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werden müßten. Drei Stunden vor Bingen wurde aus⸗ geſtiegen. Die Studenten begaben ſich mit friſchem Eifer auf den
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Weg nach Bingen. Ein Handelsmann bat um ihre Geſell⸗ ſchaft. Bald darauf tauchten zwei Juden mit ängſtlichem Blick aus dem Gebüſch auf und ſchloſſen ſich an. Die Sonne brannte noch immer glühend am Himmel. Da flog ein luſtiger Einſpänner die Straße her. Man beſchloß gemeinſam einen Angriff. Ein donnerndes Halt! Das Gefährt ward zum Stehen gebracht, ſämmtliche Pilger luden ſich auf und nun, Kutſcher, vorwärts! Es währte nicht lange, ſo baten noch ein paar andere Wanderer um gefällige Aufnahme in den Club, und man kann ſagen, dieſes Eingeſpann bedeutete die Welt. Die Reiſegeſellſchaft drängte ſich geſchwiſterlich ein⸗ trächtig zuſammen, der Kutſcher machte eine möglichſt gute Miene zu den kriegeriſchen Repreſſalien, und der Braune zog und rannte wie ein Pegaſus.
Unweit vor Bingen ſteht ein einſames Haus in einem buſchigen Garten unmittelbar àm Rhein. Ueberall umher erheben ſich üppige Weinberge. In dieſes Haus war ein ſtarker preußiſcher Vorpoſten geworfen. Als unſer Einge⸗ ſpann heran rollte, trat ein Soldatentrupp vor und gebot Halt. Perſonen und Gefährt wurden unterſucht.
Die Studenten gaben ſich den bärtigen Kriegern ſofort als Preußen zu erkennen. Der Eine fragte, ob keine Rhein⸗ länder, der Andere, ob keine Pommern unter ihnen ſeien. Schnell war ein heiteres Geſpräch gewonnen, und die edlen Krieger überkam eine menſchliche Rührung dermaßen, daß ſie die Studenten in ihr Eldorado nöthigten. Ein knebelbärtiger Wachtmeiſter aber, der Cerberus dieſes Kreiſes, dachte anders.
„Was wollen Sie hier?“ fragte er kurz angebunden die Muſenſöhne, welche den Wagen ruhig weiter fahren ließen. Sie ſtellten ſich ihm ebenfalls als patriotiſche Freunde und Brüder vor.
„Was?“ fragte der alte Griesbart raſch. Mir ganz egal! Marſchiren Sie, wohin's beliebt. gibt's nix!“
„Aber Herr Wachtmeiſter—“
„Dreimalhunderttauſend Bomben und Kartätſchen, wollen Sie ſich packen!“ donnerte es aus des Wachtmeiſters grimmigem Schnurrbart.
Die Studenten ſahen, daß dieſes kein Ableiter ihrer Empfindungen ſei und gingen nach Bingen hinein. Wer kennt nicht das herrliche Bingen! Doch die kriegeriſchen Rüſtungen auf allen Seiten ließen Einen damals nicht zu einem ruhigen Genießen kommen.
Die Studenten nahten ſich nun der Brücke, die nach
„Nix davon! Hier hinein
Bingerbrück hinüber führt.
„Halt!“ rief der Poſten.„Die Päſſe!“
„Ja, liebſter Freund, wenn wir nur welche hätten. Dann mit Vergnügen.“
„Können nicht paſſiren.“
Die Studenten ſahen ſich fragend an.
„Wo iſt der Lieutenant du jour?“ fragte der Eine den Poſten.„Wir ſind Preußen; wenn Sie uns nicht durchlaſſen, ſo wird uns der Lieutenant durchlaſſen.“
Der Poſten warf das Gewehr über die Schulter, maß
die Beiden einen Augenblick, ſtrich ſich den Bart und ſagte
dann„Können paſſiren! Wenn Sie aber zu nah ans Lager gehen, werden Sie aufgehangen!“ „Das wäre!“ riefen die Muſenſöhne und paſſirten lachend die Brücke. Drüben war ein buntes Leben. Ein Gewimmel von Soldaten aller Art. Sie rauchten, erzählten, bramarbaſirten, lachten, liefen auf und zu, ſtreckten ſich ins Gras oder ſtießen vor dem Bahnhof auf Kameradſchaft an. Engländer mit dem rothen Bädecker bewaffnet, Franzoſen mit der Lorgnette ge⸗ rüſtet, Deutſche aus Nord und Süd— o luſtiges Durch⸗ einander!
Im Kellner S.
it wurden Vorſtudien im Kampfe gemacht. ellnerin, Principal und Madame ſchalten,
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ſchimpften, borten, und die Marsſöhne, die Engländer, die Franzoſen, die Deutſchen accompagnirten.
In einem hinteren Zimmer wurde ein heimlicher Kriegs⸗ rath gehalten. Nur wenn ein Offizier kam oder ging, konnte man einen ſchnellen Blick hinein thun. Aufgerollte Karten ſchienen eine Hauptrolle zu ſpielen.
Eben kam ein Zug mit gefangenen Locomotiven.
Im Lager war große Bewegung. Befehle werden aus⸗ getheilt, Pferde geſattelt. Ordonnanzen ſprengen ab und zu. Cavalerie⸗Patrouillen werden ausgeſandt. Und aus der Ferne beſchauen ſich einige Engländerinnen die jungen Offiziere durch das Opernglas.
Vor dem Bahnhofe wurde ein Unteroffizier von den Kameraden emporgehoben und verlas auf ihren Schultern ein ſüddeutſches Telegramm, demgemäß die Mainarmee aufge⸗ rieben war! Ein homeriſches Gelächter und Hurrahrufen dienten zur Widerlegung.
Nun pfiff der Zug.
Die Studenten entleerten ihre Beutel. O Schrecken! Das Geld reichte nur für einen zur Reiſe. Sie fanden ſich jedoch auch in dieſen letzten Schickſalsſchlag. Der Pommer wollte in St.⸗Gvar ausſteigen, bei einem alten Bekannten leihen und morgen nachkommen. So ging die Reiſe von Statten. In St.⸗Goar hieß es: Lebewohl auf morgen!
Den anderen Tag langte auch der Nachzügler in N. an, und hier hielt man für's Erſte ſüße Raſt. Eine freundliche Zeit floß den Studenten mitten im Kriegsgetobe in dem gaſt⸗ lichen liebenswürdigen Hauſe des Rheinländers zu, bis es ſie zur Rückkehr mahnte.
Vor Allem handelte es ſich um Päſſe. Die Hochherzig⸗ keit eines königlich preußiſchen Amts geſtattete dem Pommern, ſich als Bürger des rheiniſchen Städtchens zu geriren und ſtellte ihm als ſolchem zugleich mit dem Freunde einen Paß aus.
Und nun ſchwammen die beiden Studenten mit neuem Muth und friſchem Geld den ſchönen Vater Rhein hinab. Das holländiſche Dampfſchiff, das einzige, daß die Fahrt riskirte, war mit Paſſagieren geſpickt und ein ſanfter Regen brachte bald in der Deckkajüte den Menſchen dem Menſchen nah. Es wurden die verſchiedenſten Scenen aufgeführt, und von der Komödie bis zur Tragödie war oft nur ein Schritt.
genug. Sie verpflanzte den Regen in die Kajüte und ver⸗ goß im Schmollwinkel ihre beſten Thränen. Ein ungezähmter Miſter ſchaukelte mit ſeinem alle Viere von ſich, bis er einer Franzöſin in die Arme ſank. Es entſpann ſich ein franzöſiſch⸗engliſches Duett, das mit einer franzöſiſchen Maulſchelle endigte. Ein ſpindeldürrer Danziger fragte bei den einzelnen Paſſagieren herum, was ſie äßen, ob das Empfangene billig, ob es theuer, ob die Suppe ſalzig, der Braten zähe ſei, und benutzte die Zwiſchenpauſen, ſeinem Söhnchen Localkenntniß zu verſchaffen, indem er jede Erklärung einer Burg begann:„Sieh mal, mein Söhnchen, das iſt ein hiſtoriſcher Punkt!“ Ein dicker Aſſeſſor ſchlug die Beine über einander und rechnete einer alten Dame die Verluſte ſeiner Collegen auf dem Schlachtfelde vor. „Warum ſind Sie aber bis jetzt nicht avancirt?“ fragte ſie. „Ja, das kommt nun eben“, erwiderte er mit einem Seiten⸗ blick auf der alten Dame junge Tochter, die geheimnißvoll lächelte.
In einer Ecke der Kajüte hatten die Studenten zwei Feldſtühle erobert. Sie zog unter allen Mitreiſenden am meiſten eine kleine Geſellſchaft an, deren Mittelpunkt eine junge Dame war. Es war ein roſiges Geſichtchen mit blon⸗ den Flechten und einem Paar himmelblauer Augen. Sie er⸗ zählte dem alten Gerichtsrath und ſeiner Frau und dem jungen Pärchen aus Berlin ihre Geſchichte.
Im Hannöverſchen war ſie geboren. Die Aeltern hatten weitgehende Pläne mit ihr im Kopf, weil ſie als ihre einzige Erbin hohe Anſprüche machen konnte. Darum war es ihnen gar nicht angenehm, als ein armer Lieutenant aus Preußen
auf dieſe junge ſchöne Feſtung Sturm lief und in ihr
Einer engliſchen Miß war es am Regen draußen noch nicht
Stuhl und ſtreckte dabei gähnend⸗


