Jahrgang 
1867
Seite
621
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polizei für Berlin ſind bei der großen Ausdehnung, welche die Stadt ſeit zwanzig Jahren gewonnen hat, vollkommen unzu⸗ länglich geworden. Ein halbes Dutzend kleiner Zimmer, ſo niedrig, daß ein hochgewachſener Mann, wenn er die Hand ausſtreckt, mit den Fingern die Decke berührt, das iſt der ganze Raum für die Geſchäfte der Criminalpolizei einer Stadt von über 600,000 Einwohnern; der Aufgang zu dieſen engen Räumlichkeiten geſchieht auf einer ſchmalen Hintertreppe aus dem kleinen Hofe, der die Stadtvogteigefängniſſe von den Gebäuden des Polizeipräſidiums trennt. Die in den kleinen Räumen herrſchende Atmoſphäre war drückend, obſchon nur in zwei Zimmern zwei kleine Gasflammen brannten, während die übrigen Räume dunkel gelaſſen waren und ſich Niemand im Zimmer befand, wie ich ſelbſt und ein Criminalcommiſſar, der

während der Nacht die Wache hatte. Ein der Criminalpolizei angehörender Schutzmann ſaß im Vorzimmer. Solch ein Berliner Criminalcommiſſar hat ein ſchweres Leben! Für eine Stadt von weit über eine halbe Million Einwohner iſt nicht mehr als ein Dutzend Criminalcommiſſare angeſtellt, denen die gleiche Zahl nur für die Criminalpolizei beſtimmter Schutz⸗ männer beigegeben iſt.Ja, und wenn dieſe zwölf Criminal⸗ commiſſare immer nur zur Verfügung ſtänden, ſagte ein Criminalpolizeibeamter, den ich vor Jahr und Tag einmal auf einer nächtlichen Razzia im Thiergarten begleitete und der mir von der Arbeitslaſt erzählte, welche ihnen Tag und Nacht auf dem Halſe läge,aber durchſchnittlich können nur ſieben Criminal⸗ commiſſare für Berlin verwandt werden, während fünf gewöhn⸗ lich auf Reiſen ſind und die Revierpolizeibeamten in ihren Revieren vollauf mit Dingen zu thun haben, welche die Thätig⸗ keit der Criminalpolizei gar nicht berühren. Er hatte ganz

Im Berliner Polizeigewahrſam II.

Recht; die Thätigkeit eines Berliner Criminalpolizeibeamten iſt außerordentlich aufregend und aufreibend. Morgens und Abenps Abfaſſung von ſchriftlichen Berichten, um 9 Uhr die

amtliche Thätigkeit in den Bureaur, Verhöre, Vernehmungen, Aufnahme von Thatbeſtänden, welche gewöhnlich bis in den Nachmittag hinein dauern, die Stunden von 4 Uhr bis ſpät Abends mit Recherchen an Ort und Stelle ausgefüllt, welche durch die großen Dimenſionen der Stadt außerordentlich er⸗ ſchwert werden. Zu alledem kommt noch der ſeit Jahr und Tag eingerichtete und aufreibende Nachtdienſt. Jede Nacht muß ein Eriminalpolizeibeamter auf dem Criminalpolizeiamt anweſend ſein. Bei jedem ausbrechenden Feuer wird er durch den Telegraphen an Ort und Stelle berufen, um den That⸗

beſtand aufzunehmen und criminalpolizeiliche Recherchen zu veranlaſſen. Im Herbſt und Winter, bei dem fortwährenden

Wechſel von Thauwetter, Froſt, Regen und Schnee kommt der unglückliche Beamte aus dem Schnupfen, Huſten und Rheu⸗

matismus gar nicht heraus. ²) Wann werden endlich einmal in Berlin die ganz unzulänglichen Räumlichkeiten des Eriminal⸗ polizeiamtes erweitert oder umgebaut? Wann wird endlich ſtatt der Stadtvogtei ein ausreichendes und den Bedürfniſſen der Zeit entſprechendes Gefängniß aufgeführt? Ich höre, alle dahin zielenden Baupläne ſeien wieder einmal auf unbeſtimmte Zeit zu den Acten geſchrieben. Wann wird endlich die Berliner Criminalpolizei in entſprechender Weiſe reorganiſirt und ver⸗ mehrt, und den unglücklichen und unter ihrer Arbeitslaſt ſeufzenden zwölf Criminalcommiſſaren die ſie erdrückende, Tag und Nacht andauernde Thätigkeit erleichtert? Iſt es immer noch nicht an der Zeit?

Der Criminalcommiſſar hatte mir verſprochen, mich nach Mitternacht in den Polizeigewahrſam zu führen. Seit einer Stunde hatten wir noch nicht dazu gelangen können, aus dem Geſchäftszimmer eine Treppe höher hinaufzuſteigen. Es war

*) S.Die dunklen Häuſer Berlins von Gnſtav Raſch. 3. Auflage 1867. Verlag von R. Herroſé in Wittenberg. 2. Kapitel.

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