X Bemerkungen uber den Coder Rapoleon in Ruͤckſicht auf deſſen Einfuͤhrung in den Staaten des Rheinbundes von C. U. D. Freiherrn von Eggers, Oberprocüreur der Herzogthümer Schleswig und Holſtein⸗ Ritter vom Dannebrog. Leipzig, bei Gerhard Fleiſcher dem Juͤngern 151 1. M0 NO 2 Vorrede, Die nachſtehenden Bemerkungen werden dem Publikum ohne alle Anſpruͤche vorge⸗ legt. Sie ſind die Frucht eines aufmerk⸗ ſamen Studiums des Codex Napoleon in Beziehung auf die wichtige Frage von der Einfuͤhrung deſſelben in den Staaten des Rbeinbundes. Ich habe bereits in einer kleinen Schrift, die ich vor einigen Jah⸗ ren uͤber die Erwartungen Deutſchlands *½ 2 — x — IV vom Rheinbunde ſchrieb, ein gemeinſchaft⸗ liches Geſetzbuch unter den groͤßten Wohl⸗ thaten durch den Verein bezeichnet. Die⸗ ſer Wunſch iſt ſeitdem der Erfuͤllung be⸗ traͤchtlich naͤher gekommen, indem mehrere Staaten des Rheinbundes den Coder Na⸗ poleon nach ofſiziellen Ueberſetzungen annah⸗ men, mit wenigen Abweichungen. Das Intereſſe fuͤr die Wiſſenſchaft, deren unab⸗ laͤſſiges Studium auch mein Amt mir zur Pflicht macht, ließ mich hierin eine Veran⸗ laſſung finden, zu unterſuchen, wie weit durch eine ſolche Annahme des Coder Napoleon den Bedürfniſſen moͤchte abzu⸗ helfen ſeyn. Das Reſultat der Prüfung — war, daß die Vorzuge dieſer vortrefflichen Geſetzgebung von jenen Staaten in volle⸗ rem Maße genoſſen wuͤrden, wenn ſie den Coder Napoleon mit den ehemaligen Lan⸗ desgeſetzen und localen Einrichtungen in ge⸗ nauere Verbindung ſetzten, und ſo ein ge⸗ meinſchaftliches Geſetzbuch in Deutſcher Sprache verſußtent In der ten allgemeinen Abhandlung ſind die Gruͤn⸗ de dieſer Behauptung kurz zuſammenge⸗ faßt: die folgenden Bemerkungen uͤber ein⸗ zelne Stellen des Coder Napoleon enthal⸗ ten theils einige naͤhere Belege, theils Be⸗ trachtungen, die bei einer Verbeſſerung der beſtehenden Geſetze uͤberhaupt anwendbar VI ſchienen. Wo ich die Vorſchriften des Coder Napoleon wortlich anfuͤhre, habe ich mich der Ueberſetzung bedient, die von Spielmann zu Strasburg herausgege⸗ ben iſt. Was man auch uͤber den Werth meiner Arbeit ſagen moge, ſo iſt es unmoͤglich, die gutgemeinte Abſicht zu verkennen. Jedem erdenklichen Intereſſe fremd durch meine Lage und meinen Charakter, behandelte ich den Gegenſtand bloß von der wiſſenſchaft⸗ lichen Seite. Wie ich vorhin— ich wage es mir zu ſchmeicheln, nicht ohne allen Erfolg— uͤber Preußiſche, Heſtreichiſche VII und Ruſſiſche Geſetze ſchrieb: ſo auch jetzt fur die Staaten des Rheinbundes. Meine Anſichten moͤgen unrichtig ſeyn, meine Be⸗ merkungen geringfuͤgig— ich werde mich nie daruber ſtreiten: aber was ich ſchrieb, war meine Ueberzeugung, gegrundet auf ſorgfaltiges Nachdenken. Bin ich ſo gluck⸗ lich, durch die Bekanntmachung meiner Arbeit in dieſem oder jenem Staat auch nur Eine gute Verfuͤgung zu veranlaſſen, ſo ſind meine Wuͤnſche erfüllt. Durchdrungen von den Vorzuͤgen des Codex Napoleon im Allgemeinen, mußte ich gleichwohl einzelne Maͤngel bemerken, VIII einzelne Lücken andeuten. Es iſt geſchehen mit der Beſcheidenheit, die ein ſolches Werk jedem Verſtaͤndigen einflößen muß, aber auch mit der Freimuͤthigkeit des gu⸗ ten Gewiſſens. Warum, ſo viel ich weiß, noch keine Schrift der Art uͤber den Co⸗ der Napoleon in Deutſchland erſchienen iſt, mag ich nicht unterſuchen. Aber es ſey mir vergoͤnnt zu ſagen, daß ich eine viel zu hohe Achtung fuͤr den Geiſt des Fran⸗ zoſiſchen Kaiſers hege, um auch nur den fluͤchtigſten Einfall zu haben, als ob dieſe Schrift Ihm wegen ihrer Tendenz mißfal⸗ len koͤnnte, wenn er je etwas davon erfah⸗ ren ſollte. Das iſt eine mißverſtandene 1x Huldigung, zu glauben, ein großer Geiſt koͤnne keine Verſchiedenheit der Meinungen ertragen: vielmehr haben die groͤßten Män⸗ ner aller Zeiten den hoͤchſten Werth auf die Verehrung derjenigen gelegt, die in ibren Meinungen ſelbſtſtändig, in ihren Aeußerungen freimuͤthig waren. Und wer vollends die Reden des erhabenen Napoleons in dem Staatsrath geleſen hat, als man uͤber die einzelnen Theile des Codexr berathſchlagte, der kann ſicher keinen Augen⸗ blick zweifeln, daß der Kaiſer jeden angemeſ⸗ ſenen Vorſchlag zur Erhoͤhung der Vollkom⸗ menheit der Geſetzgebung fuͤr die Staaten des Rheinbundes guͤtig aufnehmen werde. Sollte uͤbrigens meine Arbeit in Deutſch⸗ land Beifall erhalten, ſo werde ich ähnliche Bemerkungen uͤber den Franzoͤſiſchen Han⸗ dels⸗Coder, die Prozeßordnung und das Criminal⸗Geſetz herausgeben. Beſchrieben zu Kopenhagen, den 3. April 1811. p ueber die Einfuͤhrung des Coder Napoleon in Deutſchland...„ Seite 1 Praͤliminaͤr-Titel: Von der Publi⸗ cation, den Wirkungen und der Anwen⸗ dung der Geſetze im Allgemeinen. 8— 29 Art. 2. 3.. Erſtes Buch. Von den Perſonen. 1. Titel. Von dem Genuß und der Be⸗ raubung der Civil-Rechte.. 35 Art. 33. Allgemeine Bemerkung. z. Titel. Von den Acten des Civil⸗ ſtandes. ⸗.— 38 Art. 37. 55. 74. 77. xIT N 3. Titel. Von dem Wohnſitz Art. 102. z. Titel. Von den Abweſenden* Art. 125. 127. 128⸗ z. Titel. Von der Ehe.. Art. 152. 161. 162. 163. 174. 176. 181. 182. 184. 191. 227. 223. Zuſatz. 6. Titel. Von der Eheſcheidung. Art⸗ 231. 24g. 255. 273. 289. 296. 297. 298. 299— 303. 7. Titel. Von der Vaterſchaft. Art. 315. 331 s. Titel. Von der Adoption und Pflege⸗ vaterſchaft..„ ⸗ Art. 3g5. 9. Litel. Von der väterlichen Gewalt. Art. 373. 375. Zuſatz. 10. Titel Von der Minderjaͤhrigleit, der Vormundſchaft und Emancipation. Art. 395. 407. 480. Zuſaß⸗ Seite 41 — 43 44 54 63 65 67 69 XIII 11. Titel. Von der PVolljaͤhrigkeit, der Interdiction und dem gerichtlichen Bei⸗ ſtande.. Seite 72 Art⸗ 503. Zweites Buch. PVon den Guͤtern und den verſchiedenen Modificationen des Eigenthums. 1. Titel. Von dem Unterſchied der Guͤ⸗ 1ér.„— 73 Art. 516. 525. Zuſaß. 543. a. Titel. Von dem Eigenthum.—„ Art. 545. 550. 565. 3. Titel. Von der Nutznießung.— 77 Art. 608. 618. z. Titel. Von Serrituten..— 78 Art. 638. Allgemeine Bemerkungem — Drittes Buch. Von den verſchiedenen Arten das Eigen⸗ thum zu erwerben. 1. Titel. Von den Erbſchaften— 33 Art⸗786. 789. Zuſak. 812. 343. 2. Titel. Von den Schenkungen zwiſchen Lebenden und von den Teſtamenten. Art. 396. 909. 910. 911. 913 bis 915. 916. 921. 928. 929. 931. Zuſatz. 945. 948. 952. 955. 960 bis 966. 968. 971. 972. 976. 994. 1019. 1038. 1839. 1088. 3. Titel. Von den Contracten. Art. 1108. 1112. 1124. 1153. II54. 1159. 1162. 1186. 1203. 1211. 1244. 1258. 1260. 1282. 1296. 1333. 1353. 1357. z. Titel. Von den Verbindlichkeiten, die ohne Vertrag entſtehen... Art. 1386. 5. Titel. Von dem Ehe⸗Contract und den gegenſeitigen Rechten der Chegatten. Art. 1391. 1395. 1399. 1422. 1424. 445. 1451. I1471. I52I. 6. Titel. Von dem Kauf und Verkanf. Art. 1582. 1614. 1617. 1619. 1637. 1648. 1659. 1660. Zuſaß. 1674. 1695. 3. Titel. Von dem Mieth⸗Contract. Art. 1714. Zuſatz. 1773. Zuſatz. 1780. 1781. 1782— 1786. 1301. Seite 39 — 112 — 25 — 126 — 131 — 137 XV 9. Titel. Von dem Geſellſchafts⸗Ver⸗ ttaß⸗..„ Seite 142 Art. 1862. 10. Titel. Vom Darlehen.— 143 Art. 1395. 1905. 11. Titel. Von der Hinterlegung und Se⸗ queſtration...— 145 Art. 1952. 12. Titel. Von den Aleatoriſchen Con⸗ aetet.— 146 Art. 1964. 1976. 13. Titel. Von der Vollmacht.— 148 Art. 1992. 2006. 14. Titel. Von der Buͤrgſchaft.— 149 Art. 2032. Zuſatz. 8 15. Titel. Von dem Vergleich⸗— 151 Art. 2057. Zuſatz. 16. Titel. Pon der Verhaftung in Civil⸗ ſachen...— 132 Art. 2060. Zuſatz. 17. Titel. Vom Verſatz.— 133 Art. 3078. 20g6. XvI 18. Titel. Von den Privilegien und Hy⸗ potheken. 3. 2 Seite 154 Art. 21071. 2119 12128. 2135. 2135. 2147. 2148. 2154. Zuſatz. 2161. 2180. 2196. 19. Titel. Von der Auspfaͤndung.— 165 Art. 2212. Titel. Von der Verjaͤhrung.— 166 20. Art. 2232. 2262. 2280. 2231. 65 166 Ueber die Einfuͤhrung des Coder Napoleon in Deutſchland. Di Grundſaͤtze der Geſetzgebung an ſich muͤſſen allen Staaten gemein ſeyn, die einen gewiſſen Grad der Civiliſation erreicht haben. Aus der Natur der buͤrgerlichen Geſellſchaft geſchoͤpft, be⸗ rechnet auf die moͤglichſte Sicherheit der Perſo⸗ nen, des Eigenthums, der Anwendung der Kraͤfte, duͤrfen ſie nicht weſentlich von einander abweichen, wo von den gewohnlichſten Verhaͤlt⸗ niſſen zwiſchen Einzelnen die Rede iſt. Auch die Mittel der Vollziehung muͤſſen uͤbereinſtimmen, ſobald der Staat ſo geordnet iſt, daß man den Geſetzen ihr volles Anſehen verſchaffen kann. Selbſt der Vortrag kann ſich immer nur nach A denſelben Regeln richten, wo man wahre Zweck⸗ maͤßigkeit vor Augen hat. Der Geſetzgeber kann ſich nie anders ausdruͤcken wollen, als deutlich, beſtimmt, kurz: thut er es nicht, ſo mag die Schuld nur an einem Fehlgriff der Beurthei⸗ lung liegen. Gleichwohl ſchließt jene Gleichförmigkeit der Grundſaͤtze keinesweges die Verſchiedenheit der naͤhern Beſtimmungen aus. Dieſe beruhen auf die Anſicht des Individuum, das die Anwendung leiten ſoll. Sie muß verſchieden ſeyn, vermoͤge der Sache Natur. Es hieße alle Selbſiſtaͤn⸗ digkeit, alle Freiheit des Geſetzgebers fur einen beſtimmten Staat aufheben, wenn man ihn zwingen wollte, eines Andern Anſicht fuͤr den Ausſpruch der allgemeinen Vernunft anzunehmen. Der Glaube an Unfehlbarkeit hat des Unheils ſo unſaͤglich viel geſtiftet in der Kirche; die Wuth der Syſteme hat den echten Geiſt aller Wiſſen⸗ ſchaften ſo oft gelahmt. Laßt uns doch das 8 Unweſen nicht auch da einfuͤhren, wo es bisher noch am wenigſten herrſchte— in der ausuͤben⸗ den Regierungskunſt, von der die Geſetzgebung immer ein Theil iſt. Die Guͤltigkeit der Vertraͤge an gewiſſe For⸗ men zu binden iſt ein Grundſatz der Geſetzgebung, der einem Beduͤrfniß der buͤrgerlichen Geſellſchaft entſpricht, das niemand verkennt. Aber daraus folgt nicht, daß man in allen Staaten einver⸗ ſtanden ſeyn muͤſſe uͤber die Bedingungen der Form. In dem einen moͤgen die Weiſen den einfachern den Vorzug geben, in dem andern den kuͤnſtlichen, ſchaͤrfer beſtimmten. Wer hierin eine allgemeine Regel vorſchreiben will, der töd⸗ tet alles eigene Nachdenken; er vernichtet in dem Keim das Aufſtreben zu kuͤnftiger Vervollkomm⸗ nung. Was nützt es, nachzudenken uͤber das, was beſſer ſeyn koͤnnte, wenn einmal der todte Buchſtabe den Kreis des Zauberſtabes beſchreibt, uͤber den wir gleichwohl nicht ſchreiten koͤnnen? A 2 S. 4 Es gibt andere Gegenſtaͤnde, und ſehr viele Gegenſtände der Rechtsverhaͤltniſſe, uͤber welche ſich eine allgemeine Entſcheidung mit adpodikti⸗ ſcher Gewißheit üͤberall nicht geben laͤßt. So lange noch Altdeutſche Beſcheidenheit ſich paarte mit gruͤndlichem Forſchen, wagte kaum ein Rechtskundiger die Gemeinſchaft der Guͤter unter Eheleuten unter die Kategorie des eins iſt Noth zu bringen. Daruͤber war man ſich in den ſpaͤtern Zeiten, wo man die Nachtheile der Verſchiedenheit der Provinzialgeſetze ſtaͤrker fuͤhl⸗ te, ſo ziemlich einig, daß es gut ſey, daß es noͤthig ſey, im Allgemeinen eine Regel zu beſtim⸗ men. Aber der eifrigſte Vertheidiger der Güter⸗ gemeinſchaft ließ den Gruͤnden des Gegners Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren: er ſprach nicht das Ana⸗ thema uͤber ihn aus, prophezeiete nicht Unter⸗ gang dem Staat, der ſich gegen dieſe Sitte erklaͤrte. Was dem Roͤmiſchen Geſetzbuch ſein großes Anſehen verſchafft hat⸗ was ſeine weitgreifende 2 —„—— 5 Herrſchaft mehr noch begruͤndete, als die Roheit der Volker, die deſſen Einfuͤhrung als Wohlthat verehren mußten, das iſt die Brauchbarkeit ſei⸗ ner allgemeinen Grundſätze. Hierin entſpricht es ungleich mehr, als alle andere Geſetzbuͤcher, die wir kennen, den Forderungen, welche die buͤrgerliche Geſellſchaft an ein allgemeines Recht machen koͤnnte. Dieß muͤſſen fremde Ge⸗ ſetzgeber ſelbſt dann einräͤumen, wenn ſie ein Nationalgeſetz an ſeine Stelle ſetzen. Mehr oder weniger ſind die neueren Geſetzbuͤcher Nachbil⸗ dungen des Romiſchen. Das Daniſche und Schwediſche, eigenthuͤmlicher als eines von die⸗ ſen, haben zwar weniger daraus entlehnt: aber durch ihr Stillſchweigen uͤber viele allgemeine Rechtslehren ſcheinen ſie die Kenntniß und den Gebrauch der Roͤmiſchen geſetzlichen Beſtimmun⸗ gen vorauszuſetzen. Aber die Entwickelung dieſer Grundſätze, die Beſtimmungen der Anwendung waren berech⸗ 6 net, wie ſie es ſeyn mußten, auf die Verfaſſung des Römiſchen Reichs, auf die Inſtitute, die Sitten, die Lage des buͤrgerlichen Gewerbes. Die nothwendige Folge davon waren mannig⸗ faltige, ſehr erhebliche Unzutraͤglichkeiten bei der Anwendung jener Vorſchriften in Laͤndern, die, anders organiſirt, ſehr viel eigenthuͤmliches hat⸗ ten. Nan ſuchte ſich durch erzwungene Verglei⸗ chungen zu helfen, die oft die wunderlichſten Reſultate gaben, nicht ſelten aus den Rechtsſchu⸗ len traurige Mißbraͤuche in das burgerliche Leben uͤbertrugen. Wie ſehr hat nicht das Loos der Leibeigenen in Deutſchland dadurch gelitten, daß man ſie rechtlich den Römiſchen Knechten gleich ſetzte? Dabei beſtanden neben den fremden Rechten, viele altdeutſche Satzungen und Ge⸗ wohnheiten, die jenen monſtroſen Koͤrper des ſogenannten allgemeinen Deutſchen Rechts bilde⸗ ten. Endlich kam, ſeitdem die Landeshoheit in Deutſchland eine gewiſſe Feſtigkeit erreichte, eine Schaar von Verordnungen fuͤr alle einzelne 7 Staaten, die freilich groͤßtentheils Gegenſtaͤnde der Adminiſtration betrafen, aber doch zugleich manche Gegenſtaͤnde des Privatrechts beſtimmten. Daher jene buntſcheckige, wenig zuſammenhan⸗ gende, ungleichförmige Geſtalt der Deutſchen Geſetzgebung, die das Studium des geſammten Rechts zu einem Labyrinth machte, woraus kaum einer der geweihteſten Prieſter den aͤngſtli⸗ chen Wanderer zu leiten vermochte. Nehrere Deutſche Staaten hatten ſchon ihre eigenen Geſetzbuͤcher: keiner ein vollſtaͤndiges. Bald galten die auslaͤndiſchen Rechte, inſonder⸗ heit das ſogenannte neuere Roͤmiſche Recht, in einzelnen Provinzen, bald fuͤr die privilegirten Klaſſen: faſt allenthalben als ſubſidiariſches Ge⸗ ſetz. Das Beduͤrfniß einer vollſtaͤndigen, ein⸗ förmigen, vaterlaͤndiſchen Geſetzgebung ward allgemein anerkannt: aber Vorurtheil, die Schwierigkeit der Unternehmung, Privatintereſſe hielten Jahre lang die Ausfuͤhrung zurück. Da eroffnete Friedrichs II. originaler Geiſt eine neue Bahn. Das allgemeine Preußi⸗ ſche Landrecht entſpricht mehr, als irgend ein anderes Geſetz, der Lage der geſammten buͤrger⸗ lichen Verhaͤltniſſe Deutſcher Staaten. Es iſt ein wahres vaterlaͤndiſches Geſetz; angemeſſen dem Geiſt der Zeit, den Sitten und Verfaſſun⸗ gen. Man hat mit der ruͤhmlichſten Sorgfalt geſucht die Vorzuͤge des Römiſchen Rechts zu vereinigen mit denen des ſtatutariſchen, das auf Lokal⸗Beduͤrfniſſe Ruͤckſicht nimmt. In einem Zeitraum von zehn Jahren ward das ganze Werk vollendet: ein ſchönes Denkmal der vater⸗ lichen Geſinnungen des Landesherrn, der gruͤnd⸗ lichen Kenntniſſe und des treuen Fleißes ſeiner Diener. Vollkommen iſt kein Werk eines Sterblichen: auch nicht die Preußiſche Geſetzgebung. Die wackern Maͤnner, die den groͤßten Theil daran hatten, machten ſelbſt nicht Anſpruch darauf: 9 ihr Verdienſt war groß genug, ſie uͤber An⸗ maßung zu erheben. Aber der ſelbſtſuchtige, ab⸗ ſprechende Ton unſerer Zeit faͤllt uͤber das wohl⸗ thaͤtige Werk ein auffallend ungerechtes Urtheil. Man verkennt und verkleinert die Vorzuͤge, uͤber⸗ treibt die Maͤngel, ſucht Gebrechen, wo keine ſind. Es gehoͤrt zur Mode, die Preußiſche Ge⸗ ſetzgebung, vor zwanzig Jahren allgemein geprie⸗ ſen, als einen gaͤnzlich mißlungenen Verſuch dar⸗ zuſtellen; am vorlauteſten ſind die Stubengelehr⸗ ten, die nie Gelegenheit hatten die Beziehungen der Geſetzgebung auf das Wohl des Volks, in dem weiteſten Umfang, durch Erfahrung kennen zu lernen. Einer von den Fehlern, die man dem Preu⸗ ßiſchen Geſetz am lauteſten vorgeworfen hat, iſt zu große umſtaͤndlichkeit. Allerdings hat der Vorwurf oft Grund: aber der Mißgriff liegt mehr in der Anwendung als in dem Grundſatz. Spezielle Geſetze, angemeſſen den Sitten, der F S S „ S. 10 ganzen haͤuslichen und buͤrgerlichen Lage, beu⸗ gen unter gutdenkenden Buͤrgern Prozeſſen kraͤfti⸗ ger vor, als irgend ein anderes Mittel der Geſetz⸗ gebung. Entſtehen gleichwohl Rechtsſtreitigkei⸗ ten, ſo geben ſie dem Richter einen Maßſtab zur ſchnellen, ſichern Entſcheidung. Dieſer Vortheil uͤberwiegt unendlich die Beſchwerde, die man darin findet, ſich mit einer ſolchen Menge von Geſetzen bekannt zu machen. Ward es nicht ſtets fuͤr einen der groͤßten Vorzuge des Römiſchen Ge⸗ ſetzbuchs gehalten, daß es uns eine ſo reichhaltige Sammlung von Entſcheidungen einzelner Faͤlle gab, die faſt fuͤr jeden ſpaͤtern analoge Regeln an die Hand geben? Warum ſoll der Deutſche Geſetzgeber nicht mit gleicher Sorgfalt Beſtim⸗ mungen fuͤr die vielfachen beſondern Verhaͤlt⸗ niſſe geben, die das gegenſeitige Verkehr der Buͤrger eines Staats nach den Sitten unſerer Zeit erſchafft. Anders verhaͤlt es ſich mit der Verſchieden⸗ heit der Geſetze fuͤr einzelne Provinzen eines 11 Reichs. Hier iſt allerdings eine Uebereinſtim⸗ mung zu wuͤnſchen, die alle Theile zu einem Ganzen verbindet. Durch dieſe Emheit wird die gemeinſchaftliche Kraft ungemein erhoͤhet, das Wohl der Staatsbuͤrger auf mannigfaltige Weiſe befördert. Wie viel Frankreich durch die Revo⸗ lution auf dieſem Wege an Mitteln gewann zu den Erfolgen, die wir anſtaunen, iſt bei weitem nicht hinreichend beherzigt. Darauf hat das Preußiſche Geſetz nicht ge⸗ nug Ruͤckſicht genommen. In dem allgemeinen Landrecht waltet eine vielleicht zu weit getriebene Schonung der Provinzial⸗Autonomie. Der große Miniſter, der jetzt Preußens Staats⸗ geſchaͤfte leitet, hat einen andern Geſichtspunkt, unſtreitig den richtigern. Es gibt Einrichtun⸗ gen, die in allen Provinzen durchaus dieſelben ſeyn muͤſſen, wenn das Ganze einen wohlorga⸗ nifirten Staat bilden ſoll. Verſchiedenheit hierin bewirkt Trennung, Mißvergnuͤgen, Uneinigkeit — 12 der Bürger unter ſich, deren nachtheilige Folgen ſich eben in außerordentlichen Verhaͤltniſſen nur zu deutlich zeigen. Die Verſchiedenheit der ehe⸗ maligen Franzöſiſchen Provinzen in weſentlichen Rechten trug vieles bei zu der erſtaunend ſchnel⸗ len Verbreitung des revolutionaren Geiſtes: die hoͤchſt verſchiedene Organiſation der Preußiſchen Provinzen befoͤrderte die ſonſt unbegreiflich ſchnelle Aufloͤſung der Preußiſchen Macht nach der Schlacht bei Jena. Freilich kann man auch zu weit gehen auf der andern Seite. Die Abaͤnderungen muͤſſen nicht zu plotzlich ſeyn, nicht getroffen werden ohne hinlaͤngliche Vorbereitung; dieſe Vorſicht iſt beſonders nöthig in neu erworbenen Provin⸗ zen, wenn man anders die Einwohner gewinnen will. Auch darf die Gleichmachung nicht weiter gehen, als das Intereſſe der allgemeinen Organi⸗ ſation es heiſcht. Hier die Nittelſtraße zu tref⸗ fen, iſt ſicher eine der ſchwerſten Aufgaben der 13 Staatskunſt. Spezielle Geſetze fuͤr groͤßere und kleinere Provinzen ſind ſo genau verwebt in die ganze haͤusliche und buͤrgerliche Lage der Bewoh⸗ ner, daß man ihnen ihre Anhaͤnglichkeit daran nicht uͤbel deuten kann. Es haͤlt immer ſchwer, der Menge die Nothwendigkeit der Aufopferung einleuchtend zu machen. Vielleicht iſt es der ſchonendſte Ausweg, die Formen der Autonomie ſo viel moͤglich beizubehalten, und die Bewe⸗ gung der Hand, die alle Faͤden zuſammenhaͤlt, den Augen der Menge zu entziehen. Doch trifft dieſe Schwierigkeit mehr die ei⸗ gentlichen Verwaltungsgeſetze, als die Beſtim⸗ mung der rechtlichen Verhaͤltniſſe der Privatper⸗ ſonen. Hier iſt die Feſtſetzung einer allgemeinen Rorm minder bedenklich. Denn der Geſetzgeber hat ein ſehr fruchtbares, unſchaͤdliches Mittel, die Provinzialverſchiedenheit mit der Gleichfoͤrmigkeit des Ganzen zu vereinigen. Das Geſetz ſchreibe eine allgemeine Regel vor fur alle Verhaͤltniſſe, wo in den Provinzen eine Verſchiedenheit ein⸗ 5 1 ————————— 14 tritt: aber es ſey jedem einzelnen erlaubt, an⸗ dere Veſtimmungen durch Vertraͤge zu treffen, wenn ſie an ſich rechtmaͤßig ſind und öffentlich verlautbaren. Der Geſetzgeber entſcheide ganz allgemein fuͤr oder gegen die Guͤtergemeinſchaft unter Eheleuten: aber er geſtatte jedem Ehepaar, ſie durch protokollirte Vertraͤge aufzuheben, ein⸗ zufuͤhren, zu modificiren, mit Vorbehalt der bereits erworbenen Rechte eines Dritten. Aus dieſen, hier, der Abſicht gemaͤß, nur leicht angedeuteten Betrachtungen duͤrften etwa folgende weltburgerliche Wuͤnſche fuͤr die Geſetz⸗ gebung fließen: Jeder fur ſich beſtehende Staat erhaͤlt ſein eigenes, in der Landesſprache verfaß⸗ tes, Geſetzbuch; dieß Geſetzbuch iſt ſo viel möglich berechnet auf die ökonomiſche Lage und Verfaſſung, die Sitten, die Kultur der Nation; 15 Es iſt allen verſchiedenen Provinzen ge⸗ meinſchaftlich, indem es für die wichtig⸗ ſten Rechtsverhaltniſſe allgemeine Regeln feſtſetzt, läßt aber die Verſchiedenheit der Provinzialrechte beſtehen, wo es ohne Nachtheil geſchehen kann, und gibt vor⸗ zuͤglich jedem Einzelnen die Befugniß, durch erlaubte Vertraͤge von den allgemei⸗ nen Vorſchriften abzugehen; Beamte von erprobten Kenntniſſen arbei⸗ ten fortwaͤhrend an der ſteten Vervoll⸗ kommnung der Geſetzgebung fortſchreitend mit der Zeit. Von zehn zu zehn Jahren erfolgt eine genaue Durchſicht aller Geſetze im Zuſammenhang, um erhebliche, weitet greifende Zuſaͤtze und Abaͤnderungen vor⸗ ſchlagen zu koͤnnen. Ob die Einfuͤhrung des Coderx Napo⸗ leon in allen Staaten des Rheiniſchen Bundes ———— 16 dieſen Forderungen entſpreche, ob dadurch die allgemein gewuͤnſchte Verbeſſerung der Geſetzge⸗ bung vollkommen erreicht werde, daruͤber moͤgen die einzelnen Regierungen in ihrer Weisheit ent⸗ ſcheiden. Dhne ihrem Urtheil im mindeſten vorgreifen zu wollen, wird es indeß erlaubt ſeyn, die nach⸗ ſtehenden Bemerkungen der hoͤheren Pruͤfung zu unterwerfen. Der Coder Napoleon iſt bei allen ſeinen Vor⸗ zugen ein fuͤr Deutſchland fremdes Geſetzbuch⸗ Hauptſaͤchlich gebaut auf das Roͤmiſche Recht, hat er alle jene Eigenſchaften, welche dieſer Ge⸗ ſetzgebung ſo ungetheilten Beifall erwarben, wel⸗ che ſie in der That vor andern zu einem allge⸗ meinen buͤrgerlichen Geſetz empfahlen. Aber eben daher muß auch der Coder Napoleon die Maͤngel haben, welche aus der Anwendung des Römiſchen Rechts in Deutſchland entſtanden, 17 wo verſchiedene Verfaſſungen, abweichende Ein⸗ richtungen, veränderte Sitten erhebliche Ungleich⸗ heiten hervorbrachten. Wo der Franzoſiſche Co⸗ der Eigenthuͤmlichkeiten hat, da nimmt er natuͤr⸗ lich nur Ruͤckſicht auf den Zuſtand des Franzöſt⸗ ſchen Reichs, ſo weit die Rechtsverhaͤltniſſe in allen Provinzen dieſelben ſind, oder gleich werden ſollen. In wie weit dieſe Eigenthuͤmlichkeiten, ſich beziehend auf den Geiſt unſerer Zeit im Allge⸗ meinen, auf Deutſchland ſo gut, wie auf Frankreich paſſen, mag die Einfuͤhrung jener ge⸗ ſetzlichen Vorſchriften rathſam ſeyn; wo locale Verſchiedenheiten eintreten, iſt ein auf dieſe be⸗ rechnetes Geſetz offenbar vorzuͤglicher. Man vergleiche nur einzelne Gegenſtaͤnde, und man wird ſich davon auf das vollkommenſte uͤberzeu⸗ gen. Was ſollen z. B. die Vorſchriften uͤber die Viehpacht fuͤr Gegenden, wo dieſe Art der Ver⸗ pachtung ganz unbekannt iſt? Entweder uͤberall keine ſpeziellen Geſetze, oder ſolche, die ſich auf B — — 5 — 5 ————————— 18 die beſtehenden Einrichtungen erſtrecken, wenig⸗ ſtens ſie nicht ſtillſchweigend uͤbergehen. Waͤren die Staaten des Rheiniſchen Bundes ein neuer, erſt einzurichtender Staat, ſo moͤchte man immerhin alles dem Franzoͤſiſchen Geſetz⸗ buch anpaſſen koͤnnen. Aber in laͤngſt organi⸗ ſirten Staaten, in welchen die meiſten Rechts⸗ verhaͤltniſſe durch ausdruͤckliche Geſetze, oder durch anerkannte Gewohnheiten beſtimmt ſind, hat man unſtreitig hinlaͤnglichen Grund, eine ſolche umformung nicht zu wuͤnſchen. Es gibt andere Beſtimmungen, die an ſich gleichguͤltig ſind, bei denen aber eben aus dem Grunde die Nothwendigkeit nicht einleuchtet, von dem abzugehen, was bisher Statt fand. Die Formen der Contracte konnen ſehr verſchie⸗ den ſeyn, ohne daß der einen ein erklaͤrter Vor⸗ zug vor der andern gebuͤhre. Warum ſoll man die bisherigen gegen ganz neue vertauſchen, 29 wenn jene nicht minder zweckmaͤßig ſind, als dieſe? In dem gegenwaͤrtigen Augenblick leiden immer mehrere durch eine ſolche Aenderung: mehr oder weniger erzeugt ſie Ungewißheit der ſchon geſchloſſenen Verabredungen. Und waͤre dieß alles nicht, erregte ſie nur ohne Noth die Unzufriedenheit der Zeitgenoſſen, gibt es denn der Anlaͤſſe zu unvermeidlichen Klagen nicht ge⸗ nug in unſern Staaten, um ſich uͤber die min⸗ der erheblichen wegzuſetzen? Nur dann muͤſſen alle ſolche Betrachtungen weichen, wenn ſie der Einheit des zu einem Ganzen verbundenen Staats im Wege ſtehen. Iſt es die Abſicht, daß alle Staaten des Rhei⸗ niſchen Bundes Filiale von Frankreich ſeyn ſol⸗ len, ſo darf auch jene Verſchiedenheit nicht wei⸗ ter Statt finden, als ſie in den einzelnen Fran⸗ zoſiſchen Provinzen zulaͤſſig iſt. Dann müßten alle gleichguͤltigen Beſtimmungen ſchlechthin an⸗ genommen werden; in denen, die es nicht ſind, B 2 20 muß die Tochter ſich nach der Mufter Sitten fuͤ⸗ gen. Hier hoöͤrt alles Philoſophiren uͤber par⸗ tielle Zutraͤglichkeit auf: gebietende allgemeine Nothwendigkeit entſcheidet. Doch ſelbſt in dieſem Falle wuͤrde es den Regierungen der einzelnen Staaten des Rhein⸗ bundes wuͤnſchenswerth ſeyn, wenigſtens einige nicht zu verkennende Luͤcken des Coder Napoleon auszufuͤllen; wenigſtens einige naͤhere Beſtim⸗ mungen mehrerer Vorſchriften feſtzuſetzen. Auch muͤßte man nothwendig Vorbereitungen treffen, um die allgemeine Einfuͤhrung mit der Gerichts⸗ verfaſſung in Uebereinſtimmung zu ſetzen. Der Codex Napoleon ſteht mit der Prozeßordnung in der genaueſten Verbindung: er kann nicht gut angenommen werden, ohne auch dieſe einzu⸗ fuͤhren. Aber die Einfuͤhrung der Prozeßord⸗ nung iſt Schwierigkeiten unterworfen, die in den kleinern Staaten des Rheinbundes unuber⸗ ſteglich ſind. Wie kann ein Fuͤrſt von der 21 Leyen, ein Fuͤrſt Liechtenſtein, bei einer Volks⸗ menge von 4500 und 5100 Menſchen, Gerich⸗ te organiſiren, wie die Franzoͤſiſche Prozeßord⸗ nung ſie vorausſetzt? Und in den zahlreichen Staaten mittlerer Groͤße moͤchte die Einrichtung, wenn gleich an ſich möglich, doch kaum den Kraͤften des Staats entſprechen. Wirklich iſt Napoleons Geiſt zu erhaben, um die unbedingte Einfuͤhrung ſeines Coder in allen Staaten des Rheinbundes als ei⸗ nen unwiderruflichen Beſchluß anzunehmen. Unzeitige Schmeichelei Deutſcher Miniſter und Rechtslehrer ſcheint ſeinem erklaͤrten Willen bei weitem voranzueilen. Das iſt ſehr begreiflich, daß Napoleon, der Protektor des Rheinbundes, m allen Staa⸗ ten, die zu dem Bunde gehören, eine Ueber⸗ einſtimmung ſolcher Einrichtungen will, die ſich unmittelbar auf die Annendung der S 22 Staatskraͤfte beziehen. Er will eine poli⸗ tiſche Gleichheit, die Ihn in den Stand ſetze, die Kraͤfte der Bundesſtaaten gleich denen von Frankreich gebrauchen zu koͤnnen; eine Gleich⸗ heit der Verwaltung, in ſo weit ſie keine weſent⸗ liche Verſchiedenheit in den öffentlichen Verhaͤlt⸗ niſſen der Unterthanen mehr zulaͤßt, die jene Einigkeit zwiſchen Franzoſen und den Buͤrgern des Rheinbundes ſtören könnte, auf die der Geiſt des Syſtems ſo ſicher rechnet. Daher die Noth⸗ wendigkeit der Conſcription in allen Staa⸗ ten des Rheinbundes, nach ungefaͤhr gleichen Verhaͤltniſſen: daher die Nothwendigkeit der Ue⸗ bereinſtmmung der Maßregeln gegen die Einfuhr Engliſcher Fabrikwaaren und der Be⸗ ſteuerung der Kolonialwaaren. Ferner mag Napoleon eine Abſtellung ſolcher Formen, ſolcher Geſetze wollen, die ſich auf die ehemalige Staatsverfaſſung beziehen. Es iſt in mehrern Ruͤckſichten wuͤnſchenswerth⸗ 23 daß alle ſolche Spuren verwiſcht werden. Sie bewirken Ungleichheiten, die dem Geiſt der Zeit widerſtreben, ſeine wohlthaͤtigen Einfluͤſſe mehr oder weniger hemmen. Aber auf dieſe beiden Geſichtspunkte duͤrfte ſich auch Napoleons Intereſſe bei der allgemeinen Einfuͤhrung Seines Codex beſchraͤnken. Nur in wie weit die buͤrgerlichen Geſetze mit dem einen oder dem andern in unmittelbarer Verbindung ſtehen, will er die ſeinigen in allen Staaten des Rheinbundes angenommen wiſſen. Im uͤbrigen laͤßt er dieſen Staaten ihre Autonomie: er muß ſie ihnen auch nach Seinem eigenen Syſtem laſſen, weil er ſie als ſelbſtſtaͤndige Staaten aufſtellt. Erhaben uͤber die kleinliche Eitelkeit, das unter Seiner Leitung fuͤr Frankreich verfaßte Geſetzbuch, zum Geſetzbuch fuͤr ganz Deutſch⸗ land machen zu wollen, was die nicht zu he⸗ bende Verſchiedenheit der Anlagen der Natur verbietet, wird es Ihm genuͤgen, wenn die — 8 S 24 Regierungen der Bundesſtaaten die beſtehenden oder noch zu gebenden Geſetze nur in ſo weit mit den ſeinigen in Uebereinſtimmung bringen, daß ſie der Einheit der Staatszwecke nicht ſchaden. Bis auf dieſe Einſchraͤnkung nach/ wuͤrde alſo der Coder Napolcon den Staaten des Rheinbundes nichts mehr und nichts weniger ſeyn, als was ihnen das Oeſtreichiſche und Preußiſche Geſetzbuch ſind: hoͤchſt ſchaͤtzbares Huͤlfsmittel zur Verbeſſerung der einheimiſchen Geſetzgebung. Die groͤßern Staaten, in denen alle zur Vervollkommnung der Geſetzgebung nö⸗ thigen Einrichtungen ſich treffen laſſen, wuͤrden nach dieſem Muſter jeder ſein eigenes Geſetzbuch erhalten, berechnet auf ihr Landesbeduͤrfniß: die kleinern wuͤrden das Geſetzbuch irgend eines benachbarten Staats einfuͤhren, etwa nur fuͤr einzelne ſpezielle Gegenſtaͤnde noch beſondere Aen⸗ derungen geben. In Hoherzollern mogen ſich die Unterthanen bei dem Wirtembergiſchen oder 25 Badiſchen Geſetz ganz wohl befinden; wenige auf Localverſchiedenheiten ſich gruͤndende Abweichun⸗ gen koͤnnten den Gegenſtand einzelner Verfuͤgun⸗ gen ausmachen. Bei dieſer Bearbeitung der Geſetzbuͤcher fuͤr die einzelnen Bundesſtaaten wuͤrde man immer noch die möglichſte Ruͤckſicht nehmen auf den Co⸗ der Napoleon. Dazu eignet er ſich ſowohl durch ſeine Vorzuͤge an ſich, als durch die Beziehung auf die Beſtimmung der Verhaͤltniſſe gegen den Staat. In allen Gegenſtaͤnden, die nicht we⸗ ſentlich nothwendige Abweichungen heiſchen, wuͤrde man ſich gern in jedem einzelnen Staat ſeinen Vorſchriften anſchließen: nur muͤßte es jedem Geſetzgeber uͤberlaſſen bleiben, zu waͤhlen, was ihm beſſer ſcheint, wenigſtens dem einzelnen Staat angemeſſener iſt. Koͤnnten die Staaten des Rheiniſchen Bun⸗ des ſich vereinbaren, alle Beſtimmungen gemein⸗ ſchaftlich anzunehmen, bei denen die Localverſchie⸗ Z . — 26 denheit nicht in Betracht kommen darf, ſo waͤre freilich fuͤr die Deutſche Geſchzgebung ſehr viel gewonnen. Man erhielte dann ein all⸗ gemeines Deutſches Geſetzbuch, deſſen Vorſchrif⸗ ten befolgt wuͤrden, wo nicht die Landesgeſetze ein anderes geböten. Das Werk wuͤrde ganz in dem Sinn des Codex Napoleon ſeyn; aber es waͤre angemeſſener fuͤt Deutſchland, weil man dabei Ruͤckſicht genommen haͤtte auf eigenthuͤm⸗ liche Deutſche Verfaſſungen und Sitten. Die Rheiniſchen Bundesſtaaten haͤtten ihre Autonomie ausgeubt durch Theilnahme an der gemeinſchaft⸗ lichen Ausarbeitung. Man koͤnnte hoffen, ſie wuͤrden das Werk vollenden durch die Errich⸗ tung eines oberſten Gerichtshofes, der wenigſtens fuͤr die kleineren Staaten dringendes Beduͤrfniß iſt. Dieſen Staaten iſt es durchaus unmöglich, ein eigenes Gericht der Art zu unter⸗ halten, und die Einholung der Urtheile von frem⸗ den Spruchkollegien iſt immer nur ein aͤrmlicher Nothbehelf. 27 Auch in Anſchung der Sprache haͤtte ein ſol⸗ ches Bundesgeſetz ſchon einen entſchiedenen Vorzug. Das Gewicht dieſer Betrachtung wird ſicher Niemand uͤberſehen, der die Geſchaͤfte nur etwas kennt. Es iſt nicht moͤglich, daß die Sprache eines fremden Geſetzes vollkommen uͤber⸗ tragen werde: die zahlreichen Ueberſetzungen des Coder Napoleon geben davon abermals unwider⸗ legliche Beweiſe. Je vollkommener die Abfaſſung des Originals iſt, deſto mangelhafter wird die ueberſetzung im Vergleich mit den Vorzuͤgen des Hriginals. Dazu kommt noch die Terminolo⸗ gie bei den Deutſchland eigenthuͤmlichen Einrich⸗ tungen und Verhaͤltniſſen. So leicht Verwechs⸗ lungen und Mißdeutungen entſtehen, wenn man Franzoſiſche Terminologien auf Deutſchen Boden verpflanzen will, ſo undeutlich und unbeſtimmt wird die Sprache des Geſetzes, wenn urſpruͤng⸗ lich deutſche Sitten und Einrichtungen durchaus nach Franzöſiſchem Leiſten abgemeſſen werden. Wie ungleich viel beſſer, daß jedes Land bei — Fe 1 5 . . 5 8 5 28. ſeiner Sprache bleibe; daß es den Rheiniſchen Bundesſtaaten vergoͤnnt ſey, ihre Geſetze ur⸗ ſpruͤnglich in Deutſcher Sprache abzufaſſen, ſo lange ſie noch fuͤr ſelbſtſtaͤndig gelten. Praͤliminar-Titel, Von der Publikation, den Wirkungen und der An⸗ wendung der Geſetze im Allgemeinen, 2. Artikell. Das Geſetz verfugt nur fuͤr die Zukunft; es hat keine ruͤckwirkende Kraft. Der Satz, an ſch unbeſtritten, moͤchte ei⸗ ner genaueren Beſtimmung beduͤrfen in Anſehung der Folgen einer Handlung, die vor der Bekannt⸗ machung unternommen ward. Steht es in des Handelnden Macht, ihnen noch die Eigenſchaft zu geben, welche das Geſetz heiſcht, ſo iſt er da⸗ zu allerdings verpflichtet, und in ſo weit kann 30 man auch ſagen, daß die Wirkung des Geſetzes ſich auf das bereits angefangene erſtrecke. 3. Artikel. Die Frage iſt unentſchieden gelaſſen, wie weit Franzoſen auch im Auslande ſchuldig ſind, die Geſetze zu befolgen, welche das bewegliche Ei⸗ genthum betreffen? Geht man aus von der Vorausſetzung, daß der Franzoſe auch im Auslande, ſo lange er nicht dort Buͤrger wird, Franzoſe bleibk, ſo binden ihn auch die Franzoſiſchen Geſetze, ihrem ganzen Umfange nach, ſobald von Handlungen die Re⸗ de iſt, die in Frankreich Folgen haben. Es iſt kein Grund vorhanden, ihm Ausnahmen zu ge⸗ ſtatten, in wie weit nicht die Natur der Sache es mit ſich bringt, daß die Formen an die Geſetze des Landes gebunden werden, wo er ſich aufhaͤlt. Im Gegentheil wuͤrden mannigfaltige Mißbraͤu⸗ che veranlaßt, wenn man auf die Weiſe Vernach⸗ 31 laͤſſigung des Geſetzes authoriſirte. Nur dafuͤr muß das Geſetz zugleich ſorgen, daß der redliche Auslaͤnder nicht hintergangen werde. Er, der keinen Beruf hat, ſich mit dem Detail der Fran⸗ zoͤſiſchen Geſetze bekannt zu machen, wo das Ge⸗ ſetz es nicht ausdruͤcklich vorſchreibt, muß ſich auf die Treue des Contrahenten verlaſſen: dies Zutrauen darf nicht getaͤuſcht werden. Setzt, es ſey unterſagt, ſich in einer Schuld⸗ verſchreibung, die nicht auf Grundſtuͤcke haftet, mehr als§ Procent jaͤhrlicher Zinſen auszubedin⸗ gen, und zwar bei einer Geldbuße. Zwei Franzoſen, die eine dem Geſetz zuwider⸗ laufende Vereinbarung im Auslande eingehen, wo der Zinsfuß 6 Procent, oder uͤberall nicht beſtimmt waͤre, muͤſſen unſtreitig beide die vorge⸗ ſchriebene Geldbuße entrichten, und der Glaͤu⸗ biger kann nicht mehr als Procent erhalten. 32 Schließt ein Franzos einen ſolchen Vertrag im Auslande mit einem Auslaͤnder, ſo kann die⸗ ſer die verſchriebenen, wenn gleich hoͤheren, Zin⸗ ſen, einklagen, wenn er beweiſet, daß dieſe Zin⸗ ſen nach den Geſetzen ſeines Landes rechtmaͤßig ſind, und daß ihm das Franzoſiſche anders ver⸗ fuͤgende Geſetz nicht bekannt war. Aber der Fran⸗ zoſe, der die Zinſen verſchrieb, verfaͤllt gleich⸗ wohl in die angedrohte Geldbuße. Eben ſo iſt jeder Franzöſiſche unterthan zu beurtheilen, der die Verſchreibung von dem Auslaͤnder an ſich bringt. Was bei dieſem ſchuldfrei war, wird ſtrafbar, ſobald ein Einlaͤnder das Geſetz dadurch uͤbertritt. Hingegen der Form nach iſt die Vereinba⸗ rung guͤltig, wenn die Vorſchriften des Orts be⸗ folgt ſind, wo ſie geſchloſſen ward. Der Zweck aller Formalitaͤten, die Beglaubigung in demſel⸗ ben Augenblick, wo die rechtliche Handlung vor⸗ genommen wird, ſchließt jede andere Entſchei⸗ dung aus. 33 4. Artikel. Der Richter, der ſich weigert, Urtheil zu ſprechen, unter dem Vorwande des Still⸗ ſchweigens, der Dunkelheit oder der Un⸗ zulänglichkeit des Geſetzes, kann als der verſagten Juſtiz ſchuldig, vor Gericht ge⸗ zogen werden. Daraus folgt, daß der Richter fuͤr ſeine Auslegung des Geſetzes nicht verantwortlich iſt, ſobald er nicht dem klaren Buchſtaben zuwider handelt. Mit dem Sinn verhaͤlt es ſich anders. Zwar gibt es hier eine Linie, die der geſunde Menſchenverſtand nicht leicht verkennt, der gute Wille nie uͤbertritt. Aber wer will es wagen, uͤber des andern Ueberzeugung zu richten? Mog⸗ lichſte Deutlichkeit des Geſetzes, moͤglichſte Be⸗ ſtimmtheit des Ausdrucks iſt alles, was det Ge⸗ ſetzgeber thun kann, der Verſchiedenheit der Aus⸗ ſpruͤche vorzubeugen: Sorgfalt in der Wahl der Perſonen beruhigt die Verwaltung bei der An⸗ C 1 — „ 34 wendung ſelbſt. Unvollkommenheiten, die ſich dennoch einſchleichen, gehoren zu den nie ganz zu vermeidenden Flecken aller buͤrgerlichen Ein⸗ richtungen. „ 35 Erſtes Buch. Von den Perſonen. Srßer Ditel. Von dem Genuß und der Beraubung der Civil⸗Rechte. 33. Artikel. Die von dem Verurtheilten waͤhrend ſei⸗ nem Ciyil⸗Tod erworbenen Guͤter, in deren Beſitz er ſich am Tage ſeines na⸗ tuͤrlichen Todes befindet, gehoͤren der Nation vermoge des Heimfalls⸗Rechts. Jedoch kann der Kaiſer zum Beſten der Wittwe, der Kinder oder Ver⸗ C 2 36 wandten des Verurtheilten verfugen, was ihm die Menſchlichkeit eingibt. Die Einziehung der Guͤter eines Verurtheil⸗ ten iſt uͤberhaupt ein Mißgriff der Geſetzgebung, der aus den barbariſchen Zeiten herſtammt, wo man ſich durch Geldbußen aller Art fuͤr Muͤhe und Koſten der Rechtspflege bezahlt machen woll⸗ te. Der Codex Napoleon hebt dieſe Unſitte auf zum Beſten der natuͤrlichen Erben, in Anſehung deſſen, was der Verurtheilte beſaß, als das urtheil gefaͤllet ward. Warum geht man nicht noch weiter? Derſelbe Grund redet auch in An⸗ ſehung des nachher zufallenden Vermogens fuͤr die Erben. Ein wirkſamer Zweck der Beſtrafung laͤßt ſich hier kaum denken: als Quellen der Ein⸗ nahme darf der Staat ſolche Anlaͤſſe nicht be⸗ nutzen. Soll gleichwohl das Geſetz gelten, ſo be⸗ durfte es nicht des Zuſatzes. Die Befugniß des 37 Kaiſers zu verfuͤgen, was ihm die Menſchlichkeit eingibt, iſt wohl kaum der Gegenſtand des Ge⸗ ſetzes, das die Unterthanen bindet. ueberhaupt moögen die Vorſchriften dieſes Ti⸗ tels gleich als ein Beweis angefuͤhrt werden, daß der Codex Napoleon nur ein allen Staaten des Rheiniſchen Bundes gemeinſchaftliches Sub ſi⸗ diar⸗Geſetz abgeben kann. Die Natur der Sache bringt es mit ſich, daß ſolche Verfuͤgun⸗ gen nicht auf jeden kleinen Staat anwendbar ſind, der doch, nach der Organiſation, gleicher Rechte der Selbſtſtaͤndigkeit genießt. Iſt dem aber ſo, wer wird dann nicht eine gemeinſchaft⸗ liche Berathung der verſchiedenen Regierungen nothwendig finden, als vorlaͤufige Bedingung, um ſeſtzuſetzen, was fuͤr allgemeine Norm gelten ſoll, und was der ſpeziellen Anordnung jedes Landes uͤberlaſſen bleibt? Dieſe Bemerkung iſt von allgemeinem Umfang: es wird nicht nothig 38 ſeyn, ſie bei den haͤufigen analogen Gegenſtaͤnden zu wiederholen. Zweiter Titel. Von den Akten des Civilſtandes⸗ Nur Mannsperſonen, die wenigſtens ein und zwanzig Jahr alt ſind, Verwandte oder nicht Verwandte, koͤnnen bei den Akten des Civil⸗Standes als Zeugen aufgefüh Es moͤchte doch nicht uͤberfluͤſſig ſeyn zu be⸗ ſtimmen, daß die aufzufuͤhrenden Zengen die im Allgemeinen erforderlichen Eigenſchaften haben muͤſſen, um guͤltiges Zeugniß abzulegen. iſt die Wahl den Parteien ſelbſt uͤberlaſſen: es kann aber doch Faͤlle geben, wo die Unfaͤhigkeit 37. Artikel. rt werden. der Zeugen releviren wuͤrde. 39 55. Artikel. Die Geburtsanzeigen ſind dem Civilbeam⸗ ten des Orts in den drei Tagen nach der Entbindung zu machen. Das Kind muß ihm vorgewieſen werden. Die Vorzeigung des Kindes mochte der Ge⸗ ſundheit der Neugebornen nicht ſelten nachtheilig ſeyn. Gewiſſermaßen gelten alle die Gruͤnde hier, die man mit ſo vielem Recht gegen die fruͤhe Taufe der Kinder in der Kirche angebracht hat. Auf dem Lande inſonderheit wird dieſe Formali⸗ taͤt oft beſchwerlich, und ſchaͤdlich fuͤr die Haus⸗ haltung in mehr als einer Ruͤckſicht. Nöthig ſcheint ſie nicht. Fuͤr die Beglaubigung der Ge⸗ burt an ſich iſt durch die Vorſchriften der Art. 56. 57. hinlaͤnglich geſorgt. Unterſchleif und Betruͤgerei wird auch durch die Vorzeigung nicht unmoͤglich gemacht. Um ſo weniger duͤrften die ſeltenen Faͤlle eines moͤglichen Nutzens in Be⸗ 40 tracht kommen gegen die weit uͤberwiegende Mehr⸗ heit des gewiſſen Nachtheils. 74. Artikell. Die Heirath ſoll in der Gemeinde celebrirt werden, wo eines der Verlobten ſeinen Wohnſitz hat. Dieſer Wohnſitz be⸗ ſtimmt ſich in Anſehung der Heirath durch einen ſechsmonatlichen ununterbro⸗ chenen Aufenthalt in der Gemeinde. 11 Nothwendigkeit dieſes Zwanges iſt nicht einleuchtend. Es kann den Verlobten wuͤnſchens⸗ werther ſeyn, die Heirath an dem Orte zu voll⸗ ziehen, wo ſie ſich gerade jetzt niedergelaſſen ha⸗ ben. Warum mogen ſie es nicht, wenn uͤbri⸗ 1 gens die Akte, welche ſie dem Civilbeamten vorle⸗ gen, die Art. 76 beſtimmten Eigenſchaften hat? 77. Artikel. Keine Beerdigung darf ohne eine vom Be⸗ amten des Civilſtandes ausgeſtellte Auto⸗ 41 riſation Statt haben— nachdem er ſich zu der verſtorbenen Perſon verfugt hat, um ſich ihres Todes zu verſichern. Das Lokal mochte die Ausfuͤhrbarkeit dieſer Vorſchrift oft zweifelhaft machen. Fuͤr ſolche Faͤlle muͤßte wenigſtens eine Ausnahme beſtimmt werden, etwa daß mehrere Zeugen eine ſolche Declaration ausfertigten, wie Art. 79 vorſchreibt, und dieſe dem Civilbeamten bei Vermeidung einer Polizeiſtrafe unverzuglich zuſenden ſollten. Dritter Titel. on dem W o ſ 6. 102. Artikel. Der Wohnſitz eines jeden Franzoſen, in Ruͤckſicht auf die Ausubung ſeiner Civil⸗ Rechte, iſt an dem HOrt, wo er ſeine Hauptniederlaſſung hat. ——— —— —— anſehen wolle. 42 Welche von mehreren Niederlaſſungen die Hauptniederlaſſung ſey, kann oft zweifelhaft werden. Ein Kaufmann, der zugleich ein gro⸗ ßes Landgut beſitzt, haͤlt vielleicht die letztere Niederlaſſung fuͤr eben ſo wichtig, als ſein Han⸗ dels⸗Etabliſſement. Hier wuͤrde indeß die Ent⸗ ſcheidung fuͤr den Ort zu geben ſeyn, wo die Handlung etablirt iſt. Aber wie, wenn ein Gutsbeſitzer mehrere Guͤter hat, und ſich auf je⸗ dem mit ſeiner Familie abwechſelnd aufhaͤlt? Viel⸗ leicht waͤre es angemeſſen, zu beſtimmen, daß mit Ausnahme der Faͤlle, wofuͤr das Geſetz ſpe⸗ zielle Vorſchriften ertheilte, jemand, der mehrere Riederlaſſungen hat, ſich erklaͤren muͤſſe, welche unter ihnen er als ſeinen Wohnſitz begruͤndend Vierter Titel. Von den Abwe ſenden r25. Aktikel. Diejenigen, welche die Guͤter des Abweſen⸗ den verwalten, haben alle Gerechtſame und Pflich⸗ ten, die einem Verwalter fremder Guͤter uͤber⸗ haupt zukommen. Darnach iſt auch die Rech⸗ nung zu beurtheilen, welche ſie ablegen muͤſſen. 485 rtitel. Es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß der zu erſtattende Theil der Einkuͤnfte nur von den reinen Einkuͤnften, nach Abzug der Koſten und Schaͤden genommen werde. ra8. Artikel. Die Ausnahme, die der 2126. Artikel bil⸗ lig in Anſehung der Verpfaͤndung macht, waͤre hier gleich anzuführen. Fuͤnfter Titel. „ PVonder Ehe. 152. Artikel. Der rechtliche Grund, die Einwilligung der Aeltern, Großaͤltern oder Vormuͤnder in die Hei⸗ rathen der Kinder und Pflegbefohlnen zu for⸗ dern, iſt kaum ein anderer, als das Beduͤrfniß der letzteren Unterſtuͤtzung zu genießen, bis ſie im Stande ſind, vollkommen fuͤr ſich ſelbſt zu ſor⸗ gen. Nach den gewoöhnlichen Verhaͤltniſſen kann man dieſe Zeit ſicher mit der zuſammentreffen laſ⸗ ſen, wo die Volhzaͤhrigkeit uͤberhaupt eintritt. Mithin duͤrfte die Verfuͤgung, daß die Soͤhne noch fuͤnf Jahre und die Toͤchter noch vier Jahre laͤnger der Einwilligung zur Ehe beduͤrfen, wie⸗ wohl auf eine minder verbindende Weiſe, aus jenen Grunden nicht herzuleiten ſeyn. Ob mo⸗ raliſche Gruͤnde ſie anrathen, ſcheint wenigſtens zweifelhaft. Es iſt allerdings wuͤnſchenswerth, 45 die Anhaͤnglichkeit in den Familien moͤglichſt zu unterhalten und zu verſtaͤrken: es iſt nicht gleich⸗ guͤltig fuͤr die Zufriedenheit der Einzelnen, ob die Angehoͤrigen der angehenden Eheleute mit der Heirath zufrieden ſind. Aber dieſe Einſtimmung laͤßt ſich durch kein Geſetz erzwingen. Der Aufſchub der Heirath um mehrere Mo⸗ nate, da der ehrerbietige Akt der Einholung der Einwilligung zweimal von Monat zu Monat er⸗ neuert werden muß, iſt eine andere Unzutraͤg⸗ lichkeit, die dem, welchen ſie trift, oft fuͤhlbar genug ſeyn mag. Auf die Beſchluͤſſe an ſich moͤchte die Formalitaͤt dennoch nicht wirken: ſie wuͤrde dann bloß Mittel, ſich gegenſeitig zu qua⸗ len, und vermehrte die Erbitterung. 161. 162. Artikel. Bei den Verboten der Ehen unter Verſchwaͤ⸗ gerten muͤßte doch wohl Ruͤckſicht genommen wer⸗ den auf die verſchiedenen Grade der Schwaͤger⸗ jenes Rechts nicht entſpricht. 46 ſchaft. Wahrſcheinlich ſoll ſich das Verbot nur auf den erſten Grad der Schwaͤgerſchaft er⸗ ſtrecken: allein die Anwendung des Geſetzes auf die entfernteren Grade iſt in Deutſchland ſo ſehr allgemeine Sitte geweſen, daß ihre Aufhebung einer geſetzlichen Beſtimmung bedarf. 163. Artikel. Der groͤßeren Beſtimmtheit des Geſetzes duͤrfte es angemeſſen ſeyn, ausdruͤcklich vorzu⸗ ſchreiben, daß ſich das Verbot auf alle Verhaͤlt⸗ niſſe erſtrecke, wo der respectus parentelae eintritt. 174. Artikel. Die Ausdehnung des Rechts der Einwilli⸗ gung in die Ehe auf die Seitenverwandten iſt eine Erſchwerung der Ehen, die, nach den vor⸗ ſtehenden Bemerkungen, dem eigentlichen Grund 47 176. Artikel. Der Akt ſoll gleichfalls, außer wenn er auf Anſuchen eines Aſcendenten gemacht iſt, die Gruͤnde der Oppoſition ent⸗ halten. Aus dieſen Worten ſcheint zu folgen;, daß die Aſcendenten uͤberall nicht verpflichtet waͤren, die Gruͤnde ihrer Oppoſition anzugeben. So weit iſt die Geſetzgebung bisher in Deutſchland nirgends gegangen. Es laſſen ſich leicht Faͤlle angeben, wo denen, die ſich ehelichen wollen, ein unwiederbringlicher Nachtheil daraus entſtuͤn⸗ de; ein Nachtheil, der unendlich die Gegengruͤn⸗ de der Aeltern uͤberwiegen wuͤrde. Noch mehr waͤre eine ſo große Ausdehnung zu widerrathen, wenn die Einwilligung noch nach erreichter Volljaͤhrigkeit erfordert wird. In Anſehung der uͤbrigen Opponenten iſt nicht angegeben, welche Gruͤnde ſie zur Oppo⸗ 48 ſition berechtigen. Unmoglich kann man die Be⸗ urtheilung allein dem Ermeſſen des Richters uͤber⸗ laſſen. Daraus wuͤrde eine Verſchiedenheit der rechtlichen Erkenntniſſe entſtehen, die an vollkom⸗ mene Willkuͤhr graͤnzt, angenommen auch, was doch die menſchliche Natur kaum zulaͤßt, daß teine Parteilichkeit eintrete, keine individuelle Nei⸗ gung wirke. Es duͤrfte alſo noͤthig ſeyn, dem Richter eine Vorſchrift ſeines Verhaltens zu geben. Hauptſaͤchlich mochten ſich die Weigerungs⸗ gruͤnde auf drei Ruckſichten beziehen: auf die Unwahrſcheinlichkeit eines anſtaͤndigen Lebensun⸗ terhalts, auf die Beibringung einer Thatſache, wodurch der andere Theil berechtigt ſeyn wuͤrde, auf Scheidung zu klagen, auf ein rechtskraͤfti⸗ ges Urtheil, das die buͤrgerliche Achtung des ei⸗ nen Theils angreift. Gruͤnde der erſten Art laſ⸗ ſen ſich durch Thatſachen widerlegen, nicht durch 49 Verzichtleiſtungen der Minderjährigen, die ſich ehelichen wollen. Die der zweiten Art werden hinfaͤllig, wenn der beleidigte Theil, nachdem er vollſtaͤndig von allem unterrichtet iſt, auf ſei⸗ nem Beſchluß beharret. Gruͤnde der dritten Art muͤſſen immer den Aufſchub der Ehe bis zur Voll⸗ jaͤhrigkeit des berechtigten Theils bewirken. Es iſt hier nicht der Ort, ſich weiter uͤber die ſchwie⸗ rige Frage zu verbreiten, ob die Verurtheilung wegen eines Verbrechens auf die burgerliche Ach⸗ tung Einfluß haben ſolle. Aber die allgemeine Sitte gibt ihr einen ſolchen Einfluß; das iſt ge⸗ nug, den Vater zu ſichern, daß er ſeine minder⸗ jaͤhrige Tochter hindern koͤnne, einen Verbrecher zu heirathen. Beharrt ſie noch nach Jahren auf dem erſten Einfall der Leidenſchaft, ſo bleibe ſie ihrem Schickſal uͤberlaſſen: Beſchraͤnkungen der perſönlichen Freiheit von dieſer Art koͤnnen nie fortwaͤhrend ſeyn, ohne höhere Rechte des Ein⸗ zelnen im Staat zu verletzen. 8 56 181. Artikel. Es kann doch Faͤlle geben, wo auch ein ſechsmonatliches Zuſammenwohnen von der Zeit an, wo der Ehegatte, der auf Rullitaͤt zu kla⸗ gen berechtigt waͤre, ſeine gaͤnzliche Freiheit er⸗ halten, oder ſeinen Irrthum eingeſehen, nicht die Wirkung haben ſollte, die Klage zu verjaͤh⸗ ren. Soll der Mann Zeitlebens an eine unter⸗ geſchobene Frau gebunden ſeyn, weil er ihre Ent⸗ bindung abwarten will, um nicht vielleicht ſein Kind durch der Mutter Kummer zu tödten, wenn er fruͤher auf Trennung klagte? 182. Artikel. Die ohne Einwilligung der Aeltern, der Aſcendenten oder des Familienraths, in den Faͤllen, wo dieſe Einwilligung no⸗ thig iſt, geſchloſſene Heirath kann nur durch diejenigen angegriffen werden, deren Einwilligung dazu erforderlich 51 war, oder durch denjenigen von beiden Ehegatten, der dieſer Einwilligung bedurfte. Der Ehegatte, welcher der Einwilligung bedurfte, kann wohl kaum berechtigt ſeyn, die Ehe aus dem Grunde anzugreifen, weil ſie nicht gegeben wird. Er wuͤrde dann gewiſſermaßen Vortheil ziehen von einer dem Geſetz zuwiderlau⸗ fenden Handlung. 184. Artikel. Haben die Ehegatten das geſetzliche Hinder⸗ niß erweislich gewußt, ſo ſind ſie als Uebertre⸗ ter eines verbietenden Geſetzes zu beſtrafen. In den Faͤllen aber, wo Diſpenſation ertheilt wer⸗ den kann nach Art. 164, koͤnnen ſie nicht die tullitaͤtsklage erheben. Die entgegengeſetzte Verfuͤgung waͤre dem Anſehen der Geſetze nach⸗ theilig und wuͤrde nur Uebertretungen beguͤn⸗ ſtigen. 191. Artikel. Die Ehegatten, welche ſelbſt das Geſetz wiſ⸗ ſentlich uͤbertreten, konnen nicht wohl nachher zur Anfechtung der Ehe gelaſſen werden, weil dieß zu mannigfaltigen Mißbraͤuchen Anlaß gaͤbe. 227. Artikel. Die Ehe wird aufgeloſet 1) durch den Tod eines der Ehegatten; 2) durch die ge⸗ ſetzlich ausgeſprochene Eheſcheidung; 3) durch die definitiv gewordene Verur⸗ theilung eines der Ehegatten zu einer den Civil⸗Tod nach ſich ziehenden Strafe. Ein Satz, wie dieſer, nimmt mit Recht ſei⸗ nen Platz ein in einem Lehrbuch der Rechtswiſ⸗ ſenſchaft; aus dem Geſetzbuch waͤre er auszu⸗ laſſen. 228. Artikel. Die Frau kann erſt nach Verlauf von zehn Monaten, ſeit Aufloͤſung der vorheri⸗ gen Ehe, ſich wieder verheirathen. Das ſo ausgedruͤckte Geſetz entſpricht we⸗ der der Abſicht des Geſetzgebers noch der Na⸗ tur der Sache. Die urſache iſt natuͤrlich nur, zu verhuͤten, daß eine Wittwe, die ſchon em⸗ pfangen hat, ſich nicht vor ihrer Entbindung wieder verheirathe. Mithin leidet das Geſetz nur Anwendung auf Frauen, die das Alter noch nicht erreicht haben, wo die Frauen aufhoͤren zu empfangen. Auch geſtattet es die von ſelbſt ein⸗ leuchtende Ausnahme, wenn die Wittwe bewei⸗ ſen kann, daß ſie nicht ſchwanger iſt. Bei der zweiten Ehe waͤre nothwendig zu reden von der Auseinanderſetzung des Vermo⸗ gens der Kinder erſter Ehe, die, nach den 54 Grundſaͤtzen einer weiſen Geſetzgebung erfolgt ſeyn muß, ehe die zweite Ehe geſchloſſen wer⸗ den darf. Sechster Titel. Von der Eheſcheidung. 231. Artikel. Die Ehegatten koͤnnen jederſeitig die Ehe⸗ ſcheidung begehren, wegen Erceſſen, Mißhandlungen oder harten Beſchim⸗ pfungen, die der eine von dem andern erlitten hat. Das Geſetz bedarf einer genauern Beſtim⸗ mung, um auf alle Faͤlle anwendbar zu ſeyn. tan muß bei Abwaͤgung des Grades der Belei⸗ digung nothwendig Ruͤckſicht nehmen auf Stand und Sitten des Ehepaars. Was dem einen harte Beſchimpfung und unertraͤgliche Mißhand⸗ 55 lung ſeyn wuͤrde, iſt es dem andern nicht. Wo darf man dieß weniger verkennen, als in Frank⸗ reich, wo waͤhrend der Revolutionskaͤmpfe Sit⸗ ten und Ton ſich ſchnell ſo umwandelten, daß fuͤr Urbanitaͤt galt, was in der ganzen uͤbrigen geſitteten Welt fuͤr grobe Ungezogenheit angeſe⸗ hen, und jetzt in Frankreich gewiß weniger geduldet wird, als irgendwo? Dieß iſt einer der auffallenden Beweiſe fuͤr die Nothwendigkeit der Verſchiedenheit der Geſetze in Ruͤckſicht auf die Verhaͤltniſſe der Perſonen. Freilich darf das Geſetz keine Ungleichheiten einfuͤhren, wodurch Andere leiden: es darf nicht gewiſſen Beguͤnſtig⸗ ten Steuerfreiheit einraͤumen, und die Menge fuͤr Jene mit belaſten. Aber es zeugt immer von Beſchraͤnktheit der Anſichten, oder von Gleichguͤltigkeit fuͤr die hoͤchſten Zwecke der Ge⸗ ſetzggebung, wenn die Nuͤancen nicht beachtet werden, die, tief in die Civiliſation verwebt, die Bahn bezeichnen, die im Einzelnen zu befol⸗ gen iſt. 56 236— 258. Artikel. Dieſe Vorſchriften welche nur die Pro⸗ zeßform betreffen, gehoͤren der wiſſenſchaftli⸗ chen Ordnung nach eigentlich in den Prozeß⸗ Coder. 244. 255. Artikel. — es geſchieht Meldung entweder vovn ihrem Unterſchreiben oder von ihrer Erklaͤrung, daß ſie nicht unterſchreiben koͤnnen oder nicht wollen. Iſt die Unterſchrift in dem Geſetz geboten, ſo darf Niemand ſich derſelben entziehen, der ſchreiben kann. 273. Artikel. In wie weit die beiderſeitige Einwilligung der Ehegatten hinreichender Grund zur Tren⸗ nung der Ehe ſeyn kann, duͤrfte auch die Autho⸗ riſation der Aeltern oder andern noch lebenden Aſcendenten nicht dazu erforderlich ſeyn. Dieß 57 um ſo weniger, weil ſie nach dem Art. 275 uͤberall nicht angenommen wird, wenn die Ehe⸗ gatten nicht volljaͤhrig ſind. 289. Artikel. Abſolut verboten ſollte doch die Ehe⸗ ſcheidung auf gegenſeitige Einwilligung nicht um deswillen ſeyn, weil die Ehe ſchon zwanzig Jahre gedauert, oder die Frau uͤber fuͤnf und vierzig Jahre alt waͤre. Es gibt mehrere Fälle, wo beiden Theilen durch die Scheidung eine Wohl⸗ that wiederfaͤhrt, ohne daß Jemand darunter leide. Warum mag nicht ein Mann von fuͤnf und vierzig Jahren noch eine zweite Ehe einge⸗ hen, um ſein Geſchlecht fortzupflanzen, wenn er zwanzig Jahre lang in unfruchtbarer Ehe ge⸗ lebt hat? Warum ſoll der Mann verurtheilt ſeyn, die noch uͤbrige Lebenszeit mit einer Frau zuzubringen, mit der er nicht mehr gluͤcklich ſeyn kann, weil ſie nach dem fuͤnf und vierzigſten Jahre Betſchweſter ward, oder ſich dem Trunk 58 ergab? Wo nicht höhere Ruͤckſichten im Wege ſtehen, muß das Geſetz die Befugniß eines Je⸗ den, uͤber ſeine Perſon zu verfuͤgen, ſo wenig als moͤglich einſchraͤnken. Im Allgemeinen ver⸗ dienen freilich die Eheſcheidungen keine Beguͤn⸗ ſtigung. Sie können leicht der Moralität ge⸗ faͤhrlich werden, auch gleichen ſich manche Miß⸗ verſtaͤndniſſe unter Cheleuten leichter aus, wenn ſie wiſſen, daß die Trennung ſchwer haͤlt. Aber an bloß zufaͤllige Umſtaͤnde darf man auch die Erſchwerung nicht binden. Wie oft ward nicht das ſcheußliche Verbrechen des Gattenmordes dadurch befordert, daß die Trennung der Ehe faſt zu den Unmoͤglichkeiten gehoͤrte? 287— 294. Artikel. Gehöͤren ebenfalls in den Prozeß⸗Codex. Rur das Reſultat, naͤmlich die Abfaſſung des endlichen Spruchs, beſtimmt den Eintritt der rechtlichen Folgen der Eheſcheidung, mit denen ſich das Civilgeſetz beſchaͤftigt.. 59 296. Artikel. Der Grund des Aufſchubs kann nur in der Moglichkeit liegen, daß die geſchiedene Ehefrau von ihrem vorigen Ehemann ſchwanger ſey. Iſt ſie alſo uͤber die Jahre des Gebaͤhrens hinaus, oder wird von ihr dargethan, daß ſie nicht ſchwanger ſey, ſo muß auch die Beſchraͤnkung wegfallen. Eine andere Frage iſt, ob man das in den meiſten Deutſchen Geſetzen dem geſchiedenen Ehe⸗ gatten, der fuͤr ſchuldig erkannt wird, allgemein aufgelegte Celibat beibehalten ſoll? Sie moͤchte zu verneinen ſeyn. Als Strafe fuͤr das angenommene Vergehen ſcheint das Mit⸗ tel nicht zweckmaͤßig: in andern Ruͤckſichten wird es der Moralitaͤt nachtheilig. 297. Artikel. In dem Fall der Eheſcheidung durch bei⸗ derſeitige Einwilligung kann keiner von 60 beiden Ehegatten vor drei Jahren, nach dem Ausſpruch der Eheſcheidung, ſich aufs neue verheirathen. * HOhne Zweifel um deswillen nicht, damit vieſe Scheidungen nicht befoͤrdert werden durch die Leichtigkeit der Erreichung der Abſichten, 3 welche ſie erzeugten. Gleichwohl iſt die Sache ſehr zweifelhaft. War eine Neigung zu einem Andern der Grund der Scheidung, ſo wird der unerlaubte Umgang nicht unterbleiben: in dieſer Ruͤckſicht iſt der Nachtheil fuͤr die Moralität vielleicht noch groͤßer. Erfolgte die Eheſchei⸗ 1 dung aus irgend einem andern Grunde, ſo iſt das Mittel nicht angemeſſen, weil es auf andere Zwecke wirkt. 298. Artikel. Die Gradation der Strafe der Ehebrecherin, von drei Monaten bis zwei Jahren in das Zucht⸗ haus eingeſperrt zu werden, iſt ſehr ſtark. Die Natur des Verbrechens iſt allenthalben dieſelbe: 64 die Gefahr fuͤr die Sicherheit der Rechte gleich. Abſtufungen finden allerdings Statt: aber kaum ohne einzutreten in Abwaägung der moraliſchen Gruͤnde in einzelnen Faͤllen, wo wir mit volliger Gewißheit auch nicht einen Schritt thun koͤnnen. In ſolchen Faͤllen dem Richter perſonliche Eigen⸗ willigkeit geſtatten, heißt ihn unnoͤthiger Verſu⸗ chung ausſetzen, und in Rechte eingreifen, die dem Einzelnen auch im Staat bleiben koͤnnen und bleiben muͤſſen. Soll der Ehebrecher uͤberall nicht geſtraft werden? Die Verſchiedenheit ſcheint ſich auf Begriffe und Sitten der Römer zu beziehen, die nicht anwendbar ſind auf die Ehe in unſeren Staa⸗ ten. Moͤgen immerhin die Folgen des Ehe⸗ bruchs der Frau nachtheiliger ſeyn, als die des Mannes: ſo groß iſt der Unterſchied nicht, daß dieſe ungeahndet bleiben duͤrfen, wenn jene ſe 62 nachdruͤckliche Strafe bewirken. Fuͤr die Mora⸗ lität, fuͤr das gute haͤusliche Vernehmen kann eine ſolche Ungleichheit nicht anders als ſehr ſchaͤdlich ſeyn.. Am zutraͤglichſten duͤrfte es ſeyn, den Ehe⸗ bruch in allen Faͤllen nur dann zu beſtrafen, wenn der beleidigte Ehegatte klagt. Sonſt geht das Verbrechen den Staat nichts an: ſelbſt die Polizei braucht nur davon Notiz zu nehmen, wenn oͤffentliches Aergerniß entſteht. 299 bis 303. Artikel. Das Geſetz redet nur von der Eheſcheidung, die einer der Ehegatten bewirkt. Freilich iſt dieß bei weitem der haͤufigſte Fall. Allein es ge⸗ ſchieht doch auch, daß beide Ehegatten ſchul⸗ dig erkannt werden, es ſey des Ehebruchs oder einer ſolchen Unvertraͤglichkeit, welche die Schei⸗ dung begruͤndet. Alsdann findet billig die voll⸗ kommenſte Reciprocitaͤt Statt. 63 Siebenter Titel. Bon der Baterrſchaft. 315. Artikell. Die Rechtmäßigkeit des dreihundert Tage nach der Aufloͤſung der Ehe gebornen Kindes kann beſtritten werden. Ohne der Willkuͤhr des Richters zu viel Spielraum zu laſſen, muß ſich das Geſetz ſchlechthin an die allgemeine Vorſchrift Art. 312 halten, daß die phyſiſche Unmoglichkeit der Frau nach dem dreihundertſten Tage beizuwohnen zu erweiſen ſey, daß das aber auch den einzi⸗ gen Beweis gegen die Rechtmaͤßigkeit abgebe. Selbſt der Mutter Geſtaͤndniß, und aͤhnliche Beweiſe, wo ſie denkbar waͤren, duͤrfen jene Wirkung nicht haben. Iſt das Kind, das waͤhrend der Scheidung 64 von Tiſch und Bett erzeugt ward, ein ehebre⸗ cheriſches? Die Frage moͤchte zu verneinen ſeyn, wenn nicht ſchon vor der erfolgten Scheidung ein ehe⸗ brecheriſcher Umgang zwiſchen den Aeltern Statt fand. Alsdann koͤnnen ſie ſich ohnehin nicht heirathen. Zwar iſt es nicht zu laͤugnen, daß dieſe Ausſicht, ein uneheliches Kind mit vollkomme⸗ ner Wirkung legitimiren zu koͤnnen, beitragen muß zur gaͤnzlichen Auflöſung der nur einſtwei⸗ lig geſchiedenen Ehe. Aber nicht viel Gutes laͤßt ſich doch nicht mehr nach einem ſolchen Schritt von der Erneuerung der Ehe erwarten; wenigſtens nicht genug, um der billigen Veguͤn⸗ ſtigung des Kindes das Gegengewicht zu halten. Achter Titel. Von der Adoption und Pflege⸗PVater⸗ ſchaft. 345. Artikel. Der Grund der Bedingung der Adoption, daß der Adoptirende dem Adoptirten waͤhrend ſeiner Minderjaͤhrigkeit, und zwar wenigſtens ſechs Jahre lang, Unterſtuͤtzung und ununter⸗ brochene Sorgfalt habe angedeihen laſſen, ſcheint nicht einleuchtend. Es laͤßt ſich nicht behaupten, daß eine ſolche vorhergegangene Verbindung zwi⸗ ſchen dem Adoptirenden und dem Adoptirten all⸗ gemein ein Verhaͤltniß ſtifte, wie zwiſchen leiblichen Aeltern und Kindern. Iſt aber das nicht, wo⸗ zu dann die Beſchraͤnkung? Der eigentliche Grund der Befugniß zur Adoption iſt die fuͤr den Staat ſo wohlthaͤtige Fortpflanzung des Fami⸗ liennamens. In dieſer Ruͤckſicht muß der Adop⸗ tirende freie Wahl haben, in ſeine Stelle treten E 66 zu laſſen, von wem er ſich am meiſien verſpricht. Die ſpaͤtere Bekanntſchaft kann leicht diejenige ſeyn, die ſeine Wuͤnſche hierin vollkommener er⸗ fuͤllt. Im Gegentheil, wie mannigfaltig kön⸗ nen die Verhaͤltniſſe ſeyn, die den Einzelnen be⸗ wegen, lieber einen als den andern zu adop⸗ tiren, auch ohne durch ſechsjaͤhriges Wohl⸗ thun an ihn gebunden zu ſeyn. Wie, wenn der Adoptirende ſich fuͤr die Adoption beſtimmt, weil der Aboptirte ihm ſelbſt, oder den Seini⸗ gen, andere ausgezeichnete Wohlthaten erwies, als die hier genannten? Sobald der Geſetzge⸗ ber in das Detail dei individuellen Beweggruͤnde hineingeht, wird ſein Werk unvollkommen und unſicher. Sie liegen außer dem Bezirk der Staatsgewalt; die Natur ſelbſt will, daß ſie zu den Aeußerungen der perſoͤnlichen Freiheit geho⸗ ren, die dem Staat heilig ſeyn ſollen. —— Neunter Titel. Von der vaͤterlichen Gewalk. 373. Artikel. Daß die aͤlterliche Gewalt ausſchließend dem Vater beigelegt iſt, ſcheint wieder auf einer Theorie des Roͤmiſchen Rechts zu beruhen, die unſern ehelichen Verfaſſungen nicht entſpricht. Sie iſt auch der Erziehung und Kultur im Gan⸗ zen nicht vortheilhaft: beſonders bei den Toch⸗ tern nicht. 375. Artikeſ. Das Geſetz erwaͤhnt keiner andern Zucht⸗ mittel, als des Einſperrens. Freilich ſoll es ſo wenig als möglich in das Innere der Haͤuſer dringen: allein das Zuͤchtigungsrecht iſt doch zu weſentlich, um uͤberall nichts daruͤber zu ſagen, des möglichen Mißbrauchs gar nicht zu erwaͤh⸗ nen. Keinem irgend erfahrnen Geſchaͤftsmann E 2 68 . werden Faͤlle gerichtlicher Streitigkeiten der Art unbekannt ſeyn. Verfuͤgt das Geſetz nichts, ſo bleibt alles der Willkuͤhr des Richters über⸗ laſſen, die nothwendig ungleiche Entſcheidun⸗ gen abgibt. Auch von den Pflichten der Aeltern in Anſe⸗ hung der Erziehung der Kinder, ihres Unter⸗ richts, ihrer Beſtimmung zu einer kuͤnftigen Le⸗ bensart, ſagt das Geſetz nichts. Ganz ohne alle * allgemeine Beſtimmung koͤnnen doch dieſe Ver⸗ hältniſſe nicht gelaſſen werden. Es iſt nicht die Abſicht, daß der Geſetzgeber in ein Detail gehe, wo es an Mitteln fehlt, den Vorſchriften Wirk⸗ ſamkeit zu geben: aber er muß doch die Richt⸗ 1 ſchnur ſolcher Beſtimmungen bezeichnen, welche den Richter leiten können, wenn einer oder der andere die Verwaltung ſeines Amts anruft. ———— 69 Die Franzoſiſche geſetzliche Sprache befaßt unter Aeltern auch Großaͤltern und höher hinauf: in einem Deutſchen Geſetzbuch wuͤrde es nöthig ſeyn zu bemerken, daß hier von leiblichen Aeltern aller Grade die Rede iſt, welche die Erziehung ihrer Kinder oder Enkel uͤbernehmen. Der Stiefaͤltern moͤchte wohl auch beſonders Erwaͤhnung geſchehen. Wenn ſie die Erziehung beſorgen, ſo verſteht es ſich, daß ſie gleiche Rechte und Pflichten haben, als die leiblichen Aeltern. Zehnter Titel. Von der Minderjaͤhrigkeit, der Vormund⸗ ſchaft und Emancipation. 395. Artikel. Es iſt ein ſehr wohlthaͤtiges Geſetz, daß den Kindern bei einer zweiten Ehe der Mutter immer 70 ein beſonderer Vormund geſetzt werde. Man kann der Mutter die Vormutbſchaft laſſen, und dennoch wuͤnſchen, daß ſie in Handlungen, die der Kinder Vermogen betreffen, einen Beiſtand zuziehe, der in jeder Ruͤckſicht fuͤr unparteiiſch gilt. Das iſt nicht immer der Fall mit dem zweiten Ehemann. Auch dadurch wird alle Be⸗ ſorgniß nicht gehoben, daß er nach Vorſchrift des Geſetzes zugleich Mitvormund ſeyn ſoll. Wo das Geſetz vorbeugen kann, iſt dieſer Weg immer der Beſtrafung begangener Uebertretungen vor⸗ zuziehen. 407. Artikel. Der Familienrath iſt eine neue, den Deut⸗ ſchen Sitten und Verfaſſungen fremde Einrich⸗ tung. Ihre Vorzuge ſind nicht zu verkennen. Aber es fraͤgt ſich noch, ob ſie ausführbar ſcy, ob die Schwierigkeiten, die Weitlaͤuftigkeiten, die damit unzertrennlich verbunden ſind, ſie nicht, zumal auf dem Lande und fur einſam lie⸗ 71 gende Wohnungen, ſo beſchwerlich machen, daß die Unzutraͤglichkeiten die Vortheile uͤberwie⸗ gen möchten. Auf jeden Fall iſt ſie weſent⸗ lich gebunden an die Friedensrichter und an die Franzoſiſche Prozeß⸗Form; ein neuer Be⸗ weis, daß die Annahme des Codex Napoleon auch die der Prozeßordnung vorausſetzt. 480. Artikel. Die Rechte und Pflichten des Curators des Minderjaͤhrigen waͤren wohl, wenigſtens im Allgemeinen, anzugeben. ——— Von einem Honorar des Vormunds iſt nichts geſagt; auch nicht von dem Verfahren, wenn ſein Vermoͤgen waͤhrend der Vormund⸗ ſchaft in Verfall geraͤth. 72 Eilfter Titel. Von der Volljaͤhrigkeit, der Interdiction und gerichtlichen Beiſtande. 5os. Artikel. An andern Orten, als dem, wo das Inter⸗ dictionsurtheil bekannt gemacht wird, kann die Wirkung doch erſt von dem Tage der Bekannt⸗ machung deſſelben anfangen. 73 Zweites Buch. Von den Guͤtern und den verſchiedenen Modifi⸗ kationen des Eigenthums. Erſter Titel. Von dem unterſchied der Guͤter. 516. Artikel. Alle Guͤter ſind entweder bewegliche oder unbewegliche Guͤter. Ein unbezweifelter Satz, der aber in ein Lehrbuch der Rechtswiſſenſchaft gehort, nicht in ein Geſetzbuch. 525. Artikel. Nach der Natur der Sache mochten Bild⸗ ſaͤulen wohl nie zu unbeweglichen Sachen gehoͤ⸗ ren: auch nicht wenn ſie in einer eigends fuͤr ſie eingerichteten Blinde aufgeſtellt ſind. Der we⸗ ſentliche Begriff paßt nicht auf ſie, daß man ſie nicht wegnehmen oder gegen andere vertauſchen kann, ohne dem Ganzen zu ſchaden. Füͤr die Ausfullung der Blinde gilt es gleich, ob ſie durch ein Meiſterſtuͤck von Canova erreicht wird oder durch das Schnitzwerk eines gemeinen Bild⸗ hauers, wenn nur das Ebenmaß in Anſehung des Raums beobachtet iſt. Soll daher dieſe Verfugung gelten, ſo waͤre ausdrüͤcklich zu be⸗ ſtimmen, daß es dabei auch auf die Identitaͤt des Kunſtwerks ankomme. In Ruͤckſicht auf die große Verſchiedenheit der Geſetze und Gebraͤnche in den einzelnen deut⸗ ſchen Landern, wuͤrde es einer allgemeinen ge⸗ ſetzlichen Vorſchrift beduͤrfen, nach welcher es jedem einzelnen frei ſtehe, dieſe allgemeinen Ge⸗ ſetze zu erweitern, und mehrere bewegliche Sa⸗ chen als Pertinenzen zu unbeweglichen zu ſchla⸗ gen, z. B. eine Bibliothek, eine Gemaͤlde⸗Samm⸗ lung der Familie, nur daß ſolche Akten in den Protokollen eingetragen werden. 543. Artikel. Auch einer von den Doktrinalſaͤtzen, die nicht in ein Geſetzbuch gehoren. Von gleicher Be⸗ ſchaffenheit kommen im Folgenden mehrere vor, die, zur Vermeidung von Wiederholungen, nicht mehr beſonders bemerkt werden. Zweiter Theil. Von dem Eigenthum. 545. Artikel. Es mochte nicht uͤberfluͤſſig ſeyn, den Ge⸗ ſichtspunkt der Billigkeit der Entſchaͤdigung fuͤr die Abtretung des Eigenthums genauer zu beſtim⸗ men. Der Staat üͤbt immer ein Nothrecht, wenn er jemand zwingt, ſein Eigenthumsrecht dem all⸗ gememen Beſten aufzuopfern. Dem, der dem Zwang nachgibt, muß die Erfuͤllung der Pflicht moͤglichſt erleichtert werden. Die Entſchaͤdigung ſollte in jedem Falle vollſtaͤndig ſcyn. Auch auf den Werth des vortheilhaftern individuellen Gebrauchs fuͤr den jetzigen Beſitzer iſt Rückſicht zu nehmen, ſo weit er ſich zu Gelde anſchlagen laͤßt. Nur auf bloße Liebhaberei der Laune kann der Staat nicht eintreten. 560. Artikel. Beſitzer mit gutem Glauben iſt ein jeder, der als Eigenthumer kraft einer Eigen⸗ thumsverſchreibung beſitzt, deren Maͤn⸗ gel er nicht kennt. So ausgedruckt mochte die Beſchreibung zu eng ſeyn. Der Finder einer fremden Sache, der 77 alles angewandt hat, den Eigenthuͤmer auszu⸗ forſchen, iſt unſtreitig redlicher Beſitzer, bis ſich der Eigenthuͤmer angibt. 565. Artikel. Die Grundſätze der natuͤrlichen Billigkeit werden immer und unter allen Umſtaͤnden als Ergaͤnzungsmittel der poſitiven Geſetze gelten. Einer beſonderen Vorſchrift fuͤr einen einzelnen Gegenſtand bedarf es kaum. Dritter Titel. Von der Nutznieſſung. 608. Artikel. Leiſtungen, die dem Grundſtuͤck waͤhrend der Dauer der Nutznießung aufgelegt werden, muß der Nutznießer ebenfalls abhalten. Sie treffen in der That die Fruͤchte, weil ſie theils von die⸗ ſen genommen werden, theils nur von dem kön⸗ 78 nen geleiſtet werden, der den Gebrauch des Grund⸗ ſtuͤcks hat. So iſt es z. B. mit Magazin⸗kie⸗ ferungen und Kriegsfuhren. 618. Artikel. Der Nutznießer, der des Mißbrauchs ange⸗ klagt wird, kann ſich vor der Zuruͤckgabe des Grundſtucks ſchutzen, indem er Bürgſchaft lei⸗ ſtet; doch mit Ruͤckſicht auf die ganze noch uͤbri⸗ ge Zeit der Nutznießung. Bei einer auf Heſtän⸗ dig eingeräumten Nutznießung kann der Eigenthůͤ⸗ mer Buͤrgſchaft bis auf den vollen Werth des Grundſtuͤcks fordern fuͤr die Dauer der Lebenszeit des nachlaͤſſigen Nutznießers. Vierter Titel. Von Servituten. 658. Artikel. Die unbedingte Befugniß die gemeinſchaftli⸗ che Mauer zu erhöhen, koͤnnte doch andern Rech ⸗ 79 ten der Miteigenthuͤmer zuwider laufen, z. B. die Ausſicht beſchraͤnken, das Licht vermindern u. ſ. w. Daher mochte die Klauſul hinzuzufu⸗ gen ſeyn, in ſo fern kein anderes Recht des Mit⸗ eigenthuͤmers dadurch verletzt wuͤrde. Bei den Servituten ſind, wie in dem Romi⸗ ſchen Geſetz, nur einige beiſpielsweiſe beſchrieben und beſtimmt. Anders iſt es auch nicht moͤglich bei dieſen mannigfaltigen und verwickelten Ver⸗ haͤltniſſen, die in dem geſammten Verkehr der Nachbarn unter einander ihren Grund haben. Die Geſetzgebung kann hier für das Detail nicht mehr thun, als daß ſie dem Willen der Contra⸗ henten jede dem öffentlichen Wohl nicht nachtheili⸗ ge Modifikation uͤberlaͤßt. Nur allgemeine Krite⸗ rien der Rechtmaͤßigkeit dieſer Beliebungen muß ſie feſtſetzen, um einmal Gewißheit des Rechts zu begruͤnden, und zweitens Streitigkeiten moöglichſt vorzubeugen. 80 In dieſer Ruckſicht ſcheinen die nachſtehen⸗ den Zuſaͤtze nicht uͤberfluͤſſig zu ſeyn. Alle Servituten, die ausdruͤcklich eingeraͤumt werden durch Einwilligung des dienenden Eigen⸗ thuͤmers, muͤſſen in das Hypothekenbuch einge⸗ tragen werden. Das bringt die Natur des ding⸗ lichen Rechts mit ſich: es iſt das einzige Mittel, allen Intereſſirten vollkommene Gewißheit uͤber ihre Rechte und Verpflichtungen zu gewaͤhren. Das Geſetz beſtimmt auch billig die allgemei⸗ nen Regeln der Praͤſumtion und der Erklaͤrungs⸗ art ſolcher Gerechtſame, die, ihrer Natur nach, mannigfaltigem Zweifel unterworfen ſind. Das iſt um deſto nothwendiger in Anſchung derer, die gegenwaͤrtig ſchon beſtehen, ohne ſich auf be⸗ ſtimmte Vereinbarungen zu gruͤnden: und in dieſe Kategorie gehoͤren bei weitem die meiſten. Re⸗ geln der Art ſind freilich in der Anwendung ge⸗ wiſſermaßen noch des Richters Beurtheilung 35 uͤberlaſſen: es iſt aber nicht gleichguͤltig, ihm einen Leitfaden zu bezeichnen, der immer mehr Gleichförmigkeit in die Entſcheidungen bringt und den intereſſirten Parteien ſelbſt zur Richt⸗ ſchnur dienen kann, den Erfolg eines zu begin⸗ nenden Rechtsſtreits im voraus zu berechnen. Wie vielen Prozeſſen wuͤrde vorgebeugt, wenn die Parteien ſich ſolche Belehrungen durch ver⸗ ſtaͤndliche Geſetze in der Landesſprache verſchaf⸗ fen koͤnnten! Noch fraͤgt es ſich, ob nicht alle jetzt beſte⸗ henden Servituten in die Hypothekenbucher ein⸗ zutragen waͤren? Die Beſchwerde, die damit verbunden iſt, die Prozeſſe, die in einigen Faͤllen dadurch ent⸗ ſtehen mochten, ſcheinen immer uͤberwogen zu werden durch den großeren Gewinn der Gewiß⸗ heit des Eigenthums, und durch die Vorbeu— gung zahlreicher Prozeſſe fuͤr die Zukunft. Eben F 82 der Zeitpunkt, wo die Hypothekenbuͤcher eine neue, beſſere Form erhalten, iſt der guͤnſtigſte, ſolche unbeſtimmte Verhaͤltniſſe auf das Reine zu bringen. 83 Drittes Buch. Von den verſchiedenen Arten das Eigenthum zu erwerben. Erſter Titel. Von den Erbſchaften. 786. Artikel. Dem verzichtleiſtenden Erben kann es indeß unbedenklich geſtattet werden, zu Gunſten eines beſtimmten Erben Verzicht zu leiſten, in ſo weit er naͤmlich uͤberhaupt guͤltig verzichten kann nach dem 788. Art. 789. Artikel. Es folgt wohl von ſelbſt, daß der verzich⸗ tende Erbe ſeine Erklaͤrung nicht wieder zuruͤck⸗ F 2 84 nehmen, und nachher noch antreten kann, ſo⸗ bald einem Dritten dadurch Rachtheil entſtuͤnde. Iſt das nicht der Fall, ſo waͤre ihm die Reſti⸗ tution um ſo mehr zu geſtatten, als in manchen Faͤllen der Erbſchaftsantritt fuͤr die Maſſe vor⸗ theilhaft ſeyn koͤnnte. Ueberhaupt iſt die Be⸗ ſtimmung der Reſtitutionen einer von den wich⸗ tigen Gegenſtaͤnden, die in dem Coder Napoleon einer Ergaͤnzung bedurfen. So bedenilich es iſt, zu nachgiebig dabei zu ſeyn, ſo uͤberwiegend ſchei⸗ nen doch die Gruͤnde fuͤr die Reſtitutionen in vielen Faͤllen, wo man dem Leidenden zu Huͤlfe kommen kann, ohne anderen zu ſchaden. Un⸗ moͤglich kann es die Abſicht der Geſetzgebung ſeyn, dieſe Einrichtung der Roͤmiſchen Rechts⸗ pflege abſtellen zu wollen. So lange die Buͤr⸗ ger des Staats noch aus verzeihlichem Irrthum fehlen, moͤgen ſie mit Recht ſie reclamiren. Auch gibt es Faͤlle, wo ſie ein wohlthaͤtiges Heilmittel der unvollkommenheit aller menſchli⸗ chen Geſetze abgeben. 85 Hier iſt nichts verfuͤgt uͤber die Veranſtal⸗ tungen zur Sicherſtellung der Erbſchaft vor dem Antritt. Tauſend Vervortheilungen der Glaͤubi⸗ ger und der Miterben finden taglich Statt durch die Umgebungen des Verſtorbenen, ſie ſeyen nun Erben oder nicht. Allen Mißbraͤuchen kann das Geſetz freilich nicht vorbeugen: aber manchen. In mehrern deutſchen Ländern ſind bereits ſehr gute Verfuͤgungen getroffen uͤber die augenblick⸗ liche Anzeige der Sterbefaͤlle mit Ruͤckſicht auf die Erhaltung der Effekten, uͤber den Zutritt der Obrigkeit durch Verſiegelung und was dem an⸗ haͤngig iſt. Dieſe waͤren bei der Einfuͤhrung des Codex Napoleon in ſorgfaͤltige Erwaͤgung zu ziehen, beizubehalten, zu verbeſſern, zu er⸗ weitern. Den Erben fuͤr entwendete Effekten verantwortlich zu machen, iſt nicht hinreichend, weil der Nachtheil oft nicht mehr abzuwenden ſteht. 3r2. Artikel. Es duͤrfte nützlich ſeyn, den Curator gleich zu ernennen, wenn der Erbe nicht gegenwaͤrtig iſt oder nicht ſogleich erklaͤrt, vorlaͤufig die Pflich⸗ ten des Curators erfuͤllen zu wollen, unbeſcha⸗ det der Rechte, die ihm in Anſehung des Inven⸗ tariums zuſtehen. Der Hauptzweck der Anſtel⸗ lung des Curators iſt, zu verhuͤten, daß der Erb⸗ ſchaft kein Nachtheil entſtehe, und dieſer Zweck wird ſchon mehr oder minder verfehlt, wenn die Erbſchaft waͤhrend vier Monaten nach dem 745. Artikel ohne eine vollkommene Aufſicht bleibt. Zum Beweiſe dient der 796. Artikel, worin dem Erben bloß die Befugniß gegeben wird, ſich be⸗ vollmaͤchtigen zu laſſen, zum Verkauf der Sa⸗ chen zu ſchreiten, die koſiſpielig zu erhalten oder dem Verderben ausgeſetzt ſind. Wenn der Erbe das unterlaͤßt, ſo iſt er nicht verantwortlich; der Curator waͤre es. Haben nicht die Miter⸗ ben, die vielleicht abweſend ſind, die Legatarien, die Glaͤubiger, das Recht zu fordern, daß ſie 87 gegen die Verſaͤumniß des Individs geſichert werden? 843. Artikel. Die Collation uͤberhaupt gibt zu unange⸗ nehmen Streitigkeiten in Familien, und zu vie⸗ len verwickelten Rechtshaͤndeln Anlaß. Wirk⸗ lich ſcheint auch aus den vielen Ausnahmen zu folgen, der Geſetzgeber habe ſelbſt das Widrige dieſes Zwangs gefuͤhlt. Angenommen, daß die moöͤglichſte Freiheit in der Verfuͤgung uͤber das erworbene Vermoͤgen dem Intereſſe der Staats⸗ wirthſchaft wie den gerechten Wuͤnſchen der Ein⸗ zelnen am meiſten entſpreche, ſo wuͤrde man viel⸗ leicht als Regel feſtſetzen koͤnnen: die Collation ſolle nur dann Statt finden, wenn der Erblaſſer ſie ausdruͤcklich vorſchreibt. Dieſe Vorſchrift brauchte nicht gerade in einem Teſtament befaßt zu ſeyn; eine eigenhaͤndige Schrift, oder eine von zwei glaubwuͤrdigen Zeugen atteſtirte Schrift, in dem Nachlaß gefunden, wuͤrde hinreichend 38 ſeyn, ſeine Willensmeinung zu beweiſen. Aus⸗ nahmen von der Regel. wuͤrden nur in zwei Faͤllen Statt finden: wenn man naͤmlich beweiſen kann, daß die Erben in ihrem Pflichttheil gekraͤnkt wuͤr⸗ den, wenn die Collation nicht Statt faͤnde, oder daß die Schenkung zum Nachtheil der Glaͤubiger zu einer Zeit gemacht ſey, wo der Erblaſſer von ſeiner Inſolvenz ſchon Kenntniß hatte. Beide Ausnahmen ſind in der vollkommenſten Billigkeit gegründet: auch ſollte die Collation nur in ſo weit Statt finden, als eines Dritten Recht da⸗ durch gekraͤnkt wuͤrde. Man wird nicht die jetzt beſtehenden Geſetze dagegen anfuͤhren: es iſt aber der große Gewinn bei einer neuen Geſetzgebung, wohlthaͤtige, das Ganze umfaſſende Reformen vornehmen zu können. 89 Zweiter TDitel. Von den Schenkungen zwiſchen Lebenden und von den Teſtamenten. 896. Artikel. Das allgemeine und unbedingte Verbot der Subſtitutionen oder Fideicommiſſe hatte bekannt⸗ lich ſeinen Grund in den Revolutions⸗Kaͤmpfen in Frankreich. Sobald Napoleon den Zepter des Reichs ruhig fuͤhren konnte, hat er bereits bedeutende Ausnahmen gemacht zu Gunſten des Adels. Auch der Codex fuͤgt dieſen neue Aus⸗ nahmen hinzu. Es iſt alſo erlaubt, die Frage aufzuwerfen, ob man gegenwaͤrtig bei der Ein⸗ fuͤhrung des Coder Napoleon in Deutſchland nicht auf die Verfuͤgung uͤberhaupt zuruͤckkom⸗ men koͤnne: ob man nicht die Frage unbefangen auf das neue unterſuchen duͤrfe? Daß die Geſetze und Verfaſſungen aller Deut⸗ ſchen Laͤnder jetzt dieſe Veranſtaltungen zulaſſen, 90 ſoll nicht als hinreichender Grund fuͤr ihre Zweck⸗ maͤßigkeit an ſich gelten. Aber eine Vermuthung zu ihren Gunſten mag man doch daraus herneh⸗ men; man mag ſich wohl dadurch geneigt fuͤh⸗ len zu forſchen, ob ſich die Mißbraͤuche nicht abſtellen laſſen, ohne die Sache ſelbſt aufzu⸗ heben. In Ruͤckſicht auf den kraͤftigen, faſt ma⸗ giſch wirkenden Sporn zur Induſtrie, der uns treibt Geld zu erwerben, um daruͤber noch nach dem Tode hinaus verfuͤgen zu koͤnnen, kann der Staatswirth nicht anders, als den Subſtitutio⸗ nen das Wort reden. Einzelne leiden nicht dar⸗ unter: man kann nicht Rechte haben auf die Wirkungen eines bloßen Zufalls. Der Grund des Verbots kann alſo nur darin liegen, daß Guͤter, die der Subſtitution unterworfen ſind, nicht ſo vortheilhaft fuͤr den Staat benutzt wer⸗ den. Kann man dieſem Nachtheil vorbeugen, ſo iſt die Einrichtung an ſich vielmehr empfeh⸗ lungswerth. —. 91 Der Staat muß ſeine Buͤrger nicht immer gaͤngeln: ſehr oft iſt nichts thun die beſte Regierungsmaxime. Nur erhebliche Colliſionen konnen den Staat in das Verhaͤltniß bringen, wo es Pflicht wird, die Eigenmaͤchtigkeit in dem Gebrauch der Guͤter zu beſchraͤnken. In dem Fall, wovon hier die Rede iſt, ſcheint die Beſchraͤnkung nur anwendbar in An⸗ ſehung liegender Gruͤnde. Daß dieſe immer in denſelben Haͤnden bleiben, hat fuͤr die Erhohung des Wohlſtandes nicht zu verkennende nachthei⸗ lige Folgen. Sie moͤchten die Vortheile der Subſtitutionen uͤberwiegen. Alſo keine Fideicom⸗ miſſe in liegenden Gruͤnden: wenigſtens nur in ͤußerſt ſeltenen Faͤllen, und ſo beſchraͤnkt, daß es mehr Liebhaberei iſt, mehr eigentliche Erin⸗ nerung der Vorfahren, was das Fideicommis bezeichnet, als der nutzbare Werth. Hingegen bei allen Einnahmen und Hebun⸗ gen kann es dem Staat im Ganzen ziemlich 92 einerlei ſeyn, ob ſie in derſelben Familie blei⸗ ben oder nicht. Dem induſtrisſen Geiſt wird dadurch kein Feld ſeiner Wirkſamkeit entzogen: Grund und Boden bleiben ſieter Verbeſſerungen in gleichem Grade empfaͤnglich, wenn ſie Be⸗ ſitzer aͤndern können, der Beſiter mag dieſem oder jenem die Zinſen des hypothecirten Capitals zahlen. Warum ſoll denn nicht die Rente einer beſtimmten Familie geſichert werden? Es iſt dem Staat immer ſehr zutraͤglich, auf eine beſtimmtt Anzahl wohlhabender Familien ſicher rechnen zu können, wenn nur nicht andern da⸗ durch ein Mittel entzogen wird, ſich zu einem gleichen Wohlſtand zu erheben. . 904. Artikel. Bei dem Minderjaͤhrigen, der das ſechs⸗ zehnte Jahr erreicht hat, faͤllt auch noch in der Regel der Grund weg, der die Teſtamente uͤber⸗ haupt empfiehlt: naͤmlich der Reiz zur Erwerb⸗ ſamkeit. Alſo muͤßte die Inteſtaterbfolge den 53 Vorzug behalten. Das Uebel waͤre auf keinen Fall groß, wenn die Teſtamentsfaͤhigkeit be⸗ ſchraͤnkt wuͤrde auf die Volljaͤhrigkeit. Der Grund, den man gewoͤhnlich fuͤr die entgegen⸗ ſtehende Meinung angibt, daß der Minderzaͤh⸗ rige ſeinen Zuſtand nicht dadurch verſchlimmere, iſt nicht haltbar. Es kommt hier eigentlich auf die Ruͤckſichten an, nach welchen die Teſtamente uͤberhaupt den Schutz der Geſetze erhalten. 91o. Artikel. Die durch ſpaͤtere Geſetze auch ſchon be⸗ ſchraͤnkte Beſtaͤtigung des Kaiſers zu Verfuͤgun⸗ gen zum Beſten milder Stiftungen, moͤchte uͤber⸗ all nicht erforderlich ſeyn. Stiftungen, die keiner Vermaͤchtniſſe wuͤrdig ſind, muß der Staat nicht dulden: unanſtaͤndige oder gemein⸗ ſchaͤdliche Bedingungen ſolcher Vermaͤchtniſſe muͤſſen uͤberhaupt unſtatthaft ſeyn. Alſo faͤllt in der That der Grund der Beſtaͤtigung weg. Denn das verſteht ſich von ſelbſt, daß durch —— 94 ſolche Verfuͤgungen nie der Pfüchttheil gekraͤnkt werden darf. 911. Artikel. Es ließen ſich doch Faͤlle denken, wo die Verfuͤgung zum Beſten des Ehegatten einer un⸗ faͤhigen Perſon zuläſſig wäre; ſelbſt abgeſe⸗ hen von geſchiebenen Chegatten, bei denen die Vorausſetzung der Einheit ohnehin wegfaͤllt. 913 bis 915. Artikel. Die verſchiedene Beſtimmung der Groͤße des Pflichttheils nach der Anzahl der Kinder oder Aſcendenten moͤchte nach allgemeinen Grund⸗ ſätzen der Geſetzgebung nicht beizubehalten ſeyn. Sie ſcheint in der That aus einer nur eingebil⸗ deten Billigkeit zu fließen; ſoll ſie einmal gel⸗ ten, ſo erfordert ſie eine genauere Entwik⸗ kelung. So wie der Satz hier ausgedruͤckt iſt, laͤßt er manche Rechtsfragen unentſchieden. Wer z. B. ſein halbes Vermogen wegſchenkt, 95 zu einer Zeit, wo er nur einen Sohn hatte, ohne Wahrſcheinlichkeit, einen zweiten zu be⸗ kommen, ſoll der, oder ſein Erbe an ſeiner Statt, die Schenkung anfechten koͤnnen, weil ihm aus einer nachherigen zweiten Ehe noch drei Kinder mehr geboren wurden? Am beſten, man ſetze eine allgemeine Regel feſt, naͤmlich die Haͤlfte des Vermoͤgens zu der Zeit der Schen⸗ kung oder des Abſterbens. 916. Artikel. Vielleicht ließe ſich das Recht des Pflicht⸗ theils ſo weit ausdehnen, als das der geſetzli⸗ chen Erbfolge. Wenigſtens liegt eine Billigkeit darin, daß jede Familie ihre beduͤrftigen Mit⸗ glieder vorzugsweiſe unterſtuͤtze. Die pauvres honteux verdienen auf alle Weiſe die ſorgſame Ruͤckſicht des Geſetzgebers: er ſucht billig auch ihren Verlegenheiten vorzubeugen. Selbſt die Einigkeit in den Familien muͤßte daber gewin⸗ nen, wenn die Glieder noch in entfernteren Gra⸗ 96 den der Verwandtſchaft auf gegenſeitige Huͤlfe ſicher rechnen koͤnnten. Aus dieſen Gruͤnden moͤchte man bei einer Reform der Geſetzgebung den Pflichttheil etwa auf ein Viertheil des Ver⸗ mögens ſetzen, wenn keine Kinder oder Aſcen⸗ denten vorhanden ſind. Auch bei Schenkungen unter Lebenden iſt es ſicher fuͤr den Schenkenden ſelbſt beſſer, dieſen Theil auf unvorhergeſchene Faͤlle zuruͤck zu behalten. Nur der Alimenta⸗ tionscontract koͤnnte bei unvermogenden, beſon⸗ ders alten und ſchwachen Menſchen, eine Aus⸗ nahme machen: allein dieſer iſt eigentlich nach den Grundſätzen der Leibrenten oder der gewag⸗ ten Geſchaͤfte uͤberhaupt zu beurtheilen, wobon weiter unten die Rede ſeyn wird. 921. Artikel. Die Glanbiger der Schenkenden koͤnnen doch wohl die Reduction der Schenkung verlangen, wenn ſie zu einer Zeit vorgenommen ward, wo dem Schenkenden ſeine Inſolvenz ſchon bekannt war. 97 928. Artikel. Der Schenkende muß die Fruͤchte von dem, was den diſponiblen Theil uͤber⸗ ſteigt, erſtatten, und zwar vom Sterbe⸗ tage des Schenkgebers an, wenn die Reductionsklage ein Jahr darauf ange⸗ ſtellt worden; wo nicht vom Tage der Klage an. Dieſe Verfuͤgung möchte auf den Fall zu beſchraͤnken ſeyn, wo der Schenknehmer von der unguͤltigkeit der Schenkung fruͤher ſchon unter⸗ richtet war. Sonſt kann er, als redlicher Be⸗ ſiter, nicht eher verpflichtet ſeyn, die Fruchte zu erſtatten, als bis er durch Anſtellung der Klage von der Unhaltbarkeit ſeines Rechts Wiſ⸗ ſenſchaft erhielt. 929. Artikel. Die vermittelſt der Reduction einzuziehen⸗ den Immohilien fallen in die Maſſe zu⸗ G * 98 ruͤck, frei von den Schulden oder Hypo⸗ theken, womit ſie der Schenknehmer belaſtet haben mag. Sind indeß die Schulden oder Laſten bereits in die Hypothekenbuͤcher eingetragen, ſo haftet das Grundſtuck dafuͤr, und die Maſſe muß ihren Regreß dafuͤr ſuchen, wo ſie kann. 931. Artikel. Die Abfaſſung des Artikels ſetzt voraus) daß uͤberall keine Schenkung Statt finden koͤnne durch uebergabe der Sache von Hand zu Hand, und ohne ſchriftliche Akte. Schwerlich kann dieß des Geſetzgebers Abſicht ſeyn. Münbliche Vertraͤge moͤgen unterſagt werden in Anſehung der Immobilien, in Anſehung kuͤnftiger, inſon⸗ derheit verwickelter Geſchaͤfte, auch, wenn man will, bei Gegenſtänden, die einen gewiſſen Geldwerth überſteigen. Bis auf dieſe Aus⸗ nahmen nach muſſen ſie aber nothwendig Statt 99 finden;— dbas Gegentheil waͤre in dem taͤgli⸗ chen Leben wahre Unmöglichkeit. ———— ueberhaupt enthaͤlt der Coder keine Vor⸗ ſchriften uͤber die Form der Vertraͤge im Allge⸗ meinen. Sie muͤßten bei der Einfuͤhrung in Deutſchland um ſo nothwendiger ergaͤnzt werden, da die Provinzialgeſetze daruͤber meiſtens um⸗ ſtaͤndliche Verfuͤgungen enthalten, die man nicht gut durch eine ſtillſchweigende Uebergehung auf⸗ heben kann. Aber einer großen Reform beduͤr⸗ fen ſie faſt allenthalben: deren bedarf indeß auch die Verfuͤgung des Römiſchen Rechts, die viele fuͤr die jetzigen Zeiten ganz uͤberſtuͤſſige Beſtim⸗ mungen im Detail enthaͤlt. Im Allgemeinen moͤchte man wünſchen, beſtimmtere und einfa⸗ chere Formen vorgeſchrieben zu ſehen, wo mog⸗ lich durch autoriſirte Muſter fuͤr jede der ver⸗ ſchiedenen Gattungen der Vertraͤge, deren das Geſetz beſonders erwaͤhnt. Dabei muͤßten hin⸗ 6 2 ————— 100 langliche, aber nicht zu koſtbare und beſchwer⸗ liche, Beglaubigungsmittel eingeführt werden: bei allen Vertraͤgen, die ein dingliches Recht begruͤnden ſollen, ſchlechterdings die Eintragung in das Hypothekenbuch. Durch Verfuͤgungen der Art würde dem Anlaß zu den meiſten Pro⸗ zeſſen ſicher vorgebeugt: denn gewöhnlich ent⸗ ſtehen Prozeſſe uͤber die Erfuͤllung von Vertraͤ⸗ gen nur aus einer irrigen Meinung von der Na⸗ tur, dem umfang und den Folgen der eingegan⸗ genen Verbindlichkeit. Ließe ſich dieſe heben durch eine beſtimmte, gemeinfaßliche Art des Ausdrucks, ſo wuͤrde ſelbſt der Keim zu Strei⸗ tigkeiten groͤßtentheils erſtickt. Dieſe Forderun⸗ gen möchte das beſonders erlaſſene Geſetz uͤber die Form der Vertraͤge fuͤr Frankreich in dem 258ſien Buͤlletin der Geſetze nicht ganz erfuͤllen: auch duͤrfte der ganze, ſelbſt jetzt noch wenig veraͤnderte Formular⸗Vortrag der Franzoͤſiſchen gerichtlichen Akten ſich zur Rachahmung in Deutſchland ſo wenig empfehlen, als der i 10I Saͤchſiſche und zum Theil der Preußiſche Ge⸗ ſchaͤftsſtyl. 945. Artikel. Es ſcheint doch nicht, daß die Schenkung unguͤltig ſeyn muͤſſe, wenn ſie an die Bedingung geknpft waͤre, eine Schuld oder Laſt abzutra⸗ gen, die zwar zur Zeit der Schenkung noch nicht vorhanden war, aber doch ſchon in Anſehung der Quantitaͤt beſtimmt war, wenigſtens ſich ſchaͤtzen ließ. Warum ſollte man nicht einen dem Schenknehmer gut gelegenen Landſee ver⸗ ſchenken koͤnnen, unter der Bedingung, an der Daͤmmung verhaͤltnißmaͤßig Theil zu nehmen, wenn dieſe einſt vorgeſchlagen wuͤrde? Der Grund der Verfuͤgung kann nur ſeyn, die Un⸗ gewißheit zu vermeiden, die aus einer unbe⸗ ſtimmten Laſt entſtehen kann: wo dieſe Betrach⸗ tung wegfaͤllt, da hoͤrt auch billig die Beſchraͤn⸗ kung auf. 103 948. Artikel. Die Abſchaͤtzung der geſchenkten Mobiliar⸗ Stuͤcke darf, in Ruͤckſicht auf den Zweck dieſer Verfuͤgung, nicht einſeitig oder bloß willkuͤhr⸗ lich von dem Schenknehmer geſchehen: ſie muß nach den vorgeſchriebenen allgemeinen geſetzlichen Regeln vorgenommen werden. . 932. Artikel. Ein geſchenktes Grundſtuͤck kann nicht frei von Hypotheken zuruckfallen, wenn nicht der Vertrag, wodurch das bedungen ward, in das Hypothekenbuch eingetragen iſt. Nur durch dieſe Eintragung wird die Befugniß des Schenk⸗ nehmers, als jetzigen Eigenthuͤmers, das Grund⸗ ſtuͤck zu belaſten, gultig beſchräͤnkt. Sie hat die Wirkung, daß keine ſpaͤtere Belaſtung anders als bedingterweiſe kann eingetragen werden: waͤre das unterblieben, und die Hypothek waͤre ſchlechthin eingetragen, ſo könnte auch das Grundſtuck nicht wieder frei zuruͤckfallen, ohne 103 Nachtheil fuͤr die uͤber alles wichtige Zuberlaͤſſig⸗ teit der Hypothekenbuͤcher. 956. Artikel. Die Art der harten Beſchimpfungen, um derentwillen eine Schenkung als wegen Undank kann widerrufen werden, waͤre wohl genauer zu beſtimmen. Natuͤrlich iſt dabei auf die perſoͤn⸗ lichen Verhaͤltniſſe zu ſehen, weil eine Beſchim⸗ pfung hart gegen den einen ſeyn kann, die es nicht gegen einen andern iſt. Auch verſteht es ſich von ſelbſt, daß Beſchimpfungen, die das Geſetz als Retorſion überſieht, eine ſolche Klage auf Widerruf wegen Undank nicht begruͤnden. 960 bis 966. Artikel. Den Widerruf einer jeden Schenkung zwiſchen Lebenden, wegen der nachher erfolgten Geburt eines rechtmaͤßigen Kindes oder der ver⸗ mittelſt einer nachherigen Ehe erfolgten Legiti⸗ mation eines unehelichen, ſeit der Schenkung 104 gebornen Kindes, hat der Geſetzgeber ſchwerlich ſo allgemein und unbedingt geſtatten wollen, als der Buchſtabe des Geſetzes es beſagt. Hiernach muͤßte ſich Jeder Geſchenke, auch die unbedeu⸗ tendſten von Perſonen verbitten, die nicht uͤber die Jahre des Kinderzeugens und Kindergebaͤh⸗ rens ganz hinaus waͤren: denn wer wollte ſich einer ſolchen Unſicherheit des Eigenthums aus⸗ ſetzen? Die Unzutraͤglichkeiten, die aus der An⸗ wendung dieſes Geſetzes in dem taͤglichen Verkehr entſtehen muͤſſen, ſind zu einleuchtend, um eini⸗ gen Zweifel uͤbrig zu laſſen, daß dieſe Verfuͤgung einer genauern Beſtimmung beduͤrfe. 968. Artikel. Daß Ehegatten, die kinderlos ſind, ein gegenſeitiges Teſtament errichten, wor⸗ in ſie einander zu Erben einſetzen, iſt in den mei⸗ ſien Deutſchen Laͤndern hergebracht. Ueberhaupt betrachtet duͤrften dieſe Art Teſtamente Beguͤnſti⸗ gung verdienen; wenigſtens ſcheint ihnen kein 105 erheblicher Rechtsgrund im Wege zu ſtehen. Die Verfuͤgung des 1094. Artikels ſtimmt auch im Weſentlichen hiermit uͤberein, und ſcheint, wenn man auf den Geiſt der Geſetzgebung ſieht, mit dem ausdruͤcklichen Verbot im 1097. Artikel in Widerſpruch zu ſtehen. g31 Nach der ſonſt allgemein angenommenen rechtlichen Analogie duͤrfte die Solenniſirung eines Teſtaments durch einen Notar und zwei Zeugen hinlaͤnglich ſeyn, oder durch zwei No⸗ tare, weil jeder von dieſen als Amtszeuge ange⸗ ſehen wird. Dagegen moͤchte es nicht uͤberfluͤſſig ſeyn, zu verfuͤgen, daß nicht nur der Notar, ſondern auch die Zeugen in dem Teſtament ausdruͤcklich benannt wuͤrden, mit Bezeichnung ihres Amts, Gewerbes oder buͤrgerlichen Lage. Dieſe Be⸗ merkung gilt von allen Zeugniſſen unter einer 106 rechtlichen Akte ohne Ausnahme: der Grund be⸗ darf keiner weiteren Ausfuͤhrung. 972. Artikel. Daß das Teſtament dem Teſtator vorgeleſen werde, iſt nothwendig: allein daß die Vorleſung in Gegenwart der beiden Zeugen geſchehe, moͤch⸗ te zuweilen bedenklich ſeyn. Der Notar iſt von Amtswegen zur Verſchwiegenheit verpflichtet: die Zeugen ſind es nicht. Sollte ihnen Still⸗ ſchweigen auferlegt werden, ſo wuͤrde es eines Eides beduͤrfen, womit man doch alle Urſache hat ſparſam zu ſeyn. Waͤre es nicht hinlaͤng⸗ lich, wenn der Rotar es dem Teſtator insge⸗ heim vorlieſt, da man ihm doch auf ſeinen Amtseid zutrauen kann, er werde vorleſen, was geſchrieben ſteht? Geſetzt aber, er wolle be⸗ truͤgen, was hindert ihn, in Gegenwart der Zeugen etwas anderes zu leſen, als was geſchrie⸗ ben ſteht? 107 Vielleicht waͤre es beſſer, zu verfuͤgen, daß der Notar dem Teſtator das Teſtament in Ge⸗ genwart der Zeugen uͤbergeben muͤßte, um es ſelbſt zu leſen, und es alsdann ſogleich in ihrer aller Gegenwart zu unterzeichnen. Nur wenn er nicht leſen kann, wuͤrde der Notar es vorleſen, und dann waͤre auf der Akte zu bemerken, daß der Teſtator nicht leſen koͤnne, welches auch durch der Zeugen Unterſchrift mit beſütiget wuͤrde. 976. Artikel. Daß ein geheimes Teſtament dem Notar we⸗ nigſtens vor ſechs Zeugen muͤſſe uͤbergeben wer⸗ den, ſcheint kaum nöthig zu ſeyn. Wenn zur Beglaubigung überhaupt ein Notar und zwei Zeugen hinreichend ſind, ſo dürften ſie es auch ſeyn, um die Thatſache zu erhaͤrten, daß der Teſtator erklaͤrt habe, das Teſtament waͤre von ihm unterſchrieben. Wollte man noch mehr Förmlichkeit, ſo mochte es zweckmaͤßiger ſeyn, 108 daß der Teſtator auf dem Blatt oder Papier, das zum Umſchlag dient, in Gegenwart des Ro⸗ tars und der Zeugen ſelbſt ſchriebe, daß das verſchloſſene und verſiegelte Teſtament ſeine wahre letzte Willenserklaͤrung ſey. Dieſe eigen⸗ haͤndige Beſcheinigung kaͤme dann in die Auf⸗ ſchriftsacte des Notars, und dadurch wuͤrde der moͤgliche Zweifel an der Aechtheit des Teſtaments vollkommener gehoben, als durch die Gegenwart mehrerer Zeugen. ueberhaupt ſcheint es bedenklich, zu einem Akt eine groͤßere Anzahl von Beglaubigungszeu⸗ gen zu verlangen als zu einem andern. Der Grund der ganzen Einrichtung beruhet nur auf die Meinung: in dieſer Ruͤckſicht möchte es in der That gefaͤhrlich ſeyn, wenn der Geſetzgeber die Wahrſcheinlichkeit eingeſteht, daß zwei 3eu⸗ gen nicht zur Beſcheinigung hinreichten, da man doch bei weitem in den meiſten Faͤllen ſich mit 5 ſenn dieſer Zahl begnuͤgt und ſo oft begnͤgen muß. 109 994. Artikel. Es kann Faͤlle geben, wo der Teſtator auf einem Schiffe, das angelandet iſt, dennoch an⸗ zuſehen iſt, als wenn er noch auf der Seereiſe waͤre: naͤmlich, wenn er aus irgend einer Urſa⸗ che das Schiff nicht verlaſſen kann, oder nicht verlaſſen darf. Alsdann wuͤrde auch ſein Teſta⸗ ment nach denſelben Regeln zu beurtheilen ſeyn, als wenn es auf der See gemacht waͤre. 1019. Artikel. Wenn die neuen Erwerbungen zu dem ver⸗ machten Gut dergeſtalt geſchlagen ſind, daß ſie ein unzertrenntes Ganze ausmachen ſollen, ſo duͤrften ſie allerdings mit zu dem Vermaͤchtniß gehoͤren. Dieſe Beſtimmung ſcheint dem praͤ⸗ ſumtiven⸗ Willen des Teſtators am angemeſſenſten zu ſeyn; und darauf koͤmmt es eigentlich hier⸗ bei an. ro38. Artikel. Wenn die vermachte, nachher veraͤußerte 4105 Sache dein Teſtator durch einen Zufall oder auf eine ſolche Art wieder anheim faͤllt, die keine Verpflichtung fuͤr ihn mit ſich bringt, z. B. durch Schenkung, ſo iſt das Vermaͤchtniß als widerrufen anzuſehen. Hat hingegen der Teſta⸗ tor die Sache durch einen laͤſtigen Vertrag wie⸗ der an ſich gebracht, ſo moͤchte das Vermaͤcht⸗ niß wieder aufleben, weil man annehmen duͤrfte, er habe ſeine letztere Meinung greaͤndert und die erſte wieder angenommen. 1o39. Artikel. Sollte es nicht im zweifelhaften Fall der Abſicht des Teſtators gemaͤß ſeyn, daß die Er⸗ ben in des verſtorbenen Legatars Stelle treten? Das Gegentheil ſcheint nur Statt finden zu muͤſ⸗ ſen, wenn der Teſtator es ausdrucklich erklaͤrt, oder ſtillſchweigend durch eine Clauſel oder Be⸗ zeichnung, die ſich offenbar auf individuelle Ei⸗ genſchaften des Legatars bezieht, z. B. wenn er einem bekannten Aſtronomen einen aſtronömiſchen 111 Apparat zu ſeinen Obſerbativnen vermacht. Man kann freilich ſagen, des Aſtronomen Erben wuͤr⸗ den gleichwohl die Inſtrumente bekommen haben, wenn der Teſtator fruͤher geſtorben waͤre; allein dann haͤtte er ſich in der Unmoͤglichkeit befunden, uͤber ſein Vermaͤchtniß anders zu disponiren, und auch ſeinen Zweck bei dem Vermaͤchtniß in der That erreicht. 1088. Artikel. Wenn der Schenkgeber ſtirbt, ehe die Hei⸗ rath, zu deren Vortheil er die Schenkung mach⸗ te, erfolgte, ſo iſt zwar die Schenkung noch nicht faͤllig: der Schenknehmer iſt aber befugt, von dem Erben des Schenkgebers Sicherheit zu fordern fuͤr die Gewaͤhrung auf den Fall, daß die Heirath erfolge. Eben dies gilt von jeder anderen Bedingung, die der Schenkung beigefüͤgt iſt, unter gleichen Umſtaͤnden. Dritter Titel. Vhen den Contrakten. rrog. Artikel. Die Form des Vertrags iſt unter den we⸗ ſentlichen Bedingungen der Guͤltigkeit ausgelaſ⸗ ſen. Dies ſcheint dem Geiſt der Geſetzgebung nicht angemeſſen, weil die Gewißheit der Rechte an die Beobachtung der vorgeſchriebenen Formen weſentlich geknuͤpft iſt, und geknuͤpft ſeyn muß, wenn man anders einen irgend ſicheren Faden zur Entſcheidung der Prozeſſe haben will. Man ſcheint dieſen Mangel nachher in Frankreich ge⸗ fuͤhlt zu haben, und erließ ein beſonderes Geſetz uͤber die Form der Vertraͤge. Bei der Einfuͤh⸗ rung des Codex in Deutſchland wuͤrden die Ver⸗ fuͤgungen hier einzuſchalten ſeyn, die man in dieſer Ruͤckſicht zweckmaͤßig faͤnde. 1TI2. Artikel. Es iſt nothwendig, bei Beurtheilung der 113 Wirkung des Zwanges auf das Individuum Ruͤckſicht zu nehmen, gegen welches er ausgeuͤbt ward. Korperliche und geiſtige Verſchiedenheit iſt hier zu groß und mannigfaltig, um irgend allgemeine Regeln zuzulaſſen. Der Geſetzgeber muß der Einſicht und Redlichkeit des Richters vertrauen. 1124. Artikel. Es moͤchte nicht uͤberflͤſſig ſeyn ausdruͤck⸗ lich zu bemerken, daß auch diejenigen unfaͤhig ſind zu contrahiren, die ihre Einwilligung nicht in der geſetzlichen Form geben koͤnnen, oder von denen das Geſetz annimmt, daß ſie es nicht koͤn⸗ nen. Vielleicht iſt der geuͤbte Trinker auch in dem Moment des hoͤchſten Rauſches nicht unfaͤ⸗ hig ſeinen Willen zu erklaͤren. Aber das Geſetz darf eine ſolche Staͤrke nicht vorausſetzen; es muß ſich nach der Mehrheit der Faͤlle richten, den Unbeſonnenen in dem Stande der Sinnloſig⸗ keit vor Schaden huͤten, und den Hinterliſtigen hindern, ſeine Schwaͤche zu mißbrauchen. 5 114 1153. Artikel. In ſo fern der Werth des Zahlmittels ſich veraͤndert haben ſollte, wie z. B. bei verſchrie⸗ benen beſonderen Muͤnzſorten durch das Verhaͤlt⸗ niß des Goldes zum Silber oder auf andere Weiſe, hat der Verpflichtete auch den dadurch entſtandenen Schaden zu erſetzen, zu dem die verzoͤgerte Erfuͤllung ſeiner Verbindlichkeit An⸗ laß gibt. Eben dies gilt von anderen zufalligen Umſtaͤnden, die eine dem Berechtigten nachthei⸗ lige Wirkung hervorbringen koͤnnen, z. B. ein koſtbarerer Transport durch Hemmung des zur Verfallzeit noch fahrbaren Weges. Die Schad⸗ loshaltung muß immer vollſtäͤndig ſeyn, und der Geſetzgeber wendet billig alle Mittel an, die in ſeiner Hand ſtehen, um den Verpflichteten zu bewegen, daß er ſeine Verbindlichkeit zur rech⸗ ten Zeit erfuͤlle. Vorbeugungsmaßregeln der Art empfehlen ſich in der buͤrgerlichen Geſetzge⸗ bung, wie in der peinlichen; und das iſt des 115 Geſetzgebers groͤßte Kunſt, zu machen, daß man das Geſetz nicht uͤbertrete. 1154. Artikel. Das Verbot Zinſen von Zinſen durch Ueber⸗ einkunft zu nehmen, mochte doch auf gute Gruͤn⸗ de beruhen. Zwar iſt die Verabredung nicht un⸗ gerecht an ſich; aber ſie fuͤhrt zu leicht zu Miß⸗ braͤuchen, inſonderheit zu wucherlicher Vervor⸗ theilung. Der Wucher iſt ein bloß buͤrgerliches Uebel: der Geſetzgeber iſt daher berechtigt, die natuͤrlichen Geſetze zu modificiren, um vorzu⸗ beugen. 1159. Artikel. Oft kann die Zweideutigkeit mit dem Erfolg auch nach dem ausgelegt werden, was zwiſchen den contrahirenden Perſonen gebraͤuchlich iſt. Die⸗ ſer Fall tritt ein bei Handelsgeſchaͤften und aͤhn⸗ lichen Gegenſtaͤnden, die nach einer gewiſſen Ter⸗ minologie behandelt werden. Auch fließt daraus H2 116 eine ſehr fruchtbare Auslegungsregel der ſpaͤte⸗ ren Vertraͤge in Beziehung auf die fruͤheren. 1162. Artikel. Im Zweifel wird der Vertrag gegen den⸗ jenigen, der ſtipulirt hat, und zum Vortheil deſſen, der ſich verbinblich ge⸗ macht hat, ausgelegt. Dieſe Regel moͤchte doch nicht immer der Natur des Vertrags entſprechen. Man kann annehmen, daß niemand ſich zu etwas ohne Grund verbindlich macht. Es iſt alſo immer ein Gleichgewicht, wie ſehr auch der Vortheil einſeitig ſcheinen mag. Daher duͤrfte jene Re⸗ gel wenigſtens der allgemeineren unterzuordnen ſeyn, daß die Auslegung ſo zu machen ſey, daß das Hauptgeſchaͤft, worauf ſich der Vertrag be⸗ zieht, in Erfuͤllung gehe. 1186. Artikel. Aber auch der Schuldner, der vor dem be⸗ 117 ſtimmten Termin bezahlen will, kann von ſeinem Glaͤubiger nicht fordern, daß er die Zahlung fruͤher annehme, ſelbſt dann nicht, wenn er ihm das etwannige Intereſſe praſtiren wollte. Ihm bleibt dann kein anderes Mittel, als die gericht⸗ liche Depoſition, wenn er ſich etwa von der Ge⸗ fahr der Aufbewahrung befteien will. 1205. Artikel. Die Natur der ſolidariſchen Verbindlichkeit duͤrfte es mit ſich bringen, daß alle Schuldner auch zur Schadloshaltung verpflichtet ſind, wenn gleich nur durch des einen Schuld die Sache zu Grunde gegangen waͤre. Zwar litten als⸗ dann die anderen gewiſſermaßen durch eine frem⸗ de Handlung; aber der Hauptgeſichtspunkt, die möglichſte Sicherheit des Glaͤubigers, will es nicht anders. Wo das Geſetz aus uͤberwiegen⸗ den Gruͤnden dieſe Beſtimmung der Verbindlich⸗ keit zulaͤſſig findet, muß es auch jenen Zweck vor allen Dingen vor Augen haben. 118 12rr. Artikel. Eine Klage auf den einzelnen Antheil eines Mitſchuldners koͤnnte wohl der Richter bei einer ſolidariſchen Verbindlichkeit nicht annehmen, als der Natur derſelben widerſprechend. 2. Artitel. In Deutſchland findet die theilweiſe Zahlung einer theilbaren Schuld im Allgemeinen Statt. Nach der Verfuͤgung dieſes Artikels ſoll der Schuldner ſich nicht darauf berufen koͤnnen: aber der Richter mag ihm maͤßige Zahlungsfri⸗ ſten geſtatten, und die Exekution aufhalten, waͤhrend alles im bisherigen Stande bleibt. Das Geſetz ſagt ferner, der Richter ſolle von dieſer Befugniß einen ſehr behutſamen Gebrauch machen. Im Ganzen verdient eine ſolche Nachſicht keine Beguͤnſtigung, weil ſie dem Allgemeinen verhaͤltnißmaͤßig mehr ſchadet, als ſie durch die 119 Erhaltung des Einzelnen nutzt. Allein die Sa⸗ che aͤndert ſich, wenn beide Theile im Grunde dabei gewinnen, und dieß iſt hier der Fall. Einzelne Glaͤubiger mögen dabei gewinnen, wenn ſie durch Verweigerung der Annahme theilweiſer Zahlung den Schuldner zum Concurs bringen: fuͤr die Maſſe aller Glaͤnbiger iſt die theilweiſe Zohlung unter allen umſtaͤnden Gewinn, auch bei einer bedraͤngten Lage des Schuldners. Nur dann wuͤrde das eine Ausnahme leiden, wenn die Sicherheit fuͤr das Ganze durch die theil⸗ weiſe Zahlung ſo vermindert wuͤrde, daß fuͤr die uͤbrig bleibende Schuld nicht mehr dieſelbe ver⸗ haͤltnßmaͤßige Sicherheit hafte. Dieſem Ein⸗ wand laͤßt ſich durch die Abfaſſung des Geſetzes vorbeugen. Unter dieſen Beſtimmungen duͤrfte die bis⸗ herige Geſetzgebung den Vorzug verdienen. Es iſt in jeder Ruͤckſicht ein gefährliches Mittel, dem Richter eine ſolche Willkuͤhr einzuräumen, 120 als hier geſchieht. Nur da darf der Geſetzgeber ſie beſtehen laſſen, wo die Natur der Sache eine beſtimmte Entſcheidung nicht zulaͤßt: er muß dem Richter ſelbſt die Veranlaſſungen erſparen, von Leidenſchaft oder perſoͤnlicher Neigung in Verſuchung gefuhrt zu werden. 1258. Artikel. Will der Glaͤubiger die vor dem Verfallöter⸗ min angebotene Zahlung nicht aunehmen, ſo muß der Schuldner das Intereſſe praſtiren. Thut er dieß, ſo muß der Glaͤubiger die fruͤhere Zahlung annehmen, oder ſich die Hinterlegung gefallen laſſen. Es iſt Mißbrauch des Rechts, wenn man ſich deſſen bedient, um einem Andern ohne vernuͤnftigen Grund wehe zu thun. 1260. Artikel. Wenn die Hinterlegung vor der Verfallzeit geſchieht, etwa um bei einer Reiſe der Gefahr der Aufbewahrung uberhoben zu ſeyn, oder aus 121 ähnlichen Gruͤnden, ſo traͤgt billig der Schuld⸗ ner die Koſten der Hinterlegung, weil er den Vortheil davon hat. 1282. Artikel. Es moͤchte doch der Gewißheit der Rechte zutraͤglicher ſeyn, und manchen unangenehmen Prozeſſen vorbeugen, wenn zur Erlaſſung der Schuld auſſer der Zuruͤckgabe der Handſchrift, auch eine ausdruͤckliche Quittung erfordert wird. 1296. Artikel. Weil die guͤtliche Zahlung einer Schuld unter allen Umſtaͤnden moͤglichſt zu erleichtern iſt, ſo wuͤrde es der Analogie dieſer Verfuͤgung gemaͤß ſeyn, die Compenſation gleich liquider und zu gleicher Zeit verfallener Forderungen zuzulaſſen, wenn auch in Anſehung der Groͤße der Schuld, der Muͤnzſorte und anderer Umſtaͤnde eine Ver⸗ ſchiedenheit Statt faͤnde, die ſich durch Praͤſta⸗ tion des Intereſſe ausgleichen ließe. Dieſer all⸗ 122 gemeine Grundſatz iſt ſehr fruchtbar in der An⸗ wendung auf alle Zahlungen, die unter Mitwir⸗ kung der Gerichte geſchehen. 1333. Artikel. Mit den Kerbhoͤlzern haben alle gegenſeitige Anfuͤhrungen gleiche Rechte und Wirkſamkeit. Auch die Contra⸗Buͤcher oder Abrechnungsbuͤcher gehoͤren hierher. Sie beweiſen gegen den, wel⸗ cher die Anzeichnung darin ſchreibt, vollkommen: und gegen den, in deſſen Verwahrſam ſie ſind, ſo lange er nicht ihre Unrichtigkeit darthun kann. 1353. Artikel. Die außergeſetzlichen Vermuthungen koͤnnen ſchwerlich bloß auf die Fälle eingeſchraͤnkt wer⸗ den, bei welchen das Geſetz den Zeugen⸗Beweis zulaͤßt, und auf die Angreifung eines Akts we⸗ gen Betrug oder Argliſt. Man muß auf Ver⸗ muthungen zuruͤckgehen, ſobald die Beſtim⸗ mung in einem Document irgend eine Ungewiß⸗ 123 heit uͤber den Sinn und die Abſicht der intereſ⸗ ſirten Parteien uͤbrig laͤßt. Der Coder Napo⸗ leon ſelbſt enthaͤlt mehrere Beiſpiele der Art. . Bei einer Reform der Geſetzgebung waͤre es ſehr heilſam, man moͤchte ſagen nothwendig, die Lehre von dem Gebrauch der Eide weſentlich zu veraͤndern. Auch in dem Coder Napoleon iſt ſie meiſtentheils noch der bisherigen Form gemaͤß, welche zugeſchobene und zuruͤckgeſchobene Eide zulaͤßt. Das kann nicht geſchehen, ohne die Moralitaͤt einer der Parteien mehr als zwei⸗ felhaft zu machen, und ohne die Parteien ei⸗ ner Verſuchung auszuſetzen, der ſie wohl nur zu oft unterliegen. Warum ſoll der Geſetz⸗ geber ein ſo gefaͤhrliches Mittel gebrauchen, wovon er beinahe gewiß ſeyn kann, daß es in den meiſten Faͤllen ein ſehr unſicheres Reſul⸗ tat gibt. 124 Soll der Eid wirklich die Brauchbarkeit er⸗ halten, die er haben kann, als Mittel zur Er⸗ forſchung der Wahrheit, wo es kein anderes gibt, ſo kann man nur eine Gattung zulaſſen: naͤmlich die, welche der Richter von Amtswegen auflegt. Das Geſetz gebiete den Parteien, ſich gleich anfangs zu erklaͤren, wie weit ſie, in Ermangelung anderer Beweiſe, ihre Behauptun⸗ gen beeidigen koͤnnen oder nicht. Alsdann ſuche der Richter alle Beweismittel auf, die den Eid entbehrlich machen konnen; iſt er nicht zu ver⸗ meiden, ſo waͤge er gewiſſenhaft ab, auf wel⸗ cher Seite die uͤberwiegende Wahrſcheinlichkeit iſt, die ungewiſſe Sache ſo, wie es ſeyn ſoll, durch den Eid auf das Reine zu bringen. Er ent⸗ ſcheide, wer ſchworen ſolle, und beſtimme ge⸗ nau, was beſchworen werden ſoll. Nur auf dieſe Weiſe mag der Eid ein vollgultiges Beweis⸗ mittel werden, ſo weit die menſchliche Natur uͤberhaupt Gewißheit geben kann: dann erhaͤlt der Eid auch das echte Geprage der Religioſität, 125 das dem Geſetzgeber in mehr als einer Ruͤckſicht heilig ſeyn muß. Vierter Titel. Von den Verbindlichkeiten, die ohne Ver⸗ trag entſtehen. 1386. Artikel. Fuͤr den Schaden, der durch den Einſturz eines Gebaͤudes wegen eines Baufehlers verur⸗ ſacht wird, ſollte der Baumeiſter verantwortlich ſeyn, wenn er freie Haͤnde gehabt hat. Soll aber der Eigenthuͤmer zunaͤchſt haften, ſo muß er doch auf allen Fall gegen den Baumeiſter ſei⸗ nen Regreß nehmen koͤnnen. — —— 126 Fuͤnfter Titel. Von dem Ehe⸗Contract und den gegenſeitigen Rech⸗ ten der Ehegatten. 1391. Artikel. Die Erklaͤrung der Ehegatten, ob ſie die Guͤtergemeinſchaft unter ſich einfuͤhren wollen, oder das Brautſchatz⸗Syſtem, oder daß Guͤter⸗ Trennung unter ihnen Statt haben ſoll, muß in die Hypotheken⸗Buͤcher oder Contracten⸗Proto⸗ colle eingetragen werden. Ein jeder, der mit einem von ihnen in Geldverbindungen ſteht, muß ein untruͤgliches Mittel haben, zu wiſſen, woran er damit iſt; auch dann, wenn die Che⸗ leute keine Grundſtücke beſitzen. Man muß alſo auch fuͤr den letztern Fall ein öffentlich beglau⸗ pigtes Protokoll haben, woraus man ſich dar⸗ uͤber belehren kann. Will man eigene Schuld⸗ und Pfand⸗Protocolle fuͤr bewegliche Guͤter einfuͤhren, ſo werden dieſe Contracte darin ver⸗ 127 zeichnet; wo nicht, ſo iſt in Vezirken von ange⸗ meſſenem Umfange ein authoriſirtes Contracten⸗ Protokoll zu halten, fuͤr ſolche und andere Ver⸗ traͤge, die das Vermoͤgen auf kuͤnftige Zeit be⸗ treffen und auch fuͤr einen Dritten rechtliche Wir⸗ kungen haben. 1395 Artie. Es muß den Ehegatten doch erlaubt ſeyn, waͤhrend der Ehe beides die Guͤtergemeinſchaft unter ſich einzufuͤhren und wieder aufzuheben; nur daß die Vereinbarung gehörig protocollirt werde, und daß die bereits erworbenen Rechte eines Dritten nicht darunter leiden. Unter die⸗ ſen Modiſicationen ſcheint kein rechtlicher Grund der freien Dispoſition uͤber das Vermoͤgen der Ehegatten im Wege zu ſtehen. 1399. Artikel. Wenn der Contract nur gehorig protocollirt iſt, ſo wuͤrde nichts im Wege ſeyn, daß die 128 Guͤtergemeinſchaft auch an einem andern Tage anfange, als an dem, an welchem die Ehe ge⸗ ſchloſſen worden. Ein Dritter kann alsdann nie darunter leiden, weil ſeine fruͤher erworbe⸗ nen Rechte ohnehin geſichert bleiben, und er ſich aus dem Protocoll ſtets von dem unterrichten kann, was ihn intereſſirt. 1422. Artikel. Daß der Mann in der Guͤtergemeinſchaft einzelne Stucke des Mobiliarvermoͤgens verſchen⸗ ken kann, an wen er will, in ſo fern er ſich nur nicht die Nutznießung derſelben vorbehaͤlt, ſcheint mit der Vorſchrift des Art. 960, der alle und jede Schenkungen wegen nachgeborner Kinder widerruft, in offenbarem Widerſpruch zu ſtehen. Man duͤrfte daraus einen neuen Beweis herleiten, daß die Abfaſſung des Art. 960 der Abſicht des Geſetzgebers nicht entſpreche. 129 1424. Artikel. Die Natur der Guͤtergemeinſchaft bringt wohl eine vollkommene Reciprocitaͤt mit ſich: die Geldſtrafen, welche die Frau verwirkt hat, woͤchten daher eben ſo wohl aus den Gütern der Gemeinſchaft beizutreiben ſeyn, als die, welche der Mann verwirkt hat. 1445. Artikel. Die Guͤte ens der Eheleute muß auch in das Hybbthekenbuch uͤber bewegliche Guͤter, oder in das Contracten Protocoll eingetragen werden, worin andere die Gütergemeinſchaft be⸗ treffende Erklaͤrungen eingetragen ſind. 1451. Artikel. Rechtliche Gruͤnde ſcheinen doch nicht zu verbieten, daß die Guͤtergemeinſchaft bei der Wiedererneuerung unter andern Bedingungech als die vorigen, geſchloſſen werde. Durch die 130 protocollirte Aufhebung iſt mit den fruͤhern Glaubigern abgerechnet; ihre Anſpruche bleiben ihnen immerfort, ſo fern ſie nicht nachher abge⸗ macht ſind. Spaͤtere Glaͤubiger ſind offenbar an die Bedingungen des erneuerten Contracts der Eheleute gebunden, die ſie aus dem Proto⸗ coll fik koͤnnen. 1471. Artikel. Es verſteht ſich jedoch von ſelbſt, daß die Frau nur dann ihr Eingebrachtes orzugsweiſe auf die gemeinſchaftlichen unbeweglichen Guͤter erheben kann, wenn die Forderung in das Hy⸗ pothekenbuch eingetragen iſt. Auch geht, nach der Natur hypothekariſcher Verſchreibungen, die alter eingetragene Schuld jederzeit vor. 1522. Artikel. Es ſteht alſo in dieſem Fall den Erben nicht mehr frei, die Zahlung der verabredeten Summe von ſich abzulehnen, indem ſie erklaͤren, nun in der Guͤtergemeinſchaft bleiben zu wollen. Sechster Titel. Von dem Kauf und Verkauf. 1582. Artikel. Der Verkauf kann durch einen authenti⸗ ſchen Akt oder durch eine Privatver⸗ ſchreibung gemacht werden. Aus dieſer Alternative ſcheint zu folgen, daß kein Verkauf muͤndlich koͤnne geſchloſſen werden. Unmoglich kunn dieß des Geſetzgebers Abſicht ſeyn. Der Artikel wird alſo einer genaueren Beſtimmung beduͤrfen, die etwa nach der Be⸗ ſchaffenheit der Gegenſtaͤnde, des Werths, der Bedingungen die Faͤlle angeben wuͤrde, wo ein ſchriftliches Inſtrument zu verfaſſen waͤre. Oz J 2 132 1614. Artikel. In Anſehung der Fruͤchte moͤchte eine ge⸗ nauere Beſtimmung erforderlich ſeyn, je nach⸗ dem die Zeit der Erhebung verſchieden iſt. Die geſetzliche Vermuthung ſtreitet wohl am richtig⸗ ſten fuͤr den Kaͤufer von dem Termin der letzten Erhebung an. Wollen die Parteien davon abge⸗ hen, ſo mogen ſie es in dem Contract beſtim⸗ men: aber Provinzialſtatuten oder Gewohnheiten können nichts dagegen entſcheiden. 1617. Artikel. Sollte der Flaͤcheninhalt nach einem beſtimm⸗ ten Maß beſtimmt ſeyn, zugleich aber durch die Bezeichnung der Graͤnzen, ſo iſt, bei einer be⸗ fundenen Verſchiedenheit der Maße, anzuneh⸗ men, daß das Maß die Hauptbeſtimmung ſey, wenn der Preis zu ſo und ſo viel das Maß beſtimmt iſt, hingegen die Graͤnzbeſtimmung die Richtſchnur abgebe, wenn der Preis fuͤr 133 das Gut im Ganzen beſtimmt iſt, und das Maß gleichſam nur als Beſchreibung angefuͤhrt wird. 1619. Artikel. Wenn aber nach der Bemerkung zu dem 1617. Artikel die Beſtimmung nach den Graͤn⸗ zen vollkommen erfuͤllt iſt, und die von dem Naße nicht zutrifft, ſo iſt keiner von beiden Theilen berechtigt, wegen der Differenz der Maße Anſpruͤche zu machen. 1637. Artikel. Auch wenn nur ein Theil des verkauften Grundſtuͤcks evincirt wird, kann der Fall ſo be⸗ ſchaffen ſeyn, daß der Kaͤufer dadurch zur Auf⸗ hebung des Kaufs berechtigt wird. Allemal iſt die Abſchaͤtzung des Werths des evincirten Theils mit Ruͤckſicht auf den Werth des Ganzen zu machen, und auf das Verhaͤltniß, worin die⸗ 134 ſer Theil zu dem Ganzen und deſſen Benutzung ſteht. 1648. Artikel. Es mochte angemeſſener ſeyn, die Friſt zur Anſtellung der Klage, welche aus Haupt⸗ maͤngeln der verkauften Sache entſpringt, nach einer gewiſſen Zeit zu beſtimmen, welche ſich nach der Veranlaſſung richtet, die der Kaͤufer nach dem natuͤrlichen Gang der Dinge haben konnte, von den Fehlern unterrichtet zu werden. Auf den Ortsbrauch verweiſen, ſcheint immer unſicher. Die Parteien koͤnnen ihn ſanctioniren durch ausdruckliche Verabredung; kleine Ver⸗ kaͤufe von Hand zu Hand ſind nach den Polizei⸗ ordnungen zu beurtheilen. 1559. Artikel. Das Wiederkaufsrecht wird nie vermuthet; es muß immer ausvruͤcklich bedungen ſeyn. 135 Gruͤndet es ſich auf Familienbertraͤge, ſo muͤſſen dieſe in die Hypothekenbuͤcher eingetragen werden. 1660. Artikel. Im Ganzen verdient zwar das Wiederkaufs⸗ recht nicht die Beguͤnſtigung der Geſetzgebung: indeß duͤrfte es den Parteien nicht zu unterſagen ſeyn, auch eine laͤngere, als funfjaͤhrige Friſt zu deſſen Ausuͤbung zu beſtimmen. Das Wiederkaufsrecht waͤre billig nur auf unbewegliche Guͤter einzuſchränken. Bei beweg⸗ lichen iſt es zu leicht Mißbraͤuchen unterworfen, und veranlaßt unangenehme und verwickelte Rechtshaͤndel. 1674. Artikel. Die Klage auf Auflsſung wegen Verletzung iſt hier nur auf unbewegliche Guͤter beſchraͤnkt, und wohl mit Recht. Dagegen wuͤrde ſie nicht bleß bei Verkaͤufen Statt finden, ſondern auch bei dem Tauſch, wo der naͤmliche Grund ein⸗ tritt, obgleich der 1706. Artikel ausdruͤcklich das Gegentheil beſtimmt. 1695. Artikel. Der Cedent haftet auch nur fuͤr die Zah⸗ lungsfaͤhigkeit des Schuldners unter den Bedin⸗ gungen der cedirten Verſchreibung. Geſtattet ihm der Ceſſionar Abaͤnverungen oder Friſten, ſo wird der Cedent befreit, in ſo fern er dieſe nicht ausdruͤcklich genehmigt. 137 — N Sirel. Von dem Mieth⸗Contract. 1714. Artikel. Daraus, daß bei der Vermiethung und Verpachtung ausdruͤcklich die muͤndliche Verein⸗ zugelaſſen iſt, ſcheint zu folgen, daß dieß i Kauf und Tauſch nicht Statt finden ſolle, weil bei dieſen der muͤndlichen Verabredung nicht etwaͤhnt iſt. Eine Beſtimmung uͤber bdieſen Ge⸗ genſtand ſcheint alſo weſentlich nothwendig. Muͤndliche Mieth⸗Contracte duͤrften nicht rathſam ſeyn. Bei dieſem Verhaͤlt iß treten zu viele Colliſtonen ein, zu viele unſichere Ver⸗ pflichtungen, um nicht eine groͤßere Gewißheit durch ſchriftliche Erklaͤrungen wuͤnſchenswerth zu machen. — 138 Verpachtungen von Grundſtuͤcken wenigſtens muͤſſen durchaus nur durch ſchriftliche Vertraͤge geſchloſſen werden, welches jetzt ſchon faſt allent⸗ halben in Deutſchland Statt findet. Bei den Pachtungen der Grundſtuͤcke kom⸗ men ſehr viele und mannigfaltige Verhaͤltniſſe vor in Anſehung des Inventariums, der Ver⸗ beſſerungen, mehrerer Feldarbeiten, ſowohl bei dem Antritt als der Zuruͤckgabe, die nothwendig einer geſetzlichen Beſtimmung beduͤrfen. 1773. Arti te l. Dem Pachter zu geſtatten, auch die unge⸗ woͤhnlichen Zufaͤlle zu uͤbernehmen, mochte be⸗ denklich ſeyn. Es gibt Fälle, wo das Geſetz das Recht der Bevormuͤndung ſo weit erſtrecken tann, ſchaͤdliche Vertraͤge auch dann zu verbie⸗ 139 ten, wenn die Parteien nicht gehorig uberlegen, was ſie thun. Die beſondern Bedingungen, welche bei den auf ſehr verſchiedene Art ausgethanen Erb⸗ pachts⸗ und Emphyteutiſchen Guͤtern in Deutſchland eintreten, beduͤrfen ebenfalls einer genaueren geſetzlichen Beſtimmung. Man kann bei der Einfuͤhrung des Coder Napoleon nicht alle dieſe Vereinbarungen ſtillſchweigend abſchaf⸗ fen wollen; dann wird es deſto nothwendiger, allgemeine Vorſchriften daruͤber zu ertheilen, je groͤßer die Verſchiedenheit war, die bisher dabei Statt hatte. 1780. 1781. Artikel. Wenn die Vorſchriften, welche das Verhaͤlt⸗ niß der Dienſtboten betreffen, nicht etwa einer beſondern Geſindeordnung uͤberlaſſen bleiben, ſo ——— 140 muß dieſer Abſchnitt bei der Einfuͤhrung des Coder in Deutſchland nothwendig umgearbeitet werden. 1782— 1786. Artikel. Dieſer Abſchnitt moͤchte ebenfalls einer groͤ⸗ ßern Ausfuͤhrlichkeit beduͤrfen. Man vergleiche ihn nur mit der Ausführung deſſelben Gegen⸗ ſtandes in dem Preußiſchen Geſetbuch. Auch iſt der Unterſchied der Bearbeitung einzelner Gegenſtaͤnde in dem Coder ſelbſt auffallend. 1801. Artikel. Angemeſſener moͤchte es ſeyn, die verſchie⸗ denen Arten der Viehzucht hier nicht aufzuzaͤh⸗ len, weil die Aufzaͤhlung doch nicht vollſtaͤn⸗ dig iſt. Unter andern fehlt hier ganz die in Niederſachſen ſehr bekannte Hollaͤnderei⸗Pacht, nach welcher der Berpachter das Eigenthum behaͤlt, und die Fuͤtterung gibt, der Pächter 141 aber das Vieh huͤtet und pflegt, und die Nutzung ganz gegen einen gewiſſen Zins er⸗ haͤlt, nur daß der Duͤnger dem Verpaͤchter bleibe. Das Inventarium, was zu dieſer Wirthſchaft erforderlich iſt, hat gewoͤhnlich der Verpaͤchter:; zuweilen aber haͤlt auch der Paͤch⸗ ter es ſelbſt. —— Neunter Titel. PVon dem Geſellſchafts⸗Vertrag. 1862. Artikel. Ob die Geſellſchafter ſolidariſch fuͤr die . Geſellſchafts · Schulden haften, kommt auf die Art an, wie der Geſellſchafts⸗Vertrag errich⸗ tet iſt. Im zweifelhaften Fall moͤchte die Vermuthung eher fuͤr die ſolidariſche Verbin⸗ dung ſeyn. 143 Zehnter Titel. Vom Darlehen. 1896. Artikel. Wenn bei einem Geld⸗Darlehen in dem Contract die numeriſche Summe zugleich nach einem gewiſſen intrinſiken Werth beſtimmt iſt, ſo aͤndert ſch dadurch die Art der Wiederer⸗ ſtattung. Der intrinſike Werth muß alsdann zu der Zahlungszeit geleiſtet werden, unange⸗ ſehen, wie die Geldſorten im Werth geſtiegen oder gefallen ſind. Wer ſich z. B. verpflich⸗ tet, 1000 Thlr. zu bezahlen, welche das Stuͤck ſo und ſo viel im Verhaͤltniß zur Mark fein wiegen ſollen, muß das Gewicht praͤſtiren, der Thaler mag nach der Landesmuͤnze noch ſo viel am Gehalt verloren haben. 1905. Artikel. Wenn Zinſen fuͤr ein Darlehen in Waa⸗ ren oder andern beweglichen Sachen gegeben werden, ſo kann man die Zinſen entweder in Quoten von den Sachen nach gleicher Quali⸗ taͤt beſtimmen, oder in Geld. Im letztern Falle muß auch der verzinsbare Hauptſtuhl zu einem beſtimmten Geldwerth angeſchlagen werden. 5 r45 Eilfter Titel. Pon der Hinterlegung und Segueſtration. 1952. Artikel. Haben die mitgebrachten Effecten des Rei⸗ ſenden einen mehr als gewoͤhnlichen Werth, ſo wäre dem Reiſenden wohl zur Pflicht zu machen, dem Wirth davon Anzeige zu thun, damit dieſer allenfalls die erforderlichen Maß⸗ regeln treffen konne, alle irgend erſinnliche Ge⸗ fahr abzuwenden. Zwoͤlfter Titel. Von den Aleatoriſchen Contracten. 1964. Artikel. Hier ſind verſchiedene Contracte von gleicher Art uͤbergangen, z. B. der Sterbekaſſe⸗Con⸗ tract, der ganz von derſelben Beſchaffenheit iſt. Eben ſo iſt es mit den Privat⸗Wittwen⸗ kaſſen. Dergleichen Contracte ſollten aber nie zu⸗ laͤſſig ſeyn, als unter Aufſicht und Controlle der Regierung: es finden gar zu leicht Vervor⸗ theilungen dabei Statt. Vorzuͤglich nöthig wird das, wenn, wie gewoͤhnlich, Intereſſentſchaf⸗ ten ſolche Verbindungen ſtiften. 147 r976. Artikel. Die Leibrente iſt zwar nicht der Klage zur Auflöſung wegen Verletzung in dem Sinn un⸗ terworfen, wie der Kauf⸗Contract: inzwiſchen laͤßt ſich doch eine Vervortheilung denken, wel⸗ che entweder die Klage auf die Aufloͤſung oder auf die Praͤſtation des Intereſſe begruͤnden wuͤrde. Vom Betrug iſt nicht einmal die Rede: dieſer macht alle Vertraͤge unguͤltig. Dreizehnter Titel. Von der Vollmacht. 1992. Artikel. Doch iſt die Verantwortlichkeit mit weni⸗ ger Strenge auf den anzuwenden, der die Vollmacht unentgeltlich zbernom⸗ men hat, als auf denjenigen, der da⸗ fuͤr einen Lohn erhielt. Dieſe Verfugung ſcheint billig: ſie iſt es aber im Grunde nicht. Das Honorar ſteht in keiner Verbindung mit der Wichtigkeit des Ge⸗ ſchaͤfts; tauſend Gruͤnde koͤnnen den Bevollmaͤch⸗ tigten beſtimmen, keinen Lohn anzunehmen, ohne daß er deswegen zu minderer Sorgfalt ver⸗ pflichtet ſey. 149 20o06. Artikel. Man koͤnnte doch in verwickelten und weit⸗ laͤuftigen Geſchaͤften mehrere Bevollmaͤchtigte conſtituiren, beſonders wenn wegen des Ge⸗ ſchaͤfts an mehreren Orten verſchiedene Hand⸗ lungen vorzunehmen waͤren. Vierzehnter Titel. Von der Buͤrgſchaft. 2032. Artikel. Wenn die Buͤrgſchaft auf die Weiſe einge⸗ gangen iſt, daß ſie aufgeſagt werden kann, ſo iſt der Buͤrge nicht befugt, gegen den Haupt⸗ ſchuldner auf Entſchaͤdigung oder vielmehr Si⸗ 150 cherſtellung zu klagen, weil dieſer in zerruttete Vermoͤgensumſtaͤnde geraͤth. Mehrere Gegenſtaͤnde ſind uneroͤrtert ge⸗ blieben, die taͤglich in rechtlichen Verhaͤltniſſen vorkommen, als die Vorſchriften wegen der Ruͤckbuͤrgen; wegen der Verpflichtung der Glaͤubiger, den Buͤrgen jede veraͤnderte Verab⸗ redung mit dem Schuldner, jede Nachſicht an⸗ zuzeigen, um ihre Einwilligung zu erhalten; wegen der Vortheile, die es dem Buͤrgen erlaubt iſt, anzunehmen u. ſ. w. A————.. Funfzehnter Titel. Von dem Versgleich. 2057. Artikel. Ein Vergleich uͤber alle Angelegenheiten, welche die Parteien mit einander haben, muß doch dieſer Angelegenheiten ausdrucklich erwaͤh⸗ nen: die Beſtimmtheit iſt eine der erſten Bedin⸗ gungen. Bei dem Vergleich waͤre noch im Allgemei⸗ nen zu beſtimmen, welche Wirkung er in An⸗ ſehung der bisherigen und kuͤnftigen Folgen des Streits haben ſoll, welche Wirkungen in Anſehung eines Dritten. ———— Sechszehnter Titel. PVon der Verhaftung in Cipil⸗Sachen. * zo60. Artikel. Die Verhaftung mochte auch Statt finden 3 gegen Perſonen, die Zeugniß ablegen koͤnnen, und ſich Zeugniß abzulegen weigern. Es iſt nicht angegeben, welcher Erſatz dem zur Ungebuͤhr Verhafteten zukoͤmmt, auch nicht, wie es mit den Koſten der Verhaftung ſoll gehalten werden. —— 153 Siebenzehnter Titel. VPom Perſak. 2078. Artikel. Die gerichtliche Verordnung, daß dem Glaͤubiger das Unterpfand an Zahlungsſtatt nach Abſchaͤtzung verbleibe, kann jedoch nicht im Voraus bewirkt werden, ſondern erſt, wenn die Zahlungszeit verſtrichen iſt. 2o086. Artikel. Der Glaͤubiger, der ein Gut als Anti⸗ chreſe beſitzt, iſt verpflichtet, dem Schuldner jaͤhrliche Rechenſchaft abzulegen, gleich als der Verwalter eines gemeinſchaftlichen Guts. Er haftet gleich dieſem fuͤr alle Verſehen. Dieſe Vorſchriften ſind um deſto nothwendiger, je we⸗ niger Beguͤnſtigung Verabredungen der Art uͤber⸗ haupt verdienen. —* 5 S. 2 Achtzehnter Titel. Von den Privilegien und Hypotheken. 2101. Artikel. Hier ſind billig die Gelder hinzuzuſetzen fuͤr den Werth eines Depoſitum, wenn das Depoſi⸗ tum ſelbſt nicht mehr vorhanden waͤre. Ueberhaupt erſtrecken dieſe Generalprivile⸗ gien ſich, wie auch Art. 2104 verfuͤgt iſt, bei⸗ des auf bewegliche und unbewegliche Guͤter mit gleichem Recht. Sie ſind bei entſtehendem Con⸗ curs vor allen zu bezahlen aus den bereiteſten Mitteln der Maſſe. Dabei wird am beſten ge⸗ ſorgt fuͤr die Erreichung der Sicherheit, die der Zweck des Privilegiums iſt. 2119. Artikel. Den Grundſaͤtzen des Hypothekenweſens iſt es allerdings am angemeſſenſten, daß die Hypo⸗ 15 — thek nur in unbeweglichen Gütern gegeben werde, weil dieſe allein gegen die Veraͤnderun⸗ gen vollkommen koͤnnen geſichert werden, welche des Glaͤubigers Recht ſchmaͤlern koͤnnten. Gleich⸗ wohl iſt es in den meiſten Deutſchen Laͤndern angenommen, daß auch die beweglichen Guͤter mit zugezogen werden, unter der Benennung der ſaͤmmtlichen, jetzigen und zukuͤnftigen Guͤ⸗ ter. In dieſer Form die Hypotheken beizubehal⸗ ten, waͤre nicht rathſam, weil die Sicherheit der eigentlichen hypothekariſchen Rechte, naͤm⸗ lich derer auf die unbeweglichen Guͤter, ſtets mehr oder minder dadurch leidet, und die Con⸗ curs⸗Prozeſſe ungleich verwickelter, langwieri⸗ ger und koſtbarer werden. Aber das iſt eine andere Frage, ob man nicht eine beſondere Hy⸗ pothek auf bewegliche Guͤter conſtituiren koͤnne? Dadurch wuͤrde auch derjenige in den Stand geſetzt, ſeinen Glaͤubigern Sicherheit zu geben, ohne Unterpfand, der keine unbewegliche Guͤter beſitzt. Zugleich ließen ſich auf dieſem Wege — ———— die Rechte der Glaͤubiger vollig verwahren, die jetzt ein ſolches allgemeines Pfandrecht haben, indem es ſowohl auf die unbeweglichen Guͤter als auf die beweglichen koͤnnte eingetragen wer⸗ den. Dieſe Gruͤnde moͤchten die Veranſtaltung hinlaͤnglich empfehlen. Im Wege ſteht ihr nur der Einwand, daß die Conſtituirung einer ſol⸗ chen Hypothek entweder das Recht uͤber die ein⸗ zelnen Theile des beweglichen Vermogens be⸗ ſchraͤnken, ja gewiſſermaßen aufheben wuͤrde, oder dem Glaͤubiger keine irgend genuͤgende Sicherheit gebe. Allein nach den bekannten Rechtsbegriffen von dem Umfang des Geſammt⸗ vermoͤgens tritt eine einzelne Sache immer an die Stelle der andern. Eine Bibliothek bleibt immer dieſelbe, wenn man auch einzelne Haupt⸗ werke daraus verkauft; andere treten an ihre Stelle. So iſt es mit aller fahrenden Habe eines ordentlichen Haushalters. Schuldner, die in dieſe Kategorie gehören, mogen alſo durch ſolche Verſchreibungen immer beſſere Si⸗ ——. 157 cherheit geben, als durch bloße Schuldſcheine: hoͤren ſie auf, ordentlich zu wirthſchaften, ſo bleibt es dem Glaͤubiger unbenommen, ſein Ka⸗ pital einzuziehen oder auf andere Weiſe ſicher zu ſtellen. Nur das iſt unumgaͤnglich noth⸗ wendig, daß beide Arten der Hypotheken in beſondern Buͤchern gefuͤhrt werden: daß die Rechte der beweglichen nie denen der unbeweg⸗ lichen Eintrag thun, und umgekehrt. Jede werden vorzugsweiſe aus ihrem Gegenſtande befriedigt; nur bei entſtehendem Ueberſchuß mo⸗ gen ſie den andern zu Huͤlfe kommen. Aber beide weichen den vor allen privilegirten, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſe vorzuͤglich aus dem beweglichen Vermoͤgen befriedigt werden. Dieß bringt die Natur der Sache mit ſich: auch iſt es nicht ſo gar gefaͤhrlich, wenn an⸗ ders, wie eine weiſe Geſetzgebung es thun ſoll, dieſe vorzuͤglichen Privilegien nicht zu weit aus⸗ gedehnt ſind. n 2*— 158 2128. Artikel. Ein im Auslande geſchloſſener Contract koͤnnte doch wohl eine Hypothek auf die Gä⸗ 1 ter in Frankreich geben, wenn der Contract 3 den Formen des Franzöſiſchen Rechts gemäß waͤre, oder bei der Eintragung in die Hypo⸗ 1 thekenbuͤcher darnach abgeaͤndert wuͤrde. Es ſcheint kein hinlaͤnglicher Grund zu ſeyn, unter dieſer Modification den Franzoſen, die ſich im Auslande befinden, das Recht zu benehmen, uͤber ihr Vermögen vortheilhafte, wenigſtens minder laͤſtige Verfuͤgungen zu treffen⸗ 2130. Artikel. Die Einwilligung des Schuldners, jedes ſeiner zukunftigen Guͤter, wie er ſie erwerben 6 wird, mit der Hypothet zu belaſten, gibt kein hypothekariſches Recht, weil es noch an i i einem Gegenſtand der Eintragung fehlt, ſon⸗ dern nur eine perſonliche Klage um die Ein⸗ tragung zu ſeiner Zeit zu bewirken⸗ 159 2135. Artikel. Die Befreiung gewiſſer Hypotheken von der Eintragung oder Inſcription, iſt der uͤber alles wichtigen Gewißheit des eingetragenen hypothekariſchen Glaͤubigers in Anſehung ſei⸗ nes Rechts immer nachtheilig. Sie ſollte da⸗ her nie Statt finden; auch duͤrfte der Ein⸗ tragung kein erheblicher Grund entgegen ſte⸗ hen, nach den in dem Artikel ſelbſt getrof⸗ fenen Beſtimmungen. In Anſehung des Vormundes inſonderheit waͤre es wuͤnſchenswerth, die Hypothek, wo nicht ganz zu bermeiden, doch dadurch min⸗ der nachtheilig zu machen, daß man andere Anſtalten zur ſichern und ſchnellen Belegung der eingehenden Gelder trifft. Dieß läßt ſich erreichen durch irgend ein öffentliches Inſtitut zum Vortheil aller Intereſſirten, und ſelbſt des Geldumlaufs im Allgemeinen. 2147. Artikel. Der Hypothekenbewahrer darf die Eintra⸗ gung nicht bis Nachmittag aufſchieben, wenn er Morgens die Urkunde erhaͤlt. Hat er alſo ſchon eine Urkunde eingetragen, ehe er die andere erhaͤlt, ſo gebuͤhrt jener unſtreitig das Vorzugsrecht. Zu dem Ende ſind die einzel⸗ nen Poſten in dem Hypothekenbuch mit Num⸗ mern zu bezeichnen, der Zeitfolge nach, wie ſie eingetragen werden, und unter dieſen mit Buch⸗ ſtaben, wenn ſie durchaus zu gleicher Zeit ein⸗ getragen werden. 2143. Artikel. Dieſer Formalitaͤten bedarf es nicht, wenn die Hypothekenbuͤcher, wie es immer ſeyn ſoll⸗ te, nach Grundſtuͤcken gefuͤhrt werden, und der Hypothekenbewahrer die ihm uͤberlie⸗ ferten Urkunden wortlich in ein Belege⸗Pro⸗ tocoll einträͤgt. Die Hypotheken⸗Bucher ſelbſt 161 enthalten dann die Umſtaͤnde, deren dieſer Ar⸗ tikel erwaͤhnt, und in dem Belege⸗Protocoll findet man die weitere Auskunft. 2154. Artikel. Die Erneuerung der Eintragung von zehn zu zehn Jahren ſcheint uͤberfluͤſſig, wenn die Hypotheken⸗Buͤcher nach Grundſtuͤcken, in ge⸗ hoͤriger Ordnung gefuͤhrt werden: ſie mochte auch höchſt bedenklich ſeyn in Anſehung der Gewißheit erworbener Rechte und zu ſchlimmen Rechtshaͤndeln Anlaß geben. Der Hypotheken, die auf eine beſtimmte Prioritaͤt lauten, iſt hier nicht erwaͤhnt. Ver⸗ moöge eines ſolchen Rechts kann der Schuld⸗ ner, wenn er den Poſten bezahlt hat, einem L ———— 162 an deſſen Stelle aufgenommenen ein gleiches Recht wieder einraͤumen, ohne den ſpaͤtern Glaͤubigern zu nahe zu treten, weil nach den an dieſe ausgeſtellten Verſchreibungen jene Prioritaͤt immer vorgeht. Dieſe fuͤr den Credit uͤberaus wohlthaͤtige Veranſtaltung moͤchte mit Erfolg aufzunehmen ſeyn. arém rriren Die Reduction, deren dieſer Titel er⸗ waͤhnt, wuͤrde nur Statt finden koͤnnen in An⸗ ſehung der Glaͤubiger, die gegenwaͤrtig mit dem Recht beguͤnſtigt waͤren, die Eintragung auf alle zukuͤnftige Güter zu begehren. In An⸗ ſehung derer, die kuͤnftig eine ſolche Verſccherung von dem Schuldner erhielten, wuͤrde keine Re⸗ duction zulaͤſſig ſeyn, weil die Ausſtellung der — — 163 Erklaͤrung von ſeinem Willen abhing. Das Gericht aber darf nie eine Hypothek geben, die einer ſolchen Reduction bedurfte, weil es ſeine Schaͤtzung gleich nach einem angemeſſe⸗ nen Maßſtab beſtimmen muß. 2180. Artikel. Verjaͤhrung kann ſchwerlich gegen eine Hypothek Statt finden, weil der Schuldner von der Laſt, die auf ſeinem Gute haftet, noth⸗ wendig Kenntniß haben muß, und bei einer zweckmaͤßigen Organiſation der Uebertragung von Grundſtuͤcken ein Dritter nie zu dieſem Beſitz gelangen kann, ohne dieſe Laſten zu uͤbernehmen. Am allerwenigſten kann ſie ein⸗ treten, wenn die Hypotheken⸗Buͤcher nach Grundſtuͤcken gefuͤhrt werden: dann conſtirt zu jeder Zeit die Exiſtenz und die Beſchaffen⸗ 2 2 — 164 heit der Schuld in bemſelben Augenblick, wo von Rechtsverhaͤltniſſen, die das Grundſtuͤck betreffen, die Rede iſt. 2196. Artikel. Die Hypotheken⸗Buͤcher, ein authoriſirtes Buch uͤber den Vermogenszuſtand der Einge⸗ tragenen, find keineswegs Eigenthum des Pu⸗ blitums, ſondern heiliges Privateigenthum, un⸗ ter den heſondern Sꝙhus des Staats geſetzt. Die Hypothekenbtwahter ſind alſo verpflichtet, die gewiſſenhafteſte Verſchwiegenheit zu beob⸗ achten, und duͤrfen Niemand Abſchriften oder Ertracte aus ihren Buͤchern und Regiſtern ge⸗ ben, als allein den Eigenthuͤmern der eingetra⸗ genen Poſten. E—— . „ 165 Neunzehnter Titel. Von der Auspfaͤndung. 2212. Artikel. Wenn der Richter die Auspfaͤndung ver⸗ ſchiebt, wegen der dem Glaͤubiger angebotenen Delegation der freien Einkuͤnfte eines Jahrs, ſo muß er zugleich dafuͤr ſorgen, daß dem Glaͤubiger die noͤthige Sicherheit fuͤr dieſe Einkuͤnfte geſtellet werde. S. Zwanzigſter Titel. Von der Veriahrunz. 2232. Artikel. Auch bloß willkuͤhrliche Handlungen koͤnnen eine Verjaͤhrung begruͤnden, wenn ſie unternom⸗ men werden mit der Ueberzeugung der Befugniß, ſie auch gegen Widerſpruch zu behaupten: auf gleiche Weiſe wird die gegenuͤber ſiehende 6 Pflicht ſie zu dulden verjaͤhrt. 2262. Artikel. Die dreißigjaͤhrige Verjaͤhrung ſoll nach der . Abſicht des Geſetzgebers dennoch wohl nicht Statt finden in Anſehung ſolcher Gegenſtaͤnde, welche uͤberall nicht verjaͤhrt werden konnen nach Art. 2236, 2237 von dem, der den Beſitz 167 anfing. Das mochte, um einen anſcheinenden Widerſpruch mit den gedachten Artikeln zu heben, hier ausdrucklich zu bemerken ſeyn. 2280. Artikel. Der wirkliche Beſitzer der geſtohlnen Sa⸗ chen iſt, wenn er vorſchriftsmaͤßig ſeinen Autor nachweiſen kann, auf alle Weiſe als redlicher Beſitzer zu betrachten. 2281. Artikel. Die Verfuͤgung wegen Abmachung der an⸗ gefangenen Verjaͤhrung nach den bisherigen Ge⸗ ſetzen iſt analog auf mannigfaltige andere Rechts⸗ verhaͤltniſſe anzuwenden, bei denen derſelbe Grund eintritt. *—— — üb. d. Code Napoleo 3 8 et oene