Ueber den Code Napoleon und deſſen Einführung in Deutſchland. Von Auguſt Wilhelm Rehberg, Koͤniglich Grosbrittaniſchem Hofrathe und Mitgliede der Geſellſchaft der Wiſſen ten zu Goͤttingen. Hannover, bey den Gebruͤdern Hahn. 1 3 1 4. W rre d t, D.⸗ Syſtem eines neuen Staatsrechts, welches durch die Revolution an die Stelle der zertruͤmmerten alten Verfaſſung geſetzt ward, iſt geſchwind voruͤbergegangen: und die franzoſiſche Nation hat nach man⸗ nigfaltigen Verſuchen, ihren neuen Ein⸗ richtungen Feſtigkeit zu verſchaffen, in der Errichtung eines erblichen Throns, deſſen Herrſchergewalt durch nichts beſchränkt a* IV wird, als durch unbedeutende Formen und ohnmaächtige Autoritaͤten, die keine ſelbſtſtaͤndige in der Nation wurzelnde Kraft haben, eine Stutze der innern Ruhe gefunden, die in republikaniſchen Verfaſ⸗ ſungen vergeblich geſucht war. An dieſen letzten war den philoſophi⸗ ſchen Schwaͤrmern, die vollkommne Frey⸗ heit und Gleichheit unter den Menſchen einfuͤhren wollten, am wenigſten gelegen. Nach ihren Ideen ſollte die ganze Geſetz⸗ gebung aus evidenten Grundſaͤtzen der Vernunft abgeleitet werden: und wenn nur dieſe herrſchten, ſo war es ih⸗ nen gleichgultig, ob ſie durch einen Mo⸗ narchen, oder durch Repraͤſentanten des Volks, gehandhabt wurden. Die groͤßere Kraft, mit welcher ein einzelnes Ober⸗ haupt des Staats eine ſolche einfache Ge⸗ ſetzggebung der Natur und Vernunft an⸗ v wendet, gab vielmehr der Monarchie in den Augen der metaphyſiſchen Staats⸗ kuͤnſtler noch Vorzuͤge. In dieſer Wiederherſtellung des Throns ganz allein, beſteht die Ruͤckkehr zum Al⸗ ten, welche man haͤufig in der Aufhebung der franzoͤſiſchen Republik zu ſehen ge⸗ glaubt hat. So viel auch von dem Aufle⸗ ben vernichteter Anſtalten und Verhaͤltniſſe, vormaliger Sitten und Geſetze, geredet wird, ſo findet man bey einiger Aufmerk⸗ ſamkeit bald, daß alles dieſes nur von Adminiſtrationsmethoden und von andern unweſentlicheren Dingen gelten kann. Die Urheber der Revolution haben ihre Sache zu gut verſtanden: ſie haben ſie ſo ernſtlich angegriffen und ſo gruͤndlich vollzogen, daß es nicht leicht iſt, wieder in das Leben zuruͤck zu rufen, was ſie zerſtört haben. Auch ſogar das Inſtitut des neuen Napo⸗ V leoniſchen Adels, welches man als den ſtäͤrkſten Beweis angiebt, daß ſich alles wieder zum Alten hinneige, beruhet ſo durchaus auf ganz andern Gruͤnden, und beſteht in ſo ganz verſchiednen Vorzugen, daß in ihm auch nicht die geringſie Spur des vormaligen franzoͤſiſchen Adels zu fin⸗ den iſt. Der weſentliche Zweck der Reforma⸗ toren des menſchlichen Geſchlechts beſtand in einer neuen Anordnung aller Privatver⸗ hältniſſe unter den Mitgliedern eines ver⸗ nunftmaͤßigen Staats, nach den Ideen von Freyheit und Gleichheit. Dieſer Zweck iſt ſo vollkommen erreicht, als die aller Metaphyſik ewig widerſtrebende Natur des Menſchen nur immer verſtattet. Das Syſtem eines ſolchen Privatrechts iſt durch die revolutionairen Geſetze vorberei⸗ tet, und durch ein neues buͤrgerliches Ge⸗ v1E ſetzbuch befeſtigt, welches der ganzen Welt als ein Muſter legislatoriſcher Weis⸗ heit empfohlen wird. Nachdem ich mich am Anfange der franzoͤſiſchen Revolution bemuͤht habe, die Grundſätze zu entwickeln und zu pruͤ⸗ fen, auf welchen die Reform des oͤffentli⸗ chen Rechts beruhte*), ſo bleibt mir jetzt noch uͤbrig, den Charakter der buͤrgerli⸗ chen Geſetzgebung darzuſtellen, welche als das letzte bleibende Reſultat jener großen Bewegungen anzuſehen iſt; die Ideen welche allen ihren Beſtimmungen zum Grunde liegen, aus ihren Principien zu *) In einer Reihe von Blättern der allgemeinen Li⸗ teratur⸗Zeitung, der Jahre 1739, 1790, 1791, 1792 und 1795: aus denen meine in den Jahren 1792 und 1793 gedruckten Unterſuchungen uͤber die franzöſiſche Revolution entſtan⸗ den ſind. 5 — „* vVIIT entwickeln; die Anwendbarkeit derſelben auf andre Voͤlker zu unterſuchen; und die Folgen ihrer Einfuhrung zu zeigen. Dieſes ſcheint um ſo viel nothwendi⸗ ger, da die meiſten deutſchen Rechtsge⸗ lehrten, welche uber dieſen Gegenſtand ge⸗ ſchrieben haben, den rechten Geſichtspunkt verfehlten, indem ſie den Code Napoleon als eine neue Redaction und Modification alter Rechte anſahen und behandelten. Die zahlloſen Erinnerungen, die ſich uͤber ein⸗ zelne Dispoſitionen deſſelben, und uͤber die Abfaſſung einzelner Artikel machen laſ⸗ ſen, die allenfalls veraͤndert werden koͤnn⸗ ten, ohne das ganze Syſtem anzugreifen⸗ muͤſſen den Bemuͤhungen erfahrner Rechts⸗ gelehrten uberlaſſen bleiben, welche in den wenigen Jahren ihrer Bekanntſchaft mit der neuen Geſetzgebung, in dieſer Abſicht ſchon viel geleiſtet haben. So viel Beleh⸗ 1X rendes ihre Schriften aber auch immer im Einzelnen enthalten, ſo ſind ſie dennoch durchaus unbefriedigend. Unter den deut⸗ ſchen Schriftſtellern uͤber den Code Napo⸗ leon hat faſt nur allein Herr von Almen⸗ dingen ihn in ſeinen großen Beziehungen und Folgen erkannt, und das Einzelne aus dem Geſichtspunkte bearbeitet, den dieſe angeben*). *) Es iſt nicht erlaubt, uͤber die Rapoleoniſche Geſetz⸗ gebung zu ſchreiben, ohne dieſem Schriftſteller Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen, der mit der voll⸗ kommenſten ueberſicht der Sachen im Großen, und dem lebhafteſten Gefuͤhle fuͤr den Werth des Wichti⸗ gen, eine Kenntniß des Details, eine Klarheit in den Begriffen, Leichtigkeit in der Behandlung und. in der Ausfuͤhrung verbindet, wodurch ſeine Schrif⸗ ten eben ſo anziehend als lehrreich werden. Seine Vorträge uͤber die Civilgeſetzgebung ließen in der That nichts zu wuͤnſchen uͤbrig, wenn nur noch ein hin und wieder angeflogner Duft neuphiloſophiſcher Sprache, die einem ſo hellen Kopfe nicht recht an⸗ ſteht, weggewiſcht wuͤrde. X Es iſt alſo der Zweck der folgenden Ausfuͤhrung, die großen Zuͤge der fran⸗ zoͤſiſchen Geſetzgebung in ihrem Zuſam⸗ menhange und in ihrem Urſprunge, und den Zuſtand der buͤrgerlichen Ge⸗ ſellſchaft darzuſtellen, den die Einfuͤh⸗ rung dieſes neuen Rechtsſyſtems herbey⸗ fuhrt. Durch dieſe Maasregel ſollte die deutſche Nation alles deſſen beraubt wer⸗ den, was Menſchen die Herz und Gefuͤhl haben, theuer iſt. Geld und Gut, das eine Beute fremder Kriegsheere geworden iſt, koͤnnte man verſchmerzen. Mangel und Noth ſpannen zu neuer Thätigkeit: und die Anſtrengung eines fleißigen Ge⸗ ſchlechts, kann fuͤr ſeine Nachkommen alles wirkliche und eingebildete Gute, das mit dem Reichthum verbunden iſt, oder deſſelben bedarf, wieder erwerben. Aber ein Volk, das ſeine angeerbten Verhaͤlt⸗ niſſe, Geſetze, Sitten und Sprache auf⸗ X1 geben muß, wird herabgewuͤrdigt. Ihm bleibt nichts uͤbrig, als ſeinem Herrn fuͤr Lohn zu dienen. Und ſo war es auch ge⸗ meint. Die Deutſchen ſollten fuͤr Napo⸗ leon und ſein Geſchlecht und ſeine Anhän⸗ ger, fechten: dafuͤr wollte er ihnen laſſen, daß ſie zu eſſen haͤtten. Diejenigen unter dem Volke, deren Dienſte man bedurfte, um es zu unterjochen, wurden durch die Vorſpieglung, es gereiche zum Beſten ihrer Mitbuͤrger, verleitet, ſich hinzugeben: oder durch unvermeidliche Nothwendigkeit ge⸗ zwungen. Wer durch Stand und Ver⸗ moͤgen hervorragte, erhielt die Erlaubniß, an den ſchwelgeriſchen Hoͤfen der neuen Dynaſtie das Seine zu vergeuden. Durch die Auszeichnung von Titeln und Ordens⸗ baͤndern ihren Mitbuͤrgern verdächtig und verhaßt gemacht, von ihren Herrn aber als ungeſchickte Affen des unnach⸗ ahmlichen franzoͤſiſchen Volks verſpottet, TII ſollte ihnen nichts uͤbrig bleiben, als graͤn⸗ zenloſe Ergebenheit gegen die Herrſcher, welche ſich eine heilige Cohorte aus einer Claſſe von Menſchen zu ſchaffen dachten, deren naͤchſtes Intereſſe geweſen waͤre, die fremde Herrſchaft zu untergraben. Wirklich haben die deutſchen Anhaͤnger des vollendeten Revolutionshelden, der die Frechheit hatte, ſich als eine Menſch⸗ werdung des Schickſals zu proclamiren, einen Grad von blinder Ergebenheit und abgoͤttiſcher Verehrung gegen ſeine Per⸗ ſon, ſeine Unternehmungen, und ſeine vorgebliche Beſtimmung bewieſen, der ſelbſt in dem Volke das ſeine Groͤße theil⸗ te, ſelten ſeyn mag. Die Duͤnſie jener Hofluft vergiften in⸗ deſſen zunaͤchſt doch nur den eingeſchraͤnk⸗ ten Kreis derer, die ſich den hoͤchſten Per⸗ ſonen oder ihren unmittelbaren Umgebun⸗ XIII gen nahern, oder hoffen duͤrfen, bis da⸗ hin durchzudringen. Aber die Geſetzge⸗ bung umfaßt das ganze Volk. Dem Ein⸗ fluſſe eines buͤrgerlichen Geſetzes entgeht kein Menſch: und dié Annahme des der deutſchen Nation zugedachten Syſtems von Rechten und Rechtspflege, wuͤrde eine gaänzliche Vernichtung alles Eigenthuͤmli⸗ chen nach ſich gezogen haben: wie die hier mitgetheilten Betrachtungen uͤber einzelne Punkte des neuen Code beweiſen werden. Die weſtliche Haͤlfte von Deutſchland hatte ſich ſchon dieſem Schickſale hingege⸗ ben. Die großern Mächte der oͤſtlichen widerſtanden noch, wenigſtens dieſem Angriffe. Preußen hat waͤhrend der Zeit, da es dem unuͤberwindlichen Andringen ei⸗ nes mit der Gewalt und dem Ungeſtum der Meereswogen uͤberziehenden Volks wei⸗ chen mußte, ſeine vaterlaͤndiſchen Geſetze XIV und Verfaſſung behalten. Was darin zu beſſern war, will es durch einheimiſche Kraft und Bemuͤhung bewirken. Es wird die durch beyſpielloſe Anſtrengung und Aufopfrung wieder errungene Unabhaͤn⸗ gigkeit benutzen, um in ſich ſelbſt zu ſchaf⸗ fen, was das Volk noch bedarf. Auch Sachſen hat ſogar in den Jahren, da es von den fremden Tyrannen zu eignem Untergange gemisbraucht ward, ſeine innern Verhältniſſe unveraͤndert er⸗ halten. Ein Fürſt aber, der nur ein klei⸗ nes Land beherrſcht, und in der Erhaben⸗ heit ſeiner Geſinnungen allein die Kraft finden konnte, Unabhaͤngigkeit von dem zu behaupten, deſſen furchtbarer Name damals in groͤßern Staaten alle Gedanken an die Moͤglichkeit des Widerſtands er⸗ XV ſtickte; der Herzog von Deſſau, hat ſogar im Jahre 1812 ein unter ſeine Pflege uͤbergegangnes Voͤlkchen, von der Schmach wieder befreyet, der es durch Einfuͤhrung des Code Napoleon und der franzoͤſiſchen Verfaſſung wirklich ſchon Preis gegeben war. Da Deutſchland jetzt durch die Ener⸗ gie ſeiner Voͤlker von der fremden Unter⸗ druͤckung erloͤßt wird, ſo folge dieſem ed⸗ len Beyſpiele jeder deutſche Regent, deſ⸗ ſen Ketten durch die fuͤr allgemeine Be⸗ freyung verbuͤndeten Britten, Ruſſen, Preußen, Oeſterreicher, Schweden, zer⸗ brochen werden. Dieſe großen Machte haben erklaͤrt, ſie goͤnnen dem franzöſiſchen Volke, in⸗ nerhalb ſeiner alten und natuͤrlichen Grän⸗ zen glucklich zu ſeyn, dafern es von ſeiner XVI Seite ebenfalls die Unabhaͤngigkeit andrer Staaten und Voöͤlker anerkennen will. So mögen denn auch immerhin franzoſi⸗ ſche Staatsmaͤnner und Redner, der Ei⸗ telkeit ihrer Nation mit Lobreden ihres neuen Rechts ſchmeicheln, wenn dieſes nur in Deutſchland ewig fremd bleibt: in Deutſchland aber einheimiſche wohlgeſinnte, durch ernſtes Nachdenken, Forſchen und Erfahrung gebildete Staatsmänner, Rich⸗ ter, Rechtsgelehrte, berufen werden, um durch verbeſſerte Geſetze und Ordnungen dem Bedurfniſſe der Voͤlker abzuhelfen, welche durch jene auslaͤndiſche Weisheit ſchlecht berathen wuͤrden. Der —— Der Kaiſer Napoleon hat in dem Augenblicke, da er glaubte, ſeine Herrſchaft uͤber Deutſchland ſey unwiderruflich feſt gegruͤndet, das Geſetzbuch welches ſeinen Namen traͤgt, den Provinzen, welche er, mittelſt eines unter dem harten Joche des Familien⸗Geſetzes ſtehenden Regenten, mit ſeinem Reiche in nähere Verbindung geſetzt hatte, aufgedrungen: andern Mitgliedern des rheiniſchen Bundes aber, durch welchen er ſich alle germani⸗ ſchen Stämme nach und nach zu unterwerfen dach⸗ te, die Einfuͤhrung deſſelben fuͤrs erſte nur ange⸗ rathen. In dieſer Maasregel lag ein ſehr kraͤftiges Mittel, die großen Entwuͤrfe des Urhebers zu be⸗ 1 3 fördern, indem ſie eine ganzliche Vernichtung al⸗ les Nationalen zur Folge haben mußte. Den⸗ noch iſt man ihr in Deutſchland ſelbſt auf mannig⸗ faltige Art zu Huͤlfe gekommen. Die verſchie⸗ denſten, und einander widerſprechende Gruͤnde ſind vorgebracht, um die Einfuͤhrung des Code Napoleon zu empfehlen. Den Fuͤrſten hat man geſagt: es ſey dem Polke nur daran gelegen, Geſetze zu haben; gleichviel welche: das neue franzöſiſche Geſetzbuch, ein Werk der vorzuglichſten Koͤpfe und der beſten juriſtiſchen Schriftſteller Frankreichs, habe einen hohen Grad von Vollkommenheit in der Faſſung; dem dringenden Beduͤrfniſſe einer Verbeſſerung des alten verwirrten Rechts in Deutſchland, wel⸗ che auf ſo mancherley Wegen vergeblich verſucht worden, ſey am leichteſten abzuhelfen, wenn man jene anerkannt vortrefliche Arbeit adoptirte: und hieraus werde daneben der Vortheil ent⸗ ſtehen, daß mehrere deutſche Laͤnder, deren keines geneigt iſt vom andern etwas anzu⸗ nehmen, ſich dadurch in eine Uebereinſtimmung ſetzten, die fur ein hochſt wuͤnſchenswerthes Gut 3 ausgegeben wird. Eben ſo wie es mit dem Ju⸗ ſtinianeiſchen Rechte geſchehen, könne auch Napo⸗ leons Geſetzbuch eingefuͤhrt werden, ohne die in⸗ nern politiſchen Verhaͤltniſſe der Unterthanen zu einander aufzuheben, und ohne den oͤffentlichen Zuſtand derſelben, das Staatsrecht, die Verwal⸗ tung der gemeinen Angelegenheiten, ja ſogar oh⸗ ne die Gerichtsverfaſſung und die Rechtspflege, zu aͤndern. Die deutſchen Rechtsgelehrten haben zum Theile den Code Napoleon fuͤr einen reinen Aus⸗ druck alles deſſen angeſehen, was das Geſetz der Vernunft uͤber die buͤrgerlichen Verhältniſſe der Menſchen vorſchreibt. Sie behaupten: dieſes ſey in ihm ganz frey von allem Fremdartigen, das durch religiöſe Vorurtheile und durch die Uſurpa⸗ tionen verfloſſener Jahrhunderte beygemiſcht wor⸗ den, enthalten; und deswegen ſey er geſchickt, allen Voͤlkern und allen Zeiten zum Vorbilde ei⸗ ner unabänderlichen, wo nicht gar vollſtändigen Legislation zu dienen*). *) Man lieſet zum Beiſpiele in der Zeitſchrift, der rheiniſche Bund, Heft 62. S. 189 Folgendes: 1* 4 Andere loben hingegen das Werk, als einen Inbegriff alles weſentlichen und allgemein Brauch⸗ baren aus dem römiſchen Rechte. Nach ihrer Meinung wird durch die Einfuͤhrung jenes neuen Geſetzes, nur das beſtehende vervollkommnet, und dem ſo empfindlich gefuͤhlten Beduͤrfniſſe ab⸗ „Der Code Napoleon paßt fuͤr jeden vernuͤnftig ein⸗ „gerichteten Staat: denn er enthält nur die Aus⸗ „ſpruͤche der Vernunft uͤber die buͤrgerlichen Verhalt⸗ „niſſe, und was in einem gegebenen „Staate nicht zum Code Napoleon „paßt, kann auch vor dem Richterſtuhle „der Vernunft nicht beſtehen.“ Wer den Code Napoleon geleſen hat, muß er⸗ ſtaunen, wenn er unter dieſen Zeilen den Namen eines Rechtsgelehrten lieſt, der eine hohe Stelle bekleidet. Sie ſind in einem Geiſte geſchrieben, den man mit nichts vergleichen kann, als etwa mit der Devotion des Glaubens an die Infallibilität eines Oberhaup⸗ tes der Kirche. Die Verfaſſer des Code Napoleon machen ſelbſt keine ſo hohen Anſpruͤche: und man braucht das Geſetzbuch auch nur aufs Gerathewohl aufzuſchlagen, um in jedem Titel Artikel zu finden, deren fluͤchtigſte Anſicht den ungrund jener Behaup⸗ tungen zeigt. 5 geholfen, die Luͤcken des römiſchen Rechts auszu⸗ fuͤlen, und das Zweifelhafte zu entſcheiden. Dieſe Widerſpruͤche werden durch die Geſchich⸗ te der Entſtehung des neuen Geſetzbuches aufge⸗ loſet. Nach der Zerſtoͤrung der alten Verfaſſung war es dringend nothwendig, die unendliche Ver⸗ wirrung zu heilen, die aus ſo vielen, einander durchkreutzenden Geſetzen und Ueberreſten alter Ge⸗ wohnheiten entſprang. Die revolutionairen Ver⸗ ordnungen waren nur auf die Zerſtoͤrung des beſte⸗ henden gerichtet: und mehrentheils in der Form ſo⸗ gar, nur verbietend und aufhebend. Man ver⸗ langte ein poſitives Geſetz, das alles uͤbrig Ge⸗ bliebene mit den neuen Grundſaͤtzen in Ueberein⸗ ſtimmung braͤchte, und die Anwendung der in der Revolution feſtgeſtellten Maximen auf alle Ver⸗ hältniſſe des gemeinen Lebens, vollſtändig zeigte. Schon im Jahre 1793 wellte der Nationalconvent dieſen Grundſtein der neuen buͤrgerlichen Verfaſ⸗ ſung legen. Nach mannigfaltigen Verſuchen und großen Bemuͤhungen, iſt es endlich in einem 6 Code civil des Frangais geſchehen, der zuletzt den Namen Code Napoléon erhalten hat, und beſtimmt war, von allen Völkern, die mit dem urheber in Beruͤhrung kaͤmen, angenommen zu werden. Die Abſicht des Conventes gieng dahin, ein Geſetz zu entwerfen, das nichts als ſolche Beſtim⸗ mungen enthielte, die unmittelbar aus dem Rechte der Vernunft, aus dem Grundſatze, alle Men⸗ ſchen werden frey und gleich geboh⸗ ren, und bleiben es in der buͤrgerli⸗ chen Geſellſchaft, abgeleitet werden koͤnn⸗ ten. Die denkenden Köpfe unter denen, welche die Revolution geleitet hatten, legten ihr ganzes Unternehmen darauf an, eine Verfaſſung einzu⸗ fuͤhren, die keine anderen Zwecke anerkenne, als die Sicherheit der perſoͤnlichen Unabhaͤngigkeit, und des freyen Gebrauchs des Eigenthums. Mit der metaphyſiſchen Deduction deſſen, was die neue Philoſophie unter dem Namen des Natur⸗ rechts uͤber die außern Verhaͤltniſſe unter den Menſchen außer dem Staate und im Staate lehrt, die ſo viele Koͤpfe in Deutſchland beſchaͤftigt, be⸗ 7 faßten ſich die praktiſcheren Franzoſen wenig: aber ſie wollten realiſiren, was jene Speculation lehrt. Ein Civil-Geſetzbuch, welches die Forde⸗ rungen der Revolutions⸗Philoſophie befriedigen ſollte, mußte nichts andres enthalten, als die algemeinen, aus der Vernunft erweislichen Be⸗ ſtimmungen uͤber die Verhältniſſe der Menſchen zu einander, und uͤber ihre Handlungen. Dieſe Forderung, daß ein Geſetzbuch nichts andres als reinen Ausdruck von Vernunftwahrheiten enthal⸗ ten ſolle, iſt widerſinnig. Die Grundſätze des Naturrechts ſind an ſich ſelbſt ganz unzureichend, um danach das buͤrgerliche Verkehr anzuordnen und zu beurtheilen. Zufolge derſelben ſoll jeder Menſch ſich einer durchaus und vollkommen freyen Aeußerung aller ſeiner Kraͤfte erfreuen. La li- berté consiste a pouvoir faire tout ce qui ne nuit pas a autrui: ſagt der vierte Artikel der Declaration des droits de l'homme. Alle ge⸗ ſetzlichen Beſchraͤnkungen der Freyheit ſollen alſo nur aus dem allgemeinen Kampfe der Freyheit jedes Einzelnen mit der Freyheit aller uͤbrigen entſtehen. Aber die Einwirkungen der Menſchen auf die aͤußere Welt haͤngen gar nicht ſo von ih⸗ 8 rer freyen Willkuͤhr ab. Der Koͤrper der ihr zum Werkzeuge mitgegeben iſt, ſteht in mannigfalti⸗ gen Verhaͤltniſſen zu allen aͤußern Gegenſtaͤnden. Naturgeſetze, denen er ſich unterwerfen muß, be⸗ ſtimmen die Folgen ſeiner willkuͤhrlichen Hand⸗ lungen, und wirken zuruͤck. Oft iſt der Menſch genothigt zu wollen, nicht was er will, ſondern was er muß: die Verhaͤltniſſe, welche ohne ſein Zuthun aus ſeinen Handlungen entſtehen, muͤſſen in die Geſetzgebung aufgenommen werden, und geben die Regeln an, welche die Willkuͤhr be⸗ ſchraͤnken. So entſteht eine buͤrgerliche Verfaſſung, nicht blos aus dem gegenſeitigen Widerſtande der ein⸗ zelnen freyen Menſchen; ſondern es wird durch die Erfindungen des Verſtandes und die gemeinſa⸗ men Bemuͤhungen der einzelnen freyen Menſchen, eine Welt von neuen Verhaͤltniſſen geſchaffen, die beſtaͤndigem Wechſel unterworſen iſt. Jede Ge⸗ neration erhält von ihren Vorältern einen Schatz von angehaͤuften unſichtbaren Reichthuͤmern dieſer Art, und vererbt ſie wieder auf ihre Nachkommen*). *) Eine wiſſenſchaftliche Ausfuͤhrung dieſer Behaup⸗ 9 Aus dieſem theils gegebnen, theils ſelbſtge⸗ ſchaffenen Zuſtande eines Volks, geht ſeine Ge⸗ ſetzgebung hervor. Auf ihn bezieht ſie ſich. Sie kann daher niemals dem ganzen buͤrgerlichen Leben einer Nation vorangehen, ſo wie die Revolutions⸗ Philoſophen wollten. Jedes Volk, welches das Beduͤrfniß einer Geſetzgebung empfindet, hat ſchon nach und nach einzelne Geſetze erhalten, die unter einander ausgeglichen, verbeſſert, von de⸗ nen Einzelne ausgehoben, denen neue hinzuge⸗ fuͤgt werden koͤnnen. Der vorhandne rechtliche Zuſtand liegt aber allemal der neuen Geſetzgebung zum Grunde: muß ihr zum Grunde liegen. Selbſt die Aufhebung eines beſtehenden Verhaͤltniſſes be⸗ weiſet die Exiſtenz andrer, mit denen jenes dis⸗ harmonirte: einen von ſelbſt entſtandnen Zuſtand, den die Geſetzgebung reguliren muß, aber nicht geſchaffen hat, und gar nicht ſchaffen kann. So findet es ſich in der Geſchichte aller Zeiten und tungen, nach welchen der Werth des Naturrechts und naturlichen Staatsrechts zu beſtimmen iſt, wuͤr⸗ de hier zu weit fuͤhren. Der Verfaſſer wird ſie an einem andern Orte geben. 10 Völker. Nirgends kann man bis zum erſten Ur⸗ ſprunge hinaufgehen. Allenthalben liegen nach und nach entſtandne Gewohnheiten unter. Die älteſten bekannten Geſetze der Roͤmer, der germa⸗ niſchen Voͤlker, der Britten, ſind Sammlungen ſolcher lange beſtandnen Gewohnheiten und all⸗ maͤhlig gebildeter Grundſaͤtze. Selbſt die Einführung des Juſtinianeiſchen Rechts in Deutſchland, womit man die Annahme des Code Napoleon ſo gern, aber ganz ohne Grund vergleicht, iſt nicht vermoͤge eines Befehls geſchehen, daß von nun an die alten Rech⸗ te nicht gelten, und nach roͤmiſchen Geſetzen ge⸗ ſprochen werden ſolle. Es iſt nach und nach durch die Anwendung welche die Rechtsgelehrten auf die Vorfälle des Lebens machten, eingeſchlichen, und ſo haben die Welt und dieſes Rechtsſyſtem ſich in einander gefugt. Es iſt ſo einleuchtend, daß eine jede Geſetz⸗ gebung aus dem Zuſtande des Volks hervorgehen, und durch die Anwendung allgemeiner und unbe⸗ ſtimmter Grundſätze auf die Verhaͤltniſſe, welche e LIT aus der Natur der Dinge und der Willkuͤhr des Menſchen entſprungen, nach und nach gebildet werden muß, daß auch die Verfaſſer des Code Napoléon ſelbſt, in dem Discours préliminaire ihres Entwurfes, es als das großeſte Bedurfniß der Juſtizverwaltung angeben, daß es neben den Ge⸗ ſetzen eine Tradition suivie d'usages, de maxi- mes et de règles gebe, afin qu'on füt en quel- que sorte de necessité à juger aujourd'hui, com- me on a deja jugé hier*). Wie kann aber eine ſolche Tradition entſtehen? Gewiß nicht durch Definitionen, die dem Streite unterworfen ſind; durch Geſetze, die willkuhrlich der Natur der Dinge und kuͤnftigen Ereigniſſen vorgreifen: ſondern nur durch die allmaͤhlige Bildung von Rechtsbegriffen und Grundſätzen, welche der Geſetzgebung nach⸗ hilft. Das Beduͤrfniß einer genauen Bekanntſchaft mit den mannigfaltigen buͤrgerlichen Verhaͤltniſſen * Projet de Code civil. Discours prẽliminaire, in der Conférence du Code Napoläon bey Didot. P 12. 12 der Menſchen, wird bey der Abfaſſung neuer Ge⸗ ſetze uͤber Gegenſtaͤnde von einigem Umfange, ſo einleuchtend, und vorzuͤglich in der Anwendung auf die Rechtspflege ſo fuͤhlbar, daß die Metaphy⸗ ſiker jenes Geſchaͤft, deſſen ſie ſich ſo gern bemaͤchtigt haͤtten, wohl haben fahren laſſen muͤſſen. Sie ſahen ſich genoͤthigt, es Rechts⸗ gelehrten zu uͤberlaſſen: und ſo kam ein Lin⸗ derungsmittel der Uebel welche die Revolution erzeugt hatte, gerade aus der nehmlichen Quelle, aus welcher nach Burke's treffender Bemerkung*), ein großer Theil des Uebels ſelbſt entſprungen war. Denn ſobald Rechtsgelehrte den Auftrag erhielten, die neue Ordnung zu ſchaffen, und ihre Regeln niederzuſchreiben, ſo konnte es nicht fehlen, dieſe alle, auch die eifrigſten Anhaͤnger des metaphyſi⸗ ſchen Syſtems, das in bloßer Entwickelung der Begriffe von Freyheit und Gleichheit beſtehen ſoll, mußten fuͤhlen, daß ein altes, wenn gleich, wie *) Er verzweifelte an der Regeneration von Frank⸗ reich, ſo bald er in der Liſte von Deputirten zur Nationalverſammlung ein uͤberwiegendes Heer von Advocaten ſah. Rellections on the french Re⸗ volution. p. Gx. 13 ſie ſagten, regenerirtes Volk, ſich nicht ſo von allem losmachen kann, was bey ihm bis dahin geſetzmaͤ⸗ ßig geweſen iſt; daß die abſtracten Grundſaͤtze uͤber Recht und Unrecht nicht hinreichen, um daraus eine befriedigende Geſetzgebung. zu bilden. Der erſte Entwurf, den Cambacéres 17935 dem Na⸗ tional⸗Convente vorlegte, und welcher nur das Reſultat der neuen revolutionairen Geſetze zuſam⸗ menfaßte, war von den Gleichheits⸗ Predigern der Zeit verworfen, weil er noch nicht Freyheit genug athmete, und die Rechtserfahrnen ſeine Un⸗ zulaͤnglichkeit fuͤhlten. Der zweyte, vom Jahre 1796, war darauf angelegt, dieſem letzten Man⸗ gel abzuhelfen, und enthielt zu dem Ende ein voll⸗ ſtändiges Rechtsſyſtem, womit alle Ueberbleibſel des alten Zuſtandes vollends verdrängt, worin die etwa beyzubehaltenden Rechtsſätze aufge⸗ nommen, und alſo alle andern Geſetze uͤber⸗ füſſig gemacht werden ſollten. Dieſer Entwurf ward wieder verworfen: das ſey nur eine Samm⸗ lung herkömmlicher Marimen: und man erwarte eine wirklich philoſophiſche Geſetzgebung, einen Coder der Vernunft. Die Commiſſion aber, wel⸗ cher im Jahre 1301 vom erſten Conſul die Ver⸗ 14 fertigung eines Civil⸗Geſetzbuches aufgetragen ward, entfernte ſich immer mehr von jener Idee, die in Frankreich ſo viel Enthuſiasmus erregt hatte. Auch ſind im Code Napoleon, von denen Arti⸗ keln, die nicht blos Beſtimmungen von Rechtsbe⸗ griffen, ſondern wirklich neue geſetzliche Vorſchrif⸗ ten enthalten, diejenigen die vorzuglichſten, wo⸗ durch die damals beſtehenden,(zehn Jahre lang und mehr, befolgten) revolutionairen Geſetze wie⸗ der modificirt werden. Die erfahrnen Rechtsge⸗ lehrten im Staatsrathe, z. B. der piemonteſiſche, durch romiſches Recht gebildete Galli, empfehlen die neue Arbeit ausdrucklich aus dieſem Geſichts⸗ puncte: und die verſtandigſten unter den Verfaſ⸗ ſern des Code Napoleon ſelbſt, ſchaͤmen ſich der eiteln Anmaaßung, mit welcher ihre Arbeit fuͤr ein Ideal buͤrgerlicher Geſetzgebung fuͤr alle Zeiten und Voͤlker ausgegeben wird. Wenn man den Werth ihrer Arbeit fuͤr Frank⸗ reich, und die Anwendbarkeit derſelben auf andre Länder prufen will, ſo muß man das Werk in ſeinen Quellen ſtudiren. Man mub es mit den revolutionairen Geſetzen vergleichen, die ſo 15 viele alte Verhaͤltniſſe zerſtört, und einiges Neue geſchaffen haben: dahingegen ſich die deutſchen Rechtsgelehrten mehrentheils damit begnuͤgen, es mit dem beſtehenden deutſchen und mit dem roömi⸗ ſchen Rechte zu vergleichen, um darzuſtellen, wie viel von dieſem darin beybehalten worden. Frankreich bedurfte allerdings eines neuen Ci⸗ vilgeſetzbuches, um die in der Revolution gemach⸗ ten Anordnungen unter einander und mit dem all⸗ gemeinen Rechte in Uebereinſtimmung zu ſetzen, und die ſchreyendſten Ungerechtigkeiten der revolu⸗ tionairen Geſetzgebung zu mildern. Es waͤre weit beſſer geweſen, ſich hierauf zu beſchraͤnken; ein Geſetzbuch zu verfertigen, welches alle durch die Revolution einmal unvermeidlich gewordnen An⸗ ordnungen und ihre Beſtimmungen enthielte; ubri⸗ gens aber das alte Recht in Allem was dieſem neuen Geſetzbuche nicht widerſpraͤche, beſtehen zu laſſen: ſo wie der Appellationshof von Montpel⸗ lier ausdruͤcklich begehrte*). In dieſer Hinſicht *) S. Analyse des Observations des Tribunaux d'appel et du Tribunal de Caszation sur le Pro⸗ 16 wäre der Entwurf des Cambacérès, der keinen Artikel enthielt, wodurch das alte Recht aufgeho⸗ ben würde, noch ertraͤglicher geweſen, als ein neues Geſetbuch, das auf Vollſtndigkeit unb Alleinherrſchaft Anſpruch macht. Aber eben dieſes war der nächſte Endzweck der Unternehmung. Nach den Abſichten der herrſchen⸗ den Parthey ſollte das alte Recht wo moglich ganz vertilgt werden. Der neuen Code ſollte ein neues Recht ſchaffen, um die Zerſtorung alles Beſtehenden zu vollenden, und zu ſanctioni⸗ ren. Aber die Verfaſſer des Entwurfes, unter denen ſich Maͤnner von den tiefſten Einſichten, der geſundeſten Beurtheilung, und den reinſten Ab⸗ ſichten befanden, haben beſſer gewußt, als ihre Committenten, was menſchliche Bemuͤhungen zu leiſten vermoͤgen, und was ihre Nation bedurfte. Anſtatt alles vollends wegzuſchaffen, was noch vom Alten ſtehen geblieben war⸗ oder wieder eingefuͤhrt werden konnte, ſind ſie zu den Beſtimmungen des ——————— zet de Code Civil, von Crussaire. Paris 1602. pas · 5 ff· 17 romiſchen Rechts zuruͤckgekehrt, ſo viel dieſes geſche⸗ hen konnte, ohne die gewaltſam herrſchende Par⸗ they offenbar zu bekriegen, und zu einem Wider⸗ ſtande zu reizen, dem ſie hätten unterliegen muͤſ⸗ ſen. Neben den großen Zugen. der revolutionai⸗ ren Geſetzggebung, die unwiderruflich feſtgeſtellt waren, mußte ſehr vieles beſtimmt werden, um ein anwendbares vollſtaͤndiges Recht zu er⸗ ſchaffen. Das roͤmiſche Recht war in einer Haͤlfte von Frankreich allgemein geltend geweſen. Alle Menſchen, und was das wichtigſte iſt, alle Rechts⸗ gelehrte, alle Sachwalter, ſogar die wuͤthendeſten Democraten unter ihnen, waren daran gewoͤhnt. Da nun durchgängige Einheit des Privatrechts in allen ſeinen Theilen, fuͤr eines der weſentlichſten Erforderniſſe eines wohlgeordneten Staates galt, ſo hatte das Juſtinianeiſche Recht den großen Vor⸗ zug, daß weit mehr Franzoſen unter ihm gelebt hatten, weit mehr Rechtsgelehrte dadurch gebildet waren, als unter irgend einer von den Coutumes, die das uͤbrige Frankreich unter ſich theilten: und deren Zahl von den unterrichteteſten Schriftſtellern auf 288 angegeben wird, ſich aber leicht noch hoͤ⸗ her belaufen moͤgte, wenn man jede kleine Orts⸗ 2 18 Rechte mitzahlt. Selbſt die Coutume de Paris, der ein großer Theil von Frankreich folgte, hatte nicht ſo weit ausgebreitete Herrſchaft gehabt, als das romiſche Recht. Außerdem empfahl ſich dieſes Recht dadurch, daß es auf den Zuſtand, der aus der Revolution hervorgegangen war, größtentheils noch eher angewandt werden konnte, als die Ge⸗ wohnheits⸗Rechte, die ſich auf ſo viele jetzt ver⸗ nichtete Verhaͤltniſſe bezogen. Ganze Theile des Code Napoleon enthalten daher beynahe reines roͤmiſches Recht, nach der Verarbeitung franzoſiſcher Schriftſteller. Es iſt in Frankreich ſelbſt, von angeblichen Philoſophen deswegen verſpottet. Das habe man laͤngſt im Domat und Pothier gehabt. Der Vorwurf, wel⸗ cher den Verfaſſern aus dieſem Grunde gemacht wird, gereicht ihnen zur großten Ehre. Sie ha⸗ ben dadurch ihrem Vaterlande eine große Wohlthat erwieſen. Wenn ſie gleich nicht wagen durften, die in der Revolution zerrutteten und vernich⸗ teten Verhaͤltniſſe wieder herzuſtellen, ſo ha⸗ ben ſie ihre Nation doch von dem unermeßlichen Elende einer gaͤnzlich unbeſtimmten, willkuͤhrli⸗ 19 chen, ohnmaͤchtigen Rechtspflege erlöſet. Jeder Schritt zuruͤck in gebahnte Wege war ein Ver⸗ dienſt. In Deutſchland aber, wo keine Gleichheit der Staͤnde, keine Vernichtung der geſetzlichen Verhaͤltniſſe der buͤrgerlichen Ordnung zu der geiſtlichen Gewalt, keine Aufhebung aller aus dem Lehnrechte wirklich, oder auch nur anſchei⸗ nend herruͤhrenden oder damit verwandten Ver⸗ haͤltniſſe, decretirt worden:— da thut die Ge⸗ ſetgebung durch die Einfuhrung des Code Napo⸗ leon einen ſehr ſtarken Schritt vorwaͤrts, nach den Grundſätzen der franzoſiſchen Revolution hin⸗ zu, die ganz Deutſchland verabſcheuet, und ſchon jetzt bey der Parthey, welche Frankreich ge⸗ genwärtig beherrſcht, und deswegen fuͤhlt, was der Regierung und dem Regenten Noth thut, ſo we⸗ nig ſie ſich auch aus dem Wohl des Volks macht, ein Gegenſtand der Gleichgultigkeit geworden ſind, wie ihr Verfahren in dem Theile von Deutſchland, den ſie im Jahre 1810 dem franzoͤſiſchen Reiche einverleibt hat, beweiſet. Die Einfuͤhrung des Code Napoleon iſt nich⸗ 2* 20 allein aus dem Grunde empfohlen, weil er viel romiſches Recht enthalte,(welches wahr iſt,) ſon⸗ dern auch, weil es eben deswegen unnoͤthig ſeyn ſoll, in dem Studium der Rechtsgelehrſamkeit und in dem ganzen rechtlichen Zuſtande der Laͤn⸗ der vieles zu verändern. Da das neue Geſetzbuch aus dem Römiſchen im Grunde hervorgegangen, ſagt man, ſo wird es auch aus ſeinen eignen Quellen vollſtändig gemacht, und aus dem römi⸗ ſchen Rechte erlaͤutert werden. Man iſt ſogar ſo weit gegangen, zu behaupten, daß nur die ein⸗ zelnen Dispoſitionen, die dem roͤmiſchen Rechte entgegenſtehen, den Gebrauch des letzten beſchraͤn⸗ ken, und daß daſſelbe neben dem neuen Geſetz⸗ buche beſtehen bleiben koͤnne und muͤſſe. Dieſe Anſicht iſt durchaus falſch. Eben ſo gut koͤnnte man behaupten, daß auch das alte Ge⸗ wohnheitsrecht der Provinzen, noch neben dem Code Napoleon beſtehe. Denn auch aus dieſem ſind viele Rechtsbegriffe, und ganze weſentliche Stuͤcke der neuen Geſetzgebung genommen. Der Familienrath; die Unfaͤhigkeit des weiblichen Ge⸗ ſchlechts, rechtsbeſtaͤndige Geſchaͤfte ohne Autori⸗ 2T ſätion abzuſchließen; das Syſtem der Gemeinſchaft der Guͤter unter Eheleuten, deſſen Annahme prä⸗ ſumirt wird, wenn das Dotal⸗Syſtem nicht aus⸗ drucklich bedungen iſt: dieſes alles, nebſt vielem Unwichtigeren, iſt aus dem Proit coutumier, und die Sprache des Code Napoleon traͤgt ſo viele Spuren ſeines halbſchlaͤgigen Urſprungs an ſich, daß man der Kenntniß jener Rechtsſyſteme, behuf der Erklaͤrung der Begriffe, und der Beſtimmung ihrer Anwendbarkeit, oft nicht entbehren kann. Deswegen haben aber doch weder dieſe noch das roͤmiſche Recht, die geringſte geſetzliche Kraft. Der Art. 7 des Geſetzes vom 30 Ventoſe des Jahrs XII.(a1 März 13 04), wodurch der Code Napoleon eingefuhrt iſt, ſagt wörtlich: A compter du jour ou les Lois seront ex. 6cntoires, les Lois romaines, les Ordonnan- ces, les Coutumes générales on locales, les statuts, les réglemens, cessent d'avoir forcs de Loi générale ou particulière dans les matis- res qui font l'objet des dites Lois composant le présent Code. Nicht, qui sont en Contra. 22 diction avec les Lois qui composent le prẽsent Code, ſondern qui font l'objet des dites Lois du présent Code: das iſt, alles was ein Gegen⸗ ſtand von Rechtsfragen ſeyn kann. Wenn gleich uͤber unendlich viele Fragen, die dieſe Gegenſtaͤn⸗ de betreffen, hinlaͤngliche Entſcheidungsgruͤnde im Code Napoleon nicht zu finden ſeyn moͤgen, ſo iſt doch kein einziger Gegenſtand des buͤrgerlichen Rechts uͤbergangen. Es bezieht ſich alſo die Be⸗ ſchraͤnkung der Guͤltigkeit des Code Napoleon nur auf den Code de Commerce, und die Codes administratifs, die nachfolgen ſollten, und Ge⸗ genſtande betreffen, die außer dem Umfange eines allgemeinen Civilgeſetzes liegen. Was hingegen unter dieſem begriffen iſt, muß nach dem Code Napoleon beurtheilt werden. Er beſtimmt zum Beyſpiel die Inteſtat-Erbfolge ganz allgemein. Wie kann denn alſo ein Erbfolge⸗Syſtem(nach Meyerrechten, particulaͤren Adelsgewohnheiten, Stadtrechten u. ſ. w.) das jenen Beſtimmungen widerſpricht, daneben geduldet werden? Das nehmliche findet bey allen wichtigen Gegenſtänden des Rechts ſtatt, deren keiner uͤbergangen iſt. Dieſer Sinn des oben erwaͤhnten Geſetzartikels 23 wird recht einleuchtend, wenn man ihn mit dem Schlußartikel des Code pénal vergleicht. Dans toutes les matiéres, heißt derſelbe, qui n'ont pas ẽté rẽglées par le prẽsent Code et qui sont rẽglees par des Lois et réglemens particuliers, les Cours et tribunaux continueront de les ob- server: welches der Staatsrath Réal in ſeiner Rede zur Empfehlung des Titels ausdrucklich er⸗ klaͤrt, En tout ce qui n'est pas reglẽ par le prẽ- sent Code, en matière de crimes, delits, et contraventions, les Cours et tribunaux conti- nueront d'observer et de faire exécuter les dispositions des Lois et des reglemens actuelle- ment en vigneur. Und der Redner des geſetzge⸗ benden Corps, Nougarède Baron de Fayet, macht auf den Gegenſatz des Code civil und Code pénal noch beſonders aufmerkſam. Der letztere verſtat⸗ tet, alte, nicht ausdruͤcklich aufgehobene Vorſchrif⸗ ten, anzuwenden. Jener hebt alles auf, was nicht ausdruͤcklich beſtaͤtigt iſt. In Deutſchland beſtehen unendlich viele Ver⸗ haͤltniſſe, die nach andern, neben dem roͤmiſchen Rechte geltenden Geſetzen und Herkommen, beur⸗ 24 theilt werden. Das roͤmiſche Recht iſt ſpaͤter ein⸗ gefuͤhrt, als dieſe mannigfaltigen deutſchen Rechte, die bey der Annahme jenes Rechts nicht aufge⸗ hoben ſind. Bey der Einfuͤhrung des neuen Rechts in Frankreich, war hingegen die Vernichtung al⸗ ler buͤrgerlichen Verhaͤltniſſe und die Aufhebung des alten Rechtsſyſtems, die vorlaͤufige Bedin⸗ gung. Es iſt daher dem Geiſte des Code Napo⸗ leon ganz zuwider, wenn man glaubt, Meyer⸗ recht, Lehnrecht, geiſtliches Recht, herkoͤmmliche Stadtrechte, Familienrechte, Zunftrechte, koͤnn⸗ ten neben jenem Geſetzbuche beſtehen. Der Code Napoleon hebt ſie alle auf. Fuͤr Frankreich war es unnoͤthig, dieſes im Geſetze ſelbſt zu ſagen. Alles war ſchon laͤngſt geſchehen. Der Zuſtand, auf den ſich der Code Napoleon bezieht, iſt eine gänzliche Aufloͤſung der buͤrgerlichen Geſellſchaft in ihre erſten Elemente, das iſt, Einzelne von einander unabhaͤngige Menſchen, die durch nichts andres als durch die allgemeinen fuͤr alle Ein⸗ wohner Frankreichs gegebnen Geſetze verbunden ſind. Man kann ihn daher aber auch gar nicht 25 beurtheilen, ja nicht einmal verſtehen, wenn man ihn nicht durchgehends mit den in den Jahren 1789 bis 1793 erlaſſenen revolutionairen Geſetzen vergleicht, auf welche denn auch die Discuſſionen des Staatsraths, und die Reden, mit denen das Werk der geſetzgebenden Verſammlung empfohlen ward, haͤufig zuruͤckweiſen. Ohngeachtet der allgemeinen und ſehr ernſtlich betriebenen Zerſtoͤrung, finden ſich in Frankreich ſelbſt noch unzahlige Spuren der alten Verhaͤlt⸗ niſſe, welche der ſyſtematiſchen Verheerung ent⸗ gangen ſind, und trotz aller Decrete noch immer beſtehen. Der Appellationshof zu Montpellier trug daher ausdruͤcklich darauf an, daß das alte Recht, unter welchem die vormaligen Verhaͤltniſſe ſich gebildet hatten, nicht durchaus, ſondern nur ſoweit als ſie mit dem Code Napoleon in offen⸗ barem Widerſpruche ſtuͤnden, abgeſchafft werden moͤgten*). Um ſo viel mehr aber hätten deutſche Regierungen, in Laͤndern, die nicht revolutionirt ſind, und den Code Napoleon aus Nachgiebigkeit *) Analyse par Crussaire p. 9 ff. 26 gegen die Zeitumſtände einfuͤhren zu muͤſſen glaub⸗ ten, durchaus nicht weiter gehen ſollen, als die⸗ ſem Geſetzbuche die Autorität zuzugeſtehen, welche das roͤmiſche Recht bisher in Deutſchland gehabt hat: zu verordnen, daß in allen Faͤllen, wo durch keine andern guͤltigen Geſetze oder Herkommen et⸗ was Eignes Rechtens iſt, der Code Napoleon ein⸗ treten ſolle. Ein ſcheinbarer Vorwand, mit welchem die dem Code Napoleon weſentliche und daher mit ſeiner Einfuͤhrung von ſelbſt eintretende Aufhe⸗ bung aller andern Rechte gerechtfertigt werden ſoll, iſt dieſer: daß doch endlich der Ungewißheit dar⸗ uͤber, was denn Rechtens ſey, ein Ende gemacht, und eine allgemeine Einförmigkeit des Rechts im ganzen Staate, eingefuͤhrt werde. Was die Ungewißheit betrifft, ſo iſt ſie aller⸗ dings ein weſentliches Hinderniß der guten Ord⸗ nung: aber ſie kann nicht auf die nehmliche Art in Anſehung der buͤrgerlichen Geſetzgebung gehoben werden, als in Adminiſtrations⸗An⸗ gelegenheiten. 27 Da ſich in dieſen letzten immer durch das Al⸗ ter der beſtehenden Einrichtungen, die Vorſchrif⸗ ten zu haͤufen pflegen; da eine große Zahl von einzelnen Befehlen gegeben, aufgehoben, wieder eingefuͤhrt, modificirt werden, und am Ende ein verwickeltes Syſtem in Dingen entſteht, die nicht genug vereinfacht werden koͤnnen, um die Unter⸗ thanen gegen die Gefahren unverſchuldeter Unwiſ⸗ ſenheit, und gegen die Uebervortheilungen hab⸗ ſuchtiger und uͤbelwollender Diener der offentlichen Gewalt zu ſchuͤtzen, ſo iſt es ein dringendes Be⸗ duͤrfniß, daß von Zeit zu Zeit alles durchgeſehen, und die beſtehenden Vorſchriften, die man beybe⸗ halten will, geſammelt, in Uebereinſtimmung ge⸗ bracht, und aufs neue publicirt werden. Die Ungewißheit und Verwirrung wird hie⸗ durch aber nicht gehoben, ſondern vermehrt, wenn nicht zugleich allen bis dahin geltenden Geſetzen und Verordnungen, die Kraft genommen wird. Bey einiger Sachkenntniß und Aufmerkſamkeit iſt es leicht, eine vollſtaͤndige Vorſchrift zu entwerfen, von Allem, was die Menſchen in Beziehung auf gewiſſe beſchränkte Zwecke thun ſol⸗ len: und es iſt ein Beweis der veraͤchtlichſten Un⸗ 28 entſchloſſenheit, oder einer nichtswuͤrdigen Fisca⸗ litäͤt, wenn in ſolchen Dingen,(z. B. in Steuer⸗ ſachen) neue Geſetze gegeben werden, ohne die alten außer Kraft zu ſetzen: wenn Ein neues Ge⸗ ſetz uͤber das andre erſcheint, in welchen unauf⸗ horlich Zuſaͤtze, Erlauterungen, Abaͤnderungen gemacht werden, ohne je ein fruͤheres Geſetz auf⸗ zuheben*). Aber was von der Verwaltung der oͤffentlichen Angelegenheiten gilt, kann nicht auf die buͤrgerli⸗ che Geſetzgebung angewandt werden, welche durch ihre Beſtimmungen allenthalben eingreift, wo die Befugniß des Menſchen, nach Willkuͤhr zu han⸗ deln, beſchraͤnkt werden ſoll; wo das Geſetz ſtatt ſeiner uͤber unvorhergeſehene Faͤlle entſcheidet; und von dem ein großer Theil ſich mit dem Ver⸗ fahren, welches beobachtet werden ſoll, damit das zur Vollziehung komme, was der Menſch ſelbſt *) So waren z. V. die Geſetze uͤber indirecte Steuern beſchaffen, welche die weſtphaͤliſche Regierung zu Caſſel in den Jahren 1808 bis 1813 erlaſſen hat, und welche uͤberhaupt, insgeſammt ein Schandfleck der Geſetzgebung ſind. 29 gewollt hat, und mit den Folgen ſeiner Handlun⸗ gen, beſchaͤftigt. Wenn in einem neuen Steuer⸗ oder Policei⸗Geſetze etwas uͤberſehen worden, ſo iſt nichts leichter, als den Fehler zu verbeſſern. Es iſt blos von dem die Rede, was von jetzt an geſchehen ſoll, und alles was verſaͤumt oder ver⸗ loren ſeyn kann, iſt ganz unbedeutend. Wenn aber einzelne Verhaͤltniſſe in einem buͤrgerlichen Geſetze uͤbergangen ſind, ſo werden die Rechte de⸗ rer unwiderbringlich gefaͤhrdet, die ſich in dem vernachlaͤſſigten Falle befinden. Ungewißheit und zahlloſe Streitigkeiten gehen aus dem Fehler der Geſetzgebung hervor. Wer aber koͤnnte ſich an⸗ maaßen, zu behaupten, daß er alle moͤglichen Verhaͤltniſſe, die aus den unendlich mannigfalti⸗ gen Beſtimmungen der menſchlichen Willkuͤhr ent⸗ ſtehen, in ſeine Regeln mit aufgenommen habe? Dennoch iſt dieſes bey dem Code Napoleon aus⸗ drucklich vorausgeſetzt: da der te Art. den Rich⸗ ter eines Deni de Justice ſchuldig erklaͤrt, der unter Vorwand des Mangels an geſetzlicher Beſtimmung, eine Entſcheidung verweigern wuͤr⸗ de. Und ſo mußte es auch ſeyn; da das alte 35 Recht nicht mehr gelten ſollte, und doch kein Menſch in keinem Falle, rechtlos ſeyn kann. Wenn im Lex 2 Cod. Läib. 1. Tit. 17 allen fruͤhern aͤhnlichen Sammlungen die geſetzliche Kraft, und allen Lehrbuͤchern uͤber das roͤmiſche Recht die Autoritaͤt genommen wird, ſo geſchieht dieſes ausdruͤcklich in der Vorausſetzung und aus dem Grunde, weil nach ſorgfaͤltiger Durchſicht aller gangbaren Lehrbuͤcher und beſtehenden Ge⸗ ſetze, aus denſelben alles Anwendbare, was noch galt und gelten ſollte, ausgezogen ſey; und die Verfaſſer der Sammlung uͤberzeugt waren, in der ihrigen ſey alles vollſtaͤndig enthalten, was zu ih⸗ rer Zeit uͤbliches Recht war. Juſtinians Rechts⸗ gelehrte ſollten kein neues Recht ſchaffen, ſondern das beſtehende ſammeln und ordnen. Die Abaͤn⸗ derungen und Zuſaͤtze waren lauter einzelne geſetz⸗ liche Verfuͤgungen. Es war aber auch keine Um⸗ waͤlzung des ganzen buͤrgerlichen Zuſtandes vor⸗ hergegangen. In Frankreich ſollte fuͤr einen neuen Zuſtand aller Dinge, ein neues allgemei⸗ nes Geſetz gegeben werden: und allein ſchon die Abſicht, die der Staatsrath Portalis der geſetzge⸗ 31 benden Verſammlung bey Empfehlung des erſten Titels des neuen Code, als einen Hauptzweck deſſelben ankuͤndigte; die Abſicht, der Mannigfal⸗ tigkeit von Local⸗Geſetzen und Gewohnheitsrechten ein Ende zu machen, die den Freunden der Einen und untheilbaren Republik ein ſo unertraͤgliches Uebel ſchien, erforderte es. Auf welche Art iſt nun dieſe allgemeine Ein⸗ heit des Rechts im franzoſiſchen Reiche, durch den Code Napoleon bewirkt? Hoͤrt man die Lobredner deſſelben im Tribunate, im geſetzgebenden Corps, im Staatsrathe, in Buͤchern und Zeitungen, ſo huldigt die Welt der reinen Vollkommenheit eines Geſetzbuches, das aus den Ausſpruͤchen der ge⸗ ſunden Vernunft und der Erfahrungsweisheit vie⸗ ler Jahrhunderte beſteht, und das Beſte von de⸗ nen durch die Ausuͤbung gepruͤften Rechtsſyſtemen aller Zeiten und Voͤlker, in ſich vereinigt. Der Appellationshof zu Montpellier aber, ſagt in ſei⸗ nen Bemerkungen uͤber den ihm vorgelegten(und im Weſentlichen beybehaltnen) Entwurf, es ſey ein Transact gemacht, zwiſchen dem roͤmiſchen Rechte und den Gewohnheitsrechten; wodurch 3⁰ beyde Theile von Frankreich, in denen das Eine und die Andern gegolten hatten, der Vorzuge ih⸗ rer Rechtsſyſteme beraubt, und den Bewohnern des Einen, Dispoſitionen des roͤmiſchen Rechts, die ſie ſchon verworfen oder abgeaͤndert hatten, den Bewohnern des Andern aber, Dispoſitionen ei⸗ nes Gewohnheitsrechts, das ſich fuͤr ſie nicht ſchickt, aufgedrungen werden*). Wenn man auch in dieſen Ausdruͤcken etwas von der Bitterkeit finden ſollte, welche ſehr natuͤr⸗ licher Weiſe bey Maͤnnern, die es mit ihrem Be⸗ rufe ernſtlich meinen, entſteht, wenn das Syſtem zerſtoͤrt wird, wodurch ihre ganze Denkungsart gebildet iſt, zu deſſen Anwendung ſie erzogen wa⸗ ren, und welches ſie mit einer wahrhaftig nicht tadelnswerthen Devotion verehrten, ſo iſt dennoch das Weſentliche jenes Urtheils offenbar gegruͤndet. Es kommt hier nicht auf die Vorzuͤge der beyden Geſetzgebungen an:(die der Gerichtshof von Montpellier insgeſamt in ihrem Werthe laͤßt) ⸗ Die Voͤlker waren an ſie gewoͤhnt: und alle wer⸗ den genoͤthigt, ihre Gewohnheiten, ihre Neigun⸗ gen, *) Analyse p. 6. 7. 33 gen, ihr Intereſſe, der allgemeinen Uebereinſtim⸗ mung zum Opfer zu bringen. Und iſt denn dieſe Einfoͤrmigkeit in der Geſetz⸗ gebung ein ſo großes Gut? In einem Blatte, welches die Geſinnungen der herrſchenden Parthey recht kraͤftig auszudrucken pflegte, im Argus, las man zur Empfehlung des neuen Syſtems: eine einfoͤrmige Organisation politique ſey le plus bel homage rendu à la dignité de l'espece humaine. Was fuͤr große Worte! Die Wuͤrde der menſchlichen Natur beſteht darin, daß ſie ſich allenthalben durch eignen Verſtand, Beobachtung der Verhaͤltniſſe und Beduͤrfniſſe, Anordnungen ſchafft, ſo wie ſie den mannigfaltig verſchiednen Umſtänden der Zeiten und Laͤnder angemeſſen ſind. Le plus bel homage rendi à la dignité de l'espéce humaine beſtunde alſo vielmehr in der groͤßten Mannigfaltigkeit aller buͤrgerlichen Ver⸗ haͤltniſſe: und eine erzwungne Einfoͤrmigkeit iſt vielmehr ein Merkmal der herabwuͤrdigenden Skla⸗ verey des Geiſtes. Vielleicht darf man gegen⸗ waͤrtig die Franzoſen ſelbſt wieder daran erin⸗ 3 34 nern, daß Montesquieu nicht ſo dachte, wie der Argus. Was fuͤr ein Uebel kann daraus entſtehen, wenn Eine Provinz des großen Reiches andern Civil⸗Rechten folgt, als andre Provinzen, deren naturliche Beſchaffenheit, deren Einwohner, ihre Sitten und Neigungen, verſchiedne Beduͤrfniſſe haben? Wenn nur jede beſtimmt weiß, was bey ihr Rechtens iſt; wenn der Fremde, der daſelbſt Geſchaͤfte macht, die Folgen ſeiner Hand⸗ lungen durch die gehoͤrige Sorgfalt in Erkundi⸗ gungen, erfahren kann: wozu denn den Gewohn⸗ heiten Gewalt anthun? Glaubt man etwa, daß es möglich ſey, je⸗ mals das Recht und den Rechtsgang ſo zu verein⸗ fachen, daß jeder ſich ſelbſt rathen und helfen koͤnne, wenn er in das allgemeine Geſetzbuch hin⸗ einſieht? Die Erfahrung weniger Jahre hat die Schwaͤrmereyen franzoſiſcher Staatskuͤnſtler hier⸗ uber, laͤngſt widerlegt. Bedarf man aber unter allen Umſtänden und unter der Herrſchaft jeder Geſetzgebung, der Huͤlfe von Rechtsgelehrten, ſo mag man eben ſo wohl den Sachwalter zu Rathe 35 ziehen, der die Provincial⸗Geſetze des Orts kennt, und kennen muß, ſo gut als jeder ein allgemeines Recht kennt. In den Faͤllen, wo aus der Ungleichheit der Rechtsbegriffe und Grundſätze in verſchiedenen Theilen Eines Reichs, große Unbequemlichkei⸗ ten entſtehen, laͤßt ſich durch einzelne Verfü⸗ gungen helfen. Solche einzelne Anordnungen wirken ſehr wohlthaͤtig: aber nur wenn ſie nach Erwagung aller Umſtaͤnde, und in Beziehung auf alle Verhaͤltniſſe getroffen werden. So wird es zum Beyſpiele von den Rednern, die den Code Napoleon der geſetzgebenden Ver⸗ ſammlung feyerlich empfohlen, als ein großes Uebel dargeſtellt, daß die Begriffe uͤber Mobiliar⸗ Vermoͤgen und Immobilien, in den verſchiednen Coutumes ſo ſehr von einander abwichen*). Das mogte es ſeyn: denn die Rechte der Inteſtat⸗ Erben hiengen von der Beſtimmung jener Begriffe *) Treithard in den Motifs Tom. 4. p. Z. 36 ab: und die zufällige oder abſichtliche Verande⸗ rung des Aufenthalts konnte daher weſentliche Folgen bey Todesfaͤllen nach ſich ziehen. Mit Einem Edicte von wenigen Zeilen war dieſem Ue⸗ bel abzuhelfen. Die Verſchiedenheit des Rechts in Anſehung der väterlichen Gewalt hatte große Inconvenienzen. In einigen Provinzen des Pays de Coutumes ward dem Vater der Genuß der eig⸗ nen Guͤter ſeiner Kinder uͤber 14 Jahren nicht zu⸗ geſtanden, welche ihm nach dem DProit écrit und einigen andern Droits coutumiers gebuͤhrte. Ei⸗ nige Gerichtshoſe erklaͤrten dieſes Recht der väter⸗ lichen Gewalt fuͤr perſoͤnlich, und dehnten es auf entfernte Guͤter aus: dahingegen ein anderer Ge⸗ richtshof vielleicht ſolche Guͤterverhältniſſe für Real⸗ Rechte hielt, und dem Sohne die Dispoſition zuſprach: ſo daß die in verſchiednen Provinzen be⸗ legenen Guͤter des nehmlichen Beſitzers, in einer und derſelben Verhandlung widerſprechenden Er⸗ kenntniſſen unterzogen werden konnten, und man nicht wußte, mit wem man rechtsbeſtaͤndiger Weiſe contrahiren duͤrfe*). ————————— *) Dieſes ſehr intereſſante Verhaͤltniß iſt in Merlin 37 Solche Uebel waren zumal nach der Aufhe⸗ bung der alten Provinzen und Errichtung neuer Departements unertraͤglich geworden. Alle dem aber war durch ſpecielle Verfuͤgungen abzuhelfen: ſo wie uͤberhaupt die verderbliche Ungewißheit des Rechts in den wichtigſten Faͤllen durch einige Ent⸗ ſchloſſenheit des Geſetzgebers leicht zu heben iſt. Dieſes Geſchaͤft, eines der wichtigſten fuͤr jede Regierung, die auf das Wohl der Unter⸗ thanen bedacht iſt, iſt zwar großen Schwierig⸗ keiten unterworfen, aber nicht unuͤberwindli⸗ chen. Die vornehmſten derſelben liegen nicht in der Sache ſelbſt, ſondern in der Behandlung, wel⸗ cher ſie gerade von den ſorgſamſten und wohlmei⸗ nendſten Regierungen unterzogen wird. Die ein⸗ zelnen ſtreitigen Fragen ſind an ſich ſelbſt ſelten verwickelt. Die vorzuͤglichere Entſcheidung liegt ſehr nahe, und iſt leicht zu erkennen: oder es ſind mehrere gleich gut: jede vielleicht ertraglich. Das Publikum bedarf nur einer Entſcheidung: welche Répertoire de Jurisprudence Art. puissance pa- ternelle Tom. X. p. 336. ausführlich bargeſtellt. 38 es auch ſey. Aber jede noch ſo einfache Rechts⸗ frage ſtoͤßt von ſo vielen Seiten an ſo unzaͤhlig viele Verhältniſſe des buͤrgerlichen Lebens, und greift ſo tief in ſolche Verwickelungen, daß man nicht vorſichtig genug in der Faſſung ſeyn, und nicht zu viel umherſchauen kann, um alles auszu⸗ ſpaͤhen, was zugleich mit regulirt werden muß: endlich auch erfordert die Ruͤckſicht auf den mögli⸗ chen Mißbrauch von Seiten uͤbelwollender Par⸗ theyen und Sachwalter, die ſorgfaͤltigſte Pruͤfung des Ausdrucks. Aus allen dieſen Gruͤnden muͤſſen erfahrne Rechtsgelehrte zu Rathe gezogen werden, um Geſetze uͤber Fragen zu geben, die der geſunde Verſtand eines Mannes der um ſich her geſchauet hat, vielleicht hinreichend entſcheiden koͤnnte. Kein Beruf, keine Beſchaͤftigung, kein Studium aber, erzeugt ſo unvermeidlich eine graͤnzenloſe Bedenk⸗ lichkeit uͤber und gegen alles, als die praktiſche Rechtsgelehrſamkeit. Es iſt einer der edelſten Theile des Berufs eines großen Richters, die Ver⸗ drehungen und Mißbraͤuche abzuwehren, welche der Eigennutz, der Eigenſinn, die Eitelkeit, von Partheyen und Sachwaltern vorbringen mag. Der Scharfſinn der angewandt wird, Chicanen zu 39 vereiteln, iſt eben ſo achtungswerth, als die Schlau⸗ heit, ſich ihrer zu ſeinem Vortheile zu bedienen, veraͤchtlich und verabſcheuungswuͤrdig. Die vor⸗ zuglichſten, durch Einſicht und Rechtſchaffenheit ehr⸗ wuͤrdigſten Richter kommen daher ſehr leicht da⸗ hin, daß ſie ſich bey keiner zu erlaſſenden geſetzli⸗ chen Beſtimmung beruhigen; daß nichts ſie befrie⸗ digt. So zuverſichtlich ſie in wohlgegruͤndetem Vertrauen auf ihre Einſicht uber das was Rech⸗ tens iſt, urtheilen, ſo zweifelhaft werden ſie, wenn ſie befragt werden, was denn jetzt fuͤr Recht er⸗ klärt werden ſolle. Fragt man mehrere, ſo ver⸗ wickelt ſich die Sache immer mehr. Menſchenal⸗ ter verſtreichen, ohne daß ein Beſchluß gefaßt werden kann: und die Regierungen, welche oft nur allzugeneigt ſind, mit Verordnungen und Ver⸗ fuͤgungen in Sachen der allgemeinen Policey her⸗ vorzugehen, werden dagegen von einem aͤngſtlichen Schreck ergriffen, ſo oft von den dringendſten Beduͤrfniſſen der buͤrgerlichen Geſetzgebung die Rede iſt. Man kann in den Memoirer des Baron de Bezenval ein merkwürdiges Beyſpiel le⸗ 40 ſen*), wie der Entwurf einer weſentlichen Ver⸗ beſſerung des franzoͤſiſchen Juſtizweſens, welchem einer der verehrteſten Maͤnner ſeiner Zeit, der Prä⸗ ſident de Lamoignon, alle Kraͤfte ſeines Geiſtes gewidmet hatte, durch die Dazwiſchenkunft des Pariſer Parlaments, welches nichts Uebles zu thun gedachte, vereitelt worden iſt. Die Juſtizbehoͤr⸗ den des alten Frankreichs verdienten aber im Gan⸗ zen genommen durchaus nicht die Vorwuͤrfe, wo⸗ mit ſie von revolutionsſuͤchtigen Sachwaltern be⸗ laden worden ſind. Sie waren ſehr thaͤtig gewe⸗ ſen, um dem Ungemache abzuhelfen, welches in vielen Städten aus der Verſchiedenheit des Rechts in den einzelnen Theilen der Monarchie entſprang. Sie hatten zum Beyſpiele durch die Ordonnance von 1735, wodurch eine in der That nuͤtzliche Einfoͤrmigkeit der Formalitaͤten, die zur Guͤltig⸗ keit von Teſtamenten erfodert werden, bewirkt ward, einen Beweis davon gegeben, wie das Juſtizweſen reformirt werden kann, ohne zu re⸗ volutioniren. *) Paris 1805. im dritten Bande, 41 Die verderblichen Folgen einer erzwungnen durchgaͤngigen Einheit ſind ſo einleuchtend, daß der Code Napoleon ſelbſt, der ausdruͤcklich dazu promulgirt iſt, um ſie zu bewirken, gar nicht hat vermeiden koͤnnen, in einigen Stuͤcken das alte Herkommen der Provinzen zu beſtaͤtigen. Servi⸗ tuten auf den Feldern, und der usus fructus, werden nach demſelben beurtheilt*). Berge und Thaͤler, Gewaͤſſer, behaupten ein Poſſeſſions⸗Recht, das ſtaͤrker iſt, als alle Metaphyſik. Unvorbenk⸗ liche Gewohnheiten und dadurch gebildete Begriffe der Menſchen laſſen ſich nicht durchſchneiden und eintheilen, wie das ganze Reich in Departements und Diſtricte. Trotz aller geſetzgebenden Ver⸗ ſammlungen und Nationalkonvente, muß in Pa⸗ ris, wo die Menſchen in hohen und engen Haͤu⸗ ſern zuſammengepreßt wohnen, die Nachbarſchaft andern Regeln unterworfen werden, als in ei⸗ nem weitlaͤuftigen Dorfe, oder in einer kleinen Stadt**). —— Code Napoléon Liv. H. Tit. 3 et 4. **) Code Mapoléon art. 663. 42 Nicht blos da, wo die phyſiſche Natur unüber⸗ windliche Hinderniſſe erzeugt, ſondern auch da, wo allein von willkührlichen Handlungen der Men⸗ ſchen die Rede iſt, hat der eiſerne Wille der re⸗ volutionairen Geſetzgeber nachgeben muͤſſen: und das in einer der wichtigſten Angelegenheiten des menſchlichen Lebens. Nach ihren Ideen ſollte Ge⸗ meinſchaft der Guͤter durchgehends geſetzliche Be⸗ din ung des Eheſtandes ſeyn. Aber die groͤßere Haͤlfte der franzoͤſiſchen Nation hatte das romiſche Dotalſyſtem befolgt, und widerſtrebte der Einfuͤh⸗ rung jenes Grundſatzes. Die Urheber des Code Napoleon haben ſich entſchlieſſen muͤſſen, in An⸗ ſehung dieſes Punkts, deſſen Folgen ſich durch alle Verhaͤltniſſe und Geſchäfte des buͤrgerlichen Lebens hindurch ziehen, das aufzunehmen, was ſie ſelbſt fuͤr einen Schandfleck der Geſetzgebung erklaͤren: ein doppeltes Syſtem von Rechten. Die einſichtsvollern und von metaphyſiſchen Vorurtheilen weniger verblendeten franzoͤſiſchen Staatsmänner moͤgen es wohl eingeſehen haben, wie wenig Wahres an denen mit ſo vielem Pompe großer Worte angekuͤndigten Vortheilen einer ein⸗ 43 foͤrmigen Geſetzgebung ſey. Aber es diente ihnen zu ganz andern Zwecken, die der Staatsrath Por⸗ talis in ſeiner Rede, womit der vollendete Code Napoleon der Sanction des geſetzgebenden Corps empfohlen wird, ſehr naiv verraͤth. Les esprits ordinaires, ſagt er, peuvent ne voir dans cette unité, qu'une perfection de symetrie: Thomme instruit, I'homme d'état, v découvre les plus solides fondemens de I'Em- pire.— Lordre civil vient cimenter l'ordre politique. Nous ne serons plus Provengaux, Bretons, Alsaciens, mais Frangais.— Oue nos ennemis fremissent, en voyant toutes les pParties de la Republique ne plus former qu'un seul tout! en voyant plus de trente millions de Frangais se lier par les mẽmes lois! en voyant une grande nation n'avoir plus qu'un sentiment, qu une pensce, marcher et se conduire, com- me si toute entiére elle n'était qu'un seul hom- me!*) Schon vor dieſem Staatsrathe hatte Robespierre den Geiſt der Einen und untheilbaren Republik, in ſeinem Une, une, une, volonté *) Motifs Tom. VII. p. 183. 44 ane, vollkommen ausgedruͤckt. Er hat ſich ſeit⸗ dem mit bewundernswuͤrdiger Energie entwickelt. So viele dem Code Napoleon unterworfne Millio⸗ nen, alle in Einer Bewegung, unter dem Ein⸗ fluſſe Eines Willens, in Einer Direction,— in welcher, das haben die Feldzuͤge gezeigt, die der⸗ jenige, deſſen Namen der Code traͤgt, in unun⸗ terbrochener Reihe unternommen, um alle Laͤnder zu verheeren, alle arm und elend zu machen, nur um ſie Frankreich zu unterwerfen, welches elen⸗ der als ſie alle iſt. Wenn es fuͤr das innere Gluck des franzoͤſi⸗ ſchen Reichs an ſich ſelbſt ganz gleichguͤltig war, ob Languedoc und Flandern die nehmlichen Ge⸗ ſetze uͤber die buͤrgerlichen Verhaͤltniſſe befolgen: was fuͤr ein Gewinn koͤnnte denn wohl fuͤr die deutſche Nation darin liegen, daß ihre, ver⸗ ſchiednen Landesregierungen unterworfnen Glie⸗ der, das nehmliche Recht annehmen? Das große uebel, dadurch Deutſchland ſo viel gelitten hat, das ſtreitende Intereſſe der verſchiedenen Landes⸗ herrſchaften, wird wahrlich nicht durch die Ein⸗ heit der Rechtsformeln gehoben werden: und wenn 45 die unſelige Zwietracht der Fuͤrſten, durch die un⸗ bedingte Abhaͤngigkeit von Einem Uebermaͤchtigen, welcher er auch ſey, oder durch ein gluͤckliches Ein⸗ verſtaͤndniß dem fremden Joche Widerſtand zu lei⸗ ſten, gehoben wuͤrde: ſo wuͤrde in keinem Falle, weder die Verſchiedenheit des Rechts und der Rechtspflege hinderlich gefunden werden, noch die Einheit großen politiſchen Zwecken befoͤrderlich ſeyn, ſo wie ſie es in denen zu Einem Reiche ver⸗ bundenen, und in Ein Ganzes verſchmolzenen Voͤlkern, die Frankreich ausmachen, geweſen iſt. Macht aber die Einfoͤrmigkeit des Rechts einen der weſentlichſten Zwecke der neuen Geſetzgebung aus: wie iſt es denn moͤglich, neben dem Geſetz⸗ buche, woraus dieſelbe hervorgehn ſoll, noch ſub⸗ ſidiariſche Rechte beſtehen zu laſſen? Der Art. 5. des Code Napoleon verbietet den Richtern, allge⸗ meine Beſtimmungen zu faſſen. Aber der àte Art. beſiehlt ihnen auch, jeden einzelnen Fall zu entſcheiden: und da die Richter, ſo oft Faͤlle vor⸗ kommen, welche, ohne das Geſetz zu verletzen, auf verſchiedene Art entſchieden werden koͤnnen, ver⸗ muthlich das eine Mal entſcheiden werden, wie 46 das andre, ſo entſteht eine ſupplementariſche Ju⸗ risprudenz uͤberkommener Meinungen und Ge⸗ wohnheiten. Nahmen nun die Richter, wie zu vermuthen iſt, bey allen ſolchen Entſcheidungen, wo die Vorſchrift des Code Nap. unzulaͤnglich iſt, oder einen Spielraum zulaͤßt, auf das Recht das fruͤher bey ihnen galt, Ruͤckſicht(und daran wuͤr⸗ den ſie zum Beſten der Partheyen ſehr wohl thun), ſo entſtehen in Kurzem neben dem Code Napoleon ſo viele Rechtsſyſteme, als es vormals alte Ge⸗ wohnheitsrechte gegeben hat, die doch durch die Einfuͤhrung des Code Napoleon vernichtet werden ſollten. Der Caſſationshof iſt zwar errichtet, um dieſes zu verhindern: aber da dieſes große Werk⸗ zeug, wodurch die Einſoͤrmigkeit der Rechtsver⸗ waltung bewirkt werden ſoll, nur ſolche Urtheile verwerfen darf, die klaren Beſtimmungen des Co⸗ de Napoleon geradezu widerſprechen, ſo werden unfehlbar in jener Jurisprudenz der Gerichte, da⸗ fern der Caſſationshof ſich in ſeinen geſetzlichen Schranken haͤlt, die alten Gewohnheitsrechte wie⸗ der aufleben; die Verſchiedenheit des Rechts in den Provinzen, Departements genannt, wird wie⸗ der einreißen, und das ganze Chaos aufgehobner 47 und dennoch guͤltiger Obſervanzen und Ordonnan⸗ zen wird ſtudirt werden muͤſſen, bis das geſetzge⸗ bende Corps durch einen Supplementar Code aufs neue einen Verſuch macht, die Hydra der Rechts⸗ verſchiedenheit auszurotten. Dieſe Folgen des Unternehmens, einen ganz neuen Rechtszuſtand im franzoͤſiſchen Volke zu con⸗ ſtituiren, ſind vielleicht von manchem fanatiſchen Reformator ſelbſt uͤberſehen, und mißfallen den beſſern unter ihnen: Dieſe ſuchen auszuweichen, indem ſie die Anſicht befoͤrdern, deren Unverein⸗ barkeit mit dem Geiſte und den ausdruͤcklichen Wor⸗ ten des Code Napoleon ſo eben gezeigt iſt. Die vorzuglichſten Rechtsgelehrten und Staatsmaͤnner in Frankreich, welche die Unentbehrlichkeit einer gelehrten Bildung fuͤhlen, die auf einem ernſtli⸗ chen Studio der Quellen beruht, aus welchen die neue Legislation hervorgegangen iſt, beguͤnſtigen die irrige Meinung. Die Verfaſſer der Pandec- tes frangaises ſchicken ihren Erläuterungen des Code Napoleon Ausfuͤhrungen des roͤmiſchen Rechts voran, und ſagen z. B. bey dem Titel de la pnis- sance paternelle ausdruͤcklich, es ſey noͤthig, die 48 Grundſätze des roͤmiſchen Rechts zu kennen, um den Code Nap. recht zu verſtehen. Wenn man die Principes generaux du droit civil privé des Perraau anſieht, eines Inspecteur général des ecoles de droit, deſſen Werk alſo vor allen an⸗ dern geſchickt iſt, eine Idee davon zu geben, wie das Studium der Rechtsgelehrſamkeit in den Schu⸗ len betrieben wird, ſo könnte man verleitet wer⸗ den, zu glauben, das neue franzoͤſiſche Recht ſey eine Modification des roͤmiſchen, und muͤſſe aus dieſem erläutert werden. Dieſe Vorſtellungen, welche in den beſten Abſichten vekbreitet werden, ſind dem Geiſte der franzoͤſiſchen Geſetzgebung eben ſo ſehr zuwider, als ihrem Buchſtaben. Die wahren Quellen, aus denen der Code Napoleon abgeleitet worden iſt, und aus denen er erlaͤutert werden muß, ſind die in den Jahren 1739 bis 1795 gegebenen revolu⸗ tionairen Geſetze. Die Sammlung derſelben*) iſt *) Die Collection des lois arrétés et dõcrets, ren- dus depuis 1760 und das Bulletin des lois, wel⸗ ches 49 iſt fuͤr die Erklaͤrung des Code Napoleon unend⸗ lich noͤthiger, als das Corpus Juris Justinianei, welches vielmehr nebſt allen Compendien und Com⸗ mentarien daruͤber haͤtte vertilgt werden muͤſſen, wenn man recht conſequent haͤtte verfahren wol⸗ len. Alle Principien des Revolutions⸗Rechts ſind im Code Napoleon enthalten, und lie⸗ gen den Vorſchriften deſſelben zum Grunde. Selbſt da wo er von jenen abweicht, ſie auf⸗ hebt, oder modificirt, muß man ſie in ih⸗ rem Zuſammenhange ſtudiren, um den wahren Sinn des neuen Geſetzes zu begreifen; und ein⸗ zuſehen, warum die Beſtimmungen gerade ſo und nicht anders gefaßt ſind. Es iſt allerdings noͤ⸗ thig, das roͤmiſche Recht zu kennen, um die un⸗ zähligen Artikel des Code Napoleon zu erklaͤren, welche ſich auf alte Verhaͤltniſſe beziehen, die erſt aus jenen Rechtsbegriffen klar werden; oder in denen ches ſich an jene Sammlung anſchließt, oder die dar⸗ aus gezogenen Lois civiles ou Code civile inter- médiaire, in 4 Bänden, Paris 1810. chez Cla- ment gedruckt, ſind ein unentbehrliches Handbuch füͤr denjenigen, der den Geiſt der neuen franzoͤſiſchen Geſetzgebung kennen lernen will. 4 50 die Redactoren die Begriffe des roͤmiſchen Rechts, wovon ihr Kopf voll war, anwendeten, um die rohen Ideen die den einzelnen Decreten des Con⸗ vents zum Grunde lagen, in vollſtändigen Ge⸗ ſetzen darzuſtellen. Aber dieſer Gebrauch, der ſich im Grunde auf eine grammatiſche und logiſche In⸗ terpretation bezieht, iſt ſehr weit von der legisla⸗ tiven Interpretation verſchieden, welche alle dieje⸗ nigen in dem roͤmiſchen Rechte ſuchen, wel⸗ che es verkennen, oder gar zu gern uͤberſehen, aus welchen Quellen das neue Recht entſprungen iſt: metaphyſiſche Principien der Freiheit und Gleichheit. Dem roͤmiſchen Rechte wird zwar im neuen Geſetzbuche die Autoritaͤt einer Raison écrite bey⸗ gelegt: und deutſche Schriftſteller gefallen ſich ſehr darin, wenn ſie geſchriebene Vernunft wiederhohlen. Kein Menſch hat aber je eine Er⸗ klaͤrung dieſes Ausdrucks vorgebracht, der in der That keinen vernuͤnftigen Sinn hat. Worte! könnte man mit Hamlet ausrufen: Worte, mein Herr, Worte: womit von jeher bey der franzoſi⸗ 51 ſchen Nation Alles auszurichten war, und mit de⸗ nen ſich auch die Deutſchen von ihr ſo gern aͤffen laſſen. In den Deliberationen des Staatsraths uͤber den oben angefuͤhrten Art. 7. des Geſetzes vom 30. Ventoſe an XKII. wurden die Schwierigkeiten und Ungewißheiten bemerkt, die daraus entſtehen mußten, daß alles was bis dahin geſetzliche Au⸗ toritaͤt gehabt hatte, derſelben mit einem Male beraubt ward. Man ſchlug vor, dem roͤmiſchen Rechte die geſetzliche Kraft, die es bis dahin ge⸗ habt hatte, in allen im Code Napoleon nicht ent⸗ ſchiednen Fällen zu laſſen. Allein der Staatsrath Bigot- Préamenen bemerkte, daß hieraus eine unendliche Verwirrung entſtehn wuͤrde: indem die Richter in den Provinzen, welche dem Proit écrit unterworfen geweſen, an dieſes fer⸗ ner gebunden ſeyn, und der Caſſationshof ver⸗ pflichtet ſeyn wuͤrde, die dagegen laufenden Er⸗ kenntniſſe zu verwerfen: da die nehmlichen Sa⸗ chen, in den Provinzen, vormals de droit cou- tumier, ganz anders entſchieden werden wuͤrden. ² X 52 und ſo ward dem roͤmiſchen Rechte die Kraft ganz genommen*. Eben ſo urtheilt der Caſſationshof ſelbſt, dem die Sorge anvertrauet iſt, uͤber der Anwendung des neuen Geſetzes zu wachen; und der am beſten wiſſen muß, in wie fern er andere Geſetze neben jenen dulden darf. Er aͤuſſert ſich ganz beſtimmt daruͤ⸗ ber, in einem officiellen Aufſatze, dem Entwurfe eines Livre préliminaire du Code de Procédure civile. Le droit frangais, ſagt er, rempla- cera tòt ou tard chez toutes les nations de PEurope— le droit romain,— qui sera pientòt abrogé en France dans toutes ses Par- ties**). *) Der Staatsrath Merlin, Procureur Impẽérial beym Caſſationshofe, ſagt daher auch ausdruͤcklich in ſeinem Repertoire universel de Jurisprudence Art. Raison 6crite: c'est dans ce sens que Part. 7. de la loi de 30. Ventòse a éts adopts. **) Sirey Recueil général des Lois et arréts de- puis l'avenement de Mapoléon Vol. IX. 1809. Tom. I. p. 2. 53 In dem Geſetze uͤber die Schulen der Rechts⸗ gelehrſamkeit, iſt zwar verordnet, daß das roͤmi⸗ ſche Recht gelehrt werden und die Lehrlinge genoͤ⸗ thigt ſeyn ſollen, Vorleſungen daruͤber zu hoͤren; daß die Pruͤfungen behuf der academiſchen Grade, ausdruͤcklich mit darauf gerichtet werden ſollen: und hiedurch iſt der Weg gebahnt, dem roͤmiſchen Rechte, trotz aller Geſetze, einen bedeutenden Einfluß wieder zu verſchaffen. Denn was vermoͤgen todte Geſetze, gegen die Kraft der Vorſtellungen, die durch den Unterricht allen Koͤpfen eingeimpft wer⸗ den! Dieſes iſt alſo der Rechtszuſtand in Frank⸗ reich. Eine Geſetzgebung, die mit der allgemei⸗ nen Praxis gar nicht in Uebereinſtimmung zu brin⸗ gen iſt: ein beſtaͤndiger Krieg der Schule mit dem Geſetzgeber, und des Gerichtsgebrauchs mit dem Geſetze. Und dieſer Zuſtand iſt es, den man der deutſchen, und allen andern Nationen, als die Epoche eines goldnen Zeitalters aufdringen will! Es iſt dem ungluͤcklichen und bedaurenswer⸗ then franzoſiſchen Volke zu goͤnnen, daß die ſchreck⸗ lichen Folgen der Zerſtoͤrungsſucht, wodurch es ſo viel gelitten hat, gemildert werden moͤgen, wo es 54 immer thunlich iſt. Es iſt fur daſſelbe beſſer, was auch die Metaphyſik dazu ſagen mag, daß Regie⸗ rung, Geſetzgeber, Gelehrte, Geſchaͤftsmaͤnner, inconſequent verfahren, als daß mit furchtbarer Einheit der Gedanken, ein Syſtem durchgeſetzt werde, das der menſchlichen Natur Gewalt an⸗ thut. Aber wozu ſollen Deutſche einen ſo ver⸗ kehrten Weg einſchlagen, von dem ſie im Augen⸗ blicke da er betreten wird, ſchon einſehen, daß er dahin fuͤhrt, wohin ſie nicht wollen: und den die⸗ ienigen ſelbſt zu verlaſſen wuͤnſchen, die ihn an⸗ gegeben haben. Die Regierungen, die den Code Napoleon adoptiren, ohne vorher im franzoͤſiſchen Sinne re⸗ volutionirt zu haben, glauben vielleicht, daß die alten Rechte durch ihren Einfluß das Ungemach mildern koͤnnen, welches aus der Einfuͤhrung ei— nes revolutionairen Rechts entſpringt. Aber in ihren Maaßregeln liegt ein innerer Widerſpruch, der die ungluͤcklichſten Folgen nach ſich zieht. Wenn es auch moͤglich waͤre, das roͤmiſche Recht und die einheimiſchen deutſchen Rechte, neben dem neuen franzoͤſiſchen Rechte zu behalten, ſo kann dieſes alles auf keine Weiſe mit einander auch nur 55 in einige Uebereinſtimmung gebracht werden. Die Folgen der verſchiedenen Rechtsſyſteme durchkreu⸗ zen einander, und es iſt unmoͤglich aus⸗ zumachen, wie weit der Einfluß eines jeden ſich erſtrecken ſolle. Die Revolutions⸗Geſetze, welche alle alten Verhaͤltniſſe in Frankreich zerſtort haben, ſind unwiderruflich im Code Napoleon beſtaͤtigt. Die Principien derſelben liegen dieſem neuen Ge⸗ ſetze durchaus zum Grunde. Wenn die Doctrin der Juriſten dem Geiſte dieſes Geſetzbuches getreu bleiben will, ſo muß ſie in zweifelhaften Faͤllen und in der Bildung des Gerichtsgebrauches, im⸗ mer auf jene zerſtörenden Geſetze zuruͤckfuͤhren. Denn alle von den wohlmeinenden Redactoren des Code Napoleon aufgenommene Beſtimmun⸗ gen, welche jenen Geſetzen zuwider laufen, ſind nur Ausnahmen, beſchraͤnkende Modificatio⸗ nen. Wie duͤrften dieſe weiter ausgedehnt wer⸗ den, als der Geſetzgeber es gewollt hat? Mit al⸗ len Geſetzen, die dem Code zum Grunde liegen, iſt Deutſchland zwar bisher verſchont geblieben. Sogar von den Regierungen, welche gezwungen waren, ſich ſo enge als moͤglich an das franzoſiſche Syſtem anzuſchließen, hat keine decretirt, daß 56 die Geſetze der Jahre 1789 bis 1793 auf ihre Unterthanen ausgedehnt werden ſollten; nicht ein⸗ mal die Weſtphaͤliſche, dieſes Kind Napoleons, von dem ausdruͤcklich angekuͤndigt war, es ſolle zum Muſter:Staate fuͤr Deutſchland dienen. Ja, ſogar die franzöſiſche Regierung ſelbſt, hat die Theile von Deutſchland, welche ſie in das fran⸗ zoſiſche Reich gezogen, damit verſchont. Doch ſind jene Geſetze im Code Napoleon implicite ent⸗ halten. Sieht man ihn mit den deutſchen Rechts⸗ gelehrten nur fuͤr ein modificirtes roͤmiſches Recht an, ſo wird das nach dieſer Idee ausgefuͤhrte Syſtem unauf hoͤrlich von den Principien abweichen, von denen das Geſetzbuch ausgeht, und welche Frank⸗ reich nie verleugnen kann. Deutſche und franzoͤ⸗ ſiſche Jurisprudenz werden alſo immerfort divergi⸗ ren, und ſehr bald weit auseinander ſeyn: dafern der politiſche Zuſtand der Welt dieſe Divergenz verſtattet. In Frankreich wird entweder die Ju⸗ risprudenz gewaltſam durch die Regierung bey den Grundſätzen gehalten werden, die der Geſetzgebung unterliegen, und dem groͤßten Theile der Rechts⸗ gelehrten ſelbſt gehaͤſſig ſind: oder es entſteht ein Widerſpruch zwiſchen dem Geiſte der Regierung 57 und der Rechtsgelehrſamkeit, bey welchem, ſobald der militairiſche Despotismus erſchlafft, die Ju⸗ risprudenz wohl den Sieg davon tragen koͤnnte, ſo wie in Frankreich ſchon oft geſchehen iſt. Wie aber kann in Deutſchland ein Geſetzbuch gebraucht werden, das einen ſolchen Zuſtand noth⸗ wendig herbeyfuͤhrt! Die Einfuͤhrung eines neuen, in weſentli⸗ chen Punkten verſchiednen Rechts, iſt allemal eine Maasregel von ungeheuerem Umfange. Haben wohl diejenigen Deutſchen, die ſo leichtſinnig da⸗ von reden, uͤberlegt, was es ſagen will, alle Verhaͤltniſſe unter den Menſchen mit einem Schlage zu veraͤndern? In einem Augenblicke ſollen Gewohnheiten, ererbte Begriffe, Beſtim⸗ mungen, die von jedem vorausgeſetzt werden, und die kein Menſch noͤthig hat ausdruͤcklich zu verab⸗ reden, verſchwinden. Neue Praͤſumtionen, neue Formen, werden in dieſem Augenblicke geſetzlich, und alles was jemals Gegenſtand eines Rechts⸗ ſtreites werden kann, muß von jetzt an in Gemaͤs⸗ heit der Vorſchriften des neuen Rechts angelegt 58 werden: bey Strafe der Vernichtung. In jedem Augenblicke da ein Geſchaͤft eingegangen wird, muß gefragt werden, was das neue Recht mit ſich bringe? was es verſtatte? was es un⸗ terſage? Die unverſchuldete Unwiſſenheit des Privatmannes, die unvermeidliche Unkunde des unter ganz andern Verhaͤltniſſen gebildeten Rechtsgelehrten, zieht der ungluͤcklichen Parthey, vielleicht ihren Kindern, ihren Erben, ihren Nach⸗ folgern, einen Nachtheil zu, den kein Menſch vorauszuſehen und abzuwenden vermogte. Noch weit mehr. Alle bereits eingegangenen Verbindlichkeiten und Verhaͤltniſſe muͤſſen gepruft werden. Jeder Menſch muß ſein ganzes Leben durchgehen, alles was er gethan hat, und noch Folgen hat oder haben kann, an die Regel des neuen Rechts halten, und danach eine Rectifica⸗ tion vornehmen. Iſt das moͤglich? doch iſt es nothwendig. Der 2te Art. des Code Napoleon ſanctionirt zwar ausdruͤcklich die Maxime: La Loi ne dispose 59 que pour l'avenir; elle n'a point d'effet ré- troactif. Aber dieſer Ausſpruch, uͤber deſſen Schicklichkeit an dieſer Stelle, im Staatsrathe mit gutem Grunde ſo viel disputirt worden, iſt ſo mannigfaltiger Auslegungen faͤhig, daß die Beruhigung, die er uͤber alles bis zu dem Augen⸗ blicke der Einfuͤhrung Geſchehene zu geben ſcheint, nur verraͤtheriſcher Weiſe einſchlaͤfert. Nach einer conſequenten, von einem verdien⸗ ten Gelehrten gruͤndlich und vollſtaͤndig ausgefuͤhr⸗ ten, und oft ſehr ſcharfſinnig angewandten Theo⸗ rie*), ſoll das neue Geſetz den Zuſtand der Sa⸗ chen, er mag entſtanden ſeyn wenn und wie er will, im Augenblicke der Promulgation ergreifen: die Wirkſamkeit des alten Geſetzes ſoll ſich bis zu dieſem Momente erſtrecken, das Neue aber von da an wirken. Alles iſt ſcharf abgeſchnitten: die geſetzlichen Verhaͤltniſſe unter den Menſchen, und ihre eignen freyen Beſtimmungen, zu denen ſie unter der Herrſchaft des alten Geſetzes befugt wa⸗ *) Die Abhandlung des Herrn Prof. Weber uͤber die Rückanwendung poſitiver Geſetze. Hannover 19r1. 60 ren, gelten bis zu dem Augenblicke, da das Neue eintritt. Von da an werden ſie an ſich ſelbſt, und in ihren Folgen, nach dem letztern beurtheilt: und wenn Streit entſteht, muͤſſen die Folgen ſich nach dem Inhalte deſſelben modiſiciren laſſen. Dieſem zufolge wird jede Anwendung eines Ge⸗ ſetzes,„wodurch vergangne Handlungen und ihre „Folgen ſo beurtheilt werden, als habe das neue „Geſetz ſchon vor dem Zeitpunkte ſeiner Einfuh⸗ „rung beſtanden:“ aber auch nur ſolche, fuͤr unrechtmaͤßige Ruͤckwirkung des Geſetzes erklaͤrt. Dieſe Theorie ſcheint einfach und klar. Bey ihrer Anwendung ſtößt man aber unaufhoͤrlich auf die Frage, wie viel denn von den fruhern Hand⸗ lungen angeſehen werden muͤſſe, als ſey es vor dem Eintritte des neuen Geſetzes ſchon wirklich vollendet worden; wie viel von den Folgen der Verabredungen der Menſchen, die ſich großentheils auf die Zukunft beziehen, und von den Erwartungen rechtlich dafuͤr gelten muͤſſe, daß es bereits in Wirklichkeit getreten ſey, wenn gleich die Vollen⸗ „——„——„— 61 dung des Geſchaͤfts in der ſinnlichen Welt, der Zeit nach, in die Periode nach Einfuͤhrung des neuen Geſetzes faͤllt. Und dieſes fuͤhrt wieder quf die alte, vom Herrn Prof. Weber verworfne An⸗ ſicht der Sache, nach welcher es allein darauf an⸗ kommt, was denn in Beziehung auf ein neues Geſetz fuͤr vergangen gelten muͤſſe. Dieſe Frage iſt in Anſehung der aͤußern Fol⸗ gen einer Handlung leicht zu entſcheiden. Sie kann nur in der Anwendung auf unſichtbare Ver⸗ hältniſſe Zweifel erregen, und hat alsdann den nehmlichen Sinn, als dieſe: wie viel von den Folgen eines eingegangnen Geſchaͤfts, zu den be⸗ reits erworbnen Rechten gehoͤrt, die durch die An⸗ wendung des neuen Geſetzes verletzt werden wuͤrden? eine Frage, die Herr Prof. Weber zu entfernen ſucht, um die Schwierigkeiten zu ver⸗ mindern; die aber unvermeidlich immer wieder eintritt. Zu den erworbnen Rechten gehoͤrt nehmlich auch ganz weſentlich die Erwartung kuͤnftiger Be⸗ gebenheiten. Wenn die Dazwiſchenkunft eines 62 neuen Geſetzes alle aus fruͤhern Verhandlungen entſprungne Erwartungen ohne Entſchaͤdigung ver⸗ nichtet, ſo wird die ganze Verkettung des Ver⸗ kehrs unter den Menſchen in ein Gluͤcksſpiel ver⸗ wandelt, wobey der Geſetzgeber in die Stelle des haͤmiſchen Zufalls tritt. Wenn man mit einem franzoͤſiſchen Rechtsge⸗ lehrten*) die nachſolgenden Ereigniſſe eintheilt, in ſolche, die ganz beſtimmt in der Erwartung deſſen, der eine geſetzlich erlaubte Handlung vor⸗ genommen hat, lagen, oder darin begriffen ſeyn und daher an ſeinem Entſchluſſe Antheil haben konnten; und in zufaͤllige Begebenheiten, welche letztern als bloße Glucksfälle angeſehen werden mo⸗ gen; jene zu dem bereits erworbnen Eigenthume zählt, und dieſe der Einwirkung des neuen Ge⸗ ſetzes uͤberlaͤßt, welches durch ſeine Beſtimmungen in dieſem Falle nicht mehr Kraͤnkungen zufuͤgt, als jede andre vom Willen des Menſchen unab⸗ haͤngige Urſache, ſo kann dieſer Grundſatz zwar wohl ſo, wie er von dem angefuͤhrten Schriftſteller *) Blondeau bey Sirey Tom. IX. Vol. a. p. 277. ff. —„———— 63 gebraucht wird, allenfalls dazu dienen, den Ge⸗ ſetzgeber in der Abfaſſung ſpecieller Beſtimmungen zu leiten: aber es iſt nicht moͤglich, unmittelbare Entſcheidung der einzelnen Faͤlle darauf zu gruͤn⸗ den, weil die Graͤnzen jenes Unterſchiedes ſo ſehr in einander laufen, daß ſie ſehr ſchwer aus einan⸗ der zu ſcheiden ſind. Bey der Anwendung des Grundſatzes, daß Geſetze keine ruͤckwirkende Kraft haben ſollen, kom⸗ men drey verſchiedne Gegenſtaͤnde in Betracht. Erſtlich, können daurende Verhältniſſe durch geſetzliche Verfuͤgungen abgeaͤndert werden. Die Verhältniſſe des Hausvaters zu ſeiner Ehefrau, zu ſeinen Kindern, alles was den Stand der Perſonen betrift, und davon abhaͤngt, kann neuen Beſtimmungen unterworfen werden, (und iſt es im Code Napoleon). Nach der Anſicht einiger Rechtsgelehrten *) 3. B. von Herreſtorf uͤber die ruͤckwirkende Kraft der Geſetze. Duͤſſeldorf 1812. 64 iſt der unter dem alten Geſetze angefangne Stand, ein erworbnes Recht, deſſen Ausubung durch neue Geſetze nicht aufgehoben, auch nicht modificirt werden kann. Dieſem zufolge können Ehen, die unter dem alten Geſetze geſchloſſen wurden, nach welchem ſie fuͤr unaufloslich galten, nie getrennt werden, wenn gleich ein neues Geſetz eintritt, welches die Scheidung. erlaubt. Die Rechte des Mannes, der eine Ehe nach dem alten Rechte eingieng, uber ſeine Frau und uͤber Kinder die aus dieſer Ehe entſtehen, koͤnnen ihm nicht durch neue Geſetze entzogen werden, welche nur ſolche Ehen treffen, die nach ſeiner Bekanntmachung geſchloſſen werden. Die Frau, die unter dem al⸗ ten Rechte geheirathet hatte, welches ihr freye Dispoſition uͤber das Ihrige verſtattete, wird nicht von dem neuen Geſetze getrofſen, das zu al⸗ len buͤrgerlichen Geſchaͤften eine Autoriſation des Mannes erfordert. Kinder aus Ehen, die im Augenblicke da ein neues Geſetz erlaſſen wird, ſchon beſtanden, bleiben in der alten geſetzlichen Abhaͤngigkeit, wenn gleich das neue Geſetz die Rechte der väterlichen Gewalt vermindert: und dieſe neuen Beſtimmungen gelten nur fuͤr Perſonen, die 65 die erſt nach dem Erlaſſe des neuen Geſetzes geboh⸗ ren werden, oder in die Verhaͤltniſſe eintreten, welche neuen Beſtimmungen unterworfen ſind. Auf der andern Seite laͤßt ſich behaupten: das Geſetz ergreift alle unter ihm ſtehende Perſo⸗ nen, und veraͤndert ihren Zuſtand, ihre Verhaͤlt⸗ niſſe, von dem Augenblicke an, da es erlaſſen wird. Es wirkt nicht zuruͤck, auf vollzogne Ge⸗ ſchaͤfte: aber es nimmt fuͤr die Zukunft die Be⸗ fugniß zu aͤhnlichen. Wenn das neue Geſetz ſagt: die Ehefrau ſoll einer Autoriſation des Mannes beduͤrfen, ſo kann nicht entgegnet wer⸗ den:„ich habe unter andern Bedingungen geheira⸗ thet; das Eherecht das ich erlangt habe, verlangt. etwas andres. Der Vater der den Nießbrauch des Vermoͤgens ſeiner Kinder hatte, kann nicht behaupten, daß er ein fortdaurendes Recht daran erlangt habe. Vielmehr wird mit den alten Ge⸗ ſetzen, die alle dieſe Beſtimmungen begruͤndeten, auch das erworbne Recht vernichtet. Das neue Geſetz beſtimmt, daß Vater, Sohn, Frau, et⸗ was andres von jetzt an ſeyn ſollen, als ſie bisher waren,“ 5 66 Zweytens, können geſetzliche Beſtimmun⸗ gen über Ereigniſſe, bey denen der Menſch von ſeiner Befugniß frey zu handeln, keinen Gebrauch gemacht hat, abgeaͤndert werden: z. B. die Inte⸗ ſtaterbfolge. Iſt nun die hieraus entſpringende Verände⸗ rung des Zuſtandes aller, die in Beziehung auf alte Rechte und Gewohnheiten, Geſchaͤfte angelegt hatten, und in Anſehung dieſer nicht mehr zuruͤcktreten oder abaͤndern koͤnnen, eine unterſagte Ruͤckwirkung? oder darf ſich niemand beklagen, der das Gegentheil von allem erfaͤhrt, was die Geſetze ihm zuſagten? ſobald dieſe Ge⸗ waltthätigkeit nur an dem veruͤbt wird, was in der phyſiſchen Welt noch nicht zu ſehen war, und jeden wirklich ergriffenen Beſitz ſchont. Eben ſo unbeſtimmt iſt der Ausdruck in Anſe⸗ hüng des dritten Punkts. Die Befugniſſe der Menſchen in Anſehung willkührlicher Handlungen werden veraͤndert: der Pflichttheil z. B. wird er⸗ hoͤhet: Subſtitutionen werden verboten. Unzaͤh⸗ lige, der freyen Dispoſition bis dahin uͤberlaſſene 57 Hanblungen, koͤnnen unterſagt werden. Soll das Verbot der ruͤckwirkenden Anwendung ſo weit ausgedehnt werden, daß Teſtamente, die den neuen Beſtimmungen zuwider laufen, weil ſie unter einem andern Rechte gemacht waren, ihre Kraft behalten, ohnerachtet der neuen Beſchraͤn⸗ kungen? oder ſoll das neue Geſetz dem Willen des Erblaſſers die Kraft nehmen, weil es doch zunaͤchſt nur den Erben trift, der eintritt, nachdem die neuen Beſtimmungen geſetzlich geworden ſind? Auch ſolche Ruͤckwirkungen des Geſetzes ſind in gewiſſem Sinne keine ruͤckwirkende Anwendung des Geſetzes. In allen dieſen drey Ruͤckſichten ſind geſetzliche Beſtimmungen erfoderlich, wie der Satz, daß das Geſetz keine ruͤckwirkende Kraft haben ſolle, zu verſtehen ſeyo. Dieſe Maxime kann heißen: Erſtlich: Alles Beſtehende ſoll mit allen voraus⸗ beſtimmten und erweislich vorausgeſehenen Folgen der bereits getroffenen Anordnungen, unangeta⸗ ſtet bleiben. Der Stand aller lebenden Perſonen bleibt mithin unverändert. Nur fur die von jetzt an eintretenden werden neue Beſtimmungen feſt⸗ 5* 68 geſetzt. Alle unter der alten Geſetzgebung ange⸗ fangnen Verhaͤltniſſe laufen ab, nach den Beſtim⸗ mungen derſelben. Die geſetzlichen Erwartungen die ſchon exiſtirten, werden erfuͤllt. Willkuͤhrliche Verfuͤgungen und Anordnungen auf den Fall der erſt nach der Bekanntmachung des neuen Geſetzes eintritt, werden vollzogen, und alle ihre Folgen beſtehen. Durch eine ſolche Auslegung allein, wider⸗ fuͤhre jedem ſein Recht; wuͤrden alle in erworbnen Rechten gegruͤndeten Erwartungen geſchuͤtzt. Aber wie waͤre es moͤglich, ſie durchzufuͤhren? die le⸗ bende Welt muͤßte nach alten Geſetzen, die Eintre⸗ tende nach den neuen beurtheilt werden, in ſo fern von geſetzlichen Verhaͤltniſſen die fortdauernd wirken, die Rede iſt. In Anſehung willkuͤhrli⸗ cher Handlungen aber, die jeder nach den Regeln des neuen Geſetzes vornehmen kann, wuͤrden die nehmlichen Perſonen, die unter dem Alten leben, ſich den Beſtimmungen des Neuen unterwerfen muͤſſen. Wer kann nur einmal den Gedanken faſſen, ein ſolches Gewebe aufzuloͤſen! bey jeder Verhandlung muͤßte nachgeforſcht werden, unter 69 welchem Rechte der lebt, mit dem man zu thun haͤtte? bey jedem einzelnen Geſchaͤfte muͤßte be⸗ vorwortet werden, welches Recht gelten ſolle. Die vollkommen gerechte Auslegung iſt im Allgemeinen unmoͤglich: die andre aber, in un⸗ zähligen Faͤllen hart und ungerecht. Das Alter der Volljährigkeit war das göſte Jahr. Im neuen Geſetze iſt es das 21ſte. Im alten hatte der Vater den Nießbrauch vom Ver⸗ moͤgen des Sohns, waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit. Das Neue entzieht ihm alſo vierjaͤhrigen Genuß. In Ruͤckſicht auf dieſe erwarteten, jetzt entzognen Vortheile, hatte er andre Familien⸗Einrichtun⸗ gen getroffen, Verzichte geleiſtet, Verbindlichkei⸗ ten uͤbernommen. Es war unnoͤthig, Urſachen anzugeben, und ſich durch Beziehungen auf dieſe Bedingungen, Vortheile zu ſichern, die ihm oh⸗ nehin geſetzlich zukamen. Wird aber die Ruͤck⸗ wirkung des neuen Geſetzes ſo verſtanden, daß es die beſtehenden Verhaͤltniſſe vom Augenblicke der Einfuͤhrung an durchſchneidet, ſo trift es jenen ungluͤcklichen Vater mit, der im Vertrauen auf 70 das alte Geſetz das Seinige aufopferte, und dem das neue Geſetz den Erſatz entzieht. Der Natio⸗ nal⸗Convent erkannte gar wohl dieſe Folgen ſei⸗ ner Anordnungen: der hier gedachte Fall wird ausdruͤcklich im Geſetze vom 6 Floreal Jahr 2 erwaͤhnt. 5 Die zweyte Auslegung deren der Grundſatz fähig iſt, daß das Geſetz nicht zuruckwirken ſolle, iſi dieſe: Alle vor Einfuͤhrung des neuen Geſetzes ge⸗ troffenen Verfuͤgungen und Anordnungen bleiben in ihrer vollen Kraft und Wirkung, in ſo weit ſie bereits vollzogen ſind: in Abſicht ihrer ſpaͤtern Fol⸗ gen aber nur, ſo weit dieſe den Beſtimmungen des inzwiſchen erlaſſenen neuen Geſetzes nicht ent⸗ gegen ſind. Fortgeſetzte Verhaͤltniſſe, die durch das neue Geſetz neuen Beſtimmungen unterwor⸗ ſen ſeyn ſollen, muͤſſen alſo abgeaͤndert werden. Wer im legalen Genuſſe eines Vermoͤgens, und berechtigt war, noch eine Reihe von Jahren in demſelben zu bleiben, muß es abtreten. Alle Ereigniſſe, die nach der Einfuͤhrung des neuen 71 Geſetzbuches eintreten, werden nach demſelben be⸗ urtheilt, ohne die fruͤhern nunmehr unguͤltigen Dispoſitionen auf den Fall, zu beachten. Ent⸗ haͤlt z. B. ein vor Einfuͤhrung des neuen Geſetzes rechtsbeſtaͤndig errichtetes Teſtament/ welches durch einen Todesfall Wirkſamkeit erhalten hat, eine Subſtitution, die durch das neue Ge⸗ ſetz vernichtet iſt, ſo wird ſie als nicht geſchrieben angeſehen: der fideicommiſſariſche Beſitzer wird uneingeſchraͤnkter Eigenthuͤmer. Teſtamentariſche Dispoſitionen, welche dem neuen Geſetze zuwider laufen, werden als nicht geſchrieben angeſehen, oder nach neueren Beſtimmungen(z⸗ B. des Pflichttheils) reducirt. Eine ſolche Erklärung enthält ſchon ſehr viele Haͤrte, und hat offenbare Ungerechtigkeiten zur Folge. In vertrauensvoller Sicherheit leben alle Menſchen fort, bis zu denen die Kennt⸗ niß eines neuen Rechtsſyſtems nicht dringt. Ihrer aller gerechte Erwartungen werden ge⸗ taͤuſcht. Die Vorausſetzungen werden vernichtet, in Ruͤckſicht auf welche ſie gehandelt oder un⸗ terlaſſen haben, Dispoſitionen zu machen, zu 1 denen ſie, unter dem neuen Rechte, wie unter dem alten, befugt waren, die ſie aber fuͤr unns⸗ thig hielten. Dhne ihre Schuld finden ſie ſich durch die neue Verordnung des Geſetzgebers hin⸗ tergangen. Der Urheber einer Verfuͤgung, die das neue Geſetz fuͤr nichtig erklaͤrt, war befugt, die Veranſtaltung zu treffen, die er gemacht hat. Das Geſetz unter dem er gehandelt hatte, wollte daß ſein Wille künftig in Erfuͤllung gehe. Alles was in Gemaͤsheit deſſelben ſchon geſchehen jiſt, muß wohl beſtehen. Wie koͤnnte es wieder auf⸗ gelöſet werden, ohne die ganze burgerliche Geſell⸗ ſchaft in eine unheilbare Verwirrung zu ſtuͤrzen! Denn bey welchem Grade der Folgen ſollte das Recht ſie wieder aufzurufen, ſtehen bleiben? Doch aber ſoll nunmehr das nicht geſchehen, was in Gefolg der fruͤhern Verfuͤgungen mit Recht erwar⸗ tet ward? Die Fruͤchte der Ueberlegung und Fur⸗ ſorge fuͤr ſich und andre werden zerſtoͤrt. Die Belohnungen anhaltender Arbeit, der ſorgſamſten Pflege, der aͤngſtlichſten Vorſicht, ſind vernichtet. Familien⸗Verhaͤltniſſe die den Gegenſtand der Be⸗ muͤhungen eines ganzen Lebens ausmachten, ſind zerriſſen. Vorſicht wird zur Thorheit, und die 73 Liebe zu andern Menſchen mit der bittern Em⸗ pfindung der getaͤuſchten Hofnung, ja ſogar gerechter Erwartung, in denen geſtraft, denen die Fruͤchte jener Bemuͤhungen zu Gute kommen ſollten. Alles, wie es der Eigenſinn des Geſetzgebers gewollt hat. Erbſchaftstheilungen, Abfindungen, Ueber⸗ tragungen mannigfaltiger Art, die in Beziehung auf die im neuen Geſetze verbotne Anordnung, vor Einfuͤhrung derſelben ſchon vollzogen ſind, muͤſſen wohl beſtehen bleiben. Nur der Theil, dem das Sei⸗ nige entzogen iſt, oder der es freywillig aufgeopfert hat, in Beziehung auf eine zugeſicherte Schadlos⸗ haltung; nur dieſer allein iſt verkurzt und betro⸗ gen. Man kann vorgeben, daß ſolche Opfer des gemeinen Beſtens wegen nothwendig ſeyen; aber man rede nicht von Gerechtigkeit. Dieſe harten Schlaͤge treffen nicht blos die großen Familien, gegen deren Intereſſe die revo⸗ lutionairen Geſetze zunaͤchſt gerichtet waren. Der Haß gegen dieſelben verblendete die Revolutions⸗ Geſetzgeber uͤber das Schickſal unzähliger Perſo⸗ nen aus dem Mittelſtande, die in ihrem beſchränk⸗ 74 ten Kreiſe nicht weniger von den neuen Grund⸗ ſätzen getroffen werden. Einer der Gerichtshoͤfe, die uͤber den Entwurf des Code civil, woraus der Code Napoleon entſtanden iſt, zu Rathe ge⸗ zogen ſind, und der ſich durch Freymuͤthigkeit des urtheils auszeichnet, der Appellationshof zu Mont⸗ pellier, hat dieſes nachdräcklich gerügt*. Ver⸗ gebens: ſo wie alle Bemuͤhungen, gegen die Re⸗ form der Civilgeſetze etwas vorzubringen⸗ die nach den Grundſätzen der Revolution vollzogen werden ſollte, vergeblich war. Die dritte Erklärungsart iſt noch haͤrtet. Nach derſelben werden ſogar die rechtsbeſtaͤndiger Weiſe getroffenen Verfuͤgungen und Verabredun⸗ gen auf zukunftige Fälle unkraͤftig, ſo bald ſie in einer Form gemacht ſind, die vormals zulänglich war, und es nach dem neuen Geſetze nicht mehr iſt. Und dennoch kann auch eine ſolche Ausdeh⸗ nung gerechtfertigt werden. Denn als das neue Geſetz erſchien, hat jeder erfahren, daß ſeine auf die Zukunft getroffenen Anordnungen nunmehro *) Analyte par Crussaire. p. 7. 75 andrer Formalitaͤten beduͤrfen. Wollte er, daß ſein voriger Wille beſtehe, ſo konnte und ſo mußte er die Erklaͤrung deſſelben, nach der Promulgation des neuen Geſetzes, in der von demſelben vorge⸗ ſchriebnen Form, wiederhohlen. Wenn der Ge⸗ ſetzgeber durch eine hiezu verſtattete Friſt Raum gegeben, ſo iſt es nicht ganz ungedenkbar, daß jedes Geſchaͤft, das in einer nunmehr fuͤr unguͤl⸗ tig erklärten Form vollzogen war, erneuert ſeyn koͤnne, in ſofern der Urheber bey ſeinem geaͤußer⸗ ten Willen beharrte. Jeder hat es ſich ſelbſt zuzuſchreiben, wenn er das verſaͤumt, was erforderlich geworden iſt, um ſeinem Wil⸗ len Kraft zu geben. Es iſt alſo eine ſolche Aus⸗ legung und Anwendung der Maxime uͤber die ruck⸗ wrirkende Kraft der Geſetze, nicht abſolut ungerecht. Ja es laͤßt ſich wohl denken, daß ein vorſichtiger⸗ wohlwollender, aber kraͤftiger Geſetzgeber, durch große Unordnungen und ſehr ſchaͤdliche Gewohnhei⸗ ten, veranlaßt wuͤrde, eine Verfuͤgung zu erlaſ⸗ ſen, nach der alle vollzogne aber noch nicht in Wirklichkeit getretnen Verabredungen gewiſſer Art, unter neu angeordneten Beſtimmungen wiederhohlt werden muͤßten, wenn ſie gultig bleiben ſollen. 76 Durch ein ſolches einzeln erlaſſenes Geſetz, und die darin enthaltne iſolirte Aufforderung, wird jeder aufmerkſam gemacht: und nur im Falle leichtſinniger Vernachlaͤſſigung von Seiten Eines oder des Andern Privatmanns, kann das Geſetz den treffen, der nicht eigentlich gemeint war. Was fuͤr ſchreckliche Folgen wuͤrden hingegen daraus entſtehn, wenn der Grundſatz, daß das Geſetz keine ruͤckwirkende Kraft habe, bey der Ein⸗ fuͤhrung eines neuen allgemeinen Geſetzbuches ſo ausgelegt wuͤrde, daß alle hin und wieder verſteck⸗ ten Faͤlle, wo in Anſehung der Formen etwas ab⸗ geaͤndert iſt, nach der neuen Vorſchrift beurtheilt werden ſollten. Die Sache iſt aber ſo wenig durch den Art. 2. des Code Napoleon entſchieden, daß das Orakel der franzoͤſiſchen alten und neuen Jurisprudenz, Merlin, eingeſtehen muß, ſie ſey zweifelhaft*). Er erklaͤrt ſich zwar fuͤr die Auslegung, nach wel⸗ cher die Formalitaͤten des neuen Rechts nicht erfo⸗ *) Reperioire Art. Testament. Tom. IX. S. 137. 77 dert werden, damit ein altes Teſtament guͤltig bleibe. Aber er weiß zu Gunſten dieſer billigen Auslegung nichts anzufuͤhren, als die Analogie der Verordnungen Juſtinians, welche doch nach dem Geſetze vom 30 Ventoſe des Jahrs XII. nichts mehr gelten. Auch haben einige Gerichtshoͤfe in Frankreich, denen rechtsbeſtändiger Weiſe gemachten, aber nach Einfuͤhrung des neuen Geſetzes, deſſen Vor⸗ ſchriften ſie kein Genuͤge thaten, eröfneten Teſta⸗ menten, die Guͤltigkeit abgeſprochen: und der franzoſiſche Juſtizminiſter zu Caſſel hat ſich in der Verlegenheit, in die ihn eine gleiche Auslegung von Seiten der Stadtobrigkeit in Braunſchweig*) verſetzte, welche er ſelbſt durch eine leichtſinniger Weiſe ertheilte ausdruͤckliche Anweiſung vom 25 Januar 1803 veranlaßt hatte, nur durch eine lahme Ausflucht zu helfen gewußt**). Die Teſtamente ſind aber bey weitem nicht alles. Wird das Principium anerkannt, ſo trift es unendlich viele andre Geſchaͤfte. *) Sie iſt in der Zeitſchrift, der Rheiniſche Bund im 5ten Bande S. 464 abgedruckt. **) Weber S. 94. 78 Ein unter dem alten Rechte gegebnes Pfand, gewaͤhrt unter dem neuen nicht mehr die nehmliche Sicherheit. Eben ſo kann man alle Verhältniſſe und Geſchaͤfte unter den Menſchen durchgehen⸗ und findet unzaͤhlige Punkte, die das neue Geſetz durchſchneidet. So mag es denn jeder ſtudiren, und den Faden aller während ſeines ganzen Le⸗ bens angefangenen und noch nicht aufgeloͤſeten Verwicklungen mit andérn Menſchen nachſuchen, jedes einzeln pruͤfen, abandern und neu conſtitui⸗ ren, damit unter dem neuen Rechte gelte, was unter dem alten auf guͤltige Art gemacht war. Iſt das moglich? Vor dieſer Folge erſchracken; nicht die Geſetz⸗ geber, die im Uebermuthe des alle Erwartung uͤbertreffenden Fortganges ihrer raſenden Unterneh⸗ mungen decretirten:„alles was vor Uns exiſtirt „hat, ſoll nichts gelten. Mit heute faͤngt eine „neue Ordnung der Dinge an.“ Nicht dieſe, die vor nichts erſchracken, und durch die Groͤße des uebels und den Umfang der Zerſtoͤrung die ſie ſchufen, ihre eigne Groͤße zu beweiſen dachten. Richt dieſe: wohl aber die Rechtsgelehrten, die 79 in die Vernichtung aller politiſchen Groͤße und Anſehns eingeſtimmt hatten, aber die gaͤnzliche umkehrung aller der kleinen Verhaͤltniſſe nicht woll⸗ ten, welche unter ihrem eignen Patrocinio errich⸗ tet waren. Durch ſie hat der mit Fleiß unbeſtimmt gebliebne Grundſatz, daß das Geſetz keine ruͤckwir⸗ kende Kraft habe, eine Auslegung erhalten, welche die Rechtsbeſtaͤndigkeit der Verhandlungen ſchuͤtzt, die ſie unter dem alten Rechte durch die Beobach⸗ tung der ihr gemaͤßen Formen hatte*). Wenn man ſich daruber vereinigt haͤtte, welche *) Dahin weiſen unzählige Aeuſſerungen in Chabots Questions transitoires sur le Code Napoléon. Paris 1809, welches Werk eines thätigen Mitarbei⸗ ters an dem neuen Geſetze, ausdruͤcklich in der Ab⸗ ſicht unternommen iſt, um die ſchreckliche Härte zu mildern, welche die Vernichtung ſehr vieler Ueber⸗ bleibſel des alten Zuſtandes, die der Verheerung der Revolution entgangen ſind, nach ſich ziehen wuͤrde. xue praktiſchen Schriftſteller richten ihre Bemuͤhun⸗ gen auf denſelben Zweck. Aber eine durchgreifende theoretiſche Ausfuͤhrung von Grundſaͤtzen uͤber die ruckwirkende Kraft der Geſetze, hat auch jener ein⸗ ſichtsvolle und wohlmeinende Rechtsgelehrte nicht gewagt. 80 von den oben angegebnen drey Erlaͤuterungen gel⸗ ten ſolle, ſo wuͤrden dennoch einige Faͤlle uͤbrig bleiben, die auf keine Weiſe, in keinem Sinne, befriedigend aufgeloͤſet werden koͤnnen: weil im Geſetze ſelbſt, welches keine ruͤckwirkende Kraft haben ſoll, ſchon eine Ruͤckwirkung enthalten iſt. Dahin gehoͤrt die vom Appellationshofe zu Tou⸗ louſe aufgeworfne Frage*), ob Donationen die unter dem alten Geſetze gemacht ſind, dem zufolge ſie einer Collation nicht unterworfen waren, bey einer Erbſchaft, welche unter dem neuen Geſetze eroͤfnet wird, nach welchem ſie conferirt werden muͤſſen, dieſer Collation zu unterziehen ſeyen? Der Erblaſſer hatte die Donation vollzogen, zu einer Zeit, da ſie unter keinen Umſtänden wieder in Anſpruch genommen werden konnte. Bey der Publication des neuen Geſetzes haͤtte er Maasre⸗ geln ergreifen können, um die Donation zu be⸗ kraͤftigen: aber er dachte vielleicht nicht daran: oder er glaubte es ſey unnoͤthig, weil das neue Geſetz keine ruͤckwirkende Kraft haben ſoll. Die Miterben aber berufen ſich darauf, daß ſie ihre An⸗ *) Crussaire. p. 761. gr Antheile nach dem Beſtande der nach Einfuͤhrung des neuen Geſetzes eroͤfneten Erbſchaft mit Ein⸗ ſchluß der daraus vormals verſchenkten Guͤter berech⸗ nen duͤrfen. Hier liegt die Ruͤckwirkung nicht in der Anwendung des neuen Geſetzes, ſondern in der Dispoſition ſelbſt. Um alle Zweifel zu he⸗ ben, muͤßte daſſelbe alſo abgefaßt werden: Alle Donationen welche von heute an gemacht wer⸗ den, u. ſ. w. Wenn man mit den Gegenſtaͤnden ſelbſt fertig iſt, bey welchen die Anwendung der neuen ge⸗ ſetzlichen Beſtimmungen in Frage kommt, ſo blei⸗ ben noch die Punkte uͤbrig, welche die Procedur angehen. Dieſe ſcheinen ſehr leicht zu entſcheiden. Vorſchriften fuͤr den Richter enthalten keine direc⸗ ten Beſtimmungen uͤber die Rechte von Partheyen. Sie dienen nur zur vollſtaͤndigern vder leichtern Ausmittelung der Thatſachen. Sonach muͤßte jeder Richter die ihm ertheilten Vorſchriften von dem Augenblicke an, da er ſie erhalten, befolgen. Wenn aber das alte Recht in gewiſſen Faͤllen den Beweis durch Zeugen verſtattete, wo ihn das neue aufhebt oder doch beſchraͤnkt? Kann man 6 82 behaupten, daß dieſes die Rechte der Partheyen nicht afſicire, und keine ruͤckwirkende Kraft auf das Weſen derſelben beweiſe? Wer eine Verhand⸗ lung in Gegenwart von Zeugen beendigt, und ge⸗ richtliche Documente vernachlaͤſſigt hat, weil er wußte, daß jenes auf den Fall eines Streites hin⸗ länglich ſey, um ſein Recht durchzufechten: ver⸗ liert der nichts? wenn ſeinem Zeugenbeweiſe, dem Fundamente ſeiner jetzt anzuſtellenden Klage, in der Zwiſchenzeit die Kraft genommen iſt? Sollte im ſtrengſten Sinne gar keine ruͤckwirkende Kraft neuer Geſetze ſtatt finden, ſo muͤßten auch alle nicht blos angefangnen Rechtsſtreite, ſondern auch alle uͤber vergangne Dinge anzuſtellenden Klagen, nach der Form beendigt werden, welche zu der Zeit geſetzlich war, als das Geſchaͤft gemacht ward. Eine ſolche Anordnung wuͤrde niemand billi⸗ gen. Aber auch dieſe Betrachtung beſtaͤtigt das allgemeine Reſultat aller bisherigen Bemerkungen; dieſes, daß es ganz unmoͤglich iſt, mit einer ein⸗ fachen allgemeinen Beſtimmung auszureichen. Die Verfaſſer des Code Napoleon haben alles 83 unentſchieden gelaſſen; den„ten Artikel ohne alle naͤhere Beſtimmung und Erklaͤrung dahin geſtellt, und es der Jurisprudenz uͤberlaſſen, ſich heraus⸗ zuwickeln, wie ſie mag. Wie kann ſich aber dieſe helfen? da der Sammler und Commentator aller Verhandlungen des Caſſationshofes ſelbſt ausdruͤck⸗ lich geſteht: Il faut cependant convenir avec franchise, que les règles qu'on peut déduire relativement a cette matière,(I'effet rétroactif᷑ des Lois) soit de la Jurisprudence des arréts, soit de quelques dispositions transitoires, sont tout à la fois vagues et insuffisantes; et il faut avouer, qu'en recueillant les monmumens de la Jurisprudence, on est souvent frappé des Contradictions et des Incohérences, ou l'ordre Iudiciaire peut se trouver entrainé, si le Lé- gislateur ne trouve enfin des régles positives sur la juste 6tendũe des Lois par rapport au temps comme par rapport aux lieux*). Dieſe poſitiven Regeln des Verfahrens können unmoglich in allgemeinen Grundſätzen 7 *) Sirey. Tom. IX. Vol.. p. ay. 6* 84 beſtehen. Vergebens wuͤrde man verſuchen, mit⸗ telſt einer durchgreifenden ſyſtematiſchen Entwicke⸗ lung von Begriffen und daraus abgeleiteten Maxi⸗ men, zu einem befriedigenden Reſultate zu gelan⸗ gen. Ein conſequentes Syſtem laͤßt ſich aufſtel⸗ len: aber daraus entſpringt keine billige Geſetzge⸗ bung. Aus der Darſtellung der Hauptmomente, welche in Anſehung der verſchiednen Theile des Rechtsſyſtems erwogen werden muͤſſen, und des daraus hervorgehenden Streites zwiſchen dem Wohl der Privatperſonen und dem Intereſſe der oͤffentli⸗ chen Ordnung, in welchem immer bald auf einer bald auf der andern Seite nachgeholfen werden muß: aus dieſer Darſtellung der Beduͤrfniſſe des Volks beym Eintritte einer neuen Geſetzgebung äber das Privatrecht, deren Hauptzüge hier ent⸗ worfen worden, ergiebt ſich die Unmoͤglichkeit, der Sache durch eine aus den Worten des 7ten Ar⸗ tikels des Code Napoleon abgeleiteten Theorie zu helfen: welchen Sinn man auch immer jenen Worten beylegen, welchen Grundſatz man auch als erſtes Princip und Quelle aller ſpeciellen Ent⸗ ſcheidungen aufſtellen moͤgte. Einige naͤhere all⸗ gemeine Beſtimmungen in Anwendung auf Claſſen 85 von Verhaͤltuiſſen und Geſchaften, koͤnnen eben ſo wenig dienen. Das Königlich Preuſſiſche Patent vom 5 Februar 1794, wodurch dem neuen all⸗ gemeinen Landrechte Geſetzeskraft ertheilt ward, enthält ſolche allgemeine Vorſchriften in Beziehung auf die wichtigſten und haͤufigſten Vorfaͤlle des buͤrgerlichen Verkehrs. Wenn dieſe aber auch fuͤr ihren Zweck vollkommen genuͤgend geweſen ſeyn ſollten, ſo wurde es die Anwendung dieſer nehm⸗ lichen oder andrer aͤhnlicher in Beziehung auf den Code Napoleon nicht ſeyn. Denn das Preuſ⸗ ſiſche Landrecht enthaͤlt nicht ſo wie dieſer, ein durchaus neues Recht. Im weſentlichen iſt es eine neue Redaction des Beſtehenden: und die einzelnen abändernden Beſtimmungen konnten von den Verfaſſern mit allen ihren Folgen uͤber⸗ ſehen werden. Hier koͤnnte nur dadurch geholfen werden, wenn einer Jeden von den unzähligen neuen Beſtim⸗ mungen im Code Napoleon eine beſondre Regel angefuͤgt wuͤrde, zu welcher Zeit ſie in Kraft treten, und in wiefern ſie auf vergangne Dinge und an⸗ gefangne Verhandlungen angewandt werden ſolle. 86 So ſind die Geſetze im romiſchen Corpus iuris beſchaffen, bey welchen die Frage uͤber die Ruͤck⸗ wirkung der Geſetze entſtehn kann*). Der Verfaſſer der oben angefuͤhrten ſorgfaͤltig gearbeiteten Schrift uͤber die Ruͤckwirkung der Ge⸗ ſetze, Herr Prof. Weber, ſcheint ſeine ganze Aus⸗ fuͤhrung eigentlich darauf angelegt zu haben, daß das obige Reſultat daraus gezogen werde: und auch ſogar der franzoͤſiſche Schriftſteller, der die neue Geſetzgebung in ihrer Anwendung am beſten uͤberſehen kann, weil er ſie bey dem Caſſationshofe verfolgt, geſteht geradezu: fät il vrai, qu'on ne saurait arriver a des régles génCrales, jrai- merais mieux encore que le Lẽgislateur s'assu- jetit à régler l'effet transitoire de tout ar- ticle nouveau, que de voir subsister l'ar- bitraire auquel nous sommes livrés aujourd“- nui vu). Ein ſolches vorſichtiges Benehmen waͤre ganz *) Ihre Anzeige ſindet ſich in allen Handbuͤchern und Schriften uͤber dieſen Gegenſtand. **) Sirey. Tom. IX. Vol. a. p. 279. 87 eigentlich im Charakter geſetzgeberiſcher Weisheit, die alles unterſucht, was die einzelnen wichtigen Vorfaͤlle des menſchlichen Lebens erfodern, ſorg⸗ faltig unterſucht, ehe ſie allgemeine Verordnungen erlaßt. Die Wuth der Leidenſchaften hingegen, von welcher die revolutionaire Geſetzgebung einge⸗ geben iſt, ergreift alles rechtmaͤßig Beſtehende, unter dem Vorwande, bald der Urrechte der Menſchheit, bald des gemeinen Beſtens. Sie kann nicht erwarten, daß alte Verhaͤltniſſe ſich allmaͤhlig aufloͤſen. Die Verfaſſer des Code Na⸗ poleon mußten ſich ſorgfaͤltig huͤten, nicht den lei⸗ ſeſten Verdacht zu erregen, als ob ſie eine ſcho⸗ nende, wohlwollende Auslegung zu beguͤnſtigen daͤchten. Eine ſolche waͤre mit dem Zwecke der Revolution unvereinbar geweſen: und die Urheber derſelben hatten noch immer die Gewalt in Hän⸗ den: was auch immer die beſſer geſinnten Mit⸗ glieder der neuen Staatsverwaltung vorgeben moͤ⸗ gen, um es zu verdecken, welcher Art von Men⸗ ſchen ſie huldigen mußten. Es giebt allerdings Fälle, in denen es heil⸗ ſam iſt, einem Geſetze ruͤckwirkende Kraft in der 88 volleſten Ausdehnung dieſes Wortes beyzulegen. Die Verwicklungen der menſchlichen Verhaͤltniſſe ſind ſo mannigfaltig; die Geſetzgebung iſt dagegen ſo unvollkommen, daß ſich durchaus keine Graͤnze angeben laͤßt, die der Geſetzgeber niemals uͤber⸗ ſchreiten duͤrfte. Um deſto nothwendiger aber iſt es, daß er ſehr beſtimmt anzeige, was er in jedem Falle will. Dieſem allen ohnerachtet hat man in keinem Lande, wo der Code Napoleon eingefuͤhrt iſt, an die ſo ſchwierigen aber unentbehrlichen Supple⸗ mente gedacht. Im Grosherzogthume Berg iſt in Anſehung einzelner Geſchaͤfte, durch die Modifi⸗ cationen des Code etwas geſchehen: aber die Prin⸗ cipien der Ruͤckwirkung ſind nicht beruͤhrt. In andern Laͤndern hat man in ſtummer Bewunde⸗ rung, oder in dumpfer Ergebenheit in die ver⸗ meinte Nothwendigkeit das franzoͤſiſche Geſetz ein⸗ zufuͤhren, nicht einmal daran gedacht, die Un⸗ gleichheit des Rechts zu heben, die aus der Ver⸗ ſchiedenheit der Grundſaͤtze uͤber die Auslegung des Artikels von der Ruͤckwirkung entſtehen mußte. 89 Die Badenſche Regierung hat durch eine Umſchrei⸗ bung des 2ten Artikels zu helfen geſucht. Aber die Faſſung,„daß die Anwendung dieſes Geſetz⸗ „buchs auf das Vergangne in vorkommenden Faͤl⸗ „len nicht mit Ruͤckwirkung, wohl aber mit Wirk⸗ „ſamkeit auf kuͤnftig erſt entſtehende Fragen „Statt finde,“ leiſtet hier gar nichts: da uͤber den Sinn der Worte: Vergangnes, Wirkſamkeit und Folgen, eben ſo viel geſtritten werden kann, als uͤber den Ausdruck Ruͤckwirkung; und die umſchreibung daher um nichts beſtimmter iſt, als der kurzere franzoͤſiſche Tert. Im Einfuͤhrungs⸗ decrete der nehmlichen Regierung vom 3 Febr. 180o9 ſind einige Faͤlle, die am haͤuſigſten vor⸗ kommen mußten, zum voraus entſchieden: aber dieſe wahrlich nicht auf das mildeſte. Z. E. ſoll⸗ ten nach dieſer Erklärung, die Teſtamente, die noch vor der Zeit da das neue Geſetz in Kraft ge⸗ treten, in rechtsbeſtaͤndiger Form errichtet waren, aber die neuen Rechte in Anſehung des Inhalts verletzen, unguͤltig ſeyn, ſobald der Todesfall ſich nach jenem entſcheidenden Tage ereignete. Alle bisher ausgefuͤhrten Schwierigkei⸗ ten, alles daraus entſpringende Ungemach, 90 waͤre mit jeder Einfuͤhrung eines neuen Geſetzbu⸗ ches, welches in weſentlichen Beſtimmungen von dem geltenden Rechte abweicht, unvermeidlich ver⸗ bunden. Bloß in dem Uebergange von einem zum andern, erkauft man die Vorzuͤge eines beſſern Zuſtandes, ſelbſt des beſten, ſehr theuer. Wenn der Code Napoleon an ſich ſelbſt ein ſolches beſſeres Recht enthielte, ſo wuͤrde daſ⸗ ſelbe doch allemal aus einem uns fremden Zuſtande hervorgegangen ſeyn: und wie koͤnnte man da erwar⸗ ten, daß es aufden unſrigen eben ſo wohl anwend⸗ bar ſeyn werde, als auf ſein Vaterland? Montes⸗ quieu, den die verſtändigſten unter den Franzoſen noch jetzt als eine Quelle geſetzgeberiſcher Weisheit verehren, ſagt im 3ten Cap. ſeines erſten Buchs: c'est un très-grand hazard, si les lois d'une nation penvent convenir à une autre. Ein Ausſpruch, der in den Debatten uͤber den Code Napoleon ſelbſt mehr als einmal angefuͤhrt iſt: der aber gleich vergeſſen wird, ſobald von der Anwendung franzöſiſcher Geſetze auf andre Voͤlker die Re⸗ de iſt. 91 Dem Zufalle alſo, ſagt Montesquieu, uͤber⸗ täßt ſich eine Nation, die von einem andern Volke ein Geſetzbuch annimmt. Wer aber den Code Napoleon ernſtlich gepruͤft hat, wird vielmehr be⸗ haupten, daß Deutſchland es nicht dem Zufalle uberlaͤßt, ob es in ihm ein brauchbares Geſetzbuch erhalte: ſondern daß es ſich wiſſentlich und vor⸗ ſaͤtzlich einem Geſetzbuche unterwirft, welches alles Eigenthuͤmliche in den innern Verhaͤltniſſen zer⸗ ſtoͤrt, die Deutſchen zu veraͤchtlichen und verachte⸗ ten Werkzeugen der Franzoſen macht: und ſie noͤthigen wird, ſie in noch vielem Andern nachzu⸗ ahmen, wofern der deutſche Sinn nicht das fran⸗ zoͤſiche Recht wieder von ſich ſtoͤßt, ehe es die Na⸗ tion durchwuͤhlt hat. Es iſt vollkommen darauf angelegt, die großen Zwecke der Revolution zu befördern: die gaͤnzliche Vernichtung aller bisher beſtandnen Socialverhaͤlt⸗ niſſe unter den Menſchen, und die graͤnzenloſe Ausdehnung der Herrſchaft des franzoͤſiſchen Volks. Dieſe beyden Hauptpunkte der Revolution gehen Hand in Hand. Der Geiſt der neuen franzoͤſi⸗ ſchen Verfaſſung iſt viel zu unvertraͤglich mit al⸗ 9² lem was menſchliche Beduͤrfniſſe, uͤber die der franzoͤſiſche Geſetzgeber ſich gebieteriſch wegſetzt, erzeugt haben, als daß die Herrſchaft des revolutionirten Volks ausgebreitet werden koͤnn⸗ te, ohne daß die nehmliche Zernichtung der innern Verhältniſſe das Land ergreife, welches dem großen Reiche einverleibt oder unterwuͤrfig ge⸗ macht werden ſoll. Die Einfuͤhrung des franzoͤ⸗ ſiſchen Rechtsſyſtems iſt ein ſehr kräͤftiges Mittel, die Ausbreitung der Herrſchaft des franzoſiſchen Volks zu befoͤrdern: nicht allein vermittelſt der nebereinſtimmung mit der neuen franzoͤſiſchen Den⸗ kungsart, welche eine unvermeidliche Folge ſeyn muß, und der Nothwendigkeit, alle Bildung der Ideen und der Kenntniſſe, die ſich auf buͤrgerliche Geſchaͤfte beziehen, aus Frankreich zu hohlen: das Geſetzbuch ſelbſt iſt ganz beſtimmt darauf angelegt. Die urſprungliche Ueberſchrift, Code civil des Frangais, war dem Inhalte angemeſſen: denn gleich der erſte Titel beweiſet die Unmoͤglichkeit, das Werk in Laͤndern zu adoptiren, die dem fran⸗ zoſiſchen Scepter nicht unterworfen ſind. In demſelben ſpricht der Art. 12. den Genuß aller im ganzen Code beſtimmten Rechte allein den 93 Franzoſen zu. Jedem Fremden, den die franzö⸗ ſiſche Rechtspflege zum Beſten eines Franzoſen er⸗ greifen kann, oder der von ihr Huͤlfe ſuchen muß, wird nur ſo viel zugeſtanden, als den Franzoſen in dem Vaterlande jenes Fremden, vermoͤge errichteter Staatsvertraͤge zukommt. Dieſe ſchneidende Abſonderung der Franzoſen von allen Fremden, wird in den Artikeln 726 und 912 noch ausdrucklich auf Schenkungen und Ver⸗ mächtniſſe angewandt. Nur demjenigen Auslaͤn⸗ der kann auf guͤltige Weiſe etwas zugewandt wer⸗ den, der unter Geſetzen lebt, die ein gleiches ge⸗ gen Franzoſen verſtatten. Die Beglaubigung die⸗ ſes Verhältniſſes aber iſt zufolge des Art. 11. nicht eine gerichtliche Angelegenheit, ſondern haͤngt von der hoͤchſten Staatsbehoͤrde ab. Tractaten werden nur durch beyderſeitige Uebereinkunft geſchloſſen. Alſo haͤngt von dem Regenten von Frankreich die Beſtimmung der Rechte ab, die jedem Fremden zukommen ſollen. Von ſeiner Bewilligung, das Reſultat politiſcher Verhandlungen bekannt zu ma⸗ chen, haͤngt die Anwendung des in einem Geſetz⸗ buche dem Auslaͤnder zugeſtandenen Rechtes in je⸗ dem einzelnen Falle ab. 94 Dieſes ganze Syſtem laͤßt ſich aus Gruͤnden des metaphyſiſchen Naturrechts rechtfertigen: nach der philantropiſchen Anſicht, die zu Anfange der Revolution herrſchte, iſt es durchaus verwerflich. Dieſen Widerſpruch moͤgen die theoretiſchen Staats⸗ kuͤnſtler und die Geſetzzeber von Frankreich un⸗ ter ſich ausmachen. Aber das ganze bisherige Verhaͤltniß der europaͤiſchen Staaten zu einan⸗ der, alle Begriffe uͤber die gegenſeitige Rechts⸗ huͤlfe, und uͤber die allgemeinen menſchlichen Rechte, im Gegenſatze mit Buͤrgerrechten, werden dadurch veraͤndert. Und wenn der Code Napoleon von andern Voͤlkern adoptirt wird, ſo muͤſſen ſich dieſe in das nehmliche Ver⸗ haͤltniß zu einander, und zu der franzoͤſi⸗ ſchen Nation ſetzen, welche im Augenblicke, da der Code Napoleon promulgirt ward, ihr Ue⸗ bergewicht zu ſehr fuͤhlte, um zu fuͤrchten, daß ſo etwas gegen ſie zuruͤckwirken könne. Vielmehr durfte ſie erwarten, daß alle Fremden es als eine Gnade annehmen wuͤrden, fuͤr Buͤrger des fran⸗ zoſiſchen Reichs erklaͤrt zu werden: ſo wie die Mu⸗ nicipia, denen die Roͤmer anfangs ihre eigne Ver⸗ faſſung und Geſetze gelaſſen hatten, zuletzt das — 95 Buͤrgerrecht, womit ſie in das allgemeine Schick⸗ ſal des roͤmiſchen Volks gezogen wurden, als eine Gnade annehmen mußten. Franzoͤſiſche Rechtsgelehrte moͤgen vielleicht in der Verblendung der Eitelkeit geglaubt haben, die abſolute Vollkommenheit ihres neuen Geſetzbuches werde alle Voͤlker bewegen, es zu adoptiren; bloß um ſich durch Nachahmung, zu der Hoͤhe der Cul⸗ tur zu erheben, auf welcher die Franzoſen allein ſtuͤnden:(Du sein de vos delibérations s'est clevé un Code qui déjà a obtenü l'assentiment des nations, présage infaillible du respect de la postérité. Deja la moitié du Globe suit la direction qu'il lui a imprimée, ſagt Treilhard im Exposé des Motifs du Code de Procédure civile ur. 1.) Aber die franzoſiſchen Staats⸗ maͤnner wußten beſſer, was ſie damit thaten, und was ſie vorbereiteten, indem ſie den Code Napo⸗ leon andern Voͤlkern aufdrangen. Sie wußten, daß wenn der Plan, den Napoleon mit ſo glaͤn⸗ zendem Erfolge eingeleitet hatte, ausgefuͤhrt wuͤr⸗ de, alle Voͤlker, die ſein Civilgeſetzbuch annaͤh⸗ men, eine Zuflucht unter ſeiner Herrſchaft ſuchen muͤßten. 96 Der Code Napoleon laͤßt zwar allen Fremden, in Frankreich und in Verhaͤltniſſen zu Franzo⸗ ſen, die Rechte des gemeinen menſchlichen Ver⸗ kehrs: das was die Roͤmer Jus gentium im Ge⸗ genſatze des Jus civile nannten. Er ſpricht im Art. 8. den Franzoſen nur die Vorrechte des droit civil zu. Aber nirgends iſt auch nur die gering⸗ ſte Beſtimmung daruͤber zu finden, was denn als droits naturels den Auslaͤndern ohne beſondere Erklaͤrung und Beguͤnſtigung des Regenten zu⸗ komme. Es ſind zwar in dem Titel de la Pri- vation des droits civils, in der zweyten Section, die buͤrgerlichen Rechte aufgezaͤhlt, welche in Ge⸗ folg eines Criminal-Erkenntniſſes verlohren ge⸗ hen: allein dieſes Verzeichniß iſt bloß in Bezie⸗ hung auf Verbrecher aufgeſtellt. Es kann durch⸗ aus nicht angenommen werden, daß hier ein voll⸗ ſtandiges Verzeichniß aller Civilrechte der Franzoſen aufgeſtellt ſey, und daß alles uͤbrige zu den Befug⸗ niſſen gehöre, die allen Menſchen, auch Nicht⸗Fran⸗ zoſen, zukommen. Bey der Pruͤfung des Entwurfs des Geſetzbuches durch die Gerichtshoͤfe, hat der Appellationshof zu Paris auf den Mangel auf⸗ merkſam gemacht, und begehrt, daß die Lucke, aus 97 aus welcher unendliche Ungewißheiten in allen Verhaͤltniſſen mit Fremden entſtehen mußten, aus⸗ gefuͤllt werde. Aber hierauf iſt keine Ruͤckſicht ge⸗ nommen. Vielmehr iſt ein Capitel: des Ftran- gers, welches der erſte Entwurf enthaͤlt, und worin die Rechte der Auslaͤnder zwar nicht mit hinlanglicher Beſtimmtheit angegeben, aber doch deutlich geſagt war, daß ſie gewiſſe Rechte haben, ganz ausgelaſſen, damit das Geſetz der Nation dem Regenten gar kein Hinderniß in den Weg lege, wenn er Auslaͤnder ſeiner ganz unbegraͤnz⸗ ten Willkuͤhr unterwirft, oder gar der Will⸗ kuͤhr ſeiner Unterthanen Preis giebt. Nichts darf der Auslaͤnder als ein Recht fordern. Er ſieht ſich daher gezwungen, die Naturaliſation in Frankreich zu begehren, wenn er Recht bey franzoͤſiſchen Gerichten zu ſuchen hat: und wer einmal naturalifirt worden, hat das Vorrecht, von den Verpflichtungen nie erloͤſet zu werden, die je⸗ den Franzoſen druͤcken. So muͤſſen am Ende Alle die unter dem Code Napoleon ſtehen, zu Buͤrgern des franzoͤfiſchen *) Crussaire pag. 28. 98 Reichs erklaͤrt werden, um nur in Beziehung auf Frankreich und Franzoſen, der Menſchenrechte theilhaft zu werden. Die Einfuͤhrung des Code iſt mithin die ſicherſte Vorbereitung zu der Verei⸗ nigung aller Volker: aber nicht in dem Bande der Liebe und Einigkeit, welches im Jahre 1759 al⸗ len Narionen der Erde vorgeſpiegelt wurde. Der andere Hauptpunkt der Revolutionszwek⸗ ke, die Zerſtoͤrung aller durch die Umſtände und Bemuͤhungen der Menſchen eingefuͤhrten Verhaͤlt⸗ niſſe, die Unterwerfung der menſchlichen Willkuͤhr unter angeblich reinvernuͤnftige Beſtimmungen⸗ 1 und die Befreyung derſelben von jeder andern Be⸗ 1 ſchraͤnkung, auſſer dem Zwange von Geſetzen, wel⸗ che die Freyheit eines jeden gegen aͤuſſere Gewalt ſchutzen, macht die Seele des Rechtsſyſtems aus, welches im Code Napoleon aufgefuͤhrt iſt.*) Alle . ² Wohlmeinende deutſche Schriftſteller haben ſich durch * ſchöne Worte im Discours préliminaire, der dem Projet de Code civil vorangeſchickt war, verleiten laſſen, die Beziehung der neuen Geſetzgebung auf moraliſche Ideen zu bewundern, die in jenem bey der Publication des Code Napoleon weggelaſſenen 99 Verſuche zu einem Compromiſſe zwiſchen dem al⸗ ten und neuen Syſteme muͤſſen n fruchtlos ab⸗ laufen. Der herrſchende Grundſatz, den man in tau⸗ ſendfäͤltigen Anwendungen immer wieder findet, iſt dieſer: daß jeder einzelne Menſch ſelbſtſtändig, durchaus unabhaͤngig von allen ſeinen Mitbuͤrgern, dagegen aber auf das innigſte mit dem unſichtba⸗ ren Ganzen des Staates, das heißt in verſtändli⸗ cherer Sprache, vollkommen abhaͤngig von der hoch⸗ ſten Gewalt in demſelben ſeyn ſolle. Jeder einzelne Menſch wird in dieſem Sy⸗ ſteme als ein ſelbſtſtändiges Weſen betrachtet. Un⸗ abhaͤngigkeit von der Willkühr aller Andern, iſt ſein unveräuſſerliches Recht; und er iſt in den ge⸗ Aufſatze vorgeſpiegelt, im Werke ſelbſt aber nur in ein Paar iſolirten und unkraͤftigen Artikeln beruͤhrt gefunden wird. Solche Maximen hätten ſie in man⸗ chen Buͤchern eben ſo gut und beſſer finden koͤnnen. Auch zum Beyſpiele in Timur's(Tamerlan) Insti⸗ tutes political and military, translated into Eng⸗ lish by Major Pavis. Oxford 1783. 7 100 ſellſchaftlichen Verein ganz allein zu dem Zwecke getreten, um dieſe Unabhaͤngigkeit durch gemein⸗ ſchaftliche Kraͤfte zu ſchuͤtzen. Sein erſtes und heiligſtes Eigenthum ſind ſei⸗ ne Gedanken. Jebes vernuͤnftige Weſen ſoll ſelbſt denken: nicht von fremden Gedanken beherrſcht werden. Einer mag alſo wohl den andern unter⸗ richten: aber alle Autorität die ein Lehrer ſich an⸗ maßt, iſt ein Uebel. Die Religion muß von al⸗ lem Zwange befreyet, mithin muͤſſen auch alle oͤffentliche Veranſtaltungen fuͤr dieſelbe vernichtet, oder wenigſtens ihrer aͤuſſern Rechte beraubt wer⸗ den. Wenn der Menſch nur durch eigne Willkuhr beſtimmt werden ſoll, ſo muß die lebende Genera⸗ tion von der vorhergehenden unabhaͤngig gemacht werden. Alle Anordnungen und Verabredungen, wodurch ein Geſchlecht ſeine Nachkommen bindet, alle erbliche Verhaͤltniſſe und angebohrnen Unter⸗ ſchiede, werden vernichtet. Die perſoͤnliche Ab⸗ hangigkeit einer Claſſe von der andern, wird als eine Folge des durch Gewaltthaͤtigkeit eingefuͤhrten LOI Lehnsweſens; alle Beſchraͤnkung des Eigenthums, als gutsherrlicher Uebermuth, proſcribirt. Furſorge erzeugt Abhaͤngigkeit. Jeder ſorge alſo fur ſich ſelbſt. Das Recht, durch Beſtim⸗ mungen uͤber den Nachlaß, fuͤr die Nachkommen⸗ ſchaft zu ſorgen, wird als eine ungerechte Anma⸗ ßung verurtheilt. Jede particuläre Verbindung unter den Mit⸗ gliedern des großen Vereins der Nation, wodurch ſie zu dem Range einer buͤrgerlichen Geſellſchaft, eines Staates, erhoben wird, artet in Unterdruk⸗ kung Andrer aus, und ſtort die allgemeine Gleich⸗ heit. Es duͤrfen alſo keine Städte⸗, Gilde⸗, Zunf⸗ te⸗Verfaſſungen und Rechte geduldet werden. Die Nation wird zur Erleichterung des Geſchafts, ſie zu regieren, in Sectionen getheilt: aber es giebt in ihr auch nur ſolche geographiſche Abtheilungen: keine Corporationen. Die Betrachtung der wichtigſten unter den einzelnen Artikeln des Code Napoleon wird zeigen⸗ wie dieſes Syſtem in ihm durchgefuͤhrt iſt, und 102 wie die Einfuͤhrung deſſelben die Vernichtung alles in Deutſchland Beſtehenden, herbeyfuͤhren muß. Der erſte Titel, von der Beraubung der Buͤrgerrechte, ſetzt alle Franzoſen in die unbeſchraͤnkteſte Abhaͤngigkeit von ihrem Regenten. Soll das nehmliche in deutſchen Laͤndern eintreten, die den Code Napoleon annahmen? Sollen die kleinen Staaten; die, ohnerachtet der Zuſammen⸗ ſchmelzung ſo vieler Fuͤrſtenthuͤmer in groͤßere Sou⸗ verainitäten, noch immer im Verhaͤltniſſe zu der Nation kleiner Staaten Deutſchlands, eben ſo ge⸗ gen einander verfahren, als das große franzoͤſiſche Reich gegen ſie verfaͤhrt? Was wird aus den Un⸗ terthanen ſolcher Koͤnigreiche und Großherzogthuͤ⸗ mer werden, die ein Indigenat, ein Landſaßiat von ſolchem Umfange einfuͤhren, als der Code Napoleon vorausſetzt! Die deutſchen Fuͤrſten wuͤr⸗ den nicht mehr Regenten, ſondern wahre Herren ihrer Unterthanen. Alle Verhaͤltniſſe des vorma⸗ ligen deutſchen Staatsrechts, die zur Befoͤrderung des allgemeinen Wohls und des nachbarlichen Verkehrs, der Willkuͤhr in der Geſetzgebung, und der Finanzverfaſſung, ſo viele Graͤnzen ſetzten, 103 ſind aufgehoben: und es iſt dem Stifter des Rhein⸗ bundes nicht eingefallen, etwas an die Stelle zu ſetzen. Alles iſt unbeſtimmt geblieben, damit er zu gelegner Zeit ſagen koͤnne: dieſe Staaten ver⸗ moͤgen nicht ſich ſelbſt zu helfen, ſie haben die ih⸗ nen verſtattete vollkommene Freyheit, gemeinſchaft⸗ liche Berathungen und Beſchluͤſſe zum allgemeinen Beſten zu Stande zu bringen, nicht benutzen wol⸗ len oder nicht koͤnnen: es iſt nothwendig, hoͤhere Autoritaͤt eintreten zu laſſen. In dem zweyten Capitel dieſes erſten Titels zeugt der monſtroͤſe Begriff des buͤrgerlichen To⸗ des, von dem revolutionairen Urſprunge der neuen Geſetzgebung. Der Haß gegen die Emigrirten, und die Beſorgniß ihrer verdienten Rache, die Un⸗ moͤglichkeit ihre gerechten Forderungen abzuweiſen, wenn man noch ſelbſt einige Anſpruͤche auf die Ei⸗ genſchaft machen wollte, die das menſchliche Ge⸗ ſchlecht von den reißenden Thieren unterſcheidet, auf Gerechtigkrit, dieſes alles hatte den Grundſatz erzeugt, diejenigen ſollten fuͤr buͤrgerlich todt an⸗ geſehen werden, die dem September 1792 ent⸗ ronnen waren. Um ſie Verbrechern zu aſſimili⸗ 104 ren, ward der buͤrgerliche Tod als ein der Strafe ſchwerer Verbrechen anhaͤngender Begriff gebildet. Die Römer ſprachen Interdictionem ab aqua et igni gegen den Buͤrger aus, der nach ihrem Staatsrechte nicht getoͤdtet werden durfte. Er ſollte ſterben, ohne hingerichtet zu werden: und wenn er entroͤnne, ſo ſollte er fuͤr das romiſche Reich als todt angeſehen werden. Ein ſolches Verfahren beleidigt die heutigen Begriffe und Sit⸗ ten. In der durch das Band der chriſtlichen Re⸗ ligion, gemeinſchaftlichen Cultur und ſittlichen Bildung, und durch die langen Bemuͤhungen ei⸗ ner fein ausgebildeten Politik, geſchaffenen großen Republik europäiſcher Voͤlker, herrſchen andere Vorſtellungen uͤber Verbrechen und Strafen. Der Verbrecher wird beſtraft. Laſſen aber die Geſetze ihm das Leben, ſo koͤnnen ihm auch die gemeinen Rechte der Menſchheit nicht entzogen werden. Der Code Napoleon will ihm dieſe zwar auch zugeſte⸗ hen, erklaͤrt ſich aber nirgends daruͤber, was denn Recht des Menſchen ſey, der nicht Citoyen iſt. Der buͤrgerliche Tod ergreift alſo alles, was man will. Der buͤrgerlich Todte exiſtirt nicht mehr vor den Augen des Richters. Er kann nicht Recht 105 nehmen, noch zu Recht ſtehen. Er kann uͤber nichts guͤltiger Weiſe disponiren. Die unendli⸗ chen Widerſpruͤche, in die ſich das franzoͤſiſche Recht hier verwickelt, und die dadurch vervielfaͤl⸗ tigt werden, daß Deportirte, fuͤr das ganze Reich, auſſer dem Orte der Verbannung ebenfalls buͤrger⸗ lich todt ſeyn ſollen, an dem Orte ihres Aufent⸗ haltes aber vor dem Geſetze leben, ſind in den Discuſſionen uͤber den Code Napoleon hinreichend eroͤrtert; aber abgewieſen, anſtatt ſie aufzuloſen. Sie entſpringen urſpruͤnglich aus der Benennung, buͤrgerlicher Tod, der im roͤmiſchen Rechte nur als ein bildlicher Ausdruck vorkommt, und durch⸗ aus keinen richtigen Begriff andeutet. Wie kann ein Menſch zugleich vor dem Geſetze todt, und in der Wirklichkeit lebendig ſeyn? Man kann der Strafe die gewiſſen Verbrechen folgt, die Beraubung mannigfaltiger Berechtigungen anhaͤngen, ſo wie auch der Titel 2. Sect. 2. des C. N. thut. Aber die Rechte der Menſchheit koͤnnen nicht ganz genommen werden, ſo ſehr man ſie auch beſchraͤnken mag. Bey den Römern fiel ein Verbrecher in den Stand der Sclaven 106 hinab. Das neue franzoͤſiſche Recht kennt die Sclaverey nicht. Es iſt etwas ganz andres, auf die Galeeren, oder bey den Roͤmern in metalla als servus poenae verurtheilt zu ſeyn. Beym roͤmiſchen Sclaven dachte man ſich etwas ſehr be⸗ ſtimmtes. Ein Menſch iſt in Frankreich nur ein negativer Begriff. Er iſt Nichtbuͤrger. Was er iſt, oder ſeyn ſoll, kann niemand ſagen. Im vormaligen franzoͤſiſchen Rechte war zwar der Aus⸗ druck buͤrgerlich todt, als ein Kunſtausdruck ſchon bekannt. Aber damals waren alle Fragen die dadurch veranlaßt werden koͤnnen, auf die ge⸗ lindere Art entſchieden*). Im neuen franzoͤſi⸗ ſchen Rechte hat der Haß gegen die Emigrirten Entſcheidungen eingegeben, die durch ihre Haͤrte nicht allein empoͤren, ſondern ſo widerſinnig ſind, daß die Nothwendigkeit einer eignen Geſetzgebung fuͤr die Deportirten, die buͤrgerlich todt ſeyn ſollen, anerkannt ward, noch ehe der Code Napoleon ſanctionirt war. Die haͤrteſte unter allen dieſen Beſtimmungen *) S. das Werk von Richer sur la mort oivilo. 107 enthaͤlt der 25ſte Artikel: und dieſer iſt in man⸗ nigfaltiger Abſicht ſo characteriſtiſch, daß er beſon⸗ ders erwogen zu werden verdient. Ihm zu Folge wird dem buͤrgerlich Todten nicht allein unterſagt, eine Ehe einzugehen, ſon⸗ dern ſeine wirklich beſtehende rechtmaͤßige Ehe wird fur beendigt, und das Band fuͤr aufgelöſet erklaͤrt. Dieſe Beſtimmung beleidigt das Gefuhl der Menſchlichkeit. Aber was iſt das, gegen die ſtrenge Conſequenz eines von abſtracten Begriffen fanatiſirten Geſetzgebers? Vergebens wurden im Tribunate, von Thiessé, die Ungerechtigkeit und die Widerſpruͤche die das Geſetz enthaͤlt, mit gro⸗ ßer Kraft entwickelt, und vom Tribun Gillet*) der Entſchluß einer Frau, ihrem Manne, der ſich eines Verbrechens ſchuldig gemacht haͤtte(es konnte ein politiſches Verbrechen ſeyn, das zur Sicher⸗ heit des Staats oder der regierenden Parthey eine Ahndung fordert, aber nicht als unſittlich brand⸗ markt,) unter allen Verhaͤltniſſen der haͤrteſten *) Expons des motifs bey Didot. Vol. IX. S. 516. ff. 108 Strafe zu folgen, als ein Effort der edelſten Tu⸗ gend,(was es wirklich ſeyn kann,) oder wenig⸗ ſtens als eine Wirkung rechtlicher und guter Ge⸗ ſinnung,(was es in den meiſten Faͤllen ſeyn wird) mit einem Ausdrucke von Empfindſamkeit geſchildert, der ſonſt bey den franzoͤſiſchen Ver⸗ ſammlungen ſeine Wirkung nicht leicht verfehlt. Dieſe Vortraͤge wurden mit der Bemerkung abge⸗ wieſen: wozu man ſich ſo lange mit ſeltnen Faͤllen beſchaͤftige, die doch nur Verbrecher betraͤfen?— die mithin als Gegenſtaͤnde des Mitleids in allem, was uͤber die geſetzliche Strafe ihrer Vergehen hinaus, ihre ungluͤckliche Exiſtenz verbittert, auf die größte Schonung Anſpruch machen duͤrfen. Napoleon ſelbſt, der in der Pruͤfung des Ent⸗ wurfs zum Geſetzbuche oft mehr Billigkeitsgefuͤhl bewieſen, als ſeine revolutionairen Juriſten, ſagte, es ſcheine ihm genug gethan, wenn man der Ehefrau eines Verbrechers, der Infamie ver⸗ wirkt hat, das Recht gebe, auf Scheidung zu dringen*). Aber der eiſerne Sinn, den der geringſte Widerſtand gegen ſeine herrſchſuͤchtigen *) Discussiong. Tom. 2. p. 37. 109 Entwürfe, zu gränzenloſer Kraftanſtrengung reiz⸗ te, hat hier, wie in andern Faͤllen, dem Wider⸗ ſpruche der durch antireligioͤſe Grundſaͤtze geſtahl⸗ ten Rechtsgelehrten nachgegeben. Dieſes eben war es, was zum Grunde lag. Das Schickſal einiger Frauen von Verbrechern, häͤtte dieſe Geſetzgeber nicht lange aufgehalten. Aber die Trennung ſolcher Ehen war eine einfache Folge des Grundſatzes, der die Ehe fuͤr einen buͤrgerlichen Contract erklärt. Mag die Frau, die ihrem Manne unter ſolchen umſtaͤnden folgen will, ſich in religioͤſem Sinne fuͤr ſeine Ehefrau halten: ſie iſt vor dem weltlichen Richter nur ſeine Beyſchlaͤferin, und die Kinder die ſie erzeugen, ſind der Rechte ehelicher Nachkommenſchaft be⸗ raubt. Wie darf ſich aber ein buͤrgerlicher Rich⸗ ter anmaßen, das Band der Ehe aufzuloͤſen, das heiliger iſt, als alle Verhältniſſe, uͤber die er zu richten hat! Der Staat giebt vor, die religioͤſen Meinungen zu dulden. Die prieſterliche Einſeg⸗ nung der Ehe iſt mit ſeiner Erlaubniß geſchehen: und nun vernichtet er einſeitig die buͤrgerlichen Wirkungen einer Verbindung, die unter ſeinem 110 Schutze als vollguͤltige unauflosliche Ehe geſchloſ⸗ ſen iſt. Vor allen Anſtalten der buͤrgerlichen Geſell⸗ ſchaft, vor allen Rechten der Obrigkeit, geht das Beduͤrfniß vorher, in dem Menſchen, die Er⸗ kenntniß des Rechts und Unrechts, der Pflicht, auszubilden; welche zwar in einen natuͤrlichen Gefuͤhle ihre Wurzel hat, aber durch Unterricht uͤber ihre Beziehungen zu den mannigfaltigen Verhaͤltniſſen des buͤrgerlichen Lebens, ausgebil⸗ det werden muß; um eine Gewohnheit des Gehor⸗ ſams gegen die Geſetze zu erzeugen. Dieſes iſt das Geſchaͤft der Religion, welche unter allen Voͤlkern nicht allein fuͤr etwas Heili⸗ geres gehalten wird, als alle Veranſtaltungen der buͤrgerlichen Geſellſchaft, welche ſchon voraus⸗ ſetzen, daß ihre Mitglieder zu der Einſicht ge⸗ langt ſeyen, daß es etwas Hoͤheres fur ſie giebt, als die Zwecke und aller Genuß des ſinnlichen Lebens. Ohne dieſe Ausbildung der Vernunft, des III moraliſchen Gefuͤhls, wodurch der Menſch ſich uͤber das Thier erhebt, iſt ein buͤrgerlicher Zuſtand ſo wenig gedenkbar, daß die religioͤſe Bildung, von welcher jene Vorzuͤge ausgehen, auch hiſtoriſch der Ausbildung der Staaten vorangeht. Die Staaten der alten Welt waren auf Religion ge⸗ gruͤndet, und noch jjetzt ſind es manche in Aſien. Selbſt in Rom, welches die Franzoſen ſo gern als ihr eignes Vorbild auſſtellen, beruhete die Republik auf der National⸗Religion. In den chriſtlichen Reichen des heutigen Europa iſt die chriſtliche Religion nicht durch die Vorfah⸗ ren der jetzigen Herrſcher am Reiche, willkuͤhrlich eingefuͤhrt. Der jetzige Zuſtand dieſer Staaten, ihre Cultur, ihre Verfaſſungen, ſind das Reſul⸗ tat mannigfaltiger Bemuͤhungen geiſtlicher und weltlicher Autoritäten. Dieſe letzten wollen jetzt alle Anſpruͤche auf äußeres Anſehn fuͤr ſich allein behalten, und der Religion nur verſtatten, daß ſie zu dem Glauben uͤberrede, die weltliche Obrigkeit ſey von Gott. Aber die Religion kann ſich ſo wenig als die buͤrgerliche Gerechtigkeit unter dem Volke, anders als durch ihre Lehrer und Diener zeigen. Dieſe Lehrer und Diener der Religion LT2 ſind nicht von den heutigen weltlichen Obrig⸗ keiten angeordnet und eingeſetzt. Mit dieſen von dem Volke anerkannten Autoritaten haben die jetzigen Herrſcher und Regierer der Voͤlker unterhandelt, gemeinſchaftlich mit ihnen und im Kampfe mit ihnen, den neueſten Zuſtand erſchaf⸗ fen, der nach den wechſelnden Beduͤrfniſſen der Jahrhunderte, mannigfaltigen Abaͤnderungen un⸗ terworfen ſeyn mag, und durch Weisheit regulirt werden, aber nicht von willkuͤhrlichen Beſtimmun⸗ gen eines uneingeſchraͤnkten Staatsoberhauptes abhaͤngig gemacht werden darf,— wenn Recht, Pflicht, Sittlichkeit, uͤberhaupt noch etwas heißen, und nicht Alles der frechen Gewalt unter⸗ worfen werden ſoll. Nach dem catholiſchen Syſteme hat die Hierar⸗ chie mit ihrem Oberhaupte, große Rechte. Dieſe koͤnnen leicht gemißhraucht werden, und erfodern daher eine ſtete Aufmerkſamkeit der Regenten. Nach dem proteſtantiſchen Syſteme iſt der Landes⸗ herr ſelbſt Biſchof und Oberhaupt der Kirche in ſeinem Gebiete. Aber in keiner chriſtlichen Ge⸗ meinde kann die Religion fuͤr ein Werkzeug der Re⸗ 113 Regierung, der Regent vermoͤge ſeiner welt⸗ lichen Gewalt als Oberhaupt der Kirche, und die Diener derſelben als Beamte des Regenten, an⸗ geſehen werden, Das Syſtem der unabhängigkeit aller Menſchen von jeder andern Autoritaͤt, auſſer der Gewalt der Obrigkeit, wodurch die Freyheit jedes Einzel⸗ nen gegen die Eingriffe aller andern geſchuͤtzt wird, welches die atheiſtiſchen Koͤnigsmoͤrder in Frank⸗ reich, der Nation mit Gewalt uud durch Schrecken aufgedrungen haben, iſt mit dem Anſehen einer ſittlichen Autorität unvereinbar. Dieſem Sy⸗ ſteme zu gefallen, iſt alles was von der Religion ausgeht, aus der buͤrgerlichen Welt verwieſen. Sie wird fuͤr heilig erklaͤrt; fuͤr ſo heilig, daß ſich keine Obrigkeit darum bekuͤmmern, durchaus keine Ruͤckſicht darauf nehmen darf. Es bleibt alſo auch jedem uͤberlaſſen, ſich zu einer Religion zu bekennen, zu welcher es ihm gefaͤllt,— oder zu keiner. Der wohlthaͤtige Einfluß, den eine in gewiſſen Schranken gehaltne, aber durch aͤußre Achtung ausgezeichnete Geiſtlichkeit auf die Sitten und Geſinnungen der Menſchen haben kann, wird 8 114 verworfen und vernichtet, um die aͤußre Freyheit in Handlungen unverſehrt zu halten. Die Ge⸗ ſinnungen, heißt es, hat jeder fuͤr ſich. Sie ge⸗ hen den Staat nichts an. Woher aber ruͤhren die Handlungen? wenn es nicht aus Geſinnungen iſt: Geht es die Mitbuͤrger nichts an? ob die Men⸗ ſchen neben ihnen, in Grundſaͤtzen der Rechtſchaf⸗ fenheit, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unterwieſen und dabey erhalten werden? Die Proteſtanten haben die Ohrenbeichte und die daraus entſprin⸗ gende Herrſchaft des geiſtlichen Standes verwor⸗ fen: und von einem proteſtantiſchen Schriftſteller wird man nicht eine Empfehlung der Ohrenbeichte erwarten. Aber die große Majoritaͤt der franzoͤ⸗ ſiſchen Nation iſt der catholiſchen Kirche zugethan, in welcher die Ohrenbeichte fuͤr ein weſentliches Stuͤck des kirchlichen Glaubens gehalten wird: und die Proteſtanten, die die Ohrenbeichte ver⸗ werfen, haben doch nicht allen Einfluß des Beicht⸗ vaters vernichtet, der in der That hoͤchſt wohlthaͤ⸗ tig ſeyn kann. Wo keine Obrigkeit, kein unin⸗ tereſſirter Nachbar, kein zudringlicher Freund, rathen, ermahnen, drohen und ſtrafen kann, da darf und ſoll derjenige zutreten, der durch ſeinen 115 Stand, Beſchaͤftigungen, Lebensweiſe, Sitten, Kleidung ſogar(ſo ſollte es ſeyn, und ſo iſt es allenthalben, wo proteſtantiſche Conſiſtorien ihre Pflicht erfuͤllen, und ihre Rechte gebrauchen—) der durch alles dieſes ausgezeichnete Lehrer, ver⸗ moͤge eines hoͤhern, goͤttlichen Berufs, reden darf. Was leiſten die weltlichen Obrigkeiten in der Er⸗ ziehung der Kinder? Was koͤnnen ſie darin lei⸗ ſten? Declamationen uͤber griechiſche Gymnaſi⸗ archen, und romanhafte Anſchlaͤge zu Anſtalten, die nicht aus den Sitten der heutigen Voͤlker her⸗ vorgegangen ſind, und daher bloße Schauſpiele zum Zeitvertreibe bleiben wuͤrden, koͤnnen zu nichts helfen. Der Geiſtliche der die Kinder beym Eintritte in das Leben zur kuͤnftigen Aufnahme in die chriſtliche Kirche einweihet, und ſie beym Anfange des rei⸗ fern Jugendalters in dieſelbe einfuͤhrt, muß wohl von den Eltern gehoͤrt werden. Wer kann dem⸗ jenigen eine nachgiebige Achtung verſagen, der ſeine Rede damit anfaͤngt: Eure eheliche Verbin⸗ dung, die ich eingeſegnet, und deren Fruͤchte von mir die heilige Taufe empfangen haben.— In innre Familien⸗Verhaͤltniſſe darf ſich kein andrer miſchen. Nur der geiſtliche Stand vermag hier 8 35 116 etwas zu wirken, wenn er ſeiner Beſtimmung ge⸗ treu geblieben iſt, und dadurch die ihm gebuͤhrende Achtung zu erhalten gewußt hat. Die franzoͤſiſche Nation, die durch eine furcht⸗ bare Combination verkehrter Grundſaͤtze mit ehr⸗ geizigen Planen und frecher Raubſucht, ihrer al⸗ ten Verfaſſung und oͤffentlichen Anerkennung chriſtlicher und vernuͤnftiger Geſinnungen beraubt worden iſt, kann in den Rang einer civiliſirten Nation nicht anders wieder eintreten, als wenn dem moraliſch beſſern Theile der Nation das Ueber⸗ gewicht wieder verſchafft wird, welches, wie Burke ſehr treffend ſagte, nur durch ein Heer von Miſ⸗ ſionarien geſchehen kann, das aus dieſem beſſern Theile der Nation ſelbſt beſteht*). Die Wiedereinſetzung der Religion in ihre al⸗ ten Rechte, aus welchen ſie durch rohe Krieger, chikanoͤſe Advocaten, und ſchwelgeriſche Kriegs⸗ Commiſſarien, verdraͤngt iſt, wuͤrde gewiß bey dem groͤßten Theile der franzoͤſiſchen Nation ſehr willkommen ſeyn. Die große Majoritaͤt derſelben hat die unbefugte Zerſtoͤrung einer rechtmaͤßig be⸗ *) Remarks on the police of the Allies. Works T. IV. p. 116. 117 ſtehenden Autorität, und die tyranniſche Verfol⸗ gung jeder Anſtalt, die eine Spur von oͤffentli⸗ cher Anerkennung der Religion enthielt, zu ver⸗ tilgen ſucht, mit unterdruͤcktem Unwillen ertragen, weil ſie die mittelſt Mord und Brand gepredigte Aufklärung nicht abwehren konnte. Selbſt in den Debatten uͤber den Code Napoleon fuͤhlt man die dumpfe Reſignation, mit welcher die beſſer Denkenden, der Uebermacht der unter dem Napoleoniſchen Regierungsſyſteme noch immer herrſchenden Parthey der Zerſtorer aller alten Ein⸗ richtungen und Grundſaͤtze, weichen. Sie fallen aus einer Inconſequenz in die andre, um der druͤckenden Haͤrte des Syſtems angeblich evidenter und in der That evident falſcher Grundſätze, zu entgehen. Kaum wagt es Einer oder der Andre, die moraliſche Seite zu beruͤhren. Der Zweifel, ob auch wirklich die religioſe ſo ganz bey Seite ge⸗ ſetzt werden duͤrfe, wird damit abgewieſen, das ſey einmal decretirtes Princip. Der groͤßte Theil des franzoſiſchen Volks proteſtirt gegen die Grund⸗ ſaͤtze, die ihre Wurzel in der Philoſophie des Hel⸗ vetius und Diderot haben. Die ganze deutſche Nation verabſcheuet ſie. Allenthalben wollen die 118 Voͤlker ihre Lehrer, ihre Seelſorger, ihre religis⸗ ſen Anſtalten, behalten. Mit welchem Rechte darf ein Regent ſie aufheben? ſich in die Stelle ſetzen? Das heißt nicht, ſie beybehalten, wenn man ſie duldet, aber von Seiten des welt⸗ lichen Intereſſe, das heißt, des Vermoͤgens und der Einkuͤnfte, auf denen ihre Fortdauer in dieſer Welt beruhet, einſchränkt; und dem Volke nur verſtattet, ſie durch freywillige Beytraͤge zu un⸗ terhalten, zu denen die ſchweren Auflagen fur die Staatsbedürfniſſe Kraͤfte und Luſt neh⸗ men; der Geiſtlichkeit unter dem Vorwande der Gleichheit vor dem Geſetze, alles Anſehn vor dem Volke nimmt, den Eintritt in die⸗ ſen Stand durch Conſcriptions⸗Geſetze faſt un⸗ moͤglich, den nothwendigen Aufwand zur Vorbe⸗ reitung und Bildung, zu einer Thorheit macht, und auf dieſe Art untergraͤbt, was man nicht zu zerſtoͤren wagt. In den Laͤndern, denen Napoleon Regenten aus ſeinem eignen Geſchlechte gegeben, hat man, vielleicht aus Schonung, vielleicht aus Furcht, vielleicht aus einer veraͤchtlichen, aber dieſesmal 119 wohlthaͤtigen Nachgiebigkeit gegen alte und gegen neue, gegen franzöſiſche und gegen deutſche Grund⸗ ſätze, die Prediger zu Civilſtandsbeamten erklaͤrt; ſie neben ihren geiſtlichen Functionen mit den Ge⸗ ſchaͤften beauftragt, die man in Frankreich, wo die Reformatoren des Menſchengeſchlechts ſich im September 1792 der Prieſter zu entledigen ge⸗ wußt haben, ganz andern Perſonen aufgetragen, um den geiſtlichen Stand allmaͤhlig als überfluͤſſig zu verdrängen. Es iſt eine Wohlthat fur dieſe Laͤnder geweſen, daß die alte Verbindung der Geiſtlichen mit ihren Gemeinden, auf dieſe Art doch nicht zerriſſen, wenn gleich ſehr verandert iſt. Aber aus dieſer Veraͤnderung wuͤrde den⸗ noch in kurzer Zeit eine Herabwuͤrdigung und Ausartung entſtehen. Die Prediger werden in ihrer Qualitat als Civilſtandsbeamten, an⸗ drer Obrigkeit unterworfen, und dadurch einer ihrem eigentlichen Berufe ganz unanſtaͤndigen Be⸗ handlung ausgeſetzt. Iſt doch gar in einer weſt⸗ phaͤliſchen Stempel⸗Ordnung, unter der Firma eines Juſtizminiſters, der aus dem franzoͤſiſchen Tribunate hervorgegangen, dem Prediger, der zum dritten male vernachlaͤſſigen wuͤrde, bey einer 120 urkunde die er aufzunehmen hat, den Stempel⸗ bogen zu gebrauchen, wodurch die Staatstaſſe ei⸗ nige Groſchen verlohren, die Abſetzung ange⸗ drohet! Sollte aber gar der neue Ton ſo viel Eingang finden, daß die Perſonen, welchen die neue Staatsverwaltung eine ſo zweideutige Lage anweiſet, der Verachtung, welche die weltliche Obrigkeit gegen ihren geiſtlichen Beruf beweiſet, durch die Schadloshaltung zu entgehen ſuchten, welche der Rang eines Civilſtandsbeamten anbie⸗ tet, ſo wuͤrde dieſes vielleicht der naͤchſte Weg zur Ausfuͤhrung der Entwuͤrfe der Revolutions-Phi⸗ loſophen gegen die Religion ſeyn. Eine Discuſſion der einzelnen Beſtimmungen des Code Nap. in Anſehung der Liſten von Ge⸗ bohrnen, Geſtorbenen, und Heyrathen, wuͤrde hier ſehr wenig Intereſſe haben. Dieſer Gegenſtand gehoͤrt ganz zu der gemeinen Polizey⸗Geſetzge⸗ bung, in welche alles was in der ſorgfältig aus⸗ gearbeiteten Ordnung beſſer iſt, als in der alten deutſchen, ſehr leicht uͤbertragen werden kann, oh⸗ ne großes Aufheben davon zu machen. 121 Die Ehe aber iſt unter allen Angelegenhei⸗ ten der burgerlichen Geſellſchaft, die mit der Re⸗ ligion in naher Verbindung ſtehen, die wichtigſte. Alle Voͤlker haben ſie fuͤr etwas Heiliges gehalten, und die Einfuͤhrung derſelben zu den erſten Wohl⸗ thaten gerechnet, wodurch hoͤhere Weſen das irdi⸗ ſche Geſchlecht menſchlich gemacht. Nur der Code Napoleon enthaͤlt die freche Erklaͤrung, daß die Ehe bloß als ein buͤrgerlicher Contract angeſe⸗ hen werden ſolle. Schon in den Worten, womit dieſer Grundſatz ausgedruͤckt iſt, liegt ein Wider⸗ ſpruch. Un contrat, ſagt der Staatsrath Por⸗ talis, inspiré par la nature méme. Ein Con⸗ tract,— freyer Act der menſchlichen Willkuhr, die ſich ſelbſt beſtimmt: und der dennoch von der Natur, das heißt wohl, dem Inſtincte, oder von der Vernunft, eingegeben werden ſoll! Jener Redner ſcheint ſich ſelbſt geſchaͤmt zu haben, als er den Titel von der Ehe, der geſetzgebenden Ver⸗ ſammlung vorlegte: denn in ſeiner eignen Rede heißt es: Ce contrat n'est pas purement civil, quoiqu'en disent les Jurisconsultes.*)— et *) Motifs Tom. 2. p. 221. 122 la Loi, haͤtte er hinzufugen können. Denn im Geſetzbuche findet ſich keine Spur von der Heilig⸗ keit dieſes Bundes, auf dem alle ſittlichen Ver⸗ haͤltniſſe unter den Menſchen beruhen. Die Ehe iſt nicht ein buͤrgerlicher Contract, dergleichen die Willkuhr eingeht und auflöſet. Sie iſt ein Stand, der in der buͤrgerlichen Geſellſchaft unter dem höhern Schutze der Religionsbegriffe eingefuͤhrt iſt. Ein Contract wird willluͤhrlich eingegangen, unter Bedingungen, die jeder ſich ſelbſt waͤhlen mag. Iſt die Ehe bloß ein buͤrgerlicher Contract, ſo iſt das Verbot der Vielweiberey, eine Beleidi⸗ gung der Rechte der Menſchheit. Aus welchem Grunde kann Vielweiberey, Vielmaͤnnerey, un⸗ terſagt werden? Warum ſoll ein Contract nicht errichtet werden duͤrfen, eine beſtimmte Zeit mit einander zu leben? Die Bedingungen koͤnnten ja ſo gemacht werden, daß die buͤrgerliche Ordnung in Anſehung der Erbſchaften unverletzt bliebe: und was geht alles uͤbrige den Geſetzgeber an? der nur dafuͤr ſorgen will, daß die Menſchen ſich der Ge⸗ 123 waltthätigkeiten gegen einander enthalten, und je⸗ der das Seine behalte und genieße. Die weſentlichen Zwecke der Ehe ſind morali⸗ ſche, deren Erfuͤllung ſich durch aͤuſſeres Recht gar nicht erzwingen läßt. Jeder Contract kann durch Einwilligung aller intereſſirten Theile wieder auf⸗ gehoben werden. Hier aber ſind die intereſſirte⸗ ſten Perſonen, nicht diejenigen, die ihn eingegan⸗ gen ſind. Zunaͤchſt, die Kinder: ſodann aber auch die ganze Mitbuͤrgerſchaft, welche es ſehr nahe angeht, daß die Ordnung der Ehen aufrecht ge⸗ halten werde: da ſie allein fuͤr die Erziehung der Kinder zu ſittlichen Weſen, Gewähr leiſtet. Mag alſo die Ehe, mit den Catholiken ein Sacrament, oder mit den Proteſtanten anders genannt wer⸗ den: immer iſt in ihrem Weſen nichts, das mit einem Contracte verglichen werden kann.*) *) Schon vor der franzoͤſiſchen Revolution hatte die antireligioſe Philoſophie des Naturrechts die Be⸗ hauptung erzeugt, daß die Ehe im buͤrgerlichen Rechte nur als ein Contract angeſehen werden muͤſ⸗ ſe: und die Gruͤnde, aus denen dieſe Meinung ganz ver⸗ werflich erſcheint, waren vom Hrn. Hofrath Hugo ſehr 124 Mit ihr ſind ein oder mehrere Contracte uͤber die Beſtimmungen, welche das Vermoͤgen ange⸗ hen, verbunden. Aber ſie ſelbſt iſt kein Contract. Die erſte Wirkung des Grundſatzes, daß die Ehe nur als ein willkuͤhrlicher Vertrag angeſehen werden ſolle, der unter zweyen gleich freyen We⸗ ſen eingegangen wird, war die Veraͤnderung des Verhältniſſes, worin der Hausvater zu der Frau ſtand. In dem erſten Projecte eines Civil⸗Ge⸗ ſetzbuches, in welchem die Gemeinſchaft der Guͤ⸗ ter als abſolute Bedingung der Ehe vorausgeſetzt ward, ſollte gemeinſchaftliche Verwaltung des Vermoͤgens eingefuͤhrt werden. Aber es war allzu einleuchtend, daß zwey in Abſicht aller Rechte voͤl⸗ lig gleiche Menſchen nicht gemeinſchaftlich handeln koͤnnen, dafern kein Obmann ihrer Zwiſtigkeiten beſtellt iſt. Die Adminiſtration der Guͤter ward alſo ſchon im zweyten Entwurfe des Cambacérsès dem Manne uͤbergeben.*) Aber auch im Code treffend und nachdruͤcklich, in ſeinem civiliſtiſchen Magazine aſtem Bande 4ten Stuͤcke, S. 466(Goͤt⸗ tingen 1790) vorgetragen. *) Cambacéres discours préliminaire du Projet de Code de l'an IV. p. 31. 125 Napoleon finden ſich noch manche Spuren von der Gleichheit, die urſpruͤnglich intendirt war, und die in der That in dem metaphyſiſchen Naturrech⸗ te, das den phyſiſchen Unterſchied der Geſchlechter nicht beachten darf, unvermeidlich iſt. So iſt zum Beyſpiele, die Einwilligung beyder Eltern zur Heyrath der Kinder erforderlich. Wenn aber Verſchiedenheit der Meinungen eintritt, ſo wird der Wiule der Mutter nicht beachtet.(Art. 148.) Wozu wird ſie denn gefragt? Den innern Widerſpruch in den Begriffen, die der ganzen Geſetzgebung uͤber die Ehe zum Grunde liegen, haben die Verfaſſer des Code Na⸗ poleon am meiſten bey dem Titel von der Schei⸗ dung gefuͤhlt. In der roͤmiſchen Kirche iſt die wirkliche Auf⸗ löſung der Ehe, eine voͤllige Trennung und Ver⸗ nichtung des eingegangenen Bundes, ganz un⸗ ſtatthaft. Vier und zwanzig Fuͤnfundzwanzig⸗ theile der faſt ganz katholiſch geſinnten Nation wollte nichts von Eheſcheidung wiſſen. Doch war es nothwendig, einen Ausweg zu finden, um den 3 5 † 4 16 . 3 1 126 Widerſpruch zwiſchen den kirchlichen Geſetzen und dem Intereſſe der buͤrgerlichen Geſellſchaft zu he⸗ ben. Selbſt in den Augen der katholiſchen Fran⸗ zoſen mußte die Heiligkeit des Eheſtandes, in den neueſten Zeiten weit mehr durch die Frechheit der Sitten beleidigt werden, als durch geſetzmaͤßige Trennungen geſchehen konnte. In der Revolu⸗ tion, die mit einem Schlage alle Bande zerbro⸗ chen hatte, welche die Menſchen bis dahin zuruͤck⸗ hielten, waren im erſten Jahre wirklich 6000 Chen getrennt. Noch im Jahre 9(1801) wa⸗ ren 700 Eheſcheidungen bey 4000 neu geſchloſſe⸗ nen Ehen, und im Jahre 10(1802) 1000 Scheidungen bey 3000 neuen Ehen vorgefallen. Die buͤrgerlichen Rechte aller dabey intereſſirten Perſonen mußten geſichert werden. Fuͤr die Zu⸗ kunft mußten Anordnungen getroffen werden, um Scheidungen moͤglich zu machen; damit ein an⸗ ſehnlicher Theil des franzoſiſchen Volks, und gera⸗ de der, welcher in der Hauptſtadt den Ton an⸗ gab, nicht in die Nothwendigkeit geriethe, ſich von aller Gemeinſchaft mit der Kirche loszuſagen. Dieſe heilſame Veranſtaltung hãtte durch Unter⸗ 127 handlung und Uebereinkunft mit dem Oberhaupte der Kirche ausgemacht werden koͤnnen, wodurch ſeit mehreren Jahrhunderten ſo vieles zu Stande gebracht iſt. So ſind die Libertés de l'église Gallicane entſtanden: und Pius VII. wuͤrde ſich nachgiebiger bewieſen haben als Leo X, ſo weit es das kirchliche Syſtem, an deſſen Spitze er ſich be⸗ findet, nur immer verſtattete. Weiter aber zu gehen, hat in der That die weltliche Obrigkeit kein Recht. Sie muß ſelbſt ihre Unterwuͤrfigkeit unter hoͤhere moraliſche und religiöſe Geſetze anerkennen: wenn ſie nicht auf die ſicherſten und dauerhafteſten Stuͤtzen ihrer Autoritaͤt Verzicht leiſten, und ſich blos auf Gewalt berufen will, die gar leicht in andre Haͤnde uͤbergeht: wie die Revolution be⸗ wieſen hat. Im neuen buͤrgerlichen Geſetze des Code Na⸗ poleon liegt ein Keim der Verfuͤhrung durch die gefaͤhrlichſten aller Neigungen und Leidenſchaften, und der Zwietracht im Staate und in den einzel⸗ nen Familien. Es entzieht der Religion die An⸗ hänger, die in ihr ein unuͤberwindliches Hinder⸗ niß der Befriedigung ihrer heftigſten Wuͤnſche ſe⸗ hen, und denen jetzt in der Entſagung aller Ge⸗ 128 meinſchaft mit der Kirche, eine taͤuſchende Hof⸗ nung getraͤumter Gluckſeligkeit angeboten wird. Es erregt unverſoͤhnlichen und bittern Haß in Fa⸗ milien, und unter denen, die noch lange nicht am Rande des Abgrundes ſtehen, Mißtrauen. Es fordert alle Leidenſchaften und Kraͤfte der Men⸗ ſchen auf, den Meinungen, den Grundſaͤtzen und der Autorität, zu widerſtreben, die ſie in Schranken halten koͤnnte, und ſich dem gefaͤhrlichen Hange zur Zuͤgelloſigkeit zu uͤberlaſſen. Auf der andern Seite wird die Kirche, ſo lange ſie noch geduldet wird, und exiſtirt, genoͤthigt, diejenigen auszu⸗ ſchließen, die ſich der Befugniß bedienen, welche ihnen die buͤrgerliche Geſetzgebung, der geiſtlichen zum Trotze, einraͤumt. Entſteht hieraus nicht am Ende unfehlbar, auf einer Seite, der fanatiſche Religionshaß, deſſen Vertilgung den Vorwand ſo vieler Verfolgung abgegeben hat? und auf der an⸗ dern Seite, die vollkommene Gleichguͤltigkeit ge⸗ gen alle religioſe Geſinnungen und gegen die Kir⸗ che, welche ſelbſt von den Eutgeſinnten unter den Redactoren des Code Napoleon, als die Quelle des größten Uebels in der menſchlichen Geſelſchaft angeſehen wird? Womit — 139 Womit konnte dieſer, von der hoͤchſten Auto⸗ ritaͤt im Staate angeordnete Widerſpruch der Ge⸗ ſetze mit den Begriffen die vor aller buͤrgerlichen Geſetzgebung hergehen, gerechtfertigt werden? „Der Staat,“ ſagte der Staatsrath Porta⸗ lis, dem die Leitung aller religioͤſen Angelegenhei⸗ ten anvertrauet war, und der ſich alle erſinnliche Muͤhe gegeben hat, in der Ausfuͤhrung ſeines hoͤchſt ſchwierigen Geſchaͤfts, alle Partheyen eini⸗ germaaßen und ſo viel als nur immer moͤglich zu⸗ frieden zu ſtellen:„der Staat,“ ſagte er,*)„dul⸗ „det alle chriſtliche Secten. Unter ihnen giebt es „mehrere, welche die Eheſcheidung verſtatten.“ Hieraus folgerte er:„das allgemeine buͤrgerliche „Geſetzbuch, welches auf den Glauben der Menſchen „keine Ruͤckſicht weiter nehmen ſoll, muͤſſe alſo die „Scheidung“— nicht etwa denen, welchen ſie von ihrer Kirche verſtattet iſt, ſondern—„ganz allge⸗ „mein erlauben, und es dem Gewiſſen eines jeden „uͤberlaſſen, ob er von dieſem Geſetze Gebrauch ma⸗ „chen wolle. Es werde alſo der buͤrgerliche Con⸗ *) Discussions T. g. p. 119. 130 „tract werde aufgeloͤſet, und jeder der ſich „dem ohnerachtet durch das Geluͤbde gebunden „glaubt, moͤge ſich der Verletzung ſeiner Geluͤbde „enthalten.“ Aber die proteſtantiſche Religion, welche die Eheſcheidung erlaubt, befiehlt doch nicht, ſich zu ſcheiden. Conſequenter waͤre es alſo geweſen, das Princip der Unaufloslichkeit der Ehe imn buͤrgerlichen Geſetzbuche zu ſanctioniren. Nach den Grundſaͤtzen, die hier zur Rechtfertigung des neuen Geſetzes aufgeſtellt werden, muͤßte das bur⸗ gerliche Geſetz die Eheſcheidung verbieten, um die katholiſche Religion, in welcher ſie nicht ſtatt fin⸗ det, unverletzt zu erhalten: da die Staatsverfaſſung erlaubt, ſich zu ihr zu bekennen. Denn unter dem ſtrengeren Geſetze kann derjenige leben, der ein weniger hartes annimmt. Nicht umgekehrt. Hiemit wuͤrden nun die Proteſtanten mit Recht unzufrieden ſeyn. Ein Geſetz aber, welches alle Theile in ihren billigen Anſpruͤchen befriedigen ſollte, muͤßte die Scheidung denen erlauben, de⸗ ren kirchliche Verfaſſung ſie zulaͤßt: und ſie auf dem Wege betreiben laſſen, den ihr kirchliches Sy⸗ ſtem angiebt. Eben dieſe Mitwurkung einer geiſt⸗ 131 lichen Autoritaͤt aber war es, der man durchaus nichts einraͤumen wollte. Das heutige Frankreich hoͤrt nicht gern mehr von des Robespierre und La Reveillere Lepeaur Vernunft⸗Religion, womit die chriſtliche Religion verdraͤngt werden ſollte. Aber die Voͤlker duͤrfen dieſe Entwuͤrfe nicht vergeſſen, aus denen das Ge⸗ ſetzbuch hervorgegangen iſt, welches man ihnen aufdringen will. In der Wiedergeburt des Men⸗ ſchengeſchlechts ſollte kein Aberglaube, das heißt, keine Religion, geduldet werden. Die Verfol⸗ gung hatte ihren Zweck verfehlt: ſo wie es das Schickſal der Verfolgungen mehrentheils zu ſeyn pflegt. Es ward daher ein anderer Weg verſucht. Was nicht mit Gewalt vernichtet werden konnte, ſollte in Vergeſſenheit gebracht werden. Nach⸗ mals hat die Regierung Napoleons die Religion geduldet, weil ſie ihm gefährlich geworden waͤre, wenn er fortgefahren haͤtte, ſie offentlich anzugrei⸗ fen. Aber nichts iſt geſchehen, um die Kirche zu verſoͤhnen, der das ſouveraine Volk zugethan war, in deſſen Namen der Regent ſprach; deſſen Wil⸗ len zu thun er vorgab. Das buͤrgerliche Geſetz⸗ 5 E 132 buch, das ſo ſchrecklicher Verwirrung ein Ende machen, und ein neues Evangelium des Volks werden ſollte, durfte von der Religion, von reli⸗ gioͤſen Anſtalten, von den Verhaͤltniſſen zu einer geiſtlichen Obrigkeit, gar keine Notiz nehmen. Die Feinde der Religion aber wurden dadurch, daß nie eine geiſtliche Handlung mit den Verhandlun⸗ gen des burgerlichen Lebens in Verbindung geſetzt ward, in der Hoffnung beſtärkt, ſie werde nach dem Verlaufe einiger Zeit verſchwinden. So ward die buͤrgerliche Eheſcheidung denen erlaubt, welchen die katholiſche Kirche, zu der ſie ſich bekennen, die canoniſche verweigert. Wenn es aber auch moͤglich waͤre, die Grund⸗ ſatze der in Deutſchland anerkannten chriſtlichen Kirchen mit einem Syſteme eines buͤrgerlichen Ehe⸗ rechts in Verbindung zu ſetzen, ſo iſt dasjenige, welches der Code Napoleon aufſtellt, zu ſchlecht ausgefuͤhrt, um es auch ſelbſt in jener Voraus⸗ ſetzung erträglich zu finden. Der Ehebruch des Mannes berechtigt die Frau nur alsdann zu einer Klage, wenn ein Kebsweib in dem eignen Hauſe gehalten wird. Sehr treffend fragte der Gerichtshof zu Lyon,*) ob es erlaubt ſeyn ſolle, das Kebsweib im Hauſe gegen uͤber zu halten, ſie vor den Augen der verſchmaͤheten recht⸗ maͤßigen Frau mit dem prächtigſten Schmucke zu verzieren, mit ihr das Vermoͤgen durchzubringen? Das Unvermogen Kinder zu zeugen, iſt als urſache der Eheſcheidung ſchlechterdings verwor⸗ fen, weil die Art wie dieſe Klagen in Frank⸗ reich vormals behandelt wurden, hoͤchſt ſcan⸗ dalös war. Es koͤnnen aber Fälle exiſtiren, da die Scheidung aus dem angefuͤhrten Grunde nicht allein zulaͤſſig, ſondern den Sitten vortheilhaft iſt: und in Deutſchland haben ſolche Proceſſe, die von geiſtlichen Gerichten mit Discretion betrieben werden, nicht ſo viel Veranlaſſung zum Spotte gegeben: wozu die Deutſchen uͤberhaupt nicht ſo aufgelegt ſind, als die Franzoſen. Kann eine Scheidung eintreten, wenn der *) Analyse von Crussaire p. 271. 134 Mann der Frau eine ſchaͤndliche Krankheit mitge⸗ theilt hat? Nein, denn nach Anleitung der Dis- oussions kann es nicht als Sévices qualificirt wer⸗ den: Als Beweis des Ehebruchs aber iſt es von keinem Erfolge, wenn die Concubine nicht im Hauſe ſelbſt gehalten iſt. Malitiosa desertio iſt kein Grund der Schei⸗ dung. Doch giebt es nichts, was den Zweck der Ehe ſo tief angreift, und vereitelt. Die Geſetz⸗ geber, die dieſes heilige Band auf der einen Seite den gemeinſten Contracten gleich ſtellen, erklaͤren es hier wieder fuͤr unaufloslich, ſo lange ein Ehe⸗ gatte ſich verborgen haͤlt:(Art. 147.) verſtatten aber dem unſchuldigen Theile, ſich wieder ander⸗ weit zu verheirathen: auf die Gefahr, ob ſeine Verwandten und der Kaiſerliche Procureur ſie dar⸗ an hindern wollen.(Art. 184. 188. 190.) In dem Entwurfe, den Cambacérès im Jah⸗ re IV. vorlegte, dieſem getreuen und reinen Bilde der Revolutionsgrundſaͤtze, war(Art. 328.) die Incompatibilité d'humeur et de caractore als eine Urſache angegeben, die ein einſeitiges Ver⸗ 135 langen der Scheidung hinlaͤnglich begruͤnde. So konnte jeder Mann ſeine Frau, jede Frau ihren Mann, die ſich ewige Treue gelobt hatten, wie⸗ der los werden. Im Code Napoleon ſindet ſich dagegen die In- compatibilité d'humeur gar nicht: da ſie doch allerdings, wenn ſie wirklich im hoͤchſten Grade exiſtirt, den triftigſten Grund abgiebt. Aber ſie muß bewieſen werden; damit ſie nicht zum ei⸗ teln Vorwande diene. Eine ſolche Unterſuchung war vermuthlich den heiligen Grundſaͤtzen der Freyheit zuwider. Man verwarf ſie. Und in der That iſt es ganz uͤberfluſſig, die Unverträͤglichkeit der Gemuͤther unter die Urſachen der Scheidung aufzunehmen, wenn es erlaubt iſt, die Ehen durch gemeinſchaftlichen Beſchluß willkuͤhrlich zu trennen. Eben ſo tadelnswuͤrdig iſt die Art, wie ein Eheſcheidungs ⸗Proceß betrieben wird. Dieſes ge⸗ ſchieht, den Principien vollkommen gemaͤß, ohne alle Mitwirkung einer geiſtlichen Autorität. Unter allen Streitigkeiten, die zwiſchen den 136 Menſchen entſtehen können, giebt es keine, bey denen das Intereſſe andrer Perſonen(der Kin⸗ der, der Verwandten, Nachbarn und aller Mit⸗ buͤrger) und das Intereſſe der öffentlichen Ord⸗ nung, in dem Grade beachtet und geſchont wer⸗ den muß, als Uneinigkeiten unter Eheleuten. Sie ſind daher nicht allein wegen der ſo oft dabey vorkommenden Beziehungen auf Dinge, die die Schamhaftigkeit verletzen, ſondern auch wegen an⸗ drer feiner Ruͤckſichten, mehrentheils von der Art, daß ſie ohne Scandal gar nicht oͤffentlich unterſucht werden koͤnnen: und auch' der Code Napoleon hat die Verhandlung bey verſchloſſenen Thuͤren geſtat⸗ ten muͤſſen, die von der neuen Geſetzgebung in Frankreich ſonſt als ein Schandfleck der Juſtiz verhoͤhnt wird. Der Richter, der die Perſonen welche vor ihm erſcheinen, vielleicht nie geſehen hat, ihr Leben, ihre Fehler Schwaͤchen und Vorzuͤge gar nicht kennt, von ihren Mißverhaͤltniſſen nicht die ge⸗ ringſte Idee hat, ſoll ihnen zureden, um ſie zur Einigkeit zu ermahnen. Haͤtte doch Herr Treil⸗ hard, der dieſe Anordnung mit dem Gepraͤnge ſo 137 hoher Worte empſfiehlt,*) Formulare zu ſolchen Reden drucken laſſen, um der Unkunde der Rich⸗ ter zu Huͤlfe zu kommen, die keine hinlaͤngliche Fertigkeit haben, die heiligen Worte, Themis, Juno Pronuba, Lucina u. ſ. w. anzubringen! Hierauf wird der Procureur des Kaiſers ge⸗ hoͤrt; aber blos uͤber die Zulaͤſſigkeit der Klage nach den auſſern Erforderniſſen der Proceßord⸗ nung. Alsdann wird vie Entſcheidung abgegeben, wie uͤber jede andre Sache. Bey den Voͤlkern, die den Maͤnnern erlau⸗ ben, ihren Weibern einen Scheidebrief zu geben, und ſie damit von ſich zu laſſen, ſind dieſe Wei⸗ ber und Kinder nur eine Art von edlerem Eigenthu⸗ me, von dem man ſich willkuhrlich losmachen kann. Wo die Ehe ein Stand iſt, in welchen, unter ſich un⸗ gleiche, jedoch gleich freye Weſen ſich begeben haben, da kann das eingegangene Bundniß nicht durch *) Motifs T. II. 138 bloße Einwilligung der urſpruͤnglich intereſſirten Perſonen aufgegeben werden. So bald die Ehe aber fuͤr einen buͤrgerlichen Contract erklaͤrt wird, erfordert die Conſequenz der Principien, jene willkuͤhrliche Trennung zu geſtatten. Doch er⸗ ſchracken die Verfaſſer des Code Napoleon vor die⸗ ſer fuͤrchterlichen Folge der heiligen Rechte der Frey⸗ heit des menſchlichen Willens. Sie durften zwar nicht wagen, das Recht, Geſuche um Scheidung, die nur auf gemeinſamer Einwilligung beruhen, nach Befinden zuzugeſtehen, oder zu verwerfen, dem Richteramte, oder wie Carion Niſas in einer nicht ohne Beredſamkeit abgefaßten Invective ge⸗ gen das Geſetz uͤber die Eheſcheidungen, vor⸗ ſchlug*), einer hoͤhern Autoritaͤt im Staate einzuraͤumen. Doch haͤtte es ſo ſeyn muͤſſen. Denn jede Ehe iſt, wie jener Redner ſehr gut ausfuͤhrte, ein unter oͤffentlicher Autoritaͤt geſchloßnes Buͤndniß; ein Stand, der alle Ver⸗ haͤltniſſe zu den lebenden und kuͤnftigen Mitbuͤr⸗ gern beſtimmt; der alſo gar nicht ohne Zuſtim⸗ mung der hoͤchſten Autoritaͤt in der buͤrgerlichen *) Motifs. Tom. II. p. 383. ff. 139 Geſellſchaft wieder aufgehoben werden kann. Die Auflöſung eines Verhältniſſes, deſſen Beſtim⸗ mungen von der Willkuͤhr der Einzelnen nicht ab⸗ gehangen haben, kann auch nicht durch ihre bloße Willkuͤhr getrennt werden. Es muß, wenn Scheidung uͤberhaupt verſtattet wird, jedem mo g⸗ lich ſeyn, ſie zu bewirken: aber keiner darf ſie als ein Recht fodern, ohne rechtlichen Grund. Der Code Napoleon aber geſtattet jedem Ehepaare ſich willkuͤhrlich zu trennen. Die revolutionairen Franzoſen waren auf dieſe Beſtimmung, welche das Weſen der Ehe, man koͤnnte faſt ſagen, das Weſen der ganzen buͤrgerlichen Geſellſchaft veraͤn⸗ dert, ſo erpicht, daß Cambacérès im Discours prẽliminaire ſeines im Jahre 4 vorgelegten Pro- jet de Code civil gerade aus ſagte: Nul n'a clevé des doutes sur la necessité du di- vorce, lorsque deux époux changent de volonté(S. 34). Nach dieſem ſeinem zweyten ausfuͤhrlichen Entwurfe, mußte die Schei⸗ dung ohne alle Unterſuchung und ohne alle Förm⸗ lichkeiten vollzogen werden, ſo bald der Wille der Partheyen documentirt war. 140 Alles was die Verfaſſer des Code Napoleon thun konnten, die Scheidung zu erſchweren, be⸗ ſchraͤnkt ſich auf Maasregeln, um zu beurkunden, daß es wirklich uͤberlegter, ernſter, feſter Wille der Partheyen iſt, ſich zu trennen. Das Geſuch muß vier Mal, von drey zu drey Monaten in Perſon erneuert werden. Auch die Eltern werden wegen ihrer Zuſtimmung zu der eingegangenen Ehe, als Mitcontrahenten angeſehen, und ihre Einwilli⸗ gung zur Aufhebung derſelben, wird verlangt. Nach erfolgter Trennung iſt die Wiedervereinigung unmöglich.(welche der Leichtſinn einiger proteſtan⸗ tiſchen Conſiſtorien hin und wieder zugegeben hat.) Endlich,— und dieſe Bedingung ſcheint in der That etwas wirken zu können,— wenn Kinder vorhanden ſind, ſo muß ihnen die Haͤlfte des Vermoͤgens der Eltern, die ſich trennen wollen, zugeſichert werden. Das iſt, ein Antheil, den ſie im Teſtamente ihnen nicht entziehen können, und in deſſen Genuſſe die Eltern nunmehro noch bis zum Achtzehnten Jahre der Kinder bleiben. Man muß dem guten Willen der Verfaſſer des Code Napoleon, ihrer ernſtlichen, und wie man 141 ſieht, nicht ganz unwirkſamen Bemuͤhung, Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen. Sie haben gethan, was nur immer gegen die entſchiednen Vorur⸗ theile, nicht etwa der Nation, die gewiß nicht einverſtanden war, ſondern der herrſchenden Par⸗ they in Paris, durchgeſetzt werden konnte. Aber was ſoll Uns das alles? Uns, die wir keine Re⸗ volution erlitten haben, und ſie gern vermeiden moͤgten! Die Verfaſſer wagen es ſelbſt nicht, das an⸗ genommene Syſtem als gut zu empfehlen. Es hieß: die Herzenshaͤrtigkeit des franzoͤſiſchen Volks, (der Stadt Paris, die allein gehoͤrt worden iſt) verlange es alſo. Nachdem die revolutionaire Geſetzgebung des Jahrs 1792 die Eheſcheidung ſo leicht gemacht hatte, wie eine jede noch ſo unbedeuten⸗ de Handlung des gemeinen Lebens, ſey es unmoͤg⸗ lich, ſogleich zu dem ſtrengen Syſteme zuruͤck zu kehren, welches die Sittlichkeit an ſich ſelbſt wohl erfodre. So viele Ehen ſeyen unter der Idee, ſich willkuͤhrlich wieder trennen zu koͤnnen, geſchloſſen, daß man jetzt nachgeben müſſe. Bey kuͤnftiger 142 Reviſion des Code Napoleon moͤge nachgeholfen werden*). Ein Syſtem, das ſolcher Entſchuldigungs⸗ gruͤnde bedarf, will man in Deutſchland einfuͤh⸗ ren, welches mit der Peſt nicht behaftet geweſen iſt, gegen welche der Code Napoleon ein trauriges Heilmittel abgiebt. Auf die Zerſtoͤrung der Sittlichkeit, de⸗ ren Vollendung, die ſchreckliche Folge— und Zweck, der Revolution geweſen iſt, fuͤhren un⸗ zaͤhlige unwillkuͤhrliche Aeußerungen der Redner, welche der geſetzgebenden Verſammlung den Code Napoleon erklaͤrten und empfohlen, immer wieder zuruͤck. Unter den Gruͤnden aus denen die eheliche Ge⸗ burt eines Kindes beſtritten werden kann, fuͤhrt der Art. 315 die Umſtaͤnde einer verheimlichten Geburt bey bewieſenem Ehebruche der Mutter, auf: und der Tribun Lahary dringt auf die Nothwen⸗ *) S. die Rede von Treilhard. Motifs. T. 2. p. 340. 143 digkeit einer ſolchen Anordnung, fuͤr ein Volk, in welchem die Revolution a donné un nouveau degré d'énergie à toutes les passions, et a de- moralisé les penchans et les à jette beaucoup au dela des bornes de l'équité et des Conve- nances sociales*). Dieſem Volke, ſagte er⸗ ſey es Beduͤrfniß, die Heiligkeit der Ehe durch ein Geſetz zu unterſtutzen, das die frechen Unter⸗ nehmungen ausſchweifender Weiber vereitle. Proceſſe über die Abkunft, waren ſchon vor der Revolution in Frankreich nichts ganz ſeltenes. Das leichtſinnige, dreiſte, ränkevolle Volk, war von jeher zu ſolchen Romanen im gemeinen Leben geneigt. Die Causes célébres ſind voll ſolcher Geſchichten, und Lahary ſelbſt beruft ſich darauf, um die Weisheit der neuen Geſetzgebung zu bewei⸗ ſen. Wenn in Deutſchland aͤhnliche Dinge vor⸗ gefallen ſind, ſo gehoͤren ſie zu den ſeltnen Mon⸗ ſtroſitäten, auf die der Geſetzgeber wenig Ruͤckſicht zu nehmen braucht. *) Motifs. T. 3. p. 36 144 Um das neue franzoͤſiſche Eherecht, die innern Widerſpruͤche deſſelben, und die ſchwankenden Be⸗ wegungen aus denen es hervorgegangen, vollkom⸗ men zu begreifen, iſt es nothwendig zu den Ideen hinauf zu gehen, aus denen das ganze Syſtem der revolutionairen Geſetzgebung uͤber das Verhaͤltniß zu Kindern, vaͤterliche Gewalt, Adoption, ent⸗ ſproſſen iſt. Nach den Grundſätzen deſſelben wird jeder Menſch als ein ſelbſtſtaͤndiges Weſen betrachtet. Seine Erzeugung iſt ein phyſiſches Ereigniß, und etwas ganz Zufaͤlliges*). Die Mutter iſt bekannt. *) In die Sprache der deutſchen Metaphyſik uͤberſetzt, mag es etwa ſo lauten: Das Subject der Rechte im Menſchen, iſt die intelligible Perſon; ein noumenon. Der Eintritt derſelben in die phyſiſche Welt der Er⸗ ſcheinungen, als homo Phaenomenon, vermittelſt des Acts der Erzeugung, kann zufällige moraliſche Verhältniſſe veranlaſſen, gehoͤrt aber als Begebenheit, mithin als ein der Zeitbeſtimmung unterworfner Ge⸗ genſtand, einer ganz andern Ordnung von Begriffen an, und hat nicht die geringſte Verbindung mit de⸗ nen aus ewigen Wahrheiten unmittelbar abgeleiteten Rechtsverhältniſſen vernünftiger Weſen. 145 bekannt. Ihr gehoͤrt das Kind an. Sie iſt ver⸗ pflichtet, es ſo weit zu ernaͤhren und zu erziehen, bis es ſich ſelbſt helfen kann. Das Vermoͤgen der Mutter geht durch natuͤrliches Erbrecht auf ihre Kinder uͤber. Wer Vater iſt, kann nicht bewie⸗ ſen werden. Oft kann es niemand wiſſen: ſelbſt die Mutter nicht. Vaterſchaft kann alſo nur durch eigne freywillige Anerkennung conſtatirt werden. Dieſes Verhäͤltniß eines Menſchen zum andern, woraus gegenſeitige Pflichten und Rechte entſpringen, beruhet mithin lediglich auf der freyen Erklaͤrung, daß man Vater ſey, oder ſeyn wolle. Wer eine Ehe eingeht, giebt dadurch zu erkennen, daß er Vater der Kin⸗ der ſeiner Frau ſeyn wolle. Deswegen gilt er dafuͤr. Auſſer der Ehe erzeugte, werden zu Kin⸗ dern eines beſtimmten Vaters, durch die Anerken⸗ nung: Fremde Menſchen, durch die Adoption. In jedem Falle aber folgt das Erbrecht dieſer Er⸗ klaͤrung, man ſey Vater, oder man wolle es ſeyn. Dieſes Syſtem, welches von ſchwaͤrmeriſchen Koͤpfen mit dichteriſchen Vorſtellungen aus dem 10 146 Plato aufgeputzt werden kann, von denen im alten Griechenlande ſo wenig als in irgend einem andern Volke jemals ein Schatten von Realitaͤt zu finden geweſen, iſt in den revolutionairen Geſetzen ſehr deutlich und mit hoͤchſter Conſequenz entwickelt. In dem erſten Entwurfe eines Civil⸗Geſetz⸗ buches welchen Cambacérès vorlegte, und welches das ganze Syſtem der revolutionairen Geſetzge⸗ bung in vollkommner Reinheit vollſtaͤndig enthielt, ward den oben angegebnen Principien gemaͤß feſt⸗ geſetzt, daß jede Mannsperſon von 15 Jahren, jedes Maͤdchen von 135, heirathen duͤrfe. Die Einwilligung der Eltern ward zwar erfodert, aber ohne daß die Vernachlaͤſſigung derſelben, Nullität nach ſich ziehen ſollte. Verwaiſete ſollten ihre Fa⸗ milie befragen, und wenn dieſe ihre Zuſtimmung verweigerte, ſollten Schiedsrichter entſcheiden. In dem Geſetze vom 7 Sept. 1793 war feſt⸗ geſetzt, daß Minorenne, deren Eltern verſtorben oder abweſend waͤren, nur einen Familienrath von Zween der naͤchſten Verwandten befragen ſoll⸗ 147 ten. Verweigerten dieſe ihre Zuſtimmung, ſo ward die Sache auf Einen Monat vertagt, als⸗ dann aber auf die Weigerung, nur in dem Falle notoriſchen ſchlechten Lebenswandels oder einer nicht aufgehobnen infamirenden Strafe der Per⸗ ſonen, geachtet. Da die Ehe in dieſem Syſteme blos ein un⸗ ter willkuͤhrlichen Beſtimmungen eingegangenes Verhältniß zwiſchen den Eltern iſt, und die Kin⸗ der nichts angeht, ſo wurden am 4 Junius 1793 die auſſer derſelben erzeugten Kinder den ehelichen durchaus gleich geſetzt. Sie ſollten ihre Eltern mit dieſen zu gleichen Theilen beerben. Bald dar⸗ auf ward ihnen durch ein Geſetz vom Erſten Sans⸗ culotidentage des Jahrs 2(trefliches Omen im Dato!) ſogar auch das Recht ertheilt, ihre Vaͤter bey allen Erbſchaften die ſeit der Epoche der Frey⸗ heit(dem 14 Julius 1789) eröfnet wären, zu repräſentiren. Dieſe letzte Dispoſition ward in Anſehung der Ruͤckwirkung ſuspendirt, in Anſe⸗ hung der bereits anhaͤngig gemachten Jaͤlle beſtaͤ⸗ 10* 148 tigt, in Anſehung Andrer wieder zuruͤck genom⸗ men*). Die in der Natur des Menſchen ſo tief ge⸗ gruͤndeten Gefuͤhle, und Grundſätze uber die ſittli⸗ chen Verhaͤltniſſe, welche dem ganzen civiliſirten Zuſtande zum Grunde liegen, waren doch zu ſtark, um ſo ausgerottet zu werden. Die Ge⸗ wohnheit, die Liebe zu den Banden der Verwandt⸗ ſchaft, die allen Menſchen ſo tief im Herzen liegt, daß ſie ſogar nicht von denen verleugnet werden kann, die ſelbſt im Innern ihrer Familie hadern: das alles widerſtrebte. Die oͤffentliche Stimme erhub ſich mit einer Staͤrke, welche ſogar das Schreckensſyſtem zum Weichen brachte. Fuͤr die Erhaltung der chriſtlichen Religion wagte es faſt niemand mehr zu reden. Aber dieſe naturliche *) Die Geſetze vom 4 Junius 1795, 12 Brumaire des Jahrs 2,(2 November 1793) 3 Vendemiaire Jahrs 4,(25 September 1794) 26 deſſelben Monats, (18 October 1794) enthalten die eckelhafte Geſchichte des Kampfes fuͤr uneheliche Kinder, in denen ſich die Revolutionairs eine heilige Cohorte von devovirten Leibwachen zu ſchaffen dachten⸗ 149 Religion, die haͤusliches Gluͤck und Ruhe und Ordnung unter den Menſchen, auf die Verhaͤlt⸗ niſſe zwiſchen Eltern und Kindern gruͤndet, war ſelbſt mit der Guillottine nicht auszurotten. Die revolutionaire Geſetzgebung fieng an zu ſchwanken, that Schritte zuruͤck, und wieder vorwärts. Es war unmoͤglich, das Syſtem durchzuſetzen: aber die Principien auf denen es beruhet, ſind dennoch im Code Napoleon auf ewig, wenn es Gott ge⸗ faͤllt, gegruͤndet und befeſtigt. Die Verfaſſer die⸗ ſes ſo hoch geprieſenen Werks haben ſich bemuͤhet, ſich ſo viel moͤglich den Grundſaͤtzen wieder zu naͤ⸗ hern, die unter mannigfaltigen Modificationen den römiſchen, deutſchen, canoniſchen Rechten zum Grunde liegen. Aber die Annäherung iſt nur ſcheinbar. Die Gewalt jener Principien wird die Geſetzgebung immer wieder zu ihrer Quelle zu⸗ ruckziehen. Es klingt ſehr menſchenfreundlich und billig, wenn man uͤber die Ungerechtigkeit der Geſetze ſchreyet, welche Unſchuldige fuͤr den Fehler ihrer Eltern beſtrafen:— wenn es denn an⸗ ders ein Fehler ſeyn ſollte, ſich dem Triebe der 150 Ratur zu uͤberlaſſen, ohne auf prieſterliche Ein⸗ ſegnung zu warten.— Man kann ein ſchoͤnes Gemaͤhlde aufſtellen: von einem durch alle Vor⸗ zuͤge einer guten Erziehung ausgeruͤſteten, und dennoch wegen unehlicher Geburt, der öͤffent⸗ lichen Ehre beraubten, von allem Antheile an der Sache des Vaterlandes oder der Gemeinde worin er gebohren iſt, ausgeſchloſſenen und von ſeinen Mitbuͤrgern verſtoßenen Menſchen. Die Ver⸗ theidiger der Gleichheit hätten ſich dabey auf die fameux batards berufen koͤnnen, denen Frankreich in alten Zeiten oft ſo viel zu danken gehabt hat. Die revolutionaire Geſetzgebung wirft dieſe Maͤn⸗ ner mit den Erzeugniſſen der ſchmutzigſten Winkel von Paris in eine Claſſe: um einer allgemeinen Regel willen, ohne welche der Zweck ſehr leicht zu erreichen war, und laͤngſt erreicht iſt. Bey allen jenen Declamationen wird vergeſſen, daß das Mittel gegen die unbillige Zuruͤckſetzung, in der alten Verfaſſung ſelbſt, in der Legitimation per Rescriptum Principis lag, von welcher der Code Napoleon nichts weiß. So aber muß es ſeyn. Die Ehe iſt ein oͤffentliches Inſtitut. Von ihr haͤngt der Stand der Menſchen ab. Der 151 natuͤrliche Sohn, den ſeine Eltern anerkennen, den ſie mit mutterlicher Sorgfalt und väterlicher Fuͤr⸗ ſorge erzogen, unterrichtet, faͤhig gemacht haben, in die burgerliche Geſellſchaft einzutreten, und ih⸗ re Rechte zu theilen, die ihm wegen ſeiner von den Geſetzen nicht anerkannten Geburt verſagt werden, kann dieſe Rechte nicht anders erhalten, als durch eine Bewilligung der hoͤchſten Gewalt im Staate. Die natuͤrliche Unfähig⸗ keit der unehelichen Kinder, die Ausſchließung derer, welche nicht werth ſind, in die Ge⸗ ſellſchaft aufgenommen zu werden, und die Schwierigkeit der Legitimation, ſind die einzigen Schutzwehren des heiligen Bandes der Ehe, auf deſſen Allgemeinheit die buͤrgerliche Ordnung be⸗ ruhet. Und doch iſt es fuͤr jeden Einzelnen der es verdient, ſo leicht, dieſe Hinderniſſe des Fort⸗ kommens zu uberwinden, daß man von keiner Seite gegruͤndete Einwendungen gegen das Syſtem des alten Rechts vorbringen kann.„Die Legiti⸗ „mation aus Gnade des Regenten,“ ſagte man, „iſt eine Beguͤnſtigung fuͤr die Wenigen, „welche Anſehn und Einfluß genug haben, um „ſie auszuwirken; alſo fuͤr Vornehme. Die 152 „Ausſchweifungen dieſer werden tolerirt. Die „Fruͤchte derſelben erhalten Rechte, die andern ver⸗ „weigert werden, welche unter gleichen Umſtaͤnden „in die Welt eintraten, aber von niedriger Her⸗ „kunft waren.“ Dieſes hat keinen Grund. Vorneh⸗ me erbitten ſich die Legitimation unehelicher Kinder nur alsdann, wenn ſie dieſen eine Erziehung ge⸗ geben haben, nach welcher ſie ſich ihrer nicht zu ſchaͤmen brauchen, und der Staat in den Perſonen, welchen er das volle Buͤrgerrecht ertheilt, wuͤrdige Buͤrger erhaͤlt: und auch Geringen, die eine nach Verhaͤltniß ihres Standes gute Erziehung erhalten haben, wird die Legitimation nicht verweigert. Sie iſt keine Gnadenbezeugung fuͤr Guͤnſtlinge, ſondern ein Act der hohen Policey, der nach dem Gutachten und durch Vermittlung der Landes⸗ obrigkeit, vollzogen oder verweigert wird. Der Code Napoleon, der die revolutionaire Geſetzgebung durch mannigfaltige Modiſicationen zu verbeſſern, den Gefuͤhlen und— wie man es nannte, Vorurtheilen,— der Nation naͤher zu bringen, und dieſe mit der ihr aufgedrungnen Ge⸗ ſetzgebung zu verſoͤhnen geſucht hat, geht noch im⸗ mer von den Principien aus, die oben ausgefuͤhrt —„ — 153 ſind. Er weiß uͤberall nichts von den buͤrgerli⸗ chen Rechten die von der Geburt abhaͤngen. Jeder Franzoſe, der 21 Jahr alt iſt, und Contribu⸗ tion bezahlt, iſt nach der Conſtitution, artiver Buͤrger. Die ehelichen Kinder haben zwar im väterlichen Erbe große Vorzuͤge: aber ob die Un— ehelichen zu dem Antheile zugelaſſen werden ſollen, den die Geſetze beſtimmen, und den das alte Recht mit gutem Grunde verſagte, das hängt ganz al⸗ lein von der Anerkennung der Eltern ab. Dieſe kann zwar willkuhrlich verweigert werden: haben ſie aber das Kind einmal anerkannt, ſo ſchreibt ihnen das Geſetz vor, was ſie fuͤr daſſelbe thun ſollen. Der Vater muß dem unwuͤrdigſten, ein⸗ mal anerkannten natuͤrlichen Sohne Ein Drittheil desjenigen Erbtheils laſſen, der ſeinen ehelichen Nachkommen zufaͤllt. Mehr darf er zwar nicht fur ihn thun.(Art. 9os.) In Anſehung des geſetzlichen Antheils aber, iſt der einmal aner⸗ kannte natuͤrliche Sohn noch unabhaͤngiger vom Vater als der eheliche. Der Vater kann ſeine gute Auffuͤhrung nicht belohnen, ſo wie er ihm nichts von dem entziehen darf, was ihm das Geſetz zu⸗ ſpricht. In dieſer angeblich der Natur gemaͤßen 154 Verfaſſung findet man allenthalben, wo man die Wirkung natuͤrlicher Gefuͤhle, ein Band ſittlicher Verhaͤltniſſe, thaͤtig zu ſehen verlangt, nichts als das eiſerne Geſetz, das keinen Unterſchied unter den Menſchen kennt; ihrer Ueberlegung, ihrem Wohlwollen ſo wenig als moͤglich verſtattet: alles unter dem Vorwande, die ungerechten und gehaͤſ⸗ ſigen Leidenſchaften im Zaume zu halten. Wenn keine ehelichen Kinder vorhanden ſind, ſo treten die unehelichen ein, und erben vor der rechtmaͤßigen Ehefrau,(Art. 723) die uͤberhaupt von den Vortheilen, welche ihr das romiſche Recht auf eine dem Begriffe von der Ehe und dem Ver⸗ hältniſſe des Eheſtandes ſo angemeſſene Art zu⸗ theilt, im Napoleoniſchen Rechte ganz ausgeſchloſ⸗ ſen iſt, und nur alsdann erbt, wenn kein Ver⸗ wandter vom Zwoͤlften Grade, oder natuͤrliches Kind ihres Ehemannes, exiſtirt. Ueber die Kinder, deren Vater ungewiß iſt, enthalt der Code Napoleon dem oben ausgefuͤhr⸗ ten Syſteme gemaͤß, eine Beſtimmung, die nur der franzöſiſchen Nation hat erträglich ſcheinen k 155 koͤnnen, und das natuͤrliche Gefuͤhl aller andern Menſchen empört. La recherche de la Paternité est interdite, ſagt der Art. 340: und zur Empfehlung dieſes Geſetzes wird angefuͤhrt, daß die Fallſtricke der Buhlerinnen, ihre betruͤgeriſchen Klagen gegen unvorſichtige junge Leute, dadurch vereitelt und ganz verhindert werden. Iſt das alles? Iſt es genug, daß unvorſichtige junge Leute, die ſich dem Triebe des Blutes uͤberlaſſen haben, gegen betruͤgliche Anforderungen feiler Weibsperſonen geſchuͤtzt werden, welche auch im ſchlimmſten Falle immer in gewiſſem Verhaltniſſe zu den Ver⸗ mögens„Umſtaͤnden des Beklagten bleiben? Wer ſich mit einer Buhlerin einläßt, mag ſeinen Leicht⸗ ſinn damit buͤßen, daß er allenfalls etwas Geld hergiebt, um ein Kind zu erziehen, das ihn ei⸗ gentlich nichts angeht. Gegen enorme Betruͤge⸗ reyen und Uebervortheilungen ſchuͤtzt das gericht⸗ liche Verfahren und die Policey. Aber wer ſchutzt denn die unglucklichen Geſchoͤpfe, die es nicht auf betruͤgeriſchen Gewinn angelegt haben; denen nichts mehr, ja meiſtentheils viel weniger vorge⸗ 156 worfen werden kann, als ihren Mitſchuldigen? Die nur leichtſinnig oder ſchwach waren? Finden ſich etwa ſolche in Frankreich nicht mehr? Sind dort die Sitten ſeit der Revolution ſo rein, daß es keine Verfuͤhrer mehr giebt? oder iſt das weibliche Geſchlecht daſelbſt ſo frech geworden, daß es gegen ſeine Natur, in jedem Falle, fuͤr den angreifenden Theil gehalten werden muß? Der Conſul Cambacérès verſpricht ſich von dieſer Anordnung groͤßere Vorſichtigkeit unter den Men⸗ ſchen. Les femmes, ſagt er im Discours prli- minaire des von ihm vorgelegten Projet de Code civil, deviendront plus réservées, les hommes deviendront plus attentifs et moins trompeurs. — Wenn ſie alle Verſprechungen wagen duͤrfen, dafern ſie ſich nur vor foͤrmlichen Anerkennun⸗ gen huͤten?— Soll etwa jedes Maͤdgen, im Augenblick da ſie nachgiebt, einen Notar herbey⸗ rufen, und eine eventuelle Anerkennung des moͤg⸗ lichen Kindes ausſtellen laſſen? oder ſoll, weil doch alles auf freyer Billkuͤhr und Con⸗ tracten beruhen muß, erſt ein Contract uͤber eine zu zahlende Summe, auf den Fall der Schwangerſchaft errichtet werden? Es erfuͤllt 157 deutſche Leſer mit einem unbeſchreiblichen Eckel, in dieſer ganzen Verhandlung immerfort nur von dem unendlich reizbaren— gleißneriſchen,— Ehrgefuhle des franzoͤſiſchen Volks zu leſen, wel⸗ ches durchaus keine leere Nachrede dulden koͤnne, und welches dieſem feinen Ehrgefuͤhle, hier nicht etwa das eigne Leben aufopfert, ſondern heroiſch das Leben unſchuldiger Perſonen der Gefahr, ihre ganze Exiſtenz dem Elende neben der Schande Preis giebt. In den Reden uͤber den 57ten Art. des erſten Entwurfs des Code Napoleon, welcher nachmals verworfen ward, und in welchem der Mutter er⸗ laubt werden ſollte, den angeblichen Vater des Kindes in die Regiſter des Civilſtandes einzeichnen zu laſſen, wird unaufhoͤrlich von den Gefahren geſprochen, welchen ehrbare Maͤnner, Ehe⸗ maͤnner, Hausväter, durch falſche Anzeigen ſchlechter Frauensperſonen ausgeſetzt ſeyen. Die Redner ſind unerſchoͤpflich in Declamationen dar⸗ uber. Endlich beruͤhren Andrieur und Duͤveyrier den Punkt auf den es allein ankommt; daß die Ausſage der Mutter eines unehelichen Kin⸗ 158 des niemanden ſchaden kann, ſobald ihr das Recht der gerichtlichen Klage zuſteht, weil alsdann jede nicht durchgefochtne Erklaͤrung in das gemeine Stadtgeſchwatz herabſinkt: und daß eine leere Be⸗ ſchuldigung, auch ohne Einzeichnung in die Regiſter des Civilſtandes gerade alsdann Conſiſtenz gewin⸗ nen kann, wenn es unmoͤglich iſt, ſie durch eine gerichtliche Verhandlung nieder zu ſchlagen. Ver⸗ geblich ſagte Duͤveyrier eben ſo wahr als nachdruͤck⸗ lich: Chaque enfant naturel, ainsi privé par l'insouciance ou la barbarie de la Loi du droit de sa naissance, c'est à dire de son état civil ou des moyens de le récomaitre, Présente Pimage dꝰun assassinat civil. Er haͤtte hinzu⸗ fügen ſollen: ein ſolches Geſetz, welches Kinder aller Subſiſtenzmittel, und die Mutter der Unter⸗ ſtutzung beraubt, muͤſſe wirklichen Mord veran⸗ laſſen: die Mutter, der alle Wege verſperrt wer⸗ den, den Miturheber des Daſeyns ihres Kindes, zur Theilnahme an der Laſt der Erziehung zu zwin⸗ gen, muß dem Kinde das Leben nehmen, wel⸗ ches ſie nicht zu unterhalten vermag. Oder ſoll ſich das gemeine Weſen aller ſolchen Geſchoͤpfe an⸗ nehmen, damit jeder ſich vhne Beſorgniß vor 159 unkoſten, allen Ausſchweifungen ͤberlaſſen konne? Die Findelhäuſer ſind ein ſchlechtes Mittel, Re⸗ cruten fuͤr die buͤrgerliche Geſellſchaft zu ziehen, wenn man auch blos auf die phyſiſche Beſchaffen⸗ heit ſieht. Das Lacherliche, das aus einer Anzeige, der Standal, der aus einer Klage folgen kann, wel⸗ chem die Pariſer philoſophiſchen Staatsmaͤnner das Intereſſe des weiblichen Geſchlechts aufopfern, wird von der deutſchen Nation nicht ſo ſehr ge⸗ furchtet, daß man der Beſorgniß davor, die ernſthaften Folgen nachſetzen muͤßte, welche hier angegeben ſind. Die beyden bisher unter⸗ ſuchten Punkte der neuen Geſetzgebung, uͤber die Ehe, und uber uneheliche Kinder, fuͤhren in ihrer natuͤrlichen Verbindung auf einen Gegenſtand, der im Code Napoleon ganz uͤbergangen iſt, und wor⸗ in ein neuer Beweis von der vollendeten Sitten⸗ toſigkeit liegt, die unvermeidlich mit dem Syſteme des ſtrengen und uneingeſchränkten Rechts der freyen Willkuͤhr verbunden iſt, welches der franzoͤſiſchen Geſetzgebung durchaus zum Grunde liegt, und nur mit zu vieler Conſequenz durchge⸗ fuͤhrt wird. 160 Der Code Napoleon weiß nichts von Ehever⸗ löbniſſen. Sie muͤſſen alſo nach den allgemeinen Vorſchriften uͤber Contracte beurtheilt werden. Bey allem was das Eigenthum angeht, iſt das leichtſinnigſte Verſprechen hinlaͤnglich. Da heißt es Promesse de vente vaut vente.(Art. 1589.) Aber die wichtigſte unter allen Verhandlungen die zwiſchen Menſchen ſtatt finden kann, hat gar keine Guͤltigkeit, wenn auch die Verbindlichkeit noch ſo feyerlich eingegangen iſt, ja ſogar wenn das We⸗ ſentlichſte des einzugehenden Verhaͤltniſſes wirk⸗ lich vollzogen waͤre. Denn nach dem Art. 1142, Toute Obligation de faire ou de ne pas faire se resout en dommages et interéts, en cas d'inéxecution de la part du debiteur. Die ver⸗ laſſene, betrogne Braut, hat nur eine ſehr un⸗ ſichere und zweydeutige Entſchaͤdigungsklage. Wenn ſie ſich im Vertrauen auf die Eheverſpre⸗ chung hingegeben hat, und geſchwaͤngert worden, ſo kann ihr Kind nie fuͤr ein rechtmäßiges gelten. Denn: la recherche de la paternité est interdi- te: und der boshafte oder leichtſinnige Verfuͤhrer kann auf keine Weiſe angehalten werden, das Un⸗ recht, das er gegen die ungluckliche Frucht ſeiner betruͤ⸗ 161 betruͤgeriſchen Verſprechungen begangen hat, wie⸗ der gut zu machen. Wenn die Verfaſſer des Code Napoleon uber⸗ all einiges Nachdenken uͤber dieſes Verhaltniß an⸗ gewandt haben, ſo ſchwebte ihnen zuverläſſig wie⸗ der nur das ſittenloſe Paris vor Augen. Durch ihre Geſetzgebung wird aber eine gleiche Sittenlo⸗ ſigkeit unter dem Landvolke in den Gegenden er⸗ zeugt werden, wo die Menſchen an ein herkoͤmm⸗ liches Eherecht gewoͤhnt ſind, in welchem Verloͤb⸗ niſſe, der wirklich eingegangnen Ehe ſo gut als gleich geachtet werden. Cambacérés wird ver⸗ muthlich wieder ſagen, die ſeegensreiche Folge des neuen Rechts ſey, daß die Maͤdchen zu⸗ ruͤckhaltender, und die Maͤnner ernſthafter, ehrlicher und vorſichtiger in ihren Verſprechungen werden muͤſſen, wenn ſie nicht mehr genoͤthigt werden koͤnnen, dieſe Verſprechen zu halten. Die Natur der Sache verlangt, daß ein foͤrmliches Ehe⸗ verſprechen, in Gefolg deſſen eine Schwaͤngerung ſtatt gefunden, als eine wirklich eingegangene Verbindlichkeit angeſehen, und ihm die Kraft wahrer Ehe beygelegt werde; wenn gleich ſie auch 11 162 ſofort wieder getrennt wurde, um nicht ein un⸗ gluckliches Verhaͤltniß zu erzwingen. Auf die rechtmaͤßige und natuͤrliche Nachkom⸗ menſchaft, folgt im Code Napoleon die Adoption⸗ Zu der Zeit, da man den Schein republikani⸗ ſcher Sitten und Inſtitute affectirte, ward ſie als eine glaͤnzende Nachahmung romiſcher Ge⸗ wohnheiten hervorgeſucht. Dem ſo hoch ange⸗ ſtimmten Tone zu gefallen, mußten die Rechts⸗ gelehrten die den Code Napoleon verfaßt haben, wohl etwas beybehalten, das den Namen Adop⸗ tion tragen konnte. Sie haben durch mannigfal⸗ tige Modificationen und Einſchraͤnkungen ein Ver⸗ haͤltniß herausgebracht, das eine Seite im Geſetz⸗ vuche fullt, in der Wirklichkeit aber ſchwerlich exi⸗ ſtirt; und von dem nicht abzuſehen iſt, wozu es nutzen ſoll, nachdem die väterliche Gewalt abge⸗ ſchafft iſt, und die Adoption nur in ſeltnen Faͤllen mehr werth iſt, als was die Freygebigkeit ei⸗ nes wohlwollenden Mannes auch ohne dieſe For⸗ malitaͤt ertheilen kann. Von dieſer väterlichen Gewalt iſt es hinlaͤng⸗ 163 lich, zu erwaͤgen, was einer der einſichtsvollſten unter den Staatsraͤthen, der von geſundem Ge⸗ fuͤhle belebte, und bey jeder Gelegenheit fuͤr die Rechte der menſchlichen Empfindungen gegen die abſtracten Formen der Geſetzgebung thaͤtige Mal⸗ leville daruͤber ſagt: Quelques moderée que füt la puissance pa- ternelle, il restait toutefois de grands moyens pour contenir les enfans, et cette puissance devait necessairement deplaire à ceux, qui avaient envie de renverser l'ordre des choses établies. Ils n'ignoraient pas, que la conser- vation et le repos sont les deux grands objets de la viellesse, et que la jeunesse est avide de nouveautés. Lautorité paternelle fut donc abolie le 23 Mars 1792. et restreinte sur la personne des mineurs, et le 20 Septembre 1792. la majorité fut fixée à 21 ans. In dem metaphyſiſchen Naturrechte, nach wel⸗ chem die Urheber der Revolution die buͤrgerliche Verfaſſung umformen wollten, giebt es keine an⸗ dre Verhaͤltniſſe unter Eltern und Kindern, als 11* ——— 164 diejenigen, die der zufaͤllige Umſtand erzeugt, daß die einen froͤher da waren, als die andern. Mit unwillen duldeten daher jene Geſetzgeber die Ab⸗ hängigkeit, welche unvermeidlich aus dem Unver⸗ moͤgen der Kinder entſpringt, ſich ſelbſt zu ernaͤh⸗ ren. Wie gern haͤtte man befohlen, daß die Menſchen ſich von ihren Eltern losmachen ſollten, ſo bald ſie der ſaͤugenden Bruſt entbehren koͤnnten, damit jedes menſchliche Weſen voͤllig frey ſey. Dies war unmoöglich, weil nicht allein die Ent⸗ wickelung der Geiſtesfähigkeiten, die von der Erler⸗ nung der Sprache, der Mittheilung, und dem Um⸗ gange mit Menſchen abhängt, ſondern auch ſogar die phyſiſche Ausbildung, wegen des ſpaͤter beendig⸗ ten Wachsthums und der mannigfaltigen Beduͤrf⸗ niſſe, fuͤr welche die Natur nicht ſo wie bey Thie⸗ ren durch den Inſtinct geſorgt hat, einer lange fortgeſetzten Erziehung bedarf. Einige Abhaͤngig⸗ keit konnte nicht vermieden werden. Aber ſie ward moͤglichſt beſchräͤnkt. Nach dem roͤmiſchen Rechte waren die Kinder in unbegraͤnzter Abhaͤn⸗ gigkeit vom Vater, ſo lange dieſer lebte. Im franzöſiſchen Rechte iſt die vaͤterliche Autoritaͤt Aus⸗ nahme, und auf einzelne, ſcharf beſtimmte Punkte 165 beſchraͤnkt. Sie ſoll aufhoͤren, ſo bald es irgend möglich iſt. Ein erſter Antrag gieng dahin, die Volljaͤhrigkeit mit dem achtzehnten Jahre eintreten zu laſſen, und die Emancipation mit dem funf⸗ zehnten zu erlauben. Endlich befreyete das Ge⸗ ſetz vom 2oſten September 1792 jeden der das einundzwanzigſte Jahr vollendet hat, von aller geſetzlichen Autorität ſeiner Eltern. Gleich dar⸗ auf ward dieſe Unabhaͤngigkeit durch ein Decret vom Ften Maͤrz 1793 vollendet, in welchem verordnet iſt, daß jeder Descendent glei⸗ chen Antheil am Nachlaſſe haben ſolle. Die nehmlichen Geſetzgeber, welche bey jeder Gelegenheit eine unbegraͤnzte Freyheit uͤber Eigen⸗ thum zu disponiren predigten, und dieſe Freyheit, als ein heiliges Urrecht der Menſchheit, der Auf⸗ ſicht der Regierung moglichſt zu entziehen ſuchten, beſchraͤnkten jenes Recht, im Falle Kinder da ſind, auf die Lebenszeit ſelbſt. Dem aufgehenden Ge⸗ ſchlechte ward der Genuß deſſen, was das vorher⸗ gehende erworben hat, als ſein Recht zugeſprochen. Sogar unter den Kindern ſollte der Vater keine Vertheilung machen duͤrfen. Die Beſtimmungen, 166 wodurch die Weisheit der römiſchen Geſetze den Wirkungen einer unvernuͤnftigen Vorliebe, einer ungerechten Abneigung und Haͤrte, oder thoͤrigten Laune, Schranken geſetzt hat, ſchienen zu unbedeu⸗ tend. Der Vater ſollte gar nichts fuͤr ein von der Natur ſtiefmuͤtterlich behandeltes, oder durch Zu⸗ faͤlle verletztes Kind, thun duͤrfen. Die Bande der Liebe und Dankbarkeit ſollten mit dem Tode des Vaters zerriſſen werden: alle moraliſche Bewe⸗ gungsgruͤnde, dem Trotzen auf ſtrenges Recht weichen. Die Rede womit der erſte Entwurf eines Ci⸗ vil⸗Geſetzbuches im zunaͤchſt folgenden Jahre (1794) von Cambacérès,(den deutſche Schriftſteller gelegentlich den großen Cambacé- rèés nennen,) dem National-Convente em⸗ pfohlen ward, enthält die ſchrecklichen Worte: Le pouvoir des peères sur leurs enfans ne sera parmi nous que le devoir de la protection. Wer den Unwillen uͤber dieſe mit empfindſamen Worten uͤbertuͤnchte hoͤlliſche Lehre, daß die El⸗ tern nur Pflichten, die Kinder nur Rechte haben, zu unterdruͤcken vermag, koͤnnte uͤber die Phrene⸗ 167 ſie lachen, die ſich darin aͤuſſert, und die Farquhar ſchon hundert Jahre fruher auf die Buͤhne ge⸗ bracht hat, da er den Trommelſchlaͤger ſeines Wer⸗ bers, die Kinder auffordern laͤßt, die etwa uber ungehorſame Eltern zu klagen haben.*) Die Folgen der geſetzlich begründeten Zuͤgello⸗ ſigkeit wurden ſo fuͤhlbar, daß die Urheber der Revolution ſelbſt noͤthig fanden zuruͤckzugehen, ſo: bald ſie ihren Zweck erreicht hatten, und nunmehro ihr Werk gegen die Wirkung ihrer eignen Grund⸗ ſatze in Schutz nehmen wollten. Der zweite Ent⸗ wurf von Cambacérés war ſchon milder: und er, der mit ſo vieler Lebhaftigkeit die Rechte der bedaurenswuͤrdigen Jugend verfochten hatte, de⸗ ren Gleichheit mit den Urhebern ihres Daſeyns und ihrer Bildung, in barbariſchen Geſetzen ver⸗ kannt wird, er ſelbſt fand ſich bewogen, gegen den Antrag zu ſtimmen, daß die Volljährigkeit mit dem 18ten Jahre von Rechtswegen eintreten ſolle. — *) Becruiting Offcer. Art. 1. e. 1. Ik any Chil⸗ dren have undutiful parents— they ahall„6. ceive relief and entertainment. 168 Er trug darauf an, dieſes in eine Befugniß der Eltern zu verwandeln, ihre Kinder mit dem 18ten Jahre zu emancipiren.*) Aber der Grundſatz, daß die Kinder und ihre Eltern urſpruͤnglich gleich ſeyn ſollen, und daß die Gleichheit ihrer Rechte nur durch einige Modiſfica⸗ tionen verletzt werden durſe, welche durch die Huͤlf⸗ loſigkeit des jugendlichen Alters nothwendig wer⸗ den, liegt noch immer dem Code Napoleon zum Grunde. Der erſte Artikel des Titels von der väterli⸗ chen Gewalt lautet zwar: L'enfant, à tout àge, doit honneur et respect à ses pére et mére. Aber die Sanction des goͤttlichen Geſetzes, auf daß du lange lebeſt und daß es dir wohl gehe auf Erden, konnte ein Geſetzge⸗ ber nicht hinzufuͤgen, der nur die aus dem Kam⸗ pfe der Freyheit jedes Einzelnen mit der Freyheit aller uͤbrigen entſpringenden Rechte ſchutzen will: und ſo dient jener gleißneriſche 37 vſte Artikel nur zum Geſpoͤtte. *) Conſérence du Code Napolöon. T. 3. P. 9o⸗ 169 Perſonliche Gewalt iſt zwar dem Vater zuge⸗ ſtanden, ſo lange der Sohn fur minderjährig gilt. Aber in Anſehung des Vermoͤgens iſt dieſer ſo un⸗ abhängig gemacht, als moͤglich war. 1) Enterbung findet durchaus nicht ſtatt. Unter keinen Umſtänden. Waren denn in Frank⸗ reich die unnaturlichen Väter ſo häuſig, die un⸗ ter nichtigem Vorwande ihren unſchuldigen Kin⸗ dern das Erbtheil entzogen, zu deſſen Genuſſe ſie doch vom Vater ſelbſt durch die Erziehung die er ihnen gab, vorbereitet waren? Wie geht es zu, daß man ſo ungerechte Geſinnungen, ſo ſchaͤndli⸗ ches Unternehmen, nur von den Vaͤtern beſorgt? den jungen Leuten, deren Leidenſchaften der Na⸗ tur nach am heftigſten ſind, nur Gutes, den Al⸗ ten nur Schlechtes zutrauet? Hoͤrt man denn etwa auch in Deutſchland ſo viel von Enterbungen? Aber das Recht zu enterben iſt ein ſehr heilſamer Zuͤgel, der manchen unbaͤndigen jungen Menſchen zuruͤckhaͤlt. Nach dem Code Napoleon kann der Vater ſeinem ungerathenen Sohne, den er aus Menſchlichkeit, Bedenken tragt, dem Criminal⸗ Gerichte zu uͤberliefern, weil ſeine Vergehen eine 170 ſehr ſchwere Strafe verwirkt haben, das Erbtheil nicht entziehen. Die von Cambacérès procla⸗ mirte Pflicht, das Seinige unbedingt ſeiner Nach⸗ kommenſchaft zu hinterlaſſen, zwingt ihn die ſchaͤndlichſte Undankbarkeit zu ertragen, und durch vaͤterliche Furſorge zu belohnen, wenn er nicht das Seinige durchbringen, und ſeine wohlgerathenen Kinder durch die That mit enterben will, um dem Buben die Mittel zu entziehen, Uebles zu ſtiften. Denn zweytens, iſt auch der Pflichttheil ſo ſehr erhöͤhet, daß es dem Vater vieler Kinder bey beſchraͤnktem Vermoͤgen unmoͤglich iſt, das von der Natur zurück⸗ geſetzte, verungluͤckte, unfaͤhige Kind, durch eine merkliche Ungleichheit der Erbtheile, gegen die Häͤr⸗ te des Schickſals zu ſchuͤtzen. Dieſes kann nur durch ſehr kuͤnſtliche Umgehung des Geſetzes geſche⸗ hen, wenn Grundſtuͤcke vorhanden ſind. Eben dieſe in den Geſetzen ſelbſt gegruͤndeten Umwege beweiſen, daß die Urheber fuͤhlten, ihr Geſetz tau⸗ ge nichts, aber nicht zu beſſern Grundſätzen zu⸗ ruͤckkehren durften. Die Gruͤnde womit die Vernichtung des Rechts zu enterben, von dem Staatorath Bigot-Préa- 171 mencu dem Tribunate empfohlen wurden, ſind hoͤchſt merkwuͤrdig. Die Proceſſe, heißt es, die Enterbte erregen, um die Verfuͤgungen der Vaͤter aufzuheben, und in ihr Erbrecht wieder eingeſetzt zu werden, ſind ſo ſcandalos, daß man alles thun muß, um ſie zu vermeiden. La Loi qui donnerait au fils le droit d'attaquer la memoire de son pére et de le présenter aux Tribunaux comme conpable d'avoir violé ses de voirs par une proscription injuste et barbare, serait elle méme une sorte d'attentat à la puissance paternelle, elle ten- drait à la dégrader dans l'opinion des enfans. Le premier principe dans cette partie de la Lé- gislation est d'éviter, autant qu'il est possihle, de faire intervenir les tribunaux entre les pè- res et meres et leurs enfans. Il est le plus souvent inutile et toujours dangereux de re- mettre entre les mains des péres et méres des armes que les enfans puissent combattre et rendre impuissantes.*) Exiſtirt wohl in Eu⸗ *) Motifs T. 4. p. 309. 173 ropa noch eine Nation, die ſolche Gleißnerey er⸗ truͤge? Muͤßte denn auch, wenn es dem ſo un⸗ glaublich delicaten Pariſer Publikum etwa einmal einſiele, Proceſſe uͤber Mordthaten ſcandalos zu finden, die Strafe derſelben aus dem Criminal⸗ Geſetze verſchwinden? Der Redner des Tribunats, Jaubert, ſagt uͤber dieſe Stelle des Geſetzes: La peine est détruite: fasse le ciel que lidée de toute impiété envers la nature ne se manifeste jamais! Für die Franzoſen iſt alſo der nächſte und ſicherſte Weg Verbrechen zu verhuͤten, eine foͤrmlich decretirte Strafloſigkeit. 3) Das eigne Vermögen der Kinder wird noch bis zu eingetretner Volljaͤhrigkeit, vom Vater als Vormunde ſeines Kindes verwaltet. Mit dem 18ten Jahre hoͤrt das Recht des Nießbrauches auf. Bis zum aſten muß der Vater verwalten, und Rechnung ablegen: ſeinem eignen Sohne, der mit dem vierundzwanzigſten Jahre, von aller väterli⸗ chen Gewalt entbunden, ſeinen Vater zur Rechen⸗ ſchaft zieht, ob er die Pflichten die ihm Camba- cerès aufgelegt hat, gehörig erfüllt habe. 173 4) Die Volljährigkeit iſt bis zum anſten Jahre zuruͤckgeſetzt. Die vorzůglichſten Tribunaͤle in Frankreich hatten ſich ſehr lebhaft dagegen er⸗ klärt. Mit großer Kraft haben die zu Bordeaur, zu Bruͤſſel, Montpellier, und Nanci, fuͤr die Beybehaltung der alten Regel geſprochen.*) Ih⸗ ren Gruͤnden iſt in den Discuſſionen nichts entge⸗ gengeſetzt, als eine Declamation uͤber die fruͤhe Reife des Verſtandes und des Characters, die eine heilſame Wirkung der Revolution ſey: und eine lächerliche Tirade uͤber die Härte des Geſetzes der zwoͤlf Tafeln, die ſeit zweytauſend Jahren nicht mehr in Kraft ſind.**) ueber dieſe Veraͤnderung der Epoche der Voll⸗ jährigkeit macht ein ſehr wohlgeſinnter und bered⸗ ter Redner des Tribunats, Carion⸗Niſas, die treffende Bemerkung, daß ſie nunmehro mit der Epoche der Conſcription vortreflich harmonire, um den Menſchen das Geſchaͤft moͤglichſt zu erleich⸗ tern, ihr Vermoͤgen durchzubringen, und ſich *) Analyse von Crussaire passim. **) Motifs T. 3. p. 211. 174 bittre Reue auf den Reſt ihrer Tage zu bereiten. Mit dem aſten Jahre tritt jeder in den Militair⸗ ſtand und wird zugleich volljaͤhrig. Er tritt in einen Beruf ein, deſſen Denkungsart und Sitten nicht auf die Erhaltung des Vermoͤgens berechnet zu ſeyn pflegen. Innovation mal combinée avec leffervescence d'un àge qui n'a pas encore un commencement d'expérience, plus malheureu- sement coincidente encore avec l'obligation du service militaire très justement imposé à cet àge, mais dont les habitudes pleines de no- blesse et de liberalité ne sont pas conservatoi- res des patrimoines*). Waͤren die in Deutſchland geltenden Rechte auch weniger gut gegruͤndet, als ſie es ſind, ſo konnte doch eine Veraͤnderung in ſolchen Verhält⸗ niſſen, die allemal hoͤchſt gefaͤhrlich iſt, nicht ohne die dringendeſten Veranlaſſungen gebilligt werden. In England iſt, ſo wie jetzt in Frankreich, das 21ſte, Jahr der Volljaͤhrigkeit. Aber in *) Motifs. Tom. 5. p. 44. — c— 175 England ſind die Kinder in Anſehung des Vermoͤ⸗ gens vollkommen abhaͤngig von den Eltern, wel⸗ che gar nicht verpflichtet ſind ihnen irgend Et⸗ was zu hinterlaſſen, ohne auch nur, ſo wie im roͤmiſchen Rechte, foͤrmlich zu enterben. Es giebt dort gar keinen Pflichttheil. So greift jeder Theil der Geſetzgebung in den andern: und ſo we⸗ nig darf man ſich auf ein Geſetz fremder Völker berufen, ohne alle ſeine Verhaͤltniſſe gepruͤft zu haben. Nach dem neuen franzoͤſiſchen Rechte durfen die Eltern dagegen noch fruͤher emancipiren. Schon mit dem 15ten Jahre. Die Verfaſſer des Code Napoleon haben hier, wie an unzaͤhligen Stellen, einzulenken geſucht, um den fuͤrchterlichen Uebeln der revolutionairen Jurisprudenz zu ent⸗ fliehen. Aber ſie durften ſich doch nicht weit da⸗ von entfernen. Kann es wohl der franzoͤſiſchen Nation, die von ſich ſelbſt ſagt, daß ihre Jugend lebhafter, unruhiger und den Thorheiten der Zeit mehr unterworfen iſt, als bey andern Voͤlkern, zutraͤglich ſeyn, daß eine Mutter, als Vormuͤn⸗ derin, den Knaben von 15 Jahren ſchon fuͤr ma⸗ ———— 176 jorenn erklären darf?(Art. 477.) Wie viele Muͤtter werden dem ungeſtuͤmen Verlangen eines unruhigen Sohnes, der eben deswegen zuruckge⸗ halten werden mußte, Widerſtand leiſten? Und ſoll immer nur von individueller Freyheit die Rede ſeyn? Wenn man einem Raſenden ein Meſſer in die Hand giebt, ſo laͤuft man nicht allein Ge⸗ fahr, ihn ſich ſelbſt, ſondern auch jeden andern verletzen zu ſehen. Dahin hat die franzoſiſche Ge⸗ ſetzgebung vortreflich gearbeitet. Jeder huͤte ſich ſelbſt, und ſtudire die Rechtsformeln: ſo kann er nicht uͤberwaͤltigt werden. Die Grundſaͤtze des Code Napoleon uͤber die vaͤterliche Gewalt ſind in einigen Hauptzuͤgen aus dem Droit Coutumier entlehnt. Aber die Cou- tume de Paris verſtattete dem Hausvater freye Dispoſition uͤber die Haͤlfte alles Seinigen, welche im Code Napoleon viel mehr beſchraͤnkt iſt. Von dieſen neuen Grundſaͤtzen uͤber das Ver⸗ haͤltniß der Eltern zu den Kindern ſagen ſelbſt franzöſiſche Schriftſteller, die achtungswerthen Verfaſſer der Pandectes frangaises: La Puissance pater- 177 paternelle n'est plus qu'un Simulacre de celle des Lois Romaines, mèime dans leur dernier état. Mais il faut faire attention au temps ou nous nous trouvons. Aprèés la licence dont nous sortons, et attendu le degré de depra- vation actuelle des moeurs, il est douteux que nous fussions en ẽtat de supporter une régle plus sevère à cet égard. Celle établie effraye dejà. Il faut accoutumer au joug, avant de le ren- dre plus dur. Dieſes iſt die Geſetzgebung, die Europa als das vollkommenſte Muſter der Weisheit verehrt! Nimm hin Deutſchland, bete an. Es iſt ja in eleganter franzoͤſiſcher Sprache geſchrieben. Mit dieſen Grundſätzen uͤber die väterliche Gewalt, deren Ueberſchrift eigentlich lauten ſollte, von den Pfichten der Eltern und Rech⸗ ten der Kinder, macht die weiterhin ange⸗ nommene Dispoſition des Art. 1384. einen ſon⸗ derbaren Contraſt. Nach derſelben ſind die Eltern fuͤr alles verantwortlich, was die Kinder unter⸗ nehmen, dafern ſie nicht beweiſen koͤnnen, daß 12 178 ſie nicht im Stande waren, es zu hindern. Gehen die Kinder die Eltern ſo wenig an, als die revo⸗ lutionairen Geſetze wollten, die dem Code Napol. zum Grunde liegen, ſo iſt es widerſprechend, ſie dennoch fuͤr das verantwortlich zu machen, was jene thun: und wenn auch der Grund gelten ſoll, den der Tribun Tarrible dafuͤr angiebt*), daß ſie Autoritaͤt haben, das Uebel zu verhindern, ſo iſt es doch ſehr hart, ihnen den Beweis aufzu⸗ legen, daß ſie nicht im Stande geweſen ſind, dieſe Autoritaͤt anzuwenden. Der Grundſatz, alle Menſchen moͤglichſt unabhaͤngig von einander zu machen, welcher die ganze franzöſiſche Geſetzgebung beſeelt, hat in kei⸗ nem Stuͤcke ſo nachtheilige Folgen erzeugt, als in der Beſtimmung der vaͤterlichen Rechte uͤber das eigne Vermoͤgen der Kinder. Nach dem er⸗ ſten Antrage ſollte der Vater jährlich Rechnung ab⸗ legen. Der Caſſationshof lehnte dieſes ab. Waͤre feſtgeſetzt, daß der Vater jährlich einem Obervor⸗ munde Rechnung ablegen ſolle, ſo waͤre er doch *) Motifs. T. 5. P. 277. 179 von einer hoͤhern Autorität abhängig, und wuͤrde von derſelben ſeiner Verantwortlichkeit entbunden. Nach dem Code Napoleon muß er ſeinem eignen Sohne mit deſſen 21ſten Jahre Rechenſchaft able⸗ gen. Dies iſt vollkommen im Geiſte des Convents gedacht, der uͤber den Koͤnig Ludwig XVI. zu Gericht ſaß. Der Code Napoleon kennt keinen Obervor⸗ mund. Der junge Menſch, der ſeine Eltern vor der Volljährigkeit verliert, wird der Fuͤrſorge ei⸗ nes Vormunbes uͤbergeben, der aber mehr einem Geſchaͤftstraͤger aͤhnlich ſieht, der ſeinem Man⸗ danten ſelbſt verantwortlich iſt, als einem von der buͤrgerlichen Obrigkeit angeordneten Aufſe⸗ her. Selbſt von dieſer dem Geſetzgeber noch läſtig ſcheinenden Autorität, ſoll das Muͤndel ſo fruͤhe befreyet werden, als möglich. Da der Anſchlag, die Volljährigkeit auf das acht⸗ zehnte Jahr zu ſetzen, vereitelt ward, ſo iſt hier doch als Regel angenommen, daß die Emancipa⸗ tion mit dieſem Jahre ſtatt finden ſolle, wenn keine beſondre Gruͤnde vorhanden ſind, ſie zu ver⸗ ſchieben. 42* 180 Die Obervormundſchaft ruhet nicht bey der Obrigkeit, ſondern bey einem Familienrathe, von deſſen Beſchluſſen, im Falle eines Streites im Innern jener Behoͤrde, nicht eigentlich appellirt, ſondern gegen welche nur eine Klage erhoben werden kann, wenn die Verhandlung ſich zu einem ge⸗ meinen Rechtsſtreite unter den Theilnehmern eignet. Selbſt in den Faͤllen, da die gerichtliche Beſtätigung der Beſchluſſe dieſes Rathes erforder⸗ lich iſt, kann dieſelbe nur alsdann verweigert werden, wenn aus den Verhandlungen hervor⸗ geht, daß der Beſchluß der Familie nicht auf die geſetzmäßige Weiſe gefaßt worden. Von dieſem Inſtitute der Familienräthe fin⸗ det ſich ſchon im alten franzoͤſiſchen Rechte einige Spur. Nach der Ordonnance de Blois vom Jahre 1560 Art. 102, waren die Vormuͤnder geno⸗ thigt, den Rath der Verwandten uͤber die Ver⸗ wendung der Guͤter des Pupillen einzuhohlen. In der revolutionairen Geſetzgebung ward dieſe Anſtalt nach angeblich philoſophiſchen und philantropi⸗ ſchen Ideen voͤllig ausgebildet. 181 In das Syſtem, welches aller obrigkeitlichen Aufſicht, als einer Art von Despotismus feind, die Angelegenheiten jedes Einzelnen ihm ſelbſt uberließ, und die Richter auf Entſcheidung ſtreiti⸗ ger Fragen beſchraͤnkte, ſchien es ſehr gut zu paſ⸗ ſen, daß man die Angelegenheiten der Minderjaͤh⸗ rigen, die einen Vorſtand haben muͤſſen, der Auf⸗ ſicht der geſammten Verwandtſchaft uͤbergebe. Auſſerdem ſollte der aus ihr gebildete Familienrath eine Art von Tribunal ſeyn, in welchem die An⸗ gelegenheiten verhandelt und entſchieden wuͤrden, die durch Anſehen, Zutrauen, und Vermittlung, beſſer als durch obrigkeitliche Gewalt, beendigt werden koͤnnen. In dieſem Sinne ſind die erſten Anordnungen des Familienrathes, und die ſich darauf beziehenden Dispoſitionen in den Entwuͤr⸗ fen eines burgerlichen Geſetzbuches abgefaßt, die zuerſt Cambacéres und darauf Jaqueminot,(letz⸗ terer 1799) im Namen der Geſetzcommiſſion vor⸗ legte. Eine ſolche Veranſtaltung läͤßt ſich in einem Volke denken, wo althergebrachte vaͤterliche Sitte, ein beſchraͤnktes aber lebendiges Gefuͤhl fuͤr die 182 Angelegenheiten der Familien, und eine Denkungs⸗ art, die alles was in der Verwandtſchaft vorgeht, als ein Geheimniß betrachtet, das nicht ohne all⸗ gemeine Schande auf ſie zu bringen, bekannt wer⸗ den kann, eine Haupttriebfeder des Menſchen ausmachen. Aus dichteriſchen Schilderungen der Sitten eines Volks das nicht exiſtirte, war der Gedanke genommen. Im Mittel⸗ punkte des Leichtſinns, der Gleichguͤltigkeit, des Egoismus, in der Stadt Paris, ward er ausgebildet: und mit eben ſo demokratiſchen Ideen verbunden. Die Verfaſſung der Familien iſt urſpruͤnglich patriarchaliſch, und nicht republikaniſch. Es iſt ganz ungedenkbar, daß der Hausvater mit Kin⸗ dern und Knechten, das Oberhaupt des Ge⸗ ſchlechts mit ſeinen Bruders Kindern und Vettern, zu Rathe ſitze. Wenn das Oberhaupt durch den Tod hinweggenommen wird, ehe ſein Nachfolger muͤndig iſt, ſoll hier eine republikaniſch conſtituirte Verſammlung zuſammen treten, um das Intereſſe deſſelben zu beſorgen. 183 In Anſehung des Vermoͤgens koͤnnte dieſe Anordnung einigermaßen gerechtfertigt werden, wenn daſſelbe als Familiengut betrachtet werden duͤrfte. Es ſcheint, man habe dafuͤr gehalten, der Familienrath werde es ſo anſehen, weil die natuͤrlichen Erben des Pupillen in ihm ſitzen. Dieſe werden es, meinte man als ihr eignes in Hoffnung, betrachten, und aus Intereſſe ſorgen, daß es er⸗ halten werde. So wie die Angelegenheiten der Municipalitaͤten und Departements, Municipal⸗ und Departements⸗Räthen anvertrauet wird, ſo ſchien es, duͤrfe man auch erwarten, daß die Fa⸗ milien, das was ſie ſo nahe angeht, mit den Au⸗ gen des Mitherrn betrachten, und am beßten da⸗ fuͤr ſorgen werden. In der alten Verfaſſung der Provinzen Frank⸗ reichs, die unter dem Droit coutumier lebten, haͤtte dieſes einigen Grund gehabt. Daſelbſt war alles unbewegliche Vermoͤgen in propres(angeſtamm⸗ tes) und acquéts(erworbnes) eingetheilt, und alle Dispoſition uͤber jenes unterſagt, ſo lange Verwandte lebten, die vom Erwerber abſtammten. Aber nach dem Code Napoleon kann jeder, der 184 keine Kinder hat, uͤber alles Seinige disponiren. Nur die Eltern und Großeltern haben einige un⸗ verletzliche Anſpruͤche. Man ſchwankte zwar bey der neuen Geſetzgebung zwiſchen den Principien der perſoͤnlichen uneingeſchraͤnkten Freyheit, und dem Grundſatze, daß mit dem Tode alles aufhoͤrt, woraus das oben bereits erwaͤhnte Geſetz herruͤhrte, welches dem Hausvater das Recht der Dispoſition unter ſeinen Nachkommen nahm. Man wollte den Seitenverwandten ebenfalls, wenigſtens eine Legitima geben. Aber das Syſtem, welches dem der ohne Descendenz ſtirbt, voͤllig freye Dispo⸗ ſition läͤßt, behielt die Oberhand. Nunmehro waren alſo die Mitglieder des Fa⸗ milienrathes nur durch eine ſehr zweifelhafte und entfernte Ausſicht auf moͤgliche Erbſchaft bey der Sache intereſſirt. Deswegen mußten ſie fuͤr alles was ſie thun, verantwortlich gemacht werden. Sie ſollten fuͤr jeden Rath den ſie ertheilt, fuͤr den beſtellten Vormund, welchem ſie ihre Stimme gegeben, verantwortlich ſeyn, und fuͤr die Folgen mit ihrem Vermoͤgen haften. Wer wuͤrde aber nicht ſuchen, einem ſolchen Verhaͤlt⸗ 185 niſſe auszuweichen? Wie kann mit Billigkeit verlangt werden, daß derjenige, der nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen einen Vormund gewaͤhlt, zu einer Verhandlung ſeine Zuſtimmung gegeben hat, die unerwarteten Folgen auf ſich nehme? Auch iſt die Verantwortlichkeit wieder aufgehoben; nuninehro aber die ganze Veranſtaltung widerſin⸗ nig. Ein responſabler Vormund unterzieht ſich dem Geſchaͤfte mit Eifer, macht es zu ſeiner eignen Sache, und kann in einem ſchlimmen Falle zum Erſatze angehalten werden. Die Aufſicht einer hoͤ⸗ hern Autorität kann alles in Ordnung halten. Nach dem Code Napoleon hingegen bedarf es nur des Stillſchweigens eines von der Familie errichte⸗ ten Gegenvormundes, der nicht verantwortlich iſt, um das Intereſſe des Pupillen ganz Preis zu ge⸗ ben. Dieſer Gegenvormund ſey beſtechlich, oder auch nur traͤge und leichtſinnig; ja ſey er nur recht wohlerzogen und hoͤftich: ſo wird er ſich bedenken, dem Vormunde eine Erinnerung zu machen, die ihm unfreundliche Geſichter zuziehen koͤnnte. Nach den idylliſchen Schilderungen der Revo⸗ lutions⸗Philoſophen iſt ein Familienrath ein 186 ruͤhrendes Schauſpiel, in welchem die zarteſten Empfindungen des menſchlichen Herzens einen Wetteifer der Tugenden erregen. In der Wirk⸗ lichkeit erſcheint er als eine organiſirte Zwietracht. Die Urheber des Inſtituts ſcheinen ſelbſt ſo etwas geahndet zu haben, weil ſie darauf beſtehen, daß die Haͤlfte der Mitglieder aus den Verwandten von vaͤterlicher, die andre Haͤlfte von muͤtterlicher Seite, genommen werden. Der Kampf ſoll alſo, wenigſtens nach der Zahl der Streiter, nicht un⸗ gleich ſeyn. Aber der biſſigſte und herrſchſuchtigſte wird wohl allemal die Oberhand behalten. Die philantropiſchen Hoffnungen und Ver⸗ ſprechungen derer, welche ſo ſchoͤne Anſtalten fuͤr das Wohl der buͤrgerlichen Geſellſchaft er⸗ funden haben, ſind hier, wie allenthalben, ge⸗ taͤuſcht. ueber ſolche Dinge muß man nicht empfindſame Romanenliebhaber hoͤren, ſondern erfahrne Richter. Der Appellationshof zu Lyon ſagt in ſeinen Bemerkungen uͤber den Entwurf des Civilge⸗ 187 ſetzes*): Ouand on a vf la manière dont se composent trop souvent les Conseils de fa- mille, en n'appellant que des afidés ou des Complaisans disposés à sanctionner tout ce que le convoquant propose, en excluant ceux dont on craint le zéle, les lumiéres, et quelque- fois la probité; en ramassant dans les rues les premiers qu'on tronve pour les completter, (welches durch die unzaͤhligen Entſchuldigungsgruͤn⸗ de, womit man ſich der Verpflichtung im Fami⸗ lienrathe zu erſcheinen, entziehen kann, ſo ſehr veguͤnſtigt wird:) quand on les a vů souvent de- venir par un coupable abus, un moyen légal d'cluder la Loi et de ruiner ceux qu'elle doit defendre, on est convaincd qu'il est essentiel de les régulariser, et d'en fixer la compo- sition. Schon im Jahre 1800 ſagte der Appella⸗ tionshof zu Metz von dieſer ſo hoch geprieſenen Veranſtaltung: une courte experience en a fait assez sentir les abus**“). *) Analyse par Crussaire. p. 278. **) Idem. p. 315. ——— 188 Den Schlußſtein des ganzen Syſtems uͤber vä⸗ terliche Gewalt, Vormundſchaft und Volljaͤhrig⸗ keit, machen die Beſtimmungen des Code Napo⸗ leon uͤber die Emancipation aus. Es iſt allerdings nothwendig, Ausnahmen von der allgemeinen Regel zu geſtatten, welche die Kinder der Autoritaͤt ihrer Vaͤter oder Vor⸗ muͤnder wenigſtens bis zur geſetzlichen Volljährig⸗ keit unbedingt unterwirft. In den Laͤndern, wo die Soͤhne fruͤh zu heirathen und mit ihren El⸗ tern zuſammen zu leben pflegen, entſteht durch die Natur der Dinge eine Art von patriarchaliſchem Leben. Da bleiben Kinder und Kindeskinder im⸗ merfort in der Gewalt des Hausvaters. Wo das buͤrgerliche Gewerbe die Menſchen fruͤher von ein⸗ ander trennt, da werden dieſe Bande aufgeloͤſet, und die Kinder ſelbſtſtaͤndig. Der Code Napo⸗ leon ſetzt daher nicht ohne Grund feſt, daß ein Fa⸗ milien⸗Sohn der eigne Kaufhandlung zu treiben anfaͤngt, in Anſehung der Geſchaͤfte dieſes Ge⸗ werbes fur volljahrig gelten ſolle. Eine allgemei⸗ ne Beſtimmung aber, die doch aus den eben er⸗ waͤhnten Verhaͤltniſſen ſo natuͤrlich hervorgienge, .—— 2— 189 haben die franzoͤſiſchen Geſetzgeber, die ſonſt ſo gern auf allgemeine Principien bauen, ganz uͤber⸗ ſehen. Der Sohn der eine eigne Haushaltung fuͤhrt, und alſo ſelbſt als Familienvater auftritt, kann nicht ohne große Nachtheile, der vaterlichen Gewalt unterworfen bleiben. Dagegen kann man den Sohn, der mit ſeinem Vater in einer gemein⸗ ſchaftlichen Haushaltung lebt, unmoͤglich der Au⸗ toritaͤt deſſelben entziehen.*) Der Code Napoleon enthaͤlt keine ſolche allge⸗ meine Beſtimmung: dagegen aber eine Verord⸗ nung, nach welcher den Eltern und Familien⸗Raͤ⸗ then die Befugniß zuſteht, willkuͤhrlich jeden Sohn oder Muͤndel zu emancipiren. Die Rechte der Volljährigkeit werden alſo als ein Theil der allge⸗ meinen Menſchenrechte angeſehen, in deren Ge⸗ nuß ein jeder tritt, ſobald diejenigen, denen das Geſetz ein Recht des Einſpruchs gegeben hat, El⸗ tern oder Vormuͤnder, dieſes Hinderniß wegraͤu⸗ *) Eine vortrefliche Ausfuhrung einer auf dieſe Begriffe gebaueten Theorie, findet man in des Hrn. von Almendingen zweytem Theile ſeiner Vorträge uͤber den Code Napoleon. 190 men, und auf ihre Rechte Verzicht leiſten. Sollte ſich aber wohl die buͤrgerliche Geſellſchaft blos nach Willkuͤhr der Verwandten, ein den Geſetzen nach noch unmuͤndiges Weſen zum ſelbſtſtaͤndigen Mit⸗ gliede aufdringen laſſen muͤſſen? Iſt nicht die ganze Mitbuͤrgerſchaft bey dieſer Beſtimmung in⸗ tereſſirt? Nach geſunden Begriffen von dem buͤr⸗ gerlichen Verein unter den Menſchen, kann nur das Oberhaupt des Staats, eine Ausnahme von den allgemeinen Bedingungen bewilligen, an wel⸗ che die Selbſtſtändigkeit der Perſonen in buͤrgerli⸗ chen Geſchaͤften gebunden iſt. Veniam aetatis zu ertheilen, gehoͤrt alſo zu den weſentlichſten Vor⸗ rechten der hoͤchſten Staatsgewalt: und ſo unbe⸗ deutend auch die Ausuͤbung deſſelben in einzelnen Faͤllen ſcheinen mag, ſo wichtig iſt doch das Princip. Das erſte Buch des Code Napoleon muß als ein vollſtändiger Commentar uͤber den Artikel der unveraͤuſſerlichen Rechte der Menſchheit angeſehen werden, der ihr die vollkommenſte Freyheit der Perſonen zuſichert. Eben ſo iſt das Sachen⸗ Recht, welches im zweyten Buche aufgeſtellt wird, darauf angelegt, den andern Theil der Ur⸗ 191 rechte der Menſchheit, das Eigenthum und die moͤglichſt freye Dispoſition uͤber daſſelbe zu ſichern. Zu dieſem Ende bemuͤht ſich das Geſetz, die Men⸗ ſchen aus einander zu halten, indem es die Ge⸗ genſtaͤnde der willkuͤhrlichen Verfuͤgung eines jeden von einander ſcharf abſondert, und dieſe unbe⸗ graͤnzte Willkuͤhr moͤglichſt befoͤrdert. Man hofft ſie zugleich dadurch vor den Verwicklungen zu be⸗ wahren, welche zwar zu Ungewißheiten und Strei⸗ tigkeiten Anlaß geben; deren Mannigfaltigkeit aber an ſich ſelbſt, als eine Folge der Erfindſam⸗ keit des menſchlichen Geiſtes, von der Freyheit deſ⸗ ſelben zeugt. um die metaphyſiſche Theorie des Naturrechts in dieſer Welt rein darzuſtellen, muͤßte jedem freyen Geiſte ein gewiſſer Antheil an der materiel⸗ len Natur die ihn umgiebt, als Eigenthum ange⸗ hoͤren, und ausſchließlich ſeiner Willkuͤhr unter⸗ worfen ſeyn. Da ſich dieſes aber in der Wirklich⸗ keit nicht ſo darſtellen laͤßt, ſondern vielmehr ein jeder durch einen menſchlichen Koͤrper an die Erde gebundne Geiſt, auf alles um ihn her einzuwir⸗ ken vermag, und durch ſeine Beduͤrfniſſe dazu veranlaßt wird, ſo wird er auch in jedem Augen⸗ R .—— 192 blicke in Colliſionen mit ſeines Gleichen verwickelt. Dieſe werden im Stande der Natur durch Gewalt, im civiliſirten Zuſtande aber mittelſt der Geſetze und willkuͤhrlicher Verabredungen geſchlichtet. Ei⸗ ne Geſetzgebung, worin Freyheit und Eigenthum vollkommen geſchutzt wuͤrde, muͤßte jedem Gliede der burgerlichen Geſellſchaft nach einfachen Regeln zutheilen, was fuͤr ſein Eigenthum gelten, und wie weit ſeine willkuͤhrlichen Dispoſitionen daruͤber gehn ſollen. Die Natur aber, welcher es nicht gefällt, ſich in die Formen zu ſchicken, wel⸗ che das Syſtem der allgemeinen Freyheit vorſchreibt, verleitet den Menſchen bey jedem Schritte auf die⸗ ſer Erde, zu Abweichungen von ſolchen Regeln. Eben darin beſteht ſeine Freyheit und Willkuͤhr, daß er dieſe Regeln modificirt, wie es ihm gut duͤnkt: dadurch aber ſich ſeiner urſpruͤnglichen Freyheit ent⸗ aͤuſſert. Da es in der menſchlichen Natur ganz weſentlich gegruͤndet iſt, daß jeder ſich ſelbſt ſeine Lage bilde, ſeine Kinder und Nachkommen aber nach den Verhaͤltniſſen derſelben erziehe, und er auch dieſe Verhaͤltniſſe auf ſie vererben muß, wenn uͤberall etwas vererbt werden ſoll, ſo wird ieder in willkuhrlich gebildeten Schranken der natuͤr⸗ 193 naturlichen Freyheit gebohren, die oft beſchwerlich ſind, aber eine unvermeidliche Bedingung der Stufe von Cultur ausmachen, auf der ſich jeder befindet. Die Abhaͤngigkeit eines Menſchen von andern, ſollte in Anſehung der Landwirthſchaft, durch die Aufloͤſung der Feudal⸗Verfaſſung und aller damit verwandten Verhaͤltniſſe vernichtet werden. Jene ward aufgehoben: dieſe wurden fuͤr abkaͤuflich erklaͤrt. Es ward ſogar verboten, ein Grundſtuͤck in unab⸗ loͤsliche Abhaͤngigkeit vom andern zu ſetzen. Der Artikel 530 des Code Napoleon erklaͤrt es fuͤr eine weſentliche Bedingung aller noch zu errichtenden Contracte der Art, daß ſie abloͤslich ſeyen. Mehr als dreyßig Jahre duͤrfen nicht ausbedungen wer⸗ den. Die Revolution war auf eine gaͤnzliche Zerſtö⸗ rung der hoͤhern Staͤnde angelegt. Das Eigen⸗ thum des Bodens ſollte von den alten Beſitzern an die von ihnen beliehenen uͤbergehen. Syeyes hatte geſagt: Il faut que les proprietés restent, et que les propriétaires changent: und hierin 13 194 leiſteten die beyden großen Werkzeuge der Revolu⸗ tion, die Guillotine und die Aſſignate, in der That viel. Die Aufhebung der gutsherrlichen Ver⸗ haͤltniſſe, welche durch das Papiergeld ſo ſehr er⸗ leichtert ward, trug viel dazu bey, die privilegir⸗ ten Staͤnde zu zerſtoͤren: und dafuͤr andre Men⸗ ſchen,— nicht etwa den dritten Stand, die burger⸗ lichen Corporationen,— ſondern eine Claſſe, die bis dahin gar keinen Stand im Staate ausgemacht hatte, zu heben. So bald aber das große Werk, zum Beſten der Urheber und ihrer Freunde, zu Stande gebracht war, ſo fiengen die neuen Beſitzer des franzoſiſchen Bodens ſelbſt an, das Ungemach zu fühlen, welches aus einer naturwidrigen Ge⸗ ſetgebung entſpringt. Sie foderten die Wieder⸗ herſtellung des Grundzins⸗Contracts, vorzuglich fur das ſuͤdliche Frankreich, woſelbſt derſelbe von jeher uͤblich geweſen,— damit der Boden nur nicht unbenutzt liegen bleibe. Cambacéres ſelbſt, einer der thaͤtigſten Urheber des Umſturzes der al⸗ ten Ordnung, geſtand ohne Schaam und ohne Be⸗ ſchoͤnigung: das Geſetz uber die Grund⸗Rente, ſey tonte de circonstance, et Teffet en est tel- lement passẽ, que peut-ẽtre ceux qui s'en sont ——— 195 servi pour racheter, donneraient aujourd'hui leurs proprietés à rente foncière, si la législa- tion les y autorisait.*) Aus dem Kampfe derer, die eigenſinnig bey den Grundſätzen der Revolution beharrten, mit dem dringenden Beduͤrfniſſe des Landes und des Volks, iſt eine Geſetzgebung uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand entſprungen, die in ſich ſelbſt widerſprechend iſt. Tronchet, der Feind aller Grund⸗Rente, hatte erklaͤrt, es ſey ihr weſentlich, daß ſie nicht abkaͤuflich ſey, und wollte ſie ganz proſcribiren. Man konnte ihrer aber nicht entbehren. Sie ward alſo beybehalten, aber abkaͤuflich erklaͤrt. Jedoch geſteht der nehmliche 530ſte Artikel den Partheyen zu, Bedingungen der Abloͤſung zum voraus feſtzuſetzen, dafern ſie nur keine laͤngere als dreyßigjaͤhrige Unabloͤslichkeit enthalten. So⸗ nach hätte es alſo der Verleiher in ſeiner Macht, den Loskauf durch die Bedingungen zum voraus zu erſchweren, oder unmoͤglich zu machen. Da indeſſen im 5ten Art. des Code Napoleon alle *) Motils T. 3. p. 145. 13* 196 Conventionen die dem Geſetze uͤber die oͤffentliche Ordnung entgegen ſind, verboten worden, ſo wird jeder, der Bedingungen eingegangen iſt, die ihm laͤſtig ſind, nach dreyßig Jahren dennoch auftre⸗ ten und Befreyung verlangen koͤnnen. Die Errichtung neuer Grundrenten iſt zwar nicht den metaphyſiſchen Principien, wohl aber den politiſchen Abſichten derer angemeſſen, die un⸗ ter dem Vorwande jener Principien, Frankreich um⸗ geſchaffen haben. Wie kann aber dieſe ganze Geſetz⸗ gebung auf Laͤnder angewandt werden, die den Verheerungen der Gleichheitswuth entgangen ſind? Wollen die deutſchen Souverains, deren Einkuͤnfte großentheils in Grundrenten beſtehen, dieſe Ein⸗ kuͤnfte aufgeben; das Grundvermoͤgen verſchleu⸗ dern; und ſich demnaͤchſt eben ſo wie in Frank⸗ reich, durch Auflagen ſchadlos halten, die den Wohlſtand ihrer Laͤnder untergraben, und die Voͤl⸗ ker zur Verzweiflung treiben? Bei der Einfuͤhrung des Cobe Napoleon im Großherzogthum Heſſen hat man dieſen Gegen⸗ ſtand, der zunaͤchſt in die Augen ſiel, beach⸗ 197 tet,*) und zwiſchen Staatsfrohnen(zum Bau lan⸗ desherrlicher Schloͤſſer und dergleichen) und Doma⸗ nialfrohnen einen willkuͤhrlichen Unterſchied ge⸗ macht, der den Grundſätzen die der franzoͤſiſchen Geſetzgebung unterliegen, noch mehr widerſtreitet, als in Beſtimmungen, welche in den Code Napoleon aufgenommen ſind. Das hier angegebne ſchreckliche Uebel, welches die folgende Generation treffen wird, iſt aber nicht einmal beruͤhrt, viel weniger gehoben. Ein Hauptgrund der gegen die Beybehaltung des Grundrenten⸗Contracts vorgebracht ward, lag in der Hypothek, womit ſie Guͤter belaſtet, und den Inconvenienzen die daraus entſtehn, wenn ein ſo beſchwertes Erbgut getheilt werden ſoll. Getheilt aber ſoll dem franzoͤſiſchen Rechte zufolge, alles werden: und das ins Unendliche hin. Die Revolution war ausdruͤcklich darauf angelegt, al⸗ les Vermoͤgen mobil zu machen, um das Anſehen der Familien, nicht blos des hohen Adels, ſon⸗ dern durchaus alles von einer Generation auf die *) Verordnung vom 13ten May 1812 im Rheiniſchen Bunde Heft 62. 198 andre uͤbergehendes Anſehn zu zerſtoͤren. Eine allgemeine Austheilung aller Guͤter, voͤllige Gleich⸗ heit aller Menſchen, nicht blos in Anſehung der politiſchen Rechte, ſondern auch des Vermoͤgens, waͤre den Principien die unter dem Scheine einer allgemeinen Philantropie aufgeſtellt wurden, an⸗ gemeſſen geweſen. Einige Schwaͤrmer haben et⸗ was das dahin fuͤhren konnte, in Antrag gebracht. Aber die Unmoͤglichkeit der Ausfuͤhrung ſchreckte die Beſonnenen im National⸗Convente ab. Man be⸗ gnuͤgte ſich, in der Geſetzgebung, die Theilung al⸗ les Vermoͤgens, und den ſchleunigen Uebergang von einem Beſitzer und vorzuͤglich von einer Fami⸗ lie zur andern, moͤglichſt zu beguͤnſtigen. Die folgenden Capitel des Code Napoleon werden Ge⸗ legenheit geben, mehrere dieſer Veranſtaltungen darzuſtellen. Die Geſetze uͤber die Beſchafſenheit der Guͤter im zweyten Buche machen keine Aus⸗ nahme in Anſehung der Bauerguͤter. Alles muß ohne Ende, unter alle Erben getheilt werden: und die Befugniß, welche alle mit Bauerguͤtern Be⸗ liehene erhalten haben, ſich loszukaufen, vernich⸗ tet zugleich alle Beſtimmungen des Meyer⸗Rechts und ähnlicher Verfaſſungen, in Anſehung der Erb⸗ 199 folge, wodurch der Beſitz liegender Gruͤnde einige Conſiſtenz erhält. So wie jede Abhaͤngigkeit eines einzelnen Nenſchen von andern in Realverhältniſſen, durch die Abkaͤuflichkeit derſelben aufgeloͤſet worden, ſo duldet die neue franzoſiſche Geſetzgebung auch keine daurende Verbindung unter gleichen Staatsbür⸗ gern, die der uneingeſchraͤnkten Unterwuͤrfigkeit unter das allgemeine Geſetz, das iſt, unter den der das Geſetz handhabt, entgegen ſtuͤnde. Um die beſtehenden zu brechen, erlaubt der Code Na⸗ poleon jedem Beſitzer eines Feldſtuͤcks, daſſelbe einzuzäunen.*) Hiedurch wird alle gemeinſchaft⸗ liche Hude und Weide unmöglich gemacht. Was die Landwirthſchaft dazu ſagt, kann hier uneroͤr⸗ tert bleiben. Die politiſche Wirkung iſt, die Auf⸗ löſung der Dorfgemeinheiten. In dieſer Abſicht rommen auch noch die Maasregeln zu Huͤlfe, die die zufaͤlligen Umſtaͤnde des Jahres 1813 veran⸗ laßt haben. Vom Anfaͤnge der Revolution an, greifen alle Abſichten, und alle Mittel ſie zu er⸗ *) Code Napoleon Liv. 2. Art. 646. 647. 200 reichen, ſo in einander, und wirken auf eine ſo bewundernswuͤrdige Art auf einander zuruͤck, daß man faſt durchaus in allen einzelnen Stuͤcken nach Gefallen von dem einen Ende oder dem andern aus⸗ gehen, die eine Idee fuͤr den Zweck und die damit verbundne fuͤr das Mittel, oder letzteres für den Zweck und die correſpondirenden fuͤr Mittel anſe⸗ hen kann. Alles iſt von allen Seiten in der ſchoͤn⸗ ſten Harmonie. So vollendet auch das Finanz⸗ budget des Jahrs 1813, welches alle Gemeinde⸗ guͤter fuͤr Rechnung des Staats verkauft und in Privatguͤter verwandelt, den Plan der Einen und untheilbaren Republik des Jahres 1793. Es giebt forthin in Frankreich nichts mehr als Einzel⸗ ne Buͤrger, die Regimenterweiſe unter Praͤfecten vertheilt ſind, welche im Weſentlichen wohl nicht viel von Kriegs⸗Commiſſarien verſchieden ſeyn moͤgen. Der Menſch ſoll vollkommen freyes Recht ha⸗ ben, uͤber ſein Eigenthum zu disponiren. Wenn dies aber einmal geſchehen iſt, ſo iſt jede Beſchrän⸗ kung ſeines Nachfolgers im Beſitze, eine Ver⸗ letzung jenes vollkommenen Eigenthums, der Lieb⸗ 201 lingsidee metaphyſiſcher Politiker. Deswegen war im zweyten von Cambacérès vorgelegten Ent⸗ wurfe(Art. 353.) der Vorbehalt des Ruͤckkaufs beym Verkaufe ganz verboten. Der Code Napo⸗ leon, der keine der Ideen welche dem revolutio⸗ nairen Rechte eigenthuͤmlich ſind, aufgiebt, ſie aber alle gern modificiren moͤgte, um ihnen die empoͤrende Haͤrte zu nehmen, beſchraͤnkt das Ruͤck⸗ kauförecht auf fuͤnf Jahre.(Art. 1371.) Die groͤßeſte Schwierigkeit in der Anwendung der abſtracten Grundſaͤtze der Freyheit und Gleich⸗ heit auf die buͤrgerliche Geſellſchaft, entſtand bey der Lehre von den Erbſchaften. Bekanntlich haben ſich auch die deutſchen Metaphyſiker noch nicht dar⸗ uͤber vereinigen koͤnnen, in wiefern das Naturrecht eine Befugniß uͤber das Eigenthum nach dem Tode zu disponiren, und ein Recht der Kinder, ihre Eltern zu beerben, anerkenne? Nach den Grundſaͤtzen der materialiſtiſchen Philoſophie, aus welcher die Revolution hervor⸗ gegangen iſt, ſoll der Menſch blos ein ſinnliches und egoiſtiſches Weſen ſeyn. Was geht ihn, wenn 202 er die Welt verlaͤßt, alles an, was nach ihm darin vorgeht? Er hat ſein Theil genoſſen, und andre kommen nach ihm an die Reihe. Welche Thor⸗ heit, ſich um das zu bekuͤmmern, was ſeine Nach⸗ folger, die durch ein phyſiſches Ereigniß ihm ihr Daſeyn verdankten, nach ihm beginnen werden? Nach einer ſtrengen Anwendung des Grundſatzes all⸗ gemeiner Gleichheit ſalte jeder Menſch gleichen An⸗ theil an dem Vermoͤgen der ganzen Geſellſchaft haben, zu der er gehoͤrt. Den Antrag, dieſen Gedanken aus⸗ zufuͤhren, mußte Babveuf mit dem Tode buͤßen. Aber doch wollte man die willkuhrliche Anhaͤufung des Vermoͤgens möglichſt hindern, und zugleich die Rech⸗ te der eintretenden Generation gegen die abtretende geltend machen. Am 7ten Maͤrz 1793 geſchah der Antrag, alle Teſtamente zu verbieten. Die Par⸗ chey welcher dieſes misfiel, drang fuͤr den Augen⸗ blick durch: und da man ſich uͤber die Einſchrän⸗ kungen nicht vereinigen konnte, welchen das Recht zu teſtiren, auf den Fall da keine Descendenz nach⸗ bleibt, unterworfen ſeyn ſollte, ſo ward es ganz uneingeſchraͤnkt zugeſtanden. Kinder aber ſollten allemal, und unter allen moglichen Umſtänden, gleiche Erbtheile erhalten. Das Geſetz welches 203 Freyheit und Eigenthum als Grundprincipien des burgerlichen Vereins proclamirte, verſtattete nicht die geringſte Dispoſition des Hausvaters unter ſei⸗ nen Kindern. Doch auch auf jenen erſten Punkt kam man bald zuruͤck. In einer neuen Delibera⸗ tion ward das Geſetz vom 17ten Nivoſe Jahrs 2 ausgebruͤtet, welches das Verbot zu dis poniren, auch auf diejenigen ausdehnte, die nur Seitenver⸗ wandte hinterlaſſen; ihnen indeſſen die Dispoſi⸗ tion uͤber ein Sechstheil, und denen welche directe Nachkommenſchaft haben, uͤber Ein Zehntheil des Ihrigen laͤßt: jedoch nur zu Gunſten Fremder, und zwar ſolcher, die ſelbſt kein hin⸗ längliches Vermoͤgen hätten: das heißt, nach ei⸗ ner ausdruͤcklich hinzugefuͤgten Beſtimmung, 10,000 Franken, Capital. Unter Kindern durfte die vollkommenſte Gleichheit nicht im geringſten verletzt werden. Dieſes war allzu unnatuͤrlich, und empoͤrte das Gefuͤhl aller Menſchen. Die ſchrecklichen Fol⸗ gen einer Verordnung, welche die Kinder geradezu zum Aufſtande gegen ihre Eltern aufrief, ſind in Paris, dieſem Sitze aller Ausſchweifungen und 204 Verbrechen, ſo fuͤhlbar geworden, daß man es ſchon fuͤr eine große Wohlthat hielt, als ein Ge⸗ ſetz vom 4ten Germinal Jahrs 3, das Recht der Eltern uͤber einen Theil ihres Nachlaſſes zu dis⸗ poniren, bis auf eine Summe die einem Kindes⸗ theile gleichkaͤme, ausdehnte, und verſtattete, dieſe auch allenfalls einem von den Kindern zu ſeinem geſetzlichen Erbtheile hinzu zu fuͤgen. Endlich be⸗ wirkten der allgemeine Mismuth uͤber den Zu⸗ ſtand, den die Anwendung der Menſchenrechte auf das Erbrecht erzeugt hatte, die Unzufriedenheit der Tribunaͤle, ſowohl aus dem Pays de droit ecrit, als coutumier,*) und die unermuͤdete Anſtren⸗ gung einiger um ihr Vaterland ewig hochverdien⸗ ter Staatsraͤthe, Malleville und Portalis, im Code Napoleon eine Dispoſition, die in Frank⸗ reich, in Vergleichung mit dem damaligen Zu⸗ ſtande, hoͤchſt wohlthaͤtig, in Vergleichung mit der alten Geſetzgebung in mehrern Theilen des franzoͤſiſchen Reichs ertraͤglich, in den Laͤndern *) Vorzuͤglich Montpellier aus dem Pays de droit ecrit, und Agen, Limoges, Paris, aus dem Droit coutumier. S. Analyse p. 722. 305 aber, die an reines roͤmiſches Recht oder germani⸗ ſche Erbfolge gewoͤhnt ſind, verderblich, verab⸗ ſcheuungswuͤrdig, und wegen ihrer Maͤngel und innern Widerſpruche ſogar verächtlich iſt. Länder, denen dieſe Geſetzgebung aufgedrungen wird, wel⸗ che von eiteln Thoren in Paris fuͤr ein Meiſterſtuͤck menſchlicher Weisheit ausgegeben, aber von ihren in der That weiſen Verfaſſern, nur mit den Um⸗ ſtänden unter denen ſie gearbeitet haben, entſchul⸗ digt wird, koͤnnen ſich allenfalls nur mit der Be⸗ merkung troͤſten, welche ſelbſt einer der heftigſten Democraten, der Staatsrath Boulay, in den Discuſſionen uͤber den Code Napoleon vorgebracht hat. Das Geſetz vom 27ten Nivoſe des Jahrs 2 (welches in der That im Weſentlichen dem Code Napoleon mit zum Grunde liegt) ſey in dem Pays de petite eulture nie befolgt worden: worauf Real, gleiches Glaubens mit jenem, erwiedert: es gebe doch einige Pays de grande culture, worin es zur Ausfuͤhrung gekommen.*) Wenn die Terroriſten in der Zeit des hochſten Fanatismus nicht haben erzwingen koͤnnen, daß *) Conférence T. 4. P. 194. ———— ——— 206 ihre Eivilgeſetze befolgt wuͤrden, ſo wird auch der Code Napoleon wohl an andern Orten eludirt werden. Aber welch ein trauriger Troſt bey der Einfuͤhrung eines neuen Geſetzes, daß es trotz der Allgewalt ſeiner Urheber, doch nicht in Kraft treten werde! Zufolge der Beſtimmungen deſſelben, iſt die Befugniß eines Hausvaters, unter ſeinen Kindern zu disponiren, auf einen ſehr geringen Theil ſei⸗ nes Vermoͤgens eingeſchraͤnkt: und alle Auswege dieſe Vorſchrift zu umgehen, ſind ſorgfaͤltig ver⸗ ſperrt. Vergeblich wird ſich das Land, deſſen oͤconomiſcher und moraliſcher Zuſtand eines eignen Bauernhof Rechts bedarf, ſchmeicheln, ſeine al⸗ ten Gewohnheiten beyzubehalten, wenn der Code Napoleon eingefuͤhrt wird. Der Art. 9 18 verbie⸗ tet dem Vater, ſeinen Hof einem Sohne unter Vorbehalt des lebenslänglichen Unterhalts zu uͤber⸗ geben. Damit ſind alle Beſtimmungen der Ge⸗ wohnheitsrechte uͤber die Leibzucht aufgehoben. Allenthalben ſind die franzoͤſiſchen Geſetzgeber nur von der Furcht beſeſſen, daß Majorate oder aͤhnli⸗ che Anſtalten hergeſtellt werden koͤnnten, die Na⸗ poleon ihnen doch ſchon wieder zum Beſten ſeiner —— — 207 Gänſtlinge und Gehuͤlfen am heiligen Werke der Unterdruͤckung aller Voͤlker aufgedrungen hat. Welche Geſetzgebung, die auf die Bedurfniſſe der zahlreichſten Claſſen gar keine Ruͤckſicht nimmt! Der Haß gegen die Präeminenz des Adels, und gegen die Erhaltung angeſehener Familien, erzeugte eine krampfhafte Scheu in den Geſetzge⸗ bern, ſo oft ein Gegenſtand zur Sprache kam, der mit jenen Begriffen in der entfernteſten Be⸗ ziehung zu ſtehen ſchien. Das bloße Wort, Sub⸗ ſtitution, brachte alles in Aufruhr, ſo daß eine uͤberlegte Discuſſion gar nicht ſtatt fand. Der blinde Haß dagegen gieng ſo weit, daß im Art. 896. aller Billigkeit und Analogie des Rechts zuwider, die Subſtitutionen den Dispoſitionen aſſimilirt werden, die den guten Sitten zuwider laufen: daher denn die ganze Verſchreibung, welche eine Subſtitution enthält, ſogar in Anſe⸗ hung der Perſon, zu deren Nachtheile ſie ge⸗ macht worden, annullirt wird. Malleville und Portalis konnten ſich kaum damit Gehoͤr ver⸗ ſchaffen, daß ſie erklärten, man muͤſſe hier gar nicht an die Subſtitutionen des alten Rechts 208 denken. Umſonſt ſtellten ſie vor, es ſey hier nicht von dem Intereſſe der großen Familien die Rede, ſondern von der Fuͤrſorge fuͤr das Fort⸗ kommen und das Wohlbefinden der Nachkommen⸗ ſchaft im Mittelſtande. Mit großer Muͤhe haben dieſe wohlmeinenden Staatsraͤthe ihre Verſamm⸗ lung von Rechtsgelehrten, denen Principien alles, und die Menſchen nichts waren, dahin gebracht, daß eine Art von Subſtitution zulaͤſſig geworden. Aber eben hier entſteht aus der ſeltſamen Verbin⸗ dung widerſprechender Grundſaͤtze eine Anomalie, welche die Weisheit der neuen franzoͤſiſchen Geſetz⸗ gebung in ein ſehr auffallendes Licht ſetzt. Nach dem Principe, welches den Kindern ein unverletzliches Recht auf das Vermoͤgen der Väter ertheilt, findet Enterbung in keinem Falle ſtatt: keine Exheredatio bona mente, zu Gunſten der Groskinder. Der Vater iſt genoͤthigt, ſein Ver⸗ moͤgen dem Sohne zu hinterlaſſen, von dem er vorausſieht, er werde alles vergeuden. Nur die kleine Partie disponible eines Nachlaſſes, kann zu Gunſten der Enkel mit einer Subſtitution be⸗ ſchwert werden. Bruders Kinder hingegen, konnen von 209 von einem Erblaſſer der keine Descendenz hin⸗ terlaͤßt, zufolge des Art. 1045. in Anſehung des ganzen Vermoͤgens, dem erbenden Bruder ſubſti⸗ tuirt werden. Fuͤrſorge fur dieſe entferntern Ver⸗ wandten iſt dem Geſetzgeber wohlgefaͤlliger, als die Liebe des Hausvaters zu ſeiner eignen Nach⸗ kommenſchaft, welche nach einem haͤuslichen Des⸗ potismus zu ſchmecken ſchien. Bey der Ueberlegung, wie der Titel von den Erbſchaften abgefaßt werden ſollte, ward zuerſt auf ein Geſetz angetragen*), dem zufolge in Er⸗ manglung directer Descendenten, auch Seiten⸗ verwandten ein anſehnlicher Theil der Erbſchaft verbliebe. Endlich ward ein Grundſatz durchge⸗ ſetzt, der dem natuͤrlichen Gefuͤhle etwas mehr zu⸗ ſagt. Das Recht der freyen Dispoſition uͤber den Nachlaß, ward auf den Fall eingeſchraͤnkt, wenn keine Descendenten vorhanden ſind. Dabey aber iſt das Recht der Kinder auf einen Theil des vaͤ⸗ terlichen Vermoͤgens, ganz unverletzlich. In kei⸗ nem Falle iſt dem Vater verſtattet, ein ungerath⸗ 2 Conférenge. Tom. 4. P 171. 14 210 nes Kind zu enterben. Der Grundſatz, daß die Handlungen der Menſchen nur dem kuͤrgerlichen Richter unterworfen ſeyn ſollen, iſt ſo weit getrie⸗ ben, daß man lieber zu Gunſten der individuellen Freyheit, den Verbrecher gegen ſeinen Vater ſchuͤtzen, als dieſem einige Gewalt uber den Sohn, der ihm ja gleich iſt, oder ſeyn ſoll, einräumen wollte. Ja dieſes Recht der Kinder auf das Ver⸗ moͤgen der Eltern hat eine ruͤckwirkende Kraft. Nach dem Art. 960. ſind alle Schenkungen, ſo⸗ bald der Urheber Kinder bekommt, nicht etwa wi⸗ derruflich, ſondern ipso jure nichtig. Im zwey⸗ ten Entwurfe des Cambacérès war das Recht der freyen Dispoſition uͤber Eigenthum, im Art. 555. durch eine ausdruͤckliche Erklaͤrung, Donations sont irrevocables, méme par la survenance d'enfans, geſichert. Der Code Napoleon aber, opfert ſein eignes heiligſtes Principium, die Frey⸗ heit mit dem Seinigen zu machen, was man will, und die Sicherheit des rechtmaͤßig erworbnen Be⸗ ſitzes, den Anſpruͤchen der Kinder auf. Die klar⸗ ſten Rechte jedes Dritten, Kauf, hypothekariſche Schuldforderung, alles muß weichen, wenn dbas verſchenkte Gut von ſpäter gebohrnen Kindern vin⸗ dicirt wird. Wer moͤgte da wohl eine Schenkung annehmen? In Anſehung der Inteſtaterbſchaften die auf Seitenverwandte fallen, machte das Droit cou- tumier mannigfaltige Unterſchiede zwiſchen den Guͤtern, nach Maasgabe ihres Urſprungs. Alles war in dieſem Syſteme auf Erhaltung der Guͤter in den Familien angelegt, von denen ſie herruͤhr⸗ ten. Ihm liegt die Denkungsart eines ackerbauen⸗ den Volks zum Grunde, welches Familien⸗Ab⸗ ſtammung und„ Verbindung uͤber alles ſchaͤtzt, keinen andern Reichthum kennt, als den Boden den es bauet; und dieſe liegenden Gruͤnde als einen Gemeinbeſitz eines ganzen Geſchlechts anſieht. Die Anwendung eines ſolchen Syſtems auf die veränderten Umſtaͤnde, Sitten, und Be⸗ duͤrfniſſe unſrer Zeiten, hatte unendliche Incon⸗ venienzen. Die Fente et Refente**) erregte *) Fente heißt im alten franzoͤſiſchen Rechte, die Thei⸗ lung eines Nachlaſſes in die Guͤter, die von väter⸗ licher und die von muͤtterlicher Seite herruͤhren: Refente, die unbegrenzte Fortſetzung einer ſolchen 14* 212 ſchon Ungewisheiten und ſo viele Proceſſe, daß die wohlmeinenden Glieder der geſetzgebenden Verſammlung ſich mit den ſtaͤrkſten Ausdruͤcken gegen ein Herkommen erklaͤrten, dadurch das Ver⸗ moͤgen in ſo vielen Erbſchaftsfaͤllen Gefahr lief, eine Beute der Juſtiz zu werden. Aber die Dis⸗ poſitionen des roͤmiſchen Rechts waren den revolu⸗ tionairen Geſetzgebern noch mehr verhaßt, weil ſie eine Anhaͤufung des Vermoͤgens beguͤnſtigten, die den Grundſaͤtzen der Gleichheit, nach der man ſtrebte, zuwider liefen. Es ward alſo eine Tranſaction zwiſchen dem römiſchen Rechte und dem Proit coutumier ge⸗ macht, die nach der Bemerkung des Appellations⸗ hofs zu Montpellier, hier wie in andern Stuͤcken, Theilung in die urſpruͤnglichen Beſtandtheile des Vermoͤgens: nicht aber, Vertheilung einer Erb⸗ ſchaftsmaſſe unter die Linien der erbenden Verwand⸗ ten: ſo wie ein deutſcher Rechtsgelehrter, der ein eignes Buch über die Erbfolge nach dem Code Napo⸗ leon geſchrieben hat, die Ausdrücke gebraucht. Die Worte Fente et Refente ſelbſt, kommen im Napo⸗ leoniſchen Rechte gar nicht vor. weder den einen noch den andern Theil befrie⸗ digte. Der Code Napoleon ſieht, gleich dem roͤmi⸗ ſchen Rechte, die ganze Erbſchaftsmaſſe als ein einziges Corpus an, welches nach einer Succeſ⸗ ſions-Ordnung, die im weſentlichen wenig von der römiſchen abweicht, an die natuͤrlichen Erben übergeht, ſobald kein Teſtament vorhanden iſt. Aber um den Ideen, die in der großten Hälfte von Frankreich herrſchten, etwas nachzugeben, wird ſie in zwey Theile getheilt, davon einer den Seitenverwandten von der väterlichen, der andre, denen von muͤtterlicher Seite her, zufaͤllt. Sogar im Geſetze vom 17 Nivoſe des Jahrs 2 ſchloſſen doch die Eltern des Verſtorbnen, alle Seitenver⸗ wandten aus. Nach dem Code Napoleon aber, muß der Vater mit muͤtterlichen Seitenverwand⸗ ten des 12ten Grades theilen. Aus dem Grund⸗ ſatze dieſer Theilung unter zwey Linien, entſprin⸗ gen die ſeltſamſten Anomalien. Es erhaͤlt z. B. ein Stiefbruder mehr als ein rechter Bruder, ſo⸗ bald jener in ſeiner Linie allein erbt, und der rech⸗ ten Bruͤder mehr als drey ſind. 214 Dieſe Geſetzgebung, elender Nothbehelf des Augenblicks, um dem Gezaͤnke zwiſchen den Ju⸗ riſten des Droit coutumier und den Civiliſten ein Ende zu machen, welche keinen Theil der Streitenden, und noch weniger ihre Clienten, das franzoͤſiſche Volk, befriedigt hat, und bey der naͤchſten Reviſion des Code Napoleon, einen neuen Sturm in der ganzen buͤrgerlichen Verfaſſung er⸗ regen wird, heißt man uns als ein Meiſterſtuͤck des menſchlichen Verſtandes und vollendeter Weis⸗ heit bewundern. Noch andre Beſtimmungen des Code Napo⸗ leon uͤber das Erbrecht, empoͤren das Gefuͤhl der Deutſchen. Die arme Wittwe eines reichen Man— nes, der unvorſichtiger Weiſe verabſaͤumt hat, ein guͤltiges Teſtament zu machen, erbt nichts, ſo lange noch Seitenverwandte des Zwoͤlften Grades da ſind. Die billigen Verordnungen des roͤmi⸗ ſchen Rechts ſind im Code Napoleon ganz uͤberſe⸗ hen. Sie ſind es nicht in der Discuſſion. Der Staatsrath Maleville, der bey jeder Gelegenheit, die Sache der Menſchlichkeit, der Billigkeit, der Vernunft, mit dem Eifer eines rechtſchaffenen, 215 wohlwollenden Mannes und ſehr einſichtsvollen Kenners der Rechte verfochten hat, verlangir, daß die Beſtimmungen des roͤmiſchen Rechts her⸗ geſtellt werden ſollten. Treilhard antwortete ihm, der Art. 754. geſtände der armen Wittwe den Nieß⸗ brauch des dritten Theils der Erbſchaft zu. Ihm war der Artikel den er anfuͤhrte, nicht recht ge⸗ genwärtig. Es ſteht kein Wort, weder in die⸗ ſem, noch in einem andern Artikel, von dem Erbrechte armer Wittwen. Im 754 Art. iſt nur von Eltern der Verſtorbnen die Rede. So leicht⸗ ſinnig ſind die Punkte der Geſetzgebung behandelt worden, welche doch zu den wichtigſten gehoͤren. Es iſt nicht zu verwundern, wenn eine Verſamm⸗ lung von Rechtsgelehrten, die innerhalb der kur⸗ zen Zeit von wenigen Jahren, alle moͤglichen rechtlichen Verhältniſſe unter den Menſchen, und alle geſetzlichen Dispoſitionen alter und neuer Zeit, mit einander vergleichen, ſie pruͤfen, waͤhlen, und den Entwurf eines Geſetzbuches abfaſſen ſollten, hin und wieder etwas uberſehen hat. Der Entwurf aber iſt ſanctionirt. Zehn Jahre lang darf nichts darin verändert werden. Und Deutſchland ſoll einfuͤh⸗ ren, was dort ſchon fur ſo mangelhaft erkannt iſt! 216 In Anſehung der Teſtamente geht der Code Napoleon, ſo wie das roͤmiſche Recht, von dem Grundſatze aus, daß die Juſtizverwaltung bey allen der Willkuͤhr des Einzelnen überlaſſenen Anordnungen nur darauf ſehen muͤſſe, daß der Wille deſſen, der disponirt hat, ſeine wirklich gehegte Abſicht, in Erfuͤllung gehe. Nach dem römiſchen Rechte wird alles ſorgfältig erwogen, was dahin fuͤhren kann, aus dem Inhalte des Documents auszumitteln, wohin dieſe Abſicht ge⸗ richtet geweſen. Das franzoͤſiſche Recht ſieht nur auf die aͤuſſern Kennzeichen, daß die Urkunde als letzte Willens⸗Erklaͤrung vom Erblaſſer her⸗ ruͤhre. Die Streitigkeiten ſollen vielmehr vermie⸗ den, als entſchieden werden. Dieſes wäre an ſich zu billigen. Aber zu dem Ende werden alle Schwierigkeiten in die erſte Periode der Verhand⸗ lung verlegt. Wenn die vorgeſchriebnen Formali⸗ täten bey der Errichtung eines letzten Willens beob⸗ achtet ſind, ſo kann nicht leicht ein Rechtsſtreit entſtehen. Dagegen aber werden mehr Teſtamente wegen Mangels in der Form vereitelt werden, als jemals durch Proceſſe uͤber ihre innern Fehler geſchehen iſt. Und wen treffen die Folgen dieſer ar7 Verabſaͤumung geſetzlicher Vorſchriften? In jedem Rechtsſyſteme kann nur der unſchuldige intendirte Erbe leiden, und nicht der Erblaſſer der gefehlt hat, und deſſen Abſichten nach ſeinem Tode uner⸗ fuͤlt bleiben. Aber er leidet, unter dem romiſchen Rechte, durch die Schuld ſeines Wohlthäters, der nicht recht bedachte, ob das was er thun wollte, mit den Geſetzen vereinbar ſey. Nach dem Code Napoleon hingegen, leidet er durch die Schuld des Notars, der verabſaͤumt hat, irgend ein Wort in die Urkunde zu ſetzen, die der Erblaſſer nicht einmal glaubte pruͤfen zu muͤſſen, wenn er auch die dazu erforderliche Kenntniß gehabt haͤtte. Der Erbe der auf dieſe Art Schaden leidet, hat nur ein unfruchtbares Huͤlfsmittel im Regreſſe an den Notar, der das Teſtament auf eine fehlerhafte Art beglaubigt hat. Auf dieſe in der ganzen gerichtlichen und poli⸗ tiſchen Verfaſſung Frankreichs hoͤchſt wichtigen Perſonen wird die Betrachtung der folgenden Ti⸗ tel des Code Napoleon noch wieder zuruckfuͤhren, und dabey Gelegenheit zu einer Bemerkung uͤber das Notariat entſtehen. 218 Der naͤchſte Titel der erwogen werden muß, handelt von Contracten und Obligationen. Die Verfaſſer ſind ſtolz darauf, daß dieſer ganze Ab⸗ ſchnitt ihrer Geſetzgebung keine Neuerungen ent⸗ haͤlt: daß ihre ganze Arbeit, welche einen ſo gro⸗ ßen Theil der buͤrgerlichen Geſchaͤfte umfaßt, durch⸗ aus nur aus romiſchem Rechte beſteht, welches durch ſo lange Erfahrung gepruͤft und gut gefunden iſt. Hier waͤre eine Unterſuchung nicht an der un⸗ rechten Stelle, ob Pothiers Bearbeitung der einzelnen Lehren, aus welchem das neue Recht geſchopft iſt, vollkommen befriedigend ſey, und den Vorzug vor denen in Deutſchland uͤblichen aus den roͤmiſchen Quellen gezognen Syſtemen verdiene. Die Maͤngel, welche die Vergleichung im Code Napoleon in dieſer Ruͤckſicht entdecken moͤgte, waͤren inzwiſchen am leichteſten durch die fortgeſetzten Bemuͤhungen einſichtsvoller Rechts⸗ gelehrten zu verbeſſern. Ein unheilbares Uebel entſpringt hingegen aus der gaͤnzlichen Verſchie⸗ denheit des Geſichtspunkts, der dem Richter, durch die franzoſiſchen Geſetze und die mit denſelben ver⸗ wandte Proceßordnung angewieſen wird. 219 Der erſte Grundſatz von dem er genoͤthigt iſt, bey der Beurtheilung aller Rechtshaͤndel auszuge⸗ hen, iſt ganz verſchieden von der deutſchen Denk⸗ art: und deswegen iſt das franzoͤſiſche Recht durchaus nicht auf Laͤnder anzuwenden, in denen reines roͤmiſches Recht oder deutſches Recht gilt. Der Geiſt der deutſchen Rechtspflege kann dieſe neue franzoͤſiſche Theorie nicht annehmen: er ſtoßt ſie von ſich. Im deutſchen Rechte herrſcht der Grundſatz, daß es auf die Abſicht des Contrahenten ankomme, und daß der gute Glaube durch die Erfuͤllung ſei⸗ ner rechtmaͤßigen Erwartung belohnt werden muͤſſe. Der Deutſche geht mit Zutrauen ein Geſchaͤft ein. Entſtehen Schwierigkeiten und Streitigkeiten, ſo muß nachgewieſen werden, wo der erſte Irrthum ſteckt, oder wo der Betrug eingeſchlichen iſt. Der Richter muß dieſer Nachweiſung folgen, und durch Erkenntniſſe zurecht helfen. Bey den Franzoſen geht jedes Geſchaͤft von der Vorausſetzung aus, daß Betrug nicht allein moͤglich, ſondern ſogar wahrſcheinlich ſeyo. Der 220 erſte Schritt muß beachtet werden. Jeder der ſicher gehen will, muß den Anfang der Sache, die in Deutſchland lange fortgehen kann, und mehrentheils beendigt wird, ohne daß jemals eine oͤffentliche Autorität eintritt, beglaubigen laſſen. Dieſer ſogenannte acte authentique, der eine date certaine giebt, ſoll ſo viel moͤglich allen Un⸗ gewisheiten und Streitigkeiten vorbeugen: und es iſt nicht zu leugnen, daß die große Strenge des franzoͤſiſchen Rechts darin viel leiſten, und ſehr viele Proreſſe verhindern kann. Fuͤr das franzö⸗ ſiſche Volk mag ſich dies Syſtem ſchicken, welches ſich auf ſehr alte Einrichtungen gruͤndet, die in und nach der Revolution nur verbeſſert worden ſind. So pflegt es wohl zu ſeyn. Jede Nation ſchafft ſich eigenthoͤmliche Anordnungen, und ein Verfahren, das ihrem Geiſte angemeſſen iſt. Und wenn auch das Syſtem das ſich in Frankreich aus⸗ gebildet hat, nicht durch die Verſatilität und Schlauheit, durch die Anlage zu Liſt und Raͤnken, gerechtfertigt wuͤrde, welche dem Volke ſchon von Cäſars Zeiten her eigen ſind: ſo wuͤrde es doch ge⸗ genwaͤrtig ſehr gefaͤhrlich geweſen ſeyn, von dem⸗ ſelben wieder abzugehen, nachdem die Nation ſo 221 viele Generationen hindurch daran gewohnt wor⸗ den, und ihm die Härte deſſelben durch die Revo⸗ lution, in der ſich alle Eigenſchaften die eine ſtrenge Zucht noͤthig machen, mit fuͤrchterlicher Energie entwickelt haben, noch nothwendiger ge⸗ worden iſt. Dieſes Syſtem, in welchem alles auf einer oͤffentlich beglaubigten Authenticität der Urkunden beruhet, iſt durch einen Nebenumſtand noch tiefer in die ganze franzöſiſche Verfaſſung, nicht allein des Gerichtsweſens, ſondern aller oͤffentlichen An⸗ gelegenheiten, verwebt. Sollte auf Notariats⸗Inſtrumente ſo viel an⸗ kommen, ſo mußten dieſe durch ein oͤffentliches In⸗ ſtitut controlirt werden. Daher das Enrégistre- ment. Kaum aber war die Entdeckung gemacht, daß die Bezahlung der Unkoſten dieſer Con⸗ trole, welche den Partheyen natuͤrlicher Weiſe zur Laſt faͤllt, etwas abwerfen koͤnne, ſo bemaͤch⸗ tigte ſich der unerſaͤttliche Finanzminiſter dieſer Quelle. In der Revolution hatte die Republik unbegraͤnzte Beduͤrfniſſe: und unter dieſen war 222 die Verſchwendung ſelbſt das erſte, well ſie ſich da⸗ durch Anhaͤnger des auf den Truͤmmern alter Ver⸗ haͤltniſſe erſchaffnen neuen Zuſtandes erwerben konnte. Immerfort ſollten die Reichen zahlen: damit andre Perſonen reich wuͤrden. Fuͤr reich galt jeder, der etwas beſaß. Allem Eigen⸗ thume war der Krieg angekuͤndigt. Man nahm allenthalben, wo man etwas zu nehmen fand. Das ganze Finanzſyſtem war darauf angelegt, nicht das nutzbare Vermoͤgen zu ſchonen, damit es recht eintraͤglich werde, und von den Aufkuͤnften deſſelben viel abgegeben werden koͤnne: ſondern jedem der etwas beſitzt, ſo viel bezahlen zu laſſen, als nur immer mit dem Anſcheine eines verhältnißmaͤßigen Tarifs beſchoͤnigt werden kann. Jeder der eine urkunde uͤber Geſchaͤfte aufnehmen laͤßt, die Ver⸗ moͤgen vorausſetzen, beſitzt etwas, wovon er her⸗ geben kann. Die Controle der offentlichen Be⸗ glaubigung aller Privatverhandlungen, gab alſo eine ſehr angenehme Gelegenheit zu einer Auflage, und das Tnrégistrement ward eine der ergiebig⸗ ſten Quellen oͤffentlicher Einkuͤnfte: zugleich aber auch eine der druͤckendſten und verderblichſten. Alle 223 Bemerkungen wohlmeinender Staatsraͤthe hier⸗ über, wurden in ver Discuſſion uber den Code Napoleon damit abgewieſen: Das gehore hier nicht her; der Tarif ſey eine Sache fuͤr ſich: und die Frage, ob die Tare zu hoch ſey, moͤge bey der Unterſuchung uͤber die Finanzen erwogen werden. Man konnte aber ſehr wohl wiſſen, daß jeder Antrag, ſie zu vermindern, leicht damit abgelehnt werden könne, und zuverläſſig allemal damit abgewieſen werden wuͤrde, daß die Beduͤrf⸗ niſſe des Staats keine Verminderung ſeiner Ein⸗ kuͤnfte verſtatten. Wer nur einige Kenntniß von der Geſchichte des Finanzweſens beſitzt, weiß wie viel Schwie⸗ rigkeiten es allenthalben hat, ein fehlerhaftes Steuerſyſtem zu verbeſſern; wie ſelten es ſelbſt in Staaten, die das Gluͤck haben, von wohlwollen⸗ den Regierungen verwaltet zu werden, und in de⸗ nen das Volk von Ständen vertreten wird, ge⸗ lingt, auch die druͤckendſten Auflagen abzuſchaffen, die einmal eine Zeitlang beſtanden haben. Es iſt daher eine der weſentlichſten Wohlthaten, welche 234 der Nachkommenſchaft auf ewige Zeiten erzeigt werden kann, wenn verhindert wird, daß nie ein Anfang gemacht werde, ein franzoͤſiſches Enrégistrement einzuführen. Wie kann aber das franzoſiſche Juſtizſyſtem ohne dieſe Controle der Handlungen Jurisdictionis voluntariae be⸗ ſtehen? Wenn gleich die deutſchen Regierungen, welche den Code Napoleon eingefuͤhrt haben, das damit verbundne raubſuͤchtige Auflagenſyſtem, wel⸗ ches dem deutſchen Sinne gar zu ſehr widerſteht, abgelehnt haben, ſo werden ſie durch die Gewalt der Sache ſelbſt und der Verhaͤltniſſe, in der Folge doch auch hierin nachgeben und den Franzo⸗ ſen die Freude machen muͤſſen, auch dieſe Frucht der Revolution ihren Nachbarn eingeimpft zu ſehen. Der Code Napoleon verlangt, daß man bey der Abfaſſung aller Urkunden, davon ſo viele, z. B. die Teſtamente, zu den wichtigſten Angele⸗ genheiten des menſchlichen Lebens gehoͤren, ein graͤnzenloſes Vertrauen zu den Notarien hege. Aber der geringſte Fehler, den ein Notar begeht, zieht der Parthey einen unerſetzlichen Schaden zu, gegen 9 4 225 gegen den kein Richter ſchuͤtzen oder helfen kann. Die Gegenparthey iſt entbunden: und es haftet nur der Notar, mittelſt ſeiner dem Staate gelei⸗ ſteten Caution. Welche grauſame Verſpottung! Eine elende Caution von vielleicht So,000 Fran⸗ ken, ſoll zum Unterpfande fuͤr die Richtigkeit un⸗ zaͤhliger Geſchaͤfte dienen, die zuſammen genom⸗ men viele Millionen betreffen koͤnnen. Man wende hiergegen nicht ein, daß Zutrauen uͤberhaupt in der menſchlichen Geſellſchaft vorausgeſetzt werde. Gerade davon geht die franzoͤſiſche Staatsverwal⸗ tung aus, daß bey Geſchaͤften kein Zutrauen ſtatt finden ſolle. Ihre Geſetzgebung vernichtet dieſes Zutrauen unter Privatperſonen. Sie iſt darauf angelegt, daß der erwieſene gute Glaube nichts be⸗ deuten ſoll, wenn die geſetzliche Form vernachlaͤſ⸗ ſigt iſt: und man darf daher niemanden trauen, weil die aufrichtigſte Verhandlung auch des red⸗ lichſten Mannes, doch von ſeinem Erben nicht an⸗ erkannt zu werden braucht. Dagegen befiehlt das Geſetz, dieſes Zutrauen, ohne alle Einſchraͤnkung, in oͤffentliche Perſonen zu ſetzen, gegen deren Leichtſinn, Nachlaͤſſigkeit, Unwiſſenheit, oder gar uͤblen Willen, es keine Mittel giebt. 15 226 In Frankreich beſteht die Verfaſſung des No⸗ tariats wenigſtens ſeit dem Zwölften Jahrhun⸗ derte. Schon im Jahre 1584 ſagte das Parle⸗ ment von Paris in einem Arreté, die Notarien ſeyen de toute ancienneté im Beſitze der ganzen willkuhrlichen Jurisdiction. Ein Notariat, war ein erbliches Familiengut geworden, ſo wie die hoͤhern Juſtizſtellen. Angeſtammtes Vermoͤgen, ererbtes Anſehen, und kuͤnftige Verſorgung der Nachkommenſchaft durch die Fortdauer des gleichen Verhaͤltniſſes, leiſteten Gewaͤhr fuͤr die Fuͤhrung der Geſchäͤfte. Selbſt die Revolution hat dieſes zwar erſchuͤttert, aber nicht ausrotten koͤnnen: und ſo wie der Staatsrath Boulay gelegentlich äuſſerte*), daß die alten großen Familien(de⸗ nen der Untergang geſchworen war) trotz aller Sturme der Revolution, noch immer im Beſitze des groͤßten Theils alles Grundvermoͤgens ſeyen, ſo haben auch andre ſolide Familien⸗Etabliſſe⸗ ments, vermuthlich eben deswegen, weil das Zu⸗ trauen in dieſen Zeiten ſo viel noͤthiger und ſo viel ſchwerer zu erwerben war, die Revolution uber⸗ ——— *) Conférence. T. 2. P. 99 227 lebt. Aber welche Garantie kann das Publicum in deutſchen Ländern, die genothigt werden ein franzöſiſches Notariat einzufuͤhren, von Perſonen erhalten, die ohne Wahl, ohne Pruͤfung, zuſam⸗ men gerafft werden, blos um das Geſtell aufzurich⸗ ten, das die franzoͤſiſche Rechtspflege erfodert. Welche Revolutivn! Die ganze Jurisdictio vo⸗ luntaria der landesherrlichen Beamten, die zu⸗ gleich Richter und Obrigkeit ſind, abzunehmen, und einer neuen Zunft anzuvertrauen, in welche ein großer Haufe, vielleicht blos unter dem Schutze der Aehnlichkeit der Benennung eintritt. Man könnte glauben, das Uebel werde dadurch gemil⸗ dert', daß ein Theil jener Beamten durch die ſchlechten Ausſichten die das franzoͤſiſche Syſtem dem Juſtizbeamten eroͤffnet, in das Notariat zuruͤck gedraͤngt werden. Aber die Revolution, die alles Schlechte mit Macht befoͤrdert und ausgebildet hat, eroͤffnet ganz andre Ausſich⸗ ten, durch die Spoliation, Confiscation, und Ver⸗ ſchleuderung alles Staatsvermoͤgens, und deſſen was fuͤr ſolches erkläͤrt wird. Wer als deutſcher Beamter auf eine anſtaͤndige Art zum Wohlſtande gelangen konnte, muß in dem neuen Spſteme 15 3 228 ſuchen, als Pächter oder Kaͤufer von Domainen, ohne aͤuſſern Anſtand, und ohne Antheil an der Ver⸗ waltung des gemeinen Weſens, wenigſtens reich zu werden, womit denn auch nach der neuen Den⸗ kungsart die Hoffnung verbunden iſt, das äuſſere Anſehn zu erwerben, welches ehedem nur wichti⸗ gen Stellen im oͤffentlichen Dienſte zukam.— Eine unbedeutende Beſtimmung des Art. 1326 verdient um deswillen erwähnt zu werden, weil ſie aus dem nehmlichen Geiſte gefloſſen iſt, der die Actes authentiques erzeugt hat. In jeder Ver⸗ ſchreibung muß die Summe mit Buchſtabenſchrift wiederhohlt ſeyn, und zwar bey Strafe der Nich⸗ tigkeit, welche zwar nicht ausdruͤcklich erwaͤhnt iſt, aber bey einer ſo poſitiven Vorſchrift ſchwer⸗ lich bezweifelt werden kann. Jeder Menſch muß alſo die Formalitäten wiſſen, mit denen guͤltige Wechſel ausgeſtellt werden. Die letzte Vollendung erhält dieſes Syſtem, welches auf die Förmlichkeiten mehr Gewicht legt, als auf das Weſentliche der Verhandlungen, durch den Abſchnitt von der Praͤſumtion. Diejenigen 2a9 Präſumtionen, gegen welche nach den hierin ent⸗ haltnen Beſtimmungen gar keine Einrede ſtatt findet, ſind nicht die roͤmiſchen Praesumtiones iuris et de iure. Das Geſetz im Code Napoleon erklart gewiſſe Verhandlungen fuͤr ihrer Natur nach verdaͤchtig; und damit ſind ſie in jedem einzel⸗ nen Falle ohne Widerrede verurtheilt. Auch fragte der Appellationshof zu Orleans, der die Regel, praesumtio cedit veritati, nicht vergeſſen konnte: n'est ce pas plutòt la qualiité des personnes, que celle des actes, qui les fait presumer faits en fraude de la Loi?*). Unter den einzelnen Contracten, die der Code Napoleon abhandelt, iſt der Ehecontract der erſte. Um das Syſtem beurtheilen zu koͤnnen, wel⸗ ches hier angenommen iſt, muß wieder auf den Urſprung der Neuerung zuruͤckgegangen werden, die das neue Geſetz enthaͤlt. In einer Haͤlfte des franzoͤſiſchen Reichs(der ſuͤdlichen) herrſchte das roͤmiſche Recht, und dem *) Analyse. p. 617. 230 zufolge, das Dotalſyſtem. In der andern, 285 verſchiedne Gewohnheitsrechte. Weil nun in der revolutionairen Geſetzggebung, in dieſem Stucke⸗ wie in allen andern, nicht die Verbeſſerung des Beſtehenden, oder etwa auch die Errichtung eines neuen Gebaͤudes, ſondern nur Zerſtoͤrung des al⸗ ten, den nächſten Zweck ausmachte, ſo ſollten auch alle dieſe Gewohnheitsrechte in Ein einziges zuſammengeſchmolzen, und das roͤmiſche Dotalſy⸗ ſtem ganz abgeſchafft werden. Die Tribunäle der Departements in welchen dieſes in Kraft war, erhuben ihre Stimmen ſehr nachdruͤcklich gegen die unerhoͤrte und unſinnige Tyranney, einem großen Volke alle ſeine Gewohnheiten in dem Verhält⸗ niſſe zu nehmen, welches der ganzen innern Ver⸗ fa ſſung der Familien zum Grunde liegt. Sie be⸗ wirkten nicht allein eine ausdruͤckliche Erklaͤrung, daß es jedem frey ſtehen ſolle, das Dotalſyſtem durch eine individuelle Verabredung beym Ab⸗ ſchluſſe des Ehecontractes anzunehmen; ſondern es ward eine ausfuͤhrliche Darſtellung der Haupt⸗ punkte des roͤmiſchen Rechts uͤber dieſen Artikel eingeſchaltet, um die Ausfuͤhrung der Sache zu erleichtern. Hierdurch wurden die Departements, 231 welche dem roͤmiſchen Rechte zugethan waren, ei⸗ nigermaßen zuftieden geſtellt. Die andre Hälfte des Reichs aber, welche anſcheinend einen Sieg davon getragen hatte, indem feſtgeſetzt iſt, daß die aus dem Droit coutumier entlehnte Gemein⸗ ſchaft der Guͤter unter Eheleuten, das gemeine Recht ausmachen, und das Dotalſyſtem nur als ausdruͤcklich gemachte Ausnahme gelten ſolle, iſt mit noch weit mehr Grunde als jene, unzufrieden mit dem was definitiv beſchloſſen iſt. Aus der oben erwaͤhnten großen Zahl von Gewohnheits⸗ Rechten iſt ein Syſtem zuſammen geſetzt, wozu die Coutume de Paris die Hauptzůge hergegeben; das aber doch mit keinem einzigen von den Rechten von denen es herruͤhrt, voͤllig uͤbereinſtimmt. Der Art. 1390 verbietet ausdruͤcklich, ſich in einem Ehecontracte auf eine gewiſſe vorhin uͤbliche, und daher am Orte bekannte Coutume im Allgemeinen zu beziehen. Alle willkuͤhrlichen Abweichungen von beyden geſetzlichen Syſtemen ſind zwar er⸗ laubt: aber ſie muͤſſen einzeln und ausdruͤcklich im Ehecontracte angegeben werden. Jeder dabey uͤberſehene Fall, wird nicht nach dem Syſteme welches die Contrahenten im Sinne hatten, und 232 zu befolgen dachten, ſondern nach den Vorſchrif⸗ ten des neuen,— ſogar fuͤr jede einzelne Pro⸗ vinz des Pays de droit coutumier neuen, Rechts entſchieden. Alle Ehen die ohne beſonders errichteten Con⸗ tract geſchloſſen werden, ſtehen unter dieſem Droit coutumier, ſo wie daſſelbe im 2ten Cap. des 5ten Titels im 3ten Buche des Code Napoleon vorgetragen iſt. Haͤtte man auf die Geſinnungen des Volks und auf ſeine Beduͤrfniſſe Ruͤckſicht nehmen wollen, ſo hätte feſtgeſetzt werden muͤſſen, daß im vormaligen Pays de droit écrit, das Dotalſyſtem; in den Provinzen de contumes, die Communauté, präſumirt werden ſolle. Und die ertheilte Befugniß, nach Willkuͤhr, alles durch einzelne Beſtimmungen ſo einzurichten, wie es je⸗ dem gefaͤllt, iſt volkommen im Geiſte der Rechts⸗ gelehrten gedacht, die vorausſetzen, jeder Menſch kenne alle Rechtsverhältniſſe unter denen er lebt. Der Appellationshof zu Montpellier bemerkte da⸗ bey ſehr richtig: La stipulation de Clauses dé- rogatoires, ou qui modifient la Communauté légale, supposant la connaissance des règles 233 compliquées de cette Conmmnunauté, ne peut etre A la portée des Contractans, ni de 1a plu- part des Notaires chargés de rediger les Conventions, et alors le désordre dans le- quel ces Conventions seront redigées, sera la source de toutes dissensions, que le Contract aurait dü prevenir*). Allgemeine Verwirrung: freywillige Con⸗ tracte, die keiner der Contrahenten ſo gewollt hat; unzaͤhlige Proceſſe, die mit der groͤßten Leichtig⸗ keit nach den Vorſchriften des Code Napoleon foͤrmlich entſchieden werden, indem ſie in den Sa⸗ chen ſelbſt lauter innern Widerſpruch erzeugen: das ſind die unvermeidlichen Folgen eines Syſtems, welches fuͤr eine Frucht der hoͤchſten geſetzgeberi⸗ ſchen Weisheit ausgegeben wird, weil es dreyßig, vierzig, funfzig Millionen Menſchen zwingt, ihre ſeit Jahrhunderten eingefuͤhrten, und in dem Ver⸗ laufe ſo langer Zeit ausgebildeten, in die Exiſtenz der Voͤlker ſo tief eingreifenden Verfaſſungen aufzu⸗ geben, und den glaͤnzenden Anblick einer ſo im⸗ *) Analye. pag. 790. 234 menſen Population darbietet, die durch den Wil⸗ len eines einzigen geſetzgebenden Corps regiert zu werden ſcheint. Es iſt aber nicht eine reſpectable geſetzgebende Verſammlung, von welcher dieſe Beſchluͤſſe herruͤhren; ſondern nur die Majoritaͤt unter einem kleinen Haufen von Rechtsgelehrten, die unter ſich ſelbſt uneinig, durch die Ermuͤdung ihrer Gegner, und durch die Nothwendigkeit geſiegt hat, die jeder fuͤhlte, endlich einmal zu einem Beſchluſſe zu kommen, welcher er auch ſey. Davor ſoll Europa die Knie beugen! In der Discuſſion uͤber dieſen ſehr wichtigen Abſchnitt des Geſetzbuches, werden die Gruͤnde fuͤr die Simplification der Geſetze, welche oben bereits im Allgemeinen gepruͤft ſind, wiederhohlt. Aber gerade hier ſind ſie am ſchwaͤchſten. Die franzoͤſiſchen Geſetzgeber haben nur Menſchen im Allgemeinen im Auge, und wollen aus den ab⸗ ſtracten Eigenſchaften der menſchlichen Natur Vor⸗ ſchriften ableiten, denen ſich Alle unterwerfen muͤſſen, und die fuͤr Alle paſſen ſollen. Weiſe Geſetzgeber aber faſſen die Menſchen ins Auge, 235 fur deren Beduͤrfniß ſie zu ſorgen haben, und erwägen die beſondern Umſtände und Lebensart derſelben. Bey einem ackerbauenden Volke iſt die Haus⸗ frau nach der mehr oder weniger rohen Denkungs⸗ art uͤber das Verhaͤltniß der Geſchlechter, eine Art von Hausthier, oder die erſte Perſon des Hausgeſindes. Im ſtädtiſchen Gewerbe, wo ſie weit mehr zur Haushaltung, und ſehr oft zum Erwerbe ſelbſt mit beyträgt, bildet ſich ein andres Verhältniß, welches ſich der Gleichheit naͤhert. Die verſchiedne Verfaſſung des Grundeigenthums, und die Eigenheiten ſeiner Cultivation veranlaſſen mannigfaltige Modiſicationen der Rechte des Ein⸗ gebrachten und des Witthums. Wo Mobiliar⸗ Vermoͤgen entſteht, und bis zum Reichthume an⸗ wächſt, da muß ein andres Syſtem uͤber Mitgift, Witthum, Gemeinſchaft der Guͤter, entſtehen, als dasjenige welches Landbauern befolgen. Deutſchland iſt voll von ſolchen Gewohnheits⸗ Rechten, deren Aufhebung unendliche Verwirrung, 236 und nichts als die verderblichſten Folgen erzeugen kann. Gewisheit des Rechts, iſt das erſte Beduͤrf⸗ niß. Der Glaͤubiger muß wiſſen, oder erfahren können, was er zu thun hat, um Sicherheit zu erhalten. Er muß wiſſen, wem er leihet, und wer ſeiner Forderung demnaͤchſt vielleicht vorgehen kann. In der deutſchen Geſetzgebung iſt ſehr viel zu thun, um dieſes zu erleichtern. Aber der Code Napoleon wird hier nicht helfen: er verſchlimmert vielmehr die Sache. Das Wichtigſte was ſeine Verfaſſer fuͤr ihre Arbeit ſagen koͤnnen, iſt dieſes. Die Mannig⸗ faltigkeit der Gewohnheitsrechte in Anſehung der Ehecontracte erzeugt nicht allein unendlich viel Streit, ſondern auch Ungewisheit uͤber die Grund⸗ ſaͤtze, nach denen jeder einzelne Proceß entſchieden werden muß, ſobald derſelbe an einem Orte aus⸗ gemacht werden ſoll, wo ein andres Recht gilt, als da wo die Ehe geſchloſſen iſt. Jamais, ſagte Duveyrier dem Tribunate*) le Parlemont de *) Motifs. T. 5. p. 3 6. paris et celui de Normandie n'ont pu s'accor- der sur les Contrats de mariage stipulés par un Parisien à Rouen, ou par un Normand 4 Paris. Konnte dieſes nicht durch eine geſetzliche Vor⸗ ſchrift entſchieden werden? ohne den ganzen Rechtszuſtand von Frankreich uͤber und unter zu ſtuͤrzen. Die nachtheiligen Folgen des neuen Syſtems ſind in deutſchen Landern eben ſo auffallend, als in Frankreich: aber auch ſogar der Vorwand der daſelbſt gebraucht wird, es zu beſchönigen, fehlt hier. Das hochſt verwickelte Syſtem der Guͤterge⸗ meinſchaft, das der Code Napoleon aufſtellt, konn⸗ te in Frankreich nur aus dem Grunde empfehlens⸗ wuͤrdig ſcheinen, weil eine Haͤlfte des Reichs eine gewiſſe Guͤtergemeinſchaft kannte. Um es zu wuͤr⸗ digen, hore man indeſſen den Appellationshof zu Montpellier. Finissons par une verité de fait. L'exactitude dans les engagemens et 1 238 bonne foi qui doivent regner dans le commer- ce, ne trouve partout que des embarras et des écueils, dans cette societé de biens. Les cré- anciers ne savent le plus souvent sur quels biens ils doivent agir. La femme en renon- gant(ſie kann zu jeder Zeit die Gemeinſchaft aufrufen, und das Ihrige unter gewiſſen Modifi⸗ cationen auf eine oder andre Art herausziehen) peut tromper à tout moment la foi publique. Quelle porte ouverte à la fraude dans les fail- lites du mari, quelque fois necessitées par les profusions et le luxe de la femme qui trouve- ra encore le moyen d'en profiter. Auf der einen Seite kann alſo der Mann der allein Herr iſt, uͤber die gemeinſchaftlichen Guͤter zu verfuͤgen,(Art. 1421), ſeine Frau um alles bringen. Auf der andern Seite kann die Frau die gemeinſchaftlichen Creditoren um alles be⸗ truͤgen. Dennoch ſagt der Staatsrath Berlier, in ſei⸗ ner Rede zur Empfehlung dieſes Titels*):„in 7) Motifs. T. 5. p. 289. 239 „dieſem Geſetze, weiſe Geſetzgeber, erkennt ihr „die Sorgfalt fuͤr das Vermoͤgen der Ehefrauen, „die in einem Syſteme herrſcht, welches in dem „Manne nicht die Abſicht vorausſetzt, ſeine Frau „zu ruiniren, wozu er keine Urſache hat, davon „vielmehr das Gegentheil ihm natuͤrlich iſt; und „die Frau nicht fuͤr ſo ſchwach halt, daß ſie ſich „bey Handlungen beruhigen ſollte, die ihr Ver⸗ „moͤgen in Gefahr ſetzen.“ Wir aber erkennen in dieſen glatten Worten nichts als einen Staatsmann, deſſen erſtes Geſetz iſt, ſich der Galanterie in Ausdrucken zu befleißi⸗ gen. Das unendlich zarte Ehrgefuͤhl der franzö⸗ ſiſchen Nation wird unſtreitig durch dieſen Vortrag vollkommen befriedigt. Die deutſche Hausfrau aber nimmt lieber grobe Geſetze, die ſie gegen die leichtſinnige Verſchwendung eines ausſchweifenden Ehemannes ſchuͤtzen, dergleichen es in Deutſchland noch immer giebt, wenn auch die franzoͤſiſche Na⸗ tion durch die Revolution ohne Ausnahme in ein Heer von ehrerbietigen Ehemaͤnnern und ſorgſamen und vorſichtigen Hausvätern verwandelt ſeyn ſollte. 240 Die gleißneriſche Empfindſamkeit iſt ſchlecht angebracht, wenn von Geſetzgebung die Rede iſt. Wer dieſes Geſchäft uͤbernimmt, muß die Wahr⸗ heit ſagen; er muß ſie hören koönnen. Der Mann iſt der ſtaͤrkere, rohere. Die Frau giebt der Gewalt, der Ueberredung nach. Die beſten Eigenſchaften der menſchlichen Natur ſind ihre gefaͤhrlichſten Verfuͤhrer. Vertraͤglichkeit, Nachgiebigkeit, Liebe und Zutrauen. Auf der an⸗ dern Seite iſt das Weib liſtig, eigenſuͤchtig, und ſucht die Unabhaͤngigkeit zu erſchleichen, die ſie nicht ſo leicht offen erkaͤmpfen und behaupten kann. So ſind die Menſchen beſchaffen, fuͤr die in der Geſetzgebung geſorgt werden muß, und die durch die oͤffentliche Gerechtigkeit verhindert werden muſ⸗ ſen, ſich und andern, unwiederbringlichen Scha⸗ den zuzufuͤgen. Fuͤr diejenigen die alle menſchli⸗ che Vollkommenheiten in ſich vereinigen; die nicht allein wohlwollend und pflichtliebend, ſondern auch einſichtsvoll und vorſichtig ſind, brauchen wir keine Geſetze. In dieſem engſten aller Verhältniſſe das zwi⸗ ſchen 241 ſchen Menſchen gedacht werden kann, in der Ehe, ſind auſſer den Theilnehmern noch andere intereſ⸗ ſirt; oft noch weit mehr, als jene Perſonen ſelbſt: das ſind die Kinder. Die Geſetzgebung welche in andern Geſchaͤften des gemeinen Lebens, Freyheit und Willkuͤhr moͤg⸗ lichſt ſchuͤtzen ſoll, hat hier eine ganz andre Aufgabe. Sie muß dafuͤr ſorgen, daß die Lei⸗ denſchaften nicht offenes Feld finden, auf dem ſie verheeren koͤnnen. Und dieſes kann ſie nicht beſ⸗ ſer bewirken, als wenn ſie das Vermoͤgen der Ehe⸗ leute aus einander haͤlt. Der Code Napoleon macht es durch eine Vermiſchung, die ſo mannig⸗ faltigen Beſtimmungen unterworfen iſt, zu einem Gegenſtande unzaͤhliger Streitigkeiten. In dem Titel vom Verkaufs⸗Contracte ſind die Beſtimmungen des Art. 1683 und 1589 ſehr auffallend. In dem erſtgedachten wird jeder Kauf fuͤr vollzogen und das Eigenthum fuͤr uͤbertragen erklaͤrt, ſobald die Partheyen uͤber die Bedingun⸗ gen uͤbereingekommen ſind. In dem letzten heißt es Promesse de vente vaut vente. Und dabey ſind liegende Gruͤnde nicht ausgenommen. 16 242 Der Zweck dieſer Beſtimmungen iſt, ſo wie durchaus in allem was aus der Revolution her⸗ ruͤhrt, die Circulation des Eigenthums zu befoͤr⸗ dern. Wenn dieſes aber auch fuͤr die Cultur des Landes, die immer zum Vorwande dienen muß, ſo vortheilhaft wäre, als behauptet wird, ſo waͤ⸗ ren doch die Nachtheile von einer andern Seite, uberwiegend. Es iſt fur die buͤrgerliche Geſell⸗ ſchaft ſehr wichtig, daß ſich daurende Verbindun⸗ gen bilden. Die unbegranzte Mobilitaͤt aller mo⸗ raliſchen Verhältniſſe iſt nur dem Despotismus zutraͤglich, der deſto ungehinderter wirket, wenn alle Einzelnen in vollkommner Abhaͤngigkeit vom Geſetze ſtehen, das iſt von demjenigen, der es hand⸗ habt; und wenn ſie nirgends eine Stuͤtze finden, auf die ſie ſich lehnen können, um auch nur den ſchwaͤchſten Widerſtand zu leiſten. unbewegliche Beſitzungen ſollten billig nicht ſo leicht und ſo oft aus einer Hand in die andre ge⸗ hen koͤnnen. Aber ſelbſt in Abſicht auf den Ver⸗ kauf von Mobilien iſt es rathſam, Anordnungen zu treffen, dadurch die Menſchen aufgehalten werden; und nicht jeden leichtſinnigen Einfall ſofort reali⸗ 243 ſiren koͤnnen. Der Code Napoleon aber will, daß alles guͤltig ſey, was der Menſch in irgend einer Minute ſeines Lebens gewollt hat. Der Appellationshof zu Lyon(der ſich ſonſt der revolutionairen Jurisprudenz nicht ſo ſehr ab⸗ geneigt gezeigt hat, als andre,) bewirkte durch ſeine Antrage*), den Zuſatz der Beſtimmung, La vente est parfaite entre les parties, et la proprieté est acquise en droit à l'acheteur à l'égard du vendeur, deès qu'on est con- venü de la chose et du prix. Dadurch aber iſt noch nichts den betruͤglichen Verhandlungen entgegen geſetzt, die ſo leicht be⸗ trieben werden koͤnnen, indem ein Gut an meh⸗ rere Perſonen verkauft wird. Der Art. 1589 koͤnnte nur als eine Beſtim⸗ mung des Code de Commerce gerechtfertigt werden. In dem folgenden Titel, vom Darlehen, ent⸗ *) Analyne p. 81g. 16* 244 haͤlt der Art. 1895 eine Beſtimmung, die allen Begriffen von weſentlicher Gerechtigkeit widerſtrei⸗ tet. Jedes Anlehn ſoll nur nach dem in der Ver⸗ ſchreibung angegebnen Zahlwerthe zuruͤckgefodert werden koͤnnen. Wenn in der Zwiſchenzeit, im Muͤnzfuße eine Veraͤnderung vorgegangen, ſo ſoll keine Ruͤckſicht auf den verſchiednen Gehalt der Geldſorten genommen werden. Hier liegen die alten, oft widerlegten Irrthuͤmer zum Grunde, die im vorigen Jahrhunderte ſo unermeßliche Ver⸗ wirrung erzeugt haben. Nach dieſem Syſteme iſt Geld ein idealiſcher Maasſtab der Werthes, um Tauſch und Kauf zu vollziehen: Muͤnze, nur ein ſichtbares Zeichen dieſes Werthes: die Maſſe, das Metall, das Verhaͤltniß der Miſchung und des Ge⸗ wichts, nach welchem der Regent die geſetzliche Norm des Werths beſtimmt ausdruͤckt; etwas ganz Zufälliges. Nach dieſen Ideen wurde im May 1720 der Muͤnzfuß mit einem Schlage von 40 Livres aus der Mark, auf 80 gebracht.*) Wer eine Forderung hatte, die in Gelde ausgedruckt *) S. Steuart Political Oeoonomy. L. 4. P. 2. Chap. 28. 245 war, mußte die Haͤlfte des verſchriebnen Silbers als vollguͤltige Zahlung annehmen, und verlohr die andre. Die Zahl die auf einem papiernen Zeddel ſtand, ward fuͤr monnaye üxe erklaͤrt. Im nehmlichen Geiſte ſind in unſern Zeiten, Aſ⸗ ſignate nach dem darauf gedruckten Zahlwerthe, fur geſetzliche Zahlung erklaͤrt, ohne auf den wah⸗ ren Werth der ihnen zum Grunde lag, oder auf ihren Preis im Handelsverkehre zu achten. Die Verfaſſer des Code Napoleon haben den Vorwurf den ihre Nation durch dieſes Verfahren auf ſich geladen hat, tief gefuͤhlt, und ſuchen aus⸗ druͤcklich der Beſchuldigung auszuweichen, ihr 1895ſter Artikel ſey aus jenen Mesures du mo- ment, wie ſie es nennen, hervorgegangen. Aber ihren geſetzlichen Beſtimmungen liegen immer die falſchen Principe zum Grunde, daß der Werth der Zahlungsmittel allein von der Benennung und dem Stempel abhaͤnge, und daß die rechtlich ent⸗ ſtandnen Verhaͤltniſſe unter den Menſchen, der Willkuͤhr des Regenten nachgeben muͤſſen, ſo oft es ihm gefällt, die Muͤnzgeſetze zu aͤndern. Daß dieſes in Frankreich ſeit langer Zeit nicht mehr geſchehen, 346 kann die Beſorgniſſe nicht heben. Der Abſcheu des franzoͤſiſchen Volks gegen alle revolutionairen Maasregeln wird vielleicht keine Wiederhohlung derſelben verſtatten. Aber der Artikel des Code Napo⸗ leon erregt ſelbſt in dieſer Hinſicht Beſorgniſſe: denn wenn eine Muͤnzveraͤnderung, nach den Ideen der Verfaſſer derſelben zu den moraliſch unmöglichen Dingen gehoͤrte, ſo waͤre jene Beſtimmung uͤber⸗ fluͤſſig. Die Einfuͤhrung dieſes Geſetzes in Deutſch⸗ land iſt aber noch ganz beſondern Schwierigkeiten unterworfen, und kann ſchreckliche Folgen haben. Jeder deutſche Reichsſtand hatte nach Gefallen irgend einen Muͤnzfuß angenommen. Contracte die auf Geldſorten lauten, die von fremden Muͤnz⸗ herrn geſchlagen ſind, werden allemal nach den allgemeinen Vorſchriften uͤber Contracte beurtheilt, und koͤnnen nicht durch neue Muͤnz⸗Edicte, weder des eignen Landesherrn, noch eines frem⸗ den, afficirt werden. Aber alle Contracte die auf Landesmuͤnze geſtellt ſind, werden durch den hier erwaͤhnten Artikel des Code Napoleon, dem Ein⸗ 247 fluſſe der Muͤnzveränderungen ausgeſetzt, die in den meiſten deutſchen Ländern ſo haͤufig eingetre⸗ ten ſind, und ſehr leicht noch eintreten koͤnnen. Dieſem uebel iſt nicht anders zu wehren, als durch die allgemeine Einfuͤhrung des franzoͤſiſchen Nuͤnzſyſtems, die von dem Regenten des franzoͤ⸗ ſiſchen Reichs, bey jeder Gelegenheit als eine den Fortſchritten der allgemeinen Aufklaͤrung angemeſſe⸗ ne, und dem Verkehr unter den Menſchen,(wel⸗ ches ihm immer ſo ſehr am Herzen gelegen hat) vortheilhafte Maasregel empfohlen wird. Und ſo bereitet der Code Napoleon auch von dieſer Seite den Einfluß franzoͤſiſcher Ideen vor; Uebereinſtim⸗ mung mit franzöſiſchen Anordnungen, das heißt im Grunde, Unterwurſigkeit unter franzöſiſche Herrſchaft. Der Titel vom Anleihen weiſet in Anſe⸗ hung der Zinſen, auf ein beſonderes Neben⸗Ge⸗ ſetz hin: und dieſes Geſetz iſt fuͤr Frankreich wirk⸗ lich unter dem öten September 1807 erlaſſen: aber ſo nachlaͤſſig, ſo gedankenlos, iſt man in deut⸗ ſchen Laͤndern, und namentlich in den ungluͤckli⸗ chen Provinzen verfahren, welche unter der Be⸗ 248 nennung des Koͤnigreichs Weſtphalen zu einem Zwitter eines franzoͤſiſchen und eines deutſchen ſou⸗ verainen Staates gemacht wurden, daß bey der Einfuͤhrung des Code Napoleon ſo wenig an dieſes nothwendige Nebengeſetz als an andre Supple⸗ mente der neuen Geſetzgebung gedacht ward. In der Revolution, wo nur die Freyheit des Indivi⸗ dui beguͤnſtigt, alles was Beeintraͤchtigung der⸗ ſelben ſcheint, verbannt ward, iſt der Zinsfuß, der Convenienz der Partheyen ohne alle Einſchraͤn⸗ kung uͤberlaſſen. Geld ward fuͤr Waare erklaͤrt. Die Geſetzgeber, welche ſich nicht ſchaͤmten, ein Maximum des Preiſes fuͤr alle Nothwendigkeiten des Lebens feſtzuſetzen, gaben alle Huͤlfsbeduͤrftige dem Wucher Preis, der auf eine unglaubliche Hö⸗ he ſtieg, und zu einer unuͤberſehbaren Ausdehnung anwuchs. Sobald die Vernunft ihre Stimme wieder erheben durfte; hohle Theorien, die mit Fanatismus des Sectengeiſtes gelehrt und verfoch⸗ ten wurden, angegriffen werden durften, und das Heer, welches durch Gewalt und Liſt alles Ver⸗ moͤgen ihrer Mitbuͤrger an ſich zu bringen ſuchte, durch den Widerſtand einer Regierung, die Kraͤfte gewonnen hatte, und ſich zu fuͤhlen anfieng, wie⸗ 249 der etwas beſchraͤnkt war, ſiel die Aufmerkſamkeit derſelben auch auf dieſe Angelegenheit, die in Pa⸗ ris, dem Mittelpunkte aller Geſchaͤfte und des mobilen Vermoͤgens, von dem groͤßten Intereſſe ſeyn mußte. Man kehrte zu den geſundern Be⸗ griffen zuruͤck, und beſchraͤnkte die Habſucht derer, die ſich in den Beſitz des Geldes zu ſetzen gewußt hatten, und durch daſſelbe, das Vermoͤgen und die Subſiſtenz ihrer Mitbuͤrger an ſich zu bringen trachteten. Der Zinsfuß ward wieder auf Fuͤnf vom Hundert, in kaufmänniſchen Geſchaͤften auf Sechs, feſtgeſetzt, und die Confiscation der Haͤlfte der Ca⸗ pitale verordnet, die zu hoͤhern Zinſen ausgeliehen werden wuͤrden. Dieſes wohlthaͤtige Supplemen⸗ tar⸗Geſetz iſt aber ſogar von dem franzoͤſiſchen Staatsrath Simeon, der die juriſtiſche Organiſa⸗ tion des Koͤnigreichs Weſtphalen beſorgte, unbeach⸗ tet gelaſſen. Man kann ſich indeſſen hieruͤber nicht wundern, wenn man vernimmt, daß dieſer nehmliche Juſtizminiſter zu Caſſel, in ſeiner damit anfangs verbundnen Eigenſchaft, als Haupt der Polizey, einer Bande von Abentheurern das Recht im ganzen Königreiche Pharaotiſche anzulegen ver⸗ 250 pachtete, um fuͤr gewiſſe Hoffeſte einen Fond aus⸗ zufinden. Der folgende Titel, von der Buͤrgſchaft, athmet ganz den Geiſt des ſtrengen Rechts, wel⸗ chem die Achtung gegen das heilige Eigenthums⸗ recht zum Vorwande dient. Nach dem Art. 2023 muß der Buͤrge der die Discuſſion des Haupt⸗ ſchuldners begehrt, die beſtimmten Guͤter deſſelben angeben, und ſogar die Koſten der Execution vor⸗ ſchießen. Dieſer Artikel hängt genau mit dem hy⸗ pothekariſchen Syſteme zuſammen, welches hier⸗ naͤchſt zu erwaͤgen ſeyn wird. Wer kann ſich wohl entſchließen, eine Buͤrgſchaft zu uͤbernehmen, da der Art. 2039 dem Glaͤubiger das Recht giebt, dem Büͤrgen der eine beſchränkte Verbindlichkeit uͤbernommen hat, ohne ſeine Einwilligung, ja ohne ſein Vorwiſſen, durch Prorogation der Schuld⸗ forderung neue Verpflichtungen aufzudringen? Eine Geſetzgebung, die durchaus nur auf den Schutz des Eigenthums angelegt iſt, und nicht die geringſte billige Ruͤckſicht auf die Perſonen nimmt; eine ſolche Formular⸗Gerechtigkeitspflege, in wel⸗ 251 cher die Sachen nicht der Perſonen wegen, ſon⸗ dern die Perſonen der Sachen wegen, zu exiſtiren ſcheinen, beſchuͤtzt und befoͤrdert nicht die Verhaͤlt⸗ niſſe vernuͤnftiger, geſitteter, wohlwollender Men⸗ ſchen zu einander. Sie erzeugt einen beſtändigen innern Krieg, ſie loͤſet alle Bande menſchlicher Empſindungen auf, um ein einziges Band an die Stelle zu ſetzen, welches von der obrigkeitlichen Gewalt ausgeht. Dieſe Geſinnungen haben ebenfalls das fran⸗ zoſiſche Hypotheken-Syſtem eingegeben, welches den letzten Gegenſtand der Rechtsbeſtimmungen aus macht, die hier zu erwaͤgen ſind. Vorher iſt nur noch von einem Punkte, den die Ordnung des Code Napoleon hier einſchiebt, etwas zu er⸗ waͤhnen. In Deutſchland kennt man bisher die Vollzie⸗ hung eines richterlichen Zwangbefehls in Schuld⸗ ſachen durch perſoͤnlichen Arreſt, nur bey Wech⸗ ſeln, als Ausnahme, der ſich der Verpflichtete durch die Form ſeiner eingegangenen Verbindlich⸗ keit freywillig und ausdruͤcklich unterzogen hat. 252 Nach dem alten franzoͤſiſchen Rechte ward die per⸗ ſoͤnliche Verhaftung(Contrainte par corps) als das gewoͤhnliche Zwangsmittel in allen Schuldſa⸗ chen angeſehen. Der Code Napoleon beſchraͤnkt ſie auf einige dringende Faͤlle, und auf richterli⸗ che Erkenntniſſe: da ſie vorhin zu den gewoͤhnli⸗ chen Rechtsmitteln gehoͤrte, die ohne Interpention eines Richterſpruches eintreten konnten. Die Faͤlle in denen der Code Napoleon Verhaftungen ver⸗ ſtattet, ſind mehrentheils ſchwere Verletzungen von Verbindlichkeiten; jedoch nicht alle, ſtraͤfliche Vergehungen. Gleich der erſte Fall iſt das Stel⸗ lionat. Allerdings iſt abſichtliches Verheimlichen von vorhandnen Hypotheken, um einen ſpaͤtern Glaͤubiger zu hintergehn, ein ſchweres Verbre⸗ chen. Aber es kann unverſchuldeter oder zu ent⸗ ſchuldigender Irrthum obwalten. Der franzoͤ⸗ ſiſche Rechtsgang nimmt hierauf keine Ruͤck⸗ ſicht. Iſt die Sache an ſich klar, ſo muß der Arreſt vollzogen werden, und die Eroͤrterung folgt nach. Dieſes iſt dem Genius der deutſchen Na⸗ tion durchaus zuwider. Das lebhafte franzoͤſiſche Volk bedarf vermuthlich der ſchleunigſten und ſtrengſten Vollziehung der angedroheten Mittel, 356 um durch die Unvermeidlichkeit der unangenehm⸗ ſten Folgen, jeden zur möglichſten Vorſicht zu zwingen. Es iſt ein großer Zufall, fagt Montesquieu, wenn die Geſetze eines Volks dem andern angemeſſen ſind. Es iſt noch ein letzter Theil des Rechtsſyſtems uͤbrig, in welchem die Verhältniſſe beſtimmt wer⸗ den, die aus der Verbindung perſoͤnlicher Ver⸗ pflichtungen mit Realrechten entſpringen. Hier ſchweigt die aus metaphyſiſchen Principien abge⸗ leitete Theorie ganz: es koͤnnen nur willkuhrliche Anordnungen eintreten; und die Schwierigkeiten die bey jedem Schritte entſtehen, ſind allein durch kuͤnſtliche Mittel zu heben, bey denen auf die man⸗ nigfaltigſten Verwickelungen der Verhaͤltniſſe üͤber das Vermoͤgen und uber eingegangne Verpflichtun⸗ gen Ruͤckſicht genommen wird. Eine ausfuͤhrliche Pruͤfung der Syſteme uͤber hypothekariſche Rechte, welche vor dem Code Na⸗ poleon geherrſcht haben, und des durch ihn einge⸗ fuͤhrten, wuͤrde zu weit fuͤhren. Hier iſt nur an 254 den Principien gelegen, auf denen die Verſchie⸗ denheit beruhet. Die Geſetze uͤber dieſen Gegenſtand wichen in den verſchiednen Theilen des franzoͤſiſchen Reichs ſehr von einander ab. In mehreren noͤrdlichen Provinzen war unter dem Namen Mantissement, ein Syſtem eingefuͤhrt, welches viele Aehnlichkeit mit dem in Deutſchland uͤblichen hatte; wo neben allgemeinen Hypotheken, ſpecielle Verſchreibung einzelner Guͤter durch Einzeichnung bey der Local⸗ obrigkeit, ſtatt findet. Im Pays de droit 6crit hingegen, galt ein auf mannigfaltige Art modifi⸗ cirtes roͤmiſches Recht, das durch dieſe Beſtimmun⸗ gen unerträglich druͤckend ward. Ein Koͤnigliches Edict vom Junius 1771 ſagt ſelbſt, daß die Ko⸗ ſten der Formalitäten, die erfodert wurden, um Grundſtuͤcke von den darauf ruhenden Hypotheken zu befreyen, bey Gegenſtänden von mäßiger Groͤße, den Kaufpreis uberſtiegen. Dieſem Uebel abzuhelfen, wurden im nehmlichen Edicte Hypo⸗ thekenbuͤcher eingefuͤhrt, die ſich im Weſentlichen den deutſchen naͤherten. 255 Die revolutionairen Geſetzgeber, die nur eine moͤglichſt freye und geſchwinde Dispoſition uͤber alles Eigenthum bezweckten, waren nicht damit zufrieden, daß hypothekariſche Verpflichtungen be⸗ glaubigt werden koͤnnten: ſie wollten, ſo viel moͤglich, perſoͤnliche Forderungen in Realrechte verwandeln, und die Vollziehung aller Verbind⸗ lichkeiten, von der gerichtlichen Eroͤrterung unab⸗ haͤngig machen. Hier, wie in ihrer ganzen Ju⸗ risprudenz galt die ſtrengſte Conſequenz fuͤr das ſicherſte Mittel allen Streitigkeiten vorzubeugen, und angefangne ſchnell zu beendigen. Zu dieſem Zwecke mußten die Geſetze moͤglichſt vereinfacht werden. Da einmal ein Unterſchied unter hypo⸗ thekariſchen und blos perſoͤnlichen Schulden gedul⸗ det werden ſollte, ſo mußte wenigſtens keiner unter den verſchiednen Arten hypothekariſcher Forderun⸗ gen beſtehen. Dieſem gemaͤß wurden in dem von Cambacs- rès im Jahre 2 vorgelegten Projecte, welches die Quinteſſenz der ganzen revolutionairen Geſetzge⸗ bung enthielt, die ſtillſchweigenden Hypotheken ganz aufgehoben: es gab in denſelben keine privi⸗ 256 legirten Forderungen, mit Ausnahme einiger un⸗ bedeutenden Artikel, bie ſich auf die Lebensbeduͤrf⸗ niſſe der letzverfloſſenen Zeit beziehen, und der Culturkoſten des laufenden Jahres: alle ange⸗ meldeten Hypotheken aber erhielten Kraft, nach der Ordnung der Einzeichnung. Das Beduͤrfniß einer geſetzlichen Anordnung war zu dringend, um die Sache bis zu dem defi⸗ nitiven Beſchluſſe uͤber das allgemeine neue Recht zu verſchieben. Aus einer eignen Discuſſion die⸗ ſes Gegenſtandes gieng am 9 Meſſidor Jahr 3 ein ſorgfaͤltig ausgearbeitetes Geſetz hervor: nach welchem jedes Grundſtuͤck, welches mit Hypothek belaſtet werden ſoll, nach ſeiner Conſiſtenz und Beſtandtheilen beſchrieben; die Forderung eben⸗ falls beſtimmt angegeben und eingezeichnet werden muß. Den roͤmiſchen Legalhypotheken ward zwar ihr Vorzug auch hier zugeſtanden: aber nur in ſo fern ſie in der gedachten Maaße in die Hypothe⸗ kenbuͤcher eingetragen ſeyn wuͤrden. Unbeſtimmte Forderungen mußten daher auf beſtimmte Sum⸗ men reducirt ſeyn. Alsdann aber ſollte die Hy⸗ pothek ſich nicht blos auf die gegenwaͤrtigen, ſon⸗ dern 257 dern auch auf alle kuͤnftigen Guͤter, die der Schuld⸗ ner im Arondiſſement des Hypothekenbewahrers erwerben moͤgte, erſtrecken. Mit dieſen Vorſchriften war eine Anſtalt in Verbindung geſetzt, wodurch alles Grundvermoͤ⸗ gen, vermittelſt gewiſſer, vom Beſitzer auf ſich ſelbſt geſtellter hypothekariſchen Scheine, die gleich Wechſeln indoßirt wuͤrden, in die Circulation ge⸗ zogen werden konnte. Gegen dieſen Plan entſtand ein heftiges und allgemeines Geſchrey, welches eine neue Deliberation uͤber die ganze Angelegen⸗ heit veranlaßte, nach welcher nicht allein der an⸗ ſtößige Plan einer Circulationsbank fuͤr liegende Gruͤnde unterdruͤckt ward, ſondern⸗ auch eine we⸗ ſentliche Abänderung der uͤbrigen damit gar nicht verbundnen Anordnungen erfolgte. In einem neuen Geſetze vom 11 Brümaire Jahrs, behielten zwar die legalen Hypotheken der Frauen und Pupillen ihr Vorzugsrecht eben⸗ falls nur unter der Bedingung, daß ſie einge⸗ tragen wuͤrden. Es ward dabey nicht, ſo wie im Geſetze vom 9 Meſſidor Jahrs 3 vorſchrieben 17 258 war, erfodert, daß ſie auf beſtimmte Summen reducirt wuͤrden: dagegen aber ſollten ſich die Hy⸗ potheken nicht weiter erſtrecken, als auf die Gü⸗ ter, welche der Schuldner zu der Zeit der Inſcrip⸗ tion beſeſſen haͤtte. Bey der Abfaſſung des Civilcoder entſtand ein ſehr lebhafter Streit zwiſchen den Anhaͤngern des Edicts von 1771, und den Freunden des Syſtems, welches die revolutionairen Geſetze erzeugt hatte. Jene behielten anfangs die Oberhand. Aber un⸗ ter den Gerichten welche aufgefodert wurden, ihr Gutachten uͤber den Entwurf zu geben, waren ſehr viele Stimmen fuͤr das neue Syſtem, und verſtaͤrkten die Parthey deſſelben im Staatsrathe. Der Streit iſt mit der großten Lebhaftigkeit und mit dem Aufwande großer Kraͤfte gefuhrt. Partheygeiſt und Eiferſucht ſpannten die Gemuͤ⸗ ther auf das hoͤchſte. Auf beyden Seiten ward alles aufgeboten, was der Scharfſinn gewandter Rechtsgelehrten leiſten kann. Die Discuſſion hat die den franzoſiſchen Juriſten eigne Beſtimmtheit und Klarheit. Dennoch iſt es ſehr ſchwer, die Punkte heraus zu finden, auf denen das Urtheil 259 uͤber die ganze verwickelte Sache beruhen muß. Dieſes ruͤhrt von der leidenſchaftlichen Heftigkeit her, mit welcher jeder Theil die glaͤnzende Seite ſeines Entwurfs hervorzieht, und die andre in den Schatten ſtellt. Indem ein Theil die Publi⸗ cität und Specialitat der Hypotheken vertheidigte, verfocht der andre die Rechte der Frauen und der Pupillen. Jener bewies die Unmoͤglichkeit, voll⸗ ſtaͤndige Sicherheit fuͤr ein Anlehn zu geben, wenn die privilegirten und legalen Forderungen nicht, ſo wie es das Geſetz vom 11 Bruͤmaire Fahrs 9 vorſchrieb, ſpecialiſirt wuͤrden. Dieſer that die Unmoͤglichkeit dar, ſolche Vorſchriften zur Aus⸗ fuͤhrung zu bringen: und wies mit dieſer Erin⸗ nerung das ganze Syſtem ab. Beyde Theile gaben, jeder etwas nach: und ſo ward durch viele Beſtimmungen in Nebenpunk⸗ ten, ein Geſetz heraus gebracht, von welchem der Tribun Tarrible bey der Empfehlung des ſich dar⸗ auf beziehenden 834ten Artikels des Code de Pro- cẽdure civile ſagte: Le titre des hypothéques se ressent du froissement que sa rédaction a du éprouver par le Zhoc des principes diver- 7* 260 gents, au milieu desquels elle a été formée. Le germe des disscussions mal 6touffé fermen- tait encore, et était prét à se réproduire*). In der That iſt in demſelben nicht allein die Reinheit des Syſtems verletzt: ſondern der Zweck der Urheber ſelbſt, durch die Verbindung übelzu⸗ ſammenſtimmender Vorſchriften vereitelt. Alle hypothekariſchen Forderungen muͤſſen ein⸗ getragen werden: alſo auch die unbeſtimmten: und auch ſogar die eventuellen Forderungen der Ehefrauen und Pupillen, die im Augenblicke der Inſcription, einer Schaͤtzung nicht unterworfen werden koͤnnen. Sind ſolche einmal eingezeich⸗ net, ſo kann das hypothecirte Gut davon nicht befreyet werden, ſo lange die Forderung exiſtirt. Denn es iſt faſt unmoͤglich, eine vollguͤltige Si⸗ cherheit fuͤr eine unbeſtimmte Forderung anzu⸗ bieten: mithin auch, der einmal gegebnen eine andre zu ſubſtituiren. Jene kann alſo zufolge des *) Code de Procédure civile aveo le Motifs. Tom 2. p. 301. —————— Art. 2195 nie geloſcht werden: welches der Cir⸗ culation der liegenden Gruͤnde, welche erleichtert werden ſollte, unuͤberwindliche Hinderniſſe entge⸗ gen ſetzt, und dadurch ſogar das nuͤtzliche Verkehr mit dieſen liegenden Gruͤnben ſtoͤrt. Auf der andern Seite ſind die billigen Wuͤn⸗ ſche derer, die ſich fuͤr die Rechte der Ehefrauen und Pupillen intereſſirten, durch die Schwierig⸗ keiten die in den Formalitaten liegen, und durch mehrere Nebenbeſtimmungen vereitelt. Es iſt ſehr begreiflich, daß das angenommene Syſtem keinen Theil von denen die dabey mitgewirkt haben be⸗ friedigt. Es konnte dies nicht. Den Verthei⸗ digern der Ideen, welche die Geſetze vom 3 Meſ⸗ ſidor Jahrs Z, und 11 Bruͤmaire Jahrs 7 erzeugt hatten, ſchwebte das unendliche Ungemach vor Augen, welches der alten Ordnung anhieng, aber nicht ſowohl aus der Geſetzgebung, als vielmehr aus der franzoͤſiſchen Procedur entſprang. Das noch immer lebhafte Vorurtheil gegen den ſehr verhaßten Miniſter, von dem die Verordnung des Junius 1771 herruͤhrte,(Canzler Maupeou) verblendete gegen die weſentliche Huͤlfe die dadurch 262 gegeben war. Nichts ſchien genug, was noch irgend einige Unſicherheit uͤbrig ließ. In ſchnei⸗ denden Syſtemen, ſtrengen Principien, und un⸗ erbittlicher Conſequenz allein, glaubten dieſe Rechtsgelehrten, Heil zu finden. In einer Ruͤck⸗ ſicht muß man ihren Geſinnungen Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Sie kannten die Irrgaͤnge des Rechtsverfahrens am beſten; und wollten die Wege verſtopfen, auf denen das Vermoͤgen der Buͤrger ſo oft eine Beute der Juſtiz ward, welche beſtimmt iſt, es zu ſchuͤtzen. Der andre Theil gieng von der Nothwendig⸗ keit aus, die heiligſten Verpflichtungen und die Verhaͤltniſſe zu ſichern, auf denen das Gewebe der buͤrgerlichen Geſellſchaft beruhet. Es iſt gut, ſag⸗ ten ſie, Anleihen, ohne welche die Geſchaͤfte des buͤrgerlichen Verkehrs nicht fortgehen koͤnnen, zu beguͤnſtigen, indem man die Sicherheit derſelben erleichtert. Aber nothwendig iſt es, zuerſt fuͤr das Vermoͤgen der Ehefrauen und der Pupillen zu ſorgen. Beyde Partheyen hatten einſeitig recht, ver⸗ 263 fehlten aber in der Discuſſion den Geſichtspunkt, aus welchem die ganze Sache in einem vollſtaͤndi⸗ gen Lichte erſcheint, und alle Schwierigkeiten, zwar nicht gehoben, aber doch aus ihrer Quelle abgeleitet, und gewuͤrdigt werden koͤnnen. Das Syſtem der Publicitat und Specialität der Hypotheken, welches dem Geſetze vom11 Bruͤ⸗ maire Jahrs 7 zum Grunde liegt, und deſſen Hauptzuͤge man in den Code Napoleon ubertragen wollte, iſt zu Gunſten der willkuͤhrlichen Anleihen und der vertragsmaͤßigen Hypotheken erdacht, wo⸗ durch jene in ein dingliches Recht verwandelt wer⸗ den, und vollkommne Sicherheit erhalten ſollen. Allein dieſer Zweck ſelbſt enthält einen innern Wi⸗ derſpruch. Verſprechungen fuͤr die Zukunft, kön⸗ nen ihrer Natur nach, nie gleiche Rechte und gleiche Folgen haben, als vollzogne Handlungen. Es liegt in der menſchlichen Natur, daß uͤber zukunftige Dinge Verabredungen getroffen werden. Eben dieſes iſt ja das Eigenthuͤmliche, welches den Menſchen uͤber das Thier erhebt; daß er die Ver⸗ gangenheit, die Gegenwart, und die Zukunft, 264 mit einander verbindet. Gewisheit aber kann er nur uͤber das Gegenwaͤrtige, und in beſchränkter Maaße uͤber das Vergangne, erhalten. In An⸗ ſehung der Zukunft iſt alles ungewiß. Ueber das was dem Menſchen angehört, kann er Vertraͤge machen, und ſie vollziehen. Ueber Dinge die ihm angehoͤren werden, kann er disponiren, in ſo fern kuͤnftige Umſtaͤnde die Vollziehung verſtatten. Es iſt unmoͤglich, beſtimmt anzugeben, was der Menſch durch ſeine Kräfte erwerben und leiſten wird. Dieſes alles aber verlangt das Syſtem, welches darauf angelegt iſt, daß perſoͤnliche For⸗ derungen in Realrechte verwandelt werden ſollen, um dem Herleiher die nemliche Sicherheit zu ge⸗ waͤhren, als wenn das Geſchaͤft ſchon vollendet waͤre. Wer dieſe verlangt, muß nicht allein die Vor⸗ theile des Eigenthuͤmers in Anſpruch nehmen, ſon⸗ dern auch die Gefahr deſſelben uͤbernehmen: er muß nicht auf Unterpfand ausleihen, ſondern kau⸗ fen. Es iſt unbillig, dem Herleiher alle Vor⸗ theile zuzuſichern, und auf dem Schuldner, der ſein Eigenthum verhypothecirt, alle Laſt und Ge⸗ 265 währleiſtung ruhen zu laſſen. Das Geſetz vom gten Meſſidor Jahrs 3 gewährte dem Herleiher ſolche Sicherheit. Zu dem Ende mußten alle For⸗ derungen die an das verſchriebne Gut gemacht wer⸗ den konnten, aue geſetzliche und alle privilegirte Hypotheken abgeſchätzt, und in beſtimmten Sum⸗ men eingetragen werden. Da wo dieſe Anord⸗ nung vollſtändig zur Ausführung käme, wuͤrde zwar jeder Gläubiger auf das genaueſte, das Object das fur ſeine Forderung haftet kennen: es koͤnnte aber kein Menſch mehr eine Hypothek anbieten. Denn die geſetzlichen Hypotheken mit denen ſein Vermoͤgen etwa belaſtet ſeyn oder werden mag, wuͤrden aus Vorſicht, ſo hoch angeſchlagen, und da⸗ mit alle ſeine Beſitzungen ſo beſchwert werden, daß fuͤr freywillige Hypotheken faſt nichts mehr uͤbrig bliebe. Das Syſtem zerſtoͤrt alſo ſich ſelbſt, und fuhrt einen Zuſtand herbey, der demjenigen aͤhn⸗ lich iſt, wo gar keine Hypothekenbuͤcher exiſtiren, und der Glaͤubiger zu andern Ritteln ſeine Zu⸗ flucht nehmen muß, um ſich ein Recht an gewiſſen Guͤtern ſeines Schuldners zu verſchaffen. Der Staatsrath Portalis hatte nicht Unrecht, wenn er dem reinen roͤmiſchen Rechte, welches gar keine 266 ſpeciellen hypothekariſchen Realrechte kennt, den Vorzug vor dem complicirten Syſteme gab, uͤber welches disputirt ward: wovon er aber ſelbſt ſagte, daß er ſich bey keiner einzigen Parthey Beyfall oder auch nur Gehoͤr verſprechen duͤrfe*). Man muß den Gedanken aufgeben, alle Ge⸗ ſchaͤfte unter den Menſchen zu eben ſo großer Be⸗ ſtimmtheit und Gewißheit zu bringen, als ein vollzogner Kauf gewaͤhrt: aber es darf doch nicht unmoͤglich ſeyn, einem Herleiher Realrechte ein⸗ zuräumen. Hiezu iſt der natuͤrlichſte Weg, der alte deutſche Rentekauf. Dieſer beſchwert das Gut; aber nicht zugleich noch den ungluͤcklichen Eigenthuͤmer, mit der Laſt, des fuͤr Grundbeſitzer hoͤchſt unnatuͤrlichen, und wie die Erfahrung un⸗ ſrer Zeiten bewieſen hat, in ſchlimmen Zeiten rui⸗ noͤſen Anleihe⸗Contracts uͤber losbares Capital, der nur fuͤr Geſchäfte des Handels und Gewerbes paßt. Wenn ein ſo fehlerhaftes Anleihe⸗Syſtem ein⸗ mal eingefuͤhrt iſt, ſo muͤſſen freylich wohl Ver⸗ *) Conférence T. VII. p. 09. 267 anſtaltungen getroffen werden, die Sicherheit die der Schuldner anbietet, zu beglaubigen, und be⸗ truglichen Handlungen vorzubengen. Aber in je⸗ dem Syſteme das auf Billigkeit einige Ruͤckſicht nimmt, muſſen generelle und ſpecielle Hypotheken, privilegirte und conventionelle, neben einander exiſtiren. Es kommt nur darauf an, die ſchlimm⸗ ſten Colliſionen zu heben, und die Ungewißheit zu vermindern. Dieſer Zweck wird am beſten durch Verbeſſe⸗ rung der einheimiſchen Ordnung und durch ſorgfaͤl⸗ tige Aufſicht uͤber die Ausfuͤhrung aller Vorſchrif⸗ ten erreicht: nicht aber durch die Annahme eines Syſtems, welches ohne die Schwierigkeiten des in Deutſchland eingefuͤhrten zu beſeitigen, neue er zeugt; und auſſerdem noch durch eine Nebenbe⸗ ſtimmung, deren Grund und Veranlaſſung nicht recht einleuchtet, den Betrug ſehr erleichtert. Die Inſcriptionen werden nehmlich, nach dem Code Napoleon, nicht in Lagerbuͤcher nach Ord⸗ nung der Grundſtuͤcke eingetragen, wie das Ge⸗ ſetz vom gten Meſſidor vom Jahre 3 mit gutem 268 Grunde foderte, und wie es das deutſche Syſtem mit ſich bringt; ſondern auf die Namen der Schuldner gezeichnet. Wie leicht hier Verwechs⸗ lungen eintreten koͤnnen, wie leicht ein Verſehen des Hypothekenbewahrers unwiederbringlichen Schaden zufuͤgen kann; wie leicht es iſt, rurch eine falſche Angabe, den unvorſichtigen Glaͤubi⸗ ger, oder den mit Geſchaͤften uͤberladnen Hypo⸗ thekenbewahrer zu hintergehen, iſt einleuchtend. Nach dem Code Napoleon gilt jede Hypothek nur zehn Jahre lang; damit ſich nicht etwa die Spur in gar zu weitlaͤuftigen Buͤchern verliere. Dieſer Grund paßt allein, auf die aus andern Ur⸗ ſachen in Frankreich angenommene Form der Ver⸗ handlungen. In Deutſchland iſt nie eine gericht⸗ lich beſtellte, in ein ordentlich gefuͤhrtes Regiſter eingetragne Hypothek, durch ihr Alter verlohren gegangen. Wie aͤngſtlich beſorgt muß aber jeder Eigenthuͤmer einer hypothekariſchen Forderung da werden, wo das franzoͤſiſche Recht gilt! Wie leicht konnen vererbte vernachlaͤſſigt werden, und wie viele erloͤſchen da nicht von ſelbſt! * ——— 269 Daß das verderbliche Enregiſtrement im fran⸗ zoͤſiſchen Syſteme als Polizey⸗Maasregel unent⸗ behrlich iſt, und daher als Finanz⸗Operation nachfolgen muß: das geht beyher. Deutſche Re⸗ gierungen, denen die gaͤnzliche Gefuͤhlloſigkeit der franzoͤſiſchen Finanzkunſt gegen das Wohl der Un⸗ terthanen, ihre graͤnzenloſe Strenge und Hab⸗ ſucht, widerſtehet, haben geglaubt, das Hypo⸗ theken⸗ Syſtem des Code Napoleon ohne das En⸗ regiſtrement einfuͤhren zu können. Dadurch aber wird das pecuniaͤre Intereſſe aller Buͤrger, der hoͤchſt unſichern Geſchaͤftsfuͤhrung von Behoͤrden uͤbergeben, welche gar keiner wirkſamen Controle unterworfen ſind. Den Beſchluß des Code Napoleon macht der Titel von der Präſcription. Die revolutionaire Geſetzggebung gieng davon aus, den Beſitz mog⸗ lichſt zu beguͤnſtigen, und die Moralitaͤt allenthal⸗ ben aufzuopfern, wo dieſes dazu dienen konnte, Streitigkeiten zu vermeiden, und das aͤuſſere Recht zu ſichern. Jeder huͤte ſich: das war die Loſung. Dieſem zufolge ſollte der factiſche Beſitz durch die oͤffentliche Gewalt geſchuͤtzt, und uͤber 270 den Urſprung deſſelben ſo wenig als moglich eine Unterſuchung zugelaſſen werden. In dem Pro⸗ jecte, welches Cambacérès vorlegte, war als all⸗ gemeine Regel angenommen, daß zehn Jahre Be⸗ ſitz unbeſtreitbares Eigenthum begruͤnde: in kei⸗ nem Falle war eine laͤngere Zeit zur Praͤſcription erfoderlich, als hoͤchſtens funfzehnjährige. Die Beſtimmungen des Code Napoleon ſind nicht ſo hart: wenn aber die Praxis des roͤmiſchen Rechts neuer Beſtimmungen in dieſem Stuͤcke bedarf, ſo wird es leicht ſeyn, die Gruͤnde zu ſolchen, aus der Sache ſelbſt zu nehmen. Die letzte Hälfte des Code Napoleon, welche ſich mit den willkuͤhrlichen Verhandlungen unter den Menſchen beſchaͤftigt, iſt durch die Natur der darin abgehandelten Gegenſtände, tief mit der Pro⸗ ceßordnung verwickelt. Eine ſolche innige Ver⸗ bindung zwiſchen den Geſetzen und dem Proceß⸗ gange, muß ſich in Anſehung jener Theile des Rechts allenthalben ſinden. Die ganze Verhand⸗ lung vor dem Richter, hat nicht zum Zwecke, ein⸗ fache Fragen zur Entſcheidung zu bringen, auf de⸗ men alles beruhet, ſo oft das Geſetz die Will⸗ 27½ kuͤhr des Menſchen beſchraͤnkt. Das Geſchaͤft der Anwalde und der Richter beſtehet hier vielmehr darin, vdas Gewebe menſchlicher Entſchluͤſſe und Verhandlungen aufzuloͤſen, in welchen die Par⸗ theyen ſelbſt nicht recht gewußt haben, was ſie wollten: oder wo ſie ſolche unvermeidliche Folgen ihrer Unternehmungen nicht vorhergeſehen haben, die ihre fruͤhern Verabredungen in Widerſpruͤche verwickeln, und wodurch die Rechtsbeſtaͤndigkeit derſelben gefaͤhrdet, oder gar zum Theile aufge⸗ hoben wird: oder endlich, wo ſpaͤtere Schritte ihre anfaͤngliche Lage abgeaͤndert, und den Gegen⸗ theil ebenfalls in eine andre geſetzt, oder ihm Ver⸗ anlaſſung zu Verſuchen gegeben haben, ſich aus einem fuͤr nachtheilig erkannten Handel herauszu⸗ wickeln. Die Frage, die dem Richter zur Ent⸗ ſcheidung vorgelegt wird, beſteht in allen ſolchen Proceſſen— und dieſes ſind bey weitem die mei⸗ ſten: denn uͤber klare und einfache Streitfragen proceſſirt man nicht, ohne eine ſeltne Verblen⸗ dung:— in jenen Proceſſen alſo iſt die Frage nicht, wer hat urſpruͤnglich Recht gehabt? ſon⸗ dern dieſe: wer hat eine Stellung anzunehmen gewußt, in der ihm ſein Gegner nichts abhaben 27½ kann, ohne anerkannte Rechte von einer oder der andern Seite zu verletzen? Da dieſe Stellung im Proceſſe ſelbſt, durch jedes Eingeſtändniß, durch jede Forderung und abgenoͤthigte Beſtim⸗ mung, wieder veraͤndert wird, ſo iſt dieſe Ver⸗ handlung vor dem Richter nur eine Fortſetzung der fruͤhern auſſergerichtlichen; und der Gang den ſie zufolge der vorgeſchriebnen Ordnung nehmen muß, iſt auf das innigſte mit den Verhaͤltniſſen ver⸗ wickelt, die die Geſetze in der Sache ſelbſt vorſchrei⸗ ben. Es iſt daher ganz unmoͤglich, ein fremdes zuſammenhaͤngendes Rechtsſyſtem, ohne eine cor⸗ reſpondirende Proceß⸗Ordnung, einzufuͤhren. Es entſtehen bekanntlich ſchon in der Anwen⸗ dung romiſcher Rechtsſaͤtze mannigfaltige Schwie⸗ rigkeiten daher, daß die alte roͤmiſche Gerichtsver⸗ faſſung und die damit verbundnen Actionen, nicht eben ſo wie die roͤmiſchen Geſetze und Rechtslehre ein⸗ gefuͤhrt ſind. Bey dem neufranzoͤſiſchen Rechte aber ſind dieſe Schwierigkeiten unendlich groͤßer. Sie erzeugen eine vollige Unmoͤglichkeit, das Syſtem in der wirklichen Welt geltend zu machen, ohne die Proceß⸗Ordnung einzuführen. Es muß dieſes jedem 273 jedem einleuchten, der den Code Napoleon auch nur oberflaͤchlich durchlaͤuft: denn es iſt unmoͤg⸗ lich, das letzte Drittheil deſſelben auch nur einmal zu verſtehen, ohne den Code de Procédure ci- vile zu Huͤlfe zu nehmen. Die wichtigſten Arti⸗ kel beziehen ſich auf ein Verfahren, auf Behoͤrden, auf Befugniſſe, Pflichten und Verhaͤltniſſe, die allein im Proceßgange ihren Grund haben. In Deutſchland hat ſich in der langen Reihe von Jahrhunderten ein Verfahren gebildet, wel⸗ ches die verſchiednen geltenden Rechte zu einem Ganzen vereinigt. So mannigfaltige Beſtandtheile auch urſpruͤnglich in dieſes Gewebe hineingezogen worden, ſo hat ſich dennoch am Ende durch die fort⸗ geſetzten Bemuͤhungen ſo vieler thätigen Rechtsge⸗ lehrten alles in einander fuͤgen muͤſſen, und Deutſch⸗ land iſt nicht im Zuſtande einer heilloſen Ver⸗ wirrung, unter derHerrſchaft alten Un⸗ ſinns, wie diejenigen unter ſeinen eignen Rechts⸗ gelehrten vorgeben, die ſich von dem Glanze eines conſequenten Syſtems verblenden laſſen, und um Aufſehen zu erregen, lieber die Lobredner des Neuen machen, als mit Aufopferung der Eitel⸗ 18 274 keit, ſich weniger ſcheinbares Verdienſt, durch Be⸗ arbeitung des Guten im Alten zu erwerben. Deutſchland hat ſich im Ganzen bey ſeiner Rechts⸗ pflege wohl befunden, und beſitzt eine ſehr ehr⸗ wuͤrdige und geehrte Juſtizverwaltung: wenn dieſe gleich mancher Verbeſſerungen beduͤrftig iſt. Welch ein gewagtes Unternehmen! dieſe mit einer andern zu vertauſchen: auf die unſichre Hof⸗ nung, die neue werde dereinſt noch mehr leiſten, als die alte. Bey einer Unterſuchung uͤber die Einfuͤhrung der neuen franzoͤſiſchen Proceß Ordnung⸗ muß vorzuglich die Lage der Rechtsgelehrten betrachtet werden. Die Folgen einer Veraͤnderung der Ge⸗ ſetze, treffen zunächſt die Partheyen. Bey der Einfuͤhrung einer neuen Proceßordnung hingegen, muß zunaͤchſt die Lage derer, welche ihre Strei⸗ tigkeiten fuͤhren und ſchlichten ſollen, erwogen werden. Man wirft ein neues Geſetzbuch hin. Von heute an ſoll nach demſelben geſprochen werden. 275 Aber dieſes Geſetzbuch beſteht doch nicht in einigen wenigen Anordnungen fuͤr einfache Verhandlungen oder Begebenheiten. Es iſt ein ganzes Syſtem von Begriffen, von Maximen und Regeln, aus denen die gebietenden und verbietenden Vorſchrif⸗ ten abgeleitet ſind. Nach dem Syſteme, in wel⸗ ches ſich Sachwalter und Richter hineingedacht ha⸗ ben, ſehen ſie jedes Geſchaͤft, jede ſtreitige Rechts⸗ frage an. So oft ſie von einer Vorausſetzung, von einem Begriffe ausgehen, den das neue Recht auf andre Art gebildet hat, erfolgt unfehlbar ein mehrentheils unheilbarer Mißgriff. Man zieht nicht ſo auf landesherrlichen Befehl den alten Men⸗ ſchen aus, und einen neuen an. Der Streit uͤber die beſte Art dem Code Napoleon geſetzliche Kraft zu ertheilen, der von zween gelehrten und hochachtungswuͤrdigen Männern,*) gefuͤhrt iſt, welche genoͤthigt waren, ſich dieſem verhaßten Ge⸗ ſchaͤfte zu widmen, und welche die Schwierigkei⸗ ten deſſelben mit einem Eifer unterſucht haben, den nur das wahrſte Intereſſe an der Sache ihrrr Nation aufrecht halten konnte, giebt ein trauriges * Die Herren von Almendingen und Grollmann. I18* 276 Reſultat. Der eine verlangte, der Code ſolle erſt bekannt gemacht, und die Einfuͤhrung Jahre lang zum voraus angekuͤndigt werden, damit je⸗ der ihn ſtudiren köͤnne. Es ſey unmoͤglich, mit der Anwendung anzufangen. Der andre erwie⸗ derte: man lerne nicht ſo ein neues Rechtsſyſtem. Nur durch die Anwendung begreife man es. Bey⸗ der Erinnerungen ſind nur zu gut gegrundet. Die einzige befriedigende Art der Einfuͤhrung wäre die⸗ ſe, wenn es ſo wie das Juſtinianeiſche in Deutſch⸗ land nicht verordnet wuͤrde, ſondern ſich einſchli⸗ che. In der Schule wurden die Koͤpfe angehen⸗ der Juriſten römiſch gebildet. Das Gedankenſy⸗ ſtem das ſie von daher mitbrachten, haben ſie in die Gerichtspraxis eingefuͤhrt: und ſo iſt das ro⸗ miſche Recht auf deutſchen Stamm gepropft. All⸗ maͤhlig iſt alles mit einander verwachſen. Eben ſo kann es mit der Proceßordnung ge⸗ hen, die zu einem neuen Rechte gehoͤrt. Soll die Einfuͤhrung derſelben auf einem an⸗ dern Wege verſucht und erzwungen werden, ſo muß die jetzige Generation auf eine grundliche 277 Rechtspflege Verzicht leiſten. Theoretiſche Kennt⸗ niß läßt ſich bald erwerben: und es iſt nicht zu bezweifeln, daß Maͤnner, die durch Richteraͤmter oder durch lange Praxis als Sachwalter, Bekannt⸗ ſchaft mit allen möglichen bürgerlichen Verhaͤltniſ⸗ ſen erworben hatten, und dadurch vorbereitet wa⸗ ren, ſich in kurzer Zeit mit dem Syſteme des Code Napoleon eben ſo gut bekannt gemacht haben, als franzoſiſche Juriſten, denen dieſes leichter gewor⸗ den ſeyn mag, die aber doch auch vieles zu vergeſ⸗ ſen und manches Neue zu lernen hatten. Aber damit iſt noch kein vollkommner Richter oder Sach⸗ walter des neuen Rechts gebildet. Wie iſt es moͤglich, ſich in jedem Augenblicke vor dem Ab⸗ wege zu huͤten, auf den gewohnte Gedanken fuh⸗ ren. Wie ſchwer, wieder einzulenken! Wie viel ſchwerer noch, das neue Geſetz im voraus zu be⸗ denken, den Gang eines verwickelten Geſchaͤfts ſo zu leiten, daß dabey der kunftig moͤgliche Rechts⸗ ſtreit beruckſichtigt werde: den angefangenen Pro⸗ ceß auf die Art zu behandeln, wie es die eigen⸗ thuͤmliche Form der neuen Ordnung verlangt. Dieſes iſt im franzöſiſchen Syſteme um ſo viel 278 ſchwieriger, da daſſelbe ganz auf die genaueſte Beobachtung des Formellen berechnet iſt. Durch die Form der Geſchaͤfte und ihrer Beglaubigung, ſollen Proceſſe vermieden werden: durch die vorge⸗ ſchriebne Form des Proceſſes ſoll der Rechtsgang ab gekuͤrzt, die Beendigung geſichert werden. Dieſes iſt der buͤrgerlichen Verfaſſung der Franzoſen, und dem National⸗Charakter, aus welchem dieſelbe hervorgegangen iſt, ganz weſentlich. Der Tri⸗ bun Grenier, ein praktiſch erfahrner, ſehr geachte⸗ ter Rechtsgelehrte, ſagt daher ganz ausdrücklich in ſeiner Empfehlung des 5ten Buches des Code de Procédure civile: on ne peut meconnattre le caractéère d'une nation, qui a toujours atta- ché de l'importance aux formes, parce qu'elle les considère comme la sauvegarde et de la propricté, et de la liberté individuelle, dont la conservation tient aux mèmes principes.*) Dieſes iſt nicht etwa Gewohnheit, einge⸗ ſchlichner Gebrauch, zufaͤllige Pedanterey eines *) Motif«, im 2ten Bande der Didotſchen Edition, S. 249. „der andern Canzlers, der ſeine individuelle An⸗ ſicht der Sachen, in Ordonnanzen ubertragen haͤt⸗ te. Der Grund liegt tiefer:; und die ganze Sa⸗ che iſt weſentlich mit der Idee der Rechtspflege verwebt, die in Frankreich nicht blos den neuen Anordnungen zum Grunde liegt, ſondern daſelbſt ſeit undenklicher Zeit geherrſcht hat. Nach deutſchen Begriffen iſt die Gerechtig⸗ keitspflege Eine unter mehreren Pflichten der Obrigkeit. Aber die Sorge, jedem das Seine zu erhalten und zuzuſprechen, iſt nicht die ausſchließ⸗ liche Pflicht des Regenten: ſo wie es die philoſo⸗ phiſche Theorie will, die in Frankreich ſchon vor der Revolution ſo viele Schuͤler und Anhaͤnger ge⸗ funden hatte, und in derſelben durchaus herrſchend geworden iſt. In Deutſchland macht ſie nicht ei⸗ nen ſo abgeſonderten Theil der Regierungsgeſchäf⸗ te aus, daß ihre unvermiſchte Reinheit, fuͤr das erſte Erforderniß einer guten Verfaſſung gelten könnte. Die Obrigkeit iſt dazu geſetzt, ihre Un⸗ tergebnen in Zucht und Ordnung zu halten: und dazu gehoͤrt denn auch die Entſcheidung der Pri⸗ vatſtreitigkeiten uͤber Mein und Dein. In den 280 deutſchen Laͤndern, in denen ſich die alte Natio⸗ naldenkungsart erhalten hat, giebt es keine gänz⸗ lich getrennte Hierarchie von gerichtlichen Behoͤr⸗ den. Die unterſte Inſtanz wird durch Beamte verſehen, die alles was Regiminal⸗ und Polizey⸗ Angelegenheiten genannt wird, zugleich beſorgen. Ja auch die obern Juſtizbehoͤrden ſind in deutſchen Laͤndern mehrentheils noch vor wenigen Menſchen⸗ altern, mit der Regierungsverwaltung verbunden geweſen. In der alten Verfaſſung der meiſten deutſchen Staaten; in vielen Provinzen, die durch den Tilſiter Frieden von Preußen getrennt wur⸗ den; in Sachſen; ſind die Polizey⸗Sachen von einem Collegio abhaͤngig, welches den Namen Re⸗ gierung fuͤhrt, und die Juſtiz verwaltet. In vie⸗ len kleinen Fuͤrſtenthuͤmern iſt die oberſte Staats⸗ behoͤrde, der fuͤrſtliche Geheime-Rath, zugleich hoͤchſte Juſtizſtelle. Erſt in neuern Zeiten hat die Ausbildung des Verwaltungs⸗Syſtems, eine Tren⸗ nung befoͤrdert, die durch das Anſchwellen aller Art von Geſchäften faſt nothwendig geworden war. Der einheimiſche Rechtsgang hat einen Charak⸗ ter, der mit den oben ausgefuͤhrten Ideen uͤberein⸗ 281 ſtimmt. Wer Ordnung und Ruhe unter den Men⸗ ſchen ſchaffen ſoll, die ſich zanken, hat auch dafur zu ſorgen, daß der Ausſpruch, durch welchen die Rechte der Partheyen beſtimmt werden, zur Vollziehung komme. In dieſer Vollziehung koͤnnte das Intereſſe des Untergebnen der im Streite unterliegt, noch mehr gefäͤhrdet werden, als es durch die Sache ſelbſt lei det: ſie macht daher ganz weſentlich einen Theil des obrigkeitlichen Amtes aus. In einem Rechtsſyſteme hingegen, welches davon ausgeht, daß die Beſchuͤtzung der natuͤrlichen und in der buͤrgerlichen Geſellſchaft geheiligten oder allenfalls modificirten Rechte jedes Einzelnen, den erſten oder vielleicht gar einzigen Zweck des buͤr⸗ gerlichen Vereins ausmache, kann von einer Auf⸗ ſicht der Obrigkeit eigentlich gar nicht die Rede ſeyn. Jedem ſteht vollkommne Freyheit zu, uͤber ſein Eigenthum zu verfuͤgen, und ſeine erworbnen Rechte uͤber andre Menſchen auszuuͤben. Wenn daruͤber Streit entſteht, ſo muͤſſen von Seiten der Staatsverwaltung, nur gewaltſame Thaͤtlichkeiten verhindert werden. Zu dem Ende wird die Voll⸗ ziehung anerkannter Rechte, welcher ſich der Ver⸗ 282 pflichtete nicht unterwerfen will, offentlich autoriſir⸗ ten Perſonen uͤbergeben. Huiſſiers. Wer dar⸗ thun kann, daß er ein anerkanntes Recht habe, das er nicht in Guͤte zu realiſiren vermag, kann es durch jene Gewaltboten ausuͤben laſſen. Jede urkunde, welche mit oͤffentlicher Beglaubigung verſehen iſt,(acte authentique) kann ohne Da⸗ zwiſchenkunft einer richterlichen Behoͤrde, ſofort vollzogen werden. Wenn die Sache aber ſtreitig iſt, ſo muß dem mit der oͤffentlichen Gewalt be⸗ liehenen, der Beweis vorgelegt werden, daß der Streit in Gemaͤsheit der Geſetze entſchieden wor⸗ den.(Autorité de chose jugée.) Wer ein zweifelhaftes Recht hat, muß zuvoͤrderſt fuͤr den Richterſpruch ſorgen, welcher es ihm zutheilt. Die Urkunde hieruͤber dient zur Rechtfertigung der Zwangsmittel, durch welche der Privatmann ſein von gerichtlicher Behoͤrde anerkanntes Recht, mit⸗ telſt derer, welche die oͤffentliche Gewalt handha⸗ ben, vollziehet. Daß aber jener Spruch durch richterliche Behoͤrden ertheilt wird, iſt etwas ganz unweſentliches. Es ließe ſich eben ſo gut denken, daß gar keine Richter und keine Gerichtshoͤfe exi⸗ ſtirten: daß alle Streitigkeiten unter den Mitglie⸗ 283 dern der buͤrgerlichen Geſellſchaft, auf andre Art ausgemacht wuͤrden: z. B. durch die naͤchſten Ver⸗ wandten beyber Theile, ſo wie die republikaniſche Geſetzgebung in einem Decrete vom 20 Septbr. 1792 die Eheſcheidungsproceſſe an einen Fami⸗ lienrath zur Entſcheidung verwieß: oder durch willkuͤhrlich zu ernennende Schiedsrichter jedes ein⸗ zelnen Falles. Oder es koͤnnten etwa die Docto- res inris, als anerkannt rechtskundige Maͤnner, die Befugniß erhalten, Erkenntniſſe abzugeben*). Fede Parthey koͤnnte nach Gefallen einen waͤhlen, und dabey moͤgte uͤber den Obmann eine beliebige Einrichtung getroffen werden: oder es koͤnnten, wie in Athen, jaͤhrlich Ausſchuͤſſe aus der Ge⸗ meinde gewaͤhlt werden, die alle Klagen anhoͤrten und entſchieden; und bey ſolchen Rechtsſpruͤchen von Standesgenoſſen, wodurch wenigſtens die al⸗ *) Schon nach der vormaligen, und gegenwäͤrtig be⸗ ſtätigten franzoͤſiſchen Gerichtsverfaſſung, muß ein zu ſchwach beſetzter Gerichtshof, Sachwalter in ſich aufnehmen, um ein von der geſetzmäßigen Zahl von Rechtsgelehrten abgegebnes Erkenntniß heraus zu bringen. Ein Verfahren, das in der deutſchen Ju⸗ ſtiz ganz monſtroͤs ſeyn wuͤrde. 284 ten Gewohnheiten geſchuͤtzt wuͤrden, moͤgten ein⸗ fache Landleute ſich allenfalls beſſer befinden, als bey einer Juſtizverwaltung, welche nur der ge⸗ prieſenen Einfoͤrmigkeit der allgemeinen Geſetze huldigt, ohne das beſonbre zu beruͤckſichtigen. Bey allen ſolchen Anordnungen beduͤrfte es vielleicht nur eines Praͤſidenten, der darauf achtete, daß alles ordnungsmaͤßig zugehe, die Stimmen zaͤhlte, ohne ſelbſt votiren zu duͤrfen, und der die Beglaubigung ausſtellte, daß der Rechtsſpruch geſetzmaͤßig abgegeben worden. Im franzoͤſiſchen Syſteme giebt es zwar vom Staate beſtellte Richter. Aber ihr Geſchaͤft ſollte ſich, wenn man recht conſequent ſeyn wollte, auf den einfachen Act des Urtheils einſchraͤnken: die⸗ ſer hat recht, jener hat unrecht. Wirklich iſt die Einleitung des Proceſſes, bis zu dem Urtheilsſpruche, im franzoͤſiſchen Rechte, den Partheyen ſelbſt uͤberlaſſen, und beſteht in Communicationen, die durch Vermittelung der Huſſſiers gemacht werden. Der Richter tritt nur ein, ſo oft ein urtheilsſpruch uͤber einzelne ſtrei⸗ tige praͤparatoriſche Schritte, uͤber einzelne Punkte der Beweisführung oder Vorfragen abzugeben iſt, und endlich, um die Definititiv⸗Sentenz auszu⸗ ſprechen. Der ganze Proceß gleicht mithin einem Tur⸗ niere, wobey die Huiſſiers als Herolde darauf achten, daß alles nach den Geſetzen des Kampfes zugehe. Nur ſelten tritt der Praͤſident des Ge⸗ richts, nie aber das Gericht auf, um die Angriffe und Vertheidigungsſchritte zu regeln. Da nun vey dieſer Verhandlung, das Urtheil uͤber die Sache ſelbſt bis zum Schluſſe, gar keinen Einfluß hat, und es allein darauf ankommt, daß die Partheyen ſich in eine Stellung bringen, da der Richter end⸗ lich dazwiſchen treten kann, um den Ausſchlag zu geben, ſo iſt es durchaus nothwendig, die For⸗ men der ganzen Verhandlung den vollſtaͤndigſten und genaueſten geſetzlichen Beſtimmungen zu un⸗ terwerfen, ohne welche der Streit nie zum Ende gebracht werden konnte. Der Staatsrath Faure ſagte daher ſehr richtig in ſeiner Rede uͤber das Verfahren vor den Tribunälen erſter Inſtanz; 286 Quand on parle de formes, il faut bien se garder de dire, que tout ce qui n'est pas de- fendi est permis: il faut au contraire se rap- peller sans cesse, que tout ce qui n'est pas permis, est defendu*). Es iſt einleuchtend, von welcher Wichtigkeit das Amt der Huiſſiers iſt. Sie machen ein ſte⸗ hendes Heer aus, dem die Aufrechthaltung der innern Ordnung in buͤrgerlichen Angelegenheiten uͤbertragen iſt, ſo wie die Marechauſſee, oder Gendarmerie, wie ſie jetzt genannt wird, die Po⸗ licey handhabt. Bey der Ausfuͤhrung der gewalt⸗ ſamen Maasregeln, welche auf Veranlaſſung von einfachen Notariats Urkunden, und von Urtheils⸗ ſpruͤchen der Gerichte zu ergreifen ſind, iſt ihnen alles allein uͤberlaſſen. Sie koͤnnen die Leiden⸗ ſchaften der Partheyen beguͤnſtigen; das heftigſte Andringen vereiteln: alles wie ſie wollen, dafern ſie ſich nur durch die Formen zu ſchuͤtzen wiſſen, die ihnen und den Partheyen vorgeſchrieben ſind. In der Leitung des Proceſſes, die ihren Functio⸗ *) Motifs du Code de Proeédure civile T. a. p. 30. 287 nen uͤberlaſſen iſt, koͤnnen ſie durch Vernachläſſi⸗ gung oder durch Einverſtändniß mit einer Parthey, die andre um alles bringen: und welchen gefaͤhr⸗ lichen Folgen dieſe Anordnung ausgeſetzt iſt, be⸗ weiſet ſchon hinlaͤnglich das Zeugniß des Staats⸗ raths Treilhard, der in ſeiner erſten Rede zur Em⸗ pfehlung des neuen Code de Procédure civile ſagt*): Un'est que trop souvent arrivé qu'un huissier prévaricateur a manqué de don- ner une copie de son exploit à là personne qu'il assigne, c'est ce qu'on appelle, en langue vul- gaire, souffler une copie. Linfortuné qu'on a dä citer ne peut pas se montrer sur une interpellation qu'il ignore: on prend con- tre lui un jugement par défaut; si la prévari- cation se prolonge, on lui soustrait encore la copie de la signification du jugement: il vit daus une securité profonde, et lorsque tous les dlais pour se pourvoir sont ecoulés, le mal- heureux peut étre ecrasé par une procédure dont il n'a pas mème soupgonné I'existence. *) Motifs du Code de Procédure civile p. 32. 288 Er fuͤgt zwar hinzu: je crois ponvoir annon- cer que l'abus, ou plutòt le delit, est ecarté sans retour. Aber eben der 156 Art. des Code de Procédure, wodurch dies geſchehen ſeyn ſoll, beweiſet, wie gefaͤhrlich dieſe Organiſation der exe⸗ cutiven gerichtlichen Gewalt iſt. Denn hier wird die Wirkſamkeit des Huiſſiers an eine Autoriſa⸗ tion des Gerichts gebunden, von welchem ſie doch ganz unabhaͤngig ſeyn ſollte. Im uͤbrigen ſtehen ſie wirklich blos unter den Procuratoren und General⸗ procuratoren der Regierung, und vermittelſt dieſer, zuletzt, unter dem hoͤchſten Oberhaupte der Rechts⸗ pflege. Hier iſt alſo wieder eine ganz neue, Deutſch⸗ land bisher ſo unbekannte Staatsbehoͤrde, daß die Sprache nicht einmal einen Namen dafuͤr anzuge⸗ ben weiß. Welcher Claſſe von Menſchen werden dieſe Geſchaͤfte in die Haͤnde fallen? Zunaͤchſt den Unterbedienten der Juſtiz, die in der neuen Verfaſſung keinen andern Platz finden: und hier keiner Mitwerbung hoͤherer Diener der Verwal⸗ tung ausgeſetzt ſind: weil dieſe ein Geſchaͤft das vorhin ſehr untergeordnet war, und nur durch ſeine 289 ſeine nunmehrige Unabhaͤngigkeit Gewicht erhält, verſchmaͤhen werden. Wenn aber einmal dem Amte in der oͤffentlichen Achtung ein niedriger Platz angewieſen iſt, wie ſoll es ſich darin wieder heben? Ein daurendes Misverhältniß zwiſchen dem Geſchaͤfte und der Wurde der damit beauf⸗ tragten Perſonen, wird auf ſehr lange Zeit, und vielleicht auf immer begruͤndet. Die Richter ſind im neuen Syſteme chineſiſche Pagoden, die auf vorgelegte Fragen mit dem Kopfe nicken, den Kopf ſchutteln. Der glänzende, ehrenvolle und wirklich ver⸗ dienſtliche Theil der Rechtspflege, fällt hingegen faſt ausſchließlich den Sachwaltern zu. Das Geſchäͤft derſelben hat an ſich ſelbſt ſchon einen weit groͤßern Reiz, als die ernſte, trockne Ar⸗ beit des Richters. Jene lſind in freyer Thaͤtigkeit; und haben Gelegenheit, alle Talente des Geiſtes zu zeigen: ſie koͤnnen den Trieb befriedigen, etwas zu wirken und zu Stande zu bringen: dahingegen 19 290 der Richter nur wenn er aufgefodert wird, ent⸗ ſcheidet, und damit Sachen und Partheyen ent⸗ laͤßt, die ihm nichts mehr ſind, ſo bald er ſie fuͤr den Augenblick zur Ruhe gebracht hat. Der Sach⸗ walter hat die Befriedigung, einem gefährdeten, unterdruͤckten, gekraͤnkten, zu ſeinem Eigenthume, ſeinen gerechten Erwartungen, ſeiner Ehre, zu helfen. Der Richter hat nur das negative Ver⸗ dienſt, daß er nicht unrecht geſprochen, und mit⸗ telſt aller Anſtrengung des Geiſtes, den Punkt getroffen hat, der das Unrecht abwehrt. Die Vorwuͤrfe der Welt und ſeines eignen Gewiſſens treffen ihn, wenn durch ſeine Nachlaͤſſigkeit, Unachtſamkeit, Unwiſſenheit, oder Traͤgheit, ein urtheilsſpruch abgegeben iſt, der eine ungluͤckliche Parthey um ihr Recht bringt. Seine Verdienſte hingegen bleiben mehrentheils unerkannt. Nur die wenigen, die in die Kenntniß des Geſchaͤfts eingeweiht ſind, können ſeine Vorzüge beurthei⸗ len und ſchatzen: die Einſicht, die Anſtren⸗ gung der Aufmerkſamkeit und des Nachdenkens, die uberlegne Schaͤrfe einer natuͤrlich kraͤftigen und durch Arbeit geſtaͤrkten Urtheilskraft, wodurch die treffende Entſcheidung eines verwickelten Rechts⸗ 291 handels, deſſen zweifelhafte Seiten durch gewandte Sachwalter in ein falſches und oft blendendes Licht geſtellt ſind, zu Stande gebracht wird. In der deutſchen Rechtspflege gewaͤhrt die Direc⸗ tion des Proceſſes dem Richter eine Befriedigung, weil er darin ſelbſtthaͤtig iſt. Wenn er gleich alles Intereſſe an der Parthey unterdruͤcken muß, ſo darf er doch an dem ordnungsmaͤßigen Gange ih⸗ rer Verhandlung Antheil nehmen, und wirkt auf dieſelbe ein. Er iſt nicht genoͤthigt, alles menſchliche in ſich zu ertoͤdten, und ſich in einen reinen Ab⸗ druck des abſtracten Geſetzes zu verwandeln, ſo wie in der franzöſiſchen Rechtspflege. In dieſer kommt zu allem, was hier uͤber das Verhaͤltniß des Sachwalters zum Richteramte be⸗ merkt iſt, noch die muͤndliche Verhandlung in der oͤffentlichen Audienz hinzu. Hier ſind alle Vor⸗ theile doppelt auf der Seite des Anwaldes. Seine Talente, und ſogar ſeine Perſon, werden ein Gegenſtand oͤffentlichen Beyfalls, vielleicht der Bewundrung. Die Zuhoͤrer nehmen Parthey; 10 292 fuͤr einen oder den andern unter den Streitenden: niemals fuͤr den Richter. Dieſer kann der bitter⸗ ſten Misbilligung aller derer gewiß ſeyn, denen die Anſicht der Sache einleuchtete, die er verwor⸗ fen hat: aber niemals einen lebhaften Beyfall hoffen. Hoͤchſtens kann er erlangen, daß man mit ihm nicht unzufrieden iſt: und dieſe Lage gegen das Publikum ſchickte ſich wirklich beſſer fur Richter, die wie oben angegeben worden, unter dem Volke abwechſelnd fuͤr jeden einzelnen Fall gewaͤhlt wären, als fur ſolche, die ſich einem eignen beſchwerlichen Berufe im Dienſte des Staates widmen mäſſen. Jene koͤnnten ganz wohl damit zufrieden ſeyn, wenn ſie nur in einem Geſchaͤfte ohne Vorwurf blieben, welches als eine gemeine Buͤrgerpflicht, das naͤchſte mal an einen andern ubergehen wuͤrde, von welchem der, welcher heute Recht gab, morgen Recht nehmen muͤßte. Der Richter aber, welcher ein Staats-Amt bekleidet, kann bey der beſchraͤnkten Beſtimmung des franzoſiſchen Syſtems, ſeine gerechten An⸗ ſprche auf offentliche Anerkennung ſeines Werths und ausgezeichnete Wurde nicht geltend machen: und die Magiſtratur wird auch in Frankreich, 293 ohnerachtet der mannigfaltigen Bemuͤhungen ſie durch aͤußre Ehre und Rang zu heben, immer weit gegen die Bedienten der Adminiſtration zu⸗ ruͤck ſtehen. Das Geſetz befiehlt zwar, daß das Urtheil in dem Augenblicke abgegeben werde, da alle vorge⸗ brachten Thatſachen und Beweiſe dem Richter noch vorſchweben: aber die muͤndliche Verhandlung in der Audienz iſt ſo wenig zureichend, ihn dazu in Stand zu ſetzen, daß ihm hat nachgelaſſen werden muͤſſen, die Sentenz bis auf eine andre Sitzung auszuſetzen, und zu dem Ende die Actenſtucke nieder zu legen. Es iſt ſehr begreiflich, daß hieraus in allen ſchwierigen Sachen eine Wieder⸗ hohlung der Verhandlung vor dem Gerichte, mit⸗ telſt eines Referenten entſtehn muß, bey welcher die muͤndliche Erorterung ein uͤberfluͤſſiger Thea⸗ teraufzug wird: daß insbeſondre deutſche Rich⸗ ter, welche ſich in eine dem Nationalcharakter ſo fremde Procedur nicht finden koͤnnen, den ihnen angebotnen Ausweg benutzen werden, die Sachen ſo zu behandeln, wie es ihnen ſelbſt angemeſſener iſt: und daß die muͤndliche Verhandlung daher 294 mehrentheils nur unnuͤtzen Zeitverluſt verurſacht⸗ Sie dient alſo hauptſaͤchlich dazu, daß Sachwal⸗ ter, die vormals das Gewicht des richterlichen An⸗ ſehens ungeduldig ertrugen, ſich nunmehr ſchad⸗ los halten, indem ſie ihrer Beredſamkeit freyen Lauf laſſen. Die Richter muͤſſen anhoͤren, und koͤnnen ſchwerlich abweiſen was nicht zur Sache gehoͤrt. Denn alles gehoͤrt zur Sache, fuͤr den der ſich gern hoͤren laͤßt. So genau indeſſen das ganze Verfahren in der franzoͤſiſchen Ordnung auch zuſammen haͤngt, ſo verſtattet dennoch die Verwicklung worin alle menſchliche Angelegenheiten ſich befinden, niemals und in keinem Stuͤcke, ein reines Syſtem voll⸗ kommen conſequent durchzufuͤhren. Es finden ſich alſo auch in der ſeit der Revolution unter dem Namen Napoleons eingefuͤhrten Rechtspflege, Ab⸗ weichungen von den allgemeinen Grundſätzen. Um nur einige Beyſpie le anzufuͤhren, ſo uͤberlaͤßt der Art. 126 des Code de Procédure civile dem Richter, in jedem einzelnen Falle nach Umſtaͤnden zu beurtheilen, ob auf die Contrainte par Corps erkannt werden ſolle. Im Art. 1244 des Code 295 civil iſt ihm die Befugniß ertheilt, in dringen⸗ den Faͤllen dem Schuldner Friſten zur Zahlung zu bewilligen. Nach dem Art. 13574 duͤrfen die Rich⸗ ter den vom Negotiorum gestor zu zahlenden Schadenserſatz, in Betracht der Umſtände ermaͤ⸗ ßigen. In der Part. 2. Liv. 2. Tit. 7, iſt den Richtern bey der Vertheilung von Erbſchaften vie⸗ les aufgetragen, was nicht zur Entſcheidung ſtrei⸗ tiger Fragen gehoͤrt. So ſehr haben ſogar die Redactoren des neuen franzoſiſches Geſetzbuches gefuͤhlt, daß es nicht möglich iſt, dem Richter alles obrigkeitliche An⸗ ſehn und Aufſicht zu entziehen. Wenn ſie aber gleich in einzelnen Fallen von ihrem eignen Grund⸗ ſatze haben abweichen muͤſſen, ſo beſtaͤtigen die Dispositions genérales am Schluſſe des Code de procédure civile, die allgemeine Regel indem ſie die in die alte franzöſiſche Juſtizverwal⸗ tung eingeſchlichne Gewalt des Richters, Nulli⸗ taͤten, Strafen, Rechtsverluſte, die das Geſetz an⸗ drohet, nach Umſtaänden nachzulaſſen, und dage⸗ gen ſeine Gewalt Verhandlungen zu verwerfen, 296 vie nicht ſchon an ſich ſelbſt vermoͤge geſetzlicher Dispoſitionen nichtig ſind gaͤnzlich abſchafft. Da ſich das Geſchaͤft des Richters ſolcherge⸗ ſtalt in der Regel auf die einfache Handlung be⸗ ſchraͤnkt, ein Erkenntniß abzugeben, ſo hat die Parthey einen rechtlichen Anſpruch auf ein ſolches Erkenntniß, ſobald die Sache inſtruirt iſt. Wenn dieſes geſchehen, kann ſie die Richter auffordern laſſen, die Sentenz abzugeben: und im Falle dieſe Aufforderung ohne Wirkung bleibt, darf ſie den Richter wegen eines Deni de justice belan⸗ gen, worauf forfaiture(Verluſt des Amtes) ſteht.*) Dieſe Einrichtung kann im deutſchen Proceſſe durchaus nicht ſtatt finden, in welchem die Inſtruction vom Richter abhaͤngt. Es waͤre aber allerdings zu wuͤnſchen, daß ein andres eben ſo kraͤftiges Mittel gegen die Verzoͤgerung der Ju⸗ ſtiz von Seiten der Richter, ausgefunden wuͤrde, welche im deutſchen Rechtsgange durch eine hoͤchſt unvollkommne und mehrentheils ſchlaffe Aufſicht der hoͤchſten Juſtizbehoͤrden allein, ſo ſchwer zu verhindern iſt. —— *) Code de Procédure civile Art. 506 ff. 297 Es wird von dem neuen franzoͤſiſchen Syſteme der Rechtspflege vorzuglich geruͤhmt, daß in dem⸗ ſelben die Unabhaͤngigkeit der Juſtiz vorzüglich gut geſichert ſey. Das ganze bisher charakteriſirte Ver⸗ fahren ſcheint zwar hierauf angelegt zu ſeyn. Sie beruhet aber im Grunde auf ganz andern Dingen, und laͤßt ſich bey einem militairiſch- des potiſchen Regimente gar nicht denken.*) Die Unabhaͤn⸗ gigkeit franzoͤſiſcher Gerichte beſteht darin, daß die Appellationshoͤfe gar keine Aufſicht uͤber die *) Eine Probe davon, in welchem Sinne die Richter unter einer Napoleoniſchen Regierung unabhängig ſind, giebt ein Schreiben des franzoͤſtſchen Juſtizmi⸗ niſters und Cammerherrn Siméon zu Caſſel(vor⸗ mals Advocaten in Paris) vom Jahre 1813, an die Gerichtshoͤfe die zu Hannover Celle und Uelzen er⸗ richtet waren. In demſelben wird dieſen Richtern bedeutet, ſie hätten verdient, abgeſetzt zu werden; und wuͤrden in Frankreich göwiß abgeſetzt ſeyn, weil ſie den von der hohen Policey an ſie gebrachten An⸗ trag, das Vermoͤgen Hannoͤveriſcher Miniſter, die zu einer ruſſiſchen Armee gegangen ſeyn ſollten, zu ſequeſtriren, den Vorſchriften des Geſetzes nicht an⸗ gemeſſen fanden, nach welchem zu ſprechen, ſie an⸗ gewieſen waren. 298 Tribunaͤle erſter Inſtanz zu fuͤhren haben. Jene wie dieſe, geben Erkenntniſſe ab, wenn ſie dazu berufen werden. Das iſt alles. Da aber Rich⸗ ter, ſobald ihre Function die beſondre Beſtimmung eines eignen Amtes ausmacht, gleich allen an⸗ dern offentlichen Behoͤrden, einer Aufſicht oder Controle von Seiten der Staatsgewalt unterwor⸗ fen ſeyn muͤſſen, ſo iſt dieſe im franzoͤſiſchen Sy⸗ ſteme dem Ministére public, Procuratoren und General⸗Procuratoren des Regenten aufgetragen, die alles was im Gerichte vorgeht, beachten muͤſ⸗ ſen, in ſo fern nicht das Intereſſe einer Parthey, ſondern die oͤffentliche Ordnung gefährdet wird. Die Idee dieſes Amtes iſt ſo ganz weſentlich und innigſt mit der franzoͤſiſchen Proceßordnung ver⸗ webt, daß es ſich in keiner andern denken läßt. Nur da, wo die Richter nicht Beamten der oͤffent⸗ lichen Ordnung, ſondern bloße Urtheilsfinder ſind, kann die Controle durch einen beſtellten Contra- dictor perpetuus ſtatt finden. In einem deut⸗ ſchen Gerichte wurde ein Koͤniglicher Procurator, der niemals votirt, aber alles monirt, und das Mangelhafte hoͤhern Orts denunciirt, eine heilloſe Verwirrung ſtiften: innere Zwietracht und Eifer⸗ 299 ſucht wuͤrden den Fortgang aller Geſchaͤfte hem⸗ men. Die große Wirkung, welche das Ministèére public in der franzoſiſchen Gerichtsverfaſſung thut, mag alſo wohl die Aufmerkſamkeir erfahrner Rechtsgelehrten in Deutſchland reizen, und ſie veranlaſſen, zwey Gegenſtände, der ernſtlichſten ueberlegung zu unterziehen, die zu den weſent⸗ lichſten Maͤngeln der Rechtspflege in deutſchen Staaten gehoͤren: erſtlich; die Aufſicht uͤber die Gerichte, und uͤber die Vernachläſſigung, deren ſich träͤge und leichtſinnige Richter ſchuldig machen, und gegen welche die Klagen bey hoͤhern Inſtanzen uber verzögerte Juſtiz ſo unkräftig ſind: und zweytens, die Fuͤrſorge fur die Angelegenheiten der offentlichen Inſtitute, der Pupillen, und andrer Perſonen die einer Autoriſation beduͤrfen; wel⸗ che den franzöſiſchen Procuratoren des Regenten ebenfalls obliegt. Dieſes Inſtitut kann nicht in die deutſche Verfaſſung verpflanzt werden. Es iſt zu wuͤnſchen, daß es durch etwas andres erſetzt werde. Ueberhaupt iſt es unmoglich, aus der franzö⸗ fiſchen Proceß⸗ und Gerichts⸗Ordnung etwas an⸗ 300 zunehmen, ohne das Ganze zu adoptiren. Das franzoͤſiſche und das deutſche Syſtem, divergiren vom erſten Punkte an, von da ſie ausgehen. Die neue franzoͤſiſche Proceß⸗Ordnung iſt mit einer bewundernswuͤrdigen Conſequenz abgefaßt. Die Rechtsgelehrten ihrer Nation halten den Code de procédure civile fuͤr ein Meiſterſtuͤck: fuͤr ein weit groͤßeres, als den Code civil ſelbſt, gegen den ſie, ohnerachtet aller Verbeugungen mit de⸗ nen ſie ihn immer erwaͤhnen, ein Mißtrauen he⸗ gen, das ſich nur mit vieler Muͤhe verleugnet, und wovon hier oben viele Proben angefuͤhrt ſind. Es iſt fehr begreiflich, daß dieſer Code de Pro- cõdurc civile einen ſo hohen Grad von Vollkom⸗ menheit erhalten konnte. Der Proceß iſt gar nicht revolutionirt. Die Grundzuge deſſelben ſind un⸗ veraͤndert geblieben, unterdeſſen alles andre eine neue Geſtalt annahm. Im alten franzöſiſchen Rechte beſaßen die Parlamente ein immenſes An⸗ ſehn. Aber dies beruhete darauf, daß ſie einen Theil der Legislation, und einen großen politi⸗ ſchen Einfluß, uſurpirt hatten. Dieſes iſt alles vernichtet: und gegenwärtig ſteht die Rechtſpre⸗ chende Behoͤrde, in voller Reinheit da. Alles 301 Fremdartige ward der Juſtizverwaltung durch den Fall der Parlamente entzogen. Die alte Form der Proceſſe aber harmonirte mit dem herrſchenden Syſteme gut genug, um ſie im we⸗ ſentlichen beyzubehalten. Die Ordonnance von 1667, welche das Hauptgeſetz daruͤber ausmach⸗ te, konnte einer vollſtaͤndigern und der in der Re⸗ volution hinzugekommenen Veranſtaltungen und Principien angepaßten Proceßordnung, zum Grun⸗ de gelegt werden. In jener fur ihre Zeit hoͤchſt wohlthaͤtigen Verordnung, dem Werke der großten Rechtskundigen des ſiebzehnten Jahrhunderts, wa⸗ ren die Hauptzuͤge gut vorgezeichnet. Sie war, wie alles vortrefliche in praktiſchen Arbeiten, nicht aus einem ſpeculativen Syſteme entſtanden, ſon⸗ dern aus Erfahrungen, aus Beobachtungen uͤber das Mangelhafte und über die Beduͤrfniſſe, durch ernſten Willen kräftiger Haupter der buͤrgerlichen Ordnung gebildet. Aber das Wert war begreiflicher Weiſe nicht vollſtaͤndig: und auch die Bemuͤhun⸗ gen andrer vortreflicher Magiſtratsperſonen des achtzehnten Jahrhunderts, denen Frankreich neue wohlthaͤtige Anordnungen verdankte, hatten noch vieles uͤbrig gelaſſen. Z. B. iſt die dreyßigjaͤhri⸗ 302 ge executoriſche Kraft eines rechtskraͤftigen Erkennt⸗ niſſes, dieſes furchtbare Mittel einen in unver⸗ ſchuldeter Unwiſſenheit ſicher lebenden Erben durch die Ausuͤbung von Rechten die aus Leichtſinn oder aus Bosheit vernachlaͤſſigt worden ſind, zu Grun⸗ de zu richten, erſt im Code de Procédure civile auf Sechs Monate beſchraͤnkt. Durchgehends wa⸗ ren unzaͤhlige Nebenbeſtimmungen dem ſchwanken⸗ den und ungleichen Gerichtsgebrauche uberlaſſen. Das Geſchaͤft, denen im Laufe von mehr als hundert Jahren ſo tief empfundnen und oft geruͤg⸗ ten Mängeln, durch eine neue Ordnung abzuhel⸗ fen, ward Perſonen aufgetragen, welche ſich mit der Anwendung der beſtehenden Vorſchriften ihr ganzes Leben hindurch beſchaͤftigt hatten, und da⸗ her am geſchickteſten waren, die Luͤcken derſelben auszufullen. Wenn man in manchen Artikeln des Code civil den Geiſt vermißt, der von einem erhabnen Standpunkte in der buͤrgerlichen Geſell⸗ ſchaft zeugt; und oft wuͤnſchen muß, daß der große Sinn des Richters mehr die Oberhand behalten hätte: ſo kann man im Code de Procẽdure nicht verkennen, daß dieſe Arbeit von Sachwaltern den 303 Stempel der vollkommenſten Kenntniß der Ge⸗ ſchaͤfte an ſich trägt. Eben deswegen iſt es aber auch nicht moͤglich, ihn zu modificiren, um ihn einem andern Zuſtan⸗ de der Rechtspflege anzupaſſen. Jedes Glied, das aus einem ſo vollkommen organiſirten Ganzen her⸗ ausgenommen wird; jedes hineingefuͤgte erzeugt unheilbaren Mißſtand: und wer kann es nur der Unkunde, und dem veraͤchtlichen Leichtſinne, mit welchem das Wohl der Voͤlker verderblichen Neue⸗ rungen, unter dem Vorwande ſich in die Umſtaͤnde zu fuͤgen, Preis gegeben wird, zuſchreiben, wenn Mon⸗ ſtra von Proceßordnungen und Gerichtsverfaſſungen zum Vorſcheine gekommen ſind, die unter dem Vor⸗ wande, deutſche Sitten und Geſchaftsfuͤhrung mit dem neuen Rechte zu verſoͤhnen, Begriffe des deut⸗ ſchen Proceſſes mit Formen verbinden, die nur zu ganz andern Vorſtellungen paſſen. Es iſt hin⸗ laͤnglich von der weſtphäliſchen Proceßordnung an⸗ zufuͤhren: daß in ihr die Restitutio in iutegrum, welche das Weſen der Sache, den Grund des ſtreitigen Rechts angeht, mit der franzoſiſchen Oppoſition wegen verabſaͤumter Form, uͤberein be⸗ 304 handelt wird: daß die im Art. 140 des Code de Procédure civile angeordnete Aufſicht des Mi- nistère public uͤber die Abfaſſung der Urtheils⸗ ſpruͤche, und Beglaubigung derſelben durch den Praͤſidenden und Greffier des Gerichts, nicht mit aufgenommen iſt, weil ſie dem Anſehn der richter⸗ lichen Behoͤrde ſchade; wodurch den Partheyen die Sicherheit entzogen wird, daß die zur Vollzie⸗ hung kommende Sentenz dem Urtheile der Richter gemaͤß iſt: und daß dagegen den Appella⸗ tionshoͤfen eine Aufſicht uͤber die Gerichte erſter Inſtanz eingeraͤumt iſt, die ſich nach dem 5ſten Art. der weſtphaͤliſchen Conſtitution, bis auf den Antrag zur Abſetzung eines Richters erſtreckt: wo⸗ durch das ganze franzoͤſiſche Syſtem, welches doch angewandt werden ſollte, zerriſſen wird, und die Richter in einen Zwitter franzoͤſiſcher Urtheilsfin⸗ der und deutſcher obrigkeitlicher Behoͤrden verwan⸗ delt werden. So nothwendig inzwiſchen die ſchleunige Wie⸗ derherſtellung der alten deutſchen Geſetze und Ver⸗ hältniſſe und die Austreibung des aufgedrungenen Rechts iſt, ſo iſt doch bey der Ausfuͤhrung dieſer heilſa⸗ 305 heilſamen Maasregel, die ſorgfaͤltigſte Vorſicht erfoderlich, wenn nicht eine eben ſo große Ver⸗ wirrung und Verletzung der Rechte jedes Einzel⸗ nen muthwillig herbeygefuͤhrt werden ſoll, als die Einfuͤhrung des Code Napoleon verurſacht hat. Selbſt in Laͤndern, in denen das ftanzöſiſche Recht durch feindliche Gewalt eingefüuhrt und waͤh⸗ rend einiger Jahre aufrecht erhalten worden, durfte man nicht von dem Geſichtspunkte ausgehen, daß alles was unter der aufgedrungenen Herrſchaft deſ⸗ ſelben geſchehen, unrechtmaͤßig ſey. Die gewalt⸗ thaͤtige Einfuͤhrung neuer Geſetze iſt unrecht⸗ maßig: aber alles was unter Autorität der un⸗ rechtmaͤßiger Weiſe eingefuͤhrten Geſetze, von Privatperſonen geſchehen, und die Erkenntniſſe der Gerichte, die genoͤthigt wurden, nach dieſen Geſetzen zu ſprechen, ſind rechtmaͤßige, rechts⸗ beſtaͤndige Handlungen und Urtheilsſpruͤche. Das Gegentheil dieſes Grundſatzes wuͤrde alle Men⸗ ſchen die das Ungluͤck gehabt haben, eine Zeit⸗ lang unter fremden Geſetzen zu leben, in un⸗ endliche Verwirrung ſtuͤrzen, und unzählige Un⸗ 20 306 gerechtigkeiten, Unbilligkeiten, Uebervortheilun⸗ gen, herbeyfuͤhren. Denn wie viele Verhandlun⸗ gen haben nicht in Beziehung, auf geſetzliche Be⸗ ſtimmungen, auf Ereigniſſe die nach denſelben beurtheilt worden ſind, auf abgeurtheilte, alſo fur beendigt anzuſehende Dinge, ſtatt gefunden! Man moͤgte die Zeiten der unrechtmaͤßigen Herr⸗ ſchaft aus dem Buche des Schickſals ausloͤſchen; alles fuͤr nicht geſchehen erklaͤren; und da an⸗ knupfen, wo der rechtmaͤßige Zuſtand aufgehoͤrt hat. Aber das Geſchehene kann doch nicht durch den Willen des Menſchen ungeſchehen gemacht werden. Er muß wohl dulden, was die Vorſe⸗ hung des Schoͤpfers hat geſchehen laſſen. Die Folgen koͤnnen durch weiſe und kraͤftige Einwir⸗ kung der Menſchen modificirt, aber nicht ver⸗ nichtet werden. Eine erſte Begebenheit, eine gerichtliche Entſcheidung dadurch eine Sache been⸗ digt worden, iſt als feindliche Gewaltthaͤtigkeit anzuſehen, und der Verluſt den ſie im Wider⸗ ſpruche mit rechtmaͤßigen und unterdruͤckten Ge⸗ ſetzen nach ſich gezogen, muß als Kriegsſchaden getragen werden. Wer koͤnnte den Faden des gan⸗ zen Gewebes verwickelter Folgen aufloͤſen, und je⸗ der ſpr ret un bu au un eil ſel we h ko 307 dem Entſchaͤdigung verſchaffen, oder auch nur zu⸗ ſprechen? Der Grundſatz spoliatus ante omnia restituendus iſt nur auf die Verletzung der Rechte und des Beſitzes, unter einer beſtehenden Geſetzge⸗ bung anwendbar. Wenn die Geſetzgebung ſelbſt aufgehoben worden, der Geſetzgeber ſpoliirt iſt, und ein neuer Rechtszuſtand von hoͤherer Gewalt eingefuͤhrt iſt, ſo muß alles Einzelne unter dem⸗ ſelben Begriffene, nach den Geſetzen die aufgelegt waren beurtheilt werden.*) Dieſes iſt einleuchtend: und wird in Anſe⸗ hung der Ereigniſſe und Handlungen die zur Voll⸗ kommenheit gediehen ſind, ſo wie auch der durch Richterſpruͤche unter der Herrſchaft des aufgedrun⸗ *) Der durch feindliche Gewalt verbrängte Landesherz welcher nicht gezwungen geweſen iſt, ſich derſelben zu unterwerfen, kann in ſeinen Rechten dadurch nicht gekränkt werden. Seine Lehnsrechte, gutsherrlichen und andre Rechte, werden daher eben ſo wenig durch feindiiche Verfuͤgungen gekränkt, als der uſurpator oder Sieger, rechtmäßige Forderungen an das eroberte und ihm nicht cedirte Land oder deſſen rechtmäßigen Regenten, annulliren kann. 20* 308 genen Geſetzes beendigten Angelegenheiten, viel⸗ teicht zuheſtänben werden. Aber die Folgen, die nach der Herſtellung des alten rechtmaͤßigen Rechts⸗ zuſtandes eintteten, und dieſem wieder eintreten⸗ den Geſetze zuwider laufen, muͤſſen anders beur⸗ theilt werden. Dieſe ſo einfach und klar ſcheinende Unterſchei⸗ dung iſt leider in der Anwendung den nehmlichen Schwierigkeiten unterworfen, die oben bey der Unter⸗ ſuchung des 2ten Art. des Code Nap. uber die Ruͤck⸗ wirkung der Geſetze, eroͤrtert ſind. Das wiederher⸗ geſtellte alte Geſetz vermag eben ſo wenig das Ge⸗ ſchehene und Vollendete von dem Angefangenen auszuſcheiden, als das aufgedrungene neue Geſetz Napoleons es gekonnt hat. Die Anwendung der aufzuſtellenden Grundſatze wird vielleicht in einer ungleich kleinern Zahl von Fällen zur Sprache kommen: weil die Dauer der Herrſchaft des Na⸗ poleoniſchen Rechts im Vergleiche mit der Dauer des uralten Rechts ſehr unbedeutend iſt; weil die Zerſtoͤrung aller beſtehenden Verhältniſſe durch den Code Napoleon doch nur in einer geringen, vielleicht ſehr geringen Maaße vollzogen iſt, und 309 weil ſo vieles unter der Herrſchaft des fremden Geſetzes geſchlafen hat. Aber die Fragen, welche der Geſetzgeber zu entſcheiden hat, ehe er die Auf⸗ hebung des Napoleoniſchen Rechts beſchließt und verkuͤndigt, ſind die nehmlichen, welche nach der Einfuͤhrung deſſelben in Frankreich entſtanden, und von den Geſetzgebern dieſes ungluͤcklichen Lan⸗ des, welche man nicht nachahmen darf, und auch nicht wird nachahmen wollen, vernachlaͤſſigt wor⸗ den ſind. Es wird alſo erſtlich zu beſtimmen ſeyn, ob die Beſtimmungen des Code Napoleon uͤber perſoͤn⸗ liche Rechte, in Anſehung derer welche unter ſeiner Herrſchaft in dieſelben getreten ſind, fortdauern oder aufhoren ſollen? Die im Code Napoleon aufgelegten Reſtrictionen hoͤren auf. Die Frauen werden alſo von der Unfaͤhigkeit erloͤſet, die er uber ſie ausſpricht. So auch treten die Rechte der väterlichen Gewalt von ſelbſt wieder ein. Aber auch in Anſehung der Kinder die zufolge des Code Napoleon emancipirt ſind? Auch in Anſehung des Vermögens, welches die Kinder unter der Herrſchaft des Code Napo⸗ leon erworben haben? 310 Treten diejenigen, welche waͤhrend der Herr⸗ ſchaft des Code Napoleon volljaͤhrig geworden ſind, im Augenblicke der Aufhebung deſſelben aber das 25ſte Jahr noch nicht erreicht haben, in die Min⸗ derjaͤhrigkeit zuruͤck? Muß ihnen ein Vormund be⸗ ſtellt werden? oder dauert ihre Volljaͤhrigkeit, als erworbnes Recht, fort? „Zweytens, ſind die Rechte zu erwaͤgen, die vermoͤge des Geſetzes an andre Perſonen uͤberge⸗ gangen ſind und noch ferner uͤbergehen koͤnnen. Sind Erbſchaftsfaͤlle ab intestato, als abgethane Dinge zu betrachten? oder duͤrfen die Perſonen, welche durch den Code Napoleon gelitten haben, wenigſtens in den Faͤllen, da von fortlaufenden Praͤſtationen, von Einkuͤnften, und nicht blos von einer ein fuͤr allemal vertheilten und vielleicht ſchon wieder verſchwundnen Maſſe die Rede iſt, eine Wiedereinſetzung in ihre verkuͤmmerten Rechte be⸗ gehren? Hat ein unter dem Code Napoleon anerkann⸗ tes unehliches Kind, dadurch ein bleibendes Recht auf die ihm im Code Napoleon beſtimmte Legiti⸗ m 311 mak oder wird dieſe in Betracht der hergeſtellten groͤßern Freyheit der willkuhrlichen teſtamentari⸗ ſchen Dis poſition annullirt? Wie ſoll es drittens in Anſehung der will⸗ kuhrlich eingegangenen Verhältniſſe gehalten wer⸗ den, die in Beziehung zu dem Code Napoleon ſtehen? Gilt fuͤr Ehen, die ohne Verabredung ein⸗ gegangen ſind, die Guͤtergemeinſchaft die das fran⸗ zoſiſche Geſetz in dieſem Falle praͤſumirt? Hand⸗ lungen, die der Code Napoleon verbietet, ſind unter ſeiner Herrſchaft fur nichtig erklaͤrt. Leben die aus jenen Verhandlungen entſpringenden Rechte wieder auf? Treten fruͤhere Subſtitutionen wieder ein, die unter dem Code Napoleon ungultig wa⸗ ren? oder behalten diejenigen, welche in Gefolg derſelben ſtatt jener in Beſitz geſetzt ſind, ihr er⸗ worbnes Recht? Sollen auch die Subſtitutionen gelten, die unter dem Code Napoleon, ſeinem Verbote zuwider, gemacht wurden? Werden te⸗ ſtamentariſche Dispoſitionen welche das Geſetz ver⸗ letzten, unter deſſen Herrſchaft ſie gemacht ſind, füͤr gältig erklart, wenn gleich der uͤbrige Inhalt des Teſtaments ſich auf die Dispoſitionen des Code Napoleon bezieht? . 312 Viertens: wird die Unguͤltigkeit der Ver⸗ handlungen wegen verletzter Vorſchrift des damals geltenden Geſetzes in Anſehung der Form, durch das wieder eintretende alte Recht gehoben? Kommt es blos auf die hervorleuchtende Abſicht der Urheber an? oder iſt die Form eine unerlaßliche Bedingung der rechtlichen Vollſtaͤndigkeit des Geſchafts?*) Fuͤnftens: duͤrfen Klagen angeſtellt wer⸗ den, die der Code Napoleon verbot? darf die Mut⸗ ter eines unehlichen Kindes, das unter dem Code . *) Was fuͤr ein Feld fuͤr betruͤgliche Handlungen und ſtraͤfliche Speculationen wuͤrde eroͤfnet, wenn man ganz allgemein allen waͤhrend der Herrſchaft des Code Nap. errichteten, oder fruͤhern, ohnerachtet eines Termini praeclusivi zur Inſcription, nicht inſcribirten Hy⸗ potheken, den Vorrang vor inſcribirten goͤnnen woll⸗ te, weil ihnen derſelbe gebuͤhren wuͤrde, wenn die deutſchen Rechte in Kraft geweſen waͤren; zu der Zeit, da ſie es nicht waren. Der bedaurenswuͤrdige Credi⸗ tor! ber bona fide hergeliehen hat, weil ihm bewie⸗ ſen ward, es gehe ihm keine Schuldforderung vor, und dem nunmehro der hinterliſtige oder betruͤgeri⸗ ſche Mitglaͤubiger vorgezogen wuͤrde. 313 Napoleon erzeugt iſt, nach ſeiner Aufhebung auf Alimente klagen? Wie wird die Verjaͤhrung beur⸗ theilt? Sechtens: duͤrfen die Klagen reaßumirt werden, die unter franzoͤſiſcher Rechtspflege blos wegen verletzter proceſſualiſcher Form abgewieſen, deren Gegenſtand alſo gar nicht eroͤrtert worden? Siebentens: wie werden die bereits einge⸗ leiteten Rechtsſtreite beendigt? Soll die ganze Verhandlung aufs neue, nach der ganz abweichen⸗ den deutſchen Proceßordnung angefangen, und den Partheyen die druͤckende, fuͤr manche, das Object des Streits aufwiegende Ausgabe neuer Koſten aufgebuͤrdet werden? Wie kann die deut⸗ ſche Proceßordnung in einen angefangnen franzoͤ⸗ ſiſchen Rechtsſtreit eingeſchoben werden? Endlich, ſind bey dem Uebergange der mit dem franzöſiſchen Rechte verbundnen oͤffentlichen Anſtalten, der Hypothekenconſervatorien und der Notariate, in andre mit der deutſchen Rechtspflege uͤbereinſtimmende Formen, ſehr viele Vorſichts⸗ 314 maasregeln zu ergreifen, damit wirklich erworbne ungezweifelte Rechte, conſtituirte Forderungen und anerkannte Schulden, nicht durch die wieder eintretende oder neu vorzuſchreibende Form lei⸗ den. Wird ohne Ruͤckſicht auf alle dieſe zum Theil ſehr verwickelten und ſchwierigen Fragen, blos leichtſinniger Weiſe decretirt, der Code Napo⸗ leon gelte nichts mehr; und wird die neue Ge⸗ richtsverfaſſung ohne alle Modification aufgeho⸗ ben, um einer wiederhergeſtellten alten Platz zu machen, ſo wird dieſe Herſtellung zu einer Epoche neuer Calamität: und nach einer lan⸗ gen Reihe von Jahren werden die Nachkommen in unerwarteten Streitigkeiten uͤber Dinge, die bis in ihren Urſprung unter der Herrſchaft des Code Napoleon hinauf nachgeſucht werden, durch unauflosliche Verwirrung ihrer Verhaͤltniſſe und Gefahr ihres Vermoͤgens, fuͤr die Unbedachtſam⸗ keit der gegenwärtigen Zeit bußen. Anmerkung zu S. 268 uͤber die Hypotheken. Da ale allgemeinen Raiſonnements uͤber ver⸗ wickelte Gegenſtaͤnde des buͤrgerlichen Lebens erſt durch Erfahrung die Sanction erhalten, die ih⸗ ren Werth fuͤr den Geſetzgeber beſtimmt, ſo iſt die Uebereinſtimmung der Anſichten eines der neue⸗ ſten franzoͤſiſchen Schriftſteller mit dem Urtheile des Verfaſſers zu wichtig, um hier nicht bemerkt zu werden. Hua, Ex-Législateur, Avocat à la Cour de Cassation et au Conseil des Prises, ſagt in 316 der Vorrede ſeiner ſehr durchdachten, und mit ausnehmender Klarheit geſchriebnen Schrift: de la nõcessité et des moyens de perfectionner la Léẽgislation hypothécaire(Paris 13812) Fol⸗ gendes: Il est de notoriété qn'on ne remplit qu'en tremblant les formalités hypothécai- res. Le mode de conservation des hypothé- ques est tellement congu, qu'il en résulte mille moyens de les perdre. On a mis des nullités à tout, et des actes couser vatoires sont jugés comme des actes de rigueur. Ft ces nullités que la loi primitive ne pronongoit pas, mais que la jurisprudence a déclarées, ont obtenu, depuis, la sanction du législateur.*) *) Loi du 4 Septembre 1607. 317 Ainsi la l0i a consacré la jurisprudence. I faut qu'on juge aujourd'hui qun créan⸗ cier qui, dans l'acte qui vient de lui(e bor- dereau d'inscription), a suivi les indications requises de la manière la plus scrupuleuse et la plus ponctuelle, n'en a pas moins per- du ses droits, si, dans un acte qu'il ne peut kaire('inscription sur le registre), il J a omission de telle ou telle formalité. Et cependant que signifient les formali- tès dans l'espèce? rien. L'intérét public ne veut qu'une chose, la publicité des hypothé- ques. Des qu'un registre annonce qu'un tel est débiteur, qu'il l''est de telle somme, qu'il a hypothéqué ses immeubles ou tel de ses immeubles à la süreté du paiement, toute la prévoyance de la loi est remplie. Cette prévoyance va dégénérer en une inquisition aussi minutieuse qu'inutile, si, outre la publicité de la dette, on exige, à peine de nullité, la publicité des détaile dont la stipulation se compòse. GC'est done alors 8 8 S