Jahrgang 
1857
Seite
616
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Schiller und Carl Auguſt van Sachſen-Weimar.

Carl Auguſt iſt eine zu erhabene und bedeutſame und es war nicht bloß eine leere Phraſe, wenn er in ſeinen

Fürſtengeſtalt, als daß hier der Ort wäre, über ihn im Ganzen und Großen zu reden. Verhältniß zu unſerm Dichter beſchränken. Carl Auguſt war das Gegentheil des württembergiſchen Carl. Während dieſer als ſtrenger Despot den Genius meiſtern wollte, hatte Carl Auguſt die reinſte Freude an deſſen freier Ent⸗ faltung und ſein ganzer Ehrgeiz ging darauf, ihm einen Schutz zu gewähren, damit er der Nation zu Ehren und Frommen gedeihen könne. Wie er dieſen Ehrgeiz, den edel⸗ ſten, den je ein deutſcher Fürſt gehabt, mit ſeinen kargen

Mitteln zu befriedigen wußte, hat das dankbare Deutſchland

längſt erkannt. Es war im Ganzen wenig, was er Schiller bieten konnte; aber wie dieſer ſelbſt dieſes Wenige den glänzendſten Anerbietungen von andern Orten her vorzog, ſo müſſen auch die Nachkommen ſich gedrungen fühlen, das Zeugniß abzulegen, daß Schiller weder in Berlin noch in Wien, noch irgend ſonſt wo das hätte werden können, was er in dem kleinen Lande Carl Auguſt's für ganz Deutſchland geworden iſt, weil nirgends ſonſt eine ſo reine deutſche Freiheitsluft ihn umſpielt und die Fittige ſeines Genius geſchwellt hätte. Es war daher unbedingt eine Wohlthat für den Dichter wie für Deutſchland, daß Schiller und Carl Auguſt ſich ſchon frühzeitig begegneten. Bereits im Jahre 1784, zwei Jahre nach Schiller's Flucht aus Stuttgart, trafen ſich Beide am Darmſtädter Hofe, wo Schiller die erſten Scenen ſeines Carlos vorlas. AlsZeichen ſeiner Achtung verlieh ihm ſofort Carl Auguſt in einem eigenhändi⸗ gen Briefe den Charakter eines weimariſchen Rathes. Spä⸗ ter in Weimar zeigte er ſtets das lebhafteſte Intereſſe für Schiller, er gab das Nöthigſte, um deſſen Heirath zu ermög lichen, und namentlich auch die edle, wahrhaft fürſtliche Louiſe, ſeine Gemahlin, die ſpäter durch die Würde, mit der ſie dem Sieger von Jena entgegentrat, ſelbſt demHelden des Jahr⸗ hunderts imponirte, fühlte ſich zu Schiller's Genius mäch⸗ tig hingezogen. So ſtand denn auch Carl Auguſt mit ſeiner Gattin in jeder Noth Schiller mit wahrer Freundſchaft bei,

Wir müſſen uns auf ſein nennt.

Briefen an Schiller ſich ſeinenwohlwollenden Freund 1 Vom Lager vor Mainz aus meldet er Schiller die Capitulation der Franzoſen, und erkundigt ſich angelegentlich

nach ſeiner Geſundheit, er gratulirt ihm, immer noch vom

Lager aus, zur Geburt ſeines erſten Sohnes, er theilt ihm ſeine Gedanken über literariſche Neuigkeiten mit, er giebt ihm bei Gelegenheit ſeiner Ueberſiedelung nach Weimar eine Zulage von 200 fl., und wirkt ihm 1802 ſogar den Adel vom Kaiſer aus, eine Erhebung, die von Schiller ebenſo⸗ wenig gewünſcht wurde, als ſeiner Zeit von Goethe, die aber, zumal unter den damaligen Verhältniſſen, in einer kleinen Reſidenzſtadt allerdings geſellige Vortheile bot, die Schiller ſelbſt zu ſchätzen wußte. Als Schiller einen glänzenden Ruf nach Berlin erhielt und abwies, war Carl Auguſt tief ge⸗ rührt.Von Ihrem Herzen, ſchrieb er an Schiller,er⸗ wartete ich mir, als ich die Nachricht erhielt, daß man Sie nach Berlin zu laden wünſchte, daß Sie ſo handeln und ſo die Lage der Sache beurtheilen würden, als wie Sie es gethan haben. Mit Dankbarkeit erwidere ich Ihnen auf Ihr geſtriges Schreiben, daß ich mir von Ihnen erbitte, Sie möchten mir diejenigen Mittel ſagen, durch welche ich Ihnen den mir ſo erfreulichen Vorſatz, bei uns zu bleiben, belohnen könne, und wodurch ich Ihre Exiſtenz als Haus⸗ vater in eine Lage zu bringen vermöchte, die für die Dauer Ihnen nicht bereuen ließe, das kleinere Verhältniß dem größeren vorgezogen zu haben. Er erhöhte hierauf den Gehalt Schiller's auf 800 Thaler. So war Carl Auguſt nicht wie mit Goethe durch das Band einer ſtürmiſchen Jugendfreundſchaft, die ſich erſt klären mußte, ſondern durch das Band tiefer, aufrichtiger Achtung mit Schiller verbunden und durch das ſchöne Bewußtſein, mit der Unterſtützung dieſes vaterländiſchen Genius eine Pflicht gegen die Nation zu er⸗ füllen; denn Carl Auguſt war, was vor ihm und nach ihm kaum ein deutſcher Fürſt war, durchaus national, d. h. er ord⸗ nete ſich ſelbſt und ſeine Intereſſen dem Ganzen unter und war ſtets von Pflichtgefühl gegen dieſes Ganze durchdrungen.

Schillers Freundinnen in Sachſen.)

Im einſamen Stübchen zu Mannheim ſaß Der Dichter in düſterem Brüten,

Vor irdifcher Sorgen Uebermaß

Welkten der Hoffnung Blüthen.

Da klopft' es plötzlich der Dichter rief

Ein Poſtbote trat in das Zimmer:

An Friedrich Schiller aus Leipzig ein Brief! Neu glänzt' ihm der Hoffnung Schimmer.

Der Dichter lieſt ihm zittert die Hand; Freundſchaft will die Noth ihm verſüßen, Zwei Herzen ſenden vom Pleißeſtrand Den vollſten Strauß ihm in Grüßen.

*) Aus dem ſo eben erſchienenen typographiſchen Prachtwerke: Adolph Böttger, Buch der Sachſen, Leipzig Druck und Verlag von Gieſecke und Devrient. Wir kommen auf dieſe an Schönheiten reiche Dichtung zur Verherrlichung des Sachſenſtammes zurück.

p

Zwei Schweſterherzen, jungfräulichhold, Von innigſter Liebe bemeiſtert,

Sie hat der reinſten Gefühle Gold

Für den jungen Dichter begeiſtert.

Sie laden ihn ein in die ſächſiſche Stadt, Freundſchaft zu theilen und Habe;

Ihr Bruſtbild, ſelbſt entworfen auf's Blatt, Liegt bei als beſcheidene Gabe.

Der Dichter vergißt, wie das Schickſal gegrollt, Faſt ſprengt ihm die Freude den Buſen; Acht Tage nur und die Kutſche rollt*)

Den Verjüngten zur Heimat der Muſen.

*) Dies iſt nun freilich eine ſtarke poetiſche Licenz. Der Dichter ließ vielmehr ſieben Monate verſtreichen, bevor er nur antwortete: welche Verſäumniß allerdings in ſeiner damaligen, höchſt unerfreulichen Lage und entſprechenden Stimmung Entſchuldigung findet. Anm. d. Red.