Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ . pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ( 3 d wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wr. — Pf 1 W 5 2 N — — 6, Auswärtige Aonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Vücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 5 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage fefigeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ⁰ ⁰ . — von London von Sir Franeis Trolopp. Ueberſetzt von Dr. Ludwig Eichler. Dritter Theil. Die große Famiie Leipzig, Verlag von Friedrich Fleiſcher. 1844. Erſtes Kapitel. W aſch e. In der erſten Etage des prächtigen Hauſes, welches der Marquis von Rio Santo in Belgrave⸗Square bewohnte, befand ſich außer ſeinen Privatapartements noch eine Reihe von Zimmern, welche mit demſelben verſchwenderiſchen ge⸗ ſchmackvollen Lurus meublirt waren, welcher aus Friſh⸗Houſe ein gleichartiges und wahrhaft wunderbares Ganze machte. Dieſe Zimmer hatten keine beſondere Beſtimmung, indeſſen waren ſie ſeit der Ankunft des Marquis von Rio Santo in England nicht immer leer geweſen und die Gerüchte der Faſhion von London ließen ein unbeſtimmtes Geheimniß über ihre Beſtimmung vermuthen. Wie dem immer ſei, in einem von dieſen Zimmern, in welche niemals einer von Rio Santo's Freunden hin⸗ eingedrungen war, finden wir ihn wieder. Dieſes Zimmer 4 hatte keine Aehnlichkeit mit der Idee, welche ſich die eraltirte Einbildungskraft unſerer Ladys davon machte; man ſah nur ein einziges Bildniß einer Frau, anſtatt der vierundzwanzig anderen, mit denen die geſchäftigen Gerüchte es ausgeſtattet hatten; es wäre 6 auch zu dieſen vierundzwanzig kein Platz geweſen, denn das Zim⸗ 8 mer hatte keine ſo große Ausdehnung und zwei große Spiegel, welche zwiſchen einem Vorhange von dunklem Sammet an⸗ gebracht waren, nahmen beinahe die ganze Breite deſſelben ein. Das Frauenbildniß war zwiſchen zwei Fenſtern aufge⸗ hängt, deren dichte Vorhänge bis auf die Erde niederhingen. Dem Portrait gegenüber ſtand ein Bett und hinter den Vor⸗ hängen dieſes Bettes hörte man das laute Athmen eines menſchlichen Weſens, das im Fieber liegt. Auf dem Tiſche brannte, mit einem Lichtſchirme bedeckt, eine Lampe, und ihr verſchleierter Schimmer kämpfte gegen die erſten Strahlen des Tages, die bereits den herabgelaſſenen Vorhängen der Fenſter Durchſichtigkeit gaben. ji Rio Santo ſaß am Fuße des Bettes in einem Fau⸗ Es war ein ſchönes und ſanftes Frauenbild, das ihm gegenüber hing und unbeſtimmt von den feindlichen Lichtern der ſterbenden Lampe und des beginnenden Tages beſtrahlt wurde. Ein Ausdruck von rührender Güte, der in ihrer 4 Phyſiognomie vorherrſchte, ſchloß weder Adel aus, noch ſelbſt jenen flüchtigen und beneidenswerthen Reiz, welchen Kenner mit dem Worte: piquant gualificiren. Sie ſchien ſehr jung, und trug den Anzug der Miſſes aus der Gentry zur Zeit unſerer letzten Kämpfe gegen Frankreich. Das Coſtüm von 1815, ſo ungraziös an ſich und un⸗ kleidſam für gewöhnliche Weiber es iſt, wie man aus vielen Portraits jener Zeit ſehen kann, hat nichtsdeſtoweniger etwas Jungfräuliches und Naives, was den jungen, lachenden, lieb⸗ lichen Schönheiten gut ſteht, deren Kinderſtirn von einer faſt religiöſen Einfachheit geſchmückt iſt; dieſe kurzen gelockten Haare, das kurze Leibchen ohne Falten, welches den Buſen hervorhebt und ſich an ein Kleid anſchließt, welches ohne Falten iſt, paßt ſchlecht zu großen Zügen und macht jene königlichen Geſichter lächerlich, welche den Atlasglanz der Scheitel und die ſpielenden Refleue der Flechten nöthig haben oder jene langen Maſſen von elaſtiſchen Locken, zu welchen blos der reichbegabte Haarwuchs unſerer Damen genügt und die man daher auf dem Continent Anglaiſen nennt. Zu dieſen Geſichtern bedarf es auch noch der breiten Falten einer kunſtgerecht geſchnittenen Robe, ſeit die kargen Linien der an⸗ tiken Draperie nicht mehr Mode ſind. Das ſchöne Mädchen im Bilde müßte in unſerem mo⸗ dernen Coſtüme noch ſchöner geweſen ſein, aber ihre Toilette von 1815 ſtand ihr gut. Ihr Haar von hellem, faſt unbe⸗ ſtimmten Braun lockte ſich leicht und faſt durchſichtig auf der ſchönſten Stirn, die man nur ſehen kann. Ihr Auge, ihr Mund und ihr Lächeln waren die eines Kindes; aber eines Kindes, über welches der erſte Hauch der Liebestriume hinweggeht und das als Weib zu erwachen im Begriff ſteht. 1 6 Es lag Feinheit und Verſtand in der Naivetät ihres Blickes, der auf eine Seele hindeutete, die zu gleicher Zeit feſt und ſanft war und eine reizende Vereinigung von Reinheit und weiblicher Ergebung, von Offenheit und Reflexion darbot. Ein Dichter würde beim bloßen Anblick dieſes Portraits ſich in das reizende Mädchen verliebt haben, wenn nicht das Coſtüm ein Datum gehabt hätte. — Dieſes reizende Mädchen war jetzt ein Weib; fünfzehn oder achtzehn Jahre hatten ſich über die ſammtene Friſche dieſer Wangen hingelegt und vielleicht war dieſe ſo ſtrahlende und volle Stirn jetzt von Falten durch⸗ furcht. Dem Portrait gegenüber befand ſich, wie geſagt, ein Bett, deſſen halbgeöffnete Vorhänge das fieberhafte Röcheln eines Kranken durchdringen ließen. Als ein Windhauch die ermattete Flamme der Lampe plötzlich aufflackern und heller glänzen ließ, bemerkte der Blick im Innern des Alkovens das magere hohle Geſicht eines Mannes. Dieſer Mann ſchlief nicht; aber das Leiden, das auf ihm laſtete, hielt ihn unbeweglich auf dem Lager feſt. Von Zeit zu Zeit öffneten ſich ſeine Augen, die bald brennend und in der Tiefe ihrer Höhle roth waren, bald wieder matt erſtarben, verloſchen unter dem mit Mühe er⸗ hobenen ſchweren Augenlid. Es wäre ſehr ſchwer geweſen, ſeine Züge im Einzelnen zu erkennen, denn außer dem Hin⸗ derniß, welches das Halbdunkel, in dem dieſes zerſtörte Ge⸗ ſicht ſich zeigte, entgegenſtellte, bedeckte ein dichter Bart es faſt gänzlich. —— Der Marquis von Rio Santo ſaß vor der Heffnung der Vorhänge auf einem Stuhl, betrachtete den Kranken mit Unruhe und ſchien einem eben ſo intenſiven Fieber zur Beute als jener. Er war blaß und in einem Zuſtande völliger Erſchö⸗ pfung. Seine Augenhöhlen, welche durch Ermüdung einen bläulichen Schimmer bekommen, ſtachen gegen die krankhafte Bleiche ſeiner Stirn und den entzündeten Rand ſeiner Au⸗ gen ab. Sein Körper, der zu ſchön in ſeinen Verhältniſſen war, als daß er nicht von ungewöhnlicher Kraft hätte ſein ſollen, neigte ſich in ſich ſelbſt zuſammen, als ob jede Kraft ihn verlaſſen hätte. Er athmete ſchwer und ſeine Mienen drückten eine herbe Traurigkeit aus. Die Uhr eines benachbarten Zimmers ſchlug ſieben. Rio Santo ſtrengte ſich an, um ſich umzuwenden und ſah nach dem Fenſter. — Wieder eine durchwachte Nacht nach einem Tage voller Unthätigkeit, murmelte er; — dieſer Menſch ſagt wahr er wird mich tödten! Eine plötzliche Convulſion des Kranken bewegte heftig die Bettdecke deſſelben. — Alle Beide! alle Beide! ſchrie er mit hohler Stimme. Rio Santo ſtand auf und fuhr mit einem Schnupftuche, das mit friſchem Waſſer und Weineſſig getränkt war, über die Stirn des Kranken. — Alle Beide! alle Beide! ſagte dieſer wieder, indem N 8 ſeine Stimme ſchwächer wurde und in ein unbeſtimmtes Ge⸗ murmel auslief. — Alle Beide, wiederholte Rio Santo, als ob er auf dem Geſichte des Kranken einen Commentar zu dieſen Worten ſuche; — ſechs Tage ſchon wiederholt er dieſe Worte un⸗ aufhörlich . . ich kann nicht errathen, was er ſich dabei denkt. Er rang die Hände und eine bittere Entmuthigung malte ſich plötzlich auf ſeinen Zügen. — O mein Gedanke, fuhr er fort, — 0 mein Ge⸗ danke! Ich, der ich ſeit fünfzehn Jahren nicht eine Stunde ver⸗ loren habe, verliere ſechs Tage in dem Augenblicke, wo jeder meiner Tage Jahre werth ſein kann! ... Armer Angus! Er leidet, — und er iſt ihr Bruder, der Bruder von der, welche ſo lange Zeit und ſo langes Mißgeſchick mich nicht hat vergeſſen laſſen! .. Ich muß ihm ſchon ſelbſt Pflege angedeihen laſſen, weil das Intereſſe meiner Sicherheit alle andere Hilfe von ſeinem Krankenbette fern halten muß. O, was ich thue, iſt nothwendig; — aber ich gäbe ein Sahr meines Lebens darum, wenn ich das Recht hätte, dieſes Bett nur vierundzwanzig Stunden zu verlaſſen! .. vierundzwanzig Stunden, er hätte Zeit, während dem zwölfmal zu ſterben. Er ſank wieder auf den Seſſel zurück. — Mein Gott, fuhr er fort, nachdem er einige Se⸗ kunden geſchwiegen und ſeine Stimme zitterte vor Auf⸗ regung; — die ſind ſehr glücklich und müſſen ſehr ſtark ſein, welche, um ein edles Streben zu verfolgen, bei hellem —— Tage arbeiten und nur lobenswerthe Mittel anwenden .. welche unverſiegbare Macht müſſen ſie nicht haben, da ſie in ihren Erinnerungen ſuchend nichts finden, als rechtliche Hand⸗ lungen und edle Hingebung an ihre Pflicht ... Mein Ziel iſt hoch ... hoch und groß, fügte er hinzu, indem er das Haupt erhob; — aber ich war ſo ſchwach. Zwiſchen mei⸗ nem Ziele und mir gab es ſo viel Hinderniſſe, die es un⸗ möglich geweſen wäre, zu überſteigen .. . o, ich habe ge⸗ fehlt . . und als ich einmal von dem geraden Wege abge⸗ kommen war, habe ich mich vom Strom meiner thörichten Leidenſchaft hinreißen laſſen . . ich habe mich von meiner gigantiſchen Arbeit in rieſigen Orgien erholt ... ich wage nicht auf mein Leben zurückzuſchauen . . um ſtark zu blei⸗ ben, muß mein Blick fortwährend vorwärts gerichtet ſein . . ich muß, meine Vergangenheit fliehend, mich in die Zukunft flüchten .. . muß vorwärts ſchreiten und jetzt, mein Gott, halte ich an, und hier iſt ein Menſch, der ſich mir in den Weg gelegt hat! . . Ein Menſch, der mein Bruder iſt und deſſen Anblick mein Gewiſſen rege macht, ein Menſch, der von meinen Geheimniſſen Alles kennt, was genügt, mich ins Verderben zu ſtürzen! .. — Ich habe es geſehen, ich habe es geſehen, ſagte Angus Mac⸗Farlane dumpf: — ich ſah, wie ſeine Bruſt durchſtoßen war, eine rothe runde Oeffnung .. . und die Stimme meiner Träume hat mir geſagt: — Das Blut Deiner Adern ſoll ihm den Tod geben! „Rio Santo betrachtete den Kranken mit Schrecken. 1** * 10 — Mir den Tod bringen, wiederholte er langſam; — es wäre eine fürchterliche Strafe, von Deiner Hand zu ſterben, Mac⸗Farlane! aber ich würde mich nicht beklagen dürfen. Auf dieſe Worte folgte ein langes Schweigen. Rio Santo barg ſein Geſicht in beide Hände und ſchien von herzbrechenden Gedanken ergriffen. Unterdeſſen wurde der Tag heller und vor dem Lichte draußen verſchwand der matte Schein der ſterbenden Lampe. — Dunecan von Leed, ſattle Billy, mein gutes ſchwarzes Pferd! ſagte plötzlich der Laird mit voller Stimme; — ich muß heute noch über den Fluß gehen und nach London reiten, wo ich Fergus OBreane tödten werde, den Mörder meines Bruders Mac⸗Nab. Rio Santo nahm die Hände vom Geſicht weg und machte eine Geberde ſtummer Reſignation. — Ich will Dein Pferd ſatteln, Mac⸗Farlane, antwor⸗ tete er, aber Fergus OBreane iſt Dein Bruder auch .. Wenn Du ihn tödteſt, wirſt Du gar keinen Bruder mehr haben. — Es iſt wahr, murmelte der Laird und zitterte ſchmerzvoll unter ſeiner Decke zuſammen; — es iſt wahr. Darauf fügte er mit ſo leiſer Stimme hinzu, daß Rio Santo ihn nicht verſtehen konnte: — — Keinen Bruder und keine Töchter mehr! ich habe ſie geſehen, alle Beide! alle Beide!. 11 Ermattet ſank ſein Kopf ſchwer auf das Kiſſen nieder. Rio Santo ſtand auf und dehnte ſeine ermüdeten Glie⸗ der; darauf ging er auf das Fenſter zu und zog die Vor⸗ hänge zurück. Sein Auge ſchloß ſich vor dem Glanz des Tages und es war ein ſchmerzvoller Anblick, die vollkommenſte Erſchö⸗ pfung in lesbaren Zügen auf ſeinem Antlitze zu ſehen, das vor Kurzem noch ſo ſtolz war. Es ſchien, als habe ihn der Finger Gottes berührt. Er war nur noch der Schatten ſeiner ſelbſt. Das Zimmer, in welchem er ſich befand, ging auf einen engen Durchgang hinaus, welcher von den Pferdeſtällen ſeines Hauſes nach Belgrave⸗Lane führte; dieſer Durchgang war ſchon belebt von Stallknechten und Grooms. Rio Santo betrachtete ſie und es lag Neid in ſeinem Blicke. — Sie find glücklich, flüſterte er endlich; — ihr Leben vergeht ohne andere Ermüdung, als die des Körpers .. ſie haben Freunde, welche nöthigenfalls ihre Stelle vertreten und ihre zufällig unterbrochene Arbeit fortführen würden .. aber ich, o, ich bin allein, mein Werk ruht auf mir, ganz auf mir! Hier liegt der einzige Menſch, dem ich jemals einen Winkel meiner Seele gezeigt habe, und dieſer Menſch liegt im Fieberwahn .. und erſchöpft meine Kräfte in un⸗ ſinnigen Kimpfen er tödtet mich im Einzelnen nach und nach, bevor er mich mit einem Schlage mordet, wie er es noch einmal in ſeinem Wahnfinn thun wird. 3„ 12 Er ſtrich lebhaft die Aermel ſeines Schlafrockes zurück. — Er zerfleiſcht meine Arme, .. ſeine Nägel haben meine Bruſt zerriſſen! .. . das Fieber macht ihn ſtark . Geſtern fehlte mir der Athem, und ich glaubte, daß ich un⸗ ter ſeiner wuthvollen Umarmung ſterben müßte .. . Mein Gott, mein Gott, Erbarmen! .. . nicht für mich, aber für ſo viel Unglückliche, welche leiden und deren Retter ich ſein wollte. — Rio Santo, hob Angus ſpöttiſch an, man nennt ihn jetzt Rio Santo . . o, ich weiß, wer dieſer Rio Santo iſt .. es iſt Fergus, der Räuber von Teviot⸗Dale Fergus der Mörder, den ich nicht tödte, weil mein Herz feige iſt einem Manne gegenüber, den ich geliebt habe aber ich werde Muth faſſen, um der Stimme meiner Träume ge⸗ horchen zu können. Sattle mein Pferd, Dunkan von Leed! Rio Santo hörte traurig zu. Gerade dieſe indiskrete Raſerei Angus Mac⸗Farlanes bannte den Marquis an ſein Lager; Rio Santo hatte keinen Vertrauten, kein Ohr ſollte dieſe alten Geheimniſſe hören, welche der Fieberrauſch des Lairds verrieth. Und hier blieb er nun, er, deſſen Zweck, den er ſeit funfzehn Jahren mitgeduldiger und unermüdlicher Hartnäckigkeit verfolgt „dem entſcheidenden Momente des Vollbringens ent⸗ gegen ſah; er blieb auf die Gefahr hin, im Angeſichte des Hafens Schiffbruch zu leiden. Er liebte Angus; — und bei Rio Santo war jedes Gefühl ſtart. ————— 6 —.— —— ⸗ 13 Nachdem Angus ſeine letzten Worte ausgeſprochen, wandte er ſich auf ſeinem Lager um, als ob er einſchlafen wolle. — Rio Santo athmete leicht auf. — Aber gleich darauf bemächtigte ſich ein krampfhaftes Zittern aller ſeiner Glieder, während ſeine Bläſſe noch farbloſer wurde. Der Laird hatte ſich auf ſeinen Kiſſen wieder aufge⸗ richtet. Rio Santo näherte ſich leiſe dem Bett, ſtreifte ſeine Aermel auf, zog den Gurt ſeines Morgenrockes feſter zu, als ob er ſich auf einen verzweifelten Kampf vorbereite. Der Laird lachte unter dem ſtruppigen Haar ſeines wüſten Bartes, machte ſeine Hand hohl und that, als ob er ein Glas Whisky in kurzen Zügen tränke; darauf begann er mit luſtiger klangvoller Stimme zu fingen: Der Laird von Killarwan, Der hat zwei Töchterlein, Wie nie ein junger Mann Sie ſah, ſo lieb und fein, Im ganzen Glengirwan. Er hielt inne; er zuckte mit den Augenbrauen und fuhr langſamer fort: Und einſt beim erſten Tageslicht, Der Laird am Fenſter ſtand, Wie regt ſein luſt'ger Sinn ſich nicht, Er ſieht, wie hinter'm Waldesrand Ein Hirſch durch das Gezweige bricht. Während dieſes zweiten Verſes war ſeine Stimme dumpfer geworden, ſeine Augen rollten wild umher; — Rio Santo zitterte. 14 Angus hob wieder an: Als guter Jägersmann, Verfolgt er ſeine Spnr, Rief ſeine Burſchen an Und ſagte: Folgt ihm uur Und treibt die Hunde an. Mac⸗Farlane keuchte, er krallte mit den Händen auf dem Deckbett und ſeine weit aufgeſperrten Augen wurden blutigroth. — Rio Santo richtete ſeine Glieder feſt zuſam⸗ men, als ob er vorſpringen und einen gefährlichen Feind angreifen wolle. Zweites Kapitel. Todeskampf. De Reigen von Killarwan hat viele Strophen, und man kann kein Mädchen zwiſchen dem Tweed und der Clyde finden, die nicht in Verlegenheit gekommen wäre, wenn ſie ihn von der erſten bis zur letzten hätte fingen ſollen. Es iſt die naiv erzählte Geſchichte eines guten Edel⸗ mannes im Thale von Girwan, der auf die Jagd reitet und in ſeinem Schloſſe die zwei ſchönſten Töchter zurückläßt, die je ein junger Mann ſah. Seine Jagd führt ihn ſehr weit über Pasley hinaus, dicht bis an Glasgow. Er bleibt vier Tage unterwegs, reitet ſeinen ſchönen Grauſchimmel todt und thut im Grunde nichts, was der Mühe werth wäre. Aber ach, als er aufs Schloß zurückkehrt, haben die Leute vom Gebirge ſeine Ernte zerſtört, ſeine Scheune geplündert und ſeine Töchter entführt. 16 Die beiden ſchönſten Töchter in ganz Glengirwan. Wenn Rio Santo dieſe Ballade bis zu Ende gehört hätte, würde er ohne Zweifel den Grund des heftigen Schmer⸗ zes erfahren haben, der unaufhörlich Angus Raſerei unter⸗ hielt. Er hätte den Sinn des ſo oft wiederholten Ausrufs: alle Beide! alle Beide! verſtanden. Aber das Fieber ließ dem unglücklichen Vater niemals Zeit, die Ballade zu vollenden. Nach vier oder fünf Stro⸗ phen erreichte ſein Schmerz die Gewalt des Parorysmus; er ſah das ſchreckliche Bild der Entführung ſeiner beiden armen, in Bob's Kahne ſchlafenden Kinder, — und dann ſprang er auf, um ihnen zu Hülfe zu kommen. Als er die vierte Strophe begonnen, ſchäumte bereits ſein Mund, und ſein ganzer Körper zitterte in Folge eines unbeſieglichen Schauers. Rio Santo kannte dieſe furchtbaren Symptome nur zu ſehr. Seit ſechs Tagen hielt er Morgen und Abends, mit⸗ unter auch öfters am Tage, verzweifelte Kämpfe gegen den Laird aus, der in ſeiner Raſerei durch das Fenſter ſpringen wollte, hinter welchem, wie er glaubte, die Themſe war. Und Rio Santo, nicht minder durch das anhaltende Wachen wie durch die ſeltſamen Kämpfe erſchöpft, in welchen der Laird jene übermenſchliche Kraft des Fieberkranken entwickelte, welche oft nur durch mehrere robuſte Männer beſiegt werden kann, fühlte den Augenblick herannahen, wo ihn ſeine Kräfte ver⸗ laſſen würden. So erwartete er reſignirt den letzten Kampf, und doch —8— H wünſchte er nicht Augus Tod, der ihm Freiheit geben mußte, ſich wieder jenem ernſten, geliebten Kampfe zu überlaſſen, dem er ſein Leben gewidmet. Rio Santo war einmal ſo. Da, wo brave rechtſchaf⸗ fene Männer die Nichtigkeit menſchlicher Rechtſchaffenheit ge⸗ zeigt und ſei es welchen Ausgang dieſes Zuſtandes herbei⸗ gewünſcht hätten, da reſignirte Rio Santo und hatte im Grunde ſeines Herzens nicht den Schatten eines egviſtiſchen Gedankens. Der Laird begann wieder mit einer rauhen Stimme, die wunderbar mit der harmloſen Naivetät des Liedes abſtach, 3 zu fingen: Der Laird von Killarwan Durchfliegt die Haide So ſchnell wie der Orkan, Und ſeine Sporen beide Treiben ſein Grauroß an. = Dieſen letzten in düſterer Melodie geſungenen Worten folgte ein furchtbares Röcheln — darauf warf der Laird die Decken von ſich und ſetzte ſeine mageren Beine aus dem Bette. — Dort ſind ſie! ſie ſind dort, rief er mit Ungeſtüm, — alle Beide, alle Beide dort im Kahn! ... aber ich bin ein guter Schwimmer! . Er wollte ſich ſeiner Gewohnheit nach aufs Fenſter zu⸗ 3 ſtürzen in Erinnerung an jenes andere Fenſter im Gaſthof zum 3 König Georg, das nach der Themſe hinausging. Rio Santo umſchlang ihn plötzlich und hielt ihn zurück. 2 S Da ſtieß er ein furchtbares Geſchrei aus, ſeine Augen rötheten ſich ſo ſtark, daß ſie voller Blut zu ſein ſchienen, ſein Athem fuhr glühend über das Geſicht des Marquis hin, und mit den Nägeln zerfleiſchte er wüthend die Haut des⸗ ſelben. Es war ein furchtbarer Kampf, wie man ihn nur mit⸗ unter in jenen Häuſern ſieht, wo Unglückliche für ein gerin⸗ ges Gehalt ſich den furchtbaren Angriffen wahnfinniger Ra⸗ ſender ausſetzen. Angus ſchlug, kratzte, biß in ſeinem Paro⸗ rysmus, der den höchſten Grad erreicht hatte; man hätte ihn einem Tiger vergleichen können, der von ſeiner Kette losge⸗ laſſen wird. — Vergebens ſuchte Rio Santo ihn zu über⸗ wältigen; da er nicht jeden Schlag zurückgeben konnte, ſon⸗ dern ſein Widerſtand ſich nur auf die allernothwendigſte Defenſive beſchränkte, ſo war er in jedem Augenblicke ſchreck⸗ lichen Angriffen ausgeſetzt. Man hörte nichts als das wahnfinnige Röcheln des Kranken und das keuchende Athmen des Marquis. In einem Augenblicke wurde das Bett mit Blut über⸗ ſchwemmt. — Angus war auf ſeinem Lager, das eine Bein außer dem Bette und das andere ausgeſtreckt; den einen Arm hielt er feſt mit aller Kraft um den Arm Rio Santo's, mit der andern Hand ſchlug er unaufhörlich. Der Marquis wandte alle ſeine Kräfte an, um ihn in dieſer Lage zu er⸗ halten, weil er wußte, daß, wenn der Laird den Fuß einmal auf dem Boden und einen Stützpunkt haben würde, ſein Angriff unwiderſtehlich ſei. Rio Santo war robuſt, und * ſeine verzweifelte Lage gab ihm einen Augenblick ſeine natür⸗ liche, durch den ſechstägigen Kampf erſchöpfte Kraft wieder. Es gelang ihm, den Laird hintenüber auf das Kiſſen zu legen, und er glaubte dieſer Kriſis Meiſter geworden zu ſein. Der Laird blieb in der That zwei bis drei Sekunden unbe⸗ weglich; aber in dem Augenblicke, wo Rio Santo ſich ver⸗ ſchnaufte, erhob Angus ſich wieder mit ungeheurer Gewalt, griff mit beiden Händen den Marquis an die Gurgel und erwürgte ihn, indem er ein wildes Triumphgeſchrei ausſtieß. Es war um den Marquis geſchehen. Seine Arme waren matt ihm vom Körper herabgeſunken; er konnte weder ſich vertheidigen, noch auch Jemanden um Hülfe herbeirufen. Ohne die Vefinnung gerade verloren zu haben, fühlte er ſich ſo ganz ohnmächtig unter dem wilden Drucke dieſer eiſernen Finger, welche um ſeinen Schlund hafteten, daß ſogar der Inſtinkt der Vertheidigung in ihm erloſch. Die Angſt dieſes Augenblickes läßt ſich nicht beſchreiben. Rio Santo ſah ſich ſterben; mit ihm ſtürzte das Gebäude zuſammen, das er allein und mit ſeinen Händen vom Grund⸗ ſtein bis zum Gipfel mühſam erbaut hatte. Seine ſo weit ausgreifenden und gereiften Pläne entſchwanden wie tolle thörichte Träume, und da er keinen Vertrauten hatte, blieb nichts von ihm in dieſer Welt. In dieſer letzten Stunde bereute er bitter, daß er ſein Leben einer gewöhnlichen Hinneigung, einem Gefühle der Liebe zum Opfer gebracht habe, er fluchte nicht dem Manne, — 20 deſſen Raſerei ihn jetzt mordete, ſondern ſich ſelbſt und be⸗ trachtete ſeine eigene Schwäche mit Verachtuug. Was hätte er nicht alles gegeben für nur einen Tag Friſt noch, um ſeine rieſigen Pläne weiter führen zu können; aber ſeine Zukunft ließ ihm nur noch einige Sekunden übrig; Angus lachte und drückte fortwährend zu, indem er trium⸗ phirend mit dem Fuße auf die Erde ſtieß und von Zeit zu Zeit in ein Jubelgeſchrei ausbrach. Er glaubte den Räuber ſeiner Töchter zu erwürgen. Boffnung wäre jetzt Thorheit geweſen; Rio Santo ſchloß die Augen ſeines Geiſtes, welche in der Vergangenheit zu viel Bedauernswerthes ſahen, und verſuchte es, die Apathie des Todes zu beſchleunigen. Aber vergebens; der Schauer ſeines Todeskampfes ſollte den höchſten Grad erreichen. Wie durch ein Gewölk ve⸗ merkte er alles, was er liebte, alles, was er geliebt hatte. Lady Ophelia lächelte ihm ſchwermüthig und leivenſchaftlich mit liebkoſenden Blicken zu, Mary Trevor reichte ihm unter⸗ würfig die Hand, und ein anderes junges Mädchen neigte ihr holdes und liebliches Geſicht, auf dem Kindesunſchuld mit anmuthiger Liebe ſich vermählte, über ihn. Was wir hier erzählen, das waren höchſtens die Ge⸗ fühle einer Viertelminute alle dieſe ernſten und gaukelnden Bilder, Liebe und Ehrgeiz und ein Gefühl, das noch erha⸗ bener vielleicht iſt, als der Ehrgeiz, alles das drängte ſich ihm raſch, lebendig und blendend vor die Augen. In —————— —.——— ———— 21 dieſem Todeskampfe von wenigen Sekunden war eine ganze Welt von Gefühlen. Niemals war ſein Plan und deſſen Einzelnheiten, in der Idee einfach, aber in Anwendung der Mittel aufs Un⸗ endlichſte komplicirt, ihm ſo klar und glänzend erſchienen, wie jetzt. — O leben, leben, nur noch einige Tage leben, mein Gott, dachte er, und der Erfolg kann mir nicht entgehen. .. Das Ziel iſt mir dicht vor der Hand, ich berühre es! Man ſieht ſtets die Dinge, welche man für immer verlaſſen muß, vollkommener und ſchöner, und jede Partie ſcheint unverlierbar, die man aufgeben muß, bevor das Schickſal entſchieden hat. Dieſer herzzerreißenden Prüfung gegenüber fühlte Rio Santo ſich ſchwach und flüchtete ſich zu anderen Erinnerun⸗ gen, die zwar auch bitter waren, aber doch einen freundlichen Beigeſchmack hatten. Er ging in Gedanken den ganzen Lauf ſeiner Exiſtenz zurück und ſuchte jenſeits der letzten Eindrücke, ſeiner Arbeiten und Mühen oder ſeiner vorübergehenden Lieb⸗ ſchaften ein geſegnetes Andenken, eine fromme Erinnerung, eine edle, reine Liebe. Viele Male hatte er dieſe noch immer theure Liebe wie einen Balſam auf die Wunden gelegt, welche ſein Herz unter den Zufülligkeiten ſeines abenteuerlichen Lebens empfing. Anch dießmal wirkte das Mittel. Das Bild, das er heraufbeſchworen, erſchien, und Rio Santo fühlte in ſich eine ruhige Kraft. 22 Der Laird hatte, ſeinen Sieg verfolgend, ihn auf den Teppich niedergeworfen und lag ihm mit ſeiner ganzen Schwere auf der Bruſt. Rio Santo wurde einen Augenblick durch dieſen Zu⸗ wachs an phyſiſchem Schmerz wieder elektriſirt, bewegte ſich unwillkührlich und wurde dann wieder leblos. Er lag hintenüber, den Kopf auf dem Teppich, die Augen mit Willen geſchloſſen. In dem Augenblicke, wo jede Ausſicht auf Rettung, ſo gering ſie auch ſein mag, ihm genommen war, hatte er, wie wir geſehen haben, ſeinen Träumen von Größe, ſeinen gigantiſchen politiſchen Plänen ein ſchmerzliches Lebewohl geſagt, und rief unter den tödtli⸗ chen Krämpfen, welche der letzten Regungsloſigkeit vorher⸗ gehen, eine geliebte Erinnerung, einen Troſt für die ent⸗ ſchwundene Hoffnung in ſeiner Seele wach. 5 Der Laird drückte noch immer, er drückte immer ſtär⸗ ker; — und doch legte ſich auf Rio Santo's Stirn, die ganz violett vom Blutandrang und von den geſchwollenen Adern ganz bunt durchzogen war, ein gewiſſer Ausdruck von Ruhe. Sanft und heiter ſtieg ein geliebtes Bild in Rio Santo's Herz hinein. Ein reizendes, junges Geſicht war es, das auf der Kinderſtirn ſein braunes, ſchimmerndes Haar wie einen engliſchen Heiligenſchein trug. Das Geſicht war o Zweifel das Original des Portraits, das zwiſchen den Fenſtern hing; aber um wie viel war es ſchöner als! Gemälde! 23 Rio Santo hatte unter ſeinen körperlichen Qualen ein wahrhaftes Gefühl von Wohlbehagen, und in der Kammer ſeines Herzens, in welcher dieſes theure Bild lebte, mußten viele ſüße Erinnerungen ſich befinden, daß in ſo ſchrecklichen Augenblicken ſolche Wirkungen davon hervorgebracht werden konnten. Denn der Laird wurde des Zerrens müde, und zog daher kräſtiger, um ein Ende zu machen. Rio Santo fühlte ſeinen letzten Seufzer nach der Bruſt ſteigen. Der Gedanke an das reine Kind, welches ſeinen Todeskampf erleichterte, führte ihn wahrſcheinlich zu dem Gedanken an den Himmel, denn der Name Gottes flog über ſeine Lippen. Dann rief ſeine ſchon erſtickte Stimme mit einer letzten Anſtrengung noch einen andern Namen: — Marh! Angus Mac⸗Farlane erzitterte leicht und ließ los. — Mary! rief er — wer ſpricht von Mary? Er neigte ſein Ohr zu Rio Santo's Munde. — Rio Santo ſprach den Namen nicht zum zweiten Male aus; — er athmete nicht mehr. Angus richtete ſich auf. — Ein neuer Gedanke flog durch ſeinen verwirrten Kopf. Was thue ich hier? flüſterte er — ach, jetzt iſt's aut ich will nach Cornhill gehen und meine Töchter beſu⸗ chen Sie müſſen jetzt ſehr ſchön ſein! Sein Auge fiel auf Rio Santo. — Er machte einen — 24 Sprung rückwärts, ſo daß er gerade vor dem Portrait zu ſtehen kam. — Fergus, rief er voller Schrecken und Zorn, Fergus O'Breane! Immer das Bild des Todten, des von mir ge⸗ tödteten Fergus . . . noch in dieſer Nacht ſagt es mir die Stimme der Träume ... o ich erinnere mich wohl, die Stimme der Träume, welche t die Stimme meines Bruders iſt, ſagte zu mir: — Dein Blut, das Blut Deiner Adern ſoll ihm den Tod bringen .. Mein Gott! es muß ein furchtbares Ding ſein, einen Mann zu tödten, den man geliebt hat .. einen Mann, den man noch liebt. Er wandte voller Schrecken den Kopf ab, weil er glaubte eine übernatürliche Erſcheinung zu ſehen, und in dieſem Au⸗ genblicke traf ſein Blick auf das zwiſchen den beiden Fenſtern hangende Bild. — Mary, flüſterte er leiſe, — o ich wußte ja, daß ich den Namen Mary's habe ausſprechen hören. — Dort iſt ſie, meine gute Schweſter Mary! .. ſie ſieht mich nicht, denn ſonſt würde ſie ſchnell kommen und ihren alten Bruder umarmen Ja, ich bin alt . . . aber wie jung ſie iſt! Und doch hat auch ſie ſo viel gelitten .. Die Kälte des Fußbodens machte ſich ſeinen Füßen, die ohne Strümpfe waren, bemerklich, und er wurde ſeine Nacktheit gewahr. Seine verſtörrten Züge, denen ein ſtrup⸗ pigter Bart einen Anſchein von wilder Wuth gab, nahmen plötzlich einen Anſchein von Verlegenheit eines Kindes an, das durch einen ſtrengen Lehrer bei einer Schuld ertappt wird. Er breitete ſeine fteiſchloſen Arme nach dem Bilde aus und lächelte ſchmeichelnd. — Mary, meine gute Schweſter Mary, ſagte er, indem er rückwärts nach dem Bette zu ging, — ſchilt mich nicht, ich will mich wieder niederlegen . . . ich habe Durſt . . . ich wollte zu trinken ſuchen. . . . Warum iſt mein ſchwarzes Pferd nicht geſattelt, Mary ich wollte nach London reiſen, um meine Töchter zu beſuchen. . und auch . . aber das darf Mary nicht wiſſen, verbeſſerte er ſich, indem er ſeine Stimme leiſer machte, — und auch um Fergus OBreane zu tödten, den Mörder meines Bruders Mac⸗Nab Während er ſo ſprach, ging er immer rückwärts auf das Vett zu. Sein Fuß ſtieß an Rio Santo's Schultern, der beweglos auf dem Teppich lag. Er ſtieß einen Schre⸗ ckensruf aus, blieb zitternd, an allen Gliedern bebend ſtehen. Darauf fuhr er mit der Hand über ſeine ſchweißtrie⸗ fende Stirn. — Immer dieſe furchtbare Viſion, ſagte er, — immer, immer . Gott will es! B Er fiel wie eine lebloſe Maſſe auf das Bett zurück. Ein tiefes Schweigen herrſchte im Zimmer. Angus ſchlief erſchöpft von dem Kampfe, von welchem ſein Geiſt kein Be⸗ wußtſein hatte, der aber eine Ermüdung bei ihm hervorge⸗ bracht, deren Folgen jetzt auf ſeinen Körper einwirkten. — Rio Santo lag als Leiche ausgeſtreckt auf dem Boden und hatte keinen Anſchein des Lebens mehr; ſeine Augen waren wieder halb geöffnet und zeigten unter den Haaren ſeiner ge⸗ m. 2 furchten Augenbrauen, ihren im Sein gleichfalls offener Mund ließ die krampfhaft zuſammen gebiſſenen Zähne ſehen, jedes ſeiner Glieder behielt leblos ermattet die Stellung bei, welche es in dem letzten Augen⸗ blicke des Kampfes gehabt und ſeine ſchönen ſchwarzen Haare miſchten ſich zerſtreut mit den Seidenflocken des Teppichs. Die blutige Sonne des neblichen Morgens an der Themſe warf auf dieſe düſtre Scene ein ſeltſames Licht und röthete die haarige Nacktheit des Laird's, der auf dem Bette ausgeſtreckt war. Blos das Bildniß ſchien zu leben und warf ſein glück⸗ liches Lächeln auf den Wahnſfinnigen und ſein Opfer. So vergingen einige Minuten in Schweigen, aber nach einiger Zeit würde Jemand, der im Zimmer ein offnes Ohr gehabt hätte, ein unbeſtimmtes fortwährendes Geräuſch ge⸗ hört haben, das aus dem Getäfel zu kommen ſchien, welches ſich zur Rechten des Portraits befand. Es war ſo, als ob eine ungeſchickte Hand einen Schlüſſel in ein unbekanntes Schloß hineinſteckte. Aber die Tapete ließ an dieſer Stelle keine Spur von einer Thür ſehen. Das Geräuſch fuhr fort und bchielt denſelben Charakter, es war ein Schloß, in wel⸗ chem ein Schlüſſel ungeſchickt herumgedreht wurde. Endlich ging wahrſcheinlich durch einen Zufall das Schloß auf; aber die Tapete blieb unbeweglich; erſt nach einer Minute ungefähr konnte man ſich ein Fachwerk lang⸗ ſam bewegen ſehen und hinter dieſem Fachwerk zeigte ſich das bleiche Geſicht des Doctor Moore. Er war noch blaſſer als gewöhnlich und ſchien ſelbſt über die verwegne Indiscretion, welche er ſich zu Schulden kom⸗ men ließ, erſchreckt. Dieſelbe hatte übrigens für ihn kein ſehr bedeutendes Reſultat, denn in dem Augenblicke, wo er den Kopf hinter dem Getäfel vorſtreckte, ließ ſich draußen an der entgegengeſetzten Seite des Zimmers der Schall von Tritten vernehmen. Der Doctor ſchloß leiſe das Getäfel wieder, indem er achſelzuckend den Aerger über die Täuſchung ſeiner Neugier ausſprach. Beinahe in vemſelben Augenblick ſtürzte der Cavaliere Angelo Bembo ſich in das Zimmer und der ſchöne Hund Lovely folgte ihm. — Lovely ſprang gleich nach der Wand, wo ſich das Getäftl geſchloſſen hatte und bellte laut, dann kehrte er zu dem Körper ſeines Herrn zurück und umlief denſelben mit einem dumpfen Geheul. Drittes Kapitel. —— Bei einem Leichnam. Der Cavaliere Angelo Bembo hatte den Kopf des Mar⸗ quis ergriffen und hielt ihn auf ſeinen Knieen. Er fühlte ihm nach dem Herzen, das nicht mehr ſchlug, er fühlte ihm ven regungsloſen Puls und wollte doch wieder von dieſem Todeszeichen nichts wiſſen, nicht daran glauben. — Signore, ſagte er, Signore . .. Weigern Sie ſich nicht, mir zu antworten! .. . Sie hatten mir verboten, mich dieſem Theile des Hauſes zu nähern und doch wartete ich Tag und Nacht hinter dieſer Thür, ich war Ihnen unge⸗ horſam ... und weil ich meinen Poſten nur während einiger Minuten verlaſſen habe! .. O Erbarmen, antworten Sie mir doch! Lovely ſpürte rings umher, drehte ſich um und heulte. — Schweig, rief Vembo zornig; — du weinſt zu früh, 29 er iſt nicht tödt .. Kuſch, Lovely, du ſiehſt ja, daß er ſchläft! . . . Don Joſé, im Namen Gottes, antworten Sie mir doch! Don Joſé! ... Bembo verſuchte den Körper des Marquis aufzuheben, aber ſeine Aufregung raubte ihm alle Kraft, er vermochte es nicht, da ſtreckte er ſich der ganzen Länge nach auf den Teppich und legte ſich das Haupt Rio Santo's auf ſeinen Buſen. Lovely legte ſich zu den Füßen ſeines Herrn nieder, mit feuchtem Auge und ſein Maul in der langen Seide des Teppichs einwühlend. Bembo war niedergeſchlagen: wider ſeinen Willen ſtand die Ueberzeugung bei ihm feſt und er wußte jetzt, daß er bei einem Leichnam liege; Vembo hatte ein junges und war⸗ mes Herz, ſein ſchwacher Wille, der ganz dem höhern Willen des Marquis untergeordnet war, hatte nichts von jener vaſal⸗ liſchen Art, die gegen den Herrn leiſe taſtend proteſtirt und heimlich zur Verſchwörung treibt. Er liebte den Marquis, hatte Glauben zu ihm, ſeine vielleicht unüberlegte Ergeben⸗ heit war glühend und vollkommen. Er bewunderte Rio Santo ohne Schranken, da ſeine großen und verwegenen“ Pläne ihm nicht ganz unbekannt waren. Seit langer Zeit verlebte er ſeine Tage beim Marquis, und dieſer, welcher unaufhörlich bei ſich ſelbſt die Gefahren und die Glücksausſichten des kühnen Spieles abwog, welches er in der Hand hielt, hatte ſich einen Theil ſeines Geheim⸗ niſſes entſchlüpfen laſſen. Das lebendige Verſtändniß Angelo Bembo's hatte übrigens keiner ſtarken Anzeichen nöthig ge⸗ habt, um auf die Spur zu kommen: er war einer von den poetiſchen und feinen Geiſtern, welche das Unbekannte errathen und auf einem ganz kleinen Stücke der Wirklichkeit aufzu⸗ bauen wiſſen; aber er hatte zu gleicher Zeit auch ein ſchüch⸗ ternes und redliches Herz. Er hatte nicht über das hinaus⸗ gehen wollen, was ſeine Einbildungskraft wider ſein Wiſſen und gleichſam wider ſeinen Willen ihn vermuthen laſ⸗ ſen; da er geſchickt war, der Spur eines Geheimniſſes zu folgen, ſo hatte er lieber ſeine Augen und ſeine Ohren ge⸗ ſchloſſen, um der Verſuchung zu entgehen, mehr zu erfahren, beſſer zu errathen und dem Geheimniſſe auf die Spur zu kommen, deſſen Oberfläche er geſehen hatte. Eine vertrauliche Mittheilung des Marquis hätte ihn mit Freude erfüllt, ihn ſtolz gemacht und vielleicht in ſeiner eignen Achtung ſo ſehr gehoben, daß er plötzlich ein kräfti⸗ ger Mann geworden wäre. Aber er glaubte kein Recht zu haben, ſeinen innerſten Gedanken nachzugeben und einen neu⸗ gierig forſchenden Blick auf Rio Santo's Geheimniß zu wer⸗ fen, bevor dieſer ſelbſt geſprochen habe. Rio Santo liebte ihn und Rio Santo war für ihn zu⸗ gleich der gewählteſte Ausdruck des Schönen, des Edlen und des Großen. Eine ſolche Bewundrung kann nicht ohne ein wenig Furcht beſtehen und der Cavaliere Angelo Bembo ge⸗ ſtand ſich zu ſehr ſeine Untergeordnetheit ein, als daß er nicht hätte glauben ſollen, die Pflichten eines Lehnsmannes gegen den Marquis zu haben. 31 Was die dunklen Machinationen anbetrifft, welche ſich nächtlicher Weiſe um ihn her bewegten, ſo machte ſeine ſpe⸗ cielle Zärtlichkeit mit bewundrungswürdigem Takte zwei Theile daraus. Acles, was dabei Rio Santo betraf, war in ſeinen Augen wohlgethan, nicht blos entſchuldbar, ſondern ſogar erlaubt. Rio Santo war ihm eine kriegführende Macht; und da der Krieg alle Arten von Waffen zuläßt und nicht blos bei Trommel⸗ und Pfeifenklang geführt wird, ſondern auch im Stillen auf jene Art und Weiſe, welche Reiche und Throne ſtürzt, ſo hielt er Rio Santo als krieg⸗ führende Macht berechtigt, ſich ſeine Strategik ſelbſt zu wählen. Dieſes Schlüſſels bediente ſich der Cavaliere Bembo, um jede ſeiner Handlungen zu erklären. Aber dieſer Schlüſſel fand ſeine Anwendung blos bei Rio Santo ſelbſt, die ande⸗ ren Mitglieder der geheimnißvollen Geſellſchaft, deren Mit⸗ glied Bembo war, ohne an ihren Geſchäften Theil zu nehmen, hatten weder dieſelben Vorwände, welche man zu ihren Gunſten hätte anführen können, noch dieſelbe Entſchuldigung geltend zu machen. In ſeinen Händen waren ſie nur blinde Werkzeuge, ſein kräftiger Arm hatte ihren aufrühreriſchen Trieb zu bändigen gewußt; ſie dienten ihm zitternd, weil ſie wußten, daß er ſtark war. Aber indem ſie ihm dienten, waren ſie nur von ganzer Seele Banditen, ſie ſtahlen aus Habſucht und ihre ſchuld⸗ volle Induſtrie, wenn ſie auch in einem ungeheuren Maßſtabe 32 organifirt war, bewahrte doch ihren urſprünglichen Schmutz in den Augen eines redlichen Geiſtes. Angelo Bembo verachtete aufs Gründlichſte dieſe Armee von Böſewichtern, welche in der Nacht von London exercirt und unzählige hierarchiſche Stufenleitern hat, vom swell-mob der niedrigſten Art und den irländiſchen Bettlern in den Kirchen an bis zum edlen Lord hinauf, der, mit ſeiner Un⸗ verletzbarkeit bekleidet, in der Kammer Geſetze votirt, über welche er am andern Tage in der gemiſchten Geſellſchaft ſeiner Lieblingstaverne lacht. Angelo kannte dieſen Krebs⸗ ſchaden der großen Stadt bis in ſeine kleinſten Einzelnheiten hinein; er wußte, daß die Familie der Diebe von London ſich aus allen Ständen rekrutirt, und durch eine Kette zu⸗ ſammenhängt, der kein einziger Ring der ganzen geknebelten Stadt fehlt. Er wußte auch, daß der Marquis mit einer Geberde dieſe hundert Tauſend Mitglieder der furchtbaren Familie in Bewegung ſetzen konnte, und als Feldherr dieſer Horden ſchien ihm Rio Santo vorwurfsfrei, da er ſich mit ihrem Schmutze nur eines großen Zweckes wegen befaßte. Er gehörte Rio Santo ganz, ſeine Ergebenheit hatte keine Schranken, weder der Marquis noch er ſelbſt wußte, wie weit dieſe gehen konnte, weil große Neigungen das Ei⸗ genthümliche haben, daß ſie nicht laut losbrechen und ſich in betheuernden Worten ergehen, ſie ſind zu inſtinktmäßig und unwillkührlich, als daß ſie ſich ſelbſt abſchätzen könnten. Seit jenem Abende, wo der Marquis dem Fürſten 33 Dimitri Tolſtoy Audienz gegeben, war er in Iriſh⸗Houſe ein⸗ geſchloſſen geblieben, der Grund iſt dem Leſer nicht unbe⸗ kannt; Rio Santo hatte auf ſeinem Sopha aufwachend den blutenden Angus Mac⸗Farlane halb todt zu ſeinen Füßen ausgeſtreckt gefunden. Dieſer Umſtand bedarf einer näheren Erklärung. Nach dem wüthenden Angriffe Bob Lanterns, der ihn in den Themſeſtrom geworfen, wälzte ſich der Laird betäubt von ſo vielen Stößen für Seele und Körper, wie ſie auch einem ſchottiſchen Schädel zu viel ſein mußten, bewegungs⸗ los fort. Aber dieſe Atonie war kurz. Der Inſtinkt des Schwimmers trug den Sieg davon, bevor Angus ſich noch von ſeiner Lage Rechenſchaft ablegen konnte, und mechaniſch ſchwamm er auf der Oberfläche des Waſſers hin. Er athmete hoch auf und hielt ſich über dem Waſſer wie eine Robbe, ohne zu wiſſen, daß er ſchwimme. Erſt nach einer Minute konnten ſeine Augen wieder ſhen Der Mond ſtrahlte noch über der Brücke von Blackfriars und die Themſe zeigte weithin eine glänzende ſilberne Fläche. Angus Mac Farlane blickte um ſich, — er wußte nicht was er ſuchte, aber er ſuchte etwas. In dieſem Augenblicke glitt Bob's Kahn ſtill unter dem Brückenbogen hin, wendete und faßte unterhalb Bridge⸗Street Land, in der Privatladeſtelle eines großen Hauſes in Upper⸗ Thames⸗Street. Dieſe Ladeſtellen, welche ſich alle ähnlich ſehen und durch in Gewölbe mit der Straße verbunden ſind, werden 2** nicht ſehr ſorgſam von der Flußpolizei überwacht. Wer könnte Conventry & Sons oder Redgow und Co. der Con⸗ trebande verdächtig halten? In Folge dieſer Nachläſſigkeit der Polizei, welche übrigens auf einem lobenswerthen, dem Herzen jedes Engländers tief eingegrabenen Gefühle, der Ehrfurcht vor Millionen, begründet iſt, werden dieſe Aus⸗ ladeſtellen ſehr oft zu den böſeſten Dingen gemißbraucht. Unter dem Gewölbe befand ſich neben den Laſtwagen des Hauſes Conventry und Söhne, ein mit zwei ſtarken Pferden beſpannter Fiacre. — Dieſer Fiacre erwartete Bob und hatte ihm an demſelben Abende ſchon dazu gedient, die beiden Töchter des Laird von ihrem Hauſe in Cornhill nach dem Gaſthofe zum guten König Georg zu ſchaffen. — Heda! rief Bob; iſt Herr Pritchard da? — Nein, antworteten die Aufläder. — Sole ihn der Teufel! ſchimpfte Bob; — wer wird meine beiden Ballen Baumwolle in Empfang nehmen? — Hüo! ſchrie einer der Aufläver und hieb anf ſeine Pferde. Ein ſchwerer Wagen ſetzte ſich in Bewegung und rollte auf den Schienen heran, welche das Fahren für die Laſten nach dem Gewölbe aufwärts erleichtern. Während die Lightermen mit den Karrenführern um die Wette fluchten und die Eiſen der Pferde auf dem glatten Pflaſter in dem dunkelen Gewölbe Funken ſchlugen, ſtieg der Kutſcher des Fiacres leiſe von ſeinem Bock, öffnete die Thür 35 und half Bob Lantern ſeine beiden Ballen Baumvolle aus⸗ laden. Als er die beiden Schweſtern erſt im Wagen hatte, ſtieß Bob den Kahn mit dem Fuße mitten in das Waſſer, ſtieg in den Wagen und ſetzte ſich auf die Kiſſen, indem er murmelte: — Man kann wohl ſagen, daß ich heute Abend mein armes Brod ſehr ſauer verdient habe. — Heda! rief er dar⸗ auf durch den Schlag, als eben der Fiaere aus dem Ge⸗ wölbe herausfuhr, — ſagen Sie nur Herrn Pritchard, daß ich ſein ganz ergebenſter Diener bin. Der Fiacre fuhr im Galopp durch Upper⸗Thames⸗ Street. Jetzt war Bob vor allen Unfällen ſicher — und Gott allein hätte den beiden armen Kindern, die er zu ſeiner Beute gemacht hatte, zu Hülfe kommen müſſen. Der Laird kam indeſſen nach und nach zur Beſinnung; endlich durchdrang ein Strahl von Licht ſeinen verwirrten Sinn. Er erinnerte ſich des Geſchehenen, und ein Schmer⸗ zensruf entrang ſich ſeinem gepreßten Herzen. — Anna, Clary! rief er aus, indem er ſich kraftvoll über das Waſſer erhob. Einige Sekunden hindurch beherrſchte er mit dem Blicke den Strom der Themſe, die glänzend durch den Mond be⸗ leuchtet war; aber er ſah nichts. Zufüällig bewegte ſich kein einziges Schiff auf dem weiten Waſſer. Vernichtet ließ ſich Angus wieder finken. — Aufs Neue 36 umnebelte ſich ſein Geiſt; aber mechaniſch ſchwamm er ans Ufer und kam hundert Schritte von der Stelle, wo Bob ausgeladen hatte, ans Land. Der Laird war nach London gekommen, um den Mar⸗ quis zu ſehen, mit dem ihn enge und geheime Verbindungen verknüpften. Wir müſſen im Voraus ſagen, daß ſeine gei⸗ ſtigen Fähigkeiten ſich ſeit mehreren Jahren häufig nicht im normalen Zuſtande befanden. Er war nicht verrückt, aber eine fire Idee beherrſchte ſeinen Verſtand und tyranniſirte ſeinen Willen. Er wollte den Marquis Rio Santo ſehen, weil er ihn liebte, und weil eine unüberwindliche Gewalt ihn zu ihm zog — um ihn zu tödten. Zum dritten Male ſeit der Ankunft des Marquis ver⸗ ließ er ſo Schottland ohne Wiſſen ſeiner Töchter und kam nach London. Er kannte den Weg nach Belgrave⸗Square und die geheimen Eingänge von Friſh⸗Houſe. 1As er erſt am Lande war, blutend, fröſtelnd und halb todt, richtete er ſeinen ſchwankenden Schritt, häufig genöthigt, ſich an die Häuſer zu lehnen, nach Belgrave⸗Square. Ohne ſich Rechenſchaft davon zu geben, ging er in Belgrave⸗Lane hinein, weil er wie viele Andere gewöhnlich von dieſer Seite in Iriſh⸗Houſe eintrat. Mitten in Belgrave⸗Lane wandte er ſich um die Ecke eines kleinen Durchganges und lehnte ſich neben eine ver⸗ ſchloſſene Thür an die Wand. Nach einigen Minuten öffnete ſich dieſe Thür und ließ — — — 37 einen Mann von hohem Wuchſe, der in ſeinen Mantel gehüllt war, heraus. Dieſer Mann, der zornige Worte vor ſich herbrummte, war Niemand anders als Seine Gnaden der Fürſt Dimitri Tolſtoy, Ambaſſadeur Seiner Majeſtät des Kaiſers aller Reußen. Angus Mac⸗Farlane ſtieß die Thür auf und trat ein. Seine naſſen, triefenden Kleider verurſachten ihm Froſt, die Ermüdung drückte ihn nieder, ſein offener Schädel blutete und ſchmerzte ihn heftig. Er konnte kaum Athem holen. Nichts deſto weniger ging er, ohne ſich zu irren, durch ein Labyrinth ihm bekannter Gänge und kam bis zum Par⸗ terre von Iriſh⸗Houſe, bis an die Thür des Salons, wo die Zuſammenkunft des Fürſten und des Marquis ſtattge⸗ funden. Er trat ein und ſchleppte ſich auf dem Teppiche zu den Füßen Rio Santo's, der auf der Ottomane ſchlief. — Dort verließen ihn ſeine Kräfte, und die Namen Anna's und Clary's murmelnd brach er zuſammen. Das Uebrige wiſſen wir. Seit jenem Tage hatte, wie geſagt, Rio Santo ſich in ein Zimmer ſeines Hotels zurückgezogen gehalten, das hinter dem Kabinete lag, wo er zu arbeiten pflegte. Der Eingang in dieſes Zimmer war ſtreng verboten. — Zu den Stunden der Mahlzeiten fand man Rio Santo in ſeinem Kabinete; die aufgetragenen Speiſen wurden am andern Tage faſt unberührt wieder weggenommen. Gleichfalls ſeit jenem Tage ſtreifte Bembo unaufhörlich 38 in der Nähe des Zimmers umher, in welchem der Laird lag. Er hatte zwei oder dreimal Rio Santo geſehen, ohne ihn ſprechen zu können, und der Ausvruck unendlicher Mattigkeit und bitterer Entmuthigung, welche ſtatt der gewöhnlichen ſtolzen Ruhe auf ſeinem Geſichte lag, machte bei Angelo eine Unruhe rege, welche von Tage zu Tage größer wurde. Ein einziger Mann, der Doktor Moore, hatte bisweilen Zutritt zu dem Kabinete; alſo von dieſer Seite her durfte Angelo die Spionage ſeiner beunruhigten Zuneigung nicht in Anwendung bringen. — Er verſuchte daher durch die Thür, welche nach dem innern Corridor von Iriſh⸗Houſe ging, zu ſehen und zu horchen, dieſelbe Thür, durch welche wir ihn eben haben eintreten ſehen. Lange Zeit hindurch hörte und ſah er nichts. Eines Abends endlich drangen ſeltſame Töne an ſein Ohr. Eine rauhe Stimme begann den Refrain einer ſchot⸗ tiſchen Volksballade. Darauf wieder tiefes Schweigen. Dann wieder glaubte Bembo ein zweiſtimmiges Röcheln und Seufzen zu hören. — Seine Unruhe überſtieg alle Grenzen: er drückte auf die Klinke, die Thür öffnete ſich halb. Bembo glaubte zu träumen. Er ſah Don Joſé im Handgemenge mit einer Art Geſpenſt, einem lebenden Kada⸗ ver, deſſen haarige, ſchwarze, fleiſchloſe Arme ſich bemühten, ihn zu erwürgen. Die erſte Bewegung des jungen Italieners war, dem Marquis zu Hülfe zu kommen; aber dieſer ſetzte ſeinem . 39 geſpenſtiſchen Gegner eine ſo überwiegende Kraft entgegen, daß der Ausgang des Kampfes nicht zweifelhaft ſein konnte. Da Bembo ſich fürchtete, ſich gewaltſam in ein Geheimniß von ſo ſeltſamer Natur zu drängen, ſo entſchloß er ſich zu warten und machte die Thür wieder zu. So war er Zeuge von allen dieſen Kämpfen, welche in der Folge zwiſchen dem Kranken und Rio Santo ſtatt⸗ fanden. In den Zwiſchenpauſen ſah er, wie dieſer, deſſen Kenntniſſe faſt univerſell waren, den Fieberkranken mit der Geſchicklichkeit eines vollendeten Arztes und der Sorgfalt eines zärtlichen Bruders pflegte. Sein Geiſt erſchöpfte ſich in Vermuthungen. — Wer war dieſer Mann? Bembo bekümmerte ſich nur inſoweit um das Geheim⸗ niß, als es den Marquis intereſſirte. Er errieth, daß hinter dieſem ungewöhnlichen Wachen am Bette eines Kranken et⸗ was Wichtiges ſtecken möge, und glaubte ſich nicht berech⸗ tigt, weiter zu forſchen, bevor nicht die abſoluteſte Noth⸗ wendigkeit dazu da war. Indeſſen wurde Rio Santo von Tag zu Tage ſchwächer, er wurde bleicher als der Kranke im Alkoven ſelbſt, und Bembo ſah in ſeiner aufmerkſamen Beſorgniß den Augenblick kommen, wo dieſe unaufhörlich erneuerten Kämpfe eine wirk⸗ liche Gefahr herbeiführen würden. 3 Und ſo wartete er, bis ſeine unerläßlich gewordene Dazwiſchenkunft ſeinen Ungehorſam gegen die Befehle des Marquis entſchuldigen könne, Er wartete, indem er ganze Tage, zuweilen auch die Nächte vor der verſchloſſenen Thür zubrachte. — Aber es bedarf nur einer Kleinigkeit in allen Sachen, um gerade den günſtigen Augenblick zu verſäumen. — Die beſte Schild⸗ wache kann einmal auf dem Poſten einſchlafen, und die vollkommenſten Soldaten haben ſchon auf einige Minuten ihren Dienſt verſäumt. Einige Minuten genügten auch hier. Vermöge einiger Minuten Vernachläſſigung befand ſich jetzt Bembo in Gegenwart des Leichnams eines Mannes, für den er all ſein Blut gegeben hätte. Viertes Kapitel. Der Lordswinkel Zu Ende des Corridors, auf welchem ſeit einigen Ta⸗ gen der Cavaliere Angelo Bembo faſt ſein Leben verbrachte, befand ſich ein niedriges Fenſter, welches auf einen ganz kleinen, mit einer Mauer umgebenen Hof hinausging. Jen⸗ ſeits des Hofes war der Durchgang, welcher nach Belgrave⸗ Lane ging. In Belgrave⸗Lane, gerade dem niedrigen Fenſter gegen⸗ über, erhob ſich ein Haus von rothen Ziegeln, die durch den Nebel von London ganz bronzefarben geworden und von dem 6 Kohlendunſte geſchwärzt waren. Dieſes Haus, das gewöhn⸗ lich traurig anzuſehen und verlaſſen war, hatte in dem Stadtviertel einen ſchlechten Ruf. Der Cigarrenhändler von Grosvenor⸗Place erzählte Jedermann, daß es lange Zeit einem 42 edlen Lord zum free and easy*) gedient habe. Häufig hatte man nächtlicher Weiſe den Lärm von Orgien gehört und bisweilen drangen durch ſeine engen Fenſter Schmerzens⸗ rufe von Weibern in das Ohr eines verſpäteten Fußgängers auf der Allee von Belgrave. Seit mehren Jahren ſah man die dichten Fenſterläden des free and easy oder wie die alten Weiber des Viertels von Pimlico es nannten, des Lordswinkels (Lordscorner) ſich ſelten nur noch öffnen. Das Haus blieb unbewohnt und blos nach langen Zwiſchenräumen waren die Fenſter manch⸗ mal Abends erleuchtet. Ohne Zweifel wurde der Lord alt und ſeine Phantaſie immer weniger thätig. Man kennt übrigens in Pimlico den Namen Sr. Herrlichkeit nicht, deſſen Beſuche im kleinen Hauſe zu jeder Zeit mit dem allergrößeſten Geheimniſſe gemacht wurden. Der Lordscorner war für den Gebrauch, welchen ihm das allgemeine Gerücht nachſagte, wunderbar gün⸗ ſtig gelegen, ſeine Fenſter ſahen ſchräg hinüber nach einem Theil des Hintergebäudes von Iriſh⸗Houſe und von keinem andern Orte aus konnte man nach ihm hinüberblicken, höch⸗ ſtens von Iriſh⸗Souſe hätte ein indiscreter Blick hinüber drin⸗ gen können; aber man muß glauben, daß Se. Herrlichkeit dieſen Uebelſtand erkannt hatte, denn 12 oder 15 Jahre A frée and easy house: Haus, in dem man frei und ohne Rückſichten iſt. ——˙ 43 vorher hatte man in dem engen Hofe, welcher Iriſh⸗Houſe von dem Durchgange trennt, Bäume gepflanzt. Und man ſagte, daß der Lord für die bloße Pflanzung die⸗ ſer Bäume dem früheren Eigenthümer von Iriſh⸗Houſe dreitau⸗ ſend Guineen gezahlt habe. Man kann wohl nicht theurer den Vortheil bezahlen, in ſeinem Privatleben unbelauſcht zu ſein. Die drei Bäume, welche mit großen Koſten nach de kleinen Hofe gebracht und gepflanzt worden waren, als ihr Wachsthum ſchon ſehr bedeutend vorgeſchritten war, hatten ſeit der Zeit wenig zugenommen. Sie breiteten vor den Fenſtern von Iriſh⸗Houſe ihr dünnes Blätterwerk aus und im Winter ſchlugen ſie mit ihren ſchwindſüchtigen Zweigen an einander, einem durchſichtigen Schleier, der wohl im Stande war, den auf Iriſh⸗Houſe feſtgerichteten Blick zu verwirren und abzuleiten, aber die Neugierigen von dort nicht verhin⸗ dern konnte, den Lordscorner nach Wohlgefallen auszuſpio⸗ niren. Auf dieſe Weiſe hatte alſo Se. Herrlichkeit im Grunde mit dieſen Bäumen die Ausſicht nicht verbaut. Der mit⸗ telſte Baum ſtand dicht vor dem niedrigen Fenſter, das zu Ende des innern Corridors von Friſh⸗Houſe ſich befand. Wiährend der erſten Tage, wo der Cavaliere Angelo Bembo auf Rio Santo Achtung gab, ging er ab und zu, brachte mitunter einige Stunden auf ſeinem Zimmer zu, das in der Oberetage gelegen war und ging ſelbſt auf wenige Augen⸗ blicke aus. Obwohl er nicht in Iriſh⸗Houſe wohnte, ſo war er doch bei dem Marquis ſo zu Hauſe, daß die Dienerſchaft ſich über ſeine fortwährende Gegenwart nicht verwundern konnte; von der andern Seite konnte Niemand Bembo's Horcherei beobachten und ihn dabei überraſchen, da Niemand ſo viel Muth gehabt hätte, dem Verbote des Marquis zum Trotz in den innern Corridor hineinzugehen. Eines Morgens — es war der dritte Tag, daß Bembo wachte — erhob ſich die Sonne klarer als gewöhnlich und bekämpfte ſiegreich den dichten Wall, welchen ihr die unauf⸗ hörlich über unſern Köpfen hängenden ſchweren Dünſte ent⸗ gegenſetzen. Bembo hatte ſich an das Fenſter des Corridors gelehnt und folgte zerſtreut den unbeſtimmten Contouren von Iriſh⸗Houſe, deſſen elegante Silhouette die Sonne auf der an⸗ dern Seite von Belgrave⸗Lane abzeichnete. Auf dieſe Weiſe traf ſein Blick faſt wider ſein Wiſſen die dunkle Fronte des Lordscorner, der von einem Strahl der Sonne getroffen, bei ſo ungewöhnlicher Beleuchtung ein unheim⸗ liches Ausſehn annahm. Der Baum, welcher ſich zwiſchen ihm und dem free and easy erhob, berührte buchſtäblich das Fenſter und konnte folglich ſeinem Blicke kein Hinderniß ſein. Im Gegentheil mußte er ihn ſelbſt um ſo leichter ver⸗ bergen, als er dem Fenſter näher war, wie dem Lordswinkel und die Hintergebäude von Iriſh⸗Houſe in Schatten lagen. Bembo hatte eben einem von jenen ſchweigenden und furchtbaren Kämpfen beigewohnt, denen ſtets der rauhe Ge⸗ ſang des Kranken vorherging und denen einige Stunden der Ruhe, die Frucht einer gegenſeitigen Ermattung beider Käm⸗ pfer, zu folgen pflegten. Bembo war ſehr traurig. Sein grofies ſchwarzes Auge, das in ſolchen Stunden ſchwermüthigen Träumens einen zarten, ſanften, faſt weiblichen Ausdruck annahm, irrte auf den Gegenſtänden umher, ohne dieſelben eigentlich zu ſehen. Aber plötzlich machte ſeine kummervolle Zerſtreutheit einem Gefühle der Verwunderung Platz. Die Sonne, welche in eins von den Zimmern des Lordscorner hineinſchien, hatte ihm ein junges Mädchen ge⸗ zeigt, das auf einen Seſſel ausgeſtreckt lag und ſchlief. Vielleicht ein Jahr lang kam Bembo alle Tage nach Iriſh⸗Souſe und häufig hatte er den Zuſtand von Einſamkeit und Verlaſſenheit in dem kleinen Hauſe von Belgrave⸗Lane bemerken können, deſſen ſchlechte Beſtimmung ihm nicht unbe⸗ kannt war. Niemals während dieſes ganzen Jahres hatte er die Fenſterläden ſich öffnen geſehen. Sein erſtes Gefühl war ausſchließlich das der Neugier, dann aber machte eine Art von Theilnahme ſeinen Blick ſanfter; Angelo Bembo war ſehr jung. Aber das war nur ein vorübergehender und ſehr bald erſtickter Eindruck. Was konnte die Schläferin anders ſein, als eines von den Weibern, deren Leben den nächtlichen Erholungen der Mylords vom hohen Parlamente geweiht iſt; eines von den Weibern, welche Ihre Herrlichkeiten von Hand zu Hand gehen laſſen, wie eine Münze, die Cours hat, reizende Verkörperungen des Laſters, ſtrahlende Blumen, welche vor der Zeit an den adlichen Launen verwelken und verwelkt eines Tages von den ſchwellenden Kiſſen einer Equipage in den ſchwarzen Schmutz irgend eines Stra⸗ ßenrinnſteines fallen, — von wo es Niemand einfällt, ſie aufzuheben. Der Cavaliere Angelo Bembo wandte den Kopf ab; aber es giebt ſtrahlende Geſichter, deren Eindruck hartnäckig auf der Pupille des Auges haften bleibt, wie das Bild der Sonne lange Zeit noch, nachdem man das Auge geſchloſſen. Bembo wollte ſich ſeinen traurigen Gedanken wieder hingeben; aber zwiſchen ihn und ſeinen Schmerz ſtellte ſich etwas Blen⸗ dendes. Er ſah das anmuthige Kind vom Lordscorner ſich gegenüber ausgeſtreckt und in ſeiner Stellung, welche ihm nicht aus der Erinnerung weichen wollte, lag eine ausgezeichnete Schamhaftigkeit ——— Noch einmal, der Cavaliere Angelo Bembo war noch ganz jung. Unwillkürlich wandte er den Blick wieder zurück und ſuchte aufs neue die Schlafende. Wie viel ſchöner er⸗ ſchien ſie ihm noch als vorhin! .. Die Sonne goß ihren hellſten Schein über ſie und Bembo dachte, daß die Sonne niemals eine reinere Stirn, ein reizenderes Geſicht beſchienen. Er ſeufzte ſchmerzlich, als er daran dachte, daß ſo viel Schön⸗ heit mit ſo viel Schande ſich verbinde. Darauf ſagte er ſich, daß vielleicht doch ... Er ſagte ſich das, wir verſichern es, nicht mehr und nicht minder. Das war ſehr viel. — Aber man reibt ſich nicht mit der Welt, ohne etwas von ihrer unerbittlichen Böswillig⸗ 4 7 „ keit anzunehmen. Bembo zuckte mit den Achſeln und kehrte in den Schatten ſeines Corridors zurück. Wir wiſſen nicht recht, wie es geſchah, aber nach drei Minuten ſtand Bembo wieder am Fenſter und betrachtete die Schläferin mit allen. ſeinen Blicken. Jetzt dachte er nicht mehr an jenes Vielleicht; es gab kein Vielleicht mehr für ihn; Bembo, der ſich eben noch vorgeworfen hatte, daß er ge⸗ zweifelt, war jetzt voller Gewißheit und dieſe Gewißheit war ganz zu Gunſten der Schläferin. Er würde für ſie Lanzen gebrochen haben; er hätte bei ihrem Haupte ſchwören können. Weshalb? Er wußte es nicht. Bembo war ſehr jung. Diejenigen, welche den Cavaliere Angelo Bembo zu bemitleiden verſucht ſein möchten, werden gebeten, ihr Beileid bis auf eine beſſere Gelegenheit zu erſparen. Die Schläferin ſchien in ihrem Schlafe beunruhigt. Zwei⸗ oder dreimal ſtreckte ſie ihre beiden kleinen Hände von reizender Form vor ſich aus, als wollte ſie einen unſichtbaren Feind von ſich abwehren. — Vielleicht waren es die auf ihr Ge⸗ ſicht fallenden Strahlen der Sonne, welche ſie beunruhigten und dennoch konnte man ſelbſt aus dieſer Entfernung auf ihren ſchönen bleichen Zügen einen Ausdruck von Ermüdung und Angſt wahrnehmen. Angelo dachte daran, daß junge Mädchen mitunter ge⸗ waltſam ihren Eltern entriſſen und für Gold verdorbenen Wüſtlingen überliefert worden. Die Schläferin indeß bewegte fich einige Sekunden lang, darauf erwachte ſie plötzich. Als ihre Angenlider 48 ſich hoben, glänzten die ſanften Augen Anna Mac⸗Farlane's im Lichte der Sonne. Sie lächelte bei ihrem Erwachen, wie es alle Kinder thun und legte ihre beiden Hände vor die Augen, welche von dem zu hellen Glanz des Lichtes geblendet wurden. Dieſe Bewegung war artig und anmuthvoll; Bembo konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, als er es ſah. Er glaubte ſich zu gleicher Zeit verpflichtet, anzuerkennen, daß er niemals etwas Reizenderes geſehen, als dieſe beiden kleinen Hände, die ſich bemühten, das junge unſchuldige Geſicht zu verdecken. Anna war, wie wir dem Leſer wohl kaum zu ſagen brauchen, durch die Bemühung des guten Bob Lantern und die Vermittlung des Intendanten Paterſon hierher gebracht worden und der Lordscorner gehörte Sr. Herrlichkeit dem Grafen White Manor. Schon zwei Tage war es her, ſeit das arme ſüße Kind eines Morgens in dieſem unbekannten Zimmer aufgewacht war, aus deſſen Fenſtern man nichts ſehen konnte, als das terraſſenförmige Dach von Iriſh⸗Houſe und die dunkeln Aeſte einiger entlaubten Bäume; zwei Tage war es her, daß ſie Clary, ihre ſo ſehr geliebte Schweſter, daß ſie Stephen nicht geſehen. Das Zimmer, in welchem ſie ſich befand, war ſchön, mit großen Spiegeln geſchmückt, und an den Wänden hingen ſchöne Gemälde in breiten goldenen Rahmen. Ihr Bett hatte ſeidene Decken, deren ſtrahlende Reflexe ihr Auge 49 blendeten. Auf den Sophas ſah man koſtbare Stoffe zu Kleidern, auf der Toilette Juwelen von hohem Werthe. Aber die arme Anna warf auf alle dieſe Sachen nur verzweifelte Blicke; ſie hatte Furcht. Die Frauen, welche ſie bedienten, erregten ihr Schrecken und wenn dieſe Frauen abweſend waren, fürchtete ſie in ihrer Einſamkeit ſich noch mehr. Seit zwei Tagen hatte ſie bei den Gedanken an Clary und Stephen viel geweint; im übrigen war ihr unbekannt, zu welchem Zwecke man ſie entführt habe. Niemand an⸗ ders als die beiden Dienerinnen waren in ihr Zimmer ge⸗ kommen. Nachts wagte ſie nicht, ſich in das große Bett mit Säulen von Bildhauerarbeit zu legen, deſſen Hinterwand von einem Spiegel eingenommen war, in welchem ſie ihr eigenes Bild, als das furchtſame Kind ſich ihm zum erſtenmale nã⸗ herte, erſchreckt ſelbſt ſah. Jener koſtbare Inſtinkt der Vertheidigung, welchen die Natur den Weibern ins Herz legt, lehrte ſie, daß ſie ſitzend der unbekannten Gefahr, welche ihr drohe, weniger ausgeſetzt ſei. Sie ſchlief auf dem Seſſel, wo Bembo ſie bemerkt hatte, das war ihr Lager. Wie lang erſchienen ihr die Nächte. Sie ſchrak beim eringſten Geräuſch des Windes empor; dann glaubte ſie eder beim flackernden Scheine der Lampe das Getäfel ſich gſam bewegen zu ſehen, die verſchloſſenen Thüren drehten in ihren Angeln, und die Vorhänge des Bettes ſchienen . 3 50 ſich in den reichen Falten ihrer unbeweglichen Draperie hin⸗ und herzuziehen. Sie rief Clary, Clary und Stephen. Ach, Stephen ſuchte ſie; aber nur indem er Clary ſuchte. — Und Clary, das edle Mädchen, ſtarb langſam ge⸗ mordet dahin unter der eiſernen Hand eines Dämons ohne Herz und ohne Mitleid. Langſam nach und nach gemordet! Man tödtete ſie mit Muße, ſie trank in kurzen Abſätzen den bittern Kelch des Märtyrerthums; ein Vampyr lag auf ihr, hielt ſie umfaßt und ſog ihr junges Blut, Tropfen für Tropfen, aus!. Anna betete und vermiſchte beide Arten ihrer iebe in ihrem naiven Gebete, indem ſie die Namen Clary und Ste⸗ phen vereinigt zu Gott ſchickte. Das Gebet tröſtete ſie und hielt ſie aufrecht; ohne zu beten wäre ſie vor Angſt ge⸗ ſtorben. Als ſie an dieſem Morgen aufwachte, war fie ſehr freudig geſtimmt; ſo pflegte des Morgens an ſchönen Tagen die Sonne in Cornhill ſie zu begrüßen; ſie meinte in ihrem kleinen Zimmer zu ſein und blos einen furchtbaren Traum geträumt zu haben. Das dauerte ſo lange, als ihre weiße Hand die ſchönen Augen wie mit einer Binde bedeckte. Darauf ſah Angelo, welcher ſie mit den Blicken ver⸗ ſchlang, ſie plötzlich zittern und ſich voll Schrecken erheben; ſie war ſich der Wirklichkeit bewußt geworden. — Clary war 3 nicht da; über ihrem Köpſchen kreuzten ſich nicht die weißen ————————— 51 Vorhänge ihres Lagers; der Traum, den ſie gehabt, dieſer furchtbare Traum — er war Wirklichkeit. — O, mein Gott, mein Gott, flüſterte ſie, indem ſie ſich aufs Kniee fallen ließ, — wirſt Du nicht Stephen mir zu Hülfe ſchicken? Angelo Bembo fühlte ſeine Augen feucht werden. Anna blieb lange Zeit auf den Knieen. Das arme Mädchen, ſie hatte im Leben nichts geſehen, als eine Reihen⸗ folge von ruhigen, lachenden und glücklichen Tagen; ſie wußte nichts gegen das Unglück und beugte ſich gebrochen beim erſten Hauche des Leidens zuſammen. Seit jenem Morgen lehnte der Cavaliere Angelo Bembo ſich häufig an die Brüſtung des kleinen Fenſters, er hatte als Träumer und Poet, indem er von dem vielfachen und ſtolzen Charakter Rio Santo's ſelbſt einige Nüancen in ver⸗ ſchwächtem Maße zurückſtrahlte, keinen Schild gegen die plötzlichen Eindrücke, welche unverſehens in das Herz dringen. Er hatte noch nicht mit der Seele geliebt, und jene flüchti⸗ gen Liaiſons, zu welchen ſeine phyſiſche Schönheit und ſein glänzender Geiſt ihn in den Salons von Weſtend geführt hatte, waren nichts geweſen, als ein Zeitvertreib, oder noch weniger als das, eine Vervollkommnung ſeiner Toilette, etwas, das ſo zu ſagen mit zu ſeinem Anzuge gehörte. Denn es iſt in einer gewiſſen Welt unſchicklich, offen gegen die einmal feſtgeſtellten Sitten zu verſtoßen und ohne eine Geliebte zu ſein, — ſo fern man nicht der glückliche Beſitzer von ganz reinem, nicht der Regel unterworfenen Blute iſt und alle ſeine Zuneigungen auf ſich ſelbſt concen⸗ triren darf. Nun war Bembo, genau genommen, kein Sportman, obwohl er ein muſterhafter Reiter war; er hatte ſich alſo genöthigt geſehen, ein halbes Dutzend Intriguenſtücke mit einer gleichen Anzahl Patroneſſen bei Almack's abzu⸗ ſpielen, welche in ihrem Leben ſo viele Intriguen haben, als blonde Haare in ihrer reizenden Friſur. Dieſe Convenienz⸗ leidenſchaften, dieſe Romane, welche man vorher auswendig weiß, hatten ihn, wir wiſſen nicht genau, amüſirt oder ge⸗ langweilt. Indeſſen hatte ſein Herz doch ein⸗ oder zweimal ſich feſſeln laſſen, weil es eben Luſt dazu verſpürte; aber Bembo war ein Cavalier von Takt und hatte ſehr bald das Lächer⸗ liche ſeines Benehmens gefühlt. In der That, wir müſſen es offen ſagen, wie nur noch die rothwangigen Töchter klei⸗ ner Krämer in Landſtädten bei den Dramen Shakeſpeare's zu weinen im Stande find, ſo giebt es auch höchſtens nur noch aufgeputzte Erben von Landſquire's, welche die Lieb⸗ ſchaften unſerer guten Geſellſchaft ernſthaft nehmen können. Wenn man boshaft ſein wollte, könnte man behaupten, daß nach hundertundfünfzig auf dieſe oder jene Weiſe ange⸗ knüpften und aufgelöſten Intriguen die Seele einer hohen Lady immer noch rein und jungfräulich iſt, wie vorher. 3 Ihre Herrlichkeiten fündigen mit der Seele niemals. Bembo wußte das, obgleich er nicht gerade Philoſoph war und ſein zarter Geiſt keine Neigung zur Satyre hatte. — f Und da er nun keinen Gegenſtand fand, wo er ſein liebe⸗ bedürftiges Herz unterbringen konnte, kein Pferd beſaß, an deſſen Huf ſeine ganze Zärtlichkeit verſchwenden, ſo hatte er ſich ganz und gar der Freundſchaft hingegeben und kannte nichts in der Welt, als Don Joſé, ſeinen Freund und Meiſter. Aber ſo konnte es nicht immer bleiben: er war jung und hatte mit den Frauen noch nicht abgeſchloſſen: ſein fei⸗ ner und gewählter Geiſt machte ihn unfähig, in ſo erbärm⸗ liche Blaſirtheit zu verfallen. Er war gleichgültig, gleich⸗ gültig wie der Sohn Theſeus, und hatte noch ſeine Arizia zu erwarten. An jenem Morgen begann er verliebt zu werden, wäh⸗ rend der folgenden Tage fuhr er damit fort, bis er es end⸗ lich ganz ernſthaft war. Seine Lage paßte ſich übrigens ganz trefflich dazu, denn er war tranrig und war allein. Für viele Leſer wird dieſer Umſtand das Verdienſt der langen Wache Angelo's bedeutend ſchmälern; ein Augenblick Nachdenken aber wird genügen, um ſie zu einer minder ſtren⸗ gen Anſicht zurückzuführen. Gewiß, die Gegenwart Anna's in ſeiner Nähe verkürzte häufig ſeine einſamen Stunden; aber in Angelo's Alter iſt man unternehmend, man findet Vergnügen darin, die Hinderniſſe zu beſiegen; ferner war er ein Sohn jenes glücklichen Klimas, wo das Erklimmen von Strickleitern noch eine Wahrheit iſt: und dennoch blieb er auf ſeinem Poſten. 54 Er brachte alſo ein Opfer mehr, und er muß dadurch in unſern Augen weſentlich gewinnen. Eines Morgens ſah Bembo ſeltſame Dinge vorgehen; der Tag hatte noch nicht die letzten Schatten der Dämmerung beſiegt und Anna ſchlief in ihrem Seſſel. Hinten im Zim⸗ mer öffnete ſich eine Thür und zwei Männer traten ein, der eine hielt ein Licht, der andere, welcher in einen warmen Pelz gewickelt war, folgte mit indolenten Schritten. Man kann ſich denken, wie große Augen Vembo machte. Der erſte der beiden Gekommenen ging leiſe vorwärts und machte eine Bewegung des Erſtaunens, gls er Anna im Seſſel ſitzen ſah. Ohne Zweifel glaubte er ſie im Bette, und ſein Geſicht, welches er dienſtfertig lächelnd gegen ſeine Begleiter hinwandte, drückte ungefähr die Worte aus: — Sie ſchläft. . . Gleichviel, wenn es auch im Seſſel iſt. Der Mann im Pelze würdigte ihn keiner Antwort und der andere, welcher ſein Kammerdiener, oder vielleicht etwas ſchlimmeres zu ſein ſchien, obgleich er keine Livree trug, hielt das Licht in die Höhe, damit ſein Schein auf das Geſicht des ſchlafenden Mädchens falle. Bembo ließ ſich nicht eine Geberde dieſer beiden Männer entgehen, von denen der eine ſich Gilbert Paterſon nannte, der andere Geffroy von Lanceſter, Graf von White Manor. —— Fünftes Kapitel. — Durch das Fenſter. Der Cavaliere Angelo Bembo beobachtete Alles auf das Aufmerkſamſte und fühlte das Blut in ſeinen Adern kochen, indem er an die wahrſcheinliche Abſicht der beiden Menſchen dachte, welche verſtohlen in das Zimmer des Mäd⸗ chens drangen, denn ſie gehörte ihm zu; wenigſtens war dies die Meinung Angelo Bembo's. Der Graf indeſſen war unbeweglich drei oder vier Schritte von Anna ſtehen geblie⸗ ben und während Paterſon ſprach und dabei mit einem ge⸗ wiſſen Pathos geſticulirte, ließ er ſeinen ſtumpfen Blick langſam im Zimmer umherſchweifen. Es wurde Vembo nicht ſchwer, ſich dieſe Scene zu er⸗ klären: augenſcheinlich rühmte der Diener die unendlichen Reize des jungen Mädchens, einer ohne Zweifel neuen Ac⸗ quiſition, während der Paſcha — wir wollen ſagen: der —— — 56 Lord — ſchwermüthige Reflerionen über die Gebrechlichkeit menſchlicher Liebesgefühle anſtellte. Angelo Bembo hatte raſende Luſt ihm den Schädel ein⸗ zuſchlagen. Uebrigens erkannte er ihn nicht. Als Gilbert Paterſon ſeine beredte Tirade geendet hatte, ſtieß der Lord einen langen Seufzer aus, ſchüttelte den Kopf und ſagte: — Ich wünſchte, daß an jedem dieſer Fenſter acht tüchtige Eiſenſtangen wären! .. — Darf ich Ew. Herrlichkeit fragen? begann Pa⸗ terſon verwundtrt. — Vier quer durch und vier von oben nach unten, fuhr der Lord fort, und ich wollte, Gilbert, hier anſtatt die⸗ ſer kleinen Närrin den Sohn meines Vaters eingeſchloſſen haben, dann ſollte er, ſo wahr Gott lebt, nicht vor ſeinem Todestage hier herauskommen. Der Graf ſprach die letzten Worte mit einer furchtbaren Energie. Seine ausdrucksloſen Augen nahmen plötzlich einen ungewohnten Glanz an und ſchleuderten unheilvolle Blitze von ſich .. Paterſon ließ den Kopf finken. — Wieder dieſer Teufel von Brian, brummte er; — Mylord hat gar keinen andern Gedanken mehr. — Aber es wird ſchon Tag, rief plötzlich White Ma⸗ more aus, und ſo gut verkleidet ich bin, kenne ich doch einen Dämon, der mich mit einem einzigen Blicke erkennen würde . Komm, komm, Gilbert! Brian von Lanceſter S lauert mir vielleicht ſchon draußen auf, um mir das Herz mit ſeiner Zunge zu durchbohren .. . Ich bin hier nicht ſicher. Der Graf war bleich und zitterte. — O ich werde noch daran ſterben, ich fühle es, fuhr er mit dumpfer Stimme fort, — und dann wird er Graf von White⸗Manor werden. Dieſes letzte Wort iſt der ſicherſte Beweis des großen Haſſes, der das Herz des Grafen erfüllen mußte. Brian war ſein geſetzlicher Erbe. Der Graf ging auf die Thür zu. — Aber betrachten Sie ſie doch wenigſtens, ſagte Pa⸗ terſon verzweifelt, — ſehen Sie, welche Hände, wie ſchönes Haar gibt es in der Welt einen ſchönern Wuchs, als dieſen, ſchöner geſchwungene Augenbrauen, einen weißeren Teint, eine ſchönere Stirn? Die Sklavenhändler, welche Lieferungen für den Harem beſorgen, haben viel Poeſie zu ihrem Geſchäfte nöthig. Der Graf ging mechaniſch wieder auf Anna zu, legte ſein Lorgnon ans Auge und betrachtete einen Augenblick mit der ſtumpfen Kälte eines Eunuchen dieſes reizende Kind, das vor ihm lag. Sein Auge glitt hinter dem Glaſe von einem kleinen Fuße zu einer zarten Taille hinauf, von der Taille zum Buſen, vom Buſen bis zum Haar; darauf ließ er das Lorgnon wieder fallen. — Ich finde ſie paſſable, ſagte er nachläſſig, — ein ander Mal, Maſter Gilbert, werde ich wiederkommen. Der Lord und ſein Intendant gingen hinaus. 3 1 1 58 Angelo Bembo war mehr todt als lebendig; er drohte zu erſticken; das Gehen der beiden Eingetretenen nahm ihm ein ſchweres Gewicht von der Bruft. Er geſtand ſich, daß ihm niemals ein Gegenſtand ab⸗ ſcheulicher, nichtswürdiger, haſſenswerther erſchienen ſei als das Lorgnon des Mannes im Pelzüberwurfe. Seine Phantaſie erfand augenblicklich herrliche Pläne, um die arme Gefangene zu befreien, denn es war nicht mehr daran zu zweifeln, die reizende Schläferin des Lords⸗ corner ſei gegen ihren Willen dort, ſie war das Opfer irgend einer hölliſchen Machination. Aber Rio Santo ... Dieſer Gedanke zerſtörte alle ſeine Pläne zu ritterlichen Unternehmungen und ſank wie kaltes Eis auf die liebeglü⸗ hende Bruſt des ſchönen Cavaliere. — Der Marquis, ob⸗ gleich er keine Hülfe verlangte, hatte thatſächlich dieſelbe nothwendig und das Gefühl für den Marquis hatte vor der armen ſchönen Unbekannten den Vorzug. Um wie viel reizender ſchien ſie ihm noch, als gewöhn⸗ lich, als ſie an jenem Morgen nach ihrem Erwachen auf das Knie fiel, um ihr tägliches Gebet zu verrichten! Der Cavaliere Bembo war ein guter Katholik und bewahrte in einem Winkel ſeines Herzens jenen glühenden und naiven Glauben Italiens, der zu der engliſchen Scheinheiligkeit ſich verhält, wie eine halbnackte und doch keuſche Madonna Ra⸗ phaels zu dem gefrornen Bilde dieſer oder jener ehrenwerthen WMiſtreß, der Ehehälfte eines Miniſters, welche der Maler 59 bis oben zum Kinn hinauf zugeknöpft hat, um ihre presby⸗ terianiſche Schamhaftigkeit authentiſch zu conſtatiren. Bembo hatte mitten in ſeinem abenteuerlichen und leichtfertigen Le⸗ ben doch noch das Andenken an die Lehren ſeiner Mutter, bewahrt, er verſtand es noch, zu Gott und der Jungfrau zu beten in jener ſchönen italieniſchen Sprache, die man einzig und allein für den Himmel geſchaffen wähnen möchte. — Als er Anna knieen ſah, überkam ihn ein freudiges Gefühl, weil er an den göttlichen Schutz glaubte und er ſagte ſich, daß eben ein guter Engel über das junge ſchlafende Mädchen gewacht habe. O, die arme Gefangene hatte wohl einen Schutzengel nöthig, denn White Manor hatte geſagt: — ein ander Mal. Von ſelbſt würde er wohl nicht an die Ausführung dieſes unbeſtimmten Planes gedacht haben; aber Paterſon war ſtets neben ihm; der Blutegel kann nur von verdorbenem Blute leben: die Intendanten bedürfen laſterhafter Herren. Paterſon wußte ſo geſchickt den Grafen zu bearbeiten, daß dieſer einen Augenblick ſeine fire Idee vergaß, ſeine er⸗ ſtorbenen Leidenſchaften wurden von der geſchickten Malerei des Haushofmeiſters wieder rege gemacht, er erinnerte ſich der ſchlafenden Anna und dieſe Erinnerung reizte ihn. Als er daher in der folgenden Nacht von ſeiner ge⸗ wöhnlichen Schlafloſigkeit geplagt wurde, ließ er anſpannen und begab ſich nach Belgrave Lane. Der Tag begann an⸗ zubrechen, als er über die Schwelle des Lordwinkels trat. — Es war derſelbe Morgen und faſt derſelbe Augenblick, in 60 welchem wir den Marquis von Nio Santo am Bette von Angus Mac⸗Farlane ſitzend gefunden haben. Anna war eingeſchlafen und träumte vielleicht, träumte gewiß von Stephen oder Clary oder von allen Beiden. Der Cavaliere Angelo Bembo dagegen war eben aufge⸗ wacht und verließ ermattet den vor der Thür vor Angus Zimmer ausgebreiteten Teppich, auf welchem er von Zeit zu Zeit wenige Augenblicke der Ruhe genoß. Er hielt ſein Auge an das Schlüſſelloch, der Kranke lag unbeweglich in ſeinem Bette, Rio Santo ſaß ſtill in ſeinem Stuhle und nichts verkündete eine Kriſis. Bembo ging nach dem Fenſter hin. Auch auf dieſer Seite hatte er ſich zur Schildwache gemacht, denn er beab⸗ ſichtigte, die arme Gefangene nach beſten Kräften zu ſchützen. Der Augenblick dazu war gekommen. — Als er ſeine Arme kaum auf die Brüſtung des Fenſters geſtützt hatte, ſah Bembo, wie früher, eine Thür ſich öffnen, und zwei Män⸗ ner eintreten. Es waren dieſelben: Herr und Diener. Paterſon zog, ohne ein Wort zu ſagen, die Vorhänge des Bettes zurück und hob die Decke auf. Darauf näherte er ſich der ſchlafenden Anna, als ob er ſie in ſeine Arme nehmen und fort tragen wolle. Bembo ſtand der kalte Schweiß auf der Stirn. Aber der Graf machte eine Geberde und Paterſon ging hinaus, nachdem er ehrfurchtsvoll gegrüßt hatte. Anſtatt ſich dem jungen Mädchen zu nähern, bückte ſich 61 der Graf und hob ein Papier auf, welches aus der Decke des Bettes herunter gefallen war. Dieſe Bewegung beruhigte Bembo, in deſſen Kopf es leidenſchaftlich glühte, keinesweges. — Jetzt ſollte das Opfer geſchlachtet werden, eine Minute ſpäter mußte jeder Schutz unwirkſam ſein. Bembo barg das Haupt in ſeine Hände. Unwider⸗ ſtehlich zog es ihn nach jenem verfluchten Hauſe hin, wo ein nichtswürdiges Verbrechen ausgeführt werden ſollte; aber der Gedanke, den Marquis auch nur einen Augenblick zu verlaſſen, machte ihn zaudern. Am Abend vorher hatte es ihm in der That geſchienen, als ob Rio Santo in ſeinem letzten Kampfe mit dem Kranken ſchwach geworden wäre und er wußte, daß niemals ſeine Gegenwart nothwendiger gewe⸗ ſen ſei als eben jetzt. Er ging an die Thür zurück und brachte aufs Neue das Auge ans Schljiſſelloch. Der Marquis und der Fieber⸗ kranke waren beide unbeweglich. Das war ein großes Un⸗ glück, denn wenn Bembo einen Augenblick länger am Fenſter geblieben wäre, ſo würde er nicht für nothwendig gehalten haben, ſeinen Poſten zu verlaſſen. Im Zimmer des Lordswinkels begab ſich nämlich Fol⸗ gendes. Der Graf hatte ſich neben den Tiſch geſetzt, auf welchem die Lampe ſtand und hatte das aus dem Bett ge⸗ fallene Papier neben ſich gelegt, ohne weiter mehr daran zu denken. Er betrachtete das ſchlafende Kind und fand es ſchön. 62 — Ich möchte Jemand haben, der mich liebt, ſagte er nach einigen Secunden ganz laut. Darauf fuhr er mit ſeltſamer Bitterkeit fort: — Jemand, der mich liebt! . . . Mich! .. . Ich bin reich und mächtig „ich bin jung geweſen; man hielt mich für ſchön .. . und wer hat mich jemals geliebt? Das einzige Weib, welches ich geliebt habe — und ich betete ſie an — das Weib, dem ich meinen Namen, mein Herz, alles gegeben, dieſes Weib Lieit mich nicht und betrog mich. Eines Tages, als über die Wiege des Kindes beugte, das ich nannte und wie ſchön ſie war, meine Tochter . ich denken, daß ein Ande⸗ rer „o ich verſtieß die Mutter, verſtieß das Kind ich hut⸗ Recht . ich that wohl daran! .. . noch heute nürde ich thun! Er hielt inne und ein bittres Lächeln irrte um ſeine Lippen. — Es find ſechzehn Jahre her, begann er wieder, — ſie muß viel gelitten haben, denn ich hatte das Kind einem Manne ohne Erbarmen gegeben . . . er wird ſich wie eine eherne Mauer zwiſchen Mutter und Tochter geſtellt haben, deſto beſſer ... deſto beſſer, wenn ſie unter Thränen geſtor⸗ ben iſt noch beſſer, wenn ſie noch lebt, um zu weinen und zu leiden. Das geröthete Geſicht White Manors hatte einen Aus⸗ druck von unermeßlicher Grauſamkeit. Plötzlich milderte ſich ſein Blick, der auf Anna fiel, welche im Traume lächelte. 4 63 — Auch ſie war ſo, flüſterte er, — ſchön und glück⸗ lich, als ich ſie zum erſtenmale ſah ... ich entführte ſie, kommt es nicht alle Tage vor, daß man ein Weib entführt, welches man liebt? War es nicht eine Gnade von mir, daß ich meine Hand der Tochter eines kleinen ſchottiſchen Laird anbot . . . und doch liebte ſie mich nicht, liebte einen elenden Irländer, einen katholiſchen Bettler o ich habe niemals dieſen Menſchen unter meine Füße treten können und vernichten wie einen elenden Wurm, der hinderlich wird! . . . Aber was thut das? es find ja ſechzehn Jahre her! .. Er ſtand haſtig auf. — Nun, rief er aus, indem er ſich ein Glas weißen Sherry eingoß, von dem Gilbert Paterſon eine Flaſche auf den Tiſch geſtellt hatte, — vergeſſen wir Vergangenheit und Gegenwart auf eine Stunde . Dieſes Mädchen iſt ſchön, und beim Namen Gottes, mein Bruder wird wenigſtens nicht die Kraft haben, mir die zu entreißen! Er ſetzte das Glas ſtark auf den Tiſch. — Anna ſchrak zuſammen, erwachte und war nahe daran, vor zu ſterben. Aber der Graf war ſchon nicht mehr furchtbar für ſie. Als er das Glas wieder auf den Tiſch ſetzte, war ihm das Papier in die Augen gefallen; er öffnete es mechaniſch und wurde bleicher als ein Leichentuch. Seine Zähne Klapperten, ſein Geſicht verzog ſich ſcheuß⸗ lich und mit 3 Fäuſten drohte er in die Luft hinein. 64 — Wieder er! röchelte er gewaltſam; — immer er! Das Papier enthielt folgende mit Bleiſtift geſchriebene Worte: „Muth, mein Bruder! Ich wache über Ihre Liebſchaften. „Brian von Laneeſter.“ Wir wiſſen, daß Brian ſeit acht Tagen etwas Beſſeres zu thun hatte, als den Grafen zu beunruhigen; aber es war ſchon lange her, daß dieſer zum letzten Male ſeine geheim⸗ nißvolle Clauſe im Belgrave⸗Lane nutzbar gemacht hatte. Das Billet war vielleicht ſchon ſeit einem Jahre da. — Wird nicht eine Wolfsſchlinge ſchon Monate vorher gelegt, ehe ſie ihre Dienſte thut? Aber daran dachte der Graf nicht; er hatte vor ſeinem Bruder eine ſo tödtliche Furcht, daß er glaubte, Brian be⸗ wache ihn unſichtbar, laure ihm in dem Durchgange auf, um ſeine Schande zu enthüllen und ihn mit Schmach zu bedecken. Er glaubte, daß ſeine Bedienten ihn verriethen, daß Paterſon beſtochen ſei, daß er von Gefahren und Feinden umgeben werde. Erſchöpft fiel er auf ſeinen Seſſel zurück. Anna wagte, erſchreckt, ſich nicht zu rühren und heftete auf den Grafen ihre vor Entſetzen weit offenen Augen, wie die kleinen Vögel, welche durch den bezaubernden Blick der Schlange bewegungslos gemacht werden. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft zu beten. Der Graf dagegen zerknitterte wüthend das Papier, brummte verworrene Worte und drohte vergeblich dem Feinde, den er nicht erreichen konnte. Nach einer Minute rief er Paterſon mit zorniger Stimme. Anna, das arme Kind, machte ſich auf ihrem Stuhle ganz klein. — Paterſon erſchien. — Komm hierher! rief der Graf und faßte die Flaſche beim Halſe. Die Flaſche war von geſchliffenen Glaſe und konnte zu einer furchtbaren Waffe werden. Paterſon las ſein Geſchick in dem blutunterlaufenen Auge ſeines Herrn, und anſtatt vorzutreten, ſtürzte er haſtig zurück. In dem Augenblicke, wo er zur Thür hinausgehen wollte, ſchwirrte die Flaſche an ſeinem Ohre vorbei und zerbrach einige Zoll von ſeinem Kopfe an der geöffneten Thür. Anna ſchloß die Augen. — Es iſt noch das Glas da, dachte Gilbert Paterſon, und hütete ſich, wieder herein zu kommen; — aber ſeine Herrlichkeit wird in drei Sekunden wie ein getroffener Stier zuſammen brechen .. . Der Teufel weiß, wie man jetzt mit ihm fertig werden ſoll! Paterſon irrte ſich nicht. Als Anna die Augen wieder öffnete, ſah ſie den Mann, der ſie ſo ſehr erſchreckt hatte, auf dem Boden ausgeſtreckt liegen und ſich in ſchwachen Zuckungen bewegen. Paterſon und ein Groom verſuchten ihn aufzuheben, um ihn in den Wagen zu tragen. Der Cavaliere Angelo Vembo hatte nichts von dem 66 Allen geſehen. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß der Marquis und ſein geheimnißvoller Kranker alle Beide ſchlie⸗ fen, eilte er nach dem obern Theile des Hauſes, wo ſich ſein Zimmer befand, und lud eiligſt ſeine Piſtolen. Das nahm ihm einige Minuten Zeit weg; bevor er ging, wollte er noch einmäl in das Zimmer hineinſehen, in welchem Rio Santo wachte. Der Marquis ſtand jetzt und ſchien den Fieberkranken mit Beſorgniß zu betrachten. — Bembo ſchien in ſeinem Entſchluſſe wankend zu werden, denn eine Kriſis ſtand bevor. Er kannte die Symptome. Aber das Bild der armen Anna kam ihm vor die Seele, ſein Blut glühte und er ſagte: — Ich werde ſo viel Zeit haben. Er ſtieg ſchnell die Treppe hinab. — In dem Augen⸗ blicke, wo er auf der letzten Stufe war, hätte er ſchon die rauhe Stimme Angus Mac⸗Farlane's hören können, der die letzte Strophe vom Laird von Killarwan anſtimmte. Aber Angelo war bald in dem kleinen Durchgange, welcher nach Velgrave⸗Lane führt, er lief auf die Straße und konnte bald ſehen, daß ein Zufall, den die Vorſehung geſchickt haben mußte, dießmal ſeine Dazwiſchenkunft über⸗ flüſſig gemacht hatte. Die Thür des Lordscorner war offen. Eine Karoſſe ohne Wappen hielt davor. In dem Augenblicke, wo Bembo auf die Straße kam, bewaffnet und entſchloſſen, gutwillig oder mit Gewalt ſich Eingang in das Haus zu verſchaffen, ſah er zwei Bediente herauskommen, welche in ihren Armen den Mann mit dem Pelzüberwurf hielten; der Letztere gab kein Lebenszeichen von ſich. Die beiden Bedienten packten ihn mit großer Mühe in den Wagen hinein, in den einer von ihnen ſtieg; faſt in demſelben Augenblicke wurden die Pferde zum ſchärfſten Ga⸗ lopp angetrieben. Die Thür des Lordscorner ſchloß ſich wieder. Bembo nahm eiligſt wieder den Weg zu ſeinem Poſten zurück, ſeine Abweſenheit hatte im Ganzen nur einige Mi⸗ nuten gedauert. Als er in den Corridor kam, bemerkte er von fern den ſchönen Hund Lovely, welcher an der Thür des Krankenzimmers kratzte und ein klagendes Geheul ausſtieß. Eine tödtliche Kälte überlief Bembo's Herz, mit einem Sprunge war er an der Thür und horchte daran. Im Innern herrſchte ein vollkommenes Schweigen. Lovely heulte und ſchnoberte an der Thürritze. Beinbo öffnete die Thür und überzeugte ſich, daß die wenigen Mi⸗ nuten Abweſenheit genügt hatten, ſechs lange Tage des Wachens vergebens zu machen. Rio Santo war un⸗ terlegen .. ungefähr eine Viertelſtunde blieb der Cavaliere Angelo Bembo in der Stellung, welche wir weiter oben beſchrieben haben, indem er das ſchwere Haupt des Marquis auf ſeine Bruſt gelegt hatte und ganz betäubt war von dem Entſetzen, welches gewöhnlich die erſten Ausbrüche des Schmerzes 68 verhindert. Lovely, der neben ſeinem Herrn lag, hatte ſeine Schnauze über ſeine Schultern gelegt und betrachtete ihn. Plötzlich zitterte der Hund heftig und begann zu bellen. — Zugleich fühlte Bembo einen weichen, aber ganz ſchwa⸗ chen Hauch über ſeine Hand hinwehen .. Rio Santo lebte. Bembo war nahe daran, vor Freude in Ohnmacht zu fallen. Lovely richtete ſich auf die Füße auf und betrachtete noch immer leiſe klagend ſeinen Herrn. Als Bembo abermals den Athem fühlen wollte, welcher ſeine Seele ſo mit Freude erfüllt hatte, athmete Rio Santo nicht mehr; er legte die Hand auf ſein Herz, aber auch die⸗ ſes ſchlug nicht. — Er lebt, mein Gott, er lebt, dachte der junge MWalteſer, indem er ſich mit der Hand vor die Stirn ſchlug, — man muß ihm zu Hülfe kommen, augenblicklich; aber wie ſoll das geſchehen? Bembo wagte ſelbſt in dieſem Augenblicke der Gefahr nicht, die Diener in ein Zimmer hereinzulaſſen, welches zu betreten Rio Santo verboten hatte. Er verſuchte den Körper aufzuheben; aber ſeine Aufregung nahm ihm die Kräfte, er fühlte ſich zu ſchwach für die Laſt. Und doch mußte gehandelt werden. Lovely, das edle, kräftige Thier, war noch immer da. Bembo's Blick fiel auf ſeinen kräftigen Bau und er zauderte nicht mehr. — Er richtete Rio Santo in die Höhe und legte ſeine Schenkel auf Lovely's Rücken; das ſo getheilte Gewicht wurde erträglich, und der ſchöne Lovely begann 69 langſam nach der Thür zuzugehen, als ob er die Wichtigkeit der ihm anvertrauten Laſt begriffen hätte. Einmal draußen, verſchloß Vembo die Thür zweimal herum. — Er klingelte den Bedienten, und dieſe liefen herzu. — Man ſuche einen Arzt, rief Vembo, augenblicklich einen Arzt! Die Bedienten waren zu ſehr gewöhnt, in Irish⸗Houſe ſeltſame Dinge vorgehen zu ſehen, als daß ſie hätten ihre Verwunderung bezeigen ſollen. — Der Doktor Moore iſt im Kabinet, Mylord, ant⸗ wortete einer von ihnen. Bembo runzelte die Stirn; ſeit langer Zeit flößte der Doktor Moore ihm einen inſtinktmäßigen Widerwillen ein; aber es war kein Augenblick, wo man zaudern durfte, und auf den Befehl Bembo's wurde der Marquis, der noch immer ohne Bewegung war, in ſein Kabinet getragen, wo man ihn auf die Ottomane legte. Der Doktor Moore war allerdings da. — Einige äuf dem Büreau in Unordnung gebrachte Papiere und die affek⸗ tirte Gleichgültigkeit Moore's ſelbſt, der mit gelangweilter Miene auf einem vom Büreau ſehr entferneen Seſſel ſaß, hätte einen mißtrauiſchen Beobachter argwöhnen laſſen, daß ver Doktor ſich eine indiscrete Prüfung erlaubt habe; aber Bembo war in ſeiner Verwirrung nicht der Mann, deſſen es bedurfte, um dergleichen Bemerkungen zu machen⸗ 70 Beim Anblicke Rio Santo's, der das Ausſehen eines Leichnams hatte, zeigte der Doktor Moore weder Ueberra⸗ ſchung noch Aufregung. Er ſtand auf, näherte ſeinen Seſſel der Ottomane und nahm den Arm des Marquis, um ihm den Puls zu füh⸗ len. — Darauf taſtete er ihm leiſe um den Hals herum und drückte ihn auf dem Magen. — Binaus! ſagte er zu den Bedienten, welche neugierig warteten. Die Bedienten gehorchten. — Signore, hob der Doktor an, indem er ſich zu Bembo wandte, ich bin gern mit meinen Kranken allein. — Aber, Herr Doktor ... — Machen Sie mir keine Einwendungen, Signore. die Zeit drängt ich glaube ſogar, ſie drängt ſehr .. . und ich operire ſtets nur, wenn ich allein bin. — Mindeſtens, rief Vembo, — werden Sie mir ſagen, ob einige Hoffnung bleibt. — Ich werde es Ihnen nicht ſagen. Bembo hatte eine augenblickliche Regung des Zorns; aber er nahm ſich zuſammen und ging auf die Thür zu. — Signore! hob der Doktor wieder an, als Bembo eben die Schwelle übertreten wollte. Dieſer wandte ſich um. . — Führen Sie dieſen Hund mit hinaus, ich bitte Sie, fügte der Doktor hinzu, er iſt mir läſtig. Bembo nahm Lovely beim Halsband und zog ihn trotz 71 des Widerſtrebens des edlen Thieres mit hinaus, das bald ſeinen Herrn, bald den Arzt anſah und ſchmerzlich heulte. Man hätte ſagen mögen, das Thier habe Mißtrauen empfunden. Die Thür ſchloß ſich hinter Bembo. Der Doktor Moore ſchob den Riegel von innen zu und befand ſich mit dem ohnmächtigen Rio Santo allein. — — —— Sechstes Kapitel. Leben oder Tod. D Doktor Moore hatte ſich neben die Ottomane geſetzt, auf welcher der Marquis von Rio Santo leblos ſag. Er hob ihm die Hand in die Höhe, ließ ſie los und ſie fiel mechaniſch wieder auf die ſchw ellenden Kiſſen hinab. 3 Ein ſeltſames Lächeln voll triumphirenden Stolzes irrte um die bleichen Lippen des Doktors, er ſtand auf, kreuzte die Arme über die Bruſt und betrachtete den Marquis lange Zeit, ohne eine Wort zu ſagen. — Das iſt ein ſchönes Ge — wenn dieſes GHerz ſchlägt, iſt benen und dumpfen Blicke als je ſchöpf, murmelte er endlich; mehr Macht in dem erſtor⸗ bt.. Wie viel Mal habe 4 gen müſſen! . 3 ich nicht vor ihm die Augen niederſchla Der Doktor runzelte die Stirn. nit Viterkeit unt Zorn — Wie viel Mal, fu ˖Üů * 7 73 fort, habe ich meinen Nacken nicht unter ſein tyranniſches Joch beugen müſſen .. . ohne ihn wäre ich der Erſte unter meines Gleichen; ohne ihn hielte ich das furchtbare Scepter, das beſſer als die Maſchine des Archimedes die Erde zu bewegen im Stande iſt, — da es London beherrſcht und London das Centrum des Univerſums iſt . . ja . dieſer Menſch iſt mir ein Hinderniß ... ſeine Ueberlegenheit genirt mich, ich erſcheine ſchwach und elend neben ſeiner Stärke und jetzt in dieſem Augenblick iſt dieſer Menſch, den ich verachte, der mich unterdrückt, in meine Hände gegeben .. Um ihn zu tödten, brauche ich ihn bloß ſterben zu laſſen. Er lächelte ſtill vor ſich hin und abermals ſtrahlte auf ſeiner Stirn ein unheimlicher Stolz. — Ja, Mylord, ſagte er voller Spott, — jetzt ſind Sie mein. Es gibt keinen Gott mehr für Sie. Ihr Gott bin jetzt ich . . meine Milde, das iſt jetzt Ihre einzige Hoffnung, .. . meine Gnade! Er zuckte die Achſeln und machte im Zimmer auf⸗ und abgehend einige Schritte. — Ich glaube, daß ich ihn ſterben laſſen werde, ſagte er nach einigen Minuten, indem er vor dem lebloſen Kör⸗ per des Marquis ſtill ſtand. Darauf fügte er hart hinzu: — Hörſt Du, Marquis, ich verdamme Dich! ... Mor⸗ gen werden die Lords der Nacht ſich verſammeln, um ein neues Oberhaupt zu wählen .. Edward, der phantaſtiſche Edward, der Vater der großen Familie, Edward wird nichts, als ein Cadaver mehr ſein .. Se. Ehren, wie ihn die III. 4 74 gemeinen Soldaten unſerer ungeheuren Armee nennen, wird drei Fuß hoch Erde über ſeinen Körper haben . und das iſt ſchwer, Mylord, fügte er hinzu, drei Ellen Erde .. O, das Haus Edward und Compagnie wird darum doch nicht ſterben. Ew. Herrlichkeit mag ſich beruhigen. Es wird ſtets ſein Comtoir in Cornhill haben, ſeine Niederlagen in ganz London und ſeine Invaliden in den Fegefeuern von White⸗ chapel und Saint Giles . .. Es war ein Edward vor Ihnen, Edward iſt der Königsname, wie bei den Pharaonen in Egypten ... Morgen, Marquis, werde ich mich Edward nennen .. Wie ſcheint Ihnen das? Er legte die Hand auf Rio Santo's Herz und eine tiefe Falte zeigte ſich auf der glatten Haut ſeiner Stirn. entdeckt hatte, daß Rio Santo voller Leben war; — ich werde ihn tödten müſſen, wenn ich will, daß er ſterbe ... In zehn fürchte auch wieder zu voreilig, denn jetzt hört ſein Herz wieder zu ſchlagen auf .. eine ſo vollkommene Organiſa⸗ tion ſtirbt nicht, ohne zu kämpfen; aber ſie ſtirbt doch endlich . Der Doktor zog aus ſeiner Taſche ein Maroquinbeſteck und nahm eine ſcharfe Lanzette heraus. Er ſchnitt den Mylord, es wird auch einen Edward nach Ihnen geben .. — Ich hielt die Strangulation für vollkommener, als ſieiſt, fuhr der Doktor fort, ohne die Worte laut auszuſprechen, weil er Minuten wird er wieder athmen, .. . der Körper dieſes Menſchen hält, wie ſeine Seele, jede Probe aus . .. ich habe zu voreilig triumphirt .. . was iſt zu thun? aber ich Aermel des Nachtkleides des Marquis entzwei und machte eine Geberde, als wolle er ihm die Ader treffen. . — Mehr bedürfte es nicht! murmelte er. Aber das Inſtrument wurde wieder in das Beſteck ge⸗ than, der Doktor ſetzte ſich wieder und ſtützte ſeinen Kopf auf beide Hände. — Ich zaudre ihn zu retten, wie ich zaudre ihn zu verderben, dachte er. Seine Hand iſt kräftig .. . wer weiß, ob die meinige die Zügel des wilden Geſpannes zu führen wiſſen würde, das den Wagen unſeres Glückes zieht? . Und iſt die Hauptſache nicht, zum Ziele zu gelangen? Zum zweiten Male wurde die Lanzette hervorgezogen und ſorgſam abgewiſcht. Als ſie das Stück Tuch berührte, welches zum Abwiſchen war, ließ ſie einen röthlichen Streifen zurück, als ob ſie mit einer ſehr ſtarken Säure angefeuchtet wäre. — und ſein Geheimniß außerdem, begann Moore wiede und ſein Auge belebte ſich; — wenn er ſtirbt, wer wi mir ſein Geheimniß ſagen? ... Dieſer Menſch ſucht nicht, was wir ſuchen, er ſtrebt viel höher ... ſo hoch, daß meine Phantaſie ſich nicht einmal erfinnen kann, was er zu erreichen ſucht . und doch wird er es erreichen, denn es giebt kein Sinderniß, das ſein Fuß nicht zerbrechen könnte .. Ja, ich will wiſſen, was er ſucht, fuhr Moore fort, indem er ſich allmälig bis zum Enthuſiasmus ſteigerte; — was unſer Ziel iſt, kann für ihn nur ein Mittel ſein, wir hören da auf, wo er erſt anfängt: wir ſuchen das Gold um des Goldes willen, und er . . beim Himmel, ich will ſeine Gedanken 4* 76 erfahren und wird dann ſein Leben nicht ſtets in meinen Händen ſein, wie heute ... Habe ich nicht Zeit? .. Narr, der ich war, ich tn im Begriff es zu machen, wie die thörichten Kinder, welche ihr Spielzeug zerbrechen „um zu erfahren, was darin iſt . . . Das Geheimniß eines Todten iſt zu gut bewahrt: Marquis, wir wollen Deinen Urtheils⸗ ſpruch verſchieben. 82 WMan klopfte leiſe an die Thür des Cabinets. — Sie haben es ſehr eilig, brummte der Doktor. — Im Namen des Himmels, mein Herr, haben Sie Stimme des Cavaliere Bembo: — Ich warte. — Warten Sie, antwortete kalt der Doktor. — Ein einziges Wort, ich bitte Sie, nur ein Wort, er Doktor, anſtatt diesmal zu antworten, ſchlich ſich dem Theile des Cabinets, welcher der Thüre, hinter welcher Bembo wartete, entgegengeſetzt war und ſteckte einen kleinen Schlüſſel in das Schloß eines Schrankes. — Ich hätte beinahe den Grund meines Beſuches ver⸗ . geſſen, flüſtere er; — es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn der Herr Marquis nicht noch einige Minuten auf mich warten könnte. 8 Der Doktor Moore bildete ſich ein, daß Rio Santo, deſſen Ueberlegenheit er anzuerkennen gezwungen war, ein anderes Ziel erſtrebte, das höher war, aber doch im Grunde von derſelben Natur. % Mitleid mit meiner Angſt, ſagte durch die Thür hindurch vie damit, eine allgemeine Geſchichte der Reiſen zu ſchreiben? — Er dachte, hätte er dieſes Geheimniß durchdrungen⸗ würde es Zeit ſein, Rio Santo durch jene leichten und ſicheren Mittel aus dem Wege zu ſchaffen, welche ein ſo ge⸗ lehrter Arzt, als der Doktor Moore, ſtets zu ſeiner Verfü⸗ gung hat. Während der ſechs Tage, wo Rio Santo ſich nicht zeigte, war die ſeltſame Neugier des Doktors außerordentlich gewachſen; dieſe Abweſenheit mußte ſehr gewichtige Gründe haben und vielleicht ſeltſame Maßregeln verſchleiern. Moore kam jeden Tag nach Iriſh⸗Houſe: aber vergeb⸗ lich; der Marquis zeigte ſich nicht. Dennoch verlor der Doktor in derſelben die Zeit nicht. In das Cabinet des Marquis geführt, ſpionirte und ſchnüf⸗ felte er überall umher, verletzte das Geheimniß der geſchloſ⸗ ſenen Käſten und ſteckte ſeine neugierigen Blicke in eine Maſſe von Papieren, aus denen man mehr als zwanzig Vände hätte machen können. — Aher dieſe Papiere meiſtentheils in Chiffern geſchrieben, zu denen der Doktor keinen Schlüſſel hatte. Andere waren mit chineſiſcher Schrift bedeckt und auf einigen vemerkte er Worte in dem Dialekte von Afghaniſtan. Das war allerdings, um ganz irre zu werden! — Hatte Rio Santo literariſche Steckenpferde, beſchäftigte er ſich Over unterhielt er in China und Indien Agenten, welche damit beauftragt waren, die unſchuldigen Eingeborenen jener reichen Länder zu plündern? 78 Die letzte Idee ſchien dem Doktor am annehmlichſten, und Rio Santo's Anſehen wuchs in ſeinen Augen. Man kann viele Sprachen verſtehen und doch kein gründlicher Kenner des Chineſiſchen und des Volksdialektes von Sindhi ſein. Alles, was Moore aus den vielen in Eile durchlaufenen Documenten erſehen konnte, war eine ge⸗ heimnißvolle Gährung, welche im Schooße des himmliſchen Reiches durch unbekannte Agenten gegen den Opiumhandel unterhalten wurde. Bezog ſich das auf die Geſchichte der Gegenwart, oder auf vergangene Zeiten? er konnte das nicht errathen. Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, daß Rio Santo ein rieſiges kaufmänniſches Unternehmen ausrüſten wollte; aber dieſe Idee hielt nicht Stich; denn es gibt keinen ſo einträglichen Handel, als den reinen einfachen Diebſtahl, ie Wahrheit zu ſagen, der Handel doch nur ein Dieb⸗ it Hinderniſſen iſt. Genug, der Doktor mußte ſich geſtehen, daß er ſo klug ſei als vorher. Er ſagte ſich zu ſeinem Troſte, daß er viel⸗ leicht in den Käſten, welche mit einem Schlüſſel verſchloſſen waren, einen genaueren Aufſchluß gefunden haben würde. Die Sache war auch nicht unmöglich. Als er die Cartons und Käſten durchſuchte, ſah er ſich im Cabinet ſelber um, indem er hoffte, irgend wo ein ge⸗ heimes Fach zu entdecken. Anfangs glaubte er auch das Gewünſchte gefunden zu haben, es war gerade am welchem unſere Geſchichte jetzt Morgen des Tages, bis zu gekommen iſt. Der Leſer wird ſich erinnern, daß in dem Augenblicke, wo Bembo die Thür öffnete, um dem Marquis zu Hülfe zu eilen, das Getäfel des Zimmers, wo Mac⸗Farlane lag, ſich von einander gethan hatte, das neugierige Geſicht Moores zum Vorſchein gekommen war und dann das Fach ſich wie⸗ der ſchloß. Dieſe Thür ging nach dem Cabinet des Marquis; als Moore ſie öffnete, hatte er geglaubt einen geheimen Wand⸗ ſchrank zu entdecken. Was er ſah, ſetzte ihn in das größeſte Erſtaunen und ſeine Begierde, beſſer und mehr zu ſehen, mußte nur wachſen. Das Schloß, in welch n Schlüſſel ſteckte, als Angel Marquis bat, öffnete eben das geheime nach dem Zimmer Angus Mac⸗Farlane's hinführte. Leiſe drehte er den Schlüſſel im Schloſſe herum und ſtieß geräuſchlos das Getäfel auf; darauf ſteckte er ſo furcht⸗ ſam wie das erſtemal den Kopf durch die Oeffnung, als ob er eine drohende Erſcheinung dahinter zu finden fürchte. Aber das Zimmer des Laird war ſtill und leer, man hörie nicht einmal das Athmen Mac⸗Farlane's, das durch die dichten Bettvorhänge gedämpft wurde. Vorſichtig öffnete der Doktor die Tapetenthür und trat es der Doktor Moore einen klei⸗ o ihn um Nachricht über den ne Tafelwerk „ welches in das Zimmer. Der erſte Gege nſtand, auf welchen ſein Blick traf, war das zwiſchen beiden Fenſtern hängende Bildniß. Bei ſeinem Anblicke malte ſich die äußerſte Verwunderung auf ſeinem Geſichte. Er betrachtete es von verſchiedenen Seiten, ſchloß die Augen und öffnete ſie wieder, um dann beſſer zu ſehen. Je mehr er hinſah, deſto mehr entſchwand der letzt Reſt von Zweifel, der ſich bisher auf ſeinem Geſichte ausgedrückt hatte. — Sie iſt es wirklich, flüſterte er endlich; — und auf mein Wort, ſie war wohl dazu geſchaffen, dem muth⸗ maßlichen Erben einer Grafſchaft den Kopf zu verdrehen .. es war ein hinreißend ſchönes Geſchöpf! O wahrhaftig, was hilft da alles Zweifeln, ſie iſt es wirklich! Aber was thut hier das Pildniß der Gräfin von White Manor? vor dem anmuthigen Frauenbildniß ſtehen, das wir in einem früheren Kapitel geſchildert haben. ch verſtehe nichts davon, flüſterte er abermals, — das Bildniß der Gräfin White Manor hier .. bei Rio Santo! das grenzt ans Fabelhafte, ans Diaboliſche und ich muß darauf verzichten, ins Klare zu kommen . ich erinnere mich dieſes kleinen hübſchen Males, das ſie über de Lippe hatte; zwiſchen der Lippe und jenem kleinen Grüb⸗ chen, von denen unſere gekrönten Poeten ſagen würden, daß es von der eigenen Hand der Grazien gegraben worden ſei.. Rio Santo iſt erſt ſeit einem Jahre hier . . . er kann doch nicht meiner Treu, ich begreif' es nicht .. Der Doktor Moore blieb noch einige Secunden erſtaunt 81 —— Er drehte ſich auf den Hacken herum und warf einen zerſtreuten Blick durchs Fenſter. gi ei, ſagte er und lachte herzlicher als er's jemals that, der Zufall iſt mitunter unerhört geiſtreich! Wenn ich mich nicht irre, iſt hier auf der andern Seite von Belgrave⸗Lane vas Pree and easy von White Manor .. der Lordscorner . Ha, ha, White Manor war zu ſeiner Zeit ein ſtolzer Verführer! . .. Aber ich möchte ſchwören, daß dieſes hübſche Portrait nicht für Se. Herrlichkeit gemacht iſt und wenn ſein Blick dieſe Mauer hätte durchdringen können, er würde wahrſcheinlich da vrüben nicht ſo häufig und nicht ſo von ganzem Herzen geſündigt haben. Er warf noch einen letzten Blick auf das Bild, machte eine Geberde des Erſtaunens und ging auf das Bett zu. — Das iſt ein Geheimniß, ſagte er zu ſich und gewiß ein Geheimniß von der räthſelhafteſten Art . . . aber ich dachte es mir beinahe Doch was kümmert es mich? Sieh da, fügte er hinzu, indem er zwei Schritte vom Bette ſtill ſtand, — ein Mann! Er hatte das magere Vein Angus Mac⸗Farlane's be⸗ merkt, das zur Hälfte aus den Decken hervor ſah. Der Doktor war in dies Zimmer mit einer ſo feſten Hoffnung getreten, ſeltſame und unerrathbare Dinge zu ent⸗ decken, daß er eine Minute lang zuuderte und wie von kin⸗ diſchem Schrecken ergriffen war. Er fühlte ſich plötzlich in eine unbekannte ganz phantaſtiſche Welt verſetzt. — Wer war der Menſch, der auf dem Bette lag? 4 65 82 Er näherte ſich dem Bette auf den Fußſpitzen und hob den Vorhang mit einer Art Feierlichkeit empor, es ſchien ihm, als müſſe hinter der Draperie die Enthüllung des von ihm ſo heiß begehrten Geheimniſſes ſich befinden. Angus drehte dem Lichte den Rücken zu, er lag faſt quer über das Bett und berührte mit der Stirn die Wand. — Wahrſcheinlich hatte ſein fieberglühender Schädel dort ein wenig Kühlung geſucht. Moore konnte deshalb ſein Geſicht nicht ſehen. Einen Augenblick unterbrach er ſeine Forſchungen, der Inſtinkt des Arztes bekam bei ihm die Oberhand, er ergriff Angus Arm und fühlte ihm den Puls — Gehirnentzündung, flüſterte er, ungeheuere Conge⸗ ſtionen! Warum hat man mich ſo ſpät gerufen! Dieſe gebräuchliche Phraſe entſchlüpfte ihm, ſo groß iſt die Macht der Gewohnheit; aber ſie nöthigte ihm ſelbſt ein Lächeln ab. — Aber Niemand hat mich gerufen, hob er wieder an, und ich habe keinen Auftrag dieſen Menſchen zu retten.. ich möchte wohl ſein Geſicht ſehen. Er legte ein Knie auf das Bett und bog ſich hinüber, ſo daß auch er mit dem Kopf an der Wand ſich befand und Angus Züge erkennen konnte. — Ich kenne dieſen Menſchen nicht, ſagte er darauf verdrießlich. Dann ſich plötzlich befinnend fügte er hinzu: — O doch, doch .. ich glaube mich zu erinnern .. —— er iſt ſehr verändert! . . es iſt jener brave ſchottiſche Land⸗ mann, den Rio Santo einmal mit in den Rath gebracht hat der Laird, . . ich habe den Namen vergeſſen . der Laird, welcher unſer Schloß Creve verwaltet . . aber zum Teufel, warum läßt ihn Rio Santo hier wie einen Hund ſterben ... Meiner Treu, mir iſts gleichgültig. Der Doktor ſtand wieder auf und ſchüttelte den Kopf mit verdrießlicher Geberde. — Narr, der ich bin, murmelte er; — ich kann ſuchen ſo lange ich will, ich werde nichts finden. Das Geheimniß dieſes verteufelten Marquis iſt in ſeinem Gehirne und nir⸗ gends anders . ich habe hier und dort einige Seiten aus dem Buche ſeines Gewiſſens aufgeblättert das iſt genug, um zu wiſſen, daß ſein Leben nur ein langes Geheimniß geweſen iſt, zu wenig, um den Schlüſſel des Geheimniſſes zu errathen . das iſt Alles, das Uebrige muß in ſeiner Seele verſchloſſen ſein. In dieſem Augenblicke hör der durch die äußere Thür des Cabinetes rief. Moore wandte ſich nicht einmal um. — Der Signoretto iſt ſehr preſſirt! ſagte er ſpöttelnd. — Nun, ich kann jetzt nichts beſſeres thun, als ihn zufrie⸗ den zu ſtellen. Legen wir alſo an den Herrn Marquis von Rio Santo Hand an. Als er ſich bewegte, um wieder in das Cabinet zu ſehen, machte der Laird eine Bewegung. Es bedurfte nur te man die Stimme Bembo's, 84 einer Kleinigkeit, um die Neugierde des Doktor zu machen. Er blieb. Angus wandte ſich mühſam auf ſeinem Lager um. — Das Waſſer iſt mir heiß! ſagte er ganz leiſe. — Wie dieſer Strom von London kocht! Seine Quelle muß in der Hölle ſein! .. der Mond von London iſt roth .. Ueberall iſt Feuer. . — Dieſer Mann wird ſich ſelbſt heilen! Doktor mit einer Art von ärztlichem Aerger. — Das Fieber iſt ein lunatiſches Uebel. Wenn man es bekämpft, macht es ſich ſteif; wenn man es gehen läßt, erſtirbt es von i augenſcheinlich hat dieſer Wilde die tödtliche Pe⸗ riode ſchon hinter ſich . Morgen wird er in der Beſſe⸗ rung ſein. s wieder rege murmelte der — HO, wenn ich in meinem ſchönen Waſſer des Sol⸗ way wäre, begann Angus wieder, dann ſollte der Räuber mir nicht entgehen . aber dieſe Thenſe iſt heiß und ſchwer, wie geſchmolzenes Blei .. Ach, ach ſie verſchwinden. alle Beide . alle Beide .. Er drückte ſeine Stirn in die Daunenkiſſen. Moore legte die Hand auf ſeinen Puls und ließ ſie eine Minute lang liegen. — Eine Kriſis, dachte er; vielleicht noch zwei, und dann iſt es vorüber. Dieſe elenden Schotten haben ein ſo zerrüttetes Hirn, daß das Fieber durch die Kopfnäthe da⸗ von geht! — Sattle mein ſchwarzes Pferd, Duncan von Leed! 85 rief der Laird, deſſen Stimme plötzlich laut tönend wurde; — ich will über die Clyde, und nach London reiten, um ihn zu tödten! — Um wen zu tödten? fragte unwillkührlich der Doktor. Angus hatte ſich auf ſeinem Lager erhoben, und heftete ſeine erſchrecklichen Blicke auf ihn. Aber Moore war Arzt, dieſer wilde Blick erſchreckte ihn nicht. — Mein Pferd, mein Pferd! wiederholte der Laird gebieteriſch, und ſetzte ſeine nackten Füße auf den Teppich. Moore ließ ihn gewähren. Angus rollte ſeine Augen, als ſuchte er im Kreiſe um⸗ her eine entflohene Idee. — Die Stimme der Träume kann nicht lügen, ſagte er langſam, — und das Gebot Gottes heiſcht Blut um Blut, was auch die Pfaffen ſagen .. Mir ſcheint, als hätte ich Fergus O Breane dieſe Nacht geſehen ... warum habe ich ihn nicht getödtet? .. Es wird mir ſchwer werden ihn zu tödten, wenn meine Schweſter Mary ... aber ich werde ihn tödten. Seine Hände legten ſich vertraulich auf des Doktor Moore Schultern, der von dieſem Zeichen des Zutrauens nicht ſehr erbaut ſchien. — Habe ich es Dir geſagt, Duncan? hob Angus mit einer Feierlichkeit voller Entſetzen wieder an; — wenn ich ihn im zweiten Geſicht ſehe, hat er mitten auf der Vruſt ein rothes rundes Loch ... grade groß genug, Duncan, um den Tod hindurch zu laſſen ... Er ſitzt auf dem Raſen am Rande eines Weges, — und recht bleich, Duncan von Leed! . bleich wie mein Bruder Mac⸗Nab, den er ermor⸗ det hat . dann dringt die Stimme der Träume durch die Nacht und ſagt mir ins Ohr: — Es iſt dein Blut, das Blut deiner Adern, das Mac⸗Nab rächen wird! .. Mac⸗Nab, ſagte der Doktor zu ſich ſelbſt; — ich kenne dieſen Namen mir ſcheint ach ja, der junge Pedant, den ich am Lager Percevals getroffen habe . Stephen Mac⸗Nab, aber dieſe Schotten haben niemals einen beſon⸗ deren Namen . vielleicht giebt es einen ganzen Clan Mac⸗ Nab — Wer hat mir denn geſagt, daß er jetzt ſich 5 Santo nennt? . rief plötzlich der Laird; — der Marquis von Rio Santo .. Warſt Du's nicht, Duncan? Moore war bei dem Namen Rio Santo erzittert und horchte aufmerkſam. 3 ch war es nicht, flüſterte er, indem er die flüchti⸗ gen Gedanken des Laird auf einen Punkt zu feſſeln und minder dunkle Offenbarungen zu hören hoffte. — Rio Santo, wiederholte Angus; — ſattle mein Pferd, Duncan von Leed! Sattle mein gutes Pferd Billy. . 2 ich will den Tweed paffiren, um der Stimme der Träume zu gehorchen. 6 — Und wenn Ew. Ehren erlauben, ſagte der Doktor, indem er den Accent und die Redensarten der Schotten nachzuahmen ſuchte; — dieſer Rio Santo iſt alſo ein Mörder? 1 3 3 87 Der Laird zog ſeine beiden Hände von den Schultern des Doktors zurück und betrachtete ihn mißtrauiſch. — Wer das behauptet, antwortete er, iſt ein Lügner... was wollen Sie von mir? Das Auge des Laird hatte ſeinen verwirrten Ausdruck verloren; augenſcheinlich hatte er einen lichten Augenblick. Aber das dauerte nicht lange. Er ballte gegen den Doktor die Fauſt, murmelte einen Ausdruck des Zornes und ſtürzte ſich, vor Kälte zitternd, wieder in die Bettdecken. Wie kalt die Themſe iſt, flüſterte er ſchauernd; — der Mond iſt grün in London, und ſeine Strahlen find eifig. O, wenn ich im Solway wäre! Darauf begann er mit ſchläfriger Stimme: Der Laird von Killarwan, * Der hat zwei Töchterlein, Wie nie ein junger Mann Sie ſah ſo lieb und fein Im ganzen Glengirwan. — Zwei Töchter, fügte er ganz leiſe ſeufzend hinzu; — zwei Töchter .. Gott will nicht, daß man zwei Töchter habe!. Der Doktor Moore neigte ſich, um das Uebrige zu hören; aber die Stimme des Kranken erloſch und verlief ſich in ein unverſtändliches Gemurmel. Moore wartete noch einige Minuten; dann ſchlug er ſich an die Stirn und ſagte: — und der Marquis! .. Auf mein Wort, der Mar⸗ 88 ——————— quis hat unterdeſſen Zeit genug gehabt, ſterben Ich muß mich beeilen. Wie er ſich umdrehte, um ſchnell in das Cabinet Rio Santo's zu eilen, fühlte er den Druck einer Hand auf ſeinem Arme, und ſah ſchnell hinter ſich, indem er glaubte, daß der Cavaliere Bembo ihn überraſcht habe. Aber kaum hatte er den Blick auf den Mann gewor⸗ fen, deſſen Hand ſeinen Arm preßte, ſo ſtieß er einen Schreckensruf aus und wankte, als ſei er im Begriff, in Ohnmacht zu ſinken. Ein Entſetzen ohne Maaß malte ſich in ſeinem Blicke. — Er wollte ſprechen, aber ſeine Zunge verſagte ihm vor Furcht den Dienſt. Endlich brachen dem Teppich zuſamme um Gnade bittet. um drei Mal zu ſeine Kniee zuſammen und er ſank auf n, in der Stellung eines Beſiegten, der Siebentes Kapitel. Der Aderlaß⸗ den Doktor Moore in flagranti in dem Augenblicke, wo er anken — eines Ster⸗ Der Mann, welcher der Spionage überraſcht hatte, das Lager eines ihm anyertrauten Kr benden — verlaſſen, um eine in allen Ländern nicht zu ent⸗ ſchuldigende, aber beſonders in England, dem Lande der freien Männer, frevelhafte Hausſuchung anzuſtellen, dieſer Mann war weder der Cavaliere Angelo Bembo noch einer von den Dienern des Marquis. Es war der Mann, deſſen Wachſamkeit der Doktor am wenigſten in der Welt vermuthen konnte — mit einem Worte, es war der Kranke — der Sterbende — ſelbſt .. Rio Santo in Perſon. Der Doktor Moore war zu ſe Wiſſenſchaft und verdiente zu ſehr den er hr ein Meiſter in ſeiner ſten Platz, welchen 90 ihm die öffentliche Meinung unter den Aerzten des Royal⸗ College zuerkannte, als daß er nicht das Wiederaufleben des Marquis für möglich, ja für gewiß gehalten hätte, unter der Bedingung, daß man ihm die nothwendige Pflege ange⸗ deihen ließ. Aber was ihm Entſetzen einflößte, war dieſe plötzliche, freiwillige Auferſtehung ohne Beiſtand und ohne Hülfe. Augenſcheinlich hatte er den Zuſtand des Marquis nur oberflächlich geprüft und ſich ſo getäuſcht. Er, der ſo ge⸗ ſchickt, ſo vorſichtig gewöhnlich war, hatte bei einer Gele⸗ genheit, wo ſein eigenes Leben auf dem Spiele ſtand, mit der Unbeſonnenheit eines Kindes gehandelt. Was er für eine durch die faſt vollſtändige Strangulation verurſachte Dhnmacht gehalten, war weiter nichts geweſen, als eine vorübergehende Paralyſie, welche häufig bei voller Geſundheit Leute ergreift, die übertriebenen Gebrauch von ihren Gehirn⸗ fähigkeiten machen, eine Paralyſie, deren Anblick erſchreckt, und die, häufig wiederholt, zum Wahnſinne oder zum Tode führen kann, aber deren erſte Anfüille mit Hülfe der erſten Elementarkenntniſſe der Klinik geheilt werden können. Der Marquis litt an dem Anfalle einer ſtarken Con⸗ geſtion nach dem Gehirn und war noch davon befallen. Aber dieſe Unbeweglichkeit, dieſer Tod von vorhin war ein nervöſes Phänomen, war nichts als eine Lethargie ge⸗ weſen. Der Doktor überſah mit einem Blicke ſeine Lage und demüthigte ſich. 6 „ —1 Er war in Rio Santo's Hand; nicht bloß weil er ſpionirt hatte, weil er ihn auf nichtswürdige Weiſe ſterbend verlaſſen, ſondern weil jedes ſeinem Munde entſchlüpfte Wort vom Marquis gehört worden wat. Er wußte das und verſuchte nicht einmal, das Gegen⸗ theil zu hoffen; die Lethargie mit ihren Abarten läßt einen vollkommenen Gebrauch der Sinne und des Nachdenkens zu. Aber während er ſich ſo demüthigte, erhob ſich ein äußerſter Entſchluß aus dem Chaos ſeiner Gedanken. Rio Santo ſtand vor ihm und trug auf ſeinem Geſichte die offen⸗ gen Spuren jener partiellen Ueberreiztheit des Gehirns, deren Folgen ſo verſchiedenartig ſind. Moore hatte errathen, daß er ſtumm ſei. Seine Zunge blieb ohmächtig, nachdem in allen Theilen des Körpers das Leben wieder zurückgekehrt war. Er dachte klar und glänzend, ſeine Intelligenz war im vollkommenſten Zuſtande, aber die Muskeln ſeiner Zunge waren augenblick⸗ lich vom Tode getroffen. Dieſer Zufall gehört zu denen, welche man häufig trifft; Moore hatte in ſeiner Praris unzählige ähnliche Bei⸗ ſpiele erlebt, er war alſo ſeiner Sache gewiß. Rio Santo, der ſprachlos und noch ſchwach von dem Kampfe mit dem Kranken war, befand ſich noch immer in ſeiner Gewalt; er beſchloß, ihn zu tödten. Zu Hülfe konnte er Niemanden rufen, daher konnte kein großes Hinderniß im Wege ſtehen. Der Marquis, gleichſam um das Prognoſtikum des Doktors zu beſtätigen, ſtreifte den Aermel ſeines Schlafrockes 93 in die Höhe und zeigte mit bedeutſamer Geberde auf die ſchwellenden Adern ſeines Armes. — Sie wünſchen, daß ich Ihnen zur Ader laſſe, My⸗ lord? fragte Moore. Rio Santo machte energiſch ein bejahendes Zeichen. Der Doktor zauderte. Auf ſeinem Geſichte malte ſich etwas von ſeinem Entſchluſſe, denn Rio Santo warf inſtinkt⸗ mäßig einen Blick auf das Bett, als ob er ſehen wollte, ob nicht von dieſer Seite Hülfe zu hoffen ſei. Die Schwäche des Körpers theilte ſich auch der Seele mit. — Glücklicherweiſe für den Marquis bemerkte Moore jenen Blick nach Hülfe nicht; ſonſt hätte er ſeinen Zweifeln ein Ende gemacht. Aber Rio Santo, ſo ermattet er war, konnte doch nicht lange Zeit einer Gefahr gegenüber ſchwach bleiben. Es lag in ihm ein wahrer Schatz von kaltem Blute und einem Muthe, welchen ſo viele auf einander folgende Proben noch nicht erſchöpft hatten. Er richtete ſich ſchnell und hoch auf, obwohl er vollkommen ſeiner wirklichen phy⸗ ſiſchen Ohnmacht ſich bewußt war. Während Moore noch zauderte, fühlte er aufs Neue ſeinen Arm preſſen; der Druck war langſam und nachhaltig; er glich einem Befehle, der mit feſter Stimme, aber ohne Zorn gegeben wird. Moore zog ſein Beſteck hervor und öffnete es. Gewiß war es in dieſem Augenblicke nicht dem bezau⸗ bernden, gebieteriſchen Blicke des Marquis zuzuſchreiben, daß Moore gehorchte; denn Rio Santo's Phyſtognomie war ganz — 93 — —— ausdruckslos; aber ein feſter Wille, ſelbſt wenn er ſich nicht äußerlich kund gibt, hat ſeine magnetiſche Kraft und bändigt durch ſeine Ueberlegenheit einen ſchwankenden Widverſtand. Und dann that die Gewohnheit der Ehrfurcht und des Gehorſams auch viel, um den böſen Willen der Empörung zurückzuſchrecken. Der Doktor gehorchte. Und als er einmal auf dem Wege der gezwungenen Unterwerfung war, wurde er ganz Vaſall. Er vergaß jeden Gedanken der Wiverſetzlichkeit und erſchrak, daß er ihn nur haben faſſen können. In dem Augenblicke, wo er die Lanzette dem Arme Rio Santo's näherte, hielt dieſer ihm die Hand, nahm das Juſtrument und näherte es ſeinen Augen. Dieſe waren von Blut unterlaufen, er konnte nicht ſehen, was er wollte. Aber der Doktor verſtand, obwohl die verſteinerte Miene des Marquis ihm keinen Commentar zu der Geberde geben konnte, er verſtand und zitterte; denn dieſe Vewegung ſagte ihm klarer als alles andere, daß Rio Santo nichts von ſeiner Pantomime verloren, als er dieſelbe Lanzette an dem Tuche abgewiſcht, das augenblicklich geröthet wurde. Auch er ſtreifte, ohne ein Wort zu ſagen, den Aermel zurück und ſtach ſich leicht in den Arm. Rio Santo machte eine Miene der Billigung. — Einen Augenblick darauf ſprang aus ſeiner offenen Ader ein kräf⸗ tiger Strahl Blutes. — Genug! ſagte Rio Santo nach einigen Sekunden. Der Doktor zuckte heftig beim Klange dieſer Stimme 94 ——— zuſammen. Er hob ſeinen auf die Ader gerichteten Blick mit wahrhaftem Schrecken; Rio Santo ſprach, Rio Santv war wieder der furchtbare Mann, vor dem ſich Alles beugen mußte. Moore hatte ſelbſt die Feſſel gelöſt, welche die Zunge des Menſchen band, deſſen Unmacht er eben noch mit Ver⸗ achtung betrachtet hatte. Er hatte ihm die Macht zu gebieten, die Gewalt zu ſtrafen wiedergegeben .. . Geſchickt in Unterdrückung ſeiner Gefühle, Furcht unter dem Schleier gleichgültiger Ruhe welche er gewöhnlich über ſeine Phyſiognomie mußte unwillkürlich die Augen vor Rio San gen, deſſen ſtolzer Blick wieder Leben ſein bleiches Geſicht nach und na Ausdruck annahm. Dieſe Veränderung, würde eine Mutter oder wußte er ſeine zu verbergen, to niederſchla⸗ gewonnen hatte, wie ch wieder ſeinen gewöhnlichen deren Phaſen man verfolgen konnte, eine Geliebte vor Freuden außer ſich gebracht haben, aber in der feindlichen Seele des Doktor Moore mußte ſie einen furchtbaren geheimen Gedanken her⸗ vorrufen. Denn dieſer wieder ins Leben zurückkehrende Cadaver war der eines Herrn und eines verrathenen Herrn. Das Blut floß noch immer. — Moore war ſo ganz in aufmerkſame Betrachtung des Geſichtes Rio Santo's, deſſen Muskeln eine nach der andern wieder ihre ausdrucksvolle Beweglichkeit annahm, verſunken, daß er nicht mehr an den Aderlaß dachte. zog; aber er 95 — Genug, mein Herr! wiederholte Rio Santo, runzelte die Stirn und legte die Hand auf ſein matt ſchlagendes Herz: — wollen Sie mich denn wieder tödten? Moore verband die Ader und kreuzte die Arme über die Bruſt. — Er erwartete ſein Urtheil. — Rücken Sie mir einen Stuhl heran, ſagte Rio Santo. Moore gehorchte ſchnell. Der Marquis ſank ſchwer in die Kiſſen hinein und legte ſeine Hand auf die Augen, die, vom Wachen geſchwächt, wie von der Kriſis und von dem verlornen Blute, vom hellen Tageslichte geblendet wurden. So blieb er drei oder vier Minuten. Nach dieſer Zeit richtete er den Kopf wieder in die Höhe. Seine bleiche Stirn hatte ihre ganze frühere Ruhe wieder erlangt. — Herr Doktor, ſagte er ohne irgend eine Affektation, ich danke Ihnen, daß Sie das Geheimniß dieſes Ortes ver⸗ letzt haben . Durch Sie weiß ich jetzt, daß jener arme Kranke nicht mehr in Todesgefahr ift. Er zeigte auf Angus, der auf dem Bette ſchlief. Moore verneigte ſich mechaniſch. — Ich denke, ich irre mich nicht, fuhr der Marquis fort. Sie ſagten, daß ſein Zuſtand außer Gefahr iſt. — Ich habe es geſagt, Mylord! — Herr Doktor, begann der Marquis wieder, ich danke Ihnen, daß Sie Ihre Seele vor mir ganz blosgrlegt haben, während ich dort im Sterben 96 — Ew. Herrlichkeit hörten? ... — Vollkommen, mein Serr .. . Sie ſind eiferſüchtig auf mich Sie wollen mein Geheimniß ... — O Mylord! . .. wollte Moore ihn unterbrechen und ſeine Stimme nahm einen flehenden Ton an. — Bitten Sie nicht, mein Herr, unterbrach ihn Rio Santo, den das Sprechen erſchöpfte, deſſen ſiegeriſche Ruhe aber großartig mit ſeiner Schwäche contraſtirte; — Sie nicht, es iſt unnütz. Ich grolle Ihnen nicht ... Nur finde ich, daß Ihre Eiferſucht unfinnig iſt, und mein Ge⸗ heimniß gehört zu denen, welche man nicht erräth .. . Es iſt wie jene in unbekannten Sprachen geſchriebenen Papiere, welche ſie in meinem Cabinete gefunden, und die in Händen zu halten nicht genügt, wenn man nicht den Schlüſſel dazu hat, — und dieſer Schlüſſel, den Gott allein. giebt, Ihnen hat er ihn nicht verliehen. In dieſen Worten lag eine unendlich kalte, ſouveraine Verachtung. Der Stolz des Doktor Moore empört⸗ ſich heimlich dagegen. — Endlich, Herr Doktor, pot Rio Santo wieder an, indem er ſtets mit der langſamen ermüdeten Stimme ſprach welche ſelbſt einem Lobſpruche Kälte hätte geben müſſen, den Ausdruck der Verachtung aber verſtärkte, — endlich danke ich Ihnen noch dafür, daß Sie mich nicht ermordet haben. Moore wich zwei Schritte zurück. Dieſes Wort traf ihn ins Herz; er glaubte ſich unrettbar verloren. Aber Rio Santo fuhr fort: —8 97 — Der Tod wäre mir ſchmerzlich geweſen ſehr ſchmerzlich! Noch ein Mal, Doktor, ich grolle Ihnen deshalb nicht .. Legen Sie mir das Kiſſen dort unter die Füße. Moore that es. — Entſchuldigen Sie mich, Herr Doktor, wenn ich Ihre Gefälligkeit ſo in Anſpruch nehme ... Oeffnen Sie wohl die äußere Thür dieſes Cabinetes und ſagen Sie An⸗ gelo . Sie haben vorhin mit dem armen Kinde ſehr hart geſprochen, mein Herr! — ... Sagen Sie ihm, daß Sie mir das Leben gerettet haben . Er wird Ihnen Ihre Unver⸗ ſchämtheit verzeihen. — Sagen Sie auch meinen Leuten .. Was iſt jetzt die Uhr, Herr Doktor? — Es iſt zehn Uhr, Mylord! — Zehn Uhr, wiederholte Rio Santo; — die Zeit iſt koſtbar, aber die Ermüdung drückt mich nieder und ich muß mindeſtens einen halben Tag Ruhe haben .. Sagen Sie meinen Leuten, mein Herr, es ſoll um vier Uhr angeſpannt ſein der Cavaliere Angelo Bembo wird mich begleiten. Der Doktor blieb eine halbe Minute, ohne ſich zu regen, als erwarte er noch neue Befehle, dann ging er auf die Thür zu. — Wenn Sie das beſtellt haben, Herr Doktor, hob Rio Santo wieder an, kommen Sie wieder . . Ich habe Sie um Einiges zu fragen. Moore ging durch das Cabinet, um deſſen äußere Thür zu öffnen. Als er bei der Ottomane vorbeikam, auf welcher Rio Santo vorhin noch vom Zufall beſiegt und dem Tode III. 5 ſo nahe gelegen, daß es keiner Mühe bedurft hätte, ihn vollends ſterben zu laſſen, zuckte der Doktor, von Zorn gegen ſich ſelbſt erfüllt, die Achſeln. Die günſtige Gelegenheit war verloren. Aber Moore's Haß, der plötzlich durch die Entdeckung ſeines Verrathes ſelbſt noch mehr gewachſen war, ſchwur ſich Rache. Man ſagt, daß die Gelegenheit nicht zwei Mal kommt. Das iſt ſehr wahr, aber geſchickte Leute kümmern ſich nicht darum, weil, wenn die Gelegenheit nicht kommt, man ſie herbeiführt. Moore iſue die uße⸗ Thür des Cabinetes. — Nun, mein Herr, nun? rief Angelo Bembo. — Das Leben des Herrn Marquis iſt außer Gefahr, Signore, ſagte Moore, der Lovely beim Halsband ergriff, um ihn zu verhindern, daß er ins Zimmer eindringe. — Außer Gefahr, wiederholte Bembo freudig; — ich habe Sie falſch beurtheilt, Herr Doktor; Sie ſind ein ge⸗ lehrter Mann und ein würdiget Freund! .. Ich bitte Sie um Entſchuldigung und bin ganz der Ihrige .. . Der Doktor verbeugte ſich kalt und berührte die Hand, welche Bembo ihm hinſtreckte. — Signore, ſagte er ganz leiſe und mit zweideutigem Tone, ich habe nicht Alles gethan, was ich wollte. — und kann ich nicht Don Joſé ſehen? fragte Bembo. 4 — Jetzt nicht! Seine Herrlichkeit beauftragt Sie, 1 99 um vier Uhr anſpannen zu laſſen und rechnet darauf, daß Sie ihn begleiten werden. Bembo ſprang vor Freude. — Ausfahren, ſchon ausfahren! rief er aus, das iſt ja eine völlige Auferſtehung! O, Doktor, Sie ſind ein ge⸗ ſchickter Mann! — Ich habe es lange Zeit ſelbſt gedacht, antwortete Moore, den Kopf ſchüttelnd; — aber glauben Sie mir, Signore, der Zufall ſpielt in den Dingen dieſer Welt eine große Rolle .. Er grüßte und machte die Thür wieder zu. Angelo ſagte ſich vielleicht, daß der Doktor ſehr be⸗ ſcheiden geworden ſei; aber die Freude machte ihn ganz närriſch; er lief nach den Ställen in Begleitung Lovely's, der ohne Zweifel verſtand, was vorfiel, denn auch er hatte ſeine Traurigkeit aufgegeben, ſprang umher und erfüllte die Galerien mit freudigem Gebelle. Moore indeſſen war wieder in das Zimmer des Laird zurückgekehrt. Das Geräuſch ſeiner Schritte weckte Rio Santo, der auf ſeinem Seſſel eingeſchlummert war. — Es ſind jetzt ſechs Tage, daß ich Nichts gethan, Nichts geſehen, Nichts gehört habe, ſagte erz — iſt etwas bei Ihnen vorgegangen, Herr Doktor? — Man hat ſich über Ihre lange Abweſenheit gewun⸗ dert, Mylord, aber Ihre Getreuen haben keine Mühe gehabt, die Mißvergnügten zum Schweigen zu bringen .. Mylord⸗ 5* 100 ich weiß nicht, was Sie von mir denken, aber ich ſage es offenherzig: — Sehr thöricht ſind die, welche verſuchen, gegen Sie anzukümpfen Rio Santo heftete ſeinen tief eindringenden, ruhigen Blick auf ihn. ſagte er mit Einfachheit. — Jtder hat in ſeinem Leben Stunden des Wahn⸗ ſinnes, Mylord ... da wir einmal von mir ſprechen, ich bin vorhin doppelt thöricht geweſen .. thöricht, daß ich Sie tödten wollte .. . — Und ein Narr, daß Sie nicht gethan haben, unterbrach ihn Rio Santv. 5 — Ja, Mylord, antwortete der Doktor; — ein nun daß ich es nicht gethan habe. Rio Santo wandte ſich auf ſeinem Seſſel um. Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben, mein Herr, ſagte er; — Sie werden mir es nicht vergeben können. — Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen zu beſchäftigen ch nehme Ihre Dienſte an, wie früher: ich ſtütze mich auf Sie und ich thue es mit der größten Sicherheit . — Dies Vertrauen, Mylord! ... begann der Doktor Moore, der einen Augenblick Luſt p den Reuigen zu ſpielen. — Vertrauen iſt nicht das recht Wort, unterbrach ihn genug habe, um Ihnen den Prozeß machen zu laſſen, — Und Sie ſind ein kluger Mann, Sie, Doktor! — — Don Zoſe. Meine Meinung war, daß, da ich nicht Muße 3 101 ich Sie fortan bei dem geringſten Verdachte zerſchmettern werde .. Rio Santo ſtieß mit ſolcher Gewalt das Fußkiſſen von ſich, daß ſein niederſinkender Fuß mit dem Hacken den Teppich zerriß. — Wachen Sie über ſich, mein Herr! fügte er hinzu. — Muylord, Mylord! rief Moore mit heuchleriſcher Bewegung, — in einem Augenblicke wie dieſer, hätte ein Wort der Güte mich lebenslänglich zu Ihrem Sklaven ge⸗ macht! Das Auge Rio Santo's verlor nicht ſeinen Ausdruck von ruhiger Ueberlegenheit, aber die Muskeln ſeines Mundes, der ſich unwillkürlich zuſammenzog, bewegten leiſe die feinen hochgedrehten Spitzen ſeines ſchwarzen Schnurrbartes. Moore warf ſeine Maske ab; er ſah ſich bis auf den tiefſten Grund der Seele durchſchaut. Sein vornüber ge⸗ beugter Kopf erhob ſich, ſein kaltes cyniſches Lachen erſchien wieder auf der Lippe und er ſagte, ohne ſich länger Zwang anzuthun: — Nun gut, Mylord, ich werde mich in Acht nehmen . . Ich werde Ihnen trotz meines Haſſes dienen, werde Ihr Werkzeug und Ihr Feind ſein .. Ich werde .. — Still, mein Herr! unterbrach ihn abermals Rio Santo. — Ich weiß das Alles. Sie riskiren Richts dabei, wenn Sie mir es ſagen und gewinnen noch weniger da⸗ bei . . . Sprechen wir von ernſten Dingen, wenn es Ihnen gefällig iſt. 102 Moore fühlte einen Strom von Zorn ſich zum Herzen ſchießen, indem er die abſolute, vollkommene Verachtung ſah, mit welcher ſeine Drohungen aufgenommen wurden. Sein Haß wuchs, aber auch ſeine Ehrfurcht, und eine Art aber⸗ gläubiſchen Schauers bemächtigte ſich ſeiner. Rio Santo erſchien ihm unverwundbar. — Indeß ein Wort noch, begann dieſer mit Ermüdung und in nachläſſigem Tone; — da mich der Zufall noch ein zweites Mal vertheidigungslos Ihnen überliefern könnte, ſo will ich Ihnen ein Geheimniß ſagen .. . Wenn Sie mich heute Morgen getödtet hätten, würden Sie heute Abend auf dem Stroh von Newgate ſchlafen .. Unterbrechen Sie mich nicht. Sie wiſſen wohl, daß ich niemals ſo obenhin ſpreche Ich kenne Sie ſeit langer Zeit, Doktor . . . Und ſeit zwei Monaten iſt zwiſchen Ihnen und dem Schaffot Nichts als mein Wille. Moore zitterte, aber er wollte zweifeln. — Zwiſchen dem Schaffot und mir, Mylord, ſagte er, indem er vergeblich Stolz in ſeinen Blick zu legen ſuchte, — 3 iſt ein Raum, den alle Ihre Macht nicht ausfüllen kann. — Hören Sie, mein Herr, das viele Sprechen ſtrengt mich an und ich habe noch viele wichtige Fragen an Sie zu richten .. Der Lord Ober⸗Sheriff hat ein verſiegeltes Paket in Händen, in welchem ſich Ihre Verurtheilung befindet, — verwundern Sie ſich nicht: ich halte alle Lords der Nacht, Ihre Brüder, mehr oder minder, ſo in der Schlinge .. Ohne das müßte ich tauſend Leben beſitzen! 103 — Aber was enthält jenes Paket? — Wählen Sie unter Ihren Schandthaten, Doktor. Das Paket enthält den Beweis einer derſelben; — den un⸗ umſtößlichen Beweis. — Aber warum hat es der Ober⸗Sheriff noch nicht geöffnet? — Ich muß Ihnen ſo viel Fragen nachſehen, weil die Sache in der That Sie ſehr intereſſiren muß, aber meine Ge⸗ fülligkeit geht nicht ſo weit, Ihnen darauf zu antworten. Das Paket iſt eine Mine, die Pulverleitung eriſtirt, ſeien Sie davon überzeugt ... und mein Tod legt das Feuer daran. — Aber — Genug davon; laſſen wir das .. Was haben Sie für Nachrichten von Miß Mary Trevor? Achtes Kapitel. Bei Perceval. Es dauerte lange, bis der Doktor Moore auf Rio Santo's Peg⸗ antwortete. Was dieſer ihm geſagt, hatte eine ſo nhnfte Färbung, daß des Doktors Zweifel rege wurden; von der andern Seite aber war es ſchon lange her, daß er ſich vom Pfade der Rechtlichkeit abgewandt und den krummen Weg des Verbrechens eingeſchlagen, an deſſen Ende ſich das Schaffot oder Reichthum befindet, er hatte ſo viele Handlungen auf dem Gewiſſen, welche die menſchliche Ge⸗ rechtigkeit ſtark beſtraft, daß die Furcht die Zweifel wieder in ihm beſiegte. Er wußte außerdem, daß Rio Smt Beziehungen mit den hohen Beamten der drei Königreiche unterhielt, deren Rutur 3 Jedermann ein Räthſel war. Die behauptete Thatſache war alſo nicht unmöglich, 105 und das genügte. Mochte es alſo wahr ſein oder nur eine vom Marquis erfundene Liſt, der Letztere hatte vollkommen ſeinen Zweck erreicht. Moore war fortan ein entwaffneter Mörder, eine ihres Giftes beraubte Schlange. Rio Santo ließ ſeinen Triumph darüber ſich nur wenig merken und behielt im Ganzen ſeine ſtolze Gleichgültigkeit bei. Nach einigen Sekunden wiederholte er ſeine Frage ge⸗ bieteriſch. — Ich habe Sie gefragt, Sein Herr, ſagte er, was Sie mir für Nachrichten über Miß Mary Trevor zu bringen haben? Moore fuhr aus ſeiner Zerſtreuung auf. — Muylord, antwortete er, ich kann Euerer Herrlichkeit kein ſicheres Reſultat mittheilen; geſtern habe ich eine Be⸗ handlung angefangen, welche allem Anſcheine nach Miß Mary Trevor gerettet haben müßte ... aber im Laufe des Tages iſt eine Kriſis dazu gekommen, eine furchtbare Kriſis, Mylord .. ich muß erſt an der Anderen erperimentiren, bevor ich Miß Mary einer neuen Behandlung unterwerfe, welche in Verhältniß zu ihrer neuen Lage ſteht und um ſo energiſcher ſein muß, da die ehrenwerthe Erbin des Lord James eine wirkliche und nahe bevorſtehende Gefahr läuft. — Arme Mary! murmelte Rio Santo, ich muß ſie ſehen. — Nein, Mylord . . . Miß Mary bedarf ſehr der Ruhe der vollkommenſten Ruhe .. dieſer letzte Tag iſt zu ſchwer geweſen für ihre Organiſation. — Was iſt denn vorgegangen, mein Herr? fragte leb⸗ haft der Marquis. — Vielerlei, Mylord! ... Und was auch Ew. Herr⸗ lichkeit ſagen mag, es iſt ſehr Schade, daß meine Scharpie nicht die Wunde Percevals berührt hat! . — Ah, ſagte Rio Santo, es handelt ſich um Perceval! — Um Frank Perceval, ja, Mylord, der ſich beſſer als 4 Sie und ſo gut als ich befindet WMein Gott! ein Viertel 3 Zoll mehr, und Perceval läge jetzt in der Kapelle ſeines Schloſſes von Fife ... das wäre ganz in der Ordnung ge wefen: von Vater zu Sohn ſterben alle dieſe Leute im Duell aber Sie haben den Degen zurückgezogen . . . ſind groß⸗ müthig geweſen .. das lag unbeſtritten in Ihrem Rechte .. jetzt . — Kommen Sie zur Sache, mein Herr! unterbrach ihn Rio Santo. Moore hatte unbemerkt ſeine gewöhnliche Faſſung wiedergewonnen, aus welcher ihn die Reihe von Mißgeſchick herausgebracht, welches er bei dem ungleichen Kampfe mit Rio Santo gehabt. Er verneigte ſich mit ziemlichem Phlegma, in welchem durch eine gezwungene Demuth ſein angeborner Stolz hindurchſchimmerte. — Ich vergaß, daß Mylord müde iſt, ſagte er; — die Sache iſt dieſe: der Charakter der Krankheit Miß Trevors iſt umgeſchlagen ihre Nervenaffection hat ſo ernſte Sym⸗ ptome angenommen, ſo neue Geſtalt für meine Erfahrung v 107 gewonnen, daß meine an der Anderen vorgenommenen Ver⸗ ſuche nicht mehr genügen. — An der Anderen? wiederholte Rio Santo, der das Wort zum zweiten Male hörte, ohne es zu verſtehen. — Von wem ſprechen Sie, mein Herr? — Von einem reizenden Mädchen, auf mein Wort, Mylord! antwortete Moore mit ſeltſamem Enthuſiasmus — einem lebenden Sektionsgegenſtand von der ſeltenſten Voll⸗ kommenheit! . . . Welche Jugend! Welche zarte und anmu⸗ thige Kraft! Welche Schönheit der Formen, die alle ana⸗ tomiſchen Verführungen des Weibes in ſich vereinigt! .. O beim Himmel, Mylord, es wäre ein unſchätzbares Ver⸗ Fnügen, den Scalpel in dieſes elaſtiſche, feſte Fleiſch hinein⸗ zuſenken, dieſe Gelenke aus einander zu legen . Aber Eure Herrlichkeit iſt nicht Arzt ... Ich ſpreche von jenem Kinde, von dem ich bei unſerer letzten Unterredung geſagt habe, von dem jungen Mädchen, das mir dazu dienen ſollte wie ſoll ich das vor einem ſo zartfühlenden Manne wie Sie ausdrücken . . . das mir zum Verſuch, zum Probiren dienen ſoll — von jenem jungen Mädchen mit einem Worte, ylord, das wir tödten wollen, um Miß Marh zu retten. Moore ſprach das wir mit einer ſarkaſtiſchen Betonung aus und machte kein Geheimniß daraus, wie glücklich er war, einen Theil ſeiner grauſamen Handlung auf den Mar⸗ quis wälzen zu können. — Rio Santo's Lippe zuckte krampf⸗ haft zuſammen. — Sie iſt jung und ſchön? murmelte er. ner und jünger als Miß Mary Trevor ſelber. — Sie hatten mir verſprochen, ſie nicht zu tödten, mein Herr! rief plötzlich der Marquis, indem er ſeinen Blick auf das halbgeſchloſſene Auge des Doktor Moore heftete. Aber dießmal hielt der Doktor den Blick ſtandhaft aus. — Mylord, ſagte er mit kaltem Lächeln, ich bin in der Lage des Thoren, der verſprochen hatte, das Meer aus⸗ zutrinken, und der, an ſein Verſprechen erinnert, ſagte: Meine 6 Herren, ich will wohl das Meer austrinken; aber haben Sie Anſtalten getroffen, die Flüſſe zu verſtopfen, welche unauf⸗ hörlich ſeinen Inhalt vermehren? — Weder ich noch Sie, Mylord, haben verhindern können, daß der Zuſtand Miß Mary Trevors auf traurige Weiſe ſich verſchlimmert hat ... Das junge Mädchen hat mich hundert Pfund gekoſtet: ſie muß uns alſo doch zu etwas dienen. Rio Santo rückte mit ſeinem Seſſel und wandte ſeine Augen von dem Doktor ab, deſſen Blicke in dieſem Augen⸗ blicke mit teufliſchem Glanze ſtrahlten. — Uebrigens iſt Ew. Herrlichkeit ein beſſerer Beur⸗ theiler, ſagte er mit nachläſſigem Tone, wenn Sie es für genehm halten, Miß Trevor ſterben zu laſſen ... — Der Marquis legte ihm mit einer Geberde Still⸗ ſchweigen auf und fuhr mit der Hand über die Stirne. — Gott kann das nicht vergeben! ſagte er mit tief bewegter Stimme. Moore zuckte unmerklich die Achſel. — Die Wahl, fuhr Rio Santo fort, — die Wahl — Schön und jung, ganz gewiß, Mhlord! . . Schö⸗ — 8 109 „ zwiſchen meiner armen Marie und jenem unbekannten Mäd⸗ chen wählen, wenn jeder von beiden Entſchlüſſen ein Todesurtheil iſt! . . . Sie iſt ſchön, ſagt man, ſie war ohne Zweifel glücklich . . abſcheulich .. abſcheulich!. Er neigte ſein Haupt. Sein Auge nahm einen unbe⸗ ſtimmten Ausdruck an, in dem ſich ſo zu ſagen ſchwermü⸗ thige Gedanken ſpiegelten. — So etwas geht in London vor! flüſterte er; — beim Hinausgehen aus Temple Church, wo ſie ihr reines, lieb⸗ liches Gebet zu Gott emporgeſchickt, hat das arme Kind viel⸗ leicht einem von den furchtbaren Emiſſären in die Hände fallen können, welche der Wiſſenſchaft Stücke von Menſchen⸗ fleiſch verkaufen; — ſie hätte — meine kleine Heilige, die ſo ſanft lächelte und deren Silberſtimme ſo rein zum Himmel ſich aufſchwang — ſie hätte in die Hände der Knechte dieſes Menſchen fallen können .. Bei Gott, rief er heftig aus, wiſſen Sie, wie ich das rächen würde, Doktor? Rio Santo's Auge flammte, er richtete ſich hoch und feſt auf, ohne von ſeiner vorigen Schwäche eine Spur zu⸗ rückzulaſſen. Moore begann wieder ſich zu fürchten, er ſtot⸗ terte einige unzuſammenhängende Worte. Rio Santo ergriff ihn beim Arm. — Ich weiß nicht, ob ich ſie liebe, mein Herr, ſagte er mit einer Art Irrfinn; — aber wenn ſie es wäre . o dann würde ich Sie ohne Erbarmen vernichten! Der Marquis ſank auf den Seſſel zurück. — Mylord, ſagte Moore und unterdrückte den heftigen 110 Schmerz von Rio Santo's Druck; — ich glaube Eure Herr⸗ lichkeit zu verſtehen . . Gewiß, es iſt gar nicht wahrſchein⸗ lich . Alles veranlaßt mich zu glauben, daß mein Probe⸗ ſubjekt nichts mit Ihrer Valtreſe gemein hat . — Wer hat Ihnen geſagt, daß ſie meine Naitreſe iſt, mein Herr? unterbrach ihn rauh der Marquis; — ich habe ſie — ein Mal — beten ſehen. Ich hörte ſie Pſalmen ſingen .. wenn Sie wüßten, wie ſchön ſie iſt, wie ſehr ſie den Engeln ähnlich ſieht .. . Ein anderes Mal glaubte ich ſie hinter den Vorhängen ihres Fenſters zu bemerken . . das iſt Alles Ich gäbe all mein Blut für ihr Glück. Moore konnte eine Geberde verachtenden Mitleids nicht zurückhalten. — Ein Commis von Cheapfide würde nicht anders ſprechen! dachte er, — ein unbärtiger Commis! .. In ſeinem Herzen, deſſen Stärke doch ſo groß iſt, finden alle Schwächen ihren Platz!. Aus tauſend niſſnſchaſtſchen und andern Gründen wäre der Doktor nicht böſe geweſen, dieß Herz einmal ſeciren zu können. — Er fügte laut hinzu: — Aller Vermuthung nach iſt das junge Mädchen, für welches Eure Herrlichkeit ſich ſo warm zu intereſſiren ſchei⸗ nen, nicht dieſelbe, welche ich ſeit ſechs Tagen in meinem Hauſe verſchloſſen halte . . . Da indeß die Unmöglichkeit nicht mit mathematiſcher Beſtimmtheit zu behaupten iſt, wäre es Ihnen vielleicht gefällig, Mylord, ſie zu ſehen? . — Sie ſehen? wiederholte der Marquis zaudernd. 111 — Ich muß Ew. Herrlichkeit, fuhr Moore fort, ge⸗ ſtehen, daß die Kleine bereits ſehr bearbeitet iſt .. Rio Santo wendete vor Abſcheu den Kopf weg. — Sehr verändert, wenn Ihnen das beſſer klingt, Mylord, — ich habe ſie mit vollkommenem Faſten und Sequeſtration im Dunkeln angreifen müſſen . — Genug, genug! murmelte der Marquis, dem der kalte Schweiß auf die Stirn trat, — genug, mein Herr, Sie erregen mir Ekel! . . . Ja, Sie haben Recht, es kann nicht ſie ſein! .. Ohne Zweifel liebt und beſchützt fie Gott! ... Aber wer auch das Opfer ſei, Erbarmen für ſie, Erbarmen! Moore ergriff verwegen des Marquis Arm und fühlte ihm den Puls. — Auf meine Ehre, Mylord, ſagte er, Sie ſind nicht in dem Zuſtande, dergleichen Aufregungen jetzt zu ertra⸗ gen .. Beruhigen Sie ſich, ich bitte Sie . . . Die Natur verlangt bei Ihnen gebieteriſch Ruhe ... Morgen, heute Abend, wenn Ew. Herrlichkeit wollen, werde ich Ihnen ſa⸗ gen, was auf Frank Perceval Bezug hat . . ietzt erheiſcht meine Pflicht, mich zurückzuziehen. Moore ging bei dieſen Worten ohne Umſtände hinaus, indem er ſeiner Entfernung noch den ſchönen Anſchein be⸗ ſorgnißvollen Eifers gab. Rio Santo rief ihn mit ſchwacher Stimme zurück; aber die Ermattung überwältigte ihn. Kaum hatte der Doktor die Schwelle überſchritten, ſo ſank der Kopf des 112 Marquis hintenüber auf die Lehne des Seſſels. Er ſchlief feſt ein. „ Wir müſſen den Leſer bitten, ſich in dieſer cun bis zu jener Stelle zurück zu verſetzen, wo Perceval, nach⸗ dem er von Lady Ophelia ein Geheimniß in Betreff Rio Santo's erfahren, einen Brief an Lord James Trevor ſchrieb der alten Jack mit Abgabe desſelben beauftragte. Der rriß vor den Augen des treuen Dieners den Brief und brach ſomit alle Verbindungen mit Perceval ab. 3 Bier fahren wir in der Erzählung fort. Nachdem Frank Perceval jenen Brief geſchrieben, legte er ſein Haupt aufs Kiſſen. Er war noch ſehr traurig, aber er hatte Hoffnung. Lord James liebte ihn ſeit der Kindheit und konnte ihm gewiß nicht die Unterredung abſchlagen, um welche er gebeten. Frank verſicherte nämlich in dem Briefe auf ſeine Ehre, daß er der Scene, welche von einer unbe⸗ kannten Hand an ſeinem Bette geſpielt worden, vollkommen fremd ſei, und fügte hinzu, daß er Sr. Herrlichkeit Eröff⸗ nungen von der höchſten Wichtigkeit zu machen habe. Wie konnte er denken, daß Lord Trevor ſeinen Brief erreißen würde, ohne ihn zu leſen! 5 — eck muß jetzt ſchon ſehr nahe an Trevorhouſe ſein, ſagte er nach einigen Minuten; — in einer halben Snde iſt er zurüc. 1 — und dieſe ganze räthſelhafte Machination wird in Rauch aufgehen! ſagte Stephen. Frank reichte ihm die Hand. ⸗ — Freund, das wolle Gott! flüſterte er, denn das ganze Glück meines Lebens beruht darauf ... — Nur guten Muths! ſagte Stephen, die Hand Per⸗ ceval's drückend, — ich vermuthe, daß Lady Ophelia .. — Armes Weib! unterbrach ihn Frank; — ſie iſt ſehr unglücklich, Stephen! . . Sie hat ihre ganze Seele dieſem Manne hingegeben, der ſich wie eine Landplage während meiner Abweſenheit auf London geworfen hat .. Dieſem Manne, deſſen Namen in Aller Munde iſt . . den alle Weiber lieben . . . und der mich zwei Mal beſiegt hat! — Es iſt ein ſchönes, edles Geſchöpf, antwortete Mac⸗ Nab, der unwillkührlich dabei an Clary Mac⸗Farlane dachte; — aber wiſſen Sie, Frank, daß gerade bei ausgewählten Naturen das Herz am häufigſten irrt .. das Glück ge⸗ wöhnlicher Menſchen erſchreckt ſie, denke ich es liegt eine gewiſſe trügeriſche Poeſie in ihnen, welche ihnen hohe Freu⸗ den zeigt, — Freuden, die übrigens ihrer würdig ſind: aber über das gewöhnliche Leben hinaus gehen . . Eines Tages verlaſſen ſie den von allen Andern betretenen Pfad, Perteval, und da ihr Blick zum Himmel gerichtet iſt, ſehen ſie nicht den Abgrund, der zu ihren Füßen ſich öffnet . . . auch ich kenne eine . . . o möge Gott ſie beſchützen, denn ſie iſt edel und ſchön wie vieſes arme Weib .. . und ihr Auge ſucht 5 114 in der Ferne, ohne das n Se zu bemerken, das an 1 ihrer Seite duldet. 5 — Von wem ſprichſt Du, fragte Pereeuul, verwundert. 3 . — Möge Gott ſie beſchützen, uee der junge Arzt mit leidenſchaftlicher Traurigkeit, — und möge auch Gott mir beiſtehen, Frank, denn ich ne ſi ie Du Marh Trevor liebſt. — Und liebt ſie Dich nicht? ſagte grul, indem er ſein Haupt dem ſeines Freundes näherte. — Ich weiß nicht, antwortete Mac⸗Nab. Darauf fügte er gleich mit einem mig von Vitter⸗ keit hinzu: — Ich bin kein Rorlanenhett c s. 3 Fic⸗ zu ſehr den andern Menſchen, habe niemals ſeltſame Dinge geträumt und ſehe das Glück nur in einem ruhigen Leben ich liebe ſie wider meinen Willen, ſuhſt Du, Frank, — die ſanfte Anna, die mich viellei ht lieben würde, wärt für mich geſchaffen .. aber die Liebe findet ſich ein⸗ mal ein und wählt nicht .. . ich liebe Clary, liebe ſie wie ein Wahnſinniger. Frank begann zu lächeln. 8 — Was biſt Du glücklich, Stephen, ſagte er, und un⸗ gerecht wie alle glücklichen Leute! . Ich erinnere mich der Miß Clarh ... und der ſanften Anna, wie Du ſie nennſt.. Miß Clary muß ſehr ſchön ſein .. Anna ſehr liebenswür⸗ dig, welch' anmuthiger, kleiner Engel war ſie früher! ... 8 115 In der That, die Wahl war ſchwer .. . das iſt das einzige Unglück, was ich in Deiner Lage erkenne. Nachdem die „Wahl einmal geſchehen . ich, glaube ich, hätte Anna ge⸗ wählt . aber nein, vielleicht auch Clary .. iſt die Wahl einmal uri Stephen, ſo bleibt Dir nichts übrig, als glücklich zu ſein. Stephen war von dieſer Fröhlichkeit Percevals ange⸗ ſteckt, beinahe verſucht, an ſein Glück zu glauben. — Schweig, Frank, antwortete er ſanft, Du ſprichſt zu viel für einen Kranken . . . und doch iſt es für mich ein großer Troſt, Si zu hören. Vielleicht irre ich mich . — Wie, Du biſt Deiner Sache nicht recht gewiß, daß Du Anna nicht liebſt? unterbrach ihn Perceval lachend. Er hatte einen guten Degenſtich in der Bruſt und es handelte ſich in dieſem Augenblick um ſein Geſchick; aber wann findet die Fröhlichkeit zwiſchen zwei wahren Freunden, die plaudern und die vor Liebe plaudern, nicht einen Platz? Stephen legte den Finger auf Perceval's Mund und begann lächelnd: 8 — Ich bin Dein Arzt und befehle Dir, ſtill zu ſein. Wu Mna! ich wünſchte, ich liebte ſi — Wenn ichs Dir ſagen ſoll, Stephen, ſo fürchte ich, daß Du ſie alle Veide liebſt. Mac⸗Nab's Stirn umwölkte ſich. — Noch vor drei Tagen, Frank, antwortete er, — ver⸗ ſtand ich nicht in meinem Herzen in leſen. Hätteſt Du vor 116 drei Tagen ſo zu mir geſprochen, wie jetzt, würde ich von ganzer Seele darüber gelacht haben ... ich war damals ſehr glücklich .. . aber am Sonntage, dem Tage Deiner Ankunft k in Wrn, Frank, ſah ich plötzlich Clary hier, es war ein Anblick voller Wonne und voller Angſt! . .. Clary erſchien mir plötzlich in einem Lichte, daß ich g mußte, meine Augen ſeien bisher mit Blindheit geſchlagen geweſen .. ich ſah einen Engel, wo ich früher nichts als ein junges Mäd⸗ chen geſehen .. ich entriß der armen Anna plötzlich den gleichen Platz, welchen ſie bisher in meinem Herzen einge⸗ nommen denn Du haſt es eben lachend ganz richtig ge⸗ ſagt, vor dieſer Zeit liebte ich ſie alle Beide. Die eine, wie die andere war eine geliebte Schweſter für ich wäre ſehr in Verlegenheit gekommen, wenn ich hätte nihln ſollen .. O mein Gott, warum iſt es nicht noch ſo? Es lag eine ſeltſame Beklommenheit in Mac⸗Nab's Stimme, Perceval ſah jhn voll Verwundrung an. — Worin liegt denn aber dabei das Unglück? ſagte er, da er ſah, daß Stephen nicht wieder das Wort ergriff. — O ja, ſagte Stephen, es iſt ein Unglück; ein großes Unglück, Frank! denn weißt Du, voherMieſ⸗ plötzliche Offenbarung iſt. . . weißt Du, welche Stimme mir laut meine Gefühle in die Seele geſchrieen hat? — Du warſt ſonſt nicht ſo romanhaft . wollte Per⸗ ceval ſagen. — Lache nicht mehr, Frank, unterbrach ihn Stephen, — indem er ihm ſtark die Hand drückte; — denn die Stimme, von der ich Dir ſpreche, iſt die Eiferſucht. — Die Eiferſucht, wiederholte Perceval ſchwach, indem er zu ſeinem eignen Zuſtand zurück kehrte und wieder trau⸗ rig wurde. — Ich habe einen Nebenbuhler, begann Stephen voller Zorn wieder, — ich weiß es . . . wer er iſt, kann ich Dir noch nicht ſagen .. Dieſer Mann liebt ſie nicht, kennt ſie nicht. . ſie hat niemals mit ihm geſprochen wenn ich daran denke, ſcheint mir dieſes Alles eine Fabel, ſiehſt Du, ich werde ganz irre! ... Man hörte auf der Treppe den unregelmäßigen, ſchwan⸗ kenden Schritt des alten Jack. Perceval verſuchte ſich aufzurichten. — Das ſind Alles Thorheiten, rief er aus, zugleich vom Fieber wie von der Ungeduld aufgeregt; — Du machſt Dir Täuſchungen .. Clary liebt Dich ich möchte wer⸗ ten .. Horch, iſt Jack nicht ſchon oben? .. mach' ihm auf, Freund .. nun ſo geh doch! er kommt mit guten Neuigkeiten wieder, der brave Diener wie langſam er heraufkommt! ich habe freudige Ahnungen, Stephen ich ſhn⸗ glücklich enden .. O wird denn der alte Jack niemals die Treppe heraufkommen .. wie bin ich begierig, die Antwort Lord Trevor's zu erfahren. Neuntes Kapitel. Zwei Erinnerungen. Steyhen war dem Wunſche Frank's zufolge, deſſen Ungeduld ihren höchſten Grad erreicht hatte, gegangen, um die Thür des Zimmers zu öffnen. In der That war es der alte Jack, welcher langſam die Stufen der Treppe herauf kam. Endlich kam er herein und ging mühſam auf das Bett ſeines zu. — Welche Nachrichten, rief dieſer aus, * doch, Unglücklicher . . . welche Nachrichten? . Jack lehnte ſich gegen eine von den Bettwänden und legte ſeine Hand aufs Herz. Er war bleich und ſein braves Geſicht drückte die höchſte Verzweiflung aus. — Baſt Du meinen Brief nicht übergeben? begann Stephen zornig. 119 — Ich habe den Brief übergeben, Ew. Ehren; ant⸗ wortete der alte Jack ganz leiſe. — Nun! Jack ſchüttelte ſein kahles Haupt. — Bringſt Du keine Antwort? — Perceval iſt edler als Trevor, ſagte der alte Diener, indem er ſeine feuchte Stirn voller Stolz erhob. — Der Vater Ew. Ehren würde dieſen Menſchen durch ſeine Diener haben züchtigen laſſen .. Trevor, was iſt denn Trevor .. Ein nordiſcher Baron ein .. Perceval's Haupt war wieder aufs Kiſſen zurückge⸗ ſunken. — Aber ſo richten Sie doch Ihre Botſchaft aus, welche fie auch ſei, ſagte Stephen, — dieſe Ungewißheit tödtet ihn! — Meine Votſchaft, rief der alte Jack, den ſein Zorn einen Fuß größer machte. Beim Wappen der Perceval, dieſer Menſch hat den Brief Perceval's zerriſſen, ohne ihn geleſen zu haben. Frank ſchloß die Augen und ſtieß einen leiſen Schrei aus. Stephen konnte erſt am andern Tage zum Hauſe ſeiner Mutter zurückkehren, denn in der ganzen folgenden Nacht war Frank eine Beute der tollſten Fieberphantaſteen und nahm die ganze Sorge des jungen Arztes in Anſpruch. Dieſe Nacht verging für Mac⸗Nab in kummervollem Nachdenken und entmuthigenden Betrachtungen. Frank war weit entfernt, beruhigende Symptome darzubieten, ſein Fieber war eines der intenſivſten und Stephen mußte fürchten, daß 120 alle die ſchmerzvollen Aufregungen, welche Schlag auf Schlag über ihn gekommen, auf die Verwundung hinzuwirkend, alle Hülfe der Kunſt unnütz machen würden. Aber im Grunde war dennoch Ausſicht auf eine bevor⸗ ſtehende Heilung und Frank's Zuſtand war daher nicht der kummervollſte Gedanke Stephen's. taſie geſchlummert, machte den Stürmen der Leidenſchaft Platz; er liebte, war eiferſüchtig und litt. Es war ungefähr Mitternacht. Frank athmete ſchlum⸗ mernd mit Mühe und klagte leiſe. Auf einem Sopha in der Ecke des Zimmers ſchlief der alte Jack und träumte. thanen Schmach, denn zornige Laute entſchlüpften ihn im den Lippen. § Hinter dem Bett erleuchtete eine Nachtlampe mit iherm ungewiſſen Schimmer die Gegenſtände. Bei ihrem flackernden Lichte ſah man die großen Felder des edlen Wappens der Perceval bald glänzend, bald wieder unkenntlich werden und das Bildniß der Miß Harriet, der Schweſter Frank's, welche in der Blüthe des Alters geſtorben war, ſah mit ſeinem bleichen, ſchwermüthigem Geſichte, wenn es ſo von Zeit zu Zeit aus dem Dunkel hervortrat, einer Erſcheinung ähnlich. Stephen hatte anfangs ſeine ganze Geiſtesthätigkeit dem Kranken zugewendet und mit Aufugxłſanit die ver⸗ Seine Ruhe hatte ſich in Lebhaftigkeit ewint Die glückliche Apathie, in welcher noch vor kurzem ſeine Phan⸗ Schlafe und häufig wachte er auf, den Namen Trevor auf Ohne Zweifel träumte er von der ſeinem Herrn eben ange⸗ 3 4 121 ſchiedenen Uebergänge des Fiebers verfolgt. Darauf war ſein Gedanke unwillkürlich von den ihn umgebenden Gegen⸗ ſtänden abgeglitten und die Erinnerung an Clarh Mac⸗Far⸗ lane hatte ſein Herz wieder erfüllt, aus welchem die Gefahr Franks einen Augenblick ſie vertrieben. Stephen hatte die Augen offen; er wachte, aber in dem Halbdunkel, in welchem er ſich befand, zogen die Bilder ſeiner Gedanken vor ſeinen Augen wie ein Traum vorüber. Clary war da, ſtand vor ihm, durch die ſeltſame Liebe, welche Mac⸗Nab mit Schmerz erfüllte, nur verſchönert. Zu Clary's Seite ſtand der ſchöne Träumer von Temple⸗Church, deſſen Namen Stephen nicht wußte und den wir unter dem Namen Edward kennen. Und die Scene, welche ſich in der Kirche des Tempels begeben, wiederholte ſich mit der kleinlichſten Genauigkeit; — und heute wie damals mußte Stephen unwillkürlich aus⸗ rufen: „ich habe dieſen Menſchen ſchon irgendwo geſehen.“ Indeß war noch dieſer Unterſchied dabei: In der Kirche hatte Stephen ohne Weiteres dieſen Ge⸗ danken als unbedeutend beſeitigt und ihm nicht mehr Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt, als all' den zufälligen Aehnlichkeiten, welche in einer ſo großen Stadt als London vorkommen müſſen. Dieſe Nacht indeß verweilte er dabei. Sein Haß war gewachſen und er fühlte ein unbeſtimmtes Bedürfniß, demſelben einen andern Beweggrund unterzulegen, als die Eiferſucht. Nach und nach trat an die Stelle der jüngeren Erinnerungen aus Temple⸗Church die ferne aber beſtimmte III. 6 —— 122 an ein trauriges, düſteres Ereigniß. Er verglich die beiden Erinnerungen mit einander und dies geſchah mit einer ſo innerlichen Leidenſchaft, daß ihm der Schweiß tropfenweis herabrann. Perceval bewegte ſich indeß auf ſeinem Lager; aber Stephen achtete deſſen nicht. Er vertiefte ſich immer mehr in ſeine Nachforſchungen; die Abneigung iſt in ihren Er⸗ innerungen eben ſo genau und ſcharf als die Liebe und Stephen hätte den ſchönen Träumer von Temple⸗Church aus dem Gedächtniß zeichnen können. Mag es nun ſein, daß er neulich Abend in der Kirche jene plötzliche Idee der Aehnlichkeit, welche ihn anfangs frappirte, zu ſchnell ver⸗ worfen oder verſchmolzen und vermiſchten ſich ſpäter die 3 Bilder mehr in ſeinem Kopfe — ſo viel iſt gewiß, daß er jest Evward mit andern Augen anſah. geſtern her; die Erinnerung ſeiner, durch ihre männliche * Edward war für ihn nicht blos eine Bekanntſchaft von 3 Schönheit ſo bemerkenswerthen Züge datirte jetzt aus den 3 Tagen ſeiner Kindheit. Er hatte ihn früher ſchon einmal geſehen . Aber war das nicht eine Unmöglichkeit? S Jahre bringen Falten in die Stirn eines Mannes und ſtreuen auch wohl einiges Silber in ſein Haar: dieſer Edward aber ſchien jung und ſein reicher Haarwuchs fiel in ſchwarzen Locken auf eine Stirn, die ſo glatt war, wie die eines Jünglings. Und doch war er es, mußte er es ſein; nur ein Etwas fehlte, von dem Stephen ſich nicht Rechenſchaft geben konnte. Stephen war ſeiner Sache gewiß, faſt überzeugt davon, er ſuchte nur den Zug, welcher im Geſichte Edward's fehlte, um jenem anderm Geſichte gleich zu ſein, das bei der Erinnerung an ein blutiges Drama mit unauslöſchlichen Zügen in ſein Herz gegraben war. Frank bewegte ſich unter ſeinen Decken immer mehr; ein fieberhafter Alp lag ihm auf der Bruſt. Er begann verwirrte Worte zu reden, derzweiflungsvoll ſuchte ſeine Zunge, die durch den Alp gefeſſelt war, ſeine Bande zu löſen. — Er iſt es, ſagte Stephen vielleicht zum hundertſten Male; — ja wohl, er iſt es und was ich auf ſeinem Geſichte ſuchte, iſt . — Die Narbe, rief Perceval plötzlich ſich — habe ich nicht die Narbe auf ſeiner Stirn geſehen? Stephen war aufgeſtanden. — Die Narbe, wiederholte er; — ja, ja, ich erinnere ich — Auf ſeiner rothen Stirn, fuhr Frank fort, — er⸗ ſchien ſie weiß und fein. — Von der linken Augenbraue, bis hoch oben nach der Stirn, ſagte Stephen unwillkürlich. — Von der linken Augenbraue bis hoch oben nach der Stirn, wiederholte Perceval. 6* —— ————— 124 — Frank, rief Stephen; — Du kennſt ihn alſo auch Im Namen des Himmels, von wem ſprichſt Du? ... Frank antwortete nicht, der Schlaf hatte ihn wieder ergriffen. Mac⸗Nab ſank wieder auf ſeinen Seſſel. — Das iſt doch ſeltſam, murmelte er. Er fühlte ſeinen Verſtand verwirrt werden, ſeine Phan⸗ taſie wurde rege und die Dämmerung der Nacht, welche ihn umgab, erfüllte ſich mit ſeltſamen Erſcheinungen. Das von Frank ausgeſprochene Wort konnte immer nur on Zufall der Träume eingegeben ſein; aber Frank hatte mehr als ein Wort geſprochen und um dieſe Narbe zu be⸗ ſchreiben, mußte man ſie geſehen haben .. Stephen warf einen ungeduldigen Blick auf den ſchla⸗ fenden Perceval; er hätte ihn fragen, ihn zum Sprechen be⸗ wegen, Alles erfahren mögen! Aber wie konnte er daran denken, den armen Kranken der wenigen Augenblicke Ruhe Zzu berauben. Stephen gab ſich alle Mühe, um ſeine Aufregung zu beſchwichtigen und in der Verwirrung ſeiner Gedanken klar zu ſehen. Er mochte nachdenken wie er wollte, die Stirn Edwayds, ſo wie er ſich ſeiner erinnerte, wie er ihn drei Tage vorher in der Tempelkirche geſehen, trug nicht die mindeſte Spur von einer Narbe. — Ein Anderer hätte ſagen können, daß vielleicht die Zeit jene Spur 125 ———— aber Stephen wußte als Arzt, daß eine Narbe auf der Stirn noch unverwiſchlicher iſt, als an jedem andern Theile des Geſichts oder des Körpers, wegen des dichten Ueber⸗ einanderliegens der Haut und ves Schädels, die blos durch eine ganz geringe Lage Fleiſch getrennt ſind. Da er alſo in dieſer Beziehung nicht zweifeln konnte, ſo hielt er ſich an ein Spiel der Beleuchtung, an das zweifelhafte Licht, welches die Lampen verbreiteten; aber ſein grauſames Ge⸗ dächtniß antwortete ihm darauf, daß die Stirn des ſchönen Träumers, der an dem Pfeiler der Kirche gelehnt geſtanden, ſehr lebhaft und von geradem Lichte beleuchtet worden war, während er, Stephen, ihn mit eiferſüchtiger Neugier betrachtet hatte .. Er ſagte ſich das alles, und doch blieb ſeine Ueber⸗ zeugung dieſelbe und in ſeinem Innern rief eine Stimme unaufhörlich: er iſt es. Stephen war überzeugt; der Zweifel entfloh und mit dem Schauer vor der Vergangenheit regte ſich in ſeiner Seele nun auch eine ungeheure Furcht vor der Zukunft. Denn es handelte ſich um Clary, er war der Mann, den Clary liebte. — Stephen hatte niemals ſo viel ge⸗ litten. Die Einſamkeit und die Nacht führte immer neue Phantaſieen zu ihm herauf und eine Minute hindurch hatte er eine kindiſche Furcht; er dachte daran, daß das Haus ſeiner Mutter nur durch Weiber gehütet, daß er nicht da ſei, um über Clary zu wachen und daß vielleicht 2126 Aber gleich darauf ſpottete er über ſich ſelbſt a ſchämte ſich über ſeine thörichten Befürchtungen. — Sollte man nicht meinen, daß Cornhill, unſere gute, ſo breite, ſo wohlerleuchtete, ſo reichlich mit Policemans ver⸗ ſehene Straße plötzlich zu einer Ränberhöhle geworden iſt, weil ich zufällig einen Abend abweſend bin, um bei einem kranken Freunde zu wachen, ſo flüſterte er halblächelnd vor ſich hin; — auf mein Wort, ich werde faſt wie die alten Weiber und es fehlte nur noch, daß ich alle die langweili⸗ gen Geſchichten glaubte, welche ſich die Gevatterinnen der Cith erzählen ... ich werde wahrhaftig ganz kindiſch Er ſtand auf, ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſeine lächerlichen Befürchtungen verſcheuchen und ging einigemale im Zimmer auf und ab. — Wenn ich morgen an die Thür unſeres Hauſes in Cornhill klopfen werde, ſagte er, gleichſam um den Lauf ſeines Selbſtgeſprächs zu ändern, — ſo wette ich, daß es die ſanfte Stimme der armen Anna ſein wird, die mir zuerſt Willkommen bietet . . . das erſte Geſicht, das mir entgegen⸗ kommt, wird die hübſche Anna ſein .. . Clary hat etwas anderes zu thun, als mir entgegenzukommen o, warum liebe ich denn Anna nicht! Dieſe letzten Worte ſprach er mit einem tiefen Seuf⸗ zer. — Der Tag graute hinter den bereiften Fenſterſcheiben des Zimmers. Indem er daran verzweifelte, ſeinen Gedanken eine Rich⸗ tung geben zu können, welche ihn aus ſeiner Traurigkeit 127 herausbrächte, ſetzte ſich Stephen, unzufrieden mit ſich ſelbſt, an das Bett des Kranken und erwartete ungeduldig das Er⸗ wachen des Letzteren, um zu erfahren, welchen Zuſammenhang die von Perceval im Traume geſprochenen Worte mit ſeinen Vermuthungen hätten und wie es komme, daß derſelbe Menſch den Schlaf des Kranken und das Wachen des Arztes be⸗ ſchäftigt habe. Und dann wollte er auch wiſſen, wo Frank Perceval jene Narbe geſehen, welche einen ſo großen Raum in ſeinen nächtlichen Betrachtungen eingenommen hatte. Zehntes Kapitel. Die Unglücksbotſchaft. Frant Pereeval ſchlief noch immer und Stephen Mar⸗ Nab wartete ungeduldig auf ſein Erwachen. Gegen ſieben Uhr Morgens klopfte es heftig an die äußere Thür von Dudley⸗Houſe; der alte Jack öffnete und kam gleich wieder, um Mac⸗Nab zu ſagen, daß eine Frau draußen ſei, welche von ſeiner Mutter komme und ihn zu ſprechen wünſche. Stephen ergriff die durch den Zuſtand Perceval's er⸗ heiſchten Maßregeln, empfahl dem alten Jack, der jedes ſeiner Worte wie ein Orakel anhörte, was er zu thun habe und ſtieg dann ins Parlour hinunter, wo er die Dienerin der Miſtreß Mac⸗Nab traf. — Was gibt es denn, Beß? fragte er. — Was es gibt, Maſter Mac⸗Nab, antwortete das — 129 arme Mädchen, an der Stephen nur Verwirrung und Be⸗ trübniß wahrnahm, — ach Lord, ach Lord, fragen Sie mich nicht, was es gibt; kommen Sie lieber nach Hauſe, kommen Sie ſchnell . . . denn die arme Dame wird noch närriſch . .. es iſt zum Herzbrechen. — Sprichſt Du von meiner Mutter, rief Stephen. Ins Himmels Namen, was iſt paſſirt? .. — Ach Lord, wiederholte Betty ſchmerzvoll, — es iſt zum Herzbrechen, — die beiden armen lieben Kinder! Man hätte nicht noch zwei ſolche in der ganzen City finden kön⸗ nen, Maſter Stephen. Der junge Arzt, deſſen Unruhe aufs Höchſte geſtiegen war, faßte Betty beim Arm und befahl ihr gebieteriſch, ſich zu erklären; aber wer kann denn eine Schottin zum Spre⸗ chen bringen, wenn ſie Luſt hat zu ſeufzen und zu klagen! Betty nahm ihr Schnupftuch vor die Augen und ſchrie: es iſt zum Herzbrechen, die alte Dame wird noch den Ver⸗ ſtand verlieren darüber, ach Lord, ach Lord! Stephen that, was er gleich Anfangs hätte thun ſollen, ſprang auf die Straße, rief ein Cab herbei und ließ ſich in Galopp nach Cornhill fahren. — Stephen, Maſter Stephen, rief Betty, die gleich allen andern Dienſtbotinnen eine ungeheure Luſt zum Spre⸗ chen hatte, ſobald man ſie nicht mehr anhören wollte; — o Maſter Stephen, ſo hören Sie doch, ich will Ihnen Alles ſagen, bei meiner Seele! — Es iſt ein furchtbares Unglück, Maſter Mac⸗Nab, ſo hören Sie doch .. 6** * 130 Aber Stephen war ſchon weit fort. 8 Beß trocknete ſich die Thränen und nyi nun auch den Weg nach Cornhill, in Verzweiflung, die Gelegenheit zum Erzählen einer traurigen Geſchichte durch eigne Schuld verſäumt zu haben. Die Ankunft Stephen's im bauſe ſeiner Mutter war wirklich etwas Herzbrechendes. Beß hatte Recht, die arme Nißtreß Mac⸗Nab war beinahe wahnſinnig, die ganze Nacht hindurch war ſie an der offenen Thür ihres Hauſes ſtehen geblieben, indem ſie immer auf die Rückkehr iker offe, welche nicht wiederkehren ſollten. Gegen Morgen war ſie ins Haus gegangen, da mit Mühe die beiden Treppen erſtiegen, welche zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte und dort in einer Art von Geiſtesabweſenheit ſie gerufen, ſo lange unter Thränen bis ſie erſchöpft und ohne Kraft zu Voden ſank. m Anblick Stephen's fand ſie ihre Kraft einigerma⸗ zn eder und konnte noch weinend die Namen Clary's und Anna's ausſprechen. Stephen errieth, die verheißenden Worte Betty's hatten ihn auf ein Unglück vorbereitet und wenn er nicht enuthl hätte, würde der An⸗ blick der leeren Betten, in denen die beiden Schweſtern au⸗ genſcheinlich nicht geſchlafen hatten, ihn ſehr ſchnell auf die richtige Fährte gebracht haben. Sie waren verſchwunden, das war Stephen du ⸗ treß Mat⸗Nab wußte ſelber nichts weiter. Im erſten Augenblicke war Stephen wie zeſchneten. S —— 131 Nach einer langen Nacht voller Mißgeſchick und Schlafloſig⸗ keit war der Schlag zu hart; er bedeckte ſich das Geſicht preßte die Seufzer zurück, welche mit beiden Händen und ſeine Mutter drückte aus ſeiner Bruſt hervorbrechen wollten; ihn in ihre Arme und ſchluchzte unter Thränen. — Nüchſt Gott, mein Sohn, ſetze ich alle Hoffnung auf Dich. Bei dieſem blick der Schwäche war v gie wiede welche ſeiner Zeit der äußerſten Bevrängniß welche der Menſch in ſeinem So fühlte er bei dieſer furchtbaren, teten Kataſtrophe ſeinen Muth ſich befeſtigen und erhöhen. Seine Aufgabe war von der ſchwerflen Art: er ſollte nicht kämpfen, ſondern ſuchen, — ſuchen in dieſer Unendlichkeit welch' ungeheueres Unternehmen! Aber er be gewachſen. meine Mutter, u d rechnen hen, der erſte Augen⸗ orbei und er fand jene kalte Ener⸗ Natur zu Grunde lag und die zur die koſtbarſte Eigenſchaft iſt, Herzen finden kann. ſo ganz unerwar⸗ Aufruf erſtarkte Step von London, fühlte ſich ſeiner Aufga — Hoffen Sie auf Gott, Sie auf mich. Mißtreß Mac⸗ ab war nicht zu Haus geweſen, als die beiden Schweſtern entführt worden waten. Betty, welche in jenem Augenblicke ſich allein dort befunden hatte, und die Vorwürfe ihrer Hertin fürchtete, verdrehte die Vorgänge und ſagte, daß die beiden jungen Mädchen entflohen ſeien/ ohne ein Wort zu ſagen. Riemand war, nach ihrer Ausſage, B ins Haus gekommen. 132 Eine Hoffnung blieb noch. Mac⸗Farlane benahm ſich bei allen Gelegenheiten ſo ſeltſam, daß Mißtreß Mac⸗Nab gleich von Anfang an vermuthen konnte, der Vater habe den Töchtern ein geheimes Rendezvous gegeben. Einen Augenblick theilte Stephen dieſe Hoffnung; ſo ſchwach auche ine Ausſicht ſein mag, iſt ſie die einzige, kann man ſich wohl daran an⸗ klammern; aber der junge Arzt konnte nicht lange bei dieſer Täuſchung verharren. — So ſeltſam der Laird ſich auch oft benahm, würde er gewiß doch nicht ſo mit der Unruhe ſeiner Schweſter ſein Spiel getrieben haben, in er ſeine beiden Töchter eine ganze Nacht bei ſich behielt und dann konnte man mit Wahrſcheinlichkeit nicht daran denken, daß der Lord in London ſei. Stephen ging, um ſich zu dem Polizeicommiſſär von * Bishopsgate zu begeben. Als er den Fuß auf die Straße ſetzte, wußten die Ge⸗ vatterinnen von Cornhill und Finch⸗Lane bereits die Entfüh⸗ rung der beiden Mädchen und traveſtirten das Ereigniß nach ihrer Weiſe. Woher ſie es wußten, wer kann das ſagen? Woher wußte Mißtreß Fvotes, daß ihr Nachbar Richard Trim, der Brillenhändler, ein Scnigz unter den Unter⸗ kleidern trage? Und dergleichen mehr. Als Stephen unter den Fenſtern des Ladens der Miß⸗ treß Bloomberry vorbei kam, wo ſich die anderen von früher uns bekannten Damen Foote, Brown, Dodd u. ſ. w. zu einem Klatſchrathe verſammelt hatten, ſtanden ſie auf und folgten ihm lange mit dem Blick, bedauernd, daß ein ſo — ——— 133 ———— hübſcher Menſch ſich ſo viel Kummer um zwei Mädchen mache, die nach ihrer Anſicht unbedingt ſich einen nicht zu verhehlenden Fehler hatten zu Schulden kommen laſſen und nun entflohen waren. Stephen ſetzte ſeinen Weg nach Bishopsgate fort und verſuchte, in dem Räthſel des Verſchwindens der beiden Mädchen klar zu ſehen. Zuerſt kam ihm der Gedanke, der Unbekannte von Temple Church, ſei der Urheber der Entfüh⸗ rung; aber ſehr bald mußte er dagegen einwenden, daß, wenn er auch ſeinem eiferſüchtigen Verdachte ein Recht zu⸗ erkenne, ſo ſei es doch Clary, die den Unbekannten liebe und nicht liebte dieſer Menſch ſie. Es konnte aber auch eine von jenen gewaltſamen, zu jener Zeit ſehr gewöhnlichen Entführungen, ſein, welche von den Kupplern, den Verſorgern der Puirie verübt wurden. Endlich konnten die Männer von der Reſurrektion ihre Hand mit im Spiele haben . Stephen zitterte an allen Gliedern und wagte nicht, die⸗ ſen letzten Gedanken auszudenken. Und dennoch mußte er ſich geſtehen, daß es der wahr⸗ ſcheinlichſte von allen ſei. Wie ührigens die Sache ſich ver⸗ halten mochte, er dachte, der forſchende Blick der Polizei würde ihm von großem Nutzen ſein, und er ſetzte ſeine ganze Hoffnung auf ſeine Unterredung mit dem Polizeicommiſſür von Bishopsgate. Der Commiſſir von Bishopsgate⸗Street empfing ihn von der ganzen Höhe ſeiner Größe herab. — Stephen hatte 134 ——— vorher eine und eine halbe Stunde im Vorzimmet warten müſſen. Er ſetzte ſein Anliegen auseinander und verlangte mit Recht die möglichſte Schnelle in den Nachſuchungen. — Gewiß, gewiß, mein Herr, antwortete der Commiſ⸗ ſär; — es iſt ein dringender Fall .. Schreiben Sie die Reklamation des Herrn Mac⸗Nab ein, Robinſon Croß .. es iſt ein dringender Fall .. aber zum Teufel, wir fitzen bis über den Kopf in dringenden Fällen drin .. . Ich bitte Sie, mein Herr, in vierzehn Tagen wieder mit heran zu kommen. — In vierzehn Tagen! rief Stephen verwundert; — aber, mein Herr . — Jun, was gibt es noch, Herr Mat⸗Nab? Ich habe Ihnen geſagt, in vierzehn Tagen . alſo Ihr gans gehorſamer Diener! — Könnte man nicht? . — Nein, zum Teufel, mein Herr! — Ich wäre zu allen möglichen Opfern geneigt . — So? . . Sprechen Sie davon mit Robin Croß, in dieſem Falle .. ich habe ven Kopf voll Ihr Diener! Robin Croß war aufgeſtanden. Er war eine Art ma⸗ geres langes Geſpenſt, deſſen auffallendes Geſicht zwiſchen zwei mächtigen Stücken grauen Backenbartes eingeklemmt war. Er machte Stephen eine dienſtbefliſſene Verbeugung und bat ihn, ihm in das angrenzende Zimmer zu folgen. —— 135 — Alle dieſe Nachſuchungen koſten uns ein wahnſinni⸗ ges Geld, ſehen Sie, mein Herr, ſagte er; — nehmen Sie doch gütigſt Platz! . .. Eine Entführung! . .. Die Leute bilden ſich immer ein, daß wir einen Zauberſtab haben, um ihre verlorenen Gegenſtände wiederzuſchaffen. Eine doppelte Entführung! ... Sind ſie hübſch, mein Herr, wenn ich fragen darf? — Was thut das zur Sache? antwortete Stephen rauh. — Erlauben Sie, mein theurer Herr! .. . Ich habe nicht die Abſicht, Sie zu beleidigen .. . Sie haben mir ihr genaues Signalement gegeben, aber die Signalements ſagen nichts . Ich könnte Ihnen z. B. das des berüchtigten Fergus des Rothen — Sie wiſſen, Fergus O Breane, der Bandit von Teviot⸗Dale — Janführen, — das Zug für Zug ganz genau paßt auf den ... — Bitte, mein Herr, kommen wir zur Sache! unter⸗ brach ihn Stephen ungeduldig. Vielleicht würde Stephen minder eilig ſich gezeigt haben, ihn zu unterbrechen, wenn er den Namen hätte errathen können, welcher Robin Croß auf der Zunge ſchwebte. — Nun denn, ſagte dieſer ohne Aufregung, ich frage Sie, ob die beiden Miſſes hübſch ſind? — Sie ſind hübſch, mein Herr! — Sm, hm! ſagte Croß, den Kopf ſchüttelnd. Mein lieber Herr, dann wird es Sie eine gute Summe koſten! — Ich bin bereit, nicht lange zu handeln, ſagte Stephen. *— 136 — Das iſt ſehr ehrenwerth, mein Herr .. . Sehen Sie, wenn ſie häßlich wären, würde die Sache ſich von ſelbſt machen. Nach vier Tagen würden die, welche ſie entführt, ſie ſchon wieder laufen laſſen . . . Das macht ſich ſo von ſelbſt, wiſſen Sie .. wir hätten dann gar keine Mühe da⸗ bei ... für zehn Guineen wäre die Sache beſorgt, und wenn Sie dann noch großmüthig ſein wollten, geben Sie noch zehn Guineen zu, denn das Geſetz verbietet uns etwas dafür zu verlangen .. Aber ſie ſind hübſch, mein Herr, hm, hm ſehr hübſch vielleicht .. Stephen richtete die Augen mit Ungeduld zum Himmel. Dieſer Menſch ſpannte ihn auf die Folter. — Sie ſind ſehr hübſch, ich ſehe es wohl, begann Croß mit einem ſchmerzlichen Seufzer; — aber, mein theurer Herr, das wird Ihnen fünfzig Pfund koſten .. — Und kann ich dann gewiß ſein? .. — Unſers Eifers können Sie ganz gewiß ſein, wir ſind dafür bekannt, Herr Mac⸗Nab! Verlaſſen Sie ſich auf uns; wenn wir die lieben Miſſes nicht wieder finden ſollen, muß es Gottes Wille ſein. — Hören Sie, hören Sie, mein Herr, rief Stephen aus, nahm die Hand des Schreibers und drückte ſie zwiſchen den ſeinigen, er war in einem von den Augenblicken der Verzweiflung, in welchen man den Schatten einer Hoffnung mit einem ganzen Vermögen erkaufen möchte; — Sie werden ſuchen, nicht wahr? werden ganz London umkehren .. ——— 137 — London iſt etwas ſchwer, mein Herr, brummte Robin Croß. Stephen hörte es nicht und fuhr mit ſteigender Wärme fort: — Sie werden ſie wieder finden, und wären ſie auch in den Händen eines mächtigen Mannes. Robin ſchnitt ein Geſicht. — Sie werden ſie mir wiederbringen, mein Herr, nicht wahr? ich gebe Ihnen fünfzig Pfund, hundert Pfund, noch mehr, Alles, was Sie nur irgend verlangen. Robin Croß's Grimaſſe verwandelte ſich plötzlich in ein ausgezeichnet ſchmeichelhaftes Lächeln. — Das nenne ich noch ſprechen, mein junger Gentle⸗ man, ſagte er, indem er Stephen nun auch die Hand drückte, ſeien Sie ganz ruhig, wir werden London umkehren, wie Sie zu fagen belieben, werden das Unmögliche thun .. würde es Ihnen vielleicht unangenehm ſein, uns zu den er⸗ ſten Koſten etwas .. wie viel Sie wollen zu übergeben? Stephen legte vier oder fünf Banknoten von fünf Pfund aufs Kamin. 3 — Schön, ſchön, wiederholte Eroß; — Sie werden zufrieden mit uns ſein, mein junger Genkleman! Stephen ſtieg voller Hoffnung die Treppe des Polizei⸗ büreaus hinab; aber als er unten auf der Straße war, ver⸗ ſcheuchte die freie Luft die Art von Trunkenheit, in welche * 138 er wider ſein Wiſſen geſunken war. Er dachte kälter nach und erwog den Werth der Verſprechungen dieſer habſüchtigen Lohnmenſchen. — Seine Hoffnung entſchwand. Stephen ging, ohne zu wiſſen, wohin, gerades Weges weiter und kümmerte ſich nicht um die Wahl der Straßen. In einem von den Augenblicken, wo man ſich ſelbſt zuruft: es muß gehandelt werden, hob Stephen die Augen und las an der Ecke eines Hauſes den Namen: Finsbury Square. Er wurde bleich. Dieſer Name brachte ihm wieder einen furchtbaren Gedanken in den“ Sinn, den er ſchon mit Schauder bekämpft hatte. Stephen wußte, daß in dieſer Straße eine Höhle von Reſurrektions⸗Männern ſei. Er war Arzt; ſeine Studien und die Plaudereien ſeiner jungen Collegen hatten ihn den Weg zu dieſen Magazinen von Menſchenfleiſch kennen gelehrt, welche die Polizei von London exiſtiren läßt und ernſte Leute ein nothwendiges Uebel nennen. Es war ihm nicht unbekannt, daß die Nähe des großen Kirchhofes der Nonconformers den kühnſten und furchtbarſten der Lei⸗ chenhändler in di ie Nähe Finsbur Square n Worſhipſtreet gzoen habe. Bald fand er ſich in Worſhipſtreet vor einem großen Hauſe, deſſen Aeußeres vollkommen dem der benachbarten Häuſer glich. 139 Unter dem Klopfer an der Thür befand ſich eine kleine Kupferplatte, auf welcher man die Worte las: Büreau des Maſter Biſhop. Stephen legte die Hand an den Klopfer, zog ſie wieder zurück, um ihn dann wieder zu ergreifen. Sein Herz ſchlug ihm dann ſo ſtark, als müſſe er in Ohn⸗ macht fallen. Elftes Kapitel. — Das Büreau des Maſter viehnp pfer von Biſhop⸗Office zauderte, ſtand auf der andern Sei eite der Straße ein Mann, der ihn begierig betrachtet Dieſer Mann lehnte gegen das Gitter eines Hauſes und trug die Kleider der Bettler von London. Ein ſeltſames Coſtüm, das in allem dem eines Gentleman gleicht, und nur durch Flecke und Abgetragenheit ſich davon unterſcheidet; es iſt ein tauſendmal traurigeres und abſtoßenderes Coſtüm, als die Lumpen der Armen des Continents, weil es noch eine Art Prätenſion auf Wohlhabenheit zu haben und gegen die Au⸗ genſcheinlichkeit ors Elends zu proteſtiren ſcheint. Und das iſt vielleicht eine Berechnung in einem Lande, wo das Elend ein Todesurtheil iſt. Der Mann, welcher Stephen betrachtete, konnte etwa Wihrend Stephen mit der Hand auf dem kupfernen 141 vierzig Jahr alt ſein, aber dem Anſcheine nach hatte er zehn Jahre mehr. Die Stücken eines ſchwarzen weiten Rockes hingen über ſeine knochigen und fleiſchloſen Schultern. Sein Beinkleid war gleichfalls ſchwarz an hundert Orten geflickt und ſchloß ſich ſchlaff und wie feucht um ſeine entſetzlich magern Beine. Dieſer Mann mußte einmal ſchön geweſen ſein, wenig⸗ ſtens ſchienen ſeine regelmäßigen Züge, welche in ihren Con⸗ touren einer gewiſſen Feinheit nicht ermangelten, dieſes an⸗ zudeuten. Aber Hunger und Krankheit, vielleicht auch beide zuſammen, hatten in dieſem Geſichte Verheerungen angerichtet, welche es nur noch zum Gegenſtande des Mitleids machen konnten. Seine ſchmale, vorſtehende, von dem gewöhnlichen Man⸗ gel einer Kopfbedeckung gebräunte Stirn war von einer Maſſe verworrener Haare beſchattet. Seine Züge hatten eigentlich keinen Ausdruck, als den des bis zum Todeskampf getriebenen Elends; aber Schlech⸗ tigkeit und Niedrigkeit ſuchte man an ihnen vergeblicher, als alles andere, der irländiſche Typus war darin nicht zu ver⸗ kennen. Und in der That, in London, wo jedes Laſter zu einen einträglichen Gewerbe werden kann, muß man ein ehrlicher WMann ſein, wenn man Sungers ſtirbt; und das war die Lage unſeres Mannes; er ſtarb vor Hunger — das iſt bei uns ſo gewöhnlich, daß wir uns eigentlich ſchämen, den Leſer mit ſolchen Banalitäten unterhalten zu müſſen. ——— — 8 142 Der Arme betrachtete Stephen ſtets mit einem ſonder⸗ 3 baren Ausdrucke der Habgier. Offenbar hatte er große Luſt, den jungen Arzt anzureden; aber es hielt ihn irgend etwas zurück; die Noth iſt in London zu ſehr eingeſchüchtert, weil ſie zu oft ſchon erfahren hat, daß ſie zurückgewieſen wird. Endlich als Stephen noch immer zauderte, verließ der Bettler leiſe das Gitter, an welches er ſich lehnte und ging mit leiſen Schritten quer über die Straße. Er kam in eben dem Augenblicke bei Stephen an, als dieſer ſich endlich ent⸗ ſchloß zu klopfen. — En. Ehren, ſagte er ſchüchtern, indem er Mac⸗Nab leiſe am Rockſchoße zog, — o, Ew. Ehren! Stephen wandte ſich haſtig um, indem er ſich ſchämte, an dieſem Orte überraſcht zu werden. Beim Anblick des Armen hatte er nicht ubel Luſt, zornig zu werden; aber er bemerkte, wie der Unglückliche auf den Füßen ſchwankte vie wenigen Schritte, die er gethan, hatten ihn erſchöpft. — Was wollen Sie? fragte Stephen. — O, Ew. Ehren, antwortete der Arme in einem ſehr irländiſchen Accente, — ſeien Sie nicht boͤs über mich . ich will Ihnen blos ſagen, daß Herr Biſhop ſeine Waare zu theuer verkauft und daß Sie mit mir ſich beſſer vereinigen können. W Stephen trat unwillkührlich einen Schritt zurück. Die Armuth hat unter ihrem tauſendfachen Mißgeſchick auch noch das, daß ſie ſehr leicht beſchuldigt wird. Stephen's Gedan⸗ ken hatten außerdem eine ſehr düſtere Richtung, und die 143 Worte des Irländers ſchienen ihm einen furchtbaren Sinn zu haben. — Machen Sie ein Geſchäft daraus, Cadaver zu ver⸗ kaufen? rief er aus. — Wollen Sie einen kaufen? fragte der Irländer, an⸗ ſtatt zu antworten, ganz leiſe. Stephen dachte augenblicklich an die beiden Schweſtern. — Ein junges Mädchen? ſtotterte er unwillig durch die zuſammengepreßten Lippen. Der Irländer ſchüttelte ſchwermüthig ſeinen ſtarkbehaar⸗ ten Kopf. — O, Ew. Ehren, ſagte er, ich bin nicht ein Mörder, wie Maſter Biſhop ... und wenn ich ſage, daß Maſter Bi⸗ ſhop ein Mörder iſt, ſo irre ich vielleicht ich weiß recht wohl, daß man nie von reichen Leuten ſchlecht ſprechen muß aber was mich betrifft, ſo brauchen Sie mich blos an⸗ zuſehen, um zu wiſſen, daß ich nicht einmal die Kraft habe, ein Kind zu burken. Stephen ſah den armen Teufel genauer an und hatte mit ſeinem traurigen Ausſehen Mitleid. — Graben Sie denn die Cadaver aus, welche Sie verkaufen? fragte er in ſanfterem Tone. Denn die Verletzung der Gräber iſt für einen engliſchen Arzt eine ganz zu entſchuldigende Sache. — O nein, Ew. Ehren, antwortete der Irländer, ich bin Katholik. 144 — Nun, was haben Sie mir alſo fuͤr einen Vorſchlag zu machen? — Ein Körper, der zu ſeiner Zeit nicht ſchlecht gebaut geweſen iſt, Ew. Ehren .. ein wenig mager, aber geſund Vierzig Jahr, fünf Fuß ſechs Zoll ... in einer Stunde können Sie ihn haben. Wenn Sie noch acht Tage war⸗ ten wollen, würde ich es lieber ſehen; aber geniren Sie ſich nicht. — Aber woher nehmen Sie ihn? ſtotterte Stephen ganz erſtaunt. — O, ſeien Sie darüber nicht in Sorge, die Sache iſt ganz in der Ordnung. — Er iſt noch nicht todt? — Nicht ganz und gar, ſagte der Irländer, indem er traurig lächelte. — Sie gedenken ihn zu tödten? .. — Ich werde wohl müſſen. . .. — Aber, mein Gott, Unglücklicher, ſagte Stephen zu⸗ ſammenſchaudernd, was iſt das für ein Cadaver? — Mit Ew. Ehren Erlaubniß, antwortete der Irlän⸗ der mit kaltem Entſchluß, es iſt der meinige. Bei dieſen letzten Worten ſchwankte der Arme und ſetzte ſich auf die Stufen der Haustreppe des Maſter Biſhop. Stephen betrachtete ihn aufmerkſam. Er entdeckte keine Spur von Geiſtesverwirrung an ihm, oder auch nur ein Symptom des Fiebers in dieſem verſchmachteten Geſichte Die⸗ 145 ſes Uebermaß menſchlichen Elends ließ ihn einen Augenblick ſein eignes Leiden vergeſſen. — Wie heißen Sie? fragte er, indem er ſeine Börſe ſuchte. — O Ew. Ehren, rief der Irländer erfreut; — ich ſehe es wohl, daß Sie mich kaufen wollen . ich nenne mich Donnor Ardagh und kann Ihnen in zwei Worten meine Ge⸗ ſchichte erzählen. ... Sehen Sie, wir Irländer haben nun einmal die Leidenſchaft, nach London zu gehen, — und Lon⸗ don tödtet uns. Als er ſah, daß Stephen ihm zuhörte, fand Donnor ei⸗ nen Augenblick die ſprichwörtliche Geläufigkeit der Söhne Grün Erins wieder und begann mit Schnelligkeit: — O ja, Ew. Ehren, London iſt bös für die Leute aus Irland ich kam vor langer Zeit her, und verheira⸗ thete mich in Saint Giles mit einem hübſchen Mädchen, das mich liebte. Wir waren arm, aber alle Beide kräftig und wir arbeiteten ſehr viel. Noch vor zwei Jahren lebten wir ruhig mit fünf Kindern, von denen die größeſten auch ſchon auf Arbeit gingen. Der Aelteſte, Patrik, war ſehr ſchön und kräftig, er hätte unſere alten Tage leicht und froh gemacht, denn er hatte ein gutes Herz; aber der König brauchte Ma⸗ troſen. Patrik wurde gepreßt und auf ein Schiff gebracht, das nicht zurückgekehrt iſt .. Meine arme Nell weinte und arbeitete dabei fort. . . . Bald darauf hörte ſie zu arbeiten auf, weil ihr das Herz gebrochen war .. bald fehlte uns das Brod in unſerer Kellerwohnung in Churchſtreet .. Georg, III. 7 mein zweiter Sohn, ein braves, ſanftes Kind, Ew. Ehren, hatte Mitleid mit ſeiner kranken Mutter, und ſtahl bei einem Droguenhändler ein Arzneimittel .. Georg wurde nach Bo⸗ tany⸗Vai geſchickt . .. Nell ſtarb. Donnor erſtickte einen Seufzer und fuhr keuchend fort: — Snail und Lob, die wir während der Krankheit Nells in die Manufacturen ſchicken mußten, wurden, was man in dieſen großen Anſtalten wird, Snail iſt, wie man ſagt, im Dienſte der großen Familie .. O, Cw. Ehren, wenn Sie wüßten, wie ordentlich und vernünftig er fruͤher war! — und Loo, meine ſchöne Loo, der Liebling meiner armen Nell! . Loo iſt die Schande meines Namens ge⸗ worden . ſie iſt nur dreizehn Jahre alt, Ew. Ehren, man muß London anklagen und nicht das arme Mädchen! Donnor neigte weinend das Haupt, ohne indeß zu ſpre⸗ chen aufzuhören. — Snail und Loo wären rechtſchaffene Menſchen ge⸗ K worden — aber London iſt fur die Kinder am geführlichſten und Kinder wiſſen von nichts .. jetzt ſtirbt Loo langſam in Folge des übermäßigen Genuſſes von Gin und der Aus⸗ ſchweifungen ihres Gewerbes und Snail wächſt für den Gal⸗ t gen heran o und das ſind meine Kinder! .. . die Kin⸗ der meiner armen Nell, die ſo rein und ſo 6 warl 5 „ und jetzt, Ew. Ehren, bleibt mir noch ein kleines ganz nack⸗ tes Mädchen, die an der Erde vor der Thür meinft ehema⸗ ligen Kellerwohnung ſchläſt ich bin zu ſone „um zu 147 arbeiten und ſuche meinen Körper um zwei Pfund zehn Schiling zu verkaufen. — Aber, Unſeliger, ſagte Stephen, — wenn Sie nicht mehr exiſtiren, denken Sie denn, daß Ihre kleine Tochier weniger leiden wird? — O, Ew. Ehren, ich habe an alles gedacht, ſagte Donnor mit einem Kindeslücheln, einem Lächeln, deſſen erhabene Einfachheit kein Wort zu beſchreiben im Stande iſt; — ich habe Zeit zum Nachdenken gehabt; ſchon ſo manchen Tag ſuche ich mich zu verkaufen .. aber Maſter Viſhop findet mich zu mager er täuſcht ſich: ich habe noch Fleiſch genug! ... Sehen Sie, Ew. Ehren, Brien von Cork, der Krämer in Bainbridge⸗Street, will das kleine Mädchen zu ſich nehmen, wenn ich ihr zwei Pfund zur Mitgift gebe, es bleiben mir dann noch zehn Schilling, wozu ich fünf dazu anwenden wollte, ein Kreuz auf das Grab meiner Nell machen zu laſſen .. mit den fünf andern .. Donnor ſtockte. — O, Ew. Ehren, ſagte er verlegen, — ich weiß wohl, daß es kein chriſtlicher Gedanke iſt .. . und wenn es ſein muß, könnte ich wohl die letzten fünf Schillinge noch ablaſſen aber es iſt ſo lange her, daß ich meinen Hun⸗ ger und meinen Durſt geſtillt habe . bevor ich ſterbe, Ew. Ehren, möchte ich mich gern noch einmal wie ein Mann an den Tiſch ſetzen, Brod eſſen und Ale trinken ich habe ſeit lange vergeſſen, wie es ſchmeckt. Stephen blieb einen Augenblick vor dieſem Ausdruck 2 4 148 des höchſten Elends ganz ſprachlos. Donnor glaubte, daß er ſeine Anſprüche zu hoch fände. — — Ich will auch noch auf die fünf Schilling verzichten, wenn es ſein muß, fuhr er mit einem Seufzer fort, — ich kann hungrig ſterben, wie ich gelebt habe .. was die an⸗ dern fünf Schillinge anbetrifft, ſo hat die arme Nell kein Kreuz auf ihrem Grabe, ach, Ew. Ehren, wenn Sie han⸗ deln, wird das kleine Mädchen ſpäter nicht einmal wiſſen, wo ſie hinknieen muß, um ihre Mutter zu beweinen. Stephen's Auge wurde feucht. Gegen dieſe letzten Worte konnte ſein kaltes Blut nicht beſtehen. ſagte er, — auch ich bin unglücklich, man hat zwei junge Mädchen, welche ich wie meine Schwe⸗ ſtern liebe, aus dem Hauſe meiner Mutter entführt. — Ah, ſagte der Irländer und warf einen bezeichnen⸗ den Blick auf die Firma des Maſter Biſhop. — Gehen Sie eſſen und trinken, fagte Stephen, indem er ihm einen Sovereign nebſt ſeiner Adreſſe in die Hand gab Kaufen Sie dem kleinen Mädchen Kleider und dann Sie mich wieder. Donnor beeilte ſich nicht, ſeinen Dank er kannte London zu gut, um eine Wohlthat zu vermuthen und ſein Blick prüfte Stephen's Mienen mißtrauiſch. — Cw. Ehren, ſagte er nach einer Pauſe, — es bleibt alſo noch ein Pfund und fünf Schilling. Man kann nicht von einem Manne in Stephen's Lage ——— 149 ——————————— verlangen, daß er ſich lange mit dem Unglücke eines Andern beſchüftigen ſoll. — Wenn Sie mir Dienſte leiſten ſollen, ſo werde ich Sie bezahlen, — können Sie mir zu nichts nützlich ſein, ſo will ich Sie unterſtützen .. Gehen Sie, Donnor, um zwei Uhr kommen Sie heute zu mir nach Cornhill. Donnor entfernte ſich voller Verwunderung. Der Ge⸗ danke, ſchwach wie er war, anders Geld zu verdienen, als vurch Verkauf ſeines Leichnams, wollte ihm gar nicht mehr zu Sinne, da die Todesidee ſich ſchon zu feſt bei ihm ge⸗ ſetzt hatte. — Ich will wenigſtens mein Beſtes für das kleine Mädchen thun, dachte er. — Aber er bedankte ſich bei Stephen nicht. Dieſer klopfte an der Thür. Dieſelbe öffnete ſich. Ein Bedienter in rother Livree führte Mat⸗Nab in ein ſchönes Sprechzimmer, deſſen Wände mit einer Menge ſchlech⸗ ter Kupferſtiche geſchmückt waren, welche Sportſcenen, Fauſt⸗ kämpfe und Gefechte mit dem Rapier darſtellten. Hier und da lagen auf den Decken der Tiſche Borhandſchuhe, Reit⸗ peitſchen, Pfeifen und mehre Nummern des Journals the Grog, eines illuſtrirten Wochenblattes, deſſen Spalten ſich allen großen Jagdgeſchichten, allen Angelegenheiten des Sports, des Spiels, Fauſtkampfes oder der eccentricity bffneten. Stephen fragte nach Herrn Biſhop. — Der Herr iſt in ſeinem Cabinet, antwortete der 150 Groom, — wollen Sie die Güte haben, mir Ihren Namen zu nennen, ſo werde ich Sie melden. Stephen nannte ſich. Der Groom ging hinaus, kam bald wieder zurück und ſagte: — Der Herr iſt zu ſprechen. Stephen ſtieg eine Treppe hinauf und befand ſich in dem Cabinet des Herrn Biſhop. Wir haben im erſten Theile unſerer Geſchichte bei dem bemerkenswerthen Duell zwiſchen Tom Turnbull und Mich, dem Schwager des kleinen Snail, die Perſönlichkeit des Maſter Biſhop beſchrieben; indeſſen müſſen wir noch im Vor⸗ beigehen einige vergeſſene Züge anführen, um das Bild voll⸗ ſtändig zu machen. Biſhop der Burker hatte einen Atlasſchlafrock an, deſſen ſchillernde Muſter glänzende rothe Reflere hatten. Auf ſeiner Stirn thronte nach der Seite zu fitzend eine Mütze von ſchottiſcher Form und ſcharlachfarbener Tartane. Er befand ſich in halbliegender Stellung auf einer Ottomane von Sammet, welche an der Wand Ftand, die gleichfalls mit Sammet ausgeſchlagen war. Die Ottomane, die Stühle, die Tapete und auch die halbgeſchloſſenen Vorhänge der Fenſter wa⸗ ren roth. All' dieſes Roth warf auf das Geſicht des daliegenden Burkers eine apoplektiſche Färbung, die Schrecken einflößte. Neben ihm lag ein großer ſchottiſcher HSund auf dem Teppich weit ausgeſtreckt, im Glanze ſeiner Augen ſpiegelte ſich der — — 151 —————————— röthliche Schein des ganzen Zimmers, ſo daß ſie wirklich einen diaboliſchen Ausdruck hatten. Maſter Biſhop war auch in ſeiner Art ein eccentric-man. Dies Ameublement war ſeine eigene Erfindung. Er rauchte eine lange türkiſche Pfeife, deren Kopf mit Waſſerbehältniß auf dem Boden ruhte und ſchickte kreisför⸗ mige purpurgeröthete Tabakswolken zur Decke hinauf. Der erſte Gegenſtand, den Stephen bemerkte, als er in dieſes Chaos von rothen Gegenſtänden trat, war das flam⸗ mende Auge des ſchottiſchen Hundes, der dumpf knurrte und dann den Blitz ſeiner Augen leuchten ließ. Endlich bemerkte er die Umriſſe eines Bulldoggeſichtes, das eine Mütze von Sammet auf hatte. Es war Biſhop der Burker, Stephen ging auf ihn zu. — o, ſagte Biſhop, ohne ſich ſthren zu laſſen, — Sie heißen Mar⸗Nab? ich kenne Sie nicht, was wollen Sie? — Aber ich kenne Sie, antwortete Stephen, deſſen ganzes kaltes Blut zurückgekehrt war — und ich will Ihre Subjekte ſehen. — Meine Subjekte! bei Gott! rief Biſhop mit einem rohen Gelächter .. wo gedenken Sie denn zu ſein, mein Freundchen, daß Sie mir von Subjekten ſprechen? . Sie ſind ja ſo blaß, daß all' mein rother Sammet nicht genügt, Ihnen etwas Roth aufs Geſicht zu werfen ... ich denke, Sie werden nicht hierhergekommen ſein, um ſich über mich luſtig zu machen. 152 — Ich wiederhole es Ihnen, erwiederte Stephen, — daß ich komme, um ein Subjekt von Ihnen zu kaufen. — Zum Teufel, rief Biſhop, ſtand mit einem Sprunge auf, und faßte den Doktor beim Kragen. — Sollten Sie etwa ein Mann von der Polizei ſein, guter Burſche? Der ſchottiſche Hund ſtreckte ſeine Vorderfüße aus und † richtete die hinteren auf, als wollte er Stephen an die Gurgel ſpringen. — Zwölftes Kapitel. Der Keller. Biſhops Bewegung war ſo plötzlich, ſo unvermuthet geweſen, daß Stephen ſich nicht in Vertheidigungszuſtand hatte ſetzen können. Uebrigens was half ihm Vertheidigung, der Burker war ein Mann von einer athletiſchen Ktaft und Stephen war von aller andern Hülfe abgeſchnitten. Kaltblütigkeit war die einzige Waffe, mit welcher er in dieſem unvermutheten Kampfe ſiegen konnte. Und in dieſer Beziehung war Stephen ſehr gut ausgerüſtet. — Ich bin kein Polizeimenſch, antwortete er ruhig, es gibt noch andere Kaufleute in London, als Sie, Maſter Biſhop und Ihre Manieren ſind nicht geeignet, Kunden an⸗ zulocken. Biſhop ließ ihn halb los. — Eine Policeman hätte unter meiner Klaue gezittert, brummte er, — aber bei alle dem, ich kenne dieſen Burſchen 7 ** 154 nicht . und doch möchte ich mir mein Geſchäft nicht ver⸗ derben .. Sie ſind nicht furchtſam, mein junger Herr, fügte er laut hinzu; — und wahrhaftig, ich liebe ſolche Leute ... aber warum zum Teufel ſprechen Sie mir denn von Sub⸗ jekten und dergleichen dummen Zeug ich bin ein recht⸗ licher Verkäufer von Ale, Porter, Gin, Whisky, Usque⸗ baugh — mit einem Worte von allem, was man trinken kann .. aber von Subjekten, zum Teufel, geiß. 6 nichts! Noch einmal, was wollen Sie? 1 Stephen, welcher jetzt die ihung frei hatte, zog ſein Portefeuille hervor, nahm ſeine Karte heraus und gab ſie dem Burker hin. — Ah! ah! rief dieſer aus, — für einen Mann der Wiſſenſchaft, mein junger Gentleman, ſind Sie ſehr leicht⸗ ſinnig. Soll mich der Teufel holen, wenn Ihre Knochen nicht in Gefahr waren Sie enden damit, womit Sie hiätten anfangen ſollen .. uſch Dich, Turk, Teufelsſohn!. Man kommt nicht ſo ohne weit re in mein Office, als 5 ich franzöſiſche Handſchuhe oder Zuckerkand für kleine Kinder verkaufte Ich denke, Sie werden mich entſchuldigen, ein Polizeiagent ſieht eben ſo aus, wie ein Menſch, und ich muß auf meiner Hut ſein .. Darf ich Ihnen etwas anbieten, ein Glas Whisky, Porter oder ein Glas Grog? .. — Verzeihen Sie, mein Serr, erwiederte Stephen, — ich kann nichts annehmen. Biſhop runzelte die Stirn und ſtreckte ſich lang auf die Ottomane. ———————— — —— 155 — Nichts?... Nicht einmal einen Fingerhut voll Sherry, mein Herr Mac⸗Nab, ſagte er mit übler Laune, — nun meinetwegen, Sie können thun oder laſſen, was Ihnen gut ſcheint und ich bin nicht der Mann dazu, eine Weigerung übel zu nehmen; aber ich wünſchte nur, daß Sie mir nichts nachtrügen, Herr Mac⸗Nab .. . vielleicht werden Sie ein guter Kunde ſein .. meiner Treu, ſehen Sie, Sie ſind noch ſehr gut fortgekommen .. und es iſt mir ſchon mehr als einmal paſſirt, daß ich einen Spion zu einem Subjekt von fünf bis ſechs Guineen umgewandelt habe. Hier begann Biſhop zu lachen, nahm eine Flaſche Gin, welche am Ende der Ottomane auf einem Tiſch ſtand und ſchenkte ſich ein großes Glas davon voll. Das bläuliche Weiß des Gensvres wurde unter den tauſend Feuerſtrahlen, welche von allen Ecken des Zimmers ſich widerſpiegelten, ge⸗ röthet. Als der Burker das Getränk an ſeine Lippen brachte, hätte man ſchwören mögen, daß er Blut tränke. — Auf Ihre Geſundheit, Herr Mac⸗Nab, Sie haben das Anſehen eines nobeln Mannes; laſſen Sie hören, was kann ich thun, um Ihnen angenehm zu ſein? Stephen, den die athletiſche Umarmung des Menſchen⸗ fleiſchverkäufers nicht hatte in Aufregung bringen können, fühlte, wie ihm bei dieſer Frage, die doch leicht vorher zu ſehen war, der kalte Schweiß auf die Stirn trat. Der Augenblick war gekommen, wo man ihm die Thür der Todtenausſtellung zeigen ſollte, wo vielleicht Anna und Clary . 156 Stephen ſchwankte und ſtützte ſich auf die Lehne eines Seſſels. — O meiner Treu, rief Biſhop aus, indem er ſich die Seiten hielt, — ich glaube, daß Ihnen ſchlimm ums Herz iſt, mein junger Gentleman! ... ich möchte drauf ſchwören, Ihnen iſt weich zu Muthe! ... Aber mein Gott, wenn Sie jetzt ſchon die Seekrankheit haben, was ſoll denn daraus werden, wenn Sie erſt den Fuß in meinen großen Prunk⸗ ſaal geſetzt haben! . O, o erholen Sie ſich, Herr Mac⸗ Nab, mit Gin oder ohne Gin, wie es Ihnen beliebt; aber erholen Sie ſich . Zum Teufel, Sie ſind doch einer Sache wegen gekommen, ſo viel iſt gewiß! . . — Ich bin gekommen, um zu wählen und zu kaufen, ſagte Stephen mit Anſtrengung, da er fühlte, daß ein länge⸗ res Schweigen gefährlich werden konnte. — Sehr gut das, Herr Mac⸗Nab. — Und welche Sorte brauchen Sie, wenns gefällig iſt? — Das würde einer langen und techniſchen Erklärung bedürfen, ſagte Stephen, ich will lieber ſelbſt wählen. — Das nenne ich wie ein braver Kerl ſprechen .. Wie ſtehts mit der Courage? — Ich bin bereit, Ihnen zu folgen. Biſhop blinzelte mit dem Auge und nahm eine mitlei⸗ dig überlegene Miene an. Die Aufregung des jungen Arz⸗ tes, die ſichtbar war und deren Urſache er nicht kannte, flößte ihm Verachtung ein. — In der That, Herr Mac⸗Nab, ſagte er, — Sie 157 erinnern mich an die Zeit, wo auch ich noch jedes Mal Blut und Waſſer ſchwitzte, wenn ich eine Nacht auf dem Kirchhof zubringen mußte . . . denn man muß Geſelle ſein, eh' man Meiſter wird. Sie wiſſen das, denn Sie haben griechiſch und lateiniſch ſtudirt und mehr Bücher geleſen, als ich in meinem Leben geſehen habe, Gott ſei Dank ich habe lange den Spaten und die Schaufel geführt . . ich bedarf alle Mal, wenn ich daran denke, eines Glaſes blauen Ruin *.) .. Es iſt ein ſchlimmes Gewerbe, auf mein Wort und in den Herbſtnächten ſieht man ſeltſame Dinge auf den Kirchhöfen .. aber ſprechen wir nicht davon .. auch habe ich jetzt meine Arbeiter und der Teufel ſoll mich holen, wenn ich ſeit zwei Jahren ein Grab berührt habe . die Nächte ſind gemacht, um zu ſchlafen oder zu trinken: ich trinke oder ſchlafe. Der Dechant von Sant Paul kann es nicht beſſer treiben. Biſhop ſtand auf, nahm ein ſtarkes ſeidenes Seil, zog es durch Turk's Halsband und band dieſen an einem in der Wand befeſtigten Ringe feſt an. Das iſt eine Vorſichtsmaßregel, Herr Mac⸗Nab, mur⸗ melte er . . . dieſer verteufelte Turk verdirbt einem eh' man nur: Zip ſagen kann, wenn man nicht aufpaßt, das beſte Subject! . . . So ein Arm iſt ſehr bald heruntergefreſſen, ſehen Sie. Stephen machte eine Geberde des Abſcheues. *) Blue ruin, Volksname des Gins. 158 — Gut, gut, mein Herr, brummte Biſhop, — ich weiß, daß Sie ein zartfühlendes Herz haben . . aber bei alle dem, ein Hund iſt ja kein Menſch und Turk ſieht nichts Aergeres darin, als wenn ſie ein Cotelett eſſen. — Beeilen Sie ſich, mein Herr, ich bitte Sie darum, ſagte Stephen. — Ihr Wille ſoll geſchehen, mein junger Gentleman! Biſhop war die vollkommenſte Perſonifikation der Bru⸗ talität. Er war nicht böſer als ein Anderer, ſagte ſpäter häufig der alte Noll Brye, der Schließer von Newgate, der ſpeeiell mit der Bewachung des furchtbaren Burkers nach ſeiner Verurtheilung beauftragt wurde; — aber es lag etwas in ihm, was ihn zwang, Händel anzufangen. — So ſtieß Maſter Biſhop (Noll⸗Vrye ſpricht von ſeinen Klienten niemals anders, als mit der rückſichtsvollſten Höflichkeit) eine Thür mit einem Fußtritt ein, während es ihm doch hätte genügen können, vermittelſt eines Schlüſſels zu demſelben Reſultate zu gelangen. Anſtatt ein Huhn eines Gentleman würdig zu zerlegen, zerriß er es mit den Händen und den Zähnen; anſtatt eine Flaſche zu entkorken, ſchlug er ihr den Hals ab .. Diesmal ſtieß Biſhop keine Thür ein, ſondern faßte mit Kraft an einen Metallknopf, der an der Wand befſtigt war, und in Folge deſſen that ſich das Getäfel plötzlich auseinander und ließ ein ſchwarzes Loch offen, aus dem Stephen ein feuchter kalter Luftſtrom entgegendrang. „ 159 Baben Sie die Güte einzutreten, ſagte er mit einem Ausbruch rohen Gelächters. Stephen zauderte nicht weiter, ſeine Beſorgniß hatte alle Phaſen der Frucht und des Verlangens durchgemacht und war jetzt ein wirkliches Fieber geworden. Er eilte ent⸗ ſchloſſen auf das Loch zu. — Halt, einen Augenblick, rief Biſhop, indem er ihn ziemlich kräftig zurückſtieß, — entſchuldigen Sie mein Be⸗ nehmen, mein junger Herr; aber ich glaube, es iſt beſſer, einen Mann bei Seite zu ſchieben, als ihn ſich den Hals brechen zu laſſen . . . Wenn ich Ihnen ſagte, Sie möchten eintreten, ſo war das nur ſo eine Redensart .. ich hätte ſagen ſollen, hinabſteigen, denn es iſt hier weiter nichts, als ein Loch von zwanzig Fuß Tiefe und eine Leiter. Erlauben Sie, daß ich zuerſt hinunter ſteige. Biſhop hielt ſich an der Wand feſt und ſetzte, rückwärts gewandt, die Füße auf die Leiter, Stephen folgte ihm. — Haben Sie keine Furcht, flüſterte Biſhop beim Hin⸗ abſteigen, — die Leiter iſt gut und Sie werden ſie wieder heraufkommen ... Alle die herunter geſtiegen find, können nicht daſſelbe ſagen, Maſter Mac⸗Nab . es iſt die Leiter der Wiſſenſchaft, bei Gott . . . es liegt auf ihr nichts als der gelehrte Staub von Stiefeln aus Royal⸗College .. O mein junger Gentleman, Sie ſind an einem guten Tage gekommen. Die vorige Nacht iſt auf den weſtlichen Kirchhöfen und dem von Southwark die Runde gemacht worden .. Die Aus⸗ ſtellung iſt vollkommen .. 160 Stephen hörte auf weiter zu ſteigen. „ — Haben Sie nichts als ausgegrabene Cadaver da? fragte er. — O, o, ſagte Biſhop — mit einer abſcheulichen Kaufmannsſchlauheit; — ich ſage weder ja noch nein, Herr Mac⸗Nab . Sie werden ja ſehen, Sie werden ja ſehen! . Die Sache iſt wohl der Mühe werth ... und doch will ich Ihnen von vornherein geſtehen, daß man mir mehr Verdienſt zuſchreibt, als ich wirklich habe . . es iſt wie bei Geiſtrei⸗ chen, mein Herr, man bindet ihnen alle Bonmots auf, welche zwanzig Meilen in der Runde geſagt werden .. es kann Nachts in den Straßen von London keine Katze getödtet werden, ohne daß man mich mit dieſer That beehrt es iſt Biſhop, Biſhop der Burker geweſen ... bei meiner Treu, weder Gray, noch Melbourne, noch Holland, der Neffe von For, noch Stanley, noch Peel, noch Graham, noch Althorp, noch John Rouſſel, noch ſelbſt der alte Wellington, iſt ſo bekannt als ich .. . das iſt ein Factum, Herr Mac⸗Nab .. und ich ſehe nicht, was man für einen Unterſchied machen will, zwiſchen dem Ruhme eines Mannes und dem eines andern . O mein Herr, die Berühmtheit iſt ſo leicht nicht zu erlangen, Sie werden das in Ihrer Beſchäftigung ſehen; aber wenn es kommt, kommt es ganz von ſelbſt und man kann ihm nicht mehr ausweichen .. . da heißt es Biſhop hier, da heißt es Biſhop da ... O, o Biſhop — das iſt ein Name, dem keiner gleich kommt. 161 Der Burker lachte, ſo ſtark er konnte, und die Leiter er⸗ dröhnte von ſeiner Luſtigkeit. — Nun, Herr Mac⸗Nab, fing er ernſtlich an, — das find Thorheiten. Man tödtet, wenn es nothwendig iſt zu tödten, ganz gewiß .. ohne das, wahrhaftig, wäre man ein armſeliger Kaufmann ... Aber man mordet nicht von Mor⸗ gens bis Abends, wie es die Cokney's glauben. Zum Teufel, mein Herr, wenn man ſich ſo benehmen wollte, würde die Polizei bald genöthigt ſein, ein Lebenszeichen von ſich zu geben ihr Stillſchweigen iſt ſo ſchon theuer genug und mein halber Profit wandert zur Polizei Ich ſage nichts als die genaue Wahrheit. O glauben Sie nicht, daß ſie, wie der erbärmliche Schuft von Commiſſariats Adjunc⸗ tus aus Lambertsſtreet, Maſter Robert Plound Esg. ſagt, im vereinigten Intereſſe der Menſchlichkeit ſchweigt. Meiner Treu, das iſt übrigens wohl möglich, und ich mache mich luſtig drüber ... aber im vereinigten Intereſſe unſerer Schul⸗ tern und unſeres Halſes dürfen wir denn doch nicht zu weit gehen: und dann, Herr Mac⸗Nab, die geburkten Körper find verteufelt theuer .. . unter uns geſagt, wir machen in dieſem Artikel nur mit der Gewißheit einer guten Unterbringung und einer beſondern Beſtellung .. Nun ſind wir unten, mein Herr! Stephen litt furchtbar. Bald war ihm eifig kalt, bald glühend heiß zu Muthe; in jedem Augenblicke öffnete ſich ſein Mund, um Maſter Biſhop zu ſagen: er möge ſich be⸗ 162 eilen und er ſprach nicht, weil eiue unwiderſtehliche Furcht ſeine Zunge lähmte. 1 Biſhop öffnete eine Thür. Der begierige Blick des junges Arztes drang plötzlich in einen großen, länglichen, gewölbten und durch Lampen erleuchteten Saal; rings herum in dieſem Gemache, das ein Keller war und ziemlich den Platz einnahm, welchen in gewöhnlichen Häuſern die Küchen einnehmen, ſtanden ringsherum ſchräge Tiſche von Marmor. Die mit Kalk geweißten Wände ſtrahlten das bleiche Licht der Lampen noch kälter auf die menſchlichen Formen zurück, welche ſteif und unbeweglich lagen und im grellen Contraſte von dem ſchwarzen Marmor der Tiſche abſtachen. Mitten im Saale ſtand eine große Kohlenpfanne, in welcher Weihrauch brannte und durch die tauſend Löcher eines Deckels von Silber die feinen Strahlen von Dampf durchließ. Der Abſtand zwiſchen dieſem bleichen weißlichen Lichte auf allen Gegenſtänden und dem rothen Scheine in Biſhop's Cabinete war ſo groß, daß man hätte glauben können, er ſei mit Abſicht hervorgerufen. Wenn man die Schwelle des Kellers übertrat, ſchien es, als legte ſich plötzlich ein Grab⸗ tuch zwiſchen den Blick und die Gegenſtände, das Auge, das noch an die rothen Strahlen des oberen Zimmers gewöhnt war, behielt noch einen Schimmer von der Scharlachfarbe, welche, ſich mit den bleichen Schattirungen des Kellers miſchend, die weißen Contouren der auf ihrem dunkeln Lager ruhenden Cadaver mit einem violetten Tone umgab. 163 Es war ein furchtbarer Anblick, wie der Tod ganz blosgeſtellt und mit allem Raffinement kaufmänniſcher Spe⸗ culation geſchmückt und geordnet war. Ueber dieſe erſtarrten Glieder war eine Waſcheſſenz hin⸗ gegangen, welche den heiligen Staub der Gräber mit fortge⸗ nommen. Man hatte dieſe ſteifen Muskeln zuſammen gezo⸗ gen, die verworrenen Haare gekämmt und die Lippen, über welche der letzte Hauch auf immer geflohen war, halb geöffnet. Dieſes junge Mädchen, welches der geweihten Erde ent⸗ riſſen war, hatte auf ihrem ſteinernen Bett eine wollüſtige Stellung, ihre letzte Verhüllung hatte man von ihr gethan und ihre jungfräulichen Formen ſtellten. ſich offen dem Blicke dar, der ſchirmenden und keuſchen Grabesnacht beraubt, in welcher ihre Mutter ſie ruhend wähnte. Jener Greis zeigte in ſeiner ganzen Häßlichkeit die er⸗ ſchreckende Verheerung der Jahre, man hatte dieſer menſch⸗ lichen Ruine auch nicht ein Stückchen von ſeinem Leichentuch gelaſſen, um ſeine Schauerlichkeit zu verhüllen. Es waren wenigſtens zehn Tiſche da und kein einziger war leer. Kaum hatte ſich die Kellerthür geöffnet, ſo erſtarb auf Biſhop's Lippen das Wort. Er war nicht mehr derſelbe Menſch, war es der plötzliche Wechſel des Lichtes, oder war er vielleicht, trotz der abſcheulichen Leichtfertigkeit ſeiner Rede, wirklich bewegt: ſeine Züge ſchienen einen Augenblick ſich mit tödtlicher Bläſſe zu bedecken. 164 Er ergriff Stephens Arm, ſeine Hand war kalt: — Alles iſt weiß hier, murmelte er und da oben Alles roth, das geſchieht blos, um zu vergeſſen. Wenn ich kein Roth um mich habe, Herr Mac⸗Nab, ſo ſcheinen mir alle Menſchen Cadaver zu ſein. Er verſuchte zu lächeln und fuhr fluchend fort: — Sehen Sie, ich habe meine Flaſche Gin vergeſſen und ohne Gin tauge ich nichts unter dieſer Heerde von tod⸗ ten Schelmen es iſt traurig, aber es iſt einmal ſo .. Gehen wir ſchnell herum und wählen Sie. Stephen ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen. Er machte haſtig, rings im Keller herum, die Runde, ehe nur Biſhop den halben Weg davon machen konnte. Darauf ſank er keuchend auf beide Kniee. — Dank, Dank, flüſterte er. Er richtete dieſe Worte zu Gott. — Nun, nun, Herr Mac⸗Nab, rief Biſhop, deſſen Stimme ſeltſam verlegen ſchien, ſo warten Sie doch auf mich! . ſagen Sie mir . . . dieſes alte Scheuſal mit dem weißen Bart hat ſich bewegt, auf mein Wort er bewegt ſich noch, ſehen Sie nur . . . meiner Treu, das iſt ein verteufeltes Gewerbe, Herr Mac⸗Nab! * Stephen dachte gar nicht daran, zu antworten, er gab ſich ganz dem Glücke hin, daß er nicht gefunden habe, was er zu finden gefürchtet hatte. Biſhop holte ihn ein und be⸗ mühte ſich, weder rechts noch links zu ſehen, ſein Schritt war ſehr unſicher; als er an die Schwelle kam, ſtieß er — —,— 165 Stephen ohne weiteres hinaus und beeilte ſich, die Thür zu ſchließen. Als dies geſchehen war, entrang ſich ein lauter Seufzer ſeiner Bruft. — Ei, ei, Herr Mac⸗Nab, rief er aus, ohne eine Spur einer Verwirrung auf ſeinem Geſichte zurückzulaſſen; — die Schelme mögen mir immer Geſichter ſchneiden, ſie find doch mein und ich werde ſie verkaufen ... Steigen Sie hinauf, mein Herr, ſteigen Sie .. eine Mauer von ſechs Fuß Dicke trennt dieſe Sippſchaft von der Straße, und es müßte ein Wunder geſchehen, wenn ſie mir genommen wer⸗ den ſollte .. Sehen Sie, ich habe ſo meine kleinen Mittel und habe Ihnen noch nicht Alles gezeigt . .. ein Spion könnte meine Leiter hinabſteigen und doch nichts ich ſage Ihnen die Wahrheit, mein Herr „ es hat mich mehr als tauſend Pfund gekoſtet, um das einrichten zu laſ⸗ ſen; aber es iſt ſehr hübſch gemacht; und wenn ich nur einen Knopf drücke, verſchwinden die Tiſche und laſſen ſehen .. wahrhaftig, Herr Mac⸗Nab, rathen Sie mal was? . Sie wollen nicht rathen ... oder Sie können wahrſcheinlich nicht? . Nun gut, ſo laſſen ſie ganz brave Tonnen Ale und Porter ſehen, und gieſe Tonnen haben ihre Steuer be⸗ zahlt, und es iſt nicht das geringſte Wort dagegen einzu⸗ wenden, ſteigen Sie nur hinauf, ich habe Durſt. Biſhop holte Athem und fuhr fort: — Nun, Herr Mac⸗Nab, wie finden Sie das, wenn 166 ich fragen darf? Sie ſagen ja kein Wort ... Ah, Sie haben Furcht gehabt, geſtehen Sie offen . — Nein, mein Herr, antwortete Stephen. — Und ich eben ſo wenig, bei Gott! — Aber ich hatte meine Ginflaſche vergeſſen. Als er wieder in den rothen Saal kam, beeilte ſich Biſhop, ſeine Vergeſſenheit wieder gut zu machen und trank zwei große Gläſer hinter einander. — Es iſt wahrhaftig wahr, Herr Mac⸗Nab, ſagte er darauf; — ich würde mein Gewerbe nicht gegen das des Papſtes austauſchen . . nun laſſen Sie ſehen, haben Sie gewählt? Stephen antwortete kurz, daß nichts von dem, was er geſehen, ihm zugeſagt habe und ihm in dieſem zu ſeinen Studien nützen könne. — O, o, ſagte Biſhop, ohne gerade üble Laune zu zeigen, — das iſt mein Herr aber ich hoffe, daß Sie mit meiner Ausſtellung zuftieden gewe⸗ ſen find. Stephan machte ein bejahendes Zeichen. — Nun dann iſt's gut, Herr Mac⸗Nab, wir werden 1 ein ander Mal mit einander fertig, und ich denke, ich kann auf Ihre Kundſchaft rechnen . übrigens aber ſehen Sie, fügte er hinzu und legte in ſein Gelächter etwas Bosheit — bin ich der Anſicht, daß Sie blos aus reiner Neugier ge⸗ kommen ſind; denn man ſieht nicht ſo im Durchlaufen mit einem einzigen Blicke, ob unter zehn Stücken ſich nicht eines 167 beſindet, das paſſend iſt .. aber es thut nichts . ich bin ſehr erfreut, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben, Herr Mac⸗Nab! Stephen grüßte ihn und ging nach der Thür zu. Ma⸗ ſter Biſhop begleitete ihn bis zur Schwelle, und dort ange⸗ kommen, ſagte er mit einem ſonderbaren Gemiſch von Frech⸗ heit und Verlegenheit: — Mir iſt eingefallen, mein junger Gentleman, daß Sie mich für einen Narren halten können, da Sie mein Benehmen da unten geſehen haben .. aber die Sache iſt die: ich bin ohne meine Flaſche Gin nicht ganz unbefangen; aber wenn ich meinen Gin habe, ſehen Sie, ſo ſcheere ich mich um dieſe bleichen Schelme ſo wenig, als um den Groß⸗ Mogul Ich hoffe, Sie recht bald wieder zu ſehen, Herr Mac⸗Nab! Stephen war Arzt, und die Arbeiten auf dein anato⸗ miſchen Theater verhärten nach einer gewiſſen Richtung hin das Herz. Allerdings müſſen wir geſtehen, daß der Anblick dieſes Kramladens des Todes nicht den Eindruck auf ihn gemacht hatte, wie ihn ein anderer gewöhnlicher Menſch em⸗ pfinden würde; aber nichts deſto weniger holte er, als er von Herrn Biſhop herauskam, voller Freude und mit erleich⸗ terter Bruſt in der freien Luft Athem. Aber nicht der Gedanke an den Tod war ihm drückend geweſen, ſondern der an das Verbrechen. Einen Augenblick gab er ſich ganz dem Troſte hin, daß die beiden Schweſtern nicht in die Hände eines Mörders gefallen ſeien; aber das Nachdenken mäßigte bald ſeine Freude: Biſhop war nicht der einzige Lieferant für die Chirurgen Londons, und die andern, welche weniger rauh oder minder kühn waren, umgaben ihr ſcheußliches Gewerbe mit einem undurchdringlichen Geheimniſſe. Stephen hatte alſo kein Mittel, in dieſer Hinſicht voll⸗ kommene Gewißheit zu erlangen. Als er nach ſeiner Wohnung in Cornhill zurückkehrte, ſagte ihm Beß, daß ein unbekannter Mann im Sprechzimmer auf ihn warte, dieſer Mann ſpreche von den beiden entführ⸗ ten Mädchen . Beß konnte weiter nichts ſagen. — Stephen ſchob ſie bei Seite und ging in das Sprechzimmer. Dreizehntes Kapitel. Die Schenke zum Shakeſpeare. Stephen hatte Donnor Ardagh, den armen Irländer, und den ſeltſamen Kauf, welchen er ihm an der Thür von Biſhops Office vorgeſchlagen, vollkommen vergeſſen. Als er in das Sprechzimmer trat, erkannte er Donnor mehr an ſeinem zerlumpten Kleide, als an ſeinem Geſichte; denn der arme Irländer war beim Warten eingeſchlafen, und ſein Geſicht, das er auf die Hand geſtützt, verbarg ſich hinter dem dichten Geſtrüpp ſeiner verwirrten Haare. Stephen, welcher mit der ganzen Hitze ſeiner unruhigen Neugier hereinſtürzte, blieb in ſeiner Erwartung getänſcht ſtehen. — Es iſt Niemand hier als Sie? rief er aus. Donnor faßte den Sinn dieſer Worte nicht; aber er wachte plötzlich auf und legte gleich ſeine Hand auf den Magen. III. 8 170 — O, flüſterte er, — ni ſ geträumt, daß ich Brod äße! Das thut vohl⸗ ſelbſt im Traume, denn ich leide nicht Hunger Er bemerkte Siſi und zitterte vom Kopf bis zu — — ch habe nicht geträumt, fuhr er fort; — ich habe gegeſſen, für den Preis meines Blutes gegeſſen! hier bin ich, Ew. Ehren — ich bin nach Saint Giles gegangen; das kleine Mädchen hat Kleider und ich habe Brod gekauft es war Unrecht, daß ich Brod kaufte, fügte er ſeufzend hinzu, denn das Brod ſchmeckt gut und macht Luſt zum Leben .. . aber es iſt nun gleich, hier bin ich. Donnor war aufgeſtunden und blieb mit gekreuzten Armen Stephen gegenüber ſtehen, der von Ermüdung er⸗ ſchöpft, ſich in einen Stuhl geworfen hatte. — Es iſt gut, ſagte der Letztere zerſtreut, ich werde ſehen, daß ich Sie irgendwo anſtellen kann. — Hören Sie, Ew. Ehren, ſagte Donnor entſchloſſen, jetzt keinen Aufſchub mehr; jetzt, wo ich nicht mehr leide, kommen mir Gedanken zum Leben ich bin übrigens erſt vierzig Jahre alt, machen Sie ein Ende. Ich habe einen Strick in meiner Taſche, Sie brauchen nur den Nagel dazu zu liefern. 5 Stephen betrachtete ihn verwundert. Geben Sie mir die 25 Schillinge, welche Sie mir noch ſchuldig ſind, fuhr Donnor fort, und zeigen Sie mir den 171 Weg zu Ihrem Laboratorium Heute Abend wird Alles in der Ordnung ſein. Plötzlich erinnerte ſich Stephen des Vorgefallenen wieder. — Ich habe lebendige Freunde nöthig, ſagte er mit unwillkührlichem Lächeln, und ich werde mich beſtreben, Ih⸗ nen die Gedanken, ſich zu hängen, zu vertreiben .. . Aber ſind Sie ſeit Ihrer Ankunft hier immer allein geweſen? — Ew. Ehren! ... Ew. Ehren! .. ſagte er, anſtatt zu antworten, ſagen Sie mir das deutlicher und etwas ausführ⸗ licher ich bin ein armer Menſch .. . es wäre bös, mich glauben zu laſſen .. wollen Sie denn für Ihr Geld nicht meinen Körper? — Gewiß nicht, mein Freund, antwortete Stephen ſanft. — O! .. . ſagte Donnor vor Erſtaunen ganz außer ſich. Darauf fuhr er mit einer unvergleichlichen Zungenfer⸗ tigkeit fort: — Ich hätte es mir gleich denken können .. . und hatten Sie mir es nicht ſchon in Worchipſtreet geſagt, Ew. Ehren aber ich wollte es nicht verſtehen, da ich ſchon ſo oft vergebens gehofft habe .. und das thut ſo weh! ... aber, Ew. Ehren, als ich geſehen habe, daß Sie in dieſem Hauſe wohnten, aus dem die beiden kleinen Miſſes mir mitunter Almoſen zugeworfen haben .. — Alſo Sie waren es, der von ihnen geſprochen hat? unterbrach ihn Stephen. 8* 172 — Ja, ich, Ew. Ehren! — Sie würden ſie wiedererkennen? — Bei meiner ewigen Seele, unter Tauſenden ich habe von ihnen geſprochen, weil Sie mir in Worchipſtreet geſagt haben, daß Sie zwei entführte junge Mädchen ſuchten, und ich fürchtete . — Sie ſind es, die ich ſuche, Donnor. — Sie ſind es! wiederholte der Irländer, indem er ſeine mageren Hände über ſeinem Kopfe zuſammenſchlug. — Sie ſind es, dieſe beiden armen Engel! . und haben Sie ſie wiedergefunden, Ew. Ehren? Stephen ſchüttelte traurig den Kopf. — O ich werde ſie wieder finden, o ich, rief Donnor und ergriff Mac⸗Nab's Arm, — o ich werde ſie wieder⸗ finden, und wären ſie auch in den Klauen dieſes tauſend⸗ köpfigen Dämons der großen Familie! . . o ich kenne das, Ew. Ehren! .. . Snail und Loo, meine beiden Kinder, find in dieſe Schlinge gegangen und gehören zu dieſer ſchändlichen Armee, die unaufhörlich London in der Nacht belagert .. Als ich vor Hunger ſtarb, habe ich mich geweigert, das Geld zu nehmen, das ſie mir geben wollten, weil, Gott ſei Dank! die Hand von meines Vaters Sohn rein iſt aber um Ihretwillen, der Sie Mitleid mit mir gehabt haben, um der beiden armen Engel willen, die ſo häufig mein Elend gemildert, weiß ich nicht, was ich zu thun im Stande wäre. — 3ch danke, Donnot, aber was hoffen Sies . 173 — Die kleine Loo hat ein gutes Herz, und Snail iſt ein kluger Junge .. . Ew. Ehren! wenn die Familie bei der Entführung der beiden Miſſes betheiligt iſt, ſo werde ich es erfahren . erfahren, wo ſie find ... und dann komme ich zu Ihnen zurück, um Ihre Befehle zu befolgen und Ihnen behülflich zu ſein. Stephen drückte ihm die Hand, und Donnor, deſſen vom Elend unbeweglich gemachte Phyſiognomie jetzt im Feuer einer begeiſterten Ergebenheit ſtrahlte, ſagte noch mit jenem Tone der tiefſten Dankbarkeit, welchen die geſchickteſte Heuchelei noch niemals hat nachahmen können: — Sie haben dem kleinen Mädchen, das ganz nackt in Churchſtreet lag, Kleider gegeben, Ew. Ehren, Sie haben der armen Nell ein Kreuz verſprochen: für alles das habe ich Ihnen meinen Körper angeboten . . ich werde Ihnen mein Leben geben, wenn ich kann, Ew. Ehren, Ihnen und den beiden Miſſes, weil Sie die drei einzigen in London ſind, welche Mitleid mit dem armen Irländer gehabt haben. Donnor lief mit der ganzen Schnelligkeit ſeiner Füße das Trottoir von Cornhill hinab und ging nach Saint Paul. Er war noch immer ſehr ſchwach und ſeine armen Beine, die durch das lange Faſten geſchwächt waren, ſchwankten unter dem Gewichte ſeines hohlen Körpers. Ein Fauſtſchlag von Tom Turnbull oder Mich würde ihn buchſtäblich wie ein Glas zerſchmettert haben. Aber ſein Geſicht hatte den Anblick von dumpfer Unbeweglichkeit verloren; in ſeinen großen, ausdrucksvollen und ſanften Augen ſtrahlte Feuer; der haſtige Lauf trieb ihm flüchtiges Roth auf die hohlen Wangen, und das Ganze ſeines Geſichtes deutete auf den Eifer eines Muthes hin, der ſeine Kräfte um Vieles über⸗ ſtieg. Er ging mit ſtolzer Stirn, ſicherem Blick, und während er lief, unterhielt er ſich mit ſich ſelbſt nach Gewohnheit der Leute, welche einſam leben und kein befreundetes Ohr haben, dem ſie ihre Gedanken anvertrauen können. Er hielt athem⸗ los am Ende von Fleetſtreet vor Temple Bar. — Aber wo ſoll ich ihn jetzt finden, den böſen Buben, den Snail .. . weiß Gott, wo er wohnt, wenn er überhaupt wohnt! .. . in Before⸗Lane iſt das Public⸗Houſe der Frau Peg .. . aber da find ſie nur Abends, während des Schau⸗ ſpiels ... dann iſt noch das Aſyl des Temple .. aber ich kenne die Parole nicht, und man wird mir den Eingang verweigern und dann trinkt Snail und amüſirt ſich lie⸗ ber, als daß er in einem Keller ſchlafen ſollte .. Ah, ich beſinne mich, die Schnapsbude zum Shakeſpeare iſt zwei Schritte von hier . . meine armen Beine haben ſehr die Ruhe nöthig. Donnor ging links an der Clemenskirche vorbei und ging nach Wichſtreet hinein, wo das Spiritſhop zum Sha⸗ keſpeare iſt, das in ganz London als Stellvichein von Dieben aller Art bekannt iſt. Zu jener Zeit ſah man noch über der Vorderfronte in ſchreienden Farben das allegoriſche Schild: ein und ein Vogel in einer Glaskugel. — 9— —— 175 Es wird uns ſchwer zu glauben, daß die Kunden des Shakeſpeare's dieſer ſymboliſchen Andeutung bedurft hätten, um Newgate und die Deportation zu befürchten. Dieſe berühmte rookery *) war damals wie noch heute ein Public⸗Houſe von noch ziemlich hübſchem Anſehen, mitten in Wichſtreet etwa dreihundert Schritt von Cle⸗ menshouſe gelegen: ſeine Stammgäſte waren mit Ausſchluß jeder andern Klaſſe von Bürgern Leute von der Polizei und Spitzbuben. Dieſe beiden Kaſten, welche ein Unerfahrener für tödt⸗ liche Feinde hält, leben hier in vollkommenem Einverſtänd⸗ niſſe und erweiſen ſich alle Rückſichten, welche eine gegen⸗ ſeitige Hochachtung verlangt. Blos von Zeit zu Zeit arretirt 1 ein Policeman in übler Laune einen Dieb, der ſich deſſen nicht verſieht. — Die Umſtehenden nehmen nicht viel Notiz davon; es iſt ganz in der Ordnung, ein kleines Unglück kann Jedermann paſſiren. Die Polizei von London würde reichliche Thränen ver⸗ gießen, wenn durch ein plötzliches Unglück dieſes Muſter einer rookery zerſtört würde. Dieſes Poublic⸗Houſe dient ihr in der That als Behälter, ſie braucht blos mit ihrer bekrallten Hand hineinzufahren, um ein Gericht herauszu⸗ ziehen, das für die Gerichtshöfe ſchon ganz zubereitet iſt. — Und in allen Ländern liebt es die Polizei, von ihrem Eifer *) Diebshöhle. Proben abzulegen, ohne auf die Süßigkeiten ihres gewöhn⸗ lichen Dolce far niente verzichten zu dürfen. Donnor trat haſtig in die Zahlſtube, ging ſo ſchnell als möglich vor dem dicken Vorgeſetzten vorbei, der am Zahltiſch des Public⸗Houſe ſaß. Dieſer hatte nicht übel Luſt, ihm den Eintritt ins Parlour zu verweigern; aber die Diebe von London haben die Gewohnheit, ſeltſame Verkleidungen anzuziehen, und unſer Mann beſann ſich, irgend einen Banditen von Wich⸗ tigkeit, der unter dieſen elenden Lumpen verſteckt ſei, zu be⸗ leidigen. 5 Es war ungefähr vier Uhr Nachmittag. Sprech⸗ zimmer der rookery war faſt leer. Indeſſen waren doch zwei bis drei Verſchläge beſetzt, und in einem derſelben ſpielte Maſter Snail in dem famoſen Gentleman-Coſtum, das er zwei Tage vorher auf Befehl des guten Kapitain Paddy O'Chrane in Hartſtreet gekauft hatte, ernſthaft mit Tom Turnbull und zwei andern Männern der Familie Whiſt. Tom Turnbull hatte die Stirn mit einem Schnupftuche verbunden, aber ſonſt zeigte er keine Spur von dem furcht⸗ baren Gefechte, das er in „the pipe and pot“ ausgehalten. Der dicke Mich, der minder glücklich oder zartfühlender war, befand ſich noch unter den Händen des Chirurgus. In einem andern Verſchlage, einem an der Mauer hän⸗ genden Spiegel gegenüber, machte Loo ihre Toilette für die Abendpromenade. Sie hatte die üppige Maſſe ihrer blonden Haare in Locken geordnet und tupfte mit einem baumwollenen 176 — — —,— 177 Ballen, an dem ſich Schminke befand, auf ihren hohlen Wangen herum. Das Tageslicht, welches ihre mageren Formen beleuch⸗ tete, machte die Verheerungen des Laſters an dieſem elenden Opfer der frühzeitigen Ausſchweifung nur noch ſichtbarer und ſchrecklicher. Die furchtbare Bläſſe des armen Kindes drang unter dem Roth durch und keine Schminke war im Stande, den bläulichen Kreis zu verdecken, den Trunkenheit, Nachtwachen und Leiden tief und breit um ihre großen ſtumpfſinnigen Augen gezogen hatte. Jedesmal, wenn ſie ihre Arme über den Kopf hob, um ſich das Haar zu ordnen, entriß dieſes Bemühen ihrer kran⸗ ken Bruſt ein klagendes Röcheln, — dann unterbrach ſie ihre Arbeit und trank Gin. Wenn ſie getrunken hatte, lief ein Hauch von Leben durch ihre kleinen welken Glieder, ſie lächelte ſich im Spiegel an und ſang mit trauriger Stimme eine Strophe von einem obſcönen Liede. Die Unglückliche ſtellte in ihrer Perſon allein ein voll⸗ kommenes, trauriges, ſchmähliches Bild der frühzeitigen Ent⸗ würdigung dar, in welcher ein Theil der armen Jugend von London ſchon im Keime ſtirbt. Jedes redliche Herz würde von tiefem Schmerz erfüllt worden ſein, wenn es dieſe noch unmannbare Prieſterin der engliſchen Venus geſehen hätte, welche durch die widerwärtigen Arbeiten ihrer ſchamloſen Nächte erſchöpft, den Todeskampf durch Trunkenheit bekämpfte und während des Röchelns ihrer brennenden Lunge unbeſorgt ſang. S** 178 Während die kleine Loo fingend und trinkend ſich ſchmückte, fuhr Snail, dem ſein gentlemaniſches Coſtüm einen ſehr natürlichen Stolz gab, mit ſeinen drei Kameraden, die ihn betrogen, in ſeiner Parthie Whiſt fort. — Drei und die Honneurs, ſagte er die Karten miſchend; lege ſieben an, mein Kamerad Tom .. wer ſollte wohl meinen, wenn man mich ſo Dir gegenüber ſpielen ſieht, daß Du neulich beinahe Mich, meinen Schwager, getödtet haſt? . Aber ich bin ein Mann, bei Gott, und der ſoll nic holen. — Armer Mich, ſagte Loo von ferne, ſchon drei Tage lang hat er mich nicht geſchlagen. — Trink, meine Schweſter Loo, ſiehſt Du, trink und ſinge, und ſtöre uns hier nicht, wenn wir ruhig ſpielen, wie Männer. Es wurde weiter geſpielt und wie es aus war, hatte das Betrügen den andern nichts geholfen, Snail gewann immer fort. meine hübſche Madge hat mir dieſe Nacht eine ganz ver⸗ teufelte Geſchichte erzählt ... ich will ſterben, wenn ich ein Wort davon verſtehe ſie ſagt, die Mylords von der Nacht hätten Saunders, den Elephanten, gekauft, den früheren Rieſen im Aſtley⸗Circus, um eine Mine unter dem Palaſt des Königs zu graben. — Lege noch zwei Points an, Tom, ſagte er H — Nicht unter dem Palaſt des Königs, entgegnete ——— — 179 ————— Charlie, der dicke Waterman, ſondern unter dem Magazin im Tower, wo die Juwelen der Krone liegen. — Eine gute Idee, rief Snail, — aber der Elephant wird lange graben müſſen, denn das Magazin iſt mitten im Tower und der Tower iſt breit. — Ach, dummes Zeug, — nichts als Narrenspoſſen . gebt doch auf eure Karten Acht. — Man kann doch wohl ſprechen, wenn man auch ſpielt, denk' ich, mein Kamerad Tom Turnbull, erwiederte Snail mit Wichtigkeit, — ſieh nur einmal zu bei den Gentlemens des Club's, ob ſie einen einzigen Robber machen, ohne nach Gefallen zu plaudern. Siehſt Du⸗ mein Weib Madge erzählt merkwürdige Geſchichten varüber, ich wünſchte, ſie wäre hier; aber ſie hat ſich dieſen Morgen eingeſchifft, um friſche Gemüſe und Fleiſch nach der Brigg „the Kean“ zu bringen, die geſtern oberhalb Greenwich Anker geworfen hat. Sie ſagt, daß Saunders allein ſo viel arbeitet, als zwölf Männer ... und dick genug iſt er dazu, meine Jungen. — Zwölf Männer wie Du, ſchwatzhafte Schnecke, brummte Tom. — Wie ich oder wie Du, Turnbull .. es iſt wahr⸗ haftig kein großer Unterſchied . . . wir ſind alle beide ſtramme Burſche! .. Was den Saunders anbetrifft, ſo gäbe ich wahrhaftig eine Guinee darum, ihn bei der Arbeit zu ſehen .. Erinnert ihr euch? Im vorigen Jahre in Aſtley⸗Circus hob er ein Pferd in die Höhe. 180 ——— — Er hob, was er wollte, du jüngerer Sohn des Teufels, bediene Pique .. — Ich ſteche Pique und ſpiele Treff, mein Kamerad ... Paddy, der Kapitän, iſt der Führer des Elephanten .. Ich werde ihn bitten, daß er mich die Geſchichte einmal ſehen läßt. — Es muß recht hübſch ſein, ſagte Charlie, — aber wenn man die Juwelen der Krone auch ſtiehlt, was wird auf unſer Theil kommen? .. Einige Schillinge! .. Ach, wenn Seine Ehren nicht gekommen wäre, Turnbull, dann hätten wir jetzt die Banknoten des Herrn Smith. — Und welcher Jubel wäre das! ſagte Turnbull. — Welcher Ulk, rief Snail. Loo huſtete in ihrem Verſchlage und ſpie Blut. — Ich habe keinen Gin mehr, murmelte ſie. Darauf ihre beiden Hände auf die keuchende Bruſt rückend, fügte ſie hinzu: — Es brennt wieder Es brennt ich habe Feuer da drinnen! In dieſem Augenblicke wurde die Thür des Parlour aufgeriſſen und Donnor Ardagh trat ein. — Sieh, ſieh, rief Snail ohne ſich zu geniren; da iſt der Vater! .. Du thäteſt gut, den Hut zu ziehen, Tom Turnbull ... Meine Schweſter Loo, mache Dein Compliment,⸗ ich bitte Dich! —,,— Vierzehntes Kapitel. Beim Anblicke Donnor Ardagh's und ſeines ſchwarzen zerriſſenen Anzuges, hatten die in der Rookery zuerſt nicht übel Luſt, zu lachen, aber das ehrliche Geſicht des armen Irländers hate etwas an ſich, was ſchon von ſelbſt Reſpekt einflößte, und vermittelſt der Worte Snail's wurde daher 3 ihre lärmende Heiterkeit zurückgedrängt. — Ah, es iſt Dein Vater, das, Snail, ſagte Tom, ſeinen Hut berührend . zum Teufel! ... Der dicke Charlie und der andere Spieler machten ein freundſchaftliches Zeichen mit dem Kopfe. — Ja, es iſt mein Vater, rief Snail, — mein braver Vater, der mit uns trinken wird, bei Gott! Donnor war von ſeinem haſtigen Laufe erſchöpft, er 7 182 ſank zuſammen. Er fiel auf eine Bank und verſuchte, ſich mit den Händen den Schweiß von der Stirn zu wiſchen. — Wollen Sie trinken, daddy (Papa)? fragte Snail; — ich ſtelle Ihnen dieſe drei Gentlemen als meine Kame⸗ raden vor. Die drei Gentlemen verbeugten ſich, ſo gut Sie konnten. — Wenn meine Frau Madge nicht auf dem Waſſer wäre, wahrhaftig, fuhr Snail fort, indem er ſeinen Hals⸗ kragen mit groteskem Ernſt in die Höhe zog, — ſo würde ich ſie Ihnen vorſtellen, Daddy! Donnor antwortete nicht und betrachtete ſeinen Sohn mit ſtummer Verwunderung. Snail's Ton war ſeit Beginn dieſes Auftritts von allem unehrerbietigen Spotte entfernt geweſen. Der kleine Affe war ſo weit gekommen, daß er alle dieſe Narrheiten mit dem beſten Glauben von der Welt ſagen konnte. — Ich habe keinen Durſt, ſagte endlich der Irländer mit Anſtrengung; — Du haſt ſchöne Kleider, Snail! — Ja, Daddy, ich bin mit meinem Schneider nicht unzufrieden .. Ich denke, meine Toilette iſt die aller faſhiv⸗ nablen Männer. — Arme Nell! flüſterte Donnor. Snail hörte es nicht. Wäre dies aber auch der Fall geweſen, er hätte doch nicht begriffen, wie viel bitterer Schmerz in dem Hervorrufen der Erinnerung an eine keuſche Gattin in Gegenwart der Depravation ihres Sohnes liegt. — Daddy, begann dieſer in jenem Tone guter Freund⸗ „N — — 183 ſchaft, den ein heraufgekommener Sohn gegen ſeinen arm⸗ gebliebenen Vater annimmt, — Sie pyflegen ſich nicht genug! Sie ſind mager, wie ein Blitzableiter, Daddy . nicht wahr, Tom? .. Zum Teufel, Sie werden mich noch für einen ſchlechten Sohn gelten laſſen! — Laſſen wir das, Kind, ſagte Donnor mit traurigem Ernſt, — ich bin nicht hierhergekommen, um mich mit mir zu beſchäftigen .. . wo iſt denn Deine Schweſter Loo? — Loo bei Gott, ich denke, Sie haben Recht, Daddy .. ich hatte Loo aufgefordert, Ihnen die Reverenz zu machen, wie es ſich ziemt .. . Sie wird trunken ſein, ſehen Sie, Daddy ... das thut aber nichts, ſie muß ihre arme Bruſt anfeuchten .. Aber wo zum Teufel iſt ſie? fügte er hinzu, indem er das Parlour mit dem Blicke durchlief. Loo war verſchwunden. — Nun, das iſt nicht übel, erwiederte Snail predigend; — ſiehſt Du, mein Freund Tom, das hätte ich nicht von meiner Schweſter Loo erwartet .. . Zum Teufel, man muß ſich doch ein Bischen zu benehmen wiſſen .. . Loo, Schweſter Loo!. — Es iſt gut, Snail, ſagte der Irländer, — ich werde mit Dir allein ſprechen. — Bewahre, Daddy, bewahre; Loo muß Lebensart lernen .. ſie iſt die Schweſter eines Gentleman und darf ſich nicht wie ein Mädchen ohne Erziehung betragen . Loo, Schweſter Lvo! 184 Man hörte das dumpfe Geräuſch eines krampfhaften Huſtens, der unterdrückt werden ſollte. — O, ich wußte es ja, rief Snail, — ſie wird in irgend einen Winkel gefallen ſein .. . wenn es ſo iſt, Daddy, kann man nichts dagegen ſagen . .. wenn man betrunken iſt . — Dieſer Huſten iſt ſchrecklich, flüſterte Donnor, der aufgeſtanden war. — Es iſt ein böſer Huſten, Daddy . aber mit Gin bringt man ihn zum Schweigen .. . da, dort ſehe ich ein Stück von ihrem Kleide. Er ſprang auf und zog Loo, die ſich hinter dem Gitter ihres Verſchlages verſteckt hatte, beim Arme vor. — Das arme Mädchen widerſetzte ſich. Noch hatte das Gift des Beiſpieles nicht ſo erfolgreich auf ſie gewirkt, wie auf ihren Bruder Snail; ſie konnte ſich noch vor ihrem Vater ſchämen, den ſie liebte. Deshalb hatte ſie ſich verſteckt. Snail brachte ſie mit Gewalt aus dem Verſchlage her⸗ vor, ſtieß ſie zu Donnor hin und ſagte: — Nun, Loo, beim Teufel, meine Schweſter, keine Kindereien! Mache dem Daddy Dein Compliment, Loo! 5 Das kleine Mädchen bedeckte ſich ihre feuchten Augen mit beiden Händen. — Vater, o Vater! flüſterte ſie weinend. Donnor ſchnitt der Anblick dieſer charakteriſtiſchen Toi⸗ lette, dieſer flitternden Schande, der Schminke, welche auf die bleichen hohlen Wangen gelegt war, dieſer ſchwachen, krampfhaft erhobenen Bruſt, durch die Seele. Der Finger des Todes lag auf dieſem für die Orgie geſchmückten Kinde, ſie ſchluchzte unter Thränen und ihr zurückgehaltener Huſten brachte Blut auf ihre bleichen Lippen. — Und doch ſah ſie einſt der armen Nell ähnlich, dachte Donnor. — Die arme Nell, ſie hat wohlgethan, zu ſterben! — Loo ſtand noch immer unbeweglich, die Augen mit den Händen bedeckt, vor ihrem Vater. Donnor küßte ſie auf die Stirn nnd erhob den feuchten Blick zum Himmel. — Möge Gott ſich Deiner erbarmen, ſagte er, meine Tochter! — O, flüſterte Loo, ich liebe Sie, Daddy . und ich weine, wenn ich an Sie denke . . . aber ich brauche Gin um das Feuer zu löſchen, das hier innen brennt. Sie preßte die beiden Hände auf die Bruft. — Ach wie es brennt, immer brennt, fügte ſie hinzu... wenn Sie wüßten, Daddy, wie gern ich ſterben möchte! Donnor machte eine Geberde ſtummer Verzweiflung. — Teufel, ſagte der dicke Charlie, — das fängt an mich zu langweilen. — Dieſer Schwarzrock iſt ein wahrer Freudenſtörer, erwiederte Tom Turnbull; — aber macht keine Geſchichten, ihr andern, er hat das Anſehen eines braven Mannes. — Wahrhaftig, Dad, Sie machen mich weinen, wie ein Kind, rief unterdeſſen Snail, der in der That gerührt von dem war, ohne recht zu wiſſen weshalb; — ein Gent⸗ . leman darf nicht weinen, zum Teufel, und außerdem habe ich auch mein Battiſtſchnupftuch meiner hübſchen Madge ge⸗ geben .. Nun Daddy, friſch auf, Loo, s'iſt genug mit den 186 v Jeremiaden, ſoll mich Gott verdammen .. . es lebe die Freude! Snail beendete dieſe eindringliche Rede mit einem fürch⸗ terlichen Miauen, bei dem alle anweſenden Perſonen auf einmal aufſprangen. Trotz ſeiner Anſprüche auf den Titel eines Gentleman war Snail auf den hervorgebrachten Er⸗ folg entzückt und begann das Miauen fortzuſetzen, als ein Blick ſeines Vaters ihm den Mund ſchloß. — Zum Teufel, Daddy, brummte er; — mit Ihnen kann man nicht luſtig ſein. — Ich habe mit Dir zu ſprechen, Snail, ſagte Don⸗ nor ſanft, der ſich der Urſache ſeines Beſuches erinnerte. — Mit mir zu ſprechen? .. Im Geheimen denke ich, nicht wahr! . irgend ein Familiengeheimniß, das mein Vater mir anvertrauen will, fügte er hinzu, indem er ſich gegen ſeine Kameraden wandte .. . Seht, ich bin der älteſte Sohn, der präſumtive Thronerbe. — Machen Sie Ihre Geſchäfte ab, Herr Snail, ant⸗ wortete Tom Turnbull ernſthaft. — Fahrt nur im Spiele fort, ewiederte dieſer macht einen Strohmann .. . ich werde nachher wieder kom⸗ men; — Daddy, ich ſtehe Ihnen zu Dienſten. Donnor führte ſeine beiden Kinder in den entfernteſten Verſchlag und ſetzte ſich zwiſchen ſie. Turnbull begann, die Karten zu miſchen. — Das iſt ein Factum, ſagte er mit einer Art von Ernſt, — wäre ich der Vater eines ſolchen Geſchmeißes, — S und zufällig ein ehrlicher Mann, — ſo würde ich einen an der andern zerſchmettern! — Bah, brummte Charlie, — Loo hat keine vierzehn Tage mehr zu leben und Snail wird dem Galgen nicht lange mehr entgehen, — Du würdeſt Dir alſo die Mühe umſonſt machen, Turnbull! Drei Tage vergingen. Der arme Donnor Ardagh hatte in ſeinem enthuſiaſtiſchen Eifer leichtfertig verſprochen, was er nicht halten konnte. Snail wußte nichts und hatte trotz ſeiner wirklich ſehr frühreifen Verſtandeskraft kein Mittel, etwas zu erfahren. Die große Familie hütete ſich in der That wohl, ihre Geheimniſſe untergeordneten Beamten anzu⸗ vertrauen. — Snail hatte auf Mannesglauben geſchworen, daß er ſeinem Vater binnen 24 Stunden Gnüge thun wolle. Eingebildet, eitel, und übrigens eines gewiſſen guten Willens nicht entbehrend, gab er ſich vielleicht Mühe, aber gelangte nicht zum Ziel. Am Ende dieſer Tage hatte Stephen alſo noch kein Anzeichen, das ihn auf die Spur der beiden jungen Mädchen hätte bringen können. Er wußte blos, daß ſie nicht den Mördern der Reſurrection in die Hände gefallen waren; das war ein negativer Troſt, ein Vorwand zum Hoffen, eine Er⸗ muthigung, alle Schritte und Nachforſchungen ohne Unterlaß fortzuſetzen. 188 Donnor vervielfültigte ſich förmlich. Sein glühender Eifer gab ihm Kräfte; ſo lange der Tag dauerte, ging er hin und her, fragte, forſchte, ſpionirte. Am Abend legte er Stephen Rechenſchaft von ſeinen Beſtrebungen den Tag über ab und da ſeine Verſuche immer erfolglos geweſen waren, klagte er ſich bitter ſeiner Ohnmacht an. Im ganzen Univerſum gibt es vielleicht nicht noch zwei Volksſtämme, die ſo ganz verſchieden von einander ſind, als die Engländer und die Irländer. So würdig die erſten bis zum Stolze, ſo zurückhaltend bis zur Kälte ſie ſind, ſo perſönlich bis zu jenem Egoismus, der ihrem Namen in beiden Welten anklebt und ſprichwörtlich geworden iſt, eben ſo leicht zugänglich, mittheilſam, dienſtbefliſſen ſind die andern und ſtets bereit, ſich Jemandem zur Verfügung zu ſtellen. 5 Dieſe liebenswürdigen Eigenſchaften ſind bei dem Ir⸗ länder von einer thörichten Uebertreibung begleitet. Er ſpricht davon, für einen Freund, den er erſt einen Tag kennt, die Hand ins Feuer zu legen und nach einer Viertelſtunde Be⸗ kanntſchaft macht er einem das Anerbieten ſeiner Börſe und ſeines Herzens. 8 . Aber wir fordern Jedermann heraus, ſeine Börſe zu nehmen. — Denn ohne ihn beleidigen zu wollen, können wir das ſagen, weil er ſelten eine hat; hat er aber eine, ſo glauben wir, daß er ſie bereitwillig mittheilen würde. Der Engländer dagegen hat ſtets ſeine Börſe; aber er öffnet ſie nicht, außer höchſtens, um an einem einzigen Tage, ihn die Laune dazu ergreift, mit dem lauten Geprahle 189 eines rohen und brutalen Prunkes, das Einkommen von zwei Jahren zu verſchwenden. — Wenn die Times in ihren unermeßlichen Spalten die Namen der wohlthätigen Leute mittheilte, würden die Engländer ſich im Almoſen ruiniren. Deshalb find ſie auch in Wohlthätigkeitsvereinen ſehr ſtark, weil bei dieſen das Almoſen mit großem Lärm gege⸗ ben wird und Jeder ſeinen Beitrag mit ſeinem Namen ein⸗ zeichnet. Im Reich des Himmels wird es nicht viele Engländer geben. Der Engländer iſt ein rechtlicher Kaufmann, ſein Wort gilt ſo viel als ſeine Unterſchrift, die gut iſt; er übernimmt niemals leichtfertig eine Verpflichtung. Der Irländer dagegen verfolgt unglücklicherweiſe eine andere Methode. Wenn er Handel treibt, was ſehr ſelten iſt, ſo iſt er ein ſehr ſchlauer Patron, verſpricht, ohne zu halten und läßt ſeine Wechſel proteſtiren. Aber außerhalb des Handels bleibt der Engländer immer ein Kaufmann; man trifft Wucherer in allen Ständen der Geſellſchaft, ſelbſt bis zum Lord hinauf: der Irländer dagegen weiß ein Menſch zu ſein; alle großmüthigen Gefühle haben in ſeinem Herzen Platz: er liebt, er opfert ſich auf und ſeine Dankbarkeit, wenn ſie die Atmoſphäre von Leicht⸗ ſinn und Vergeßlichkeit, in welcher ſein Kinderherz ſchwimmt, durchdringt, nimmt ganz den Charakter der Leidenſchaft an⸗ Wenn England endlich das Ziel ſeiner Wünſche erreichte und dahin käme, ſich das Weltall zu unterjochen, würde 190 dieſes bald am Spleen ſterben. Würde Irland dagegen eine freie Nation und ſtellte ſich an die Spitze der Völker, wie luſtige Meetings würden da gehalten werden. New York würde auf das Wohlſein Berlins anſtoßen, Canton mit Pa⸗ ris fraterniſiren und die Polka würde auf der ganzen beleb⸗ ten Oberfläche der Welt getanzt. Man kennt die ungeheure Ungerechtigkeit von Englands Benehmen, Irland gegenüber. Eines Tages wird die Rech⸗ nung ſich ausgleichen und John Bull, der unter der Geſtalt 5 eines von tauſend proteſtantiſchen Beneficiarien ſich jenſeits des Canals von St. Georges gemäſtet, würde ſeine Portion beſchnitten ſehen. — Daniel O'Connel hat ſchon Mühe ge⸗ nug, Irlands lange Zähne, welche durch das Faſten von zwei Jahrhunderten gierig geworden ſind, zu verhindern, daß d ſie beißen. Außerdem iſt noch etwas bemerkenswerth: der einge⸗ fleiſchte Haß des proteſtantiſchen Engländers gegen den irlän⸗ 3 diſchen Katholiken. Man möchte ſagen, daß die erſteren ein Vorgefühl davon haben, daß ihrer verhaßten und wucheri⸗ ſchen Thrannei ein nahes Ende bevorſtehe. — Wenn der Henker ſich zum Haſſe herabläßt, iſt es alle Mal ein Be⸗ weis, daß er Furcht vor ſeinem Opfer hat. Donnor Ardagh war ein echter Irländer; aber die ſei⸗ ner Rage eigenthümlichen Fehler waren bei ihm durch eine angeborne Schwermuth gemildert. Er entbehrte deren nicht ganz und gar und hatte vielleicht mehr als ein Mal in ſeinem Leben die vergeßliche Wetterwendigkeit des National⸗ 6 —FFÜFHFHSÜÜ Ü charakters an den Tag gelegt. Aber jetzt hatte ihn die Hand ſeines Wohlthäters aus einer ſo tiefen Bedrängniß gerettet; ihm war das Leben zum Almoſen gegeben worden, — und auf einmal befand ſich ſeine glühend aufgeregte Dankbarkeit ſeinem Unglücke gegenüber. Er hatte keine Zeit kalt zu wer⸗ den, deshalb begab er ſich ſogleich an's Werk. Obgleich ſchwach, arbeitete er wie ein kräftiger Mann, und als er das Werk einmal begonnen, fuhr er fort, ohne zu ermüden. Wenn man ein gutes Herz hat, fühlt man, jemehr man dient, im⸗ mermehr den Wunſch, weiter hülfreich zu ſein. Die Hinge⸗ bung vermehrt ſich von ſelbſt in ihren Laufe und es liegt im Herzen des Menſchen eine Fähigkeit, um ſo mehr zu lie⸗ ben, jemehr Opfer man bringt. Fortan war der Weg gebahnt. Donnor gehörte Ste⸗ phen vollſtändiger an, als wenn er in Worchipſtreet vor Biſhop's Office den phantaſtiſchen Kauf eingegangen wäre. Nur blieb unglücklicherweiſe die Macht des armen Irländers weit hinter ſeinem Eifer zurück. Stephen kämpfte mit ſeiner ruhigen Energie und der Kaltblütigkeit ſeines Muthes gegen die Niedergeſchlagenheit, welche ſich ſeiner zu bemächtigen ſuchte. Seine Mutter war unter dem ſtarken Schlage, der ſie ſo unverſehns getroffen, niedergeſunken, hütete das Bett und Mac⸗Nab theilte die Jeit, welche ihm ſeine Nachforſchungen übrig ließen, zwiſchen der alten kranken Dame und dem Lager Perceval's. Der Letztere war auf dem Wege der Beſſerung und der 192 ₰ alte Sa fand ſeine Freude daran, tigich den kleinen Fort⸗ ſchritt zu conſtatiren. . Diesmal mindeſtens, ſagte er, — wird die Deriß des großen Wappens — und doch iſt es eine ſchöne Deviſe mors ferro nostra mors! — lügen. Lüge zu wege zu bringen, war nicht ſehr rheh win haben diesmal Sr. Ehren noch Gott ſu dafür ge⸗ prieſen. 4. Seit jener Nacht, nelche der traurigen Botſchaft von der Entführung vorhergegangen war, hatte Stephen noch nicht Gelegenheit gehabt, Perceval wegen jenes ſeltſamen Trau⸗ mes und der ihm entſchlüpften Worte zu befragen, da ſeine Anweſenheit ſtets nur kurz geweſen war, und er ſich nur begnügte, ſeinen Pflichten als Arzt nachzukommen, um ſich dann mit erneuter Thätigkeit ſeinen Beſtrebungen zur Auf⸗ findung ſeiner Couſinen hingeben zu können. Häufig hatte er während dieſer Zeit ſich geſagt, daß der Fremde von Temple⸗Church der Entführung nicht fremd ſei. Bei ruhigem Nachdenken war ihm indeß dieſer Gedanke nicht ſichhaltig, denn Ebward's Benehmen während jenes Abends, welcher der Prolog ſeines Unglücks zu ſein ſchien, bewies offenbar, daß er die beiden Schweſtern nicht kannte. Uund übrigens wollte man auch zugeben, daß er ſie kenne ſo wäre es doch unbegreiflich geweſen, warum der ſchöne Träumer beide Mädchen entführt habe, denn Räuber dieſem Schlage ſind gewöhnlich nicht ſo vorſorglich, daß ſie ſich einen Vorrath von Maitreſſen halten ſollten. Am Abende des dritten Tages verließ er ſeine Mutter in ver Dämmerung und ging nach Dudley⸗Houſe mit dem feſten Entſchluſſe, alles zur Entdeckung zu verſuchen, was der Traum Perceval's und ſeine eigenen Gedanken gemeinſchaft⸗ lich haben könnten. — Nun, Freund, rief Perceval, ſobald Stephen in ſein Zimmer eingetreten warz was giebt es heute fuͤr Nachrichten? — Keine, antwortete Stephen trübſelig. — Armer Mac⸗Nab, wie gern möchte ich auf ſein, um Dir bei Deinen Nachforſchungen helfen zu können. O mit jeder Minute fühle ich deutlicher, wie großes Uebel mir der Marquis von Rio Santo zugefügt hat! . Meinſt Du nicht, daß ich morgen aufſtehen kann, Stephen? Stephen fühlte ihm den Puls. — Vielleicht, ſagte er darauf; — es geht beſſer, Per⸗ ceväl; es iſt nichts mehr zu befürchten, wenn Du anhal⸗ tend ſprichſt, und ich habe Dir vor⸗ zulegen. — — Fragen? wiederholte Frank n — 6 bin be⸗ reit, Dir zu antworten, aber was kannſt Du mich frägen wollen, was einen ſo feierlichen Eingang Stephen verſuchte zu lächeln. — Mein Gott, ſagte er, — meine Traurigkeit prigt ſich all meinen Worten und Handlungen ein; Frank aber was ich Dich zu fragen habe, iſt nichts weniger i feierlich . Inm Gegentheile, es handelt ſich um einen klein⸗ lichen Umſtand, der ſein ganzes Intereſſe nur dunch eine IIH. 9 194 ſchreckliche Erinnerung bekommt, die ſich an die Ermordung meines Vaters knüpft; — ein neuerlicher Vorgang hat das Bild wieder in mir rege g 86 es handelt ſich um Fol⸗ gendes, Perceval! Stephen erzählte nun in wenig Worten die düſtern Ge⸗ danken, welche neulich in ihm aufgeſtiegen, als er am Bett ſeines kranken Freundes gewacht. Er ſprach von ſeiner Ei⸗ ferſucht, von dem Unbekannten aus Temple Church und der Aehnlichkeit mit dem Mörder ſeines Vaters. 13 — Nur etwas fehlte dieſer Aehnlichkeit, Frank, fügte er hinzu — und ich konnte mir davon nicht genaue Rechen⸗ ſchaft geben erſt Du haſt im Traume meiner Ungewiß⸗ heit ein Ende gemacht. — Wieſo das? fragte Frank. * 3 . — Ich ſuchte den Zug, der jenem Menſchen ſehle, um dem Mörder vollkommen ähnlich zu ſein .. . und Du haſt den Namen des fehlenden im Traume ausgeſprochen. —. . ſugte Perceval ſorglos. — Du ſagteſt: die Narbe. — Zi Narbe, wiederholte Funt wurde blaß und rich⸗ tete ſich halb in die Höhe. — Darauf haſt Du dieſe Narbe beſchrieben. ₰ — O, ſagte Perceval wieder, aber diesmal nicht mehr Sorgloſigkeit, — und ſag mir, Stephen, habe ich den Namen des Marquis von Rio Santo ausgeſprochen? — Nein, antwortete Stephen, der ſich ſeinerſeits wieder verwunderte; — Du weißt alſo, was ich meine? 8 * 3 195 Frank wandte das Geſicht nach dem Bildniß der Miß Harriet Perceval, das von den letzten Strahlen des unbeſtimmt erleuchtet wurde. — Ja, Stephen, o ja, flüſterte er mit ſchmerzlicher Aufregung; ich weiß was Du meinſt ... arme Schweſter! dieſer Traum kommt mir häufig .. und es iſt ein furcht⸗ barer Traum. Fünfzehntes Kapitel. Auf der Landſtraße. Der Blick, welchen Perceval anf das Bildniß ſeiner Schwe⸗ ſter geworfen, war ſo ſchmerzlich, ſeine letzten Worte von ſo tiefer Traurigkeit angehaucht, daß Stephen ein verlegenes Schweigen beobachtete und verletzende Erinnerungen in ihm hervorzurufen fürchtete. 5 Er irrte ſich nicht. Seine Frage riß eine grauſamere Wunde wieder auf, als ihm der Degen des Marquis Rio Santo beigebracht hatte. 6 Frank reichte ihm die Hand und ſagte: — Du biſt mein einziger Freund, Stephen, und ich bin Dir Vertrauen ſchuldig . .. Aber es giebt gewiſſe Schmer⸗ zen, welche man mit einem Schleier bedeckt, . . gewiſſe Wun⸗ den, welche man nicht blos legen darf .. — Frank, unterbrach ihn Mac⸗Nab, — entſchuldige mich, ich bitte Dich darum, und ſage kein Wort weiter! — Ich leide ſehr, wenn dieſer Traum ſich in meinen Schlaf drängt, fuhr Perceval langſam fort und that, als habe er die Unterbrechung Stephens gar nicht gehört; — Arme Harriet! ... ſie war jung ... und ſchön .. . und glücklich, Stephen! .. . Komm näher heran, „.. noch näher „ ich will Dir erzählen, warum meine Schweſter Harriet geſtorben iſt, . Dir allein, hörſt Du, Mac⸗Nab? Er hielt inne und ſchien einen Augenblick von ſeinen Erinnerungen ganz abſorbirt. Stephen wartete. Es iſt eine ſeltſame Geſchichte, ſagte Perceval, — ſelt⸗ ſam und ganz voller Abenteuer, die dem Gebiete der Phan⸗ taſie anzugehören ſcheinen .. Ach! und doch iſt Alles wahr daran, .. nur zu wahr! .. . Mitunter zweifle ich, ſo ſehr gleichen meine Erinnerungen einem Traume, aber mein Zwei⸗ fel bricht ſich an dem Marmor eines Grabes .. Es war vor zwei Jahren. Harriet war von Henry Dutton, Lord Sherbone, den ſie liebte, zur Ehe begehrt wor⸗ den, und wollte das Ende der Seaſon bei meiner Mutter zubringen. Wir reiſten in den erſten Tagen des Juli nach Schottland ab. Harriet war ein ein edles Kind; wir liebten uns gegen⸗ ſeitig. — Du weift es, Stephen, denn ich ſprach ſonſt im⸗ merr von ihr zu Dir, — wir liebten uns mehr, als ſich ge⸗ woͤhnlich Bruder unb Schweſter lieben. Deshalb war auch die Reiſe fröhlich und angenehm. Wir waren beide in ei⸗ 198 ner wohlbeſpannten Chaiſe. Wir plauderten von der Zukunft, von unſerer Liebe, von Lord Sherbone, von Mary Trevor o Stephen, die Zeit verging ſchnell und wir ſchimpften nicht einmal über die ſchlechten Wege der Grafſchaften des Nordens. Wir gingen über die Grenze. Es war ein herrliches Wetter und als wir nach Annan hineinkamen, ſchlug es an der Uhr der alten Kirche zehn Uhr Abends. — Fahren wir noch bis Lochmaben, ſagte Harriet zu mir. Ich that ſtets, was ihr Vergnügen zu machen ſchien, Stephen! — Fahren wir bis Lochmaben, antwortete ich; — wir werden bei Herrn Mat Farlane, dem Onkel meines Freundes Mac⸗Nab, um Schlafquartier bitten. Die Pferde vor unſerer Chaiſe wurden gewechſelt und wir ſetzten, von einem ſchottiſchen Poſtillon gefahren, unſern Weg fort. — Von Annan nach Lochmaben, Du weißt das beſſer als ich, Stephen, weil es Deine Heimath iſt, geht der Weg fortwährend durch bewundrungswürdige Landſchaften. Wir betrachteten von Minute zu Minute neue reizende Ausſichten, bald düſter, bald anmuthig, bald großartig, und das Alles war vom Lichte des Mondes mit phantaſtiſchem Glanze um⸗ goſſen. 8 Aber wir kamen nur langſam vorwärts, denn die Wege find in dieſen maleriſchen Gegenden ſehr ſchlecht. — Meine 199 Uhr zeigte Mitternacht, als wir noch mehrere Stunden von Lochmaben waren. Nichtsdeſtoweniger waren wir durchaus niche beunru⸗ higt, Harriet freute ſich ſogar über dieſe Verſpätung, welche ihr das Vergnügen der ſchönen Nacht noch verlängerte. Arme Schweſter, dieſe Nacht ſah ihr letztes Lächeln. Ich hatte meine Uhr wieder eingeſteckt, als unſre Chaiſe heftig gegen einen quer über den Weg liegenden Gegenſtand ſtieß. Die Pferde zogen ſo ſcharf an, daß wir über das erſte Hinderniß hinweg kamen, aber es geſchah nur, um zwan⸗ zig Schritt weiter deſto ſchwerer in einen Graben zu fallen, der die ganze Breite des Weges einnahm. Weder Harriet noch ich waren verwundet. Der Po⸗ ſtillon ließ eine große Anzahl ſchottiſcher Flüche los und ſchimpfte auf die Wegebeamten, die unter dem Vorwande, die Straßen zu verbeſſern, wahre Fallen grüben, um arme Reiſende darin zu fangen. Dieſer Graben, Stephen, war in der That eine wahre Fallgrube, aber ich habe Grund zu glauben, daß ſie nicht von den Beamten der Regierung gegraben worden. Was den erſten Gegenſtand anbetrifft, der uns gehindert hatte, ſo war das ganz einfach ein Baumſtamm, der mit Abſicht über den Weg geworfen war. Wir ſtiegen aus. Ich ließ die erſchrockene Harriet auf den Raſen niederſetzen, und begann den Wagen zu unterſu⸗ chen. Nach meiner Anſicht konnte man noch damit fahren, aber der Poſtillon erklärte uns, indem er ſeine Rede mit hun⸗ 200 dert Schwüren betheuerte, daß Weiterreiſen ſo viel heißen würde, als ſein Leben mit Willen aufs Spiel ſetzen. — Ich hatte keinen Grund, dieſem Manne zu miß⸗ trauen, Stephen; ich glaubte ihm. Jenſeits des Solway ſind die Nächte friſch; als ich wieder zu Harriet kam, begann ſie ſchon vor Kälte zu zittern. — Wo werden wir die Nacht zubringen, Frank? fragte ſie mich. Das war mehr, als ich ſagen konnte, und ich überwies dieſe Frage dem Poſtillon, der mir antwortete: — Auf der andern Seite des Abhanges iſt das Schloß des Laird, Ew. Ehren; aber mich ſoll der Teufel holen, wenn dieſer Duncan von Leed zu dieſer Stunde der Nacht irgend Jemanden einläßt! . — S nahe an Crewe waret Ihr? unterbrach ihn Mac⸗Nab. — Söchſtens tauſend Schritt waren wir vom Schloſſe Deines Onkels, Stephen! Und wenn ich ſage tauſend, ſo richte ich mich blos nach dem Maße unſers Poſtillons; denn mir ſchien es viel näher. — Fahr nur fort, ſagte Stephen, ich werde im Ver⸗ laufe Deiner Erzählung ſchon den Ort errathen können, wo eure Chaiſe anhielt . . . Kenne ich nicht jeden Zoll des Ter⸗ rains, das zwiſchen Annan und Crewe iſt? Perceval hob wieder an: — Und liegt in der Umgebung nichts als das Schloß des Laird? fragte ich den Poſtillon. 201 Ich wußte nicht, daß der, den man den Laird nannte, Herr Mac⸗Farlane war. — Es iſt wohl noch die Meierei von Leed da im Norden des Schloſſes, antwortete der Poſtillon; aber da wäre es noch beſſer, wir gingen bis Lochmaben! . . Ich weiß nichts anderes als das Haus Randal's. — Das Haus von Randal Graham! . . . rief Stephen. — Du kennſt dieſes Haus, Mac⸗Nab? fragte Frank. — O, ob ich es kenne? . Ja, ich kenne es .. dort wurde mein Vater ermordet! .. — Und dort wurde auch meine Schweſter entehrt! ſagte Perceval mit tiefer, unterdrückter Stimme. Es herrſchte zwiſchen den beiden jungen Leuten ein Au⸗ genblick ſchmerzlichen Schweigens. Frank hatte ſich in ſeinem Bette aufrecht geſetzt und faltete ſeine beiden Hände unter dem Deckbette. Sein edles, vom Leiden gebleichtes Geſicht hatte den Ausdruck der höchſten Traurigkeit. — Stephen ſtützte den Kopf auf die Hand. — Das iſt ein ſeltſames Zuſammentreffen! ſagte Per⸗ ceval endlich. Darauf fügte er, die Augen auf ſeinen Freund richtend, plötzlich hinzu: — Stephen, ſtehſt Du für Deinen Onkel Mae⸗Farlane? — Ich verſtehe Dich nicht, flüſterte der junge Arzt verwundert. — Du trauſt ihm, ich ſehe es, erwiederte Frank .. es iſt gut .. ich bitte mir nicht wegen dieſer Frage Rechen⸗ 9** 202 ſchaft abzuverlangen, bevor ich meine Geſchichte vollendet Ich glaube, hoffe ſogar, daß aus dieſer unſerer Unterredung einige Klarheit hervorgehen wird denn der Mörder Deines Vater, Stephen, muß der Henker meiner Schweſter ſein! — Ich glaube es, entgegnete Stephen. — Das Haus Randal Graham's, fuhr Perceval fuhr, iſt, wie Du weißt, von dem Wege durch einen Eichenbuſch getrennt und erhebt ſich zwiſchen zwei mit Gehölz bewachſe⸗ nen Ruinen auf den Trümmern der ehemaligen Abtei von St. Maria von Crewe .. Ich weiß übrigens nicht, in welcher Beziehung das Schloß Deines Onkels durch ſeine Lage mit den Ruinen ſteht ich bin niemals wieder nach jenem verhängnißvollen Orte hingekommen. — Das Schloß von Angus Mac⸗Farlane iſt nichts anderes als das Hauptgebäude des Kloſters St. Maria. Es erhebt ſich ein halbes Taufend Schritte von Randal's Hauſe aus den Ruinen. — So! ſagte Perceval und runzelte die Stirn; — der Schotte hatte mich belogen und ſag mir, Stephen, . aber du warſt noch ſehr jung, als du die Grafſchaft Dum⸗ fries verlaſſen .. — Ich kannte die Ruinen ſo wohl wie dieſes Zimmer, Frank, und habe nichts vergeſſen . — Nun, ſo antworte mir . hörteſt Du niemals von Souterrains .. von unterirdiſchen Gängen ſprechen, welche durch die Ruinen gehen und Randal's Haus mit Schloß Crewe in Verbindung ſetzen. 203 — Niemals! antwortete Sephen. — Wonit ſollten die Ruinen denn ſonſt in Verbindung ſtehen? murmelte Frank; gibt es denn in der Umgebung noch ein anderes Schloß als Crewe? — Zwei Stunden im Umkreiſe keines . aber wer hat Dir von der Exiſtenz der unterirdiſchen Gänge geſagt? — Ich bin ſie durchſchritten, erwiederte Frank; — ſie find lang, und in ihren weiten Schlingungen kann ſich ein Menſch leicht verirren . . . wir werden noch darauf zurück⸗ kommen, Stephen! — Es war kurz nach Mitternacht, als wir vor Randal's Hauſe ankamen. Meine Schweſter hatte Furcht auf dieſen wilden düſtern Wegen, welche das Licht des Mondes nicht erhellen konnte. Ich ſelbſt fühlte mich von einer unbeſtimmten Unruhe ergriffen. Der Poſtillon klopfte. Faſt augenblicklich hörten wir drinnen Feuer anſchlagen, und eine Stimme fragte: Wer da? — Ihr ganz ergebener Diener, Herr Smith, antwortete der Poſtillon. Es iſt ein junger Lord und ſeine Lady, deren Chaiſe oberhalb dem Loch von Roos zerbrochen iſt, — ſoll der Himmel die vom König bezahlten Leute beſtrafen, die die guten Wege in Schottland zu erhalten haben, — zer⸗ brochen wie ein Glas, Herr Smith! „ — Und Du? wer biſt Du? — O, ich bin der Poſtillon Saunie, Saunie von Annan, — Saunie der Beller, Herr Smith. Die Thür öffnete ſich. — Herr Smith, ein Menſch, deſſen Geſicht ſich ganz und gar hinter einem großen Augen⸗ 204 ſchirm von grüner Seide verſteckte, empfing uns mit einem kalten, ceremoniellen Gruße. — Mein Herr, ſagte ich zu ihm; nehmen Sie zuvör⸗ derſt unſern Dank. Ohne Ihre Gaſtfreiheit .. — Junger Menſch, unterbrach mich Herr Smith mit ſcheinheiligem Tone, — ich hoffe, daß weder Sie noch die junge Dame in den Schlingen der großen Hure ſind, welche auf den ſieben Bergen ſitzt. — Wir ſind nicht Katholiken, mein Herr! — Gott ſei gelobt, junger Menſch ... Und ich hoffe, daß die junge Dame Ihnen chriſtlich angehört, daß ſie Fleiſch von Ihrem Fleiſche iſt .. — Dieſe junge Dame iſt meine Schweſter, antwor⸗ tete ich. — So, ſagte Herr Smith, der hinter ſeinem Augen⸗ ſchirm eine genaue Prüfung meiner Schweſter anzuſtellen ſchien; Maudlin! — Was giebt es? rief eine flötende Stimme von weitem. — Laſſen Sie zwei Zimmer bereit machen! ſagte Herr Smith. — Mein Herr, wollte ich enn — meine Schwe⸗ ſter iſt ſchwach und leidend; ich wünſchte, ſie nicht zu verlaſſen. — Pfui, junger pfui! . . . die Nacht iſt die Stunde, wo der Verſucher Macht hat ... die Nacht. — Wie? mein Herr, rief ich mit Unwillen und Abſcheu aus, — wagen Sie zu vermuthen? 205 — Das menſchliche Herz, junger Menſch, deklamirte Herr Smith näſelnd, iſt ein übertünchtes Grab das Fleiſch iſt ſchwach . . . und wenn Sie ſich nicht nach den Regeln des Hauſes richten wollen, ſo bleiben Sie draußen und ſchlafen Sie im Mondenſchein. Herr Smith grüßte ernſt und ging. Einen Augenblick darauf brachte ein Diener einige Er⸗ friſchungen, denen Saunie, unſer Poſtillon, die meiſte Ehre anthat. Harriet und ich, wir berührten die Gerichte, welche uns präſentirt wurden, kaum. — Wer iſt denn dieſer Herr Smith? fragte ich Saunie. — O, rief er mit vollem Munde, das iſt der Gentle⸗ man mit dem grünen Angenſchirm, der eben noch mit Ihnen geſprochen hat. — Das weiß ich wohl, mein Beſter; aber was iſt es für ein Mann? — Was für ein Mann es iſt, wiederholte Saunie mit unſchuldiger Miene; — nun es iſt ein Mann wie Sie und ich, Mylord ich will zu Bette gehen ſeien Sie un⸗ beſorgt, morgen wird die Chaiſe ſo gut zu fahren ſein, als Sie es nur für Ihre Bedürfniſſe verlangen können. Harriet und ich, wir folgten dem Beiſpiele Saunie's und zogen uns in unſere Zimmer zurück. Dieſe waren neben einander gelegen und blos durch eine verſchloſſene Thür ge⸗ trennt, durch welche hindurch wir uns etwas hätten erzählen können. — Ich dachte, daß Herr Smith es im Grunde noch ſchlimmer hätte einrichten können. * 206 Ich hörte, wie Harriet ſich ins Bett legte, und ihre ſanfte Stimme rief mir: Guten Abend! zu. Ich war müde und warf mich ganz angekleidet auf mein Bett, wo ich faſt augenblicklich entſchlief; — aber Du weißt, Stephen, es war jener unruhige, leichte Schlummer, welcher allen Orga⸗ nen die Fähigkeit läßt, Eindrücke zu empfangen, zu hören und zu fühlen. Ein ſolcher Schlaf iſt trügeriſch, mein Gott; man hört in demſelben und glaubt zu träumen. Das war hier mein Fall. Mein Fenſter war zufällig offen geblieben; kaum hatte ich die Augen geſchloſſen, ſo hörte ich den Klang verhaltener Stimmen. — Heute, wo ich mir von jenen Ereigniſſen ruhig Rechenſchaft gebe, meine ich, daß dieſe Stimmen von draußen kamen, und daß man unter meinem Fenſter ſprach. — Sie iſt ſchön, ſagte eine Stimme, welche ich als die des Herrn Smith zu erkennen glaubte, obwohl ſie jetzt ganz des ſcheinheiligen puritaniſchen Accentes entbehrte. — Ja, antwortete eine andere Stimme; aber es iſt nicht die junge Herzogin von ***, und zum Teufel, um ſolche Kleinigkeit braucht man nicht Eichen auf die Wege zu wer⸗ fen .. das nenne ich Kaninchen in einer Wolfsſchlinge fangen! — Sie iſt ſchön, ſagte Herr Smith wieder, und Se. Ehren iſt im Schloſſe. — Ich weiß wohl ... Se. Ehren wird nur einen ein⸗ zigen Biſſen daraus machen; — aber in dem Wagen Ihrer Gnaden, des Herzogs und der Herzogin von ** ſollten ſich 207 Kleinode und fünftauſend Pfund in Gold befinden, während wir in der Chaiſe dieſer hier nichts gefunden haben .. Zum Teufel, Major, um nichts wirft man doch gerade keine Gräben auf. — Nun, Paulus, mein Freund, der Eichenſtamm und der Graben ſind ja darum nicht verloren, — obgleich bei alledem der Baum zu klein und der Graben ſchlecht gemacht ſcheint, weil die Chaiſe dieſes jungen Narren ganz unver⸗ ſchont iſt; — die Reihe wird auch noch an Ihre Gnaden kommen. — Ich werde dem Graben noch mit den Spaten nach⸗ helfen laſſen. — Und ich will mich mit der jungen Dame beſchäfti⸗ gen, ſagte Smith, — Se. Ehren wird da ein Deſſert nach ſeinem Geſchmacke haben. Stephen, ich hörte alles das auf das Vollkommenſte, nicht ein Wort entging mir. — Aber es lag mir wie ein Schleier auf den Sinnen und ich glaubte zu träumen .. ich glaubte zu träumen und doch hatte ich unbeſtimmte Ge⸗ danken und ſagte mir, der Traum ſei gewiß durch den un⸗ günſtigen Eindruck hervorgerufen, welchen Herr Smith auf mich gemacht habe. Ich hörte weiter nichts mehr und ſchlief wirklich ein, indem ich flüſterte: — Was das für wunderliche Träume ſind, — ich wette, es wird wieder kommen. Es kam wieder, Stephen, oder vielmehr das — 208 Drama, deſſen erſte Scene ich gehört hatte, wurde neben mir fortgeſetzt. Und mein Ohr hörte das Geräuſch mit ſonderbarer Klarheit; aber mein Verſtand und mein Bewußtſein hatte keinen Antheil daran. Ich hörte dumpfe Töne in der Rich⸗ tung von Harriet's Zimmer, darauf erſticktes Geſchrei, — Klagen und Geſeufze, — darauf wieder tiefes Schweigen. Alles war leblos, als ich plötzlich durch einen von jenen elektriſchen Stößen aufwachte, die mitunter im Schlafe kommen. — Man glaubt in einen Abgrund zu fallen, zu ſtolpern oder ſonſt etwas .. ich ſprang vom Bette auf den Fußboden. Alles, was ich während meines Schlafes gehört hatte, kam mir ins Gedächtniß und erfüllte mich mit unbeſtimmten Befürchtungen. Ich näherte mich leiſe der Thür von Harriet's Zimmer, legte mein Ohr ans Schlüſſelloch — Nichts! Was erwartete ich, was hätte ich hören wollen? — Nichts. Harriet ſchlief ohne Zweifel. — Und doch war dies Schweigen mir ſchauerlich. — Harriet! rief ich leiſe. Keine Antwort. — Harriet, Harriet! rief ich. Immer daſſelbe Schweigen. Darauf füllte ſich mein Serz mit ſchauerlichen Gedan⸗ ken, ich ahnete die Wahrheit. Was ich für einen Traum gehalten, hatte ſich wirklich neben mir zugetragen. — Ich ſchrie, ſchlug mit geballter Fauſt furchtbar an die Thür. — Keine Stimme antwortete mir. — Haben ſie ſie ermordet? fragte ich mich, indem mir der kalte Schweiß auf die Stirne trat. Ich ergriff die eiſerne Stange, welche an den Fenſter⸗ laden befindlich war, bediente mich derſelben als Brecheiſen und brach die Thüre ein. — Der Mond, welcher durch ein Fenſter ohne Vorhänge ſchien, übergoß mit ſeinen Strahlen das Zimmer. Das Bett meiner Schweſter war leer. Sechszehntes Kapitel. — Ein Roman. Man hatte Harriet entführt, fuhr Perceval fort, dieſe Klagen, die ich im Traume gehört, waren das Nothgeſchrei meiner Schweſter geweſen. — Ich ſtürzte auf das Bett zu und fuhr mit der Hand unter die Decken, welche noch warm waren. Die Entführer konnten alſo noch nicht weit ſein; aber in welcher Richtung ſollte ich ſie ſuchen? Das Zimmer, in welchem Harriet geſchlafen, hatte drei Thüren, von denen die eine nach meinem Zimmer ging, die zweite war von ihr ſelbſt, wie ich gehört hatte, zwei Mal herum zugeſchloſſen worden und die dritte endlich, öffnete ihre ſchmalen Flügel am Fuße des Bettes, dem Fenſter ge⸗ genüber. Stephen legte ſeine Hand auf Perceval's Arme. . 211 — Ich kenne dieſes Zimmer, ſagte er, es war für mich eben ſo verhängnißvoll, als für Dich, Frank .. Durch dieſe kleine Thür, welche zu Füßen des Bettes ſich befindet, ſah ich ein Mal zwei Männer eintreten, von denen der Eine eine Maske auf dem Geſichte trug ... der Andere hielt eine Fackel in der Hand WMein Vater ſchlief in dem Bett, wo ſpäter Deine unglückliche Schweſter .. aber ſetze Deine Er⸗ zählung fort, ich höre zu. — Man hat mir früher ein Mal die Ermordung des Herrn Mac⸗Nab erzählt, Stephen, erwiederte Perceval; — aber nur im Allgemeinen davon geſprochen . Du ſolſſt mir die Einzelnheiten davon berichten . . Vielleicht haben dieſe beiden Verbrechen, welche an einem und demſelben Orte begangen ſind, auch einen und denſelben Urheber . und ich liebe Dich genug, Mac⸗Nab, um Dich an meiner Rache Theil nehmen zu laſſen. — Und Du biſt der einzige Menſch in der Welt, ant⸗ wortete Stephen, indem er ihm kräftig die Hand drückte, — mit dem ich meinen Haß gegen den Mörder meines Vaters zu vereinigen im Stande bin. Was thateſt Du nach dem Verſchwinden Deiner Schweſter? — Ich blieb einen Angenblick wie vernichtet. Meine beiden Hände ſchlugen krampfhaft an die Stirn; aber mir kam kein Gedanke. Mein irrer Blick durchlief das Zimmer nach allen Richtungen und glaubte überall das Bild Har⸗ riets zu bemerken. Was geſchehen war, ſchien mir unmög⸗ lich. Ich ſagte mir, daß die Strenge unſerer Geſetze ſchon 212 ſeit langer Zeit die drei Königreiche von den Schlupfwinkeln der Banditen gereinigt, deren Verwegenheit unſere Väter er⸗ ſchreckte ich ſagte mir . . . aber die unerbittliche Augen⸗ ſcheinlichkeit erſtickte jeden wohlthuenden Zweifel. Einen Augenblick ging ich ſo weit zu hoffen, daß ich wahnſinnig ſei. Ich ſaß am Fuße des Betttes und die ungeheure Ver⸗ wirrung, welche mich jedes Entſchluſſes unfähig machte, dau⸗ erte etwa eine Minute. Nach dieſer Zeit aber machte ſich das Bedürfniß zum Handeln rege; mit einem Sprunge ſtand ich auf und ohne nachzudenken, warf ich mich blindlings in den düſteren Raum hinein, welcher ſich hinter der kleinen offenen Thür befand. . In jedem andern Augenblick würde ich mich ohne Zweifel getödet haben, denn die Thür ging auf eine Granit⸗ treppe hinaus, deren hohe, ſchmale, abgenutzte Stufen zu einer großen Tiefe hinabführten. — Wie? ſagte Stephen, als ob er etwas ganz Ande⸗ res erwartet habe. Darauf fügte er faſt augenblicklich hinzu: — Das iſt ſeltſam, hinter der Thür, von welcher Du ſprichſt, habe ich niemals etwas Anderes geſehen, als eine ſteinerne Mauer. — Ich ſage Dir, was mir paſſirte, Stephen und übrigens iſt es nicht das erſte Mal, daß man mir von dieſer 1 ———— 213 ſteinernen Mauer ſpricht; aber in meiner Erzählung kommen noch ſeltſamere Dinge vor; höre nur weiter: Ich war hinausgeſtürzt, ohne irgend von der Exiſtenz dieſer Treppe eine Ahnung zu haben. Kaum hatte ich die Schwelle der Thür übertreten, ſo wich der Boden mir unter den Füßen .. die Treppe, von der ich Dir ſpreche, beginnt nimlich gleich hinter der Thürſchwelle. — Zwiſchen der Mauer, welche ich geſehen, mit meinen eigenen Augen geſehen, antwortete Mac⸗Nab, eine ganz mit Moos und Moder bedeckte Mauer, die ſo alt ſchien wie die Welt, zwiſchen der Mauer und der Schwelle iſt für zwei Menſchen Platz . und ich denke, daß ſich dort die Mörder meines Vaters verborgen gehalten hatten. — Gott weiß, daß ich mich nicht habe irren können, erwiederte Perceval, und jeder Umſtand dieſer furchtbaren Nacht iſt mir mit blutigen Zügen ins Gedächtniß geſchrie⸗ ben. — Ich ſtürzte vorwärts und konnte meinen Lauf nicht einhalten, den ſteilen Abhang der Treppe hinabfallend und kaum vorübergehend mit den Füßen eine Stufe berührend, ſank ich auf die feuchte Erde eines Souterrains, wo ich einige Sekunden hindurch wie zerſchmettert liegen blieb. Aber ich war nur betäubt. Bald darauf ſtand ich, ohne verwundet worden zu ſein, auf. Eine vollſtändige Dunkelheit umgab mich. Ueber mei⸗ nem Kopfe in einer großen Höhe, erſchien ein ſchwacher Schimmer, der Refler von den Mondſtrahlen, welche durch die kleine Thür eindrangen. 214 Einen Augenblick wollte ich die Stufen wieder hinauf⸗ ſteigen, denn wie konnte ich glauben, daß der Weg, welchen der Zufall mich geführt, mich gerade zu meiner armen Har⸗ riet bringen würde. Vielleicht war dieſer Keller ohne Aus⸗ gang. Ich hatte keine Ahnung von ſeiner Form und wußte nicht, wie weit er ſich ausdehnte. Ringsherum lag dichte Dunkelheit wie ein Schleier auf mir. Aber in dem Augenblick, wo ich den Fuß auf die erſte Stufe der Treppe ſetzte, drehte ich mich zufällig noch ein Mal um, um einen Blick in die Dunkelheit zu werfen, welche mich umgab. Das war ein ſeltſames Schauſpiel, welches ich ſah und meine Vernunft weigerte ſich erſt, es zu glauben; ich ſchloß die Augen, um der phantaſtiſchen Erſcheinung zu entgehen, welche meinen Blick getroffen hatte und die ſo bis zur Son⸗ derbarkeit unmöglich war, daß ich in der Idee beſtärkt wurde, es ſei mit meinem Verſtande nicht richtig. Aber als ich die Augen wieder öffnete, ſah ich aber⸗ mals, konnte mit der größten Genauigkeit unterſcheiden und anſtatt die Treppe hinaufzuſteigen, ſtürzte ich mich in die Dunkelheit des unterirdiſchen Ganges hinein. In einer ungeheuren Entfernung, Stephen, von deren Weite ich keinen Begriff habe, die aber ſo groß war, daß ein Mann aus derſelben geſehen, nur die Größe einer Puppe hatte, bemerkte ich ein helles Licht und um daſſelbe gingen vier oder fünf Perſonen, hell und deutlich beleuchtet in einer Gruppe und trugen in ihrer Mitte einen Gegenſtand von weißer Farbe. — Meine Schweſter, meine arme Schweſter, rief ich aus. Denn von dieſem Augenblicke an errieth ich, daß der weiße Gegenſtand, der von den Männern, welche gleich Zwergen erſchienen, getragen wurde, meine Schweſter oder der Leichnam meiner Schweſter ſei. Nun warf ich alle Unentſchloſſenheit ab, ich mußte fol⸗ gen und ſie um jeden Preis zu erreichen ſuchen. Die plötzliche Erſcheinung der Gruppe in einer ſolchen Entfernung bewies, daß der zu verfolgende Weg nicht in directer Linie gehen könne; ich konnte es mir nur auf eine einzige Art erklären. Ich mußte in unterirdiſchen Gängen von großer Ausdehnung ſein, das Haus Randal's über dem einen Ende derſelben ſtehen, während das andere, Gott weiß, wo, einen Ausgang hatte. Die Gruppe, welche aus fünf Männern und meiner Schweſter beſtand, ging bei dem hellen Lichte der Fackeln, ich aber hatte nichts, um die Richtung erkennen zu können. — Der, welcher die Gruppen anführte, kannte ſeinen Weg, mir war er aber vollkommen fremd. Aber was kümmerte ich mich um das Alles? Nur eins ſtand in meiner Ueberzeugung feſt: die Ge⸗ wißheit, daß Gefahren zu umgehen ſeien, weil die kleine Caravane nicht die gerade Linie verfolgt hatte und plötzlich an der Ecke eines Ganges erſchienen war, deſſen Krümmung mir bisher den Schein der Fackeln verborgen hatte. 216 Die Gruppe mit ihren Fackeln ließ ich mir indeß als Buſſole dienen; ich bemerkte in der That fortwährend die nächtliche Caravane, wie man mit umgekehrten Fernrohre die Gegenſtände kleiner und entfernter ſieht. Ich begann nun muthig meinen Lauf, mit den Armen voraustaſtend, damit ich mir nicht gleich am erſten beſten Vorſprung des Gewölbes den Schädel einrannte. Der Fuß⸗ boden des Ganges war abſchüffig, mein Lauf ſchnell und nach kurzer Zeit ſchon glaubte ich zu bemerken, daß die Männer mit den Fackeln mir größer erſchienen. WMein Muth erhöhte ſich; aber jemehr ich vorwärts kam, je lauter hörte ich ein fernes Geräuſch, das mir früher nur wie ein dumpfes Gemurmel vernehmbar geweſen. Es war ſo wie der Lärm eines Waſſerfalles, der von beträchtli⸗ cher Höhe herabſchießt . . — Das iſt der Strom von Blackflood, flüſterte Stephen. — Ich dachte, daß Du dieſe unterirdiſchen Gänge nicht kennteſt, Mac⸗Nab, ſagte Perceval, indem er ſeinen Freund firirte. Stephen lächelte ſchmerzlich. — Frank, ſagte er, — ich habe in der Welt Niemand, als Dich, und Du Niemand, als mich zum Freunde, laß uns einander nicht mißtrauen .. . ich glaube, daß Du meinen Onkel Mac⸗Farlane in Verdacht haſt: ich habe keinen Grund, Deiner Anſicht zu ſein, denn ich achte und liebe den Vater meiner armen Clary. — Aber ich würde um keinen Preis durch eine Lüge ſeinen Ruf aufrecht zu erhalten ſuchen. 217 — Vergib mir, Stephen, ſtotterte Pereeval beſchämt; aber zu aufrichtig, um augenblicklich eine unwillkürliche Re⸗ gung des Zweifels zu verhehlen. Stephen reichte ihm die Hand. — Ich kenne die unterirdiſchen Gänge nicht, von denen Du ſprichſt, niemals hörte ich die geringſte Andeutung von ihrer Exiſtenz und ich glaube verſichern zu können, daß ſie in der Gegend ganz unbekannt ſind. — Aber wenn man ihre Exiſtenz einmal zugibt, — und ich zweifle niemals an dem, was Du behaupteſt, Perceval, — wenn ſie von einem Strome durchſchnitten werden, ſo muß das nothwendig der Blackfloot ſein, der in der That im Süden der Ruinen von St. Maria von Crewe vlötzlich unter den Felſen von Traghuair verſchwindet. — Vergib mir, Stephen, ſagte Perceval abermals. — Was den Verdacht anbetrifft, den ich gegen Herrn Mac⸗ Farlane habe, ſo ſollſt Du ſelbſt darüber urtheilen. Ich ging noch lange Zeit, ehe ich den Ort erreichte, von welchem das beſprochene Geräuſch herkam. Der Boden des Kellers ging fortwährend, aber freilich nicht ſehr merklich, abwärts; je weiter ich vorwärts kam, je feuchter und glatter wurde es unter meinen Füßen. Bald ſchoß ein feuchter Luft⸗ ſtrom auf mein Geſicht, der Lärm des Waſſerfalles verdop⸗ pelte ſich und ich konnte darüber nicht mehr in Zweifel ſein. Einige Schritte noch und ich ſah etwas Weißes durch die Dunkelheit dringen, es war der Schaum des Waſſerſalles. Ich drang trotz des feinen kalten Regens, der mir ins III. 10 218 Geſicht drang, immer weiter vor, bis meine Füße den leuch⸗ tenden Schaum des kleinen Sees berührten, den das Waſſer des Blackfloot, wie Du ihn nennſt, gegraben hatte. Angenſcheinlich war der See und dieſer Waſſerſturz die Urſache des Umweges, welchen die von mir verfolgten Leute genommen hatten. Aber wo war dieſer Weg, wie ſollte ich ihn auffinden? Ich ging rechts, ging links, und auf beiden Seiten fand ich nach einigen Schritten die feſte Wand des Ganges, der an dieſer Stelle ſehr eng war. Darauf kehrte ich zu dem Waſſer zurück, Stephen, em⸗ pfahl meine Seele Gott, und ſtürzte mich in den Strom. Es war eine ſchwere Arbeit. — Der Strom riß mich mit unwiderſtehlicher Gewalt vorwärts; aber ich machte ver⸗ zweifelte Verſuche, weil ich die geringe Breite der Galerie kannte und vor allem fürchten mußte, daß ich beim Landen in einen andern Arm des Ganges geriethe, wo ich mich dann verirren würde, ohne meiner Schweſter nützlich ſein zu können. Glücklicherweiſe ging der Strom beſonders nach dem Orte, von dem ich mich hineingeſtürzt hatte; nach etwa zehn bis zwölf Ellen Schwimmens befand ich mich in ruhigerem Waſſer und es war Zeit, Stephen, denn ſchon ſah ich eine ſchwarze Mauer zwiſchen mein Auge und die Hälfte der Gruppe treten, des leuchtenden Punktes, welcher mir ſtets als Rich⸗ tung diente. — Wenn ich nur noch um die Breite meines Körpers weiter geſchleudert worden wäre, hätte ich meinen Weg verloren. Ich berührte das entgegengeſetzte Ufer, gerade an der Ecke jener ſchwarzen Mauer, die nichts anderes war, als die Ecke der Galerie und nun ſetzte ich meinen Lauf fort. Hier ging nun der Boden aufwärts; ich lief mit aller Schnelligkeit, um meinen fröſtelnden Gliedern, an welche ſich das durchnäßte Tuch meiner Reiſekleidung ſchwer anſchloß, Wärme zu verſchaffen. — Die Gruppe wurde immer deutli⸗ cher, ich kam näher heran, holte ſie ein. Plötzlich hielten ſie an. Ich war nahe genug, um vor ihnen eine Thür zu bemerken, welche in der Mauer des Ganges befindlich war, die Thür öffnete ſich, die Fackeln verſchwanden. Ich war verloren, ich hatte die Unbeſonnenheit, mich mehremale umzudrehen, um einen Schimmer, irgend etwas zu ſuchen, das mich leiten konnte, ich ſah nichts und wenn ich ſtill ſtand, war es mir unmöglich, mir von der zu ver⸗ folgenden Richtung Rechenſchaft zu geben. Sogar darauf konnte ich mich nicht mehr beſinnen, nach welcher Seite hin die Fackeln verſchwunden waren. Ohne Muth und ohne Kraft ließ ich mich aufs Knie ſinken, ich weinte wie ein Kind und auf meinen Lippen waren Flüche . Aber Gott hatte dieſe Nacht dazu beſtimmt, meine Lei⸗ den auf den höchſten Punkt zu bringen; ich wäre ja zu 2 10 220 glücklich geweſen, wenn ich in den ungeheuern Galerien ge⸗ ſtorben wäre. Als ich verzweifelnd auf dem feuchten Boden lag, hörte ich von ferne den Schritt eines Mannes und bald begann eine Stimme ländliche Lieder zu ſingen. Ich glitt auf die Seite des Weges und klemmte mich ganz gegen die Mauer des Ganges; der Mann ging vorbei und ſang fortwährend. Ich glaube, es war Saunie, unſer Poſtillon, — ich folgte ihm. Saunie hatte keine Fackel; aber er ſang und ſchon der Schall ſeiner Tritte hätte genügt, mir zum Führer zu dienen. Wir gingen etwa eine Viertelſtunde und ich denke ziemlich eine ganze Stunde in dem Keller zugebracht zu haben. Nach dieſer Zeit hörte ich eine Thür ſich kreiſchend in ihren roſtigen Angeln drehn und der Lärm von Saunie's Schritten verſchwand plötzlich. Ich befand mich wieder allein und ohne Führer; aber ich war dem Ziele ſo nahe und vor mir ſchien etwas ſchwach zu ſchimmern. Von dem Orte aus, wo ich mich noch befand, konnte ich nicht ſehen, woher der Schimmer kam, aber als ich mich dicht an der Thür befand, bemerkte ich in großer Höhe ein Loch, welches mir den geſtirnten Himmel zeigte. Mir zur Seite hörten die Wände der Galerie auf. Ich befand mich in einer Art von Halbrund, deſſen Grenzen unbeſtimmt von dem durch das Loch hereinfallenden Licht — 221 erhellt wurden. — In dieſes Halbrund mündeten zwölf bis fünfzehn Galerien, ähnlich der, welche ich eben ver⸗ laſſen hatte. Eben ſo breit und ohne Zweifel wohl auch eben ſo lang. Man konnte alſo wohl Tage lang in dieſem dunkeln Labyrinth umherirren, wenn der Tod dem Spaziergange nicht ein Ende machte. Von unten ſchien mir das Loch mit einer Art von Verzäunung bedeckt; es muß ſich an ſeiner Mündung ein eiſernes Gitter befinden; aber Du kennſt es gewiß, Stephen, denn es muß oben auf ebener Erde zu ſehen ſein. Mac⸗Nab zauderte. — Es gibt, ſagte er endlich, — wohl noch die Greedy⸗ höhle, wo der alte Lord von Crewe nach der Chronik tau⸗ ſend Fuhren Erde hineinwerfen ließ, ohne ſie ausfüllen zu können .. Ich ſelbſt habe oft große Steine hinunter fallen laſſen, ohne daß ich jemals den Schall ihrer Ankunft auf dem Boden wahrgenommen hätte. — Und wo liegt dieſe Höhle? fragte Perceval. — Fünfzig Schritt vor der Schloßtreppe von Crewe, antwortete der junge Arzt. — So war ich alſo unter dem Hofe des Schloſſes, fuhr Perceval langſam fort, — ſo daß der jenſeits der Thür befindliche Raum unter dem Schloſſe ſelbſt ſein muß. — Das denk' ich auch, flüſterte Stephen. — Was iſt denn jenſeits der Thür? — Ich würde Dir ſchon lange dieſe traurige Geſchichte 222 mitgetheilt haben, ſagte Perceval, — wenn ich nicht im Grunde des Herzens einen furchtbaren Verdacht hegte, den ſeit einer Stunde jedes Deiner Worte beſtätigt. Unterbrich mich nicht, ich will Dir nichts verbergen. Alle dieſe Dinge, das Halbrund, das Gitter, die Gale⸗ rien erregten nur ſchwach meine Aufmerkſamkeit, ich war nicht da, mich lange zu beſinnen oder umzuſehen. Ich ſtieß an die Thür, die von ſelbſt aufging und ſich hinter mir wieder ſchloß. Ein verwirrter Lärm von Singen und Gelächter ſchlug an mein Ohr. In der Dunkelheit taſtend traf ich auf eine andere Thür, welche gleich der erſten nachgab. — Ein Ausruf des Er⸗ ſtaunens entſchlüpfte meiner Bruſt und ich ſchloß die Augen, welche von dem Schimmer von tauſend Kerzen geblendet wur⸗ den, deren Licht ſich in unzähligen Kryſtallſteinen der Leuchter ſpiegelte und in blinkenden Strahlen mit ihrem Kreuzfeuer den Blick verwirrte. — — * * ——— Siebenzehntes Kapitel. — Der Ort, an welchem ich mich ſo unverſehens be⸗ fand, fuhr Frank Perceval fort, — war ein weiter Saal, deſſen glänzende Erleuchtung mich um ſo mehr überraſchte, als ich einen Augenblick vorher noch in der größten Dunkel⸗ heit herumgetappt hatte. Der Saal hatte die Form eines Kirchenſchiffs und ich glaube, daß er früher als katholiſche Kapelle benutzt worden iſt, ſei es nun ſchon zur Zeit der erſten Chriſtenverfolgungen auf unſerer Inſel, oder erſt ſpäter, als die Reformation die Katholiken zu heimlichem Gottesdienſte nöthigte. Am Ende des Schiffs, an der Stelle, wo ſich gewöhn⸗ lich der Hochaltar einer Kirche befindet, erhob ſich eine Eſtrade, auf welcher Muſiker in glänzendem und theatraliſch koſtbarem Coſtüm ein vollkommenes Orcheſter ausmachten. 224 Inmitten ſtand ein großer Tiſch mit Flaſchen und aus⸗ gezeichneten Gerichten beſetzt, um denſelben herum ſaßen vierzig bis fünfzig Mönche in der ernſten Tracht der Schüler des Sankt Franziskus; alle hatten lange Värte, welche drei Viertel von ihren Geſichtern verbargen. Neben jedem dieſer falſchen Mönche befand ſich ein ſchönes, koſtbar geſchmücktes Weib mit offenem Buſen, wal⸗ lendem Haar, in welchem ſich Blumen und Diamanten be⸗ fanden. Dieſe Männer und Weiber tranken unter thörichtem Scherz und Gekoſe. Die alte Kapelle ertönte von dem un⸗ finnigen Lärm der Orgie. — Man hörte nichts als fort⸗ währendes Gelächter, ſchallende Küſſe, Geſänge und Flüche. Dieſe halbnackten Weiber, deren weiße Haut ſeltſam gegen die dunkeln frommen Kleider abſtach, dieſes glühende Lachen unter dieſem kalten Gewölbe, dieſes fröhliche Singen in dieſer Grabeshöhle — alles das ergriff mich auf eine ſelt⸗ ſame Weiſe. Ich glaubte in dieſem Augenblicke an einen Teufel, an den Hexenſabbath, an die Hölle .. Ich ſah dieſes Alles nicht gleich im erſten Augenblick, ſondern bemerkte zuerſt nichts als Licht. Während ich die Augen geſchloſſen hatte, um mich dem großen Glanze der Kerzen zu entziehen, hörte ich einen donnernden Ruf und fühlte mich von zwei kräftigen Armen ergriffen, deren Um⸗ ſpannung mich ſofort zur vollkommenſten Weyrlofigkeit brachte. Einen Augenblick darauf warf man mich feſt geknebelt auf eine Reihe von Kiſſen, welche gegen die Mauer der 225 Kapelle gelegt waren. Und erſt von dieſem Augenblicke an konnte ich die Einzelnheiten dieſes Feſtes bemerken. Ich muß geſtehen, daß im erſten Augenblicke meine Ueberraſchung und meine Neugier ſo hoch geſtiegen war, daß ich das Gefühl meines Unglücks verlor, ich vergaß meine verzweifelte Lage und glaubte eine Minute lang der bizarr⸗ ſten Theatervorſtellung beizuwohnen. Man bekümmerte ſich nicht im Geringſten um mich. Der Ruf, welchen mein plötzliches Erſcheinen hervorgebracht zu haben ſchien, löſte ſich in ein Gelächter auf, der Mönch, welcher mich niedergeworfen, hatie wieder ſeinen Platz einge⸗ nommen. — Ich würde ihn unter 6 Gefährten nicht haben herausfinden können. Und die Orgie wurde fortgeſetzt. Mein Auge glitt unterdeſſen neugierig, von einem dieſer als Mönche verkleideten Banditen, zu dem andern. Es befanden ſich unter ihnen, Stephen, ich ſchwöre es Dir, energiſche und im höchſten Grade ausgezeichnete Phyſiognomien, aus⸗ drucksvolle Augen, weiße Denkerſtirnen, feinlächelnde Lippen. Und durch ein merkwürdiges Spiel des Zufalls ſchienen mir mehre Geſichter nicht unbekannt zu ſein, mir war, als ob fie mir ſchon irgendwo begegnet ſeien. Wo? — Stephen, ich muß es vielleicht auf Rechnung meiner Verwirrung ſchieben; aber ich konnte dieſe Geſichter nicht anders unterbringen, als in den Salons der hohen Ariſtokratie und meine Erinnerung war darauf ganz verſeſſen, ihren Vart hinwegzudenken, ſo wie die angenommenen Mönchs⸗ 10** kutten, und ſie mir in dem fashionablen Coſtüm unſerer Lon⸗ doner Soiréen vorzuſtellen. Es waren das in einem ſo furchtbaren Augenblicke ſehr leichtfertige Gedanken, muß ich geſtehen, und ich wundere mich, daß ich ſie gehabt habe; aber ſie drangen ſich mir wi⸗ der meinen Willen auf. Seit jener Zeit habe ich ſelten den Fuß in die Sa⸗ lons unſerer Faſhion geſetzt. Während des erſten Jahres, das dieſer verhängnißvollen Nacht folgte, hielt ich mich zurückgezogen, mein Herz war in Trauer. Und während des ganzen zweiten befand ich mich fern von England auf Reiſen. Aber einmal, das einzige Mal, glaube ich, wo ich ſeit jener Zeit mich auf einem Rout befunden habe, — es iſt etwas über ein Jahr, war ich in den Salons des Herzogs von Buccleugh, einem Manne gegenüber, deſſen Anblick mich beben machte. Ich hätte ſchwören mögen, daß dieſer Mann einer von den falſchen Mönchen aus dem Gewölbe von St. Mar von Crewe war .. — Nun? ſagte Stephen. — Nun gut, fuhr Frank fort, — dieſer Mann war einer von den ausgezeichnetſten Offizieren unſerer Armee, der Oberſt Sir Georg Montalt .. . und Sonntag noch, nach einem Jahre der Abweſenheit, glaubte ich auf dem Balle von Lord James Trevor in dem Marquis von Rio Santo ... Aber Du würdeſt mich jetzt noch nicht verſtehen, Ste⸗ phen, und ich fahre in meiner Erzählung fort: 227 Faſt alle dieſe Weiber, welche an dieſem nächtlichen Bankett ſaßen, waren bewundrungswürdig ſchön. Sie ge⸗ hörten außerdem zu jenen Geſchöpfen, welche zum Laſter ab⸗ gerichtet ſind, Orgien verſtehen und von der Trunkenheit nicht befallen werden. Ihre Zahl war etwas größer als die der Männer, ſie ſuchten ſich eine immer reizender als die andere zu machen, ihre Stellungen wurden wollüſtig und reich, ihr Lächeln verführeriſch, ihr halbgeöffneter Mund bat um Liebe und tauſend wollüſtige Verſprechungen glühten unter dem verſchleierten. Feuer ihrer ſchmachtenden Augen. Mitunter ſchwieg der allgemeine Lärm. Das Orcheſter ſpielte leiſe eine liebliche Melodie und man hörte nur noch Geflüſter; alles nahm einen andern Anblick an. Um den ungeheuern Tiſch herum ziſchelten fünfzig téte a téte. Hier und dort ſchlang ſich ein weißer Arm um den gelben Kra⸗ gen eines Mönches und ein roſiger Mund verbarg ſich lie⸗ bebegierig unter dem ſchwarzen Barte eines Mönches. Mein Auge war vielleicht um den halben Tiſch herum bei den einzelnen Perſonen vorbeigeſchweift, als es auf einer Perſon verweilte, deren vornehme Miene und augenſcheinliche Ueberlegenheit ſogleich meine Aufmerkſamkeit ausſchließlich in Anſpruch nahm. Dieſer Mann ſchien der König des un⸗ heimlichen Volkes, der Abt dieſes gottesläſterlichen Kloſters zu ſein. Sein Seſſel, der in der Mitte des Tiſches ſtand, war breiter und höher, als die der andern Gäſte, er hatte die Geſtalt eines Thrones. Niemals ſah ich etwas ſo Schönes, als dieſen Menſchen, Stephen. Er trug eine Art ſeidenes Schleppkleid von glän⸗. zender Farbe, deſſen weite Falten ſich majeſtätiſch drappirten. Sein Geſicht war, wie das ſeiner Gefährten, zum Theil von einem langen Barte bedeckt. Der ſeinige war ſchwarz und fiel in weichen Wellen auf die Bruſt herab. Was man von ſeinen Zügen ſehen konnte, paßte ſehr zu ſeinem ganzen Aus⸗ ſehen, ſeine ſanften, nachdenklichen und zu gleicher Zeit auch wieder gebieteriſchen und furchtbaren Augen hatten eine wahr⸗ haft übermenſchliche Macht. Seine Stirn war jung und er⸗ haben unter dieſen rothen oder gebräunten Stirnen, und wenn er lächelte, ſchien Alles um ihn her ſich zu verklären. Trotz der Zügelloſigkeit der Orgie bewieſen die Gäſte dieſem Manne eine außerordentliche Ehrfurcht. Jeder ver⸗ neigte ſich, wenn er mit ihm ſprach und die ganze Verſamm⸗ lung ſtand auf, um ſeine Geſundheit zu trinken. Auf ihn richtete ſich das füßeſte Lächeln aller dieſer Weiber und in dieſem Lächeln, das ſich von allen Seiten her in dieſem ein⸗ zigen Zielpunkte kreuzte, lag etwas furchtſam Anbetendes. — So, Stephen, müſſen ſich die Almeh's im Harem gebehrden, die ſich einen Blick des Sultans ſtreitig machen. Man nannte den Mann Se. Ehren. Er antwortete auf virſe Huldigungen mit jener königli⸗ chen Nachläſfigkeit, dem natürlichen Erbtheile einer abſoluten Gewalt. Sein Lächeln war höflich, aber ſtolz und ſeine Herab⸗ laſſung miſchte ſich mit Vornehmheit. Neben dieſem Manne, auf demſelben Seſſel und von ſeinen Armen umſchlungen, befand ſich ein Weib, deſſen Toi⸗ 129 lette ſeltſam mit den Anzügen der Anderen im Widerſpruche ſtand. In ihren langen, blonden, wallenden Haaren waren weder Diamanten, noch Perlen, noch Blumen. Um ihre weißen Schultern ging nicht das Leibchen eines faltigen At⸗ las⸗ oder Sammtkleides. Sie war in ein weiches, mit Mouſ⸗ ſeline beſetztes Peignoir gekleidet. Es ſchien, als habe ſie eilig ihr Lager verlaſſen, um beim Feſte ihren Platz zu nehmen und bei der Orgie zu präſidiren. Ich ſah ihr Geſicht nicht. Sie wandte mir den Rük⸗ ken zu und lehnte träumeriſch das Köpfchen auf die Schul⸗ ter Sr. Ehren, der bisweilen ein Glas von geſchliffenem Kryſtall bis zu ihrer Lippe brachte. — Und dieſes Weib trank. Beim Anblicke dieſes blonden Kindes, Stephen, durch⸗ fuhr mich ein ſtechender Schmerz, mein Blut erſtarrte in den Adern, als habe es eine Vorahnung von dem unſäglichen Entſetzen, das mich befallen ſollte. — Denn in dieſer halb⸗ nackten Bacchantin, welche ihre Lippen am Glaſe eines Ban⸗ diten netzte und ſich ſeinen offenkundigen Liebkoſungen hin⸗ gab, hatte ich meine Schweſter zu erkennen geglaubt. — O! ſagte Stephen mit dem Tone des Vorwurfs. — War das nicht ein thörichter Gedanke, Stephen? rief Frank aus, deſſen Auge weit offen mit fiebriſchen Glanze ſtrahlte; war das nicht eine bittere Beleidigung gegen die engliſche Reinheit meiner armen Harriet? . ein unverlöſch⸗ 230 licher Schimpf für das Blut der Perceval? . . . Eine Narr⸗ heit, eine Schwäche, eine Niederträchtigkeit? ... — Es war wenigſtens ein Gedanke, zu dem Dich blos Deine Verwirrung hatte bringen können, Perceval! ſagte Stephen. — O ja .. . meine Verwirrung war groß .. meine Angſt auch und die Idee war wahnſinnig, wahnſinnig und niederträchtig! Ich ſtieß ſie mit aller Gewalt von mir. Ich ſchloß die Augen, um ſie wieder zu öffnen, ſah noch einmal, noch ge⸗ nauer hin. O mein Gott, wohl waren es ihre blonden Haare und die anmuthige Rundung ihrer Schultern . Und dann dies Nachtgewand! .. . war meine Schweſter nicht aus dem Schlummer geriſſen worden? — Hoͤr auf, o Frank! unterbrach ihn Stephen. — Dank, Dank, Mac⸗Nab! ſagte Perceval, indem er ſeinem Freunde die Hand drückte; — Du biſt ein braver edler Junge und ich liebe Dich .. . O, Du würdeſt Harriet ver⸗ theidigen gegen Jedermann, der es wagen würde, ſie zu be⸗ ſchuldigen, daß ſie den Kopf an die Schulter eines Räubers gelehnt, nicht wahr? — Aber Du phantaſirſt, Freund, rief Stephen. — Auf meine Ehre, ich würde ſie vertheidigen, ich habe ſie gekannt aber welcher Mund könnte ſo nichtswürdig ſein, ſie deſſen zeihen zu wollen? Frank holte keuchend Athem ſeine Blicke irrten wild umher. 231 — Der Mund, welcher zu ſolchen Worten ſich öffnete, ſagte er ganz leiſe mit ſeltſamer Ruhe, würde auf ewig ſich ſchließen . . denn ich allein habe das Recht, eine Tochter der Perceval anzuklagen! Stephen war von Erſtaunen ergriffen und ſchwieg. Frank fuhr fort: — Es war eine ſchreckliche Folter, auf der ich lag. Da war ich, an meinen Platz gebannt, konnte nichts thun, um den Zweifel, welcher mich beſtürmte, in Gewißheit zu ver⸗ wandeln. Das junge Mädchen wandte mir noch immer den Rücken und obgleich meine Augen ſie auch nicht einen Au⸗ genblick verließen, konnte ich doch nicht ein einziges Mal ihr Geſicht erkennen. Alles Andere war für mich gar nicht da. Ich ſah von der ganzen Menge Nichts als das junge Mädchen und den Mann, welcher Se. Ehren genannt wurde. Auch ſie ſchie⸗ nen es wie ich gemacht zu haben. Sie hatten ſich iſolirt, der Mann mit dem ſeidenen Gewande hielt das junge Mäd⸗ chen umarmt, lächelte ihr leidenſchaftlich zu und drückte ſie an ſein Herz. Das junge Mädchen erwiederte ſeine Liebkoſungen. Es lag in den Gebehrden Beider eine Liebe, welche weit entfernt davon war, jenen lasciven Pantomimen zu gleichen, die am Tiſche Reihe herum gingen, der ſchöne Mönch hatte ſo zarte, höfiſche Manieren, das junge Mädchen ſelbſt bei ihrer Hingebung noch Unſchuld und Reinheit. 232 O Stephen, wie viel lieber hätte ich ſie geſehen wie die Anderen, wollüſtig aus Gewohnheit und Erfahrung, klug in den Feinheiten der Liederlichkeit! Sag' mir, denkſt Du, daß ein armes, von ſeinem La⸗ ger gewaltſam weggeriſſenes und durch unbekannte, unterir⸗ diſche Gänge getragenes Kind, in den Armen von Männern mit erſchreckenswerthem Anſehen, beim rothen Scheine der Fackeln, plötzlich die Vernunft verlieren und dem vollkom⸗ menſten Wahnſinne zur Beute werden kann? Bei dieſer unerwarteten Frage, die er nur zu ſehr ver⸗ ſtand, aber nicht zu verſtehen ſcheinen wollte, ſah Stephen Frank fragend an. — Nicht einmal ſo geſcheut ſeid ihr Aerzte, daß ihr mir das ſagen könnt? fügte Perceval hart hinzu. — Ohne Zweifel, antwortete endlich Stephen; der Schreck, die Ueberraſchung .. . man hat Beiſpiele . Frank unterbrach ihn mit einer Bewegung und Pte ſeine Stirn in beide Hände. uht — Entſchuldige mich, Mat⸗Nab, ſagte er darauf; — dieſe Erinnerung macht mich raſend. . . . Und brauche ich denn übrigens das Urtheil der Wiſſenſchaft? .. . Sie kannte die⸗ ſen Menſchen nicht, ſo ſchön er auch war, in einer halben Stunde hätte doch die Bezauberung nicht vor ſich gehen — So war ſie es alſo? flüſterte Stephen Frank fuhr plötzlich auf: — Sie! Wer? rief er aus; — wollen Sie etwa von Miß Harriet Perceval ſprechen, mein Herr? Ein Blitz von Wuth zuckte in ſeinen Blicken und er richtete ſich auf ſeinem Bette dem erſtaunten Mac⸗Nab gegen⸗ über in die Höhe. Aber ſein Zorn wich, wie er gekommen war, und wäh⸗ rend eine Thräne ſeine bleiche Wange entlang rann, ſagte er noch: — Entſchuldige mich, Stephen, Du biſt gut .. . Du wirſt es mir nicht nachtragen . . . Dieſer abſcheuliche Auf⸗ tritt ſteht mir noch vor Augen .. . Ich ſehe dieſen Menſchen, ſehe das arme Mädchen .. . Mein Gott! Ich liebte ſie ſo ſehr! .., Warum ſoll ich es noch verbergen? Sie war es. Es war meine Schweſter Harriet, mein ſanftes, liebes Kind, meine Schweſter, die rein war wie ein Engel, Stephen! Frank ſchluchzte. Und denke Dir das, fuhr er fort, mit einer Stimme, die vor Thränen faſt unverſtändlich wurde, — es war herz⸗ zerreißend! .. Du weinſt? auch Du? ... Mein Gott, ich habe es mit anſehen können, ohne zu ſterben! .. Harriet das unglückliche Kind, ſchlang ihre Arme um den Hals die⸗ ſes Mannes, den ſie für Henry Dutton, ihren Bräutigam hielt! . . . Sie glaubte ſich ohne Zweifel auf der Hochzeits⸗ feier, und wollte an dem Buſen ihres Geliebten die ſchaam⸗ hafte Röthe der jungen Braut verbergen .. 234 Sie würde mit Henry ſo glücklich geworden ſein, der ein edles Herz iſt! O, Stephen, wie kann man ſich verwundern, daß das Erwachen nach einem ſolchen Traum ihr den Tod ge⸗ bracht hat! .. Aber Du weißt nicht Alles. — Es ſei genug der Thrä⸗ nen, denn noch iſt ſie nicht gerächt. — ⸗ Achtzehntes Kapitel. Der Herenſabbath. Frank Perceval unterbrach einen Augenblick ſeine Er⸗ zählung; der hervorgerufene Schmerz war für den Zuſtand ſeiner Geſundheit zu heftig geweſen, er mußte ſich daher erſt einige Zeit erholen. Darauf fuhr er fort: — Man ſchien meint Gegenwart zu vergeſſen, und Niemand gab Achtung auf mich. Das nächtliche Feſt ging weiter, die Trunkenheit der Einzelnen ſtieg und der Lärmen wurde von Zeit zu Zeit ſo groß, daß er die Accorde des Orcheſters übertönte. Selbſt Se. Ehren belebte ſich immer mehr und mehr. Das Kryſtallglas ging unaufhörlich von ſeinem Munde zu den Lippen des jungen Mädchens, deſſen Züge noch immer unſichtbar für mich blieben. 236 Stephen, er betrachtete ſie mit Augen, in welchen ſich die Flamme einer Begierde entzündete, die unaufhörlich grö⸗ ßer wurde und bis zur Leidenſchaft ſtieg. — Ich meines Theils zitterte auf dem Lager, auf das man mich geworfen, vor Wuth. Ich werde mich ſtets dieſes Augenblickes der höchſten Angſt erinnern, wo der Schleier fiel und mit ſeinem Fallen die ſchmerzlichſte Wirklichkeit offenbarte. Es war ein Leiden ohne Gleichen, mein Gott! und ich, der ich in dieſem Au⸗ genblicke fürchten muß, daß Alles, was es von Hoffnung und Glück für mich in der Welt gibt, dahin ſei, ich ver⸗ ſichere Dich, daß niemals irgend ein Schlag ſo grauſam mein Herz wird treffen können. Unſer Haus iſt berühmt, Stephen, und ſtolz dabei. Die unerſchütterliche Standhaftigkeit ritterlicher Geſchlechter wurde mir von der Wiege an eingeimpft, und wer in unſern ſtolzen Gedanken erzogen iſt, für den iſt die Schmach und Schande härter. Und dann vor Allem, nhn Du wüßteſt, wie ſehr ich ſie geliebt habe! Während eines der Augenblicke des Stillſchweigens, welche mitunter zwiſchen dem Lärmen eintraten, als gerade das Orcheſter ſogar ſchwieg, ſah ich das junge Mädchen, von deren Bewegungen keine mir entging; ſie ſetzte das Glas an ihre Lippen, und faſt zu gleicher Zeit drang eine ſüße Stimme mir ans Ohr, welche ſagte: — Henry, mein theurer Lord, ich trinke es Dir. 237 Es war die Stimme Harriet's. Ich ſtieß einen furchtbaren Schrei aus und bewegte mich in verzweifelten Verſuchen, meine Bande zu zerreißen. Dieſe Stimme ſagte mir Alles: — ihre Gegenwart am Rande des Abgrundes und ihren Wahnſinn, der ſie den Ab⸗ grund für ein Bett von Lilien halten ließ. Mein Geſchrei wurde vom Klang der Gläſer und dem Lärm der Toaſte übertäubt. Das Wort Harriet's war die Loſung dazu geweſen. Indeß, da ich fortfuhr, aus allen Kräften mich zu be⸗ mühen, um meine Stimme bis zu meiner Schweſter dringen zu laſſen, ſtand einer der Gäſte auf und ſchlug mir lachend mit der Serviette aufs Weſicht. Eine Convulſion der Wuth gab mir Kraft, ich zerriß eines meiner Bande und rollte einige Schritte von den Kiſ⸗ ſen weg. — Das iſt ja ein verteufelter Burſche, ſagte der Mönch; — wie er heult! ich denke, es iſt am Beſten, ihn zu knebeln. — Nein, o nein, rief ich bittend aus, — Erbarmen! laſſen Sie mich .. wenn meine Schweſter meine Stimme hört, kommt ſie vielleicht wieder zu ſich . — O ja, brummte der Mönch; — die Sache iſt wahr⸗ haftig möglich! und das würde Sr. Ehren gar nicht gelegen kommen! . Dies ſagend rollte er ſeine Serviette zuſammen, und 238 meine Bemühungen waren nicht im Stande, ihn daran zu verhindern, daß er mir den Mund feſt verband. Ich verſuchte wieder zu ſchreien; — aber der Elende kannte ſein Gewerbe: ich war geknebelt. Er warf mich auf meine Kiſſen zurück, wo ich wie eine lebloſe Maſſe liegen blieb. Die andern Gäſte hatten es nicht einmal für der Mühe werth gehalten, ſich umzuwenden. — Mylords und Gentlemen, ſagte in dieſem Augen⸗ blicke einer von den falſchen Mönchen, in dem ich augen⸗ blicklich Herrn Smith erkannte, den Herrn von Randal's Haus; — wir erwarteten heute Abend einen ziemlich hüb⸗ ſchen Fang, und da wir uns morgen trennen, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß der junge Herzog von *** und ſeine Lady ungehindert beim Schloſſe vorbeikommen werden aber laſſen wir das und kehren wir uns nicht daran, da wir einen andern Fang gemacht haben, welcher Sr. Ehren Ge⸗ ſchmack ſehr zu behagen ſcheint. Ein ungeheures Hurrah! folgte dieſer Rede. Man trank; der speech *) begann. Die Reden wurden in einer Art Gaunerſprache gehalten, *) The speech, die Rede Bei jedem engliſchen Eſſen, mag es nun ein Feſtmahl oder eine Orgie ſein, findet der speech un⸗ vermeidlich ſeinen Platz. Es iſt das ein geniales Mittel, der Langeweile auch ihren Theil zukommen zu laſſen. Zuerſt wird dem Wirthe eine Rede gehalten, dieſer haranguirt dann ſeine Gi und dann die Gäſte ſich unter ſich ſelbſt. 239 deren Sinn mir ſehr häufig entging; nichts deſto weniger verſtand ich hier und dort einige Phraſen, und dieſe ge⸗ nügten, mich zu überzeugen, daß ich einen Theil der bemer⸗ kenswertheſten Mitglieder einer großen Aſſociation für Dieb⸗ ſtahl, Raub und Mord vor mir habe. Se. Ehren war das Oberhaupt dieſer Aſſociation, deren permanenter Sitz in London war, die aber auch nach Außen Verzweigungen hatte und die unterirdiſchen Gewölbe von St. Maria von Crewe zugleich als Zufluchtsort im Augen⸗ blicke der Gefahr und auch als Luſthaus benutzte. — Und haſt Du nicht verſucht, die Obrigkeit auf die Spur dieſer furchtbaren Bande zu bringen? unterbrach ihn Stephen. „— — Freund, antwortete Perceval, — ich habe es ver⸗ ſucht; aber Herr Mae⸗Farlane iſt Friedensrichter der Graf⸗ ſchaft Dumfries. Er iſt mit der Unterſuchung beauftragt worden, und zu zweien Malen iſt die Sache unter ſeinen Hän⸗ den vertuſcht worden. Stephen bereute es vielleicht, daß er Perceval unter⸗ brochen hatte; er beobachtete ein verlegenes Schweigen. — Se. Ehren, hob Frank wieder an, war, ſoviel ich zu hören glaubte; ſeit mehreren Jahren im Auslande und hielt ſich nur von Zeit zu Zeit wenige Tage in England auf. Aber dieſer Zuſtand der Dinge ſollte aufhören und Se. Ehren im folgenden Jahre wieder London bewohnen, um einen gigantiſchen Beraubungsplan in Ausführung zu bringen. 240 — So daß dieſer Menſch jetzt hier ſein muß, fügte Perceval hinzu, indem er plötzlich die Stirn runzelte. Stephen horchte begierig; aber Frank gab ſeiner letzten Aeußerung keine weitere Folge. — Mir ſchien, fuhr er fort, daß manche Redner in ihrem speech auf lange Zeit voraus combinirten Pläne an⸗ ſpielten, und man trank mit Begeiſterung auf die Geſundheit eines gewiſſen Sauners, des Elephanten, der ganz allein alle Caſſen der Geſellſchaft mit Gold füllen würde. — Der Name Sauners und der von Fergus waren die beiden einzigen, welche in meiner Gegenwart ausgeſpro⸗ chen wurden. Das Mahl, welchem ich beiwohnte, war übrigens das letzte, das man in Schottland halten wollte. Die einzelnen Mitglieder ſollten ſich zerſtreuen und die Inſtructionen mit⸗ nehmen, welche in dieſem unheilvollen Congreſſe hinreichend durchgeſprochen und berathen worden waren. Dieſe Dinge, Stephen, werden Dir vielleicht unmöglich, unglaublich ſcheinen, — o könnte ich doch glauben, daß Alles nur ein Traum iſt! . . . aber wer daran zweifeln wollte, Freund, dem würde ich ein Grab zeigen . Seine Ehren hatte kurz und mit einer ſonderbaren Au⸗ torität der Worte auf die verſchiedenen Reden der Sprecher geantwortet. Er ſchien von ihrer Beredſamkeit ſehr beläſtigt und wandte ſich unaufhörlich nach Harriet um, als ob er ſeinen Untergebenen ein Verbrechen daraus mache, daß ſie ihm einige Augenblicke ſeines Glückes raubten. — 241 Zu Ende der letzten Rede ſtand er auf und grüßte die Verſammlung mit vornehmer Höflichkeit. — Mylords und Gentlemen, ſagte er lächelnd, — Alles hat ſeine Zeit. Wir haben die ganze Woche deliberirt und berathen .. . Jetzt wollen wir uns ergötzen! Ein donnernder Beifallsruf erſchütterte die uralten Ge⸗ wölbe der Kapelle. — Fergus! Fergus for ever! ſchrie man wie wahnſinnig. Zu derſelben Zeit wurde das Orcheſter auf eine Geberde Sr. Ehren lebendig. Alle Inſtrumente, aus denen es be⸗ ſtand, ſpielten auf einmal, und eine laute, luſtige Harmonie erklang im Schiffe des Saales. Einige Paare ſtanden auf. — Dem Vorſpiele folgte ein Stück im Walzertakt, und nach fünf Minuten wirbelte die Hälfte der Gäſte um den Tiſch herum. Bald darauf befand ſich Niemand mehr . den Seſ⸗ ſeln als der Anführer der Bande und meine arme Schweſter. Alle Uebrigen drehten ſich unaufhörlich in dem immer ſchneller werdenden Walzer herum. — WMein Auge wurde müde, ihnen zu folgen. — Unbeweglich fühlte ich fortwäh⸗ rend über mein Geſicht den parfümirten Zug von den Sam⸗ metkleidern und das Gerauſche der Mönchskutten hinwehen. Und ſo ging der Tanz immer weiter, immer ſchneller fort, die Weiber wurden bleich, die Augen der Männer glühten feurig. Se. Ehren hielten noch immer das junge Mädchen im weißen Nachtgewande mit den Armen umſchlungen; ihre III. 11 242 Lippen ruhten dicht an einander, ſie ſprachen leiſe, — und meine arme thörichte Schweſter ſchien ſehr glücklich. In dem Augenblicke, wo der Walzer den Parorysmus ſeiner fieberhaften Schnelligkeit erreichte, neigte der Anführer ſich auf die Hand meiner Schweſter nieder und küßte ſie; darauf zog er den Gürtel ſeines ſeidenen Gewandes feſter, nahm das arme Mädchen in ſeine kräftigen Arme und ſtieg die Stufen ſeines Thrones hinab. In dieſem Augenblick ſpielte das Orcheſter in langſa⸗ merem Takte einen jener ſchleppenden Walzer, deren Töne ſich träumeriſch wiegen und die Seele ſchlummertrunken machen, wie die ſchwermüthigen Elegien deutſcher Poeten. Da erſt konnte ich das Geſicht meiner Schweſter ſehen. Denn ſie war es! . . O, meine Verzweiflung hatte ſich nicht getäuſcht .. ſie lachte, die arme Irrfinnige, und glaubte, auf dem Balle ihres Hochzeitstages zu tanzen, ſie lächelte und ihr Lächeln zerriß mir das Herz. Se. Ehren zog ſie geſchickt mit ſich fort und miſchte ſich unter die Bewegung der Walzenden. Nach und nach wurden die Reihen lichter um ſie Beide, die anderen Tan⸗ zenden, theils ermüdet oder weil ſie zuſehen wollten, bildeten Galerien um ſie herum. Vald blieben Harriet und ihr Cavalier allein, — ich ſehe ſie noch, Stephen, lächelnd und glücklich bei mir vorbei kommen, der ich geknebelt, gebunden und des Wortes beraubt, dalag ... ich ſehe noch das anmuthige Wiegen ihrer ſchlan⸗ ken Geſtalt, die ſich vertrauungsvoll im krüftigen Arme die⸗ 243 — ſes Mannes ſchmiegte . . . O, dieſer Mann! .. . ich haſſe ihn, Stephen! . Ein Murmeln der Bewundrung folgte ihnen, denn ſie waren ſchön, alle Beide. Harriet indeß verlor den Athem. — Sie lehnte ſchmachtend ihre bleiche Stirn auf die Schulter Sr. Ehren, der augenblicklich anhielt, um ſie halb bewußtlos auf einen breiten Divan zu legen, der ſich am äußerſten Ende des Tiſches befand. Das Orcheſter fuhr fort, leiſe das Motiv des deutſchen Walzers weiter zu ſpielen. Se. Ehren ſank neben Harriet auf den Divan. Das war ein Signal; ein ziſchendes Geräuſch wurde oben am Gewölbe hörbar und die tauſend Kerzen verlöſchten auf ein⸗ mal. Alles blieb in die tiefſte Nacht verſenkt. — Das Orcheſter ſchwieg. Die Seile, mit welchen ich gebunden war, drangen mir ins Fleiſch ein, mit ſo verzweifelter Anſtrengung verſuchte ich in dieſer äußerſten Gefahr meiner Schweſter zu Hülfe zu kommen; aber alles war unnütz, ich ſank ſtumm, ver⸗ nichtet, kraftlos zurück. Gott erbarmte ſich meiner, ich verlor die Befinnung. — Armer Freund! murmelte Stephen und drückte ſchmerzlich Perceval's Hand. Dieſer blieb eine Zeit lang in dumpfer Unempfindlich⸗ keit. Die Stimme Mac⸗Nab's erweckte ihn daraus. Wo war ich ſtehen geblieben? fragte er, ſich Zwang anthuend; — denn ich muß mit dieſer grauſamen Erzählung 11* 244 zu Ende kommen, Mac⸗Nab .. habe ich Dir ſchon geſagt, daß nach jenem verfluchten Walzer der Mönch ſich neben meine Schweſter geſetzt hatte? daß die Kerzen durch den Hauch der Hölle ausgeblaſen waren? . . Ja, ich habe es geſagt . . Es handelt ſch n eine Tochter des Hauſes Perceval, mein Herr, Sie müſſen mir ſchwören, bei Ihrer Seele ſchwören, es als ein Geheimniß zu bewahren! . — O, Frank! rief Stephen, bedarfſt Du denn meines Schwures? — Nein, antwortete Frank verwirrt; — habe ich Dir einen Schwur abverlangt? Nein ... habe Mitleid mit mir, Stephen .. hör' mir zu! ich glaube, daß ich meine Schwe⸗ ſter noch mehr liebe als Mary ... Mary, fortan meine einzige Liebe .. O, ich glaube es! — Ich weiß nicht, wie lange meine Ohnmacht dauerte, fügte er gleich darauf hinzu. — Als ich meiner Sinne wie⸗ der mächtig wurde, dauerte die Dunkelheit noch fort und eine tiefe Stille herrſchte im Saale. Nach einer Stunde ungefähr hörte ich Geräuſch in der Richtung der Galerien, in welchen ich die Nacht lang um⸗ her geirrt war. Die Thür, durch welche ich gekommen, öffnete ſich, mehrere Männer mit Fackeln traten ein. Das Licht erhellte mit unbeſtimmtem Schimmer die Folgen der Orgie: Mönche und Weiber ſchliefen bunt durch⸗ einander. Aber das war es nicht, was mein Blick ſuchte. — 245 Meine Augen richteten ſich ſogleich nach dem Divan, wo der Anführer ſich neben meine Schweſter geſetzt hatte. Dieſe lag auf dem Kiſſen ausgeſtreckt; ſie ſchlummerte. — Der Mönch dagegen ſtand mit über die Bruſt gekreuzten Armen, in tiefe Gedanken verſunken. Das Licht der Fackeln entriß ihn ſeiner Träumerei. Sein erſter Blick war auf meine Schweſter, welche er einen Augenblick voll Mitleid und Liebe betrachtete. Er neigte ſich und heftete ihr einen Kuß auf die Stirn. Darauf ſich ſeines ſeidenen Gewandes entledigend, be⸗ deckte er ſie damit wie mit einem Schleier. Kann denn ein Zug von Zartheit in dem Herzen eines ſolchen Menſchen liegen? Als er das gethan, trat er mitten unter die Schläfer und rief mit einer Donnerſtimme: — Auf, Gentlemen, auf! Die Männer ſtanden auf, die Weiber verſchwanden wie durch Zauber. Die alte Kapelle hatte vollkommen ihr Ausſehen verän⸗ dert. Jetzt nicht mehr durch den weißen Schimmer der Kerzen erleuchtet, ſondern durch den räuchrigen, rothen Schein der Fackeln, ſchien ſie ihre wahre Phyſiognomie wieder an⸗ genommen zu haben, weit, düſter, geheimnißvoll. Der mit Speiſen bedeckte Tiſch war Alles, was von den Ausſchwei⸗ fungen zurückgeblieben. Die Mufiker waren den Weibern gefolgt und in der Kapelle befanden ſich nur noch die Mönche, im Halbkreiſe um Se. Ehren geſchaart. 246 — Mylords und Gentlemen, ſagte er, der Augenblick der Trennung iſt gekommen .. . Ich bin mit Ihren Arbeiten zufrieden . . Was mich anbetrifft, ſo habe ich noch viele Dinge auf dem Continente zu ordnen . . . In einem Jahre werde ich zu Ihnen zurückkehren, in Begleitung einiger guten und treuen Freunde .. . bis dahin haben Sie immer meine Inſtruktionen im Auge; vergeſſen Sie nichts und gehorchen Sie Die Mönche verneigten ſich im Kreiſe umher. — Iſt Alles bereit? fragte Se. Ehren einen der Fackelträger. — Die Wagen warten vor dem Schloſſe! antwortete dieſer. — Nun denn, meine Herren, auf gutes Glück und auf Wiederſehen. Er entſtand eine allgemeine Bewegung nach der Thür zu; aber in demſelben Augenblicke wandte ſich einer von den Mönchen an den Anführer, zeigte mit dem Finger auf mich und ſagte: — Was ſoll damit geſchehen? Se. Ehren ließ auf mich ſeinen Blick fallen. — Der Brder dieſes armen Mädchens? flüſterte er. — Sollen wir? fuhr der Mönch fort und ergänzte mit ausdrucksvoller Geberde ſeine Worte. — Pfui, Doktor, pfui! .. . wozu dieſer unnütze Mord? — NRicht unnütz, Mylord, entgegnete der Doktor, ſeine 247 Stimme erhebend, und wenn wir unſte Brüder darüber be⸗ fragen .. Das war augenſcheinlich eine Appellation, die Mönche näherten ſich. — Doktor, antwortete der Anführer, ſich hoch aufrich⸗ tend, ich liebe Ihre Erörterungen nicht ... Ziehen Sie ſich zurück, meine Herren! — Aber dieſer Menſch kann uns verderben! rief der Doktor. — Es iſt wahr, es iſt wahr, murmelte es unter der Menge: Se. Ehren unterdrückte eine zornige Geberde. — Mylords und Gentlemen, ſagte er, Sie wiſſen wohl, daß unſer Zufluchtsort unentdeckbar iſt .. . zu dieſer Stunde eriſtirt der Ausgang, durch welchen dieſer junge Mann ge⸗ kommen iſt, nicht mehr . . . und dann würde er ſich auch der tauſend Windungen der Gänge nicht mehr entſinnen .. — Er iſt doch ein Mal hineingekommen, warum nicht öfter? unterbrach eine Stimme in der Menge. — Verhindern Sie, daß man mich unterbricht, meine Herren, ich bitte darum! . . . Ich verlange das Leben des jungen Mannes von Ihnen. Ein Gemurmel ließ ſich hören. — Ich liebe dieſes junge Mädchen, die ſeine Schweſter iſt, fuhr der Anführer fort; möge dieſe Nacht für ſie nichts ſein als eine Erinnerung der Liebe .. Das Gemurmel wurde ſtärker. S. ₰ — Möge neben meinem Bilde ſich kein Gedanke der Trauer in ihre Erinnerung eindrängen. — Beim Teufel, Mylord, rief eine rauhe Stimme, legen Sie dergleichen Nichtigkeiten nicht in die Wage gegen unſere Sicherheit! . . Niemals, Stephen, haſt Du eine ſchnellere und voll⸗ ſtändigere Veränderung geſehen, als die, welche ſich auf der ruhigen, ſtolzen Phyſiognomie Sr. Ehren zeigte. Seine Augen ſchleuderten einen ſtrahlenden Blitz, während die Muskeln ſeines Geſichtes heftig zitterten. Plötzlich wurde ſeine Stirn purpurn und durch die Lage von Blut, welche gleichförmig unter ihre Haut durchſchimmerte, zeigte ſich eine weiße, ſo glatte, ſcharfe Narbe, daß man hätte glauben ſollen, ſie ſei mit einem Pinſel gezeichnet. — Von der linken Augenbraue bis zum Anfang des Haarwuchſes? unterbrach ihn Stephen. — So iſt es! ſagte Frank; — Du erinnerſt Dich meines Traumes? . — Ich erinnere mich deſſen, was ich ſelbſt geſehen, Perceval! antwortete Stephen langſam; — ich erinnere mich des Mörders meines Vaters .. O, er iſt es ... er iſt es! Neunzehntes Kapitel. Rachebündniß. — Höre, Frank, höre jetzt auch Du, fuhr Stephen fort; denn es muß aus dem Allen eine Gewißheit für uns hervorgehen .. . Du kannſt ſpäter Deine Erzählung vollen⸗ den .. O, glaube es mir, er iſt es, es iſt derſelbe Menſch, der zwölf Jahre früher Trauer in unſere Familie gebracht hat .. Man kann ſich darin nicht irren, ſiehſt Du; abge⸗ geſehen von dem Mal, mit welchem Gott ihn gezeichnet, um ihn unſerer Rache kenntlich zu machen, hat er denſelben ſelt⸗ ſamen Stolz mitten in der Schande, denſelben Hochmuth im Verbrechen, denſelben verwegenen Muth in ſeiner Ernie⸗ drigung. Ich war noch ſehr klein. Mein kleines Bett war in einer Ecke jenes Zimmers von Randal's Hauſe befindlich, 250 wo Deine unglückliche Schweſter in demſelben Bette ſchlief, als mein Vater in jener Nacht, von der ich ſpreche. Die Thür, durch welche Du in das Gewölbe hinab ſtiegſt, öffnete ſich. Zwei Männer mit Masken erſchienen. Einer von ihnen ſtellte die Leuchte, welche er in der Hand hatte, auf den Tiſch und hielt mir den Mund mit dem Schnupftuche zu. Zu gleicher Zeit ſtellte er ſich ſo zwiſchen mich und das Bett meines Vaters, daß ich verhin⸗ dert wurde zu ſehen. Aber er ſtellte ſich nicht geſchickt da⸗ bei an und mein Blick konnte zwiſchen ſeinen Armen und ſeiner Seite durchgleiten. Ich ſah Alles. Der andere Mann, der größer war und zwei Dolche in den Händen hatte, ging gerade auf das Bett meines Va⸗ ters zu und rief ihn ganz laut bei ſeinem Namen. Mein Vater wachte erſchrocken auf. Beim Anblicke des Fremden, der vor ſeinem Lager ſtand, ſtieß er einen Schrei aus. — Still, Mac⸗Nab, ſtill, ſagte der maskirte Menſch, ich bin es! 3 — O Breane! flüſterte mein Vater, den Kopf ſenkend; ich erwartete das . . . ich ſetzte mein Leben aufs Spiel; ich habe verloren! .. — Noch nicht, Mac⸗Nab .. Auf! du weißt, daß ich nicht morde ... Steh auf, ſage ich Dir! Ich habe zwei Dolche mitgebracht. Mein Vater ſtand langſam auf. Mein Schrecken hatte ſeinen Gipfel erreicht, aber ich ſah immer zu. Als mein Vater aufgeſtanden, gab der, den er OBreane 251 nannte, ihm einen der Dolche. Mein Vater nahm ihn und legte ſich aus. Der Kampf war ſtill und kurz. Nach einigen Minuten ſank mein Vater nieder. — Es wird eine Stunde kommen, wo ich gerächt ſein werde! flüſterte er. OBreane hatte ſich zum Stoße niedergebückt; als er ſich erhob, ging ſeine Maske ab. Ich ſah ſein Geſicht eine Sekunde lang, Frank . ſah ſeine von der Hitze des Kam⸗ pfes geröthete Stirn und quer über ſeine Stirn eine weiße Narbe, ganz ähnlich der, wie Du ſie beſchrieben .. — Das Kind hat Sie geſehen, Mylord, rief der Mann, der mich hielt. Zu gleicher Zeit richtete er ſein Meſſer gegen mich; aber O'Breane, der ſeine Maske wieder genommen, riß ihm die Waffe aus den Händen und neigte ſich über meine Wiege. — Armes Kind, flüſterte er mit weicher, mitleidsvoller Stimme; Gott weiß, daß ich deinen Vater hätte verſchonen mögen .. Aber er ſtand mir im Wege ... und ich muß vorwärts. Er öffnete das Fenſter. — Sein Vegleiter und er entſprangen ins Freie. Auf mein Geſchrei war das ganze Haus bald auf den Füßen und bald darauf kamen Soldaten von Dumfries. Sie waren von meinem Vater heraus beordert worden. Ich deutete die kleine Thür an. Man öffnete ſie. — 8 . 252 Hinter ihr war jene Mauer, Perceval, von der ich Dir ge⸗ ſagt habe; eine maſſive, unerſchütterliche Mauer, ohne irgend eine Oeffnung und deren Bau wenigſtens mehrere Jahrhun⸗ derte herrührt. — Das iſt ſeltſam, murmelte Frank; — und dieſer 6 Umſtand, von dem ich zu Ende meiner Erzählung noch ein Mal werde ſprechen müſſen, iſt nicht eines der geringſten Geheimniſſe des verderblichen Ortes, Stephen . . . aber wir würden vergebens es zu begreifen ſuchen, und übrigens liegt in der ganzen Sache etwas noch viel Seltſameres .. Deine Geſchichte gleicht nicht blos der meinigen, Mac⸗Nab, ſie hat auch Aehnlichkeit mit der Geſchichte der Lady Ophelia Derby . 8 — Wie? rief Stephen aus . . — Das Geheimniß der Gräfin Derby iſt nicht das meinige, unterbrach ihn Frank und ich darf mich deſſelben nur in einer Weiſe, gewiſſen Perſonen gegenüber, bedienen ... Aber ich habe wenigſtens das Recht, mir ſelbſt Nutzen dar⸗ aus zu ziehen, und dieſe Offenbarung, welche mit Deinen Worten übereinſtimmt, meinen Erinnerungen ähnelt, verwan⸗ delt meine Zweifel faſt zur Gewißheit. Stephen, ich glaube den Namen des maskirten Man⸗ nes, der Deinen Vater tödtete und den Namen des Räubers u wiſſen, der meine Schweſter entehrte. à Seltſames Zuſammentreffen! Als ob Alles unter uns ſich ähneln ſollte, er rettete Dir in dem Zimmer bei Randal und mir in der Kapelle das Leben! „ —— ——— — 253 Vielleicht hat er das meinige ſpäter noch ein Mal geſchont! ... Aber ſeine Wohlthat iſt zu gering, um die Be⸗ leidigung aufzuwiegen. — Willſt Du mir nicht ſeinen Namen ſagen? fragte Stephen. — Freund, antwortete Perceval, ich werde ihn Dir ſagen .. Aber höre nur, wie es meiner Schweſter er⸗ ging. Der plötzliche Zorn ihres Anführers machte auf die Mönche eine zauberiſche Wirkung. Sie zogen ſich erſchreckt zurück und ließen zwiſchen ſich und ihm einen leeren Raum. Ich konnte mich nicht enthalten, ihn mit einem Staunen, in welches ſich Verwunderung miſchte, zu betrachten, ich mußte dieſe ſtolze, dem Böſen zugewendete Macht mit der Macht des gefallenen Erzengels vergleichen. Das Gemurmel hatte aufgehört; ein tiefes Schweigen herrſchte im Zimmer. — Dieſer junge Menſch wird leben, ſagte Se. Ehren, ſeine Stimme zurückhaltend, die im Begriffe war, drohend zu werden. — Ich will es. Niemand wagte zu antworten. Das ſchöne Geſicht Sr. Ehren war, ohne ſeinen Aus⸗ vruck von unbeugſamen, gewaltigen Stolz zu verlieren, wie⸗ der ruhig geworden. Seine ſchwarzen Aagenbrauen zogen auf ſeiner jetzt bleichen Stirn ihre feſte und in ihrer Kühn⸗ heit reine Linie. Die Narbe war verſchwunden. — —— 254 — Mylords und Gentlemen, begann er, ich will Sie nicht mehr halten ... Sie können ſich zurückziehen. Die ganze Verſammlung verbengte ſich ſchweigend und ehrerbietig. Einen Augenhlick darauf blieb nur ein einziger Mönch noch in der Kapelle, mit dem Anführer zurück. Die⸗ ſer hatte ihn mit einer Geberde zurückgehalten. » — Doktor, ſagte er zu ihm, gießen Sie jenem armen Mädchen, das dort unter meinem Gewande ſchläft, ein Paar Tropfen Opium auf die Lippen . . . Es iſt ein ſchönes und ſanftes Kind . ſie verdient ſehr geliebt zu werden, und ich wollte ... Aber es iſt eine Narrheit, Vergangenes zu be⸗ dauern, Doktor! Der Mönch hatte aus einem kleinen Beſteck, das er bei ſich trug, eine Phiole genommen, aus welcher er die Lip⸗ pen meiner Schweſter benäßte. — Und dieſer Gentleman? ſagte er. — Dieſer junge Mann muß auch einſchlafen, Doktor! — Und wenn er ſich zu trinken weigert? — Verſuchen Sie. Der Doktor, deſſen falſcher Bart eine wahre Maske war, die ihm das Geſicht faſt gänzlich verbarg, näherte ſich mir und machte meinen Knebel los. Se. Ehren ging langſam neben dem Tiſche auf und ab. Ich athmete mit Anſtrengung. — Wollen Sie trinken? fragte mich der Doktor. Ich ergriff die Phiole und trank. — Wer Sie auch ſein mögen, rief ich darauf, mich 255 an den Anführer wendend, ich erkläre Sie für einen Nichts⸗ würdigen und Elenden ... Ich nehme das Leben, das Si mir ſchenken, an; aber blos um mich zu rächen .. O, Sie ſind nicht ſo gut maskirt, daß man Sie nicht wieder er⸗ kennen ſollte .. — Da hören Sie es, Mylord, ſagte der Doktor. — Ich höre es, mein Herr, aber die ſich an mir haben rächen wollen, ſind todt . . Er näherte ſich nun auch meinem Lager und ſah mir ins Geſicht. — Auch ich werde Sie wieder erkennen, ſagte er, — und wenn es möglich iſt, werde ich Sie ſchonen ... Wenn dieſer Mann der iſt, welchen ich glaube, Stephen, ſo hat er ſein Verſprechen gehalten; denn vergangenen Mon⸗ tag war meln Leben in ſeinen Händen .. Stephen meinte recht zu verſtehen, aber er wollte Ge⸗ wißheit. — Vergangenen Montnge fragte er. Frank zeigte auf ſeine Wunde. — Das hat er gethan! flüſterte er. — Rio Santo! rief Mae⸗Nab, — ich en es beinahe! . .. aber ich habe dieſen Menſchen niemals geſehen und ich kann nicht wiſſen .. O, ich muß ihn aufſuchen, denn Du weißt nicht Perceval, Du weißt nicht, wie weit der Zufall die Aehnlichkeit unſerer beiden Geſchicke getrieben hat ... Du weißt nicht, bis zu welchem Grade unſer beider⸗ ſeitiger Haß dieſelben Urſachen und Beweggründe hat .. ———— 5 256 Du kennſt nur die Aehnlichkeit unſeres, von ihm in der Vergangenheit uns zugefügten Elends. Nun, ſo höre: auch die Gegenwart verbindet unſre Schickſale innig! dieſer Mann, der ſich zwiſchen Dich und Miß Mary ſtellt, verſchließt mir auch das Herz meiner Clary! ... — Iſt es möglich? .. unterbrach ihn Perceval. — Er iſt es, den Clary liebt, mit jener unbegreiflichen Zärtlichkeit liebt, deren Quelle ein Geheimniß iſt, wie Alles, was dieſen Mann umgibt! . . er vielleicht iſt es, der ſie entführt hat . . Stephen erzählte hier umſtändlich die Scene in Temple Church und in der Beſchreibung, welche er von dem ſchönen Träumer machte, konnte Frank den Marquis von Rio Santo nicht verkennen. — Ja, ſagte er nach einer Pauſe, Du haſt Rechte, die den meinigen gleich kommen und Gott will, daß wir uns zuſammen rächen .. Und dieſe Aehnlichkeit, welche Du zwiſchen dem Manne von Temple Church wahrgenommen, iſt ein Beweis mehr für andere Vermuthungen. Denn ohne uns verſtändigt zu haben, mußten wir ihn beide wieder erkennen .. Stephen ſtand auf und ging nach der Thür zu. — Wohin willſt Du? fragte ihn Frank. — Ich will mich mit dem Marquis von Rio Santo ſchlagen, antwortete der junge Arzt, den ſein Zorn aus dem gewöhnlichen kalten Gleichgewichte herausbrachte, — vielleicht werde ich glücklicher ſein als Du, Perceval .. wo nicht, ſo 1 haſt Du einen Bruder und eine Schweſter zu rächen . Adieu! . — Bleib! rief Frank vorwurfsvoll; willſt Du von meiner Verwundung Vortheil ziehen? .. O Stephen! .. Das iſt das erſte Mal, daß ich Dich egoiſtiſch und unge⸗ recht finde! Stephen kam zum Bette zurück und drückte Perceval die Hand. — Verzeih, flüſterte er; — aber ich habe ſo lange keine Nachrichten von Clary, Frank .. Dieſer warf ſeine Decke von ſich und ſtand mit ſo ſchneller Bewegung plötzlich auf dem Teppich, daß Stephen ihn nicht daran verhindern konnte. — Siehſt Du, Freund, ſagte er, ich bin ſchon ſtark und werde Dich nicht lange warten laſſen .. O meine arme Harriet! fügte er hinzu, indem er ſeine Hände nach dem Bildniſſe ausſtreckte; Du biſt im Himmel, wo man vergibt .. aber auf Erden rächt man ſich ... O Du liebteſt die Ehre, Harriet, und Du wareſt in Schottland .. Unter dem Auge Gottes ſogar noch wirſt Du zu der Züchtigung dieſes Men⸗ ſchen herablächeln. Wie ſchön ſie war, Stephen, nicht wahr? Mein Gott, wie ich um ſie geweint habe! Ich kann meine Erzählung mit wenigen Worten zu Ende bringen, Mac⸗Nab, ſagte er, indem er ſeiner Stimme Zwang anthat, welche vor Schmerz zu erſticken drohte; — 258 der Anführer und der, welchen er Doktor nannte, gingen fort. Ich blieb mit der ſchlafenden Harriet allein. Man hatte einen Theil meiner Bande gelöſt; ich ſchleppte mich bis zu meiner Schweſter hin und hob den ſeidenen Schleier, welcher ſie bedeckte. Sie lächelte zärtlich, und in ihrem Traume ſ ſie den geliebten Namen Henry Duttons aus. Arme Schweſter! Ich ſetzte mich neben ſie und fühlte bald, wie der Schlaf mich gewann; ich verlor das Bewußtſein in dem Augenblicke, wo ich ſie auf die Stirn küßte. Wie lange Zeit ich unter der Wirkung des Narkotikums mich befunden, weiß ich nicht; aber es iſt weit von Crewe nach Dudley⸗Caſtle, das zwiſchen Peebles und Middleton liegt. Ohne Zweifel brauchten wir mehr als einen Tag, um dieſen Weg zurückzulegen, da die Wege des ſüvblichen Schottlands ganz bodenlos ſind. — Und doch, Stephen, be⸗ fand ich mich, als ich aufwachte, im Angeſichte des Schloſſes meiner Mutter. Die Sonne erhob ſich hinter den lachenden Hügeln von Lauder; meine Schweſter und ich, wir waren in unſerer Reiſechaiſe, Harriet ſchlief noch immer. Die Chaiſe war ohne Beſpannung, Pferde und Poſtil⸗ lone verſchwunden. Ich ging nach dem Gitter des Parks und Meine Schweſter wurde ins Haus getragen. Sie wachte auf, und ihr erſter Blick fiel auf mich. 259 — Frank, ſagte ſie, ich erinnere mich .. ich weiß . ich werde ſterben müſſen. Seit jenem Tage, Stephen, hörte ich meine arme Har⸗ riet niemals wieder ein Wort ausſprechen; ſie ſchwand lang⸗ ſam an der Seite meiner Mutter und an meiner, vom Be⸗ wußtſein ihrer Schande getödtet, dahin. Eines Abends rief ſie uns mit einer Geberde an ihre Chaiſelongue; wir ſetzten uns an ihre Seite, ſie legte ihre Hände in die unſrigen und begann, ſeit ſechs Monaten das erſte Mal, zu lächeln. Darauf erhob ſie ihre großen blauen Augen zum Himmel. 3 Meine Mutter ſank auf die Kniee und betete. — Ste⸗ phen, Harriet war todt. Ich hatte dieſen Augenblick nicht abgewartet, um bei der Juſtiz Schritte zu thun; am andern Tage meiner An⸗ kunft in Dudley⸗Caſtle hatte ich Deinem Onkel, Herrn Mac⸗ Farlane, in ſeiner Eigenſchaft als Friedensrichter der Graf⸗ ſchaft Dumfries einen genauen, ins Einzelne gehenden Brief geſchrieben, in welchem der Theil unſers geheimnißvollen Abenteuers, der nicht direkt die Ehre des Namens Perceval blosgab, erzählt war. Dein Onkel, Stephen, antwortete mir in einem Briefe, den ich wohl mit Recht ausweichend nennen kann, wenn ich ihn nicht noch ſtrenger bezeichnen will; er weigerte ſich darin, eine Unterſuchung anzuſtellen über eine ſo ſeltſame, roman⸗ hafte, unmögliche Sache. 260 Ich beſtand dringend und peremtoriſch darauf. Die Unterſuchung fand ſtatt. Sie wurde eröffnet und ſchloß in dem Hauſe Randal Graham's zwiſchen den Wänden jenes Zimmers, wo meine Schweſter geſchlafen hatte. Die Akten wurden gleich in derſelben Sitzung geſchloſſen, weil gleich in den erſten Zeilen ſich darthat, daß mein Brief irr⸗ thümliche Angaben enthalte. In der That, die Treppe, auf welcher ich zu den unter⸗ irdiſchen Gängen hinabgeſtiegen zu ſein erklärte, exiſtirte nicht; an ihrer Stelle befand ſich hinter der Thür eine ſteinerne Mauer von unbeſtreitbarem Alter. Was die unterirdiſchen Gänge anbetrifft, ſo erklärten zwanzig Zeugen, daß ſie niemals hätten davon ſprechen hören. — Ich würde dasſelbe gethan haben, Frank, ſagte Stephen. — Ich glaube Dir, Mac⸗Nab, vielleicht bin ich un⸗ gerecht gegen Herrn Mac⸗Farlane ... und doch muß jene Kapelle ſich gerade unter ſeinem Schloſſe Crewe befinden .. Aber es iſt nicht Zeit mehr, uns über dieſe Geſchichte auf⸗ zuklären, wir haben mehr zu thun als Räthſel zu rathen . .. iſt Deine Abſicht noch immer, Dich mit dem Marquis zu ſchlagen? — Nein, antwortete Stephen. Frank machte eine freudige Bewegung. — Und ich, fragte er lebhaft, — glaubſt Du, daß ch im Stande ſein werde, wieder anzufangen? — Du, Perceval, ſagte Stephen kalt, — nicht mehr als ich. Du wirſt niemals mehr mit dieſem Manne die Waffen kreuzen. Der Degen iſt eine Waffe, Freund, die man nur gegen einen rechtlichen Arm gebraucht . . . Beim Marquis von Rio Santo bedürfen wir anderer Mittel. Er⸗ räthſt Du jetzt nicht, daß jene teufliſche Scene, die an Dei⸗ nem Bette geſpielt wurde, um Lord James Trevor zu täu⸗ ſchen, eine Erfindung Sr. Berrlichkeit iſt? — Du meinſt? begann Frank. — Ich meine noch mehr, erwiederte Stephen. — Ein Zweifel, den ich erſt hatte zurückweiſen wollen, wird für mich zur Gewißheit . . . Würdeſt Du wohl den Mönch wieder erkennen, den man in der Kapelle von Crewe Doktor nannte? — Ich weiß nicht warum das? — Meine Phantaſie geht vielleicht zu ſchnell, flüſterte Stephen, ſtatt zu antworten, und ich kann im Grunde nicht glauben, daß der Doktor Moore, einer unſerer erſten prak⸗ tiſchen Aerzte, nach St. Maria von Crewe gehen ſollte, um dort mit Banditen zu trinken und zu tanzen . . aber der Mordverſuch bleibt doch nicht minder feſtſtehen .. und wa⸗ rum hätte der Doktor Moore Dich tödten wollen, Frank? fügte der junge Arzt hinzu, indem er ſich plötzlich an Per⸗ ceval wendete. — Du haſt mir ſchon davon geſprochen, Stephen; aber der Marquis von Rio Santo hatte ja eben mein Leben geſchont . . . — O, jeder große Schauſpieler, entgegnete Mac⸗Nab, 262 hat unendliche Zartheiten in ſeinem Spiele . . . ich denke, der Marquis iſt ein großer Schauſpieler . . . in jedem Falle iſt er ein furchtbarer Feind, weil jede Waffe ihm gerecht iſt .. . — Wir haben nichts gegen ihn als Verdacht und Haß, ſagte Frank. — Viel Haß und furchtbaren Verdacht, Frank! ... gib mir Deine Hand ... der Puls iſt gut, Du wirſt im Stande ſein, ſchon heute Abend den Kampf zu beginnen! .. — Erkläre Dich näher, Stephen. — Ich werde Jack klingeln .. . es iſt halb acht Uhr .. um acht Uhr ſind wir in Regentſtreet. Jack erſchien in der Thür. — Kleiden Sie Ihren Herrn an, ſagte Stephen zu ihm. Frank ließ verwundert Alles mit ſich machen und hatte kein anderes Gefühl von ſeiner Verwundung als noch eine große Schwäche. Als der alte Diener ihn angezogen, begann Stephen wieder: — Jack, laſſen Sie einen Wagen kommen. — Wirſt Du mir endlich ſagen, was Dein Plan iſt, Mac⸗Nab? fragte Frank. Stephen ergriff ihn bei der Hand und drückte ſie ſtark. — Freund, ſagte er mit ruhiger Sicherheit, wir wollen den Kampf beginnen und zuerſt zu Deinem Beſten . an mich wird auch die Reihe kommen .. . Du mufßt ein gehei⸗ mes Geſpräch mit Miß Mary Trevor haben. 263 — Ach ich wünſchte es, wünſchte es um den Preis meines Blutes, Stephen, . aber . — Höre mich an .. dieſes Geſpräch wird der erſte Streich ſein, den wir dem gemeinſchaftlichen Feinde verſetzen .. noch weiß ich kein geeignetes Mittel, zu demſelben zu gelangen, — aber Lady Ophelia iſt eiferſüchtig, und wir begeben uns jetzt ſtehenden Fußes zu Lady Ophelia hin. Zwanzigſtes Kapitel. Kleine Geſellſchaft. Es war an dieſem Abende kleiner Empfang in Trevor⸗ Houſe. Lord James machte mit dem Doktor Müller, deſſen germaniſches Phlegma ſein Herz erobert hatte, Lord Stewart und Sir Arcadius Bombaſtic ſeinen Whiſt. Lady Campbell war von ihrem Hofe umgeben, bei welchem blos der Marquis von Rio Santo und der ſchöne Cavaliere Angelo Bembo fehlten. In ihrer Umgebung be⸗ fanden ſich eine große Anzahl uns bekannter Phyſiognomieen: Lady Stewart und ihre Tochter, die hübſche und luſtige Diana, Lady Margaret Wawerwenbilwoodie, Baroneſſe, die blonde Cicely Kemp, Sir Paulus Waterfield, Lord John Tantivy, der Sportsman, der Vicomte von Lantures⸗Luces und noch manche Andere. Seit fünf Tagen mußte Mary Trevor das Zimmer 5 265 hüten, an dieſem Abend aber war ſie in den Salon herab⸗ gekommen, um mit Miß Diana Stewart, ihrer beſten Freundin, zu plaudern. Die arme Mary war ſehr ſchwach und ſehr verändert. Ihr zarter Wuchs ſchien unter dem Gewichte eines zu ſchwe⸗ ren Leidens zuſammen zu ſinken und man konnte die durch⸗ ſichtige Bläſſe ihres Teints nicht ohne Mitleid anſehen. Zwiſchen ihr und ihrer Freundin war ein großer Con⸗ traſt. Miß Stewart war eine Walliſerin mit leichtgebräun⸗ tem Teint, dunklen Augen, roſigem Mund, der ein wenig groß war und gern in ein boshaftes Lächeln ſich verzog, das ihr reizend ſtand. Ihre ſchönen caſtanienbraunen Haare hatten jene eigenthümlichen Reflere, welche man blos bei engliſchen Schönheiten zu finden ſcheint; ihre Augenbrauen waren ſchwarz, gebogen und verbargen ihre zarte Linie bis unter den wallenden Locken ihrer Friſur. Alles an ihr ſtrahlte vor Geſundheit, Fröhlichkeit, Ju⸗ gend und Leben, Vosheit und Güte. Es war ſchmerzlich, Mary daneben zu ſehen, vor dem blendenden Glanze ihrer friſchen Gefährtin ſchien ihre Schön⸗ heit von feinerem und erhabnerem Typus ganz zu verſchwin⸗ den. — Und dann lag auf ihren bleichen Zügen ſo viel Leiden, in ihrem erſtorbenen Blick ſo viel Kummer und ihre Augen zeigten die Spuren von unendlich vielen Thränen. Die beiden jungen Mädchen plauderten abſeits. Die übrige Verſammlung umgab den Kamin unter dem natürli⸗ chen Vorſitze der Lady Campbell. III. 12 266 Die Unterhaltung ſprang von einem Dinge zum andern, tauſend gegenwärtige oder vergangene Sachen berührend; es war eine Converſation, ein Ding, das ſich nicht ſo leicht definiren läßt, aber nach den Umſtänden entweder amüſirt oder einſchläfert. Lady Campbell hielt mit geübter Hand die Zügel des Geſpräches und da ſie ihre fire Idee hatte, kam daſſelbe pe⸗ riodiſch immer wieder auf den Marquis von Rio Santo zurück. — So viel ſteht feſt, ſagte Lord John Tantioh; ich habe ihn ſeit fünf Tagen nicht im Park geſehn, meiner Treu. — Man ſieht ihn nirgend, fügte Lady Margaret hinzu — eben ſo wenig im Park, als ſonſt wo. — Es iſt ein vollkommenes Verſchwinden, flüſterte der kleine Franzoſe Lantures⸗Lutes, ich ſpreche ganz im Ernſte. — Theurer, Sie ſprechen immer ganz im Ernſte, erwi⸗ derte der Sportsman, indem er an dem unbeweglichen Hals⸗ band ſeiner Cravatte zupfte . vor fünf Tagen ritt der Marquis Kitty⸗Bell, ſeine weiße Stute, die er beim vorletzten Handicap in Epſom gewonnen hat. Den vorhergehenden Tag ritt er ... waren Sie dabei, Sir Paulus? — Ich war dabei, Mylord; — aber jedenfalls, My⸗ ladies, muß der Marquis ſich nirgendwo zeigen, da er ſich aus dem Cirkel der Mylady (Sir Paulus verbeugte ſich ge⸗ gen die Schweſter Lord Trevor's) verbannt und man muß vorausſetzen, daß ein Unwohlſein .. — gum Teufel, brummte der Sportsman, mir ſcheint, 267 dieſer Zwei Penny Baronet hat mir das Wort aus dem Munde heraus genommen. Die ehrenwerthe Cicely Kemp bewegte anmuthig ein unermeßliches Paar blonder Lockenparthien, welche von der Stirn bis auf die Schultern herabfielen. — Der Herr Marquis von Rio Santo iſt nicht krank, ſagte ſie, ihre hübſchen roſigen Lippen ſpitzend; — und man erzählt ſeltſame Dinge über das große Haus in Belgrave Square. — Und was ſagt man, meine Beſte, fragte Lady Mar⸗ garet lebhaft. — O, Mylady, antwortete die ehrenwerthe Cicely Kemp und ſpitzte ihr Mäulchen immer mehr; — vor ihrer Ver⸗ heirathung dürfen die jungen Mädchen über dieſe Art von Gegenſtänden ſich nicht zu unterrichtet zeigen. Der Sportsman erſtickte ein Gelächter in ſeiner Cra⸗ vatte und dachte, daß Miß Fraskita, ſeine Iſabellſtute, nicht beſſer geantwortet haben würde. Lantures⸗Luces verneigte ſich anmuthig und ſagte: — Miß, Sie haben da einen reizenden Fächer; — ich ſpreche .. — Ganz im Ernſte! vollendete der rachſüchtige Sportsman. — Lord John hat mich errathen, meine Damen. Sie begeiſtern ihn wahrſcheinlich. O, dieſer ſehr theure Rio Santo iſt nicht der einzige Flüchtling . .. Man ſieht 12* 268 Brian von Lanceſter auch nicht mehr .. . unſre beiden Ge⸗ ſtirne fehlen uns zu gleicher Zeit. — Vicomte, Sie ſind immer beſcheiden, SW lichelnd Lady Campbell. — O, nicht doch, Mylady, wahrlich, Sie ſind zu gütig . . . ich ſpreche .. . nun, Lord John, fahren Sie doch fort Tantioy ſchnitt ein Geſicht und brummte: Zum Teufel, wenn Lantures⸗Luces ein Vollblut geweſen wäre, würde er eine eremplariſche Züchtigung bekommen haben. Aber dieſer queckſilberige kleine Franzoſe würde ja nicht ein Mal im Trabe die halbe Rennbahn von New⸗Market herumreiten können. — Ganz im Ernſte! fügte der Franzoſe triumphirend hinzu. — Lord John hat mir nicht helfen wollen. Hat eine von Ihnen, meine Damen, von dieſem theuren Brian von Lanceſter ſprechen hören? — Nicht ſeit jener herrlichen Komödie, welche er uns in Coventgarden gegeben hat, antwortete Lady Campbell. — In Folge deren, fügte Lady Margaret hinzu, der Lord White⸗Manor, das Bett zwei Tage lang gehütet hat .. — Man ſagte, daß er verliebt iſt, flüſterte Cicely Kemp, indem ſie inſtinktmäßig erröthete. — Die Liebe iſt das einzige Gut auf der Erde, My⸗ ladies, deklamirte von fern der gekrönte Poet, Sir Arcadius Vombaſtic; es iſt ein unmaterieller Ausfluß, der dem einen — 269 Herzen entſtrömt, um das andere zu entzücken, es iſt ein un⸗ ergreifbarer Athem, ein Blüthenſtaub der Seele. — Sir Arkadius, unterbrach ihn ruhig der Doktor Müller, es handelt ſich hier nicht um Blüthenſtaub, ſondern um Pique ich ſpiele Pique, Sir Arcadius .. Piquebube. Dieſe Diverſion machte das shocking Adjectiv vergeſſen, welches von der ehrenwerthen Cicely Kemp ausgeſprochen worden war. Mit ſiebzehn Jahren weniger eilf Monate, von Liebe ſprechen, mein Gott, wie shocking! — Stellen Sie ſich vor, ſchöne Damen, begann der Vicomte von Lantures⸗Luces, daß an jenem ſelben Abend Brian mich boxen wollte .. — Eine gute Idee, dachte Tantivy. — In der Vorhalle des Theaters. Ich war mit .. mit einer Dame, Myladies . — Mit der Signora Briotta, ſagte die unverbeſſerliche Cieely Kemp; ſie tanzt gut; aber ſie hat häßliche Kniee. — O, Madame! rief Lantures⸗Luces empört. — In andern Ausdrücken, flüſterte Tantivy ihm ins Ohr, die Signora iſt gekrönt, mein Theurer .. in der letzten Seaſon war ich genöthigt, Lady Aurora und die arme Pre⸗ ſumtion deshalb zu verkaufen. — O, Mylord, ſagte Lantures⸗Luces — kann man einen ſolchen Vergleich aufſtellen? ... aber freilich kann man in Geſellſchaft der armen Preſumtion und der Lady Aurora nicht die beſten Manieren annehmen und die Sache iſt die, meine Damen, daß Brian mir die Fauſt auf die Gurgel ſetzte, eine Minute länger noch und ich hätte auf der Gaſſe gelegen. — Er iſt fürchterlich vriginell, ſagte Lady mit Bewundrung. — Erzählen Sie uns doch das, Herr von Lantures⸗ Luces, fügte Lady Campbell hinzu; — geſtehn Sie, meine Damen, daß ohne den Vicomte und Lord Tantivy wir arme Verlaſſene wären. Die Ladies verneigten ſich. — Nun, Theurer, erzählen Sie, ſagte Lord John mit der Miene ärgerlicher Reſignation. Wir müſſen den Leſer darauf aufmerkſam machen, daß Lord John Tantivy zu jener Zeit eine faſt präſentable Statt⸗ lichkeit hatte. Er begann ſeine Kur zum Magerwerden erſt im Monat Februar, um im April zu dem erſten Wettrennen trainirt zu ſein. Im Januar alſo war er ein Gent'eman ganz wie ein anderer, trug ſeine Haare nach dem gewöhnli⸗ chen Schnitt, die Cravatte übertrieben hoch und ungewöhn⸗ lich ſteif, einen ſchmalleibigen Frack, klaſſiſche Weſte und einen Backenbart, der von Natur ſtruppig war. Eine einzige Eigenthümlichkeit, welche ihn von gewöhn⸗ lichen Sterblichen unterſchied, war, daß er auf ſeinem Stuhle rücklings ſaß und ſeinem Rücken eine fortwährende Bewe⸗ gung gab, als ob er Miß Fraskita, Hypotenuſe, oder die arme Preſumtion zwiſchen den Schenkeln habe. Dieſer Sportsman hatte den perpetuellen Trab erfunden. Der Herr Vicomte von Lantures⸗Luces ließ ſich die 271 ſchickliche Zeit quälen, erklärte, daß, im Ernſte geſprochen, die Geſchichte nicht der Mühe lohnte, erzählt zu werden und endete damit, daß er ſie weitläufig erzählte, ohne dabei den Verluſt ſeiner Lorgnette zu vergeſſen. Man erklärte die Anekdote für hinreißend ſchön, und Tantivy allein ergötzte ſich nicht über die Maßen daran. — Zum Teufel, dachte er, um die Geſchichte ſpaßhaft zu machen, müßte ihm mindeſtens das Geſicht zerſchlagen worden ſein. — Ich weiß noch mehr als das, meine Damen, rief Lantures⸗Luces, den der Beifall anfeuerte; — dieſer theure Brian, Gott ſei Dank, könnte alle Salons von London mit Anekdoten verſorgen. — Mit Herrn Marquis von Rio Santo und Ihnen, Vicomte, ſagte die Schweſter Lord James mit einem unbe⸗ merklichen Ausdruck von Spott, der ſich unter der liebens⸗ würdigſten Gutmüthigkeit verbarg. — In der That trägt er faſt immer die Koſten unſerer Unterhaltung . . . Iſt es nicht wahr, meine Damen? — Gewiß, erwiederte Lady Stewart. — Man ſpricht immer von Paris, fügte Lady Mar⸗ garet Warwerwenbilwoodie hinzu; aber Paris ſchickt uns das Beſte, was es hat. — O, meine Damen „o, Myladies . in der That, in der That .. . ſagte der kleine Franzoſe, indem er entzückt Reihe herum grüßte; — Sie überhäufen mich .. ich verdiene wahrlich nicht! — Aber nein, ich ſpreche — — Du ſprichſt zu viel, verdammter Pony, dachte der Sportsman, der Luſt hatte eine steeple chase zu erzählen, bei der zweiundzwanzig Pferde getödtet worden waren, ohne die Reiter zu zählen. Man ſprach noch einige Minuten lang über Brian und dann nahmen die Unterhaltungen wieder ihren ſpringen⸗ den Lauf. Gewiß, Lady Campbell beſaß im höchſten Grade Kennt⸗ niß der Welt, aber wer wäre ein ſo geſchickter Pilot, daß er nicht ein Mal in ſeinem Leben ſcheiterte, wenn der Wind contrair iſt? — Lady Campbell hatte nur einen Wunſch, nämlich das Geſprich nicht auf Frank Perceval kommen zu laſſen. Aber man kam unglücklicherweiſe darauf, weil bei einem kleinen Cerecle von allen Sachen geſprochen werden muß, — von durchaus allen. Die ehrenwerthe Cicely Kemp, welche hier die Rolle des enfant terrihle ſpielte, ſprach den Namen Frank's zuerſt aus. Lady Margaret fragte, wie es ihm ginge .. Lady Campbell warf einen unruhigen Blick auf ihre Nichte. — Der Name Frank hatte die gefürchtete Wirkung gehabt; die arme Mary lehnte ihr Haupt an Diana Ste⸗ wart's Schulter. — Frank iſt noch immer krank, antwortete Lantures⸗ Luces; — er geht nicht aus und nimmt Niemanden an. — Erlauben Sie, Theurer, entgegnete Tantivy, glücklich ſeinem Nebenbuhler widerſprechen zu tönnen; — er nimmt S * 273 Sie vielleicht nicht an; — aber er geht aus. Ich habe ihn eben in Regentſtreet getroffen, an der Thür der Gräfin Derby. — Ah . . . dachte Lady Campbell ganz laut, — ſein erſter Beſuch gilt der Lady Ophelia . . . ich wußte nicht, daß ſie ſo liirt ſeien. — Die Gräfin von Derby ſucht ſich zu zerſtreuen, ſagte Cicely Kemp, das enfant terrible. In dem Augenblicke, wo ſie ihre Phraſe vollendete, die wahrſcheinlich nur ein Echo von dem war, was ſie von einer Lady reiferen Alters gehört hatte, öffneten ſich beide Flügelthüren und ein Bedienter meldete an: — Die Frau Gräfin von Derby! Einundzwanzigſtes Kapitel. Seltſamkeiten des Herzens. Wihrend der höchſt leichtfertigen Unterhaltung, von welcher wir im vorigen Kapitel einige Proben gegeben, hat⸗ ten Miß Mary Trevor und Diana Stewart ſich von der Hauptgruppe getrennt und unterhielten ſich auf ganz andere Weiſe, als der übrige Theil der Geſellſchaft. — Mary, ſagte Diana, welche beim Anblicke des Kummers ihrer Freundin ernſt geworden war; — meine gute Mary, willſt Du mir nicht Dein Herz eröffnen? .. Du wirſt Dich wohl erinnern, daß wir uns verſprochen haben, kein Geheimniß vor einander zu haben ich, ich habe keines; wenn ich eines hätte, würdeſt Du es ſchon wiſſen ... liebſt Du mich denn nicht mehr, Mary? — Gewiß, Diana . . o, ich liebe Dich ſehr .. noch 275 mehr, als ſonſt, ſeit die, welche mich liebten, mich vergeſſen haben! ... aber ich habe kein Geheimniß. — Und warum biſt Du denn ſo bleich, Marh? . Warum lächelſt Du denn nicht mehr? — Lächelte ich denn ſonſt? flüſterte Miß Trevor. — Diana, wohin denkſt Du .. ich und lächeln! .. . — O ja, lächeln und glücklich ſein, Marh! Miß Marh neigte das Haupt. — Glücklich ſein, wiederholte ſie, als ob dies Wort für ſie der Ausdruck einer fremden Sprache wäre. — Du warſt es doch ſonſt, Mary .. — Diana, ich entſinne mich deſſen nicht mehr .. Mary ließ dies Wort ganz leiſe fallen; es war der einfache und aufrichtige Ausdruck einer ſo tiefen Entmuthi⸗ gung, daß Miß Stewart ſich Thränen in die Augen kom⸗ mem fühlte. — Theure Mary, ſagte ſie, ſprich nicht ſo .. Du kannſt doch noch nicht unſer Geplauder auf dem Schloſſe meiner Mutter und unſre langen Spaziergänge in den Wäl⸗ dern von Trevor⸗Caſtle vergeſſen haben ... welche ſchönen Träume von der Zukunft haben wir da alle Beide gehabt. — Es waren eben Träume, Diana!. — Träume, die man in Wirklichkeit verwandeln kann Mary ... Iſt denn nicht alles um Dich herum noch wie ſonſt! Mein Vetter Frank iſt von der Reiſe zurück .. — Sprich mir nicht von Frank, erwiederte Mary, in⸗ dem ſie leiſe die zarten Augenbrauen zuſammenzog. 276 — Warum, Mary? Liebſt Du ihn nicht mehr? — Nein! Mary wandte den Kopf ab. Als ſie aufs neue ihre Geſpielin anſah, verzog ein peinlich anzuſehendes Lächeln ihr Geſicht. — Du weißt alſo nicht, begann ſie, daß ich den Marquis von Rio Santo liebe! — Auch Du, rief Miß Diana aus; — o, nimm Dich in Acht, meine arme Mary! Auch ich fürchtete ihn zu lieben! . . . Ich glaube, daß ich ihn geliebt habe .. . ich glaube ſogar ... Diana hielt inne und wurde röiher als das Atlasband, welches ſich in ihrem reichen Haarwuchſe befand. Darauf lächelte ſie plötzlich von ganzem Herzen. — Aber ich, fuhr ſie fort, liebe auf meine Weiſe und gebe mich der Schwermuth nicht hin . . . er iſt bei alle dem der König der Männer! ... Alſo Du liebſt ihn, Mary? .. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie glücklich ich bin, Dich ſcherzen zu ſehen . — Ich ſcherze nicht, Diana, ich lüge. Miß Stewart's Lächeln verſchwand, ſie ſah ihre Freundin an, deren klagende Stimme einen Anflug von Bitterkeit ge⸗ habt hatte. — Du lügſt? wiederholte ſie, ohne zu begreifen. — Ich leide! flüſterte Miß Mary Trevor. Diana legte ihren Arm um die gebrechliche Taille ihrer Gefährtin. S —— —— — — —— — — 277 — Das ſieht man nur zu ſehr, arme Mary, erwiederte ſie ſeufzend, — aber Dein Gedanke iſt mir unklar, ... Deine Worte haben keinen Sinn für mich. — Deſto beſſer, Diana, das iſt blos ſo, weil Du glücklich biſt. Ich werde es ſein, Marh, wenn ich Dich nicht mehr leiden ſehe . .. und ich möchte Dir ſo gern Linderung ver⸗ ſchaffen, mein Gott! ... aber ich begreife Dein Herz nicht mehr .. . aber aus Erbarmen für Dich und für mich, ant⸗ worte ohne Umſchweife ... Liebſt Du Frank Perceval nicht mehr? — Ich heirathe den Marquis von Rio Santo, Diana! — Man hat es mir geſagt, ich wollte es nicht glau⸗ ben .. . Armer Frank! Mary nahm ihr Flacon mit flüchtigem Salze und roch ſtark daran. — Ich hoffe, daß ich bald ſterben werde, ſagte ſie. Diana ließ die Arme ſinken. — Sterben, ſagte ſie; — o, Du liebſt ihn noch! . . und wie würdeſt Du ihn auch vergeſſen haben ein edles Herz, wie das Deinige, wechſelt nicht und liebt nur einmal.. aber welche ſeltſame Tyrannei zwingt denn auf dieſe Weiſ Deinen Willen? Lord Trevor iſt der Beſte der Väter — Lady Campbell .. — Horch! unterbrach ſie Mary mit einem Schauer der Furcht. — Was gibt es denn? fragte Diana. 278 — Hörſt Du nicht? . . Diana horchte aufmerkſam und hörte nichts, als die flötende Stimme des Vicomte von Lantures⸗Lures auf bekannte anmuthige Weiſe eine eccentricity von Brian von Laneeſter erzählen. Die Nerven der armen Mary ſchienen indeß heftig er⸗ ſchüttert. — HO, ich aber höre es, ſagte ſie, — und dieſes Ge⸗ räuſch macht mir Furcht . . es iſt ein Wagen, Diana, der auf dem Pflaſter von Park⸗Lane fährt . . . wenn es der Seinige wäre! ... Es lag ein unſäglicher Schrecken in der Stimme der Miß Trevor. — Der Wagen von wem? fragte Diana. — Der Seinige! . . . Ich höre ihn von ſehr ferne . etwas von ihm correſpondirt in ſeiner Abweſenheit mit meinen Nerven und foltert ſie .. . Meine Tante ſagt, daß ich ihn liebe, und ich liebe ihn vielticht, Diana .. Liebe niemals, o niemals; Du biſt ſo friſch und ſchön, lachſt ſo fröhlich, ſingſt ſo ſanft zu Deiner Harfe, tänzeſt ſo gern, biſt überall frei und überglücklich .. . Liebe niemals, denn das bringt zu vieles Leiden . . man lernt weinen, Diana, man wird bleich und traurig .. . der Geſang ſtrengt an, der Tanz ermüdet .. und Nachts, o Gott, Nachts, da ſendet Gott, der kein Mitleid hat, Träume von Glück . . . Träume, wenn das Glück unmöglich iſt, wenn beim cun Angſt und Kummer auf uns wartet. ———— — 2 279 Marh hob ihre großen Augen ohne Thränen zum Himmel, ihre Stimme war dumpf und langſam und ver⸗ zweiflungsvoll. — Arme Marh, ſeufzte Diana, welche unbeſtimmt die Größe des Leidens ahnete. — Er iſt jetzt ſechs Tage nicht gekommen, hob Mary Trevor wieder an; — weiß ich, mein Gott, ob ich wünſche, daß er wieder kommt? .. Ich leide eben ſo viel, wenn er fern von mir iſt, weil der Gedanke an ihn mich fortwährend peinigt ... O ich hoffe, daß ich bald ſterben werde. — Aber ſonſt, Mary, rief Miß Stewart troſtlos aus; — als Du Frank Perceval liebteſt, litteſt Du nicht ſo. 8 Ein flüchtiger Glanz der Freude fuhr über das Geſicht Mary's hin. — Sonſt, flüſterte ſie, — ja ſonſt! ... wenn er kom⸗ men ſollte, wie war ich fröhlich, wie paßte ich auf den langſamen Gang des Zeigers an der Uhr auf, wie drängte es mich, ihn zu ſehen, wie glücklich war ich in ſeiner Ge⸗ genwart, wie aufmerkſam auf ſein edles Wort, wie eifer⸗ ſüchtig auf jeden ſeiner Blicke! .. Aber das iſt keine Liebe, Diana .. . Meine Tante hat mir das alles weitläufig erklärt, o weitläufig und ſo oft erklärt, daß ein dichter Nebel meine eigenen Gedanken umhüllt hat .. Die Liebe, ſiehſt Du, iſt eine Qual, und was ich für Frank empfand, war ein Ge⸗ fühl voller Hoffnung und Glückes .. O, den Marquis von Rio Santo liebe ich . . Dies Wort, welches ein bitterer, verzweifelter Spott zu * 280 ſein ſchien, wurde von Mary mit dumpfer Verzweiflung aus⸗ geſprochen. — Aber das iſt ja Wahnſinn, theure Mary! rief Diana aus; — Du haſt Lady Campbell falſch verſtanden, oder der von dieſem Manne ausgeübte Zauber hat Deinen Verſtand verwirrt . .. Du liebſt Frank, Du haſt ihn niemals ſtärker geliebt. — Du biſt ein junges Mädchen, meine gute Diana, ſagte Miß Mary Trevor, — und verſtehſt nichts von dieſen Dingen, und wahrlich, ich eben ſo wenig, — ich ſterbe daran, ohne ſie zu kennen. Nach einer Pauſe, während welcher Mary nachzudenken ſchien oder genauer geſagt, ihren Geiſt willenlos den An⸗ fällen ihrer gewöhnlichen Traurigkeit hingab, legte ſich plötz⸗ lich eine noch dunklere Wolke über ihre Stirn. — Weißt Du, Diana, ſagte ſie, — das Weib, das nir Frank's Herz geraubt hat, iſt ſehr ſchön ... — Was ſagſt Du, Mary, entgegnete lebhaft Miß Stewart, von einem Lichtſtrahl getroffen; — Frank ſollte ein anderes Weib lieben! o, wie gern wollte ich mich nicht täuſchen und glauben, daß die Eiferſucht allein Dich quält! Ich würde Dich beruhigen, denn Du biſt in Irrthum, Mary! und wer weiß, ob man nicht den armen Frank bei Dir verleumdet hat. — Ich habe geſehen, antwortete Mary; — ſie iſt ſehr ſchön! — Und was haſt Du ſehen können, rief Diana aus, — —,————— 281 ihre ganze Beweglichkeit wiederbekommend; — Frank iſt mein Vetter und ich dulde es nicht .. Arme Mary, unterbrach ſie ſich, — verzeih .. ich glaube jetzt Dein Leiden zu verſtehen .. aber wer im Hauſe des Lord James Trevor iſt denn Perceval's Feind. — Ich bin es, antwortete Miß Mary und ihr Auge leuchtete vor Zorn auf. — Du, Mary! ... Wie verlangſt Du, daß ich Dir glauben ſoll ich kenne Dich als ſo edel, als ſo gut o mein Gott, das iſt doch alles höchſt ſeltſam. Einen Augenblick habe ich zu verſtehen geglaubt; aber jetzt ſehe ich, daß alle dieſe Geſchichten weit über meinen Verſtand gehen .. Es iſt, als ob Du bezaubert wäreſt . — Vielleicht, Diana . aber was thut es, ich werde ja doch bald ſterben! — In dieſem Augenblicke wurde die Gräfin Derby ange⸗ meldet und trat in den Sagl. Früher, vor der Ankunft Rio Santo's in London, war Lady Ophelia mit der Lady Campbell ſehr intim geweſen, ſeit ihrer Liaiſon mit dem Marquis aber waren die Be⸗ ziehungen zwiſchen ihr und Mary's Tante natürlich kälter geworden. Nichtsdeſtoweniger hatten dieſelben nicht ganz auf⸗ gehört, in einer gewiſſen Welt bricht man nicht gern ganz und gar mit einander, weil ein Bruch ſtets Gerede macht. Wir haben Lady Ophelia deshalb auch auf dem Balle von Trevor⸗Houſe geſehen. Aber es war doch jetzt ſehr ſelten, daß Lady Ophelia 282 und Lady Campbell ſich ungenirt und an den für die ver⸗. trauten Freunde beſtimmten Tagen Beſuche machten. Die Mauer der Etiquette hatte ſich zwiſchen ihnen erhoben; ſie liebten ſich nicht. Dagegen hatte Lady Ophelia für Mary eine Art Freund⸗ ſchaft oder zartes Mitleid bewahrt. Und doch war Mary ihre Nebenbuhlerin; aber die wahrhaft edle Seele der Gräfin von Derby konnte ſich zu keinem Haſſe gegen den ſchwachen ungefährlichen Gegner verſtehen, welchen ihr der Zufall ge⸗ geben hatte und außerdem ſah ihr feiner, welterfahrener, der unbemerklichſten Nüangen kundiger Geiſt in Mary's Her⸗ zen faſt ganz klar und bis auf den Grund. Sie errieth, daß ihre wahre Nebenbuhlerin nicht das arme Kind ſei, ſondern ihre Tante, deren Hartnäckigkeit eine Leidenſchaft geworden war, und die an der Stelle und für Rechnung ihrer Nichte wie närriſch liebte. Die Gräſin von Derby hatte mit dem ſcharfen Blicke einer vornehmen Dame lange ſchon der Tante und der Nichte, jeder ihren Theil beſtimmt, der erſteren all' ihren Groll, der letzteren ihr Mitgefühl. Der Eintritt der Gräfin von Derby erregte unter den gewöhnlichen Gäſten des Salons von Trevor⸗Houſe einige Ueberraſchung. Jeder von ihnen wußte ſehr genau, wie die ſchöne Beſucherin und die Herrin des Hauſes mit einander ſtanden. Der Vicomte von Lantures⸗Luces ſpielte eifrig mit der Kette ſeines Lorgnons, der Sportsman brummte: zum Teufel, und Miß Cicely Kemp öffnete ſchon ihren reizenden 283 Mund, um irgend eine Ungeheuerlichkeit auszuſprechen, die shocking erſter Klaſſe war, als Lady Margaret den guten Einfall hatte, ihr mit einer Geberde Stillſchweigen zuzu⸗ winken. Was Lady Campbell anbetrifft, die gewiß nicht am wenigſten überraſcht war, ſo erhob ſie ſich lächelnd und eilte ihrer ehemaligen Freundin mit wahrhafter Freude entgegen, was Lord John Tantivy Anlaß gab, folgende geiſtreiche Re⸗ flexionen zu machen: — Zwei Stuten würden ſich in ähnlichem Falle ſchlagen und beißen, aber dieſe hier liebkoſen ſich. Dieſer Ausdruck hatte übrigens in Lord John's Sinne durchaus nichts Beleidigendes für die ſchöne Hälfte des Pferdegeſchlechtes. Die Whiſtſpieler waren aufgeſtanden. Aber ſo ſehr Lady Campbell auch entzückt und entgegen⸗ kommend ſchien, ſo verwirrt und unbehaglich ſchien die Grä⸗ fin von Derby. Und das war eine merkwürdige Sache, denn Lady Ophelia war in ganz London wegen ihrer ganz ausgezeichneten Weltklugheit berühmt; ihre Nebenbuhlerinnen copirten ihre Haltung, indem ſie verzweifelten, es beſſer wie ſie zu machen, wenn ſie's anders machten. Sie war ſehr bleich, ihre ſchönen Augen trugen einige Spuren von Ermüdung, vielleicht auch von Thränen; ihr Blick war bis zur Verrwirrung zerſtreut. — Ich ſehe ja Miß Mary nicht, ſagte ſie, bevor ſie ſich ſetzte, — ſie iſt doch nicht krank? Mary ſtand vor ihr. — Oh, erwiederte Lady Ophelia ſie bemerkend, Si ſind ſehr verändert, theure Mary! Sie küßte ſie auf die Stirn und unwillkürlich glitt ihre Hand in ihren Buſen; — aber ſie zog ſie leer zurück und erröthete, als ob ſie auf dem Punkte geweſen wäre, eine böſe Handlung zu thun. Darauf entfernte ſie ſich plötzlich von Mary und ſetzte ſich mitten im Kreiſe der Geſellſchaft hin. — Madame, ſagte Lantures⸗Luces zu ihr; — ich glaube, ich habe noch niemals bei Ihnen eine ſo entzückende Agraffe bemerkt. Man muß bemerken, daß Lady Ophelia keinen Fächer hatte, den der kleine Wſe iſt hätte bewundern können. ſS — Können Sie uns, begann er wieder, — Nachrichten von dem theuren Frank Perceval geben? Lady Ophelia wechſelte die Farbe. — Wie Sie roth werden, Lady, rief die ehrenwerthe Cicely Kamp, — und wie blaß jetzt wieder. — Still, meine Liebe, ſtill, flüſterte Lady Margaret. — Frank Perceval, ſtotterte Lady Ophelia; — ich weiß nicht, in der That, mein Herr! — Lord John wird ſich geirrt haben, unterbrach ſie der kleine Franzoſe, der bei alle dem ein gutes Herz hatte. So aufmerkſam gemacht, erwiederte die Gräfin, die mühſam nach Faſſung rang: ——— ———— ——.— 285 — Ich habe in der That den ehrenwerthen Frank Per⸗ ceval geſehen, mein Herr. Er leidet noch immer an ſeiner Wunde und außerdem noch . . er leidet ſehr viel, mein Herr! Die übrige Zeit des Veſuches, der nicht lange dauerte, war trotz der Anſtrengung der Lady Campbell, die vergeblich ihr wunderbares Talent der Unterhaltung entwickelte, ſehr peinlich. Augenſcheinlich litt die Gräfin, und ſeltſam, man hütte ſagen mögen, daß ihre Verlegenheit etwas von Scham oder Reue habe. Endlich ſtand ſie auf. Jeder beeilte ſich, ihr nachzu⸗ ahmen, denn gegen die Gewohnheit laſtete ihre Anweſenheit auf dem Geiſte eines Jeden. Nachdem ſie Lady Campbell die Hand gegeben und Lord James gegrüßt, ging ſie, ſtatt nach der Thür, haſtig auf Miß Mary zu, welche einen leiſen Ruf ausſtieß. Gewiß geſchah es aus Ueberraſchung. Indeß behauptete Miß Cicely Kemp trotz des wieder⸗ holten St! der Lady Margaret, daß die Gräfin aus ihrem Buſen ein Papier gezogen und bei der Umarmung der Miß Mary in den Schoos geworfen habe. Lady Campbell warf einen prüfenden Blick nach jener Richtung; aber ſie ſah nichts. Freilich war die weiße Hand der Miß Diana Stewart ſehr ſchnell vorbewegt und wieder zurückgezogen worden. Glücklicherweiſe hatte die ehrenwerthe Cicely Kemp dieſe Bewegung nicht bemerkt. Die Gräfin von Derby war nicht mehr da. 286 Augenſcheinlich war nichts vorgefallen, der Kreis ſchloß ſich wieder und man machte Gloſſen über dieſe unerwartete Viſite. Während deſſen empfing Mary zitternd und mit ver⸗ haltenem Athem heimlich aus den Händen der Miß Diana Stewart einen Vrief, an deſſen Adreſſe ſie mit einem Blicke die Hand Sir Frank Perceval's erkannt hatte. Miß Cicely Kemp hatte alſo doch nicht ganz Unrecht gehabt. ——————————————— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. —— Das Rendez⸗vons. Frank hatte ſich allein in dem Hotel der Gräfin Derby präſentirt; Stephen wartete unten im Wagen. Es hatte vieler Bitten bedurft, um Lady Ophelia zu dem zweideutigen Schritte zu bewegen, mit welchem das vorige Kapitel ſchloß. Denn ſie war im höchſten Grade mit Zartheit des Herzens begabt und jene hohe und würdige Zurückhaltung zu ſehr gewohnt, welche bei den Leuten un⸗ ſerer Salons die Stelle der Moral vertritt. Eine heimliche Botſchaft einem jungen Mädchen zuſtellen! Das überſteigt bei unſern heuchleriſchen Sitten wirklich alle Grenzen und muß Jedem eine empörende Ungehörigkeit ſcheinen. Aber die Lage Lady Ophelia's war in dieſem Falle keine gewöhnliche; wir reclamiren für ſie beim Leſer nicht 1 288 6 vollkommene Freiſprechung. Denn wußte ſie nicht, was der Zukunft Miß Mary Trevor's drohte, und kannte ſie Frank's Rechte nicht, ſich zum Vertheidiger des armen Mädchens aufzuwerfen? Deshalb hatten ihre Hauptſerupel auch nicht ihren Ur⸗ ſprung in dem natürlichen Widerſtreben einer ſtolzen Seele gegen jede zweideutige Handlung. Wenn Lady Ophelia den Schritt vom Geſichtspunkt der wahren Ehre aus für tadelns⸗ werth gehalten hätte, würde nichts in der Welt ſie dazu haben bewegen können, ihn zu thun. Ihr Zaudern hatte einen ganz andern Grund; ſie fürchtete, dem Marquis von Rio Santo zu ſchaden. Schon hatte ſie das Geheimniß des Marquis verrathen und bereute es, denn ſo ſehr ſie auch die Rechtlichkeit Frank's kannte, fürchtete ſie doch einen Kampf, in welchem ſie ſelbſt die Waffen gegen einen Mann, den ſie liebte, geliefert hatte. Sollte ſie alſo noch weiter gehen, ſelbſt eine Stelle in dieſem Kampfe annehmen und die Feindlichkeiten beginnen? Bei den erſten Worten Frank's alſo blieb ſie feſt und weigerte ſich. Aber Frank hatte ſich ſeine Rolle vorſchreiben laſſen. Wäre er ſich ſelbſt überlaſſen geweſen, ſo hätte er nur beredt ſein können und damit ſeinen Prozeß verloren; denn die Liebe, welche in dem Herzen Ophelia's die entgegengeſetzte Sache vertheidigte, kann nicht auf dem Gebiete der Bered⸗ ſamkeit beſiegt werden. Frank erinnerte ſich, wie Stephen blos die Schmach der mildernden Umſtände, ſondern eine * 289 die Sache dargeſtellt hatte, und wurde Advokat: die Liebe, welche bei Seite gelaſſen wurde, mußte ſchweigen. Das ihm von Lady Ophelia mitgetheilte Geheimniß gehörte ihm allein; aber zu gleicher Zeit war Frank auf ſeine Ehre verpflichtet, über Miß Mary zu wachen. Es war ſeine Pflicht, das Schweigen zu bewahren, ſo lange er ſchweigen durfte; aber die Umſtände änderten ſich. Lord James, in deſſen Herzen das Geheimniß wie in einem Grabe verborgen geblieben wäre, hatte jede Erklärung verweigert. Es blieben alſo nur zwei Wege übrig. Der erſte beſtand darin, mit der Drohung im Munde ſich zum Marquis zu begeben, ihn zu zwingen, daß er ſeine Bewerbung aufgäbe, und ihn unſchädlich zu machen, indem man ihm die Waffe zeigte, welche die Indiscretion der Lady Ophelia gegen ihn geſchmiedet. Der andere war noch einfacher: er beſtand darin, Mary zu ſprechen. Aber Mary ging nicht aus, und Frank konnte ſich nicht in Trevor⸗Houſe zeigen. Das war im Weſentlichen das Raiſonnement Perceval's. Konnte Lady Ophelia in der Wahl zwiſchen dieſen bei⸗ den zu ergreifenden Mitteln ſchwanken? Das letztere hatte den Vorzug, daß Rio Santo von Allem nichts wußte und das Geheimniß zwiſchen Frank und Mary Trevor blieb. Sie verſtand ſich alſo dazu; Frank ſchrieb einen Brief, die Gräfin ließ anſpannen und begab ſich nach Trevor⸗Souſe, wo das vorhin Erzählte vorfiel. III. 13 290 Als ſie von Trevor⸗Houſe wieder fortfuhr, ſtand ihr der Schweiß vor der Stirn, ſie vrückte ſich erſchreckt in eine Ecke ihrer Equipage. Ein furchtbares Gewicht lag ihr auf dem Herzen; es ſchien ihr, als ob ganz London am andern Tage ihr das Verbrechen der verletzten Wohlanſtändigkeit dem Geſichte würde leſen können. 4 Der Wagen hielt vor der Thür von Barnwood⸗ Souſe an, als die Gräfin noch ganz aufgeregt war. — Ich hätte es nicht gethan, flüſterte ſie zuſammen⸗ ſchauernd; — o nein, mein Gott, ich hätte es nicht gewagt! . aber das arme Kind war ſo bleich und ſchien ſo viel zu leiden! .. Frank's Brief enthielt nur einige Zeilen. Er verlangte in ehrfurchtsvollen, aber feſten und dringenden Ausdrücken ein Rendez⸗vous mit Miß Mary Trevor bei ihrer Freundin, Miß Diana Stewart, der Couſine Perceval's. Mary las und blieb einen Augenblick ganz in Gedan⸗ ken verloren. — Meinſt Du wohl, daß ein Mann zwei Frauen zu gleicher Zeit lieben kann, Diana? fragte ſie nach einiger Zeit. — Weißt Du nicht, Mary, erwiederte thörichterweiſe Diana, daß der Marquis von Rio Santo niemals weniger als vier auf einmal liebt? Eine Thräne rann über Mary's Wange. — So wird Perceval auch ſein, flüſterte ſie; — er liebt mich und zugleich jenes Weib .. . ich meines Theils liebe ihn nicht mehr. —.— ——— Sie reichte Miß Stewart den Brief. — Höre mir zu, Diana, fuhr ſie fort, — morgen, wenn er zu Dir kommen wird, um mich zu ſehen, ſag ihm, daß ich ſehr glücklich bin .. . ſag ihm, es ſei ein Vergnügen, mich ſingen zu hören, mich lachen zu ſehen .. . daß Du Mühe haſt, mir an Fröhlichkeit gleich zu kommen, ſo luſtig ſei ich. Sie hielt erſchöpft inne. — Diana, welche ſie nicht verſtand, warf einen Blick in den Brief. — Wie, Mary, rief ſie aus, — haſt Du den Muth, dem armen, verwundeten, leidenden Frank es abzuſchlagen? .. — Leidet er denn ſo ſehr als ich? entgegnete Miß Trevor mit gebrochener Stimme; ſag' ihm, was Du eben gehört haſt . ſag' ihm Alles .. wenn ich todt ſein werde, nun, dann mag er erfahren, was ich gelitten .. . aber bis dahin ſoll er mich für glücklich halten! — O Mary, arme Mary, flüſterte Miß Diana; — welcher böſe Einfluß laſtet denn auf Dir! ... Welche Hand hat Dir vor die Angen die grauſame Binde geknüpft, welche Dich blind macht? .. . Aus Erbarmen für Dich ſelbſt weiſe die Bitte Frank's nicht zurück! .. komm morgen, und wäre es nur, um ihm ein letztes Lebewohl zu ſagen! — Wenn Du ſie geſehen hätteſt, Diana, antwortete Mary, welche in einer plötzlichen Aufregung der Eiferſucht Kraft fand; — wenn Du wüßteſt, wie ſchön ſie iſt nein, o nein, ich werde nicht hingehen! 13* * 292 Marh war, wie alle ſchwachen Naturen, bis zum Ueber⸗ maß eigenſinnig, ſo lange kein höherer Einfluß ihr den Willen nahm. Diana verſuchte daher nicht länger, ſie zu überreden. Am andern Tage zur feſtgeſetzten Stunde eilte Frank Perceval zum Rendez⸗vous. Diana war allein im Salon ihrer Mutter; ſie mußte ihrem Couſin die traurige Nachricht von der Weigerung Mary's mittheilen. Aber Frank hatte keine Zeit, ſeinen Kummer an den Tag zu legen, denn kaum hatte Diana zu ſprechen aufgehört, ſo trat Miß Mary ein, ohne ſich anmelden zu laſſen. Sie war weiß gekleidet, obgleich es Vormittag war und mitten im Winter. Einer von den anmuthigen italie⸗ niſchen Strohhüten, welche unſere Ladys zu jeder Jahreszeit tragen, umſchloß ihr Haar, von dem einige Locken, durch die feuchte Luft erweicht, ſich herabgedrängt hatten. Sie ging mit leichtem Schritte durch das Zimmer, reichte dann Diana und dann Frank die Hand. Darauf ſetzte ſie ſich zwiſchen Beide, wie ſie ſonſt gewöhnlich vor Perceval's Reiſe nach dem Continente gethan hatte. Die ganze Nacht habe ich von euch Beiden geträumt, ſagte ſie, — wachend geträumt; denn ſeit langer Zeit ſchon ſchlafe ich nicht mehr ... ich habe gedacht, daß meine theure Diana mein Herz für böſe halten würde, und habe Frank ſehen wollen . . . ich will auch ſagen, meinen theuern Frank, fügte ſie mit Lächeln hinzu, um ihn zu verſichern, daß Mary Trevor ſtets ſein Glück wünſcht. 293 Sie ſprach dieſe Worte mit einfacher, feſter Stimme, die durch keine Aufregung getrübt wurde. — Helfen Sie mir, Frank, fuhr ſie fort, mein Hut iſt zu ſchwer für meinen armen Kopf, er drückt mich auf der Stirn. Darauf ſagte ſie mit einem Anflug von Bitterkeit, als Pereceval ihr gehorcht hatte: — Ich danke Ihnen; während Ihrer Reiſe haben Sie nicht vergeſſen, wie man den Damen dient. Ihre langen, von jeder Feſſel gelöſten Haare fielen jetzt in leichten Locken über ihre Schultern und faßten mit ihren goldenen Reflexen die bleichen Conturen ihres zarten Geſichtes ein. Sie war noch ſchön; aber ihre Schönheit ſchien nicht mehr der Erde anzugehören: man hätte ſie für eine von den bleichen Jungfrauen halten können, welche die nebelhaften Dichtungen Oſſian's uns zeigen, die aus den Gräbern her⸗ vorſteigen und ihre ungewiſſe Geſtalt dem Nordwinde, der ſie fortführt, preis geben, während ihre blonden Locken und die durchſichtige Draperie ihrer Gewänder geiſterhaft flattern. Sie ſah bald Perceval, bald Miß Diana an, die alle Beide vor Erſtaunen ſtumm blieben. — Du ſcheinſt traurig, liebe Diana; — und Sie, Frank, ſind ſehr verändert ... ich, ich weiß nicht, ob ich ſterbe, oder ob ich wahnſinnig werde. Dieſe ſeltſamen Worte wurden mit jenem leichten Tone geſprochen, welchen man annimmt, um die Gemeinplätze eines unbedeutenden Geſpräches auszutauſchen; aber ſie ſanken eiſig auf Frank's Herz nieder und machten Diana erzittern. 294 Marh nahm den ſchmerzlichen Eindruck, welchen ſie hervorgebracht, nicht wahr und ſchüttelte ihren kleinen Kopf mit einer Art kindlicher Koketterie: — Diana, begann ſie plötzlich, erinnere Dich doch der Rolle, die Du zu übernehmen haſt! Wir drei ſind hier nun ſchon einige Zeit beiſammen, und Du haſt vielleicht Luſt, Dein Piano zu verſuchen . . . Verſtehſt Du, liebe Diana .. Frank und ich, wir btien dann allein. Miß Diana Stewart blieb unbeweglich; Mary ſtieß mit ihrem kleinen Fuß auf den Boden. — Nun, Diana, rief ſie ungeduldig; — ſo lange Du hier bleibſt, wird Frank mir nicht ſagen, daß er mich liebt. Diana ſtand mechaniſch auf, ging langſam nach ihrem Pianoforte und öffnete es. Mary gab ihre Hand an Perceval, der ſie ſchmerzlich anſah; die flüchtigen Farben, welche ihr eben die Ungeduld auf die Wangen getrieben, verſchwanden, ſie ſenkte das Haupt auf die Bruſt und ſprach nicht mehr. Diana fuhr bewußtlos über die Taſten des Inſtrumentes und entwickelte wie zufällig glänzende Accorde. Die uner⸗ warteten Töne machten auf Mary Trevor eine elektriſche Wirkung; ſie zitterte heftig, richtete ſich wieder auf und ent⸗ zog Perceval ihre Hand. — O. rief ſie mit einem langen Seußzer. Darauf ituchtnr ſie Frank, als ob ſie ihn erſt jetzt et ke, entfernte ſich unwillkührlich von ihm und ſagte: — Was machen Sie hier, Mylord? 295 — Marh, meine theure Mary, rief Frank plötzlich aus, dem dieſe plößzliche Strenge lieber war, als die ſeltſame Hingebung, welche ſie vorher gezeigt; — Mary, ich beſchwöre Sie, weigern Sie ſich nicht, mich anzuhören .. Seien Sie nicht ſo grauſam wie Ihr Vater, ſtoßen Sie mich nicht zu⸗ rück, bevor Sie meine Rechtfertigung gehört ich liebe Sie noch immer, habe nur Sie immer geliebt! Miß Mary Trevor bemühte ſich, die Kälte beizubehalten, in welche ſie ſich gehüllt hatte. — Mylord, ſagte ſie, Ihre Worte ſetzen mich in Er⸗ ſtaunen; warum wollen Sie ſich rechtfertigen? Ich klage Sie ja nicht an .. . Sie legen einer Vergangenheit zu viel Wich⸗ tigkeit bei, die ſchon fern hinter uns liegt, — und die wir alle Beide ja zu verläugnen im Begriff ſind. — Alle Beide, Mary? .. O nein ... Ich mindeſtens nimmermehr! Dieſe Vergangenheit wird immer für mich eine ſüße Erinnerung ſein! . . . Mein Gott, ſo iſt es denn wahr, daß Sie mich nicht mehr lieben? — Es iſt wahr, Mylord! — Und Sie können das ohne Aufregung und ohne Bedauern ſagen, Mary? — Ich kann es und muß es, denn ich bin die Braut des Herrn Marquis von Rio Santo. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Geſtändniß. Der Name des Marquis von Rio Santo aus dem geliebten Munde Miß Mary Trevor's durchdrang Perceval's Herz wie ein Dolchſtich: ſeine Züge, vom Fieber erſchlafft und in Folge ſeiner Verwundung bleich, drückten auf's Be⸗ redteſte den herzbrechenden Schmerz aus, welcher an ſeiner Seele nagte, er blieb einen Augenblick unfähig zu ant⸗ worten. Darauf erinnerte er ſich des Zweckes ſeines Hierſeins und ſagte mit jener ernſten und feſten Stimme, welche ſich Aufmerkſamkeit erzwingt: — Madame, ich wußte nicht, daß Sie die Braut des Herrn von Rio Santo ſind; aber wenn ich es gewußt hätte, ſo würde ich den Schritt zu thun mich um ſo mehr beeilt haben, der mir jetzt die Ehre Ihrer Gegenwart gibt . 297 ich ſpreche nicht mehr für mich. .. was auch kommen möge, aus meinem Munde werden Sie weder Klagen noch Bitten fernerhin vernehmen . . . ich werde, wie Sie, die ſüßen Liebes⸗ erinnerungen zu vergeſſen ſuchen, welche bisher mein koſtbar⸗ ſter Schatz waren es gibt zwiſchen uns keine Verpflich⸗ tung, keine Schwüre mehr, denn ich gebe Ihnen hiermit die Ihrigen zurück. Marh hörte zu und bewahrte die ſtolze Miene, welche ſte zu Anfang der Unterredung angenommen hatte; aber ſchon war ſie im Grunde ihres Herzens beſiegt und konnte kaum die Thränen zurückhalten, welche ſich Bahn zu bre⸗ chen ſuchten. Miß Diana Stewart ſaß noch immer an ihrem Piano, irrte auf den Taſten umher und ſpielte, ohne es zu wiſſen., den naiven Refrain eines walliſiſchen Volksliedes. — Aber wenn ich auch nicht ney hoffe, begann Perce⸗ val und ſeine Stimme wurde milder, — ſo liebe ich doch noch und ich habe nichts gethan, was mich des Rechtes verluſtig machte, über Sie zu wachen und ſo viel an mir iſt, das Un⸗ heil abzuwenden, welches über Ihrem Haupte ſchwebt .. — Ich verſtehe Sie nicht, ſtotterte Mary. — Ich werde mich gleich erklären .. O fürchten Sie nicht, in meinen Worten Bitterkeit oder Vorwürfe zu finden; die Bewegung des Zornes, welche Ihr kalter Empfang in mir hervorgerufen, iſt meinem Herzen längſt fern .. Sie haben gelitten, Mary, furchtbar gelitten und leiden jetzt noch 5 13** — — 298 Ich hatte Sie ſo voller Jugend und Leben verlaſſen . . ach, arme Mary, ich verzeihe Ihnen . Ich habe ſehr gelitten, das iſt wahr, Mylord . . . und ich muß Ihnen ſehr verändert erſcheinen, ſagte Miß Trevor; — ſeit ich Sie nicht mehr liebe, vergehen meine Tage ohne Freude und meine Nächte in Thränen .. . ich weiß nicht, wie es kommt, ich liebe den Marquis Rio Santo, der mich liebt .. Warum ſollte ich alſo unglücklich ſein? — Arme Mary, wiederholte Frank und ſah ſie mit unſäglichem Mitleid an; — Sie lieben, ſagen Sie? nein, wenn Sie liebten, würden Sie es nicht ſagen, Sie wür⸗ den ſich ein Gewiſſen daraus machen, mir ſo ſchonungslos das Herz zu brechen. . — O nein, Mylord, unterbrach ihn Mary; — denn ſie iſt ſehr ſchön und ihre Farbe iſt von keinen Thränen ge⸗ bleicht o nein, ich mache mir kein Gewiſſen daraus, Ih⸗ nen zu ſagen, daß ich Sie nicht mehr liebe. — Sie haben ſie alſo geſehen, auch Sie? fragte Perceval. — Ich habe ſie geſehen, Mylord .. Weiß ich, warum es mir einen Todesſtreich gab, als ich ſie ſah? . ach Frank, mein Kopf iſt ſchwach wie mein Herz ... damals hätte ich beinahe noch geglaubt, daß ich Sie liebte .. ja, ich habe ſie geſehen .. Sie ſtieg die Treppe von Dudley⸗Houſe hin⸗ auf, mein Vater folgte ihr ... — und ich ward darauf die Braut des Marquis von Rio Santv. Sie legte die Hand auf ihre Stirn und ſchloß die Augen. 299 — Alſo gehören Sie ihm gezwungen und durch Ueber⸗ liſtung an? rief Frank aus. — Wer hat Ihnen das geſagt, Mylord, muß nicht jedes Weib ſtolz ſein auf die Liebe eines Marquis von Rio Santo? Frank wandte den Blick ab, ohne zu antworten. — Bin ich nicht eine Thörin, fuhr Mary fort, — daß ich betrübt war, während ich mich doch hätte freuen ſollen .. mußte ich nicht glücklich ſein, mich vergeſſen zu ſehen, da ich ſelbſt nicht mehr liebte? Mylady, ſagte Perceval, ich bin nicht im Stande zu verſtehen, was im Grunde Ihres Herzens vorgeht, was aber mich anbetrifft, ſo habe ich niemals aufgehört Sie zu lieben, ſo könnte ich mich mit einem Worte rechtfertigen. . — So rechtfertigen Sie ſich, flüſterte Mary ganz leiſe. Frank ergriff ihre Hand und küßte ſie. — O wie grauſam ſind die, welche Ihr edles und gu⸗ tes Herz blind gemacht haben; — o ich habe Sie immer ge⸗ liebt, werde Sie ewig lieben. — Aber dieſe Frau, Mylord? .. — Ich kenne ſie nicht, Mary . dieſe Frau hat an meinem Krankenlager eine nichtswürdige und grauſame Ko⸗ mödie geſpielt .. ſie war eigens dazu abgeſendet . — Aber durch wen, Frank? ... Mein Gott, warum 5 bin ich unfähig, es zu glauben? .. Durch wen abge⸗ ſendet. — Ohne Zweifel durch denſelben, der verſucht hat, Gift in meine Wunde bringen zu laſſen. — O Frank! rief das arme Kind voll Entſetzen. — Durch den Mann, der gllein in der Welt ein In⸗ tereſſe an meinem Tode oder an meinem Unglück hatte. — O mein Gott, mein Gott, ſchluchzte Mary, — ſie haben Dich tödten wollen, mein Frank, mein edler Frank!. .. und ich ſtieß Dich zurück. . Sie unterbrach ſich, ihr Blick wurde plötzlich ſtarr. — Ich, die ich jetzt ſeine Braut bin, fügte ſie hinzu. — Es iſt genug, Mylord, ich glaube Ihnen nicht. — Armes Kind, flüſterte Frank in immer größerer Aufregung, — wer hat Sie ſo weit bringen können? .. Hören Sie mich an, fuhr er plötzlich fort. — Ich bin nicht hergekommen, Ihnen Vorwürfe über Ihr Betragen zu machen, oder das Meinige zu rechtfertigen . . . Ich kam her, um Sie am Rande eines Abgrundes zurückzuhalten .. was ich für Sie zu thun im Begriff bin, würde ich für jede andere thun, denn es iſt meine 6 als Gentleman Hören Sie mir zu! Mary betrachtete ihn furchtſam, von der Feierlichkeit ſei⸗ ner Worte überwältigt. — Es gibt in London eine edle Frau, welche Mitleid mit Ihnen und mit mir gehabt hat, fuhr Perceval fort. — Sie hat ihr Geheimniß geſagt, damit ich Sie rette. Wollen Sit: nir ſchwören, dieſes Sn nicht zu ent⸗ hüllen, Marh? — — Inwiefern betrifft es mich, Mylord? — Es betrifft die Vergangenheit des Mannes, den man Ihnen zum Gatten geben will. — Mylord, ich kann nichts gegen den Marquis von Rio Santo hören. — Und doch, Mary, rief Frank, werden Sie mich hören, wenn ich Sie darum bitte ... Er legte den Arm um Miß Mary, deren Stirn ſich aufheiterte. — Sie werden mich hören, ſagte Frank glühend, — denn Sie lieben mich noch, wider den Willen der Andern und wider Ihren eigenen. — Es iſt wohl wahr, dachte das arme Mädchen ganz laut; — Frank, ich liebte Sie früher weniger als Aber ich bin ſeine Braut . . Sie ſchlang ihre Arme um Perceval's Hals und ſah ihn mit der anmuthigen Hingebung eines Kindes ſüßlä⸗ chelnd an. — Sie haben keinen Grund ſich zu freuen, eben ſo wenig als traurig zu ſein, mein vielgeliebter Frank, fügte ſie hinzu; — ſehn Sie, ich habe ſchon keine Kraft mehr .. Gett, der gütig iſt, ſendet mir in ſeiner Barmherzigkeit den Tod. — Sie werden nicht ſterben, nimmermehr, rief Frank und eine fürchterliche Angſt befiel ſein Herz; — das Glück wird Ihnen das Leben wieder geben . .. und ich, ich allein, 6 werde dieſe verhaßte Heirath verhindern . . . Schwören Sie mir, Mary, das Geheimniß der Lady Ophelia zu bewahren. — Auch ſie iſt gut und leidet, ſagte Mary, ich ſchwöre es. Frank zog ſie an ſeinen Buſen. 5 — Mary, begann er mit leiſer Stimme, Sie wiſſen, daß die Gräfin von Derby den Marquis von Rio Santo heirathen ſollte. — Ich weiß, daß ſie ihn liebt. — Vielleicht erinnern Sie ſich eines Fremden, der zur ſelben Zeit, als der Marquis, nach London kam, und den ich folglich nicht kennen lernen konnte; — man nannte ihn den Baron von Weber. — Ich erinnere mich, Frank .. . nach drei Monaten reiſte er nach Indien ab. — Nein, Mary ... der Baron ging etwas weiter und wird von ſeiner Reiſe nicht zurückkehren . . . der Baron wurde ermordet. zittern. — Er war jung, fuhr er fort, — reich und ein glän⸗ zender Cavalier. Auf einem der Almacksbälle der letzten Seaſon verliebte er ſich ſterblich in die Gräfin Ophelia, welche, ſchon in Liaiſon mit dem Marquis, gleich anfangs die Bemühungen des Baron Weber zurückwies. — Weber ließ ſich nicht abſchrecken. Er ſchrieb einen leidenſchaftlichen Brief an die Gräfin, in welchem er ſie beſchwor, ihr Schick⸗ Frank fühlte das ſchwache Kind in ſeinen Armen 303 ſal nicht an das des Marquis von Rio Santo zu knüpfen, er ſprach in verſchleierten Worten von ſchrecklichen Gefahren und erbot ſich, mit lauter Stimme, in Beziehung auf den Marquis von Rio Santo ſo ernſte Begebenheiten zu ent⸗ hüllen, daß die Gräſin ohne Wahnſinn niche zur Ehe mit ihm ſchreiten könne. „Wenn ich keine Antwort bekomme, Nylndy, ſagte er zum Schuiſe, ſo werde ich mich morgen um 11 Uhr nach Ihrem Hötel begeben.“ Die Gräfin verachtete dieſen Brief und dachte im erſten Augenblicke nicht daran, zu antworten, aber als der Abend kam, erinnerte ſie ſich der letzten Phraſe und entſchloß ſich zur Antwort, um dem läſtigen Beſuche morgen zu entgehen. Um zu antworten, bedurfte ſie der Adreſſe des Barons. Die Gräfin ſuchte den Brief, welchen Sie offen auf den Teppich eines Wandtiſches geworfen; der Brief war ver⸗ ſchwunden. — Der Herr Marquis von Rio Santo war der Einzige, welcher in ihr Boudoir gekommen war „. Mary's Herz ſchlug mit ungleichem Klopfen an Frank's Bruſt. Er hatte eine unbeſtimmte Befürchtuug, ließ ſie los, um ſie von ſich zu entfernen und beſſer beobachten zu kön⸗ nen. Marh war ſehr bleich, das war Alles; ſie ſchien nicht mehr als gewöhnlich zu leiden. Diana Stewart ſpielte einen glänzenden Walzer, deſſen Sarmonie ſich wie eine Scheidewand zwiſchen ihrem Ohr und den Worten Perceval's erhob. Dieſer begann wieder: 304 — Die Gräfin verbrachte eine unruhige, bewegte Nacht. Am andern Morgen zehn Uhr war der Marquis bei ihr. Lady Ophelia hat mir die Einzelnheiten dieſer Zuſam⸗ menkunft nicht erzählt. Alles was ich weiß, iſt, daß Rio Santo unter ſeinem Ueberwurf zwei Degen mitgebracht und daß die Gräſin, durch ſeine gebieteriſchen Bitten beſiegt, ihn im Salon allein ließ nachdem ſie den Befehl gegeben, den Baron dort eintreten zu laſſen, wenn er kommen würde. Niemand kann genau wiſſen, was zwiſchen dem Mar⸗ quis und dem Baron vorging, denn ihre Zuſammenkunft hatte keine Zeugen. Die Gräfin, welche halbtodt auf ein Sopha geſunken war, hörte blos, daß ſie mit leiſer Stimme ſprachen. Der Marquis befahl, der Baron ſchien ſich zu weigern und zu bitten. Darauf ſchwieg Alles ſtill, dann wieder hörte die Gräfin das Geklirr zweier ſich kreuzender Degen. Nach einer Minute fiel einer der beiden Kämpfenden ſchwer auf den Teppich nieder. Die Gräſin ſtürzte herein; ſie fürchtete für Rio Santo. Aber Rio Santo ſtand, als ſie die Thür öffnete, unbe⸗ weglich vor dem Baron, der leblos auf dem Boden lag. — eie haben ihn getödtet, Mylord! rief ſie aus. — Mylady, antwortete Rio Santo blos, — er wollte ſich zwiſchen uns Beide ſtellen. Hören Sie mir zu, Mary? 305 Frank that dieſe plötzliche Frage, weil ſeit einigen Se⸗ kunden Miß Mary Trevor ein ſeltſames Ausſehen bekommen hatte. Sie hielt ſich gerade auf ihrem Sitze; ihr eben noch ſo hoch wogender Buſen klopfte nicht mehr. Ihre weitoffe⸗ nen Augen hatten keinen Blick. So glich ſie in ihrer weißen Kleidung, unbeweglich, weder in ihren Händen noch im Ge⸗ ſichte eine Spur von Blut habend, einer reizenden Mar⸗ morſtatue. Sie antwortete nicht auf Perceval's Frage. Erſchreckt wollte dieſer ihre Hand ergreifen; er fand ſie eiskalt. Als er ſie wieder los ließ, ging die Hand, anſtatt hinab zu ſinken, wieder in ihre vorige Stellung zurück. — Mary, Mary! rief Frank, — was iſt Ihnen? .. antworten Sie mir. Daſſelbe Schweigen, dieſelbe Unbeweglichkeit. — O, Diana, ich beſchwöre Sie, kommen Sie! .. Mary iſt todt! Miß Diana Stewart war mit einem Sprunge vom Piano bei ihrer Freundin und verlor beim Anblick Mary's, die Sprache. — Todt! flüſlerte ſie endlich; — es iſt unmöglich .. Sehen Sie, ſie lehnt mit dem Rücken nicht an dem Sitze . Mary, in des Himmels Namen, Frank, was haben Sie ihr gethan? — Ich habe ihr geſagt, wer Rio Santo, ihr Bräutigam, iſt, antwortete Perceval .. O, Diana, nicht meine Worte ſind es, die ſie zerknickt haben! ... der Schlag datirt ſchon 206 von lange ... Arme ſanfte Dulderin! . . . Wie grauſam man ihr Herz gefoltert hat! Gott wird ſie uns wiederge⸗ ben, hoffe ich ... Aber wen ſoll man dieſer langſamen Hin⸗ richtung wegen anklagen! Wer iſt der unerbittliche Henker? — Horch, unterbrach ihn Diana; — ich höre Schritte .. Es darf Niemand jetzt herein .. . Sie ſprang auf, um den Eingang zu verbieten, aber es war zu ſpät; ſie befand ſich ſchon 8 Campbell ge⸗ genüber. — Marh und Frank! rief ni vor Zorn erbleichend. — Wie, Miß Diana, fügte ſie hinzu, indem ſie ihrer Stimme eine Färbung tiefer Verachtung gab, — das Haus Ihrer Mutter iſt alſo zu ſolchem Rendezvous beſtimmt? — Mylady, erwiderte Diana erröthend, — der Augen⸗ blick iſt ſehr ſchlecht gewählt. Sie wies nach Miß hin, die noch imtler unbe⸗ weglich, ſteif und wie verſteinert daſaß. — Der Augenblick iſt ſtets günſtig, um ſich über eine niedrige und nicht zu entſchuldigende Handlung zu empören, Miß, ſagte Lady Campbell, welche den Zuſtgnd Mary's nicht errieth. * — O, Mylady! rief Diana, unfähig länger den Un⸗ geſtüm ihres Grolls zurückzuhalten; — Frank Perceval fragte eben, wer der Henker, — der unerbittliche S ſei, der im Stande geweſen, dieſes ſanfte 5 Kind bis zum Tode zu foltern! .. — So iſt ſie es alſo! . . . flüſterte Frank und maß die Lady mit einem Blicke des tieſſten Haſſes. Lady Campbell nahm eine ſtolze, würdige Haltung an und ging mit erhobenem Haupte vor Diana und Frank vor⸗ bei, um ſich Mary zu nähern. — Komm, mein Kind, ſagte ſie; laß uns aus dieſem Hauſe gehen, wo Du nicht hätteſt hinkommen ſollen .. . Da Mary nicht antwortete, wollte ſie ihre Hand ergrei⸗ fen, aber bei dem Berühren ihrer kalten Finger, ſtieß ſie einen Schrei aus und fiel erſchüttert auf einen Seſſel. Frank näherte ſich ihr mit langſamen Schritten. — Ich habe ſie Ihnen jung, ſchön, glücklich zurückge⸗ laſſen, ſagte er mit unwilliger, weinender Stimme; — glück⸗ lich, hören Sie wohl? ... Und jetzt, da ſitzt ſie und ſtirbt dahin . O, die Menſchen werden Sie nicht richten, My⸗ lady, möge Gott Ihnen verzeihen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. K ep ſie. Lady Campbell war eine von den Frauen, deren Bild man auf jeder Seite dieſer Erzählung wieder in Erinnerung bringen müßte. In ihrem Charakter lag bei weitem mehr Gutes, als Schlechtes, und das Böſe, was ſie that, geſchah ohne daß ſie es wollte. Ihres Gleichen ſind in unſern Salons ſehr häufig, wo ſie ganz mit Recht geliebt und oft bewundert werden. — Nur muß man ſie nicht zu Hüterinnen junger Mädchen beſtellen, weil, wie wir es ſchon geſagt haben, das Uebermaß ihrer guten Abſicht ſie zu Eingriffen in die Rechte ihrer Zöglinge verleitet. Sie wählen für ſie lieben für ſie, und wer weiß? verheiratheten ſich ſogar auch gern für ſie. Lady Campbell verdiente im Grunde nicht die ſtrengen Worte Perceval's, mit welchen dieſer ſich empfahl und das 309 Haus verließ; und dennoch hatte Frank das Recht, dieſelben an ſie zu richten. Frank's Rede machte auf ſie nur einen geringen Ein⸗ druck; ſie verſtand den Sinn derſelben nicht, denn ſie wußte ja, wie unendlich viele Mühe ſie ſich gegeben, wie ſehr ſie ſich angeſtrengt, dieſe Heirath mit Rio Santo zu Stande zu bringen, für welche Mühe ſie ſich ſelbſt das beſte Lob einer muſterhaften Tante ſchuldig zu ſein glaubte. Als Perceval gegangen war, nahm ſie Miß Diana Stewart's Hand. — Mein liebes Kind, ſagte ſie, — ich weiß, daß Sie gut find und mir meine Lebhaftigkeit von vorhin vergeben werden .. . Ich liebe Sie, weil Sie meine arme Mary lieben, und habe Sie nicht beleidigen wollen .. . Aber um Gottes⸗ willen, verbergen Sie mir nichts! Was iſt unter ihnen vor⸗ gegangen? —= Ich weiß es nicht, Mylady, antwortete Diana, und wenn ich es wüßte, würde ich Ew. Herrlichkeit bitten, Ihre Fragen auf eine andere Zeit zu verſparen ... das Dringendſte iſt, denke ich, Mary zu Hülfe zu kommen. — Es iſt wahr, mein Kind, . es iſt wahr, Miß, flüſterte Lady Campbell, ich werde meine arme Richte nach Trevor⸗Houſe bringen laſſen. — Ich fürchte, das wird nicht angehen, Mylady . in jedem Falle muß ein Arzt um Rath gefragt werden .. Soll ich nach dem meiner Mutter ſchicken? — Nein, meine Gute, nein . .. Da Sie ſo gütig ſind, 6 310 ſo ſchicken Sie zu Herrn Moore, Nr. 10, Wimpole⸗Street... Herr von Rio Santo hat ihn empfohlen. Augenblicklich lief ein Groom nach Wimpole⸗Street, um den Doktor Moore zu rufen, der in dem Hauſe wohnte, welches Suſanna unter dem Namen einer Prinzeſſin von Longueville inne hatte. In Erwartung des Doktors gaben ſich Lady Campbell und Diana alle mögliche Mühe, Miß Mary ins Leben zu⸗ rückzurufen, aber vergeblich. Das Uebel mußte ſie um ſo mehr erſchrecken, als ſie wohl glaubten, daß die Kranke lebe, aber weder Athem, noch Puls, noch Lebenswärme wahr⸗ nahmen. Lady Campbell war außer ſich, ſie klagte Gott, den Zufall, Frank, Alles um ſich herum an, nur ſich ausge⸗ nommen. Diana knieete neben Mary, hielt eine ihrer kalten Hände und weinte. Endlich kam der Doktor Moore. Dieſer berühmte Arzt, den kein Mitglied von Royal⸗College verkennen wird, wenn⸗ gleich wir ihm einen andern Namen gegeben haben, beſaß eine Sicherheit des Blickes, die bei ſeinen Collegen ſprich⸗ . wörtlich geworden war. Seine Berühmtheit als physician war groß und ſeine Werke, nicht zahlreich, aber höchſt be⸗ deutend, ſind mit Recht vom gelehrten Europa anerkannt. Mit einem einzigen Blicke erkannte Moore den Zuſtand der Miß Mary Trevor. Seine gleichgültige Phyſiognomie drückte weder Unruhe noch Ueberraſchung aus, aber für einen 311 geübten Beobachter wäre die Beſchleunigung ſeiner Schritte, die ſonſt ſo abgemeſſen waren, ein Beweis von der Wich⸗ tigkeit der Umſtände geweſen. — Mein Herr, o mein Herr! rief Lady Campbell aus, — ſagen Sie uns ſchnell, was wir fürchten müſſen, und was wir zu hoffen haben. Der Doktor nöthigte ſie mit einer Geberde zum Schweigen. Diana, welche ſich ein wenig bei Seite geſtellt hatte, verſchlang mit den Blicken die ſtumme Phyſiognomie Moore's und verſuchte ſeine Gedanken zu errathen; — aber auf dieſem ehernen Geſicht war Nichts zu leſen. Der Doktor rollte einen Stuhl ſo herbei, daß er gerade Mary gegenüber ſich ſetzen konnte. Als dies geſchehen war, lehnte er ſich hinten über und betrachtete ſie eine Minute lang aufmerkſam. — Mylady, ich bitte Sie, auf der Stelle Senfum⸗ ſchläge bereiten zu laſſen, ſagte er, ohne ſeinen Blick von der Kranken abzuwenden; — vorher bringe man ein Vecken und Waſſer. Jetzt erſt zeigte ſich etwas auf dem Geſichte des Doktors wie Neugierde. Er ſtand auf und hielt ſeine Wange dicht vor Miß Mary's Mund. Was Diana und Lady Campbell nicht hatten fühlen können, Moore wurde es gewahr. Mary athmete, ein unmerklicher, kalter Hauch berührte leicht die Wange des Doktors. Er legte ſeine Hand auf die Bruſt 312 des armen Mädchens, das Herz ſchlug, aber ſo ſchwach, daß nur geübte Finger ſeine Pulſirung fühlen konnten. — Ganz recht, durchaus richtig, flüſterte er mit einer Art Genugthuung. Lady Campbell und Diana umarmten ſich, ſo ſehr er⸗ füllte ſie dieſer Ausdruck in ſeinen Worten mit Freude. Der Doktor rieb ſich die Hände und ſetzte ſich wie⸗ der hin. Man brachte ein mit Waſſer angefülltes Becken. — Der Doktor zog ein Beſteck heraus und nahm eine Lanzette. — Jetzt wollen wir ſehen! ſagte er. Der erſtarrte Arm Marys wurde ausgeſtreckt. Ihre Ader ließ geöffnet Tropfen für Tropfen einiges weniges Blut fallen. — Es iſt gut! ſagte der Doktor. Kaum hatte er den Arm wieder losgelaſſen, ſo beſchrieb derſelbe langſam eine krumme Linie und nahm ſeine frühere Stellung wieder ein. — „Seltene, geheimnißvolle, furchtbare Affektion, mur⸗ melte der Doktor, als citirte er aus einem Buche, — ſie ſcheint beim Leben ganz den Charakter des Todes zu tragen, und beim Tode die Hauptbedingungen des Lebens zu be⸗ ſitzen .. Ganz recht ſo! .. . Aether, Myladies, Aether und Opium, wenn Sie ſo gut ſein wollen! Er ließ Mary eine Doſis Aether und Opium verſchlucke und fuhr fort: — Alteweibermittel! .. . Wenn das hilft, ſo muß man 313 ſein Diplom zerreißen .. aber das Kind widerſteht ihm . Bravo ich wußte es ja! — Er wird ſie retten, Milady, ſagte Miß Stewart, die Hände faltend. — O, meine Gute, ſagte Lady Campbell, — der Herr Marquis von Rio Santo hat ihn uns empfohlen. Eine Kammerfrau trat in dieſem Augenblicke mit Senf⸗ umſchlägen ein. Moore legte ſie kochend heiß auf die zarten niedlichen Füße Miß Mary's. Darauf ſetzte er ſich wieder und begann mit dem Lorgnon vor dem Auge ſeine Be⸗ obachtung. — Haben Sie die Güte, ein Bett bereit machen zu laſſen, meine Damen, ſagte er nach einigen Minuten; ein hartes Bett, ohne Daunen, abſchüſſig . o ſchon lange ſehnte ich mich danach, auf ſo einen Fall zu ſtoßen. Diana und Lady Campbell ſahen ſich verwundert an. — Die Aerzte ſind alle ſo, mein theures Kind! — ſagte Lady Campbell ſchüchtern. — Kommen Sie, rief Moore, in dieſem Augenblicke; — ſehen Sie: merkwürdig, auf meine Ehre, merkwürdiger als irgend etwas in der Welt! . . . Das ſind Senfumſchläge, welche die Haut eines Stieres angreifen, — er näherte ſeine Naſe dem Senfpflaſter, — vortrefflicher Brei, kochendes Waſ⸗ ſer: meine Finger tragen eine Spur davon ... Nun gut, ſehen Sie!. — Ihre Füße ſind weiß wie Alabaſter, mein lieber Herr, ſagte Lady Campbell, — iſt das ein gutes Zeichen? II. 14 8 314 — Das glaube ich wohl, Milady! .. . Ich habe erſt gefürchtet, es werde eine gewöhnliche Hyſterie ſein, aber es iſt eine gute, ſchöne Katalepſie! — Eine Katalepſie! begann er mit dogmatiſcher Begeiſte⸗ rung, — „ſeltene, geheimnißvolle, furchtbare Affektion, ſie ſcheint beim Leben ganz den Charakter des Todes zu tragen, beim Tode die Hauptbedingungen des Lebens zu beſitzen,..“ O, es iſt das erſte Mal, ſeit fünfundzwanzigjähriger Praxis, daß ich ſie ſehe. — Dieſer Mann iſt verrückt, Milady! rief Miß Diana erſchreckt aus. Moore fuhr zuſammen und ſchlug die Augen nieder. — Gnädige Dame, ſagte er zu Diana in dem Tone ſtrengen Vorwurfs, — Diejenigen, welche ſich der Wiſſen⸗ ſchaft ergeben, um ihr jeden Augenblick Ihres Lebens zu weihen, leiden daran, daß ſie die vorübergehenden, conventio⸗ nellen Geſetze des Weltlebens nicht kennen .. Mitunter paſ⸗ ſirt es ihnen, daß ſie ganz laut denken, und da ihre Gedan⸗ ten über die Gewöhnlichkeit erhaben ſind, ſo hören ſie ſehr häufig um ſich murmeln: — dieſer Mann iſt verrückt! — aber ſie machen ſich Richts daraus, Miß, weil ſie Beleidi⸗ gungen zu verachten wiſſen, und der Unwiſſenheit verzeihen. Diana, das arme Mädchen, ſtotterte Worte der Entſchul⸗ digung, während Lady Campbell ſagte: — O, meine Gute, wie konnten Sie den Herrn Doktor bös machen! Indeſſen blieb Mary Trevor immer unbeweglich und 315 verſteinert. Weder der Aderlaß, noch Opium und Aether, noch der Senf hatten den geringſten Einfluß auf ihre Starr⸗ ſucht ausgeübt. 3 Sie ſtand nicht, aber ihr aufgerichteter Körper hatte eine Stellung, die auch für eine kräftige, vollkommen geſunde Frau ermüdend geweſen wäre. Der eine ihrer Arme hing am Körper herab, der andere einige Zoll hoch über die Seſ⸗ ſellehne und ſeitwärts gebogen, war ſo geblieben, obgleich der neben ihr befindlich geweſene Stuhl Perceval's, auf deſſen Lehne er ſich geſtützt, abgerückt worden war. Ihr Haupt war erhoben, aber nicht ſo ſehr, daß die Halsmuskeln ſicht⸗ lich ausgedehnt waren. Sie ſah gerade vor ſich hin, wenn man das ſehen nennen kann, wenn Jemand das Auge weit offen hat, die Sehe ſehr ausgedehnt aber anſcheinend der Fä⸗ higkeit, Bilder wahrzunehmen, beraubt. Es gibt ſehr wenig Aerzte, welche wahre Kulerſen haben beobachten können, dieſer merkwürdige Krankheitszu⸗ ſtand iſt höchſt ſelten und der Leſer wird bis zu einem ge⸗ wiſſen Punkte die Freude des Doktor Moore einem ſo koſt⸗ baren Falle gegenüber begreifen können. Es war für ihn ein Juwel, den er ſchleifen, ein neues Gericht, das er koſten ſollte. Seine erſte Amputation hatte ihm nicht mehr Freude gemacht. Zwei Kammerfrauen nahmen Miß Mary in ihre Arme und trugen ſie auf das nach den Befehlen des Doktor Moore zurechtgemachte Bett. Dieſer legte ſie ſelbſt nieder und mit vieler Mühe gelang es ihm, ihre erſtarrten Glieder zu beugen. 14* 8 316 — Es iſt eine ganz einfache Sache, flüſterte er, das junge Mädchen war ſeit langer Zeit in einem Zuſtande, der ganz gegen die Natur iſt . . . und ich kenne wohl ſtärkere Frauen, als ſie, die nicht ſo lange widerſtunden hätten. Ihr Nervenſyſtem war bis zum Uebermaaß itritirt .. . Unaufhör⸗ lich ging ſie vom Zuſtande der Ueberreizung zu dem der Atonie über . . . Mit einem Worte, man hat ſie auf eine andere Art einer analogen Behandlung unterworfen, wie die, deren ich mich bei jenem hübſchen Kinde bediene, das Biſhop mir für hundert Guineen verkauft hat und an der ich in Wimpole⸗Street erperimentire .. heute muß ſie ſchon einen heftigen Anfall erlitten haben, das Blut wird ihr in den Adern geronnen ſein . . . und das Hirn von Paralyſie ge⸗ troffen .. . Das iſt recht gut, aber es iſt noch nicht Alles man muß ſuchen, forſchen, entdecken .. Er verſuchte die Augenlider Miß Mary's zu ſchließen, ſie gaben ohne großen Widerſtand nach, aber hoben ſich dar⸗ auf langſam wieder. — Mylady, ſagte er laut, — ich werde nöthig haben, zu wiſſen, von welcher Art das Ereigniß geweſen iſt, das dem Zufalle vorangegangen, und wahrſcheinlich die Ohnmacht der Miß hervorgebracht hat. — Es iſt alſo nur eine Ohnmacht, Doktor? — Der Tod iſt eine bis ins Unendliche verlängerte Ohnmacht, Mylady ... Erlauben Sie mir Ihnen zu wider⸗ holen, daß ich wiſſen muß .. — Ich weiß es nicht, mein Herr, weiß es durchaus 317 nicht, .. und wenn Miß Diana Stewart es Ihnen ict ſagen unn 3. — Ich weiß nichts, antwortete Diana, — als daß ſehr lange mit Frank Perceval geſprochen hat. — Se, ſagte der Doktor und zog das Wort ſehr lung. — Seit heute Morgen, als ſie gekommen iſt, ſchien ſie verwirrt und von ſeltſamen Gedanken befallen. .. — Gut, Miß .. . Und ... hatte ſie keinen Beweg⸗ grund zum Kommen? Diana erröthete und ſchwieg. — Gnädige Miß, fuhr Moore mit Anſehen fort, Miß Mary Trevor iſt ſehr krank .. Sie müſſen mir ant⸗ worten. — Sie hatte einen Brief von Frank Perceval bekom⸗ men, ſagte ſie ganz leiſe. — Das iſt alſo ein förmliches Complott, rief Lady Campbell aus. — So, ſo .. ſagte der Doctor, — der ehrenwerthe Frank Perceval iſt ſehr ſchnell geneſen! ... Ich habe eini⸗ gen Antheil an dieſer Kur, meine Damen ... Alſo können wir nicht erfahren, was zwiſchen ihm und Miß Mary vor⸗ gegangen iſt? — Nein, mein Herr, antwortete Dinna. Moore warf auf ſie einen forſchenden Blick. — Meine Damen, ich danke Ihnen, ſagte er, ſich wie⸗ der zu Mary wendend. Diana betrachtete ihn voller Schrecken und Mißtrauen. * 318 Was Lady Campbell anbetrifft, ſo war ihr Blick wie durch Zauber an das glaſige, ſtarre Auge Mary's gebannt. Sie war bedrängt und hatte etwas auf dem Herzen, wie Reue oder Gewiſſensbiß. Nach einigen Minuten erhob ſich der Doktor, um Ab⸗ ſchied zu nehmen. — O verlaſſen Sie uns nicht ſo, mein Herr, rief Lady Campbell; — ſagen Sie uns wenigſtens, daß Hoffnung iſt. 4 — Miß Trevor iſt nicht todt, Madame, antwortete der Doktor kalt. i Er zog ſeine Handſchuhe mit großer Sorgfalt an und fügte hinzu: — Ich werde Ihnen Nonley ſenden, meinen Pharma⸗ ciegehülfen, der einen Schröpfkopf zwiſchen die Schultern der Kranken ſetzen ſoll .. . Heute Abend komme ich wieder. — Mein Gott, mein Gott! flüſterte Lady Campbell niedergeſchlagen, — welches entſetzliche Unglück! . ſo nahe daran, glücklich zu werden! .. Aber, ſehen Sie doch, lie⸗ bes Kind, wie erſchrecklich hs Augen anzuſehen find O, ich werde ſterben, wenn ich bei dem armen Mäd⸗ chen bleibe! — Mylady, antwortete Miß Suwatt, — wenn Sie wünſchen, werde ich allein bei Mary wachen.. Der Doktor Moore indeſſen hatte ſich in ſeinen Wagen geworfen und fuhr im Galopp nach Wimpole⸗Street. — Rowley ſoll in mein Kabinet kommen, ſagte er zum Groom, der ihm die Thüre des Hauſes öffnete. ⸗ Gleich darauf zeigte ſich der Chirurgie⸗, Pharmacie⸗ und S Mordgehülfe. — Nun, Rowley, fragte der Doktor, — unſer ſchöner Vogel? — Noch immer im Käfig, mein Herr, antwortete der Schelm mit einet Art Gutmüthigkeit ſpöttelnd; — und ſoll mich der Teufel holen, wenn die Khin⸗ nicht einen ihrer Füße darum gäbe, mit den anderen bun in aller Freiheit umherhüpfen zu können. — Iſt ſie noch immer in der Dit? — Ein niedliches Stück Brod von einer halben Unze alle zwei Tage. — Und das Zimmer recht dunkel? — Wie ein Loch ich waͤre ſchon zwanzig Mal für eins geſtorben.. Moore die Achſu. — O, fuhr Rowley fort, — es geht prächtig, ſie iſt ſehr verändert, ganz bearbeitet . .. aber ſie hält Stand! .. das macht mir Spaß an ver Suche . dieſen Morgen habe ich ſie ganz ruhig ſchlafen laſſen, anſtatt ſie nach zehn Minuten zu wek⸗ ken, — nach der Militärſtunde! — wie es verabredet iſt. . Als ſie feſt ſchlief, trat ich hinein, ſie zu ſehen... man iſt doch ein wenig neugierig, mein Herr ... O, meiner Treu, man kann nicht ſagen, daß die Geſchichte nicht angeſchlagen hätte! Sie hat nur noch Haut und Knochen Und die Angſt .. das ſchwere Athmen ... das Zuſammenfahren... o, es iſt ein verteufelt glückliches Erperiment. 8 320 Rowley zog ſeine Uhr. — Gott verdamme uns! rief er aus; — der kleine Schelm hat diesmal dreizehn Minuten Zeit gehabt zum Schla⸗ fen! Welch' langer Schlummer! Zur Strafe ſoll fie mit dem Sprachrohr geweckt werden. Der Giftgehülfe entfernte ſich eilig. Einen Augenblick darauf hörte man eine Donnerſtimme in der erſten Etage; ein ſchwacher weiblicher Schrei antwor⸗ tete darauf. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Finſterniß. Es war jetzt fünf Tage her, daß Clary Mac⸗Farlane in die Hände BVob Lanternes gerathen, der ſie Biſhop dem Burker cedirt hatte. Dieſer hatte ſie dem Doktor Moore zugeführt. Moore hielt ſie ſeit jener Zeit in ſeinem Hauſe in Wimpole⸗Street. Dort war ſie nach dem künſtlichen, durch Herrn Biſhop's Waſſer hervorgerufenen Schlafe aufgewacht. Dies Erwachen hatte nicht lange auf ſich warten laſſen, kaum eine Viertelſtunde, nachdem der Gehülfe Rowley die Thür des Zimmers hinter ihr geſchloſſen „ das für ſie ein⸗ gerichtet war, öffnete ſie die Augen. Im erſten Augenblicke konnte ſie ſich nicht von ihrer Lage Rechenſchaft geben. Sie glaubte noch in ſchwerem 14** * 322 traumloſem Schlafe zu ſein, da die Dunkelheit um ſie herum vollkommen und undurchdringlich war. Die Erinnerung aber machte ſie vollends wach. — Mein Vater, flüſterte ſie; — ich habe meinen Vater geſehen .. Die Scene auf der Themſe kam ihr augenblicklich vor den Geiſt, aber unbeſtimmt und verwirrt, wie Clary ſie in 3 der kurzen Zeit wahrgenommen hatte, während welcher ihr Geiſt zwiſchen ihrem lethargiſchen Schlafe und dem in Ohn⸗ macht ſinken ſeine Fähigkeit wieder gefunden hatte. Eine einzige Sache trat aus dem Dunkel ihres Gedächt⸗ niſſes hervor; es war das bleiche Antlitz Mac⸗Farlane's vom Strahl des Mondes beſchienen. Die Einnerung an das vorher Vorgefallene war leb⸗ hafter und vollſtändiger. Sie rief ſich genau das weite Zimmer im Wirthshaus zum König Georg, ihre ſchlafende Schweſter und die Angſt ihres Kampfes gegen den eigenen Schlaf zurück. Dieſer Gedanke ſchlug ſie nieder. — Meine arme Anna, ſagte ſie, indem ſie ihren Kopf auf die Bruſt finken ließ; — ſie werden ſie getödtet haben . aber warum haben ſie ven nicht auch mich getödtet? Sie unterbrach ſich plötzlich. Ein Strahl von Hoffnung war in ihr Herz hinabgeſtiegen. — Anna! ſprach ſie ganz leiſe aus, indem ſie die 1 Arme rechts und links ausbreitete; — wenn ſie hier wäre! Anna! Anna! 323 Ueberall trafen ihre Arme nur auf den leeren Raum, und Niemand antwortete. — O, dachte ſie, — Anna iſt todt . und ich? .. dieſe tiefe Nacht und dieſes Schweigen .. uud ich auch .. ich bin todt. Warum ſollten ſie mich nicht getödtet haben2 Anfangs war vies eine unbeſtimmte Idee in ihr, mehr eine Hoffnung als eine Befürchtung, und bald befeſtigte ſich dieſelbe in ihrem Geiſte. Sie ſchien ſich verwandelt, wenn auch nicht ganz und gar vernichtet. Sie ſchien ſich und glaubte ſich nicht ſelbſt wieder zu erkennen. — Der Tod! . . . das iſt alſo der Tod! verſetzte ſie; eine ewige Nacht, eine tiefe Nacht ohne Sterne. O, ich erinnere mich, ich habe in jenem Hauſe geläſtert . . was haben wir Gott gethan, ſagte ich, um dieſe grauſame Mör⸗ derſchaft zu verdienen? .. Ich habe es geſagt, und Gott rächt ſich. Einen Augenblick blieb ſie ſchweigend und nieder⸗ geſchlagen: nach einigen Sekunden aber hätte man ſie mit getröſteter Stimme können ſagen hören: — Anna, meine geliebte Anua muß jetzt im Himmel ſein .. Clary kreuzte ihre Arme über der Bruſt zuſammen und die Berührung ihres eigenen Fleiſches machte ſie zuſammen⸗ ſchauern. — Aber ich bin nicht todt, ſagte ſie; — man hat mich lebendig ins Grab geworfen ... Die Nacht .. . dieſe Nacht tödtet mir die Augen! .. . wie lange Zeit leidet man denn ſo, ehe man ſtirbt? . 324 Dieſe Nacht glich aber auch nicht dem, was man in dem gewöhnlichen Leben ſehen kann. Dort gibt es keine ſo tiefe Dunkelheit, daß das Auge ſich nicht endlich auf die Länge daran gewöhnen und im Finſtern irgend einen Gegen⸗ ſtand, einen Schimmer, einen verlorenen Reflex ſehen könnte. Unſere Nacht gibt ſtets noch irgend einem tröſtenden Schim⸗ mer Raum; wenn der Mond am Himmel fehlt, wenn der Nebel oder die Wetterwolken eiferſüchtig eine Binde vor den diamantenen Blick der Sterne legen, ſo bleibt in der Luft doch ein geheimnißvolles Strahlen. Der Nebel leuchtet, das Gewitter hat im Blitze ſeine Fackel; es ſcheint, als ob die Natur ſich eben ſo gut vor einer vollkommenen Nacht als vor dem leeren Raume ſcheue. Eine vollkommene Dunkelheit kann nur ungünſtig ſein, und deßhalb liegt ſie wie ein Bleigewicht auf jeder lebendigen Kreatur; der Menſch fürchtet ſie, und ein fortdauerndes Er⸗ tragen derſelben genügt, um die kräftigſten Naturen zu ſchwä⸗ chen. Wie jede unbekannte oder unnatürliche Sache bringt ſie inſtinktmäßige, unvermeidliche, unendliche Schrecken mit ſich. Clary Mac⸗Farlane war nur ein armes Kind, das allerdings die ganze Kraft und allen Muth beſaß, welche ihr Alter und ihr Geſchlecht haben kann; aber gegen dieſe niederſchmetternde Qual der abſoluten Einſamkeit, vermehrt durch Schweigen und Dunkel, war ſie vertheidigungslos, ſie glaubte ſchon gelebt zu haben. Aber bald fühlte die Unglückliche zu ihrem eigenen ———— 325 Schmerze ſich wieder leben, und ihrer qualbeſtürmten Bruſt entſchlüpfte ein Seufzer. Lieber wäre ihr der Tod geweſen. Ihr Kopf neigte ſich ſchwer auf ihren Buſen herab, eine dumpfe Betäubung ergriff ihr Herz; ſie ſchwankte auf ihrem Sitze und war bereit, wie eine todte Maſſe auf den Boden zu fallen. Aber ſie hatte in ſich noch Kraft genug, um . einen furchtbaren Kampf zu beſtehen, und ihr Dulderthum ſollte noch manche Stunde dauern. Anſtatt alſo plötzlich zuſammen zu brechen, richtete ſie ſich aus innerem Antrieb ihrer natürlichen Energie geiſtig auf; ihr Herz ſchlug, ſie ſtand auf, wollte ihre Noth bis auf den Grund prüfen und ſo viel als möglich eine Unter⸗ ſuchung ihres Grabes machen. Nach drei oder vier Schritten traf ihre Hand auf einen Widerſtand. Es war eine Barriere von ſonderbarer Art, die unter dem Drucke ihrer Hand wich, aber nur bis zu einem gewiſſen Punkte, über den hinaus ſie Feſtigkeit gewann. Man hätte es für eine gepolſterte, mit Matratzen vom Boden bis zur Decke ausgeſtopfte Wand halten müſſen. Clary veränderte die Richtung ihres Ganges und auf dem neuen Wege ſtellte ſich ihr ein Hinderniß von vollkom⸗ men gleicher Natur entgegen. Zur Rechten, zur Linken, nach allen Richtungen hin, überall war es daſfſelbe. Sie war in einer Art von großem Kaſten, der überall ausgepolſtert war. Zu welchem Zwecke, das errieth Clary nicht; aber als endlich der vermehrte Schrecken ihrer Bruſt einen ſchneidenden ſchmerzlichen Ton entrang, erſtickte dieſer Ton, ſo zu ſagen, um ſie herum, hatte kein Echo und ſtarb wie ein Murmeln. Dieſe verpolſterten Mauern waren zur Vorſicht gegen das Geräuſch von Innen und zu gleicher Zeit ein Wall gegen den Lärm von Außen; daher war das Schweigen und die Stille ſo vollkommen wie die Nacht. So ging ſie vielemale in ihrer Zelle umher und hielt endlich verwirrt inne, indem ſte glaubte, einen ungeheuern Raum durchdrungen zu haben. Die Zeit welche verfloß, hatte für ſie auch kein Maaß mehr, und die Stunden, welche in Kummer und Angſt ſo langſam dahinſchwinden, ſchienen ihr lange Tage zu ſein. Einmal wurde ihre Seele von mächtigem Zorne befallen, ſie empörte ſich gegen ihre tödtliche Furcht, ſie forderte dieſe Grabesnacht, welch ſie wie ein Leichentuch umgab, heraus, ſie wollte dieſes feindliche Schweigen beſiegen, ſie rief nach Hülfe, ſchrie, bis ſie nur noch heiſere Töne von ſich geben konnte. — Der erſte Ausbruch ihrer Stimme war kräftig aus ihrer Bruſt hervorgedrungen, um, ſo zu ſagen, erſtorben zu ihren Füßen niederzufinken. Dieſe eigens dazu eingerich⸗ teten Wände fingen ſo vollkommen den Schall auf, daß ſie ſchon nach einigen Augenblicken nicht mehr die Kraft hatte, ihre Stimme fibriren zu laſſen. Sie mußte wider ihren Willen ſchweigen. Ihr Zorn wuchs; ihre gereizten Gehirnsnerven entzündeten ſich; ſie . 327 nahm einen Anſatz, und in einem Augenblicke der Raſerei ſtürzte ſie ſich mit dem Körper nach vorn. Vielleicht war es einer von den unvorſätzlichen ſchnellen Verſuchen zum Selbſtmord, zu dem die Einſamkeit, eine ſchlechte Rathgeberin, den Gedanken ins Ohr der Verzweif⸗ lung flüſtert. Aber der Kopf Clary's prallte ohne Wunde zurück von der dichten Wolle, mit welcher die entgegengeſetzte Wand be⸗ deckt war. In dieſem ſeltſamen Gefängniſſe war es nicht einmal möglich, plötzlichen Todes zu ſterben. Durch den Stoß indeſſen betäubt, war Clary auf den Boden gefallen, wo ſtatt des Teppichs eine dichte Schicht von Stroh lag. Sie blieb einen Angenblick ohne Gedanken, und dieß war eine Linderung für ſie. — Als die Wolken ihres Geiſtes ſich langſam zertheilten, fühlte fie ſich ruhiger und im Stande zu beten. 6 Einige Minuten hindurch erwärmte ihr glühendes Gebet das arme, von Schmerz getroffene, erkältete Herz. — Es war ein ähnlicher Augenblick wie der, wo Hiob Hoſianna ſang. — Sie lobte Gott in ihrer Dulderſchaft und gab ihre beruhigte Seele ganz den tröſtenden Hoffnungen der Reli⸗ gion hin. Aber ach, wenn der Reiſende auch unter den hohen Datteln der Haſe, welche grün, friſch und lachend in der weiten Wüſte liegt, ſeine Ausruhen verküngert: — er muß endlich doch ſeine Reiſe wieder aufnehmen. Der Schatten iſt ſo dicht, das Gras ſo weich, die Quelle dringt mit ſo ſüßem 8 328 Murmeln an das Ohr des Mannes, der eben noch unter dem mörderiſchen Strahl der Sonne, vor Durſt ſchmachtete; aber doch muß er fort, muß die geliebte Oaſe verlaſſen, um wieder in die unerträgliche Atmoſphäre der Sahara hinein⸗ zutreten. Clary, das arme Mädchen, wollte ſich feſt an die trö⸗ ſtenden Gedanken des Himmels anklammern; die Verzwei⸗ flung lag rings um ihre Seele herum, wie die Wüſte um die Haſis. Und der Geiſt des Menſchen iſt ein Wanderer, er kann nicht unbeweglich bleiben. Bald ſank ſie daher wieder in ihre quälende Angſt zu⸗ rück. Zwanzig Mal machte ſie dieſelben Stadien des Zornes, der Niedergeſchlagenheit, der Hoffnung durch. Sie betete, fluchte, weinte .. Die vier und zwanzig Stunden eines Tages verfloſſen. Kein Geräuſch, auch nicht das leiſeſte, kein Schimmer, ſo ſchwach er auch gedacht werden könne, war zu der armen Eingekerkerten gedrungen. Das Dunkel, welches ſie umgab, gehörte nicht zu dem, an welches das Auge ſich gewöhnt. Stets dieſelbe dichte, dumpfe, traurige, ſchwere Nacht. Sie hatte gebetet, ihre Qual hörte einen Augenblick auf, um ohne Zweifel wieder anzufangen, als der erſte An⸗ fall von Hunger ſich plötzlich fühlbar machte. Clarh hatte etwa ſchon zwei Tage nichts gegeſſen. Sie legte die Hand auf ihren Buſen. Wenn ein En⸗ gelslächeln dieſe abſolute Finſterniß hätte erleuchten können, würde Clary die Mauern ihres Gefängniſſes haben ſehen 329 können, denn ſie lächelte ſüß und lange bei dieſem neuen Leiden, hinter welchem der Tod lag. Clary begrüßte ihn von fern, wie einen edlen Freund, in deſſen Armen man die letzte Zuflucht findet. Je mehr die Schwäche Fortſchritte in ihr machte, ver⸗ änderten ſich ihre Ideen, tauſend verwirrte Gedanken durch⸗ kreuzten ſich in ihrem Gehirn, ſchmerzliche mit freudigen, in betäubender Schnelligkeit abwechſelnd. Zu derſelben Zeit bekam ihr Körper eine übertriebene Empfindlichkeit. Sie zuckte ohne Grund zuſammen, hatte thörichtes Gelüſte zum Laufen, ſich zu wälzen, zu tanzen .. Sie bewegte ſich nach allen Richtungen auf dem Boden hin, und mehr als ein Mal ſtörten convulſiviſche und plötz⸗ liche Ausbrüche von Grlächter in düſterem Gegenſatze das tödtliche Schweigen dieſes Grabes. Das arme Kind war, nach dem furchtbaren Ausdrucke des Doktors, bearbeitet! Ihr Nervenſyſtem begann den dumpfen Angriffen des Hungers, der Nacht, des Schweigens zu weichen. — Plötz⸗ lich fuhr es wie eine Wetterwolke von Schrecken über ihr her, ſie blieb ſteif, halbtodt auf ihrem Lager ſitzen; — dann wieder, einen Augenblick darauf, kam ein ſanfter Geſang auf ihre Lippen; dann ſchwieg ſie entſetzt über den Klang ihrer eigenen Stimme. Darauf wieder erhellte ſich für ſie die Nacht; phanta⸗ ſtiſche Lichter irrten wie die ſtrahlenden Funken eines Feuer⸗ werks nach allen Richtungen umher; — hinten in der Ferne 330 ſah ſie ſeltſame Geſichter, bleiche Geſtalten, Geſpenſter, ein⸗ gehüllt in weiße Leichentücher. Sie ſchrie leicht auf. — Die Seene änderte ſich. Es war ein Ball. Ihre Augen ſchloſſen ſich geblendet vom Glanze der Kerzen. In raſendem Wirbel drehte ſich der Tanz um ſie; nichts als ſchöne Cavaliere, halbnackte Weiber, Wohlgeruͤche, Blumen, Diamanten, Flüſtern und Lächeln .. . Auch ſie lächelte, ſie ſog die Wohlgerüche ein, berauſchte ſich an der Harmonie, bis eine plötzliche Nervenexſchütterung ſie wieder in die tiefe Nacht zurück verſenkte; und da der phyſiſche Schmerz, über ſie hereinbrechend, ihren Magen zu⸗ ſammenzog, ſo legte ſie ihre beiden Hände darauf, und ſeufzte wie ein Kind, das während ſeines Schlafes leidet .. O, die Wiſſenſchaft hat mächtige Mittel, mehr noch zum Verderben als zum Retten. Wen Gott zum Sterben beſtimmt hat, deſſen letzten Augenblick wird die Wiſſenſchaft nicht verſpäten und ihre Vemühungen werden blos dazu dienen, ihm die letzte Stunde ſchwer zu machen. Aber wenn es ſich darum handelt, zu ſchaden, da iſt ſie mächtig! Sie kann wählen unter den Uebeln, unter denen die Menſchheit ſich krümmt; kann ſie copiren, reproduciren, erzeugen ... Im Mittelalter ſchmeichelten die Großen ihren Barbieren. Wir kennen Lords, welche ihren Aerzten die Cour machen, — und Lords von Geiſt, auf Ehre! Noch ein zweiter Tag verging. Clary war ſo ſchwach geworden, daß ſie ſich nicht mehr auf ihrem Lager bewegen ——— 331 konnte. Der Gedanke an Gott war ihr entſchwunden. Tau⸗ ſend unmögliche Pläne durchkreuzten ihr geſchwächtes Gehirn. Ihre Schweſter, ihr Vater, Stephen, gingen ihren Au⸗ gen vorüber und gingen, ohne ſie zu ſehen. Sie wollte ſie rufen, ihre Stimme ſtockte in ihrem trockenen, geſchwollenen Munde. Darauf zeigte ſich in der Ferne noch ein anderes Bild. Da legte Clary ihre Hände auf die des Weinens müden Augen; reichliche Thränen entſtrömten ihr wieder und rannen über ihre Finger, mit ſterbender Stimme flüſterte ſie: — Edward! . Edward! .. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Blendwerk. Es war ein furchtbarer Kampf! Nichts iſt mit die⸗ ſer langſamen, tödtlichen Qual zu vergleichen. Man kann nicht ſagen, daß vor dieſer Zeit Clary Mac⸗ Farlane nicht gewußt habe, was Leiden iſt; ſeit ſechs Mo⸗ naten litt ſie, weil eine mächtige, unwiderſtehliche Liebe, wider ihren Willen, in ihr Herz eingedrungen war und ihr frommes Gewiſſen quälte. Aber dieſes Leiden war von denen, welche man eben ſo ſehr als das Glück liebt, und ſtatt dieſes ſüßen Leidens der Liebe, das ſeinen Troſt und ſeine Freuden in ſich ſelbſt trägt, befand ſich Clary nun plötzlich in jene grauſame Wirklichkeit einer unerhörten, bei⸗ ſpielloſen Noth geſtürzt, welche ſie ohne Wahnſinn, zwei Tage vorher, nicht hätte befürchten können. Es gab in London ein ſchwaches unglückliches Kind, — 333 welche an einem unbekannten Uebel dahinſchmachtete und man hatte Clary in der Fülle der Geſundheit, vor Schönheit ſtrahlend, genommen, um nach Wohlgefallen ihre Kraft in Schwäche, ihre Friſche in Atonie zu verwandeln. Man hatte die Nacht des Grabes, wie einen undurchdringlichen Schleier, über die Vollkommenheiten ihres Körpers geworfen, man quälte ihre Seele durch Einſamkeit und Schweigen, man untergrub ſie phyſiſch und moraliſch zu gleicher Zeit, ruinirte nach wiſſenſchaftlichen Prinzipien ihr Temperament, wie ihren Geiſt. Und das blos, um in der Folge an ihr zu erperimen⸗ tiren, ſie wie einen zu mediziniſchen Studien präparirten Cadaver zu behandeln. Gewöhnlich verſuchen die Mitglieder des Royal⸗College ihre Mittel an Hunden; der Doktor Moore aber hatte wahr⸗ ſcheinlich daran verzweifelt, eine Hündin hyſteriſch zu machen. — Und dann kam es dem berühmten Praktiker nicht dar⸗ auf an, gelegentlich ein Mal ein Weib zu tödten. — Wir haben ihn ſehr friedlich ſein Syſtem dem Mar⸗ quis von Rio Santo, auseinanderſetzen hören. „Er griff Clary durch Diät und abſolute Sequeſtration in der Dunkelheit an.“ Das war Alles, in der That! Wie hübſch doch mediziniſche Ausdrücke eine Sache darſtellen können. Diät und Sequeſtration, das iſt doch gar nicht fürchterlich. Mein Gott, nein, blos Diät heißt: Verhungern und Sequeſtration: Gefängniß. Dieſe Mittel ſind unfehlbar, um zu dem Punkte zu * 334 gelangen, zu welchem der Doktor kommen wollte Jedes junge, mannbare Weib, würde bei der von Moore an Clary Mac⸗Farlane beſtimmten Handlung, wie ſie, zuſammengebro⸗ chen ſein. Hier rettet die Kraft nicht, im Gegentheil, ſie ſchadet und die reichſten Temperamente ſind am leichteſten der Entnervung ausgeſetzt. Nur die Kraft der Seele kann eine Zeit lang wider⸗ ſtehen, aber auch die Seele wird zuletzt beſiegt, ſie erleidet endlich eine gänzliche Verwirrung der Sinne. Nach den beiden erſten Tagen der Diät und Sequeſtra⸗ tion zeigte Clary Mac⸗Farlane ſchon alle Symptome einer ſehr ausgebildeten Nervenaffektion. Sie hatte kein Be⸗ wußtſein von ihrem Zuſtande mehr, außer höchſtens in immer ſeltener werdenden lichten Augenblicken. Der Bunger, welcher jetzt das thätigſte Princip ihres Leidens war, be⸗ gnügte ſich nicht mehr, blos ihren Magen zu quälen, er bemächtigte ſich des ganzen Körpers. Die Glieder waren wie zerbrochen, die Gelenke wie gelähmt; ihr Kopf drehte ſich im Kreiſe und vor ihren brennenden Augen gingen ſchmerzvolle, ſchnelle, gaukelnde Bilder vorüber. Bisweilen fühlte ſie ſich ſterben; — dann wieder dachte ſie mit bitterſter Verzweiflung daran, daß ſie nicht mehr lange werde leben können. Sie wagte nicht mehr zu beten. Zwiſchen ſie und Gott trat fortwährend das Bild eines Mannes, auf ibren Lippen war beſtändig ein Name, der, mit dem Gebete gemiſcht, eine Läſterung geweſen wäre. Es war Edward, Edward, den ſie liebte, der ihr A⸗ viec⸗ war, der ſie ſo ganz erfüllte und ſo energiſch die letzten, flüchtigen Blitze ihrer Gedanken beherrſchte, daß ihre fromme Seele nach und nach ganz die Erinnerung an Gott verlor.. Und dies Bild verſchwand nur, wenn Clary, fühllos und vom Schmerze überwältigt, nicht mehr denken konnte. Aber bald erſchien es wieder und brachte theils fürchterliche Qualen, theils unendlich ſüße Entzückungen mit ſich. Dies Mal, von dem wir ſprechen, hatte ſich Clary plötzlich in Edwards Armen geſehen, der auf einem koſtbaren Pferde im Galopp die belebten Straßen Londons durchritt. Rechts, links und vor ihnen machte die Menge erſchreckt Platz; das Pferd flog. Edward, der ſicher und ruhig auf dem Sattel ſaß, ſchlang ſeinen Arm um Clarh und ſie fühlte den ſanften Druck dieſes Armes, deſſen Hand gerade auf ihrem Herzen lag. Rückwärts gebeugt, betrachtete ſie Edward wie magne⸗ tiſch mit dem Blicke zu ihm hingezogen, ihr Athem berührte faſt den Mund Edward's und ein heißer Schauer durchlief ihren ganzen Körper und ſie war nahe daran, vor Freude ohnmächtig zu werden. Edward ſah ſie auch an und lächelte ihr zu; eine ganze Welt lag in dieſem Lächeln, welches zugleich einem Herrn zu gehören ſchien, der ſich zu lieben herabläßt und einem Ritter, der anbetet und dient. Dieſer Blick war königlich: gebieteriſch und doch zu gleicher Zeit zart, unterwürfig. Das ſchöne Pferd rannte immer weiter, mit gewaltigem Schall hallten ſeine vier Hufe auf dem Pflaſter wieder und *„ 6. — die dunkeln Häuſer Londons flohen an ihnen wie vom Wir⸗ belwinde gefaßt, vorüber. Von Zeit zu Zeit hob ſie Edward höder auf den Sattel herauf und ſetzte ſie zurecht, und dann fühlte ſie ſich ihm näher, ſich noch glücklicher, ihre feuchten Augen dankten ihm, während Edward lächelnd ſich zu ihr herüberneigte und ihr die Spitzen des Haares küßte. Dieſer Traum von Glück wirkte ſo mächtig auf ihre geſchwächten Sinne, daß dichte Tropfen Schweißes ihre Schläfe hinabrannen und ihre erſtickte Bruſt mit Anſtrengung athmete. Plötzlich ging ein ſchmerzliches Zittern durch alle ihre Glieder; aber diesmal waren es nicht die kranken Nerven, welche ſie ſo aufregten, es war wieder ein Phantaſiebild. — Sie hatte, mit Edward auf dem Raſen ſitzend, ihm zur Seite noch ein anders Weib ſitzen ſehen. Ihr Herz fröſtelte und blutete. Sie konnte nicht genau die Züge dieſes Weibes erkennen und bemerkte unbeſtimmt in der wachſenden Dunkelheit der Nacht nur die Geſtalt derſelben. — Sie drängte ſich an Edward heran; aber dieſer erwiederte ihre Umarmung nicht. Clary betrachtete von Eiferſucht beſtürmt auf's neue dieſes Weib genau, ſie erkannte in ihm ihre Schweſter und ſprach voll Verzweiflung ihren Namen aus. Anna wandte ſich lächelnd um. Edward betrachtete ſie, dann die andere, als ob er wählen wolle, ſtieß Clary darauf mit kaller Geberde von ſich und ſetzte ſich zu Anna's Füßen. 337 Clary, das arme Kind, ſtieß eine herzzerreißende Klage aus und ſank auf das Stroh ihres Gefängniſſes hin. Das vollkommenſte Stillſchweigen herrſchte eine halbe Stunde lang ungefähr in ihrer Zelle, als ein leiſes Geräuſch an der Decke ſich bemerkbar zu machen ſchien. Zu gleicher Zeit durchdrang ein Lichtſtrahl die Dunkelheit und erleuchtete die Atome, welche in der dicken Luft des Gefängniſſes um⸗ herſchwebten. Der Strahl warf zuerſt auf das Stroh des Bodens einen Kreis von Licht, und darauf begann er hin und her zu gehen und die ganze Oberfläche zu erleuchten, bis er end⸗ lich auf die daliegende Clary fiel. Sie lag der Beſinnung beraubt auf dem Stroh; zwei Tage der Folter hatten ſie faſt unkenntlich gemacht; ihr edles, von Leiden und vom Hunger abgemagertes Geſicht bewahrte außerdem noch die Spuren der Convulſionen, welchen ſie unlängſt unterworfen geweſen. Ein Henker würde nicht ohne Mitleid die Wirkungen dieſer barbariſchen Behandlung haben anſehen können, welche eine ſo ſchöne, noch in ihrem elenden Zuſtande bewunderungs⸗ würdige Kreatur aushalten mußte. Ein Henker würde ſich erweicht gefühlt haben beim Anblick dieſer armen weißen Hände, welche mit einer Geberde ſtummer Verzweiflung auf dieſem ſchöngebildeten Buſen lagen, der nicht mehr wogte, beim Anblick dieſer bleichen, durch Leiden gehöhlten Wangen, dieſes weit offenen und trüben Auges, dieſer ſchmerzlichen III. 15 338 Falten, welche ſich um einen Kindermund legten, der nur ganz zum Lächeln geeignet ſchien! .. Aber der Mann, welcher von oben ſeine Laterne diri⸗ girte, hatte kein Mitleid; er war kein Henker, es war der Chirurgiegehülfe Rowley, im Dienſte des Doktor Moore; er ließ ſorgſam das Licht der Laterne über alle Theile von Miß Mac⸗Farlane's Geſicht hingleiten und ſagte nach geſchehener Prüfung: — Bah . genau genommen iſt das keine hundert Guineen werth! .. . aber da ſie einmal bezahlt ſind, dürfen ſie nicht umſonſt ausgegeben ſein . . . und ich glaube, daß das Kind Luſt hat, ſo zu ſterben, ohne uns um Erlaubniß zu fragen Ei was, wir haben einen Gehenkten wieder ins Leben gebracht, werden alſo wohl auch dieſe Kleine ver⸗ hindern, daß ſie ſich aus dem Staube macht . . . ei, ei, mein liebes, kleines Kind, Du koſteſt uns hundert Guineen und wirſt alſo noch für unſer Geld ein wenig leben müſſen. Maſter Rowley ſchloß ſorgfältig die Klappe, durch welche er das Licht ſeiner Laterne eingeführt hatte, darauf ſtellte er ſich wieder auf die Füße und ließ die Ecke des Teppichs wieder ſo niederfallen, bis das Loch ganz und gar verborgen war. Maſter Rowley war bei ſich in der zweiten Etage von des Doktor Moore's Hauſe. Sein Zimmer war wie ſeine Perſon ſehr häßlich anzuſehen. Eine unzählbare Menge von Gläſern und Phiolen in allen Formen und Größen, die meiſten mit Staub bedeckt, gaben demſelben einen ganz eigenthümlichen, aber 339 wenig verführeriſchen Anblick. Außerdem war ein ſo ſcharfer und ergreifender Apothekengeruch darin, daß jeder andere rechtſchaffene Mann ſich ſchon durch die Naſe vergiftet haben würde. Man kann nicht ſagen, daß Maſter Rowley in dieſer peſtilenzialiſchen Athmoſphäre gerade ſehr fett wurde, er war mager und knorrig, wie eine Weinrebe im Winter; aber nichts deſto weniger befand er ſich vortrefflich. Dieſer unausſtehliche Geruch von Droguen und teufliſchen Zubereitungen reizte auf ſehr angenehme Weiſe ſeine kleine aufgeſtülpte Naſe; der Anblick aller dieſer ſtaubigen Phiolen erfreute ſein graues, hinter runden Brillengläſern liegendes Auge. Es war dies ſein Arſenal und ſeine Bibliothek, aber auch ſein Keller, denn Maſter Rowley that ſeinen Gin in Medizinflaſchen und trank niemals luſtiger, als wenn er in ſeinen großen Mund den ganzen Inhalt einer Flaſche hinabſchickte, auf deren Eti⸗ quette ſtund: Laudanum, acidum hydro cyanicum oder irgend ein anderer hölliſcher Titel. Er hatte nur ein einziges Buch, und dies war: Toxicological Amusements von Doktor Venom. Dieſes Buch lehrt, wie man Katzen, Vögel, Maulwürfe, Aale und andere Thiere, gelegentlich auch Menſchen, vergif⸗ ten muß. Maſter Rowley las alle Abende vor dem Zubettgehen ein Kapitel aus dieſem Buche, und das ſchläferte ihn ſo ſanft ein, als es nur irgend eine Ode zu Ehren Lord Wel⸗ lington's oder eine gedruckte Rede des Lord Stanley hätte thun können. 5 340 Dieſer magere und gelbe Schuft war die Menſchge⸗ wordene Pharmazie, das incarnirte Gift. Er befand ſich in freier Luft unwohl und athmete nur in einer verdorbenen Atmoſphäre mit Wolluſt. — Es gibt, wie man ſagt, Leute, die unverbrennbar ſind; wir glauben, daß Maſter Rowley gegen alles Gift feſt war und ein Beefſteak, das mit Arſenik ſtatt des Pfeffers angerichtet war, ohne weitere Folgen hätte verſchlingen können. Er war vom Doktor ſpeziell zur Beaufſichtigung Clary Mac⸗Farlane's beſtimmt worden, und Moore hatte ſelbſt zwei Tage zur abſoluten Nahrungsloſigkeit der Gefangenen feſigeſetzt; die beiden Tage waren verfloſſen, und nun hatte Rowley ſehen wollen, wie es unten ſtehe. Der Anblick Clary's, die ohnmächtig auf dem Stroh des Gefängniſſes lag, machte keinen Eindruck auf ihn; es war ja die einfachſte Sache von der Welt, er war darüber auch nicht im Mindeſten erſtaunt, weil nach ſeiner Voraus⸗ ſicht es ja ſo kommen mußte. Er rüſtete ſich mit einem halben Dutzend Flaſchen aus und ſtieg in das Cabinet des Doktor; dieſer war abweſend, aus tauſend Gründen ließ derſelbe niemals während ſeiner Abweſenheit eine lebende Seele in das Heiligthum ſeiner ge⸗ lehrten und unheimlichen Arbeiten; aber Rowley war eine Art Körper ohne Seele und zählte daher nicht mit; er ge⸗ hörte übrigens Moore ganz und gar an, den er wegen ſeines Giftes liebte, wie er auch eine Klapperſchlange geliebt haben würde. — Es iſt eine ſehr delicate Sache, brummte er, indem er gemüthlich nach dem Cabinete ging; — ein Subjekt von hundert Guineen zu verlieren! ... aber warum auch hundert Guineen geben, er hätte ſie vielleicht für fünfzig bekommen ... und was für gute Sachen hätte man für die fünfzig andern kaufen können! Maſter Rowley wäſſerte der Mund, wie einem Gour⸗ mand, der von Leckereien ſpricht. Gute Sachen bedeuteten natürlich Droguen und Gifte bei ihm. Er ging durch das Cabinet des Doktors und öffnete eine Thür, welche leiſe in ihren wohleingeölten Angeln ſich drehte. Dieſe Thür war von der Hinterſeite gepolſtert und berührte beinahe einen zweiten Verſchluß, der ebenfalls mit Wolle verſehen war und Einlaß zu dem Gefängniſſe Cla⸗ ry's gab. Maſter Rowley hatte noch immer ſeine Laterne in der Hand, er nahm das Licht heraus, und die kleine Zelle war plötzlich erleuchtet. Es war ein ſehr kleines Behältniß, das urſprünglich zu dem Zimmer des Doktors gehörte und augenſcheinlich zu dem Gebrauche beſonders eingerichtet war, welcher ſeit drei Tagen davon gemacht wurde. Die vorhergehenden Kapitel werden ziemlich genügen, dem Leſer einen Begriff davon zu geben; die Wände waren, wie wir geſehen haben, ſorgfältig ausgepolſtert, und ſtatt aller andern Meubles befand ſich nur eine ſchmale Bank darin. Wir haben nur noch anzuführen, daß der Stoff, welcher * 342 die Wände bedeckte, ſchwarz war, ohne Zweifel, um jede innere Lichtſtrahlung abzuhalten. “ Es glich einem wahrhaften Grabe. Der Schein des Lichtes, das von allen Seiten durch die ſchwarze Tapczie⸗ rung abſorbirt wurde, ſchien kaum die Fähigkeit der Erleuch⸗ tung zu haben, blos das weiße Geſicht Clary Mac⸗Farlane's, welche mit verſtreuten Haaren auf dem Boden lag, wurde davon erhellt. Maſter Rowley ſetzte das Licht auf die Bank, die in Clary's Nähe ſtand. — Guten Tag, mein Kind, guten Tag, ſagte er; — meiner Treu, das ſind ſchöne Haare und ſchöne Zähne . . . aber hundert Guineen iſt auch ein Geld . .. Aber was geht das mich an . . . So viel ſteht feſt, dieſes verteufelte Loch hier iſt gerade kein Vergnügungs⸗ aufenthalt. Hinter ſeiner Brille ſah er ſich rings im Zimmer um. — Aber zum Teufel, brummte er; — das iſt ein ſchöner ſchwarzer Stoff, von dem man mehr als einen ganzen Anzug hätte machen können ... und mit der Wolle, die dahinter ſteckt, hätte man ein halbes Dutzend Matratzen ausſtopfen können ... ei, ei, ei, das iſt alles ſo gut wie baar Geld. . — Nun, mein Kind, fuhr er nach dieſen haushälteri⸗ ſchen Reflerionen fort, — wir liegen wohl in Ohnmacht .. he, he .. . unſer kleines Herz ſchlägt kaum noch . unſer Athem würde auch keine Mühle treiben, wahrhaftig nicht! .. „ 343 nun, mein Kind, jetzt wollen wir an einem Bischen was Gutes riechen .. A Mit augenſcheinlichem Wohlbehagen zog er den Stöpſel von den verſchiedenen Flaſchen, die er mitgebracht hatte und roch an einer nach der andern. Endlich hielt er die eine geöffnet Clary unter die Naſe. Ohne Zweifel mußite es ein ſehr kräftiges Präparat ſein, denn Clary ſtieß augenblicklich ein leiſes Gewimmer aus und faßte krampfhaft die Strohhalme, auf welchen ihre Hände lagen. — Gut, gut, flüſterte Maſter Rowley, der ihr vor⸗ ſichtigerweiſe die Augen zugehalten hatte; — willſt Du einen Biſſen eſſen? Clary ſank wieder in ihre Regloſigkeit zurück. — Wer ſchweigt, willigt ein, ſagte Rowley mit einer Art Gutmüthigkeit; — und in der That, meine Tochter, Du mußt Appetit haben .. warte nur einen kleinen Augenblick auf mich. Er ſtellte das Licht wieder in ſeine Laterne, ging hin⸗ aus und kam bald darauf mit einem Stück Brod zurück. — Ei, wie werden wir da einbeißen, mein Kind, fagte er zu Clary, die ihn nicht hörte . . Er gab Clary das Stück Brod in die Hand, darauf hielt er ihr aufs neue die Flaſche unter die Naſe. — Wenn ſie aufwacht, wird ſie gewiß ihr Diner ver⸗ lieren, ſagte er; — aber ſie kann es ſich wieder ſuchen „ nun, mein Kind .. 344 Clary bewegte ſich leiſe und öffnete dann die Augen. — Rowley blies ſeine Kerze aus. — O mein Gott, flüſterte die Gefangene, ich habe ge⸗ glaubt, daß ich ſehe . Sie hörte das Geräuſch einer ſich ſchließenden Thür und dann verſank alles wieder in das vorige Schweigen. — Iſt das wieder ein Traum? dachte ſie ſchmerzvoll zurückfinkend. Rowley war wieder auf ſein Zimmer gegangen und hatte leiſe die Klappe geöffnet, die nach dem Gefängniſſe unten führte. — Sie wird ihr Diner verloren haben, ganz gewiß! ſagte er zu ſich; — und doch muß ſie eſſen! . . . Es iſt ein Faktum, daß ich ſehr in Verlegenheit bin. Er kraute ſich eine Sekunde lang hinter dem Ohr; mehr bedürfen große Geiſter nicht, um einen Plan auszu⸗ ſinnen. Er rief mit einer Stimme, ſo ſanft als ſie nur der Gevatter Wolf annehmen kann, bevor er das Lamm frißt, durch die Heffnung hinab: — Suche, meine Tochter, ſuche! ... Gott, der die Vögel ernährt, hat zu Deinen Füßen ein Stück Brod hin⸗ gelegt. Clary hob augenblicklich den Kopf und ſah über ſich eine unbeſtimmte Helle, die ſofort verſchwand. Die Klappe wurde geſchloſſen. — 345 Bis zur Eraltation fromm, da ſie in dem myſtiſchen Glauben Schottiſcher Religioſität erzogen war, nahm Clary die Worte dieſer unbekannten Stimme, die von oben kam, wörtlich. Bitter reuete es ſie, daß ſie ſich von Verzweiflung hatte ergreifen laſſen; ſie betete aus Herzensgrunde voll Ver⸗ trauen und Liebe zu Gott. Darauf taſtete ſie auf dem Boden umher, um das Wunderbrod zu ſuchen. Sie fand es und knieete nieder, um der göttlichen Hand zu danken, welche ihr zu Hülfe gekommen war. Ihr Glaube noch mehr, als die nach einem ſo langen Faſten ſchnell ver⸗ zehrte, ungenügende Nahrung, gab ihr Ruhe und faſt Kraft wieder. Jetzt hatte ſie keine ſchrecklichen oder thörichten Viſionen mehr. Der Gedanke an den Himmel erleuchtete ihre Nacht und verſcheuchte das Gefühl des Einſamſeins. — Wenn der Strahl von Rowley's Blendlaterne in dieſem Augenblick in Clary's Gefängniß gedrungen wäre, würde der Giftgehülfe ſehr verwundert geweſen ſein, über die durch ſein kleines Stück Brod hervorgebrachte Wirkung. Clary Mac⸗Farlane hatte ſich an die Erde geſetzt und lehnte ſich an die gepolſterte Wand ihrer Zelle, wie an die Lehne eines Fauteuils. Sie war noch bleich, aber eine er⸗ habene Ruhe lag auf ihrem Geſicht. Ihre nach oben ge⸗ richteten Augen ſtrahlten eine religiöſe, reine Hoffnung aus, — und unter Hoffnung verſtehen wir hier nicht jenes Gefühl, deſſen Wünſche nach den Dingen dieſer Welt gehen. Es 15 ** 346 war wie ein Vorgeſchmack jener heiligen und unbegrenzten Ruhe, welche für den Gerechten auf die Qualen der Todes⸗ ſtunden folgt. Ihr Mund, in deſſen Lippen das Blut wieder zurück⸗ gekehrt war, hatte nicht jenen eiſigen Korallenglanz mehr, ſondern war von ſanft roſiger Färbung und lächelte mit engliſchem Ausdrucke. Sie war ſchön ſo, ſchön bis zum Strahlen, ſchön und rührend zu gleicher Zeit. Gott, zu dem ſie betete, mußte auf ſie als ſein vollendetes, ausgewähltes Geſchöpf, das unter den Qualen eines langſamen Todeskampfes die jung⸗ fräuliche Seele ganz dem Gebete weihte, einen Blick väterli⸗ cher Liebe herabwerfen .. Die Menſchen hätten ſie angebetet, die Engel erwarte⸗ ten ſie. Dieſe Ruhe dauerte mehre Stunden, — ſo lange Clary beten konnte. Nach Ablauf dieſer Zeit murmelte es wieder dumpf in ihren Eingeweiden und ſtörte durch profane Unter⸗ brechungen die heilige Stimme des Gebetes. Clary fühlte die Rückkehr jenes furchtbaren Kampfes, dem ſie vorhin beinahe unterlegen war Sie richtete ſich tapfer und muthig der Qual gegenüber auf und gürtete ihre Lenden zum Streit. Die Verſuchung kehrte in der That wieder und wurde durch die Schwäche, welche auf der Seele der armen Abge⸗ ſperrten lag, durch das Stillſchweigen, die Dunkelheit und Einſamkeit verſtärkt. — Clary ſah Edward wieder, immer 347 noch ſchön, bezaubernd auch und immer geliebt! Sie wandte den Kopf ab, aber nach welcher Seite hin ſie auch ſah, ihre Augen waren wie bezaubert, Edward ſtand vor ihren Sin⸗ nen; mit der Anziehungskraft ſeines Lächelns feſſelte er ſie, machte ſie abermals wahnſinnig und ſtellte ſich hartnckig zwiſchen ſie und Gott. Es war ein erſchöpfender Kampf, deſſen Einzelnheiten nicht geſchildert werden können, alle Folterqualen bedrängten dieſes arme Herz, das mit Schlagen aufzuhören drohte. Sie erinnerte ſich ihres Traumes und ſah bisweilen abermals den Schatten ihrer Schweſter ſich zwiſchen ſie und dieſen Mann drängen, der ihre Gedanken ſo ganz und gar zu Sklaven machte, daß der Himmel vergeblich zur Rettung an⸗ gerufen wurde. wie ſchön und der Liebe werth er war, wie ſein ſtolzes Haupt köſtlich die Köpfe der Menge überragte, wie ſein Blick berauſchte, wie ſein Lächeln Verführung rings um ſich her ſtrahlte. Clary leiſtete vergeblich Widerſtand, ſie war beſiegt. Indeſſen hatte ihre Niederlage doch einen andern Anblick ge⸗ wonnen, da ſie ſich nicht mehr mit jenem fieberhaften Schwunge von vorhin ihrem Sieger in die Arme warf. Sie rief ihn nicht mehr, wie vorhin, mit allen Stimmen ihrer Seele, glücklich, zu ſündigen, wenn er Mitſchuldiger wäre, glücklich, mit ihm ſich zu verderben. Jetzt war ihre Qual ernſter und nachdenklicher, obwohl ſich hingebend bereuete ſie es, * 348 und obwohl liebend empfand ſie Gewiſſensbiſſe darüber, daß ſie liebte. Uud ſo wie ſie nicht mehr ſich jener phantaſtiſchen Freude überließ, war ſie auch der Verzweiflung nicht mehr ausgeſetzt. Ihre Schweſter Anna war noch immer ihre ge⸗ liebte Schweſter, die Qual ihrer eiferſüchtigen Gedanken war nicht im Stande, ihrer Zärtlichkeit Abbruch zu thun. Der Hunger und die Erſchöpfung kehrten zurück, und mit ihnen erſchienen die Hauptſymptome ihres nervöſen Fie⸗ bers. Aber die Niedergeſchlagenheit war vorherrſchend und Clary ſchloß in einem Augenblick der Ruhe die Augen und ſchlief jenen peinlichen Schlaf, der keine Ruhe gibt und blos eine Fortſetzung der Qualen des Wachens iſt . Der Doktor Moore blieb lange! — Wer weiß, ob Clary von dieſem ſchmerzvollen, dumpfen Schlafe je wieder aufwachen ſollte; — aber der Doktor Moore verbrachte einen Theil ſeiner Tage in Jriſh⸗Houſe, wo er mit veinlicher Aufmerkſamkeit Hausſuchung im geheimen Cabinet des Mar⸗ quis von Rio Santo hielt. Und Rowley hatte ein neues, ganz neues Präparat er⸗ funden, das einen Hund von vier Monaten in drei Sekun⸗ den fünf Terzien und einem unbedeutenden Bruchzeittheil tödtete; er ſchloß daraus, daß dies Säftchen einen Menſchen in einer viertel Minute tödten müſſe und das war ein ganz hübſches Reſultat. Rowley war ganz außer ſich darüber. Indeſſen wachte Clary auf. — Aber als dies geſchah, ſah ſie ſich auf einem Bett liegen, über welchem ſich dunkle 349 Damaſtvorhänge kreuzten, in einem unbekannten Zimmer, das ſchwach von einer Lampe erleuchtet wurde, die fern auf einem Wandtiſche ſtand und mit einem Lichtſchirm verſehen war. Dem Bett gegenüber befand ſich ein Fenſter, deſſen Scheiben einen ſchrägen Mondesſtrahl durchließen, der ſiegreich mit dem Lampenlicht kämpfte und eine weiße Linie auf dem Teppich zog. Neben dem Wandtiſche ſaß ein Mann, der Clary den Rücken wendete uud langſam die Seiten eines Buches in Quarto umblätterte. Dieſer Mann hatte einen großen kahlen Schädel, über welchem das Licht hinglänzte und der an den Schläfen von zwei breiten, dichten Büſchen Haaren eingefaßt war. Vom Bette aus konnte man nur unvollkommen ſein Proſil ſehen: eine hohle Wange, aus welcher eine ſpitze Naſe hervordrang, einen Winkel von der Augenbraue und ein Viertel von einer Brille. Clary ſah alles das nicht genau, denn der Hunger hatte ſie blos erweckt. — Sie legte ihre beiden Hände auf die brennende Bruſt und ſagte: — Mein Gott, wie ich leide! Der Mann mit dem Quartbande machte ein Ohr in ſein Buch, das der erſte Band der Toxicological⸗Amuſements war und kehrte ſich gegen das Bett um, indem er das ganz zuſammengetrocknete Geſicht des Maſter Rowley, des S maziegehülfen, Clary zeigte. 350 — Ah Teufel, antwortete er, ah Teufel, mein Kind ... wir leiden, ſagen wir? .. nun gut, mein Täubchen, wir wollen einen Arzt kommen laſſen, ... einen berühmten Arzt ſogar .. — Brod, Brod, flüſterte Clary; — im Namen des Himmels, mein Herr, ein wenig Brod! — Ah Paperlapap, ſagte Rowley; — Brod, meine Tochter! . . wir geben nicht ſo ohne weiteres Brod an unſere Kranken. 1 In dieſem Augenblicke ordneten ſich Clary's Ideen ein wenig, ſie wollte fragen, wo ſie ſei; aber ſie fand keine Kraft zum Sprechen. Rowley dagegen hatte den Band der toricologiſchen Beluſtigungen unter den Arm genommen und ſich mit der Lampe in der Hand dem Bette genähert. Clary ſchloß ihre an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Rowley betrachtete ſie einen Augenblick. — Sieh da, ſo ein junges Mädchen iſt doch ſehr zäh und kräftig, ſagte er mit Ueberzeugung; — über alle Be⸗ griffe kräftig! . . . ich bin gewiß, daß eine einfache Doſis Laudanum Mühe haben würde .. Er unterbrach ſich lächelnd. — Ei was, begann er wieder mit der Achſel zuckend; — das Laudanum iſt auch eine alte Geſchichte . O ich möchte wohl einmal meine Erfindung an Jemandem ver⸗ ſuchen . . . Drei Sekunden fünf Terzien und ein Bruch⸗ theil! . 351 Clary's Lippen wurden weiß und ihre Augenlider zitterten. — O, o, rief Maſter Rowley aus, indem er eine kleine Phiole wlber in die Taſche ſteckte, welche er herausgenommen und ſeit einigen Augenblicken mit Wohlgefallen geliebkoſt hatte; . jetzt wird das Kind eine Kriſis haben, .. das iſt die Sache des Doktors. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Er Es gibt Dinge, welche die Feder niederzuſchreiben ſich weigert. Wir haben genug geſagt, um den Leſer errathen zu laſſen, wie der Doktor Moore am Bette Clary Mac⸗ Farlane's ſich benahm. Er kam nicht hin, um ihr in ihrem Todeskampfe den Beiſtand der Wiſſenſchaft zu leihen; ſon⸗ dern er kam um zu experimentiren, auf die Gefahr hin zu tödten. § Und der Ausdruck, deſſen wir uns bedienen, iſt noch zu mild, es liegt nicht genug ſchwere Beſchuldigung in ihm. Für den Doktor in der That, war der Tod Clary's nicht eine Möglichkeit, ſondern eine Gewißheit und dies war ſo unumſtößlich, daß er ſich ihr mit unverhülltem Geſichte zu zeigen wagte. Nun war aber der Doktor Moore ein vor⸗ ſichtiger Mann, um alſo ſeinem Opfer auf dieſe Weiſe offen entgegen zu treten, mußte er des Schweigens deſſelben ſehr gewiß ſein. Der Doktor hatte Clary verurtheilt und dieſe Sentenz war ohne Appellation. Sie ſollte ihr Leben unter Foltern hinſchleppen, ſo lange, als es zu den Experimenten des Doktor Moore nothwendig ſei und dann ... Wir werden nicht Lie Erperimente des Doktor Moore ins Einzelne hinein verfolgen; die Schilderung würde zu abſtoßend und zu erſchreckend ſein, ſelbſt wenn wir ſie auch in der techniſchen Sprache der Wiſſenſchaft machen wollten, in der Alles viel einfacher und unſchuldiger klingt. Von ganzem Herzen wünſchten wir, es wäre an der Wahrſcheinlichkeit der von uns mitgetheilten Facta zu zwei⸗ feln erlaubt. Aber die Thatſachen ſprechen zu laut, di Fälle des Erperimentirens ſind in England zu häufig und die Namen der Aerzte, welche wegen dieſer Handlung vor 3 die engliſche Themis gefordert worden ſind, würden eine lange Seite füllen. Unſre Aerzte ſind ſehr gelehrte Männer, wir kennen unter ihnen vollkommen rechtſchaffene Leute, vielleicht ſogar würde man unter ihnen ein mitleidiges, erbarmungsvolles Herz finden! — Aber eine furchtbare Gewißheit iſt es, daß unſer Doktor Moore kein Phantaſiegebilde iſt. Ganz London hat ihn gekannt unter einem andern Na⸗ men und Vielen, welche ihn kannten, waren ſeine menſchen⸗ mörderiſchen Experimente nicht unbekannt. Und doch iſt es ein berühmter Mann und ſein Name iſt in das Ehrenbuch der engliſchen Wiſſenſchaft eingeſchrieben. Was iſt dabei zu verwundern? — Menſchenfleiſch zu eſſen, iſt eine ſehr häßliche Gewohnheit; aber man macht ſie nur gewiſſen Völkerſchaften zum Verbrechen, von denen man ſagt: es ſind Kannibalen. Der Doktor Moore aber war kein Kannibale, ſondern ein Phyſician. Der Doktor brachte dieſe Nacht bei Clary Mac⸗Far⸗ lane's Lager zu; in dem Augenblick, wo Rowley ihn gerufen hatte, war das arme Kind von einem furchtbaren Nerven⸗ 4 anfall ergriffen worden. Der Doktor entfaltete bei ihrer Behandlung alle Feinheiten ſeiner ausgezeichneten Erfahrung. Es hätte ſo Vieles nicht bedurft, um ſie zu retten; aber Moore wollte ſie nicht retten. Gegen Morgen ging er in ſein Cabinet zurück, wo er in den Haſt einige Notizen aufs Papier warf. Clary ſchlief einen guten und friedlichen Schlaf. — Was ſoll mit ihr geſchehen? ſagte Maſter Rowley, der an ſein neues Giftpräparat dachte. — Wir müſſen andre Zufälle herbeiführen, antwortete der Doktor nachdenklich; — dieſe Nacht iſt ausgezeichnet ge⸗ weſen, ich bin zufrieden; aber ich kenne von der Krankheit Miß Trevor's nur eine Seite. Er dachte einige Minuten nach und begann wieder: — Laſſen Sie ihr Bett in das ſchwarze Zimmer brin⸗ gen, E in Zukunft wird ſie immer Bedürfniß zum 4 — Schlaf haben .. von Zeit zu Zeit öffnen Sie dann die Klappe und wecken ſie plötzlich. Rowley ging hinaus. — Von dieſem Augenblicke an wurde Clary auf jene barbariſche Folter geſpannt, welche die Agenten der franzöſiſchen Republik, im Gefängniſſe des Temple, dem unglücklichen Sohne Ludwig's XVI. auferlegten. Von einen ſchweren unwiderſtehlichem Schlafe ergriffen, wurde ſie periodiſch durch die Töne einer furchtbaren Stimme, welche von oben über ihrem Haupte herkam, periodiſch geweckt. Der Maſter Rowley machte ſeine Sache gewiſſenhaft; er hatte ſich mit einem Sprachrohr verſehen. Nach drei Tagen war Clary beinahe in den zu neuen Erperimenten erwünſchten Zuſtand gekommen, ihre reiche und kräftige Natur war vollkommen erſchüttert und beſaß keine Kraft mehr. Dagegen war ihre nervöſe Empfindlich⸗ keit ſo gewachſen, daß ſie faſt an Epilepſie ſtreifte und wurde immer und immer wieder durch den grauſamen Schreck des plötzlichen Erwachens aufs Neue gereizt. Aber die Krankheit der Miß Trevor, nahm, wie wir geſehen haben, plötzlich einen andern Gang. Vor dieſem unbekannten Uebel ſtand der Doktor Moore unentſchloſſen, was er thun ſolle. Er konnte es eben ſo wenig bei Jemand anderem hervorrufen, als es bei Miß Mary durch Mittel bekämpfen. Einen Augenblick hörte der Doktor auf, ſich mit Clarh, die ihm unnütz geworden war, zu beſchäftigen und überließ ſie der Sorge des Maſter Rowley, welcher ſne 356 Mußeſtunden zwiſchen ihr und den Toxicological Amuse- ments theilte. Wir werden Gelegenheit haben zu ſehen, ob dieſer Um⸗ ſtand eine Erleichterung für das arme Mädchen war. Wir wiſſen jetzt, was der Doktor Moore hatte ſagen wollen, als er dem Marquis Rio Santo von neuen Sym⸗ ptomen und einer furchtbaren Kriſis ſprach, der Miß Mary anheim gefallen ſei. Ihre Unterredung und die kurz vorher⸗ gehenden Vorfälle fanden am Tage darauf ſtatt, nachdem Frank Perceval und Mary, im Hauſe der Lady Stewart, ſich getroffen hatten. Schon vier und zwanzig Stunden lag Mary in Kata⸗ lepſie und während dieſer Zeit hatte Moore alle Mittel er⸗ ſchöpft, welche ihm ſein tiefes Wiſſen und ſeine reichen Er⸗ fahrungen an die Hand gab. Er hatte durch nichtmediziniſche Proben auf ihre Sinne zu wirken verſucht, hatte im Zimmer der Kranken Muſik machen laſſen, weil von manchen Schriftſtellern behauptet wird, daß die Muſik für dieſe Art von Affektionen ein ſou⸗ veraines Mittel ſei. Aber ach, wir wollen gerade die achtungswerthen Autoren nicht in Verzweiflung bringen, welche kleine Singſpiele verfaſſen; aber die Muſik, als Heil⸗ mittel, wird nur in der komiſchen Oper glücklichen Erfolg haben. Dort heilt man den Wahnſinn mit einer Romanze, das Fieber mit einem Flötenſolo und die Cholera mit Poſaunen⸗ variationen. 357 Das iſt ſehr erfindungsreich; aber wir haben ſchon häufig die Harfe David's und die Hypochondrie Saul's ver⸗ wünſcht, weil dieſe alle dergleichen thörichte Meinungen ver⸗ breitet hat. Das Uebel Mary's widerſtand allen möglichen Ver⸗ ſuchen; wie wir ſie im Salon der Lady Stewart geſehen, ſo war ſie geblieben mit ihrem weißen unbeweglichen Geſicht, ſtarr wie Kryſtall glänzenden Augen und ſteifen Gliedern. Als Moore den Marquis verließ, begab er ſich zu ihr und fand, daß ſeit ſeinem letzten Beſuche bei Miß Mary keine Veränderung eingetreten ſei. Diana Stewart und Lady Campbell, welche ſie nicht verließen, waren in Verzweiflung. Der Doktor antwortete, ſeiner Gewohnheit gemäß, nicht auf ihre Fragen und ging, indem er ein unbedeutendes Mittel verſchrieb, von dem er ſelbſt keine Wirkung hoffte. Als er nach ſeiner Wohnung in Wimpole⸗Street zu⸗ rückkehrte, rief er, wie am Tage vorher, Rowley und fragte, wie es Clary ginge? — Meiner Treu, antwortete Rowley; — man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es warm iſt und die lebendige Natur beobachten, ſo lange das Leben dauert. Das Leben aber ſchwindet ſchon, mein Herr, und wenn ſie das Eiſen ſchmieden wollen, ſo müſſen Sie ſich beeilen, denn es wird ſchon kalt. — Hat ſich irgend ein neues Symptom gezeigt? — Ja, ja, gewiß, mein Herr, ein neues Symptom 358 und morgen wird ſich wieder ein neues zeigen . ſie wird todt ſein! — Sie lebt doch noch, nicht wahr? — O ja . ein wenig .. . ſie iſt ohnmächtig ich war eben im Begriff, ſie wieder zu ſich zu bringen, als Sie mich gerufen haben ich gehe wieder zurück. Der Doktor ergriff ihn in dem Augenblicke, wo er gehen wollte, beim Arme und ſagte zu ihm mit leiſer Stimme: — Laß es nur und mach die Voltaiſche Säule zu⸗ recht .. die große. Rowley betrachtete ihn verwundert. Darauf ging er hinaus und brummte: — Paperlapap, wie viel Umſtände, kann man nicht ſagen, daß die Kleine ordentlich ceremoniell behandelt wird? Indeſſen war die Stunde gekommen, zu welcher der Marquis von Rio Santo hatte geweckt ſein wollen. Der Cavaliere Angelo Bembo übernahm das Geſchäft und mußte dazu bis in das Zimmer des Laird vordringen, wo Rio Santo ſchlief. Dieſer lag noch immer auf dem Fauteuil, in welchem wir ihn verlaſſen haben. Bei der erſten Berührung Angelo Bembo's öffnete er die Augen; aber ſchloß ſie auch gleich wieder. 359 — Schon! murmelte er mit Mattigkeit: Angelo, ich bin vom Schlaf wie zerſchlagen. — Laſſen Sie ſich einige Stunden wirklicher Ruhe, Mylord, ſagte Bembo, der mit einer Art kindlicher Beſorg⸗ niß die Züge des Marguis betrachtete; — morgen wird es immer noch Zeit ſein, ihre Arbeiten wieder aufzunehmen ... Rio Santo richtete den Blick auf den jungen Mal⸗ theſer und lächelte liebkoſend. — WMein Werk, wiederholte er ſanft; — Du haſt einen ſo durchdringenden Blick wie ein eiferſüchtiges Weib, Du weißt Alles, obwohl Du niemals fragſt . . . und ſo lange Deine Gegenwart unnütz iſt, ſieht man Dich nicht . . . aber in der Stunde der Gefahr biſt Du da. — Auf meine Ehre, Don Joſé, unterbrach ihn Bembo, ich ſchwöre Ihnen, daß auch nicht ein Atom von unbeſchei⸗ dener Neugier ſich in das Gefühl miſcht, das mich bewogen hat, über Sie zu wachen. . — Weiß ich das nicht? entgegnete Rio Santo, indem er ihm ſeine Hand reichte, die Bembo ſchüchtern drückte; — wenn man in dieſer Welt nur einen einzigen Freund hat, kennt man ihn und beurtheilt ihn ... ich verſichere Dir, in dem Augenblicke, wo ich unter der wüthenden Umſpannung dieſes Mannes niederſank, habe ich an Dich gedacht .. eine unbe⸗ ſtimmte Hoffnung fuhr mir durch den Sinn, ich ſagte zu mir: mein guter Angelo wacht vielleicht über Dich .. — O, Mylord, ſagte Bembo traurig, ich hatte gerade in dieſem Augenblicke meinen Poſten verlaſſen .. 360 — Ich hörte Alles, als ich dort auf dem Boden aus⸗ geſtreckt lag . ich weiß auch, daß Du ſeit vielen Stunden, die Schildwache machteſt . .. edles und zärtliches Herz, das Du biſt, Angelo! Wenn ich an Deine Hingebung denke, ſiehſt Du, ſo glaube ich, daß Gott mich beſchützt und mir den Sieg vorbehält. Bembo erröthete vor Stolz; ſein Ange hatte etwas von jener ritterlichen Begeiſterung, welche in der Seele eines Kriegers durch das Lob eines geliebten Fürſten hervorgeru⸗ fen wird. — Denn Dich liebt Gott, Bembo, fuhr der Margquis fort und ſein Lächeln wurde ſchwermüthig; — zwiſchen Gott und Dir gibt es keine Erinnerungen, welche Dir die Ausſicht in den Himmel verſperren .. . fügte er plötzlich leidenſchaft⸗ lich hinzu, ich gäbe all mein Blut dafür hin, wenn ich mein Schwert in einer ſo reinen Hand halten könnte, wie Du, mein junger Freund, dann erſt würde ich ſtark ſein .. Angelo ſchwieg ehrfurchtsvoll ſtill. Darauf ſprach der Marquis mit gemäßigterer, ruhigerer und tieferer Stimme weiter: — Aber ich bin auch ſo ſtark! . . . und was thut es im Grunde, wenn das Werk heilig iſt, welche Hand es aus⸗ führt! . . O, ich verdiene nicht, die hohe Freude des Tri⸗ umphes, das weiß ich wohl: Moſes hatte geſündigt und Gott wollte nicht, daß er ſeinen Fuß auf das gelobte Land ſetzen ſolle .. aber am Tage ſeines Todes zeigte er es ihm 361 von ferne. — Moſes ſtarb im Lande Moab's, aber bevor ſie ſich ſchloſſen, hatten ſeine Augen Kanaan geſehen. Er faltete mit leidenſchaftlicher Glut die Hände und rief: — Möge ich ſterben, mein Gott, möge ich ſterben; aber wie Moſes mit dem Blick auf das erreichte Ziel, ſterben im Siege! .. Möge mich der Tod auf dem feindlichen Boden erreichen; aber mein letzter Blick müſſe noch von ferne das Morgenroth der ſchönen Tage meines Vaterlandes ſehen können! O, wie gern will ich ſterben, wenn nur das Ge⸗ wicht meines Leichnams das beſiegte England erdrücken hilft und meine Seele, dieſe Welt verlaſſend, mit Trunkenheit die heranbrechende Herrſchaft Irland's begrüßt! Bembo ſtieß einen Ruf der Ueberraſchung aus. — Irland! ſagte er; — das Vaterland! .. Signore, Signore, ich wußte es ja wohl, ich .. daß Ihr Kampf ge⸗ gen den Engländer ein legitimer Kampf ſein mußte. Rio Santo ſchien einen Augenblick in tiefe Gedanken verſunken. — Angelo, ſagte er darauf, ſo ſanft, daß die Weich⸗ heit ſeiner Stimme, faſt den wahren Sinn ſeiner Worte veränderte, — wenn ein andrer als Du, die Hälfte von dem wüßte, was Du weißt, ſo würde ich ihn tödten; aber zwi⸗ ſchen Dir und den Andern iſt ein Abgrund und ich öffne Dir mein Herz, ohne einen Mißbrauch des Vertrauens be⸗ fürchten zu müſſen .. . Und wäreſt Du mein Sohn oder mein Bruder, ich könnte nicht mehr thun, denn meine Ge⸗ III. 16 6 362 heimniſſe gehören zu denen, welche der Erfolg enthüllt oder der Tod mit dem Grabſteine verſiegelt. — Dank, Dank, Mylord, flüſterte Angelo, ich kenne Ihr Leben nicht, aber Ihr edles Herz iſt mir bekannt .. Ihre Geheimniſſe gehören Ihnen; was ich davon weiß — und das iſt ſehr wenig — erfüllt mich mit Bewundrung und Ehrfurcht . .. O, Sie ſind Irländer, Sie werden ſiegen, müſſen ſiegen, Mylord! Und moͤchten Sie mich lieb genug haben, um mir auch meinen Antheil an der Gefahr zu geben. — Ihr Theil iſt ſchon feſtgeſetzt, der Mar⸗ quis mit feſtem Tone, ich rechne ſchon ſeit langer Zeit auf Sie. Das Auge des jungen Italieners erheiterte ſich und eine Frage drängte ſich auf ſeine Lippe, Rio Santo aber winkte ihm Schweigen zu. — Du wirſt den erſten Platz im Feuer haben, Angelo, ſagte et lächelnd; — aber ſo weit ſind wir noch nicht ich habe gedacht, daß Du heute mir gern Geſellſchaft niſ leiſten wollen .. Angelo verneigte ſich. — Schicke mir Ereb, fuhr der Marquis fort. — Ich bin noch ſehr ſchwach; aber ich muß die verlorne Zeit wie⸗ der einholen. Sobald Angelo hinausgegangen war, verſuchte der Marquis aufzuſtehen; ſeine Schwäche war in der That zußerſt groß. Drei Mal mußte er beginnen und ſank immer 363 ſchwer auf den Seſſel zurück. Endlich gelang es ihm, ſich auf die Füße zu richten und er ging ſchwankend auf das Bett zu, deſſen geſchloſſene Vorhänge Angus Mac⸗Farlane verbargen. Der Laird ſchlief feſt. — Armer Bruder, murmelte Rio Santo, auch er lei⸗ det, weil er mich geliebt hat, o, ich muß mich beeilen, zu ſiegen, damit ich das Recht habe, zu ſterben. Ein Geräuſch von Schritten verkündete Ereb's Eintritt in das anſtoßende Kabinet. Rio Santo ließ die Vorhänge vor Angus Bett wieder finken und verließ das Zimmer. Ereb war jener kleine Neger, den wir ſchon geſehen haben, wie er dem ſchönen Edward in dem Salon des vier⸗ eckigen Hauſes von Cornhill zum Leſepult diente. Er konnte etwa vierzehn Jahre haben und ſeine bewunderungswürdigen Formen wurden durch die enge Kleidung und einen um die Hüfte geſchlungenen rothen Caſhemirſhawl ſchön hervor gehoben. Rio Santo fand ihn unbeweglich mitten im Cabi⸗ nete ſtehen. — Zu trinken, rief der Marquis, indem er ſich auf das Schnitzwerk ſeines Schreibtiſches lehnte. Ereb nahm einen kleinen Schlüſſel, der ihm an einem Seidenbande um den Hals hing und öffnete ein herrlich ver⸗ ziertes Käſtchen, das auf einer Etagère ſtand. Aus dieſem Käſtchen nahm er ein Kryſtallglas und ein halbleeres Fläſch⸗ chen, er goß Waſſer in das Glas und ließ zwei Tropfen von dem Inhalte des Flacons hineinfallen. 364 Das Waſſer bedeckte ſich mit ſchäumenden Blaſen und wurde goldfarbig. Rio Santo trank einen Schluck davon. — Es iſt gut, begann er. — Mein Kammerdiener ſoll meine Kleidung zurecht machen. Er ſetzte ſich und leerte das Glas. — Als er eine Minute nachher wieder aufſtand, war Feuer in ſeinem eben vorhin noch erſtorbenen Blicke, und in die zarte Haut ſeiner Wangen ſtieg Blut. Sein reicher Wuchs richtete ſich von ſelbſt in ſeinem ganzen Stolze in die Höhe, er ging mit fe⸗ ſtem Schritte nach ſeinem Ankleidezimmer. Und als er einige Minuten darauf mit jener edeln Ele⸗ ganz gekleidet herauskam, deren Synonym ſein Name gewor⸗ den war, würde man nicht den Mann von vorhin erkannt haben, den Kranken, der unter der Ermüdung von ſieben durchwachten Nächten niedergebeugt war. Jetzt war er wieder jener ſtolze Rio⸗Santo, der König jener glänzenden Armee, welche in den goldenen Salons von Weſt⸗End ihr Weſen treibt. Er war der vorzugsweiſe ſchöne, unwiderſtehliche Ritter ohne Nebenbuhler, der ſogar die ſchönen Erinnerungen von Frauen zu beſiegen wußte, die vas Alter des Liebens bereits überſchritten hatten, er war der Geld der Liebe, der ſtets in den ſüßen Träumen aller Lady's eine Rolle ſpielte, der Mann, der keine Grauſame fand, der Sultan, der das Schnupftuch in London nach Will⸗ kür auswarf, der Götze, deſſen Blicke man ſich ſtreitig machte, und deſſen Gunſt über eine Frau hinwegging, wie einſt die königlichen Launen, ohne ihr die Verachtung der Welt zu⸗ zuziehen. Er war der Halbgott, unter deſſen Füßen die ganze Faſhion ſich gruppirte, ſich drängte, um ein lebendiges Pie⸗ deſtal ſeines Ruhmes zu ſein. Und zu gleicher Zeit war es auch unſer Rio Santo, wie wir ihn kennen, der Mann, welcher dem ungeſtümen Haß gegenüber ruhig blieb und ſtark unter dem erdrückenden Gewicht ſeiner Pläne. Er lebte wieder auf, ſeine Stirn leuchtete, in dem ver⸗ haltenen Blitz ſeines Auges lag eine Welt von Verſprechun⸗ gen und Drohungen. Der Cavaliere Angelo Bembo reichte ihm die Hand, um ihm auf den niedrigen Tritt ſeines Wagens zu helfen, vor dem vier herrliche Pferde ungeduldig mit den Füßen ſcharrten. Rio Santo betrachtete ihn lächelnd. Bembo, der ihn noch nicht wieder angeſehen, trat furchtſam verwundert zurück, ſo viel markige Kraft und unbezwingliche Gewalt ſah er in dieſem Körper, der eben vorhin noch ganz erſchöpft geweſen. — O, Don Joſé, ſagte er, was die kräftigſten Männer niederwirft, gleitet über Sie hin, ohne Spuren zu laſſen .. ich habe Sie ſterbend geſehen .. . und jetzt ſind Sie vollkom⸗ men wohl, lebendig und im Stande Ermüdungen und An⸗ ſtrengungen zu trotzen, bei denen ich mich wie ein Kind er⸗ ſchöpfen würde. ... Hat denn Ihre Seele für Ihren ange⸗ griffenen Körper ſtets einen Vorrath von jenen übermenſch⸗ lichen Kräften? 366 Rio Santo lächelte abermals und ſprang in den Wagen. Bembo ſagte mit dem Tone einer abergläubiſch feſten Ueberzeugung: — Sie werden ſiegen, Mylord, Sie werden ſiegen! Das Pflaſter ertönte von den Hufen der kräftigen Pferde, darauf glitt die edle Equipage leicht und anmuthig auf dem glatten Voden um die kahlen Bäume des Square herum und fuhr im Galopp in den breiten Weg von Grosvenor⸗Place hinein. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Vorbereitungen. Di⸗ Equipage des Herrn Marquis von Rio⸗Santo fuhr durch Green⸗Park, von wo die Dämmerung und die Kälte ſchon die Spazierginger verſcheuchten, durch Picadilly und bog dann in Regent⸗Street ein. Vor Barnwood⸗Houſe hielt ſie ſtill. — Ich komme in einer Viertelſtunde wieder, Angelo, ſagte der Marquis, bevor er ausſtieg. Laß den Wagen in der Straße auf⸗ und abfahren, damit man ihn nicht vor der Thür der Lady Ophelia halten ſieht. Die Gräfin von Derby war allein und hing trüben Gedanken nach. Ihr war die unglückliche Folge der Unter⸗ 4 redung Frank's und Mary's noch unbekannt und der pein⸗ liche Eindruck, der ihr von dem geſtrigen Schritte geblieben 368 war, würde allein nicht genügt haben, ihrem reizenden Ge⸗ ſichte dieſen Ausdruck herber Entmuthigung zu geben. Sie ſaß in einem gepolſterten Lehnſtuhle dem ſterbenden Kaminfeuer gegenüber, deſſen züngelnde Flammen immer wech⸗ ſelnde Schatten auf ihr Geſicht warfen und durch dieſe bi⸗ zarren Lichtſpiele den wahrhaften Ausdruck ihrer Schwermuth häufig verbargen. Aber in Wirklichkeit war auf dieſem gleichmäßig trau⸗ rigen Geſichte weder Zorn noch Fröhlichkeit; Lady Ophelia litt, und ſeit langer Zeit ſchon müde, mit ihrem Leiden zu kämpfen, verſuchte ſie nicht mehr, ſich deſſelben zu erwehren. Sie ließ ſich von ihren ſchmerzlichen Gedanken fortreißen und ihre Seele folgte dieſen fügſam, wohin Laune oder Zu⸗ fall ſie führten. Reue und Befürchtungen wechſelten mit ein⸗ ander ab und Beide fanden vollkommenen Platz in dieſem kampfesmüden Herzen, das ſeine Vergangenheit in einer aller Freuden entbehrenden Gegenwart beweinte und keinen Troſt in der Zukunft fand. Danach muß man auch ihren geſtrigen Schritt beurthei⸗ len. Sie hatte zwiſchen Mary Trevor und Rio⸗Santo ein Hinderniß bereiten wollen, weil Rio⸗Santo ihr ſelbſt ein⸗ mal geſagt hatte, daß eine von ihm bei Mary erlittene Nie⸗ derlage ihn glücklich zu ihren Füßen zurückführen würde. Er hatte dies geſagt. — Aber konnte Rio⸗Santo eine Niederlage erleiden, gab es Hinderniſſe, welche er zu beſeiti⸗ gen nicht im Stande ſein würde? Lady Ophelia war die letzte Perſon in der Welt, welche 360 auf dieſe doppelte Frage bejahend hätte antworten können. Rio⸗Santo war für ſie ein Gott. Aber mit aller jener Inconſegenz eines ſchwärmeriſchen Herzens fürchtete ſie auch gleich tödtlich für die Sicherheit dieſes Gottes. Vor ihrer Furcht nahm er plötzlich die Ver⸗ hältniſſe eines Menſchen an und fie verwünſchte ſich, daß ſie ſein Geheimniß, — ſein Leben — in die Hände eines Fein⸗ des gelegt habe. Denn in ihrer unſinnigen Leidenſchaft hatte ſie gerade den Nobenbuhler des Marquis zum Vertrauten dieſes furchtbaren Geheimniſſes gewählt, den Mann, dem daran liegen mußte, ihn um jeden Preis zu verderben.⸗ Dieſer Mann war redlich, ſie kannte ſein Herz, das of⸗ fen und aufrichtig war, wie das Herz eines Cavaliers in früheren Zeiten; — aber dieſer Mann liebte, er liebte leiden⸗ ſchaftlich und von ganzer Seele. Auch ſie war redlich auch ſie war aufrichtig und hatte ſie nicht dennoch ihren Schwur ge⸗ brochen, den ſie Rio⸗Santo ſo häufig gethan, das verhängniß⸗ volle Abenteuer mit dem Baron Weber zu verſchweigen? Die Liebe iſt wie der Ehrgeiz: ſie macht das Gewiſſen ſtumm und wirft einen Schleier der Vergeſſenheit über die heiligſten Verſprechungen. Und wenn nun Frank ſein Verſprechen vergäße und eine Indiskretion .2 Die arme Ophelia wagte nicht, den Gedanken auszuden⸗ ken, ſie weinte nicht, aber ihr anmuthiger Körper zog ſich in ſich ſelbſt zuſammen in einer Haltung ſtummen Ent⸗ 16 370 ſetzens und ſchien ſich in dem tiefen Lehnſtuhle verbergen zu wollen. Wie bittere Reue fühlte ſie nun und wie ſchuldig kam ſie ſich eben vor! .. Als Jane, ihre Kammerfrau, den Marquis von Rio⸗Santo anmeldete, entſchwanden alle ihre trüben Ideen wie durch Zauber, ſie ſtand getröſtet, Freude⸗ ſtrahlend auf und ging einen Schritt auf die Thür zu. Aber dann hielt ſie plötzlich inne, der Mann, der eintreten ſollte, den ſie ſo glühend liebte, ſie hatte Entehrung und Tod über ſein Haupt verhängt. Sie ſank muthlos auf ihren Seſſel zurück. Rio⸗Santo trat ein und fühlte die Hand zittern, welche er zu ſeiner Lippe erhob, um ſie zu küſſen. Dieſe Aufregung der Gräſin war anſteckend, Rio⸗Santo wurde von außerordentlicher Unruhe ergriffen, ließ die Hand finken, ohne ſie an ſeinen Mund zu bringen, und heftete auf Lady Ophelia einen von jenen Blicken, weſche ſchwache un⸗ terjochte Herzen auf die Folter ſpannen. Ophelia hatte die Augen geſenkt; aber durch ihre ge⸗ ſchloſſenen Augenwimpern fühlte ſie dieſen Blick ſchwer auf ihr laſten. Es ſchien als ob ihr Gewiſſen durch dieſe unver⸗ ſöhnliche und ſtumme Prüfung durch und durch erſpähet würde. Rio⸗Santo zuckte leicht mit den Augenbrauen, er ſah eine Thräne zwiſchen den Wimpern Ophelien's durchdrin⸗ gen. Er wußte, was er wiſſen wollte, was er zu erfahren fürchtete. 371 Er nahm die Hand der Gräfin wieder, drückte kalt einen Kuß darauf und ging wieder nach der Thür. — O Mylord, Mylord, rief Ophelia, und ihre mühſam verhaltenen Thränen brachen aus; — verlaſſen Sie mich nicht ſo! Rio Santo ſtand ſill. Sein Blick war voll Zärtlichkeit und Mitleid. — Nicht wahr, ſagte er; — es reut Sie? O ich glaube es, Madame, Sie möchten Ihre Unvorſichtigkeit um jeden Preis wieder gut machen können. — um den Preis meines Blutes, Mylord, unterbrach ihn Ophelia, rang die Hände und erhob bittend ihren Blick zu ihm. 2 — Ich glaube es, arme Ophelia, ich glaube es, ſagte Rio Santo. — Sie ſind gut und Sie lieben mich . . Ihre Reue iſt aufrichtig . . . aber man kann ein einmal ausge⸗ ſprochenes Wort nicht wieder ungeſagt machen. — Sie wiſſen alſo Alles? flüſterte die Gräfin. — Ich fürchtete Alles, Mylady, ich wußte nichts. Sie ſelbſt haben ſich verrathen .. ſonſt waren Sie ſo fröhlich, wenn ich kam; Ihr Lächeln war ſo offen und glücklich . . Heute empfangen Sie mich in Thränen .. Er hielt inne, dann hob er mit Ruhe wieder an: — Das iſt ein großes Unglück, Madame! .. — Wie? rief die Gräfin verzweifelt, iſt die Gefahr ſo nahe und Ihr Leben .2 — Mein Leben, unterbrach Rio Santo traurig lächelnd, * 372 — es handelt ſich nicht um mein Leben . . aber war es nicht an Herrn von Weber genug?. Die Gräfin fühlte, wie ihre Khrinen auf ihrer 6rhie nenden Wange trockneten. — O Mylord, flüſterte ſie voller Schrecken; — ich fürchte, Sie zu verſtehen. — Sie verſtehen mich, Mylady, Ihre Indiskretion hat einen Menſchen verurtheilt; aber es liegt nicht in Ihrer Macht, in der Macht keines Menſchen, mich zu verurtheilen. Ophelia ſtand auf und ſank auf beide Kniee nieder. — Gnade, Don Joſé, Gnade für ihn! rief ſie. Rio Santo ergriff ihre Hand und ſetzte ſich neben ſie. — Arme Ophelia, flüſterte er; — wie viele Quilen hat Ihnen meine Liebe bereitet! .. . Sie ſind die edelſte und ſchönſte unter den Frauen, deren Erinnerungen ich bewahrt habe ich liebe Sie ſo ſehr als früher, mehr noch, Ma⸗ dame, und man ſoll nicht ſagen können, daß Sie vergeblich Ihr Knie vor mir gebeugt haben . . . Setzen Sie ſich an Ihren Schreibtiſch, und nehmen Sie eine Feder, Ophelia, um dem ehrenwerthen Frank Perceval zu ſchreiben. Die Gräfiin gehorchte augenblicklich. Rio Santo ſtützte ſich auf die Lehne ſeines Fauteuils. — Ich möchte Ihnen viel lieber ganz einfach ſagen: Perceval hat nichts von mir zu fürchten, begann er; — ich öchte das, Madame, denn Ihre kleinſten Wünſche machen auf mich den Eindruck wie die Befehle eines Herrn aber ich gehöre mir nicht ſelbſt an, und was Ihnen mein Wille — 373 — zu ſein ſcheint, iſt nichts als mein Geſchick .. War ich nicht eines Tages genöthigt, das ſüße Leben aufzugeben, welches ich bei Ihnen führte? .. Schreiben Sie, ich bitte! Lady Ophelia tauchte ihre Feder in das Dintenfaß, und der Marquis fuhr fort: — Schreiben Sie dem ehrenwerthen Frank Perceval, daß Sie ihn morgen Abends in Ihrem Wagen am Theater von St. James an der Ecke von Dukeſtreet erwarten werden, morgen Abends um neun Uhr. Ophelia ſchrieb. — Und werde ich mich nach St. James begeben? fragte ſie. „ — Ihre Equipage, Mylady, aber nicht Sie. Ich werde Frank Perceval empfangen. Ophelia wandte ſich ſchnell um und heftete auf Rio Santo einen unruhigen Blick. — Ich gebe Ihnen mein Wort als Edelmann, ſchloß der Marquis, als Antwort auf dieſen Blick, — daß Per⸗ eeval's Leben geſchont werden wird . . Machen Sie die Adreſſe darauf, Madame, denn unſere Stunden ſind gezählt. Lady Ophelia zauderte noch, ſie erinnerte ſich des Ba⸗ ron von Weber. Während ſie zauderte, ſah Rio Santo nach der Uhr und griff nach ſeinem Hute. — Madame, ſagte er ſich verbeugend, eine ſehr gebie⸗ teriſche Pflicht blos kann mich zwingen, mich ſo ſchnell zu entfernen . . . Sie ſcheinen überlegen zu wollen; überlegen 374 Sie. Margen werden Sie mich Ihren Willen wiſſen laſſen. Ich habe Ihnen das einzige Mittel geſagt, durch welches Sie das Leben des ehrenwerthen Frank Perceval retten können. Er ging und Ophelia blieb gedankenvoll. Sie hatte gewiß ernſten Anlaß zum Nachdenken, die Stunden vergingen, ohne daß ſie es merkte, und zweimal ließ die Pendeluhr ihre metallenen Schläge in ihrer Nähe erſchallen, ohne ſie aus ihrer Träumerei aufzuwecken. Dachte ſie etwa an die Gefahr Frank Percevals? Ach, Lady Ophelia war ein edles Weib; alles, was ein Herz nur Würdiges, Gefühlvolles, Gutes in ſich tragen kann, empfand das ihrige. Aber Liebe, welche leidet, hat nur für ſich Gedanken. Ophelia vergaß ihren Brief und verlor ſich bewegt in ſüßen Träumen an eine nur zu liebe Vergangenheit. Endlich fiel ihr der unvollendete Brief wieder in die Augen und riß ſie aus ihrer Träumerei. Ihre Erinnerungen hatten wider ihr Wiſſen ſehr beredt für die Sache des Mar⸗ quis plaidirt; denn ſie unterzeichnete den Brief, ohne weiter zu zaudern, und warf ihn in ihren Briefkaſten, aus dem Jane am andern Tage ihn herausnehmen mußte. — Dieſe ungerechten und beleidigenden Zweifel, flüſterte ſie, — ſind es, welche ihn von mir entfernten Männer haben Duelle .. und Herr von Weber iſt mit dem Degen in der Hand geſtorben .. ach, aber dieſes Duell war ſeltſam, mein Gott! . .. Rio Santo war ſchon ſeit langer Zeit wieder in ſeiner 375 Equipage; Bembo konnte eine Wolke auf ſeiner Stirn be⸗ merken; als er ſich auf die ſeidenen Wagenkiſſen niederſetzte und als der Kutſcher fragte, welcht Richtung er nehmen ſolle, antwortete der Marquis zerſtreut: — Ich weiß nicht. — Wir kehren wahrſcheinlich nach Iriſh⸗Houſe zurück, ſagte darauf Angelo. — Nein, nein, erwiederte der Marquis, der ganz von mächtigen Gedanken beſtürmt zu ſein ſchien; — wir werden erſt in ſehr ſpäter Nacht nach Iriſh⸗Houſe zurückkehren. Dann ſich an den Kutſcher wendend fügte er entſchloſ⸗ ſen hinzu: — Cornhill, Magazin Falkſtone. Augenblicklich ſetzte ſich die Equipage in Bewegung. — Angelo, begann Rio Santo darauf mit bewegter Stimme; — Sie ſprachen von Gefahr! . die Gefahr iſt jetzt gekommen. — Deſto beſſer, Mylord, rief Bembo aus, bei den heiligen Engeln, meinen Schutzpatronen, deſto beſſer! Der Marquis ſchüttelte langſam den Kopf. — O, ſagte er, — wenn ich nicht dieſe letzten ſechs Tage verloren hätte! . . . aber vielleicht haben Andere für mich ge⸗ arbeitet. Meine geheime Correſpondenz erwartet mich in dem Handelshauſe .. . Wie dem auch ſei, der Augenblick iſt gekommen, Angelo! Ein unvorſichtig geſprochenes Wort ... o vertrauen Sie niemals einem Weibe Ihr Geheimniß, „ 376 Bembo . . . ein Wort wird die Kataſtrophe beeilen, und ſchwach oder ſtark, ich muß jetzt in den Kampf. — Ich werde neben Ihnen ſtehen, ſagte Bembo mit der warmen Lebhaftigkeit ſeiner Neigung. — Ich danke Ihnen, Angelo, daß Ihr Leben mir gehört. Er ergriff ſeine Hand und behielt ſ. lange in der ſei⸗ nigen, als ob er ſich ſelbſt in ſeinen tiefen ganz vergeſſen hätte. — Jetzt iſt das Loos gogen flüſterte er endlich; — möge Gott Irland retten! S6 — Gott rette Irland! niin Bembo faſt fröhlich. Der Marquis fuhr bei dieſer fremden Stimme zuſam⸗ men, die ſeinen Gedanken wiederholte, den er bisher tief in ſich ſelbſt verſchloſſen hatte. Sein Auge blitzte, und Bembo mußte vor dieſem ſeltſamen Glanze die ſeinigen niederſchlagen. — Danke, danke, ſagte Rio Santo abermals, und ſeine Stimme nahm einen ſchwermüthigen Ausvruck an; — aber Sie haben mir Furcht gemacht, Angelo; denn dieſe Worte, in London ausgeſprochen, klingen wie ein furchtbares Kriegsgeſchrei . . . und fünfzehn Jahre unermüdlichen Stre⸗ bens, Freund, haben mir das Recht erworben, ſelbſt das Signal zu geben. Der Wagen hielt an der Ecke von Finch⸗Lane und Cornhill. Rio Santo begann wieder mit kurzem und unbefange⸗ nem Tone: 377 — So ſind Sie alſo mein Adjutant geworden, caro . ich habe Ihnen nichts geſagt, aber habe Sie errathen laſſen, das iſt auch eine Art von Vertrauen. — So habe ich es auch verſtanden, Mylord, und ich erwarte, daß Sie mich benutzen. — Sie werden nicht lange Zeit warten, Bembo .. ich trage Ihnen ſogleich auf, in dem Saale von Whitechapel heute Abends noch alle Lords der Nacht zu verſammeln; in zwei Stunden werde ich ſelbſt da ſein .. . ich muß ſie dann zuſammenfinden. — Sie werden ſie finden, Mylord! — Gleichfalls zu derſelben Stunde muß ich ſichere Nachrichten über den Zuſtand der Mine von Princeſtreet ha⸗ ben .. denn wir werden ganze Haufen Goldes nöthig haben, Angelo! — In zwei Stunden ſolen Sie ganz genaue Nach⸗ richten empfangen, Mylord! — Auf baldiges Wiederſehen alſo, ſagte Rio Santo, ſprang aus dem Wagen und ging um die Ecke von Finch⸗ lane, um in die kleine ſchmutzige Gaſſe hineinzugehen, welche zu den Magazinen des Hauſes Edward und Compagnie führt. Der Wagen fuhr fort, um vor dem Laden des Juwelier Falkſtone ſtehen zu bleiben. Bembo ſprang zur andern Wagenthür heraus und ſtieg in ein Cab. In den Magazinen von Edward und Compagnie, deren Fenſterläden hermetiſch verſchloſſen waren, befand ſich kein Licht; aber Ereb, der kleine Schwarze, hatte ſeinen Sitz hinten auf dem Wagen zu gleicher Zeit verlaſſen, als Rio Santo ausſtieg, und zog nun einen Schlüſſel ohne Bart mit viereckigem Loche aus der Taſche, mit Hülfe deſſen er eine hölzerne Platte drehte, welche aus dem Schloſſe der Hauptthür hervortrat. Im Innern war Geräuſch von Federn, als ob dieſes große Schloß vermittelſt jener damals noch ganz neuen Mechanismen geöffnet würde, deren Gebrauch jetzt ſchon in kleinen Kaufläden angewendet wird. Er ſchloß mit einem zweiten Schlüſſel darauf noch ein⸗ mal herum, und die Thür bewegte ſich in ihren Angeln. — Geh' und ſchlag' an die Glocke im Mittelſaale, ſagte Rio Santo ins Haus tretend. — Wie viel Schläge? — Einen einzigen. Der kleine Neger lief voraus. Rio Santo folgte ihm und gelangte bald in jenen Saal ohne Fenſter mit ſechs Thüren, in welchem wir ihn ſchon einmal unter dem Namen Edward in Geſellſchaft des Maſter Smith, der Miſtreß Bertram, des Herrn Falkſtone, des Wechslers Walter und des Maſter Peter Practice, des ehemaligen Sollicitors und jetzigen Krämers und Wucherers, geſehen haben. Kaum hatte die Glocke ausgetönt, ſo öffnete ſich eine von den ſechs Thüren „und Fanny Bertram trat herein. Die Moraliſten und Philoſophen haben die erbärmliche Manier, alle Sachen zu generaliſtren und ſo auch ihre ma⸗ gern Bemerkungen über das weibliche Herz. Dieſe ernſten 379 Schwätzer wiſſen nicht, daß Don Juan ſelbſt, trotz ſeiner ſprichwörtlich gewordenen Erfahrung keine beſtimmten Regeln über dieſen kaleidoskopiſchen Gegenſtand hätte aufſtellen können; und hätte Don Juan an allen Weibern bis auf eine ſeine Erperimente angeſtellt, ſo würde er doch nicht ge⸗ ſchickter geweſen ſein, denn dieſe letzte unbekannte würde ihn bei Gelegenheit doch noch außer Faſſung gebracht haben. Fanny Bertram mußte vor fünf oder ſechs Jahren vor der Zeit, in welcher ſich unſere Geſchichte begibt, ein wun⸗ derbar ſchönes Geſchöpf geweſen ſein. Sie gehörte noch jetzt zu den Weibern, welche man auf der Straße lange mit dem Augen verfolgt und deren Bild, wenn man es einmal erblickt hat, ſich tief in die Erinnerung eindrängt. Was ſie beſon⸗ ders auszeichnete, war eine Weichheit der Geberden, eine Lieblichkeit der Stellungen, deren geheimer Reiz ſich weder mit der Feder, noch mit dem Pinſel ſchildern läßt. Ihr zarter und nachläſſig wiegender Wuchs ſchien eine liebende Stütze zu verlangen, ihr träg vorn übergebeugtes Haupt ließ zwiſchen den dichten Maſſen ſchöner ſchwarzer Haare in den Falten ihres Schleiers gerade noch ſo viel Platz, als man zu einem Kuſſe auf ihre golden bräunliche, ſammtene Haut brauchte. Ihre, durch lange, glänzende, ſeidenen Wimpern verſchleierten Augen ſchienen, wenn ſie ſich halb ſchloſſen, in einem feuchten Lächeln zu ſchwimmen, ihr Mund zeigte, wenn er ſanfte, harmoniſche, langſame Worte ſprach, einen ſchma⸗ len Streifen von dem durchſichtigen weißen Email ihrer Zähne; blos ein unwillkürlich zuckendes Lachen hätte die „ Augen mit einem bläulichen Schimmer umgab. 380 beiden Reihen von Perlen ſichtbar gemacht, über welchen die etwas gebleichten Lippen ruhten, aber Fanny Bertram, welche häufig ein melancholiſches zerſtreutes Lächeln über ihre Züge gleiten ließ, hatte ſchon ſeit lange ſich das eigentliche Lachen abgewöhnt. Sie war eine Creolin von den engliſchen Antillen. Ihre in Abenteuern und Vergnügungen verbrachte Jugend hatte in ihrer ganzen Perſon Spuren zurückgelaſſen, welche nicht im Stande waren, ihre Schönheit zu trüben, aber auch dem unerfahrenſten Auge bemerklich wurden. Alles, was man zu ihren Gunſten thun konnte, war höchſtens, daß man ſich über den Urſprung dieſer körperlichen Erſchlaffung und dieſe Bleiche des Geſichtes täuſchte, welche die Umgebung der — Und auch dann, wie hätte man ſich täuſchen können? Alles an dieſem Weibe athmete die erſtorbenen oder erſtickten Flammen der Wolluſt. Sie ſchien eine Venus, welche der Liebeskämpfe müde geworden iſt. Mindeſtens mußte es dem Anſcheine nach ſo ſein, denn die arme Fanny Bertram führte in der That das Leben einer Nonne und verbrachte ihre Tage in ihrem glänzenden Magazine, ſo ganz ohne alle Art von Liebeshandel, daß kein Dandy vom höchſten, mittleren oder niederem Stande ſich rühmen konnte, nur jemals die Spitze ihrer zarten und weißen Finger geküßt zu haben. Und das iſt es eben, warum wir vorhin Moraliſten und Philoſophen getadelt haben, denn was die Poeten an⸗ 381 betrifft, von denen iſt es notoriſch, daß ſie Studien des weiblichen Herzens anſtellen, wenn ſie die Sonne aufgehen ſehen. Fanny liebte nicht mehr, weil ſie zu viel geliebt hatte, oder vielleicht auch, weil der Mann ihrer letzten Liebe ſie zwang, alle andern zu verachten, die ſie nach ihm noch hätte lieben können. Sie ſchläferte ſich in ihre tropiſche Apathie ein und entſchloß ſich, den Mann zu vergeſſen, der wie ein Meteor über ihr Leben hingegangen war, nach dem Glücke, welches er ihr im Vorbeigehen hingeworfen, wollte ſie von keinem andern Glücke mehr wiſſen. Und doch hatte Fanny viel geſündigt, bevor ſie die Waütnt des Marquis von Rio Santo geworden war, der ſie eines Tages genommen hatte, um ſie am darauffolgenden wieder zu verlaſſen. Jetzt erinnerte ſie ſich und dieſe Erinnerung eines Ta⸗ ges erfüllte ihr ganzes Leben; ſchon ſeit langer Zeit liebte ſie den Marquis von Rio Santo nicht mehr mit der Liebe, welche wünſcht und eiferſüchtig macht; aber ſie bewahrte ihm ihr Herz. Theils aus Apathie, theils aus Liebe brach ſie ſelbſt, ohne moraliſchen Zweck, ohne religiöſe Abſicht und ohne Nothwendigkeit, mit den Freuden ihrer Jugend. Dieſer Körper, an dem Alles Wolluſt zu ſein ſchien, hatte ſeine Sinne eingeſchläfert und ſeine Seele ſchwelgte in der Vergangenheit. Fanny Bertram trug, als ſie in den Mittelſaal eintrat, 382 ein Käſichen mit eingelegter Arbeit, auf welchem ihr Names⸗ zug ſich überall in launiſchen Arabesken mit dem Rio Santo's verſchlang. — Geben Sie, Fanny, geben Sie, rief dieſer, indem er ſchnell nach dem Kaſten griff; — ſind viel Briefe da? — Es find viele, antwortete die Creolin und ſetzt fich neben den Marquis. — Und der Schlüſſel? .. — Laſſen Sie mich öffnen, Edward, Ihre Hand zittert ... — Die Hand Edward's zitterte in der That. Sobald Fanny den Schlüſſel im Schloſſe herumgedreht hatte, hob er den Deckel und ſah begierig hinein. Es waren etwa zwanzig Briefe darin. — Mit einem einzigen Blicke entdeckte Rio Santo unter den zwanzig Briefen ein Couvert von groben Papier, auf welchem ſich ein ärlän⸗ diſcher Poſtſtempel befand. Er ließ ſich einen Freudenſchrei entſchlüpfen und brach das Couvert auf. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Ein koſtbares Kleinod. Fanny Bertram blieb neben Rio Santo ſitzen; obgleich der Brief aus Irland, der ſo ſehnlichſt erwartete, ihr jetzt dicht vor den Augen zur Einſicht war. Rio Santo ſeinerſeits dachte nicht daran, ſich zu ent⸗ fernen; er las eifrig und ohne Mißtrauen. Er, der ſich jeder Stütze beraubte, um keinen Vertrauten zu haben, ließ jetzt einen Theil ſeines Geheimniſſes unverſchleiert einige Zoll von dem Auge eines Weibes. Rio Santo hatte nämlich für kleine, wie fuͤr große Dinge einen durchdringenden Blick und das Vertrauen, welches er intelligenten, leidenſchaftlichen oder ritterlichen Zu⸗ neigungen nicht ſchenkte, gab er dieſem halb erſtorbenen Weibe, welche ſich, in ihre Vergangenheit eingeſchloſſen, der Erinnerung weniger Freudentage labte, für die Gegen⸗ 384 wart gleichgültig, aber noch immer gefeſſelt, aber noch immer eine Liebende war und ſo ſeltſam ſich mit ihrer Kette ver⸗ ſöhnt hatte, daß ſie die Ringe derſelben nicht mehr fühlte. Sie war ſo ganz zum Vergeſſen geneigt, daß es für ſie nicht einmal mehr Eiferſucht gab und ſo alt ſchon unter der wollüſtigen Hülle ihrer Creolenſchönheit, daß ihre Liebe von früher, eine ſinnliche, heftige, aufbrauſende, glühende Leiden⸗ ſchaft, ſich ſo verwandelt hatte, daß ſie der heiligen Entſagung und Zärtlichkeit einer Mutter zu vergleichen war. Aber alles deſſen war ſie ſich nicht bewußt. Fanny Bertram war ein anmuthiges und ſchönes Geſchöpf, dem man nicht begegnen konnte, ohne ſich zu ihr gezogen zu fühlen; aber in ihrer trägen Natur lag auch nicht ein Atom von Hervismus. Rio Santo war vielleicht der Einzige in der Welt, welcher Fanny Bertram kannte, die ſich ſelbſt unbekannt war. Sie war gerade die Frau, wie ſie ihm zur Vertrauten nöthig war, in jenem Sinne nämlich, daß ſie die Rolle eines Kaſtens ſpielte, eines geheimen Behälters, zu dem er, Rio Santo, den Schlüſſel hatte. Sie war das Centrum, in welches von faſt allen Seiten des Erdballs die weiten Verbindungen ſeiner Correſpondenz mündeten. An ſie allein waren jene ereignißſchwangeren und intriguenvollen Briefe adreſſirt, deren unbedeutendſter vielleicht zu zehn Anklagen ſchwerer Verbrechen Anlaß gegeben hätte. — Wußte ſie das? Wahrſcheinlich wohl nicht. Aber hätte ſie es auch gewußt, ſie hätte ihre 385 Rolle doch eben ſo und ganz vollkommen geſpielt; — denn Muth iſt eine Eigenſchaft, welche einer Frau ſelten fehlt. Aber wie hätte ſie auch den Inhalt dieſer Briefe und ihre Bedeutung erfahren ſollen? Iſt die Neugier nicht eine Anſtrengung? Die reizende Creolin legte die Briefe in ihr Käſtchen, ohne einmal nach der Adreſſe zu ſehen . In der That, das Gewerbe eines Don Juan hat ſeine Gefahren, beſonders, wenn man noch das eines Verſchwörers damit verbindet. Es häuft über dem Kopfe eines Mannes furchtbare Stürme zuſammen; aber es hat auch ſeine Vor⸗ theile und Annehmlichkeiten. — Weder ich noch der Leſer würde ein ſo wunderbar diskretes Meuble gefunden haben, unſere Briefe hineinzuthun, als Miß Bertram war, weder ich noch der Leſer! . . . Aber unter unſern Leſern iſt viel⸗ leicht ein Don Juan. Unſer Jahrhundert producirt unge⸗ heuer viel und ſehr niedliche, beſonders in den höchſt acht⸗ baren Klaſſen der jungen erſten Liebhaber an den Theatern und der eleganten Friſeure. Rio Santo indeſſen verſchlang ſeinen Brief aus Irland und jeweiter er las, jemehr glänzte ſein Auge und ſeine Stirn ſtrahlte vor Freude. — Zehntauſend! rief er endlich mit begeiſterter Stimme aus; zehntauſend brave und redliche Herzen! Fanny, welche ihn mit Bewunderung betrachtete, wie man ein geliebtes Gemälde, eine Lieblingscompoſition genießt, fuhr bei dieſem plötzlichen Ausrufe zuſammen. III. 17 386 — Wollen Sie denn Jemanden mit Krieg überziehen, Mylord? fragte ſie, indem ſie über ihren eigenen Schrecken lächelte. Sie glaubte, ſehr weit von der Wahrheit entfernt zu ſein. Rio Santo antwortete nicht; ein neuer Gedanke ſchien ihm plötzlich in den Sinn zu kommen und ſeine Stirn um⸗ wölkte fich. — Aber dieſer Brief trägt das Datum von vor zehn Tagen! murmelte er; — dieſe Leute müſſen ſchon angekom⸗ men ſein ... und ich bin noch nicht bereit! — Dieſer Brief iſt an demſelben Tage gekommen, ſagte die Creolin, — wo ich Ihnen die zehn Tauſend Pfund ausgezahlt habe. — Es muß noch ein anderer darinnen ſein. Rio Santo ſchüttete das Käſtchen aus. Zwei Briefe fielen ihm ſogleich in die Augen; der eine war von London vom heutigen Tage und die Adreſſe von der Hand jenes anderen geöffneten Briefes. — Der zweite trug den Stempel von Irland und ſeine Schrift erweckte durchaus keine Neu⸗ gier in Rio Santo. Er erbrach den von London. Dieſer Brief war eine Ergänzung des erſteren, der die Abreiſe von zehntauſend Irländern, in kleinen Trupps und auf verſchiedenen Wegen, nach London gemeldet hatte; dieſer aviſirte nun die Ankunft dieſer Art von Armee. Rio Santo hatte alſo zu dieſer Stunde zehn Tauſend 387 Soldaten in London, Irländer, das will ſagen, unerſchrocken, verhungert, muthig und zu Allem bereit. Er lehnte ſich auf ſeinem Seſſel hintenüber und Fanny Bertram hörte ihn ſagen: — O . .. dieſe ſechs verlorenen Tage! ... — Ach, wie muß ich glücklich geweſen ſein, als ich glaubte, daß er mich liebe! dachte die ſchöne Creolin, deren Blick das Geſicht Rio Santo's nicht verließ. Dieſer richtete ſich wieder auf und ſah ſchnell die an⸗ dern Briefe durch. Sie waren von den verſchiedenſten Arten und viele davon in Idiomen geſchrieben, welche die Ge⸗ lehrten von Royal Society Mühe haben würden zu verſtehen. Aber Rio Santo war Mitglied keiner einzigen Akademie. Er las ſchnell dieſe Botſchaften, welche alle mehr oder minder günſtig für ſeine Pläne waren. Alles ging an jenem Tage ſeinem Wunſche nach. Jeder Punkt des Erd⸗ theils ſandte ihm eine Waffe gegen ſeinen mächtigen Feind. Deshalb ſchienen ihm auch alle dieſe Briefe, als er ſie wie eine ſtumme Verſchwörung neben einander legte, Er⸗ folg und Sieg zu verſprechen und ein ungeheurer Stolz ſtieg ihm ins Herz; er fühlte wie der abgefallene Erzengel die Kraft in ſich, mit Gott zu kämpfen. Fanny ſchlug ſeufzend die Augen nieder. — Wie war es möglich, dachte ſie, daß ich nicht ge⸗ ſtorben bin, gleich an dem Tage, wo ich merkte, daß er mich nicht mehr liebe! Rio Santo ſtand auf und machte alle dieſe Briefe in 17 388 ein Packet zuſammen; ſeine Finger erzitterten bei ihrer Be⸗ rühung, wie von einem kriegeriſchen Vergnügen. Er fühlte, daß ſie unter ſeinen Händen, wie ein Bündel Donnerkeile waren, deren furchtbarer Stoß genügen würde, ein Königreich zu erſchüttern. — Ans Werk! — ſagte er, ohne zu wiſſen, daß er ſpreche. . In dem Augenblick, wo er nach der Thür zuging, welche ins Bureau von Edward u. Comp. führte, rief ihm die Stimme Fanny's nach: — Sie haben noch einen Brief vergeſſen, Mylord! ſagte Sie. Rio Santo kehrte ſchnell wieder um. — Es iſt wahr, ſagte er, Fanny die Hand küſſend, daß ſie erbleichte. — Sie ſind mein guter Engel, Fanny .. Sie wachen Tag und Nacht über meine Geheimniſſe, ohne jemals einen Verſuch zu machen, ſie zu errathen. Ich habe keinen beſſern Freund als Sie. Funny wollte lächeln, aber ihre Augen wurden feucht. Es hilft nichts, daß man alt wird und ſein Herz mit einem Wall von Eis umgibt, die Seele bekommt immer wieder plötzliche Rückfälle. Fanny fühlte an jenem Tage ſich un⸗ glücklich; ſie hatte Rio Santo zu lange und zu aufmerkſam betrachtet. Sie reichte dem Marquis den Brief; dieſer nahm und öffnete ihn. 389 — Einen Brief aus Irland zu vergeſſen, murmelte er lächelnd. Ohne ſich auf der erſten Seite aufzuhalten, ſah er gleich nach der Unterſchrift und kaum hatte er dieſelbe ge⸗ leſen, ſo verbreitete ſich ein Ausdruck von ernſter Ehrfurcht über ſeine ſtolze Phyſiognomie. Er ſetzte ſich und las den Brief, von einem Ende zum andern, zwei Mal hinterein⸗ ander. Folgendes war der Inhalt dieſes Briefes. „Mylord. „Obgleich unſere Anſichten weſentlich von einander ab⸗ „weichen und wir über die Mittel, unſerem theuren Irland „wieder zu dem Range zu verhelfen, den es unter den Na⸗ „tionen einnehmen muß, ganz entgegengeſetzter Anſichten „ſind, ſo haben doch Ihre Hingebung, Ihre heiße Liebe zu „dem gemeinſchaftlichen Vaterlande, den Mann nicht kalt „laſſen können, deſſen ganzes Leben Irland geweiht iſt, deſſen „einziger leidenſchaftlicher Wunſch das Glück des irländiſchen „Volkes iſt. „Die verſchiedenen Gelegenheiten, welche ich gehabt, mit „Ew. Herrlichkeit darüber Erörterungen zu pflegen, haben „mich mit Bewunderung erfüllt über die Höhe Ihres Ge⸗ „ſichtspunktes, über die Richtigkeit Ihres außerordentlichen „Scharfblickes und die mächtigen Hülfsquellen Ihres kühnen „Geiſtes. „Gewiß, Mylord, wenn der offenbare Krieg, welchen „Ew. Herrlichkeit damals** zu erklären beabſichtigte, einen 390 „günſtigen Ausgang haben kann, ſo würde er es nur unter „Ihrer Leitung. Sie haben das Genie zum Vorbereiten und „die Tapferkeit zur Ausführung. „Aber der Kampf iſt zu ungleich, Mylord! — Viel⸗ „leicht wird ein Tag kommen, wo die Wage zwiſchen beiden „Ländern ſich gleich ſtellt und dieſer Tag wird dann anbre⸗ „chen, wenn das ſchmachvolle Unrecht Englands den Augen „der Engländer ſelber offenbar geworden iſt und uns ſogar „in den Reihen unſerer Feinde Hülfstruppen gibt; ein „langer Schrei der Mißbilligung wird ſich aus allen Gegen⸗ „den Europa's erheben und wie ein ſchweres Gewicht der „Schuld auf die egoiſtiſche und elende Regierung fallen, „deren erpreſſende Proconſuln ihre Hand auf unſerm un⸗ „lücklichen Vaterlande liegen haben. „Bis dahin, Mhylord, muß man warten. Denn wür⸗ „den wir beſiegt, ſo fielen wir nur noch tiefer; als Sieger „aber müſſen wir mit denen abrechnen, welche unſre Tyran⸗ „nen waren. „Mylord, Sie haben mir niemals Ihre Pläne mitge⸗ „theilt, aber da ich Ihre hohe Begabung kenne, kann ich „nichts andres denken, als daß Sie den Fremden gegen Eng⸗ „land zu bewaffnen vorhaben. Glauben Sie, daß das Ir⸗ „land einen Dienſt leiſten werde, Mylord? „Ich wage es zu denken, daß ich ein eben ſo eifriger „Patriot bin, als Ew. Herrlichkeit, der einzige Unterſchied „zwiſchen uns beſteht darin, daß ich, obwohl von vieler „Liebe für mein Vaterland beſeelt, doch von jedem ſyſtemati⸗ 391 „ſchen Haſſe fern bin. Gott bewahre mich davor, daß ich „den Sturz England's, dieſes großen, dieſes kräftigen Volkes „wollte! Mylord, es iſt nicht nothwendig zu zerſtören, um „zu bauen. — „Ich will, daß Irland frei werde, Mylord, das iſt „Alles; — Sie dagegen wollen, daß Irland, ſeine Freiheit „erobernd, den Fuß auf die engliſche Hauptſtadt ſetze und „nun ſie zur Vergeltung zur Sklavin mache. Cw. Herrlich⸗ „keit hat viel Haß. „In dem Briefe, welchen Sie mir zu ſchreiben mich „beehrten, verlangen Sie meine Mitwirkung und meinen Rath. „Mag nun meine Mitwirkung mächtig ſein, wie Sie ſagen, „oder nur ſchwach, wie ich es glaube, ich kann Ihnen die⸗ „ſelbe nur zuſagen, wenn Sie den geſetzlichen friedlichen Weg „verfolgen, welchen ich ſelbſt eingeſchlagen habe. Irland „hat auf mich ſein Vertrauen geſetzt; ich ſuche nach beſten „Kräften, es zu verdienen; aber von dem Tage, wo Sie „einer der Unſrigen ſein wollen, Mylord, und in den Reihen „der Kämpfer für die Repeal ſich befinden, dann will ich „nur noch Ihr Adjutant, oder Ihr Miniſter ſein, weil ich „Glauben an Ihre Fähigkeiten habe und in einem Genie, „wie dem Ihrigen, das Wohl eines ganzen Volkes, ſein „Wohl und ſein Ruhm begründet liegt! ...“ — Repeal, murmelte Rio Santo ungeduldig; — das iſt ein bloßes Wort! „Die Repeal,“ fuhr der Brief fort, als ob er ſich be⸗ 392 müht habe, auf dieſe Unterbrechung zu antworten! — war⸗ „ten Sie fünf Jahre, Mylord, warten Sie höchſtens zehn „und dann wird Ihnen das Echo der ganzen Welt dieſes „Wort vergrößert, angeſchwollen, drohend und ſo furchtbar „zurückſchicken, daß England in ſeinen Grundfeſten, beim 4i Klange deſſelben, erſchüttert werden wird. „Was den Rath anbetrifft, welchen Ew. Herrlichkeit „von mir fordert, ſo iſt es folgender: laſſen Sie Ihren Haß „nicht über Ihren Patriotismus die führen. War⸗ „ten Sie. „Ich bin nicht dafür bekannt, daß ich zu viel Geduld „habe, Mylord! Man klagt mich von allen Seiten der „Heftigkeit, der Leidenſchaft, des Jähzorns an und in dieſen 3 „Beſchuldigungen liegt viel Wahres. Das Blut kocht mir „in den Adern bei dem Gedanken an Irland's Unterjochung, — „aber in unſerm Jahrhundert iſt das Geſetz eine ſchneidendere „Waffe, als das Schwert. Ich will nach dem Geſetze ſiegen, „mit dem Geſetze, durch das Geſetz. Meine Heftigkeit, meine „Leidenſchaft, mein Jähzorn — Alles das kann ſchweigen; ich „weiß zu warten .. .“ Rio Santo machte heftig den Brief zu, zerknitterte ihn und warf ihn in den Winkel des Käſtchens. Wir können den berühmten Namen, welcher unter dieſer Botſchaft ſtand, nicht mit allen Buchſtaben ausſchreiben, aber das ganze Univerſum kennt dieſen Namen, er ruft zu gleicher Zeit ein romantiſches und ernſtes Intereſſe hervor, er iſt in 393 Aller Munde und der Inbegriff der größten Volksberühmtheit unſres Zeitalters. Die Begeiſterung Rio Santo's war durch die Berüh⸗ rung mit dieſem kalten Verſtande plötzlich erkältet worden; er blieb einige Minuten unbeweglich in Betrachtungen ver⸗ ſunken. Fanny, das arme Weib, bereute es, daß ſie ihn ge⸗ zwungen habe, den Brief zu leſen, der ſeine Freude ſo ſchnell in Traurigkeit verwandelt. — Dieſer Mann iſt ein Advokat, ſagte endlich Rio Santo voll Zorn und Bitterkeit. Darauf verbeſſerte er ſich augenblicklich, als ob er ſich einen Vorwurf aus dieſer Aufwallung mache. — Es iſt ein lichtvoller Geiſt, fügte er hinzu und ein großer Bürger, — aber er hat keine Ahnung von meinen Hülfsquellen er weiß nicht Sein triumphirendes Lächeln erſchien wieder auf ſeinem Geſichte, während er in ſeiner offenen Hand das Packet Briefe wog, das vorhin im Koffer gelegen. — Er weiß nicht, fuhr er wieder fort, daß meine Armee zerſtreut iſt, bei allen England feindlichen Völkern! Er weiß nicht, daß ich überall den Kreuzzug gegen Groß⸗ britannien gepredigt habe! .. Warten, ſagt er aber ich habe fünfzehn Jahre gewartet, auch das weiß er nicht! .. aber doch hat er in einem Punkte Recht . ich haſſe Eng⸗ land faſt eben ſo ſehr, als ich Itland liebe .. und des⸗ halb allerdings genügen mir ſeine geſetzlichen, frieblichen 3 17* 394 Mittel und Wege nicht; — deshalb will ich zerſtören, um aufbauen zu können; — deshalb habe ich Eile und bin ge⸗ ſonnen, nicht mehr zu warten! .. Einige Minuten darauf ließ der Marquis von Rio Santo ſich im Salon ſeiner Gnaden, des Fürſten Dimitry Tolſtoy, Ambaſſadeur Sr. Majeſtät des Kaiſers aller Reuſſen, anmelden. Der Ruſſe hatte ſpeben ſeine Toilette beendet, er wollte an den Hof. Seine Feldmarſchalluniform glänzte von Gold und Diamanten und die wilde Barbarei ſeiner Züge wurde dadurch um ſo mehr gehoben. Bei Rio Santo's Anblick nahm er eine freundliche und geſprächige Miene an und befahl, ſeinen Wagen wieder auszuſpannen. — Herr Marquis, ſagte er: — die Ehre Ihres Be⸗ ſuches erfreut mich ungemein. Ich hoffe, daß wir lange mit einander plaudern werden . — Wir werden ſehr lange plaudern, Mylord, antwor⸗ tete Rio Santo. Der Fürſt verneigte ſich anmuthig und führte ſeinen Gaſt zu der koſtbaren Cauſeuſe, welche neben dem Kamine ſtand und ihre mit Sammet gepolſterten Lehnen einladend ausſtreckte. Rio Santo ſetzte ſich, der Fürſt that desgleichen. — HBerr Marquis, begann der Letztere, unſere Angele⸗ genheit ſchreitet vorwärts . ich habe in allen Punkten die 399 — Das kann nicht Ihr letztes Wort ſein, Mylord, denn der Brief des Kaiſers .. — Meinen Sie denn, daß Nicolaus zu dem unvor⸗ ſichtigen Schritte ſeine Einwilligung geben könne, welchen Sie mir vorſchlagen? rief Tolſtoy. — Nein, Mylord, nein, gewiß nicht, antwortete der Marquis mit nachläſſiger Kälte; — das kann ich nicht mei⸗ nen .. Seine kaiſerliche Majeſtät iſt ein zu Politiker, als daß Der Ruſſe auf und ſtieß ſeinen Seſſel mit Hef⸗ tigkeit von ſich. — Dann alſo, ſagte er und ließ ſeiner zurückgehaltenen Furcht von neulich, ſo wie ſeinem jetzigen Zorne den Zügel ſchießen; — dann, mein Herr, iſt Ihr Vorſchlag ein offen⸗ barer Schimpf .. — O nicht doch, Fürſt, nicht doch „.. ſagte Rio Santo ernſt; Ihre treue Ergebenheit kann auch nicht den Schatten eines Zweifels aufkommen laſſen . . niemals hatte Se. Majeſtät einen zuverläſſigeren, — einen vorwurfsfreieren Diener. Tolſtoy bezwang abermals ſeinen Zorn, und eine Art von inſtinktmäßigem Schrecken malte ſich in ſeinem Blicke, den er ſchnell mit dem ſtruppigen Haar ſeiner dichten Augen⸗ brauen verſchleierte. — Mylord, ſagte er, ſich wieder ſetzend, — ich hatte geglaubt .. ich meinte . ich nehme mit Vergnügen die Erklärung Ew. Herrlichkeit entgegen. 400 Und Cw. Gnaden iſt alſo über den Gegenſtand meines Beſuches mit mir einverſtanden? Tolſtoy befragte mit einem ſchnellen Blicke die Phyſio⸗ gnomie Rio Santo's. Die vollkommene und bis zur In⸗ differenz getriebene Ruhe, welche er auf derſelben bemerkte, ſchien aufs neue ihn in ſeinem Ideengange abzulenken; er nahm ſeinen peremtoriſchen Ton wieder an. — Nein, Mylord, antwortete er. Der Brief Sr. Ma⸗ jeſtät, der in Ihren Händen iſt .. — Iſt ſehr deutlich, denken Sie daran, Fürſt! — Aber nicht deutlich genug, um zu einem Verrathe zu autoriſiren, Mylord! Rio Santo lächelte wie unwillkürlich und antwortete: — Ich begreife ſehr wohl, daß Ew. Gnaden ſchon vor dem Gedanken eines Verrathes den äußerſten Abſcheu hegt. — Was ſoll das heißen? rief Tolſtoy wieder aus, in⸗ dem er ſeine ſtolze Stellung wieder annahm; — das iſt ſchon zum zweiten Male, daß Ihre Worte einen ſpöttelnden Ton haben. — In keiner Weiſe, Mylord ... Geruhen Sie ſich zu ſetzen, ich bitte Sie. Niemals habe ich ernſter geſprochen .. ich begreife, ſagte ich, daß Ew. Gnaden ſchon vor dem bloßen — Gedanken eines Verrathes Abſcheu hegen, weil ich zu wiſſen glaube, daß Ihnen der Verrath früher einmal nicht ge⸗ lungen iſt. Tolſtoy wurde bleich vor Wuth; ein bitteres, krampf⸗ huftes Lachen zog ſich um ſeinen Mund und ließ die lange 401 Reihe ſeiner ſpitzen und weißen Zähne, die etwas Thieriſches hatten, ſehen. Es lag in der Haltung, welche er plötzlich darauf annahm, etwas von einem drohenden Tiger, der be⸗ reit iſt, ſich auf ſeine Beute zu ſtürzen, um ſie zu zerreißen. — Wer hat Ihnen das geſagt? fragte er mit erſtickter Stimme. — Niemand ... ich habe es erfahren, das iſt Alles. — Wie haben Sie es erfahren? — Das iſt eine Anekdote, Mylord, antwortete Rio Santo, indem er der brutalen Heftigkeit Tolſtoy's eine ceremoniell übertriebene Höflichkeit entgegenſetzte; — ich mache mir ein Vergnügen daraus, ſie Ew. Gnaden zu er⸗ zählen . . . Es war, wenn ich mich recht erinnere, 182.; ich befand mich in Petersburg unter dem Namen von Policeni .. . — Policeni? wiederholte Tolſtoy. — Ja ich habe auf dieſe Weiſe eine ziemliche Menge von Namen getragen . zn jener Zeit gab es einen jungen Edelmann, der ſehr gut bei Hofe ſtand; es war der Graf Dimitri Spraunskow, welcher um dieſer oder jener Urſache willen des Hochverrathes angeklagt wurde .. — Aber er wurde vor Gericht geſtellt, Mylord, unter⸗ prach Tolſtoh lebhaft; — vor Gericht geſtellt und von dieſer verleumderiſchen Anklage freigeſprochen .. Sie haben Un⸗ recht gehabt, dieſe traurige Erinnerung benutzen zu wollen. — Der Graf Dimitri wurde aus Mangel an Beweiſen freigeſprochen, Mylord! 402 — Die Verleumdung ermangelt ſtets der Beweiſe, mein Herr ... und bei St. Nicolas, der Graf Spraunskow, der Fürſt Tolſtoy geworden . . . verſtehen Sie mich, trägt den Kopf darum nicht minder hoch, weil er früher ein Mal falſch angeklagt worden iſt. — Jeder trägt den Kopf ſo, wie er's verſteht, Mylord ... ich ſagte alſo, daß Ew. Gnaden aus Mangel an Beweiſen, freigeſprochen wurden. — Und was gedenken Sie daraus zu ſchließen, wenn ich fragen darf, mein Herr? fragte Tolſtoy hoffärtig. — Wenn Ew. Gnaden mir gütigſt erlauben wollen, ſo S⸗ ich meine Anekdote weiter zu erzählen Zü jener Zeit hatte der Graf Spraunskow eine ſehr ſchöne Ita⸗ lienerin, — ſehr ſchön, Mylord, das muß ich eingeſtehen, — ſie tith Signora Palianti .. — Das iſt wahr, flüſterte der Ruſſe. — Ich weiß nicht, wie es geſchah . es ſcheint wohl, daß Spraunskow als Gefangener es bereute, in ſeine ſchöne Maitreſſe zu viel Vertrauen geſetzt zu haben, daß er Ge⸗ ſtändniſſe fürchtete, — vielleicht Schlimmeres noch: die Her⸗ ausgabe eines anvertrauten Schatzes .. . wichtiger Acten⸗ ſtücke . Beweiſe ſogar ... — Aber, mein Herr, wollte der Ruſſe Rio Santo unterbrechen. — Erlauben Sie, Mylord, fuhr der Marquis friedlich fort; — ich ſagte: Beweiſe. Mein Gott, ja es möchte allerdings gewiß ſcheinen, daß die Signora Palianti, ob ſie nun im Komplotte war oder nicht, Schriften beſaß, — den Etat, — die doppelte Buchhandlung der Verſchwörung .. denn in Rußland iſt man bei dergleichen Sachen noch nicht weiter gekommen .„. die Kunſt iſt daſelbſt noch in der Kindheit. O Mylord, ich möchte wetten, der Fürſt Dimitry Tolſtoy würde heute eine ähnliche Unbeſonnenheit nicht mehr begehen! .. — Mein Herr, mein Herr, werden Sie mir ſagen .. — Erlauben Sie, Mylord ... Der Graf Spraunskow verſuchte einen Schulſchnitzer durch eine Ungeſchicklichkeit wie⸗ der gut zu machen und ſchrieb an Laura .. — So ſind Sie alſo ihr Liebhaber geweſen! rief Tol⸗ ſtoy ſchäumend. — Wahrhaftig, Mylord, antwortete Rio Santo mit einer ſo vollkommenen Vornehmheit, daß die Geckenhaftigkeit ſeiner Rede faſt unbemerkt vorüberging — das wäre das Allerge⸗ ringſte und Ew. Gnaden können nicht verlangen, daß ich mich ſehr genau darauf beſinnen ſoll .. . wenn ich jenes Glück gehabt habe, ſo muß es annnins um die Zeit ge⸗ weſen ſein, von der ich ſpreche, denn der Brief des Grafen glangte zu meiner Anſicht . — Die 3 Tolſtoy; — während ich gefangen war! ... — Ich glaube nicht geſagt zu haben, unterbrach ihn Rio Santo; — daß die Signora bis zu der Verhaftung Ew. Gnaden damit gewartet hat. 404 Er endigte ſeine Phraſe mit einer leichten Verbeugung, die von einem wohlwollenden Lächeln begleitet wurde. Der Ruſſe, wie alle Perſonen ſeiner Nation, bis zum Uebermaß eitel, empfand dieſe letzte Bosheit, welche ihn in einem der liebſten Gegenſtände ſeines Stolzes verletzte, aufs Tieſſte. Er ſtand zum zweiten Male vor Wuth zitternd auf und trat einen Schritt auf den Marquis zu. Dieſer behielt ſein Lächeln bei und empfing ihn mit ſeinem ſouverainen Blicke, deſſen Gewalt Tolſtoy's blitzendes Auge nöthigte, ſich hinter den ſtruppigen, gerunzelten Augen⸗ brauen zu verbergen. Er blieb zwiſchen Wuth und einer abergläubiſchen Furcht ungewiß ſtehen und es fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn, daß dieſer Menſch, welcher ihm gegenüber ſitze, eine übernatürliche Gewalt habe. Rio Santo ſtützte ſich ruhig auf die Lehne ſeines Sopha's. — Ja, Mylord, fuhr er fort. Der Brief des Grafen Spraunskow war nicht für die Signora allein; aus ihrer Hand ging er in die meinige. — Und Sie laſen ihn? .. — Ich beging dieſe Indiskretion, Mylord! Tolſtoy ließ ſich einen Fluch entſchlüpfen und begann den Saal mit langen Schritten auf⸗ und abzugehen, indem er in heimliche Verwünſchungen ausbrach. Rio Santo ſchien ſich nicht um dieſe wüthende Promenade zu bekümmern, bei welcher der Fürſt ſich das Vergnügen machte, eine Taglioni 405 von Marmor, welche er den Tag vorher für hundert Pfund gekauft, an der vergoldeten Bronce des Kamines zu zer⸗ ſchlagen. Dieſe Erecution brachte ihm weſentliche Erleichterung. — Meiner Treu, Herr Marquis, ſagte er nach einigen Sekunden, mit einem Tone, welcher unbefangen ſein ſollte; — ich weiß eigentlich nicht, wie wir heute Abend mit ein⸗ ander daran ſind; aber im Grunde, was geht mich alles dies an? . ich vermuthe, Sie denken nicht, daß ich noch jetzt auf die Signora Palianti eiferſüchtig bin und was meinen Brief anbetrifft, ſo gibt er Ihnen das Recht, mich für ſchuldig zu halten, das iſt Alles. — Erlauben Sie, Mylord, entgegnete Rio Santo mit ernſtwerdender Stimme: — Ew. Gnaden irren ſich: das iſt nicht Alles .. wenn es Alles wäre, hätte meine Anekdote keine Pointe und ich würde genöthigt ſein, ſie mit irgend einer trivialen Moral zu enden, zum Beiſpiel wie die fol⸗ gende: ein großer Narr iſt Derjenige, der ſeine Geheimniſſe in die Hände eines Weibes legt ... Das Beſte kommt noch, Mylord! . — Was gibt es noch? murmelte der Fürſt. — Ich habe Ew. Gnaden in einer Abſicht meinen Beſuch gemacht, — mein Verlangen iſt ſchon einmal zurück⸗ gewieſen worden, — und jetzt gebe ich mir die Ehre, es verſtärkt zu erneuern. — Das iſt unnütz, mein Herr, ſagte Tolſtoy unge⸗ duldig. 406 — Verzeihen Sie mir, Mylord, es iſt nicht blos ſehr nützlich, ſondern ſogar abſolut unerläßlich .. . ich muß Ihnen ſagen, daß ich, ſo lange ich mich entſinnen kann, von einer ſeltſamen Manie beſeſſen geweſen bin ich empfehle Ihnen übrigens dieſelbe, Mylord, denn ich habe mich bei derſelben ſehr gut befunden . . . Dieſe Manie, beſteht darin, jede Gelegenheit zu ergreifen, bei welcher ich in ein Geheim⸗ niß eindringen kann, ſollte ich auch noch nicht ahnen können, wozu mir die Mitwiſſenſchaft deſſelben einſt nützlich ſein kann . . . Sehen Sie, Mylord, ich nenne das den Acker des Zufalls beſäen .. . und ich kenne kein Feld, das ſo fruchtbar iſt, als der Zufall. Mitunter muß man auf die Ernte warten, — aber eines ſchönen Tages kommt die ver⸗ geſſene Saat plötzlich und der Ertrag überſteigt mitunter die thörichten Hoffnungen. Tolſtoy fühlte ſein Herz von einer unbeſtimmten Be⸗ ſorgniß bedrängt, er merkte, daß Rio Santo ihm eine ver⸗ wundbare Stelle abgelauſcht habe und wußte nicht, nach welcher Seite hin er den Stoß pariren ſollte. Er ſtand mit gekreutzten Armen vor dem Marquis, der noch immer nachläſſig in ſeiner Cauſeuſe ſaß. Seine wachſende Angſt malte ſich mit naiver furchtbarer und zugleich ſpaßhafter Energie auf ſeinem rohen Geſichte. Rio Santo fuhr mit kurzem Tone fort: — Ich will Sie nicht länger ſchmachten laſſen, My⸗ lord. Nachdem ich Ihren Brief geleſen, bekam ich die 407 Laune, auch die von Ihnen der Signora Palianti anver⸗ trauten Beweiſe und Actenſtücke ſehen zu wollen .. — O unbeſonnener, thörichter Narr! flüſterte der Fürſt auf ſich ſelbſt wüthend. — Ich hätte nicht gewagt, dieſen letzten Ausdruck von Ew. Gnaden zu gebrauchen, entgegnete Rio Santo; — die Signora weigerte ſich Anfangs, meiner Neigung zu willfah⸗ ren. Ich muß hinzufügen, daß ſie lange meinen Bitten widerſtand, mindeſtens fünf Minuten, Mylord! Aber ſo tapfer ſie auch ſei, jede Vertheidigung hat ein Ende und die Signora gab endlich nach. Ich hatte jene famoſen Ar⸗ tenſtücke in den Händen, Hurch welche ich erfuhr, daß Sie mit den geheimen Geſellſchaften Deutſchlands in Verbindung ſtanden .. Mein Gott, Mylord, in Rußland ſcheint man wahrhaftig das furchtbare Spiel der Verſchwörungen noch ganz regelrecht und nach allen Paragraphen zu ſpielen. Die anvertrauten Papiere waren auf das vollſtändigſte geordnet und auch nicht das kleinſte fehlte daran. Man hätte ſagen mögen, es ſeien die Manuglacten Catilina's . .. Da war Alles, Reden, mit Vlut geſchriebene Eide und ſogar die klaſſiſche Namensliſte der Verſchworenen! ... Rio Santo begann zu lachen. Tolſtoy ſchäumte im Stillen gegen ſein Gebiß. — Die Liſte war dabei, meiner Treu, fuhr der Mar⸗ quis fort, eine lange und mit edlen Namen wohl verſehene Liſte und der Ihrige nahm darunter einen ſehr ehrenvollen Platz ein .. . 408 — Und was machte Ew. Herrlichkeit mit dieſen Pa⸗ pieren? fragte Tolſtoy ſchüchtern und holte mühſam Athem. — Ich gab ſie der Signora wieder, Mylord! Ein Seufzer der Erleichterung entrang ſich der Bruſt des Fürſten und er hob den Kopf wieder in die Höhe. — So, Sie gaben ſie alſo der Signora wieder, ſagte er mit jener verhaltenen Stimme, welche drohend und her⸗ ausfordernd zu werden im Begriff ſteht. — Mein Gott, ja. — Alle? .. — Beinahe alle. Tolſtoy fuhr zurück, als habe er einen Dolchſtoß in die Bruſt bekommen. — Mylord, ich behielt nur eines, ſagte Rio Santo mit ſeiner unerſchütterlichen Höflichkeit; — ein einziges, das kleinſte von allen, — drei mit Blut geſchriebene und unter⸗ zeichnete Reihen. — Den Eid, ſtotterte Tolſtoy vernichtet. — Allerdings, Mylord! — Der Eid, mit welchem ich ſchwur .. . mein Gott, mein Gott! — Mit welchem Sie ſchworen, Ihren Dolch in die Bruſt Sr. Majeſtät zu ſtoßen ... Die deutſchen Verſchwö⸗ rungen lieben keine großen umwege. — Mein Gott, mein Gott, wiederholte der arme Tar⸗ tar, der durch dieſen tödtlichen und unvorhergeſehenen Schlag ſchwächer als ein Kind geworden war. 409 — Mylord, fuhr der Marquis fort, ich konnte damals nicht denken, daß der Graf Spraunskow, ein Staatsgefan⸗ gener, ſeine Geheimniſſe einer Abenteuerin anvertrauend, eines Tages die Blume der europäiſchen Diplomaten werden würde .. es war blos die Macht der Gewohnheit, welche mich trieb ich beſäete den Acker des Zufalls .. . wie Sie ſehen, iſt die Erndte gekommen. Tolſtoy antwortete nicht ſogleich, er ſank erſchöpft in einen Seſſel. Tauſend drohende und ſeltſame Bilder gingen an ſeinen Augen vorüber, er ſah die dumpfen Gefängniſſe der Caſematten, die Eisfelder Sibiriens, das Schwert des Henkers .. Nach einigen Minuten rollte er ſeinen Seſſel auf dem Teppich ganz in Rio Santo's Nähe. — Alſo, ſagte er mit leiſer Stimme, — beſitzen Sie dieſe Schrift, Herr Marquis? — Dergleichen Dinge, Mylord, hebt man ſich auf. Das Auge Tolſtoy's ſchien plötzlich mit ſtrahlendem Blicke Rio Santo von oben bis unten zu meſſen und die Ausſichten auf einen verzweifelten Kampf zu prüfen. Rio Santo, welcher dieſen Blick vollkommen bemerkte, rührte ſich nicht. — Sie haben ſie bei ſich? ſagte der Fürſt. — O nein, Mylord. Tolſtoy biß ſich auf die Lippe, ſein Blick erſtarb. — O nein, wiederholte Rio Santo lächelnd; — wohin denken Ew. Gnaden? .. Ich kenne kein Portefeuille, das III. 6 18 . 410 groß genug wäre, um all' die kleinen Talismane zu faſſen, welche ich ſo während meines Lebens geſammelt habe. Ihr Schwur iſt an ſeinem Platze. — Wo? fragte der Fürſt, ohne Hoffnung, eine Antwort zu erhalten. — In St. Petersburg, Mylord! Tolſtoy richtete einen Blick des giftigſten Haſſes auf Rio Santv. — Herr Marquis, ſagte er, ihm konvulſiviſch die Hand drückend, möge Sie Gott davor bewahren, daß Sie ſich jemals ſo in meiner Gewalt befinden, wie ich mich jetzt in der Ihrigen! ... Befehlen Sie, ich werde gehorchen! .. Einunddreißigſtes Kapitel. Die Niederlage von Sodawaſſer. De Marquis von Rio Santo gab ſeine träge Stel⸗ lung augenblicklich auf und änderte ſogleich den Ton. — Wir haben nur noch ſehr wenig Zeit, von Ge⸗ ſchäften zu ſprechen, Mylord, ſagte er, nach der Uhr ſehend; — ich will Ihnen ſagen, was ich von Ihrer wohlwollenden Gefälligkeit erwarte und was der Erfolg davon ſein wird. — Nun, Herr Marquis! entgegnete der Ruſſe mit ärgerlichem Tone, — was den Erfolg anbetrifft, ſo vertraue ich darin ganz Ihrer Herrlichkeit . Sie haben ſo ſehr das Feld des Zufalls beſä't, daß Sie damit enden werden, ſelbſt Ihren Verbündeten zum Trotze zum Ziele zu gelangen. — Ich nehme keine Notiz von dieſem Geſtändniſſe, Mylord, ſagte Rio Santo ſtreng, — das mich zu dem Ge⸗ 18* 412 danken verleiten müßte, daß ich Ew. Gnaden ganz entſchie⸗ den zu meinen Gegnern zu rechnen hätte . Tolſtoy ſchwieg. — Mylord, fuhr der Marquis fort, — die Kutuſow's ſtehen bei Hofe gut und ſind Ihre Feinde .. . wer ihnen das Schrifichen, von dem wir vorhin geſprochen, in die Hände ſpielte, würde ihnen ſehr willkommen ſein, was mei⸗ nen Sie? . Tolſtoy's Geſicht verzog ſich bei dieſer Drohung. — Sie ſchlagen einen Beſiegten, Herr Marquis, ſagte er mit Anſtrengung. — Noch einmal, ſprechen Sie: ich werde gehorchen. — Und das zu thun wird Ihnen nicht ſchwer werden, Mylord, das Gerücht des Verbots der Einfuhr engliſcher Produkte wird ſich von ſelbſt an der Börſe verbreiten. Ihre Rolle wird ſich darauf beſchränken, daß Sie, wenn ein Spe⸗ kulant à la hausse in Ihrem Hötel ſich Nachricht darüber zu verſchaffen ſucht, ungeſchickt verneinen .. Sie kennen das, Mylord? . auf ſolche Art antworten, daß Ihr Widerſpruch einem Zugeſtändniſſe gleich gelten kann. — Ich verſtehe, ſagte der Fürſt. — Ihnen ſoll Genüge geſchehen. 2 — Uund ſind Ew. Gnaden nicht neugierig, den Zweck zu erfahren .. — Nein, Mylord! — Ich würde mir ein Vergnügen daraus gemacht haben, Sie in mein Vertrauen zu ziehen ... die Bewegung 413 der Baiſſe wird ſchnell und heftig ſein, um ſo mehr, als noch andere Gerüchte dieſe beunruhigende Nachricht begleiten werden. — Ah! ſagte der Fürſt, den die diplomatiſche Neugier wieder erfaßte. — Ja, Mylord ... die Regierung hat noch heute und in den vergangenen Wochen ein Paket niederſchlagender De⸗ peſchen bekommen ... Rio Santo zog ſeine Briefe hervor und durchlief ſie, indem er fortfuhr: — Drei Niederlaſſungen der Compagnie find von den Afghanen zerſtört worden .. — Kleinigkeit! ſagte der Fürſt. — Erlauben Sie ... das ganze Sindhy hat die Waffen ergriffen, von geheimnißvollen Agenten aufgeregt, welche man von Europa hinübergegangen glaubt .. — Ah! ſagte Tolſtoy noch einmal. — Ober⸗Canada iſt in vollem Aufruhr und die Trup⸗ pen des Königs ſind in zwei Gefechten unterlegen .. — Ei, ei! . . . und woher kommt dieſer Aufruhr, Mylord? — Er iſt durch heimliche Agenten .. Leute aus Europa angeſchürt. — Ah! .. ſagte Tolſtoy zum dritten Male und ſein Blick wurde furchtſam und reſpektvoll. — Der himmliſche Kaiſer, fuhr Rio Santo fort, hat an allen Küſten den Opiumhandel bei Todesſtrafe verboten. 414 — Bravo! rief der Ruſſe unwillkürlich; — und wer zum Teufel hat dem Popanz eine ſo vortreffliche Idee ein⸗ gegeben. — Zwiſchenträger, Mylord! Leute, die aus Europa ge⸗ kommen find. — Sie find ein großer Politiker, Herr Marquis, mur⸗ melte Tolſtoy. — Ferner, die vereinigten Staaten machen Anſprüche auf das Oregongebiet, ſie ſprechen von Krieg und zwar ſeh t — Und auch das ſind Sie?. — WMylord, Ew. Gnaden ſind es, die mir Alles das beimeſſen. Die Habgier der Amerikaner genügt wohl hin⸗ länglich, denke ich, um dies Reſultat zu erklären .. . man behauptet indeß, daß Leute aus Europa .. Der Ruſſe zeigte ſeine langen Zähne und brach in ein lautes, offenes Gelächter aus. — Herr Marquis, unterbrach er ihn, alle dieſe aus Europa gekommenen Leute haben mir ſehr das Anſehen, als ob ſie Ihre politiſchen Commis Voyageurs ſeien, ausgeſchickt, um das Feld des Zufalls zu beſäen ... — Das Wort gefällt Ihnen, Mylord, wie es ſcheint, ſagte der Marquis; — aber das iſt wohl nicht Alles .. in Irland hat ſich eine zahlreiche Partei gebildet, welche die Eiferer der Politik des Friedens, der Petitionen und der Mäßigung, deren Apoſtel O'Connel iſt, hinter ſich läßt, das 415 Joch thatſächlich abſchütteln und ihre verkannten Rechte dem Ausfall einer Schlacht anheimſtellen will. — Ich erwartete dieſen letzten Streich, ſagte Tolſtoy; Ew. Herrlichkeit hat Nichis vergeſſen! — Dieſe guten Leute behaupten, Mylord, hob Rio Santo wieder an, — daß der große Agitator ſich zu ſehr auf ſeine Proceduren verläßt, ſie ſagen, daß ſeine edle, chriſt⸗ liche, redliche Seele vielleicht zu viel Abſcheu dagegen hat, ſich zu der ulima ratio unterdrückter Völker zu entſchließen; ſie denken, daß Daniel O'Connel trotz ſeines gewaltigen Genies ſich täuſcht, wenn er hofft, die Freiheit eines großen Landes durch Anwendung von geſetzlichen Subtilitäten zu erobern. Das engliſche Geſetz iſt für ihn und gegen ihn; es hat Stellen für beide Theile und könnte nicht, während er noch tempo⸗ riſirt, eine beſtochene Jurh ſeine Pläne an der Wurzel aus⸗ rotten, indem ſie die Thür eines Gefängniſſes hinter ihm ſchließt? — Dieſe guten Leute ſprechen goldene Worte, Herr Marquis ... und gibt es nicht noch etwas? — Nein, Mylord. Da iſt Alles, abgeſehen von einigen kleinen Unfällen im Einzelnen, welche bei der allgemeinen Verlegenheit der Regierung unbemerkt vorüber gehen werden. Rio Santo ſteckte ſeinen Brief in die Taſche. — Indeß habe ich doch noch Ew. Gnaden zu benach⸗ richtigen vergeſſen, fügte er hinzu, — daß der Credit der oſtindiſchen Compagnie ſehr erſchüttert iſt durch die gleich⸗ zeitige Flucht der Hälfte ihrer Rechnungsbeamten, unter 416 denen eine wahre Epidemie von Bankerotten ausgebro⸗ chen iſt. — O, o, rief der Fürſt aus und rieb ſich die Hände, — das iſt der Gipfel! .. Bei St. Nikolaus, Mylord, wenn Sie ein Agent Sr. Maieſtät wären, anſtatt für einen unbekannten Zweck zu arbeiten, der mir entgeht und mich beunruhigt, dann wollte ich bei Ihnen als Kammerdiener in Dienſt treten! — Ich danke Ihnen, Mylord. Aber das iſt noch nicht der Gipfel ... die Hauptſache iſt die kleine Finanzoperation, bei welcher mir zu helfen Sie die Güte haben werden .. eine einzige Seite blieb dem Credit Englands noch offen, Europa nämlich, wo ſein Handel, der an den vier Welttheilen angegriffen iſt, einen Verſuch machen könnte, ſich dafür zu entſchädigen .. . Vor dieſe Seite ſtelle ich Ew. Gnaden als Wächter auf ... der Schlag, welchen Sie, ohne ſich groß zu bemühen, ausführen, wird das Mißgeſchick vollſtändig machen . die Baiſſe von Morgen . oder Uebermorgen, denn eine letzte Nachricht, welche das Datum feſtſetzen ſoll, fehlt mir noch, wird ganz das Gepräge einer Umwälzung haben; — Sie werden mir das glauben, Mylord, wenn ich Ihnen ſage, daß ich die Inhaber von fünfmalhunderttauſend Pfund für mich habe .. nun weiß ich, daß der Schatz nicht mehr in Kaſſe hat, als eine Million Pfund .. . — Aber die oſtindiſche Compagnie, ſagte der Fürſt. — Die Compagnie iſt zu dieſem Augenblicke nicht im Stande, irgend Jemand Beiſtand zu leiſten. 417 — Aber die Bank! — Die Bank? .. in dem Augenblicke, Mylord, wo ich mit Ihnen ſpreche, wird die Bank zu den Unſrigen ge⸗ hören und nur für uns zahlen. — Wie das? — fragte Tolſtoy erſtaunt. Rio Santo ſtand auf. — Mylord, ſagte er, indem er grüßte, um Abſchied zu nehmen, es liegt nicht in meiner Macht, Sie über dieſen Punkt aufzuklären .. Morgen werde ich die Ehre haben, Ihnen meine Nachrichten zuzuſtellen. — Herr Margquis, ich werde Ihre Befehle erwarten. Tolſtoy führte ſeinen Gaſt bis zur unterſten Stufe der Treppe und verfolgte die von dem ſtolzen Geſpann im Galopp dahingezogene Equipage mit dem Auge; aber in dieſem Blicke lag kein Haß mehr. — Es iſt unnütz, dieſen Menſchen zu bekämpfen, flüſterte er, indem er langſam wieder nach ſeinem Salon ging; — man thut beſſer, dem Wagen ſeines Glückes zu folgen .. nun jetzt will ich mich an den Hof begeben .. Bei Sankt Ni⸗ kolaus, es kann vielleicht mein letzter Beſuch dort ſein! An der Ecke der Straße hielt der Wagen Rio Santo's an. Der Kutſcher ſtieg von ſeinem Bocke und ging zu Fuß nach Iriſh⸗Houſe. Ereb ſtieg ſtatt ſeiner auf den Kutſcher⸗ ſitz und ohne zu fragen, welche Richtung er nehmen ſolle, ließ er die Pferde im Galopp davon ſprengen. Unterdeſſen hatte der Cavaliere Angelo Bembo einen Theil ſeiner Auftrages vollendet und die Lords von der Nacht 18 * 418 zuſammengerufen. Als dies geſchehen war, wandte er ſich nach Princes⸗Street (Bank). An der Ecke, welche von dieſer Straße und Poultry dem Eingange von Cornhill gegenüber gebildet wurde, befand ſich ein kleines Parterre, das reinlich und hübſch neu ange⸗ ſtrichen war und zur Hälfte das Lokal einnahm, wo ſich jetzt das ſchöne Magazin von OHrangen und Ananas befindet, das nach Poultry und Princes⸗Street hinausgeht. Vor dieſem Parterre ſtand Bembo ſtill. Alles daſelbſt hatte ein anſtändiges, ernſthaftes, gefälliges Anſehen. Augen⸗ ſcheinlich war es die Wohnung eines Quäkers, oder eines jener ſchottiſchen Presbyterianer vom alten Stamm, welche mit einem Terte aus dem Evangelium zu Mittag eſſen und in der Unſchuld ihres Herzens von abgehauenen Königsköpfen und andern bibliſchen Leichtfertigkeiten träumen. Es wurde in dieſem Hauſe, blos um das Fleiſch zu erhalten und den Geiſt nicht den Einflüſterungen des Dämons der Unthätigkeit Preis zu geben, ein kleiner Handel mit Sodawaſſer getrieben. Die Stammgäſte waren ſelten, das ernſte, kalte, ſchwei⸗ ſame Ausſehen des Herrn des Hauſes oder vielmehr der Herren des Hauſes, denn zwei Perſonen löſten ſich fortwäh⸗ rend ab, verſcheuchte die Kundſchaft viel mehr, als ſie dieſelbe anzuziehen geeignet war und wäre nicht noch der Küfer ge⸗ weſen, ein langer und magerer Irländer vou paſſablem Cha⸗ rakter, ſo würde der kleine Laden ganz und gar an Käufern Mangel gelitten haben. 419 Aber das kümmerte den frommen Jedidiah Smith ſehr wenig, denn er verbrachte, die Dinge dieſer Welt verachtend, wie er ſelbſt ſagte, ſein Leben in den Dingen des Geiſtes, ſein Fleiſch tödtend und den Zorn des ſtarken Gottes auf die große Hure herabbeſchwörend, welche auf den ſieben Hü⸗ geln ſitzt. Dieſer apokalhptiſche Sthl hatte ihm die Kundſchaft der Miſtreß Footes, Miſtreß Bull und der fünf andern Miſtreſſen erworben, deren harmoniſche Namen mehr als einmal das Ohr des Leſers dieſer Geſchichte gekitzelt haben. Die ſechste, Miſtreß Bloomberty, verſah ſich mit ihrem Bedarfe auch nicht wo anders her; aber man muß ſagen, daß ſie nur zu Jedi⸗ diah Smith kam, weil ſie von den ſechs Fußen des Küfers angezogen wurde, welcher in der That mit ſeinem höchſt eigen und ſorgſam angezogenen blauen Frack, ſeinen Inerpreſſibeln von gelbem Leder und ſeinen mächtigen ungewichsten Schnal⸗ lenſchuhen eine ſehr galante Tournüre hatte. Aber ach, der lange Küfer liebte ſchon anderswo, und Miſtreß Vloomberry, die Unglückliche, trank vergeblich furcht⸗ bare Quantitäten von gasreichem Waſſer. Bembo war eilig. Er trat ſchnell in das Parlour, wo Maſter Smith mit lauter näſelnder Stimme ein Kapitel aus der Bibel las. — Was wollen Sie, fragte der Letztere, indem er ſeine Lectüre unterbrach, ohne indeß ſeine von einem ungeheuern grünſeidenen Augenſchirme geſchützten Augen aufzuſchlagen. 420 — Major, antwortete Bembo, ich werde von Maſter Edward geſchickt. Herr Smith machte ſchnell ſeine Bibel zu. — Still, Signore, ſtill, ſagte er, nennen Sie mich Jedidiah Smith .. dieſes Haus iſt ein öffentliches, ſehen Sie. — Nun gut, Maſter Jedidiah Smith, ſagte Bembo, ich bin geſchickt, um genau mich zu erkundigen, wie weit die Arbeiten gediehen ſind . — Sprechen Sie leiſe, Signore . die Arbeiten? Gott hat unſere Veſtrebungen geſegnet, und wir ſind dem Ziele ganz nahe. — Mylord wünſcht eine genauere Antwort als dieſe. — Ich will Mylord's Wünſche erfüllen, Signore. Haben Sie die Güte, ſich einen Augenblick zu ſetzen. Jedidiah Smith reichte ſeine Bibel in Quart dem Ca⸗ valiere Angelo Bembo, wie man Jemandem eine Broſchüre oder ein Journal reicht, damit er ſich die Zeit nicht lang werden laſſe und warte. Zu gleicher Zeit zog er ſtark an der Schnur einer Klingel, welche man indeß nicht klingeln hörte. Bembo hatte ſich geſetzt, indem er zugleich ſagte, er ſei ſehr eilig. Nach einer Minute konnte man einen ſchweren Tritt hören, der in gemeſſenen bedächtigen Zwiſchenräumen auf der Treppe des Ladens ertönte. — Heda, Waſſer, heda! rief Jedidiah Smith. — Alle Donnerwetter! . . Zum Teufel! antwortete eine brave und ſtark betonende Stimme, hier bin ich ſchon, unerträgliche Gevatterin, meine theure Miſtreß Bloomberry, denn es gibt Niemand auf der Welt, als Miſtreß Bloom⸗ berry, der zu dieſer ungewohnten Stunde ſeine Pinte Soda⸗ waſſer holen kann, in des drei Teufels Namen. — Die Schrift hat geſagt: Du ſollſt nicht fluchen! ſagte Maſter Smith in ſeinem ärgſten Naſentone. — Gott verdamme mich, Herr Smith, entgegnete der gute Paddy O'Chrane, der in dieſem Augenblicke hereintrat, und deſſen magerer Körper ſo langſam die Kellertreppe her⸗ aufſtieg, daß man einen Augenblick glauben konnte, er würde niemals fertig damit werden. — Gott verdamme mich, mein Herr, wenn die Schrift das ſagt! Es iſt bei alle dem ein gutes Buch, ſoll mich der Teufel holen! . . . Aber ich ſehe ja nicht die ausgezeichnete Madame xtounbeh elende Theekanne! — Miſtreß Bloomberry iſt nicht hier, Paddy, und ich wünſchte, daß ſie niemals herkäme, denn ich argwöhne, daß ſie die Verſuchung des Fleiſches hierherführt . . . — Zum Teufel! ſagte der Kapitän mit einer Grimaſſe. — Ich habe Sie gerufen, begann Herr Smith, um dieſem Gentleman zu antworten. Paddy wandte ſich zu Bembo, verneigte fich mit mili⸗ täriſchem Gruße gegen ihn, indem er indeß die Serviette, das Kennzeichen ſeines anſcheinenden Gewerbes, über den lin⸗ ken Am ſeines blauen Frackes warf. — und was will dieſer ehrenwerthe Gentleman? fragte er. . 422 Bembo wiederholte ihm in wenigen Worten die Frage, welche er Herrn Smith vorgelegt. Paddy richtete ſich in die Höhe und verwandelte ſeine Küferphyſiognomie in die würdige und ſelbſtbewußte Miene, welche wir an ihm ſchon kennen. — In des Satans Namen, ſoll mich Gott ſtrafen wie einen Heiden, ſagte er, indem er verächtlich ſeine Serviette bei Seite warf, ich kann dieſen Gentleman davon benach⸗ richtigen, — meiner Treu, daß er nicht mit dem Kellner eines Public⸗Houſe, ſondern mit dem guten Kapitän Paddy O'Chrane ſpricht, dem alten Patrone der Sloop „der Hering“ vom Hauſe Gween and Gween aus Carlisle, Himmel Donnerwetter. — Davon iſt nicht die Rede, ſagte Herr Smith, — antworten Sie dieſem Gentleman. — Ob ich ihm antworten werde, Tod und Teufel, ich ſoll ihm antworten, Tod und Teufel, rief der Kapitän aus, nun gut, Herr Smith, ich verlange es gar nicht beſſer, oder ich will ohne Erbarmen in Zeit und Ewigkeit brennen. — Die Schrift hat geſaßt: Du ſolſt nicht fluchen, — flüſterte Herr Smith aus Gewohnheit. — Schön, mein Herr, zum Teufel, die Schrift ſagt gar nichts, und Sie laſſen ſie ſchwatzen, was Sie wollen ... ſoll mich der Teufel holen, was die Frage dieſes Gentleman betrifft, ſo will ich beſchwören, daß Niemand beſſer darauf antworten kann als ich, außer etwa jene nichtswürdige Maſſe von Fleiſch, Knochen, Porter und Gin, Saunders, 423 der Elephant .. . und dann noch will ich gehängt ſein, wenn Saunders Lebensart genug beſitzt, um die Frage dieſes Gentleman anſtändig zu beantworten.. Bembo ſtieß ungeduldig mit dem Fuß auf die Erde. — Ich bin eilig! wiederholte er. — OD zum Teufel, mein Herr warum ſagten Sie mir das nicht gleich? . .. Nun gut, die Sache geht ſachte ihren Gang. Dublin iſt nicht in einem Tage erbaut, meiner Treu, und wiſſen Sie wohl, daß von hier bis zu der inne⸗ ren Ringmauer der Bank eine weite Strecke iſt? . . Saun⸗ ders iſt ein dummer Taugenichts, aber ein braver Burſche, der arbeitet und trinkt nach Pflicht und Gewiſſen. — Aber mit einem Worte, wie weit iſt die Mine? — Die Mine, mein Herr? ich denke, Sie ſprechen von dem Loche .. . meiner Treu, unter uns, unter Ihren Füßen, unter meinen und unter denen des Herrn Smith befindet ſie ſich, der ſich anſtellt, als wollte er ein Stück vom Evange⸗ lium verſchlingen. — Kann ich nicht mit Ihnen hinabſteigen? — Ob Sie's können? .. . ich glaube, daß Sie es können, mein Herr, und doch ſteckt Niemand für gewöhnlich die Naſe da hinein .. . Was meinen Sie dazu, Herr Smith? — Dieſer Gentleman kommt von Sr. Ehren, antwor⸗ tete Herr Smith. — O ſo ſoll mich gleich der Satan holen, rief Paddy, indem er ehrfurchtsvoll ſeinen niedrigen Küperhut abnahm; — ich bin der ganz ergebene Diener des Gentlemans und 424 deſſen, der ihn ſchickt . . meiner Treu, das ändert die Sache ganz und gar ... das Loch iſt bald durchbrochen, mein Herr, weil Se. Ehren es wiſſen will . . . und wenn die Buſſole nicht lügt, haben wir höchſtens noch drei Fuß durchzuſtoßen, um wie brave Burſche in die Keller der Bank zu dringen ... und es war Zeit, Goddam, denn dieſes arme gute Geſchöpf, der Saunders, der dumme Schuft, ſchlägt nur noch mit einem Flügel und riecht ſchon eine halbe Meile weit nach dem Kirchhofe .. Sehen Sie, Gentleman, das iſt nun ſchon der neunte Monat, wo er den Maulwurf unter der Erde macht, und während der Zeit hat er mehr blauen Ruin ver⸗ ſchluckt, als man bedürfte, um zehn Chriſten niederzuwerfen .. ſoll uns Gott verdammen! .. das heißt, er ſoll uns helfen, Ihnen und mir, mein ehrenwerther Gentleman .. . und auch Herrn Smith! . . aber ich meine, daß Sie von Sr. Ehren geſendet ſind, ſo bezieht ſich das Verbot nicht auf Sie, und wenn Sie einmal Luſt hätten, das Loch zu beſehen . Bembo konnte eine Regung der Neugier nicht über⸗ winden. — Mein Beſcheid an Mylor wird dann um ſo ge⸗ nauer ſein können, ſagte er; ich nehme Ihr Anerbieten an. — Paddy O'Chrane richtete ſich hoch auf, ſtieß, um ſeine Bruſt frei zu machen, ein lautes Goddam hervor, bei welchem Herr Smith zuſamenfuhr, und ging mit gewöhnlichem Schritte in das Loch hinab, in welchem ſeine ſechs Fuß Zoll für Zoll verſchwanden. Der Cavaliere Angelo Bembo v ihm. 425 Unten zu Ende dieſer erſten Treppe befand ſich eine kleine Niederlage von Sodawaſſer, die ganz ſo eingerichtet war, wie zu einem gewöhnlichen ordentlichen Geſchäfte. Der Kapitän Paddy ging durch dieſen Raum, ohne ſtill zu ſtehen. und am entgegengeſetzten Ende ſchob er eine große Tonne bei Seite, welche eine Thür verdeckte. Dort begann das von Saunders dem Elephanten ge⸗ grabene Loch. — Beim Satan, mein Herr, ſagte der Kapitän, ent⸗ ſchuldigen Sie mich, wenn ich vorangehe, aber ich bin hier beſſer bekannt als Sie. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Saunders, der Elephant. In Aſtley Cireus befand ſich 183* ein Clown, Na⸗ mens Saunders Maß oder Saunders der Elephant, welcher die Bewundrung aller Cockney's von London durch ſeine Rieſenſtärke ſich zu erwerben wußte. Dieſer Saunders war eigentlich aus Namur und hieß ganz einfach Alexandre. Es war ein Mann von koloſſalem Wuchſe, ein ſchwerer dummer Rieſe, der belgiſche Nachdruck eines Goliath. Man erzählte von ihm Kraftſtücke, welche ganz ungewöhnlich waren; wir haben Snail ja ſchon verſichern hören, daß er ein Pferd in die Höhe gehoben habe. Saunders, der Elephant, mußte daher mit Recht eine der populärſten Perſonen Londons ſein und erreichte die höchſte Höhe ſeiner Beliebtheit gerade in dem Frühlinge des Jahres, welcher der Zeit, wo unſre Geſchichte ſpielt, vorher⸗ 427 ging. Da ſahen ſich plötzlich die Stammgäſte des Cireus ihres Lieblings⸗Clown beraubt. Saunders verſchwand; aber er verſchwand ſo vollſtän⸗ dig und ganz und gar, daß Niemand eine Spur von ihm angeben konnte. Natürlich war dies Verſchwinden ein Gegenſtand der Verwunderung vieler Perſonen, der Director des Circus wurde ſchwer krank vor Gram und Gibbi Gibbon, der Schenkwirth von Lambeth, welchen der enorme Durſt des Rieſen Saunders allein erhalten hatte, war genöthigt, ſein Public⸗Houſe zu ſchließen. Während das Publicum ſich in Vermuthungen über ihn erſchöpfte und ergötzte, verbrachte Saunders, der Elephant, ſeine Zeit in Geſellſchaft des guten Kapitain Paddy O'Chrane, welcher bei dieſer Gelegenheit ſich ein Feſt von drei Tagen machte und ſtatt ſeines ſonſtigen zwölf Schilling Cold⸗Wi⸗ thout nur große Gläſer reinen Gin trank, um dieſer elenden Fleiſchmaſſe, dem würdigen und braven Burſchen Saunders, Stich zu halten. Dies begab ſich in dem Eckhauſe von Princes⸗Street, welches man zu einem Sodawaſſerverkauf eingerichtet hatte und nach dieſen drei Tagen endete das lange Feſt, zu welchem Saunders eingeladen worden war. Der Kapitain gab ihm eine Hacke und verſchiedene ſtählerne Inſtrumente in die Hand, welche geeignet ſind in der Erde zu graben, ohne Erſchütterungen hervorzubringen und unten in der Nie⸗ derlage ſelbſt, an der Stelle, wo wir jene große, von Paddy 428 bei Seite giei Tonne bemerkt Wl begann Saunders ſeine Arbeit. Anfangs kam er nur langſam vorwärts, denn er hatte keine Kenntniß von dieſer Art Arbeit und bei ihm konnte der Verſtand nicht die mangelnde Gewohnheit erſetzen. Außer⸗ dem war ihm aus Vorſicht und um die Aufmerkſamkeit der Nachbarn nicht zu erregen, gewaltig zu ſchlagen, die Erde oder die Fundamente durch heftige Stöße anzugreifen, wie man es ſonſt gewöhnlich bei jeder Nachgrabung thut, aufs ſtrengſte unterſagt. Er ſollte heimlich vorwärts dringen, wie der Wurm ſich in eine Frucht einbohrt. Die Gewalt ſeines Athletenarmes und das außerordentliche Gewicht ſeines Kör⸗ pers mußten ihm zu Hülfe kommen bei der Geduld und Unermüdlichkeit „welche dieſe Arbeit erforderte, um vorwärts zu kommen. Um das Ungeheure der Unternehmung zu begreifen, zu welcher man auf dieſe Weiſe einen einzigen Mann benutzte, muß man wiſſen, daß es ſich hier nicht darum han⸗ delte, eine bloße Höhle zu graben, in welche ein menſch⸗ liches Weſen kriechen könne: Mylords von der Nacht brau⸗ chen einen ordentlichen und bequemen Gang, in dem man gehen und laufen konnte. Zum Anfang der Arbeit diente Paddy O'Chrane, der gute Kapitain, als lebendiges Maaß; als der Gang einmal erſt ſo tief gegraben war, daß man ihn parallel mit dem Boden der Straße fortſetzen konnte, mußte er ſo eingerichtet werden, daß Paddy an jeder Stelle darin aufrecht ſtehen 4²9 konnte, das machte alſo ſechs gute Fuß Höhe aus; was die Vreite anbetrifft, ſo gab die ungeheure Korpulenz des Rieſen ſelbſt das natürliche Maß, überall wo er hindurch konnte, hatten zwei gewöhnliche Menſchen mit aller Bequemlichkeit Platz. Als erſt die Fundamente der Häuſer durchbrochen waren, ging die Arbeit ein wenig ſchneller, Saunders war die Sache ſchon gewohnt geworden. Jedes Mal, wenn er ſeine Hacke ohne Stiel in den Boden einſtieß, machte ſich ein großes Stück Erde los und fiel. Nachts kamen Wagen an die Thür der Sodawaſſernie⸗ derlage und brachten die Erde in kleinen Tonnen, die leicht zu heben waren und von Paddy aus dem Loche ſelbſt her⸗ ausgebracht wurden, hinweg. Das war der gefährlichſte Theil der Unternehmung, denn die Nachbarn hätten ſich verwundern können über die außerordentliche Thätigkeit in einem Magazine, das wegen der Spärlichkeit ſeiner Kundſchaft bekannt war, aber die Lä⸗ den von Poultry werden ſehr früh geſchloſſen und in Princes⸗ Street waren die dicken Mauern der Bank ein ſehr unge⸗ fährliches Gegenüber. Was die Watchmen anbetrifft, welche damals noch die Polizei der City waren, ſo brauchen wir kaum zu ſagen, daß ſie ſehen konnten, was es ſei und doch vorübergingen. Saunders hatte in ſeinem Loche eine vollkommene, ge⸗ regelte Exiſtenz. Er kam niemals heraus, das verſteht ſich von ſelbſt: gerade die Nothwendigkeit der Abſperrung hatte —— 430 die Wahl auf ihn gelenkt oder war wenigſtens der Haupt⸗ grund dieſer Wahl geweſen. Die erſte Bedingung eines ſolchen Unternehmens mußte natürlich ein unverletzliches, abſolutes Geheimniß ſein; die Gefangenſchaft des Mannes, deſſen Indiskretion man hätte fürchten können, war daher die beſte Bürgſchaft für die Bewachung des Geheimniſſes. — Saunders erſetzte die Stelle von zehn Männern, die man nicht hätte einſchließen können, ohne Gewalt anzuwenden. Er dagegen beklagte ſich auf keine Weiſe über ſein Schickſal; man kann ſagen, daß er dort aus freiem Antriebe ſich befand, denn Bezauberung iſt niemals als Gewalt be⸗ trachtet worden. Saunders war in ſeinem Loche gefeſſelt, wie Rinaldo in den poetiſchen Gärten Armidens, nur fehlte freilich Armide. — Ein ungeheurer Topf von Stein, ſtets mit Gin grfüllt, erſetzte das reizende Weib auf eine ſehr vortheilhafte Weiſe. Außerdem hatte der gute Kapitain Paddy, durch ſeine mit künſtleriſch ſortirten Flüchen geſpickte Beredtſamkeit über den dumpfen Geiſt des Elephanten ein ſehr bedeutendes Anſehen gewonnen. Saunders hatte einen blinden Glauben an Alles, was Paddy ſagte und der Kapitain hütete ſich wohl, ihm Gedanken an die Entweichung in den Kopf zu ſetzen. Im Gegentheil, er wußte in Ausdrücken, welche die energiſchſten Redner des Hauſes der Gemeinen eiferſüchtig machen konnten, das Glück zu ſchildern, von dem Saunders umgeben war. Was fehlte ihm? Hatte er nicht ein gutes 431 Bett in ſeinem Loch, gab man ihm nicht zu ſeinen Mahlzeiten Roſtbeaf und Porter in Ueberfluß? Hatte er nicht in der Zwiſchenzeit ſo viel Gin er wollte und ausgezeichneten, gi⸗ ſchmuggelten Tabak? — Und das Alles, ohne vont Ehre zu ſprechen, daß er von Zeit zu Zeit mit einem Gent⸗ leman von der Wichtigkeit eines Paddy O Chrane anſtoßen konnte, dem ehemaligen Patron der Sloop „der Häring“ ausgerüſtet von Gween and Gween von Carlisle? .. Indeß gab es einen Punkt, über welchen der Elephant und ſein Führer ſich nicht verſtändigen konnten. Der Ele⸗ phant wollte bisweilen wiſſen, was ſeine Arbeit für einen Zweck habe. — Himmeldonnerwetter! antwortete dann Paddy voll Ueberzeugung; — was wir finden werden, wird Dein und mein Glück machen, Du ſchwerer Schuft, — zum Teufel, mein würdiger Freund — Du wirſt, — oder Gott ver⸗ damme uns alle Beide, — ein Haus von drei Stockwerken in Lambeth haben und alle Waſſerträgerinnen werden Dir die Cour machen, ſo wahr Du für tauſend Pfund Gin in Deinem Keller haben wirſt, — und für tauſend Pfund Porter, Saunders, — und tauſend Pfund Whisky, — und für tauſend Pfund .. ſoll Dich der Satan reiten, Du tau⸗ ſend Shnel Das war allerdings höchſt der Elephant machte ſich den Mund durch den Gedanken an die vielen tauſend Pfunde Flüſſigkeiten wäſſtig und die luftgebräunten Geſichter der Waſſerträgerinnen, welche durch einige Monate Einſamkeit noch verführeriſcher geworden waren, tanzten ihm vor den dicken ſchmachtenden Augen herum. — Nun, nun, brummte er, Maſter Paddy, wir werden dann zuſammen trinken. — Ganz gewiß, dicker Schlemmer, ohne Zweifel, mein würdiger Freund! Wir werden zuſammen trinken .. . oder Du trinkſt ganz allein. Nun an die Arbeit, mein Sohn, ſollſt Du in der Hölle braten. Saunders ſtieß ſein Werkzeug mit neuer Heftigkeit in die Erde. Man muß übrigens nicht glauben, daß er übertiesig arbeitete. Man trieb ihn nicht ſehr und das war lug 3. than, denn alle Beredtſamkeit Paddy's würde an ſeiner gleichgültigen Faulheit geſcheitert ſein. Er hatte ſeine Ar⸗ beitsſtunden und ſeine Stunden der Ruhe und wenige Ar⸗ beiter hätten ſich rühmen können, in dieſer Beziehung ſo gut kehandelt zu werden, wie er. — Im Ganzen arbeitete er nur acht Stunden täglich, die andern ſechzehn ſchlief er. Dies letztere erklärt hinreichend, wie Paddy noch Zeit haben konnte zu andern Beſchäftigungen und ſogar noch Muße hatte, der Miſtreß Burnet, im Wappen der Krone, etwas die Cour zu machen. Saunders ſchlief gewöhnlich acht Stunden hintereinan⸗ der und darauf arbeitete er, ohne ſich bitten zu laſſen, vier Stunden hindurch, das war ihm ſchon zur Gewohnheit ge⸗ worden. Der Rieſe war regelmäßig wie eine Pendeluhr, 433 ſobald ſeine Arbeitszeit vorüber war, begann er ſeinen Schlaf wieder oder rauchte und trank. Ganz gewiß war dies Leben nicht ſo mühevoll, als er es einſt in Aſtley Cireus geführt hatte, aber auf die Länge wurde es ihm doch verderblich. Dieſe faſt beſtändige Ruhe, welche blos durch eine Arbeit unterbrochen wurde, die nur einzelne Muskeln übte und anſtrengte, vereinigte ſich mit der mörderiſchen Wirkung der feuchten und ſtinkigten Atmo⸗ ſphäre des Kellers. Der übermäßige Mißbrauch, den Saun⸗ ders mit dem Genuß ſtarker Liqueure trieb, trug auch ſein dazu bei, um ſeine athletiſche Conſtitution langſam zu untergraben, kurz, acht Monate nach der Eröffnung der Tranchée ſchlug der Rieſe, nach dem Ausdrucke des guten Kapitain Paddy, nur noch mit einem Flügel, ein Anderer als er würde gewiß nicht ſo lange dieſer ſchädlichen Lebens⸗ art haben widerſtehen können. Saunders war noch größer als der Kapitain und aus ſeiner Breite hätte man mindeſtens vier Paddy's ſchneiden können. Er trug auf ſeinem maſſiven Torſo ein ziemlich gutes Geſicht, das von allem Inſtinkte der Intelligenz frei war, aber eine Ruhe der Seele ausdrückte, die ſo vollkom⸗ men als möglich war. Man muß glauben, daß, abgeſehen vom Gin und den Waſſerträgerinnen, dieſen koſtbaren Ver⸗ ſprechungen zur Belohnung ſeiner Arbeit, in ihm noch ein drittes Element zur Geduld lag, nämlich die gerechte Hoff⸗ nung, daß er, ſobald ſeine Arbeit einmal vollendet ſei, das III. 19 434 Recht erlangt haben werde, vierundzwanzig Stunden hinter⸗ einander zu ſchlafen, ſobald es ihm einfiele. Indeß rückte die Arbeit vor, nicht ſchnell, aber doch merklich, und Niemand in London hatte eine Ahnung von dieſem außerordentlichen Unternehmen, deſſen Erfolg nicht zweifelhaft ſchien. Noch einige Tonnen Erde mußten hin⸗ weggenommen werden, und dann ging ein breiter Weg von der Ecke von Princes⸗Street nach den Kellern der Bank. Dieſer Gang war ein weiter Kanal von cylindriſcher Form, der in kurzen Zwiſchenräumen durch eiſerne Ringe geſtützt war und an verſchiedenen Orten mehr als vierzig Fuß unter der Erde lag. Die Berechnung der Lords von der Nacht war richtig geweſen; trotz ſeiner Faulheit hatte der Elephant mehr zu Wege gebracht, als ſechs Männer im Stande geweſen wären, — und welche Schwierigkeit würde es gehabt haben, ſechs Männer neun Monate hindurch ein⸗ geſperrt zu halten. An dem Tage, wo Paddy den Cavaliere Angelo Bembo in das Loch hineinführte, war dasſelbe beinahe fertig. Die Buſſole hatte genau die zu befolgende Richtung angegeben, und Paddy hatte ſchon ſeit vierzehn Tagen etwa nach einem Plane der inneren Bank die Nothwendigkeit erkannt, den Gang wieder in die Höhe zu führen. Er vermuthete, daß ihn blos noch einige Fuß von den Kellern trennten. Bembo ging durch die hinreichend mit Lampen erleuch⸗ teie Galerie mit außerordentlichem Erſtaunen; er konnte 435 nicht glauben, daß ein einziger Menſch alles das gemacht habe. Während er das glatt abgerundete Gewölbe betrachtete, wandte der Kapitän ſich plötzlich um. — Bei meiner Seele, ſagte er, Jedermann gibt gern den Leuten den Titel, welcher ihnen gebührt ... Sind Sie einfacher Gentleman, mein Herr? — Was thut das? fragte Vembo. — Ah, zum Teufel, ſehen Sie ich, ich bin ein Kapitain, oder ſoll mich Gott verdammen! — und ich, ich bin gar nichts, antwortete Bembo. — BAh, ah, brummte Paddy, ſeinen Hut berührend, Ew. Herrlichkeit verräth ſich ſelbſt, beim Satan . . . Nun gut, ſo wird der arme Saunders einen Lord ſehen, der er⸗ bärmliche Schelm, das iſt Alles. Paddy ging wieder vorwärts und fügte philoſophiſch hinzu: — Soll mich Gott verdammen bei Beelzebub und ſeinen Hörnern . . aber nur ein Lord kann ſagen, ich bin gar nichts ich ſollte mich auch daran gewöhnen .. aber nein, beim Henker, mir würden's die Leute am Ende auf's Wort glauben. — Man hört nichts, ſagte Bembo; — ohne Zweifel ſchläft Ihr Mann oder ruht aus? .. — Mein Mann! wiederholte Paddy, .. nein, mein Mann ſchläft nicht, ich gebe Ihnen mein heiliges Wort .. mein Mann arbeitet, wenn man dieſes Vieh einen Mann nennen kann . . es iſt jetzt nicht ſeine Schlafenszeit, ſonſt 19 436 würden Sie ihn ſchnarchen hören! .. . Er macht mehr Lärm, wenn er ſchläft, als wenn er arbeitet; . . . aber Gott ver⸗ damme mich, Mylord, ſie müſſen jetzt ſchon ſeine Muſik hören können. Bembo horchte und vernahm die tiefen, dumpfen Töne eines entfernten Röchelns. — Das iſt ſo ſeine Art zu winſeln, hob der Kapitain mit einem Fluche wieder an. Man muß glauben, daß ihm das Spaß macht, denn er hört niemals damit auf .. ſehen Sie, dort iſt ſein Bett und ſeine Flaſche. Paddy zeigte eine Vertiefung in der Mauer, in welcher ſich ein ordentliches und gutes Bett befand; was die Flaſche anbetrifft, ſo war dieß ein ſteinerner Krug, der wohl ſechs Pinten hielt. Nach einigen Schritten begannen ſie ziemlich ſteil in die Höhe zu ſteigen, und bald ſtand der Kapitän plötzlich ſtill und drückte ſich an die Mauer. — Wenn Ew. Herrlichkeit ſich die Mühe geben will, hinzuſehen, ſagte er, ſo werden Sie Saunders den Elephan⸗ ten bemerken, den dickſten Schuft, der in den drei König⸗ reichen ſich befindet, — und auch den größten, ſoll uns Gott verdammen! Bembo hob die Augen und ſah in der That einen un⸗ geheuern Koloß vor ſich, der wie nach dem Takte ſeine Arme in die Höhe hob und wieder fallen ließ. Er hatte den Schritt der Beſuchenden nicht gehört und fuhr in ſeiner Ar⸗ beit fort, ohne eine Ahnung von ihrer Gegenwart zu haben. Die Erde, von welcher er bei jedem Schlage rieſige Bruchſtücke losbrach, fiel in einen vor ihm ſtehenden Kaſten, und von Zeit zu Zeit leerte er dieſen Kaſten in eine von den Tonnen, von denen wir oben ſchon geſprochen haben. Einige Schritte hinter ihm auf einem Tiſche befand ſich eine Pendeluhr, eine Bufſole, ein Richtblei und mehrere Meß⸗ einſtrumente. Das war der Platz des Kapitain Paddy. Bembo betrachtete mit ſtummem Staunen eine Zeit lang dieſe ungeheure Maſchine, von deren gewaltiger Kraft Alles, was ihn umgab, Zeugniß ablegte. Der Rieſe war halbnackt, das Licht der letzten Lampe fiel gerade auf ſeine ſchweißgebadeten Schultern, und man ſah die Muskeln an⸗ ſchwellen und wieder verſchwinden, und die athletiſchen Ver⸗ hältniſſe traten bei der Beleuchtung kräftig hervor, das ge⸗ wöhnliche menſchliche Maß ſo ſehr überſchreitend, daß Bembo zu träumen glaubte. Er erwartete mit einer Art furchtſamer Neugier, daß der Rieſe ſich umkehren würde, denn er bildete ſich ein, auf dieſem Geſichte, das von ſolch einem Körper getragen werde, müſſe ſich eine furchtbare Energie ausſprechen. Für Paddy war das Staunen ſeines Gaſtes ein Gegen⸗ ſtand der Freude und des Stolzes. Saunders gehörte ihm und war, wie man geſtehen muß, ein ſo ſeltenes Thier, daß man bei Vorzeigung deſſelben ſich wohl wichtig vor⸗ kommen konnte. — Nun, Mylord, ſagte er endlich mit der prahleriſchen Beſcheidenheit eines Sportsman, der ſein beſtes Pferd der 438 Bewunderung eines Beſuchers vorführt; — bei allen Teufeln nun, wie finden Sie meinen kleinen Saunders? — Es iſt unbegreiflich, flüſterte Bembo! — ohne Ge⸗ räuſch, ohne Stoß dringt er in den Boden hinein . . — Als ob es ein Pudding wäre, Mylord, nicht wahr? unterbrach ihn der Kapitain. — Man könnte lange Zeit ſuchen, ehe man einen Schuft von ſeiner Geſtalt findet, der ſo gut gezogen iſt . ich habe ihn dreſſirt, Mylord. — Er ſieht ſehr ermüdet aus, ſagte Bembo. — Jetzt kommt gerade ſeine Ruheſtunde, Mylord! In dem Augenblicke, wo Paddy dieſe Worte ausſprach, begann die kleine Pendeluhr eilf zu ſchlagen; der Elephant ließ ſogleich ſein Werkzeug fallen und ſtieß einen langen Seufzer der Zufriedenheit aus. — Nun, Saunders, brav, mein Sohn, rief Paddy mit väterlichem Tone; — Du verſtehſt zu rechnen, Du dicker Faullenzer . trinke dies Glas Gin, armſelige Creatur, auf die Geſundheit Sr. Herrlichkeit. Saunders wandte ſich um, und Bembo mußte einen Ruf der Ueberraſchung zurückhalten, als er die leidende, matte und gutmüthige Phyſtognomie ſah, welche der Rieſe zeigte. Von hinten hätte man denken müſſen, Saunders habe eins von den Geſichtern, vor denen die Schwachen zit⸗ tern und auch der entſchloſſenſte Mann ſtutze; von vorne aber fand man in ihm nichts als ein Kind von koloſſalem Wuchſe, das durch den gänzlichen Mangel an Verſtand und Willens⸗ kraft den Vortheil ſeiner phyſiſchen Stärke verliert. 439 Bei Bembo's Anblick fuhr er mit der Hand nach der bloßen Stirn, als wollte er zum Gruße die nicht vorhandene Kopfbedeckung abnehmen. In England, wo der Hut eines Gentleman an ſeinen Kopf geſchmiedet zu ſein ſcheint, iſt dieſe Geberde bezeichnender als ſonſt irgendwo. — Zu glei⸗ cher Zeit begann Saunders unſchuldig zu lächeln und ſchlug die Augen nieder, wie es nur ein ſchüchternes Kind hätte thun können. — Er iſt gezogen, ſagte der Kapitain mit lakoniſchem Pathos, gezogen und dreſſirt, ſtraf mich Gott .. . und von mir dreſſirt. Saunders trank mit Einem Zuge das ungeheure Glas Gin aus, welches ihm Paddy präſentirte. Sein bleiches, gedunſenes Geſicht belebte ſich nicht, nur flüſterte er, mit der Zunge über die Lippen fahrend: — Gut, Maſter Paddy, gut! — Das glaube ich wohl, dicker Saufaus, mein wür⸗ diger Freund, Du dummer Ginſchlauch, antwortete ſanft der Kapitain; ich glaube es wohl bei der Hölle! . haben Sie ihn betrachtet, Mylord? Bembo machte eine Geberde des Bedauerns, welche Paddy für eine Bejahung hielt. — Nun leg Dich nieder, ſagte er, elender Schwamm, mein braver Burſche ... ſchlaf gut, und ſoll Dich der Teu⸗ fel holen, laß Dir nichts Böſes träumen. Saunders drängte ſich, ſo gut es ging, zwiſchen Bembo 440 und der Wand vorbei. Einen Augenblick darauf ſchnarchte er ſchon wie ein Cyelop. Paddy zog Bembo nach ſeinem iſe und goß zwei Gläſer Gin ein. — Mylord, ſagte er, Sie haben Alles geſehen ich trinke auf die Geſundheit Ew. Herrlichkeit. — Ich weiß aber immer noch nicht, wie weit die Ar⸗ beit iſt, entgegnete Bembo. Paddy nahm ſeine ernſteſte Miene und ſeinen ſalbungs⸗ vollſten Ton an. — Gottes Donner, ſagte er, indem er auf ein kleines fettiges Papier zeigte, das voll ziemlich ſchlecht geſchriebener Zahlen war; was die Berechnungen anbetrifft, zum Teufel, ſo ſind wir Seeleute nicht auf den Kopf gefallen. Auf dem Sloop, „der Hering“, meiner Treu, habe ich noch ſchwierigere Ope⸗ rationen angeſtellt, als dieſe. Wir ſind unter den Kellern, Mylord, zehn Schritte vom Schatze. Da Bembo kein Mittel hatte, die Behauptung zu prü⸗ fen und zu verificiren, ſo kehrte er um, vom Kapitain be⸗ gleitet, der ihn höflich bis auf die Straße brachte und ihm von Herzen die ewige Verdammniß wünſchte. Herr Smith war bereits fort. Bembo ſtieg wieder auf ſein Cab und ließ, was das Pferd nur laufen wollle, nach Whitechapel Road fahren. An der Ecke von Osbornſtreet angekommen, bezahlte er ſei⸗ nen Kutſcher und ſtieg ab, um ſeinen Weg bis nach Bakers Row fortzuſetzen. 441 Dort angekommen, klopfte er ſtark an die Thür eines großen Hauſes, welches ſich augenblicklich öffnete. Hinter der Thür ſtanden zwei Menſchen, anſcheinend ohne Waffen; aber von ſo kräftigem Anſehen, daß man inne wurde, wenn auch die Thür offen ſei, habe man noch nicht die Schwie⸗ rigkeit des Einlaſſes überwunden. — Wohin wünſchen Sie, Gentleman? ſagte der eine von ihnen. — In den Rath der Familie. — Was ſind Sie? — Lord von der Nacht. — Gw. Lerrlichkeit haben ſich verſpätet, ſagte der andere Portier, indem er auf die Seite trat, um den Weg frei zu machen; — Wylords ſind ſchon ſeit einer Stunde verſammelt. Bembo ſtieg ſchnell eine große, hell erleuchtete Treppe hinauf und befand ſich bald in dem geräumigen Salon, wo Lady Jane B... beim Hinausgehen aus dem verpeſteten Keller des Fegefeuers die zwanzigtauſend Pfund ihres königlichen Beſchützers gegen den Krondiamanten umgetauſcht hatte. Um den mit einem grünen Teppich bedeckten, in der Mitte des Saales ſtehenden Tiſch ſaßen einige zwanzig Männer. Mitten am Liſche, auf einem etwas höhern Seſſel, welcher beinahe dem Throne glich, auf welchem in der unter⸗ irdiſchen Kapelle von St. Mary zu Crewe der Mönch mit dem ſeidenen Gewande geſeſſen, befand ſich der Marquis von Rio Santo. — — 19 * „ Dreiunddreißigſtes Kapitel. Der Rath der Familie. Außer dem Seſſel, welcher dem Throne des Mönchs von St. Marie glich, waren noch andere Vergleichungspunkte zwiſchen dieſer ernſten Verſammlung von heute und jenem Verein von Banditen, die zu einer Orgie am Tiſche geſeſſen hatten. Frank Perceval würde, wenn er plötzlich in dieſen glän⸗ zend erleuchteten Salon geführt worden wäre, mehr als eine Phyſiognomie wieder erkannt haben und bei dem Klange von mancher dieſer Stimmen zuſammengefahren ſein. Es waren, wie wir geſagt haben, etwa zwanzig Per⸗ ſonen um den Tiſch herum, faſt ohne Ausnahme Männer von vornehmen Anſehen und jenem glänzenden Firniß der Manieren, welche der Umgang der ariſtokratiſchen Welt gibt. Einige von ihnen waren allerdings mit Hülfe falſcher 443 Titel und angenommener Namen in die Ariſtokratie hinein⸗ gedrungen, aber die meiſten von ihnen hatten durch ihre Ge⸗ hurt Zutritt in derſelben. Sie waren Stufe für Stufe die Leiter des Laſters hin⸗ abgeſtiegen, an deren Fuße das Verbrechen ſich findet. Sie waren meiſtentheils Räuber von Qualität. Wir werden ſie ſchnell die Revue paſſiren laſſen und blos über ihr Oberhaupt, den Marquis von Rio Santo, ſchweigen, deſſen Geſchichte nicht in einem einzigen Kapitel gegeben wer⸗ den kann. Zur Rechten Rio Santo's befand ſich der Doktor Moore, den man im Allgemeinen für ſeinen Vertrauten und Freund hielt. Nach Moore, den der Leſer zur Genüge kennt, kam ein Gentleman von ſtolzer Haltung und militäriſchem Anſehen, der bei den Verhandlungen das große Wort führte und mitunter, aber vergeblich, dem Marquis die Spitze zu bieten ſuchte. Es war Sir George Montalte, Oberſt im Regiment ***, eben ſo berühmt wegen ſeiner noblen Manieren und der verſchwenderiſchen Großmuth ſeiner Gaſtfreiheit, als wegen ſeiner unzähligen Schulden. Sir George hatte auf die lie⸗ benswürdigſte Weiſe ein Vermögen von einer halben Million Pfund todtgeſchlagen und beſaß jetzt nichts mehr, als ſeine durch Erbvertrag geſicherten Güter, was ihn indeß nicht ver⸗ hinderte, mit ganz ritterlicher Verſchwendung das Geld zu den Fenſtern hinauszuwerfen. Da dieſe Verſchwendung aber 444 einen Nahrungsſtoff brauchte, ſo hatte er ſich zum Betrüger gemacht, nachdem er vorher der Betrogene geweſen war. So geht es nur zu oft in der Welt. Nach ihm kam der Banquier Fauntlevy, welcher einige Monate darauf ganz London mit ſich beſchäftigen ſollte und die ſchönſten Blüthen unſerer faſhionablen Welt um ſein Schaffot verſammelte. Fauntlevy war der vertraute Freund eines der Brüder des Königs und beſaß das Vertrauen von ganz Weſt⸗End, das er auch verdiente, denn niemals verlor ſeine edle Kundſchaft einen Heller bei ihm. Blos der Handels⸗ ſtand hatte ſich über ihn zu beklagen und man brauchte nichts von dieſem ſeltſamen und glänzenden Spitzbuben zu fürchten, ſo bald man einen Namen beſaß, der unter der Pairſchaft oder auch nur dem Stande der Baronets der vereinigten Königreiche ſich befand. Es war ein ſchöner junger Mann mit blondem Haar⸗ wuchs, weiblichem Lächeln und einer, in einem ſchwarzen Frack von unvergleichlichem Schnitte gezwängten Taille. Er war eben ſo verſchwenderiſch als Sir George und ſein Haus in Pimlico ſtach den Palaſt von St. James aus. Die Akten ſeines Prozeſſes enthielten vierzehntauſend Fälſchungen. — Der Bruder des Königs bat um ſeine Be⸗ gnadigung und beſuchte ihn im Gefängniſſe. Aber vierzehn⸗ tauſend Fälſchungen waren doch zu viel und der hinreißend liebenswürdige Banquier wurde gehangen. Der Leſer würde in London jetzt noch mehr als eine Lady von einigen dreißig Jahren treffen, welche wie eine 445 Reliquie eine Haarlocke von blonden Haaren im Medaillon trägt, ſo geflochten, daß ſie das Datum bildet: 29. Mai 183. Dies ſind Haare vom ſchönen Fauntlevy. Hinter dem faſhionablen Banquier ſaß eine vierſchrötige Perſon, ungeheuer mit Tabak beſchmiert und den feinen ſcharfen Geruch des Rums von den Antillen aus ſeinem Munde verbreitend. Dieſer Mann war, abgeſehen von der Schwäche, die er hatte, ſich das Gut Anderer zuzueignen, ein ſehr heiliger Mann. Man ſprach ſeit einigen Monaten von ihm, weil er die vakante Sinecure des verſtorbenen Dekans von Weſtmünſter bekommen ſollte, und, wir ſagen es mit aller Ehrfurcht für den proteſtantiſchen Clerus Englands, er hatte nicht viel weniger Recht daran, als ein Anderer. — Die ſo hochwürdige Perſon hieß Peter Boddleſte und hatte bisher nur eine unbedeutende Pfründe von zweihundert Pfund ge⸗ habt, während ſeine Vorgeſetzten monatlich tauſende von Guineen bezogen. Daher mußte der hochwürdige Boddleſie wohl auf Mittel ſinnen, die Einkünfte ſeiner Präbende anſtändig zu verbeſſern. Der Clerus iſt nun bei uns einmal ſo eingerichtet, die Einen haben Millionen, die Andern müſſen hungern. — Der hochwürdige Peter Boddleſie war eines der nützlichſten Mit⸗ glieder der Familie; wir brauchen das nicht weiter ausein⸗ anderzuſetzen. Unſer Adel befindet ſich in derſelben Lage wie unſer Clerus. — Neben dem Hochwürdigen finden wir einen ſehr 446 ehrenwerthen John Peaton, den jüngeren Sohn des Marquis von **7, auch hier iſt derſelbe Fall, daß die Einen alles, die Andern gar nichts haben. John Peaton war ein großer, junger Mann, deſſen kränkliche und ermüdeten Züge nichts ausdrückten, als jene ſtumpfe Apathie, welche Ausſchweifungen und Trunkſucht ſo häufig dem Geſichte unſerer jungen Lords einprägen. Er hatte nur gelegentlich zu thun, wenn die Familie einen Nobleman brauchte, um in einer Intrigue eine unbedeutende Rolle zu ſpielen; aber er war ein ziemlich trauriger Schau⸗ ſpieler. — Dagegen ſtriegelte er ſein Pferd beſſer, als irgend ein Stallburſche und konnte achtzig Dutzend Auſtern hinter⸗ einander verſchlingen, wenn er ſie mit ſechs Flaſchen Porto begleiten konnte. So unnütz der ehrenwerthe John war, ſo unentbehrlich war ſein Nachbar der Geſellſchaft. Dieſer, ein Mann von vierzig Jahren, ſah alle Leute von der Seite verſtohlen an und war vom Kinn bis zur Stirn hinauf mit einer echten Beobachterphyſiognomie begabt; es war niemand geringeres, als Herr Boyne Esg., Oberaufſeher der Polizei der Haupt⸗ ſtadt. Ihm war es zu verdanken und außerdem noch einem der Unterkommiſſäre der City, der weiter unten am Tiſche ſaß, wenn die Familie mit der Polizei faſt ganz in Frieden lebte. Aber dieſer Friede mußte freilich ſehr theuer erkauft werden. S. Boyne Esg. war vielleicht der einzige Lord von der Nacht, welcher ohne Gefahr eine der Anſicht des Marquis 447 von Rio Santo entgegengeſetzte Meinung durchfechten konnte. Er war im Rathe eine Macht, obgleich im Grunde ein un⸗ bedeutender Menſch. Nichtsdeſtoweniger überſchritt ſeine Oppo⸗ ſition niemals gewiſſe Grenzen, weil er wahrſcheinlich gute Gründe hatte zu glauben, daß Maſter Edward in hohen Regionen ſo gut Beſcheid wußte, daß er im Stande geweſen wäre, den ehrenwerthen Boyne Esg. abzuſetzen. Und darin ließ er ſich Gerechtigkeit widerfahren; er wußte, daß mit demſelben Tage, wo er ſeine Funktion auf der Polizei verlöre, auch ſein Einfluß gebrochen ſein würde. Neben dem Beamten langweilte ſich ein Lord. Ein Lord? — Mein Gott ja, ein veritabler Lord, der die Grafenkrone über ſeinem normänniſchen Wappen führte und ſeine Familienbeweiſe bis vor die Eroberung zu⸗ rückführen konnte, der Enkel eines Begleiters von Wilhelm dem Eroberer, das Haupt einer Familie, welche wie die Herzöge von Portland im Wappen die Deviſe führt: craigne⸗ honte. Was iſt dabei weiter zu erſtaunen? Man hat einen ritterlichen Namen und ein ſchönes Vermögen, aber einen ſchwachen, wenn nicht von vorn herein laſterhaften Charakter. Man ſieht um ſich herum nichts als Lords, welche bis an den Hals in unendliche, unſinnige, ſtumpfmachende Schwel⸗ gereien verſunken ſind. — Man glaubt das Recht zu haben, es eben ſo zu machen und wirft ſich blindlings in ein Leben voll Duelle, Schulden und Entführungen hinein. Das Gold fließt in Strömen, dann erſchöpft es ſich und fehlt endlich ganz. 448 Was iſt dann zu thun? Der Eine begeht einen Selbſt⸗ mord, der Andere ſucht in der Politik einen Handel zu ſchließen und ſich eine Mine zur Ausbeutung daraus zu machen. und wenn man ſich nicht verkaufen kann, was oft vorkommt, denn nicht ſtets werden in der Kammer dergleichen Leute gebraucht, ſo ſieht man ſich nach etwas anderem um. Man lebt vielleicht vom Spiele, durch das man ſich ruinirt hat, vom Sport, durch den man zum Bettler geworden. Als adeliche Zigeuner gehen dieſe Leute durch die Welt und fiſchen mit demſelben Hamen, an dem ſie einſt gefangen wor⸗ den ſfind. Lord Rupert Bel . .. Viscount Cle .. hatte ſich eben nicht verkaufen können und befand ſich nun in der Familie. Zu ſeiner Linken ſaß ein roſiger, reinlicher Gentleman, der auf ſeiner kleinen weißen Naſe eine goldene Brille trug, kaum ſeinen Seſſel berührte und ganz die ſtrenge Haltung der hritiſchen Etiquette hatte. Dieſer Gentleman war für dieſe Sitzung die bedeutendſte Perſon, weil ihn ſeine Eigen⸗ ſchaft als zweiter Hauptkaſſirer der Bank in den Stand ſetzte, zu dem großen Raub, auf welchen die Familie dachte, die nöthigen Anweiſungen zu geben. Er nannte ſich William Marlew und ſchenkte nur dem ſeine Gunſt, der ihn Sir William nannte. Nach ihm kamen mehre Beamte der Regierung und ein Richter. Auf der andern Seite des Tiſches befand ſich die eigent⸗ lich kämpfende Partei des Rathes der Familie. Alle, welche 449 wir bisher genannt haben dienten, mit Ausnahme des Doktor Moore, mehr durch ihre Stellung, als durch ihre Thätigkeit. Die andern dagegen waren eigentliche Vanditen, die agirten, combinirten und den hunderttauſend Armen der Geſellſchaft zum Haupte dienten. Dort finden wir denn auch den armen blinden Sir Edmund Makenzie wieder, ferner Herrn Smith, der ſeines grünen Augenſchirmes und ſeiner frömmelnden Miene beraubt war, die auch nicht mit ſeinem kriegeriſchen Titel eines Major Borougham geſtimmt hätte; — Sir Paulus Waterfield, den Doktor Müller, in welchem unſere Leſer den Juwelier Falk⸗ ſtone erkennen können und zwei oder drei andere verwegene abgefeimte Spitzbuben, welche, wie Maſter Jedidiah Smith und der Doktor Müller, geradewegs aus Botany⸗Bay kamen. Jeder in dieſer ſeltſamen Verſammlung diskutirte ernſt⸗ haft und mit einer Würde und Schicklichkeit, welche unſre Parlamente beſchämt haben würde. Als Bembo in den Saal eingelaſſen wurde, hatte William Marlew, der Kaſſirer der Bank, das Wort. — Ich verſichere, deklamirte er mit pedantiſchem, affek⸗ tirten Ernſte, — und ich möchte zu behaupten wagen, daß der Augenblick ſehr umſichtig gewählt iſt, um die in Frage ſtehende Operation zu unternehmen .. . Ich glaube durch meine Stellung im Stande zu ſein, über dieſen Punkt mit einer gewiſſen Autorität ſprechen zu können . ich möchte ſogar: mit großer Beſtimmtheit ſagen ... — 45⁵⁰ — Hört, hört! flüſterte Lord Rupert, welcher gähnte und im Oberhauſe zu ſein glaubte. — Ich danke dem edlen Lord für ſeine wohlwollende Unterbrechung, fuhr der Bureaukrat fort, — und ich behaupte, daß die Keller unſerer Bankverwaltung noch nie ſo viel ge⸗ münztes und ungemünztes Geld enthalten haben. Ein Beifallsgemurmel lief durch die Verſammlung und Lord Rupert fand ſich dadurch veranlaßt, abermals: Hört, hört! zu rufen. — Ich danke Sr. Herrlichkeit aufrichtig für dieſe freundliche Ermuthigung und ich ſage ... meine Herren, das ſind Zahlen, die Bank hat nicht weniger als fünfund⸗ zwanzig Millionen Pfund Sterling im Keller. Ein begieriges Gemurmel lief wieder in der Verſamm⸗ lung umher. — Fünfundzwanzig Millionen Pfund Sterling, wieder⸗ holte der blinde Tyrrel, deſſen Augen glänzten. Da iſt ein ſchöner Sparpfennig, ſagte S. Boyne Esq., ſich die Hände reibend. — Gut angelegt, fügte der Banquier Fauntlevh hinzu, könnte dieſe Summe binnen ſechs Monaten im Handel ver⸗ doppelt werden. — Und wie viel kommt davon auf jeden von uns? fragte mit ſehr zufriedener Miene der hochwürdige Boddleſie, der zukünftige Dekan von Weſtmünſter. — Das iſt eine arithmetiſche Aufgabe, mein Herr, antwortete der Kaſſirer; — eine einfache Diviſion .. 451 — Sir William, unterbrach Rio Santo ihn, — haben Sie die Güte uns zu ſagen, wie hoch die Summe ſich be⸗ läuft, welche die Kaſſen der Bank in Billets au porteur enthalten. — Das ſcheint mir ohne Intereſſe, Mylord, inſofern die Billets bald nur noch einen nicht vorhandenen Werth repräſentiren werden ... Nichtsdeſtoweniger will ich, um Ew. Herrlichkeit Aufforderung nachzukommen, antworten .. Er⸗ lauben Sie einmal! Marlev zählte an den Fingern und ſagte: — Die Kaſſen und Portefeuilles können in Billets, für die ich keine Sirpence geben würde, das Doppelte von dem Werth im Keller enthalten. * — Es iſt gut, mein Herr! — ſagte Rio Santo. Bembo hatte ſich ihm genähert, um ſeinen Bericht ab⸗ zuſtatten. — Mylords, hob gleich darauf der Marquis an, Ihre gerechte Ungeduld wird endlich befriedigt werden .. Ueber⸗ morgen Nacht werden wir in die Bank einbrechen können. — Vierunddreißigſtes Kapitel. Der Cavaliere Angelo Bembv. Be dieſer glücklichen Verkündigung konnte die Ver⸗ ſammlung ihren feierlichen Ernſt nicht bewahren und ein luſtiges Hurrah hallte an den Wänden wieder. In dieſer Vereinigung triumphirender Rufe konnte man das ſchrillende Falſett des Polizeimannes, S. Boyne Esq., deutlich heraus⸗ erkennen, ſo wie den ſingenden Baß des Mannes der Kirche, des hochwürdigen Peter Boddleſie, welcher ſeinen Hut in die Luft ſchleuderte und ſehr geſchickt wieder auffing. Die Menſchen unten im Purgatorium hörten wahr⸗ ſcheinlich dieſen Jubelruf, denn die akuſtiſche Leitung des Saales erdröhnte von einem herben, ſpöttiſchen Geſchrei, als Antwort darauf. — Es ſind noch einige Maßregeln zu nehmen, fuhr 4 Rio Santo fort, für welche, wie ich glaube, der Rath mir freie Hand geben wird. — Ja wohl, ja wohl! antwortete man von allen Seiten. Blos Lord Rupert machte eine Variante, indem er ſagte: — Hört! Hört! — Sir William wird die Güte haben, ſich an Ort und Stelle zu begeben, fuhr Rio Santo abermals fort, um den Plan der Keller aufzunehmen und unſern Leuten alle nöthigen Anweiſungen zu geben . . denn es bedarf der Schnelligkeit eben ſo ſehr als der Klugheit . . . Außerdem wird Sir William die Aufbewahrungsorte der Banknoten angeben, obwohl er dieſen Raub zu verachten ſcheint .. — Sſt ein Mal die Bank ruinirt .. begann der Kuſſirer. — Ganz recht, mein Herr, — aber Sie werden thun, um was ich Sie bitte. — Was die Vorſichtsmaßregeln an⸗ betrifft, ſo iſt das die Sache der Herren von der Polizei; wir können uns auf ihren Eifer verlaſſen. Ich behakte mir übrigens vor, das ganze erſte und zweite Aufgebot der Fa⸗ milie auf die Füße zu bringen, um im Nothfalle an ver⸗ ſchiedenen Orten eine Emeute zu veranſtalten und die be⸗ waffnete Macht zu beſchäftigen .. Wundern Sie ſich alſo nicht, meine Herren, wenn alle Leute auf ein Mal zuſam⸗ menberufen werden. Der Doktor Moore, der noch kein einziges Wort ge⸗ ſprochen, warf auf den Marquis einen verſtohlenen forſchen⸗ 454 den Blick, die lehten Worte ſchienen ihm eine geheine Ab⸗ ſicht zu verbergen. — Der Blinde und er wechſelten ein unmerkliches Zeichen des Verſtändniſſes. Wenigſtens hätte ein Beobachter das glauben können, indeſſen hieße es das Vertrauen des Leſers zu ſehr mißbrau⸗ chen, wenn wir zu beſtimmt verſichern wollten, daß die Ei⸗ genſchaft, als Lord der Nacht, den Blinden die Fähigkeit gibt, durch Zeichen ſich mit Jemandem zu verſtändigen. Wie dem nun auch ſei, wenn Moore und Tyhrrel ver⸗ mutheten, daß der Marquis von Rio Santo einen guten Theil ſeines Gedankens für ſich behielt, ſo irrten ſie keines⸗ weges. Die Plünderung der Bank war nur eine Neben⸗ ſache, eine Einzelnheit ſeines Planes. Jene Villets au por- teur, welche der roſige und blonde Kaſſirer verachtete, hatten für Rio Santo einen ungeheuren Werth durch den Umſtand, daß ſie in ſeinen Händen eine Waffe wurden und mit einem Schlage den Bankerott des erſten Finanzinſtitutes von Eng⸗ land, den Ruin einer der ſicherſten Stützen der Regierung herbeiflihrten. In ſeinem Plane handelte es ſich nicht blos darum, der Bank ihren garantirenden Fond zu rauben, man mußte ſie nöthigen, den Verluſt dieſes Fonds zu veröffentlichen, ihre Zahlungen einzuſtellen und endlich anzuerkennen, daß alle dieſe Banknoten, welche in Maſſe an allen Punkten der drei Königreiche circulirten, nichts als elende Wiſche ſeien. Was die Vereinigung der Leute der Familie anbetrifft, ſo war das eine andere Sache. Es handelte ſich in der 455⁵ 8 That um eine Emeute, aber nicht durchaus zu dem Zwecke, um den Diebſtahl des Goldes der Bank zu begünſtigen. Die Emeute ſollte höher zielen und ein andres Reſultat haben. Die Lords der Nacht trennten ſich und hatten ohne Zweifel in dieſer Nacht ſchöne Träume des Glückes. Sir George Montalt und John Peaton ſahen ſich an der Spitze der ſchönſten Meuten des Königreiches; Lord Rupert ließ in Epſom laufen wie in ſeiner guten Zeit und ſpielte ſeinen Whiſt zu hundert Guineen den Fiche, S. Boyne Esg. ließ ſich ein prachtvolles Hötel am Strand meubliren und gab der Mißtreß Boyne einen Kaſchemir von gewiſſem Werthe 1 zum Geſchenk; Fauntlevy hob das Haus Rothſchild aus dem Sattel und borgte Sr. Königl. Hoheit, dem Herzog von ***, dem Vruder des Königs, eine Million ohne In⸗ tereſſen; endlich der hochwürdige Peter Boddleſie ſetzte ſich 5 ins Parlament und ſchnarchte dort ganz miniſteriell, wie es die Pflicht jedes geiſtlichen Pairs iſt .. Moore ging nach ſeinem Hauſe in Wimpole 2Street. Während dieſes ganzen Tages hatte er ſich nicht mit Clary Mac⸗Farlane beſchäftigt, auch n dieſe Nacht vergaß er ſie, um ſich den Kopf zu zerbrechen und in die Pläne Rio Santo's klare Einſicht zu ſuchen. Während dieſer vierund⸗ zwanzig Stunden hatte alſo die arme Clary die Lebensart geändert und blos von der Einſamkeit, ihren Befürch⸗ ttngen und ihrem Kummer zu leiden. Rowley hatte den Befehl bekommen, ihr Nahrung zu geben, damit ſie bſer 4 S 8 456 das galvaniſche Erperiment aushalten könne, dem ſie der Doktor unterwerfen wollte. — Es war ein Aufſchub, eine Pauſe zwiſchen ihren Qualen und dem letzten Akte ihres Märtyrerthums. Der Marquis von Rio Santo ſtieg mit dem Cavaliere Angelo Bembo in ſeine Equipage. Er war ſo beſchäftigt mit ſeinen Ideen, daß er nicht ein Mal daran gedacht hatte, ſich beim Doktor Moore über den gegenwärtigen Zuſtand Miß Mary Trevor's zu unterrichten. Während des ganzen Weges ſchwieg er ſtill und mur⸗ melte nur mitunter einige abgebrochene Worte, aus denen man nur ſtückweiſe ſeine Gedanken errathen konnte. In dem Augenblicke, wo ſein Wagen in Belgrave Square anhielt, nahm er Bembo's Hand und drückte ſie 1 warm. — Angelo, ſagte er zu ihm, die Stunde rückt heran. . Ich werde Ihrer ganz bedürfen . . . Wenn es Jemanden in 6 der Welt giebt, den Sie lieben, ſo denken Sie dieſe Nacht und morgen an ihn; denn nach dieſer Friſt gehören Sie mir, Angelo, nicht wahr? — Ich gehöre Ihnen, Don Joſé, antwortete Bembo, ganz Ihnen. Als ihn darauf Rio Santo verlaſſen hatte, um ſich in ſeine Appartements zurückzuziehen, wiederholte Bembo langſam und ſchwermüthig: — Wenn es Jemanden in der Welt gibt, den Sie lieben .. Armes Mädchen! 457 Anſtatt auf ſein Zimmer zu gehen, ſchlich er leiſe in den Corridor, nach dem das Zimmer Angus Mac⸗Farlane's hinausging und lehnte ſich auf die Brüſtung des dem Lords⸗ corner gegenüber gelegenen Fenſters. Anna Mae⸗Farlane befand ſich noch immer in dem Zimmer, in welchem wir ſie geſehen haben und ſaß in der Bergere, welche ihr zum Bette diente. — Aber ſie war ſehr bleich und verändert. Ihre gerötheten Augen hatten ſehr viel geweint; ſogar in dem Schlafe, welcher ſie überfallen, behielt ſie eine ſchmerzliche, wie erſchreckte Haltung. Das Licht einer Kerze erleuchtete ſanft ihr Geſicht, auf welchem, wie in einem Spiegel, ſichtbar die kindlichen Er⸗ 1 ſcheinungen ihrer Träume zu leſen waren. — Bembo be⸗ trachtete ſie lange ſchweigend. ₰ — Wenn es Jemanden in der Welt gibt, den ich 44 liebe .flüſterte er endlich. O ja, es iſt eine Liebe von geſtern, die ich morgen werde vergeſſen müſſen . Eine Liebe ohne Vergangenheit wie ohne Zukunft . . . Aber ich liebe ſie, — liebe ſie ſo, wie ich noch nie geliebt habe, wie ich niemals wieder lieben werde. Es war eine von den ſeltenen Londoner Winternächten, wo die kalte Klarheit der Polargegenden herrſcht. An den dünnen Zweigen der Bäume glänzte der Reif und ſtrahlte die reichen Lichter des untergehenden Mondes wieder. — Die Straße unter dem Fenſter war öde. Blos von fern her in Grosvenor⸗Place hörte man das Rollen eines verſpäteten Wagens. — Ich habe nur dieſe Nacht, ſagte Bembo, und ſie iſt ſchon weit vorgerückt . . . Armes ſüßes Kind! ich werde nicht ein Mal mich an dem Glücke ihrer Mutter erfreuen können, wenn ich ſie ihr wieder zuführe . Eine halbe Stunde darauf öffnete ſich die Thür, durch welche der Fürſt Dimitri in Iriſh⸗Houſe eingetreten war, geräuſchlos und der Cavaliere Bembo ging leiſe über die Straße. — Zu dieſer Zeit ſchläft ſchon Alles in London und ſelbſt die Wagen ſind auf dem Pflaſter nicht mehr hör⸗ bar. Nichts ſtörte die tiefe nächtliche Stille. — Bembo maß mit dem Auge den Abſtand des Fenſters, in welchem er Anna's Licht brennen ſah, bis herab zu ihm, und ver⸗ ſuchte auf den Balkon eine ſeidene Strickleiter hinauf zu werfen, die er mitgebracht hatte, ein Andenken noch aus ſei⸗ ner abenteuerlichen ſorgloſen Jugend. Er konnte damit nicht zu Stande kommen. Glücklicherweiſe war er gewandt und wußte ſich zu hel⸗ fen: er ſtemmte ſeinen Dolch zwiſchen die Fugen der Steine ein und bediente ſich deſſelben als Tritt. Mit Hülfe dieſes Mittels und der Mauervorſprünge, gelang es ihm endlich, mit der Hand den Balkon zu erreichen. Als er ſich erſt auf den Balkon geſchwungen, knüpfte er ſeine Leiter feſt an zwei Eiſenſtangen; denn ſie mußte beim Hinabſteigen zwei Perſonen tragen. Anna wachte plötzlich auf, denn Bembo hatte mit ſei⸗ ner, durch ein darum gewickeltes Schnupftuch, geſchützen — * —— — 459 Fauſt die Fenſterſcheibe zerbrochen, den Riegel aufgedreht und war ins Zimmer geſprungen. Die ins Zimmer dringende friſche Luft verurſachte Zug und zugleich mit Bembo's Eintritt wehte die Kerze ungewiß und erhellte nur undeutlich die Gegenſtände. Anna, welche erſt eine Bewegung wie zur Flucht gemacht, ſprang plötzlich auf und ſtürzte mit einem Freudenſchrei dem erſtaunten Bembo in die Arme. — O Stephen, mein theurer Stephen! rief ſie aus; — endlich ſendet Gott Dich mir zur Hülfe. Ein ſchmerzlicher Schauer überlief Bembo's Glieder. Bei dieſem Worte, das mit Einem Schlage ſeine liebſten Hoffnungen zerſtörte, war er nahe daran, in Ohnmacht zu fallen. — Ich habe ſo viel gebetet! fuhr Anna mit einem Tone fort, der Angelo bis ins tiefſte Herz drang; ſo lange habe ich gebetet, Stephen! .. Gott hat mich erhört .. Ich wußte es ja wohl, daß mir Rettung von Dir kommen würde. In einem Augenblicke der Ruhe erholte ſich das Licht der Kerze wieder. Anna erkannte ihren Irrthum, in den ſie nicht ſo wohl die Aehnlichkeit der beiden jungen Leute als ihr fortwährender Gedanke an Stephen hatte gerathen laſſen. Sie machte ſich erſchreckt los und flüchtete ſich in die andere Ecke des Zimmers, dort drängte ſie ſich furchtſam an die Wand. Bembo ging ihr nicht nach. Je ſchöner und jungfräu⸗ licher ſie in ihrer reizenden Beſtürzung war, je ſchwerer wurde ihm um's Herz. — Stephen! flüſterte er von ſich hin; — wo iſt denn dieſer Stephen, der ſie liebt und der ſie in den Händen ihrer Entführer lißt? ... O Thor, der ich bin, wie ich jetzt ſchon dieſen Menſchen haſſe! .. . Und konnte ich denn das nicht erwarten? .. Wie ſchön ſie iſt! .. . Er hielt inne und ſeufzte laut: — O Gott, wie würde ich ſie geliebt haben! Anna indeſſen wurde beim Anblicke dieſes unbeweglich vor ihr ſtehenden Fremden immer furchtſamer, da er ſie mit einem Ausdrucke betrachtete, den ſie ſich nicht erklären konnte. Erſt zitterte ſie ein wenig, dann immer mehr, darauf traten ihr die hellen Thränen in die Augen, Seufzer hoben ihren Buſen, und ſie warf ſich entſetzt auf beide Kniee und ſagte: — H, ich bitte Sie bitte, haben Sie Mitleid mit mir! Bembo zuckte zuſammen, und ſeine Bewegung verwan⸗ delte ſich in ein anderes Gefühl. In der That, er hatte Mitleid mit ihr, jenes zarte, ſüße Mitleid, welches eine Maske der Liebe iſt und auch die Augen eines Mannes mit einer Thräne überraſchen kann. — Ich werde ſie ihrem Stephen wiedergeben, dachte er, und ſein Herz wurde bis zur Schwäche weich; — ich werde ihn bitten, ſie glücklich zu machen wird er ſie ſo lieben wie ich? .. 461 Das war keine Antwort. Anna faltete ihre feinen Hände verzweiflungsvoll und drohte umzufinken. Bembo eilte auf ſie zu. — Fürchten Sie nichts, begann er ſo ſanft, daß Anna ſich wieder ermuthigte; — fürchten Sie nichts von mir, meine Gegenwart darf Ihnen keinen Schrecken erregen. Er ergriff ſie bei der Hand und hob ſie auf, indem er traurig hinzufügte: — Nicht Sie ſind es, wer von uns Beiden zu fürchten und zu bitten hat. Anna verſtand ihn nicht, aber beruhigte ſich nach und nach bei dem Anblick dieſer edlen und offenen Züge, welche ſie bisher blos von ihrem eigenen Erſchrecken verſchleiert geſehen. — Wie kommen Sie hierher, mein Herr? fragte ſie mit einem letzten Anflug von Mißtrauen. Bembo hatte faſt vergeſſen, wo er war. Dieſe Frage entrückte ihn dem Gebiete ſeiner Träume, er erinnerte ſich, wo er war, ermaß die Gefahren, welche noch zu beſiegen ſeien. Die Vedienten des Lords konnten, wenn ſie zufällig wach geworden waren, ihn ohne Mühe verhindern, hinaus⸗ zukommen, der geringſte Widerſtand der Gefangenen konnte die Thüren des Lordscorners für immer wieder hinter ihr verſchließen. Es mußte daher gehandelt werden. Anna's Stirn umwölkte ſich bei ſeinem Schweigen zu⸗ ſehends wieder, und ihr Blick ſprach beredt die Rückkehr ihrer Befürchtungen aus. — Miß, ſagte Bembo endlich, — ich bin hier, um Sie zu retten! Und ſich ſelbſt mühſam überwindend, verſuchte er zu lächeln und fügte hinzu: — Errathen Sie nicht? .. Ich komme von ihm. — Von ihm! rief Miß Mac⸗Farlane aus, und ihre Züge ſtrahlten von grenzenloſem Vertrauen. — Von Stephen! ſagte Angelo ganz leiſe. Anna hüpfte vor Freude, ſie lachte und weinte zu glei⸗ cher Zeit. Bembo wandte den Blick ab, ſie wurde es nicht gewahr. * — Sie kommen, um mich zu holen, ſagte ſie; — ich werde ihn wiederſehen .. Clary wiederſehen Alles, was ich liebe, wiederſehen .. O Dank, Dank! . . Auch Sie will ich lieben! 3 Angelo litt unſäglich; aber er hatte die Kraft, den Kelch bis auf die Hefe zu leeren. — Kommen Sie, flüſterte er; — Stephen erwartet Sie. Er nahm das junge Mädchen widerſtandlos in ſeine Arme und begann vorſichtig die ſeidene Strickleiter hinab⸗ zuſteigen. Er kehrte Jriſh⸗Houſe den Rücken, während Anna mit dem Geſichte dorthin ſah. Sie konnten nur ſehr langſam ſich herablaſſen; denn bei jeder Bewegung ſchwankte die Leiter. Als ſie den halben Weg vom Fenſter auf den Boden zurückgelegt hatten, glaubte 463 Bembo hinter ſich in dem Hauſe des Marquis Rio Santo das Geräuſch eines ſich öffnenden Fenſters zu hören. Er fuhr fort, hinabzuſteigen. Als ſie einige Sproſſen tiefer waren, fühlte er, wie Anna in ſeinen Atmen erzitterte. — Sehen Sie .. ſehen Sie! ſagte ſie bebend! — dort gleitet ein Geſpenſt an den Zweigen der Bäume herab. Bembo verſuchte umſonſt, ſich umzudrehen. — Anna ſah fortwährend nach dem Geſpenſt hin, das ſeinerſeits ſich auch an einem der hinter Friſh⸗Houſe gepflanzten Bäume herabließ. Als es in der Höhe der Hofmauer war, klam⸗ merte es ſich dort an und ſchien einen Augenblick unent⸗ ſchloſſen. Es war das ein halbnackter Menſch, deſſen magere Glieder und haarige Bruſt man in den ſchrägen Strahlen des Mondes erkennen konnte. Anna ſtarb faſt vor Angſt. Endlich ſetzte Bembo den Fuß auf das letzte Querſeil der Leiter. — In dieſem Augenblicke hörte man den Fall eines Körpers auf das Pflaſter. Das Geſpenſt war auf die Straße geſprungen. . Auf dieſe Weiſe berührten unſere beiden Flüchtlinge und der Mann zu gleicher Zeit den Boden und befanden ſich dicht neben einander. Bembo zauderte. — De Mann lehnte ſich, von der Anſtrengung erſchöpft, an die Mauer, und eine meckernde Stimme ertönte in der Mitte der Nacht und ſang: 464 Der Laird von Killarwan, Der hat zwei Töchterlein, Wie nie ein junger Mann Sie ſah ſo lieb und fein Im ganzen Glengirwan! — Mein Vater! rief Anna und machte ſich aus Bembo's Armen los, um ſich auf den Sänger zuzuſtürzen; — es iſt die Stimme meines Vaters. Angus — denn er war es — machte einen Schritt auf ſeine Tochter zu, deren Stimme er erkannt hatte; aber gleich darauf wurde er von einem geheimnißvollen Schrecken ergriffen und taumelte zurück. — Immer die Schatten der Todten! krächzte er angſtvoll. — Mein Vater, mein guter Vater! ſagte Anna wieder. — Laß mich, laß mich! ſchrie Angus; — ich habe ſie geſehen. Und da Anna ihre Arme um ſeinen Hals ſchlingen wollte, warf er ſie heftig zu Voden und rief fliehend: — Alle Beide! alle Beide! Bembo verlor ihn an der Ecke von Belgrave-Lane aus dem Geſichte. Er nahm Anna in ſeine Arme und trug ſie fort. Am andern Morgen fand der Marquis von Rio Santo das Bett des Laird leer. Er konnte ſeine Befürchtung Nie⸗ mandem anvertrauen; denn dieſen ganzen Tag über zeigte ſich Angelo Bembo nicht in Jriſh⸗Houſe. — Fünfunddreißigſtes Kapitel. Ein Schutzengel. Wir müſſen zur genaueren Verificirtung der Daten uns erlauben, den Leſer an Suſanna und— Brian von Lance⸗ ſter zu erinnern, welche wir im vorigen Theile verlaſſen haben, als ſie durch Tyrrel den Blinden getrennt wurden. Es war dies am Abende gerade des Tages, an welchem wir den Cavaliere Angelo Bembo Morgens drei Uhr Anna entführen ſahen. Gleichfalls an dem Abende dieſes Tages ſollte, wie man ſich erinnern wird, Frank Perceval dem Briefe der Lady Ophelia zufolge ſich am St. James⸗Theater einfinden. Aber zwiſchen dem Empfang dieſes Briefes und der Stunde des Rendezvous, bei welchem der Marquis von Rio Santo vergebens ſeinen Partner erwarten ſollte, begab ſich noch ſo Manches .. 20 ** 466 Es eriſtirte ein geheimes, ſehr enges Band zwiſchen dem Doktor Moore und dem Blinden Tyrrel. Der Letztere hatte von dem Doktor eine von den Wohlthaten empfangen, welche man nicht mit Gelde gut machen kann und hegte daher eine Art von Dankbarkeit für ihn. Uebrigens näherte ſie auch ihr Intereſſe ſehr ſtark: ſie wollten die Nachfolgerſchaft des Marquis von Rio Santo theilen. Alle Beide wohnten in Wimpole⸗Street: Tyrrel in Nummer 9, Moore in Nummer 10, ihre Häuſer ſtießen Wand an Wand, eines gegen das andere. Außerdem aber hingen dieſe beiden Häuſer auch noch unter ſich durch einen geſchickt verſteckten Durchgang zuſammen, von deſſen Exiſtenz Niemand eine Ahnung hatte, weil Moore und Tyrrel eben ſich zu ihren gewöhnlichen Zuſammenkünften deſſelben bedienten und man ſie niemals einer dem andern einen Beſuch abſtatten ſah. Auf dieſem Wege wurde denn auch das Haus Nummer 9 geräumt, während Brian von Lanceſter eine Abtheilung Polizei holte. Moore war abweſend und den ganzen Tag nicht in ſeinem Hauſe erſchienen, welches daher in Rowley's Schutze ſich befand. Dieſer aber that ſich mit einigen toxological- amusements eine Güte und ließ Clary Mac⸗Farlane in Ruhe. »Man hatte ſie aus ihrem Gefängniſſe herausgebracht, weil der Doktor ſie ein wenig zu Kräften kommen laſſen wollte, bevor er ſeine galvaniſchen Experimente mit ihr machte; ſie 467 befand ſich alſo noch ſchwach und leidend in einem an das Cabinet des Doktors grenzenden Zimmer. Rowley hatte den ausdrücklichen Befehl bekommen, ihrem Faſten ein Ende zu machen, aber wie ſchon geſagt, er war ganz von ſeinen lieben toxikologiſchen Erholungen in Anſpruch genommen und hatte daher für nichts Anderes Sinn. Der Durchgang, welcher die beiden benachbarten Häuſer verband, endete in einen von dem jetzigen Gefängiſſe Clary's abgetheilten Corridor und mündete in das Cabinet des Doktors ſelbſt. Dort traten alſo zuerſt die Flüchtlinge aus Nr. 9 ein, — Suſanna hatte nicht daran gedacht, Widerſtand zu leiſten, weil es ihr unbekannt war, daß man ſie ſo von einem Hauſe zum anderen führe. Kaum waren ſie in Moore's Cabinet gekommen, ſo nahm Tyrrel die Frau Herzogin Wittwe von Gévres bei Seite und ſagte zu ihr: — Gehen Sie nach White⸗Chapel⸗Road, Maudlin, und melden Sie, daß mein Haus in den Händen der Polizei iſt . . Es könnte ſonſt Jemand in daſſelbe hineinkommen und ſich wie in einer Maufefalle gefangen ſehen ... Ich habe heute Abend zu thun, denn dieſer Brian muß bis mor⸗ gen früh ſtumm gemacht werden. — Es iſt eine böſe Geſchichte, Mylord, autwortete die kleine Franzöſin mit mürriſchem Geſichte. — Wir hatten da eine hübſche Wohnung. Tyrrel zuckte die Achſeln. 468 — Morgen haben wir vielleicht einen Palaſt, Maudlin, erwiederte er; — und übrigens, wozu nützt das Aergern?. Geſchwind, beeilen Sie ſich! Die Frau Herzogin warf einen Blick auf Suſanna. — Werden wir ſie allein hier laſſen? fragte ſie. — Wir ſchließen ab, Maudlin, ſagte der Blinde ſchnell nach der Thür gehend; — nur eilen Sie .. Ich werde mich mit dem Verliebten beſchäftigen .. . Sie werden davon noch ſprechen hören, Frau Herzogin! Die Franzöſin näherte ſich Suſanna, welche abſeits ſaß. — Meine theure Seele, ſagte ſie zu ihr, — Sie ſind ſehr unvorſichtig geweſen . . . aber jeder Sünder erhält Ver⸗ zeihung . .. Ich will für Sie wirken und ſorgen, daß aus der ganzen Geſchichte kein Unglück entſteht ... Adieu, meine Liebe! Bevor ſie ging, beſann ſie ſich noch einmal. — Aber Sie haben heute Abend noch Nichts gegeſſen, meine Theure, begann ſie wieder, — und ich werde vielleicht lange abweſend ſein. Ich will Ihnen ein Souper bringen laſſen. — Ich habe keinen Hunger, ſagte Suſanna. — Mein Gott, ich kenne das, meine Liebe! .. . die Angſt, die Verzweiflung, man hat nicht Sungir, aber man ißt doch eine Hühnerbruſt .. . und trinkt ein kleines Glas Wein. Die Frau Herzogin von Göévres, die beim Doktor Moore eben ſo gut zu Hauſe zu ſein ſchien, als in ihrer eigenen 469 Wohnung, ging hinaus und kam bald mit einem Bedienten, der einen Präſentirteller trug. Auf dieſem befand ſich eine vollſtändige Mahlzeit. Er ſetzte ihn auf den Tiſch und dar⸗ auf ging die kleine Frau wirklich und ſagte noch: — Guten Appetit, mein Herz! Sie ſchloß von draußen zwei Mal herum zu. Suſanna war allein. Es war kaum eine halbe Stunde verfloſſen, ſeit Lan⸗ eeſter ſie verlaſſen hatte, ſo ſchnell war das Alles auf einander gefolgt, und ſo kam Suſanna gar nicht zur Beſinnung. Die plötzliche Erſcheinung des Blinden Tyrrel in dem Augen⸗ blicke, wo ſie glücklich und frei zu werden hoffte, hatte ſie wie verſteinert. Sie war ſogar noch nicht dahingekommen, ſich zu fragen, was nun geſchehen werde, was Laneeſter thun, was ſie fürchten oder hoffen müſſe? Sie hatte den Kopf in die Hände geſtützt und verſuchte das Chaos von Gedanken zu entwirren, die ſich in ihrem Hirne kreuzten. — Zuerſt erinnerte ſie ſich der Drohungen, welche Tyrrel ausgeſtoßen und die ſtets Brian zum Gegen⸗ ſtande gehabt. Wie unvorſichtig und ſchuldvoll kam ſie ſich vor! Wie bereute ſie das Geſtändniß, welches ſie Brian abgelegt, und das dieſem nun unſichtbare, mächtige, unver⸗ ſöhnliche Feinde geſchaffen! Dieſe unbekannten Gefahren, welche ſie über Lanceſter's Haupte zuſammengezogen, ſchienen ihr um ſo furchtbarer, als ſie dieſelben nicht mit ihm theilen konnte. Während man ihm nachſtellte, ſollte ſie geſchützt und ſicher ſein .. Vicht einmal wußte ſie, ob ſie ihn jemals wiederſehen würde. Suſanna hatte ein ſtarkes Herz, aber alle Kraft verließ ſie, ſobald es ſich um Brian handelte. Ihre herriſche Na⸗ tur beugte ſich dann plötzlich, ſie wurde Weib und ein ſchwaches Weib. Nach einigen Minuten rannen ſchwere Thränen ihr übe die Wangen. — O mein Gott, ich habe ihn getödtet! flüſterte ſie verzweifelt. Ein ſchwaches Geſtöhne wurde hinter ihr vernehmlich, wie ein Echo ihrer troſtloſen Klage; ſie achtete nicht darauf und verſuchte zu beten. Während des Gebetes verſtärkte ſich das Geſtöhn. Suſanna hörte es und ſtand auf, denn in ihrer edlen und ganz großmüthigen Seele konnte ſelbſt die Verzweiflung das Mitleid nicht erſticken. Sie horchte aufmerkſam, das Ge⸗ wimmer wurde ſchwächer, dann wieder durchdringender. Suſanna nahm eine Kerze und ſtieß raſch die Thür auf, welche hinter ihrem Seſſel befindlich war; — das Bett, auf welchem Clary kraftlos lag, war zehn Schritte davon. Clary ſchwieg, ſobald ſie das Licht ſah. — Vielleicht fürchtete ſie, einen ihrer Folterer herbeigerufen zu haben. Als ſie aber darauf das bezaubernde Geſicht des ſchönen Mädchens von der Kerze beſtrahlt ſah, glaubte ſie wieder von einem Traume umgaukelt zu werden und ſchloß ermüdet und entmuthigt die Augen. S 471 Sie hatte ſeit drei Tagen ſo viel Engelgeſichter geſehen die mit tröſtendem Lächeln ſtrahlend und ſanft über ihr Schmerzenslager ſich herabneigten! So oft hatte ſie voll Hoff⸗ nung ihre Hände gefaltet und die Phantome um Rettung an⸗ gefleht, welche das Fieber ihr vorführte! . .. Suſanna war indeß an ihr Bett herangetreten und hatte einen Blick des Mitleids auf die Kranke geworfen. Aber kaum erkannte ſie die Züge Clarg's, ſo drückte das Geſicht des ſchönen Mädchens eine außerordentliche Bewegung aus. Ihr Auge wurde feucht und zärtlich beſorgt, wie das Auge einer Mutter an der Wiege ihres Kindes; ihr Buſen hob ſich und ein unbeſtimmtes, trauriges und zugleich freudiges Lächeln umſpielte die ſchönen Linien ihres Mundes. Darauf ſank ſie auf das Knie und ihr Blick wendete ſich gen Himmel. Clary öffnete ihre ſchweren Augenlider, weil ſie einen Kuß auf ihrer Hand fühlte. — Ihr erſter Gedanke war, daß der Traum weiter daure; aber wie ſanft und himmliſch war er dieſes Mal! Die Engel ihrer Fieberphantaſieen waren ihr nie ſo ſchön erſchienen, als dieſes Weib mit dem befreundeten Lächeln, das ein guter Genius der Hoffnung und Erbarmens ſchien. Clary betrachtete ſie entzückt und klagte nicht mehr. — Sie ſind es, flüſterte endlich Suſanna mit gepreßter Stimme, welche an Clary's Ohr ſchlug wie ein ſanfter Akkord ferner Muſik; — Sie ſind es, die ich ſchon ſeit ſo langer Zeit ſuche? Auf Miß Mac⸗Farlane's Geſicht malte ſich ſtumme Verwunderung. — Sie erinnern ſich wohl nicht mehr, fuhr Suſanna fort, — in edlen Seelen läßt eine verübte Wohlthat keine Spuren zurück .. Aber der Empfänger erinnert ſich derſel⸗ ben und ſobald ich beten gelernt hatte, habe ich für Sie ge⸗ betet und für jenen anderen Engel, der Ihnen gleicht und wahrſcheinlich Ihre Schweſter iſt . .. für Clary, das edle Mädchen und für Anna, das ſüße Kind. — Wer ſind Sie denn, Madamek fragte Clary. — Sie kennen meinen Namen nicht ... haben mich nicht darnach gefragt, Clary, an jenem Tage, wo Ihr Arm meinen ſchwankenden Körper, der auf dem Trottoir von Cornhill umſinken wollte, unterſtützte, wo Sie ein armes Mädchen vor dem Hungertode retteten .. — Bunger! wiederholte Clary, ſchmerzlich auf ihre Bruſt drückend, — o, mein Gott, — auch ich ſterbe vor Hunger. Suſanna ſprang aus dem Zimmer und kam ſogleich mit der für ſie bereiteten Mahlzeit zurück. Ihre perlenden Augen lächelten vor Luſt und naivem Glücke. — Ich verzeihe dieſem Weibe Alles, was ſie mir Bö⸗ ſes gethan hat, ſagte ſie, — weil ſie mir die Mittel gege⸗ ben, Ihnen zu helfen. Sie kniete wieder auf den Teppich nieder und half der armen Kranken ſich aufrichten. Während dieſe letztere be⸗ gierig aß und ſich dabei bloß unterbrach, um von Zeit zu 473 Zeit einen Seufzer der Schwäche auszuſtoßen, hielt das ſchöne Mädchen ſie aufrecht, lächelte ihr zu, ſagte ihr ſüße Worte und bedeckte ihre bleichen durchſchimmernden Hände mit Schweſterküſſen. Clary lebte wieder auf und wurde doppelt gekräftigt durch die Nahrung wie die unverhoffte Zärtlichkeit, welche plötzlich ihr Lager umſchwebte. Sie fühlte ſich glücklich. — Was für einen Hunger ſie hatte, das arme Kind! ſagte Suſanna; — wenn Sie ſich ſehen könnten, Clary, wie liebliche Farben wieder in Ihre Wangen ſteigen! Jetzt find Sie wieder ſchön wie ſonſt! . .. Wiſſen Sie wohl, daß ich, um Sie zu erkennen, zwei Mal tief in mein Herz ſehen mußte, wo Ihr Bild lebt .. . Aber ich bewahrte dort jeden Ihrer Züge ... dieſe ſcön, ernſte, nachdenkliche Stirn, die⸗ ſes ſo gute Auge, das meinem Elende gelächelt hat, dieſer liebe Mund, der mir einſt tröſtende Worte geſagt ... Wie bleich Sie auch waren, Clarh, meine liebe Curh, es regte ſich doch etwas in meinem Herzen, ſchon ehe ich Sie erkannt hatte . . . ich liebe Sie ſo ſehr, meine kleine Schweſter! . Clary hatte die Augen voller Thränen. — Dank! .. . Dank! flüſterte ſie. Darauf von unwillkürlichem und plötzlichen Schrecken ergriffen, fügte ſie bebend hinzu: — Aber Sie werden nicht ſtets bei mir bleiben können und wenn Sie nicht mehr da ſind, laſſen Sie mich noch ein Mal vor Hunger ſterben. 474 Suſanna richtete ſich inſtinktmäßig auf, als ob ſie ich zwiſchen Clary und eine plötzlich erkannte Gefahr ſtellen wolle. Zum erſten Mal hatte ſie eine unbeſtimmte Ahnung von Miß Mac⸗Farlane's Lage und fragte ſich, warum das arme Kind in einem Hauſe vor Hungers ſterbe, wo Alles Wohlſtand athmete. 4 Sie that Fragen übe Fragen; Clary verſuchte, darauf zu antworten, aber es konnte ihnen beiden nicht gelingen, das abſcheuliche Geheimniß zu errathen und vergeblich be⸗ ſchäftigten Sie ſich damit, den Knoten dieſer barbariſchen Intrigue zu löſen. Nur das ſtand feſt, daß Clary gelitten, grauſam ge⸗ litten hatte und ihre Angſt war nur zu ſehr gerechtfertigt. — Die Elenden, ſagte Suſanna; — ſie mögen kom⸗ men, ich werde Dich vertheidigen .. . ich bin ſtark wie ein Mann! .. Mögen ſie kommen! .. . Sie unterbrach ſich, weil ſie Clary plötzlich bleich wer⸗ den und die Augen ſchließen ſah. Bevor ſie noch ſich umwenden konnte, um zu ſehen, was die Urſache dieſes plötzlichen Schreckens ſei, ſagte eine heiſere, unzufriedene Stimme ganz in ihrer Nähe: — Ei, ei, ei! Sie wandte haſtig den Kopf und ſah einen kleinen kahlköpfigen Mann, deſſen Schläfe indeß von zwei ſtarken Büſcheln Haare eingefaßt waren. Dieſer kleine Mann hatte die Neſiſchen eine große Brille eingeklemmt und hatte — —— 475 ein großes Buch unter dem Arm. — Es war Maſter Row⸗ ley mit ſeinen Toxicological amusements. Er war ſeiner Gewohnheit gemäß mit Schleichertriten hereingekommen und nicht wenig ergrimmt, als er die Ueber⸗ bleibſel des reichlichen Mahles Clary's gewahr wurde. — Ei, ei, ei, ſagte er in immer wachſender übler Laune! — in was miſcht ſich dieſe Lady, frage ich? ... das kleine Mädchen hat gegeſſen wie ein Oger . . . das iſt eine ſchöne Geſchichte, meiner Treu! .. . Und was wird der Herr dazu ſagen, ich bitte Sie? . .. Ich frage Sie, was wird er ſagen? Maſter Rowley richtete dieſe Frage an ſich ſelbſt und hielt ſich in ehrfurchtsvoller Zurückgezogenheit, weil er die letzten Worte Suſanna's gehört hatte und ſich nicht ihrem Zorne ausſetzen wollte. 3 Das ſchöne Mädchen hatte ſich zwiſchen das Bett und ihn geſtellt und betrachtete ihn mit über die Bruſt gekreuz⸗ ten Armen. 6. — Schön, ſchön, brummte der Gehülfe, einen Schritt zurücktretend; — ich habe keine Furcht vor dieſer Amazone. Und im Grunde, mit meinem Präparate bedürfte es nur drei Sekunden, fünf Terzien und einen Bruchtheil, um fie zur Vernunft zu bringen, wie es ſich ziemt ... Indeß das thut nichts; ich möchte mich doch vor Ankunft des Doktors von hier entfernen. Dieſer Wunſch Maſter Rowley's ſollte nich denn faſt gleich darauf wurde Shih WMary Tevors kam und eilig zurückgelaufen war, um an 476 aufgeriſſen und der Doktor Moore trat mit düſterem Aus⸗ ſehen und gerunzelter Stirn ins Zimmer. — Was bedeutet das, mein Herr, ſagte er hart, indem er ſich an Rowley wandte. — Sir Edmund iſt durch dieſe kleine Thür gekommen, erwiderte ganz leiſe der Pharmaziegehülfe, — er hat dieſe Lady mit ſich gebracht. — Hier iſt nicht der Ort für dieſe Lady, mein Herr. .. gehen Sie hinaus und bitten Sie die Dame, Ihnen zu folgen. — Mein Herr, ich werde nicht gehen, ſagte Suſanna mit tiefer und ruhiger Stimme. — Ei, ei, ei, ſagte Rowley. Der Doktor trat zum Bette vor. — Madame, ſagte er, indem er ſeinen wachſenden Zorn zurückzudrängen ſuchte; — die kindiſchen Formeln deſſen, was man Galanterie nennt, kenne ich nicht und verachte ſie . . Nichtsdſtoweniger, da ich bei all dieſem hier eine betrübende Entwickelung vorausſehe und dieſelbe gern vermeiden möchte, werde ich vor Ihnen den Hut abnehmen, Madame; — er nahm den Hut in die Hand, — werde mich wie ein Geck verneigen und meinen ganzen Fonds von Höflichkeit erſchöpfen, indem ich zu Ihnen ſage: ich bitte Sie, Mylady, ich erſuche Slie, ſich auf der Stelle zurückzuziehen. Der Leſer wird augenblicklich die Situation verſtehen, wenn wir ihm ſagen, daß der Doktor eben vom Bett Miß 477 Clary das furchtbare, bis dahin verzögerte Erperiment zu verſuchen. Suſanna wandte ihr Geſicht nach Clary hin. — O, verlaſſen Sie mich nicht, ſagte das arme Mäd⸗ chen, welches in dieſer Vewegung Unſchlüſſigkeit zu bemerken glaubte. — Sie verlaſſen! rief Suſanna aus, indem ſie ihre Arme um ſie ſchlang, — o nein, Clary, es gibt keine menſchliche Gewalt, die mich von Ihnen trennen kann. — Ein wahrer Eiſenkopf, brummte Rowley. Der Doktor ſtieß einen dumpfen Fluch aus. — Madame ... Madame, ſagte er mit zitternder Stimme; — Sie kennen mich nicht . . . und Sie wiſſen nicht, welches Verbrechen Sie in meinen Augen begangen haben, indem Sie in dies Zimmer gedrungen ſind .. — Ich weiß, daß man dies Kind hat verſchmachten laſſen wollen, — und ich will in Zukunft über ſie wachen. Die Thür öffnete ſich wieder; dießmal war es Fyr der Blinde, der eintrat. Anſtatt in das Zimmer hinei treten, blieb er unbeweglich und kalt auf der Schwelle ſtehen und richtete mit vollkommener Gleichgültigkeit ſein ausdrucks⸗ loſes und glaſiges Auge auf die Secene. Der Doktor hatte ſichtlich bei Suſanna's Antwort ge⸗ zittert. — HO, Sie wiſſen das alſo, Mylady, antwortete er mit einer Art Furcht, in welcher zugleich eine Drohung lag, — nun gut, ich kann vergeſſen, daß Sie es wiſſen . kann 478 Ihnen vielleicht es ſogar verzeihen . . . aber bei Ihrem Leben gehen Sie jetzt hinaus. — Ich werde nicht gehen, wiederholte das ſchöne Mäd⸗ chen, deren reines und glänzendes Auge mit erhabener Ruhe, ohne ſich zu ſenken, das unheilvolle Leuchten von Moore's Blicken aushielt; — und zuerſt müſſen Sie mich tödten, mein Herr, wenn Sie dieſem Kinde ans Leben wollen. Der Doktor ſteckte ſeine beiden Hände in die weiten Taſchen ſeines Rockes, ſein gewöhnlich bleiches Geſicht wurde bis in die Stirn hinein blutroth und war furchtbar anzu⸗ ſchauen. — Hinaus! ſchrie er Rowley mit einem Ausbruche von Wuth zu, — dieſes Weib hat es gewollt! .. . Keine Muskel in dem ſchönen Geſichte Suſanna's ver⸗ zog ſich. Nur richtete ſie ihre Augen zum Himmel, weil ſie merkte, daß ihre Todesſtunde gekommen ſei. Aber Tyrrel der Blinde hatte ſich endlich entſchloſſen, eine Rolle bei dieſem Aufritte zu übernehmen, in dem Augen⸗ blice, wo Moore von einem jener Wuthparorysmen befallen welchen Leute ausgeſetzt find, die gewöhnlich ihre Lei⸗ denſchaften heuchleriſch verbergen, in dieſem Angenblicke, wo er ſich auf die noch immer unbewegliche Suſanna zuſtürzte, hielt ihn plötzlich der kräftige Arm Tyrrel's feſt. Der Doktor verſuchte, ſich frei zu machen, aber ver⸗ geblich. . — Wie, rief er endlich aus; — Du wagſt es, mir Gewalt anzuthun, Du? 3 479 — Ich denke, daß Sie dieſes Weib nicht tödten ſollen, Doktor, antwortete Tyrrel friedlich. — Und wenn nun ich es will? — Dann werde ich Sie daran zu verhindern ſuchen. — Warum, Elender, warum? brüllte der Doktor mit der ganzen Naivetät der Wuth. Clary war mehr todt als lebendig. — Sufanna, welche 3 der Zorn Moore's nicht hatte zum Zittern bringen können, heftete jetzt auf Tyrrel einen unruhigen und furchtfameu Blick. Dieſer begann wieder, ohne ſein Phlegma zu verlieren: — Doktor, aus mehreren Gründen . . erſtens iſt dieſes Mädchen meine Tochter. Suſanna fuhr kaum merklich zuſammen und wurde bleicher, aber ſie gab keine Ueberraſchung kund; Moore da⸗ gegen ſtutzte verwundert. — Ei, ei, Miß Suky, fuhr Tyrrel fort, indem er ſie mit jenem durchdringenden, vernichtenden Blicke maß, von welchem das ſchöne Mädchen öfter mit Brian von Lanceſter 5 geſprochen; — erkennſt Du mich nicht wieder? 5 . ch erkenne S mein Herr, ſagte Suſanna 8 8 leiſe, — und dennoch .. . und dennoch. 6 — — Dennoch, Miß Suky, bedeutet e einem ſo ge⸗ lehrten Manne, wie der Doktor Moore, nichts . Du haſt mich hängen ſehen, nicht wahr? Wer weiß, vnc wirſt Du mich noch einmal hängen ſehen ... Doktor, fügte Tyrrel hinzu „ indem er ſich gegen Moore wandte, deſſen Zorn bei 1 dieſer Offenbarung eine andere Richtung genommen hutte, 3 II. L1 3 480 aber der noch immer die beiden jungen Mädchen mit einem düſtern Ausdrucke von Unentſchloſſenheit betrachtete; — wenn ih ſage, ſie iſt meine Lochter, ſo verſtehen Sie mich wohl . zu der Zeit, wo ich Ismael Spencer hieß, nannte man ſie Suſanna Spencer, das iſt Alles und doch iſt gerade das nicht der 6 weßhalb ich u 8 ſie beide 1 geſtellt habe . — Welches iſt er denn? fragte — Das iſt nur der minder gute Grund! der andere iſt folgender: der Herr Marquis von Rio Santo 3 mir be⸗ fohlen, über ſie zu wachen. — So, ſagte der Doktor und ließ 6 Kopf finken. — Aufs formellſte befohlen! fügte Tyrrel hinzu. — Und doch, erwiederte Moore, weiß ſie . und ihr Lebenbleiben könnte meine Verurtheilung ſein. S verbeugte ſich ernſthaft. — Wer wird es übernehmen, ſie zum zu err wollen Sie es, Ismael? Tyrrel warf einen ſchiefen, heimlichen Bli Su⸗ welche auf das Bett us war und die Auge Fc — Run, ja anc er, indem er vʒih wieder in den friedlichen Ton ſeiner Rolle des 6S Edmund ſiel, — ch werde das übergehmen, Doktor! Ende ves vritten n von Hirſ— fein in 8 e 13 anenduea