Von Alfred Hartmann. 97
aber der alte Knabe kennt den göttlichen Sänger nicht einmal dem Namen nach. Er wandte mir achſelzuckend den Rücken und lockte ſeine borſtige Heerde in die Ställe zurück.
Es hat überhaupt ſeine Schwierigkeit, ſich mit dieſen Autochthonen des Berges zu verſtändigen. Als ich kürzlich der blondhaarigen Tochter des Sennentoni einige Artigkeiten ſagen wollte, erwiderte mir das Mädchen ganz verblüfft, es verſtehe nicht„wälſch.“ Die Sprache Schillers und Göthe's war für ſie„wälſch“! Und nicht viel geringere Mühe hat unſer⸗ einer, dies ſogenannte Schweizerdeutſch zu verſtehen.
Ich erlaubte mir geſtern bei Tiſch einige ſatyriſche Gloſſen über dieſes Thema. Potz Blitz, wie fuhr mir da Fräulein Babette, die kleine Schwei⸗ zerin, in die Rede. Möge unſer„Hochdeutſch“ noch ſo glatt und fein klingen, ſo ſei der Volksdialekt und insbeſondere das Schweizerdeutſch doch die Sprache, wo das Herz zum Herzen rede. Wenn auch der Schweizer die k und ch etwas hart ausſpreche, ſo gebe das ſeiner Rede eben die rechte Kraft, wie die Knochen dem Körper; übrigens hätten, ſo viel ſie wiſſe, auch die Spanier und die von mir ſo ſehr geprieſenen Griechen die k und ch keineswegs aus ihrem Alphabet geſtrichen. Wenn ſich das feine„Hoch⸗ deutſch“ nicht in der Volksſprache erfriſchen und verjüngen könnte, ſo wäre es ſchon längſt zum verdorrten abgeſtorbenen Baum geworden.— Wer hätte dieſe Beredtſamkeit einer Staufacherin dieſer kleinen hausbackenen Strickſtrumpffabrikantin zutrauen ſollen! Wenn ſie mich auch nicht vom Wohlklang des„Schwizerdütſch“ zu überzeugen vermochte, ſo mußte ich ihr doch zugeſtehen, daß ſie eine gute Patriotin ſei, welche ihre Sache ge⸗ ſchickt zu verfechten wiſſe. Ich kann nicht anders ſagen, als daß aus ſolchem Munde die angefochtenen k und ch, o und ä noch ganz erträglich klingen.
Auch morgen wird meine Korreſpondenz eine Unterbrechung erleiden. Es iſt nämlich ein großer gemeinſchaftlicher Ausflug nach der„Haſenmatt“ verabredet, einem Berggipfel, der etwa zwei Stunden von hier entfernt iſt und ſelbſt die„Röthe“ um einige hundert Fuß überragt.
Alſo auf uͤbermorgen, wenn ſich dann Zeit findet. Ich zweifle nicht, daß die projektirte Expedition allerlei intereſſanten Schreibeſtoff liefern wird. Fac ut valeas, ego valeo!
Piſtorius.
Hausblätter. 1859. II. Bd


