Jahrgang 
2 (1858)
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17 Bilder aus dem Leben zur See im Mittelalter. 7 5 5

unwillkürlich denkt man ſich die hohen und breiten Thuͤrme dem Sturme ent⸗ gegengewendet; jeder Windſtoß muß das Bauwerk mit heftigem Schwanken erſchüttern und kein Steuerruder wird Kraft genug haben, im Kampf gegen die Elemente dieſes Thurmſchiff im Kurs zu erhalten. Die hanſiſchen Chro⸗ niken haben Beiſpiele genug, daß Kriegsflotten, mit allem Aufwand und Sorg⸗ ſamkeit ausgerüſtet, an den nächſten Küſten vom Sturme zerſtreut und zerſchellt wurden, und das Schickſal der berühmten ſpaniſchen Armada wird uns er⸗ klärlich, wenn wir uns den größten Theil ihrer Schiffe ſo gebaut vorſtellen. Von der Flagge, die jetzt als Repräſentant, als das Sinnbild einer Seemacht gilt, finden wir im Mittelalter noch keine Spur; die ſchmalen Flüger oder Wimpel an den Maſtſpitzen, aus Metall oder ſpäter meiſtens aus ſehr koſtbarem farbigem Zeuge, dienten urſprünglich nur, um des Win⸗ des Richtung erkennen zu laſſen. Die Kriegsmannſchaft, keineswegs wie jetzt mit dem Schiffe eng verbunden, ſondern in den meiſten Fällen nur für die Dauer einer Kriegsfahrt angeworben, hatte ihre Banner, die an Stan⸗ gen aufgerichtet wurden, und ſollte das Schiff als das Eigenthum eines Fürſten oder einer Stadt bezeichnet werden, ſo geſchah dies ebenfalls durch ein Schild oder ein Banner mit dem Wappen. Das alte Seerecht von Lübeck und Hamburg gebot zwar im 15ten Jahrhundert den Schiffern dieſer Städte, Fluͤger von beſtimmter Farbe an der Maſtſpitze zu tragen, roth⸗ weiße und rothe, doch ſollten dieſe Zeichen im eigenen Hafen nur zur Unter⸗ ſcheidung des heimiſchen Schiffes von dem fremden dienen und durften herabgenommen werden, ſobald in der Erkennung eine Gefahr lag. Die. breite gemeinſame Flagge, deren Mißachtung von Freund oder Feind einer Kriegserklärung gleich gilt, die nicht Zierde oder Windfahne, ſondern ein ſelbſtändiges, unentbehrliches Rüſtzeug jedes Schiffes iſt, erſcheint erſt gegen Ende des 16ten Jahrhunderts und erhält hauptſächlich durch die großartigen Kriegsflotten der Spanier, Portugieſen, Engländer und Holländer und ihre Kriege um die Seeherrſchaft Bedeutung und Ausdehnung. Dieſelben Völ⸗ ker, die im Laufe des 16ten Jahrhunderts zur See in den Vordergrund treten, waren es auch vornehmlich, die während ihrer außerordentlichen An⸗ ſtrengungen um die Herrſchaft auf dem Meere, den mittelalterlichen Schiffs⸗ bau in Anlage und Ausführung auf jene widernatürliche Spitze trieben. Die deutſchen Städte, als Hanſa vor jenen das Meer beherrſchend, hielten ſtets, voll Rückſicht auf die nächſten Intereſſen, ein beſſeres Maß, und ſo große Flotten ſte auch zu den Kriegen mit Dänen, Holländern und