duu 054 Kleine juridiſche und ſtaatswiſſenſchaſtliche S chri Ausgearbeitet und in Verbindung mit mehreren Gelehrten herausgegeben von L. Harſcher von Almendingen, Herzoglich Naſſauiſchem Geheimen⸗Rathe, Vice Director des Herzoglichen Hofgerichts zu Wiesbaden, und Mitarbeiter im Fache der Geſetzgebung bei dem Herzoglich Raſſauiſchen Staats⸗Miniſterium. Neunter Theil. Gieſen bey Gottgetreu Muͤller 18 8 Officielt⸗wiſſenſchaftliche rr e uͤber den Codex Napoleon und ſeine organiſchen Umgebungen gehalten in den Couferenzen zu Gieſen, von Harſcher von Almendingen, Herzogl. Naſſauiſchem Oberapellationsrathe. , Zuweiter Band⸗ Gieſen bei Gottgetreu Muͤller 3 — — — — 2———— I. Erſter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſion uͤber den fuͤnften Titel des er⸗ ſten Buchs des Code Napoléon, sur le mariage. l32) De franzoͤſiſche Geſetzgebung behandelt die Ehe als ein rein buͤrgerliches Verhaͤltniß. Die Geſetzgebung des geſitteten Europa's behan⸗ delte ſie bisher als ein religioͤſes Inſtitut. Frankreichs Geſetz verbietet niemand, dieſe An⸗ ſicht auch durch aͤußere Handlungen zu bekennen. Der Staat miſcht ſich indeſſen nicht in die Forderungen des Gewiſſens. Er nimmt von demjenigen keine Rotitz, was die Kirche in Anſehung der Ehe ver⸗ langt und unterſagt. Er knuͤpft an aͤußere kirchliche Handlungen keine Folgen. Die uͤbrige europaͤiſche Geſetzgebung raͤumt zwar der Kirche bey der Ehe keine Oberherrſchaft uͤber den Staat ein. Sie achtet aber doch auch äͤußerlich ihre Gebote und Verbote. Sie verfuͤgt nichts gegen den Sinn der Kirche. Nur macht 1. Bd. 1 2 ſie neben ihr auch die Gebote und Verbote des Staats geltend. Ehe ich hier weiter gehe, ſey mir ein Blick auf das Geſchichtliche des bisherigen Verhaltniſſes zwiſchen Staat und Kirche erlaubt. In katholiſchen Staaten hat ſich der Staat ei⸗ ner bloßen Oberaufſicht uber die ſelbſtſtändige Ge⸗ ſetzgebung der ſelbſtſtaͤndigen Kirche bemaͤchtigt. Ein Antagonismus zwiſchen Staat und Kirche konn⸗ te hier nicht umgangen werden. Aber nach den For⸗ derungen des Zeitgeiſtes ſpielte uͤberall die letztere eine untergeordnete Rolle. Der Staat fuͤgte ſich in die alten Forderungen der Kirche, aber er duldete kei⸗ nen Widerſpruch gegen ſeine neuen. Die Kirche, zufrieden mit dem, was ihr die Meinung der Voͤlker ſeit Jahrhunderten gegeben hatte, verzichtete auf die Erweiterung ihrer Herrſchaft. In proteſtantiſchen Staaten ſtellte die phyſiſche Perſon des weltlichen Regenten auch die phyſiſche Perſon des kirchlichen dar. Durch dieſe Vereini⸗ gung wurde der in der Idee vorhandene Antagonis⸗ mus in der Erſcheinung vertilgt. Der Staat konnte keine von der Kirche, die Kirche konnte keine vom Staat widerſprochene Forderung aufſtellen. Denn die fordernde moraliſche Perſon war mit derjenigen, an welche die Forderung gerichtet war, eine und die⸗ ſelbe. Im nemlichen moraliſchen Individuum konn⸗ te ein widerſprechendes Begehren und Zugeſtehen nicht ſichtbar werden. Darum iſt doch aber auch in proteſtantiſchen Staaten, Staat und Kirche, Staats⸗ und Kirchen⸗ Regiment nicht eins. Der Staat vollzieht keine an⸗ dere, als die Geſetze, welche er ſelbſt poſitiv gege⸗ ben, die Kirche vollzieht Geſetze, die ſie poſitiv empfangen hat; der Staat folgt ſeiner eignen Willkuͤhr und ſchreibt ſein eignes, nach ihm ſelbſt genanntes Geſetzbuch; die Kirche hat nichts ſelbſt ge⸗ 6 3 macht, und nennt ihr Geſetbuch Bibel, Oſſenba⸗ rung, Evangelium. Das Verhaͤltniß des Staats zur Kirche war in dem neuen Europa ein dreifaches. Entweder wurde die aller aͤußeren Herrſchaft beraubte Kirche einzig und allein an das Gewiſſen verwieſen, und der Thron, mochte ihn ein Monarch oder die ſogenannte Volks⸗ majeſtät ausfullen, erhob ſich uber dem zertruͤmmer⸗ ten Altar. So war es in Frankreich nach der Revo⸗ lution und vor der Abſchließung des Concordats. Oder die kirchliche Gewalt beſtand aͤußerlich und ſelbſiſtaͤndig neben der weltlichen, ausgeuͤbt in ihrer letzten Quelle außer den ſichtbaren Grenzen der Staatsgewalt, obgleich von dieſer eontrollirt und be⸗ wacht⸗ So in Staaten, welche die katholiſche Reli⸗ gion fuͤr die herrſchende erklaͤrt hatten. Oder beide, ſelbſtſtaͤndige in der Idee ſogar aͤuſ⸗ ſerlich getrennte Gewalten wurden von den nemlichen Perſonen ausgeuͤbt und ſo in der Er⸗ ſcheinung vereinigt. Dies wurde das Sachver⸗ haͤltniß in eigentlich proteſtantiſchen den Unterthanen und den Herrſcher zu einem gleichen Religionsbe⸗ kenntniß vereinigenden Laͤndern. Dieſes dreifache Verhaͤltniß zwiſchen Staat und Kirche hat ſich in der Geſtaltung der geſetzlichen Ver⸗ einigung zwiſchen beiden Geſchlechtern, oder der Ehe auf dreifache Art offenbart. Sobald der Staat alle Forderungen der Kirche einzig und allein an das Gewiſſen verweißt, muß er ihm auch allen Einfluß auf das aͤußere bürgerliche Leben unterſagen. Eine vom Staat anerkannte kirchliche Ehe iſt in dieſem Syſtem nicht einmal denkbar. Das ganze Inſtitut muß lediglich nach und durch Forderungen des buͤrgerlichen Geſetzes begruͤn⸗ det, fomaliſirt und aufgeloͤßt werden. So im revo⸗ lutionirten Frankreich. Nach der Abſchließung des 1 4 Concordats war die Beibehaltung dieſer civilrechtli ⸗ chen Anſicht weniger nothwendig. Ließ der Staat die Kirche ſelbſtſtaͤndig als aͤuße⸗ re Macht, auch in der Erſcheinung von ſelbſt ge⸗ trennt, ſiehen, ſo erkannte er die Ehe nicht blos als ein religioͤſes Inſtitut an. Er mußte ſogar in Anſe⸗ hung dieſes Inſtituts, Forderungen der Kirche aner⸗ kennen, welche mit ſeinen Zwecken und Forderungen nicht harmonirten. Er konnte Forderungen aufſtel⸗ len, welche die Kirche verwarf. Es entſtand mehr oder weniger ein Staat im Staat. Die Kirche ver⸗ bot, wo der Staat nichts zu verbieten fand, der Staat unterſagte, wo die Kirche gern zugeſtand. Der An⸗ tagonismus wurde vorzuͤglich bei verbotenen Graden der Verwandſchaft und Dispenſationen, bei Trauun⸗ gen ungeachtet vorhandener Civilhinderniſſe, bei par⸗ tiellen und totalen Scheidungen, welche der Staat gern bewilligt haͤtte und die Kirche verſagte, ſichtbar. So entſtand das verwickelte und fchwerfaͤllige jus ma- trimoniale in katholiſchen Laͤndern, an welchem ſich der trockne Scharfſinn ſpitzfindiger Koͤpfe uͤbte, die geſunde Menſchenvernunft und Philoſophie dagegen verzweifelten. Hatte ſich der Staat mit der Kirche in der Er⸗ ſcheinung vereinigt, ſo war freilich zwiſchen beiden Gewalten in Hinſicht der Ehe kein Antagonismus ſichtbar. Es war der Staat ſelbſt, welcher die Geſetze der Kirche promulgirte und vollzog. Aber darum wurden doch kirchliche und buͤrgerliche Ehege⸗ ſetze ſo wenig eins und daſſelbe, als Staats⸗ und Kirchen⸗Gewalt durch ihre Vereinigung in einer Hand. Es hoͤrte der Widerſpruch, aber nicht die wechſelſeitige Abhaͤngigkeit auf. Der Kirchenregent war Executor empfangener,— der Staat ſelbſtgegebener Geſetze. Er machte in der er⸗ ſten Eigenſchaft Einſchraͤnkungen geltend, welche er vielleicht zu ubertreten in der zweiten geneigt geweſen 5 waͤre. Wenn Zachariaͤ viele Aehnlichkeit zwiſchen dem franzoͤſiſchen und dem ſogenannten proteſtamti⸗ ſchen Eherecht zu entdecken glaubt, ſo hat er die durch⸗ aus verſchiedene Fundamentalanſicht uͤberſehen, aus welcher beide hervorgegangen ſind. Wenn ein ſogenannter proteſtantiſcher Staat das franzoͤſiſche Eherecht im Geiſt und in der Wahr⸗ heit aufnimmt, ſo muß er den aͤußeren religioͤſen Character der Ehe vertilgen, und kirchliche Gebote und Verbote in rein buͤrgerliche verwandeln. Daß eine ſolche Verwandlung den Sitten und Meinun⸗ gen des Volks widerſprechen wuͤrde, bedarf keines Beweiſes. Antagonismus zwiſchen weltlicher und kirchlicher Macht kann ihn dazu nicht noͤthigen; denn er iſt durch die Vereinigung beider Gewalten in einer Hand, verſchwunden. Es laſſen ſich nur zwei An⸗ rathungsgruͤnde denken. Der Staat muß entweder die Ueberzeugung erlangt haben, daß eine kirchliche Vereinigung bloße und reine Gewiſſensſache ſey, und daß die Kirche nie und unter keiner Bedingung auf gerellſchaftliche Einrichtungen Einfluß haben duͤrfe; mit andern Worten, der Staat muß dem Grund⸗ ſatz, daß er als Staat gar keiner Kirche angehoͤre, unbedingt und in vollem Umfang huldigen. Oder er muß ſich uͤberzeugen, daß die Ehe ihrem weſentli⸗ chen Character nach ein rein buͤrgerliches, kein reli⸗ gioͤſes Inſtitut ſeyo. Beide Anſichten gehoͤren zu den herrſchenden des Zeitalters. Ich halte beide fuͤr falſch und gefaͤhrlich. Die eine ſtuͤrzt den Thron, die andere untergraͤbt die Sitten. Meine Behauptung iſt nicht neu, ſie iſt aber von Eigennutz der Prieſter, vom Fanatismus und von der Bigotterie aufs ſchaͤnd⸗ lichſte mißbraucht und eben dadurch verhaßt gewor⸗ den. Dieſer Mißbrauch hat den Drang der beſſeren Koͤpfe zur Verbreitung und Geltendmachung entgegen⸗ geſetter Anſichten erzeugt. Man koͤnnte dieſen Drang den Aufklärungs⸗Fanatismus nennen. Die Leiden⸗ ſchaften ſcheinen auf beiden Seiten ausgetobt und Action und Reaction einen Stumpfſinn der Gemuͤ⸗ ther zuruͤckgelaſſen zu haben. In dieſer Stimmung wird es der unbefangenen Philoſophie vergoͤnnt ſeyn, in die Mitte zu treten⸗und die Rechte der Wahrheit und Mäßigung geltend zu machen. I. Mit det Grundanſicht jedes Staatsvereins iſt irgend eine äußere poſitive Religion weſentlich verbunden. So hat ſich einmal der Staat geſchichtlich offenbart. In der alten Welt waren die Prieſter Konige und vom Prieſterthum ging im Orient alle Fultur aus. Der Gotter⸗Cultus der Roͤmer war bis auf Conſtantin Staatsreligion. Politik oder Ueberzeugung, oder beide zugleich, fuͤhrten den Imperator in den Schoos der chriſtlichen Kirche. Er konnte nun freilich nicht mehr Pontifex maximus ſeyn. Er ging von der beherrſchten und verfolgten zur herrſchenden und verfolgenden Parthey uͤber. Aber im nemlichen Angenblick ſtand ein chriſtlicher an der Stelle des heidniſchen Staats da. Mit andern Worten, Conſtantin wurde Chriſt, nicht als Menſch, ſondern als Kaiſer. Als Staatsreligion hat ſich das Chriſtenthum in Europa verbreitet. Die Taufe eines Chefs der Nation war nie Privatſache, ſondern Volksangele⸗ genheit. Rur in den Buͤchern der Schule haben wir eine, dem Staat entfremdete, aͤußere poſitwe Religion ge⸗ funden. Rur einmal, nur im Jahr 1792 nur bei einem Volke ging dieſe Lehre auf kurze Zeit ins Leben hinuͤber. Die Erfahrung hat ihre Weisheit nicht bewaͤhrt und der auf rein burgerliche Verhaͤltniſſe ge⸗ gruͤndete Staat war nicht gluͤcklich. So offenbart ſich zweitens der Staat anthro⸗ pologiſch. Die Rechtsmetaphyſik baut den Stgat auf rein rechtliche Poſtulgte. Sie legt ihm —— 7 einen Vereinigungs⸗, Unterwerfungs⸗ und Conſtitu⸗ tions-Vertrag zum Grunde. Von dieſen Vertraͤ⸗ gen weiß die Geſchichte nichts. Sie zeigt die Staa⸗ ten in ihrer Entſtehung als das Product einer rohen und furchtbaren Naturkraft. Aber ein, tief im menſchlichen Herzen ſich regendes Beduͤrfniß umgibt dieſe Raturkraft mit religioͤſer Weihe. Es offenbart ſich ihm darin der Wille des uͤber Nationen, wie uͤber Individuen nicht als Fatum, ſondern als mora⸗ liſche Rothwendigkeit waltenden Schickſals. Es grundet den von keinem geſchichtlichen Verein getra⸗ genen Thron auf den Altar. Es vereinigt den Herr⸗ ſcher und ſein Volk durch ein religioͤſes Band, und gebietet jenem Humanitaͤt, wenn es dieſem Gehorſam predigt. Es iſt hier von keiner Politik, von keiner Volks⸗ taͤuſchung die Rede. Wir wollen nicht nachbeten, was die Weiſen der Schule uns ſo oft vorgebetet ha⸗ ben. Menſchen koͤnnen taͤuſchen, die Natur betruͤgt nie. Wos ſie mit Flammenzuͤgen in das Herz ge⸗ ſchrieben, was die Geſchichte aller Zeiten ausgeſpro⸗ chen, was Volker, die fuͤr ihre Regenten gegen Ero⸗ berer und Ufurpatoren kämpften, begeiſtert hat, der Gedanke: die Obrigkeit iſt von Gott— das kann nicht die bloße Erfindung herrſchſuͤchtiger Prieſter und Politiker ſeyn. Er iſt ein in der Geſellſchaft ſich ent⸗ wickelndes, der Civiliſation und Cultur unentbehrli⸗ ches Naturbeduͤrfniß. Itt nach dieſer Anſicht der Staat ſelbſt ein reli⸗ gioſes Inſtitut, das Band zwiſchen dem Regenten und den Regierten ein religioͤſes Band, ſo muß noth⸗ wendig die Behauptung, der Staat habe als ſolcher keine Religion, falſch ſeyn. Oder der Staat muͤßte in ſeiner Ratur verleugnen, was die anthropologi⸗ ſche Grundlage ſeines rechtlichen Daſeyns iſt. Hat man bei der Behauptung, der Staat habe als ſolcher keine Religion, nicht dasjenige verwechſelt, 8 was er duldet, mit demjenigen, was er ſelbſt glaubt? Folgt daraus, daß er die Gewiſſensfreiheit des Ju⸗ den und Muſelmanns ehrt, daß er dem Talmud oder Koran muͤſſe gehuldigt haben? Es iſt aber nicht genug, daß der Staat einer abſtracten Vernunft- oder Natur⸗Religion— ſon⸗ dern er muß einer poſitiven, oder einer Kirche ange⸗ hoͤren. Die Trennung und Unabhaͤngigkeit der na⸗ tͤrlichen von der poſitiven Religion, iſt in der Wiſ⸗ ſenſchaft vollkommen gegruͤndet, und jene iſt fuͤr den⸗ jenigen befriedigend, der mit ihr und fuͤr ſie lebt. Aber anthropologiſch iſt ſie nicht; fuͤr den Staat hat ſie keine Bedeutung. Denn der Staat iſt kein wiſ⸗ ſenſchaftliches, geiſtiges oder metaphyſiſches, ſondern ein menſchliches und ſinnliches Inſtitut. Auch hier ſpricht die neueſte Geſchichte durch Thatſachen, und ich moͤchte ſagen, der Weltgeiſt durch ſeinen Repraͤſentanten Napoleon. Robes⸗ pierre proklamirt das Daſeyn der Gottheit und hul⸗ digt im Namen des franzoſiſchen Volks dem Deis⸗ mus. Napoleon empfaͤngt die Weihe aus den Haͤn⸗ den des Oberhaupts der Kirche und beſchwoͤrt die Conſtitution auf dem Evangelium. Die chriſtliche Religion iſt ſeit dem Sturz des Paganismus die Staatsreligion der Volker des geſit⸗ teten Europa's. Sie iſt ſeit anderthalb Jahrtauſen⸗ den in die Meinung, in die Verfaſſung, in die Ge⸗ ſetzggebung, in Sitten und Gebräuche aufs innigſte verwebt. Es laͤßt ſich nachweiſen, daß alle Tugen⸗ den des geſelligen Lebens, alle humane und liber ale Anſtalten der Vorzeit, ja daß das Kriegs⸗ und Voͤl⸗ ter⸗Recht geſitteter Nationen, aus ihrem Schoos hervorgegangen iſt. Die Summe des Guten, wel⸗ ches ſie verbreitet hat, uͤberwiegt bei weitem die Sum⸗ me des durch Sekten und Verfolgungsgeiſt geſtifte⸗ ten Boͤſen. Es war vielleicht nie gut, daß es katho⸗ liſche, lutheriſche, reformirte, griechiſche Koͤnigreiche 9 und Republiken gab. Aber es waͤre noch ſchlimmer, wenn die europäiſche Staaten aufhoͤren ſollten, chriſt⸗ liche Staaten zu ſeyn, und wenn die chriſtliche Kir⸗ che in die bedeutungsloſe Wuͤrkungsſphaͤre geduldeter Geſellſchaften und Innungen zuruͤck verwieſen wer⸗ den ſollte. Iſt hiernach der keiner poſitiven Religion ange⸗ hoͤrende Staat ſo wenig naturgemaͤß, daß umge⸗ kehrt der Staat erſt durch die Kirche ſeine gnthropolo⸗ giſche Weihe empfaͤngt, ſo liegt in den Poſtulaten einer gelaͤuterten Staatsverfaſſung kein Grund, die Ehe ihres aͤußeren religioͤſen Charaeters zu berauben. II. Rur die Frage kann zweifelhaft bleiben, ob und in wie fern die Ehe ſelbſt, der Natur nach dem religid⸗ ſen Glauben oder dem buͤrgerlichen Geſetz angehoͤre. Ueber die Ehe hat ſich die poſitive Jurisprudenz und das ſogenannte Naturrecht oder die Rechtsmeta⸗ phyſik hinreichend ausgeſprochen. Beide haben dem Geſetzgeber nicht viel mehr zu ſagen. Die poſitive Jurisprudenz ſteht unter, die Rechtsmetaphyſik uͤber dem Geſetz. Jene ſteht zu tief, dieſe zu hoch, als daß eine Geſetzgebungsphiloſophie fuͤr das Leben lichtpuncte darinn finden koͤnnte. Von einer Seite hat man die Ehe weniger unterſucht. Ich meine die anthropologiſche. Sie ſcheint mir die fruchtbarſte. Der gebildete Menſch iſt ein Produkt der Na⸗ tur und der Zeit. Hervorgegangen aus dem Schoos der Familie, fuͤhlt er ſich zur Stiftung einer neuen Familie berufen. Ein heftiger thieriſcher Reitz beſtimmt ihn zur thieriſchen Reproduktion ſeiner Gattung, ein hoͤhe⸗ rer menſchlicher zur menſchlichen Reproduk⸗ tion derſelben. Mit andern Worten, wenn ein ro⸗ her Geſchlechtstrieb die Geſchlechter vereinigt, ſo feſ⸗ ſelt ein hoͤherer menſchlicher Ruf der beſſern Natur S—— 2 10 die Erzeuger an ihr Kind und fordert ſie zur Erzirk⸗ hung deſſelben auf. Aus dieſem Ruf entſteht die ausſchließende Geſchlechtsvereinigung der Individuen. Sie wird durch neu ſich entwickelnde Naturbe⸗ durfniſſe verlaͤngert und verſtaͤrkt. Das ſchwaͤchere Weib findet darin Schutz, der Mann Pflege. Die Eigenliebe reizt wechſelſeitige Eiferſucht und dieſe be⸗ wacht den Bund. Das Herz bedarf Mittheilung und der Mann findet ſie bei der Ehegattin. Eine Vereinigung, die in ihrer Entſtehung voruͤbergehend ſeyn konnte, wird eine Vereinigung durch das Leben. So fuͤhrt die Hand der Natur den Menſchen in die Ehe. Sie iſt hiernach nichts anders als eine a nthro⸗ pologiſche Befriedigung des Geſchlechtstriebes. Wer da ſagt, ſie ſey eine geſetzmaͤßige Beftriedi⸗ gung deſſelben, vergißt, daß ſie mit ihrer ganzen Ho⸗ heit und Wuͤrde unabhaͤngig von allem geſchriebenen und ungeſchriebenen Geſetz exiſtirt, er vergißt, daß ſie von der Sitte, nicht vom Recht erzeugt wird. Das Daſeyn der Ehe muß der Geſellſchaft angekuͤndigt; es muß von ihr anerkannt wer⸗ den. Die Ehe kann nicht heimlich, nicht unſichtbar da ſeyn. Denn die Verehlichten bilden eine Fami⸗ lie. Sie finden ſich mit ihren Kindern im hausli⸗ chen Verein. Von der großen Familie umgeben, ſtellen ſie unter ihrem Schutz einen patriarchaliſchen Staat dar. Die Geſellſchaft muß wiſſen, wer zu dieſem Staat gehoͤrt. Die Ankuͤndigung der Ehe nennt der gemeine Sprachgebrauch das Eheverſprechen(Sponsalia). Die Anerkennung von Seiten der Geſellſchaft iſt die Trauung(benedictio nuptialis). Wir finden ſie bei allen Volkern, auf jeder Stufe der Cultur. Sie ertheilt der Gattin die Wuͤrde der Hausfrau, ſie II bezeichnet den Gatten als Hausvater und Familienre⸗ gent; die Kinder als ehelich gebohrne Hauskinder. Ueber die Nothwendigkeit der Ankuͤndigung und Anerkennung ſtreitet man nicht. Rur wird gefragt, ob ſie blos vor der Geſellſchaft als buͤrgerlichem Ver⸗ ein geſchehe und blos in dieſer Eigenſchaft erwiedert werde, oder ob ſie ihrem Weſen nach einen hoͤhern, religidſen Charakter annehme? Hier ſcheiden ſich die Schulen, die Volksſitte, die Meinung der Weiſen. Ueberall nahm bis jetzt, in der Geſchichte der Sitten und Meinungen, die Ehe neben dem buͤrgerlichen Charakter, einen religid⸗ ſen, als zu ihrem Weſen gehdrend, in An⸗ ſpruch. Ueberall fuͤhrte der Glaube der Nationen die Neuverehelichten an den Fuß der Altaͤre. Nur die Speculation der neuen Schule erklaͤrte die from⸗ men Ceremonien fuͤr außerweſentiich. Frankreichs Geſetzgebung verpflanzte dieſe Lehre in das Leben. Die Frage iſt wegen ihrer Folgen hoͤchſt wichtig. Gehoͤrt die Eingehung der Ehe dem religioͤſen Glau⸗ ben an, ſo entſcheidet der nemliche Glaube auch uͤber ihre Trennung; uͤber die Frage, welche Perſonen eine Ehe ſchließen koͤnnen, oder nicht, gebuͤhrt ihm eine mit entſcheidende Stimme. Haͤtte man gefragt: was iſt in der Ankuͤndi⸗ gung der Ehe von Seiten der Neuverehelichten, was iſt in ihrer Anerkennung von Seiten der Geſellſchaft enthalten?— ſo waͤre man der Aufloͤ⸗ ſung der Frage naͤher gekommen. FIſt die Ankuͤndigung blos auf buͤrgerliche Verhaͤltniſſe, auf perſonliche Leiſtungen und Hand⸗ lungen gerichtet, enthaͤlt die Anerkennung hlos die Zuſage des Schutzes ſeiner Verhaͤltniſſe von Sei⸗ ten der offentlichen buͤrgerlichen Macht, dann waͤre kein Grund vorhanden, die Ehe ihrem Weſen nach fuͤr kein bloſes buͤrgerliches Inſtitut, ihre Eingehung fuͤr keine buͤrgerliche Handlung zu erklaͤren. 12 Bei der Ankuͤndigung der Ehe von Seiten der Gattin, erklaͤrt ſie ihren Willen, aus dem Schoos der Familie, in welcher ſie gebohren und erzogen wur⸗ de, auszutreten und ihr ganzes Daſeyn an eine neue Familie anzuknuͤpfen. Sie uͤbergibt ihre Zukunft dem Mann ihrer biebe, und erklaͤrt ſich fuͤr die Theilnehmerin ſeiner Schickſale, ſeiner Leiden und Freuden. Sie erklaͤrt ſich fuͤr die Gefaͤhrtin ſeines Lebens im hoͤchſten Sinne des Worts; ſie uͤbergibt ſich ſei⸗ ner Leitung und uͤbernimmt ſeine Pflege. Sie erklaͤrt, daß ſie dies alles aus liebe thue, und ihm dieſe Liebe bis in den Tod treu bewahren wolle. Dies ſind keine aͤſthetiſchen Phraſen; es iſt der weſentliche und wahre Inhalt des ehelichen Ver⸗ ſprechens. Der Mann ſagt dagegen der Gattin biebe, Treue und Schutz zu. Er nimmt ſie zur Genoſſin ſeines Ramens und ſeines Standes auf, er verheißt den Kindern, die ſie ihm ſchenken wird, Erziehung; er theilt mit ihr auch ſeine Exiſtenz. Die wechſelſeitigen Zuſagen gehen nicht aus dem rechtlichen Willen, aus der klug berechnenden Sinnlichkeit hervor, welche Vertraͤge uͤber Mein und Dein ſchließt. Ihre Quelle iſt das Hoͤchſte und Heiligſte im Menſchen— das Gemuͤth. Sie knuͤpfen das Sinnliche an das Ueberſinnli⸗ che, die Gegenwart an die Zukunft, und fuͤllen den unermeßlichen Raum, der das aͤußere Recht von der innern Sittlichkeit ſcheidet. Wer in der Eingehung der Ehe einen gemeinen juriſtiſchen Vertrag und weiter nichts zu finden weiß, i fuͤr das rein und wahrhaft Menſchliche keinen inn. Durch den juriſtiſchen Vertrag ſucht der Pacis⸗ cent mehr Eigenthum zu erwerben, als er opfert: das Erworbene hat fuͤr ſeine ſinnlichen Zwecke einen ¹3 hoͤhern Werth, als das Gegebene; bei der eheli⸗ chen Vereinigung gibt der Verſprechende fuͤr die ihm zugeſagte Liebe ſein ganzes Zutrauen hin. Bei dem juriſtiſchen Vertrag verlangt der Pacis⸗ cent, unbekuͤmmert um Triebfedern, nur die zuge⸗ ſagte aͤußere Handlung; bei der ehelichen Vereini⸗ gung wird die Handlung nur durch die Quelle geheiligt, aus der ſie fließt. Dort iſt der Glaube an das un⸗ ſichtbare Innere außerweſentlich; hier iſt er weſentlich. Mag immerhin die Abrede der Neuverehelichten uͤber ihre kuͤnftigen Vermoͤgensverhaͤltniſſe dem juri⸗ ſtiſchen Vertrage angehoͤren; die eheliche Zuſage ſelbſt iſt etwas Hoͤheres; ſie iſt ein offentliches Geluͤbde, eine aus dem Innern des Gemuͤths hervorgehende oͤffentliche Verheißung⸗ Rur als Geluͤbde kann das eheliche Verſprechen im Angeſicht der Geſellſchaft abgelegt werden. Die Verehelichten ſtehen hier nicht vor dem, ihre Vertraͤ⸗ ge durch die Zuſage eines ſchuͤtzenden Zwangs, ſanctionnirenden Staatsverein. Was aus dem In⸗ nern des Gemuͤrhs hervorgeht, iſt keiner aͤußeren Garantie faͤhig. Die Geſellſchaft muß dahet hiet nothwendig einen andern Charakter annehmen. Der Glaube ſpricht zum Glauben, die Moralitaͤt der Einzelnen. zu der Moralität Aller. Indem die Reuverehelich⸗ ten bei Ablegung des ehelichen Geluͤbdes dem Ueber⸗ ſinnlichen oͤffentlich huldigen, richten ſie die Er⸗ klärung an die dem nemlichen Ueberſinnlichen hul⸗ digenden Geſellſchaft. Was iſt die letztere aber nach anthropologiſchen Geſetzen anders, als die Kirche? So athmet der religiöſe Glaube im Weſent⸗ lichen der Ankuͤndigung der Ehe. Die Kir⸗ che kann das Inſtitut nicht anders als ſo wie es an⸗ gekuͤndigt worden iſt, oder als ein religioſes Inſtitut anerkennen. Sie kann es nicht billigen, wo der religioſe Glaube die Ehe als irreligids unterſagt. 14 Gehort der Staat, wie ich vorhin zeigte, einer poſitiven Religion, gehoͤren alle Staaten des ge⸗ ſitteten Europa's, ſelbſt Frankreich nicht ausgenom⸗ men, der chriſtlichen Religion an, ſo muß der Staat das Anerkenntniß der Kirche uͤber das Daſeyn und Richtdaſeyn der religidſen Ehe ehren; wo die Kirche die Ehe als irreligios verwirft, darf ſie der Staat nicht heiligen. Hier reichen ſich der religioͤſe Glaube und das buͤrgerliche Geſetz, Staat und Kirche die Hand. Die Vereinigung derſelben iſt nothwendig, weil die Ehe in Anſehung der Verehelichten und ihrer KFinder Eigenthumsverhaͤltniſſe erzeugt, welche die Kirche nichts angehen, und welche ſie nicht beſtimmen kann. Die Vereinigung iſt auch darum noͤthig, weil der Staat bei Eingehung der Ehe ebenfalls Zwecke hat, deren Vereitlung er der Kirche nicht nachgeben darf. So entſtehen buͤrgerliche und kirchliche Ehehin⸗ derniſſe, die Eingehung der Ehe unterſagend— im- edimenta impedientia— oder die eingegangene Ehe fuͤr nicht vorhanden erklärend— impedimen- ta dirimentia. Die kirchlichen Hinderniſſe muß das buͤrgerliche Geſetz anerkennen. Es kann nicht den Sitten wi⸗ derſprechen. Es kann die buͤrgerlichen Wirkungen der Ehe nicht da eintreten laſſen, wo die Kirche die Ehe fur ein religidſes Verbrechen haͤlt, z. B. beim Inceſt, bei der Bigamie. Aber auch die buͤrgerlichen Hinderniſſe muß die Kirche ehren, denn ihre aͤußern Handlungen ſtehen unter der Aufſicht des Staats. Sie predigt Gehor⸗ ſam gegen die Gebote des Staats. Sie darf da kei⸗ ne Ehe anerkennen, wo ſie der Staat unterſagt, oder nicht erlaubt hat. 15 So hat die Ehe zugleich eine religioſe und eine, der buͤrgerlichen Ordnung angehoͤrende Seite. In ihrem innern Weſen gehoͤrt ſie der Kirche an. Sie wird unter ihrer Garantie geſchloſſen, nicht unter dem Schutz des Staats. In ihren aͤußern rechtlichen Verhaͤltniſſen und Wirkungen nimmt ſie der Staat in Anſpruch. Beide liegen außerhalb der Wirkungsſphaͤre der religioͤſen Meinung. An der Wahrheit der zweiten Behauptung hat man nie gezweifelt. Die erſte bedarf einer Ausfuͤh⸗ rung. Wenn man die Ehe ihrem Weſen nach fuͤr ein rein buͤrgerliches Verhaͤltniß erklaͤrt, ſo kann man ohne Inconſequenz den Schutz der Ehe keiner andern, als der oͤffentlichen Macht anvertrauen. Man muß dem Staat das Recht und die Verbindlichkeit beile⸗ gen, die Heilighaltung der Ehe zu erzwingen. Dies kann aber der Staat nur ſehr unvollſtaͤn⸗ dig; er kann nur die aͤußern gewaltthaͤtigen Eingriffe des Dritten in die Rechte des Ehemanns durch Ge⸗ walt verhindern. Gegen die Treubruͤchigkeit der Verehelichten ſelbſt vermag er wenig oder nichts. Die Heiligkeit der ehelichen Vereinigung, welche kein weiterer Waͤchter mehr ſchutzt, als das Auge des buͤr⸗ gerlichen Geſetzes, iſt ſchon laͤngſt untergraben. Leben, Eigenthum, perſonliche Freiheit umgibt der Staat durch Strafanſtalten. Vertraͤge uͤber Mein und Dein ſchuͤtzt er durch Zwang der Civilju⸗ ſtiz. Die Heiligkeit der Ehe bewachen die Sitten. Sie ſchoͤpfen ihre Kraft aus der religioͤſen Meinung. Ein Inſtitut, welches der Staat durch alle ſei⸗ ne Anſtalten nicht aufrecht erhalten kann, kann ihm nicht angehoͤren. Liegt die Garantie der Ehe außer der Sphaͤre ſeines Wirkens, ſo liegt auch ihr Weſen außer der Sphaͤre ſeiner Gebote. Indem der Code Napoléon die Ehe fuͤr ein rein buͤrgerliches Verhaͤltniß erklaͤrt, indem er ſie ihres 16 religioſen Charakters entkleidet, hat er naturwidrig verfuͤgt. Indem er die kirchliche Trauung fuͤr überfluͤſſig erklaͤrt, erklaͤrt er gerade das fuͤr uͤberfluͤſſig, woraus die Ehe die ihr eigenthuͤmliche Weihe, ihre Hoheit und Wuͤrde ſchoͤpft. Indem er einem Staatsfunktionär einer buͤrger⸗ lichen Behoͤrde die Trauung überträgt, legt er dem Staatsverein Eigenſchaften bei, welche letztere darum nicht hat, weil er ſie nicht haben kann. Er entwuͤrdigt die Ehe, welche er ehren wollte, er untergraͤbt ſeinen eignen Zweck. Verdankt das eheliche Band ſeine Staͤrke dem Rationalglauben, daß es ein religiöſes Band ſey, ſo erklaͤrt Frankreichs Civilgeſetz, daß es dieſen Glauben mit der Ration nicht theile. Es ſetzt ſich— ganz gegen den Geiſt einer regenerirten Geſetzggebung mit Sitten und Meinung in Contraſt. Wie groß dieſer Widerſpruch ſey, hat ſich nir⸗ gends ſtaͤrker gezeigt, als gerade in Frankreich. Die blos erlaubte und dem Gewiſſen uͤberlaſſene kirchliche Trauung, ob ſie gleich gar keine buͤrgerliche Wirkun⸗ gen erzeugt, und fuͤr den Staat gar keine Bedeutung hat, wird bei keiner neuen Ehe vernachlaͤßigt. Sie wird freiwillig vollzogen, indeß die buͤrgerliche, nur weil ſie befohlen worden iſt, vorgenommen wird. Jener Widerſpruch wuͤrde ſich noch ſtaͤrker zei⸗ gen, wenn man durch ein neues Geſetz die kirchliche Trauung fuͤr nothwendig, die buͤrgerliche dagegen fuͤr blos erlaubt, aber wirkungslos erklaͤrte. Man darf nicht zweifeln, daß alsdann die buͤrgerliche Trauung vollig verſchwinden, und die ganze Nation durch einſtimmiges Handeln ihre Geringſchaͤtzung derſelben ausſprechen wuͤrde. Dieſer Zeitpunkt der Ruͤckkehr zur Ordnung der Natur iſt vielleicht nicht weit entfernt. Napoleons Genie wird ihn zu beſchleunigen wiſſen. 27 Die buͤrgerliche Trauung ſelbſt, oder vielmehr die rein buͤrgerliche Ehe iſt nicht Napoleons Schoͤ⸗ pfung. In der Periode des Aufklaͤrungsfanatismus erzeugt, iſt ſie aus den Gaͤhrſtoffen deſſelben als eine unreife Geburt ſtehen geblieben. Sie mußte ſtehen bleiben, ſo lange Staat und Kirche in Frankreich nicht in vollige Harmonie vereinigt waren, und jener eine Herrſchaft nicht anerkennen konnte, aniche dieſe nicht entſagen durfte. Mit andern Worten: die rein buͤrgerliche Ehe und die damit verbundene buͤr⸗ gerliche Trauung, ſcheint mir nichts, als eine aus dem Gleiſe der Natur herausgetretene Reaetion gegen die nur zu lange fortgeſetzten Uſurpationen der rmi- ſchen Kirche. Die Reaction kann und wird mit der gaͤnzlichen Vereinigung der Kirchen untereinander, und der da⸗ mit verbundenen Vereinigung der Kirche und des Staats, auf welche ſchon ſo oft in Frankreich hinge⸗ deutet worden iſt, aufhoͤren. Wie dieſe Vereinigung moͤglich ſey, habe ich hier nicht zu zeigen. Sie ſteht indeſſen mit der Art der Aufnahme des Code Napoléon in zu genauer Verbindung, um ſie ſtillſchweigend zu uͤbergehen. Ich beruͤhre hier wieder eine der groͤßten und er⸗ habenſten, des Weltreformators wuͤrdigen Ideen. Die Weiſen der Schule haben ſie nicht verſtan⸗ den; daher die vielen ſchiefen Anſichten, welche man fuͤr und wider ſie aufgefaßt hat. Man hat darunter eine Vereinigung uͤber theo⸗ logiſche, im vierten und fuͤnften Jahrhundert, duech die Anwendung der neuplatoniſchen Myſtik auf den Chriſtianismus entſtandene Spitz zfindigkeiten, Dog⸗ men und Cntroverſen verſtanden,— eine Vereini⸗ gung, von welcher man mit Wahrheit behaupten kann, daß ſie weder heilbringend, noch moglich ſey. Die Vereinigung der Kirche kann nichts anders n. Bd 2 18 ſeyn, als eine ausgeſprochene Vereinigung uͤber das⸗ jenige, was das Eigenthuͤmliche des Chriſtianismus vom Eigenthuͤmlichen des Katholicismus, Luthera⸗ nismus, Calvinismus, Arianismus, Socianismus u. ſ. w. unterſcheidet. Sie iſt um ſo weniger ſchwer, da ſie nur ſicht⸗ bar und äußerlich darſtellt, was ſchon unſicht⸗ bar im Innern der Gemuͤther exiſtirt. Es kann die naͤmliche Vereinigung nur Einver⸗ ſtaͤndniß uͤber den aͤußern Ritus und kirchliche Ge⸗ braͤuche, nicht Vereinigung uͤber die damit zu verbin⸗ dende innere Bedeutung ſeyn, welche der Ueberzeu⸗ gung und dem Gewiſſen jedes Mitgliedes der verei⸗ nigten Kirche uͤberlaſſen bleiben muß. Endlich muß die Vereinigung aͤußere, religioͤſe, in das buͤrgerliche Leben und in die Anſichten der Ci⸗ vilgeſetzgebung tief eingreifende Inſtitute betreffen. Hiet zeigt ſich nichts Wichtigeres, als die Ehe und der Eid. Geht die Vereinigung weiter, uͤberſchreitet ſie die Grenzen des Allgemeinen, greift ſie in das Indi⸗ viduelle und Einzelne, ſo kann daraus nichts anders, als Verwirrung, Spannung oder Apathie entſtehen. Damit ſie innerhalb ihrer Grenzen fortbeſtehe, muß ſie einen Centralpunkt haben. Die Ausuͤbung der durch die Vereinigung entſtandenen wenigen kirch⸗ lichen Geſetze muß einer Hand uͤbergeben werden. Damit kein Staat im Staat, kein Antagonis⸗ mus zwiſchen einem ſelbſiſtaͤndigen Staate und einer ſelbſtſtaͤndigen Kirche fortbeſtehe, muͤſſen Staats⸗ und Kirchengewalt nicht in der Idee, ſondern in der Er⸗ ſcheinung, in der Perſon, nicht in der Quelle, eben⸗ falls vereinigt werden. Wird dieſer Zuſtand in Frankreich realiſirt, ſo wird es gewiß keiner rein buͤrgerlichen Ehe und kei⸗ ner buͤrgerlichen Trauung mehr beduͤrfen. Da in einem proteſtantiſchen Staat der Anta e 4 gonismus zwiſchen Staat und Kirche nicht eintritt, ſo hat die Einfuhrung der buͤrgerlichen Ehe fuͤr ihn auch nicht eine empfehlende Seite. Dieſe Einfuh⸗ rung wuͤrde achtungswürdige Vorurtheile, Gefuͤhle und Sitten kränken. Ich kann nicht darauf antragen. In dem Titel sur les actes de Tétat civil ha⸗ be ich zwar die Nothwendigkeit der buͤrgerlichen Trau⸗ ung bei der weitern Ehe eines geſchiedenen Ehegat⸗ ten, welche die Kirche nicht anerkennen, und welche der Pfarrer als Ofüicier de I'état civil nicht ſegnen kann, ſelbſt nachgegeben. Daß indeſſen dieſer Roth⸗ behelf bei einer proteſtantiſchen Ehe nicht eintrete, werde ich bei der Darlegung meiner Anſichten uͤber die Eheſcheidung zeigen. II. Zweiter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſion uͤber den fuͤnften Titel des erſten Buchs des Kodex Napoleon, sur le mariage. [33] S der Koder Napoleon keine andere als eine rein buͤrgerliche Ehe kennt, ſo kann er auch keine andere als rein buͤrgerliche Ehehinderniſſe annehmen. Gleich der Ehe ſelbſt wird die Lehre von verbo⸗ tenen Graden ihres religioͤſen Charakters beraubt. Was ſelbſt das Eherecht der Proteſtanten aus einem ſogenannten jus divinum positivum ableitet, was hierdurch gegen alle Eingriffe geſetzgeberiſcher Laune und Willkuͤhr geſichert wird, legt der Code Napoléon ins buͤrgerliche Geſetz. Er unterſcheidet zwar zwiſchen dispenſabeln und nicht dispenſabeln Faͤllen. In beiden unterſagt das Civilgeſetz die Ehe. Bei jenen kann indeſſen die voll⸗ ziehende Gewalt(der Kaiſer, die Regierung) in einzelnen Faͤllen eine Ausnahme zulaſſen. Daß bei dieſen die Willkuͤhr des Geſetzgebers ſein eignes Werk ehren muͤſſe, iſt nicht geſagt und konnte nicht geſagt werden. 2 Bei der officiellen Darlegung der Gruͤnde des Geſetzes iſt zwar behauptet worden, die indispenſa⸗ belen Grade der Verwandſchaft gehoͤrten der Ratur, die dispenſabeln gehoͤrten dem poſitiven Recht an. Aber auf welcher Baſis beruht dieſe Diſtinction? Wird nicht das Natur— oder beſſer das natuͤrliche Recht erſt durch den Ausſpruch des Geſetzgebers poſi⸗ tives und gilt nur in dieſer Eigenſchaft? Muß nicht jedes poſitive ein moͤgliches naturliches Recht ſeyn? Darf ich es freimuͤhig ſagen, ſo haben Frank⸗ reichs Geſetzgeber hier unter Phraſen eine natur⸗ widrige Verfuͤgung verhuͤllt; die rein buͤrgerliche Ehe konnte freilich nicht anders konſequent durchgefuͤhrt werden. Aber Konſequenz iſt oft nur Haltung des Jrrthums. Sie verwandelt ihn nicht in Wahr⸗ heit. Nach meiner Anſicht hat die bisherige Geſetzge⸗ hung mit Recht die zu nahen Grade der Verwand⸗ ſchaft als religisſe Hinderniſſe der Ehe betrachtet, nur vielleicht weniger mit Recht abſolute verwand⸗ ſchaftliche Hinderniſſe(impedimenta juris divini) und nicht abſolute oder dispenſable Hinderniſſe(im- pedimenta juris ecclesiastici) getrennt; und dort die Che fuͤr ein religidſes Verbrechen,— Inceſt— hier blos fur eine Unſchicklichkeit und Unanſtaͤndigkeit erklärt. Ich fuͤhre den Beweiß nicht aus der Bibel, ſondern aus der menſchlichen Natur und den Beduͤrf⸗ niſſen der Sitten. Die chriſtliche Religion iſt nur ihr Spiegel und Interpret. Alle menſchliche Bildung entwickelt ſich im Schoos der Familie. Als empfindendes und verſtaͤn⸗ diges Weſen wird der Menſch nicht phyſiſch geboren, ſondern moraliſch erzogen. Dieſe Erziehung empfaͤngt er nicht von der Geſellſchaft, nicht vom Staat, oder von der ihn umgebenden todten Natur, ſondern von ſeinen Erzengern. —— 22 Iſt der Staat, wie man in neuern Zeiten oft geſagt, aber vielleicht nicht tief genug empfunden hat, kein bloßes metaphyſiſches Rechts⸗Inſtitut, iſt er die Bedingung der Entwickelung und des Schutzes al⸗ ler Humanitaͤt, ſo gibt es fuͤr ihn nichts Hoͤheres und Heiligeres als der Familienverein. Er hat ihn nicht geſtiftét, ſondern iſt vielmehr ſelbſt von den zu einer hoͤhern Potenz vereinigten Fa⸗ milien gebildet worden. Das Familiengeſetz iſt da⸗ her aͤlter und hoͤher als das Staats⸗ und buͤrgerliche. Es iſt auch eigentlich nicht Geſetz, ſondern Sitte (mos). Die Sanktion deſſelben beruht nicht auf auf äͤußerm Zwang, ſondern auf Gefuͤhl und Glauben. Die Familienſitte oder der Familiengeiſt knuͤpft das zarte und feſte Band der Ehrfurcht und biebe zwiſchen Eltern, Kindern und Geſchwiſtern. Der Familiengeiſt feſſelt die Familienmitglieder aneinan⸗ der und durch ſie an die ganze Menſchheit. Er be⸗ ſiehlt elterliche und kindliche Pflichten als aͤußere Haͤndlungen und gleicht hierin dem buͤrgerlichen Ge⸗ ſetz. Weil aber der Gehorchende den Urheber des Geſeßes nicht zu nennen weiß, weil er ſeine noͤthi⸗ gende Macht fuhlt, aber nicht ſieht, ſo traͤgt ein Be⸗ duͤrfniß des Gemuͤths ihn in eine uͤberſinnliche Re⸗ gion. Die Gebote der elterlichen, kindlichen und ge⸗ ſchwiſterlichen Liebe erſcheinen als religidſe Gebote. Dem erwachenden Geſchlechtstrieb geſellt die Sitte die Schaamhaftigkeit zur Seite. Sie bewahrt die elterliche und Geſchwiſterliebe vor der Einmiſchung ſinnlicher Taͤuſchungen; ſie ſchuͤtzt die Genoſſen des Familienbundes gegen Begehrungen, welche nur auſ⸗ ſerhalb ſeinem Kreiſe Befriedigung ſuchen. Da alle Familiengefuͤhle, ſobald ſie ein practiſches Handeln oder Nichthandeln gebieten, einen geheimnißvollen, uberſinnlichen Charakter annehmen, ſo erſcheint auch der Inceſt als religioſes Verbrechen. 23 So ſinden wir es bei allen gebildeten Voͤlkern, uberall wenigſtens, wo es eine Familien⸗Erziehung und ein haͤusliches Leben gibt. In dieſem Glauben haben unſere Väter gelebt. Ihm verdankten ſie die Reinheit der Si.ten, die Keuſchheit der Weiber, die Kraft der Maͤnner. Umſonſt ſagen die Geſetz⸗Interpreten, die Will⸗ kuͤhr des Geſetzgebers habe die Ehe in abſteigender Llinie und unter Geſchwiſtern verboten, damit die Vertraulichkeit des Beiſammenlebens nicht die Sit⸗ ten untergrabe. Sie verwechſeln Urſache und Wir⸗ kung. Die Natur ſelbſt hat die Scheidelinie zwiſchen der Familien- und Geſchlechtsliebe gezogen. Sie hat jene von dieſer gereinigt, und durch eine geheim⸗ nißvolle Weihe, welche ſich in Gefuͤhlen ankuͤndigt, und keiner raiſonnirten Darſtellung faͤhig iſt, die Fa⸗ milienliebe gegen den Einfluß der Geſchlechtsliebe ge⸗ ſchuͤtzt. Das Geſetz uͤber verbotene Grade hat blos die Natur aufgefaßt; es hat das Sittlichreligioſe ausge⸗ ſprochen und kennt keine andere Quelle. Wir ver⸗ falſchen ſeinen Charakter, wenn wir das Nothwen⸗ dige mit dem Willkuͤhrlichen verwechſeln und fuͤr po⸗ litiſche Erfindung, fuͤr Reaktion des buͤrgerlichen Zwangs erklaͤren, was die Ratur dem civiliſirten Menſchen in dem Augenblick auferlegen mußte, in welchem ſie ſeine Sitten der haͤuslichen Erziehung, der Pflege ſeiner Eltern, der Liebe ſeiner Geſchwiſter uͤbergab. Die Familienliebe unter blutsverwandten Perſo⸗ nen in abſteigender und aufſteigender Linie, ſchoͤpft nicht ganz mit der Familienliebe unter Verſchwaͤger⸗ ten aus gleicher Quelle. Zwiſchen Perſonen, die von zarter Kindheit an, im haͤuslichen Verein gelebt haben, verliert ſich der Urſprung der Familienliebe in den erſten Eindruͤcken. 24 Vor dem Gegenſtande dieſer Liebe ging der erwachen⸗ de Geſchlechtstrieb gleich bei ſeiner erſten Regung begehrungslos voruͤber. Was ihm gleich anfangs heilig war, reizt auch nachher die Begierde nicht mehr. Das verſchwaͤgerte Individuum iſt nicht in dem Familienverein geboren, ſondern wird darin auf⸗ genommen. Es hat keine urſpruͤngliche, ſondern abgeleitete Anſpruͤche auf diejenige Familienliebe und Achtung, welche die Geſchlechtsliebe unterdruͤckt. Um des Vaters willen ehrt der Sohn die Stiefmut⸗ ter, um des Sohns willen betrachtet der Vater die zugebrachte Tochter als ſeine eigene. Perſonen, auf welche vor der Verſchwaͤgerung die Begehrungen des Geſchlechtstriebes geheftet wer⸗ den konnten, werden nach bloßen anthropologiſchen Gefuͤhlen durch die Verſchwaͤgerung nicht plotzlich geweiht. Die Forderung der Sitten iſt hier die naͤmliche, aber keine gleiche Triebfeder im Innern des Herzens verbuͤrgt ihre Erfuͤllung. Das Abgelei⸗ tete iſt nicht ſo ſtark, wie das Urſpruͤngliche, und gleichſam durch die Erziehung anthropologiſch Ange⸗ borne. Hatte ſich nie der Einbildung des Sohns die angeborne Mutter, oder der Einbildung des Bru⸗ ders die angeborne Schweſter nie im Zauber der Ge⸗ ſchlechtsreitze dargeſtellt, ſo kann die Macht der Er⸗ ziehung ſich bei der gegebenen Mutter und Schweſter nicht eben ſo aͤußern. Den Widerſpruch zwiſchen angebornem Geſchlechtstrieb und einer blos uͤbertra⸗ genen Familienliebe muß ein aͤußerer Geſetzgeber ent⸗ ſcheiden. Das Eheverbot oder die unterſagte Befriedi⸗ gung des Geſchlechtstriebs zwiſchen verſchwaͤgerten Perſonen nimmt daher einen weit poſitivern Cha⸗ rakter an. Rur entſteht hier wieder die Frage: iſt der 25 Staat oder buͤrgerliche Verein, oder iſt das Ueber⸗ ſinnliche und Religioſe die Quelle deſſelben? Es kommt hier ebenfalls auf Frhaltung der Sitten, oder desjenigen im Menſchen an, was ewig nicht durch Zwang, ſondern durch Glauben und Meinung geſchuͤtzt werden kann. Der Grund des Verbots iſt durchaus der näm⸗ liche, wie bei blutsverwandten Individuen. Die Quelle kann nicht verſchieden ſeyn. Iſt die Verle⸗ tzung des Verbots unter den Blutsverwanden ein re⸗ ligioͤſes Verbrechen, ſo kann die Verletzung unter Verſchwaͤgerten nicht als ein buͤrgerliches betrachtet werden. Daß hier das Verbrechen einen religioͤſen Cha⸗ rakter annehme, iſt um ſo viel mehr Beduͤrfniß der Civiliſation, da der Reiz der Verſuchung anthropo⸗ logiſch ſtaͤrker, die Wachſamkeir des buͤrgerlichen Geſetzes ſo gut wie unmoͤglich iſt, und nur das Herz, die Sinnlichkeit vom Gemuͤth bewacht werden kann. Ob das kirchliche Eheverbot wegen Verwand⸗ ſchaft und Verſchwagerung weiter als auf den zweiten Grad der Blutsverwandſchaft oder Verſchwaͤ⸗ gerung in der Seitenlinie, durch die Natur ausge⸗ dehnt werde, iſt eine Frage, welche ſich nur aus den Sitten, und der haͤuslichen Erziehung beantworten laͤßt. Daß der Erzieher und der Erzogene, daß die zuſammen und gemeinſchaftlich Erzogenen untereinan⸗ der, daß endlich die in der innigſten verwandſchaftli⸗ chen Vertraulichkeit Zuſammenlebenden ſich wechſel⸗ ſeitig nicht als Mittel der Befriedigung des Ge⸗ ſchlechtstriebes betrachten duͤrfen, dies muͤßte fuͤr den buͤrgerlichen Geſetzgeber das leitende Princip bei Feſt⸗ ſetzung der die Ehe verbietenden Verwandſchaftsgra⸗ de werden, wenn es uberhaupt in ſeiner Macht läge, 26 die Forderungen des Geſchlechtstriebs zu beherrſchen und zu leiten. Ueberlaͤßt er, was er nicht beſtimmen kann, dem kirchlichen oder religioſen Geſetzgeber, ſo hat dieſer kein anderes, als das naͤmliche Princip zu befolgen. So lange nach alter germaniſcher Sitte Kinder und Enkel, und verheirathete Geſchwiſter unter einem Dach wenigſtens haͤufig beiſammenlebten und erzo⸗ gen wurden, beruhete das Eheverbot zwiſchen Oheim und Richte, Tante und Reffen, und Geſchwiſterkin⸗ dern auf guten Gruͤnden. Die Paͤbſte trieben es freilich etwas weit. Ih⸗ re Cheverbote reichten uͤber alle Grenzen des haͤusli⸗ chen Beiſammenlebens hinaus. Das ſcholaſtiſche Argument, daß der Menſch aus vier Elementen be⸗ ſtehe und daß mit jeder Generation ein Element aus⸗ trete, war eine durchſichtige Huͤlle prieſterlicher Herrſch⸗ und Habſucht. Aus der naͤmlichen Quelle ſcheint auch der Un⸗ terſchied zwiſchen nicht dispenſabeln und dispenſabeln Graden der Verwandſchaft gefloſſen zu ſeyn- Die proteſtantiſche Kirche konnte ſich ihrer Ver⸗ faſſung wegen uͤber keine gemeinſchaftliche Normen vereinigen. In den einzelnen Landes⸗Ordnungen ſchim⸗ merte das kanoniſche Recht auf eine oft ſeltſame Art durch. Man wußte nicht, ob der Urheber des Ge⸗ ſetzes in ſeiner kirchlichen oder ſtaatsrechtlichen Eigen⸗ ſchaft verfuͤgt habe. Der Unterſchied zwiſchen nicht dispenſabeln und dispenſabeln Faͤllen wurde beibehalten, jene als Dog⸗ ma, dieſe als Kirchendisciplin betrachtet, jene nach dem moſaiſchen Recht, dieſe nach einer Willkuͤhr be⸗ ſtimmt, deren leitendes Princip man eigentlich nicht anzugeben wußte. Bei der Anwendung des moſai⸗ ſchen Rechts wurde wieder gefragt, ob die Ehever⸗ bote auf Grade oder auf beſtimmte Formen gerichtet, 27 ob ſie nach den bloßen Worten, oder analogiſch er⸗ klaͤrt werden muͤßten; ob z. B. das Verbot der Ehe zwiſchen der Bruders Wittwe und dem Schwager derſelben auch auf der Frauen Schweſter oder die Schwaͤgerin auszudehnen ſey. Vielleicht waͤre es beſſer, wenn der Unterſchied zwiſchen dispenſabeln und nicht dispenſabeln Graden der Verwandſchaft als eine Inconſequenz aufgehoben werden koͤnnte. Von der kirchlichen Seite ſcheint mir wenigſtens die Inconſequenz unverkennbar. Wenn die Kirche und ihr Repraͤſentant nur empfan⸗ gene Geſetze vollzieht, ſo iſt jede Dispenſation ein Widerſpruch mit der Natur des Inſtituts. Wird die Ehe umgekehrt als rein buͤrgerliches Inſtitut be⸗ trachtet und behandelt, ſo ſind die verbotenen Grade reine Ausſpruͤche des buͤrgerlichen Ge⸗ ſetes. Iſt vollends wie in Frankreich die geſeßge⸗ bende und die vollziehende Gewalt getrennt, fo iſt es nicht inconſequent, in die Haͤnde der letztern bis zu beſtimmten Grenzen ein Dispenſations⸗Recht nieder⸗ zulegen. Von dieſem allen abgeſehen, ſcheinen nach der Natur und den Sitten des gebildeten Europa's fol⸗ gende Ruͤckſichten einzutreten. Schon im zweiten Grad der Verſchwaͤgerung hat man angenommen, daß die Ehe des Mannes mit der Schweſter ſeiner verſtorbenen Gattin nicht abſolut verboten ſey. Dieſe Anſicht laßt ſich vertheidigen, weil vor jo⸗ der andern der Frau ledige Schweſter ſich der Erzie⸗ hung der Kinder widmet, und weil unabhaͤngig von dem Eheverbot und vom Geſetz noch andere wider⸗ rathende, aus der Individualitaͤt der Geſchlechter und aus geſellſchaftlicher Convenienz hervorgehende Gruͤnde der Verſuchung zur Verfuͤhrung entgegen⸗ wirken. Aber der naͤmliche Grund, welcher die Heirath 28 in dieſem Grade der Verſchwaͤgerung fuͤr zulaͤſſig erklaͤrt, ſtellt die Heirath zwiſchen der Tante und dem Reffen als naturwidrig dar. Die ledige Schweſter war zu ſeiner Erziehung, vielleicht zu Vertretung der Mutter als Stiefmutter berufen. Die Familienliebe hatte ſie zur Waͤchterin ſeiner Sitten beſtellt. Mit dieſem Verhaͤltniß iſt die Geſchlechtsliebe unvereinbar. Der ledige Bruder iſt nicht an das Haus des verheiratheten gebunden. Er bekuͤmmert ſich nicht um die Erziehung der Kinder des letztern. Die Hei⸗ rath zwiſchen der Richte und dem Oheim iſt daher weniger naturwidrig. Aber— wird man ſagen— wenn auch das Eheverbot wegen Blutsverwandſchaft und Verſchwa⸗ gerung, einen religioͤſen Urſprung hat, ſo iſt es doch ganz einerlei, ob es in einem kirchlichen oder bürger⸗ lichen Geſetz niedergelegt wird. Es kommt nicht auf den Urſprung, ſondern auf das Daſeyn, nicht auf die Quelle, ſondern auf die Heilighaltung des Geſe⸗ tzes an. Ich antworte hierauf: es iſt nicht gleich⸗ guͤltig, welche Sanktion ein Geſetz habe; es iſt nicht einerlei, in welcher Sanktion es promulgirt und auf⸗ genommen wird. Ein religioͤſes Geſetz geht in die Meinung, in das Gemuͤth uͤber. Es macht die verbotene oder ge⸗ botene Handlung ſelbſt zum Beſtimmungsgrund der⸗ ſelben. Es wirkt auch dann, wenn keine buͤrgerliche Strafe und Verbote, keine aufſehende Staatsbehorde die Beobachtung fordert. Das buͤrgerliche Geſetz borgt ſeine ganze Staͤrke von der mit phyſiſcher Macht bewaffneten ſichtbaren Willkuͤhr des Geſetzggebers. Es geht in das Ge⸗ muͤth nicht uber. Es gibt vielleicht auch in der burgerlichen Ge⸗ 29 ſetzgebung nichts Willkuͤhrliches. Der Geſetzgeber wird durch Thatſachen und Verhaͤltniſſe beſtimmt, welche die Natur, nicht ſein Wille erzeugt. Er iſt nur der Interpret der Natur. Aber von der Form ſeiner Ausſpruͤche iſt das Gepraͤge der Willkuͤhr unzertrennlich. Was er heu⸗ te verfuͤgt hat, muß er Morgen widerrufen duͤrfen. Der Gegenſtand ſeiner Verfuͤgungen iſt eben darum Veraͤnderungen und Zufaͤlligkeiten unterworſen. Der religioſe Geſetzaeber erlaͤßt Geſetze, welche ſogar auch der Form nach, nicht willkuͤhrlich, ſondern nothwendig und unabaͤnderlich ſind. Der Gegen⸗ ſtand ſeiner Gebote iſt die ewige, ſittlich anthropolo⸗ giſche Natur, wie ſie ſich im Leben und in aͤußeren Wechſelbeziehungen darſtellt. Wie die Ehe unter Eltern, Kindern und Geſchwiſtern vor zweitanſend Jahren verboten war, ſo muß ſie auch nach zweitau⸗ ſend Jahren verboten bleiben. Wuͤrdigt man einer ſeiner Quelle nach religioͤſes Geſetz zu einem rein buͤrgerlichen herab, ſo entzieht man ihm in der Meinung des Volks die ihm eigen⸗ thuͤmliche Grundlage. Man ſchwaͤcht den Glauben, dem es ſeine Staͤrke und ſeine Heilighaltung ver⸗ dankt. Man hat behauptet, daß der Staat und das burgerliche Geſetz auf den Egoismus gebaut ſey. Ich halte die Behauptung fuͤr richtig. Aber der Egois⸗ mus, indem er das Individuum erhaͤlt, zerſtoͤrt er das Geſchlecht. Er ſieht außer ſich ſelbſt nichts und die kommenden Generationen ſind fuͤr ihn nicht da. Das religioͤſe Geſetz arbeitet geradezu dem Egoismus enegegen. Es ſchutzt das Hoͤchſte der Menſchheit, die Achtung für ihre ewige Beſtimmung zur Kultur der Sitten und des Geiſtes gegen ſeinen Einfluß. Es umfaßt in ſeinen Wirkungen die kuͤnf⸗ tige Generation oder das Geſchlecht. Dieſe Wahrheit zeigt ſich nirgends auffallender, 30 als bei der Ehe. Durch dieſes Inſtitut und durch kein anderes werden die Menſchen ſittlich oder civiliſirt reproducirt. Und blos durch dieſe Re⸗ productionsart uͤberliefert ein Zeitalter dem andern die Eroberungen der Kultur und des Geiſtes. Wenn daher die buͤrgerliche Geſetzgebung nur auf die Erhaltung der Individuen, die jetzt da ſind, die den gegenwaͤrtigen Staat bilden, berechnet ſeyn kann, ſo wehrt die religioſe Ehe mit allen ſie umge⸗ benden Normen dem Untergang oder der Entartung des Geſchlechts durch Sittenverderben, ab. Die Reinigung der Familienliebe von der Ge⸗ ſchlechtsliebe iſt ihr Werk, nicht Werk des buͤrgerli⸗ chen Geſetzes · Wird die Ehe ſelbſt den Sitten und der relioͤſen Meinung zuruͤckgegeben, ſo wird auch das buͤrgerliche Geſetz ſeine Anſpruͤche auf die Beſtimmung der dis⸗ penſabeln und nicht dispenſabeln Grade der Verwand⸗ ſchaft nicht behaupten konnen. Der Wunſch, beide als kirchliche Ehehinderniſſe zu betrachten, findet ſeine Rechtfertigung in meinen Anſichten uͤber den Grundcharakter der Ehe ſelbſt. — II. Dritter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſton uͤber den fuͤnften Titel des erſten Buchs des Code Napoléon, du mariage. [34] — Fir die religioͤſe Meinung habe ich nur die Solen⸗ niſirung der Ehe, die feierliche Ablegung und Aner⸗ kennung des ehelichen Geluͤbdes, die daraus entſprin⸗ genden rein perſoͤnlichen Verbindlichkeiten und die Be⸗ ſtimmung der durch Blutsverwandſchaft und Ver⸗ ſchwaͤgerung entſtehenden Ehehinderniſſe in Anſpruch genommen. Alles uͤbrige, z. B. Heirathsmuͤndigkeit, Eiuwilligung der Eltern und Vormuͤnder, Ankuͤndi⸗ gung der einzugehenden Ehe u. ſ. w. gehoͤrt dem burgerlichen Geſetz an. Es fragt ſich hier noch, ob und wie es moͤglich ſey, das franzoͤſiſche Ehegeſetz mit Beibehaltung deutſcher Verwaltungsformen in Ausuͤbung zu bringen. In einem proteſtantiſchen Staat, für den Re⸗ genten, in deſſen Hand die Unterthanen als Mitglie⸗ der der Kirchengeſellſchaft die Kirchengewalt nieder⸗ gelegt haben, iſt die Aufgabe leichter zu loͤſen. Bei —.—— 32 Feſtſetzung der verbotenen Grade promulgirt er nur das nicht aus ſeiner Willkuͤhr, ſondern aus einer uberſinnlichen Ordnung emanirende Geſetz. In wel⸗ chem Buch es promulgirt wird, iſt gleichgultig, wenn nur die Ouelle ſeiner Guͤltigkeit unverfaͤlſcht bleibt. Die Traunng verrichtet ein Religionsdiener, und die Rechte und Verbindlichkeiten der Eheleute werden dem neuen Paar theils als religioͤſe, theils als buͤr⸗ gerliche Gebote, wie ſie das 6te Kapitel des vorlie⸗ genden Geſetzes enthaͤlt, vorgeleſen. So wird dem religioͤſen Glauben nirgends ein Aergerniß dargeboten; er nimmt das kirchlich auß, was buͤrgerlich gegeben wurde. Selbſt das franzoͤſiſche Eheſcheidungsgeſetz iſt— wie ich nachher zeigen werde, mit den Grundſaͤtzen der proteſtantiſchen Kirche nicht unvereinbar. Die durch wechſelſeitige Einwilligung geſetzlich begruͤndete Scheidung hat eine religioſe Seite, welche man bis⸗ her nicht wahrgenommen hat. Nur fur katholiſche Kirchenmitglieder nimmt al⸗ les eine andere Geſtalt an. Fuͤr ſie bedarf es eigner, ſchon in dem Vortrag sur les actes de I'état civil vorgeſchlagener Beſtimmungen. Ich werde auf ſie zuruͤckkommen und beſchaͤftige mich hier nur mit der eigentlichen artikelweiſen Anpaſſung des Code Na- poleon auf die beſtehenden Verhaͤltniſſe. Das erſte Kapitel handelt von den zur Schlieſ⸗ ſung einer Ehe erforderlichen Eigenſchaften und Be⸗ dingungen. Die Art. 144. bis 150. ſind blos doe⸗ trinellen Inhalts und folglich fuͤr ſich anwendbar. Die Art. 131. bis 153. ſchreiben die Form vor, wie der Rath der Eltern, oder Großeltern von den heirathenden Heirathsjaͤhrigen Kindern nachzuſuchen ey. Die Erfuͤllung dieſer Vorſchriften ſeßt ein orga⸗ niſirtes franzoͤſiſches Notariat voraus. Der Baieriſche Civilkoder hat das Rotariat ver⸗ 33 worfen, und den Kindern die Abfaſſung eines ſchrift⸗ lichen, durch den Civilſtandsbeamten und zwei Zeu⸗ gen zu uͤberreichenden Geſuchs aufgegeben. Bei Abfaſſung des Nachtrags uͤber den Vortrag sur les actes de Iétat civil hatte ich, mit Umge⸗ hung aller Form, blos vorgeſchlagen, daß der deut⸗ ſche Civilbeamte die Eltern und Großeltern, oder den Familienrath uͤber ihren Rath oder Einwilligung zu Protokoll vernehmen muͤſſe. Ich trage bei naͤhe⸗ rer Anſicht der Sache kein Bedenken, der Baieri⸗ ſchen Anwendungsart der ebengenannten Artikel, vor der, von mir vorgeſchlagenen, den Vorzug zu geben. Da nach meinem Vorſchlag der Pfarrer zum Ofcier de l'état civil beſtimmt iſt, ſo iſt die Aus⸗ fuͤhrung leicht, und die Befragung der Eltern und Großeltern der moraliſchen Wuͤrde des Pfarrers an⸗ gemeſſen. Der 155te Artikel erhaͤlt ſeine Anwendbarkeit durch dasjenige, was ich über die Art der Anwendung des Titels des absens geſagt habe. Der 156te Artikel wuͤrde in der Anwendung kei⸗ ne Schwierigkeiten darbieten, wenn nicht gar zu deut⸗ lich des procureur impérial darin erwaͤhnt wuͤrde. Der Baieriſche Civilkoder hat den Knoten zer⸗ hauen und dem procureur impérial gerat ezu das Richteramt ſubſtituirt. Nach meinen Antraͤgen sur les actes de J'état civil, vertritt der deutſche Ci⸗ vilbeamte oder das Untergericht bei der Controlle der registres de l'état civil die Stelle des procureur impérial; es werden ihm am Ende des Jahrs die Duyplicate jener Regiſter zugeſtellt, um ſie zu verglei⸗ chen, die begangenen Fehler anzuzeigen und auf die geeignete Strafe anzutragen. Fuͤglich wird dem nämlichen Beamten die An⸗ zeige der vom Pfarrer geſetzwidrig vorgenommenen Traunng uͤbertragen. 1I. Bd. 3 34 Ob aber die angedrohete Geld⸗ und Gefaͤngniß⸗ ſtrafe immer hinreichend ſey, ob nicht nach Beſchaf⸗ fenheit der Umſtaͤnde, nach dem Geiſte des geſtifteten Schadens, und nach andern Ruͤckſichten eine haͤr⸗ tere, dem richterlichen Ermeſſen muͤßte vorbehalten werden, iſt eine andere Frage. Eine gleiche Bemerkung gilt von dem uͤbrigens vollkommen anwendbaren 157te Artikel. Zu Artikel 158 bis 160 habe ich nichts weiter zu bemerken, als daß der letztere einen organiſirten Familienrath vorausſetzt. Ueber die Einfuͤhrungsart des letztern, uͤber die dabei eintretenden Bedenklich⸗ keiten werde ich mich zu ſeiner Zeit aͤußern. Die Artikel 161 bis 164 beſtimmen die verbo⸗ tenen Grade. Sie gehoͤren der religioͤſen Meinung an. Werden ſie ihr nach meinem Vorſchlag zuruͤck⸗ gegeben, ſo hat die vorbehaltene Dispenſationsbe⸗ fugniß in einem Staat, welcher geſetzgebende und vollziehende Macht in die eine und naͤmliche Hand niedergelegt, und den Regenten als erſtes Kirchenmit⸗ glied ʒum bloßen Executor der kirchlichen Geſetzgebung erklaͤrt hat, einen Sinn. Werden jene Beſtimmun⸗ gen der religioͤſen Meinung nicht zuruͤckgegeben, ſo iſt in der That die beſchraͤnkte Dispenſationsbe⸗ fugniß ein bloßes Woriſpiel. Was der Geſetzgeber jeden Augenblick ganz und in allen Faͤllen freige⸗ ben kann, kann er als Executor in einzelnen Fal⸗ len eben ſo rechtlich unvollzogen laſſen. Daß die Heirath mit der Schweſter der verſtor⸗ benen Frau fuͤr dispenſabel erklärt werde, iſt in Deutſchland durch Beiſpiel, Sitte und Meinung gerechtfertigt. Das im Koͤnigreich Weſiphalen gege⸗ bene Beiſpiel läßt keinen Zweifel uͤber die Vereinbar⸗ keit der Beibehaltung oder Wiederherſtellung jener Sitte mit der einem ſouverainen Staat des Rhein⸗ bundes zukommenden Deferenz uͤbrig. Das zweite Kapitel beſtimmt von Art. 165 bis 35 171 die bei Abſchließung der Ehe zu beobachtenden Foͤrmlichkeiten. Was ich uͤber die Anwendungsart zu bemerken und vorzuſchlagen habe, iſt in den Vortraͤgen sur les actes de l'état civil erſchoͤpft worden. Wird die im 165. Artikel vorgeſchriebene buͤr⸗ gerliche Trauung in eine kirchliche verwandelt, ſo kann alles uͤbrige nach jenen Vorſchlaͤgen vom Pfarrer als Staatsfunktionnaͤr beobachtet werden. Im einem Anhang zu dem Vortrage sur le di- vorce werde ich die Nothwendigkeit zeigen, eine rein buͤrgerliche Trauung fuͤr diejenigen katholiſchen Che⸗ paare einzufuͤhren, welche nach den franzoſiſchen Ge⸗ ſetz sur le divorce geſchieden worden ſind. Das dritte Kapitel handelt von dem Einſpruch gegen eine abzuſchließende Ehe. Die doetrinelle Beſtimmung der Frage, wer zum Einſpruch berechtigt ſey, Art. 172, 33, 74— leidet bei der Anwendung wenig Schwierigkeiten. Eben ſo leicht iſt die Anwendung des 19ten Frtikels, nach welchem der Einſprechende, wenn er nicht As⸗ cendent iſt, in die Koſten verurtheilt werden kann. Bei der Form oder bei der Behandlungsart des Einſpruchs zeigen ſich mehrere Schwierigkeiten. 1) Der Einſpruch gegen die Heirath des bevor⸗ mundeten Minderjaͤhrigen oder Bloͤdſinnigen ſetzt ei⸗ nen organiſchen Familienrath; 2) das Verfahren ſelbſt ſetzt ein organiſirtes Tribunal erſter Inſtanz; es ſeßzt ſogar 3) der 374te und 376te Artikel franzoſiſche Proceßformen voraus. ad ꝛ. Daß ſich der Form— ſchwerlich dem Geiſt nach— ein deutſcher Familienrath mit Beibehal⸗ tung deutſcher Proceßformen wird organiſiren laſ⸗ ſen, werde ich zu ſeiner Zeit zeigen. ad 2. Eheſachen wurden bisher von deutſchen Conſi⸗ * —.— 36 ſtorien gleich in der erſten Inſtanz entſchieden. Bleibt die Gerichtsverfaſſung vorlaͤufig ſtehen, ſo ſind dieſe Conſiſtorien ein richtiges Surrogat des franzoͤſiſchen erſten Inſtanzgerichts. ad 3. Die Artikel 174.§. 2., 176, 177, 178 be⸗ ziehen ſich mehr oder weniger auf franzoͤſiſche Pro⸗ ceßformen. Ich weiß kein Surrogat dafuͤr zu ſubſtituiren, und muß darauf antragen, ſie nach den denſchen Proceßformen anzuwenden. In dem Baieriſchen Civilkodex wird ausdruck⸗ lich die Unverbindlichkeit des bloßen Eheverloͤbniſſes ſanktionnirt. Das franzoͤſiſche Geſetz ſchafft die Sponsalia de futuro ſtillſchweigend ab. Eine aus- druckliche Beſtimmung daruͤber ſcheint mir nothwen⸗ dig. 3 Das vierte Kapitel handelt von der Nichtigkeits⸗ Erklärung der abgeſchloſſenen Ehe. Gegen die Anwendbarkeit der Artikel 180, 181, und 182 habe ich nichts zu erinnern. Der Baierſche Civilkodex hat es bei Art. 183 fur unbillig gehalten, demjenigen Ehegatten, der die Ehe wegen des Mangels der Einwilligung einer drit⸗ ten Perſon angreift, nach erlangter Vollaͤhrigkeit noch ein ganzes Jahr zur Erhebung der Nichtigkeits⸗ klage Zeit zu laſſen. Er hat den Termin auf 6 Mo⸗ nat herabgeſetzt. Dies ſcheint mir ſehr billig. Der 184te Artikel enthält die ſehr vernuͤnftige Verordnung, daß die vor der Heirathsmuͤndigkeit, bei einer ſchon geſetzlich beſtehenden Ehe, und in verbotenen Graden der Verwandſchaft, eingegangene Ehe, ſowohl von den Ehegatten, als von den Inter⸗ eſſenten, als vom Ministére public, als geſetzwi⸗ drig angegriffen werden kann. Der Beierſche Civilkoder hat dem Ministère public das Wort von Staatswegen ſubſtituirt. Dies heißt wohl nichts anders als: ex officio, und dabei wird es, wie ich glaube, bis zur Einfuͤhrung einer, 37 der franzoͤſiſchen aͤhnlichen, Gerichtsverfaſſung bleiben muͤſſen. Ich darf indeſſen nicht unbemerkt laſſen, daß man einen gewiſſen Widerſpruch zwiſchen dem 139ten und 184ten Artikel nicht mißkennen kann. Im Art. 139 wird geſagt: Lépoux absent dont le conjoint a contrac- té une nouvelle union, sera veul recevable à attaquer le mariage par lui méme, ou par Son fondèé de pouvoir, muni de la preu- ve de son existence. Hier wird nun verordnet, daß auch das Mini- stere public die vor aufgeloͤſter erſter Ehe einge⸗ gangene zweite mit der Richtigkeitsklage angreifen duͤrfe. Im 190ten Artikel wird ihm dieſes ſogar mit den Worten il doit demander la nullité du ma- riage zur Pflicht gemacht. Als ich den 139ten Artikel vortrug, die nach⸗ theilige Folgen deſſelben entwickelte, und auf eine Modification— naͤmlich auf die Beibehaltung der Scheidungsklage gegen den verlaſſenden Ehegatten, antrug, wurde, ſo viel ich mich erinnere, ſowohl von dem verehrten Fuͤrſtlich Primatiſchen, als Großher⸗ zoglich Heſſiſchen Herren Commiſſarien muͤndlich be⸗ merkt, daß ich den Artikel nicht richtig verſtehe, in⸗ dem das Ministère public die Ehe des wiederheira⸗ thenden anwe ſenden Ehegatten angreifen muͤßte. Ich muß indeſſenk bemerken, daß Maleville Thl. 1. S. 201.— den Artikel 139 gerade ſo verſteht⸗ wie ich ihn in jenem Vortre ag erkl laͤrt habe. Er haͤlt ihn fuͤr eine Ausnahme der Verfuͤgungen 1 84— 190. und ſagt beſtimm daß die Ehe des Anweſenden blos vom zuruͤckkehrenden Abweſenden nicht von den Kindern deſſelben, oder vom Ministere public koͤn⸗ ne angegriffen werden. Die Artikel 183 bis 189 leiden bei der Anwen⸗ dung teine Schwierigkeit; ſie ſind blos doetrinell. 38 Art. 190 iſt blos eine noch genauere Beſtim⸗ mung des 184ten. Er legt dem procureur impé- rial als Pflicht auf, was ihm dort nur als Recht war verſtattet worden. Daß er indeſſen auch bei der Aus⸗ uͤbung dieſer Pflicht vorſichtig handeln, und nicht ohne Roth ein verborgenes Skandal zur oͤffentlichen Kunde bringen muͤſſe, ſagt das Geſetz nicht. Sehr richtig bemerkt dies Maleville S. 204.— So lange kein Ministère public eingefuͤhrt, und der anklagende Staat nicht durch einen eigenen Repraͤ⸗ ſentanten dem richtenden Staat entgegengeſetzt wird, kann auch dieſer Artikel blos auf eine Unterſuchung von Amtswegen bezogen werden. Die naͤmliche Bemerkung gilt vom Art. 191. in ſofern darin das Ministère public erwaͤhnt wird. Daß das Recht des Familienraths, die Heirath des Minderjaͤhrigen, in welche er nicht eingewilligt hat, anzugreifen, im Artikel ſtillſchweigend enthalten ſey, bemerkt Maleville(1. 203.) Es entſteht die Frage, ob der Artikel nicht zu ergaͤnzen waͤre? Die Artikel 192 und 193 reden von Fällen, wo die der Abſchließung der Ehe vorangehenden, oder die ſie begleitenden Foͤrmlichkeiten nicht ſind beobachtet worden, ohne daß doch darum die Ehe durchaus null und nichtig iſt. Der Fehler wird durch Strafe heimgeſucht. Dies iſt nicht ſo zu verſtehen, als wenn die Ehe in jeder Hinſicht, oder fuͤr jeden Dritten un⸗ umſtoͤßlich gultig wäre. Sie iſt es nur relativ. Sie kann als nichtig angegriffen werden, weil ſie z. B. nicht devant l'officier civil competent abge⸗ ſchloſfen wurde, Art. 191. Dies muß aber nicht geſchehen. Wo es nicht geſchieht, iſt zwar die Ehe gultig. Allein die Strafe iſt dennoch verwirkt. Auf i Vollziehung derſelben dringt das Ministère pu- lic. Daß der Ofſcier de Tétat civil, der ſich zur Formaliſirung einer nichtigen Ehe hat brauchen laſſen, 39 mit einer Srafe von 300 Fr. davon kommt, und daß ſogar eine hoͤhere Strafe nicht erkannt werden kann, iſt ſchwerlich zu billigen. Dies hat ſelbſt Maleville 1. 207. geruͤgt. Art. 194. bis 200. bilden ein ganzes Syſtem, und ſcheinen mit dem Vorhergehenden in einem gewiſſen Widerſpruch zu ſtehen. Es wird vom Beweis der guͤltig abgeſchloſſenen Ehe gehandelt. Der Beweis kann nach Art. 194. nicht anders als durch Produetion der Trauungsurkunde(des Trauſcheins) gefuͤhrt werden. Der Trauſchein muß indeſſen eine geſetzliche Form haben, d. h. es muß gezeigt werden, daß die Heirath in die registres des actes de I'état civil des competenten Officier de l'état civil eingetragen worden ſey. Dies kann in drei Faͤllen unmoͤglich ſeyn. Entweder deswegen, weil gar keine registres des actes de l'état civil gefuͤhrt worden ſind, oder weil ſie verloren gegangen ſind, oder weil der Officier de L'état civil die Ehe⸗ vollziehung entweder gar nicht einzutragen, oder was eben ſo unguͤltig iſt, weil er ſie auf ein fliegendes Blatt geſchrieben hat. Im erſten und zweiten Fall laͤßt Art. 46. den Beweis der geſchehenen Trauung durch Zeugen und Privaturkunden zu. Im dritten Fall kann nur eine gegen den ſtraf⸗ baren OlRcier de l'état civil anzuſtellende Criminal⸗ klage, wenn das Urtheil die Trauung fuͤr geſchehen, die Beurkundung derſelben dagegen fuͤr unterlaſſen erklart, den Beweis der geſchehenen Trauung herbei⸗ ſchaffen. Dieſes Urtheil muß in die registres de Pétat civil eingeſchrieben werden. Unter dieſer Be⸗ dingung legt das Criminalurtheil der Ehe vom Tage der Trauung in Hinſicht aller Intereſſenten alle buͤr⸗ gerliche Wirkungen der Ehe bei.(198.) Dieſe Cri⸗ 40 minalklage kann nach dem Tode der Ehegatten von jedem, der dabei ein Intereſſe hat, ſelbſt vom Mini- stère public angeſtellt werden.(199.) Nach dem Tode des ſtrafbaren Ofücier de l'état civil verwan⸗ delt ſie ſich in eine Civilklage gegen die Erben deſſel⸗ ben. Sie wird vom Ministère public, doch nicht anders, als in Gegenwart der Intereſſenten und auf Denunciation derſelben gegen jene Erben gerichtet. Daß ſie bloße Entſchädigung bezwecke, verſteht ſich von ſelbſt; und daß das Urtheil, eingeſchrieben in die Registres de I'état civil, eben ſo den Abgang der eingeſchriebenen Trauungsurkunde geſetzlich ſup⸗ plirs, wie das eingeſchriebene Criminalurtheil, be⸗ hauptet Maleville. Was aber eine vom Ministère public, auf Denunciation angeſtellte Civilklage ſey, davon habe ich keinen klaren Begriff. Wird das Mi- nistère public vorlaͤufig noch nicht eingefuͤhrt, ſo iſt es nicht nothig, daruͤber eine Vorſtellungsart aufzu⸗ faſſen. Die Stelle ſuspendirt ſich von ſelbſt. Aus dem Art. 194. in Verbindung mit Art. 46. 198. auch 193, 99, 100. folgt, daß der bloße Be⸗ ſitzſtand(possession d'tat) eine beſtehende Ehe nie guͤltig mache. Dies ändert ſich ſelbſt nicht ab, wenn die Scheinehe durch den Tod des einen Ehegatten aufgeloͤſt worden iſt. Rur in Enfehung der Kinder tritt nach dem To⸗ de beider Eitern eine Ausnahme ein. Sie ſind der bloßen possession d'état wegen legitim, mit andern Worten: ſie können nicht deswegen der Vorzuͤge der eholichen Geburt beraubt werden, weil eine im Regi- stre de Létat civil eingeſchriebene Trauungsurkunde nicht producirt wird. Dieſes alles iſt verſtaͤndlich, klar, anwendar. Zwiſchen Art. 191. und 196. zeigt ſich indeſſen ein Widerſpruch, den ich nicht aufloſen kann, und den auch Locré nnd Maleville nicht befriedigend auf⸗ loͤſen. 41 Art. 19r. verordnet: Tout mariage qui n'a point été celébré devant Tofficier public com- pétent, peut étre attaqu par les Epoux eux- mé- mes. Art. 196. verordnet: Lorsqu' il y a posses- sion d'état et que l'acte de célébration devant l'oflicier de Pétat civil est répresenté, les epoux sont respectivement non recevables à demander la nullité de cet acte. Dieſer letzte Artikel iſt auf Antrag des jetzigen Reichserzkanzlers Cambaceres, ſo wie er im Code ſteht, gefaßt worden. Er ſagte zur Rechtfertigung deſſelben folgendes: Si les raisons qu'on peut faire valoir contre Tepoux qui désavoue le titre qu'il s'est plu à porter, qu'il a aimé longtems à donner à 1a compagne doivent céder, lorsqu'il ny a pas d'acte de célebration a des considérations su- périeures à Pintérét des moeurs, à l'ordre pu- blic, rien au contraire ne balance leur for- ce, quand il existe un acte quelconque de ma- riage. Que des tiers ne soient pas obligés de s'en contenter, Sil est irrégulier, ils le peu- vent sans blesser la bonne foi; mais que des epoux qui ont confirmè cette intention, en se donnant mutuellement les noms de mari et de femme, se prévalent de quelques défauts de forme, qui d'ailleurs sont de leur fait, pour nier la foi jurée, pour rompre un noeud en soi indissoluble, c'est un scandale et une perfidie que la loi ne peut pas favoriser: trop heureux pour ces parjures, qu'elle s'ab. stienne de les punir. (Locré III. p. 414. 420.) Dieſe Gruͤnde befriedigen vollkommen. Sie ſcheinen aber nicht mit dem Geiſt des 19rten Artikels vereinbar. Der Grund des 196ten Artikels iſt, daß 42 der Gatte ſelbſt ſein eignes Faktum, wegen einer von ihm ſelbſt verſchuldeten Verletzung der Formen nicht angreifen ſoll. Der 191te Art. autoriſirt ihn dage⸗ gen, ſein eignes Faktum anzugreifen. Der 191te Art. ſagt naͤmlich implicite, wenn ſchon ein Acte de célébration du mariage da iſt, es iſt aber entweder die Célébration nicht oͤffentlich, bei Tage, im Gemeindehaus, oder nicht vor dem Oficier de l'état civil compétent geſchehen, ſo konnen die Pou eum mimet die Ehe angreifen. Ge⸗ gen dieſe Verfuͤgung iſt die Bemerkung Cambaceres gerichtet, welche ich in dieſer Abſicht noch einmal zu leſen bitte. Dieſer naͤmlichen Bemerkung verdankt der ro6ſte Artikel ſein Daſeyn. Er ſagt: wenn possession d'état und ein Acte de célébration (kein Wort von célébration publique et devant officier civil compétent) vorhanden ſind, ſo ſind die Ehegatten untereinander mit der Nichtigkeitskla⸗ ge nicht zuzulaſſen. Der Artikel kann unmoͤglich einen andern als dieſen Sinn haben, wenn man ihn mit den von Cambaceres dargelegten Motiven vergleicht. Eben dadurch entſteht aber ein Wider⸗ ſpruch mit Art. 191. Wie iſt er wegzuräumen? In die Faſfung des Geſetzes hat ſich noch ein anderer Fehler eingeſchlichen. Es hatte naͤmlich Treilhard im Staatörath die Behauptung aufgeſtellt, es ſey unbillig, die Eheleute untereinander, welche ſich einmal in dieſer Eigenſchaft anerkannt haͤtten, und ſich in der possession d'état gefunden, wechſel⸗ ſeitig zum Leugnen des Daſeyns der Ehe, einen gegen den andern, zuzulaſſen. Er hatte aus dieſem Grunde auf die gaͤnzliche Verwerfung des 195ten Artikels angetragen. Dieſer Antrag war ſogar in der Staats⸗ rathsſitzung vom 6ten Bruͤmär Jahr 11. genehmigt worden. Dennoch wurde der Artikel, ohne daß man weiter den Grund weiß, beibehalten. Maleville ver⸗ muthet ſogar ein bloßes Verſehen der Redaction. 43 Ich trage dennoch weder auf Abaͤnderung, noch Suspenſion des 195. Artikels an. Er haͤngt zu ge⸗ nau mit andern Artikeln zuſammen, welche dann ebenfalls muͤßten abgeaͤndert werden. Ich beruhige mich vorlaͤufig um ſo viel lieber, da die nicht unverſtaͤndlichen Art. 201. und 202. der bona fide eingegangenen, noch ſo fehlerhaften Ehe, in Hinſicht des in gutem Glauben handelnden Ehe⸗ gatten alle buͤrgerliche Wirkungen zuſichern, mithin alles, was man gegen andere Verfuͤgungen und gegen ſcheinbare Beguͤnſtigungen des Betrugs und der Treuloſigkeit ſagen koͤnnte, wieder gut machen. Aber fragen moͤchte ich, wie eine Ehe, die an und fuͤr ſich nichtig iſt, und fuͤr nichtig erklaͤrt wird, dennoch buͤrgerliche Wirkungen hervorbringen koͤnne? Wie ſich eine ſolche Ehe von einer geſchiedenen Ehe unterſcheide? Was man ſich beſtimmt dabei denke, wie etwas zugleich nichtig und guͤltig ſeyn koͤnne? Das fuͤnfte Kapitel— des obligations qui naissent du mariage— bietet gar keine Schwie⸗ rigkeiten dar. Der PBaieriſche Civilkodex hat gar nichts darin abgeaͤndert und etwas hinzugeſetzt, was ſich allenfalls von ſelbſt wuͤrde verſtanden haben. Dagegen hat er den Sinn des 203te Artikels unrich⸗ tig dargeſtellt. Der Ausdruck. les 6poux contractent ensemble par le fait seul du mariage, obligation de nourrir, en- tretenir et eléver leurs enfans— heißt: die Gatten uͤbernehmen durch die Heirath ipso jure(par le fait seul) die Verbindlichkeit der Ver⸗ pflegung und Erziehung ihrer Kinder. Der Baierſche Eivilkodex ſagt dagegen: die Ehe⸗ gatten uͤbernehmen blos dadurch, daß ſie heirathen, die Verbindlichkeit u. ſ. w. Dies muͤßte man ſo verſtehen, als wenn die Hei⸗ rath die einzige Quelle der Alimentationsverbindlich⸗ 44 keit der Erzeuger ſeyo. Dies war aber von der In⸗ tention des Geſetzgebers weit entfernt. Doas ſechſte Kapitel— des droits et des devoirs respectifs des epoux— Art. 212. bis 226. wuͤrde gar keine Schwierigkeit darbieten, wenn nicht die Formen des franzoͤſiſchen gerichtlichen Ver⸗ fahrens durch mehrere Artikel durchſchimmerten. B. Art. 210. Selbſt die neueſte Ueberſetzung des Code Napoléon, welcher der Moniteur den 2ten oder zten Preis zu erkennt, uͤberſetzt den im Art. 217. und 219. vorkommenden Ausdruck acte, wie ich glaube, nicht richtig. Es wird dadurch nicht blos das Geſchaͤft oder ein Vertrag, ſondern zugleich die Beurkundung deſ⸗ ſelben verſtanden. Der Ausdruck passer acte heißt nie blos einen Vertrag ſchließen, ſondern eine Wil⸗ lenserklaͤrung vor Rotar und Zeugen beurkunden laſſen. Es beziehen ſich daher beide Artikel auf das fran⸗ zoͤſiſche Notariat. Wird es eben ſo wenig, als die franzoſiſche Ge⸗ richtsorganiſation eingefuͤhrt, ſo kann das Kapitel nicht anders, als ſo angewendet werden, wie es im Baierſchen Civilkodex gefaßt und ausgedruͤckt worden iſt- Die Inſtruktion muͤßte darauf hinweiſen. Zu dem ſiebenten Kapitel Art. 227 habe ich die einzige Bemerkung zu machen, daß die Ehe, ſobald ſie zur Wuͤrde eines religioſen Inſtituts erhoben wird, nicht ipso jure durch den Civiltod des Man⸗ nes aufgeloſt werden kann. Doch muß ſie eine Scheidungsklage begruͤnden. Ich trage darauf an, No. 3. des Artikels dahin zu modificiren. Zu dem Artikel 226. habe ich nichts zu bemer⸗ en. W Erſter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſion uͤber den ſechſten Titel des er⸗ ſten Buchs des Koder Napoleon, du di- vorce. [35] De gegenwaͤrtige Titel fuͤhrt den deutſchen Juriſten in eine neue Welt. Die Quellen der neuen Geſetzgebung, ihre Grundanſicht, die daraus abgeleiteten Dogmen, die Behandlungsart, alles ſcheint verſchieden. Und doch iſt dieſe Verſchiedenheit mehr eine ͤußere als innere. Die Philoſophie entdeckt eine hoͤ⸗ here Anſicht, in welcher ſich das Neue und Alte ver⸗ einigt, die Kirche mit der Civilgeſetzgebung verſoͤhnt, dieſe von jener eine hoͤhere Wuͤrde borgt, und jene der Weisheit und Bedächtlichkeit der Civilgeſetzgebung huldigen muß Bei der Darlegung dee Geiſtes und Inhalts des Geſetzes du divorce laſſen ſich drei Geſichts⸗ punkte unterſcheiden. I. Die Quelle, aus welcher das Geſetz hervorge⸗ gangen iſt, oder ſeine Grundanſicht. 46 II. Das Rein⸗Dogmatiſche, oder die aus jener Quelle gefloſſene Doetrin. III. Die Behandlungsart der Eheſcheidung, oder die dabei eintretende Proceßform. Jedem dieſer Gegenſtaͤnde widme ich einen eig⸗ nen Abſchnitt. 1. Quelle, aus welcher das franzoͤſiſche Geſetz du divoroe hervorgegangen iſt, oder Grundanſicht deſſelben. Die Eheſcheidung hat eine kirchliche oder reli⸗ gioͤſe, eine civiliſtiſche, und eine publiciſtiſche Seite. Betrachten wir die Ehe als Geluͤbde, ſo enthaͤlt die verlangte Eheſcheidung eine Losſagung, die erkannte eine Losſprechung von feierlich übernommenen Pflichten. Dies iſt die religidoͤſe Seite. Betrachten wir die Ehe als eine vom Staat garantirte Verbindlichkeit zu Handlungen und Unter⸗ laſſungen, ſo iſt die Eheſcheidung ein Anerkenntniß des Staats, daß eine Verbindlichkeit nicht mehr vorhanden ſey, oder aufgehoͤrt habe. Dies iſt die civiliſtiſche Seite. Sehen wir endlich in der Ehe die vom Staat und der Kirche anerkannte Stiftung einer neuen Fa⸗ milie, ſo enthaͤlt die Cheſcheidung in Hinſicht der Geſellſchaft eine Aufloſung derſelben. Dies iſt die publieiſtiſche Seite Sind Staat und Kirche in der Perſon oder in der Erſcheinung identificirt, ſo faͤllt, der Natur der Verhaͤltniſſe nach, die kirchliche, buͤrgerliche und die, wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf, publiciſtiſche Eheſcheidung in Eins zuſammen. Was die Kir⸗ che geſchieden hat, iſt auch für das burgerliche Geſetz, und fuͤr die Geſellſchaft getrennt. Sind Staat und Kirche in der Erſcheinung ge⸗ trennt, ſo entſteht vor allen Dingen die Frage, ob die Cheſcheidung ihrem Weſen nach der Kirche oder dem 47 Staat angehoͤre, ob es der Kirche zukomme, die vom Staat, oder dem Staat, die von der Kirche ausge⸗ ſprochene Eheſcheidung anzuerkennen. Die die Ehe trennende Kirche ſpricht von einem Geluͤbde, der ſie aufloͤſende Staat ſpricht von der Verbindlichkeit zu Handlungen los, jene fuͤr das Ge⸗ wiſſen, dieſer fuͤr das Leben. Iſt die Eingehung der Ehe ihrem Weſen nach ein Geluͤbde, ſo kann ihre Trennung weſentlich nichts anders, als die Aufhebung des Geluͤbdes ſeyn. Wird namlich im Fortgang der Ehe das Geluͤb⸗ de vom einen Theil gebrochen, ſo wird der andere im Heiligthum ſeiner edelſten Neigungen gekraͤnkt. Der Beleidiger verwickelt den Beleidigten in einen zerſto⸗ renden Kampf mit ſich ſelbſt, in einen Widerſpruch mit ſeiner beſſern Natur. Wer tragen kann, traͤgt und erſcheint durch Ausharren achtungswuͤrdig vor ſich ſelbſt. Wer es nicht kann, fragt ſein Gewiſſen, ob es für ihn Pflicht ſey, den Reſt ſeiner Lebensfreu⸗ den einem unberechneten Geluͤbde, dem getaͤuſchten Zutrauen auf das unbekannte Innere des Andern aufzucpfern. Haͤlt er die Losſagung vom Geluͤbde fuͤr Pflicht der Selbſterhaltung, ſo fraͤgt er die durch die Kirche repraͤſentirte aͤußere moraliſche Geſellſchaft, ob und in wiefern dieſe naͤmliche Losſagung mit der Achtung fuͤr aͤnßere Sittlichkeit und Religioſitaͤt vereinigen koͤnne. Indem ihre billigende Anerken⸗ nung ſein Gewiſſen beruhigt, beſtimmt ſie ſein aͤuße⸗ res Handeln. Nachdem er die Ehe ſchon im In⸗ nern ſeines Gemuͤths geſchieden hat, trennt ſie auch aͤußerlich die ungluͤckliche Verbindung. Dies iſt der weſentliche Charakter der Eheſchei⸗ dung. Einen andern kann ſie nicht haben. Die Pflicht der Selbſterhaltung kann ſie im innern Be⸗ wußtſeyn gebieten. Sie wird durch einen Akt des Gemuͤths fur das innere Familienleben vollen⸗ det. Der Ehegatte, der ſich in ſeiner Reigung ſchon 48 von ſeinem Ehekonſorten definitiv getrennt hat, lebt in der That anthropologiſch nicht mehr mit ihm in der Ehe. Das heiligſte Familienband iſt aufge⸗ loſt, und was uͤbrig bleibt, iſt nur noch eine fuͤr den offentlichen Anſtand beibehaltene Huͤlle. Die Kirche verſoͤhnt durch ihre Billigung, durch die religioͤſe An⸗ erkennung des Erlaubtſeyns der Eheſcheidung das Gemuth mit dem Glauben, die religidſe Meinung des Einzelnen mit der religidſen Meinung Aller. Der Staat knüpft, wie bei der Eingehung der Ehe, an die kirchliche Trennung buͤrgerliche Wirkungen; er beſtimmt die kirchlichen Formen, ohne welche die buͤr⸗ gerlichen Wirkungen nicht eintreten ſollen. Er übt ſeine Oberauſſicht uͤber die Kirche aus, ohne in ihre Geſetzgebung einzugreifen. In dieſem Zuſtand haben wir die Eheſcheidung uͤberall gefunden, wo es eine vom Staat in der Er⸗ ſcheinung abgeſonderte herrſchende Kirche gab. Wenn dieſe Kirche das Gelubde ſelbſt fuͤr un⸗ aufloslich, die gaͤnzliche Losſagung fuͤr unerlaubt und irreligios erkläͤrt, wenn ſie nur von den einzelnen Handlungen, auf welche das Geluͤbde gerichtet war, losſprach, ſo konnte der Staat nicht weiter gehen. Die von ihm zu beſtimmenden buͤrgerlichen Wirkungen der Ehetrennung konnten ſich jenſeits der von der Kirche vorgezeichneten Sphaͤre derſelben nicht erſtre⸗ cken. Indem Frankreichs Geſetz— wie ich glaube ge⸗ zeigt zu haben— naturwidrig die Eingehung der Ehe der ausſchließenden Wirkungsſphäre der Civil⸗ geſetzgebung zueignete, mußte es nothwendig die Eheſcheidung fuͤr einen bloßen und reinen Ausfluß der Staatsgewalt erklaͤren. Sie mußte ſie von der aͤußern Wuͤrde einer Ge⸗ wiſſensangelegenheit entkleiden.— Und in ſo weit ſteht allerdings der Grundcharakter des Inſtituts, wie ihn Frankreichs Geſetzgebung darſtellt, auf einer nie⸗ 49 drigern Stufe, als diejenige, auf welche ihn das herrſchende Syſtem ſtellt. Aber aus dieſem niedrigern Standpunkt ausge⸗ gangen, hat ſie hoͤhere, reinere und wuͤrdigere Anſich⸗ ten aufgefaßt. Man moͤchte ſagen, die Civilgeſetz⸗ gebung hat ſich eine kirchliche oder religioͤſe Grundla⸗ ge angeeignet und in einer hoͤhern Quelle gereinigt. Weit entfernt, die Eheſcheidung als Aufloͤſung eines buͤrgerlichen Contracts anzuſehen, findet ſie da⸗ rin eine Losſagung von feierlich uͤbernommenen Pflich⸗ ten. Dies zeigt ſich in den Gruͤnden der Eheſchei⸗ dung, in der Behandlungsart und den Folgen. In den Gruͤnden. Das Geſet nimmt er⸗ klaͤrte und verborgene an. Zu den erklaͤrten gehoͤrt Ehebruch, ſchwere Be⸗ leidigung und Mißhandlung. Verborgene bleiben dem Gewiſſen der Verehe⸗ lichten, ihrem innern Bewußtſeyn uͤberlaſſen. Deut⸗ ſche Schriftſteller glaubten in der Eheſcheidung par consentement mutuel eine Scheidung durch wech⸗ ſelſeitige Uebereinkunft zu entdecken. Auf dieſe Vor⸗ ſtellungsart mußte der Sinn der Worte leiten. Sie iſt irrig. NRichts wuͤrde mehr der Natur des Inſti⸗ tuts widerſprechen. Richts wuͤrde mehr an die Ehe die herabwuͤrdigende Vorſtellung eines reinen buͤrger⸗ lichen Contracts knuͤpfen. Das Geſetz ſetzt in die, gemeinſchaftlich die Scheidung verlangenden Ehegatten eben die Achtung fuͤr die Wuͤrde der Ehe voraus, welche ſeine eigne Anſicht geleitet hat. Es ſupponirt von der einen Seite einen Bruch des Geluͤbdes, von der andern oder von beiden die Unmoglichkeit, die Ehe anthro⸗ pologiſch fortzuſetzen. Es ſupponirt den Vorſatz des beleidigten Theils, die Verirrungen des Beleidigers, oder eigne Schmach der oͤfſentlichen Kunde zu ent⸗ n. Bd. 50 ziehen. Es verſchafft ſich Buͤrgſchaft fuͤr die Rich⸗ tigkeit der Hypotheſe dadurch, daß es an die Ehe⸗ ſcheidung fur beide Theile die nachtheiligſten Folgen knuͤpft. Lange, harte Pruͤfungen ſichern die Verehelich⸗ ten gegen ihre eigne Uebereilungen und laſſen den Weg zur Ruͤckkehr und zur Verſoͤhnung offen. In der Behandlungsart. An die Stelle des ſogenannten ſummariſchen, an keine beſondere Formen gebundenen Conſiſtorialproceſſes, tritt ein langſames, berechnetes, mit Ernſt und Wuͤrde ver⸗ bundenes Verfahren. Alles athmet die Trauer der inſtruirenden Be horde uͤber ſittliche Verirrungen. Der die Scheidung verlangende Gatte muß in Perſon auftreten; der Richter erſcheint anfangs als Rathgeber, die Scheidungsklage als vertrauliche Mit⸗ theilung. Sein Geſchaͤft iſt Verſoͤhnung. Das ganze Tribunal entſcheidet, ob eine Klage zulaͤſſig ſey. Das Verfahren bleibt anfangs geheim. Die Zeugen werden à huis clos vernommen. Erſt wenn der Bruch unvermeidlich geworden iſt, werden die Partheyen in die Audienz verwieſen. Ueberall hat es das Tribunal mit dem Menſchen, nicht mit dem Recht zu thun. Sein Blick umfaßt nicht Thatſachen, ſon⸗ dern Gemuͤthsſtimmungen; darum muͤſſen die Par⸗ theyen ſelbſt auftreten, ihren Schmerz, ihren Unwil⸗ len ſelbſt reden laſſen. Anwaͤlde koͤnnen nur Thatſa⸗ chen zur Sprache bringen und daraus Rechts verbind⸗ lichkeiten entwickeln. Pier koͤmmt es auf die Wuͤrdi⸗ gung eines zerſtoͤrten Familienfriedens, auf den Geiſt an, der aus einer Menge von Handlungen ſpricht. Das Vekfahren bei der durch wechſelſeitige Ein⸗ willigung begruͤndeten Eheſcheidung iſt noch feierlicher. Die Ehegatten werden, noch ehe man ſie zur Erklärung ihres Geſuchs zuläßt, auf die geſetzlichen und natürlichen Folgen ihrer Trennung aufmerkſam 36 gemacht. Sie werden zur Ruͤckkehr in ſich ſelbſt ge⸗ noͤthigt. Sie muͤſſen ſich einer Pruͤfung ihres eignen Seelenzuſtandes unterwerfen. Der Ehegatte muß den Unterhalt der Ehegat⸗ tin, beide muͤſſen das Schickſal und die Erziehung ihrer Kinder durch Uebereinkunft ſichern. Vor der Vereinigung uͤber dieſe Gegenſtaͤnde werden ſie mit dem Scheidungsgeſuch nicht gehoͤrt. Sie muͤſſen feierlich ihren Willen, ihre Verei⸗ nigung aufzuheben, erklaͤren; ſie muͤſſen dieſe Erklä⸗ rung in beſtimmten Perioden eben ſo feierlich wieder⸗ holen. Erſt nach Ablauf eines vollen Jahrs, erfolgt die vierte ſchließliche und entſcheidende Erklaͤrung. Auch hier treten Zuredungen und Vorſtellungen von Seiten der richtenden Behoͤrde ein. In Hinſicht der langen Pruͤfungen, der großen Opfer, betrachtet das Geſetz die Gruͤnde der Schei⸗ dung als ein trauriges Familiengeheimniß. Es ent⸗ zieht die Erforſchung derſelben der oͤffentlichen Neu⸗ gierde. Die Scheidung der Gemuͤther hat ſich un⸗ zweideutig ausgeſprochen. Das beharrliche Schwei⸗ gen des unſchuldigen Theils, ſeine betrachtlichen Auf⸗ opferungen nehmen einen Charakter von Seelengroͤße an, den das Geſetz ehrt. Die oͤffentliche Moralität findet ſich am Ende des Prüfungsjahrs beruhigt und verſohnt. Das Geſetz nimmt keinen laͤngern An⸗ ſtand bei der Losſagung von unberechneten Geluͤbden, deren Erfullung anthropologiſch unmoͤglich geworden iſt. Das Geſetz uͤberzeugt ſich in ſeiner kraftdollen Sprache, que la vie commune leur est insuppor- table, et qu'il existe par rapport à eux une cau- se peremptoire de divorce. Wer von beiden Ehegatten der Schuldige, oder 4 52 der unſchuldige Theil ſey, uͤberlaͤßt das Geſetz dem innern Bewußtſeyn. Bei der Scheidung wegen beſtimmten Urſachen wie bei der Scheidung wegen unbeſtimmten, betrach⸗ tet das Geſetz das Urtheil als eine offentliche Angele⸗ genheit. Die Bekanntmachung durch die richtende Behoͤrde gibt ihm noch keine Sanction. Es muß gleich der Trauung vom Oflicier de l'état civil aus⸗ geſprochen, die Trauung muß durch ihn aufgehoben werden. Wos bisher Sache der Geſchiedenen war, wird nun Sache der Geſellſchaft. Sie wird es durch die Geſchiedenen ſelbſt. Erſt jetzt iſt die Scheidung vollendet. Aber ſie iſt auch unwiderruflich vollendet. Das Geſetz erlaubt nun keinen weitern Rucktritt. Die entzweiten Ehegatten duͤrfen ſich nun nie wie⸗ der vereinigen. In den Folgen.— Das Geſetz dehnt ſei⸗ ne Vorſorge auf die Kinder der die Scheidung ver⸗ langenden Ehegatten aus. Es erfuͤllt die Pflichten, die ſie ſelbſt zu vergeſ⸗ ſen geneigt ſeyn koͤnnten. Scheiden ſich die Eltern nach wechſelſeitiger Ue⸗ bereinkunft, ſo ubertraͤgt das Geſetz den Kindern die Haͤlfte ihres Eigenthums. Es ſagt ihnen dadurch ſtillſchweigend, daß ſie um ihrer Kinder willen hätten dulden und tragen ſollen. Bei der Scheidung wegen Ehebruch verbietet das Geſetz die Ehe mit dem Genoſſen der Untreue. Bei der Scheidung wegen wechſelſeitiger Ein⸗ willigung unterſagt es jedem Theil drei Jahre lang eine neue Ehe. Es nimmt ihnen ſelbſt die Moͤglichkeit der Wie⸗ dervereinigung. Es warnt dadurch den Leichtſinn, mit der Eheſcheidung nicht zu ſpielen. Das Geſagte wird hinreichend beweiſen, daß Frankreichs Geſeßgebung die Ehe nirgends mehr ehrt, als gerade da, wo ſie ſie trennt. 53 Sie nimmt in jedem Artikel Ruͤckſicht auf ihre moraliſche Natur. Wuͤrde die Eheſcheidung als reine Gewiſſensſa⸗ che behandelt, vertraͤte die ganze Geſellſchaft das mo⸗ raliſche Bewußtſeyn des Scheidung verlangenden Ehegatten, ſo koͤnnte nicht anders gehandelt werden. Gaͤbe Frankreichs Geſetzgebung der Kirche die Eheſcheidung zuruͤck, ſo muͤßte ſie dem geiſtlichen Ge⸗ richte eben das Verfahren, eben die Ruͤckſichten vor⸗ ſchreiben, welche ſie dem weltlichen vorgeſchrieben hat. Frankreichs Eheſcheidungsgeſetz athmet daher durchaus einen moraliſch religioͤſen Grundcharakter. Am Ende zeigt ſich nur ein Unterſchied. Der Staat hat ſeinen Repraͤſentanten uͤbertragen, was die Kirche, wenn anders die Eheſcheidung ein mora⸗ liſch religioſes Inſtitut iſt, den ihrigen haͤtte uͤbertra⸗ gen muͤſſen. In Harmonie mit dem Grundcharakter ſteht II. das rein Dogmatiſche der franzoͤſi⸗ ſchen Geſetzgebung uͤber Eheſchei⸗ dung, oder die aus dem Grundcha⸗ rakter abgeleitete Doctrin. Ich habe dieſe Doectrin ſchon im vorigen Ab⸗ ſchnitt zum Theil beruͤhrt. Sie zerfaͤllt in drei Unterabtheilungen. a) Lehre von den Eheſcheidungsgruͤnden. b) Von den Eheſcheidungshinderniſſen(Fins de non recevoir). c) Von den Folgen der Eheſcheidung. a) Von den Eheſcheidungsgruͤnden. Die Eheſcheidungsgruͤnde ſind beſtimmte oder unbeſtimmte. S Zu jenen gehoͤrt der Ehebruch der Frau, der Ehebruch des Mannes, wenn er die Beiſchläferin in der gemeinſchaftlichen Wohnung unterhaͤlt, ſchwere 54 Beleidigungen, Verurtheilung des einen Ehegatten zu einer entehrenden Strafe. Alle dieſe Scheidungsgruͤnde beduͤrfen keiner Rechtfertigung. Der Mann, welcher die Untreue der Frau wiſſentlich traͤgt und duldet, beſchimpft ſich ſelbſt im Auge eines, in ſeiner Quelle hoͤchſt achtungs⸗ wuͤrdigen Vorurtheils. Kein Gewiſſensrichter kann ihm das Dulden der Schmach zumuthen. Beinah in gleicher Lage findet ſich die Frau wenn der Mann, indem er ſeine Beiſchlaͤſerin in die gemeinſchaftliche Haushaltung aufnimmt, ſie ſeiner rechtmaͤßigen Gat⸗ tin als Geſellſchafterin gleichſam aufdringt. Wenn ſich ein Ehegatte durch Verbrechen, Recht und Ur⸗ theil burgerlicher Schande und eine entehrende Strafe zugezogen hat, ſo iſt das Innere der Familie zer⸗ riſſen, die Eheſcheidung bricht blos die aͤußere Verei⸗ nigung; es hieße, wie ſich ein franzoͤſiſcher Redner ausdrückt, einen Lebenden an eine Leiche binden, wenn man dem unſchuldigen Ehegatten das Scheidungs⸗ geſuch verweigern wollte. Daß ſchwere Beleidigun⸗ gen die Ehe zerreißen, wuͤrde keines Beweiſes beduͤr⸗ fen, wenn es nur moͤglich waͤre, den Begriff von erces, sévices und injures graves an Worte und Sachen feſtzuheften; in einzelnen Faͤllen wird das Gefuͤhl der Richter ſich uber den Charakter derſelben ſelten taͤuſchen. Weniger ſcheint es zu rechtfertigen, daß die Scheidungsklage der Frau wegen der Untreue des Mannes auf den einzigen Fall, wenn er die Bei⸗ ſchlaͤferin in die gemeinſchaftliche Haushaltung auf⸗ genommen hat, beſchraͤnkt, und daß wegen der ſoge⸗ nannten boͤslichen Verlaſſung gar keine Scheidungs⸗ klage verſtattet worden iſt. Die Gruͤnde, welche in geſetzgeberiſcher Hinſicht der letztern Scheidungsurſache zur Seite ſtehen, habe ich ſchon bei der Bearbeitung des Titels sur les ab- sens dargelegt. Ich beziehe mich darauf. 55 Die Einſchraͤnkung der der Frau, wegen der Untreue des Mannes geſtatteten Scheidungsklage, ſcheint mir allerdings eine naturwidrige Haͤrte. Sie wird vergeblich durch das roͤmiſche Recht gerechtfertigt, welches zwar wegen der Untreue des Mannes keine Strafe verordnete, aber doch ein judi- cium morum zuließ. Iſt ſchon die Untreue der Frau, weil ſie die Fa⸗ milie zerreißt, eine ſogenannte turbatio sangninis erzeugt, die Liebe des Ehemannes gegen die Kinder in Haß und Abſcheu verwandelt, die Erziehung der⸗ ſelben anthropologiſch unmoͤglich macht, moraliſch ſtrafbarer und geſetzlich ahndungswuͤrdiger, ſo iſt doch die Untreue des Mannes, ſobald die Ehegattin mit ihm auf gleicher Bildungsſtufe ſtehet, fuͤr die Ehe⸗ gattin gleich kraͤnkend und demuͤthigend⸗ Die Geſetzgebung bewilligt die Eheſcheidung den Gemuͤthsaffecten, dem zerſtoͤrten innern Frieden. Es kommt nicht auf dasjenige an, was der ſchuldige Theil ſchadet, ſondern auf das, was der mißhandelte Schuldloſe leidet. Die gekraͤnkte Gattin leidet aber eben ſo viel und vielleicht noch mehr, als der betrogene CEhemann. Frankreichs buͤrgerliche Geſetzgebung legt der Ehegattin haͤrtere moraliſche Pflichten auf, als das reli⸗ gioͤſe Geſetz. Sie ſoll und muß ertragen, was die freiwillige Dulderin in ſittlicher Hinſicht achtungs⸗ wuͤrdiger machen wuͤrde. So athmet auch hier viel⸗ leicht ohne deutliche Anſicht der Geſetzgeber, eine reli⸗ gidſe Grundanſicht. Aber dieſe Strenge von der einen Seite, erzeugt eine den Sitten nachtheilige Nachſicht von der an⸗ dern. Der Mann wird indirect zur Vielweiberei berechtigt. Die Badenſche, Baieriſche und Hollaͤndiſche, dem Code Napoleon nachgebildete Civilgeſetzgebun⸗ gen haben die Inconſequenz gefuhlt, und die Be⸗ 56 ſchraͤnkung der Scheidungsklage der Ehegattin wegen Untreue auf verſchiedene Art aufgehoben. Hat Frankreichs Geſetzgebung bei der Beſtim⸗ mung der beſtimmten Scheidungsgründe hohe Ach⸗ tung fuͤr die moraliſche Wuͤrde der Ehe ausgedruͤckt, ſo hat ſie faſt noch hoͤhere Achtung bei Verwerfung anderer Scheidungsgruͤnde gezeigt, welche das Ehe⸗ ſcheidungsgeſetz vom Jahr 1792 fuͤr zulaͤſſig erklaͤrt hatte. Dahin gehoͤrt Bloͤdſinn und Raſerei. Beide Scheidungsgruͤnde werden ſtillſchweigend verworfen. Der Tribun Savvie-Bollin druͤckte ſich daru⸗ ber auf folgende Art aus: en deliant le noeud conjugal pour la folie ou la démence, la 10i outrageoit les senti- mens que les hommes les plus étrangers en- tre eux Cprouvent, la bienveillance et la pi- tié; le mariage, cet état, dont la condition et le charme inexprimable sont dans Pétroite communanté des biens etdes maux, des plai- sirs et des peines, on osait le rompre devant le malheur involontaire! Son devoir, que dis-je! sa douceur et sa force sont dans Tal- légeance des maux qui, dans toute autre si- tuation de la vie, ne seroient ni supportables ni pardonnes;ʒ et cette loi cruelle punit ceux qu'on ne s'est point attirés! Ah! benissons les hommes qui effacent de nos lois ces af- freuses causes du divorce! benissons-1es de ne pas calomnier le coeur humain! Kannte der achtungswuͤrdige Verfaſſer des Code Napoléon als Badenſches Landrecht dieſe Anſicht nicht, oder fuhlte er nicht ihre Wahrheit, als er Wahn⸗ ſinn und Raſerei ausdruͤcklich unter die beſtimmten Eheſcheidungsgründe aufnahm? Als unbeſtimmte Scheidungsgrunde ſind alle be⸗ ſtimmte Scheidungsgruͤnde zu betrachten, ſobald die Ehegatten ſie nicht zur Sprache bringen. Der ganze Geiſt des Geſetzes wirkt auf dieſe Scheidungsart hin. Il ne faut pas se le dissimuler, ſagt Savoie- Rollin, toute la loi du divorce est là. Le re- cours aux causes déterminées ne sera jamais fréquent dans nos moeurs; elles ne sont pas bonnes, sans doute, mais elles sont polies; on redoute très-peu les vices, wais on craint le ridicule à l'égal de la mort: ainsi la mauvaise honte, qui est la vertu des moeurs dépravées, empéchera toujours d'odieuses accusations, mais elle recherchera avec ardeur un moyen qui cache tous les maux et les guérisse sans puplicité. Die Eheſcheidung iſt ein großes Uebel, durch welches noch groͤßere verhuͤthet werden. Als nothwen⸗ diges Uebel kann es in keine achtungswuͤrdigere Form, als in diejenige eingekleidet werden, in welche es der Code Napoléon einhuͤllt. Anſtand, Sitte, Vorwurf gegen Leichtſinn, alles iſt vorausgeſehen, gerettet, be⸗ ſeitigt. Kein religioſer Glaube kann gegen dieſe Schei⸗ dungsart etwas erinnern, wenn man nur ja nicht vergißt, daß keineswegs die Eheſcheidung ſelbſt der Gegenſtand der wechſelſeitigen Uebereinkunft iſt, ſon⸗ dern einzig und allein die Verſchweigung des wahren Scheidungsgrundes. Die Beurtheilung deſ⸗ ſelben wird freilich dem innern Bewußtſeyn der, Scheidung verlangenden Ehegatten uͤberlaſſen. Aber muß die Kirche nicht am Ende alles dieſem innern Bewußtſeyn anheim geben? Beſchraͤnkt ſich ihre Wirkungsſphaͤre nicht einzig und allein auf die Be⸗ ſtimmung des innern Bewußtſeyns durch aͤußere Ein⸗ wirkung? Gehoͤrt nicht ihre Macht uͤber das Ge⸗ wiſſen zu den Poſtulaten, die man glaubt, die ſich aber in aͤußeren Erſcheinungen nicht beſtimmt nach⸗ weiſen laſſen? 68 b) Von den Eheſcheidungshinderniſſen. Sie ſetzen das factiſche Daſeyn der Eheſchei⸗ dungsgruͤnde voraus. Sie ſind bei beſtimmten und bei unbeſtimmten Eheſcheidungsgruͤnden verſchieden · Bei jenen gibt es keine andere Eheſcheidungs⸗ hinderniſſe, oder keine andere peremtoriſche Einreden gegen die Flage, fin de non recevoir— als eine, auf die Scheidungsklage ſelbſt, oder auf die, die Scheidungsklage begruͤndende Thatſachen, erfolgte Verſoͤhnung. Aber gerade wie die Verſohnung das Andenken der Beleidigung ausloͤſcht, ſo loͤſcht neue Beleidigung das Andenken der Verſoͤhnung aus. Auch hier ſchimmert der anthropologiſch⸗morali⸗ ſche Charakter des Eheſcheidungs⸗Inſtituts durch. Er druͤckt ſich im 273ten Artikel durch die Worte aus: le demandeur pourra faire usage des an- ciennes causes, pour appuyer la nouvelle de- mande. Die Eheſcheidungshinderniſſe bei der Eheſchei⸗ dung aus unbeſtimmten Gruͤnden, muͤſſen vom Rich⸗ ter von Amtswegen beruͤckſichtigt werden. Hat der Mann das 5te, die Frau das 21te Jahr noch nicht zuruͤckgelegt, hat die Ehe noch nicht volle zwei Jahre gedauert, ſo iſt das Scheidungsge⸗ ſuch zur Zeit noch nicht zuläſſig. Iſt die Fran aͤlter als 45 Jahre, hat die Ehe läͤnger als zwanzig Jahr gedauert, ſo iſt es gar nicht mehr zulaͤſſig. Sind die Eltern der Verehelichten oder eins der⸗ ſelben noch am Leben, ſo wird die Einwilligung der⸗ ſelben, ohne Ruͤckſicht auf das Alter der Kinder, er⸗ fordert. Das naͤmliche gilt von den Ascendenten. Der Mangel jener Einwilligung begruͤndet ein Ehe⸗ ſcheidungshinderniß. 59 c) Folgen der Eheſcheidung. Man unterſcheide: aa) Die Folgen der nachgeſuchten bb) die Folgen der zugeſtandenen Eheſcheidung. aa) Folgen der nachgeſuchten Ehe⸗ ſcheidung. Hier unterſcheide man wieder das Scheidungs⸗ geſuch wegen beſtimmten von dem Scheidungsgeſuch wegen unbeſtimmten Gruͤnden. Das Scheidungsgeſuch wegen beſtimmter Gruͤn⸗ de hat folgende Wirkungen. 1) Die Ehefrau, ſey ſie Klaͤgerin oder Beklagte, kann waͤhrend des Verfahrens die Wohnung des Mannes verlaſſen. 2) Sie kann eine, dem Vermoͤgen des Mannes angemeſſene proviſoriſche Alimentation fordern. 3) Das Gericht beſtimmt das Haus, in welchem ſie ſich waͤhrend des Proceſſes aufhalten ſoll, und durch ein Proviſorium die Alimentation. 4) Verlaͤßt ſie die ihr vom Gericht angewieſene Wohnung, ſo kann der Ehemann die Fortzah⸗ lung der Alimentation verweigern; er kann ſo⸗ gar wenn ſie Klaͤgerin iſt, die Abweiſung ihres fernern Scheidungsgeſuches verlangen. §) Der Mann behaͤlt proviſoriſch die Außſicht uber die Erziehung und uͤber das Vermoͤgen der Kin⸗ der. Doch kann das Gericht zum Vortheil derſelben auf Verlangen der Mutter, der Fami⸗ lie, oder des Ministere public etwas anders verfuͤgen. 6) Finden ſich die Verehelichten in der Guͤterge⸗ meinſchaft, ſo kann die Frau, ſey ſie Klaͤgerin oder Beklagte, ſobald der Scheidungsproceß anhaͤngig geworden iſt, die Verſiegelung des zur Gemeinſchaft gehoͤrenden Mobiliarvermoͤgens verlangen. Die Entſiegelung muß mit Inven⸗ tariſation und Taxation verbunden werden, 60 Dem Mann werden dann die Effecten nicht anders als gegen Caution uͤberlaſſen. 7) Rach der nämlichen Epoche kann der Mann zum Nachtheil der Gemeinſchaft weder Verauſ⸗ ſerungen vornehmen, noch Schulden contra⸗ hiren. Bei dem Scheidungsgeſuch wegen unbeſtimm⸗ ter Urſachen ſind die Folgen des Scheidungsgeſuchs wegen beſtimmter Urſachen Gegenſtand eines Ver⸗ trags. Der Vertrag muß aber, ehe das Scheidungs⸗ geſuch vorgebracht wird, geſchloſſen, daß er geſchloſ⸗ ſen ſey, muß beſcheinigt werden. Die Scheidung verlangenden Ehegatten muͤſſen daher ſich vereinigen: 1) Ueber den Aufenthaltsort der Frau waͤhrend der Pruͤfungszeit. 2) Ueber die ihr vom Mann zu zahlende Alimen⸗ tation, wenn ſie nicht hinreichend eignes Ver⸗ moͤgen hat. 3) Ueber den Aufenthalt und die Erziehung der Kinder, ſowohl waͤhrend der Pruͤfungszeit als nachher. 4) Ueber die Auseinanderſetzung, Inventariſirung und Schaͤtzung ihres beiderſeitigen Vermoͤgens. bb) Folgen der bewilligten Eheſchei⸗ dung⸗ Auch hier unterſcheide man die Eheſcheidung wegen beſtimmter Gruͤnde von der Eheſcheidung wegen unbeſtimmter Gruͤnde. Bei der erſtern koͤnnen 1) die geſchiedenen Ehegatten ſich nie wieder ver⸗ einigen, 2) bei der Eheſcheidung wegen Ehebruch iſt dem ſchuldigen Theil die Ehe mit dem Genoſſen der Schuld unterſagt. 3) Die ehebrecheriſche Chegattin wird nach dem An⸗ trage des Ministere public durch das Schei⸗ 67 dungsurtheil ſelbſt auf beſtimmte Zeit, nicht unter drei Monaten nicht uͤber zwei Jahre, zum Aufenthalt in ein Beſſerungshaus verurtheilt. 4) Die geſchiedone Frau kann vor dem Ablauf von zehn Monaten nicht wieder heirathen. Dieſe Zeitfriſt lauft von dem Tage an, an wel⸗ chem die Scheidung vom Oflicier de I'état civil ausgeſprochen worden iſt. 5) Die Kinder werden dem klagenden und ſiegen⸗ den Theil anvertraut. Doch kann das Gericht auf Verlangen der Familie oder des Ministere public etwas anders verfuͤgen. Es kann eini⸗ ge oder alle Kinder dem andern Ehegatten oder einer dritten Perſon uͤbergeben. Auf jeden Fall behalten indeſſen beide Eltern das Recht, uͤber den Unterhalt und die Erziehung der Kinder zu wachen. Sie ſind verpflichtet, zu den Erzie⸗ hungskoſten nach der Beſchaffenheit ihres Ver⸗ moͤgens beizutragen. 6) In Anſehung des Vermoͤgens verliert der unterliegende oder fuͤr ſchuldig gehaltene Ehe⸗ gatte alle Vortheile, welche ihm der andere Theil im Ehe⸗Contraet oder waͤhrend der Ehe zugeſtanden hatte. 7) Der ſiegende oder fuͤr unſchuldig erklaͤrte Ehe⸗ gatte behäͤlt die im Ehe⸗Contract oder nachher ihm vom andern Theil zugeſtandenen Vortheile, wenn ſchon die Bedingung der Reciprocitaͤt war vorbehalten worden. Dieſe faͤllt nun weg. 8) Haben ſich beide Chegatten gar keine Vor⸗ theile zugeſtanden, oder ſind die zugeſtandene fuͤr den Unterhalt des unſchuldigen Theils nicht hinreichend, ſo ſpricht der Richter demſelben aus dem Vermoͤgen des Schuldigen eine jaͤhrliche Penſion als Alimentation zu. Sie kann ein Drittel der Einkuͤnfte nicht uͤberſteigen. Sie iſt widerruflich, ſobald der unſchuldige Theil 62 bei verbeſſerten Glucksumſtaͤnden ſie entbehren kann. 9) Die Kinder der geſchiedenen Ehegatten ver⸗ lieren an ihrem Vermoͤgen durch die Schei⸗ dung der Eltern nichts. Die durch das Geſetz oder durch die Uebereinkunft ihrer Eltern ihnen geſicherten Vortheile bleiben unveraͤndert. Doch wird die Ausbung ihrer Rechte eben ſo und durch die nemlichen Umſtaͤnde eroͤffnet, wie es geſchehen waͤre, wenn keine Eheſcheidung ſtatt gehabt haͤtte. Bei der Scheidung wegen unbeſtimmter Urſa⸗ chen koͤnnen 1) die geſchiedenen Chegatten ſich ebenfalls nie wieder mit einander vereinigen. 2) Keiner kann vor Ablauf von drei Jahren eine neue Ehe eingehen. 3) Die in den Ehepakten der Eltern den Kindern geſicherte Vortheile bleiben unveraͤndert. Vom Tage der erſten Erkläͤrung an, geht das Eigenthum der Hälfte des Vermoͤgens der Eltern auf die Kinder ipso jure uͤber. Doch behalten die Eltern die Rutnießung bis zur Volljaͤhrigkeit der Kinder, unter der Ver⸗ bindlichkeit, fur ihre Nahrung, Unterhalt und Erziehung, ihrem Vermoͤgen und Stande gemaͤß, zu ſorgen. Dies iſt die ganze Doetrin. Es laͤßt ſich gegen die Anwendbarkeit derſelben gegen ihre Vereinbarkeit mit den Grundſätzen der ptoteſtantiſchen Kirche nichts einwenden. Nur der 230te Artikel moͤchte die Abänderung beduͤrfen, welche er in den Badenſchen, Baierſchen und Hollaͤndiſchen Civilgeſetzbuͤchern erhalten hat. Unbillig ſcheint die geſetzliche Vorausſetzung, daß bei der Eheſcheidung wegen beſtimmter Urſachen, 63 der klagende und ſiegende Theil immer als unſchuldi⸗ ger Theil behandelt und beguͤnſtigt werden muͤſſe. Koͤnnen nicht beide Theile gleich ſchuldig ſeyn 2 Kann nicht der Unſchuldige ſo gequaͤlt werden, daß er die Scheidungsklage des Schuldigen als Wohlthat betrachten muß? Soll man dem richterlichen Ermeſſen allen Spielraum entziehen? Soll man den Richter noͤthi⸗ gen, den fuͤr unſchuldig zu erklaͤren, und als un⸗ ſchuldig zu beguͤnſtigen, den das Verfahren vielleicht als Schuldigen, oder als gleich Schuldigen dar⸗ ſtellt? Ich weiß auf dieſe Frage in der That nichts zu antworten. Das Geſetz hat die Eheſcheidung durch alle Mittel erſchweren wollen. Wenn ſich der Un⸗ ſchuldige nicht zum Klagen entſchließen kann, ſo muß er dulden. Dem Gleichſchuldigen bleibt die Eheſcheidung aus unbeſtimmten Gruͤnden offen. Soviel uͤber die Doectrin; ich gehe nun uͤber III. Zu der Behandlungsart der Eheſchei⸗ dung oder der dabei eintretenden Proceß⸗Form. Sie iſt verwickelt und langſam. Sie iſt ver⸗ ſchieden, nachdem die Cheſcheidung wegen beſtimm⸗ ten oder unbeſtimmten Urſachen verlangt wird. a) Proceß⸗Form bei der Eheſcheidung wegen beſtimmten Urſachen. Man unterſcheide hier vier Epochen. 1) Vorbereitung des Geſuchs. 2) Verfahren bei verſchloſſenen Thuͤren. 3) Heffentliches Verfahren bis zum Definitiv⸗ Urtheil. 4) Verfahren nach dem Urtheil bis zum Ausſpruch der Scheidung durch den Ofücier de F'état civil. 1) Vorbereitung des Geſuchs. 1) Der Klaͤger uͤberreicht dem Praͤſidenten des 64 Tribunals erſter Inſtanz oder dem praͤſidirenden Richter das Scheidungsgeſuch ſchriftlich, nebſt urkunden, wenn ſie vorhanden, ſind. Die das Geſuch begrändende Thatſachen muͤſſen darinn detaillirt werden.(236.) Er muß die Klage perſönlich uͤberreichen. Lei⸗ det es ſein beſcheinigter Krankheitszuſtand nicht, ſo muß ſich der Richter zu ihm verfuͤgen.(36.) 2) Der Richter bemerkt dem Kläger das Sach⸗ dienliche, verſieht die Klage nebſt ihren Beila⸗ gen mit ſeinem Handzeichen, fuͤhrt uͤber die ganze Handlung ein Protocoll, welches er ſelbſt nebſt dem Klaͤger unterſchreibt. 3) Am Schluß des Protocolls verfuͤgt der Rich⸗ ter ſchriftlich, daß der andere Theil an einem beſtimmten Tag und Stunde vor ihm erſchei⸗ nen ſoll. Fur die Inſinuation der Ladung ſorgt der Klaͤger.(238.) Am beſtimmten Tage verſucht der Richter— moͤgen beide Theile gemeinſchaftlich— oder der Klaͤger allein erſcheinen, die Verſohnung.(239.) 3) Gelingt ſie nicht, ſo nimmt der Richter uͤber die ganze Handlung ein Protocoll auf, verfuͤgt die Mittheilung der Klage und der Beweis⸗ Urkunden an das Ministéère public, und eine Berichts⸗Erſtattung uͤber das Ganze an das Tri⸗ bunal. 6) In den naͤchſtfolgenden drei Tagen muß das Tribunal uͤber die ganze Lage der Sache unter⸗ richtet und das Ministére public angehoͤrt wer⸗ den. Ob die Scheidungsklage zulaͤſſig ſey, oder nicht, muß das Gericht binnen der naͤmli⸗ chen Friſt entſcheiden⸗ Im Zulaſſungsfall be⸗ willigt oder ſuspendirt k8 zugleich die dem kla⸗ genden Theil zukommende Ladung des Beklag⸗ ten. Die Suspenſion der Erlaubnis zu han⸗ 65 deln, kann nicht uͤber zwanzig Tage hinaus er⸗ ſtreckt werden.(240.) 2) Verfahren bei verſchloſſenen Thuͤren. 1) In Gemaͤßheit der erhaltenen Erlaubniß, ſeinen Gegner vorzuladen, fordert der Klaͤger in der gewoͤhnlichen Form ſeinen Gegner auf per⸗ ſoͤnlich binnen der geſehlichen Friſt in der Audienz zu erſcheinen. 2) Am Erſcheinungstermin wird bei verſchloſſenen Thuͤren verfahren. 3) Mag der Beklagte am Erſcheinungstermin ſich einſtellen oder ausbleiben, ſo muß auf jeden Fall der Klaͤger in Perſon auftreten. Die Zu⸗ ziehung eines gerichtlichen Beyſtandes iſt ihm indeſſen nachgelaſſen. 4) Er legt ſelbſt dem Tribunal die Gruͤnde ſei⸗ nes Geſuches vor, oder laͤßt es durch ſeinen Bei⸗ ſtand thun. Er producirt die Beweis⸗Urkunden, und ernennt die Zeugen. 5) Der Beklagte kann in Perſon, oder durch einen gehoͤrig Bevollmaͤchtigten erſcheinen.(243.) 6) Er legt ſeine Bemerkungen ſowohl uͤber die Gruͤnde der Klage, als uͤber die Belege und die Perſonen der Zeugen dar. Er ernennt auch von ſeiner Seite Zeugen, uͤber und gegen welche der Klaͤger ebenfalls was ihm noͤthig ſcheint, be⸗ merkt. 7) Ueber die ganze Handlung, ſo wie uͤber alles, was die Partheyen geſagt, bemerkt und zu⸗ geſtanden haben, wird ein Protokoll aufgenom⸗ men. Es wird den Partheyen vorgeleſen und durch ihre Unterſchrift anerkannt, oder daß ſie nicht unterſchreiben koͤnnen oder wollen, be⸗ merkt. 8) Das Tribunal verweißt nunmehr die Par⸗ theyen an das Verfahren bei offenen Thuͤ⸗ I1. Bd. 5 66 ren.*) Tag und Stunde deſſelben wird be- ſtimmt.— Es verfuͤgt zugleich die Mittheilung des bisherigen Verfahrens an das Ministèére pu- plic und beſtellt einen Referenten. War der Be⸗ klagte nicht erſchienen, ſo beſorgt der Klaͤger die Bekanntmachung der Verfuͤgung des Tribunals (245‧) 3) Heffentliches Verfahren zum Defi⸗ nitiv⸗Urtheil. 1) Erſt an dem zur oͤffentlichen Audienz be⸗ ſtimmten Tage beginnt das eigentliche gerichtliche proceſſualiche Verfahren. In Beiſeyn beider Theile, bei offenen Thuͤren, erſtattet der Referent dem Tribunal Bericht uͤber die Lage der Sache. Das Ministère public wird gehoͤrt. Vor allen Dingen wird uͤber die etwa vor⸗ gebrachten fins de non recevoir erkannt. Werden ſie verworfen, oder ſind gar keine vorgebracht wor⸗ den, ſo wird die Eheſcheidungsklage durch ein eige⸗ nes Jugement fuͤr zuläſſig erklaͤrt. 2) Hiernaͤchſt urtheilt das Gericht wieder auf den Bericht des beſtellten Referenten, und nach Anhoͤrung des Ministère public uͤber die Haupt⸗ ſache— definitiv, wenn ſie hinreichend inſtruirt iſt, im entgegengeſetzten Fall interlocutoriſch auf *) Der Code Nap. als Badenſches Landrecht uͤberſetzt: Das Gericht verlangt hierauf die Partheyen zum Urtheil auf einen von ihm zu beſtimmenden Tag und Stunde. Wer ſollte hierbei nicht an die Citatio partium ad audiendam Sententiam denken? Allein 1) bisher war noch gar nicht gerichtlich verfahren worden, 2) beym Erſcheinen der Partheyen in der Audience publique iſt noch gar kein Urtheil gemacht, ſondern es wird erſt am Ende der Sitzung auf den Bericht des Rerefenten abgefaßt. 67 den Beweis der vom einen oder andern Theil ange⸗ fuͤhrten pertinenten Thatſachen.(247.) 3) Rach der Bekanntmachnng eines auf Zeu⸗ genverhoͤr gerichteten Urtheils lieſt der Gerichts⸗ Actuarius den Partheyen den die Deſignation der Zeugen enthaltenden Theil des Protocolls vor. Der Praͤſident benachrichtigt ſie, daß ſie noch andere Zeu⸗ gen nennen koͤnnen, daß ſie aber nachher zu ei⸗ ner weitern Zeugenproduction nicht zugelaſſen wer⸗ den.(249) 4) Die Partheyen werden mit ihren Einwen⸗ dungen gegen die Zulaͤſſigkeit der Zeugen vernom⸗ men. Es wird darüber, nach vorgängiger An⸗ hoͤrung des Ministére public, erkannt. Die Verwandten beider Theile ſind als ſolche nicht ver⸗ werflich, ausgenommen Kinder und Deſtendenten, eben ſo wenig das Hausgeſinde, aber das Gericht ſchenkt ihren Ausſagen keinen unbedingten Glau⸗ ben.— 3) Die Zeugen werden nicht bey offenen Thuͤ⸗ ren, ſondern à huis clos vernommen, in Beyſeyn des Ministère public, der Rathgeber und Freunde. Jeder Theil kann nur drey mitbringen. Die Partheyen duͤrfen die Zeugen nicht im dauf ihrer Ausſagen unterbrechen. Sie koͤnnen aber den Richter bitten, an die Zeugen Fragen und Be⸗ merkungen zu richten.(254) Die Zeugenausſage wird nebſt den Bemer⸗ kungen der Partheyen protocollirt, in Beyſeyn der⸗ ſelben vorgeleſen und von denſelben unterzeichnet, oder daß ſie nicht unterſchreiben koͤnnen oder wollen, bemerkt.(233) 6) Rach dem Schluß des Zeugenverhoͤrs wer⸗ den die Partheyen wieder an das Verfahren bey offe⸗ nen Thuͤren verwieſen. Tag und Stunde deſſelben wird vom Tribunal beſtimmt, die Mittheilung des 5 68 Verfahrens an das Ministéère public verfuͤgt und ein Referent beſtellt. Dieſe Verfuͤgung wird auf Bitten des Klaͤgers dem Beklagten binnen der darinn beſtimmten Friſt, inſinuirt. 7) An dem zur Faſſung des Haupturtheils beſtimmten Tage, wird vor allen Dingen von dem dazu beſtellten Richter der Bericht ans Tribunal er⸗ ſtattet. Die Partheyen koͤnnen dabey das Sach⸗ dienliche ſelbſt oder durch ihren Rathgeber bemerken. Der Procureur impérial wird vor Abfaſſung des Urtheils gehoͤrt.(257) 8) Das Endurtheil wird bey offenen Thuͤren bekannt gemacht. Wenn es die Scheidung fuͤr zu⸗ laͤſſig erklaͤrt, ſo wird der Klaͤger durch das nemliche Urtheil berechtigt, die Scheidung von dem Officier de Petat civil ausſprechen zu laſſen.(258) 9) In jeder Periode des gerichtlichen Verfah⸗ rens konnen die Partheyen, nach dem Bericht des Referenten und nachdem der Procureur impeérial geredet hat, das Sachdienliche ſowohl uber die fins de non recevoir, als uber die Hauptſache muͤndlich vortragen, oder durch ihren Rechtsbeyſtand vortra⸗ gen laſſen. Aber nie wird der Rechtsbeyſtand des Klaͤgers angehoͤrt, wenn der Klaͤger ſelbſt nicht per⸗ ſonlich erſchienen iſt.(248) 10) Appellation iſt gegen jedes, im Lauf des Verfahrens ergangene, ſonſt Appellationsfaͤhige Ur⸗ theil zulaͤſſig. Wird ſie gegen das Endurtheil, oder gegen das die Scheidung fuͤr zulaͤſſig erklaͤrende Urtheil erhoben, ſo muß der Appellationshof die Sache als eine dringende Sache,(affaire urgente) inſtruiren und entſcheiden.(262) 11) Vom Tage der Urtheilsſignification an ge⸗ rechnet,— mag das Urtheil nach Anhoͤrung beider Theile oder in contumaciam erlaſſen ſeyn— dauert die Appellationsfriſt drey Monat. 69 Der Pourvoy en cassation dauert eben ſo lang vom Tage der Inſinuation des letzten In⸗ ſtanzurtheils an gerechnet. Er hat Suspenſiv⸗ Effect.(263) 12) Noch ſind fur dieſe Epoche des Verfahrens folgende beſondere Vorſchriften zu bemerken. a) Das Scheidungs⸗Urtheil wegen Ehebruch kann vom Richter nicht ſuspendirt werden.(259) b) War wegen Mißhandlungen und ſchweren Beleidigungen auf Scheidung geklagt worden, ſo kann das Gericht, wenn ſchon die Scheidungsklage voͤllig begruͤndet iſt, die Scheidung noch zur Zeit fuͤr unzuläſſig erklaͤren. Es autoriſirt in dieſem Fall die Scheidung verlangende Ehegattin, die Geſell⸗ ſchaft ihres Mannes zu verlaſſen, und ihm ſogar, wenn ſie es fuͤr gut findet, den Zutritt in ihre Wohnung zu verſagen. Der Mann wird in der Zwiſchenzeit angewieſen, ſeiner Ehegattin, wenn ſie nicht eigne hinreichende Einkuͤnfte beſitzt, eine ſeinen Vermoͤgens⸗Umſtänden angemeſſene Penſion zu bezahlen.(259) Verſoͤhnen ſich die Ehegatten nicht binnen einem Jahie, ſo kann nach Ablauf deſſelben der klagende Theil den beklagten binnen der geſetzlichen, im Code de procédure civile beſtimmten Friſt zur Anhoͤrung des deſinitiven Urtheils vor Gericht laden. Die Scheidung iſt alsdann zugelaſſen. c) Am einfachſten ſind die Normen des Ver⸗ fahrens, wenn die Scheidung wegen Verurtheilung des beklagten Theils zu einer entehrenden Strafe verlangt wird. Der Klaͤger uberreicht dem Gericht nebſt einem Scheidungsgeſuch, eine legale Ausfer⸗ tigung des Straf⸗Urtheils, ſammt einem Zeugniß des Criminalgerichts, daß das Urtheil durch geſezliche Mittel nicht mehr koͤnne angegriffen werden. Es wird hierauf ſogleich das Scheidungs⸗Urtheil erlaſſen. 70 „ Verfahren nach dem Urtheil, oder Ausſpruch der Scheidung durch den Officier de Pétat civil. Das Scheidungs⸗Urtheil bewuͤrkt die Scheidung nicht fur ſich Es bedarf, wenn es die Ehe wuͤrklich aufloͤſen ſoll, der Vollziehung. Sie erfolgt dadurch, daß auf Verlangen des klagenden Ehegatten die Scheidung in Beyſeyn des vorgeladenen andern Theils vom Officier de Pétat civil ausgeſprochen wird. Dieß muß binnen zwey Monaten geſchehen. Die Friſt iſt peremtoriſch. Sie laͤuft bey Urtheilen erſter Inſtanz vom Tage an, wo das Urtheil rechtskraͤftig geworden, bey Contumacial⸗Urtheilen zweyter Inſtanz vom Tage der erloſchenen Oppoſition an, bey contradietoriſch in letzter Inſtanz erlaſſenen Urtheilen vom Tage an, da die Friſt zum Pourvoy en cassation abgelaufen iſt. Läßt der klagende Ehegatte die Friſt unbenutzt verſtreichen, ſo iſt das Urtheil erloſchen. Er kann die Scheidungsklage nur wegen einer neuen Urſache zur Hand nehmen, dabey aber die alten Gruͤnde wieder geltend machen. b) Proceßform bey der Eheſcheidug wegen unbeſtimmter Urſachen. Das Verfahren zerfaͤllt hier wieder in mehrere Perioden. Es giebt: 1) Ein Verfahren der Scheidung begehrenden Ehegatten unter ſich, ehe ſie ihr Scheidungsgeſuch zur Kenntniß irgend einer offentlichen Behoͤrde brin⸗ gen. 2) Ein außergerichtliches Verfahren. 3) Ein gerichtliches Verfahren. 4) Ein Appellations ⸗Verfahren. 55 Ein Verfahren vor dem Oficier de Iẽtat civil. 71 ¹) Verfahren der Scheidung begehren⸗ den Ehegatten unter ſich, ehe ſie ihr Scheidungsgeſuch zur Kenntniß einer oͤffentlichen Behoͤrde bringen. Sie muͤſſen ſich urkundlich vereinigen: a) uͤber die Auseinanderſetzung ihres Vermoͤ⸗ gens. Sie muß mit der Inventariſation und Schaͤtzung ihrer beweglichen und unbeweglichen Gu⸗ ter verbunden werden. Ueber ihre wechſelſeitigen Rechte und Anſpruͤche koͤnnen ſie ſich vergleichen. 279) b) Ueber den Aufenthalt und die Erziehung ihrer Kinder waͤhrend der Pruͤfungszeit und nach der ausgeſprochenen Scheidung. c) Ueber den Aufenthalt der Frau waͤhrend der Pruͤfungszeit. d) ueber die der Frau waͤhrend der nemlichen Zeit, wenn ſie nicht hinreichendes Vermoͤgen hat, vom Manne zu zahlende Penſion.(2800 Sind die Eltern und Ascendenten der Ehe⸗ gatten am Leben, ſo muͤſſen dieſe durch eine Nota⸗ riats⸗Urkunde in die Scheidung ebenfalls einwilligen. Sie muͤſſen darinn erklaͤren, daß ſie, aus ihnen wohlbekannten Gruͤnden, ihren Sohn, Tochter, En⸗ kel, Enkelin zum Scheidungsgeſuch autoriſiren.(283. 84).— 2) Außergerichtliches Verfahren. 1) Beide Eheleute muͤſſen ihre Abſicht dem Praͤſidenten des Bezirksgerichts, oder dem praͤſidi⸗ renden Richter deſſelben, in Gegenwart von zwey deshalb zuzuziehenden Notaren eroͤffnen.(281.) 2) Es wird beyden gemeinſchaftlich und jedem beſonders das Schickliche vom Richter vorgeſtellt. Er entwickelt ihnen alle Folgen ihrer Handlung und lieſt ihnen den Titel des Code Napoléon, welcher von der Wuͤrkung der Eheſcheidung handelt, vor. 3) Beharren die Ehegatten bey dem Schei⸗ 72 dungsgeſuch, ſo ſtellt der Richter eine Beſcheinigung daruͤber aus. 4) Die Ehegatten muͤſſen hierauf ſogleich die Beurkundung ihrer Uebereinkunft uͤber die oben bemerkten Gegenſtaͤnde vorlegen. 5) Sie muͤſſen ferner vorlegen: a) ihre Geburts⸗ und Heiraths⸗Urkunde. b) die Geburts⸗ und Sterb⸗Urkunden der in ihrer Ehe gezeugten Kinder. c) Den Acte authentique uͤber die Einwilligung ihrer Eltern oder Aſcendenten in die Scheidung. Die Eltern und Groseltern werden ſo lange fuͤr lebend gehalten, bis ihr Abſterben in geſetzlicher Form beurkundet worden iſt. 6) die unter 3. 4. und 5. benannten Urkunden und Beſcheinigungen werden in die Haͤnde der mit⸗ gebrachten Notare niedergelegt. Die Rotare neh⸗ men uͤber die ganze Handlung ein Protokoll auf. Der aͤlteſte behaͤlt das Original nebſt den dazu zu regiſtrirenden Anlagen. Es wird im Protocoll der der Frau zu gebenden Weiſung erwaͤhnt, daß ſie binnen 24 Stunden in dem zwiſchen ihr und ihrem Ehegatten verabredeten Hauſe bis zur Ausſprechung der Scheidung ihren Aufenthalt nehmen ſolle.(284.) 7) Die Scheidung verlangenden Ehegatten muͤſſen ihr Geſuch unter Beobachtung der nemlichen Formalitaͤten, in den erſten vierzehn Tagen des naͤchſtfolgenden vierten, ſiebenten und zehnten Mo⸗ nats wiederholen. Sie muͤſſen jedesmal einen neuen Acte au- thentique uͤber die fortdauernde Einwilligung ihrer Eltern beybringen. Die Wiedervorlegung der uͤbri⸗ gen Urkunden wird nicht erfordert. 8) Rach Ablanf eines vollen Jahres, vom Tage der erſten Erklaͤrung an gerechnet, muß binnen den erſten 14 Tagen die letzte Erklaͤrung erfolgen. 73 3) Gerichtliches Verfahren.— Mit dieſer Erklaͤrung beginnt das gerichtliche Verfahren. 1) Die Partheyen treten zum letztenmal vor den Praͤſidenten des Tribunals oder den praͤſidiren⸗ den Richter. Der Gerichtsſchreiber, Greffer, muß zugegen ſeyn und das Protocoll fuͤhren. Die vorher proto⸗ collirenden Rotare dagegen ſind verſchwunden. Die beiden Eheleute erſcheinen in Perſon, jeder von zwey Freunden begleitet. Dieſe Freunde muͤſſen zu den Rotabeln des Bezirks gehoͤren und wenigſtens 50 Jahre alt ſeyn. In Beyſeyn derſelben uͤbergeben die Eheleute die vier uͤber ihr beharrliches, einſtimmiges Schei⸗ dungsbegehren gefuͤhrten Notariats⸗Protocolle, nebſt den dazu gehoͤrigen Beylagen. Jeder der beiden Ehegatten bittet den Richter und zwar jeder beſonders, obgleich in Beyſeyn des andern Theils und der Notabeln, um Zulaſſung der Eheſcheidung.(286.) 2) Die Richter und die Anweſenden richten zum letztenmal an die Scheidung verlangenden Ehe⸗ gatten Sachdienliche Vorſtellungen. Beharren ſie bey ihrem Geſuch, ſo wird ihnen daruͤber, ſo wie uͤber die Uebergabe der das Geſuch begruͤndenden Urkunden eine Beſcheinigung zugeſtellt. Die ganze Handlung wird vom Gerichtsſchreiber protocollirt, das Protocoll wird von dem Richter, dem Gerichts⸗ ſchreiber, den Partheyen und den 4 Notablen unter⸗ zeichnet. Koͤnnen die Partheyen nicht unterzeichnen, o wird dieß im Protocoll erwaͤhnt.(237.) 3) Der Richter verfuͤgt durch eine Ordonanz unter das Protocoll, daß binnen drey Tagen uͤber das Ganze an das in der Chambre de conseil verſammelte Tribunal berichtet werden ſoll.(288.) 4) Vorher wird das Ministère public um —— 74 Mittheilung ſchriftlicher Anträge requirirt. Zu die⸗ ſem Zweck werden ihm die Acten durch den Regiſtra⸗ tor mitgetheilt. 239.*) 5) Das Ministère public legt ſeine Antraͤge ſchriftlich mit der Formel vor: das Geſet er⸗ laubt, oder: das Geſetz verbietet. Sein Antrag iſt in der erſten Form abgefaßt, wenn es findet: a) daß die Chegatten bey der erſten Erklaͤrung das noͤthige Alter erreicht hatten, der Mann 25, die Frau 21 Jahr. b) daß ſie bey der erſten Erklaͤrung ſchon ſeit zwey Jahr verheirathet waren. c) daß ſie im Lauf des Jahres ihr Verlangen vier⸗ mal unter den erforderlichen Beſtimmungen wie⸗ derholt hatten. d) daß jedesmal die Einwilligung der noch leben⸗ den Eltern oder Ascendenten war ertheilt wor⸗ den. Fehlt eine dieſer Bedingungen, ſo iſt der Antrag auf Verweigerung der Scheidung gerichtet. e) das Tribunal unterſucht nach Anhoͤrung des Referenten keine andere als die nemlichen That⸗ umſtaͤnde. Es autoriſirt die Partheyen, wenn es die Schei⸗ dung bewilligt, ſie von dem Ofücier de I'état civil ausſprechen zu laſſen.„ Im Verweigerungsfall führt es die Gruͤnde der Entſcheidung aus. 4) Appellations⸗ Verfahren. Gegen das die Scheidung verweigernde Urtheil iſt eine Appellation zulaͤſſig. 4) Das Ministère public hat keinen Sitz in der Cham⸗ pre de Conseil. Deshalb kann es nicht anders als ſchriftlich vernommen werden⸗ Beyde Theile muͤſſen dieſes Rechtsmittel ein⸗ wenden, doch jeder durch ein beſonderes exploit. Das Rechtsmittel darf nicht vor Ablauf des roten, noch nach Ablauf des 20ten Tages, vom Tage der Bekanntmachung des Urtheils an gerechnet, einge⸗ wendet werden.(291.) Es tritt hier eine Ausnahme von der Regel ein, nach welcher die Appellations⸗Friſt erſt vom Tage der Inſinuation des Urtheils an, laͤuft. Die uͤber die geſchehene Appellation ausgefertigte Urkunden actes d'appel*), werden von den Par⸗ theyen einander wechſelſeitig inſinuirt. Beide inſi⸗ nuiren ſie dem Procureur impérial des Tribunals erſter Inſtanz. Binnen 10 Tagen nach der Inſinuation der zweiten oder letzten Appellationshandlung, ſendet der procureur impérial des Tribunals erſter Inſtanz dem procureur impérial général des Appellationshofes die Expedition dee Urtheils nebſt allen Beylagen. Binnen zehn Tagen nach dem Empfang dieſer Actenſtuͤcke ertheilt der procureur impérial des Ap⸗ pellationshofs ſeine ſchriftlichen Antraͤge. Ueber das Ganze berichtet der Präſident oder der präͤſidirende Richter an das in der Chambre de conseil verſammelte Appellationsgericht. Binnen zehn Tagen, von dem Tage an gerech⸗ net, da der procurcur général impérial ſeine An- traͤge abgegeben hat, wird die Sache vom Appella⸗ tionsgericht definitiv entſchieden.(293.) 5) Verfahren vor dem Okfficier de 1'6tat civil. Iſt die Scheidung definitiv zugelaſſen worden, ſo melden ſich unter Vorzeigung des Scheidungsur⸗ *) Die ueberſetzer ſagen unrichtig Appellationsſchriften; wer denkt hierbey nicht an einen libellum gravami- n 76 theils beyde Theile perſoͤnlich beym officier de Tétat civil. Sie laſſen durch ihn die Scheidung ausſpre⸗ chen. Dies muß binnen zwanzig Tagen vom Tage an gerechnet, wo das Urtheil erlaſſen worden iſt, ge⸗ ſchehen.. Nach Ablauf dieſer Friſt iſt das Urtheil als nicht erfolgt zu betrachten. Als Anhang zur Lehre von der Eheſcheidung iſt die Lehre von der Scheidung von Tiſch und Bett (Sparation de corps) beyzufugen. Der Code Napoléon ſtellt ſie in einem eignen Kapitel dar. Bey Anhaͤngern der katholiſchen Religion er⸗ ſcheint die Eheſcheidung als religionswidrig; ihre Kirche verſtattete von jeher ungluͤcklichen Ehegatten ein anderes Trennungsmittel, die Scheidung von Tiſch und Bett. Sie loͤst nicht das Band der Ehe, ſondern hebt nur das Aeußere Beiſammenleben auf. Weit davon entfernt, wie bei der Eheſcheidung des code Napoléon, die Wiedervereinigung der Ver⸗ ehelichten unmoͤglich zu machen, ſtrebte vielmehr das Inſtitut zu dieſer Wiedervereinigung durch Aufrecht⸗ haltung aller dazu einladenden Eigenſchaften des In⸗ ſtituts. Der Code Napoléon fuhrt daher die Separa- tion de corps als Beruhigungsmittel fuͤr das Ge⸗ wiſſen der Anhaͤnger der katholiſchen Kirche ein. Bei der Darſtellung derſelben folge ich Locre. Die Lehre von der Séparation de corps zerfaͤllt mn zwey Hauptabſchnitte: 1) Art und Weiſe, wie die Scparation de corps erlangt werden kann; Gruͤnde und Formen des Verfahrens.(306. 307.) 2) Wuͤrkungen derſelben. . 73 ad 1. Art und Weiſe, wie die Séparation de corps erlangt. werden kann.(For⸗ men des Verfahrens.) 1) Gruͤnde des Geſuchs ſind die nemlichen, wie bei der Eheſcheidung aus beſtimmten Urſachen. (3060 2) Ueber die Form iſt vor allen Dingen zu be⸗ merken a) Daß wechſelſeitige Einwilligung oder Ueberein⸗ kunft der Verehelichten nicht zugelaſſen wird. b) Die Form der Anſtellung, Inſtruction und Entſcheidung iſt, inſofern nicht etwas Naͤheres verfuͤgt worden iſt, die nemliche, wie bey jeder andern Civilklage.(307.) Die naͤheren Verfuͤgungen finden ſich im Code de procédure civile. Sie beſtimmen a) Modificationen in Anſehung der Klage ſelbſt und ihrer Behandlungsart. b) Proviſoriſche Maasregeln. c) Die Dazwiſchenkunft des Ministère public. a) Modificationen in Anſehung der Kla⸗ ge ſelbſt und ihrer Behandlungsart. Es giebt hier wieder Modificationen aa) uͤber den vorlaͤufigen Verſuch der Gute. bb) Ueber die Art, die Klage zu beweiſen. ad aa) Es genuͤgt hier nicht die Vorladung des an⸗ dern Theils in das bureau de conciliation. Es muß noch mehr geſchehen. Der die Scparation de corps verlangende Ehe⸗ gatte uͤberreicht dem Präſidenten des Bezirkstribunals ſeines Wohnorts ein ſchriftliches Geſuch. Es enthaͤlt die daſſelbe begrundende Thatſachen nebſt Beweisur⸗ kunden, wenn ſie vorhanden ſind. Der Praͤſident ſetzt auf das Geſuch eine Or⸗ donnanz, durch welche den Partheien an einem be⸗ ſtimmten Tage vor ihm zu erſcheinen geboten wird. 78 Die Partheien muͤſſen in Perſon erſcheinen und duͤrfen weder Procuratoren noch Rathgeber mitbrin⸗ gen. Der Präſident ſtellt den Partheien das Sach⸗ dienliche vor. Gelingt ihm die Verſoͤhnung nicht, ſo erlaͤßt er in Beziehung auf die erſte eine zweyte Or⸗ donnanz, des Inhalts, daß, da er ſie nicht habe ver⸗ einigen koͤnnen, er ſie anweiſe, ohne vorgaͤngige La⸗ dung bei dem bureau de conciliation das Weitere einzuleiten.(Code procédure civile 875. 76. 77. 78). ad bb) Zulaͤſſig iſt der in andern Streitigkeiten ſo ſehr erſchwerte Zeugenbeweis unbedingt. Der Beweis durch Eingeſtaͤndniß iſt dagegen in gleichem Grade erſchwert. Da nicht, wie bey der Eheſcheidung, auf wechſelſeitige Einwilligung die Scheidung von Tiſch und Bett zugelaſſen wird, ſo iſt beym Eingeſtaͤndniß eine Colluſion zu beſorgen. Der Beweis durch Eingeſtaͤndniß iſt aber auch nicht gaͤnzlich verworfen. Dem Ermeſſen des Richters bleibt die Beur⸗ theilung der Faͤlle uͤberlaſſen, wo ein colluſoriſches Zugeſtehen angenommen werden darf. b) Proviſoriſche Maasregeln. Der Zweck der Klage iſt nicht gleich dem Zweck der Eheſcheidungsklage, die Aufloͤſung der Ehe. Die Scheidung von Tiſch und Bett ſetzt viel⸗ mehr eine fortdauernde Ehe voraus. Zur Anſtellung der Eheſcheidungsklage bedarf die Frau, eben darum, weil die Tendenz der Klage auf Aufhebung der Autorität des Mannes gerichtet iſt, weder der Autoriſation des Ehemanns, noch des Richters. Da bey fortdauernder Ehe jede von der Frau anzuſtellende Klage ohne Autoriſation des Mannes nicht zulaͤßig iſt, da nicht angenommen werden kann, daß der Mann die Frau zu einer gegen ihn ſelbſt ge⸗ 79 richteten Klage autoriſiren werde, ſo muß, wie in allen Fällen äͤhnlicher Art, der Richter den Mann ver⸗ treten. Der Praͤſident autoriſirt deshalb erſt die Frau zur Anſtellung der Klage. Iſt der Mann klagender Theil, ſo autoriſirt der Präſident die Frau uberhaupt zum gerichtlichen Ver⸗ fahren. Dies geſchieht in der Ordonnance, welche bey⸗ den Theilen befiehlt, vor ihm zu erſcheinen.(Code de procedure civ. art. 376.) Er autoriſirt zugleich die Frau, die gemeinſchaft⸗ liche Wohnung zu verlaſſen. Er verfuͤgt, daß ihr die zu ihrem taͤglichen Ge⸗ brauch noͤthigen Effecten vom Mann verabfolgt werden. Er autoriſirt endlich die Frau zur Anſtellung einer Klage auf proviſoriſche Alimentation. c) Dazwiſchenkunft des Ministère pu- 11c. Das Ministère public kann nach Art. 83. des Code de procédure civile in allen Civilſtrei⸗ tigkeiten ſeine Anſichten darlegen und darauf Antraͤge richten. Es muß von allen Sachen, die den Civilſtand betreffen, Rotiz nehmen. Es kann daher während dem ganzen Betragen uͤber die Séparation de corps nicht anders als auf die Anträge(conclusions) des Ministere public ein Urtheil abgefaßt werden. Wo das Tribunal ſeine Berathſchlagungen in der Chambre du conseil hält, erſucht der Praͤſident das Ministère public um ſchriftliche Mittheilung ſeiner Antraͤge und theilt ihm zu dieſem Zweck die Verhandlungen mit. Auch kann das Tribunal nach Umſtaͤnden eine plaidoirie à huis clos verordnen. 80 Das Haupturtheil muß aber dennoch bei offenen Thuͤren bekannt ⸗gemacht werden. 2) Wuͤrkungen der Séparation de corps. Es kommen hier a) die Wuͤrkungen der Séparation de corps ſelbſt b) das Aufhoͤren dieſer Wuͤrkungen in Be⸗ racht. a) Wuͤrkungen der S6paration de corps ſelbſt. Die Ehe wird nicht aufgeloͤſt. Die Verbind⸗ lichkeit zur wechſelſeitigen Treue, zur Alimentation, die Unfaͤhigkeit der Frau, ohne Autoriſation des Man⸗ nes zu veraußern, gerichtlich aufzutreten x. dieſes alles bleibt bey Kraͤften. Die Wuͤrkungen beſchraͤnken ſich daher auf Fol⸗ gendes: 1) der klagende und ſiegende Theil wird von der Verbindlichkeit des Beyſammenwohnens befreyt. 2) Die wegen Ehebruch geſchiedene Frau wird auf Antrag des Ministère public durch temporaͤren Freyheitsverluſt geſiraft. Der Mann kann die Séparation de corps in dieſem Fall jeden Augenblick aufheben, indem er ſeine Bereitwilligkeit erklaͤrt, die Frau wieder bei ſich auf⸗ zunehmen. 3) Hat die Séparation de corps drei Jahre fortgedauert, ſo kann der beklagte Theil(ausgenom⸗ men die wegen Ehebruch geſchiedene Ehefrau) die Verwandlung derſelben in eine gaͤnzliche Ehetrennung fordern. Das Tribunal muß dieſes Geſuch bewilligen, wenn der anweſende oder gehoͤrig vorgeladene, ur⸗ ſprunglich als Kläger aufgetretene Chegatte nicht auf der Stelle ſich bereit erklaͤrt, der Séeparation de corps durch Ausſoͤhnung und Beiſammenwohnen ein Ende zu machen.(310.) 81 Dieſer Artikel iſt auf den Fall berechnet, wenn der eine Ehegatte einer Confeſſion angehoͤrt, welche die Unaufloslichkeit der Ehe annimmt, und der an⸗ dere einer Confeſſion, welche ſie nicht annimmt. Iſt letzterer der mißhandelte Theil, ſo iſt ihm in ſeinem Gewiſſen nicht unterſagt, eine Klage auf ganz⸗ liche Scheidung anzuſtellen. Iſt erſterer der mißhandelte Theil, ſo kann und wird er nach ſeinem Gewiſſen nur die Séparation de corps verlangen. Der andere Theil dagegen, den ſeine Grund⸗ ſaͤtze an keine unaufloͤsliche Ehe binden, iſt durch eine dreijaͤhrige Scheidung, waͤhrend welcher er keine neue Verbindung eingehen konnte, hinreichend beſtraft. Das bürgerliche Geſetz wollte ihn nicht zur ewi⸗ gen Eheloſigkeit zwingen, zu welcher ihn ohnehin ſein Gewiſſen nicht verband. Es verſtattet ihm deshalb in den Grundſätzen ſeiner Confeſſion das Recht, gaͤnzliche Scheidung zu verlangen. Findet ſich das Gewiſſen des urſpruͤnglich kla⸗ genden und eben deshalb fuͤr unſchuldig erklarten Theils dadurch beunruhigt, ſo ſteht es ihm ſ. die Ehe mit dem andern Theil fortzuſetzen und der Séepa- ration de corps ein Ende zu machen. Aus Achtung fuͤr die Sitten bleibt die wegen Ehebruch geſchiedene Ehefrau von der Wohlthat, nach dreyjaͤhriger Separation de corps eine gaͤnzliche Eheſcheidung zu verlangen, ausgeſchloſſen. 4) Mit der Séparation de corps iſt immer eine Guͤtertrennung verbunden.(311.) b) Aufhoͤren der Sé6paration de corps. Die Scheidung von Tiſch und Bett entbindet nur den klagenden Theil von der Verbindlichkeit des Beiſammenwohnens. Er behaͤlt dagegen alle Rechte n. Zd⸗ 6 82 des Cheſtandes. Der andere Theil bleibt allen dar⸗ aus entſpringenden Verbindlichkeiten unterworfen. Die Séparation de corps hoͤrt folglich in dem Augenblick auf, in welchem der klagende und ſiegende Theil darauf Verzicht leiſtet. Jetzt hoͤrt auch die Trennung der Guͤter aufz nach den nicht als Geſetz, ſondern als raison écrite ſtehen gebliebenen Vorſchriften der alten Jurispru⸗ denz mit Retroactiv⸗Effect, ſo daß man annimmt, es haͤtte nie eine Guͤtertrennung ſtatt gehabt. Alle von jedem Theil waͤhrend der Trennung er⸗ worbenen Guͤter werden wieder gemeinſchafrlich. Die vom Mann waͤhrend der Séparation des biens contrahirten Schulden, werden Schulden der Gemeinſchaft. Dagegen bleiben auch die von der Frau in Be⸗ ziehung auf die Adminiſtration vorgenommenen Hand- lungen guͤltig. V. Zweiter Vortrag der Herzoglich⸗Naſſauiſchen Commiſſion uͤber den ſechſten Titel des“ erſten Buchs des Code Napoléon, du divorce. l36] 3 Bii der Anwendung des vorliegenden Titels in einem Staat der rheiniſchen Confoͤderation kommt es auf drei Ruͤckſichten an. 1) Auf den Grundcharacter des Geſetzes. 2) Auf die darin enthaltene Doctrin. 3) Auf die Formen des Verfahrens. 1) Grundcharacter des Geſetzes. Hier entſteht vor allen Dingen die Frage: ob der Staat, der einer religioͤſen Meinung, oder, um mich beſtimmter auszudruͤcken, der chriſtlichen Reli⸗ gion angehoͤrt, und ihr eine beſtimmte Herrſchaft uͤber die Civilgeſetzgebung eben deshalb einraͤumt, das Ge⸗ ſetz du divorce nach ſeinem Grundcharakter auf⸗ nehmen kann? Ich muß dieſe Frage in jeder Hinſicht bejahen. Der Staat muß als Beſtandtheil eines, durch die chriſtliche Religion civiliſirten und von ihr be⸗ 6* † herrſchten Welttheils, die Che, mithin auch die Ehe⸗ ſcheidung als ein chriſtlich religioſes Inſtitut be⸗ trachten. Er kann und darf ſie nicht als die bloſe Auſto⸗ ſung eines buͤrgerlichen Contracts behandeln. Ihm iſt ſie eine von Moral und Religion gebilligte Losſprechung von feyerlich uͤbernommenen Pflichten. Dieß iſt die poſitiv religidſe Anſicht. In dieſer Anſicht ſtimmen alle chriſtliche Confeſſionen, alle Sekten uͤberein. Dieſe nemliche Anſicht ſchimmert uberall in allen Artikeln des Geſetzes du divorce durch; ſie verlaug⸗ net ſich nirgends, weder in der Doktrin, noch in den Verfahrungsformen. Hat der Staat dieſe nemliche Anſicht als chriſt⸗ licher— nicht gerade als roͤmiſch ⸗catholiſcher Staat, zu der ſeinigen gemacht, ſo hindert ihn nichts, das Geſetz des Code Napoléon du divorce, ſeinem gan⸗ zen Grundcharakter nach, war es ſchon nach der Mei⸗ nung ſeiner Urheber in einem rein burgerlichen Cha⸗ racter erlaſſen worden, in einem religioͤſen Cha⸗ rakter einzufuͤhren. Aber— wird man einwenden— die der ka⸗ tholiſchen Kirche angehoͤrenden Unterthanen werden in ihrem Gewiſſen beunruhigt. Ihre Kieche erklaͤrt die Ehe fuͤr ein Sakrament, das eheliche Band fuͤr un⸗ auflöslich, die ECheſcheidung— divortium— fuͤr kirchlich unmoͤglich⸗ Ich werde nicht darauf antworten— daß die Gewiſſensfrage, ob die Ehe unaufloͤslich ſey, eigent⸗ lich nicht bei der Eheſcheidung, ſondern bei der Ein⸗ gehung einer weitern Ehe zur Sprache koͤmmt; daß der Geſchiedene dann erſt den Glauben, daß er ſich nicht mehr fuͤr gebunden halte, an den Tag lege, wenn er ein neues eheliches Band knuͤpft, daß der gute Katholik, ſeinem Gewiſſen unbeſchadet, ſich der C. Eheſcheidung des Code Nap.— divorce— be⸗ dienen konne, zur zweiten Ehe dagegen nicht gezwun⸗ gen werde. Ich mache dieſe Antwort darum nicht geltend, weil ſie einmal falſch, und weil ſie zweitens nicht im Geiſt der franzoͤſiſchen Geſetzgebung gegruͤndet iſt. Sie iſt einmal falſch. Die Séparatio a thoro et mensa der katholi⸗ ſchen Kirche unterſcheidet ſich von der gänzlichen Scheidung der proteſtantiſchen, nicht blos durch die von der erſtern verſagte, von der zweiten bewilligte Befugnis zur Eingehung einer weitern Ehe. Dieſe Befugniß iſt nur die Folge, nicht der Grundcharacter des Unterſchiedes zwiſchen beiden In⸗ ſtituten. Die Trennung von Tiſch und Bett loͤſt das ehe⸗ liche Band nicht auf. Sie befreyt die Ehegatten von den durch die Ehe begruͤndeten Verbindlichkeiten nicht. Sie verpflichtet nach wie vor zur ehelichen Treue und bezeichnet die Verletzung derſelben als Ehebruch. Die Frau fuͤhrt den Ramen des Mannes fort, be⸗ haält Rechte auf männlichen Schutz und Alimentation, und iſt von ihrer Seite ebenfalls zur Verpflegung des duͤrftigen Ehegatten verbunden. Im Geiſt dieſes Syſtems handelt der Gatte ge⸗ wiſſenswidrig, welcher dem andern die Eingehung einer neuen Ehe geſtattet; dieſe hieße nichts anders, als den Ehebruch autoriſiren, oder zu einem religid⸗ ſen Verbrechen einwilligen. Bey der gaͤnzlichen Ehetrennung verhaͤlt ſich alles anders. Keiner der geſchiedenen Gatten iſt zur wei⸗ tern Geſchlechtstreue verbunden; er kann keinen Ehe⸗ bruch weiter am andern Theil begehen; die Frau legt den Familien ⸗Namen des Mannes ab, und verliehrt ihr Recht auf Schutz und Ernaͤhrung. Da nun die catholiſche Religion nach dem herr⸗ ſchenden Syſtem nur eine Séparatio a mensa et 36 thoro zulaͤßt, die Trennung des ehelichen Bandes dagegen als irreligios verweigert, ſo kann der fromme Katholik, auch wenn er ſich in ſeinem Gewiſſen vor⸗ genommen haͤtte, zu keiner weitern ehelichen Verbin⸗ dung uͤberzugehen, dennoch ſich, ſeinem Gewiſſen un⸗ beſchadet, nicht der rechtlichen Wohlthaten bedienen, welche ihm das franzoͤſiſche Geſetz du divorce dar⸗ bietet. Die nemliche Antwort waͤre aber auch nicht einmal im Geiſt der franzoͤſiſchen Civilgeſetzgebung gegruͤndet. Frankreichs Geſetzgeber haben es wohl voraus⸗ geſehen, daß gewiſſenhafte Mitglieder der katholi⸗ ſchen Kirche nie und unter keiner Vorausſetzung we⸗ der das divorce pour cause déterminée, noch das divorce par consentement mutuel wuͤrden zur Hand nehmen koͤnnen. Zu dieſer Beruhignng wur⸗ de das Anfangs⸗Capitel de la séparation de corps ausdruͤcklich eingefuͤhrt. Es iſt ganz im Geiſte der katholiſchen Kirche abgefaßt. Es verletzt den gewiſ⸗ ſenhaften Katholiken in keiner Hinſicht. Denn die Sparation de corps unterſagt dem beklagten, fuͤr ſchuldig gehaltenen Theil die weitere Ehe, welche das Divorce ihm in jedem Fall freiſtellt. Die Gewiſ⸗ ſensbeſorgnis, durch eine ſchon fuͤr ſich irreligioͤſe Handlung den andern Theil zu einem religioſen Ver⸗ brechen zu verleiten, iſt voͤllig beruhigt. Sollte aber darum dem andern, einer andern religioͤſen Meinung angehoͤrenden Theil eine unzer⸗ brechliche Feſſel angelegt, ſollte er zum ewigen Colibat verurtheilt werden? Wie konnte die Geſetzgebung den ganzen Zuſtand und die Lebensweiſe eines Buͤrgers abhaͤngig machen von der religioͤſen Meinung und dem Gewiſſen eines Andern? Richt in dieſe Incon⸗ ſequenz zu fallen und dennoch das Gewiſſen des from⸗ men Katholiken zu ſchonen und mit ſich ſelbſt zu ver⸗ 37 ſohnen, war in der That keine kleine Schwierigkeit. Der 3rote Artikel hat ſie glucklich geloͤſt. Er berechtigt den Beklagten, durch Separation de corps geſchiedenen Ehegatten, nach drei Jahren eine Eheſcheidung, divorce, zu begehren, welche ihm zugeſtanden wird, wenn der andere Theil, der urſpruͤngliche Klaͤger nicht ſeine Bereitwilligkeit er⸗ klaͤrt, die Ehe fortzuſetzen und der Séparation de corps ein Ende zu machen. Der Katholik, welcher nach den Grundſaͤtzen ſeiner Kirche keine gaͤnzliche Scheidung begehren, oder was eben ſo viel heißt, den andern Theil nicht berech⸗ tigen konnte, in eine weitere Ehe zu treten, erhaͤlt nun Gelegenheit, mit ſeinem Gewiſſen ſich uͤber das⸗ jenige, was er fuͤr religioͤs erlaubt und unerlaubt haͤlt, zu vereinigen. Nach drei Jahren haben ſich die Leidenſchaften abgekuͤhlt, der Haß beruhigt. Haͤlt es der urſpruͤng⸗ liche Klaͤger fuͤr gewiſſenswidrig, den urſpruͤnglich Beklagten zu einer weitern Ehe zu autoriſiren, ſo kann er die Forderungen ſeines Gewiſſens dadurch beruhigen, daß er der Séparation de corps ein Ende macht. Kann er ſich dazu nicht entſchließen, ſo zeigt er eben dadurch, daß die weitere Ehe des andern ſein eignes Gewiſſen nicht ſo ſehr verletze, indem er ſeine eigne Convenienz einer Gewiſſensforderung nicht zum Opfer bringen will. Er kann ſich daher wenn das Geſetz den andern Theil nun zur gaͤnzlichen Eheſchei⸗ dung und demnächſt zur neuen Ehe zuläßt, nicht uͤber Gewiſſensverletzung beklagen. Das Geſetz macht hierbey nur eine, in der menſchlichen Familien⸗He⸗ konomie gegruͤndete Ausnahme. Die wegen Ehebruch durch Separation de corps geſchiedene Gattin wird auch nach Ablauf von drei Jahren vom Scheidungsgeſuch ausgeſchloſſen. Sie kann ſich dadurch weder ſelbſt den Weg zu einer 50 neuen Ehe bahnen, noch den Mann zur Fortſetzung der vorigen zwingen. Betrachtet man dieſe Ausnahme als Strafe des Ehebruchs, ſo iſt ſie in der Ratur des Verbrechers gegruͤndet. Sieht man darauf, daß der Ehebruch des Man⸗ nes nicht die nemliche Folge nach ſich zieht, ſo wird der Unterſchied theils aus der Indivitualität des Ge⸗ ſchiechtscharacters, theils aus der Natur der Ehe ge⸗ rechtfertigt. Der Mann kann den Ehebruch der Frau nicht verzeihen, ohne ſeine Wuͤrde zu verlaͤugnen. Das Vorurtheil, welches ſeiner Rachſicht den unausloͤſch⸗ lichen Stempel des Laͤcherlichen aufdruͤckt, iſt tief im Verhaͤltniß der Geſchlechter gegruͤndet. Die Reue der Frau kann hier nichts wieder gut machen. Durch ihre Untreue hoͤrt ſie auf der Familie des Mannes, in welche ſie phyſiſch verſchlungen war, un) welche durch ſie phyſiſch fortgeſetzt werden ſollte, anzugehoͤ⸗ ren. Als Menſch kann ihr der betrogene Theil mora⸗ liſch und religios verzeihen. Der Ehemann und Fa⸗ milienvater kann es nicht. Das Geſetz waͤre naturwidrig, welches den Ehe⸗ mann noͤthigte, um des Glaubens willen, ſich vor ſeiner Familie und dem Publikum als geduldigen Hoͤrnertraͤger hinzuſtellen. Die Untreue des Mannes zerreißt das Familien⸗ band nicht. Sie kränkt ſeine getaͤuſchte Gattin, ohne ſie zu entehren. Seine Reue verſoͤhnt ihre gerechten Forderungen, durch Verzeihung erſcheint ſie achtungs⸗ wuͤrdiger. Das Geſetz beleidigt ihre Wuͤrde vicht durch die Zumuthung, nach dreijaͤhriger Séparation de corps die Ehe naturgemaͤß fortzuſetzen, wenn ihr Gewiſſen es ihr unterſagt, den andern von der Ver⸗ bindlichkeit zur Geſellſchaftstreue gänzlich frey zu geben. Dies iſt der Geiſt der franzoͤſiſchen Geſetzgebung 89 bei der buͤrgerlichen Sanktionirung des kirchlichen In⸗ ſtituts de la Séparation de corps. So und nicht anders hat ſie den Forderungen der katholiſchen Kirche dabey nachgegeben. Wenn ich behaupte, daß ein Staat der rheini⸗ ſchen Confoͤderation das Geſetz du divorce ſeinem ganzen Grundcharakter nach, kirchlich aufnehmen kann, ſo leitet mich dabei folgende Anſicht. Der Staat iſt uͤber den religioͤſen Partheigeiſt erhaben. Er gehoͤrt allerdings einer religioͤſen Meinung, er gehoͤrt in dieſer Hinſicht dem ehriſtlichen Eu⸗ ropa an; er koͤnnte ſich, auch wenn er es wollte, gus der durch Jahrtauſende durch den Glauben der Rationen geſchlungenen, in Verfaſſung, Sitten und Geſetzen offenbarten Meinung nicht herausreiſſen. Aber der roͤmiſchen Kirche, der Dordrechti⸗ ſchen Synode gehoͤrt er als chriſtlicher Staat, nicht nothwendig an. Er iſt chriſtlicher Staat, nichts weiter. Da, wo ſich alle chriſtliche Sitten und Confeſ⸗ ſionen in Glaubens⸗ oder Sittenregeln vereinigen, da ſpricht auch der chriſtliche Staat in ſeinen Geſez⸗ zen und Einrichtungen ſeine religioͤſe Meinung aus. Wo ſie ſich entzweien, ſpricht er keine Meinung aus; er ſorgt nur dafuͤr, daß keiner in ſeinem Glauben ge⸗ ſtoͤrt und zu gewiſſenswidrigen Handlungen geno⸗ thigt iſt. Wo ſie ſich vereinigen, erlaͤßt der chriſtliche Staat als ſolcher poſitive und zwingende, wo ſie ſich trennen, nur negative und erlaubende Geſetze. Dieſen Geiſt athmet das franzoͤſiſche Geſetz du divorce. Es athmet ihn ohne klares Bewußsſeyn der Geſetzgeber, welche das Geſetz auf einen reir buͤrgerlichen, nicht auf einen chriſtlichen Staat glaub⸗ ten berechnet zu haben. Indem es die Polygamie verbietet, wechſelſeitige Alimentations⸗Verbindlichkeit ſanetionirt, die Che 90 zwiſchen dem kehebrecheriſchen Ehegatten und dem Genoſſen der Schuld unterſagt, verfuͤgt es im Geiſt der chriſtlichen Religion; indem es den Ehegatten, welche nach ihrer religioͤſen Meinung eine gaͤnzliche Aufloͤſung der religioſen Vereinigung fuͤr erlaubt halten, das divorce, denjenigen, welche ſie nicht fur erlaubt halten, eine Séparation de corps ver⸗ ſtattet, giebt es dort den Forderungen der ſogenann⸗ ten evangeliſchen, hier den Forderungen der catho⸗ liſchen Kirche nach, ohne die eine oder die andere zu begoͤnſtigen. Man wird einwenden: das Geſetz erwaͤhne von der Ruͤckſicht, die es auf die verſchiedenen Con⸗ feſſionen genommen habe, nichts, es ſage nirgends, daß die vom divorce handelnden Art. 229 bis 305 fuͤr evangeliſche, die von der Separation de corps handelnden Art. 306 bis 311 fur eatholiſche Chri⸗ ſten, oder vielmehr fuͤr alle Confeſſionen waͤren erlaſſen worden; es ſage nirgends, daß Catholiken nur zu einer Séparation de corps zugelaſſen wuͤr⸗ den; es ſchließe dieſe nirgends von der demande en divorce aus, endlich ſchweige es von den Juden und der juͤdiſchen Eheſcheidung ganz. Ich wiederhole es: der europaͤiſche civiliſirte Staat, wie ihn der von Frankreichs revolutionairen Veraͤnderungen nicht verdraͤngte Weltgeiſt poſtulirt, iſt ein chriſtlicher Staat und weiter nichts. In ſeiner religioͤſen Geſetzgebung und in ſeiner ſich dar⸗ auf beziehenden religioſen Adminiſtration hat er es mit den Religionspartheyen und Seckten nicht zu chun; er achtet nur auf den generiſchen, nicht auf den ſpeeifiſchen Charackter; ob der religioͤſe Mitbuͤr⸗ ger dieſes religidſen Staats in ſeiner ganzen Lebens⸗ weiſe, oder in ſeinen einzelnen Handlun⸗ gen dem Concilium von Trident, oder der Sinode von Dordrecht angehoͤrt, iſt ihm gleichguͤltig. Er nimmt daher keiu Aergerniß an der demande en 91 divorce des ſonſt orthodoxen Katholiken, zufrieden, daß das Evangelium nach der Meinung eines andern chriſtlichen Religionstheils das Geſuch nicht fuͤr irreligids erklaͤrt. Die juͤdiſche Firche iſt im chriſtlichen Staat gedultet. Der chriſtliche Regent kann nicht mit juͤdiſcher Kirchengewalt bekleidet, juͤdiſches Kirchen⸗ regiment ausuben. Kein Souverain des Rhein⸗ bundes, nicht der Protector der Confoͤderation wird ſich— was auch der Verfaſſer des Projet de réunion de toutes les confessions ſagen mas — zum Ober⸗Rabin conſtituiren koͤnnen oder wollen. Fuͤr den Juden nimmt das Geſetz du divorce einen rein buͤrgerlichen Character an. Es ſteht ihm frey, aber er iſt nicht gezwungen, nach dieſem Geſetz zu handeln. Der ſeinen Ritus duldende und ſchuͤtzende Staat ſchuͤtzt auch ſeine Ehe als religioͤſes Inſtitut. Er erlaubt ihm, ſie nach den Forderungen ſeiner Kirche zu formaliſiren und außzulöſen. Er wehrt ihm aber auch nicht, ſich der Loi du divorce als einer buͤrgerlichen Rechtswohlthat zu bedienen. Ob er dies nach den Forderungen ſeiner Kirche duͤrfe, iſt Sache des Inden ſelbſt, nicht des buͤrgerlichen Geſetzgebers. 2) Doktrin. Legt der Grundcharaeter des franzoͤſiſchen Ehe⸗ ſcheidungs⸗Geſetzes der Anwendung keine unuͤber⸗ ſteigliche Hinderniſſe in den Weg, ſo kann die An⸗ wendung der Doktrin noch weniger Schwierigkeiten ſindon. Sie iſt ja aus der Grundanſicht abgeleitet. Nur der Zuſatz des 230ſten Artikels muͤſſe gaͤnzlich aus dem, in dem vorigen Aufſatz dargeleg⸗ ten Grunde wegbleiben. Fuͤr den katholiſchen Religionstheil, oder viel⸗ mehr fuͤr diejenigen Buͤrger, welche ſich die Buͤrde einer unfriedlichen und ungluͤcklichen Ehe durch eine auf Séparation de corps gerichtete Klage zu er⸗ 92 leichtern ſuchen, gilt die im ſiebenten Kapitel des vorliegenden Titels ſtillſchweigend oder ausdruͤcklich ſanktionirte Doetrin. Fuͤr den evangeliſchen Religionstheil, oder viel⸗ mehr fuͤr diejenigen Buͤrger, welche es fuͤr unbe⸗ denklich hielten, zu einer demande en divorce ihre Zuflucht zu nehmen, gelten alle uͤbrigen doctrinellen Beſtimmungen. Ob der Scheidung Verlangende Katholik oder Proteſtant ſey, intereſſirt den chriſtlichen Staat, der darum nicht gerade katholiſcher Staat iſt, nicht. Es läßt ſich ſogar noch mehr behaupten. Das divorce par consentement mutuel verſchleiert jeden Scheidungegrund. Es verſchleiert auch denjenigen, welchen die katholiſche Kirche als dirimirendes Ehehinderniß betrachtet, z. B. das Unvermoͤgen des Mannes. Beim Daſeyn eines dirimirenden Ehehinder⸗ niſſes kann ſich der gewiſſenhafte Katholik von einem Ehekonſorten, den die Kirche nie als ſolchen betrach⸗ tete, durch consentement mutuel trennen, und dabey fuͤr das Publikum die Frage verſchleiern, ob je eine Ehe vorhanden war. Sein inneres Bewußtſeyn kann ihn beruhigen. Die Kirche kann nicht mehr als die Verſiche⸗ rung fordern, daß er dieſes innere Bewußtſeyn habe. Es muß ihr genug ſeyn, daß keine aͤußern umſtaͤnde die Moͤglichkeit deſſelben ausſchließen, wie z. B. Kinder die Moͤglichkeit des maͤnnlichen Un⸗ ( vermoͤgens. Ihr eigner Ausſpruch— das bekannte: de interioribus non judicat eccleſia— verſagt ihr jede weitere Forſchung. Sie ſpricht durch ihren aͤußern Repraͤſentanten das Gewiſſen an. Ob vernommen oder unvernommen— wird 93 nur der im Herzen der Glaͤubigen wohnenden innern Kirche offenbar. Der Staat kann bis zum ausgeſprochenen divorce par consentement mutuel die Ehe in ihren buͤrgerlichen Wuͤrkungen gelten laſſen, wenn ſchon die Kirche ſie als nie vorhanden anſieht. So läßt ſich die katholiſche Kirche wenigſtens mit einem Theil der Doctrin des Code Napoleon sur le divorce verſoͤhnen. 3. Proceßform. Hier zeigen ſich freylich große Schwierigkeiten. Es muͤſſen zwey Fragen aufgeloͤſt werden: 1) Welches Gericht hat das Eheſcheidungsgeſuch, oder das Geſuch um Scheidung von Tiſch und Bett zu inſtruiren und zu ertheilen? 2) In wie ſern laſſen ſich die Formen des im Ccode Napoléon vorgeſchriebenen, auf Frankreichs Gerichts⸗Organiſation und Procedur berechneten Verfahrent, mit deutſchen Proceß formen vereinigen? 1) Velches Gericht hat das Sheſchei⸗ dungsgeſuch, oder das Geſuch um Scheidung von Tiſch und Bett zu inſtruiren und zu entſcheiden? Nach den in deutſchen Staaten befolgten Grundſätzen wurden zwey Gerichtsbehoͤrden, eine geiſtliche uud weltliche oder buͤrgerliche wuͤrkſam. Ueber die Scheidung oder Trennung entſcheidet die erſte, uͤber die Vermoͤgensauseinanderſetzung die zweite. So erzeugte der proteſtantiſche Scheidungs⸗ und der katholiſche Trennungsproceß doppelte Uebek, Koſten und Verzoͤgerungen. Der code Napoléon laͤßt mit Recht dieſe Trennung nicht fortdauern. Der nemliche Richter, welcher die Eheſcheidung erkennt, hat auch uͤber die Vermoͤgensſcheidung zu verfugen. Iſt aber die Eheſcheidung fuͤr beide chriſtliche 94 Hauptpartheien ein religioſes Inſtitut, ſo muß auch die Eheſcheidung von einem kirchlichen, oder mit Kirchengewalt bekleideten Richter erkannt werden. Fuͤr proteſtantiſche Unterthanen proteſtantiſcher Regenten zeigt ſich hier keine Schwierigkeit. Die Konſiſtorien oder geiſtlichen Gerichte leiten ihren Auftrag eben ſo vom Regenten ab, wie dieſer die Auftragsbefugniß von dem, ihn zum oberſten Biſchoff konſtituirenden, ſtillſchweigenden Uebertrag ſeiner Religionsgenoſſen, und Unterthanen. Häufig wurden in kleinen Staaten die Konſi⸗ ſtorien in den Schoos der Hofgerichte oder der Ge⸗ richte zweiter Inſtanz verpflanzt. Dadurch fiel die Nothwendigkeit, die nemliche Sache ihrer verſchiede⸗ nen Anſicht wegen, vor mehrern Gerichten anhaͤngig zu machen, weg⸗ Die Verpflanzung proteſtantiſcher Konſiſtorien in den Schoos proteſtantiſcher Hofgerichte wird als erſter Schritt der Annaͤherung zu einem, dem Code Napoléon entſprechenden Verfahren nothwendig. Daß bey dem Hofgericht, als Conſiſtorium be⸗ trachtet, keine andere Beyſitzer und Stimmfuͤhrer als Mitglieder der Kirche denkbar ſind, zu welcher die Scheidung verlangenden Ehegatten gehoͤren, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Die Sache entwickelt ſich hiernach ſehr einfach. Der von ſeinen eignen Religionsgenoſſen zum ober⸗ ſten Biſchoff, mithin zum oberſten geiſtlichen Richter conſtituirte Souverain ernennt die ſeinem eignen Kirchenglauben angehoͤrenden Mitglieder ſeiner welt⸗ üchen Getichte zu kirchlichen Richtern, und uͤbertraͤgt ihnen in dieſer Eigenſchaft die Erkenntniſſe uber Eheſcheidungsgeſuche, indeß ſie als weltliche oder burgerliche Richter die Vermoͤgens⸗ und ubrige buͤr⸗ gerliche Verhaͤltniſſe der Verehelichten auseinander ſetzen In Hinſicht der proteſtantiſchen Unterthanen 95 des katholiſchen Souverains ſcheinen einer gleichen Einrichtung groͤßere Schwierigkeiten im Weg zu ſtehen. Aber ſie ſcheinen dieſes auch nur. Der katholiſche Souverain proteſtantiſcher Un⸗ terthanen iſt nicht ihr oberſter Biſchoff, er konnte es durch Uebertrag eben ſo wenig werden, als die Angehoͤrigen einer katholiſchen biſchoͤflichen Dioͤceſe einen Anhaͤnger Luthers oder Calvins fuͤr ihren Biſchoff werden erkennen wollen. Die Kirchengewalt iſt hier in den Haͤnden der Kirchenmitglieder ſelbſt geblieben und das kirchliche Regiment und Richteramt findet ſich in ihren eignen. Aber was hindert ſie, die Beſetzung der geiſtli⸗ chen Richterſtellen aus ihrer Mitte dem Souverain als ſolchem— gleichviel welchem Kirchenglauben er als Kirchenmitglied angehoͤren mag, zu uͤbertra⸗ gen? Der Souverain iſt als ſolcher kein Mitglied einer beſtimmten Kirchen⸗Confeſſion. Er iſt chriſt⸗ licher Souverain eines chriſtlichen Staats und nichts beſtimmteres. Er behandelt jeden Religionstheil mit Ruͤckſicht auf ſeine Individualität. Das Syſtem der katholiſchen Kirche ſcheint ſich gegen die Vereinigung in Anſehung katholiſcher Un⸗ terthanen mehr zu ſtrͤuben. Unmoöglich iſt ſie aber ebenfalls nicht. Der Souverain— ſey er Proteſtant oder Katholik— iſt in keinem Fall Innhaber der Kir⸗ chengewalt. Er kann in dieſer Eigenſchaft keine geiſtlichen Richter beſtellen, und ihnen eine Macht, die ihm ſelbſi fehlt, uͤbertvagen. Es emanirt hier alles aus prieſterlicher Quelle. Ihr hoͤchſter Vereinigungspunkt iſt das Oberhaupt der roͤmiſchen Kirche. Der Souverain uͤbt nur das Recht der Ober⸗ aufſicht als ein jus circa sacra aus. Die von ihm unabhaͤngige, von ihm nicht emanirende geiſtliche 96 Richtergewalt kann ohne ſeine Genehmigung nicht ausgeuͤbt werden. Das eigne Verhaͤltniß zwiſchen der weltlichen und geiſtlichen Hoheit machte in den neuern Zeiten Concordate noͤthig. Frankreich gab das neueſte Beiſpiel; die Nachahmung deſſelben iſt bisher in den Staaten des Rheinbundes vergeblich erwartet worden. Welche Anſtalten aber auch fuͤr katholiſche Unterthanen in kachrlſchen Eheſachen im Geiſt der roͤmiſchen Kirche moͤgen getroffen werden, ſo wird nichts ohne Mitwirkung und gegen den Willen des weltlichen Souverains geſchehen. Unter dieſer Vorausſetzung wird der weltliche Souverain ohne Gefahr dem geiſtlichen Gerichtshof in Eheſachen buͤrgerliche Funktionen uͤbertragen, ihn zu ſiem weltlichen Gericht beſtellen, und ihm dasjenige überlaſſe nkonnen, was in Eheſachen das tribunal de prémière instance in Anſehung der buͤrgerlichen Verhaͤliniſſe getrennter oder zu trennen⸗ der Ehegatten zu verfuͤgen hat. II. In wie fern laſſen ſich die Formen des im Code Napoléon vorgeſchrie⸗ benen, auf Frankreichs Gerichts⸗ organiſation und Procedur berechne⸗ ten Verfahrens, mit deutſchen Pro⸗ ceßformen vereinigen.? Hier zeigt ſch gleich anfangs— wie auch die Fuͤrſtl. Primatiſche verehrte Commiſſion bemerkt hat, für die Anwendung der Formen dadurch eine g roße Erleichterung, daß dem tribunal de ppemiehe nstance gleich in der erſten Inſtanz ein judicium formatum, ein proteſtantiſches Conſiſtorium, ein katholiſches Officialatgericht gegenuͤber ſteht. Hiernaͤchſt bemerke ich, daß die Beſtellung eines Ministere public bey beiden Gerichten nicht wird umgangen werden koͤnnen. 97 Ich beruͤhre hier vorlaͤufig eine Anſicht als Reſultat eines tiefern Nachdenkens, durch welche meine, in meinen vorigen Vortraͤgen niedergelegten Antraͤge eine Abaͤnderung erhalten. Ich glaube nemlich, daß, um die deutſche Ge⸗ richts⸗Verfaſſung ohne gaͤnzlichen Umſturz nach dem Geiſt des Code Nap. zu modificiren, alle den étar des personnes betreffenden, oder alle im erſten Buch des Code Nap. normirten Rechtsſachen an die Ober⸗ gerichte als Gerichte erſter Inſtanz verwieſen und daß bey denſelben ein Ministere public organiſirt werden muͤſſe. Ich erbitte mir die Erlaubniß, am Schluß meiner Vortraͤge uͤber das erſte Buch des Code Nap. die Ausfuͤhrbarkeir und die Schwierigkeiten dieſes Vortrages, bey welchem es keinesweges meine Ab⸗ ſicht iſt, die erſte Inſtanz uberhaupt in dem Schoos der Hofgerichte zu verpflanzen, auseinander zu ſetzen. Rach dieſen Vorausſetzungen fragt es ſich wei⸗ ter, bis zu welchem Grade von Annaͤherung die vom code Nap. vorgeſchriebenen Formen des Verfah⸗ rens bey der Eheſcheidung von deutſchen, mit einem Ministere public verſehenen Conſiſtorien und Offi- cialatgerichten angewendet werden konne? Ich unterſcheide die Formen des Verfahrens bey der Eheſcheidung wegen beſtimmter und bey der Eheſcheidung wegen unbeſtimmter Urſachen. 1. Wegen beſtimmter Urſachen. 2) Vorbereitung des Geſuchs. Dem Praͤſidenten des Tribunals oder dem praͤſidirenden Richter iſt der Director des Conſiſto⸗ riums oder des Officialatgerichts zu ſubſtituiren. Es bleibe ihm freygeſtellt, dem mit den Ver⸗ hältniſſen des Scheidung verlangenden Ehegatten naͤher bekannten Localbeamten dasjenige aufzutragen⸗ 7 98 was er ſelbſt bey der Vorbereitung des Geſuchs wahrzunehmen hat. Was ich in meinem vorigen Vortrag von No. 1 bis 6 dargelegt habe, erſcheint nach dieſer Vorbereitung als voͤllig anwendbar, und die von Art. 234 bis 240 fuͤr die Vollziehung dargebotenen Schwierigkeiten fallen hinweg. 2) Verfahren bey verſchloſſenen Thuͤ⸗ ren. Dem Verfahren bey verſchloſſenen Thuͤren kann ein gerichtliches oder protocollariſches Verfah⸗ ren ſubſtituirt werden. Es unterſcheidet ſich von der Vorbereitung des Scheidungsgeſuchs dadurch, daß jenes vorzuglich auf Verſoͤhnung, dieſes vorzuͤglich auf praͤparatoriſche Inſtruction berechnet iſt. Hierdurch erlangen Art. 241 bis 244 eine be⸗ ſtimmte und faſt woͤrtliche Anwendbarkeit. Unter dem: le tribunal renverra les parties à l'audience publique des 245ten Artikels waͤre hiernach ein Verweiſen der Partheyen an ein ſchrift⸗ liches oder an das Verfahren durch Schriftwechſel zu verſtehen. Die Inſtruktion muͤſſe dies erklaͤren. 3) Verfahren bey offenen Thuͤren. Es kann im Sinn des Code Nap. nicht rea⸗ liſirt werden⸗ Art. 246 bis 238 ſind woͤrtlich nicht anzuwen⸗ den. Die Inſtruktion muß die eben genannten Artikel fuͤr ſuspendirt erklaͤren. Eine eingeſchraͤnktere, aber eben ſo wohlthaͤtige Publicitaͤt kann an die Stelle der Publicitaͤt des franzoͤſiſchen Geſetzbuchs treten. Bey der Ablegung der Relation muͤſſen die Partheyen nebſt ihren Anwaͤlden zugegen ſeyn. Es muß letztern verſtattet werden, das Tribunal auf Thatumſtaͤnde aufmerkſam zu machen, welche 99 der Referent gar nicht, oder nach ſeiner Meinung unrichtig erwaͤhnt hat. Dieſe Bemerkungen muͤſſen in einem beſon⸗ dern Protocoll eingetrggen werden. Die Anwendung des blos dortrinellen 250ten Artikels dagegen iſt nicht ſchwierig. Eben ſo wenig die Anwendung des 260ten Artikels. Rur muß dem Ausdruck; dans le délai de la loi in der Inſtruction eine beſtiminte Friſt ſubſtitnirt werden. Der 261. Artikel beſtimmt eine eigene, ſehr kurze Form fuͤr einen eignen beſondern Fall. Die Anwendung ergiebt ſich von ſelbſt. Das Appellationsverfahren, wie es Art. 263 vorſchreibt, iſt mit ſeinen Friſten ſo eingreifend in den Mechanismus des franzoͤſiſchen Proceſſes, dem darin erwaͤhnten pourvoy en cassation läßt ſich nach meiner Einſicht ſo wenig ein in das deutſche Verfahren paſſendes Inſtitut ſubſtituiren, daß der Artikel nothwendig ſuspendirt bleiben muß. Die an das Oberappellations⸗Gericht zu rich⸗ tende Appellation muß folglich nach dem gemeinen deutſchen Proceß inſtruirt und entſchieden werden. Das Oberappellationsgericht ſelbſt muß mit Nitgliedern beyder Confeſſionen beſetzt ſeyn; es muß ſich fuͤr Eheſachen in eine Sektion fuͤr catholiſche und in eine Sektion fuͤr proteſtantiſche Ehen tren⸗ nen; dieſe muß das Oberconſiſtorium, jene das Generalvicariatgericht vorſtellen.. Wie letzteres moͤg⸗ lich zu machen ſey, iſt Gegenſtand einer Verhand⸗ lung und Vereinignng mit den hoͤchſten geiſtlichen Behoͤrden. ) Verfahren nach dem Urtheil, oder Ausſpruch der Scheidung durch den Okficier de l'état civil. Wird die Funktion der Ofücier de Pétat civil 95 TO0 mit den Pfarrſtellen vereinigt, ſo wird die Ausſpre⸗ chung der Scheidung dem Pfarrer als Officier de Ptat civil ebenfalls zu uͤbertragen ſeyn. Dieſe Feyerlichkeit wird in jedem Betracht der Feyerlichkeit der Trauung gegenuͤberſtehn. Durch dieſe wurde der Geſellſchaft das Daſeyn der Ehe bekannt gemacht. Durch die Ausſprechung der Scheidung erfährt ſie ihr Aufhoͤren Man koͤnnte fragen, ob es nicht ſchicklich ſey, der Scheidung eben die Feyer beyzulegen, mit wel⸗ cher die Trauung bekleidet iſt, ſie ebenfalls im An⸗ geſicht der Kirche, am Fuß des Altars auszuſprechen, — ſo ungefaͤhr wie der roͤmiſchen Confarreatio die Piffarreatio, als gottesdienſtliche Ceremonie entge⸗ gen geſetzt war. Dies glaube ich nicht. Jede Eheſcheidung läßt einen Flecken auf dem Inſtitut der Ehe zuruͤck; ſie beurkundet ſeinen Ver⸗ fall und das Erloͤſchen des Geiſtes, aus welchem ſie hervorgegangen iſt. Die Kirche ſelbſt oder die religioſe Meinung läßt ſie als nothwendiges ſittliches Uebel, als Abwen⸗ dungsmittel noch groͤßerer ſittlichen Uebel zu. Sie trauert uͤber ihr Daſeyn. Entſpricht es der Natur der Sache, die rich⸗ terlich zugelaſſene Trennung der Ehe gerade ſo kirch- lich zu formaliſiren, wie die geſchloſſene Ehe kirchlich formaliſirt wurde, ſo iſt eine geraͤuſchloſe ſtille Ceremonie dem Charakter der Scheidung am ange⸗ meſſenſten. Aber Publicitaͤt iſt nothwendig. Die Scheidung iſt ein Akt im menſchlichen Leben, gerade wie Geburt, Heirath und Todesfall. Sie verdient daher eben ſo eine kirchliche Bekannt⸗ machung, wie das eheliche Aufgebot. 1OT II. Form des Eheſcheidungs⸗Verfahrens wegen unbeſtimmter Urſachen. 1) Verfahren der Scheidung begehren⸗ den Ehegatten unter ſich, ehe ſie ihr Scheidungsgeſuch zur Kennt⸗ niß einer oͤffentlichen Behoͤrde bringen. Dem Rotar des Code Nap. muß bis zur Einfuͤhrung eines Rotariats das deutſche Amt ſub⸗ ſtituirt werden. Dies vorausgeſetzt ergiebt ſich die Anwendungs⸗ art des 279ſten und 280ſten Artikels von ſelbſt. 2) Auſſergerichtliches Verfahren. Die Schwierigkeit der Anpaſſung franzoſiſcher auf deutſche Verfahrungsformen liegt hier vorzuͤglich in der Rothwendigkeit der Zuziehung von zwey Notarien. Im Geiſt des franzoͤſiſchen Verfahrens ſind ſie nothwendig, um den Charakter einer außergerichtli⸗ chen Handlung mit Conſequenz beyzubehalten. Es läßt ſich hier kein anderer Ausweg als der treffen, daß der nemliche Aktuarius des Untergerichts, welcher die von Art. 279 und 280 erforderte Hand⸗ lungen beurkundet hat, das im 284ſten Artikel vor⸗ geſchriebene Protocoll fuͤhre. Der Director des Konſiſtoriums oder des Offi⸗ cialatgerichts tritt hier wieder an die Stelle des Praͤſidenten des Tribunals erſter Inſtanz oder des praͤſidirenden Richters. 3) Gerichtliches Verfahren. Bey der letzten Erklarung tritt der Actuarius des Untergerichts ab. Der Sekretaͤr des Konſiſto⸗ riums oder Officialatgerichts nimmt ſeine Stelle ein. An die Stelle der beiden Notabeln des 286ſten Artikels, treten, wie ſich der Bayerſche Civilcodex ausdruͤckt, zwey angeſehene, unbeſcholtene Maͤnner des Gerichtsbezirks. 102 So wird ſich auch der 287ſte Artikel anwenden laſſen. Der 288ſte Artikel wird bey der Anwendung keine Schwierigkeit finden, wenn man nicht glaubt, daß der Termin von 3 Tagen, binnen welchen nicht blos das Ministere public ſeine ſchriftlichen Antraͤge abgeben, ſondern auch uͤber die Sache an das Tri⸗ bunal vom praͤſidirenden Richter berichtet werden muß, zu kurz ſey. Ich glaube dieſes nicht, weil ſich der Bericht nicht uͤber Thatſachen,— uͤber eine rechttiche Wuͤr⸗ kung derſelben, ſondern einzig und allein uͤber die Wahrnehmung oder Nichtwahrnehmung beſtimmter, deutlich vorgeſchriebener und nicht ſehr zahlreich in Urkunden enchaltenen Formalitaͤten erſtreckt. Die Anwendung des Artikels 289 und 290 faͤllt hiernach ebenfalls in die Augen. Bey der Bekanntmachung des Urtheils muͤſſen beide Theile in Perſon vorgefordert und dadurch dem 29rſten Artikel der Weg zur Anwendbarkeit gebahnt werden. 4) Appellations⸗Verfahren. Die Anwendung der Art. 291, 292 und 293 iſt— ſobald auch beym Oberappellationsgericht ein Ministére public angeordnet worden iſt— woͤrt⸗ lich moglich. 5) Verfahren vor dem Okkicier de l'etat civil. Was ich vorhin uͤber die Art der Anwendung der Artikel 264, 265 und 266 geſagt habe, gilt auch fuͤr die Art der Anwendung des Art. 294. Da der Code Nap. uͤber die Formen des Ver⸗ fahrens bey einem Geſuch um Séparation de corps nichts eignes vorſchreibt, ſondern nur an die allge⸗ meinen Vorſchriften des franzoſiſchen gerichtlichen 103 Verfahrens zuruͤckverweiſt, ſo iſt die Beziehung des 307ten Art. nicht anders als ſo zu verſtehn, wie ſie jeder deutſche Geſchaͤftsmann, der kein anderes, als ein deutſches gerichtliches Verfahren kennt, verſtehen muß. ——— VI. Nachtrag der Herzoglich⸗Naſſauiſchen Com⸗ miſſion uͤber die Anwendungsart des fuͤnften und ſechſten Titels des erſten Buchs des Code Napoléon du mariage et du divorcè. [37] NIn dem Vortrag uͤber den zweiten Titel des erſten Buchs des Code Nap. habe ich den Wunſch nieder⸗ gelegt, daß der kirchliche Character der Ehe, aner⸗ kannt vom Staat moͤge beybehalten werden. Die Verknuͤpfung aller buͤrgerlichen Wuͤr⸗ kungen der Ehe mit der kirchlichen Trauung— welche die franzoͤſiſche Geſetzgebung verweigert, wurde nothwendig aus jener Anerkennung folgen. Eine ohnehin naturwidrige buͤrgerliche Trauung wuͤrde durch dieſe nemliche Anerkennung uber⸗ fluͤſſig werden. In jenem Vortrag habe ich die Motive meines Wunſches dargelegt. Ich glaubte indeſſen als Nothbehelf fuͤr einen beſondern Fall eine buͤrgerliche Trauung vor⸗ ſchlagen zu muͤſſen. Dies ſchien mir nemlich dann nothwendig⸗ 105 wenn der Staat da eine Ehe verſtatte, wo ſie die Kirche fuͤr unerlaubt halte. „Es wuͤrde ungerecht ſeyn— ſagte ich dort— einen Pfarrer zu noͤthigen, den, kirchlichen Segen uͤber ein Ehepaar auszuſprechen, welches nach den Geſetzen der Kirche ſich nicht heirathen kann“. Die Inconſequenz des Vorſchlags iſt mir keineswegs entgangen. Ich wuͤrde ihn unterdruͤckt haben, wenn mir damals die Vereinbarkeit der Grundanſichten des Code Nap. in der Lehre vom divorce mit rein kirchlichen Anſichten ſo klar wie jetzt eingeleuchtet haͤtte. Es ſchien mir nemlich die buͤrgerliche Trauung nur fuͤr den Fall nothig, wenn ein nach dem buͤrger⸗ lichen Geſetz geſchiedenes, nach dem kirchlichen un⸗ zertrennlich verbundenes Paar wieder unter der Sanktion des buͤrgerlichen— nicht des kirchlichen Geſetzes zu einer neuen Ehe uͤbergehen wollte. Bey einer erſten Che laͤßt ſich ein Wider⸗ ſpruch zwiſchen einer vom buͤrgerlichen Geſetz erlaub⸗ ten, vom kirchlichen verbotenen Ehe im Geiſt des Code Nap. kaum denken. Scheinbar konnte er bey der Ehe zwiſchen dem Juden und Chriſten eintreten, gegen welche der Code Nap. gewiß nichts einzuwenden hat. Ich weiß wohl, daß das canöniſche Recht der Katholiken zwiſchen diversitas cultus et diversitas religi- onis unterſcheidet, nach dieſem Unterſchied zwiſchen den Chriſten von verſchiedenen Partheyen und Sck⸗ ten die Ehe zuläßt, zwiſchen Chriſten und Nicht⸗ chriſten dagegen ſie unterſagt. Dieſer ven den Paͤbſten und vom tridentini⸗ ſchen Concilium aus politiſchen Gruͤnden eingeführte Unterſchied laͤßt ſich aber ſchwerlich weder aus dem Buchſtaben, noch aus dem Geiſte, noch viel weniger, aus der Geſchichte der chriſtlichen Religion recht⸗ fertigen. In den erſten Jahrhunderten der chriſtli⸗ — 106 chen Zeitrechnung waren Ehen zwiſchen Chriſten und Richtchriſten nichts ſeltenes und ſogar ein kraͤftiges Mit⸗ tel der Propagation des Chriſtianismus. Gegen die Ehe zwiſchen dem Hunnenkoͤnig Attila und der Schweſter des chriſtlichen Kaiſers Honorius fanden, ſo viel ich mir erinnere, die Hoftheologen nichts einzu⸗ wenden. Schwingt ſich der chriſtliche Staat in ſeiner religidſen Potenz uͤber die chriſtlichen Sekten hin⸗ aus, ſteht er uͤber, nicht unter ihrem Einfluß, ſo wird er einer vom Religionshaß erfundenen Di⸗ ſtinktion nicht das Wort reden. Ohnehin wird das Vorurtheil beider Theile noch lange Ehen zwiſchen Juden und Chriſten zu einer hoͤchſt ſeltnen Erſcheinung machen. Sie wurde, ſo viel ich mir erinnere, vor einigen Jahren in Daͤnne⸗ mark in einem beſondern Fall durch koͤnigliche Diſpenſation geſtattet, und die Theologen verhiel⸗ ten ſich bei einem Ereigniß, das vielleicht keiner Diſpenſation bedurft haͤtte, ſchweigend. Die Divergenz zwiſchen dem kirchlichen und buͤrgerlichen Geſetz koͤnnte daher nur bei einer wei⸗ tern Ehe geſchiedener Ehegatten zur Sprache kommen. Dies kann aber nicht geſchehen, wenn es wahr iſt, wie ich bei Darlegung des franzoͤſiſchen Eheſchei⸗ dungsgeſetzes zu zeigen ſuchte,— daß ein Staat der rheiniſchen Confoͤderation kirchlich annehmen und ſich aneignen kann, was buͤrgerlich gegeben wurde. Wenn es nemlich wahr iſt, daß die Doetrin des Code Napoléon uͤber Eheſcheidung auch nicht in ihrer kleinſten Beſtimmung,— ſelbſt nicht im 230ſten Artikel, welcher der Frau nur ſchwere Pflichten, aber keineswegs etwas religionswidriges auflegt— reli⸗ gionswidrig verfuͤgt, wenn ſie vielmehr in meh⸗ tern einen moraliſchen Character annimmt, der ſich im Gebiet der Civilgeſetzgebung anthropologiſch zu einem religioͤſen Charactet erhebt, ſo iſt der Fall 107 einer vom Code Napoléon zugelaſſenen, von der uͤber Spaltungen erhabenen Kirche verbotenen Schei⸗ dung nicht denkbar. Der katholiſche Ehegatte, welcher ſich der S6- paration de corps bedient hat, wird ohnehin durch den Code Napoléon ſelbſt von einer weitern Ehe ſchon darum ausgeſchloſſen, weil die vorige noch buͤr⸗ gerlich fortdauert; hat er eine demande en divorce angeſtellt, ſo hat er freylich gezeigt, daß er in Anſe⸗ hung der Ehe der kirchlichen Doctrin der Proteſtanten in ſeinem Gewiſſen beygetreten ſey. Der Staat, der am Partheien Geiſt keinen Antheil nimmt, hat dage⸗ gen nichts einzuwenden. Iſt der Katholik durch die demande en' divorce in einer Ruͤckſicht von der Lehre ſeiner Specialkirche abgewichen, ſo muß es ihm noch unbedenklicher ſcheinen, die kirchliche Einſegnung ſei⸗ ner neuen Ehe der Hand eines Geiſtlichen anzuver⸗ trauen, der ihn ohne Gewiſſensſcrupel trauen kann. Mir ſind beſtimmte Beiſpiele dieſer Art bekannt. Es wird daher der buͤrgerlichen Trauung in kei⸗ ner Hinſicht beduͤrfen. Ich finde mich in der angenehmen Lage, meinen auf Einfuͤhrung derſelben gerichteten Antrag zuruͤck⸗ nehmen zu koͤnnen. ———— VII. Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Com⸗ miſſion uͤber den ſiebenten Titel des er⸗ ſten Buchs des Code Napoléon de la paternitẽ et de la filiation. [38] Ich kann dieſem Titel nur einen kurzen Vortrag widmen. Zwar iſt der Inhalt deſſelben von der groͤßten Wichtigkeit; Frankreichs Geſetzgeber haben ihn tief und weiſe durchdacht, trefflich ſind die ausfuͤhrli⸗ chen Diskuſſionen, welche die Redner des Staats⸗ raths und Tribunals der Darlegung der Motive ge⸗ widmet haben. Doch iſt dieſer nemliche Inhalt faſt ganz doetri⸗ nell. Die Schwierigkeiten der Anwendung gehen aus dieſer Doctrin, keineswegs aus den Eigenheiten des franzoͤſiſchen Rechtsorganismus hervor.* Ihre Aufloͤſung findet ſich vorzuͤglich in den rapports et motifs, welche ich hier gegen den Zweck der hieſigen Conferenzen, wiederholen oder ausziehen muͤßte, wenn ich die nemlichen Schwierigkeiten be⸗ eichnen und aufloͤſen wollte. 109 Fuͤr den deutſchen praktiſchen Juriſten ſind vor⸗ zuglich folgende doctrinelle Beſtimmungen neu: 1) Der Mann kann unter dem Vorwand ſei⸗ nes naturlichen Unvermoͤgens zu zeugen, die Aner⸗ kennung der Vaterſchaft des in der Ehe gezeugten Kindes nicht verweigern.(Art. 313.) Mit Kraft und Wahrheit ſagte der Tribun Duͤ⸗ voyrier zur Vertheidigung dieſer Verfuͤgung: La justice éternelle, cette voix majestueuse de toute conſcience pure dit que dans ce cas, si ce cas existe, Thomme doit supporter toutes les charges de la paternité dont il a té- mérairement affecté la puissance et dévorer la honte d'un enfant, dont il peut n'étre pas le père, mais qu'il a eu la frauduleuse audace de prommettre à sa femme et à la société.(Rap- ports et motifs III, 87.) 2) Hat die Mutter des Kindes dem Ehemann die Geburt deſſelben verheimlicht, ſo wird der Mann zum Beweis aller Thatſachen zugelaſſen, welche es wahrſcheinlich machen, daß er nicht Vater ſey. Die Regel pater est quem nuptiae demonstrant, lei- det der Verheimlichung der Geburt wegen eine Aus⸗ nahme. 313. 3) Wenn die Filiation des Kindes aus den Ge⸗ burtsregiſtern und einer damit verbundenen ununter⸗ brochenen possessio Status nicht hervorgeht, ſo kann ſie durch Zeugen bewieſen werden. Es muß aber der Anfang eines Urkundenbeweiſes exiſtiren, oder aus⸗ gemachte und entſchiedene Thatſachen muͤſſen durch Darbietung dringender Indicien und Vermuthungen an die Stelle des Anfangs eines Urkundenbeweiſes treten.(323.)— Was unter dem Anfang eines Urkundenbeweiſes(Commencement de preuve par écrit) zu verſtehen ſey, iſt eine ſchwierige, aber blos von der Doktrin und, Jurisprudenz aufzuldſende Frage. 4 I10 4) In Uebereinſtimmung mit dem Grundſat, daß bey fehlendem Geburtsregiſter und Beſitzſtand, durch bloſe Zeugen die Filiation nicht bewieſen wer⸗ den kann, kann auch der Beweis nicht durch Anſtel⸗ lung der Criminalklage uͤber eine Suppression détat, begonnen werden. Es muß vielmehr ein definitives Civilurtheil uͤber die question d'état, der Etiminal⸗ klage vorangehen(327.). Es tritt alſo hier eine Ausnahme von der Regel ein, daß beym Zuſammen⸗ fluß einer Criminal⸗ und Civilſache, jene als praͤju⸗ diciell zuerſt erledigt werden muß. 5) Auſſerehelich gezeugte Kinder werden nicht durch die bloſe Heirath ihrer Erzeuger legitimirt; es muß die Anerkennung der Zeugung der Ehe entweder vorangehen, oder ſie muß in der Trauungs⸗ urkunde enthalten ſeyn. Rur unter dieſer Voraus⸗ ſetzung gibt es eine ſtillſchweigende Legitimation durch nachfolgende Ehe.(33r.) Zweck der Einſchraͤnkung iſt, damit Verehelichte durch bloſe Abrede von ihnen nicht erzeugte Individuen, nicht in ihre Familie bringen, und ihren beiderſeitigen. Verwandten gegen den Willen derſelben aufdringen. 6) Die Anerkennung der im Ehebruch oder im Ineeſt erzeugten Kinder iſt unbedingt unterſagt. (3310) Indirect kann ſie dadurch geſchehen, daß der Vater ein Kind anerkennen kann, ohne die Mut⸗ ter zu nennen.(336.) 7) Die kuͤhnſte aller Reuerungen liegt in dem Grundſatz: la récherche de la paternité est inter- dite.(340.) Er ſcheint die Humanität zu kraͤnken, er widerſpricht dem Gefuͤhl deutſcher Richter. Bayerns Eivilgeſetbuch hat jenen Grundſaß aufgenommen; der Code Napoléon als Badenſches Landrecht hat ihn verworfen. Verdient er propagirt zu werden oder nicht? Dentſchlands wohlverſtandene Polizeygeſetzge⸗ 1IT bung, von kirchlichen Anſichten geleitet, verwarf das Concubinat. Sie erklaͤrte alle auſſer der Ehe erzeugte Kinder fuͤr Fruͤchte einer geſetzwidrigen oder vom Geſetz igno⸗ rirten Befriedigung des Geſchlechtstriebes. Sie raubte ihnen das im roͤmiſchen Concubinat vorhan⸗ dene geſetzliche Kennzeichen der Vaterſchaft. Nothwendige Folge des Ausſpruches der Reichs⸗ polizei-Ordnung war die Vernichtung der einge⸗ ſchraͤnkten Inteſtat⸗Erbfolge Rechte der natuͤrlichen Kinder. In dieſem Syſtem war die Aufſuchung der Va⸗ terſchaft keine Inconſequenz. Die geiſtlichen Behoͤrden hielten lange aus ver⸗ kehrtem Eiſer fuͤr gute Sitten dieſe Aufſuchung fur Pfücht. Die auſſerehelich geſchwaͤngerte Mutter des Kinder mußte den Vater deſſelben angeben. Dieſe gehaͤſſige Inquiſition wich in ſpaͤtern Zei⸗ ten mildern Anſichten. Aber bey der Aufſuchung der Vaterſchaft war auch das neugebohrne Kind in⸗ tereſſirt. Es bedurfte eines Verpflegers und Erzie⸗ hers. Das Geſetz hatte ihm keinen und die Ratur in der Mutter— gewoͤhnlich das Opfer der Ver⸗ fuͤhrung und des Leichtſinns— eine ſelbſt Hulfe und Beiſtand bedürfende Verſorgerin gegeben. Des Kindes wegen durfte die Mutter die Vaterſchaft aufſuchen. Es kam dabey nicht auf Er⸗ werbung von Anſpruͤchen auf eine reiche Erbſchaft, ſondern auf phyſiſche Erhaltung an. Duͤrftig genug waren die vom Herkommen eingefuͤhrten Alimentengelder des Kindes. Aber im⸗ mer waren ſie ein in den Haͤnden der muͤtterlichen Liebe wuchernder Beitrag. Dem franzoſiſchen Recht blieb die Anſicht und der Ausſpruch der Reichspolizey⸗Ordnung fremd. Es gab dem auſſerehelich erzeugten Kinde nicht blos Anſpruͤche auf Alimentation, es legte ihm das Snue— 112 ceſſionsrecht des naturlichen oder im Coneubinat er⸗ zeugten Kindes des roͤmiſchen Rechts bey. Die revolutionaͤre Geſetzgebung ging bedeutend weiter; ſie gab den ehelich und auſſerehelich erzeugten Kindern ganz gleiche Succeſſionsrechte. Eine retrogradirende, den ercentriſchen, revolu⸗ tionaͤren Schwung in die Gleiſe der Natur zuruͤck⸗ fuhrende Geſetzgebung konnte es ſo nicht laſſen. Durch die Gleichſetzung der ehelich und auſſerehelich etzeugten Kinder wurde die Wuͤrde der Ehe belei⸗ digt. Doch ſind die Succeſſionsrechte, welche der Code Napoléon den auſſerehelich erzeugten Kindern beylegt, noch immer ſehr bedeutend⸗ Der Art. 757. und 758. ſetzen ſie auf ein Drittel, die Haͤlfte, drey Viertel, ſogar das Ganze der Erbſchaft oder der Inteſtat⸗Erbportion, nachdem der Erzeuger eheliche Deſcendenten, Aſcendenten, Bruͤder und Schweſtern, entferntere Collateral⸗Erben, oder gar keine ſucceſſionsfaͤhige Inteſtat⸗Erben hinterlaͤßt. Wäre in dieſem Syſtem dem Kinde oder der Mutter deſſelben die Aufſuchung der Vaterſchaft er⸗ laubt, ſo wuͤrde allerdings Habſucht und Eigennutz die Schamloſigkeit reizen und bewaffnen. Dies hat man in Frankreich erfahren und ge⸗ fuͤhlt. Und deshalb, keineswegs um, wie die deut⸗ ſchen Gelehrten meinen, keuſchen Ohren das Scan⸗ dal der ſogenannten Conſiſtorialproceſſe zu erſparen, oder um der Decenz der Formen zu huldigen— wurde die Auffuchung der Vaterſchaft,— nicht blos die officielle der geiſtlichen Behoͤrden, ſondern die im Wege der Civilklage verſtattete, unterſagt. Nimmt man, wie es der Badenſche Koder Na⸗ poleon gethan hat, den Art. 757. u. 758. textuell auf, ſo kann man ohne Inconſequenz den 34oſten Art. nicht ſeinem Geiſt nach unterdruͤcken. Freilich werden dann die auſſerehelich geſchwaͤn⸗ 113 gerten— in der Regel zur aͤrmſten Claſſe gehoͤren⸗ den weiblichen Individuen fuͤr ſich und ihr Kind die duͤrftige Alimentation entbehren, welche die bishe⸗ rige Praxis dem laͤugnenden und uͤberfuͤhrten Erzeu⸗ ger abpreßte. Aber auch ohne dieſe Erleichterung wird die Mutter ihr Kind zu ernaͤhren im Stande ſeyn. Auſ⸗ ſerdem iſt der Staat ſchuldig, durch oͤffentliche Anſtal⸗ ten und Findlingshaͤuſer in die Mitte zu treten. Daß die Fiscalitaͤt und Liberalitaͤt unſerer Staaten mit großen Schritten und in umgekehrter Richtung ſich ausbilden, dafuͤr kann die Civilgeſetzgebung nicht buͤſſen. Ich trage nach dieſer Anſicht auf die vollſtaͤn⸗ dige Aufnahme des 34oſten Artikels an*). Ueberhaupt findet ſich im ganzen Titel nichts, was nicht ohne alle Modification des Textes aufge⸗ nommen werden koͤnnte. Von organiſchen, Frankreich eigenthuͤmlichen Anſtalten iſt nur im Art. 326. u. 334. die Rede. *) Aus guten Gruͤnden habe ich mir vor dem Abdruck die⸗ ſer Vorträge keine Abänderung erlaubt. Sie erſcheinen gerade ſo wie ſie gehalten worden ſind, wenn ſich ſchon uͤber manche Punkte meine Ueberzeugung geaͤndert hat. Hier kann ich aber die Bemerkung nicht unterdruͤcken, daß, ſo lange der Staat keine wohlorganiſirte Findel⸗ haͤuſer beſitzt, die erſte Anwendung des 34oſten Arti⸗ keis— ſo unverkennbar auch ſein Zuſammenhang mit den Succeſſionsrechten unehelicher Kinder iſt— dennoch weder den Sitten noch der Humanität zuſage. Koͤnnte man nicht einen dritten Weg betreten?— Die Re- cherche de la paternité bleibe erlaubt. Sie ertheile aber dem Kinde gegen den erzwungenen Vater nur eine Alimentationsklage, kein eventuelles Succeſſionsrecht. Es wuͤrde hiernach zweierley Gattungen unehelicher Kin⸗ der geben; vom Vater anerkannte mit Succeſſionsrecht; vom Vater blos alimentirte, ohne Succeſſionsrecht, II. Bd⸗ 8 114 Nach dem erſten ſind nur die tribunaux de prèmiere instance(mit Ausſchluß der Friedensge⸗ richte, und ohne daß ein Verſoͤhnungsverſuch voran⸗ geht) fur die réclamation d'état competent. Die Hofgerichte mußten den tribunaux de pré- mière instance ſubſtituirt werden. Nach dem zweiten Artikel muß die Anerkennung des auſſerehelich erzeugten Kindes entweder in der Geburtsurkunde, oder in einem eigenen Acte authen- tique, d. h. vor Notar und Zeugen geſchehen. Dem Acte authentique werde eine protocolla⸗ riſche Erklaͤrung beym Untergericht ſubſtituirt. ————————— yy Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſ— ſion uͤber den achten Titel des erſten Buchs des Code Napoléon, de ladoption et de la tutelle officieuse. [39] 7 De Adoption des franzoͤſiſchen Rechts iſt ein neu⸗ geſchaffenes Inſtitut, an welches ſich die Pflegvater⸗ ſchaft(tutelle officieuse) anſchließt. Ihre Baſis iſt von der Baſis der roͤmiſchen Adoption durchaus verſchieden. Zwar ſind beide geſetzliche, die Natur nachah⸗ mende Fietionen. Bei beiden wird eine Filiation rechtlich da an⸗ genommen, wo eine naturliche wenigſtens denkbar iſt. Bei beiden muß der Adoptiv⸗Vater in der Re⸗ gel wenigſtens 13 Jahre aͤlter ſeyn, als der Adop⸗ tiv⸗Sohn oder die Adoptiv⸗Tochter. Durch beide wird wechſelſeitiges Succeſſions⸗ recht in eben dem Verhaͤltniß gegruͤndet, wie es bey der naturlichen Zeugung zwiſchen Eltern und Kin⸗ dern ſtatt hat. Bei beiden ſchließt das Daſeyn des Adoptiv⸗ 8 116 Kindes die Aſcendenten und Geſchwiſter von dem Recht, einen Pflichttheil zu fordern, aus. Bei beiden tritt zwiſchen den Adoptiv⸗Aeltern und dem Adoptiv Kinde eine wechſelſeitige Alimenta⸗ tions⸗Verbindlichkeit ein. Bei beiden endlich fordert das Geſetz, daß die Geſchlechtstriebe ſich nicht in kuͤnſtliche Familienbande miſche. Es unterſagt deshalb die Ehe zwiſchen Adoptiv⸗Aeltern, Adoptiv⸗Kindern und Adoptiv⸗ Geſchwiſtern. Allein die roͤmiſche Adoption brachte das Adop⸗ tivkind in die Familie des Adoptiv⸗Vaters, theilte jenem Agnationsrechte, dieſem vaͤterliche Gewalt mit. Die franzoͤſiſche Adoption erzeugt ſo wenig vaͤ⸗ terliche Gewalt, daß ſogar nur daszenige Indivi⸗ duum adoptirt werden kann, welches nicht mehr in vaͤterlicher Gewalt ſteht. Sie ſetzt das Adoptiv⸗Kind in keine Verbin⸗ dung mit den Bluts⸗Verwandten des Adoptiv⸗Va⸗ ters. Sie erzeugt kein jus sanguinis. Sie bringt das Adoptiv⸗Kind in keine ftemde Familie. Sie hebt ſeine geſetzliche Verbindung mit ſeiner natuͤrlichen Familie nicht auf. Die franzoſiſche Adoption iſt ein reines Fami⸗ tien- nicht wie die roͤmiſche zugleich ein religidſes und oͤffentliches Inſtitut. Sie iſt auf Dankbarkeit und Liebe gegruͤndet— beyde muͤſſen durch glaͤnzende Handlungen und Auf⸗ opferungen,(343) oder durch ein, mehrere Jahre hindurch, waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit des Adoptir⸗ ten, fortgeſetztes wohlthätiges Verhaͤltniß, durch eine vom Adoptiv⸗Vater dem Adoptiv⸗Kinde geſchenkte Pflege und Erziehung, aͤuſſerlich und unzweydeutig bewieſen worden ſeyn. Ueber das Daſeyn dieſer Bedingungen muß richterlich erkannt und verfuͤgt werden. 117 Die Pflegevaterſchaſt(tutelle officieusse) iſt ein dem deutſchen Juriſten weniger fremdes Inſtitut. Sie kann Vorbereitung zur Adoption werden, geht ihr aber nicht nothwendig voran. Sie knuͤpft vormundſchaftliche Pflichten an vaͤ⸗ terliche Neigungen, und laͤßt jene aus dieſen ent⸗ ſpringen: Bei beiden Inſtituten kommt hier nicht das Doetrinelle in Betracht, ſondern nur die Formen des Verfahrens. Sie ſind indeſſen mit deutſchen Ver⸗ fahrungsſormen leicht zu vereinigen. Es ſind folgende: 1) Der Adoptant erſcheint mit dem zu Adopti⸗ renden vor dem Friedensrichter des Wohnorts des er⸗ ſtern. Beide laſſen durch ihn ihre Uebereinkunft be⸗ urkunden.(333.) Dem Friedensgerichte muß das deutſche Amt, dem Acte passé devant le juge de paix, eine pro⸗ tokollariſche Erklaͤrung ſubſtituirt werden. 2) Eine Ausfertigung der Erklaͤrung wird in den naͤchſten zehn Tagen durch den einen oder andern Theil dem Procureur impérial des Tribunals der erſten Inſtanz zugeſtellt, und der Homologation des Tribunals unterworfen.(334.) Das in der Chambre de conſeil vereinigte Tribunal, nachdem es die noͤthigen Rachrichten ein⸗ gezogen hat, unterſucht folgende beide Fragen: 1) Sind die geſetzlichen Bedingungen der Adop⸗ tion erfuͤllt worden? 2) Genießt der Adoptant eines unbeſcholtenen Rufes? Nach Anhoͤrung des Procureur Impeérial er⸗ klärt es ohne weitere Form des Verfahrens, und ohne Gruͤnde anzugeben, daß die Adoption ſtatt, oder daß ſie nicht ſtatt habe. Dem Tribunal erſter Inſtanz ſind die Hofge⸗ richte zu ſubſtituiren. Ueber die Nothwendigkeit der — 7 * ———————— —— 118 Einfuͤhrung eines Mnistére publio behalte ich mir einen eigenen Vortrag vor. 3) Das Urtheil des Tribunals erſter Inſtanz wird binnen einem Monat nach der Bekanntmachung deſſelben durch den einen oder andern Theil dem Ap⸗ pellationshof zur Beſtaͤtigung vorgelegt. Der Ap⸗ pellationshof inſtruirt in eben den Formen wie das Tribunal erſter Inſtanz. Er erkennt— ohne Gruͤnde anzugeben— das Urtheil werde beſtaͤtigt oder es werde reformirt, folglich habe die Adoption ſtatt oder ſie habe nicht ſtatt.(357.) An die Stelle des Appellationshofs tritt das Oberappellationsgericht. Wenn Artikel 358. die Be⸗ kanntmachung des die Adoption zulaſſenden Urtheils des Appellationshofes in der Audienz verordnet, ſo kann darunter nichts anders, als die gewoͤhnliche Vorladung beyder Theile im Gericht ſelbſt verſtanden werden. 4) Das nemliche Urtheil wird nach der Verfuͤ⸗ gung des Tribunals an den ſchicklichen Orten und in der ſchicklichen Anzahl Exemplarien affigirt. §) Binnen drei Monat nach Bekanntmachung des, die Adoption zulaſſenden letzten Urtheils wird auf Betrieb des einen oder andern Theils die Adoption in das Registre de l'état civil des Wohnorts des Adoptanten eingetragen. Nach fruchtloſem Ablauf der Friſt iſt dieſe Adop⸗ tion erloſchen. Die Wahrnehmung dieſer Formen iſt keinen Schwierigkeiten unterworfen. Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Com⸗ miſſion über den neunten Titel des er⸗ ſten Buchs des Code Napoléon sur la puiſiance paternelle. —[40] Nehen der Ehe giebt es kein wichtigers Inſtitut als die vaͤterliche Gewalt. Sie iſt aus der Ehe hervorgegangen. Sie iſt geſchaffen von der Ratur, anerkannt vom Geſetz. Die phyſiſche Gewalt des Vaters, ſeine Liebe zur Mutter, die durch die Ehe geſtiftete Familien⸗ Einheit, die Nothwendigkeit eines Familienregi⸗ ments, die Huͤlfloſigkeit des Kindes, die Natur⸗ Verknuͤpfung zwiſchen den Erzeugern und dem Er⸗ zeugten, das ſind die Elemente, aus welchen die vaͤ⸗ terliche Gewalt hervorgegangen iſt. Der Vater kann in ſeinem Herzen ſein Inter⸗ eſſe vom Intereſſe des Kindes nicht trennen. Daher die Einheit zwiſchen der Perſon des Vaters und Soh⸗ nes. Das Geſetz iſt bei Anerkennung derſelben nur Interpret der Ratur. 120 Der Sohn ſetzt den Vater fort und der Vater ſtellt den Sohn vor. So lange der Sohn in der Familie lebt, bleibt er dem vom Vater gefuͤhrten Fa⸗ milienregiment unterworfen. So wie der Familien⸗ Vater um der Familie wegen ſammelt und ſpart, ſo trennt er auch ſein Vermoͤgen vom Vermoͤgen des Sohnes nicht. Er arbeitet nicht fuͤr ſich, ſondern die Seinigen und die Seinigen ſind er ſelbſt. So erzeugen Raturgefuͤhle, Naturverhaͤltniſſe. So geht aus Raturverhaͤltniſſen der Begriff von Suität, und von Peculium hervor. Der Staat iſt eine kuͤnſtlich⸗hoͤher potenzirte Familie. Sein Organismus iſt Nachbildung des Familienorganismus. Die Staͤrke deſſelben ruht auf eben dem Prinecip, auf welchem die Staͤrke des Familienorganismus ruht. Hat die Geſetzgebung dieſen geſchwaͤcht, ſo iſt auch jener untergraben. Dies haben Frankreichs Geſetzgeber tief gefuͤhlt und oft erklaͤrt. Sie haben ihre Abſicht, den Fami⸗ liengeiſt zu ehren, oft ausgeſprochen,— ob immer mit gleicher Konſequenz, iſt eine andere Frage. Der ohne Commentar verſtaͤndliche und in der Anwendung, ſobald man Tribunaͤle erſter Inſtanz und ein Ministére public einführt, nicht ſchwierige Titel de la puissance paternelle, legt auf der ei⸗ nen Seite dem Vater eine Erziehungsgewalt bei, welche unbedingtes Zutrauen in ſeine Liebe voraus⸗ ſetzt; auf der andern wird der nemliche Vater in An⸗ ſehung des Vermoͤgens des Kindes ſo harten Ein⸗ ſchraͤnkungen unterworfen, die Dauer ſeiner Gewalt wird ſo auffallend abgekuͤrzt, daß man glauben ſollte, die Geſetzgebung habe auf keine andere, als auf ver⸗ ſchwenderiſche, eigennützige und herrſchſuͤchtige Vaͤ⸗ ter gerechnet. Es ſind zwei Artikel, auf deren Annahme ich nicht antragen kann. 121 Der eine iſt der Art. 372. Der andere der 384. Artikel. Nach dem erſten hoͤrt die vaͤterliche Gewalt mit der Volljaͤhrigkeit des Kindes, mithin mit dem 21⸗ Jahr auf. Das Familienbeiſammenleben haͤngt nicht vom Alter der Familienmitglieder, ſondern von Umſtaͤn⸗ den ab. So lange das Familienbeiſammenleben fort⸗ dauert, iſt ein Familienregiment noͤthig. Es kann ihm nur ein Hausvater vorſtehen. Der Austritt des Kindes aus dem vaͤterlichen Hauſe, ſey er mit Heirath verknuͤpft, oder nicht, entzieht dem Familienregiment ein ihm untergeord⸗ uetes Mitglied. Der Grund der Herrſchaft des Hausvaters faͤllt mit der Einheit weg. Der ausge⸗ tretene ſtiftet eine eigene Familie und kann von ſei⸗ nem Erzeuger nicht mehr repraͤſentirt werden. Die emancipatio per separatam oecono- miam des gemeinen Rechts ſcheint mir hiernach durch die Natur der Vecrhaͤltniſſe ſelbſt entſtanden zu ſeyn. Die Emancipation durch Zuruͤcklegung des 2ſten Jahres ſtoͤrt die Familieneinheit, ſtiftet Anar⸗ chie im Innern des Hauſes, ſpaltet das Familienre⸗ giment und untergraͤbt die vaͤterliche Wuͤrde. Der Familienvater, dem es an Mittel und Gelegenheit fehlt, ſein Kind vor dem 21᷑ſten Jahr zu verſorgen, findet ſich nach Ablauf dieſer Zeit von Kindern umgeben, welchen er nichts mehr zu befeh⸗ len hat. Verbindet man damit die vom 384ſten Artikel eingefuͤhrte Erloͤſchung des vaͤterlichen Uſuftucts am Vermoͤgen der Kinder mit dem 18ten Jahre derſel⸗ ben, ſo kann es leicht geſchehen, daß ein, von eige⸗ nem Vermoͤgen entbloͤſter Familienvater, von ſeinen durch das Alter emancipirten Kindern abhaͤngig ge⸗. macht, und an das, eine nothduͤrftige Alimentation 5 122 ihm ſichernde Geſet ſchimpflich und demuͤthigend ver⸗ wieſen wird. Ich kann daher, wenigſtens fuͤr den Naſſaui⸗ ſchen Staat, die Annahme des 372ſten Artickels nur mit der Einſchraͤnkung in Vorſchlag bringen, daß nur die Emancipation, nicht die Volljaͤhrigkeit als Erloͤſchungsart der vaͤterlichen Gewalt betrachtet werde. Gegen den 384ſten Artickel erinnere ich, auſſer den ausgefuͤhrten Gruͤnden, was Maleville dagegen erinnert hat. Er waͤre dahin abzuaͤndern, daß der Vater waͤh⸗ rend der Ehe und nach ſeinem Tod die Mutter bis zur Gtnpei des Kindes den Uſufruct am Ver⸗ moͤgen deſſelben beibehalte, bei der Ematkcipation aber zur Herausgabe der Haͤlfte deſſelben verbunden ſey. Indem ich auf Aufrechthaltung der vaͤterlichen Gewait antrage, vertheidige ich die Sache der Sit⸗ ten· Ber Familienvater iſt, wird die Wichtigkeit des G egenf ſtandes fuͤhlen. Der Autoritaͤt des Code Nepoleon ſteht die Autoritaͤt Montesquieus gegen⸗ uͤber. Er hat ſich uͤberall fuͤr den waͤrmſten Ver⸗ theidiger der vaͤterlichen Gewalt des roͤmiſchen Rechts erklaͤrt. Erf ahrung empoͤrende Beiſpiele der unter dem Schutz des Geſetzes veruͤbten Undankbarkeit von Kindern gegen ihre Eltern bekannt; umgekehrte ſind mir nicht vorgekommen. So verdorben auch unſere Sitten ſeyn moͤgen, ſo finde ich doch noch keinen Grund, die Zuͤgel der vterlichin Gewalt zu erſchlaffen, das haͤnsliche Regiment den Haͤnden des Vaters zu ent⸗ reiſſen und in die Hände des Staats niederzulegen. ie Geſetzgebung muß, wenn ſie dem Sitten⸗ verde erben nicht widerſtehen, dem Strom ſich nicht en enſtemmen kann, ihm b und nachgeben. Aber r wehe d dem Geſetzgeber, der ſelbſt dem Sitten⸗ Mir ſind aus dem Kreiſe meiner 22 123 verderben den Weg bahnt und die Staͤrke des Stroms vermehrt. Dieſes wuͤrde die unfehlbare Folge von Neuerungen ſeyn, zu welchen keine Er⸗ fahrung auffordert und zu welchem nichts als einige in Frankreich ſelbſt mißbilligte und anerkannte Irr⸗ thuͤmer die Legislation einladen. X. Erſter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Comiſſion uͤber den ꝛehnten Titel des erſten Buchs des Code Napoléon de la mino- rité, de la tutelle et de Témancipation. [41] Bey der Lehre von Vormundſchaft muͤſſen wieder Doctrin und Verfahrungsformen getrennt werden. Meine Bedenklichkeiten uber die unbedingte An⸗ nahme der Doetrin habe ich in einer oͤffentlichen Kri⸗ tik dargelegt. Ich beziehe mich darauf. Meine Anſichten uͤber die Anwendungsart der Verfahrungsformen lege ich hier nieder. A. Doctrin. Es ſind folgende doetrinelle Beſtimmungen des Code Napoléon welche ich mit den Forderungen der Sitten nicht zu vereinigen weiß. 1) Die Erloͤſchung der vaterlichen Gewalt mit mit dem 21 ſten Jahre des Kindes.(372.) 2) Die Erloͤſchung des väterlichen Uſuftukts ſo⸗ bald das Kind das 18te Jahr erreicht hat. (384˙) 125 3) Die Rechnungspflichtigkeit des Vaters, oder die Herabwuͤrdigung deſſelben zum Vormund. 389.) 4) Die der Vormundſchaft des Vaters beigeord⸗ nete Controlle, die Beiordnung einer Gegen⸗ vormundſchaft, die Unterordnung unter den Familienrath. §) Die Unterordnung des vom Vater emancipir⸗ ten Sohns unter den Familienrath in allen den Faͤllen, in welchen die Emancipation nicht alle Wuͤrkungen der Volljaͤhrigkeit erzeugt. Weit zweckmaͤßiger ſcheint es mir dagegen 1) Die Erloͤſchung der vaͤterlichen Gewalt des lebenden Vaters von dem faktiſchen Austritt aus dem Familienbeiſammenleben und aus der Fa⸗ milieneinheit abhaͤngig zu machen. 2) den vaͤterlichen Uſufrukt fortdauern zu laſſen, bis zur Erloͤſchung der vaͤterlichen Gewalt, den Vater dagegen, wenn ſie bei ſeinem Leben er⸗ folgt, zur Herausgabe der Haͤlfte des Vermoͤ⸗ gens des Kindes anzuweiſen. 3) Den Vater von aller Rechnungspflichtigkeit zu befreien. 4) Den Vater nicht zum Vormund zu beſtellen, ihm keinen Auteur ſubrogé beizuordnen, nicht die Familie, oder vielmehr die Verſchwaͤgerten und Blutsverwandten uͤber ihn zu erheben. Dagegen kann der Vater von der Verbindlichkeit, nach dem Tode der Mutter, das auf die Kinder ver⸗ erbte Vermoͤgen derſelben, binnen einer vom Ge⸗ ſetz zu beſtimmenden Friſt, gerichtlich inventariſiren zu laſſen, nicht befteit werden. Dieſes Inventarium iſt nicht als Grundlage bei einer kuͤnftigen Abrech⸗ nung, ſondern bei einer kuͤnftigen Vermoͤgens⸗Aus⸗ einanderſetzung zu betrachten. Eben ſo muß die Veraͤuſſerung des unbeweglichen Vermoͤgens der Kinder, ohne Genehmigung des Familienraths und — 126 Homologation des Gerichts dem Vater unterſagt bleiben. 50 Den von Vater emancipirten Sohn in allen F6 ällen, wo er nicht die vollen Dispoſitionsrechte des Majorennen genießt, lediglich dem Va⸗ ſelbſt, nicht den Familienrath zu ſubordini⸗ en. ie vaͤterliche Gewalt greift aufs tiefſte in die Sitten, in das Familiengluͤck, in den Privatwohl⸗ ſtand ein. Wenn der Code Napoléon ſie entweder ver⸗ nichtet, oder mit der Vormundſchaft identificirt, und dadurch ſchwaͤcht, ſo verdienen die hiergegen zur Sprache gebrachten Bedenklichkeiten die ernſte Pruͤ⸗ fung der Geſetzgebung. Was ich vom Vater behaupte, gilt nicht in glei⸗ chem Grade von der Mutter. Verdient ihre Liebe gleiches, vielleicht noch groͤße⸗ res Zutrauen, ſo kränkt ſie das Geſetz durch geringe⸗ res Zutrauen in ihre Einſicht nicht. Die ihr beige⸗ ordnete Inſtitute des Gegenvormunds und Familien⸗ raths nehmen mehr den Charakter eines Beiſiands, als einer Oberaufſicht an. Daß. Geſetzbuͤcher von Baden und Bayern jene Bedenklichkeiten nicht auf gefaßt haben oder dar⸗ uͤber tinweggegergen ſind, kann ich nicht billigen. Eine andere, ſchon fruͤher getadelte Verfuͤgung fran zoſiſchen Vormundsordnung iſt von den Ge⸗ etgebu ngen beider Staaten abgeaͤndert worden. Der Abrechnungs sverbindlichkeit des Vormunds nach bee ndigter Vormundſchaft, wird eine jaͤhrliche Rechnung sverbindlichkeit ſubſtituirt. Baden hat ſich durch einen, wahrſcheinlich ab⸗ ſichtlichen Ueberſetzungsfehler, Bayern durch eine en Abänderung geholfen. Daß zur Abnehmung der Rechnung niemand naͤher berufen ſey, als der Gegen⸗ oder kontrolli⸗ 127 rende Vormund, haben beyde Geſetzgebungen ge⸗ fuhlt. Hiernach waͤren die Art. 469. u. 470. abzuaͤn⸗ dern. Dies ſind meine Bedenklichkeiten gegen die Doctrin. B. Verfahrungsformen. Hier entſteht vor allen Dingen die Frage, ob das Inſtitut des Familienraths in einen deutſchen Staat verpflanzt werden koͤnne? In Handelsſtaͤdten mag dieſe Verpflanzung großen Schwierigkeiten unterworfen ſeyn. Es mag gefaͤhrlich ſeyn, den aus Kaufleuten be⸗ ſtehenden Verwandten des Pupillen die kaufmaͤnni⸗ ſchen Geheimniſſe deſſelben anzuvertrauen. Von dem individuellen Intereſſe einer einzelnen Klaſſe von Buͤrgern abgeſehen, nimmt nur der Kul⸗ turzuſtand der niedern Volksklaſſe Einwendungen ge⸗ gen die Moͤglichkeit der Einfuͤhrung des Familenra⸗ thes her. Ich kann dieſen Einwendungen kein großes Ge⸗ wicht beilegen. Der Fricdensrichter bleibt immer der Praͤſident oder Director des Familienraths. Er Einſicht zu der Einſicht der unkultivirten Aus den Beſchluͤſſen des Familienraths immer die Anſichten des Friedensrichters vernehmen. Auch bei der ungebildetſten Volksklaſſe beſitzen die naͤchſten Verwandten des Pupillen die richtigſten Kenntniſſe von der Indivitualität ſeiner Lage, Be⸗ drfniſſe und Vermoͤgensumſtaͤnde. Dem Geſetz nach, Votanten, werden ſie durch die That bloſe Handlanger des Friedensrichters ſeyn. Aus den Thatſachen, die ſie ihm mittheilen, wird er ſeinen Rath, aus ſeinem Rath werden, ſie ihre Beſchluͤſſe ſchopfen. Der Friedensrichter wird 128 daher in den meiſten Faͤllen der wahre Obervormund ſeyn. Werden den Friedensrichtern die deutſchen Civil⸗ juſtizbeamte, dem Rotar der Gerichtsactuarius, dem Tribunal erſter Inſtanz die deutſchen Obergerichte ſubſtituirt, ſo werden ſich alle Artikel des Geſetzes faſt woͤrtlich anwenden laſſen⸗ XI. Zweiter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſion uͤber den zehnten Titel des er⸗ ſten Buchs des Code Napoleon de la minorité, de la tutelle et de Temanci- pation. [42] Cð In meinem vorigen Vortrag habe ich meine Be⸗ denklichkeiten gegen die vollſtaͤndige Aufnahme der Doetrin, und meine Anſichten uber die Anwendungs⸗ art der Verfahrungsformen des vorliegenden Titels dargelegt. In dieſer doppelten Beziehung mache ich jetzt die einzelnen Artickel bemerklich, welche in der In— ſtruction herauszuheben, und bei welcher entweder die Doetrin abzuaͤndern, oder die Verfahrungsformen zu beſtimmen ſind. Bei Art. 389. u. 390. iſt zu bemerken, daß der Vater uͤber vas ſeinem Kinde zufallende Vermoͤ⸗ gen binnen ſechs Monat, vom Tage der Erwerbung an, ein Inventarium zu errichten ſchuldig, im Unter⸗ laſſungsfall dagegen des ihm davon zuſtehenden llſus⸗ fructs verluſtig ſey. Auch kann er das ſeinem Kinde n. Bd. 9 130 zugehoͤrende unbewegliche Vermogen, ohne Erwir⸗ kung eines, vom Gericht zu homologirenden Be⸗ ſchluſſes des Familienraths nicht veraͤuſſern. Dage⸗ gen bleibt er von der Verbindlichkeit, Rechenſchaft abzulegen, befreyt. An die Stelle der déclaration faite devant le juge de paix assisté de son greffier ou de- vant notaire des Art. 392. tritt eine protokollariſche Erklaͤrung vor dem Untergericht. Zu der vierten Sektion des zweiten Kapitels ge⸗ hoͤrt die Verfuͤgung, daß der Juſtizbeamte die Stelle des Friedensrichters als Praͤſident des Familienraths vertrete. Dieſe ganze Einrichtung kann im Herzogthum Roſſau keine Schwierigkeiten finden, da der ganze Staat in Aemter eingetheilt iſi. Selbſt in den Staͤdten iſt der Director des Stadtgerichts zugleich Juf ſbranter⸗ Bei Art. 416. wird in der Inſtruction zu be⸗ merken ſeyn, daß der Praͤſident des Familienraths uber die Berathſchlagung und den Beſchluß deſſelben ein kurzes Protokoll zu fuͤhren habe. Die durch Art. 427. von der Vormundſchaft befreite Perſonen ſind Staatsfunctionaͤre, welche nur in der fr anzöſiſchen Verfaſſung vorhanden ſind. Die Inſtruction muͤßte die an ihre Stelle tre⸗ tende deutſche Staatsbeamte nahmhaft machen. Da nach meiner Ueberzeugung der Vater nie eigentlicher Vormund werden kann, ſo faͤllt bei Art. 455. der Zuſatz excepté celle de ses enfans— hinweg. Es wird hinreichen, in der Inſtruction zu ſagen, daß der Grundſatz des gemeinen Rechts, nach wel⸗ chem derjenige, der einen Vater habe, keinen Vor⸗ mund erhalte, beibehalten und hiernach die von der Vormundſchaft des Vaters handelnde Geſetzesſieil en zu beſchraͤnken waͤren. 131 Dem Notar des 431. u. 459ſten Artikels muß der Actnar des erſten Inſtanzgerichts ſubſtituirt wer⸗ den. In der Inſtruetion iſt dieſes nur einmal zu be⸗ merken und gilt für alle uͤbrige Faͤlle. Der erſt ge⸗ nannte Artikel erhaͤlt fuͤr franzoſiſche Juriſten ſeine Erlaͤuterung aus dem Code de procEdure civile Art. 955. bis 965. Es kann aber nicht anders, als im Sinn der deutſchen Praris angewendet werden. Zu⸗Art. 469. u. 470. muß die Inſtruction ver⸗ fuͤgen, daß ſtatt der vom letztern verordneten 6tats de situation der Vormund dem Gegenvormund jaͤhrlich einmal(wenn nicht der Familienrath etwas anders beſtimmt) auf ſtempelfreien Papier Rechnung ablegen muͤſſe, und daß auch die Mutter davon nicht befreit werde. Zu Art. 482. muß die Inſtruction bemerken, daß der rechtliche Beiſtand des vom Vater emancipir⸗ ten Minderjaͤhrigen jedesmal der Vater ſelbſt ſey. Zu Art. 486. daß der vom Vater emancipirte Minderjaͤhrige durch den Widerruf der Emancipation unter die vaͤterliche Gewalt zuruͤckkehre. ——— —— — — — . 4 XII. Erſter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſion uͤber den elften Titel des er⸗ ſten Buchs des C. N. de la majoritè, de linterdiction et du conseil judiciaire. [44] Der gegenwärtige Titel beſtimmt dergleichen in der Ueberſchrift deſſelben angezeigte Gegenſtaͤnde. I. Die Feſtſetzung der Volljährigkeit auf das ein und zwanzigſte Jahr ſtellt allerdings eine wich⸗ tige und folgenreiche Neuerung dar. Ich theile indeſſen die Beſorgniſſe nicht, welche man ſelbſt in Frankreich daruͤber geaͤuſſert hat. Aus der Geſchichte der roͤmiſchen Geſetzgebung iſt der große und bedeutende Unterſchied zwiſchen Un⸗ muͤndigkeit und Volljährigkeit, der Unterſchied zwi⸗ ſchen Tutel und Curatel, der Autorität des Tutors und dem Conſens des Curators, der nichtigen Wil⸗ lensaͤuſſerung des Unmuͤndigen und der guͤltigen, zur Reſtitution berechtigenden Willensaͤuſſerung des Min⸗ derjaͤhrigen hinreichend bekannt. In dieſem Syſtem war der ſpaͤte Vollährigkeitstermin weder naturwi⸗ drig noch inconſequent. 133 Indem das heutige roͤmiſche Recht den Unter⸗ ſchied zwiſchen Tutel und Curatel faſt ganz vernich⸗ tete, Unmuͤndigkeit und Minderjaͤhrigkeit, Autoritaͤt und Conſens aſſimilirte, und den vier und zwanzig⸗ jaͤhrigen jungen Mann mit dem zwoͤlfjaͤhrigen Kna⸗ ben bei der Selbſtverwaltung und ſeiner Rechtsfaͤhig⸗ keit beinahe auf gleiche Stufe ſetzte, ſtand es aller⸗ dings im Widerſpruch mit der Entwickelung der menſchlichen Gemuͤthskraͤfte. Fuͤr ganze Staͤnde und Laͤnder wurden durch Geſetze und Gewohnheiten ein fruͤherer Volljaͤhrigkeitstermin feſtgeſetzt, ohne daß daraus fuͤhlbarer Rachtheil entſtanden oder bemerkt worden waͤre. II Die Lehre von Interdiction des Bloͤdſinni⸗ gen, Wahnſinnigen und Raſenden, hat durch den Code Napoléon bedeutende Verbeſſerungen und Er⸗ gaͤnzungen erhalten. Der durch die Natur ausgeſprochene Unter⸗ ſchied zwiſchen Bloͤdſinn und Wahnſinn auf der einen und Raſerey auf der andern Seite iſt in die Vorſorge des Geſetzes uͤbergegangen. Der Bloͤdſinnige leidet an einer alle Erinnerung und Urtheilskraft vertilgenden Geiſtesſchwaͤche, der Wahnſinnige an einer Zerruͤttung des Vorſtellungs⸗ vermoͤgens, welche ihn auſſer Stand ſetzt, innere Vorſtellungen von aͤuſſeren Gegenſtaͤnden zu unter⸗ ſcheiden; beym Raſenden wuͤrkt dieſe naͤmliche Zer⸗ ruͤttung auf aͤuſſere Organe und treibt ihn zu phyſi⸗ ſchen Kraftanſtrengungen, durch welche er andern gefaͤhrlich wird. Wahnſinn und Bloͤdſinn— unſchaͤdlich fuͤr Andere— ſchaden nur dem Gemuͤthskranken ſelbſt. Der Raſende ſetzt ſeine Mitbuͤrger in Gefahr. Mit Recht verbietet daher Frankreichs Geſetz⸗ gebung dem Ministère public die officielle Pro⸗ vokation einer Bloͤdſinnigkeits⸗Erklaͤrung, welche den Verwandten uͤberlaſſen wird.— Nur wenn 134 der Gemuͤthskranke gar keine Verwandten hat, ver⸗ tritt das Ministère public ihre Stelle. Man hat dabei nicht miskannt, daß es ſorgloſe Verwändten giebt; man hielt aber die unberufene Propalation eines Familiengeheimniſſes für ein noch groͤßeres Uebel. Die fuͤr die Unterſuchung der Frage, ob der an⸗ geblich Bloͤdſinnige wirklich ſich in dieſem Zuſtand finde, getroffene Maasregeln verdienen den hoͤchſten Beifall. Eben ſo ſehr die Verfuͤgung des 499ſten Ar⸗ tickels, welcher das Tribunal zur Verwerfung der Bloͤdſinnigkeitserklärung und dennoch zur Anordnung eines rechtlichen, den Character eines Curators an⸗ nehmenden Beiſtandes fuͤr beſtimmte Handlungen berechtigt. Der Zuſtand des Raſenden intereſſirt die Ge⸗ ſellſchaft, nicht blos ihn ſelbſt und ſeine gedemuͤthigte Familie. Mit Recht wird daher die Interdictions⸗ provokation nicht blos ſeinen Verwandten anheim gegeben, ſondern dem Ministère public zugteich an⸗ befohlen. Alle uͤbrigen Verfugungen des Code Napoléon uͤber dieſen Gegenſtand ſind fuͤr ſich verſtändlich, hu⸗ man und weiſe. Die Unterdruͤckung des Grundſatzes, daß der vom Raſenden in dem lichtvollen Zwiſchenraum ge⸗ aͤußerte Wille obligatoriſch ſey, iſt eine, kaum einer Rechtfertigung beduͤrfende Neuerung. III. Die roͤmiſche Prodigalitats⸗Erklaͤrung war mehr Sittenruͤge und Strafe als wahre Curatel. Sie wurde in fruͤhern Zeiten durch Sittencen⸗ fur eingefuͤhrt und ſpaͤter durch Familienſtolz beibe⸗ halten. Es wurde im franzoͤſiſchen Staatsrath beſtritten, ob uͤberhaupt eine Prodigalitatserklaͤrung in der Ge⸗ ſetzgebung aufzunehmen ſey⸗ Gegen die Prodigalitaͤtserklärung wurde einge⸗ wendet: Der Staat garantire jedem Buͤrger den freien Gebrauch ſeines Eigenthums. Wie er es brauche, ſey dem Staat einerlei. Der Verſchwender ſetze das Seinige in Umllauf und bringe es in eine andere Hand. Dieſer Umlauf ſey immer wohlthaͤtig; die Frage dagegen, in welcher Hand ſich die verſchwen⸗ deten Guͤter faͤnden, welche immer im Kreis der Ge⸗ ſellſchaft blieben, gleichguͤltig. Es ſey noch keinem Geſetzgeber beigefallen, den Geitzigen unter Curatel zu ſetzen, und ihn zur Veraͤuſſerung des Seinigen zu zwingen. Und doch ſchade er, indem er den Guͤ⸗ terumlauf hemme, der Geſellſchaft weit mehr als der Verſchwender, der ihn zu raſch befoͤrdere. Die Prodigalitaͤtserklärung enthalte hiernach einen, dem Staat zu nichts nuͤtzenden Eingriff in die Freiheit des Eigenthums. Dem Einzelnen koͤnne ſie auch nichts nuͤtzen. So lange der Verſchwender noch Vermoͤgen habe, ſey kein Grund vorhanden, ihn einer ſich und den Seinigen, nachtheiligen Haushal⸗ tung zu beſchuldigen. So lange er mit dem Seini⸗ gen anſtaͤndig leben koͤnne, habe man ihm nichts vor⸗ zuwerfen, und er koͤnne noch immer einlenken. Habe er aber einmal eine, ſein Vermoͤgen uͤberſteigende Schuldenlaſt contrahirt, dann ſey es freilich mit dem Einlenken zu ſpaͤt; allein die unmittelbare Dazwi⸗ ſchenkunft des Staats und der Familie ſey nun um ſo viel weniger noͤthig, weil die Glaͤubiger ein ſtär⸗ keres Intereſſe als beide haͤtten, Einhalt zu thun, und weiteren Vergeudungen zuvorzukommen. Jede Pro⸗ digalitaͤtserklärung ſey auſſerdem willkührlich der Cha⸗ rakter eines uͤbeln Haushälters laſſe ſich nicht geſetz⸗ lich beſtimmen. Dem angeblichen Verſchwender werde es nie an guten oder ſchlechten Entſchuldi⸗ gungsgruͤnden fehlen; Zutrauen zu mißlungenen Speculationen und uͤbertriebene, durch dieſes Zu⸗ 136 trauen veranlaßte Ausgaben berechtigten wenigſtens den Staat noch nicht, den verarmten Kapitaliſten fuͤr einen ſchlechten Haushaͤlter zu erklaͤren und als ſol⸗ chen zu behandeln. Das Geſetz oͤffne der Intrigue habſuͤchtiger Verwandten, einer herrſchſuͤchtigen Ehe⸗ gattin ein weites Feld durch die Zulaſſung des Pro⸗ digalitaͤtsverfahrens. Es werde die Ehrfurcht der Kinder gegen Aeltern untergraben, wenn jene ihren Vater der Verſchwendung anklagen duͤrften ꝛc. Man antwortete hierauf: es komme bei einem Prodigalitaͤtsverfahren nicht auf Bereicherung oder Aermerwerden der Staatsgeſellſchaft, ſondern auf die Sitten an; ſie wuͤrden durch den verſchwen⸗ denden Vater in Gefahr geſetzt; das roͤmiſche Pro⸗ digalitaͤtsverfahren ſey aus der Nota censoria, kei⸗ neswegs aus ſtaatswirthſchaftlichen Ruͤckſichten ent⸗ ſprungen; man habe den ſchlechten, das Erbtheil ſeiner Vaͤter verſchwendenden, fuͤr die Erziehung ſei⸗ ner Kinder unbeſorgten Pater durch ein Merkmal der oͤffentlichen Verachtung bezeichnen wollen; die Roͤ⸗ mer haͤtten deshalb die Verſchwendung nequitia ge⸗ nannt; die Interdietionsformel habe dieſe Verach⸗ tung bezeichnet; quando tua bona paterna avita- que nequitia tua disperdis, liberosque tuos ad egestatem perducis, ob eam rem tibi ea re com- mercioque interdico; der Staat ſey der Familie und denjenigen Verwandten des Verſchwenders, wel⸗ che einſt die Verbindlichkeit ſeiner Alimentation tref⸗ fen wuͤrde, Schutz ſchuldig. Er uͤbe dieſen Schutz durch die Prodigalitatserklaͤrung aus; Willkuͤhr ſey nirgend bei der Ausfuͤhrung geſetzlicher Vorſorge ganz zu vermeiden. Es gebe notoriſche Thatſachen, welche offenbar unter dem Beifall des gemeinen Menſchen⸗ verſtandes das Urtheil, daß der verarmte Kapitaliſt ein ſchlechter Haushaͤlter ſey, rechtfertigten z. B. un⸗ maͤßiger und haͤufiger Verluſt im Spiel. Der Intrigue der Verwandten wirke die Sorg⸗ ——— 137 falt der Gerichte und die Unterſuchung des mit dem Intereſſenten in gar keinem Verhaͤltniß ſtehenden Appellationsgerichts entgegen u. ſ. w. Dieſe letzten Gruͤnde ſiegten, ob ſie gleich nach meiner Anſicht die Gegengruͤnde nicht befriedigend be⸗ ſeitigen. Auf jeden Fall nimmt die franzoͤſiſche Prodiga⸗ litätserklaͤrung nicht die eigentliche Natur einer In⸗ terdiction an. Dem erklaͤrten Verſchwender wird vom Gericht ein Rathgeber beigeordnet, ohne deſſen Genehmi⸗ gung er wichtige Geſchaͤfte nicht vornehmen kann. Active Teſtamentifaction verliert er, wie im roͤ⸗ miſchen Recht nicht. 3 ———————— XIII. Zweyter Vortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſion uͤber den elften Titel des erſten Buchs des Code Napoléon vorzuͤglich in Beziehung auf das Gutachten der Fuͤrſtlich Primatiſchen verehrlichen Com⸗ miſſion. [45] Uner die Verfahrungsformen bey der Interdietion und bey der Prodigalitaͤtserklaͤrung, und uͤber die Vereinigung der franzoͤſiſchen Verfahrungsformen mit der deutſchen Gerichtsverfaſſung habe ich nur we⸗ nig zu ſagen. Die in dem vorigen Vortrag dargelegte allge⸗ meine Formen der Anwendung finden auch hier ihre Applicatur. »Vor allen Dingen bemerke ich, daß das Gut⸗ achten der Fuͤrſtlich Primatiſchen verehrlichen Com⸗ miſſion wohl nicht ganz richtig vorausſetzt, daß das franzoͤſiſche Geſetz nur fuͤr volljaͤhrige Gemuͤths⸗ ſchwache, nicht fuͤr Minderjaͤhrige die Interdiction kenne. 139 Der Art. 489. ſpricht zwar nur vom Majeur, ſchließt aber den Mineur nicht aus. Das Gutach⸗ ten des Caſſationshofs nimmt ausdruͤcklich die Zu⸗ laͤſſigkeit eines Interdictionsgeſuchs gegen einen Min⸗ derjaͤhrigen an. Zu Art. 491. Da ich auf Anſtellung eines Mi- nistère public bei den Obergerichten bereits ange⸗ tragen habe, und noch antragen werde, ſo wird es weder einer Abaͤnderung, noch Erlaͤuterung des Ar⸗ tikels beduͤrfen. Zu Art. 4903. Dieſer Artikel harmonirt mit dem Geiſt des deutſchen ſchriftlichen Verfahrens, und bedarf daher keiner Erlaͤuterung. Zu Art. 494. Fuͤr den Fall, wenn weder Freunde, noch Verwandte zu haben ſind, gibt der Art. 409. eine Auskunft, welche eine naͤhere Erlaͤu⸗ terung ebenfalls uͤberfluͤſſig zu machen ſcheint. Zu Art. 4)06. Der Artikel bedarf ebenfalls keiner Erlaͤuterung. Die Vernehmung eines Arztes und des Pfar⸗ rers ſcheint mir dagegen allerdings zweckmaͤßig und iſt vom Badenſchen Landrecht zweckmaͤßig verordnet worden. Zu Art. So1. Die Affigirung des Interdictions⸗ urtheils in den études des notaires iſt deshalb ver⸗ ordnet worden, weil alle wichtige Rechtsgeſchaͤfte ohne Rotar nicht abgeſchloſſen werden, weil man dieſe études am haͤufigſten beſucht, und weil da⸗ durch jeder vor Schaden am fuͤglichſten gewarnt wird. In der Inſtruction muß eine Bekanntmachung in der Gerichtsſtube der Aemter und des Oberge⸗ richts, auch in den Zeitungen ſubſtituirt werden. Zu 511. Die Anſtellung eines Procureur im⸗ perial beym Obergericht hebt alle Schwierigkeiten. — ——— — ——— XIV. Hauptvortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſſion uͤber die organiſche und doctri⸗ nelle Einfuͤhrunasart des erſten Buchs des Code Napoleon im Herzogthum Naſſau. [46] De Gruͤnde, aus welchen ich die ſucceſſive in kur⸗ zen Perioden auf einander folgende Einfuͤhrung des Code Napoléon im Herzogthum Raſſau vorge⸗ ſchlagen habe, ſind mit meinen bisherigen Vortraͤ⸗ gen bekannt. In dem dieſem Gegenſtand gewidmeten Plan wird das erſte Buch des Code Napoléon als derje⸗ nige Theil des Geſetzbuchs deſignirt, deſſen Auf⸗ nahme mit den meiſten Schwierigkeiten verbunden iſt, eben deswegen wird vorgeſchlagen, die Recep⸗ tion deſſelben der Aufnahme aller ubrigen Theile, ja ſelbſt der Reception des franzoͤſiſchen adminiſtrativen Syſtems folgen zu laſſen. Noch finde ich keine Gruͤnde, von dieſem Plan abzugehen. Die Stimmung des mit dem Geiſt der neuen Ordnung noch zu wenig bekannten Publikums, die Unkunde der Staatsdiener, die weiſe Schonung, 1 141 mit welcher die Regierungskunſt organiſche Veraͤnde⸗ rungen, um Reaktionen von unten zu vermeiden, von oben vorbereiten muß, die Ungewißheit uͤber die Frage, ob die Gerichtsverfaſſung aller Rheinbundes⸗ Staaten nicht kuͤnftig ein Ganzes bilden ſoll und wird, die Mißlichkeit einſeitiger mit dem großen Ganzen nicht gleichen Schritt haltender Reformen; alle dieſe und noch ſo manche andere Betrachtungen ſtehen meinen Vorſchlaͤgen zur Seite. Ich häͤnge indeſſen nicht mit Eigenſinn und Starrgeiſt an meinen Anſichten. Fuͤr einzelne Laͤn⸗ der kann die Politik Forderungen aufſitellen, welche mit den Forderungen der Politik, des Ganzen nicht harmoniren. Das Herzogthum Naſſau iſt ein Glied in einer großen Kette. Es kann ſich nicht aus dem Zuſammenhang herausdraͤngen, es kann der Rich⸗ tung, welche alle ſeine Umgebungen nehmen, weder widerſtehen noch ausweichen. Auch dieſer Fall muß vorausgeſehen und berech⸗ net werden. Es iſt daher moͤglich, daß die fruͤhere nicht partielle, ſondern gleichzeitige Aufnahme des Code Napoléon als rathſam, es iſt moͤglich, daß das raͤthliche als nothwendig erſcheint. Es iſt daher Pflicht, ſchon jetzt Votrſchlaͤge uber die organiſche und doctrinelle Einfuͤhrungsart des er⸗ ſten Buchs des Code Napoléon unter der Voraus⸗ ſetzung darzulegen, daß die Einfuͤhrung des Einzel⸗ nen von der Einfuͤhrung des Ganzen nicht werde duͤrfen abgeſondert werden; daß mit der Aufloͤſung der Schwierigkeiten der Aufnahme des erſten Buchs auch die Schwierigkeit der Aufnahme des zweiten und dritten beinahe ganz geloͤßt ſey, wird jeder Sachver⸗ ſtaͤndige zugeben. Ich gehe von folgenden Grundſaͤtzen aus: 1) Von einer Umarbeitung des Code Napo- leon, wie ſie in Bayern erfolgt iſt, kann jetzt we⸗ nigſtens nicht die Rede ſeyn. Ob Bayerns Civil⸗ 142 geſetzbuch mit den Forderungen der Zeit in vollem Einklang ſtehe, laſſe ich unentſchieden. Ob und wann daſſelbe wird in Thuͤtigkeit geſetzt werden, iſt nicht einmal gewiß. Aber gewiß iſt es, daß ſich das Herzogthum Naſſau nicht in der Lage findet, in ſei⸗ nen von Frankreich, Berg, Baden, Heſſen umge⸗ benen Provinzen ein von den Geſetzgebungen und vom Organiſationsſyſtem jener Staaten durchaus ab⸗ weichendes Organiſationsſyſtem einzufuͤhren. Es ſoll ſich ſeinen Umgebungen in ſeinen inneren Einrich⸗ tungen annaͤhern. Dieſe Annaͤherung war der Zweck aller meiner bisherigen Arbeiten, nicht ohne Ruͤckſicht auf das verborgene und hoͤhere Reſultat, welches aus dieſer Annaͤherung hervorgehen kann; es aus den Augen zu verlieren, oder ihm entgegen zu wirken, waͤre eben ſo unweiſe, als wenn man es unberufen und unauf⸗ gefordert herbeifuͤhren wollte. 2) Eine Interpolation des Code Napoléon, wovon Baden das Beiſpiel gegeben hat, ſcheint eben ſo wenig rathſam. Ein interpolirter Koder Napo⸗ leon iſt kein Koder Rapoleon, iſt nicht mehr Aus⸗ fluß des Geiſtes ſeines großen Urhebers. Auſſerdem iſt die Interpolation entweder im Geiſt, oder ge⸗ gen den Geiſt jenes Geſetzbuches. Im erſten Fall gehoͤrt der Zuſatz der Praris, der Doctrin, dem Unterricht an; es hindert nichts ſie in einem eignen Geſetze niederzulegen; im zweiten Fall wird das Original durch die Intetpolation ganz ent⸗ ſtellt und herabgewürdigt. Zwar werde ich nie glau⸗ ben, daß es Rapoleon blos um den Glanz ſei⸗ nes Namens zu thun war, als er den Wunſch aus⸗ ſprach, ſeinen Koder zum Civilgeſetz in allen Foͤdera⸗ tiv⸗ Staaten erhoben zu ſehen. Allein eine Inter⸗ polation gegen den Geiſt des Geſetzbuchs waͤre doch wohl Herabwuͤrdigung ſeines Namens⸗ 3) Es bleibt daher nichts ubrig, als die Ein⸗ 143 fuͤhrung des Koder Napoleon im Text, in ſeinem ganzen unverfaͤlſchten Zuſammenhang. Freilich waͤre die Abfaſſung eines deutſchen Ko⸗ der Napoleon anſtaͤndiger, und, wenn alle deutſche Reg erungen zuſammenhielten, waͤre ſie wenigſtens eben ſo moglich geweſen, als die Abfaſſung und Ein⸗ fuhrung eines fur die holländiſche Nation beſtimm⸗ ten Codex moͤglich war. Ich werde in⸗ deſſen nicht laͤnger die Ausfüͤhrung geines Gedankens predigen, welcher bei Geſchäftsmännern einen tha⸗ tenloſen Beifail, bei Gelehrten einen haͤmiſchen Wi⸗ derſpruch fand. Und wenn es je wieder einen Ge⸗ meingeiſt in Deutſchland geben ſollte, dann mag der Unterrichtete uͤber meine Idee urtheilen. 4) Verſchriften uͤber die Anwendung koͤnnen nur in einem begleitenden Geſetze niedergelegt wer⸗ den. Es ſcheint indeſſen Forderung der Zeit, das begleitende Geſetz nicht mit dieſem Namen, ſondern mit dem beſcheidenen Ramen einer Inſtruction zu belegen. — Das Wort Geſetz ſpricht einen permanenten, majeſtätiſchen Character aus. In unſern Tagen iſt aber auſſer Rapoleons Geiſt und Genie alles andere voruͤbergehend und hinfaͤllig. Auch das die Anwen⸗ dungsart des Code Napoléon beſtimmende Geſetz wird nur eines der Verbindungsglieder zwiſchen der alten und der noch unbekannten neuen Ordnung werden. Eine Regierung, die der Drang der Zeit in eine abhaͤngige Lage ſetzt, die ihre inneren Geſetze nach aͤuſſeren Verhältniſſen beſtimmen, die dem Wechſel derſelben nachgeben muß, findet ſi ſich nicht blos genoͤthigt, die alte Ordnung durch neue Geſetze zu verdraͤngen, ſie muß, immer von auſſenher fort⸗ getrieben, ihre eigenen Reformen wieder nichts wuͤrdigt aber eine Regierung in den Augen d —— — ————— —— 144 Regierten mehr herab, als der raſche unvorbereitete Wechſel reformirender und wieder reformirender Ge⸗ ſetze, die Ankuͤndigung eines dauernden Rechtszu⸗ ſtandes, der ſchon in den Urſachen ſeiner Entſtehung den Keim und die Bedingungen ſeiner Vernichtung in ſich traͤgt. Der Name Inſtruction wird nicht mehr ausdruͤcken, als er leiſtet; er wird mehr die Natur einer Belehrung als eines Gebots, einer An⸗ ordnung als einer Verfuͤgung annehmen. Er wird als der Schatten des Code Napoléon betrachtet wer⸗ den koͤnnen.— Nachdem aber die Gonne am Ho⸗ rizont ihre Stelle veraͤndert, nimmt auch das Schat⸗ tenbild eine andere Geſtalt an, ohne daß das Urbild die ſeinige wechſelt. 3) Die beſtehende Gerichtsverfaſſung kann in ihrem Grundcharakter nicht geaͤndert werden. Der Geiſt der deutſchen Geſchaͤftsmaͤnner ſteht mit dem Geiſt der franzoͤſiſchen Gerichtsverfaſſung noch im⸗ mer im entſchiedenſten Widerſpruch. Naͤhere Be⸗ kanntſchaft mit der franzoͤſiſchen Geſetzgebung wird ihn erſt nach und nach mildern. Auſſerdem ſtellt dieſe naͤmliche Gerichtsverfaſſung ein Ganzes dar, ge⸗ bildet und berechnet fuͤr einen ausgedehnten mit zahl⸗ reichen ober⸗ und untergeordneten Tribunaͤlen verſe⸗ henen Staat. Sie beruht in der untern wie in der hoͤchſten Potenz auf einem Mechanismus, deſſen con⸗ ſtitutionelle Raͤder wir nicht beſitzen. 6) Dagegen giebt es in der franzoͤſiſchen Ge⸗ richtsverfaſſang einzelne Anſtalten, auf welche die Anwendung der wichtigſten Parthien des Code Na- polẽon baſirt iſt. Dies gilt vorzuͤglich vom erſten Buch. Zum Gluͤck ſind ſie mit der deutſchen Ge⸗ richtsverfaſſung und dem deutſchen gerichtlichen Ver⸗ fahren nicht ganz unvereinbar. Ich werde ſie nach⸗ her bezeichnen. Sie muͤſſen entweder aufgenommeu, oder alles Organiſche des Code Napolson muß gänz⸗ lich fuſpendirt werden. Daß durch eine ſolche Auf⸗ 135 nahme alle Schwierigkeiten gehoben, alle Artikel des Code Napoléon in Aktivitaͤt geſeßt werden koͤn⸗ nen, behaupte ich keineswegs. Es bleibt noch im⸗ mer ein bedeutendes mit dem deutſchen gerichtlichen Verfahren auf keine Art in Harmonie zu bringendes Fragment übrig. Ich finde indeſſen in mir keinen Beruf, das Unmoͤgliche als moͤglich darzuſtellen. Man muß mit der Organiſation doch irgendwo an⸗ fangen. Ich habe den Zeitpunkt in einem meiner vori⸗ gen Vortraͤge[24]) beſtimmt: Die Politik kann die Anticipation deſſelben fordern. 7) Einige wenige doctrinelle Beſtimmungen wird die Inſtruction gleich im erſten Buch aͤndern duͤrfen und muͤſſen. Dies ſcheinen mir Sitten, Volksglaube und ſelbſt die Weisheit der Geſetzge⸗ bung zu fordern. Abrathende Gruͤnde kenne ich nicht. Die Auctorität des franzoͤſiſchen Namens kann hier nicht entſcheiden, man muͤßte denn deutſche Denkkraft mit einem Interdikt belegen wollen. Ruͤckſichten der Klugheit treten hier auch nicht ein. Wie kann Frankreichs Politik ſich fur die Beguͤnſti⸗ gung des Concubinats(Art 229.), gegen die Auf⸗ rechthaltung der vaͤterlichen Gewalt(Z70.) gegen die Verlaͤngerung des vaͤtcrlichen Uſufructs(384.) in⸗ tereſſiren. Durch die Aegide meiner inneren Ueberzeugung und das Bewußtſeyn reiner Abſichten gedeckt, lege ich die Wahrheit, wie ich ſie zu ſehen glaube, mit ihren Gruͤnden dar. Nach Vorausſendung dieſer allgemeinen Grund⸗ ſaͤtze gehe ich zur Darſtellung der in einer beſonderen Inſtruction niederzulegenden organiſchen und doctri⸗ nellen Modificationen uͤber, unter welchen ich die Einfuͤhrung des erſten Buchs des Code Napoléon im Herzogthum Raſſau vorſchlage. R. Bd. 30 146 l. Organiſche Modificationen. Im erſten Buch erſcheinen vielerlei organiſche im Herzogthum NRaſſau unbekannte Anſtalten und Einrichtungen. Ich zaͤhle ſie der Reihe nach hier auf, mit Ruͤckweiſung auf die Artikel, welche ihr Daſeyn vorausſetzen. Ich ſchlage nachher die zu ſubſtituirenden oder neu einzufuͤhrenden Behoͤrden vor, und ſchlieſſe mit der Zuſammenſtellung und Ue⸗ berſicht der zu begruͤndenden neuen Ordnung. A. Die dem erſten Buch des Code Napoléon eignen Anſtalten und Einrichtungen ſind: I. Die officiers de I'état civil, und die von ihnen zu fuͤhrenden Registres de l'état civil; von jenen reden die Artikel 35, 43, 49, 55, 36, 63, 67, 68, 69, 75, 77, 78, 101, 156, 137, 238, 294/ von dieſen der ganze zweyte Titel und mehrere Ar⸗ tikel im fuͤnften, ſechſten und neunten Titel. Die Geburts⸗ Heiraths⸗ und Sterb⸗, Eheſcheidungs⸗ und Adoptionsverzeichniſſe werden durch jene gefuͤhrt, in dieſen verwahrt. II. Die officiers de polices.— Wenn bei einem Todesfall ſich Indicien von einem gewaltſamen oder widernatuͤrlichem Tode zeigen, ſo muß der officier de police vor der Beerdigung ein Pro⸗ tocoll uͤber den Beſtand der Sache, uͤber den Ra⸗ men, Stand, Wohn⸗ und Geburtsort des Verſtor⸗ benen aufnehmen, und dem officier de I'état civil des Orts, wo die Beerdigung erfolgt, zuſtellen. Die Ausfertigung des Protocolls ſendet der officier de l'état civil an den Wohnort des Verſtorbenen, wenn er bekannt iſt, die naͤmliche Expedition wird in die Registres de I'état civil eingetragen.(81, 82.) III. Officier ministeriel. Im erſten Buche kommt er, wenn mich mein Gedaͤchtniß nicht trügt, 147 nur einmal im Art. 176 vor. Es werden darunter alle auf Auftrag oder unter der Auctoriſation des Staats inſtrumentirende Behoͤrden, vorzuͤglich die Huissiers und Rotaire verſtanden. Im Art. 176 wird demjenigen officier ministèriel die Interdiction angedroht, welcher eine unfoͤrmliche Einredehand⸗ lung gegen eine abzuſchlieſſende Ehe unterzeichnet hat. IV. Der Juge de paix, daß er die Verſoͤh⸗ nung in den Rechtsſachen verſücht, fuͤr welche das Tribunal erſter Inſtanz competent iſt, fuͤr diejenigen Sachen dagegen, welche das naͤmliche Tribunal als letzte Inſtanz entſcheidet, ſelbſt die erſte Inſtanz dar⸗ ſtellt, iſt bekannt. Eben ſo bekannt iſt es, daß er in dieſer Eigen⸗ ſchaft einem Canton vorgeſetzt iſt, welches fuglich mit unſern Aemtern verglichen werden kann. Auſſerdem uͤberträgt ihm das erſte Buch des Code Napoléon folgende Funktionen: 1) Vor der Vollziehung der Ehe muß jeder zu verehelichende dem die buͤrgerliche Trauung verrich⸗ tenden officier de Pétat civil ſeine Geburtsurkunde vorlegen. Kann er dieſes nicht, ſo muß er ſie durch eine Rotorietätsurkunde erſetzen. Letztere fertigt der Friedensrichter des Wohnorts oder Geburts⸗ orts des zu verehelichenden aus(70). Die Erfor⸗ derniſſe derſelben beſchreibt der 7iſte Artikel. 2) Rach der Declaration d'absense wird das Vermoͤgen des Abweſenden inventariſirt. Die In⸗ ventariſation kann nur in Beiſeyn des Procureur impsrial des Tribunals erſter Inſtanz des Wohnorts des Abweſenden vorgenommen werden. Es iſt dem Procureur impérial verſtattet, durch Requiſition einen Friedensrichter an ſeine Stelle zu ſubſti⸗ tuiren.(126.) 3) Wenn vor der Vollziehung einer Ehe die Beurkundung einer dem noch lebenden Aſcendenten . 10 145 geſchehenen ehrerbietigen Anzeige noͤthig iſt, und dieſe wegen Abweſenheit des Aſcendenten nicht erfolgen kann, ſo muß an die Stelle derſelben entweder das die Abweſenheit erklaͤrende Urtheil, oder wenn ein ſoicher Urtheil noch nicht ergangen iſt, eine Urkunde uber die Rotorietät der Abweſenheit vorgelegt werden. Sie wird vom Friedensrichter des letzten bekannten Wohnorts des abweſenden Aſcendenten in Beiſeyn und auf die Erklärung von vier von demſelben her⸗ beigerufenen Zeugen ausgefertigt.(155). 4) Bei Adoptionen nimmt der Friedens⸗ richter des Wohnorts des Adoptanten die Adop⸗ tionsurkunde auf.(353). 5) Wenn der Vater, der überlebenden Mutter als Vormuͤnderin ſeiner Kinder, einen Rathgeber zum Beiſtand beiordnet, ſo ſteht es ihm frei, ſeinen deßfallſigen Willen in einem Teſtament vor zwey Rotaren, oder vor dem Friedensrichter in Beiſeyn des grefkier zu aͤuſſern(392). In der nämlichen Form kann der letztlebende Ehegatte eine teſtamentariſche Tutel anordnen.(398.) 6) Der Friedensrichter bildet den Fami⸗ lienrath, ruft ihn zuſammen, leitet ſeine Berath⸗ ſchlagungen, hat dabei eine zaͤhlende und entſchei⸗ dende Stimme, ſtraft die ausbleibenden Mitglieder, und nimmt eine Urkunde uͤber den Beſchluß des Fa⸗ milienraths auf(Art. 406— 416, 446— 448.N 7) Der Friedensrichter beurkundet die Emancipation des Minderjährigen, mag ſie vom Va⸗ ter oder vom Familienrath vorgenommen werden. Durch die friedensrichterliche Urkunde wird die Eman⸗ cipation ſelbſt vollzogen(477.). v. Der Maire. Er iſt der Director und Vorſteher der Municipalität, dieſe iſt die unterſte Behoͤrde im franzoͤſiſchen adminiſtrativen Syſtem. Im erſten Buch des Code Napoléon kommt er nur Einmal im 459 Art.§. 2. vor. Werden 149 unbewegliche Guͤter des Minderjaͤhrigen nach einem Beſchluß des Familienraths meiſtbietend und oͤffent⸗ lich verkauft, ſo ſollen die deßfallſigen affixa vom Maire beglaubigt werden. VI. Maison commune, Gemeindehaus. Die Sache iſt im Herzogthum Naſſau ſo bekannt, wie in ganz Deutſchland, nicht aber die beſondere Beſtim⸗ mung, welche die Maison commune durch Art. 69, 64 und 75 erhaͤlt. Rach dem erſten verkuͤndet der officier de Tétat civil die abzuſchlieſſende Ehe vor dem Gemeindehaus, und nimmt eine Urkunde daruͤber auf; nach dem zweiten wird ein Eytract die⸗ ſer Urkunde an dem Gemeindehaus affigirt, nach dem dritten wird die Trauung ſelbſt im Gemeinde⸗ haus vollzogen. VII. Maison de correction, Beſſerungshaus. Es iſt davon im 298ſten und Zo8ten Artikel die Rede. NRach dem erſten wird die wegen Verletzung der ehelichen Deue gaͤnzlich, nach dem zweiten die durch Séparation de corps aus der naͤmlicheu Urſache geſchiedene Frau auf Antrag des Ministère publio durch das Scheidungsurtheil zur temporaͤren Einſperrung in die Maison de correction verur⸗ theilt. Die Maison de correction ſteht gewiß im Geiſt der Napoleoniſchen Geſetzgebung nicht unſern Zuchthaͤuſern, ſondern den vor der Revolution in Frankreich vorhandenen Kloſtern gegen uͤber. Daß die Zuchthausſtrafe, die Einſperrung in einen mit dem Auswurf der Menſchheit bevolkerten Ort keine der Verletzung der ehelichen Treue angemeſſene Strafe ſey, muß jeder gebildeter Richter fuͤhlen. Iſt der Ehebruch ſeinem Hauptcharaeter nach ein religioſes oder kirchliches Verbrechen, ſo giebt es dafuͤr keine angemeſſenere Strafe als die Kloſterzucht. Man hat durch Aufhebung der Kloͤſter der Aufklaͤrung einen großen Dienſt leiſten wollen, man hat aber in man⸗ 150 cher Hinſicht den Sitten einen ſehr ſchlechten gelei⸗ ſtet. Ich kenne die Maisons de correction als franzoͤſiſche Strafanſtalt nicht, und weiß nicht, wie Frankreich dadurch den Abgang der Kloͤſter erſetzt hat. Aber ich fuͤhle ſehr beſtimmt, daß es unge⸗ reimt waͤre, unſere entſetzlichen Zuchthaͤuſer den Kloͤ⸗ ſtern vor der Revolution und der Maison de cor- rection des jetzigen Frankreichs— wie es wenig⸗ ſtens in der Idee des Geſetzgebers eingerichtet ſeyn ſoll— zu ſubſtituiren. VIII. Notaire. Nach allem, was bisher uͤber die Beſtimmung und Wichtigkeit des Rotariats⸗ inſtituts geſagt worden iſt, wäre es uͤberfluͤſſig, ſich laͤnger dabei zu verweilen. Ich beſchraͤnke mich auf Andeutung der ſchon im erſten Buch des Code Napoléon dem Notariat zugewieſenen Geſchaͤfte. 1) Waͤhrend der vermutheten und vor der er⸗ klaͤrten Abweſenheit uͤbertraͤgt das Tribunal erſter In⸗ ſtanz einem Notar die Vertretung des Intereſſes des Abweſenden. Er repräͤſentirt ihn bei Inventa⸗ riſationen, Rechnungsablagen, Theilungen, Liquida⸗ tionen u. ſ. w.(113.) 2) Vor der Ehe wird die ehrerbietige Anzeige durch zwei Notare, oder durch Einen Notar und zwei Zeugen dem Aſcendenten, deſſen Rath erbeten werden muß, notificirt.(154.) 3) Bei der Scheidung durch gemeinſchaftliche Zuſtimmung erklären beide Ehegatten ihre Abſicht dem Praͤſidenten des Tribunals eyſter Inſtanz in Beiſeyn von zwei Notaren. Jeder Ehegatte bringt naͤmlich einen eignen Notar mit.(81.. 4) Ueber alles, was bei dieſer naͤmlichen Er⸗ oͤffnung vorgeht, nehmen die Notare ein Proto⸗ Loll auf.(280.) 3) Der Mann fann nicht blos vor dem Frie⸗ densrichter, ſondern auch vor dem Notar ſeiner 151 uͤberlebenden Frau als Vormuͤnderin einen Rathge⸗ ber beſtellen.(392.) Eben ſo der letztlebende Ehegatte einen teſta⸗ mentariſchen Vormund.(398.) 7) Bei oͤffentlichem Verkauf der unbeweglichen Guͤter des Minderjährigen an den Meiſtbietenden nimmt entweder ein Mitglied des Tribunals erſter Inſtanz, oder ein dazu beſtellter Notar die Gebote an, und beurknndet ſie.(459.) 3 Fuͤr Guͤtertheilungen, bei welchen ein Min⸗ derjaͤhriger mit intereſſirt iſt, ſind mancherlei Forma⸗ litäten vorgeſchrieben. Rach vorgaͤngiger Schaͤtzung muͤſſen die Theilzettel aufgenommen und die Verloo⸗ ſung nach den Theilzetteln, entweder in Beiſeyn eines Mitglieds des Tribunals erſter Inſtanz, oder eines vom Gericht dazu ernannten Notars vorgenommen werden. Die Looſe werden vom Notar abgeliefert. 666.) 9) Die Anordnung eines Beiſtandes oder Rath⸗ gebers fuͤr den Verſchwender, oder die Interdiktion des Bloͤdſinnigen, Wahnſinnigen und Raſenden muß zu allgemeiner Kunde kommen, jeder muß ſich vor Schaden huͤten koͤnnen. Zu dieſem Zweck verfuͤgt Art. 304, daß das die Interdiktion erkennende oder einen Rathgeber anordnende Urtheil in den Arbeits⸗ zimmern der Notare angeheftet werden ſoll. IX. Tribunal de prémiere instance. Es ſpielt im franzoͤſiſchen Perſonenrecht eine herrſchende und durchgreifende Rolle. 1) An die Regiſtratur des Tribunals erſter Inſtanz ſendet der officier de J'état civil jeder Gemeinde am Ende jeden Jahrs das Duplicat der Registres de l'état civil ein.(43). 2) Wenn vom intereſſirten Theil eine Abaͤnde⸗ rung im Registre de I'état civil verlangt wird, ſo erkennt das Tribunal erſter Inſtanz daruͤber un⸗ ter Vorbehalt der Appellation, und die Abänderung 152 kann nur in Gemaͤßheit eines nſhe Urtheils erfolgen.(34.) 3) Ueber die gegen die Vollziehung einer Ehe er⸗ hobene Einrede oder Oppoſition erkennt das Tribu⸗ nal erſter Inſtanz auf Verlangen desjenigen, der die main-levée d'oppoſition fordert.(1770) 4) In den Angelegenheiten eines vermutheten Abweſenden, welcher keine Bevollmaͤchtigung zuruͤck⸗ gelaſſen hat, verfuͤgt das Tribunal erſter In⸗ ſtanz auf Anrufen der Intereſſenten. Es beſtellt einen Notar, der den Abweſenden bei Theilungen, Inventariſationen u. ſ. w. repraͤſentirt.(12, 113.) 5) Es erkennt uͤber das Geſuch um Abweſen⸗ heitsdeclaration.(113.) 6) Es erklaͤrt den envoy definitif. 7) Es verfuͤgt uͤberhaupt in allen den Abwe⸗ ſenden betreffenden Angelegenheiten.(S. den ganzen Titel de l'absence.) 8) Es erkennt uͤber die Nichtigkeitsklage gegen eine vollzogene Ehe.(Tit. 5. c. 4.) 9) Es erkennt uͤber eine aus beſtimmten Urſa⸗ chen wechſelſeitige Uebereinkunft nachgeſuchte Eheſcheidung.(T. 6. cap. II) 10) Es erkennt uͤber die Scheidung par con- sentemeur inutuel.(T. 6. c. 3.) 11) Es erkennt uͤber eine nachgeſuchte Sepa⸗ ration de corps.(T. 6. cap. 5.) 12) Es erkennt uͤber alle causae status; die Klage uͤber eine suppression d'état muß erſt vor dem tribunal civil de premiére instance im Wege des Civilverfahrens anhaͤngig gemacht und entſchie⸗ den werden.(326), ehe das Criminalgericht uͤber die suppression d'état ſelbſt zu erkennen befugt iſt. (3270 13) Das Tribunal erſter Inſtanz ſan⸗ ctionirt nach vorgaͤngiger Unterſuchung die Adoption. (356.) 1563 14) Es homoligirt oder eaſſirt auf Anſuchen des controllirenden Vormunds die Abſetzung des Hauptvormunds.(448.) 15) Es homologirt in den dazu geeigneten Faͤllen den Beſchluß des Familienrechts. 458 467, 485, 511, u. a. m.) 16) Es ernennt bei Guͤtertheilungen, welche den Minderjaͤhrigen betreffen, ſachverſtaͤndige Taxa⸗ toren.(466.) 17) Es erkennt uͤber diejenige Veraͤuſſerung des emancipirten Minderjaͤhrigen, deren Caſſation den Widerruf der Emancipation zur Folge haben kann. 84.§. 2.) 18) Es erkennt uͤber Interdiktionsgeſuche. 492.) 19) Es ordnet, wenn ſchon das Interdiktions⸗ geſuch verworfen wird, dem Gemuͤthskranken einen Rathgeber bei. 20) Es hebt die Interdiktion wieder auf.(812 0 21) Es erkennt uͤber die Geſuche in Prodigali⸗ taͤts⸗Erklaͤrungen.(513.) X. Président du tribunal de prèmière in- stance. Dem vorſitzenden Mitgliede des Tribunals er⸗ ſter Inſtanz, ſey es der Praͤſident, oder im Verhin⸗ derungsfall der zunaͤchſt auf ihn folgende Richter, werden gleich im erſten Buch des Code Napoleon wichtige und eigenthuͤmliche Funktionen uͤbertragen. Es iſt wichtig, ſie zu kennen. Ohne Ueberſicht der⸗ ſelben laͤßt ſich die Frage, ob und in wie fern der deutſche in einen franzoͤſiſchen Praͤſidenten umgeformt werden koͤnne, nicht beurtheilen. Ich bemerke vorlaͤufig, daß unter dem Praſi⸗ denten das zunaͤchſt folgende erſte Mitglied des Tri⸗ bunals in dem Falle zu verſtehen iſt, in welchem der Praͤſident an der Verrichtung ſeiner Funktion ver⸗ hindert wird. 134 1) Er foliirt und paraphirt jedes einzelne Blatt der am Ende des Jahrs eingeſchickten Registres de l'état civil.(41.) 2) Bei dem divorce pour cause déterminée leitet er allein das konfidentielle Verfahren, fordert den andern Theil vor, verſucht die Verſoͤhnung, ſetzt das Protocoll auf, und erſtattet uͤber das Ganze Be⸗ richt an das Tribunal.(236— 241.) 3) Bei dem divorce par consentement mu- tuel wird das ganze auſſergerichtliche Verfahren in ſeiner Gegenwart unter Zuziehung von zwei Notaren vorgenommen(281—285). Selbſt der letzte ge⸗ richtliche Aet geſchieht nur in ſeinem Beiſeyn(286— 287). Ueber das Ganze berichtet er an das Tribu⸗ nal.(288). 4) Auf bloſes Anſuchen des Vaters verfuͤgt er den monatlichen Arreſt des noch nicht ſechzehnjaͤhri⸗ gen Sohnes.(376). 50 Iſt der Sohn uͤber ſechzehen Jahre alt, ſo verfuͤgt oder verwirft er den nachgeſuchten Arreſt, nachdem er daruͤber mit dem Procureur impeérial Berathſchlagung gepflogen hat.(377.) XI. Audience publique. Die Plaidoirie oder das muͤndliche oͤffentliche Verhoͤr der Partheien. Sie kommt namentlich, ſo viel ich mich erinnere, nur im erſten Buch des Code Napoléon und zwar vier⸗ mal vor. 1) Nachdem das Scheidungsgeſuch confidentiel verhandelt worden iſt, die Verſohnungsverſuche ohne Erfolg geblieben, und die Inſtruction in der Chambre de conseil vorbereitet worden iſt, werden die Partheien an das oͤffentliche gerichtliche Verfah⸗ ren in der audience publique verwieſen.(245.) 2) Bei Scheidungsklagen werden die Zeugen nicht, wie in der Regel bei andern Klagen, oͤffentlich vernommen.(2355). Nach geſchloſſenem Zeugen⸗ verhoͤr werden aber die Partheien wieder an die au⸗ 155 dience publique verwieſen, um uͤber den Inhalt des Zeugenverhors das Noͤthige vorzutragen.(256.) 3) Die eine Adoption zulaſſende arret de cour d'appel muß in der audience bekannt gemacht wer⸗ den.(358.) 3) Bei den Interdietionsgeſuchen erfolgt die Unterſuchung, namentlich das Verhoͤr des Beklagten, in der Chambre de conseil.(496). Das Urtheil muß dagegen immer in der audience publique be⸗ kannt gemacht werden. Die Chambre de conseil wird zwar in dem Code Napoléon mehrmal ausdruͤcklich genannt. Ich rechne ſie indeſſen nicht zu den der franzoſiſchen Prozeßform eignen Inſtituten, Sie iſt nichts anders, als das dem Zutritt des Publikums und den Partheien verſchloſſene Berath⸗ ſchlagungszimmer— ſie iſt den deutſchen Gerichts⸗ hoͤfen um ſo viel aͤhnlicher, da dem Procureur im- porial nicht einmal der Zutritt dazu verſtattet iſt.— Die Chambre de conseil darf nicht mit der chambre d'audience a huis clos verwechſelt wer⸗ den; dieſe iſt nichts anders als die dem Zutritt des Publicums gewidmete chambre d' audience, aus wel- cher das tribunal aus beſonderen Ruͤckſichten nicht die Parthei und den Procureur impérial, ſondern das Publikum entfernt, oder deſſen Thuͤre das Tri⸗ bunal verſchloſſen hat. XI. Cours d'appel. Sie ſind in ſo fern ein der franzoſiſchen Gerichtsverfaſſung ſelbſt im Geiſt des Code Napoléon eigenes Inſtitut, als ſie nicht wie die deutſchen Oberappellationsgerichte ein drittes, ſondeen nur ein zweites Inſtanzgericht darſtellen, und als ſich uͤher die cours d'appel noch eine cour de cassation erhebt. Den deutſchen Oberappellations- gerichten ſind ſie dadurch gleich, daß ſie zugleich ein letztes Inſtanzgericht bilden, Wie es moͤglich iſt, daß ein Tribunal in lester Inſtanz erkennen, und 156 vennoch in der fnaͤmlichen Sache einen hoͤheren Rich⸗ ter anerkennen muͤſſe, iſt dem deutſchen praktiſchen Juriſten unbegreiflich, indeß der franzoſiſche⸗ nichts anders als dieſe Unbegreiflichkeit unbegreiflich findet⸗ Ein anderes im Code Napoléon ſehr ſichtba⸗ res Unterſcheidungsmoment zwiſchen der franzoͤſiſchen cour diappel und dem deutſchen Oberappellations⸗ gericht zeigt ſich darin, daß es Faͤlle giebt, in wel⸗ chen ſich die Parthei, auch wenn ſie beim tribunal de prémière instance ihren Zweck erreicht hat, den⸗ noch an die cour d'appel wenden oder appelliren muß, indeß der deutſche Prozeß die Appellationsbe⸗ fugniß nur als ein Recht, nicht als eine Verbindlich⸗ keit, als eine Wohlthat, nicht als eine Laſt kennt. Rachſtehende beſondere Attribute werden der cour dappel im erſten Buch des Code Napoléon namentlich beigelegt. Die Beziehungen, in welchen die cour d'appel in keinem andern Verhaͤltniß ſich darſtellt, als das deutſche Oberappellationsgericht uͤbergehe ich. 1) Die Appellation gegen ein Urtheil uͤber die Einreden gegen eine zu vollziehende Ehe muß bin⸗ nen 20 Tagen nach der Vorladung des appellatiſchen Theils erledigt werden.(178.) 2) Wird eine Eheſcheidung pour cause déter- minée nachgeſucht, und von dem das Eheſcheidungs⸗ verfahren zulaſſenden oder von dem Haupt⸗ urtheil appellirt, ſo iſt die Appellation als eine dringende Rechtsſache zu erledigen, oder als affaire urgente zu behandeln.(262.) 3) Wenn ein Urtheil die Eheſcheidung pour cause déterminée oder par consentement mu- tuel verweigert, ſo iſt nur die cour d'appel compe⸗ tent, wenn beide Theile durch beſondere Hand⸗ lungen binnen kurzen Friſten appellirt haben. 1291.) Wenn das Tribunal erſter Inſtanz eine Adoption fur zulaͤſſig erklaͤrt, ſo muß der eine oder 157 der andere Theil(Ia partie la plus diligente) die Beſtätigung des Urtheils bei der cour d'appel be⸗ wirken.(357.) 5) Wird bei einem Interdiktionsgeſuch Appella⸗ tion ergriffen, ſo kann der Appellationshof, wenn er es fuͤr noͤthig haͤlt, den zu interdierrenden, um ſich von ſeinem Gemuͤthszuſtand zu uͤberzeugen, ſelbſt noch einmal verhoͤren, oder durch einen Bevollmaͤch⸗ tigten verhoͤren laſſen. VII. Cour de Cassation. Dieſes wichtigen Inſtituts erwaͤhnt das erſte Buch des Code Napo- leon nur einmal im 263ſten Art. und nur beilaͤufig um die Friſt zu beſtimmeu, binnen welcher in Ehe⸗ ſcheidungsſachen der pourvoy de Cassation zur Hand genommen werden muß. XIV. Ministere public, procureur impé- rial. Er iſt das Auge der Regierung über die Voll⸗ ziehung des Geſetzes. Sein Wirkungskreis iſt von ausgedehntem Umfang. Er iſt da, wo der Code Napoléon laͤngſt eingeführt, und mit der Vetfoſſung den Sitten, Gebraͤnchen und Einrichtungen zuſam⸗ mengefloſſen iſt, unentbehrlich. Er iſt einem Staat, der ihn neu einfuͤhrt, noch unentbehrlicher. Gerade im erſten Buch des Code Napoléon werden ihm die wichtigſten Funktionen uͤbertragen. 1) Er fuhrt Aufſicht uͤber die beim tribunal de prèmiẽre inſtance niedergelegten registres de I'tat civil und controllirt die Uebereinſtimmung derſelben mit dem in dem Gemeindearchiv niedergelegten Du⸗ plicat. Trägt der ofticier de l'état civil auf An⸗ ſuchen der Intereſſenten in dem letzten etwas nach, ſo muß er davon binnen drei Tagen dem procureur impérial Rachricht geben.(49.) 2) Er unterſucht den Zuſtand der naͤmlichen Registres de Iétat civil bei ihrer Ablieferung, in Beziehung auf ihre Ordnung und geſetzmaͤßige Füh⸗ rung. Ueber den Befund der Sache fuͤhrt er ein 153 Protokoll. Er zeigt die Contraventionen und Ver⸗ gehungen des officier de l'état civil an, und dringt auf Zufuͤgung der geeigneten Strafe.(33.) 3) Das Tribunal darf nie uͤber die Reetification eines acte de l'état civil erkennen, ohne vorher den procurreur imperial daruͤber vernommen zu haben. Go) . 4) Er wacht von Amtswegen uͤber das Inter⸗ eſſe der praͤſumtiv abweſenden Individuen, und muß in allen ſie betreffenden Rechtsangelegenheiten ange⸗ hoͤrt werden.(114.) §) Bei der der déclaration d'absence voran⸗ gehenden enquéte ſchlaͤgt er im Intereſſe des Abwe⸗ ſenden die Zeugen vor, welche am letzten Wohnort und an dem davon verſchiedenen letzten Aufenthalts⸗ ort des Abweſenden vernommen werden.(116.) 6) Er ſendet die waͤhrend des Abweſenheits⸗ verfhhrens erlaſſenen, vorbereitende und Haupt⸗Ur⸗ theile an den Großrichter Juſtizminiſter, welcher fuͤr Bekanntmachung derſelben ſorgt.(118.) 7) Er traͤgt auf die Eroͤffnung des etwa vom Abweſenden zuruͤckgelaſſenen Teſtaments an.(123.) 8) Iſt der envoy provisoire erkannt, ſo wohnt er der Errichtung des uͤber das Vermoͤgen des Abwe⸗ ſenden aufzunehmenden Inventariums bei.(126.) 9) Der Zuſtand des unbeweglichen Vermoͤgens des Abweſenden kann beim envoy provisoire auf Verlangen der in den Beſitz immittirten praͤſumtiven Erben durch Sachverſtaͤndige unterſucht werden. Der Bericht derſelben wird vom Tribunal erſter Inſtanz in Beiſeyn des Procureur impérial homologirt. (126.) 10) Dem envoy definitiv geht eine neue en- quéte voran, bey welcher der procureur impérial ebenfalls im Intereſſe des Abweſenden Zeugen vor⸗ ſchlaͤgt und abhoͤren laͤßt. 11) Er traͤgt auf die Beſtrafung des officier ¹59 de létat civil an, welcher Individuen, ehe ſie die Heirathsvolljaͤhrigkeit erlangt haben, ohne Einwilli⸗ gung der Eltern, und nachher, ohne ſich einen acte respectueux vorlegen zu laſſen, getraut hat.(156, 157.) 12) Bey der gegen eine opposition de ma- riage gerichteten demande en main levée muß vor Erlaſſung des Urtheils der Procureur impérial ge⸗ hoͤrt werden. 13) Er kann und muß von Amts wegen auf Trennung getrauter Individuen dringen, wenn die Ehe abſolut nichtig iſt.(190.) 14) Iſt eine ſonſt guͤltige Ehe nicht in die Re- gistres de l'état civil eingetragen, ſſo wird dieſes Eintragen von den Intereſſenten nur im Wege eines gegen den ſtraffaͤlligen oflicier de Pétat civil einzu⸗ leitenden Criminalprozeſſes erwirkt. Nach dem Tode der Ehegatten wird dieſe Criminalklage nicht blos von den dabei intereſſirten Verwandten, ſondern auch von dem procureur imperial angeſtellt.(199.) 15) Iſt der officier de Tetat civil vor der Entdeckung des Betrugs geſtorben, ſo kann gegen ſeine Erben nur eine Civilklage und zwar nur vom procureur impérial in Beiſeyn und auf Denuncia⸗ tion der Intereſſenten erhoben werden.(200.) 16) Wenu bei einem Geſuch um Eheſcheidung wegen beſtimmter Urſachen das vertrauliche Verfah⸗ ren vor dem Praͤſidenten oder praͤſidirenden Richter zu keiner Verſoͤhnung fuͤhrt, ſo muß die ganze Ver⸗ handlung nebſt den Beilagen dem procureur im- perial mitgetheilt werden.(239) 170 Die Erlaubniß zur gerichtlichen Inſtruetion und deßfallſige Vorladung kann bei einem Entſchei⸗ dungsgeſuch vom Tribunal erſter Inſtanz nicht ohne vorher den procureur impeérial gehoͤrt zu haben, er⸗ theilt werden.(240.) 13) Vor jedem im Lauf des Eheſcheidungsver⸗ 160 fahrens erlaſſenen Haupturtheil muß der Procureur impérial vernommen werden.(246, 246, 247 248, 249, 250, 256, 257.0 19) Die Beweis⸗ und Gegenbeweiszeugen wer⸗ den in ſeinem Beiſeyn abgehoͤrt.(233) 20) Bei dem divorce par consentemeur mu- tuel muß der procureur impérial uͤber die Frage vernommen werden, ob alle fuͤr dieſe Eheſcheidungs⸗ art vorgeſchriebenen Formalitaͤten beobachtet worden ſind.(89.) 21) Wird gegen das die Eheſcheidung par con- sentement mutuel verweigernde Urtheil appellirt, ſo ſendet der procureur impérial des Tribunals er⸗ ſter Inſtanz die Eypedition des Urtheils und die Bei⸗ lagen an den Procureur impérial genéral des Ap⸗ pellationshofes; dieſer uͤbergiebt dem Tribunal bin⸗ nen 10 Tagen vom Tage des Empfangs jenes Ur⸗ theils angerechnet, ſchriftlich ſeine Antraͤge(293. 22) Wird Eheſcheidung oder S6paration de corps wegen des Ehebruchs der Frau erkannt, ſo iſt blos der pröcureur impérial berechtigt, auf die Be⸗ ſtrafung der Frau durch temporäre Einſperrung in ein Beſſerungshaus anzutragen.(298, 3085 23) Bei jeder Reclamation détst muß der rocureur impérial nothwendig gehoͤrt werden. (Code de procẽdure civile art. 83.§. 2.) 24) Das tribunal de prémière de instance kann vor Anhoͤrung ſeines Gutachtens keine Adop⸗ tion durch ein Urtheil anerkennen(366.) Die cour d'appel darf dieſes Urtheil vor der Beobachtung der naͤmlichen Formalität nicht beſtaͤtigen.(3570) 25) Wenn der Adoptant waͤhrend des Adoptions⸗ verfahrens oder vor der Beendigung deſſelben ſtirbt, ſo kann das Verfahren auf Anſuchen des Adoptir⸗ ten beendigt werden. Halten die Erben des Adop⸗ ranten die Adoption nicht fuͤr zulaͤſſig, ſo richten ſie 161 an den procureur impẽrial ihre desfallſigen Ausfuͤh⸗ rungen und Bemerkungen.(Z60.) 26) Ehe der Praͤſident des Tribunals erſter In⸗ ſtanz gegen den ungerathenen mehr als ſechzehnjaͤhri⸗ gen Sohn einen Arreſtbefehl ausfertigt, muß er erſt uͤber die Grunde des Vaters den Procureur impé- rial zu Rathe ziehen.(377.) 27) Das verhaftete Kind kann Gegenvorſtel⸗ lungen an den Procureur impérial des Appellations⸗ hofes richten. Dieſer fordert den Procureur im- perial des Tribunals erſter Inſtanz zum Bericht auf, und legt die Sache dem Praͤſidenten des Appellations⸗ hofes vor, welcher hiernaͤchſt den Arreſt aufheben oder modiſiciren kann.(382.) 28) So oft in Vormundsangelegenheiten das Tribunal erſter Inſtanz als richtende oder als homo⸗ logirende Behoͤrde angegangen wird, muß der Pro⸗ cureur impérial vorgängig gehoͤrt werden.(458, 467.) 29) Wenn die Verwandten des Raſenden nicht um Interdiktion deſſelben nachſuchten, ſo muß es der procureur impẽrial von Amts wegen thun.(491.) 30) Er muß die Interdiktion des Bloͤdſinnigen und Wahnſinnigen von Amts wegen nachſuchen, wenn der Gemuͤthskranke weder einen Ehegatten, noch lebende Verwandte hat.(491.) 31) Er muß bei dem Verhoͤr des Gemuͤths⸗ kranken zugegen ſeyn.(496.) 32) Das die Interdiktion verfuͤgende ſie verſa⸗ gende oder die Anordnung eines Beiſtandes erkennen⸗ de Urtheil darf nicht, ſo wenig in der erſten als zwei⸗ ten Inſtanz vor Anhoͤrung ſeiner Antraͤge abgefaßt werden.(§15). Das naͤmliche gilt von der Aufhe⸗ bung des Interdiktionsurtheils.(312.) 33) Bei der Verheirathung des Kindes eines Interdieirten wird der Heirathscontract nach dem Gut⸗ I. Bd.—— 162 achten des Familienraths abgeſchloſſen. Er muß vom Tribunal erſter Inſtanz homologirt und vorher muͤſ⸗ ſen die Antraͤge des Ministère public angehoͤrt wer⸗ den.(511.) XV. Grand Juge, Ministre de la justice. Er wird im erſten Buch des Code Napoléon Artt. 118. uur Einmal, und ſo viel ich mich erinnere, im ganzen Geſetzbuch nirgends wieder ausdruͤcklich genannt. Er ſorgt für die Bekanntſchaft der im Lauf des Verfahrens uͤber eine Abweſenheitsdeclara⸗ tion oder uͤber die envoy definitiv ergangenen Ur⸗ theile. Aber ſtillſchweigend iſt der ganze Code Napoleon auf die Einfuͤhrung eines Juſiizminiſte⸗ riums berechnet. Das Ministere public würde ohne ein Juſtiz⸗ miniſterium eine gehaltloſe Anſtalt ſeyn. Der Procureur impérial des Gerichts erſter Inſtanz iſt eben ſo dem procureur genéral des Ap⸗ pellationshofes ſubordinirt, wie das erſte Inſtanzge⸗ richt dem Appellationshof ſelbſt. In der Hand des Juſtizminiſteriums vereinigen ſich alle Zweige der Juſtizgewalt. Die Controlſe des Ministère public wird durch das Inſtizminiſterium wirkſam. In einzelnen Partheiſachen kann das Juſtiz⸗ miniſtertum nie entſcheiden. Es wacht nur uͤber die ganze Juſtizadminiſtration. Es bringt bei der Re⸗ gierung(Gouvernement) alle Juſtizgebrechen zur Sprache, welche durch das Ministere publio zu ſeiner Kenntniß kommen. Er bewacht das von den Tribunaͤlen durchaus unabhaͤngige Rotariat. Bei allen Zweifeln uͤber die Gerichtsverfaſſung, welche eine Erklaͤrung des Geſetzes erfordern, legt er der Regierung ſeine Anſichten gutachtlich dar⸗ An⸗ dere Schwierigkeiten loͤßt er nach dem Buchſtaben oder nach dem Geiſt der beſtehenden Geſetze auf. 163 Fleurigeon Code administratif. Tom. II. p. a. p. 337. Zu den dem erſten Buch des Code Napoleon eignen organiſchen Anſtalten muß ich noch, obgleich hier vielleicht nicht ganz an der paſſenden Stelle, XVI. den Familienrath rechnen. Er iſt der Obervormund des Minderjaͤhri⸗ gen und Gemuthskranken, uͤbt aber auch noch in an⸗ derer Hinſicht wichtige Nechte aus. 1) Er beſtellt den Kindern des Abweſenden ei⸗ nen proviſoriſchen Vormund, wenn beim Verſchwin⸗ den des Vaters die Mutter ſchon geſtorben war, oder wenn ſie waͤhrend der erſten ſechs Monate nach ſei⸗ nem Verſchwinden mit Tod abgeht.(142.) 2) Aelternloſe Kinder beduͤrfen bei ihrer Heirath vor der Zurücklegung des 21ſten Jahrs, wenn auch ihre Grosaͤltern geſtorben oder zu Ertheilung der Ein⸗ willigung unfaͤhig ſind, der Einwilligung des Fa⸗ milienraths.(160.) 3) Ohne Einwilligung des F amilienraths kann niemand tuteur officieux des aͤlternloſen Kin⸗ des werden.(Z61.) 4) Hat der verſtorbene Ehegatte eine ſchwangere Frau zuruͤckgelaſſen, ſo ernennt er einen curateur au ventre.(393.) 5 Die nicht wieder geheirathete Mutter kann als Letztlebende ihren zurückgebliebenen Kindern einen Vormund beſtellen. Wenn ſie wieder geheirathet hat, ſo kann ſie es nur, wenn ſie der Familienrath als Vormuͤnderin beſtätigt hat. Ihre Wahl bedarf in⸗ deſſen in dieſem Fall ebenfalls der Beſtätigung des Familienraths.(400.) 6) Jede vom roͤmiſchen Recht ſogenannte tu⸗ tela dativa wird vom Fa milienrath beſtellt. 6405.) 11* 164 7) Er ernennt den controllirenden Vormund (420, 42 4, 422.) 3) Er pruͤft die Entſchuldigungsgruͤnde des ernannten Vormunds und entſcheidet unter Vorbe⸗ halt des Recurſes an das Tribunal uber die Zulaͤſſig⸗ keit derſelben(438, 439.) 9) Er entſetzt den unwuͤrdigen oder unfaͤhigen Vormund, oder ſchließt ihn aus. 446, 4470 10) Nach angetretener Vormundſchaft wird ihm das Inventarium vorgelegt. Er beſtimmt die jährlichen Ausgaben, die auf Zinſen anzulegenden Summen u. ſ. w.(434.) 11) Er antoriſirt den Vormund zu Veraͤuße⸗ rungen unbeweglicher Guͤter des Minderjaͤhrigen und zu Aufnahme eines Anlehens.(437, 458.) 12) Er autoriſirt ihn zu Ausſchlagung oder An⸗ nahme einer dem Minderjaͤhrigen zugefallenen Erb⸗ ſchaft(461) oder einer ihm angebotenen Schen⸗ kung.(463.) 13) Er autoriſirt ihn, im Namen des Minder⸗ jaͤhrigen eine Immobiliarklage anzuſtellen, oder einer gegen den Minderjaͤhrigen erhobenen Immobiliar⸗ klage nachzugeben(464), eine den Minderjaͤhrigen intereſſirende Theilung zu veranlaſſen(464), in ſei⸗ nem NRamen nach Einholung des Raths von den Rechtsgelehrten einen Vergleich zu ſchließen. 467.) 14) Ohne Autoriſation des Familienraths kann der Vormund die temporaͤre Verhaftung des ungerathenen Minderjaͤhrigen nicht veranlaſſen. 6468.0 13) Er kann den Vormund anhalten, jährlich einen état de situation über ſeine Verwaltung vor⸗ zulegen.(470.) 16) Er emancipirt den älternloſen Minderjaͤhri⸗ gen, wenn er das 18te Jahr zuruͤckgelegt hat.(478˙) 17) Er ernennt den dem emancipirten Minder⸗ 165 jaͤhrigen bei Abnahme der Vormundsrechuung bei⸗ zuordnenden Curator.(480). 18) Er autoriſirt den emancipirten Minderjaͤh⸗ rigen zur Aufnahme eines Anlehens.(482.)* 19) Bei der Verheirathung der Kinder des Ge⸗ muͤthskranken wird der Heiraths⸗Contract, die Ver⸗ abredung wegen der Heirathsguͤter u. ſ. w. nach ei⸗ nem Gutachten des Familienraths abgeſchloſſen. B. Ueber die im Herzogthum Naſſau neu einzufuͤhrenden oder zu ſub⸗ ſtituirenden Behoͤr den. Hiermit habe ich die vom erſten Buch des Code Napolson vorausgeſetzten organiſchen Anſtalten nebſt ihren Funktionen dargeſtellt, welche im Herzogthum, ſo in jedem andern deutſchen Staat entweder gar nicht, oder nicht in der hier vorkommenden Eigen⸗ ſchaft vorhanden ſind. Sie muͤſſen mit der Reception des Code Na- poléon in das Herzogthum ebenfalls verpflanzt, oder es muͤſſen ſchon beſtehende Behoͤrden den franzoͤſi⸗ ſchen ſubſtituirt werden. In der Ausmittelung der Subſtitution zeigt ſich wahre eigentliche Modification des Code Napo- eOon. Alle bisher genannten organiſchen Anſtalten ſchlieſ⸗ ſen ſich mehr oder weniger genau an die franzoſiſche Gerichtsverfaſſung und Prozeßform an. Die letzte hat ihren durchaus eignen Character und Mechanis⸗ mus. Die deutſche Gerichtsverfaſſung und Prozeß⸗ form muß vor der Hand beibehalten werden. Die Schwierigkeit der Aufnahme liegt daher in der Noth⸗ wendigkeit, den franzoͤſiſchen organiſchen Anſtalten deutſche zu ſubſtituiren, welche neben dem Gode Na- poleon die deutſche Gerichtsverfaſſung zugleich beſte⸗ hen laſſen. 166 In meinen vorigen Vortraͤgen habe ich mir Muͤhe gegeben, die Aufgabe theilweiſe zu loͤſen. Ich ſtelle hier die Fragmente in ein Ganzes zuſam⸗ men. Der folgende iſt der Lehrer des vorhergehen⸗ den Tages. Ich finde, daß die Anſtalten, welche ich bisher fuͤr unvereinbar mit der deutſchen Prozeß⸗ form hielt, nicht unvereinbar ſind. Bei näherer Pruͤfung erkenne ich die Moͤglichkeit eines noch hoͤhe⸗ ren Grades von Annaͤherung. Was ich ſagen will, wird folgende Ausfuͤhrung zeigen. I. Officiers de Tétat civil.— Der Vortrag uͤber den zweiten Titel uͤbertraͤgt dem Pfarrer ihre Funktionen. Die Art des Uebertrags gehoͤrt zu den doctrinellen Modificationen, welche ich fruͤher aus⸗ gefuͤhrt habe, und auf welche ich mich hier beziehe. II. Officier de Police. Bisher fuͤhrten un⸗ ſere Beamten die Policeiaufſicht. Wird vor der Ein⸗ fuͤhrung des erſten Buchs des Code Napoléon im Herzogthum das franzoͤſiſche adminiſtrative Syſtem eingefuͤhrt, ſo wird eine eigne Policeibehoͤrde beſtellt werden muͤſſen. Im entgegengeſetzten Fall iſt der Localbeamte ſelbſt officier de police. Er wird da⸗ her zu Wahrnehmung desjenigen anzuweiſen ſeyn, was der gaſte und Zaſte Artikel verordnen. III. Officiers ministeriels.— Der Aus⸗ druck kommt im erſten Buch nur einmal vor. Der⸗ jenige fonctionnaire public, welcher die acte d'op- position gegen eine abzuſchließende Ehe ausfertigt, wird officier ministériel genannt. Es kann hier von Riemand anders als vom Huissier die Rede ſeyn. Der franzoͤſiſche Huissier iſt aber auf Naſ⸗ ſauiſchen Boden vor der Hand durchaus nicht zu ver⸗ pflanzen, wohl aber, wie ich nachher weiter ausfuͤh⸗ ren werde, der franzoͤſiſche Rotar. Ihm waͤre die Ausfertigung des acte d'oppositian zu uͤbertragen, und die Strafe wegen fehlerhafter Ausſertigung an⸗ — zudrohen. 167 Will man dieſes nicht, ſo mag, wie es bisher uͤblich war, der Einſprechende ſich beim Pfarrer mel⸗ den. Derjenige, welchem an der Aufhebung des Einſpruchs gelegen iſt, wendet ſich dann an das com⸗ petente Gericht, und bittet um eine main-levée d'opposition. Der Artikel 176 enthaͤlt in dieſem Fall eine Inſtruction fuͤr den Pfarrer. Der Schluß des Artikels ſuspendirt ſich von ſelbſt. IW. Juge de paix. Es iſt ſchon oft bemerkt worden, daß dem franzoͤſiſchen Canton das deutſche Amt, und dem Juge de paix der deutſche Juſtiz⸗ beaente gegenuͤber ſteht. Das Verhaͤltniß des Juge de paix zur franzdſi⸗ ſchen Juſtizverfaſſung kommt im Code de procédure civile vollſtaͤndig zur Sprache. Wuͤrde dieſer im Herzogthum Raſſau eingefuͤhrt, ſo waͤre es ſchlechter⸗ dings unmoͤglich, den deutſchen Amtmann mit dem Juge de paix zu vereinigen. Wird das franzoͤſiſche adminiſtrative Syſtem vor der Einfuͤhrung des erſten Buchs des Code Napoléon eingefuͤhrt, ſo iſt die Verwandlung des Juſtizbeamten in einen Juge de paix vorbereitet. Von dieſem Vorſchlag abgeſehen, ſind ſaͤmmt⸗ liche im erſten Buch des Code Napoléon dem Frie⸗ densgericht zugewieſene Funktionen mit dem Geſchaͤfts⸗ kreis des deutſchen Beamten vollkommen vereinbar. Die einfache Anſicht derſelben wird mir den Beweis erſparen. Zu Wahrnehmung desjenigen, was die Artikel 126, 155, 353, 392, 398, 446— 448 und 477 dem juge de paix auferlegen, waͤre alſo der deutſche Juſtizbeamte anzuweiſen. V. Maire. Er gehört weſentlich zur franzoſi⸗ ſchen Adminiſtration, und wird im erſten Buch des Code Napoléon nur Art. 459. H. 2. genannt. Wird vor der Reception deſſelben das adminiſtrative Syſtem eingefuͤhrt, ſo findet dieſe Stelle von ſelbſt ihre Anwendung. Obgleich der ganze Art. 459 im 168 Geiſt des franzoſiſchen gerichtlichen Verfahrens abge⸗ faßt iſt, ob ſich gleich die Ergaͤnzung deſſelben eigent⸗ lich im Code de procẽdure civile findet, ſo enthaͤlt doch die buchſtaͤbliche Anwendung des Artikels nichts, was mit einer deutſchen gerichtlichen Verſteigerung an den Meiſtbietenden unvereinbar waͤre. Dagegen läͤßt ſich der Rutzen, den das Vidit und Certificat des Maire unter das die Perſteigerung ankuͤndigende afixum leiſtet, bei einer deutſchen gerichtlichen Ver⸗ ſteigerung nicht wohl einſehen. Subſtituirt man den deutſchen Vorſteher der Dorfgemeinde, in welchem die zu verkaufenden Guͤ⸗ ter des Minderjaͤhrigen liegen, ſo gewinnt die Sache ein anderes Anſehen. Er fuͤhrt die Lager und Flurbuͤcher der Gemein⸗ de. Er certifieirt den Eigenthuͤmer, die Eigenſchaft, die Lage, die Anlieger, die Grundſtuͤcke u. ſ. w., ob ſie ftey von Hypotheken ſind u. ſ. w. Sein vidit kann dem Kaͤufer noch einen hoͤheren Grad von Beruhigung und Sicherheit gewaͤhren. Vl. Maison commune. Die deutſchen Ge⸗ meinden, kleinen Städte, Flecken und große wohl⸗ habende Doͤrfer haben ein Gemeindehaus. Beym erſten Blick moͤchte man glauben, daß, wenn der Code Napoléon von einer Maison commune rede, es hier eigentlich nichts gebe, das dem franzoͤſiſchen adminiſtrativen und gerichtlichen Syſtem eigen, oder was nach deutſcher Einrichtung zu ſubſtituiren und zu modificiren waͤre. Hoͤchſtens konnte man ſagen, die⸗ jenigen deutſchen Gemeinden, welche kein Maison commune haͤtten, můßten ſich eins verſchaffen · Wenn dagegen das erſte Buch des Code Napo- 160n die Maison commune bei dem ehelichen Auf⸗ gebot und bei der Trennung der Kirche ſubſtituirt, ſo wird es wohl noͤthig ſeyn, in der Inſtruction die Kirche wieder dem Maison commune zu ſirbſtitui- ren, mit andern Worten, die Kirche wird die Mai- 169 son commune des Pfarrers als officier de I'état civil, und hiernach waͤren Art. 63, 64 und 75 an⸗ zuwenden. Bei Art. 75 hätte blos die Inſtruction zu be⸗ merken, daß der officier de'état civil in der Kirche die Trauung als Pfarrer verrichtet, und daß dieſe Trauung die Kraft derjenigen habe, welche Art. 75 vorſchreibt. Die Inſtruction koͤnnte dem Beamten auflegen, bei oder nach der Berichtigung der policeilichen Erfor⸗ derniſſe der Ehe dem neuen Ehepaar das 6te Kapitel des rſten Titels vorzuleſen und zu erklaͤren. VII. Maison de correction. Unſere Zucht⸗ haͤuſer ſind keine Beſſerungshaͤuſer. Sie verfehlen den Zweck, welchen ihr Rame ausſpricht. Mag immerhin, wie bisher, unter der niederen Volksklaſſe der Ehebruch der Frau mit temporarer Zuchthausſtra⸗ fe belegt werden. Unter hoͤhern Ständen iſt die Strafe durchaus unanwendbar, hier fuͤhlt man ſchon in Frankreich den Abgang der Kloͤſter. Der Maison de Correotion der Artikel 293 und Zog weiß ich in der That nichts zu ſubſtituiren. Zum Gluͤck bedin⸗ gen beide Artikel die Verurtheilung der Frau durch die Requisition des Ministere public. Es wird daher in jedem einzelnen Fall dem Ermeſſen des letz⸗ tern anheim gegeben werden muͤſſen, ob und wie die Strafe anzuwenden, vorzuͤglich welche Strafanſtalt mit oder ohne Mitwirkung des Staats auszumitteln ſey. VII. Notaire. Der vormals durch die Macht⸗ vollkommenheit des deutſchen Kaiſers ereirte deutſche Rotar kann den franzoͤſiſchen Rotar nicht erſetzen. Zwar beuckunden beide Thatſachen, und geben der Willensaͤußerung der Buͤrger Glaubwuͤrdigkeit. Aber die Wirkungen ſind durchaus verſchieden. Der deutſche Notar iſt oͤffentlicher Zeuge, wei⸗ ter nichts. Er iſt fur alle von ihm ertheilte Zeugniſſe 170. im voraus beeidigt und verpflichtet, indeß der Pri⸗ vatzenge fuͤr jedes einzelne Zeugniß beſonders beeidigt wird. Der Privatzeuge wird der rechtlichen Wirkung nach Rotar, ſo bald er vor Gericht als Zeuge pro⸗ ducirt wird. Der franzoͤſiſche Notar uͤbt willkuͤhrliche Ge⸗ richtsbarkeit aus, eine Funktion, die der deutſche Notar nie bekleidet hat. Die Handlungen der willkaͤhrlichen Gerichtsbar⸗ keit nehmen auch im franzoͤſiſchen Recht eine hoͤhere Kraft an, als im deutſchen Rechtsorganismus. Sie erzeugen Rechtskraft. Der franzoͤſiſche Notar iſt wahrer Staatsdiener, er iſt nicht blos fuͤr die Wahrheit, ſondern auch fuͤr die geſetzliche Förmlichkeit ſeiner Handlungen verant⸗ wortlich. Dem franzoͤſiſchen Notariat koͤnnen nur die im Herzogthum hin und wieder eingefuͤhrten Laudſchrei⸗ bereien ſubſtituirt werden. Gleich dem franzoͤſiſchen Notariat iſt die deut⸗ ſche Landſchreiberei an eine feſte Reſidenz gebunden. Sie fuͤhrt ebenfalls eine Regiſtratur. Sie haftet ebenfalls nicht blos fuͤr die Wahrheit, ſondern auch fuͤr die Geſetzlichkeit und Sicherheit der Handlung, z. B⸗ fuͤr das Eigenthum des Verkaͤufers, fuͤr die Befreiung von Hypotheken u. ſ. w. Die Organiſation des franzoͤſiſchen Notariats iſt verwickelt, das Inſtitut iſt einer aus ſeinen eignen Mitgliedern zuſammengeſetzten Controlle unterwor⸗ fen. Es läuſt zuletzt in die Hand des Juſtizmini⸗ ſiers zuſammen, und ſteht durch ihn mit der Regie⸗ rung in Verbindung. Mit, und bei einer ſuceeſſiven Reception, ſchon vor Einfuͤhrung des erſten Buchs des Code Napo- léon muͤſſen nothwendig in jedem Naſſauiſchen Ant Landſchreibereien errichtet werden. 1 — I Die Landſchreiber duͤrfen nicht mehr wie bisher Ungelehrte ſeyn. Die Aufnahme des ganzen franzoͤſiſchen Nota⸗ riats mit dem ihm eigenthuͤmlichen Regime iſt aller⸗ dings in der Folge nothwendig. Sie wird aber vor der Hand nicht abſolut erfordert. Es werden in jedem Amt zwei Landſchreiber creirt werden müſſen, der Code Napoléon erfordert haͤufig die Zuziehung von zwei Notaren z. B. bei der Eheſcheidung par consentement mutuel. Sie werden leben koͤnnen, wenn die Zahl der Advocaten und Proceſſe, wie ich wenigſtens hoffe, ſich vermin⸗ dert, wenn mehr Vertraͤge niedergeſchrieben werden, und uͤber weniger geſtritten wird, wenn die Advoca⸗ ten Rotare werden, und von Beurkunden derjenigen Willensaͤußerung leben, deren contradictoriſche Er⸗ klärung und vielſeitige Auslegung ihnen bisher eine reiche Nahrungsquelle oͤffnete. Unter dieſer Vorausſetzung wird es nicht ſchwer ſcyn, alle im erſten Buch des Code Napoléon in den Artikeln 113, 134, 231, 284, 392, 3093, 459, 466, 501. das Rotariat betreffende Verfuͤgungen wortlich in Ausuͤbung zu bringen, wenn man nicht nach meinem in[34] enthaltenen Vorſchlag die Funk⸗ tion, welche Art. 154 dem Rotar uͤbertraͤgt, lieber, wie ich wiederholt datauf antrage, dem Pfarrer zu⸗ weiſen will. IX. PTribunal de premièére instance. Die Schwierigkeiten der Subſtitution ſcheinen hier ſich zu haͤufen. Noch immer halte ich es fuͤr unmoͤglich, mit Beibehaltung des ſchriftlichen Verfahrens die erſte Inſtanz überhaupt in den Schooß der Hofgerichte zu verlegen. Eben ſo unmoͤglich ſcheint es mir, das gleich bei der erſten Inſtanz weſentlich wirkſame Ministère public bei den Aemtern in Thaͤtigkeit zu ſetzen. ——————————————— 172 Dem Beamten die Wahrnehmung desjenigen, was das Ministère public zu verrichten hat, als Amtsſache aufzutragen, iſt ſchon darum kein ſchickli⸗ cher Gedanke, weil in oͤffentlichen Geſchaͤften eine Controlle über ſich ſelbſt eben ſo viel iſt, als eine Ent⸗ bindung von Controlle. Der Gedanke iſt aber auch darum ungluͤcklich, weil das Ministére public, von dem Rechtſprechen gaͤnzlich getrennt und unabhaͤngig, einer eignen Con⸗ trolle unterworfen iſt, und erſt im Juſtizminiſterinm diejenige Behoͤrde findet, welche ſich zugleich uͤber die Richterſtellen und das Ministère public erhebt, und die Wirkungsſpaͤhre beider Staatsbehorden in geſetz⸗ lichem Gleiſe haͤlt. Ich will folgendes ſagen: Der procureur impérial des Tribunals erſier Inſtanz richtet ſeine allgemeine Controlle gegen die Juſtizverwaltung nicht an das hoͤhere Gericht, ſon⸗ dern an den Procureur général des Appellationsho⸗ fes. Durch ihn gelangen ſie an den Procureur ge- néral des Caſſationshofes oder an das Juſtizmini⸗ ſterium.- Das Tribunal iſt dagegen dem hoͤheren Tribu⸗ nal, keineswegs dem procureur genéral des Appel⸗ lationshofs ſubordinirt. Vereinigt man den Richter und das Ministère public in einer Perſon, ſo muß er in der erſten Ei⸗ genſchaft dem hoͤheren Richter, in der zweiten dem Controleur des hoheren Richters unterworfen ſeyn. Eine ſolche Doppelherrſchaft— unmoglich in der Idee— muß in der Erfahrung manche Widerſpruͤche hervorbringen. In Baiern hat man gar kein Minisère public eingefuͤhrt, ſondern die Gerichte in allen Inſtanzen ihrer eignen Controlle uͤbergeben. Iſt dieſes Syſtem nicht gläͤcklich, ſo iſt es doch wenigſtens nicht incon⸗ ſequent. 173 Die eigentliche Schwierigkeit iſt daher folgende: Die erſte Inſtanz kann nicht in die Hofgerichte verlegt, ſie muß den Aemtern gelaſſen werden. Das Ministère public muß dagegen— ſoll es ſeinen Zweck erreichen— gleich bei der erſten Inſtanz in Wirk⸗ ſamkeit treten. Bei der Amteinſtanz dagegen läßt ſich kein Ministère public errichten. In Anſehung des erſten Buchs des Code Na- polcon iſt die Aufloͤſung der Schwierigkeit moͤglich. Die meiſten und wichtigſten Funktionen, wel⸗ che nach Inhalt des erſten Theils des Code Napo- leon das erſte Inſtanzgericht ausuͤbt, Erkenntniſſe uͤber Eheſachen, Aufſicht uͤber Minderjaͤhrige, Pro⸗ digalitätserktärung, Verſchollenheitserklaͤrungen, An⸗ ordnung der Abweſenheitscuratel ꝛc. ſind unſern hoͤ⸗ heren Gerichten, Conſiſtorien, Hofgerichten, Juſtiz⸗ kanzleien ubertragen. Es tritt mithin bei allen Gegenſtaͤnden dieſer Art gleich in der erſten Inſtanz ſchon bei uns ein uͤber die Amtsjuſtiz erhabenes judicium formatum in Wirkſamkeit. Bei dieſen naͤmlichen Gegenſtaͤnden kann es daher nicht auffallen, wenn man die Attribute des tribunal de prémière instance unſern Hofgerichten uͤberträgt. Ich ſchlage dieſe Einrichtung vor. Die im Herzogthum Raſſau jetzt beſtehende Ordnung wird nur in zweifacher Hinſicht eine Abaͤn⸗ derung beduͤrfen. Einmal beſteht jetzt fuͤr das ganze Herzogthum Wiesbaden nur Ein Hofgericht. Der Juſtiz⸗Se⸗ nat zu Thal⸗Ehrenbreitſtein iſt Gericht erſter Inſtanz fuͤr privilegirte Perſonen. Das Herzogthum ſteht an Groͤße und Volks⸗ menge einem franzoͤſiſchen Departement gleich. Jedes Departement iſt in mehrere Bezirke(arron- dissement) getheilt, und jeder Bezirk beſit ein tri- bunal de prémiere instance, welches daher auch 174 im Koͤnigreich Weſtphalen das Bezirksgericht genannt wird. Der Zweck dieſer Einrichtung iſt die Erleichte⸗ rung der Juſtizverwaltung. Der Zugang zu den Tribunaͤlen wird den Partheien erſchwert, wenn ſich in einem Lande, welches Zoo000 Einwohner zaͤhlt, nur Ein in erſter Inſtanz erkennender Gerichtshof findet Werden einſt im Herzogthum wahre erſte In⸗ ſtanzgerichte im Sinn des franzoͤſiſchen Gerichtsver⸗ fahrens angelegt, ſo iſt die Vereinigung aller Gerich⸗ te in Ein einziges in Wiesbaden befindliches Hofge⸗ richt noch mehr wider den Geiſt der franzoͤſiſchen Ju⸗ ſtizverfaſſung. Das Hofgericht wird daher in drei Gerichts⸗ hoͤfe getrennt werden muͤſſen, welchen ihr Sitz zu Wiesbaden, im Thal und zu Weilburg angewieſen werden koͤnnte. Die Vermehrung der Anzahl der Hofgerichts⸗ raͤthe iſt nicht noͤthig, denn die Geſchaͤfte werden nicht vermehrt. Das Collegium zu Wiesbaden beſitzt 14 Mitglie⸗ der. In drei Gerichte vertheilt bleibt dennoch jedes hinreichend beſetzt. In Frankreich beſtehen die tribunaux de pré- miere instance gewohnlich nur aus drei Mitgliedern. Eine groͤßere Zahl wuͤrde die Geſchäfte nicht befoͤr⸗ dern. Wo plaidirt und wenig referirt wird, koͤnnen zehn verſammelte Räthe nicht mehr entſchieden als drei. Zweitens beſteht neben dem Hofgericht ein pro⸗ teſtantiſches Conſiſtorium, ſo wie auch ein geiſtliches Gericht fuͤr Cheſachen der Katholiken. Dieſe Einrichtung kann nach Einfuͤhrung des erſten Buchs des Code Napoléon nicht mehr fort⸗ beſtehen. Die Civilgerichte muͤſſen auch Ehegerich⸗ te werden⸗ CinSKk 175 In meinen vorigen Vortraͤgen ſuchte ich die Moͤglichkeit zu zeigen, den kirchlichen Charakter der Ehe beizubehalten, und dennoch die Civilgerichte, ſobald ſie in Eheſachen zu erkennen haben, als geiſt⸗ liche Gerichte handeln zu laſſen. Das im Thal anzulegende erſte Inſtanzgericht könnte mit lauter katholiſchen Mitgliedern beſetzt werden, und in Cheſachen der Katholiken das Offi⸗ cialatgericht vorſtellen. Das in Wiesbaden zu errichtende erſte Inſtanz⸗ gericht könnte umgekehrt aus bloſen proteſtantiſchen Mitgliedern beſtehen und uͤber die bisherigen ſoge⸗ nannten Conſiſtorialſachen erkennen. So wuͤrde auch das kirchliche ohne auffallende„ Veraͤnderung mit der Forderung des Code Napo- 160n vereinigt werden. X. Président du tribunal de prémière in- stance— Wo das erſte Buch des Code Napoléon dem Praͤſidenten des erſten Inſtanzgerichts beſondere Funk⸗ tionen uͤbertraͤgt, da wird dieſe naͤmlichen Funktionen der Director des deutſchen Juſtizkollegiums, oder der dirigirende Rath uͤbernehmen muͤſſen. Eigene mit dieſer Einrichtung verbundene Schwierigkeiten ſind mir nicht bekannt. Fehlt es unſern dirigirenden Raͤthen an Routine und Ge⸗ wandtheit, ſo muͤſſen ſie ſich beide erwerben. XI. Audience publique. Daß ſie zur Zeit noch nicht eingefuͤhrt werden kann, ſetze ich als aus⸗ gemacht voraus. Wo die audience publique in der Abſicht erwaͤhnt wird, um die Partheien zur Plaidoirie anzuweiſen, muß die Inſtruction den Schriftenwechſel ſubſtituiren. Wirklich iſt ja auch der Zweck der franzoͤſiſchen Plaidoirie dem Zweck des deutſchen Schriftenwechſels gleich. Unter dieſer Vorausſetzung erhalten die Artikel —————————— 176 245 und 236. eine ſehr leichte und zweckmaͤßige An⸗ wendung. Der erſte Artikel verordnet— wenn er ſo mo⸗ dificirt wird— daß wenn beim Eheſcheidungsge⸗ ſuch wegen beſtimmter Urſachen die Verſoͤhnung ver⸗ geblich verſucht(249.) und praͤparatoriſch und pro⸗ tocollariſch gehandelt worden iſt(240— s44.) die Partheien an das ſchriftliche Verfahren oder an einen Schriftenwechſel verwieſen werden. Der zweite verordnet alsdann, daß nach Abho⸗ rung der Zeugen ſchriftliche Handlungen uͤber den Inhalt ihrer Ausſagen, Impugnation und Salvation verſtattet ſind. Der ubrige Inhalt beider Artikel kann woͤrtlich aufgenommen werden. Der Artikel 2357. wird in den Eheſcheidungs⸗ prozeß die wichtige Veraͤnderung einfuͤhren, daß die Relation in Beiſeyn der Anwalde der Partheien vor⸗ geleſen werden muß. Ich muß hierbei ausdruͤcklich darauf antragen, daß das dem Artikel zum Grunde liegende Princip durch eine beſondere Verordnung allgemein gemacht, und die Anwaͤlde zu Anhoͤrung aller Relationen zu⸗ gelaſſen werden. Das Wort audience publique kommt noch einmal im 496ten Artikel vor, denn er verordnet, daß das Interdiktionsurtheil, wenn ſchon die Inſtruction in der Chambre de conseil erfolgt iſt, in der au- dience publique ſoll bekannt gemacht werden⸗ Hier tritt folgende bekannte Einrichtung an die Stelle der franzoͤſiſchen Verordnung. Die Urtheils⸗ bekanntmachung muͤßte auf gewoͤhnliche Art im Ge⸗ richtszimmer nach perſoͤnlicher Vorladung der Par⸗ theien erfolgen. Dies kann die Inſtruetion ſagen, und zugleich verordnen, daß die Bekanntmachung des Urtheils * Aht 177 nicht durch Inſinuation in vim publicationis, auch nicht in contumaciam geſchehen kaun. Daß die Chambre de conseil nichts anders als unſere gewoͤhnliche Gerichtsſtube vorſtellt, habe ich ſchon vorher bemerkt. XII) Cour d'appel. Er wird durch das Raſ⸗ ſauiſche Oberappellationsgericht erſetzt. Die Inſtruction muß bemerken, daß Artikel 262 und 263. nach unſerm gemeinen Prozeß ange⸗ wendet und verſtanden werden muͤſſen, mithin die darin verordneten Termine darnach zu beurtheilen ſind. XIII) Cour de Cassation. Das ganze Inſti⸗ tut kann das Herzogthum Raſſau nicht in ſeinem Schoos aufnehmen. Es können es die Großher⸗ zoglich Heſſiſchen und Fürſt lich Primatiſ chen Staa⸗ ten eben ſo wenig. Die Gruͤnde leuchten von ſelbſi ein. Es bleibt daher nichts anders uͤbrig, als die Suspenſion der ſich darauf beziehenden Stelle des 26 ten Artikels. XIV) Ministère public. Ich auf Ein⸗ fuͤhrung deſſelben antragen, und in dieſer Hinſicht von meinen fruͤher geaͤußerten Betentehtei und Einwuͤrfen abgehen. Meine wichtigſte Bedenklichkeit war folgende: Das Ministère public muß nach dem Geiſt des Inſtituts die Inſtruction und Entſcheidung der Rechtsſache von der erſten Anlage an begleiten und controlliren. Ein deutſches erſt von der zweiten In⸗ ſtanz an in Thätigkeit tretendes Ministére public waͤre eine ſehr unvollkommene und mislungene Rach⸗ ahmung des franzoſiſchen. Und da es mit Beibe⸗ haltung der deutſchen Gerichtsverfaſſung unmöglich iſt, die erſte Inſtanz den Aemtern zu entziehen, da bei den Aemtern kein Ministere public errichtet wer⸗ n. Vd. 12 ——————————————————————— 178 den kann, ſo iſt uͤberhaupt das ganze Inſtitut mit dem deutſchen gerichtlichen Verfahren unvereinbar. Die Bedenklichkeit faͤllt groͤßtentheils hinweg, wenn man alle im erſten Buch des Code Napoléon dem tribunal de prémière instance beigelegte At⸗ tribute den Obergerichten uͤberträgt, und ſie in die⸗ ſen naͤmlichen Rechtsſachen zum tribunal de pré- miere instance erklaͤrt. Fuͤr die Nothwendigkeit der Einfuͤhrung des Ministere public ſprechen folgende Gruͤnde: 1) Ohne Ministère public würde das erſte Buch des Codé Napoléon in ſeinem Geiſt und Buchſtaben unanwendbar, es wuͤrde in ſeinen ge⸗ lungenſten Parthien vernichtet ſeyn. 2) Iſt ſchon in Frankreich ein Ministère pu- blic noͤthig, ſo iſt es in einem in gerichtlicher Hin⸗ ſicht neu zu conſtituirenden deutſchen Staat doppelt unentbehrlich. Wie wuͤrden die unkundigen Richter ohne eine belehrende Controllejuſtiz adminiſtriren koͤnnen? 3) Das Ministère public bildet das Verbin⸗ dungsglied zwiſchen Juſtiz und Regierung. Beide Staatsgewalten muͤſſen ſich in ihrer Thaͤtigkeit be⸗ ruͤhren, koͤnnen aber, ohne daß Despotismus und Kabinetsjuſtiz entſteht, in ihrer Rolle nicht wechſeln. 4) In einem nach einem fremden Muſter neu zu geſtaltenden Staat ſind die Beruͤhrungen zwiſchen Juſtiz und Regierung am haͤufigſten. Die Juſtiz muß die Regierung unaufhoͤrlich uͤber die Mängel und Inconſequenz der neuen Geſetze aufklaͤren, die Regierung muß die Juſtiz uͤber die mißverſtandene Anwendung derſelben belehren. Dies kann nur durch die Dazwiſchenkunft des Ministére public und des nachher zu beſchreibenden Juſtizminiſteriums geſchehen. Es bedarf uͤbrigens keiner Erlaͤuterung, daß alle dem Ministère public im erſten Buch des Code 179 Napoléon beigelegte Attribute ohne Schwierigkeit dem deutſchen Ministèere public beigelegt werden koͤnnen. Rur kann ich die Bemerkung nicht unterdruͤ⸗ cken, daß es durchaus zweckwidrig iſt, dieſe naͤm⸗ lichen Attribute dem vorſitzenden Mitglied des Ge⸗ richts beizulegen. Das Ministere public iſt dem Gericht entgegengeſetzt, und keineswegs ein Theil deſ⸗ ſelben. Es bildet eine eigne neben der Hierarchie des Tribunals parallel fortlaufende Hierarchie.— Das vorſitzende Mitglied des Gerichts iſt ein Theil des Ganzen, und ſeine einzelne Stimme iſt in der Stimme der Mehrheit— der eigentlichen Stimme des Tribunals— enthalten. Das Ministere pu- lic dagegen fuͤhrt keine Stimme. Auf Berathung beſchraͤnkt wird es, wenn der Rath verſchmaͤht wird, Denunciant, nicht um den Lauf der Rechtsſache in dem einzelnen Fall auf einem andern als dem gewoͤhn⸗ lichen Weg durch Appellation zu hemmen, ſondern um das der Entſcheidung zum Grund liegende Prin⸗ cip durch Dazwiſchenkunft der Regierung fuͤr alle zu verdraͤngen. Das Ministère public nimmt einen esprit de corps an, welcher von dem im Tribunal herrſchenden esprit de corps ganz verſchieden iſt. Da die Richter vorzuͤglich Partheienrechte vor Augen haben, ſo nimmt ihre geiſtige Thätigkeit mehr eine praktiſche, da das Ministere public vorzuͤglich die Forderungen des Geſetzes vor Augen hat, ſo nimmt die ſeinige mehr eine theoretiſche Tendenz. Das Ministère public wird im Naſſauiſchen Staat mit vier ſachkundigen Maͤnnern muͤſſen be⸗ ſetzt werden, von welchen drei bei den drei Hoſgerich⸗ ten und einer bei dem Appellationsgericht anzuſtel— len iſt. Es wird noͤthig ſeyn, die Einfuͤhrung der gan⸗ zen Einrichtung noch ſo lange auszuſetzen, bis ſach⸗ 12* ——— 180 kundige Maͤnner ſich im Raſſaniſchen Staat gebildet haben, wenn nicht etwa neu eintretende politiſche Umſtaͤnde andere Maaßregeln gebieten. XV. Ministre de justice, Grand Ju- ge. In Frankreich iſt das Juſtizminiſterium als Schlußſtein in der ausubenden Rechtspflege zu be⸗ trachten, ſo wie der Caſſationshof ſich als Schlußſtein der Ausbildung der geſetzlichen Theorie darſtellt. Ohne den Caſſationshof und das Juſtizmini⸗ ſterium wuͤrde das Ministère public feinen Stutz⸗ punkt fuͤr ſeine Wirkſamkeit erhalten haben. Auf bloſen Rath und Antraͤge beſchraͤnkt, wuͤr⸗ de der Rathgeber uͤberhoͤrt, und ſeine Antraͤge unge⸗ ſtraft verſchmäht werden koͤnnen. Die Wirkſamkeit des Ministére public endigt ſich im Juſtizminiſterium, und durch daſſelbe haͤngt in der oberſten Potenz die Juſtiz mit der Regierung zuſammen. Ein deutſcher den Code Napoléon recipiren⸗ der Staat kann der Errichtung eines Juſtizminiſte⸗ riums nicht ausweichen. Iſt der Staat nicht groß und reich genug, um ein Juſtizminiſterium zu organiſiren, ſo muß wenig⸗ ſtens ein eigner Miniſterialreferent in Juſtizſachen angeordnet werden. Er muß die franzoͤſiſche Geſetzgebung aufs gruͤndlichſte kennen. In einzelnen Faͤllen, in Partheiſachen wirkt er nicht. Dagegen muß er mit dem Ministère public in unmittelbarer Verbindung ſtehen, und aus den Berichten deſſelben die Gebrechen der Juſtizverwal⸗ tung, welche vorabſichtlich gleich nach der Einfuh⸗ rung einer neuen fremdartigen dem Richter wenig vekannten Geſetzgebung ſich haͤuſen werden, kennen ſernen. Alſe Berichte der Tribunale uͤber die bei der — 181 Anwendung der neuen Geſetzgebung ſich zeigenden Schwierigkeiten und Anſtaͤnde gehen durch ſeine Hände. Alle ins Fach der Juſtizgeſetzgebung einſchla⸗ gende neue Geſetze werden von ihm vorgeſchlagen; alle neue Geſetze, welchen Zweig der Staatsverwal⸗ tung ſie auch betreffen moͤgen, werden ihm mitge⸗ theilt, theils damit er ſie kenne, theils damit er die Schwierigkeiten in der Anwendung und ihr Verhaͤlt⸗ niß zum Ganzen der Verfaſſüng zur Sprache bringe. Um die Funktion des Juſiizminiſteriums im Geiſt der franzoͤſiſchen Gerichtsverfaſſung zu uͤberſe⸗ hen, beziehe ich mich auf folgende Stelle aus Fleu- rigeon Code administratif, und auf den darin be⸗ findlichen Auszug des Geſehes vom 10ten Vende- miaire Jahr 4. Le ministre de lajustice est chargé de lim- pression en envoi des 1ois aux autorités admi- nistratives et judiciaires; de la correspondance avec les tribunaux et les commissaires Etablis près d'eux. Le ministre de la justice donne tous les avertissemens nécessaires, et veille à ce que la justice soit bien administrée, sans pouvoir con- naitre du fond des affaires. Il soumet au gouvernement les questions qui lui sont proposees relativemens à Tordre judiciaire, 68 qui exigent une interprétation de la 10i. Il résout autres difficultés d'après le texte ou l'esprit des Iois existantes. Il soumet aux consuls les décisions à ren- dre sur les conſlits élcves par lautorité judiciai- re entr'elle et l'autorité administrative(II. a. 3. 387). Das franzoͤſiſche Juſtizminiſterium hat noch ausgedehntere Attribute, die ich hier nicht zur Spra⸗ che bringe, weil ich für den Raſſauiſchen Staat — . 182 nicht auf die Errichtung eines Juſtizminiſteriums, ſondern blos eines Miniſterialreferenten in Juſtizſa⸗ chen antrage, und weil die naͤmlichen Attribute mit dem franzoſiſchen adminiſtrativen Syſtem zuſammen⸗ haͤngen. Das ſo modificirte Inſtizminiſterium wird noch eine beſondere Aufmerkſamkeit auf das Notariat rich⸗ ten muͤſſen. Wird die willkuͤhrliche Gerichtsbarkeit von der ſogenannten contentioͤſen gaͤnzlich getrennt, wird ſie den Stadtgerichten und Aemtern entzogen, wird vor der Hand im Herzogthum Naſſau noch kein Regime de Notariat, noch keine Chambre des notaires er⸗ richtet, ſo iſt die oberſte Aufſicht des Juſtizminiſte⸗ riums um ſo nothwendiger. Wie eine zweckmaͤßige Controlle der Landſchrei⸗ bereien gefuͤhrt, wie die Mängel derſelben zur Kennt⸗ niß der oberſten leitenden Behoͤrde gebracht werden, wird der Gegenſtand eigner Vorträge werdeu muͤſſen. XVI. Conseil de famille.— Den Glauben, daß er in einem deutſchen Staat eingefuͤhrt werden kann, habe ich ſchon anderswo dargelegt. Ich beziehe mich darauf zur Erſparung von Wiederholungen. Ich habe nunmehr, immer auf das erſte Buch des Code Napoléon mich beſchraͤnkend die darin als beſtehend vorausgeſetzten organiſchen Anſtalten auf⸗ gezaͤhlt, ich habe die zu ſubſtituirenden oder neu ein⸗ zufuͤhrenden Behoͤrden bezeichnet. Im zweiten und dritten Buch kommen noch als beſondere organiſche Anſtalten, die Huissieurs, das bureau conservateur des hypotheques und das enregistrement vor. Zum Schluß lege ich eine Ueberſicht des ganzen Rechtsorganismus dar, wie er aus der Einfuͤhrung i 183 des erſten Buchs des Code Napoléon unter den vorgeſchlagenen organiſchen Modificationen reſultiren wird. Die Gerichtsverfaſſung wird folgende Geſtalt annehmen: 1) Der ganze deutſche Prozeß wird wie bisher fortdauern. 2) Die drei Inſtanzen und der von den Aem⸗ tern oder Stadtgerichten anbeginnende Inſtanzenzug wird als Regel beibehalten werden. 3) Das Perſonenrecht betreffende Rechtsſachen werden— wie es auch bisher meiſtens der Fall war— gleich in der erſten Inſtanz bei den Ober⸗ gerichten anhaͤngig, und nur durch zwei Inſtanzen verhandelt werden. Sie werden dagegen ſich der Controlle des Ministère public zu erfreuen haben, die Gruͤndlichkeit und Umſicht der Entſcheidung wird dadurch dasjenige wieder gewinnen, was ſie durch den Abgang einer Inſtanz etwa verliert. 4) Die geiſtlichen Gerichte werden als eigne Gerichte aufhoͤren. Ihre Funktionen werden in den Schoos der Civil-Obergerichte verlegt werden. Die⸗ ſe werden in Eheſachen nicht als Civil⸗ ſondern als geiſtliche Gerichte erkennen. 50 Die privilegirte Gerichte barkeit des geiſtli⸗ chen Standes wird ebenfalls aufhoͤren. 6) Bei der zweiten und dritten Inſtanz wird eine bisher gaͤnzlich unbekannte Juſtiz⸗Eontrolle ein⸗ treten— vorzuͤglich fur diejenigen Rechtsſachen, fuͤr welche das Obergericht als erſte Inſtanz erkennt. So wie es jetzt einen Inſtanzenzug giebt, ſo wird es eine Hierarchie der ſie begleitenden Eontrolle geben. Die bei dem Obergericht eintretende iſt der dem Oberap⸗ pellationsgericht beigeordneten, und letztere dem Ju⸗ ſtizminiſterium ſubordinirt. 7) Die Juſtiz wird mit der Regierung und Ge⸗ ſetzgebung blos durch das Organ des JIuſtizminiſte— ———————— 184 riums oder des Referats in Juſtizſachen zuſammen⸗ haͤngen. 8) Die Patrimonialgerichte koͤnnen als erſte In⸗ ſtanzbehoͤrde fortdauern, da es ganz einerlei iſt, ob der Beamte oder der Richter der untern Inſtanz vom Souverain unmittelbar, oder mittelbar durch den Eigenthüͤmer der Jurisdiction ernannt wird. 9) Die zweite Inſtanz der Standesherrn dage⸗ gen, welche wohl nur eine irrige Interpretation der Bundesakte denſelben beigelegt hat, kann nicht fort⸗ dauern. Der Bezirk der Obergerichte muß durch geographiſche Ruͤckſichten und durch Volksmenge be⸗ ſtimmt werden. Hiermit ſind die Zufaͤlligkeiten un⸗ vereinbar, nach welchen ſich die Obergerichte der Standesherrn gebildet haben. 10) Die privilegirte Gerichtsbarkeit kann ebenfalls fortdauern, ſo lange wir keine wahre Frie⸗ densgerichte und keine Tribunale erſter Inſtanz im Sinn der franzoſiſchen Verfaſſung beſitzen. In Frankreich wurde eine privilegirte Gerichtsbarkeit fuͤr die Staatsdiener und den neugeſchaffenen Adel nicht ohne Inconſequenz eingefuͤhrt werden konnen, da der geringſte gleich dem vornehmſten Buͤrger der Wohl⸗ that genießt, gleich in der erſten Inſtanz ein Ju⸗ ſtizkollegium zum Richter zu haben, und die Friedensgerichte nur als Ausnahme von der Regel in geringfügigen Sachen in erſter Inſtanz erkennen.— Doch konnen diejenigen, welche eine privilegirte Ge⸗ richtsbarkeit genießen, nur auf Eine Inſtanz An⸗ ſpruch machen. In den adminiſtrativen und kirchlichen Einrichtungen wird ſich folgendes aͤndern: 1) die ſogenannte willkuhrliche Gerichtsbarkeit wird den Gerichten entzogen und den Landſchreibe⸗ reien uͤbergeben werden. Das Rotariat kann dieſen Nahmen annehmen; man kann aber auch die Land⸗ ſchreiber, wenn man will, Notare nennen⸗ Daß 185 die Urkunden der Rotare den Executivprozeß begruͤn⸗ den muͤſſen, beruͤhre ich hier nur beilaͤuſig. 2) Die Pfarr⸗ und Kirchenbuͤcher werden ſich in die ſogenannten Regilires de l'état civil, und die bisherigen Regiſterführer derſelben in officiers de I'état civil verwandeln, ſie werden in dieſer Hin⸗ ſicht dem Ministere public und den Tribunälen un⸗ terworfen ſeyn. 3) Die Obervormundſchaft der Gerichte wird an den Familienrath uͤbergehen. 4) Die Ehe wird zwar kirchlich fortdauern, doch bleibt es den Theologen uberlaſſen, die chriſtlichen Dogmen den Ehegeſetzen des Code Napoléon anzu⸗ ſchmiegen. Ich glaube hiermit die organiſchen Hauptveraͤn⸗ derungen, welche die Einfuͤhrung des erſten Buchs des Code Napoléon nothwendig nach ſich ziehen wird, erſchoͤpft zu haben, und gehe zur Darſtellung II. der doctrinellen Modificationen des erſien Buchs des Code Napoléon uber. Unter den doctrinellen Modificationen verſtehe ich keineswegs die im Geiſt des Code Napoléon ſelbſt enthaltenen Erganzungen und Zuſaͤtze, welche füglich in der Inſtruction niedergelegt werden koͤnnen. Ich verſtehe darunter nur dasjenige, was ge⸗ rade zu gegen den Inhalt des erſten Buchs des Code Napoléon abgeändert wird. Ich bin mit deßfallſigen Vorſchlaͤgen karg. Nur wo Sitten, Conſequenz, Nationalſinn es fordert, ſchlage ich doctrinelle Veraͤnderungen vor. Dahin gehoͤren im erſten Titel Art rI. Mit Frankreich muß ſich Raſſau durch Staatsverträge in die Lage ſetzen, daß es mit den Franzoſen gleiche buͤrgerliche Rechte genieße, in An⸗ ſehung aller uͤbrigen Bundesſtnaten dagegen den 186 — Grundſatz annehmen, daß ihre Einwohner von Naſ⸗ ſauiſchen Gerichten ſich derjenigen buͤrgerlichen Rechte zu erfreuen habe, welche Naſſauiſche Unterthanen von ihren Gerichten genießen. Art. 25.§. 8. doß die Ehe nicht durch den buͤrgerlichen Tod ipso jure aufhoͤre, ſondern nur auf Verlangen des unſchyldigen nach Maasgabe des Art. 261 geſchieden werden koͤnne. In Anſehung des zweyten und dritten Titels beziehe ich mich auf meine ausfuͤhrlichen Vortraͤge, in welchen ich keine Abaͤnderung, ſondern nur im Geiſt des Geſetzes ſelbſt enthaltene doctrinelle Zuſaͤtze vorſchlage; doch muß ich bitten, hiermit[37), in welchem einige in[2o] dargelegte Vorſchläge zuruck⸗ genommen werden, zu verbinden. In Anſehung des 4ten Titels des absens waͤre in der Inſtruction zu verordnen. 1) daß dem Praͤſumtivabweſenden vom Gericht ein Curator angeordnet werden koͤnne, welcher dem⸗ nächſt nach der erkläͤrten Abweſenheit den immittir⸗ ten Praͤſumtiverben Rechnung abzulegen habe. 2) daß der verlaſſene Ehegatte eine Eheſchei- dungsklage anzuſtellen befugt ſey. Zu dem fuͤnften Titel du mariage waͤre in der Inſtruction zu bemerken: 1) Zu Art. 161—163, daß die Ehehinder⸗ niſſe wegen Verwandſchaft als kirchliche Ehehinder⸗ niſſe, ſo wie die Che ſelbſt als ein kirchliches Inſti⸗ tut beurtheilt werde. 2) Daß die Ehe zwiſchen dem Mann und der Frauen Schweſter vom Souverain verſtattet werden koͤnne. 3) Daß die kirchliche Trauung weſentlich zur Vollziehung der Ehe gehoͤre. Zu dem öten Titel du divorce Art. 230, daß der Ausdruck lorsqu“il aura tenu sa concubine Rcei 157 dans la maison commune als nicht geſchrieben zu betrachten ſey. Zu dem neunten Titel Art. 372, daß die vaͤterliche Gewalt bis zum na⸗ tuͤrlichen oder buͤrgerlichen, Tod des Vaters oder bis zur Emancipation des Kindes fortdauere. Art. 384. daß der Uſuftuct am eignen Vermoͤ⸗ gen der Kinder fortdauere bis zur Aufloͤſung der vaͤ⸗ terlichen Gewalt, ausgenommen wenn ſie durch Emancipation erfolge, in welchem Fall das Kind die Herausgabe der Häͤlfte ſeines Vermoͤgens fordern koͤnne. Zum ganzen Titel, daß die vaͤterliche Gewalt des Vaters nach dem gemeinen, die vaͤterliche Ge⸗ walt der Mutter dagegen nach dem franzoͤſiſchen Recht zu beurtheilen ſey. Zum zehnten Titel: daß der Grundſatz des gemeinen Rechts, nach wel⸗ chem der Vater nie als Vormund betrachtet werden kann, beibehalten werde, daß mithin a) dem uͤberlebenden Vater weder ein Reben⸗ vormund beigeordnet, noch der Familienrath vorge⸗ ſetzt werde. b) dem Sohn, wenn er vom Vater emancipirt wird, in Anſehung der Handlungen, welche er nicht rechtsbeſtaͤndig vornehmen kann, niemand als ſein eigner Vater, ſo lange dieſer am Leben bleibe, vor⸗ geſetzt iſt. — X V. Vortrag der Hetzoglich Naſſauiſchen Commiſ⸗ miſſiyn uͤber den erſten Titel des zweiten Bucts des Code Napoléon de la distin- ction des biens. [47] ————————————————— Se vorliegende Titel iſt rein doctrinell. Er bezeichnet a) die Eintheilung der Guͤter in bewegliche und unbewegliche b) das Verhaͤltniß der Guͤter zum Eigenthuͤ⸗ mer. ad a. Die Eigenſchaft der Unbeweglichkeit eines Gu⸗ tes findet ſich entweder in ſeiner phyſiſchen Na⸗ tur wenn es nicht von einem Ort zum andern ohne Vernichtung ſeiner Subſtanz gebracht wer⸗ den kann— oder in der Zweckbeſtimmung des Eigenthuͤmers, wie ſie aus Thathandlungen her⸗ vorgeht— oder in der phyſiſchen oder rechtlichen Cohärenz deſſelben mit einem unbeweglichen Gut. Die Eigenſchaft der Beweglichkeit findet ſich wie⸗ der entweder in der phyſiſchen Natur, oder in der Beſtimmung des Geſetzes. Durch lettere werden perſonliche Forderungen, Actionen und Leibrenten fuͤr beweglich erklaͤrt. 189 Die Wichtigkeit des Unterſchieds zeigt ſich bei der Erbfolge, und bei der gerichtlichen Huͤlfsvoll⸗ ſtreckung. Letztere iſt an ganz andere Formen bei beweglichen und bei unbeweglichen Guͤtern gebunden. ad b. Im Verhaͤltniß zum Eigenthuͤmer ſind Guͤter entweder Guͤter des Einzelnen, oder der Gemein⸗ de, oder Staatsguͤter. Res nullius kennt das franzoͤſiſche Recht nicht. Man kann auf Guͤter keine andere Rechte ha⸗ ben, als Eigenthums⸗, Genußrecht, und das Recht auf Grunddienſtbarkeiten. Hiermit habe ich die Ueberſicht der Doctrin des ganzen Titels dargelegt. Es finder ſich darin kein mit organiſchen Anſtal⸗ ten zuſammenhaͤngender Artikel. Wichtiger iſt der Titel durch dasjenige, was er verſchweigt, als durch das, was er verſagt. Er verwirft ſtillſchweigend das Obereigenthum, das Retraktrecht, die Stammgutsqualitaͤt u. ſ. w. Er befoͤrdert durch den§Zoſten Artikel den Guͤ⸗ terumlauf; er mobiliariſirt das Grundeigenthum. Schwierigkeiten finden ſich bei der Einfuͤhrung des ganzen Titels nicht. Die Wichtigkeit deſſelben werden die Folgen verkuͤndigen. —— U. Bd. ¹3 ———— XVI. PVortrag der Herzoglich Naſſauiſchen Commiſ⸗ ſion uͤber den zweſten Titel des zweiten Buchs des Code Napoléon de la pro- priẽtẽ. [48] De gegenwaͤrtige Titel iſt faſt ganz aus dem romi⸗ ſchen Recht geſchoͤpft. Ueberall iſt die Grundanſicht die naͤmliche. Rur die abgeleiteten Folgerungen ſind hin und wieder etwas anders gezogen. Das franzoͤſiſche Recht erkennt nur eine einzige Gattung von Eigenthum, nämlich das volle Eigen⸗ thum(dominium solitarium) an. Das getheilte Eigenthum, das Geſammteigen⸗ thum des deutſchen Rechts iſt ihm fremd. Rachdem zwey einleitende Artikel den Begriff des ECigenthums— den Umfang der Eigenthums⸗ rechte, die Beſchraͤnkungen derſelben feſtgeſetzt haben, beſchaͤftigen ſich alle folgende Artikel mit der Lehre von der Acceſſion, *- vMne r91 Alle Erzeugniſſe aus der Sache, alles was der Hauptſache durch Verbindung mit fremdem Eigen⸗ thum zuwaͤchſt, heißt— gegen die Terminologie des Römiſchen Rechts— Acceſſion. Sie iſt eine innere oder aͤußere. Jene tritt ein, wenn durch Natururſachen, durch Vertrag oder durch buͤrgerliche Einrichtungen die Sache aus ſich ſelbſt nur Gegenſtaͤnde des Eigen⸗ thums erzeugt, z. B. durch Ratururſachen mit oder ohne Kunſtfleiß erzeugte Fruͤchte, Erzeugniſſe der Thiere, Civilfruͤchte— die Terminologie des roͤmi⸗ ſchen Rechts nennt dieſe innere Acceſſion causa. Die aͤußere Acceſſion tritt ein, wenn mit der eigenthuͤmlichen Sache von außen her andere Koͤrper verbunden werden. Die aͤußere Acceſſion iſt bei unbeweglichen und beweglichen Guͤtern verſchieden. Bei jenen tritt die Regel ein, daß das Eigen⸗ thum des Grundes und Bodens oder der Oberflaͤche das Eigenthum alles 3i an ſich zieht, was ſich uͤber oder unter der Oberflaͤche findet, oder das ſich an die naͤmliche Oberflaͤche anſchließt(alluvio). Der Entwickelt ung und Anwendung dieſer An⸗ ſicht iſt die ganze erſte Sektion des zweiten Kapilels gewidmet. Bei beweglichen Guͤtern gilt die Regel, daß das Eigenthum der Hauptſache das Eigenthum der durch Zweckbeſtimmung ihr untergeordneten Sache nach ſich ziehe. Die Schwierigkeit liegt nur in der Beantwor⸗ tung der Frage, was in jedem einzelnen Fall Haupt⸗ ſache, was untergeordnete Sache ſey. Der Art. 363 verordnet, daß die Fra dem einzelnen Fall nach natuͤrlicher Billig ſchieden werden ſoll. In den folgenden Artikeln werden der Billigkeit ge i teit 192 nur leitende fur ſich ſelbſt verſtändliche Regeln vorge⸗ chrieben. Es verſteht ſich hierbei von ſelbſt, daß die Kunſt, welche fremdem Eigenthum hoͤhere Formen giebt, ebenfalls in ihrer Aeußerung als Eigenthum des Kuͤnſtlers bald als Haupt⸗ bald als untergeordnete Sache betrachtet werde. Da wir in dem ganzen Titel weder Schwierig⸗ keiten noch Bedenklichkeiten auſgefallen ſind, ſo trage ich auf die textuelle Annahme deſſelben an. c Jena gedruckt bei Carl Wilhelm Theodor Joch. ———————— . 78 g1 senqae