Leih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Okimann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement.] Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— —— auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. — Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Da erſcholl ra⸗ ſcher Hufſchlag; lautes Schreckensgeſchrei ſchlug an das Ohr des Zuſchauers. Ein paar ſcheue Hengſte kamen brauſend daher geflogen; noch ein Moment, und die Kindlein lagen verſtümmelt unter dem ſtampfenden Hufe, wäre nicht früh genug noch der Retter erſchienen. Ein Jüngling, ſchön und kräftig wie ein junger Gott, warf ſich den ſchnaubenden Roſſen entgegen, und die ſtarke Fauſt zwang ſie zum Stehen, als wären es ge⸗ duldige Lämmer. Tſcharner's Looſe. M. 1 Es war Elmehid, der Prinz. Mit ſtolzer Zufrie⸗ denheit blickte der Fürſt auf den herrlichen Sohn. Der hatte inzwiſchen die Hengſte an die herbeigeeilten Diener übergeben, und führte nun mit freundlichen Worten die erſchrockenen Kleinen wieder zurück zu ih⸗ ren Spielen. Da glänzte freudige Rührung in den Augen des Greiſes. Aber bald war das frohe Gefühl wieder aus ſeiner Seele gewichen; ein unwillkührlicher Blick in die Zukunft hatte es verdrängt, und das Auge auf's neue umdüſtert. „Auch ich — ſo ſeufzte er — auch ich war einſt ſo kräſtig, wie du, auch mein Herz ſtand immer jedem edeln Gefühle offen. Aber mit aller meiner Kraft bin ich oft zum willen⸗ loſen Werkzeug in der Hand des Schwachen geworden; mit aller meiner Herzensgüte habe ich manch' ſchweres Unrecht zu verantworten! — Nicht beſſer wird es dir ergehen, guter Elmehid! Schmeichler werden dich täu⸗ ſchen; Eigenſüchtige dein Vertrauen mißbrauchen; Bö⸗ ſewichte auf deinen Namen hin Unthaten verüben. Dann wird dein Volk dich verkennen, und oft wird es dir fluchen, während du wähnſt, nur Segnungen verdient zu haben!“ „Erfahrung, — du größter aller Erdenſchätze, 5 warum kann ſelbſt ein König dich ſeinen Erben nicht zurücklaſſen! Und wahrlich — wem könnte es mehr Noth thun, dieſen Schatz ſchon bereit zu finden, als eben dem Herrſcher? — Denn er ſelbſt wird ihn nie anders erwerben, als mit ſchweren Opfern für ſeine Unterthanen!“ So ſeufzte der fürſtliche Greis, und verſank in tiefes Sinnen. Da nahte ſich ihm ſein früherer Leh⸗ rer, der hundertjährige Abradahu. Du wünſcheſt — ſprach der Weiſe — deinem Sohne Erfahrung als Regent, noch ehe er den Thron beſtiegen und den Scepter er⸗ griffen? — Wayrlich, keine menſchliche Weis heit ver⸗ möchte ſolche Aufgabe zu löſen. Wiſſe aber, mein König, daß längſt ſchon mir nach Erfüllung des hun⸗ dertſten Altersjahrs der Eintritt in den Vorhof höhern Wiſſens verſprochen war. Seit geſtern iſt die Bedin⸗ gung erfüllt, und fortan iſt vieles mir möglich, was der Menſch ſonſt für unmöglich hält. So vermag ich 5 denn auch deinen Wunſch zu erfüllen. Bereite dich alſo, deinen Sohn zwölf Monate lang nicht zu ſe⸗ ——,— hen; dann wird er mit einem reichen Schatz von Er⸗ fahrung in deine Arme zurückkehren; denn er ſoll in einen Kreis geführt werden, in welchem das Wirken 6 — des Herrſchers ſeiner wartet. Auch ſeinen Thron werden mannigfache Fallſtricke umgeben; auch er wird in ju⸗ gendlicher Unerfahrenheit ihnen nicht entgehen, wird ſich darum manche bittere Lehre holen; doch ſoll er ſie mit keiner Thräne übel regierter Unterthanen, mit kei⸗ nem Seufzer der Reue aus der eigenen Bruſt erkaufen müſſen. So ſprach der weiſe Abradahu, und gerne willigte der fürſtliche Zögling in die Trennung vom geliebten Sohne. Z. In herrlicher Klarheit entſtieg die Sonne dem öſt⸗ lichen Horizont. Laue Lüfte trugen den Blüthenduft der üppigſten Pflanzenwelt über das Gefilde, und aus den Wipfeln der Palmen erſcholl froher Geſang der befiederten Bewohner der Lüfte. Prinz Elmehid erwachte; aber ſtatt des ſeidenen Baldachins wölbte die Decke einer Felſengrotte ſich über ſeinem Haupte. Doch das war nur die geringſte Ver⸗ änderung, die mit ihm vorgegangen war. Er ſelbſt fand ſich ganz umgeſtaltet. Es war nicht mehr die herrliche Jünglingsgeſtalt, die ſeiner Seele zur Hülle 7 diente, ſondern der Körper eines Thiers; immer aber eines ſtolzen, kräftigen Geſchöpfes, — des königlichen Lowen. Doch kein Schreck, kein Kummer begleitete dieſe Wahrnehmung; denn der weiſe Abradahu hatte es ſo geleitet, daß die Seele ſeines Schützlings keiner ſolchen Empfindung zugänglich war. Nur das Be⸗ wußtſein war dem Umgewandelten geblieben, daß er früher in menſchlicher Hülle gelebt habe; jede andere umſtändlichere Erinnerung war ausgewiſcht, und bald wollte dem aus tiefem Schlafe Erwachten ſein früheres Wandeln unter Menſchen als ein bloßer Traum vor⸗ kommen. . Jetzt erhob der Löwe ſich von ſeinem Mooslager, ſtreckte ſeine kräftigen Glieder, ſchüttelte die goldene Mähne, und ſchritt dann langſam nach der Thorwöl⸗ bung ſeiner Höhle, Eine herrliche Landſchaft entfaltete ſich vor ſeinen Blicken; Alles um ihn athmete Leben und Wolluſt. Er blickte nach allen Seiten hin; da feſſelte eine leben⸗ dige Gruppe, dicht vor ihm, ſeine Aufmerkſamkeit. Auf blumiger Wieſe hatte eine Hirſchkuh ſich gelagert, um ihr jüngſtes Zieglein zu ſäugen. Etliche halb er⸗ wachſene Hirſchlein ergötzten ſich in muntern Sprüngen, während der ſtolze Sechszehnender zufrieden auf die Seinigen blickte, bald die ſäugendẽ Mutter und ihr Kleines liebkoste, bald wieder ſich in die Spiele der muntern Springer miſchte, und dort ſich ſelbſt zu verjüngen ſchien. Der Löwe fühlte ſich zu dieſen harmlo⸗ ſen Bewohnern des Waldes. Er nahte ſich in gemäch⸗ lichem Schritt dem alten Hirſche, und wollte ihn eben freundlich anſprechen, als dieſer ihn anſichtig wurde. Ein Schrei des Entſetzens ſchreckte Alle auf. Mit Blitzesſchnelle entfloh die Mutter, gefolgt von ihren Jungen. Nur der Hirſch ſelbſt hatte ſich einen Augen⸗ blick mit geſenktem Kopf verſtellt, entſchloſſen, eher mit der ſchwachen Waffe ſeines Geweihes den verzwei⸗ felten Kampf zu wagen, als ſeine Lieben verbluten zu ſehen. Erſt wie dieſe einen weiten Vorſprung gewon⸗ nen, wandte auch er ſich um, und flog über Stamm und Graben dahin. Der Löwe aber ſtand ſtill, blickte den ſo ängſtlich Fliehenden nach, und ſchüttelte faſt mißmuthig das ſchwere Haupt. „Ich wollte euch ja kein Leides thun, ihr Armen! — Aber — ſetzte nach einer Pauſe er hinzu — was hülfe es, daß ich ihnen nachriefe, als ihre Angſt noch zu mehren!“ 1 ——— — 9 Inzwiſchen wollte der Löwe ſich denn doch noch weiter umſehen im unbekannten Lande. Er ſchritt vor⸗ wärts; ein Palmwald nahm ihn in ſeinen Schatten auf. Hier hauste eine Familie von Affen. Voll Schreck kletterten dieſe beim Anblick des Gewaltigen bis in die oberſten Wipfel der Bäume; ſowie dann aber ſie ſich in Sicherheit glaubten, verwandelte ihre Angſt ſich in trotzigen Muthwillen. Sie ſchnitten dem neuen An⸗ köͤmmling allerlei Grimaſſen, warfen mit Aſten und Kokusnüſſen nach ihm, und lange noch verfolgte ihn das Geſchrei der boshaften Poſſenreißer. Jenſeits des Palmenwaldes dehnten ſich über ſanft abgedachte Hügel, gleich einem wellenden Meere, die üppigſten Weiden. Hier grasten in friedlichem Verein neben dem Büffelochſen und ſeiner Kuh der Damhirſch und das Lama, dort neben dem edeln Pferde die hohe Giraffe und das geſtreifte Zebra. Auch dieſen Thieren nahte der Löwe ſich in der friedlichſten Abſicht; ſie aber hatten ihn kaum von Ferne bemerkt, ſo ſtoben ſie alle aus einander, wie Spreu im Winde. Nach wenig Minuten war auf dem ganzen weiten Gefilde, außer dem gefürchteten Ankömmling, kein lebendiges Geſchöpf mehr ſichtbar, und nur die Vögel in der Luft und das 10 Gewürme unter ſeinen Füßen mochte den Einſamen noch erinnern, daß er nicht allein athme in dieſem Erdſtrich. Da ſchüttelte der Löwe mißmuthig das Haupt. „Was unter den Menſchen ich einſt war — ſprach er bei ſich — ob König oder Bettler, das weiß ich nicht. Mußte ich aber einmal zum Thier werden, ſo wollte ich, lieber als dieſe kräftig ſtolze Hülle, wäre mir die eines jener harmloſen Geſchöpfe zu Theil geworden. Dann könnte ich doch zuſammenleben mit andern leben⸗ den Weſen, und mich meines Daſeins freuen in trau⸗ lichem Kreiſe! So aber bin ich der Schrecken Aller, die mich erblicken, und werde, gefürchtet aber nicht geliebt, einſam meine Tage verleben müſſen!“ Verdrießlich trat er den Rückweg an. Auf's neue verfolgte im Palmenwald ihn das Hohngelächter des boshaften Affenvolks; der Einſame erreichte darum in ſehr übler Laune ſeine Höhle, und legte ſich zur Ruhe. Des folgenden Morgens ward der Höhlenbewohner durch ein Geräuſch dicht neben ihm aufgeweckt. Ein Fuchs hatte auf ſeiner Entdeckungsreiſe auch dieſen Verſteck in Augenſchein nehmen wollen, und zu ſei⸗ nem Erſtaunen den unerwarteten Bewohner erblickt. 1¹ — Als dieſer nun die Augen aufſchlug, wollte der er⸗ ſchrockene Forſcher ſich mit der Flucht retten, aber ein donnerndes „Halt“ hieß ihn ſtille ſtehen. Der große Herr mit der goldenen Mähne hatte ſeine üble Laune noch nicht ganz ausgeſchlafen, und fragte daher in ziemlich barſchem Tone, was Meiſter Reinecke hier ſuche. Dieſer wagte im erſten Augenblicke kaum Athem zu holen. Er ſtreckte in ſeiner Sernsn⸗ ſich platt hin auf den Boden, und bei der geringſten Bewegung des gewaltigen Löwenſchweifes zuckte er zu⸗ ſammen, mit jedem Augenblick den tödtlichen Streich gewärtigend. Wie dann aber der Gewaltige den Zit⸗ ternden immer noch nur, wiewohl nüt tief gerunzelter Stirne, fragend anblickte, da faßte auch dieſer nach und nach den nöthigen Muth, um die Ausflucht vor⸗ zubringen, auf die er inzwiſchen gefallen war. „Großmächtigſter Herr Löwe — ſprach nun der Fuchs, indem er ſich furchtſam aufrichtete — ſelbſt dem ſchuldloſeſten Gemüth iſt es erlaubt, im erſten Augen⸗ blick zu erzittern beim Anſchauen ſolcher Größe. Auch würde ich ohne deinen Befehl nie wagen, meine Stimme zu dir zu erheben; doch du willſt es, und dein Diener gehorcht. So wiſſe denn, erhabener Fremdling, 12 — ——— daß, ſowie die Kunde ſich verbreitet von deiner Ankunft in dieſem Lande, ſogleich das Volk zuſammen getreten iſt und — es ſei mir erlaubt, es zu ſagen — auf meinen Vorſchlag den Beſchluß gefaßt hat, dich zum König zu ernennen, und dich zu bitten, du wolleſt den Thron beſteigen und den Secepter ergreifen, als unbeſchränkter Herrſcher über das Reich der Thiere.“. Der Löwe ſchien die Rede nicht übel aufzunehmen. „Und du — ſo fragte er in weit milderem Tone — kömmſt nun als Abgeſandter in Namen aller Thiere?“ — Ihro Majeſtät aufzuwarten, erwiderte der Fuchs. „Nun wohlan — ſprach der Löwe, und machte ſchon Anſtalten, ſich zu erheben — ich nehme den Ruf an, und werde dich gleich zur Verſammlung hin⸗ begleiten. Es ſoll mich freuen, je bälder je lieber mit den Thieren zuſammen zu kommen, und ſie perſönlich meiner Gewogenheit zu verſichern.“ So ſchnell beim Wort gefaßt zu werden, kam dem Fuchs gar nicht gelegen; drum mufßte er auf eine neue Ausrede denken, um Zeit zu gewinnen. „Wenn Euer Majeſtät gnädigſt zu verzeihen geru⸗ 3 hen, ſo möchte Euer unterthänigſter Knecht ſich wohl eine ſubmiſſe Bemerkung erlauben.“ Der Löwe bedeutete dem Unterthänigen in etwas barſchen Worten, ſich kürzer zu faſſen, worauf der vor⸗ gebliche Abgeſandte, wiewohl immer noch in einer ganzen Brühe von Komplimenten, dem hohen Haupte auseinanderſetzte, warum ein ſolches Erſcheinen dermalen noch unzeitig wäre. Dabei gab er zu verſtehen, wie es überhaupt eine gar heikle Sache ſei um Verhand⸗ lungen zwiſchen einem bis dahin ſouveränen Volk und einem zum Throne gebornen Fürſtenhaupt. Da wolle und dürfe keines von Beiden ſeiner Würde etwas ver⸗ geben. Drum habe die Verſammlung der Thiere ihn eigentlich nicht, was man heiße zu einer offiziellen Er⸗ öffnung förmlich akkreditirt, ſondern vielmehr nur zu einer konfidentiellen Rückſprache beauftragt. Nunmehr, da S. M. den Wünſchen der Nation zu entſprechen ſich geneigt bezeigen, ſo erfordere es das beidſeitige Decorum, daß der Antrag nach allen Regeln der Di⸗ plomatie durch eine ſeierliche Geſandtſchaft in einer Adreſſe vorgelegt, und von dem zukünftigen Monarchen eben ſo feierlich beantwortet werde. Der Löwe ſchien zwar auf alle die diplomatiſchen 4½ Fratzen nicht viel zu halten. Gleichwohl genehmigte er die vorgeſchlagene Form, und entließ dann in aus⸗ nehmend gnädigen Ausdrücken den Abgeſandten, der ſeinerſeits verſprach, des morgenden Tages mit der Deputation zu erſcheinen. 3. Der Fuchs hatte mit ſeinem in der Angſt erdichte⸗ ten Antrag im erſten Augenblicke eigentlich nichts wei⸗ ter bezweckt „als mit guter Manier den Tatzen des Gewaltigen zu entrinnen. Jetzt aber ſchien ihm die Sache alles Ernſtes einer nähern Betrachtung werth. Sein Anſehen bei den andern Thieren war — das mußte er ſich geſtehen — nach und nach in dem Maße geſunken, wie man immer allgemeiner ſeine Pfiffe zu vurchſchauen begann. Hier nun konnte ſich ein Weg öffnen, ſich neuen Einfluß zu verſchaffen. Der Löwe ſchien eben kein durchdringendes Genie zu ſein, wohl aber ziemlich eitel und der Schmeichelei zugänglich. Bei ſolchen Eigenſchaften — ſo ſchmeichelte ſich der Liſtige — ſollte es ihm ein Leichtes ſein, durch ſeine Rath⸗ ſchläge den König, und ſomit durch dieſen das Land 8 — 15 zu regieren. Der Gedanke erfüllte ihn mit Entzücken, und er beſchloß, fortan Allem aufzubieten, um das rei⸗ zende Bild zu verwirklichen. Das Dringendſte war nun, des Löwen Erwartung durch Vortritt einer Deputation zu entſprechen. „Hab' ich nur erſt meine Leute zu der Ambaſſade, ſo wird fürs übrige ſich wohl auch Rath finden.“ So dachte der Schlaue, und verdoppelte ſeine Schritte nach der Heimath. Im Palmwald begegnete ihm der Affe. Wie über⸗ haupt ſchon das ganze Land voll war von dem Er⸗ ſcheinen des rieſigen Gaſtes mit der goldenen Mähne, ſo kam auch hier ſogleich die Rede auf dieſes Ereig⸗ niß. Da machte denn Meiſter Affe ſich gewaltig groß, wie er dem ſtolzen Großhans allen Schabernack ange⸗ than habe, und wie dieſer vor Arger noch einmal ſo gelb geworden ſei. Der Fuchs aber ſchnitt ein immer bedenklicheres Geſicht. „So, ſo — murmelte er, wie für ſich — jetzt begreif ich! Ei, ei, das kann eine böſe Geſchichte werden.“ Dem Affen ward Angſt; er bat den Lang⸗ ſchwanz um Alles in der Welt, doch mit der Sprache herauszurücken, was denn für ein Unglück bevorſtehe. 16 „Ja, ſ — ſagte der Fuchs — Ihr habt Euch eine ſchöne Suppe eingebrockt mit Euern Inſolenzen ge⸗ gen den Großmächtigen. Ihr pocht zwar auf Euern Verſteck in den Wipfeln der Bäume; der wird Euch aber wenig nutzen. Während wir hier plaudern, iſt der Löwe beſchäftigt, etliche tauſend Fuder Reiſig an der einen Seite des Waldes aufzuthürmen. Die zündet er dann an, ſobald ſich der Wind von dorther erhebt; er aber faßt auf der entgegengeſetzten Seite Poſtv. Dort empfängt er diejenigen unter Euch, die ſich noch durch die Flucht zu retten hofften, mit offenem Rachen. Die aber zu ſpät kommen, um lebendig verſpeist zu werden, mögen dann gebraten als Deſſert dienen.“ Der Affe ward todtenblaß vor Entſetzen. Zu ſeinem Glück pflegte, als eleganter Herr nach der Mode, er immer ein Fläſchchen Eau de Cologne mitzuführen, ſonſt wäre er ohne Zweifel in Ohnmacht gefallen. Kaum hatte er ſich dann wieder in Etwas erholt, ſo glaubte er auch ſchon den Rauch zu riechen, und der Fuchs hatte alle Mühe, ihn zurückzuhalten, und mit der Ver⸗ ſicherung zu beruhigen, daß, wenn er gutem Rathe fol⸗ gen wolle, das Ungewitter noch abgewendet werden könne. E Der Affe erklärte ſich zu Allem bereit. Wie er dann vernahm, daß man nichts Anderes von ihm begehre, als daß er ſich als Mitglied einer Deputation gebrau⸗ chen laſſe, da ward er wieder ganz wohlgemuth. Gegen das heilige Verſprechen des Affen, einſtweilen zu keiner Seele etwas von dem Vorhaben verlauten zu laſſen, nahm der Fuchs es über ſich, den erzürnten Löwen zu beſänftigen. Der Affe aber begann ſchon mit unauf⸗ haltbarer Geſchwätzigkeit, das Koſtüm zu beſchreiben, das er anziehen werde, und beide gingen höchſt zu⸗ frieden aus einander. „Einen hätte ich — ſprach det Fuchs im Weiter⸗ gehen — allein das genügt noch nicht, denn weniger als vier Mann hoch dürfen wir nicht erſcheinen, wenn die Sache ein Anſehen haben ſoll.“ Nach kurzem überlegen glaubte er ſeine Leute gefunden zu haben. „Richtig — ſo rief er, und rieb ſich ſelbſtzufrieden die Pfoten — der Pfau und der Eſel! Dem erſten ge⸗ nügt es, eine Gelegenheit zu finden, um mit ſeinem Geſieder zu glänzen, und der andere lauft mit, ohne zu wiſſen warum!“ Tſcharner's Lovſe. K. 2 18 ——— 4. Während Meiſter Reinecke ſeine Mitgeſandten an⸗ warb, und nach Gutfinden inſtruirte, bei gutem Anlaß auch unter den übrigen Thieren die Gemüther auf ſei⸗ nen Plan vorzubereiten begann, hatte der Löwe ganz unerwartet eine neue Bekanntſchaft gemacht. Im Hin⸗ tergrund ſeiner Höhle lag in verſchlungenem Gewinde, unbemerkt vom neuen Ankömmling, eine Rieſenſchlange. Dieſe hatte das Geſpräch zwiſchen dem Löwen und dem Fuchs mit angehört, und dachte nun darauf, die Ent⸗ deckung zu eigenem Vortheil zu benutzen. Ihr Plan war bald gemacht. Unbemerkt vom Mitbewohner ver⸗ ließ ſie die Höhle. Sowie ſie das Freie erreicht hatte, zog ſie ihr Taſchenperſpectiv hervor, guckte ſich um, und eilte dann in pfeilſchnellem Lauf nach einem einſa⸗ men Weideplatz, wo zwei Lämmer ſorglos herumhüpf⸗ ten. In einem Augenblick waren die Wehrloſen von den gewaltigen Ringen gefeſſelt. Aber, o Wunder, ſtatt wie das Ungethüm ſonſt pflegte, die erfaßten Opfer zu zermalmen, umſchlang ſie mit zarter Vorſicht die lockigen Thierchen, und begann liebkoſend mit ihnen zu ſpielen. „Seid außer Sorgen — ſprach ſüß ſchmeichelnd die — — Z. glatte Zunge — ich will Euch kein Leid zufügen, denn ich liebe Euch, als wäret Ihr meine eigenen Kinder.“ Die Lämmchen aber winſelten erbärmlich, und flehten das furchtbare Ringelthier, es möchte ſie loslaſſen. „Nun dann, ſagte die Schlange, ſo will ich Euch denn nicht länger ängſtigen, ſo gerne ich Euch noch um mich gehabt hätte.“ Damit ließ ſie die Lämmer los, und dieſe ſprangen freudig der Mutter entgegen, die auf das Geſchrei ihrer Kindlein herbei geeilt war. Wie dann das Mutterſchaf ſich gedrungen fühlte, der Schlange für die großmüthige Schonung zu danken, da antwortete dieſe mit erheuchelter Aufrichtigkeit: „Wahrlich Kinderchen, Ihr habt Urſache, Euer Glück zu preiſen, daß Ihr nicht einen Tag früher meine Beute geworden ſeid, denn da würde kein Fle⸗ hen Euch gerettet haben. Ich läugne es nicht, daß bis dahin ich immer nur auf meinen Nutzen bedacht war, unbekümmert um den Schmerz des ſchuldloſen Opfers. Damit that ich übrigens nichts Anders, als was alle andere Thiere auch thun, ſobald ſie einem Schwächern gegenüber ſtehen, als ſie ſelbſt ſind; denn ein jedes übt das Recht des Stärkern, vom Tiget bis herab zur Spinne. Jetzt aber ſoll das Unweſen ein 20 Ende nehmen, ſeit der mächtige Löwe, der geborne Fürſt aller Thiere, in unſerm Land erſchienen iſt. Der Wille dieſes Gewaltigen iſt, daß allgemeiner Friede herrſche; er will die Sicherheit der Perſon und des Eigenthums gewährleiſten, und ſein Zorn wird einen jeden treffen, der fortan den Landfrieden bricht. Darüber kann nun kein Thier eine größere Zufrieden⸗ heit empfinden, als eben ich; denn keines weiß das Glück beſſer zu ſchätzen, in einem geregelten Staate zu wohnen. Obgleich wir nun dem Löwen noch nicht Gehorſam geſchworen haben, ſo hege ich dennoch allzu vielen Reſpekt vor ſeinem hohen Willen, als daß mir derſelbe nicht ſchon jetzt ein heiliges Geſetz ſein ſollte. Drum Kinderchen, wenn Ihr jemand danken wollt für Euere Erhaltung, ſo thut es gegen den mächtigen Lö⸗ wen. Ihr werdet nicht übel daran thun. Er iſt ein großer Herr, und nimmt es ohne Zweifel gut auf, wenn Ihr bei dem Anlaß ihm Euere Huldigung dar⸗ bringt.“ Das Mutterſchaf forderte, ſowie es nach Hauſe kam, den Herrn Ehegemahl mit dem ſchneckenförmigen Haupt⸗ ſchmuck auf, die Hausfrau ſammt den lieben Kleinen zum vornehmen Herrn zu begleiten. Der nahm dann 21 —— auch die Dankſagungen des gehörnten Ehepaares recht gnädig auf, und vernahm mit ausnehmender Zufrieden⸗ heit die Erzählung von dem reſpektöſen Benehmen der Schlange. Auch ließen ſich S. M. herab „die Lämm⸗ lein über die geringſten Umſtände auszufragen, und er⸗ götzten ſich dabei ſehr an den naiven Antworten der kleinen Dingerchen. Ganz entzückt über die Herablaſ⸗ ſung des Großmächtigen, empfahl Papa Widder ſich mit ſeiner Familie, als die Zeit da war, wo ſie das Abendbrod einzunehmen pflegte. Der Löwe aber wünſchte nichts ſo ſehr, als recht bald die Bekanntſchaft der Schlange zu machen, die unaufgefordert ſchon ſo edel⸗ müthig ſeiner Macht gehuldigt hatte. 5. Die Schlange ſelbſt aufzuſuchen, hätten dem Löwen weder ſein Stolz, noch ſeine Bequemlichkeit erlaubt. Drum kam es ihm ſehr gelegen, als er eben einen Jagdhund in ſeiner Nähe herumſchnöbern ſah. „He da, du leichtfüßiger Geſelle, komm einmal her!“ — Der Hund gehorchte, und vernahm mit wedelndem Schweif den Auftrag des Löwen, die Schlange aufzuſuchen und 22 — herzuſchicken. Mit geſenkter Naſenſpitze drehte der Hund ſich etliche Mal im Kreiſe herum, und folgte dann in geſtrecktem Trabe der bereits aufgefundenen Spur. Der Bote durfte ſich nicht müde laufen. Die Ge⸗ ſuchte hatte den Hergang belauſcht, fand ſich nun wie zufällig in der Nähe, und zeigte ſich gleich bereit, der Einladung zu folgen, Beim Löwen angekommen, begann ſie mit Ent⸗ ſchuldigungen, daß ihr nicht Zeit geblieben ſei, ſich erſt noch zu häuten, um ſich Seiner Majeſtät in friſchem Kleid präſentiren zu können. Der Löwe beſtrebte ſich, ſeine Würde mit einer gefälligen Galanterie in möglich⸗ ſten Einklang zu bringen, und jedes von beiden gab ſich bei ſich ſelbſt das Zeugniß eines ausgeſucht klugen und feinen Benehmens bei dieſer erſten Zuſammenkunſt⸗ Bald entſpann ſich dann ein ernſteres Geſpräch, und hier beurkundete die Schlange neben der größten Be⸗ ſcheidenheit ſo vielen Geiſt und einen ſolchen Vorrath von Kenntniſſen, beſonders in der Statiſtik des Landes, daß der Löwe ganz entzückt war, dieſe Bekanntſchaft gemacht zu haben. Er bat ſie, ihm fortan mit ihren Räthen beizuſtehen, und zu dem Ende ein meublirtes Appartement im Hintertheil ſeiner Höhle anzunehmen. 23 So war die neue Vertraute denn ein ungeſehener Zeuge, als des folgenden Tages der Fuchs an der Spitze ſeiner ſelbſt geworbenen Deputation erſchien. Nach den erſten Komplimenten, wobei beſonders der Affe eine unglaubliche Anmuth entfaltete, wollte der Löwe in nähere Erörterung über das wichtige Geſchäft eingehen. Der Fuchs aber wußte dem Geſpräch immer eine andere Wendung zu geben. Immerhin wurden viele aufrichtige Verſicherungen der erhabenſten Gefühle gegen einander ausgewechſelt, und der Löwe ermangelte nicht, den Schutz, den er ſeinem Volke gewähren werde, gehörig herauszuſtreichen. Ubrigens eröffnete die Geſandtſchaft, es werde das Volk nun in Kurzem zuſammentreten, um den Huldigungseid abzulegen; und ein Staatskourier ſoll dem Monarchen die Anzeige über⸗ bringen, wann und wo ſeine hohe Perſon erwartet werde. . Die Deputation war entlaſſen. Eine vertrauliche Unterredung folgte nun zwiſchen dem Monarchen und der Favoritin. Seine Majeſtät zeigten ſich nicht ſon⸗ derlich befriedigt von den Perſonen der Abgeſandten. Die Hofdame hatte aber bereits ihren Vortheil darin erblickt, den Plan des Fuchſes für einmal zu begünſtigen. 24 Darum ſuchte ſie, immer unter reichlichem Weihrauch für den fürſtlichen Gönner, die Schwächen der eben Entlaſſenen möglichſt zu bemänteln, was ihr auch voll⸗ ſtändig gelang. So durfte man z. B. dem Pfauen neben etwas Eitelkeit immerhin ſein Rednertalent nicht abſprechen; dem Affen gebührte das Lob eines aller⸗ liebſten muntern Geſellſchafters; dem Eſel fehlte es nur an der Leichtigkeit, ſein tiefes Wiſſen von ſich zu ge⸗ ben; der Fuchs endlich gehörte unſtreitig zu den erſten Diplomaten ſeiner Zeit, wobei freilich nach Anſicht der Schlange ihm mehr Offenheit zu wünſchen geweſen wäre. Das Alles ließ der Löwe für ausgemacht gelten. Man ſieht, die Schlange war auf gutem Wege zu ei⸗ nem überwiegenden Einfluß im Kabinete des neuen Fürſten zu gelangen. Mit großer Selbſtzufriedenheit hatte der Fuchs ſei⸗ ner treuen Ehehälfte, der glanzaugigen Katze, die glücklichen Erfolge ſeiner bisherigen Schritte berichtet. Auch ſie war inzwiſchen nicht müßig geweſen in Be⸗ werbungen für die neue Staatsumänderung. Nun wurden von dem ſchlauen Ehepaar alle Triebfedern in Bewegung geſetzt, um dem Plan Eingang zu verſchaffen; 25 — in wenig Tagen war ſchon eine Mehrzahl unter den Thieren für den Vorſchlag gewonnen, dem Löwen den Thron anzutragen, und zu dem Ende in eine all⸗ gemeine Verſammlung zuſammenzutreten. Nur einigen wenigen, denen man die wahre Abſicht noch nicht er⸗ öffnen durfte, ward ein anderer Zweck vorgeſpiegelt. Wie dann endlich der Tag zu dem feierlichen Akte feſtgeſetzt war, erhielt das edle Pferd den Auftrag, als Staatskourier dem zukünftigen Monarchen die Einladung zu überbringen. Dabei bemerkte der Fuchs dem Ren⸗ ner, er möge ſeine Reiſe mit aller Bequemlichkeit ein⸗ richten; nur ſobald er ſich im Geſichtskreiſe des Für⸗ ſten befinde, ſoll er ſich in geſtreckten Galopp ſetzen, und ſich dann das Anſehen geben, als ſei er, ſobald die Depeſche geſiegelt geweſen, in Einem Laufe dahin geflogen. Solche Affektation von übermäßiger Eile ge⸗ höre zum diplomatiſchen Dekorum, ſelbſt wenn es ſich um die unbedeutendſte Kleinigkeit handle. 68. *— Der große Tag war erſchienen. Auf blumigem Wieſengrunde hatten die größeren Thiere ſich in ver⸗ 26 — ſchiedenen Gruppen aufgeſtellt. Viele der kleineren hat⸗ ten ſich in den weitarmigen Aſten tauſendjähriger Ei⸗ chen und Libanons Zedern ihre Sitze gewählt, und oben in den Wipfeln der Palmen tummelte ſich das leichte Volk der Vögel, während die neugierigſten un⸗ ter ihnen in hohem Flug die Abgeordneten begleiteten, die den König abholen ſollten. Jetzt verkündete der Rückzug der geſchnäbelten Kund⸗ ſchafter die baldige Ankunft; einen Augenblick darauf kam das Roß angerennt. Alles ſtellte ſich in Poſitur, und nun erſchien auf der kleinen Anhöhe am Saume des Palmwaldes der Monarch, begleitet vom Fuchſe und vielen der Angeſehenſten unter den Thieren. Hier that es nun Noth, daß der ſchlaue Veran⸗ laſſer dieſes folgenreichen Aktes alle ſeine Gewandtheit anſpanne, wenn er nicht wagen wollte, ſich in einen gar ſchlimmen Handel zu verwickeln. Während er nämlich dem Löwen Namens der Thiere die abſolute Herrſchaft angetragen hatte, ließ er viele unter dieſen glauben, ſie ſollen eine liberale Conſtitution erhalten, mit Preffreiheit, Petitionsrecht und Trennung der Ge⸗ walten. Ja für einige eigenſinnige Köpfe und ſelbſt⸗ ſüchtige Gemüther hatte er gar die Fabel erſonnen, 27 der Löwe erſcheine einzig nur, um das ſouveräne Volk um Duldung in dieſem Lande anzuſprechen, und darüber einen Vertrag abzuſchließen. Um nun einer unwillkommenen Aufklärung der Dinge zuvorzukommen, hatte der ſelbſt gewählte Abge⸗ ſandte dem Löwen begreiflich gemacht, wie die Würde der Krone es nicht geſtatte, daß der Fürſt unmittelbar mit dem Volk verkehre, ſondern immer nur durch Da⸗ zwiſchenkunft von Miniſtern und dergleichen. Darum möchte auch bei dieſem Anlaß S. M. ſich auf eine be⸗ deutende Entfernung von ſeinen Unterthanen zu halten geruhen, wie es denn überhaupt dieſen genügen müſſe, das fürſtliche Antlitz aus der Ferne zu erſchauen. Der Löwe meinte zwar, ſeine Stimme reiche wohl hin, um ſich im Nothfall auch noch auf weitere Diſtanz ver⸗ ſtändlich zu machen, worauf der Diplomat ihm dann aber zu Gemüth führte, daß Ihro Majeſtät Untertha⸗ nen noch nicht an ſolche Reſonanz gewöhnt ſeien, und dieſelbe beſonders den ſchwachnervigen unter ihnen leicht bedenkliche Krämpfe verurſachen könnte. So ließ denn der Löwe ſich eine Anordnung gefallen, die ohne⸗ hin ſeiner Bequemlichkeit ganz gut zuſagte. Auf der andern Seite hatte der Fuchs allervorderſt 28 dafür geſorgt, das Volk auf allerlei Weiſe zu erluſtigen, und durch verſchiedene Spektakelſtücke, wie Hahnen⸗ gefechte, Taſchenſpielerkünſte und dergl. die Aufmerkſam⸗ keit von der Hauptſache abzulenken. Denen aber, die zu ſolide waren, um durch ſolche Kurzweil angezogen zu werden, wußte Frau Baſe Miauz durch allerlei Anekdötchen die Zeit zu verkürzen, und dabei einem je⸗ den den angemeſſenen blauen Dunſt vor Augen zu machen. Nachdem nun der Fuchs den Löwen hinlänglich auf den Gang der Dinge vorbereitet hatte, durchlief er die verſchiedenen Gruppen der harrenden Thiere, berichtete hier, fragte dort, ſowie es eben in ſeinen Plan paßte. Dabei ließ er unaufhörlich Kouriere hin- und hergehen, deren Anzahl und Eilfertigkeit in der gaffenden Menge einen gleich hohen Begriff von der Wichtigkeit der Sache und der großen Gewandtheit deſſen beibringen mußten, dem ſie nun einmal, ohne zu wiſſen warum, die ganze Leitung dieſer Staatsangelegenheit überlaſſen hatten. Darum ſpornte er die Trabanten auch immer mehr zur Eile an. Der edle Renner war mit Schaum überzo⸗ gen; das Windſpiel hängte die lechzende Zunge weit aus dem Rachen, und ſelbſt der Vogel Strauß ſoll 29 ———— am Abende jenes Tages über einen heftigen Waden⸗ krampf geklagt haben. Plötzlich ging die Rede durch die Reihen, der Abſchluß ſei geſchehen. Da meinten die Einen, es habe der Löwe die Konſtitution unterzeichnet; die An⸗ dern, er habe den Bürgereid geleiſtet, und noch An⸗ dere wohl gar, er habe ſich als privatiſirender Fremd⸗ ling zu einer tüchtigen Abgabe verſtanden, was man im liberalen Schweizerlande ein Beiſitzgeld nennt. Alle aber waren höchlich zufrieden, und ergoſſen ſich in Lo⸗ beserhebungen über die diplomatiſche Gewandtheit ihres Mitbürgers im rothen Pelzrocke. Jetzt war der rechte Augenblick für die vom Fuchſe bezahlten Schreier, um ihre Stimmen zu erheben. „Es lebe der Herr Löwe, es lebe Gevatter Fuchs, es lebe das ſvuveräne Thier⸗ reich,“ ſo ſchrien ſie durch einander, und ein jedes blöckte und brüllte das nach, was ihm am beſten zuſagte. Der Fuchs aber war inzwiſchen wieder zum Löwen hingeeilt, und erklärte dieſem, es ſei die einſtimmige Huldigung der lieben Unterthanen, die in dem Augen⸗ blicke gegen die Wolken hinauf töne. Da zerdrückten S. M. mit der einen ihrer fürſtli⸗ chen Tatzen eine Thräne der Rührung über die An⸗ — —,— 30 u hänglichkeit des guten Volkes. Mit der andern aber griffen Sie in Ihr Taſchenbuch, langten ein ganzes Bündel Treſorſcheine hervor, und überreichten ſie dem ſchmunzelnden Fuchſe, zu Feſten für die Fröhlichen, und zu Troſt und Hülfe für die Traurigen. Auch verſteht ſich, daß ſämmtliche Mitglieder der Ehrendepu⸗ tation und andere Honoratioren üblichermaßen mit Doſen, Ringen und dergl. beſchenkt wurden. Nun folgten Feſte auf Feſte, und einem Jeden ward Gelegenheit geboten, Proben von ſeinen Talenten und Fertigkeiten abzulegen. Da ließ der Rabe ſich in einer großen Tenorarie als Soloſänger hören; das Kameel improviſirte Knittelverſe, und die Gans brillirte in Charaden und andern Witzſpielen. Den Schluß machte ein großer Maskenball, wo der Bär einen äußerſt gra⸗ ziöſen Pas de deux mit der Katze aufführte, und beide allgemeinen Beifall einernteten. Der Löwe ließ ſich den Spaß nicht übel gefallen, und bewährte ſich dabei als einen ſo gründlichen Kunſt⸗ richter, daß alle Höflinge darüber erſtaunten. Inzwi⸗ ſchen wollte es ihn bedünken, es möchte auch Zeit ſein, einige Augenblicke den ernſtern Regentpflichten zu widmen. Er nahm daher den Fuchs bei Seite, um 31 — ſich mit dieſem über die erſten Maßnahmen zu bera⸗ then. Der Schlaukopf hatte nur darauf gepaßt, um ſeine Rathſchläge anzubringen. Das Dringendſte war nun, ein Miniſterium zu bilden. Wie leicht vorzuſe⸗ hen, erhielt er ſelbſt den Auftrag dazu, und war dann auch bald mit dem Vorſchlage bei der Hand. Der lau⸗ tete, wie folgt: Fuchs, Miniſter des Auswärtigen und Präſident des Conſeils; Bär, Kriegsminiſter; Hamſter, zu den Finanzen; Pudel, Juſtizminiſter und Siegelbewahrer; Wallfiſch, für die Marine; Elephant, für den öffentlichen Unterricht. Dann folgten noch mehrere Hoſchargen für Affe, Papagay u. a. m. Der Löwe überlas das Verzeichniß mehr als Ein⸗ mal, und der Premierminiſter, der kein Auge von ihm verwandte, glaubte am königlichen Denker bald bei⸗ fülliges Nicken, bald wieder zweifelhaftes Kopfſchütteln wahrzunehmen. Jetzt faltete der Löwe das Blatt zu⸗ ſammen, legte es in ſein Taſchenbuch, und erklärte dem harrenden Diplomaten, er werde die Sache in — 32 Uberlegung nehmen. Das hatte nun freilich der Fuchs nicht erwartet. Er hütete ſich jedoch wohl, die mindeſte Beſtürzung blicken zu laſſen, ſondern ſagte dem Fürſten die ſchmeichelhafteſten Dinge über ſeinen durchdringen⸗ den Geiſt, der gewiß die beſte Wahl werde zu treffen wiſſen, und miſchte ſich dann wieder in die Geſellſchaft. 7. Als der Löwe ſich die nähere überlegung über Bil⸗ dung ſeines Kabinetes vorbehalten hatte, rechnete er weſentlich auf die guten Rathſchläge ſeiner einſichtigen Vertrauten. Dieſe hatte ſich's zur Gnade ausgebeten, von jener Feierlichkeit wegbleiben zu dürfen, weil der Lärm der großen Welt ihr nicht zuſage, und ſie nur in häuslicher Zurückgezogenheit ihren Genuß finde. Um ſo mehr drängte es den Löwen, dem Feſtgelage zu ent⸗ fliehen und zu ſeiner Freundin zurückzukehren. Wie darum noch Alles im beſten Zuge war; der Affe ſich mit Madame Miauz nach der ſüßen Me⸗ lodie eines Straußiſchen Walzers noch luſtig herum⸗ drehte; der Ziegenbock und die Gazelle ihre Kunſt in einer Galoppe zeigten, während der Ochſe zufrieden hinter 33 — ſeiner Schüſſel mit Kleeſalat ſaß, und der Elephant in ſüßem Punſchrauſche auf dem Sopha nickte, entfernte der Löwe ſich ganz unbemerkt, und eilte nach ſeiner Höhle. Der Willkomm der zwei Hausgenoſſen war herzlich, faſt zärtlich. Es drängte nun den neuen Monarchen, ſeiner Favoritin die Ereigniſſe der letzten Tage bis auf die kleinſten Umſtände zu erzählen. Wie mußte er aber erſtaunen, als dieſe nur durch die Kombinationen ih⸗ res durchdringenden Geiſtes, und geſtützt auf ihre un⸗ glaubliche Kenntniß der Umſtände und der Gemüther, die Hergänge gerade ſo vorhergeſehen hatte, wie ſie dann wirklich eingetroffen waren. Jetzt erſt gewann der Fürſt eine faſt grenzenloſe Achtung für den hohen Geiſt der Schlange. Er ahnte nicht, daß ſie den Fe⸗ ſten beigewohnt hatte, und daß eben ſie es geweſen war, die am Maskenball, in aſchgrauem Domino ver⸗ hüllt, ihm faſt nie von der Seite gewichen, während er eine ganz andere Perſon unter der Maske vermu⸗ thet hatte! Es gereichte dem Löwen zu großer Beruhigung, als die Vorſchläge des Fuchſes die ganze Billigung der vertrauten Rathgeberin erhielten; denn ihm hatte Tſcharner's Lvoſe. U. 3 34 ſchon vor der Verlegenheit gebangt, in die er gerathen müßte, wenn die Anſichten der zwei ihm gleich unent⸗ behrlichen Beiſtände ſich widerſtreiten ſollten. Zwar wollte die feine Seelenkennerin nicht ermangeln, ihren fürſtlichen Freund zum Voraus auf gewiſſe Schwächen in den künftigen Miniſtern aufmerkſam zu machen, mit denen er wohl werde Nachſicht haben müſſen. So ſei der Pudel ein etwas pedantiſcher Kleinigkeitskrämer; der Bär oft etwas brummig; der Wallfiſch ein ſchwer⸗ fälliger alter Herr, der ſich nicht gerne viel auf dem Lande herumtreibe, und der Elephant gucke wohl et⸗ was gerne in das Schnapsgläschen. Immerhin aber müſſe ſie die vom Fuchs vorgeſchlagenen Wahlen als die zweckmäßigſten anerkennen. Zugleich machte die Rathgeberin dann aber den Monarchen auf einen Um⸗ ſtand aufmerkſam, den der Fuchs überſehen zu haben ſchien, der aber aller Beachtung werth ſei. „Es kann dir — ſo ſprach ſie — nicht unbekannt ſein, mein Fürſt und Gebieter, daß in dieſem Lande auch das Geſchlecht der Tiger einheimiſch iſt. Dasſelbe gehört zum älteſten Adel, und will ſich ſogar königli⸗ chen Geblütes rühmen. Wie ich leicht vorausſah, iſt von dieſer Familie Niemand am Krönungsfeſt erſchienen, 35 — und ohne Zweifel iſt auch ihre Baſe, die Hyäne, durch jene Herrn zurückgehalten worden. Bei Perſonagen von ſolchem Range wird dergleichen Dingen immer eine große Bedeutung zugeſchrieben, und ihr Ausblei⸗ ben möchte hier leicht feindſelige Geſinnungen zu ver⸗ künden haben. . „Feindſelige Geſinnungen? — brüllte der Erzürnte, daß die ganze Höhle erdröhnte, und ſchlug dabei mit dem Schwanz ein Moulinet, gleich dem geübteſten Fechter — feindſelige Geſinnungen gegen mich? Potz Bomben, Granaten und Elephantenzähne! Es ſoll mir nur kommen, das Tigerthier ſammt ſeiner borſtigen Baſe! Ich will ihnen mit meinen eigenen königlichen Tatzen einen Willkomm bieten „daß ſie meinen Marine⸗ miniſter Wallfiſch für ein Kaninchen anſehen ſollen! Und wer von meinen übrigen Unterthanen nur ein krummes Maul dazu macht, der hat die Sonne zum letzten Male aufgehen ſehen!“ Die Schlange ließ den Erzürnten austoben. Hier⸗ auf begann ſie mit einer Lobrede über die bekannte Charakterfeſtigkeit des Monarchen, ging dann aber in geſchickten Wendungen auf die bedauerlichen Folgen über, welche ein ſolcher Kampf für das ganze Reich 36 haben könnte, und ſchloß mit dem angelegentlichen Rathe, den Weg der Güte zu gehen, ſo lange dies ohne Eintrag für das Anſehen des legitimen Fürſten geſchehen könne. Seine Majeſtät nahmen Vernunft an, und beſchloſ⸗ ſen, nach dem Vorſchlage der Favoritin, dem Tiger die Statthalterei über eine entfernte Provinz, mit ſchö⸗ nem Titel und reichem Einkommen, zu übertragen. „Nimmt er die Ernennung an — argumentirte die kluge Rathgeberin — nun, dann hat er auch deine Herrſchaft anerkannt; wo nicht, ſo iſt dann immer noch Zeit, drein zu ſchlagen.“ Der Löwe hatte ſeiner Favoritin auch bei dieſem Anlaß wieder den Wunſch geäußert, ſie möchte ſich ſelbſt mit ſeinem Premierminiſter beſprechen. Das lehnte ſie jedoch ab, weil — wie ſie verſicherte — ſie durchaus nicht den Anſchein haben wolle, ſich in Staatsgeſchäfte zu miſchen. Auch konnte ſie es nicht verhehlen, daß die feine diplomatiſche Pfiffigkeit des Fuchſes ihrer loyalen und aufrichtigen Gemüthsart nicht zuſage. Wie der Thierfürſt dem Fuchs, unter Ertheilung ſeiner Beſtätigung des vorgeſchlagenen Miniſteriums, 37 ſein Vorhaben mit dem Tiger mittheilte, ergoß der ſchlaue Höfling ſich in Bewunderung über die Klugheit des Monarchen. Bei ſich ſelbſt aber konnte er ſich des Zweifels nicht erwehren, es ſei dieſer Einfall nicht un⸗ ter der Löwenkappe gewachſen. Dame Miauz war der Sache denn auch bald auf die Spur gekommen, denn ihr Hausfreund und Cavaliere ſervente war eben der nämliche Windhund, den vor wenig Tagen der Löwe nach der Schlange ausgeſchickt hatte. Der Fuchs ſchalt ſich ſelbſt einen einfältigen Pinſel, daß er nicht längſt auf die Doppelzüngige gerathen. Die Dame aber meinte, es ſcheine denn doch, die Frau Baſe mit der Gold durch⸗ wirkten Haut wolle es mit ihnen nicht verderben 5 da⸗ rum würde der Herr Gemahl nicht übel thun, dieſe Gönnerin zu kultiviren. Wirklich benutzte denn auch der Fuchs den erſten Anlaß, um der Schlange ſein Kompliment zu Füßen zu legen. Dieſe ſchien es ganz wohl aufzunehmen, und ſchon des folgenden Tages er⸗ hielt die Katze die förmliche Ernennung als erſte Dame d'honneur bei Hofe. 38 S. Die Sachen im Thierreich gingen nun ganz vortreff⸗ lich. So wähnte wenigſtens der Löwe. Manche ſeiner Unterthanen hingegen waren dann freilich anderer Mei⸗ nung. Allein Fuchs und Schlange waren beide darüber einverſtanden, jede Klage zu unterdrücken, und den Herrſcher auf alle Art von jeder nähern Berührung mit ſeinen Unterthanen fern zu halten. Kein Wunder alſo, wenn der Monarch glaubte, ſein Volk ſchwimme im Glück. Da mußte er denn freilich finden, es ſei eine eben ſo leichte als angenehme Sache um das Regieren. Solcher himmliſchen Selbſtzufriedenheit pflegte ſich jedoch nicht ſelten etwas irdiſche Langeweile beizumiſchen. Um dieſer Erbfeindin allzu ruhiger Regenten zu ent⸗ rinnen, durchſchnöberten S. M. eines Tages auch die königliche Bibliothek, und griffen, weil Ernſthafteres Sie allzuſehr zu ermüden drohte, nach einem morgenlän⸗ diſchen Mährchenbuch. Die Geſchichten von den ver⸗ ſchmitzten Kameeltreibern, den klugen Derwiſchen und den fſtrengen Kadis ergötzten den Thierfürſten unge⸗ mein. Ganz beſonders ſprach es ihn dann an, wenn 39 er las, wie die mächtigen Kalifen oft zu Fuß in einfa⸗ cher Kleidung die Gaſſen und Gäßchen ihrer Reſidenzen, oder wohl gar ganze Provinzen durchwanderten, und ſich dabei ſelbſt mit dem geringſten ihrer Unterthanen in Geſpräche einließen. Solcher Beweis von thätigem Antheil an dem Wohle der Unterhanen war dann von den Dichtern ſo hoch geprieſen, daß der Löwe in Ver⸗ ſuchung kam, ſich gleiches Lob zu erwerben. „Kurios — rief er bei ſich ſelbſt — weder mein Conſeilpräſi⸗ dent, noch meine Favoritin, die doch ſonſt Alles wiſſen, haben mir je etwas von dieſer fürſtlichen Gewohnheit geſagt! — Eh bien, ſo ſollen ſie nun auch von mei⸗ nem Vorhaben nichts wiſſen; denn, das iſt einmal entſchieden, den Spaß laß ich mir nicht nehmen, auch einmal eine ſolche Tour incognito zu machen!“ Eben wollte der König ſich auf den Weg begeben, als ſein Miniſter des Innern, der ernſte Pudel, ſich zur Audienz melden ließ. Wie gewöhnlich ſchleppte auch heute er ein ungeheures Pack Akten, Tabellen und Rapporte mit ſich, um dem Monarchen Bericht zu er⸗ ſtatten. Der aber empfand eben wenig Luſt zu ſolcher Unterhaltung. „Hör' Er, mein Lieber — ſagte er — Wir haben uns ſo eben zu einer kleinen Reiſe entſchloſſen. 40 Auf dieſer ſoll Er Uns begleiten, und mag da chemin- faisant ſeine Rapporte anbringen.“ Der Pudel war's wohl zufrieden, und folgte wedelnd ſeinem fürſtlichen Gebieter. Die lieben Unterthanen ſchienen alle von einem grenzenloſen Reſpekt gegen den Monarchen durchdrun⸗ gen; denn wo ein Thier — klein oder groß — ihn nur von Fern anſichtig wurde, machte es ſich ſo ſchnell als möglich aus dem Staube. Das erſte lebendige Geſchöpf, das ſich dem hohen Reiſenden zu nahen wagte, war die Bienenkönigin. Dieſe hatte, ſobald ſie von dem Herannahen des Löwen Nachricht erhalten, ſich ſogleich im Begleit einiger Drohnen auf den Weg gemacht, um dem Monarchen entgegen zu gehen. So wie ſie ihm begegnete, ließ die kleine Fürſtin ſich ſehr graziös auf ein Knie nieder, küßte dem Großmächtigen die königliche Tatze, und wagte dann die unterthänige Bitte, daß doch die täglichen Honiglieferungen für die königliche Tafel auf ein etwas geringeres Quantum herabgeſetzt werden möchten, weil ſonſt das ganze Völklein zu Grunde gehen, und ſomit dieſes Gewerbe ganz in Stocken gerathen müßte. „Boniglieferungen? — für meine königliche Tafel? 41 — fragte der Löwe ganz erſtaunt, — bei meiner Mähne, das iſt mir das Erſte, was ich höre!“ Da erfuhr er denn, daß Seine Excellenz der Bär dieſe Lieferungen immer eigentatzig in Empfang genom⸗ men, und dabei mit dem Zorn des Monarchen gedroht habe, wenn das Verlangte nicht pünktlich und voll⸗ wichtig bereit liegen ſollte. Auf dieſe Erklärungen ſchüttelte der Löwe unwillig den Kopf. Indem er dann die kleine ſüße Fürſtin huldreich aufhob, ertheilte er ihr die beruhigendſten Verſicherungen, daß fortan ihr keine ſolche Zumuthun⸗ gen mehr gemacht werden ſollten, und entließ ſie hier⸗ auf in den gnädigſten Ausdrücken. Dann aber machte er ſeinem Unwillen über die unverſchämte Willkühr des zotigen Leckermauls Luft, und ſetzte ſich vor, die Sache ſtreng zu unterſuchen und nach Verdienen zu ahnen. Die Wanderer gelangten jetzt an das Ufer des Meeres. Ein mißgeſtaltetes Thier, das ſich da ſonnte, erhob ſich beim Anblick der Ankommenden, wakelte ihnen langſam entgegen, und begrüßte den Pudel als Vetter. „Wer iſt denn der quabblige Fleiſchklumpen ohne Hinterbeine?“ fragte leiſe der Thierfürſt ſeinen Begleiter. Jener zuckte die Achſeln. „Es iſt der 42 Seehuud — ſagte er in verächtlichem Tone — und fürwahr, ich weiß nicht, wo eigentlich die Vetterſchaft herkommt.“ Nichtsdeſtominder reichte der gutmüthige Pudel dem Amphibium recht freundlich die Pfote, und präſentirte es dem Monarchen als einen cher cousin. Der Seehund ermangelte darauf nicht, ſich als ein Glied der ſehr angeſehenen Familie der Phokas vorzu⸗ ſtellen, deren eine Branche, nämlich die des Seelöwen, mit Ihro Majeſtät in Verwandtſchaft zu ſtehen die Ehre habe. Der vornehme Herr mit der goldenen Mähne ſchien jedoch an ſolcher Vetterſchaft nicht großen Gefallen zu finden, und lenkte das Geſpräch auf Anderes. Auf ſeine Nachfrage über den Gang des Seehandels erfuhr der Monarch zu ſeinem großen Bedauern, daß derſelbe bedeutend gelitten, ſeit der Marineminiſter an mehrere kecke Geſellen, wie z. B. die Herrn Hahfiſch & Comp. und andere, ſogenannte Kaperbriefe ausgeſtellt habe. Und das Erſtaunen des Fürſten ging dann in lauten Unwillen über, als Vetter Seehund weiter berichtete, wie unter den Fiſchen, Krebſen und andern Seethieren allgemein die Rede gehe, es ſeien die bedeutenden Sendungen von gekapertem Rhum, von Weinbeeren 43 und Cibeben, welche die HH. Hahſiſch & Comp. land⸗ einwärts verſenden, von S. M. als Gratifikation für die Raubpatente ausbedungen worden. „Werden wohl — ſagte der Löwe — in eine gleiche Küche gehen, wie die Kontribution von jenen kleinen Honigkrämern. Aber, bei meinem Schweif, ich will unterſuchen und ſtreng Gericht halten über die na⸗ ſchigen Diebe!“ Der reiſende Monarch hatte fruͤher ſchon da und dort verlauten hören, als wenn ſeit einiger Zeit Herr Elephant ſich ſtärker als je dem Schnapstrinken ergebe. Aus einem zufälligen Geſpräche mit der Sau erfuhr er nun, daß ſein Miniſter des öffentlichen Unterrichts von früh bis ſpät betrunken ſei. Vermuthlich geſchah es auch darum, daß die Erzählerin im Kothlager den gro⸗ ßen Herrn mit dem langen Rüſſel oft ihren lieben Herrn Vetter nannte. Dabei ergab es ſich denn eben, daß jene gekaperten Präſentchen unter Elephant und Fuchs getheilt wurden, während Herr Wallfiſch ſich mit andern Leckerbiſſen das Siegelgeld für die Kaperbriefe entrichten ließ. „Nun, mein Herr Miniſter des Innern — ſprach der Löwe nach ſolcher Entdeckung zu ſeinem Begleiter — 44 ich fange an zu glauben, daß wir die zwei Thiere ſind, die von allen im ganzen Reiche am wenigſten wiſſen, was darin vorgeht!“ — Der Pudel ſchien durch ein mit ſtummem Achſelzucken begleitetes Schafsgeſicht das freiwillige Geſtändniß abzulegen, daß dem wohl alſo ſein könnte. Die incognito Reiſenden hatten ſich endlich auch je⸗ ner entlegenen Provinz genaht, in welcher der Tiger als Vicekönig regierte. Da erfuhr der Monarch nun vollends gar ſaubere Geſchichten. Kein ftiedliches Thier war dort ſeines Lebens ſicher; täglich hörte man von neuen Gräuelthaten, und alle wurden unter dem Na⸗ men des Landesfürſten verübt. Alle dieſe ſchönen Entdeckungen reizten endlich den Löwen zur höchſten Wuth. Der gewaltige Schweif peitſchte den Boden, daß die Kieſelſteine in Staub zer⸗ ſtoben, und das Zorngebrüll des Ergrimmten wieder⸗ hallte weithin durch das halbe Königreich. Wie dann der erſte Zornausbruch vorüber war, kam kein Wort mehr über ſeine Zunge. In dumpfem Sinnen, und ohne von den beſänftigenden Reden des Pudels die mindeſte Notiz zu nehmen, kehrte der Mißmuthige nach ſeiner Höhle zurück, und ſelbſt den glatten Worten 45 der Schlange wollte es dießmal nicht gelingen, dem fürſtlichen Gönner eine vertrauliche Eröffnung abzu⸗ gewinnen. D. Wie nun Miniſter Fuchs das nächſte Mal wieder zur Audienz kam, brach ein ſchweres Donnerwetter über ihn los, und keine Ausflüchte wollten diesmal helfen. Die Katze war ſchon ſeit einiger Zeit wegen gewiſſer Klatſchereien mit der Schlange auf einen ge⸗ ſpannten Fuß gekommen. Anderſeits war es kein Ge⸗ heimniß mehr, daß ſich eine ſtarke Partei von Unzu⸗ friedenen im Lande gebildet hatte; und das ſchlaue Ehepaar glaubte zu wittern, daß es ſich mit der Herrſchaft des Löwen etwa bald zum Ende neigen möchte. Darum ſchien es ihnen an der Zeit, andere Netze auszuſpannen. Bald erzählten ſich nun die Politiker als eine höchſt unerwartete Erſcheinung, wie der Miniſterpräſident im graurothen Pelzrock, der bisher ſich überall als den unbedingteſten Anhänger der Krone bewieſen, plötzlich ſich zum Vertheidiger der Volksrechte aufgeworfen habe, 46 — und dieſe mit der größten Kühnheit verfechte, ſelbſt auf die Gefahr, in Ungnade zu fallen. Wirklich woll⸗ ten die feinern Naſen unter den Hofleuten bereits eine merkbare Kälte zwiſchen dem Löwen und dem Fuchs gerochen haben, und im nämlichen Maße, wie der Thermometer der Fürſtengunſt für den Langſchwanz tie⸗ fer ſank, ſah man dagegen die Bücklinge der übrigen Großen vor dem bisherigen Faktotum am Hofe des Thierfürſten ſich weniger tief neigen. Nicht minder wie der Fuchs, hatte auch die Schlange ſich bereits von der Unhaltbarkeit des Löwenthrones überzeugt. Auch kam ihr eine neue Geſtaltung der Dinge nicht ungelegen, denn längſt ſchon begann der Zwang ihr' läſtig zu werden, dem ſie ſich zu Begründung und Er⸗ haltung ihres Einfluſſes beim dermaligen Herrſcher un⸗ terziehen mußte. Die Republik paßte ihr jedoch keines⸗ wegs in den Kram, denn ſie genoß bei der Mehrzahl der Thiere keinen Kredit; auch wußte ſie wohl, daß im Anſchließen an eine Volkspartei der Fuchs und die Katze ihr bereits den Vorſprung abgewonnen hatten. Um ſo unbedenklicher entſchied ſie ſich für einen entge⸗ gengeſetzten Plan, nämlich dem Tiger die Herrſchaft in die Hände zu ſpielen, und von Stund an ſchritt ſie zur Ausführung. 47 Unter einem gefälligen Vorwande erbot ſie ſich von dem längſt wieder ausgeſöhnten Gebieter einen Urlaub auf etliche Tage zu einer kleinen Erholungsreiſe. Ihr Reiſeziel war aber kein anderes, als die Statthalterei des Tigers. Um ſich eine beſſere Aufnahme zu ſichern, hatte ſie das gute Schaf beredt, ihr ein paar Lämmer zur Geſellſchaft anzuvertrauen. Dieſe legte ſie nun dem Vizekönige als Geſchenk zu Füßen. Der zögerte denn auch nicht, die armen Thierchen gleich als dejeuné à 1a fourchette zu verſpeiſen, worauf er der Schlange eine Privataudienz ertheilte. Die Vorſchläge, die der blut⸗ dürſtige Statthalter jetzt von der glattzüngigen Verrä⸗ therin erhielt, mundeten ihm nicht minder, als das genoſſene Frühſtück. Der neue Bund war bald ge⸗ ſchloſſen. Tiger und Schlange ſchieden mit den ſchön⸗ ſten Hoffnungen auf eine glänzende Zukunft. So war denn, ohne daß der Großherzige es ahnte, von zwei verſchiedenen Seiten der Sturz ſeines Thrones beſchloſſen. Auf der einen Seite ſetzten der Fuchs und die Katze Alles in Bewegung, um einen Volksaufſtand zu organiſiren. Auf der andern verfolgte die Schlange ihren weit verderblichern Plan im eigenen Kabinete des Fürſten. 48 Was längſt vrnßih war, traf endlich ein: das bisherige Miniſterium mußte aufgelöst und durch ein neues erſetzt werden. Nun rückte die Schlange mit ih⸗ rem Vorſchlage heraus, und nicht ohne manches be⸗ denkliche Kopfſchütteln las der Monarch folgende neue Kombination: „Vielfraß an die Finanzen; Maulwurf, Mi⸗ niſter des Innern; Gimpel für den öffentlichen Un⸗ terricht; Haſe Kriegsminiſter; Steinbock für die Marine; endlich das Kameel für's Auswärtige und Präſident des Conſeils.“ Mehrere dieſer Vorſchläge wollten Seiner Majeſtät nicht recht in den Kopf. Die kluge Rathgeberin wußte ſie aber alle zu rechtfertigen. So meinte ſie z. B., weil Juſtitia die Augen verbunden trage, ſo ſchicke ſich's recht gut, daß auch der Juſtizminiſter nichts ſehe; der Haſe beſitze in ſeiner bekannten Vorſicht eine Haupttugend für einen Feldherrn; der Steinbock habe die beſte Gelegenheit, die Flotten von oben herab zu ſürveilliren; das Kameel ſei endlich ganz geeignet, durch ſeine hohe Geſtalt und ſein feines Benehmen den fremden Geſandten zu imponiren. Während dieſer Demonſtratidnen hatte der Monarch 49 ſeinen Staatskalender, das Thierbuch, mehr als Ein⸗ mal durchblättert, ohne etwas Paſſenderes zu finden. So ließ er ſich denn die neuen Anträge gefallen, mit dem einzigen Vorbehalte, noch den Verſuch zu machen, ob nicht der Pudel zu Beibehaltung ſeines Portefeuille und der Büffel zu Ubernahme des Kriegsdepartements zu bereden wären. Beide Verſuche mißglückten. Der Pudel verſicherte, er ſei der Ruhe höchſt bedürftig, denn der Fuchs habe ihn, um die Aufmerkſamkeit des einzigen treuen Die⸗ ners vom Wichtigeren abzuleiten, dermaßen mit mecha⸗ niſchen Arbeiten überladen, duß er ein wahres Hunde⸗ leben geführt habe. Letzteres ließen S. M. dem Pu⸗ del gerne gelten, und geruhten ſogar, dabei einen kö⸗ niglichen Witz zu reißen. Der Büffelochſe erklärte auf den Antrag des Königs ganz treuherzig: ſolche hohe Aufträge ſeien nichts für ihn. Komme es einmal dar⸗ auf an, für Fürſt und Vaterland zu kämpfen, ſo dürfe man auf ihn zählen; andere Kopfarbeit aber, als die mit den Hörnern, ſoll man ihm nicht zumuthen. Somit blieb es bei den Vorſchlägen der Schlange, und mit dieſem Beſchluß hatte der verblendete Fürſt ſein Ver⸗ derben unterzeichnet. Tſcharner's Looſe. N. 4 10. Mit dem Austritte des alten und dem Eintritte des neuen Miniſteriums war auch die letzte Möglichkeit geſchwunden, die geſetzliche Ordnung aufrecht zu erhal⸗ ten. Die Republikaner hielten Volksverſammlungen, an denen der Fuchs ganz ungeſcheut den Aufſtand pre⸗ digte, und dafür auch in manchem glänzenden Toaſte als Retter des Vaterlandes geprieſen wurde. Auf der andern Seite warb der Tiger in aller Stille ein ganzes Heer. Wo die Thiere an öffentlichen Or⸗ ten ſich begegneten, ſprachen ſie ganz ohne Scheu von nahe bevorſtehenden Staatsumwälzungen. Die öffentli⸗ chen Fonds fielen mit jedem Börſentage. Alles ſah einem nahen Ausbruche entgegen; nur der Löwe ſelbſt ahnte nichts von Gefahr, und wiegte ſich in den ſüße⸗ ſten Träumen eines ungetrübten Fürſtenglücks. Doch auch er ſollte endlich erwachen. Es war in der letzten Woche ſeines erſten Regie⸗ rungsjahres, als eines Morgens in aller Frühe der Pudel unangemeldet in ſein Kabinet trat. „Mein Fürſt — ſprach dieſer — Du biſt verrathen. Der Tiger hat ein mächtiges Heer um ſich geſammelt, und iſt bereits im Anzuge gegen Deine Refidenz.“ 51 — Was hör' ich? — rief der Löwe — und meine Miniſter? „Die — erwiederte der Pudel — ahnen nichts von Allem, was vorgeht, und ſchnarchen vermuthlich noch in ſüßer Ruhe.“ Jetzt wollte der Löwe allervorderſt die Schlange zu Rathe ziehen, allein das Neſt war leer. „Die ſuchſt du vergebens — ſagte der Pudel — denn ſie befindet ſich ſeit geſtern im feindlichen Lager an der Seite des Tigers, dem ſie ohne Zweifel auch alle unſere Poſitionen verrathen hat.“ „Unmöglich!“ brüllte der Löwe. Der Pudel aber bewies ihm bald, daß ſeine Nach⸗ richten nur allzu begründet waren; denn längſt hatte der treue Diener Unrath gewittert, dann endlich auf eigene Koſten den Sperber auf Kundſchaft ausgeſchickt, und durch dieſen ſo eben umſtändlichen Rapport er⸗ halten. Auf den nämlichen Tag hatten auch die republi⸗ kaniſchen Verſchwornen die Ausführung ihres Vorha⸗ bens angeſetzt, und ſich wirklich ſchon in der Nacht vorher verſammelt. Wie ſie dann aber von dem ſchwatzhaften Sperber auf ſeiner Rückkehr aus dem 52 Lager des Tigers vernahmen, welcher Angriff ſie be⸗ drohe, da hielten ſie es doch nicht für rathſam, eben im kritiſchen Augenblicke es mit einem ſo tüchtigen Anführer und Vorkämpfer, wie ihr bisheriger König war, zu verderben. Nach einer lebhaften Diskuſſion ging der Schluß dahin, ſich für einmal mit gewiſſen Conceſſionen zu begnügen, die — ſo glaubte man — der Löwe gewiß gerne eingehen werde, um ſeine Krone zu retten. Noch berathſchlagten Löwe und Pudel über die vringlichſten Mafnahmen gegen den Uberfall des Ti⸗ gers, als der Fuchs an der Spitze einer Deputation erſchien. Die Herren ſtellten ſich als Abgeordnete des ſouveränen Volks dar, und waren gekommen, um dem Monarchen zu erklären, daß ihnen gar wohl bekannt ſei, welche Gefahr den Thron bedrohe; daß aber die Unterthanen zu ſeiner Vertheidigung kein Glied rühren werden, bis und ſo lange der Fürſt ihnen nicht eine freiſinnige Konſtitution mit zwei Kammern und allen andern unerläßlichen Garantien der zugeſi⸗ chert haben werde. Der Monarch gerieth in eine beiſpielloſe Wuth, und hätte ohne die beſänftigende Dazwiſchenkunft des Pudels 53 ohne Zweifel, wie einſt der berühmte Münchhauſen, den Fuchs aus ſeinem eigenen Balg herausgepeitſcht. Er ließ ſich jedoch von ſolchen Zornäußerungen zurück⸗ halten; von Conceſſionen wollte er aber nichts hören, und ſchwur hoch und theuer, lieber ziehe er ganz allein aus gegen den Tiger und deſſen ganze Armada, als daß er ſich ſo ſchmähliche Bedingniſſe abtrotzen laſſe. Damit hob er ſich ſtolz in die Höhe, ſchüttelte die wallende Mähne, ſchlug etliche Male mit dem Schweife gegen den Voden, daß die Höhle erdröhnte, und ſchritt dann dem feindlichen Heere entgegen „ feſt ent⸗ ſchloſſen, zu ſiegen oder zu ſterben. Inzwiſchen war die Volksverſammlung, ohne die Rückkehr ihrer Deputation abzuwarten, beim Heranna⸗ hen des Rebellenheeres auseinander geſtoben, und zwar ſah man eben die, welche früher am meiſten aufbegehrt hatten, jetzt am erſten davon laufen. Der Froſch, der noch wenige Augenblicke vorher von der Tribüne herab in kecker Aufgeblaſenheit dem Löwen ſelbſt den Handſchuh hinwerfen wollte, verkroch ſich in den tiefſten Graben; die Katze ſuchte bei Herannahen auch dieſes Ungewitters den verborgenſten Schlupf⸗ winkel, und die rabiknle Sau geſtand ſich, es brauche 54 viel weniger Muth dazu, im Dunkeln einen Thron zu unterwühlen, als ſich am hellen Tage mit dem Tiger und ſeinen Geſellen herumzubeißen. Etliche wenige Thiere jedoch erklärten ſich bereit, dem tapfern Anführer in Kampf und Tod zu folgen; unter dieſen zuvorderſt der treue Hund, das edle Roß und der ehrliche Büffel. Der Tiger hatte ſein Heer ſchon in zwei Treffen geordnet. Unter ihm kommandirte der Wolf die leich⸗ ten Truppen, der Leopard die Infanterie, das Nilpferd die leichte, das Rhinozeros die ſchwere Kavallerie. Er ſelbſt führte das Centrum, die Hyäne das zweite Treffen. Die Schlange war mit dem ſchreibenden Hauptquartier zurückgeblieben. Trotz der geringen Anzahl der Königlichen ergriff ihr muthiger Anführer dennoch die Offenſive. Die Schlacht begann. Der Löwe und ſeine Mitſtreiter ver⸗ richteten Wunder der Tapferkeit; allein die Ubermacht des Feindes war zu groß, als daß das kleine Häuflein ihr auf die Länge hätte widerſtehen können. Der eine Flügel hatte bereits den wüthenden Choes des Rhino⸗ zeroſſes weichen müſſen. Auch der andere begann bei den wiederholten Angriffen des Leoparden zu ſchwanken, 55 und bald ſah der Thierfürſt den Augenblick kommen, wo ihm keine andere Wahl mehr übrig bleiben werde, als Rückzug oder gewiſſer Tod, In dieſem kritiſchen Momente gab die für beide Theile ganz unerwartete Diverſion einer bisher nicht beachteten Schaar Freiwilliger dem Kampfe eine ganz andere Wendung. Es waren etliche Schwadronen Bie⸗ nen, die unter der perſönlichen Anführung ihrer Köni⸗ gin unmittelbar dem Oberhaupte der Rebellen und ſei⸗ nen erſten Generalen zu Leibe gingen. Mit der edelſten Aufopferung ſenkten dieſe kleinen Streiter, wohlbewußt der verderblichen Folgen für ſie ſelbſt, den ſcharfen Stachel in die trotzigen Geſichter der Ubermüthigen. Da wandelte das triumphirende Hurrah der Anführer ſich in ein fürchterliches Wuthgebrüll. Bald bemächtigte eine namenloſe Verwirrung ſich des ganzen Heeres. Der Löwe benutzte den günſtigen Augenblick; in we⸗ nig Minuten war die Linie der Rebellen durchbrochen. Viele von ihnen fanden den Tod unter den Tatzen des Löwen und den Hörnern des Büffels; die übrigen er⸗ griffen die Flucht, und wurden von Hund und Pferd mit ihren ſchnellfüßigen Schwadronen bis weit hin verfolgt. Der Sieg war vollkommen. 56 Wie dann die Verfolger wieder eingerückt waren, hielt der Löwe große Heerſchau, theilte mehrere Orden aus, und belobte die Treue und Tapferkeit ſeiner Truppen; ganz beſonders dann zollte er laute Aner⸗ kennung für die unſchätzbaren Dienſte, welche die Freiſchaar der kleinen Stachelträger ihm geleiſtet hatte. Dann ward das Heer entlaſſen. Am Eingange ſeiner Höhle fand der Monarch ſein ganzes Miniſterium, bereit, ihn zu empfangen, und das Kameel ſchickte ſich eben an, die einſtudirte Be⸗ glückwünſchungsrede herzuſagen. Der Löwe wollte den Tropf aber gar nicht anhören, ſondern ſchickte ihn ſammt allen ſeinen Kollegen mit barſchen Worten nach Hauſe. Nicht beſſere Aufnahme fanden mehrere andere Thiere, die ſich nun gerne wieder in die Gnade des Fürſten eingeſchlichen hätten. Der erzürnte Monarch wollte nichts von ihren Glückwünſchen hören; viel⸗ mehr erklärte er, bald ſtrenges Gericht halten zu wol⸗ len über die Treuloſen und die Feigen. 57 Af. Einſam ſaß der Löwe am Abende dieſes verhäng⸗ nißvollen Tages in ſeiner Höhle, und überließ ſich jetzt manchen Betrachtungen, zu denen die raſch ſich drän⸗ genden Ereigniſſe der letzten zwölf Stunden ihm bisher keine Zeit gelaſſen hatten. Vor allem Andern war es die Schlange, die ſein Gemüth auf's Lebhafteſte be⸗ ſchäftigte; denn ſo ſehr die beiſpielloſe Treuloſigkeit dieſer Undankbaren den Großherzigen im Innerſten em⸗ pören mußte, ſo konnte nichtsdeſtoweniger er ein ge⸗ wiſſes Bedauern nicht unterdrücken, fortan einen Um⸗ gang miſſen zu ſollen, der ihm faſt unentbehrlich ge⸗ worden war. Aus dieſem Gewirre von widerſprechenden Gefühlen ward der einſame Denker durch einen unerwarteten Zu⸗ ruf aufgeweckt, der aus einer dunkeln Ecke ſeiner Höhle herzukommen ſchien. „Gräme dich nicht über den Verluſt der falſchen Freundin — ſo ſprach die gellende Stimme — Du wirſt ihre Geſellſchaft nicht mehr lange vermiſſen, denn ein neuer Zuſtand harret Deiner. Mögeſt nur nicht auch da ein zweites Mal Du einer Schlange Dein Vertrauen ſchenken!“ 58 Der Löwe wandte ſich überraſcht nach dem räthſel⸗ haften Sprecher. „Wer biſt du — fragte er — der du in meiner Seele zu leſen ſcheinſt und meine Zukunft durchſchaueſt?“ Das feurige Augenpaar einer ſtattlichen Eule begeg⸗ nete dem Blicke des Fragenden; die neue Geſellſchafterin erwiderte: „Du redeſt wahr. Iſt auch mein körperliches Auge unfühig, däs Licht der Sonne zu vertragen, ſo dringt dagegen mein geiſtiger Blick bis in das tiefſte Verſteck nie ausgeſprochener Gedanken, und verkündet mir oft die kommenden Ereigniſſe. Drum höre, und traue auf meine Worte.“ „Heute iſt der Tag, mit welchem die Sonne einen ganzen Kreislauf vollendet hat, ſeit du zum erſten Male in dieſer Höhle erwacht biſt. Blicke nun zurück auf die Erfahrungen, die du gemacht haſt, und präge ſie tief in dein Gedächtniß. Sie ſollen, wenn bald du auf einen höhern Thron berufen ſein wirſt, dir Glück und Ehre bringen, und die Wohlfahrt deines Volkes begründen.“ Jetzt führte die tiefe Seherin alle die manigfalti⸗ gen Bilder an der Seele des Zuhörers vorüber, aus 59 denen er ſich nützliche Lehren für die Zukunft ſchöpfen ſollte. So die ſcheue Furcht der friedſamen Thiere vor dem Gewaltigen; den hämiſchen Spott der Affen aus ſicherem Verſteck; die diplomatiſchen Gaukelkünſte des Fuchſes; die Eigenſucht ſeiner erſten, die Untauglichkeit ſeiner nachherigen Miniſter; vor Allem dann die Hin⸗ terliſt der Schlange, die das ſicherſte Mittel zu ſeinem Verderben ergriffen hatte, indem ſie ihn mit untaugli⸗ chen Gehülfen zu umgeben wußte. „So haſt du denn — ſchloß die Eule ihre Rede — in dieſem einzigen Jahre eine Reihe der lehrreichſten Erfahrungen geſammelt; die lehrreichſten und auch die bitterſten aber an dieſem letzten Tage; denn es war ein Tag der Gefahr und der Widerwärtigkeiten, und erſt in dieſen lernt ein Jeder, lernt beſonders der Fürſt ſeine wahren Freunde kennen und die falſchen durch⸗ ſchauen. Hier gedenke der unerſchütterlichen Ergeben⸗ heit des Pudels, der anſpruchloſen Treue des Büffels und ſeiner Mitſtreiter, und nicht minder der aufopfern⸗ den Dankbarkeit des kleinen Bienenvolkes, deren Bei⸗ ſtand allein du Rettung und Sieg verdankteſt. Dabei merke dir zwei Lehren. Die Eine: wenn das Vaterland in Noth ſchwebt, dann ſind es nicht die Großen des 60 Reichs, nicht die hohen Geiſter, die feinen Köpfe und die glänzenden Redner, welche es retten, ſondern die Kraft des Volks muß es thun. Die Andere: eben die Staatsbürger, die im Frieden die thätigſten und die ordentlichſten ſind, werden meiſtens im Kriege ſich als die treuſten und tapferſten erweiſen. Drum wohl dem Fürſten, der ſich ihre Liebe ſichert durch Gerechtigkeit und weiſe Geſetze.“ Hier ſchloß die Eule, und entſchwand den Blicken des Löwen. In ernſtes Nachdenken verſenkt, und dabei von ei⸗ nem unerklärlichen Vorgefühl über die nächſte Zukunft ergriffen, bemühte der Einſame ſich, wie mit Gewaſt, die Bilder der Vergangenheit und die ſo eben empfan⸗ genen Lehren tief in ſein Gedächtniß einzuprägen. Nach und nach aber begannen ſeine Vorſtellungen undeutlich zu werden; immer verworrener vermiſchten ſich die Bilder von Vergangenheit und Zukunft. Wie dann die Nacht ſich herabſenkte auf die Landſchaft, da unterlagen endlich die Anſtrengungen der Seele dem Bedürfniſſe der körperlichen Natur. Der Müde verfiel in tiefen Schlaf. 61 — 12. Mit dem Aufſteigen der Morgenſonne ſchlugen lieb⸗ liche Töne an das Ohr des Schlummernden. Diesmal war es aber nicht der Geſang der Vögel; nein es wa⸗ ren ſüße Melodien aus Flöten und Hörnern, durchwo⸗ ben von harmoniſchen Akkorden ſilberner Harfenklänge. Der Löwe erwachte. Doch nein; es war nicht mehr der rieſige Thierfürſt, — es war Prinz Elmehid, der — angethan mit den Gewändern ſeines hohen Standes — ſchön wie der aufſteigende Maitag, die Augen aufſchlug. Er erkannte ſogleich das Gemach im Pallaſte ſeines Va⸗ ters, und kaum hatte er ſich von den damaſtenen Pol⸗ ſtern erhoben, ſo trat dieſer ihm entgegen, am Arme des greiſen Abradahu. Die erſte Umarmung von Vater und Sohn bei die⸗ ſem Wiederſehen war auch die letzte in ihrem Leben. Bis zum Ablauf der einjährigen Lehrzeit des Prinzen hatte der mit höheren Kräften ausgerüſtete Weiſe die Lebenstage des fürſtlichen Greiſes zu verlängern ver⸗ mocht. Jetzt aber blieb ihm nur noch ſo viel Friſt anberaumt, als nöthig war, um ſich zu überzeugen, wie befriedigend ſeine Wünſche erfüllt waren. Der 62 — Prinz hatte die vollſtändigſte Erinnerung aus ſeinem Thierleben, hatte ganz beſonders die Lehren der tief⸗ denkenden Eule in ſeinen neu hergeſtellten höhern Zu⸗ ſtand mit hinüber genommen. Da gewann dann der greiſe Fürſt aus den Erzählungen des Sohnes die Zu⸗ verſicht, daß, wenn ein reicher Schatz von Erfahrung, gepaart mit der vollſten Jugendkraft und den herrlich⸗ ſten Anlagen an Verſtand und Gemüth im Regenten, die Wohlfahrt des Staates zu ſichern vermögen, er mit dem ruhigen Bewußtſein hinüberſchlummern könne, es ſei das Glück ſeines Volkes auf lange Zeit hinaus feſt begründet. Die Zuverſicht des Scheidenden ward herrlich ge⸗ rechtfertiget. Elmehid regierte gerecht und weiſe. Wohl trachteten Schmeichelei und Argliſt ihn auch hier zu umgarnen; wohl verſuchten Eigenſucht und Dünkel ihn fern zu halten von ſeinem Volke, und wagten Feigheit und Ignoranz ſich nach den höchſten Stellen hin zu drängen. Allein gewarnt durch die Erinnerungen aus ſeinem Thierleben, drang ſein Blick bis in's Innerſte der Gemüther. Da entdeckte er dann oſt unter der Hülle des uneigennützigen Rathgebers den Fuchs oder 63 die Schlange; im Gewande des Weiſen den Affen oder das Kameel, und unter der Rüſtung des Kriegers das Schwein oder den Haſen. Dann riß er mit ſtarker Hand ihnen die glänzenden Hüllen vom Leibe, und ver⸗ jagte ſie aus der Nähe ſeines Thrones, verfolgt von Spott und Verachtung der Redlichen und Verſtändigen. Wo aber er in einem Menſchen — war es auch unter der beſcheidenſten Hülle — die Treue des Pudels wie⸗ der erkannte, oder die tiefe Weisheit der Eule, da be⸗ rief er ihn in ſeine Nähe, und ſchenkte ihm ſein Ver⸗ trauen; und wo er — war es auch in der letzten Hütte — einen Haushalt traf, in welchem die Leute ſtill und emſig ihres Berufs warteten, wie die fleißigen Bienen, da hielt er ſolche Unterthanen in Ehren, gleich den Großen des Reichs, und gewährte ihnen Schutz und Beiſtand, wie ein wahrer Vater gegen ſeine Kinder. O weiſer und mächtiger Abradahu! Möchteſt du doch noch unter uns wandeln, und unſere heutigen Kan⸗ didaten und Aſpiranten zum Regentenberuf in die Schule nehmen können; und zwar nicht nur für den Thron im Fürſtenſtaat, ſondern nicht minder für den Präſidentenſeſſel und die Rathsherrnbank in großen und kleinen republikani⸗ ſchen Gemeinweſen! ————————— Der — 2= — — — = en M. Tſcharner's Looſe. Der Schützenpreis. (Eine Erzählung.) 1. J kenne ein liebliches Thal im Schweizerland, da ſchaut von ſonniger Halde herab ein anſehnliches Haus; zwar der Bauart nach nur ein Bauernhaus, aber die großen ſpiegelhellen Fenſterſcheiben und die weißen Vor⸗ hänge, die dahinter hervorglänzen, laſſen von weitem ſchon errathen, es ſei dieſes kein Sitz der Armuth oder auch nur der ökonomiſchen Beſchränkung. Blickt Ihr dann weiter herum auf die Gärten, die Ställe und die großen Scheunen ringsum, meßt ihr mit dem Auge den ſchönen Grasboden, der in ſanfter Steigung ſich von der Landſtraße hinaufdehnt bis zur Hofflur, und zählt Ihr die Fruchtbäume, die vom niedlichen Garten-Thor weg die bekieste Zufahrt begränzen: dann werdet Ihr mir glauben, daß unter dem niedern Schindeldach es 68 in Kiſten und Kaſten und auf Rechenbüchern und In⸗ ventarien beſſer ausſieht, als in manchem ſteinernen Gebäude, mit ſeinem Dutzend Kaminen. Wandert Ihr dann noch ein kleines Viertelſtündchen thaleinwärts bis in das große anſehnliche Dorf, und kehrt dort ein im Wirthshaus zur Armbruſt, dann müßte die Trinkſtube gerade ganz leer ſein, oder es kann Euch nicht fehlen, daß Ihr vom Eigenthümer jenes ſchönen Gutes reden hört, von ſeinem Reichthum und von ſeinen wunderlichen Eigenheiten. Hättet Ihr aber ein paar Jährchen früher da zugekehrt, ſo ſprachen die Gäſte, noch viel öfter und viel lieber, als vom wun⸗ derlichen Vater, von der wunderſchönen Tochter, aus der ſeither ein wunderſchönes Weibchen geworden iſt. Und wie heißt das liebliche Schweizerthal mit der ſonnigen Halde und dem ſchönen Bauernhaus? Wer iſt der reiche wunderliche Eigenthümer, und wie hat man's anzuſtellen, wenn man allenfalls Bekanntſchaft machen wollte mit dem wunderſchönen Weibchen, das aus dem wunderſchönen Töchterchen geworden iſt? — — Auf alle dieſe Fragen wüßte ich Euch allerwenigſtens ſo gut zu antworten, als jener Schulmeiſter ſeinen halber⸗ wachſenen Schultöchtern, wie ſie wiſſen wollten, was 69 — Mutter Eva im Paradies für ein Schlafhäubchen ge⸗ tragen und dergleichen. Ich wüßte es, wenn ich wollte, aber — ich will eben nicht, und zwar aus guten Gründen, wie ein jeder zugeben wird, wenn er einmal die Geſchichte bis ans Ende geleſen hat. Denjenigen meiner Leſer, welche ſolches Wo? und Wer? aus ſich ſchon zu errathen wiſſen, kann ich das freilich nicht verbieten; die übrigen aber mögen Geduld tragen und ſich damit begnügen, daß jenes Dorf ich Maien⸗ thal, jene ſonnige Halde mit dem ſchönen Haus den Roſenbühl heiße, und ihnen den reichen wunderlichen Kauz als Kantonsrath Dreifuß, ſein liebliches Töchterchen aber kurzweg als Kantonsraths Bärbel⸗ chen vorſtelle. Zu beſſerer Verſtändniß wird dann noch bemerkt, daß die Geſchichte in jenen Zeitpunkt fällt, wo die heißen Julitage von Paris auch anderwärts den Leuten das Blut in etwas ungewöhnliche Wallung ver⸗ ſetzt hatten. 2. Seit etlichen Wochen drehte ſich das allgemeine Ge⸗ ſpräch im Maienthal in allen Häuſern und auf allen 70 Straßen um den nämlichen Gegenſtand: das große Frei⸗ ſchießen, das auf Mitte des kommenden Monats Juni dort ſtatt finden ſollte. Weitaus am meiſten und am eifrigſten wurde dieſe Angelegenheit auf dem Roſenbühl beſprochen. Kein Wunder! denn eine herrlichere Gele⸗ genheit konnte der Kantonsrath durchaus nicht finden, um einmal alle ſeine Lieblingsſteckenpferde der Reihe nach aufzuzäumen! Es gehörte nämlich Herr Hans Konrad Dreifuß erſt⸗ lich zu den allereifrigſten Eidgenoſſen und Volksmännern. Ihm lachte ſein patriotiſches Herz, wenn von Volks⸗ vereinen die Rede war, vorzüglich dann von Schützen⸗ übungen und Schützenfeſten; denn auch er theilte den Enthuſiasmus ſeiner Landsleute für dieſe ihre National⸗ waffe und lebte der Zuverſicht, daß in den Tagen der Gefahr vor Allem ſie das Vaterland ſchützen müſſe gegen die Kriegstaktik und die Uberzahl feindlicher Streitmaſſen. Darum war er auch ſtolz auf ſeine Stelle als Schützen⸗ meiſter; prächtige Stutzer und Schützenrüſtungen zierten ſein Zimmer, und mit Begierde verſchlang er Alles, was die vaterländiſchen Blätter vom Schützenweſen be⸗ richteten. Mit ſolcher Liebhaberei und ſolchen Mitteln würde Herr Dreifuß als Schützenanführer gewiß Außer⸗ 7¹ ordentliches geleiſtet haben, in Krieg und in Frieden, hätte die liebe Mutter Natur nicht ſein Auge etwas zu karg und dagegen ſeinen Bauch zu freigebig behandelt. So aber freilich reichte der Blick des Schützenmeiſters nicht viel weiter als die Länge ſeines Leibgurtes! Zum Zweiten dann waltete in dieſem kantonsräth⸗ lichen Heldenherzen neben — vielleicht auch wohl über der Liebe für das gemeineidgenöſſiſche Vaterland, eine recht blinde Vorliebe für ſein heimiſches Thal. Dieſem eine Berühmtheit, einen hiſtoriſchen Namen zu ver⸗ ſchaffen, das gehörte zu ſeinen ſchönſten Träumen, deren Erfüllung er auch mit einem bedeutenden Opfer erkauft hätte, ſo entſchieden er ſonſt dem Grundſatz huldigte, Nehmen ſei ſeliger als Geben. Zum Dritten dann lebte in der Bruſt dieſes braven Eidgenoſſen und eingefleiſchten Maienthalers neben — oder vielleicht auch noch über jenen zwei Gefühlen noch ein drittes, nämlich die Liebe für — ſeine eigene Perſon. Der Mann war feſt überzeugt, das Schickſal habe ihn auserkoren, einmal in der Geſchichte Maienthals, und alſo in der des ganzen eidgenöſſiſchen Vaterlands, eine große Rolle zu übernehmen; und warum ſollten die Stelle eines Schützenmeiſters und der Seſſel im Großen 72 Rath ſeines Kantons nicht die erſten Stufen zu einer weit höheren Ehrenleiter bilden? Was konnte es alſo für dieſen Mann Erwünſchteres geben? Ein vaterländiſcher Verein, ein Freiſchießen, ein Volksfeſt, patriotiſche Reden, zeitgemäße Toaſts; und das Alles in Maienthal, Angeſichts ſeines Roſen⸗ bühls! Und von aller der Herrlichkeit wer anders war der Mittelpunkt, die Sonne, um die das Ganze ſich drehte, als er, der Kantonsrath, der Schützenmeiſter, der reiche Mann, der Hauptbeförderer des Feſtes! In dem ſchönen Hauſe auf dem Roſenbühl wohnten aber auch noch andere Leute, und auch dieſe hatten auf das große Ereigniß, das der Maienthaler⸗Welt bevor⸗ ſtand, nicht viel weniger, und in ihrer Meinung nicht viel Unwichtigeres zu beſprechen und vorzubereiten, als der Hausherr ſelbſt, ſo geringſchätzig auch dieſer auf ſolche untergeordnete Zweige des großen Unternehmens herabblicken mochte. Frau Dreifuß erſtlich war ein gutes Weibchen, das den Pantoffel noch ſchlechter zu handhaben verſtand als ihr Mann die Schützenwaffe, uud darum im Familien⸗ rath nicht viel mehr zu bedeuten hatte, als jener im geſetzgebenden ſeines Kantons. Auch that ſie wohl daran, 73 ſelbſt nicht einmal nach einer Mitregentſchaft zu ſtreben; denn wenn Herr Dreifuß in Politik als ein entſchie⸗ dener Liberaler galt, ſo übte er dagegen im eigenen Hauſe einen Abſolutismus, wie nur irgend ein Paſcha, Dey oder Großſultan. So beſchränkte denn auch hier ſich das Wirken der Hausfrau auf die nothwendigen An⸗ ordnungen in Küche und Kammer, und in der Garderobe ihres Mannes; doch gab es auch darin zu thun vollauf, denn Herr Dreifuß wollte, daß Alles, in und außer dem Hauſe, ſeinem Anſehen und ſeinem Reichthum entſpreche; mit dieſer Weiſung ſchloß er jedes Geſpräch über das bevorſtehende Feſt. Und Bärbelchen? Das wunderliebliche zruunloxige Mädchen mit ſeinem ſechzehnjährigen Frühlingsgeſicht⸗ chen, was konnte die noch mehr zu thun und zu denken haben, als etwa der Mutter hülfreiche Hand zu leiſten in Küche und Kammer? Das will ich meine Leſer und Leſerinnen ſelbſt errathen laſſen. Die aber, ſo es nicht zu finden wiſſen, die würden es wohl auch nicht ver⸗ ſtehen, wenn ich's ihnen ſo weitläufig auseinander ſetzte wie ein Kommiſſional⸗Gutachten der hohen zidgenöſſi⸗ ſchen Tagſatzung. 74 Das Wirthshaus zur Armbruſt, am Eingang des Dorfes Maienthal, hatte früher einen doppelten Adler als Schild geführt; noch jetzt prangt dieſes ominöſe Thier an der einen Seite des Hauſes in ſchlechter Mauermalerei und möchte für manchen Vorübergehenden einen räthſel⸗ haften Kontraſt bilden gegen die an der Hausecke an vergoldetem Arm ſchwebende Tellenwaffe, mit dem durch⸗ ſchoſſenen Apfel darunter. Aber wahrlich zu der ver⸗ änderten Beſtimmung in ſeinem Innern paßte hier auch die Umwandlung von Außen, und darin unterſchied die⸗ ſes Haus ſich rühmlich von gewiſſen Menſchen, die ſich nichts daraus machen, in ihren Meinungen alle Tage einen andern Schild herauszuhängen, während ſie im Grund des Herzens immer die Gleichen ſind. Es hatte nämlich der doppelte Adler zu Maienthal früher viele Jahre hindurch ſein beſtes Futter der Wer⸗ bung für die franzöſiſchen Schweizerrggimenter verdankt, deren Angeſtellte hier eines ihrer Hauptquartiere aufge⸗ ſchlagen hatten. Aber ſeit den bekannten Julitagen des Jahres 1830 waren die rothen Vögel *) ausgeflogen, und *) Die Schweizertruppen in franzöſiſchem Dienſt trugen rothe Uniformen. 75 Meiſter Schaber, der ſchlaue Wirth, mußte Bedacht nehmen, wie er andere herbeilocke. Das gelang ihm denn auch vollkommen und es kümmerte ihn dabei wenig, daß fortan aus ſeinem Vogelſchlag ganz andere Lieder heraustönten, als in den Tagen der Handgelder und der Rekrutentänze. Seit alſo das Werbhaus der Rothen ſich zum Vereinigungspunkt der Patrioten und der Volks⸗ männer umgewandelt, wußte Herr Schaber nichts An⸗ gelegentlicheres, als Jedermann zu verſichern, wie er gewiß ſeiner Lebtag ein warmer Freund der Liberalen geweſen ſei, und das konnte er auch mit gutem Gewiſſen ſagen, ſoferne man nämlich, wie vor Einführung der neueſten politiſchen Terminologie, unter einem liberalen Mann etwa nur einen freigebigen Mann verſtand; zu einem ſolchen aber gehörte, nach Herr Schabers Da⸗ fürhalten, zu allervörderſt, daß er gerne brav auftiſchen laſſe und, Notabene, auch richtig bezahle. Denn darüber verſtand dieſer Patriot keinen Spaß, und wenn Einer zu lange ſäumte, ſein doppeltgekreidetes Sünden⸗ regiſter mit klingender Münze abzuwaſchen, ſo nannte Herr Schaber ihn — wenigſtens bei ſich ſelbſt — einen Lumpen, und wäre der Gaſt ſchon mit einem Beine oder gar mit beiden in einem proviſoriſchen Verfaſſungs- oder 76 in einem definitiven Großen oder Kleinen Kantonsrath geſtanden. Eines Abends — es mochte etwa drei Monate vor dem Zeitpunkt geweſen ſein, da in Maienthal das Pro⸗ iekt des großen Schützenfeſtes zur Sprache kam — war der patriotiſche Verein beim Adler beſonders zahlreich beſucht. Es handelte ſich eben darum, eine wichtige Volksverſammlung mit Deputirten zu beſchicken, und die Berathung der mitzugebenden Inſtruktionen hatte ziem⸗ lich lebhafte Debatten veranlaßt; da wurde der Gang der Verhandlungen plötzlich durch den Eintritt eines Fremden unterbrochen. Es war ein kleines, etwas ver⸗ wachſenes Männchen von mittlerem Alter, mit ſchlauem Blick und von äußerſt lebhaftem Benehmen. Die weni⸗ gen Worte, womit er ein Glas Bier beſtellte, verriethen den Deutſchen jenſeits des Rheins, und ſein etwas phan⸗ taſtiſcher, aber nicht eben glänzender Anzug ſchien am eheſten einen wandernden Muſenſohn anzukündigen. Er maß mit ſchnellem Uberblick die Verſammlung und mochte wohl auf mehr als Einem Geſicht etwas Verſuchung leſen, dem ungelegenen Gaſte die Thüre zu weiſen. Ehe jedoch die auf den patriotiſchen Stirnen drohenden Wol⸗ ken ſich zum Gewitter zuſammengezogen, hatte der Fremde 77 ſie mit wenigen Worten zerſtreut, und bald ſtrahlte frenundlicher Sonnenſchein ihm aus manchem Auge ent⸗ gegen. „Aber Herr Wirth — rief der kleine Gaſt Herrn Schaber entgegen, als dieſer ihm den ſchäumenden Trank darreichte — vorhin wollte ich ja kaum meinen Augen trauen! Stellen Sie ſich nur vor: noch hatte ich den letzten Wachtpoſten unſers armen beknechteten Deutſch⸗ lands nicht weit hinter mir und athmete noch nicht lange die freie Schweizerluft, ſo hörte ich auch ſchon von dem herrlichen Geiſt, der das liebliche Maienthal belebe, von dem patriotiſchen Verein, und auch von Ihnen, Herr Schaber und ihrer ächt freiſinnigen Denkungsart. Ich eile her, um einmal den Geiſt wahrer Volksfreiheit in vollen Zügen zu trinken; ich komme an, ich frage nach, man weist mir Ihr Haus, und — was iſt das Erſte das ſich meinen Augen darſtellt? Ein doppelter Adler! Sowahr ich ein freier deutſcher Mann ſein will: im regenerirten Schweizerland, im patriotiſchen Maienthal, am Hauſe des Zuſammentritts der Freiheitsfreunde, ein doppelter Adler, mit Szepter und Reichsapfel und Kronen! Ich dachte zu träumen; ich rieb mir die Augen faſt wund: 78 aber immer blieb es das verhaßte Wappenſchild der hei⸗ ligen Allianz, das Heerespanner des Erbfeindes aller Freiheit in unſerm Welttheil!“ Hier hielt der Gaſt inne, ſtürzte die Hälfte des Doppelglaſes in Einem Zug hinunter, gleich als wollte er ſeine Aufwallung mit Gewalt niederdrücken und die Bitterkeit wegſchwemmen aus ſeiner patriotiſchen Bruſt. Dann ſetzte er das Glas nieder und blickte den verblüfften — Gaſtwirth fragend an, aber mit einer Miene des über⸗ gewichts, wie ein Schulmeiſter den ertappten Knaben, von dem er wohl weiß, er vermöge keine Ausrede zu finden. Wirklich wäre für Herrn Schaber in dieſem Augen⸗ blick jeder Verſuch zu einer Rechtfertigung unnütz ge⸗ blieben; denn, mit manchem kräftigem Fluche verſtärkt, wiederhallte in rauſchendem Chor der Ruf: „herab mit dem Adler, mit dem Ariſtokratenſchild! Weg mit dem Feldzeichen der heiligen Allianz!“ und dergleichen, und unwiderruflich war über den doppelköpfigen Kronenträger das Todesurtheil ausgeſprochen. Für Herrn Schaber hatte die Sache nun fteilich ihre gar bedenkliche Seite; denn ſo unbarmherzig auch der gekrönte Vogel ſeine Krallen den Gäſten, beſonders den 79 fremden, ins Fleiſch zu ſchlagen pflegte, ſo hatte er voch auch hier das hiſtoriſche Daſein und ſomit das Prinzip der Legitimität für ſich, und leicht mochte er beim Wegfliegen auch ein Dutzend alter Kunden auf ſeinen Fittigen wegtragen. Aber in dieſem Augenblick blieb dem bedrängten Wirth keine Zeit zu ſolchen Be⸗ trachtungen, und wollte er nicht wagen, daß die jungen Patrioten, deren Zukehr er denn doch dermalen ſeinen beſten Vertrieb dankte, den Raub- und Rupfvögeln mit einem und mit zwei Köpfen zugleich den Rücken wandten, oder wohl gar bei guter Gelegenheit den Herrn ſelbſt an den Platz des Vogels hängen, ſo mußte er ohne langes Beſinnen dem alten Freund draußen den Abſchied geben. Wer A ſagt, muß auch B ſagen; das erfuhr jetzt auch Herr Schaber, wie auf den Vorſchlag des ſchiefen Gaſtes er aufgefordert wurde, als neuen Schild eine Armbruſt mit vergoldetem Apfel und Pfeil recht ſchön ausarbeiten zu laſſen. Freilich ward ihm bei vorläufiger Berechnung der Unkoſten Geßlers Apfel zur ſauren Frucht und Tells Pfeil fuhr, ſtatt durch dieſen, mitten durch ſeinen Geldbeutel, alſo durch ſein Herz. Aber er war der Mann, um zum ſchlechteſten Spiel ein fröhliches 80 Geſicht zu machen, ſobald das etwas helfen konnte. So ergriff er denn auch jetzt die einzige gute Partie, indem er mit einer Freigebigkeit, welche ſeine Gäſte in Er⸗ ſtaunen ſetzte, ihnen vormalte, mit welcher Zierlichkeit und Pracht der neue Schild ausgearbeitet werden ſoll. Auf jede neu angekündigte Verzierung folgte ein neues Lebehoch, bald dem alten Tell, bald dem neuen Patrioten und freiſinnigen Wirthe, am lauteſten aber dem Urheber dieſer ewig denkwürdigen Reform am erſten Wirthshauſe im Maienthal. Als darum Abends, oder vielmehr des andern Morgens, vor Schlafengehen der Gaſtwirth das lederne Beutelchen ausleerte, in welchem ſich alle ſeine politiſchen, philoſophiſchen und moraliſchen Syſteme kon⸗ zentrirten, und dabei die noch ungebüßten Sünden etli⸗ cher Zecher von der ſchwarzen Schiefertafel, nicht ohne etwas Zuſchlag, auf ſein Rechenbuch eintrug, ſo konnte er ſich tröſten, daß es nur noch etlicher ſolcher patrioti⸗ ſcher Durſt- und Freudenabende bedürfe, um die Koſten für den neuen Schild abzuzahlen, ehe er noch da hänge. Zugleich mit dem Todesurtheil über den gekrönten Vogel, war auch die Aufnahme des Fremdlings in den Verein der Maienthaler⸗Patrioten beſchloſſen. Der Auf⸗ genommene zeigte ſich dieſer Ehre werth, denn er gab — 81 ſich bald als einen verfolgten Märtyrer der Freiheit, den durch ſeine patriotiſchen Reden weit und breit be⸗ kannten Doktor Federſpitz zu erkennen. Nun war der Mann, wie er ſelbſt verſicherte, zwar ſchon nach verſchiedenen der erſten Schweizerſtädte zu ſehr einträg⸗ lichen Stellen berufen; aber die herrliche Lage des lieb⸗ lichen Maienthals, und mehr noch der vortreffliche pa⸗ triotiſche Geiſt, der hier waltete, hatten ihn ſo mächtig angezogen, daß er alle jene glänzenden Ausſichten gerne zum Opfer brachte, um ſich in dieſem lachenden Sitze ſchweizeriſcher Freiheit und Freiſinnigkeit eine neue Hei⸗ math zu ſuchen. 4. Eine Erſcheinung, wie die des deutſchen Freiheits⸗ helden, war natürlich auch auf dem Roſenbühl nicht lange unbeachtet geblieben. Darum ward er auch bald nach ſeinem erſten Auftreten zu einem kleinen Abend⸗ verein bei Kantonsraths eingeladen. Schon bei dieſer erſten Zuſammenkunft hatte der Schlaukopf ſeinen Mann ſo durch und durch geſchaut, daß er darauf rechnete, den ganzen Helden bald mit Haut und Haar in ſeinem Tſcharner's Looſe. U. 6 82 Garn zu haben. Das Schwierigſte war, dem neuen Gönner begreiflich zu machen, wie Einer ſich könne Doktor nennen laſſen, der, wie Federſpitz ſelbſt geſtand, nicht einmal einem Hund, viel weniger einem Menſchen eine Arznei zu verſchreiben wiſſe, ſondern ſich nur mit Philoſophie und dergleichen abgebe. Wie aber dieſer Anſtand überwunden war, ſo gelang es dem nunmehr anerkannten Doktor, ſich von Tag zu Tag feſter zu ſtellen im Vertrauen des Kantonsraths. Den größten Schritt darin machte der Schlaukopf, als er dem Herrn auf dem Roſenbühl im höchſten Vertrauen ſeinen Plan eröffnete, in Maienthal eine Druckerei zu errichten und ein vater⸗ ländiſches Blatt herauszugeben. Wan denke! eine Zei⸗ tung, die ſich aus dem heimiſchen Thale über die ganze Eidgenoſſenſchaft verbreitete; in dieſer konnte unmöglich anderes, als oft und viel und rühmlich des Roſenbühls und ſeines Beſitzers Erwähnung geſchehen. So hoch hatte ſich die Dreifußiſche Eigenliebe in ihren kühnſten Träumen noch nicht verſtiegen. Der Mann, der dieſes Zauberbild in Wirklichkeit zu verwandeln verſprach, der konnte fortan mit dem Dreifuß machen, was ihm beliebte. Auch bei der Hausfrau wußte Doktor Federſpitz ſich „ 83 durch allerlei gute Rathſchläge und ſchöne Sprüche in Gunſt zu ſetzen; nur Bärbelchen fühlte ſich durch ein gewiſſes untrügliches Gefühl bei dem ganzen Weſen des neuen Eindringlings im väterlichen Hauſe höchſt widrig angeſprochen. Aber ſchon die Achtung für die Meinung ihrer Eltern genügte bei dem frommen Kinde, um ihren Widerwillen im Innerſten ihres Herzens zu verſchließen und ſorgfältig jedes äußere Merkmal davon zurückzu⸗ halten. So war denn der kleine Doktor der erklärte Günſt⸗ ling und beinahe tägliche Gaſt am Roſenbühl. Stelle man ſich alſo vor, welchen Antheil auch er an dem Plan des Maienthaler-Freiſchießens haben mußte, an den Zu⸗ bereitungen zu Verherrlichung des Feſtes und an den glän⸗ zenden Phantaſiebildern, die dem wohlbeleibten Schützen⸗ meiſter Tag und Nacht von dieſer Freudenwoche vor⸗ ſchwebten. 5. Auch heute, nämlich an dem Tage, mit dem unſere Geſchichte eigentlich beginnt, war der Hausfreund zur gewöhnlichen Abendſtunde auf dem Roſenbühl erſchienen. 84 Aber ſtatt, wie ſonſt, trällernd durch die Obſtallee her⸗ anzuhüpfen, kam er dieſesmal ganz nachdenklich einher⸗ geſchritten. Beim erſten Gruß ſchon konnte der Haus⸗ herr die trübe Laune des ſonſt ſo muntern Gaſts bemerken. Er hieß ihn zu ſich ſitzen in der Gartenlaube und er⸗ wartete, daß der Doktor etwa wieder, wie es ſchon mehr⸗ mals geſchehen war, einen Strauß mit ſeinem Haus⸗ patron, dem Herrn Schaber, auszufechten habe; aber bald ſollte der Kantonsrath ſich überzeugen, daß es ſich hier um Wichtigeres handle, und daß er ſelbſt nur all⸗ zuviele Urſache hatte, den Verdruß des Freundes in noch erhöhtem Maße mitzuempfinden. In der That, das war eine niederſchlagende Bot⸗ ſchaft: ein Freiſchießen und großes Schützen⸗ feſt in Haberburg, und das gerade in der nämlichen Woche, auf die das Feſt in Maienthal angeſetzt war! Wer nun weiß, daß das nur vier Stunden von Maienthal an der großen Heerſtraße und im Hauptthal gelegene Haberburg ein ganz artiges Städtchen iſt, wo eine bedeutende Anzahl ſehr wohlhabender Familien woh⸗ nen, die alſo ihrem Feſte einen ganz andern Glanz zu geben vermochten, als die guten Maienthaler, auch ſammt ihrem reichen Schützenmeiſter, der wird es be⸗ 85 greifen, wie dieſer ſich plötzlich vom Gedanken ergriffen fühlte, daß dadurch alle ſeine herrlichen Plane mit Einem Mal zu Waſſer gehen müſſen. „Ein verdammter Zufall!“ zürnte der Kantonsrath. „Ein Zufall?“ — rief bitter der Doktor, der auf das Maienthalerfeſt auch ſchon ſeine Plänchen gebaut hatte — „Sagen ſie lieber: ein verfluchter Ariſtokraten⸗ ſtreich!“ „Glauben Sie?“ fragte Dreifuß, indem er den Gaſt mit großen Augen anblickte. „Nichts Anderes! — erwiederte jener mit der größten Beſtimmtheit. Ich kenne die Umſtände und die Men⸗ ſchen zu gut, um nicht den ganzen Plan zu durchſchauen, und die Auskünfte, die meine Korreſpondenten mir dabei ertheilen, verwandeln meine Vermuthungen in Gewiß⸗ heit. Schon lange blicken die Haberburger mit Schel— ſucht und Beſorgniß auf das Aufblühen von Maienthal, und wohl mehr noch auf den ſtets wachſenden Einfluß des Kantonsraths Dreifuß!“ „Ja, ja, — ſchmunzelte ſelbſtgefällig der Geſchmei⸗ chelte — daß der Neid jenen ſtolzen Krämern das feine Stücklein möchte eingegeben haben, das fuhr mir gleich anfangs durch den Kopf; aber daß ſie damit etwas 86 Ariſtokratiſches im Schild führen, kann ich mir doch kaum denken. Die Haberburger haben ſich ja ſchon vovm erſten Tag unſerer Umgeſtaltung als recht eifrige Libe⸗ rale bewieſen und — —“ „Ei, ei, lieber Herr Kantonsrath, fiel jener ihHm in's Wort, es ſind Städtler! Klein oder groß, das macht auf die Länge keinen Unterſchied, und Art läßt nicht von Art! Was einmal Stadt heißt oder Städtchen, will dem Landvolk überhaupt nichts laſſen. Dermalen aber iſts den Haberburgern nicht nur um eine Kleinig⸗ keit zu thun; die Herren haben feine Naſen genug, um zu berechnen, was das Feſt in Maienthal ihnen auf ewige Zeiten für Schaden bringen müßte.“ „Ja, ja, nickte beifällig der wohlbeleibte Schützen⸗ meiſter — es gab eine ſchöne Gelegenheit zu Vielem. Man machte Bekanntſchaft mit einflußreichen Eidgenoſſen; ſie lernten den guten Geiſt der Maienthaler kennen — —“ — Man ließ die Beſchreibung des Feſtes, die Reden, die Toaſts in allen vaterländiſchen Blättern bekannt werden. — „Es knüpften ſich Verbindungen an, Korreſpon⸗ denzen — — „Und nun — eiferte Federſpitz, indem er aufſtund 87 und mit dem Fuß im Kies wühlte — nun, mit Einem Strich Alles vereitelt! Der große Haufe läuft dahin, wo größere Gaſthöfe ſind. Ein Narr zieht den andern nach ſich; die Maienthaler ſelbſt ſind nicht die letzten, und zuletzt bleiben wir Zwei allein ſitzen mit unſern An⸗ kündigungen, wie ein langweiliger Prediger mit ſeinem Küſter, an einem ſchönen Sonntag! Und wer die Ehre und den Einfluß und das politiſche Ubergewicht gewinnt, das ſind die Städtler in Haberburg!“ „Wahrhaftig! jetzt geht mir ein Licht auf,“ ſagte der Großrath, und ſchlug ſich vor die Stirne, wie Einer, der ſich ſeines frühern Unglaubens ſchämt. „Sollte das Ding nicht etwa noch weitern Zuſammenhang haben?“ „Ei natürlich! verſicherte der Doktor, der nun ſah, daß er ſeinen Mann im Zug hatte — wo haben Sie je gehört, daß die Ariſtokraten ſich mit kleinen verein⸗ zelten Streichen begnügen! Das Vereiteln des Maien⸗ thaler⸗Schützenfeſtes iſt nur ein kleines Rädchen im großen Uhrwerk, deſſen Zeiger bald auf die Todesſtunde der Schweizerfreiheit weiſen ſoll!“ „Sollte es möglich ſein!“ rief der geängſtigte Vater⸗ länder mit dem Ausdruck der höchſten Beſtürzung. 88 „Ja, edler Freund, ſprach jetzt der Doktor, wie von prophetiſchem Feuer durchdrungen, ja, mir ſagt eine dunkle Ahnung: unſer Schützenfeſt ſei eine große folgen⸗ reiche Angelegenheit für das ganze eidgenöſſiſche Vater⸗ land, und leicht könne das Schickſal der ganzen Schweiz — wer weiß, des ganzen Welttheils — davon abhängen, wer von Beiden in dieſem kleinen Kampfe obſiegen werde: das vaterländiſche Streben der freiſinnigen Maien⸗ thaler, oder der in Krämergeiſt verhüllte Ariſtokratismus jener Spießbürger in Haberburg! Gerade ein ſolcher, dem Anſcheine nach geringer Wettſtreit bereitete den Untergang der Athenienſer und — — doch das erzähl' ich Ihnen ein andermal.“ Es war auch genug für dießmal, und n als nöthig, um den kantonsräthlichen Kopf total zu verwirren. Der Schweiß lief in hellen Tropfen von der Heldenſtirne herab. Herr Dreifuß ſtand auf von der Gartenbank; die innere Unruhe ließ ihn nicht mehr ſtille ſitzen. Aber nie hätte er nöthiger gehabt, daß ſein Name in Wirklichkeit über⸗ ginge, und ihm eine dritte Stütze verliehe, denn auf zwei Füßen vermochte er ſich kaum im Gleichgewicht zu erhalten vor Auftegung über die unerhörten Dinge. Er watſchelte etliche Schritte über den Kiesweg; doch 89 hatte die kurze Anſtrengung ſeinen Körper ſchon gewal⸗ tig erſchöpft, zugleich aber auch den Geiſt wieder etwas zur Beſinnung gebracht. „Aber, lieber Doktor, ſagte der etwas Gefaßtere, indem er ſich wieder auf die Gar⸗ tenbank niederließ, ſollten wir denn wirklich den Haber⸗ burgern das Spiel ſo leicht gewonnen geben. Ich kenne die Leute dort; ſie ſind reich, o ja, aber auch geizig, und ich möchte zweifeln, daß ſie eben gar tief in den Geldbeutel greifen werden.“ — Wird auch nicht nöthig ſein, mein lieber Herr Kan⸗ tonsrath. Vergeſſen Sie nicht, daß da andere Leute da⸗ hinter ſtecken, die für ſo einen Streich ſich auch ein paar hundert Louisd'or nicht reuen laſſen. „Alſo glauben Sie wirklich, daß es auf ein Ari⸗ ſtokratenſtück abgeſehen ſei?“ fragte Jener wieder etwas kleinlaut. — Daran werden Sie nicht mehr zweifeln, wenn ich Ihnen ſage, daß ſogar hochadeliche Fräuleins ſich herab⸗ laſſen ſollen, beim Freiſchießen die Preiſe auszutheilen!— „Vielleicht ihre Perſon mit in den Kauf zu geben!“ ergänzte, ärgerlich über die immer wachſenden Schwie⸗ rigkeiten, der Kantonsrath. * „Warum nicht? entgegnete Federſpitz. Das wäre 90 juſt ſo ein Zug aus dem Ritterthum der alten Feudal⸗ zeiten, welche unſere Ariſtokratenſippſchaft ſo gerne wie⸗ der herbeiführen möchte. Die Hand des reizenden Fräu⸗ leins als Preis für den Sieger im Waffenſpiel! Aber freilich, wenn's auf ſolche Lockſpeiſe ankäme, dann wäre der Herr Kantonsrath Dreifuß im Fall — wenigſtens für einfache bürgerliche Preisbewerber — die Dörfer, Städtchen und Städte aller zweiundzwanzig Kantone zu überbieten.“ Dieſer letzte Theil der Rede des Doktors war eigent⸗ lich nur darauf berechnet, einen paſſenden Ubergang zu finden, um mit Bärbelchen, das eben mit Erfriſchungen herzugetreten war, ein Geſpräch anzuknüpfen. Das Mädchen aber beeilte ſich nur um ſo mehr, die Flaſchen und Gläſer, den großen Laib Weißbrod und den hohen Käſeſchnitt auf dem Gartentiſch abzuſetzen, um dann ſo ſchnell als möglich den unwillkommenen Schmeichelreden des ihr ſo widerlichen Gaſtes zu entrinnen. Daran that ſie niemals beſſer, als eben heute, denn was ihr Vater jetzt dem Gaſt zu eröffnen begann, das mochte ſie immer noch zu früh erfahren. Der kleine Mann hatte dem ſchönen Bärbelchen noch einen ſchmeichelhaften Witz nachgerufen, und ſich dann noch 91 in der nämlichen luſtigen Laune, in welche der Anblick des lieblichen Kindes ihn jedesmal verſetzte, wieder gegen ſeinen Gönner umgewandt. Aber erſtaunt prallte er zurück, als er deſſen feierliche Miene und Haltung er⸗ blickte. Es hatte der dicke Herr ſich zum zweitenmal von ſeinem Sitze erhoben, aber nicht, um in mühſamer Fuß⸗ wanderung den Verdruß mit Gewalt zu erſticken und Kräfte zu ſuchen gegen die fürchterliche Aufregung der inneren Leidenſchaft. Nein, dieſesmal ſtand er da, hoch aufgerichtet, als gälte es eine Anrede an ein ganzes Schützenregiment zu halten. Die linke Hand auf den Gartentiſch aufgeſtützt, um mit der rechten um ſo freier geſtikuliren zu können, dabei bemüht, in ſein breites Geſicht den möglichſten Ausdruck von Würde zu legen, glich er dem wohlbeleibten Mitglied einer fahrenden Schauſpielertruppe in der Rolle eines alten römiſchen Kaiſers. „Herr! ſprach der Kantonsrath mit aller Feierlichkeit, die er in Stimme und Mienenſpiel zuſammenzubringen vermochte, Herr, den Gedanken hat Ihnen der Genius des Vaterlands eingegeben. Ja, Maienthal ſoll auf immer in der vaterländiſchen Geſchichte glänzen; die Ariſtokraten ſollen zu Schanden gehen mit ihren hinter⸗ liſtigen Planen, und das durch mich, den Hans Kaſpar Dreifuß auf dem Roſenbühl!“ Die Anſtrengung dieſes Kraftvortrags war zu ſtark geweſen. Der römiſche Imperator mußte ſich nieder⸗ ſetzen. Federſpitz aber konnte immer noch nur den Red⸗ ner ganz verdutzt anſtieren, ohne nur von Ferne zu er⸗ rathen, welchen Heldenentſchluß er vernehmen ſollte. Und ein großer Entſchluß war es! das werden alle meine Leſer und Leſerinnen mir zugeben, wenn ich ihnen ſage, daß der Kantonsrath nichts mehr und nichts we⸗ niger vor hatte, als die Hand ſeiner Tochter, des wun⸗ derſchönen Bärbelchens, der einzigen Erbin ſeiner Reich⸗ thümer, zum erſten Preis auszuſetzen für den Sieger im Freiſchießen zu Maienthal. Doktor Federſpitz war wohl darauf gefaßt geweſen, etwas gar Außergewöhnliches zu vernehmen, aber dieſer Entſchluß mußte ihn dennoch ganz gewaltig überraſchen. Es war dieſes jevoch keineswegs eine angenehme Uber⸗ raſchung. Zwar lag ihm allerdings nicht viel weniger daran, als dem Kantonsrath ſelbſt, das Projekt des großen Maienthaler-Feſtes ausgeführt zu ſehen. Darum möchte es ihn auch doppelt gefreut haben, wenn Herr Dreifuß ſich entſchloſſen hätte, zu dem Ende ein oder 93 mehrere hundert Louisd'or aufs Spiel zu ſetzen, denn davon mußte wohl auch etwas in des Schlauen Taſche hängen bleiben. Aber lieber hätte er auf das ganze Projekt, mit allen ſeinen mittel- und unmittelbaren Früchten verzichtet, als es darauf ankommen zu laſſen, daß das Feſt vor der Zeit einen Schwiegerſohn auf dem Roſenbühl einführe, der vielleicht nicht lange ſäumen würde, mit kräftigem Arm die fremde Schmarozerpflanze aus dem heimiſchen Garten auszutilgen. So ward denn freilich der Heldenentſchluß im erſten Augenblick nicht mit dem nämlichen Enthuſiasmus auf⸗ genommen, der ihn hervorgerufen hatte. Der Schlaukopf kannte jedoch den eigenſinnigen Patron zu gut, um ihm den Plan ausreden zu wollen; darum fand er es gerathe⸗ ner, die große Idee mit hochtönenden Phraſen und, wie gewöhnlich, unter Berufung auf ganz ähnliche Beiſpiele von Griechen und Römern über alle Maßen herauszu⸗ ſtreichen, und dann nur noch hintendrein, unter der Maske wohlwollender Vorſorge für die Familie, auf etliche Bedingniſſe anzutragen. Uber die meiſten waren die Be⸗ rathenden denn auch bald einig; ſo z. B. daß der Preis⸗ bewerber ſich ausweiſen mußte, außer, wie natürlich über ledigen Stand, auch über ſein ſchweizeriſches Hei⸗ 94 mathörecht, über gute Aufführung und anders dergleichen mehr. „Und doch wohl auch, daß er kein Ariſtokrat ſei?“ ergänzte fragend der Doktor. „Ei verſteht ſich!“ bejahte der Kantonsrath. Gut dann, dachte der Schlaue, unter dem Titel kann ich noch Manchem Händel machen, der mir nicht anſteht. Um endlich aller Unzufriedenheit beſſer vorzubauen, ward noch feſtgeſetzt, daß derjenige Preisbewerber, der es vorzöge auf den Preis zu ver⸗ zichten, oder der nach errungenem Siege erſt als nicht turnierfähig erkannt werden ſollte, alsdann eine Ent⸗ ſchädigungsprämie von zweitauſend Franken erhalten ſoll. „Mir ganz recht, ſagte Herr Dreifuß, es iſt mir ja eigentlich nicht ſowohl darum zu thun, einen Schwie⸗ gerſohn zu bekommen, als die verdammten Haberburger⸗ Krümer in ihrem Wettplan zu überbieten!“ G. An der nämlichen Halde, wie der Roſenbühl, liegt etliche hundert Schritte thaleinwärts das kleine Gütchen des alten Werner, eines einfachen Landmanns. Bei raſtloſet Thätigkeit und mäßigem Leben war es dieſem braven Hausvater mit ſeinem nicht minder braven Weibe 95 gelungen, über den Bedarf zum täglichen Unterhalt noch ſoviel zu erübrigen, um ihrem einzigen Sohne Ruodi eine beſſere Erziehung zu geben, als in dieſem Stand gewöhnlich angetroffen wird. Jetzt hatte der Jüngling in die zwanzig Jahre; ſeit Oſtern war er von der Kan⸗ tonsſchule wieder ins väterliche Haus zurückgekehrt, und beſchäftigte ſich nun abwechſelnd mit der kleinen Güter⸗ wirthſchaft der Eltern und mit allerlei untergeordneten Geſchäftsaufträgen, die ihm von da und dorther ertheilt wurden. Beſonders oft ſah man ihn zu jener Zeit im nachbarlichen Gut am Roſenbühl, wo er bald vom Kan⸗ tonsrath in Schreibereien und Rechnungsſachen verwendet wurde, bald wieder der Hausfrau in ihrem Lieblings⸗ fache, der Gärtnerkunſt, behülflich war. Ruodi alſo zählte nicht viel über zwanzig Jahre, war ein hübſcher, flinker und dabei höchſt gutartiger Junge. Das fand Jedermann, und noch viel gewiſſer jedes Mädchen, das ihn kannte; warum ſollte es denn Bärbelchen allein nicht ſo gefunden haben? Und wenn dagegen in ganz Maienthal jedes Auge, ganz vorzüg⸗ lich aber jedes Männerauge, mit Vergnügen auf dem ſchönſten Röschen des Roſenbühls weilte, warum ſollte denn nur Ruodi das ſeinige verſchließen? 96 Meine Leſer glauben nun wohl ſchon errathen zu haben, wie es mit den zwei Leutchen ſtund, die, wenn ſie alle ihre Lebensjahre zuſammen legten, nicht viel über drei Dutzend zuſammenbrachten. Solche Voraus⸗ ſetzungen möchten aber gar leicht zu weit gehen, denn ich kann, auf mehr noch, als auf heutige Publiziſtenehre, verſichern, daß bis zum Tag, wo unſere Geſchichte an⸗ fängt, ſich alle ihre Unterredungen auf einen „guten Tag Ruodi“ von ihrer Seite und auf einen „ſchönen Dank Jungfer Bäbeli“ oder dergleichen von der ſeinigen be⸗ ſchränkt hatten. Ob dann vielleicht den unbedeutenden Worten, die der Mund ausſprach, etwa das blaue Auge des Knaben noch etwas Bedeutendes hinzugefügt habe— ob und wie ſolches Supplement des mündlichen Vor⸗ trags der einen Partei von der andern verſtanden, viel⸗ leicht auch in gleicher Sprache erwidert worden ſei, ſolches iſt mir nicht bekannt, und ich wage, als ge⸗ wiſſenhafter Erzähler, es alſo weder zu behaupten, noch zu beſtreiten. Soviel iſt jedenfalls gewiß, daß wenn man noch am Tage jener Unterredung zwiſchen dem Vater und ſeinem Gaſt das Eine oder das Andere dieſer zwei jungen Herzen kurz und rund gefragt hätte, ob es liebe, jedes auf Srele und Seligkeit geſchworen haben würde, es kenne kein anderes Gefühl der Art, als für Vater und Mutter. Das konnten ſie auch in dem Augenblick noch Beide mit gutem Gewiſſen be⸗ ſchwören; Einen Tag ſpäter hätten ſie's nicht mehr gekonnt. Herr Dreifuß hatte ſchon des folgenden Tages in der nämlichen Gartenlaube mit gewohnter Beſtimmtheit ſeinen Entſchluß an Frau und Tochter eröffnet, und dieſe ihn, mit ebenfalls gewohnter Unterwürfigkeit, angehört, ohne es zu wagen, ein einziges Wort dagegen einzuwenden, ſo viel Gründe, beſonders das Töchterchen, dazu zu haben vermeinte. Aber noch weniger Muth, und gewiß eben ſo viel Drang, gegen die Preisbeſtimmung zu proteſtiren, fühlte, obgleich ohne ſich bewußt zu ſein warum, eine dritte Perſon, welche die inhaltſchwere Eröffnung zufällig mit angehört hatte, nämlich der junge Ruodi. Es zitterte die Hand, die eben einen jungen Roſenſtock aufbinden ſollte, und das Blut rieſelte über die von den Dornen vielfach verletzte Haut. Allein, wie die ſchönſte Roſe von ihm unbeachtet blieb, neben dem Bild des holden Mäd⸗ chens, ſo fühlte er jetzt auch nicht den Stich der Dornen, neben der empfindlichern Wunde, die des ſtarrköpfigen Vaters harte Worte ſeinem Herzen geſchlagen hatten. Tſcharner's Looſe. U. 5 98 Er bückte ſich gegen den Strauch, und ich wollte nicht gut dafür ſtehen, daß in dem Augenblick nicht ein bitterer Thautropfen aus dem blauen Auge auf die dunkelgrünen Blätter gefallen ſei. Vater und Mutter waren jetzt aufgeſtanden und nach dem Hauſe zurückgekehrt. Bärbelchen hatte noch etwas an den Blumentöpfen zu ſchaffen — vielleicht auch nichts — kurz, ſie blieb ein Weilchen zurück; dann führte ihr Weg ſie dicht an Ruodi vorbei. Sie ſtand einen Augenblick ſtill, und ſchlug die Augen nieder, wie ſie es ſonſt nie vor ihm gethan hatte. „Ruodi, Eure Hand blutet,“ ſagte das Mädchen mit einer unnachahmlichen Stimme voll Sanftmuth und Theilnahme. „O, ſeufzte er leiſe, es wird mir in meinem Leben wohl noch Schmerz⸗ licheres zu leiden treffen.“ Den wenigen Worten folgte ein Blick aus dem blauen Auge in das braune, das ſich gleichzeitig erhoben hatte. Es war nur Ein Blick und Ein Gegenblick, ein einziger Blick, aber er faßte unendlich viel in ſich, — mehr als ſich beide in Jahr und Tag mit Worten hätten ſagen mögen. Irtzt wußten die Beiden, was lieben ſei! 99 7. Seit jener für Värbelchen ſo folgenreichen Schluß⸗ nahme auf dem Roſenbühl, waren pierzehn Tage ver⸗ ſtrichen, in denen ſich Einiges geändert hatte, Anderes beim Alten geblieben war. Das Schützenfeſt in Maien⸗ thal war mit großem Pomp in mehreren vaterländiſchen Blättern angekündigt worden beſondere Rundſchreiben an die Schützenvereine ergänzten, was man in jenen Anzeigen nicht ausſchreiben wollte: die Ausſetzung des herrlichen Schützenpreiſes, unter den früher bemerkten Bedingungen, und wozu ſeither, vermittelſt einer anſehn⸗ lichen Einlage, auch mehrere ſehr bedeutende zweite Preiſe und Prämien hinzugefügt worden waren. Die Kunde von dem ſeltenen Schützenpreiſe ſetzte in Maienthal und wohl auch anderwärts die Gemüther in gar ungleiche Bewegung. Die jungen Burſche jubelten wie närriſch und es ging an ein Zielſchießen von früh bis ſpät, wie man ſo etwas nie erlebt hatte. Wenn ein Fremder das Thal betrat, ſo glaubte er ſich irgend einem großen Manövre zu nähern, und man will be⸗ rechnet haben, daß nur in den vierzehn Tagen in und um Maienthal ſchon beinahe ſo viel Pulver verbrannt 100 worden ſei, als dann etwas ſpäter bei der ganzen Be⸗ lagerung von Antwerpen. Während die jungen Burſche ſo unabläßlich drauf los knallten, rünften die Mädchen hingegen ihre Näschen, und zwar nicht etwa wegen des Pulverdampfs, ſondern über das erſchreckliche Weſens, das man aus dem Roſen⸗ bühl'ſchen Ehrenpreis machen wollte, und Manche meinte ſogar, daß, wenn nicht die Erbſchaft im Hintergrund läge, es an jedem Schuß Pulver zu viel wäre, den man ver⸗ brennte, um des jungen Gänschens willen. Eine und die Andre hätte jedoch die Idee nicht ſo übel gefunden, wenn man doch wenigſtens noch etliche Preiſe gleicher Art ausgeſetzt hätte, wo ſie denn endlich, obgleich ihrer Meinung nach werth, als erſtes Loos zu gelten, den⸗ noch ſichs hätten gefallen laſſen, auch allenfalls die Stelle eines Acceſit oder zweiten und dritten Preiſes zu über⸗ nehmen. Es möchten übrigens nur alle die lächerlichen und rührenden Auftritte, die dieſe Preisausſchreibung und die darauf erfolgte Schießwuth veranlaßten, Stoff zu einem eigenen Buch geben. Da beruhigte ein junger Schütze ſeine Schöne, als ſie ihn über den plötzlichen Schießeifer, der in ihn gefahren, zur Rede ſtellte, mit 101 der Betheurung, er wolle ſich nur recht vervollkommnen, um die Mitbewerber zu ängſtigen; beim entſcheidenden Stichſchießen aber werde er recht abſichtlich daneben ſchießen. Ein Andrer wollte nur die 2000 Franken erbeuten, um ſie ſeinem Mädchen als Morgengabe dar⸗ zureichen, dieſe aber zog vor, daß er ſich ſelbſt nicht in Verſuchung ſetzen möchte, gleich auch die Braut und die ganze Erbſchaſt mitlaufen zu laſſen. Hier überwand ein Mädchen Schaam und Sprödigkeit, um den bisda⸗ hin ſo grauſam kalt behandelten Anbeter von der Preis⸗ bewerbung abzuhalten; dort übte verborgene Liebe, Miß⸗ gunſt oder Eiferſucht im Geheim ihre Bosheit ſelbſt an den unſchuldigen Stutzern aus, während auf der andern Seite man ſogar behaupten will, daß ſelbſt in dem aufgeklärten Maienthal, im zweiten Viertel des neun⸗ zehnten Jahrhunderts, da und dort ein junger Frei⸗ ſchütze ſich alles Ernſtes nach einem Kaſper, einem Samiel und einer Wolfsſchlucht umgeſehen habe, um auf den entſcheidenden Tag hin ſich mit Freikugeln zu verſehen, unbekümmert um die Warnung: „ſechſe treffen, ſieben äffen.“ Und Bärbelchen? Lieber Gott, die wollte von dem Augenblick an, als der wunderliche Entſchluß ihres 102 — Vaters unter die Leute gekommen war, ſich zu Tode ſchämen. Nirgends erblickte man ſie mehr außer der Einzäunung des Roſenbühls, und die ſo ſie ſahen, wollten bemerkt haben, ihr Auge ſei oft verweint und ihre Wange bläßer als früher. Kein Wunder! Seit jenem Blick am Roſenſtock hatte im Geheimen mancher Händedruck und manches ſüße Wort es ihr immer ge⸗ wiſſer gemacht, daß ohne Ruodi kein Glück für ſie blühe. Aber ach! Zu Erfüllung ihres einzigen Wunſches zeigte nunmehr eben ſich weniger Hoffnung als je. Wohl hatte Ruodi mehr als einen Verſuch gemacht, ob er es vielleicht in dem kurzen Zeitraum, der noch übrig blieb, zu einiger Fertigkeit im Zielſchießen bringen möge; allein, o weh! auf den erſten Schuß traf er auf hundert Schritte kaum eine Ecke des Stalles, deſſen mittlere Thüre er zum Ziel gewählt hatte, und doch war das der beſte Schuß, denn, o Jammer! nachher traf er auch den Stall nicht mehr. Er geſtand ſeiner Geliebten die Un⸗ geſchicklichkeit, und dieſe machte ihm mit komiſchem Zorn Vorwürfe, daß er nur verſtehe, ein armes Mädchen ins Herz zu treffen, nicht aber das Schwarze in einer Scheibe. Dann beſchwor ſie ihn wieder mit Thränen, er ſolle die Geduld nicht verlieren, und wenn ers auch 103 zu keiner großen Fertigkeit bringe, ſich gleichwohl mit in die Reihe der Bewerber ſtellen; es könne ja das Glück erſetzen, was ihm an Geſchicklichkeit abgehe. Der arme Ruodi machte ſich dann mit verdoppeltem Eifer wieder an ſeine Schützenübungen; mehrere ſeiner Freunde waren ihm behülflich mit guter Anleitung; aber Alles vergeblich! Thränen der Wehmuth um ſeine Geliebte und des Zorns über ſeine Ungeſchicklichkeit um⸗ wölkten das Auge; das Herz pochte mit Ungeſtüm und die Hand zitterte: je der folgende Schuß war der ſchlechteſte. „Bäbeli, ſagte er eines Abends ganz hoff⸗ nungslos, Bäbeli, ich ſehe ſchon, es ſoll halt nicht ſein! Erſpare mir die Demüthigung, unter den Be⸗ werbern mit aufzutreten, während ſchon Alles weiß, daß ich kein Schütze bin. Wenn ich mich auch noch ſo oft übe, und es gilt einmal Ernſt um Deine Hand, dann werde ich keinen Berg treffen. Du willſt doch nicht, daß dein Ruodi zu ſeinem Schmerz noch zum Gelächter der Menge werde?“ Da verzichtete unter einem Strom von Thränen das Mädchen auf die ſchwache Hoffnung eines günſtigen Zufalls, und es blieb den Liebenden nur noch Eine übrig, die nämlich, daß der Schütze der den Sieg erringen werde, auf den erſten Preis verzichte. 104 „Schwacher Troſt! ſeufzte Ruodi, wer möchte denn glauben, daß Einer das doppelte Glück von ſich ſtoßen werde, wenn es in ſeiner Hand liegt? — — und den⸗ noch — ſetzte er nach einigem Stillſchweigen hinzu, und blickte wehmüthig dem Mädchen in die braunen Augen — es dürfte der Sieger ja nur ſo arm ſein wie ich und dabei ein anderes Mädchen ſo lieb haben, als ich mein Bäbeli!“ Der an Leib und Geiſt kurzſichtige Schützenmeiſter ahnte nichts von den Schwarzſchüſſen, welche der Schütze aller Schützen mit ſeinem Pfeile iu die Kehr- und Stichſcheiben der zwei jungen Herzen geſchoſſen hatte. Es war ihm aber auch kaum zuzumuthen, daß er ſich mit ſolchen Beobachtungen befaſſe, er, der vor Anord⸗ nungen aller Art gar nicht zu Athem kommen konnte, und in deſſen Seele eine glänzende Idee die andere ver⸗ drängte, ſeit das große Hinderniß gehoben war, das ihn noch vor kurzem ſo ſehr entmuthigt hatte. Die Korreſpondenznachrichten des Doktors und die Berichte, welche der Kantonsrath ſelbſt eingezogen, ſtimmten da⸗ hin überein, daß die Haberburger ihren frühern Plan wirklich aufgegeben hatten; ob wirklich aus überzeugung, neben der Roſenbühl ſchen Preisbeſtimmnng nicht beſtehen 105 zu können, oder aus andern Gründen, konnte ich nie mit Beſtimmtheit erfahren. Genug, es war nicht nur keine Rede mehr davon, ſondern man erfuhr nach und nach mit aller Zuverläßigkeit, daß die Schießwuth der Jünglinge, ſowie das Naſenrümpfen, die Beſorgniſſe, die kleinen und großen Intriguen der Mädchen, ſich gleich einer Cholera⸗morbus auch über die Stadtbewoh⸗ ner von Haberburg ausgedehnt hatten. Das war ſchon der erſte Triumph für Herr Dreifuß, daß es ihn nur ein Wort gekoſtet hatte, um jene hoffärtigen Städter in ſolche Bewegung zu bringen, wie ein Knabe eine Ameiſenrepublik, wenn er mit dem Stock in ihrem Haufen herumrührt. Auch die Frau Kantonsräthin hatte ſich mit dem Entſchluß des abſoluten Herrn Gemahls ganz entſchieden ausgeſöhnt, ſeit ſie in Erfahrung gebracht hatte, wie in Haberburg — in ihrer Vorſtellung das non plus ultra ſtädtiſcher Herrlichkeit — ſelbſt die angeſehenſten Hono⸗ ratioren aus Bürger- und Adelsklaſſe ihre Söhne zur Schießübung aufmunterten und ihnen Stutzer verſchrie⸗ ben hatten aus den allerberühmteſten Werkſtätten von ganz Europa. Von allen großen und kleinen Rechnungen, die auf 106 das Feſt hin gemacht wurden, war jedoch wohl die ſicherſte die des pfiffigen Adlerwirths — denn, im Vor⸗ beigehen geſagt, trotz Tellenwaffe draußen und patrio⸗ tiſchem Verkehr drinnen, hatte Herr Schaber noch immer den frühern Titel behalten, und das war ihm gar nicht unangenehm. „Man weiß denn doch nie — ſo ſprach der vorſichtige Kreiden-Diplomate bei ſich ſelbſt — wie die Sachen am Ende noch kommen; die Armbruſt und der Apfel ſind längſt bezahlt; ſollte ſichs wieder kehren, ſo war ich ja immer der Adlerwirth und bin es noch. Daß Gott erbarm! unſer Einer muß ſehen, wie er ſich durch die Welt hilft, und von allen den po⸗ litiſchen Theorien iſt mir doch keine ſo klar, als die einfache Wahrheit, daß ein ariſtokratiſcher Gulden und fünfzehn liberale Batzen exakt gleich viel werth ſind.“ Vorerſt rechnete er jedoch hauptſächlich auf die letztern, und wußte es daher dem Doktor aufrichtig Dank, als dieſer ihm rieth, eine große bekränzte Inſchrift ſo an ſein Haus zu hängen, daß auf gute Manier der noch immer mauerfeſte Doppelvogel jedem patriotiſchen Blick entzogen werde. So wußte denn von allen unſern Bekannten in dieſer denkwürdigen Geſchichte ſo ziemlich ein jedes, was es 107 wollte, was es von der bevorſtehenden großen Woche fürchtete und was hoffte. Nur Einer war immer noch nicht recht einig mit ſich ſelbſt, ob er mehr mit Zuver⸗ ſicht oder mit Beſorgniß dem Feſte entgegen ſehen ſollte, und dieſer Eine war doch gerade der Pfiffigſte von Allen, nämlich der kleine Doktor. Freilich hatten ihm die Zu⸗ bereitungen zum Feſte ſchon manchen kleinen Vortheil gebracht. Da gab es Reden zu fabriziren, Geſänge einzuüben, Toaſts vorzubereiten, Sprüche zu Transpa⸗ rents und hundert andere Dinge, wo dieſes Univerſal⸗ Genie aushelfen mußte und wo, zu Mittageſſen und Abendbrod noch manches Geſchenkchen in baar abfiel. Dann konnte das Glück auch bei der Preisbewerbung ſelbſt ihm etwa ein Schaf in die Hände ſpielen, das ſich mit hübſchem Vortheil ſcheren ließ. „Aber Feder⸗ ſpitz, pflegte er dann oft kopfſchüttelnd zu ſich ſelbſt zu ſagen, was iſt das Alles, im Vergleich mit der Gefahr, die du läufſt, wenn entweder ſo eine durchtriebene und engherzige Krämerſeele, oder ſo ein grober und nicht minder habſüchtiger Baurenlämmel den Preis ſo unzwei⸗ felhaft gewinnt, daß du weder durch Dunſt noch Gunſt dir ein Verdienſt erwerben kannſt und vielleicht ſchon Tags darauf vom Roſenbühl das Consilium abeundi 108 kriegſt? Die Manſell iſt mir ohnehin nicht gewogen; kommt dann noch ein Schwiegerſohn ins Haus, der den Alten bei ſeiner ſchwachen Seite zu faſſen weiß, dann Federſpitz könnte der Stichſchuß des Siegers dich eben auch aus dem guten warmen Neſt herausſtechen!“ S. In ſolche Zweifel vertieft, ſaß eines Abends Federſpitz auf ſeinem Dachſtübchen im Schaberſchen Gaſthof, und kaute einſtweilen am erſten Theil ſeines Namens, nämlich an der Feder, ehe ihm der rechte Anfang zu der bei ihm beſtellten Rede in den Kopf kommen wollte, wozu er eigentlich die Feder geſpitzt harte; da pochte es an die grobe tannene Thüre, und herein trat ein Gaſt, deſſen Anblick den Ubellaunigen keineswegs angenehm über⸗ raſchte. Der Eintretende war ein junger Mann von noch nicht dreißig Jahren, der auf den erſten Anblick wirklich ſür ſchön gelten und jedenfalls durch ſeine ge⸗ fälligen Manieren angenehm anſprechen konnte. Bei ge⸗ nauerem Anſchauen ſchien jedoch ſein Geſicht einen nicht ſehr geregelten Lebenswandel anzukünden, und ſein halb⸗ militäriſcher, dabei etwas vernachläßigter Anzug mochten 109 auf keinen Fall dazu dienen, einen ſolchen Verdacht im Voraus zu widerlegen. „Ei, ei — rief der Doktor mit erzwungener Freu⸗ digkeit dem Ankömmling entgegen — lieber Bruder, du hier? Komm laß dich umarmen in Maienthal!“ Damit ſprang der kleine Mißgeſtaltete dem hochgewachſenen Gaſt entgegen, gleich als hätte ihm nichts Angenehmeres be⸗ gegnen können als dieſes unerwartete Wiederſehn. Aber der ſo freundliche Willkomm ward ſchlecht erwiedert. „Bemühe dich nicht, elender Schuft — ſchnaubte der liebe Bruder den Kammerbewohner an. — Wenn ich dich ausgekundſchaftet und mich dann bis in dieſen abgelege⸗ nen Erdenwinkel herbemüht habe, ſo geſchah dieſes nicht, um deine Fratzen anzuhören, ſondern ganz einzig um dich zu fragen, ob du mir die dreißig Louisd'or erſtatten willſt, um die du mich geprellt haſt, und überdieß die Kleider und andere Effekten, die du mitlaufen ließſt, als du vor vier Monaten dich im Badiſchen ſo flink aus dem Staub machteſt.“ „Aber lieber Bruder, Schatzkind — —“ eine Pan⸗ tomine des übellaunigen Schatzkinds mit ſeinem Stock belehrte den Doktor, daß hier nur mit Späßen nicht durchzukommen ſei. Er ſtimmte demnach ſofort einen ¹¹0 andern Ton an, und trachtete den Erzürnten vorerſt zu beſänftigen, was ihm dann auch in ſoweit gelang, daß jener ihn ruhig anhörte. Aber was half's ihm am Ende? Der Gaſt verlangte noch Anderes, als nur Worte. „Ich muß Geld haben — wiederholte er mit einer Beſtimmt⸗ heit, die ſchrecklich widerhallte in den Ohren des Doktors, hörſt du, ich muß, und du ſollſt mirs ſchaffen, oder der Teufel ſoll mich quintchenweiſe zerreißen, wenn ich dich nicht der Juſtiz in die Hände liefere!“ Federſpitz ſchritt in der fürchterlichſten Angſt auf und nieder; plötzlich ſtand er ſtill, ſchaute mit einer Art von triumphirendem Blick am lieben Bruder hinauf, und rief dann im Ton der größten Zuverſicht, indem er des An⸗ dern Hand faßte: „Du haſt Geld nöthig, ich ebenfalls — uns kann Beiden geholfen werden mit Einem Schlag.“ Wendling, ſo hieß der neue Gaſt, mochte zu den vielfältig gebrannten Kindern gehören, die mit Recht das Feuer ſcheuen; und ſeinem alten Freund gegenüber hatte er Gründe die Menge zu Mißtrauen. „Du willſt wohl, erwiderte er, indem er dem kleinen Mann ſcharf ins Auge blickte, eine Prellerei mit einer andern gut machen? Aber nimm dich in Acht Kerl, ich laſſe mich zum zweitenmal nicht ſo leicht anführen.“ 11¹¹ „Höre mich nur an, erwiederte mit der gleichen Zu⸗ verſicht der Doktor, und wenn du dann nicht noch mehr als zufrieden geſtellt biſt, ſo magſt du mich dann be⸗ handeln, wie den unglücklichen Juden, der dir in — —“ „Das gehört nicht hieher, unterbrach der Andere übellaunig; jetzt laß deine Vorſchläge hören.“ „Gleich, verſicherte der Kleine, nur beantworte mir zuerſt etliche Fragen.“ „Nun?“ „Zum Erſten, ſage mir: biſt du noch ledigen Standes?“ „Ledig? — lachte der Gefragte, o ja, was man juridiſch und kanoniſch ſo zu nennen pflegt, das wohl!“ „O, im andern Verſtand hatte ich nicht nöthig dich zu fragen!“ berichtigte der Doktor, und fuhr dann fort: „zum Zweiten ſage mir, biſt du alleweil noch der treff⸗ liche Schütze?“ „Trefflich genug, war die Antwort, um ſo ein Rabenaas, wie du biſt, auf 500 Schritte vom Galgen herunter zu ſchießen! Aber ich glaube, du willſt mich für'n Narren halten?“ „Keineswegs! nur noch Eine Frage: biſt du einzig und allein nur hieher gekommen, um mich aufzufinden 112 und dich von mir bezahlt zu machen, ohne irgend einen andern Plan, über kurz oder lang wieder nach Maien⸗ thal zu kommen?“ „Zahl mich du nur aus, ſo ſollſt du's ſehen! Nein, bei Gott, in dem Neſt hab ich ſonſt nichts verloren, und wenn ich ſinde, was ich bei dir geſucht, ſo verreiſe ich lieber heute als morgen. Iſt's jetzt fertig mit dem Examen?“ „Fertig, bejahte der Eraminator, und ganz zu meiner Zuftiedenheit ausgefallen. Von den übrigen Requiſiten weiß ich ſchon, daß du ſie beſitzeſt: Schweizerbürger, Proteſtant, kein Ariſtokrat; fehlt nur noch Eins: die gute Aufführung; aber dafür werde ich ſchon ein Zeugniß ſchaffen. Alſo, alles Erforderliche iſt da, und ſo will ich nun auch deine Geduld nicht länger ermüden. Setz dich hier auf meinen einzigen Stuhl, ich nehme Platz auf dem Bett.“ Jetzt entwickelte Federſpitz ſeinen Plan, den meine Leſer wahrſcheinlich ſchon errathen haben. Wendling ſollte in die Reihe der Bewerber treten und hatte, als vortreff⸗ licher Schütze, begründete Hoffnung auf den Gewinn der wunderſchönen Braut und auf die Anwartſchaft zum nicht minder ſchönen Erbe. Die gedruckten Anzeigen und 1¹3 die Cirkulare an die Schützenvereine, welche Federſpitz dem Freunde vorwies, ließen keinen Zweifel über die Achtheit der Angaben. Während nun Wendling zugeben mußte, daß er von der ganzen Geſchichte nichts gewußt, auch ſchwerlich etwas erfahren hätte, und alſo dieſe Fund⸗ grube ſo ſchöner Hoffnungen einzig dem Doktor zu ver⸗ danken hatte, durfte er ſich auf der andern Seite auch nicht beifallen laſſen, ohne Einverſtändniß mit dem Freund auf eigene Fauſt handeln zu wollen, weil er gar wohl begriff, wie ſehr ihm daran liegen mußte, daß jener reinen Mund halte über ſo Manches, deſſen Aufdeckung ihn von der Preisbewerbung ausgeſchloſſen hätte. Der Markt war alſo bald geſchloſſen; ſo wie Wendling den Preis gewann, mußte er dem Doktor eine Handſchrift für eine hübſche runde Summe ausſtellen. „Und wenn mir der Teufel einen Streich ſpielt, und ich den Preis nicht gewinne, wie dann?“ fragte etwas bedenklich der Bewerber. „Dann, erwiederte der Doktor ganz trotzig, dann iſts deſto ſchlimmer für uns beide, und dafür, daß du durch deine Ungeſchicklichkeit mir einen Handel verdorben hätteſt, der mir vielleicht anderwärts ſicherer geglückt hätte, da⸗ Tſcharner's Lvoſe. I. 8 1¹4 für iſt denn doch bei Gott das Wenigſte, daß du mich loszählſt von allen Anſprachen!“ Wendling begriff wohl, daß da nichts weiter übrig blieb, als ſich mit der ſchönen Hoffnung auf gut Glück hin, wie mit einem noch nicht gezogenen Lotterielvos bezahlen zu laſſen, und ſodann ſein Möglichſtes zu thun, um den Preis zu gewinnen. So ward dann der Handel verſchrieben, und der Doktor drängte den Schützen, bald wieder abzureiſen und ja nichts zu verſäumen, um dann in rechter Zeit zu erſcheinen, wohl vorbereitet und mit Allem verſehen, was erforderlich ſei, um Ehre und Vor⸗ theil zu erringen. Laß mich nur machen, verſicherte jener mit Selbſt⸗ zufriedenheit; ich bringe zwei Waffen mit, die ich gleich gut zu führen weiß: meinen Stutzer und — Amors Bogen; jener ſoll mir die Hand der ſchönen Maien⸗ thalerin gewinnen und dieſer ihr Herz!“ „Behalt du alle Hände und alle Herzen der Welt für dich, ſpottete der mißgeſtaltete Hageſtolz, und laß mir den Reſt.“ Die Unterhaltung zwiſchen den zwei ſaubern Vögeln nahm nun bei der Flaſche eine ſolche Wendung, daß meine Leſer, beſonders aber meine Leſerinnen mir für 1¹⁵ eine weitere Mittheilung wahrſcheinlich nicht viel Dank wiſſen möchten. Darum beſchränke ich mich hier darauf, nur noch in kurzem zu berichten, daß noch den näm⸗ lichen Abend Wendling ſeinen alten Freund, der ihn nun aufs neue nach Herzensluſt lieber Bruder und Schatzkind nennen durfte, wieder verließ und nach ſeiner ziemlich entfernten Heimath eilte, um dort alle nöthigen Anſtalten auf den wichtigen Wettkampf zu treffen und dann am feſigeſetzten Tage gehörig gerüſtet und eingeübt in Maienthal zu erſcheinen. Jetzt ſtehen wir am Vorabend der großen Woche, der in und um Maienthal ſo manches Herz in Furcht und Hoffnung entgegenpochte. Die Einwohner des Dorfes und ihre nächſten Nachbarn aus Berg und Thal, die in Mitwirkung zu Verherrlichung des Feſtes mit ihnen wetteiferten, waren beſchäftigt, noch die letzte Hand anzu⸗ legen mit Verzieren der Häuſer und des Schützenlagers und mit Aufräumen auf den öffentlichen Plätzen, in Straßen und Häuſern, während andere, die beim Feſt ſelbſt als handelnde Perſonen erſcheinen wollten, noch 116 ihre Hauptproben abhielten, — hier im Herſagen ein⸗ ſtudirter Reden, dort im Abſingen von Chören und noch anderswo in der Hauptſache: im Zielſchießen. Man er⸗ blickte auch ſchon verſchiedene fremde Geſichter aus nahe und fern: Krämer, Gaukler und dergleichen, die ſich um ſchickliche Plätze zu Ausübung ihrer Induſtriezweige umſahen; einzelne Schützen, welche bedächtlich den Schieß⸗ ſtand in Augenſchein nahmen und die Entfernung der Scheiben mit Schritten ausmaßen; vorſichtige Feſtbe⸗ ſucher, die bloß vorläufig hergekommen waren, um zu rekognosziren, ob es ſich der Mühe verlohne und ob man es wagen dürfe, allenfalls auch Frau und Tochter mit ſich zu führen; Neugierige und Preisluſtige endlich — Väter und Söhne — die gar gern etwas Beſtimm⸗ teres über den wahren Werth des Roſenbühler⸗Preiſes gewußt hätten, wobei man bemerkt haben will, daß die erſten ſich hauptſächlich nach Acker und Wieſen und Kapitalien erkundigten, während die letzten um den Roſenbühl herum ſchwärmten, wie Falken um einen Taubenſchlag, in der Hoffnung das liebliche Täubchen zu erblicken, wohl auch um von der Holden erblickt zu werden. — Vergebliche Mühe! Bärbelchen ſaß in ihrem Kämmerlein, oder in der entfernteſten Gartenlaube, ge⸗ 117 dachte ihres lieben Ruodi und verwünſchte Schützenkunſt, Schützen und Schützenfeſt. Auch heute wollen wir auf ein paar Augenblicke beim kleinen Doktor in Herrn Schabers Dachkammer zuſprechen. Wir ſehen ihn beſchäftigt, von ſeinen Habſeligkeiten einen Theil in einen alten Koffer zu verſchließen und den andern zum Transportiren in Körbe und Bündel zuſammenzu⸗ legen, weil er über die Feſtwoche ſein Logis in der Armbruſt räumen und in einem etwas entlegenen Bau⸗ renhaus vorlieb nehmen ſollte. Eben muſterte er mit Wohlgefallen den ganz neuen Anzug, von feinem ſchwar⸗ zem Tuch, den modiſchen Hut und das hübſche Weiß⸗ zeug, die ihm ſeine Vorarbeiten für das Feſt bereits eingebracht hatten, und die heute fertig geworden waren: da trat der Briefträger ein, und übergab ihm mehrere Briefe. Federſpitz, der eine ziemlich ſtarke Korreſpon⸗ denz führte, hatte die Gewohnheit, immer mit den Sen⸗ dungen den Anfang zu machen, die ihm der Aufſchrift und dem Petſchaft nach von unbekannter Hand zu kommen ſcheinen. So hielt er es auch jetzt, und las nun aus dem zuerſt erbrochenen Brief halblaut was folgt: „Haberburg, den 14. Juni 183. Mein Herr Doktor! „Ich bin hieher gereist, um die Redaktion des hier 118 „erſcheinenden Blattes anzuhalten, mir den Namen des „Einſenders bekannt zu machen, der ſich in benannter „Zeitung einen ſchändlichen Angriff auf die Ehre meines „Vaters erlaubt hat. Da nun Sie mir als ſolcher „bezeichnet werden, ſo erwarte ich Sie morgen früh „im kleinen Wäldchen, auf halbem Wege hieher, mit „Ihrem Sekundanten, um mir Genugthuung zu geben, „und zähle darauf, daß, als deutſcher Student, Sie nicht „anſtehen werden, mir zu entſprechen. Im entgegen⸗ „geſetzten Fall würden Sie mich in Maienthal ſelbſt „erſcheinen ſehen, und eine Behandlung zu gewärtigen „haben, die Ihnen nicht angenehm ſein möchte.“ „Karl Stein.“ Ja, ja, erläuterte Federſpitz für ſich ſelbſt, ich kenne den jungen Brauſekopf par renommée; er ſoll ſich noch ganz kürzlich in Jena als ein Hauptraufer ausgezeichnet haben. Doch, da iſt noch ein Poſtſeript: „Um Ihnen keinen Vorwand zum Ausbleiben zu „laſſen, bemerke ich Ihnen, daß ich die nöthigen Waffen „zu beliebiger Auswahl auf Schuß, Hieb und Stoß in „Duplo mitbringe.“ „Gar zu gütig — brummte der Geforderte, indem er den Brief bei Seite legte — werde ein Narr ſein! 119 Wenn's nur nicht juſt auf Morgen träfe, ſo wollt ich dir ſchon irgend eine Suppe hier anrichten, an der du dir garſtig das Maul verbrennen ſollteſt, ohne mich nur zu Geſichte zu kriegen. Aber juſt morgen — —“ Miß⸗ muthig warf er die andern Briefe einſtweilen uneröffnet hin — denn die konnten jetzt keinen Rath ſchaffen — und begann mit verſchränkten Armen, und vor Aerger pfeifend und trällernd, in der Kammer auf- und nieder zu ſchreiten, als ein zweiter Beſuch ihn in ſeinen Ge⸗ danken unterbrach; es war Ruodi, der, wie dieß oft geſchah, einen Auftrag von Kantonsraths zu beſtellen hatte. Die Unterredungen zwiſchen dieſen zwei ſo ungleichen Leuten pflegten ſonſt ſehr kurz zu ſein; denn keiner mochte im Herzen den andern wohl leiden. Heute aber — ſei es um ſich für einen Augenblick zu zerſtreuen, ſei es in dunkler Ahnung, einen Ausweg aus dem fatalen Labyrinth zu finden — knüpfte der Doktor in ſehr freundlichem Ton ein Geſpräch mit dem Jüngling an. Auch dieſen verließ bald ſeine frühere Einſylbigkeit. Federſpitz hatte ihn ja veranlaßt, von dem geliebten Gegenſtand zu reden, und dadurch fühlte der Verliebte ſich wider Willen feſt⸗ gebannt von dem ſonſt ſo verhaßten Fremdling, wie der 120 ängſtlich nach Luft ſchnappende Vogel vor der Gift hau⸗ chenden Rieſenſchlange. Das Liebesverhältniß zwiſchen Ruodi und dem Röschen am Roſenbühl war dem ſcharfblickenden Späher längſt kein Geheimniß mehr. Jetzt hielt es nicht ſchwer, dem guten Jungen das offene Geſtändniß ſeiner unbezwinglichen Leidenſchaft und ſeines Schmerzens abzulocken, und ſo⸗ gleich begann in dem ränkevollen Kopf ſich ein Plan zu geſtalten. „Ihr dauert mich wahrhaftig, guter Ruodi — ſagte der Doktor im Ton der wärmſten Theilnahme, der abentheuerliche Einfall des Herrn Kantonsraths, die Hand ſeiner Tochter als Schützenpreis auszuſetzen, hat mir immer mißfallen, und es würde mich doppelt ärgern, wenn dadurch zwei Herzen getrennt werden ſollten, die ſich für einander beſtimmt fühlen — — aber, ſetzte er nach einigem Nachdenken und wie mit innerm Kampfe hinzu, ich kann Euch in etwas beruhigen; es ſollte zwar ein Geheimniß bleiben, aber Euer und des guten Bär⸗ belchens Kummer geht mir ſo zu Gemüthe, daß ich mich nicht enthalten kann, es Euch zu eröffnen.“ Der Jüngling horchte hoch auf und erfuhr dann, wie ein Freund des Doktors auch als Bewerber auf⸗ 12¹ treten werde, und, als einer der erſten Schützen in der ganzen Eidgenoſſenſchaft, alle Hoffnung habe, den erſten Preis zu erringen, dieſes aber mit dem Vorſatz, den⸗ ſelben — nicht anzunehmen. „Das Spaßhafteſte bei der Sache iſt — ſo fuhr der Erzähler fort — daß dieſer Preisbewerber ſich ganz ſo benehmen wird, als wär' es ihm um das Mädchen noch mehr zu thun, als um die reiche Erbſchaft; und — ſetzte er mit ſcherzhafter Bosheit hinzu — wer weiß, ob ihm Bärbelchen das gar übel nehmen wird! — denn, ich kann Euch ſagen, mein Freund iſt ein prächtiger Junge. Aber, ſeid nur ruhig, guter Ruodi, von der Seite habt Ihr nichts zu befahren. Mein Freund ſucht hier weder Braut noch Gut, denn er hat beides ſchon anderwärts gewonnen, ſobald es ihm nämlich gelingt, hier den Meiſterſchuß zu thun. Es iſt eine kurioſe Ge⸗ ſchichte, und zu weitläufig, ſie Euch ganz zu erzählen; darum ſage ich Euch nur mit zwei Worten: Der Vater der Geliebten meines Freundes, ein Patron, ſo reich, aber auch ſo wunderlich, wie unſer Herr Dreifuß, hatte ihm früher die Hand der Tochter rund abgeſchlagen, will ſie ihm aber jetzt bewilligen, doch nur unter der Be⸗ dingung, daß er am großen Freiſchießen zu Maienthal 122 den erſten Preis erringe und dann freiwillig darauf ver⸗ zichte. Zum erſten hat er alle Hoffnung, — zum zweiten iſt er feſt entſchloſſen.“ „Iſt aber — fragte zwiſchen Freude und Kleinmuth der leicht Getäuſchte — iſt aber Ihr Freund auch wirk⸗ lich ein ſo vorzüglicher Schütze, daß er und ich hoffen dürfen — —?“ „Zuverſichtlich — verſicherte geepi — wenn nicht Einer kommt; denn den betrachten, ſo jung er iſt, alle Schützen als ihren Meiſter, und, ſo ernſthaft er ausſehen ſoll, alle Mädchen als ihren Sieger; und leider muß ich fürchten, der werde wirklich erſcheinen!“ „Und wer iſt denn der Furchtbare?“ ſ ganz beſtürzt der Jüngling. „Dieſer hier“, erwiederte der Doktor, indem er dem Frager den eben erhaltenen Ausforderungsbrief vorwies. „Mordelement! — fuhr der kleine Mann dann plötzlich auf, nachdem Ruodi ihn eine Zeitlang fragend angeſehen — der Herr Großſprecher käme mir ſchon recht, wenn's nur nicht juſt auf das Feſt träfe. Beim Himmel, ich habe, ſo klein ich bin, ſchon ganz andere Burſche zur Raiſon gebracht, als dieſen Herrn Karl Stein. Aber Ihr wißt es ſelbſt, wie unentbehrlich ich beim Feſte bin, 123 Ich kann in den erſten Tagen nicht von hier weg; mir bleibt alſo nichts übrig, als etliche Tage Aufſchub be⸗ gehren, da der Prahler dann ſeinen Mann an mir finden ſoll. Dann aber kommt der Kerl her, und ſchießt viel⸗ leicht in Einem Schuß zweien meiner liebſten Freunde die Bräute vor der Naſe weg! Eine verfluchtere Kom⸗ bination könnte es gar nicht geben, für einen Mann wie ich, dem gerade Freundesglück und Burſchenehre über Alles in der Welt gehen!“ Dabei ſchritt das Männchen heftig auf und nieder, und ſchleuderte unmuthig nach allen Winkeln hin die verſchiedenen Theile der ausge⸗ legten Garderobe, die ihm überall im Wege lagen. Ruodi aber fühlte ſich wahrhaft gerührt, und machte ſich im Herzen bittere Vorwürfe, über ſein früheres Mißtrauen und übelwollen gegen einen ſolchen Ehrenmann und treuen Freund. Ein Gedanke, der jetzt dem Jüngling durch den Kopf fuhr, ſchien ihn plötzlich mit neuer Zuverſicht zu erfüllen. „Herr Doktor — fragte er dieſen, der immer noch den heftig Aufgeregten ſpielte, im Tone zudringlicher Herz⸗ lichkeit, aber nicht ohne einige Verlegenheit — ſagen Sie mir doch Eins: mag wohl der Herausforderer Ihre Perſon von Anſehen oder der Beſchreibung nach ſchon kennen?“ 124 „Das erſte gewiß nicht, war die Antwort, das zweite ſchwerlich; denn nur ſeit wenigen Tagen ſoll er von einer deutſchen Univerſität zurück ſein, wo ich nie war und wohl auch ſchwerlich mich jemand perſönlich kennt. Allein wozu die Frage?“ „Es iſt ſo eine Idee, antwortete Ruodi leicht hin, ſo wie auch das, daß ich eines der Zeitungsblätter zu beſitzen wünſchte, worin jener Aufſatz ſteht, der Ihnen die Herausforderung zugezogen hat.“ — Der Doktor langte das Blatt hervor und überreichte es dem Jüng⸗ ling. „Gut ſo — ſagte dieſer, indem er die Zeitung zu ſich ſteckte und dabei eine ſtürmiſche Gemüthsbewegung nicht verbergen konnte — es iſt mir da ein Gedanke ge⸗ kommen; ich muß mir ihn aber ſelbſt erſt noch recht über⸗ legen. Jetzt leben Sie wohl; ich danke Ihnen für ihr Zutrauen und zähle auf das, was Sie mir zugeſichert haben. Möge das Glück Ihren Freund begünſtigen!“ Mit den Worten reichte der junge Mann in ſichtbarer Bewegung dem Doktor die Hand und entfernte ſich dann eilig. Der Kammerbewohner ſtand noch einen Augenblick nachdenklich ſtill; dann brach er plötzlich in ein unmä⸗ ßiges Gelächter aus. „Gute Reiſe und gute Verrich⸗ 12⁵ tung!“ rief er dem Abgetretenen nach, drehte ſich auf einem Abſatz herum, und kehrte wohlgemuth wieder zur Sonderung und Verſorgung ſeiner Garderobe zurück. 10. Am frühen Morgen ſchon hielt in dem Wäldchen auf halbem Wege zwiſchen Haberburg und Maienthal, etwas ſeitwärts von der Straße, ein zweiſpänniges Fuhrwerk. Das Innere desſelben gewann durch das Aſſortiment von Säbel, Piſtolen und Stoßdegen, die in doppeltem und dreifachem Exemplar da herum lagen, beinahe das Anſehen eines Zeughauſes und bildete, mit dem Vorhaben, welches ſich daraus ankündigte, einen gar unfreundlichen Kontraſt gegen den hellen Sommer⸗ morgen in der lieblichen Waldgegend und den frohen Geſang, der aus den Wipfeln der Bäume herabtönte. Einen ähnlichen Kontraſt bildete das frohe, jugendlich offene Geſicht des einen und der ſchnurrbärtige bejahrte Sol⸗ datenkopf des andern der zwei Spaziergänger, die un⸗ fern vom Wagen im Schatten der Buchen auf- und niederſchritten, und dabei öfter nach der Straße von 126 Maienthal hinblickten, von wo ſie ihren Gegner zu er⸗ warten ſchienen. Noch hatten die zwei Männer nicht lange gewartet, ſo kam ein junger Menſch daher gegangen, deſſen Klei⸗ dung man leicht für den ſtädtiſch zugeſchnittenen Sonntags⸗ Anzug eines wohlhabenden Landmanns erkennen konnte. Als er bei dem Fuhrwerk angekommen war, ſtand er einen Augenblick ſtill, blickte forſchend auf die zwei Spaziergänger und ſchritt dann entſchloſſen auf ſie los. „Habe ich den Herrn Karl Stein vor mir?“ fragte mit Anſtand, aber im Ton der Entſchloſſenheit der Ange⸗ kommene den jüngern. „Zu dienen, erwiederte jener kurz, was ſteht zu Dienſten?“ — „Ich ſelbſt“, entgegnete Ruodi — denn er war der Frager. — „Sie haben Genugthuung von mir begehrt; hier bin ich vereit ſie Ihnen zu geben; doch mache ich eine Bedingung, die Sie keinen Anſtand haben werden zu erfüllen: ich habe Gründe, um das Duell nicht gern ſo nahe an meinem Wohnorte abzuhalten, darum beſtehe ich darauf, daß wir ein paar Stunden jenſeits des Städtchens Haberburg uns einen Kampfplatz wählen.“ Während dieſer ganzen Rede hatte der Herausforderer den Sprecher mit verwunderten Blicken von oben bis 127 — unten betrachtet. „Ihr — — Sie? — ſprach er im Tone der Befremdung und des Zweifels — Sie der Doktor Federſpitz? Und wo haben Sie denn Ihren Sekundanten?“ „Das brauchts nicht — erwiderte jener, um ſeine Verlegenheit zu verbergen, ſehr kurz und beinahe grob — ich habe Ihre Ausforderung und komme ihr zu ent⸗ ſprechen; das ſei Ihnen genug!“ „Dm, kurios! brummte gegen ſeinen Begleiter ge⸗ wandt, der junge Mann, dann wandte er ſich wieder gegen Ruodi und fragte ihn mit beſonderm Nachdruck, indem er ihm feſt ins Auge blickte: Alſo Sie ſind wirklich Doktor Federſpitz? der Verfaſſer des Schmäh⸗ Artikels gegen meinen Vater, in der Haberburger Zeitung ?6 Ruodi war ein ſchlecht geübter Lügner; darum gab er auch jetzt ſehr bald ſeine Rolle auf, aber deßwegen nicht ſeinen Plan. „Sei ichs oder ſei ichs nicht — polterte er heraus, indem er ſich dabei künſtlich in Zorn zu verſetzen bemühte, ſo ſtehe ich jetzt für den Doktor da, und — indem er das Zeitungsblatt hervorzog und mit dem Finger auf eine Stelle hinwies — hier, den Artikel, der Sie ſo ärgert, den beſtätige und bekräftige 128 ich hiemit aufs Vollſtändigſte. Jetzt werden Sie, denke ich, keinen Anſtand mehr nehmen, mich für den Doktor zu faſſen!“ Unglücklicherweiſe hatte Ruodi in ſeinem Eifer, ſtatt auf das Libell des Doktors, auf eine Proklamation Don Pedro's hingewieſen. Stein lächelte kopfſchüttelnd. „Hoͤren Sie, nahm er jetzt mit großer Gelaſſenheit das Wort, Ihr Benehmen könnte mich allerdings zum Un⸗ willen reizen, wenn ſich mir nicht der Gedanke auf⸗ drängte, Sie ſeien auf irgend eine Art von dem ſchurki⸗ ſchen Verläumder mißbraucht. Sagen Sie mir nur erſt: wiſſen Sie denn auch, was in dem Artikel ſteht, deſſen Inhalt Sie den Augenblick ſo kräftig gegen mich be⸗ ſtätiget haben?“ u Ruodi blieb die Antwort ſchuldig, wie ein ſchlecht präparirter Schüler. Er hätte ſich gerne geärgert über den Ton der Uberlegenheit, den ſein Gegner angenommen hatte, und dennoch fühlte er ſich von dem offenen, zu⸗ traulichen Weſen des Andern ſonderbar angeſprochen. Aber der Gedanke, einen künftigen Nebenbuhler vor ſich zu haben, und der Wunſch, ihn von dem verhängniß⸗ vollen Wettſtreit ferne zu halten, ſiegten dießmal über Vernunft und Herzensgüte. 129 „Dem Allem ſei nun wie ihm wolle — erwiederte er, und zwang ſich dabei in Ausdruck und Geberden zu einer Leidenſchaftlichkeit, von der ſein Inneres nichts wußte — Sie haben meinem Freunde erklärt, daß wenn er ſich heute nicht hier ſtelle, Sie nach Maienthal kommen würden, um ihn aufzuſuchen; ich aber erkläre Ihnen jetzt, daß, ehe ſie dieſes Vorhaben ausführen, Sie ſich zuerſt mit mir ſchlagen müſſen, und da Sie dem Doktor Ihre mitgebrachten Waffen anboten, ſo habe nun auch ich, der ich an ſeiner Stelle daſtehe, gerechten Anſpruch auf deren Benutzung, denn nur in dieſer Vorausſetzung bin ich unbewaffnet hier erſchienen. Die Verlegung des Kampfplatzes aber werden Sie mir nicht abſchlagen.“ „— Und Ihr Sekundant? —“ 4 „Ich hege zu Ihnen und Ihrem Begleiter genug Zutrauen, um dieſen zu bitten, als gemeinſchaftlicher Zeuge beizuwohnen.“ „Meinethalben, ließ mißmuthig der Schnurrbart jetzt zum erſtenmal ſich vernehmen, macht nur daß die Ge⸗ ſchichte einmal zu Ende kommt.“ „Nun denn, ſo ſei's, rief unwillig Ruodi's erzwun⸗ gener Gegner. — Sie wollens nicht anders, ſo tragen Sie die Folgen. Das aber erkläre ich Ihnen: ich gehe Tſcharners Looſe. M. 9 130 nicht von der Stelle; hatten Sie den Muth oder den Muthwillen, mich ohne Urſache zum Zweikampf zu zwin⸗ gen, ſo ſollen Sie auch keinen Verſchub begehren. Ich kenne Sie nicht, und weiß nicht, ob vier Stunden von hier Sie mir noch Rede ſtehen werden. Das Ganze könnte ja wohl nur eine verabredete Sache ſein, um mich in irgend eine Falle zu locken. Alſo hier wird gekämpft! Die nähere Anordnung überlaſſen wir dem Zeugen.“ „Soll geſchehen“, verſicherte dieſer. Dann langte er aus dem Fuhrwerk von jeder Waffenart ein Stück her⸗ vor und hielt ſie alle drei ſeinem jungen Freunde mit den kurzen Worten vor: „der Geforderte wählt.“ „Ich überlaſſe die Wahl dem Gegner,“ antwortete mehr mißmuthig als zornig der Gefragte. Ruodi nahm den Säbel; der Zeuge legte Degen und Piſtol wieder in den Wagen, übergab das Seitenſtück zu Ruodi's Waffe dem andern Theil, ſchnallte ſelbſt einen kurzen Offiziersſäbel um und winkte dann ſtill⸗ ſchweigend den Kämpfern, ſich weiter von der Straße ab nach dem Innern des Wäldchens zu wenden. Ebenſo ſtillſchweigend folgten ihm dieſe; der Kutſcher blieb mit bedenklichem Geſichte zurück. 131 fl. Während in jenem Wäldchen an dem bald gefundenen ſchicklichen Platz, geſchützt vor den Strahlen der Morgen- ſonne, wie vor dem Blicke der Neugierigen, die zwei jungen Kämpfer ſich mit blanken Klingen einander gegen⸗ überſtehen, ward hier in Maienthal das lang erſehnte und lang gefürchtete Schützenfeſt mit möglichſter Feierlichkeit eröffnet. Mancher ſyſtematiſche Stundenmann unter mei- nen Leſern erwartet nun wohl ein vollſtändiges Programm, worin es z. B. heißen könnte; „Am erſten Tag, Mor⸗ gens um halb neun Uhr wird Gottesdienſt gehalten 5 nachher verſammelt ſich der Gemeindrath auf dem Ge⸗ meindhaus, die Schützen auf dem Marktplatz, die Schul⸗ jugend im Schulhauſe; alsdann wird um dreiviertel auf Zehn der Zug nach der Schützenwieſe in folgender Ord⸗ nung beginnen, voran Paar und Paar — — u. ſw.“ Solche Feſtprogramme dünkten mich immer höchſt lang⸗ weilig, wenn ich genöthigt war, ſie zu leſen; um ſo lieber erſpare ich hier, wo es nicht nothwendig zur Sache gehört, mir und meinen Leſern die Mühe. Selbſt das Beſuchen des Schießplatzes wollen wir auf morgen, als den Haupttag des Feſtes, verſchieben, und uns heute 132 darauf beſchränken, in ein paar einſame Kammern einen Blick zu werfen. Dahin möchten überhaupt die Neu⸗ gierigſten unter meinen Leſern, und allenfalls auch Le⸗ ſerinnen, wenn ich ſie eben im rechten Augenblick an den rechten Ort hinführen wollte, mir vielleicht lieber folgen, als durch das Gewühl in den Straßen. Ich muß jedoch bedauern; an den meiſten Thüren klopfen wir ſchon zu ſpät an, denn ſchon ſtehen die jungen Burſche in Reih und Glied, oder durchziehen die Gaſſen und laſſen ihre Augen herumſpazieren, nach den wallenden Strohhüten. Die Mädchen dann, die in Maienthal in der Regel ſo wenig, als ſonſt wo in der Welt, mit ihrer Toilette vor der Zeit fertig ſind, haben ſich heute ſo früh daran ge⸗ macht, daß höchſtens hier und da noch eine Saarlocke anders zu drehen, eine Blume auf dem Lockengarten zu verſetzen oder der Strohhut etwas ſchräger unter dem niedlichen Kinn feſtzubinden bleibt. Nur Eine kann nicht zu Ende kommen mit ihrem Putz, weil — o Wunder! es ihr nie ein rechter Ernſt war mit dem Anfangen, unſer Bärbelchen, das ſchöne Röschen am Roſenbühl. Für wen ſollte ſie ſich aber auch putzen? Der, dem allein ſie zu gefallen wünſchte, war hrute in aller Frühe über Land gegangen — in 133 — einem Auftrag nach Haberburg, hatte er ihr geſagt — aber nur zu ſicher glaubte ſie wahrgenommen zu haben, daß er ſich nur entferne, um dem Verdruß, vielleicht auch dem Spott zu entfliehen, der ſeiner warten konnte, während der Tage des verhaßten Freiſchießens. Zwar hatte er der Geliebten die tröſtliche Ausſicht gezeigt, die der theilnehmende Doktor ihm durch Mittheilung ſeines Geheimniſſes eröffnet hatte; aber dieſem Menſchen konnte das Mädchen nun einmal nicht trauen, vielmehr hatte längſt ſchon eine dunkle Ahnung ihr geſagt, daß wenn einſt Unglück ihr drohe, es von dieſem verhaßten Fremdling herkommen werde. O, es war nur zu ge⸗ wiß, ihr Geliebter wollte ſie nur beruhigen; in ſeinem Innern aber hatte er ſchon auf immer verzichtet auf ihren Beſitz, und wenn das Loos des morgenden Tages ſie einem Sieger in die Arme warf, dann — kaum wagte das arme Mädchen es auszudenken — dann war er entſchloſſen, nicht wiederzukehren! Hätte ſie erſt gewußt, daß er ſie verlaſſen hatte, um ſein Herz dem grauſigen Kleeblatt der Schieß-, Stich- und Hiebwaffen Preis zu geben, dann möchte nicht viel gefehlt haben, ſo konnten die Preisbewerber in Maienthal mit den ſieben Rittern in Uhlands „traurigem Turnier“ ſingen: 134 „Nach Hauſe wollen wir reiten, Es kann uns wenig Heil erblühn, Um eine Todte zu ſtreiten!“ „Bäbeli! — rief jetzt der Kantonsrath und Schützen⸗ meiſter, indem er den Kopf zur Thür hereinſtreckte — Komm, du ſollſt mich — — aber mein Gott, biſt du denn noch gar nicht angezogen?“ „Gleich, Vater, verſicherte die Verſpätete, aber was wolltet Ihr von mir?“ „Du ſollſt, ſagte der Papa, indem er ſich vollends zur Thür hereinſchob, du ſollſt mich abhören, ob's jetzt mit der Rede recht geht. Der Doktor hat das Ding etwas lang gemacht. Indeß, geſtern gings nichtl übel; ich ſagte ſie gegenüber den polniſchen Senſenmännern auf dem Bild im hintern Zimmer, und ſtellte mir vor, es ſeien unſere Schützen. Jetzt aber macht die Mutter dort Kuchen, und ſo kannſt denn Du die Freiſchaar vorſtellen. Da ſtell Dich ein paar Schritt vor mir hin auf den Schemel, ſonſt müßte ich ja, um Dir ins Geſicht zu ſehen, abwärts ſchauen, und das will ſich nicht ſchicken.“ Damit reichte er das voluminöſe Manuſeript der Tochter hin, und dieſe, froh einen neuen Vorwand zum Aufſchub zu finden, ſtellte, unwillkührlich lächelnd, ſich 135 auf einen Schemel vor den wohlbeleibten Papa hin, ungefähr wie eine Venus gegenüber dem Epheu be⸗ kränzten Bachus. Im lächerlichſten Marktſchreier⸗Pathos begann nunmehr die Hauptprobe der kantonsräthlichen Gaſtrolle. „Wackre Schützen des friedlichen Maienthals! liebe Nachbarn und Ihr, die Ihr aus allen — aus allen — Ihr — ei verfluchtes Wort, das mir nie in den Sinn kommt — Ihr — — „Gaudiebe,“ ergänzte Bärbelchen, mit Mühe das Manuſeript entziffernd. „Warum nicht gar Galgenvögel! Du Gans! eiferte der Redner. Inzwiſchen hab ichs nun doch gefunden: Gauen — alſo noch einmal: Ihr, die Ihr aus allen Gauen des ſchweizeriſchen Vaterlandes Euch — —“ Doch, meine Leſer werden mir den Reſt der Rede wohl ſchenken (— und wahrſcheinlich hätten denn beim Hauptakt auch viele unter den Feſtbeſuchern gegen den ſchwerfälligen Cicero vom Roſenbühl gerne eine gleiche Großmuth geübt —) denn ſie müſſen in der Tages⸗ litteratur, wenigſtens in der ſchweizeriſchen, gar wenig bewandert ſein, um über Schützenwerth und dergleichen noch etwas Neues leſen zu können. 136 Wir laſſen alſo Vater und Tochter ungeſtört bei ihrem gegenſeitigen Unterricht, und ich beſchränke mich darauf, meine Leſer zu benachrichtigen, daß, nach langem Bitten, es für heute der Königin des Feſtes erlaſſen wurde, ſich ihren Unterthanen öffentlich zu zeigen, unter der Bedin⸗ gung jedoch, daß ſie dann morgen um ſo pünktlicher in vollem Feſtglanze bereit ſei. Ehe der Abend einbricht, wollen wir noch unſerem Doktor über die ſchiefe Schulter in das Blatt gucken, das er ſo begierig durchliest, und wobei ſein Ledergeſicht ſich mit jeder Zeile aufheitert. Schon heute früh hatte der Schlaue ausgekundſchaftet, daß Ruodi bei Tagesanbruch, in Sonntagskleidern den Weg gegen Haberburg eingeſchlagen habe. Jetzt zweifelte er keinen Augenblick mehr, daß er das Vorhaben des Jünglings errathen habe. „Fängt der mit dem jungen Raufer Händel an — argumentirte er jetzt bei ſich ſelbſt — dann kriegt er ſeinen Theil ab. Jener aber wird es dann doch auch nicht wagen, nachdem er, nur zwei Stunden weit weg, einen hieſigen Ortsbürger verwundet oder wohl gar in die andere Welt ſpedirt hätte, am gleichen Tag hieher zu kommen; wenn er's aber wagt, dann ſoll er ſeine Mahlzeit angerichtet finden, denn Ruodi 137 hat viel gute Freunde und die ihre Fauſt zu führen wiſ⸗ ſen. „Aber — aber — wenn aus der Schlägerei nichts wird? wenn ſie ſich näher verſtändigen? miteinander herkommen? wie dann, Federſpitz? — —“ Aus allen den Zweifeln ſollte ihn endlich der Brief erlöſen, den er Nachmittags um drei Uhr durch einen Erpreſſen erhielt. Er war von Ruodi's Hand geſchrie⸗ ben und aus Haberburg datirt. Er las: „Herr Doktor!“ „Schon geſtern war ich entſchloſſen, den Kampf mit Herrn Stein für Sie zu übernehmen. Heute früh traf ich ihn im Wäldchen. Wir kamen heftig an einander; das Nähere des Hergangs und des Ausgangs mündlich. Wir ſind beide noch am Leben; inzwiſchen ging es unter ſolchen Umſtänden nicht an, nach Maienthal zu kommen, weßwegen ich mich von meinem Gegner hieher fahren ließ, wo ich gut verpflegt bin. Soviel können Sie nun verſichert ſein, daß Herr Stein auf keinen Fall am Feſte als Mitbewerber auftreten wird. Ich empfehle Ihnen übrigens Stillſchweigen; doch können Sie bei gutem Anlaß am rechten Ort hören laſſen, man ſoll ſich nicht wundern, wenn ich allenfalls auch noch die nächſten Tage nicht nach Maienthal zurückkomme. Ihr Ergebener Rudolf Werner“ * 138 „Alſo leicht verwundet! — ſprach der Beruhigte. — In Gottes Namen! Die Aderläſſe wird dir nichts ſcha⸗ den, und wenn etwa ein Stück von der Naſe weg iſt, ſo ſoll's dir bei deiner Rückkunft hoffentlich an ſechs⸗ facher Länge erſetzt werden. — Ich hätte übrigens, bei meiner Seele, nie geglaubt, daß der Junge im Stande wäre, ſich mit Ehren aus ſolch einer Affaire zu ziehen! — Inzwiſchen iſts ſo ganz gut. Sitzt Ihr mir Beide nur für etliche Tage hübſch ruhig drüben in Haberburg, dann wird das Ubrige ſich ſchon geben — —“ „Courage, Federſpitz! — rief der kleine Glücksritter ſich ſelbſt zu — noch ein wenig Glück für Wendlings Kugel, und mein Schäfchen ſteht im Trocknen.“ 12. In ſanftem, kaum merklichem Abhang dehnt, im An⸗ geſicht des Roſenbühls, ſich nieder gegen das Thal⸗ waſſer die große ſogenannte Maienwieſe. Nur der von Haberburg herführende Fahrweg trennt dieſen ſchönen Grasboden von dem geſchloſſenen Gute des Kantons⸗ raths, und es bedarf keines beſonders ſcharfen Auges, 139 — um aus den Fenſtern des Wohnhauſes, oder aus der vordern Gartenlaube den Mähdern und den Heuerinnen aufzupaſſen, ob ſie nicht den lieben Gott um die Zeit und ihren irdiſchen Herrn um den Lohn betrügen. In dieſer Wieſe, nahe gegen das Waſſer hin, pflegten die Maienthaler⸗Schützen ihre ſonntäglichen Ubungen zu halten; hier feierten alljährlich am Oſtermontag Alt und Jung, beſonders aber das Kindervolk, nach dem Aufer⸗ ſtehungsfeſt des Erlöſers, das der neuerwachenden Natur; hier wurde im Herbſt der große Jahrmarkt abgehalten, und hier hatte in neuerer Zeit mehr als eine Volksver⸗ ſammlung der Thalſchaft die vaterländiſchen Angelegen⸗ heiten beſprochen: aber bei keinem dieſer Anläſſe, nie wohl, ſo lange die hohen Alpenköpfe herunterblickten ins freundliche Thal, hatte ſichs hier ſo lebendig geregt, als an dem, für Maienthal immer denkwürdigen 16. Juni des Jahres 183., dem zweiten Tage des großen Frei⸗ ſchießens. Es waren Gäſte da aus nah und fern; aber auch ſelbſt die, ſo aus den erſten Schweizerſtädten her⸗ gekommen waren, mußten zugeben, daß die Maienthaler ſich Ehre gemacht hatten, mit der Anordnung dieſes Feſtes. Die Scheiben, der Stand für die Schützen, die Ver⸗ 140 ſtecke der Zeiger: alles dieſes erhielt beim erſten Anblick ſchon den vollkommenen Beifall der Leute von Fach. Mit nicht weniger Sorgfalt und Zierlichkeit, wie für die Schießenden ſelbſt, war weiter oben, ganz nahe am Fahrweg, für Bequemlichkeit und Annehmlichkeit der übrigen Theilnehmer am Feſte und der Zuſchauer geſorgt. In weitem Halbkreiſe, deſſen beide Enden ſich an den eigentlichen, durch Schranken abgeſonderten Schießplatz anſchloſſen, war eine große Menge von Zelten, Laub⸗ bütten und mitunter auch einfachen Brettervorſchlägen errichtet, in deren Einrichtung und Verzierung die Un⸗ ternehmer mit einander gewetteifert hatten. Die meiſten dieſer Lagerhütten waren von einzelnen Partikularen oder Geſellſchaften zu ihrem und ihrer Freunde Gebrauch er⸗ richtet worden; andere dienten als Schenkwirthſchaften, Garküchen und Kaffeläden, wo alles Wünſchbare für Gaumen und Magen zu haben war; noch andere hatte die Vorſteherſchaft des Orts errichten laſſen, um den Angeſehenſten unter den fremden Gäſten die gebührenden Ehrenplätze anweiſen zu können. In der Mitte des Halbkreiſes waren dieſe Lagerhütten durch einen hohen Triumphbogen unterbrochen, der den Haupteingang in das feſtliche Lager bildete. Bunte Blumen und Bänder, 141 zierlich gemalte Inſchriften und blanke Waffentrophäen glänzten überall auf dem dunkeln Laubwerk; oben von der Zinne des Feſtthores aber flatterten die Fahnen und Fähnlein der ſämmtlichen Schützengeſellſchaften und ver⸗ kündeten weithin durchs Thal die vaterländiſche Feſtfeier. An beiden äußerſten Enden des Halbkreiſes erhoben ſich, mit aller nur möglichen Pracht ausgeſtattet, zwei hohe und geräumige Gerüſte, durch große Zelttücher vor den Strahlen der Sonne geſchützt, und von wo der Blick ſowohl den Schießplatz als den ganzen innern Raum des Halbzirkels beherrſchte. Das eine dieſer Gerüſte war beſtimmt, die Ortsvorgeſetzten, die Schützenrichter und überhaupt die ſämmtlichen Honoratioren vom Civil⸗, Militär- und geiſtlichen Stande aufzunehmen. Das andere bildete den eigentlichen höchſten und herrlichſten Feſtſaal, denn dort ſollte die Königin des Feſtes thronen, umgeben vom ganzen lieblichen Flor der Mädchenwelt aus Maienthal und der Nachbarſchaft. An der vordern Seite einer jeden dieſer Pracht- und Ehrenbühnen waren, auf halber Höhe, ſchwebende Orcheſter angebracht: zu den Füßen der Männer die Trompeten und Hörner der Schützen geſellſchaften; am Blumenaltar der Mädchen die Klarinetten, Flöten und übrigen Inſtrumente der 142 ſanften Harmoniechöre. Der innere Raum dann war für die große Maſſe jener Feſtbeſucher beſtimmt, denen es ent⸗ weder an Rang, an Bekanntſchaften oder an Geld fehlte, um ſich unter den Laub⸗, Bretter- und Leinwanddächern einen Platz zu verſchaffen, oder die aus andern Gründen es vorzogen, unabhängig von allem geſellſchaftlichen Zwang, das wogende Gewicht in der Nähe zu betrachten und es mit ihrer eigenen Perſon zu vergrößern. Außer dieſem Halbkreis endlich, und mit einem eigenen Zugang von der Straße her verſehen, war der Platz zum Hinſtellen der Fuhrwerke angewieſen und in weiter Ent⸗ fernung, im Schatten des Erlengehölzes längs dem Thalwaſſer, fanden auch die vierbeinigen Gäſte mit Sattel und mit Chaiſengeſchirr Unterkommen, Futter und Lagerſtätte. Ich unterlaſſe es, meinen Leſern hier umſtändlich zu erzählen, wie ſchon geſtern, viel zahlreicher aber noch heute, aus nahe und fern Schützen — bald in ganzen feſtlichen Zügen, unter Hörnerklang und mit fliegenden Fähnlein, bald wieder einzeln oder in kleinen Gruppen — daher gezogen kamen; wie andere Feſtbeſucher und Zu⸗ ſchauer aus allen Ständen, zu Fuß, zu Roß und zu Wagen herbeiſtrömten; wie bereits am erſten Tage bray 143 geſchoſſen, gezecht und gejubelt wurde; wie dann am heutigen, entſcheidenden Tag ſchon Morgens um acht Uhr die Menge in geordneten und ungeordneten Maſſen heraus wogte nach der Maienwieſe. Selbſt eines der allerwichtigſten Stücke, nämlich die große Bewillkomm⸗ nungsrede des Kantonsraths und Schützenmeiſters an ſämmtliche Schützen und Gäſte aus allen Gauen, muß ich der Kürze halber mit Stillſchweigen übergehen, um den mir offenſtehenden Raum nur dem Gang der Ge⸗ ſchichte zu widmen, deren Mittheilung ich mir zur Aufgabe gemacht habe. Die Erzählung aller jener Her⸗ gänge, und mehr noch die Schilderung aller der kleinen und großen Verwirrungen, Verlegenheiten, komiſchen und ſentimentalen Situationen aller Art, welche der Zu⸗ ſammenfluß ſo vieler Gäſte nach einem einzigen Dorfe auf Plätzen und Straßen, und vielleicht auch in manchem engen Kämmerlein herbeiführen mußte, möchten allein ſchon ein mäßiges Heftchen in Taſchenformat anfüllen. Das Alles mag nun der geneigte Leſer ſich aus eigener Erfahrung oder Phantaſie ſelbſt nach Herzensluſt aus⸗ malen. Wer ſich aber mit ſolchem Phantaſieſurrogate nicht begnügen, ſondern durchaus den wirklichen fakti⸗ ſchen Thatbeſtand kennen wollte, dem rathe ich, ſich ſelbſt 144 nach Maienthal zu bemühen. Dort kann er ſich noch heutigen Tages in jedem Hauſe, beſonders aber bei Herrn Schaber und am Roſenbühl, Alles haarklein er⸗ zählen laſſen. Wenn dann am letztern Ort der Wiß⸗ begierige die Geduld nehmen will, die Dreifußiſche Schützen⸗ rede der Länge nach anzuhören und nach Gebühr, oder beſſer geſagt, nach Erwarten zu loben, ſo wird ihm noch der Genuß einer Flaſche vom Beſten zu Theil, und — was mehr werth iſt, als Redner- und Weingeiſt — auch noch die Bekanntſchaft des herrlichen Schützenpreiſes, der allerliebſten jungen Frau — — doch, da wäre ich ja bald vor der Zeit mit dem Schluß des Romans her⸗ ausgeplatzt! 13. Um alſo aller Weitläufigkeit auszuweichen, will ich meine Leſer eben im rechten Augenblick gerade mitten in das Gewühle des Schützenfeſtes hineinführen. Punkt zwei Uhr Nachmittags ſollte das entſcheidende Stich⸗ ſchießen um den herrlichen erſten Turnierpreis, ſammt etlichen nicht unanſehnlichen Nebenpreiſen, den Anfang nehmen, wozu jedem Schützen, der ſich über ſeine Zu⸗ 145 läßigkeit zur Preisbewerbung gehörig ausgewieſen hatte, zehn Schüſſe aus freier Hand zugegeben waren. Jetzt ſchlug es Ein Uhr. Alſo noch eine Stunde bis zur Eröffnung des ſeltenen Wettkampfes! Eine lange Zeit für die Ungeduld manches neugierigen Zuſchauers und für die Zuverſicht manches Preisbewerbers; aber nur zu kurz für das pochende Herz manches Mädchens, vor Allen für die zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwankende Schöne vom Roſenbühl. Schon ſeit Mittag hatten ſich Schützen und Zuſchauer zu kleinen und großen Gruppen in den Lagerhütten, Viele auch unter freiem Himmel, um die gedeckten Tafeln ver⸗ eint. Viele dieſer Lagermahle waren von mehr oder weniger zahlreichen Familienpartien aus Maienthal ver⸗ anſtaltet worden, und bei jeder derſelben ſah man eine bedeutende Anzahl fremder Gäſte hinzugezogen. Andere Tafeln waren von Herrn Schaber und etlichen Kollegen für diejenigen Feſtbeſucher bereitet, die in Ermanglung von Einladungen bei gaftfreien Einwohnern, ſich ihre Plätze durch den aller Orten gültigen Empfehlungsbrief der klingenden Münze verſchafften. Da und dort war auch eine Gruppe Genügſamer im Grünen gelagert, die beſcheiden das kalte Mahl verzehrten, das ſie von wei⸗ Tſcharner's Lvoſe. IM. 10 146 terher aus der eigenen Speiſekammer mitgebracht hatten. Für diejenigen unter den Schützen aber, die zu keinem jener Familienkreiſe gezogen waren, ſtand auf dem Schützenplatz eine eigene, von Zelttüchern beſchattete Tafel, und weithin über das Getöſe und Geſchrei der übrigen Menge ſchallten von dorther, unter dem Begleite ſchmet⸗ ternder Trompeten und gellender Hörner, die Kriegsge⸗ ſänge und die Toaſts der luſtigen Schützen. Man kann ſich leicht denken, daß, wenn vielleicht nicht eben am fröhlichſten, ſo doch wahrſcheinlich am glänzendſten, es bei Kantonsraths herging, ſo wie auch die Dreifußiſche Lauberhütte ſich durch Größe und über⸗ ladene Verzierung faſt vor allen andern auszeichnete. Um die wohlbeſetzte Tafel ſaßen, außer dem kantons⸗ räthlichen Ehepaar und dem ſchönen Bärbelchen, noch in die zwanzig Gäſte aus Maienthal ſelbſt, aus Haber⸗ burg und von weiterher. Unter dieſen letzteren hätten meine Leſerinnen, wären ſie gegenwärtig geweſen, auch ohne daß ich ſie ganz beſonders darauf aufmerkſam machte, Einen ganz gewiß nicht überſehen. Es war ein junger Mann, in feiner geſchmackvoller Schützenkleidung. Seine äußerſt gefälligen Manieren kündigten den abgeſchliffenen Weltmann an, und ſein ſchlanker Wuchs mußte zwiſchen — 147 der Mißgeſtalt des Doktors und dem unbeholfenen Fleiſch⸗ klumpen des Schützenmeiſters doppelt vortheilhaft her⸗ vorſtechen. Es war dieſer Gaſt niemand anders, als Wendling, der ſich irgendwo und irgendwie das Nö⸗ thige zu verſchaffen gewußt hatte, um beim großen Feſte mit ausgeſuchter Eleganz auftreten zu können, und dem die pomphafte Empfehlung des Doktors zum Voraus die beſte Aufnahme am Roſenbühl vorbereitet hatte. In dem Augenblick, wo ich meine Leſer in die Drei⸗ fußiſche Lauberhütte einführe, neigt das Mahl ſich gegen das End, und lauter und lebhafter kreuzt ſich die Un⸗ terhaltung der Gäſte, als früher, da die Kinnladen noch dringende Arbeit zu beſeitigen hatten. Man ſprach viel von den vorläufigen Schützenübungen des vergangenen Tages und der heutigen Morgenſtunden. Wendling hatte ſich durch ſeine außerordentliche Geſchicklichkeit bereits Vielen bemerkbar gemacht und erhielt jetzt manches be⸗ deutungsvolle Kompliment, über den muthmaßlichen Aus⸗ gang des Freiſchießens. Jetzt ſah man ihn emſig beſchäf⸗ tigt, der Königin des Feſtes den Hof zu machen, und wie es ſchien nicht ohne Erfolg, denn es konnte wohl keinem aufmerkſamen Beobachter entgehen, daß von allen Rittern, die heute das Glück hatten, dem reizenden 148 Turnierfräulein nahe zu kommen, keiner ſo huldreich auf⸗ genommen wurde, als dieſer ſchöne Fremdling. Sollte er ſich wirklich bei Bärbelchen mit Gott Amors Waffe ſchon als unüberwindlichen Schützen bewährt und den blauäugigen Ruodi mit leichter Mühe ausgeſtochen haben? Oder gehörte auch dieſes Mädchen zu jenen reizbaren Schönen, die über dem anweſenden Fremden ſo leicht den abweſenden Freund vergeſſen? O nein! haltet nur Euern Unwillen zurück und Eure Schaden⸗ freude, liebwerthe Leſer und Leſerinnen; denn wißt: unſer Bärbelchen war ſo beſtändig in der einmal gefaß⸗ ten Zuneigung, und ſo unempfindlich für die Vorzüge jedes andern Mannes, wie es nur je die Heldin eines Romans ſein konnte, und wenn ſie die Aufmerkſamkeiten des galanten Ritters mit Wohlwollen aufnahm, und wenn die Wahrſcheinlichkeit, daß er den Preis gewinne, ſelbſt eine gewiſſe Fröhlichkeit über ihr holdes Weſen verbreitete, ſo durfte er ſich — ſofern er die wahre Ur⸗ ſache gekannt hätte — auf ſolchen Vorzug wenig ein⸗ bilden, denn er verdankte ihn einzig nur der überzeu⸗ gung, die der ſchlaue Doktor auch ihr beigebracht hatte, daß Wendling im entſcheidenden Augenblick den gewon⸗ nenen Preis ausſchlagen werde. Den Doktor aber küm⸗ 149 merte es wenig, was dann die endliche Aufklärung für einen Eindruck auf das Mädchen machen werde; ihm war es nur darum zu thun, den „lieben Bruder“ durch dieſes Gaukelſpiel noch mehr zu reizen, damit er ja alle ſeine Kräfte aufbiete, um den Sieg zu erringen; das Ubrige, dachte er, werde ſich dann irgendwie auch geben. Jetzt beginnt ſich's überall neu zu regen; die meiſten Tafeln ſind aufgehoben, und die ganze bunte Menge ſetzt ſich nach und nach in Bewegung, denn es nähert ſich der Augenblick, wo der entſcheidende Akt des großen Schau⸗ ſpiels, durch Vorleſung ſämmtlicher, von der eingeſetzten Prüfungskommiſſion als zuläßlich erklärter Preisbewerber eröffnet werden ſoll. Es möchte aber dieſes, bei ſechzig Nummern ſtarke Namensverzeichniß heute für meine Leſer leicht nicht das nämliche Intereſſe haben, wie dazumal für manchen Theilnehmer am Feſte. Darum wollen wir uns die Mühe erſparen, es anzuhören, und dieſen Augenblick benutzen, um uns einige hundert Schritt weit weg von dieſem geräuſchvollen Schauplatz nach jenem Erlenhölzchen zu wenden, wo wir einen alten Bekannten finden werden. 14. Der alte Bekannte iſt niemand anders, als unſer Ruodi. Ganz einſam liegt er am Fuß eines Baumes im Gras hingeſtreckt, den Kopf in die Hand geſtützt in finſteres Brüten verſunken. Von Verwundung iſt nichts bemerkbar, — nämlich am Körper, denn das Gemüth ſcheint allerdings tief verletzt zu ſein. Wie möchte ſonſt auch ein junges Blut von zwanzig Jahren ſich ferne halten von ſolch ſeltenem Feſtgepränge! Frei⸗ lich iſt auch ihm nicht gleichgültig, was dort drüben, etliche hundert Schritte von ihm, vorgeht. Oft blickt er hin nach dem Schauplatz des Feſtes, ſo ſtier und ſo ſcharf, als ſollte ſein Auge, gleich einer Kugel aus ge⸗ zogenem Rohr, die hohe Bretterwand durchbohren, welche den Schützenplatz und die Lagerhütten vom übrigen Theil der Maienwieſe abſondert; bald aber ſenkt er dann wieder das Auge, und verbirgt das Geſicht in beiden Händen, als wolle er gewaltſam jene verhängnißvolle Bühne mit ihren hochflatternden Fähnlein, und zugleich die ganze offene Natur, ſeinen Blicken entziehen. Doch ehe wir ſeine dermaligen Betrachtungen belau⸗ ſchen, wird es nöthig ſein, daß ich meine Leſer noch in 151 kurzem von dem Ausgang und den nächſten Folgen des geſtrigen Zweikampfes unterrichte, mit deſſen Eröffnung ich, aus Schonung für zarte Nerven — nicht etwa eines Schützen, denn dieſem möchte ſolche Empfindſamkeit ſchlecht anſtehen, wohl aber etwa irgend eines lebendigen zart⸗ fühlenden Schützenpreiſes — eines der frühern Kapitel plötzlich abgebrochen habe. Die Sache war wirklich auf den äußerſten Punkt ge⸗ diehen. Schon hatten die Kämpfer ihre Röcke abgelegt, die Säbel blinkten in ihren Händen und es ſtand zu erwarten, ob, bei gleicher Furchtloſigkeit, die wahrſchein⸗ lich größere Geſchicklichkeit des Einen, oder die überlegene Körperkraft und natürliche große Behendigkeit des Andern den Sieg davon tragen werde. Der ſchnurrbärtige und immer wortkarge alte Praktikus, der, hier, als einziger und gemeinſchaftlicher Sekundant, in ſeiner Stellung gegen die Kämpfer den dritten Punkt eines gleichſeitigen Dreiecks einzunehmen im Begriffe ſtand, erwartete unter ſolchen Umſtänden nichts Anderes, als daß etwa jeder des Andern Schneide möchte zu koſten bekommen, und machte deßwegen bei ſich ſelbſt ſchon hochſt übellaunige Reflerionen über die ſchwierige Lage, die ihm bevorſtehen möchte, wenn die Sache wirklich eine ſolche Wendung 152 nähme, daß von den zwei jungen Fechtern der eine etwa mit einer Naſe und der andere mit einer Hand zu wenig aus dieſem Kampfe gingen. Es ſollte jedoch an dem Tage kein Blut fließen. Ein Blick, den Karl Stein zufällig auf ſeine Taſchenuhr warf, erregte plötzlich eine Bedenklichkeit in ihm, die er früher nicht beachtet hatte. „Ehe wir loslegen — ſagte er, indem er ſeine Waffe gegen die Erde ſenkte — muß ich Eines noch wiſſen; und darüber erwarte ich, daß Sie mir auf Ihr Ehren⸗ wort richtige Auskunft geben: weiß Doktor Federſpitz, daß Sie ſich zum Kampfe gegen mich geſtellt haben? und iſt Ihnen bekannt, daß er den Zweikampf nicht annehmen will?“ Ruodi konnte nicht anders, als beides entſchieden verneinen. „Wenn's ſo iſt — erklärte jener gelaſſen, aber feſt, dann kann ich mich heute, den Augenblick wenigſtens, nicht mit Ihnen ſchlagen. Zenet iſt mein eigentlicher Beleidiger; ich habe ihn gefordert, und dieſe Angelegen⸗ heit hat den Vorrang vor der Ihrigen; nun iſt die Stunde noch nicht abgelaufen, wo mein erſter Gegner noch hier erſcheinen kann, und ich bin es ihm und mir 153 ſelbſt ſchuldig, ihm Rede zu ſtehen oder ihn mir zur Rede ſtehen zu machen, ehe ich einen ſpätern Handel ausfechte. Iſt das geſchehen, dann ſtehe ich auch Ihnen zu Dienſten.“ Der alte ehrenwerthe Kampfzeuge fand ſeines jungen Freundes Erklärung durchaus begründet. Stein legte ſeinen Säbel wieder bei Seite; es entſtand eine Pauſe, in der ſich die zwei Gegner etwas verlegen anblickten, während der dritte ganz phlegmatiſch ſeine Pfeife ſtopfte, unbekümmert, wie lange der Waffenſtillſtand dauern werde und wie die anweſenden Gegner inzwiſchen die Zeit ver⸗ wenden wollen. Der junge Stein brach zuerſt das verlegene Still⸗ ſchweigen. Er hatte nun einmal ſchon angefangen an dem räthſelhaften Jüngling, deſſen ganzes Weſen im übrigen ſo wenig zu ſeiner augenblicklichen Rolle zu paſſen ſchien, einen mehr als gewöhnlichen Antheil zu nehmen. Darum drang er jetzt auf's neue ſo lange in den ſchon etwas unſchlüſſigen Ruodi, bis dieſer ihm den ganzen Zuſammenhang mittheilte. „Das wußtet Ihr wohl nicht, Oheim — lachte Stein jetzt gegen den Schnurrbart — daß ich der beſte Scheibenſchütze in der Eidgenvoſſenſchaft bin? Wenn ich Sie nun aber ver⸗ 154 ſichere — fuhr er gegen Ruodi gewandt fort — daß ich in meinem Leben keinen Stutzer losgefeuert habe? daß ich überdieß, weder Ihnen noch irgend einem Menſchen ſeine Braut wegſchießen werde, weil ich ſchon mit einer Vielgeliebten verſprochen bin: werden Sie ſich dann überzeugen, daß jener Schurke Sie betrogen hat, um, weiß der Himmel was für einen ſaubern Plan durch⸗ zuführen?“ Ruodi, wie vom Himmel gefallen, wußte nicht, ob er ſich mehr freuen ſollte, im jungen Stein keinen Ne⸗ benbuhler zu erblicken, oder ärgern über das lügenhafte Vorgeben des Doktors. Auf jeden Fall meinte er nichts Eiligers zu thun zu haben, als nach Maienthal zurück⸗ zukehren. Sein neuer Bekannter aber hielt ihn zurück. „Hören Sie — ſagte er, in den Ton freundſchaftlichen Vertrauens übergehend — mit der Entdeckung iſts noch nicht abgethan; da ſteckt noch mehr dahinter. Aus Ihrer Erzählung geht zur Genüge hervor, daß ich hier verge⸗ bens auf meinen wirklichen Gegner warten würde; er aber wird mirs nicht übel nehmen, wenn auch ich den angekündigten Beſuch einſtweilen verſchiebe. Jetzt drängt mich's mehr, das Mittel zu ſuchen, um das Mißgeſchick abzuwenden, das wahrſcheinlich Ihrer Liebe droht, und 155 wer weiß, ſetzte Stein mit einem bedeutſamen Blick auf den Kampfzeugen hinzu, ob wir es nicht bälder finden, als Sie hoffen. Kommen Sie mit mir nach Haberburg, dort wollen wir die Sache näher überlegen. Das Stich⸗ ſchießen um den Preis geſchieht ja erſt morgen; bis da⸗ hin iſt nichts verſäumt, und uns bleibt Zeit zum Be⸗ rathen und zum Handeln.“ Ruodi, der ſo viele Gründe hatte, an dieſem Tage lieber von Maienthal ferne zu bleiben, willigte gerne ein. Das Fuhrwerk ward umgewendet, man ſaß ein, und fort gings in raſchem Trab über die Straße nach Haber⸗ burg, zum großen Erſtaunen derer, die bereits in Menge dem Feſte zuzogen und gar nicht begreifen konnten, wie an dieſem Tage die drei Herren im Fuhrwerk die entge⸗ gengeſetzte Richtung einſchlagen mochten. In Haberburg angekommen, ward, in Folge unterwegs gepflogener Be⸗ rathung, der Brief an Federſpitz in abſichtlichem Doppel⸗ ſinn abgefaßt und verſandt, und dann das weiter Vor⸗ zunehmende eifrig beſprochen, wobei die zwei Jünglinge, je näher ſie ſich kennen lernten, je mehr ſich gegenſeitig zu einander hingezogen fühlten. So kam es dann, daß noch des nämlichen Abends ein feſter Freundſchaftsbund zwiſchen denen geſchloſſen ward, die ſich in der Morgen⸗ 156 ſtunde mit den Waffen in der Hand feindlich gegenüber treten wollten. 15. In dem Augenblick nun, da wir unſern Ruodi in ſeiner Einſamkeit belauſchen, hatte ſein neuer Freund, mit dem er noch nicht lange von Haberburg hergekommen war, ihn eben verlaſſen, um ſich nach dem Schauplatz des Schützenfeſtes hinzubegeben. Ihm ſelbſt hätte der Muth da zu gefehlt; heftiger als je, ſtürmten verſchieden⸗ artige Gefühle in des Jünglings Bruſt. Was ihm das Liebſte war auf der Welt, das ſtand in dieſem Augenblick auf dem Spiel; ſchon in der nächſten Stunde konnte es für ihn verloren ſein auf immer. Ob auch ſelbſt in dem glücklichen Falle, da der Sieger im heutigen Kampfſpiel auf den erſten Preis verzichten würde, er, der Unbemit⸗ telte, Unbedeutende je hoffen dürfte, das Kleinod zu er⸗ ringen: die Frage kam im jetzigen Augenblick bei ihm gar nicht in Anſchlag, denn jetzt ſah er nur die Ge⸗ fahr des unaufſchieblichen und unwiederbringlichen Ver⸗ luſtes vor ſich. Die Hoffnung, welche die Zuſicherung des ränkevollen Doktors in ihm erweckt hatte, war ver⸗ 157 ſchwunden; vielmehr hatte ſein neuer Freund neue Be⸗ ſorgniſſe über einen noch unbekannten Plan des ver⸗ haßten Fremdlings in ihm erregt. Warum aber hatte denn dieſer junge Mann, in den Ruodi bereits ein faſt unbegrenztes Vertrauen ſetzte, zwar ohne nähere Erklä⸗ rung über ſein Vorhaben, ihn bewogen, heute ſchon nach Maienthal herüber zu kommen? Und lag nicht im ganzen Benehmen der zwei Leute — denn auch der Schnurrbart war mitgefahren — eine gewiſſe Zuverſicht und dabei ein geheimnißvolles Weſen, das einen be⸗ ſondern Plan, und beſondere Hoffnung zu einer gün⸗ ſtigen Wendung für ihren Schützling anzukündigen ſchien? Aus dieſen Betrachtungen ward Ruodi durch den Donner von zehn Böllerſchüſſen aufgeſchreckt, die oben auf der Halde losgefeuert wurden und in vielfachem Wi⸗ derhall dem Thal entlang die Eröffnung des Stich⸗ ſchießens verkündeten. Gleich darauf ſchlug das Jubel⸗ geſchrei der Menge an ſein Ohr, und er konnte deutlich den Marſch unterſcheiden, nach deſſen Takt die Glück⸗ lichen in den Kampfplatz zogen, deren jeder jetzt hoffen durfte, den herrlichen Preis zu erringen. „O, rief der Einſame bitter vor ſich hin: Keiner, Keiner von Euch kennt den Werth dieſes Kleinods! und wie wenige von 158 Euch mögen ſich auch kümmern um die Tugend der Tochter, im gierigen Hinblick auf die Güter des Vaters! Ich allein aber, ich, der ich den herrlichen Preis zu ſchätzen weiß, in ſeinem ganzen, unendlichen Werthe, — ich, der ich ſo gerne auf alle Habe verzichte, wenn nur die Geliebte mir bliebe: ich muß hier müßig liegen, wie ausgeſtoßen aus der Schaar der vaterländiſchen Jüng⸗ linge und unwerth, in die Schranken zu treten! — — Und ſie? Ob in dem Augenblick ſie noch ihres Freundes denke? Ob ſich nicht in der Menge ſchon Einer gefunden habe, dem es gelingen mochte, mein Bild aus ihrem Herzen zu verdrängen?“ Jetzt erſchollen die gellenden Stutzerſchüſſe; er hörte deutlich das Aufprallen der Kugeln auf der verhängniß⸗ vollen Scheibe. Jeder Schuß wollte ihm das Herz durch⸗ bohren. „Ha, — rief er, und ballte dabei die kräftige Fauſt — gälte es einen Kampf auf Tod und Leben um ihren Beſitz, bei Gott, ich würde nicht ſo in der Ferne müßig da liegen, wie ein wehrloſes Kind! Wie viele von Euch müßten dann vor dieſem Arm zittern! Aber was gilt es hier? Ein gutes Auge, und Geſchicklichkeit, durch fleißige Ubung erlangt! Hätte ich auf der Schule, wie ſo viele meiner Kameraden, mehr als mit den Büchern, 159 mit dem Jagdgewehr, — mehr als mit Studiren mit Schei⸗ benſchießen mich abgegeben: dann dürfte auch ich heute in die Reihen der Vewerber treten! Trauriger Lohn für meinen Fleiß, daß ich nun ſo ſchmählich auf das Koſt⸗ barſte verzichten muß!“ Auf's Neue ſchmetterten die Trompeten aus dem Schü⸗ tzenlager her, in kriegeriſchen Weiſen. „Wären es doch — ſagte er faſt knirſchend — wären es doch die furchtbaren Maſſen eines Feindes, aus denen jener Kriegsruf herüberklingt! Wären ſie gegen ein eid⸗ genöſſiſches Heer gerichtet, jene Feuerröhren! würde ich dann etwa darum, weil ich nicht eben den Stutzer zu führen verſtehe, zurückbleiben vom Kampf fürs Vater⸗ land? O nein! nein! — Dann wäre Ruodi Werner vielleicht vor Vielen von Euch in Mitte der feindlichen Batterie, oder — er läge blutend davor hingeſtreckt!“ Eine unbeſchreibliche Bitterkeit bemächtigte ſich des ſonſt ſo wohlwollenden Gemüths, und heiße Thränen des Zorns über ſein Geſchick entſtrömten dem blauen Auge. Und immer ſchneller folgten ſich die Schüſſe auf die große Anzahl von Scheiben; immer fröhlicher dünkte ihn das Gejauchze, immer jubelnder und ſiegverkündender die Melodie der Muſikchöre. Faſt konnte er es nicht mehr 160 aushalten. Hineilen; verſteckt im Gewühle noch Einmal hinblicken nach der Königin des Feſtes und ſeines Herzens; ein Lebewohl den theuern Eltern, und dann weit, weit weg: das war der Gedanke, der ihn jetzt zu übermannen drohte. Aber er hatte ſeinem Freunde Stein das Wort gegeben, auf dieſer Stelle deſſen Rückkunft zu erwarten; und hatte dieſer nicht noch im Augenblick des Weggehens ihm mit warmem Händedruck, und im Tone inniger Zuverſicht die Worte wiederholt? — „Freund, wohl mußt Du Dich auf das Schlimmſte gefaßt halten, aber ich ſage Dir, du darfſſt auch auf das Beſte die Hoff⸗ nung nicht aufgeben.“ 16. Werfen wir nun wieder einen Blick nach dem Schau⸗ platz des Feſtes, wo ſeit einer Stunde das Gemälde ſich völlig geändert hat. Zwar erblicken wir die gleichen Figuren, wie früher; aber ſtatt in den Hütten und Zelten um die Tiſche gelagert, finden wir die Schützen mitten in ihrem Wettſchießen begriffen; die Honoratioren vom Wehr-, Nähr,- und Lehrſtand glänzen in ganzem Amtsanſehen und mit weinbegeiſterten Geſichtern auf 161 —— der gemeindräthlichen Ehrenbühne; ihnen gegenüber prangt der liebliche Blumenflor der Frauen und Jung⸗ frauen, — in ihrer Mitte, geſenkten Blickes „ die rei⸗ zende Königin des Feſtes. Der große Haufe der Zu⸗ ſchauer aber umlagert den Schützenplatz, und nur die Wenigern luſtwandeln im Innern des Halbkreiſes und benutzen die dort entſtandene Leere, um die verſchiedenen Lagerhütten und Gezelte mit beſter Muße zu betrachten. Viele dieſer, noch vor einer Stunde ſo voll gepfropften Lagerbehauſungen ſind jetzt ganz leer; in einigen erblickt man noch kleine geſellſchaftliche Zirkel, beſonders von Frauenzimmern, deren empfindliche Ohren und Naſen der Schießſtatt lieber ferne bleiben. Auch in den Wirths⸗ buden iſt es jetzt viel leichter, einen leeren Sitz zu finden; in manchem Augenblick ſtehen ſie wohl ganz verlaſſen, oder man ſieht höchſtens ein paar Zecher, die am Schenktiſche dem Prinzip einer ſitzenden Stabilität huldigen, oder etliche vom Schützenplatz ab- und zu⸗ gehende Zuſchauer, die hier einen augenblicklichen Ruhe⸗ platz ſuchen. Einen ſolchen Augenblick des Waffenſtillſtandes für Kinnbacken und Gurgeln, und ſomit auch für die Kreiden der Wirthe, benutzte der Vormann dieſer letztern, unſer Tſcharner's Lvoſe. M. 11 162 Herr Schaber, um ſich von einem ſo eben Eintretenden etwas über den Gang des Schießens erzählen zu laſſen; denn ſelbſt hinzugehen und ſeine Bude auch nur für ein paar Minuten ohne ſeine Oberaufſicht zu laſſen, hätte ihm allzu bedenklich geſchienen. „Nun, Gevatter, fragte er mit gewohnter geſchmei⸗ diger Schlauheit, wie geht's drüben? Sie knallen ja, daß es eine Freude iſt! Werden wir den künftigen Erbherrn vom Roſenbühl bald ausrufen hören?“ Gevatter Matthis, an den die Frage gerichtet war, hatte an dem großen Spektakel nie eine beſondere Freude bezeigt, denn ſein Töchterchen gehörte zu jenen hübſchen Naſenrümpferinnen, welchen bangte, bei Anlaß dieſes Preisſchießens ihre Liebhaber einzubüßen. Heute ſchien Gevatter Matthis jedoch guter Laune; vermuthlich weil er ſich ſchon überzeugt hatte, es ſei mit der Geſchick⸗ lichkeit des erzielten Schwiegerſohnes nicht ſo weit her, daß das liebe Töchterchen etwa in Gefahr ſtehen könnte, der ſtolzen Roſenbühlerin den Platz abtreten zu müſſen. „Je nun, antwortete er dem Gevatter Schabe, ex, Einer wird die Jungfer wohl kriegen; unſere Maienthal aber haben, will mir's ſcheinen, das Maul vr der ſchönen Erbſchaft!“ 3 163 — Aha? ſagt' ich's nicht? Der lange junge Herr, den mein Doktor hergeführt? Der Kerl ſoll ſchießen, wie ein leibhafter Teufel; und ein ſchmucker Junge iſts auch, das muß wahr ſein! — „Ja, ja! Jungfer Dreifuß ſoll das auch ſchon ſo gefunden haben; nur ſchade, daß es ihr nichts helfen wird!“ — Wie? Schießt der junge Herr jetzt nicht ſo gut als früher? — „So ſcheints! Es will nicht recht gehen mit dem Treffen.“ — Hat etwa dem Gläschen zu oft zugeſprochen, bei Kantonsraths. Sapperment, wenn ich mir ſo eine Erb⸗ ſchaft erſchießen ſollte, ſo wollt ich meiner Seel acht Tag vorher ein Leben führen, ſo eingezogen und ſo regelmäßig, wie ein Quaker. — „Siſt nicht das, Gevatter; es muß was Anderes dahinter ſtecken, was ihm über die Leber gekrochen. Ich habe ſo gewiſſe Bemerkungen gemacht — —“ — So? Ei! Erzählt mir doch, Gevatter; ich höre ſo was für mein Leben gern. — „Was ich Euch ſagen kann, iſt im Grund nicht viel, auch mag ich mich geirrt haben. Als man nämlich die 164 Namen der Preisbewerber ablas, hatte ich mir den hüb⸗ ſchen Fremden — ich weiß nicht wie er heißt — gerade recht ins Auge gefaßt; da glaubte ich zu bemerken, daß er plötzlich ganz kaputt geworden, wie wenn ihm Einer eine Ohrfeige gegeben hätte, und ich möchte faſt ſagen, er habe ſich entfärbt, als ſei's ihm über's Herz ge⸗ kommen.“ — Kurios! ei — ei —! Und nachher, ſagt Ihr, ſchoß er ſchlecht? — „Ich hab' ihm etliche Male zugeſehen; ich ſag' Euch, er war wie halb zerſtört. Auch bemerkte ich wohl, daß Euer Doktor ihn auf die Seite nahm, und was da der Lange dem Kurzen erzählt hat, mag nichts Erfreuliches geweſen ſein, den perplexen Geſichtern nach zu ſchließen.“ — Ei — ei! — — Und von wem meint man nun jetzt, daß er ſich das Mädel und das Gut erſchießen könnte? — „Ja, das weiß ich nicht; unter ſo vielen Schützen und die auf ſo viele Scheiben ſchießen, läßt ſich da nichts rechts beobachten. Nur ſoviel hörte ich, daß unſere Maienthalerburſche ſich gar nicht gut einſtellen.“ — Hab's immer geſagt; ſolche Fänge erwiſchen all⸗ zeit eher die Fremden, als die Heimſchen! Je nun! 165 ſo viel kann die Jungfer ſich getröſten, daß die Mehr⸗ zahl der Bewerber hübſche Burſche ſind. — „Hm! — — Es iſt auch allerlei Zeugs darunter: jung und alt, — ſchön und häßlich! Da bemerkte ich namentlich Einen, und der mir einer der beſten Schützen ſchien, wenn der die Braut erwiſcht, dann dürfen ſie auf dem Roſenbühl für keine Vogelſcheu mehr ſorgen.“ — Sag man mir nichts! es brauchte einen verrückten Narren, wie den Dreifuß, zu ſo einem Streich. Ein ſchönes Mädel, ein einziges Kind, ſo ein Reichthum! und dann — — —“ Die Ankunft zweier anderen Gäſte unterbrach dieſe Unterhaltung. Es waren Wendling und Federſpitz, die, in eifrigem aber leiſem Zweigeſpräch begriffen, in die Bude traten und nun im entlegenſten Winkel derſelben einen dienlichen Ort ſuchten, um es ungeſtört fortzuſetzen. „Eine Halbe Markgräfler“, befahl mit etwas verſtörtem Blick und barſchem Ton der Größere. „Da iſt nicht gut Wetter“, raunte Schaber, nachdem er das Begehrte hingeſetzt hatte, dem Gevatter ins Ohr. Dieſer nickte einverſtanden und verließ dann die Bude; der Wirth aber machte ſich in abſichtlicher Entfernung von den 166 Gäſten mit Schüſſeln und Gläſern zu thun, gleich als wolle er das Geſpräch nicht ſtören. „Alſo der war in Frankreich dein Hauptmann?“ fragte Federſpitz, ohne jedoch erſt noch einer bejahenden Antwort zu bedürfen. „Ja, ja — fuhr er boshaft lächelnd fort — ich hatte ſchon früher ſo etwas munkeln gehört, wie Lieutenant Wendling auf eine nicht ganz honorige Art vom Regiment weggekommen ſei. Freilich, das mag ſo eine von den Geſchichten ſein, die man lieber auf ſich beruhen läßt, beſonders im lieben Vaterland, und dann gar bei einer Brautwerbung! Ja, ja — jetzt fang ich an zu begreifen, daß Dir der Puls fehlte, als du den Patron hier erſcheinen ſahſt. — Aber ſag' mir: Hat er Dich ſchon bemerkt und erkannt?“ — Ei zum Teufel! freilich hat er! übrigens macht das keinen Unterſchied. Mit dem Gewinnen iſts nichts, weder erſten Preis noch letzten; ſo will ich mir auch die blamage erſparen. Darum fahr ich ab, und wollte, daß der Teufel das ganze Freiſchießen holte, und den Hauptmann, und meinethalben auch das Mädel; vor allem Andern aber Dich, verdammtes Rabenaas, der Du mich, ſtatt zu bezahlen noch in eine neue Schuld hineingeſteckt haſt, für Kleidung und Reiſe und Schützen⸗ 167 einlage! — Doch — ſetzte der Ubellaunige nach einer Pauſe in etwas gelaſſenerem Ton hinzu — die Sache iſt nun einmal ſo, und auch Dir geht der Braten beim Maul vorbei. So wollen wir denn ohne Groll ſcheiden. Sieh' zu, wie Du Dich wegen meines plötzlichen Verſchwin⸗ dens etwa leidlich herauslügſt; hauptſächlich aber ſorge dafür, daß ich meinen Stutzer und mein Felleiſen nach⸗ geſchickt kriege. Ich hätt' nicht nöthig, daß mir auch das noch zum Teufel ginge.“ Damit ſtand Wendling auf und bezahlte den Wirth. Die zwei ungleichen Geſtalten verließen die Wirthsbude, und nach einer Viertelſtunde ſchon hatte der verunglückte Freiwerber das Schützenfeſt im Rücken und überließ es ſeinen fünf Dutzend Mitbewerbern, ſich in die Braut zu theilen. 12. Jetzt fielen die Schüſſe ſchon ſeltener. Ein Schütze nach dem andern legte, ſo wie er ſeine Anzahl voll hatte, mehr oder weniger zufrieden oder unzufrieden, zuverſicht⸗ lich oder reſignirt, ſeinen Stutzer bei Seite. Bald war gänzliche Waffenruhe eingetreten; auf's Neue füllten ſich 168 die Gezelte und Laubhütten ſo wie der Raum innert denſelben. Auf den Schießplatz aber begaben ſich jetzt in feierlichem Zug und mit den wichtigſten Amtsmienen die Mitglieder der Kommiſſion, die aufgeſtellt war, um die Schüſſe zu vermeſſen, zu vergleichen und — die Preiſe zuzuerkennen. Um ſo höchſtwichtige Geſchäfte in gehöriger Ruhe und Unabhängigkeit berathen und voll⸗ ziehen zu können, verlegte dieſer maienthal'ſche Ober⸗ Schützenpreisgerichtshof ſeinen Rathsſaal ſammt Kanzlei und Weibelſtube nach dem von dem Feſtplatze entle⸗ genſten Raume hinter der Linie der Zielſcheiben. Die Zeiger, in ihrer burlesken Kleidung, übernahmen die Stelle der Amtsweibel und entfernten unter allerlei Poſſen und mit komiſchen Grimaſſen Alles aus dem Umfang des Schützenplatzes, was nicht zum hohen Ge⸗ richtshof gehörte; ringsum aufgeſtellte Schildwachen wieſen jeden Neugierigen zurück aus dieſem Heiligthum der Gerechtigkeit. Auch bei den Muſikchören war eine allgemeine Pauſe eingetreten, und ſo vernahm man nur noch jenes dumpfe Gemurmel der Menge; das bei ſolchen Anläſſen die Zwiſchenzeit auszufüllen pflegt, welche einem letzten entſcheidenden Akte vorangeht. „ Ich könnte nun freilich, vermöge ſchriftſtelleriſcher All⸗ 169 macht, meinen Leſern und ſogar auch den Leſerinnen zu den geheimen Operationen, Berathungen und Coneluſio⸗ nen der Herrn Schützenpreiskommiſſarien den Zutritt er⸗ öffnen. Wir können aber den Zwiſchenraum vor dem Schlußakt beſſer benutzen; ja es gäbe ſo vielerlei in⸗ tereſſante Partikularbeobachtungen anzuſtellen, daß bei der Kürze der Zeit, welche jene Kommiſſion uns laſſen möchte, ich kaum weiß, wo mich vorzugsweiſe zuerſt hinwenden. So könnten wir z. B. noch einmal unſern Einſiedler drüben im Erlenwäldchen belauſchen. Die Berichte, die ihm ſein neuer Freund kurz vor Been⸗ digung des Schießens über den Stand der Dinge gegeben hatte, müſſen wohl eher aufmunternden Inhalts geweſen ſein, denn das blaue Auge blickt jetzt ſchon um Vieles heller in die offene Natur hinaus, und in einzelnen Momenten verbreitet ſich ſogar ein recht wonniges Lächeln über das Geſicht des Jünglings. Jetzt befindet er ſich wieder ganz allein; Zweigeſpräch gibt es alſo keins mit anzuhören; zu Monologen aber, oder lauten Unterhal⸗ tungen mit dem eigenen Ich, wie er ſie noch vor einer Stunde — vielleicht zum Erſtaunen irgend eines Denkers unter den ringsum graſenden Pferden — gehalten hat, ſcheint er jetzt viel zu wenig aufgeregt. Ich müßte alſo, * — 2 170 wenn meine Leſer ihn belauſchen wollten, ſie bis ins Innerſte ſeines Herzkämmerchens einführen. Wenn ich aber das könnte, oder wollte, ſo wüßte ich ihnen ein anderes, nämlich Herzkämmerchen, zu eröffnen, in dem ſie zur Stunde noch etwas weniger Beſcheid wiſſen. Es liegt daſſelbe unter einem allerliebſten weißſeidenen, mit veilchenblauem Atlas ausgeſchlagenen Feſtanzug und unter einem noch weit reizendern ſchwellenden Mädchen⸗ buſen verſteckt, und eben in jenem Augenblick ſoll es darin gar unruhig hergegangen ſein. So glaubten wenig⸗ ſtens die, welche es mit angeſehen, wie dieſes Herz⸗ kämmerlein abwechſelnd das Blut bald im Ubermaß nach den zarten Wangen pumpte, bald es wieder zurück⸗ zog und die Feuerröthe durch Lilienbläſſe verdrängte. Doch, ehe wir uns nach dem bunten Blumengerüſt, und durch den Kreis des Feſtgefolges zur lieblichen Königin hindrängen, wollen wir noch dem Wichtigſten aller Wichtigen bei dieſer Feier, dem Herrn Kantonsrath, Schützenmeiſter und Preisausſteller einen Beſuch abſtatten. Wir finden ihn in ſeinem Laubhüttenpallaſt, und zwar nicht von der beſten Laune. Gevatter Schaber hatte nämlich, trotz ſeiner Wirthſchaftsverrichtungen, denn doch noch von jener Unterredung zwiſchen den zwei ungleich „ 17¹ zugeſchnittenen Gäſten in ſeiner Bude das Weſentlichſte aufgeſchnappt, und wußte dann nichts Dringlicheres zu thun, als den Patron, Herrn Dreifuß, von der plötz⸗ lichen Abreiſe des ſchönen Preisſchützen zu unterrichten. Das Ding gab dem dicken Herrn allerlei zu denken, aber ehe er noch mit einem definitiven Ergebniß fertig war — denn die Denkarbeit ging bei ihm nicht viel leichter als das Bergſteigen — erhielt er den Beſuch eines ihm unbekannten jungen Mannes, deſſen feine Kleidung, wie ſein ganzes Benehmen, den Mann von Erziehung ankündigten. Allein auch ſammt dieſem gün⸗ ſtigen äußern Anſchein mochte es wohl noch ſo gewich⸗ tiger Empfehlungen bedurft haben, wie dieſer fremde Feſtbeſucher ſie an den Herrn Dreifuß überreichte, um in einem ſo dringlichen Augenblick von dem wichtigen Manne eine Audienz unter vier Augen, und dann, nach nicht ſehr langer Unterredung, auch gleich die ge⸗ wünſchte Zuſage zu erhalten. „Wir ſind alſo einverſtanden, Herr Kantonsrath?“ fragte zu mehrerer Verſicherung der Fremde noch einmal, indem er im Begriff ſtand, den laubbedeckten Audienzſaal zu verlaſſen.“ „Sie haben mein Wort — ſprach mit Amtswürde N 172 Herr Dreifuß. — Werde ich nun aber den Namen Ihres Freundes nicht erfahren?“ „Halten Sie mir zu gut — entſchuldigte Jener. — Was nöthig war, um Sie zu beruhigen und ſicher zu ſtellen, das wiſſen Sie. Eine nähere Erklärung aber müſſen Sie mir erlaſſen, ſo lange es noch ungewiß iſt, ob ich ihre Zuſage wirklich in Anſpruch nehmen kann; das wird ſich jedoch nun bald entſcheiden.“ Damit ent⸗ wiſchte unter höflichen Verbeugungen der Geheimniß⸗ volle aller weitern Nachforſchung des Neugierigen. „Der ſcheint ſehr preſſirt zu ſein,“ brummte wenig befriediget der Dickleibige, indem er, faſt neidiſch über die ihm unbegreifliche Beweglichkeit, dem Leichtfüßigen nachblickte. „librigens — fügte er nach einer Pauſe hinzu — iſt der Handel mir gar recht, wenn nur etwas draus wird. Es hätte mir denn doch wehe gethan, mein Bäbeli wider Willen einem unwillkommenen Bräuti⸗ gam an den Hals zwingen zu müſſen. So bliebe ihr nun doch die Wahl, ob ſie ihn will oder nicht; ich aber werde auf keinen Fall etwas gegen ihn einzuwenden haben, wenn's bei der Abrede bleibt.“ Karl Stein, — denn er war der Fremde, hätte in der That nicht Zeit gehabt zu längerer Unterredung mit * 173 dem Kantonsrath. Ihm lag noch allerlei zu thun vor, wenn er den angelegten Plan nach Wunſch durchführen ſollte. Kaum hatte er den Dreifußiſchen Lauberpallaſt verlaſſen, ſo eilte er nach jenem Blumenbekränzten Ge⸗ rüſte hin, das man während des Zwiſchenaktes gar häufig von jungen Leuten aus höhern und niedern Ständen be⸗ ſteigen ſah. Aber er hatte Dringlicheres vor, als nur auf dem Altar der alltäglichen Galanterie etliche ſüße Reden oder ſelbſt ein Paketchen feines Zuckerwerk als ſchuldiges Opfer hinzulegen. Als er die erſte Treppe hinaufgeſtiegen war, ſtand er eine Weile ſtill und blickte ſcharf, wie ein Schütze nach fernem Ziel, hin nach der Feldkanzlei der Preiskommiſſion. Da wollten denn ein paar aufmerkſame Späheraugen auf der Frauenbühne be⸗ merkt haben, wie der junge Herr ſein weißes Tuch auf eine ganz eigene Art in die Höhe geſchwenkt, wie darauf⸗ hin, dort hinter der Linie der Zielſcheiben, ein ähnliches Signal, zuerſt mit weißem und dann mit rothem Tuche bemerkbar geworden, und wie, nach dieſem muthmaßlichen Telegraphengeſpräch, der herwärtige Signalgeber mit un⸗ verkennbarer Freude dermaßen die zweite Treppe herauf⸗ geſtürmt ſei, daß er beinahe einen mit leeren Limonaden⸗ gläſern rückkehrenden Kellner über den Haufen gerannt 174 hätte. Ob das ſich wirklich alles ſo zugetragen, das wage ich nicht zu verbürgen, denn ein paar Weiberaugen, die ſchon über die vierzig Jahreswechſel mit angeſehen haben, pflegen bei ſolchen Anläſſen oft mehr zu erblicken, als in der Wirklichkeit exiſtirt. Soviel iſt jedoch gewiß, daß ermeldeter Telegraph, im erſten Augenblick, da es ſchicklicherweiſe geſchehen konnte, ſich dem immer in ſich verſunkenen Bärbelchen näherte, und daß nach wenig gewechſelten allgemeinen Redensarten ſich bald ein Ge⸗ ſpräch zwiſchen ihr und dem jungen Herrn entſpann, in welchem viel Angelegentlicheres behandelt zu werden ſchien, als Alles, was die früheren Beſucher und Verſucher an⸗ zubringen gewußt hatten. Die zarten Wangen, auf denen bereits eine ſonſt nicht gewöhnliche Bläſſe feſten Fuß ge⸗ faßt hatte, glänzten jetzt abwechſelnd in verſchiedenen Abſtufungen von der leichteſten Roſenfarbe bis zur feurig⸗ ſten Purpurglut; Blicke und Mienen des holden Mädchens geriethen in eine Bewegung, wie man ſie bisher nicht an ihr wahrgenommen hatte. Das war eine herrliche Gelegenheit zu reicher Ausbeute für den aufmerkſamen Beobachter und fertigen Leſer in Mädchenaugen! Be⸗ fremden, holde Verwirrung, geſpannte Neugierde, fröh⸗ liche Uberraſchung hatten nach einander ſich auf dem 175 lieblichen Geſichtchen ausgedrückt, bis zuletzt eine Heiter⸗ keit es verklärte, als ſei dem entzückten Auge der Blick in den Himmel geöffnrt. Man denke ſich, ob eine ſolche Veränderung im ganzen Weſen der Feſtkönigin von ihren Nachbarinnen unbemerkt bleiben konnte! Aber ſo ſehr auch die zunächſtſitzenden, jedoch immer durch die Frau Kantonsräthin und eine alte Tante etwas ferngehaltenen Geſellſchafterinnen die Ohren ſpitzten, ſo wollte es ihnen doch nicht gelingen, die geheime Unterhaltung zu belau⸗ ſchen, und ſie mußten ſich mit der Beobachtung begnü⸗ gen, daß die letzten Worte, mit denen der Fremde die Neubelebte verließ, unverkennbar die Zuſicherung enthiel⸗ ten, daß ſie feſt vertrauen dürfe auf die fröhliche Kunde. Die Trompeter der Schützen ließen ihre ſchmetternden Rüfe durch den ganzen Feſtplatz erſchallen 3 Ordonnanzen und andere Feſtbedienten rannten geſchäftig hin und her; die Muſikanten fanden ſich wieder auf ihren Plätzen und griffen zu den Inſtrumenten. Alles verkündete die nahe Entwickelung des denkwürdigen Freiſchießens zu Maienthal. Ich übergehe die umſtändliche Erzählung, wie die ſämmtlichen Preisbewerber vor die Feſtkommiſſion be⸗ ſchieden, dann dort zuerſt die Protokolle über die Ver⸗ 176 meſſungen und endlich der Entſcheid über die Zuerkennung der Preiſe abgeleſen wurden; wie hierauf, als Vorberei⸗ tung zum öffentlichen Auftritt, die Herrn der Kommiſſion in eben ſo feierlichem Zug, wie früher nach ihrem offenen Sitzungsſaal, ſich nun nach der Honoratiorenbühne be⸗ gaben, um ſodann den Paradezug der Sieger im Kampf⸗ ſpiel dort zu erwarten. Jetzt hatten alſo die Kampfrichter ihre Plätze uf der Ehrenbühne wieder eingenommen, und ſogleich ging es wie ein Lauffeuer durch den ganzen Umfang des Feſt⸗ platzes: Hauptmann Raumer, ein Scharfſchützenoffizier aus einem entfernten Kanton, habe den erſten Preis ge⸗ wonnen. Zugleich wußte dann auch ein jeder, beſonders dann eine jede, hinzuzuſetzen, es ſei der glückliche Sie⸗ ger ein alter Hageſtolz, von ſauertöpfigem Ausſehen; und noch war ſeine Perſonalbeſchreibung kaum etwa durch den zehnten Mund gegangen, ſo bot ſie auch ſchon ein Bild dar, ſo häßlich und ſo griesgram, daß bei deſſen Anblick die Göttin der Freude ſelbſt hätte zur Salzſäule werden mögen, wie weiland Lot's Weib im alten Te⸗ ſtament. Wahr iſt's, der Scharfſchützenhauptmann Raumer — der nämliche einſylbige Schnurrbart, den wir geſtern 177 ——— drüben im Buchwäldchen als Kampfzeugen kennen gelernt haben — mochte ſchon in ſeiner Jugend kein Adonis geweſen ſein, und das bereits überſchrittene fünfte Jahr⸗ zehend, ſammt einer Anzahl Kampagnen aller Art, hatten ſeiner äußern Liebenswürdigkeit nichts hinzugeſetzt. Weniger als je aber durfte unſer alter Degen heute ſich ſchmeicheln, auf Augen und Herzen der anweſenden Schönen einen vortheilhaften Eindruck zu machen, wie ſeine lange hagere Geſtalt, begleitet und gefolgt von den Gewinnenden der zweiten Preiſe, dem Zug der Schützen voranſchritt, als dieſe über den Schießplatz her gegen die Ehrenbühnen anrückten. Denn wahrlich, in dem Augenblicke hatten Verlegenheit und Mißmuth über das ganze Schauſpiel, in dem er wider Willen als erſter Akteur auftreten mußte, das ohnehin nicht zucker⸗ ſüße Geſicht mit einer ſolchen Rhabarber- und Sauer⸗ ampfertinktur übergoſſen, daß bei ſeinem Erſcheinen ge⸗ wiß Tauſende von Zuſchauern die nämlichen Gefühle theilten: Mitleid mit der lieblichen Blume, die an dieſen dürren Stamm gefeſſelt werden ſollte, und Arger über das ungefällige Geſchick, das ſo viele liebenswür⸗ dige Jünglinge übergangen hatte, um ſich einen Günſt⸗ ling zu wählen, der zwar den Stutzer prächtig zu Tſcharner's Looſe. M. 12 178 handhaben wußte, aber — wie heut mehr als Ein Witzling bemerkte — ſich's ewig nie ſollte beifallen laſſen, ſich in Gott Amors bedenklichem Waffenſpiel zu verſuchen. Auch Bärbelchen fühlte, beim Anblick des reizlos eiskalten Siegers, ſich von einem unwillkührlichen Schauer durchdrungen. Sie ſchlug die Augen nieder, und während der ganzen zunächſtfolgenden Zeremonie ſaß ſie unbeweg⸗ lich da, gleich einem Marmorbild. Die Arme! war ſie doch in dem Augenblick der Gegenſtand des allgemeinen Mitleids, ja — was noch tiefer kränkt — vielleicht auch das Ziel der Schadenfreude und des geheimen Spottes ſo mancher unter den Feſtbeſucherinnen, die früher mit Neid auf ſie hingeblickt hatten! Das Alles fanden die Anweſenden ſehr begreiflich. Um ſo ſichtbarer malte ſich darum auf manchem Geſicht die übertaſchung und das Erſtaunen über das Benehmen der bemitleideten Braut, als nach feierlicher Verleſung der Preiserkanntniſſe, der bejahrte Sieger in verlegener Haltung und mit ſauerſüßer Miene ſich dem Blumen⸗ Tempel der Frauen und Jungfrauen nahte, um den herrlichen Schützenpreis aus ihrer Mitte abzuholen. Denn wie die Feſtkönigin ſich auf ihrem Sitze erhob, 179 da war jede trübe Wolke von dem lieblichen Geſicht verſchwunden; nur holde Schaam und unbezwingliche Freude ſchienen in den reizenden Zügen ſich um die Oberhand zu ſtreiten und wonnetrunken ſchwebte ihr Auge, nach einem kurzen aber unendlich ſeligen Blicke auf die gegenüberſtehende Bühne, jetzt weithin über die ſtaunende und jubelnde Menge, gleich als wollte die Glückliche alle Anweſenden auffordern, ſich mit ihr zu freuen über den nie gehofften Ausgang. Ehe noch die näher Beobachtenden unter den Zu⸗ ſchauern ſich in den wahren Sinn dieſes ſeltſamen Schauſpiels zu finden wußten, ſtand der ſiegende Schütze vor der errungenen Braut und bot ihr, unter linkiſchen Verbeugungen den alter Kriegerarm. Zwar auch nicht ohne einige Verlegenheit, aber mit dem ihr eigenen natürlichen Anſtand, und gleich, als wäre Alles längſt ſo verabredet geweſen, legte ſie ihren Arm in den des ſchnurrbärtigen Ritters und ſchritt, immer noch freude⸗ trunkenen Blickes, an ſeiner Seite die Stufen hinab nach dem Platze. Gleichzeitig war auch die Bühne der Honorativren in Bewegung gerathen. Ein Kleeblatt, deſſen Verein ſchon vorhin Bärbelchens Auge freudig überraſcht und die bis 180 dahin immer noch ſchwankende Hoffnung in ihrem Herzen zur Gewißheit erhoben hatte, ſtieg auch dort die Treppe herab. Es war der Kantonsrath Dreifuß, ſein Guts⸗ Nachbar der alte Werner und in ihrer Mitte — der überſelige Ruodi. Wie nun das ungleiche Paar von der einen, und das männliche Kleeblatt von der andern Bühne im nämlichen Augenblick auf dem freien Feſtplatze zuſammentrafen; wie der wackere Schützenhauptmann, die Rolle des Bräutigams mit der des Brautführers vertauſchend, das holde Mädchen losließ, und der Vater und Schützen⸗ meiſter den herrlichen Schützenpreis dem wahren Herzens⸗ ſieger, dem entzückten Ruodi in die Arme führte; wie dann die zwei Liebenden, unbekümmert um die tauſend Zeugen, wie um die ganze übrige Welt, einzig nur dem Gefühl ihres Glückes und ihrer Liebe hingegeben, ſich umarmten: da war das Räthſel gelöst, da erſchallte ein unbeſchreibliches Jubelgeſchrei der Menge weithin durch das Thal, und es dauerte mehrere Minuten, ehe der Feſtpräſident zu Wort zu kommen vermochte. Endlich legte ſich das Jubelgetöſe und die Zuhörer vernahmen in amtlicher Eröffnung, was ſchon jetzt keinem mehr ein Räthſel war: die feierliche Erklärung, daß „der Sieger 181 im Freiſchießen zu Maienthal, der hier anweſende Herr Schützenhauptmann Raumer, u. ſ. w., einverſtändlich mit dem Vater der Braut (ob auch mit ihr ſelbſt, ſtand nicht. geſchrieben) ſeine Anſprüche freiwillig und in beſter Form Rechtens an den ebenfalls anweſenden achtbaren Jüngling, Herrn Rudolph Werner, u. ſ. w., abgetreten haben, abtrete ꝛc. ꝛc.“ Das luſtige Schmettern der Trompeten und der frohe Schall der Muſikchöre gaben das Signal zu einem er⸗ neuerten Jubelruf der Menge, durch welchen Freude ver⸗ kündend die Böllerſchüſſe von der Halde weithin in die Lüfte donnerten. Verwandte und Freunde drängten ſich hin zu den Brautleuten, ihnen Glück zu wünſchen, und dieſe konnten gar nicht umkommen mit Zunicken, Hände⸗ reichen und Umarmen. Jubelruf und Glückwünſche waren aufrichtig gemeint, denn Ruodi und Bärbelchen waren beide geſchätzt von Jedermann, der ſie kannte; zudem machte es den Maienthalern Freude, daß nun doch Braut und Erbe einem eigenen Gemeindsgenoſſen zu⸗ fallen ſollten. Aber feuriger, als je Einen, drückte Ruodi den jungen Mann an's Herz, der jetzt ihm entgegentrat. Es war Freund Stein, er, der den wackern Schützen⸗ 182 Hauptmann vermocht hatte, einzutreten in die Reihe der Preisbewerber; er, der den Kantonsrath beredet hatte, ſchon vorläufig in die Abtretung zu willigen; er, deſſen theilnehmender Vorſorge Ruodi es dankte, daß die Gegenwart des glücklichen Vaters die Seligkeit des Augenblicks noch erhöhte. Der Bräutigam wußte nicht Worte zu finden für ſein Dankgefühl gegen den erprob⸗ ten Herzensfreund und gern reichte die holde Braut ihm die Wange hin zum Freundeskuß. Dem Kantonsrath blieb bei dieſem Ausgang nur Eines zu wünſchen übrig, und dafür erhielt er gleich jetzt ſchon die feierliche Zuſage des künftigen Schwieger⸗ ſohns, nämlich, daß er ſich zum tüchtigen Schützen bilde. So war denn auch er vollkommen zufrieden, denn der junge Mann hatte ihm immer wohlgefallen, mit deſſen Eltern hatte er ſeit vielen Jahren in guter Nach⸗ barſchaft gelebt, und an Zuwachs von Vermögen für die Tochter lag ihm ja ohnehin nicht viel. Darum erwiederten er und die inzwiſchen hinzugetretene Frau Kantonsräthin warm und aufrichtig den Handſchlag des alten Werners; der aber ſprach mit inniger Rührung: „es iſt meinem Sohne ein großes Glück geworden, und der heutige Feſttag iſt der froheſte meines ganzen 183 Lebens; aber ich hoffe zu Gott, auch Ihr und Eure brave liebe Tochter ſollt nie mit Reue an ihn zurück⸗ denken!“ Einer nur unter den Tauſenden hatte, tief verborgen im Gedränge auf der Vorſteherbühne, die freudige Ent⸗ wickelung mit Unmuth und banger Beſorgniß vernommen, denn für ihn gab es, beſonders ſeit Steins Anweſenheit ihm bekannt geworden, der Gründe nur zu viele, um ſich von dieſem Ausgang des Feſtes keine günſtige Wen⸗ dung ſeines eigenen Schickſals zu verſprechen. Und gleichwohl war es eben er, dem um Anlage und Aus⸗ führung des Feſtes, und ſelbſt — obſchon unwillkühr⸗ lich — um die erfreuliche Entwickelung desſelben das meiſte Verdienſt zukam, nämlich Doktor Federſpitz. Der ſonſt überall Gegenwärtige und immer leicht Bemerkbare mußte natürlich bald vermißt werden, und die Urſache blieb nicht lange ein Räthſel. Aber das frohe Braut⸗ paar wollte nicht, daß der, wenn auch unvorſätzliche Schöpfer ihres Glücks allein ſich nicht freuen ſolle unter den Fröhlichen. Bald war durch Ruodi's Vermittlung der junge Stein infolge befriedigender Erklärungen be⸗ ruhigt, der begnadigte Hausfreund miſchte ſich nun wieder mit erleichtertem Herzen in die Gruppen der Be⸗ 184 kannten und erſetzte, wie früher, die wenige Bemerk⸗ barkeit ſeiner kleinen Figur durch die Lebhaftigkeit ſeiner Unterhaltung. Ich überlaſſe es nun dem Leſer, ſich den Schluß des Feſtes aus eigener Phantaſie ſelbſt auszumalen. So⸗ viel verſteht ſich von ſelbſt, daß noch den ganzen Abend und den folgenden Tag hindurch gejubelt, getanzt und geſchmaußt wurde, auf dem Feſtplatze, im Dorfe Maien⸗ thal und vorzüglich auf der ſonnigen Halde des Roſen⸗ bühls, und die allgemeine Freude äußerte ihre anſteckende Kraft in dem Grade, daß ſogar unſer alter Schützen⸗ Hauptmann ſich entſchloß, für ein paar Augenblicke ſeinen Lieblingspoſten am Schenktiſche zu verlaſſen, um mit der ſo rühmlich gewonnenen und noch rühmlicher abgetretenen Schützenbraut einen Walzer zu tanzen. Kurz, Alles wollte in Freude und Luſtigkeit vergehen; es war das ſchönſte Schützenfeſt, das ſeit langem ge⸗ feiert und der herrlichſte Preis, der errungen worden war. Auch thut Herr Dreifuß ſich noch heutigen Tages ungeheuer viel auf ſeinen Einfall zu gut, und wenn gleich Herr Schaber und Gevatter Matthis noch oft⸗ mals unter vier Augen zu einander ſagen, es habe halt in der ganzen Geſchichte mehr Glück als Verſtand ge⸗ 185 waltet, ſo behauptet der Kantonsrath gleichwohl ſteif und feſt, daß wenn er noch ein liebliches Töchterchen zu verheirathen und noch ein zweites Vermögen zu hinterlaſſen hätte, er auch dieſe zum Schützenpreis aus⸗ ſetzen würde. Ich laſſe dahingeſtellt, ob auch andere reiche Väter von reizenden Töchterchen gleicher Meinung ſind. Wenn jedoch durch Bekanntmachung dieſer eben ſo wahrhaften als lehrreichen Geſchichte wirklich im lieben Schweizer⸗ land die Sitte in Aufnahme kommen ſollte, die vater⸗ ländiſchen Freiſchießen durch ſolche allerliebſte lebendige Schützenpreiſe zu verherrlichen, dann möchte ich Allen denen, die etwa gerne eine ſolche in Gold gefaßte Perle zu erbeuten hofften, zu dieſem Geſchichtchen wohl noch zwei gute Räthe als Moral mit in den Kauf geben. Ich rathe ihnen nämlich zum Erſten, ſie ſollen ſich die Mühe nicht verdrießen laſſen, ſelbſt ſchießen zu lernen, und nicht etwa darauf rechnen, daß der ge⸗ ſchickte Sieger, der die Braut gewonnen, ſie dann großmüthigerweiſe dem ſeufzenden Liebhaber überlaſſe, möge dieſer ſelbſt auch kein Haus zu treffen verſtehen; 186 denn weil ſolches ſich in unſerer Geſchichte zu Maien⸗ thal zugetragen hat, wird es deßhalb nicht immer ſo eintreffen. Zum Zweiten dann mögen die jungen Herren bedenken, daß es mit dem gut Schießen eben nicht immer ausgemacht iſt, dieweil bei ſolchem Waffen⸗ ſpiel das Glück ſich auch etwas einzumiſchen pflegt, ſolches aber bekanntlich — wenigſtens für eine Zeitlang — niemanden lieber begünſtigt, als Verliebte und Ge⸗ liebte. Darum rathe ich den Preisbewerbern, daß ſie — wären ſie auch die beſten Schützen — ſich zugleich hübſch ſittig, liebenswürdig und brav einſtellen, wie unſer Ruodi, und das, Notabene, wird ihnen keinen Nachtheil bringen, wenn es auch fortan keine holde Braut und keine reiche Erbſchaft mehr auszuſchießen geben ſollte. Das Messer mit der rothen Scheide. Das Meſſer mit der rothen Scheide. 1. Frih Morgens trabte ein wohlgenährter Burſche mit einem Kaffeballen auf dem Rücken den Lindenweg hinab nach dem Gewürzladen im gelben Eckhauſe. Der Sack⸗ träger war eine gute Seele, aber etwas dumm. Zum Säcke tragen, Ballen aufſchneiden und Fäſſer vernageln reichte jedoch ſein Scharfſinn gerade noch hin. Auch war das Bischen Geiſt recht willig, das Fleiſch deß⸗ wegen aber, beſonders das Knochenwerk, keineswegs ſchwach; darum lobte — nicht minder wie der Knecht den Herrn, anderſeits auch der Herr den Knecht, und die gute Seele lebte recht glücklich in den guten Tag hinein. Heute jedoch ſollte auch ſie von großem Ver⸗ druß heimgeſucht werden. 190 Die ſchwierigſte Aufgabe im ganzen Geſchäftskreis dieſes willigen Knechtes hatte immer darin beſtanden, die wohl verbundenen und vernähten Ballen recht ſchnell aufzuſchneiden; denn ſein Prinzipal, der rothnaſige Ge⸗ würzkrämer im gelben Eckhauſe, war etwas ungeduldiger Natur, und konnte immer den Augenblick kaum erwarten, um ſich mit eigenen Sinnen zu überzeugen, ob er von ſeinen Lieferanten auch recht muſtergemäß bedient worden ſei. Da war dann das alte Taſchenmeſſer mit der ſtarken Schlagfeder eben nie ſo flink aufgemacht, wie die Kinn⸗ lade des Eigenthümers bei der Schüſſel, und die ſtumpfe Klinge wollte oft mit dem dünnſten Seil nicht ſo bald fertig werden, als ſeine Schneidezähne mit der dickſten Wurſt. In ſolcher Klemme ward der arme Junge dann ganz verdrießlich und meinte oft, er wollte ſich's gerne am eigenen Maul abſparen, um einmal zu einem rechten Meſſer zu kommen. Durch ſolche Noth der guten Seele ward ſelbſt das wohlverpichte Krämerherz des Mannes im gelben Eck⸗ hauſe dermaßen gerührt, daß in einer guten Laune über eine gelungene Spekulation er eine beſondere Anſtren⸗ gung machte und ſeinem Knecht ein nagelneues Meſſer kaufte. Es war dasſelbe nicht zum Zuſammenlegen, 191 fondern feſt, wie ein Dolch, mit einer Scheide und zu ſeiner Beſtimmung ganz vortrefflich geeignet. Der ſo unerwartet Beſchenkte konnte ſich gar nicht ſatt ſehen an der blanken Klinge, dem ſchönen Heft von Ebenholz mit Silber beſchlagen und dem Futteral von rothem Saffian mit goldener Verzierung. Kein Ehren⸗ degen von fürſtlicher Hand kann je mehr Freude gemacht haben; aber auch keine Dankſagung ging je aufrichtiger und wärmer von Herzen, als die der guten Seele. Die ſentimentale Frau Gewürzkrämerin war ganz gerührt, ihr häringtrockener Gemal aber konnte ſich eines mitlei⸗ digen Lächelns nicht enthalten, als das gute Schaf — ſo nannte bei guter Laune er den Sackträger — ganz ernſthaft die Uberzeugung ausſprach, es werde ſolche Gutthat ganz unfehlbar der ganzen Familie mit reich⸗ lichem Segen vergolten werdeu. Aber ach, auch dieſe Erdenfreude ſollte nicht lange dauern! Geſtern hatte die gute Seele das Geſchenk empfangen, und ſchon heute — ohne Zweifel bei der Rückkehr durch den Lindenweg — es wieder verloren. Da mußte auch dieſes Menſchen⸗ kind es einmal empfinden, was früher es nie geahnt hatte, daß ſelbſt mit vollem Bauch der Menſch recht unglücklich ſein könne! Nach dem Verlierer kommt der Finder. Dießmal jedoch war es eine Finderin, und zwar eine recht hübſche, aber auch eine recht betrübte. Sonſt hatte das liebe Mädchen, mit ſeinen großen blauen Augen immer ſo froh in Gottes freie Natur hinausgeſchaut, wie das Vögelein auf ſchwebendem Zweige; ſeit einiger Zeit aber blieb der Blick meiſt auf den Boden geſenkt. Da war es denn freilich kein Wunder, daß er auf das fiel, was vor dem niedlichen Füßchen im Graſe glänzte. Aber ach! wer es wußte, wie das hübſche Kind mit den erdwärts gekehrten Herzens ſpiegeln ihr Brod mit der Sticknadel verdienen mußte, wer dann gar noch eine gewiſſe Herzensnoth gekannt hätte, der mochte leicht be⸗ greifen, daß ihr vieles andere weit nöthiger geweſen wäre, als ein langes Meſſer in einer rothen Scheide! Die Blauaugige trug aber ohne Zweifel das Organ der Haushaftigkeit lang und breit an ihrem anmuthig garnirten Schädelchen; denn ſie pflegte keine Stecknadel unbeachtet liegen zu laſſen; und damit mochte ſie ihren Beruf zur künftigen Hausfrau leicht beſſer beurkunden, als manche ihrer Mitſchweſtern durch ein ganzes Moſaik 193 der ſchonſten Frauenzimmertalente. Drum ward auch dieſes ihr unnütze Geräthe von der Finderin nicht verachtet; nur wußte ſie nicht gleich, wie es verſorgen, ohne Gefahr, etwa von einem zufälligen Beobachter wohl gar eines Charlotte⸗Cordaiſchen Vorhabens verdächtigt zu werden. Während ſie jetzt noch den Fund betrachtete und wohl⸗ gefällig mit erhobener Hand die ſchöne Klinge in der Sonne ſpiegelte, erſchien plötzlich zwiſchen dem blanken Stahl und dem allerliebſten Lockenköpfchen von hinten herüber eine bebrillte Naſe, und gleich darauf griff eine dürre Hand aus kurzem zimmetfarbenem Aermel nach dem gefundenen Prachtſtück. Das Mädchen wandte ſich um, und erkannte ſogleich den Schacherer aus der Judengaſſe. „Mai — fragte neugierig der Sohn Israels und beguckte Heft und Klinge — mai, was will ah s'Jüng⸗ ferche mit ſo ner Mordwaffe? — J will er's abhandle 5 geb er, weils juſt Sie iſt, ſechs Groſchen. Da kann Sie a fein Bändel für kafen.“ Die hübſche Stickerin war's wohl zufrieden, das ihr unnütze Ding in klingende Münze umzuſetzen. Weil ſie jedoch gar wohl wußte, wen ſie vor ſich hatte, beſann ſie ſich nicht lange, gleich das Sechsfache dafür zu for⸗ dern. Der Jude erſchöpfte umſonſt ſeine ganze Schacher⸗ Tſcharner's Looſe. U. 13 194 rhetorik. Endlich bot er der Unerbittlichen einen Tauſch an, und zwar gegen ein Lvos aus der Lotterie, die am gleichen Tage gezogen werden ſollte, für das aber ein böſer Traum ihm alle Hoffnung auf Gewinn geraubt hatte. Zu den verſchiedenen Geiſtesſpenden, womit eine geizige Tante unſerer Finderin viel freigebiger war, als mit gewiſſer, oft weit wünſchbarerer materieller Aushülfe, gehörte auch der gute Rath, ſich zwar in Lottoſpiel und dergleichen nicht einzulaſſen, in Fällen aber, wo ein beſonderer Zufall uns einen ſolchen unakzeptirten Wechſel auf die Glücksgöttin in die Hand ſpiele, dann ſolchen Wink eines, vielleicht eben gut gelaunten Ge⸗ ſchickes nicht unbenutzt zu laſſen. Dieſer Regel erinnerte ſich die ſchöne Dolchträgerin und meinte, der beſondere Zufall liege hier denn doch recht handgreiflich vor Augen. Das Loos konnte ein paar tauſend Thaler gewinnen; bekam es aber nichts, — ei nun, ſo war ſie ja nichts ärmer, als noch drei Minuten zuvor! Der Handel war geſchloſſen. Der Jude verſorgte ſein Meſſer in eine der langen Taſchen des zimmetfar⸗ benen Rockes; das Lotterielvos aber fand ſeinen Platz unter einem wogenden Buſentuch; mit ihm logirte ſich 195 dort in der Nähe die leiſe Hoffnung auf einen ſchönen Gewinner, und mit dieſer Hoffnung die frohe Ausſicht auf — — ja, wenn wir Zeit und Platz und Luſt hätten, hier zu ſagen, welches Paradies der goldene Schlüſſel eines gewonnenen Tauſend⸗Thaler⸗Preiſes dem holden Kinde aufſchließen konnte, dann möchte der Leſer ſich auch leichter einen Begriff machen, mit welchem Ungeſtüm das ſüße Herzchen gegen das Schickſalspapier pochte, gleich als gälte es, einen einzelnen Dukaten zu einer Decke über Roß und Reuter auszuhämmern. Z. Krack! — da lag das hochrädrige Kabriolet auf der Seite; das Pferd ſtreckte alle Viere über das Pflaſter hin; der Herr krümmte ſich unter dem Fuhrwerk wie in einer Mäuſefalle, und der Diener zappelte mit einem Fuß im Riemwerk, gleich einem Vogel in der Schlinge. So hing Alles in der drohlichſten Wechſelwirkung zu⸗ ſammen, ungefähr wie die europäiſche Politik, und bei der erſten Kraftanſtrengung des Gaules, um ſich auf⸗ zurichten, konnte es um die Köpfe und Glieder der zwei Wagengenoſſen nicht beſſer ſtehen, als manchmal 196 um den lieben Weltfrieden, wenn etwa in einem kri⸗ tiſchen Augenblick eine darniederliegende Partei ſich zu erheben verſuchte. „Nur geſchwind ein Meſſer her, damit ich die Riemen entzweiſchneiden kann!“ ſo rief ein wackerer Geſelle mit grüner Sattlerſchürze, und hielt inzwiſchen mit kräftigem Arm den Gaul bei der Naſe feſt gegen den Boden. Da trat aus der mehr gaffenden als hel⸗ fenden Menge ein Mann in zimmetfarbenem Rock her⸗ vor und reichte dem wackern Geſellen das heute früh erhandelte Meſſer. Das that denn auch treffliche Dienſte. In wenig Augenblicken waren die Riemen zerhauen, darauf der Gaul ohne Gefahr aufgerichtet, die Gefan⸗ genen erlöst, und jegliches Ding kam wieder an ſeinen Platz. Aber während das Meſſer mit der rothen Scheide zwei Menſchen aus böſer Noth befreite, ſah dagegen ein dritter ſich dadurch in nicht minder böſe hineinge⸗ zogen, und zwar eben der derzeitige Eigenthümer des ſo willkommenen Noth- und Hülfsinſtrumentes ſelbſt. Dieſer hatte nämlich, um ja recht ſchnell in ſeinen tiefen Taſchen zum geſuchten Geräthe zu gelangen, unbedacht⸗ ſamerweiſe zuvor den übrigen Inhalt derſelben hervor⸗ 197 gezogen. Der aber war, wie es ſcheint, nicht vurch⸗ wegs mit gutem Paß dahin gekommen, denn während der Mann mit der rothen Naſe dort in der Mäuſefalle noch nichts Anderes bewegen konnte, als ſein Fleines Sperberauge, hatte dieſes unter dem hervorgelangten Kram ſchon das mit Bankſcheinen gefüllte Taſchenbuch erkannt, deſſen irrig vermuthetem Entwender der Be⸗ ſtohlene eben nachſetzen wollte. Wo heutzutage in einer Gaſſe nur ein Dutzend Gaffer beiſammen ſtehen, da ſteckt gewiß auch ein Stück von der Polizei darunter. Auch hier war auf die Entdeckung des Diebs der Hal- tefeſt bald zur Hand, und unter manchem klaglichen Au wai! wanderte der Ertappte nach der Arreſtſtube, verfolgt vom Hohn der müſſigen Gaſſenwelt. 4. Der wackere Geſelle mit der grünen Schürze war mit dem Flottmachen des ſchiffbrüchigen Phaetons ſo ſehr beſchäftigt geweſen, daß er von dem unfreiwilligen Abzug des Mannes im Zimmetrock nichts bemerkt hatte. Jetzt war das Fuhrwerk wieder zurück, dem gelben Eckhauſe zu gerollt und die Menge hatte ſich verlaufen; 198 da ſchaute er ſich um nach dem Eigenthümer des Meſ⸗ ſers, aber vergeblich. So blieb ihm denn nichts an⸗ deres übrig, als das Werkzeug einſtweilen zu ſich zu ſtecken. Darauf ging er weiter ſeinen Geſchäften nach. „Flieht, flieht, ein toller Hund!“ ſo ſchallte es dem jungen Mann mit der grünen Schürze auf dem engen Fußſteig entgegen, über den er eben dahin ſchritt; bald darauf ſah er das Thier gegen ihn daher traben. Der ſchmale Pfad war rechts durch den Fluß begränzt, links durch eine faſt mannshohe Gartenmauer. Hier war nicht lange zu wählen; die Gefahr gab dem Bedrohten Kraft, und bald hatte er ſich durch einen behenden Schwung auf die Höhe in Sicherheit geſetzt. Da ſchlug ein Jammergeſchrei von weiblichen Stimmen dicht neben ihm an ſein Ohr. Es war eine Frau in Begleit von einem Dienſtmädchen und zwei lieblichen Kindern. Ver⸗ geblich ſuchten ſie Schutz; keine Thüre ſtand offen, an Flucht aber war nicht zu denken, denn ſchon hatte das ſchäumende Thier ſich auf wenige Schritte herangenaht. Dem wackern Geſellen droben auf der Mauer ging die grenzenloſe Angſt der Wehrloſen zu Herzen. Im Vertrauen auf die ſcharfe Klinge ſprang er entſchloſſen wieder herab von ſeinem Bollwerk, umwickelte ſchnell 199 den gewaffneten Arm mit ſeiner Tuchſchürze und trat dem Ungethüm herzhaft entgegen. Der Stoß war ſo glücklich geführt, daß die Beſtie ſogleich leblos hinſank, ohne daß der brave Retter die mindeſte Verletzung davon trug. Vom erſten Schreck erholt, bat nun die von Dankbarkeit durchdrungene Mutter dem wackern Helfer, ihr nach ihrer Wohnung zu folgen, damit ſie ihm ihre Erkenntlichkeit thatſächlich beweiſen könne. Der wackere Geſelle merkte ſich die Nummer des gelben Eckhauſes mit dem ſchönen Ge⸗ würzladen, um ſich dann bald einzuſtellen. Vorerſt aber war ihm das Dringlichſte, ſich vom Schaum und Blut des erlegten Thieres zu reinigen. Dicht unter dem ſchmalen Dammweg, der dieſem Auftritt zum Schauplatz gedient hatte, dehnte ein kleiner, von einem alten Erlenbaum beſchatteter Raſenplatz ſich hinaus in den Fluß. Dort übergab der Sieger ſein ſchü⸗ tzendes, und jetzt mit Blut getränktes Tuch den Flu⸗ then, reinigte ſich dann ſelbſt und ſeine Kleider aufs Sorgfältigſte, und begab ſich darauf eiligen Schrittes nach der Wohnung der Dame. Wer jedoch dem wackern Geſellen bei ſeinem Toilettengeſchäft dort unterm Erlen⸗ baume zugeſehen hätte, mit welcher Sorgfalt er jetzt 200 — ſeinen Anzug ordnete, der hätte leicht auf den Gedanken fallen mögen, er hoffe in der bewußten Hausnummer auch noch andere Leute wiederzufinden, als nur die dank⸗ bare Mamma. Auch wollten wir nicht gut dafür ſtehen, daß nicht vorhin beim Abſchied den freundlichen Worten der Dame vielleicht ein paar noch freundlichere Blicke aus dem hübſchen Augenpaar des ſtumpfnaſigen Zöf⸗ chens zugelegt worden ſeien. Ein ſolches Zugewicht aber mochte für unſern Geſellen von fünf und zwanzig Jahren leicht noch mehr gewogen haben, als jede zu erhoffende Silberſpende. Unter ſolchen Umſtänden mag der Leſer dann ſchon begreiflicher finden, was ſonſt faſt unerklärbar wäre, daß bei der eiligen Rückkehr des vielleicht auf ſüßen Lohn Hoffenden, das Werkzeug, das heute durch ſeine Hand ſchon ſo überaus gute Dienſte geleiſtet hatte, vergeſſen im Graſe liegen blieb. 5. So ein ſchattenverbreitender Baum auf einſamem Grasplatz, umſpühlt von den murmelnden Wellen eines friedſamen Gewäſſers, mag — wenn er lange lebt — wohl allerlei Dinge mit anzuhören bekommen. Auch 201 jene Erle, unter welcher der wackere Geſelle ſich gerei⸗ nigt, ſeinen Anzug geordnet und dabei, wer weiß was für ein ſchönes Tempelchen in die Luft hinausgebaut hatte, ſollte noch am nämlichen Tage einem ganz andern Auftritt als ſtummer Zeuge dienen. Ein blonder Jüngling, deſſen Kinnflaum noch keinem Meſſer die Schneide abſtumpfte, hatte ſich langſamen Schrittes dem äußerſten Rande des Raſenplatzes ge⸗ nähert. Da ſtand er ſtille und heftete das ſtarre Auge auf die vorübergleitenden Fluthen, gleich als wollte er mit ſeinen Blicken das Fiſchlein im unterſten Grund wie mit Harpunen durchbohren. Dann folgte ein Mo⸗ nolog, in welchem der Erlenbaum, wenn er auch nur einigermaßen beleſen war, ohne Zweifel ganze Perioden aus Werthers Leiden erkannt haben muß. Wollte dieſer ſtumme Lauſcher ſich dann die Mühe geben, die ab⸗ wechſelnd herdeklamirten und hergeſchluchzten Seelen⸗ jammerentladungsfragmente möglichſt zu ordnen und, ſoweit nöthig, zu ergänzen, ſo würde der langen Rede kurzer Sinn ſich ungefähr dahin herausgeſtellt haben, daß der zärtliche Schäfer liebte, wie ſeit Erſchaffung der Welt noch kein Sterblicher je geliebt hatte, noch auch ie wieder lieben werde; daß er die Unendlichkeit ſolcher 202 unendlichen Liebe von dem vollkommenſten aller weib⸗ lichen Weſen erwiedert wiſſe; daß aber ein Tyrann von einem geldfüchtigen Vater nicht in die Verbindung des Erben eines der erſten Gewürzläden der Stadt mit einem Mädchen einwilligen wolle, die vom ſchlimmſten aller Nervenübel befallen war, nämlich von einer totalen Schwäche am bekannten Nervus Rerum, — zu deutſch Geldbeutel; daß die Geliebte bald einem Andern ihre Hand werde reichen müſſen; endlich dann, als Schluß⸗ ſatz, daß der verliebte Schäfer die gränzenloſe QOual nicht ertragen könne und darum derſelben in den Wellen ein Ende machen wolle! Während ſolchen Selbſtgeſpräches, das dem beab⸗ ſichtigten Trauerſpiel als Prolog dienen ſollte, waren jedoch die durchdringenden Blicke, womit der Held des Stückes die Fluthen dnrchſchaute, auf ein großes Hin⸗ derniß geſtoßen, nämlich auf einen Kiesgrund, den die Wellen kaum zwei Fuß überdeckten. So begriff er denn bald, daß wenn das Waſſer dieſes Fluſſes zwar wohl naß genug ſein mochte, um ſich einen tüchtigen Schnu⸗ pfen daraus zu holen, es dagegen kaum die nöthige Tiefe bot, um eine Katze darin zu erſäufen, vielweniger denn, um einem ſo hochherzigen Heldenleben ein Ende 203 zu machen. Da wandte der Aermſte ſein Auge aufwärts nach den Aeſten des Erlenbaums; aber auch von da kehrte der Blick muthlos zurück. Standen die Fluthen zu nieder, ſo hingen die Aeſte zu hoch, und — ganz entgegen der ſprichwörtlichen Regel — hieß es hier: was nicht hängen ſoll, das ſoll auch nicht erſaufen! Ha! — rief bei dieſer Entdeckung mit hohem Pathos der Verzweifelnde — ha, Ihr Götter! ſo hat denn Alles ſich gegen mich verſchworen? So ſoll ich nicht einmal ein Mittel finden, um meiner Qual durch den Tod ein Ende zu machen? Doch, die Götter waren dießmal nicht ſo harther⸗ zig, ſondern zeigten ſich vielmehr ausnehmend gefällig; denn eben wie in doppelter Verzweiflung der Troſtloſe das ſtarre Auge wieder zu Boden ſchlug, glänzte der ſcharfe Stahl ihm aus dem Graſe entgegen. „Was ſehe ich! — deklamirte nun der Lebensſatte, indem er das Attribut der tragiſchen Muſe vom Boden aufhob. — Dank Euch, Ihr unſichtbaren Mächte, für die unerwartete Wohlthat, doppelten Dank, — denn ich fühle es: nur ein blutiges Ende kann ſolch maß⸗ loſen Liebesſchmerzes würdig ſein. Ja, du blinkender Stahl, den die Götter ſelbſt mir in die Hände gelegt, 204 du ſollſt dieſes Herz durchbohren; — dieſes treueſte der Herzen, das — das — — ſo lange ſo hoch — ſo tief, — ſo — — ach ſo — —“ Die gewaltige Ge⸗ müthsbewegung erſtickte den letzten Laut in der zuſam⸗ mengeſchnürten Kehle. Er fühlte, es war Zeit, fertig zu machen. Darum entblößte er die lieberfüllte Bruſt, erhob den Stahl, dachte noch einmal ſeiner Geliebten und — Auf Autorehre, wir wüßten nicht zu ſagen, was jetzt am Platz dieſes Gedankenſtriches für bedenkliche Worte ſtehen möchten, wäre nicht im nämlichen Augen⸗ blick ein wahrer Deus ex machina dazwiſchen getreten, dem es gelang, durch einen gewandten Schwung der gefaßten Hand den Mordſtahl, ſtatt in die kochende Bruſt, in das kühle Gras zu verſenken. Wir ſagten redensartlich „ein Peus “, was zu deutſch einen Gott bedeutet. Allein die ſammetweichen Arme, welche den Verzweifelnden von hinten umſchlangen, ver⸗ riethen ihm bald, daß es vielmehr eine Göttin war, die ihn an Vollbringung der blutigen That hinderte. „Halt ein, mein Theurer! — rief die ſüße Stimme — halt ein! Aller Jammer hat ein Ende du kannſt der Meine werden und ich die Deine!“ 205 — Der holdſelige Rettungsengel war niemand anders, als die ſchöne Stickerin, welche wir heute früh das ge⸗ fundene Meſſer gegen das Lotterieloos verhandeln ſahen. Die Regel der alten Tante hatte ſich durch einen Ge⸗ winn von zweitauſend Thalern aufs Glänzendſte be⸗ währt. Damit lag nun jener erhoffte Paradiesſchlüſſel in ihren Händen, und ſo ſahen denn in dieſem Augen⸗ blick die Verliebten mit allem Recht den Himmel voller Geigen hängen, die nur auf das Zeichen des rechten Kapellmeiſters warteten, um eine brilliante Jubelſim⸗ phonie mit Straußiſchem Walzerfinale loszulegen. Keine Oel- noch Paſtellfarbe und keine Drucker⸗ ſchwärze möchten hinreichen, um die großartige Scene, die das glückliche Paar jetzt aufzuführen begann, in ihrem ganzen Lichtglanz wiederzugeben. Da ergoß ſich eine ſolche Fluth von Ach und O, und erhob ſich ein ſolcher Wettkampf der allerſiedendheißeſten Umhalſun⸗ gen u. ſ. w., daß die Fiſche im Waſſer, die doch an dieſem Plätzchen ſchon allerlei ähnliches anzuhören ge⸗ wohnt ſein mochten, jetzt ganz verwundert aufhorchten, bei den Ausbrüchen ſolch' maßloſen Entzückens dieſer zwei Glücklichſten unter allen Menſchenkindern. Daß dann, wie endlich die Wonnetrunkenen den 206 Strand verließen, auch dießmal wieder das Meſſer ſammt der rothen Scheide unbeachtet liegen blieb, iſt wohl kein Wunder. Hatte doch keines von den beiden Uber⸗ ſeligen die entfernteſte Ahnung, daß dieſes nämliche Mordinſtrument, welches noch vor wenig Augenblicken gezückt worden war, um die zwei Liebenden auf ewig zu trennen, es eben war, dem allein ſie ihr unüber⸗ ſchwengliches Glück verdankten. Im Schauſpielhauſe war großer Maskenball; darum wogte auch in den hell erleuchteten Sälen des anſto⸗ ßenden Kaffeehauſes ein buntes Gedränge auf und nieder. Hier trat mit ſchüchternen Bücklingen ein Mann ein und frug links und rechts, ob nicht einer der Herrn etwa ein ſchönes Meſſer mit ſaffianener Scheide kaufen wolle. Der Feilbietende war ein armer Schlucker, den gleiche Leere plagte in Geldbeutel und Magen. Ein Zu⸗ fall hatte ihn kurz zuvor nach jenem einſamen Grasplatz am Fluß geführt und ihn dort mit einem unerwar⸗ teten Funde beſchenkt. Allein dem armen Schlucker, der nicht einmal ein Stück Schwarzbrod hatte, um die 207 Schneide des gefundenen Meſſers daran zu verſuchen, wäre geprägtes Silber — und war es am Ende auch nur Kupfer — weit nöthiger geweſen, als geſchliffener Stahl. Darum war er auch gleich auf guten Umſatz bedacht, wußte aber, weil es ſchon ziemlich ſpät war, keine andere Gelegenheit dazu, als im Kaffeehaus neben dem Theater. Allein keiner der Gäſte zeigte ſich in dieſem Augenblick ſolcher Anſchaffung benöthiget. Endlich doch ſchien einer der Angeſprochenen, dem Anerbieten einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Es war ein junger Mann mit rabenſchwarzem Haar und kreidenfarbenem Geſicht. Dieſer heftete jetzt etliche Sekunden lang den düſtern Blick auf das dolchförmige Meſſer, doch ſprach er kein Wort. Wie dann aber der blaſſe Gaſt das begehrte Glas Punſch in Einem Zuge hinuntergeſtürzt und darauf ſein Viergroſchenſtück hingelegt hatte, da glaubte der hungrige Meſſerhändler einen ſtummen Wink zu be⸗ merken. Er beſann ſich nicht lange, dem jungen Mann zu folgen und fand dieſen dann wirklich ſeiner wartend draußen im Säulengang. Alſobald riß der Blaſſe ihm mit Ungeſtüm das Meſſer aus der Hand, drückte ihm dagegen zwei harte Thaler hinein und verſchwand unter der eben aus dem Schauſpielhaus hervorſtrömenden Menge. 208 Der arme Schlucker blickte dem wortloſen Käufer erſtaunt nach; dann aber begab er ſich eiligen Schrittes nach dem Ziel ſeines augenblicklichen Sehnens — der Garküche. 7. Das Mal war das Leibmeſſer der guten Seele in gar böſe Hände gerathen. Der ſtumme Käufer war eines der gefährlichſten Geſchöpfe im ganzen Naturreich, nämlich ein von gekränkter Eigenliebe und von Eifer⸗ ſucht zugleich in helle Flammen entzündeter Furioſo. Die gleiche ſchöne Stickerin mit den blauen Augen, ohne die unſer blonde Schäfer aus dem gelben Eckhauſe nicht mehr leben wollte, hatte auch dem Schwarzlocki⸗ gen das Hirn verrückt, und da dieſer zu jenen Selbſt⸗ zufriedenen gehörte, die jedes Weiberherz zum Voraus als ſichere Beute betrachten, ſo hatte bei ihm die un⸗ ſchuldige Freundlichkeit des holden Kindes auch gleich für eine unterzeichnete Kapitulation eines eroberten Her⸗ zens gegolten. Aber das Geſpräch, das er ſo eben, unerkannt unter der ſchützenden Hülle des Domino mit angehört hatte, öffnete ihm plötzlich dic Augen. Die ——— 209 Sache mit dem Blonden war bereits in Richtigkeit. Papa Pfefferkrämer, durch die zweitauſend Thaler plötzlich von den Tugenden der Holden überzeugt, willigte in die Verbindung, und Morgen ſchon ſollte die Braut den künftigen Schwiegereltern im gelben Eckhauſe vorgeſtellt werden. Bei ſolchen unerwarteten Aufſchlüſſen verließ wuth⸗ entbrannt der Schwarzlockige den Ballſaal. Er durſtete nach Rache und man weiß, daß, um ſolchen Durſt zu löſchen, ein Glas dampfender Punſch bei den meiſten Leuten eben nicht das rechte Mittel iſt. Der arme Schlucker mit ſeinem Dolch erſchien dem Erhitzten als der unmittelbare Vote eines zürnenden Verhängniſſes; bald ſtand der Entſchluß feſt. Dort im Lindenweg wollten die Liebenden im Weggehen ſich noch Einmal umarmen, ſo hatte die belauſchte Abrede gelautet; dort legte der Furioſo ſich jetzt in Hinterhalt. Bald er⸗ ſchien der verhaßte Nebenbuhler im Mantel vorhüllt; kurz darauf auch die Schöne. Gegen ſie war jetzt im Dunkel der Nacht das verhängnißvolle Meſſer gezückt; denn des Eigenſüchtigen Liebe hatte ſich in bittern Haß umgewandelt und doppelt ſüß ſchmeckte ihm im Voraus Tſcharner's Looſe. M. 14 2¹0 die Rache, denn wohl konnte er darauf zählen, daß der nämliche Stoß Beider Herzen durchbohren werde. Jetzt näherte ſich das zärtlich koſende Paar; da erhob Furioſo den Dolch zum mörderiſchen Stoß, aber im gleichen Moment auch fühlte er ſich von hintenher ge⸗ faßt. Es war der arme Schlucker, der nach Stillung des ärgſten Hungers auch wieder anderer Leute Ange⸗ legenheiten einige Aufmerkſamkeit zu widmen begonnen hatte. Da erſchien ihm denn die Geſchichte mit dem Meſſerhandel plötzlich ſo bedenklich, daß er ſich ſchnell aufmachte, um die wahrſcheinlich im Werke liegende Frevelthat zu verhindern. Das gelang ihm denn auch, doch nicht ohne eigene Gefahr, denn der Gefaßte ſchlug als ein wahrer Furioſo um ſich, und der hülfreiche Genius mit dem neu reſtaurirten Magen mußte froh ſein, mit einem Stich in den Schenkel davon zu kommen. Ehe dann noch die herbeiſtrömende Menge den frechen Thäter faſſen konnte, hatte dieſer den Lindenweg hinab die Flucht ergriffen und warf nun im Laufen das blu⸗ tige Mordinſtrument und die Scheide weit von ſich. 21¹ S. Die gute Seele hatte ſich nun einmal nicht aus dem Kopf reden laſſen, man finde ein verlorenes Ding nie ſicherer, als eben zur nämlichen Tagesſtunde, zu der man den Verluſt erlitten habe. Darum wollte der Eigenſinnige, alles Zuredens ungeachtet, ſich keinen Augenblick früher auf den Weg machen, um ſein Meſſer mit der rothen Scheide zu ſuchen, als am Frühmorgen des folgenden Tages. Das Vertrauen der guten Seele ward vollkommen gerechtfertigt. Im nämlichen Lindenweg, durch den er geſtern mit ſeinem Ballen hinabgetrabt kam, fand der gläubige Sucher heute ſein Eigenthum wieder. Er war hoch erfreut, nur konnte er nicht gleich begreifen, wie es komme, daß Meſſer und Scheide etliche Schritte von einander lagen. „Kurivs — ſagte er zu ſich ſelbſt — warum mußte ich denn nur, um es zu verlieren, es zuerſt aus der Scheide gezogen haben? — — Aber, ſieh da, iſt da nicht Blut daran? — — Ei — ei, da hatte ich mich ſcheint's bös geſchnitten! Am Ende wars ein Glück, daß ichs bald verlor, ſonſt hätte ich mich wohl * 212 gar noch ums Leben gebracht. — — Aber — ſetzte er nach einer Pauſe in bedenklichem Tone hinzu — das Blut da mußt du doch abwaſchen, ſonſt — —.“ — „Sonſt wärſt du verrathen! — Nicht wahr, Geſelle?“ — So ergänzte jetzt unerwartet eine rauhe Stimme hinter ihm, und im nämlichen Augenblick fühlte die gute Seele ſich gar unſanft angefaßt. „Nur mir nach!“ befahl jetzt der Polizeiſergeant. Darauf nahm ein Trupp Häſcher den Verblüfften in ihre Mitte und nach wenig Minuten ſtand er vor dem Verhörrichter. Sogleich begann das Examen. „Wie heißeſt du?“ — Als ich jung war, ſollen ſie mich Peter getauft haben; ich erinnere mich aber nichts davon. Jetzt heißen ſie mich viel öfter Eſel, Kalb oder Schafskopf. Ich komme darum auch auf alle dieſe Namen. „Weißt du, warum man dich verhaftet hat?“ — Ne, wenn der Herr das nicht beſſer weiß, ſo werden wir es, fürcht' ich, noch lange nicht heraus⸗ kriegen. „Kennſt du dieſes Meſſer?“ — Ja freilich, was ſollt' ich nicht! Das iſt ja mein Meſſer mit der rothen Scheide! 213 „ „Warum iſt Blut daran?“ — Blut? — Ja, hi, hi, — das muß ſo 'ne Ge⸗ ſchichte ſein. Aber hätte der Herr Profos da nur noch eine kleine Weile gewartet, ſo war's ſchon rein weg⸗ gewaſchen“ — —. In dem Styl hätte es leicht noch lange fortgehen mögen, wäre nicht im gleichen Augenblick aus dem Bericht des armen Schluckers ein helleres Licht aufge⸗ gangen. Da lag dann bald die ganze Geſchichte des Meſſers mit der rothen Scheide während der letzten vierundzwanzig Stunden klar zu Tage. Nur ein Ka⸗ pitel blieb ſelbſt für die Sperberaugen der neugierigen Dame Polizei ein Geheimniß, nämlich jene Verzweif⸗ lungs⸗ und darauf gefolgte Wonneſzene auf dem ein⸗ ſamen Plätzchen am Fluß. Zwar hatten die neugie⸗ rigen Herren auf dem Ausfragebüreau es dem hübſchen Mädchen mit den blauen Augen, als erſter Finderin des merkwürdigen Corpus Delikti, nicht erlaſſen wollen, in eigener lieblicher Perſon vor ihnen zu erſcheinen; aber das ſchlaue Beichtkind hütete ſich wohl, die Lücke zwiſchen der Relation des verlierenden wackern Geſellen und des findenden armen Schluckers ſo getreulich aus⸗ zufüllen, wie wir es, unſern Leſern zu lieb, wirklich 214 — * gethan haben. Der einzige Zeuge aber, der hochaſtige Erlenbaum, bewies auch bei dieſem Anlaß ſeine längſt erprobte Verſchwiegenheit. B. So hatten ſich dann drüben im gelben Eckhauſe innert einer einzigen Tageswende Alt und Jung von gar mancherlei Trübſal bedroht geſehen, und Alle dankten die glückliche Wendung der Dinge dem Meſſer mit der rothen Scheide. Die zuckerkandelſüße Mamma mit dem wohlbewahrten Töchterlein; der Blondlockige mit ſeiner Blauaugigen und der kräftige Rettungsengel mit ſeinem Stumpfnäschen, ja ſogar der arme Schlu⸗ cker, dem als Erſatz für die kleine Lücke am Schenkel die viel ſchmerzlichere im Magen nun recht freigebig ausgefüllt ward: — ſie Alle konnten die wunderbare Verkettung nicht genug preiſen, die dieſes wahre Schick⸗ ſalsmeſſer ſo glücklich verlieren und wieder finden ließ. Wenn dann, neben allem dem Jubel in Verſen und in Proſa, der häringtrockene Prinzipal ſeiner Be⸗ * 215 freiung aus der zweirädrigen Mäuſefalle und vollends noch des Wiederfindens ſeines Gold befrachteten Taſchen⸗ buchs gedachte, ſo mußte auch er anerkennen, es ſei die Vorherſagung der guten Seele recht bald eingetroffen und der verſprochene Segen für ſein Geſchenk aufs Sichtbarſte in Erfüllung gegangen. 578 g14 oenqe