4 S —= Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oitmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Feih- und Geſebedingungen. 1. Ofenseip der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme ünd Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet * wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und . † ſ —— „ — —— beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —.— —— auf 1 Monat: IM. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. answärtige Abonnenten haben für Hin und Zurüciſ endung ver Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und S—— vefecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 3 7 Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * — — — — Die Geheimniſſe London Sir Franecis Trolopp. Ueberſetzt von Dr. Ludwig Eichler. Pierter Theil. Der Marquis von Rio Santo. Leipzig, Verlag von Friedrich Fleiſcher. 1844. — Erſtes Kapitel. Zwei Sonnen für einen Mond. Es war ungefähr um die Stunde, wo der ehren⸗ werthe Brian von Lanceſter nach dem Hauſe Nr. 9 in Wimpole⸗Street mit einem kleinen Trupp von Polizeileuten zurückkehrte und gewahr wurde, daß ſeine kurze Abweſenheit zur Räumung des Hauſes vollkommen genügt hatte. Die Nacht war herrlich. Die Feuchtigkeit vom Tage her war durch eiſigen Nordwind auf den Boden niederge⸗ ſchlagen worden und machte aus jeder Straße einen glänzen⸗ den Spiegel, auf welchem die Vorübergehenden ausglitten, ſtolperten und fielen, zur unausſprechlichen Genugthuung aller Snail's der Hauptſtadt des britiſchen Königreichs. Am Eingange von Portlands⸗Place etwa in der Mitte der Devonſhire⸗Straße befand ſich trotz der durchdringenden Kälte eine ziemlich beträchtliche Menge vor einer offenen 1* * „. Thür ſich drängend. Dieſe Menge beſtand aus Menſchen, welche eine Art von Aehnlichkeit unter einander hatten, ob⸗ gleich einige das Kleid des Elends trugen, während andere ſehr anſtändige Koſtüme hatten. Es waren augenſcheinlich Kameraden, denn ſie drängten, traten, ſtießen ſich mit der beſten Freundſchaft von der Welt ohne der Klei⸗ * dung. Faſt Alle hatten unter dem Arme ungeheure Stöße Journale, blos die eleganteſten entbehrten dieſes Schmuckes, aber dieſen folgten ein oder mehre Grooms, wrelche wie Mauleſel mit derſelben Waare beladen waren. — Alle redeten zu gleicher Zeit. Seltſames Gerufe erſcholl aus dem Haufen und miſchte ſich mit philoſophiſchen Betrachtungen, bekannten Witzworten und Gelächter. An der offenen Thür ſtanden vier bis fünf Grooms in Livree und waren unaufhörlich damit beſchäftigt, den Bela⸗ gerern Pakete von feuchtem Papier zuzuwerfen, das ienen ekelhaften Geruch ausdünſtete, welchen Gott den Journalen gegeben hat, wahrſcheinlich um das Publikum damit vor ihren unverſchmten Lügen zu warnen, wie er der Klapper⸗ ſchlange eine Klapper um ihren beringten Hals geſchaffen. — Zwölf für Pleydell und Browne! ſagte eine Stimme aus dem Haufen. — Zwöf für Pleydell und Browne! wiederholte einer der Grooms. Dieſe Worte liefen von Munde zu Munde und gelangten 3 bis zu dem Einnehmer, deſſen pergamentenes Geſicht man vor ſeinem Büreau erblickte. Der Einnehmer kritzelte einige Worte und wiederholte nun auch mit ganz dünner Stimme: — Zwölf für Pleydell und Browne! Gut! Ein Paket wurde hinausgegeben. — Vierzig für Gilbert vom Strand! — Fünfundzwanzig für Miſtreß Dodſon! — Zweihundert für Howard und Flower! Und nun regnete es die friſch gedruckten, jenen vorhin erwähnten Geruch ausdünſtenden Blätter hinaus. — Der Verkauf ging vortrefflich. — Je länger der foſſile Beamte die Reſultate deſſelben niederſchrieb, je ſchönere Nüanren nahm das Pergament ſeines Geſichtes an, und als endlich Howard und Flower zweihundert Exemplare forderten, legte er ſeine Stahlfeder nieder, um ſich die Hände zu reiben. Aber er hatte dazu keine Zeit. Das Geſchrei von draußen verdoppelte ſich. Der Einnehmer nahm ſeine Stahl⸗ feder wieder in die Hand und nahm ſich vor, eine Pinte zur Erquickung vor dem Zubettgehen zu trinken. — Fünfundſiebenzig für Prior! — Fünfzig für Goodwidge! — Achtzig für Samuel Lowther! Und hundert andere Namen und Beſtellungen, ſo daß endlich aus dem Hintergrunde des Büreaus eine Stimme triumphirend ir Worte rief: — Der Abzug iſt vergriffen! Nun gab es einen allgemeinen Jubel. — Laſſen Sie einen neuen Abzug machen! — rief man. — Zwei Tauſend, drei Tauſend — zehn Tauſend ... wir nehmen Alles! — Die Formen ſind ſchon umgeſtürzt! Man wollte dagegen proteſtiren, aber die beiden breiten Flügelthüren des Hauſes drehten ſich in ihren Angeln und das vergilbte Geſicht des Einnehmers verſchwand vor Aller Augen. Dies begab ſich vor der Thür des Timothy Overflow, Herausgebers des Journals the Moon (der Mond), eines Abendblattes. Die verſammelte Menge war ein rush von Newsmen oder Journalverkäufern. Es iſt bekannt, daß in England die Journale nicht auf die Weiſe in die Hände der Leſer kommen, als auf dem Continente. Jener theure Freund der Kaſſe der Journals, der Pächter der Intelligenz der Redakteure, der Miether von ſchlechter oder guter Proſa, die täglich in ungeheuren Colonnen an einander gereiht wird und gewiß werthvoll wäre, wenn die Quantität die Qualität erſetzen könnte: der Abonnent mit einem Worte iſt ein in London faſt unbe⸗ kanntes Ding. Zwiſchen den Leſern und den Zeitungen eriſtirt kein Kontrakt auf lange Zeit. Jeden Tag wählen die erſteren unter den ſchwatzhaften und rieſigen newpapers von London ſich aus, ähnlich wie ein Pariſer Feinſchmecker die Gerichte des Diners auf der Karte des Reſtaurants. — Und welcher — — 7 ſeltſame Kontraſt! — Der Engländer ſchwärmt Schmetterlinge gleich von der Times zum Sun, vom Sun zum Globe, vom Globe zum Courier, während er ſich beim 5 Eſſen an ſein Roſtbeaf hält, der Franzoſe dagegen, deſſen leichtfertiger Gaumen alle Woche ſämmtliche Gerichte des Cuisinier royal Revue paſſiren läßt, bleibt lange Jahre hin⸗ durch ſeinem Journal getreu. Sollte ſich John Bulls Treue in ſeinem Magen be⸗ finden? Bei uns geſchieht die Publikation der Journale durch Vermittlung von Mäklern (nevsmen), von denen Einige Millionäre ſind. Andere dagegen tragen ihr ganzes Ver⸗ mögen bei ſich in der geflickten Taſche eines alten ſchwarzen 7 Rockes. Gewöhnlich erſchien das kleine Abendblatt che Moon ganz geräuſchlos und kam blos zu den Newömen, wenn es ihnen zugetragen wurde; — aber heute gab es eine Neuig⸗ keit, — eine große Neuigkeit! — Der Abzug aller Exemplare war unzureichend geweſen für den Zudrang der Käufer. Jeder wollte heute ſelbſt leſen, mit eigenen Augen ſich über⸗ zeugen. — . Seit langer Zeit war die Neugierde nicht ſo ſehr auf⸗ geregt geweſen. Und es war auch Grund genug dazu vor⸗ „ handen, denn es handelte ſich nicht um eine gewöhnliche Neuigkeit, etwa einen jener Puffs, welche von uns mit der Sache und dem Worte über den Kanal gedrungen ſind⸗ Man ſprach weder von der Meerſchlange, noch von dem 8 berühmten Kalbe aus Cornwallis, das auf zwölf Füßen ging, noch von dem Tenor blökenden Schafe oder dem unver⸗ brennbaren Amerikaner, der ſich gewöhnlich von brennendem Pulver und gegoſſenem Blei nährte. — O bewahre! .. Diesmal war es Geſchichte, eine königliche Perſon war dabei mit im Spiele. Nichts Geringeres als das! — Ein nichtswürdiges Attentat, ein Mordverſuch war begangen worden — und zwar auf der Terraſſe des Schloſſes Kew. Und auf wen, guter Gott? — auf ein ſanftes, liebli⸗ ches Kind, das in der Folge auf den Thron berufen werden konnte, auf die Hoffnung der drei Königreiche, mit einem Worte auf die Prinzeſſin Viktoria, die Tochter Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs von Kent, Nichte Seiner Majeſtät. Daran erkannte man einmal wieder recht den teufliſchen Geiſt des Radikalismus und das war ein Fall, wo es jeden Preis galt, um die Einzelnheiten dieſer ungeheuer merkwürdigen Scheußlichkeit zu verſchlingen, die Evening Poſt, den Standard, die Evening Mail und den Moon zu kaufen! Uebrigens hoffte man in dieſen Blättern oder in einem von ihnen den Namen des Elenden zu finden, deſſen ruchloſe Hand u. ſ. w. u. ſ w Für die Newsmen, welche zu ſpät gekommen waren, um ſich noch mit Nummern des Moon zu verſehen, der ſonſt ſo wenig begehrt war, mußte es eine ſchreckliche Verdrießlichkeit „ 9 ſein. Es bildete ſich augenblicklich eiue Art von Börſe vor dem Hauſe des Mr. Overflow. Einige wollten aus zweiter Hand für baares Geld einige Nummern des glücklichen Blattes kaufen, Andere boten Tauſchgeſchäfte an. — Ein Schilling für jedes Exemplar des Standard! ſagte Einer. — Sechs Pence mehr als der gewöhnliche Preis für jede Evening⸗Poſt! ſchrie ein anderer. — Eine Times für eine Evening⸗Mail. — Zwei Sun für einen Moon! Gewöhnlich find bei dem Austauſche der Newsmen die Zahlen in umgekehrter Proportion. Eine Times wird auf vier bis fünf Standards geſchätzt und es bedarf wohl eines Dutzends Monde (Moon) um eine einzige Sonne (Sun) zu bezahlen. Das iſt übrigens auch der Hierarchie der Sterne ange⸗ meſſen. Indeſſen ſtrömten von beiden Seiten der Straßen die Neugierigen herbei. Einige wußten ſchon, worum es ſich handelte, Andere wollten es erſt erfahren. Der rush der Newsmen fand ſich bald von allen Seiten von einem anderen zahlreicheren rush eingeſchloſſen, der nicht weniger lärmte und inſtinktmäßig ſich dieſen Anhäufungen von Papier näherte. — O mein theurer Sir! rief die dünne fingende Stimme der Miſtreß Crubb, welche von Cornhill bis hierher ich durch alle Verſionen der Geſchichte hatte wälzen laſſen; — 1** 10 ich ſchwöre es Ihnen beim Heil meiner Seele, daß ich gut unterrichtet worden bin .. . Miſtreß Footes hat es vom Schwager der Miſtreß Croßcairn, der Raſenſcheerer iſt, Sir, beim pleasure ground von Kew ... Es war eine Amazone, die auf einem großen Pferde ritt . . . Sie hat auf das liebe Kind ſiebenundzwanzig Pfeile abgeſchoſſen, Sir! — Nicht möglich! — Nicht möglich, Sir? .. Hoho! die Blauen von der Garde ſind gekommen, die braven hübſchen Jungen und haben ſie zerhackt, ſie ſammt ihrem großen Pferde, Sir, klein gehackt, wie Paſtetenfleiſch. — Und daran haben ſie recht gethan, Himmeldonner⸗ wetter! — Soll der Teufel uns braten! ſagte der Kapitän Paddy O'Chrane, der durch Saunders Schlaf einen Augen⸗ blick Freiheit genoß und Miſtreß Dorothy Vurnett nach dieſer Gegend ſpazieren führte; — ſie haben recht gethan, die elenden Rindfleiſchfreſſer des Königs! .. Aber könnte man nicht ein Journal für drei Pence bekommen, beim Schlund der Hölle? — Drei Pence! ... Ein Journal! rief Miſtreß Crubb; — ein Journal drei Pence . . Guten Abend, Cuufine Dorothy, ich kenne eine Frau, ſehen Sie, die einen hal⸗ ben Sovereign geben würde, wenn ſie an Ihrer Stelle wäre . O, Kapitän OChrane, die arme Miſtreß Bloom⸗ berry erſäuft ſich noch in Ihrem Sodawaſſer .. Und was das Journal anbetrifft . Drei Pence .. Miſtreß Bull — Miſtreß Crubb und zuckte mitleidig die Achſeln. 11 hat, ſo wahr ich ſelig werden will, eine Mail mit achtzehn Pence bezahlt! O es iſt ein großes Ereigniß, mein Gott! — Und ich ſage Ihnen, gackerte eine andere Weiber⸗ ſtimme, ich ſage Ihnen, es iſt ein Wilder geweſen, der in Regent⸗Street für Geld gezeigt wurde. Er hat die arme Prinzeſſin — die Gott ſegne! — mit der Keule auf den Kopf geſchlagen ... — O bewahre, es iſt ein irländiſcher Katholik, ein elender Vettler von jenſeits des Kanals, ein .. — Denkt nicht dran! — Es iſt ein Gentleman! Man hat ſein Pferd mitten in Regent⸗Purk todt gefunden . . ein köſtliches Pferd! — Welche Fabeln man doch in London erzählt! ſagte Die Geſchichte von den ſiebenundzwanzig Pfeilen war nach ihrer Anſicht die einzige, welche Glauben verdiente. — Soll mich Gott verdammen! rief Kapitän Paddy und reckte ſeine ſechs Fuß lange Geſtalt in die Höhe, ſo daß er die ganze Menge überſehen konnte; — will Einer von Euch, ihr vermaledeiten Händler mit geſchwärztem Papier, mir ein Journal für vier Pence geben? Niemand antwortete ihm; — aber unter den Newsmen gingen die Austauſche von Abend⸗ und Morgenblättern im⸗ mer weiter vor ſich. Während der rush der Journalverkäufer ſich lärmend bewegte, gierig, leidenſchaftlich, mit Geſchrei, wie jede mer⸗ —— —— kantiliſche Verſammlung, kam ein Mann, der abgeſehen von ſeinem ganz heterogenen Ausſehen, auch ein Newsman zu ſein ſchien, ſeinen Kollegen zuvor und verkaufte dem Publi⸗ kum eine Menge Nummern. Man ſah ihn ſich durch die Menge winden, dem erſten Beſten, ohne zu handeln und zu halbem Preiſe die koſtbaren Eremplare von den Blättern verkaufen, um die man ſich vor der Thür des Timothy Overflow ſo heftig gezerrt hatte. Ihm ſchien es beſonders darauf anzukommen, daß er eilig verkaufe. Sobald der Verkauf geſchehen, that er das empfangene Geld in eine große Taſche, welche ſich vorn an ſeinem zerfetzten Rocke befand und verſchwand. — Wenn das Paket Journale, das er unter dem Arm hielt, verbraucht war, ſteckte er bald rechts bald links die Hand in die Taſchen, mit welchen ſein Anzug ganz beſpickt zu ſein ſchien, und zog jedes Mal einen neuen Stoß Journale hervor. — Was wollen Sie, mein vortrefflicher Sir? ſagte er; — was wünſchen Sie, Miſtreß? . Einen Standard? da iſt er .. Eine Evening⸗Poſt? hier .. Einen Moon? ein hübſches Journal, Gentlemen, hier, hier, hier! Er ging. Die Schillinge und Sirpence fielen unauf⸗ hörlich in ſeine weite Taſche. — Hierher, Verkäufer von Lügen, Satan und ſeine Hörner! rief Kapitän O'Chrane in dem Augenblicke, wo er vorbei kam. — Sier, Gentleman! ₰— — — — 13 — Verflucht! antwortete Paddy erſtaunt, — da iſt ja die verdammte Schlange, der Bob, der brave Burſche, und hat ſich zum Newsman gemacht, — ſoll mich Gott ſtrafen! Bob reichte ihm eine Mail hin und empfing einen Schilling mit der Weiſung, acht Pence herauszugeben. Er fuhr mit der Hand in die Taſche. — Und ſeit wann, Du elendes Krokodill, Bob, mein theurer Kamerad? begann Paddy. Aber Bob war ſchon fern. Im Handumwenden hatte er eine Evening⸗Poſt an Miſtreß Crubb, einen Moon und einen Standard an zwei andere Weiber verkauft. Dieſe vier glücklichen Beſiher von den ſo begehrten Blättern näherten ſich nun zuſammen einer Straßenlaterne, um endlich in langen Zügen den Durſt ihrer Neugier zu ſtillen. Der Kapitän Paddy vergaß beinahe, auf ſeinen Kameraden Bob, der ihm nicht herausgegeben hatte, zu fluchen, ſo verſeſſen war er auf das Leſen. Aber kaum war der Schein der Gasflamme auf die gekauften Blätter gefallen, ſo ließ ſich ein vierfacher Schrei des Unwillens hören. Der Standard war eine Woche alt, der Moon vom vorigen Monat, die Poſt der Mißſtreß Crubb zählte das reſpektable Alter eines Jahres und die Evening⸗Mail des guten Kapitän Paddy O'Chrane gab einen ausführlichen Bericht von der Schlacht bei Navarin. — Donnerwetter! brummte der Kapitän und kratzte ſich hinter dem Ohr, — dieſer verworfene Galgenſtrick hat mehr 14 Geiſt, als in beiden Kammern zu finden iſt, oder ich will lebendig vom Satan geröſtet werden! Die drei anderen Opfer, welche durch die kräftige Alt⸗ ſtimme der Miſtreß Burnett unterſtützt wurden, ſchrien ein furchtbares Zeter, das in der Menge überall, wo Bob ſein Geſchäft getrieben, Tauſende von Echo's fand. Man ſtürzte ſeiner Spur nach, aber man lief und ermüdete ſich vergeblich. Bob zählte ſeine Schilllnge in dem Tap⸗Houſe an der Ecke ganz friedlich und legte ſeiner Gewohnheit gemäß ſechs Pence bei Seite um ſeiner Teuperance ſich freigebig zu zeigen. Das war ſo eine kleine Spekulation von ſeiner Erfin⸗ dung geweſen. — Bob hatte viele von den Eigenſchaften, welche große Männet machen. Er ſah ſchnell und führte ſchnell aus. Für zwei Kronen hatte er das alte Papier ge⸗ kauft, das ihm eben zehn Guineen eingebracht. Wenn man dieſe unſchuldige Operation zu einem unendlich höheren Maßſtab erhöht, ſo kommt man zu einer von den herrlichen Beutelſchneidereien, welche von Zeit zu Zeit durch das politiſch⸗commercielle Haus von Saint⸗Swithins⸗Lane ⁵) ins Werk geſetzt werden. — Der foſſile und gelbe Beamte des Maſter Timothy Overflow ſah dieſen verſchiedenen kleinen Auftritten ſeit einer halben Stunde durch ein Fenſter der erſten Etage zu. Er war zwar kein Schalk, aber zwiſchen dem Beamten der Straße, in welcher das Rothſchiliſche Contor legt. —— — dieſe Leute ein Wurfgeſchoß, eine Beleidigung, irgend etwas Journale und den Newsmen exiſtirt ein chroniſcher Wider⸗ willen, der gleichſam zur zweiten Natur geworden iſt. Sie verachten ſich, weil ſie tagtäglich in Beziehung zu einander ſtehen und die einen von den anderen leben, weil ſie die Räder einer und derſelben Maſchine ſind. — Vielleicht hatte unſer Caſſirer kürzlich eine Myſtifikation von Seiten ſeiner natürlichen Feinde zu erleiden gehabt; wie dem aber auch ſei, ſeit einer halben Stunde betrachtete er mit übler Laune die geſchwätzig ſich drängende Menge, welche ſich unter ihm bewegte. Er konnte ſich der Begierde nicht erwehren, auf Verletzendes oder Schädliches hinabzuſchleudern. Aber er hatte Furcht vor den Folgen. Da er ſich ſeiner Trockenheit und glasähnlichen Zerbrechlichkeit bewußt war, wollte er ſich nicht einer Borpartie ausſetzen und drängte ſeine kriegeriſchen Begierden klugerweiſe in ſich zurück. Indeſſen ließ ihm ſeine Phantaſie keine Ruhe, der Dämon des kleinlichen Haſſes, dieſer häßliche Kobold, welcher nach Art gewiſſer Kritiker geiſtreich iſt, flüſterte ihm plötzlich eine ziemlich gute Idee ein. Dieſe Leute waren da und ſtritten ſich eifrig um einige Fetzen Papier. Aus welchem Grunde? Um ſie zu verkaufen. — Der Beamte nahm ſich alſo vor, dafür zu ſorgen, daß ſie wenigſtens in der Devonſhire⸗Straße keine mehr los werden ſollten. Er ſtieg in das Parterre hinunter und kam bald wie⸗ der an ſein Fenſter zurück, in der Hand das einzige und letzte Eremplar des Mondes, das noch in dem Bureau geblieben war. 16 Augenblicklich darauf traf der Ton einer langſamen monotonen abgemeſſenen Stimme auf die Straße hinab und brachte zu gleicher Zeit das Geſchrei der Newsmen und das Geplauder der Menge zum Schweigen. Dieſe Stimme ſagte folgendes: „Authentiſche Einzelnheiten betreffend den furchtbaren Mordverſuch auf die erhabene Perſon Ihrer königlichen Ho⸗ heit, der Prinzeſſin Alerandrine Victoria von Kent, vielge⸗ liebte Nichte Sr. Majeſtät des Königs Wilhelm, unſeres allergnädigſten Monarchen.“ — Was ſoll das heißen? rief der Bote Gilberts vom Strand; — Sie werden doch nicht den Artikel hier ganz laut leſen, Maſter Switch! — Und warum denn nicht? entgegneten zehn Stimmen auf einmal aus der Menge. — Ja, warum nicht, beim Satan, — rief beiſtimmend von fern der gute Kapitän Paddy O'Chrane; — hören Sie zu, Dorothy, hören Sie zu, meine theure Freundin, dieſer traurige Vogel, der da oben ſitzt, wird uns die ganze Sache weitläufig ſagen, ſoll Gott uns alle mit einander ver⸗ dammen! Der Beamte hob wieder an: „Dieſen Morgen elf Uhr fünfunddreißig Minuten hat ein fremder Menſch von großer Geſtalt, auf einem ſtarken Schweißfuchs reitend ..“ — O, es war der Irländer, der ſchmutzige Vett⸗ —— E — Oder der Gentleman, es iſt ja von einem Pferde die Rede. — Ruhe, zum Donnerwetter! — Ewige Verdammniß, ſoll Euch gleich der Satan holen, ſprach der Kapitän; — hören Sie zu, Dorothy, mein liebes Herz, ſoll mich der Teufel erwürgen! „ auf einem ſtarken Schweißfuchs reitend, fuhr die unerſchütterliche Stimme des Maſter Switch fort; — ſich in den Pleaſure⸗Ground von Kew eingeſchlichen, obwohl die königliche Flagge am Thurme flatterte .. — Verflucht! murmelte Paddy; — das iſt intereſſant, oder ich will heute Abend an der Cholera ſterben, beim Teufel . Ruhe da! — Nun, nun, Maſter Switch, ſagten die Newsmen, — der Spaß iſt nicht ſchlecht, aber nun hören Sie auch auf und leſen Sie nicht weiter. „ am Thurme flatterte. Die Garden zu Fuß, welche die Terraſſe zu bewachen hatten, bemerkten ihn erſt, als er bei dem großen japaniſchen Treibhauſe war. — Andern Ver⸗ ſionen nach ſoll die Prinzeſſin ſelbſt ihn in dem Augenblick entdeckt haben, wo er eine bis an die Mündung geladene Piſtole auf ſie anlegte ... — Bis an die Mündung, wiederholte Miſtreß Crubb; — ach du lieber Gott, bis an die Mündung! .. — Ruhe, zum Donnerwetter! .. hören Sie zu, Do⸗ rothy, mein Schatz! „ auf fie anlegte. Beim Anblick dieſer furchtbaren * Waffe ſtieß die Prinzeſſin einen Schrei des Entſetzens Kus — O Jeſus, das glaube ich wohl, die arme liebe Prinzeſſin. „ und ſtürzte hülferufend auf den Palaſt zu . — Aber Maſter Switch, das iſt eine Nichtswürdigkeit, ſchrieen die Newsmen. Sie haben uns die Neuigkeit ver⸗ kauft und dürfen ſie nun dem Publikum nicht umſonſt geben. — Wir werden in unſerm Leben nie ein einziges Exemplar des Moon kaufen, Maſter Switch. — Und der Mond wird genöthigt ſein unterzugehen, Maſter Switch. — Maſter Switch, es wird eine totale Mondfinſterniß werden. Switch fuhr aber friedlich fort: „ auf den Palaſt zu. Der Fremde von hohem Wuchſe ſchien nun auf den Rückzug zu denken, er eilte ſchnell nach dem Abſatze zu, zu deſſen Füßen er ſein Pferd hatte ſtehen laſſen . — Nun ſinge nur weiter, Du alter Narr, ſagte ein Newsman. — Herr Switch, fügte ein Anderer hinzu, indem er den Rücken wandte, wir werden Ihnen das ſchon gedenken! — Der Teufel ſoll Sie holen, Herr Switch. — Und Sie auch, rief der Kapitän, — und mich auch, zum Donnerwetter, und uns alle mit einander! . 19 Aber haltet das Maul, Ihr elenden Verkäufer von beſchmutztem Papier. Die Newsmen hatten den Platz vor dem Hauſe ver⸗ laſſen. Nun, ſchrie die Menge unten, wie wurde es weiter, was machte der Fremde? — Ja, verdammt, fügte der Kapitän hinzu, — bei allen Teufeln, was wurde aus ihm! Des verwitterten Beamten Geſicht machte langſam ſein Fenſter zu und ging fort, um ſeine Pinte Porter vor Schlafen⸗ gehen zu trinken. Abermals bitter getäuſcht, ſtürmte der Haufen gegen die Thür an und wollte ſie ſprengen. Einer ſprach von nichts Geringerem als, Feuer an das Haus zu legen und was unſern Kapitän anbetrifft, ſo müſſen wir fürchten, der Uebertreibung beſchuldigt zu werden, wenn wir alle genialen Fluchvariationen im Einzelnen wiedergeben wollten, welche er auf dieſe Ge⸗ legenheit improviſirte. In dem Augenblicke, wo die Menge ihren Zorn in einem vereinten Geheul von Flüchen ausſtrömte, kam ein Cabriolet von Wimpole⸗Street her und fuhr in die Devonſhire⸗Straße hin⸗ ein, mit Mühe ſich durch die Menge Bahn machend. Die Perſon, welche im Cabriolet ſaß, hatte keine Ahnung davon, daß ſie der Held dieſes kleinen Schubkaſtenſtückes ſei, welches eben in freier Luft geſpielt worden war und die Menge war fern davon zu denken, daß der fremde Menſch von hohem Wuchſe in dieſem Augenblicke mitten unter ihnen war — 20 Das Cabriolet wendete nach Portland⸗Place hinein und hielt vor der Wohnung des Grafen von White⸗Manor ſtill. Brian ſtieg aus und ging die Abſätze der Treppe hin⸗ aus, von welcher er eines Tages auf Befehl ſeines B durch deſſen Bedienten fortgetrieben worden war. Er hob den Klopfer und ſchlug ſtark an. Der Groom, welcher ihm öffnete, fuhr bei ſeinem An⸗ blicke vor Entſetzen zurück, als ob er den Teufel in Perſon geſehen hätte. ruders — Melden Sie dem Grafen von White⸗Manor, ſagte Brian mit gebieteriſcher Ruhe, — daß Brian von Laneeſter Se. Herrlichkeit um eine Audienz bittet. Zweites Kapitel. Das Erſtgeburtsrecht. Ganz London kannte die Feindſchaft der beiden Brü⸗ der, um ſo weniger konnte ſie einem Bedienten des Grafen von White⸗Manor fremd ſein. — Der Groom, an welchen Lanceſter ſich wandte, blieb daher einen Augenblick unent⸗ ſchloſſen, denn eine Unterredung zwiſchen dem Grafen und ſeinem jüngeren Bruder ſchien ihm etwas Außerordentliches, faſt Ungewöhnliches. Indeſſen gehorchte er, als Brian ihm mit peremtoriſchem Tone ſeine Worte nochmals wiederholt hatte. Nach einigen Sekunden kehrte er wieder zurück und Brian wurde augenblicklich in das Empfangszimmer ge⸗ führt. Er warf ſich in einen Seſſel. Seine Gedanken waren in großer Aufregung. Was in dem Hauſe in Wimpole⸗ — Street vorgegangen war, die Erzählung Suſanna's, ihr plötz⸗ liches Verſchwinden, alles das war noch zu friſch in ihm, als daß es vor ſeinem Verſtande ſo klar und verſtändlich hatte daliegen können, wie Erinnerungen durch das Nach⸗ denken von einigen Tagen werden. Er wußte, daß ein mäch⸗ tiger und, da ihm nicht beizukommen war, um ſo gefährlicherer Feind ihm jetzt Suſanna ſtreitig mache, und kam jetzt zu ſeinem Bruder, um von dieſem die Mittel zur Bekämpfung und Beſiegung des geheimuißvollen Gegners zu verlangen. Sein Zweck war, Suſanna wieder aufzufinden, und wenn er ſie wiedergefunden, kräftig zu beſchützen. — Welche Mittel er ergreifen müſſe, um zu dieſen Reſultaten zu gelangen und wie er ſeinem Bruder zur Hülfe bewegen wolle, das wußte er ſelbſt noch nicht. Aber für den Augenblick kam es ihm nicht darauf an. Hatte er nicht ſchon hundert Siege über White⸗Manor er⸗ rungen? Kam ihm nicht die Ermüdung und die verzweifelte Mattigkeit des Grafen bei einem Kampfe zu ſtatten, deſſen Gehäſſiges ganz allein vom Publikum ſeinem Bruder zur Laſt gelegt wurde? Es war lange Zeit her, daß Brian nicht ſeinen Fuß in das Haus ſeiner Ahnen geſetzt hatte. Seit dem Tode ſeines Vaters hatten die fortwährenden Streitigkeiten mit White⸗Manor ihn von der Familienwohnung fern gehalten, da dieſelbe das ausſchließliche Eigenthum des Erſtgeborenen geworden war. So ſehr er auch von den Gedanken einge⸗ nommen war, welche ihn beſtürmten und mit ſeinen häus⸗ Stimme machte ihm heimliche Vorwürfe, während ſie zu⸗ lichen Verhältniſſen gar nichts gemein hatten, fühlte Brian doch, wie ihm ein eigenthümliches und bisher unbekanntes Gefühl das Herz beengte. Eine ſeit Jahren verſtummte Stimme ſchien ihm auf die Reihe von ernſten Familienbildern hinzuweiſen, welche rings an den Wänden hingen, und dieſe gleich den verhaßten Namen ſeines Bruders auszuſprechen ſchien. Unter der ſeltſamen Verhüllung eines verwegenen Skepti⸗ cismus, mit dem er ſich der Welt gegenüber umgab, beſaß Brian doch ein ritterliches Herz. — Vielleicht empfand er Reue. — Mindeſtens neigte er das Haupt, als ob er vor Scham die ſich kreuzenden Blicke aller ſeiner Ahnen nicht aushalten könne, er, der ſich unter ihnen zeigte, mit feind⸗ lichen Gedanken gegen ihren legitimen Nachfolger, den Erben des gemeinſchaftlichen Namens, den Mann, welcher den von Vater zu Sohn rein und unbefleckt erhaltenen Titel trug, das Zaupt des Hauſes mit einem Worte, deſſen Bildniß ein leerer Rahmen als Fortſetzung aller dieſer ehrwürdigen Bil⸗ der erwartete. Er erinnerte ſich, daß der verſtorbenen Graf von White⸗ Manor ſterbend ſeine Hand in die ſeines Bruders gelegt hatte, daß die letzten Worte ſeiner Mutter ihn zur Liebe und Verzeihung ermahnten. Seiner Mutter, deren edle Züge durch einen geſchickten Pinſel auf die Leinwand gebannt, ihm noch zu lächeln ſchienen . 24 Eine Seitenthür ging auf, der Graf von White⸗Manor erſchien geſtützt auf den Arm ſeines Haushofmeiſters Gilbert Paterſon. Zwiſchen dem Grafen und ſeinem jüngern Bruder war ein großer Unterſchied des Alters. Das kräftige Temperament Brians und die Ausſchweifungen White⸗Manors hatten dieſen Abſtand noch vergrößert, ſo daß ſie gegenſeitig den ſtärkſten Kontraſt bildeten. In der That hatte Brian im männlichen Alter noch jene jugendliche Grazie, jene elaſtiſche Schmiegſamkeit der Gliede, jene ausdrucksvolle Erregſamkeit des Geſichtes bewahrt, welche das Eigenthum der jungen Leute ſind. Seine phyſiſche Natur war, wie ſeine moraliſche, ſo zu ſagen, jungfräulich und unangegriffen. Er war dem Ausſehen und der That nach jung, viel jünger als manche Lords von zwanzig Jahren, welche vom harten Trabe eines 5 zig „ Pferdes bleich werden und mit Hülfe von Reizmitteln die ge⸗ ſchwächten Kräfte, ſo gut es geht, wieder anſtacheln. Er war ſchön, ſtark und vollſäftig; hinter dem phlegmatiſchen Anſehen, welches unſere Sitten allen Phyſiognomieen aufer⸗ legen, verbarg ſich ein Uebermaß von Verwegenheit, Liebe und Kraft. — White⸗Manor dagegen war ein Greis, be⸗ vor er noch die Grenzen des reifen Alters überſchritten. Sein von Natur egoiſtiſches Herz hatte ſich ganz zu Stein verhärtet, ſein früher robuſter Körper erlag unter dem Ge⸗ wichte einer frühzeitigen Erſchlaffung. Indeſſen glich er nicht jenen ſchwächlichen Ruinen, deren Körper das Alter oder Ausſchweifungen augenſcheinlich untergraben haben, und die — 25 elend, ſchlotternd, ſchwächlich, gebückt einherſchleichen und mit ihren ſchwankenden Schritten den Vorübergehenden um Ausweichen zu bitten ſcheinen: Lord White⸗Manor hatte die Gradheit ſeines kräftigen Wuchſes bewahrt, er hielt ſich ſtraff auf ſeinen ſchweren Füßen, und ſein geſchwächter Ober⸗ leib verbarg ſeine Kraftloſigkeit unter den geſchickten Lügen eines faſhionabeln Coſtums; aber bei jedem Schritte, den er that, bewegte ein ſchmerzhaftes Zucken ſein Geſicht, ſein Athem war kurz und keuchend, unter dem Meiſterwerk ſeiner falſchen Haartour bemerkte man hier und da einige weiße Haare, welche an den kahlen, gefurchten, bleifarben ſchim⸗ mernden Schädel hinliefen; ſeine Augen lagen matt unter den gerötheten Augenlidern. Man konnte ihn in gewiſſer Bezichung die Ruine einer kräftigen Organiſation nennen. Bisweilen, wenn der Zorn ſein Blut erwärmte und flüſſig machte, das verdickt in ſeinen Adern floß, fand er auf einen Augenblick ſeine ehemalige Kraft wieder, in der wilden Wuth ſeines Jähzorns konnte er noch etwas zer⸗ chmettern, ſei es nun ein Menſch oder ein Meubel. Aber dieſe unſinnigen Ausbrüche der Leidenſchaft mußte er bald und theuer bezahlen. Der Andrang des plötzlich mit Heftigkeit in dieſem verbrauchten, erſtarrten Körper zurück⸗ kehrenden Lebens warf ihn mit furchtbarer Gewalt darnieder. White- Manor ſank dann wie eine lebloſe Maſſe um, oder wenn der Anfall nicht ſo heftig war, verſtumpfte ſich ſein W. 2 26 Gehirn zu einem thieriſchen Zuſtande, der halb den Charak⸗ ter von Dummheit, halb den des Wahnfinns trug. Seine Zukunft, und das wußte er wohl, war zwiſchen dem drohenden Dilemma der Apoplexie oder der Narrheit feſtgeſtellt. Als der Graf, ſein Bruder, ſich immer auf den Arm Gilbert Paterſon's ſtützend, langſam hereinkam, ſtand Brian auf und verneigte ſich ceremoniell. Der Graf erwiederte den Gruß, indem er ſeinerſeits verſuchte, ſeinem Geſichte den Ausdruck herzlicher Gutmüthigkeit zu geben. Wie geſagt, die Rollen waren zwiſchen dieſen beiden Menſchen umgekehrt, die Furcht war der Theil des Mäch⸗ tigen, die Sicherheit der des Schwachen. Der Aeltere, das Haupt des Hauſes, der Beſitzer eines ungeheuren Vermögens hatte Furcht vor dem Jüngern, der nichts auf der Welt ſein nannte. Und noch dazu war das in England, wo die Hierarchie der Familie eine Wahrheit und Reichthum Thron, Scepter und Krone iſt. Einen Augenblick lang blieben die beiden Brüder un⸗ beweglich und betrachteten ſich ſchweigend. Lanceſter's Geſicht blieb kalt und ſtolz und das des Gra⸗ fen nahm eine immer unterwürfigere wohlwollendere Maske an, — aber man würde ſich ſehr ſtark geirrt haben, hätte man ihre gegenſeitigen Gedanken nach dieſen äußeren Shm⸗ ptomen beurtheilen wollien. In Lanceſters Herzen regte ſich Mitleid, ein und immer ſteigendes Mitleid. Der Graf von W 2 — —— . 27 nor war noch leidender als gewöhnlich, er trug auf ſeinem Antlitz die traurigen Spuren des letzten Anfalls, der ihn vorgeſtern Nachts in dem Zimmer Anna Mac⸗Farlane's im Lordscorner zu Boden geworfen hatte. Seine Augen, welche ſich bemühten, freundlich zu ſcheinen, behielten dennoch einen ſtarren und ſtumpfſinnigen Blick. Die ganze eine Hälfte ſeines Körpers ſchleppte ſich der Bewegung der Muskeln nicht gehorchend kraftlos nach, als ob ſie ſchon von einem Beginn der Paralyſie getroffen ſei. Brian konnte nicht ohne Schmerz die traurige Verän⸗ derung betrachten, welche mit ſeinem Bruder vorgegangen war, ſeit er ihn das letzte Mal nahe bei geſehen hatte, — und das war ſchon lange her. Die Zerſtörungen waren ſo offenbar, das Hinſchwinden zeigte ſich ſchon ſo deutlich, daß Brian eine Geberde des Mitgefühls nicht zurückhalten konnte. Die Stimme des Blutes, welche, während er vorhin allein die Ankunft des Lords erwartete, ſich ſchon in ſeinem Herzen geltend gemacht hatte, ſprach aufs Neue und noch kräftiger zu ihm. Einen Augenblick war er im Begriff, ſeinem Bru⸗ der die Arme entgegen zu breiten. Aber ein Blitz des Haſſes, welcher heimlich idie gut⸗ müthige Maske, die White⸗Manor über ſein Geſicht gelegt hatte, durchglitt, genügte, Lanceſter davon abzuhalten; er nahm ſeine Kälte wieder an und wartete. In der Seele des Grafen hätte man nichts finden können als tiefe Abneigung, den Wunſch nach Rache und unverſöhnlichen, unbegrenzten Haß. Auch er wurde peinlich 2 — „— von dem Anblicke ſeines Bruders getroffen; auch er empfand eine bittere Ueberraſchung, als er die Züge betrachtete, welche er ſeit Jahren nur von ferne geſehen, um ſie augenblicklich wie ein drohendes Schreckbild zu fliehen. Aber welcher Un⸗ terſchied zwiſchen ſeiner Ueberraſchung und der Brian's! Er hätte gern den letztern gealtert, erſtarrt, zerbrochen gefunden, ganz wie er ſelbſt, noch mehr als er! — Und er ſah ihn wieder, noch immer jung, noch immer ſtark, noch immer voll Leben und Fülle. Sprach dieſe Kraft und dieſes Leben nicht ſeiner Erſchöpfung Hohn? ſpottete dieſe Jugend nicht ſeines Hinwelkens? War es nicht von Seiten dieſes an Leib und Seele geſunden Menſchen die höchſte Beleidigung ſich ibm ſo gegenüberzuſtellen, der ein kranker, von Wahn⸗ finn bedrohter Menſch war. Das war wieder ein letzter Streich würdig aller an⸗ dern! Der hartnäckige Verfolger war da, um ſich an dem Todeskampfe ſeines Opfers zu erfreuen; der Erbe kam, um die Tage zuſammenzuzählen, die wenigen Tage, welche ihn noch von dem Beſitze unermeßlicher Reichthümer, der Schlöſ⸗ ſer White⸗Manor's, der Parke, der Weiher, der Forſte White⸗ Manor's, des Titels, des Namens und der Pairie White⸗ Manor's, welche ihn von allem dem nur noch trennten. Und keine Ausſicht gab es, ihm die Erbſchaft zu ent⸗ reißen, außer die, leben zu bleiben! Aber das Leben ſchwand hin, der Graf fühlte, was er auch dagegen thun mochte, ſich ins Grab gleiten; er ſah ſich hinſchwinden und heute be⸗ ——— — —— ——— 29 ſonders empfand er das, da er ſeine Schwäche mit der Kraft ſeines Bruders verglich. Brian ſtand vor ihm, kraftvoller als jemals. Er ſchien mit ſeiner eiſernen Geſundheit Parade zu machen, er brüſtete ſich mit ſeinem zierlichen feſten Wuchs, mit ſeiner herrlichen Bruſt und ſchien mit einem Worte zu ſagen: — Beeilen Sie ſich nicht, Mylord, mein Bruder, verſcheiden Sie ganz nach Bequemlichkeit und laſſen Sie ſich Zeit zum Sterben, ich kann warten. 6 White⸗Manor konnte dieſen verhaßten Gedanken nich hegen und zu gleicher Zeit ſich den Anſchein eines gaſtliche Wohlwollens geben, wie er es anfangs verſucht hatte. Sei Haß gewann die Oberhand und blitzte aus ſeinem Blicke, während ein bitteres Lächeln ſeine Lippen zittern machte. Wer nur die gewöhnlichen Geheimniſſe des menſchlichen Herzens kennt, wird die Unendlichkeit dieſes Haſſes begreifen. Brian hatte ihn angegriffen, Brian hatte ihn beſiegt und Brian war ſein Erbe. Dieſer nun hatte ſeine Kälte wieder angenommen. Er verfolgte mit einer Art verachtender Neugier die Anſtrengun⸗ gen, welche der Graf machte, um ſeine Maske heuchleriſchen Wohlwollens wieder vorzunehmen. Nach und nach verlor ſich dabei bis auf die Erinnerung daran ſein früheres Mit⸗ leid, und er empfand weiter nichts mehr in ſeinem Herzen als feindliche Gefühle. Auf dieſe Weiſe waren nach einigen Sekunden, die unter gegenſeitiger Beobachtung vergingen, und ohne daß ein Wort 30 dabei geſprochen wurde, die beiden Brüder wieder dahin ge⸗ langt, ſich mit den Augen zu meſſen, wie zwei Feinde, die eben im Begriffe ſind, ſich bei der Gurgel zu packen. White⸗Manor brach zuerſt das Schweigen. — Was wollen Sie von mir, mein Bruder? ſagte er mit ſüßlicher Stimme, welcher der Ausdruck ſeines Geſichtes energiſch widerſprach; — kommen Sie etwa, um die Fort⸗ ſchritte der Qualen zu beobachten, welche Sie mir zuziehen? — Ich bin ſehr krank, Brian, Sie müſſen zufrieden ſein. — Mylord, antwortete Lancaſter, ſich verneigend, — ich wollte mich nach dem Zuſtande der Geſundheit Eurer Herr⸗ lichkeit erkundigen . . Es thut mir ſehr leid, Sie krank zu finden . . . Was die Beſchuldigung anbetrifft, welche Sie gegen mich vorbringen, daß ich die Urſache Ihres Leidens ſei, ſo glaube ich, Ew. Herrlichkeit thun Ihrem früheren luſtigen Leben Unrecht, und verleihen mir eine Macht, welche ich nicht habe . — Die Viper, welche tödtet, Sir, iſt ſchwach und unbedeutend. Ein Kind kann ſie mit dem Fuße zertreten. Brian zuckte nicht mit den Augenwimpern, und der Graf, der dieſe ſeinem gehäſſigen Zorne entſchlüpfte Rede bedauerte, ſtotterte verlegen: — Ich wollte ſagen .. aber man hält ſich unter Brü⸗ dern nicht verpflichtet, ſeine Worte auf die Goldwage zu legen. — Ich bin ganz Ihrer Anſicht, Mylord, ſagte Laneeſter — 31 kalt. Unter Brüdern, die ſich lieben, kann man Alles ſagen. Ich bitte Ew. Herrlichkeit, ſich nicht zu geniren. White⸗Manor verſteckte ſeine Verwirrung hinter der ſchmerzlichen Geberde eines Kranken und gab Gilbert mit der Hand ein Zeichen, ihm einen Stuhl heranzuſetzen. — Wollen Sie ſich wieder niederlaſſen! ſagte er zu Brian. Ich bitte Sie für mich um die Erlaubniß, mich ſetzen zu dürfen . . . So, und nun, da es nur zu wahr iſt, daß wir uns gewöhnlich nicht ſehr oft ſehen, ſo bitte ich Sie noch einmal um den Zweck Ihres Beſuches. — Ich bin gekommen, um mit Ew. Herrlichkeit ohne Zeugen zu ſprechen, antwortete Brian ſich ſetzend, — und ich warte, bis man uns beide allein gelaſſen haben wird. — White⸗Mannor zauderte ſichtlich. Sein Blick ſchien aufs Neue einen Vergleich zu machen zwiſchen der Kraft ſeines Bruders und ſeiner eigenen Schwäche. Ein offenbarer Schreck malte ſich in ſeinen zerſtörten Zügen. — Beide allein? wiederholte er. — Gilbert Paterſon iſt ein würdiger Diener, mein Bruder; er verläßt mich ge⸗ wöhnlich niemals. — So? dann waren Sie alſo damals nicht fern, un⸗ terbrach ihn Brian, deſſen ruhige, freie Stimme auf keine Weiſe die Bitterkeit verrieth, welche ihm das Herz erfüllte, — an jenem Abende, wo Gilbert Paterſon, dieſer würdige Diener, Ihre Bedienten mit Peitſchen bewaffnet gegen den Sohn Ihres Vaters antrieb? . 32 — Das war eine ſehr bedauerliche Sache, Brian! ſtot⸗ ſerte der Graf, — Gilbert wurde ſtreng beſtraft ... — Aber er wurde nicht fortgejagt! — Moylord, Sie ſind der Herr in Ihrem Hauſe, und es würde mir ſchlecht anſtehen, Ihre Vorliebe für einen Diener zu tadeln, der . — Wiünſchen Sie, daß ich ihn fortjage? ſagte der Lord ſchnell. — Ob Sie einen ſo würdigen Diener fortjagen oder nicht, auf mein Wort, das iſt mir ziemlich gleichgültig! — Aber die Angelegenheit, welche mich herführt, iſt wichtig .. . ſehr wichtig .. für mich, Mylord, — und für Sie. Die Gegenwart dieſes Bedienten genirt mich. Der Graf dachte eine Minute nach; darauf ſtand er ohne Hülfe auf, ging nach der Thür und ſagte: — Gilbert, folge mir . . . Brian, ich bin gleich wieder bei Ihnen, und wir werden dann allein ſein. Einige Sekunden darauf erſchien der Graf in der That wieder; aber anſtatt ſich Brian gegenüber zu ſetzen, nahm er an dem Tiſche Platz, welcher mitten im Saale ſich be⸗ fand, und auf den reichen Teppich, der ihn bedeckte, legte er mit Abſichtlichkeit ein Paar Piſtolen. — Das beweiſt Ihnen, Brian, ſagte er mit dem kurzen freien Tone der Leute, welche ihren Entſchluß gefaßt haben, — das beweiſt Ihnen, daß wir ernſt und offen ſprechen werden. Ich haſſe Sie, das wiſſen Sie; ich habe Furcht vor Ihnen, und es iſt möglich, daß auch das Ihnen nicht unbekannt iſt. Ich halte Sie Alles fähig, und hier ſind „ 33 zwei Zeugen, die, wenn ſie auch ſtumm ſind, nichts deſto weniger den Dienſt Gilbert Paterſon's verrichten werden .. Jetzt laſſen Sie hören! Brian begann mitleidig zu lächeln. — O Mylord, ſagte er, Don Quirote kämpfte gegen Windmühlen mit Lanzenſtichen! Das war aber noch nicht ſo toll, als gegen mich mit Piſtolen kämpfen zu wollen!. Begreifen Sie denn nicht, welcher Vortheil es für mich ſein würde, von Ew. Herrlichkeit ermordet zu werden? — Nein, Sir, ich begreife nicht, antwortete der Graf mit düſterer Miene. Die Todten ſpotten nicht mehr. — Auf meine Ehre, das wäre ein noch beſſerer Streich, als wenn ich mich vor Ihrem Fenſter aufhängte . . Nein, nein, Mylord, Ihre Piſtolen retten Sie nicht vor meinen Angriffen, und Sie werden anderer Waffen bedürfen, um den Kampf auszuhalten, wenn Sie den Frieden nicht ein⸗ gehen, den ich Ihnen anbiete. — Wie? rief der Graf und gab ſich anſangs der Hoff⸗ nung hin, — Sie wollten Ihren unerbittlichen Verfolgungen ein Ende machen, Brian? — Ich werde Sie ſchonen, Mylord, mein Bruder, ant⸗ wortete dieſer, auf White⸗Manor ſeinen gleichgültigen und ſtolzen Blick werfend; — nehmen Sie an, wenn Sie wollen, daß Sie mein Mitleiden erregen; nehmen Sie an, daß die Stimme des Blutes geſprochen hat, daß ich es müde bin, einen Bruder zu verfolgen, müde, einen Feind zu ſchlagen der ſich nicht zu vertheidigen weiß, müde mit einem Worte, 2 * 5 * die Verachtung der Welt auf einen Mann herabzubeſchwören, der den verehrten Namen meines Vaters trägt .. . — O! . .. ſagte White⸗Manor, dem einige Zweifel wieder kamen, mißtrauiſch; — Sie haben eine ſehr rauhe Art, den Frieden anzubieten! — Das kommt daher, Mylord, weil Sie die äußerſten Grenzen des Elendes erreicht zu haben ſcheinen. Da ich nicht im Stande bin, Ihnen mit offenen Armen wie einem Bruder entgegenzukommen, ſo wandelt mich die Laune der Milde an. Sie ſind ſo tief gefallen! Sie ſchämen ſich ſo ſehr, Sie ſelbſt zu ſein! Sie haben Tagüber ſo viel 3 Furcht, um ſich herum das laute Geſchrei der Welt zu hören, ſ das meine Stimme beſänftigt oder hervorruft, und dieſe Meinung der Welt, dieſes Geſchwätz ſummt Ihnen ſo ſpöt⸗ . 3 tiſch, ſo bitter, ſo ſchneidend Nachts, während der Schlaf Sie jlieht, um die Ohren! . .. Ich bin kein Henker, und heute gefällt es mir, Ihrer Folter ein Ziel zu ſetzen. White⸗Manor war purpurroth. Jedes dieſer Worte fiel wie ein Keulenſchlag auf ſeinen Stolz; dieſes verächtliche Mitleid ſchmetterte ihn nieder. Einen Augenblick lang ſtieg ihm der Zorn ſo mächtig zu Kopfe, daß ſeine Hand ſich unwillkührlich bewegte, während ſein Blick begehrlich nach den Piſtolen hinſah. Brian ſeinerſeits glaubte wahrſcheinlich genug geſagt zu haben, denn er hutte ein Album genommen und blätterte zerſtreut darin. In dieſem Augenblicke war er wieder der Mann geworden, —— 2½ 35 wie wir ibn zu Anfang dieſer Erzählung vorgeführt haben, der kalte, herzloſe Mann, welcher das engliſche Phlegma im höchſten Grade beſaß und auf die Spitze trieb, äußerlich wenigſtens. Kein Gedanke der Liebe war in ihm, um dieſe Rinde von Eis zu ſchmelzen. Es war jener Brian, der furchtbare Verfolger, der ſich aus Allem eine Waffe machte und unaufhörlich damit ſchlug, Brian, der Eccentric⸗man, der auf ertravaganten Wegen einem ernſten Ziele zuging, Brian, der arm und ohne Privilegien einen Pair des König⸗ reiches unter ſeine Füße getreten hatte, der gegen alle An⸗ griffe durch eine Menge politiſcher Geſetze geſchützt war und außerdem ſo reich, daß ſchon ſein Gold bei uns, wo das Gold ein Zauberſchild iſt, ihn hätte unverwundbar machen müſſen. Der Zorn White⸗Manors legte ſich und ebbete gewiſſer Maßen vor dieſem fiegeriſchen Phlegma zurück. Es ſchien ihm unmöglich, dieſen Menſchen anzugreifen, der nicht ein⸗ mal vorausſetzte, daß man ihn angreifen könne, der es verachtete, den Bewegungen eines bewaffneten Feindes zu folgen, und ſeine Aufmerkſamkeit nichts ſagenden Bildern ſchenkte. Die Piſtolen blieben auf dem Tiſche, und der Graf bemühte ſich, Faſſung anzunehmen. — Alſo, erwiederte er nach einer Pauſe, — Beleidigen Sie mich heute blos noch aus Gewohnheit und zim letzten Male 3 — Sie irren, Mhlord, antwortete Lanceſtet, der das * Album eiwas entfernt hielt, um den Effekt eines Croquis beſſer zu beurtheilen; — ich inſultire Ew. Herrlichkeit nicht. Ich ſetzte bloß den äußerſt traurigen Zuſtand aus einander, in welchen ich Sie verſetzt ſehe. — Sie machen es mit einem Worte wie die Kaufleute, welche eine Waare herabwürdigen, um ſie für einen niedri⸗ geren Preis zu bekommen. — Nicht ganz und gar .. der Handel ſcheint mir keinen Stoff zu einer paſſenden Vergleichung darzubieten .. Ich, Mylord, würdige herab, um einen höheren Preis zu bekommen. — Es iſt alſo ein ſchamloſer Handel, den Sie mir vorſchlagen wollen? — Es iſt eine Kapitulation, Mylord .. Ihre Ahnen und die meinigen ranzionnirten ihre Kriegsgefangenen. — Und iſt es mir erlaubt, Sir, Ihnen das Gegenſtück dieſes mit ſo düſteren und geſchickten Farben gemalten Bil⸗ des zu zeigen? — Ganz gewiß, antwortete Brian, machte ſein Album zu und machte Miene zur Aufmerkſamkeit. Es iſt wirklich von Ihnen ſehr herablaſſend, erwie⸗ Graf und verſuchte nnn auch zu ſpotten. — Ich pin inglücklich, Sir, das iſt wahr, ſehr unglücklich dura Anſtiften; aber Sie, der Sie ſo ſtolz ſprechen, mein denn in einer beſſern Lage zu ſein? Je mehr Sie n end ſchildern, je mehr verrathen Sie die Tiefe Ihres eig endes, — denn der Neid iſt ein Geſtändniß, 5 — 4 3 6 —— noch lange genug leben, um Ihre Geduld zu prüfen, und 37 eine Huldigung! — und Sie ſind neidiſch auf mich. Sie ſind arm. Sie, deſſen Verſchwendung genügen würde, um ein königliches Vermögen durchzubringen, beſitzen nicht einen Farthing . . . Ich, Sir, bin Pair des Königreiches und Millionär .. . Ich verſtehe Sie und errathe, glauben Sie es mir, den Gegenſtand Ihres Beſuches. — Sie finden, daß ich zu lang lebe! . .. Aber bei Gott, mein Bruder, ich werde Sie handeln als ein kluger Mann, daß Sie zu mir kommen, um Frieden zu machen, wie Sie ſagen, und Mittel zu finden, um die traurige Exiſtenz von Hunger und Schulden zu enden, welche ſeit langer Zeit die Ihrige iſt .. Blos wäre es Ihrerſeits klüger zu bitten als zu drohen. Brian antwortete nicht ſogleich, als ob er dem Grafen Zeit laſſen wollte, ſeine Rede noch zu verlängern. — Mylord, entgegnete er endlich, — es iſt in dem Allem ein wenig Wahrheit und ſehr viele Irrthümer. Ich vin arm und denke nicht daran, es zu läugnen; aber die Zeit der Schulden iſt für mich vorbei: ich habe keinen Kre⸗ dit mehr. — Nein, Mylord, ich verſtehe nichts zu arbeiten. — Und doch leben Sie .. — Zum großen Mißvergnügen Ew. Herrlichkeit, das iſt wahr. Aber ich leihe nicht, man gibt mir Almoſen. — Wie? rief White⸗Manor, auf ſeinem Seſſel zu⸗ — Wollen Sie mich glauben machen, daß Sie von Ihrer Hände Arbeit leben? fragte White⸗Manor ſarkaſtiſch. ſammenfahrend, — hätten Sie die Narrheit ſo weit getrie⸗ ben? Hätten Sie den Namen, den Sie tragen, ſo geſchän⸗ det, daß Sie bettelten? .. — Mylord, unterbrach Brian, — ich möchte Ew. Herrlichkeit darauf aufmerkſam machen, daß die Bettelei ſehr ſtreng verboten iſt, ſogar den jüngeren Brüdern der Mit⸗ glieder des Oberhauſes, zu deren Gunſten meiner Anſicht nach Menſchlichkeit und Einſicht eine Ausnahme fordern ſoll Ich erhalte Almoſen, aber fordere es nicht .. Aber finden Sie nicht auch, daß es ſchon der Worte zu viel ſind? Alſo zur Sache! Aus dieſem oder jenem Grunde biete ich Ihnen Frieden an; wollen Sie ihn? — Es kommt auf den Preis an, welchen Sie haben wollen. — Den Preis? .. wiederholte Brian. Er zauderte. Augenſcheinlich traf ihn dieſe Frage un⸗ vorbereitet. — Wie viel brauchen Sie, Sir? fragte der Graf. — WMylord, antwortete endlich Brian mit langſamer ernſter Stimme, — ich weiß nicht genau, wie viel ich brauche . . . aber ich brauche viel .. . Ich brauche die Er⸗ laubniß, aus der Kaſſe Ew. Herrlichkeit nehmen zu können .. ſo viel es mir beliebt, Mylord! Drittes Kapitel. Erbarmen, mein Bruder! Bei dieſer übertriebenen Forderung blieb der Graf einen Augenblick wie verſteinert. Er ſah ſeinem Bruder in's Geſicht, als ob er in demſelben eine vernünftige Erklärung dieſer ſeltſamen Worte ſuche. Dieſe Forſchung konnte indeß nicht genügen, denn Brian's ruhige und entſchloſſene Züge gaben ſeinem Vorſchlage eine ganze ernſte Bedeutung. — Alſo verlangen Sie mein ganzes Vermögen, Sir! rief endlich der Graf mehr erſtaunt als zornig aus; — es iſt doch nicht möglich, daß Sie mich dazu zu bewegen hoffen. — MWylord, allerdings iſt es Ihr ganzes Vermögen, antwortete Brian; — aber es iſt möglich, das müſſen Sie bedenken, daß ich mich mit einem Viertel . . . mit der Hälſte oder Gott weiß wieviel begnüge .. . Was die Boffnung anbetrifft, welche Ew. Herrlichkeit für unmöglich hält, ſo habe ich, auf mein Wort, niemals eine reellere, beſſer begründete gehegt .. Er hielt inne und verſetzte ſogleich darauf mit einfachem, gemäßigtem, aber feſtem Tone: — Sie müſſen nicht etwa glauben, Mylord, daß ich hier mit Ihnen den Diplomaten ſpiele, daß ich noch mit einem nachträglichen Mittel komme, daß ich noch hinter mir ein ſiegreiches Wort habe, mit deſſen Hülfe ich Ew. Herr⸗ lichkeit ſpornen und blindlings ſpringen laſſen könnte .. Wenn ich ein Mann wäre, der ſolche Mittel nicht verachtet, ſo könnte ich auch vielleicht auf dieſem Gebiete noch die Schlacht fortführen, — denn ich kenne Ihre Vergangenheit, Mylord, mein Bruder, viel beſſer als Sie denken .. Meine Vergangenheit, unterbrach ihn der Graf, — iſt die eines Edelmannes und vergeblich werden Sie mich durch leere Drohungen zu ſchrecken ſuchen. Ich fürchte mich nicht vor der Enthüllung meines Lebens . — O, doch, Mylord, ſagte Brian, — Sie fürchten ſie, — und Sie haben Recht, ſie zu fürchten, wenn ſie nicht ver⸗ geſſen haben, daß Ew. Herrlichkeit eine Frau und eine Toch⸗ ter haben, — eine Frau, deren ſchmachvolles Dulderthum die Welt vergeſſen hat, eine Tochter, deren geheimnißvollem Geſchick, mag ſie todt ſein oder noch leben, Gottes Auge allein hat folgen können. — Wagen Sie zu vermuthen? rief der Graf. — Gewiß, ich vermuthe nichts Gutes, Mylord! Aber —h — 41 laſſen wir das. Noch einmal, ich habe Nichts im Hinter⸗ halte, um Ihnen damit zu drohen. Meine Waffen ſind an⸗ dere und minder banale .. Wahrhaftig, das hieße, Ihnen die Partie zu leicht machen, wenn ich ſie auf dieſes Gebiet führen wollte! — Sie ſind reich genug, um auch den Augenſchein Lügen zu ſtrafen, und Sie würden vielleicht die Lacher auf Ihrer Seite haben .. Nein, nein! .. Keine Beſchuldigungen! das iſt elend, iſt gemein! Die Welt ruft mir unter der Bedingung Beifall zu, daß ich dieſen Zweikampf zur Entwickelung führe, ohne zu zucken und das kalte Blut zu verlieren .. . Ich bin nicht ein Advokat, MWylord, ich bin ein Gladiator. White⸗Manor folgte mit Spannung und Anſtrengung dieſer ſeltſamen Rede, deren Sinn größtentheils ſeinem ſtum⸗ pfen Verſtande entging. Er erwartete einen Schluß, einen direkten Angriff und bemühte ſich, ſich zum Pariren bereit zu halten. Aber Brian ließ ſeinen Gedanken den Lauf ſeiner phantaſtiſchen Logik nehmen. Während der Graf ſich bemühte; ſeine letzten Worte ſich zu erklären, änderte er plötz⸗ lich den Gegenſtand. — Man hat mir heute, verſetzte er, eine ſeltſame und rührende Geſchichte erzählt. Einen Augenblick, denken Sie ſich, Mylord, habe ich ſeltſame Aehnlichkeit zwiſchen dieſen Ereigniſſen, einem armen verlaſſenen Mädchen und gewiſſen Notizen zu finden geglaubt, welche ich über das Privatleben Ew. Herrlichkeit beſitze . . Verhüte Gott! fügte er plötzlich bewegt hinzu, — daß es ſo ſei, wie ich einen 42 Augenblick geargwöhnt habe .. Haben Sie ein Bildniß der Gräfin White⸗Manyr hier, Godfroy? — Warum dieſe Frage? — Es iſt eine thörichte Frage, Mylord, antwortete Lan⸗ ceſter lächelnd; — ſeit acht Tagen, ſehen Sie, glaube ich, daß ich wieder Kind werde. Ich habe wenigſtens fünfzehn Jahre; meine Ideen gruppiren ſich ſo ſeltſam, daß ſie un⸗ wahrſcheinliche Träume bilden; in meinem Gehirne ſpukt ein Roman und meine Hoffnungen nähern ſich dem Feen⸗ glauben . weil dieſes junge Mädchen den Händen eines Elenden anvertraut wurde .. — Welches junge Mädchen? ſagte White⸗Manor un⸗ willkürlich. Brian ſah ſeinem Bruder in's Geſicht und rurzelte zornig die Stirn. — Wenn ich es glaubte hob er ingrimmig an. Aber er ſprach nicht aus und verſetzte mit kaltem Tone: — Ein junges Mädchen, das ich ſuche, Mylord, ein junges Mädchen, das ich liebe, das man mir entführt hat, ein junges Mädchen, das Ew. Herrlichkeit mir helfen ſoll, wieder zu finden. — Würden Sie nicht, Sir, ſagte der Graf in übler Laune, — für geeigneter halten, anders mit mir zu ſprechen als in Parabeln? Ich bin zu leidend, als daß ich lange an Ihren Räthſeln herum rathen könnte. — Ich bitte Sie, mich entſchuldigen zu wollen, Mylord, entgegnete Lanceſter ſich verneigend. — Kommen wir zur 43 Sache, da es Ew. Herrlichkeit wünſchen. Ich ſagte Ihnen, glaube ich, daß ich nicht mit den gewöhnlichen Waffen der Er⸗ örterungen vor Sie träte. Ich will noch weiter gehen. Ich füge hinzu, daß ich hier zu Ihnen gekommen bin, ohne genau zu wiſſen, was ich von Ihnen fordern würde. — So daß alſo Ihre Forderung von vorhin eine Impro⸗ viſation iſt! unterbrach ihn der Graf. Ich fordere Sie auf, mein Bruder, ſie noch etwas reiflicher zu erwägen, ihr eine Form zu geben, ſie zum Beiſpiel — das iſt der Rath eines Freundes, — auf ein oder zwei Tauſend Pfund zu reduciren. — Ich ſagte Ihnen außerdem, fuhr Brian fort, als ob er es verachte, von dieſer Unterbrechung Rechenſchaft zu geben; — daß ich um zu meinem Ziele zu gelangen, meinen gewöhnlichen Weg verfolgen würde, ohne mich zu den er⸗ bärmlichen Mitteln herabzulaſſen, zu denen die Helden der Tragödie ihre Zuflucht nehmen. Ich verachte boshafte Reden faſt ebenſo, mein Bruder, als Gift und Dolch. — Kurz und gut, ich verlange ein in aller Ordnung abgefaßtes Document, das mir erlaubt, auf die Kaſſe Ew. Herrlichkeit nach Wohl⸗ gefallen anzuweiſen. — Sie bleiben dabei? .. — Ich bleibe dabei, Mylord. Ich habe es durchaus nöthig. White⸗Manor mußte ſich die äußerſte Gewalt anthun, um nicht dieſe Unterredung gewaltſam abzubrechen, aber die Furcht, welche ihm Brian einflößte, hielt ſeinem Zorne das Gegengewicht. Er wollte ſelbſt auf dieſe unpaſſende Eröff⸗ nung hin, eine Unterhandlung verſuchen. . — Ich ſollte mit den Achſeln zucken, Sir, und ſchweigen, denn es iſt wahre Narrheit, Ihren Worten eine ernſthafte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Aber die Sache iſt pikant und ich bitte Sie, ſagen Sie mir, was Sie mit meinem Ver⸗ mögen machen wollen? — Ich brauche es für jenes junge Mädchen, Mylord! antwortete Brian ganz einfach. — Und Sie meinen, daß ich mich einer Unbekannten wegen berauben werde? — Ich rechne ſehr beſtimmt darauf, Mylord! White⸗Manor fuhr auf ſeinem Seſſel hin und her, einem Zorne zum Raube, der ſeine ſehr komiſche Seite hatte. Für ihn war Brian unverwundbar, ſelbſt bei dieſer Unter⸗ redung, welche doch keine ſpöttiſche Menge umgab, um dem 3 einen der Sprecher zu applaudiren und den anderen unbarm⸗ herzig zu verhöhnen. Brian war unverwundbar, weil er ſeine ertravagante Forderung vorbrachte, blos auf ſeinen Willen ſie ſtützend und nicht auf Argumente, die man zur Noth beſtreiten oder beſeitigen konnte. White⸗Manor, der feſt entſchloſſen war, in den unmäßigen Credit nicht zu willigen, der von ihm gefordert wurde, mußte ohne Antwort bleiben, ſobald er ſeine Weigerung erſt einmal ausgeſprochen, der einzige Weg, der ihm offen blieb, um dieſem lächerlichen Conflikte ein Ende zu machen, war der, auf die Thür zu . weiſen und des ſtrengen Rechtes ſich zu bedienen, das jeder Menſch hat, in ſeinem Hauſe ungeſchoren zu bleiben, aber 3 — 45 White⸗Manor hütete ſich wohl. Dieſer ſeltſamen Situation lag ein wirkliches Element des Schreckens zum Grunde und die bürgerlichen Mittel waren einem Läſtigen gegenüber, wie Brian, nicht gut anzuwenden. Außerdem wußte der Graf trotz ſeinem ſtärkſten Beſtreben ſtark zu bleihen, doch nicht, ob er am Ende ſich nicht werde beugen müſſen. Er kannte den Grund von Brian's Gedanken nicht und befand ſich in der Lage eines Mannes, der, mit gebundenen Händen einem unverſöhnlichen Feinde gegenüber, denſelben um ſich herum⸗ gehen, lächeln und tanzen ſieht, wie es die Wilden um den Scheiterhaufen ihrer Gefangenen machen, ohne daß er er⸗ rathen konnte, von welcher Seite der tödtliche Streich kom⸗ men werde, ohne ſich vertheidigen, ausweichen oder ſich vor⸗ ſehen zu können. Brian konnte die Verwegenheit bis zur Thorheit treiben, aber in ſeinen Wagniſſen lag immer Ueberlegung und ſo plötzlich auch ſeine Einfälle waren, eine ſchnelle tiefe Be⸗ rechnung ging ihnen ſtets vorher. Diejenigen, welche bei allen Dingen nur die Oberfläche der Dinge bemerken, die Leute mit kurzem Geſichte, die man mit einem Worte die Welt nennt, waren nahe daran zu denken, daß Brian, durch ſeine Laune des Haſſes blind gemacht, wie ein gereiztes Kind nur aufs Gerathewohl hin ſchlage. Aber hier, wie ſo häufig, täuſchte ſich die Welt. Brian hatte ſeit Beginn des Krieges eine Taktik und ein Ziel: eine ſeltſame aber wunderbare ge⸗ ſchickte Taktik, ein fernes, vielleicht unerreichbares, aber unauf⸗ hörlich, nicht aus den Augen gelaſſenes Ziel. Sein Feind war nun nicht mehr ſein Bruder allein, ſondern ſein Bruder und das Recht der Erſtgeburt. Indeſſen hatten jetzt Lanceſters Gedanken ganz eine Um⸗ ſinmung erfahren. Die Liebe gab den Theil Egoismus zu, welchen dies Gefühl überall und ſtets mit ſich bringt. Zu der Stunde, von welcher wir ſprechen, war Brian nicht mehr der Kämpfer für eine Idee, jetzt am Ende des Kampfes wollte er auch noch die feindlichen Waffen dem Gegner entrauben und der Triumph allein regte nicht mehr ſeine Begierden auf. Vielmehr war er ſo weit gekommen, ſeinen zu ranzionniren. Aber dieſe Veränderung des Zweckes deh keine Wir⸗ kung auf die Mittel, dieſe blieben dieſelben und ſeine nahm nicht ab. — Mylord, ſagte er, mit jener ſentimentalen Gelaſſen⸗ heit der Leute, welche gewohnt ſind, Andere lächerlich zu machen, es aber nie ſelbſt zu werden, — ich bitte Sie um Verzeihung, meiner Schwäche wegen: ich bin verliebt .. Lächeln Sie nicht? . Deſto beſſer! Ich erwartete, Sie lächeln zu ſehen! ... Ich bin verliebt, wie man es nur einmal in ſeinem Leben iſt, ſo ſehr verliebt, daß ich dieſer Liebe Alles zu opfern im Stande bin, — Alles, Mylord, ſogar den Zweck meines ganzen Lebens. White⸗Manor antwortete nicht, aber ſein Geſicht wurde anſcheinend ruhiger, eine Hoffnung fuhr ihm durch den Sinn. Der Panzer eines Herzens, das liebt, hat viele ſchwache Stellen. White⸗Manor wurde aufmerkſamer und ſein er⸗ 47 Iſtorbenes Auge blitzte heimlich in feindſeligem und hinter⸗ liſtigem Glanze auf. Lanceſter dachte nicht daran, ihn zu überwachen. — Die hervorgerufene Erinnerung ſeiner ganz neuen Liebe, an welche ſein Herz ſich noch nicht gewöhnen konnte, miſchte Freude und Wehmuth in den energiſchen Ausdruck ſeiner Züge, die Hinderniſſe und die Gefahr verſchwanden für ihn in dieſem Augenblicke, ſo feſt hoffte er die erſteren zu be⸗ ſeitigen und die letzteren zu beſchwören. Er lächelte ſanft, als das Bild der abweſenden Suſanna ihm vorſchwebte und berückſichtigte die Gegenwart ſeines Bruders faſt gar nicht. — O ja, ich liebe ſie, murmelte er mit einem ſolchen Aufſchwung der Leidenſchaft, daß White⸗Manor ſeine Lorgnette erhob, um ihn beſſer zu betrachten. — Zum erſten Male habe ich gefühlt, was Leben heißt, da ich ihr erſtes Lächeln einſog. Der Ton ihrer Stimme hat in einem unbekannten Winkel meines Herzens eine bisher ſtumme Saite erzittern gemacht. Sie hat mir enthüllt, wie viel Freuden der Kenſch hinieden hoffen kann, Freuden, die ich vorher, noch blind und elend, wie ich war, verachtete! — Ja, Mylord, das iſt wahr, meine Zukunft leuchtet mir jetzt jenſeits einiger Tage Prüfung und Qual. Ich hoffe, o ich hoffe ſtark, ich habe Glauben zu Gott, meine Seele verjüngt und verklärt ſich wiſſen Sie wohl, Mylord, vaß ich fähig bin, Sie nicht mehr zu haſſen? — Sie müſſen in der That ſehr lieben, ſagte White⸗ Manor kalt. 3 4 V — Sehr! wiederholte Lanceſter, als wenn er das Wort ungenügend und ſchwach finde; — o viel mehr, Godefrey! — Wußte ich geſtern ſchon, daß man nur den vierten Theil ſo ſtark als ich lieben könne? ... Sch liebe mit Bedacht, mit Willen und würde wider meinen Willen lieben, wenn der Wille ſich gegen das Gefühl auflehnte. Ich liebe .. . aber verſtehen Sie mich? Bei dieſer plötzlichen Frage erheiterten ſich die Züge des Grafen zu einer ſpöttiſchen und rohen Luſtigkeit. — Ja Sir, ja wohl, Sir, antwortete er, — und nie⸗ mals, bei meiner Seele, iſt mir ein Liebesbekenntniß ange⸗ nehmer geweſen . ſo ſehr alſo lieben Sie, Sir? Der heuchleriſch zurückgehaltene Ton White⸗Manor's änderte ſich plötzlich, bevor Brian antworten konnte. Er fuhr losbrechend fort: — Und Sie wollen mir unverſchämte Bedingungen aufzwingen, mein Vermögen von mir verlangen und was weiß ich noch? Sie kommen mit der Drohung im Munde wie ein Straßenräuber und ſagen zu mir: gib her oder ich ſchlage zu .. und ſo ſehr lieben Sie alſo? Brian hatte ſich nach dem Lord umgewandt und betrachtete ihn noch immer ruhig, obwohl er einen heftigen Angriff voraus ahnete. — Aber, verſetzte der Graf wieder und vermochte vor Zorn und Freude nur zu ſtammeln, — wiſſen Sie denn nicht, daß meine Sklaverei aufhört! ... Merken Sie nicht, 49 daß unſere Rollen ausgetauſcht werden, daß ich ſtark bin und Sie ſchwach! o Sie lieben, Sie lieben! Das Blut ſtieg dem Grafen zu Kopfe, ſeine Stimme wurde unſicher, ſeine dicken Lippen zitterten konvulſiviſch, Brian ſah ihm ſchweigend zu. * — Unvorſichtiger, der Sie find, fuhr White⸗Manor fort, nahm ſeine Piſtolen von dem Tiſche und zog ſie laut knackend auf; — daß Sie mir das geſagt haben. — Wiſſen Sie wohl, ich hätte Demjenigen tauſend Guineen aen, der mir dieſe Nachricht mitgetheilt hätte . . wenn man ſo ſehr liebt, Sir, hat man Furcht zu ſterben, — und bei Gott, die Piſtolen werden eine Waffe, deren man ſich doch jetzt gegen Sie bedienen kann! Brian machte eine Geberde der Verachtung richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf, als ob er dem Schuß ſeines Bruders ein breiteres, ſicheres Ziel geben wolle. — Mylord, ſagte er, — auf dieſe Art zu unterhandeln, ſchickt ſich nicht unter Gentlemens, und Ihr Benehmen be⸗ ſtimmt mich, den Ausgang dieſer Unterredung ſchneller her⸗ 8 —— — beizuführen .. . wollen Sie, ja oder nein, die Verpflichtung unterzeichnen, welche ich von Ew. Herrlichkeit verlange? — Nein, tauſendmal nein! rief der Graf, — ich will, daß Sie, von meinen Bedienten hinausgeführt, mein Haus verlaſſen, will, daß Sie augenblicklich über dieſe Schwelle gehen, welche wieder zu betreten, ich Ihnen auf immer ver⸗ biete .ich jage Sie hinaus .. und indem ich von dem Rechte jedes Engländers Gebrauch mache, deſſen Wohnung IV. 3 50 durch einen Spion oder Dieb verletzt wird, ſo drohe ich Ihnen, wenn Sie nicht augenblicklich hinausgehen, Sie todt zu Boden zu werfen. — uUnd ich, ich fordere Sie heraus, Ihre Drohung auszuführen, ſagte Lanceſter, kreuzte die Arme über die Bruſt und näherte ſich ſeinem Bruder langſam, indem er ihn mit kalten, ſtarren Blicken anſah. Der Graf hob beide Piſtolen zu gleicher Zeit in die Höhe. Brian war nur noch drei Schritte von ihm entfernt, die apoplektiſchen Mienen White⸗Manors drückten eine wilde Luſt zum Tödten aus, die von der Furcht im Schach gehalten wurde. — Treten Sie nicht weiter vor! Nicht weiter, ſagte er mit erſtickter Stimme. Brian nahm von dem drohenden Befehle keine Notiz, that noch die drei Schritte und legte ſeine Hand gewichtig auf die Schulter ſeines Bruders, der gebändigt in ſeinen Seſſel zurückfiel. — Sie werden gleich ſehen können, Mylord, ſagte Lanceſter mit einfachem und von Traurigkeit angehauchtem Tone; — Sie werden gleich ſehen, ob ich mich zu ſterben fürchte. Was ich eben gethan habe, kann noch kein Beweis ſein, denn ich wußte, daß Sie es nicht wagen würden! .. Er nahm aus den Händen ſeines Bruders, der keinen Widerſtand entgegenſetzte, die beiden Piſtolen, eine nach der andern, ſetzte den Hahn in Ruhe und warf ſie dann auf den Teppich. 51 White⸗Manor war bleich und zitterte, ſeine Augen, aus denen jetzt der vorige Blutandrang zurückgewichen war, hatten ihre röthlichen Reflere verloren und behielten weiter nichts, als ihre entſetzliche Starrheit. — Mylord, verſetzte Lanceſter, — Sie haben Sich wunderbar getäuſcht, dieſe Liebe, deren Kunde Sie eben ſo freudig entgegen genommen, war das größte Unglück, was Sie nur befürchten konnten. Ich allein würde ohne Zweifel fortgefahren haben, in Ihnen den Repräſentanten eines ver⸗ haßten, ungerechten, unnatürlichen Princips zu verfolgen; aber ich würde mich nicht beeilt haben. Heute aber, wo ich nicht mehr allein ſtehe, werde ich dringend und unerträglich .. Zwiſchen Ew. Herrlichkeit und mir gibt es weder Mitleid noch Waffenſtillſtand; ich will reich ſein und zwar reich zu Millionen . . ich will es! — Sie wollen es! .. wiederholte White⸗Manor mit ohnmächtiger Wuth. — Ich will es! Es folgte ein Augenblick des Schweigens nach dieſem Worte, das Brian ſo voller gebieteriſcher Autorität und un⸗ zweifelhaften Bewußtſein ausgeſprochen hatte, daß der Graf den Kopf ſenkte und unverſtändliche Weigerungen ſtotterte. — uUnd mußte ich nicht, Mylord? verſetzte Lanceſter nach einigen Sekunden; — ſoll ſie, da ſie die beſte, ſchönſte und frömmſte iſt, nicht auch die glänzendſte, beneidetſte und glücklichſte ſein? .0 glauben Sie nicht, daß alle Ihr Gold genügen könne, mich ihrer würdig zu machen! .. wenn ich 3 * 52 es von Ihnen verlange, ſo geſchieht es nur darum, daß kein Glanz ihr mangele, daß ſie gleichen Schritt gehe in Stellung und Vermögen mit all' den Weibern, über welche Gott ihr ſo unendliche Ueberlegenheit gegeben hat .. My⸗ lord, wir ſind die Söhne deſſelben Vaters. Sie haben eine Zeitlang ohne Theilung das gemeinſchaftliche Vermögen genoſſen, jetzt kommt die Reihe an mich. — Die Geſetze find für mich, ſtammelte der Graf, der von ernſthaften Befürchtungen ergriffen wurde, — die Geſetze werden mich beſchützen — Nein, Mylord, zwiſchen uns Beiden haben die Geſetze nichts zu ſchaffen .. meinen Sie denn, daß ich die Abſicht habe, Gewalt gegen Ew. Herrlichkeit zu gebrau⸗ chen? .. . Pfui, Godfrey, das wäre traurig, die Geſetze würden dann in der That interveniren und Sie mit ihrem blinden Schilde decken .. . Sind ſie etwa nicht dazu ge⸗ macht? . . Wir ſind zwei Brüder, der eine von uns iſt durch das Laſter geſchwächt; Ausſchweifungen aller Art haben ſeinen Körper und ſeinen Geiſt gelähmt, er iſt ein elendes Weſen ohne Glauben, ohne Herz, verworfen durch ſeine Ver⸗ gangenheit und trägt den Reſt eines Lebens, das Andern wie ihm ſelbſt zur Laſt fällt, nur unter Flüchen .. dieſer iſt Pair von England. — Der andere iſt jung, ſtark, be⸗ währt, ohne Vorwurf, aber bei dem Gaſtmahle der politiſchen Privilegien war nur für eine Perſon Platz, deshalb iſt er nichts. Mit welchem Rechte, nicht wahr? könnte er im Sinne haben, ſich dagegen aufzulehnen, oder nur zu beklagen? „. 53 D ja, Sie haben Recht: das Geſetz gibt Acht auf ihn, das Geſetz wird ihn zerſchmettert in ſein Nichts zurückwerfen, wenn er verſucht, ſich zu erheben, das Geſetz wird ſeinen Schrei erſticken, wenn er den Mund öffnet. Das Geſetz iſt für ſie, die ſie es gemacht haben, das Geſetz iſt allmächtig .. aber Sie wiſſen es nur zu gut, Mylord, ich meines Theils klage nicht; greife auch nicht an, ich habe meine Art zu handeln und dieſe bleibt ſtets in den Grenzen der peinlichſten Geſetzlichkeit zum Beiſpiel, Ew. Herrlichkeit wird meiner Anſicht ſein: ich kenne kein Geſetz, das einem Engländer ver⸗ bietet, das Fenſter zu öffnen und ſich den Schädel am Straßen⸗ pflaſter zu zerſchmettern. Der Graf betrachtete ſeinen Bruder mit ſtumpffinniger Miene; dieſer ging auf das Fenſter zu. — Sie wird ſterben, wenn ich ſterbe, fuhr er langſam fort und ohne ſich an ſeinen Bruder zu richten. — Ich habe es überlegt. Nein, o nein, ich will ſie nicht an mein Leben, das ein Leben der Armuth und Dunkelheit iſt, feſſeln .. . und wenn ich ſie auch durch meine eigenen Kräfte wiederfinden könnte, bedürfte ich auch keines Goldes, um ſie den Händen ihrer geheimnißvollen Entführer zu entreißen, ſo brauchte ich doch die Millionen, welche dieſer Menſch mir geſtohlen hat, denn ich müßte ſie ſchmücken wie ein Heiligen⸗ bild und ſie der Welt ſo ſtrahlend zeigen, daß dieſe geblendet ihr Haupt neigte und ſie anbetete .. . Mylord, fuhr er ganz laut fort, — hier unter dieſem Fenſter befinden ſich eine Menge Menſchen .. . Hören Sie wohl? § N 1 54 In der That war großer Lärm in Portland-Place. Dichte Haufen von Menſchen bedeckten die Trottoirs und unterhielten ſich von der Neuigkeit des Tages, — dem Mord⸗ verſuche in Kew auf die Perſon Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzeſſin Alexandrine Victoria von Kent. Lanceſter griff an die Feder des Fenſterrahmens. — Es iſt eine neugierige Menge, Mylord, verſetzte Lanceſter, — hören Sie wohl, wie eifrig, geſchwätzig, verworren die Stimmen ſich miſchen? ... Wir hätten kein zahlreicheres und paſſenderes Publikum wählen können für unſere letzte Komödie. — In des Himmels Namen, was wollen Sie thun? fragte der Graf halb aufſtehend. — Bleiben Sie ſitzen, Mylord. — Ich habe es Ihnen geſagt: ich will ſie reich und glücklich haben außerdem wiſſen Sie nicht, daß dieſes junge Mädchen, welches ich bis zur Vergötterung liebe, mir vor einer Stunde entführt wor⸗ den iſt, entführt durch furchtbare und mächtige Menſchen .. ja, ich muß ſie für mächtig halten .. Ihr Gold, — mein Gold, Godfrey, denn ſeit fünfzehn Jahren haben Sie Ihren Theil des Lanceſterſchen Erbes verzehrt, mein Gold würde mir dazu gedient haben, ſie erſt zu retten und ihr dann ein Paradies auf Erden zu ſchaffen .. . Sie weigern es mir, ich will ſie rächen. Brian drückte an der Feder des innern Rahmen des Fenſters, es ſtieg kreiſchend in die Höhe und ließ eine breite 55 Heffnung frei, durch welche der Lärm von der Straße herauf in den Salon White⸗Manors drang. Der Graf ſtand entſetzt auf. — Nehmen Sie ſich in Acht, Sir, rief er aus, — Sie ſind in meinem Hauſe. Wenn Sie, wie das Ihre Abſicht ohne Zweifel iſt, meinen Namen in Begleitung von Ver⸗ läumdungen und Schmähungen zu dieſer Menge hinabrufen wollen, ſo wird die Züchtigung der Beleidigung auf dem Fuße folgen .. Brian ſtieg auf das Fenſterbrett. — Sie verſtehen mich nicht, Mylord, ſagte er mit ſtolzer Ruhe. — Ich werde nur ein Wort ausſprechen, und dieſes Wort ſoll nicht der Name Ew. Hertlichkeit ſein, .. noch einmal frage ich Sie nun, wollen Sie die Verpflichtung unterſchreiben, welche ich von Ihnen verlange? — Nein, antwortete White⸗Manor. — Nun gut, Godfrey! Adieu, ich ſchwöre es bei meiner Seele, daß Sie mehr als einmal noch, bevor Sie ſterben, dieſes Wort bereuen ſollen. Brian neigte ſich im Gleichgewicht über die Straße hin. — Wie dicht dieſe Menge iſt, murmelte er, ich möchte wetten, daß da mehr als tauſend Menſchen beiſammen ſind; unter dieſen tauſend Menſchen iſt keinem einzigen der Name des Herrn dieſes edlen Hauſes unbekannt, keinem einzigen die Feindſchaft, welche zwiſchen uns liegt . . . denn, Godfrey, um Sie und mich berühmt zu machen, habe ich Alles ge⸗ than, was mir nur möglich war. * 56 — Sie kündigten mir den Ausgang dieſer Komödie an, Sir, ſagte White⸗Manor mit herausfordernd⸗ſpöttiſchem Tone, denn eine Drohung, welche zögert ſich zu verwirklichen, gibt auch dem feigſten Herzen den Muth wieder. — Ich bitte Sie, mich zu entſchuldigen, Mylord, ant⸗ wortete Lanceſter kalt; — ich ſuche hier unten eine kleine Stelle, um mir den Schädel zu zerſchmettern und finde keinen Platz. Der Graf zuckte mit den Achſeln. — Laſſen Sie ſich Zeit, ſagte er, ſich wieder ſetzend. — Ich bin Ihnen ſehr dankbar, Mylord .. wie ich es Ew. Herrlichkeit ſagte, keiner dieſer braven eue hier⸗ unten wird erſtaunen, wenn er mich todt auf das Trottoir von Portland⸗Place fallen ſieht ... denn ſie kennen uns ja. — Wer würde es wagen, mich eines Mordes zu be⸗ ſchuldigen? ſagte White⸗Manor verächtlich. — Jedermann, Mylord ... aber ich glaube, jetzt ſehe ich unten Platz ... Jedermann, ſagte ich, denn der Nothruf eines Sterbenden ſi eine Sache, man nicht in nZweifil zu ziehen verſucht . — Burnhetjigtti rief der Graf aus, der plötzlich verſtand und wie vom Blitze getroffen war; — das iſt eine nichtswürdige Perfidie, Brian! — Hatten Sie nicht eben noch die feſte Abſicht, mir eine Kugel auf den Kopf zu ſchießen? . Es iſt alſo nicht einmal eine Lüge . . . und dann, Mylord, bei dem Spiele, welches wir Beide mit einander ſpielen, nimmt man es nich — ſo ſehr genau .. ich werde kein beleidigendes Beiwort neben dem Namen Ew. Herrlichkeit ausſprechen; ich .. aber die Menge läßt nicht häuſig hier unten eine Stelle frei, ich muß den Augenblick benutzen, Mylord. Sie ſollen übrigens wiſſen, wie Jedermann, welches Wort ich auszuſprechen be⸗ abſichtige. Brian machte eine Bewegung, als wollte er ſich hin⸗ unter ſtürzen. — Halt! rief White⸗Manor; — welches Wort? .. — Ich werde ſchreien: „Erbarmen, mein Bru⸗ der!“ White⸗Manor ſank auf die Knie, große Tropfen Schweißes rannen ihm auf die Schläfe hinab. — Erbarmen, Erbarmen! rief er mit vor Verzweiflung röchelnder Stimme; — ich bin es, ich, der um Erbarmen fleht. Viertes Kapitel. Ein Geſpenſt. White⸗Manor war beſiegt. Sein träger Geiſt hatte zwar ſpät, aber doch endlich die wahrhaft ſchreckliche Bedeu⸗ tung von Lanceſter's Drohung verſtanden. Bis dahin hatte er in der beabſichtigten Handlung ſeines Brnders weiter nichts erblickt, als einen Selbſtmord und darüber mehr Freude als Schmerz empfunden. Aber dieſer Selbſtmord ſollte ihm ſelbſt den Tod bringen, nachdem er auch in den Augen der Welt noch geſchändet worden war. Niemandem in der That war der alte tief eingewurzelte Haß unbekannt, welchen die beiden Brüder gegeneinander hegten und wenn Brian, Erbarmen rufend, aus einem Fen⸗ ſter des gräflichen Hauſes ſiel, ſo mußte er in den Augen Aller für das Opfer eines nichtswürdigen Mordes gelten. White⸗Manor mufßte kapituliren. Er verſprach, Alles he 3 zu unterzeichnen und wäre es auch ſein vollſtändiger Ruin und bat Brian mit Händeringen, ſich nicht das Leben zu nehmen. Gewiß, die Situation war eine höchſt außerordentliche und dieſe furchtbare Eccentricity hätte bei der Faſhion von London ganz allein genügt, dem erſten beſten, möchte er nun ein Esquire aus den Süden, ein Lion aus Birmingham, Inſtrumentenmacher oder nicht, ein walliſiſcher Poet, ein rothes und trunkenes M. P.*) gleichviel wer ſein, in Zeit von einem Tage, eine koloſſale Reputation, ein höchſt wichtiges Relief zu geben. Uebrigens gab es vielleicht in der Welt kein anderes Mittel mehr, den Grafen von White⸗Manor zu einer ſo un⸗ geheuren Conceſſion zu bewegen. Was die Moralität der Handlung anbetrifft, ſo befinden wir uns in England, wo die Anſicht Brian's über das Erſtgeburtsrecht zahlreiche An⸗ hänger zu erhalten beginnt. Iſt nun einmal dieſe Meinung gobilligt, ſo wird ſeine Argumentation unangreifbar Sein Bruder hatte fünfzehn Jahre ohne zu theilen den Genuß gehabt, jetzt konnte von Theilung alſo nicht mehr die Rede ſein. Gegen das Recht des Stärkeren übrigens hat, nach der moraliſchen Jurisprudenz, der Schwächere das Recht eines ſolchen Verfahrens. Und dann liebte Brian .. *) M. P. Abkürzung für Member of Parlament. 60 Er ſchloß das Fenſter eben ſo ruhig, als er es aufge⸗ macht hatte und reichte dem Grafen die Hand, um ihm beim Aufſtehen behülflich zu ſein. Alle Beide gingen nach dem Tiſche hin, wo White⸗Manor ſich hinſetzte und krampfhaft ſeine Unterſchrift an der unteren Seite eines weißen Blattes Papier ſchrieb. — Hier, ſagte er mit erloſchener Stimme; — ich bin alſo in Zukunft ganz in Ihren Händen ... genügt Ihnen das? — Mylord, antwortete Brian, — ich würde es vor⸗ ziehn, wenn Ew. Herrlichkeit die Güte hätte, über Ihre Unterſchrift eine ganz förmliche Verbindlichkeitserklärung zu ſchreiben. — White⸗Manor nahm vor Zorn zitternd das Blatt wieder und begann es voll zu ſchreiben. Während er ſchnell ſchrieb, öffnete ſich eine der Thüren des Saales ohne Geräuſch und Paterſon ſchlich vorſichtig auf dem Teppich heran, ging durch das Zimmer, indem er um den Seſſel Lanceſters einen großen Bogen beſchrieb. Er ſtand bei ſeinem Herrn, bevor ihn dieſer noch bemerkt hatte und legte ein kleines viereckiges Stück Papier, auf welchem ein Name mit Bleiſtift geſchrieben war, auf den Tiſch, ihm dicht vor die Augen. Der Graf hatte nicht ſobald dieſen Namen geleſen, als er heftig ſeinen Stuhl zurückſchob und verwirrt um ſich blickte. — Kommen denn die Todten wieder, murmelte er mit einer Art Schauer, — oder wird mein Kopf irre? — Der Gentleman, deſſen Name hier auf dem Papiere ſteht, wünſcht auf der Stelle mit Ew. Herrlichkeit zu ſprechen, ſagte Gilbert Paterſon. — Lebt er? ſtotterte White⸗Manor, ohne daran zu denken, was er fragte. Paterſon glaubte ſchlecht gehört zu haben und wieder⸗ holte ſeine Meldung. White⸗ Manor's Bewegung erreichte ihren höchſten Gipfel. — Ich muß ihn ſehen, ſagte er endlich aufſtehend, augenblicklich ſehen . o, Gott erbarme ſich meiner, meine Gedanken verwirren ſich ich habe dieſen Menſchen ſterben ſehen, Brian, entſchuldigen Sie mich .. Dieſe Acte, ſo wie ſie da iſt, würde hinreichend genügen, mich wie einen Sklaven unterwürfig zu machen .. aber ich werde wieder kommen und ſie vervollſtändigen, um mich ganz und gar zu ver⸗ derben erwarten Sie mich . .. bei meiner Seele, auch ich werde mir den Schädel zerſchmettern, .. aber ganz im Ernſte. Er wandte ſich zu Gilbert Puterſon, der ihn mit neu⸗ gieriger Verwunderung hörte und fügte rauh hinzu: — Wo iſt dieſer Mann? — Im Sprechzimmer, Mylord, antwortete der Haus⸗ hofmeiſter. Der Graf eilte mit ſo ſchnellem Schritte nach der Thür, als ſeit langer Zeit ſeine Füße nicht hatten thun können. Brian blieb allein. Er wartete eine Viertelſtunde, eine halbe Stunde Der 62 Graf kam nicht wieder und die Geduld war keine vorherrſchende Eigenſchaft Lanceſter's. Um die Zeit zu tödten, ging er an den Tiſch und wollte die begonnene Verſchreibung leſen. Zu⸗ füllig fiel ſein Blick auf das von Gilbert Paterſon gebrachte viereckige Stück Papier und las darauf mit Bleiſtift ganz ausgeſchrieben den Namen: Iſmael Spencer. Seine Verwirrung und ſein Erſtaunen war faſt eben⸗ ſo groß, als ſeines Bruders. Alle jene durch Suſanna's Erzählung in ihm angeregten, unbeſtimmten Vermuthungen wurden wieder in ihm wach. Er ſah den Grafen als Mit⸗ ſchuldigen in dem unheimlichen Drama von Goodmansfield; er wollte hinausſtürzen, um als Dritter Zeuge zu ſein von der Unterredung, welche ganz in ſeiner Nähe gehalten wurde. Aber es war ſchon zu ſpät, der Graf erſchien in dieſem Augenblicke lächelnd und mit faſt freudiger Miene. — Verzeihung, mein Bruder, ſagte er, daß ich Sie habe warten laſſen. Jetzt ſtehe ich ganz zu Ihren Dienſten. Im Sprechzimmer hatte ſich Folgendes zugetragen: Als der Graf den Saal verließ, in welchem Brian zu⸗ rück blieb, hatte er den Kopf ſchon ganz und gar verloren. Das unerhörte Opfer, das er zu bringen gezwungen war, ſein während der Unterredung mit Lanceſter ſo oft erregter und wieder zurückgedrängter Zorn, die Meldung endlich dieſes ſonderbaren Beſuches von einem Manne, den er ſelbſt das Schaffot beſteigen geſehen hatte, mit eignen Augen geſehen, wie ſein Körper leblos an dem Stricke gehangen, — alles dies 63 miſchte ſich verwirrt in ſeinem ſchwachen Denkvermögen und warf ihn in einen Zuſtand des Blödfinnes. Mit ſtumpfem, ſtarrem Blicke, offenem Munde, auf dem Geſichte keinen andern Ausdruck, als ein unbeſtimmtes Ent⸗ ſetzen trat er in das Sprechzimmer und Gilbert Paterſon ging hinter ihm. Aber der Mann, welcher im Sprechzimmer ſtand, hatte ohne Zweifel eben ſo wenig Luſt wie Brian, die Geſellſchaft Paterſon's zu genießen, denn ſein erſtes Wort war der Be⸗ fehl, er möge ſich zurückziehen. Gilbert zauderte und ſah ſeinen Herrn an, aber dieſer war nicht in dem Zuſtande, ſeinen Willen ausſprechen zu können. Der Anblick der mitten im Saale ſtehenden Perſon ſchien ihn verſteinert zu haben, er war in einen Seſſel ge⸗ ſunken und ſtarrte mit lebloſem Blicke gerade vor ſich hin. Tyrrel, der Blinde, wiederholte mit gerunzelter Stirn ſeinen Befehl. Gilbert wagte nicht zu widerſtehen und ging brummend zur Thür hinaus. — Nun, White⸗Manor, ſagte der Blinde, — ich denke, Sie haben nicht erwartet, mich wieder zu ſehen? — So ſind Sie's alſo wirklich, Spencer, flüſterte der Lord mechaniſch. — In Perſon, bei Moſes und dem goldenen Kalbe, Graf! . White⸗Manor ſah ihn von Kopf bis zu Füßen mit unruhigem, furchtſamen Blicke an. — O, Sie können mich betrachten ſo viel Sie wollen, 64 Mylord, verſetzte Tyrrel, indem er ſeine Bruſt in ihrer ganzen Breite zeigte; — ich bin es ... Iſmael Spencer, Ihr ſehr ergebener Diener, Dank ſei dem Gotte Jacobs, und genieße einer vollkommenen Geſundheit, befinde mich ſo vortrefflich als irgend eine lebende Seele. — Aber ſagte der Lord. — Das ſagt alle Welt zu mir! unterbrach ihn Tyrrel, ſich einen Stuhl an den Grafen heranrollend; — aber .. aber . und wieder aber . . . Ich bin einem ſeltenen Thiere ähnlich geworden, ſeit ich gehangen bin .. Und doch, Mylord, iſt in meiner Geſchichte ſo gar nichts Wunderbares. Der Doktor Moore beſuchte mich in meinem Gefängniſſe und machte mir einen kleinen Einſchnitt in den Schlund, und hielt denſelben durch eine Federpoſe offen ... Man nennt das eine Pharyngotomie, glaube ich .. . Als nun der Strick mir den Hals zuſchnürte, athmete ich unter dem Stricke ver⸗ mittelſt des Einſchnittes ... Aber das iſt noch Nichts, Mylord, der Doktor that noch mehr. Ich gebe Ihnen mein Wort, er iſt ein geſchickter Mann .. . der Einſchnitt konnte bei alle⸗ dem doch nicht eine Congeſtion des Gehirns verhindern. Moore ſagte alſo zu mir: — Es wäre nothwendig, daß Sie in dem kritiſchen Momente, wohlverſtanden in dem Momente ſelbſt, und nicht etwa zehn Minuten vorher, eine lebhafte Freude, einen aufregenden Genuß hätten. Das war ſchwer, White⸗Manor, nicht wahr? Auf den Bretern des Galgens, dem offenen Sarge gegenüber, der Einen erwartet, da kann man doch nicht ſo recht .. 65 Tyrrel lächelte, aber er war bleich. — Nun, fuhr er mit Cynismus fort, nach vielem Suchen fanden wir ein Mittel, Moore und ich, den Galgen zu verhöhnen und mir mit dem Stricke am Halſe eine Freude zu machen ... Es war da unter den Zuſchauern ein elender Schelm, der lange mein Sklave geweſen war und mich end⸗ lich verrathen hatte ... Roboam, das war ſein Name, Mylord, bereute bitter das Löſe das er mir angethan. Ich war ge⸗ wiß, daß er auf ein Zeichen von mir jedes Hinderniß be⸗ ſiegen werde, das mich von ihm trennte, um ſich mir zu nähern . . . der Doktor gab mir einen Dolch .. In dem letzten Augenblicke rief ich Roboam, der ſich ſogleich zu mir ſtürzte und ich tödtete ihn . Der Graf machte eine Geberde des Entſetzens. — Das ſtellte energiſch die Circulation meines Blutes her, Mylord, fuhr Tyrrel fort. Der Boden ſank mir unter den Füßen, ich wurde gerade im rechten Augenblicke ge⸗ hängt .. genau genommen iſt der arme Teufel Roboam mir ſehr nützlich geweſen, wie Sie ſehen. — und was iſt aus ihr geworden? ftagte der Graf ganz leiſe mit einer Art Schüchternheit. — Aus ihr? . . O Mylord, davon ſprechen wir ein ander Mal . .. Teufel! die Geſchichte iſt lang und würde uns jetzt zu weit führen ... — Lebt ſie noch? unterbrach ihn ur Graf. — Wenn Ew. Herrlichkeit es erlauben, ſprechen wir davon ein ander Mal, ich ſage Ihnen dann Alles, was ſie 1 66 betrifft, im Ganzen . Sie beſaß damals eine herrliche Ge⸗ ſundheit, Sie wiſſen, aber die jungen Mädchen welken häufig hin wie die Blumen ... — Sie iſt todt, Iſmael? — Sie ſind neugierig, White⸗Manor, ſagte Tyrrel mit einem ſonderbar ſpöttiſchen Tone, — neugierig, wie ein guter Vater, der ſein Kind verloren hat Aber Geduld! .. Heute, wenn es Ihnen gefällig iſt, wollen wir uns nicht mit dieſen Kleinigkeiten beſchäftigen .. . Ich bin um anderer Dinge willen gekommen ... — Aber ein Wort nur, ein einziges Wort! ſagte der Graf. — Sie iſt geſtorben .. begann Tyrrel. Der Graf ſtieß einen zweideutigen Seußzer aus, der ſehr gut für einen Seufzer der Erleichterung hätte genommen werden können. — Wenn ſie nicht etwa noch lebt, ſagte der Blinde lachend weiter; — beim Gotte Abrahams, ich will nochmals gehenkt werden, wenn ich etwas davon weiß! . Aber ſprechen wir ernſthaft . . Jetzt iſt es ein Jahr, Mylord, ſeit ich mich zu einem Mann comme il faut gemacht habe. Ich beehre Weſt⸗End mit meinen ſehr häufigen Viſiten, und wenn Sie nicht wie ein Eremit lebten, würden Sie mehr als einmal das Vergnügen gehabt haben, mir in unſeren noblen Salons zu begegnen .. Man kennt mich dort unter dem Namen Sir Edmund Makenzie .. Ein braver Gentle⸗ man, Mylord, der ein hübſches Vermögen beſitzt, ſanft, ge⸗ 67 ſellig, unſchädlich, und der das Unglück gehabt hat, in Lahore, woher er direkt kommt, das Geſicht zu verlieren . denn ich hatte vergeſſen, Ihnen das zu ſagen, Mylord, ich bin blind. — Die Augen Tyrrels, welche während des erſten Theiles dieſes Geſprächs eine ſehr gewöhnliche Beweglichkeit zu haben geſchienen, wurden mit einem Male todt und trübe, und be⸗ kamen jene ſchwere Starrheit der Augen, die von Blindheit getroffen ſind. Der Graf ließ ſich davon verführen und ſagte trotz der ironiſchen Miene, mit welcher Tyrrel die Worte: „ich bin blind“ geſprochen, gleichſam aus Höflichkeit: — Ich beklage Sie, Spencer, ich beklage Sie! — Sir Edmund, wenn gefällig iſt, Mylord! ant⸗ wortete der Jude leichtfertig und bewegte ſeine Augen mit überraſchender Lebendigkeit. — Was Ihre Beileidsverſiche⸗ rung anbetrifft, ſo rechne ich Ihnen dieſelbe ſehr hoch an, aber ich bedarf ihrer nicht .. . meine Blindheit verhindert mich nicht, die traurige Veränderung wahrzunehmen, welche mit Ew. Herrlichkeit vorgegangen iſt . . — Sie ſind alſo nicht blind? — Ich brauchte eine Maske, Mylord. — Und dann gieht es, um Dinge, welche den Hellſehendſten entſchlüpfen, zu ſehen, kein beſſeres Mittel als blind zu ſein .. Aber kommen wir auf Sie zurück .. wahrhaftig, White⸗Manor, Sie ſind nur noch der Schatten von früher. — Ich bin ſehr leidend! ſagte der Graf mit trüber Miene. — ůÜ — Das ſieht man, Mhylord .. . und ich möchte wet⸗ ten, daß dieſer verteufelte Brian .. . — Brian! wiederholte der Graf und ſeine Mienen zogen ſich Kanifi zuſammen; — er iſt dort er er⸗ wartet mich . . . Ach, Iſmael, Iſmael, Du piſt t. den Namen meines Seuktts aushrti⸗ Tyrrel rieb ſich die Hände. — So, ſo, er iſt hier flüſterte er! — Du weißt ſchon ſo Vieles von den traurigen Ge⸗ heimniſſen meines Lebens, entgegnete der Lord und ſenkte entmuthigt ſein Haupt auf die Bruſt; — und übrigens, was kann mir darauf ankommen, es zu ſagen? . Dieſer Menſch hat mich beſiegt, ruinirt. . — Ruinirt? ſagte Tyrrel und ſpitzte die Ohren. — Er hat mich eben gezwungen, eine nichtswürdige Verſchreibung zu unterzeichnen! rief White⸗Manor mit kla⸗ gendem, faſt weinerlichem Tone; — eiue Verſchreibung, die mich beraubt und ihn bei meinen Lebzeiten zu meinem Erben macht. Tyrrel athmete wieder auf. — Bah! ſagte er ſorglos. — Und was weiter? — Was wollen Sie noch mehr, Spencer? . . Es fehlen an dieſer Verſchreibung nur noch wenige Linien. Ich bin ruinirt. — Bei Gott, Mylord, flüſterte Tyrrel mit leiſer, aber eindringlicher Stimme, — wie würden Sie Gott preiſen, 69 wenn Ihr Bruder heute Abend plötlichen Todes verſchiede, nicht wahr? White⸗Manor bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. — Nein! .. . Nein! . . . Nein! . . . ſagte er und knirſchte vor Wuth mit den Zähnen, — o er iſt ein Teufel von Argliſt, Ismael; — mir ſind die Hände gebunden ... Ich fürchte mich vor ſeinem Tode, weil dieſer mir eine Beſchul⸗ digung des Mordes zuziehen würde! ... — Bah! ſagte Tyrrel abermals; — in London werden die Todten ſchnell vergeſſen .. . Aber Sie ſähen es vielleicht lieber, bilde ich mir ein, wenn Gott ſeinen Körper leben ließe und blos ſeinen Geiſt mit Wahnſinn träfe! — Wahnfinnig, Brian wahnfinnig! rief der Graf und erhob die Hände inbrünſtig zum Himmel; — o ich gäbe die Hälfte der Tage, die ich noch zu leben habe, darum. — Gemeinplätze, White⸗Manor! unterbrach ihn der Jude. — Sie müſſen beſſer ſprechen und in gutem Engliſch ſagen: — Ich gäbe ſo viel Pfund Sterling darum. — Die Hälfte meines Vermögens, Spencer! — Redensarten, Mylord! ... Es handelt ſich um eine beſtimmte Zahl. — Ich gäbe . . . Aber ich bin wahnſinnig, daß ich Sie anhöre, Ismael! .. . Wahnſinnig, daß ich glaube, es könne ein Menſch über den andern Tollheit verhängen! .. Ich muß wieder zu Brian zurückkehren, der vielleicht unge⸗ duldig wird, und den zu ſchonen ich ſo viele Gründe habe . Wenn Sie mir Etwas zu ſagen haben, ſo breilen Sie ſich⸗ 70 — Ich habe Ihnen zu ſagen, Mylord, daß ich gerade nur deshalb heute Abend nach Portland⸗Place gekommen bin, um mit Ew. Herrlichkeit von Brian von Lanceſter zu ſprechen. Ich hatte Ihnen wirklich etwas vorzuſchlagen . . Was meine Frage von vorhin anbetrifft, ſo beſtehe ich nicht darauf, weil eine zu ſtarke Summe einen Kontrakt erfordern würde und Sie ſich zu leicht hinter Ihre Unverletzbarkeit als Pair verſtecken könnten, ſelbſt wenn meine Eigenſchaft als Gehenkter mir nicht die Hände bände .. Ich verlange daher ganz einfach und beſcheiden viertauſend Pfund Bank⸗ noten, auf der Stelle zahlbar. — Und wofür das? — Zur Bezahlung des Wahnſinns Brian's von Lan⸗ eeſter! Der Graf zuckte ungeduldig die Achſel. — Mylord, ſagte der Jude, das iſt hier kein Kinder⸗ ſpiel. Laſſen Sie die Banknoten holen, dann werde ich mich näher erkären .. . Ich ſpreche ſehr im Ernſte .. Der Ernſt Tyrrel's machte einen gewiſſen Eindruck auf den Lord. — Ein Ertrinkender greift gern nach einem Strohhalme; anſtatt daher zu ſeiner Vernunft ſeine Zuflucht zu nehmen, lieh White⸗Manor den ſeltſamen Eröffnungen des Juden ein williges Ohr. — Er gab jedes Nachdenken auf, war zufrieden, noch auf dieſe letzte Karte ſetzen zu kön⸗ nen, ſo ſchwach die Ausſicht auch ſein mochte, und klingelte. Paterſon erſchien und empfing Befehl, das Portefeuille ſeines Herrn zu bringen. 71 — Mylord, verſetzte der Jude, als er wieder mit dem Grafen allein war, und legte die Hand auf die vor ihm liegenden Banknoten, — ein Mann, welcher bei vollem Verſtande iſt, kann als Wahnfinniger eingeſperrt werden .. Dieſe erſte Andeutung ſchon iſt fruchtbar und kann allein viertauſend Pfund Sterling werth ſein. White⸗Manor's Stirn glättete ſich. — Das iſt wahr, ſagte er, aber dazu gehört Zeit. — Zgeit gehört zu Adlem, Mylord, — mehr oder minder, — in dieſem Falle bedarf es nur einer Stunde. — Woran denken Sie? — Ich denke ſchon ſeit Sonnenuntergang daran, ja ich thue mehr als denken, ich handle . . Während wir hier ſprechen, iſt der ſehr ehrenwerthe Brian von Lanceſter bereits auf dem Wege nach Bedlam .. — Er iſt da drinnen in meinem Saale, ſagte der Lord, welcher die Metapher buchſtäblich nahm. Ein mitleidig ſpottendes Lächeln zuckte um Tyrrel's Lippen. — Das kommt vielleicht daher, weil der Saal Ew. Herrlichkeit nur eine Starion auf dem Wege von Bedlam iſt . . . So viel ſteht feſt, ich bleibe bei meiner Behauptung, Mylord, hören Sie mich an: Dieſen Morgen iſt ein Wahn⸗ ſinniger in das Schloß Kew eingedrungen und hat, wie man ſagt, eine Piſtole auf die junge Prinzeſſin Viktoria ab⸗ geſchoſſen. Der Graf erinnerte ſich der Stimmen, die beim Oeffnen des Fenſters vorhin in den Saal gedrungen waren, und die alle von dieſem Gegenſtande geſprochen hatten. — Ich habe davon gehört, antwortete er, und ich glaube zu errathen, wohinaus Sie wollen. Aber wie kann man wahrſcheinlich machen, daß Brian .. — Der ehrenwerthe Vrian hat ſelbſt dafür geſorgt, Mylord, unterbrach ihn Tyrrel, — denn er war es wirklich, der in das Schloß Kew gedrungen iſt. — Und der auf die Prinzeſſin geſchoſſen hat? .. — Es iſt nicht auf die Prinzeſſin geſchoſſen worden .. aber man hat die Wachen mißhandelt, die Mauern der Ter⸗ raſſe erſtiegen, — und das Alles blos, um das japaniſche Treibhaus zu ſtürmen und darin eine weiße, blau geäderte Camellia zu pflücken .. — Und Sie wiſſen gewiß, daß er es war? ſagte der Graf, und eine mächtige Hoffnung belebte ihn plötzlich wieder. — Ganz gewiß, Mylord. White⸗Manor ſtand ſchnell auf. — Es muß gehandelt werden! rief er aus; — denun⸗ eirt und auf ſeine Verhaftung angetragen! — Setzen Sie ſich, Mylord, ſagte Tyrrel. Ew. Herr⸗ lichkeit hat bereits gethan, was zu thun war, und auf Ihren Antrag warten unten zwölf Leute von der Polizei an der Thür Ihres Hotels. 5 — Auf meinen Antrag? ſtotterte der Lord verwundert. — Das iſt eine unbedeutende Sache, Mylord, fuhr der Jude fort; — di, Zeit drängte, und mir war zwar unbe⸗ 6 73 kannt, daß Ew. Herrlichkeit vortrefflich dazu aufgelegt ſeien. Indeſſen für alle Fälle traf ich Maßregeln. Sie wiſſen, White⸗Manor, daß ich mit einiger Genauigkeit Handſchriften nachahme .. Ich habe in Ihrem Namen an den Commiſſir der Polizei der Hauptſtadt geſchrieben, habe ihm angekündigt, mit allem ſchicklichen Schmerze, daß mein vielgeliebter Bru⸗ der, der ehrenwerthe Brian von Lanceſter, wahnſinnig ſei, und daß ſein Wahnſinn eine königliche Perſon in Gefahr gebracht habe. Demnach und um unberechenbarem Unheil vorzubeugen, habe ich um Unterſtützung bewaffneter Macht gebeten. — Bewunderungswürdig! rief der Graf aus, ergriff ſtürmiſch Tyrrel's Hand und drückte ſie in den ſeinigen mit wahrhafter Zärtlichkeit. — O jetzt habe ich ihn, und dies⸗ mal werde ich, wie er, ohne Erbarmen ſein! . . Spencer, mein Freund, mein Retter! Ich verdoppele, verdreifache die Summe! ... — Ich danke Ew. Herrlichkeit und beginne damit, das Einfache vorläuſig in die Taſche zu ſtecken, und behalte mir das Doppelte und Dreifache vor, ſagte Tyrrel. Jetzt gehen Sie und vollenden Sie die Verſchreibung, von der Sie eben ſprachen . . . Berauben Sie ſich ohne Furcht, Sie werden gegen einen Penſionär von Bedlam leichtes Spiel haben . und noch dazu einen geheimen Penſionär, denn ich habe die Sache ſo eingerichtet, daß er als Verrückter von Wichtigkeit behandelt wird. Fünftes Kapitel. Nach Bedlam. Tyrrel beurlaubte ſich nach dieſen letzten Worten vom Grafen und ging nach der Straße hinab, wo die Policemen ſich unter die Menge gemiſcht hatten. Auf dem Trottoir vor der Thür wartete ein Polizeiaufſeher und ein Arzt in einem verſchloſſenen Wagen, hinter dem zwei Conſtabler Wache ſtanden. Tyrrel warf einen zufriedenen Blick auf dieſe impoſanten Vorbereitungen. Brian konnte ihm nicht entwiſchen und der Graf, der nun von Allem unterrichtet war, mußte ſich hüten, ſeine Unterſchrift abzuleugnen. Was die vier Tauſend Pfund Sterling anbetrifft, ſo betrachtete ſie Tyrrel nur als ein Handgeld auf die künftige Freigebigkeit Sr. Herrlichkeit des Grafen White⸗Manor, denn dieſer entfernte, ſich Brian's entledigend, damit noch den gefährlichſten Feind für ſeine Kaſſe nicht. — Tyrrel beſaß auf den Grafen einen Wechſelbrief, von dem er früher oder ſpäter Gebrauch zu machen gedachte. Aber eines ſetzte ihn in Verlegenheit. Das war näm⸗ lich die Menge, welche in dichten Haufen Portland⸗Place ſich entlang zog. Es war zu ſeinem Plane nothwendig, daß Bedlam für Vrian von Lanceſter ein wahres Grab wurde, deshalb mußte die Verhaftung ſo wenig Lärm als möglich machen und ganz heimlich geſchehen. Den Policemen Räu⸗ mung der Straßen anzubefehlen, wäre eine thörichte Maßregel geweſen, da Grund und Vorwand dazu gänzlich fehlten. Tyrrel ging einige Schritte auf dem Trottoir und ſein Blick durchflog aufmerkſam nach allen Richtungen die lär⸗ mende und geſchwätzige Menge. Er bemerkte bald über einer Halsbinde von Pferdehaar das rechtſchaffene Geſicht des guten Kapitän Ohrane, der trotz der Riedrigkeit ſeines Hutes die gewöhnlichen Köpfe um einen guten halben Fuß überragte. Tyrrel ging gerade auf ihn zu und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr. — Heilige Peſtilenz! brummte Paddy mit augenſcheinlich böſer Laune, — ich will doch gleich Beelzebub zum Braten dienen, — Donnerwetter, — wenn es möglich iſt, daß ich auch nur einen Augenblick Ruhe haben kann! Tyrrel hatte ſich entfernt, ohne die Antwort abzuwarten. Wie gewöhnlich hatte der Kapitän nicht einmal die Genug⸗ thuung gehabt, den Mann zu ſehen, der ihm im Vorbei⸗ gehen einen geheimnißvollen Vefehl zugeflüſtert und mit der bekannten Parole: Gentleman of the night! begleitet hatte. — Was hat Ihnen dieſer Mann geſagt, Kapitän O'Chrane? fragte Miſtreß Burnett und richtete ſich auf den Fußſpitzen in die Höhe, um ein wenig näher zu dem guten Kapitän hinauf zu reichen. — Er hat mir geſagt, Miſtreß — erwiederte Paddy, beim Satan und ſeinen Hörnern, ich würde mich ſchämen, Dorothy, mein Schatz, ſo neugierig zu ſein! ... Er ſagte zu mir: „Donnerwetter, Kapitän O'Chrane, verflucht kalte Luft, — zum Teufel, — Gott erhalte Sie.“ Nach dieſer diplomatiſchen Antwort bht der Kapitän ſeine Größe als natürliches Obſervatorium, und ſah ſich majeſtätiſch um. — Verdammt! brummte er, — ich werde noch ſelbſt die Nole ſpielen müſſen, da ich Niemanden von unſeren Leuten ſehe .. — Himmeldonnerwetter! — Schwerenoth! — ſoll uns Gott ohne Erbarmen verdammen! rief unter ihm eine ſchnei⸗ dende, knabenhafte Stimme, — guter Kapitän Paddy OChrane oder der Teufel ſoll mich holen! Kapitän O'Chrane ſenkte die Hand und packte eine ſchwache Schulter, dem Gentleman Snail angehörig, der ſeine Frau, die hübſche Madge in Portland⸗Place ſpazieren führte. Dieſe war mit ihren Stiefeln, auffallenden Röcken, einer Mannsjacke und einem ledernen Hute geſchmückt, der auf einer Haube von grobem Mouſſeline ſaß. Madge, ſtets ſchweigend und würdig, hielt ihre ausgegangene Pfeife zwiſchen 77 den Zähnen und nahm an der Bewegunz des Publikums gar keinen Theil. — Nun, nun, Kapitän! — rief Snail, — packt man ſo einen freien Mann an? Soll der Blitz mich zer⸗ ſchmettern! — Der Blitz ginge bei Dir vorbei, ohne Dich zu ſehen, Snail, elender Strolch, mein kleiner Freund, entgegnete der Kapitän, — aber ich bin erfreut, Dich da gerade unter meiner Hand zu finden ... denn Du biſt, miſerables Kind, ſehr klug für Dein Alter, und ich bedurfte .. Hör' mir zu! Snail richtete ſich in die Höhe, O Chrane bückte ſich, ſo daß ſie beinahe in gleicher Höhe waren. — Wir wollen Dir einen neuen Beweis unſeres Ver⸗ trauens geben; Du junger Spitzbube, mein Sohn, verſetzte der Kapitän mit Wichtigkeit. — Es ſcheint, als ob Mylords die Straßen geräumt haben wollten .. — Weshalb? fragte Snail. — Hunderttauſend Flüche! verdammte Schnecke, mein liebes Kind, mich ſoll die Cholera packen, wenn ich nicht Luſt habe, Dir die Ohren bis aufs Blut einzureißen .. Guten Tag, Madge, trauriger Drachen, meine Tochter Was Dich anbetrifft, Snail, Du Dreckhaufen, ſo groß wie meine Fauſt, ich werde eines Tages noch Dein Glück machen, weil Du Dein Gewicht an Golde werth biſt, Du Bandi⸗ tenbrut! — Meine hübſche Madge, unterbrach Snail, höre wie ———— F ————— der Kapitän Gutes ſpricht von Deinem Manne ... Satan und ſeine Hörner! — Stopfe Dir lieber die Ohren zu, Madge, magſt Du nun hübſch ſein, wie dieſer Schwätzer ſagt, zum Teufel, oder häßlich, wie es in die Augen ſpringt .. . Alſo Snail, es handelt ſich darum, alle dieſe elenden Maulaffen aus der Straße zu entfernen, und ich ſehe dazu kein beſſeres Mittel, als die Gefangennehmung des elenden Schuftes, von dem die Abendjournale ſprechen, auszuſprengen .. — Des Mörders der Prinzeſſin? — Ja wohl, Du Hallunke .. Es müſſen wohl hier und da Leute von der Familie unter der Menge ſein . Rufe ſie, Du Teufelskater, .. und ſage ihnen . — Schon gut, Kapitän, ſchon gut, ſoll mich Gott ver⸗ dammen! unterbrach ihn Snail aufgeblaſen, wich verſtehe ſchon. Das iſt leicht . . aber für meine Mühe müſſen Sie mir ſagen, wo das Loch iſt, das Saunders der Elephant vom Aſthleyeireus macht .. . Die Hand des Kapitän ſchloß ſich auf Snail's Schulter, der einen Schmerzensſchrei ausrief und ſich in der Menge verlor. Einen Augenblick hörte man zwei oder drei Mal laut miauen, eine Bewegung wurde in der Menge bemerklich. Man ſah einige Menſchen nach verſchiedenen Richtungen laufen und bald hörte man an zwanzig Orten auf einmal den Ruf: — Nach Haymarket! . . Man hat das Haus des Mörders in Haymarket umſtellt! rei Minuten darauf ſchien es, als habe ein Sturm Portland⸗Place rein gefegt und mit einem Stoße alle Cokneys und Klatſchgevatterinnen weggeführt. Alles ging mit dem Strome und ſtieß ſich ſchreiend nach Regent⸗Street hin, es blieb Niemand in der Straße, als die verwunderten Poli⸗ cemen. Noch in der Ferne gewahrte man die lange ſteife Figur des Kapitäns, ſobald er vor einer Gaslaterne vorbeikam. Er ſchloß den Rückzug, da er ſich nicht entſchließen konnte, den gemeſſenen Ernſt ſeines gewöhnlichen Ganges zum Laufe zu ſteigern. — Kommen Sie doch, Maſter OChrane! Kommen Sie in des Himmels Namen! ſagte Miſtreß Burnett zu ihm, die ihn mit fortzuziehen ſuchte; — wir werden gans gewiß zu ſpät konmen, um den Böſewicht arretiren zu ſehen. — WMein Herz, antwortete Paddy ruhig, — ziehen Sie mich nicht ſo beim Arme, ich bitte Sie, Sie zerreißen mir ſonſt meinen blauen Frack, beim Schlund der Hölle . Sehen Sie, theure Dame, wir werden ſo früh ankommen, als wir können, zum Teufel oder Jedidiah Smith iſt nicht der heuchleriſchſte Schuft, den ich kenne! . Was den Snail anbetrifft, dieſen ſchamloſen Wurm, ſo möchte ich wohl einen ſolchen Sohn haben ... ſehen Sie, beim Satan! Während dieſer Zeit war der Graf White⸗Manor wieder nach dem Saale zurückgegangen, wo ihn Brian von Lanceſter erwartete. Wie wir geſagt haben, hatte Brian in dem Augen⸗ blicke, wo White⸗Manor über die Schwelle trat, gerade —— 80 den Namen Spencer's geleſen und war davon och ga bewegt. Bei den erſten Worten ſeines Bruders antwortete er rauh: — Sie haben eben Ismael Spencer geſprochen, Mylord? Der Graf war darauf nicht vorbereitet. — Ich! ſtammelte er; — ich aber der Mann, deſſen Namen Sie da ausgeſprochen, iſt ſchon ſeit einem Jahr todt .. Lanceſter nahm das Papier vom Tiſche und reichte es White⸗Manor hin. — Es iſt wahr, murmelte dieſer nach einer Pauſe verlegen, — ich habe eben den Juden Jsmael Spencer ge⸗ ſprochen. — Darf ich mir erlauben, Ew. Herrlichkeit zu fragen, verſetzte Brian, — welche Beziehungen Sie zu dieſem Men⸗ ſchen haben? — Das darf ſich Niemand eathen, Sir! entgegnete der Graf und verſuchte ſeine Verwirrung unter einem An⸗ ſcheine von verletzter Würde zu verbergen. — Mylord, ſagte Brian mit ernſter Traurigkeit, — ich ſehe mich genöthigt, auf meiner Frage zu beſtehen S es geſchieht das nicht, glauben Sie mir, um Ei. Serrlich⸗ keit zu verletzen oder zu beleidigen .. — Ich werde nicht darauf antworten! ſagte der Graf haſtig — oder vielmehr .. nun gut, ja . .. ich will es Ihnen ſagen, — da es Ihnen doch Vergnügen macht, mich heute Abend ganz und gar nach Ihren phantaſtiſchen Launen zu beherrſchen, — ich will Ihnen ſagen, daß ich mich für die ſeltſame und verzweifelte Lage eines Menſchen intereſſirt habe, den der Zufall den gewöhnlichen Folgen der Todes⸗ ſtraft entzogen hat. Ich . 5 — Sagen Sir mir Nichts weiter, Mylord, unterbrach ihn rian mit ſtrenger Kälte; — um den Worten, Ew. Herrlichkeit Glauben beizumeſſen, müßte ich erſt die Bewegung des Erſtaunens vergeſſen, die Sie beim Anblicke des auf dem Papiere geſchriebenen Namens ergriff. Der Graf biß ſich in die Lippen. — Nun, Sir, rief er mit unwiderſtehlichem Ausbruche von Zorn aus, — Sie können Ihre Fragen an Iſmgel Spencer ſelbſt richten, denn Sie werden ihn bald ſehen. — Dleſe Worte, Ew. Herrlichkeit, ſehen einer Drohung ähnlich, ſagte Brian, und heftete auf den Lord einen durch⸗ dringenden, forſchenden Blick. — Eine Drohung, Sir? ... rief White⸗Manor, gab plötzlich ſeine zornige Miene auf und zwang ſich, eine Maske unterwürfiger Gutmüthigkeit anzunehmen, — Sie wiſſen wohl, daß es Thorheit von meiner Seite wäre, Ihnen zu drohen ... ich habe blos einfach und rund ſagen wollen, was ich geſagt habe, nämlich: daß Sie Iſmael Spencer ſehr bald begegnen werden .. . und das iſt ſehr einfach, Brian, venn er wartet unten auf der Straße — ⸗ — Wen wartet er, Mylord! ſagte Lanceſter, da er den Grafen ſtocken ſah. 4** 82 — Er wartet . . . mein Gott, ich habe keinen Grund, es Ihnen zu verbergen, Brian, er wartet, daß unſere Unter⸗ redung gänzlich zu Ende iſt, um dann wieder zu mir zu können ... denn ich dachte eben daran, daß Sie ungeduldig werden würden, und habe ihn wieder herbeſtellt, wenn Sie gegangen ſein würden. Brian ſtand ſchnell auf. * — Das iſt eine Aufmerkſamkeit, für welche ich Ihnen ſehr dankbar ſein muß, Mylord; aber ich bitte Sie, wollen Sie das Maaß Ihrer Güte vollmachen und dieſe Verſchrei⸗ bung auf der Stelle fertig machen . . Sie können gar nicht glauben, wie es mich drängt, Iſmael Spencer Angeſicht in Angeſicht zu ſehen. Der Graf ließ ſich nicht lange bitten. Er ſetzte ſich gleich an ſeinen Schreibtiſch und konnte nur mit Mühe ſein freudiges Lächeln unter der üblen Laune verbergen, welche er annehmen mußte, da er eine Akte ſchrieb, welche der Ent⸗ ſagung aller ſeiner Güter gleichkam. Mit zwei Federzügen vollendete er den Contrakt. — Mein Bruder, ſagte er mit gut erheuchelter Refig⸗ nation; — Sie haben vielleicht Ihren Vortheil mißbraucht, aber unter uns wird Gott richten. — So ſei es, Mylord! antwortete Lanceſter. — Ich hoffe, erwiederte der Graf, daß Sie in Zukunft milde gegen mich ſein werden und daß die edlen Damen von Weſt⸗End ein wenig Mangel haben werden an Erzäh⸗ lungen von Ihren ſiegreichen eccentricities. Dieſe hier endet den Krieg und ſoll die letzte ſein. — Das hängt von Ihnen ab, Mylord! — Auf Wiederſehen, mein Bruder! Brian grüßte und ging hinaus. Der Graf athmete tief auf und ſchob den Rahmen deſ⸗ ſelben Fenſters in die Höhe, durch das Lanceſter ſich hatte hinabſtürzen wollen. Er legte ſich weit hinaus und ſah nach unten. In dieſem Augenblicke öfſnete ſich die äußere Thür und Brian ſtieg die Stufen der Treppe hinab. Am Fuße derſelben ſtand Tyrrel, der Blinde. Brian erkannte ihn augenblicklich. — Er erkannte auch die Männer, welche das Haus ſeines Bruders umgaben für Policemen. — Das paßt ja vortrefflich! ſagte er mit lauter Stimme. Meine Herren, ich fordere Sie auf, an dieſen Menſchen Hand anzulegen. Und zu gleicher Zeit faßte er Tyrrel beim Kragen. Der Polizeiaufſeher und der Arzt ſteckten den Kopf zur Wagenthür hinaus. — Sie ſehen es, ſagte Tyrrel; — es iſt nicht zu ver⸗ kennen .. Thun Sie Ihre Schuldigkeit. — Einen Augenblick! entgegnete der Polizeiaufſeher; fügte er ſich zu Brian wendend — mein ehrenwerther Sir, „ tragen Sie auf die Verhaftung hinzu, aus welchem Grunde des Sir Edmund Makenzie an? — Laß ſehen, was er antworten wird, ſagte der Arzt. — Ich ſetze voraus, Sir, ſagte Brian, daß Sie d Recht haben, dieſe Frage an mich zu richten? — Teufel, brummte der Arzt, er hat gar nicht das Anſehen eines Wahnſinnigen. — Ich bin Beamter! entgegnete der Polizeiaufſeher. — In dieſem Falle, ſagte Lanceſter, will ich Ihnen mittheilen, daß dieſer Menſch, dem Sie den Namen Sir Edmund Makenzie geben, nichts anderes iſt als ein Böſe⸗ wicht der ſchlimmſten Sorte, der an einer Bande Spitzbuben Theil hat . — Sie ſehen! unterbrach ihn Tyrrel. — Er iſt toll! ſagte der Arzt. Die Policemen näherten ſich und bildeten einen Kreis um Brian. — Haben Sie Beweiſe von dem, was Sie ſagen, Sir? fragte der Beamte. — Ihre Pflicht, mein Herr, iſt, dieſen Menſchen zu arretiren, antwortete Lanceſter ruhig. Die Beweiſe find Sache der Juſtiz des Königs und nicht der Polizeibeamten. — Teufel, Teufel! brummte wieder der Arzt, alledem iſt es doch möglich, daß er nicht toll wäre. — Und übrigens, fuhr Brian fort, ſteht dieſer Menſch der Natur nach unter dem Geſetze, denn er iſt durch Liſt oder Zufall der Sanktion der menſchlichen Gerechtigkeit ent⸗ — bei ſchlüpft. Er iſt gehenkt worden. 3 Ein lautes Gelächter Tyrrel's, in das ſich bald die lär⸗ mende Luſtigkeit der Policemen miſchte, unterbrach Brian plötzlich. — Gewiß, er iſt närriſch! ſagte peremptoriſch der Arzt. — Zum Binden toll! zum Unglück unſeres Hauſes! rief White⸗Manor oben von ſeinem Fenſter herab. — Thun Sie Ihre Pflicht! ſagte der Beamte und warf ſich in ſeinen Wagen zurück. Die Policemen drangen Alle zu gleicher Zeit vor, aber White⸗Manor's Stimme hatte Brian die Schlinge verrathen, er ließ Tyrrel los und ſtieg wieder die Stufen hinauf. Er war ein furchtbarer Kämpfer, dieſer Lanceſter. Die erſten Polizeiſoldaten, die ſich zeigten, um ihn anzugreifen, wurden durch die kräftige Fauſt des Eccentric⸗man die Stufen hinab geworfen, er traf ihre Bruſt, wie ein bleierner Schlägel. Andere ſtiegen zum Angriff hinauf und fielen auch mit blutigem Geſichte und tüchtigen Stößen auf der Bruſt die Treppe herab. Jedes Mal, wenn Brian's Fauſt die Deckung verließ, jedes Mal, wenn ſein muskulöſer Arm ſich mit der Schnellkraft einer Stahlfeder ausdehnte, war ein Mann auf das Pflaſter niedergeſtreckt und ſtand nicht wieder auf. Die Reihen der Belagerer wurden lichter, ihre Kampfbegier geringer. Tyrrel war genöthigt, ſie mit Ge⸗ walt anzutreiben und der Arzt wiederholte, dem Kampfe mit Intereſſe folgend: — Teufel, Teufel! Sehen Sie, wie er ſeine Schläge klug vertheilt! In der That, ich wäre gar nicht verwundert, wenn er nicht toll wäre! 86 Es ſtanden nur noch fünf Policemen unten an der Treppe und keiner von ihnen wagte, Brian anzugreifen. Tyrrel ſchäumte vor Wuth, White⸗Manor zitterte an ſeinem Fenſter . Brian knöpfte ſeinen Frack zu. Es war Allen klar, daß er ſich vorſtürzen und ſich durchſchlagen würde. Was von Policemen kampfesfähig blieb, machte von beiden Seiten Platz und kümmerte ſich nicht darum, ſich dem Angriffe ent⸗ gegen zu ſtellen. Tyrrel nahm entſchloſſen ihre Stelle ein. — Muylord, mein Bruder, rief in dieſem Augenblicke Lanceſter und wandte ſich nach dem Fenſter, — die Schlinge war geſchickt gelegt. Es iſt Ihnen nicht gelungen, daran ſind Sie aber nicht Schuld und ich ſchwöre Ihnen auf Ehre, daß Sie mich nicht der Undankbarkeit beſchuldigen ſollen! Man hörte bis unten herunter den Lord mit den Zäh⸗ nen klappern. — Platz! fuhr Brian fort und begann langſam die Stufen hinab zu ſchreiten, ſtets ſich deckend und die Blicke der beſtürzten Policemen feſſelnd. Platz, Iſmael Spencer, oder ich ſchlage Sie todt! Tyrrel rührte ſich nicht. — Blos ſeine rechte Hand fuhr zwiſchen ſeine Weſte und ſein Hemde. In dieſem Augenblicke ſah man die Thür von des Grafen White⸗Manor's Hauſe ſich öffnen. Ein Menſch ſchlich ſich die Stufen der Rampe hinab. In dem Augenblicke, wo Lanceſter Tyrrel gegenüber trat und ſich nach hinten bog, 87 um auszuholen, faßte ihn der Menſch unten bei den Beinen und brachten ihn zum Stolpern. Die Policemen warfen ſich augenblicklich auf Brian, der in wenigen Sekunden geknebelt wurde. Der Menſch, welcher an der Rampe die Stufen herab⸗ geſchlichen war, richtete ſich nun auf und zeigte beim Strahl der Gaslaternen das freche und nichtswürdige Geſicht des Intendanten Gilbert Paterſon. Tyrrel zog die Hand aus dem Buſen. Ohne dies un⸗ erwartete Zwiſchenſpiel hätte er ſie nicht leer zurückgezogen und Brian würde mit der kurzen Klinge des Dolches Be⸗ kanntſchaft gemacht haben, den der Jude beſtändig bei ſich trug. Der Gefangene wurde, ſolide gebunden, in den Wagen gehoben zwiſchen dem Beamten und dem Arzte, welcher nach Bedenken aus letzter Diagnoſe ihn ganz und gar vom Wahn⸗ ſinn befallen erklärte. — Nach Bedlam! ſagte der Beamte. Der Wagen fuhr im Galopp davon. White⸗Manor bewegte ſich mit ſtierem Blicke und ſchar⸗ lachrothem Geſichte wahnſinnig im Zimmer und drehte ſich in einer Art entſetzlich anzuſehendem Tanze rings herum. Tanzend, lachte er aus Leibeskräften und wiederholte fortwährend: — Nach Bedlam, nach Bedlam! Tyrrel nnd Paterſon ſetzten ſich Jeder in einen Seſſel und betrachteten ihn neugierig. 88 — In Ermangelung Brian von Lanceſter's, ſagte end⸗ lich Tyrrel, wer hat dann die Erbfolge in der Pairie White⸗ Manor's, wenn ich fragen darf, Herr Haushofmeiſter? — Der ehrenwerthe Algernon Murray von Inverneh⸗ Caſtle, leiblicher Vetter Sr. Herrlichkeit. — Nun gut, Herr Intendant, in Erwiederung des guten Dienſtes, den Sie mir eben geleiſtet haben, will ich Ihnen einen guten Rath geben . . . Glauben Sie mir, Sie thun gut, wenn Sie von heut Abend ab dem ehrenwerthen Algernon Murray von Inverney⸗Caſtle ein wenig den Hof machen, denn Brian von Lanceſter wird nicht mehr aus Bedlam herauskommen, — und der Graf White⸗Manor morgen hinein. — Meinen Sie alſo, daß er ganz wahnfinnig iſt? fragte der Haushofmeiſter. Der Graf ſtieß, ehe Tyrrel antworten konnte, ein letztes und unartikulirtes Gelächter aus, darauf ſank er erſchöpft auſ den Boden nieder und wiederholte unaufhörlich: — Nach Bedlam, nach Bedlam, nach Bedlam! Sechstes Kapitel. Kein Jland. In Jahre 181., zwanzig Jahre vor der Zeit, wo unſere Erzählung ſich begiebt, gab es in London im Viertel St. Giles eine arme Familie, welche aus vier Mitgliedern beſtand, zwei Kindern, Vater und Mutter. Der Vater hieß Chriſtian O'Breane. Er war ein ir⸗ ländiſcher Edelmann, deſſen Familie früher in der Provinz Connaught eine wohlhabende Stellung einnahm. Ihre Güter waren, wie die von vielen andern, in die Hände eines pro⸗ teſtantiſchen Lords übergegangen, deſſen Pächter in der letz⸗ tern Zeit O'Breane geweſen war. Man weiß, welches elende Leben die Pächter Irlands haben! — Chriſtian O'Breane, der viel arbeitete und wenig zum Leben brauchte, hatte bis dahin den Bedürfniſſen ſeiner Familie genügen können und ſeinem Sohne eine Art von — 90 Erziehung geben laſſen, weil er außer ſeinem Verdienſte von der Pacht noch ein kleines Stück Land, den ſehr beſcheidenen Ueberreſt des Vermögens ſeiner Ahnen, zu eigen beſaß. Eines Tages ſiel es dem Verwalter des Lords ein — der Lord natürlich verzehrte in London ſeine irländiſchen Revenuen — dem Maſter OBreane das kleine Stück Land ſtreitig zu machen, welches ſeine ganze Erbſchaft war. Es gab einen Prozeß. In Irland kann man nicht ſagen, daß die Gerechtigkeit zweierlei Maß und Gewicht habe, ſie hat weder Maß noch Gewicht oder vielmehr neigt ſich unabän⸗ derlich auf Englands Seite herab und läßt ſtets die irlän⸗ diſche Schale leer. Die Prozeſſe könnten eigentlich durch eine ganz einfache Frage inſtruirt werden: — Sind Sie Proteſtant? — Nein! — Dann haben Sie Unrecht, im Namen des Königs! — Ja! — Im Namen des Königs dann nehmen, rauben und plündern Sie nur. Der Verwalter des Lords gewann die Sache, und O'Breane wurde mit Gewalt von dem Gute getrieben, das ſeine Kinder ernährte. Dieſes Stück Land brachte kaum ſo viel hervor, daß man einen Meutehund davon hätte erhalten können. Heute, wo wir dieſe Zeilen ſchreiben, iſt ganz Irland in Bewegung und legt der ganzen Welt ſeine Beſchwer⸗ den vor. Es enthüllt ſeine Lumpen, um die blutenden Wunden nackt zu zeigen, mit welchen ſie die gierige und barbariſche Haud Englands bedeckt hat. Zu gleicher Zeit richtet es gereizt ſich auf gegen ſeine unwürdigen Unterdrücker, 1 9¹ Schiedsgerichte verſammeln ſich und neutraliſiren die trau⸗ rigen Folgen der proteſtantiſchen Unbilligkeit. Aber damals mußte der Unterdrückte ſeinen Nacken ſchweigend beugen. Die Emancipation der Katholiken, dieſe ungenügende Maßregel, deren Folgen ſich aber mit der Zeit erweitern werden, ſchien damals noch eine unausführbare Chimäre; die Verzweiflung war ſo groß, daß ſie Apathie nach ſich zog und die Opfer in ihrem Elend einſchläferte. Da O'Breane die verdammenswerthe Frechheit gehabt hatte, einen Prozeß gegen ſeinen Lord zu führen, ſo wurde ſein Pacht nicht erneuert, und eines Tages ſchloß ſich die Thür ſeines Hauſes hinter ihm, ohne ſich je wieder zu öffnen. Es iſt ein ſeltſames Ding. Alles Unglück Irlands kommt von London, von London aus ſtrömen auf das un⸗ glückliche Erin ganze Haufen von unerſättlichen Spekulanten, die als Geſchäftsmänner, niedrige oder hohe Geiſtliche der engliſchen Kirche, — dieſes kirchliche Handelshaus, der fromme und zerſtörende Vampyr, dies ſchmachvolle Denkmal heuchle⸗ riſchen Wuchers und organiſirter Simonie — als Kaufleute, Beamte hungrig ankommen, erwerbgierig, entſchloſſen, mit allen Händen zu nehmen, unaufhörlich und ohne Gewiſſens⸗ biſſe, was ſie nur in dieſem armen eroberten Lande erringen können, deſſen Söhne ihre alte Tapferkeit vergeſſen zu haben ſcheinen und nur noch in geſchwätzigen Meetings leere Dro⸗ hungen ausſtoßen oder ſich mit lautem Geſchrei wie Weiber beklagen können. In London befinden ſich die Marquis und 92 Viscounts, Abliche von jungem Datum, welche auf alte Stämme gepfropft ſind, Kaufleute oder Advokaten, die durch Dekret mit hiſtoriſchen Namen *) bekleidet, von ferne das edelſte Leben des Landes ausſaugen und durch Plackereien teder Art erſchöpfen. Von London kommen jene elenden, feigen, nichtswürdigen Geſetze, welche mit jedem Tage die Sklaverei mehrerer Millionen Chriſten verſchlimmern. In London ſitzt das feindliche Parlament, das nach dem Trinken mitleidig wird und Säuferthränen über die Opfer des Skla⸗ venhandels vergießt, der nicht mehr exiſtirt, aber dagegen ohne Scham und ohne Erbarmen ſich gegen den Leichnam eines im Todeskampfe liegenden Brudervolkes ibite Und doch gerade nach London hin wenden ſich ſtets die Blicke der Irländer, wenn ihre Hoffnungen zu Ende find. London ihre Entmuthigung wieder belebt, ihre Apathie lebendig macht und dem dumpfen Kufe eines hungernden Magens Schweigen auferlegt. London iſt der Hafen; es ſcheint den guten Leuten, daß die Anhäufung ſo vielen Uebels dort auch ihren Gegen⸗ ſatz haben müſſe. Es iſt eine Art unvernünftiges Gefühl, ein Aberglaube: ſie wollen nach Londen gehen und meinen, daß, wenn ſie erſt einmal in der großen Stadt find, ihre Leiden gelindert werden würden. *) In England ſterben die Titel nicht aus, die vakante Pairie wird mit dem Namen des frühern Inhabers vergeben. Noch ganz neuerlich iſt ein ziemlich mittelmäßiger Attorney zum Pair gemacht worden, er trägt den Titel einer der edelſten Familien Irlands. ſtrahlt ihnen einen frommen und myſtiſchen Troſt 1 8 93 Und in der That, die giftigſten Schlangen tragen das Mittel gegen das Gift in ſich, welches in ihrem Körper be⸗ reitet wird; die Viper, die furchtbare Klapperſchlange ſelbſt haben irgendwo in ihrem Kopfe ein unfehlbares Mittel gegen ihren eigenen Biß. Warum ſollte es nicht auch in London ſo ſein? . Aber um das Mittel zu finden, muß man leider damit beginnen, der Schlange den Kopf zu zertreten. Chriſtian O Breane kam alſo nach London mit geringen Hülfsquellen ausgeſtattet und zog mit ſeiner Frau und Kin⸗ dern nach Bakbridgeſtreet, im Mittelpunkte des Viertels von St. Giles, deſſen Elend einen europäiſchen Ruf hat, und das die reichſten Viertel des commerciellen Londons wie ein großer Schmutzfleck ſchwärzt. Jede große Stadt hat gewiſſe Gegenden, wo die Armuth, durch Laſter noch vervielfältigt, Schmutz und Richtswürdig⸗ keiten in Fülle und Dunkelheit darbietet; aber keine Stadt kann London die Palme des Elends und der Schande ſtreitig machen. Und außerdem hat es in dieſer Beziehung noch den Vorzug, daß in London alles ſich in chyniſcher und ab⸗ ſcheulicher Unordnung miſcht; überall ſpricht der zügelloſeſte Lurus dem Elende und der Noth auf brutale Weiſe Hohn; überall lauert die verbrecheriſche Armuth dem Lurus an ſei⸗ nem Wege auf. — Zwiſchen zwei vornehmen Streets, deren elegante Trottorirs Nachts beim hellen Lichte des Gaſes durch eine Maſſe von Policemen bewacht werden, liegt eine dunkle, öde, berüchtigte Gaſſe. — Unter der Laterne ſteht der Mann 94 der Polizei, im Dunkel der Bandit; auf dem Trottoir die egoiſtiſche, ſorgloſe, ſatte Menge, auf dem Pflaſter dieſer Gaſſe das Kind oder der Greis, die frieren oder Hunger haben. Und überall in London ſindet man dieſe abſcheuliche Nachbarſchaft, im Weſtend wie in der City, im Pimlico ſo gut wie in der Umgebung der berühmten Docks, wo ſich die Reichthümer der fünf Welttheile anhäufen. So liegt St. Giles, das kleine Irland, — als ob der Name Irlands verhängnißvoll allem Uebermaße von Elend anklebte? — in der Nähe von Sohoſquare und Bed⸗ fordplace zwiſchen der reichen Holborn⸗ und der edlen Ox⸗ fordſtreet! St. Giles hat im ganzen Weltall nicht ſeines Gleichen. Es iſt — man vergebe uns den Ausdruck — eine Art voll⸗ ſtändigen Phalanſteriums des Elends und des Laſters, dieſer beiden Grundlagen des Verbrechens. Dort erreicht jedes Lei⸗ den und jede Schande den höchſten Grad, dort iſt der Menſch auf den Standpunkt der Wildheit zurückgekommen, weiß von Gott weder, noch von Gut oder Böſe etwas, wälzt ſich in ſeinem Kothe oder ſtürzt ſich wüthend auf die Civiliſation, welche ihn umgibt. Dort gibt es unter den beiden Geſchlech⸗ tern keine andere Unterſcheidung, als die Gewalt; das Weib proſtituirt ſich nicht mehr; ſie gehört dem, der ſie zwingt. Das iſt nun ſo. — Beredte und edle Schriftſteller, welche ganz neuerlich das fabelhaft klingende Elend der Kel⸗ lerwohnungen von St. Giles entſchleiert haben, behaupten, daß ſich ein Anfang von Fortſchritt dort ſchon fühlbar mache. „ Sie ſagen, daß St. Giles von 1844 ſchon nicht mehr dem von 1820 zum Beiſpiel gliche. O Barmherzigkeit! Was war es denn 1820? Dieſe edelmüthigen Schrift⸗ ſteller, — man weiß, daß England von edelmüthigen Schrift⸗ ſtellern, mildthätigen Upopiſten, ſehr beredten und weitſchwei⸗ figen Rednern wimmelt, die in Worten ausſchließlich dem Cultus des Mitleids ſich widmen; England iſt das klaſſiſche Vaterland der Philanthropie; obwohl das Wort griechiſch iſt, die Idee iſt engliſch, und wenn der Hunger ſich von langen Phraſen ſättigen könnte, würde die Beredtſamkeit dieſer und jener Herren ganz bequem die drei Königreiche ernähren. — Dieſe edelmüthigen Schriftſteller, ſagten wir, könnten ſie uns wohl ſagen, was es noch nackteres geben kann, als die Nacktheit, ſterblicheres als die Erſchöpfung, laſterhafteres als das Laſter ſelbſt, widerlicheres als den Schmutz? Sollten denn die Unglücklichen, welche in den feuchten Kellerwohnungen aufgeſpeichert ſind, ſich noch ſchlechter haben nähren können als jetzt, oder vielmehr war damals der Hungertod ſchlimmer als heute? — O, die Herren wiſſen uns zu ſagen, wie viel junge Mädchen in dieſen ſchlechtdunſtigen Straßen, an den beiden Ufern der ſchwarzen peſtartigen Rinnſteine an ſcheuß⸗ lichen Krankheiten ſterben, wie viel Kinder in der Wiege umkommen, vergiftet durch die Luft ihrer väterlichen Woh⸗ nung, wie viel Männer in der Kraft ihres Alters erſchöpft an der Straßenecke hinfinken und den Geiſt aufgeben, indem ſie einen neidiſchen Blick nach den koſtbaren Wohnungen 96 dieſer Herren werfen, deren Fenſter ſich nicht öffnen, um den mit dem Tode Kämpfenden Rettung in Form eines Stückes Brod hinabzuwerfen. Aber dergleichen Schriften ſind merk⸗ würdige Dinge und finden Verleger, die alſo betriebene Philanthropie wird jetzt, wo das Abſcheuliche Mode iſt, eine ſiegreiche Spekulation. Ihr ſeid geſchickte Männer, ausge⸗ zeichnete Kaufleute, — Philoſophen! Ihr ſprecht viel, aber thut nichts, Euere Lippen ſind barmherzig, und am Ende bringen Euere emphatiſchen Seufzer Euch luſtige Pfund Sterling ein. Warum auch nicht? In einem Lande, wo mit der Religion ſelbſt Handel getrieben iſt, wo der Proteſtantismus ſelbſt unter den edlen Wölbungen des königlichen Weſtminſter ein Zollbureau angelegt hat, iſt es da nicht logiſch und ganz paſſend, auch mit dem Erbarmen Handel zu treiben? Das Uebel iſt zu groß, ſagt man, und zu tief einge⸗ wurzelt, als daß man hoffen könnte, ihm abzuhelfen. — Das heißt ſo viel als: Die Leute in St. Giles ſind ſogar zu arm, um jene kleinen ſchlecht gedruckten Bibeln zu kaufen, welche unſere evangeliſchen Geſellſchaften frommerweiſe den Wilden verkaufen und zwiſchen ein Fäßchen Rum und eine Partie Opium ſtecken, was richtig gerechnet zuſammen drei Gifte macht. Das heißt ſo viel: Das Geſchäft gibt keine Ausſicht auf Gewinn, und dieſe elenden Familien, welche von Kartoffelſchalen leben, können keinen Lehrer der Moral bezahlen. 97 Es iſt alſo beſſer, St. Giles und ſein Elend beizube⸗ halten, als Kapitale daran zu riskiren. Dies Argument ſcheint uns allerdings ſiegreich. — Aber dann zieht auch einen Schleier über dieſe Schmach, erlaubt Euern Rednern nicht, das Gemälde dieſes zurückſchreckenden Elendes mit poetiſchen Floskeln zu ſpicken. Entwickelt in Euern officiellen reports nicht eine ſo tiefe, ſo kleinliche, ſo genaue Kenntniß von der Exiſtenz des Uebels, daß dieſelbe Euere Unthätigkeit anklagt und auf Euere Stirn, auf die Stirn eines ganzen großen Volkes, den Stempel der Schmach drückt. „ Gewiß, für den, welcher England kennt, iſt der wirk⸗ liche Zuſtand der Dinge unvermeidlich und ganz normal. Wir ſind nicht von dem Holze, aus dem man Leute wie Vinzenz de Paula macht, und der dieſe Zeilen ſchreibt, hat nicht einmal dis Hoffnung, das unfruchtbare Mitleid einiger Lady's rege zu machen; denn St. Giles iſt kein Geheimniß mehr, und ſchon haben zwanzig andere die Lumpen von ſei⸗ nen Wunden weggezogen. Im Gegenſatz zu der vorhin angeführten Meinung find wir übrigens der Anſicht, und alle officiellen Dokumente ſprechen für dieſelbe, daß das Elend in St. Giles in den letzten Jahren zugenommen hat. St. Giles ſelbſt hat ſich ausgedehnt und die Verzweigung ſeiner Fäulniß durch die dunkeln Gaſſen, welche nach Coventgarden hinabgehen, er⸗ ſtreckt. St. Giles vergiftet halb London. Es hilft nichts, wenn man durch dieſen Koth breite . 5 Straßen durchbricht und neben dieſen Wohnungen der Armuth das vergoldete Oval des Gitters eines Square anbringt, neben dem Square die Straße entlang exiſtirt Saint Giles. Ziegel, Kalk und Mauer verändern nichts an der Sache. Wenn Sir Robert Peel, unſer ſehr geſchickter Miniſter, was Gott verhüten möge, im Todeskampfe läge, was würde er von einem Arzte denken, der, um ihn zu pflegen, ein Friſireiſen nähme, ihm Schminke auf die bleichen Wangen legte und das Uebel zu bekämpfen ſuchte, indem er um ſeinen magern Hals den vorwurfsfreien Knoten einer geſtreiften Cravatte legte. Robert Peel würde den ſonderbaren Doktor zu allen Teufeln jagen trotz aller parlamentariſchen Sanftmuth, wenig⸗ ſtens glauben wir, daß er das thun würde. Und doch ahmt er ganz und gar den phantaſtiſchen Doktor nach, er macht die Toilette eines im Todeskampfe liegenden Viertels. Menſchen leiden und ſterben, Sir Robert bricht eine Straße durch; ſie winden ſich in den letzten tödt⸗ lichen Krämpfen, Sir Robert läßt Gelder votiren, um ihnen einen Square anzulegen. Wenn der ehrenwerthe Baronet nicht ein ſehr ernſthafter Mann wäre, ſo könnte die Sache für einen grauſamen Scherz gehalten werden; denn was man auch ſagen möge, Maurer und Steinſetzer können nichts beſeitigen als Baufälligkeiten und Straßenſchmutz. Der Schmutz wäre aber das Geringſte und die verfallenen Häuſer ein Paradies, wenn man nur ein wenig Brod hineinbrächte! Das Elend iſt die wahre 99 Wunde, das Elend, welches Laſter erzeugt! Um ihm ab⸗ zuhelfen, genügt es nicht, Millionen auszugeben zur Weg⸗ kehrung des Schmutzes, den es um ſich anhäuft. Es be⸗ dürfte einer verſchwenderiſchen Wohlthätigkeit, die aber ganz außerhalb unſerer Krämerſitten liegt, oder einer auf Staats⸗ koſten auf freigebige Weiſe organifirten Beſchäftigungsanſtalt. Aber vor Allem und insbeſondere müßte man einiges Licht in dieſes dichte Dunkel bringen, man müßte dieſem ver⸗ dumpften Volke zu dem Gebrauche ſeines Verſtandes und ſeiner Seele helfen, müßte den Körper unterhalten, das Herz moralifiren . . . In London, wo wir ſo viel närriſche Aſſociationen haben, ſo viel unnütze Klubs, wird da niemals eine Ge⸗ ſellſchaft geſtiftet werden, deren Ziel ein ernſtes und wahrhaft chriſtliches iſt? Die Liebe zu den Negerſclaven iſt ein ſchönes Ding, die Mäßigkeit, beſonders für einen Engländer, eine bei⸗ nahe erhabene Tugend, aber die Wohlthätigkeit, die wahre Wohlthätigkeit, welche ſich nicht blos bei den problematiſchen Leiden der Hottentotten oder Malgachen offenbart, wird dieſe nicht auch einſt einen Apoſtel haben? Und müſſen ſolche denken, daß die engliſchen Peter Eremiten ſich ewig damit begnügen werden, tauſend oder zwölfhundert Bauern um einen Kübel klaren Waſſers zu verſammeln und ſie Eide ablegen zu laſſen, als ob ſie betrunlen wären. Mit Einem Worte, werden wir ſtets Berge bewegen, um zu Reſultaten zu gelangen, die zur Hälfte ſchön, zur Hälfte kindiſch ſind, und wird niemals unter uns irgend ein 5 * 100 heroiſcher Eecentrieman aufſtehen, ein Pater Mathews der Wohlthätigkeit? In der That, wir hoffen es kaum. Die Eccentricität hat Grenzen, und der Menſch, welcher die Caſſe unſerer Lords oder unſerer Banquiers in Anſpruch nehmen wollte, würde dadurch allein ſchon die ſchicklichen Grenzen derſelben überſchreiten. Im Jahre 181. wie heute noch war Saint Giles vor⸗ zugsweiſe das Viertel der Unglücklichen. Es iſt nicht nöthig hinzuzufügen, daß ſchon allein in dieſem Betracht es den Beinamen: Klein Irland verdient hätte; allein dieſer Bei⸗ name, der nichts metaphoriſches hat, iſt ihm in der That wegen der großen Anzahl von Irländern beigelegt, welche ſeine mephitiſchen Kellerwohnungen *) bevölkern. Die obern Etagen der Häuſer dienen Leuten zur Zuflucht, die dürftig ſind, aber doch im Stande, ſich ſtreng genommen das zu erwetben, was gerade zum Leben unentbehrlich iſt. Wir ſprechen hier natürlich nur im Allgemeinen, denn es gibt manches Gebäude, das unten vom Keller bis oben zum Voden voll halbnackter menſchlicher Weſen iſt, die ſich nicht mehr erinnern können, wie Brod ſchmeckt. O Breane wohnte in einem kleinen, anſcheinend etwas weniger verfallenen Hauſe, als die andern, und ſeine kleine *) Cellars. In den armen Vierteln ſind die Keller, welche ſonſt gewöhnlich zu Küchen und Vorrathskammern benutzt werden, ſtets von mehreren Familien bewohnt. Baarſchaft genügte, um ihm für lange Zeit eine Art ver⸗ hältnißmäßiger Wohlhabenheit zu ſichern. Er war ein Mann von ſchwacher Körperbeſchaffenheit und lebhaftem Charakter. Er hatte auf ſeinen Aufenthalt in London alle ſeine Hoffnungen gerichtet; aber nach einem Monate ſchon wußte er, woran er ſich zu halten hatte, und von nun an ergriff ihn eine tiefe Entmuthigung. Nur eines konnte ihn noch bewegen, das war der Gedanke an Irland und die Hoffnung, einſt wieder über den Kanal von St. George zurückzugehen. Und ſo paſſirt es immer, ſobald der Irländer in Lon⸗ don iſt, ſehnt er ſich leidenſchaftlich nach ſeinem grünen Erin, er träumt unaufhörlich von ihm, und eben ſo ſehr, wie er früher gewünſcht hatte, London zu ſehen, beeilt er ſich, es zu fliehen, nachdem er ſeine ſchwere Luft einge⸗ athmet. Aber es war zu ſpät. Chriſtian O Breane hatte die kleine Summe, die er mitgebracht, ſchon zu ſehr angegriffen: er hatte nicht mehr genug, um die Reiſe zu machen. Miſtreß OBreane, eine ſanfte und arbeitſame Frau, deren Leben unter den beſcheidenen Beſchäftigungen ihres ländlichen Hausweſens vergangen war, ſah nur mit den Augen ihres Mannes, liebte nichts in der Welt als ihn und ihre Kinder und hatte keinen andern Willen als den ſeinigen. Ihre Tochter Eliſabeth war luſtig, lebhaft, leicht von Kopf und vielleicht auch von Herzen und die ganze Freude des Maſter OBreane, deſſen kummervolle Stirn ſich blos beim Lächeln der hübſchen Betſy entfurchte. — war ſechs⸗ zehn Jahre alt. Das andere Mitglied der Familie, von dem wir noch nicht geſprochen haben, war ein Burſche von achtzehn Jahren, von Miſtreß O'Breane vergöttert, aber vom Haupte der Fa⸗ milie nicht ſehr geachtet. Man kann indeß nicht ſagen, daß Chriſtian ſeinen Sohn nicht geliebt hätte, denn ſo viel an ihm war, beſchäftigte er ſich eifrig mit ſeiner Erziehung: aber der Sohn hatte eine ſeltſame Geiſtesrichtung, und ſeine unerwartete, ſchnelle Verwegenheit erſchreckte den braven Ir⸗ länder, der es bisweilen bitter bereute, daß ein ſo ſchöner Junge nicht einen Charakter habe, wie alle andern Leute. Der Sohn Chriſtian O Breane's hieß Fergus. In ganz London hätte man keinen künſtleriſch ſchöneren Kopf auf einem harmoniſcheren Körper finden können. Er hatte in jenem Alter von achtzehn Jahren, wo die Mannheit noch nicht die Contouren der Züge hart macht, jene jugendliche und ſinnliche Schönheit, welche das lateiniſche Wort kormosus unnachahmlich und vollſtändig ausdrückt. Außerdem kündete die volle Anmuth ſeiner Glieder eine zukünftige außerordent⸗ liche Kraft an; die weichen und kunſtlos fallenden Locken ſeiner reichen Haare verbargen nur halb eine königliche Stirn, auf der ſich Willen, Kraft und Gedankentiefe ausdrückte. Das Ganze ſeiner Züge, mit Einem Worte, die ſo zart modellirt waren, daß die reizenden Ladies darauf hätten eifer⸗ ſüchtig ſein können, hatte unter einem Anſcheine ſorgloſen Muthes und träumeriſcher Poeſie noch einen andern Ausdruck „ . 103 von tiefer Intelligenz im Gemiſch mit einem Stolze ohne Grenzen. Chriſtian O Breane, der würdige Mann, hatte wahr⸗ ſcheinlich davon gar nichts gemerkt, und wäre er es gewahr geworden, hätte es ihm vielleicht viel Kummer gemacht; denn zu viel Verſtand und Stolz iſt bei dem Leben, welches der Irländer führt, eine gefährliche Eigenſchaft. Bis dahin hatte Fergus ſeinem Vater bei den minder harten Arbeiten ſeiner Pacht geholfen, und ganz kürzlich war er damit beauftragt geweſen, den Einzelnheiten des Prozeſſes zu folgen, welchen der Verwalter des Lords ſeinem Vater an den Hals geworfen. In London, wo ſo viele Gewerbe ſeiner Wahl frei ſtanden, ergriff er das eines Correctors und trat in dieſer Eigenſchaft in die große Buchdruckerei von Balderius und Mung, Orfordſtreet, ein. Die Londoner Luft, welche ſo ſchwer auf Maſter und Miſtreß O'Breane drückte, ſchien ihren beiden Kindern da⸗ gegen neues Leben zu geben. Betſy arbeitete, ſo lang der Tag dauerte, an ihrem Fenſter ganz luſtig, und wenn der Abend kam, trug ſie ihre Arbeit nach den Modengeſchäften von High⸗Solborn. Niemals hatte man ſie ſo zufrieden geſehen. Was Fergus anbetraf, ſo arbeitete auch er muthig, ns in ſeinen Mußeſtunden und verdiente ſchon im zweiten Monate ſeines Aufenthaltes in England einiges Geld. Er war allerdings die einzige Stütze ſeiner Familie; denn Maſter O' Breane wußte in London nichts anzufangen; deshalb war es die liebſte Hoffnung des würdigen Paares, F 104 mit Fergus Hülfe die zur Rückkehr nach Irland nöthige Summe zuſammenzubringen. — Man wollte Betſy mit⸗ nehmen, die dann dort gewiß irgend einen braven Katholiken zum Mann bekommen würde, eine Pachtung mußte auch wieder zu bekommen ſein und Fergus, der zum Landbau nichts taugte und, — der arme Junge! — nur zu Dingen gut zu ſein ſchien, bei welchen es ſich um Bücher oder andere Ba⸗ gatellen handelte, ſollte in London bleiben, wo ihn Gott ſchon beſchützen würde. Aber das Geld war nur langſam zu ſchaffen; Maſter OBreane wurde endlich vom Heimweh ergriffen, einer Krank⸗ heit, welche für den Irländer ſo gefährlich iſt, und M iſtreß O Breane fühlte ſich gleichfalls, vermöge einer geheimniß⸗ vollen Sympathie hinſchwinden. Seit zwanzig Jahren hatte ſie mit ihrem Manne dieſelben Freuden, wie auch dieſelben Leiden gehabt. Fergus, welcher gleich von Anfang an die Gründe und den Umfang der düſtern Traurigkeit begriffen hatte, welche auf ſeinem väterlichen Hauſe laſtete, verdoppelte ſeine Thätig⸗ keit, ſo daß ſein Vater zu dieſer Zeit eine unbeſtimmte Ah⸗ nung ſeines Werthes bekam und den Schatz von Kraft und Güte wahrnahm, welchen das Herz ſeines Sohnes einſchloß. Aber er hatte nur unbeſtimmte Ideen davon, weil er ganz ſeinen Schmerzen hingegeben nnd von jener egviſtiſchen In⸗ differenz befallen war, welche der Noſtalgie zu Grunde liegt, und Dingen, welche nicht ihn ſelbſt und ſein Vaterland be⸗ trafen, wenig Aufmerkſamkeit ſchenkte. 105 Sein Charakter hatte eine düſtere und rachſüchtige Fär⸗ Wenn er in glücklicheren Tagen von bung angenommen. wohl mit der irländiſchen England ſprach, ſo geſchah es Bitterkeit und dem natürlichen Haſſe des Unterdrückten, aber dieſe Bitterkeit und dieſer Haß waren gemildert durch ſeine täglichen Sorgen, und die Heftigkeit ſeines Temperaments zerſplitterte ſich an der Arbeit. Aber während ſeines Aufent⸗ haltes in London, einer Zeit gezw ungener Unthätigkeit und des Leidens, machte ſich ſein Groll gege n England in beredten Klagen Luft, deren verzweifelte Energie Fergus tief ins Herz drang. Dieſer hörte gewöhnlich ſchweigend zu. Bisweilen er⸗ bleichte er plötzlich und in ſeinem gewöhnlich ſo ſanftem Auge entzündete ſich ein Blitz, der Miſtreß O Breane zittern machte. Betſy ganz allein blieb inmitten dieſer Traurigkeit ſtets luſtig. Jeden Tag rückte ſie die Stunde, wo ſie ihre Arbei⸗ nige Minuten vor. Seit mehren Wochen s Koketterie iſt; ihr ſchönes hre Schläfe und ihr zeigte, vielleicht ten wegtrug, um ei ſchien ſie errathen zu haben, wa Haar lockte ſich jetzt anmuthig um i Kleid, das ſonſt ſo züchtig zugeſteckt war, aus Nachläſſigkeit, die zarte Weiße eines vielverſprechenden jungfräulichen Buſens. Jeden Abend, ehe ſie ausging, der Wand des gemein zu Rathe. gus nach vollbrachtem Tagewerk * * 8 zog ſie mehr als einma ſchaftlichen Wohnzim den kleinen ar mers hängenden Spiegel Eines Tages kam Fer 5 mehr als gewöhnlich. Man wartete: Betſy kam nicht. — Betſy ſollte nimmer wiederkehren. Chriſtian litt noch ergoß ſich in thörichte vegen des V Denn es wurde Morgen Fergus blieb ſtill; gerunzelter Stirn und athmete kaum. Als es endlich Tag w und drückte ſeinem Vater die Beleidigungen un erluſtes ſeines Kindes an. und Betſy war verloren. er hielt ſich bei Seite, bleich, mit klagte England ! urde, umarmte er Hand. — Ich werde Betſy ſuchen, ſagte er. r blieb den ganzen Tag aus. Am Abend kam er vor Ermüdung erſchöpft zurück und konnte ſich kaum noch auf den Füßen erhalten. Man richtele kein die arme Mutter ſeine Mutter allein, e Frage an ihn. rang die Hände Chriſtian richtete ſich auf ſeinem Lager kſein Fieber entſetzliche Fortſchritte gema ſchen und fleiſchroſen Antlitz ließen ſi ahen Todes ſehen. Miſtreß OBreane, und ſank aufs Kniee. auf, ſeit geſtern hatte cht. Auf ſeinem blei⸗ ch die Symptome des — Sie haben mir Alles genommen, rief er mit hohler 107 Stimme, die eben ſo ſehr von Haß als von Fieber zitterte; — Alles, mein Brod und mein Kind! — Unſer Kind, unſer armes Kind! rief die Mutter in Verzweiflung. Fergus hatte ſich wieder an ſeinen Platz von geſtern geſetzt und ſagte, wie geſtern, kein Wort. — Dieſe Sachſen, dieſe Sachſen! verſetzte chrſian, deſſen Stimme heiſer wurde und geſtikulirte wie wahnfinnig; — die Räuber, die Entführer, die Mörder! Sein Kopf ſank ſchwer auf das Kiſſen zurück. — Eine Convulſion bewegte ſeine Decken. — Darauf machte eine Stimme, welche ſchon aus dem Grabe zu kommen ſchien, Fergus ſchmerzhaft erzittern. — Kind, ſagte dieſelbe, — Dein Vater ſtirbt, Deine Schweſter iſt entehrt! Auf! und Kampf gegen England! Fergus ſtand bei dieſem ſeltſamen Befehle nfin auf. — Ein tiefes Schweigen folgte. Darauf ließen ſich herzzerreißende Seufzer hören. Miſtreß O'Breane verſuchte halb wahnſinnig, die Hände Chriſtians, welcher geſtorben war, wieder zu erwärmen. Fergus knieete nieder und betete. Miſtreß O'Breane hörte bald zu weinen auf; eine außerordentliche Ruhe erheiterte ihr Geſicht, ſie hob die Decke des Bettes in die Höhe und legte ſich neben Chriſtian nieder. Seit zwanzig Jahren lebte ſte das Leben dieſes Mannes, ihrer erſten und einzigen Liebe. Nach einer Stunde fuhr Fergus, der noch immer auf den Knieen lag und ſeinen Kopf in den Händen barg, aufs neue zuſammen. — Mein vielgeliebtes Kind, ſagte Miſtreß O Breane mit einer ſo ſchwachen Stimme, daß ſie kaum wie ein un⸗ vernehmliches Murmeln an ſein Ohr drang; — Dein Vater iſt todt, Deine Schweſter iſt entehrt. Ich will für Deine Schweſter beten und Deinem Vater nachfolgen .. Leb' wohl .. Fergus ſtieß einen Wehruf aus und ſank durch dieſen vreifachen Schmerz zerſchmettert zu Boden. Darauf herrſchte wieder Schweigen, ein düſteres tödtliches Schweigen, welches dies Mal kein menſchlicher Laut unter⸗ brach . Siebentes Kapitel. Sre Es war ſchon Tag, als Fergus O'Breane aus ſeiner langen Ohnmacht erwachte, und ſich nun allein in dem Wohn⸗ zimmer befand, das jetzt ſchweigend war, während kurz vor⸗ her noch ſich darin drei geliebte Stimmen kreuzten, — allein, zwei Leichen gegenüber, allein hier, und fortan auch allein in der Welt. Fergus war noch ſehr jung und ſein Herz hatte eine Kraft zu lieben, die ſich bisher ganz und gar in den frommen Neigungen der Familie erſchöpft hatte. Ein un⸗ geheurer Schmerz erdrückte ſeine Seele, die einen Augenblick dieſem fürchterlichen Schlage zu erliegen drohte. Aber Fergus beſaß in ſich eine, da er noch keine Gele⸗ genheit, dieſelbe zu entwickeln gehabt, bis dahin nicht entdeckte Energie, eine unüberwindliche und faſt übermenſchliche Kraft, eine elaſtiſche Stärke, deren geheime Schwungkraft ſich gegen dieſen erſten und furchtbaren Angriff des Schickſals anſpannte. Er war verwundert, ſich gegen dieſes herzbrechende Unglück ſo kräftig zu finden, und machte ſich die ſeltſame Ruhe, die er bei dieſer Scene der höchſten Troſtloſigkeit bewahrte, bei⸗ nahe zum Vorwurf. Er fiel wieder aufs Kniee und verſuchte zu beten; aber eine geheimnißvolle Stimme klang ihm vor den Ohren und flüſterte die letzten Worte ſeines ſterbenden Vaters: — Auf! Und Kampf gegen England! Er ſprang jählings auf. — Die anmuthig geſchwun⸗ gene Linie ſeiner Augenbrauen zog ſich plötzlich zuſammen; eine purpurne Färbung verdrängte die Bläſſe ſeines ſchönen Geſichtes und ſein Auge warf einen glänzenden Strahl. Das war nicht — Niemand konnte ſich darüber täuſchen — der flüchtige Zorn eines Kindes: es war der Haß eines Mannes und in dem ärmlichen Zimmer des ärmſten Viertels von London bildete ſich die verkündende Wolke eines Stur⸗ mes, der die drei Königreiche erſchüttern konnte. Fergus näherte ſich mit feſtem Schritt dem Bette und zog langſam von der einen Schulter zur andern und vom Kopfe zur Bruſt das heilige Zeichen des Kreuzes. — Mein Vater, flüſterte er laut und mit erhobener Band, — ich thue hiermit den Schwur, Dir zu gehorchen. Er tauchte ſeine Finger in das Weihwaſſer, das in einem Gefäße an der Bettwand hing und ſchloß Chriſtian OBreane die noch offenen Augenlider. — Miſtreß O Breane 113 bisweilen ſah man aus einer prachtvollen Equipage einen gewählten Kopfputz ſich leiſe neigen, glänzende Augen warfen durch jene ſchmale verheißende Oeffnung, welche die halb zu⸗ gedrückten Augenlider laſſen, ſchmachtende Strahlen, die unter den langen Augenwimpern hervorſchoſſen. Aber Fergus ging, ohne zu ſehen, vorbei; und ſtets allein in dieſer glänzenden Menge, obwohl der Gegenſtand der Aufmerkſamkeit Aller, wurde er doch Niemand gewahr. Denn ſelbſt die Gentlemen geruhten, von der Höhe ihrer Cravatte herab, ſich ein wenig mit dem jungen Irländer zu beſchäftigen. Man hatte ihn häufig ſich an das Gitter leh⸗ nen und in Gedanken verſunken unerkläͤrliche Blicke auf den königlichen Palaſt von St. James werfen ſehen. — Weshalb ſah dieſer junge ſchwarzgekleidete Mann, den Niemand kannte, und der Niemanden zu kennen ſchien, den Palaſt St. James ſo ſeltſam an? Auf den König oder die Miniſter wie nach einer Scheibe ſchießen, iſt in London eine den Wahnſinnigen ſo gewöhnliche Phantaſie, daß der vernünftige Theil der Habituss des Parks nicht anders denken konnte, als daß der ſchwarzgekleidete Unbekannte, — jedenfalls ein erſchwerender Umſtand — den günſtigen Augenblick ablauere, um ſeine Geſchicklichkeit an Sr. Majeſtät dem Könige Georg zu verſuchen. Dieſe Gentlemen ahnten aber nicht die volle Wahrheit. Nicht ein Menſch, ſo hochgeſtellt er auch ſein mochte, nicht der König Georg war es, den der junge Unbrkannte tödten wollte . 114 Fergus ſchenkte den Gentlemen ebenſo wenig Aufmerk⸗ ſamkeit als den Ladies. Sein Grübeln ging ſo tief, die Emſigkeit ſeines geiſtigen Arbeitens war ſo groß, daß ſeine Augen faſt die Fähigkeit verloren, zu ſehen. Ein Mal indeß wurde er aus ſeiner fortwährenden Zerſtreuung geriſſen. Es war im Green⸗Park. Bei der Wendung einer Allee traf ein durchdringender Ruf Fergus' Ohr. Dieſer Ruf kam von einer bekannten und heißgeliebten Stimme. Er wandte ſich haſtig um. — Eine Equipage mit Wappen fuhr geräuſchlos über den Sand der Allee hin; aus dem Schlage derſelben neigte ſich ein Köpfchen heraus, das bewegt ihm zulächelte. Fergus erbleichte und war nahe daran ohnmächtig zu werden. Darauf trieb eine heftige Bewegung des Zornes wieder das Blut in ſeine Wangen. Er wollte der Spur der Equipage nacheilen, denn er hatte in jenem lururiös ge⸗ ſchmückten Weibe Betſy erkannt und der neben ihr ſaß, mußte der Entführer ſein. Aber es war nur eine vorübergehende Aufregung und bald nahm er ſeinen Weg kalt wieder nach der entgegenge⸗ ſetzten Seite. Das inſtinktmäßige Bedürfniß nach Rache, welches ihn erſt dem Verführer Betſy's nachgetrieben hatte, trat vor ſeiner Ueberlegung zurück. Er hatte eine andere Rolle, als auf gewöhnliche Weiſe einen Schimpf zu richen, indem er den Beleidiger zwang, mit ſeiner Perſon dafür zu zahlen. Und er hatte ſich mit dieſer ſeiner Rolle ſchon ſo vertraut gemacht, daß er, ſein Herz prüfend, ſchon keinen Haß 115 mehr gegen den Mann darin fand, der ſeine Schweſter ent⸗ führt; wohlverſtanden: keinen perſönlichen Haß. Dieſe Be⸗ leidigung miſchte ſich mit anderen, ſchwereren Beleidigungen. Der Schuldige wurde ein unzertrennlicher Theil des Feindes, auf den er es abgeſehen und den ihm ſein Vater bezeichnet hatte. Eine Idee kann im Ganzen genommen ertravagant und doch in den Einzelnheiten bewunderungswürdig vernünftig ſein. Uebrigens gibt es außer im Felde der mathematiſchen Wiſſenſchaften keine ertravagante Idee. Der Erfolg bringt in Alles Logik hinein. Man hat, wie das Volksſprichwort ſagt, Könige Schäferinnen heirathen ſehen. Sirtus der fünfte trieb ein armes Gewerbe, bevor er auf den päpſtlichen Stuhl ſtieg und der große Kaiſer der Franzoſen wurde vom Purpur ſo entfernt geboren, daß die Hoffnung, ſeinem glor⸗ reichen Beiſpiele nachzuahmen, in allen Ländern für eine Extravaganz von der ſchönſten Art gelten würde. Wir den⸗ ken, abgeſehen von der Quadratur des Cirkels und der Goldmacherkunſt iſt unter der Sonne durchaus ertra⸗ vagant. Dies voraus, nun mag es einem Jeden überlaſſen blei⸗ ben, Fergus OBreane und ſeinen ſchwarzen Anzug zu be⸗ mitleiden. Gewiß, allem Anſcheine nach war das Werk, zu dem er ſich vorbereitete, ganz und gar nicht im Verhältniſſe zu ſeinen Kräften, aber welches Verhältniß iſt zwiſchen der Eiche, welche entwurzelt auf dem Voden liegt und dem kleinen Inſekte, deſſen nagender Zahn die Baſis des koloſſalen Baumes untergraben hat? Fergus wollte, er hoffte auch, weil jedes Wollen Hoffnung vorausſetzt, aber er ſah die Dinge nicht durch das Prisma jugendlicher Illuſionen. Das zu beſiegende Hinder⸗ niß ſchien ihm gerade wie es war: gewichtig, unerſchütterlich und tief in den Boden gewurzelt. Wenn er einem ſolchen Hinderniſſe gegenüber beharrlich blieb, ſo geſchah es, weil er eine ſtarke Meinung von ſich hatte und damit einen hohen Muth verband. Aber er beeilte ſich nicht und ſeine Geduld ſelbſt war ein drohendes Zeichen. Für Diejenigen, welche zu warten verſtehen, gruppiren ſich in der That die Ereigniſſe und ge⸗ hen auf Umwegen dem erſehnten Ziele zu. Zurückweichen iſt häufig bei ihnen eine Vorſchrift, es iſt weiter Nichts als das Zurücktreten Eines, der einen Anſatz zu einem gewalti⸗ gen Sprunge nimmt. Das neue Leben Fergus O Breane's hätte auch dem Auge der feinſten Beobachter nicht das geringſte politiſche Symptom dargeboten. Nichts von ſeinem großen Gedanken gab ſich nach Außen hin kund. Sein Leben floß dahin, wie das der jungen Leute ſeines Alters, welche von ihrer Arbeit leben, es gelangte, wie alle anderen, zu einer Liebesphaſe und wurde ein Roman. — Mur war bei ihm der Roman das erſte Kapitel zu einer ernſthaften Geſchichte. Seit einem Jahre war Fergus OBreane verwaiſ't. Er ging jede Woche einmal des Abends nach der katholiſchen 117 Kapelle in Belton, wo ſein Vater und ſeine Mutter den letzten Segen der Kirche empfangen hatten. Fergus war ein eifri⸗ ger Chriſt. Er fand übrigens Troſt und Reiz darin, die frommen Pflichten, welche die katholiſche Gemeinde von ihren Jüngern verlangt, ſtreng zu erfüllen. — Fergus hatte noch niemals geliebt. Nichts ließ ihm das ſchlummernde ſinnliche Element vermuthen, das ſchnell aufs Aeußerſte zu entflammen war, jenes plötzliche Hinge⸗ riſſenſein, das mit dem erſten Wurfe die äußerſten Grenzen der Leidenſchaft erreicht, jene köſtliche und doch vergeßliche Erregſamkeit, jene Zartheit des Herzens, die mit der Unbe⸗ ſtändigkeit vereint iſt, die aus ihm vor allen einen ge⸗ fährlichen Mann machen und den Weg ſeines Lebens mit mehr Opfern bedecken ſollte, als Don Juan jemals machte. Bis dahin waren ſeine Sitten ſtreng geweſen, wie ſein Gedanke. Vis zum Tode ſeines Vaters noch kindlich ge⸗ vlieben, hatte er ſeitdem alle ſeine Zeit dem Unternehmen zugewendet, das er ſich auferlegt. Jemehr er nun ſtudirte, um zu handeln, jemehr veränderte ſein Haß die Natur und wurde von einem inſtinktmäßigen zu einem überlegten. Jetzt wollte er ſich nicht mehr rächen, um blos ſeinem Vater zu BVe⸗ gehorchen: das Studium hatte ihm die unzähligen Be⸗ ſchwerden Irlands enthüllt und ſein Kampf vergrößerte ſich ſo, daß er ein ganz nationaler wurde. Bei ſeinen ernſten Beſchäftigungen hatte bisher die Liebe keinen Platz gefunden; Fergus vergaß die unbeſtimmten Re⸗ gungen, welche während der letzten Monate von ſeines Vaters Leben ſeine Träumereien verſchönt hatten. Das Unglück und die Rache erſtickten bei ihm das lebhafte Fieber des Knaben, der im Begriffe iſt, zum Mann zu werden, in ſeinem Keime, und er war dem noch nicht gewachſen, zu gleicher Zeit ſich mit Sachen des Herzens und des Kopfes zu beſchäftigen. Im Frühjahr eines Abends, in dem Augenblicke, wo er aus der Kapelle von Belton kam und um die Ecke Shorts⸗ Gardens bog, hatte ein Cabriolet von alter Bauart, das von einem ſtarken Arbeitspferde gezogen wurde, heftig gegen einen Stein angefahren und verlor eines ſeiner Räder. Das Pferd hielt erſchreckt einen Augenblick inne und dann ſtürzte es wieder vorwärts. Ein weiblicher Schrei kam aus dem halb umgeſtürzten Cabriolet. Fergus hatte dieſen Ruf nicht gehört, ſeine erſte Bewe⸗ gung war gleich nach dem Kopfe des Pferdes geweſen, deſſen mächtiger Lauf ſofort unter der Beſtrebung ſeiner kräſtigen Hand gehindert wurde. Denn Fergus, der eben ſo wenig ſeine Kräfte kannte als ſein Herz, beſaß bei ſeiner zierlichen Anmuth die Kraft eines Athleten. In dem Angenblick, wo das Pferd in den Knieen zu⸗ ſammenbrach und den Zügel mit ſeinem blutigen Schaum röthete, ſprang ein Mann auf das Trottoir und reichte ſeine beiden Arme in das Cabriolet hinein. — Erſchrick nicht, Marg, ſagte er aufgeregt, — komm, 119 komm, lieber Schweſter, denn dieſer Knabe wird nicht lange Zeit mehr das Pferd halten können. Die, welche er Mary nannte, antwortete nicht. — Das Pferd indeſſen, als ob es die Verachtung verſtanden hätte, welche ſein Herr gegen den Knaben ausgeſprochen, richtete ſich wieder auf den Hinterfüßen auf und verſuchte ſich vorwärts zu heben. Aber Fergus Hand ſchien wie von Eiſen zu ſein, und das Pferd ſenkte gebändigt den Kopf und blieb unbeweglich. Zu derſelben Zeit öffnete ſich die Thür des Hauſes, welches die Ecke von Shorts Garden bildet, und ein Groom kam heraus, der ſich beeilte, Fergus Platz einzunehmen. Dieſer ordnete ruhig ſeine Kleider und ging ſeines We⸗ ges weiter. — Bei meiner Treu, mein junger Sir, der Herr des Cabriolets aus, — das heißt nicht fein gehandelt! Sie ſehen ja wohl, daß ich durch meine arme kleine Marh, die, wie ich glaube, die Beſinnung verloren hat, das arme Kind! verhindert werde, und ich kann Ihnen alſo nicht nach⸗ laufen, um Ihnen zu danken ... Sie haben mir alſo das das Leben gerettet, und ich möchte doch gern ... — Es iſt ſo gut, als wenn Sie mir gedankt hätten, antwortete Fergus von ferne. — Ah, ah! iſt die Sache ſo .. nun gut, Ihr andern Engländer, Ihr ſeid nun einmal ſo, und ich habe nichts dagegen zu ſagen .., blos hätte ich gerne dem Manne die Hand gedrückt, der Mary gerettet hat ... das iſt Alles . Es lagen in dieſer Rede zwei Dinge, welche Fergus gerade zum Herzen drangen, erſtens eine herzliche Offenheit, welcher ſchwer zu widerſtehen war, zweitens ein ſtark ſchot⸗ tiſcher Accent. Die Hand eines Engländers würde Fergus nicht haben berühren wollen. Er kehrte wieder um und lächelte, zum erſten Male ſeit dem Tode ſeines Vaters, als er den Herrn des Cabriv⸗ lets ſeine beiden Arme ausbreiten ſah und fühlte, wie er ihn mit Wärme umſchloß. — Verzeihung, Gentleman, Verzeihung, verſetzte der Schotte; — aber Sie ſind ein braves Herz, und ich liebe meine kleine Mary ſo ſehr .. . Jetzt, da ich Sie nun einmal feſthalte, will ich ſterben, wenn wir uns trennen, bevor wir zuſammen ein Glas franzöſiſchen Wein getrunken haben, auf weſſen Geſundheit Sie wollen. Helfen Sie mir nur meine kleine Schweſter da herunter heben. Der Schotte hatte das Wogenleder des Cabriolets zu⸗ rückgelegt und die Figur eines jungen Mädchens an ſich heran gezogen, e bewußtlos gegen die eine Wand des Wagens gelehnt läh. Fergus konnte mit gutem Gewiſſen ſich nicht weigern, ihm ein wenig zu helfen. Dieß that indem er zur Hälfte die ſchwankenden Schritte Mary's unter⸗ ſtützte, welche wieder zu Sinnen gekommen war, aber noch nicht gehen konnte, und ſo trat er denn zum erſten Male ſeit dem Tode ſeines Vaters unter ein fremdes D Dach. Das junge Mädchen wurde im Sprechzimmer auf ein 121 Sopha gelegt; der Schotte küßte ſie zärtlich auf die Stirn und wandte ſich zu Fergus, dem er die Hand drückte. — Mein guter Herr, ſagte er, — wir einfachen Bur⸗ ſchen von Teviot⸗dale, wir machen oft keine langen Phraſen. Ich bin der Sohn des Pächters von Leed, das zwiſchen Annan und Lochmaben liegt, und heiße Angus Mac-Farlane. Hier ſchlagen Sie ein in meine Hand und wenn Sie heute morgen oder ſpäter einen Freund nöthig haben .. Fergus, deſſen Zurückhaltung nicht ſogleich mit dem erſten Schlage wich, unterbrach ihn: — Was ich gethan habe, ſcheint mir doch noch nicht zu verdienen . — Oh, oh, rief Mac⸗Farlane aus, — die Compli⸗ mente gehören gar nicht hierher, und dann kennen Sie Tobie nicht . . . Tobie, das iſt mein Pferd . . Ich wüßte Nie⸗ mand, ſehen Sie, der im Stande ſei, den verteufelten Tobie im Laufe anzuhalten ... Duncan, bringe Wein und Gläſer und laß Mac⸗Nab herunter kommen ... Nein, nein, Sir, Sie müſſen nicht glauben, daß Sie da etwas leichtes gethan haben! Ich bin doch wahrhaftig kein Weib, aber ich möchte nicht darauf ſchwören, daß ich Tobie ſo zum Zuſammen⸗ knicken brächte, wie Sie. Angus Mac⸗Farlane glich damals nicht dem Bilde, welches wir im Laufe dieſer Geſchichte von ihm gezeichnet haben. Er war ein ſchöner Burſche von etwa dreißig Jah⸗ ren, mit kühnem, offenem und luſtigem Geſichte. Höchſt ſelten ging ein flüchtiges Gewölk ohne Urſache über ſeine IV. 6 Stirn und war ohne Zweifel ein vorherverkündigendes Sym⸗ ptom jenes Kopffiebers, welches ſchottiſche Gehirne exaltirt und mit grauſamen Viſionen erfüllt; aber es war ein noch ſo unbeſtimmtes Symptom, das auch jede andere S habern konnte. Er hatte Mac⸗Nab, ſeinen Schwager, der ſeit einigen Wochen mit ihm in London wohnte, gerufen, um ſeinem Gaſte die Honneurs zu machen. Mac⸗Nab hatte die Schwe⸗ ſter von Angus geheirathet. Wir wiſſen aus dem eigenen Munde Stephens, ſeines Sohnes, die Umſtände ſeines tra⸗ giſchen Todes in demſelben Zimmer von Randal Graham's Hauſe, von wo die unglückliche Harriet Perceval ſpäter ſollte entführt werden. Mac⸗Nab konnte dasſelbe Alter haben als ſein Schwager; er war ein Mann von verſtändigem, vornehmem, aber kaltem Anſehen. Sein Benehmen kontra⸗ ſtirte mit den nachläſſigen Manieren und der luſtigen Unge⸗ nirtheit Angus Mae⸗Farlane's. Die öffentliche Meinung ſchrieb ihm unter vielen andern Verdienſten eine große Frei⸗ müthigkeit und vollkommene Rechtlichkeit zu; aber dieſe Frei⸗ müthigkeit war wenig mittheilend bei ihm und kam nicht gleich dem Erſten Beſten entgegen. Er hatte die Funktionen eines Advokaten bei dem Gerichtshofe von Glasgow. Was Mary Maec⸗Farlane anbetrifft, ſo möge ſich der Leſer eines gewiſſen Bildniſſes erinnern, das in Iriſh⸗Houſe in dem uns unter dem Namen: „das Zimmer des Lairds“ bekannten Gemache hing und ein junges Mädchen darſtellte, das nach der Mode zur Zeit unſerer letzten Kriege gegen Napoleon gekleidet war; wir brauchen alſo keine neue Be⸗ ſchreibung von ihr zu machen, denn Mary war in der That das Original dieſes wunderbar ähnlichen Bildes, blos war Mary noch hübſcher, ſanfter, lächelnder als ihr Bild. Sie ging in ihr ſechszehntes Jahr. Fergus war ſchon eine Viertelſtunde da und hatte Mary noch nicht einmal genau betrachtet. Mac-Nab war einge⸗ treten, und auf Angus Erzählung hatte er an den jungen Fremden ſehr artige Dankſagungen ausgedrückt. Alles ſchien beendet zu ſein; die höfliche Kälte Mac⸗Nab's hielt der warmen Herzlichkeit Mac⸗Farlane's das Gegengewicht, und Fergus, der wieder an ſeinen Lebenszweck dachte, wollte ſich beeilen, dieſer unützen Zerſtreuung ein Ende zu machen. Er wollte Abſchied nehmen, nachdem er dem Toaſte von Angus, der ſich das nicht nehmen ließ, freundlich Be⸗ ſcheid gethan: als Mary das Sopha verließ, auf das ihr Bruder ſie gelegt hatte, und mitten ins Zimmer trat. Fergus ſtand ſtill, als ob eine unſichtbare Hand ihn an den Boden gefeſſelt hätte; ſie nahm ein Glas vom Tiſche und goß einige Tropfen Wein hinein. — Sie müſſen auch mir Beſcheid thüm, ſagte ſie ſanft; — ich trinke auf die Geſundheit derer, welche Sie lieben! Fergus wurde bleich und würde hintenüber geſunken ſein, wenn Mat⸗Farlane ihn nicht gehalten hätte. — Miß, Miß, flüſterte er mit einer Stimme, welche der plötzlich wieder erwachte Schmerz beben machte; — die, welche ich liebe, ſind todt . und ich werde nie mehr lie⸗ 6* 124 ben ... das heißt, ich weiß nicht .. ob nicht doch ich bringe es Ihnen, Miß! Er nahm von dem Präſentirteller ein Glas und leerte daſſelbe eilig und voller Verwirrung. Das Blut war in ſeine Wangen zurückgekehrt, er ſchlug die Augen nieder, als ob ein Bleigewicht auf ſeinen Augenlidern gelegen hätte; der Athem verging ihm. Mac⸗Nab runzelte die Stirn; Mary wurde ganz roth und blieb auch mit geſenkten Augen Fergus gegenüber ſtehen. Mac⸗Farlane fing laut zu lachen an. — Gut, gut, ſagte er; — ich habe niemals einen ſo hübſchen Jungen geſehen, wie Sie, Maſter O Breane . Wahrhaftig, Mac⸗Nab, ich wünſchte, Du hätteſt mit an⸗ ſehen können, wie er den Tobie beim Kopf nahm, als wenn es der Poney eines Hochländers geweſen wäre .. ich hoffe, Maſter O'Breane, daß wir das Vergnügen haben werden, Sie wieder zu ſehen. Fergus erhob den Blick zu Mary, antwortete ein ver⸗ ſtändliches — Ja, und ging dann ſchnell fort. Sehr häufig ſeit einem Jahre vergingen ihm die Rächte, ohne daß der Schlaf die fortwährende Arbeit ſeines Geiſtes unterbrach; auch dieſe Nacht ſchlief er nicht, aber es waren nicht ſeine gewöhnlichen Gedanken, welche diesmal die Schlaf⸗ loſigkeit veranlaßten. Fergus liebte. — Einen Augenblick, aber nur einen kurzen, wollte er ſich dieſes unbekannten Gefühles erwehren, das zu gleicher Zeit ſein Herz wie ſeinen Kopf beſtürmte, 125 aber ſo ſtark er auch gegen alle andern Anfechtungen war, hatte er es doch nicht in ſeiner Gewalt, die Liebe zu be⸗ kämpfen. Dieſe erſte Bewegung des Widerſtandes war die inſtinktmäßige Proteſtation ſeines einen Augenblick vergeſſenen Haſſes. Darauf ſchwieg die Rache, der Kampf nahm ein Ende, und Fergus ſtürzte ſich ganz und gar mit vollkom⸗ mener Hingebung und thörichter Fröhlichkeit in dieſe erſte Liebesentzückung. Dieſe Nacht war gleichſam eine Offenbarung ſeines künftigen Lebens, eines Lebens, das getheilt ſein ſollte zwi⸗ ſchen herkuliſchen Arbeiten und finnlichen Genüſſen. Er lernte mit einem Male jene leidenſchaftlichen Träumereien, jenen Aufſchwung der Begierden, jenes ſiegreiche Wollen des Beſitzes kennen, das ſo viel ſüße und reiche Genüſſe zur Abwechſelung zwiſchen ſeine Kämpfe ſtellen ſollte. Ein ein⸗ ziger Blick hatte ſeine Sinne und ſein Herz entzündet; zwi⸗ ſchen ſeinem Menſchen von dieſer Nacht und dem von der vorigen war jetzt ein himmelweiter Unterſchied. Und dennoch, trotz ſeiner entflammten Begierden, wie poetiſch und rein war dieſe erſte Liebe! Fergus gab ſich ihr ganz, ohne Rückhalt hin. Niemals erfand die Liebe eines Pagen unendlich zartere Aufmerkſamkeiten, es war ein Dienſt, es war ein Cultus. Aber Fergus ſollte immer ſo lieben. Sein von Natur unbeſtändiges Herz widerſtand der austrocknenden Sättigung, welche der Unbeſtändigkeit eigenthümlich iſt. Er ſollte jung bleiben, trotz dem, daß er ſchnell und viel lebte, ſollte ungeſtraft die Schätze ſeiner reichen Organiſation verſchwenden können. Er war moraliſch das, was ein Verſchwender ſein würde, der ſein Gold unaufhörlich thöricht ausſtreut und es nicht erreichen kann, daß ſeine unerſchöpfliche Erbſchaft rui⸗ nirt wird. O, es war eine ſchöne Nacht, und Fergus erinnerte ſich derſelben. So voll tiefer und in ihrer flüchtigen Dauer doch wahrer Leidenſchaften auch ſpäter ſein Leben ſein mochte, dieſe Liebe war ſeine erſte, und ihre Spur ſollte in ſeinem Herzen bleiben, wie den Poren eines neuen Gefüſſes der nicht zu vertilgende Wohlgeruch eines hineingegoſſenen Riechwaſſers ewig verbleibt. Denn wenn das Herz auch wechſelt, ſeine Erinnerung kennt doch keine Unbeſtändigkeit. Unter tauſend Zärtlichkeiten gibt es doch nur Eine wahre Erinnerung, um welche die andern halbverwiſcht, bleich flattern und verſchwinden. Fergus brachte zwölf Stunden mit ſeinem köſtlichen Traume zu. Am andern Tage, ſo wie es Morgen war, beſuchte ihn Angus Mac⸗Farlane. — Es iſt nun einmal ſo mit den Sympathien: Mac⸗-Farlane würde Fergus Freund ge⸗ worden ſein, ſelbſt wenn dieſer es nicht gewollt hätte. Aber der Letztere dachte nicht daran, die köſtliche Freund⸗ ſchaft von Mary's Bruder zurückzuweiſen; vermöge dieſes mächtigen Bandes ging die Vertraulichkeit zwiſchen ihnen ſehr ſchnell weiter und die Liebe gleichen Schritt. Marh, das naive und einfache Kind, konnte nicht lange Zeit dem 127 ſchönen Fergus widerſtehen, welcher gewiſſermaßen die Kunſt der Verführung unbewußt beſaß. Sie liebte, wie ſie geliebt wurde, ohne allen Rückhalt. Blos mußte ſie länger lieben! Das Haus Mac⸗Farlane's wurde bald von Fergus als das ſeinige betrachtet, er erfuhr alle Geheimniſſe des braven Schotten und die Beweggründe ſeiner Gegenwart in London; von ſeinen eigenen Geheimniſſen aber verrieth Fergus nichts als ſeine Liebe. Mehrere Wochen vergingen ſo. Mac⸗Nab behielt immer O'Breane gegenüber ſeine ceremonielle und kalte Höflichkeit bei, aber Mac⸗Nab war doch nicht der Herr im Hauſe. Außer Fergus gab es nur noch einen einzigen Fremden, deſſen Beſuch häufig bei Miß Mac⸗Farlane zugelaſſen wurde. Dies war ein junger Noblemen mit Namen Godfrey von Lanceſter, der auf den Tod ſeines alten Vaters wartete, um Graf von White⸗Manor zu werden. Achtes Kapitel. Engliſches Duell. Angus Mac⸗Farlane und ſein Schwager Mac⸗Nab waren in London, um einen von jenen unendlichen Prozeſſen zu führen, welche die zum Sprichwort gewordene Dunkelheit der engliſchen Geſetze fortwährend verurſacht und ein Gerichts⸗ hof ſo gut es geht aburtheilt, vermittelſt ſehr vielfältigen und verſchiedenen Maßes und Gewichtes, unter die man zuerſt die Billigkeit, dann den Zufall, dann Gunſt und Em⸗ pfehlungen rechnen muß. Gewiß, wir denken auf keine Weiſe daran, die engliſche Juſtiz der Käuflichkeit zu beſchuldigen, nichtsdeſtoweniger kann man nicht läugnen, daß in London Geld faſt alle Pro⸗ zeſſe gewinnen hilft. Daß dieſes Geld nicht unmittelbar in die Taſche der Richter oder Beamten geht, iſt wohl richtig, aber macht im Grunde die Sache nicht anders. Das Uebel 129 beſteht darin, daß ein armer, eines Beſchützers ermangelnder Mann auch die klarſten und augenſcheinlichſten Rechte nicht geltend machen kann. Es iſt bekannt, daß eine gewiſſe An⸗ zahl Pfund Sterling, wenn ſie geſchickt ausgegeben werden, in London einen Prozeß über die Dauer des gewöhnlichen menſchlichen Lebens hinhaltep⸗unn. Das Recht iſt dabei das allergeringſte, ſich Niemand. Die Form ſitzt auf dem Throne in der Geſtalt eines ſchlecht frifirten Beamten, der bei allen Rechtsſtreiten den Vorſitz führt. Die Hauptſache wird zur Einzelnheit und abſorbirt ſich in einer Verſchwendung von ſeltſamen Formalitäten, deren kleinſte allein oft im Stande iſt, die ſchmale Börſe eines ärmlichen Klienten zu erſchöpfen. Schon ſeit langer Zeit ſind bedeutende Geiſter mit der Lieblingsidee umgegangen, eines Tages dieſen Stall des Augias auszuräumen, Lord Brougham hat häufig über die⸗ ſen Gegenſtand beredte und dringende Worte geſprochen, aber wir möchten wetten, daß das Ende der Welt herankommen wird, bevor unſre Rechtsverfaſſung reformirt ſein wird. Bei dem geringſten Verſuche dazu würde es einen Auf⸗ ruhr unter den Advoeaten, Sollicitors, Attorney's, Gerichts⸗ dienern und Stabträgern geben. Die ſchwarzen Roben und, die gepuderten Perücken würden ſich auf den Marktplätzen verſammeln und die achtungswerthe Corporation der Gerichts⸗ ſchreiber ſteckte am Ende London an allen vier Ecken in Brand. Es handelte ſich in dem Prozeſſe von Angus Mac⸗ Farlane oder vielmehr ſeines Vaters, des Pächters von Leed⸗ 6** 130 um eine große Strecke Gebiet, das von einem Friedensrichter der Grafſchaft Dumfries in Anſpruch genommen wurde. 1 Ein Friedensrichter, das war allerdings ein ſehr böſer Um⸗ „ ſtand. Mae⸗Farlane, deſſen Familie ſtets dieſe Lindereien 3 beſeſſen hatte, die faſt ſein ganzes Vermögen ausmachten, 2 dachte nicht daran, ohne heftigen Kampf zurückzutreten. Der Friedensrichter war reich und ſehr gut unterſtützt; Angus und Mac⸗Nab wurden daher nach London geſchickt, um thätig die Intereſſen der Familie zu verfechten. Angus ſah kein anderes Mittel, als vor den Richter zu gehen und ſeine Anſprüche auseinanderzuſetzen, aber Mac⸗ Nab war Advocat und mit den krummen Wegen der ſchot⸗ tiſchen Chikane ſehr vertraut (denn wir müſſen ſagen, daß in Beziehung auf Schlingen, abſichtliche Verwickelungen und Rabuliſterei die lawyers von London noch hinter denen von Glasgow und Edinburg zurückſtehen). Mac⸗Nab wollte daher ſich einen Schutz ſichern und den Kampf auf gleich⸗ mäßigere Weiſe beginnen. Alte Familienbeziehungen öffneten ihm das Haus des Grafen von White⸗Manor, welcher ein würdiger alter Herr war. Mac⸗Nab legte ihm die Gerech⸗ tigkeit ſeiner Sache ſo klar dar, daß ſie mit Fingern zu greifen war und der Graf nahm die Angelegenheit unter ſeinen hohen Schutz. Das geringſte, was man dagegen thun konnte, war, daß man von Zeit zu Zeit die Ehre annahm, von dem älteſten Sohne Sr Herrlichkeit beſucht zu werden. So führte ſich alſo Godfrey von Lanceſter unter dem 131 Schutze Mac⸗Nab's ein, Angus indeſſen ſah ihn nicht mit dem günſtigſten Auge an und Mary empfand eine inſtinet⸗ mäßige Abneigung gegen ihn. Der ehrenwerthe Godfrey war damals dreißig, höch⸗ ſtens fünf und dreißig Jahr alt. Sein ziemlich ſchönes, aber durch den Genuß ſtarker Getränke eben ſo ſehr, als durch ein übertrieben ſanguiniſches Temperament geröthetes Geſicht hatte ganz den entſcheidenden Charakter des ſüchſiſchen Typus, der faſt mit brutaler Energie darin ausgeprägt war. Der Egoismus war in großen Buchſtaben auf dieſe rothen Züge geſchrieben und der Jähzorn ſchien durch die Maske hindurch, welche das britaniſche Phlegma über faſt alle Phyſiognomien gleichmäßig legt. Angus dachte, der ehrenwerthe Godfrey ſei in ſeine Schweſter Mary verliebt, Mac⸗Nab aber behauptete das Gegentheil. Fergus ſeinerſeits hatte die Neigung von Angus nnd die Liebe Mary's ſich erworben. Die Dinge konnten lange Zeit nicht ſo bleiben, ohne daß man von Heirathen ſprach. Mac⸗Nab, ſobald er von den Anſprüchen des jungen Irländers hörte, ſetzte ſich ihnen mit aller Gewalt entgegen, aber Mary umſchlang mit ihren ſchönen Armen weinend den Hals ihres Bruders und dieſer ſchwur darauf, daß die Heirath zu Stande kommen ſollte. Fergus und Marh wurden Brautleute. Es eriſtirte zwiſchen Fergus und dem ehrenwerthen Godfrey von Laneeſter eine natürliche Abneigung, welche ſich 132 oon Seiten des Erſteren durch ein verächtliches Schweigen verrieth, von Seiten des Nobleman durch herausfordernde Blicke und Zeichen kaum verhehlten Haſſes. Sie trafen ſich ſehr häufig in Angus Hauſe, aber O Breane räumte gewöhn⸗ lich das Feld und zog ſich gleich zurück, ſobald der Erbe des Lords ſich zeigte. Durch dieſes Mittel war bisher ein Auftritt vermieden worden. Den Tag darauf, als die Heirath beſchloſſen war, ſollte die Familie Mac⸗Farlane nach Schottland wieder abreiſen, wohin ſie die Führung des Prozeſſes zurückberief; Fergus war im Sprechzimmer allein und wartete dort auf Mac⸗ Farlane. Bevor der Letztere kam, ließ man den ehrenwerthen Godfrey von Laneeſter ein, deſſen verſtörtes Geſicht verkün⸗ dete, daß ein heftiger Zorn gleich ausbrechen werde. Fergus nahm ſeiner Gewohnheit gemäß den Hut und ging ſchwei⸗ gend auf die Thür zu. — Goddam! murmelte Godfrey rauh; — dieſer Bauer hat mindeſtens ſo viel Vernunft, daß er von ſelbſt Z Thür hinaus geht. 3 Fergus blieb ſtehen und ſah Lanceſter ins Geſicht, wel⸗ cher ſich auf ein Sopha legte und die Beine mit affectirter Nachläſſigkeit kreuzte. — Mir ſcheint, als wenn Sie von mir ſprächen, Sir, ſagte Fergus. — Wahrhaftig, das wäre möglich, junger Menſch, ent⸗ gegnete Godfrey verächtlich. Fergus wurde roth, verlor aber ſeine Beſonnenheit nicht. 133 — An der Art, wie dies Geſpräch beginnt, verſetzte er, — muß ich abnehmen, daß es beſſer wäre, wir ſetzten daſſelbe draußen fort. Godfrey zuckte die Achſeln und regte ſich nicht von der Stelle. — Denn ich vermuthe, fuhr Fergus fort, — daß hin⸗ ter Ihrer Unverſchämtheit nicht auch noch Feigheit verſteckt ſein wird. — Gehen Sie, ſagte Lanceſter, und ſtand lächelnd auf. — Ich folge Ihnen. Fergus ging zuerſt und Lanceſter folgte ihm in der 3 at, indem er ſchnell ſeinen Rock zuknöpfte. 8 Als ſie auf die Straße gekommen waren, wollte Fergus das Wort ergreifen. — Weiterhin, ſagte Godfrey von ging um die Ecke von Shorts⸗Gardens herum, in Belton⸗Street hinein. Fergus folgte ihm. — Godfrey trat vom Bürgerſteig herunter und ſtellte ſich mitten auf die Straße. Er war zu jener Zeit noch ein ſehr kräftiger Mann und die in London, wo der Fauſtkampf eine Wiſſenſchaft für Volk ſowohl, als für Ariſtokratie iſt, wohlbekannte Stellung, die er annahm, ließ die kräftigen Verhältniſſe ſeines Körpers nur noch mehr hervortreten. In der Straße befanden ſich nur wenige geſchäftig Vorübergehende, welche mit den Händen in den Taſchen und gerade vor ſich hin ſehend auf dem Trottoir gingen, wie es Menſchen thun, die in der Kunſt erfahren ſind, auf offener 134 Straße zu gehen und nicht alle Minuten zwanzig Mal einen Stoß in die Rippen bekommen wollen. — Nun, Maſter, ſagte Godfrey mit beleidigendem Tone, — wenn es Ihnen gefällig iſt, Ihr fortzuſetzen, ich ſtehe zu Dienſten. — Ich habe Luſt, erwiederte Fergus vortretend, — Ihnen Rechenſchaft abzufordern über Ihre brutale Unver⸗ ſchämtheit. — Gut, junger Mann, ich will Ihnen meine Rechen⸗ ſchaft ablegen .. und ich müßte mich ſehr irren, bei Gott w nn es Ihnen jemals im Leben wieder einfallen ſollte, der⸗ gle chen zu verlangen .. alſo eins nach dem andern: erſtens, Sie lieben Miß Mac⸗Farlane und das ſteht mir nicht an zweitens, glaube ich, daß Miß Mac⸗Farlane Sie liebt .. drittens hat man mir geſagt, daß Sie ſie heirathen würden. — Das iſt wahr, antwortete Fergus. — O, doch nicht! . . . denn vorher, junger Mann, werde ich Ihnen die Rippen zerſchlagen. — Edler Sir! rief OBreane aus, deſſen Blut ſich er⸗ hitzte, — meine Geduld geht zu Ende und Sie werden es bereuen müſſen . Er konnte nicht ausſprechen, weil ein Fauſtſchlag des Nobleman ihn mitten auf die Bruſt traf und kräftig hinten über warf. Der ehrenwerthe Godfrey von Lanceſter war der beſte Schüler des berühmten Holmes von Coventgarden, der faſt ein Viertel Jahrhundert hindurch das Scepter des ring in 7 135 London ſchwang und deſſen Portrait in ganzer Figur man noch in allen Public⸗Houſes ſehen kann, in denen ſich die Borxer verſammeln. Godfrey deckte ſich gleich wieder und lächelte zufrieden. Die Vorübergehenden ſtanden auf beiden Seiten der Straße ſtill, denn ein boxing im Straßenſchmuz iſt ein glück⸗ liches Ereigniß, das ſelten wird und deſſen Reize die Cokneys immer mehr und mehr zu würdigen wiſſen. — Hier ver⸗ ſprach der Anfang viel. Fergus ſtand betäubt und wüthend auf. Ohne ſeinen Angriff zu berechnen und mehr Vorſicht zu gebrauchen als das erſte Mal, fuhr er auf ſeinen Gegner los. — Godfrey's Arm, der in der Richtung des Kopfes erhoben war, ſenkte ſich mit der Fauſt herunter und zum zweiten Male fiel Fergus auf das Straßenpflaſter, wo er einige Sekunden unbeweglich und wie vernichtet liegen blieb. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſich Niemand regte, um ihm beizuſtehen. — Unter den Zuſchauern wurden blos einige lakoniſche Unterredungen gehalten, während dieſelben ſich auf dem Trottoir vermehrten und zum Theil ſchon auf die Straße treten mußten. — Guten Tag, Maſter Hobſon, . wie gehts? . Da iſt ein junger Burſche, der eben todtgeſchlagen werden wird . .. Wie befindet ſich Ihre Lady? — Maſter Sinclair — Ihr Diener . .. Der Schlag war gut .. Der junge Menſch hat Feuer ſehen müſſen . Iſt Ihre Frau Gemahlin wohl auf? * 136 — So viel ſteht feſt, er hat genug, glaube ich ... Sehen Sie, er regt ſich nicht mehr. Einige Hände klatſchten Beifall. — Der Schlag war gut. — Godfrey, der ein ausgezeichneter Athlet war, miß⸗ brauchte gewiß ſeinen Vortheil, indem er einen Mann ſchlug, dem die Kunſt des Fauſtkampfes ganz fremd war und be⸗ ging eben ſo gewiß einen Act der Feigheit, als ein Soldat, der vollkommen bewaffnet iſt und ſich ſeines Degens gegen einen waffenloſen Feins bedienen wollte. Aber in London, das kann man nicht oft genug wiederholen, denkt man nicht ſo. Der Sinn des Edelmuths fehlt einem Jeden; der Stärkſte ſein, das iſt die Ehre, der Reichſte ſein, das iſt der Ruhm. Das geht ſo weit, daß man ſehr in Verlegenheit ge⸗ rathen würde, genau die Stelle zu entdecken, wo die Empfind⸗ lichkeit unſerer Gentleman anfängt. — Im Unterhauſe nennt ein Mitglied ſeinen Collegen einen Mops und ſagt zu ihm, daß Sir Robert Peel ihn mit Peitſchenhieben treibt. Der College findet das ganz einfach, und entgegnet dem geehrten Redner vor ihm, indem er ihn einen Pudel nennt und ihn beſchuldigt, Lord John Ruſſel den Stiefel geleckt zu haben. — Und das Haus der Gemeinen bricht in Gelächter aus. Mit einem Worte, die Inſtinete der Ritterlichkeit find uns faſt eben ſo fremd, als ſelbſt dem Amerikaner. Der Schlag war gut, was kümmerte man ſich um etwas anderes? — Godfrey ſetzte den Fuß nicht auf die Bruſt des Beſiegten und das war Seelengröße genug. 137 Indeſſen hatten Maſter Hobſon und Maſter Sinclair doch nicht ganz Recht. Fergus hatte noch nicht genug daran. Nach einigen Sekunden der Unbeweglichkeit ſtand er wieder auf, ſein Geſicht war erdfarben und ſeine Augen ſtrahlten in unheimlichem Feuer. Er ſtürzte ſich nicht wie vorhin ſeinem Widerſacher ent⸗ gegen, ſondern maß ihn einen Augenblick mit den Augen, ging mit langſamen Schritten auf ihn zu, die Arme herab⸗ hängend, den Körper und das Geſicht vollkommen ungedeckt. Ein Schauer der Neugier lief durch die ganze Ver⸗ ſammlung, jeder ſtellte ſich, um beſſer zu ſehen und nichts von der Entwickelung zu verlieren, denn es war allen klar, daß der Athlet jetzt eine verwundbare Stelle würde wählen können. — Es war alſo der Tod eines Menſchen zu hoffen. Der Blick Godfrey's wurde in der That aufmerkſam und heftete ſich durchdringend an den Punkt, wo die Bruſt zurücktritt, hohl wird, nach der Magengegend zu. Fergus trat immer vor. — Godfrey viſirte und ſchlug mit ganzer Kraft. Eine ſeiner Fäuſte traf Fergus Bruſt, die einen hohlen, ſchrecklich anzuhörenden Ton von ſich gab; die andere traf ihn unten an der Stirn und verurſachte einen Strom von feinen Strahlen Blutes. Zur allgemeinen Verwunderung erlag Fergus dieſem Doppelhiebe nicht. Er wankte weder, noch wich er zurück; der Schlag traf auf ſein Fleiſch, als ob et eine erzene Säule getroffen hätte. — Die Verſammlung, deren neugieriges In⸗ tereſſe auf den höchſten Punkt geſtiegen war, ließ ſich ein 138 dumpfes Gemurmel entſchlüpfen, da ſie ihn noch immer auf⸗ recht und gerade ſtehen ſah; blos mit einem blutigen Zeichen auf der Stirn. Godfrey ſelbſt erwartete mit ſolcher Gewißheit, ihn aber⸗ mals niederzuſchlagen, wenn nicht mit dem Schlage zu töd⸗ ten, daß er nicht die gewöhnliche Schnelligkeit an den Tag legte, ſeine Fäuſte wieder in die Parade zu legen. In der Gewißheit ſeines Triumphes vergaß er die Hauptregel, das Fundament der Kunſt. Als er ſeinen Irrthum erkannte, war es nicht mehr Zeit, den begangenen Fehler wieder gut zu machen. Fergus beide Hände umſpannten wie zwei ſtäh⸗ lerne Zangen ſeine Arme, daß ſie krachten. Der Nobleman erbleichte nun auch, denn Fergus Athem brannte ihm dicht vor dem Geſichte, Fergus Augen fascinirten unheimlich und glühend ſeine ſchon getrübten und vom Schreck unſicher gemachten Augen. Er wollte ſeine Arme losmachen; unmöglich! Der Druck von Fergus Fingern war gleichmäßig anhaltend, geduldig und ermüdete ſeine ohnmächtigen Beſtre⸗ bungen, da er die Feſtigkeit der Eiſenringe hatte, welche man den Verurtheilten um die Handgelenke ſchmiedet. Er ſah ſich verloren. — Die Menge ſchwieg ſtill. — Man hörte nur die Stimme einiger Policemen, welche, durch den Haufen verhindert, verſuchten, die Barriere von Menſchen um die Kämpfenden herum zu durchdringen und vergeblich mit ihrem Bleiſtocke drohten. Fergus ſchien in ſeinem Zorne größer zu werden. Sein ſchöner Wuchs richtete ſich ſeinem gebändigten Gegner gegen⸗ 139 über mit furchtbarem Stolze auf, ſeine ſanften und anmuthi⸗ gen Züge hatten eine wilde und unerbittliche Gewalt be⸗ kommen ... Er drückte die Arme Godfrey's nach hinten zurück und ließ ſie plötzlich los, um die ſeinigen um die Hüften des erſchreckten Nobleman zu ſchlingen, der den beſten Boden unter den Füßen verlor. — Die Umſtehenden ſahen die Züge des ehrenwerthen Lanceſter ſich furchtbar verzerren und man hörte ein dumpfes Gekrach von zerbrochenen Knochen. — Da ließ Fergus los und Godfrey ſank leblos auf den Boden. — Er iſt todt, er iſt todt! rief man von allen Seiten. Und die Menge bewegte ſich im Zug, nicht etwa um zu helfen, ſondern um zu berühren, nachdem man geſehen hatte. Dieſe Bewegung erlaubte den Leuten von der Polizei durchzukommen, ſo daß ſie nach der Gewohnheit aller Poli⸗ zeien der ganzen Welt gerade noch auf dem Orte des Un⸗ glücks erſchienen, als man ſie nicht mehr nöthig hatte. Lanceſter lag unbeweglich. — Fergus, den nur ein unbezähmbarer Wille allein in dem letzten Acte dieſes Dra⸗ ma's aufrecht erhalten hatte — er lehnte ſich an den Ständer einer Laterne, erſchöpft, röchelnd, und nahe daran, ohnmäch⸗ tig zu werden. Man führte ihn vor die Obrigkeit, während Godfrey von Lanceſter auf eine Trage gelegt wurde, die ihn nach Portlandplace, in die Wohnung ſeines Vaters, des Lord White⸗Manor brachte. N Fergus war von nun an Gefangener, weil er nicht hatte Caution leiſten können. Gewiß, es iſt für den engliſchen Bürger eine ſchöne Prärogative, die Habeas corpus⸗Acte zu beſitzen. Unſer Ge⸗ ſetz kommt auf dieſe Weiſe dem unſchuldig Angeklagten zu Hülfe und erſpart ihm jenes lange präventive Gefangenſein, dieſe Monate und Jahre von Kerker, welche die Juſtiz meh⸗ rerer Länder des Continents auf einen Verdacht hin und wie blindlings verhängt. Wir ſind augenſcheinlich auf dem Wege der Civiliſation voraus und unſer Habeas corpus, ſo verwirrt es auch ſein mag, zeigt ſich wenigſtens von dieſem ſchmach⸗ vollen Widerſpruch frei, den zum Beiſpiel der franzöſiſche Coder hat, welcher ganz laut proklamirt, daß jeder Ange⸗ klagte vor ſeiner Verurtheilung für unſchuldig angeſehen wird und damit beginnt, ihn in's Gefängniß zu werfen, unter dem Vorbehalt ſeiner ſpäteren Freilaſſung. Aber muß bei uns das Geld die ausdrückliche und ent⸗ ſcheidende Vedingung der Ausübung dieſes Rechtes ſein? Dieſes ſo berühmte Hbeas corpus iſt nur dem Reichen zum Vortheil und läßt den Armen im Kerker. Der Arme, welcher jeden Tag mühevoll und durch raſt⸗ loſe Arbeit ſein kärgliches Mahl zu verdienen ſucht — hat er Gelder im Hintergrunde für den Fall, wo Irrthum, Zufall oder Nichtswürdigkeit eine Anklage über ſein Haupt verhäng⸗ ten? Iſt es nicht Spott, ihm, der Hunger hat und auf der Erde ſchläft, eine perſönliche Correction abzuverlangen? Gewiß, die Juſtiz bedarf einer Garantie. Aber iſt denn 141 das Geld die einzige, ewige Garantie? Soll denn das Un⸗ glück immer wieder anderes Unglück herbeirufen und wird man nicht müde werden, um den Armen einen Kreis von Verdächtigungen und von Unmöglichkeiten zu ziehen? Godfrey von White⸗Manor war nahe daran, den Fol⸗ gen der furchtbaren Umarmung von Fergus zu erliegen. Während der erſten Woche hatten die Aerzte wenig Hoffnung gehabt, ihn zu retten, aber endlich gewann er die Oberhand und beſſerte ſich wieder. Godfrey gehörte einer mächtigen Familie an und war von Rachſucht ganz durchdrungen. Um ſein Krankenbett bildete ſich ein Rath: Männer des Geſetzes wechſelten ſich an ſeinem Lager ab, man verſtändigte ſich, combinirte die Thatſachen und legte Fergus eine Schlinge, welcher er, der ſelbſt im Gefängniſſe krank war und ſich durch ſeine Unſchuld ſtark wähnte, nicht entgehen konnte. Fergus mußte in ſeinem Gefängniß eine Menge Ver⸗ höre beſtehen und konnte gleich von Anfang ſehen, daß man ihn nicht blos beſchuldigte, in einem Kampfe, der von Ge⸗ waltthaten begleitet war, handelnde Perſon geweſen zu ſein. Er war indeß jung, ſetzte ſeinen Glauben auf die Billigkeit der Richter und antwortete der Wahrheit gemäß. Es würde für ihn ein ſehr großer Troſt geweſen ſein, wenn er von Mary und Angus Nachrichten gehabt hätte, aber er verwunderte ſich nicht über ihr Schweigen, denn die Familie Mac⸗Farlane's mußte in Schottland ſein und wahrſcheinlich hatten Angus und Mary keine Ahnung von ſeinem Unglück. 142 Er ſchrieb nach Lochmaben, bekam aber keine Antwort. In der Einſamkeit ſeines Gefängniſſes beſchäftigten ſeine rieſigen Rachepläne, welche einen Augenblick in den Hinter⸗ grund getreten waren, wieder ſeinen Geiſt. Als er das erſte Mal die Blicke ſeines Verſtandes auf dieſe Seite hin richtete, verfiel er in eine tiefe Entmuthigung, denn ſeit mehreren Monaten war er mehr rückwärts als vorwärts geſchritten und ſein Plan erſchien ihm jetzt als eine unſinnige Schwärmerei. Aber das war nur die Stimmung einer Nacht. — Fergus war einer von den kühnen Geiſtern, welche ihre Phan⸗ tafien in Bronce gießen, und den erſten leichtſinnigen und thörichten Hinwurf ihres Gedankens in kaltbedachte tief ſtu⸗ dirte Combinationen verwandeln. Sein Plan hatte ſchon ſo ſtarke Wurzeln in ihm gefaßt, daß jede ſeiner Anſichten, die vorübergehend vergeſſen war, nun ſich ſeinem Blicke wieder zeigte und abermals von ihm geprüft wurde. Er ſah abermals die Fehler der britiſchen Bewaffnung, fand ſeine alten günſtigen Momente für den Angriff und Sieg wieder heraus, die Zukunft eröffnete ſich für ihn auf's neue und in ſeiner furchtbaren Zelle auf dem elenden Lager, auf welches er ſeine kranken Glieder hinſtreckte, ſtieß er voll Gluth und Hoffnung ſeinen Kriegsruf auf: — Kampf gegen England! Ach, welches Nichts auf der einen Seite und auf der andern, welche koloſſale Macht! Fergus hatte nicht einmal die Freiheit, ſeinen zerbrech⸗ lichen Degen gegen die Keule des Rieſen einzulegen, ſeine 143 Hände, ſchwach wie ſie waren, trugen außerdem noch Ketten und der koloſſale Feind mußte ihn in ſeinem Gange zertre⸗ ten, zertreten ohne zu ſehen und ohne von dem erklärten Kriege eine Ahnung zu haben, wie ein Landmann, der Nachts des Weges dahergeht, blindlings den Scorpion zertritt, deſſen Stich ihn bedroht. Als Fergus vor der großen in Old⸗Baily verſammel⸗ ten Jury erſchien, gab es nur eine einzige Stimme über ſeine Sache. Er wurde vor den Gerichtshof geſtellt. Dieſer erſte Schlag ergriff ihn ſchmerzlich; aber dies war nach allem nur erſt noch ein Vorſpiel. Er war ſo brutal angegriffen worden, der Fall legitimer Vertheidigung lag ſo klar am Tage und es hatten ſo viel. Ztüigen dem Streite beigewohnt, daß eine Verurtheilung ihm unmög⸗ lich ſchien. So ſehr gewaffnet Fergus auch gegen England was, kannte er doch noch nicht alles gut zu machende Unrecht, alle abzuſchaffende Schmach. Nichts iſt in London unmög⸗ lich in Bezug auf eine Verurtheilung. Die Annalen unſerer Gerichtsbarkeit find in der ganzen Welt die reichſten an nicht zu entſchuldigenden Irrthümern und blutigen Ungerechtig⸗ keiten. Wir haben einestheils den Irrgarten unſerer Geſetze, anderntheils das falſche Zeugniß, welches in einem überall an andern Orten unbekannten Grade organiſirt iſt. Hat nicht Lord Holland bei Gelegenheit eines berühmten Prozeſſes geſagt, daß er, zwiſchen dem Tribunal des Pontius Pilatus 5 und einem engliſchen Gerichtshofe die Wahl habend, den Richter wählen würde, der Jeſus Chriſtus verurtheilte? Godfrey von Lanceſter und ſeine Rathgeber waren beſſer unterrichtet als Fergus. Sie wußten, daß die Keller von Longlane und von Aldergate⸗Street von einer hungrigen und elenden Bevölkerung bewohnt ſind, deren einziges Gewerbe das falſche Zeugniß iſt, und bei denen man den Meineid zu ſehr billigen Preiſen bekommen kann, von einer Flaſche Gin an bis zu acht oder zehn Schillingen. Alle ihre Maß⸗ regeln waren getroffen. In der Audienz legte ein dichter Haufe erkaufter Menſchen Zeugniß ab, daß Fergus den Sohn des Lords hinterliſtig und mit bewaffneter Hand angegriffen habe. Fergus glaubte zu träumen. Er bewegte ſich auf ſeiner Angeklagtenbank hin und her und rief: — Lüge! Aber die Zeugen folgten unaufhörlich aufeinander und ſagten alle in denſelben Ausdrücken aus. Lügen, Lügen! wiederholte Fergus mechaniſch. Der Gerichtsdiener ſchrie: — Ruhe! und der Attorney des Königs hatte Mühe, die Entrüſtung zurückzuhalten, welche in ihm durch das freche Läugnen des Angeklagten hervor⸗ gerufen wurde. Was die Gentlemen Geſchwornen anbetrifft, ſo tödteten ſie die Zeit, ſo gut ſie konnten und überlegten ſich, welche Schüſſeln ſie heute zu Abend eſſen würden. Ein letztes Zeugniß gab dem Angeklagten noch den Gnadenſtoß. 145 Der Menſch, welcher es ablegte, war eine Art Bettler, einige zwanzig Jahre alt und ſeine ganze Perſon bot den widerlichſten Anblick dar. Seine harten, übermäßig buſchi⸗ gen Haare gingen ihm faſt bis auf die Augenbrauen, deren ſtruppiges Haar ein hinterliſtiges und boshaftes Auge ver⸗ deckte. Alle unedlen Neigungen und boshaften Leiden⸗ ſchaften malten ſich auf dieſer Phyſiognomie, deren Ge⸗ ſammteindruck noch durch ein heuchleriſches, gutmüthiges Lächeln zum Aeußerſten der Falſchheit und Verworfenheit ver⸗ vollſtändigt wurde. Er trat vor das Tribunal mit ungleichem Schritte, bei welchem jedesmal alle Glieder wie verrenkt zu werden ſchienen. Als er vor der Schranke angekommen war, grüßte er den Richter, die Beiſitzer, den Alderman, die Geſchwornen, den Attorney des Königs, die Advokaten, das Auditorium und den Conſtabel, der ihn hergebracht hatte. — O, Ew. Ehren, ſagte er, bevor er gefragt wurde, — meine guten Lords, ich ſchwöre auf das Evangelium und auf Alles, daß ich die Wahrheit weiß . ſo wahr Gott mir in den letzten Stunden gnädig ſein ſoll, will ich die ganze Wahrheit ſagen .. . Ew. Ehren haben mich geſtern zur Deportation verurtheilt, wegen eines armſeligen Dutzend Schnupftücher, welche man in meiner Taſche gefunden hat ... aber ich beklage mich nicht, meine werthen Lords! das Leben iſt grauſam theuer in London und ich finde vielleicht da unten, wie man ſagt, jenſeits des Waſſers, Gelegenheit, W 7 146 mein elendes Brod rechtſchaffen zu verdienen .. O ja, ich habe kein Intereſſe dabei, die Gerechtigkeit zu betrügen und kenne Fergus OBreane, den Verbrecher, ſehr gut! .. Fergus wollte entgegnen, aber er wurde zur Ruhe ver⸗ wieſen. — So iſt's recht, ſagte der Zeuge, — bringen Sie ihn zum Schweigen, den Spitzbuben! ... O Ew. Ehren, iſt es möglich, daß Jemand eine ſo ſchwarze Seele hat, um den Sohn eines Lords zu morden, eines Lords, der eine Million Pfund Sterlings hat! . .. Ich kenne ihn recht wohl, er wohnte mit ſeinem Vater, dem Schurken, in St. Giles! . — Elender! rief Fergus mit donnernder Stimme. — Bringen Sie ihn zum Schweigen, verſetzte der Zeuge, — oder er wird lügen, wie ein Falſchgläubiger, der er iſt Er wohnte in St. Giles mit ſeiner Muttter und ſeiner Schweſter, — eine Bettlerin, aus der Lord Fitz⸗Allan — Gott ſegne Se. Herrlichkeit, — ein ſchöne Dame mit Dia⸗ manten und Cachemirſhawls gemacht hat .. Fergus ließ ein dumpfes Geſtöhn hören. — Nun gut, fuhr der Zeuge fort, — oftmals hat er mir, da er wußte, daß ich ein armer Menſch bin, vorge⸗ ſchlagen, er wolle mir den Hut ganz mit Kronen anfüllen, wenn ich dem Sohne des Lords einen Meſſerſtich beibringen wolle. 147 — Bei meiner Seligkeit, rief Fergus aus, — ich habe niemals mit dieſem Elenden ein Wort geſprochen! — Ruhe! ſagte der Gerichtsdiener. — O doch, fuhr der Zeuge wieder fort und ſuchte auf ſein ſüßliches Geſicht einen Ausdruck von Unſchuld heraufzu⸗ beſchwören, — der Spitzbube hat mit mir geſprochen, ſo wahr mein Name Bob Lantern iſt .. . und das iſt der Name eines armen, guten Jungens, meine Lords! Es iſt ſchon lange her, daß er den Augenblick abwartete, um ſeinen Schlag auszuführen und mehr als ein rechtſchaffener Burſche iſt um minderer Urſache willen durch die Hände Ketchs (des Henkers) gegangen, ich beſchwöre es bei der Bibel und bei Allem, meine Lords! Bob Lantern ging und ſetzte ſich wieder und den Ad⸗ vokaten Godfrey's anſehend, blinzelte er mit den Augen. Dieſer machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches ihm Protektion verhieß. — Die Jury erklärte Fergus einſtimmig für ſchuldig und das Urtheil, welches ihn zur Deportation verdammte, wurde wie ein Act der Milde betrachtet, denn offenbar verdiente er gehenkt zu werden. Fergus verließ die Audienz, einer Art von Starrſucht zur Beute. Die Ueberraſchung ſtumpfte alle ſeine Fähigkeiten ſo ab, daß er über die Größe ſeines Unglücks noch gar nicht klar war. Ins Gefängniß zurückgekehrt, ergriff ihn ein heftiges Fieber und er verlor das Bewußtſein ſeines Elends. 7 — 148 Als er aus dieſem langen Schlafe ſeines Verſtandes aufwachte, waren ſchon mehre Wochen ſeit dem Tage ſeiner Verurtheilung verfloſſen. Er befand ſich auf der Rhede von Weymouth auf dem hulk (Pontonſchiff) der „Cumberland“, ein ſchwimmendes Gefängniß, welches für die Deportirten beſtimmt war, die bald nach Auſtralien eingeſchifft werden ſollen. Neuntes Kapitel. Die Pontons. Fergus O'Breane lag auf einer engen, ſchräggehenden Pritſche, in einem niedrigen Gange, der ganz voller Betten war, dem ſeinigen ähnlich. Von Zwiſchenraum zu Zwiſchen⸗ raum ſtanden Schildwachen in Matroſenkoſtüm, den bloßen Degen in der Hand. Fergus Bett ſtand neben einer Stückpforte, aber er kehrte dem Lichte den Rücken zu und konnte in dieſem erſten Augenblicke des klaren Vewußtſeins ſich keine Idee machen, an welchem Orte er ſich befinde. Das erſte Geſicht, welches er an ſeinem Bett bemerkte, ließ ihn an der Wirklichkeit alles deſſen zweifeln, was er ſah. Das Geſicht gehörte dem verhaßten Bettler an, deſſen falſches Zeugniß ſeine Verurtheilung herbeigeführt hatte. Fergus bedeckte ſein Geſicht mit den Händen, um dieſe Er⸗ ſcheinung von ſchlechter Vorbedeutung zu verſcheuchen und 150 nahm ſeine Erinnerungen zuſammen. Aber dieſe Erinnerun⸗ gen miſchten ſich verwirrt mit einander und ein dichter Nebel bedeckte ſein Gedächtniß; er hatte das unbeſtimmte Bewußt⸗ ſein eines Unglückes und konnte von der Art und Ausdeh⸗ nung deſſelben ſich keine Rechenſchaft ablegen. — Ich weiß nicht, murmelte er ermattet, — habe ich vielleicht den Verſtand verloren? . — O nicht doch, mein hübſcher junger Gentleman, antwortete die Stimme Bob's, welche den Kranken unter ſeiner groben wollenen Decke zuſammenfahren machte; — Sie haben blos ein kleines unbedeutendes Fieberchen gehabt, mit ſo etwas Phantaſieen, etwa einen Monat oder ſechs Wochen hindurch . . . Das iſt Alles. Fergus öffnete die Augen wieder und konnte eine Ge⸗ berde des Abſcheues nicht zurückhaletn, als er das ekelhafte Geſicht Bob Lantern's einige Zoll weit von dem ſeinigen lächeln ſah. Bob hatte ſchon zu jenen Zeiten Anlagen, ein Philo⸗ ſoph zu werden. Er ſah die Geberde, verſtand ſie und är⸗ gerte ſich gar nicht darüber. Ich begreife das wohl, mein hübſcher Junge, ich be⸗ greife das. Mein Geſicht macht Ihnen Nervenzucken, wegen der Geſchichte von Old⸗Cvurt. — Old⸗Court! wiederholte Fergus mechaniſch. — * Darauf wurden ſeine Gedanken und ſeine Erinner⸗ ungen plötzlich lichter und er fuhr mit ungeſtümer Heftig⸗ keit fort: 151 — Du biſt es, Elender, jetzt beſinne ich mich. Er verſuchte es, ſich aus ſeinem Bette zu werfen, aber Bob, der ganz ruhig aufgeſtanden war, hielt ihn ohne große Mühe zurück. — Ja, ja, ſagte er, — ich begreife das ſehr wohl, mein Beſter .. aber halten Sie ſich ruhig ſeit vierzehn Tagen bin ich Ihr Krankenwärter und Gott weiß, wie ge⸗ nau ich die Verordnungen des jungen Doktor Moore be⸗ obachte, der Chirurgiegehülfe auf dem Ponton iſt ... — Wir ſind alſo auf einem Ponton? rief Fergus aus. — Auf dem ſchönſten Ponton, der ſich auf der Rhede befindet der Cumberland ich ſagte Ihnen alſo, daß ich für meine Mühe und Sorge wohl Verzeihung verdiene für einen armſeligen Spaß, den ich mir gemacht habe gut, gut Maſter O Breane! Ich weiß Alles, was Sie dar⸗ über werden ſagen wollen .. aber hören Sie nur, das Leben iſt grauſam theuer! Der Sohn des Lords hat mir ein Pfund geben laſſen . — Und für ein Pfund, Unglücklicher? .. Ich verſuchte mehr zu bekommen, aber Gilbert Paterſon iſt ein ſchlauer Gevatter ... übrigens log ich nicht ganz und gar. Ich habe Maſter Chriſtian O Breane, den würdigen Mann, in St. Giles ſehr wohl gekannt ... und Miſtreß O'Breane, die würdige Dame .. . und die kleine Miß und Sie auch, mein junger, hübſcher Mann alle zuſammen haben mir oft Almoſen gegeben, 152 wenn ich auf dem Pflaſter von Bachridge⸗Street den Epi⸗ leptiſchen ſpielte .. . oh, oh, ich wette, daß Sie ſich des Epileptiſchen erinnern! .. es iſt ein prächtiges Gewerbe, Maſter O'Breane . . Bob unterbrach ſich und fuhr dann jämmerlich fort: — Aber es iſt grauſam kalt im Winter in den Rinn⸗ ſteinen von St. Giles und bei alle dem muß man doch we⸗ nigſtens ſein armes Brod verdienen .. Fergus war ſehr ſchwach. Sein Zorn von vorhin hatte genügt, ihn ganz zu entkräften; er hörte kaum noch zu und die Worte Bob Lantern's drangen wie ein verwirrtes un⸗ deutliches Gemurmel an ſein Ohr. Dieſer bemerkte es und ergriff ihn beim Arme, um ſeine Aufmerkſamkeit wach zu halten. — Mein hübſcher Maſter, fuhr er fort, — hören Sie mir wohl zu. Wenn ein Dienſt mich nichts koſtet, ſo ver⸗ pflichte ich gern meinen Nächſten . . . und übrigens habe ich mich bei Ihnen im Voraus bezahlt gemacht, wie Sie werden ſehen können, wenn Sie erſt Kraft genug haben, den Inhalt Ihrer Börſe nachzuzählen .. . es handelt ſich um Folgendes: Sie ſind hier auf dem Cumberland, zwei Stunden von der Küſte und in wenigen Tagen werden Sie von den Bayſhip*) an Bord genommen werden. — Sind Sie einmal dort, iſt kein Mittel mehr, zu entkommen aber ſo lange wir auf der Rhede bleiben, iſt noch Hülfe ... hören Sie mir zu? *) Fahrzeug, welches die Verurtheilten nach Neu⸗Süd⸗Wales bringt. 153 Fergus machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe. In demſelben Augenblicke hörte man ein Geräuſch von Schritten und Stimmen über dem Deck. — Da kommen ſie wieder! fuhr Bob fort, — meine Wache iſt zu Ende und ich habe nur noch Zeit, Ihnen eine Lehre zu geben .. Ihre Stubenkameraden haben Luſt, das Land wieder zu ſehen und fürchten die Seekrankheiten . ſie machen ein Loch hinter Ihrer Pritſche . Sie würden ſie geniren, wenn Sie nicht mit ihnen im Einverſtändniſſe wären und wenn man ſie genirt ⸗ Bob beendete ſeine Phraſe mit einer pochſ ausdrucks⸗ vollen Pantomime. — uUm alle Unannehmlichkeiten von dieſer Art zu ver⸗ meiden, verſetzte er, iſt es das beſte Mittel, für einen Ein⸗ geweihten zu gelten .. das iſt nicht ſchwer, weil wir uns unter einander nicht alle kennen . ſobald man ſehen wird, daß Ihnen die Veſinnung wiedergekommen iſt, wird man zu Ihnen ſagen .. merken Sie ſich das genau Gentle- man of the night . . . das geſchieht blos, um zu erfahren, ob Sie zu den Guten gehören .. antworten Sie darauf 3 ohne zu zaudern: — Son ok the family und legen Sie ſich S auf ihre beiden Ohren ſchlafen. Eine Leiter, welche vom Zwiſchendeck zum Oberdeck führte, begann in dieſem Augenblick unter dem Gewichte vieler Verurtheilten zu ſchwanken, welche dieſelbe durch die Luke herabzuſteigen begannen. Die Wachen, welche in Abweſenheit der Verurtheilten B 154 zuſammengetreten waren und plauderten, nahmen ſchnell ihre Poſten wieder ein. Der, welcher Fergus Bett am nächſten ſtand, war ein ungeheurer Burſche, wenigſtens an Länge, und ſeine Arme und Beine ragten mager und knochig aus ſeinen bedeutend zu kurzen Kleidern hervor. Dieſer lange Burſche hatte ein ehrliches Geſicht und trug auf ſeinen Zügen den Anſchein der vollkommenſten Geiſtesruhe. Die Nacht brach herein. Die Verurtheilten legten nach einem gemeinſchaftlichen Gebete von einer Art Prediger ge⸗ leſen, der zu dieſem Zwecke vorher ſeine Pfeife hatte aus⸗ gehen laſſen, ſorgfältig ihre Jacken zuſammen und ſich ins Bett. Einige Minuten darauf machte der Kapitän in Be⸗ gleitung eines Officiers und des Chirurgen die Runde. Der Chirugus war Doktor Moore, ein junger Phyſician von großen Hoffnungen. So wie wir ihn zwanzig Jahre ſpäter geſehen haben, war er damals ſchon; blos daß ſeine Stirn von reichem Haarwuchſe bedeckt wurde, was dem oberen Theile ſeines Kopfes Erhabenheit gab und ihm ein wenig jenes oben enge und an den Kinnbacken breite Birnengeſicht nahm, welches ſpäter ſo auffallend die verſtändige Regel⸗ mäßigkeit ſeiner Züge entſtellte. Die Runde hielt vor Fergus' Lager ſtill und Moore fühlte ihm den Puls. — Hat er nicht geſprochen? fragte er Bob. — Ob er nicht geſprochen hat, Ew. Ehren? antwortete dieſer mit einer unſchuldigen Miene, — er hat von allen 15⁵ möglichen Dingen geſprochen, o ja .. . von hübſchen Mäd⸗ chen und guten Kartoffeln mit Ale. — Das Delirium, .. murmelte der Kapitän. Moore gab dem langen Burſchen in den zu kurzen Kleidern ein Zeichen, heranzukommen; dieſer nahm augen⸗ blicklich eine militäriſche Haltung an, ſetzte ſeine mageren Beine in Bewegung und maß ſeine Schritte mit mathemati⸗ ſcher Gleichmäßigkeit ab. — Haben Sie dieſen Menſchen ſprechen hören? fragte ihn Moore. — Dieſen Menſchen, Donnerwetter! antwortete der gute Paddy O'Chrane, der damals noch in der ganzen Blüthe der Jugend war; — ſoll mich der Blit treffen, ich höre niemals zu, was dieſe verdammtn n Spisbuben ſn ſagen mögen, die armen Teufel. — Dieſer Menſch muß geſprochen haben und zwar vernünftig geſprochen, verſetzte Moore, — die Kriſis von heute Morgen hat ihn gerettet. — Deſto beſſer, ſagte der Kapitän, — ſo iſt es einer mehr. Man muß wiſſen, daß das engliſche Geſetz, welches die rechtſchaffenen Arbeiter vor Hunger ſterben läßt, für die Verbrecher ein wahrhaft mütterliches Herz hat. Ein Chi⸗ rurgus würde übel ankommen, wenn er auf irgend eine Prämie Anſprüche machen wollte, weil er einen Seidenweber von Spital⸗Fields oder einen Lighterman aus den London⸗ Docks gerettet hat; aber wenn es ſich um einen ausgezeichneten 156 Dieb, einen zur Deportation Verurtheilten handelt, ſo ge⸗ winnt die Sache ein anderes Anſehen. Es gibt eine Prämie für den Doktor und eine für den Kommandanten des Pontons. Dies erklärt uns den freudigen Ausruf des Kapitäns. Der Officier, welcher den Kommandanten begleitete, hatte bis dahin mit Hülfe eines Hammers die Wände des Pon⸗ tons zwiſchen jeder Pritſche unterſucht. Man hätte bemerken können, daß Moore ſich von Anfang an an das Kopfende von Fergus' Bett geſtellt hatte und dort die ganze Zeit des Beſuches über blieb, ſo daß er den Theil der Wand ver⸗ deckte, welcher zwiſchen dem Bette des Kranken und dem ſeines Nachbars zur Linken lag. Die Runde entfernte ſich, und der Ofſicier berührte die hölzerne Wand des Pontons an dieſer Stelle nicht, ſei es nun aus Höflichkeit für den Doktor, oder weil Fergus' Zu⸗ fland nicht erlaubte, an einen Verſuch zum Ausbrechen an ſeiner Seite zu denken. Man hörte den Hammer periodiſch klopfen, und endlich ſtieg die Runde aufs Verdeck. Bob war nach ſeinem eigenen Bette gegangen, nachdem er die herzlichen Flüche des Matroſen Paddy in Empfang ge⸗ nommen. Ein Krankenwärter brachte Fergus ein vom Doktor Moore verordnetes Getränk. Als er wieder gegangen war, herrſchte vollkommenes Schweigen im Zwiſchendeck. Das dauerte ungefähr eine halbe Stunde. — Der weite Schlafſaal war durch einige Lampen erleuchtet, deren 157 ungenügendes Licht alle Gegenſtände in einem zitternden Halbdunkel ließ. Die Wächter, der Zahl nach vier, gingen langſam in dem ihrer Aufſicht unterworfenen Umkreiſe umher. Fergus ſchlief nicht. Aber der Trank, welchen er ge⸗ nommen, machte ſeinen Geiſt und ſeinen Körper bis zu einem gewiſſen Punkte ſchläfrig; er ruhte, während er Bewußtſein von Allem behielt, was um ihn her vorging. — Nach etwa zwanzig Minuten hörte er ein unmerkliches Geräuſch von Ketten unter der Bettdecke ſeines Nachbars zur Rechten, wel⸗ cher ein kräftiger Mann von entſchloſſener Miene war, wie Fergus bei der Ankunft der Verurtheilten im Zwiſchendeck hatte bemerken können. Das Geräuſch hatte allerdings an einem Orte, wo mehr als fünfzig Gefangene mit Ketten an Händen und Füßen ſchlafen, nichts Außerordentliches; indeſſen fiel es noch einem andern Ohre als dem des Fergus auf; denn der lange Matroſe Paddy rief unwillig: — Jack, Sohn des Satans, trauriger Auswurf von Newgate, mein Freund, ich will verdammt ſein, wenn Du nicht der lärmendſte Schuft biſt, den ich kenne .. . und ich kenne manchen Schuft, Jack, ſoll mich Gott ſtrafen! . . Hörſt Du, verworfener Spitzbube, wenn Du nicht aufhörſt, ſo ſind für Dich fünf und zwanzig mit der geſchwänzten Katze bereit. .. Nicht mehr, nicht weniger, Jack, oder ich will gehängt werden, wie Du es noch mal ſein wirſt, mein Kamerad. Paddy O'Chrane hatte dieſe Worte mit lauter Stimme 158 geſprochen. Während er ſprach, nahm das Kettengeräuſch, weit entfernt, ſchwächer zu werden, nur noch mehr zu. Es ging ſo weit, daß man hätte verſucht ſein können, zu glauben, der Zuſpruch des mageren Wächters habe keinen andern Zweck als gerade dieſen Lärm zu verdecken. Die letzten Worte unterſtützte er mit einer Geberde, welche wohl eine Drohung hätte bedeuten können, aber das directe Reſultat hatte, auf Jack's Bett einen Gegenſtand zu werfen, der bei dem flackernden Lichte der Lampen glänzte. Jack ergriff ſchnell dieſen Gegenſtand und glitt ſchnell aus dem Bette heraus an die Erde. — Seine Ketten blieben unter der Bettdecke. Bis an das Lager Fergus' kriechend kam er vorwärts, indeß Paddy ſein Auf⸗ und Niedergehen wieder begann. Fergus rührte ſich nicht. Eine Stunde hindurch etwa von dieſem Augenblicke ab hörte er hinter ſich einige Zoll blos von ſeinem Ohr das dumpfe Kreiſchen einer mit un⸗ endlicher Vorſicht angewandten Säge. Nach dieſer Zeit ließ ſich auf dem Oberdeck die Pfeife des Hochbootsmanns hören. Jack ging ſchnell wieder in ſein Bett und wickelte ſich in ſeine Decke. Der glänzende Gegenſtand, welcher ſchon einmal Fergus Blick getroffen hatte, blinkerte aufs Neue auf der groben Wolle der Decke. Der dünne lange Arm des Wäch⸗ ters ſtreckte ſich aus und der Gegenſtand verſchwand. In demſelben Augenblick ſtiegen vier Matroſen die Luke herab, ſie kamen die Wachen abzulöſen. Tom, mein Kamerad, Himmeldonnerwetter, ſagte Paddy 159 O Chrane zu ſeinem Nachfolger, — ich empfehle Dir dieſen geführlichen Schuft, Jack Oliver. — Bei dem Sorne des Sptans, wir wollen verdammt ſein! .. S ſich rührt, denket daran, daß ich ihm fünf und zwanzig Hiebe mit der Katze verſprochen habe .. . und nun gute Wache, Tom, ſoll uns Satan Bebrennen! Am ſrgenen Tage gingen die Sachen genau eben ſo, der junge Doktor Moore diente abermals der an der rechten Seite von Fergus Bett liegenden Wand zum Schirm, ſo lange der Beſuch des Kapitäns dauerte, und der Hammer des Officiers that überall ſeine Pflicht, ausgenommen da. Bob Lantern, welcher an Bord die Rolle eines Kranken⸗ wärters hatte, eine für ſeinen barmherzigen Charakter ſehr paſſende Anſtellung, wurde wahrſcheinlich bei einem gefähr⸗ licheren Kranken zurückgehalten, denn er erſchien nicht wieder an Fergus' Bette. Als die Nacht gekommen war, zeigte ſich der wacht⸗ habende Matroſe, welcher den Platz Paddy's von geſtern einnahm, eben ſo untüchtig als dieſer Letztere; denn der Nachbar links von Fergus konnte ein Manöver ausführen, das genau dem Jack Oliver's glich. Er kroch unter Fergus' Bette hindurch, der ſich anſtellte, als ob er tief ſchlafe, und länger als eine Stunde ließ ſich das dumpfe Gekreiſch wieder einige Zoll von ſeinem Ohre hören. Das dauerte mehrere Wochen. — Fergus erholte ſich ſchnell, an Pflege fehlte es ihm nicht, ſeine Nahrung war 160 gut und geſund, man ließ ihn auf dem Verdecke Luft ſ ſo oft er wollte. Fergus, das dürfen wir nicht vergeſſen, war ein zählender Kopf in dieſer Menſchenheerde, er repräſentirte eine Prämie, und nur dieſe Prämie wares, die man pflegte, der man Annehmlichkeiten zukommen und die man friſche Luft auf dem Verdecke ſchöpfen ließ. Bob Lantern zeigte ſich nicht, weil er in dem zweiten Saale zurückgehalten war, wo es Kranke in Maſſe gab. Fergus bedauerte ſeine Abweſenheit eben nicht ſehr, denn der Anblick dieſes heuchleriſchen, unverbeſſerlichen Galgen⸗ ſtrickes irritirte ſeine reizbaren Nerven und nahm ihm die Ruhe, deren er zu ſeiner Geneſung ſo ſehr bedurfte. Jede Nacht wechſelten ſich Jack und der Nachbar zur Linken, der Randal Graham hieß, unter den Augen des Wächters ab, um den Durchbruch der Wand des Pontons zu fördern. Dieſer Randal Graham war ein ſehr bemerkens⸗ werther Menſch und ſtach energiſch von dieſer ganzen Armee dummer und nichtswürdiger Schufte ab, mit denen das Ponton vom Kiel bis zur oberſten Batterie angefüllt war. Er war ein Mann von dreißig Jahren und trug auf ſeinem übermäßig langen Geſichte jene eigenthümliche Bläſſe der Leute, welche rothes Haar haben. Seine hervorſtehenden blauen Augen empfingen das Licht aus erſter Hand und hatten keinen Schutz als die Stirnwand, welche wenig her⸗ vortrat und blos ſtatt der Augenbrauen eine ganz ſchmale Linie von dünnen farbloſen Haaren hatte. Das Untere ſeines Geſichtes dagegen verſchwand trotz dem Schiffsreglement, 161 welches erheiſcht, daß jeder Gefangene täglich raſirt werden ſoll, unter einem bärtigen Geſtrüppe, das unaufhörlich ver⸗ ſchnitten wurde und wieder wuchs. Seine Züge waren übri⸗ gens männlich und von ſcharfem, reinem Umriß. In der Biegung ſeiner Stirn lag Intelligenz und beſonders feſter Wille; um dieſelbe lockten ſich Haare von der Farbe des Acajouholzes, und der Geſammteindruck ſeiner Mienen ent⸗ behrte nicht einer gewiſſen Auszeichnung. Randal war ein BVergſchotte und zu fünfzehn Jahr Deportation vom Hofe zu Glasgow verurtheilt worden, wegen Straßenraub mit bewaff⸗ neter Hand. Fergus hatte dieſen Verurtheilten unter auf den Pontons ſehr gewöhnlichen Umſtänden, die auch am Bayſhip und ſelbſt in Neu⸗Süd⸗Wales noch vorkommen, bemerkt, wir meinen die Peitſchenſtrafe oder die Katze, welche den Koſtgängern Seiner Majeſtät, die ſich widerſpenſtig zeigen, zuertheilt wird. Randal hatte ſich einen Fehler gegen die Disciplin zu Schul⸗ den kommen laſſen, und einer der Midſhipmen ihm eine Anweiſung auf fünfzig Geißelhiebe gegeben. Wenn ſonſt dieſe Strafe ertheilt wird, ſo erfüllt ge⸗ wöhnlich der Geprügelte die Luft mit ſeinem Geſchrei und wirft ſich unter der Peitſche in verzweifelten Convulſionen umher, Randal dagegen legte ſich ruhig auf den Bauch, wie das gewöhnlich geſchieht, und bot ſeine nackten Glieder dem Profoß dar. Dieſer war ein Lascar von wildem Anſehen, deſſen musculöſer Arm eine Studie von Bronece ſchien. 162 Er ſchlug, und bei jedem Hiebe erſchien eine blaue Spur auf dem Körper Randal's, der ſich nicht regte und nicht ſchrie. Das Blut floß bald, und bei dem fünfzigſten Hiebe, welchen der Lascar, einen Seufzer der Ermüdung ausſtoßend, ertheilte, boten die Glieder Randal's nichts als eine breite Wunde dar. Er ſtand wieder auf, nahm die Peitſche aus den Hän⸗ den des Lascars und ſah ſie einige Sekunden aufmerkſam an, ſein Geſicht bewahrte eine außerordentliche Ruhe und hatte nicht jene durchſichtige Bläſſe verloren, unter welcher ein flüchtiger ziegelfarbener Schein mit zarter Färbung hin⸗ läuft, und den die geringſte Aufregung röthet. Bei dieſer Gelegenheit nahm der lange Matroſe Paddy O'Chrane den Teufel zum Zeugen — den Teufel und ſeine Hörner — daß er die Wahrheit ſage, wenn er Randal Gra⸗ ham den erſten Platz unter den eingefleiſchteſten Verbrechern zuerkenne. — Und er hatte, fügte er hinzu, — Schwere Noth! — ſehr verhärtete Verbrecher gekannt. Wie dem auch ſei, Randal übergab die blutige Katze ruhig dem Lascar, verlangte Waſſer und wuſch ſich ſelbſt. Seit jenem Tage hatte Fergus eine Art von Sympa⸗ thie für dieſen Mann, deſſen Energie ſo ſiegreich eine Probe ausgehalten, bei welcher die Muthigſten ſchwach werden. Nichts deſto weniger war dieſe Sympathie eben ſo ſchweigend als unabſichtlich. Fergus und Randal hatten nie mit ein⸗ ander geſprochen. Eines Abends hatte Paddy O'Chrane die Wache, und an Jack Oliver war die Reihe zu arbeiten. Jack begann ſein Werk wie gewöhnlich, ſobald der lange Matroſe ihm das ſtählerne Werkzeug zugeworfen: aber er arbeitete an jenem Abende nicht lange. Nach kaum einer halben Stunde hörte das dumpfe Geräuſch der Säge plötzlich auf. — Paddy, Randal, Roberts, rief Jack in einem Augen⸗ blicke thörichter Freude, — das Loch iſt gemacht. — Es iſt gut, antwortete Randal gleichgültig, — laß mich ſchlafen. — Jack, elender Schuft, rief Paddy O'Chrane und ſchlug einen ungcheuren Hieb mit ſeiner flachen Klinge auf das leere Lager Oliver's, — kannſt Du nicht ſchlafen wie ein Chriſt, ſoll mich Gott verdammen ohne ganz laut zu träumen und zu ſchwahen, ſo mich der Teufel holen. — Er hat von einem Loch grſprichen, ſagte einer der Wächter mit argwöhniſcher Miene. 3 Paddy gab dem Bette, in dem ſich Jack hätte befinden ſollen, einen zweiten Hieb. — Soll Satan uns ewig röſten, Peter Bridgewell, er hat von einem Loch geſprochen, elender, trauriger Narr, ich denke, daß Du wohl Recht haben kannſt. — Vielleicht ſind ſie i wollte der Wäch⸗ ter zu ihm ſagen. — Vielleicht, wie Du ſagſt, Bridgewell, ich wünſche, daß der Teufel uns Alle erwürge aber wenn Du auf Dich ſelbſt Achtung geben wollteſt, Peter, ſo würdeſt Du 164 ſehen, daß Tom Bence Dir Dein Schnupftuch aus der Taſche geſtohlen hat, während Du mich anſahſt, mit Augen, als ſeien ſie von einer verwunderten Gans . Mag ich gehängt werden und Du auch! Jack benutzte die Bewegung, welche Bridgewell machte, indem er ſein Schnupftuch ſuchte, um ſchnell wieder unter ſeine Decke zu kriechen. Am andern Tage zur Zeit der Promenade auf dem Verdeck hätte auch das geübteſte Auge kein Zeichen der Auf⸗ regung unter den Verurtheilten wahrnehmen können; den⸗ noch war der Ausbruch beſchloſſen und auf die folgende Nacht feſtgeſetzt. Bob Lantern, welcher ſich die ganze Woche hindurch nicht gezeigt hatte, erſchien an dieſem Tage plötzlich wieder. — O mein hübſcher Gentleman, ſagte er zu Fergus, — da ſind Sie ja wieder ganz geſund geworden. Doktor Moore iſt ein geſchickter Mann. Er machte Miene, ſich zu entfernen; aber einen Augen⸗ blick benutzend, wo Niemand ihn beobachtete, näherte er ſich Fergus und flüſterte ihm ſchnell die Worte zu: — Heute Nacht geht's los . . . wenn man Sie nicht tödtet, können Sie ſich retten, und man wird Sie nicht tödten, wenn Sie die Parole geben. Sich retten, England wieder ſehen, Mary, ſich zu gleicher Zeit ſeiner Liebe und dem Gegner gegenüber zu be⸗ finden, welchen ſein unerbittlicher Haß ſuchte! . . . Fergus wollte Bob fragen, aber Bob war ein Aal, den man nicht 165 ſo gleich greifen konnte. Fergus bemerkte ihn zwei oder drei Male auf dem Verdecke, wie er dem Einen zulächelte, einem Andern begehrungsluſtig um die Taſchen herumging und es gelang ihm niemals an ihn heranzukommen. Er ſetzte ſich an die Verſchanzung und wendete ſeinen Blick nach der Küſte hin, deren bläuliche Umriſſe ſich auf dem matten Grau des britiſchen Himmels abhoben. — Seit vierzehn Tagen waren alle ſeine Gedanken ihm wieder klar vor die Seele getreten, Gedanken der Zärtlichkeit und des Rachegefühles. Dieſe beiden Empfindungen bekämpften ſich in ihm und ermatteten ſeinen noch ſchwachen Geiſt. Er liebte Mary, ſo ſehr ein glühender und junger, von aller Liebesneigung bisher frei gebliebener Mann nur ein Weib lieben kann. Die Unbeſtändigkeit ſeines Charakters konnte auf den Schwung ſeiner erſten Leidenſchaft keinen Einfluß haben, weil ihm ſelbſt dieſe Unbeſtändigkeit noch unbekannt war. Er glaubte ſich nun für ewig gebunden und ſetzte alle Hoffnung ſeines Glückes auf Mary. Aber ſein Haß war auch ſtark. Neben den anmuthigen Schwärmereien ſeiner Liebe blieb dieſer Haß in ſeinem ganzen Umfange und unerſchütterlich. Sein letztes Unglück und die Ungerechtigkeit der auf ſo rohe Weiſe unbilligen Geſellſchaft, deren Urtheil ihn jetzt trotz ſeiner Unſchuld in die Reihen der unverſchämteſten Schufte warf, fügte noch perſönliche Motive zu ſeinem leidenſchaftlichen Rachegefühle, und ſtärker als jemals erhob ſich aus ſeinem Herzen der Ruf des ſter⸗ benden Chriſtian O'Breane: — Kampf gegen England! — 166 Alle dieſe Gedanken gingen verwirrt an ſeiner Seele vorüber, als er nach der Küſte ſah. Er bemerkte nicht, daß ſich wie zufällig eine Gruppe von Verurtheilten um ihn her⸗ um gebildet hatte und ihn vollſtändig von den auf dem Ver⸗ deck aufgeſtellten Schildwachen trennte. Die, welche am nächſten um ihn ſtanden waren Randal Graham und Jack Oliver. Der Letztere verbarg unter ſeinem Hemde ein zugeſpitztes Tiſchmeſſer. — Das iſt ein hübſcher Burſche, der kein Schwätzer iſt, ſagte Tom Bence von weitem, — Jack, mein Freund, mach' doch einmal den Verſuch, um zu ſehen, von welcher Farbe ſeine Worte ſind. Fergus hob die Augen und fuhr zuſammen, als er ſich auf dieſe Weiſe umzingelt ſah. Zuerſt machte er eine Bewegung, als wollte er einen Durchweß ſuchen, aber Ran⸗ dal hielt ihm ſchon die Arme von hinten feſt. Da erinnerte er ſich der letzten Empfehlung Bob's und hatte eine unbe⸗ ſtimmte Idee von den Worten, welche der Bettler an dem Tage, wo er aus ſeiner Betäubung aufgewacht war, an ſei⸗ nem Bette geſprochen hatte; aber dieſe Worte entgingen ihm um ſo mehr, jemehr er ſich Mühe gab, ſich darauf zu beſinnen. Jack Oliver ſtellte ſich vor ihn hin. — Wenn Du Dich rührſt, biſt Du des Todes und ſetzte die Spitze ſeines Meſſers auf Fergus' Herz; — wenn Du ſchreiſt, tödte ich Dich! . . . Laß ſehen, ob Du gut zu ſprechen weißt: Gentleman of the night? — Nun, Jack? ſagte Tom Bence. 167 Oliver runzelte die Stirn, aber in dieſem Augenblicke fühlte Fergus ſich von hinten beim Arme drücken und Ran⸗ dal's Stimme flüſterte ihm einige Worte ins Ohr. — And son of the family! antwortete er augenblicklich darauf. Oliver ſteckte ſchnell ſein Meſſer unter das Hemd. — Sieh, ſieh, ſagte Tom Bence, — alles geht vor⸗ trefflich, denn man würde Mühe gehabt haben, ihn auf ver⸗ nünftige Weiſe verſchwinden zu laſſen ... aber ſoll mich der Teufel holen, wenn ich nicht geglaubt habe .. — Es gibt überall grauſam verwunderliche Sachen, be⸗ merkte Bob, indem er einen glücklichen Verſuch in der Taſche Tom Bence's machte, aus welcher er das Peter Bridgewell's hervorzog. — Geht auseinander, ſoll mich Gott ſtrafen, Ihr Aus⸗ wurf von Newgate, ſchrie von fern der Matroſe OChrane, — ich will gehängt ſein, wie ihr es Alle mit einander noch einmal werdet, wenn die Katze nicht heute noch ſpielt, ehe der Abend kommt. Die Verurtheilten zerſtreuten ſich. Randal allein lehnte ſich neben Fergus an die Schanze. Dieſer wollte ſich bei ihm bedanken, denn Randal hatte ihm die Parole zugeflüſtert. Aber kanm hatte O'Breane den Mund geöffnet, ſo warf ihm der Schotte einen Blick kälteſter Gleichgültigkeit zu, drehte ihm den Rücken und ging langſam fort. Als die Nacht gekommen war, fand die Runde wie 168 gewöhnlich ſtatt und Fergus bemerkte, daß diesmal alle vier Wächter zu denen gehörten, welche ſich an ſeinem Lager ge⸗ wöhnlich ablöſten und die Säge Oliver oder Graham zu⸗ warfen. Sobald die Runde weg war, begab ſich ein höchſt merkwürdiger Auftritt; vier Deportirte verließen ihre Betten und näherten ſich den Wächtern, welche freiwillig ſtarke Stricke aus ihren Taſchen zogen, mit Hülfe deren ſie ſich feſtbinden ließen. — Donnerwetter, murmelte, während man ihm die Knebel anlegte, der magere und würdige Matroſe Paddy; — ich will gehängt ſein und Satan ſoll mich verbrennen, auf dem Wege zu ihm bin ich ſchon, wenn die Familie für dieſe herrlichen Coup uns nicht eine gute Rente ſchuldig iſt. Ziehe ſtärker, Jack, ſchmutziger Schuft, mein braver Kamerad! und jetzt macht, daß ihr fortkommt, ihr Lumpenhunde! Ein Boot erwartet euch an der Boje .. . Glückliche Reiſe, Gott verdamme uns alle und der Teufel mag euch holen! Die vier Wächter wälzten ſich auf der Erde hin und her, wahrſcheinlich, daß ihre Uniform ſtaubig werde und man an einen verzweifelten Kampf glauben werde, darauf begann der Ausbruch. Man nahm mit unendlicher Vorſicht den durchſägten Theil des Pontons heraus und dreißig Verurtheilte waren ſchon im Meere, als noch kein verrätheriſches Geräuſch ſich hatte hören laſſen. Es blieben im Zwiſchendeck nur etwa 169 zehn Menſchen, die krank waren oder nicht ſchwimmen konnten und außerdem Randal und Fergus. — Nun Himmeltauſenddonnerwetter, ſagte Paddy O'Chrane, — beeilt euch, die Stricke ſchneiden mir ſchon ins Fleiſch! Fergus ſteckte ſeinen Kopf durch die Oeffnung, Randal hielt ihn von hinten zurück. — Wo wollen Sie hin? fragte er ihn. Fergus blieb über dieſe Frage verwundert ohne Ant⸗ wort. — Sie wollen, verſetzte Randal langſam, — ſuchen, was Sie lieben und was Sie haſſen .. . ich kenne Ihre Ge⸗ ſchichte, Ihre Liebe, welche iſt wie die Jedermanns, und Ihren Haß, deſſen Hoffnung nur ein großer Mann oder ein Narr haben kann. — Und wie wiſſen Sie das? — fragte Fergus, der keinen Vertrauten ſeines Gedankens kannte. — Sie phantafirten ſchon in Newgate, antwortete Randal, — und ich war Ihr Gefährte im Gefängniß .. Hören Sie mir zu . . . Mary Mae⸗Farlane, Ihre Geliebte, iſt das Weib des ehrenwerthen Godfrey von Lanceſter .. Fergus lehnte ſich zitternd an ſeine Pritſche. — Sagen Sie die Wahrheit? — Ich ſage ſie .. . ich bin aus der Gegend Mac⸗ Farlane's und kenne den edeln Angus eben ſo gut als Sie .. ſo viel von Ihrer Liebe. — Was Ihren Haß anbetrifft, ſo bedarf es Verge von Gold, um England zu bekämpfen und IV. 8 170 in London, das dürfen Sie ſich nicht verhehlen, erwartet Sie nur das Elend. — Beeilt euch, ihr elenden Schufte! rief Paddy. Fergus machte abermals eine Bewegung, um ſich ins Meer zu ſtürzen. Randal hielt ihn zum zweiten Male zurück. — Wollen Sie ſich denn nicht ſelbſt retten? fragte Fergus. — Nein auch ich brauche Geld . . . auch ich habe meinen Haß, der dem Shrigen gleicht, wie die Vernunft dem Wahnſinn ich haſſe London. Früher waren die Hoch⸗ länder tapfere Männer von herviſchen und furchtbaren Lebens⸗ verhältniſſen .. . London hat aus uns ſeltene Thiere gemacht, deren nackte Beine und geſtreifte Plaids die Kinder betrachten. Ich will der reichſte Mann von London ſein, das iſt eine Rache. — Und wo gedenken Sie dieſen Reichthum zu finden? — Dort, wo es von entſchloſſenen, verzweifelten, hab⸗ gierigen Männern wimmelt. Fergus ſenkte das oun und wurde nachdenklich — Beim Schlund der Hölle! rief Paddy O'Chrane aus, — das ſind ja die beiden dümmſten Eſel, die ich kenne ins Waſſer mit euch zum Donnerwetter ins Waſſer, beim Satan und ſtinen Hörnern! Fergus wandte ſich zu Randal und ſah ihn feſt an. — Gibt es in Botany⸗Bay viele von ſolchen Männern, von denen Sie ſprechen? — Sehr viel .. . unerſchrockene, geduldige, verſtändige, 171 unbezähmbare Männer .. Männer, welche morden können, aber nicht im Stande find, einen Eid zu brechen ... Männer, die durch einen leitenden Gedanken disciplinirt und angeführt ein Königreich umſtürzen könnten .. Fergus warf einen letzten Blick nach der Küſte von England, wo einige Lichter in der Ferne glänzten und ſchloß die Oeffnung, durch welche ſeine Gefährten ausgebrochen waren. Randal und er legten ſich Beide wieder auf ihre Pritſchen. 3½ 8* Zehntes Kapitel. Botany Bay. Das Bayſhip, der Van Diemen, das am Bord eine vollſtändige nach dem Hafen von Sidney beſtimmte Ladung Deportirter hatte, unter denen ſich Fergus O'Breane und Randal Graham befand, ſegelte auf der Höhe der Inſeln vom grünen Vorgebirge. Der Kapitain des Pontons der Cumberland von Wey⸗ mouth hatte nicht viel Prämien für die, ſeiner Obhut anver⸗ trauten Deportirten zu bekommen gehabt. Dagegen hatten Paddy O'Chrane und ſeine drei Gefährten nach der Methode, welche noch heute gegen die freien Unterthanen Ihrer bri⸗ taniſchen Majeſtit angewendet wird, eine hübſche Anzahl Peitſchenhiebe in Empfang genommen. Die Beſtrafung hatte ſich darauf beſchränkt, weil Paddy, von ſeiner gewöhnlichen Beredtſamkeit Gebrauch machend, klar wie der Tag bewieſen 173 hatte, daß allein ſein energiſches Verfahren Fergus und Randal und die, welche nicht ſchwimmen konnten, verhindert hatte, ſich ins Waſſer zu werfen. Was den jungen Doctor Moore anbetriſſt, ſo hatte die Familie die philanthropiſche Freigebigkeit der Regierung bei ihm mehr als erſetzt. Ein gut ſegelndes Bayſhip, das eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft an Bord hat, iſt ein ſchwimmendes Paradies. Auch hier erhält der Kapitän und der Schiffsarzt für jeden Ver⸗ urtheilten, den ſie ohne Haverei nach Auſtralien bringen, eine Prämie; in Folge deſſen wetteifern dieſe beiden Beamten an Pflege und Zärtlichkeit gegen die ihrer Aufſicht anver⸗ trauten Verbrecher. Man möchte ſie für zwei ausgezeichnete Väter halten, die Tag und Nacht für das Wohlſein einer zahlreichen Familie wachen. Eines unſerer periodiſchen Blätter, welches unter ſeinen Redacteuren bedeutende Männer von allen Fächern zählt, das „London Magazine“ gab vor einigen Jahren Einzelnheiten von ſehr großem Werthe über die Ueberfahrt der Verurtheil⸗ ten. Nichts mangelt ihnen in der That oder vielmehr, ſie befitzen alles im Ueberfluſſe. Was jeder von ihnen bei einer einzigen Mahlzeit verſchlingt, würde zwei kräftigen mit nor⸗ malem Appetit verſehenen Arbeitern genügen. „Sonntags, ſagt die vorher angeführte Schrift, gibt man ihnen zum Mit⸗ tageſſen ein Pfund Roſtbeaf und ein Pfund Plumpudding, Montags eine gleiche Quantität Schweinefleiſch mit geriebe⸗ nen Erbſen.. Dienſtag, Rindfleiſch, Reis und Plumpudding.. ſobald die Nacht hereinbricht, giebt man jedem von ihnen eine halbe Pinte Portwein.“ Wie viel brave Leute, guter Gott, wünſchten ſich eine ſolche Hausmannskoſt zu haben! Beſonders der Portwein — iſt das nicht eine hübſche Doſis des Angenehmen zu dem Nützlichen, das durch Roſtbeaf und Erbſen repräſentirt wird? Gewiß, die Bürger eines Landes, welches ſo reich iſt, um ſeine Verbrecher zu ſolchen Feſtmahlen einzuladen, müſ⸗ ſen ein königliches Leben führen, denn wie kann man denken, daß die Regierung es ſich angelegen ſein laſſe, Verbrecher mit guten Speiſen voll zu ſtopfen, ehe ſie der unverſchuldeten Armuth Unterſtützung zukommen läßt? — Gewiß wäre das ein ſehr wirkſamer Aufruf zum Ver⸗ brechen. Und doch ſind die Sachen von der Art genau ſo. Daſſelbe Land, welches Vorräthe von aller Art an Bord der Bayſhips nimmt, läßt fünfzigtauſend Unglücklicher in den Kellern von Saint Giles verſchmachten. Die Menſchen, welche ſich mit Plumpudding auf dem Wege nach BVotany Bay regaliren laſſen und die, welche vor Funger ſterben, weil ſie in dem Schmuz von London nicht genug Kartoffel⸗ ſchalen finden, ſind Engländer, die einen wie die andern. Blos haben die erſteren den unſchätzbaren Vortheil, ein Ver⸗ brechen begangen zu haben. Bei dieſem Stand der Sachen iſt es etwas erſtaun⸗ liches, unwahrſcheinliches und wunderbares, daß ſich in 175 England noch ein Menſch findet, der arm und ehrlich zu gleicher Zeit iſt. Denn er findet ſich dennoch wirklich hier und. da. — Aber die Logik ſiegt immer, früher oder ſpäter, dieſe Aus⸗ nahmen werden ein Ende nehmen und wir werden eines ſchönen Tages Schießſcharten an unſern Häuſern anbringen müſſen, um uns gegen die Candidaten zur Deportation zu vertheidigen. Fergus O'Breane kam ſchnell zu Kräften. Als ſeine Krankheit erſt beſeitigt war, reagirte ſeine jugendliche und reiche Natur und ſchien die Spur von jener Zeit des Rück⸗ ſchritts verwiſchen zu wollen, indem ſie ſich ſchneller und beſſer entwickelte. Fergus fühlte jeden Tag eine neue Kraft in ſich, er fühlte zu gleicher Zeit ſeine Intelligenz höher wer⸗ den und ſeinen Willen ſich mehr concentriren. Da auf dem hohen Meere die Handlungen der Verur⸗ theilten blos in Rückſicht der Sicherheit des Schiffes bewacht werden, ſo entſpringt varaus eine faſt vollſtändige Freiheit. Fergus und Randal konnten ſich deshalb einander bequem nähern und tägliche Beziehungen mit einander anknüpfen. Allerdings war ein großer Abſtand zwiſchen Fergus und Randal, der ein Straßenräuber war; aber Fergus hatte unter ſeinem ungebildeten und der Kenntniß des Guten und Böſen ſozuſagen ermangelnden Geiſte eine Art von angebornem Stolze, verbunden mit richtigem und tiefgehendem Urtheil entdeckt. Der Schotte hatte außerdem eiue Kühnheit des Gedankens, welche, verbunden mit der ſpartaniſchen Feſtigkeit, die wir an ihm ſchon kennen gelernt, ihn, in welcher Lage er ſich auch befand, aus den gewöhnlichen Reihen hervorheben und ſeinen Kopf über der Menge herausragen laſſen mußte. Randal hatte, wie man gewöhnlich ſagt, bis dahin noch nicht ſeinen Meiſter gefunden. Jedes Hinderniß hatte vor der wilden Energie ſeines Willens zurückweichen müſſen. Als er ſich Fergus näherte, geſchah es aus einem un⸗ beſtimmten Gefühle des Mitleids. Fergus war ſchön und man weiß, wie verführeriſch Schönheit auf Naturkinder wirkt. Außerdem hatte Randal in den Gefängniſſen von Newgate die unwillkürlichen Geſtändniſſe des Fieberrauſches gehört, Bekenntniſſe ohne beſtimmten Inhalt, weil Fergus' Plan bis⸗ her noch weder klar aufgefaßt noch ſicher angelegt war, aber darum um ſo ſeltſamer und um ſo eher geeignet, den das Wunderbare liebenden Geiſt eines Bergſchotten für ſich ein⸗ zunehmen. Auch er übrigens hatte ſeine fire Idee, welche, abgeſehen von der Ausdehnung, ein wenig dem Gedanken Fergus OBreane's glich. Wie wir in ihrer erſten Unterredung geſehen haben, behandelte Randal Fergus von oben herab. Er war der Mann, welcher rieth und eben einen Dienſt geleiſtet hatte. Wer ihn einen Monat nach dieſer Zeit befragt hätte, warum die Rollen ausgetauſcht ſeien, warum Fergus über ihn eine vollkommene Herrſchaft erlangt habe, warum er, der älter, erfahrener, ſtärker war, ſeinen Geiſt dem ſeines jungen Gefährten unterordnete, dem hätte er gewiß keine Antwort geben können. Vielleicht bemerkte er es nicht, jedenfalls war — 177 es aber eine unbeſtreitbare Thatſache, die Ueberlegenheit nicht blos nicht mehr auf ſeiner Seite, ſondern die Gleichheit wurde von Tag zu Tag mehr gefährdet, und wenn man Randal nach einem Monate auf's Gewiſſen gefragt hätte, würde man die Gefühle eines unterwürſigen, bis zur mora⸗ liſchen Sklaverei ergebenen Dieners entdeckt haben, der durch eine Reihe von unwahrnehmbaren Uebergängen, die in ihrer Aufeinanderfolge ſehr ſchnell waren, einem Freund von we⸗ nigen Tagen ganz unterthänig geworden war. Randal war nach Mary Mac⸗Farlane der erſte, welcher die Wirkung jenes geheimen und unwiderſtehlichen Reizes ar ſich erfahren mußte, die andern folgten ſpäter. Wer ſich Fergus OBreane näherte und zum Haſſe nicht Beweggründe hatte, denen alle Menſchen gehorchen, wie Liebe, Ehrgeiz, Rache, wurde angezogen, verführt, unterjocht. — Wer Haß gegen ihn hegte, wurde beſiegt und vernichtet, Männer und Weiber flogen ihm mit gleicher Neigung zu, er war ein Gott für die einen, ein König für die andern und wie die Liebe, welche man für ihn empfand, zum Taumel wurde, ſo ver⸗ einigte ſich die Freundſchaft, welche er einflößte, unausbleib⸗ lich mit der Ehrfurcht. Es giebt eine gewöhnliche Schranke für alle weitaus⸗ greifenden Geiſter, an welcher Fergus vielleicht auch gleich von Anfang an aufgehalten worden wäre. Diejenigen, welche von hohen Thaten träumen, verſtehen ſich nur auf Erfindung und Benutzung großer Mittel und dieſe großen Mittel ſind häufig eben ſo ſehr außer ihrem Bereiche, als das Ziel⸗ 8** 178 * Randal fand ſich auf Fergus' Wege, um ihn vor dieſer Klippe zu retten, er brachte ſeinen praktiſchen Sinn zu den glänzen⸗ den Theorien dieſes furchtbaren Dichters, der den Fall eines Königreiches träumte, wie man ein Drama oder eine Tragö⸗ die ſich ausdenkt, ohne daran zu denken, daß jedes Beginnen auf der Erde einen feſten Ausgangspunkt haben müſſe und daß Jecarus ſelbſt nicht einmal ſeine Flügel von Wachs habe verſuchen können, ohne auf den Gipfel eines hohen Thurmes zu ſteigen. Randal Graham diente in gewiſſer Beziehung dem tie⸗ fen aber zu verwegenen Genie Fergus' zum Hemmſchuh; er 5 zeigte ihm die problematiſchen Seiten und das gab dann Ge⸗ legenheit, die Probleme zu löſen. Und von dieſer Zeit ab, wie ſpäter immer, bediente „ ſich Fergus des Werkzeuges, welches das Schickſal in ſeine 3 Hände legte; er liebte daſſelbe, aber er erhob es nicht zur Würde eines Vertrauten. Randal wufßte nichts und ſollte niemals den Plan der großen Schlacht wiſſen, ihm waren nur einige Einzelnheiten, auf die er ſelbſt gefallen war, be⸗ kannt, einige Scharmützelpläne, bei welchen er als Tirailleur dienen ſollte. Die Ueberfahrt war lang. Während der Stunden des „ Spaziergangs auf dem Verdeck wurde Fergus in die Verfaſ⸗ ſung der großen Londoner Familie eingeweiht, welche, abge⸗ ſehen von ihren hunderttauſend Anhängern auf die eine oder die andere Weiſe mit engeren oder loſeren Banden alle outlaws der drei Königreiche verbindet. 179 Randal und er ſprachen auch ſehr häufig von Mary und Angus, für welchen O Breane eine brüderliche Zuneigung fühlte. Marh war aus der Pachtung von Leed in Schott⸗ land durch den ehrenwerthen Godfrey von Lanceſter entführt worden, der ſie in Gretna Green geheirathet hatte. Mary's Verluſt war für Fergus ein herbes Leiden, aber die Arbeiten ſeines Geiſtes retteten ihn vor der Ver⸗ zweiflung. Rückſicht auf den Erben van White⸗Manor empfand er im wahren Sinne des Wortes keinen Haß, eben ſo wenig, als er Haß gegen Betſy's Verführer empfand. Man hätte ſagen mögen, daß ſeine Fähigkeit zum Haſ⸗ ſen wo anders abſorbirt ſei und nicht mehr durch jene ſpe⸗ ciellen Abneigungen eines Menſchen gegen den andern erregt werden konnte, da dieſelben vor dem unverföhnlichen und mächtigen Kriegsruf gegen England ſelbſt verſtummten. Nach einer Ueberfahrt von fünf Monaten, während welcher man ein einziges Mal an der Küſte von Braſilien angelegt hatte, konnte man vom Vayſhip aus Sidney ſehen. Von dieſem Augenblicke an hatten Randal und Fergus einen Entweichungsplan entworfen, deſſen auf unbeſtimmte Zeit hin⸗ ausgeſchobene Ausführung wichtige Reſultate haben ſollte. Das Geſchütz von Sidney hatte die Ankunft des Van Diemen auf der Rhede begrüßt und auf der Spitze von Southhead war die Flagge aufgezogen worden. Das Boot des königlichen Lootſen legte bald darauf beim Schiffe an und führte es bis mitten in den Hafen. 3 Dort wurden mehrere Förmlichkeiten beobachtet, in Folge Prn der Hufen⸗ — meiſter den Kapitän und den Schiffsarzt in ſein Boot nahm, um ſie zu der Wohnung des Gouverneurs zu führen. Der Kapitän war kaum vom Schiffe fort, als hundert Barken das Ufer verließen, heran ruderten und in einem Augenblicke den Van Diemen umgaben. Auf dieſen luſtig bewimpelten Barken lachte, ſang und ſchrie man, es war ein ungeheurer Willkommsruf. Auf den Barken ſah man Männer, Weiber, Kinder, alle friſch und dick und von Geſundheit ſtrotzend. Ein ſeliges Lächeln verſchönte gleichmäßig alle Phyſiognomien; dieſe Be⸗ völkerung ſtrahlte von dem vollkommenſten materiellen Wohlſein. Die Ankunft des Baiſhip iſt ſtets ein Augenblick des Feſtes für die Kolonie, die alten Complicen erkennen und begrüßen ſich, man erinnert ſich gegenſeitig an ſeine Groß⸗ thaten und ſpricht von der guten Zeit. Aber es war noch ein anderer Grund, ein ganz ſpeciel⸗ ler, warum der Van Diemen ganz ausgezeichnet aufgenom⸗ men wurde. Dies Schiff trug nämlich, außer den Verur⸗ theilten, noch eine ganze Ladung von Weibern, welche die erſten Häuſer von Sidney und Paramatta von ihren Lon⸗ doner Correſpondenten beſtellt hatten⸗“) Jedermann war begierig, dieſe Neuangekommenen zu ſehen und die Matroſen *) Dieſe Beſtellung geſchieht ganz nach der commerciellen For⸗ mel: — Nach Sicht dieſes werden Sie uns funfzig Weiber von aſſortirtem Alter, in gutem Geiſtes⸗ und Körperzuſtande expediren und uns die Koſten in Rechnung ſtellen u. ſ. w. u. ſ. w. 181 hatten große Mühe zu verhindern, daß die Neugierigen das Verdeck ſtürmten. Die Ausſchiffung ging erſt nach einigen Tagen vor ſich, weil es die Gewohnheit mit ſich bringt, daß der Oberauf⸗ ſeher der öffentlichen Arbeiten erſt an Bord kommt, wenn die Gefangenen ſchon durch friſche Lebensmittel reſtaurirt und neu gekleidet ſind, um ſich diejenigen von ihnen auszuſuchen, welche von der Regierung benutzt werden ſollen. Sobald die Deportirten an's Land getreten waren, ſtellten ſie ſich wie in Schlachtordnung auf und wurden vom Gouverneur inſpicirt. „ Dieſer Gouverneur war ein achtungswerther Gentleman, der mit vollen Segeln in den Gedanken ſeiner Herren ein⸗ ging und unendlich viel dazu beigetragen hatte, aus Sidney einen wahren Vergnügungsort zu machen; er ſtattete dem Kapitän ſeinen Glückwunſch ab, ſagte dem Doctor Compli⸗ mente und hielt ſeinen neuen Verwaltungsunterthanen eine rührende Rede. Als das geſchehen war, kamen die auſtra⸗ liſchen Geſchäftsleute herbei und wählten ſich aus, indem ſie die Verantwortlichkeit für jeden in ihrem Dienſte benutzten Verurtheilten zu übernehmen ſich verpflichteten. Diejenigen von den Ankömmlingen, welche keine ſolche Bürgſchaften fan⸗ den, wurden ins Gefängniß geführt. Die Geſchäftsleute, von denen wir eben geſprochen, waren, wohl verſtanden, Freigelaſſene, welche das Bürger⸗ recht von Neu⸗Süd⸗Wales bekommen hatten, nachdem ſie ihre Strafe abgebüßt, oder auch wohl durch ein Reſcript des Gouverneurs ſchon vorher; — oder auch waren es ganz ein⸗ fache Verurtheilte, welche durch eine in der Kolonie voll⸗ zogene Heirath legitimirt worden waren. Iſt es nicht ein ſicheres Zeichen von der Wiederherſtel⸗ lung des goldenen Alters, daß Ehen, welche, weiß Gott wie, zuſammengebracht werden und mit derſelben Leichtigkeit wie⸗ der getrennt werden, dieſe außerordentliche Begünſtigung her⸗ beiführen? Hier iſt auf der einen Seite ein unverbeſſerlicher Schuft, auf der andern eine Kreatur, welche den Becher des Laſters bis auf die Hefe getrunken z alle beide ſind in Ketten. Da verheirathen ſie ſich und dies Factum allein macht fie frei. Der Schuft wird ein rechtſchaffener Gentleman, die ſchamloſe Kreatur tritt in den Stand der ehrbaren Lady ein und die Soldaten der Regierung heben ſie mit äußerſter Rückſicht auf, wenn der Arae ſie wie gute Eheleute in irgend einen Rinnſtein von neben einander niedergewor⸗ fen hat. Fergus und Randal hatten keinen Bürgen in Sidney gefunden und wurden deshalb alle Beide nach Paramatta gebracht. Das Leben der Verurtheilten in Neu⸗Süd⸗Wales iſt glücklich und gleichförmig. Randal und Fergus, welche beide bei demſelben Herrn unterkamen, fuhren fort, das Fun⸗ dament ihres Werkes zu legen. Nach einer Zeit von ſechs Wochen ſollte ihr reiflich erwogener Plan einen Anfang der Ausführung haben: Randal verheirathete ſich. . — — 183 Es gab in Paramatta eine Spinnerin,“) mit Namen Maudlin Wolf, deren Leben ein ganzer Roman war. Man hielt ſie für franzöſiſchen Urſprungs und ihre Verurtheilungs⸗ acte bezeichnete ſie in der That mit dem Namen Madelaine Le Loup, genannt Gräfin Kantakuzenos. In London, wo ſie in ihrer erſten Jugend ihren Aufenthalt genommen, war ſie lange Zeit die Löwin geweſen. Ihre Schönheit konnte niemals ſehr groß geweſen ſein, aber die Dandy's von einem gewiſſen Alter bewahrten noch eine galante Erinnerung von ver unendlichen Anmuth ihrer Perſon und behaupteten, daß ſeit der Comteſſe Kantakuzenos es in London keine in jeder Beziehung vollkommenere Abenteurerin gegeben habe. Sie war wohlgebildet und von reizender Tournüre, obgleich ihr Wuchs weit unter Mittelgröße war und muß, wie es ſcheint, im höchſten Grade die Wiſſenſchaft beſeſſen haben, an ſich zu ziehen und den Leuten das Geld auf die anmuthigſte Weiſe aus dem Beutel zu locken. Mehrere Saiſons hindurch machte ſie ganz London mit ihrem Aufwande erſtaunen und ruinirte mehrere Bankiers, . * welche ganz verſeſſen darauf waren, das Geld anderer Leute zum Fenſter hinaus zu werfen. Darauf mitten in ihren ſchönſten Triumphen in die berüchtigte Diamantengeſchichte der Herzogin von Devonſhire verwickelt, wurde ſie der Hehlerei überführt und auf ein Pontonſchiff geſchickt. *) In Paramatta kratzen und ſpinnen die weiblichen Ver⸗ Stheilten Wolle, um aus dem Stoffe, der daraus hervorgeht, den Deportirten Kleider zu machen. 184 Es war ein Verluſt für die Familie, denn Maudlin Wolf oder die Gräfin Kantakuzenos war die geſchickteſte Frau, die man nur ſehen konnte, und das Ergebniß der Dienſte, welche ſie geleiſtet hatte, indem ſie der Aſſociation die Caſſe ihrer reichen Beſchützer überlieferte, läßt ſich nicht berechnen. Es iſt nicht leicht, ſich die Trägheit abzugewöhnen, welche unter den weichen Annehmlichkeiten eines zügelloſen Lurus zur zweiten Natur geworden iſt. In Neu⸗Süd⸗Wales mußte Maudlin grauſam ihr vergangenes Glück abbüßen, denn ſo gering in der That die daſelbſt jedem Verurtheilten zugewieſene Arbeit iſt, ſo wurde ſie doch für die zarten Fin⸗ ger der Gräfin Katakuzenos zu ſchwer. Während der erſten Zeit ihres Aufenthaltes in Sidney verſchwendete ſie, um ſich der Arbeit zu entziehen, alle Fein⸗ heiten der weiblichen Diplomatie, welche in London ihre Herrſchaft gegründet hatte. Sie war jung und hübſch da⸗ mals, der Zanber wirkte: ein angeſehener Freigelaſſener nahm ſie in ſeine hohe Protection. Aber es war ſchon lange Zeit, daß Maudlin ſich in der Kolonie befand. Die Anmuth ihrer kleinen Perſon, eine Pikante, liebliche, herausfordernde Anmuth, welche indeß, um zu gefallen, ſich mit der Jugend in ihrer ganzen Blüthe ver⸗ binden mußte, wurde unmerklich immer ſchwächer und ver⸗ ſchwand dann ganz und gar. Maudlin, die Gräfin, würde auch noch durch die ausgeſuchte Feinheit ihres Geiſtes ge⸗ herrſcht haben, aber in Sidney hat dieſe Münze keinen Cours. — — 185 Man ſandte Maudlin nach Paramatta; das war ihre erſte Verbannung, die erſte Stufe des Sinkens. Dort mußte ſie arbeiten; Maudlin verſuchte es, entfloh aber darauf. Man brachte ſie nach Georges River. Aber⸗ malige Empörung und abermalige Flucht. Die arme Maudlin ſollte noch eine Stufe tiefer auf der Leiter des Elends ſteigen: Windſor war zu jener Zeit die entfernteſte Niederlaſſung von Sidney, die traurigſte und am mindeſten bewohnbare, aber da Maudlin auch hier noch Luſt zum Auflehnen zeigte, legte man ihr ein eiſernes Hals⸗ band um, und ſchickte ſie in die Minen von Coal⸗River. Sie blieb ein Jahr in dieſen Minen. Als ihre Strafe vorüber war, erkannten ihre Gefährten ſie nicht, ihr Geſicht hatte unzählige Falten bekommen, ihre Geſtalt krümmte ſich, ſie war alt geworden. Indeſſen blieb ihr Herz jung und ihr beweglicher, un⸗ ruhiger, übermäßig thätiger Geiſt behielt ſeine ganze Leb⸗ haftigkeit. Sie arbeitete, um nicht wieder ins Bergwerk zurückkehren zu müſſen, aber in ihr lebte ein tiefer Groll gegen ihre Verfolger; ſie wandte alle ihre Intriguen auf, war unermüdlich und benutzte die ſeltene Schlauheit ihres Geiſtes, um dem Gouvernement zahlreiche Unannehmlichkeiten und Scherereien zu machen. Zu der Zeit, wo Fergus und Randal nach Sidney ka⸗ men, war Maudlin Wolf eine Perſon, mit welcher man ſich ſtellen mußte; ſie war mit allen Mißvergnügten lürt, beſaß das Vertrauen der gefährlichſten deportirten Mitglieder der 186 Familié, und unterhielt geheime Verbindungen mit jenem un⸗ disciplinirten Theile der Kolonie, welcher ewig im Kriege gegen die Obrigkeit ſein wird. Man erzählte ſich das und verſicherte, daß Maudlin ganz genau den Aufenthalt Smith's des Methodiſten wiſſe, der ein Piſtol auf den Gouverneur abgeſchoſſen hatte. Man behauptete, ſie hätte ſchon mehr als einmal die Barriere überſchritten und wäre nach den blauen Bergen gegangen, um dem Büffeljäger Waterfield Nachrichten zu bringen, wel⸗ cher alle Fleiſcher der Kolonie ruinirte, indem er ganze Heer⸗ den niederſchlug und das Fleiſch zu ſo niedrigen Preiſen verkaufte, daß die Arbeiter von der wohlfeilen Nahrung übermüthig gemacht, nicht mehr Luſt hatten, etwas zu thun. Das Gouvernement nahm von dieſen Gerüchten Notiz, aber man konnte Maudlin nichts anhaben. Dieſe Maudlin Wolf war es, welche Randal Graham heirathete, erſtens, um frei zu ſein, und dann, ſich durch ihre Vermittelung mit Smith, Waterfield und einigen andern verwegenen Abenteurern zu beſprechen, deren Beiſtand ſich zu ſichern, ihm von Wichtigkeit war. —— —— Elftes Kapitel. Der König Lear und die Königin Mab⸗ Un ein großes Feuer, welches den Mittelpunkt einer kleinen, im dichten Gehölz gelegenen Lichtung bildete, waren ſechs Männer verſammelt. Die Nacht war düſter und ohne Mondſchein; wenn das Auge der ſpiralförmigen Rauchſäule folgte, die ſich aus dem Feuer erhob, ſo bemerkte es auf dem ſchwarzen Hintergrunde des nächtlichen Dunkels nichts als hohe und ſchlanke Baumſtämme, die von einer Seite durch den Schein der Flamme geröthet und deren Wipfel mit dem üppigen Blätterwerk der tropiſchen Wälder gekrönt waren. Vor der Flamme befand ſich an einem horizontal über zwei in die Erde geſteckten Gabeln liegenden Stabe das Viertel eines Känguruh von der großen Race, welches halb gebraten die Appetit erregenden Wohlgerüche ſeines köſtlichen Dampfes umherſchickte. 188 ————— Im Dunkel erſchien in unbeſtimmten Umriſſen, wenn gerade ein Windſtoß die Flamme lebhafter machte, eine mit Zweigen bedeckte Hütte, an deren Mauern ſich zwei oder drei von jenen Flinten mit ſchwarzen Läufen von dunkel geſtreif⸗ tem Stahl kehnten, deren Verfertigung damals ein engliſches Geheimniß war. Die ſechs Männer ſaßen in einem Halbkreiſe. Zuerſt war es Randal Graham und Fergus OBreane, welche um ihre Deportirtenkleidung einen Gürtel geſchnallt hatten, in welchem ſich Piſtolen fanden. 5 Nach ihnen kam ein junger Mann mit geſetzter, ernſt⸗ hafter, beinahe ascetiſcher Miene, der mit der einen Hand den improviſirten Bratſpieß drehte, an welchem das Kängu⸗ ruh ſteckte, mit der andern Hand den Band einer durch langen und häufigen Gebrauch glänzend gewordenen Bibel liebkoste, die mit metallenen Schlöſſern geziert war. Man nannte ihn den Major oder Smith den Methodiſten. Unter dem letztern Namen war er wegen Diebſtahls in einer Kirche zu fünfzehn Jahren Deportation verurtheilt worden. Der Mann, welcher neben dem frommen Methodiſten im Graſe ſaß, hatte ein ſchönes Geſicht, von einem dichten Barte umgeben, was genügend ſein Gewerbe als Wilder andeutete; denn der Bart iſt iu Votany⸗Bay eben ſo ſtreng proſcribirt als in London, und man findet daſelbſt keinen einzigen einigermaßen anſtändig geſtellten Verbrecher, der nicht ein höchſt ſorgfältig geſchorenes Kinn aufzuweiſen hätte. In dieſem glückſeligen Lande, wo zwei Dutzend Diebſtähle 189 und drei oder vier Morde kaum genügen, den Leuten ein anſtändiges Relief zu geben, iſt der Bart für shobing erklärt. In der That, der Bart verleiht ein wildes Ausſehen, und ein ſolches haben die ſanften Gentleman von Botany⸗Bay nicht nöthig. Der nicht raſirte Wilde, der Nachbar von Smith, nannte ſich Waterfield und hatte Sidney verlaſſen, um jenen Tauſenden von Stieren den Krieg zu machen, welche, wie man ſagt, aus den Thieren dieſer Race erzeugt worden ſind, die im Jahre 1790 von dem Gouverneur der Auſtraliſchen Beſitzung eingeführt worden ſind und ſeit jener Zeit ſich ganz über alle Gebühr vermehrt haben. Dieſer Waterfield war jung, groß und ſtark; dem Gouverneur und den Metz⸗ 6 gern zum Trotze betrieb er ſeit einem Jahre ſein ſeltſames Geſchäft. Jene Gentlemen hatten ohne alle weiteren Um⸗ ſtände einen Preis auf ſeinen Kopf geſetzt. Die fünfte Perſon war beinahe ein Greis, ſeine nach⸗ denkliche und etwas boshafte Phyſiognomie hatte einige Aehnlichkeit mit der, welche die vielverbreiteten Lithographien dem franzöſiſchen Diplomaten Fürſten Talleyrand⸗Perigord beilegen. Er haͤtte denſelben durchdringenden Blick unter dem klugen Schleier eines halbgeſchloſſenen Augenlides, die⸗ ſelbe Feinheit in den zartgeſchwungenen Linien des Mundes und faſt denſelben Stempel ariſtokratiſcher Diſtinction Wir müſſen allerdings gleich bemerken, daß der alte Ned Braynes, bekannter unter dem Namen König Lear, nicht im Geringſten 190 Anſpruch machte, die Aehnlichkeit mit dem berühmten Am⸗ baſſadeur weiter zu treiben. Er war ein kühner, überlegter, geduldiger, unermüd⸗ licher Spitzbube; der Beiname König Lear, den er in den Annalen von Newgate berühmt gemacht hat, klebte ihm von ſeinem frühern Schauſpielergewerbe an. *) Die Leute von der Familie ſprechen noch jetzt ſeinen Namen mit Ehrfurcht aus, und Noll Brye, der Schließer von Newgate, kratzt ſich noch heute häufig hinter den Ohren, wenn er an die Streiche des Maſter Nad Braynes denkt. Der ſechſte und letzte endlich war ein kahlköpfliger Neger, der aus dieſem Grunde Abſalom genannt wurde. Abſalom hatte eine ſchauerlich eingedrückte Naſe, weiß und ſchwarze Augen, ungeheuer vorſtehende Backenknochen und vier Pfund Lippen. Wenn Maſter Smith vergaß den Bratſpieß umzukehren, trat Abſalom als Erſatzmann für ihn ein. Der Ort des Auftrittes war der Wald von Yam⸗ und Palmbäumen am Eagle⸗River, fünf bis ſechs Meilen ſüd⸗ weſtlich von Paramatta und etwa ſechszehn mh Hafen von Sidney. Unſere ſechs Perſonen ſchienen beſorgt und ungeduldig zu ſein; augenſcheinlich erwartete man Jemanden, und der ) Edward Braynes aus Birmingham, Mörder des Oberſt Bories und des Sir James Clafton von Claftoncaſtle, Commiſſärs der Metropolitanpolizei, hatte in der Provinz in der Tragödie ſich ausgezeichnet. einzige, der dem Känguruhbraten uneingeſchränkte Aufmetk⸗ ſamkeit widmete, war der Neger Abſalom. — Wiſſen Sie wohl, Maſter Graham, ſagte plötzlich der Büffeltödter, — daß ich in der Kolonie hundert Guineen monatlich verdiene? — Bis die Kolonie Sie hängen wird, Paulus, ich weiß es, antwortete Randal. — Was mich anbetrifft, entgegnete Maſter Smith, — ſo kann ich nicht behaupten, daß ich glänzende Geſchäfte machte, ſeit der Teufel mich geritten hat, das Piſtol auf den Gouverneur zu ſchießen . . . aber es handelt ſich jetzt darum, zu wiſſen, ob bei dieſer Angelegenheit unſer Beneh⸗ men von Sünde frei ſein wird? — Oeffnen Sie Ihre Vibel, Major, entgegnete Randal, — und Sie werden ſehen, daß die Kinder Iſraels nicht den Namen Gottes ſchändeten, als ſie die Philiſter beraubten. — Das iſt wahr, murmelte Smith, — meine Sctupel gehen bisweilen zu weit, Maſter Graham! — Major, Sie ſind ein Heiliger, ſagte der König Lear, — das weiß Jedermann, und es geſchah blos, um ſich nicht zu weit von dem Altar zu entfernen, als Sie einen Diebſtahl in der Kirche begingen . . . aber jetzt, Randal, mein Freund, kommt es mir vor, als wenn wahrhaftig Ihre Frau lange ausbleibt: die Fluth wartet auf Nieman⸗ den, und wir haben dieſe Nacht noch ſechszehn Meilen zu machen. — Gewiß, gewiß, antwortete Randal, — aber eben deshalb hatte Maudlin, mein Weib, auch ſechszehn Meilen zu machen, um zu uns zu kommen. Es herrſchte einen Augenblick Stillſchweigen, während deſſen man das Rauſchen des Nachtwindes im Gezweige hörte und das eigenthümliche Geraſchel, welches das Opoſſum macht, indem es ſich an ſeinem langen Schwanze, der um einen Zweig gewickelt iſt, wiegt, um ſeinem Köper die Be⸗ wegung einer Schleuder zu geben und mit einem Sprunge von einem Baume zum andern zu kommen. Abſalom fuhr fort, den Braten zu überwachen. — Nun ja, ſagte Ned Braynes, — ich kenne Sie ſeit langer Zeit, Freund Graham, und habe Vertrauen zu Ihnen; was Waterfield anbetrifft, ſo iſt er ein braver Burſche, und Niemand kann leugnen, daß der Major ein guter Chriſt iſt. Wir ſind alſo fünf rechtſchaffene Kameraden, ganz aufrichtig geſprochen; denn Abſalom, ein Prinz aus dem königlichen Blute von Congo, nimmt keine Stelle unter uns Gentlemen von Wichtigkeit ein. Aber wer iſt der ſechste, wenn ich fragen darf? Dies ging direkt auf Fergus, der bisher noch kein Wort geſprochen hatte. — Der ſechste iſt unſer Oberhaupt, antwortete Randal fröhlich. Die vier Deportirten betrachteten nun Fergus mit Auf⸗ merkſamkeit und voll Mißtrauen. Selbſt Abſalom ließ den blendenden Schmelz ſeines weißen Augapfels ſmehr hervor⸗ treten, um ihn beſſer anzuſehen. ———— ———— 193 Fergus erröchete Sein Gefühl war eine Art von Scham; er empfand im Herzen einen tiefen Ekel, indem er die Männer betrachtete, welche er ſich fortan zu ſeinen Bun⸗ desgenoſſen machen ſollte. Fergus, der von königlichen Schlachten geträumt hatte, verlor beinahe den Muth bei dem Gedanken, Mörder und Diebe zu Soldaten anzunehmen. Und doch mußte es ſein. Ein Sophiſt würde gleich geſagt haben, daß die Gründer von Rom auch Diebe und Mörder geweſen ſeien und die Soldaten des Spartacus mit allen Verbrechen beſudelte Sklaven. Aber Fergus war kein Sophiſt, er hatte Gefühl, und dieſe erſte Revüe ſeiner ſelt⸗ ſamen Armee erniedrigte ihn in ſeinen eigenen Augen zum Range eines gewöhnlichen Banditen. Aber ſein feſter Gedanke war jetzt ſchon zwei Jahre alt, und ein Augenblick des Abſcheus konnte ihn nicht mehr wankend machen. Er richtete ſich bald wieder auf, und ſein feſter Wille wurde ſtark und unbezwinglich wie immer. Die vier Deportirten hatten ſeine Aufregung wahrge⸗ nommen und waren unendlich weit entfernt davon, die Ur⸗ ſache derſelben zu ahnen. — Ei, ei, ſagte der König Lear, — der brave Burſche will unſer Anführer ſein? 4 — und welches ſind ſeine Anſprüche darauf? fügte Waterſield mit einer wilden Bewegung des Neides hinzu. — Sch hätte glauben ſollen, bemerkte Smith, indem er Fergus grüßte, wie es nur irgend ein wahrer Gentleman hätte thun können, — daß man bei der S unſres Ober⸗ IV. 9 194 hauptes uns auch hätte zu Rathe ziehen können. Das iſt wenigſtens, wie ich denke, doch eine Sache, die man noch erörtern kann. — Edward⸗Braynes, Paulus Waterfield und Ma⸗ jor oder Maſter Smith, ſagte Randal aufſtehend, — wir verhandeln hier eine ernſte Angelegenheit. Ich kenne Sie alle und kenne dieſen Gentleman. Auf mein Wort, der Beſte unter uns reicht ihm nicht bis an den Knöchel: das iſt meine Meinung. — Was! rief Waterfield aus. — Ich ſpreche nicht von Ihnen, Paulus, unterbrach ihn Randal kalt; — Sie find nicht der Beſte . . Sie ſind viel werth, das iſt wahr, denn ſtark ſind Sie und fürchten weder Gott noch Teufel, aber hier iſt zum Beiſpiel Smith, der Beide eben ſo wenig fürchtet und außerdem noch den Vortheil hat, der abgefeimteſte Heuchler zu ſein, der irgend in der Welt eriſtirt . und dennoch würde ich Smith un⸗ ſern luſtigen König Lear vorziehen, der die Leute um den Finger wickelt, Alles erräth und niemals in Verlegenheit iſt. — Ich ſehe es ſchon kommen, Ratdal, unterbrach ihn nun Edward⸗Braynes lachend, — abgeſehen von dieſer pomp⸗ haften Lobeserhebung wirſt Du nun ſagen, daß Du mir Deinen Schützling vorziehſt? . .. — Du haſt es noch nicht getroffen, König Lear . Wir dürfen Abſalom nicht vergeſſen, der ſeines Gleichen nicht hat, beim Braten eines Känguruh und bei noch vielen an⸗ dern Sachen . . . Ich ziehe Dir Abſalom vor .. und mich 195 ſtelle ich wieder über Abſalom . . . ich aber bin, auf meine Ehre, nur ein Kind gegen Fergus O'Breane. — Dummes Zeug, alles das! brummte Paulus unzu⸗ frieden darüber, daß ihm der letzte Platz angewieſen war. — Waterfield, entgegnete Randal, — das verwehrt Ihnen Niemand, während der zwölf Jahre, die Sie noch haben, Ihr Gewerbe fortzutreiben. — Schon recht, ſchon recht! rief der Büffeltbdter vor Zorn aus, — wenn ich Euch nun aber denuncirte! — Laſſen Sie es gut ſein, ſagte Fergus, indem er Randal zuvorkam, der eben entgegnen wollte: — Was muß ich thun, um dieſem Menſchen zu beweiſen, daß ich mehr werth bin, als er? Der Büffeltödter ſprang auf und ſchäumte vor Wuth. — Du mußt mir zeigen, daß Dein Blut röther iſt als das meine, irländiſcher Bettler! rief er aus. — In des Teufels Namen, bildeſt Du Dir ein, daß ich nur Ochſen niederſchlagen kann? Er hatte ſein langes Meſſer, das ihm dazu diente, ſeine Jagd⸗Beute zu zerlegen, ſchnell aus der Scheide gezogen und ſich, ehe man es denken konnte, auf Fergus geworfen. Ver⸗ geblich wollte Randal dieſen hinterliſtigen und raſchen An⸗ griff abwehren, es fehlte ihm die Zeit dazu und die beiden Gegner wälzten ſich ſchon zuſammen auf dem Boden. Man ſah ſie einen Augenblick unbeſtimmt im Dunkel mit einander ringen, darauf ſtand einer von Beiden wieder auf. 9 * Es war Fergus O'Breane, der in der Hand das Meſ⸗ ſer Paulus Waterfield's hielt. Der Kampf war ſo plötzlich und ſo ſchnell vor ſich ge⸗ gangen, daß die Umſtehenden erſtaunt, unbeweglich und ſtumm, mit Ausnahme von Randal Graham, an der Stelle blieben, welche ſie eben eingenommen hatten. Der Neger hatte ſein Küchengeſchäft unterbrochen und riß die Augen verwundert weit auf. Weder er noch die andern hatten erwartet, Fergus zu⸗ erſt aufſtehen zu ſehen. Das Geſicht des jungen Irländers, durch die eben gehabte Anſtrengung belebt, hatte jenen Aus⸗ druck unwiderſtehlicher Gewalt, welcher häufig in den Stun⸗ den der höchſten Gefahr wie ein überirdiſcher Strahlenſchein um ſeine Stirn glänzte. Sein reicher Wuchs hatte ſich plötz⸗ lich hoch aufgerichtet, ſein Auge glänzte und glühte ſtolz. Die Deportirten glaubten, daß es um Paulus Water⸗ field geſchehen ſei, uud fühlten ſich in dieſem Augenblick durch Fergus ſtolze Ueberlegenheit ſo beherrſcht, daß ſie nicht ein⸗ mal daran dachten, ihm zu Hilfe zu kommen. Aber Fergus, anſtatt auf den Gegner zuzuſtoßen, ließ das Meſſer fallen und kreuzte die Arme über die Bruſt. — Du ſiehſt alſo wohl, ſagte er mit Ruhe, — daß ich mehr werth bin als Du. Waterfield ſtand zerknirſcht auf, nahm ſeine Waffe wie⸗ der und ſchien in Gedanken die elegante Zartheit von OBre⸗ ane's Gliedern mit ſeinem Athletenkörper zu vergleichen. — Es iſt wahr, ſagte er mit einer Rauhheit, in der 197 eben ſo viel Aerger als Offenherzigkeit lag, — weiß der Teufel, wie dieſe weiße Hand, die an einem Weiberarme hängt, im Stande geweſen iſt, meine Hand zu lähmen und mich zum Loslaſſen des Meſſers zu zwingen. Aber es iſt einmal ſo, alſo genug davon. Jetzt handelt es ſich um et⸗ was anderes, fügte er mit milderer Stimme hinzu: — Gent⸗ leman, Sie haben mein Leben geſchont, mir liegt nicht viel daran, aber das gilt gleich, vorkommenden Falls können Sie auf Paulus Waterfield rechnen. Kaum waren die letzten Worte ausgeſprochen, ſo ließ ſich ein boshaftes helles Lachen hören, das aus keinem Munde eines der ſechs Deportirten kommen konnte, aber den⸗ noch aus ihrer Mitte kam und ſie ſtutzen machte. Zu gleicher Zeit erſchien ein menſchliches Weſen von äußerſter Kleinheit und wahrhaft phantaſtiſchem Ausſehen, glitt zwiſchen dem Neger und Smith hindurch und kauerte am Feuer nieder. — Die Königin Mab! rief Edward⸗Brahnes. — Maudlin! ſagten die Anderen, denen die Urſache ihres Zuſammenkommens wieder einfiel. Maudlin hatte jenſeits des Feuers Platz genommen, ſo daß ſie den Verſammelten gegenüber ſaß. Ihre langen Haare, durch die Schnelligkeit eines haſtigen Rittes aufgelöſt, fielen verwirrt bis auf die Erde. Bei der flackernden Be⸗ leuchtung der Flamme, deren rothe Reflere auf ihre Wangen lebhafte Farben brachten, verſchwandes ihre Runzeln. Die Spur der Leiden und des Alters verſchwand in dieſem Au⸗ —— 198 genblicke auf ihrem wieder jung gewordenen Geſichte. Es war eine Art flüchtiger Rückkehr ihrer in den Londoner Ver⸗ gnügungen ſo mächtig geweſenen und in dem kalten Grabe des Coal⸗River zerſtörten Reize. Sie fand, ohne es zu wiſ⸗ ſen, in jenem phantaſtiſchen Halbdunkel für einige Minuten die vergeſſene Anziehungskraft ihres Blickes und ihr Feen⸗ lächeln wieder. — Bravo! ſagte ſie noch immer lachend; — bravo, Paulus, an der Stelle des Gentleman, mein Freund, würde ich Sie niedergeſtochen haben wie einen wilden Ochſen, der Sie auch ſind! ... Guten Abend, mein guter König Lear; guten Abend, Bibelmajor; guten Abend, behaarter Sohn Davids, braver und würdiger Abſalom; guten Abend, Ran⸗ dal, mein lieber Mann ... Ihr wollt Neuigkeiten, ſchön; aber ich bin außer Athem und es iſt mir unmöglich, ein einziges Wort auszuſprechen. ⸗ Nach dieſem im ſpöttiſchen Tone und mit einer Geläufigkeit, die ihre letzten Worte Lügen ſtrafte, ausgeſprochenem Ein⸗ gange, öffnete Maudlin Wolf einen Kaſten von Blech, der an einer als Bandelier umgehangenen Schnur ihr um den Leib hing, und ſchüttete in ihr breitgelegtes Kleid ein kleines Maaß Hafer, den ſie ſorgfältig ſichtete. — Nun, Maudlin, ſei vernünftig, ſagte Randal. — Was haſt Du uns mitzutheilen? — Es ſind recht viele kleine Steinchen in dieſem Ha⸗ fer, Mann, antwortete Maudlin ernſthaft. — Der Kauf⸗ mann, der ihn mir verkauft hat, iſt ein Spitzbube. . — — ———— 199 — Ein elender Spitzbube, Königin Mab, bekräftigte Ned Braynes; — aber wollen Sie uns nicht ſagen? .. — Sind wir nicht hier alle Spitzbuben, König Lear? . Ich werde Alles ſagen, was ihr wiſſen wollt, laßt mich nur erſt ein wenig verſchnaufen .. . Baby! Sie ſprach dieſen Namen zärtlich aus und begleitete ihn mit einem Pfiff. Bald darauf hörte man Geräuſch im Geſtrüpp. Die Schlinggewächſe, welche an den Wölbungen der großen Bäume herabhingen und am Boden in einander gewachſen waren, theilten ſich, um ein kleines reizendes Thier durchzulaſſen, kaum ſtärker als ein Reh; das Pferd ſprang auf dem Raſen heran, ſteckte den Kopf in Maudlin's Schooß und begann den Hafer zu eſſen. Die Deportirten kannten die Launen Maudlin's, die der alte Braynes, ein gebildeter Liebhaber von Shakespeare, we⸗ niger um ihrer kleinen Geſtalt, als auf ihren phantaſtiſchen Charakter anſpielend, die Königin Mab genannt hatte, ſie kannten, ſagen wir, dieſe Launen zu ſehr, als daß ſie noch weiter in ſie gedrungen wären. Sie faßten ſich in Geduld. Maudlin wartete, bis Baby ihre Portion Hafer bis auf das letzte Körnchen gefreſſen hatte. — Nun leg Dich nieder, meine Gazelle, ſagte ſie da⸗ rauf; — Du haſt heute Abend fünfzehn Meilen gemacht und wirſt vielleicht noch fünfzehn machen müſſen .. — Alſo geſchieht's heute Abend? unterbrach ſie Randal. — Lieber Mann, Du haſt es ſehr eilig, entgegnete Maud⸗ lin, — mir ſcheint, als wärt Ihr noch eben mehr damit 200 beſchäftigt geweſen, Euch wie wilde Thiere zu erwürgen, als wie vernünftige Männer über Sachen zu ſprechen, von denen Tod oder Leben abhängt .. . Seht, Euer Fleiſch iſt gar. Eſſet nur erſt .. . wer weiß, ob Ihr jemals wieder in Eu⸗ rem Leben Känguruh eſſen werdet. Der kahle Neger, begierig dieſen Rath zu benutzen, machte den Braten ſchnell vom Spieße los und legte ihn vor ſich hin auf ein Lager von Blättern. Smith legte ſeine Bibel weg, um ſein Meſſer in die zarteſten Theile des Rük⸗ kenſtücks zu pflanzen; er wandte ſich vom Geiſte ab um des Fleiſches willen. Die Andern ahmten ihm nach. Während ſie ihre Mahlzeit einnahmen, nahm Maudlin im Graſe eine bequeme Stellung an und fand es endlich ſchicklich, ſich über ihre Sendung näher auszulaſſen. Sie that es in beſtimmten und klaren Ausdrücken, nichts vergeſſend, jedes am rechten Orte ſagend, und lieferte damit den Beweis, daß es ſchwierig geweſen wäre, einen umſich⸗ tigeren Botſchafter zu ſenden. — Bravo, Maudlin, bravo, Königin Mab, rief Ned Braynes, als ſie zu Ende war. — Man kann eine ſchlechte Nachricht nicht hübſcher erzählen. — Hol der Teufel dieſen Kreuzer! ſagte Paulus. — Es iſt ein verfehltes Unternehmen, antwortete Ran⸗ dal, — und es bleibt uns weiter nichts übrig, als nach Sidney zurückzugehn. Maudlin hatte ihren durchdringenden Blick auf Fergus gerichtet, der tief nachzudenken ſchien. F 201 — Dieſer Gentleman hat noch nicht geſprochen. Bei dieſer indirecten Frage fuhr Fergus zuſammen. — Wollen Sie mir gehorchen? fragte er plötzlich. — Ja, antwortete Randal. Die andern zauderten. — Maudlin furchte die Stirn und ſchlug mit dem Fuße vor Ungeduld zitternd auf den Boden. — Was mich anbetrifft, ſagte endlich der Büffeltödter, — ſo will ich mich nicht weigern; denn Sie haben einen tüchtigen Muth und tüchtige Arme. — Ich werde Ihnen gehorchen, ſagte Smith nun auch, wenn Sie uns erklären . . . — Ich werde nichts erklären. — Nun in Gottes Namen, rief Ned Brahnes aus, — ich gehöre zu den Ihrigen und ſchwöre Ihnen Treue und Gehorſam für mich und den würdigen Abſalom. — Ich mache es wie die Andern, murmelte Smith. Sie ſtanden auf und Fergus verſetzte: — Gentlemen, ich befehle Ihnen zu Pferde zu ſteigen. Wir müſſen noch vor Ende der Nacht an der Küſte ſein. Sechs Pferde ſtanden bereit und warteten nicht weit von der Hütte des Büffeltödters, denn die Expedition war ſchon ſeit langer Zeit berathen und blos das unvorhergeſehene Hinderniß, welches Maudlin berichtet, hatte das Zaudern bewirkt. . Einige Minuten darauf waren Alle im Sattel, Maud⸗ lin ſo gut wie die Andern. Man ritt im Galopp davon. 9** 202 Es war noch Nacht, als ſie das Meer ſchon ſehen konnten. Blos eine einzige minder dunkle Linie war bleich im Oſten zu ſehen, und ließ von ferne die ſchwarzen mäch⸗ tigen Umriſſe der Palmbäume hervortreten. Es konnte nicht mehr lange dauern, ſo trat die Dämmerung ein. Der Ort am Ufer, wo der Reiterzug anhielt, war voll⸗ kommen öde. Die Pferde wurden an die letzten Bäume an der Küſte angebunden und die kleine Truppe ging an den Rand des Waſſers. — Das Signal, ſagte Fergus. Waterfield ſetzte ein Stierhorn an den Mund und ſtieß in regelmäßigen Zwiſchenräumen drei rauhe Töne hervor, welche im Echo wiederhallten und fernhin im Gehölz erſtarben. In demſelben Augenblicke leuchtete ein heller Schimmer auf der Seeſeite und entzündete hier und dort die Gipfel der Wellen. Es war dies die Sache einer Sekunde; kaum ent⸗ zündet verloſch das Licht auch ſchon wieder. Die ſechs Deportirten legten ſich am Strande nieder und warteten. Zwölftes Kapitel. Vierzig Centner Menſchenfleiſch. In Hafen von Sidney lag ein Bayſhip, das nach England abgehen ſollte. Die ſechs Deportirten, welche wir in den Wäldern von Eagle⸗River verſammelt geſehen haben, hatten den Plan entworfen, ſich deſſelben zu bemächtigen. Maudlin, welche nach Sidney abgeſendet worden war, um zu erfahren, ob die Verſchworenen dieſer Stadt ſich hätten einen Kahn und Waffen verſchaffen können, hatte zwei Nachrichten ſtatt einer gebracht, der Kahn war bereit und bewaffnet, aber in der Rhede befand ſich ein Kreuzer Sr. Majſtät. Ein Kreuzer, der ſich den Küſten genähert hatte, um ſeine Bemannung zu rekrutiren, welche durch die franzöſiſchen Corſaren, die in den letzten Jahren des Kaiſerreichs uns einen ſo böſen Krieg machten decimirt war. Es war die 204 Corvette Ceres von achtzehn Kanonen. Sie kam, um freigelaſſene Deportirte zu preſſen. Der Lieutenant Naper, welcher ſie kommandirte, hatte, wie das gewöhnlich in ſolchen Fällen auf allen Küſten von Neu⸗Süd⸗Wales geht, zum Gouverneur geſchickt und von dieſem eine gewiſſe Anzahl Verurtheilter verlangt, welche ihre Zeit abgemacht hatten und geneigt ſeien, nach England zu gehen. Auf die Weigerung des Gouverneurs, die voraus zu ſehen war, — denn in dieſem glückſeligen Lande der Verbannung iſt das Geſetz für die Verurtheilten viel nütz⸗ licher, als für redliche Männer im Mutterlande; — auf die Weigerung des Gouverneurs half ſich der Lieutenant Naper wie er konnte. Zwei von ſeinen Offizieren gingen nach Sidney ans Land und beſprachen ſich mit dem Oberaufſeher der öffentlichen Arbeiten, welcher im Rufe ſtand, durchaus der Mann für dergleichen Anwerbungen zu ſein. Der Oberaufſeher empfing eine gute Summe im Vor⸗ aus, denn ohne eine ſolche iſt kein herzliches Einverſtändniß herzuſtellen; darauf verſprach er dreißig entſchloſſene Ma⸗ troſen. Die Art der Werbung ſollte die einfachſte von der Welt ſein; fünf bis ſechs Vertraute des Oberaufſehers wur⸗ den beauftragt, den künftigen Matroſen tüchtig zuzutrinken, die man dann todtbetrunken bis auf den Strand fahren wolle, eine halbe Meile von Sidney an einem verabredeten Orte. Drei Stöße in ein Horn ſollten der Corvette zum Signal dienen, die dann augenblicklich ihre Schaluppe ins — 205 Meer laſſen ſollte. Das übrige würde ſich ganz von ſelbſt finden und die dreißig Banditen am andern Tage degradirt und zu Seeleuten Sr. Majeſtät herabgeſetzt, auf⸗ wachen. Das war ein Verrath. Durch Liſt ausgezeichnete Spitz⸗ buben zu zwingen, daß ſie die Rolle braver und rechtſchaffener Leute ſpielen! Aber London iſt weit von Botany⸗Bay und die zärtlichſte Mutter iſt nicht im Stande, alle Gefahren voraus zu ſehen, welche ihren geliebten Kindern drohen. Seit dem Fortritt vom Eagle⸗River war Fergus OBreane nachdenklich und ſchweigend unter ſeinen Geführten geblieben, die von Zeit zu Zeit ſich luſtig unterhielten. Eine Stunde vom Ufer hatte er einige Minuten hindurch Maudlin abſeits genommen und befragt. Bei ihrer Ankunft hatte, wie wir erzählt haben, der Büffeltövter das Signal gegeben und das Licht auf der See⸗ ſeite kam von der Ceres. — In welcher Entfernung vom Ufer liegt die Corvette? fragte Fergus. — Drei oder vier Meilen, antwortete Maudlin. — Und das Bayſhip? — Es iſt im Hafen. — Auf dieſe Weiſe alſo, ſagte der König Lear, — wer⸗ den wir, wenn wir uns des Baiſhips bemächtigen, von der Corvette in den Grund gebohtt. Herr Smith ſtieß einen tiefen Seufzer aus⸗ 206 — Zum Teufel, brummte Paulus Waterfield „— ich, glaubt mir, habe kein Vertrauen zu der Sache. — Und unſere Leute? fragte Fergus Maudlin wieder, wo ſind ſie? — Fünfhundert Schritte von hier, unter der Spitze von Cowhill. — Wir haben noch eine halbe Stunde vor uns .. . wiſſen Sie auch beſtimmt, Maudlin, daß dies hier jedenfalls der verabredete Ort iſt? — Ganz gewiß, Sir ... und da ſie auf das Signal geantwortet haben, ſo ſteht auch feſt, daß der Oberaufſeher ſein Wort nicht hat halten können. Fergus dachte einen Augenblick nach. — Meine Herren, ſagte er darauf, — das Bayſhip iſt ein armſeliges Fahrzeug. Zwiſchen ihm und der Corvette kann man nicht ſchwanken. Waterfield brach in Gelächter aus; Smith ſenkte den Kopf, der Neger Abſalom rollte ſeine großen Augen und König Lear machte eine Geberde des Erſtaunens; Maudlin aber klatſchte die Hände zuſammen und rief Bravv. — Erklären Sie ſich näher, OBreane, ſagte Randal mit beſorgter Miene. — Und bedenken Sie, fügte der alte Ned⸗Braynes hinzu, — daß wir keine irrenden Ritter ſind. — Die Schrift ſagt: Du ſollſt dem Dämon des Zornes nicht nachgeben! murmelte Smith. — Und ſagt die Schrift nicht auch, rief Waterſield: 207 — wenn fünf brave Burſchen mit einem Narren zu thun haben, ſo laſſen ſie ihn ſtehen und gehen nach Hauſe. — Ich bin der Meinung, daß wir die Corvette Ceres nehmen müſſen, antwortete Fergus kalt, — anſtatt uns des elenden Bayſhips zu bemächtigen, auf dem wir doch in der Gewalt des Erſten Beſten, der da kommt, wären. Randal, ich bitte Sie, gehen Sie nach Cowhill und bringen ſie auf der Stelle unſere Leute her. Randal gehorchte, ohne zu antworten. — Ich kehre zu meinen Büffeln zurück, ſagte Water⸗ field aufſtehend. — Gehen Sie zu Büffeln . find wir erſt auf der Corvette, ſo haben wir achtzehn Kanonen und das ganze Meer iſt unſer. — Man hat ſchon ſolche verdammte Pirnten geſehen, die Willionen Pfunde reich wurden, ſeufzte Smith, dem das Waſſer in den Mund kam; — aber es iſt ein ſehr verbre⸗ cheriſches Gewerbe. Waterfield ſetzte ſich wieder und wurde aufmerkſam. — Man kann ſich wohl für Millionen Pfunde todt⸗ ſchlagen laſſen, verſetzte der König Lear nach einer Pauſe, — aber es bedarf der Ausſichten dazu. Nun ſcheint mir aber, daß Alles gegen uns iſt . die Corvette muß wenig⸗ ſtens von zweihundertfünfzig Leuten bemannt ſein, ſie ver⸗ langt dreißig, es bleiben alſo jedenfalls zweihun dertzwanzig Mann. — Wenn ſie leer wäre, entgegnete Fergus, — wollte 208 ich ſie nicht, denn wir würden unfähig ſein, ſie zu regie⸗ n — Sie haben alſo Verſtändniſſe am Bord? — Ich habe Verſtändniſſe am Bord, entgegnete Fergus, ohne zu ſtocken. Der alte Ned ſah ihn von unten herauf an. — Das iſt übrigens ſchon möglich, brummte er endlich, — und dann bin ich ſchon ſehr alt, um anders reich zu werden, als durch das Seeräuberhandwerk ich folge, wo⸗ hin Sie wollen, Maſter O Breane! Der weiße Streifen, welcher ſich am Horizont hin⸗ zog, begann ſich bereits roſig zu färben, aber die Gegen⸗ ſtände wurden noch nicht heller. Die Barke, auf welcher ſich die Verſchwornen befanden, kam bald unter der Leitung Randal Graham's an. Es waren ihrer achtundzwanzig. — Der König Lear iſt ein vorſichtiger Mann, ſagte der Büffeltödter; — ich will wohl mit bei der Sache ſein, aber . — Ich habe keine Luſt, unterbrach ihn Fergus ſtreng, — mich mit Ihnen auf Exörterungen einzulaſſen, keine Aber .. wer mit mir iſt, muß gehorchen, das iſt Alles. — Gut, gut, Sir, grollte Paulus, ärgerlich über den geringen Werth, den man auf ſeine Hülfe legte. — Ich bin nicht der Menſch dazu, um zurückzutreten, ſehen Sie, und weil ich nun einmal ſo weit gekommen bin, mit herzu⸗ gehen, ſo will ich Ihnen gehorchen. 209 Die achtundzwanzig Verſchworenen ſprangen auf den Kiesſand. Es waren zum großen Theil ſtarke, hohe Männer von entſchloſſenem Anſehen. Es gab unter ihnen gewöhnliche Verurtheilte, aber die meiſten gehörten zu jenen unbezähm⸗ baren und verwegenen Verbrechern, welche eine erſte Strafe nicht zurückhält und die man vergeblich in die kalten Minen des Coal⸗River bringt. Sie ſind gefeſſelt, abgeſperrt, be⸗ wacht, leben zweihundert Fuß unter der Erde, aber ſo wie ein Aufruhr, ein verzweifelter Verſuch kommt, ſieht man ſie ſich erheben, wie ebenſo viel Teufel. Sie ermorden ihre Wiächter mit den Reſten ihrer Ketten, bringen Wunder von Kraft, Geduld und Muth zu Stande und man muß ſagen, daß der elendeſte Schuft unter ihnen in ſeinem Leben mehr Geſchicklichkeit und Verwegenheit aufwendet, als nöthig wäre, um ein halbes Dutzend Helden auszuſtatten. Der alte Ned, Paulus, Smith, der Methodiſt, miſchten ſich ſogleich unter ſie. Die Nacht war noch ſehr dunkel, aber doch erkannte man ſich von beiden Seiten augen⸗ blicklich. — Guten Tag, Tom, guten Tag, Samuel, guten Tag, Toby, meine guten Burſchen! rief der König Lear aus; — bei Gott, das nenne ich mir noch rechtſchaffene Kame⸗ raden. Fergus hatte Randal Graham bei Seite genommen. — Sie kennen dieſe Männer? fragte er. 210 — Faſt alle, aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Ihre Grille begreife. — Kann man auf ſie rechnen? — Das kommt darauf an ... wenn der Streich ihnen gefällt .. — Antworten Sie, Randal! unterbrach ihn Fergus mit Ernſt. Wir ſetzen hier Alles auf eine Karte . ſind ſie tapfer? — HO, was das anbetrifft, das ſind ſie wie Teufel, O'Breane .. . und nach Umſtänden gehorſam — Laſſen Sie ſie einen Kreis ſchließen, ſagte Fergus. — Die Zeit drängt . . . Mir iſt, als hörte ich ſchon Ruder⸗ ſchlag. Randal gehorchte und Fergus befand ſich bald in der Mitte der achtundzwanzig Verbreche, — Gentlemen! ſagte er, Sie haben ungefähr fünf Minuten zum Beſinnen. Die Sache iſt folgende: Die Schaluppe des auf der Rhede vor Anker liegenden Kriegs⸗ ſchiffes wird in einer halben Viertelſtunde hier ſein. Sie kommt, um dreißig Menſchen abzuholen, die ihr hier an dieſer Stelle geliefert werden ſollen, dreißig von der Trun⸗ kenheit ſchwere Menſchen, die man wie Wollſäcke oder Bier⸗ fäſſer aufladen kann . .. Sie ſind nur achtundzwanzig, aber hier der Neger und Maſter Waterfield werden die Zahl er⸗ gänzen . Wollen Sie auf dieſe Weiſe ſich an Bord der Corvette bringen laſſen? — Eine verteufelte Idee, brummte der Stiertödter. 211 — Zu welchem Zwecke? fragten zwei oder drei andere Stimmen. — Ah, ah, — ich begreife! ſagte der König Lear, — das iſt ſehr hübſch! — Um die Ermüdung des Enterns zu erſparen, ant⸗ wortete Fergus; um ohne Schwertſtreich mit einem Male anf das Verdeck eines ſchönen Schiffes zu kommen, deſſen achtzehn Kanonen Ihnen dann den Rücken zukehren! Waterfield ſchlug ſich an die Stirn. — Meiner Treu! — rief er aus, — ich glaube, daß ich es nun auch begreife . . . Auf, meine Braven! Drei Hurrah r unſeren Anführer! Das iſt ein Streich, der der Mühe werth iſt! Fergus mäßigte nach beſten Kräften den plötzlichen Enthuſiasmus des Büffeltödters, der keiner Anſtachelung mehr bedurfte. Einige Worte genügten zur weiteren Aus⸗ einanderſetzung des Planes, deſſen Kühnheit ſchon geeignet war, ſeine ſelſamen Soldaten zu verführen. Der König Lear gab ſeine vollkommene Beiſtimmung und Herr Smith inſi⸗ nuirte, wenn man erſt einmal auf der Corvette ſei, könne man ſich mit dem Himmel verſöhnen, indem man die Fuckel der Wahrheit in wilde Gegenden brächte. Dem wurde Nichts entgegengeſetzt. Auf Fergus' Vefehl ſtreckten ſich die Achtundzwanzig, der Neger und Waterfield auf dem Sande aus, unordentlich durch einander, nachdem ſie vorher ihre Waffen unter den Kleidern verborgen. 212 Fergus, Randal, der König Lear und Smith verbargen gleichfalls ihre Waffen, aber blieben ſtehen. Maudlin ſaß auf einem Felſentrümmer. Jetzt hörte man ganz nahe das Geräuſch der Ruder von der Schaluppe, die keine hundert Ellen mehr entfernt war. — Rührt euch nicht, ſagte Fergus mit leiſer Stimme, es handelt ſich um unſer Aller Leben! Hier, in der Scha⸗ luppe, auf dem Schiffe ſeid ihr todtbetrunken, ihr ſchlaft .. — Jeder von uns, unterbrach ihn der Büffeltödter, hat Gelegenheit gehabt, die Rolle mehr als einmal natürlich zu ſpielen .. Seien Sie unbeſorgt, Kommandant! — Ho! rief es von der Schaluppe. — Bolla! entgegnete der König Lear. — Wer ſeid Ihr! — Gott verdamm' mich, wer ſeid Ihr ſelbſt? — Midſhipman der Corvette Ceres. — Und wir, antwortete der alte Ned, — wir ſind vier gute Engländer und die Königin Mab, alle aus dem Hauſe des Maſter Cuning, des Oberaufſehers, der dem Lieutenant ſeinen Empfehl ſagen läßt. — Und was weiter? — Und ihm ſchickt, was Sie wohl wiſſen werden, Maſter Midſhipman! Die Schaluppe war blos noch einige Ellen von der Küſte. Mit einem letzten kräftigen Ruderſtoße fuhr ſie ans Land. Wenige Angenblicke darauf landete auch ein Boot. 213 Der Midſhipman, ein Hochbootsmann und fünf oder ſechs Matroſen n ans Ufer. — Wir erwarteten Sie dieſe Nacht nicht mehr, ſagte der junge Offizier. — Wir kommen ſpät, das iſt wahr, ntn Ned, der ſeines Alters halber die Rolle des Geſchäftsführers des Oberaufſehers ſpielte; — aber dieſe braven Burſchen ver⸗ tragen den Rack gut, ſehen Sie, Midſhipman: wir haben wohl gemeſſene ſechs Stunden gebraucht, um ſie in dieſen Zuſtand zu verſetzen. — Wie viel find es? — Ein vierzig Centner etwa, Sir, wenn wir den Mann zu hundertfünfzig Pfund rechnen. — Heiliger Gott! ſind ſie beſoffen! rief in dieſem Au⸗ genblicke der Hochbvotsmann, der ſie näher betrachtet hatte, voll Bewunderung; — Maſter Jones, fügte er, ſich an den Midſhipman wendend hinzu, es ſind hübſche, ſtramme Bur⸗ ſchen, meiner Treu! Der junge Offizier nahm eine wichtige Miene an. — Maſter Cuning, ſagte er, — würde es nicht ge⸗ wagt haben, einen Offizier des Königs zu betrügen . .. Lade ein! Der Bootsmann nahm ſogleich Waterfield bei den Schultern, wähend zwei Matroſen ihn jeder bei einem Beine packten. — Einer! zählte der Midſhipman. Waterfield fiel ſchwer in die Schaluppe. — — Zu trinken! rief er mit heiſerer Stimme. Die Matroſen brachen in Gelächter aus. we re ier — finf zählte der Mid⸗ ſhipman jedesmal, wenn einer der Sehon wie ein Waa⸗ renballen in die Schaluppe geworfen wurde; — mach ſchnell, Sam, mein Burſche, der Tag kommt ſchon . . . Sechs! — ſieben! — acht .. Sie haben von allen Sorten genommen, ſagte der Bootsmann, — ſogar auch einen Mohren! Abſalom murmelte einige unbeſtimmte Worte und fiel in die Barke. — Neun, — zehn, — elf, verſetzte der Midſhipman; — zwölf .. Sir, ich denke, Sie folgen uns an Bord. Der Lieutenant Naper wird entzückt ſein, Sie zu ſehen. — Sehr gern, antwortete Ned, ſehr gern; — der Lientenant iſt ſehr liebenswürdig, und Sie ſind ein junger, wohlerzogener Offizier . . . ich werde Ihnen mit meinen drei Kameraden und meiner Frau folgen, die Luſt hat, ein Schiff des Königs zu ſehen. — Teufel! brummte Sam, — die vier Narren, das laſſe ich mir gefallen; aber was werden wir mit dem Frauen⸗ zimmer machen? Der Midſhipman befahl ihm zu und weiter; die Zahl war richtig. — Sam, ſagte er, gib der Dame die Hand . . Stei⸗ gen Sie ein, Gentlemen, ich bitte Sie. Es iſt blos eine Fahrt mehr, Sam, das iſt Alles, fügte er zum Bootsmann 215 3 gewandt hinzu; wir werden die vier Schufte behalten, und die Dame ſchicken wir dann wieder an's Land. Dieſer Midſhipman war ein hübſcher Knabe von fünf⸗ zehn bis ſechszehn Jahren, roth und weiß, von ſehr guter Familie und vortrefflicher Erziehung. Aber man vergißt in unſern Schulen den jungen Seeleuten beizubringen, daß Treuloſigkeit noch keine Geſchicklichkeit iſt und den Muth ſchändet. Unterrichtet ſein, heißt bei ihnen: Algebra, Tri⸗ gonometrie u. ſ. w. wiſſen, und nicht: die Elementarregeln der Rechtſchaffenheit kennen. Man rechnet keinen Breitengrad aus mit Grundſätzen der Weisheit und unſere Seeleute find keine Quäker. Sie ſind impertinent und von brutaler Laune: ſie treiben Sklavenhandel mit Weißen unter dem Vorwande der Philan⸗ thropie und beſchützen unter demſelben Vorwande einen ab⸗ ſcheulichen Handel mit Gift; ſie beleidigen die, welche ſchwach ſind, obgleich ſie vorkommenden Falls nicht vor den Starken zurückweichen; ſie ſind mit Einem Worte leider, was wir i Sam gab Maudlin Wolf die Hand, die in das zweite Boot ſtieg, in dem ſchon die vier angeblichen Diener des Oberaufſehers ſich befanden. Die beiden Fahrzeuge gingen ſodann in See. Der Midſhipman prüfte während der ganzen Reiſe ſeine vier Gäſte neugierig. Fergus beſonders ſchien ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zu ziehen. — Dieſer hübſche Burſche allein iſt ſo viel werth als 216 die dreißig Thiere in der Schaluppe, ſagte er ganz leiſe zu Maſter Sam; — gewiß, der König braucht ihn. — Sehr nothwendig, Maſter Jones, antwortete der Bootsmann lachend, und an der alten Dame — Königin Mab, wie ſie ſie nennen — wird es genug ſein, um Herrn Cuning die Complimente des Lieutenants zu überbringen. Es dämmerte. Die Corvette zeigte in unbeſtimmten Umriſſen an dem röthlichen Himmel die ſchwarzen, ſchlanken Linien ihres Takelwerkes; ſeine Maſten wiegten vornüber gebeugt ſich langſam und ſein Kiel verſchwand im dunkeln Azur der Wogen, auf welche die noch dämmernde, ungewiſſe Aurora noch keine Reflexe warf. An Bord war Alles ruhig und ſchweigſam, und erſt, als die beiden Fahrzeuge ins Fahrwaſſer der Corvette kamen, erklang eine Stimme aus dem Maſtkorbe herunter und rief: Wer da? Einen Augenblick darauf ließ man die Talje über Bord, die vierzig Centner Menſchenfleiſch wurden auf das Verdeck gehißt, wo ſie ausgeſtreckt reglos blieben und dem Anſcheine nach unfähig, eine Bewegung zu machen. — Darauf kam die Reihe an die vier Abgeſandten des Herrn Cuning, welchen die Königin Mab unmittelbar folgte. Das Heraufſteigen der Letztern war für die Seeleute der Ceres Anlaß zu unendlichem Geſpötte. Wenn der Engländer ſpaßt, erfährt man es an allen Ecken der Welt, er gleicht nicht wenig jenem gut gelaunten Bären, der ſeine Freunde mit Steinen todtſchligt, unter dem Vorwande, ſie von einer 217 Fliege zu befreien, die ihnen auf der Backe ſitzt. Da nun unſere Matroſen Alles noch ſtärker auftragen als gewöhnliche Engländer, ſo find ſie ohne Zweifel die furchtbarſten Poſſen⸗ reißer des Univerſums. Die kleine Frau ſchwebte lange von einem Balken zum andern geſchnellt, bis ſie endlich mit einem Male wie eine Kugel, halbtodt vor Schreck, in die Höhe geſchleudert wurde. Der zweite Lieutenant, ein alter, kurzer, unterſetzter Seewolf von hartem, abſtoßendem Anſehen, ſteckte den Kopf aus der großen Luke hervor. — Iſt es geſchehen? fragte er. — Ja, Lieutenant, antwortete der Midſhipman. Der zweite Lieutenant ſtieg nun ganz aufs Verdeck und ließ ſich eine Laterne bringen, um die Gepreßten in Augen⸗ ſchein nehmen. Während dieſer Inſpektion gab er bald die⸗ ſem, bald jenem der angeblichen Trunkenbolde einen derben Fußtritt und verſprach ihnen eidlich, daß ſie die ganze Zeit des Kreuzens hindurch nichts als Waſſer ſollten zu trinken bekommen. — Und was ſoll's mit denen? fragte er auf Fergus und ſeine Gefährten deutend. — Das, antwortete König Lear, find Leute, denen Sie hundert Pfund ſchuldig ſind. — Gut, gut! brummte der Lieutenant; — warum haben Sie uns dieſe Narren mit hergebracht, Maſter Jones? Der Midſhipman näherte ſich ihm und murmelte ihm einige Worte ins Ohr. IV. 10 218 — So, ſo! . . . ſagte der Lieutenant; — ei. ei, . zum Teufel! . .. Gehen Sie und melden Sie es dem Kom⸗ mandanten. Es befanden ſich auf dem Verdeck etwa vierzig Matro⸗ ſen, welche verſchiedenartig beſchäftigt und faſt Alle ohne Waffen waren. Der Tag wurde zuſehends heller. Der alte Ned berührte Fergus am Arme. — Nun? ſagte er. Fergus antwortete nicht. Er war bleich; ein leiſes Zittern zuckte um ſeine Lippen. — Nun? — ſagte Randal ſeinerſeits auch, — werden Sie warten wollen, bis alle Mann auf dem Deck find? Fergus antwortete noch nicht. Etwas Seltſames ging in ihm vor. War es Furcht? Nein. Aber Cäſar mufßte gewiß zaudern, bevor er den Rubicon überſchritt. Fergus hatte eine Laſt auf dem Herzen. Er, der noch eben ſo thatbegierig geweſen, fühlte ſich durchſchauert und durchfröſtelt, eine erzene Beklemmung drückte ſein Gewiſſen. Das zu gebende Signal war der Tod eines Menſchen; Fer⸗ gus zauderte. Er zauderte; nicht weil in dem entſcheidenden Augen⸗ blicke ſein Unternehmen ihm gigantiſcher und thörichter er⸗ ſchien als an Tagen, wo er in Ruhe die Gefahren und Ausſichten ermaß; eben ſo wenig, weil er nach dieſem erſten verwegenen und ungleichen Kampfe noch andere ungleichere, verwegenere unternehmen mußte. Das war bei ihm eine beſchloſſene Sache. Die Gefahren kannte erz die Hinderniſſe hatte er mit ſeinem durchdringenden Blicke gemeſſen, und ſein ſcharfes Auge gehörte nicht zu denen, die ſich durch die Entfernung täuſchen laſſen. Er ſtellte ſich mit einem feſten und unerſchütterlichen Willen gewappnet zum Kampfe dar. Für ihn gab es keine Ueberraſchung. — Es war nicht der Rubicon, vor dem Fergus zauderte. Aber er mußte einen Menſchen unverſehens angreifen, tödten, ohne gereizt zu ſein. Sein Arm war wie Blei ſo ſchwer. — Randal, der wahrſcheinlich dieſen Skrupel nicht begreifen konnte, zog ihn heftig beim Arme. — OBreane, haben Sie Furcht? ſagte er. — Nein, antwortete Fergus, unter ſeinen Kleidern den Grif eines Piſtols ſuchend, — ich ſchäme mich. In dieſem Augenblicke ſtiegen die Ofſiziere des Schiffes alle zuſammen durch die Luke aufs Verdeck und gingen auf die von Fergus und ſeinen drei Geführten gebildete Gruppe zu. — BVringen Sie dieſe Menſchen in den unterſten Schiffs⸗ raum, ſagte der Lieutenant Naper, nachdem er ſie geprüft hatte, — unſere geſchwänzten Katzen werden vortreffliche Matroſen aus ihnen machen. Jetzt kehrte das Blut wieder in Fergus' Wangen zurück; er richtete ſich in die Höhe und zog ſein Piſtol auf. Er hatte alſo zu kämpfen, nicht zu ermorden. — Bei Ihrem Leben, kommen Sie nicht heran! ſagte er zu dem zweiten Lieutenant, der auf ihn zuging, um die Befehle des Lieutenant Naper auszuführen. 10* 220 Das noch ungewiſſe Tageslicht erlaubte dem zweiten Lieutenant nicht zu ſehen, daß Fergus bewaffnet war. Er fuhr fort, mit gezogenem Degen auf ihn zuzukommen. — O, rief Fergus mit enthuſiaſtiſchem Jubel aus und als ob ſeine Gefährten im Stande geweſen wären, ſeinen Gedanken zu begreiſen; — Sie haben immer noch Hinterliſt und Feigheit genug im Hinterhalte, um den Angriff gerecht⸗ fertigt und das Mitleid unzeitig erſcheinen zu laſſen Auf und her zu mir, Engländer! Der zweite Lieutenant von der Corvette Ceres ſank von der Kugel durch die Stirn getroffen zu Boden. Aber er hatte Fergus' Bewegung noch geſehen und Zeit zum Einhauen gehabt. Eine lange, tiefe Spalte zeigte ſich auf OBreane's Stirn, lief von der Augenbraue bis zum Anfang der Haare, und ſein Geſicht wurde mit Blut über⸗ ſchwemmt. Ein furchtbares Geſchrei war die Antwort auf den Pi⸗ ſtolenſchuß. Es war das Signal. Die vierzig Centner Menſchenfleiſch fuhren in die Höhe und warfen ſich wie Tiger auf die Mannſchaft. Es war ein wüthender, unwi⸗ derſtehlicher Angriff. Das Blut floß an allen Orten, und ſo wie erſt Blut floß, berauſchten ſich dieſe Leute, welche man von Branntwein trunken geglaubt hatte, an dem warmen Dunſt des Blutbades, ihrem eigenen Rufen, dem wiederholten Knall ihrer Waffen, dem dicken Pulverdampf, an Allem, was Anſteckendes, Fieberhaftes, Wutherregendes in einem Handgemenge liegt. 221 Man konnte auf dem Verdecke nichts mehr unterſcheiden. Der grauende Tag wurde vom Dampfe verdunkelt, Alles ging in einer wirren Unordnung durch einander, welche durch einen furchtbaren Lärm von Verwünſchungen übertönt wurde. Es war wie ein Tod und Wuth bringender Windſtoß. Die Kaltblütigſten kamen aus ihrem Gleichmuthe heraus. Smith tödtete und tödtete immer fort, dabei Pſalmen ſingend. Der König Lear ſchlug ſich wie ein Teufel, indem er dabei⸗ Stellen aus Shakeſpeare citirte; und der Neger, deſſen Augen flammten wie die Lichter eines Schakal, glitt würgend um⸗ her, und das Kriegsgeſchrei, welches ſeiner Race eigenthüm⸗ lich iſt, übertönte alle andern Rufe. Maudlin Wolf ſelbſt wurde von dem allgemeinen Fieber angeſteckt; ſie bewegte ſich an dem Platze, wo man ſie abge⸗ ſetzt, hin und her, geſtikulirte heftig und war zugleich von Entſetzen und Schlachtwuth gepackt. Ihr ganzer kleiner Körper zitterte, ſie lachte vor Aufregung und hielt ſich mit Gewalt zurück, um nicht mit in das Handgemenge hinein zu ſtürzen. Endlich ſiegte die Raſerei über ſie, ſie ergriff ein bei ihr liegen gebliebenes Schiffsmeſſer, wadete im Blute, ſtieß ſchrille Töne aus, ſchwang einen Augenblick die für ſie zu ſchwere Waffe und verſchwand darauf in der dichten Dampfwolke, welche die Kämpfenden umgab. — Dreizehntes Kapitel. Sammlung von Flüchen. Wenn man die Offiziere mitzählt, war die Anzahl der auf dem Verdeck der Corvette Ceres angegriffenen eng⸗ liſchen Seeleute etwa doppelt ſo groß als die der Angreifen⸗ den; aber die Hälfte von ihnen mindeſtens war ohne Waffen. Indeſſen vertheidigten ſie, als die erſte Ueberraſchung vorüber war, ſich kräftig. Der Lieutenant Naper, welcher in der Abſicht herauf⸗ gekommen war, um das Unterſegelgehen zu commandiren, hatte ſein speaking trumpet (Sprachrohr) in der Hand; er ſtürzte zuerſt auf die große Luke zu und rief durch die Bat⸗ terien: — Alle Mann auf's Verdeck! Aber dies Geſchrei ermunterte nur die Angreifenden ſelbſt, die in dieſem Augenblicke die Stärkeren waren. Ih⸗ ren erſten Vortheil benutzend, durchbrachen ſie die Linie der 223 Königlichen Matroſen und es gelang ihnen, die Luken zu ſchließen. Nun war alle Hoffnung auf Hülfe den Engländern genommen, die ſich zurückgezogen und ſich auf dem Vorder⸗ caſtell am Fuße des Fockmaſtes formirten. — Ergebt Euch! rief Fergus, deſſen ruhige und glän⸗ zende Tapferkeit großartig mit der Wuth ſeiner Gefährten contraſtirte. Die Engländer antworteten durch Schmähungen. Fer⸗ gus rief: — Vorwärts! und ſtürzte zuerſt darauf los. Das Handgemenge begann von Neuem, aber nicht mehr ſo lärmend als das erſte Mal; die beiden Truppen hatten ihre Munition erſchöpft. Man ſchlug ſich jetzt Leib an Leib und ſchweigend. Das einzige Geräuſch, das ſich noch auf dem Verdeck hören ließ, war das Geklirr von Stahl gegen Stahl und die ſchnei⸗ dende Stimme der Maudlin Wolf, die, obſchon ermüdet und außer Athem, doch unaufhörlich die Kämpfer anfeuerte. Der Vortheil verblieb den Angreifenden. — Bald ſank der Lieutenant Naper, von Fergus zu Tode getroffen, hin. Was von Engländern noch blieb, ſtreckte ſogleich die Waffen. Jetzt ſah man etwas Seltſames und Groteskes, die lachenerregende Poſſe nach dem düſteren Trauerſpiel. Ein engliſcher Matroſe, der ſich nicht mit der Hauptgruppe ſei⸗ ner Kameraden hatte vereinigen können, und ſich durch die Linie der Sieger von ihnen getrennt befand, lief am Platt⸗ bord mit unendlicher Schnelligkeit entlang, die durch wirklich 224 ungewöhnliche Länge ſeiner übermäßig dünnen und gänzlich wadenloſen Beine trefflich unterſtützt wurde. Der kahle Ne⸗ ger Abſalom machte eine ſehr thätige Jagd auf ihn, indem er mindeſtens eben ſo ſchnell lief als er, und ihn mit dem Meſſer bedrohte, welches das Känguruh zerlegt hatte. Das war noch nicht Alles. Maudlin Wolf wadete in dem Blut, welches das Verdeck bedeckte, lief mit aufgelöſten Haaren, ſtachelte den Neger durch Geberde und Ruf an, und bildete ſo ziemlich die Rolle, welche auf einer Hetze ein unglücklicher Mops ſpielt, der dem Laufe der Pferde nicht zu folgen im Stande iſt. Dieſe drei Perſonen waren ſo beſchäftigt, der eine mit Fliehen, die andern mit Verfolgen, daß ſie in keiner Weiſe die Einſtellung der Feindſeligkeiten gewahr wurden. Sie lie⸗ fen immer fort; der Neger ſchwang ſein Meſſer, die Königin Mab kläffte und der Matroſe machte eine Menge geſchickter Wendungen, um ſeinen hartnäckigen Verfolgern auszuweichen. Und bei ſeiner Flucht ſagte der Matroſe mit tiefer, aber durch die periodiſche Athemloſigkeit öfter ausbleibender Stimme: — Ich gehöre zu euch, ſoll mich Gott verdammen, — Negerdummkopf, braver Burſche, der Du ſein mußt... Ich bin . . . verflucht! . . . ein Mann von der Familie, Ma⸗ dame verdammter Drache! höre doch Mohr bei Sttan und ſeinen Hörnern ... zum Teufel ... ich brauchte gar nicht vom Satan zu ſprechen ... da ich glaube, Du biſt es in Perſon, mein würdiger Kamerad! ... — Muth, Abſalom, Muth! rief Maudlin erſchöpft. S 225 — Donnerwetter, ſagte der Matroſe, der den Neger ſich auf den Hacken ſah, ich ſage Dir ja, daß ich ein Mann von der Familie bin ... Mohrenkopf . .. Thier ohne Ver⸗ nunft, mein Kamerad ... höre nicht dieſe verwünſchte Furie an, welche ohne Zweifel in ihren guten Augenblicken eine ausgezeichnete Dame iſt oh .. ſoll mich Gott ſtrafen .. . ich kann nicht mehr ... — Wir haben ihn, wir haben ihn, ſagte Maudlin. Der Matroſe lief noch einige Schritt, dann fiel er der Länge nach hin und murmelte fromm: — Ich empfehle Gott meine Seele, beim Schlunde der Hölle denn ich bin ein todter Menſch ... oder ich will ewig verdammt ſein .. Der Neger im Schwunge des haſtigen Laufes, ſtieß an die langen Beine des Matroſen und ſtolperte einige Schritte über ihn hinaus, Maudlin ließ ſich an dem Orte fallen, wo ſie war und rief: Sieg! Glücklicher Weiſe für den braven Paddy O'Chrane war er ganz in die Nähe von Randal Graham gefallen, der ihn auf der Stelle an der frommen Anrede erkannte, welche er ſterbend gen Himmel ſandte. Randal ſchützte ihn vor dem Neger, der wüthend wieder aufgeſtanden war und nicht von ihm ablaſſen wollte. . Paddy keuchte und begann Myriaden unerhörter sue mit klagender matter Stimme. — Ich denke, Gentleman . ſoll mich der Teufel ho⸗ len, wenn mir Ihr Name einfällt! ſagte er darauf, indem 10* * 226 er auf Randal einen Blick herzlicher Erkenntlichkeit heftete; — es gab ſo viel Schufte auf dem Cumberland, Schwere⸗ noth! . .. aber ich erinnere mich ſehr wohl, Ihr blaſſes Ge⸗ ſicht geſehen zu haben, ewige Verdammniß, Ihre Augen, ohne Augenbrauen, .. hol uns der Teufel! ... ſoll er be⸗ ſonders dieſen Neger mit dem geſchorenen Kopfe holen und die Megäre von zwei einen halben Fuß ... und auch Ihre acajoufarbenen Haare, Gentleman. Ich erinnere mich alles deſſen, ſoll mich Gott verdammen. Randal war wieder zu Fergus zurückgekehrt. — O,o, murmelte Paddy, den letzteren erkennend, — iſt das nicht der, welcher krank war? oder ich will gleich lebendig zwiſchen dem Mohren und der kleinen Furie begra⸗ ben werden! . . . der andere war ſein Nachbar zur Linken .. bei den Klauen des Satans ein determinirter Schuft, den ich fünfzig Hiebe habe hinnehmen ſehen .. heiliger Gott, da treten ſie jetzt die Flagge Englands mit Füßen, .. o vie ſchamloſen Spitzbuben, — es ſind brave Burſchen. Fergus hatte in der That das Hißtau abgeſchnitten, welches die Flagge am Beſanmaſt hielt und die Farben Eng⸗ lands waren ihm zu Füßen gefallen. Seine Phyſiognomie in der Stunde des erſten Triumphes war ruhig und geſam⸗ melt. Der Blitz ſeiner geheimen Hoffnungen ſtrahlte ihm um ſeine von Jugend und Schönheit leuchtende Stirn. Er ſetzte den Fuß auf die Flagge des vereinigten Kö⸗ nigreiches, warf in die Ferne einen Blick unerbittlicher Her⸗ 227 ausforderung und murmelte Worte, welche ſeinen Gefährten nicht zu Ohren kamen. Darauf ſchnitt er mit Hülfe ſeines Dolches das dritte Quartier des Wappens von England heraus, auf dem ſich die goldeue Harfe Irlands im azurblauen Grunde beſindet; er drückte ſie an den Buſen und wälzte die übrige Flagge in Blut, bis er ſie ganz und gar roth gemacht hatte. Als das geſchehen war, hißte er ſelbſt unter wahnſin⸗ nigem Jubeltuf der Sieger dieſe neue Standarte auf. Es war heller Tag und das mit Leichen bedeckte Schiff war von den hellen Strahlen der aufgehenden Sonne be⸗ leuchtet. Die Deportirten, die faſt alle verwundet waren, hatten einen einzigen von den Ihrigen verloren und erſetzten dieſen einzigen Todesfall durch die glückliche Acquiſition des langen Matroſen Paddy O'Chrane, welcher die rothe Flagge mit einer ſo künſtleriſch combinirten Ladung von Flüchen be⸗ grüßt hatte, daß Paulus Waterfield ihm ſofort zum Zeichen der Sympathie die Hand beinahe zerdrückte. Etwa dreißig Matroſen waren auf dem Vorderdeck ge⸗ knebelt. Indeſſen hatte die Lage der Sieger nichts ſehr Beruhi⸗ gendes, denn unter ihren Füßen blieben noch hundert und fünfzig Mann, hundertfünfzig ausgeruhte, vorbereitete und gut bewaffnete Feinde. Offenbar war erſt das Geringſte geſchehen. Fergus rief alle ſeine Leute um den Hauptmaſt zuſam⸗ men, und hielt dort eine Art von Kriegsrath. Ueber einen 228 Punkt waren alle Meinungen einſtimmig, nämlich, daß man ſich der Corvette bemächtigen müſſe, aber wie, darüber wa⸗ ren die Stimmen ſehr getheilt. Paulus ſagte, man brauche blos die Luken zu öffnen und dann ſeine Pflicht zu thun, Smith recitirte einen Vers aus dem Buche Hiob und Ran⸗ dal ſchlug vor, den Leuten im Unterraum zu drohen, das Schiff von außen zu vernageln. — Und ſie, entgegnete der alte Ned, — werden uns drohen, Feuer an die Pulverkammer zu legen, wir ſind zwei Parteien beim Spiel .. aber unſer Kapitän, — er verneigte ſich vor Fergus, — er behauptete, wenn mein Ge⸗ dächtniß gut iſt, Einverſtändniſſe auf der Ceres zu haben. — Es iſt wahr, ſagte Waterfield. Fergus erröthete; aber der Kriegsrath hatte nicht Zeit, es gewahr zu werden. — Himmel Donnerwetter, rief Paddy aus, — der würdige Gentleman hatte, oder Gott ſoll uns Alle verdam⸗ men, Recht, das zu behaupten ... elende Schufte, die ihr ſeid, oder vielmehr, ehrenwerthe und gute Kameraden ... denn Sie ſind gute Kameraden, denke ich .. . mit Ausnahme des Negers ohne Wolle und des kleinen Teufelsweibes .. Iſt mir erlaubt zu ſprechen? Fergus machte ein bejahendes Zeichen. — Nun gut, die Sache iſt dieſe, verſetzte der lange Matroſe: — ich bin Paddy O'Chrane, Paddy O'Chrane von Tipperary in Irland auf der andern Seite des Kanals, ich ſchwöre es bei meinem Antheil an dem Paradieſe und 229 bei den Hörnern des Teufels ... ich hätte mich leicht bei den Horſe⸗Guards einſtellen laſſen können, meines Maßes wegen, das über ſechs Fuß ohne Schuhe iſt, ſeid Alle ver⸗ dammt, wie ich ſelbſt! .. . aber es war mir lieber, als Chriſt zu leben, Himmel Donnerwetter, wie mich vom Rind⸗ fleiſch des Königs als Faullenzer zu nähren .. — Wo hinaus will dieſer Narr? brummte der König Lear. — Narr Du ſelbſt, alter Ned, unverbeſſerlicher Schuft, fuhr Paddy unerſchütterlicher fort, ich kenne Sie ſehr wohl ich habe Ihnen vor drei Jahren auf dem Verdeck des Cumberland, der auf der Rhede von Weymouth liegt, fünf und zwanzig Hiebe mit der Katze gegeben. Vom Eumber⸗ land hat man mich auf dieſe verteufelte Corvette ſteigen laſ⸗ ſen, wo ich in die Patſche gekommen bin, ewige Verdammniß! — Mein Freund, könnten Sie nicht aufhören zu flu⸗ chen, ſagte Smith ſanft, — die Schrift ſagt: .. . — Welche Schrift, Mordelement? .. Ich denke, ich habe um die Erlaubniß zu ſprechen gebeten. — Tritt näher, unterbrach ihn Fergus. Der Kreis öffnete ſich und der Matroſe wurde in das Centrum der Verſammlung geführt. Dieſe Ehre ſchmeichelte ihm augenſcheinlich, denn er rich⸗ tete ſeinen langen Körper hoch auf und ſtemmte den Arm, mit einer zugleich eiteln und natürlichen Miene, in die Seite, die ſeiner braven Phyſiognomie ſehr gut ſtand. — Verſuchen Sie kurz zu autworten, ſagte Fergus zu 230 ihm: gibt es auf dem Schiffe noch andere Matroſen, welche mit Gewalt gepreßt ſind? — Was das Kurzantworten anbetrifft, zum Himmel⸗ element, begann Paddy, ſo vermuthe ich ... Fergus ſtieß mit dem Fuße auf den Boden, Paddy O'Chrane richtete die Augen auf ihn und verlor, wie durch Zauber, ſein geſchmeidiges Selbſtbewußtſein. — O Gentleman, ſtotterte er, — ich werde Ew. Eh⸗ ren ſo gut antworten, als ich es vermag „. Donnerwetter, ich habe niemals einen ähnlichen Blick geſchen es gibt auf der Corvette vier, die, wie ich, vom Cumberland ge⸗ preßt ſind .. das iſt nicht ſehr viel . . ich weiß aber etwa auch noch ein fünfzig Stück, die mit dem größten Vergnügen um Ihre rothe Flagge herumtanzen würden, .. und ſehen Sie, fügte er ſchnell hinzu, indem er ſich nach dem Vorder⸗ deck drehte, wo die Engländer geknebelt lagen; — wir brau⸗ chen nicht weit zu ſuchen, um zum Beiſpiel gleich einen zu finden . ſehen Sie, Gott ſoll uns Alle verdammen, mit Ausnahme von Ew. Ehren, .. da iſt Sam der Hochbvots⸗ mann, den ich Ihnen empfehle als den unverbeſſerlichſten von allen Lumpenhunden, den braven Burſchen! .. und auch Gibby, zum Henker! ... und Blunt, der Einarmige, zur Hölle! .. Warten Sie einmal! Paddy entriß ſchnell den Händen des erſtaunten Büffel⸗ tödters die Art, welche derſelbe beim Gefecht benutzt hatte, und ging mit langen Schritten nach der großen Luke zu. Unterwegs langte er noch das Sprachrohr des unglücklichen Lieutenant Naper auf. Die Deportirten glaubten, daß er die Luke öffnen wolle und ſtürzten ihm nach, um ihm vorauszukommen, aber Fer⸗ gus hielt ſie zurück. — Laßt ihn machen, ſagte er. Er hatte ſchon über jeden von ihnen Herrſchaft genug gewonnen, ſo daß ſein Befehl ohne Murren ausgeführt wurde. — Ja, ja, Lucifer und ſein Kochtopf! Laßt mich ma⸗ chen, rief Paddy, und hieb mit der Art tüchtig in die Ecke der großen Fallthür hinein, — Sie ſollen einmal ſehen? Er that noch einen zweiten und einen dritten Hieb, da ſprang die Kehlrinne der dicken Diele in Stücken, wodurch ein Loch, wie zwei Hände groß entſtand. * Paddy ſetzte an dieſes Loch ſein Sprachrohr an und kniete nieder, um mit Bequemlichkeit hinunter ſprechen zu können. — Ich will ihnen Vernunft einreden, Ew. Ehren, ſagte Paddy mit den Augen blinzelnd; — der Teufel ſoll uns Alle braten. Er brachte den Mund an das Sprachrohr und ſchrie hinab: — Wir ſind hier oben Alle bis auf den letzten Mann maſſacrirt, oder ich will das Schaffot beſteigen! dieſe wüthen⸗ den Schufte, — brave Herren, Gott verdamme uns! ſind Herren des Verdecks, von der Spille bis zum Kompaß .. Donnerwetter, wie wollt ihr denn zweihundert Räubern widerſtehen, von denen der Kleinſte einen Kopf größer iſt, als ich? Dieſe letzten Worte waren mit einem Tone des Ent⸗ ſetzens geſprochen, der zugleich ſo pathetiſch und natürlich war, daß der König Lear inſtinetmäßig applaudirte, wäh⸗ rend die Andern in Gelächter ausbrachen. Paddy nahm den Mund vom Sprachrohr fort. — Einen Augenblick Ruhe, murmelte er mit böſer Laune, — wenn Sie nicht ſo groß ſind als ich, zum Teufel, ſo ſind Sie doch wenigſtens dicker! .. In jedem Falle iſt die Geſchichte was werth, und ich denke, man wird mich mindeſtens zum zweiten Bootsmann machen. — Dafür bürge ich, rief der alte Ned aus. Paddy ſchrie auf's Neue durch ſein Sprachrohr hinab: — Die zweihundert Banditen ſprechen davon, Feuer an das Schiff zu legen, wenn ihr euch nicht gleich ergebt, ſoll mich Gott verdammen .. und ſie würden es thun, wie ſie ſagen, denn es ſind brave Gentlemen, nicht im Stande zu lügen . .. nehmt das Sprachrohr, das ich vorgeſtern noch ſelbſt geputzt habe .. . es iſt in der Kajüte des Lieutenant Naper armer Lieutenant .. verdammt. Ihm iſt der Kopf bis auf's Kinn geſpalten, oder der Teufel ſoll mich holen! .. Nehmt das Sprachrohr, öffnet eine Stückpforte und ruft Pardon, oder ſoll mich Gott verdammen! . Paddy ſchwieg. Faſt augenblicklich darauf öffnete ſich eine Stückpforte und das Sprachrohr tönte herauf: 233 — Sind es Franzoſen, die am Bord ſind? fragte man von unten herauf. 5 — Nein doch, zum Teufel, entgegnete Paddy, — es ſind Seeräuber, wie ihr und ich, bei Satan und ſeinen Klauen . zweihundert ſchöne Burſchen, die ſo ſcheußlich ausſehen, daß der Satan neidiſch darauf ſein könnte! ... Möchte er uns Alle braten, ſo viel wir ſind .. . — Verſpricht man uns das Leben zu ſichern? ſagte die Stimme aus der Stückpforte. — Wenn ihr euch beeilt, wird man euch als Freunde behandeln, wo nicht, zum Donnerwetter. — Wir ergeben uns, öffnet die Luke, ſagte die Stimme. Paddy wollte aufſtehen, Fergus hinderte es aber. Obgleich es natürlich war, zu denken, daß die armen im Unterraum eingeſperrten Teufel, ohne ein ſie zur Ver⸗ theidigung ermuthigendes Oberhaupt und außerdem im Wahne, ſich einer überlegenen ſiegreichen Macht gegenüber zu befin⸗ den, ſich gar nichts Beſſeres wünſchten, als ſich ohne Wei⸗ teres zu ergeben, ſo erheiſchte doch die wirklich kleine Anzahl der Deportirten die äußerſte Klugheit. — Kündigen Sie ihnen an, daß zwanzig Musketen auf die Oeffnung der Luke gerichtet ſind, daß ſie ſich ohne Waffen zu zwei und zweien zu zeigen haben, fügen Sie hinzu, daß beim geringſten Zeichen des Widverſtandes Gra⸗ naten in den Unterraum geworfen werden würden. Paddy wiederholte gefügig dieſen Befehl, indem er ihn durch eine ſehr glückliche Auswahl ſeiner Lieblingsflüche würzte. 234 Die Deportirten ſtellten ſich, die Meſſer in der Hand, um die Luke herum, welche geöffnet wurde und hielten ſich bereit, ohne indeß ſich zu ſehr der Oeffnung zu nähern, da⸗ mit die Matroſen von unten nicht ihre kleine Anzahl und die Art ihrer Bewaffnung ſehen könnten. Die beiden erſten Engländer erſchienen an der Luke und waren in einem Augenblicke gebunden. — Zwei Andere, — ſchrie Paddy durch ſein Sprachrohr. Zwei andere Matroſen kamen auf den Ruf und erfuh⸗ ren dieſelbe Behandlung. Dieſe Menſchen kamen erſchreckt durch die Oeffnung. Sie wurden mit dem Worte: ſtill! empfangen, und hüteten ſich wohl ungehorſam zu ſein, weil ſie auf ihrer Bruſt die ſcharfe Klinge eines Meſſers ſahen; nicht ein Einziger von ihnen ſchrie. Als die letzten Paare wie die andern geknebelt waren, befanden ſich auf dem Verdeck der Corvette Ceres, Ein⸗ hundertachtzig engliſche Matroſen, welche durch dreißig Pro⸗ ſeribirte bewacht wurden, deren größter Theil den Tag vor⸗ her noch Diener irgend eines freigelaſſenen Verbrechers gewe⸗ ſen waren. Es war eine ſeltſame Sache, die ſchmerzlich überraſchte Miene dieſer Männer zu ſehen, welche durch eine grobe Liſt von beinahe kindiſcher Einfachheit beſiegt worden waren. Mit Ingrimm zählten ſie ihre Sieger, ſuchten vergeblich die Mus⸗ keten und die furchtbaren Granaten und fluchten dem wackern Paddy O'Chrane von ganzem Herzen. 235 Sie hatten Unrecht. Bei der ganzen Geſchichte hatte der lange Matroſe die Rolle eines Engels des Erbarmens geſpielt. Ihm war es zu danken, daß das ſchon getrocknete Blut des erſten Handgemenges nicht mit einer neuen und dichtern Lage bedeckt wurde; er hatte dem Gemetzel ein Ende gemacht und vielen Unterthanen des Königs das Leben ge⸗ rettet. Ihm gebührte eine Bürgerkrone. Denn der Angriff würde mörderiſch hitzig und furcht⸗ bar geweſen ſein, wenn Fergus Truppe und die eingeſperrten Engländer zuſammengetroffen wären. Fergus würde geſiegt haben, denn er mußte in noch ungleicheren Kämpfen ſiegen. — Aber wie viel lebendige Menſchen würden nach der Schlacht noch auf dem Verdeck der Ceres geblieben ſein! Gewiß, der ſechs Fuß lange Matroſe zeigte einen ſehr geringen Ehrgeiz, indem er ſeine Dienſte auf eine beſcheidene Bootsmannsſtelle taxirte. Aber ſo war einmal der Charakter des vortrefſtichen und tugendſamen Paddy O'Chrane, ſein ganzes Leben lang ſollte er, da er ſich nicht geltend zu ma⸗ chen wußte, in einer untergeordneten Stellung bleiben und in der Mittelmäßigkeit vegetiren, während er einen Weg wandelte, auf dem Andern Reichthümer zugeſtrömt ſein würden. Fergus hatte ſich während des letzten Theils dieſer Scene entfernt gehalten. Seine Gluth war verſchwunden, die Rolle, welche er jetzt hätte ſpielen können, war ihm zu geringfügig. Als die Gefangenen alle an der Schanzwand an einander gereiht waren, ging er im ganzen Schiffe herum und ſtellte ſich dann wieder an den Fuß des Hauptmaſtes. . 236 — Wir gehören jetzt keinem Lande mehr an, ſagte er, die Hand nach der rothen Flagge ausſtreckend, deren ſchwere noch feuchte Falten der Wind bewegte; — dieſe Flagge iſt das Signal des Krieges gegen Alle . . . wir werden des Geldes wegen kämpfen, weil Gold Euch Genüſſe verſchaffen wird, — und mir Waffen zu einem andern Kampfe ... ich verſpreche jedem, der bei mir bleiben wird, ihn reich zu machen, wenn er nicht ſtirbt . .. reich von dem Gute derer, welche uns in den Weg kommen .. . Engländer! gibt es unter euch Jemand, der unſer Glück theilen will? In den Reihen der Gefangenen ging ein Gemurmel umher. — Ja, zum Donnerwetter, es gibt welche, begann Paddy, — ich will am kleinen Feuer gebraten ſein, wenn dieſe gierigen Schufte . — Ruhe, unterbrach ihn Fergus, — man binde die Stricke an den Füßen dieſer Menſchen los. Dem Befehl wurde gehorcht; die Gefangenen ſtanden auf und hatten blos noch die Hände auf dem Rücken ge⸗ bunden. — Wählt, verſetzte Fergus, — zwiſchen einem freien Leben unter einem Anführer eurer Wahl und der dumpfen Sklaverei, unter welcher ihr geſtern euch noch beugen mußtet: wählt zwiſchen Vermögen und Armuth .. . Diejenigen, welche unſerm Geſchick ſich anſchließen wollen, mögen einen Schritt vortreten. Einen Augenblick lang wurde gezaudert. Sam, der 237 Hochbootsmann, rührte ſich zuerſt; andere folgten ihm und nach einer Minute war die Truppe der Gefangenen in zwei Hälften getheilt. — Macht die Schaluppe und das Boot zurecht, ſagte Fergus. Sechzig bis achtzig Matroſen wurden mit einer genü⸗ genden Anzahl von Ruderern ausgeſetzt. Das geſchah ſchnell und ſchweigend. Die, welche ſich entfernen wollten, machten, daß ſie fort⸗ kamen und die Bleibenden konnten ſich eines Gefühles der Scham nicht erwehren. Die Schaluppe und das Boot ruderten ſogleich mit Leibeskräften auf die Spitze von Cowhill zu. Als die beiden Fahrzeuge wiederkamen, gab es keine Gefangenen am Bord der Ceres mehr; alle Hände waren frei und arbeiteten. Maſter Sam, der frühere Hochbootsmann, hielt das Sprachrohr und commandirte als alter Seemann das Manöver des Unterſegelgehens. Die Sonne ſtand noch ziemlich tief am Horizonte, als die Corvette mit ſchwellenden Segeln ſich anmuthig unter dem vom Lande herkommenden Winde bog. Die ausgeſetzten Matroſen hatten Zeit gehabt, nach Sidney zu kommen und dort die ſeltſame Neuigkeit zu verbreiten. Auf den Kai's am Hafen verſammelte ſich eine ungeheure Menge Volkes. In dem Augenblicke, wo die Ceres Wind annehmend nach verſchiedenen Richtungen ihr ſchlankes Vordertheil drehte, 238 vereinigte ſich, mit Ausnahme der Kanoniere am Fuße des Beſanmaſtes die ganze Mannſchaft. Die Leute von Sidney konnten genau einen Mann von ſchönem Wuchſe unterſcheiden, der ſeinen Hut ſchwingend die rothe Flagge begrüßte, welche im Winde flatterte. — Alle Matroſen nahmen zu derſelben Zeit auch ihre Hüte ab. Neben den ſich wiegenden Flanken der Corvette liefen auf beiden Seiten hellleuchtende Berge Schaumes her. Das erſterbende Echo eines dreifachen Hurrahs tönte nach Sidney hinüber, ihm folgte eine laute Artillerieſalve. Abends bemerkte man von der Höhe von South⸗Head am Horizont einen weißen Punkt, ähnlich einer Schaumflocke, — es konnte der weiße Flügel einer Möve oder eines Fre⸗ gattvogels ſein. Die Soldaten, welche auf South⸗Head Poſten ſtanden, ſagten, daß es die Corvette Ceres ſei. Vierzehntes Kapitel. Auf dem Meere. Seit einem Jahre gab es auf dem indiſchen Meere ein geheimnißvolles Schiff, welchem kein Kreuzer hatte nahe genug kommen können, um es zu recognosciren. Es ſchwamm unter allen Flaggen. Bald ſah man von ſeinen Maſten die fleckenloſe Fahne der Könige von Frankreich wehen, welche in der Perſon Ludwigs von Bourbon damals ihre legitime Erbſchaft wiederbekommen hatten; bald war es wieder die große engliſche Flagge, die es aufgehißt hatte, dann wieder die drei holländiſchen Farben, das Doppelwappen Spaniens oder die ſilbernen Sterne der vereinigten Staaten. Eine kleine Brigg von Isle de France, welche während eines Sturmes ſich in ſeinen Fahrwaſſern befunden hatte, konnte auf der Krone ſeines Hintertheils unter den Seulpturen . 240 eines verwiſchten Wappenſchildes, den Namen: derSchleicher leſen. Dieſe kleine Brigg war das einzige Schiff, welches eine ſolche Auskunft geben konnte Vielleicht waren andere noch näher an den Schleicher herangekommen, aber dieſe hatte man im Hafen nicht wiedergeſehen. Der Schleicher hatte den tüchtigen und ſtolzen Gang eines Kreuzers; ſein eleganter Rumpf rundete ſich anmuthig am Vordertheil und ſtreckte ſich nicht übermäßig lang und ſpitz in den Schaum des Meeres aus; ſein Maſten waren hoch, ſymmetriſch, kühn, hatten aber nicht jene übertriebene Höhe, welche gewöhnlich die Seeräuber den ihrigen geben, da alle Kraft bei ihnen in der Schnelligkeit des Laufes beſteht. Anfangs wußte man nicht, was man davon denken ſollte. — Die Franzoſen nahmen die Corvette für einen Engländer, die Engländer dachten, daß ſie aus einem franzö⸗ ſiſchen Hafen ſei und ſo hatte jede Nation eine andere Ver⸗ muthung über das Schiff. Plötzlich argwöhnten alle auf einmal die n der Schleicher war ein Seeräuber. Es lag etwas Wahres in dieſer Meinung, ſehr viel Wahrheit. Der Schleicher war in der That ein Pirat, aber er war auch zu gleicher Zeit ein Kriegsſchiff, ein ſchöner Kreuzer, das ſchönſte Fahrzeug, daß vielleicht jemals von den Stapeln Sr. britaniſchen Majeſtät gelaſſen worden war. Es war die Corvette Ceres, verkleidet, wenn man ſo 241 ſagen darf, die ihrem neuen Eigenthümer eine Maske gegeben hatte und zugleich auch einen neuen Namen. Es waren ungefähr achtzehn Monate verſtoſſen, als Fergus als Sieger die Rhede von Sidney verlaſſen. Seit⸗ dem hatte er beſtändig ein Leben der Mühe und der Aben⸗ teuer geführt. Jene verborgene Fähigkeit der Verführung, wir möchten ſagen der Unterjochung, welche wir ſchon an ihm bemerklich gemacht haben, hatte nicht geſäumt, bald auf die zuſammengeſetzte Mannſchaft der een Corvette zu wirken. Nach einigen Monaten übte er an ſeinem Bord eine Art von göttlicher, über jede Controle erhabener Gewalt aus. — Und doch waren unzähmbare Naturen unter dem Schiffsvolke, der Büffeltsdter Paulus Waterfield, Smith, dieſer kalte und mit Heuchelei übertünchte Charakter, der aber nichtsdeſtoweniger energiſch war; der König Lear endlich, ein alter, in einem unendlich langen Kriege gegen die Ge⸗ ſellſchaft grau gewordener Soldat, der das Verbrechen auf luſtige, ſkoptiſche, pathetiſche Weiſe anſah und trotz allem Blute, das auf ſeinem Gewiſſen lag, etwas von der lebhaften Frechheit der Couliſſen beibehielt. Was Randal Graham anbetrifft, ſo gehörte er Fergus ſchon ſeit langer Zeit mit Leib und Seele an. Aber außet dieſen verwegenen Verbrechern gab es am Vord noch Seeleute und man weiß, daß dieſe Menſchen ihr Vertrauen nur Seemännern ſchenken, welche mehr werth ſind und mehr wiſſen, als ſie ſelbſt. Der Menſch iſt für ſie nur groß und ehrfurchtgebietend, wenn er ein ſchwieriges Manöver IV. 11 commandiren und beim Sturme das Sprachrohr gut zu handhaben weiß. Davon gehen ſie nicht ab. Der Pechge⸗ ruch ihres Schiffes umgibt alles um fie her mit einer ver⸗ hängnißvollen Atmoſphären, außerhalb welcher nichts exiſtirt, als ihrer Auſicht nach lächerliche, unnütze und verächtliche Dinge. Nun war Fergus aber kein Seemann. Was das Manövriren anbetraf, ſo blieb er auf ſeinem eigenen Schiffe ganz außerhalb aller Befehlsthätigkeit und nahm nur in den Stunden des Gefechtes die höchſte Stel⸗ lung ein. Das war eine nicht normale, unerhörte und höchſt un⸗ günſtige Stellung. Für einen Matroſen gilt der geringſte Bootsmann, der nur ganz paſſabel den Gang ſeines Gewer⸗ bes kennt, mehr als ein Mann von Genie, der nicht im Stande iſt, eine Spliſſung zu machen, oder eine Spille ab⸗ zudrehen: man rechne nun weiter, was derſelbe Mann von Genie erſt in den Augen eines Bootsmannes ſein muß. Nichtsdeſtoweniger beugten Matroſen, Bootsleute und die improviſirten Offiziere ſich Fergus' Willen, anfangs freilich nicht ganz gern, aber nach und nach ſtellte ſich bei ihnen Ergebenheit ein und da die Seeleute nicht gewohnt ſind, die Sachen halb zu thun, ſo hatte ſich Fergus bald einer ehrfurchtsvollen und unbegrenzten Zuneigung zu er⸗ freuen. * Paddy O'Chrane, der zur Belohnung für ſein ſchönes Benehmen am Tage des Gefechts auf der Rhede von Sidney 243 zum zweiten Bootsmann gemacht worden war, drückte auf ſeine Weiſe die Gefühle der Mannſchaft aus, ſo weit dies Gefühl ausgedrückt werden konnte. — Siehſt Du, Abſalom, elender Kahlkopf, ſagte er zu dem Neger, der ſein College und Freund geworden war; — Du kannſt es wiederholen, daß es Jedermann hört, ſoll mich Gott verdammen ... Se. Ehren iſt kein Matroſe, Ab⸗ ſalom, zum Teufel ... aber ich verſtehe mich darauf, Du verwünſchte Glatze, er iſt, Donnerwetter, ſoll uns alle Beide gleich Satan braten! ... Andere Monate gingen hin. — Der Schleicher, der fortan den Kauffahrern und den Kreuzern ſignaliſirt war, ſah die Schwierigkeiten und Hinderniſſe rings herum ſich ver⸗ doppeln und verdankte ſeine Rettung ſehr häufig nur dem kalten Blute des Maſter Sam und der Unvergleichlichkeit ſeines Laufes. Wir müßten die goldene Feder Smolleis od Schilderungstalent des großen amerikaniſchen Romanſchreiber Fenimore Cooper beſitzen, um dieſes Leben des K Kampftes, der Gefahren, der Plünderung darzuſtellen, das am Bord der Corvette: der Schleicher geführt wurde; aber wäre das auch der Fall, ſo müßten wir uns der Schilderung doch enthalten, wenn wir den Titel unſerer Erzählung nicht Lügen ſtrafen wollten. Die Nothwendigkeit, welche uns fern von London unſerm Mittelvunkte geführt hat, würde nicht genügen, das Ausmalen eines Piratenlebens zu entſchuldigen und wir würden nur Zeit am Bord des Schleichers verweilen N 244 können, wenn wir ihn unter London⸗Bridge anlegen ließen, was mancherlei Schwierigkeiten haben dürfte. Demgemäß werden wir uns auf gewiſſe Thatſachen be⸗ ſchränken, welche zum Verſtändniß unſerer Geſchichte erwähnt werden müſſen. Fergus OBreane hatte ſich nicht zum Seeräuber ge⸗ macht, um Pirat zu ſein; ihm lag noch etwas Anderes im Sinne als eine mehr oder minder reichliche Plünderung, und jede ſeiner Handlungen während der vier Jahre, da er die Meere beſchiffte, fügte dem gigantiſchen Bau ſeines Planes einen Stein nach dem andern zu. Das verſteht ſich von ſelbſt, daß ſeine Angriffe beſtän⸗ dig vorzugsweiſe die engliſchen Schiffe betrafen. Der Schlei⸗ cher plünderte und bohrte mehr Schiffe der oſtindiſchen Compagnie in Grund als alle franzöſiſchen Corſaren zuſam⸗ men genommen. Es war das indeß nur eine Einzelnheßß denn wenn die oſtindiſche Compagnie nach Fergus' Plane angegriffen werden ſollte, ſo geſchah es noch durch andere wirkſamere Mittel, welche dieſe merkantiliſche Macht, eine der feſteſten Stützen Englands, in ihren Grundwurzeln erſchüttern ſollten. Fergus benutzte ſein Kreuzen im indiſchen Ocean, um die ganzen Küſtenſtriche zu beſuchen. Randal Graham das Commando der Corvette überlaſſend, ging er oft an Bord einer Priſe und machte lange Exeurſionen im Golf von Ben⸗ galen, in den Meeren von China oder Arabien. — Er hatte richtige Papiere an Bord und gab ſich bald für einen 245 Kauffahrerkapitän, bald für einen auf eigene Rechnung han⸗ delnden Kaufmann aus. Auf dieſe Weiſe lernte er alle Riederlaſſungen der Com⸗ pagnie kennen und drang ſelbſt ins Innere der Länder, ſo⸗ bald ein wichtiges Etabliſſement ihn zur Prüfung aufforderte. Seine vorbereitenden Studien hatten ihn auf zahlloſe Keime der Verderbniß aufmerkſam gemacht; dieſe Keime unterſuchte er aufs genaueſte und konnte ſo jedesmal den Schlachtplan verſtärken und den Erfolg ſicherer machen. In China ſah er, was man damals in Europa kaum wußte, unzählige Schiffe der Compagnie mit Opium beladen ganze Laſten dieſes Giftes an den Küſten abſetzen. Er wußte, daß dieſer nichtswürdige Handel England nicht weniger als vier Millionen Pfund Sterling einbringe. — Das war abermals eine Waffe, die gegen den Feind gewendet werden konnte. An di Miündungen des Indus enblich überzeugte er ſich vom Beſtehen einer heimlichen Gährung unter den unter⸗ jochten Völkerſchaften und ahnte, welche Erploſion der ge⸗ ringſte in dieſe Gegenden hineingeworfene Funke hervorbringen würde, wo Hunderte von kleinen Fürſten, auf brutale Weiſe entthront, ſich verbargen oder gezwungen den Siegern dienen mußten. Nach dieſen Reiſen ging er wieder auf den Schleicher, um nicht durch lange Abr eſe nheit die Gewalt zu verlieren, welche er über die energiſch 246 Mannſchaft ausübte, aus der er die Werkzeuge ſeines Zornes machen wollte. Denn ſein Zorn war, weit entfernt, ſich zu beruhigen, größer geworden und wuchs unaufhörlich. Ueberall auf ſeinem Wege begegnete er dem habgierigen, aufdringlichen, treuloſen England, das ſeine Gewalt mißbrauchte und in dem Schweiß und Blut der Völker nur Geld ſuchte. Ueberall auf dieſen Meeren gab es keinen Fuß breit Ufer, wo der engliſche Name nicht bekannt, gefürchtet und verabſcheut geweſen wäre! — Ueberall hatte der Handel Großbritanniens, von Kanonen unterſtützt, ſich unbillige Verträge zu erzwingen gewufßt. Es ſchien, als ob dieſer Theil des Erdballs vom Himmel verſtoßen und der raubgierigen Hand des unerſätt⸗ lichen Englands übergeben ſei; überall hatte dieſe Hand Spuren von ihrem Drucke zurückgelaſſen, Elend, Thränen, Zerſtörung. „ „ Fergus betrachtete mit Freude dieſe unendlichen Verhee⸗ rungen, die unerhörten Nichtswürdigkeiten, welche Gott allein zählen und beſtrafen kann. Bei ihm erſtickte die Freude das Mitleid, denn es that ihm wohl, ſeinen Haß ſo durchaus gerechtfertigt zu finden und das ſtumme Leben von fünfzig Millionen unterdrückter Herzen auf ſeinen Racheruf antworten zu ſehen. Als er das indiſche Meer verließ, änderte er nur den Schauplatz, um in entfernteren Zwiſchenräumen den noch unterdrückten aber zum Ausbrechen bereiten Haß zu finden. Fergus hatte Unterredungen mit den holländiſchen Boers am Cap, von denen er ſeine Mannſchaft rekrutirte, und fuhr mehr als einmal nach den beiden Canada, die unter furcht⸗ barem Drucke ſeufzten. Als er vom Cap nach Amerika ging, berührte er auch St. Helena. Man weiß, mit welcher argwöhniſchen Strenge die bri⸗ tiſchen Agenten jenen unfruchtbaren Felſen bewachten, welcher das Grab des ruhmvollſten Herrſchers unſerer Zeit ſein ſollte. Hudſon Lowe, den die Franzoſen ſo ſehr verwünſchen, war nur das gelehrige Werkzeug ſeiner Herren, und nicht auf einen zur Ausführung von Schlechtigkeiten bezahlten Knecht hätten die geſchwätzigen Phillipiken der Dichter und Redner des Continents ſich richten ſollen. Hudſon Lowe war blos der Arm, in London der befehlende Kopf, in London, von wo noch vor Kurzem unſere erhabene Herrſcherin ausfuhr, um auf dem Boden von Frankreich offizielle Verſicherungen der Liebe und Ehrfurcht zu empfangen. In der Umgebung unſerer Königin befanden ſich noch Miniſter des Königs George, Miniſter von 1816. Und die Aſche des Kaiſers ruhte ſeit zwei Jahren unter dem Dome der Invaliden. Haben die Völker kein Gedächtniß, oder logen damals die franzöſiſchen Journale, als ſie uns die prachtvollen Ein⸗ zelnheiten des Triumphes n der nachträglich ihrem Kaiſer gebracht wurde? Auf St. Helena bekamen die Franzoſen, beſonders in dieſen erſten Jahren, ſehr ſchwer die Erlaubniß, dem kaiſer⸗ lichen Gefangenen einen Beſuch abzuſtatten, aber mit den Engländern war das nicht der Fall. Fergus wurde unter dem Namen des Kapitäns von einem Schiffe der indiſchen Compagnie, das er gekapert hatte, zum Geſpräche mit Na⸗ poleon zugelaſſen. Fergus' Matroſen erwarteten ihn am Hafendamm; er war Morgens nach Longwood abgegangen, und die Sonne neigte ſich zum Niedergange, als er zurückkam. Während er nich dem in der Bay vor Anker liegenden Schiffe zurück⸗ ging, ſtrahlte ſein Geſicht von hoher Begeiſterung, und ſein Auge bewahrte noch den Ausdruck einer innigen und ehr⸗ furchtsvollen Bewunderung. Fergus hatte vier Stunden lang mit dem Beſiegten von Waterloo zugebracht, mit jenem Halbgotte, deſſen Geſtalt jetzt ſchon für uns die koloſſalen Proportionen antiker Herven annimmt; er hatte dieſen von der Vorſicht und nicht von den Menſchen gebändigten Rieſen geſehen, dieſen großen Mo⸗ narchen, der von ſolcher Höhe ſo tief herabgeſtürzt war, daß der mittelmäßigſte aller europäiſchen Heeresführer, Arthur Wellesley, Herzog von Wellington, ſich damals als Achill malen laſſen konnte und in ſeinem poſſenhaft dummen Stolze dem erſchlagenen Hektor die Züge des Gefangenen von St. Helena geben ließ. Fergus hatte vier Stunden hindurch aus dem Reich⸗ thume der weitausgreifendſten, ſchärfſten, kühnſten Intelli⸗ 249 genz geſchöpft, welche jemals die Welt in Erſtaunen ge⸗ ſetzt hat. Als er zurückkam, war er noch ganz voll von den impoſanten und in dem Pathos ſeiner Kürze ſo überzeugenden Worten des Kaiſers; er kam zurück mit neuer Kraft gewaff⸗ net, in ſeinen eigenen Augen größer geworden nnd in ſeinen Abſichten beſtärkt. Was war zwiſchen dem unbekannten Seeräuber und dem Manne vorgegangen, der vor Kurzem noch auf dem erſten Throne des Weltalls geſeſſen hatte? .. Auf die eifrige Frage ſeines Begleiters Randal antwor⸗ tete Fergus blos: Ich habe ihn geſehen. An einem nebligen Morgen gegen Ende November fuhr eine ſchöne Handelsbrigg um die nördliche Spitze der Inſel Man herum und an Schottland heran. Der Wind und die Fluth trieben ſie ſchnell auf den Solwah zu, und die Sonne zeigte noch ihre röthliche Scheibe über dem Horizonte, als die Brigg Dumfries gegenüber Anker auswarf. Die Matroſen bildeten auf dem Verdecke eine Reihe und nahmen die Hüte ab, um zwei Männern Platz zu ma⸗ chen, welche durch die Luke heraufgeſtiegen waren. Der eine dieſer Männer war Fergus, der andere Randal Graham. Die Schaluppe war ins Meer gelaſſen worden und er⸗ wartete ſie. Sie ſtiegen Beide ein, und ſechs von Paddy O'Chrane commandirte Ruderer fuhren ſie nach der Küſte zu. 250 Die Schaluppe kam ans Land, und Randal ſprang eine halbe Stunde jenſeits Dumfries an das Ufer. — Auf Wiederſehen, ſagte Fergus zu den Matroſen, — wir werden uns wieder treffen. Paddy öffnete den Mund; aber keiner von den Flüchen, welche er für große Gelegenheiten immer bereit hatte, ſchien ihm geeignet, ſeine Rührung auszudrücken; deshalb begnügte er ſich den Hut zu ziehen und murmelte: — Ew. Ehren .. Bei Satan und ſeiner Großmutter ... Gott ſegne Sie, wir wollen Alle verdammt ſein! Fergus machte eine Geberde mit der Hand, Paddy ſetzte ſeinen Hut wieder auf, und die Schaluppe entfernte ſich. Unſere beiden Reiſenden gingen nun landwärts. Sie waren einfach gekleidet und trugen ihre Mäntel über den Armen. Eine Stunde lang ſchritten ſie ſtillſchweigend einher, geleitet durch die vollkommene Kenntniß, welche Randal von der Gegend zu haben ſchien. Nachdem ſie den tauſend Krümmungen eines kleinen Fußſteiges gefolgt waren, welcher auf dem Gipfel eines ſteilen Felsufers ſich hinwand, kamen ſie auf eine kahle Felſenplatte, an der blos hie und da ſpärliches Kräutigt emporſproß. Von dieſer Höhe aus konnte das Auge weit⸗ hin im Weſten die hohe See und im Süden, jenſeits der Bucht, die ausgezackten Küſten der Grafſchaft Cumberland beherrſchen. Der Wind hatte ſich erhoben und trieb von Weſten aus den Nebel nach dem engſten Theil des Solwaythales hin. ————— 251 Fergus und Randal blieben ſtehen. In weiter Ferne nach Irland hin zeigte die Handels⸗ brigg, welche ſie hergebracht hatte, ihre großen, von den ſchrägen Strahlen der jetzt ſchon untergehenden Sonne gerö⸗ theten Segel. Fergus fuhr mit der Hand über die Stirn, ſein Blick wurde ſchwermüthig. — Noch eine kleine Zeit, dann ſehen wir ſie nicht mehr; — der Vorhang iſt hinter dem erſten Akte unſers Dramas gefallen wie wird der zweite ſein? ich glaube es zu wiſſen, aber Gott allein weiß es .. Jttzt find es vier Jahre, daß ich arbeite, Randal! — Und ſeit zwei Jahren ſchon, Fergus, ſind Sie reich genug, um ein fürſtliches Leben führen zu können, entgegnete Graham; — gewiß, an Ihrer Stelle würde ich es mir jetzt wohl ſein laſſen, nach London gehen und dieſen unverſchäm⸗ Godfrey von Lanceſter mit meinem Lurus niederſchmettern. — Ich hatte Godfrey von Lanceſter vergeſſen. — So ſind Sie nun einmal, erwiederte Randal; — ich weiß von Ihren Geheimniſſen gerade ſo viel, als Sie mir haben ſagen wollen; und nur mitunter, wie heute, ent⸗ decke ich zufällig ein klein wenig von den Geheimniſſen Ihres Herzens . ich beklage mich nicht darüber, vielleicht iſt Ihr ganzes Geheimniß auch für mich zu ſchwer zu tragen .. ich weiß Ihr Ziel, mindeſtens das Ziel, das Sie ſich vor vier Jahren vorſteckten. — Es hat ein anderes werden können, unterbrach ihn Fergus. — Meinetwegen . . . aber behalten Sie das für ſich, O'Breane, und bedienen Sie ſich meiner, als ob Sie mir nichts mitzutheilen hätten. — Ich danke, ſagte Fergus zerſtreut. Er betrachtete die Küſten von England, und unmerklich entzündete ſich ſein Auge, bis es glühend wurde von Haß und Drohungen. — Ich werde hinkommen, flüſterte er, — werde eines Tages den Fuß auf Deinen verfluchten Boden ſetzen aber bevor nicht, als bis ich Dich mit Feinden und Schlin⸗ gen umſtellt habe .. . mit Ausdauer und Geduld eröffne ich die Laufgräben, bevor ich zum Sturm gehe .. aber, mein Gott, wie lange dauert das, und wie ſehne ich dieſe Zeit herbei! Randal betrachtete ihn mit neugieriger Aufmerkſamkeit; das Geſicht des Schotten, deſſen unterer Theil jetzt durch einen dichten rothen Bart verdeckt war, hatte einen ſchwer zu beſchreibenden Ausdruck. — Der Weg iſt lang, ſagte er endlich, indem er ſeine Nachdenklichkeit abſchüttelte, um die natürliche Unbeſorgtheit ſeines Charakters wieder anzunehmen; — wir haben ſieben oder acht Meilen zu machen, um nach St. Maria von Crewe zu kommen. Wenn Sie mir folgen, machen wir uns auf den Weg. 253 Fergus wandte dem Meere augenblicklich den Rücken, und ſie ſetzten ihre Reiſe fort. Die Gegend bot den maleriſchen und halbwilden An⸗ blick des ſchottiſchen Landes dar; der Tag ſank ſchnell und verlängerte die Schatten, wodurch die Landſchaft eine immer düſterere Phyſiognomie bekam. Randal ſchien ſich vollkommen aus den tauſend Wegen herauszufinden, die ſich bei jedem Schritte kreuzten. Fergus folgte ihm in Gedanken verſunken. — Aber iſt es möglich, ſagte er mit einem Male, daß Niemand die Erxiſtenz dieſer unterirrdiſchen Gänge kennt? — Völker haben hunderte von Jahren gelebt, bevor ſie die Goldmine entdeckten, die unter ihren Füßen lag, — ant⸗ wortete Randal, — zu meiner Zeit waren die unterirdiſchen Höhlen unbekannt, und wenn ich, ſtatt ins Gebirge zu flüch⸗ ten, dort verborgen geblieben wäre, würden die Richter von Glasgow die Mühe haben ſparen können, mich auf die Pontons zu ſchicken .. Die Höhlen haben zwei Ausgänge, welche auch das Ssheſte⸗ Auge nicht entdecken kann. Der erſte geht nach dem Prunkſaal des Schloſſes Crewe .. ein edles Gebäude, meiner Treu, das aber in Trümmer zerfällt und gewiß für ein Spottgeld zu kaufen iſt .. Der zweite öffnet oder ſchließt ſich vielmehr in dem zie. welches mein eigener Vater bewohnte und vielleicht noch bewohnt. Dieſer zweite Ausgang iſt durch eine ſteinerne Mauer maskirt, welche ſich in Angeln um einen Balken dreht .. . Wenn man dieſe alte Mauer ſieht, Fergus, würden ſelbſt geſammten Conſtabler der drei Königreiche erklären, daß ſeit Jahrhun⸗ 254 derten dort kein Durchgang hat eriſtiren können ... Die Alterthumsforſcher von Edinburg, ich ſage die reine Wahr⸗ heit, — behaupten, das Gebäude rühre noch aus dem Zeit⸗ alter Alfreds des Großen her. — Und dieſe Höhlen ſind groß? — Mein Vater hat ſich wohl zehnmal darin verirrt, als er darin umherging, um den Schatz der Aebte von St. Mary zu ſuchen .. . ſie ſind mindeſtens ſo groß als St. Jamespark. — Aber könnte Ihr Vater, Randal, die Eriſtenz der⸗ ſelben nicht Jemandem mitgetheilt haben? — Nein, auf keinen Fall, weil er ja den Schatz da ſuchte. Die Nacht war ganz ſchwarz. Unſere Reiſenden ließen die Stadt Annan zur Rechten liegen, deren Lichter fernher durch das kahle Zweigwerk der Bäume flimmerten; bald ver⸗ ließen ſie den Fußpfad, den ſie bisher gegangen waren, und ſchlugen einen breiteren Weg ein, der die Landſtraße zwiſchen Carlisle und Glasgow bildete. Unſere Leſer kennen dieſen Weg, auf welchem der Poſt⸗ wagen Frank Pereceval's fuhr, in jener Nacht, wo die ſelt⸗ ſamen und ſchrecklichen Ereigniſſe ſich begaben, welche den Tod der unglücklichen Harriet herbeiführten. Randal hielt gerade an der Stelle an, wo der Wagen an einen quer über den Weg gelegten Baumſtamm ſtieß. — Hier iſt es; das Haus meines Vaters liegt hinter dem Gehölz. — — — ————— 255 Zwei Minuten darauf war das Gehölz durchſchritten, und ſie ſahen das Licht aus Randal's Hauſe. Bei ihrer Annäherung bellte ein Hund ſtark. — O, o, murmelte der Schotte, — unſer alter Bill iſt todt, denke ich; das wenigſtens kann BVills Kläffen nicht ſein. Seine Stimme zitterte leiſe, während er ſo ſprach. Es trennten ihn nur noch wenige Schritte vom Hauſe; mit Einem Sprunge war er an der Thür und legte die Hand an die Klinke. — Die Thür iſt von innen verſchloſſen, ſagte er; — mein Vater machte ſie niemals zu. Er klopfte, ein Fenſter öffnete ſich. — Der alte Randal Graham? fragte der Schotte mit tief bewegter Stimme. — Er iſt ſchon zwei Jahre todt, war die Antwort. Das Fenſter ſchloß ſich wieder; Randal ließ den Kopf ſinken. — Ich hätte ihn auf ſeine alten Tage reich machen wollen, flüſterte er; — aber jetzt iſt er todt, und ein Frem⸗ der bewohnt unſer Haus . . . o, jetzt bin ich allein in der Welt, Fergus, und gehöre Ihnen mehr als jemals an. Fergus drückte ihm die Hand und ſprach einige Worte des Troſtes. — Ja, ja, O Breane, verſetzte Rundal, — wir müſſen Alle ſterben .. . aber ich hätte beſſer gethan, bei ihm zu bleiben . . . -ach . . . und Mac⸗Nab hat jetzt unſer Haus! .. 256 ich habe ihn wohl erkannt . . . man ſagt, er ſoll ein recht⸗ ſchaffener Mann ſein . . . und doch hat er ſein Fenſter ge⸗ ſchloſſen, ohne den Reiſenden ein Lager anzubieten. — Sind Sie deſſen ganz gewiß, daß es Mac⸗Nab iſt, fragte Fergus. — Ich bin's .. und ich werde es bald noch gewiſſer werden, denn ich muß die Nacht in dem Hauſe meines Va⸗ ters zubringen und ein Gebet in dem Zimmer verrichten, in welchem er geſtorben iſt . . . denn er iſt todt! fügte er mit einer Stimme hinzu, in welcher verhaltene Seufzer ſich be⸗ merkbar machten. Ja, ja, Sie haben es von dieſem Manne gehört er iſt ſchon zwei Jahre todt ... nun, Fergus, vor⸗ wärts! Ich will Sie nach der Meierei von Leed führen, weil ſie Angus Mae⸗Farlane ſehen wollen, und dann kehre ich hierher zurück, wo mein Vater geſtorben iſt . . und ich werde doch nicht nöthig haben, dieſen Mac⸗Nab um Gaſt⸗ freiheit anzugehen. Er ging um's Haus herum und begann mit großen Schritten in einem Gehölze, in welchem ſich hier und da Ruinen befanden. Fergus folgte ihm. Nach zehn Minuten gingen ſie an der Mauer eines Parkes entlang, in deſſen Mitte ſich ein großartiges Gebäude erhob, welches Fergus für das Schloß Crewe hielt. Darauf ſtiegen ſie wieder den Abhang des Hügels hinab und kamen nach Leed. Randal zeigte ihm die Meierei mit dem Finger und entfernte ſich im Laufe. Die Thür der Meierei war offen, Fergus trat ein. 257 In dem gemeinſchaftlichen Saale um einen gedeckten Tiſch nahm ein junges Weib mit zwei reizenden kleinen Töch⸗ tern ihre Abendmahlzeit ein. Unter dem Vorſprung des Ka⸗ mins befand ſich ein Mann, der den Kopf in beiden Händen hielt. Bei dem Geräuſch, welches Fergus beim Eintreten machte, richtete dieſer Mann ſich auf und zeigte ein bleiches Geſicht, in welchem ſich zwei erloſchene und wie verſtörte Augen zeigten. Fergus ging auf die junge Frau zu, während die bei⸗ den kleinen Engel in kindiſcher Furcht errötheten und lächel⸗ ten, und fragte nach Maſter Angus Mac⸗Farlane. Der Mann, welcher am Kamine ſich befand, ſtand auf, Fergus erinnerte ſich nicht, ihn jemals geſehen zu haben. Fünfzehntes Kapitel. Eine Aehnlichkeit. Di junge Frau, an welche Fergus O Breane beim Eintritt in die Meierei von Leed ſich gewandt hatte, war ſchön, aber ſie trug auf ihrem ſanften und traurigen Geſichte die Spuren des Leidens. Was die beiden kleinen Kinder anbetrifft, welche an ihrer Seite ſaßen, ſo gab es niemals engelgleichere Köpfchen; ſie lächelten und legten ihre hübſchen roſigen Wangen an den Buſen ihrer Mutter, und dies Bild war wie ein Freudeſtrahl bei dem düſtern Anblick dieſes Hau⸗ ſes, in welchem die Trauer zu herrſchen ſchien. Die junge Frau antwortete auf Fergus' Frage, indem ſie auf ihren Mann hindeutete, der ſich unter dem Vorſprunge des Kamins abſeits hielt. Fergus ſah ſie lange aufmerkſam an. — Giebt es etwa noch eine andere Perſon, welche den Namen Angus Mac⸗Farlane führt? Das junge Weib ſenkte ſchmerzlich lächelnd die Augen; ihr Mann kam langſam auf Fergus zu. — Es gibt nur einzigen Menſchen, der den von Ihnen genannten Namen trägt, ſagte er mit hohler Stimme und an dieſem Einen iſt es zu viel! ... Diejenigen, welche ihn in den Tagen des Glücks geſehen haben, erkennen ihn nicht wieder, wenn ſie ihm gegenüberſtehen . . das kommt daher, weil er viel gelitten hat! . . . Mac⸗Farlane dagegen erkennt noch das Geſicht ſeiner Freunde, aber er weiß Ihren Namen nicht mehr ... Wie heißen Sie? — Was! murmelte Fergus, von Erſtaunen hingeriſſen,— Sie wären Angus Mac⸗Farlane? ... aber in der That, ob⸗ gleich Sie ſich ſo verändert haben . . — Wie heißen Sie? wiederholte der Pächter. Fergus nannte ſeinen Namen. Die verſtörten Züge Angus Mac⸗Farlane's belebten ſich mit einer Art von Freude. — Sei mir willkommen, OBreane, ſagte er, ihm die Hand reichend, Frau, umarme Deinen Bruder und den mei⸗ nigen .. Kinder, liebkoſet den Freund Eures Vaters! .. wir wollen froh ſein. Miſtreß Mac⸗Farlane nahm ihre beiden kleinen Mäd⸗ chen an die Hand und führte ſie Fergus entgegen. Clary hielt ihm erröthend die Stirn hin, Anna lachte und entfloh. 260 — Wir wollen uns freuen, wiederholte der Pächter, — Amy, iſt kein franzöſiſcher Wein mehr in unſern Kellern ? .. Bringe franzöſiſchen Wein ... Duncan ſoll meinen Bruder Mac⸗Nab holen, wir wollen fröhlich ſein. 2 Der Ton von Angus' Worten contraſtirte ſo ſeltſam mit dieſen Aufforderungen zur Fröhlichkeit, daß eine Thräne in Amy's Wimpern hing, während ſie antwortete: — Du ſollſt franzöſiſchen Wein bekommen, Mac-Far⸗ lane, und Duncan wird unſern Bruder Mac⸗Nab holen. Fergus hielt ſie mit einer Geberde zurück. — Angus, ſagte er, — Du weißt, daß Maſter Mac⸗ Nab mich nicht gern hat. — Das iſt wahr .. und warum das? — Weil er früher Godfrey von Lanceſter protegirte. — White⸗Manor! rief der Pächter aus, taumelte und ſank auf den Seſſel zurück, den er eben verlaſſen hatte, als ob er Stiche ins Herz bekommen hätte. — Warum erwähnt man vor mir White⸗Manor .. Gehe hinaus, Amh, und nimm die Kinder mit! . . O Fer⸗ gus OBreane, es freut mich, Dich zu ſehen, wir wollen ein wenig von White⸗Manor plaudern. Miſtreß Mac⸗Farlane ging mit Anna auf die Thür zu, aber bevor ſie ſich von Fergus entfernte, ſagte ſie mit leiſer Stimme und bittender Geberde zu ihm: 6 ſind traurige Ereigniſſe vorgegangen und Gott hat einen Schleier über Mac⸗Farlane's Geiſt gelegt „ ich bitte Sie, ſchonen Sie ihn. 261 Sie ging hinaus. Fergus näherte ſich dem Heerde und ſetzte ſich neben Mac⸗Farlane. Angus war in dieſen vier Jahren fünfzehn Jahr älter geworden; ſeine Stirn hatte ſich gefurcht, ſeine offene und redliche Phyſtognomie eine düſtere Vitterkeit angenommen und die Locken, welche unter ſeiner Tartanmütze hervorkamen, wa⸗ ren ein Gemiſch von blonden und grauen Haaren. Fergus betrachtete ihn einen Augenblick traurig und theilnahmvoll. Angus und er hatten ſich früher inſtinet⸗ mäßig geliebt, und dergleichen Freundſchaften bleiben und tauchen, vergeſſen, immer wieder lebhaft und kräftig auf, weil ſie ihre Quelle anderswo haben, als in der Achtung gegen⸗ ſeitigen Zuſtimmens der Charaktere und Gefühle, im Herzen nämlich. Und das Herz verändert ſich niemals, wenn die Sinne, das Intereſſe, oder der Ehrgeiz, dieſe ſchlechten und treuloſen Rathgeber, es nicht zur Unbeſtändigkeit verlocken. Und OBreane ſo gut, wie Mac⸗Farlane, war dem Eigennutze fremd; was den Ehrgeiz anbetrifft, ſo kannte ihn Angus nicht, und Fergus' Leidenſchaft war eine andere und ſtärkere. — Ich glaubte, Dich glücklich wiederzufinden, Mac⸗ Farlane, ſagte Fergus nach einer Pauſe. — Ich bin glücklich, daß ich Dich wiederſehe, guter Fergus, antwortete der Pächter und ſchien wieder etwas ru⸗ hig geworden zu ſein, ich habe vor Wuth geweint, jett wer⸗ den es vier Jahre ſein, als ich Dein Unglück erfuhr .. ——————— ——— Fergus, mein edler Fergus, des Mordes angeklagt; wegen Mord verurtheilt, denn ich erfuhr die Anklage erſt mit dem Verdict der Jury zugleich . . . und das war Mac⸗Nab's Schuld, der Dich nicht gern hatte . . . Umarme mich, OBre⸗ ane, und ſage mir, daß Du mich wie früher liebſt. — Ich bin noch immer Dein Bruder, Mac⸗Farlane... und in dem Plane, welcher mein Leben beſchäftigt, iſt Dir Dein Platz und Deine Rolle zugetheilt. Und Du biſt in dieſer Welt der einzige Menſch, den ich tief in mein Herz eindringen laſſen werde. Angus fuhr mit der Hand über die Stirn. — Pläne, murmelte er; — ich habe keine, aber ich werde die Deinigen annehmen, mein Bruder . o wie jugend⸗ lich und ſchön Du biſt, Fergus! . . . Mary liebte Dich ſehr. — Ich wagte es nicht, von Mary zu ſprechen, flüſterte O'Breane. — Gieße Wein ein, rief der Pächter aus, hier iſt fran⸗ zöſiſcher Wein; nimm Dein Glas, Freund, und trinke. Er war aufgeſtanden und hatte Fergus eine entkorkte Flaſche gegeben. Dieſer berührte ſein Glas nur mit den Lippen, Angus trank es aber mit einem einzigen Zuge leer und verſetzte: — Auch ich werde bald nach Botany⸗Bay gehen. Weshalb? fragte Fergus erſtaunt. — Weil ich den Grafen White⸗Manor tödten werde .. ich weiß nicht, wo er ſich jetzt verbirgt .. . ich kann ihn nicht erreichen. Aber er wird wiederkommen, Fergus . 263 ich hatte Unrecht zu ſagen, daß ich keine Pläne habe, ich habe einen. O Breane ſchwieg ſtill. — BGieß Wein ein, hob Angus wieder an, beim Ge⸗ dächtniß meines Vaters, wir ſind hier, um fröhlich zu ſein . . O Fergus, zu der Zeit, wo wir in London waren, lebte mein Vater noch ... und meine Schweſter war glücklich. — Ich bitte Dich, Mac-Farlane, ſagte Fergus, — theile mir Alles mit, was die arme Mary betrifft; ich er⸗ rathe ein Unglück. — Errathe zehnfaches Unglück, entgegnete Mac⸗Far⸗ lane, — das Gut unſerer Familie iſt uns durch einen un⸗ gerechten Prozeß entriſſen, mein Vater iſt todt, meine Schwe⸗ ſter wie viel Thränen, o wie viel Thränen kann ein Weib vergießen, ehe es ſtirbt. — Iſt Mary nicht die Gräfin von White⸗Manor? — Ich werde ihn tödten, rief Angus Mac⸗Farlane aus, als ob die Nennung dies Namens im Stande geweſen wäre, alle Fibern der Rache und des Zornes bei ihm anzu⸗ ſpornen. — Ja, Mary iſt Gräfin von White⸗Manor. ſie war es wenigſtens. — Sie iſt alſo todt? rief Fergus. — Sie hat ein Kind, mein Bruder, ſie kann nicht ſterben — Aber in des Himmels Namen, was iſt alſo mit ihr? — Trink, Fergus, ſagte Mac⸗Farlane mit einem bit⸗ tern krampfhaften Lachen, — ich werde ihn tödten ... Mac⸗ 264 Nab hatte in beſter Abſicht gehandelt, denke ich. . er glaubte der armen Mary Glück zu machen .. . ja, ja mein Bruder, Mary hat den Namen der Gräfin White⸗Manor angenom⸗ men, weil Mac⸗Nab wollte, daß ſie reich und glücklich ſei. Trink doch O'Breane, wir müſſen doch Deine Rückkehr feiern .. ich weiß nicht, ob ſie reich iſt, aber ich weiß wohl, wie grenzenlos unglücklich .. die arme Mary .. jetzt ſind es acht Monate, da empfing ich einen Brief von ihr . .. Du ſollſt ihn leſen, O Breane ... ich, ich bin es nicht mehr im Stande .. . ich habe niemals auf dieſer Welt etwas ſo ſehr geliebt, als ich Mary licbte, mein Bruder, und deshalb wollte ich, daß ſie Deine Frau wi welch ein glücklicher Tag wäre der Tag Eurer Hochzeit ge⸗ weſen. Angus ſtand auf und öffnete einen Schrank, aus dem er eine Brieftaſche nahm. Unter den Papieren, welche ſich in derſelben befanden, wählte er eines aus, das durch die häufige Berührung ganz weich und geknittert worden war. Er ſchlug es mit zitternder Hand aus einander. — Liebſt Du ſie noch, Bruder? fragte er ihn plötzlich. — Ich werde ſie immer lieben. Fergus log weder, noch täuſchte er ſich. Die vier ver⸗ floſſenen Jahre hindurch hatte die Liebe, welche fortan einen ſo großen Theil ſeiner Eriſtenz ausmachen ſollte, in ihm ge⸗ ſchlummert. Höchſtens hatte er hier und da einige von jenen vorübergehenden Intriguen angeknüpft, welche Romane eines Tages ſind, deren durchleſene Seiten die Vergeſſenheit zer⸗ 265 reißt, und die keine Spur im Herzen zurücklaſſen. Es lebte daher in dieſem keine andere Erinnerung, als die an Mary. — Später ſollten die Erinnerungen reichhaltiger werden, ſein Herz, das ſich ohne Rückhalt hingab, ohne Reue wieder zurückgenommen wurde, glitt weich auf dem blumigen Ab⸗ hang der Unbeſtändigkeit hin, und wenn es hinter ſich Thrä⸗ nen zurückließ, ſo hatte es nur den Blick nach vorwärts ge⸗ richtet, wo es nichts als Lächeln ſah. Seine Seele, wie ſeine Sinne ſchweiften in Wonne aus, als ob dadurch die gewaltigen Arbeiten und furchtbaren Mühen ſeines Geiſtes hätten compenfirt werden ſollen. Für ſo geſchaffene Männer hat die Vergangenheit, wenn ſie in Stunden der Schwermuth vor die Seele tritt, unver⸗ gleichliche Freuden und Wonnen, welchen das Vergnügen der Gegenwart nicht gleichkommen kann. Ihre Erinnerung gleicht dem Himmel der Muſelmänner; dort gehen im Dunſtkreis der Verzückungen die einſt grliebten Weiber vorüber, vald dieſe bald jene, und lächeln lieblich. Wie ſchön ſie ſind, wie ſanft und reizend die Worte, welche ſie ins Ohr flüſtern, welcher Stolz in dieſer Haltung, welche naive Hingebung in jener Stellung! O dieſe lacht, wie man niemals lächeln ſah, jene andere ſenkt die Augen, aber genügt der Schleier ihrer langen Wim⸗ pern, die Leidenſchaft zu verbergen, welche in ihrem dunkeln Auge glüht und ſchmachtet? Alles iſt ſchön, Alles iſt Wonne und Entzücken, ſogar jene zitternde Perle, — eine Thräne, ach, welche im Auge der beſiegten Jungfrau glänzt .. Fergus täuſchte ſich nicht. Inſofern als unter jenen 12 266 häufig in ihm aufſteigenden Erinnerungen das Bild Mary's ſtets das erſte, das geliebteſte, das reinſte war, — das ein⸗ zige reine vielleicht! Maec⸗Farlane trat wieder an's Kamin. — Sie liebte Dich ſehr, aber wozu davon ſprechen ?... hier iſt ihr Brief ihr letzter Brief .. . ſpäter bin ich nach London gegangen, um ſie aufzuſuchen, ich habe ſie nicht gefunden. Fergus nahm den Brief, der ihm dargeboten wurde. — An mehreren Orten waren die Buchſtaben durch Thränen halb verwiſcht — Rührten dieſe Thränen von Angus her oder von der Gräfin White⸗Manor? Der Brief lautete folgendermaßen: „Mein theurer Bruder! Als ich durch Deine letzte Nachricht erfuhr, daß Deine Abſicht ſei, nach London zu kommen, um mich zu tröſten, zu beſchützen, da ſchlug mein Herz Dir mit Dankbarkeit ent⸗ gegen. O Angus, Du liebſt mich und Du biſt der Ein⸗ zige hier auf der Erde, der mich liebt. Ich denke, ich würde ein wenig Freude wieder empfinden, wenn ich wieder bei Dir leben, Dich oft ſehen und in den geliebten Mauern unſres Vaterhauſes verweilen dürfte . . Aber mir iſt verwehrt, dies Glück zu hoffen, Brurer! Noch an dem Abend, wo ich Deinen Brief empfing, habe ich das Haus verlaſſen, welches ich ſeit drei Monaten bewohnte. Ich habe es gethan, um Deine Gegenwart zu „————— 267 vermeiden, mir iſt Kraft nöthig, und wenn ich Dich ſähe, würde ich ſchwach werden. Mein guter Bruder, ich liebe Dich, das weißt Du wohl: verzeihe mir, wenn ich Dich fliehe. Ueber mich iſt eine abſcheuliche und furchtbare Drohung verhängt, mein armes, mein vielgeliebtes Kind . . o wenn Du wüßteſt!“ — Wie weit biſt Du, O Breane? fragte Angus. — Erinnerſt Du Dich wohl, wie fröhlich ſie ſonſt war? Ihr Lächeln ſteht mir vor den Augen und da wird mir ſo weh zu Muthe. Er legte die beiden Hände auf's Knie und ſaß mit ſtarren Blicken und geſenktem Kopfe da Fergus fuhr zu leſen fort: „Wenn Du wüßteſt, mein Bruder! ... Du biſt kühn und edelmüthig, würdeſt mich vertheidigen, jene Männer an⸗ greifen wollen, welche mich ſo unglücklich machen .. An⸗ gus, ich kenne Dich, Du würdeſt das thun und das wäre ein ſchreckliches Unglück. Lieber will ich leiden . . . erzürne Dich nicht gegen mich, mein Bruder, wenn ich mich von Dir entferne, ſo geſchieht es meiner Tochter wegen. Die Rache Mylords iſt ſehr grauſam geweſen! .. Du weißt, daß er nach der ſchmachvollen Scene von Smithſield mir meine Tochter genommen hat, — aber Du weißt nicht Alles, Angus, ach, es iſt ein Unglück, das Niemand er⸗ rathen kann. 12* 268 Meine Tochter, mein armes liebes Kind, iſt in den Händen eines Verbrechers ohne Treu und Glauben, der ſie fern von der Welt erzieht, eines Verbrechers, der vielleicht gewählt wurde, um in ihre Engelſeele Keime der Schande und der Verderbniß zu legen.“ — Arme Mary! ſagte Fergus. — Wie weit biſt Du, OBreane? — Ich muß fort, Bruder . . fort muß ich, um jeden Pris — Ich weiß jetzt ſchon, wie weit Du biſt, ſagte An⸗ gus den Kopf ſenkend; — lies nur weiter. — „... Meine Tochter iſt gefangen und ihr Wächter iſt ein Ungeheuer von Habſucht und Rohheit, der ohne Erbar⸗ men meiner Thränen ſpottet und eine fortlaufende Steuer von mir erhebt, damit er nicht mein Kind ſchlage. Ich, ich bleibe in London und liege noch immer jenem wohlthätigen Manne zur Laſt, der Mitleid mit mir hatte, als ich auf dem Markte von Smithfield den Strick um den Hals hatte . . mein Bruder, der mich kennt, wird keine böſen Gedanken über dies Verhältniß haben. Ich bleibe in London, weil ich dort meiner Tochter näher bin, weil ich mir einbilde, über ſie wachen zu kön⸗ nen, ich ſehe ſie nicht, ach dieſer Mann nimmt mein Geld und verweigert mir unbarmherzig die Gunſt, mein Kind umarmen zu dürfen, und ſei es auch nur während ſeines Schlafes. * Er gehorcht Mylord, meinem Manne ... Ich verberge mich, weil kein befreundetes Auge meine tiefe Noth ſehen darf, Niemand könnte mich ſehen und Du noch weniger, wie jeder Andere, ohne den Verſuch zu ma⸗ chen, mir zu helfen und mich zu rächen. Mich rächen! . . O weißt Du, Angus? Dieſer Menſch hat es mir geſagt ... und mein Gott, er iſt im Stande es zu thun .. . bei dem geringſten Verſuche würde er meine Tochter tödten.“ Beim Schreiben des letzten Wortes, welches faſt un⸗ leſerlich war, hatte die Hand der Gräfin White⸗Manor heftig gezittert. — Aber das find thörichte Befürchtungen, rief Fergus aus, — wer auch dieſer Menſch ſein mag und wie tief ſeine Verdorbenheit, warum ſollte er ein Kind tödten? Uebrigens könnte man mit Klugheit handeln, dem vorzubeugen .. — Das Alles habe ich geſchrieben und vor etwa ſechs Monaten hat Mary meinen Brief bekommen müſſen iſie hat mir nicht geantwortet; ihre Furcht muß ihren Verſtand übertäubt haben. Es waren nur noch wenige Reihen. Fer⸗ gus fuhr fort: „Und dann habe ich eine Hoffnung, eine ſehr ſüße Hoſſnung, Mac⸗Farlane . . . dieſer Menſch hat meine Toch⸗ ter mit einem ſtummen und mit einem unglücklichen Geſchöpf umgeben, deſſen Herz nicht boshaft iſt. Vielleicht wird es mir eines Tages gelingen, ſie zu gewinnen, und es mir dann erlaubt ſein, in Suky's Zimmer zu treten, ſie zu küſſen, ſie in meine Arme zu drücken . 0 welches Glück, welches 83 Glück, mein Bruder, ſie wird mir zulächeln, ſüß zu träu⸗ men glauben. . . . Genügt dieſe Boffnung nicht, meine Flucht zu entſchuldigen? .. werde ich dann nicht die glücklichſte der Mütter ſein?“ Fergus machte den Brief zu. Auf ſeinem edeln Ge⸗ ſichte lag zugleich der Ausdruck zarten Mitleids und heftig⸗ ſten Unwillens. Er richtete den Blick auf Angus, der die⸗ ſelbe Stelle behalten und inſtinetmäßig die bekannten Zeilen mitleſend, zwei Thränen in den Augen hatte. — Wir müſſen ſie retten, ſagte Fergus. Mac⸗Farlane ſchüttelte den Kopf, ſeine Thränen trock⸗ neten und ſeine Stirn furchte ſich. — Wir müſſen ſie rächen! antwortete er. Darauf fügte er mit lauter Stimme hinzu: — Dieſer Menſch, der ſie guält und ihr Kind nach und nach tödtet, ich kenne ſeinen Namen, den ſie mir nicht ſagen will .. es iſt White⸗Manor ... White⸗Manor, oder einer ſeiner Helfershelfer .. . trink, O'Breane, trink, mein Bruder, Du weißt noch nicht Alles. — In der That, ſagte Fergus, — gewiſſe Worte in dem Briefe unſerer unglücklichen Schweſter haben keinen Sinn für mich .. ſie ſpricht von dem ſchmachvollen Auftritte von Smithfields .. Angus wurde bleicher als der Tod. — Du ſiehſt wohl, daß meine Hand zu ſehr zittert, als daß ich Wein eingießen könnte, ſagte er, und verſuchte zu lächeln. — Zu trinken, mein Bruder, ich habe Durſt . .. 271 Du willſt wiſſen, was ſich in Smithfield begab .. ſo höre denn alſo ... aber vorher betrachte dieſes Meſſer, das früher oder ſpäter Godfrey von Lanceſter tödten ſoll. Er ſtieß in das dichte Eichenholz des Tiſches ſeinen langen ſchottiſchen Dirk, deſſen Klinge lange ſibrirte und einen klagenden Ton von ſich gab. — Hör' zu, Lerſetzte Angus: — Vor drei Jahren .. oder vielleicht zwei und einem halben Jahr erzählten die Journale einen kühnen Ausbruch, der in der Strafkolonie Botany⸗Bay ausgeführt worden war ... Dein Name war unter denen der Flüchtigen, — meine Schweſter wurde zu jener Zeit ſchwanger. Zwei Monate varauf kündigten die Journale an, daß die Ausgebrochenen ſchon lange in London ſeien. Zum zweiten Male fand ſich Dein Name in ihren Spalten. Es ging das Gerücht, daß dieſe Nachricht Brian von Lanceſter zuzuſchreiben ſei, dem Bruder Godfrey's, der noch ganz jung iſt, aber gegen ſeinen älteren Bruder ſchon einen Krieg ohne Erbarmen führt. Dies Gerücht täuſchte ſich, ich kenne den ehrenwerthen Brian, der ein edles und von aller Nichtswürdigkeit freies Herz hat .. ſo viel aber ſteht feſt, daß das Gerücht auch an Deine Brautſchaft mit meiner Schweſter, an Deine frühere Liebe erinnerte und ſagte . Fergus, mein Bruder, auf Dein Ehrenwort .. wie lange Zeit biſt Du in England? — Zwölf Stunden, antwortete Fergus. — Sieh in meinen Worte nicht, fuhr Angus fort, — den Ausdruck hine unwürdigen Verdachtes . Mary —— ——— — 2 Mac⸗Farlane kann wohl unglücklich ſein, aber nicht un⸗ würdig .. das Gerücht ſagte, daß Du ſie wieder geſehen habeſt. Ihre Schwangerſchaft rückte vor . . . und White⸗ Manor, der Elende, öffnete begierig all' dieſen Verläumdungen ſein Ohr. Es begab ſich Folgendes: Mary brachte ein Kind zur Welt. White⸗Manor ließ ſich ſein Kind in ſein Zimmer bringen und betrachtete es lange ſtillſchweigend. Darauf ſah man ihn mit großen Schritten im Zimmer auf und abgehen und Drohungen murmeln. Er fand, daß das Kind Dir ähnlich ſehe, O⸗Breane! — Mir! rief Fergus verwundert. — Dir ... Mary hatte Dich ſo ſehr geliebt! . . . Was es nun auch mit dieſer wirklichen oder eingebildeten Aehn⸗ lichkeit auf ſich habe, der Argwohn Godfrey's von Lanceſter gewann eine furchtbare Gewalt . es war in White⸗ Manor in Nordeumberland ganz nahe von hier . aber ſchon lange hatte Godfrey Mac⸗Nab und mich entfernt ... wir hatten die Erlaubniß nicht mehr, unſere Schweſter zu beſuchen .. . O Fergus, Mac⸗Nab iſt ein dles Herz, obwohl er gegen Dich verdammenswerthe Vorurtheile hegt ... er hat es häufig bereut, zu dieſer Heirath die Hand geboten zu haben ... Aber wovon ſprach ich doch gleich? mein armer Kopf verwirrt ſich ganz und gar und es wird Nacht vor meinen Sinnen. — Die Aehnlichkeit . . . ſagte Fergus. 273 — Ja, ja, unterbrach ihn Mac⸗Farlane, — ich erinnere mich die Aehnlichkeit! Mac⸗Nab und ich, wir hatten keine Idee von dem, was in White⸗Manor vorging ... Godfrey ſetzte, ſo lange ſeine Frau das Bett hütete, keinen Schritt ins Zimmer .. er ſah das Kind nicht wieder und verbot, es der Mutter zu zeigen. Nach vierzehn Tagen ſtand Mary wieder auf. Die arme Schweſter, ſie hatte häufig unter Thränen nach ihrem Kinde verlangt, da ſie es nicht kommen ſah, hielt ſie es wahrſcheinlich für todt .. es wäre beſſer geweſen, O'Breane, wenn das Kind geſtorben wäre. An jenem Tage begab ſich Godfrey von Lanceſter zu ſeiner Frau. Er war in Begleitung ſeines Schattens, eines nichtswürdigen Schuftes mit Namen Gilbert Paterſon, der eine Wiege in den Armen trug. Mary war nahe daran, umzuſinken, ſo viel Freude empfand ſie. Sie lachte, ſie weinte und küßte Godfrey von Lanceſter die Hände. Darauf ſtürzte ſie auf die Wiege zu und wollte den Schleier heben, welcher darüber lag, um dieſes zarte Geſchöpf mit Küſſen zu bedecken, das fortan ihre Leidenſchaft, ihre Liebe, ihr Leben ſein ſollte, Godfrey faßte ſie roh am Arme und zwang ſie, ſtehen zu bleiben, Gilbert ſetzte die Wiege im Zimmer hin. — Dieſes Kind, ſagte White⸗Manor, indem er den Schleier von der Wiege wegzog, — iſt das Ihrige, Mylady, aber nicht meines Mary ſah ihn erſtaunt an. 274 — Das Kind iſt die Frucht eines Verbrechens, fuhr Godfrey fort und bekam einen Anfall ſeiner unfinnigen Wuth; — ſehen Sie, ſehen Sie es an, Mylady, und wagen Sie zu behaupten, daß es ihm nicht ähnlich ſei? — Wem? fragte unſere arme Schweſter. — Meinem Mörder, Mylady, dem Menſchen, den Sie geliebt haben, — Fergus OBreane! — Fergus! wiederholte Marh und ihre Stirne klärte ſich auf. — Das war ihre Verdammung. — Als Godfrey die unwillkürliche Bewegung bemerkte, welche er für ein Ge⸗ ſtändniß nahm, wurde er bleich vor Wuth und hoh. in ſeinem thörichten Wahnſinn die Hand hoch, als wolle er das Kind tödten. — Muylord, o Mylord! rief Mary aus, indem ſie entſetzt aufs Knie fiel; — tödten Sie nicht Ihr Kind. Godfrey hielt an ſich und begann zu lächeln. — Mein Kind! ſagte er voll Bitterkeit, — ich glaube, ich wäre gut geworden, wenn Gott mir ein Kind gegeben hätte! .. Das ſagte er, Fergus, der nichtswürdige Heuchler! .. Meine Schweſter wollte ihre Unſchuld betheuern, denn jetzt erſt begriff ſie, weſſen er ſie anſchuldigte, aber Godfrey verſchloß ihr den Mund durch eine rohe Spötterei und ſagte — Betrachten Sie dieſes Kind genau, Mylady, welches Sie das meinige nennen; betrachten Sie es lange und auf⸗ 275 merkſam, denn Sie ſehen es in dieſem Augenblicke zum letzten Male! Mary rang, von dieſen grauſamen Worten vernichtet, die Hände. Das Kind war ein reizendes junges Mädchen, das ſanft lächelte. Mary hatte niemals ein ſchöneres, engelglei⸗ cheres Geſicht geſehen .. . O Fergus, es muß wohl engliſch und ſchön erſcheinen, das Kind, welches eine junge Mutter zum erſten Male fieht, das Kind, von dem man ſie auf ewig trennt. Sie weinte, ſie bat, ſie wand ſich zu White⸗Manor's Füßen. Dieſer rührte ſich nicht. Er ſchien ein barbariſches Vergnügen daran gefunden zu haben, dieſe herzbrechende Scene zu verlängern. Envlich, als er ſich lange genug an ihrem Schluchzen geweidet hatte, machte er eine Geberde mit der Hand. Gil⸗ bert brachte das Kind fort. Mary lag regungslos auf dem Fußboden, Mhite⸗Manor befahl ihr rauh, aufzuſtehen. Sie that es. Er trieb ſie vor ſich hin und von Stufe zu Stufe bis auf die Schwelle des Schloſſes hinab. Hier befand ſich abermals Gilbert Paterſon, welcher einen hänfenen Strick in der Hand hatte. Vor der Schloß⸗ thür waren alle Bedienten und Pächter von White⸗Manor verſammelt und unter dem Portale des Hofes ſtand ein be⸗ ſpannter Wagen. 276 Godfrey nahm den Strick aus den Händen Paterſon's und ... Augus hielt plötzlich inne und ſtand auf, indem er ſagte o ich werde ihn tödten, Fergus, werde ihn tödten bei dem heiligen Andenken an meine Mutter! .. . Er zitterte und keuchte. Die Worte drängten ſich mit Mühe durch ſeine zuſammengepreßten Zähne hindurch. — Und was that er? fragte Fergus, der auch zitterte und deſſen Stirn mit Schweiß bedeckt war. — HO! rief Mac⸗Farlane mit einem erſtickten Seufzer aus, — Bruder ... Mary ſtand bleich und kraftlos da ... er ergriff ſie bei der Hand und zog ſie nieder, ſo daß ſie auf der Rampe des Schloſſes ins Knie ſinken mußte. Dar⸗ auf that er den hänfenen Strick um ihren Hals und ſagte mit lauter Stimme: — Wer unter euch will dieſes Weib kaufen? Sechszehntes Ka pitel. Der Verkauf. Angus Mac⸗Farlane ſprach die letzten Worte mit einem Ausbruch von Schmerz und Zorn aus. O'Breane war aufgeſtanden. Sein ſchönes Geſicht gab auf andere Weiſe dieſelben Gefühle wieder, als der Pächter. — Ich haßte ihn nicht mehr, ſagte er, — der Zorn, welchen ich gegen ihn hegte, hatte ſich unter einem Groll verborgen, der zu tief und zu umfaſſend iſt, als daß nicht jedes andere Gefühl davon hätte abſorbirt werden ſollen. Aber Deinetwegen, Angus, der armen Mary wegen, da ſehe ich wohl, daß ich noch verwundbar bin .. Wo iſt er denn jetzt, dieſer Menſch? Angus nahm O Breane's Hand und preßte ſie in der ſeinigen. — Habe Dank, mein Bruder! antwortete er. 278 Darauf fügte er im Tone bitteren verzweifelten Spottes * hinzu: — Du fragſt mich, wo er iſt? ... Haſt Du denn in den vier Jahren, ſeitdem Du England verlaſſen, die Sitten unſerer Lords vergeſſen? .. Wenn ſie dieſſeits der Meerenge das Herz eines vertheidigungsloſen Geſchöpfes gebrochen haben, gehen ſie nach dem Continent und triumphiren im Auslande. Hat die Grauſamkeit nicht auch ihre Monotonie? Ihre Herr⸗ lichkeiten werden blaſirt und bekommen den Spleen. .. Ihre Herrlichkeiten reiſen nach Frankreich, welches lacht und ſpöttelt, wenn ſie hinkommen, nach Italien, das ihre Guineen ihnen für alte Steine und verwitterte Gemälde abnimmt White⸗Manor, was weiß ich, iſt vielleicht in Neapel, Paris, Wien . Ihn zu ſuchen, wäre unnütz ich erwarte ihn. Mary hatte Dich geliebt vielleicht erinnerte ſie ſich Deiner. Das war ein unverzeihliches Verbrechen. Um ſie zu beſtrafen, ſuchte Godfrey von Lanceſter eine barbariſche und nichtswürdige Sitte hervor, welche, unter allen Völkern der Welt, blos England in ſeiner nationellen Rohheit erfin⸗ den konnte. Godfrey von Lanceſter brachte ſeine Frau, Lady White⸗Manor, zur Verſteigerung, wie ein Stück Vieh. Er hatte Hoffnung, daß man in Crockford⸗Club noch lange da⸗ von ſprechen würde es war ein liebenswürdiger Scherz, eine eccentricit, welche eine Frau tödtete. — Kann man beſſere Späße finden? Als er die Worte ſprach: — Wer unter euch will dieſes Weib kaufen? ſchwiegen die Bedienten und Pächter ſtill. Marh war von Allen angebetet. Zornig wiederholte White⸗Manor ſeine Frage. — Sie iſt ſchön, fügte er hinzu, — und ich laſſe ſie für drei Schilling. Abermals antwortete Niemand. — Mary lag noch im⸗ mer mit gefalteten Händen und niedergeſchlagen Augen auf den Knieen. — Govfrey ſtampfte wüthend mit dem Fuße. — Macht Platz! rief er aus: — Ich will ſie auf einen anderen Markt führen. Er zog am Stricke. Mary ſtand auf. Die Pächter ſtellten ſich zu beiden Seiten des Hofes in Reihen in düſterer Stimmung auf. Godfrey hielt unſere Schweſter in der Schlinge, ging langſam durch die Menge und ſtieg in den Wagen. Zwei Tage darauf frühſtückte man ſchwelgeriſch in Portland⸗Place, im Hauſe des Grafen von White⸗Manor. Die Verſammlung war zahlreich. Gegen zwei Uhr Nach⸗ mittag ſtand Godfrey trunken vom Tiſche auf und ließ Mary kommen. Mary hatte ein weißes Kleid an und den Strick um den Hals. Und unter allen dieſen Noblemen, welche an White⸗ Manor's Tiſche ſaßen, gab es nicht einen Mann, der ſein Glas dem infamen Godfrey ins Geſicht geſchleudert hätte. — Nicht einen einzigen, Fergus; ſie ließen einen Elenden, von 280 Wuth trunken, feige, die Hand an ein junges, ſchönes und edles Weib legen Godfrey nahm den Strick und ſtieg mit ihr auf die Straße hinab. — Er ging durch die Straßen von London, von Portland⸗Place nach dem Viehmarkte von Smithfield; — vier ſchottiſche Meilen — wie er in dem Hofe von White Manor durch die Menge ſeiner beſtürzten Bedienten gegangen, ſein Weib am Stricke haltend, ſein Weib, das weinte und verging. Und man lief zuſammen, wo ſie durchkamen. Es war ein merkwürdiges Schauſpiel. — Aber unter den fünfzig⸗ tauſend Engländern, bei welchen ſie auf dem Wege vorbei kamen, befand ſich nicht ein einziger Menſch, der über die Infamie Wehe gerufen und den Elenden mit Steinen des Pflaſters geſteinigt hätte! London iſt einmal ſo: Adel und Volk. — Adel und Volk, unterbrach ihn Fergus mit einer gewaltigen Entrüſtung, welche Angus ganz und gar dem Eindrucke ſeiner Erzählung zuſchrieb; — London und ganz England. Als ſie nach Smithfield kamen, verſetzte Mac⸗Farlane, — waren eine Menge Leute um die Barrioren verſammelt, es war ein Freitag und Markt für Rindvieh und Hammel. Godfrey ließ Mary iu eine von den Schafhürden, die leer war, eintreten und rief drei Mal: — Dieſes Weib iſt zu verkaufen .. zu verkaufen für drei Schilling! 281 Die Viehhändler hatten Mitleid, denn Mary, unſere Schweſter, war ſehr ſchön und Ströme von Thränen rannen über ihre gebleichten Wangen. Endlich ertönte eine tiefe durchdringende Stimme aus der Menge und machte Mary's armes Herz in der Bruſt beben. — Laßt mich hindurch! ſagte dieſe Stimme; — ich will Mylady, Gräfin von White⸗Manor, für drei Schillinge kaufen! Ein Gemurmel lief auf dem Markte von Smithfield umher, denn Niemand hatte bisher die edeln Namen der bei dieſer Scene handelnden Perſonen gekannt. — Godfrey wurde purpurroth. Der Ton dieſer Stimme hatte ihn wie ein Schlag auf die Backe getroffen, er ſchien furchtſam und zornig den zu ſuchen, der geſprochen hatte. Dieſer letztere ſäumte nicht, zu erſcheinen, indem er ſich kräftig durch die Reihen der Zuſchauer durcharbeitete. Bei ſeinem Anblicke verlor Godfrey von Lanceſter die Hoffnung und machte eine Bewegung, als wolle er ſich davon ſchleichen. — Mary hat mir in ihren Briefen niemals den Namen des Mannes geſagt, aber als ich nach London tuu erfuhr ich ihn durch das öffentliche Gerücht. Es war der junge Brian von Lanceſter, der Bruder des Grafen. Ich glaubte es mindeſtens und glaube es noch, obwohl der ehrenwerthe Brian von Lanceſter meine Dankbarkeitsbe⸗ zeigungen ſtets durch kaltes und beſtimmtes Ableugnen be⸗ antwortete. 282 War es nun Brian von Lanceſtet oder nicht, der an⸗ gebliche Viehhändler trat in die Hürde, in welcher ſich Mary befand, und riß ihm den Strick aus der Hand, an welchem er Mary hielt. Die Kräfte der Letzteren waren zu Ende, ſie hatte das Bewußtſein verloren. Der Viehhändler nahm ſie und hielt ſie mit dem einen Arm, mit der andern Hand fuhr er in die Taſche und holte eine Handvoll groben Kupfer⸗ geldes heraus, das er Godfrey ins Geſicht warf, indem er ſagte: — Hier iſt Ihre Bezahlung, Mylord! Ein ungeheures Hurrah ertönte auf dem Platze von Smithfield. Godfrey blieb wie verſteinert. Der Wurf mit den ſchweren Pennyſtücken hatte auf ſeinem blaſſen Geſichte und ſeiner Stirn violette Flecken zurückgelaſſen; — denn der Vieh⸗ händler war ein Mann, Fergus; — denn ſeine Hand hatte ſo kräftig geworfen, wie es nur die unſtige gethan haben würde. Fergus holte, von dem mächtigen Intereſſe, das er bei dieſer mächtigen Erzählung hatte, beherrſcht, ſchwer Athem. — Gott ſegne ihn, Mac⸗Farlane, wer er auch ſei . .. und wenn es wirklich der junge Lanceſter war, ſo ſchwöre ich, ihm unſere Schuld eines Tages zu zahlen aber was wurde darauf aus Mary? — di Menge, antwortete Angus, — öffnete ſich, um den Viehhändler mit ſeiner Bürde durchzulaſſen, darauf ſchloß ſie ſich wieder und umgab White⸗Manor, deſſen ver⸗ 6 283 letztes Geſicht ſich in den Krimpfen einer ohnmächtigen Wuth verzog; Groans empfingen ihn von allen Seiten. Der erſte Anſtoß war gegeben, und als die Policemen an die Stelle des Auftrittes kamen, konnten ſie nur noch den edlen Lord forttragen, der mit Schmähungen und Schmutz bedeckt wor⸗ den war und ſeiner gewöhnlichen Krankheit zur Beute wurde. — Aber Mary, Mary? — ſagte Fergus. — Mary wurde von dem angeblichen Viehhändler in einen Wagen geſetzt . . . ſpäter habe ich durch Briefe alle Einzelnheiten dieſer Geſchichte erfahren . . . Ich habe ihr häufig Geld zukommen laſſen; aber jetzt weiß ich ſeit acht Monaten ihren Zufluchtsort nicht mehr, und nach ihrer letzten Nachricht iſt ſie genöthigt, den Elenden zu bezahlen, den man zum Hüter ihres Kindes gemacht hat .. Wer ſorgt für ihre Bedürfniſſe? . . . Sie hat mir bisweilen von einer edlen und befreundeten Hand geſprochen, aber Brian von Lanceſter iſt nicht reich . . — Aber, unterbrach ihn Fergus, — wenn Brian, ihr Schwager, ihre Geheimntſſe kennt und ſie beſchützt, warum kommt er ihr in Bezug auf ihre Tochter nicht zu Hülfe? — Weil er, wie wir, dieſen Theil ihrer Geſchichte nicht weiß, antwortete Angus. Wenn es Brian iſt, — und er iſt es, obwohl er ſich weigert, ſeine Wohlthaten einzugeſtehen, — wenn es Brian iſt, ſo weiß ſie, wie verwegen und ener⸗ giſch er iſt; ſie fürchtet die Drohung des Wächters ihrer Tochter über alles ... arme Sch weſter! . .. Jedesmal, wenn ein Gedanke des 6 zur Befreiung ihrer Tochter ihr — wiederholt das Wort, welches ihre zitternde Hand nur mit ſo vieler Mühe zu ſchreiben vermochte: — er würde ſie tödten. Es fand eine lange Pauſe zwiſchen den beiden Freunden ſtatt. Fergus ſchien nachzudenken, Mac⸗Farlane überließ ſich, die Arme auf den Tiſch geſtützt, den Kopf dicht an ſeinem in den Tiſch geſtoßenen Dirk, einem düſtern Brüten. Darauf nahm er zuerſt wieder das Wort: — Nun, nun, ſagte er mit einem gezwungenen Aus⸗ bruche von Luſtigkeit, — trink, mein Bruder Fergus! Wir ſind hier, um Deine glückliche Ankunft zu feiern. Es gibt noch unglücklichere Leute als wir. Ich habe ein gutes Weik, das mich liebt, und zwei hübſche kleine Engel, welche mir zulächeln . . . ach, wenn die arme Mary hier wäre! Aber zum Teufel, die Traurigleit, OBreane, ich habe heute Abend geweint, wie ein altes Weib. Ich trinke auf Deine Ge⸗ ſundheit. Anſtatt auf den Toaſt zu antworten, ergriff Fergus ſeine Sund und betrachtete ihn feſt. — Es ſind jetzt vier Jahre, daß ich allein arbeite, ſagte er langſam, — vier Jahre, daß ich jeden meiner Augen⸗ blicke demſelben Gedanken widme, ohne jemals in ein Freun⸗ desherz die Ueberfülle von Zweifeln, die mich beſtürmen, und von Hoffnungen, die mich anſtacheln, ausgeſchüttet zu haben .. Während dieſer vier Jahre habe ich auf Dich ge⸗ rechnet, Mac⸗Farlane; Du biſt der einzige Menſch, dem ich eine Stelle in meinem Herzen gegeben habe . . . Um mich „ in die Seele kommt, verſcheucht ſie ihn mit Entſetzen und“ 285 zu ermuthigen, ſagte ich mir, es wird ein Tag kommen, wo die Einſamkeit meiner mühſamen Geiſtesarbeiten ſich beleben wird, ein Tag, wo mein Gedanke ſich äußern wird und ein Echo finden in dem Geiſte meines Bruders .. ein Tag wird kommen, wo wir zwei ſein werden zum Tragen der Laſt, welche auf mir ganz allein liegt .. . Ich würde einen Vertrauten, ein anderes Ich haben. Fergus unterbrach ſich und fügte traurig hinzu: — Ich habe dieſe Hoffnung vier Jahre hindurch ge⸗ nährt! — Und Du haſt wohl daran gethan, rief Angus aus, — denn für Dich bin ich zu Allem bereit. Fergus ſchüttelte den Kopf und ſchlug die Augen nieder. — Ich that übel daran, ſagte er mit leiſer Stimme; — denn anſtatt des ſtarken Mannes, auf den ich gerechnet hatte, finde ich ein gebeugtes, muthloſes, ſchwaches Herz .. Mac⸗Farlane trat einen Schritt zurück und ſah ihn mit erſtaunten Blicken an. — Habe ich recht gehört? murmelte er, — in dem Augenblicke, wo ich Dir das Unglück erzähle, von dem unſer Haus betroffen wurde, machſt Du mir mein Leiden zum Vorwurf? ... O Fergus, Fergus! . . . Du hatteſt mich jung und kräftig verlaſſen; jetzt, nun Du mich wiederſiehſt, iſt meine Stirn gefurcht, mein Auge erloſchen, mein Haar vor der Zeit grau . . das kommt daher, weil ich viel ge⸗ litten habe, O Breane! . . . Aber das wird das Maß der Bitterkeit vollmachen, wenn Du, Du, den ich ſo ſehr geliebt 286 habe, mich ſo ſehr vom Unglücke erniedrigt findeſt, daß ich fortan unwerth ſein ſollte, Dich zu verſtehen und Dir zu dienen! Mac⸗Farlane ſprach dieſe letzten Worte mit leiſer Stimme und ſchmerzlich vorwurfsvollem Tone. Fergus war im Grunde der Seele erſchüttert, aber er ließ es ſich nicht merken. — Die Haare können vor dem Alter bleichen, ſagte er kalt, — die Stirn ſich in Falten ziehen, der Blick erlöſchen; aber das Herz eines Mannes darf niemals, wie grauſam die Prüfung auch ſei, unter dem Schlage zuſammenbrechen und ſtumpf werden. — Und wer hat Dir geſagt, daß mein Muth gebrochen iſt, Fergus O'Breane? fragte der Schotte, indem er plötzlich ſich hoch aufrichtete. Fergus riß den im Tiſche ſteckenden Dolch heraus und legte ihn mit einer Miene der Verachtung hin. — Wenn Jemand anders als Du es mir geſagt hätte, Mac⸗Farlane, erwiederte er, — ſo würde ich dieſem Andern das Knie auf die Bruſt geſetzt und ihn zum Geſtändniß ge⸗ zwungen haben, daß er lüge . . . aber was ſoll man von einem Manne denken, der ſeinen Dolch zieht und erklärt, daß es für ihn keinen andern Lebenszweck gibt als zu tödten? Von einem Manne, der ſein Blut dem Geſetze hingeben will, für das Blut eines Elenden, ohne Seele, ohne Glauben . . . Bei dem Namen Gottes, Bruder Angus, Dein Arm iſt noch kräftig, aber das Herz . — ——— 287 E O'Breane, O Vreane! unterbrach ihn der Schotte mit einer Stimme, welche vor Zorn zitterte; — kein Wort weiter! ... ſo erſchlafft mein Herz auch ſein mag, ſo ver⸗ ſteht es doch noch nicht, geduldig Schmähungen hinzu⸗ nehmen. — So iſt's recht, Bruder Angus, rief O'Breane, in⸗ dem er Mac⸗Farlane's Arm wieder ergriff, den dieſer ihm entriſſen hatte . . — Siehe, ſind noch Falten auf Deiner Stirn, hat Dein Auge nicht den ſtolzen Anblick von früher wieder gewonnen? Siehe . . . ſiehe ſelbſt, mein Bruder! Er hatte Angus vor den Spiegel hingezogen, der über dem Arbeitstiſche Amy Mar⸗Farlane's hing. Angus begann unwillkürlich zu lächeln, O Breane fuhr ſtreng fort: — Die Falten ſind verſchwunden, das Auge hat ſich wieder entzündet .. . aber das Herz? ... — Ich muß dieſen Menſchen tödten, O Breane, ſagte Angus; — ich muß! Fergus ließ augenblicklich den Arm des Schotten los und ging nach dem Heerde zu, neben welchen er ſeine Reiſe⸗ mütze und ſeinen Mantel abgelegt hatte. — Leb' wohl denn, mein Bruder, meine Stunden ſind gezählt, und ich habe nicht Zeit, mich hier länger aufzu⸗ halten. Angus blieb einen Augenblick wie eingewurzelt ſtehen, dann warf er ſich aber mit ausgebreiteten Armen zwiſchen die Thür und Fergus. — O'Breane, rief er, wie ein Kind ſchluchzend, — mein Bruder, habe Mitleid mit mir! Ich muß doch meine arme Schweſter rächen! .. unſere Schweſter Mary, die Du liebteſt, wie ich . . . verlaß mich nicht ſo .. . o, es wäre eine Stunde des Fluches, Fergus, in der Du zornig Mac⸗ Farlane's Haus verlaſſen wollteſt . . . Bleib, bleib, um des Himmelswillen bitte ich Dich, bleibe! — Ich bin nicht zornig, mein Bruder, antwortete Fergus mit Ruhe, — Schmerz iſt noch kein Zorn. — Aber kannſt Du mir nicht das Recht laſſen, den Schimpf zu rächen, bei deſſen Erzählung ich Dich eben habe ſchaudern ſehen? . mit Ausnahme dieſes Zieles, das ein heiliges iſt, gehöre ich Dir, Fergus, ganz Dir. — Bruder, ſagte O'Breane mit feierlichem Tone, — jener Vorbehalt, ſo legitim er auch ſein mag, darf bei mir nicht gelten. Hahe ich Dir nicht ſchon geſagt, daß ſeit vier Jahren ich dieſe Stunde erwarte, wo ich mit Dir ſpreche? Und doch bin ich ſeit vier Jahren von Männern umgeben, welche bis zur Verwegenheit entſchloſſen, klug und bis zur Selbſtverleugnung mir ergeben ſind . .. Jeden von ihnen habe ich von meinem Geheimniſſe nur den Theil an⸗ vertraut, welcher zur Ausführung meiner Befehle nothwendig iſt. Das Ganze meiner Pläne iſt mein Geheimniß geblieben. Ich wartete auf Dich, unter Allen habe ich Dich gewählt. Ich hob Dir liebevoll Deine Hälfte der Arbeiten und Ge⸗ fahren auf .. . Jetzt will ich mich nach einem Anderen um⸗ thun, denn Derjenige, welcher mein Lebensziel mit mir theilt, 289 muß ein freies Herz und einen nicht eingenommenen Kopf haben. Er muß, wie ich, ſich ganz und gar dem begonnenen Kampfe hingeben und mit Verachtung ſeinen Groll des ein⸗ zelnen Menſchen gegen einen anderen Einzelnen und den Dolch gewöhnlicher Rache wegwerfen. — Und auch ich, ich räche mich, Mac⸗Farlane, auch ich will Rache üben. Angus erbebte bei dieſem Worte, das ſeiner Leidenſchaft ſchmeichelte und lieh ihm ein begieriges Ohr. — Ich räche meine entehrte Schweſter, verſetzte Fergus mit einer königlichen volltönenden Stimme, welche jeden Willen dem ſeinigen unterjochte; — ich räche meinen gemordeten Vater, meine fromme Mutter, die, als ſie die Augen ſchloß, mich allein ließ, um Alles zu beweinen, was ich geliebt und geehrt hatte .. Mary wird mit zu der Zahl der Opfer gehören, deren Schrei mein Herz unaufhörlich aufſchreckt, und ihm keine Ruhe läßt .. . Mary wird gerächt werden, wie meine Schweſter, mein Vater, meine Mutter und mit demſelben Schlage, denn ihr Henker war auch der ihrige. — Godfrey von Lanceſter! rief Mac⸗Farlane verwun⸗ dert aus. Fergus lächelte ſtolz. 35 — Godfrey von Lanceſter iſt nur ein Menſch, ſagte er, — warum würde ich den Dolch Deiner Hand entreißen, wenn es ſich nur um Godfrey von Lanceſter handelte? — Und um wen handelt es ſich denn? fragte Angus, deſſen Erſtaunen den höchſten Gipfel erreichte V. 13 290 — Höre mir zu, mein Bruder, entgegnete O Breane; die Antwort auf Deine Frage iſt gerade mein Geheimniß und das Geheimniß gehört nicht zu denen, welches man einem andern anvertrauen kann, als einem Mitſchuldigen. — Mitſchuldigen? wiederholte Angus, — ſo iſt es alſo ein Verbrechen? — Mein Geheimniß, fuhr Fergus fort, — bringt zu viel Gefahren mit ſich, als daß ich noch ohne Grund die einer ſchottiſchen Rache damit verknüpfen dürfte. Der Mann, dem ich es anvertrauen werde, ſoll nicht, wie Du, einen Dolch haben, um ihn einem Pair von England in die Bruſt zu ſtoßen. Er wird in Frieden mit dem Geſetze leben, wird, wenn es möglich iſt, ſogar das Organ des Geſetzes ſein, das auch eine Waffe iſt, eine Waffe und eine Maske. — Ich verſtehe Dich nicht, murmelte Angus, der in äußerſter Spannung zu ſein ſchien. — Und da Du es warſt, Du allein, fuhr Fergus wieder fort, — in dem ich jenen Mann zu finden glaubte, ſo werde ich mein Geheimniß in mir verſchließen, auf die Gefahr hin, daß es mir das Herz zerſprengt, welches zu eng iſt, um es zu faſſen, — und ſollte ich zuſammenbrechen unter ver Laſt, ich werde allein mein begonnenes Werk fortſetzen, bedauernd, daß ich mich lange Zeit mit einer thörichten Hoffnung ge⸗ wiegt und auf eine Stütze gerechnet habe, die mir verwehrt ſein ſollte .. . Leb' wohl! Mac⸗Farlane hielt Fergus bei den Kleidern feſt. — ů— — Ein Wort, ein einziges Wort nur! ſagte er, — wird Mary gerächt werden? — Gerächt und vielleicht auch gerettet! antwortete Fergus. — Ich glaube es Dir, O'Breane, ſagte der Schotte, nahm den Dolch und warf ihn weit von ſich; — hier ſteht der Mitſchuldige vor Dir, den Du ſuchſt .. handelt es ſich um ein Verbrechen? ... Mit Dir will ich ſchuldig ſein. 13* Siebenzehntes Kapitel. Was Fergus O Breane im Herzen und im Kopfe hatte. Fergus reichte Mac⸗Farlane die Hand und entfernte ſich augenblicklich von der Schwelle, die zu er im Begriff geweſen war. — Dank mein Bruder, ſagte er, — Dank von gan⸗ zem Herzen! .. Du ſollſt jetzt Alles wiſſen . meine Ge⸗ ſchichte, meine Arbeiten, mein Verbrechen, welches der Mord eines Reiches und die Rettung der halben Welt iſt .. wenn ich geſprochen haben werde, wirſt Du mich kennen, wie ich mich ſelbſt kenne. Sie ſetzten ſich Beide neben den Kamin, in welchem das Feuer faſt ganz erloſchen war. — Fergus erzählte das Sinken ſeiner Familie, welche durch die unverſchämten Erpreſſungen der Engländer ruinirt wor⸗ 293 den war, er erzählte die Ankunft ſeines Vaters in London, die Entführung ſeiner Schweſter Betſy, jene düſtere Scene in dem ärmlichen Hauſe von St. Giles, wo er zweien Leichen gegenüber geblieben war. Mac⸗Farlane liebte ihn zu ſehr, um nicht lebhaft von dieſer Erzählung aufgeregt zu werden, welcher die leiden⸗ ſchaftliche Beredſamkeit Fergus' noch ein mächtiges Intereſſe gab. Mac⸗Farlane übrigens erkannte darin ſeine eigene Ge⸗ ſchichte, nur düſterer und unheimlicher. Als Fergus, nachdem er die letzten Worte ſeines ſter⸗ benden Vaters berichtet, inne hielt, um ſich zu ſammeln und Athem zu holen, ſchlug ſich Angus vor die Stirn, als ob ein plötzliches Licht ihm aufgegangen ſei. — Du willſt den König tödten! ſagte er. — Der König iſt nur ein Menſch, entgegnete Fergus,— und Chriſtian O Breane hat geſagt: — Kampf gegen England. — England, wiederholte der Schotte, — ich will gern mit Dir ſterben, Fergus! — Aber ich, ich will nicht ſterben, rief der Letztere, deſſen Stirn in dem Helldunkel des weiten Gemaches ſich emporrichtete und ſtrahlte, — ich will ſiegen! Denkſt Du denn, wenn es ſich darum gehandelt hätte, ein Opfer zu wählen, würde ich zu Dir gekommen ſein, Angus? Du beeilſt Dich zu ſehr, meine Schwäche mit der Macht meines Gegners zu vergleichen. Seit fünf Jahren iſt Chriſtian O Breane todt; während dieſer fünf Jahre habe ich Waffen zuſammengerafft, und ich bin nicht mehr das Kind, welchem 294 Du eines Abends bei der Bolton⸗Capelle begegneteſt . ich habe auf dem Meere vier Schiffe und drüben über dem Ocean thätige unermüdliche Agenten, welche ſchon mehrere der Strebe⸗ pfeiler der engliſchen Macht an ihrer Baſis untergraben .. . Das Alles iſt nur wenig, wirſt Du ſagen ... Da biſt Du wieder ſehr eilig, Mac⸗Farlane, weil mir die Zukunft bleibt Wenn Du dann Luſt haſt zu vergleichen, was ich aus dem Nichts mir erworben, und was ich aus meinen jetzigen Hülfsquellen ziehen werde ... folge in Gedanken dieſer gi⸗ gantiſchen Progreſſion, deren Wurzel mein unerſchütterlicher Wille iſt. — Sieh' auf der erſten Stufe, ganz, ganz unten findeſt Du einen ſchwachen und armen Knaben einige Schritte weiter iſt der Knabe zum Manne geworden und iſt ſtark .. noch einige Schritte, da hat der Mann ein ganzes Bündel energiſcher Naturen ſich unterthänig gemacht, er hat Millionen in ſeinen Koffern, im Kopfe die vollkommene Kenntniß deſſen, was er haßt, und er kann alſo fortan ſeine Schläge mit Sicherheit einrichten .. Da iſt bis jetzt der Mann ſtehen geblieben. — Mor⸗ gen wird ſein Gedanke durch eine geheime Arbeit ſich Glanz und in der europäiſchen Politik ſich Zutritt zu verſchaffen wiſſen .. . der Mann wird ſich umwandeln; um den gekrön⸗ ten Häuptern näher kommen zu können, wird er ein vor⸗ nehmer Herr werden, der vornehme Herr wird allen den hef⸗ tigen und begründeten Haß, alles blutige, durch die uner⸗ ſättliche Habgier, den treuloſen Ehrgeiz und die feige Tyrannei ſeines Feindes hervorgerufene Unrecht zuſammenhäufen .. 295 ſeine Stimme, der man horchen wird, predigt dann heimlich einen ungeheuren Kreuzzug .. . Darauf wird der vornehme Herr ſein Geld und Sammt und Seide abwerfen, wird wieder für einen Augenblick der Ir⸗ länder Fergus werden, um den Weg zum Herzen Irlands zu fin⸗ den. Er wird es wieder ſehen, ſein armes Erin, ſeine Schätze werden angewendet, um unſäglicher Noth abzuhelfen, und ſeine ſtets zum Geben offene Hand wird eines Tages den Finger nach Oſten ſtrecken und in der Ferne London zeigen, von wo über das unglicliche Erin der Strom aller ſeiner Leiden hereinbricht. Und dann wird er den Ruf ſeines ſnben Vaters wiederholen: — Auf und Kampf gegen England! Fergus ſprach die letzten Worte mit lauter durchdrin⸗ gender Stimme aus. Mac⸗Farlane ſtand ohne zu wolleu auf, als ob er einem Befehle von Oben gehorcht hätte, ſeine Augen glänzten, ſein verſtörtes Geſicht verjüngte ſich am Feuer eines enthuſiaſtiſchen Muthes. — Mein Bruder Fergus, ſagte er, vor Eifer ganz zitternd; mein Geiſt hat nicht den Zuſchnitt, um die Geſammt⸗ maſſe Deiner Pläne zu umfaſſen, und ſein Blick iſt nicht durchdringend genug, um die Einzelnheiten Deines großen Gedankens zu durchſchauen ... aber mein Herz erräth, was mein Geiſt nicht begreift, und ich habe Vertrauen zu Dir, Vertrauen und Hoffnung .. . o ich kannte Dich nicht, O Bre⸗ ane. Du hatteſt Dich vor mir verborgen .. . und wer bin ich in der That, um ganz allein Dein Vertrauen zu ver⸗ 296 dienen? Von Grund der Seele ſage ich Dir Dank Das iſt Alles: denn ich war ſtets ganz und gar der Deinige. Fergus hatte den Kopf vorgebeugt und ſchien ſich in eine von den Meditationen zu verlieren, welche ſehr häuſig ſich ſeines Geiſtes bemächtigten. Mac⸗Farlane maß ihn mit den Blicken, als ob er das unſichtbare Princip des Beherr⸗ ſchens entdecken wollte, welches von ſeiner Perſon ausſtrahlte und auch dem hartnäckigſten Widerſtreben ſein Geſetz aufzu⸗ erlegen wußte. 66 — Dein Haß gehört mir uct, verſetzte er nach einer Pauſe; ich würde ihn nicht haben mit dem Gedanken erfaſ⸗ ſen können, und kaum bin ich im Stande die Genugthuung zu ermeſſen, welche eine Rache gewähren kann, die ſo über alle menſchliche Rache hinausgeht .. Dein Feind iſt mäch⸗ tig; eiferſüchtige Königreiche wagen es nicht, Krieg mit ihm zu führen, und mein Verſtand ſteht ſtill, wenn ich die küh⸗ nen Vorbereitungen zu Deiner großen Schlacht ſehe . . . aber nen Sieg .. Gott hat ſeine Kraft in Dich gelegt, mein Bruder, und Du ſcheinſt mir mit der übernatürlichen Tapfer⸗ keit der wunderbaren Helden unſerer ſchottiſchen Balladen be⸗ gabt zu ſein . ſprich, ſprich weiter, ich bewundere, ich liebe Dich. — Reiche fallen, ſagte Fergus, deſſen Geiſt dem Hange ſeiner Gedanken folgte, — die Völker ſterben nicht. Die Hand Gottes allein kann nur einen ſtehenden Sumpf über das Grab einer ſchuldvollen Stadt entſtehen laſſen .. . Alt⸗Eng⸗ ich mache Deinen Haß zu dem meinigen und glaube an Dei⸗ —— — — 297 land wird verſchwinden; das junge England, — Irland! — wird ſein Scepter über das regenerirte London ausſtrecken.. unſere Inſeln mit ihrer ruhmreichen Geſchichte werden auf der Landcharte nicht mehr als ein Flecken von verpeſtetem Schmutz erſcheinen, der ſich ausdehnt, unaufhörlich erweitert und die ganze Welt mit ſeiner anſteckenden Verderbniß be⸗ ſudelt .. dort wo Sodom war, wird es ein geſundes Volk geben, Milde im Siege, weil es darin ſich ſtark fühlen wird ... Der Athem ſeiner Gerechtigkeit wird wie elenden Staub die dichte Lage von namenloſen Mißbräuchen, ſchmu⸗ tziger Käuflichkeit und geweihter Unbilligkeit fortwehen, in der ſich, dem Himmel zum Spott, die Helfershelfer der eng⸗ liſchen Themis wälzen ... die Freiheit des Gottesdienſtes wird an die Stelle des ſchmachvollen habgierigen Monopols treten, des Monopols dieſer proteſtantiſchen Kirche, deren Apoſtel Millionaire und unter aller Verachtung tief geſunken find, und das katholiſche Irland wird allen Frommen die Thüren des Tempels öffnen und einen ſchönen ſonnigen Tag wählen, um auf dem Schaffot von Old⸗Baily jene verhaß⸗ ten Regiſter zu verbrennen, in welchen der anglicaniſche Prä⸗ lat mit doppelter Buchhaltung den Status ſeiner feudaliſtiſchen Gefälle verzeichnet. Es wird keine Schotten, Jländer und Engländer mehr geben, ſie werden Brüder ſein, freie Brü⸗ der, unter einem Könige. — Aber das iſt keine Rache? flüſterte Mar⸗Farlane, deſſen Aufmerkſamkeit an der ruhigen Schilderung dirſes glück⸗ lichen Utopiens haften blieb. 135 20 — Das iſt die Rache, antwortete Fergus, deſſen Vlick ſich noch mehr belebte, nur daß ihr die Binde fehlt, welche der Zorn gewöhnlich ihr über die Augen legt. Er unterbrach ſich und ſeine Stirn furchte ſich plötzlich. — Uebrigens, verſetzte er traurig, — ſind wir noch nicht ſo weit, und die Rache, die Rache in Deinem Sinne, Angus, wird den Vortritt vor allem Uebrigen haben; bevor wir bauen, werden wir zerſtören müſſen, wir werden den Boden der Erde gleich machen müſſen, bevor wir triumphi⸗ rend den Grundſtein zu neuen Schöpfungen legen . . . und wer weiß, ob wir jemals die Frucht unſeres Wirkens ſehen? .. Das Leben iſt kurz, unſer Streben ſchwierig! . .. Meine Phantaſie hat das Ziel ſchon überſchritten . Wir ſind noch beim Zerſtören. — Ich habe Dir im Allgemeinen geſagt, welches meine gegenwärtigen Hülfsquellen find. Abgeſehen von meinen großen Reichthümern erlauben mir meine vier Schiffe, von denen eines im Stande iſt, ein lebhaftes Gefecht auszuhalten, die angeknüpften Verbindun⸗ gen mit Allem, was unſere überſeeiſchen Beſitzungen berührt, zu verſtärken, und auf dieſe Weiſe eine nach der andern der verſchiedenen Quellen abzuleiten, aus denen der Koloß ſeine hauptſächlichſten Elemente der Eriſtenz ſchöpft ... ein Tag wird kommen, wo zum großen Erſtaunen Europa's der fried⸗ liche Kaiſer von China den vergifteten Ladungen, mit wel⸗ chen die oſtindiſche Compagnie das himmliſche Reich über⸗ ſchwemmt, ſeine Häfen verſchließen wird.. und die Compagnie wird unter dieſem Schlage wanken, Mac⸗Farlane, denn ſie 299 gewinnt hundert Millionen jedes Jahr durch die ſyſtematiſche Vergiftung eines ganzen Volkes! — Dann werden es die beraubten Fürſten Hindoſtans ſein, welche mit den Waffen in der⸗Hand die lange verweigerte Gerechtigkeit erzwingen werden; dieſe Fürſten werden europäiſche Waffen, europäiſche Offiziere haben, ich beſorge ihnen dieſelben . . am Cap, in den beiden Canada's, in den vereinigten Staaten, überall ſäen meine Agenten, um ſpäter zu erndten . . . vielleicht wer⸗ den wir lange warten zehn Jahre, — fünfzehn Jahre, was weiß ich? Aber die Erndte wird kommen ... und bis dahin wollen wir arbeiten, denn unſer Beginnen iſt kaum eingeleitet .. . ich, ich werde in Europa daſſelbe thun, was ich auf dem Ocean gethan habe, ur ich muß mir vor allen Dingen einen Namen und Titel erwerben, einen wirklichen Namen und wahre Titel, mein Bruder, denn ich habe keine Luſt, meinen koſtbaren Einſatz auf die gefährlichen Chancen zu ſetzen, welche das Leben eines Glücksritters hat . . . ich bin vor ſechs Monaten Sr. Majeſtät Don Juan von Bra⸗ ganza, dem Kaiſer von Braſilien vorgeſtellt worden. Dieſer Fürſt wendet ſeine Blicke nach Europa und denkt, wie ich beſtimmt weiß, das Erbe ſeiner Väter wieder anzutreten .. ich will zuerſt an ſeinen Hof gehen, mit ihm nach Portugal zurückkehren, ihm dienen; er wird mich zum Granden erhe⸗ ben . Das iſt nicht etwa nur eine unbeſtimmte Möglich⸗ keit, Mac⸗Farlane, es iſt dringend nöthig. Angus gab ernſt ein Zeichen der Zuſtimmung. Seine rauhe und einfache Natur beugte ſich ſo vollkommen unter⸗ jocht vor der höhern Intelligenz O'Breanes, daß er ſchon ſo weit gekommen war, den Gedanken des Unmöglichen zu verlieren und den Willen Fergus' zu betrachten wie das Geſchick. Dieſer ſtand auf und wurde von jener Art Fieber er⸗ griffen, das gewiß den Mann ergreift, deſſen Kopf von dem Andrange großer Gedanken glüht, möge nun der Mann James Watt, Cromwell oder Milton heißen, möge er ein Wunder der Mechanik erfinden, den Sturz eines Thrones oder ein poetiſches Meiſterſtück erſinnen, — ein furchtbares Fieber, von welchem die beſiegte Sibylle auf dem Dreifuße erzitterte, eine erhabene Krankheit, von der befallen zu werden nur das Privilegium des Genies iſt. Fergus begann mit langen Schritten auf und ab zu gehen und trocknete mitunter ſeine brennende Stirn, auf wel⸗ cher Tropfen Schweißes ſtanden. Die Bewegung des Gehens warf die reiche Krone ſeiner ſchwarzen gelockten Haare, die ſein edles Geſicht umgaben, etwas zurück. Sein Wuchs richtete ſich in der ganzen bewunderungswürdigen Schönheit ſeiner Verhältniſſe auf, — er war ganz der geeignete Mann, um das halbwilde Herz des ſchottiſchen Pächters bis zum Götzendienſt für ſich einzunehmen. Kraft, Kühnheit, unver⸗ gleichliche und faſt göttliche Schönheit fanden ſich in ihm vereinigt und glänzten in dieſem Augenblicke von der Begei⸗ ſterung, dieſem ſtolzen Heiligenſchein, welcher ſelbſt die Häß⸗ lichkeit zu verſchönen weiß. Das Feuer auf dem Heerde war erloſchen. Die Lampe F 301 verbreitete im weiten Gemache ihr ungleiches, ungenügendes Licht, erhellte hier und da die kahlen Wände, vie räucherige Decke, die veralteten gothiſchen Formen der Meubles, deren winkliches Schnitzwerk auf dem weißen Anſtrich der Wände ſich ſchwarz abhob. — Angus ſaß unter der Kaminverbrä⸗ mung, Fergus' leerem Stuhle gegenüber. Er folgte dem Letzteren mit dem Blicke, und dieſer Blick drückte eine Art von abergläubiſcher Ehrfurcht aus, wenn das Geſicht OBreane's zufällig und plötzlich aus dem Schatten hervorkam, von den lebhafteren Strahlen des Lampe beſchienen wurde und den wirklich außerordentlichen Glanz ſeiner ſtolzen Schönheit zeigte. Und während er ging, verfolgte Fergus das Gemälde ſeiner künftigen Arbeiten. Sein Plan, deſſen rieſige Aus⸗ dehnung auf den erſten Blick die Einzelnheiten verbarg, ent⸗ wickelte ſich ſo beſtimmt, klar, logiſch in jedem Einzelnen ſei⸗ ner Theile, als kühn und erhaben in ſeiner Geſammtheit. Seine tiefe, markvolle Stimme belebte ſich und hob ſich bis zur Begeiſterung. — Ueberall, rief er aus, muß endlich mein Kriegsruf ein Echo finden. Die ganze Welt wird mein Bundesgenoſſe ſein. Iſt in Europa ein Winkel der Erde, wo der Name Englands nicht verabſcheut würde? .. . Gibt es ein Land, ſchwach oder ſtark, das nicht von dem hinterliſtigen Ehrgeize Englands zu leiden gehabt hätte? . . . Dem ruhmreichen Eroberer verzeiht man das von ſeinem Heldenſchwerte ver⸗ goſſene Blut; aber der habgierige Kaufmann, der ſich ſchlägt, 302 um beſſer zu verkaufen, der, ſeine Produkte in der Hand, zu Jedermann ſagt: Die Börſe oder das Leben! .. aber den unerſättlichen Krämer, welcher mit Blut die Fundamente ſeines Comtvirs zuſammenfügt, für den giebt es weder Ver⸗ zeihung noch Entſchuldigung! . . . Ich werde gehen! In Portugal werde ich den Handelsdruck finden, der ſeit der Regierung Johanns des Vierten organifirt iſt, und den ſeit Jahrhunderten aufgehäuften Zorn; — in Spanien Gibraltar und den Verrath von St. Domingo; — in Preußen, wo der Engländer wenig Gelegenheit hat, Geld zu rauben, hat er Ruhm geſtohlen; ich werde dort den Groll über den un⸗ verſchämten Ehrenraub finden, der auf den Kopf Wellington's den Lorbeerkranz Blücher's geſetzt hat; — in Rußland . .. o Mac⸗Farlane, unter Corſaren gibt es Eiferſucht . . ich rechne auf Rußland; — in Oeſterreich haben wir den alten Haß für uns, der durch den faſchen Anſchein diplomatiſchen Einverſtändniſſes ſchlecht übertüncht iſt; — in den Nieder⸗ landen kommt ganz neuer Haß zum alten Zorn: St. James intriguirt heimlich und nagt leiſe an den Banden, welche Belgien an Holland knüpfen; — in Frankreich endlich, was auch das Feldgeſchrei ſein mag, iſt eine inſtinktmäßige und nur zu ſehr gerechtfertigte Abneigung; das revolutionäre Frank⸗ reich denkt an Helena, das royaliſtiſche an Quiberon. Ueberall daſſelbe allgemeine Gefühl! — Der Tag, wo der engliſche Name untergehen wird, wird ein Feſttag für alle Nationen des Erdballs ſein. Aber die Welt iſt ſehr alt. Wir leben nicht mehr in 303 den Zeiten, wo ein vereinzelter Pilger auf ſeinem Wege Bevölkerungen aufwiegelte, wo Gerechtigkeit, von Beredſamkeit unterſtützt, zahlloſe Heere ſchuf .. Irland hat lange Zeit einen Nothſchrei gethan, Irland leidet noch, und die ganze Welt bleibt in Frieden. — Ich würde keine Hoffnung hegen, mein Bruder, wenn ich das Schwert des erſchlafften Europa's aus der Scheide zu reißen nöthig hätte. Ich hoffe, weil Europa in meinem Schlachtplan eine ganz paſſive Rolle ſpielt. Es wird nicht dreinſchlagen, aber doch tödten, — denn man muß es auch tödten nennen, wenn man die Thür ſeiner Wohnung feſt verſchließt, ſobald man draußen auf der Straße Mord rufen hört! .. . So wird es ſein, mein Bru⸗ der, fügte Fergus hinzu, indem er plötzlich vor Mac⸗Farlane ſtand, der vor ſeinem Feuerblicke unwillkührlich die Augen niederſchlagen mußte, — mir ſagt etwas, daß Gott mit uns iſt Fergus ſchwieg. Mac⸗Farlane, der die wunderbare Seite dieſes unerhörten Werkes ergriff, bewunderte aufrichtig und würde in dieſem Augenblicke den ſehr bemitleidet haben, der an dem Gelingen hätte zweifeln können. — Ja, ja, Gott iſt mit uns, mein Brnder, murmelte er nach einer Pauſe mit ſchüchterner Ehrfurcht, — ich wünſche es und glaube es . . . aber welchen Antheil haſt Du dem armen Mac⸗Farlane bei den Gefahren zugedacht, wo der Degen nicht aus der Scheide kommt? Ich bin ſehr ungeſchickt in Kämpfen, die nicht mit der Gewält des Armes geführt werden . . . Dachteſt Du nicht daran, was ich bin, als Dein gutes Herz den Gedanken faßte, mich zum Ver⸗ trauten zu wählen? .. Wußteſt Dn nicht, ich muß Dir das ſagen, Fergus, daß mein Kopf ſchwach iſt und der Geiſt des Schwindels bisweilen meine verwirrten Sinne um⸗ nebelt? . — Ich wußte, daß das Herz meines Bruders Angus redlich iſt, antwortete O Breane, — eben ſo redlich als ſein Mund verſchwiegen. — Und brauchſt Du für Deine Plane nichts als einen verſchwiegenen Mund und ein redliches Herz? Fergus zauderte einen Augenblick. — Eiin redliches, ergebenes, zu Allem bereites Herz, ſagte er endlich. — Mein Bruder, erwiederte Mac⸗Farlane, indem er die Hand auf die Bruſt legte, — ſo lehre mich alſo, was ich zu thun habe. Das erſte Gefühl O'Breane's bei dieſer Antwort, welche ihm, ſo zu ſagen, den Mann, den er liebte, ohne Rückhalt gab, war Dankbarkeit und Freude. — Darauf zog ein Ge⸗ wölk über ſeine Stirn, und er betrachtete Angus mit unent⸗ ſchloſſener Miene. Angus lächelte trübe. — Aus der Ferne hat Dich Deine Freundſchaft betro⸗ gen, mein Bruder, flüſterte er, — in der Nähe ſiehſt Du beſſer und weißt nicht mehr zu finden, wozu ich gut bin .. — Das iſt es nicht, Mac⸗Farlane, unterbrach ihn Fergus, der vergeblich ein offenbar unaugenehmes Gefühl 305 von ſich zu weiſen verſuchte; — Deine Frage hat mich wie⸗ der zu mir ſelbſt zurückgerufen und mich die ſtolzen und glänzenden Linien des Gemäldes aus den Augen verlieren laſſen, welches ich Dir eben vorführte . . . ach mein Bruder, dies Gemälde hat ſeine Kehrſeite . . . jedes ſchwache, einem mächtigen Gegner gegenüberſtehende Weſen greift anders an als von vorn. Siegen, das iſt der Zweck: glücklich iſt der Kämpfer, welcher die Wahl der Waffen hat .. Wir, die wir ſchwach ſind, kämpfen im Dunkel, und unſere Mittel ſind meiſtentheils ſolche, welche die menſchliche Ehre ver⸗ wirft ... geſtern war ich ein Pirat; was werde ich morgen ſein? .. . Ich zaudere, mein Bruder, weil ich Dich liebe; wenn Du, wie ich, allein und ohne auf der Welt wäreſt, würde ich nicht zaudern. Angus runzelte die Stirn. — Du haſt von mir ein ergebenes und zu Allem be⸗ reites Herz verlangt, ſagte er, — ich habe Dir dies Herz gegeben, warum kommſt Du alſo wieder darauf zurück? O'Breane ergriff ſeine Hand und drückte ſie ſtark. — Ich zaudere nicht mehr, mein Bruder, ſagte er langſam und feierlich, — ich wünſche, daß auch Du nicht zaudern möchteſt . . . Hör' mir zu. — Wenn ich England überall Feinde erregt haben werde, muß ich ins Herz ſeiner Macht ſelbſt dringen und mit meiner Hand den erſten Schlag thun . . dazu bedarf ich der Einverſtändniſſe in Londonz; ich werde dergleichen anknüpfen; aber ich bedarf auch der Stütze einer weitverzweigten und ſchuldvollen Aſſociation, deren Exiſtenz Du nicht kennſt, und die, von mir geleitet, eine giftige Waffe werden wird . . . Dieſe Aſſociation, welche die große Familie heißt, ſtreckt ihre Verzweigungen über alle drei Königreiche hin und iſt, wie man ſagt, von hundert⸗ tauſend Verbrüderten zuſammengeſetzt. Es ſind Diebe, Mac⸗Farlane, Mörder, Fälſcher. Du mußt Mitglied dieſer Aſſociation werden. Angus fuhr zuſammen, — aber er antwortete kalt: — Ich werde es thun, mein Bruder! — Das iſt nicht alles . . . aus Gründen, welche Du ſpäter erfahren wirſt, liegt mir daran, daß Du Herr von Schloß Crewe wirſt . . — Ich bin arm, unterbrach ihn der Pächter. — Und ich bin reich, ſagte OBreane; — mir liegt außerdem daran, daß der Herr des Schloſſes ein im Lande angeſehener, durch ſeine Stellung ſchon vor jedem Argwohn geſchützter Mann ſei .. . eine obrigkeitliche Perſon . — Das hängt nicht von mir ab, mein Bruder! — Die große Familie wird daſür ſorgen. Angus war bleich und ſchlug die Augen nieder. — Obrigkeitliche Perſon, murmelte er; — die Beam⸗ ten müſſen einen Schwur thun, und mein Vater war ein frommer Mann! . .. — Muß ich Dir Dein Wort zurückgeben, Angus? — Ich werde Spitzbube und obrigkeitliche Perſon wer⸗ den, mein Bruder . der alte Mac⸗Farlane iſt todt. Er wird mich nicht ſehen. 307 — Denke daran, verſetzte Fergus, als ob er Angus jeden Vorwand nehmen wollte, ſpäter zurückzutreten; — Du nimmſt eine gefährliche und nach der Meinung der Welt verächtliche Stellung ein; — Du wirſt außer dem Geſetze ſein und doch zu gleicher Zeit Organ des Geſetzes und in beiden Eigenſchaften, hier wie dort, bereit zu Allem! .. Angus ſuhr mit der Hand über ſeine in Schweiß ge⸗ badete Stirn. — Haſt Du meine Töchter geſehen, Fergus? fragte er verſthrt; — ſie werden ſehr ſchön, und ich will ſie ganz unſchuldig laſſen .. Anna und Clary, meine beiden lieben Engel! Aber ſie werden nicht erfahren, daß ihr Vater ein Verbrecher iſt, nicht wahr? — Vielleicht! . . . murmelte Fergus, der nun auch bleich wurde; — Bruder, o Bruder . . . Mein Geſchick treibt mich an! .. . Verzeih mir, wenn ich Dich in Verſu⸗ chung gebracht habe! . . . Weigere, weigere Dich! — Meine Beſtimmung iſt, Deinem Geſchicke zu folgen, ſagte Mac⸗Farlaue ſtoiſch. — Du biſt ein braves Herz, Fer⸗ gus, und zeigſt mir mit dem Finger den Abgrund . wenn ich die Augen ſchließe, ſo iſt es mein eigener Wille! . ich werde ergeben, werde zu Allem bereit ſein. Fergus neigte ſein Haupt, als ob er ſeinen Sieg bedaure. In dieſem Augenblicke, wo ihr Vater einen furchtbaren Pakt unterzeichnete, ſchliefen Anua und Clary in ihrer ge⸗ meinſchaftlichen Wiege; ihre Mutter, ein kränkliches und ſchwaches Geſchöpf, betrachtete ſie mit einem glücklichen und zugleich ſchwermüthigen Lächeln. Ihr Teint von durchſchim⸗ mernder Weiße nahm unter den Augenlidern jenen bläulichen Widerſchein an, welcher das traurige Merkmal iſt, mit dem die Auszehrung unter dem ſtrengen ſchottiſchen Himmel ihre zahlreichen Opfer bezeichnet. Amy Mac⸗Faklane fühlte ſich langſam hinſchwinden. Sie betrachtete dieſe beiden ſchönen kleinen Engel, ihre Hoff⸗ nung, ihren Mutterſtolz, wie man den Schatz betrachtet, den man verlieren ſoll. Aber ſie ergab ſich fromm und ſanft in den Willen Gottes, ſie hoffte nicht mehr für ſich, ſondern für ihre Töchter, die gut, ſchön und glücklich ſein würden. Und an dieſem Abend hätte man, während ſie in Thrä⸗ nen lächelte, ſie murmeln hören können: Angus wird über ſie wachen ... Achtzehntes Kapitel. Fünfzehn Jahre. Der Abend kam heran. Mehr als drei Stunden waren Angus Mac⸗Farlane und Fergus zuſammen. Fergus hatte den enthufiaſtiſchen Aufſchwung verloren, welcher jedes⸗ mal ſeinen Muth anſpannte, wenn ſein Geiſt die Jahre außerordentlicher Prüfungen und unendlicher Vorbereitungen überſprang, welche ihn vom Ziele trennten und in Gedanken ſchon beim wirklichen Kampfe ſich auf der einen und England auf der andern Seite ſah. Ihn hatte jener tiefe Ekel ergriffen, von dem ſein Wille ſtets berührt wurde, wenn er ſich den ſchmachvollen Mitteln gegenüber befand, die er anzuwenden hatte. Und hier war ſein Abſcheu noch verdoppelt, weil er Angus, ſeinen Freund, ſeinen Bruder, hierbei ſich plötzlich aus dem gewöhnlichen Wege herausgeworfen und dem Glückswechſel eines Lebens voller Gefahren und Verbrechen ausgeſetzt ſah. Denn Fergus verhehlte ſich nichts. Er gab den Sachen ihren wahren Namen und ſuchte nicht in den Schlupfwegen des Gewiſſens einen Anſchein von Abſolution. Er war offen gegen ſich ſelbſt und ſuchte lieber in ſeinem Stolze eine Zuflucht, als in heuchleriſchen Sophismen. Sein Stolz zeigte ihm das Ziel als Entſchuldigung, das Ziel und die unverhältnißmäßige Kraft des Feindes, der die Annäherung deſſelben erſchwerte. Aber Angus? Warum ſollte auf Angus ein Theil der verhängnißvollen Laſt ruhen? .. OBreane ſagte ſich das, aber es liegt in der Natur des Menſchen, den gebieteriſch eine Idee beherrſcht, daß er ſehr darauf hält, ſeiner Religion Neophyten zu werben. Und dann hatte auch Angus ſeinen Willen, der nicht minder Kraft hatte, wenn er auch ihm eigentlich untergeſchoben war; er hatte ſich ausgeſprochen und ſein ſchottiſcher Stolz würde lieber tauſend Tode erlitten haben, als zurückgetreten ſein. Auf dieſe Art konnte weder der eine noch der andere auf dem Wege zurück. Wenn ſein Enthuſiasmus auch bis⸗ weilen erkaltete, verlor Fergus, der übrigens während ſeiner fünf Jahre mühſamen Arbeitens ſich an ganz andere Fluktua⸗ tionen gewöhnt hatte, nichts von ſeiner Zähheit. Sein Wille herrſchte in ihm unerſchütterlich und ſtark vor, mochte ihn nun die Gluth ſeiner Pläne über die Grenze der gegenwär⸗ tigen Wirklichkeit hinausführen, oder mochte er ermüdet, aber 311 nicht beſiegt, von der ganzen Höhe ſeiner Hoffnungen zurück⸗ fallen Er nahm ſich zuſammen und fuhr fort, vor Mac⸗ Farlane Alles zu entwickeln, was dieſer unerläßlich von ſeinem Feldzugplane wiſſen mußte. Sie kamen überein, daß ſelbſt die Diener OBreane's den Grad des Vertrauens nicht er⸗ fahren ſollten, in welchem er Mac⸗Farlane hielt. Ungefähr um Mitternacht trennten ſie ſich; Angus zog ſich in das Innere der Meierei zurück, ließ OBreane in dem gemeinſchaftlichen Saale, wo ein Bett zurecht gemacht wor⸗ den war. Mac⸗Farlane hatte eine Laſt auf dem Herzen. Sobald er von Fergus Gegenwart befreit war, wurde ſein Gehirn, das ſchwach und ſchon jenen Thorheiten verfallen war, welche die Schotten das zweite Geſicht nennen und die für prophe⸗ tiſche Verkündungen gelten, plötzlich von düſteren Viſionen umſtürmt. Gegen die von Fergus Gegenwart auf ihn aus⸗ geübte Gewalt machte ſich eine Art geheimnißvoller Reaktion geltend. Er ſah die Zukunft ſchwarz und O'Breane, wie einen böſen Geiſt, dieſen Horizont des Unglücks beherrſchen. Sein Leben war vorher traurig und von den Gedanken der Rache erfüllt geweſen, aber die Rache iſt für einen ſchottiſchen Landmann eine heilige Sache und Alles, was wirklich oder auch nur aus Irrthum heilig iſt, trägt ſeine Ermuthigung und ſeinen Halt in ſich. Jetzt aber ſchleuderte man ihn plötzlich einen neuen unbekannten Abhang hinab, man zeigte ihm hier und dort auf dem einzuſchlagenden Wege die Lüge, das Verbrechen, die Schande und ſagte zu ihm: nun geh. und der Mund, welcher dieſes verhängnißvolle Wort ſprach, hatte eine Betonung, vor welcher jeder Widerſtand zurückwich; es war ein geliebter und zugleich gebieteriſcher Mund, aus welchem Worte hervorkamen, die den Reiz der Bitte und die Macht des Befehles hatten. Aber als er einmal aus dem Zauberkreiſe herausge⸗ kommen war, empörte ſich Angus und wurde gereizt. Alle dieſe ungeheuren Combinationen, deren tauſend Verzweigungen durch die klare Beredtſamkeit OBreane's ſich ihm einen Augenblick deutlich gezeigt hatte, entgingen ihm aufs neue und noch vollſtändiger. Er ſah nichts als Dunkel; ſein abergläubiſcher Geiſt erſchreckte und lehnte ſich auf. Und dennoch ſiel es ihm nicht ein, wieder rückwärts zu gehen. Aehnlich jenen Kindern, deren hartnäckiger Sinn ſtarr wird und durch den Stolz gegen die Augenſcheinlichkeit der Vernunft ſich anſtimmt, ließ er ſeinem leeren Zorne den Lauf und das war Alles. Er würde ſich empört haben gegen wen es auch ſein mochte, der ihm vorgeſchlagen hätte, den abgeſchloſſenen Pakt zu löſen, ſelbſt gegen Fergus. Angus war einer von den ſchwachen Männern, in welchen gewöhnliche Leute gerade ſtarke Männer ſeben. Seine undisciplinirte Energie hatte keinen Ruhepunkt, ſein Wille war ſchwankend, ſein Muth der eines Ebers, welcher in ſeinem Lager umſtellt iſt. Aber ſein gewöhnlicher Zuſtand, der eine Art von dumpfem und düſterem Fieber war, hatte ganz den — 313 Anſchein jenes geheimnißvollen Feuers, das gewiſſe Seelen verzehrt und in dem Körper nicht Raum genug findet, der es einſchließt. Er hatte ein redliches und edelmüthiges Herz, ſeiner Natur lag urſprünglich eine ländliche Luſtigkeit zu Grunde, welche das Unglück mit ſeinem niederſchmetternden Gewichte unterdrückte; aber zu gleicher Zeit hatte er auch eine unbe⸗ ſtimmte Luſt am Unheimlichen und Wunderbaren, eine ende⸗ miſche Krankheit des ſchottiſchen Landes, der die engliſchen Pächter nicht unterworfen find, ein ſeltſames Uebel, das in intellektueller Beziehung gleichzeitig die ſentimentalen Dich⸗ tungen des düſteren Young, die erhaben Schwärmereien Oſſian's und die reizenden Seiten hervorbringt, auf welchen Sir Walter Scott ſeine unnachahmbaren Phantasmagorien hinwirft, — das aber in moraliſcher Beziehung krampfhafte Enthufiaſten, eine Menge Narren und Dorfpropheten macht. Warum hatte Fergus unter Allen einen ſolchen Mann gewählt, um ihn zu ſeinem einzigen und bevorzugten Ver⸗ trauten zu machen? Die Sympathie . .. Möge uns der Leſer verzeihen, wenn wir ihm keinen beſſeren Grund anzugeben haben. Die Sympathie, ſagten wir. — Fergus liebte Mac⸗Farlane. Der Letztere ging aus dem gemeinſchaftlichen Saale nach ſeinem Zimmer, aber bevor er ſich in daſſelbe zurückzog, trat er ſeiner Gewohnheit gemäß in die Kammer, wo ſeine Töchter ſchliefen. Amy Mae⸗Farlane befand ſich noch in“ IV. 14* 314 derſelben; ſie war, den Kopf über den Rand der Wiege ge⸗ lehnt, eingeſchlafen und das peinliche Geräuſch ihrer be⸗ drängten Reſpiration deckte den gleichen und ruhigen Athem der beiden Kinder, welche Wange an Wange ſchliefen und auf dem Kopfkiſſen die blonden Ringe ihrer Haare und ihr Zwillingslächeln mit einander vermiſchten. 3 Angus berührte mit demſelben Kuſſe die an einander⸗ liegenden Münder der Kleinen. Darauf ſtreckte er den Arm aus, um Amy aufzuwecken. Aber ſein Blick fiel auf das Geſicht der jungen Frau, welches ſcharf von der neben ihr ſtehenden Lampe beleuchtet wurde. Sie ſchlief fieberhaft. Ein glühender Punkt war auf ihren bleichen Wangen und der Schweiß an ihren Schläfen feuchtete die reichen Flechten ihrer Haare an. In Schottland gerade verkennt man am wenigſten dieſe verhängnißvollen Anzeichen. Angus Arm blieb in ſeiner Lage, ein tiefer Schauer ging ihm durchs Herz. — Häufig vielleicht hatte er das Geſicht ſeiner Frau während ihres Schlafes beobachtet, häufig ihren keuchenden Athem gehört, die bedrohliche Färbung ihrer Wangen und den kalten Schweiß ihrer Schläfe geſehen. Gewiß hatte er dann ein Gefühl der Furcht und der Trau⸗ rigkeit gehabt. — Dieſe Nacht aber empfand er Entſetzen und Verzweiflung. Sein untröſtlicher Blick fiel dann auf die kleinen ſchla⸗ fenden Mädchen und ein dumpfer Seufzer entfuhr ſeiner Bruſt. S— Darauf empfand er eine ſeltſame Regung in ſich, die er für Wahnſinn hielt. Es war ein wüthender Haß gegen Fergus OBreane. — Ich konnte mich ihm nicht weihen, flüſterte er, — ich gehöre mir nicht ſelbſt an .. . Amy wird mir ſterbend ſagen .. denn bald werde ich allein ſein ... die ſterbende Amy wird mir ſagen: ich vertraue ſie Dit an, ſie haben nur Dich, Du wirſt ihr Vater und ihre Mutter ſein . . und was ſoll ich ihr dann antworten, denn die Sterbenden belügt man nicht. Er fuhr mit den Händen nach der Stirn, dann that er einen Schritt, um nach dem Saale zu ſtürzen, wo er Fergus gelaſſen hatte. Aber er that nur dieſen einen Schritt. — Mein Bruder hat mir die Gefahr geſagt, verſetzte er, — er hat mir nichts verborgen, aus ganz freiem Antriebe habe ich mich ihm ergeben .. . Amy wird nicht ſterben .. ich habe noch Zeit . ein Mann kann ſein Wort nicht zurücknehmen. Fergus war unterdeſſen in dem Saale allein geblieben und in ſein gewöhnliches Nachdenken verfallen. Die Ermü⸗ dung der Reiſe rief endlich Schlaf herbei, der ihn mitten in ſeinem Sinnen überraſchte. Die Stunden vergingen. — Sein Schlummer war ſo tief, daß er von dem Geräuſche nicht geſtört wurde, welches die äußere, nach dem alten ſchottiſchen Gebrauche blos mit 14* „ 316 der Klinke verſchloſſene Thür in ihren Angeln ſich beim Heffnen drehend machte. Ein Mann trat ein. Die Nacht nahete ihrem Ende. Der Neuangekommene, der vor Kälte ſchlotterte, begann da⸗ mit, mit einem einzigen Zuge den Reſt der von Angus an⸗ gebrochenen Flaſche Wein auszuleeren. Als dies geſchehen war, zündete er das erloſchene Feuer wieder an und ſetzte ſich am Kamine hin. Als Fergus aufwachte, war es ſchon heller Tag. Er fand ſich einem großen Feuer gegenüber, bei welchem Randal Graham friedlich eine Cigarre rauchte, welche er direkt von Cuba mitgebracht hatte. — Mac⸗Nab hat Ihnen alſo Gaftfreiheit verweigert? fragte Fergus erſtaunt. — Maſter Mac⸗Nab iſt ein kluger Advokat, antwortete Graham, ich halte ihn für fähig, Alles zu verweigern, was er nicht zuzugeſtehen gezwungen wird; aber er hat mir nichts abgeſchlagen, O Breane, weil ich nichts von ihm ver⸗ langt habe. 5 — Ich meinte, Sie hatten die Abſicht ... — Ja wohl ein Gebet in dem Zimmer des alten Graham, der todt iſt, zu thun; — Randal nahm ſeine WMütze ab; das iſt eine geſchehene Sache. Aber ich hatte wahrhaftig nicht nöthig, mir von Mac⸗Nab oder irgend Je⸗ manden Erlaubniß dazu zu holen, ich weiß andere Wege, als die Thür und das Fenſter, um in das Haus meines Vaters zu kommen . ich habe ein gutes Gedächtniß . 317 zehn Jahre bevor ich vor die Aſſiſen von Glasgow kam, brachte ich im Gebirge zu, das macht alſo fünfzehn Jahre, ſeit ich das Haus und ſeine Umgebungen verlaſſen habe; aber ich fand den Weg wieder, als ob ich ihn erſt geſtern gemacht hätte. — Deſto beſſer, ſo werden Sie auch auf dieſelbe Weiſe den unterirdiſchen Gang wiederfinden. — Auf dieſelbe Weiſe, das iſt der richtige Ausdruck, O'Breane, unterbrach ihn Randal, — ich habe zwei Fliegen mit einem Schlage getroffen und anſtatt meinen Weg übers Feld zu nehmen, habe ich ihn abgekürzt, indem ich durch den unterirdiſchen Gang von St. Marie ging. — Und was haben Sie geſehen? fragte Fergus lebhaft. — O, Commandant, rief Randal aus, — Alles iſt gerade wie beſtellt. Es ſcheint, als ob der Teufel uns die Wege bahnt .. . Alles iſt vorhanden .. . ſchöne gewölbte Säle für unſere Arheiter, ein Schlafſaal fünfzig Fuß unter der Erde und ſogar ein fließendes Waſſer, der Strom Blackflood, um das Rad einer Papiermühle zu drehen! .. . Bei meiner Treu, unſere Banknoten ſind ſchon halb fertig und ich möchte wetten, daß wir ganz Schottland, England und Irland durchreiſen könnten, bevor wir eine ähnlichen Ort fänden. — Und die Ausgänge? fragte Fergus. — Das iſt eine andere Sache, antwortete Randal, den Kopf ſchüttelnd; — aber ich will Ihnen lieber erſt meine 318 Fahrt erzählen .. . Als ich Sie verließ, bin ich in die Hütte eines alten Kameraden meines Vaters, Ewan von Leed, ge⸗ treten, deſſen Sohn Duncan Knecht bei Mae⸗Farlane geweſen war, zu der Zeit, wo Mac⸗Farlane noch Knechte hatte . . . denn es ſcheint, daß Angus jetzt ſo arm iſt, wie Hiob .. Duncan hat mir, ohne mich zu kennen, ein Glas Ale gege⸗ ben, dafür habe ich, ohne es ihm zu ſagen, mir eine Laterne und ein Feuerzeug von ihm geliehen. Der Park von Crewe iſt mit verfallenen Mauern umgeben und das Schloß iſt nicht beſſer als die Mauern des Parkes, man kann hineingehen, als ob man darin zu Hauſe wäre. Ich bin in den großen Saal gekommen, ohne auch nur eine Thür verſchloſſen zu finden .. . das Schloß iſt wieder in Stand zu ſetzen . . zehn bis fünfzehn Tauſend Pfund Sterling . . . eine Kleinig⸗ keit! — In dem Saale wurde es mir nicht ſchwer, die Fe⸗ der der verborgenen Thür zu erkennen, welche auf die Treppe der unterirdiſchen Gänge führt, aber es machte mir Mühe, ſie ſpielen zu laſſen. Mein Gott, ich habe allen Grund zu glauben, daß ſeit fünfzehn Jahren Niemand dieſen Weg eingeſchlagen hat, um ſich nach unſerm Hauſe zu begeben. Indeſſen gab die Feder nach; ich ſteckte meine Laterne an und ſtieg hinab .. Was die unterirdiſchen Galerieen anbe⸗ trifft, ſo habe ich Ihnen Alles geſagt. Sie haben Raum genug, um eine Armee einzuquartiren und wir könnten ſogar das Papier zu unſern Banknoten darin fabriciren .. aber es iſt kalt darin, O Breane, unterbrach ſich Randal, indem er ſeinen Seſſel unwillkürlich dem Kamine näherte . ich *— „— 319 bin ganz verklammt hierher zurückgekommen . . . Unten in der Höhle habe ich mich mit meinen Erinnerungen vrientirt, die durch das ferne Geräuſch des Blackflood unterſtützt wur⸗ den und endlich ſetzte ich den Fuß auf die erſte Stufe der Treppe, welche nach Randal's Hauſe führt. Auf dieſer Seite war unſer Geheimniß nicht ſo wohl bewahrt, OVreane! Ich habe das Mauerſtück gefunden, welches den Ein⸗ gang von draußen maskirt nnd es machte mir keine Mühe, daſſelbe auf ſeiner maſſiven Are ſich drehen zu laſſen. Ich ſtieß eine Thür auf und befand mich in dem Zimmer, wo ich für die ewige Ruhe Graham's ein Gebet ſprechen wollte. Aber das Zimmer war bewohnt. — Mac⸗Nab ſchlief in dem eigenen Bette meines Vaters, in einer kleinen Bett⸗ ſtelle daneben ſchlummerte ein Kind, ein hübſches Kind, auf meine Ehre, friſch wie eine Noſe und voll unternehmender Miene aber man wird einen Advokaten, einen Arzt oder ſonſt etwas daraus machen: die ehrlichen Leute treiben traurige Gewerbe! .. Aber das geht uns nun nichts an. Das Wichtigſte für uns iſt, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach Mac⸗Nab den unterirdiſchen Gang kennt. — Kann man ihn nicht entfernen? — Ich habe an etwas anderes gedacht . . . ich halte mein Meſſer bei mir ... aber ich hatte meinen Vater ſo oft auf dieſem Bette ſchlafend geſehen .. . und dann war 4. 320 ich gekommen, um ein Gebet zu ſprechen, ich legte mich alſo aufs Knie. uebrigens, glaube ich, geht Mac⸗Nab nicht für ge⸗ wöhnlich in den unterirdiſchen Gängen ſpazieren und wenn er gerade einmal Luſt hätte, zu ſpioniren, ſo gibt es ja den Blackflvod, der, indem er unſerere Papiermühle treibt, uns auch zugleich von einem zu Neugierigen befreien kann. — Suchen Sie ein anderes Mittel, Graham, ent⸗ gegnete Fergus, — Mac⸗Nab iſt der Bruder eines Mannes, den ich liebe. — Wir wollen ſuchen. Was nun das Schloß anbe⸗ trifft, ſo wird eines Tages irgend ein Lord, ein Liebhaber der Geſchichten vom Verfaſſer des Waverley ſich in ſeine maleriſche Lage verlieben und es kaufen .. . das kann gar nicht ausbleiben .. von der andern Seite kann ich in dieſem Lande nicht Eigenthümer werden, wo der Zufall meine Ent⸗ veckung herbeiführen könnte .. man müßte einen Mann Dieſer Mann iſt gefunden, antwortete O Breane. — Ah! ſagte Randal lächelnd. — Es ſcheint, als ob auch Sie dieſe Nacht gearbeitet hätten? .. Einen Monat nach dieſer Unterredung kaufte Angus Mac⸗Farlane zum großen Erſtaunen der ganzen Gegend das Schloß Crewe und ſeine ganzen Zugehörigkeiten. denn er ließ in der alten Burg beträchtliche Reparaturen machen und verlegte die Wohnung ſeiner Familie dahin Dieſer Kauf erſchöpfte, wie es ſchien, nicht ſeine Kaſſe —— —— 321 indem er die Meierei von Leed ſeinem ehemaligen Diener überließ. Woher kam ihm plötzlich dieſer Reichthum? — In jedem Falle war das Glück nicht mit in ſeinem Geleite. Angus, welchen die Landleute der Umgegend den Laird zu nennen ſich gewöhnten, wurde immer ſchweigſamer und — immer düſterer. Er entfernte ſich ganz von ſeinem Bruder Mac⸗Nab. Der Leſer weiß jetzt, ohne daß wir zu neuen Erklä⸗ rungen ſchreiten müßten, wer die angeblichen, zu einer Orgie in der Höhle von St. Marie von Crewe verſammelten Mönche in jener Nacht waren, wo die unglückliche Harriet * Perceval entführt wurde; er weiß gleichfalls, woher der Kaſſtrer des viereckigen Hauſes in Finchlane, an der Ecke von Cornhill, dieſe Maſſe von Bankbillets hatte, welche Tom Turnbull und ſeine Gefährten bewegten, gegen das Bureau des friedlichen Maſter Smith Sturm zu laufen. Die Souterrains von St. Marie wurden in der That eine Fabrik von falſchen Banknoten und zu gleicher Zeit ein Ort der Vereinigung und der Zuflucht für die bedeutendſten Mitglieder der Familie, im Fall ſie genöthigt waren, ſich aus London zu verbannen. Es war gleichſam das Fege⸗ feuer für die Lords der Nacht. Die Sachen machten ſich indeß nicht ſo gleich auf der Stelle, es bedurfte erſt mehrerer Jahre, um bis zu dieſem Punkte zu kommen, und Randal allein hatte in ſeinem eige⸗ 14 ** ₰ nen Namen während dieſes Zwiſchenraumes Verhindungen mit der Fawilie von London. Fergus wollte nicht ſowohl dieſer geheimnißvollen Macht ſich vorſtellen, ſondern ſich ihr aufdrängen. Als großer Herr wollte er erſt die Unterhandlungen beginnen, und ſein be⸗ ſcheidener Name OBreane ſchien ihm ein Hinderniß für die Realifirung ſeiner Pläne zu einer Diktatur, weil es in der Geſellſchaft Männer gab, die eine hohe Stellung in der Welt einnahmen, Beamte, Offiziere der britiſchen Armee und ſogar Lords. Aber erſt nachdem er, wie wir gleich erfahren werden, einen edeln Namen und einen klangvollen Titel ſich erworben, trat er in direkte Verbindung mit der Familie. Unter den Lords der Nacht wäre der junge Doktor Moore, der damals begann, ſich ſeinen hohen Ruf als Arzt zu begründen, und zu gleicher Zeit an den geheimnißvollen Machinationen der Familie ſehr bedeutenden Antheil nahm, der Einzige geweſen, der ihn hätte wieder erkennen können. Aber er hatte Fergus am Bord des Pontonſchiffes Cumber⸗ land krank und in der Kleidung der Deportirten geſehen, ſo daß ſeine Erinnerung auch nicht ſehr beſtimmt ſein konnte. Er erkannte ihn auch nicht. Der Name O Breane galt für einen Spitznamen, und Fergus erlangte in höchſt ſchneller Zeit einen ſolchen Einfluß auf die Hauptmitglieder der Ge⸗ ſellſchaft, daß man ihn zum Oberhaupt wählte. Zu jener Zeit war Angus Mac⸗Farlane Friedensrichter —— der Grafſchaft, ſo daß die Souterrains von St. Marie zu Crewe in beſten Schutze waren. In den Jahren, welche auf Fergus Rückkehr aus Eu⸗ ropa folgten, führte er ein doppeltes Leben. Bald trug ihn eines von ſeinen Schiffen an irgend einen fremden Hof, wo er geduldig dem Faden ſeiner Unterhandlungen folgte und ein Stück von der Schlinge drehte, in welcher England ſich fangen ſollte; bald erſchien er dann plötzlich wieder in Schott⸗ land, wo der öffentliche Schrecken ihm unter dem Namen Fergus der Rothe außerordentliche Straßenräubereien zuſchrieb. WMan irrte ſich indeß. Fergus hatte etwas Anderes zu thun, als ſich auf den Landſtraßen herumzuſchlagen. Man rechnete ihm die Großthaten ſeiner Stellvertreter an, und Randal Graham trug als ehemaliger Bandit nicht wenig dazu bei, den Ruf OBreane's zu vergrößern. Fergus erſte Reiſe führte ihn nach Braſilien. Es war gegen das Jahr 1820 und Se. Majeſtät der Kaiſer auf dem Punkte, nach Portugal abzugehen. Fergus hatte von Weitem an dieſem Hofe unter einem in der Handelswelt ach⸗ tungswerthen Namen hohe Verbindungen zu erhalten gewußt, in deren erſter Reihe Leopoldine, Erzherzogin von Oeſterreich, Kaiſerin von Braſilien, ſich befand. Fergus hatte ein an⸗, geborenes vornehmes Weſen, und die engliſchen Kaufleute rrangiren ſehr häuſig mit den Fürſten. — Die Kaiſerin nahm ihn unter ihren erhabenen Schutz, und die böſen Zungen am Hofe hatten Gelegenheit, darauf aufmerkſam zu 324 machen, daß Fergus der ſchönſte Cavalier ſei, den man je⸗ mals in Braſilien geſehen habe. Vielleicht aus dieſer Urſache, aber auch wegen wirklicher Dienſte, welche er Juan Vl. leiſtete, erhob ihn dieſer Fürſt nach einer Reihe ſchnell auf einander folgender Begünſtigun⸗ gen zum erſten Range des Adels. 1822, ein Jahr nach der Reſtauration des Hauſes Braganza, war Fergus O'Breane, die Waiſe von St. Giles, Grand von Portugal erſter Klaſſe, Großkreuz des Chriſtus⸗ ordens und Marquis von Rio Santo in Paraiba. Fergus war außerdem durch königliches Reſcript in den Namen und Titel eines edeln, erloſchenen Geſchlechtes eingeſetzt, welches die Alarcon von Coimbra waren, ſo daß, als wir in den ſtolzen Salons von Weſt⸗End Don Joſé Maria, Telles de Alarcon, Marquis von Rio Santo anmelden gehört haben, dies nicht der Name eines gewöhnlichen Abenteurers war, der durch Betrug geadelt iſt und ſich mit einem geſtohlenen Titel brüſtet; es war ein großer Herr von legitimer Fabrik, ein Marquis von Königs Gnaden, eine hohe Perſon, auf deren Bruſt erworben und verdient die am meiſten beneideten und am wenigſten ver⸗ ſchwendeten europäiſchen Orden ſtrahlten. Als er Portugal verließ, kam er nach Schottland zu⸗ rück. Auf dieſer Reiſe fand der Mord Mac⸗Nab's ſtatt. Mac⸗Nab hatte ſeinen ganzen Einfluß als braver Mann und als Schwager angewendet, um in Mac⸗Farlane's Ge⸗ —— —— heimniß zu dringen und ihn von einem Wege abzuleiten, der gefährlich und ungeſetzlich ſchien. Angus hatte widerſtanden. Nach mehreren Jahren und gerade während der Mar⸗ quis von Rio Santo ſich in Schottland aufhielt, entdeckte Mac⸗Nab durch Zufall einen Theil der Geheimniſſe der Söhlen von St. Marie. Er benachrichtigte Angus davon. Dieſer weigerte ſich etwas zu thun und hüllte ſich in Schweigen, indem er blos Mac⸗Nab ſagte: — Nimm Dich in Acht! Mac⸗Nab war ein muthvoller Mann; er ſchrieb an die benachbarten Behörden. — In der folgenden Nacht trat Fergus O'Breane in Mac⸗Nab's Zimmer, von Bob Lantern begleitet, der einer von Randal's Arbeitern war. Wir wiſſen, auf welchem Wege ſie alle Beide bis zum Bette von Stephen's Vater kamen. Stephens Erinnerungen übrigens waren vefimnt genug, als daß wir nöthig hätten, den Auttritt noch einmal zu er⸗ zählen. Blos verleitete ihn iin ſehr natürliches Vorurtheil, die Einzelnheiten der That etwas anders zu erzählen, die nicht ein Mord war, ſondern ein ordentliches Duell, wenn man ſo einen Kampf nennen kann, bei welchem einer der beiden Gegner gezwungen iſt, ſich zu venheidigen und nicht im Stande, das Gefecht abzulehnen. Nun gab es, abgeſehen von der neueſten Denunciation Mac⸗Nab's mehr als einen Grund zu einem Zweikampfe zwiſchen ihm und Fergus. Wir beabſichtigen keineswegs, — 326 den Letzteren zu entſchuldigen, aber war es nicht Mac⸗Nab, der Godfrey von Lanceſter bei Maec⸗Farlane eingeführt hatte, war es nicht Mac Nab, der die erſte, obwohl indirekte Ver⸗ anlaſſung zu Fergus Deportation und der unglücklichen Hei⸗ rath der armen Mary geweſen war? Mac⸗Nab hatte ein ſo klares Bewußtſein von dieſer Schuld, daß er ſich beim bloßen Anblick Fergus OBreane's für verloren hielt. Er nahm den Kampf wie eine letzte Hoffnung an. Die Waffen waren zu ſeinen Gunſten, denn gerade in der Führnng des Dirks beſitzen die Schotten eine ſprichwörtliche Geſchicklichkeit. Beim erſten Stoße fiel er in der That, wie uns Stephen geſagt hat; aber O Breane ließ ihm Zeit, wieder aufzuſtehen. Zum zweiten Male wurde er niedergeworfen und Fergus ließ ihn ſich wieder decken, ohne ihn zu verwunden. Erſt beim dritten Losgehen empfing er den Todes⸗ ſtreich. Dieſer Mord und der Tod Amy Mac⸗Farlane's, welcher kurz darauf folgte, vergrößerten die düſtere Laune des Lairds immer mehr und verſetzten ihn in einen Zuſtand, welcher an Wahnſinn grenzte. Seine abergläubigen Gedanken nahmen nun eine abſolute Herrſchaft über ihn ein, er gefiel ſich in den düſteren Extaſen des zweiten Geſichtes und fühlte in ſich ein unſinniges Verlangen nach Rache gegen O'Breane, den Mörder ſeines Bruders, erwachen, gegen O'Breane, den er den Henker ſeiner Frau nannte. Denn die arme Anh war während der letzten Jahre ec—— 327 ihres Lebens ſehr unglücklich geweſen. Ihr weiblicher Scharffinn hatte ihr entdeckt, daß ein Geheimniß ſchwer auf dem Gewiſſen ihres Mannes laſten müſſe, darauf hatte ſie errathen und faſt ganz errathen, — genug wenigſtens, um zu zittern und tief zu ſeufzen über die Zukunft, welche ihren beiden Töchtern bevorſtehe, die immer lieblicher neben ihrem Schmerzenslager aufwuchſen. 3 Und Angus klagte O Breane wegen dieſer unruhe an, welche die arme Mutter in der letzten Zeit ihres Lebens empfinden mußte. Aber er klagte ihn blos an, wenn er allein war und zu fern, um der abſoluten Gewalt zu erliegen, welche Fergus über ihn beſaß. Sobald er ihn wieder ſah, floh ſein Saß beſchämt und er warf ſich denſelben wie einen Verrath vor. — Es war ein ſeltſamer und fortwährender Kampf in ihm zwiſchen einen mächtigen Inſtinkt nach Rache und einer ergebenen mit Vewunderung und Ehrfurcht gemiſchten Zärtlichkeit. Fergus ſeinerſeits verfolgt lebhaft ſeinen Zweck. Ruß⸗ land, Oeſterreich, Spanien, Frankreich ſahen ihn nach einan⸗ der mit dem einen Gedanken beſchäftigt, welchen er mit dem glänzenden Mantel eines Don Juann bedeckte. — Die Frauen bewunderten ihn wie einen Gott und er ſchlummerte ſo häufig zu den Füßen ſchöner Weiber ein, daß Niemand an die Eriſtenz eines ſo erhabenen, geduldigen, unverſöhnlichen Ge⸗ dankens hinter dieſer mit Küſſen gekrönten Stirn glauben onnte. 328 Dann wieder ging er über das Meer und durcheilte die wilden Gegenden Irlands. Sein Herz empörte ſich beim Anblicke des unbeſchreiblichen Elends dieſes Landes. Er ging und predigte ſelbſt oder durch ſeine Agenten Kreuzzug. — Daniel O'Connel hörte ihn eines Tages und bewunderte die Größe ſeiner Pläne, wenngleich er wegen der Natur ſeines eigenen Geiſtes, der mehr geduldig als kühn und für die geſetzlichen Kämpfe eingenommen war, welche die Dunkelheit der engliſchen Legislation zulaſſen, wenngleich er die auf⸗ rühreriſche Form ſeines Gedankens tadelte, in deſſen Hinter⸗ grund er mit Entſetzen den Bürgerkrieg erblickte. Fünfzehn Jahre vergingen unter verſchiedenartigſten, un⸗ abläſſigen Arbeiten. Nach fünfzehn Jahren war die Tranchée zum Sturme reif. Die Indiſchen Etabliſſements ſchwankten in ihrer heimlich unterhöhlten Vaſis; China verurtheilte die Opium⸗ händler zum Tode; die beiden Canadas empörten ſich gleich⸗ zeitig und entſprachen Papineau's Aufrufe; das Cap erſchrack vor den Drohungen der Holländiſchen Boers, die unter Waffen waren; die Antillen litten und richteten ihre Blicke nach Frankreich; Sindhy endlich erhob ſein Kriegsgeſchrei, welchem der Todesſeufzer von zwölf Tauſend engliſchen Sol⸗ daten antworten ſollte. Die vereinigten Staaten andererſeits ſprachen ſtolz und zeigten in den Falten ihres republikaniſchen Rockes den Krieg oder Frieden mit herausfordernder Gleichgül⸗ tigkeit. Von einer andern Seite noch — mit Ausnahme Frankreichs — drohte Europa, beklagte ſich, verlangte Re⸗ viſion der maecchiavelliſtiſchen Gandelsverträge, welche ohne Compenſation alle Märkte der Welt den überſchwemmenden Produkten der engliſchen Induſtrie eröffnen. Im Innern endlich grollte ein furchtbarer Sturm in Irland; Wales verweigerte die Abgaben und machte ſo das Vorſpiel zu dem ſeltſamen Kampfe, welchen ſpäter die Töchter der Rebecca mit dem Fiskus anſpannen, und ſelbſt vor den Thoren von London ſtieß die unruhige Bevölkerung der Seidenweber von Spital⸗Fields in unzähligen Meetings ihr Geſchrei des Haſſes gegen die Hauptſtadt aus. Fergus ging nach London. — Der Augenblick war ge⸗ kommen, um dem Koloß ins Herz zu ſtoßen. Und als er die Hauptſtadt des britiſchen Reiches betrat, gab es nicht Feſte genug, um ihn zu empfangen. Er brauchte ſich nur zu zeigen, der glänzende Lord, um alle Liebe, alle Bewunderung an ſich zu ziehen und das Idol der gigantiſchen Stadt zu werden .. . Aber zeigt uns Vater Homer nicht auch in ſeiner gött⸗ lichen Weisheit die Unterthanen Priam's um das hölzerne Pferd auf den Knieen liegend, deſſen perfide Höhlung den Untergang Jlions enthielt?! Neunzehntes Kapitel. Das Geſpenſt. Wir wiſſen jetzt, wer der Herr Marquis von Rio Santo war, was er gethan hatte und auf welche Mittel er rechnete, um ganz allein gegen England zu kämpfen. Wir ſind alſo im Stande zu beſtimmen, was in ſeinem Plane thöricht und was vernünftig war. Indeſſen halten wir es für durchaus überflüſſig, über dieſe Frage unſere perſönliche Meinung hierher zu ſetzen. Bevor wir den abgeriſſenen Faden der Ereigniſſe wieder aufnehmen, wo wir ihn gelaſſen, haben wir nur noch zu ſagen, daß Mac⸗Farlane und Fergus ſich alle mögliche Mühe gaben, in London die Gräfin White⸗Manor und ihr Kind aufzufinden. Dieſe Beſtrebungen ſollten unnütz ſein. Mary war nicht zu finden und gab keine Nachricht von ſich. Fergus und Mat⸗Farlane ſetzten ihre Forſchungen ohne Hoff⸗ — — nung auf Erfolg fort, als eines Tages, zwei Jahre vor dem Zeitpunkte, wo unſere Geſchichte beginnt, Mary von ſelbſt nach Schottland zurückkam. Ihre Tochter war todt. Nichts hielt ſie mehr in London zurück. Angus befragte ſie, aber Mary, welche an Keib und Seele ſehr verändert war, antwortete auf ſeine Fraßen nur das eine: — Meine Tochter iſt todt! Ueber den Mann, welcher ſie aufgenommen und erhal⸗ ten hatte, wollte ſie ſich nicht erklären und als Mac⸗Farlane ſie endlich fragte, warum ſie einen Fremden zu ihrem Bei⸗ ſtande gewählt, da antwortete ſie: — Weil er mir mein Geheimniß ließ. Seine edel⸗ müthige Zurückhaltung war die Sicherheit meines Kindes. Meine Tochter iſt im vierzehnten Jahre geſtorben! . . . ihr Wächter hat es mir geſagt! — Hat er Dich nicht täuſchen können? fragte angus. — Er? er iſt ein ſehr grauſamer Mann, der kein Mitleid hat, aber es gibt keinen Menſchen, der zu einer Mutter ſagen könnte: — Deine Tochter iſt todt! wenn es nicht die Wahrheit iſt. Mary wollte Niemand ſehen und Fergus noch weniger, wie jeden Anderen. Sie ſchloß ſich in einen abgelegenen Theil des Schloſſes Crewe ein und verbrachte ihre Tage unter Weinen und Beten. Wenn Mac⸗Farlane, ihr Bruder, von den Anfillen ſeines Uebels ergriffen war, pflegte ſie ihn mit Ergebenheit 332 und Sanftmuth, ſie allein konnte ihn in dieſen traurigen Augenblicken bändigen, denn Maec⸗Farlane hatte für ſie eine unbegrenzte Zärtlichkeit bewahrt. Niemand in der Gegend wußte von Mary's Anweſen⸗ heit im Schloſſe Crewe etwas; ſie war in einer Nacht an⸗ gekommen und hatte ſeitdem die Schwelle der alten Burg nicht wieder überſchritten, außer etwa an irgend einem ganz düſteren Abend und um ihren einſamen Spaziergang nach den öden Ruinen von St. Marie zu richten. Die Landleute flohen dieſen Ort, welchen die Erinnerung an papiſtiſche Mönche beſudelte und wenn Jemand die weiße Geſtalt der Gräfin bemerkt hätte, die in den Ruinen umherirrte, ſo würde er ſie für ein verdammtes Geſpenſt gehalten und ſpornſtreichs weggelaufen ſein unter Abſprechung irgend einer Beſchwörungs⸗ formel. Was unſere andern Perſonen anbetrifft, ſo haben wir nicht nöthig, ihnen in den Einzelnheiten ihres vergangenen Lebens zu folgen. Indeß iſt einer von ihnen, der wohl eine ſpecielle Erwähnung verdiente und der Leſer würde ohne Zweifel geſchmeichelt ſein, wenn er erführe, durch welche Aufeinanderfolge von romantiſchen Ereigniſſen der rechtſchaffene Paddy O'Chrane aus einem einfachen Matroſen Patron der Sloop „der Häring“ geworden war, die von Gween and Gween von Carlisle befrachtet wurde. Es wäre eine merk⸗ würdige Geſchichte voll neuer Aufklärungen und pſychologi⸗ ſchen Nützlichkeiten. Der Leſer fände darin unbegreifliche Schwüre und eine Auswahl noch ganz und gar unveröffent⸗ 333 licher Läſterungen. Aber ernſthafte Gründe, die bis zum Ende der Jahrhunderte ein Geheimniß bleiben ſollen, zwingen uns, von dem ungeheuren, mühſam von uns aufgeſtapelten Material keinen Gebrauch zu machen, das uns beſſer als irgend Jemanden in der Welt in den Stand geſetzt hätte, die vollſtändige Biographie des guten Kapitäns zu geben. Nachdem wir dies vorausgeſchickt, um alle Vorwürfe zu vermeiden, nehmen wir unſere Erzählung wieder auf. Während die Unterredung Brian von Lanceſter's mit ſeinem älteren Bruder, dem Lord von White⸗Manor ſtattfand, waren Frank Perceval und Stephen Mac⸗Nab bei der Mutter des Letzteren in dem Hauſe von Cornhill vereinigt. Alle 1 Beide waren traurig und niedergeſchlagen. Der erſte Act der Feindſeligkeit, welchen ſie gegen Rio Santo verſucht, hatte ein ſo beklagenswerthes Ergebniß gehabt, daß ihr Muth ſchwächer wurde. Seitdem hatte, wie wir wiſſen, Mary Trevor, von einem furchtbaren Uebel ergriffen, den einen Fuß im Grabe. Alle Tage klopfte Frank an die Thür der Lady Ste⸗ wart und alle Tage ſagte die untröſtliche Diana ihm, daß die arme Mary noch immer wie verſteinert und reglos ſei und den Tod anticipire, der ſie unfehlbar bald treffen mußte. Dieſe Krankheit Mary's, die an ſich erſchrecklich war, 1 ſchützte außerdem den Marquis von Rio Santo vor allen Angriffen. Frank Perceval, der durch den Lady Ophelia 334 gethanen Schwur gebunden war, konnte nur auf Mary wirken und Mary war unfähig, ihn zu hören. Stephen dagegen hatte keinen Schwur gethan, aber ſeine Ohnmacht war eben ſo groß. An welche Behörden ſollte er ſich wenden, wie den Marquis beſchuldigen, daß er Anna und Clary entführt habe, wer würde dieſe aller Be⸗ weiſe entblößte Denunciation angenommen haben? Wer hätte die Thatſache geglaubt, an der Mac⸗Nab ſelbſt noch zweifelte? Und doch mußte er aus dieſer unſeligen Lage heraus⸗ kommen. Die Spur der beiden Schweſtern fand ſich nicht. Donnor Ardagh, der arme Irländer, war mit ſeinen For⸗ ſchungen zu Ende, es gab tauſend Gründe zum Verzweifeln. Stephen hatte ſich, ohne Perceval etwas davon zu ſagen, mehrere Male nach Belgrave⸗Square begeben, und den Marquis von Rio Santo zu ſprechen verſucht, mit dem feſten Vorſatze, alle Mittel anzuwenden, um ihm eine Er⸗ klärung zu entreißen. Aber auch hier war ihm der Weg gleich bei den erſten Schritten verſperrt. Die Thür von Iriſh⸗Houſe war ſtreng verſchloſſen; Rio Santo wachte Tag und Nacht am Bette Angus Mac⸗Farlanes. Die beiden Freunde hatten ſich neben Stephen's Arbeits⸗ tiſche einander gegenüber geſetzt. Das Zimmer war mit Ein⸗ fachheit meublirt und bot den ernſten und etwas widerwär⸗ tigen Anblick der Wohnungen prakticirender Aerzte in London dar. Dieſe Gentlemen legen in der That in ihren Boudoirs einen Lurus von menſchlichen Gebeinen aus, der, wie wir 2 nicht zweifeln, für wiſſenſchaftliche Blicke etwas ſehr Anziehendes haben mag, aber das Auge gewöhnlicher Sterblichen ſtark verletzt. Auf dem Bureau befanden ſich zwei kleine Skelette eines Mannes und einer Frau, ausgezeichnet in Wachs boſſirt und hatten der Mode zu Folge eine akademiſche Stellung von ſehr ſchönem Effekte. Auf dem Kamine ſchwammen in Kry⸗ ſtallgefäßen, die mit Weingeiſt gefüllt waren, zwei Embryonen und ſchienen nicht ſehr ſtolz zu ſein über die Pracht ihrer Särge. Rechts und links, überall hingen einige Stücke Anatomie an den Wänden. Hier war es ein Arm, dort ein Rückgrat, weiterhin eine Tibia und dort wieder ein paar Knieſcheiben. Ueber dem Spiegel, welcher den Kamin zierte, zeigte ein jedenfalls irländiſches Gebiß ſeine langen weißen Zähne, die hungrig zu ſein ſchienen. Frank und Stephen plauderten. Ihre Unterhaltung war trübe und von langen Pauſen unterbrochen. Sie liebten ſich und ihre bewährte Neigung brachte eine gegenfeitige Er⸗ gebenheit mit ſich, aber Entmuthigung bringt eine Art von Marasmus hervor, welcher die Apathie zu Grunde liegt und Apathie iſt Egoismus. Frank und Stephen, ſo ſehr ſie auch ihren Schmerz gemeinſam tragen wollten, wendeten doch das Geſpräch Jeder nach ſeiner Seite. Sie warfen ſich bei ihrer Unterhaltung gegenſeitig Worte als Stichwörter zu, die nicht auf einander paßten. — Ich habe nach Lochmaben geſchrieben, ſagte Stephen, — ich weiß nicht, warum ich's gethan habe, Frank, denn Hoffen wäre Narrheit ... 336 — Es iſt ein ſchreckliches Unglück, Mac⸗Nab, antwor⸗ tete Frank; wer hätte das jemals erwartet? — Und auch nicht irgend eine Spur — gar nichts! — Nichts! .. Nicht eine Bewegung, kaum ein leiſer Athem. Frank hatte den Kopf und das Herz voll von den Ge⸗ danken an Miß Mary Trevor, Stephen dachte an Clary, ſie verſtanden ſich nicht mehr. Aber ſie begannen ſich wieder zu verſtehen und fanden den ganzen Schwung ihrer Jugendfreundſchaft ſogleich wieder, wenn der verhaßte Name Rio Santo's, zufällig ausgeſprochen, ihre Starrſucht abgeſchüttelt hatte, ihre Hände ſuchten ſich, ſie wurden wieder Dieſelben und jeder von ihnen gab neben ſeinen eigenen Schmerzen den Leiden ſeines Freundes Raum. Die Uhr zeigte dreiviertel auf Acht. — In einer Zwi⸗ ſchenpauſe kam ein Lärm wie von Hin⸗ und Herreden vom Parterre bis zu ihnen herauf und Frank glaubte ſeinen Na⸗ men ausſprechen zu hören. — Iſt das nicht Jack's Stimme? fragte er. Stephen fuhr wie aus dem Schlafe auf und horchte. — Ja, antwortete er. — Möchteſt Du glückliche Nach⸗ richten bekommen, Frank! Perceval war ſchon auf der Treppe und befahl dort dem alten Diener, eiligſt heraufzukommen. — Gut, gut, Herr! ſagte unten die ſauerſüße Stimme Betty's, der Dienerin von Miſtreß Mac⸗Nab; — Maſter Stephen hatte mir verboten, Jemanden heraufzulaſſen, aber 337 da er nicht mehr im Hauſe ſeiner Mutter kommandirt, ſo waſche ich mir die Hände in Unſchuld. Gehen Sie hinauf, Freund, wenn Ihre alten Beine Luſt dazu verſpüren und fin⸗ den Sie ſich bei jenem Gentleman ein, der ſo ohne alle Umſtände in dem Hauſe eines Andern Befehle ertheilt. Jack beeilte ſich, die Erlaubniß zu benutzen und ſtieg hinauf, ſobald ihm Betty nicht mehr den Weg vertrat. — Was gibt es Neues? rief Frank lebhaft. — Zwei Brieſe, Ew. Ehren, antwortete der alte Jack athemlos. Frank ſtreckte begierig die Hand aus und Jack unter⸗ ſuchte um ſo länger die Tiefe ſeiner Taſchen, jemehr er ſich beeilen wollte und fand endlich die beiden Briefe, welche ſein Herr ſogleich in Empfang nahm. Frank öffnete den erſten und trat wieder in Stephen's Zimmer, wohin Jack ihm folgen wollte, aber kaum hatte der alte Diener die theils nachgeahmten, theils wirklichen Ske⸗ lette geſehen, welche dieſes Aſyl der Wiſſenſchaften ſchmück⸗ ten, ſo fuhr er haſtig mehre Schritte zurück und hielt ſich in einem Treppenwinkel verſteckt. Frank hatte ſchnell die ſechs oder acht Reihen durch⸗ leſen, welche in dem erſten Briefe ſtanden und ſeine Aufre⸗ gung war nicht vermindert worden. — Was weiter, Jack, was weiter? Die Thür hatte ſich zuolge dem, wie das in London ſehr häufig iſt, daran angebrachten Gewichte von ſelbſt ge⸗ ſchloſſen. Jock war nicht im Stande, etwas zu hören, und IV. 15 338 zitterte in ſeiner Ecke, und doch können wir verſichern, daß Jack, ſeinem kahlen Kopfe zum Trotz, mit dem Dirk in der Hand ganz tapfer ſeine Parthie gegen einen Mann gehalten hätte; — aber es handelte ſich hier um Gerippe, und Jack hatte aus zwei Urſachen Furcht davor. Erſtens, weil die proteſtantiſche Frömmigkeit Schauder vor der Anatomie hat, an welche Unwiſſende und bigotte Pfaffen die Idee der Entwei⸗ hung knüpfen; und dann, weil Jack Schotte war und als ſolcher zu allem unvernünftigen Schrecken des Aberglaubens ſehr geneigt. Dieſe Skelette hatten für ihn einen böſen Anflug von Zauberei und Mac⸗Nab nahm plötzlich in ſeinen Augen den Rang eines Nekromanten ein. Während er dort zitternd und außer ſich ſtand, brachte ein Ereigniß ſeinen Schrecken auf die höchſte Stufe. Etwas Unheimliches und Schreckliches, das einem menſchlichen Weſen glich, glitt dumpf röchelnd an ihm vorbei. Es war ein langer, magerer Körper mit einem ſtruppigen Kopfe. Es kam ſo nahe bei Jack vorbei, daß er auf ſeinem Geſichte den Hauch eines glühenden Athems zu fühlen meinte, ein diaboliſcher Athem offenbar, der nur einem aus der Hölle kommenden Geſpenſte angehören konnte. Jack hatte nicht einmal die Kraft zu ſchreien. — Das Geſpenſt glitt vorbei und verſchwand durch die Thür des Zimmers, welches nicht längſt die beiden Miſſes Mac⸗Far⸗ lane bewohnt hatten. — Jack, Jack, Jock, rief untriiſſen Frank ungeduldig. 339 Jack, deſſen Beſtreben getheilt war zwiſchen dem Aus⸗ ſprechen einer Beſchwörungsformel und der Antwort, die er ſeinem Herrn geben ſollte, that weder das eine noch das andere. — Wo biſt Du denn, Jack? rief Perceval abermals und öffnete dießmal die Thür. Das Lampenlicht, welches Stephen's Zimmer erhellte, drang nun durch die Thür auf die Flur und fiel gerade auf das bleiche Geſicht des alten Schotten. Perceval, der zu ſehr von eigenen Gedanken in Anſpruch genommen war, um dieſe Bläſſe zu bemerken, faßte Jack beim Arm und zog ihn haſtig nach ſich, ſo daß der unglückliche Diener ſich mitten nnter den furchtbaren Gegenſtänden befand, welche ſeinen er⸗ ſten Schrecken hervorgerufen hatten. Er legte ſeine Hände vor die Augen, und ſeine Zähne klapperten wie ein Paar Caſtagnetten. — Nun, ſagte Frank zu ihm, — haſt Du mir nichts weiter zu berichten? — O, murmelte Jack zuſammenſchauernd, — es iſt der Teufel, Ew. Ehren! Frank ſtampfte zornig mit dem Fuße. Jack nahm zum erſten Male in ſeinem Leben nicht Rückſicht auf den Zorn ſeines Herrn und drehte ſich um ſich ſelbſt herum, um eine Stellung zu finden, in welcher ſein Blick nicht auf die durch anatomiſche Präparationen zugerichteten Knochen fiel. Das war ſchwierig, und Jack hätte lange Zeit ſich 6 15* 340 drehen und winden können, ehe er zur Löſung des Problems gekommen wäre. Percval ergriff ihn aufs Neue beim Arme und zwang ihn ſtehen zu bleiben. — Du haſt Jemanden ſehen müſſen? fragte er. — O ja, Ew. Ehren, antwortete Jack, der an den Geiſt dachte, — ich habe geſehen .. — Was ſagte man? — Bei meiner Seele, er hat nicht mit mir geſprochen, Cw. Ehren! ... wenn er es gethan hätte, würde ich auf der Stelle geſtorben ſein. — Und doch iſt der Brief ganz beſtimmt aus, deſſen mit einem feſten Gedanken behafteter Geiſt in Jack's Antwort ſah, als eine einfache Verneinung, und das Billet ſchnell wieder öffnend, las er mit lauter Stimme: „Genöthigt, am Bette unſerer lieben Kranken zu bleiben, „habe ich nicht die Zeit, Couſin, Ihnen zu ſagen, worauf „ſich der Hoffnungsſtrahl begründet, welcher uns noch auf⸗ „recht erhält. Nichts deſto weniger will ich, daß Sie darüber „glücklich ſind, was in Vergleich zu unſerer tödtlichen Ent⸗ „muthigung ſchon Freude ſcheint. Und ich beanftrage den „Ueberbringer .. — O Ew. Ehren, entſchuldigen Sie mich, unterbrach ihn Jack, durch die dauernde Unbeweglichkeit der Skelette in etwas beruhigt; — ich ſehe jetzt wohl, daß von Luch, dem Kammermädchen der Miß Diana Stewart die Rede iſt . ich glaubte .. 6 341 Jack hielt inne und horchte . . . Er glaubte neben der Thür ein ſeltſames Geräuſch, ähnlich einem dumpfen Seufzer, zu vernehmen. — Horch, horch, flüſterte er, wenn es käme! .. — Dieſer Menſch iſt betrunken, ſagte Mac⸗Nab un⸗ geduldig. Jack richtete ſein braves und unſchuldiges Geſicht nach dem jungen Arzte hin; es malte ſich auf demſelben neben den Symptomen einer unbeſiegbaren Furcht ein durch die ungerechten Anklagen, die ihn getroffen hatten, hervorgebrachter Zorn. — Nein, Ew. Ehren, ſagte er; — ich bin nicht be⸗ trunken, — aber dieſes Haus iſt nicht gut für einen Chri⸗ ſten . . . und ich bin nicht etwa ein Heiliger, Ew. Ehren, daß ich von der Furcht vor dem Teufel frei wäre. Perceval und Stephen ſahen ſich an. — Es muß ihm etwas Außerordentliches begegnet ſein. — Jack, mein Freund, ſagte Frank Perceval mit bit⸗ tenbem Tone, — erhole Dich wieder, ich bitte Du weißt nicht, wie unendlich ich durch Deine Zögerung leide. — alte Diener rang die Hände. O, Ew. Ehren, rief er aus, — haben Sie Er⸗ barmen mit mir! ich will es verſuchen . . . und was geht mich auch der Teufel an, fügte er hinzu, indem er ſeine ängſtliche Miene ablegte, um auf die Skelette einen herausfordernden Blick zu werfen. — Ich bin ein elender ßeiging⸗ hören Sie zu das Kammermädchen der Miß Diana Stewart hatte große Luſt, Ew. Ehren zu ſpre⸗ chen .. Als ſie mir das Billet gab, ſagte ſie zu mir: — Die junge Miß hat eine Bewegung gemacht . .. — Eine Bewegung! rief Stephen aus. Frank hielt ihn mit einer Geberde zurück. — Eine Bewegung, wiederholte Jack, aber ſo ſchwach, daß Miß Diana nicht recht weiß, ob ſie ihre Augen ge⸗ täuſcht haben .. . ſo viel iſt gewiß, daß ... Gott erbarme ſich unſer! unterbrach ſich hier der alte Diener, indem er auf einen Stuhl ſank, — der Teufel iſt hinter dieſer Thür! Ein zweites, noch ſchneidenderes und unheimlicheres Wimmern war zu Jack's Ohren gedrungen, und dießmal hatten es die beiden Freunde gehört. Stephen ſtand auf; aber jetzt herrſchte ein tiefes Schweigen. — Weiter, weiter, ſagte Perceval. — Haben Sie nicht gehört? murmelte Jack, der an allen Gliedern zitterte; — dieſer Ton iſt die Stimme eines Menſchen. — Weiter, ſage ich Dir, Unglücklicher, rief Frank; — ich befehle Dir zu ſprechen. Jack nahm krampfhaft ſeinen kahlen Kopf in die Hände, um ſeine flüchtigen Gedanken wieder zurückzurufen, und ver⸗ ſetzte dann mit Anſtrengung: — Weiter, Ew. Chren? .. . Ich erinnere mich .. die Augen der Miß haben ihre Richtung verändert .. . Gott ſteh' mir bei! . . . Wenn man geſehen hat, was ich heute Abend geſehen, ſo muß man ſehr nahe daran ſein, zu ſterben! . . — 343 Verzeihen Sie mir, Ew. Ehren ... Da der Arzt der Miß Trevor abweſend war, hat man einen andern Doktor kommen laſſen, und dieſer hat geſagt, daß eine Kriſis . . Jack ſprach nicht zu Ende und ließ ſich gerade mit dem Geſicht auf die Erde fallen. Ein langer, ſchmerzlicher, wilder Schrei war in der Richtung der Treppe hin ertönt. Frank machte eine zornige Bewegung, denn nichts konnte in dieſem Augenblick Eindruck auf ihn machen, als die Verzögerung, welche Jacks Erklärungen erlitten. — Stephen der mehr erſtaunt war, als wir zu ſagen im Stande find, hatte die Thür des Zimmers geöffnet. Er hörte einen Ton, wie von erſtickten Seufzern, der aus dem Zimmer Anna's und Clary's hervordrang. Darauf begann eine tiefe, dumpfe und dabei weinerliche WMiännerſtimme mit dem Tone unendlichen Schmerzes eine den ſchottiſchen Ohren des jungen Arztes wohlbekannte Bal⸗ lade zu ſingen. Die Ballade fing folgendermaßen an: Der Laird von Killarwan, Der hat zwei Töchterlein, Wie noch kein junger Mann Sie ſah, ſo lieb und fein, Im ganzen Glengirwan. Zwanzigſtes Kapitel. S Der alte Jack hätte ſich ſehr verwundern ſollen, als er ſah, daß der Teufel den Reigen des Lairds von Killar⸗ wan kenne und ihn im reinſten Schottiſch ſang. Aber er hatte nicht viel Zeit, ſich ſeiner Ueberraſchung zu überlaſſen; denn da Frank und Stephen hinausgeſtürzt waren, ſo blieb er allein in dem Zimmer, das nur noch durch den Schimmer des Kaminfeuers erleuchtet wurde. Es war für den alten Jack ein furchtbarer Augenblick. Er lag noch immer auf den Knieen in der Lage, in welche ihn das furchtbare Geſchrei gebracht hatte, das hinter der Thür ſich hatte hören laſſen. Er wollte aufſtehen, um den beiden Freunden zu folgen; aber ihm mußte das Blut in den Adern erfrieren. Die beiden Skelette auf dem Bureau die plötzlich ganz röthlich beleuchtet wurden, ſchienen ſich in — heftigen Zuckungen zu bewegen. Die Arme, die Beine, welche an den Wänden hingen, hatten einen Anſchein von Leben und warfen ihre Schatten mehr oder minder weit hin, je nachdem ſie, durch eine übernatürliche Gewalt bewegt, von der Wand ſich abhoben oder wieder daran herabhingen. Jack blieb wie an den Boden genagelt. Seine Augen waren durch den Schrecken weit aufgeriſſen und konnten ſich nicht mehr ſchließen. Wider ſeinen Willen ſah er hin, immer wieder hin. Die Skelette wurden roth und wieder bleich und be⸗ wegten ſich. Es waren übrigens nicht blos die Skelette, welche er ſah, ſondern noch viele tauſend andere, durch ſeine Angſt hervorgerufene Dinge, ſchreckliche, ſcheußliche Erſcheinungen, die man nicht zu beſchreiben im Stande iſt, wenn man vor einem Schreibpulte im hellen Sonnenſchein ſitzt, vor denen aber Jeder als Kind oder als Mann einmal in ſeinem Leben in einer Nacht des Fiebers oder der Einſamkeit ſchon ge— ſchauert hat. Jack litt bis zum Tod; ſein kahler Schädel troff von Schweiß, ſein armer alter Körper zitterte, von entſetzlichem Schauer geſchüttelt. Wenn er nicht ſchon durch den Schreck thöricht gemacht worden wäre, als die beiden Freunde das Zimmer verließen, ſo würde er vielleicht errathen haben, daß blos das düſtere Licht vom Kamine den Gegenſtänden ſeiner Furcht jenen röthlichen Schein gab, und daß das plötzliche Ausbleiben und Wieder⸗ 15 ** aufflackern der Flamme genügte, um dieſen lebloſen Knochen den Schein von Leben zu geben; aber jetzt war ſein Geiſt gänzlich beſtürzt und unfähig nachzudenken. Ihm ſchienen die Folgen dieſer ganz gewöhnlichen Er⸗ ſcheinung reine Wirklichkeit; er würde auf der Stelle geſtor⸗ ben ſein, wenn nicht, wie es gewöhnlich unter ſolchen Um⸗ ſtänden geſchieht, ſein Entſetzen plötzlich ſeine Starrſucht gal⸗ vaniſirt hätte. In dem Augenblicke nämlich, wo die Furcht bei ihm den höchſtem Grad erreicht hatte, war auf dem Roſte des Kamines durch die um ſich greifende Verbrennung der Kok unterminirt worden, ſank mit einem Male plötzlich zuſammen und ließ nun eine glänzende, von tauſend Funken begleitete Flamme in die Höhe ſteigen. Eine Sekunde hindurch war das Zimmer auf das Glänzendſte erleuchtet. Jeder Gegen⸗ ſtand erſchien deutlich, und wie es gewöhnlich bei plötzlich erleuchteten Gegenſtänden geſchieht, ſah es aus, als ob er ſich dem betrachtenden Auge nähere; daher glaubte Jack, die Skelette ſich von allen Seiten auf ihn zu bewegen zu ſehen. Er ſtand entſetzt auf, ſprang eilig die Treppe hinab, auf die Gefahr hin, ſich das Genick zu brechen, und ſtand nicht eher ſtill als an der Thür von Dudleyhouſe, wo er ſich erſchöpft niederſetzte. Frank war, wie geſagt, Stephen gefolgt; alle Beide traten, Jeder eine Kerze in der Hand, in das früher von Anna und Clary bewohnte Zimmer. Sie bemerkten ſogleich einen Mann, der zwiſchen den beiden Betten ſtand. Es war der Laird Angus, der kaum angekleidet war, und deſſen zerfetztes Hemd Blutflecken trug. Alles an ihm deutete auf Leiden und Unordnung hin. Seine Haare ſträubte ſich um ſeine ſchmutzige Stirn, ſein Bart dagegen troff von Waſſer, legte ſich an die Backen oder fiel in ſchweren Wul⸗ ſten unter dem Kinne herab. Sein Geſicht trug die narbi⸗ gen Spuren von ſeinem Kampfe mit Bob Lantern und hatte außerdem noch neuere Spuren von Contuſionen und Wunden, bei denen das Blut noch nicht Zeit gehabt hatte zu trocknen. Er war äußerſt blaß, und Thränen rannen * aus ſeinen Augen über ſeine hohlen Wangen. Beim Anblick der beiden Freunde hörte er zu ſingen auf, zeigte auf die beiden Betten und ſagte, ſich an Stephet wendend: — Alle Beide! Angus Mac⸗Farlane hatte in dieſem Augenblicke ſeine Vernunft. Es hatte blos der moraliſchen Wirkung von Stephen's und Frank's Erſcheinuug bedurſt, um die letzten Nebel zu verſcheuchen, welche ſeine erſchütterte Verſtandeskraft umſchwebten. Sein Fieber hatte ein Ende. Mac⸗Nab blieb ganz verwirrt und erſtaunt. Er glaubte ſeinen Onkel zu erkennen, aber er wollte noch zweifeln. — Perceval hatte niemals Angus Mac⸗Farlane geſehen. — Ich hatte meine beiden Töchter meiner Schweſter anvertraut, ſagte der Laird nach einer Pauſe, welche Perceval mehreremale zu unterbrechen im Begriff geweſen, um ſeine Verwunderung zu äußern, — ich komme, um meine Töchter zu holen ... Bringe Deine Mutter her, Stephen! Stephen gab Frank einen Wink, er möge ſich entfernen, aber dieſer verſtand nicht oder wollte nicht verſtehen. Sein Blick heftete ſich hartnäckig wider ſeinen Willen an die ver⸗ ſtörten Züge dieſes Mannes, der, mochte er nun ſchuldig oder unſchuldig ſein, in der Erinnerung an das furchtbare, auf die unglückliche Harriet in den unterirdiſchen Gängen von St. Mary zu Crewe unternommenen Attentat eine Rolle ſpielte. Denn Angus hatte genug geſagt, als daß es Frank noch mö ich geweſen wäre, ihn nicht zu erkennen. — Sage Deiner Mutter, verſetzte der Laird mit einer Art ſtrenger Ruhe, daß ich ſeit länger als einem Jahre meine beiden Töchter nicht umarmt habe; Clary muß ſehr ſchön ſein . . . Anna, denke ich, ähnelt noch immer meiner armen Amy, die todt iſt .. Nun, Stephen Mac⸗Nab, gehe doch! — Denn ich kann es mir nicht denken, daß meine beiden Töchter entführt, verloren ſein ſollten, wie ich es fürchtete, da ich Dich ruhig im Hauſe Deiner Mutter antreffe. — Meine Mutter iſt leidend, Sir, antwortete Stephen, — und Ihre Vorwürfe würden ſie tödten. — So, ſie leidet, ſagte Angus mit gebrochener Stimme, — leidet ſie etwa ſo ſehr als ich? ... Hat ſie meine Töchter im Kahne geſehen? .. Hat Gott ſie durch ein Fieber auf dem Schmerzenslager zurückgehalten in dem Augenblicke, wo es ſich darum gehandelt hätte, thätig zu ſein und Hülfe zu bringen? ... Und dann ... 349 Angus fuhr mit der Hand über die Stirn; ein Strahl des Wahnſinns glänzte aufs Neue in ſeinem Auge. — Und dann, fuhr er den Kopf ſenkend fort, — ruft ihr das Gewiſſen, wie mir, Tag und Nacht zu: das iſt eine Strafe von Gett? .. Stephen wandte ſich ſchnell nach Perceval um. — Freund, ſagte er zu ihm mit kurzem und feſtem Tone; — Du kannſt nicht hier bleiben. Dein Argwohn, wenn Du einen ſolchen haſt, gibt Dir nicht das Recht, ein Bekenntniß mit anzuhören, welches die Fieberphantaſte dieſem Greiſe auspreſſen wird . . . was er nun auch gethan habe, mag er auch ein Verbrechen begangen haben — mein Haus iſt für ihn ein unverletzliches Aſyl. Ene dichte Röthe bedeckte die Wangen Frank's. — Ich bitte Dich um Verzeihung, Stephen, flüſterte er, — die Verwirrung, in welche mich jener Brief gebracht hat, und die Erinnerung an meine arme Schweſter .. aber ich mache keinen Anſpruch darauf, die Geheimniſſe Deines Verwandten zu erlauſchen. Stephen drückte ihm die Hand, während er nach der Thür ging. Bevor Frank die Schwelle übertrat, ſtand er ſtill und ſah Mac⸗Nab feſt an. Der flüchtige Ausdruck von Verwirrung, welcher ſich auf ſeinem Geſichte gezeigt, hatte einer tiefen und ſchweren Traurigkeit Platz gemacht. — Ich will ſelbſt ſehen, ſagte er, — ob der Schimmer von Hoffnung, der mir bleibt, größer geworden oder ſchon wieder verſchwunden iſt glaube mir, Stephen, das 350 Geheimniß unſerer Rache iſt in den Händen dieſes Mannes ... bewahre es gegen Alle; aber von ſeinen Offenbarungen muß ich den Theil haben, der mir angehört, verſtehſt Du? .. Ich fordere es. — Auf meine Ehre, Du ſollſt Alles erfahren, was Miß Harriet anbetrifft, antwortete Stephen. Frank ging hinaus, in der Hand den oſſenen Brief der Miß Diana Stewart. Den zweiten von dem alten Jack ge⸗ brachten Brief hatte Frank zerſtreut in ſeine Taſche geſteckt und dachte nicht mehr daran. — Dieſer Brief, der am Abende vorher von Lady Ophelia nach dem Diktate des Marquis von Rio Santo geſchrieben war, gab Pereeval um neun Uhr vor dem Theater von St. James ein Rendezvous. — Es war jetzt ſchon halb zehn Uhr. Frank warf ſich in einen Miethswagen und ließ ſich nach dem Hauſe der Lady Stewart fahren, um in Perſon die näheren Umſtände zu erforſchen, welche er aus dem alten Jack nicht hatte herausbringen können. Stephen dagegen trat wieder auf ſeinen Onkel zu, der am Fuße von Anna's Bett ſaß. Der Laird hatte die Hände über das Deckbett gefaltet; ſein Kopf war vorn über gefal⸗ len. In dieſer Lage wandte er Stephen den Rücken; aber dieſer konnte an der Schlaffheit ſeiner Haltung errathen, welcher Schmerz auf ſeiner Seele und ſeinem Geſichte lag. Stephen hatte die Hindeutung Perceval's nicht zu er⸗ warten gebraucht, um ſelbſt zu wiſſen, daß die Stunde der Enthüllung gekommen ſei; aber in dieſem Augenblicke wandte 351 ſich ſein Geiſt nicht der Rache zu, und ein Wort, das dem Laird entſchlüpft war, erhöhte mit Ausſchluß von jedem andern Gefühle ſeinen Wunſch, das Schickſal Clary's zu erfahren. Sein Haß gegen Rio Santo, ein Haß, der zu gleicher Zeit inſtinktmäßig und vorbedacht war, mußte der Liebe und der Ungeduld weichen. Vergebens hätte man zu dieſer Stunde die Kaltblütigkeit in ihm geſucht, deren äußere Zeichen noch auf ſeinem Geſichte blieben. Sein Herz ſchlug heſtig, als wollte es ſeine Bruſt ſprengen. Nichts deſto weniger hatte er noch natürliche Klugheit genug, um einen Gegenſtand, der die Vernunft des Lairds leicht wieder mit Dunkelheit umhüllen konnte, die eben erſt von ihm gewichen war, um dieſen Gegenſtand nicht ohne 8 Vorſicht zu berühren. Stephen hatte Zeit gehabt, Angus' Zuſtand genau zu beurtheilen, und wußte übrigens, daß eine plötzlich hervorgerufene und aufs Aeußerſte getriebene Auf⸗ regung, ſie mochte ſein von welcher Art ſie wollte, einen jener Anfälle herbeirufen könne, welche, abgeſehen von jeder Krankheit ſelbſt, über die Verſtandeskraft ſeines Onkels gleich⸗ ſam einen dichten Schleier ausbreiteten. — Mac⸗Farlane, ſagte er, — Du biſt jetzt allein mit dem Sohne Deines Bruders. Angus wandte ſich langſam nach ihm hin und ſah ihn einige Sekunden lang ſchweigend an. — Du biſt ein Mann, Reffe, flüſterte er; — wenig⸗ ſtens haſt Du die Geſtalt eines Mannes, ich hatte Dich nie⸗ mals recht angeſehen .. Du gleichſt Deinem Vater .. aber 352 Mab⸗Nab, ich ſchwöre es bei ſeinem Andenken, würde zwei armt Mädchen, die ſeiner Sorgfalt anvertraut worden wären, nicht verlaſſen haben. — Onkel, Onkel, unterbrach ihn Stephen. — Der Schmerz macht Dich ſehr ungerecht! Ich liebe Anna wie eine Schweſter und Clary mehr als mich ſelbſt .. aber in des Himmels Namen, zögere nicht länger und ſage mir, was aus ihnen geworden iſt. — Was aus ihnen geworden iſt? wiederholte der Laird und ſein bleiches Geſicht bedeckte ſich plötzlich mit Röthe; — o was aus ihnen geworden iſt! ... Was ward aus Dei⸗ nem Vater, Neffe? ... Ich habe ſie im Kahne geſehen, alle Beide, und konnte ihnen nicht beiſtehen. Angus zeigte die ungeheure Wunde, welche der Schlag von Bob's Ruder auf ſeiner Stirn gelaſſen hatte, und die noch nicht ganz geſchloſſen war. — Gott hat aus mir vor der Zeit einen Greis ge⸗ macht; meine Töchter waren vor mir, und ich hatte nur mit einem Manne zu kämpfen. — Wer war der Mann? unterbrach ihn Stephen. — Ich kenne ihn vielleicht! — denn ich kenne mehr als einen Mörder, Neffe ... aber das Fieber hat meine Er⸗ 3 innerungen verwirrt .. . ich beſinne mich blos auf das ſanfte Geſicht meiner armen Anna, welche den Kopf auf die Bretter des Kahnes gelehnt, ſchlief, und auf die Stimme meiner ſchö⸗ nen Clary ... denn ihre Stimme war es, Neffe, die meine Aufmerkſamkeit in dem Augenbllcke abgewandt hat, wo ich 353 dem Räuber meinen Dirk in die Bruſt ſtoßen wollte . ich beſinne mich darauf. Es entſtand eine Pauſe. — Stephen verzweifelte; denn augenſcheinlich wußte der Laird von dem Schickſale ſeiner beiden Töchter nichts. Indeſſen hatte er ſie geſehen, und ſeine Ausſagen konnten auf die Spur briugen, vorausgeſetzt, daß er auf eine beſtimmtere Weiſe ſich ausdrücken könne oder wolle. Während Stephen darüber nachdachte, wie er ſeinen Onkel befragen könne, ohne die Unordnung zu vermehren, welche in dem erſchütterten Geiſte deſſelben herrſchte, nahm dieſer das Wort. — Ich will zu Fergus zurückkehren, ſagte er. — Fergus! wiederholte Stephen in Gedanken, denn dieſer Name erinnerte ihn an Perceval's Erzählung und an die Orgie in den unterirdiſchen Gemächern von Crewe. Während deſſen ſprach der Laird weiter: — Fergus iſt allmächtig und er liebt mich . . . ehe ich ihn tödte, werde ich warten, bis er mir meine Töchter wie⸗ dergegeben hat . . . wenn ſie nicht todt ſind denn ich habe Anna heute Morgen geſehen . . . und die Träume zei⸗ gen mir ſtets nur die Todten oder diejenigen, welche ſterben werden. — Und wo haſt Du ſie geſehen, Onkel? fragte Stephen. — Ich weiß es nicht .. . ich hatte ebenſo meinen Bru⸗ der in der Nacht ſeines Todes geſehen, ſieh, ſieh, ſieh .. ſagte er plötzlich und ſtarrte mit verſtörtem Blicke in die 354 Luft, — ich ſehe Fergus .. Fergus, der ſtirbt . . . ach, ſo habe ich ihn ſchon vielemale geſehen. Angus war aufgeſtanden; ſeine verſtörten Züge drückten einen tiefen Abſcheu aus. Stephen wollte ihm den Puls fühlen, wurde aber rauh zurückgeſtoßen. Das Fieber kam wieder. — Still, Neffe, ſtill, verſetzte der Laird mit leiſer Stimme und lehnte ſich an Anna's Bett. — Mein Bruder Fergus darf nicht erfahren, daß ich ihn tödten will .. er würde mir meine beiden Töchter nicht wieder verſchaffen. — Aber Du weißt alſo .. . wollte Stephen ſagen. — Schweig, wiederholte Angus pathetiſch, — mein Bruder iſt edelmüthig und groß . . . ich erinnere mich jetzt, daß er eben noch Tage und Nächte lang an meinem Bette gewacht hat, denn in ſeinem Hauſe, jetzt beſinne ich mich darauf, habe ich eine Zuflucht geſucht, als ich aus der Themſe kam, das erſte Mal, wo ich in der Themſe nicht ertrank .. das zweite Mal war eben jetzt . . Hör mir zu, Neffe, während es noch in meinem Kopfe hell iſt .. die beiden armen Kinder find, ich weiß nicht, auf welche Art, vor acht Ta⸗ gen in das Wirthshaus zum König Georg, Tempel Gar⸗ dens, geführt worden . . . dort habe ich ſie wie Baumwol⸗ lenballen in ein Kahn werfen ſehen .. . ich bin durchs Fen⸗ ſter geſprungen . . . die Themſe war kalt .. der Mann, welcher ſie entführte, hat mich beſiegt .. . Heute Morgen bin ich nach dem Wirthshauſe des Königs Georg zurückgegan⸗ gen uud habe meine Kinder verlangt ... meine beiden ge⸗ 355 liebten Kinder, die Amy ſterbend mir ans Herz gelegt hatte, Neffe erinnerſt Du Dich wohl Amy Mac⸗Farlane's, wie ſromm und ſchön ſie war? .. . O, Gruff und ſeine Frau fingen zu lachen an, als ich meine Kinder verlangt habe zu lachen, Neffe zu lachen zu lachen .. Angus hatte ſich in der ganzen Höhe ſeines Wuchſes aufgerichtet, ſein flammendes Auge erweiterte ſich krampfhaft, ſeine Fäuſte waren geſchloſſen und ſeine Zähne knirſchten. Zu lachen!! rief er noch zum letzten Male mit einem furchtbaren Ausdruck ſeiner Stimme. Darauf begann er ganz leiſe zu ſprechen: — Wir waren in der Stube, wo die Fallthür iſt, fuhr er fort, — als ob Stephen die Leute aus dem Wirthshaus des Königs Georg gekannt hätte, — alle Drei ... Gruff luchte, ſeine Frau lachte und ich, ich hatte Thränen in den Augen, brennende Thränen . . . Ich war an dem Orte, wo ich Clary's geſticktes Schnupftuch gefunden hatte. Gruff ſpielte mit ſeinem Meſſer, um mir Furcht zu machen; die Megäre ſchwang die Feuerzange ... o Neffe, hätteſt Du es nicht auch ſo gemacht, wie ich? — Was haſt Du gethan, Onkel? ſtotterte Stephen. Der Laird machte ſein Hemd von einander und ent⸗ blößte ſeine Bruſt, die von mehren, mit unſicherer Hand ge⸗ führten Meſſerſtichen durchbohrt war. Darauf zeigte er unter ſeinen Haaren neben älteren Wunden eine ganz friſche. — Und er verſetzte: — Hier iſt das Meſſer, dort das Schüreiſen „ Ich franzöſiſchen Wein, Mac⸗Ngb? .. 356 war mit der rechten Hand in Gruff's Haare gefahren mit der Linken in die ſeiner Frau und da habe ich denn ihre beiden Köpfe ſo gegeneinander geſtoßen, Stephen ... Er machte eine Geberde, die Stephen nur zu verſtänd⸗ lich war. — Ich war in jenem Augenblicke ſtark, fuhr er fort, — o ja, ſehr ſtark! . . . Ihre Köpfe krachten, wie zwei Ge⸗ fäße, die man zerbricht . . . ſiehſt Du wohl, Neffe, der Mann und das Weib haben nicht einen einzigen Schrzi ausge⸗ ſtoßen. Stephen trat mehre Schritte zurück. — Haſt Du ſie getödtet? flüſterte er. — Ich bin zwiſchen ihnen Beiden eingeſchlafen, ſagte Angus, anſtatt zu antworten, — denn ich war ſehr müde und mein ganzer Körper iſt nur eine einzige Wunde. — Aber Sie waren nur verwundet? fragte Stephen wieder. — Sieh einmal her, Neffe, entgegnete Angus, — kann man wohl lange mit ſo viel Wunden leben? Dies ſagend, befühlte er ſich den Schädel und die Bruſt und fand in der That überall alte Narben oder neue Wunden. Stephen näherte ſich ihm. — Ich will Dich verbinden, ſagte er. Angus brach in ausgelaſſene Luſtigkeit aus. — Oho, mich verbinden! rief er aus; — haſt Du Ich war ſonſt ein luſti⸗ 357 ger Trinker! .. was ſchadet es, wenn man Blut verliert, wenn nur das, was bleibt, noch warm iſt! . . . Siehſt Du, Neffe, es bleibt mir noch Blut genug, um Fergus zu tödten. Er unterbrach ſich und fuhr mit der Hand über die Stirn. — Und wolle Gott, fuhr er mit leiſer Stimme fort, daß mein Blut in meinen Andern erſtarrte, bevor ich Zeit gehabt hätte, ihn zu tödten! Weißt Du wohl, mein Neffe, vollendete Rache iſt ein ſanftes Ruhekiſſen .. ich habe den ganzen Tag geſchlafen. Heute Abend, als ich aufwachte, kam der Mond durch das offene Fenſter in das Zimmer des Wirthshauſes zum König Georg. Er beleuchtete zu meiner Rechten das bleiche Geſicht des Maſter Gruff und zur Linken den zerbrochenen Schädel ſeines Weibes. — Du haſt ſie alſo getödtet! ſagte Stephen. — Still, Mac⸗Nab, ich habe weder Giſt, noch Strick, noch Eiſen gebraucht, das iſt kein Mord! .. . Und dann hatten ſie nicht alle Beide gelacht, die Nichtswürdigen, als ich von meinen armen Föchtern ſprach, die von ihnen verkauft worden ſind! ... Jetzt war die Reihe zu lachen an mir, — und der Mond lachte mit, Neffe! O und der Mond ... brachte ihre bleichen Lippen, die nicht mehr ath⸗ meten, auch zum Lachen .. ich hatte Furcht, weil ich zwi⸗ ſchen zwei Verdammten lag. Angus ſchauerte. — Mac⸗Nab hörte ihn, von dieſer ſeltſamen Erzählung furchtbar ergriffen, an und hatte 358 eine unbeſtimmte Hoffnung, irgend eine plötzliche Entdeckung zu erfahren . — Denn ſie ſind verdammt, fuhr der Laird fort, — verdammt alle Beide und in einer Ecke der Stube, in welche nicht der bleiche Schein des Mondes drang, ſah ich das glühende Auge des Teufels roth leuchten und aufflam⸗ men . Ich, der ich der Hölle angehöre, Neffe .. ich fürchte mich vor dem Teufel . ich weiß, daß er mich erwartet und das Auge der Träume zeigt ihn mir ſehr häufig, wie er über meinem Lager ſchwebt. Ich hob die Fallthür auf, durch welche Clary und Anna in den Kahn hinabgelaſſen wurden ... Mein Kopf brannte mir .. . ich ſah — war das Fieber, Mac⸗Nab? — ich ſah die Arme der beiden Cadaver ſich ausſtrecken und mich packen, Satan ſtieß im Dunkel einen Schrei aus .. und wir fielen alle Drei, in dem Strom. Das Waſſer glänzte, der Mond warf Millionen Flittern darauf, die um mich herumtanzten und mich toll machten .. — ich ſchwamm und ſchwamm, aber Gruff ſchwamm auch und die Megäre gleichfalls; ich war zwiſchen ihnen, ihre eiſigen Körper glitten an den meinen hin .. o . und noch andere Cadaver ſchwammen unter den flimmernden Wellen des Stromes! ... Und Anna und Clary waren auch da und ſchwebten auf dem Rande des Waſſers, in lange weiße Schleier gekleidet und hielten ſich umarmt und 359 Mac⸗Nab, — Dein Vater, Kind! — deſſen Herz blutete und das Waſſer roth machte ... Und Fergus, mein anderer Bruder, mit ſeinen ſchönen ſchwarzen Haaren um die bleiche Stirn und noch andere, ſo weit der Blick nur reichte .. überall geliebte Leichen, um welche Myriaden von Funken ihr tolles Spiel trieben. Ich ſchwamm und ſchwamm! ... Ich hoffte zu fliehen. Unmöglich! .. . wenn ich die Augen ſchloß, um nicht mehr zu ſehen, dann fühlte ich die Arme der Todten an meinem Arme, den Leib der Todten an meinem Leibe .. wenn ich ſtill hielt, blieben auch ſie, umgaben mich und richteten ihre Augenhöhlen, in denen keine Augen waren, ſtarr auf mich. Der Schweiß troff dem Laird, der keuchte, von der Stirn. — Das war nicht das Fieber, antwortete er mit noch leiſerer Stimme. — O nein, ich habe das Alles geſehen, Neffe ich litt . aber das Blut aus Fergus Herzen röthete das Waſſer rings um mich her ... Blut war über⸗ all . rothes Blut . ein ganzes Meer von Blut. — Erbarmen, Erbarmen, Fergus! Erbarmen, Bruder! . . Angus ſank auf die Knie und breitete ſeine Arme aus. — Erbarmen! murmelte er mit Schauer und Ver⸗ zweiflung. Darauf ließ er ſeine Arme am Körper herabfallen und richtete ſeine ſtumpffinnigen Blicke auf Stephen, indem er plötzlich hinzufügte: 360 — Und wie nun weiter? .. . Höre zu, höre zu, wie es nun weiter kam, Neffe ... Der Teufel legte einen ſchwarzen Krepp über den Mond, die Funken und das Blut verſchwan⸗ den vor meinen Blicken .. . ich ſah nur noch die blaßen Ge⸗ ſtalten der Todten, die ſich im ſchwarzen Waſſer drängten .. . 1 ich wollte weiter ſchwimmen, — aber die Verdammten ſtürzten ſich auf mich .. . meine Arme und Beine wurden unter ihrer eiſigen Fauſt zu Stein . . . und das Waſſer ſchlug mir über dem Kopfe zuſammen. Ich hätte gern ſterben mögen .. . aber Themſeſchiffer zogen mich an Bord ... Weshalb, Neffe? .. . Weil mein Blut Fergus erſt noch tödten ſoll . . . . Mein Bruder Fergus, den ich liebe .. . — Und warum willſt Du Deinen Bruder Fergus tödten, Angus Mac⸗Farlane? fragte Stephen ſanft. — Warum ich Fergus tödten will? rief der Laird aus, verwundert, daß man ihm eine ſolche Frage vorlegte; — und Mac⸗Nab iſt es, der mich fragt, warum ich meinen Bruder Fergus tödten will? .. . Iſt denn die Stimme der Träume für Dich ſtumm, Neffe? .. . Haſt Du niemals Deinen Vater wiedergeſehen in der Stunde der nächtlichen Erſchei⸗ nungen? .. — Erkläre Dich darüber, ſagte Stephen lebhaft, der bleich geworden war, — in des Hiinmels Namen, erkläre Dich darüber! Angus nahm keine Rückſicht auf dieſe Bitte und dem Hange ſeiner myſtiſchen Manie folgend fuhr er fort: 361 — Ich, ich ſehe ihn alle Nächte er ſagt zu mir: Blut, nur Blut! .. . und ich weiß wohl, daß ich ihn ſtets ſo wiederſehen werde, bis ich Fergus OBreane getödtet habe. — OBreane! rief Stephen aus und ergriff heftig die Hand des Lairds. Dieſer Name war für ihn eine vollſtändige Entdeckung; ſein Vater hatte in der Nacht des Mordes den maskirten Mann ſo genannt, der die beiden Dolche brachte. Stephen hatte ſich neben den Laird aufs Knie ge⸗ worfen. — Und Du weißt, wo er iſt, nicht wahr? verſetzte er . mit verhaltener Wuth; — Du ſagſt mir, wo OBreane ſich verbirgt? Angus ſtreckte ſich auf dem Teppich hin und legte ſein Haupt an Anna's Bett. — Ich bin müde, murmelte er mit ſchläfriger Stimme. — Mein Onkel! .. Mac⸗Farlane! .. ſagte Stephen, — Erbarmen, nur ein Wort, ein einziges Wort! .. . Angus ſchloß die Augen. — Er hat ein edles und tapferes Herz, ſagte er wie im Traume, — er iſt ein großer, lichtvoller Geiſt ich erinnere mich ſein Wort drang in die Nacht meines armen Gehirns und erleuchtetete es, wie ein heller Sonnen⸗ ſtrahl .. . ich kenne alle ſeine Pläne .. alle! Er nannte mich ſeinen Bruder und that für mich allein den geheimniß⸗ vollen Schatz ſeines Gewiſſens auf .. ſeine Pläne ſind weit IV. 16 362 wie die Welt . wer hat den Namen Fergus O Breane hier ausgeſprochen? o er iſt mehr als ein Menſch, er iſt faſt ein Gott .. Verflucht ſei der, der ihn in ſeinem Laufe aufhalten will! .. Horch, die Stimme der Träume ſpricht .. . horch, der Verfluchte wirſt Du ſein, Angus . Verflucht Dein Blut, Dein Blut und Dein Fleiſch! Einundzwanzigſtes Kapitel. Mac⸗Nab. Stephen benutzte die vollkommene Ermattung, in welche Angus Mac⸗Farlane bei ſeinen letzten Worten verfiel, um ſeine Wunden zu waſchen und ihn aufs Beſte zu ver⸗ binden. Der Laird hatte wahr geſagt, ſein Körper war buchſtäblich mit Contuſtonen und Wunden bedeckt. Theils rührten dieſelben von ſeinem Kampfe mit Bob Lantern her, theils von ſeiner Flucht aus Friſh⸗Houſe und dem gefahrvollen Wege, den er eingeſchlagen hatte, um daraus zu entkommen. Andere endlich hatte er in dem ohne Zweifel langen und erbitterten Kampfe bekommen, welchen er in dem Wirthshauſe zum König Georg gegen Gruff und ſein Weib begonnen. Dieſe letzte Fehde, die er auf ſeine Weiſe erzählte und von der ſein Gedächtniß Nichts behalten hatte, als das letzte verhängnißvolle Reſultat, mußte ihn furtchbaren Gefahren ansgeſetzt haben, denn er war ohne Waffen, während ſeine Gegner alle Veide damit 16* 364 verſehen waren und bevor er mit der Kraft, welche der Wahnſinn gibt, die Köpfe des Maſter Gruff und ſeines Weibes gegen einander ſtieß, hatte er ſchreckliche Angriffe zu beſtehen gehabt. — Und das um ſo mehr, als die Wirths⸗ leute zum König Georg ſehr bedeutend dabei intereſſirt waren, ſich eines Zeugen ihres Verbrechen zu entledigen. Als Stephen mit dem Verbande zu Ende war, brachte er ein Fläſchchen mit Herzſtärkung an Angus' Lippen, denn ſein Haß, der erſt halb unterrichtet worden war von dem, was er wiſſen wollte, ſtrebte eifrig nach einer vollſtändigeren Entdeckung und wollte dem Laird die Fähigkeit zu ſprechen wieder gebeu. Man muß nicht vergeſſen, daß Stephen vor dieſer Un⸗ terredung Argwohn gehabt hatte, den jetzt die letzten Worte Mae⸗Farlane's nur beſtätigt hatten, Argwohn, der über die halben Entdeckungen des Laird weit hinausging, weil ſie die Perſon des Marquis von Rio Santo angriffen. Stephen begann ſein Verhör wieder, aber da er aus Erfahrung wußte, daß eine direkte Frage gewiß von der er⸗ ſchütterten Verſtandeskraft ſeines Onkels abgleiten würde und übrigens unbeſtimmt die geheimnißvollen und unerklärlichen Bande ahnte zwiſchen Mac⸗Farlane und dieſem Manne, den er ſtets feſt im Sinne hatte, ſo machte er einen Umweg. — Mein Onkel, ſagte er, ſobald Angus im Stande war, ihn zu hören; — wir wollen jetzt unſere Beſtrebungen vereinigen, um meine beiden Coufinen wiederzufinden und ich hoffe, daß es uns gelingen wird. 365 Der Laird ſchüttelte den Kopf. — Ich leide ſehr, flüſterte er; — mein Herz blutet noch mehr, als die Wunden meiner Bruſt und meines Schä⸗ dels. Mac⸗Nab ich habe ſie im Kahne geſehen und ſehe ſie im Traume .. . ſie ſind todt! — Sie leben, Mac⸗Farlane! rief Stephen, indem er ihn bei beiden Händen ergriff; — auch ich habe ſeit acht Tagen für ſie gearbeitet und die Anklage, welche Du vorhin gegen meiue Gleichgültigkeit vorbrachteſt, war unverdient ... ich habe ſelbſt geſucht und durch Andere ſuchen laſſen und wenn ich ihre Spur nicht gefunden habe, erlangte ich doch mindeſtens den Beweis .. . — Welchen Beweis? unterbrach ihn der Laird in einem lichten Momente, — London iſt groß und wer weiß, wo ſich zwei Leichen verbergen können? — Ich habe geſucht, ſage ich Dir, entgegnete Stephen, mit dem geduldigen Eifer einer Mutter geſucht, die ihre Kinder verloren hat . . . ſoll Clary denn nicht meine Frau werden? Angus fuhr aus ſeiner lethargiſchen Haltung auf und ſah Stephen feſt an. — Neffe, antwortete er, — ich kannte Dich nicht .. liebte Clary Dich? — Ach, entgegnete Stephen, — wir ſind noch nicht ſo weit, um die Vorbereitungen zur Hochzeit zu beſprechen .. Clary iſt ein ſanftes und edles Mädchen . . . ihr Herz hat Geheimniſſe, an deren Enthüllung die Ereigniſſe mich ver⸗ 366 hindert haben .. aber kommen wir auf den traurigen Ge⸗ genſtand zurück, der unſere ganze Aufmerkſamkeit beſchäftigen muß . .. Deine beiden Töchter leben, mir ſagt es eine innere Stimme ... ich bin es gewiß. Angus fiel Stephen um den Hals. — Ich danke Dir, ſtotterte er mit Thränen in den Augen; — ich danke Dir, Neffe! . . . Mac⸗Nab hat mich bisweilen auch getröſtet, wenn die Verzweiflung mein Haupt niederbeugte ... möchteſt Du Recht haben und wenn Du Recht haſt, ſo mache Gott Dich glücklich mit aller Freude, welche dem Bruder Deiner Mutter verſagt wurde. — Muth, Mac⸗Farlane, Muth, verſetzte Stephen, der ſich beeilte, dieſe geiſtige Aufregung zu benutzen, — ich weiß noch etwas anderes ich weiß, daß zwiſchen Clary und einem mächtigen Manne ein geheimnißvolles Band exiſtirte. — Ein geheimnißvolles Band! . . . wiederholte der Laird verwundert. — Etwas, das weder Du noch ich im Stande bin, zu begreifen, fuhr Stephen fort, — eiwas romantiſches und ſeltſames, das nicht den Schatten eines Zweifels auf die engliſche Reinheit meiner armen Clary werfen kann . . . aber dieſer Mann iſt mächtig, ſage ich Dir, und Clary iſt ſehr ſchön! . . . — Und Du meinſt, daß dieſer Menſch meine Tochter entführt hat? fragte der Laird kalt. — Ich meine es. — Und Anna? Stephen blieb einen Augenblick ohne Antwort, weil er bei dem Zuſtande, in welchem ſich Mac⸗Farlane befand, nicht auf die unbeugſame Logik dieſes Einwurfs gefaßt ſein konnte. — Anna . . ſtotterte er endlich. — Meinſt Du, unterbrach ihn haſtig der Laird, — daß der Mann ſie alle Beide entführt hat? Stephen zauderte. — Ich meine es, antwortete er dann. Mac⸗Farlane's Stirn runzelte ſich. — Und Du kennſt den Namen dieſes Mannes? Stephen nickte bejahend. Der Laird, der aufgeſtanden war, trat einen Schritt zurück und maß ihn mit einem Blicke der Verachtung. — Mac⸗Nab war ein Advokat, ſagte er, wie mit ſich ſelbſt ſprechend, — aber er hatte wenigſtens ein muthiges Herz . . wie geht es zu, daß ſein Sohn ein elender Feigling iſt? Und da Stephen entgegnen wollte, ſchloß er mit einer Geberde den Mund. — Zwei junge Mädchen, Sir, waren dem Schutze Ihrer Mutter übergeben, fuhr er in entrüſtetem Tone fort; — dieſe beiden jungen Mädchen, von denen die eine Deine Braut war, ſind entführt worden. Du kennſt den Namen des Entführers und ſitzeſt hier ruhig neben mir! .. — Onkel, rief Stephen aus, — Du weißt nicht! . — Was ſoll ich wiſſen? . . Ich kann Dich anſehen, 368 wie ich will, ich bemerke keine Wunden an Dir, Du haſt nicht einmal gewagt, Rache für dieſen Schimpf zu ver⸗ langen .. — Anſtatt blindlings, unterbrach ihn Stephen mit Anſehen, — Verachtung und Beleidigung auf mich zu häu⸗ fen, mußt Du mich anhören . . . Wem fehlt denn jener erbärmliche Muth, der darin beſteht, einen Degen zu ergrei⸗ fen und ſein Leben von dem Ausgange eines Duells abhängig zu machen? .. Und was einen Mord ohne Kampf anbetrifft, ſo haſt Du ſelbſt geſagt, daß mein Vater ein braver Mann war und ich will in ſeine Fußtapfen treten .. Glaube mir, in London und gegen gewiſſe Leute iſt das Schwert eine ohnmächtige Waffe, zu welcher man blos ſeine Zuflucht nehmen muß, wenn man an ſeiner Sache ver⸗ zweifelt und alle andern Mittel mißglückt ſind .. Ich habe zu kämpfen verſucht, aber ich bin ſchwach und dieſer Mann iſt ſtark . . . Nein, nein, auf meine Ehre, nicht an Muth hat es mir gefehlt . . . Aber welchen Weg ſollte ich ein⸗ ſchlagen? Welcher Beamte würde eine nnbeſtimmte, der Be⸗ weiſe mangelnde Anklage annehmen, die von einen unbe⸗ kannten Phyſician gegen den reichſten vornehmen Herrn in den drei Königreichen angebracht wird . . . Du lächelſt mitleidig, Mac⸗Farlane, denkſt vielleicht, der Degen ſei beſſer, als die Gerichtsſchranken .. . nun auch ich, wenn ich es denn ſagen muß, habe an den Degen ge⸗ dacht: mit Wuth im Herzen habe ich an die Thür des Palaſtes geklopft, den dieſer Mann bewohnt. Ich habe auf 369 ſeiner Schwelle ſitzend auf ihn gewartet, und er iſt nicht gekommen .. Ich habe herausfordernde Briefe an ihn ge⸗ ſchrieben, und dieſe Briefe blieben ohne Antwort. — Es iſt alſo ein Prinz, flüſterte der Laird. — Mir wäre es lieber, wenn es ein Prinz wäre, ant⸗ wortete Stephen. — Aber wer iſt es denn? rief der Laird verwundert; — ſprich ſeinen Namen aus! Bevor Mac⸗Nab antwortete, heftete er einen durchdrin⸗ genden, forſchenden Blick auf ſeinen Onkel; dann ſprach er, ohne ſein Auge von ihm abzuwenden, den Namen des Mar⸗ quis von Rio Santo aus. Angus' Geſicht wurde ganz erdfarbig, ſeine Augen ſenkten ſich, ſeine Lippen bewegten ſich krampfhaft, ohne einen Laut hervorzubringen. Stephen holte tief Athem. Der Streich war gethan; er wußte jetzt, was er wiſſen wollte. Daher horchte er auch begierig, aber ohne die mindeſte Verwunderung an den Tag zu legen, auf die Worte, welche der Laird in ſeiner Verwirrung ſich entſchlüpfen ließ. Er hatte, nicht zufällig, ſondern in Folge einer mit Kaltblütigkeit ins Werk geſetzten Taktik den Punkt berührt, auf welchem ſein ganzer Verdacht und Argwohn zuſammen traf. Der halb zerriſſene Schleier, der noch zwiſchen Rio Santo und ſeinem Haſſe lag, begann plötzlich ganz zu ſinken. Angus hatte ſich wie angedonnert auf Anna's Bett ge⸗ ſetzt; er wiederholte den Namen Rio Santo's zwei⸗ oder 16** 370 dreimal mit leiſer Stimme, als ob er es verſuchte, einen ſtets widerſtrebenden Gedanken mit Gewalt zu faſſen. Darauf legte er ſeine Hände auf die Kniee und neigte den Kopf vorwärts. — Das iſt nicht möglich, flüſterte er; — Fergus ſollte die Töchter Mac⸗Farlane's entehren! . . . wie kann ich auch nur einen Augenblick länger noch an dieſe verhaßte Lüge glauben? .. Ich bin bewaffnet, um ihn zu tödten aber ich verbiete, daß man ihn verläumdet . . . bei Gott, Kind, wenn Du nicht der Sohn meiner Schweſter wäreſt, hätte ich Dich ſchon beſtraft dafür, daß Du in meinet Gegenwart Fergus O Breane filſchlich angeklagt haſt. — Freilich, ich weiß wohl, welche Rückſichten ich gegen den Mörder meines Vaters zu nehmen habe, ſagte Stephen mit kalter Bitterkeit. — Es iſt wahr, ſtammelte Angus und zuckte zuſam⸗ men, als wenn er mit dem Fuße auf eine Schlange getreten wäre. — Und ich habe blos mit Dir von dem Marquis von Rio Santo geſprochen. — Es iſt wahr, ſagte abermals der Laird. — Ich bitte Dich um Entſchuldigung, mein Sohn .. aber antworte mir, ich bitte Dich flehentlich darum . . was bringt Dich auf den Gedanken, daß Rio Santo der Entführer meiner Jöchter ſei? — Ich weiß es, das iſt Alles, entgegnete Stephen 371 Angus legte einen Finger an die Stirn und ſchien tief nachzudenken. — Aber ich ſage Dir, daß es unmöglich iſt, rief er nach einigen Sekunden aus; — ich kenne ihn . . . ich kenne ihn. Mac⸗Farlane iſt der einzige Mann, den er liebt! — Aber kannte er denn die Töchter Mac⸗Farlane's? fragte Stephen bitter lächelnd. — O, das iſt wahr, das iſt wahr, ſagte Angus zum dritten Male, und ſeine Augen wurden feucht. — Ihn töd⸗ ten, das wäre nichts, aber ihn haſſen! . . . — Auf meine Ehre, Mac⸗Farlane, rief Stephen aus, der nun auch endlich bewegt wurde, — Du wirſt ihn haſſen und nicht tödten . . . das liegt allein mir ob. — Schweig, Neffe . . . ich werde ihn tödten . . . die Stimme der Träume kann nicht lügen .. . mein Herz iſt zu ſehr gewöhnt, ihn zu lieben, als daß es Saß gegen ihn faſſen könnte .. zwanzig Jahre liebe ich ihn ſchon .. . und doch .o meine Kinder, o meine Kinder! Angus bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. — Meine Töchter ſind ſchön, verſetzte er plötzlich, — 0 ſein ganzes Leben beſtätigt die Beſchuldigung .. . Die Wei⸗ ber, die Weiber! ich glaube Dir, Stephen, er iſt es .. brauchte er nicht ſtets das Lächeln einer Jungfrau, um ſeine Schlafloſigkeit zu befiegen .. . meine Töchter ſind ſchön ... o ich haſſe, haſſe ihn. Er ſtand auf und begann mit langſamen Schritten im Zimmer umher zu gehen. — Und dann beſinne ich mich jetzt. Jener Menſch im Kahne gehörte zu den ihrigen . . . ich ſehe noch ſein ſcheußliches Geſicht . . . ſein verfluchter Name ſchwebt mir auf den Lippen . . . und Gruff ſelbſt . . . das Wirthshaus zum König Georg war einer von ihren Schlupfwinkeln .. meine ſchöne Clary, meine ſüße Anna .. . Stephen, Stephen, wir wollen uns rächen! .. Er ging noch einmal im Zimmer umher. Darauf ſetzte er ſich Mac⸗Nab gegenüber. Der Ausduuck ſeiner Phyſio⸗ gnomie war vollkommen verändert; trotz ſeiner Wunden, trotz der Verwirrung ſeines Haares und Bartes herrſchte auf ſei⸗ nem Geſichte eine impoſante und zugleich furchtbare Ruhe. — Du haſt Recht, Neffe, ſagte er langſam; — gegen den Marquis von Rio Santo iſt das Eiſen eine unzurei⸗ chende und lächerliche Waffe .. . Jetzt handelt es ſich nicht mehr um eine gebotene Züchtigung, der ich widerſtrebte, ſo lange ich ihn noch liebte . . . jetzt wird mein Arm, von meinem Willen unterſtützt, ihn treffen ... Höre mir zu ... die Behörden, welche Deine Anklage nicht angenommen ha⸗ ben würden, werden die meinige annehmen, ich ſchwöre es Dir . denn die meinige wird keine gewöhnliche Klage ſein und Se. Majeſtät den König von England auf ſeinem Throne zittern machen o ich weiß ſeltſame Dinge, Neffe . .. ſchöne Dinge, auf mein Wort, mit denen man einen Mann tödten kann, als ob man den Blitz Gottes in der Hand trüge Haſt Du Freunde? — Ich habe einen, entgegnete Stephen. 2 — e — Erhalte ihn Dir der Himmel, Neffe! ... Haſt Du Diener? — Wenn es ſich um die Ausführung eines Planes handelt, weiß ich mir ſichere und ergebene Männer zu ver⸗ ſchaffen. — Es handelt ſich in der That um eine ſolche, ſagte der Laird, — und wir bedürfen ſicherer und ergebener Männer. — Dann, erwiederte Stephen, folge mir, Onkel. Dieſe Vorbereitungen können im Hauſe meiner Mutter nicht ge⸗ macht werden, weil ſie leidet und der Ruhe bedarf. Sie ſtiegen zuſammen die Treppe hinab, und die alte Betty verwunderte ſich ſehr, eine Perſon von ſeltſamem und höchſt erſchreckendem Anſehen mit Stephen ausgehen zu ſehen, welcher ſie die Hausthür nicht geöffnet hatte, denn der Laird war unbemerkt in das Haus ſeiner Schweſter gekommen, indem er dem alten Bedienten Frank's auf dem Fuße folgte. Stephen rief ein Cab herbei. Eine halbe Stunde dar⸗ auf ſtiegen Onkel und Neffe vor der Thür von Dudley⸗ houſe aus. Frank war mit freudigem Herzen heimgekehrt. Er hatte Niß Diana Stewart geſehen und aus ihrem Munde erfah⸗ ren, was der alte Jack nicht im Stande geweſen war, ihm mitzutheilen. Mary lebte wieder auf. Gegen alle Voraus⸗ ſicht der Wiſſenſchaft ſchien das geheimnißvolle und furcht⸗ bare Uebel, von welchem ſie betroffen war, zu weichen. Der Doktor Moore hatte ſie ſeit zwei Tagen nicht geſehen, ſo daß 374 ſie wie durch ein Wunder der gefürchteten Kataſtrophe und der Anwendung des tödtlichen Mittels (der galvaniſche Schlag) entging, welches dieſer Arzt an ihr verſuchen wollte. Angus, Stephen und Frank brachten den größten Theil der Nacht damit zu, Rath zu halten. Am andern Tage wurden etwa zwanzig Männer, unter denen ſich Donnor Ardagh befand, in Dudleyhouſe einge⸗ laſſen, wo ſie Geld und Befehle bekamen. Gegen fünf Uhr Abends poſtirten ſich dieſelben Männer, unter ihren Kleidern Waffen verbergend, in Belgrave⸗Square vor der Fronte von Friſh⸗Houſe und theilten ſich in kleine Gruppen. Stephen und Perceval warteten, in ihre Mäntel gehüllt, an der einen Ecke am Gitter der Square. Angus Mac⸗Farlane hatte ſie eben verlaſſen, um in die Thür des prächtigen Hötels des Marquis von Rio Santo hineinzugehen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 3. Das Haus des Cavaliere Angelo Bembo ging nach Hyde Park Corner hinaus. Es war eine kleine artige Woh⸗ nung, die gewiß dem ſchweren Winkelmaß eines engliſchen Architekten nicht ihren Urſprung verdankte. Man erkannte in ſeiner ganzen Bauart einen Sinn für Harmonie und Kunſt, wie er unſern Londoner Vaumeiſtern ganz und gar fremd iſt. — Vielleicht war das Gebäude das Werk eines jener armen italieniſchen Flüchtlinge, die im kindiſchen und melodramatiſchen Spiele der Verſchwörungen des Karbona⸗ rismus unterlegen waren und durch Elend das unſchuldige Vergnügen abbüßen mußten, auf einen Dolch in Geſellſchaft von mehreren Polizeiagenten in einem Keller Neapels oder Roms allen Tyrannen Haß geſchworen zu haben, als kränk⸗ v1 liche und aufgeſchoſſene Ranken eines einſt geſunden Stammes, Trümmer mit einem Worte, aber poetiſche Trümmer, ſchön als Menſchen und desgleichen ſchön noch wegen ihres aus⸗ gezeichneten Sinnes für Alles, was Kunſt und Schönheit ift. In der That, in dieſem kleinen Hauſe, das unter der ſchweren Feuchtigkeit unſerer Atmoſphäre zu frieren und zu zittern ſchien, lag etwas, wie eine Rückerinnerung von den reinen Linien der florentiniſchen Villen. Es ſchien ſelbſt ein Verbannter Italiens zu ſein, der in die Nebel unſerer Ge⸗ genden verſetzt iſt, wie die faden und frivolen Söhne des unterjochten Italiens in unſer poſitives Leben und unſere drückende Geſchäftsproſa verſetzt ſind. Bembo hatte dieſe Wohnung inſtinktmäßig gewählt, wie man ſich einem wieder gefundenen Freunde nähert. Es war eine Erinnerung an ſein Vaterland. Wenn Angelo nicht den Tag beim Marquis von Rio Santo in Iriſh⸗Houſe verbrachte, zog er ſich in einen klei⸗ nen Salon zurück, der mit ausgezeichnetem Geſchmacke meu⸗ blirt war, und deſſen Fenſter auf eine Terraſſe hinausgingen, welche die ſchattigen Bäume von Hyde Park beherrſchte. — Auf der Terraſſe wuchſen ſchöne Blumen, welche unter einem Glashauſe, das den bleichen Strahlen der engliſchen Sonne Wärme verlieh, gleichfalls als Verbannte unter dem fremden Himmel die ſchmachtenden Ströme ihres verminderten Wohl⸗ geruches verbreiteten. Rings herum im Saal hingen Bilder von jener Art, wie ſie dem unerfahrenen Auge unbedeutend erſcheinen, die aber von Genie ſtrahlen und noch jetzt nach Jahrhunderten 377 ein glänzender Wiederſchein von dem Gedanken ihres Meiſters ſind. — Bembo hatte dieſe Gemälde ſelbſt gewählt. — Ein Gentleman wäre wohl fünfzigmal bei ihnen vorbeigegangen, ohne etwas anderes darin zu ſehen, als ſchmutzige Farben, die von einem goldenen Rahme umgeben waren, wenn Bembo nicht ihre Authenticität behauptet hätte. Wenn aber Bembo dies gethan, dann konnte derſelbe Gentleman ſeine Lorgnette nicht von ihrem Anblicke fortbrin⸗ gen, und Gott weiß, daß er für das mittelmäßigſte von ihnen wohl tauſend Pfund gegeben hätte. Denn Raphael ſtürbe bei uns vor Hunger, wenn er nicht ſeinen Geburtsſchein in der Taſche hätte. Dagegen würde der elendeſte Schildermaler, wenn er mit Raphael's Paſſe ausgeſtattet wäre, ganz beſtimmt Millionen verdienen. Wir ſind Barbaren in weißen Cravatten und lakirten Stiefeln, und der beſte und zugleich treueſte Ausdruck des künſtleriſchen England iſt jener Touriſt, der in ſeiner gebil⸗ deten Bewunderung eine von den Säulen des Tempels der Diana zerbrach, um ein Stück davon mit nach London brin⸗ gen zu können. Man weiß übrigens, daß es in Italien nothwendig ge⸗ worden iſt, die Antiken ängſtlich zu bewachen, um ſie vor John Bull zu ſchützen, damit er ihnen nicht einen Finger oder eine Zehe abbricht, um ſein Kamin damit zu ſchmücken. Unter den Gemälden, welche die Tapeten ſchmückten, bemerkte man zwei bewunderungswürdige Bildniſſe, von denen das eine Andrea Bembo darſtellte, einen Senator, Mitglied des Raths der Zehn und Proveditore des Archipels im ſech⸗ zehnten Jahrhundert. Das andere, das einen Scharlachhut trug, ſtellte den Cardinal Pietro Bembo, den berühmten Geſchichtsſchreiber von Venedig vor. Den Fenſtern gegenüber befand ſich ein Ruhebett, um welches ſich in reichem Faltenwurfe ein Vorhang von Seide zog. Dort hatte Angelo Bembo Anna Mac-Farlane hinge⸗ führt, nachdem er ſie dem Lordscorner entriſſen. Anfangs hatte das nicht in Angelo's Abſicht gelegen, der das junge Mädchen zu ihrer Familie zurückführen wollte, aber Anna, die todtmüde war, hatte den heftigen Stoß nicht ohne Ohnmacht ertragen können, welchen ihr Fall auf das Pflaſter von Belgrave⸗Lane verurſacht hatte, als der Laird, der ſie für ein Geſpenſt hielt, in ſeinem Wahnſinne ſie von ſich geſtoßen. Bembo war genöthigt, ſie in ſeine Arme zu nehmen und ſie ſo nach ſeiner eigenen Wohnung zu bringen. Er wußte in der That durchaus nicht, wer Anna war, wo ſie wohnte und wie ihre Familie hieß. Nach einigen Minuten kam Anna wieder zu ſich und ſtieß einen langen Seufzer aus. — Bembo ſaß am andern Ende des Zimmers; Anna, die auf dem Ruhebette lag, konnte ihn nicht bemerken. Sie richtete ſich ſchnell auf ihrem Lager auf und warf einen erſtaunenden Vlick um ſich. Es war nicht der Anblick neuer Gegenſtände, mit denen ſie umgeben war, der ihr dieſes 379 erſte Erſtaunen verurſachte; ſondern blos der Umſtand, daß ſie ſich liegend fand, da ſie doch ſeit acht Tagen in einem Lehnſeſſel die Nächte zubrachte, um jenes große Bett mit den alterthümlichen Vorhängen nicht zu berühren, vor dem ſie eine ſo große Furcht hatte. Darauf fiel ihr das Ameublement des Zimmers in die Augen. Sie war nicht mehr in jenem großen Gemache mit den breiten Fenſtern, deſſen hohes Getäfel beim zweifelhaften Schimmer ihrer Kerzen ſo häufig ſich zu bewegen geſchienen hatte. — Wo war ſie? Ein unbeſtimmter Ausdruck von Schrecken umzog ihre Mienen. Dann blühte ihr Mund, deſſen Bleiche ſich nach und nach mit roſigem Schimmer färbte, zu einem Kinder⸗ lächeln auf. — Sie beſann ſich. — Es war vielleicht mein Schutzengel! flüſterte ſie; — ich habe geſtern Abend ſo ſehr zu Gott gebetet und Gott hat ihn mir geſchickt . . Wie ſchön die Engel ſind und wie weich ihre Stimme! Sie lehnte ihr ſchönes lächelndes Köpfchen auf die Hand. Auch nicht ein Schatten von Furcht oder Mißtrauen herrſchte in ihrer Seele. — Ich träume nicht, ſagte ſie, indem ſie ringsherum ihre großen Augen auf die italieniſchen Gemälde und die Draperien der Fenſter warf; — ich habe alles das noch niemals geſehen . . Er hat mich befreit. Ich möchte ihn wohl ſehen, um ihm Dank zu ſäten . Bembo, der entzückt, unbeweglich und den Athem an⸗ haltend zuhörte, hütete ſich wohl, dieſem Rufe zu antworten. Anna's Züge umwölkten ſich leicht. — Ich glaubte, daß es keinen ſo ſchönen Menſchen 7 gäbe, als Stephen, ſagte ſie mit einer Art von Traurigkeit, — ich irrte .. . Stephen iſt neben ihm, was die andern Männer neben Stephen ſind . . Mein Stephen! ... Wie ich mich ſehne, ihn wiederzuſehen. Bei dieſem unerwarteten Schluſſe ſtieß Bembo einen tiefen Seufzer aus und ſtieß die Hoffnung von ſich, welche ſchon ſeine Seele überſchlich. Anna's Stimme wurde ſchwermüthig und langſam. Ihre langen Wimpern ſanken auf die Wange hinab, als ob ihr Gewicht zu ſchwer für das Augenlid geweſen wäre, ihre Augen verloren den Glanz und ihr Lächeln nahm jene Starr⸗ heit an, welche das Herannahen des Schlafes jedem Geſichts⸗ ausdrucke gibt. Es war ſo lange Zeit her, daß ſie ihren Kopf nicht auf ein Kiſſen gelegt hatte und ihre zarten, von achttägiger Ermüdung angegriffenen Glieder, hatten ſo ſehr der Ruhe nöthig. — Ich werde Elary nicht ſagen, daß ich ihn für einen Engel gehalten habe, flüſterte ſie, leicht erröthend; — Clary würde mich ausſpotten .. . O. Stephen ſage ich es eben ſo wenig! fügte ſie lebhaft hinzu. — Ich weiß nicht ... Ich fürchte mich, ihm wieder gegenüber zu ſein .. . Sein Blick hat ein ſo ſanftes Feuer, das aber wehe thut .. . Stephen verſteht nicht ſo zu blicken .. 381 Ihr Arm ſank leiſe herab und der Kopf berührte das Kiſſen, während ſie noch lallte: — Nein . .. nein, ich werde nicht erzählen, daß ich ihn für einen Engel gehalten habe . . . Das Kiſſen bog ſich ein und umgab mit einem ſam⸗ metenen Rahmen das reine und weiße Oval des ſchlafenden Kindes. Bembo wartete einige Minuten. Anna ſprach nicht mehr. — Man hörte Nichts, als ihr fanftes, gleichmäßiges Athmen. Die Dämmerung begann draußen das ſeltſame Blätter⸗ werk der exotiſchen Pflanzen, die auf der Terraſſe wuchſen, in ſeltſamen Umriſſen ſichtbar werden zu laſſen. Bembo ſtand endlich auf und ging geräuſchlos durchs Zimmer. Er war bleich, aber ſeine Stirn ſtrahlte von verhaltener Wonne. Am Fuße des Bettes ſtand er ſtill und faltete be⸗ wundernd die Hände. — Anna ſchlief ſchon tief. Ihr halb offener Mund zeigte zwei Reihen von reinem Email, zwiſchen denen leiſe der Hauch ihres friſchen Athem hindurch zog. Die ſchönen Maſſen ihres aufgelöſten Haars vermiſchten ſich mit dem Sammet der Kiſſen, der wie ein dunkler Hintergrund eines Medaillons von Alabaſter die ſchmieg⸗ ſamen Contouren ihres jungfräulichen Körpers hervortreten ließ. Vembo empfand eine Art von materiellem Angezogen⸗ werden, deſſen Folgen langſam aber merklich ihn nach und 382 nach dem Kopfende des Bettes näherten. Sein Wille war bei dieſer Bewegung nicht betheiligt, er glitt dahin, als ob der Teppich abſchüſſig geweſen wäre. — Bevor er noch ſelbſt es gewahr wurde, ruhten ſeine beiden gefalteten Hände auf dem Sammet, ganz nahe bei der kleinen Hand Anna's, welche ihre innere Handfläche halbgeöfſnet nach oben kehrte und eine andere Hand zu erwarten ſchien, um ſie zu drücken. Bembo neigte ſich herab; ſeine Lippe berührte die roſi⸗ gen Finger, deren ausgezeichnete Form auf dem düſteren Ueberzuge des Ruhebettes reizend hervortrat. — Darauf erröthete er und ſein Geſicht wurde traurig. — Er trat einen Schritt zurück. Darauf legte er ſich nieder aufs Knie, als ob er um Verzeihung bitten wolle. Der Tag wurde heller und warf ſein wachſendes Licht auf dieſe von Jugend und Unſchuld ſtrahlende, von Liebe und Schönheit umhauchte Gruppe. Bembo neigte ſein edles und anmuthiges Geſicht vor. Seine abwechſelnd glänzenden oder vor Zärtlichkeit verſchwim⸗ menden Augen ſchienen an Anna's Lächeln gekettet. Es waren zwei ausgewählte Geſchöpfe, gemacht, um ſich zu lieben, zwei Engelsköpfe, wie ſie nur der Dichter in der geweihten Stunde erträumen kann, in der ihn die Be⸗ geiſterung ſo erhebt, daß er die Erdendinge vergißt und das Weſen des Himmels verſteht. Bembo war ſehr glücklich und hatte ſich nie eine größere Freude geträumt. Sie war da, ſeinem Schutze anvertraut, 5 2* 383 und er hatte ſie gerettet. Die Zukunft exiſtirte in dieſem Augenblicke nicht für ihn, die Zukunft ebenſo wenig als die Gegenwart. Sein ganzes Leben war die Gegenwart, die ſtille und ſüße Liebe, die Ruhe des Glückes. Er dachte nicht, wollte nicht denken. Sein Geiſt war ein lachendes Chaos und Erinnerung und Hoffnung ſchwie⸗ gen, um nicht die ſüße Ruhe der gegenwärtigen Stunde zu ſtören. Die Zeit verrann. — Die Mittagsſonne fiel auf das Glashaus der Terraſſe, die Blumen öffneten ihre Kelche und erfüllten die Luft mit wogenden Gerüchen. Als Bembo den Duft der Myrthen und Orangen roch, bebte er leiſe; ſeine Züge belebten ſich, ſeine Lippen umſpielte ein Lächeln. Er ſtand auf, um ſich in einen weiten Seſſel zu ſtrecken, der am Fuße des Ruhebettes ſtand. Sein Blick war ſchmachtend, ſein Haupt lehnte ſich weich auf die Lehne des Seſſels und mit wollüſtigem Gefühle ſog er die Düfte ein, welche die Terraſſe ins Zimmer hereinſchickte Und er betrachtete Anna ſtets durch die Oeffnung ſeiner halbgeſchloſſenen Augenlider. Es war jetzt Etwas Anderes in ihm rege als Glück und Ruhe, Wünſche und Hoffnungen machten ſich geltend. — Dieſe Blumen und ihre Düfte ſprachen ihm von Italien. O, wie ſchön iſt die Liebe unter dem ſchönen blauen Himmel Sieciliens und Calabriens, wohin er in ſeiner Kind⸗ heit verbannt worden war! Welche Liebesgluth lebt und 384 webt an den goldenen Küſten des adriatiſchen Meeres, der Braut ſeiner Ahnen! . . . Bembo war ſchon nicht mehr in England; er verlor ſich mit Anna in den Orangenwäldern von Malta; ſeine Augen liebkoſten den Marmor der Paläſte von Palermo oder Venedig und Anna war mit ihm .. . Das waren ſüße Träume, welche den ganzen Tag hindurch dauerten, denn Anna, welche durch ihre lange Ermüdung ganz betäubt war, wachte erſt nach Sonnenuntergang auf. Als ſie die Augen wieder öffnete, war Alles um ſie wie vor ihrem Schlafe. Die angezündete Lampe ſtand auf einem Tiſche und Bembo zeigte ſich nicht. — Die Erinnerung an die Exreigniſſe des Morgens kehrte ihr unbeſtimmt zu⸗ rück. Sie ſtand, zu neuen Leben erwacht, auf und brachte vor einem Spiegel die zerknitterten Falten ihres Kleides wie⸗ der zurecht. Der Spiegel zeigte ihr Angelo, der hinter dem Bette unbeweglich ſaß. Sie wandte ſich ſchnell um und ſchlug erröthend die Augen nieder. Darauf ging ſie plötzlich durchs Zimmer und ſetzte ſich neben Bembo. — Ich habe keine Furcht vor Ihnen, ſagte ſie leiſe; — ich weiß, daß Sie gut ſind . . . die ganze Zeit, wo ich geſchlafen habe, ſah ich Sie ſtets neben mir . ſtets Sie .. und wie ſehr auch mein Traum ſich änderte, immer waren Sie dabei. Sie hielt plötzlich inne und verſetzte mit einem Anklange von Traurigkeit: 385 — Sie haben mich verhindert, von Stephen zu träumen. Bembo betrachtete ſie entzückt und verwirrt. Die Furcht war auf ſeiner Seite. — Der Tag wird gewiß bald erſcheinen, fuhr fort, die nicht wußte, wie lange ihr Schlaf gedauert hatte; — iſt es weit von hier nach Cornhill? — Ich bin bereit, Sie zu Zhrer Mutter zu bringen, ſagte Bembo. — Ich habe keine Mutter mehr, ſagte Anna und ihr Lächeln verſchwand; — aber die, welche mich lieben, er⸗ warten mich . . meine Schweſter .. meine arme Tante und mein Couſin Stephen .. Laſſen Sie uns ſchnell gehen. — Nach Cornhill wollen Sie alſo? ſr Bembo. — Wiſſen Sie das nicht? flüſterte das junge Mädchen verwundert. Bembo erröthete und ſchwieg ſtill. — Sie haben mir geſagt, verſetzte Anna, — daß Sie von Seiten meines Coufins Stephen kämen. — Ich habe gelogen, Miß, antwortete Bembo und ſein Blick nahm einen bittenden Ausdruck an; — ich kenne Couſin Stephen nicht. Anna ſtand auf, aber ihr hübſches Geſicht drückte blos Ueberraſchung aus, ohne Beimiſchung von Schreck. — Sie kennen Stephen nicht? ſagte ſie; — aber mich, kennen Sie mich? IV. 17 386 Bembo mufßte ſich beſtreben, ſeine kaltblütige Faſſung zu behalten. — Sein Traum war zu Ende. — Ich weiß Ihren Namen nicht, antwortete er. — Ich heiße Anna .. werden Sie ihn behalten? — Es ſteht nicht in meiner Macht, ihn zu vergeſſen, flüſterte Bembo und ſenkte das Haupt. — Und Sie, verſetzte das junge Mädchen ſich wieder ſetzend; — ſagen Sie mir Ihren Namen, damit ich ihn Clary und Stephen mittheilen kann. — Nicht Stephen, ſagte Bembo. Er ſprach ſeinen Namen aus; die ſanfte Stimme Anna's wiederholte ihn mehremale. — Ich werde ihn nicht vergeſſen, fuhr ſie fort; — er iſt ſchön wie . . Sie unterbrach ſich und wurde bis zur Stirn purpur⸗ roth. — Darauf blieb ſie ſtill. — Bembo litt ſehr. Nach einer Minute legte Anna ihre Hand in die ſeinige. — Führen Sie mich wieder zu meiner Tante, ſagte ſie, — was thut es, ob Sie von Stephen kommen oder von Gott geſandt ſind. Bembo verließ augenblicklich ſeinen Seſſel. — Wie Clary Sie lieben wird, ſagte Anna wieder, während ſie durch den Saal nach der Thür hingingen; — Clary und Stephen .. Sie werden recht oft nach Corn⸗ hill kommen, uns zu beſuchen. Nicht wahr? Bembo ſchüttelte langſam den Kopf. — 387 — Wie, rief das junge Mädchen traurig aus, — Sie wollen mich alſo nicht mehr ſehen? ... Sie haben mich, das ſehe ich wohl, befreit, weil Sie gut find, ohne mich zu ken⸗ nen und wie Sie es auch für die erſte Beſte gethan haben würden ... kommen Sie ſchnell, ich will Ihre Wohlthätig⸗ keit nicht ermüden. Warum ſprach Anna ſo? Wer ſie ſelbſt das gefragt hätte, würde ſie gewiß ſehr in Verlegenheit geſetzt haben. Was Bembo anbetrifft, ſo war er entſchloſſen, ſorg⸗ fültig zu verbergen, was im Grunde ſeines Herzens vorging und der häufig ausgeſprochene Name Stephen's befeſtigte unaufhörlich ſeinen ſchwankenden Willen. — Was ſollte es nützen, wenn er ſeine Liebe verriethe? Anna liebte Jemand anders und war ohne Zweifel Braut. — Und übrigens wußte er ja, daß heute Abend, morgen ſpäteſtens Rio Santo ſein Leben ganz in Anſpruch nehmen würde und er war Rio Santo noch ſtärker ergeben, als der Liebe. Dieſe beiden Beweggründe zu ſchweigen, waren von der Art, auf ſeinen ritterlichen und redlichen Charakter mächtigen Einfluß zu üben. — Aber welchen Grund man auch zum Widerſtehen haben möge, widerſteht man auch bis zu Ende, wenn man zwanzig Jahr alt iſt und die Liebe dabei im Spiel? Und dann muß man ſagen, Pefand ſich Bembo einer Verſuchung von der unwiderſtehlichſten Art gegenüber. Viele werden ſchon ſchwach, wenn ſie ſich blos zurückhalten müſſen, nicht anzugreifen und Bembo hatte hier, ſo zu ſagen, ſich zu 388 vertheidigen. Die naive Dankbarkeit Anna's nahm das ganze Weſen einer entkeimenden, unbewußten Neigung an. Er hätte nicht ſo geckenhaft zu ſein brauchen, als es fünf Sechſtel unſerer Mode⸗Gentlemen ſind, um in dem zu lebhaften Aus⸗ drucke dieſer Dankbarkeit nicht etwas ganz anderes ſehen zu müſſen, als ein reines und einfaches Gefühl der Erkennt⸗ lichkeit. Aber im Charakter des Cavaliere Angelo Bembo war nicht ein Atom von Geckenhaftigkeit. Wenn er erlag, ſo geſchah es, weil er leidenſchaftlich liebte und ſeine Kräfte zu Ende waren, weil die Kälte, welche er einige Minuten hin⸗ durch ſo ſchwer erheuchelt, ſeinen Muth erſchöpft hatte, weil ſein Herz ſich zu ſtark zu Anna hingezogen fühlte, als daß er es länger hätte zurückhalten können. Bei den letzten Worten Anna's, welche eigentlich ein Vorwurf waren, ſtand Bembo ſtill und betrachtete ſie feſt. — Es dauerte einige Sekunden, bevor er antwortete und auf ſeiner ausdrucksvollen und beweglichen Phyſiognomie bemerkte man den Kampf, welcher in ſeinem Herzen vorging. — Es iſt jetzt, ſagte er endlich — eine Woche, daß ich mit Ihnen lebe, nur durch Sie lebe. Ich habe Sie befreit, weil ich Sie liebe ... und weil ich Sie liebe, ſehe ich Sie heut zum letzten Male. — Sie lieben mich, Angelo, wiederholte Miß Mac⸗ Farlane mit ihrem reizenden Lächeln; — ich bin glücklich darüber, daß Sie mich gern haben. 389 — Sie verſtehen mich nicht, flüſterte Bembo. — Das iſt wahr, ſagte Anna, — ich begreife wohl, daß man eine Perſon, die man lieb hat und die man lei⸗ den ſieht, befreit . . . aber warum ſie dann vermeiden wollen? — Um Sie nicht mehr zu lieben, antwortete Angelo. Anna's Geſicht wurde nachdenklich. — Ich fürchte, Sie jetzt zu verſtehen, ſagte ſie ganz leiſe. — Sie verſtehen mich, Anna .. und Sie ſehen alſo wohl, daß ich Sie verlaſſen muß. — O ja! flüſterte Miß Mac⸗Farlane und ihr Kopf ſank auf die Bruſt nieder; — ich könnte Sie nicht anders lieben, wie als Schweſter „ich liebe Stephen . .. bin feſt überzeugt, daß ich ihn liebe. Sie ſprach die letzten Worte mit zerſtreutem Tone; darauf wiederholte ſie, als ob ſie plötzlich aufwache: — Ich bin überzeugt, ihn zu lieben .. . ich bin deſſen ganz gewiß. Die Augen Anna's waren geſenkt und es lag eine Art von Zweifel in dieſer ohne Grund wiederholten Ver⸗ ſicherung. Wenn ſchon Bembo kein Geck war, ſo kannte er doch die Welt; es regte ſich in dieſem Augenblicke eine unbe⸗ ſtimmte Hoffnung in ihm, weil er gewahr zu werden glaubte, daß Anna den Grund ihres eigenen Herzens nicht kenne. 390 Sie reichte ihm wieder die Hand und wiederholte mit ſehr traurigem Tone: — Führen Sie mich nach Cornhill. Bembo ließ ſie in einen Wagen ſteigen. — Vom Pimlico bis nach Cornhill ſprach Anna kein Wort; aber mehr als einmal glaubte Bembo ſie ſchmerzlich ſeufzen zu hören. Als ſie vor der Thür der Miſtreß Mac⸗Nab ankamen, ſtieg Bembo aus dem Wagen, um ihr die Hand zu reichen. Anna ſprang entſchloſſen heraus, dann ſtand ſie ungewiß ſtill. — Leben Sie wohl! ſagte Bembo. — Adieu! flüſterte das junge Mädchen. Bembo glaubte beim Schein der Laterne eine Thräne in ihren Augen glänzen zu ſehen: Sie zauderte noch einen Augenblick. — Adieu, Adieu! wiederholte ſie darauf haſtig. Sie hob den Hammer an der Thür und trat, als ge⸗ öffnet war, ins Haus, ohne ſich umzuſehen. Bembo war wieder in den Wagen geſtiegen. Es war etwa um zehn Uhr. — Stephen war mit Angus Mac⸗Farlane ausgegangen, um ſich, wie wir erzählt haben, zu Frank Perceval zu begeben. Miſtreß Mac⸗Nab war allein. Wir wollen nicht ver⸗ ſuchen, die Freude der armen Frau zu ſchildern, aber er⸗ † 391 wähnen, daß Anna auf die Umarmungen ihrer Tante mit Thränen antwortete — Und doch kannte ſie noch nicht das Schickſal Clary's! Dachte ſie an den ſchönen Cavaliere Angelo Bembo, der ſie liebte, der ſie gerettet hatte und den ſie nicht wieder⸗ ſehen konnte? .. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Das Kabinet des Doktors. ꝙ Vyrrel, der Blinde, und der Doktor Moore waren in dem Kabinet des Letzteren Es war ungefähr zehn Uhr Morgens. Moore ſchrieb an ſeinem Büreau. Tyrrel trank bei dem Kamine Thee. Es war am andern Tage, nach den im eene Kapitel erzählten Ereigniſſen. — Doktor, ſagte Tyrrel ſeine Taſſe Thee mit einer Geberde des Ekels austrinkend, — ich habe niemals etwas eſſen oder trinken können, das durch dieſes verteufelten 6 Rowley Hände gegangen iſt, ohne an meine letzte Stun zu denken . Das iſt ein trauriger Küchenmeiſter, den da haben, auf mein Wort! Sie haben mir Ihre 393 nung nicht über meine Geſchichte mit Brian von Lanceſter geſagt? . — Es iſt ſehr geſchickt angefangen, ſagte der Doktor zerſtreut; — Sie trugen dem Narren Lanceſter etwas nach? — Es iſt auch Grund genug dazu, Doktor, Grund genug . .. Wenn Brian, — den Gott verdamme — nicht meine Chatulle in Goodmans⸗Field hätte in Anſpruch nehmen wollen, würde Suky ſich nicht in ihn verliebt haben, folglich hätte ſie dann auch den Fürſten Dimitri Tolſtoy zum Verehrer angenommen, — woraus folgt, daß ich nicht verſucht haben würde, um fünf Tauſend armſeliger Rubel willen die Handſchrift Sr. Gnaden nachzumachen, — ſo daß ich keine Gelegenheit gehabt haben würde, den armen Teufel Robvam zu ſchlagen, der mich dann nicht gebunden und die Obrigkeit geholt hätte: woraus ganz ſtrenge folgt, daß ich nicht gehängt worden wäre. — So köſtlich nun auch Ihr Antidotum gegen den Strick ſein mag, Doktor, ſo ſchwöre ich Ihnen doch, daß man in Hld⸗Bailey eine verdammte Viertelſtunde zubringt . . . Außerdem habe ich noch eine alte Pike auf den ehrenwerthen Narren .. Er war es, der auf ſeine Koſten die Gräfin White⸗Manor in London erhielt, und wenn Sie ihm gefolgt wäre, hätte ich mich genöthigt geſehen, mich aus dem Staube zu machen .. Aber dieſes dumme Weib hatte ſo große Furcht vor mir, daß Brian niemals von ihr meinen Namen erfahren konnte, oder auch nur den Aufenthalt ihrer Tochter .. Ich hatte ihr geſagt, daß ich das Kind tödten würde .. 4 — 17** 394 — Ich wußte nicht, ſagte der Dokior, — daß Brian der Liebhaber der Frau ſeines Bruder geweſen iſt. — Ihr Liebhaber! rief Tyrrel aus; — Lanceſter der Liebhaber der Gräfin! O, Doktor, Sie denken an irgend eine Teufelei, will ich wetten, aber Sie denken nicht, was Sie ſagen ... Brian iſt ein Narr von der ritterlichen Sorte. Er ſprach niemals mit der Gräfin anders als in dem Tone, welchen man gegen eine Königin annimmt, und .. — Genug davon! ſagte Moore; — es iſt mir gleich! — Nun gut, mir ebenfalls .. Was dieſe beiden jungen Mädchen anbetrifft, ſo haben Sie mich um meinen Plan befragt, er iſt folgender: .. Wir erpediren ſie alle beide nach unſerm Luſtſchloſſe Crewe in Begleitung der Maudlin und zweier hübſcher Jungen ... In einem Jahre werden wir ſie wohl gehörig formirt zurückbekommen, wo nicht .. nun, dann iſt es immer noch Zeit, Doktor .. Moore ſtimmte durch eine Geberde gleichgültig bei. — Nun, verſetzte Tyrrel, — Sie haben mir ja noch nicht die Einzelnheiten Ihrer Geſchichte mit dem Marquis von Rio Santo erzählt? Bei dieſer Frage furchte ſich plötzlich des Doktors Stirn. 2 — Ich habe gethan, was ich thun konnte. — und was haben Sie gekonnt, Doktor? — — Richts! ₰ Moore ſprach dies Wort mit kurzem Tone, als ob er plötzlich dieſen Gegenſtand des Geſpräches bei Seite ſchieben 395 wolle. Nichtsdeſtoweniger kam er ſelbſt darauf zurück und fügte, die Achſel zuckend, hinzu: — Und im Grunde, was würde der Tod dieſes Mannes uns nützen? — Schön, ſchön! murmelte Tyrrel; — die Trauben find ſauer .. . Doktor, fuhr er mit lauter Stimme fort, meine Anſicht war es von jeher, daß man ſchwerlich ein ſo umſichtiges Oberhaupt finden würde, als dieſer Marquis iſt .. . Aber Sie wollten ſeinen Poſten einnehmen und ich begreife das; nun habe ich mich gewöhnt, zu wollen, was Sie wollen .. Was ſein Geheimniß anbetrifft, ſo entreißen wir ihm das doch noch einmal ... — Sein Geheimniß! rief Moore aus und ſeine Augen glänzten. In dem Augenblicke, wo Tyrrel den Mund öffnete, um zu antworten, zeigte ſich die ſchmale und blanke Stirn des Maſter Rowley auf der Schwelle. Der Vergiftungsgehülfe hatte unter dem rechten Arme ſeinen Lieblingsquartanten und in der linken hielt er einen Brief. Bei ſeinem Anblicke hielt ſich Tyrrel ſchnell die Naſe zu, was den Pharmaciegehülfen veranlaßte, verächtlich ſeine beredte Lieblingsformel zwiſchen den Zähnen zu murmeln: — Papperlapapp! Nachdem er dies gethan, ging Rowley ſacht durch das Zimmer zu ſeinem Herrn und legte ihm den Brief hin, den er in der Hand hatte. — Nun, Maſter, fort! ſagte Tyrrel ungeduldig. 396 Rowley begriff vollkommen, daß er aufgefordert werde, ſeine Laboratoriumgerüche anderswohin zu tragen; aber anſtatt zu gehen, zog er ſchnell ein kleines längliches Fläſchchen aus der Taſche und ging auf Tyrrel los. Dieſer ergriff inſtinktmäßig das Schüreiſen, um ſich in Vertheidigungszuſtand zu ſetzen. — Papperlapapp! ſagte Rowley herzlich lachend, — ich bitte Sie um Entſchuldigung, Gentleman ... Ich hatte nicht bemerkt, daß Sie mit Ihren Fingern den freien Durchgang der Luft durch den natürlichen Kanal Ihrer Naſenlöcher hin⸗ derten . Das gab Ihrer Stimme, Gentleman, einen ver⸗ ſchnupften Naſenton, das eigenthümliche Symptom der Un⸗ päßlichkeit, welche unter dem Namen Coryſa bekannt iſt .. Darauf ließ er den Glasſtöpſel ſeiner Flaſche knirſchen und näherte dieſelbe Tyrrels Naſe, der ſofort ſtark nießen mußte. — Gott helfe, Gentleman! — wenn Sie den Schnupfen hätte, würde Ihnen das ſehr wohl thun, wie Sie ſehen ... Moore zerknitterte in dieſem Augenblicke den Brief, den er geleſen und ſtieß einen halblauten Fluch aus. — Gehen Sie, ſagte er zu Rowley. Dieſer machte eine tiefe und demüthige Verbeugung. Darauf ging er ganz leiſe auf die Thür zu und murmelte noch auf der Schwelle, Tyrrel einen triumphirenden Blick zuwerfend: — Papperlapapp. — Was gibt es denn, Doktor? fragte Tyrrel. 397 — Was es gibt? der Teufel hat ſein Spiel! rief Moore in wahrhafter Wuth; — ich bin nichts mehr, nicht einmal ein geſchickter Arzt, wie es ſcheint. Er machte den zerknitterten Brief wieder glatt, der von Lady Campbell war und las ſchnell und mit abgebrochenem Tone: „Herr Doktor! „Sie werden, davon bin ich überzeugt, die Freude „theilen, welche wir empfinden. Seit den zwei Tagen, wo „wir der Ehre beraubt ſind, Sie bei uns zu ſehen, hat ſich „Glückliches in Stewart⸗Bouſe ereiguet. Das furchtbare „Uebel, von dem meine Nichte befallen war, hat geſtern „Morgen zu weichen geſchienen. Augenblicklich haben wir „in Folge Ihres Ausbleibens nach dem Doktor Hartwell, „dem Hausarzte der Lady Stewart geſchickt . — Hartwell! unterbrach ſich hier der Doktor Moore mit bitterem Lachen; — ein Empiriker! ... ein Ignorant! ... ein Pedant! .. — Ein Eſel! ſagte Tyrrel kalt; — nun leſen Sie zu Ende. Moore war gewiß ein Mann von hoher Bedeutung, aber es giebt auf der ganzen Oberfläche der Welt keinen Arzt,“ auf den die Eiferſucht nicht wirke, den fie nicht ver⸗ blende. Um die Aerzte nicht zu ſehr bös zu machen, wollen wir indeß hinzufügen, daß unſere Bemerkung gleichfalls und ebenſo ſtreng auf die Juriſten, hübſche Weiber, Künſtler, Luftſchiffer und vor Allem auf die reizbare und eitle Schaar N 398 der Dichter paßt. Moore war Arzt; er ſah ſich in ſeinem Stolze aufs Lebhafteſte verletzt; der Aerger legte ihm einen Schleier vor das Geſicht und er war unfähig zu begreifen, welcher Sarkasmus in Tyrrel's Unterbrechung lag. — Ein Eſel! wiederholte er mit der ganzen Aufrich⸗ tigkeit des Zornes; — Sie haben das Wort gefunden, Is⸗ mael; wie weit war ich? ... Dieſer dumme Brief bringt mich ganz außer mich, auf mein Wort! „— Der Lady Stewart geſchickt .. — Das zeugt nicht ſehr zu Gunſten des Geſchmacks der Lady Stewart, meiner Treu! .. „— Maſter Hartwell iſt auf der Stelle gekommen .. .“ — Das glaube ich wohl .. Leute, wie er, ſind ſtets disponibel! .. „— auf der Stelle gekommen und hat eine Reihe von „Verordnungen getroffen, deren Erfolg ein vollkommener zu „nennen iſt. Unſere theure Mary lebt wieder auf; Gott „erbarmt ſich unſerer, indem er den Doktor Hartwell zum „Werkzeug ſeiner Gnade machte! .. — Das heißt, rief Moore aus, — dieſer erbärmliche Hartwell iſt gerade in dem Augenblicke gekommen, wo er den Vortheil von den Folgen meiner Behandlung Ziehen konnte . Aber es iſt noch ein Poſtſeriptum .. Das habe ich noch nicht geleſen. „P. S. Sie begreifen, Herr Doktor, daß es unter „dieſen Umſtänden nicht nöthig ſein wird, daß Sie Ihre — 399 „wichtigen Arbeiten verlaſſen, um Miß Trevor zu beſuchen, „die jetzt Ihrer entbehren kann.“ Moore zerriß wüthend den Brief. — Eine förmliche Abſage! rief er aus, — eine ganz formelle Verabſchiedung! — .. . Fürchtete ſie denn, daß ich nach dieſem impertinenten Briefe zurückkehren würde? O, das muß mir paſſiren, Jsmael! . . . Eine vollkommen charakteriſirte Katalepſie, die ſich von ſelbſt gibt, wie eine gewöhnliche Ohnmacht! . .. Das iſt ein teufliſcher Zufall! — Dieſe Miß Trevor iſt die Braut des Marquis von Rio Santo? ſagte Tyrrel. — Ja ... Ich hätte Zehn gegen Eins gewettet, daß ihr Leben verloren ſei! .. . Sie iſt in der That ſeine Braut das macht einen Theil ſeines großen Planes aus, ſeines Geheimniſſes; — er will durch dieſe Heirath die Even⸗ tualitit einer Pairſchaft erwerben . . . Weßhalb . das wiſſen wir nicht. — Wir werden es erfahren, Doktor, nur Zeit und Geduld! Moore antwortete nicht, aber Tyrrel konnte ihn convul⸗ fiviſch zwiſchen den Zähnen murmeln hören: — Eine Katalepfie, die wie eine Migräne endet! Hartwell, der Elende! der nun überal ſich rühmen wird, eine Katalepfie geheilt zu haben! .. In dem Nebenzimmer vernahm man ſchwere Schritte; und die tiefe Stimme unſeres rechtſchaffenen Freundes des 400 Kapitän Paddy O⸗Chrane erhob ſich, aber noch um etwas durch Ungeduld verſtärkt. — Soll mich Gott verdammen! ſagte er, — ver⸗ maledeiter Perückenſtock, mein würdiger Maſter, ich wieder⸗ hole es Ihnen zum ſechſten Male! Centleman of the night! — Papperlapapp! autwortete das wohlwollende Falſett Rowley's. — Papperlapapp! zum Papper⸗ lapapp, Schock Million Flüche! Was ſoll das heißen, ſtinkender Schuft, der Sie ſind, Nuſtr, beim Satan und ſeinen Börnern! WMögen wir alle Beide gehenkt! wer⸗ der! .. Ich wiederhole es, ſo wahr ich in der Hölle braten will: Gentleman of the night! Laſſen Sie mich durch! Tyrrel erkannte ohne Mühe dieſe Stimme und dieſen energiſchen Styl. Er ſtand auf, um dem Kapitän entgegen zu gehen, als ein letztes Papperlapapp des Maſter Rowley ein Geräuſch wie von einem Kampfe zur Folge hatte, worein ſich die herrlichſten Flüche und glücklichſten Läſterungen miſchten. Faſt zur ſelben Zeit öffnete ein heftiger Fußtritt die beiden Flügel der Thür auf einmal und Rowley wurde wie eine Bombe mitten ins Zimmer platt auf den Bauch ge⸗ worfen und in ſeinem Falle von dem erſten Theile der Tori⸗ cological Amuſements begleitet. Der Kapitän Paddy O'Chrane bückte ſich, um ſich den Hut nicht oben an der Thür zu ſtoßen und trat ernſt⸗ haft ein. — —— —— 1401 — Was iſt das für ein Lärm, Sir? fragte Moore die Stirn runzelnd. — Gott verdamm' uns Alle, antwortete Paddy ſeinen Hut lüftend, ich habe die Ehre, Ew. Herrlichkeiten ehrfurchts⸗ voll zu grüßen .. Was den Lärm anbetrifft, ſo bin ich nicht der Mann dazu, Lärm zu machen! .. . Und ich kenne mehr als einen friedfertigen Burſchen, der an meiner Stelle dieſem Kahlkopf den Schädel wie eine Nußſchale zerbrochen hätte, heim Schlund der Hölle! Rowley blieb an dem Boden unbeweglich, vollkommen verſteinert liegen. Er dachte nicht einmal daran, ſeinen viel⸗ geliebten Ouartanten aufzuheben, deſſen Pergamentband be⸗ trächtlich beſchädigt war. Paddy maß ihn mit der ruhigen und alles Stolzes entbehrenden Miene, welche einem Triumphator ſo edel ſteht. Das gereizte Geſicht des Doktors verkündete das Her⸗ annahen einer heftigen Scene. Der gelehrte Mann war heute Morgen in abſcheulicher Laune. Tyrrel wollte da⸗ zwiſchentreten. — Nun, Paddy? begann er. Aber Moore ſtand haſtig auf. — Was ſoll das heißen? rief er aus; — wollen wir etwa mit einem Flegel noch Umſtände machen? .. hinaus! Paddy richtete ſich augenblicklich ſteif in die Höhe, machte halbrechts und ging in verſchnellertem Schritte auf die Thür zu, indem er ſagte: 6 — Wie es Ihnen beliebt, zum Donnerwetter! 402 — Aber er kam gewiß als Ueberbringer einer Bot⸗ ſchaft, ſagte Tyrrel auf den Kapitän zueilend; — ſetzen Sie ſich an Ihr Büreau, Doktor, und laſſen Sie mich dieſe Sache abmachen ... Was führt Sie her, Paddy? Dieſer ſtand ſtill, machte wieder eine halbe Wendung und warf auf Moore einen ergrimmten Blick. — Mich verlangt gar nicht, antwortete er mit ſeiner wunderbaren Gabe, Jedermann Injurien zu ſagen, ohne ein Atom von ſeiner phlegmatiſchen Gutmüthigkeit zu verlieren; — mich verlangt gar nicht, das gelbe Geſicht dieſes reſpek⸗ tablen Lords zu ſehen, der nich⸗ höchſtens hinbringen kann, wo ich verdammt ſein werde! .. Wenn ich erſt einmal zu alt bin, um mein Beeſſteak des Morgens, mein Rosbeef Abends, meinen Fünfuhrpudding und mein cold-withont Abends zu verdienen, dann will ich mich in die Hände Sr. Herrlichkeit geben, damit er mich um ein Billiges in die andere Welt befördere .. Darin beſteht, ſoll mich Gott ſtrafen, ſein Gewerbe. Moore hatte ihm den Rücken gewandt und that, als ob er es nicht höre. — Nun, Kapitän, ſagte Tyrrel ſtreng, — kommen Sie zur Sache, ich bitte! — Ja, zur Sache, Mylord! .. . Mit Ihnen will ich zu thun haben, Sie ſind ein Mann, der Lebensart hat, ob⸗ wohl, — das iſt die Wahrheit, bei der Hölle, — obwohl Sie Zug für Zug einem Juden ähnlich ſehen, den ich vor Newgate habe hängen ſehen, — und deſſen Geſicht das eines 403 elenden Schuftes war, Mylord! . Sie ſagen nicht zu einem Gentleman, er ſoll ſich hinausſcheeren! .. Sie be⸗ handeln ihn nicht per Flegel, möge ich ſammt Ihnen ver⸗ dammt ſein und die ganze Welt mit, — einen Mann, der Kommandant der Sloop: der Häring war, von .. Tyrrel ſtieß mit dem Fuße auf den Boden und nahm jene furchtbare Miene an, welche früher Suſanna und Ro⸗ bvam hatte zittern gemacht. — Paddy O'Chrane ſah ihn neugierig an. — Von Gween and Gween aus Carlisle befrachtet, Mylord, entdete er, ohne ſich beeilen; ich glaube, zur Schwerenoth, daß Ew. Herrlichkeit irgend etwas nicht recht Tyrrel kreuzte die Arme über die Bruſt und nahm eine reſignirte Miene an. — Jedenfalls, ſagte er, — haben Sie irgend einen Grund, hierherzukommen .. Gibt es etwas Neues in White⸗ Chapel. — Ich will ſterben, wenn ich es weiß, Mylord, ſterben wie ein Hund .. Allerdings habe ich einen Grund hierher⸗ zukommen, bei dem Stricke, der uns einſt eines ſchönen Ta⸗ ges den Hals zuſchnüren wird, wenn es der Teufel ſo will! — Sie errathen ganz richtig ... Ich bin gekommen, weil Niemand im Fegefeuer war .. Niemand Anſtändiges, ver⸗ ſteht ſich; denn es gibt wohl ein Hundert Teufel und ebenſo viel Furien da unten, die in dem Loche heulen, wie die St⸗ ligen . ich bin gekommen, weil ich einen Lord der Nacht ſprechen muß, da ich Nachrichten von der höchſten Wichtig⸗ keit habe — hole uns der Teufel, — und mir, wie aller Welt, unbekannt iſt, wo ſich die Wohnung Sr. Ehren be⸗ findet. Paddy zog ſeine Pferdehaarbinde in die Höhe, nicht ohne in dieſe Geberde alle nothwendige Wichtigkeit zu legen und ſtellte ſich ſtrack auf ſeine langen Beine hin. — Und was ſind das für Nachrichten? fragte Moore, ohne ſich umzudrehen. — Gott ſoll mich ſtrafen, es wäre doch viel gewagt, von einem ſolchen Flegel, wie ich bin, mit einer ſo ehrwür⸗ digen Perſon zu ſprechen, wie Ew. Herrlichkeit iſt WMy⸗ lord, fügte er, ſich an Tyrrel wendend hinzu, — Jedidiah Smith, der heuchleriſche Schuft, dem ich als meinem Vorge⸗ ſetzten Reſpekt ſchuldig bin, ſchickt mich zu Ihnen, damit Sie erführen, wie weit das Loch in Princes⸗Street iſt. — Und wie weit ſind wir damit? ſagte Moore heftig. Paddy, anſtatt zu antworten, bückte ſich ruhig und er⸗ griff den unglücklichen Rowley bei der Schulter, der ſich die Rippen auf dem Teppich rieb, indem er den ſeinem Quar⸗ tanten zugefügten Schaden conſtatirte. Paddy hob ihn auf, gab ihm eine drehende Bewegung und ließ ihn die Schwelle des Zimmers in einem Augenblicke überfliegen, ſo daß Rowley, als er im Nebenzimmer ſtille ſtand, die vier Wände ſich drehen zu ſehen glaubte und ſeine Verdutzung nur durch ſein Papperlapapp kund zu geben wußte, das et allerdings auf eigenthümliche Weiſe ausſprach, die Jeman⸗ dem, der es gehört, zu denken gegeben haben würde. Paddy hatte die Thür des Kabinets zugemacht. — Jedidiah Smith, ſagte er ohne weitere Präambeln, — läßt Sie wiſſen, daß die Arbeit vollendet iſt. Moore ſtand auf und gab ſich keine Mühe, ſeine Freude zu verhehlen. — Wiek rief er aus, — die Galerie iſt vollendet? — Ganz fertig? fügte Tyrrel, ſich die Hände reibend, hinzu. — Ja, Mylords, und beim Teufel, es war Zeit, ich ſchwöre es Ihnen bei meinem Antheil am Paradieſe, oder auf jedes andere minder ungewiſſe Ding . . der arme Burſche Saunders iſt zu der Stunde, wo wir ſprechen, halb todt! — Dann wird man ihn begraben, ſagte Moore. — Gewiß, Teufelscharlatan! brummte Paddy ärgerlich; — daſſelbe ſage ich von Deinen Patienten. Die von Paddy gebrachte Nachricht wurde, wie man weiß, von allen Lords der Nacht ſehnſüchtig erwartet. Seit langer Zeit rechneten die einflußreichen Mitglieder der Familie auf dieſen Gaunerſtreich, um die gemeinſchaftliche Kaſſe bis zum Rande zu füllen. Tyrrel und Moore ließen ſich daher alle nöthigen Einzelnheiten erzählen. — Der Elephant war in der vergangenen Nacht bis zu den Kellern der Bank ge⸗ drungen und ein mit ſeinem Eiſen unvorſichtig gegebener Stoß, hatte einen Stein losgelöſt, wodurch ein Loch 406 entſtanden war, das eine Verbindung mit den Kellern her⸗ ſtellte. Als ob er nur auf dieſen Augenblick gewartet hätte, war Saunders wie ein Block vor dem Loche niedergefallen, keuchend und in Schweiß gebadet. Paddy, der den Elephan⸗ ten liebte, wie ein Menageriewärter einen Löwen liebt, dem er die Nahrung gibt, hatte verſucht, ihn aufzuheben und zu ſeinem Bette zu führen. Aber das war unnütze Mühe: um ihn aufzuheben, hätte es einer Winde oder eines Hebe⸗ baumes bedurft, ſo daß der Unglückliche ſterbend auf dem feuchten Boden des Ganges lag. Der mildherzige Paddy konnte weiter Nichts für ihn thun, als ihm den ungeheuern Ginkrug in die Nähe ſetzen. Als der Kapitän ſeinen Rapport beendet hatte, ſetzte er vier Cardinalflüche an das Ende ſeiner Rede und ſchwieg dann. Tyrrel und Moore begannen ſogleich, an dem Büreau Briefe zu ſchreiben. — Mein braver Burſche, ſagte Moore, — Sie müſſen dies Billet auf der Stelle nach Belgrave⸗Square zum Mar⸗ quis von Rio Santo tragen. O'Chrane nahm den Brief. — Ich werde es tragen, wohin Sie wollen, antwortete er; — aber woher hat denn Ew. Herrlichkeit erfahren, daß — ich ein braver Burſche bin? .. Ich habe wahre Lords ge⸗ kannt, beim Satan, die mich kurzweg Kapitän nannten ... 3 3 407 Das ganze Haus des Doktors wurde in Requiſition geſetzt, um Briefe, ähnlich dem, mit welchem Paddy beauf⸗ tragt war, an ihre Adreſſe zu bringen. Rowley ſelbſt wurde zu S. Boyne, Esg. in aller Eile abgeſendet, mit der Weiſung, um jeden Preis den ehrenwerthen Beamten der Stadtpolizei aufzufinden. Die Frau Herzogin von Gévres, welche ihr Titel durch⸗ aus nicht ſtolz machte und die man bei allen großen Gelegenheiten ſtets bereit fand, als ob ſie noch immer Maudlin Wolf geheißen hätte, bekam die Miſſion, ſich nach der Bank zu begeben, um einen Brief Tyrrel's an Sir William Marlew, den zweiten Centralkaſſirer zu beſorgen. Allein geblieben, rückten Tyrrel und Moore ihre Stühle zuſammen und begannen ſich mit leiſer Stimme zu unterhalten, obwohl Niemand da war, der ihre Geheimniſſe hätte erlauſchen können. Die Unterredung war lang. Als ſie ſich erhoben, ſagte Tyrrel, die Hand auf des Doktors Arm legend: — Wie es auch kommen mag, laſſen Sie ihn nur dieſe Sache zu Ende führen . .. nachher wird man ſchon ſehen. — Aber wenn er nun, wie ich glaube, entgegnete Moore, die Abſicht hat, aus der Familie und aus uns Wertzeuge ſeiner geheimen Pläne zu machen .. wenn alle dieſe Haufen Goldes nur zu ſeinem Nutzen geraubt würden? — Wenn alle dieſe Haufen Goldes zu ſeinem Nutzen ſind, Doktor, antwortete Tyrrel lachend, — dann haben Sie ja Alles, um ſie ihn wieder herausvomiren zu laſſen .. 408 Jetzt laſſen Sie uns ſchnell nach White⸗Chapel gehen, wenn es Ihnen gefällig iſt, oder wir kommen zu ſpät. Sie gingen zuſammen. Tyrrel ſchloß alle Thüren hinter ſich zweimal herum zu. Einige Sekunden nach ihrem Fortgehen öffnete ſich die Thür, welche aus dem Kabinet in das Zimmer ging, in das man Clary eingeſperrt, Tyrrel hatte ſie nicht verſchloſſen, weil ſie keine Verbindung mit draußen hatte. Suſanna trat durch die Thür ein. Das ſchöne Mädchen ging ſchnell durch das Kabinet und drückte auf die Klinke der anderen Thür, durch welche Tyrrel und Moore hinausgegangen waren. Sie ſchüttelte lächelnd den Kopf. Darauf verſchwand ſie, um bald darauf mit Clary Mac⸗Farlane wiederzukommen, deren ſchwankenden Gang ſie mit anmuthiger und reizender Sorglichkeit unterſtützte. ———————— Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Kette. Clary Mac⸗Farlane war ſehr verändert, die Spuren des langen und grauſamen Leidens, welchem man ſie unter⸗ worfen hatte, waren auf ihrem magern und bleichen Geſichte zu leſen; ihre vor Kurzem in ihren jugendlichen Verhältniſſen noch ſo reizende Geſtalt ſank ermattet zuſammen; ſie ging langſam und mit Mühe. Und doch war ſie noch ſchön ſo, aber es war jene Schönheit, welche Wehmuth erregt. — Wenn Angus, ihr Vater, ſie in dieſem Augenblicke geſehen hätte, würde er mit Thränen in den Augen ſich der letzten Tage der armen Amy Mac⸗Farlane erinnert haben. Amy war ganz ſo, bleich und ſchwach, aber ſchön noch, als ihr Fuß ſelbſt ſchon am Rande des Grabes ſtand. IV. 18 410 Aber Amy lächelte dem nahen Tode entgegen und hatte, das fromme und ſanfte Weib, nur für ihre Kinder Thränen. Noch im Sterben behielt ſie die ſüße, heitere Ruhe ihrer glücklichen Tage. — Clary dagegen hatte etwas Verſtörtes im Auge; der furchtbare Angriff, der auf ihr Nervenſyſtem ausgeführt war, gab ihren Zügen haſtige und ſchmerzvolle Zuckungen. Ihr Mund öffnete ſich bisweilen, um unerklärliche Worte auszuſprechen. Und das phyſiſche wie moraliſche Hinſchwinden dieſes kaum noch ſo ſchönen Kindes war um ſo ergreifender und in die Augen fallender neben der glänzenden Jugendfülle Suſanna's, welche, bei ihrer ausgezeichneten Anmuth kräftig, und allen auserwählten Reizen und allen jenen ſiegreichen Eigenſchaften, welche wie ein göttlicher Strahlenkranz die jungfräuliche Stirne eines Meiſterwerkes der Schöpfung um⸗ leuchten können. Die Traurigkeit, welche man beim Anblicke Clary's empfand, hätte ſich in unwiderſtehlichen Reiz verwandelt, 8 wenn man Suſanna daneben geſehen, weil ſie wie ein guter 8 Genius war, der über die Schwäche und das Leiden wacht, weil ihr wohlthuendes, zärtliches, tröſtendes Lächeln wie ein Balſam auf die geheime Wunde der Kranken ſich herabzu⸗ ſenken ſchien, weil jedes Mal, wenn Suſanna ſprach, ganz leiſe und wie eine junge Mutter, die ſich über die Wiege ihres Kindes neigt, weil dann jedes Mal Clary wieder auf⸗ zuleben anfing. von edelmüthigem Geiſte ſtrahlte, wie von Adel der Seele 411 Sie traten alle Beide in das Kabinet des Doktor Moore. Suſanna umſchlang mit den Armen Clary's Taille, ſtützte ſie ſo und gab ihr Muth. Faſt bei jedem Schritte küßte das ſchöne Mädchen Miß Mac⸗Farlane auf die bleiche Stirn und nahm einen Ton der Sprache an, wie man ihn kranken Kindern gegenüber braucht, ſie verſuchte dem unbe⸗ weglich gewordenen Geiſte Clary's wieder Schwungkraft zu geben. — Sehen Sie, jetzt gehen Sie ſchon allein, meine liebe kleine Schweſter, ſagte ſie, als ſie ins Kabinet traten. — Ich habe faſt gar nicht mehr nöthig, Sie zu halten .. Wiſſen Sie wohl, Clary, daß wir Beide hier jetzt die Herren vom Hauſe ſind? .. man hat uns eingeſchloſſen; aber ich hoffe bald einen Weg zu finden, an deſſen Verſperrung ſie nicht gedacht haben ... Setzen Sie ſich, meine ſchöne Clary und ſchöpfen Sie Athem. Miß Mac⸗Farlane ließ ſich mit einem Seufzer der Erſchöpfung in den Seſſel Tyrrel's fallen. Ihr ſchmachten⸗ des, durch die Magerkeit ihrer Wangen größer gewordenes Auge wandte ſich gegen Suſanna und hatte einen flüchtigen Ausdruck von Dankbarkeit, um bald darauf wieder düſter zu werden. — Ich war ihm zur Seite, flüſterte ſie, — und ſehr glücklich, denn er liebte mich . . . Anna kam . . er fiel Anna zu Füßen .. . mein Herz brach . Ihr Mund verzog ſich und ihr Auge erzitterte, wie es 18* 412 in dem Augenblicke geſchieht, wo Thränen hervorzubrechen im Begriff ſind. — Aber ich liebe Anna noch! fuhr ſie fort; — ich werde es ihr nicht ſagen, daß ſie mich getödtet hat ... Das ſchöne Mädchen ſetzte ſich neben ſie und zog ſie an ihr Herz. — Und Sie thun wohl, ſie zu lieben, meine liebe Schweſter, ſagte ſie, — denn ſie iſt gut, wie Sie . armes Kind! Sehen Sie nicht, daß alle dieſe traurigen Erinnerungen, die Ihnen ſo wehe thun, Nichts find, als Träume? . Sie haben Ihre Seele gefoltert, mehr noch, als Ihren Kör⸗ per, die Grauſamen! .. . Hören Sie mir zu, Clarh, meine ſchöne Clary, Sie werden jetzt befreit ... Denken Sie nicht mehr an die traurigen Viſionen, welche Ihre Einſamkeit gequält haben . . . Alles das iſt nur Lüge, meine Schwe⸗ ſ — Ich habe es geſehen, flüſterte Miß Mae⸗Farlane bebend. Clary's Haupt neigte ſich auf die Bruſt. Ihre Hand, welche in Suſanna's ruhte, war feucht und eiskalt. Das ſchöne Mädchen verdoppelte ihre Liebkoſungen und ſanften Tröſtungen. Es lag darin eine ſo durchdringende Ueberredungskraft, daß dieſelbe endlich auf das verſchloſſene Herz der armen Clary wirkte. Miß Mac⸗Farlane wurde einen Augenblick ins Leben zurückgeführt, ſchlang ihre beiden Arme um Suſanna's Hals und ſagte weinend ihr Dank. * 413 Suſanna benutzte dieſen lichten Augenblick. — Jetzt find Sie ausgeruht, meine kleine Schweſter, ſagte ſie, — wollen Sie nicht Anna umarmen? — Anna! wiederholte Clary; — wer weiß, was aus ihr geworden iſt, kommen Sie recht ſchnell und ſuchen wir ſie auf. Miß Mac⸗Farlane war allein aufgeſtanden. Suſanna unterſtützte ſie ſchnell und wandte ſie von der Richtung nach der Hauptthür ab, auf welche ſie ſchon einige ſchwankende Schritte zugethan hatte. — Auf dieſer Seite ſind wir eingeſchloſſen, ſagte ſie; — kommen Sie, ich weiß einen andern Ausgang aber wir müſſen eilen, denn wir würden vielleicht dieſe Gelegen⸗ heit nicht mehr wiederfinden, wenn wir ſie jetzt nicht be⸗ nutzen . Sie waren durch das Zimmer gegangen. Suſanna ſtützte fortwährend Clary Mac⸗Farlane mit einer Hand, und griff dann auf einen Kupferknopf, der die Beſtimmung zu haben ſchien, die Falten einer Draperie zu halten. Sie drückte mit aller Energie ihrer faſt männlichen Kraft daran. Hinter dem Wandteppich ließ ſich ein Knarren vernehmen und eine maskirte Thür, welche mit dem verlaſſenen Hauſe Nr. 9 Wimpole⸗Street communicirte, öffnete ſich weit. — Sieg! rief das ſchöne Mädchen aus, nahm Clary ganz in ihre Arme und trug ſie ohne anzuhalten bis an die Hausthür von Nr. 9. Eine halbe Stunde darauf hielt ein Fiaker in Cornhill 414 vor dem Hauſe der Miſtreß Mac⸗Nab. Suſanna ſprang auf das Trottoir und betrachtete das Haus mit Thränen in den Augen. — O, wie oft habe ich es geſucht! flüſterte ſie; — jetzt werde ich den Weg hierher nicht vergeſſen. Sie klopfte. Anna kam und machte auf. Das ſchöne Mädchen küßte ſie auf die Stirn, bevor die erſtaunte Anna noch zur Beſinnung kommen konnte, darauf zeigte ſie nach dem Fiaker. — Ihre Schweſter iſt da drinnen, Anna! ſagte ſie. — Meine Schweſter! rief das junge Mädchen, ſich hinausſtürzend. Suſanna ſah ſie den Tritt des Wagens beſteigen und ihren Kopf an Clary's Buſen legen. Sie blieb einen Au⸗ genblick unbeweglich, dann ging ſie ſchnell über die Straße und ſtieg in ein Cab, das im Galopp nach dem Hotel der Lady Ophelia, Gräfin von Derby fuhr. Anna wollte ſich umkehren, um der Unbekannten, die ihr die Schweſter wiederbrachte, Dank zu ſagen. Sie ſah Niemand mehr am Hauſe. Aber eine ſanfte Stimme drang durch den Lärm auf der Gaſſe an ihr Ohr. — Ich werde wiederkommen! ſagte die Stimme. Anna ſah nach der Seite, von wo der Schall herkam. Sie ſah einen Kopf ſich aus dem Schlage eines Cabs nei⸗ gen, — einen ſchönen Kopf mit einem Madonnenlächeln. — Darauf trennte ſie die Menge; die großen Omnibus fuhren vorüber; Anna ſah Nichts mehr. 415 Am Abende waren die beiden weißen Betten, welche nebeneinander in dem von den beiden jungen Mädchen be⸗ wohnten Zimmern ſtanden, von ihren Eigenthümerinnen in Beſitz genommen. Miſtreß Mac⸗Nab ging von der einen zu der andern, küßte Clary, küßte Anna und dankte Gott in Thränen. — Beß, ſagte ſie, — o Beß! wo iſt mein Stephen? . . Suche mir Stephen auf der Stelle, damit er ſie alle Beide da ſehe. — Da kann man von Glück ſagen, antwortete Betſy — daß ſie auch alle Beide wiedergekommen ſind Das war eine Geſchichte, wenn ich daran denke! . O Herr Jeſus, das ganze Viertel hat davon geſchwatzt acht Tage lang .. . Was Maſter Stephen anbetrifft, fügte ſie mit be⸗ denklicher Miene hinzu, — Gott weiß, wo er jetzt iſt und was er macht, Maa'm! . Er iſt dieſe Nacht nicht heim⸗ gekommen und der Mann, mit welchem ich ihn habe aus⸗ gehen ſehen, — ich will nicht leichtfertig urtheilen, — hatte das Anſehen von Allem Andern, nur nicht von einem recht⸗ ſchaffenen Gentleman .. . Aber ſeit wann darf ich mir er⸗ lauben, die Handlungen des Maſter Stephen zu beurthei⸗ n Die alte Dame hörte nicht oder wollte nicht hören, ſie gab ſich ganz ihrer Freude hin. Waren ſie nicht alle Beide da, um die ſie ſo ſehr geweint hatte? Sie waren da. Aber das Attentat Bob Lantern's war nicht ohne Folgen geblieben. Wir kennen den Zuſtand der 416 unglücklichen Clary. — Wieviel Tage der Ruhe und des Glückes mußte es wieder bedürfen, um die traurigen Spuren ihres Dulderthums zu verwiſchen? Auch Anna war verändert. Glücklicher Weiſe war die in ihr vorgegangene Aenderung aber nicht ſo ſchmerzlicher Natur. Phyſiſch etwas Ermüdung, moraliſch .. Das war ein großes Geheimniß für Alle und für ſie am allermeiſten. Anna geſtand es ſich nicht; — wußte ſie es Eine kitzliche Frage. — So viel iſt gewiß, daß ihr unruhiger Schlaf in dieſer Nacht ihr nicht das Bild Stephen's hervorrief. — Oder wenn Stephen ihr im Traume erſchien, ſo hatte der junge Arzt eine Umgeſtaltung erlitten, die unſere Leſerinnen ſich nicht werden erklären konnen, er hatte nämlich die Züge eines Romanhelden angenommen, große ſchwarze Augen, welche ſchmachteten und von Liebe ſprachen, ein ſanfter Blick, ein melancholiſches Lächeln, ein Wuchs. den edlen und ſchlanken, anmuthigen und ſtolzen des ſchönen Cavaliere Angelo Bembo ... Tyrrel und der Doktor, als ſie Wimpole⸗Street ver⸗ ließen, hatten ſich eilig nach Whitechapel⸗Road begeben, um dem Rathe der Lords of the night beizuwohnen. Die Sitzung war, wie man denken kann, ſehr zahlreich und intereſſant. Die edle Verſammlung war ganz im Fieber. Man rechnete nur nach Millionen Pfund Sterling und wenn Jemand den Mund geöffnet hätte, um von einem Dutzend Tauſend Guineen und andern Bagatellen zu ſprechen, ſo wiſſen wir nicht, zu welchen Extremitäten es zwiſchen dieſem läſtigen Sprecher und dem ſpaniſchen Rohr mit Smaragd⸗ knopf des Lord Rupert Bel ... Viscount Cle der Reit⸗ peitſche des ehrenwerthen John Peaton oder ſelbſt der ehr⸗ würdigen Fauſt Peter Boddleſie's gekommen wäre, des de⸗ ſignirten Dekans von Weſtminſter. Natürlich war diesmal die wichtigſte Perſon bei der Sitzung William Marlew, Unterkaſſirer der Centralbank von England. Dieſer Gentleman, deſſen redneriſche und arithmethiſche Talente uns genügend bekannt ſind, rechnete an den Fingern heraus, daß es zwölfhundert Männer bedürfe und drei Nächte, um die Keller von Royal⸗Erchange auszuräumen. — Viel⸗ leicht irrte er ſich mehr oder minder, aber es iſt das nicht wahrſcheinlich, da er Mitglied und Correſpondent der Aka⸗ demie der Wiſſenſchaften in Chandernagor war und Vice⸗ präſident des Logarithmenklub's war. — In allen Fällen wurde ſtets ſeine Rechnung als richtig und unzweifelhaft angenommen. Es war nur noch zu ergründen, wie man zwölfhundert tänner auf einmal in die Bank hineinbringen ſollte. Von ſelbſt verſteht es ſich, daß die Familie in dem durch ſeine Wildheit verſchrieenem Stande der Kellerwächter hinreichend repräſentirt wurde. Darin log⸗bö die Schwie⸗ rigkeit nicht. — Aber zwölfhundert Männer!. Zwölfhundert Männer und drei Nächte. S. Boyne, Esg., der Banquier Fauntlevh, Sir George 18 418 Montalt und manche Andere verſuchten, Licht in die Frage zu bringen, aber ſie fielen gänzlich damit ab, trotz der loyalen und parlamentariſchen Beiſtimmung des Lord Rupert, der bei dieſer Gelegenheit auf ſehr pünktliche Weiſe ſein: Hört, Hört! anbrachte. — und doch, ſagte der ehrwürdige Peter Boddleſie, als er ſah, daß Jedermann unſchlüſſig war, — und doch iſt es Ehrenpunkt für uns, keinen Sirpence mehr in den Kellern zu laſſen. — Augenſcheinlich! ſagte Marlew. Jeder wandte ſich nach dem Oberhaupte, — Mr. Ed⸗ ward, — als ob ſein infallibles Gehirn für alle Schwierig⸗ keiten Löſungen in Reſerve haben müßte. Der Marquis von Rio Santo ſaß auf ſeinem Poſten, dem Präſidententhrone, aber er nahm an der Diskuſſton keinen Theil und unterhielt ſich ſehr angelegentlich mit Sir Paulus, Bembo, Smith, Falkſtone und dem Doktor Müller, der Niemand anders war, als unſer Bekannter Randal Graham. Dieſe fünf Lords waren die Camarilla des Mar⸗ quis und wir finden unter ihnen mit Ausnahme des kahlen Negers Abſalom, der damals ein Beobachtungsſchiff in dem Chineſiſchen Meere commandirte, und dem luſtigen König Lear, der in hohem Alter und hoher Tugend einige Jahre vorher geſtorben war, alle unſere Verſchworenen aus dem Eagle River. — Mylords, ſagte Rio Santo, — ich muß Sie davon benachrichtigen, daß ich, der mir von Ihnen neulich übertra⸗ 419 genen Vollmacht zufolge, heute das erſte und zweite Aufge⸗ bot der Familie in Thätigkeit geſetzt habe. — Es wäre zu weitläufig, Ihnen die verſchiedenen Rollen im Einzelnen aus⸗ einanderzuſetzen, welche unſere Leute dieſe Nacht an den ver⸗ ſchiedenen Punkten von London zu ſpielen haben: ich habe zu dem Ende zwei ehrenwerthe Mitglieder der Polizei, die ſich hier in der Verſammlung beſinden, um Rath befragt. S. Boyne, Esq. und der Kommiſſar der City verneig⸗ ten ſich zur Beſtätigung. — Im Fall des Unglücks, verſetzte der Marquis weiter, — muß die Aufmerkſamkeit der Regierung abgelenkt werden und ich will mich begnügen, Ihnen mitzutheilen, daß Alles in London zu einer furchtbaren Emeute verbereitet iſt, die auf das erſte Zeichen losbrechen kann. — Aber die fünfundzwanzig Millionen Sterling, wenn ich Ew. Herrlichkeit fragen darf? ſagte der ehrwürdige Peter Boddleſie, der das Solide nicht ſo leicht aus dem Auge verlor. Dieſe Unterbrechung mißſiel Niemandem. — Hört, hört! ſagte Lord Rupert. — Die fünfundzwanzig Millionen werden Sie bekom⸗ men. — Obwohl die Zeit mich drängt, will ich Ihnen mit⸗ theilen, was ich in dieſer Beziehung angeordnet habe. — An der Ecke von Princes⸗Street und in Cockbury, in Corn⸗ hill, in Cheapfide und in King⸗William⸗Street werden unſere Leute rush machen — an allen Orten, mit einem Worte, in deren Nähe man zu unſerem Tunnel kommen kann. In⸗ 420 deſſen wird eine Paſſage offen bleiben in Threadneedle⸗Street, wo unſere Wagen angeſpannt halten werden. Das Gas wird vor dem Sodawaſſer⸗Magazin und in der Sackgaſſe ausgelöſcht ſein. — Sir William Marlew wird mit zwei Wächtern, welche zu den unſrigen gehören, ſich im Innern der Vank aufhalten .. Ich muß Sir William darauf auf⸗ merkſam machen, daß Alles dabei von ſeinem Aplomb und ſeiner Gewandtheit abhängt. Er wird die Anzahl Männer unter ſeinen Befehlen haben, die er ſelbſt feſtſtellen mag, doch fordere ich ihn auf, zwanzig oder dreißig nicht zu über⸗ ſchreiten, weil Verwirrung hierbei das am meiſten zu fürch⸗ tende Hinderniß iſt. — Zwanzig oder dreißig! rief Marlew. — Denken Sie denn, Mylord, daß fünfundzwanzig Millionen Pfund Sterling, die ſechshundertfünfundzwanzig Millionen in fran⸗ zöſiſchen Gelde machen und in Dollars der Union . — Ich denke, Sir, unterbrach ihn der Marquis, daß unſer Tunnel nicht ſo breit iſt, als Regent⸗Street Bie Circulation würde, wenn man ſich der gewöhnlichen Mittel bedienen wollte, darin nur langſam ſein; das geringſte Hin⸗ derniß machte ſie unmöglich. Jede Verzögerung iſt bei einem Unternehmen, wie das unſtige, verhängnißvoll. Ich habe das bedacht. — Sie, Sir William, werden ſich im Innern der Bank nur damit zu beſchäftigen haben, daß die Gegen⸗ ſtinde bis in die innere Mündung unſeres Ganges gebracht werden. 421 Rio Santo hörte auf, ſich an den Caſſirer allein zu wenden und richtete das Wort an die ganze Verſamm⸗ lung. — Ich habe Folgendes beſchloſſen, fuhr er ſort, natürlich Ihre Beiſtimmung vorbehalten. Um das Gehen und Kommen in einem engen Gange zu vermeiden, in dem mit einer Uebereinſtimmung gehandelt und zu Werke gegan⸗ gen werden müßte, die man von unſern Leuten nicht erwarten kann, ſo habe ich gemeint, man müſſe eine doppelte Kette von Menſchen aufſtellen, die von der Bank bis nach Prince's⸗ Street reicht. Auf dieſe Art wird unſere Beute von Hand zu Hand ununterbrochen und äußerſt ſchnell am Orte ihrer Beſtimmung anlangen. — Burrah! tief John Peaton; — mein Ehrenwort darauf, der Gedanke iſt vortrefflich! — Ich ſchlage vor, gleich in dieſer Sitzung dem ſehr edlen Marquis einen Dank zu votiren, ſagte der Pair von England. — Es wird, wenn es mir erlaubt iſt, vor Ew. Herrlichkeit ein poetiſches Bild zu gebrauchen, es wird ein Goldfluß ſein, der ſeine Quellen in den Kellern der Bank a — und ſeine Mündung in unſeren Taſchen, unterbrach der ehrenwerthe John Peaton; — der Gedanke iſt prächtig, — ich wollte, es wäre ſchon morgen. — Vor dem Sodawaſſer⸗Magazin, verſetzte während deſſen Rio Santo, — am Ende von Prince's⸗Strett wird ſich die Vorhut unſerer Wagen befinden, beſchützt durch einen Haufen unſerer Leute. Sobald er beladen iſt, nimmt jeder Wagen den Galopp durch Threadneedle⸗Street, den Weg nach Leaden⸗Hall, dann nach Whitechapel⸗Road, — wo wir, auch wir, unſern Keller haben. — Und wer wird mit Bewachung des Transportes beauftragt ſein? fragte Moore. — Sie, Sir, und Sir Edmund Makenzie, antwortete Rio Santo. — Die anderen Anſtellungen nach Belieben der hier anweſenden Gentlemens, mit Ausnahme der Herren von der Polizei, deren Rolle vorgeſchrieben iſt. Es wäre gut, wenn Jeder verſönlich für die Sache etwas thäte und die Gruppen zuſammenhielte. — Und, Mylord, fragte der Doktor wieder, — wo wird während dieſer Zeit Ew. Herrlichkeit ſein? — Dort, wo es Arbeit und Gefahr gibt, Sir, entgeg⸗ nete Rio Santo; — Punkt elf Uhr Abends muß die Arbeit im Tunnel anfangen. Bis dahin bleibt Prince's⸗Street leer. Meine Befehle ſind gegeben. Die Polizei wird in andern Vierteln zur Genüge zu thun haben, als daß ſie daran denke, uns zu beunruhigen. Rio Santo ſtand auf. Die Lords der Nacht trennten ſich und es blieb am Orte der Verſammlung nur Jedidiah Smith zurück, mit dem Befehle, die Thüren des Purga⸗ toriums beim Einbruch der Nacht zu öffnen, damit die darin eingeſperrte Menge heraus ſtröme und im Augen⸗ 4²3 blicke der Kriſis die allgemeine Unordnung vermehren helfe. Rio Santo ſtieg wieder in ſeinen Wagen, mit Vembo und Randal Graham. Hinter ihnen in einem anderen Wagen folgten Falk⸗ ſtone und Sir Paulus, ſo daß die beiden Equipagen zu derſelben Zeit in Velgrave⸗Square ankamen. Es war vier Uhr Nachmittags. Die Zugänge von Iriſh⸗Houſe waren leer. Stephen und Perceval ſollten erſt eine Stunde ſpäter in Belgrave⸗Square Poſto faſſen. Als der Marquis und ſeine drei Gefährten in den Salon von Iriſh⸗Houſe traten, ſaßen zwei Männer beim Kamine. — Einer von dieſen Männern, neben dem ſich zu⸗ traulich der ſchöne Hund Lovely ſchmiegte, war der Laird Angus Mac⸗Farlane. Angus hatte den Kopf auf die Bruſt geſenkt; er ſchien tief in Gedanken verſunken und regte bei dem Eintritte der Angekommenen ſich nicht. 8 Der andere Fremde dagegen ſtand auf und grüßte den Marquis von Rio Santo ernſthaft. Es war ein vom Al⸗ ter bedrückter Mann mit offener, denkender Phyſiognomie, breiter, halbkahler Stirn, auf welche das Nachdenken tiefe Furchen gegraben hatte. Er hatte etwas vom Tribun und etwas vom Apo⸗ ſtel. Man hätte nicht ſagen können, ob dieſes energiſche Geſicht hinter ſich die milde und feſte Seele eines Friedens⸗ 224 richters oder das glühende Herz eines Krieg predigenden Prieſters habe. Rio Santo ging lebhaft auf ihn zu und berührte ſeine Hand mit einem Gemiſch von Herzlichkeit und Ehr⸗ furcht. — Seien Sie willkommen, hochwürdiger Herr! ſagte er, — ich erwartete Sie. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Vor der Schlacht. Der von dem Marquis mit dem Titel Hochwürden begrüßte Fremde antwortete dem zugleich ehrfurchtsvollen und herzlichen Tone, mit welchem es geſchah, mit ähnlicher Herz⸗ lichkeit und mindeſtens gleicher Ehrfurcht. In der That lag unter der energiſchen Kraft ſeines männlichen Geſichtes eine Art chriſtlicher Demuth. — Der begeiſterte Prieſter, der zu⸗ erſt das katholiſche Europa bewegte, herbeizueilen zur Er⸗ oberung des heiligen Grabes, muß dieſen zugleich beſcheidenen und glühenden Blick, dieſe breite, von dem Gedanken einer büßenden Entſagung gewölbte und doch zugleich von mäch⸗ tigem, unbezähmbaren, abſoluten Willen ſtrahlende Stirn ge⸗ habt haben. Die, welche Irland kennen und die edlen Häupter der Bewegung, welche es trotz der kräftigen Oppoſition eines 426 großen Mannes fortreißt, einen erbitterten Kampf gegen ſeine habgierigen und betrügeriſchen Unterdrücker zu beginnen; die, welche wiſſen, daß Daniel O'Connel ganz allein den Strom dämmt, und die Entfeſſelung des legitimen Haſſes und gerechten Zornes, der ſo lange Zeit jenſeits des Canals St. George aufgehäuft iſt, zu verſpäten im Stande iſt; die⸗ jenigen mit einem Worte, welche ſich nicht mit der Ober⸗ fläche der Ereigniſſe und den Worten der Menſchen begnügen, und in dem großen irländiſchen Tribunen eher einen Schild für England ſehen, als ein Werkzeug der Züchtigung und der Repreſſalien: dieſe werden den Namen und den hohen Charakter der neuen Perſon errathen, welche wir auf die Bühne bringen. — Die Anderen werden uns aufs Wort glauben, daß ſie Recht auf den Titel Hochwürden hatte und zugleich auf Jedermanns Ehrerbietung. — Ich habe meine armen Kinder abgehen ſehen, ſagte der Greis noch immer die Hand des Marquis haltend und ihn feſt anſehend; — ich habe nicht den Muth gehabt, ſie zurückzuhalten .. . Sie riefen ſie, Mylord, und ſind Sie nicht auch ihr Vater? .. . Verdanken ſie nicht Ihrer uner⸗ ſchöpflichen Wohlthätigkeit zum großen Theil ihr Leben und das ihrer Familien? ... Aber im Namen des Himmels, was iſt Ihre Abſicht? — Es ſind zehn Tauſend, nicht wahr, gnädiger Herr? fragte Rio Santo. — Es ſind zehn Tauſend, Mylord, und noch mehr wären gekommen, wenn die Reiſekoſten nicht wären. Ich 427 weiß nicht, ob es gut iſt, aber unſere Landleute in Connaught verlieren das Vertrauen zu den Verſprechungen des großen Befreiers . Sie hoffen auf Sie, der ihnen Brod gibt, anſtatt einen Zehnten von ihrem Elend zu erheben .. Auch ich, Mylord, hoffe auf Sie, aber ich möchte verſichert ſein, daß Ihr Muth Sie nicht fortreißt, Sie und meine armen Kinder Irlands fortreißt zu einem ungleichen Kampfe, deſſen Nittel die Welt verdammen würde und Gott ſelbſt .. — Gnädiger Herr, warten Sie bis morgen, unterbrach ihn Rio Santo mit einer gewiſſen Bewegung in der Stimme; — der Brief, welcher mir die Ankunft unſerer irländiſchen Brüder ankündigte, meldete mir auch die Shrige Morgen werde ich Ihnen erklären . Morgen ſollen Sie Alles erfahren .. . — Und bis morgen? fragte der Greis. Indem ſie mit leiſer Stimme ſprachen, hatten ſie ſich von dem Kamine entfernt, an welchem jetzt die übrigen An⸗ weſenden ſaßen, nämlich Waterfield, Randal und Bembo in einer einzigen Gruppe und Angus, der ſeine düſtere, ab⸗ geſchloſſene Haltung wie gewöhnlich beibehielt, etwas ab⸗ ſeits. Auch Bembo war traurig und zerſtreut. Er fuhr mit der Hand durch das lange Seidenhaar des ſchönen Lovely und ſchenkte ſeinen beiden Gefährten, die abgeriſſene Worte mit einander wechſelten, wenig Aufmerkſamkeit. — Signore, ſagte endlich Paulus, — man behauptet, Sie wüßten mehr als wir über mancherlei Dinge. Könnten 428 Sie uns ſagen, wer dieſer gnädige Herr iſt, mit dem der Marquis ſpricht? Bembo hörte nicht, oder wollte nicht antworten. Außer Rio Santo ſelllſt verachtete und verabſcheute er Alle, die an der Aſſociation Theil nahmen. Waterfield wußte jetzt eine Lage Phlegma mehr auf ſeine ſonſtige brutale Heftigkeit zu legen; aber ſobald das Auge der Welt nicht auf ihn geheftet war, wurde er immer wieder etwas der rohe Büffeltödter vom Eagle⸗River. — Nun, Signore, verſetzte er mit einem roh ſarkaſti⸗ ſchen Lachen, — laſſen Sie Lovely, ihren Rival in der Gunſt Sr. Herrlichkeit, in Ruhe und antworten Sie Denen, die mit Ihnen ſprechen. Bembo richtete langſam ſein großes ſchwarzes Auge voll Gleichgültigkeit und Verachtung auf ihn, — dann begann er wieder ſchweigend in dem Behange Lovely's zu ſpielen. — Gleich und gleich geſellt ſich gern! murmelte Paulus. Ein leichtes Lächeln umſpielte den leiſen braunen Flaum, welcher die Lippe des Cavaliere umſchattete. — Sir, ſagte er, — ſo lange es hier keine große Auswahl gibt, Don Joſc, ſeinen Begleiter und dieſen Gent⸗ leman ausgenommen — er verneigte ſich bei dieſen Worten gegen den Laird — ſo danke ich Ihnen, daß Sie mich nicht mit Schlimmerem als Lovelh verglichen haben. 429 Sein ſpöttiſcher Blick, der ſeine Gedanken ergänzte, glitt von Paulus zu Randal und von Randal zu Paulus. Der Letztere machte eine heftige Geberde des Zornes. — Randal hatte den Blick auf den Laird gerichtet. — Ruhe! flüſterte er, Paulus Arm drückend. — Nun, Mac⸗Farlane, fügte er laut hinzu, — wer zum Teufel hat Ihnen den Schädel ſo bearbeitet? Dieſe Frage wandte Waterfield's Aufmerſamkeit ab und ſelbſt die Bembo's, der den Laird geſtern, in dem Augen⸗ blicke, in welchem er aus Iriſh⸗Houſe entfloh, nur halb ge⸗ ſehen und jetzt nicht wieder erkannte. Bembo ſo wie Pau⸗ lus bemerkten erſt jetzt die Wunden ohne Zahl, welche den Schädel und das Geſicht Mac⸗Farlane's bedeckten. Dieſer nahm das Schüreiſen und ſtocherte im Feuer. — Es ſind jetzt fünfzehn Jahre, daß er eines Abends nach der Meierei von Leed kam, flüſterte er, — die Blicke auf Randal heftend; — das war eine Nacht des Unglücks. Er bezauberte mich ... Seit dem bin ich ein Miſſethäter O, tödten laſſen, iſt tödten .. Ich bin der Mörder Mac⸗Nab's . Und jetzt ... meine Kinder, meine Kin⸗ Er ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken. — Ich will ſterben, ſagte Randal mit leiſer Stimme, — wenn dieſer Verrückte nicht etwas im Sinne hat Er brütet über irgend einem ſchlechten Streiche! — Was kann er thun? ſagte Paulus achſelzuckend. Bembo war aufgeſtanden und nach einem Fenſter 430 gegangen, das auf Belgrave⸗Place hinausging. Der Boden und die kahlen Bäume des Square waren mit Schnee be⸗ deckt. Bembo bemerkte nicht ohne Ueberraſchung auf dieſem gleichmäßig weißen Grunde mehre dunkle Geſtalten, die bald unbeweglich waren, bald ſich rührten, ohne von der Stelle zu gehen, wie Leute, die mit den Füßen ſtampfen. — Dieſe ſchwarzen Gegenſtände waren übrigens ſehr unbeſtimmt, weil es ſchon dunkel war und das Gas noch nicht angezündet. Bembo konnte ſich innerlich einer unbeſtimmten Beſorgniß nicht enthalten. Er wandte die Augen nach Rio Santo hin, um ihm die Schatten zu zeigen, welche auf dem Schnee bei einer eifigen Temperatur zuſammengetreten, weder Vorübergehende noch Spaziergänger En nnten, — aber der Marquis war ganz Ohr für die ugterhaltung git dem Fremden. Außer dem Manfüis aber war nur noch Lovely da, an den der Cavgiere ſich ritſchließen. konnte, das Wort zu richten, und GLovely, ſo klug er auch ſein mochte, hätte wahrſcheinlich doch die Befürchtungen des Cavaliers nicht begriffen. Die ſchwarzen Geſtalteg, welche auf dem Schnee ſicht⸗ bar wurden, waren Diyng Ardagh und ſeine von Stephen abgeſchickten Gefährten. Der junge Arzt und Frank Per⸗ ceval hielten ſich ein wenig entfernt und waren durch die innere Krümmung des Parks des Square verdeckt. Rio Santo und der alte Herr kamen langſamen Schrittes zum Kamine zurück. ⸗ 3 —z————— — 431 — Denken Sie daran, Mylord, ſagte der Greis mit feierlicher Stimme, — das Schwert Gottes muß ohne Flecken ſein und die Wege der Vorſicht, ſo geheimnißvoll und ſchlangenartig ſich auch häufig ſein mögen, berühren doch niemals den Weg der Hölle .. Sie ſind mächtig und Ihr Muth hat einen edlen und großartigen Plan entworfen. Aber mögen die Mittel auch ebenſo rein ſein, als das Ziel groß! ... Auf morgen alſo, Mylord; ich rechne anf Ihr Verſprechen; morgen werde ich erfahren, ob meine armen Kinder, welche in Ihrem Londoner St. Giles ein noch größeres Elend gefunden haben, als in Irland ſelbſt, ihre Arme und ihre Herzen Ihnen weihen, Ihrem Wege blind⸗ lings folgen und, mit Ihnen ſterbend, als Chriſten ſterben können. — Morgen, gnädiger Herr, antwortete Rio Santo, — werde ich kein Geheimniß mehr vor Ihnen haben. Er geleitete den Greis bis an die äußere Thür von riſh⸗Houſe und wer nahe genug geweſen wäre, würde ihn 5 im Dunkel die Hand haben küſſen ſehen, welche er eben noch in der ſeinigen gehalten hatte. In dem Augenblicke, wo er allein wieder über die Schwelle des Salons zu treten im Begriff war, hielt er inne und lehnte ſich nachdenklich an die Thürpfoſte. — WMorgen! murmelte er nach einigen Sekunden. —O, dieſer Mann hat Recht! Das Schwert des Herrn muß rein und ohne Flecken ſein .. . aber was ich Gutes ge⸗ than habe, wird, wenn es in die Wagſchale geworfen wird, 432 vielleicht das Uebergewicht über meine Sünden haben . . Und dann habe ich zwanzig Jahre gewartet. Exr ſchüttelte ſo heftig das Haupt, daß die Locken ſeines reichen Haares ich bewegten, wie die ſtarrende Mähne eines Löwen. Sein Nacken hob ſich. — Als er wieder in das Zimmer trat, hätte man in der ſtolzen, unbezähmbaren Ent⸗ ſchloſſenheit in ſeinem ſtrahlenden Blicke nicht den Schauer der Befürchtung und des Zauderns vermuthet, der eben durch ſeine Seele gegangen war. — Mein Bruder Angus, ſagte er zum Laird, ihm die Hand reichend, — ich bin ſehr glücklich, Dich zu ſehen. Du würdeſt mir bei dieſer Verſammlung aller Derer gefehlt haben, welche einen Theil meines Geheimniſſes kennen. — Dir mein Bruder, habe ich es vor Zeit ganz offenbart. — Vor fünfzehn Jahren, — 4 der Nacht — in der Meierei von Leed, ſagte Mac⸗ Farlane mit dumpfer Stimme. Zu gleicher Zeit erwiederte er mit krampfhafter Sewah den Druck von Rio Santo's n. Randal Graham ſchüttelte den Kopf mit einer Mien: der Befürchtung und des Zweifels. — Hört mich an, Freunde, verſetzte Rio Santo mit vor Freude ſtrahlender Begeiſterung, — hört mich an! Die Stunde iſt gekommen, wo Euch Nichts mehr verborgen bleiben ſoll . Vor zwanzig Jahren habe ich, — ich allein, im Namen meines geſtorbenen Vaters und des unter⸗ drückten Irlands England den Krieg erklärt . . Seit zwanzig 433 Jahren führe ich ihn unaufhörlich .. . Heute Nacht will ich eine regelrechte Schlacht liefern und das Geſchick des Krieges nit einem einzigen Schlage entſcheiden .. Ich habe Euch zu meinen Heeresführern gewählt. — Dank! ſagte Bembo. Randal und Paulus traten näher. Der Erſtere, ein intelligenter und energiſcher Menſch, hatte ſich mit Wiſſen und Willen dem Marquis ergeben, der andere war von ihm unbewußt unterjocht worden. Die überlegene Geiſtesmacht des Marquis hatte den vollkommen⸗ ſten Einfluß auf ihn geübt. Er war um ſo mehr ergeben, als dieſe inſtinktmäßige Ergebenheit ihren Urſprung in ſeinem Kopfe und in ſeinem Herzen hatte. Der Laird kreuzte die Arme über die Bruſt und ſagte kalt: — Alſo dieſe Nacht! Es iſt gut, mein Bruder Fergus! Es iſt mir lieb, daß ich gekommen bin. — Alles iſt bereit, ſagte Rio Santo; — die geduldig — ombinirten, ſeit ſo lange vorbereiteten Maßregeln werden nun alle auf einmal den Zielpunkt treffen .. . Glaubt nicht, daß Ihr als ergebene Opfer in den Kampf gehet, der Sieg iſt uns gewiß, — ſicherer als wenn ich Nikolaus oder Fer⸗ dinand hieße und hinter mir die Soldaten Rußlands oder Oeſterreichs hätte . . . Zu dieſer Stunde, wo ich mit Euch ſpreche, erwartet bewaffnet Irland das Signal zum Kriege; Wallis iſt bereit aufzuſtehen und verheimlicht die weitver⸗ zweigte Verſchwörung ſeiner Bauern unter grotesken Maske⸗ W. 19 434 raden, es ſchärft ſeine Waffen, während man es damit be⸗ ſchäftigt glaubte, die neuen Mauern der Zollhäuſer mit Kari⸗ katuren zu bedecken; Birmingham und die Manufakturen⸗ Geſellſchaften ſind in Bewegung für die Volkscharte; — don aus, um in ihre Reihen zu treten und zu marſchiren. — Um London herum endlich haben unzählige Meetings gleichfalls die Volkscharte proclamirt und der neue Name der Chartiſten hat die Miniſter des Königs im Geheimen⸗ rathe zum Zittern gebracht .. . In London ... O, in London, da ſind wir erſt ſtark! Heute noch haben verhängnißvolle Gerüchte die Börſe in Unruhe verſetzt. England glaubt ſich von einer zweiten Continentalſperre bedroht. Es ſcheint, als ob der Geiſt Na⸗ poleon's durch den Marmor ſeines fernen Grabſteins dränge, das Meer überſchritten habe, um allen Europäiſchen Kabi⸗ fünfzig Tauſend Soldaten erwarten nur einen Ruf von Lon⸗ netten Gedanken von Haß und Krieg zuzuflüſtern .. . Wißt, man fürchtet ſich; der Handel ſtockt; die Kapitalien, dieſes Blut in Englands Adern, werden aufhören umzugehen; v Koloß wird von der Paralyſie befallen werden .. . Und ge⸗ rade in dieſem Augenblicke ſoll nun ein plötzlicher und un⸗ erwarteter Angriff auf ihn geführt werden . . . Während die oſtindiſche Compagnie unter den zahlloſen Schlägen erliegt, welche ſie getroffen haben, während ſie den Verluſt ihres Comtoirs, ihrer Schiffe, ihrer hundert Millionen jährlich, welche der Kaiſer von China durch ſein Edikt gegen das Opium ihnen raubt, während ſie neue Soldaten anwirbt, 435 um die tauſend kleinen Kriege zu erhalten, welche vereinzelt oder vereint ihr die beraubten Rajahs Hindoſtans liefern, während ſie mit einem Worte ſich erſchöpft, ſich gegen ent⸗ fernte Angriffe zu vertheidigen, ſteht Krieg und Plünderung vor ihren Thoren. ... — Und Alles das haſt Du gethan oder thuſt es, nicht wahr, mein Bruder Fergus? ſagte der Laird. — Ja, ich, — ich allein, antwortete Rio Santo, deſſen Blick von einem Strahle des Stolzes leuchtete. — Und wir, was ſollen wir thun? fragte Bembo, der vor Eifer und Ungeduld zitterte. — Mein Bruder Fergus iſt ſehr ſtark, antwortete der Laird, bevor Rio Santo antworten konnte, — wenn er ſpricht, gehorcht man ... Habe ich nicht vergeſſen, weil er mir ſagte: vergiß! Meinen Haß gegen den Henker meiner Schweſter vergeſſen! .. . O, es iſt mir lieb, daß ich gekom⸗ men bin! 6 Rio Santo ergriff ſeine Hände und drückte ſie ihm. — Dank, mein Bruder! ſagte er bewegt; — und auch ich fühle mich glücklich, Deine Hand in der Stunde der Gefahr berühren zu können, da ich Dich unter Allen aus⸗ gewählt habe, Dir mein Herz zu ergießen und Dich zu lieben. Die Hand des Laird erzitterte leicht; ſeine Wunden wurden ſo roth, daß das Blut ſich beinahe Bahn brach. Rio Santo fuhr fort: — Die Compagnie, das iſt halb England .. Die 19* 436 andere Hälfte, die edeln Theile dieſes großen Körpers, Kopf und Herz, die Regierung mit einem Worte, ſind mit derſel⸗ ben Energie untergraben, mit derſelben Heftigkeit getroffen . . In dieſem Augenblicke ſind die Parlamente verſammelt; man ſchweigt in beiden Häuſern darüber, man fürchtet tödtliche Enthüllungen auf die Rednerbühne zu bringen; Whigs und Torys laſſen aus ſtillſchweigender Uebereinkunft dieſen Irr⸗ garten von Verlegenheiten und Hinderniſſen bei Seite liegen, in den, wie ſie es nennen, das Verhängniß England hin⸗ eingerathen hatte laſſen .. Sie ſagen nicht, daß Papineau, der berühmte Amerikaniſche Agitator, der verſammelten Kam⸗ mer von Niedercanada präſidirt und ſiegreich gegen ihre Herrſchaft über einen Landſtrich ankämpft, der ſo groß iſt, als Europa .. Sie ſagen nicht, daß die Vereinigten Staaten drohen, — und daß auf allen Punkten des Erdballs zu gleicher Zeit ſich ein Sturm erhebt, der ſtärker wird und in der Ferne den Horizont verdunkelt, die ſtolze Sonne Alt⸗ Englands, deſſen Boden unter den Schritten ſeiner Söhne erzittert, ſchon verhüllend .. O, wenn ſie es auch nicht ſagen, ſo wiſſen ſie es doch⸗ Es bedürfte der Geſundheit, Jugend und Lebenskraft, wenn England den Angriffen von außen ſollte widerſtehen können und Alles iſt hinfällig, verbraucht, gealtert. — Der Paupe⸗ rismus, durch das Laſter vergiftet, breitet überall ſeine Wunde aus. Arbeitsloſigkeit — Berge Gold und kein Brod .. Anſtatt der Kraft endlich, ſich ſtark zu halten und der Gefahr gegenüber zu ſtehen, findet man Nichts als Schwäche und Apathie, die Folge des dreifachen Uebels, das in: Ar⸗ muth, Chartismus, Irland beſteht. Als ob Gott der Welt durch ein furchtbares Beiſpiel hätte zeigen wollen, daß die Völker ſind wie die Menſchen und die politiſchen Ausſchweifungen wie die Privatorgien durch ſchmachvollen Ausſatz beſtraft werden! Nun gut, auf dieſen erſchöpften Körper ſollen heute unſere Schläge fallen ... Wir ſind jetzt bei Macht .. Wir ſind faſt zu ſtark, auf mein Wort und ich würde faſt errö⸗ then, anzugreifen, wenn die Sache nicht ſo heilig wäre, — denn unſere Soldaten ſind im Gefechte wie zwanzig gegen Einen . . . Zählen Sie unſere Armee: Spital⸗Fields hat heute Abend in London ſeine Tauſende von verwegenen, un⸗ ruhigen, durch die neuerliche Arbeitslohnherabſetzung gereizten Weber loslaſſen müſſen; St. Giles hat ſeine Höhlen geöffnet und ſeine unzähligen Gäſte hinausgeſandt wie eine wüthende Ueberſchwemmung, die kein Damm zurückhalten kann; Irland hat uns zehn Tauſend Soldaten geſchickt, welche meine Be⸗ fehle erwarten; die Familie endlich, zu deren Oberhaupt ich mich gemacht habe, um ihre mächtigen Quellen gegen den Feind zu benutzen, die Familie, deren Mitglieder kaum im Stande ſind, ſich zu zählen, wird meinen Abſichten dienen, ohne es zu wiſſen .. . Was ſagen Sie zu unſerer Armee? — Ich ſage, daß man Sie zuweilen zu errathen glaubt, Mylord, antwortete Bembo, — wie Kinder, die niemals das unermeßliche Meer geſehen haben nach allen Richtungen hin den Weiher ihres Dorfes ausdehnen und ſagen: ſo iſt das 438 Meer, — aber Ihr Gedanke iſt ſtets über dem, was man ſich einbildet, ebenſo ſehr als der Ocean größer iſt, als ein vergrößerter Weiher. — Es iſt eine erhabene Combination! fügte Randal mit nachdenklicher Miene hinzu. — Gott verdamme mich! ſagte Waterfield, — es be⸗ darf ſo viel nicht, um einige Hundert Horſe⸗Guards, Life⸗ Guards und große rothe, blaue oder weiße Schufte zurecht zu ſetzen. Der Laird hob ſachte den Kopf. — Ja, ja, murmelte er, mein Bruder Angus ſetzt Alles durch, was er will ... Seit zwölf Jahren iſt Mac⸗Nab todt und ich habe ihn noch nicht gerächt .. . Wenn man im Stande iſt, die Rache eines Menſchen zurückzuhalten, ohne ihn zu tödten, dann iſt man ſo ſtark als das Schickſal . Aber lügt die Stimme der Träume? ... Jetzt iſt's Mac⸗ Nab und meine beiden Töchter ... Es iſt mir lieb, daß ich gekommen bin. Dieſe letzten Worte verloren ſich unbeſtimmt und ver⸗ wiſcht in dem Geräuſch, welches er mit der Feuerzange in dem leuchtenden Kok machte, der das Gitter des Kamines zum Glühen brachte. Niemand gab Acht, ausgenommen etwa Randal, der ſtets Mac⸗Farlane mit unruhiger, argwöhniſcher Miene anſah. Rio Santo, der bis dahin mit Wärme und Begeiſterung 439 geſprochen hatte, ſammelte ſich einen Augenblick und verſetzte mit ruhiger Stimme: — Nun, Freunde, will ich Ihnen Ihre Poſten bei der Schlacht anweiſen: — Angelo, Sie begeben ſich auf der Stelle nach der Ecke von St. James⸗Street, die in dieſem Augenblicke von der Menge angefüllt iſt. Dort ſind die Leute von der Familie in großer Anzahl und fünfhundert Frländer, die unter ihren Kleidern Waffer tragen. Die An⸗ führer tragen ein Schnupftuch um ihren Hut. Sie erwarten ihren Koimandanten: Sie geben ſich mit der Parole: Erin zu erkennen, — darauf warten Sie, ſich ſoviel als möglich dem Buckinghampalaſte, wo der König iſt, nähernd. — Und worauf warte ich? fragte Bembo. — Sie warten, bis ein Kanonenſchuß Ihnen das Signal gibt, den Palaſt des Königs anzugreifen. — Gut, Mylord, ſagte Bembo, — Sie können auf mich rechnen. — Sie, Paulus, fuhr der Marquis fort, — Sie be⸗ geben ſich nach Whitehall und übernehmen die Admiralität, das Schatzamt und die Horſe⸗Guards ... Sie werden dort Subalternoffiziere finden, die Sie erwarten und an Leuten fehlt es Ihnen gleichfalls nicht. — Die Parole iſt dieſelbe? fragte Paulus. — Dieſelbe, ebenſo das Signal. — Meiner Treu, O'Breane, — oder Mylord, wenn Sie das lieber hören, — rief der ehemalige Büffeltödter aus, — ich muß Ihnen ſagen, daß ich mich über das grüne 440 Irland ſo luſtig mache, wie über die Antipoden, aber ich werde Alles thun, was Sie wünſchen . . . Das iſt eine ab⸗ gemachte Sache . . . — Sie, Randal, fuhr Rio Santo wieder fort, — Sie übernehmen die beiden Parlamentshäuſer und beſonders die Miniſter, welche zu Gefangenen gemacht werden müſſen. — Smith und Falkſtone, welche es ſchon wiſſen, werden die Büreaur der Indiſchen Compagnie und Somerſet⸗Houſe ein⸗ ſchließen. — Die anderen Etabliſſements der Regierung werden es mit unſeren Irländern und der Emeute zu thun bekommen. — Und Sie, Mylord? fragte Randal. — Ich, antwortete der Marquis, — ich gebe Ihnen das Signal mit den alten Kanonen des Towrs von Lon⸗ don, in den einzudringen ich die Mittel habe. — Ah .. murmelte der Laird, der unbeweglich und mit i Angen horchte. — Du, mein Bruder, entgegnete Rio Santo, Du fulgſ mir überall. In einem ſolchen Augenblicke dürfen wir uns nicht trennen. — Ich bin es zufrieden, ſagte der Laird. Rio Santo ſah 1 der Uhr, die acht Uhr und ſtand auf. 3 — Es iſt Zeit, uns zu trennen, S ſagte er; — auf Wiederſehen, Angelo, mein geliebter Sohn, Gott ſegne Sie. — Auf Wiederſehen, Freund Randal, und Sie 441 mein tapferer Waterfield . . ich hoffe, wir werden uns bald wieder finden. — — Möchten Sie ſich nicht irren, Mylord, flüſterte Bembo bewegt. Ich ſage Ihnen aus vollem Herzen, daß der Augenblick, wo ich Sie wiederſehen werde, einer der ſchönſten meines Lebens ſein wird. Er drückte die Hand, welche ihm Rio Santo hinreichte. Randal und Paulus thaten desgleichen und alle drei gingen durch die Hinterthür, welche nach Belgrave⸗Lane hinausführt, um ſich auf ihre Poſten zu begeben. Angus und der Marquis blieben allein. Der Letzere ſteckte unter ſeine Kleidung ein Paar ſchöne Piſtolen und einen kurzen Dolch in den Buſen. Während er ſo beſchäftigt war, ging der Laird blaß und auf den Beinen ſchwankend durch den Saal nach dem Fen⸗ ſter und öffnete daſſelbe. — Befindeſt Du Dich nicht wohl, Angus? fragte Rio Santo. Dem Laird ſtanden die dicken Schweißtropfen auf der Stirn. — Joa, mein Bruder OBreane, ſtotterte er; — o, ich befinde mich unwohl ... weil ich Dich noch liebe „ ich liebe Dich .. . o, wenn Du wüßteſt, wie ich Dich liebe! Der Laird hielt ſich den Kopf mit beiden Händen, ſeine Stimme zitterte. — Mein Gott, mein Gott, verſetzte er; — die Kraft 19** 442 fehlt mir ... Ich will nicht mit Dir gehen, — nein! . Die Stimme der Träume .. . — Immer wieder! unterbrach ihn der Marquis mit einem Lächeln; — iſt Dein Fieber nicht zu Ende? ... — Mein Fieber? wiederholte Angus, — deſſen Blicke irre wurden; — horch! ... weiß ich, warum ich Dich liebe? . Eben noch war ich entſchloſſen ... Jetzt aber, o, mein Bruder, ich bitte Dich, gehe nicht! Rio Santo verſtand das falſch. Er glaubte, daß dieſe plötzliche Furcht auf die Gefahren Bezug hatte, welche der Kamnpf, den ſie beginnen wollten, mit ſich führte. — Pfui, Mac⸗Farlane, ſagte er, — das iſt Weiber⸗ furcht .. . Wenn ich ſterbe, wirſt Du nicht mit mir ſterben wollen? Er ging nach dem Fenſter und wollte des Lairds Hand drücken. — Dieſer warf, einer unüberwindlichen Rührung zum Raube, ſich weinend in ſeine Arme. Die ſchwarzen Schatten bewegten ſich auf dem Schnee, wie Soldaten, die in Schlachtordnung ſtehen, auf das vor⸗ bereitende „Achtung!“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der letzte Schritt. Kaum hatte Angus Mac⸗Farlane des Marquis Rio Santo Wange berührt, ſo warf er ſich heftig rückwärts. In ſeinen Mienen und Augen, die ins Leere ſtierten und immer irrer blickten, gab ſich Entſetzen kund. — Judas! Judas! ſtammelte er, — ich habe meinen Bruder auf die Wange geküßt .. Der Marquis war nach dem Kamine zurückgekehrt und klingelte. — Auf der Stelle ſoll angeſpannt werden, ſagte er zu dem eintretenden Groom, ich will meinen Lilbury und mein beſtes Pferd. Der Bediente ging. — Einige Minuten darauf ſtieg Rio Santo die Rampe von Iriſh⸗Houſe hinab und ſchleppte, buchſtäblich, den Laird hinter ſich drein. 444 Unten ſtand ein eleganter Tilbury mit einer Stute da⸗ vor, in welche Lord John Tantivy ſich auf den erſten An⸗ blick zum Raſen verliebt haben würde. Das edle Thier brüſtete ſich ſtolz, ſcharrte mit den Vor⸗ derfüßen im Schnee und hob ſeinen nervigen Hals in die Höhe. — Steig ein, Mac⸗Farlane! — ſagte Rio Santo. Der Laird blieb unbeweglich. An dem Gitter des Square entlang entſtand eine lang⸗ ſame, kaum bemerkbare Bewegung unter den Männern, welche dort mehr als drei Stunden warteten. Sie glitten leiſe auf dem an dem Gitter gelegten Trottoir hin und befanden ſich bald dem Eingange von Iriſh⸗Houſe gegenüber. Frank Perceval und Stephen, welche ferner ſtunden hin⸗ ter der Ecke des kleinen Parks von viereckiger Form, der den Mittelpunkt des Square bildet, gingen über den Fahr⸗ weg hinüber auf das an den Häuſern entlang laufende Trottoir. Als ſie erſt dort waren, näherten ſie ſich vor⸗ ſichtig dem Tilbury. Rio Santo, der um das Pferd herumgegangen war, um ſeinem Lieblingsthier zu liebkoſen, kam in dieſem Augen⸗ blick zurück und ergriff den Laird beim Arme, indem er ſagte: — Nun, Bruder, mach' geſchwind! Mac⸗Farlane entriß ſeinen Arm der Umſpannung und trat einen Schritt zurück. 445 — Nein, nein, nein! ſagte er; — was kümmert mich die Stimme der Träume? Rio Santo ſah ihn feſt an. — Was haſt Du denn, Angus? fragte er, — die Zeit drängt .. Willſt Du nicht mit mir kommen? — Ich will, mein Bruder! O, mein Bruder Fergus, habe Mitleid mit mir! . . . Geh' wieder ins Haus hinauf! .. . Schnell .. Ich will Dir Alles ſagen .. . Wenn Du wüß⸗ teſt Rio Santo zauderte einen Augenblick, — nicht daß er nur den Schatten einer Befürchtung gehabt hätte, ſondern weil er Angus ſo ſehr als jemals liebte und den Grund ſeiner außerordentlichen Verwirrung wiſſen wollte. Aber ein Zwiſchenereigniß von ſolcher Art konnte ihn nicht lange auf⸗ halten. Er ſah nach ſeiner Uhr, und ſetzte den Fuß auf den Tritt des Tilbury. — Bleib oder komm, Bruder! — ſagte er, — nach Deinem Belieben, aber beeile Deinen Entſchluß, denn die Minuten ſind gezählt. Angus warf verſtohlen einen Blick um ſich und ſah die dunkeln Geſtalten von allen Seiten ſich nähern und durch ein langſames Manövre ſich ſo vertheilen, daß ſie den Tilbury umgaben. Er ſprang Rio Santo nach auf den Wagentritt. — Nun ja .. ſagte er, — fort, aber fort im Galopp, ſage ich Dir . .. ſchneller als Galopp! Rio Santo ergriff die Leine und hob den Kopf um 446 die Richtung, die er nehmen wollte, zu wählen, da bemerkte er zum erſten Mal zwei bis drei Männer mitten auf dem Wege. Jetzt erſt faßte er einen unbeſtimmten Argwohn. — So fahr doch zu, Bruder, um des Himmelswillen! rief Angus, deſſen Aufregung zu wachſen ſchien. Der Marquis hatte Zeit, noch einen Blick rings um ſich herum zu werfen. Er hatte zur Rechten, zur Linken, auf dem Fahrweg wie auf den Trottoirs, überall mit einem Worte Menſchen vertheilt geſehen, die ihn zu erwarten ſchienen. — Das iſt ſeltſam! flüſterte er. — O, ſo fahre doch zu, Bruder! .. . ſagte Angus und zitterte an allen Gliedern. Rio Santo heftete den Blick auf ihn und ſah ſeine verſtörten Züge den Parorismus einer furchtbaren Angſt ausdrücken. — Mylord, Mylord, ſagte in dieſem Augenblicke ein Groom, der ſchnell die Stufen des Hauſes herabkam; — dieſe Menſchen, die von ferne Ew. Herrlichkeit umgeben, find bewaffnet; ich weiß es gewiß .. . ich habe es geſe⸗ hen. — Ja, ja, unterbrach Angus; — fahre ihnen gerade auf den Leib, mein Bruder .. . Iſt Dein Pferd gut? .. Rio Santo maß mit ſchnellem Blick das zu durchfah⸗ rende Terrain und die Zwiſchenräume, welche durch die 447 Männer freigelaſſen waren, die man ihm als ſeine Feinde bezeichnete. — Clary, mein Thier! ſagte er leiſe. Die Stute ſtellte ſich ſtraff auf ihre Füße, hob den Hals in die Höhe und ſpitzte aufmerkſam die Ohren. — Clary! ſtotterte der Lord, die Hand auf ſein Herz legend, das ihm zerſpringen wollte. Rio Santo ließ den Zügel ſchlaff und ſagte mit halber Stimme: — Hopp, Clary! hopp, mein Thier! Die Stute flog über den Schnee dahin. — Clary! Clary! wiederholte der Laird. — O, o, Clary! ... Ich hatte vergeſſen . . Was haſt Du mit ihr gemacht, O'Breane? Er war aufgeſtanden, entriß den Händen des Marquis die Zügel und zog ſie mit aller Kraft an, ſo daß der ſchon vorwärts gegangene Tilbury beinahe bis an Iriſh⸗Houſe wieder zurückgeſchleudert wurde. Die von Stephen und Perceval abgeſchickten Leute waren bis zu dieſem Augenblicke, ſowie die beiden jungen Männer ſelbſt unentſchloſſen geblieben, da ſie das zwiſchen ihnen und dem Laird verabredete Signal erwarteten. Jetzt, wo er den Wagen zurückzwang, bewegten ſie ſich alle auf ein Mal und der Tilbury war in einem Augenblicke umzingelte — O, mein Bruder Fergus, verſetzte Mat⸗Farlane mit 448 lauter Stimme, — was haſt Du mit Clary gemacht, und mit Anna? Dieſe wüthenden Klagen waren für Rio Santo ein Räthſel. Sein erſter Gedanke war, er ſei von Polizeimännern umgeben und Smith oder ein anderer habe ihn verrathen. Er blieb, anſcheinend ruhig, auf den Kiſſen des Til⸗ bury ſitzen, während Mac⸗Farlane, neben ihm ſtehend, mit Schaum vor dem Munde geſticulirte und einem wilden An⸗ fall von Wahnſinn zur Beute geworden ſchien. Zwei Männer hielten das Pferd ſchon am Zügel. Das Licht der beiden, vor dem Thorwege von Iriſh⸗ Houſe brennenden Gaslaternen, zwiſchen denen ſich jetzt der Tilbury befand, fiel gerade auf das ſtolze und bleiche Geſicht des Marquis von Rio Santo. Stephen erkannte ohne Mühe in ihm den imponirenden Fremden von Temple⸗ Church. — Aber zwiſchen dem Manne von Temple⸗Church, ſeinem Feinde von geſtern, und dem Mörder ſeines Vaters, dem er ſeit Jahren Rache geſchworen, war ſtets jene mate⸗ rielle Verſchiedenheit, welche ſeit ſo langer Zeit den Argwohn Stephen's abgeleitet hatte. Der junge Arzt hatte jetzt das Zeugniß Mac⸗Farlane's, er zweifelte nicht mehr; — aber er ſuchte auf dieſer edlen Stirn, welche durch Angus' plötzlichen Angriff entblößt worden war, ein anderes, phyſiſches, unab⸗ weisbares Zeugniß: die in den Erinnerungen aus ſeiner Kindheit ſo tief eingegrabene Narbe. Frank ebenſo. — Es war der Marquis von Rio Santo 449 den er vor ſich ſah; es war der verhaßte Mann, der glück⸗ liche Nebenbuhler, der unerbittliche Tyrann der armen Mary, aber war es auch der Henker Harriet's? Der Marquis von Rio Santo dagegen machte keinen oſtenſiblen Verſuch, ſich loszumachen. Er betrachtete mit einer Miene ruhiger Ueberraſchung dieſe unbekannten Leute, welche ſeinen Wagen umſtellten und ſchien eine Erklärung zu erwarten. Aber das Geſicht des Marquis, welches ſo geſchickt war, alle Gefühle und alle Gefühlsſchattirungen auszudrücken, wußte auch bei Gelegenheit eine unerſchütterliche Maske zu ſein. Er blieb heiter und ruhig, aber hinter dieſer ſchein⸗ baren Ruhe, dem Ergebniß einer verzweifelten Anſtrengung, lag eine furchtbare Beklemmung. In einer Stunde hätten alle vereinigten Kräfte der Haupt⸗ ſtadt der drei Königreiche vielleicht nicht hingereicht, ſeinen kühnen Flug aufzuhalten; jetzt aber konnten ihm wenige Männer den Weg vertreten. Die letzten Ereigniſſe, die wir erzählt haben, waren ſchnell wie der Gedanke auf einander gefolgt. Es waren keine zehn Minuten zwiſchen der plötzlichen Veränderung des Laird und dem Vordringen der Leute Mac⸗Nab's ver⸗ gangen. Wir brauchen nicht zu erklären, wie der Laird plötzlich bei ſeinem ſchwankenden Geiſte und ſeiner gewöhnlichen Ideen⸗ verwirrung von ſeinem Rachegedanken abgebracht und der überwältigenden Geiſteskraft wieder unterthänig geworden 4⁵⁰ war, welche Rio Santo überall um ſich ausübte. Er hatte ſeinen Haß vergeſſen, um ſich an nichts zu erinnern, als an jene brüderliche Zärtlichkeit und faſt leidenſchaftliche Liebe, die ihn an Fergus O Vreane feſſelte. — Aber der Name Clary war an ſein Ohr gedrungen und hatte den Zauber gebrochen. Er erinnerte ſich ſeines Zornes und deſſen Rückkehr war um ſo heftiger, als der Laird nahe daran geweſen war, die Gelegenheit zur Strafe und Rache zu verlieren. Um den Wagen herrſchte ein vollkommenes Stillſchwei⸗ gen. — Die Thür von Friſh⸗Houſt hatte ſich geöffnet, auf der Rampe ſtanden acht bis zehn Grooms, die zuſahen. Der Laird hielt mit der einen Hand die Leine, mit der anderen zerrte er am Rockkragen Rio Santo's. Er keuchte und konnte nicht ſprechen. Rio Santo ſtieß ihn ſanft zurück. Gentlemen! ſagte er, mit einer Stimme, die ruhig und klangvoll durch das Schweigen tönte; — ich heiße Don Joſe Maria Telles de Alarcon, Marquis von Rio Santo. Ich bin Grand von Portugal erſter Klaſſe und mit einer diplomatiſchen Miſſion bei der Engliſchen Regierung beauf⸗ tragt. Wenn Sie wahre Gentlemen ſind, ſo bitte ich Sie nach dieſer Erklärung, zu welcher ich Ihnen gegenüber eigent⸗ lich nicht verpflichtet war, den Kopf meines Pferdes freizu⸗ baſſen und mir Platz zu machen; — wenn Sie Polizei⸗ männer find, fordere ich Sie auf, ſofort vom Pflaſter weg⸗ zugehen und ſich jeder Entſchuldigung über dieſen brutalen 451 und dem Völkerrechte entgegenſtehenden Angriff zu ent⸗ halten. Niemand von den im Kreiſe um den Wagen verſam⸗ melten Leuten rührte ſich, aber Frank und Stephen verließen zu gleicher Zeit den Bürgerſteig und ſtellten ſich der Eine rechts, der Andere links vom Marquis. — Es iſt noch nicht lange Zeit, ſagte Frank mit einem Tone, in welchem der Zorn aufkochte, — daß der Marquis von Rio Santo und ich uns nahebei geſehen haben, ich habe daher nicht nöthig, Ihnen meine Namen und Titel vorzudeklamiren. Der Marquis neigte ſich vor, um beſſer zu ſehen. — Der ehrenwerthe Frank Perceval! murmelte er bitter; — man ſagt, daß Leute, denen man das Leben als Almoſen ſchenkt, unverſöhnliche Feinde werden ... Was wollen Sie von mir, Sir? — Ich will Sie zur Rechenſchaft ziehen, Mylord, ant⸗ wortete Frank, der kaum an ſich zu halten vermochte, — wegen eines Verbrechens ohne Namen. Er hob ſich auf den Zehen in die Höhe und ſprach ganz leiſe: — Ich bin der Bruder Harriet Perceval's, Mylord! — uUnd der glückliche Liebhaber von Mary Trevor, fügte ironiſch der Marquis hinzu, — ich erkläre Ihnen, daß ich nicht die Ehre habe, Mylady, Ihre Schweſter, zu kennen. 452 — Das iſt wahr, ſagte Frank, — Sie haben ſie ge⸗ tödtet, ohne ſie zu kennen. In dieſer lakoniſchen Anklage lag ein ſo tiefer Ton grenzenloſen Haſſes und zugleich bitteren Schmerzes, daß der Marquis um Aufklärung bitten wollte, als er eine Hand ſic auf ſeine Schulter legen fühlte. Er wandte ſich um und fand ſich Stephen gegen⸗ über. — Ich, ich bin der Sohn Mac⸗Nab's! ſagte der Letztere blos. Rio Santo erbebte von Kopf bis zu Füßen. — Mac⸗Nab, mein Bruder Mac⸗Nab, murmelte un⸗ / heimlich der Laird; — Blut um Blut! .. . ich bin zufrieden mit dem, was ich gethan habe! Es war eine kurze Pauſe. — Der Marquis ſchien in eine Statue verwandelt. Sein unbeweglicher Blick ſank ſchwer vor ihm nieder .. Indeſſen lange verharrte er nicht ſo, denn es wurde ihm keine Zeit zum Nachdenken gelaſſen. — Herr Marquis, ſagte Stephen kalt, — ſteigen Sie gefülligſt aus; Sie werden einſehen, daß jeder Widerſtand unnütz ſein würde, und es iſt beſſer für Sie, wenn Sie uns die traurige Nothwendigkeit erſparen, Gewalt zu brauchen. Die Grooms und Lakaien des Marquis waren alle Engländer. Sie betrachteten den Auftritt mit dem ſchönſten Phlegma und regten ſich nicht mehr, als ob es ſich um — ——— 1453 den Großtürken gehandelt hätte. Man ſah ſie auf der Rampe mit ihren ſcharlachenen Weſten der Reihe nach aufgeſtellt. Zwei oder drei von ihnen trugen lange Stöcke, deren fie ſich im Nothfall als Waffe bedienen konnten. — Schweig, Neffe Mac⸗Nab! rief der Laird, deſſen Geiſtesverwirrung immer größer wurde, — Du ſprichſt ſchlecht! . . . O, wenn man hafßt, muß man ordentlich haſſen .. Er hat Deinen Vater getödtet! . .. Er hat meine Töchter entführt! .. . — Ich? .. wollte ihn der Marquis unterbrechen. — Clary und Anna! alle Beide! .. alle Beide! O, ich will aber, daß Gewalt gebraucht wird, ich Er warf ſich ſchreiend auf Rio Santo und faßte ihn bei der Gurgel. Einen Augenblick erhob ſich ein verwirrter Kampf, bei welchem man die Bewegungen der beiden Gegner nicht unter⸗ ſcheiden konnte. Mac⸗Nab und Perceval ſtürzten zu gleicher Zeit hinzu, um dazwiſchenzutreten. In dieſem Augenblicke hatte Rio Santo ſeine Gurgel von der wahnſinnigen Umſpannung des Laird frei gemacht und hob den Kopf. — Sein ſtrahlendes Auge gab das glänzende Licht des Gaſes zurück, — ein dunkles und gleich⸗ mäßiges Roth, die Folge der Anſtrengung oder des Zorns, war an die Stelle der Bläſſe ſeiner Züge getreten; — die Augenbrauen waren gefurcht und auf dem purpurnen Grunde ſeiner Stirn lief von der einen Augenbraue bis zum Anfang der Haare eine helle, ſcharf geſchnittene Linie. 454 Frank und Stephen riefen zu gleicher Zeit: — Die Narbe! Aber es war niemals eine Kleinigkeit, wenn Rio Santo die Augenbrauen zuſammenzog. — Man hatte eine Sekunde lang ſeine Bewegungen nicht verfolgt: eine Sekunde ge⸗ nügte ihm. Der Laird fiel heftig zurückgeſtoßen in Stephens Arme und eine gebieteriſche Stimme erhob ſich: — Laßt die Zügel los, wenn Euch das Leben lieb iſt! Die beiden Männer, welche die Zügel hielten, gehorchten nicht. Zwei Schüſſe fielen dicht nach einander. — Hopp, Clary, hopp, mein Thier! ſagte der Marquis. Die gelehrige Stute gehorchte, jetzt frei, denn die beiden Leute wälzten ſich im Schnee und ihrem Blute. Der Lilbury ſchoß wie ein Pfeil fort. Clary hatte bei den letzten Epſom⸗Rennen den berühmten Tippo⸗Saib ge⸗ ſchlagen, auf welchen Lord Cheſterfield zwei Seaſons hindurch ſtets drei gegen eins gewettet und gewonnen hatte. — Hundert Guineen, wer ihn anhält! rief Stephen außer ſich, indem er Rio Santo nachftürzte. Donnor Ardagh ſchwang ein langes Meſſer, das er in der Hand hielt. — O, Ew. Ehren, umſonſt, Donnor wird ihn umſonſt anhalten . der Lord hat ein gutes Pferd, aber am Ein⸗ gang von Belgrave⸗Street wird gepflaſtert und Lords be⸗ merken dergleichen Dinge nicht . . . Er muß umkehren. Wenn ———— 455 der Woagen mir über den Leib geht, ſo tragen Sie Sorge für das Kind, welches in St. Giles iſt. Donnor war ſchon fern. Er kam früher als alle Anderen an die Ecke von Belgrave⸗Street, gerade in dem Augenblicke, wo Rio Santo, von dem erwähnten Hinderniſſe angehalten, im vollen Carriere zurückkam, um die andere Seite des Square herumzufahren. Man ſah Donnor gerade darauf losſtürzen. — Der Lauf des Tilbury wurde nicht langſamer. Aber Donnor klammerte ſich an der Scheere an, ließ ſich mitſchleppen und nicht los trotz der Bemühungen des Marquis. Nach etwa hundert Schritten ſtrauchelte Clary. — Hopp, mein Thier! ſagte Rio Santv. Clary ſprang noch einmal vor und ſtolperte wieder. — Nach zehn Schritten ſank ſie todt zur Erde. Donnor legte ſich erſchöpft auf den Schnee und ſtieß einen lauten Siegsruf aus. — Es war ihm gelungen, ſein Meſſer bis ans Heft, der ſchönen Stute in den Bauch zu ſtoßen. — O, Ew. Ehren! ſagte er zu dem herbeieilenden Stephen; — ich hatte noch nichts gethan, um das Brod zu verdienen, das Sie mir gegeben haben⸗und die Kleidung meiner kleinen Tochter. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Wirkungen der Kälte auf eine Emeute.⸗ Die beiden Gabeln des Tilbury waren gebrochen und der Marquis wurde hart auf den Boden geſchleudert. Er blieb einige Sekunden von dem Schlage betäubt, aber nichts⸗ deſtoweniger erhob er ſich, bevor der große Schwarm ſeiner Verfolger in ſeinen Bereich kam. Er ſtand mitten auf dem Wege und hielt ſeinen Dolch in der Hand. Alle Fenſter von Belgrave⸗Square waren bei dem doppelten Schuß aufgegangen. Die Bedienten waren nach der Straße herabgekommen; die Herren verſuchten zu ſehen, ohne ſich dieſe Mühe zu geben. Einige Gruppen kamen zu den benachbarten Straßen eifrig und neugierig herein. Die von den Verfolgenden, welche zuerſt an den Mar⸗ quis herankamen, blieben ſtehen, ohne ihn anzugreifen, denn das glänzende Licht des Gaſes erleuchtete ſeine imponirende entſchloſſene Stellung und hob wie bei hellem Tage die Ein⸗ zelnheiten ſeines ſchmiegſamen und kräftigen Körpers hervor. — Stephen und Perceval waren die Erſten, welche auf ihn zuſtürzten. — Wie? Alle Beide zu gleicher Zeit! ſagte der Mar⸗ quis ſpöttiſch. Er hatte Frank's Stoß parirt und hielt den Dolch über Stephen erhoben, der an einem Stück von der Scheere des Tilbury geſtolpert war. Aber er ſtieß nicht zu. Ein fernes, verwirrtes Rufen ließ ſich in der Richtung von Chapel⸗Street vernehmen. Ergeben Sie ſich, Mylord, ſagte Stephen, der Zeit gehabt hatte, aufzuſtehen; — Sie ſehen wohl, daß jeder Widerſtand unnütz iſt. — Ich ſehe, daß Sie zwanzig gegen Einen ſind, meine Herren, antwortete Rio Santo. — In allen Ländern wäre das Feigheit; aber in London iſt es gewöhnliche Klugheit.. Ich ergebe mich dem ehrenwerthen Frank Perceval. Während er ſprach, horchte er aufmerkſam. Der Lärm von Chapel⸗Street her wurde immer größer. Es war wie ein ungeheures Gemurmel, das von Zeit zu Zeit lauter wurde, dann wieder verſtummte, um darnach wieder dumpf zu grollen. IV. 20 458 Rio Santo hatte ſeinen Dolch weggeworfen und ſtand waffenlos zwiſchen Stephen und Perceval. — Mylord, ſagte der Letztere, — der Augenblick wäre ſchlecht gewählt, um über Ihre Vorwürfe ſich gekränkt zu fühlen oder die beleidigende Bitterkeit zu ahnden, mit welcher Sie ſich äußern. Nichtsdeſtoweniger will ich Ew. Herrlich⸗ keit nur erwiedern, daß zwanzig Jäger, ohne ſich ſchämen zu müſſen, wohl den Eber in ſeinem Lager überfallen können ... Folgen Sie uns, wenn es Ihnen gefüllig iſt. Die ganze Truppe ſetzte ſich augenblicklich nach Chapel⸗ Street zu in Bewegung, um nach dem Polizeibureau von Weſtminſter zu gehen. Das Geſicht des Marquis hatte den Charakter ſtolzer, herausfordernder Ruhe verloren, um einen Ausdruck von gleichgültiger Kälte anzunehmen. Niemand hätte in dieſem Augenblicke errathen können, was in ihm vorging. — Vielleicht war er von jener ſchweren Apathie befallen, welche der Nieder⸗ lage folgt. Mindeſtens hätten das die glauben können, welche an ihm nur das Aeußere kannten, und niemals die verborgene Kraft ſeiner Seele hatten meſſen können. Vielleicht hatte er noch einen geheimen Grund zum Hoffen. Indeſſen iſt gewiß, ſo oft der Marquis den Lärm von Grosvenor⸗Place durch Chapel⸗Streetlauter vernahm, jemehr beeilte er ſeinen Schritt unwillkürlich, als ob er den Gang ſeiner Wiächter beſchleunigen wolle. — Man kam an die Ecke von Belgrave⸗Square. Es war nicht ſchwer zu ver⸗ muthen, daß ein bedeutender Auflauf in Grosvenor⸗Street 459 ſtattſinden müſſe. Nichtsdeſtoweniget fuhr die kleine Truppe fort, weiter zu gehen. Man hätte merken können, wie die Mienen des Mar⸗ quis ſich erheiterten, als er ſich in Chapel⸗Street ſah, wo ſchon das Geſchrei der Menge dröhnte. — Beeilen wir uns, ſagte Stephen, — oder wir fin⸗ den den Durchgang geſperrt. — Man möchte meinen, es ſei eine Emeute! fügt einer von den Begleitern hinzu. In der That war es eine Emeute. — Es war der Flügel einer ungeheuren Armee, welche jetzt ſchon London mit ihren unzählbaren Bataillonen erfüllte. — Die Leute aus St. Giles, die Diebe der Familie und die Irländer ſtrömten in einer ihnen befohlenen Richtung an den Parks entlang bis nach Buckingham⸗Palace. War er erſt im Bereiche dieſer Menge, deren Seele er war, ſo brauchte Rio Santo nur ein Wort zu ſprechen, um gerettet zu werden. — Deshalb heiterte ſich ſein Blick un⸗ willkürlich auf; deshalb beeilte er den Schritt und hätte je⸗ den Fuß, der ihn noch von Grosvenor⸗Place trennte, mit einer Woche ſeines Lebens bezahlen mögen. Aber auf ſeinem Wege ſtand ein lebendiges Hinderniß, ein Mann, den Gott unter Allen ausgewählt zu haben ſchien, um die Bitterkeit des Kelches noch zu verdoppeln. — Angus Mae⸗Farlane hatte dem geheimen Rathe, der im Salon von Friſh⸗Houſe gehalten worden war, beigewohnt; auch er 20* 460 wußte, was dieſe Menge bedeutete, deren Geſchrei wie eine Rettungsbotſchaft in des Marquis Ohren drang. Von ſeinem Falle noch gelähmt, ſchleppte er ſich noch bis an den Eingang von Chapel⸗Street und rief ihnen nach, ſie möchten halten. Beim Tone dieſer noch eben ſo geliebten Stimme er⸗ bleichte Rio Santo, da ſie ſeinem jetzt unverſöhnlichen Feinde angehörte. Der Laird ſprach. Stephen und Frank veränderten ſogleich die Richtung ihres Weges, und da der Marquis ſich weigerte, einen Schritt zu thun, ſo wurde er um den Leib ergriffen und mit Gewalt weggeſchleppt. In Belgrave⸗Street fand man Policemen, welche durch den Knall der beiden Schüſſe herbeigelockt worden waren. Ihren Händen wurde Rio Santo übergeben und kam ſo in Begleitung Aller, die zu ſeiner Verhaftung mit beigetragen hatten, auf der Polizei von Weſtminſter an. Unterdeſſen erſchrack London, eine gegen Emeuten ſehr eingenommene Stadt, weil bei denſelben die Läden ge⸗ ſchloſſen werden müſſen, und zog ſich in ſeine ſchwarzen Häuſer zurück, wie eine Schnecke bei Annäherung der Gefahr in ihre Schale. Der Auflauf wurde größer, immer größer. — Wohin ſollte das führen? — Zu welchem Zwecke bewaffnete ſich die Menge? — Zu weſſen Gunſten wurde Revolution ge⸗ macht? 461 Die Menge rekrutirte ſich unaufhörlich, bald dumpf grollend, bald die Luft mit furchtbarem Geſchrei erfüllend. Und dieſe Menge hatte keine Fahne. Sie ſchrie weder für die an der Regierung ſtehenden Whigs, noch für die Tories. Es war ein um ſo furchtbarerer Zorn, als er ge⸗ heimnißvoll und unerklärlich erſcheinen mußte. Buckingham⸗Palace war umzingelt, White⸗Hall und ſeine Zugänge, wo ſich die öffentlichen Büreaus häufen, war vorher beſetzt, ſo ſehr entferute die Zahl der Angreifer jeden Gedanken an die Möglichkeit eines Widerſtandes. — Die erſchreckten Mitglieder beider Häuſer ſchwiegen, um dem vor den Thüren des Parlaments revoltirenden Volke zuzu⸗ hören, da dieſer laute Lärmen doch ihre Beredtſamkeit über⸗ täubt haben würde. Alles, Alles war voraus geſehen, — nur nicht der Antheil, welchen die verborgene Hand der Vorſicht an dem Ereigniß nehmen würde. London, wie England, ſah ſich an allen ſeine verwund⸗ baren Theilen angegriffen. Ein und daſſelbe Genie hatte den Plan dieſes doppelten Kampfes entworfen . Aber das Signal kam nicht. Die Befehlshaber Rio Santo's warteten ſo ungeduldig, wie die ganze Menge; — die Kanone des Towrs ſchwieg. Wer kennt nicht das blinde, unbeſonnene, thörichte, brutale Ungeheuer ohne Kopf, das Aufſtand heißt. Es geht, jedes Hinderniß vor ſich niederwerfend, verſtärkt ſich im Gefecht, wird bei jedem Tropfen Blutes größer, das es ver⸗ 462 gießt, iſt im Stande, Wunder zu thun, wenn es einmal den geliebten Geruch des Todes geſpürt hat. Voll Eifer und Freude zieht es ſeines Weges, wenn man ihm nur Menſchen zu tödten oder Paläſte zu zerſtören gibt. Aber wenn ihr ihm Nichts auf den Weg werft, an welchem Jägerrecht ſoll es ſich dann beleben? Man berauſcht ſich nicht lange an Luft. Schreien kann nicht immer genü⸗ gen, der Menſch muß, wenn er in guter Laune bleiben ſoll, trinken, tödten muß das Volk. Und das Signal kam nicht. Das Ungeheuer hatte die Füße im Schnee. Man zwang es, ſtille zu ſtehen, und ganz heimlich klapperte es mit den Zähnen. O, wenn irgend ein Ruf über dieſer ſtumpfen Menge erſchollen wäre, wenn man ihr das Ziel gezeigt, ihr geſagt hätte: Schlag zu! dann hätte ſie Spaß an dem Zeitvertreibe gefunden und dann wehe dem Ziele, mochte es nun ein Soldat oder ein Gebäude ſein; aber nichts. — Die Generale Rio Santo's warteten. Die Stunden verfloſſen, es fiel dichter Schnee. — Die Emeute fror. Eine Emeute zerſtreut ſich aber wie ſie ſich wieder bil⸗ det. — Wer weiß, woher der Sturm kommt und wohin er geht? — Gegen zehn Uhr Abends durchliefen die Policemen die Straßen von London, wo der Durchzug der Menge nur einen Zuwachs von Schmutz zurückgelaſſen hatte. An einem einzigen Orte war der Aufſtand nicht ge⸗ wichen, das war die Ecke von Prince's⸗Street und Poultrh. 463 Wir wiſſen, daß dort der rush einen Zweck hatte, und daß es keines Signals bedurfte, um an die Plünderung der Bank zu gehen. Der Augenblick war feſtgeſetzt. Um elf Uhr ſollte man die Operation beginnen. Aber der Laird hatte Zeit gehabt, auf dem Polizei⸗ büreau von Weſtminſter ſeine Ausſage zu Protokoll zu geben. Gegen zehn Uhr ging durch Threadneedle⸗Street, wo freie Paſſage geblieben war, ein Bataillon der Garden zu Fuß, das ruhig vor der Thür des Sodawaſſer⸗Magazins Platz nahm. Die Leute von der Familie ſahen ſie an. Paddy fluchte, Snail miaute. * Um Mitternacht ſchlief Alles in der Stadt, ausgenom⸗ men ein Dutzend Maurer, die damit beſchäftigt waren, bei Fackellichte die Thür des Sodawaſſer⸗Magazins zuzumauren. Glücklicherweiſe — und Herr Smith dankte dem Himmel warm dafür — blieb Niemand in dem unterirdirſchen Gange. Niemand außer Saunders, der Elephant, der ſich auf dieſe Weiſe mit den Reſten ſeines Abendeſſens und ſeinem Kruge Gin eingemauert fand. Es war ſchon ſpät, als Suſanna Clary Mac⸗Farlane, die ſie gerettet hatte, in Cornhill vor dem Hauſe der Miſtreß Mac⸗Nab verließ. Sie ließ ſich ſogleich nach Regent⸗Street zur Gräfin von Derby fahren. Seit zwei Tagen war das ſchöne Mäbchen von Brian 464 Lanceſter gewaltſam getrennt worden, in dem Augenblicke, wo ſie ihm ihre Geſchichte erzählte. Seitdem war ihr völlig unbekannt, was aus Brian geworden war. Da ſie nicht wagte, ſich ſelbſt allein nach ſeiner Wohnung zu bege⸗ ben, ſo dachte ſie natürlich daran, bei Lady Ophelia Nach⸗ richten von ihm einzuholen. Während dieſer beiden Tage hatte die Beſorgniß wenig Platz in Suſanna's Gedanken finden können. Sie hatte ſich ganz und gar dem wohlthuenden Amte einer Beſchützerin hingegeben, welches der leidende Zuſtand Clary's ihr aufer⸗ legte. Dieſes Amt war ganz für ſie geſchaffen und ſie ge⸗ fiel ſich darin; in ihrer reichen und ſtarken Natur war ein unerſchöpflicher Schatz von Güte und Mildherzigkeit, die zärtlichſte Mutter würde ſich übertroffen erklärt haben, wenn ſie die liebevolle Pflege, die zarte Sorgfalt geſehen hätte, mit der das ſchöne Mädchen Clary, ihre kleine Schweſter, wie ſie ſie nannte, umgab. Es war Suſanna's Cigenſchaft, in der Freundſchaft bis zur Aufopferung, in der Liebe bis zur Anbetung zu lieben. Sobald Clary ihrer Familie zurückgegeben war und nicht mehr ihrer Pflege bedurfte, nahm die Erinnerung an Brian von Lanceſter wieder den Vorrang bei ihr ein. Zehn⸗ mal war ſie auf dem Wege von Cornhill nach Regent⸗ Street im Begriff, dem Kutſcher zu befehlen, er möge um⸗ kehren und ſie nach Clifford⸗Street nach Lanceſters Wohnung fahren, aber ſie bezwang ſich. Hatte Lanceſter nicht ſelbſt ihr dieſe Maßregel anzuempfehlen geſchienen, als er ihr 465 ſagte, daß die Wohnung der Lady Ophelia ihr natürliches Aſyl ſei? Suſanna faßte ſich in Geduld, weil ſie dem Willen Vrian's zu gehorchen ſchien. Sie fand die Gräfin Derby allein und leidend. Lady Ophelia, die ſonſt ganz und gar für das ruhige und, man muß es geſtehen, würdige Leben der engliſchen Ariſtokratie geſchaffen war, die noch den alten Sitten ihrer Geſchlechter treu geblieben iſt, befand ſich ſchon lange außer⸗ halb des ſtrengen, pſlichtgemiß Weges, den ſie niemals hätte verlaſſen ſollen. Ihre Liaiſon mit dem Marquis von Rio Santo hatte einen Flecken auf ihren Ruf geworfen; aber unſchuldig oder ſchuldig (denn im Grunde kann die Welt, die nur nach dem Scheine urtheilt, kein unumſtößliches Urtheil fällen,) hatte ſie wenigſtens bis dahin jenen Theil der Exiſtenz unbeſchädigt bewahrt, den Angelegenheiten der Liebe nicht berühren. Aber ſeit einigen Tagen war dieſer Theil ihres Lebens auch plötzlich verletzt worden. Sie hatte Perceval die Geheimniſſe des Marquis überliefert, und in Folge dieſer Offenbarung unter den Augen der Böswollenden oder Eiferſüchtigen einen Schritt gethan, der nach den eng⸗ liſchen Sitten auf den Urheber, wenn er entdeckt wird, den Bannſtrahl der Faſhion ſchleudert: wir ſprechen von dem Miß Mary Trevor heimlich übergebenen Billet; außerdem hatte ſie, und das ganz neuerlich, nach dem Diktate des Marquis von Rio Santo einen Brief gſchrieben, deſſen mögliche Folgen ſie zittern machten. 20 ** 466 Alles das lag wie ein ſchweres Gewicht auf ihrem zurten Gewiſſen. Seit langer Zeit vom Kummer einer ver⸗ kannten und getäuſchten Liebe, von der Qual einer Eifer⸗ ſucht verzehrt, welche ſie Tag und Nacht tyrannifirte, mußte das arme Weib unter dieſem dreifachen Gewichte er⸗ liegen. Ihre ſchon ſchwankende Geſundheit wurde plötzlich gefährdet. Suſanna fand ſie bleich, ermattet, Entmuthigung in den Mienen auf einer Chaiſelongue liegen. * Beim Anblick des ſchönen Mädchens lächelte Ophelia faſt freudig. — Ich glapbte ſchon, ſagte ſie, — daß Sie mich ver⸗ ließen, und bin ſehr glücklich, Sie zu ſehen. Suſanna ergriff ihre Hände und drückte ſie herzlich. — Wie bleich und verändert Sie ſind, theure Lady! entgegnete ſie; — Sie leiden? Die Gräfin legte die Hand auf's Herz. — Ja, antwortete ſie, — ich leide uud mein Leiden gehört zu denen, die ein Arzt nicht heilen kann ... Ich will Ihnen meine Leiden erzählen .. . Aber was iſt Ihnen denn paſſirt? — Ich, ich kann Ihnen meine Leiden nicht erzählen, Ophelia, entgegnete das junge Mädchen und lächele traurig; — meine Leiden ſind ein Geheimniß und dies Geheimniß gehört nicht mir . Seit ich Sie nicht geſehen, habe ich viel gelitten, aber auch viel Freude gehabt ... Der Tag wird für mich ein glücklicher ſein, an dem ich Ihnen mein 467 Herz werde öffnen können, wie ich es Brian von Lanceſter geöffnet habe, deſſen Weib ich ſein werde. Die Gräfin richtete ſich auf ihrem Sopha auf und zog Suſanna an ihre Bruſt. — Ich wußte wohl, daß Sie mir einen Troſt brächten, ſagte ſie mit liebenswürdiger Freude, — es iſt für mich etwas ſo Angenehmes, Sie glücklich zu ſehen, Suſanna! Ich kenne Brian von Laneceſter, weiß, daß er edel und gut iſt, — ſo gut und edel, als Sie in der Gluth Ihrer jungen Liebe ihn ſich nur denken können! . .. Sie küßte Suſanna auf die Stirn, dieſe neigte erröthend und lächelnd ſich über ſie. * — Ich komme, Sie um ein Aſyl zu bitten, Ophelia, ſagte die Letztere; — wenn ich Ihnen mein Geheimniß nicht mittheilen kann, ſo darf ich Ihnen doch die Verlegenheit nicht verhehlen, in der ich bin .. . ich habe kein Obdach .. — Wie? rief Ophelia erſtaunt; — die Frau Herzogin von Gévres? .. Suſanna ſchwieg. — Verzeihung, theure Lady! fuhr die Gräfin fort; — ich danke Ihnen, daß Sie gefühlt haben, daß mein Haus ſo gut wie das Ihrige iN Dies wurde mit offenem, herzlichen Tone geſagt, und doch umwölkte die Stirn der Lady Ophelia ſich, ſo wie ſie aufgehört hatte zu ſprechen. Lady Ophelin konnte man der Gewöhnlichkeit nicht be⸗ ſchuldigen und von bürgerlichem Element war auch kein Atom 468 in ihrer edlen, ſtolzen Seele, aber ſie war Weib. Ohne ihr Wiſſen und mit zauberiſcher Schnelligkeit combinirte ihr zerſtreuter Geiſt eine Menge von Ideen. Sie erinnerte ſich der ſeltſamen Unwiſſenheit, welche das ſchöne Mädchen bei ihrem plötzlichen Erſcheinen in der Welt und bei den halben, in den Stunden der Vertraulichkeit ihr entſchlüpften Bekennt⸗ niſſen gezeigt hatte. Sie ſtellte dieſe verſchiedenen Umſtände mit dem hohen Titel zuſammen, den Suſanna trug, die Wittwe war und doch in die Geheimniſſe der Ehe nicht eingeweiht; auf dieſe Weiſe kam ſie endlich dazu, ſich zu fragen, wie die Prinzeſſin von Longueville in den Fall kom⸗ men könnte, ein Aſyl zu bedürfen. Dieſe Gedankenarbeit dauerte ungefähr eine Viertel⸗ ſtunde. Das Ergebniß derſelben war ein Zorn, den die Gräfin von Derby gegen ſich ſelbſt empfand und daß ſie das ſchöne Mädchen mit verdoppelter Zärtlichkeit umarmte. — Ich kannte Ihre ganze Güte, theure Lady, verſetzte Suſanna, die noch roth und verwirrt war, — ich kam da⸗ her, Sie um einen Zufluchtsort zu bitten. Außerdem .. — Außerdem? fragte ſanft die Grifin. — Seit zwei Tagen habe ich Brian von Laneeſter nicht geſehen, fuhr Suſanna fort und hob den Kopf in die Höhe, als wolle ſie gegen ihre Röthe proteſtiren. Lady Ophelia ſtand ſchon auf, um eine Klingel zu er⸗ greifen, die nicht in ihrer Nähe ſtand. — Sthen Sie, Suſanna, ſagte ſie fröhlich, — Sie 469 haben mich geheilt .. . Joan, fügte ſie zu der eintretenden Kammerfrau hinzu, — bring' mir Schreibzeug. Joan legte ein elegantes Schreibpult von Maroquin auf das Sopha. Die Gräfin tauchte die Feder in die Dinte⸗ — Wir müſſen ihm eine Ueberraſchung bereiten, meine Liebe, ſagte ſie ganz leiſe. — Ich will ihm nicht ſagen, daß Sie hier ſind und morgen, wenn er komut. — Nein, o nein, Ophely, e ſ Suſei — ſagen Sie ihm, daß ich bei Ihnen bin ... Eine Nacht iſt ſehr lang und er muß mich von Gefahren umgeben glauben ... — Wie Sie das Wort ausſprechen, Suſanna! ... Gefahren! Aber es gibt Gefahren aller Art ... Ich werde Herrn von Lanceſter ſchreiben, daß Sie iu meinem Aſyle geſichert ſind. Sie ſchrieb drei bis vier Zeilen nieder. — Joan, ſagte ſie, den Brief ſchließend, — Tom ſoll dies Billet auf der Stelle nach Clifford⸗Street zum ehren⸗ werthen Brian von Lanceſter tragen, die Antwort bringt er ſogleich hierher. Ich erwarte ihn. * Joan ging. — Das ſchöne Mädchen richtete auf ihre Freundin einen dankbaren Blick. Darauf fuhren ſie zu plaudern fort. Die Gräfin fühlte ſich wirklich erleichtert. Häufig bedarf es nur des Klanges einer befreundeten Stimme, um die ſchweren Wolken zu zer⸗ ſtreuen, welche Einſamkeit und Verlaſſenheit um die Seele aufhäufen. 47⁰ Suſanna ſah ſehr häufig nach dem Zeiger der Uhr. Endlich erſchien Joan wieder. Sie hatte einen Brief in der Hand. — Gib, gib! ſagte die Gräfin. Suſanna war vor Aufregung ganz bleich. Joan reichte der Gräfin den Brief hin, den ſie in der Hand hatte, es war derſelbe, den ſie eben geſchrieben und zwar uneröffnet. — Was bedeutet das? — Verzeihen Ew. Herrlichkeit, antwortete Jvan, — der ehrenwerthe Brian von Lanceſter iſt ſeit drei Tagen aus ſeiner Wohnung abweſend, und hat ſeitdem keine Nachricht von ſich gegeben. Suſanna ſchwankte und mußte ſi 6 auf die Lehne des Ruhebettes ſtützen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Lunatic- Asylum. Gegen zwei Uhr Nachmitttag am andern Tage, ließ ſich der Vicomte von Lantures⸗Luces bei der Gräfin Derby anmelden. Lady Ophelia war aufgeſtanden und befand ſich mit der Frau Prinzeſſin von Longueville in ihrem Boudvir; die Letztere hatte die Nacht in Barnwood⸗Houſe zugebracht. Der Name des kleinen Franzoſen würde zu jeder an⸗ deren Zeit ſehr ſtörend die Geſpräche der beiden jungen Frauen unterbrochen haben, aber heute wurde er ohne Ver⸗ druß, ja faſt mit Freude vernommen. Man war bedürftig, etwas zu erfahren und Lantures⸗Luces konnte fünfzehn Jour⸗ nale aufwägen. Sobald Lady Ophelia befohlen hatte, ihn einzulaſſen, hüpfte Lanture⸗Luces leicht über die Schwelle, nicht ohne noch die toupirten Locken ſeines Haarwuchſes etwas aufzu⸗ lüften. Er trat ein mit geſenktem Kopfe, den Hut in der rechten Hand und die Linke auf dem Griffe ſeines zweiarmi⸗ gen Lorgnons. — Eilauben die Frau Gräfin mir? . . . ſagte er, Opheliens Hand ergreifend. Darauf fügte er, ein Manöuvre auf Suſanna hin aus⸗ führend, hinzu: — Will die Frau Prinzeſſin mir erlauben? .. Als die beiden Hände geküßt waren, ließ er einen Au⸗ genblick ſeine grünen Augen umherirren und ſuchte augen⸗ ſcheinlich einen Fächer, den er reizend finden konnte; das Unglück wollte aber, daß kein Fächer im ganzen Boudoir war, dadurch wurde Lantures⸗Luces veranlaßt, das Geſpräch auf folgende Weiſe zu beginnen: — Schöne Dame, ſagte er, — ich hatte dieſe köſtliche Agraffe noch nicht bemerkt . . . — In der That, antwortete Ophelia, — ſchon dreimal haben Sie dieſelbe für reizend erklärt. — Sprechen Sie im Ernſte? ſtotterte der kleine Fran⸗ zoſe. — Nun gut, ſchöne Dame, es iſt den ſchönen Sachen eigenthümlich, ſtets wie etwas Neues zu erſcheinen . Und, Apropos, von etwas Neuem, — ich hoffe, Ew. Herr⸗ lichkeit entſchuldigen dieſes leichte Wortſpiel; — wir haben jetzt eine wahre Erndte von Neuigkeiten . 473 — Was gibt es denn? fragte Lady Ophelia lebhaft. — Hören Sie, reizende Lady, fuhr der Vicomte fort, indem er jetzt wirklich Beſitz von dem Fauteuil nahm, den er bisher nur leicht berührt hatte, — hören Sie, was ich bei mir gedacht habe, ich dachte: die liebenswürdige Gräfin ſchließt ſich ganz in ihren Salons von enlo⸗ ab, deren Geſchmack faſt ſprichwörtlich geworden iſt, — ich ſpreche ganz im Ernſte; — Ihre Herrlichkeit ſieht Nichts, hört Nichts, erfährt Nichts; meiner Treu, ich will mein Glück verſuchen und ſehen, ob ich vorgelaſſen werde, um ihr meine Ehrfurcht zu bezeigen .. . Auf dieſe Art ... — Aber Sie ſprechen von Neuigkeiten, Vicomte? — Gewiß, ſchöne Dame . . . Zuerſt, da Sie ungedul⸗ dig ſcheinen, meine Chronik zu hören, will ich Ihnen Etwas erzählen, was Sie unfehlbar intereſſiren wird . . . Mary Trevor iſt wieder in's Leben zurückgerufen worden .. . — War ſie denn in Todesgefahr? Lantures⸗Luces glaubte umfallen zu müſſen, ſo wunder⸗ bar erſchien es ihm, daß man ein ſchon ſechs Tage altes Faktum nicht wiſſen könne. — Wie, ſchöne Dame, — wie, Milady? — rief er aus, — das erwartete ich nicht . . . Aber im Grunde habe ich nun den Vortheil, Ihnen dies ſeltſame Ereigniß mit ſeinen kleinſten Einzelnheiten zu erzählen .. . Stellen Sie ſich vor, ſchöne Damen .. . denn die Frau Prinzeſſin kennt die Ge⸗ ſchichte vielleicht auch noch nicht .. . nun deſto beſſer ... ſtellen Sie ſich vor .. . „ Hier erzählte der kleine Menſch nun auf ſeine Weiſe ganz lang, was wir von der ſeltſamen Krankheit der Miß Mary Trevor ſchon wiſſen, darauf fügte er hinzu: — Es war eine Katalepſie! eine wahre Katalepſte .. . Moore, — Sie wiſſen, — der theure Doktor, behauptete, daß nienſein Kataleptiſcher wieder in's Leben zurück⸗ kehrt .. Irrthum, meine ſchönen Damen; wie Sie mich hier ſehen, bin ich neun und zwanzig Tage in Katalepſie geweſen während dieſer Zeit habe ich nichts genoſſen, als einen Theelöffel Hühnerbouillon .. . Aber das gehört nicht hierher. Soviel ſteht feſt, Miß Mary iſt gerettet, Moore und der ganzen Fakultät zum Trotze, ich ſpreche im Ernſte, meine Damen, — gerettet und wohl auf, ſie geht ſo gut wie ich und Sie, meine Damen! — Das iſt eine gute Nachricht, Vicomte, ſagte dyhel⸗ — Die arme Mary! Ich bin glücklich, ihre Heilung zu gleicher Zeit mit ihrer Krankheit zu erfahren. — Sie haben ein anbetenswerthes Herz, Milady!. Aber damit iſt die Geſchichte noch nicht aus. Kaum war Mary in's Leben wieder zurückgekehrt, ſo ſprach ſie ganz anders als vorher .. Man glaubte, und ich am allererſten, daß ſie eine ſehr entſchiedene Neigung zu dem theuren Marquis von Rio Santo habe ... Nun gut, nicht im Geringſten. Sie liebt Frank Perceval, — einen ſehr hübſchen Menſchen, Milady, der dem Marquis aber doch nicht das Waſſer reicht. — Auch das iſt eine gute Nachricht, flüſterte die Gräfin. — Lady Campbell verzehrt ſich vor Aerger darüber, fuhr 475 Lantures⸗Luces fort; — aber wiſſen Sie, ſchöne Damen, daß dieſe Katalepſie ein höchſt moraliſches Uebel iſt, da ſie die jungen untreuen Ladies zu ihrer erſten Liebe zurück⸗ führt!, .. Ich hoffe, daß Ihnen der Scherz nicht die Gren⸗ zen der Convenienz zu überſchreiten ſcheint .. Aber das iſt noch nicht die Hauptneuigkeit . . . Es handilt ſich um unſern theuren Brian von Lanceſter . . Suſanna ließ die beiden Arme ſinken und wurde ſo unbeweglich, daß man ſie für eine Statue hätte halten können. — Was iſt denn geſchehen? fragte die Gräfin. — Ich könnte ohne Gefahr Tauſend gegen Eins wet⸗ ten, ſchöne Damen, daß Sie es nicht errathen, . . aber ich habe es ſtets für eine ſchlechte Gewohnheit gehalten, ſeine Zuhörer ſchmachten zu laſſen ... Die Sache iſt folgende und kaum zu glauben .. Brian iſt wahnſinnig . . Suſanna bebte, aber ſchwieg ſtill. — Was denken Sie, Vicomte! rief Ophelie. — Ich denke mit wahrem Kummer daran, Milady .. der arme Brian . Die vorgeſtrigen Journale beſchuldig⸗ ten ihn, auf die Prinzeſſin Victoria von Kent geſchoſſen zu haben .. — Daran iſt doch Nichts, hoffe ich?. Lantures⸗Luces zuckte mit wichtiger Miene die Achſel. — Es iſt nicht das, Milady, entgegnete er; — Brian iſt — und ich weiß es aus guter Quelle, wie Alles, was ich weiß, — vor drei Tagen mit Gewalt in das japaniſche Gewächshaus des Schloſſes Kent eingedrungen. 476 — Weshalb, guter Gott? Suſanna athmete hoch auf und legte die Hand auf's Herz. — Um eine Camelia zu erobern, ſchöne Dame, eine Camelia, die er für einen Sirpence bei dem erſten beſten unſrer Blienhänvler hätte haben können. — Und hat er kein anderes Zeichen von Tollheit ge⸗ geben? ſagte Suſanna, deren Stirn von Glück und Stolz ſtrahlte bei der Erinnerung an Lanceſter's Erzählung. — Schöne Lady, antwortete Lantures-Luces, — Sie machen große Anſprüche; ich denke, Sie werden das Wort nicht zu ſtark finden .. . Brian ſoll, wie man ſagt, das Feuer der Garden zu Pferd ausgehalten und Ruby — einen Renner von fünfhundert Guineen — todt geritten haben für eine Camelia .. . mir ſcheint .. . — Aber wenn dieſe Blume nun einen Werth für ihn hatte, den Sie gar nicht ahnen können, mein Herr? — O! . . . ſagte der kleine Franzoſe; — wenn ich im Ernſte ſprechen ſoll, ſo ſehe ich nicht . . . — Und was iſt endlich aus dem ehrenwerthen Brian 3 von Lanceſter geworden? unterbrach ihn die Gräſin. — Ich kann es Ihnen nicht ſagen, antwortete Lantures⸗ Luces, — in weiches lunatic-asylum (Irrenhaus) die Re⸗ gierung ihn hat einſperren laſſen. Suſanna verlor bei dieſen Worten ihre glänzenden Farben. — Eingeſperrt, fagte ſie, — Gefangener? 477 — Ja, ja, Milady, inſofern iſt die Sache ganz offi⸗ eiell . . man muß geſtehen, daß ſeine eccentricity die er⸗ laubten Grenzen überſtieg . . . aber das Beſte von der Ge⸗ ſchichte iſt Folgendes: an demſelben Tage iſt White⸗Manor, der Bruder Brian's, auch ganz raſend wahnſinnig gewor⸗ den . Es giebt ſolche Familien⸗Epidemieen . . . Wie Sie mich hier ſehen, habe ich zwei kleine Neffen, die Kinder meiner Halbſchweſter, — welche binnen vierundzwanzig Stun⸗ den an dem Keichhuſten geſtorben ſind .. . ich ſpreche ganz im Ernſte. Suſanna ſenkte das Haupt auf ihren Buſen und hörte nicht mehr zu. — Seine Herrlichkeit der Graf von White⸗Manor iſt ſofort nach Denham⸗Park, dem Aſyl der hochgebornen Ver⸗ rückten, gebracht worden ... Vielleicht iſt Brian dort auch . ich werde es zu erfahren ſuchen. Der kleine Franzoſe ſtand auf. Er war mit ſeinem Neuigkeitskram zu Ende und mußte ſich beeilen, eine zweite 1 Vorſtellung noch vor Tiſche zu geben. 5 Als er fort war, ſuchte die Gräfin vergeblich den Ein⸗ druck zu vermindern, welchen das Gehörte auf Suſanna her⸗ - vorgebracht hatte, aber das war unnütze Mühe. Das ſchöne Mädchen wurde, anſtatt zu hoffen, immer trauriger. — Ich muß ihn ſuchen, Ophelia, ſagte ſie endlich auf⸗ ſtehend; — ich glaube zu errathen, daß er in dieſem Augen⸗ blicke das Opfer einer nichtswürdigen Machination iſt. — Ich kannte jenes verwegene Abenteuer vom Schloſſe Kew; 478 er ſelbſt hatte es mir erzählt .. . aber dieſe Blume war für mich, theure Lady, . . iſt man toll, weil man liebt? — Sie ſind glücklich, Suſanna, konnte Ophelia ſich nicht zu ſagen enthalten und mußte unwillkürlich auf ihre eigene Lage einen ſchmerzlichen Blick werfen. 8 — Glücklich! wiederholte Suſanna; — o ja, ſehr glücklich, daß ich geliebt bin! .. . Aber, theure Ophelia, Sie kennen die furchtbaren und grauſamen Feinde nicht, welche dieſe Liebe uns geſchaffen hat! Sie ſind ohne Erbarmen; jede Waffe iſt ihnen gerecht und ſie ſind ſehr mächtig ... Vielleicht leidet er jetzt allein und klagt mich an, daß ich ihn vergeſſen habe! ... Ich muß ihm zu Hülfe kommen .. . Die Gräfin hatte keine Worte, um einen ſolchen Ent⸗ ſchluß zu bekämpfen, der unter ähnlichen Umſtänden auch der ihrige geweſen wäre. Da ſie Suſanna bei ihren Nach⸗ forſchungen nicht begleiten konnte, indem ſie außerordentlich ſchwach war, ſo gab ſie ihr Verhaltungsmaßregeln und Briefe an die Direktoren der erſten Irrenanſtalten und Kranken⸗ häuſer in der Umgebung Londons, denn ſie hielten es für wahrſcheinlich, daß man nicht gewagt haben würde, Brian in eine der Anſtalten in London ſelbſt zu bringen. Suſanna reiſte noch an demſelben Tage ab. Von dem Gedanken geleitet, daß ſie Brian nicht in London zu ſuchen habe, fuhr ſie direkt nach Wakefield in der Grafſchaft York. Das Kraukenhaus in Wakefield iſt das Muſter⸗Aſylum. Commiſſionen von praktiſchen Män 479 nern und Gelehrten kommen aus allen Ländern dorthin, um es zu beſuchen. Frankreich, die vereinigten Staaten beneiden uns um dies Etabliſſement und die fünfzig Copien davon, die man in den anderen Grafſchaften gemacht hat. Wakefield würde genügen, um alle Narren Frankreichs einzuſperren. Natürlich nur die, welche dort eingeſperrt ſind. Und die fünfzig anderen Häuſer würden, wenn man die britanniſchen Beſitzungen, wo der Wahnfinn ſich des üppigſten Gedeihens erfreut, abgerechnet, alle Wahnſinnigen der fünf Welttheile bequem faſſen können. Suſanna verließ Wakefield, um ſich nach dem Aſyl von York zu begeben; von da ging ſie nach Hanwell, das acht Meilen von London auf dem Wege nach Urbridge liegt. Beim Anblicke des ruhigen, herrlichen Thales, in dem ſich das große Gebäude erhebt, dachte Suſanna vielleicht wie mancher Andere, es ſei dies nicht ein Hospital, ſondern ein heidniſcher Tempel, der zu Ehren des vergötterten Wahnſinns errichtet ſei. In Hanwell fand Suſanna ebenſowenig als in Wake⸗ ſield ein Anzeichen, das uf Brians Spur führen konnte; — ſie beſuchte alle ander⸗ Erfolge und pehnte ihre Forſchungen ſogar bis zu dem Aſyl Privatanſtalten mit ebenſo g geringem der Freunde (Quäker) in der Erafſchaft York aus. Ein Mal indeſſen glaubte ſie ihr Ziel erreicht zu haben. Es war dies in dem reichen und ariſtokratiſchen Hauſe, wel⸗ ches in Denham⸗Park durch Mr. Benjamin Rotch, ehe⸗ maliges Parlamentsmitglied, geſtiftet worden iſt. Als Suſanna 480 bei ihrer Ankunft den Namen Lanceſter ausſprach, antwor⸗ tete man ihr, daß in der That ein Gentleman, der dieſen Namen führe, ſeit zwei Tagen im Schloſſe ſei. Suſanna bat voller Freude und Ungeduld die Beamten, ſie zu dieſem Gentleman zu führen. Man öffnete das Gitter eines ſchattigen Gartens, in welchem einige Männer von ruhigem und vornehmen Aus⸗ ſehen ernſt ſpazieren gingen. — Warten Sie gefülligſt, Milady, ſagte man zu ihr, — man wird den Gentleman ſogleich mit ſeinen Wächtern herführen. Das ſchöne Mädchen ſetzte ſich in eine Laube und war⸗ tete. — Während des Wartens konnte ſie ſich nicht enthal⸗ ten, die Unterhaltung der drei oder vier ernſten Männern mitanzuhören, deren ehrwürdige Haltung ihr bei ihrem Ein⸗ tritte in den Park aufgefallen war. Der Eine von ihnen behauptete, Napoleon zu ſein, der andere Luther, der dritte der Mond und der vierte eine egyp⸗ tiſche Mumie, die ſeit mehr als zwei tauſend Jahren im Zuſtande der vollkommenſten Erhaltung geblieben ſei. Sie waren übrigens ſehr höflich und hüteten ſich ſehr ſorgſam, ſich das Mitleid merken zu laſſen, welches der Eine mit den Anderen empfand. — Es waren Narren von aus⸗ gezeichnetem Tone. Beſonders die Mumie hatte augenſcheinlich den Hof beſucht. Nach einigen Minuten ſah Suſanna einen Greis von 481 leidendem und zugleich boshaftem Anſehen auf ſich zukom⸗ men, deſſen ſonſtige Geberden und ſtumpfer Blick den Wahn⸗ finn aufs Unzweideutigſte ausdrückten. Ihm zur Seite gingen zwei Gentlemen von außerordentlich faſhionablem Weſen, die ihn ſtützten und mit kindlicher Aufmerkſamkeit für ihn ſorgten. Der Greis war der Mann, den Suſanna erwartete; die Gentleman waren die Wächter. Wenn wir die reine Wahrheit ſagen ſollen, ſo begegnet man bei Almack vielen Gentlemen, welche der Doktor Co⸗ nolly?) nicht zu Wächtern in ſeinem Krankenhauſe ange⸗ nommen hätte. Milady wünſcht mit Mylord zu ſprechen? ſagte einer von den Gentlemen. — Nein, Sir, antwortete Suſanna traurig; — ich glaubte .. . es iſt ein Irrthum. Sie wollte ſich zurückziehen, als etwas Seltſames ſich begab. Der Graf White⸗Manor, denn er war es, hatte bei dem Klange ihrer Stimme leiſe gebebt. In dem Augen⸗ blicke, wo ſie ſich verneigte, täuſchte er durch einen unerwar⸗ teten Sprung die Wachſamkeit ſeiner Begleiter und faßte das ſchöne Mädchen mit Heftigkeit beim Arme. Die Wächter waren ungewiß. Der Fall war gefährlich. *) Damals Direktor von Denham-Park, jetzt Oberarzt von Hanwell, ein Mann von außerordentlicher Erfahrung und großen Kenntniſſen. IV. 21 S2 482 Die geringſte Bewegung konnte die Wuth des Grafen reizen und Suſanna in Lebensgefahr bringen. Während ſie leiſe herbeiſchlichen, um in die Nähe des Lords zu kommen, hatte dieſer ſein blödſinniges Geſicht dem reizenden Kopfe Suſanna's z und betrachtete ſie auf⸗ merkſam. — Nein — nein — nein! murmelte er, — ich bin nicht der Vater dieſes Kindes, Milady! ... O, wenn Gott mir ein Kind geſchenkt hätte, ich glaube, ich wäre gut ge⸗ worden. Er hörte die leiſen Schritte der Wächter hinter ſich und wandte ſich um. — Kommt mir nicht zu nahe! ſagte er mit gewaltiger Stimme. Suſanna empfand Ekel und Schrecken. — Gilbert! verſetzte der Lord und lachte umheimlich, — bringe den Strick .. . den hänfenen Strick .. das Kind gleicht dem irländiſchen Bettler .. . es iſt nicht meines! Er that, als ergriffe er einen Gegenſtand, den ihm eine unſichtbare Perſon reichte, und fuhr mit ſeiner geſchloſſenen Hand zwei bis drei Male um Suſanna's Hand, als ob er einen Strick darum knüpfe. Die andern Narren, die im Garten zerſtreut waren, begannen ſich zu verſammeln und dieſem Auftritte neugierig zuzuſehen. Da jeder von ihnen von Wächtern begleitet war, ſo war eine ganze Menge Menſchen verſammelt. — Scht, ſeht! ſagte der Lord, — wie jung und ſchön 483 ſie geblieben iſt!. . Ich bin alt geworden .. Iſt das nicht ungerecht? . . Es iſt ſchon zwanzig Jahre her, daß ſie mich verrathen hat .. O, ich erinnere mich wohl .. . Aber iſt es zwanzig Jahre, oder war es geſtern . . Ich weiß es nicht .. Nun, was thut's? Nach zwanzig Jahren oder am anderen Tage, die Sache kommt immer zur rechten Zeit. .. Gentlemen, wer unter Ihnen will dieſes Weib kaufen? Napoleon ſah wie durch ein Fernrohr durch ſeine hohle Hand nach dieſer ſeltſamen Scene hin; Luther gab dem Papſte die Schuld; der Mond drohte, hinter eine Wolke zu gehen, und die egyptiſche Mumie ſagte, ſie habe ſeit zwei tauſend Jahren ſo etwas nicht geſehen. In dieſem Augenblicke bemächtigten die Wächter des Grafen White⸗Manor ſich deſſelben. Als er ſeine Arme gewaltſam gehalten fühlte, warf er einen giftigen Blick des Hohnes auf das ſchöne Mädchen und ſagte: — Dein Kind! . . . Du möchteſt Dein Kind gern um⸗ armen, nicht wahr? .. Hör' mir zu: Es iſt todt ja todt ganz todt .. Er ſprach die letzten Worte mit einem furchtbaren Hohne, taumelte im Arme ſeiner Wächter und bekam einen Anfall von ſeinem alten Uebel. — Man bringe dieſen Menſchen weg! ſagte der Kaiſer Napoleon, und nahm aus ſeiner Weſte die hiſtoriſche Priſe Tabak. Luther ſtimmte einen Pſalm an und zwar in gutem 21* 484 Engliſch, um den heiligen Stuhl zu ärgern. Der Mond verkündete, er träte eben in ſein drittes Viertel, und die egyptiſche Mumie bat, man möge ſie nach den Ppramiden zurückbringen. Darauf begannen alle vier ihren Spaziergang und dach⸗ ten, es wäre eine traurige Sache, ſo einen Narren auf ſei⸗ nem Wege zu treffen. Suſanna war an derſelben Stelle geblieben und vor Staunen ganz leblos geworden. Sie wußte, daß dieſer Menſch wahnfinnig war; und dennoch hatte ſein Anblick und ſeine Worte einen Eindruck auf ſie hervorgebracht, den ſie vergebens zu verſcheuchen ſuchte . . Neunundzwanzigſtes Kapitell. Die 3 ee Suſunna brauchte einige Zeit, bevor ſie von der heftigen Aufregung, welche ſie in Denham⸗Park erlitten, ſich erholt hatte. — Sie hatte ihre Umfahrt vollendet. Als ſie wieder nach London kam, war ſie drei Tage weg geweſen. In London begann ſie ohne Zögerung ihre Forſchungen. Sie beſuchte St. Lukes, das Armen⸗Hoſpital von Old⸗Street, Bethnal⸗Green, welches ein ungeheures Etabliſſement iſt, in dem unbemittelte Wahnſinnige aufgenommen werden, ein ſo ſchreckliches Inſtitut, wie man es nur ſinden kann und noch ſchrecklicher gemacht durch die unzeitige, unnatürliche Luſtig⸗ keit ſeines Direktors. Dieſer brave Mann ſcheint mitten in dem gräßlichen Elend, das ihn umgibt, der glücklichſte Gent⸗ 486 leman der drei Königreiche zu ſein. Er ſcherzt, er lacht, gibt ſich mit erbärmlichen Witzen ab und zeugt ganz für Die⸗ jenigen, die behaupten, daß die Luſtigkeit der Engländer noch unangenehmer iſt, als ihr Traurigkeit. Endlich beſuchte Suſanna Bethlem⸗Hoſpital (Bedlam.) Man zeigte ihr Hunderte von Irren, aber man erklärte ihr, es werde Niemand zu den Wahnfinnigen gelaſſen, die geheim ſich dort befänden. Wahnſinnige im Geheimen! Jedermann weiß, daß Eng⸗ land ein ſehr freies Land iſt. Aber wahnſinnig und ge⸗ heim, das find zwei Worte, die nicht mehr zuſammenpaſſen und mit der engliſchen Freiheit am allerwenigſten. — Man behauptet, daß Bedlam, halb Hoſpital, halb Gefängniß, dem Cabinete von St. James zu Staatsgefängiſſen diene. In der That, es muß dort eine furchtbare Gefangen⸗ ſchaft ſein: geheime Wahnſinnige heißt richtig überſetzt: Leute von geſundem Verſtande, die unter dem Vorwande von Wahnſinn abgeſperrt werden! Suſanna ging von Bedlam in der feſten Ueberzeugung fort, daß Brian von Lanceſter dort hinter Riegeln ſchmachte. Sie irrte ſich nicht. Lanceſter war auf Erſuchen ſeines Bruders oder vielmehr auf von Tyrrel unterzeichnetes Be⸗ gehr nach Bedlam gebracht worden. Die politiſche Färbung, welche man nicht verfehlt hatte, ſeiner Verhaftung zu geben und das Geheimniß, welches aus Mangel an Perſonen, die den Schleier zu heben ſuchten über den angeblichen An⸗ griff auf die junge Thronerbin, während der folgenden Tage 487 fortſchwebte, war die Urſache, daß man die Inſtruktion White⸗Manor's und Tyrrel's buchſtäblich befolgte. Man erlaube uns, bei dieſer Gelegenheit zu bemerken, wie elaſtiſch und vortheilhaft dieſe Anklage des Wahnſinnes iſt, die ſo einem für gefährlich gehaltenen Manne an den Kopf geworfen wird. Wir beſtreiten England ſeine Freihei⸗ ten keinesweges, nur müſſen wir verſichern, daß in Vedlam mehr als ein Unglücklicher iſt, der mit Thränen nach New⸗ gate — der Deportation — oder dem Schaffotte verlangt. Aber das ſchadet der engliſchen Freiheit in keiner Weiſe. Dieſe Unglücklichen werden auf die Kernſt Weiſe gemartert. Sie ſind wahnſinnig, ganz geſetzlich wahnſinnig. Ein Doktor hat ſie dafür erklärt, eine Unterſuchungsjury ihre Verrücktheit conſtatirt. Dieſelbe iſt ſo ſtreng bewieſen, wie ein geometriſcher Lehrſatz. 6 Und doch iſt es Thatſache, daß ſie nicht verrückt ſind. Und wie iſt das möglich? — Ach, welches gut Srzaniftte Gehirn hat nicht irgend eine Lieblingsidee, die alle andern dominirt? das iſt die empfindliche Stelle. Von dieſer Seite eraltirt ſich der Verſtand beim mindeſten An⸗ griff, der Geiſt wird leidenſchaftlich, der Kopf erhitzt ſich.. Für ein Unterſuchungscomité iſt Kaltblütigkeit wer nunft. — Wenn Zufall oder Nichtswürdigkeit alſo das Verhör auf dieſen ſchwachen Punkt des Menſchen hinleitet, ſo iſt die Sache gerichtet. Tyrrel hatte es ſo angeſtellt, daß das Verhör Brian's † 488 von Lanceſter auf das Erſtgeburtsrecht kam, und Brian hatte vorurtheilsvollen Leuten gegenüber mit ſeinen Anſichten im höchſten Grade wahnfinnig erſcheinen müſſen. Und in der That hatte er es ſich nicht einfallen laſſen, zu behaupten, das Erſtgeburtsrecht ſei eine bedrückende, bar⸗ bariſche, unnatürliche Einrichtung? Ging er nicht ſogar ſo weit, zu ſagen, dieſe unmoraliſche und auf rohe Grundſätze einer noch in der Kindheit liegenden Politik begründete Sitte müſſe in einer beſtimmten Zeit die Auflöſung der Familie und den Ruin derſelben Ariſtokratie herbeiführen, deren Pri⸗ vilegien ſie ſo feſt zu kitten ſcheine. Wahnſinn! vollkommener, unheilbarer Wahnſinn und von der ſchönſten Sorte! Das war die Meinung des Unterſuchungscomités. Suſanna wußte Nichts von dem Allem. Als ſie nach Barnwood⸗Houſe nach vier Tagen Abweſenheit zurückkam, umarmte Lady Ophelia ſie mit Thränen in den Augen. 3 habe gethan, was ich gekonnt habe, Suſanna, ſagte ſie zu ihr. Sobald es mir möglich geweſen iſt, aus⸗ zugehen, habe ich Erkundigungen eingezogen und ihn ge⸗ funden . — Wo iſt er? fragte das ſchöne Mädchen. — In Bedlam ... Aber ihn zu finden war nicht ſo ſchwierig .. . Ich wage Ihnen das nicht zu ſagen, theure Lady ... Berr von Lantures⸗Luces hat uns nicht falſch berichtet . Er iſt in Bedlam unter der doppelten Anklage des Wahnſinns und Hochverraths ... 489 — Aber, unterbrach Suſanna, — es wird ja keine Mühe machen zu beweiſen . . . Sie hielt inne, da ein Blick Ophelia's ſie entmuthigte. — Alles geſchieht auf Antrag des Grafen White⸗ Manors, ſagte die Letztere, — und der Graf iſt mächtig. — Aber der Graf iſt ja wahnſinnig! rief Suſanna. — Das war ein falſches Gerücht, wie man verſichert. — Es iſt ganz gegründet, Milady! Ich habe den Grafen White⸗Manor in Denham⸗Park geſehen und der Zufall hat mich zum Zeugen eines ſeiner ſchrecklichen An⸗ fälle gemacht. Ophelia ſtützte ihren hübſchen Kopf auf die Hand und wurde nachdenklich. Suſanna ſah ſie begierig an und ſuchte auf dieſen zarten, feinen Zügen einen Schimmer von Hoffnung. — Brian iſt der Erbe der Pairie, flüſterte endlich die Gräfin. Sie ſtand auf, ohne ein Wort hinzuzufügen, ſetzte ſich an ihren Sekretär und ſchrieb. Aber kaum hatte ſie zwei bis drei Zeilen vollendet, ſo warf ſie Feder und Papier fort. — Nein, nein, ſagte ſie, — ich muß ſie ſelbſt be⸗ ſuchen . . . Brian iſt Erbe der Pairie und vielleicht .. — Erbarmen, Milady, unterbrach ſie Suſanna, — laſ⸗ ſen Sie mich an Ihren Hoffnungen Theil nehmen. Ophelia ergriff ihre beiden Hände und küßte ſie gerührt auf die Stirn. — Sie kennen unſere Welt noch nicht genug, um mich zu verſtehen, meine Liebe, entgegnete ſie mit einer Art Luſtig⸗ 21** 490 keit; — der Erbe eines Lords, der ſich wohl befindet, iſt eine unbedeutende Perſon, iſt aber dieſer Lord krank, ſo rech⸗ net man mit ſeinem Erben . Während ſie ſprach, warf ſie ſchnell einen eleganten Shawl um ihre Schultern und brachte ihre Locken ohne Hülfe der Kammerfrau unter den Hut. — Lady Jane B..., verſetzte ſie, — hat mir heute Morgen ihren Beiſtand verſagt, aber ihre Herrlichkeit wußte nicht, daß der Graf White⸗Manor wahnfinnig iſt. — Und was kann eine Frau bei alle dem ing — Eine Frau, meine Liebe! .. . Lady Jane iſt keine Frau, ſie iſt ein Whig .. . Sie hat Gehör bei dem Lord Präſidenten des Miniſterraths und das Herz Seiner Königl. Boheit des Herzogs von ... Wenn ich Lady Jane über⸗ reden kann, daß Lanceſter mit dem Kabinette ſtimmen wird, ſo iſt der Sieg unſer. — O verſuchen Sie es, theure Lady! rief Suſanna, die von der ganzen Erklärung nichts verſtand. Ophelia öffnete die Thür, um zu gehen. — Mein Wagen iſt ſchon angeſpannt, ſagte ſie; — faſſen Sie ſich in Geduld, Suſanna. In einer halben Stunde bin ich zurück. Eine Minute darauf ſetzte ſich Ophelia auf die elaſti⸗ ſchen Kiſſen des Wagens. Die arme Suſanna wartete. O, wie lang erſchien ihr dieſe halbe Stunde! Sie erinnerte ſich jetzt der geringſten Worte und Bewegungen der Gräfin; bald faßte Soffu 491 ihre Seele und machte ſie glücklich, bald drückte tiefe Ent⸗ muthigung ihr Herz nieder. Sie erinnerte ſich, Thränen in Lady Ophelia's Augen geſehen zu haben, und dieſe Erinne⸗ rung war für ſie eine ganze Prophezeihung des Schickſals Brian's. Sie errieth daraus, daß man die Thüren von Bed⸗ lam hinter ihm zugemacht habe, wie man einen Marmor auf ein Grab legt . Lady Ophelia fand bei ihrer Rückkehr ſie auf dem Teppich knieend, die Hände gefaltet, das Geſicht in Thränen gebadet. — Sieg! rief ſie, ſich ihr um den Hals werfend. — Die Stimme eines Lords kann man nicht theuer genug er⸗ kaufen . . . Sieg, meine Liebe! Suſanna war einen Augenblick von ihrem Glücke wie betäubt. Darauf drückte ſie Lady Ophelia's Hand auf ihren Mund und fand keine Worte, um den leidenſchaftlichen Schwung ihrer Dankbarkeit auszudrücken. — Jetzt iſt das Handeln an Ihnen, Suſanna, ſagte die Gräfin, indem ſie freudig ihre Liebkoſungen erwiederte; — Sie müſſen dieſen Brief ſofort zum Oberarzt von Bedlam tragen .. Es iſt eine Bitte des erſten Lords des Mi⸗ niſteriums . . Eine Bitte Seiner Gnaden gilt noch etwas mehr als ein Befehl . . . Es iſt die Freiheit Brian's von Lanceſter. — Seine Freiheit, wiederholte Suſanna, die Hände faltend, — geben Sie her! In dieſem Augenblicke waren in einem Saale des Hauptgebäudes von Bedlam drei ernſte Perſonen ver⸗ ſammelt. Der Eine derſelben, der Doktor Bluntdull, damals Oberarzt von Bedlam kam eben zum Schluſſe einer ſehr langen Rede und ſagte: — Demnach, Gentlemen und theure Collegen, ſcheint mir der Wahnſinn des ehrenwerthen Brian von Lanceſter zur Genüge bewieſen, theils durch die ertravaganten Be⸗ hauptungen, welche er in den Verhören aufgeſtellt hat, theils durch die unerhörte Handlung, zu welcher ihn die Zerrüttung ſeiner Geiſteskräfte getrieben. Ich glaube nicht mehr nöthig zu haben, noch einmal die hauptſächlichſten meiner Argumente eines nach dem andern vorzulegen .. . — Nein, nein, Sir, unterbrachen ihn ſchnell die beiden Gentlemen. — Und endlich, in Gegenwart dieſer unmöglich zu ver⸗ kennenden Symptome, dieſer offenbaren Geiſtesverwirrung gegenüber, die ſo zu ſagen aus allen Poren des ehrenwerthen Brian von Lanceſter athmet .. — Ein eiliger Brief für den Herrn Doktor, ſagte in dieſem Augenblicke ein Wärter, der die Thür halb öffnete. — Gut, gut .. . endlich alſo, ſagte ich . . — Der Brief trägt das Siegel des Privatconſeil, fügte der Wärter hinzu und trat ganz ein. — So, ſo, ... das Siegel des Miniſters, ſagte Mr. Bluntdull .. Sie erlauben, meine Herren ich werde gleich zum Schluſſe kommen. 493 Bluntdull öffnete den Brief und hielt ſein Augenglas vor die vier Reihen, die er enthielt. Während er las, drückte ſein Geſicht gar nichts aus. Das Geſicht des gelehrten Mannes hatte das ſo an der Art. — So, ſo, .. . flüſterte er, als er fertig war ... Pe⸗ ter, ſage der Lady meinen ehrfurchtsvollſten Empfehl, ich wäre in einer Minute zu Dienſten Ihrer Herrlichkeit .. Um wieder auf unſeren Gegenſtand zurückzukommen, meine Her⸗ ren, iſt alſo das Reſultat meiner vorhin ausgeſprochenen Be⸗ weisgründe, daß ich vorſchlage, in unſerem Rapporte zu erklären, daß, wenn jemals ein Menſch den vollen, vollkom⸗ menſten Gebrauch aller ſeiner geiſtigen Fähigkeiten beſeſſen hat und beſitzt, es der ehrenwerthe Brian von Lanceſter iſt. Die beiden anderen Aerzte fuhren auf ihren Stühlen in die Höhe. — Aber Sie ſagten, — begann der Eine. — Wir mußten glauben, — wollte der Andere hinzufügen. Doktor Bluntdull ſtand auf und verhinderte mit einer Geberde alle weitere Diskuſſion. — Das iſt meine Anſicht, ſagte er pathetiſch, indem er unwillkürlich mit der Rückſeite der Hand auf den offenen Brief ſchlug. Die beiden Aerzte betrachteten den Brief, dann ſich. Sie waren Beide arme Käuze und bewegten ſich als beſchei⸗ dene Trabanten in einer Bahn, deren Hauptgeſtirn Doktor Bluntdull war. — Ich ſehe, verſetzte der Letztere, daß wir vortrefflich 494 einverſtanden ſind .. . Faſſen Sie den Rapport ab, meine Herren, und in dieſem Sinne, wenn es Ihnen gefällig iſt . . Unterdeſſen werde ich es übernehmen, die Thür des Hospitals dem ehrenwerthen Brian von Lanceſter zu öffnen. — Wie? So bald ſchon? — Sir, antwortete pedantiſch Bluntdull, — es iſt nie⸗ mals zu früh, wenn es ſich darum handelt, der Geſellſchaft ein ausgezeichnetes Mitglied wieder zu geben, das in jeder Hinſicht dazu gemacht iſt, der ſchönſte Schmuck derſelben zu ſein. Er ging hinaus. — Die beiden Unterärzte ſahen ſich aufs Neue an, zuckten die Achſel und vereinigten ihre erleuch⸗ teten Geiſter, um den Rapport abzufaſſen. Was vermag nicht eine Bitte mit dem Siegel des Miniſterraths geſtempelt auf die empfängliche Seele einer ärztlichen Unterſuchungscommiſſion!. . . Brian von Lanceſter war ſeit drei Tagen in einer von den vergitterten Zellen, in welche man die Raſenden einſperrt. Er war buchſtäblich mit Stricken gebunden. Jedes ſeiner Glieder hing eng mit den entſprechenden Theilen eines maſ⸗ ſiven Geſtells von ſeltſamer Form zuſammen, das den Namen „Zwangſtuhl“ trägt und mit ſeinem ungeheuren Gewichte und ſeinem complicirten Syſteme von Riemen die Kräfte eines Herkules herausfordern könnte. Was Brian während der drei Tage gelitten hatte, davon könnte man Bände voll ſchreiben. Zur Rechten und zur Linken waren ähnliche Zellen wie 65— die ſeinige. In dieſen Käfigen brüllten Tag und Nacht wie wilde Thiere Wahnſinnige, wie man ſie vielleicht in allen Ländern findet, die aber beſonders in den engliſchen Irren⸗ häuſern häufig ſind, Geſchöpfe, die nichts Menſchliches mehr haben, deren Mund ſchäumt, deren Schlund röchelt, deren blu⸗ tiges Auge vor Wuth umherrollt, als wollte es aus ſeiner Höhle treten .. Man ſagt, daß Orford, der Mörder der Königin Victo⸗ ria, der aus Gnade in Bedlam eingeſperrt wurde, nach zwei Wochen ſchon wirklich wahnfinnig geworden iſt. Brian von Lanceſter war eine energiſche aber exaltirte Natur. Die furchtbare Marter würde wahrſcheinlich auf ihn dieſelben Folgen gehabt haben. Nichtsdeſtoweniger hatte er drei Tage lang durch ſeine Willenskraft dieſe Qualen aus⸗ gehalten. Er war nicht niedergeſchlagen. Wie wir ihn im Laufe unſerer Erzählung geſehen haben, ſo finden wir ihn auch in der Zelle von Bedlam wieder. Nur konnte man die Anſtrengung, welche er gemacht hatte, um in dem fürch⸗ terlichen Kampfe nicht zu unterliegen, auf ſeinem bleichen Geſichte leſen, und ſein Auge hatte, bei dem düſteren Aus⸗ drucke verzweifelter Entſchloſſenheit etwas Irres. Suſanna erſchien ihm mitten in ſeinem unausſprech⸗ lichen Elend wie eine ſtrahlende Erſcheinung. Anfangs glaubte er zu träumen und ſchloß die Augen, als wolle er noch einigen Sekunden länger die liebe Täuſchung feſthalten. — Es bedurfte nichts Geringeres als die irdiſche und nicht 496 im mindeſten himmliſche Stimme des Doktor Bluntdull, um ihn zum Gefühle der Wirklichkeit zurückzubringen. Der Doktor, der nach dem Briefe des Miniſters gar nicht zu viel thun zu können glaubte, hatte Suſanna ſelbſt in die Zelle geführt. — Ihr Diener, Mylord, Ihr Diener, ſagte er; — hm! das iſt, wie ich meine, eine betrübende Geſchichte . . Uebri⸗ gens nicht wahr? .. dreimal vierundzwanzig Stunden find kein Jahrhundert? Als Brian die Augen öffnete, ſah er Suſanna neben ſich knieen, die vergebens die Riemen des Zwangsſtuhls auf⸗ znſchnallen verſuchte. — Machen Sie ſich keine Mühe, Milady, fuhr der Doktor fort, — man ſoll den Apparat los machen. Das geſchah. Brian ſtellte ſich auf die Füße und ſchüttelte ſich wie ein gefangener Löwe, der die Wüſte wieder ſieht und die Mähne dem freien Winde der Einſamkeit Preis gibt. Er richtete ſich hoch auf; ſeine Augen glänzten, ſeinen Mund umſpielte ein Lächeln, welches keine Feder, kein Pinſel wiedergeben kann. Darauf ergriff er Suſanna's Hand, die den ausgefer⸗ tigten Entlaſſungsſchein hielt und zog ſie mit ſich fort, ohne ein Wort zu ſagen. — So, ſo, ſo .. . brummte Bluntdull, — er hätte ſich wohl bedanken können. Der Wagen, in welchem Suſanna und Brian fuhren, 497 rollte in der Richtung nach Weſtend. Brian betrachtete Su⸗ ſanna ſchweigend und mit entzückten Blicken. — Dank, ſagte er, ihre Hand ergreifend und drückte einen langen Kuß darauf; — Dank, mein Schutzengel!] — Was müſſen Sie gelitten haben, Brian, flüſterte das ſchöne Mädchen; — und ich bin die Urſache. Lanceſter runzelte die Brauen. — Das iſt wahr! verſetzte er mit leiſer Stinme — So ſind es alſo ſie, die Sie in dieſen Kerker ge⸗ worfen haben? — Sie und Mylord, mein Bruder, ... aber jetzt bin ich frei und ich habe ein Mittel, es Ihnen zu vergelten, Suſanna .. Es giebt Etwas, das Ihr edles Herz mehr wünſcht, als Alles in der Welt . — Wie? ſagte das ſchöne Pt erbleichend, — wüßten Sie? Sie hielt inne und ſtammelte mit kaum verſtändlicher Stimme: — Meine Mutter! .. . Brian hob ihre Hand, welche er in der ſeinigen hielt, in die Höhe und legte ſie ihr ſcherzend auf den Mund. Er lächelte und fühlte ſich glücklich. Aber dieſe Freude ging ſchnell vorüber wie ein Blitz. — Fragen Sie mich nicht, entgegnete er, — und ſagen Sie mir, welchen Zufluchtsort der Mann gewählt hat, den Sie Tyrrel den Blinden nennen. — O Mylord, rief Suſanna zitternd. — um des Him⸗ mels willen, ſetzen Sie ſich ſeinem Zorne nicht aus. — Sein Zorn vermag Nichts gegen mich, Mylady, und ich muß ihn ſehen. — Ich muß ihn ſehen, wiederholte Brian, — und zwar auf der Stelle. Er ſagte das mit ſo ernſtem Tone, daß das junge Mädchen nicht länger zu widerſtehen wagte. Sie zeigte ihm die Wohnung des Doktor Moore an. Sofort ſteckte Brian den Kopf aus dem Wagenſchlage und befahl dem Kutſcher nach Nr. 10 Wimpole⸗Street zu fahren. — Mylady, ich bitte Sie, mich hier zu erwarten, ſagte er in dem Augenblicke, wo der Wagen anhielt; — ich werde bald wiederkommen .. Käme ich nicht .. Er unterbrach ſich und fuhr dann gleich fort: — Sehen Sie nach Ihrer Uhr . . . wenn ich in einer halben Stunde nicht wiederkommen ſollte, ſo laſſen Sie ſich nach dem Polizeibüreau von High⸗Street fahren und bitten Sie die Behörde, ſie möge einen Mord conſtatiren. — O Mylord, Mylord, erbarmen Sie ſich meiner! rief Suſanna. Brian antwortete nicht und ſtieg aus; einen Augenblick darauf ging er waffenlos über die Schwelle des Hauſes des Doktor Moore. Der Pharmaciegehülfe ließ ihn ein. Rowley öffnete, wie man wohl denken kann, nicht augenblicklich die Thür des Heiligthums. Er prüfte den Ankömmling von allen 499 Seiten und ſprach ſein ewiges Papperlapapp in verſchiedenen Tonarten aus, bevor er ſich entſchließen konnte. Aber die drei Tage, welche Brian in Bedlam zugebracht, hatten auf ſeinem Geſichte ſo unzweideutige Spuren von Leiden zurück⸗ gelaſſen, daß Rowley einen Patienten in ihm ſah und einen Patienten, der er ſehr eilig habe. — Ich habe die Ehre, Sie zu bitten, daß Sie Platz nehmen, ſagte er mit vieler Liebenswürdigkeit; — ich werde Sie dem Doktor melden. — Das iſt unnütz, entgegnete Brian, und nahm einen Seſſel. Rowley, der ſchon auf halbem Wege nach der Thür war, machte eine Pirouette auf ſeinen ſehr langen Hacken und begann wieder ohne Umſtände dieſen ſonderbaren Patien⸗ ten zu prüfen, der ſagte: es iſt unnütz — wenn man ihm davon ſpricht, den Doktor zu holen. Das materielle Reſultat der Prüfung war ein ſehr ener⸗ giſches Papperlapapp, das von einen ſonderbar bezeichnenden Ohrkratzen begleitet war. — Der Herr iſt vielleicht ein Mitglied von Royal⸗ College? ſagte er endlich mit einem Anfluge von Bitterkeit: — wir ſehen, Gott ſei Dank, alle Tage neue .. Papper⸗ lapapp! .. Ich habe die Ehre, Sie zu fragen, was zu Ihren Dienſten ſteht? — Sagen Sie dem Maſter Tyrrel, antwortete Brian, — daß ein Gentleman ihn insgeheim zu ſprecheu wünſcht. — Maſter Tyrrel, wiederholte Rowley .. kenne ihn nicht. — Maſter Spencer, wenn Ihnen das beſſer klingt. — Ich kenne viele Spencer, Sir . .. Da gibt es einen, der ſich im vergangen Jahre in Ludgate⸗Hill als Apotheker etablirt hat aber . — Ich bin eilig, Sir! unterbrach ihn Brian. — Wie der Name iſt, hinter dem ſich der Mann verbirgt, Tyrrel, Spencer oder Edmund Makenzie . . . ich will .. — Und was wollen Sie, wenn ich fragen darf, Gentleman? ſagte die Stimme Tyrrel's, der eben über die Schwelle trat. Brian kehrte ſich um. — Tyrrel hatte ihn nicht ſo⸗ bald bemerkt, als er drei Schritte zurücktrat und die Farbe wechſelte. — O! ... ſagte er blos in ſeinen großen Erſtaunen. Darauf fügte er zwiſchen den Zähnen hinzu: — Gewiß, der Teufel hat ſein Spiel! Dies bezog ſich auf eine Reihe von Querſtrichen, die ſeit Kurzem unſerem blinden Tyrrel gemacht worden waren, die Flucht Suſanna's und Clary's, die er zu bewachen über⸗ nommen, der traurige Ausgang des Bankcomplotts u. ſ. w. Tyrrel ſaß im Unglücke. — Wir haben eine lange Rechnung zuſammen abzu⸗ machen, Maſter Ismael, ſagte Brian zu ihm. Der Jude, der ſich bemühte, wieder Faſſung zu gewin⸗ nen, trat langſam näher und ſcheuchte Rowley mit einer Geberde aus dem Zimmer. — Die langen Rechnungen wickeln ſich endlich ab, 501 Mylord, antwortete er, wenn man ſich dabei nur richtig zu benehmen weiß .. Was verlangen Sie von mir? — Ich will erſtens den Namen von Suſanna's Vater wiſſen! — Und dann? — Erſt den Namen! ſage ich Ihnen! rief Lanceſter gebieteriſch. — Und ich ſagte: was dann noch? entgegnete der Jude, ſtieß mit dem Fuße einen Seſſel Brian gegenüber und ſetzte ſich darauf, — weil es mir unangenehm, die Unterre⸗ redung gleich mit einer Weigerung zu beginnen . Ich will Ihnen den Namen von Suſanna's Vater nicht ſagen. — Hüten Sie ſich, Ismael! . . . Der Jude zuckte die Achſel und nahm jene herausfor⸗ dernde Miene der Leute an, welche erſt das Terrain recog⸗ nosciren und die Kräfte ihrer Gegner kennen lernen wollen. — O, Mylord, Sie machen ſich über mich luſtig! ſagte er; — mich hüten! Ich bringe mein ganzes Leben damit zu, mich zu hüten. Die Vorſicht iſt die Bedingung der Geſchäfte, die ich treibe . Aber Sie haben nicht daran gedacht, ſich zu hüten, als Sie die Schwelle dieſes Hauſes überſchritten? — Allerdings! antwortete Brian einfach. Tyrrel wartete einige Sekunden und hoffte, Brian werde ſich näher erklären; aber Lanceſter ſchwieg, was den Juden zum Nachdenken veranlaßte. — Mylord, ſagte er nach einer Pauſe, — Sie fragen mich da nach einem Geheimniſſe, das zu verkaufen iſt. — Ich weigere mich nicht, es zu bezahlen, ſagte Brian. — Sie ſind ſehr arm, Mylord! fügte Tyrrel lächelnd hinzu; — ärmer als Sie denken ... Die Hand, welche ſich geheimnißvoll öffnete, um Ihnen alle Monate tauſend Guineen zuzuſtellen, iſt heute die Hand eines edeln Gefangenen .. — Sie wiſſen! . . . rief Lanceſter aus. — Dies Geheimniß iſt nicht zu verkaufen, Mylord, unterbrach ihn Tyrrel ernſt, — ſo ſind Sie alſo, fuhr er fort, — nackt wie ein Bettler .. Aber auf der andern Seite ſchwebt auch wieder das Vermögen eines Fürſten über Ihrem Haupte .. an einem Haare ... Geben Sie ſich nicht die Mühe, mich mit Drohungen zu befragen, wie es die Abſicht Ew. Herrlichkeit iſt: ich habe Luſt, über dieſen Punkt mich klar auszulaſſen .. White⸗Manor iſt epileptiſch und wahnfinnig! — Mein Bruder wahnſinnig! rief Brian mit einem Tone aus, der eine unerheuchelte Traurigkeit ausdrückte. Tyrrel fing laut zu lachen an. — Es ſieht beinahe ſo aus, als hätten Sie nicht Ihr Möglichſtes gethan, um dies Reſultat herbeizuführen! ent⸗ gegnete er ſpöttiſch. Brian ſenkte das Haupt nicht vor dem Sarkasmus dieſes Elenden, ſondern vor dem Vorwurfe, den ihm ſein Gewiſſen machte. 503 — Wenn Sie es wünſchen, verſetzte der Jude, will ich Ihnen ganz ausführlich ſagen, woran Godfrey von Lan⸗ ceſter ſtirbt, der in Denham⸗Park war, während man Sie in Bedlam feſthielt .. . Stellen Sie ſich vor, der Graf hat eine närriſche, fire Idee. Er glaubt Sie unaufhörlich zu ſehen — und das tödtet ihn. — Genug! ſagte Brian ganz leiſe. — Ja, ja, das iſt genug! fuhr der Jude fort, indem er that, als mißverſtehe er es; — allerdings kann man mindeſtens daran ſterben . . . O, Ew. Herrlichkeit hat ihren Zweikampf mit dem Grafen herrlich ausgefochten. — Genug davon, ſage ich Dir! rief Lanceſter heftig aus. Ich bin hierher gekommen, um den Namen von Su⸗ ſanna's Vater zu erfahren; ich werde ihn gutwillig oder mit Gewalt erfahren. — Es gibt eine Menge Dinge, die ich ſo erfahren möchte und die man mir doch nicht ſagt, entgegnete Tyrrel kalt; — zum Beiſpiel wäre ich höchſt neugierig, welche mächtige Fee Ihnen die Thüren von Bedlam geöffnet hat .. Lanceſter ſtand auf. — Maſter Ismael, ſagte er, ruhig zu bleiben verſu⸗ chend, glauben Sie mir, man gewinnt nicht zweimal die Partie, die Sie einſt gegen den Galgen geſpielt haben. — Das iſt auch meine Meinung. — Ich gebe Ihnen mein Wort als Nobleman, verſetzte Vrian, daß, wenn Sie mir den Namen von Suſanna's 504 Vater nicht ſagen, ich mich von hier auf der Stelle zur Obrigkeit begebe und .. Ihre Drohung ſchwankt in ihrer Baſis, Mylord, denn es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ich Sie von hier fortgehen laſſe. — Dann, Maſter Ismael, bereiten Sie nur Ihr Ge⸗ genmittel gegen den Strick vor. Ich habe den Fall vorge⸗ ſehen. Tyrrel bedeckte plötzlich ſein Geſicht mit jener gutmüthi⸗ gen, gemüthlichen Maske, die wir am Anfange dieſer Er⸗ zählung an ihm geſehen haben. Seine ſtrahlenden Augen verloſchen und ſtarrten düſter ins Leere, wie die Augen eines Blinden. — Ew. Herrlichkeit, ſagte er unterthänig, — hat da einen leichten Sieg über einen armen Mann davon getra⸗ gen geruhen Sie ſich wieder zu ſetzen ich ſtehe ganz zu Ihrem Befehl und bin bereit, mitzutheilen, was Sie zu erfahren wünſchen. Brian ſetzte ſich nieder. Tyrrel betrachtete ihn einen Augenblick mit unterwür⸗ figer Miene. Darauf glänzten ſeine Augen immer mehr, bis ſie endlich jenes wahrhaft diaboliſche Leuchten annahmen, vor dem ehemals die arme Suſanna gezittert hatte. Zu gleicher Zeit hob ſich ſeine ſchmale zu einem bitteren, vhhg Sich eln. 505 — Sie ſind die Urſache, daß ich gehängt bin, Myhlord, ſagte er mit kurzem, ſchneidendem Tone, der unvermuthet Lanceſters Ohr treffend, ſeine Nerven zucken machte. — Ohne Sie wäre ich ſchon lange Millionär ... Suſanna war mein Vermögen: Sie haben mir Suſanna geſtoh⸗ len! . Sie haben triumphirende Vorſicht gebraucht, denke ich mir, um ſich vor meinem Dolche zu ſchützen! O, Mylord, ich wäre ein großer Narr, wenn ich Sie auf andere Weiſe tödtete, als Ihre eigene Laune verlangt. Sie kommen, um einen Namen zu erforſchen; erſt habe ich mich geweigert, ihn Ihnen zu ſagen, um etwas mit Ihrer Angſt zu ſpielen, mich luſtig zu machen über dieſen naiven Kampf, welchen die Hoffnung in Ihrer Seele der Furcht liefert .. denn dieſen Namen, Mylord, haben Sie ſchon vor vielen Tagen errathen! Brian war bleich geworden, wie ein Geſpenſt, auf der Stirn ſtand ihm der Angſtſchweiß, er athmete ängſtlich. — Auf meine Ehre, ſtotterte er; — nein, ich kann nicht glauben nein! — Sie lügen, Gentleman! entgegnete Tyrrel mit ſcheußlicher Freude; — ich habe nicht einmal nöthig, dieſen Namen auszuſprechen .. . Ihr Gewiſſen ſchreit ihn Ihnen in die Seele hinein .. . Nun ja, Sie irren ſich nicht. Er iſt ihr Vater, Mylord, ſie iſt ſeine Tochter und Sie werden niemals ihr Gatte werden. IV. 22 Brian ſtieß einen dumpfen Seufzer aus, darauf ſtand er mit Anſtrengung auf, und ging ſchwankend auf die Thür zu, während Tyrrel ihm mit gefälligem Spotte noch die Worte nachrief: — und doch ließe ſich das Alles noch machen, My⸗ lord; — werden Sie mein Religionsbruder .. das Geſetz Mofis ſegnet dergleichen Ehen ein ... Brian beeilte ſeinen Schritt und entfloh. — Er öffnete den Wagenſchlag, ſtieg aber nicht hinein. Suſanna, die ihn freudig empfangen wollte, ſtieß beim Anblicke ſeiner ver⸗ ſtörten Züge einen Schreckensruf aus. — Mylady! flüſterte er mit gebrochener Stimme; — Suſanna! ... Gehen Sie . . . Ich kann Ihnen in dieſem Augenblicke nicht folgen ... Leben Sie wohl! Er gab dem Kutſcher ein Zeichen, der ſich ver⸗ neigte, um ſeine Vefehle zu empfangen. Der Wagen fuhr fort. Brian blieb einen Augenblick unbeweglich, wie an den Boden genagelt ſtehen; — darauf ſah man ihn ſich ent⸗ fernen, von dem Gewoge der Vorübergehenden bald rechts bald links geworfen .. Am Abende empfing Suſanna einen Brief mit Brians Unterſchrift, der blos folgende Worte enthielt: — „Ich werde Sie nicht wiederſehen, Suſanna, weil ich Sie liebe und der Bruder Ihres Vaters bin. Ver⸗ 507 geſſen Sie, daß wir hätten glücklich ſein können. Von ferne werde ich über Sie wachen und ſie ſollen einen Troſt haben, denn ich werde Ihnen Ihre Mutter wieder geben.“ Suſanna las unter Thränen dieſen Brief und ſiel er⸗ ſchüttert in die Arme der Gräfin. 22* Dreißigſtes Kapitel. ed Wir laſſen ſechs Wochen vergehen und befinden uns im Monat Februar 183.. — Um dieſe Zeit belebt ſich das ariſtokratiſche London. Die Fenſter der prunkvollen Häuſer in Weſt⸗End öffnen ſich, nachdem ſie drei Viertel des Jahres verſchloſſen geweſen. Die Equipagen ſind ſchon zahlreicher im Park; man ſpricht von der Ankunft Düprez' den Debüts der Charlotte Griſi oder der Elßlers. Engliſh⸗ Opera⸗Houſe ſchmückt ſich, um alle die glänzenden Talente zu empfangen, welche Frankreich und das übrige Europa auf einige Monate herleihen, um unſeren, für die Kunſt unfruchtbaren Boden, zu bereichern. Die Seaſon beginnt. Die Seaſon, das iſt Almack, das iſt der Hof, das ſind jene erſtickenden Theaterabende, die pedantiſchen Vorleſungen, die Spazierfahrten in Hyde⸗Park, dieſer prächtigſte Jahrmarkt 509 von Equipagen, der nur in der Welt iſt; es ſind die Wett⸗ rennen, die verderblichen Kämpfe der Spielhöllen; das iſt der Prunk, der gegen den Spleen kämpft, das iſt der Lär⸗ men, der mit der Langweile im Handgemenge liegt. Die Seaſon iſt ferner für den engliſchen Adel und die Gentry, die nach Außen hin ſo ſtolz verſchwenderiſch und in den häuslichen Einzelnheiten ſo knauſrig ſind, der ſchmerz⸗ liche Augenblick, wo man in wenigen Wochen drei Viertel der jährlichen Rente verzehrt, wo man des Scheines wegen das Gold zum Fenſter hinauswirft, um dann die Sparſamkeit des Hausweſens während der langen Monate, die man auf dem Lande zuzubringen hat, bis zu den fabel⸗ hafteſten Grenzen treibt. Der Aſſiſenhof von Middleſſer hielt ſeit einer Woche ungefähr ſeine Sitzungen in Old⸗Bailey. Es war elf Uhr Morgens. Eine ungeheure Menge drängte ſich an den Zugängen zum Gerichtshofe; niemals war die öffentliche Neugier lebhafter erregt. Die Policemen hatten Mühe, die Thüren des Gerichtsſaales, in welchem die Plätze bis zu zehn Pfund Sterling verkauft wurden, zu ſchützen. Es handelte ſich aber auch um einen Prozeß von der höchſten Schönheit. Die Journgle hatten die Sache rieſige Weiſe auspoſaunt, und gewiß war werth. Der ſchöne, de 510 ſetzte ſich ſchon ſeit zwei Tagen auf die Bank der Ange⸗ klagten. Man muß unſerer Faſhion die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß ſie nicht gern diejenigen von ihren Mit⸗ gliedern verläßt, die unter dem Schlage des Geſetzes gefallen. Im Gegentheil können wir verſichern, daß unſere reizenden Ladies eine Schwäche für die Helden der Gerichtshöfe haben. Lords und ſchöne Damen machten alſo hier ebenſo gut rush als die Kleinkrämer von Poultry oder die furchtbaren Weibchen der Watermen. — Es war ein ungeheures Ge⸗ miſch und wir haben viele Mühe, daraus unſere Bekannten hervorzuerkennen. — Nichtsdeſtoweniger kann uns der kleine Lantures⸗Luces neben dem Pferdeprofil des Lord John Tantivy nicht entgehen. — Ganz nahe bei der Eingangsthür ſtand eine in Trauer gekleidete Frau, deren Geſicht ſich hinter einem dichten, ſchwarzen Schleier verbarg. Die Menge wälzte ſich wie ein Meer und machte noch mehr Lärmen. Es war ein unangenehmes Concert von rauhen Kehlſtimmen, welche in der ſchönſten Disharmonie durcheinander ſprachen. Gegen ein Viertel auf zwölf Uhr machten unter dem ſtellten ſich auf die Spitzen 511 Der Herr Marquis von Rio Santo, auf ſeinem edlen Geſichte einen Anflug von Zerſtreuuung und Gleichgültigkeit tragend, ſtieg am Thore von Old⸗Bailey aus. In dieſem Augenblicke hob die ſchwarzgekleidete Frau ihren Schleier und die bleichen Züge der Lady Ophelia wurden ſichtbar. Die Augen des Marquis wandten ſich zu⸗ fällig nach ihr hin und ſobald er ſie erkannt hatte, verän⸗ derte der Ausdruck ſeiner Phyſiognomie ſich augenblicklich. 1 Was es nur Zärtliches, liebevoll Verehrendes im Ausdrucke der Dankbarkeit geben kann, belebte ſeinen Blick, der einen 1 Augenblick voller Liebe auf der geſenkten Stirn Opheliens haftete. Es war ein ſtummes, aber beredtes Danken, 3 in welchem rege Bewunderung und lebhafteſte Erkennlich⸗ keit lag. Ophelia ließ ihren Schleier wieder fallen, aber nicht ſchnell genug, um ein melancholiſches Lächeln zu verbergen, . 1 das von zwei langſam ihre Wangen herabrollenden Thränen 1 begleitet war. Wir, die wir ſie glänzend und ſtolz durch die neidiſche Menge ihrer beſiegten Rivalinnen haben dahinſchreiten ſehen, würden großen Mühe haben, ſie an jenem Tage in Old⸗ Bailey wieder zu erkennen. Sie war ſo ſehr verändert! In ihrem thränenmüden Auge lag ſolche Entmuthigung und Angſt. O, der Marquis hatte Recht, ihr zu danken und ſie zu bewundern. Dieſes Weib, das er in den Tagen des Glücks vernachläſſigt, hatte ihm Alles gegeben, was ihr hier 512 noch auf Erden blieb. Sie hatte ſeinetwegen den geheim⸗ nißvollen Schleier zerriſſen, in den ſich bis dahin ihre Schwächen gehüllt hatte, ſie hatte Allen ihre Liebe und ihre Thränen gezeigt, auf dieſe Weiſe ohne Gewiſſensbiſſe oder Reue der unverſöhnlichen Rache einer Welt trotzend, welche einen eingeſtandenen Fehltritt nicht verzeihen kann, weil ſie ihre Nachſicht durch Feier des heuchleriſchen Laſters erſchöpft. Sie hatte in dem kühnen Eifer ihrer Ergebenheit die Geduld der Richter ermüdet, ſie hatte ſich den Miniſtern zu Füßen geworfen; ſie hatte jeden Tag, ihren Stolz als vornehme Dame erniedrigend, geweint, auf den Knieen vor ihren Neben⸗ buhlerinnen gebeten. Und überall zurückgeſtoßen, überall mit unerbittlicher Verachtung bedeckt, hatte ſie ſich ſtark wieder aufgerichtet. Ihre arme, von Bitterkeit geſättigte Seele, war ihrem Stre⸗ ben treu geblieben. Dem Sarkasmus ſtellte ſie Geduld, der Beleidigung Demuth entgegen; ſie hatte auf allen Schimpf geantwortet: — Erbarmen mit ihm, Erbarmen mit ihm! In jenem Augenblicke war ihre Gegenwart an einem ſolchen Orte ein herrlicher Stoff zum Ergötzen für Tantivy und ſeine Freunde, welche zum Zeitvertreib Späße von ſchlechtem Geſchmack wieherten, und vielleicht würde endlich das Uebermaß von Opheliens Leiden die Aufmerkſamkeit der Menge erregt haben, wenn ein Weib, welches ſie nicht kannte, ihr nicht zu Hülfe gekommen wäre. Die Gräfin fühlte in der That in dem Augenblicke, wo Rio Santo zum letzten Male über die Schwelle von Old⸗Baileh trat, ſich ſchwach werden und ſchwankte auf den Füßeu. — Ein Arm ſchlang ſich um ſie und hielt ſie leiſe aufrecht. Ophelia wandte ſich um, die, welche ihr beiſtand, war eine Frau von hohem, vollen Wuchſe, in Trauer gekleidet wie ſie und verſchleiert. Dieſe Frau durchſchritt, Ophelia noch immer haltend, die Menge und ging mit ihr in eine der naheliegenden Straßen. — Gott lohne es Ihnen, Mylady! flüſterte ſie, der Gräfin ein Riechfläſchchen vorhaltend; — ich hätte es gern thun mögen, was Sie gethan . aber ich bin nur ein armes Weib und Sie eine edle Lady .. Gott ſegne Sie! — Wer ſind Sie? fragte die Gräfin. — Sch heiße Fanny Bertram, antwortete die verſchleierte Frau; — ich habe ihn geliebt, wie Sie ihn lieben ... Auch Sie werden ſehen, daß man ihn nicht vergeſſen kann! Und ich weiß, daß Sie für ihn gebeten, für ihn ge⸗ weint haben Ich danke Ihnen dafür, Mylady, Gott ſchütze Sie! Fanny Bertram berührte mit ihren Lippen die Hand der Gräfin und verlor ſich in der Menge. Der Herr Marquis von Rio Santo ſtand vor ſeinen Richtern. Man vermuthete, daß in dieſer Sitzung die Ver⸗ handlungen geendet und das Verdikt der Jury abgegeben werden würde. Der Hauptzeuge Angus Mac⸗Farlane von Schloß Crewe fehlte beim Prozeſſe. Alle Bemühungen, ihn zu ſinden, 3 22** 514 waren vergeblich geweſen: man wußte nicht, was aus ihm geworden war. Frank und Mac⸗Nab waren da, um an ſeine Stelle zu treten. — Neben ihnen als wohlwollender Zeuge ſaß Seine Gnaden der Fürſt Dimitri Tolſtoy, Ambaſſadeur von Rußland, deſſen Zeugniß mehr als einmal im Laufe der Debatten Rio Santo niedergeſchmettert hatte. Man wird zugeben, daß der Tartar vermöge ſeiner Nationalität, ſeines Charakters und der jämmerlichen Rolle, die er vorher dem Marquis gegenüber geſpielt hatte, voll⸗ kommen im Rechte war, ſich feige, tlii und ohne Er⸗ barmen zu zeigen. Er gehörte zu den in allen Ländern zahlreichen und übrigens ſehr geehrten Männern, welche dem Sieger den Fuß küſſen und den Hacken auf die Stirn des Beſiegten ſetzen. Draußen hatte ſich die Menge zertheilt, aber es blieb noch eine ganz hübſche Maſſe dort, die immer noch im Stande war, hier und dort ein Weib oder ein Kind zu er⸗ drücken. Die ganze Familie war in Aufruhr. Keines ihrer Mitglieder, mit Ausnahme des Marquis, war in den Pro⸗ zeß verwickelt worden, weil Mae⸗Farlane's auf dem Polizei⸗ büreau von Weſtminſter abgegebene Ausſage nur den Mar⸗ uis erwähnte, indeß noch fernere Enthüllungen und ein Verzeichniß der hauptſüchlichſten Lords der Nacht verhieß. — Von jenem Abende aber an hatte man die Spur des Laird 6 515 ½ verloren, und man vermuthete, er ſei von der Familie er⸗ mordet worden. Aber der Marquis allein genügte, um die allgemeine Aufmerkſamkeit zu beſchäftigen. Die Leute von der Familie wußten nun, daß er das geheimnißvolle Oberhaupt geweſen, welches im Dunkeln ihre Vewegungen geleitet und über ſie als abſoluter Monarch geherrſcht habe. Jeder hatte ihn zu ſehen verſucht und der wahrhaft königliche Anblick dieſes ſeltenen Mannes hatte auf Alle einen tiefen Eindruck ge⸗ macht. Während der Prozeß ſeinen Lauf hat, finden wir die untergeordneten Perſonen unſeres Drama's in dem Spirit⸗ Shop von Jack⸗Gibbet, Fleet⸗Lane einige Schritte von Old⸗ Bailey wieder. Wir haben zu häufig in dieſer Erzählung das Innere der niedrigen Kneipen Londons geſchildert, als daß wir noch den Spirit⸗Shop von Fleet⸗Lane zu beſchreiben nöthig hätten. Er war von derſelben Art wie the Pipe and Pot; blos war noch ein beſonderes Sprechzimmer für die Schreiber des Sollicitors und die Unterbeamten des Gerichts, die hier die Gentlemen des Orts bildeten. ⸗ An einem Tiſche dieſes beſonderen Sprechzimmers, ganz nahe an der Thür des allgemeinen Parlour, verzehrte der Kapitän Paddy O Chrane ſeine zwölf Pence Gin mit kaltem Waſſer gemiſcht, ohne Zucker mit einem Anflug von Citrone⸗ Er war allein. — Richt weit von ihm nahmen Snail, Madge, Loo und Mich, deſſen in traurigem Zuſtande ſich * — — — — ũ— —ů — — befindendes Geſicht die Spuren von Tom Turnbull's furcht⸗ varer Fauſt zeigte, den erſten Verſchlag des Parlour ein. An dem folgenden Tiſche theilten Bob Lantern und Tempe⸗ rance ehelich ihren Krug Porter. — Endlich in einer ent⸗ fernten Ecke aß Donnor Ardagh ſein Frühſtück. Er ſaß tief in der Ecke des Verſchlages und Niemand hatte ſeine Gegen⸗ wart bemerkt. Erſt hatte man vom Prozeſſe geſprochen, dann war dieſer Stoff erſchöpft und man kam auf das große Ereigniß des verunglückten Bankraubes, und die daraus erfolgten Be⸗ gebenheiten. — Es war ein famoſer Ulk! ſagte Snail; — ich und meine Schweſter Loo, wir waren an der Ecke von Poultry poſtirt ... Aber ſeht doch, wie Loo keucht, das arme Mäd⸗ chen! . Mich, gib Deiner Frau zu trinken, Schwager! Mich goß ein Glas Gin ein und Loo wollte es hin⸗ unterſtürzen, aber das arme Kind konnte es nicht bis an die Lippen bringen. Das Glas entſank ihrer zitternden Hand und brach auf dem Boden entzwei. — Das bedeutet Tod! ſagte Mich. — Dummes Zeug! rief Snail; — ſchenk' ein anderes Glas ein, Mich! ich bezahle .. Loo war aufgeſtanden und keuchte athemlos, die beiden Hände auf die ſie brennende Bruſt gepreßt. Sie legte ſich der Länge nach auf eine Bank. — Sieh, Temperance, ſagte Bob Lantern väterlich zu 517 ſeiner Frau, — ſieh, wohin der übermäßige Gebrauch der ſtarken Liqueure führt, mein Schatz. — O, mein hübſcher Bob, antwortete Temperance, das häßliche Kinn Bob's liebkoſend, — ich habe dieſen Morgen noch nicht den Werth von einer halben Pinte Gin getrun⸗ ken! — Und doch, ſagte Snail, — konnte es Tod bedeuten; denn Se. Ehren iſt in einer ſchlechten Lage ... Aber um wieder auf Mich und meine Schweſter Loo zurückzukommen, als die Soldaten ankamen .. . Hör' mir zu, mein hübſches Weib Madge, und Du wirſt ſehen, ob Dein Snail ein WMann iſt, ſoll mich der Teufel holen! — ... Als die Sol⸗ daten kamen, gab es Narren, die ſie angreifen wollten .. Die Soldaten luden und brachten uns in gutem Trabe bis nach dem Fegefeuer in Whitechapel zurück, das leer war, weil alle Vögel ausgeflogen waren ... Jos, der die Wache hatte, ließ die Feder des Eingangs ſpielen, der nach der Gaſſe hinausgeht; die Wand des Parterre's öffnete ſich, wie Ihr und ich und meine Schweſter Loo auf dem Adelphitheater mit den verzauberten Mauern geſehen habt .. Wir warfen uns in den unteren Saal; die Soldaten folgten uns . O, das hättet Ihr ſehen ſollen! ... Wir andern wußten den Weg, wir liefen links, aber die armen Teufel von Soldaten kamen nicht weiter, ſowie die Thür hinter ihnen wieder zugemacht war ... Sie kamen nicht weiter und ſagten kein Sterbenswort mehr. Der Leſer muß, um die Thaten des kleinen Snail zu begreifen, ſich der Beſchreibung des geheimen Eingangs er⸗ innern, die wir gegeben haben, als Lady Jane B. . . von der Gräfin Kantakuzenos begleitet nach dieſem Schlupfwinkel kam, um den ihr in Coventgarden geraubten Krondiamanten wieder auszulöſen. Snail fuhr fort: — Rauche meine Pfeife, meine hübſche Madge, Du kannſt ſie mir wiedergeben, wenn ich auserzählt habe . . . Es war dunkel, meiner Treu, wie in einem Sack . Ich ging ganz ſachte, bis ich an das Loch kam, das zwiſchen der Straße und der Saalthür ſich befindet ... Als ich ein⸗ mal am Rande des Loches war, ſagte ich: Vorwärts, Kameraden, vorwärts! Erinnerſt Du Dich wohl, Schweſter Loo? Loo öffnete ihre matten Augen und ſchloß ſie gleich wieder ohne, zu antworten. — Loo iſt krank, ſagte Snail; — es hat aber Nichts zu ſagen, wenn ſie zu trinken bekommt . . . Die Soldaten hör⸗ ten mich und ſtürzten darauf los .. . Hoho, das Loch iſt tief! „Die wenigſtens werden es nicht verrathen, wo das Fegefeuer iſt! — Ich will gekocht werden, ſagte der Kapitän, — ge⸗ kocht in Satans beſtem Topfe, — wenn dieſer Junge nicht der Liſtigſte von uns Allen iſt! — Hörſt Du, Madge, Frau! rief Snail; — hörſt Du wohl, was man von Deinem Manne ſagt, Himmeldonner⸗ wetter! — Das mußte die Soldaten ſchwer verdrießen, be⸗ merkte Bob, — ſo unten in einem Loche zu ſterben .. Wieviel waren es? — Ein Dutzend, Freund Bob! — Nimmt man an, daß Jeder von ihnen nur drei Schilling in der Taſche hat .. . und ein Soldat des Königs kann wohl drei Schillinge haben .. . das macht beinahe drei Guineen, die verloren ſind. Bob ſeufzte dieſe Rechnung bei Seite. — O, o, ich leide, mein Gott! ſtöhnte in dieſem Augenblicke die kleine Loo. — Mutter, bitte für mich! Donnor Ardagh, der allein in ſeinem Verſchlage war, bebte ſchmerzlich beim Klange der Stimme ſeiner Tochter und kam unwillkürlich näher. Snail ſeinerſeits war aufge⸗ ſtanden, und hielt ein volles Glas Gin iß der Hand. — Oeffne den Mund, Schweſter Loo! ſagte er. Das kleine Mädchen gehorchte und Snail goß ihr den Gin bis auf den letzten Tropfen hinein. Loo rollte einen Augenblick die Augen und ſtellte ſich auf die Füße, als wäre ſie plötzlich elektriſirt worden. — Zu trinken, mehr zu trinken! rief ſie mit heiſerer Stimme. Und die Trunkenheit ſtieg ihr ſchnell zu Kopfe, ſie ſing zu walzen an und ſang dazu wie gewöhnlich eine monotone Melodie. — Es war zum Erbarmen! das arme Kind verlor bei dieſem unſinnigen Beſtreben den Athem. — Donnor Ardagh ſtand an das Gitter ſeines Verſchlages gelehnt, und ſah ihr mit Thränen in den Augen zu. — Guten Tag, Dadd, ſagte Snail, der ihn von ferne gewahr wurde; — Madge, grüß den Vuter Deines Mannes! Der Kapitän Paddy O'Chrane ſteckte ſeinen Kopf und den langen Hals aus ſeinem abgeſonderten Parlour. — Kann mir Jemand von Euch, Ihr Auswurf, meine braven Jungen, ſagen, ob es wahr iſt, daß Mr. und Mrs. Gruff aus dem Wirthshauſe zum König Georg verſchwunden ſind? — Ich, Kapitän, ich, bei Satan und ſeinen Hörnern, antwortete Snail; — ich kann Ihnen das ſagen und noch andere Dinge! ... Hört, ihr Andern, es ſetzt eine Ge⸗ ſchichte .. Das war wieder eiue famoſe Nacht! Als ich aus dem Fegefeuer herauskam, wo ich die Soldaten ins Loch geworfen hatte, da ſagte ich zu mir: Snail, ein Gentleman wie Du, muß von der Polizei ſpeziell ſignaliſirt ſein .. Das war meine Anſicht, zum Teufel! . . . Ich ließ meine Schweſter Loo ganz allein nach Hauſe gehen und begab mich nach dem Ufer, mich beim König Georg in Sicherheit zu bringen! . . . Als ich auf die Brücke von Blackfriars komme .. es iſt komiſch, Ihr ſollt ſelbſt ſehen .. . Da be⸗ merke ich einen großen närriſchen Teufel, der das Waſſer über das Geländer hinweg betrachtete und ein altes ſchotti⸗ ſches Lied ſang ... Ich kam näher ... Er hörte mich und ſtürzte wie ein Wahnſinniger auf mich los. — Sieh, ſagte er zu mir, — ſiehſt Du ſie? . . Da iſt Gruff und ſein Weib .. . Da iſt Clary . . . Clary und Anna! ... Da . ja, ja, da iſt er, da iſt mein Bru⸗ der Fergus! Er zeigte nach der Themſe, wo gar nichts war . . . Iſt das nicht närriſch? — Weiter, Du Banditenbrut! ſagte der Kapitän. — Weiter? .. Meiner Treu, wenn ich nicht ein Mann geweſen wäre, hätte er mir bange gemacht! verſetzte Snail; — aber Gott ſei Dank, ich kenne nicht viel Gent⸗ lemen, die ſo tapfer ſind, als ich . . . Weiter? Zum Teufel, er fing an zu weinen, wie ein Röhrbrunnen. — Todt . ſie ſind Alle todt! ſagte er . . . ich habe ſie Alle getödtet! Und in dem Augenblicke, wo ich es am wenigſten dachte, ließ er mich los und ſtürzte ſich in die Themſe. — Ich kann zwar ſchwimmen, aber es war verteufelt kalt, und dann war es nur ein Verrückter. — Ich ſah zu. Er kam aus dem Schatten der Brücke hervor und blieb auf der Oberfläche liegen, als ob er nicht untergehen könne, denn er ſchwamm nicht .. . Nach einigen Sekunden erhob ſich ſeine Stimme wieder und drang deutlich bis zu mir .. . er ſang ... halt einmal, es war ganz när⸗ riſches Zeug: Der Laird von Killarwan, Der hatt' zwei Töchterlein, Wie nie ein junger Mann, Sie ſah ſo lieb und fein Im ganzen Glengirwan. 522 Er ſang noch andere Strophen . . . denn es dauerte ziemlich lange . . darauf ſchwand ſeine Stimme hin und ich ſah Nichts mehr auf dem Waſſer. — Aber Gruff, Du Satansenkel? — Geduld, Kapitän, zum Donnerwetter! . . . Als der Narr ertrunken war, ſetzte ich meinen Weg nach dem Wirths⸗ haus zum König Georg fort. Die Thür war offen .. Niemand im Schenkzimmer . . . Oben desgleichen .. . Meiner Treu, der Verrückte hatte vielleicht Recht: vielleicht ſah er die Körper Gruff's und ſeiner Frau in der Themſe, denn oben war Blut, und das war Alles! — Auf dieſe Weiſe, murmelte Bob, gehen Jahr aus Jahr ein wohl für mehr als hundert Guineen Cadaver im Waſſer verloren! — So find alſo, beim Teufel, Gruff und ſeine Frau todt! ſagte der Kapitän. — Es waren brave Kameraden, obwohl man verſichern kann, daß das ganze Univerſum keinen verdorbeneren Verbrecher aufweiſt, als dieſes Ehepaar In dieſem Augenblicke hörte man den Fall eines Kör⸗ pers auf den Fußboden des Publie⸗Houſe. — Alle wandten ſich nach Loo um, die man vergeſſen hatte. Sie lag in Schweiß gebadet ausgeſtreckt auf der Erde. — Ich brenne . . ich brenne! röchelte ſie; — ſchafft mir aus Erbarmen das Feuer hier innen fort! Sie drückte ihre beiden Hände auf die magere Bruſt. 523 Donnor Ardagh ſtürzte nach ihr hin. Er legte ſich aufs Kniee. — Es wird Nichts zu bedeuten haben, Dadd, verſetzte Snail. — Der Daddy! ſagte Loo matt; — Gott iſt gütig, daß er mir den Anblick meines Vaters zu dieſer Stunde gegönnt hat .. . O Daddy ich bitte Dich . . löſche mir das Feuer . . das Feuer hier innen! — Trink, Schweſter Loo! ſagte der unerſchrockene Snail, — es wird Nichts ſein! Das kleine Mädchen ſchüttelte den Kopf und ſtieß zum unausſprechlichen Erſtaunen Temperance's das Glas Gin von ſich und die Letztere machte Miene, ſich deſſelben zu be⸗ meiſtern. — Daddy! flüſterte Loo; — es thut mir recht wohl, Dich zu ſehen .. Was ſoll ich meiner Mutter von Dir ſagen? . . Ich gehe zu meiner guten Mutter .. O, das Feuer iſt erloſchen .. . ich leide nicht mehr. Sie ſchloß die Augen. — Ihre hohlen, welken Züge nahmen das ſüße Lächeln eines Kindes an, das einſchläft. — Nun iſt's vorbei! ſagte Snail. Donnor lag noch immer auf den Knieen, neigte ſich über Loo's Stirn und drückte weinend einen Kuß darauf. — Darauſ faltete er die Hände und deckte dann mit ſeinem lei⸗ nenen Ueberwurf Loo zu. — Wozu das Alles, Daddyk fragte Snail. Weil ſie todt iſt, Kind, ſagte Donnor. 524 Zur ſelben Zeit nahm er den kleinen Körper Loo's in ſeine Arme und ging damit ſchnellen Schrittes hinaus. Im Public⸗Houſe war einen Augenblick ein düſteres Schweigen. — Sieh, Temperance, das iſt eine furchtbare Lehre! — Ja, ja, mein hübſcher Junge, antwortete das große Weib; — und ſiehſt Du, gerade ſo werde ich ſterben, wenn Du mir nicht einen Sirpence gibſt, um Gin zu kaufen. — Madge, mein Weib, ſagte Snail und bemühte ſich, nicht zu weinen, — ich bin ein Gentleman und will mich nicht wie ein Kind betragen .. . aber ich denke, es wird mir wohl erlaubt ſein, um meine Schweſter zu trauern ... meine arme Loo! meine gute Lvo! ... Ich weine nicht, Madge! Snail drehte ſich ſchnell nach der Wand um, weil ihm eine Thräne über das Geſicht rann und er ſich ſchämte. Das Schweigen, das im Publie⸗Houſe herrſchte, hatte noch nicht aufgehört, als man draußen ein anhaltendes, lautes Gemurmel vernahm. Alle Mitglieder der Familie ſtanden zugleich auf und eilten nach der Thür. — Das Verdikt, das Verdikt! — Es iſt das Verdikt, beſtätigte Tom Turnbull, der eben eintrat und die Thür mit einem Fußtritt aufgeſtoßen hatte, daß ſie beinahe in Stücken flog. — Und wie lautet das Verdikt, Tom, mein Kamerad? fragte Paddy O'Chrane und vergaß in ſeinem Eifer zu ſuchen. Die andern Leute von der Familie umgaben ſogleich Tom. Dieſer warf ſich auf eine Bank und ſchwieg erſt ſtill. Sein rauhes Geſicht drückte eine tiefe Aufregung aus, mit welcher die Gewohnheit ſeines ſorgloſen, eyniſchen Charakter kämpfte. — Ich kenne ihn erſt ſeit geſtern, ſagte er endlich auf⸗ fahrend, — aber wenn ich ihn zu retten hoffen könnte, indem ich meine Haut für ihn zu Markte trüge, ich thäte es. — Er iſt verurtheilt? .. ſtotterte der Kapitän, auch ſeit langen Jahren zum erſten Male gerührt. — Zum Tode! antwortete Turnbull. Einunddreißigſtes Kapitel. Der Halsbruch. Fergus OBreane, ein engliſcher Unterthan, der ſich Don Joſé Maria Telles de Alarcon, Marquis von Rio Santo, Grand von Portugal u. ſ. w. nannte, war ſchuldig erklärt worden des Mordes an Mr. James Mac⸗Nab, Esg., Advokat bei dem Gerichtshofe von Glasgow, — ſchuldig ferner unerlaubter Verbindungen und der Theilnahme an einem Verſuche zur Beraubung der Bank. Was die Frage des Hochverraths anbetraf, ſo hatte der Sollicitor der Krone dieſelbe vorläufig auf höheren Be⸗ fehl unberückſichtigt gelaſſen. Die Staaten lieben es nicht, zu conſtatiren, daß es möglich ſei, gegen ſie ſich zu verſchwören. Fergus O'Breane hatte erklärt, das nach dem Spruche der Jury zu fällende Urtheil annehmen zu wollen, und er⸗ 527 klärte außerdem, die Handlungen, welche das Verdikt zur Folge hatten, begangen zu haben und keine Reue darüber zu empfinden. Man hatte eine kurze Friſt bis zu ſeiner Hinrichtung mit dem Stricke vor Newgate geſetzt und ganz London nahm ſich vor, dieſer faſhionablen Hängung beizuwohnen. Aber Fergus O'Breane hatte, abgeſehen von ſeinen ſonſtigen Aeußerungen, die von allen Perrückenträgern der drei Königreiche für kühn, verwegen und ſubverſiv gehalten wurden, mit lauter und verſtändlicher Stimme vor den Schranken von Old⸗Bailey ſelbſt erklärt, in Gegenwart von Richtern, Aldermen, Advokaten, Attorneys u. ſ. w., die von ſoviel Keckheit verwirrt wurden: — daß er niemals werde gehenkt werden. Dies wurde übrigens als eine bloße Rodomontade be⸗ trachtet, und die edlen Salons von Weſt⸗End bereiteten ſich ernſtlich darauf vor, ein letztes Zeichen der Sympathie dem Löwen, dem König der Mode, dem blendenden Geſtirne ſo vieler feſtlicher Nächte zu ſpenden, indem man in Maſſe, mit gelben Handſchuhen geſchniegelt und gebiegelt kommen wollte, um ihn — vielleicht bei der Nachhauſekunft von einem Balle — hängen zu ſehen. Es war ungefähr zehn Uhr Abends am zweiten Tage nach der Verurtheilung des Marquis von Rio Santo. Anna und Clary Mac⸗Farlane waren Beide zu Bett gegangen und lagen unbeweglich. Aber während Anna ſchon feſt ſchlief, konnte man das Auge Clary's weit offen mit fieberhaftem Glanze unruhig auf das Bett ihrer Schweſter ſich heften ſehen, als wolle es ſich von ihrem Schlafe überzeugen. Nach dem erſten Augenblicke der Freude, welche ihre Urſache in der unverhofften Rücktehr der beiden Schweſtern hatte, war in dem Hauſe des Mr. Mac⸗Nab Alles wieder traurig geworden. Man hatte ſehr bald bemerkt, daß Anna und Clary, obwohl auf verſchiedene Weiſe angegriffen, alle Beide verwundet waren. Anna, ein ſonſt ſanftes und naives Kind, hatte jetzt ein Geheimniß und Mrs. Mac⸗Nab über⸗ raſchte häufig in ihren ſonſt ſo ſehr an Lächeln gewöhnten Augen Thränen. — Clary's Geiſt und Herz ſchienen von demſelben unheilvollen Schlage angegriffen. Das arme Mäd⸗ chen litt ſchweigend an einem geheimen unbekannten Uebel und ihre geiſtigen Fähigkeiten wollten ſich nicht wieder be⸗ ruhigen. Stephen umgab ſie mit Sorglichkeiten; Anna ver⸗ ſuchte zu lächeln und ihre düſtere Traurigkeit etwas zu ver⸗ ſcheuchen. Vergeblich! der Schlag war zu heftig geweſen, Es hätte Monate und Wochen von Glück bedurft, um dieſe Krankheit der Seele und des Körpers zu heilen. Und Clary konnte nicht glücklich ſein, weil ſie heftig, maßlos einen Abweſenden, einen Unbekannten, einen Mann liebte, den ſie vielleicht nicht wieder ſehen ſollte. Am Tage verbrachte fie die langen Stunden hinter dem Vorhange ihres Fenſters ſitzend und ſah unaufhörlich nach dem großen viereckigen Hauſe hinüber, lauſchte auf jede Be⸗ 529 wegung der Gardinen, auf ein Zeichen, das ihr Edward's Anweſenheit verkünde. Aber ſie ward Nichts gewahr. — Und wenn Stephen oder Mrs. Mac⸗Nab kamen, um ſie den traurigen Träume⸗ reien der Einſamkeit zu entreißen, dann folgte ſie gehorſam, ſchweigend, düſter .. . Sie verließ ihr Fenſter, wie man einen Freund verläßt, den man gern neben ſich weiß, der, wenn auch nicht tröſten kann, doch die Qual einzuſchläfern weiß. Eines Tages kam Mrs. Mac⸗Nab ſchneller als ge⸗ wöhnlich die Treppe herauf und ſagte zu ihr mit jener Lu⸗ ſtigkeit, welche die Mütter gegen ihre leidenden Kinder an⸗ zunehmen verſtehen: — Komm, Clarh, komm, mein Kind, ich will Dir das Portrait des berüchtigten Marquis von Rio Santo zeigen. Mrs. Mac⸗Nab wußte nichts von dem Verdachte Ste⸗ phen's gegen Rio Santo in Beziehung auf die Entführung der beiden Mädchen. Sie hatte an ihrer Thür eine von jenen mehr oder minder ähnlichen Lithographieen gekauft, welche in London vor und nach jedem berühmten Prozeſſe zu hundert Tauſend Eremplaren abgehen. Sie hatte gedacht: das wird Clary zerſtreuen. Clary folgte ihr ſogleich wie gewöhnlich und ſtieg ins Sprechzimmer hinab, wo Anna vor der auseinander gerollten Lithographie ſchon die edlen Züge bewunderte, deren köſtliche Harmonie durch vie ungeſchickte Kreide eines IV. 23 530 niedrigen Künſtlers doch nicht hatte ganz vernichtet werden können. Gleich im erſten Augenblicke erkannte Clary Edward. Ihr Herz ſchwoll vor Freude, aber ſie verbarg ihre Aufre⸗ gung und änderte den Ausdruck ihres Geſichtes nicht. — Sieh, Clary, ſagte Mrs. Mac⸗Nab, — dieſer Gentleman hat den König, die Miniſter und alle Parla⸗ mentsmitglieder tödten wollen .. Der ehrwürdige Joſua Buttler, der alle ſeine Geſchichten weiß, hat es mir noch geſtern erzählt .. . Hat er nicht das Ausſehen eines großen Verbrechers, mein Kind? Clary antwortete nicht. — Er iſt ſehr ſchön! flüſterte ihre Schweſter; — ich glaubte nicht, daß es einen ſo ſchönen Mann geben könne. Clary begann zu lächeln und drückte ihr leiſe die Hand. — Darauf fühlte ſie plötzlich einen Schauer und ſagte ganz leiſe: — Verurtheilt man die nicht zum Tode, die den König tödten wollen? — Ja, ja, mein armes Kind, antwortete Mrs. Mac⸗ Nab; — gewiß verurtheilt man ſie zum Tode .. Noch heute wird man dieſen Menſchen richten .. — Wo richtet man ihn? Seit lange hatte Clary nicht ſo viel geſprochen. Anna und Mrs. Mac⸗Nab tauſchten einen hoffenden Blick aus. — Man richtet ſie in Old⸗Bailey, antwortete die Letztere. 531 Clary legte den einen Finger an die Stirn. — Ich weiß, wo Old⸗Bailey iſt, ſagte ſie nach einer Pauſe; — und nach dem Urtheil, wo kommen dann die hin, die zum Tode gehen ſollen? — Nach Newgate, meine Liebe! — Newgate weiß ich, ſagte Clary wieder; — Tante, wollen Sie mir dies Bild ſchenken? — Dies Bild und Alles was Du willſt, mein Kind! Clary nahm augenblicklich die Lithographie und ſtieg haſtig damit wieder nach ihrem Zimmer zurück. An dieſem Tage und dem folgenden ſchien ſie minder traurig und man ſah ſie mehr als einmal lächeln. — Wir werden ſie retten, ſagte Mrs. Mac⸗Nab. — Gott erhöre Sie, meine Mutter! antwortete Anna. An dem Abend, von welchem wir ſprechen, nämlich den zweiten Tag nach der Verurtheilung des Marquis, hatte Clary den größten Theil des Tages an ihrem Fenſter zu⸗ gebracht und jeden Augenblick, wo die Zärtlichkeit ihrer Schweſter ihre Bewegungen nicht belauſchte, dazu benutzt, das Bild des Marquis von Rio Santo zu betrachten. Als die Dämmerung kam, wurde Clary nachdenklich und ging viel zeitiger als gewöhnlich zu Bett. Sie bat ihre Schweſter, ihrem Beiſpiele zu folgen und Anna, die ſtets geneigt war, den geringſten Launen der Kranken nachzugeben, legte ſich ſchon um neun Uhr nieder. Um zehn uhr ſchlief ſie. Clary hielt ihren Athem an und blieb vollkommen 23 * 532 reglos. Aber ſie ſchlief nicht und ihre großen offenen Augen belauſchten, wie wir ſchon erzählt haben, Anna's Schlaf. Nach einigen Minuten hob ſie faſt unmerklich ihre Decke und verließ leiſe das Bett. — Sie war ganz an⸗ gekleidet. Anna wachte nicht auf, Clary nahm ihre Schuhe in die Hand, um ohne Geräuſch gehen zu können, öffnete die Thür und ſtieg die Treppe hinab. Sie vergaß ihre Schweſter zu umarmen. — Auf ihrem Herzen wie auf ihrem Geiſte lag ein dichter, ſchwerer Schleier, durch den allein ihre Liebe durchdringen konnte. Als ſie unten im Parterre ankam, wachte die alte Betſy noch und lag einigen häuslichen Geſchäften ob. Clary ſchlich ins Sprechzimmer und verbarg ſich dort. Sie wartete geduldig, bis Betſy zu Bett gegangen war; dann, als ſie meinte, die alte Magd würde wohl eingeſchlafen ſein, nahm ſie den Schlüſſel der Hausthür, öffnete dieſelbe und befand ſich Abends halb zwölf Uhr in der Nacht auf dem einſamen Trottoir von Cornhill allein. — Ich weiß wohl, wo Newgate iſt! flüſterte ſie; — ſonſt wußte ich es. Sie verſuchte ſich zu vrientiren und blieb einen Augen⸗ blick an der Schwelle des Hauſes ihrer Tante noch unent⸗ ſchloſſen. Darauf nahm ſie plötzlich ihren Weg und ver⸗ ſchwand an der Ecke von Poultry. Zu derſelben Stunde vifitirte der redliche, ſogfältige und 533 unbeſtechliche Schließer Noll⸗Brye in Perſon das Gefängniß, in welchem der Marquis von Rio Santo auf Stroh liegend, die Erecution des Urtheils erwartete. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß man in Betreff des edlen Gefangenen um ſo vielfältigere Maßregeln der Vorſicht nahm, als er vor dem ganzen Gerichte die Abſicht ausgeſprochen, ſich dem Schaffotte zu entziehen. Dem Schaffotte aber entzieht man ſich nur, wenn man die düſtere Schwelle der Kammer überſchritten hat, die „das Wartezimmer“ genannt wird, durch Selbſt⸗ mord oder Ausbruch. Die Obrigkeit fürchtete das Eine ſo ſehr als das An⸗ dere, und hatte in die Kammer ſelbſt, wo Fergus in Ketten lag, einen ſicheren und kräftigen Mann geſtellt, der durch den Inſpektor der Metropolitan⸗Police, S. Boyne, Esg. ſelbſt vorgeſchlagen worden war. Hier oder niemals kann man ſagen, daß zu viel Vor⸗ ſicht ſchadet. Der kräftige und ſichere Mann, für den S. Boyne, Esq. bürgte, war der Schotte Randal Graham, der von der Familie gewählt wurde, um im Innern von Newgate eine Flucht vorzubereiten, welche die Lords der Nacht, S. Boyne, Esg. an der Spitze, von außen begünſtigen wollten. Aber wer Newgate kennt, weiß, daß eine Flucht aus dem Wartezimmer ungeheure Schwierigkeiten macht. — Sind Sie bereit, Mylord? ſagte Randal, als der ſchwere Schritt des alten Noll⸗Brye ſich nicht mehr hören ließ. — Ich bin bereit, ſich auf ſeinem Strohbett. Randal näherte ſich dem Fenſter, das nach der Straße antwortete Rio Santo und erhob von Newgate hinausgeht, und warf durch die maſſiven Eiſen⸗ ſtangen eine halbe Krone, welche auf das Pflaſter fallend einen filbernen Klang von ſich gab. Gleich darauf ließ ſich an der Ecke von Giltſpur⸗Street . ein ſehr durchdringendes Miauen hören. — Sie ſind da, ſagte Graham. — Nun, OBreane, jetzt iſt der Augenblick da, uns zu trennen .. . Es iſt ge⸗ wiß, ich würde für meinen Vater nicht gethan haben, was ich für Sie thue . . . Wenn Sie mich nicht wiederſehen, denken Sie manchmal ein wenig an den armen Randal Graham, O'Breane! — Ich werde an ihn denken, wie an einen theuren und ergebenen Freund, antwortete der Marquis gerührt; — aber warum ſo ſprechen, Graham? Wir ſehen uns ge⸗ wiß wieder. Randal ſchüttelte den⸗ Kopf. — Ich kenne den Halsbruch, ſagte er; — eben ſo gut könnte man ſich von St. Dunſtanthurme aufs Pfla⸗ ſter herabwerfen . . . Aber Sie haben Recht, Fergus, fuhr der Schotte fort, plötzlich eine gemachte Luſtigkeit annehmend; — man überſteht es doch, da Jack Shepar*) es über⸗ ſtanden hat. *) Jack Shepar, einer der berühmteſten Herven der Annalen von Newgate. Man ſieht noch in der kleinen Zelle des nach Old⸗Bailey 535 — Ich habe niemals dieſen Halsbruch, wie Sie es nennen, geſehen, flüſterte Rio Santo; — iſt denn wirklich Todesgefahr dabei? — Ja und nein, O Breane, ja und nein . . Wenn man Flügel hätte, könnte man ſich bequem aus der Affaire ziehen .. Es iſt eine Treppe von ſechzig Stufen, die ganz ſteil geht und an deren Fuße die ſteinerne Mauer eines Hauſes iſt ... Wenn man es bei hellem Tage wagen ſollte, würde Einem der Muth fehlen, aber es iſt Nacht . Alſo, Fergus, ans Werk! — Aber, ſagte dieſer wieder, — wer zwingt Sie denn, dieſen gefährlichen Weg zu nehmen? — Meiner Treu, Mylord, entgegnete der Schotte, Sie können ſich wohl denken, daß ich ihn mir nicht frei⸗ willig ausgeſucht habe .. . Die Sherifs, ſehen Sie, halten auf Ew. Herrlichkeit, wie auf ihren Augapfel. Sie haben an allen Ausgängen Poſten ausgeſtellt. In Ludgate⸗Hill, in Fleet⸗Lane und in Cheapſide ſtehen welche .. Ein ein⸗ ziger Punkt bleibt uns offen, das iſt Skinner⸗Street und der Hof von Green⸗Arbour, dort ſind Policemen Boyne's. hinausgehenden Gefängniſſes die ungeheuren Eiſen, welche dieſer Bandit anhatte, ſie ſcheinen für einen Rieſen geſchmiedet zu ſein. — Jack Shepar entwiſchte von Newgate am Abend vor dem zu ſeiner Hinrichtung beſtimmten Tage und ritt auf einem Poney im Carriére den Halsbruch (break neck) von Green⸗Arbour⸗Court hinab, von dem wir oben im Terte eine Beſchreibung geben. Jack Shepar that ſich keinen Schaden, aber fünf ihn verfolgende Policemen bra⸗ chen ſich das Genick. Iſt man nun erſt einmal in Green⸗Arbour⸗Court, ſo muß man doch hinaus. Rio Santo legte den Kopf in beide Hände und dachte einige Sekunden nach. — Nach dieſer Zeit ſtand er auf, ließ ſeine vorher durchfeilten Eiſen auf dem Stroh zu und drückte Randal's Hand. — Danke, ſagte er. — Für mich würde ich Ihr Opfer nicht annehmen, — aber ich habe den Kampf begonnen und meine Niederlage würde den Abgrund, in welchem meine Brüder ſtecken, noch tiefer machen .. — Ans Werk, wiederholte Randal; — ich will Ihnen ſagen, daß mir meines Theils die Irländer ebenſo gleich⸗ gültig ſind, als der Schach von Perſien, und wenn ich mein Blut für Jemand hingebe, ſo geſchieht es für Sie allein, O'Breane! Er knöpfte raſch ſeinen Rock auf und machte einen Strick von rother Seide los, den er um die Hüften gewickelt hatte. Als dies geſchehen war, riß er ohne Mühe zwei Eiſenſtangen am Fenſter los, die er ſelbſt am Abend durch⸗ feilt hatte. — Eine von den Stangen wurde quer vor die noch feſtgebliebenen geſteckt und diente dazu, das Seil feſtzu⸗ machen Randal nahm dieſe verſchiedenen Maßregeln kaltblütig und entſchloſſen; wie er von Green⸗Arbour und dem Hals⸗ bruch ohne Pathos geſprochen, ſo hatte er auch ſeine Ab⸗ ſicht, für Rio Santo zu ſterben, mit einfachem, alles Enthu⸗ ſiasmus, aller Exaltation ermangelndem Tone ausgedrückt. —— 537 Und doch war niemals eine Todesgefahr größer, der je ein Menſch mit Vorwiſſen, bei voller Beſinnung getrotzt. Der Breakneck von Green⸗Arbour⸗Court bildet eine für das Auge furchtbar anzuſehende Rampe; man ſteigt nur lang⸗ ſam und mit der höchſten Vorſicht hinab, ohne daß nicht doch ſich viele Unglücksfülle dabei ereignen. Randal wollte in dunkler Nacht zu Pferde dieſe Treppe hinabſteigen. Wie er geſagt hatte, befand ſich am Fuße der Treppe und befindet ſich auch noch heutigen Tages eine ſteinerne Mauer, die eigens dazu errichtetet zu ſein ſcheint, um die geringſte Möglichkeit des von Randal unternommenen Ver⸗ ſuches zu rauben. Sein Zweck war, dem Marquis von Rio Santo den Weg frei zu machen, die verſchiedenen Poſten, die in den Umgebungen von Newgate wachen, zu entfernen, indem er ſie auf ſeine eigene Spur lockte. Randal hoffte vielleicht, es zu überſtehen, um ſeinen Ausdruck zu gebrauchen, aber wir müſſen ſagen, daß er ſich keine Täuſchung machte und daß die Zeit, welche die Poli⸗ cemen durch Recognoscirung ſeines Leichnams verlieren wür⸗ den, bei ſeiner Wahrſcheinlichkeitsberechnung von Rio Santo's Flucht ſehr mit in Betracht kam. Als das ſeidene Seil feſt gemacht war, wandte ſich Randal nach dem Marquis und reichte ihm die Hand. — Auf Wiederſehen, ſagte er. — Benutzen Sie den Augenblick und erinnern Sie ſich meiner. 23** Er glitt leicht zwiſchen den Stangen hindurch und war im Umſehen unten am Boden. Die Schildwache vor Debt's⸗Gate hörte den Lärm ſeines Herabfallens und rief: Werda? Anſtatt zu antworten lief Randal nach Giltſpur⸗Street. An der Ecke dieſer Straße ſtand ein Pferd bereit. — Randal warf ſich in den Sattel. — Hollah! rief die Schildwache; — der Verurtheilte entwiſcht. Die Wirkung dieſes Geſchreis war magiſch. Die Steine der benachbarten Häuſer ſchienen ſich augenblicklich in Policemen zu verwandeln. Randal wandte in Skinner⸗ Street hinein, trieb ſein Pferd nur ſo viel an, als nöthig war, um nicht eingeholt zu werden und hütete ſich, ſein Pferd in Galopp zu ſetzen. Der Policeman, der am Eingange von Green⸗Arbour⸗Court Wache ſtand, ſpielte eine von den Scenen, welche wir ſchon kennen, da wir ſie ſchon auf dem Zwiſchendeck des Cumberland bei der Flucht der zur Deportation Verurtheilten haben ſpielen ſehen und zwar durch Paddy O Chrane und ſeine Genoſſen. Der Policeman warf ſich bei Randal's Annäherung auf die Erde und rief Zeter, als ob er einen heftigen Schlag be⸗ kommen habe. Randal kam, von allen um Newgate herum aufge⸗ ſtellten Wachen ganz nahebei verfolgt, vorüber. Mitten im Sofe angekommen, ſtieß er mit beiden Hacken ſeinem Pferde in die Seite. Man ſah ihn beim Scheine der —— einzigen Laterne, die am Ende eines dunklen Ganges hing, wie einen Blitz abreiten und oben am Halsbruch ver⸗ ſchwinden. Die Policemen hielten an. — Sie hörte den Huf des Pferdes auf den erſten Stufen der Treppe. — Dann wurde das Geräuſch dumpf, es klang, als ob ein Körper mit Gewalt ſtürzend auf einer ſteilen Rampe hinabrutſchte. — Darauf endlich gab es einen erſtickten, ſchweren Ton, und Alles wurde wieder ſtill. Es lief ein Schreckensſchauer durch die Leute von der Polizei. Nach einem Augenblicke Zögerns machten ſie die Hof⸗ laterne los und begannen die Treppe vorſichtig hinabzu⸗ ſteigen. Gleich auf den erſten Stufen bemerkten ſie Blut⸗ ſpuren. Unten an der Treppe, in der engen namenloſen Gaſſe, welche in die Straße hinabführt, fanden ſie ein blu⸗ tiges, ungeſtaltetes Miſchmaſch. Das Pferd war buchſtäblich zermalmt. Aber es war Nichts da, als die Reſte des Pferdes. Die Polizeileute mochten ſuchen wie ſte wollten, ſie entdeckten Nichts, was einen menſchlichen Leichnam glich. NRichts, nicht einmal ein Stück Kleidung. Sie ſahen ſich verdrießlich an, darauf durchſuchten ſie unten am Fuße des Breakneck die benachbarten Gaſſen. Es fiel ihnen natürlich nicht ein, Green⸗Arbour⸗Cvurt ſelbſt abzuſuchen, weil es in der That ſehr wenig wahr⸗ ſcheinlich war, daß der Gefangene nach ſeinem Falle die ſechzig Stufen wieder hinaufgeſtiegen ſei. Unterdeſſen blieb Newgate⸗Street vollkommen leer und es war in Old⸗Bailey Niemand, als die Schildwache an der Thür von Debt's⸗Gate. Wenn wir ſagen leer, ſo ſprechen wir blos in Bezug auf Polizeimänner, deun in der Nähe befanden ſich mehrere Perſonen, welche Randal's Flucht nicht entfernt hatte. Es waren erſtens Leute von der Familie, die in Giltſpur⸗ Street verborgen waren, und zweitens der Cavaliere Angelo Bembo, der ein vortreffliches und kräftiges Reitpferd am Zügel hielt. Ferner war es noch ein junges, ſchwarzgekleidetes Frauenzimmer, das reglos an der Ecke von Skinner⸗Street ſtand. In dem Augenblicke, wo Randal losgeritten war, kam dies junge Frauenzimmer durch Ludgate⸗Hill und Old⸗Bailey. Sie hatte das Geſicht des Flüchtlings beim Schimmer der Laterne geſehen und flüſterte: — Er iſt es nicht! Darauf irrte ihr etwas verſtörter Blick an den ſchwarzen Mauern des Gefängniſſes entlang. — Ich wußte wohl, daß ich Newgate finden würde, ſagte ſie; — aber wie ſoll ich zu ihm gelangen .. Wie dieſe Steine traurig ausſehen! .. Und wie kalt muß es hinter dieſen dicken Mauern ſein! ... Clary — ſie war es — zog ihr Tuch dichter um ſich und ſchlug den Schleier über ihr Geſicht. In demſelben Augenblicke ließ der Marquis von Rio Santo, denſelben Weg wie Randal nehmend, ſich an dem ſeidenen Seile herab und kam ohne Unfall auf dem Boden an. Sobald er auf der Erde war, ſchlich er nach Giltſpur⸗ Street zu. — Sier, Signore! ſagte eine Stimme unter dem Vor⸗ ſprung einer Thür. Bembo machte den Zügel des Pferdes los und reichte ihn Rio Santo. — Werda? rief die Schildwache von Old⸗Bailey. — Aufgeſeſſen, Mylord, aufgeſeſſen! ſagte Bembo. Rio Santo breitete ihm' die Arme entgegen, in die ſich der Cavaliere gerührt warf. — Werda? ſagte die Schildwache wieder. Rio Santo ſtieg aufs Pferd und ritt im Schritte um die Ecke von Giltſpur⸗Street. Clary hob ihren Schleier und erkannte ihn. Ohne ein Wort zu ſagen, ſtürzte ſie auf ihn zu und klammerte ſich an ſeinen Mantel an. — Die Ecke der Straße verdeckte das Gaslicht der Straßenlaterne. Der Marquis bückte ſich nach dieſem ſchwarzgekleideten Weibe hin und glaubte die Gräfin zn erkennen. — Sie ſind es, Ophelia? — Ich bin's! antwortete Clarh ſchwach. — Sie wollen mir Adieu ſagen? .. 542 — Ich will mit IJhuen, wohin Sie gehen . . . Will Ihnen überall . . immer folgen. Rio Santo neigte ſich herab, darauf richtete er, mit ſeinem Arme die ſchlanke Taille der armen Clary umſchlie⸗ ßend, ſich wieder in die Höhe ... Darauf, gerade in dem Augenblicke, wo die Schild⸗ wache ihr letztes Werda? rief, ſetzte der Marquis ſeinem Pferde die Sporen in die Seite, daß es unter der doppelten Laſt mit Blitzesſchnelle davonſchoß. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Die Stimme der Träume. Das Pferd des Marquis von Rio Santo ging wie der Wind. Die Reiſe wurde ſchweigend gemacht; aber Clary, die genöthigt war, ſich an Edward anzuſchmiegen, war glücklich. Das war ihr Traum, der ſchöne Traum, den ſie wäh⸗ rend ihrer Gefangenſchaft beim Doktor Moore geträumt hatte. Sie athmete mit Wonne die kalte Nachtluft ein, die ſcharf um ihre brennende Stirn wehte. Sie ſah auf beiden Seiten wie zauberiſche Gebilde die dunklen Maſſen der Häuſer und die vom Gas gebildeten ſtrahlenden Lichterreihen an ſich vorbeifliehen. Wohin ging ſie? — O, das galt ihr gleich. — Wenn Edward ſie auch hingeführt hätte, wohin Bürger's Geſpenſt die arme Lenore, ſie hätte doch nicht zu lächeln aufgehört. Bald verloren ſie die Häuſer Londons aus den Augen. — Bei dem erſten Dorfe, auf dem Wege nach Schottland, ſtieg der Marquis vom Pferde. Eine Poſtchaiſe war durch Bembo dort bereit gehalten worden. Der Marquis ſtieg mit Clary in dieſelbe. Es war eine ſeltſame Reiſe. Rio Santo hatte bald ſein Mißverſtändniß bemerkt und auch den Zuſtand, in dem ſich ſeine ſchöne Gefährtin befand. Einige Worte Clary's gaben ihm Licht und er erfuhr zu gleicher Zeit ihren Na⸗ men und daß ſie die Schweſter Anna's, der reizenden Samm⸗ lerin von Temple⸗Church, ſei. Der Marquis hatte für die jüngere der beiden Töchter des Laird, ohne ſie zu kennen, eine mächtige und vorübergehende Liebe empfunden, wie ſie bei ihm ſtets die Dauer einer Laune und die Gewalt einer Leidenſchaft hatte; aber ſobald er Anna's Herkunft erfuhr, wurde ſeine Zärtlichkeit eine andere und er theilte ſie zwiſchen beiden Schweſtern gleich. Er hatte Angus verziehen, deſſen ſchwachen Geiſt er kannte. Die Töchter Angus' betrachtete er als die ſeinigen. Unterweges behandelte er Miß Mac⸗Farlane, wie ein Vater ein geliebtes Kind. Aber in Folge des lebhaften und tiefen Eindrucks, welchen Anna's Anblick früher auf ihn hervorgebracht hatte, nannte der Marquis in dem abgebro⸗ chenen, ſeltſamen Geſpräche, das er mit Clarh führte, den Namen ihrer jüngeren Schweſter unwillkürlich mehre Male. Jedes Mal fiel dieſer Name wie ein Stein auf Clary's Herz. — Sie war ebenſo eiferſüchtig, als ſie es in ihrem Traume geweſen war und das vollkommene Glück, das ſie über Edward's Gegenwart empfand, verwandelte ſich in bit⸗ terſtes Leiden. Rio Santo begab ſich nach St. Maria von Crewe, wo Waterfield, Smith, Falkſtone, Bembo und Randal ihn treffen ſollten, — wenn Randal noch in dieſer Welt wäre. Trotz dem zarten Intereſſe, welches ihm Clary einflößte, dieſes ſo ſchöne, ſo unglückliche Geſchöpf, deſſen Wahnſinn darin beſtand, ihn zu lieben, überließ Rio Santo, wie man denken kann, doch häufig ſeinen Geiſt den ernſten Angelegen⸗ heiten, welche er in Händen hatte. Unermüdlich und nicht etwa beſiegt, weil er ſelbſt nicht hatte ſiegen können, combi⸗ nirte er neue Schlachtpläne und begann aufs Neue den lan⸗ gen und unverſöhnlichen Krieg, den er England erklärt hatte. Im Allgemeinen blieb ſein Plan derſelbe. Die Nieder⸗ lage, welche er erlitten, verzögerte nur ſeine Angriſſe, parirte ſie aber nicht. Er hatte noch immer, abgeſehen von ſeinem feſten Willen und ſeinem Genie die ſeit fünfzehn Jahren angehäuften Hülfs⸗ mittel im Rücken. Indeſſen verhehlte er ſich nicht, daß in einem ſolchen Kriege das erſte Mal nicht geſiegt zu haben, eine böſe Be⸗ dingung iſt, deren Reſultate man vereiteln müſſe. Er rech⸗ 546 nete nicht darauf, gleich nachher zum zweiten Male einen mächtigen Gegner anzugreifen, der nun auf ſeiner Hut war. Zu warten verſtehen, iſt die Eigenthümlichkeit ſtarker Menſchen und Rio Santo hatte ſchon zwanzig Jahre ge⸗ wartet. Und während dieſer zwanzig Jahre hatte er ſeinen An⸗ griff ſo berechnet, daß ohne den Verrath ſeines beſten Freun⸗ des Niemand im Stande geweſen wäre zu ſagen, welcher Theil der Engliſchen Verfaſſung, welcher Theil von England ſelbſt würde der Exploſion haben widerſtehen können. Die Mine war noch nicht geſprengt; ſie blieb gefüllt und der Tag ſollte wiederkommen, wo man das Feuer daran legen könne. Während der Marquis ſich ſo ſeinen Gedanken hingab, betrachtete Clary ihn mit Bewunderung; ſie regte ſich nicht und ging ganz in Wonne unter. Sie kamen au die Grenze Schottlands. Hier hörten die von der Familie bereit gehaltenen Relais auf. Der Mar⸗ quis war genöthigt, wieder zu Pferde zu ſteigen und Clary hinter ſich zu nehmen. Es war Anfang März, einer von jenen Tagen, wo der Winter und der Frühling um das ungewiſſe Wetter kämpfen. Die Sonne hatte ſchon in der Luft eine weiche Wärme ver⸗ breitet, der die Bäume frühzeitig ihre Augen geöffnet hatten und der Raſen richtete ſich wieder empor, zu neuem Wachs⸗ thum ſich vorzubereiten. Die Nacht ſank hernieder, ihr ging ein lauer Abend⸗ 547 wind vorher, der am Himmel die ſtürmiſchen Wellen großer grauer Wolken hinjagte. — Clary, deren Nervenſyſtem noch nicht wieder die gehörige Feſtigkeit gewonnen hatte, empfand den Einfluß der ſtark mit Elektrizität geſchwängerten Atmo⸗ ſphäre dieſer anomalen Temperatur. Sie hatte erſt eine allgemeine Aufregung empfunden, ein Strom von Leben und Wohlbehagen floß ihr durch die Adern, darauf war die Re⸗ action gekommen; ihre ſchwache Geſtalt ermattete unter dem Gewichte eines unbeſiegbaren Unwohlſeins. Mit einem Male fühlte Rio Santo, daß ihre Arme, die ihn umſchlangen, ſchwach wurden und losließen. Er wandte ſich auf dem Sitze um. Clary war bleich, wie eine Marmorſtatue und hielt die Augen geſchloſſen. Es war kaum noch eine halbe Meile bis zum Schloſſe Crewe. Nichtsdeſtoweniger glaubte der Marquis von Rio Santo anhalten zu müſſen und legte Clary am Rande des Weges nieder. — Der Boden war ſehr kalt, Rio Santo breitete ſeinen Mantel auf der Erde aus, ſchnallte den Sattel ſeines Pferdes los und machte für Clary ein Kiſſen daraus, nachdem er die Vorſicht gebraucht hattte, ſeine Piſtolen aus den Haltern zu nehmen und ſie auf den Raſen zu werfen. Clary blieb anfangs unbeweglich. Darauf öffnete ſie die Augen und warf entzückte Blicke um ſich. Sie erkannte Schottland und dieſe häufig beſuchten Orte erinnerten ſie an ihre Kindheit; — aber ſie riefen auch eine andere Erinnerung in ihr wach .. Den Traum, den ſchmerzlichen Traum, in dem ſie Edward zwiſchen ſich und ihrer Schweſter Anna hatte ſitzen ſehen! — Sie iſt heute nicht da! flüſterte ſie mit unruhiger Freude; — ſagen Sie mir, Edward ... ſie wird nicht kom⸗ men, nicht wahr? Rio Santo begriff, daß das arme Mädchen dem erſten Anfalle einer Fieberphantaſte ausgeſetzt ſei, aber er wußte nicht, was ſie meinte. — Wir find allein, antwortete er, — ganz nahe bei dem Hauſe Ihres Vaters, Clary! — Meines Vaters! ... — Ja, ja, Edward .. Die Meierei von Leed iſt jenſeits des Verges .. Dort werden wir ſehr glücklich ſein! .. Sie hielt inne und fuhr den Kopf ſenkend fort: — Wenn meine Schweſter nicht kommt, wie damals! Einige Sekunden ſchwieg ſie und ſtützte ihre brennende Stirn auf die Hand, welche der Marquis ihr reichte. — Damals! fuhr ſie fort; — o, wenn Sie wüßten, wie ſehr ich gelitten habe, Edward! .. Ich war den ganzen Tag glücklich geweſen, wie heute, glücklich, Sie zu ſehen, Ihre Stimme zu hören, glücklich, mich an Sie zu lehnen . Was weiß ich? ... Die Angſt kam, wie jetzt . . ja, gerade wie jetzt .. . Wir waren hier, meine ich .. . ſie an der Stelle, wo Sie ſind ich, wo ich bin . Mein Gott, mein Gott, wird ſie wieder kommen? — Nein, theures Kind, antwortete Rio Santo auf Geradewohl; — ich verſpreche Ihnen, daß ſie nicht wieder kommt. — Dank ... Dank, flüſterte Clary. — Könnte ſie auch ſo ſehr lieben, als ich? .. Dieſe letzten Worte ſagte ſie mit ſchwindendem, klagen⸗ den Tone. — Ihr ganzer Körper zitterte heftig und ihre Augen öffneten ſich plötzlich weit vor Furcht und Schrecken. — Erbarmen .. . Erbarmen! ſagte ſie mit kurzem, abgebrochenen Tone; — dort iſt ſie .. . Erbarmen! .. Fallen Sie ihr nicht zu Füßen, wie damals .. . Stoßen Sie mich nicht ſo von ſich, Edward! .. O, wie grauſam ſind Sie, mich zu vergeſſen und ſie zu lieben! .. . — Clary! meine liebe Clary! ſagte der Marquis und verſuchte ſie zu beruhigen. Aber das junge Mädchen wurde immer mehr von ihren Phantaſieen fortgeriſſen, keuchte, bewegte ſich krampfhaft und ſchluchzte. — Der Marquis hatte Mühe, ſie feſtzuhalten. — Sie ſtoßen mich zurück? verſetzte ſie mit einer herz⸗ zerteißenden von Thränen erſtickten Stimme; — Sie lächeln ihr zu . Sie drücken Sie an ihr Herz . . O, hüten Sie ſich .. Hier ... Hier war es, wo Blanca Bertram von Jedburgh tödtete, um eines Kuſſes willen. Sie rang angſtvoll die Hände. — Um einen Kuß! ... wiederholte ſie. — O . .. Auch Sie! .. Ihre Lippen berühren die ihrigen!! .. Ein Strahl verſtörter Wuth blitzte in ihren Augen. 550 Sie warf ſich plötzlich hintenüber und ihre Hand berührte zufällig den kalten Lauf des Piſtols .. Ihre Bewegung war ſchnell wie ein Gedanke. Ein Knall ließ ſich im Schweigen der einſamen Gegend hören, der Marquis von Rio Santo ſank von der Kugel gerade in die Bruſt getroffen zur Erde nieder. Clary, die arme Wahnſinnige ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und floh. Die Prophezeihung des Laird war erfüllt; die Stimme der Träume hatte wahr geſagt: es war nach der pathetiſchen, in Schottland ſehr gebräuchlichen Bibelſprache das Blut ſeiner Adern, das Fleiſch ſeines Fleiſches, das ſeinem Bruder Fergus den Tod gab. Die Dämmerung war noch nicht ganz dem Dunkel ge⸗ wichen. — Der Marquis von Rio Santo lag unbeweglich, das Geſicht nach dem Himmel gewandt, er ſtieß keinen Klagelaut aus. Aber in dem letzten Schimmer vom Hori⸗ zonte her, konnte man auf ſeinen edlen Zügen den Ausdruck eines bitteren, unermeßlichen Schmerzes leſen. Er fühlte ſeinen Tod im Anzuge, — und er ſtarb als Beſiegter. Der einzige Mann, den er geliebt, hatte ihn verrathen. Er ſünk von der Hand des einzigen Weibes, deren Tugend er geſchont. Iſt es nicht eine unnnue Qual, nicht durch ſeine Vergehen beſtraft zu werden, ſondern durch das Gute, das man gethan? .. — S 551 Der Schleier der Nacht verdichtete ſich. Bald unter⸗ ſchied man den Leichnam nicht mehr von dem dunkeln Grün des Graſes am Wege. — Aber als der Mond über die Gipfel der benachbarten Gebüſche hereinbrach und die Scene wieder erleuchtete, ſah man in ſeinem weißen Scheine ein Weib neben dem Körper Rio Santo's knieen. Dieſes Weib betete. Sie ſchien ſchon lange die Grenze der Jugend über⸗ ſchritten zu haben und doch war ſie noch ſehr ſchön. Um ihre bleiche Stirn ſchien ein Heiligenſchein frommer Reſigna⸗ tion zu ſtrahlen ... Dieſes Weib war Mary Mac⸗Farlane, Gräfin von White⸗Manor, die in dem auf dem Raſen liegenden Leichnam Fergus O'Breane, ihre erſte, ihre einzige Liebe erkannt hatte. Als ſie ihr Gebet beendet, legte ſie die Hand auf Fergus' Herz. Es ſchlug nicht mehr. Der Mond ſtieg höher hinauf und fiel gerade auf das Antlitz des Todten. Es lag kein Schmerz mehr auf dieſen Zügen. Die Augenlider ſenkten ihre langen Wimpern über ruhige Wangen. Die Linie der Augenbrauen zuckte nicht mehr, der Mund ſchien geſchloſſen zu lächeln. Es war jenes nräumeriſche, glückliche, von geheimniß⸗ vollen Freuden erfüllte Lächeln, das ſonſt um des Marquis von Rio Santo Lippen ſpielte, wenn er ſich mit ſeinen Ge⸗ danken von der Menge abſonderte und ſich ſelbſt ſich überließ. IV. 24 * § 552 Hatte er in der letzten Verzückung das Thor des Him⸗ mels offen geſehen? . Mary Mac ⸗Farlane neigte ſich und drückte einen Schweſterkuß auf ſeine Stirn. Der Mond ſchwankte wie ein ſtrahlendes Schiff auf dem Azur des Firmamentes; der Abendwind ſäuſelte lau im Gezweige. — Dieſer Tod war ruhig und ſchön, umgeben von dem ſchweigenden Zauber der Nacht und dem reinen Aufſchwung des Gebetes einer Dulderin. Wir müſſen einen langen Zeitraum durcheilen, um zu dem Augenblicke zu kommen, wo ſich der Sturm beruhigte, der das Leben unſerer Perſonen durch des Marquis von Rio Santo Aufenthalt in London in Unruhe verſetzt hatte. Der Schmerz, der einige von ihnen, wie Miß Mary Trevor, Clary Mac⸗Farlane und die Gräfin von Derby ge⸗ troffen hatte, ließ unverwiſchbare Spuren zurück. Sie hatten alle Drei zu nahebei die Strahlen dieſes furchtbaren Geſtirns gefühlt, als daß jemals ſein Andenken in ihnen verlöſchen konnte. Die Gräfin Derby wanderte aus und ſuchte in Frankreich Verborgenheit, wenn auch nicht Ruhe. Mary Trevor erlangte nach einer ſchweren und langen Geneſung die zarte Schönheit der Engländerinnen und alle ihre ariſtokratiſchen Vollkommenheiten wieder. Da ſie nie⸗ mals aufgehört hatte, Frank Pereeval zu lieben, ſo gab ſie 553 ſich mit Offenheit und Wonne hin, ſobald Lady Campbell, dieſe geiſtreiche Frau von gewiſſem Alter, ihr mit Sophis⸗ men und Quälereien endlich Ruhe ließ. Mary Trevor iſt jetzt Lady Fife, da Perceval ſeinem älteren Bruder in der Pairie nachgefolgt iſt. Die arme Clary war minder glücklich; Stephen, ſeine Mutter und Anna zogen ſich mit ihr nach dem Schloſſe Crewe zurück, dem hinterlaſſenen Erbe des Laird Angus Mac⸗ Farlane, der ſich freiwillig in die Themſe geſtürzt hatte. Dort wurde Clary von mehr Pflege und Liebe umgeben, als es bedurft hätte, auch den hartnäckigſten Spleen zu beſiegen, aber ſie war zu grauſamen Prüfungen unterworfen worden. Stephen ſchöpfte für ſie alle Geheimniſſe ſeiner Kunſt; er liebte ſie um ſo mehr, je mehr ſie litt; Anna, das ſanfte, reizende Mädchen, verſchwendete die Sorgfalt ihrer liebkoſen⸗ den Freundſchaft an ſie, — und endlich Suſanna, welche Brian von Lanceſter der Gräfin von White⸗Manor, ihrer Mutter, zurückgegeben hatte, wandte ihr ihre wohlthuende und troſtreiche Zärtlichkeit zu. Aber es bedurfte langer Monate, um dieſe vereinten Beſtrebungen zu einem Reſultat⸗ kommen zu laſſen. Clary behielt, wie die gemeinen Leute ſagen, einen Stich. Indeſſen auf die Länge ſchmolz das Eis ihres Geiſtes. an der Wärme ſo vieler vereinigten Neigungen. Clary be⸗ kam ihre Vernunft wieder und bewahrte nur noch eine tiefe Melancholie, welche ihr Mann Stephen niemals heilen konnte. 24 ½ 554 Hatte ſie eine Erinnerung an den im Irrſinn began⸗ genen Mord zurückbehalten? Wir glauben es nicht. Kein Zeuge hatte der blutigen Kataſtrophe beigewohnt, welche ein „ Geheimniß zwiſchen der Nacht und Gott war. — Aber ſie erinnerte ſich des lebenden Edward. Die Gräfin von White⸗Manor genoß mit Wonne die Gegenwart ihrer Tochter, welche ſie ſo lange beweint hatte. Sie wollte ſie nicht verlaſſen und wenn eine verſchwiegene Thräne den ſchönen Augen Suſanna's bei dem Gedanken an Brian ſich entſtahl, ſo wurde ſie bald durch die leidenſchaft⸗ lichen Küſſe ihrer Mutter getrocknet. Das ſchöne Mädchen war dankbar und von dieſer bisher nicht gekannten Zärtlich⸗ keit entzückt, vergaß dabei zwar nicht ihr zertretenes Glück; aber ſie ergab ſich darein, weil ſie ſtark war und dankte der Gnade des Himmels, welche in das Dunkel ihres Leidens das ſanfte Lächeln einer Mutter ſtrahlen ließ. Bei ihrer Mutter lernte ſie das Leben, irdiſche und göttliche Dinge kennen. Ihr edles und großes Herz wurde ihr weit bei den Lehren der göttlichen Moral. — Nach und nach trockneten ihre Thränen, weil ſie ihre Hoffnung jetzt jenſeits des engen, beſchränkten Pfades ſetzte, den wir hier unten gehen. Im Ganzen war in der Familie Maec⸗Farlane, die aus der Gräfin, Suſanna, den beiden Töchtern des Laird und Stephen beſtand, eine heitere, ſtille Ruhe, hinter welcher die Reſignation dem Glücke glich. Blos Anna, die munterſte früher, hatte Stunden ſchmerz⸗ ————— — — — 555 lichen Verſunkenſeins, das ſie ſorgfältig ihren Schweſtern verbarg. — Aber eines Tages ſah man im Schloß Crewe einen Fremden von edlem Anſehen ankommen und Anna fand ihr hübſches Lachen wieder. Dieſer Fremde war der Cavaliere Angelo Bembo, der um die Hand der jüngſten Miß Mae⸗Farlane warb und ſie auch erhielt. Bembo war vollkommen von allen Verbindungen mit der Familie frei, an der er nur Theil genommen hatte, um Rio Santo zu gehorchen. Nichtsdeſtoweniger mußte er Anna, bevor er ſie heirathete, geſtehen, daß er nicht ganz ſein eige⸗ ner Herr ſei und eines Tages vielleicht ſein Leben für eine Sache werde wagen müſſen, die ein Geheimniß ſei. Wir werden bald erklären, was nach unſerer Anſicht das Geheimniß des Cavaliere war. Suſanna ſah Brian von Lanceſter einmal wieder; es war dies bei Gelegenheit des Todes des Grafen White⸗ Manor, welcher im Zuſtande des Wahnſinns in Denham⸗ Park ſtarb. Brian küßte die Hand ſeiner Nichte, die kalt und bleich war, wie eine Alabaſterhand. Er zeigte ihr ſeine Beſitznahme von der Pairie an und reiſte ab, ohne mit Suſanna unter demſelben Dache geſchlafen zu haben. Brian litt und hatte keine Mutter, deren Zärtlichkeit ihn tröſten konnte. Er war allein. Leute wie er ſtoßen ab und haben keine Freunde. Seine Liebe war nicht von der Art, daß ſie vergeſſen konnte. Es war eine jugendliche Liebe in einem männlichen Berzen. Brian genas nicht von ihr. — Er verſuchte Alles; * er kam zum Ekel vor allen Dingen. — Jetzt, indem wir ſchreiben, ſetzt Brian bisweilen vas Oberhaus in Erſtaunen durch ſeine ercentriſche Beredtſamkeit. Die Rede, welche er 1841 über die adeligen Theilungen gehalten, machto⸗ den Kanzler von England auf dem Wollſacke und alle weißen Perücken der edlen Pairs etzittern. Brian wird niemals ein Staatsmann werden, aber er iſt auf ſeine Art ein großer Redner. Nun wollen wir noch ein Wort über die untergeord⸗ neten Perſonen unſerer Geſchichte ſagen: Der Fürſt Dimitri Tolſtoy iſt 1837 zurückgerufen worden, weil die junge Königin ihn um Vieles zu häßlich gefunden hat. — Er hat ſich auf ſeine alten Tage zum Einſiedler gemacht und gibt kleinen Koſacken Unterricht in der Diplomatie. Herr Vicomte von Lantures⸗Luces hat ein Ende ge⸗ macht. Er hat einen ſehr großen Blauſtrumpf geheirathet, der von ſeiner Muskelkraft Gebrauch machend ihn zwingt, täglich mehre hundert Verſe anzuhören, ohne zu gähnen oder zu ſchlafen. Er ſagt, er ſei unglücklich, — und ſpricht leider dabei ganz im Ernſte. Biſhop, der Burker, iſt, wie Jedermann weiß, wegen des Mordes eines Kindes gehüngt worden, den er auf Be⸗ ſtellung begangen. Snail hat Madge nicht geheirathet und iſt Policeman geworden, um auf den Pfad der Tugend zurückzukehren. Rowley hat in einer Zeit, wo die Hunde übertrieben theuer waren, eine von ſeinen „Präparationen“ an einem 557 Irländer verſuchen wollen und ſetzt in Votany⸗Bay die in⸗ tereſſante Lekture der Toricological⸗Amuſements fort. Der Doktor Moore hatte ſich nach Denham⸗Park zu⸗ rückgezogen, ſeine Freunde ſagten, er ſei verrückt. Er ver⸗ faßte ſehr gelehrte Werke und ſtellte die Nervenzufälle bei den Katzen feſt. — Er iſt todt. Royal⸗ College t eine Medaille zu ſeinem Ruhme ſchlagen laſſen. Tyrrel, der Blinde, iſt Banquier in Thames⸗ Street. Er hat eine Eiſenbahn übernommen und wirft nur mit Millionen um ſich. — Alles, Dank dem Si⸗ Abrihans. Miſtreß Crubb, Miſtreß Black und Wiſtreß Bul ſind Wittwen; Miſtreß Brown und Miſtreß Dodd haben ſich wieder verheirathet; Miſtreß Footes iſt Miſſtonärin und Hebamme geworden; Miſtreß Croßcairn und Miſtreß Bloom⸗ berry ſind voller Tugend und Thle geſtorben. 3 Die ehrenwerthe C Cicely Kemp iſt noch ſechs ſee Monate ein enfant terrible geweſen. — Nach dieſer Zer hatte ſie ein Geheimniß und wurde ein reizendes Frauen⸗ zimmer, ſelbſt nach der Ausſage der Lady Margaret Wawer⸗ benbilwoodie. Paddy O Chrane, Erkapitän der Brigg der Häring hat Miſtreß Burnett geheirathet und thront in der Eigenſchaft — eines Gemahls der Königin in dem Comtvir der Schenke zum Wappen der Krone. Die übrigen unſerer Perſonen müſſen wir in Irren⸗ häuſern aufſuchen. Es wäre in der That gegen alle Wahr⸗ 558 ſcheinlichkeit, ein engliſches Drama zu vollenden, ohne daß der Wahnfinn ſeinen Theil bekommt. Bob Lantern iſt in St. Lukas. Sein in dem Keller in St. Giles verborgener Schatz hat ihm den Kopf verdreht. Er hält ſich für den Lord⸗Mayor und ſtiehlt nur noch in lichten Augenblicken. — Temperance hat als chriſtliche Gat⸗ tin das Beiſpiel ihres Mannes befolgt. Der Gin hat ihr die Vernunft geraubt, — der Gin und auch der Rum, da⸗ mit wir gerecht ſind. In Bedlam finden wir den ehrwürdigen Peter Boddleſie, den das Mißlingen des Bankunternehmens närriſch ge⸗ macht hat. In Denham⸗Park haben wir außer dem Doktor Moore noch Lord John Tantioy, der nur auf den Namen Miß Fraskita hört: der ehrenwerthe Sportsman hält ſich für eine Stute und irrt ſich nur im Geſchlecht. Sir Arcadius Bombaſtic, der gekrönte Ppet, iſt zwar nicht eingeſperrt, — aber er vollendet ein göttliches Cpos. Endlich hat man uns unter dem Siegel der größten Verſchwiegenheit geſagt, daß Lady Campbell in einem Kran⸗ kenhauſe in der Umgegend Londons ſich befindet, wo ſie zwiſchen imaginären Perſonen eine unmäßige Anzahl chimä⸗ riſcher Heirathen ſtiftet. Vor einiger Zeit fiel es den Herren von der Bank ein, neue Keller graben zu laſſen, um zu thun, als hätten ſie Goldbarren bekommen. Die Ausgrabungen führten zu einem langen unterirdiſchen Gange, der unter Prince's⸗Street hin⸗ wegging und an der Ecke von Poultry endete. In dieſem Gange befanden ſich Knochen und ein Krug: das Alles machte den Gelehrten viel Kopßzerbrechen. Die Königliche Geſellſchaft der Antiquare konnte nichts Geringeres thun, als ju urr ſich in dieſe wunderbare Höhle zu begebeh 3 Die Knochen wurden geprüft, der Krug wurde gemeſſen, gezeichnet. Mit Einſtimmigkeit erklärte die Royal⸗Sorieth, daß dieſer Krug eine Amphora ſei und zur Zeit der Römiſchen Unter⸗ jochung Galgacus als Caraffe gedient habe. Was die Knochen anbetrifft, ſo behaupteten die Einen, ſie gehörten einem Individuum von genus homo an, was zur Genüge auf die Exiſtenz eines Rieſengeſchlechtes zu irgend einer Zeit auf der Inſel hindeute. — Die Anderen verſi⸗ cherten poſitiv, die Ueberreſte eines Maſtodons oder foſſilen Elephanten zu erkennen. Die Times druckte die gelehrte Deliberation des Royal⸗ Society. — Donnerwetter, Dorothy, mein Schatz! ſagte der Kapitän, als er dieſen Artikel las; — das war weiter Nie⸗ mand als Saunders und ſeine Flaſche, — mögen wir alle Beide verdammt ſein! Jeder Romanſchreiber iſt mehr oder minder abergläubig. 24** 560 Wir haben den Tod des Marquis von Rio Santo be⸗ richtet, wie wir ihn aus unſeren Quellen entnommen haben, aber Diejenigen, welche Fergus O'Breane gekannt, hegen noch eine geheimnißvolle Hoffnung, der unſer Geiſt unwill⸗ kürlich ſich anſchließt. Randal Graham, der ic in er Nacht der Flucht vom Pferde geworfen, bevor er an den Breakneck von Green Arbour⸗Court gekommen und ganz wohl auf iſt, wartet in dem Hauſe ſeines Vaters. Er empfängt mitunter jhe BVotſchaften, deren Abſender Niemand kennt. Von der andern Seite haben wir Bembo ſeiner Frau erklären hören, daß er nicht ſein eigener Herr ſei. — Er wartet wie Randal. Wen erwarten ſie, deren Ergebenheit gegen den Mar⸗ quis ſo unbeſchränkt, ſo ganz vollkommen war? . Von Zeit zu Zeit, wenn die ſchlangengleiche Politik des Kabinetes von St. James ſich einſchläfert und vergißt den Samen der Zwietracht unter die Völker zu ſtreuen, dann verſtändigen ſich die Nationen: ein allgemeines Gemurmel des Unwillens erhebt ſich; eine düſtere Wolke thürmt ſich drohend am britiſchen Horizonte auf. Das iſt der Untergang der Sonne, der ſich hinter einer Wolke verbirgt, — und bisweilen ſcheint es uns, als ob mit⸗ ten aus dieſem Wetter furchtbar und ſtark, in der Hand den Blitz⸗ ſtrahl, der Genius des Sturmes — Fergus der Irländer — der Kämpe eines unſterblichen Haſſes, erſtehen würde. Konnte die Hand eines jungen Mädchens genügen, dieſen — — 578 g14 Slaenqe — —