146
hinaufblickte. Wie zum Schwur hatte ſie die Hände erhoben, ſtolz emporgerichtet ſtand ſie da.—
„Ja, mein Bruder, Dein Tod ſoll gerächt werden, die Kugel, welche Dich traf, rollt noch immer, ſie
rollt und rollt immerfort, bis ſie ihr wahres Ziel er⸗ reicht, bis ſie die Bruſt des heimtückiſchen Feindes getroffen hat. Du ſollſt durch mich gerächt werden, mein Bruder, doch Geduld, mein Herz, noch iſt die Zeit nicht gekommen, allein ſie kommt ſicher.“— Sie ſtockte bei dieſen letzen Worten, und verfiel in ein kurzes Nachdeuken.
„So will ich denn um Deinetwillen den verwun⸗ deten Officier pflegen, er ſoll das Werkzeug meiner Rache werden.“ Sie hatte dieſe Worte leidenſchaft⸗ lich ausgerufen, doch, als wenn ſie ſelbſt vor denſelben zurückſchreckte, hielt ſie plötzlich inne.
„Der General hatte mir geſagt, er ſoll ein ſchöner junger Mann ſein, ich will ihn vom Fenſter aus be⸗ obachten, dort kann er mich nicht erblicken.“ Sie eilte mit dieſen Worten au's Fenſter, und verbarg ſich hinter den Gardinen.
Doch ſchnell verließ ſie ihren Standpunkt. Eine
üherzsa ihr Geſicht.„Er iſt wahrlich aie es ſcheint, Kich
Novellen⸗
Zeitung.
dieſe wich dieſem Blicke aus und ſtützte gedankenvoll das Haupt. Die Alte hatte mit großem Mißfallen den Entſchluß ihrer Tochter, den fremden Officier in ihrem Hauſe aufzunehmen, vernommen, ſie hatte am Abend vorher die Beweggründe Helena's nicht anhören wollen, denn ſie haßte die Bundesſoldaten mehr, als ihre Tochter dieſelben verachtete.
„Der fremde Officier iſt angekommen, ich habe ſein Zimmer bereits-in Ordnung gebracht,“ nahm Helene nach kurzem Stillſchweigen das Wort, in em ſie ihre Mutter fragend anblickte. 8
„Ich weiß es,“ antwortete die Alte kurz.
„Wünſcheſt Du noch andere Beſtimmungen in Betreff ſeiner Perſon zu machen?“
„Ich habe nichts mit ihm zu thun,“ erwiderte die Mutter kalt,„Helena, der Fluch Deines Bruders komme über Dich, daß Du ſeinen Feind beherbergen mußt!“ 2—
„Mutter, Mutter!“ rief Helene leidenſchaftlich, „verurtheile mich nicht, glauhe mir, ich kann es ver⸗ antworten, mein Bruder wird vom Himmel herab meine That billigen. Hätteſt Du mir geſtern Abend nur Gehör geſchenkt, Du hätteſt mich nicht verdammt. Wir beſchützen unſer Eigenthum und helfen dem Vaterlande!“
„Stille,“ ſagte
die Alte leiſe,„mag es auch ge⸗ die Verantwortung auf Dein Haupt.“
iee nehme ich auf mich,“ rief Helena ſtolz die Verantwortung komme au


