Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
528
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ſich bleibend niederließ, wurde der Baron zum Oberaufſeher des prinzlichen Haushalts ernannt. Er blieb fortdauernd der Freund des Prinzen Leopold, nachdem derſelbe den bel⸗ giſchen Thron beſtiegen hatte, obſchon er nicht länger in den Dienſten deſſelben ſtand, und verlebte mit Unterbrechungen einen großen Theil ſeiner Zeit in England, wo er ſich des Vertrauens der Herzogin von Kent in einer unbeſchränkten Ausdehnung erfreute. In dieſen Tagen ihrer früheſten Kindheit begann die Freundſchaft der Königin und ihr Ver⸗ trauen in den Baron Stockmar, welches ununterbrochen bis zu dem jetzigen Augenblick fortgedauert hat. Vor ſeiner Ver⸗ mählung mit der Königin machte der Prinz Albert in dem Herbſte von 1838 zu 1839 eine Reiſe nach Italien, und Baron Stockmar wurde von dem König von Belgien gebeten, den Prinzen Albert auf dieſer Reiſe zu begleiten, und der tief beklagte Prinz empfand während ſeines ganzen Lebens für Niemanden größere Achtung als für denſelben.

Da der Baron Stockmar in dieſer Art mit der Königin und mit dem Prinz⸗Gemahl auf einem ſo vertrauten Fuße ge⸗ lebt hatte, ſo war es gar nichts Außerordentliches, daß er in dem Palaſte ſtets als der theuerſte und ergebenſte Freund des königlichen Paares empfangen wurde. Diejenigen, welche das Vorrecht hatten, dieſen außerordentlichen Mann genau zu kennen, vermochten den Reiz ſeiner Geſellſchaft zu würdi⸗ gen. Mit einer ſelten übertroffenen Einſicht und einem Schatz allgemeiner Kenntniſſe, wie er ſich nicht oft bei Jeman⸗ dem in gleichem Grade findet, verband Baron Stockmar eine ſo heitre Laune und Feinheit in ſeiner Unterredung und in ſeinen Manieren, die ihn zu einem Geſellſchafter machten, wie man ſie ſelten in geſelligen Kreiſen trifft; ſein Hauptwerth aber beſtand in der ritterlichen Ehrenhaftigkeit und unbeug⸗ ſamen Gerechtigkeit, mit der er jede Frage prüfte, die ſeiner Meinungaeund ſeinem Rathe unterworfen wurde, und in der Milde und Güte ſeines Herzens. Kein perſönliches Gefühl, keine Vertretung beſondrer Grundſätze konnten ſein Urtheil von der wirklichen, weſentlichen Gerechtigkeit des ihm vorlie⸗ genden Falles ablenken, und eine lange Erfahrung hatte die, welche ihn gut kannten, belehrt, daß die Meinung des Barons nicht blos der Erfolg der ſchärfſten Prüfung des Gegenſtan⸗ des, ſondern gleichzeitig auf Sittlichkeit und Wahrheit gegrün⸗ det war. Den meiſten großen Männern von allen Ständen in Europa wohl bekannt, wurde der Baron von den meiſten derjenigen, deren gute Meinung ſchätzbar iſt, geachtet und zu Rathe gezogen.

Von einer ſchwachen Leibesconſtitution und häufig krank hatte die Energie ſeines Geiſtes die Schwäche ſeines Körpers beſtändig beſiegt, und er war im Stande geweſen, Allen, deren Dienſten er ſich gewidmet hatte, mit einer Arbeitsliebe zu dienen, bis vor einer kurzen Zeit ſeine zunehmende Kränk⸗ lichkeit und ſeine hinſchwindende Geſundheit ihn nöthigten, ſich in ſeine Wohnung nach Coburg zurückzuziehen. Seit vielen Jahren verlebte er einen ſehr großen Theil ſeiner Zeit in England, wo er als der ſehr geſchätzte Freund der Königin und des Prinzen Albert im königlichen Schloſſe wohnte, und ſelbſt in Coburg ſtattete er im vorigen Jahr der Königin täglich einen Beſuch ab, und es iſt zu vermuthen, daß Ihre Majeſtät aus dieſen Unterhaltungen mit Jemandem, der ihren geliebten Gemahl ſo genau gekannt, vielen Troſt ſchöpfte. Ein Schlaganfall am 6. erinnerte ſeine Freunde, daß die Trennung, auf welche ſeine zunehmende Schwäche ſie vorbe⸗

Novellen⸗Zeitung.

reitet hatte, in der Kürze bevorſtehe, und um 8 Uhr Morgens am 9. entſchlief er für ein beſſeres Leben.

Sein Verluſt wird von der Königin tief bedauert wer⸗ den, und wie zu befürchten ſteht, wird er ihren Kummer und ihre Betrübniß noch vermehren. Ohne Zweifel hatte Ihre Majeſtät bei ihrer ſich nähernden Reiſe nach Coburg mit wedigen daran gedacht, den alten Freund dort wieder zu ehen.

Nach dieſem den Verſtorbenen ehrenden Urtheil der Ti⸗ mes haben wir blos noch hinzuzufügen, daß die am 11. d. Morgens 7 Uhr ſtattgefundene Beerdigung des Verblichenen ebenfalls bekundete, welcher hohen Achtung er ſich im Leben erfreut hatte. An der Spitze des langen Leichenzugs, dem ſich Männer aller Stände angeſchloſſen hatten, befand ſich der regierende Herzog von Sachſen⸗Coburg⸗Gotha, der be⸗ kanntlich zu den deutſchen Regenten gehört, die den Menſchen nach ſeinem innern Werthe, nicht nach ſeiner Geburt und ſei⸗ nem Range ſchätzen, während die Bevölkerung der Stadt Coburg Spalier bildete.

Der Generalſuperintendent Dr. Meyer hatte ſeiner Grabrede das Motto:Auch die Unerſetzlichen ſterben, zu Grunde gelegt und feierte den Verewigten als Staatsmann mit dem ſtrengſten Gewiſſen. Dem Sarge folgten die beiden Söhne und der Schwiegerſohn des Verewigten, Dr. Hettner aus Dresden.

Misrellen.

Als kürzlich im engliſchen Unterhauſe die türkiſchen Zu⸗ ſtände zur Sprache kamen, theilte der Deputirte Herr Coch⸗ rane einige nähere Angaben über die monatlichen Ausgaben des Haushalts des Sultans mit. Einige derſelben ſind: 24,000 Pf. St. Küchengelder für die 36 erſten Frauen des

Sultans; 70,000 Pf. St. Nettoausgaben; 18,000 Pf. St.

für 1780 dienſtthuende Frauen; 15,000 Pf. St. für 2000 Diener und Sänftenträger der erſten Frauen; 7,000 Pf. St. Ausgabe für die Perſonen, welche beauftragt ſind, die Frauen erſten Ranges ſpazieren zu fahren oder ſie auf ihren Spazier⸗ fahrten zu begleiten; 80,000 Pf. St. monatliche Penſionen für die Frauen, die ſich aus dem Harem des Großſultans zurückgezogen haben. Die monatlichen Ausgaben für die 36 Frauen erſten Ranges, die 1780 Damen der zweiten Kategorie und die aus dem Harem entlaſſenen Damen be⸗ tragen demzufolge 214,000 Pf. St. oder 5,350,000 Fr., was eine jährliche Ausgabe von 2,568,000 Pf. St. oder 64,200,000 Fr. bildet. Welch einer hohen Civilliſte bedarf demnach wohl der Sultan, um ſeine jährlichen perſönlichen Ausgaben damit zu beſtreiten?. C.

Der Herzog Wilhelm zu Jülich entſchuldigt ſich in dem Poſtſcript eines Schreibens an den Kaiſer Ferdinand I. vom Jahre 1562 darüber, daß er nicht eigenhändig geſchrieben habe, mit folgenden Worten:Ew. Kayſerliche Majeſtät wolle mir es gnädigſt abnehmen, daß ich Ew. Kayſerl. Majeſtät in Unterthenigkeit mit eigner Hand nit geſchrieben, iſt allein die Urſach geweſen, daß ich geforcht hab, Ew. Kaiſerl. Ma⸗ jeſtät würd mein unterthenigſt Zuneigung und das ganz willig Gemüth und Herz aus meinem Brieflein ſchreiben nit haben können verſtehen.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Qulo Friedrich Dürr in Leipzig. Verlag der Düryſchen Buchhandlung in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzig.

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