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Marie und Naria.
Novelle von Ottilie Wildermuth.
Von alten Zeiten her ruht auf den Mühlen ein gewiſſer roman⸗ tiſcher Zauber, den ſie wohl zumeiſt ihrer Lage verdanken. Aus den langweiligen Häuſerreihen der Städte, aus dem Schmutz der Dörfer an raſche Flüſſe oder einſame Bäche verwieſen, zwiſchen Erlen und Weidengebüſch, mögen ſie wohl in einer regen Phantaſie all die lieb⸗ lichen und wehmüthigen Bilder wecken von ſchönen Müllerstöchtern, getreuen Mühlburſchen und rauſchenden Mühlbächen, die eine ganze Mühlenliteratur bilden.
Freilich dürfte es für poetiſche Gemüther meiſt rathſam ſein, ſich in mäßiger Entfernung von der Mühle am grünen Rain zu lagern und„dem Waſſerſpiele und den Wellen“ zuzuſehen, denn die Inſaſſen ſelbſt und ihr Leben und Treiben möchten manchmal nicht gut taugen zu der reizenden Idylle, die der maleriſche Anblick der Mühle hervor⸗ gerufen hat; wiewohl auch vielleicht hie und da die abgeſchiedene, be⸗ ſchauliche Lage in den Mühlbewohnern ſelbſt ein ſinniges poetiſches Element geweckt hat.
Die Buſchmühle nun, in irgend einer Gegend des geſegneten Schwabenlandes gelegen, die vereinigte Proſa und Poeſie. Die Vor⸗ derſeite bot nicht die geringſte Nahrung für ein romantiſches Ge⸗ müth, ſie zeigte die tüchtige reelle Seite, die gerade die Mühlen in den Augen des Volks zu einem beneidenswerthen Beſitzthum machen; alſo, daß zu den Glanzzeiten des erſten Napoleon ein Bäuerlein gemeint: „jetzt, wenn ich der Napoleon wär, ſo thät ich mir zuſammenſparen zu einer Mühle,“— woran, beiläufig geſagt, der Napoleon vielleicht nicht übel gethan hätte.
Von vorne alſo, da führte ein holpriger Fahrweg von dem nahen Dorf und der etwas entlegenern Stadt in den Mühlhof, in deſſen Mitte ein ſtattlicher Düngerhaufen, der Neid aller Landwirtl he, prangte. Da ſchnatterte eine ſchneeweiße Gansherde, da watſchelte eine Truppe fetter Enten herbei, die ſich mäſteten von dem nahrhaften Mühlen⸗ ſtaub, da wieherten in den Ställen die ſtarken Roſſe, die muntern Füllen, da munaien aus niedrigen Gehäuſen die„fürnehmen Säue“, der Stolz des Müllers, in deren Ankauf und Maſtung der Müller beſonders berühmt war. Die benachbarte Gutsbeſitzerin hatte ihm einmal, als er zu Markte fuhr, aufgetragen:„jetzt, Herr Gevatter,
wenn Sie ein recht nettes, junges Schwein auf dem Markt ſehen, ſo
denken Sie auch an mich!“— Das Alles war gute, reelle Proſa, nicht ganz zu verachten in unſern magern Zeiten, aber nicht anregend zu Mithlend omanzen.
Ging man aber die beſtäubte Treppe Fünau durch die große Vorderſtube, wo an reingefegten Tiſchen auf hölzernen Bänken das Geſinde und die jeweiligen Mahlkunden ſaßen und je nach Rang und Stand bewirthet wurden, kam man durch dies Empfangszimmer in die etwas kleinere Wohnſtube, dann erſt offenbarte ſich die heimliche, poetiſche Seite der Mühle
Weite Fernſicht bot ſie nicht, aber unter den Fenſtern rauſcht wild und luſtig der Bach vorüber und geht das Mühlenrad, ſe daß der Fußboden beſtändig in angenehm zitternder Bewegung iſt, als ob man ſegelte e hoher S See. Ueber den Bach führt ein luftiger Steg auf eine ganz kleine buſchige Inſel, die, vom Waſſer umrauſcht, immer im friſcheſten Grün prangt. Weiter hinab ſenkt ſich ein weicher Wieſengrund, den ein melancholiſches Wäldchen abgrenzt, ein Ausblick, ſo recht zum Ruhen, nicht zum Genießen für das Auge, zu deſſen tiefer Stille das Rauſchen des Waſſers und des Rades keine unharmoniſche Begleitung war.
Dieſes Ehren⸗ und Beſuchzimmer des Hauſes war nun freilich nicht ſehr ſymmetriſch in ſeiner Einrichtung. Der Müller hatte eine kleine Vorliebe für Auktionen, und brachte von jeder Fahrt in die Stadt, zum geheimen Schreck ſeiner Frau, irgend ein neues Stück Geräthe mit. So ſtanden Kanapee und Stühle nicht in der mindeſten Beziehung zu einander, die Standuhr, darauf ein ſchlummernder Amor lag, der im Drang der Zeitläufte ſeine ruhenden Füße abgeſtoßen hatte, ſtammte, ſammt dem Ovalſpiegel in Gold drahmen, aus dem Nachlaß einer gnädigen Frau; an der Wand hing ein farbenreicher Herzog Ulrich von Würtemberg in ewigem Kampf mit einem Sturm⸗ feder in blauem Waffe nrock, daneben ſehr gutgemeinte, aber höch hſt garſtige Lithographieen aus der Reformationsgeſchichte, auch eine
belle Africaine und Amérique, deren leichtfertige, höchſt ſparſame Toilette der Müllerin ein ſteter Dorn im Auge war.
Behaglich war aber die Stube doch, denn ſie wurde rein und in guter Ordnung gehalten, wenn auch keine Symmetrie möglich war bei dem vielgeſtaltigen Geräthe. Wenn die Müllerin die ſchöne, roth und weiß gewürfelte Decke über ihren alten Tiſch breitete und die große Kaffeekanne nebſt dem köſtlichen Rahm in weißem Porzellangeſchirr, und einen ſelbſtgebacknen Butterkuchen auftrug, ſo ſetzte man ſich recht gern und gemüthlich auf die verſchiednen Stühle und vermißte durch⸗ aus keine elegantere Einrichtung.
Gäſte waren nicht eben häufig in der Mühle außer den Kunden, die freilich täglich im Hanſe bewirthet wurden, näheres Verhältniß zu der Familie traten. Die Müllerin gehörte zu den Stillen im Lande, ihr war nichts lieber als ein ruhiger Sonntag, wo ſie ſich mit ihrem Arndt und Bogatzky und mit Rieger's Predigtby in ihrer großen Stube erbauen konnte; ſie war auf der Mühle boren und noch nicht weiter als drei Stunden im Umkreis über hinaus gekommen. Der Müller, der war ſchon in der Welt drauß geweſen; er war der Sohn eines Holzhändlers vom Schwarzwaldn in ſeiner Jugend öfters bis Holland mit ſeinen Stämmen gefahren. Ein hartnäckig kalter Winter hatte ihn einmal mit ſeinem Floß in der
Nähe der Buſchmühle wochenlang feſtgehalten; ob es nun die frommen Augen der ſtillen Müllerstochter waren, was ihn wünſchen ließ für
immer da zu bleiben, oder die nüchterne Erwägung, daß die Mühle ein ſchönes, ſicheres Beſitzthum ſei und beſſer als der Holzhandel im Unfrieden mit ſeinen Brüdern,— das wollen wir im Intereſſe fein⸗ fühlender Leſer unerörtert laſſen; genug, die Müllerstochter gab dem ſtattlichen Flößer ihre Hand und der Bund, im Eiſe geſchloſſen, zeigte ſich auch im Sonnenſchein als ein guter und probehaltiger. Der Müller, ſelbſt munterer und oft ſehr geräuſchvoller Natur, ließ ſeine Frau in ihrer ſtillen Weiſe gewähren und wenn die luſtigen Kameraden, die er da und dort auf ſeinen Geſchäftsreiſen traf, ihn neckten, daß er „eine Fromme“, eine„Tepiſtin“ daheim habe, ſo ſagte er:„Laſſet ſie zufrieden! Rechtſchaffen iſt ſie, und wenn ſie zehnmal fromm wäre! Daheim iſt alles in Ordnung und wird gehörig geſchafft und iſt kein Geſchrei mit dem Geſinde, da kann ich ihr die Freud' ja ſchon laſſen mit ihren Gebetbüchern und Tepiſtenſtunden“. Er ſelbſt ging ſeine luſtigen, zum Theil auch wilden Wege und ſein Weib machte ihm keine Vorwürfe, nur ganz allmälig lernte er ſich vor dieſen ſtillen Augen fürchten, die ihn ſo ſanft und ſo traurig anſchauten, wenn er mit„etwas zu viel“ heimkam. Allmälig wurden ihm die Sonntage lieb, wenn er ſo am lichten, goldnen Morgen mit ſeinem Weib durch die grünen Wieſen, zwiſchen den hohen Kornfeldern, ins Dorf hinauf zur Kirche wandelte, ſie dagegen brachte ihm auch manchmal ihren ſtillen Sonntag Nachmittag zum Opfer, um auf dem blauangeſtrichenen Bernerwägelein einen Beſuch bei guten Freunden mit ihm zu machen, oder um ſolche bei ſich zu empfangen. So wuchs das Panr mit den Jahren immer beſſer i9 einander hinein, und dem Müller kam ſogar oft der Gedanke, ſein Weib ſei ſo brav und ſo tüchtig, nicht nur ob⸗ gleich, ſondern weil ſie fromm ſei.
Seine wilden Kameraden verloren ſich nach und nach von ſelbſt, die Müllerin verkehrte mit ihren ſtillen Freunden meiſt im Dorfe; ein ſteter und freundſchaftlicher Verkehr wurde vom Anfang an unter⸗ halten mit Gevatters vom Tannenhof.
Die Frau Gutsbeſitzer Nau, obgleich eine Baſe der Müllerin, hielt es freilich für einige Herablaſſung, daß ſie ſo auf gleichem Fuß 4 ihr verkehrte. Ihr Vater freilich war nur Bauer auf dem Tannen⸗
hof geweſen, aber ſie hatte ſich nach ſeinem Tode bei Verwandten in der welſchen Schweiz uFehlien au wußte heutz. etaoe noch einige Phraſen von daher. Ihr Mann hatte einige Zeit in Ne Aheten ſtudirt, trug einen Schnurrbart, und hatte das alte Bauernhaus auf dem Tannenhof einreißen und neu aufführen laſſen; auch kleidete ſisdüch nach neuem Geſchmack, während die Müllerin ihre ehrbare, ſ Bauerntracht beibehielt. Aber die Müllerin hatte ſich von Anfang an als eine hilfreiche Freundin mit Rath und That bewieſen. Gutsbeſitz war eine etwas phlegmatiſche Natur, ſehr froh, an dem Mülle
die aber ſelten in ein
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