Jahrgang 
1857
Seite
619
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es Volks- und Familienblatt,

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Durch alle Buchhandlungen und Poſtämter für 12 ½ Ngr. vierteljährlich zu beziehen.

Inhalt: Bekenntniſſe eines Gemißhandelten. Oſtindiſche Bilder. Volkswirthſchaftliche Skizzen. neuen Leuchtmaterialien in Beſonderen aus den Braunkohlen. Aus der Krankenſtube. VI. Maſern und Scharlach. Aus dem Weltleben. Was beliebt: Schiller über Predigten. Die Crinoline. General v. Wedell. Marquis v. Cuſtine. Strauß über Ulrich von Hutten.

Bekenntniſſe eines Gemißhandelten.)

Der erſte Ausflug in die Welt iſt für jeden jungen Menſchen epochemachend. Man hat lange vorher von Andern erzählen hören, wie abweichend von allem Ge⸗ wohnten das Leben in der Fremde ſei. Ob dies beſſer oder ſchlechter, darnach fragt man nicht; es genügt, daß es neu iſt; denn alles Neue trägt verborgene Reize in ſich.

Ich war zum erſten Male innerlich wahrhaft froh, als ich als Inſaſſe einer ſogenanntenMarktleier aus den heimiſchen Bergthälern dem flacheren Lande zufuhr. Es war ein erbärmliches Fuhrwerk, das mich trug, den⸗ noch fühlte ich mich frei wie der Vogel in der Luft, und unabhängig wie ein König. Das Fuhrwerk hatte die Beſtimmung, Handelsleute aus dem Flecken, wo ich bis⸗ her lebte, nach einer kleinen Stadt zu befördern, wo in den nächſten Tagen einer der vier jährlichen Märkte ge⸗ halten ward. Ein ſchlechter Korbwagen mit Reifen über⸗ ſpannt, die von einer aus zahlloſen Flicken beſtehenden Leinwand bedeckt wurden, trug außer mir noch drei Markt⸗ zieher nebſt deren Waarenkiſten. Der Beſitzer dieſes Ge⸗ fährts ſaß aus Mangel an Platz vorn in der Schoßkelle,

*) Es wird unſern Leſern gewiß erwünſcht ſein, hier eine Probe aus einem Roman kennen zu lernen, der gleich beim Erſcheinen des erſten Bandes ein ungewöhnliches Aufſehen machte und deſſen zweiter, ab⸗ ſchließender Band in dieſen Tagen ausgegeben wird: Banko, ein NRoman aus dem hamburger Leben von Ernſt Willkomm, Gotha, Verlag von H. Scheube. Am Faden einer ſpannenden Er⸗ zählung iſt darin von dem rühmlich bekannten Verfaſſer der Geiſt ſchwindelhafter Spekulation, der ein charakteriſtiſcher Zug unſerer Zeit iſt, meiſterhaft gezeichnet.

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Von Schulze⸗Delitzſch. VIII. Die

die er mit einem ewig bellenden weißen Sypitz theilte. Manchmal erlaubte ſich der Spitz in ſeiner Lebendigkeit auch auf den Rücken des einzigen alten ſpatlahmen Klep⸗ pers zu ſpringen, um Vorübergehenden bequemer nach⸗ blicken und ungenirter bellen zu können. Dieſe Sprünge, die ſein Herr ihm nicht gebot, waren allein Urſache, daß die alte Kracke, wie der Fuhrmann ſein edles Roß nannte, in einen kurzen, aber nie lange dauernden Zuckel⸗ trab fiel. In der Regel that das arme Thier im Schritt ſeine Schuldigkeit. Nur kamen wir langſamer vorwärts, als der mittelmäßigſte Fußgänger. Daher der bezeich⸗ nende NameMarktleier.

Meine handeltreibenden Reiſegefährten waren an dieſe langweilige Art zu reiſen, von Jugend auf gewöhnt, und fanden nicht das Geringſte daran auszuſetzen. Sie hockten auf ihren Kiſten kreuz und quer unter derPlane, die bei ſchönem Wetter aufgerollt wurde, und plauderten fortwährend. Auf ſandigen Wegen ſaß man darin wie in einer Wiege. Das langſame Hin- und Herſchwanken des Wagens, die warme Luft, der Sandnebel, die harzi gen Ausdünſtungen der Kiefern wirkten in der That ein⸗ ſchläfernd. Ich ward ſehr bald ſo ganz vom Schlafe übermannt, daß ich mich durchaus nicht halten konnte,f und der Natur freien Lauf ließ.

Wie lange ich geſchlafen haben mochte, mag Gott wiſſen. Plötzlich erwachte ich durch einen heftigen Ruck des Wagens, der mich meinem Vis-A-vis, einem weib⸗ lichen Marktbeſucher, dergeſtalt an den Kopf warf, daß die arme Perſon laut aufſchrie. Der Wagen hatte an