Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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Sich krümmend und windend, die Hände wohlge⸗ fällig reibend und mir mit einer Miene Glück wün⸗ ſchend, die faſt ſo ausſah, als wenn er über den gün⸗ ſtigen Zufall ſelbſt erſtaunt wäre, näherte ſich der Agent. Vielleicht war es eine ſeltene Erſcheinung, daß Perſonen der höheren Stände ſich an ihn wendeten, um Lehrer für ihre Kinder zu engagiren.

Im Vertrauen geſagt, flüſterte er, ſeinen ſchmutzigen Zeigefinger empor haltend,ich habe einen Herrn für Sie, es iſt faſt Alles ſchon richtig, ſo gut wie abgemacht, und Sie können heute noch ſelbſt mit ihm ſprechen. Er logirt in Ducroq's Hotel.

In Ducroq's Hotel? wiederholte ich etwas er ſtaunt, denn es war mir bekannt, daß dieſer Gaſthof zu denen der erſten Klaſſe gehörte und namentlich von vornehmen und reichen Ausländern beſucht wurde.

länder und ſcheint ſehr reich zu ſein. Er nennt ſich Marquis, und ſucht einen Lehrer für ſeinen einzigen Sohn. Ich kann Ihnen nur ſagen, wie viel Gehalt er gibt, alles Uebrige müſſen Sie ſelbſt mit ihm be⸗ ſprechen; aber ich will Sie zu ihm begleiten, wenn Sie es wünſchen.

Des Agenten Mittheilung beruhte auf Wahrheit. Der franzöſiſche Edelmann, welcher einen Lehrer für ſeinen einzigen Sohn ſuchte, war in der That ein Marquis de Vauxmesnil, ein wohlhabender Grund⸗ beſitzer, der im Innern von Frankreich wohnte. Die von ihm offerirte Beſoldung, auf deren Größe ich übrigens weniger ſah, war liberal zu nennen, und die zu erwartende Behandlung wurde als außerordentlich freundlich geſchildert. Ich ſollte mein eigenes Zimmer erhalten, wie der Marquis ſagte, und konnte nach Belieben mit der Familie oder allein ſpeiſen. Wenn es mir Vergnügen gewährte, zuweilen auszureiten, ſo ſollte ein Pferd ſtets für mich in Bereitſchaft ſein. Nach Beendigung der Schulſtunden gab es nichts mehr für mich zu thun, und ich war Herr meiner Zeit. So günſtige Bedingungen hatte ich mir nie träumen laſſen, aber dennoch gab es Manches, das ich nicht überſehen konnte, und das mich irre machte. Der Marquis war zwar ſehr artig gegen mich, allein ich fühlte mich von ſeiner Höflichkeit mehr abgeſtoßen, als angezogen. Er war, ſeines gefärbten Haares uuge⸗ achtet, ein ſehr ſtattlicher Mann, aber ſeine Lippe verzog ſich mehr zum Hohn, als zum Lächeln, wenn er ſprach, und ſeine Stimme hatte den gebieteriſchen Ton eines Mannes, der ſich nur von ſeinem Stolze leiten ließ. Auch die Spuren anderer Leidenſchaften lagen in den Falten, welche die ſcharfen, dunkeln Augen und den feſt geſchloſſenen Mund umgaben; und ſein Geſicht war ſo bleich, daß man es faſt farblos nennen konnte. zu engagiren, nach England gekommen? dachte ich, und wozu bedurfte er überhaupt eines Lehrers, wenn

ſein Sohn, wie er mir ſagte, kaum acht Jahre alt

war, ein Alter, in welchem Kinder in der Regel noch weiblicher Pflege überlaſſen werden?

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Grunde ich zu dem Engagement nach Ihrer nebeligen Hauptſtadt gekommen bin, und ob ich wirklich das bin, wofür ich mich ausgebe, oder nur ein Abenteurer mit angenommenem Titel. Beruhigen Sie ſich. Ich bin weder ein Monte Chriſto, noch ein Induſtrieritter. Weßhalb ich mein Kind ſo früh unter die Aufſicht eines Lehrers ſtelle, iſt meine Sache; ich bin einmal

der Anſicht, daß die Erziehung nicht früh genug begin⸗

nen könne. Der Grund aber, aus dem ich einen

Engländer vorziehe, iſt lediglich der, daß ich keinen

gebildeten Franzoſen finden kann, der frei von den ab⸗ ſcheulichen revolutionären Grundſätzen wäre, wenn ich

nicht einen Geiſtlichen nehmen will, was ich nicht mag.

Deßhalb ziehe ich einen Engländer vor, und will mei⸗ nen Henri lieber Ihre barbariſche Ausſprache des La⸗

tein, als das Gewäſch der Jakobiner, erlernen laſſen. Ja, ja, fuhr er fort,der Herr iſt ein Aus⸗

als der mich begleitende Agent.

Alles dieſes wurde natürlich in franzöſiſcher Sprache geſagt, mit der ich glücklicher Weiſe vertrauter war, Herr de Vauxmesnil

konnte jedoch genug engliſche Worte zuſammen finden,

um ihm anzuzeigen, daß ihn die Zuſammenkunft mit mir vollkommen befriedigt habe, und daß er vor dem definitiven Abſchluß des Engagements nur noch meine Zeugniſſe einzuſehen wünſche. um über ihn ſelbſt und ſeine Stellung Erkundigung

Dann verwies er mich,

einzuziehen, an ein Mitglied der franzöſiſchen Geſandt⸗

ſchaft in London.

Ich ließ dieſe Quelle nicht unbenutzt, ſondern wen⸗ dete mich dahin, und hörte alle Angaben des Mar⸗ quis beſtätigen, mit der Hinzufügung, daß Herr de Vauxmesnil unter der Orleaniſchen Herrſchaft Pair geweſen ſei und jetzt die Stelle eines Senators be⸗ kleide.

Ma foi, ein ausgezeichneter Mann! ſagte der

junge Sekretär mit einem vielſagenden Achſelzucken,

ein vortrefflicher Mann in jeder Beziehung; aber er gehört nicht unſerem Jahrhundert an, und kann ſich mit der jetzigen Regierung nicht vertragen.

Die politiſchen Zwiſte Frankreichs gingen mich nichts

an, und ich ſchloß deßhalb mit dem Marquis unter

den mir gemachten liberalen Bedingungen ab.

rend der Reiſe nach ſeinem Landſitze, welcher in der

Nähe von Lyon und am Ufer der Rhone belegen war, hatte ich genügende Zeit, den Charakter des Mannes näher kennen zu lernen. Er war ein Menſch, der das Unglück hatte, mindeſtens hundert Jahre zu ſpät ge⸗ boren worden zu ſein, deſſen Sinn und Geſchmack nur

an der Vergangenheit hing, und deſſen Leben unter der fruchtloſen Bemühung verfloſſen war, den Lauf der

Ich war von jeher unfähig, meine Gedanken zu

verbergen, und der Marquis las ſie deßhalb mit Leich⸗ tigkeit.

Mein lieber Herr, ſagte er, eine Priſe aus ſei ner goldenen Doſe nehmend, die er mit der affektirten

Grazie des ancien régime handhabte,ich ſehe, Sie

brennen vor Verlangen, zu erfahren, aus welchem

Zeit aufzuhalten.

ſich mehr Feinde erweckt, als Viele, die bedeutend ſchlechter waren. Er behandelte mich ſehr artig, allein ich konnte ſehen, daß nach ſeiner Meinung ein unüber⸗ ſchreitbarer Abgrund zwiſchen uns lag, und daß ein Bramin eher einen Paria für ſeines Gleichen hätte anſehen können, als er mich. Zuweilen regten ſich in mir erhebliche Zweifel darüber, ob ich wohl gethan habe, mich in einem einſamen Schloſſe des fernen Auslandes zu begraben, dem neunzehnten Jahrhundert ſo zu ſagen den Rücken zu kehren, und der

Untergebene eines Grand Seigneur zu werden; allein

meine Ausſichten in England waren zu trübe und ließen

mir keine andere Wahl.

Gewiß war er kein böſer Menſch, 2 bl hatte aber deſſen ungeachtet mehr Unheil angerichtet und Weßhalb war er, um einen Lehrer

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