Jahrgang 
4 (1855)
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Von Bernd von Guſeck. 17

zurückſehne!Aber ſchon Ihrer Tochter wegen reden Sie mir nicht ein, ſchöne Niéce! Sie können nicht urtheilen, Sie haben die Welt, von welcher Sie ſprechen wollen, niemals gekannt, denn, wenn ich mir erlauben darf, vom Alter einer Dame zu reden, Sie waren damals noch nicht ge⸗ boren.Ich kenne die große Welt nicht, lieber Onkel, aber was ich von ihr gehört habe, reizt mich auch nicht, ſie kennen zu lernen. Mag ſie alles Glück gewähren, nach dem ſie ſelbſt jagt ein Glück gewährt ſie nimmermehr oder vernichtet es, wo es beſteht: das Glück der Häuslichkeit. Und dies, lieber Onkel, iſt das Höchſte im Leben, das durch kein anderes, noch ſo glänzendes, erſetzt werden kann.

Der letzte Strahl der untergehenden Sonne brach ſich eben in den Brillanten des Komthurkreuzes, das der Graf um den Hals trug, und weckte dort ein glänzendes Farben⸗ und Lichterſpiel, gleichſam eine Illuſtration zu dem Geſpräche, das eben ſtattfand. Denn es flammte nur einen Moment, ſprühend und blendend, um gleich darauf zu erlöſchen, und die kalten Steine lagen hart und todt. Almas Bemerkung hatte den Oheim getroffen, er fühlte ſelbſt nur zu ſehr, daß ſie recht hatte, und hier erſt, wo ihn zum erſtenmale der wohlthuende Zauber einer ſchönen, glücklichen Häuslichkeit umwehte, war das Gefühl in ihm zum Bewußtſein gekommen, welches jetzt der Nichte vollkommen recht gab, obwohl er ſie mit Worten noch zu be⸗ kämpfen verſuchte.

In den Bergen wurde es bald empfindlich kühl, reichlicher Thau netzte das Gras und ſte traten den Rückweg von der Wanderung an, welche ſie, dem Erwarteten entgegen zu gehen, unternommen hatten. Die Mutter war ſehr ſtill geworden; die raſch eingebrochene Dämmerung erlaubte nicht, den Ausdruck ihres Geſichts zu ſehen, aber die wenigen Worte, welche ſie zu dem Geſpräche zwiſchen ihren Begleitern gab, klangen ſo weich, daß Alma ſich nicht enthalten konnte, ohne daß es der Oheim ſah, ihre Hand zu neh⸗ men und beſchwichtigend zu küſſen. Clemens, welcher die Stimmung be⸗ merkte, die nun allmählig auch die Tochter überkam, erſchöpfte ſich in Troſtgründen, die aber keinen rechten Eingang mehr fanden. Im Hauſe wartete man noch eine Weile, dann aber beſtand Alma darauf, daß wenig⸗ ſtens das Abendeſſen aufgetragen werde.Durch und durch praktiſch! dachte Graf Clemens, welcher davon eine Unterbrechung des peinlich ge⸗ ſpannten Weſens, das ihm ſehr läſtig fiel, hoffte.O das Mädchen iſt

Hausblätter. Jahrg. 1855. IV. Bd. 2 3₰

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