in den ſonverainen Staaten adminiſtrir⸗ ten und der— wenn man ſie jetzt ſchon ſo nennen 223 darf— MRheinbundes⸗Juſtiz, werde feſtgeſetzt wer⸗ den muͤſſen. Die Formen der Rheinbundes⸗Juſtiz werden vor⸗ abſichtlich die Formen der in den ſouverainen Staaten adminiſtrirten Juſtiz beſtimmen. Wenn in der oberſten Region beim kuͤnftigen Caſſationshof ſchriftlich gehandelt wird, ſo wird auch wohl in den ſouverainen Staaten ſchriftlich gehandelt werden muͤſſen, und umgekehrt. Wenn ein kuͤnftiger Caſſationshof durch alle Bun⸗ desſtaaten hindurch Einheit in der Doetrin auftrecht erhaͤlt, ſo wird er auch wohl Einheit in der Form, im Verfahren und in der Organiſation ſchuͤtzen. Damit er dieſe Einheit practiſch ſchuͤtzen kann, muß ſie theoretiſch da ſeyn. Es wird daher nicht angehen, daß in dem einen ſouverainen Staat durch exploits, in dem andern durch Mittheilungs⸗Beſcheide gehandelt, hier Notaͤre mit' außergerichtlichem Vollziehungszwang, dort eine deutſche Landſchreibetei ohne Vollziehungszwang ein⸗ gefuͤhrt, hier das Ministére public ſchon bei der er⸗ ſten, dort erſt bei der zweiten Inſtanz fuͤr weſentlich erklaͤrt wird, und daß es ein dritter Staat aus dem Code Napoléon ganz heraus tilgt. Es folgt aus dieſer Anſicht, daß ſich das ganze Juſtizweſen im großen Rheinbunde keineswegs von unten herauf, ſondern von oben herunter in gleichfoͤr⸗ migen organiſchen Anſtalten und Verfahrungsformen entfalten werde. Bekanutlich nahm die Entwicklung derſelben im zerſtoͤrten deutſchen Reich auch den naͤm⸗ lichen Gang. Unter dieſen naͤmlichen Vorausſetzungen darf ich fragen: ob es die Klugheit rathen koͤnne, in den re⸗ ſpectiven Staaten, in welchen man, wie die verehr⸗ ten Großherzoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien ſelbſt einräͤumen, nicht bis zur hoͤchſten Region— bis zum Caſſationshof reichen koͤnne,— die Juſtiz willkuͤhrlich und auf eine Art zu geſtalten, welche doch immer von derjenigen, die der Code Napoléon im Geiſt und in der Wahrheit vorausſetzt, nicht ent⸗ ſpricht; ob man ihr eine Form geben ſoll, welche doch wahrſcheinlich nicht in diejenige eingreifen kann, wel⸗ che zuletzt geſchaffen werden muß, und welche die drei reſpectiven Staaten nicht ſchaffen koͤnnen? Soll man vorwaͤrts gehen mit dem Bewußt⸗ ſeyn, daß man doch unter zu erwartenden, neu ein⸗ tretenden Umſtaͤnden wieder ruͤckwaͤrts zu ſchreiten wird genoͤthigt werden? Soll man im Vertkauen auf den noch durch keine Erfahrung verbuͤrgten Unterſchied zwiſchen weſentli⸗ chen und nicht weſentlichen Umgebungen des Code Napoléon eine Gerichtsverfaſſung definitiv auf⸗ ſtellen, welche in dem vorausgeſetzten Fall doch wie⸗ der umgeſtaltet werden muͤßte? Nichts iſt trauriger, als ein wiederholter Wechſel von Organiſationen. Im Koͤnigreich Weſiphalen hat man an die Stelle der alten Gerichtsverfaſſung ſogleich und vollſtaͤndig— ohne eine Interims⸗ Gerichts⸗Ordnung— die neue geſetzt. Waͤre hier die unbeſtimmte Suspenſion des mit Frankreichs Gerichtsverfaſſung verbundenen Theils des Gode Napoleon nicht den Forderungen der Klugheit, der Maͤßigung und der politiſchen Sparſamkeit ange⸗ meſſen? Dieſe Suspenſion wird von ſelbſt aufhoͤren, ſo⸗ bald der Geiſt der Zeit maͤchtig ruft, und der Keim einer den ganzen Rheinbund umſchlingenden feſten Verfaſſung tiefere Wurzel ſchlaͤgt: Ich breche hier dieſe Betrachtung ab. Der Gang der mir noch uͤbrigen Unterſuchung wird mich nachher nochmals auf die Anſicht, daß die Umgeſtaltung der 225 Gerichtsverfaſſung in ſämtlichen Staaten der rheini⸗ ſchen Confoͤderation, wenn ſie im Geiſt des Code Napoléon erfolgen ſoll, ein organiſches Ganze ſeyn muͤſſe— zuruͤckfuͤhren. Ich glaube nun vollſtaͤndig die Gruͤnde entwickelt zu haben, welche einer blos partiellen, und zwar vor⸗ laͤufig einer auf das Doetrinelle ſich beſchraͤnkenden Aufnahme des Code Napoleon zur Seite ſtehen. * IX. Erſter Nachtrag zu[2] 3 *— Den Princip der vorlaͤufigen Suspenſion des or⸗ ganiſchen Theils des Code Napoléon, oder der theilweiſen Einfuͤhrung deſſelben, werden von Sei⸗ ten der Großherzoglich Heſſiſchen verehrten Commiſ⸗ ſion folgende Hanpteinwuͤrfe entgegengeſetzt. 1) Es werde dadurch nur ein kleiner, und ge⸗ rade der minder wichtige Theil der Doctrin, nur der minder glaͤnzende Theil des Code b Ein⸗ gang erhalten.(S. 28.) Bei einer ſo ſchwierigen unternehmung/ wie die Einfuͤhrung des Code Napoléon in einem deut⸗ ſchen Staat, iſt es wohl ſehr natuͤrlich, mit dem min⸗ der ſchwierigen, ſollte es auch das minder Wichtige ſeyn, den Anfang zu machen, durch dieſen Anfang ſich den Weg zum Schwierigern und Wichtigern zu bahnen, und zuletzt erſt zum Schwierigſten und Wichtigſten uͤberzugehen.„ 2) Eine ſolche Einfuͤhrung wuͤrde nur aus dem Willen erklaͤrbar ſeyn, den Code einzufuͤhren und doch zugleich aus dem Willen nicht einzufuͤhren 227 Ich bin uͤberzeugt, daß die verehrte Großher⸗ zoglich Heſſiſche Commiſſion ſich hier gegen ihren eignen Willen zu ſtark ausgedruckt hat, und den Sinn, welchen man in die Worte legen koͤnnte, nicht hin⸗ einlegt. 3) Politiſche Zwecke koͤnnten durch eine ſolche Einfuͤhrungsart des Code Napoléon nicht erreicht werden. Denn die mit ſich ſelbſt im Widerſpruch ſte⸗ hende Abſicht, die jeder erkenne, werde dem Leiter der Politik Deutſchlands und des groͤßten Theils Euro⸗ pa's in ihrer wahren Geſtalt nicht verborgen bleiben. Ich muß hier meine vorige Bemerkung wieder⸗ olen. Auf Täuſchung iſt es hier nicht berechnet. Dies iſt der Natur der Sache nach nicht einmal denkbar. Die Staaten des Rheinbundes ſind unter der Protektion Napoleons des Großen ſouveraine Staa⸗ ten. Der Protektor hat ihnen blos den Wunſch, daß der(ode Napoléon ſeiner Vortrefflichkeit wegen, als Geſetz moͤge eingefuͤhrt werden, ans Herz gelegt. Jeder Souverain hatte hier Freiheit zu handeln und nicht zu handeln. Beſſer waͤre es vielleicht geweſen, wenn jeder Souverain, ehe er aͤußerlich handelte, ſich von Sachkundigen erſt uͤber das Innere des Code Napo- 1on in ſeinem Zuſammenhang mit allen beſtehenden Einrichtungen und Verhältniſſen haͤtte informi⸗ ren laſſen. Dieſen Weg haben meine gnaͤdigſten Commiüten⸗ ten ſchon ſeit Ende des Jahrs 1807. betreten; ſie haben mir das Studium des Code Napoléon in der bemerkten Abſicht aufgetragen; ſie haben ſogar— um nicht ohne vollſtaͤndige Sachkunde zu handeln— ſo wohl mit der Einfuhrung ſelbſt, als mit der Be⸗ 15 228 ſtimmung des Einfuͤhrungstermins bisher Anſtand genommen.. Iſt man vielleicht in andern deutſchen Staaten raſcher, und ohne eine ſo vollſtaͤndige Ueberſicht vor⸗ geſchritten, ſo iſt dieſes vorzuͤglich den akademiſchen Schriftſtellern zuzuſchreiben, welche als ſachkundige Maͤnner auftretend, beſtimmt und einſtimmig erklaͤrt haben, daß es bei Einfuͤhrung des Code Napoléon. auf weiter nichts, als auf eine neue Doetrin angeſe⸗ hen, und daß von einer veraͤnderten Gerichtsverfaſ⸗ ſung gar nicht die Rede ſey. Waͤre es erlaubt, in eine oͤffentliche Angelegen⸗ heit ſeine Perſoͤnlichkeit einzumiſchen, ſo wuͤrde ich bemerken, daß ich der erſte und lange der einzige Schriftſteller war, welcher dieſer Behauptung auf das beſtimmteſte und nachdruͤcklichſte widerſprochen hat. Angenommen, daß bei der vollſtaͤndigen Ein⸗ fuͤhrung des Code Napoléon eine neue Organiſa⸗ tion nicht umgangen werden kann, iſt gewiß die Frage: wie? und in wiefern? der reifſten und ſorg⸗ faͤltigſten Pruͤfung werth⸗ Wenn man mehrere blos doetrinelle Theile des Code Napoléon ſogleich einfuͤhrt, ſo hat man ſeine Achtung fuͤr den großen Monarchen, der ihm ſeinen Namen geſchenkt, und fuͤr die innere Vortrefflichkeit des Geſetzbuchs, unzweideutig an den Tag gelegt. Wenn man alles Organiſche vor der Hand gar nicht, mehrere Theile, die ich nachher vorſchlagen werde, in der Folge ſurceſſiv, und andere endlich— wo moͤglich im Einverſtaͤndniß mit der Geſamtheit des erhabenen Oberhaupts und der Mitglieder des Rheinbundes einfuͤhrt, ſo hat man, nach meiner Einſicht vollkommmen im Geiſt der Sache gehandelt. Der Leiter und Beherrſcher der Politik Deutſch⸗ lands und des groͤßten Theils von Europa kann und 229 wird hierin keine Täuſchung, keine verborgene Abſich⸗ ten ſehen. Er wird es um ſo viel weniger, wenn man in dieſer Sache mit der Wuͤrde handelt, die dem Re⸗ genten eigen iſt, der die Pflicht gegen ſein Volk, mit der Achtung gegen außere Verhaͤltniſſe zu vereinigen weiß. Man erwiedere den Wunſch des Protektors durch Zutrauen. Man lege die Gruͤnde dar, warum man den Code Napoléon bei aller Achtung fuͤr ſeine in⸗ nete Conſequenz und Vortrefflichkeit, noch nicht in ſeiner Fuͤlle und Wahrheit recipiren kann, und war⸗ um, wenn auch dieſes geſchieht, dennoch Modifica⸗ tionen, gefordert von der Individualität deutſcher Sitien und Begriffe, nothig ſind. Ein ſolches Betragen wird die Achtung des großen Sterblichen nicht verfehlen und alle Forde⸗ rungen einer geſunden Politik befriedigen. Dieſes Zutrauen zu Rapoleons wahrer Herr⸗ ſchergroͤße kann entweder der franzoͤſiſchen Regierung unmittelbar, oder was noch ſelbſtſtändiger und edler iſt, es kann der ganzen Nation, durch Publicität der officiellen Verhandlungen uͤber den Code Napo- 16on ſobald ſie eine gewiſſe Conſiſtenz erreicht haben, bewieſen werden. Dieſe naͤmliche officielle Publicität wuͤrde das Mittel ſeyn, die deutſchen Regierungen auf ihr In⸗ tereſſe in dieſer wichtigen Nationalangelegenheit auf⸗ merkſam zu machen, ſie zum Gemeingeiſt und zum gemeinſchaftlichen Handeln zu erwecken. Sie wuͤrde ſie in den Stand ſetzen, eine zwar vortreffliche, aber doch immer fremde Geſetzgebung, nach der Abſicht ihres erhabenen und weltherrſchenden Urhebers, und dennoch mit Selbſtſtaͤndigkeit ſich anzueignen. Von dieſer Wahrheit durchdrungen, uberzeugt, daß es hier nicht blos auf das Intereſſe der drei re⸗ pect ven Staaten, ſondern auf die Wuͤrde und den 230 Flor des deutſchen Namens ankomme, haben meine hoͤchſten Committenten mich autoriſirt, alle Verhand⸗ lungen bei der hieſigen Conferenz unter Zuſtimmung der höchſten Behoͤrden der mitconferirenden Staaten, dem Druck zu ubergeben. Ich bitte meine verehrten Herren Mitcommiſ⸗ ſarien gehorſamſt, mir uͤber dieſen Antrag ihre An⸗ ſicht zu eroffnen. Meine Individualitaͤt hat von der Ausfuͤhrung deſſelhen wenig zu gewinnen. Meine Herren Mit⸗ commiſſarien werden in ihren Einſichten und im Reich⸗ thum ihrer Kenntniſſe im Gebiet der franzoſiſchen Jyrisprudenz, oft die Veranlaſſung finden, meine Irrthuͤmer zu berichtigen. Ich bringe indeſſen der gemeinen Sache willig dieſes Opfer dar. Wo es auf das Intereſſe der Wahrheit und Menſchheit in einer offentlichen Ange⸗ legenheit ankommt, konnen Individualitäten nicht in Betracht koͤmmen. Dieſer Vorſchlag, den ich fruͤher officiell haͤtte darlegen koͤnnen, wird vielleicht am ſchicklichſten bei einer Gelegenheit zur Sprache gebracht, wo von der eigentlichen Zweckbeſtimmung des in meinem erſten Vorſchlag dargelegten Anttags, die Einfuͤh⸗ rung des Code Napoléon nicht mit organiſchen An⸗ ſtalten zu beginnen, die Rede iſt. Daß bei dem Druck der Vortraͤge eben das Zu⸗ trauen herrſchen muͤſſe, welches den Zuſammentritt, ſelbſt veranlaßt hat, verſteht ſich ungeſagt. Es wird daher alles, was im Lauf der Verhand⸗ lung durch Mißverſtaͤndniſſe erzeugt und durch Er⸗ läuterung wieder aufgehoben worden iſt, wegzulaſſen ſeyn. Was wuͤrde— dies iſt der letzte gegen die Suspenſion der Organiſation gemachte Einwurf,— das Land an dem unintereſſanteſten Theile des franzoͤſiſchen Reichs gewinnen? Es wuͤrde dabei nur verlieren⸗ 231 Der Code Napoléon iſt in der Form ſowohl der preußiſchen als der roͤmiſchen Geſetzgebung un⸗ endlich uberlegen. Dies wuͤrde auch der entſchieden⸗ ſte Gegner des franzoſiſchen Rechts einraͤumen muͤſ⸗ ſen. Auch die verbeſſerte Form der Geſetzgebung iſt Gewinn fuͤr die Rechtspflege. Sꝛie erleichtert dem Volk den Zutritt zu ihrem Heiligthum.. Sie erleichtert dem Richter die Entſcheidung, ſobald er einmal an die Form gewoͤhnt iſt und ihren Inhalt kennt. Außerdem iſt ja die Einfuͤhrung der Doctrin nur der Uebergang zu wichtigern Verbeſſerungen, ſie waͤre daher, wenn ſie auch minder vortrefflich waͤre, wann nicht unmittelbarer, doch mittelbarer Gewinn. 1 p Zweiter Nachtrag zu[a2J. [4 der Herzoglich Rafſauiſchen Commiſſion über die ſucceſſive Ein⸗ fuͤhrung des Code Napoléon, ſowohl in Anſehung der Doctrin als der oͤf⸗ fentlichen Anſtalten. Wenn ich bei dem Vorſchlag, den Code Napoléon partiell und nach und nach einzufuͤhren, Doctrin und Organiſation trenne, ſo iſt mein Wunſch nicht darauf gerichtet, daß erſt und auf einmal die ganze Doectrin, und dann nachher und wieder auf einmal die ganze Organiſation recipirt werde. Vielmehr ſcheint mir eine ſiufenweiſe Aufnahme der Doctrin eben ſo wuͤnſchenswurdig, als eine ſtufen⸗ weiſe Aufnahme der Organiſation. Koͤnnte man ſich uͤber die Vorfrage, ob nach die⸗ ſer Grundidee gehandelt werden ſoll, vereinigen, ſo wuͤrde ſchon jetzt die Beſtimmung der Ordn ung der Einfuͤhrung nicht uͤberfluͤßig ſeyn. 233 Es waͤre fogar raͤthlich, dieſe naͤmliche Ord⸗ nung im Einfuͤhrungsediet zu beſtimmen, und dar⸗ nach die Conferenzen fortzuſetzen. Aller Schein, als wenn es mit der Aufnahme des franzoͤſiſchen Civilgeſetzbuchs im wahren Sinne des Worts, nicht ernſtlich gemeint ſey, wuͤrde dann von ſelbſt zerſallen. Unter dieſer Vorausſetzung erlaube ich es mir, die Ordnung der Aufnahme hier unvorſchreiblich vor⸗ zuzeichnen, und mir daruͤber die Anſicht der verehr⸗ ten Herren Mitcommiſſarien zu erbitten. Ich will das Einzufuͤhrende unter Hauptelaſſen bringen. IL Es gibt im Code Napoléon eine Doetrin uͤber Gegenſtände des gemeinen Lebens, welche mit der beſtehenden Geſetzgebung in allen weſentlichen Be⸗ ziehungen uͤbereinſtmmt. Die hierher gehoͤrenden Artikel ſind ſehr zahlreich. Mit der Einfuͤhrung kann ſogleich etwa ſchon der 1. Febr. 1810 der Anfang ge⸗ macht werden. Die Durchgehung und Anpaſſung dieſer Artikel von Seiten der drei Commiſſionen, iſt keine muͤhſame Arbeit. Ich hebe ſie nach chronologi⸗ ſcher Ordnung heraus. Es gehoͤrt hierher a) das ganze zweite Buch von Art.§16— 7r0. Die Lehre vom Unterſchied der Guͤter, vom Ei⸗ genthum, vom Riesbrauch, vom Gebrauchs⸗ recht, von der Wohnung und endlich von Grund⸗ dienſtbarkeiten. Die wenigen zu ſuspendiren⸗ den Artikel laſſen ſich beim Anpaſſen leicht auf⸗ finden. b) Saͤmtliche Dispositions générales des drit⸗ ten Buchs Art. 711— 717. e) Der dritte Titel von Contracten oder vertrags⸗ maͤßigen Verbindlichkeiten uͤberhaupt, Art. 1101 — 1362. Einzelne Ausnahmen entſtehen durch Beziehun⸗ gen auf zu ſuspendirende Theile des Code Napoléon ſelbſt, oder auf fehlende oͤffentliche Anſtalten. 234 d) Der ganze vierte Titel uber die ohne Vertrag entſtandenen Verbindlichkeiten Art. 1370— 1386. e) Der ſechste bis zum ſechszehnten Titel Art. 1582 — 2058. Findet ſich hin und wieder ein Blick, den der deutſche Juriſt ſchwerlich in rechtsphiloſophiſcher Hin⸗ ſicht mit dem franzoſiſchen theilen konnte, z. B. Art. 15835— finden ſich in einigen Artikeln Beziehun⸗ gen auf organiſche Anſtalten, welche uns fehlen, z. B. Art. 1690.§. 2. oder auf andere, erſt ſpaͤterhin ein⸗ zufuͤhrende Theile des Code Napoléon z. B. Art. 1718, oder endlich Beſtimmungen, die bei einer an⸗ ſpruchloſen Außenſeite, in kameraliſtiſcher, landwirth⸗ ſchaftlicher und publietſtiſcher Hinſicht zu große Folgen haben, um ohne die genaueſte Pruͤfung, ohne alle Staatsbehoͤrden, welche hier Auskunft geben koͤnnen, zu hoͤren, eingefuͤhrt zu werden; z. B. Art. 1911. H. 1.— ſo kann man durch Suspenſionen, kleine Zuſaͤtze, und aͤußerlich eben ſo anſpruchloſe Abaͤnde⸗ rungen die Schwierigkeiten leicht heben. Dieſe Zuſaͤtze und Abaͤnderungen koͤnnten unter den deutſchen Text geſetzt werden, welcher dem ein⸗ zufuͤhrenden Hriginal, als Leitfaden fuͤr die Richter beizufuͤgen waͤre. Natuͤrlich waͤre der deutſche Zuſatz fuͤr Geſetz zu erklaͤren, nicht aber die Ueberſetzung. 4) Der 17te Titel vom Pfandcontract Art. 2071 — 2091. g) Der zwanzigſte Titel von der Praͤſcription Art. 2219— 2261. So koͤnnte in ſehr kurzer Zeit, ohne alle Ver⸗ aͤnderung beſtehender Verhaͤltniſſe, beinahe die Haͤlf⸗ te des ganzen Gode Napoléon in den drei reſpecti⸗ ven Staaten auf eine einformige Art eingefuͤhrt, und der von Seiner Hoheit dem Fuͤrſten Primas der rheiniſchen Confoͤderation beſtimmte Einfuͤhrungs⸗ termin, wenn es Hoͤchſtderſelbe nach ſeiner Weis⸗ heit fur gut finden ſollte, ſogar noch antiecipirt werden. Mit der Einfuͤhrung waͤre indeſſen das roͤmi⸗ ſche Recht vor der Hand nicht aufzuheben; es muͤßte als ergaͤnzende Legislation ſtehen bleiben. I1) Es gibt drei Gegenſtaͤnde der Doctrin des Code Napoléon, welche eine genaue Pruͤfung, ei⸗ ne vollſtaͤndige Umſicht erfordern. Hierher gehoͤrt a) die Lehre von der Inteſtat⸗Erbfolge Art. 718 — 892. b) Die lehre von Schenkungen und Teſtamenten Art. 893— 1100. c) Die Lehre vom Heirathscontract und von Rech⸗ ten der Verehelichten in Beziehung auf Mein und Dein Art. 1387— 1581. Sie ſchließen ſich nicht, gleich dem vorhin Verzeichneten an das Beſtehende an, Sie ſind dem Geſchäftsmann nicht ſofort und ohne ein genaues Studium verſtaͤndlich. Auch ſtehen ſie mit oͤffentlichen Anſtalten, z. B. die Lehre von Teſtamenten mit dem Notariat, ſchon in weit engerer und weſentlicherer Verbindung. Endlich greifen ſie in die Vermoͤgensverhaͤltniſſe der Familien auf das tiefſte ein, und werden ſchon in der naͤchſten Generation die wichtigſten Folgen her⸗ vorbringen. Sie muͤßten von den zuſammengetretenen Com⸗ miſſionen— nach der bald beendigten Anpaſſung der Sub Nr. 1. bezeichneten Theile des Code Napo- 16on auf das genaueſte zergliedert, dem Beſtehenden gegenuͤbergeſtellt, wo es noͤthig ſeyn wird, vorge⸗ ſchlagen werden. Am beſten waͤre es wohl, wenn jede der drei Commiſſionen eine von dieſen Lehren zum beſondern Gegenſtande des Studiums und Vortrages machte. Jede Commiſſion waͤre dann beſchaͤftigt und 236 keine faͤnde ſich genöthig, ſo longe unthatig zu blei⸗ ben, bis die Arbeiben der andern geendigt waͤren. Hierdurch wurde die in det Sitzung vom 18 Sept. 1509. verabredete Vertheilung der Arbeit ei⸗ ne keine Abaͤnderung erleiden. ⁰ Rach geendigten Zuſammentritt waͤre es eben ſo zweckmaͤßig, uͤber das Reſultat ihrer Arbeit Geſchaͤfts⸗ männer— etwa die Oberappellationsgerichte— der drei reſpectiven Staaten zu Rath zu ziehen. Die Einfuͤhrung muͤßte ſpäter, etwa den 1 Mai 181o. erfolgen, und daß dieſes geſchehen werde, konn⸗ te man in Einfuͤhrungs⸗Edict beſtimmen. Hiermit waͤren alle blos, oder doch vorzüg⸗ lich doctrinelle Gegenſtaͤnde des Code Napoléon er⸗ ledigt. III) Unter den noch uͤbrigen Theilen des Code Napoléon finden ſich einige, auf organiſchen An⸗ ſtalten beruhende, weiche mit der franzoͤſiſchen Ge⸗ richtsverfaſſung in keiner durchaus weſentlichen und unzertrennlichen Verbindung ſtehen. Es hindert nichts, dieſe herauszuheben, und den reſpectiven Staaten, ohne in der Gerichtsverfaſſung etwas ab⸗ zuaͤndern, anzueignen. Dieſe Gegenſtaͤnde ſind: a) Die Registres de l'état civil. b) Das Bureau Conservateur de hypoths⸗ ques. Ich habe meine Anſichten uͤber die Registres de Pétat civil, und uͤber die Staatsdiener, welche in den drei reſpectiven Staaten zu Ofcier de Iétat ci- vil erhoben werden koͤnnten, meinen verehrten Her⸗ ren Mittommiſſarien bereits ſehr ausfuͤhrlich vorzu⸗ tragen die Ehre gehabt. Einen Nachtrag zu dieſem Vorſchlag nebſt der Faſſung der Modificationen, wer⸗ de ich naͤchſtens liefern. Ueber die Moͤglichkeit das Bureau Tonserva- teur des hypotheques im Herzogthum Raſſau, oh⸗ 237 ne Veraͤnderung der Gerichtsverfaſſung, einzufuͤhren, habe ich unlängſt dem Staatsminiſterium meiner hoͤchſten Commitenten einen Vorſchlagt vorgelegt. Die Grundzuͤge dieſes Vorſchlages werde ich der verehrten vereinigten Geſetzgebungscommiſſion ebenfalls vorzutragen die Ehre haben. Um aber ganz ſicher zu gehen, werde ich meine hoͤchſten Committenten zu ſeiner Zeit bitten, mir ei⸗ nen kurzen Aufenthal in einem Land zu geſtatten, wo das Bureau Conservateur des hypotheques in voller Wirkſamkeit eingefuͤhrt iſt, um den ganzen Mechanismus practiſch kennen zu lernen. Es verbinden ſich hier civilrechtliche und finan⸗ zielle Ruͤckſichten. Es kommt auf der einen Seite auf Sicherheit der Glaͤubiger, auf Erhaltung des Credits, auf Schonung der Schuldner an. Es kommt auf⸗der andern darauf an, den Fi⸗ nanzen bedeutende Vortheile, ohne Bedruͤckung der Unterhanen zuzuwenden⸗ Es iſt daher mehr, als bei den Sub Nr. 1. be⸗ mer?ten Gegenſtaͤnden, die ohnehin zu neun Zehntel roͤmiſches Recht und jedem deutſchen Rechisgelehr⸗ ten verſtaͤndlich ſind, noͤthig und wichtig, genau durchzuſchauen, nicht halb, nicht blos von der glaͤnzenden Seite zu ſehen, auch bei dem hoͤchſten Enthuſiasmus fuͤr die Vortrefflichkeit des Code Napoldon, dennoch nicht zn vergeſſen, daß jedes vom menſchlichen Verſtande geſchaffene Werk, ein menſchliches Werk iſt, und daß eine weiſe Regie⸗ rung eine fremde, noch ſo hertliche Einrichtung, nicht eher in ihrem Lande einfuͤhrt, bis ſie ſie genau und durch und durch kennen gelernt hat⸗ Ich konnte dieſes waͤhrend einem vierwoͤchentli⸗ chen Aufenthalt in Mainz, der ohnehin keinen an⸗ dern Zweck hatte, als die Hauptbeſtandtheile des franzoſiſchen Civilverfahrens kennen zulernen, nicht⸗ 233 Wollen die Finanzen die mit der Einfuͤhrung des Bureau Conservateur des hypotheques ver⸗ bundenen Vortheile erndten, ſo muͤſſen ſie auch eini⸗ ge damit verknuͤpften Ansgaben nicht ſcheuen. Von den liberalen Geſinnungen der erhabenen Sonve⸗ raine der drei reſpectiven Staaten darf dieſes ohnehin nicht erwartet werden. Auf jedem Fall moͤchte das Bureau Gonserva- teur des hypothèques nicht vor dem Aug. 1810. einzufuͤhren ſeyn. Iv) Werden die Sub Nr. 1. und a. bezeichne⸗ ten Theile des Code Napoléon eingefuͤhrt, ſo muͤſ⸗ ſen doch auf das Notariat ſich beziehende Artikel ſus⸗ pendirt bleiben. Ob gleich dieſe Artikel nicht ſehr zahlreich ſind, ſo entſteht doch dadurch bei der wirklichen Ausuͤbung eine Luͤcke. Außerdem haͤngt das Rotariat wieder mit der Lehre von Schenkungen und Teſtamenten, vom Hei⸗ ratks⸗Contract, Beweis ꝛc. zuſammen. Manche Artikel muͤſſen ſuspendirt werden, wenn man das Rotariat ſuspendirt, z. B. die Lehre vom ſchriftlichen Beweiſe, Art. 1317— bis 1332. Der Art. 1328. iſt ohne Enregistrement gar nicht anwendbar, und ohne Notariat iſt das Enre- gistrement eine zweckloſe Volksplage, und waͤre auch die Taxe auf die Haͤlfte oder ein Drittel herabgeſetzt, eine Volksbeſchwerde. Es fragt ſich daher, ob man nicht das franzoͤſi⸗ ſche Rotariat, mit Beibehaltung des deutſchen Ge⸗ richtsverfahrens einfuͤhren koͤnnte? Ich halte dieſes für moͤglich, nur nicht ganz auf dem von den Großherzoglich Heſſiſchen verehrten Her⸗ ren Commiſſarien vorgeſchlagenen Wege. Das franzoſiſche Notariat geht auf der einen Seite mit dem Inſtitut der Huissiers, auf der an⸗ dern mit dem Enregistrement Hand in Hand. 239 Der deutſche Pedell iſt, wie von Seiten der Großherzoglich Heſſiſchen verehrten Commiſſion ſehr richtig bemerkt worden iſt, zum franzoͤſiſchen Huis⸗ sier auf immer verdorben. Ohnehin gehoͤrt der franzoͤſiſche Huissier ſo we⸗ ſentlich zur wahren und aͤchten franzoͤſiſchen Proce⸗ dur, er iſt dem Geiſt der Deutſchen ſo fremd, daß er in die letztere, nicht einmal hineingeflochten werden kann. Allen Vorzug, welchen man der Rotariatsur⸗ kunde beilegen kann, iſt der, daß darauf ein Execu⸗ tiv⸗Verfahren verſtattet wird. Der Anerkennung des andern Theils wuͤrde es dabei eben ſo wenig beduͤrfen, als bei dem auf ein rechtskraͤftiges Urtheil gegruͤndeten Executiv⸗Verfah⸗ ren. Ein controllirendes Enregistrement aber waͤre durchaus unentbehrlich und wuͤrde bei dieſer Gelegen⸗ heit einzufuͤhren ſeyn. Man wird es mir zum Vorwurf machen, daß ich eine Einrichtung vorſchlage, welche fuͤr eine Geiſ⸗ ſel der franzoͤſiſchen Buͤrger gehalten wird. Das Fnregistrement erſcheint in Frankreich a) als eine juſtizpolizeimaͤßige Anſtalt, b) als eine indirekte Steuer. In der erſten Eigenſchaft iſt es eine Wohlthat. Es haͤngt mit der Grundanſicht der franzoͤſiſchen Ci⸗ vilgeſetzgebung zuſammen. Wenn dieſe auf den Ur⸗ kundenbeweiß durch Privat⸗ und oͤffentliche Urkun⸗ den den hoͤchſten Werth legt, wenn ſie gegen und uͤber den Inhalt der letztern nicht einmal einen Zeu⸗ genbeweis zulaͤßt, wenn ſie uͤberhaupt den Zeugen⸗ beweis in der Regel verwirft, wenn ſie die Buͤrger zur ſchriftlichen Abfaſſung aller ihrer Vertraͤge und Geſchaͤfte noͤthigt, wenn ſie dadurch eine unverſieg⸗ bare Quelle von Rechtshaͤndeln und Rechtsunſicher⸗ heit abgraͤbt, ſo mußte ſie auf der andern Seite— 240 dies erforderte die Conſequenz und die Ratur der Sache— fuͤr eine genaue Urkundencontrolle ſorgen. Dieſe Controlle iſt im Enregistrement enthal⸗ ten. Es iſt in Frankreich eine uralte Einrichtung. Es moͤchte ſich nachweiſen laſſen, daß ſie immer mit dem Notariat parallel fortgelaufen iſt. Als indirecte Steuer iſt das Enregistrement in Frankreich allerdings eine druͤckende Anſtalt. Allein was hindert die Souveraine der reſpeeti⸗ ven Staaten, die Steuer auf die Haͤlfte, auf ein Drittel herabzuſetzen? Was hindert ſie, nach Maasgabe des Ertrags derſelben und der oͤffentlichen Beduͤrfniſſe, anders druͤckende Steuern zu vermindern? Die Grundſteuer iſt ſeit der Aufloͤſung der Reichsverfaſſung zu einer furchtbaren Hoͤhe geſtiegen. Sie iſt zwar in der Erhebung die einfachſte, aber auch die druͤckendſte von allen Auflagen. Der Schutzgeiſt des deutſchen Namens moͤge Umſtaͤnde verhuͤten, welche eine weitere Erhoͤhung der Grundſteuer noͤthig machen. Durch die gaͤnzliche Aufhebung der freilich an und fuͤr ſich nicht gerechten Steuerprivilegien, wird in Verbindung mit der erhoͤhten und immer noch zu erhoͤhenden Grundſteuer, der Stand der Gutsbeſitzer — oder der nicht zum Bauernſtand gehoͤrenden Grund⸗Eigenthuͤmer— in kurzer Zeit noch weit mehr, als durch die Aufhebung der Stammguts⸗Ei⸗ genſchaft, zu Grunde gerichtet werden. Es wird keine weitere adliche oder nichtadliche Gutsbeſitzer, ſondern blos noch arbeitende Bauern oder Landleute geben. Dies läßt ſich ſehr leicht beweiſen. Aon demje⸗ nigen Acker, auf dem der Landmann als Eigenthuͤ⸗ mer mit eigner Hand Fruchte erzeugt, lebt er ſelbſt mit ſeiner Familie auf der einen, und der beſtenernde Staat auf der andern Seite. 241 Vom Acker des nicht ſelbſt arbeitenden Guts⸗ beſitzers dagegen lebt der Gutsbeſitzer, der arbeitende Landmann und ebenfalls der beſteuernde Staat. Wenn daher der Acker des arbeitenden Land⸗ manns und des nicht arbeitenden Gutsbeſitzers gleich hoch beſteuert ſind, ſo iſt im Grunde der Acker des Gutsbeſitzers weit hoͤher beſtenert. Wenn endlich der Acker ſo hoch beſteuert iſt, daß nach Abzug der Culturkoſten gerade nicht mehr uͤbrig bleibt, als der Lebensunterhalt desjenigen, der den Acker baut und ſeiner Familie, ſo bleibt fuͤr den Gutsbeſitzer gar nichts mehr uͤbrig. Die Landpacht faͤllt und hoͤrt endlich ganz auf. Hat der Acker fuͤr den Gutsbeſitzer keinen Werth mehr, ſo wird er genoͤthigt, ihn wegzugeben. So wird der deutſche Guͤter⸗Adel— der ſtan⸗ desherrliche nicht ausgenommen— durch die progreſ⸗ ſive Ackerbeſteuerung von ſelbſt und in kurzer Zeit gufhoͤren, ohne daß es einmal dazu der Aufhebung der Stammguts⸗Eigenſchaft bedarf. Daß dabei der Ackerbau und der Staat, der eines bluͤhenden Ackerbaues nicht entbehren kann, gewinnen werde, bezweifle ich ſehr. Der Ackerbau iſt noch in keinem Lande von Europa durch den me⸗ chaniſch arbeitenden Landmann, ſondern durch den ſpeculirenden Landwirth zu hohem Flor gehoben worden. Landwirth iſt aber nur der große Gutsbeſitzer, der die verſchiedenen Operationen des Feldbaues und der Viehzucht im Großen untereinander zu verbinden weiß, und der die zu landwirthſchaftlichen Verbeſſer⸗ ungen noͤthigen Koſten vorzuſchteßen im Stande iſt. Wer hieran zweifeln koͤnnte, werfe nur einen Blick auf den Zuſtand des Ackerbaues in England und Holſtein und uͤberhaupt auf diejenigen Laͤnder, wo es nurigroße Gutsbeſitzer, große, den Gutsbeſitzern glei⸗ 16 242 che Pächter, Tagloͤhner und wenige oder gar keine, Grund⸗Eigenthum beſitzende Bauern gibt. Ich habe dies nur hier deshalb bemerkt, um die Abneigung gegen ein, auf eine billige und ver⸗ haͤltnißmaͤßige Taxe heruntergeſetztes Enregiſtrement zu beſeitigen. Wenn es wahr iſt, daß die Erhoͤhung der Grund⸗ ſteuer mit den mißlichſten Folgen verbunden iſt, daß ſie den Werth der Guͤter vermindert, und ſchon da⸗ durch das National⸗Capital ſchwaͤcht, wenn es wahr iſt, daß der Staat, ſollte er ſich in der un⸗ gluͤcklichen Lage finden, neue Steuer⸗Quellen oͤffnen zu muͤſſen, beſſer daran thut, indirecte Steuern aus⸗ zumitteln(ich nehme hier das Wort indirecte Steuer in einem andern Sinn, als man es gewoͤhnlich nimmt), ſo ſtellt ſich vor mehrern das Enregiſtre⸗ ment dar. Es haͤngt mit dem Code Napoléon zu⸗ ſammen. Es hat eine wohlthaͤtige Seite. Es kann merklich geringer wie in Frankreich geſetzt werden, und bleibt noch immer ſehr eintraͤglich. Die Einführung des Notariats und eines da⸗ mit nothwendig zu verbindenden Enregiſtrements koͤnnte nicht wohl vor dem 1ten November 1810. erfolgen. Ein vorgaͤngiges, perſoͤnliches und practi⸗ ſches Einſtudiren dieſes Inſtituts an Ort und Stelle wuͤrde ebenfalls der wirklichen Einfuͤhrung vorange⸗ hen muͤſſen. V) Nun haͤtte man das ganze zweite und dritte Buch des Code Napoléon mit Ausſchluß der Titel sur l'expropriation forcée und sur la contrainte par corps eingeſuͤhrt. Man beſaͤße vier im Code Napoleon gegrundete oͤffentliche Anſtalten, die re- gistres et ofciers de Pétat civil, das Bureau Conservateur des hypothéques, das Notariat und das Enreg'strement; und noch haͤtte man an der beſtehenden Gerichtsverfaſſung nichts abgeaͤndert. Die Maſchine ginge noch in ihrem alten Gang fort, 243 nur daß die Staatsdiener, ſie moͤgen wollen oder nicht, ſich genoͤthigt faͤnden, die franzoͤſiſche Geſetz⸗ gebung kennen zu lernen. Jetzt koͤnnte man den Verſuch mit der Einfuͤh⸗ rung des franzoſiſchen adminiſtrativen Syſtems ma⸗ en. 3 Im Koͤnigreich Baiern iſt es ſchon wirklich ein⸗ gefuͤhrt. Und dennoch hat man das deutſche gericht⸗ liche Verfahren in ſeinem vollen Zuſammenhang bei⸗ behaiten. Die Entwickelung des Geiſtes derſelben bleibt einem eignen Vortrag vorbehalten. Daß es aber als Vorbereitung zur Einfuͤhrung der Gerichtsverfaſſung zu betrachten iſt, wird wohl nicht geleugnet werden, wenn man ſich erinnert, daß mit der Einfuͤhrung deſſelben die Trennung der Ad⸗ miniſtration von der Juſtiz vollendet wird, daß dieſe Trennung zu dem durchaus weſentlichen Grundcha⸗ racter der franzoͤſiſchen Juſtizorganiſation gehoͤrt, daß dagegen— wollte man mit einer veraͤnderten Ju⸗ ſtizorganiſation den Anfang machen— die Trennung nicht vollendet ſeyn wuͤrde, und daß ſie ſelbſt in der, von meiner Grundanſicht abweichenden, gegen die Suspenſion gerichteten Grundanſicht der Großher⸗ zoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien nicht als vol⸗ lendet erſcheint. Sollte ich mich auf Autoritaͤten berufen, ſo koͤnn⸗ te ich durch drei Beiſpiele beweiſen, daß eine veraͤn⸗ derte adminiſtrative Organiſation der veraͤnderten Ju⸗ ſtizorganiſation vorangehen muß, nicht dieſe jener voreilen kann. Im Koͤnigreich Balern hat man die ganze fran⸗ zoͤſiſche adminiſtrative Verfaſſung eingefuͤhrt, das deutſche gerichtliche Verfahren dagegen ſogar defi⸗ nitiv ſtehen laſſen. Im Großherzogthum Berg iſ die Adminiſtration 244 nach dem Schematismus von Frankreich ſchon in die⸗ ſem Augenblick vollendet. Die Juſtiz geht aber noch immer ihren alten Gang. Im Koͤnigreich Weſtpha⸗ len war das franzoſiſche adminiſtrative Syſtem uͤber⸗ all und vollſtändig ſchon im vorigen Jahr eingefuͤhrt, die wirkliche Einfuͤhrung der ganzen Gerichtsorgani⸗ ſation und des gerichtlichen Verfahrens dagegen iſt erſt in dieſem Jahr erfolgt. vI. Bis hierher rathe ich unvorſchreiblich mit den organiſchen Anſtalten fortzuſchreiten, dann aber auf unbeſtimmte Zeit hier ſtill zu ſtehen. Ich muß bei dieſem Antrag mit der vollſtaͤndig⸗ ſten Ueberzeugung ſtehen bleiben. Die franzoſiſche Gerichtsorganiſation und das gerichtliche Verfahren bilden, wie ich in dem Hanpt⸗ vortrag glaube gezeigt zu haben, ein objectives und ſubjectives Ganzes. Es ſind fuͤr die Zukunft nur zwei Faͤlle moͤg⸗ lich. Der Rheinbund iſt bis jetzt militaͤriſch conſti⸗ tuirt. In jeder andern Hinſicht ſind die Souverai⸗ ne deſſelben voneinander faſt gaͤnzlich getrennt. Ein organiſches Ganzes, wie die aufgeloͤſte Reichsverfaſ⸗ ſung, bildet bis jetzt der Rheinbund nicht. Entweder iſt es die Abſicht des großen Protektors, daß dieſer Zuſtand fortdauere, oder er will den Rhein⸗ bund auch in ſeinen innern Verhaͤltniſſen zu einem politiſchen Ganzen geſtalten. Im erſten Fall ſehe ich gar keinen Grund, die franzoͤſiſche Gerichtsverfaſſung und Frankreichs ge⸗ richtliches Verfahren einzufuͤhren- Vortrefflich abgerundet fuͤr das große Kaiſer⸗ reich paßt es auf Deutſchlands kleinere Staaten in keiner Hinſicht. Ich habe dieſes an einem andern Orte gezeigt, und glaube den Beweis noch weit ſtren⸗ ger fuͤhren zu koͤnnen. Es iſt der Mantel des Rie⸗ 245 ſen, den man um die Schulter eines gewoͤhnlichen Erdenbuͤrgers ſchlaͤgt. In dieſem naͤmlichen Fall muß und wird es je⸗ dem Souverain frei ſtehen, die Juſtizadminiſtration in ſeinem Lande nach dem Geiſt des Volkes, der Geſchaͤftsmaͤnner, ihrer Cultur, ihrer Faͤhigkeiten auszubilden. Im entgegengeſeßten Fall dagegen läßt ſich aus dem organiſchen Ineinanderfuͤgen der Staaten des Rheinbundes eine oberſte Juſtizbehoͤrde, in welche die Juſtizorganiſation und das Verfahren bis auf das unterſte Amt oder Friedensgerichte herab, hinein⸗ paßt, nicht hinweg denken. In dieſem zweiten Fall waͤre doch alles, was in den drei reſpectiven Staaten einſeitig im Juſtiz⸗ weſen und im Juſtizverfahren vorgenommen werden moͤchte, ein ſehr unvollkommenes Stuͤckwerk. Selbſtſtaͤndigkeit haͤtte man dadurch nicht ge⸗ zeigt. Frankreichs Gerichtsverfahren haͤtte man ſich, beſchraͤnkt durch Verhaͤltniſſe, im Geiſt und in der Wahrheit nicht aneignen koͤnnen, das deutſche Ge⸗ richtsverfahren haͤtte man im Geiſt und in der Wahr⸗ heit uͤber den Haufen geworfen; das Kind haͤtte ſich der Mutter geſchaͤmt und wuͤrde vom Vater nicht an⸗ erkannt werden. Es haͤtte jene verleugnet und wuͤr⸗ de von dieſem ſich keiner Aufnahme zu erfreuen ha⸗ ben. Ein trauriger Zuſtand! Das deutſche gerichtliche Verfahren iſt keines⸗ wegs ſchlecht. Man verwechſele doch ja nicht die Verfaſſung mit der Verwaltung, das Geſetz, welches vollzogen werden ſoll, mit den Menſchen, die es voll⸗ iehen. * Man koͤnnte der unbeſtimmten Suspenſion al⸗ les desjenigen, was ſich im Code Napoléon auf die eigentliche franzoſiſche Gerichtsverfaſſung bezieht, fol⸗ gendes entgegenſetzen. 246 Die Rheinbundesacte vom 12ten Juli 1806. hat die volle Souverainitaͤt der deutſchen Fuͤrſten an⸗ erkannt. Ein Staatsdiener, welcher auf Maasregeln an⸗ traͤgt, welche auch nur die Moͤglichkeit voraus⸗ ſetzen, als wenn dieſe Souverainitaͤt in der Folge Einſchraͤnkungen erhalten koͤnnte, compromittirt das durch die naͤmliche Rheinbundesacte theuer und mit Aufopferung errungene Kleinod. Er kann ſich damit nicht entſchuldigen, daß ſein Antrag nur auf negati⸗ ve Maasregeln, auf Unterlaſſungen, nicht auf etwas Poſitives gerichtet iſt. Was Staatsvertraͤgen zuwider iſt, muß nicht als moͤglich gedacht werden. Auf eine in rechtlicher Hinſicht unmogliche Vorausſetzung duͤrfen in dieſer wichtigen Sache keine Antraͤge gerichtet werden. Ich antworte hierauf folgendes. Die Vorausſetzung der Moͤglichkeit, daß die Staaten der rheiniſchen Confoͤderation durch eine gemeinſchaftliche Gerichtsbarkeit, in ihren innern Verhaͤltniſſen zu einem organiſchen Ganzen conſtituirt werden— dieſe Vorausſetzung ſteht keineswegs mit der durch die Rheinburdésacte geſchaffenen Souve⸗ rainitaͤt im Widerſpruch. Man muß nur das Wort Souverainitaͤt in ei⸗ nem hiſtoriſchen, nicht in einem metaphyſiſchen Sinn, in der Welt⸗— nicht in der Schulſprache nehmen⸗ Die Kurfuͤrſten und Fuͤrſien des vormaligen deutſchen Reichs genoſſen unter dem Namen Lan⸗ deshoheit etwas, was in der Weltſprache und in diplomatiſchen Verhält iſſen wohl Souverainitaͤt ge⸗ nannt werden konnte, und auch nicht ſelten ſo ge⸗ nannt wurde. Und dieſe juriſtiſche Landeshoheit war wohl eben ſo viel und noch etwas mehr werth, als die juriſtiſche Sonverainitaͤt eines Fuͤrſten von Iſen⸗ burg, Hohenzollern u. ſ. w. Dennoch war die Tertitorial⸗ und Reichsge⸗ 247 richtsbarkeit aller Kurfuͤrſten⸗ und Fuͤrſtenthuͤmer durch ein gemeinſchaftliches Band umſchlungen, welchés ſie zu einem organiſchen Ganzen vereinigte. Deutſch⸗ land verdankte ihm ſeinen innern Frieden und die Erhaltung der Conſtitution des Reichs und der Ter⸗ ritorien. Schon im Anfang des ſiebenzehnten Jahrhun⸗ derts hatte Heinrich IV. von Frankreich den Plan gefaßt, alle Staaten Europas unter einer hoͤchſten Gerichtsbarkeit zu vereinigen. Und dennoch war er weit von dem Gedanken entfernt, irgend einem einzelnen Staat die Souverainität zu rauben. Der Plan des großen Koͤnigs, wie er in Sullys Memoiren ſich aufbewahrt findet, wurde damals fuͤr rieſenhaft und romantiſch gehalten. Napoleon dem Großen, dem Erben des hohen Sinns des erſten Bourboniden, dem Schopfer einer Kraſt, die ihnen fehlte, wurde die Ausfuͤhrung deſſelben, ſo bald er wollte, nicht ſchwer werden. Ueberhaupt iſt die Gerichtsverfaſſung eines Staats ein heiliges Palladium, in welches die Ge⸗ ſetzgebung, wenn ſie nicht zur Willkuͤhr entarten ſoll, nicht kuͤhn eingreifen darf. Iſt ſie einmal firirt, ſo gehoͤrt die Sorge die geſetzmaͤßige Verwaltung der verfaſſungsmaͤßi⸗ gen Juſtiz zu den glaͤnzendſten Praͤrogativen der Krone. Weit davon entfernt, daß ſie die weſentlich zur Souverainitaͤt gehoͤrende Geſetzgebung laͤhmen ſollte, verbuͤrgt umgekehrt eine fixirte und gut verwaltete Gerichtsverfaſſung dem Souverain beſſer als jede an⸗ dere Staatsanſtalt, die Vollziehung ſeiner alten und neuen Geſetze. Ob übrigens das Fixiren aus einer innern Grund⸗ verfaſſung entſpringt, wie jetzt in Frankreich, oder aus einem äußeren Verhaͤltniß zu andern Staa⸗ en, wie vormals in Deutſchland, das iſt ziemlich einerlei. 248 Und jauf jeden Fall ſetze ich ja keineswegs die Gewißheit eines ſolchen kuͤnftigen Firirens voraus. Ich mache nur auf die Moͤglichkeit aufmerkſam. Ich warne in Hinſicht dieſer Moͤglich⸗ keit gegen voreilige Maasregeln. Ich rathe zu ei⸗ nem negativen Verhalten.— Ein dichter Schleier umhuͤllt die Zukunft. Mit unbeſcheidener Hand kann und will ich ihn nicht zer⸗ reißen. Aber wuͤrde der ihn nicht noch mehr zerrei⸗ ßen, der den Souverainen rathen wollte, ſo zu handeln, als wenn es keine Zukunft gaͤbe und als wenn der durch den 12ten Juli 1806. erzeugte Zuſtand auf alle Generationen hin fortdauern wuͤrde. VII) Hat es ſich nach etwa zwei Jahren ausge⸗ wieſen, daß der Rheinbund keine oberſte Gerichtsbar⸗ keit, keinen Caſſationshof, keine organiſche innere Ver⸗ bindung zu erwarten habe, dann wird es erſt Zeit ſeyn, diejenigen Theile des Code Napoléon einzu⸗ fuͤhren, welche in jeder Hinſicht mit Frankreichs ge⸗ richtlichem Verfahren verſchlungen ſind. Dieſe Theile finden ſich im erſten Buch, und zwar mit Ausſchluß des 2ten Titels sur les actes de I'état civil, welcher, wie ich unter Nr. Z bemerkte, ſchon vom Iten Auguſt 1810 an eingefuͤhrt werden koͤnnte, allein uͤbrig. Ich habe auf die Syspenſion des rten Titels angetragen und finde noch keine Gruͤnde, von dieſem Antrag abzugehen. In dieſem naͤmlichen Fall wird es noͤthig ſeyn, Modificationen für dieſen nämlichen Titel ausfindig zu machen, welche mit derjenigen Gerichts verfaſſung harmoniren, die man alsdann einzufuͤhren fuͤr gut finden wird. Endlich wird dann auch noch der ſechzehnte Ti⸗ tel des Zten Buchs sur la contrainte par corps und der 19te sur l'expropriation forcee zu modifi⸗ ciren und einzufuͤhren ſeyn. ———— ——— ——— 249 Auf dieſen Fall habe ich noch keine Vorſchlaͤge zu thun. Die Zeitumſtaͤnde werden ſich dann ent⸗ wickelt, dasſ Buch der Zukunft wird ſich geoͤffnet ha⸗ ben. VIII) Ich habe zum Schluß noch zwei Fragen zu beruͤhren. a) Soll die Doectrin gepruͤft, und wenn man glaubt, daß ſie verbeſſert, oder nach dem Sinn der deutſchen Nation veraͤndert werden muͤßte, verbeſſert und veraͤndert werden? Ich muß dieſe Frage beſtimmt béjahen. Die drei reſpectiven Staaten ſind ſouveraine Staaten, durchaus unbeſchraͤnkt in ihrer innern Geſetzgebung. Ich kann mir keine tiefere Demuͤthigung des deutſchen Namens, als die Zumuthung denken, ein fremdes Geſetz ohne Pruͤfung, ohne alle Abaͤnde⸗ rung ſeines Details gegen beſſere Ueberzeugung an⸗ zunehmen. Der erhabene Protektor hat eine ſolche Demuͤ⸗ thigung wahrlich nicht verlangt. Nur deutſche Schriftſteller, ihres Vaterlandes vergeſſend, Napoleons des Großen wahre Herrſcher⸗ wuͤrde miskennend, haben eine ſolche Zumuthung ausgeſprochen, und unter Schriftſtellern, nie unter Staatsdienern und Geſchaͤftsmaͤnnern Nachbeter ge⸗ funden. Ich freue mich, unter meinen Collegen Maͤnner zu verehren, von welchen auch nicht einer dieſe Sprache oͤffentlich gefuͤhrt hat. Ich weiß mich ſehr wohl zu beſcheiden, daß mei⸗ nen Namen nicht die Glorie umſchwebt, welche um die Namen eines Tronchet und Portalis ſtrahlt. Aber in der gegenwaͤrtigen Nationalangelegenheit kommt es auf Sachen und keineswegs auf Namen an. Wen der Staat, oder wen ſein inneres Bewußtſeyn zum Reden berufen hat, der ſoll und muß reden. Ich werde daher allerdings uͤberall, wo ich glaube, daß der Code Napoléon nicht ganz naturgemaͤß 260 oder nicht ganz conſequent verfuͤgt hat, meine Mei⸗ nung mit Anſtand ſagen, und meine Verbeſſerungs⸗ vorſchläge freimuthig darlegen. Dies iſt die Pflicht, welche ich gegen mein Vaterland zu erfüllen habe, der hoͤchſte Zoll der Achtung, welchen ich dem großen Sterblichen darbringen kann, deſſen Civilgeſetzbuch die vereinigten Commiſſionen zuſammengefuͤhrt hat. b) Sollen wir, nach den Forderungen und Vor⸗ ausſetzungen des Code Napoléon bei unſern hoͤchſten Committenten auf die Allodification der Lehen, auf die Ablosbarkeit der Zehnten, auf die Aufhebung der Frohnden, auf die Vernichtung der Colonate, ſo wie aller Beſchraͤnkungen des Grundeigenthums ſchon jetzt antragen? Die Allodification der Lehen hat die wenigſten Schwierigkeiten. Das Lehnweſen hat ſich laͤngſt uͤberlebt. Wird die Stammguts⸗Eigenſchaft aufgehoben, ſo waͤre es inconſequent, die Lehnsfolge aufrecht zu. erhalten. Mit der Aufhebung der Frohnden, Colonate, Zehnten, Grundeigenthumsbeſchraͤnkungen dagegen hat eine andere Bewandniß. So zweckmaͤßig es iſt, dieſe Gegenſtaͤnde ſchon jetzt zu praͤpariren, ſo zweckwidrig es mir ſcheint ihre Fortdauer zu fixiren, ſo bedenklich ſcheint es mir doch zugleich definitive Antraͤge daruͤber zu thun. Es zreift hier alles auf das tiefſte in das Land⸗ wirthſchaftliche und Finanzielle ein. Auch wäͤren hier wohl andere Staatsbehorden zu vernehmen. Was fur die eine Provinz nach dem Zuſtand der Cultur angemeſſen ſeyn kann, iſt es fuͤr die andere richt. Mir iſt ein deutſches Land als Angenzeuge und aus der Erfahrung bekannt, in welchem die Auf⸗ hebung der Colonate, nach dem Urtheil aller Sach⸗ kundigen, den Verfall des Ackerbaues, welcher doch dadurch befoͤrdert werden ſoll, nach ſich ziehen wuͤrde. 251 Endlich iſt auch nicht zu uͤberſehen, daß die Rechte der Standesherren, ſo lange der Vertrag vom 12ten Juli 1806. bei Kraft bleibt, in der Mit⸗ te liegen. Es waͤre vielleicht beſſer, dieſe ſo wie andere in dieſem Vortrag noch nicht beruͤhrten Gegenſtaͤnde, erſt nach Erledigung anderer Discuſſionen zu bear⸗ beiten. Zum Schluß kann ich die Bemerkung nicht un⸗ terdruͤcken, daß wenn nach dieſem Plan ſollte gearbei⸗ tet werden, die Einfuͤhrung des Code Napoléẽon und ſeiner organiſchen Umgebungen, und ſelbſt die Einfuͤhrung des vom Code Napoléon vorausgeſetz⸗ ten proceſſualiſchen Verfahrens noch fruͤher erfolgen moͤchte, als nach dem Plan der verehrten Großher⸗ zoglich Heſſiſchen Commiſſion. Aus dieſem zweiten Rachtrag bitte ich gehor⸗ ſamſt, die in meinem Hauptvortrage dargelegten An⸗ ſichten zu verbeſſern und dasjenige zu berichtigen, und zu ergänzen, was dort zu allgemein behauptet wor⸗ den iſt. Gießen, den 22 Okt. 1809. v. Almendingen. e— S XI. Zweiter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſton uͤber den zweiten Tirel des erſten Buchs des Code Napoléon, sur les actes de Tẽtat civil. le) (Vorgetragen am 28ten October 1809.) 2 n meinem vorigen, dieſem Gegenſtande gewidme⸗ ten Vortrag habe ich vollſtändig dasjenige dargelegt, was ich an dem, in mancher Hinſicht vortreflichen Geſetz sur les actes de I'état civil zu vermiſſen glaube. Ich trug auf vorlaͤufige Suspenſion des ganzen Titels an. Dieſe Suspenſion wird indeſſen bald aufhoͤren, wenn nach dem im zweiten Nachtrag zu meinem Hauptvortrage vom 21ten Oet. dargelegten Plan gehandelt werden ſollte. In dieſem Fall wird ſchon den rten Auguſt 1810. der ganze Titel in Wirkſamkeit treten. Da indeſſen alsdann an der beſtehenden Gerichts⸗ verfaſſung noch nichts wird geaͤndert worden ſeyn, ſo 253 muß der Titel vorlaͤufig der noch beſtehenden Verfaſ⸗ ſung angepaßt werden. Die Schwierigkeiten der Anpaſſung liegen darin, daß die Vollziehung der Verfuͤgungen des Geſetzes oͤf⸗ fentlichen Behoͤrden uͤbertragen wird, welche den reſp. Staaten fremd ſind. Dieſe Behoͤrden ſind: ¹) der Officier de l'état civil ſelbſt. Er fuͤhrt die Geburts⸗, Ehe⸗ und Sterbe⸗Regiſter. 2) Der Friedensrichter. Er fertigt nach Art. 70. die den Abgang der Geburtsurkunde(acte de nais- sance) erſetzende Notorietaͤtsurkunde aus. 3) Das Tribunal de prémiere instance. Die Regiſtratur deſſelben verwahrt die Civilſtandsregiſter des ganzen Arrondiſſements. Es homologirt die No⸗ torietaͤtsurkunde, nach Anhoͤrung des Ministère pu- blic; durch dieſe Homologation erhebt es die Roto⸗ rietaͤtsbeurkundung zur Wuͤrde einer wahren Geburts⸗ urkunde. 4) Der Procureur Impérial. Er eontrollirt, nach Art. 53. die vom Offici r de l'etat civil gefuͤhr⸗ ten Regiſter und trägt auf Beſtrafung der entdeckten Fehler an. Bei Nachtraͤgen zu ſchon vorhandenen Urkunden ſorgt er nach Art. 49. fuͤr die Erhaltung der Uebereinſtimmung zwiſchen dem im Gemeinde⸗ archiv niedergelegten Regiſter und dem in der Gerichts⸗ regiſtratur befindlichen Duplicat. Nach Art. 72. kann die Notorietätsurkunde, welche bei der Heiraths⸗ formaliſirung die verlorne Geburtsurkunde erſetzt, nicht anders als nach Anhoͤrung des Procureur Impeérial formaliſirt werden. 5) Der Praͤſident des Tribunals erſter Inſtanz. Er verſieht nach Art. 41. jedes Blatt der am Schluß des Jahrs eingeſandten Regiſter mit ſeinem Handzei⸗ chen(paraphe). Er legaliſirt die Auszuͤge ans den naͤmlichen Regiſtern, Art. 43. 6) Der Notar. Ohne Beiwirkung von zwei 654 Notaren kann die Acte authentique du consente- ment de pere et meère ou aieuls et aieules, ou à leur défaut celui de la famille nicht ausgefertigt werden Art. 73.(Art. 151— 137.) 7) Der Ofcier de police. Bei Anzeigen ei⸗ nes gewaltſamen Todes darf die Beerdigung nicht eher vorgenommen werden, bis der Ofi ier de police un⸗ ter Zuziehung eines Arztes uͤber den Zuſtand der Lei⸗ che ein Protocoll eingeliefert hat(Art. 81.). Alle dieſe Inſtitute fehlen bei uns entweder ganz, oder ſie ſind nicht in der vom Code Napoléon ihnen beigelegten Eigenſchaft wirkſam, oder ihre Wirkſam⸗ keit bezieht ſich auf eine bei uns fehlende Organiſation. Es iſt auch nicht ſo leicht, wie man beim erſten Anblick glauben moͤchte, in einer reglementariſchen Verordnung deutſche Behoͤrden den franzoͤſiſchen zu ſubſtituiren⸗ Subſtituirt man den deutſchen Amtmann dem Friedensrichter, laͤßt man durch dieſen Amtmann die, den Abgang der Geburtsurkunde erſetzende Notorie⸗ raͤtsurkunde ausfertigen, ſo kann man doch unmoͤglich den nämlichen Amtmann dem Tribunal erſter Inſtanz ſubſtituiren, welches die vom Friedensrichter ausgefer⸗ tigte Rotprietaͤtsurkunde homologiren, d. h uͤber das Zureichende oder Richtzureichende der Subſtitution ur⸗ theilen muß. In dieſe Inconſequenz ſcheint mir der 67. Arti⸗ kel des baieriſchen Civilgeſetzbuchs gefallen zu ſeyn. Dieſer Artikel ſetzt freilich den Fall voraus, daß die Heirath nicht unter dem Gerichtsbezirk des Orts voll⸗ zogen wird, wo derjenige Ehegatte, welcher die Ge⸗ burtsurkunde nicht beibringt, gebohren worden iſt. Es traͤgt ſich aber doch wohl gar haͤufig und vielleicht am haͤufigſten der entgegengeſetzte Fall zu. Es kann namlich die Trauung unter dem namlichen Gericht voll⸗ zogen werden, unter welchem der zu Verehelichende gebohren worden iſt, deſſen Geburtsſchein nicht her⸗ 255 beigeſchafft werden kann. Kann hier das naͤmliche Un⸗ tergericht, welches die Notorietaͤtsurkunde ausgefertigt hat, dieſe naͤmliche Urkunde homologiren? Schwerer noch wird es, eine deutſche Staatsbe⸗ hoͤrde dem Procureur impeérial zu ſubſtituiren. Der baieriſche Codexr hat den Knoten zerhauen, und das Untergericht ebenfalls zum Procureur impeérial be⸗ ſtellt. Es kommen dabei mancherlei Inconſequenzen her⸗ aus. Denn wenn nach Art. 72. des Code Napoléon das Untergericht als Procureur impérial beim näm⸗ lichen Untergericht als tribunal de prémière instance uber die Frage ſollte vernommen werden, ob die Ho⸗ mologation der, wieder vom Untergericht als juge de paix ausgefertigten Notorietaͤtsurkunde zu bewilligen oder zu verweigern ſey, ſo wuͤrde auf eine gar wun⸗ derliche Art der Zenge, der Controlleur des Zeugniſ⸗ ſes und der Richter uͤber die Zulaͤßigkeit des Zeugniſ⸗ ſes in einer Perſon vereinigt werden. Dieſes Beiſpiel wird meine Zweifel uͤber die Moͤg⸗ lichkeit rechtfertigen, die Rollen der franzoͤſiſchen Staats⸗ behoͤrden unter deutſche Staatsbehoͤrden ſo auszuthei⸗ len, wie es im baeriſchen Civilcodex geſchehen iſt. Ich ſchlage vielmehr—(jeder beſſern Einſicht unvorſchreiblich)— folgende Vertheilung vor: 1) Zu den Regiſterfuͤhrern— Officiers de l'état civil— ſelbſt, werden die Pfarrer beſtellt. Bei derjenigen Ehe, welche der Pfarrer nach ſeinen Religionsgrundſaͤtzen nicht formaliſiren, oder wo er das Aufgebot und die Trauung nicht vornehmen kann, waͤre beides dem Amtmann zu uͤbertragen. Das Eintragen in das Trauungsregiſter dagegen kommt wieder dem Pfarrer zu. Bei der Aufzeichnung eines bloßen Factums, einer Handlung, die geſchehen iſt, kommt ſein Gewiſſen nicht ins Gedraͤng. 2) Dem Friedensrichter iſt der deutſche Amt⸗ 236 mann zu ſubſtituiren. Der Friedensrichter kommt in dem ganzen Titel nur einmal vor; er fertigt nach Art. 70. die Notorietätsurkunde uͤber die Geburt des zu Verehelichenden aus. Es koͤnnte ſeyn, daß bei der rein buͤrgerlichen Ehe die Geburtsurkunde durch eine Notorietätsurkunde müßte erſetzt werden. Es koͤnnte ſeyn, daß der naͤmliche Amtmann, welcher die Noto⸗ rietätsurkunde ausgefertigt hat, auch die Trauung ver⸗ richten muͤßte. Es wuͤrde darin weder Mißſtand noch Widerſpruch liegen, wenn nur der naͤmliche Amtmann die Notorietätsurkunde nicht zugleich homologirt. 3) Dem Tribunal erſter Inſtanz ſubſtituire ich das deutſche Hofgericht. Bei der Regiſtratur deſſel⸗ ben muͤßten die Duplicate der Regiſter des Civilzuſtan⸗ des niedergelegt werden. Es haͤtte die den Abgang der Geburtsurkunde erſetzende Notorietaͤtsurkunde zu homologiren. 4) Die Funetionen des procureur impérial waͤ⸗ ren zwiſchen dem deutſchen Amtmann und dem Praͤ⸗ ſidenten oder Director des Hofgerichts zu theilen. Dem Procureur impérial werden in dem Titel sur les actes de T'état civil mehrerlei Funetionen uͤbertragen. a) Er unterſucht nach Art. 53. den Zuſtand der Regiſter, wenn ſie am Ende des Jahrs geſchloſſen und in die Regiſtratur des erſten Inſtanzgerichts ein⸗ Zeſendet werden. Dieſe Function ubertraͤgt das baieriſche Civilge⸗ ſetzbuch dem Untergericht, und wie ich glaube— ſo lange man kein Ministère public einführt,— mit Recht. Nimmt der procureur impérial ein Protocoll uͤber den Zuſtand des Regiſters auf, zeigt er die be⸗ gangenen Fehler, traͤgt er auf die geeignete Strafen an, ſo kann dieſes alles vom Untergericht geſchehen⸗ Der Bericht deſſelben waͤre an das Hof⸗ oder zweite Inſtanz⸗Geticht zu richten· 257 Die Duplicate der Gemeinderegiſter bei den Aem⸗ tern liegen zu laſſen ſcheint mir wider den Geiſt der Sache und den Buchſtaben des Code Napoléon. Die Gerichte erſter Inſtanz, deren Regiſtratu⸗ ren die Gemeinderegiſter aufbewahren, ſtehen den deutſchen Hofgerichten, keineswegs den Aemtern ge⸗ genuͤber; ſie dehnen ihren Gerichtsſprengel uͤber das Ar- rondissement, nicht uͤber einen Canton aus. Es iſt dem Geiſt des Code Napoléon angemeſ. ſen die Regiſter in großen Maſſen zu vereinigen, nicht in kleinen Maſſen in den Cantons— oder in den friedensrichterlichen Regiſtraturen zu zerſtreuen.. b) Wenn etwas in einem Aote de I'état civil nachgetragen, oder veraͤndert wird, ſo ſorgt der Pro⸗ cureur impérial nach Art. 49. fuͤr die Erhaltung und Wiederherſtellung der Gleichfoͤrmigkeit zwiſchen dem im Gemeindearchiv niedergelegten Regiſter und dem in der Regiſtratur des Gerichts erſter Inſtanz be⸗ findlichen Duplicat.— Die Function waͤre dem Di⸗ rector des zweiten Inſtanzgerichts proviſoriſch zu uͤber⸗ tragen. Damit dieſes geſchehen koͤnne, muͤßte der Officier de Pétat civil— alſo der Pfarrer— nach der Verordnung des 49. Artikels dem Director oder Praͤſidenten von der geſchehenen Veraͤnderung Rach⸗ richt geben. c) Vor der Homologation der Notorietaͤtsurkun⸗ den muß, der Verordnung des 72. Artikels gemaͤß, erſt der procureur impérial gehoͤrt werden. Es bleibt hier nichts anders uͤbrig, als dem Praͤ⸗ ſidenten oder Direetor des Hofgerichts die Function des procureur impeériale einſtweilen zu uͤbertragen. §5) Der Praͤſident des Tribunals erſter Inſtanz muß nach Art. 41 jedes Blatt der Duplicate der Ci⸗ vilſtandsregiſter mit ſeinem Handzeichen verſehen, und nach Art. 45 jeden Auszug aus dem Regiſtet durch ſeine Namens⸗Unterſchrift legaliſiren. 17 253 Das Verſehn jedes Blatts der Regiſter mit ſei⸗ nem Handzeichen iſt eine kopfloſe und muͤhſame Ar⸗ beit. Um ſo viel mehr waͤre es zu wuͤnſchen, daß man den Director mit gewoͤhnlichen Rathsarbeiten verſchonen moͤchte. 6) Die Einwilligung der Aeltern iſtzur Ehe erforderlich, wenn das heirathende Kind, obgleich hei⸗ raths muͤndig, noch nicht die Jahre der Heiraths⸗ volljährigkeit zuruͤckgelegt hat. Der Sohn hat ſie mit dem vollen aöſten, die Tochter mit dem vollen 2uſten Jahr erreicht. Bis dahin ſind beide an die Einwilligung ihrer Aeltern oder Ascendenten gebun⸗ den(148). Sind keine Aeltern oder Ascendenten am Leben, ſo muß der Familienrath einwilligen.(73.) Ueber die Einwilligung muß dem Officier de Pétat civil, ehe er die Trauung vornehmen darf, ein acte authentique vorgelegt werden. Den Acte authentique nimmt ein Notar auf. Nach der Heirathsvolljährigkeit bedarfſowohl der Sohn als die Tochter wenigſtens des Raths der Aeitern und der Ascendenten(nicht mehr der Familie). Bis zum Zoſten Jahr muß der Sohn, bis zum 25ſten die Tochter ſich dreimal den Rath von Monat zu Monat ausbitten. Dies iſt naturlich nicht anders, als ſo zu verſte⸗ hen, daß wenn der Rath verneinend ausfaͤllt, der acte respeotueux wiederholt werden muß. Im ent⸗ gegengeſetzten Fall wird die Formalitaͤt nur einmal vorgenommen. Schweigen die zu Rath gezogene ganz, oder widerrathen ſie die Heirath auch zum drittenmale, ſo muß wenigſtens ein Monat vom Tage an, da der letzte Rath eingeholt wurde, angerechnet, abgewartet werden. Run erſt iſt die Vollziehung der Ehe er⸗ laubt. NRach dem Ablauf des Zoſten und resp. des 25ſten Jahrs(ſo muß doch wohl der 153. Artikel in⸗ terpretirt werden) bedarf es nur eines acte respec⸗ tueux.— Einen Monat nach Ueberreichung deſſel- 259 ben iſt die Heirath erlaubt. Der Acte respectueux muß den zu Ertheilung ihres Raths aufgeforderten Perſonen durch zwei Rotaͤre, oder einen Rotar und zwei Zeugen uͤberreicht werden. Uleber die ganze Handlung wird ein proces verbal aufgeſetzt. Die Antwort der zu Rath gezogenen wird darinn bemerkt. (Art. 134.) Der 73. und 76. Art. sur les actes de l'état civil iſt aus dieſem Detail zu 5 Hier entſteht nun vor allen Dingen die Frage, durch welche oͤffentliche Behoͤrde ſoll der bei der ehrer⸗ bietigen Anzeige unentbehrliche Notair erſetzt werden2 Ich weiß hierauf nichts zu antworten. So lang keine Notaire, wie ſie der Code Napoléon erfordert, eingefuͤhrt werden, iſt es auch nicht moͤglich die Form der Ertheilung des aͤltetlichen Raths oder der aͤlterli⸗ chen Einwilligung zu realiſiren. Man muß ſich mit Umgehung der Form auf die Sache beſchraͤnken, wenn ſchon, wie die Diskuſſion zeigt, im Geiſt der franzoͤ⸗ ſiſchen Geſetzgebung beim acte respectueux die Form mit der Sache zuſammenhaͤngt und der Sache wegen eingefuͤhrt worden iſt. Man muß ſich naͤmlich dar⸗ auf beſchraͤnken, daß bei der Heirath des Minderjaͤh⸗ rigen die Einwilligung der Aeltern, Ascendenten und der Familie ertheilt, und daß bei der Heirath des Volljaͤhrigen der Rath der beiden erſten nicht um⸗ gangen wird. Der Beamte muß einſtweilen angewie⸗ ſen werden, die einwilligenden oder Rath ertheilenden Ascendenten zu Protocoll vorzufordern, und zu ver⸗ nehmen; will man dieſes nicht, ſo weiſe man den Pfarrer, als Officier de l'état civil, an, die Stelle des Notars zu vertreten, und in dieſer Eigenſchaft den Forderungen des Art. 151 bis 156. ein Genuͤge zu leiſten. 7) Wenn bei einem geſtorbenen Individuum Anzeigen oder der Verdacht kines gewaltſamen Todes 17 260. eintritt, ſo darf die Beerdigung nicht eher vorgenom⸗ men werden, bis der Officier de police unter dem Beiſtand eines Arztes oder Wundarztes uͤber den Zu⸗ ſtand der Leiche ein Protocoll abgefaßt und uͤber die Vornamen, den Namen, das Alter, Gewerbe, Ge⸗ burtsort und Wohnort des Verſtorbenen Nachrichten eingezogen hat(Art. 81.). Der baieriſche Civilcoder hat dem Oficier de po- lice das Gericht ſubſtituirt. Hiermit iſt, wie es mir ſcheint, dem franzoſiſchen Geſetz ein Genüge geſchehen. Ich koͤnnte jetzt zur Faſſung der Zuſaͤtze und Ab⸗ änderungen uͤbergehen, welche ich in Anſehung des Geſetzes sur les actes de l'état civil vorgeſchlagen habe. Dieſe Arbeit habe ich unlaͤngſt dem Staats⸗ miniſterium meiner hoͤchſten Committenten vollſtändig vorgelegt. Es wuͤrde jetzt damit vorzuſchreiten, zu vor⸗ eilig ſeyn. Die erleuchtete Pruͤfung meiner verehrten Herren Mitcommiſſarien kann Schwierigkeiten ent⸗ wickeln, an welche ich nicht gedacht habe, und welchen ich gedrungen ſeyn koͤnnte Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Dann waͤre die Arbeit vergeblich. Es wird uberhaupt am gerathenſten ſeyn, ſich erſt am Schluß der Arbeit uͤber die Faſſung zu vereinigen. Gießen, den 28. Oet. 1809. v. Almendingen. ——— XII. Vortrag der Herzogl. Naſſauiſchen Commiſſion. Ueber den Wohnort. cC. N. 1. 4.) Vorgetragen am 28 Oetober 1809, ſa7) S In dem Geſetz uͤber die Beurkundungen des kuͤrgerlichen Rechtszuſtandes hatte der Koder Napoleon den Grundſatz als herrſchend aufgeſtellt; daß dieſe Beurkundungen am Wohnort des Indivi⸗ duums geſchehen muͤßten. Das namliche Geſetz hatte ferner verordnet: daß Handlungen, durch welche der Familienzuſtand der Perſon veraͤndert werde, z B. eine Heirath, eine Ehe⸗ ſcheidung am Wohnort vorgenommen werden ſollten. Dagegen war die Frage nicht beſtimmt: wo der Wohnort eines Buͤrgers zu ſuchen ſey? Sie wurde durch ein eignes Geſetz entſchieden Wohnung— domicilium— iſt derjenige Ort, an welchem ſich eine Perſon in rechtlichem Sinne aufhält. Von der Feſtſetzung der⸗Wohnung hangen die wichtig⸗ ſten Folgen ab. Die Perſon iſt bei allen perſoͤnlichen Klagen demjenigen Richter unterworfen, in deſſen Gerichtsbezirk ſich ihre Woh⸗ nung findet. Jede Klage wird inih rerWohnung inſinuirt. Es iſt nicht immer moͤglich ſie der phyſiſcen Perſon einzuhandigen. A·n demjenigen Ort, wo der Schuldner ſeine Woh— nung hat, wird der Concurs uber ſein Vermoͤgen eroffnet. Dasjenige Gericht, in deſſen Bezirk die Wohnung des Minderzahrigen ſich findet, ordnet ihm einen Curator an. Der GOlRcier de h'état civil der Wohnung oder des Wohnorts ſpricht die Scheidung der Ehe aus. Dieſes alles ſind nur Beiſpiele. Es laſſen ſich indeſſen noch hundert andere Fälle denken, in welchen die Frage— wo eine Perſon anſaͤßig oder in rechtlichem Sinne wohnhaft ſey? wichtig wird. Das römiſche Recht betrachtet die Frage als eine That⸗ frage Es frogt nach dem Aufenthalt und nach der Abſicht der Perſon. Man iſt nach roͤmiſchem Rechte da domiciliirt, wo man, mit der Abſicht des Anſäſſig⸗ ſeyns, ſich wirklich aufhalt. Dieſe Abſicht folgert das roͤmiſche Recht aus concluden⸗ ten Handlungen. Ueber die Beſchaffenheit derſelben ſtellt es keine Regel, ſondern nur Beiſpiele auf—— constitutum est, eam domum unicuique nostrum existimari debe- re, ubi quisque sedes et tabulas(Familienurkunden, Rechnungen) haberet, suarumque rerum constitutionem fecisset. D. L. 50. T. 16. de verb. sign f. 203. Et in eodem loco singulos habere domicilium non am⸗ bigitur, ubi quis larem, rerumque ac fortunarum sua- rum summam constituit, unde rursus non sit disces- surus, si nihil avocet, unde cum profectus est, pere- grinari videtur: quod si rediit, peregrinari jam destitit. C. L. 10. T. 39. de incolis, et ubi quis do- micilium haberée vi etur etc. const. 7. Dieſe Stellen zeigen klar, daß das roͤmiſche Recht die Be⸗ urtheilung der Frage, wo die Wohnung der Perſon in recht⸗ lichem Sinne anzunehmen ſey? factiſchen Momenten ſubordinire und die Wuͤrdigung derſelben richterlichem Er⸗ meſſen uͤberlaſſe Viel weiter iſt die franzoſiſche Geſetzgebung auch nicht gegangen. Sie ſetzt zu den generellen Beſtimmungen des roͤmi⸗ ſchen Rechts nur noch zwei beſondere hinzu. Einmal wird es jedem Individuum freigeſtellt, sei der Veränderung ſeines Aufenthalts, der Municipalität des Orts, in welchem es ſich findet, ſeine Abſicht, dort zu * 263 wohnen, kund zu thun. Eben ſo kann es der Municipalität des Orts den es verlaͤßt, ſeine Abſicht, an dem Orte nicht mehr zu wohnen, erklären. Zweitens erlaubt das franzoͤſiſche Geſetz, fuͤr einzelne Handlungen des buͤrgerlichen Lebens, fuͤr einzelne Geſchäfte, fur einzelne Contracte einen beſondern Wohnort zu wählen— clection de domicile. Dieſe Wahl hat die Folge, doß die das einzelne Geſchäft betreffende Klage, die gerichtliche Inſinuation und das ganze gerichtliche Verfahren vor und unter dem Gerichte des ge“ wahlten Wohnorts erfolgt. Die Wahl iſt theils azgedrungen⸗ theils freiwil⸗ lig. Sie iſt abgdrungen, wenn man irgend ein Recht gegen ſeinen unter fremden Gerichten wohnenden Schuldner gerichthch oder außergerichtlicht geltend macht. Wer z B. auf das Vermoͤgen des andern eine Hypo⸗ thet einſchreiben läßt, muß ſich unter dem Gerichte, unter welchem ſich das mit der Inſeription beſchwerte Gat findet, einen Wohnort oder ein Haus wählen, in welchem man den rwirker der Inſcriptivn wegen der genommenen Inſcription gerichtlich zur Verantwortung ziehen kann. Das gewahite Haus wird für das gegenwärtige Geſchäft als ſpecielle Woh⸗ nung des Glaubigers betrachtet; Vorladungen und Urtheile werden hier inſinuirt. Irder Klaͤger, welcher einen unter einem anders Gerich⸗ te wohnenden Glaubiger in Anſpruch nimmt, muß ſich auf gleiche Art fuͤr dieſen Proceß unter dem Gerichte des Be⸗ klagten einen Wohnort wahlen. Die namliche Wahl iſt freiwillig, wenn zwei Con⸗ trahenten wegen ihrer beſondern Convenienz einig werden, unter einem andern, als dem Gerichte ihres gewöhnlichen Wohnorts ein Geſchaͤft zu vollziehen. Haben ſie eine ſelche Vereinigung in dem Contracte getroffen, und beſtimmt ein domiciſium unter dem ihnen ſonſt fremden Gerichte gewaͤhlt, ſo werden darin Klagen inſinuirt, Vorladungen erwirkt ꝛc. Der aus zehn Artikeln beſtehende Titel des Koder Na⸗ poleon du domicile enthält hiernach folgende Hauptverfüͤ— gungen 1) Bei der Ausuͤbung buͤrgerlicher Rechte koͤmmt es vor⸗ zuglich auf die Wohnung des Berechtigten und Verbundenen an. Wo ein Buͤrger ſein Hauptetabliſſement hat, da wohnt er auch(102). 264 2) Die verheirathete Frau folgt der Wohnung des Man⸗ nes, der nicht emancipirte Minderjährige folgt der Wohnung ſeiner Aeltern und Vormünder, der pro prodigo Erklärte der Wohnung des Curators, Dienſtboten und beſtͤndige Tagloͤhner und Arbeiter der Wohnung der Brodherrſchaft (1os, 109) 3) Die Veraͤnderung der Wohnung kann durch ausdruͤckli⸗ che Erklärung am Orte des neu bezogenen und am Orte des verlaſſenen Aufenthalts geſchehen. Sie geſchieht den Muni⸗ eipalitäten beider Oerter. Beim Mangel einer Erklärung iſt die Veränderung der Wohnung aus der Abſicht und aus den Umſtanden zu ſchließen(104, 10½). 4) Die Annahme eines lebenslänglichen Staatsamtes ver⸗ ſetzt die die Wohnung des Staatsbeamren an den Ort, wo er das Amt auszuuben hat, die Annahme eines widerruflichen Staatsamtes zieht dieſe Folge nicht nach ſich, ſo lange keine entgegengeſetzte Abſicht vorliegt(ro6, ro7). 63 50 Am HOrte der Wohnung wird die Verlaſſenſchaft eroff⸗ net(110). Eine wichtige Beſtimmung, durch welche eine Menge Streitfragen entſchieden werden. 6) Die Wahl einer ſpectellen Woßnung fur die Vollziehung einzelner Geſchafte, bleibt der Willtuͤhr der Contrahenten uͤberlaſſen(111). Ich kann meine Vorſchlaͤge uͤber die modificirte Anwen⸗ dung des vorliegenden Geſetzes kurz ſaſſen.— Das römi⸗ ſche Recht war die Baſis deſſelben. Der Koder Napoleon fuͤgt einige nahere Beſtimmungen hinzu. Irre ich nicht, ſo läßt er der deutſchen Geſetzgebung Raum zu noch einigen Ver⸗ beſſerungen ubrig. Wichtig iſt die möglichſt genaue Beſtimmung der Frage, wo der Buͤrger wohne? a) für den Hauptintereſſenten oder den Wohnenden ſelbſt, b) fuͤr ſeine Glaubiger, ch fuͤr ſeinen Gatten und ſeine Erben. a 2) Fuͤr den Wohnenden felbſt.— Er muß bei allen perſoͤnlichen Klagen ein competentes Forum ha⸗ ben und ſich nicht in der Nothwendigkeit finden, nach der Laune ſeines Gegners vor fremden Gerichten ſich einzulaſſen. Den Kaufmann, Fabrikanten u. ſ. w. koͤnnen ſeine Ge⸗ ſchäfte nöthigen ſich lange Zeit an einem ſremden Orte aufzus halten. Es iſt ihm daran gelegen, nicht nach Willkuͤhr ſeines 265 Gegners hier, oder an dem Orte, wo er ſeine Hauptnieder⸗ lage hat, angegriffen zu werden. ad b) Fuͤr die Gläubiger.— Sie muͤſſen wiſ⸗ ſen, wo ſie ihre Klage anzubringen haben, ohne ſich der Ge⸗ fahr eines nichtigen Verfahrens durch die Vorladung vor ein incompetentes Gericht blos zu ſetzen— Ein dem Concurſe ſich naͤhernder Schuldner wuͤrde ſeine Gläubiger durch die Einrede der Gerichtsincomperenz leicht her⸗ umfuͤhren koͤnnen, wenn ſein Forum domicilii nicht be⸗ ſtimmt waͤre.— Eben dieſer Ruͤckſicht wegen kann man niemand geſtatten ſeine Wohnung blos zum Schein zu verandern. Fuͤr die Abwendung einer ſolchen Juſtiztönſchung hat das franzoſiſche Geſetz nicht geſorgt.— Daß die Woh⸗ nung blos nach der Abſicht beurtheilt werde, iſt vom roͤmi⸗ ſchen und franzoͤſiſchen Geſetze ſehr zweckmaͤßig verordnet worden. Daß aber der boͤſe Schuldner blos zur Tauſchung ſeiner Glaͤubiger und zur Erſchwerung der Juſtiz eine Abſicht vorgebe, die er nicht hat, haben beide nicht verhuͤtet Die Urcheber des franzoͤſiſchen Geſetzes haben den Man⸗ gel wohl gefuͤhlt. Die Tribunaͤle von Poitiers und Lion hat⸗ ten ſogar vorgeſchlagen eine authentiſche Erklaͤrung desjenigen, der etwa ſeine Wohnung ändern wolle, zu erfordern. Mois quelle sanction pourroit on donner à une pareille disposition?— fragt ein franzoͤſiſcher Redner— quelle peine pourroit-on attacher à l'omission de la declara⸗ tion? FEFt qu'est-ce que qu'une loi que rien ne san⸗ otionne 2*) Ich glaube dieſe Zweifel loͤſen zu koͤnnen. Auch ohne boͤſe Abſicht von Seiten des Schuldners iſt die Beurtheilung ſeiner wahren Abſicht einer vielſei— tigen Anſicht faͤhig. Fuͤr ſeine Glaͤubiger iſt es nicht we⸗ niger wichtig, zu wiſſen, wo er wohne, und wo ſie ihre Kla⸗ ge anzuſtellen haben, wo der Concurs zu eroͤffnen, die Glaͤu⸗ biger vorzuladen, die Inventarien aufzunehmen ſind. Man denke ſich die attractive Kraft des Concurſes hinzu, den Um⸗ ſtand daß Particularconcurſe nach der Einfuͤhrung des Kodex Napoleon nicht mehr moͤglich ſeyn koͤnnen, daß ſie an und fuͤr ſich ein Uebel und ein Rothbehelf ſind— und die Frage, wie eine Geſetzgebung moͤglich ſey— welche in jedem Fall die Wohnung des Buͤrgers noch ſeine ſichern Merkmahle be⸗ ſtimmt?— erſcheint als eine Frage von hoher Wichtigkeit. *) Code civil contenant la série des lois erc. I. 252. 266 um ſie zu beantworten gehe ich von ldem Geſichts⸗ puncte der Tribunale von Poitiers und Lion aus. Der Staat hat ein nicht zu bezweifelndes Recht, jeden, der ſich eine Zeitlang an einem Orte aufhaͤlt, zu fragen, ob er in dieſem Orte ſeine Wohnung etabliren wolle, oder nicht? Eine wirkliche Antwort laßt ſich nicht ohne Strafen erzwin⸗ gen. Und Strafen koͤnnten hart und ungerecht in einer An⸗ gelegenheit ſcheinen, welche durchaus der Willkuͤhr des Ein⸗ zelnen uberlaſſen werden muß. Sie koͤnnten auch darum hart ſcheinen, weil mancher nach ſeiner individuellen Lage bei ſich ſelbſt zweifelt, ob er an dem Orte, wo er ſich auf⸗ hält, ſeine Wohnung fixiren wolle, oder nicht Auch die⸗ ſem Zweifel muß das Geſetz einen freien Spielraum goͤnnen. Dagegen kann das Geſetz das Stillſchweigen ohne Ungerech⸗ tigkeit fuͤr eine einſtweilige verneinende Antwort erklaren, und den Buͤrger nach dieſer Vorausſetzung behandeln. Wer ſich ſechs Monate in einer Gemeinde, in welcher er nicht domicilirt iſt aufhaͤlt, werde vom Vorſtande derſel⸗ ben in einer Glaubwuͤrdigkeit erzeugenden Form zu der Er⸗ klärung aufgefordert, ob er an dieſem Orie wohnen wolle, oder nicht?— Wenn er die Frage beſaht, ſo ſey er ſchul⸗ dig, dem OlRcier de Fétat civi der Gemeinde ſeinen Ge⸗ burtsſchein, und, wenn er verehlicht iſt, auch ſeinen Tauft ſchein in glaubhafter Forin zu uͤbergeben; er werde, ſobald er einmal ſeine Abſicht, in der Gemeinde zu wohnen, erklaͤrt hat— durch Geldſtrafe dazu angehalten. Wenn er die Fra⸗ ge verneint, ſo laſſe man ihn in Ruhe, wiederhole indeſſen die Frage nach ſechs Monaten. Wenn er ſich gar nicht er⸗ klärt, ſo werde zwar eine ſtillſchweigende fuͤr eine verneinen⸗ de Antwort gehalten Der Schweigende darf daher auf die Wohlthaten nicht Anſpruch machen, die nur derſenige genießt, welcher ſich in ſeiner Heimath, an ſeinem Wohnort aufhalt. Damit indeſſen kein Schuldner ſeine Wohnung verlaſſen koͤn⸗ ne, um die Klage ſeinen Gläubigern zu erſchweren, damit er nicht ungeſtraft ſeine Effecten aus ſeinem Wohnorte weg und in ſeinen Aufenthaltsort hinuͤber bringen koͤnne, um die Execution zu verzoͤgern, ſo muß es dem Glaͤubiger des uͤber die Wahl ſeines Wohnorts ſchweigenden Schuldners uͤberlaſ⸗ ſen bleiben, am Wohnort oder am Aufenthaltsort deſſelben perſoͤnliche Klagen anzuſtellen. Wer, ohne eine Frage des Gemeindevorſtandes abzu⸗ warten, anticipativ ſeine Erklärung uͤher die Veraͤnderung ſei⸗ ner Wohnung abgeben wollte, muͤßte zu dieſer Erklaͤrung— 267 wie es auch das franzoſiſche Geſetz verordnet— immer zu⸗ gelaſſen werden. Durch eine ſolche Einrichtung wuͤrde 1) die Willkuͤhr des Buͤrgers uͤber die Wahl ſeines Wohn⸗ orts— wie es auch das roͤmiſche und franzoͤſiſche Geſetz ver⸗ langt— nie beſchränkt und dennoch 2) die Frage, wo ein Buͤrger wohne, oder wo der Ver⸗ ſtorbene ſeine Wohnung gehabt habe, in jedem Falle ohne eine mühſame Unterſuchung von Thatfragen und Thatumſtän⸗ den, welche immer einer vielſeitigen Beurtheilung faͤhig ſind — beantwortet werden koͤnnen Die uͤbrigen Dispoſitionen des franzoͤſiſchen Geſetzes koͤnnen beibehalten werden. Die Verordnung, daß die Annahme eines widerruffli⸗ chen Staatsamtes keine Veränderung der Wohnung nach ſich ziehe, werde lieber in einem deutſchen Geſetze ſo lange nicht erwahnt, als der Grundſatz der franzöſiſchen Adminiſtration, daß außer Richtern alle Staatsbeamte nach Willkuͤhr wieder entlaſſen werden koͤnnen, den Beifall deutſcher Souveraine noch nicht erhalten hat. Was das franzoſiſche Geſetz uͤber das fuür einzelne Ge⸗ ſchaͤfte gewaͤhlte Domicilium verordnet, haͤngt mit der fran⸗ zoͤſiſchen Gerichtsorganiſation auf das genaueſte zuſammen. Da ich ſchon in meinen beiden vorigen Abhandlungen die Verpflanung der franzoſiſchen Gerichtsformen auf deutſchen Boden vorausſetzen mußte, ſo waͤre der ſich darauf beziehende Artikel beizubehalten. XIII. Vortrag der Herzogl. Naſſauiſchen Commiſſion. Dogmatiſche Darſtellungen und Kritik der Lehre des Koder Napoleon über Abweſende. Vorgetragen am uten November 1809. læs] N⸗ gemeinem Rechte gibt es Abweſende im weitern und engern Sinne. Abweſende im weitern Sinne ſind diejenigen, welche ſich aus ihrer Heimath entfernt habon; ob man ihren Aufenthalt kennt oder nicht, koͤmimt nicht in Betracht. Abweſende im engern Sinne ſind die aus ihrer Heimath Cntfernte, von deren Aufenthalt und Daſeyn man nichts weiß. Bei beiden Abweſenden kommen a) ihre eignen Rechte, b) die Rechte ihrer Angehoͤrigen, Glaͤubiger und Erben in Betracht. In dieſer doppelten Hinſicht ſind ſie ein Gegen⸗ ſtand der Aufmerkſamkeit und des Schutzes des Staats und der Geſetzgebuug. Ihre eignen Rechte kommen in Betracht. Sie können ihr Vermoͤgen ohne Aufſicht und Verwaltung zuruͤck gelaſſen haben; ihre klagbaren Rechte konnen durch Verzahrung verlo⸗ ren gehen; gegen ſie angebrachte Klagen werden durch die Fol⸗ gen von Pracluſionen und Contumacialerkenntniſſen zu ihrem Nachtheile entſchieden; eine ihnen angefallene Erbſchaft wird nicht angetreten; bei einer ſie intereſſirenden Theilung oder Inventariſation ſind ſie nicht zugegen u. ſ. w. 269 In Hinſicht der Rechte der Aöweſenden ſelbſt hat es das gemeine Recht nicht an Vorſorgen fehlen laſſen. Es fuͤhrt zum Beſten derſelben die Regel ein: non valenti agere, von currit praescriptio; es läßt ihnen die Abweſenheit als einen Reſtitntionsgrund zu gut kommen; es ordnet zu ihrem Vor⸗ theil, auf Anſuchen der Gläubiger, Schuldner, Mitintereſ⸗ ſenten ſogar von Amtswegen eine Curatel an Aber eben ſo wichtig ſind die durch die Abweſenheit und durch die Ungewißheit uͤber das Daſeyn des Abweſenden ge⸗ fährdeten Rechte Anderer Bei der Erhaltung ſeines Ver⸗ moͤgens ſind ſeine Glaubiger und kuͤnftige Erben intereſſirt; ſeine etwa hinterlaſſene Ehegattin bedarf eines Vertraters, ſei⸗ ne Kinder eines Vaters; wenn er keine Kinder hat, fragc es ſich: ob? wer? und wie? er beerbt werde? nach welcher Epoche die Perſon der Erben, oder die Frage: wer ſeine Er⸗ ben ſind?— zu beſtimmen ſey? In dieſer zweiten Hinſicht ſind die Vorſorgen des gemei⸗ nen Rechts äuſſerſt duͤrftig.— Indem ein Curator zum Schutze der Rechte und des Ei⸗ genthums der Abweſenden angeordnet wird, erhalten freilich auch die Glaͤubiger deſſelben Gelegenheit, ihre Rechte gegen den Abweſenden geltend zu machen Zum Beſten des zuruͤckgebliebenen Ehegatten verſtattet das Kirchenrecht der Proteſtanten die Scheidungsklage wegen boͤßlicher Verlaſſung Ob aber der Abgeſchiedene zu einer neuen Ehe uͤbergehen koͤnne, daruͤber ſchweigt die katholiſche Kirche. Ob die ver⸗ laßne Strohwittwe dem abweſenden ſiebenzig⸗, achtzig?, viel⸗ leicht hundertährigen Gatten die Aufbewahrung ehelicher Treue ſchuldig ſey— indeß vielleicht ſein Schatten ein ſol⸗ ches Opfer laͤngſt nicht mehr fordert— entſcheidet— ſoviel ich weiß— kein Ausſpruch des Vaters der Kirche. Ueber die Eroͤffnung der Erbſchaft des Abweſenden bleibt endlich das poſitive Geſetz gänzlich ſtumm. An der Stelle derſelben entſcheidet Praxis und Will⸗ kuͤhr. Sie ſtellen zwei Hauptſyſteme auf. Nach beiden Syſtemen wird durchaus willkuͤhrlich und ohne den Vorgang irgend eines Geſetzes angenommen, daß der Abweſende ſiebenzig Jahr nach ſeiner Geburt geſtorben— oder nach dem Kunſtausdruck— verſchollen ſey. Nach beiden Syſtemen kann daher das Vermoͤgen des Abweſenden nicht anders von den Erbpraͤtendenten in Beſitz genommen werden, als wenn ſie zeigen, daß ihr angeblicher 270 Erbloſſer, wäre er noch am Leben, das ſiebenzigſte Lebensjahr wuͤrde zuruͤckgelegt haben Dagegen iſt nach dem erſten Syſtem die Frage: wer ihn beerbe, nach der Epoche zu beſtimimen, wo man teine Nach⸗ richten von ihm erhalten hat. Nach der zweiten ſind die erhebenden Individuen nach der juriſtiſchen Fiction ſeines Todesjahrs oder nach der Frage, zu beſtimmen, wer ihn— wenn er grade am Schluſſe des ſiebenzigſten Lebensjahrs dieſen irdiſchen Schauplatz verlaſſen hatte— wuͤrde beerbt haben. So iſt die beruͤhmte Controverſe uͤber die Beerbung des Verſchollenen ex tunc oder ex nunc conſtruirt— eine Con⸗ troverſe, an welcher der juriſtiſche Scharfſinn ſich ſeit Jahr⸗ hunderten vergeblich erſchoͤpft. Fragt man— wie es zu halten ſey— wenn der Ver⸗ ſchollene der juriſtiſchen Fiction zum Trotz das ſiebenzigſte Le⸗ bensjahr uͤberſchreitet und im Lande der Lebendigen, aus wel⸗ chem ihn die Richter— unter der Autorität der Praxis aus⸗ gewieſen hatten— wieder auftritt? Wer ihm ſein Vermoͤgen zuruͤckgebe? Ob er von der Gnade ſeiner zudringlichen Stell⸗ vertreter abhange? Wie ihm zu helfen ſey, wenn dieſe in der Zwiſchenzeit ſein Vermoͤgen durchgebracht haben?— ſo bleibt man ohne Antwort. Auf dieſen ſehr möglichen Fall hatte die Prapis nicht gedacht. Fragt man endlich, warum denn grade die juriſtiſche Fie⸗ tion auf das ſiebenzigſte Jahr verfallen? warum ſie— da dieſes Jahr bei weitem nicht das Ziel der moͤglichen Dauer des menſchlichen Lebens bezeichnet— nicht eine ſpätere Epo: che waͤhle?— ſo wird man an den Sänger der Pſalmen, David, verwieſen, welcher ſeine Zeitgenoſſen und die Nach⸗ welt belehrt habe, daß das Leben des Menſchen ſiebenzig Jah⸗ re währe*) Freilich hatten Inſtinian und Ulpian eine andere Anſicht. Sie beſtimmten die laͤngſte Lebensdauer auf hundert Jahre**); nach dieſer juriſtiſchen Fietion verordnete das Pandectenrecht, daß unſterbliche moraliſche Perſonen bei einem ihnen hinterlaſ⸗ ſenen Uſufruct hundert Jahre geſchutzt werden ſollten. Allein dieſe Lehre ſchien der Praxis fuͤr die Erben des Abweſenden zu troſtlos. Da das roͤmiſche Geſetzbuch keine *) Pſalmen RC. 10. **) fl. VII. 1 de usufructu et quemadmodum quis utatur ftua- tur fr. 55.— Placuit autem centum annis tuendos esse mur cipes: quia is finis virae longaevi hominis est. c. 1. a. de S. Z. eccles. e a3 3 Auskunft, wie ſie wuͤnſchte, gab, ſo nahm ſie ihre Zuflucht zum alten Teſtament, und ſchob dem Ausſpruch des Kaifers Juſtinian den Ausſpruch eines juͤdiſchen Koͤnigs unter. Die vorrevolutionaire Praxis der franzoͤſiſchen Gerichts⸗ hoͤfe hatte bei der Behandlung der Abweſenden ganz andere Anſichten und Grundſätze. Nur in der Art der Anwendung wichen die Gewohnheiten der Provinzen von einander ab. Man untetſchied die praſumirte von der declarirten Ab⸗ weſenheit. Die praͤſumirte Abweſenheit trat ein, wenn entweder jemand an ſeinem Wohnort nichts von ſeinem Aufenthalt hatte hoͤren laſſen, oder wenn wenigſtens ſeine zuruͤckgelaſſenen Freunde und Angehoͤrigen nicht wußten, ob oder wann er zu⸗ ruͤckkehren wuͤrde? Hatte er keine Verwaltung fuͤr ſeine Angelegenheiten und Guter beſtellt, ſo wurde ihm auf Anſuchen des intereſſirten Theils vom Richter ein Curator fuͤr einzelne Handlungen, je⸗ doch kein beſtändiger Curator ernannt Man hatte Beiſpiele von einer ſehr ſchlechten und eigen⸗ nuͤtzigen Verwaltung des beſtaͤndigen Curators erlebt; man mußte ſie erleben, da nie ein franzoſiſches Geſetz Vormuͤn⸗ dern und Curatoren die Verbindlichkeit auferlegt hatte, jähr⸗ lich Nechnung abzulegen Die Gerichtsordnung vom Jahr 1667 hatte ſogar be⸗ ſtändige Curatelen fuͤr Abweſende unterſagt*. Hatte die praſumirte Abweſenheit in Paris drei, im ehe⸗ maligen Anjou und Maine ſieben, in Toulouſe neun, in Bre⸗ tagne zehn, in den meiſten Provinzen fuͤnf Jahre fortgedauert, ſo war es den Perſonen, welche in dieſer Epoche praͤſumtive Erben des Abweſenden geweſen wären, verſtattet, um provi⸗ ſoriſche Immiſſion in die Guͤter des Abweſenden nachzuſuchen⸗ Mit dieſer Immiſſion baten ſie zugleich um eine Abwe⸗ ſenheits⸗Declaration. Zur Erwuͤrkung derſelben war es blos erforderlich, dem Gerichte eine ſogenaunte Rotorietats⸗ Urkunde uͤber die ſeit drei, fuͤnf, ſieben Jahren u. ſ. w. fortdauernde Ab⸗ weſenheit vorzulegen. Die Notorietätsurkunde beſtand in einem von einer ge⸗ wiſſen Anzahl Zeugen unterſchriebenen Certificat des Inhalts, daß man binnen dem vom Geſetze erforderlichen Zeitraume vom Abweſenden keine Nachricht erhalten habe. *) Code civil, contenanr la sẽrie des lois qui le composent avec leurs motifs 1 260. 272 Die Immiſſion in die Guͤter bes Abweſenden war indeſ⸗ ſen ein bloßes Depoſitum. Die immitirten praͤſumtiven Er⸗ ben mußten wegen der Ruͤckerſtattung derſelben nebſt den Fruͤchten, auf den Fall der Ruͤckkehr des Abweſenden, Cau⸗ tion teiſten. Die Caution ging auf Eigenthum und Fruͤchte. Nur war in Anſehung der Fruͤchte ihre Dauer beſchrankt, gewoͤhn⸗ lich auf 15, in Bretagne auf 10, in Paris auf 20 Jahre.— Erſchien der Abweſende vor Ablauf dieſer Perioden, ſo konnte er auf volle Reſtitutton der Fruͤchte und des Eigenthums kla⸗ gen Nachher waren ſaͤmmtliche Fruͤchte den praſumtiven Er⸗ ben erworben. Ueber die Frage, wenn der Abweſende fuͤr juriſtiſch todt oder, nach unſerm Sprachgebrauche, fuͤr verſchollen zu halten ſey 7e war die franzoſiſche Gerichtspraxis wieder durch⸗ aus getheilt. Die herrſchende, oder bei den meiſten Tribunälen be⸗ folgte Praxis war, daß nach Ablauf von hundert Jahren ſeit der Geburt des Abweſenden ſein Tod zu vermuchen ſey. Alle Sicherheitsmaasregeln hoͤrten nun auf. Die Erben er⸗ hielten Veraͤuſſerünasbefugniß Bei andern Gerichten wurde eine kuͤrzere Zeitperiode er⸗ fordert. Noch andere machten einen Unterſchied zwiſchen verreiſ⸗ ten und ploͤtzlich verſchwundenen Abweſenden. Bei letztern nahm man nach Ablauf einer beſtimmten Zeitperiode an, daß der Asweſende am Tage ſeines Verſchwindens geſtorben ſey⸗ Nach dieſer Hypotheſe wurde die Veraͤuſſerungsbefuͤgniß des immſtirten praſumtiven Erben entſchieden. Nur in Hinſicht der Heirathsbefugniß des hinteriaſſenen Chegatten ließ man gar keine juriſtiſche Fiction gelten, und verſagte der Lehre von Verſchollenen allen Werth. Der zuruͤckgenliebene Ehegatte wurde nicht anders zur weitern Heirath gelaſſen, als wenn er den wirklichen Tod des Abweſenden beurkundete. Selbſt der Umſtand, daß ſeit der Geburt deſſelben uͤber 00 Jahre abgelaufen waren, befreiete ihn vom Zwange der Wittwenſchaft nicht. 5 So unbeſtimmt, abweichend und mangelhaft war die Geſetzgebung des royaliſtiſchen Frankreichs uͤber die Rechte und uͤber das Vermoͤgen von Abweſenden. Und doch war eine vollkommenere Geſetzgebung ͤber die⸗ ſen Gegenſtand noͤthiger in der franzoͤſiſchen Monarchie, als in einem deutſchen von Seehaͤfen und merkantiliſchen Umge⸗ bungen entfernten Landſtaat. 273 Litterairiſche, merkantiliſche und militairiſche Speeulatio⸗ nen fuͤhrten Franzoſen in alle Welttheile. Familienväter verließen ihre Heimath, um in den Colo⸗ nien verlorne Reichthuͤmer wiederzufinden. Gelehrte— verfolgt von Hofkabalen, litterairiſchem Neid oder prieſterlicher Intoleranz— ſuchten in entfernten Climaten eine ſichre Zuflucht Wer ſeiner gekraͤnkten Ehre— ein in Frankreich unter den gebildeten Ständen nicht ſeliner Fall— blutige Rache verſchafft hatte, floh die Ahndung eines ihn nicht immer im Auslande verfolgenden Geſetzes Die Revolution erſchien mit ihren zahlreichen Kataſtros phen. Jede hatte neue Auswanderungen zur Folge. Aber nicht jede brachte die Ausgewanderten auf die Emigrantenliſte. Abweſende, welche das Geſetz nicht durch den buͤrgerlichen Tod heimſuchte, mußte das nämliche Geſetz ſchutzen Ruͤckkehren⸗ de, welche ihre Guͤter in fremden Haͤnden fanden, welche, ausgepluͤndert von habſuchtigen Verwandten, die Huͤlſe der Gerichte oder das Mitleiden ihrer Freunde in Anſpruch neh— men mußten, boten der Nation ein trautiges Schauſpiel dar. Ein weiſes und conſequentes Geſetz uͤber die Rechte der Abweſenden wurde unter dieſen Umſtaͤnden ein Beduͤrſniß der Zeit. Dieſes Beduͤrfniß brachte das Geſetz hervor, welchem gegenwaͤrtige Darſtellung gewidmet iſt. Es gehoͤrt zu den beſſern Fruͤchten der franzoͤſiſchen Legislation. Es ſey mir erlaubt ) eine raiſonnirte Ueberſicht des Inhalts des Geſetzes, 11) Vorſchläge über die Einfuͤhrungsart deſſelben in einem Staate des Rheinbundes darzulegen. ad 1. Raiſonnirte ueberſicht des Inhalts des Geſetzes des Koder Napoleon uͤber Abweſende. Es kommen hier vor allen Dingen a) zwei verſchiedene Arten von Abweſenheit, b) die Folgen beider Abweſenheiten in Betracht. Von den zwei verſchiedenen Arten von Abweſenheit han⸗ delt das erſte und zweite Kapitel. Von den Folgen beider Abweſenheiten das dritte Kapi⸗ tel, welches wieder in mehrere Sectionen zerfaͤllt. In'einem vierten Anhangskapitel beſtimmt das Geſetz die geſetlichen Vorſorgen fur die hinterlaſſenen Kinder des Ab⸗ weſenden. 18 —— — 274 ad a) Von den beiden verſchiedenen Arten der Abweſenheit. Es giebt nach dem Sprachgebrauche des franzoͤſiſchen Rechts eine vermuthete und eine erklaͤrte Abweſen⸗ eit. 3 Die erkläͤrte Abweſenheit iſt nur dann vorhanden, wenn auf Anrufen der intereſſirten Theile, nach vorgängigem rich⸗ terlichen Verfahren, nach Anhoͤrung des Bevollmachtigten des Kaiſers, ein nur nach juriſtiſcher Vermuthung abweſendes Individuum fuͤr wirklich abweſend erklärt wlrd. Bis zur richterlichen Abweſenheitsdeclaration exiſtirt nur eine vermuthete Abweſenheit(Présomption d'absence). In dieſem Zuſtande des Abweſenden wird demſelben nie von Amtswegen ein beſtaͤndiger Curator ernannt. Dagegen wacht der procureur impérial hei allen gerichtlichen Angrif⸗ fen fuͤr ſein Intereſſe; jener procureur impériai wird bei allen gegen den Abweſenden erhobenen Klagen vernommen (114). Bei Inventariſationen, Abrechnungen, Theilungen und Liquidationen beſtellt das Tribunal erſter Inſtanz, auf Anrufen des intereſſirten Theils, einen den Abweſenden ver⸗ tretenden Notar(113)*). Nach dem Drange der Umſtande geht das Gericht noch weiter. Auf Anrufen des intereſſirten Theils beſtellt es fuͤr das ganze Vermoͤgen des vermuthlich Abweſenden oder füuͤr einen Theil deſſelben einen Curator(1 12). Competent fuͤr dieſes Verfahren iſt dasjenige Gericht, unter deſſen Gerichtsbezirk ſich der Wohnor: des Abweſenden findet.— Das nämliche Gericht iſt rompetent bei dem Ver⸗ fahren uͤber eine zu erklärende Abweſenheit. Hat nämlich die vermuthete Abweſenheit vier Jahre fort⸗ gedauert, iſt in der Zwiſchenperiode keine Nachricht vom Ab⸗ weſenden eingegangen, dann koͤnnen diejenigen Perſonen auf⸗ treten, welche am Tage ſeines Verſchwindens oder der letzten von ihm erhaltenen Nachricht *) Dieſe Verfüͤaung findet ſich ſchon in einem Dectet der Na⸗ tionalverſammlung vom 11. Februar 1791. Es verordnete que„Sil y avait lieu de faire des inventaires, comptes, Parta- „Les ert liquickations, dans lesquels se rrouverdient interessés „des absens qui ne seroient detendus par aucun tondé de pro- curation, la partie la plus diligente s'adresseroit au tribunat „competent, qui commettroir d'oflice un notaire pour proceder „ la confection de ces actes.“ Labsent lui méme— ſagt Bigot Préameneu— n'eut pu chcisir personne, qui plus qu un notaire, fut en Stat de connoi- tre et de defendte ses intéréts dans ce genre d'afãires. Coda civil etc I. p. 66. 275 ſeine PräſumtivErben waren(120)! ſie können das Abweſenheitsverfahren einleiten und eine richterliche Ab⸗ weſenheitserklaͤrung nachſuchen. Die Praͤſumtiv⸗Erben uͤbergeben Urkunden und Beſchei⸗ nigungen, aus welchen die vermuthete Abweſenheit ihres ver— mutheten Erblaſſers hervorgeht Findet das Gericht die Beſcheinigungen zureichend, ſo. verordnet es ein Zeugenverhoͤr uͤber die Abweſenheit. Waren der Wohnort und der letzte Aufenthaltsort des Abweſenden verſchieden, ſo wird das Zeugenverhoͤr an beiden Orten verordnet. Die Präſumtiv Erben ſchlagen Zeugen vor, der Be⸗ vollmaͤchtigte des Kaiſers ſchlägt andere Zeugen vor. Er wahlt ſie unter denjenigen Perſonen, welche mit dem Abwe⸗ ſenden in der genaueſten Verbindung ſtanden, welche am er— ſten Nachricht von ihm erhalten konnten! Dies iſt der Sinn des Ausdrucks des franzoͤſiſchen Ge⸗ ſetzes:— letribunal ordonnera qu'une enquéte soit faite contradictoirement avec le procureur impérial (110). Die Zeugen werden nicht blos uͤber die Abweſenheit ſelbſt, ſondern auch uͤber die ihnen bekannten Urſachen der Abweſen⸗ heit und uͤber die Quellen ihres Wiſſens befragt. Nach vollendetem Zeugenverhoͤr werden die Praͤſumtiv⸗ Erben nebſt dem procureur impérial gehoͤrt. Der Richter erlaßt demnaͤchſt ein die Abweſenheit erklä⸗ rendes oder ein dieſe Erklaͤrung noch zur Zeit verweigerndes Urtheil Er nimmt bei der Abfaſſung des Urtheils Ruͤckſicht auf die Gruͤnde der Abweſenheit und auf die Urſachen, welche vielleicht das Stillſchweigen des Abweſenden veranlaſſen(117), Beide koͤnnen aus den Auoſagen der Zeugen hervorgehen z. B. der Abweſende kann in Gefangenſchaft getathen, das Schiff, welches Nachricht von ihm bringen ſollte, kann verlo⸗ ren gegangen ſeyn. Enthalt das Urtheil eine Abweſenheitserklaͤrung, ſo kann es erſt ein Jahr nach der Verfuͤgung des Zeugenverhors wir: kende Kraft erhalten(119). Es folgt hieraus, daß vom Tage des Verſchwindens des Abweſenden wenigſtens fuͤnf volle Jahre abgelaufen ſeyn müſ— ſen, ehe das Geſetz eine Abweſenheirsdeclaration wirkſam läpt. Der Procureur impérial ſendet alle im Laufe des Ver⸗ 15* 116 A1 276 ſahrens uͤber die nachgeſuchte Abweſenheitserklaͤrung ergangene richterliche Verfuͤgungen und Haupturtheile(jngemens prs- paratoires et definitifs) an den Großrichter Juſtizminiſter, welcher ſie durch den Druck in öffentlichen Blaͤttern bekannt machen läßt(118). Durch dieſes Mittel wird der Abweſende, wenn es mög⸗ lich iſt, von den uͤber ihn und ſein Vermogen verhaͤngten Maasregeln benachrichtiget ad b) Von den Folgen der Abweſenheit. Die Abweſenheit wirkt 1) theils in Hinſicht der Guͤter des Abweſenden, 2) theils in Hinſicht der Rechte, welche ihm wuͤrden eroͤffnet werden, wenn er am Leben waͤre, 3) theils in Hinſicht ſeiner Ehe. ad I. In Hinſicht ſeiner Guͤter. In Gemaͤßheit der richterlichen Abweſenheitserklärung werden die Präſumtiv Erben in den Beſitz der Guͤter des Prä⸗ ſumtiv⸗Erblaſſers gegen Caution eingeſetzt(120). Dieſe Ein⸗ ſetzung hat indeſſen nur die Natur eines Sequeſters oder ei⸗ nes Depoſitums. Sie iſt proviſoriſch. Die Eingeſetz⸗ ten erlangen nur das Recht der Guͤterverwaltung. Sie bleis ben dem Abweſenden, wenn er wieder erſcheint, oder Nach⸗ richten gibt, verantwortich(125). Das etwa vom Abweſenden errichtete Teſtament wird auf Anſuchen der Intereſſenten oder des kaiſerlichen Bevoll⸗ maͤchtigten eroͤffnet. Alle diejenigen, welche aus dem Teſta mente Rechte auf den Fall erlangen wuͤrden, wenn der Teſti⸗ rer geſtorben waͤre, koͤnnen dieſe Rechte proviſo riſch, ge⸗ gen Caution ausüben(123). War der Abweſende bei ſeinem Verſchwinden verheirathet, lebte er mit dem andern Ehegatten in der Guͤtergemeinſchaft, ſo kann der Zuruͤckgebliebene ſowohl die proviſoriſche Immiſſion der Erben, als die dem Tode des Abweſenden ſubordinirte provi ſoriſche Ausuͤbung der Rechte der Legatarien durch die Erklaͤ⸗ rung verhindern, daß er in der Gemeinſchaft fortleben wolle. Will der zuruckgebliebene Ehegatte die Gemeinſchaft auf⸗ heben, ſo kann er eine Theilung verlangen, ſeine Einlage zu⸗ ruͤckziehen, und alle geſetzliche und conventionelle Rechte des aus der Gemeinſchaft tretenden Ehegatten ausuͤben; nur muß er wegen aller der Reſtitution faͤhigen Gegenſtaͤnde auf den Fall der Zuruͤckkunſt. des Abweſenden Caution leiſten. 277 Hat der hinterlaſſene Ehegatte ſich fuͤr die Fortdauer der Gütergemeinſchaft erklärt, ſo kann er dennoch hinterher auf die Gemeinſchaft Verzicht leiſten. Dieſe Diſpoſitionen und der Geiſt und Zweck derſelben wuͤrden ohne eine vorlaͤufige Kenntniß der ehelichen Guͤterge⸗ meinſchaft des franzoͤſiſchen Geſetzbuchs unverſtändlich ſeyn. Kennt man aber dieſe Guͤtergemeinſchaft, ſo verſteht man ſie leicht und uͤberſieht ihren Zweck. Der K der Napoleon fuͤhrt in allen Faͤllen in welchen nicht etwas anders verabredet worden, eine Guͤtergemeinſchaft der ehelichen Errungenſchaft und des Mobiliar Vermoͤgens— gleichviel, ob es in die Ehe gebracht, oder darin erworben worden iſt— ein. Die Gemeinſchaft wird durch die Trennung der Ehe— erfolge ſie durch den natuͤrlichen oder buͤrgerlichen Tod oder durch Scheidung— aufgeloͤßt, nach der Societätsregel, daß mit dem Austritt eines Socius die Societät erloͤſche. Zwiſchen dem Ueberlebenden und den in der Ehe gezeug⸗ ten Kindern dauert keine prorogirte Guͤtergemeinſchaft fort. Die volhaͤhrigen Kinder koͤnnen daher auf Errichtung eines Inventariums und auf Abtheilung dringen, im Namen der Minderjöhrigen muß es der kontrollirende Vormund(tuteur subrogé) thun. Beruhte das die Abweſenheit erklaͤrende Urtheil— wie die gegen Verſchollene erlaſſenen Praͤcluſionen deutſcher Ge⸗ richte— auf der juriſtiſchen Fiction des wirklichen Ab⸗ ſterbens des Abweſenden, ſo muͤßte nach der naͤmlichen Fiction die eheliche Guͤtergemeinſchaſt aufhoͤren. Auf einer ſolchen Fiction beruht indeſſen jenes Urtheil nicht. Es ſpricht die Meinung des Tribunals aus, daß man weder vom Leben noch vom Abſterben des Abweſenden etwas wiſſe. Es erklärt weiter nichts, als dieſe Ungewißheit fuͤr gewiß, indeß bei der vermutheten Abweſenheit ſelbſt dieſe Ungewißheit nur als Vermuthung erſcheint. In dieſem Zuſtande der Ungewißheit nun ſtrebt das Ge⸗ ſetz dahin, daß ſie niemand zum Nachtheil gereiche. Dies wuͤrde ſie aber, wenn die Präſumtiv-Erben des Ab⸗ weſenden nicht in den Beſit ſeines Vermoͤgens als Adminiſtra⸗ toren geſetzt wuͤrden. Die Immiſſion iſt daher doppelſeitig. Sie hat die Eigenſchaft einer Einſetzung in die Erbſchaft, wenn die Folge zeigt, daß der Abweſende zur Zeit der Immiſſion geſtorben war. Sie hat die Eigenſchaft einer uͤbertragenen Adminiſtration, wenn ſich das Gegencheil ausweiſt. 278 Aber eben darum, weil die vom Richter anerkannte Un⸗ gewißheit uͤber das Leben des Abweſenden niemand nachtheilig werden ſoll, kann man dem hinterlaſſenen Ehegatten nicht wider ſeinen Willen proviſoriſch die Aufloͤſung der Guͤterge⸗ meinſchaft zumuthen, oder zu ſeinem Nachtheil den Tod des Abweſenden hypothetiſch vorausſetzen. Ihm muß die Wahl uͤberlaſſen bleiben. Nur wenn ihm die Ungewißheit ſchadlich ſeyn koͤnnte, wenn er dabei ein Intereſſe hat, den Abweſenden interimiſtiſch— nicht als lebend zu betrachten— muß er befugt ſeyn, aus der Guͤtergemeinſchaft zu treten.. Da indeſſen die Hypothefe nur eine Hypotheſe bleibt, bei weſcher der wirklich lebende Abweſende ſogar konnte gefaͤhr⸗ det werden, ſo muß der austretende Ehegatte wegen der Wiederherſtellung der Guͤtergemeinſchaft Caution leiſten. Endlich folat aus der naͤmlichen Anſicht die Nothwendig⸗ keit, nach der proviſoriſchen Beſitzeinweiſung, oder nachdem der hinterlaſſene Ehegatte die Fortſetzung der Gemeinſchaft ges wahlt hat, das ganze Vermogen des Abweſenden gerichtlich zu mventariſiren Nur durch dieſe Inventariſation werden in jeder kuͤnftigen Lage der Dinge die Rechte der Intereſſenten geſichert. Sie wird wirklich durch das vorliegende Geſetz verordnet (126). Die Inventariſation muß in Gegenwart des Procureur impérial, oder eines dazu von ihm requirirten Friedensrich ters geſchehen. Nach den Umſtaͤnden verfuͤgt das Gericht bei der Beſitzeinſetzung der Praſumtiv Erben oder nachher den Verkauf des ganzen Mobiliarvermoͤgens oder eines Theils deſtelben. Der gelbſte Kaufpreis, ſo wie der Ertrag der Guͤ⸗ ter muß benutzt und angelegt werden. Die in den Beſitz eingeſetzten Erben können zu ihrer Si⸗ cherheit um eine legale Unterſuchung des Zuſtandes der Immo⸗ bilien und um Taxation derſelben durch Sachverſtändige bit⸗ ten. Letztere werden vom Gericht ernannt Der Bericht der Sachverſtaͤndigen wird in Gegenwart des kaiſerlichen Bevoll⸗ machtigten homologirt. Die Koſten tragt das Vermoͤgen des Abweſenden(126). Den proviſoriſch beſitzenden Erben iſt die Veraͤuſſerung und Verpfandung der unbeweglichen Guͤter des Abweſenden unterſagt(128). Nach der Abweſenheitserklaͤrung werden alle Rechte und Klogen gegen den Abweſeüden gegen niemand, als gegen die 279 geſetzlichen Adminiſtratoren ſeiner Guͤter ausgeuͤbt und ange⸗ ſte llt(134) Es geht aus der ganzen Darſtellung hervor, daß die Friſt der vermutheten Abweſenheit nie kuͤrzer ſeyn kann als fuͤnf Jahre. Denn vor dem Ablaufe von vier Jahren ſeit dem Verſchwinden des Abweſenden, oder ſeitdem er zu⸗ letzt Nachricht von ſich gegeben hat, darf das die Exiſtenz und die Gruͤnde der Abweſenheit conſtatirende Zeugenverhoͤr nicht vorgenommen werden. Und erſt ein Jahr ſpäter iſt die richterliche Abweſenheitserklaͤrung zulöſſig oder wenigſtens wirkſam. Dagegen gibt es zwei Fälle, in welchen die urtheilsmaͤ⸗ ßige Abweſenheitserklärung läͤnger aufgeſchoben wird. Dieſer Fall tritt einmal ein, wenn ſich aus den Ausſagen der Zeugen Umſtaͤnde ergeben, welche die Abwe⸗ ſenheitserklaͤrung noch zur Zeit als bedenklich und gefaͤhrlich darſtellen. Der Fall tritt zweitens ein, wenn der Abweſende die Verwaltung ſeiner Guͤter einem Bevollmächtigten uͤber⸗ geben hat. Mag die Vollmacht erloſchen oder nicht erloſchen feyn, ſo darf die richterliche Abweſenheitserklärung verbun⸗ den mit der Einſetzung der Praͤſumtiv Erben in die Guͤter des Abweſenden nicht eher erfolgen, bis volle zehn Jahre ſeit dem Verſchwinden deſſelben oder der letzten Nachricht, die er von ſich gegeben hat, abgelaufen ſind.— Iſt die Voli⸗ macht erloſchen, ſo ſorgt das Gericht fuͤr den vermutheten Abweſenden, nach den fuͤr dieſe Art von Abweſenheit feſtge⸗ ſetzten Regeln(121, 122). Der Blick der Geſetzgebung bei dieſer Verfuͤgung ſcheint mir auf Menſchenkenntniß gegruͤndet. Vom ploͤtzlich ver⸗ ſchwundenen oder verſtummten Abweſenden vermuthet man daß er geſtorben ſeyn muͤſſe, wenn er binnen fuͤnf Jah⸗ ren nichts von ſich horen laßt. Man vermuthet, daß ſein Herz zu ſehr an ſeiner Heimath, an ſeinen Verbindungen und Bekanntſchaften haͤnge, daß er zu wenig gegen die Erhal⸗ tung ſeines Vermoͤgens gleichguͤltig ſey, um in dieſem Zeit⸗ raume nichts von ſich hoͤren zu laſſen. Hat er dagegen vor dem Austritt aus ſeiner Heimath einen Bevollmächtigten fuͤr ſein Vermoͤgen beſtellt, ſo hat er eine lange Abweſenheit vor⸗ ausgeſehen. Man kann nach fünf Jahren die Hypotheſe ſei⸗ nes Abſterbens noch nicht aufſtellen. Man muß den Ab⸗ lauf eines laͤngern Zeitraums abwarten. Erſcheint der Abweſende, ehe dreißig Jahre, ſeit der propiſoriſchen Guͤterbeſitnahme der PräſumtivErben abge: 280 laufen ſind, ſo erhaͤlt er ſein ganzes Kapitalvermoͤgen in dem Zuſtand oder Werth wieder, in welchem es ſich bei der Be⸗ ſitznahme der Erben fand. In Anſehung der Einkuͤnfte hat das Geſetz folgende Regeln feſtgeſetzt: 1) Macht der Abweſende die Rechte ſeiner Exiſtenz gel⸗ tend, ehe 15 Jahrelſeit ſeinem Verſchwinden abgelaufen ſind, ſo erhaͤlt er den fünften Theil der Einkuͤnfte zuruͤck. 2) Tritt er nach dem 15ten Jahre auf, ſo erhaͤlt er uur den zehnten Theil wieder, 3) Nach einer dreißigjaͤhrigen Abweſenheit ſind alle Ein⸗ kuͤnfte den Präſumtiv; Erben erworben. Der terminus a quo dieſer Zeitfriſt iſt der Tag des Verſchwindens oder der letzten Nachricht. Die nur gegen Caution zulaͤſſige, mit der Unterſagung der Veraͤußerungs und Verpfandungsbefugniß der unbeweg⸗ lichen Guͤter verbundene proviſoriſche Immiſſion der Prä⸗ ſumtiv Erben dauert dreißig Jahre fort. Erhaͤlt man in dieſem Zeitraume kein Lebenszeichen vom Abweſenden, ſo verwandelt ſich die proviſoriſche in eine de⸗ finitive Einſetzung in ſeine Guͤter. Die Caution hoͤrt auf, die Veraͤuſſerungsunterſagung nimmt ein Ende; mehrere Miterben und Mitintereſſenten konnen die Theilung der Guͤter des Abweſenden verlangen. Die naͤmlichen Rechtsverhältniſſe treten ein, wenn ſeit 32 Geburt des Abweſenden hundert Jahre abgelaufen ſind 129.. Die Verwandlung der proviſoriſchen in eine definitive Guͤterimmiſſion kann indeſſen nicht anders als durch ein ur⸗ theil erfolgen. Dieſem Urtheile muß nach der Bemerkung des Staatsraths Bigot-Preameneu ein Zeugenverhör vor⸗ angehen, welches ſowohl die eingeſetzten Praͤſumtiv⸗ Erben, als der kaiſerliche Bevollmächtigte contradictoriſch veranſtalten. Erſcheint der Abweſende perſoͤnlich, oder erhalt man Nachrichten von ihm, ſo verlieren alle in dem uͤber die Ab⸗ weſenheit angeſtellten Verfahren ergangene urtheile ihre Wirk⸗ ſamkeit. Indeſſen koͤnnen die vorſorglichen bei einer blos ver⸗ mutheten Abweſenheit eintretenden Maasregeln fortdauern oder erneuert werden(131) Erſcheint der Abweſende nach der definitiven Einſe⸗ tzung, oder wird nach dieſer Epoche ſeine Exiſtenz bewieſen, ſo erhaͤlt er ſein Vermögen in dem Zuſtande wieder, in wel⸗ chem es ſich vorfindet. Er erhalt die Subſtanz der noch vor⸗ 281 handenen, den Werth der veraußerten und die an die Stelle der veraͤußerten getretenen Guͤter zuruͤck(132). Dieſes Recht geht auf ſeine Kinder und Descendenten uͤber. Es dauert dreißig Jahre vom Tage der definitiven Immiſſion an gerechnet(133). Es wurde vorhin bemerkt, daß unter den Praͤſumtiv⸗ Erben des Abweſenden diejenigen Individuen verſtanden wer⸗ den, welche ihn wuͤrde beerbt haben, wenn er am Tage ſei⸗ nes Verſchwindens, oder als man die letzte Nachricht von ihm erhielt, geſtorben wäre. Wird in der Folge bewieſen, daß er ſpaͤter geſtorben ſey, ſo iſt die Epoche der Eroffnung ſeiner Verlaſſenſchaft nach dieſer ſpätern Epoche zu beurtheilen. Wuͤrden dann an— dere Individuen ſeine Erben geweſen ſeyn, ſo koͤnnen ſie gegen die proviſoriſch Immittirten die Erbſchaftsklage an⸗ ſtellen Mit der Reſtitution der Fruͤchte wird es eben ſo ge⸗ halten, als wenn der Abweſende ſelbſt ſeine Rechte geltend ge⸗ macht haͤtte(136)*). Dies ſind die in Anſehung der vom Abweſenden wirk⸗ lich hinterlaſſenen Guͤter von der franzoͤſiſchen Geſetzgebung getroffenen Verfuͤgungen; ich komme jetzt auf die Beſtimmunz gen. ad 2) In Hinſicht der Rechte, welche dem Ab⸗ weſenden, wenner am Leben wäre, wuͤr⸗ den eroͤffnet worden ſeyn. Man darf nicht den Hauptſtandpunct der Vorſorge der franzoͤſiſchen Geſetzgebung fuͤr die Guͤter und Rechte des Ab— weſenden aus dem Auge verlieren. Es wird weder die Vermuthung, daß der Abweſende todt, noch daß er am Leben ſey, vom Geſetze wuͤrkſam ausgeſprochen. Hierdurch unterſcheidet ſich das franzoſiſche Geſetz hoͤchſt weſentlich von der Lehre des gemeinen Rechts von Verſchollenen. Ueber Leben und Tod bleibt das Geſetz bis zur definiti⸗ ven Immiſſion voͤllig neutral; ſeine Vorſorgen ſind auf die Moöglichkeit beider Fälle berechnet. *) Hier ſcheint das franzöſiſche Geſetz eine Lücke offen zu laſſen Wie, wenn die eigentliche Epoche des Abſterbens des Abweſenden erſt nach der definitiven Immiſſion bewieſen wird? Wenn ſie par erſt nach der Hefiuitiven Immiſſien erſolgt iſt? Wenn in dieſer Epoche ſeine Erbſchaft ganz andern Individuen als den immittirten Präſumtiv Erden wuͤr⸗ de eroöffnet worden ſeyn? Weicht dann immer noch die Prä⸗ 282 Weil wenigſtens moͤglicher Weiſe das Verſchwin⸗ den des Abweſenden oder ſein gänzliches Stillſchweigen durch ſeinen Tod kann verurſacht worden ſeyn, ſo werden diejeni⸗ gen, welche zur Zeit ſeines Verſchwindens oder ſeiner letzten Nachricht ſeine Erben geweſen wären, in den proviſoriſchen Beſitz der Erbſchaft eingeſetzt. um indeſſen auch hierin nicht zu raſch vorzuſchreiten und dem Willen des Abweſenden, dem vielleicht mit der pro⸗ piſoriſchen Immiſſion wenig gedient iſt, nicht vorzugreifen, wird auch mit dieſer Moaasregel vorerſt noch eingehalten. Da indeſſen auf der andern Seite die Exiſtenz des Ab⸗ weſenden eben ſe moͤglich iſt, ſo werden die immittirten Praͤ⸗ ſumtiv⸗Erben zur Inventariſation und Caution angehalten. Auch wird ihnen die Veraußerung der Immobilien unterſagt. Endlich bleiben den wirklichen Erben, ſo wie dem Anweſen⸗ den ſelbſt, alle Rechte vorbehalten. Erſt wenn hundert Jahre ſeit der Geburt des Abweſen⸗ den oder dreißig ſeit der proviſoriſchen Immiſſion abgelaufen ſind, nimmt das Geſetz eine Meinung an und ſtellt eine Präſumtion ſo lange als Gewißheit wirkſam auf, bis das Gegentheil erwieſen worden iſt. Es nimmt namlich die Mei⸗ nung an, daß der Abweſende zur Zeit ſeines Verſchwindens, oder kurz nachdem er zuletzt Nachricht gegeben, geſtorben ſey. Tn Gemäßheit dieſer geſetzlichen Präſumtion hören Caution und Veräußerungsunterſagung auf. Da bis dahin das Geſetz gar keine Meinung an⸗ nimmt, ſo kann auch derjenige, welcher ſich auf das Leben oder den Tod des Abweſenden gründet und aus der einen oder andern Vorausſetzung Rechte ableitet, keine geſetzliche Präſumtion fur ſich anfuͤhren, er muß in einem wie im an⸗ dern Falle ſeine Behauptung, als das ſein Recht be⸗ gruͤndende Factum, oder als das Fundament ſei⸗ ner Klage, beweiſen*) ſumtion der Wahrheit? Die Verſüͤgung des 133ten Artikels, nach welchem das Recht ber Zurücforderung der Erbſchaft, nach der definitiven Immiſſion der Wralumtiv⸗ Erben, nur auf die Kinder und Desrendenten ſtilſchweigend übergeht, ſcheint jene Frage ſtillſchweigend zu verneinen. Doch waͤ⸗ eine gusdruckliche Beſtimmung immer wunſchenswürdig geweſen. *) Dieſe Anſicht ſcheint auch die Anſicht der jranzöſſſchen Ge⸗ richtspraxis geweſen zu ſeyn— wenigſtens ſeit Ludwig dem Rlllten. Der Tribun Kuget ſagte daruber am 13ten März 1503 folgendes: 283 Nach dieſen Vorausſetzungen werden die Verfuͤgungen, welche ich noch vorzutragen habe, ſehr verſtaͤndlich. Wer ein Recht in Anſpruch nimmt, welches die Exi⸗ ſtenz des Abweſenden vorausſetzt, muß dieſe Exiſtenz als das Fundament ſeines Anſpruchs darthun.— Der Curator des Abweſenden kann daher eine dem letztern, wenn er wirklich am Leben wäre, zugefallene Erbſchaft, Geſchenk oder Leaat nicht verlangen. Erbſchaft und Legat fallen denjenigen In⸗ bividuen ausſchließend zu, welche ſeine Miterben oder Colegatarien oder zunächſt, wenn er wirklich epiſtirte, von ihm vusgelchloſſene Erben geweſen ſeyn wuͤrden(135,(136). Tritt der Abweſende hinterher wirklich auf, ſo bleihen ihm zwar ſeine Rechte unbenommen, allein die Zwiſchenbeſie tzer werden als ſolche betrachtet, die in gutem Glauben beſeſ⸗ ſen haben. Sie ſind deshalb die in der Zwiſchenzeit bezoge⸗ nen Einkuͤnfte nicht zu reſtituiren ſchuldig(138). Die Reſtitutionsklage des Abweſenden gegen jeden Drit⸗ ten iſt der gewoͤhnlichen Verjährungsfriſt aller Klagen unter⸗ worfen. ad 3) Die Folgen der Abweſenheit in Hinſicht der Ehe ſind kurz dahin beſtimmt, daß 1) die vom zuruͤckgebliebenen Ehegatten neu eingegangene Ehe von keinem andern, als von wiedererſchienenen Abwe⸗ ſenden, oder von demjenigen, welcher ſich dazu durch eine Specialvollmacht legitimirt, angegriffen werden kann.— „Une ancienne jurisprudence vouloit que l'absent, tant qu'il n'auroit point acquis ses 100 années, füt présumé vi- vant, et qu'en son nom on půt recueillir les successions, legs, donations, et droits éventuels, qui lui advenoient pendant son absence, comme s'il eüt éré present. Mais depuis 163, d'après un Arrẽt solennel, cette juris- prudence a changée. On décide aujourd'hui que Pabsent ne peut étre réputè ni vivant ni mort; que c'est à celui qui a in- terẽt à le placer dans Pun ou l'autre cas, à le prouver; que ne paroissant point lors de Pouverture d'une succession, il de- voit ẽtre consideré comme n'existant pas et que dès-lors il de- voit étre privé des droits qui lui échercient pendant son ab- sence; que ces droits devoient ẽtre dévolus à ses parens, scit égaux en degrés, soit à des degrés subsequens; sauf, s'il re- paroissoit, a exercer ses actions en perition d'héredité, contre ceus qui s'etoient mis à sa place. Cette jurisprudence S'est établie et confirmẽe par nombre de jugements, de manière, qa'au· jourd hui elie ne fait plus Pombre d'un doute. C'est cette jurisprudence que consacre le projet de loi. Code civil contenant la sériej des, lois qui. le composent vec leurs motifs. I. pag 263. 284 Ueber den Geiſt dieſer Verfuͤgung, uͤber den ſcheinba: ren Widerſpruch, in welchem ſie mit der eben entwickelten Hauptanſicht ſteht, werde ich mich hernach aͤußern ²) Daß der zuruͤckgebliebene Ehegatte, wenn der Abwe⸗ ſende keine erbfahige Verwandte hinterläßt, die proviſoriſche Immiſſion in ſein Vermoͤgen verlangen kann. Dieſe Verfuͤgung gruͤndet ſich auf das eventuelle Inte⸗ ſtaterbfolgerecht der Ehegatten untereinander, welches die fran⸗ zoͤſiſche Inteſtaterbfolge aus dem roͤmiſchen Rechte beibehalten hat. Ich koͤnnte hier die Darſtellung des Inhalts des fran⸗ zöſiſchen Geſetzes uͤber die Rechte der Abweſenden ſchließen. Der Umerſchied zwiſchen der vermutheten und erklärten Ab⸗ weſenheit nebſt den gemeinſchaftlichen und beſondern Folgen derſelben iſt nun voilſtänd'a dargelegt. Es bleibt mir indeſſen noch die Darſtellung der Vor⸗ ſorge uͤbrig, welche das Geſetz fuͤr die etwa hinterlaſſenen minderjährigen Kinder eines verſchwundenen Vaters trifft. Sie bleiben vor allen Dingen der muͤtterlichen Aufſicht überlaſſen Die Mutter uͤbt ſogar die Rechte des abweſen⸗ den Ehegatten in Anſehung der Erziehung der Kinder und der Verwaltung ihrer Guͤter aus(141). Hatten ſie zur Zeit des Verſchwindens des Vaters ſchon ihre Mutter verloren, ſo wird binnen den erſten ſechs Mona⸗ ten die Ruͤckkunft oder die Verfuͤgung ihres Vaters ruhig er⸗ wartet. Nach Ablauf jener Zeufriſt uͤberträgt der Familien⸗ rath die Aufſicht uber die Kinder einem der naͤchſten Anver⸗ wandten Iſt kein Ascendent vorhanden, oder zur Aufſicht fahig, ſo ernennt der Familienrath einen proviforiſchen Vor⸗ mund(142). Eben ſo wird verfahren wenn die Mutter während den erſten ſechs Monaten nach dem Verſchwinden des Vaters oder vor der richterlichen Abweſenheitserklärung ſtirbt.(Ebendaſy. Endlich gilt auch die naͤmliche Regel für den Fall, wenn der verſchwundene Ehegatte minderjaͤhrige aus einer vorher⸗ gehenden Ehe erzeugte Kinder hinterläßt(143. ad II) Kritiſche Zergliederung und Vorſchlä⸗ ge uͤber die Einfuͤhrungsart des Geſetzes über Abweſende in einem Staat derrrhei⸗ niſchen Confoͤderation. Das vorliegende Geſetz iſt ſeinem ganzen Inhalt nach eine Schoͤpfung der Geſetzgebungsphiloſophie franzoͤſiſcher Juriſten. 285 Seine Vorzuͤge vor den Anordnungen des gemeinen Rechts in Anſehung des Abweſenden ſcheinen mir unver⸗ kennbar. Es iſt mir keine deutſche ſtatutariſche Geſetzgebung be⸗ kannt, welche dieſen Grad von Vollkommenheit erreicht hatte. Es wird nicht ſchwer werden den ganzen nnd vollſtaͤn⸗ digen Inhalt des Geſetzes in dem fuͤr einen Staat der rheiniſchen Canfoͤderation angewandten Koder Napoleon aufzunehmen. Ich verſtehe unter dieſer Aufnahme keine woͤrtiiche Ue⸗ berſetzuug. Bei einem blos uͤberſetzten Koder Napoleon moͤchte ſich wohl kein deutſcher Staat glücklich finden. Auch ſcheinen mir mehrere Partien des Geſetzes theils eines ver⸗ beſſernden Znſatzes, theils einer lichtvollern und beſtimmte⸗ ren Darſtellung faͤhig. Mein Antrag geht auf die Aufnahme des Geſetzes in ſeinem Geiſt und Inhait. Ehe ich dieſen Antrag detaillire, muß ich mir erſt erlauben, die contraſtirenden Seiten des franzoͤſiſchen Geſe⸗ tzes uͤber Abweſende mit denjenigen Beſtimmungen darzuſtel⸗ len, welche die deutſche Praxis bei der Lehre von Verſcholle⸗ nen eingefuͤhrt hat. Aus dieſem Contraſte wird der Geiſt des Geſetzes hervorgehen. Ich halte hiernaͤchſt die Rechtfer⸗ tigung des Geſetzes gegen ſehr ſcheinbare Vorwuͤrfe fuͤr Pflicht, welche deutſche Schriftſteller ihm gemacht haben⸗ Die von deutſchen Gerichten angenommene Lehre von Verſchollenen beruht aut der Präſumtion des Abſterbens eis nes ſiebenzigjahrigen menſchlichen Individuums. Sie ſchoͤpft aus allgemeinen Naturgeſetzen und aus Erfahrungen uͤber die Dauer des menſchlichen Lebens. Auf den Umſtand, daß der Abweſende, ſeit zwanzig:, dreißig und mehrern Jahren kein Lebenszeichen gibt, legt ſie keinen Werth, und daraus leitet ſie keine Vermuthung fuͤr ſeinen Tod ab. Zwar iſt die Hy⸗ potheſe von einer ſiebenzigjahrigen Durchſchnittsdauer des menſchlichen Lebens nicht naturgeſchichtlich und ſteht mit den Mortalitätsliſten im Widerſpruch Zwar hatte ſchon Ul⸗ pian eine richtigere Berechnung daruͤber fuͤr die juriſtiſche Praxis aufgeſtellt. Indeſſen wird darum doch niemand in dem von der Praxis aufgeſtellten Geſichtspunct etwas wi⸗ derrechtliches finden. Wichtig ſind die Folgeſatze jenes Ge⸗ ſichtspuncts, welche der practiſche Juriſt, ohne ſeine eigne Conſequenz zu verleugnen, nicht mißkennen darf. Es ſind folgende: 1) Dem Abweſenden muß, wenn er, im Fall er lebte, das *) L. F8. D. ad legem falcidiam. 286 ſiebenzigſte Lebensjahr noch nicht zuruͤckgelegt haben wuͤrde, ein bloßer Curator beſtellt werden, welcher ſein Vermoͤgen blos adminiſtrirt und keineswegs als Praͤſnmtiverbe beſitzt. 2) Der Abweſende wird von denjenigen Individuen beerbt, welche am Schluſſe ſeines ſiebenzigſten Lebensjahres ſeine In⸗ teſtaterben wuͤrden geweſen ſeyn. Hatte er ein ſonſt guͤltiges Teſtament errichtet, und ſind in dieſer Periode die Teſtamentot erben erbfaͤhig, ſo gehen ſie natuͤrlich vor. 3) Lebt der Abweſende wahrſcheinlich— bis zum Beweis des Gegentheils— bis zu ſeinem ſiebenzigſten Lebensjahr, ſo fallen ihm auch Legate und Erbſchaften in ſo weit zu, als er ſie ohne Annahme und Antretung ipso jure erwerben kann. Wer den Abweſenden oder ſeine Erben davon aus⸗ ſchließen will, muß beweiſen, daß der Abweſende vor dem ſiebenziaſten Lebensjahre geſtorben ſey. Die franzoſiſche Geſetzaebung ſchöpft keineswegs die Vermuthung des Todes des Verſchwundenen oder Verſtumm⸗ ten aus der wahrſcheinlichen Dauer des menſchlichen Lebens. Sie gruͤndet vielmehr auf das Verſchwinden oder Verſtum⸗ men ſelbſt die mogliche Vermuthung ſeines Todes. Sie geht nicht von einem Geſetz der phyſiſchen, ſondern der pſyecvlo⸗ giſchen Natur des Menſchen aus. Sie nimmt an, daß Ver⸗ bindungen der Freundſchaft, des Umgangs und der Familie, Liebe zum Eigen hum und zur Heimath zu ſtark auf die menſch⸗ liche Seele wirken, um ein plotzliches Verſchwinden, oder Verſtummen des abweſenden Individuums anders als durch den Tod deſſelben erklären zu können. Doch legt ſie anfangs dieſer Moͤglichkeit nicht Gewicht genug bei, um ſie als zuri⸗ ſtiſche Praͤſumtton oder Hypotheſe bis zum Beweiß des Ge⸗ gentheils in Wirkſamkeit zu ſeßen. Sie nimmt fuͤnf Jahre lang damit Anſtand, und laͤßt während dieſem Zeit⸗ daum blos die im Fall einer vermutheten Abweſenheit verord⸗ neten Maasregeln eintreten. Sie laͤßt nach Umſtänden, und ſo lange ſich das Verſtummen oder Verſchwinden des Abwe⸗ ſenden noch aus andern Gruͤnden erklären läßt, die ganze Hypotheſe noch langere Zeit hindurch auf ſich ſelbſt beruhen. Etſt, wenn alle Vermuthungen des Gegentheils durch lan⸗ gen Zeitablauf ihr Gewicht verleren haben, wenn das ein ganzes Menſchenalter hindurch fortgeſetzte Stillſchweigen des Abweſenden die mämliche Hypotheſe zur hohen hiſtoriſchen Wahrſcheinlichkeit erhebt, laßt ſie das Geſetz als juriſtiſche Praͤſumtion wirkſam werden— aber naturlich nach dem⸗ jenigen Zeitpunct wo die ſie begruͤndende Erſcheinung einge⸗ 287 treten, oder, mit andern Worten, wo der Abweſende per⸗ ſchwunden oder verſtummt war. Von dieſer Anſicht ansgegangen conſtruirt ſich das Ge⸗ ſetz des Kodex Napoleon beinahe von ſelbſt— aber freilich uͤberall im Contraſt mit der deutſchen Gerichtspraxis; denn 1) dem Abweſenden muß von dem Tage an, wo er ver⸗ ſtummt oder verſchwunden iſt, kein Curator beſtellt, ſondern ſeine Präſumtiv⸗Erben muͤßten eigentlich in den Beſitz ſeines Vermoͤgens proviſoriſch und gegen Caution eingeſetzt were den.— Daß letzteres dennoch nicht ſoaleich geſchieht, iſt die Folge einer beſondern geſetzlichen Vorſchrift, keines— wegs eine Folge des von der Geſetzgebung adoptirten Ge⸗ ſichtspunctes; 2) Der Abweſende wird von denjenigen Individuen be⸗ erbt, welche, wenn er im Moment ſeines Verſchwindens oder Verſtummens geſtorben waͤre, ſeine Erben wuͤrden ge⸗ weſen ſeyn. 3) Rechte, welche er nur unter der Bedingung ſeiner Exi⸗ ſtenz erwerben konnte, fallen ihm nicht zu. Wer auf ſein Daſeyn Rechte gruͤndet, muß jenes Daſeyn beweiſen. Widerrechtlich kann man dieſe Anſicht noch weniger als die Anſicht der deuſchen Praxis nennen. Sie iſt in der An⸗ wendung einfacher. Die Praſumtiv⸗Erben, welche der Ab⸗ weſende im Moment ſeines Verſtummens oder Verſchwin⸗ dens hatte, ſind leichter auszumitteln, als die Praͤſumtiv⸗Er⸗ ben nach Ablauf ſeines hypotherſch angenommenen letzten ſiebenzigſten Lebensjahrs. Sie iſt weniger druͤckend fuͤr den Abweſenden, als die Lehre des gemeinen Rechts von Verſchollenen. Denn, wenn dieſe den ſiebenzig)ahrigen Abweſendenden juriſtiſch toͤdtet, ſo toͤdtet ihn das franzoͤſiſche Geſetz juriſtiſch nie, ſondern legt nur der Vermuthung, daß ſein Verſchinden oder Verſtum⸗ men durch den Tod ſey verurſacht worden, nach Ablauf von 35 Jahren oder nach Ablauf von hundert Jah⸗ ren, vom Tage ſeiner Geburt angerechnet, die Wirkung einer juriſtiſchen Praſumtion bei. Die Rechte des nach dieſer Periode wieder auftreten⸗ den Abweſenden bleiben ihm unbenommen, und er macht ſie, ſoweit es die Natur der Sache und Rückſichten fuͤr die Ru⸗ he ſeiner hinterlaſſenen Praͤſumtiv⸗Erben zuläßt, geltend. Seine Descendenten haben 30 Jahre lang— vom Tage an⸗ gerechner, da die Präſumtion ſeines Todes geſetzliche Wir⸗ ſamkeit erhielt— ein vom Geſetz geſchuͤtztes Recht auf ſeinen Nachlaß. In dieſem Geiſte weicht von der gemeinen deutſchen Praxis das Geſetz Frankreichs uͤber Abweſende ab. Dieſem Geſetze ſind indeſſen wichtige Vorwuͤrfe gemacht worden. Ich darf ſie nicht verſchweigen. Denn ſie finden ſich in jener be⸗ „ ruͤhmten Kritik des franzoſiſchen Civilgeſetzbuchs, welche im Jahr 1805 faſt die allgemeine Meinung des litterairiſchen deutſchen Publicums uͤber den Werth des Code civil ent⸗ ſchieden hat „In Anſehung der Verwaltung und Benutzung des Vermoͤgens eines Abweſenden“— ſagt der Verfaſſer derſels ben—„wuͤnſchten wir, daß eine beſſere Ordnung mit Im⸗ mittirung der Verwandten in den Beſitz beobachtet, und durch Edictalien, ſowohl der Abweſende zum Erſcheinen oder Be⸗ ſtellung eines Bevollmäͤchtigten, als die Verwandten even⸗ tualter citirt wuͤrden, um einſtweilen in den Beſitz und den Genuß des Vermögens geſetzt zu werden; denn ſonſt kann leicht der Fall eintreten, daß ein, dem Grade nach entfernte⸗ rer, aber im Orte gegenwaͤrtiger und aufmerkſamer Ver⸗ wandte des Abweſenden die Abweſenheitserklärung bewirkt, und das Vermoͤgen benutzt, inzwiſchen ein dem Grade nach naͤherer, aber zufälligerweiſe gleichfalls auf eine Zeitlang ab⸗ weſender Verwandter erſcheint, der ein natuͤrlicheres Recht hatte, in den Beſitz geſetzt zu werden. Jener kann ſich auf den Buchſtaben des Geſetzes ſtuͤtzen, das keineswegs befiehlt, der Enrferntere ſolle dem Naheren weichen, und wird ſich in dem Beſitze und Genuſſe behaupten⸗ Den Descendenten des Abweſenden ſollten(1339), ſie moͤchten nun vur oder nach 30 Jahren nach dem envoi de- nitiv erſcheinen und ſich legitimiren, die Reſtitution des Vermoͤgens ihrer Aeltern oder Großältern nicht verſagt wer⸗ den. Wir wuͤrden zu dem Ende vorſchlagen, daß ſowohl⸗ bei dem envoi definitiv, als auch, wenn die Descenden ten ſich um Reſtitution meldeten, die Guͤter taxirt wuͤrden⸗ So viel nun zu der letztgedachten Zeit dieſelbe meliorirt wor⸗ den waͤren, dieß muͤßten die Reſtituirten dem Beſitzer verguͤten. Wäre aber der Werth geringer geworden, ſo muͤßten ſie ſich die Guͤter in dieſem Zuſtande anzunehmen gefallen laſſen, es wäre denn dem Beſitzer eine Deterioration durch grobe Fahrlaͤſſigkeit vorzuwerfen und zu beweiſen, in welchem Falle er das, was das Gut jetzt gegen die erſte Ta⸗ xe weniger werth waͤre, erſetzen muͤßte“*). Mehrere dieſer Einwuͤrfe zeigen, daß der Recenſent die *) AL. 3. vom Jahr 103 No. 61. S. 456— 457. 289 zum Code civil gehoͤrenden rapports und motifs, ohne welche das Geſetzbuch nicht mit Billigkeit veurtheilt, ja nicht einmal richtig verſtanden werden kann, und welche ſchon im Jahre 1803— mithin 2 Jahre, ehe die Recenſion erſchien — gedruckt zu leſen waren, nicht geleſen haben kann. Wenn Recenſent 1) eine genauere Beſtimmung der Ver⸗ waltungs und Benuzungsart der Guͤter des Abweſenden ſo⸗ wehl während der vermutheten Abweſenheit, als wäh⸗ rend dem provlſoriſchen Beſitze der Praͤſumtiv Erben wuͤnſcht, ſo kann man ihm zwar ſeinen Beifall nicht verſagen. Der Abweſende ßeellt einen unbeſchützten Buͤrger dar. Allerdings ware es ein des väterlichen Schutzes, welchen ihm der Staat ſchuldig iſt, wuͤrdiger Gedanke, die Praſumtiv Erben zu⸗ gleich in die reine Kategorie eventueller Adminiſtras toren zu ſetzen. In dieſer Eigenſchoft muͤßten ſie einer oͤfe fentlichen Behoͤrde uͤber die Verwaltung des Vermoͤgens ih⸗ res praſumtiven Ecblaſſers jahrlich Rechnung ablegen und dieſe Rechuung juſtiftctren. Wo man, wie im preußi⸗ ſchen Staate, eigne Pupillencollegien hat, iſt auch fuͤr den Abweſenden durch eine ſolche Adminiſtration geſorgt worden⸗ Das franzoͤſiſche Geſetz kennt indeſſen jene Anſtalt nicht. Ue⸗ berhaupt konnte man nie in Frankreich die durch die deutſche Reichspolicetordnung am Ende des ſechzehnten Jahrhunderts eingefuͤhrte jährliche von der Obrigkeit ausgeuͤbte obervor⸗ mundſchaftliche Controlle. Nach der neuen franzoͤſiſchen Ge⸗ ſetzgebung uͤbt der Familienrath die Obermundſchaft aus. Fonnte nicht durch den naͤmlichen Familienrath auch fuͤr den Abweſenden geſorgt werden? Konnte man dem Abweſenden nicht ſchon während der vermutheten⸗ Abweſenheit einen Hauptcurator und eine controllirende Curatel beſtellen? Koͤnns te nicht die letztere zur jährlichen Rechnungsabhoͤrung ange⸗ wieſen werden? Unter dieſer Vorausſetzung wird die Be⸗ ſtellung einer beſtändigen oder eigentlich bis zur Abweſenheitsde⸗ claration fortdauernden Curalel nicht denjenigen Schwierig⸗ keiten und Gefahren unterworfen ſeyn, die ſie vormals in Frankreich fand. Die nämliche Rechnungsablage kann den proviſoriſch immittirten Praſumtiv-Eeben zur Pflicht ge⸗ macht werden. Dadurch wird zugleich der zuruͤcktehrende Abweſende oder der wahre Erbe und Repraͤſentant deſſelben ſogleich in den Stand geſetzt, das ihm zukommende Fuͤnſtel oder Zehntel der Einkünſte ſeines Vermögens zu liquidiren und von den proviſoriſch beſitzenden Praſaitiv/Erben zuruͤck⸗ zufordern. ¹9 290 Der Verfaſſer der Kritik verlangt a), daß waͤhrend dem mit proviſoriſcher Immiſſion in die Guͤter des Abweſenden ſchließenden Verfahren, ſowohl der Abweſende ſelbſt als die vielleicht naͤhern Verwandten und Praſumtiv⸗Erben deſſel⸗ ben durch Edictalien zur Geltendmachung ihrer Rechte aufge⸗ ſordert werden ſollen. Er beſorgt, taß ſonſt ein entfernte⸗ rer, aber am Ort gegenwaͤrtiger aufmerkſamer Verwandte des Abweſenden eine Abweſenheitserklätung erſchleichen moͤ⸗ ge. Er vermißt die Beſtimmung, daß der entferntere dem naͤhern Verwandten weichen muͤſſe⸗ Irre ich nicht, ſo thut der Verfaſſer der Kritik dem franzoͤſiſchen Geſetze hier offenbar Unrecht. Dies Geſetz gibt ja den der Abweſenheitsdeclararion vorangehnden Maasregeln die hoͤchſte Pulicität, deren ſie fähig ſind Alle richterliche Verfuͤgungen werden dem Großrichter Juſtizminiſter zuge⸗ ſendet, und unter ſeiner Firma in allen oͤffenslichen Blättern bekannt gemacht. So weit reichen Edictalien, welche ge⸗ wohnlich nur in drei Zeitnngen abgedruckt werden, nicht. Mit großem Vertrauen in die Wirkſamkeit und Zweckmäßig⸗ keit der verfuͤgten Maasregel, druͤckte ſich der Staatorath Bigot-Préameneu auf folgende Art darüber aus: „La publication des jugemens preparatoires et definitifs deviendra l'enquéte la plus solennelle et la plus universelle. Les résultats en seront attendus pendant une an- née entiére, qui sera la cinquibme depuis le départ. Tout ceux qui auroient eu des nouvelles, ou ceux que en recevroient, auront le temps d'en instruire la justice; et il suffira qu'un seul de ses avis nombreux parvienne à P'absent pour qu'il multiplie les moyens de faire connoitre son existence*). Le ministre de la justice— ſagte der nämliche Red⸗ ner—„emploira non-seulement la voie des papiers publics, mais encore il provoquera dans les places de commerce les correspondances avec toutes les parties du globe.“— Was kann man von deutſchen Edictalien mehr als von der Vorſorge der frauzoſiſchen Geſetzgebung erwarten? Sind nicht die vervielfaͤltigten Aufforderungen an den verborgenen *) Code civil ete, I. pag. 21. . —— * 291 Abweſenden eben ſo viele Aufforderungen an die etwa renden nähern Anverwandten? Wird nicht ein ganzes Jahr lang mit der wirklichen Abweſenheitserklärung und proviſori⸗ ſchen Immiſſion Anſtand genomnien?— Man kann bei der Publicität des franzoͤſiſchen Verfahrens in einem Abwe⸗ ſenheitsproceß nichts als die Form einer ichei com: minatoriſchen Ladung der etwa unbekannten naͤhern Verwans⸗ ten und eine darauf erfolgende wirküche Praͤcluſion vermtſſe Allein jene verſteht ſich ſtillſchweigend und vernuͤnſtig von ſelbſt. Dieſe dagegen iſt weder noͤthig noch tathſam, da kein Grund abzuſehen iſt, warum die etwa nach der Immiſſion ſich legitimirenden naͤhern Erbprätendenten von der Erbfolge und Erbſchaftsklage ausgeſchloſſen ſeyn ſollten. Der Recen— ſent hat daher eine ganz irrige, durch das franzoͤſiſche Geſetz nirgends gerechtfertigte Beſorgniß, wenn er glaubt, daß der immittirte entferntere Erbe, dem erſt hinterher legitimirt auf⸗ tretenden Nähern die Herausgabe der Erbſchaft werde ſtrei⸗ tig machen koͤnnen. Es ſcheint mir in jeder Hinſicht beſſer, es bei der Dispoſition des franzoͤſiſchen Geſetzes bewenden zu laſſen. Endlich tadelt der Verfaſſer der aͤngefuͤhrten Kritik, daß die Descendenten des Abweſenden nur binnen dreißig von der definiriven Beſitzeinſetzung an zu berechnenden Jahre, zur Erbſchaftsklage zugelaſſen werden Er verlangt ſie zu jeder Zeit zuzulaſſen; er ſchlägt zur Erreichung dieſer Abſicht vor, ſowohl bei der definitiven Beſitzeinſetzung, als bei dem Wie⸗ dererſcheinen der Descendenten, die Guͤter zu taxiren, die Klager zum Erſatz der Meliorationen anzuweiſen, die Praͤ⸗ ſumtiv Erben dagegen zum Erſatz der durch grobe Fahr— läſſigkeit entſtandenen Deteriorationen anzuhalten— Ich weiß nicht, ob der Verfaſſer der Kritik den Umfang von dem, was das franzoͤſiſche Geſetz gibt, und von dem, was er noch mehr als das Geſetz verlangt, voͤllig eingeſehen hat. Die endliche Ruhe des Beſizers— erfolge ſie auch nach einem noch ſo langeu Zeitablauf— iſt ein dringendes Be⸗ duͤrfniß der Sicherheit. Jede Klage, jeder Anſpruch muß eine endliche Dauer haben. Wo die gewoͤhnliche Zojah— rige Praſcriptionsfriſt zu kurz ſcheint, da ſetze das Geſetz eine längere— wenn man will, eine funfzig oder ſechzigjahri⸗ ge— feſt. Aber ewig gebe es die Ruhe der Famlien verboegenen Anſprüchen nicht preis. Ss raiſontirte der franzoͤſiſche Geſetzgeber bei der Abfeſſung des vorliehelidsi 1) 292 Geſetzes. Im Gefuͤhl der gerechten Anſpruͤche der letzten auf eine moglichſt verlängerte Wirkſamkeit ihrer Klagen er⸗ ſtreckte er die Dauer derſelben— jenſeits der gewoͤhnlichen Praſcriptionsfriſt auf 63 Jahr, und dieß noch dazu nur in dem Fall, wenn die vermuthete Abweſenheit nicht uͤber fuͤnf Jahre fortgedauert hatte. Denn— da die Descendenten des Abweſenden ihren Erblaſſer repräſentiren, da nach einer geſetzlichen Praͤſum⸗ tion— welche freilich erſt mit der definitiven Beſitzeinſe⸗ tzung voͤllig wirkſam werden ſollte— das Verſtums men oder Verſchwinden des Abwenden fuͤr einen Beweis ſei⸗ nes Todes gehalten wurde, ſo hat im Grunde das Geſetz die Erloſchung der dem Erblaſſer und ſeinen Descendenten zu ſtehenden Klage auf 65 Jahre im nachtheiligſten Falle, und bei einer mehr als fuͤnfſährigen Dauer der vermutheten Ab⸗ weſenheit, auf eine noch längere Reihe von Jahren verſcho⸗ ben. Eine längere Praͤſcriptionsfriſt laßt ſich nicht denken. und zur Einfuͤhrung einer durchaus unverjährbaren Klage fin⸗ de ich keinen Grund*). *) Doch der Urheber des ſranzöſiſchen Geſetzes mag ſeine eigne Ziepoſitlon vertheidigen. Dieſe Vertheidignng— welche ſchon vor dem Angriff eiſtirte— wird wohl die beſte Antwort auf eine Krirtk jeyn, welche in underer Hinſicht trefliche Bemer⸗ kungen enthaͤlt. „ll est un terme— ſagt BigotPréameneu— au-de laà du- quei il ne Seroit ni juste ni conforme 4 Tinterét public de laisser les hẽreriers dans un étar aussi prẽcaire. Lorsque 35 ans au moins se Sont ecoulés depuis la dispa- rution, d'une part le retour seroit Tévénement le plus extraor- dinaire, dhune autre part il faut que le sort des héritiers soit enfin Hné. Lérat de leur famille peut avoir Sprouvẽ de grands changements par les mariages, par la mort, et par rous les cvenemens qui se succedent dans un aussi long intervalle de remps. 11 faut enfin, que les biens de l'absent vuissent ren- trer dans le commmerce; il faut que toute comptabilité des re- venus cesse de la part des héririers. On a, par ces motifs, Srabli commme retle d'ordre publie, 2 laquelle Pintérẽt particulier de Pabsent doit cẽder, quevi 30 ans Sont ẽcoulẽs depuis que jes héritiers ou Pepoux survivant ont été mis en possesson des biens de l'absent, ils pourront chacun selon leur droit, demander à la justice Penvoi definnif en possession. Le tribunal constatera dans la forme ordinaire, qui sera ce le dune enquẽte contradicruire avec le commissure du gouver- nement, que, depuis le premier envoi en posgession,'absenee a continuẽe sans qu'on ait eu des nouvelles, et il prononcera l'envoi defiuitit. Leget de cet enwoi à légard des hẽrétiers Sera que les re⸗ Eben ſo wenig kann ich auch auf eine Taxation bei der definitiven Immiſſion antragen Sie wuͤrde ſehr weit fuͤhren und dem Guͤterverkehr bei Theilungen und Vererbun⸗ gen unendliche Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei der doppelſeitigen proviſoriſchen Immiſſion— wo auf der einen Seite Erben, auf der andern Adminiſtratoren immitlirt wurden— war ſie allerdings nothwendig, und wird auch vom franzoͤſiſchen Geſetze vorgeſchrieben. Bei der dreißig Jahre ſpaͤterhin erfolgten definitiven Beſitzeinſetzung dagegen wird die bis dahin in ihrer Wirkſamkeit ſuspen⸗ dirte Hypotheſe, daß der Verſchwundene oder Verſtummte ge⸗ ſtorben ſey, wirkſam Die umter dem Schutz des Geſetzes in den Beſitz der Erbſchaft geſetzten Erben werden Beſitzer in gutem Glauben. Dieſer gute Glaube macht ſie zu Interimseigenthuͤmern, welche für keinen Grad von Fahr⸗ vanus leur appatiendront en entier; ils ne seront plus simples dẽposjtaires des biens, la propriété reposera sur leur téte:il pourront les aliéner Le droit de Fabsent, S'il parvit, sera borné à reprendre sa fortime dans F'état ou elle se trouvera; si ses biens ont été vendus, il ne pourra en rẽclamer que le pris, ou les biens provenants de lemploi qui auroit ẽtẽ fait de ce prix Fi depuis lenvoi provisoire en possession, et avant T'envoi definitif᷑, Pabsent étoir parvenu au plus long terme de la vie otdinaire, celui de cent ans révolus; alors la présomption de mort est telle qu'il n'y a aucun inconvenient à ce que lenvoi des héritiers en possesslon soit dẽclaué dẽſinitif.. Un cas qui ne sera point aussi rare, est celui, ou T'absent auroit une po 6, dont l'exitence n'auroit phint ẽté connue pendant les tr inn as qui doivent au moins s'étre écoulẽs avant que les auttes héritiers présomptits aient été définitive- ment envoyés en possession. Les descendans ne doivent pas étre dépouillés par les colla- réraux, sous pretexte de cet envoi définitif. En effer; s'ils prouvent l'existence ou la mort de Pabsent, tout droit des col- latéraux cesse; s'ils ne prouvent ni l'un ni lautre de ces fait. is ont au moins, dans leur qualité de descendans, un titre préférable pour obtenir la possession des biens. Neanmoins leur acrion ne devra plus ẽtre admise, s'il s'est encore couls trente aunẽes depuis Penvoi définirif. Cet envoi a transportẽ aux collatẽrdux la propriẽté de biens. et posté- rieurement encore ils auront possdé pendant le plus long temps qui soit requis pour opérer la prescription. 1ls doivent avoir le droit de opposer mème aus descendans de labsent, qui ne pourront pas se plaindre, si après une révolution de soixan- tecing ans au moins depuis la disparution, ils ne sont plus admis à une recherche qui, comme toutes les actions de droit, doit ẽrre Soumise à une préscription.“ Code civil etc. I. p. 77, 78„ 79. 294 äfägkait zu haften ſchuldig ſind. Es geſchieht auch dem Ab' weſenden und ſeinen Descendenten, wenn jener oder dieſe exi⸗ ſtiren ſollten, nicht Unrecht. Denn der definitiven Immiſſion iſt wieder ein Urtheil, dem Urtheil ein Verfahren und ein Zengenverhoͤr vorangegangen, und beide haben durch den Ju⸗ ſtizminiſter, dürch die Bekanntmachung in offentlichen Blaͤt⸗ tern die größte Publicität erhalten. Haben ſie abermals, wie bei dem Verfahren vor der proviſoriſchen Immiſſion geſchwie⸗ gen, ſo muß eine nothwendige— wenn ſchon nicht immer hiſtoriſch;richtige— geſetzliche Präſumtion ihr Stillſchwei⸗ agen zum Verzicht ſtempeln. Sollte nun dieſe Praͤſumtion hrer eine Unbilligkeit enthalten, ſo weiß ich in der That nicht, mit welchei Recht die Geſetzgebung in irgend einem Fall aus dem Stillſchweigen einen Verzicht folgern duͤrfte. Ich kann nun zur detaillirten Darlegung meiner Vor⸗ ſchläge uͤber die Art der Aufnahme des Geſetzes uͤber Abwe⸗ ſende ubergehen. Der Unterſchied, welchen das franzoͤſiſche Geſetz zwiſchen der vermutheten und erklarten Abweſenheit einfuͤhrt, werde beibehalten Bei der Vorſorge fuͤr den vermutheten Abweſenden werde die Oberaufſicht des Ministbre public wirkſam. Doch werde dieſe Vorſorge— im Geiſt deutſcher Tute⸗ laranſtalten— zu einer permanenten Vorſorge erhoben; dem vermutheten Abweſenden werde auf Antrag ſeiner Ver⸗ wandten, der Präſumtiv Erben, des Ministere public und ſelbſt jedes Dritten, ſobald es die umſtände erfordern ein be⸗ ſtaͤndiger Haupt? und controlluender Curator ernannt, jener werde üͤber das Vermogen des Abweſenden ein Inventarium zu errichten, und lährlich Rechnung abzulegen angewieſen. Die franzoͤſiſche Geſetzgebung trug bei der Anordnung einer folchen Curatel Bedenken. Sie beſorgte, in das Ge⸗ heimniß der Famllien einzugreifen; ſie ſcheute die Papiere des Abweſenden der Neugierde des Curators zu Aͤberliefern. Die Beſorgniſſe ſind edel. Allein kann nicht der Cura⸗ tor des Abweſenden, wie jeder andere verpflichtet werden 2 Sſ er nicht der Beſchuͤtzer und Vertreter deſſelben? Wird ihm der gute Name des Abweſenden nicht heilig ſeyn muͤſſen Und hanzt nicht die Auswahl eines beſonnenen und discreten Cura“ tors vom Gerichte ab? Die Mühe des Curators des Abweſenden werde belohnt. Sie werde hoͤher belohnt als die Muͤhe des Vyrmundes des amſndigen und Minderjährigen. Beide ſind unbeſchutzt nach phyſiſchen Geſetzen. Daß ſich der Staat ihrer anneh⸗ 295 men muß, daran ſind ſie unſchuldig. Ihre Lage ver⸗ dient doppelte Theilnahme. Es wuͤrde inbid ihnen den Schutz des Staates, durch eine koſtſpielige Tutel— ſo zu ſagen— zu verkaufen. Der Abweſende ſtellt mehr oder weniger durch eigne Schuld einen unbeſchuͤtzten Buͤrger dar. Sein Curator iſt groͤßerer Verantwortlichkeit blosgeſetzt. Erſcheint der Abweſende wieder, ſo hat er eine ſchwerere Ab⸗ rechnung. Er muß deshalb Anſpruͤche auf eine reichere Be⸗ lohnung haben. Ich ſchlage vor, ihm den fuͤnften Theil der Einkuͤnfte des Abweſenden zu ſichern. Immer iſt die Anordnung einer beſtändigen Curatel fuͤr den Abweſenden eine große Wohlthat. Wer treibt ſeine Zinſen ein, wenn er Kapitaliſt, ſeine Pachtruͤckſtaände, wenn er Gärerbeſitzer iſt? Wer ſorgt fuͤr die Auslechung aufgekuͤn⸗ digter Kapitalen? Wer fuͤr die Bebauung der Felder des ab⸗ weſenden Landmanns? Man denke ſich alle Folgen einer meh⸗ rere Jahre hindurch ſtockenden Haushaltung. Der Fall mag ſeiten eintreten. Bei ſteigenden Sittenverderben, bei ausge⸗ breitetem Handel iſt er nicht unerhoͤrt. Daß der noch während der vermutheten Abweſenheit an⸗ geordnete beſtändige Curotor ein Inventarium errichten, die dem Verderben unterworfene Fahrniß verkaufen, Taxationeu veranſtalten muͤſſe, verſteht ſich von ſelbſt Daß der Praſumtiv; Erbe— wenn keine Bedenklich⸗ keiten eintreten— ſelbſt wahrend der vermutheten Abweſen⸗ heit Curator werden koͤnne, und ſogar den Vorzug verdiene, leuchtet ebenfalls ein Was das franzoͤſiſche Geſetz dem proviſoriſch immittirten PraͤſumtivErben vorſchreibt, kann daher vom deutſchen Sei ſetzr dem beſtändigen Curator vorgeſchrieben werden. Wenn aber auch der Praͤſumtiv Erbe ſelbſt während der vermutheten Abweſenheit zum beſtandigen gratoß ernannt worden iſt, ſo fällt doch darum die Nothwendigkeit desjenigen Verfahrens, welches zu einer erklärten Abweſenheit führt, nicht weg. Denn einmal beginnt mit der proviſoriſchen Im⸗ miſſion das Recht der Präſumtiv Erben auf den groͤßten Theil der Einkuͤnfte, zweitens werden durch die der Abwe⸗ ſenheitserklarung vorangehenden Maasregeln, der Abweſende ſelbſt und die etwa verborgenen nähern Präſumtiv Erben, ihr Recht geltend zu machen, aufgefordert und veranlaßt. Was das franzoͤſiſche Geſetz in Anſehung der Abweſen⸗ heitserkläͤrung und ihrer Folgen verfuͤgt, werde daher als Regel beibehalten. 296 Nur muͤßten im Geiſte der deutſchen Geſet⸗ 9 ebung die Praſumtiv Erben zu einer jahrlichen Rechnungs⸗ ablegung angehalten werden. Bei demjenigen, was das franzoſiſche Geſetz in Anſe⸗ hung der Rechte verfuͤgt, welche dem Abweſenden während der vermutheten und erklärten Abweſenheit bis zur deftniti⸗ ven Immiſſion der Praſumtiv Erben zufallen konnten, fin⸗ de ich gar nichts zu erinnern. Nur in Hinſicht des ehelichen Bandes, welches ihn mit einem hinterlaſſenen Ehegatten verknüpft, ſcheint mir eine näe here Beſtimmung nothig. Das franzoſiſche Geſetz ſetzt ſtiltſcheigend der wei⸗ tern Ehe des hinterlaſſenen Ehegatten factiſch kein Hinderz niß entgegen. Denn dieſer wetſern Ehe konn ais Factum nur der Abweſende ſelbſt widerſprechen Erfolgt auf die der Trauung vorhergehende Aufkundigung der Ehe kein Eins ſpruch, ſo geht die Trauung ohne weiters vor ſich Aber güttig iſt dieſe weuere Ehe nicht, ſobald ſie der einſt zuruckgekehrte Abweſende als nichtig angreift. So verfügt es das franzoſtſche Geſetz und dieſe Verfuͤs gung ſcheint mir nicht veifallswuͤrdig, Der Staat darf eine Ehe nicht zugeben, wenn er die Moͤglichkeit vorausſteht, daß ſie als nichtig konne angegriffen werden. Das Geſetz darf eine Verbindung zwiſchen beiden Ge⸗ ſchlechtern nicht ſanctioniren, welche das Geſetz ſelbſt moͤg⸗ licherweiſe als eine geſetzwidrige Verbindnng verwerfen muß⸗ Es darf Kindern nicht putativ die Rechte der ehelichen Geburt beilegen, wenn es vorabſichtlich von der wenigſtens moͤglichen Willkuͤhr eines Dritten abhaͤngt, die namlichen Kint der durch das Geſetz fuͤr Kinder, welchen ein Verbrechen das Daſeyn gab— erklaren zu laſſen. Dem hinterlaſſenen Ehegatten muß daher— wie es die vorrevolutionaire Geſetzgebung Frankreichs verlangte— entt weder jede weitere eheliche Verbindung ſo lange unterſagt bleiben, bis er den wirklichen Tod des Abweſenden glaubwuͤr⸗ dig bewieſen hat, oder das Geſetz muß ihm ein Mittel in die Hand geben, durch welches er die Verbindug mit dem Prä⸗ ſumtiv:Geſtorbenen auch in Hinſicht des wirklich lebenden Ab⸗ *) Das Ministère publie wird nirgends zu einem Einſpruch oder zu einer Oppoſition gegen eine abzuſthiiehende Ehe be⸗ rechtigt. Im 134— 190 Artikel wird ihm nur das Recht bei⸗ geiegt und die Pfiicht auferlegt, eine abgeſchloſſene Ehe mit der ichtigkeitklage anzugreifen⸗ 297] weſenden aufloſen kann. Hat ſich der hinterlaſſene Ehegatte dieſes Mitteis bedient, ſo mußi das Geſetz ſeine neue Verbin⸗ dung gegen jeden Angriff ſchuͤtzen⸗ Ich trage auf die geſetzliche Einführung eines ſolchen Mitteis an. Es iſt dem kirchlichen Rechte der Proteſtanten unter dem Namen eines Scheidungsproceſſes wegen boͤßlicher Verlaſ⸗ ſung bekannt. Ich weiß wehl, daß der plößlich verſchwundene, oder verſtummte Abweſende keineswegs an und fuͤr ſich einen bößlichen Verlaſſer darſtellt. Ich weiß wohl, daß die pros teſtantiſche Kirche die ehelichen Rechte des boͤßlichen Ver⸗ laſſers nicht als die Rechte eines Praſumtiv⸗Verzichtenden oder Putativ Geſtorbenen aufhebt, ſondern daß die grobe vom boͤßlichen Verlaſſer der zuruͤckgebliebenen Gattin zugefügte Beleidigung Grund der Scheidung iſt Es ſcheint daher das von mir vorgeſchlagene Mittel kein Analogen der Scheidung der proteſtantiſchen Kirche wegen boͤß⸗ licher Verlaſſung zu ſeyn. Aber dieſes Analogon kann es doch werden, wie die wei⸗ tere Entwickelung meines Vorſchlags zeigen wird. Das Verſchwinden oder Verſtummen des Abweſenden iſt frelich an und ſuͤr ſich kein boͤßliches Verlaſſen Es wird vom franzoſiſchen Geſetze fuͤr ein hypothetiſches Symptom des Todes deſſelben gehalten. Wenn indeſſen der hinterlaſſene Ehegatte den Verſchwun⸗ denen oder Verſtummten nach Ablauf einer gewiſſen Zeitfriſt zu ſeiner Ruͤcktehr gerichtlich auffordert, wenn die Gerichte alle Mittel erſchopfen, durch weiche, menſchlicherweiſe geur⸗ theilt, die Aufforderung zur Kenntniß des Aufgeforderten ge⸗ langen kann, wenn die Mittel ſo gewählt ſind, daß nach ei⸗ ner vernuͤnftigen geſetzlichen Vermuthung die Aufforderung, im Falle er noch lebt, zu ſeiner Kenniniß gelangen muß ſo bleiben— wieder nach geſetzlicher Vermuthung— nur zwei Hypotheſen uͤbrig. Entweder die Hypotheſe ſeines Ab⸗ ſterbens— und dann iſt ohnehin der auffordernde Ehegatte ſrei— oder die Hyvotheſe, daß der Aufgeſorderte die Ehe nicht fortſetzen und den Auffordernden verlaſſen will— und dann exiſtirt— freilich nach einer bloßen geſetzlichen Präſumt tion— diejenige Beleidigung, welche die proteſtantiſche Kir⸗ che zur Begruͤndung eines Scheidungsgeſuchs fuͤr hinreichend hält. 257 Ich räume die Moͤglichkeit ein, daß der einſt zuruͤckkeh⸗ rende die juriſtiſche Vermuthung widerlegen und die ihm vom Geſetz angedichtete Beleidigung einer Luͤge beſtrafen kann. Allein von folgenden drei Uebeln iſt nothwendig eins zu waͤhlen: Entweder die Feſſel eines ewigen Cölibats fuͤr den zuruck⸗ gebliebenen Ehegatten mit allen daraus entſtehen ſittlichen Un⸗ ordnungen; Oder die Gefahr einer weitern putativen ehlichen Verbin⸗ dung der zuruͤckgebliebenen Ehegattin, welche die Rache des einſt zuruͤckkehrenden Mannes zur Schande ſeiner ungetreuen Eheconſortin und ihrer unſchuldigen Kinder, als eine ehebre⸗ cheriſche Vereinigung brandmarken kann; Oder endlich die Gefahr, daß der zuruͤckkehrende Ehe⸗ gatte eine Gattin, die ihn ohnehin nicht mehr liebt— was ſie durch ihre weitere Heirath gezeigt hat— und mit welcher er, wenn er eines Zuſtandes von Beſonnenheit faͤhig iſt— ohnehin nicht wird leben wollen— durch geſetzliche Bande mit einem andern vereinigt finde. Das erſte Uebel erzeugte die kirchliche Legislation des ka⸗ tholiſchen Frankreichs. Dem zweiten offnet das neue franzoſiſche Civilgeſetz den Zugang. Dem dritten weiß freilich mein modificirender Vorſchlag nicht auszuweichen. Da er indeſſen das erſte und zweite Ue⸗ bel aus der Wurzel hebt, ſo glaube ich, daß er den Vorzug verdiene. Was das vierte Kapitel des Geſetzes uͤber Abweſende zum Vortheile der hinterlaſſenen minderzaͤhrigen Kinder des ver⸗ ſchwundenen Vaters verfuͤgt, iſt zwar an und fur ſich ſehr vernuͤnftig. Nur finden ſich darin Luͤcken, welche das deut⸗ ſche Geſetz ausfullen muͤßte. Der zuruͤckgebliebenen natuͤrlichen Mutter wird die Auf⸗ ſicht, die Erziehung und ſelbſt die Guͤterverwaltung in Anſe⸗ ung der minderjaͤhrigen Kinder uͤbertragen. Kann ſie dieſes alles behalten, wenn ſie zu einer weitern Ehe uͤbergeht? Das gemeine Recht hat dieſe Frage— wie ich glaube, aus guten Bruͤnden— verneint. War zur Zeit des Verſchwindens die Mutter nicht mehr am Leben— ſo ſoll man 6 Monate mit allen Vorſorgen fuͤr die zuruͤckgebliebenen minderjaͤhrigen Kinder Anſtand nehmen. Waͤhrend dieſen 6 Monaten ſoll man die Ruͤckkunft oder die Diſpoſitionen des Vaters abwarten.— Dies mag als Re⸗ gel beibehalten werden. Man mag auch als Regel anneh⸗ 299 men, daß ſich Freunde und Verwandte finden werden, die ſich wahrend den erſten 6 Monaten der huͤlfsbeduͤrftigen Kin⸗ der annehmen Aber kann es nicht auſſerordentliche Fälle ge⸗ ben? Koͤnnen die Vermoͤgensumſtände und die Erziehung der von ihrem verſchwundenen Vater verlaſſenen Kinder nicht ſo⸗ gleich einer Huͤlfe und vormundſchaftlichen Aufſicht beduͤrfeu? Soll man den öffentlichen Behoͤrden, 6 Monate lang, die Haͤnde binden? XIV. Nachtrag zu dem Vortrag der Herzoglich Naſ⸗ ſauiſchen Commiſſion uͤber den vierten Ti⸗ tel des erſten Buchs des Kodex. Napoleon des absens. [31] Ba der Darlegung des Inhalts und bei der Kritik des eben genannten Titels habe ich einige doetrinelle Abaͤnderungen vorgeſchlagen. Die frarzoſiſche Geſetgebung uͤber Abweſende iſt indeſſen auf das genaueſte mit der franzoͤſiſchen Ge⸗ richtsverfaſſung verſchlungen. Wird dieſe vor der Hand aus den von mir dar⸗ gelegten, oder aus andern Grunden nicht eingefuͤhrt, ſo ſind Mittel der Anwendung(moyens d'execu- tion) aus der deutſchen Gerichtsverfaſſung geſchoͤpft, für den vorliegenden Titel vorzuſchlagen. Man ſucht ſie umſonſt in dem, dem Na- poldon mit Aufrechthaltung der deutſche chts⸗ verfaſſung, nachgebildeten baieriſchen Cugeſetz⸗ buch. 6 1 4 301 Bekanntlich iſt der Procureur impérial daraus ausgemerzt. Es wird fuͤr den Abweſenden kein Sur⸗ rogat deſſelben aufgeſtellt. Es wird Art. 126 bis 128. ein Verfahren verordnet, welches der Partei keinen Gegner gegenüber ſtellt, und den Richter nd⸗ thigt, die Rolle deſſelben ſelbſt zu uͤbernehmen. Es kommen in dem Titel sur les absens folgen⸗ de oͤffentliche franzoſiſche Behoͤrden vor: 1) das Ttibunal erſter Inſtanz. Es iſt ausſchlie⸗ ßend comvetent bei dem Verfahren uher die Abweſen⸗ heitserkläͤrung und uͤber die definitive Beſizeinwei⸗ ſung. 2) Der Procureur impérial. Er ſteht überall den Verwandten, Glaͤubigern, Curatoren des Abwe⸗ ſenden gegenüber und vertritt das Intereſſe deſſelben⸗ 3) Der Juſtizminiſter Großrichter. Durch ihn erhalten die den Abweſenden betreffenden Urtheile bie hoͤchſte Publicität. 4) Der Rotar. Er wird vom Tribunal ernannt, um den Theilungen, Liquidationen, Abrechnungen, bei welchen der Präſumtiv⸗Abweſende intereſſirt iſt, Theil zu nehmen. 35) Der Friedensrichter. Er muß auf Requiſition des Ministère public der Inventariſation des Ver⸗ moͤgens des Abweſenden bei der proviſoriſchen Guͤ⸗ tereinweiſung ſeiner Praͤſumtiv⸗Erben beiwohnen. Dieſen in den drei reſpectiven Staaten fehlenden oͤffentlichen Behoͤrden konnten folgende deutſche Be⸗ hoͤrden ſubſtituirt werden: 1) Tribunal erſter Inſtanz das Hofgericht, oder ribunal zweiter Inſtanz. Das richterliche Vertayren bei Abweſenden muß im Geiſt der franzd⸗ ſiſchen Geſetzgebung ein kollegisliſches Verfahren 302 ſeyn. Abweſenheitserklaͤrungen können auch ſo haͤu⸗ ſig nicht vorfallen, daß dadurch der Geſchaͤftskreis der Hoſgerichte betraͤchtlich koͤnnte erweitert werden. 2) Dem Procureur impérial mußte das Tribu⸗ nal bei jedem einzelnen Abweſenden(nicht in jedem einzelnen Fall) einen Curator ad hoc ſubſtituiren. Man darf hier den beſondern Character des Ver⸗ fahrens des Code Napoléon bei der Abweſenheits⸗ erklaͤrung nicht aus dem Geſicht verlieren. Das Ge⸗ ſetz denkt ſich den Abweſenden in einer doppelten, con⸗ tradietoriſchen Lage; einmal als Verſtorbenen, zwei⸗ tens als Lebenden. Rach der erſten Hypotheſe wird der Praͤſumtiv⸗Erbe in den Beſitz des Vermoͤgens des Abweſenden eingeſetzt. Nach der zweiten wird das Intereſſe deſſelben vom Ministére public ver⸗ treten Beide Hypotheſen werden eontradictoriſch von zwei entgegengeſetzten Parteien verfochten; der Rich⸗ ter ſteht in der Mitte und entſcheidet. Dieſes Ver⸗ haͤltniß dauert bis zu dem den envoy definitif ver⸗ ordnenden Urtheil fort. Um das Geſetz in ſeinem Geiſt ohne Einfuͤh⸗ rung der franzoͤſiſchen Gerichtsverfaſſung anzuwen⸗ den, muß dem Procureur impérial, ſo wie von der Exiſtenz eines Praͤſumtiv⸗Abweſenden die Rede iſt, ſo wie ein Glaͤubiger oder Intereſſent die Beſtel⸗ lung einer Curatel, um gegen ſie ſeine Klage richten zu koͤnnen, nachgeſucht, ein rechtskundiger Geſchäfts⸗ mann ſubſtituirt werden. Die Wahl deſſelben bleibt voͤllig dem Tribunal uͤberlaſſen. Nur darf ſie nie den bei der Hypotheſe des Ablebens des Abweſenden, intereſſirten Praͤſumtiv⸗Erben treffen. Denn die⸗ ſer wird bei dem Verfahren uͤber die Abweſenheits⸗ erklaͤrung der Gegner des Curators. Unter dieſer Vorausſetzung koͤnnen alle in dem Geſetz uͤber Abwe — 303 ſende dem Ministére public beigelegte Funetionen, einem ſolchen Curator übertragen, das ganze Verfah⸗- ren bis zum envoy definitif kann gegen ihn gerichtet werden. 4 u. 5) Dem Notar des 113. Art. kann das Tribunal jede rechtskundige Perſon ſubſtituiren. Der Friedensrichter des 126. Art. iſt ſelbſt Subſtitut des Procureur impérial. Er bedarf keiner weitern Subſtitution, da ich ſtatt des Prooureur impérial einen beſondern, dem immittirten, oder zu immitti⸗ renden Praͤſumtiv⸗Erben entgegengeſetzten Curator des Abweſenden vorgeſchlagen habe. SL SEMdAE