Jahrgang 
1857
Seite
75
Einzelbild herunterladen

herrſchende Etiquette werden ſoviele leere und abgeſchmackte Dinge dem Leſepublicum aufgetiſcht, daß eine treue Schil⸗ derung des glänzenden Hofballes, womit der dießjährige Carneval in den Tuilerien begonnen ward, gewiß ange⸗ nehm ſein wird.

Was in andern Ländern die Hoffähigkeit genannt wird, beſteht in Frankreich ſeit 1830 nicht mehr. Die amtliche Stellung iſt es, welche für den Franzoſen zu⸗ nächſt die Einladung nach Hof bedingt. Die Mitglie der einer jeden Staatskörperſchaft, die höheren Beamten werden der Reihe nach zu den großen Hoffeſten geladen, wobei als Regel gilt, daß, wo der Mann hingehört, auch ſeine Frau zu erſcheinen berechtigt iſt, was bekanntlich an vielen unſerer deutſchen Höfe noch nicht zur Praxis geworden iſt. Außer den eigentlichen Staatsbeamten werden zu den großen Hoffeſten die Vertreter aller Körper⸗ ſchaften, welche auf einer ſtaatlichen Grundlage beruhen, wie die Directoren der großen Creditanſtalten, die ſtädti⸗ ſchen Behörden, die Nationalgarde u. ſ. w. gezogen. Da bei der ſtarken Garniſon von Paris die Zulaſſung ſämmtlicher Offiziere nicht thunlich iſt, ſo werden die Generäle und Stabsoffiziere der Reihe nach geladen, indem nur die Marſchälle ohne Einladung bei Hof zu erſcheinen berech⸗ tigt ſind. Von jedem Regimente der Garniſon beglei⸗ ten den Oberſt zwei Offiziere jeden Ranges bis zum Un⸗ terlieutenant herab. Der nämliche Maßſtab gilt auch für die Nationalgarde. Nur ausnahmsweiſe werden jedoch Offiziersfrauen geladen. Jedenfalls muß jede Dame, behurſſe Einladung erhält der Kaiſerin vorgeſtellt werden. Da dieſe Vorſtellung immer im engern Cirkel ſtattfindet, ſo dient ſie zugleich als Probirſtein der per⸗ ſönlichen Eigenſchaften der Dame, um ſo mehr, als der Präſentation ein Beſuch bei der Oberſthofmeiſterin der Kaiſerin vorangeht, in Folge deſſen erſt die eigentliche Vorſtellung gewährt oder abgeſchlagen wird. Für die Fremden wird ſowol für die Damen als Herren unbedingte Vorſtellung gewährt, ſobald der betreffende Geſandte dar⸗ um nachſucht; häufig geſchieht in dieſem Falle die Prä ſentation erſt am Tage der Feſtlichkeit ſelbſt, ſobald der Kaiſer und die Kaiſerin aus ihren Zimmern in die Feſt⸗ räume treten.

Jeder einzelnen Perſon wird vom derzeitigen Oberſt⸗ kämmerer, dem Herzog von Baſſano, ſtets eine beſondere Einladungskarte geſandt, hauptſächlich zu dem Ende, um beſſer controliren zu können, ob nicht etwa ein unberufener Gaſt ſich eingeſchwärzt habe.

Bei großen Hofbällen werden die Tuilerien Schlag neun Uhr geöffnet. Alſogleich füllt ſich der weite Hof⸗ raum mit Equipagen. Für den diplomatiſchen Körper dient die ſogenannte Kaiſertreppe als Eingang. Die übrigen Geladenen ſteigen vor dem ſogenannten Uhren⸗ pavillon(Pavillon de[Horloge) aus, wobei die Ein⸗ richtung ſo getroffen iſt, daß je 6 Wagen zugleich ihre Gäſte abſetzen können.

Durch die mit weißen Tapeten belegte Vorhalle, wo die verſchiedene Dienerſchaft ihre Herrſchaften abwarten kann, gelangt man zum eigentlichen Vorzimmer, wo kaiſer⸗ liche Lakaien den Gäſten die Mäntel abthun und in Ver wahrung nehmen. Dichte Vorhänge ſchützen hier vor dem Luftzuge.

Zwei rieſenhafte Schweizer(Portiers) in von Gold ſtrotzenden Livreen und die Hellebarde in den Händen ſtehen vor dem unterſten Zutritt zur Haupttreppe, auf deren Stufen zu beiden Seiten die ſogenannten Hundert⸗

garden(die kaiſerliche Leibgarde) in ihren reichen Uniformen Spaliere bilden, während hinter einem der Haupttreppe gegenüberliegenden Gebüſche aus Pomeran⸗ zen⸗ und Citronenbäumen die Berrtüchg Muſik der Guides (kaiſerliche L Ordonnanzgarden) Perne

Auf der oberſten Treppe angelangt, gibt man die Ein ladungskarte ab, welche unmittelbar mit den bereitliegen⸗ den Regiſtern verglichen wird, während die Gäſte die in einem blenden Lichtmeer ſchwimmende Reihe der Staats⸗ ſäle betreten. Bei jeder Thüre eines Gemaches ſind zwei Kammerdiener mit ſilbergeſtickten blauen Uniformen und Stahldegen poſtirt. Durch das erſte Vorzimmer kommt man erſt in den weiten Friedensſaal(ſo genannt, weil ſich hier eine ſilberne Statue des Friedens befindet), wo gegenüber dem großen Porträt Napoleons III. zu Pferde

das erſte Tanz⸗Orcheſter die neueſten Walzer des Wiener

Strauß aufführt. Zu beiden Seiten der Gallerie dehnt ſich eine dreifache Reihe goldbeſäumter Ruheſitze aus, die mit den lieblichſten Knospen des ſchönen Geſchlechtes be⸗ ſetzt ſind. Die tanzluſtige Jugend zieht dieſe Gallerie dem Marſchallſaale vor, wo wegen der Gegenwart des Kaiſerpaares ſtrenge Etiquette herrſcht. In dieſem Mar⸗ ſchallſaale iſt eine Eſtrade errichtet, auf welcher für die Majeſtäten zwei Thronſeſſel ſtehen, der Art, daß die Kaiſerin dem Kaiſer die Rechte gibt. Zur Linken der Kaiſerin befinden ſich die Seſ ſſel für die Prinzeſſin Ma⸗ thilde(des Kaiſers Couſine), ſowie für den alten Prinzen Jerome und deſſen Sohn Napoleon. Die andern Glieder der kaiſerl. Familie haben ihre Sitze auf dem zweiten Range hinter dem Thronſeſſel der Kaiſerin, hinter welchem auch der weibliche Hofſtaat ſich niederläßt.

Unmittelbar an den Thronſeſſel des Kaiſers reihen ſich die Plätze der beiden Botſchafterinnen, der engliſchen Lady Cowley und der ſpaniſchen Serrano(der Rang des Botſchafters iſt der höchſte im ielemeriſihen Corps), beide durch ihre Reize eben ſo ſehr, als durch ihre Toiletten ausgezeichnet. Die übrigen Damen des Geſandtſchafts⸗ perſonals nehmen eine dreifache Reihe von! Sitzen ein, welche amphitheatraliſch bis zur Hälfte des Saales hin ſich erheben, und vor welchen die Geſandten ſelbſt in der Art ſich aufſtellen, daß ihre Damen über ihre Köpfe weg dem Tanze zuſchauen können. Ebenſo iſt der ganze Saal rings⸗ herum mit einer dreifachen Reihe ähnlicher Sitze umgeben, wo die eleganteſten Damen ſich niederzulaſſen pflegen, weil von dieſem erhöhten Standpunkte der Glanz ihres Putzes ſich noch vortheilhafter ausnimmt.

Ein anziehenderes Bild läißt ſich kaum denken. Dazu die Tonfülle, elihe von der Wölbung des Saales(das

Orcheſter iſt hoch über der kaiſerlich hen Eſtrade angebracht) herabſtrömt, das magiſche Licht, in welchem Alles ſchwimmt, mnit einem Worte, das Ganze hat etwas Bezauberndes.

An den Marſchallſaal ſtößt der ſogenannte blaue Saal, wo die Fremden zu warten pflegen, bevor ſie dem kaiſer⸗ lichen Paare vorgeführt werden. Da ſind alle erdenklichen Civil⸗ und Militär⸗-Uniformen, die Trachten aller Natio⸗ nen, die Peiſehedeſtmn Toiletten. In dem reichen Mag⸗ natenpelz ſtehen mehre ungariſche Cavaliere neben ſchot⸗ tiſchen Hochl ändern, deren Kilſe gleich jenem der Tiroler Bauern ſtets nackt bleiben. Der mit Diamanten über⸗ ſäete Fürſt Godisko(der türkiſche Geſandte) wird von einem Halbdutzend türkiſcher Stabsoffiziere umgeben. Britiſche Gardeoffiziere ſchütteln ruſſiſchen Generalen die Rechte. Perſer aus dem Gefolge Feruck Khan's unter⸗ halten ſich vermittelſt eines Dolmetſchers mit dem Ge⸗

4