Jahrgang 
1865
Seite
716
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Wir befinden uns dicht vor dem Schluß der Begebenheiten, die aus dem Jugendleben des Kurprinzen aufbewahrt ſind.

Für die folgende Geſchichte, die ſich im Herbſt des Jahres 1700 zutrug, gibt es den beſten Gewährsmann, König Friedrich Wilhelm 1 ſelbſt, der ſich deſſelben noch in ſpäterem Alter gern erinnerte, und aus deſſen Mittheilungen der bekannte Vertraute des Königs, Morgenſtern, wie es ſcheint, genaue Kenntniß empfangen hat.

Der Kurprinz befand ſich in der Umgebung des Königs von England, Wilhelms III, des Prinzen von Oranien, der als Erbſtatthalter von Holland, jährlich eine Zeit lang im Haag reſidirte. Der Kurprinz von Brandenburg nannte den König von England Oheim; und die Verwandtſchaft war in der That ziemlich nahe. Wilhelms III Vater und die Großmutter des Kurprinzen väterlicher Seits, Luiſe Henriette von Naſſau⸗Oranien, waren Geſchwiſter gewe⸗ ſen. Aber nicht blos deswegen, ſondern mehr noch um der politiſchen Verbindung willen, in welcher Kurfürſt Friedrich III ſeit ſeinem Regierungsantritt mit dem Könige von England ſich befunden hatte, war der Kurprinz in Begleitung ſeines Oberhofmeiſters, des Grafen von Dohna, auf längere Zeit hierhin zum Beſuch geſchickt worden.

Mit der Reiſe unſres Kurprinzen nach Holland fiel eine andre der Zeit nach zuſammen, die ſeiner Mutter und ſeiner Großmutter, der beiden Kurfürſtinnen von Brandenburg und von Hannover. Beide Damen wollten für die augenblicklich höchſten Intereſſen ihrer Häuſer im perſönlichen Geſpräch mit Wilhelm III ihren Einfluß geltend machen. Es galt bei beiden eine Königskrone: bei der Kur⸗ fürſtin von Hannover, indem ſie, als Enkelin König Jakobs I von England, ihren Nack kommen die über kurz oder lang erledigte Thron⸗

folge in dieſem großväterlichen Heimatlande ſichern wollte; bei der

Kurfürſtin von Brandenburg, indem ſie der Krone Preußen, welche ihr Gemahl zu gründen im Begriff war, die Anerkennung des Königs von England zu verſchaffen ſuchte.

Nachdem beide Fürſtinnen zuerſt mehrere Wochen in den Bädern bei Aachen zugebracht hatten, reiſten ſie über Brüſſel nach Holland, wo ſie auf dem Schloſſe in Loo um die Mitte October anlangten.

ſeit Jahren gewaltſam in Botmäßigkeit hält, lauter Gedanken, die in der Seele Wilhelms III zu jener Combination vortrefflich paßten.

Freilich hatte die Kurfürſtin von Hannover ihre Anſprüche auf den engliſchen Thron für ihre männlichen Nachkommen geltend gemacht. Aber entſcheiden konnte Wilhelm III darüber ohnehin nichts. Die Succeſſion im Lande war Sache des Parlaments. Nur einleiten, und mit dieſem und jenem Wort und Wink das Parlament vorberei⸗ ten konnte er. Wenn aber ſchließlich die Thronfolge dem bran⸗ denburgiſchen Prinzen zuerkannt würde, konnte die Kurfürſtin von Hannover auch damit nicht ganz unzufrieden ſein, denn auch dieſer Prinz war in weiblicher Linie ihr Nachkomme.

Kurz, im Geiſte Wilhelms III kam folgender Plan auf. Er wollte den Kurprinzen mit nach England nehmen, wollte ihn der Nation zeigen, der Nation, die für Brandenburg damals die leb⸗ hafteſte Sympathie empfand. Sang man doch in Liedern von den Brandenburgern, den tapfern Hilfsvölkern, die den proteſtantiſchen Thron gegen die Wiedereroberungsverſuche Jacobs II geſchützt hatten! Wenn die Succeſſion ſich auf ihn leiten ließe, worüber der Beſchluß für die Parlamentsſitzung des nächſten Jahres bevorſtand, wollte der König ihn im Teſtament auch zu ſeinem perſönlichen Erben einſetzen, ſo daß er gleichfalls zur Statthalterſchaft in Holland feſten Fuß faſſe.

Wilhelm III war eine der ſchweigſamſten Naturen; und gewiß hat er dieſe Ideen gegen niemand als gegen ſeine erprobten Freunde geäußert. Dennoch ſcheint es, als ob der Knabe etwas davon gemerkt hätte. Er ſchloß ſich immer enger an den König und wurde immer mehr ſein und ſeiner Vertrauten Liebling.

Als nun die Abreiſe nach England bevorſtand, ſie war auf den 28. Oktober angeſetzt, die beiden Kurfürſtinnen von Brandenburg und Hannover waren ſchon DJags vorher abgereiſt, da blieb der Kurprinz mit ſeinem Ober ofmeiſter bis zum letzten Augenblick in der

nächſten Umgebung des Königs.

lag bereit.

Der Kurprinz befand ſich daſelbſt bereits in der vertrauteſten Gemein⸗

ſchaft mit ſeinem Oheim.

zu kommen.

König Wilhelm III war in vielen Zügen ein ſehr ähnlicher

Charakter wie der ſpätere König, Friedrich Wilhelm I. Ernſt, ſtreng, treu und gewiſſenhaft; in ſeinem Weſen oft abſtoßend; in ſeinem Willen unbeugſam. er ohne Theilnahme. Dryden, Boileau, waren ihm völlig inhaltlos; Opern, Theater langweilig; aber mit Muth und Leidenſchaft war er dem Kriegs⸗ weſen zugethan, und Jagd war ſeine ganze Luſt, nicht die kleine harm⸗

Für Literatur, Wiſſenſchaft und Kunſt war Hohe Namen jener Zeit, Newton, Leibnitz,

loſe, ſondern die wilde gefährliche, auf Wölfe und Eber, wie er ſie in

den Forſten von Geldern fand.

Es war natürlich, daß unſer Kurprinz ſich zu ſeinem Oheim hingezogen fühlte, und ebenſo, daß dieſer Gelegenheit fand, die Natur ſeines Neffen wahrzunehmen und ſich ihrer zu freuen. Von den erſten Tagen an bevorzugte ihn der König durch auffallende Beifalls⸗ bezeugungen. Der Kurprinz wurde der Liebling des ganzen Hofhalts.

Den beiden reiſenden Damen fiel es nicht ſchwer, König Wilhelm III für ihre Pläne zu gewinnen. Sie lagen ja in ſeinem eigenen Intereſſe: ſowohl daß die proteſtantiſche Thronfolge in England zu Gunſten der Kurfürſtin von Hannover und ihrer Nach⸗ kommen feſtgeſtellt würde, wie auch daß der Kurfürſt von Branden⸗ burg das Herzogthum Preußen zum Königreich erhöbe.

Was indeſſen jenen Punkt, die proteſtantiſche Thronfolge in England betraf, ſo kam in Wilhelm III, neben den Verſprechungen, die er der Kurfürſtin von Hannover gegeben hatte, ein eigenthümlicher Gedanke, ein plötzlicher Gedanke viel verſprechender Kombination und weiter Ausſicht auf.Wie! wenn die Thronfolge in England dem jungen Prinzen von Brandenburg zugewandt werden könnte!

Der Kurprinz von Brandenbnrg, vorausſichtlich ein Charakter voll Beſtimmtheit und Klarheit, wird einmal ſeine Intereſſen mit Energie vertreten. Seine Erziehung im reformirten Glaubens⸗ bekenntniß bürgt für die Feſtigkeit, mit der er in Religionsſachen Partei ergreifen wird. Mit den Anſprüchen auf das Fürſtenthum Orange, die nach Wilhelms III Tode auf das Haus Brandenburg übergehen, erbt er dereinſt die perſönliche Stellung des Königs von England dem franzöſiſchen Könige gegenüber, der jenes Fürſtenthum

Der König nahm den Prinzen am Morgen des Tages mit nach Helvoetluys, wo er zu Mittag. Gleich nachdem die Tafel auf⸗ gehoben war, ſollte die Abfahrt ſtattfinden. Die Jacht zur Ueberfahrt Der König, den Prinzen an der Hand, war ſchon weg; Alle vom Gefolge liefen durcheinander und beeilten ſich auf die Jacht Es war ein Augenblick der Unordnung und Ueberſtür⸗ zung, in dem der Oberhofmeiſter, Graf Dohna, den Prinzen aus den Augen verlor. Er ſuchte ihn, ſuchte ihn hier und dort, überall vergeblich. Endlich konnte er nicht anders denken, als daß er auf der Jacht des Königs ſei.

Beinahe war es zu ſpät, ſeiner noch habhaft zu werden. Aber wieder haben mußte er ihn. Eiligſt miethete er einen Schiffer des Ortes mit einem kleinen Boote und ließ ſich zu der Jacht überſetzen. In Angſt und Eile kletterte er hinauf, und als er den Prinzen an der Seite des Königs erblickte, redete er dieſen, wie es ihm ums Herz war, faſt athemlos an:Wollen Eure Majeſtät mich um meinen Kopf bringen, daß Sie mir den Prinzen wegnehmen, für den ich mit meinem Blute haften muß, und den ich ohne Ordre nicht aus den Augen laſſen darf?

Der König ärgerte ſich, daß Graf Dohna nicht vielmehr bat, ihn gleichfalls mitzunehmen, und antwortete lakoniſch und ſarkaſtiſch: Kann der Herr ihn beſſer verſorgen als ich, ſo nehme Er ihn!

Damit zog Graf Dohna den Prinzen zwiſchen den Knieen des Königs hervor; kein Widerſtreben half. Beide fuhren auf dem gemietheten Fahrzeug ans Land zurück. Und die Sache war abgethan.

Es war wohl ein Gedanke weiter Combination, würdig des Königs von England, der ſich immer beſonders darin groß gezeigt hat, Parteien zu arrangiren, Intereſſen zu verbinden.

Dennoch hat die Sache auch eine andere Seite.

Der König von England hatte gefragt:Kann der Herr ihn beſſer verſorgen? Wenigſtens kannte der Herr ſeine Pflicht und hatte ein Gewiſſen.

Er wußte, wie der Prinz zu verſorgen war. Nicht Prätendent der Krone von England, ſondern Prinz einer Krone, die ſein Vater für ihn zu gründen im Begriff war; einer Krone, die für ihre Ehre nicht minder als die Englands einen ganzen Mann, einen Charakter voll Energie und Klarheit brauchte; Prinz einer Krone, die neben der Englands zu weltgeſchichtlichem Ruhm zu gelangen beſtimmt war; eines fürſtlichen Hauſes, das in ſeinem Eignen groß werden wollte.

Als der Prinz nach Berlin zurückkehrte, dauerte es nicht lange, daß die Rüſtungen zur Krönungsreiſe nach Königsberg gemacht wur⸗ den, von der der Kurprinz als Kronprinz zurückkam.