itivrhet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von . 5 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr. — Pf. „ „ 5 „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ift auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 Geheinniſſe von London von Sir Franeis Trolopp. Ueberſetzt — von Pr. Ludwig Eichler. weiter Theil. Die Dochter des Gehenkten. Leipzig, Verlag von Friedrich Fleiſcher. 18 44. — — —— Die Tochter des Gehenkten. 5 —— — — — ———— — ——— —— 2 3 Erſtes Kapitel. Das Wirthshaus zum König Georg. Wir haben von unſern Leſern in dem Augenblicke Abſchied genommen, wo Miß Mary Trevor, gleich ihrem Vater, durch die von Suſanna am Bette Frank Perceval's geſpielte ſtumme Rolle getäuſcht, darein willigte, ihre Hand dem Parquis von Rio Santo zu geben. 5 Nach dieſer Scene haben wir uns von den Salons in Trevor⸗Houſe nach den beſcheidenen Zimmern der beiden WMiſſes Mac⸗Farlane gewandt, welche Vob Lantern — der liebe Junge, wie ihn der gute Kapitän Paddy O'Chrane nannte — begleitete und in einem Zimmer des Gaſthauſes zum König Georg ließ, der auf Pfeilern am Ufer der Themſe gebaut war. Pnſer Gruff, wie wir Beſigt haben, nahm in ſeinem 1* Hauſe eine Stellung ein, wie in einem conſtitutionellen Staate, in welchem das ſaliſche Geſetz nicht gilt, der Gemahl der Königin: Er hatte das unbeſchreibliche Recht, von Morgens bis zum Abend die Befehle ſeiner Frau auszuführen, und Gott weiß, wie ſchwer ihm das wurde. Miſtreß Gruff würde auf einem Throne eine trockene, häßliche, braune und bis zum höchſten Grade launiſche Königin geweſen ſein; in ihrem Saalzimmer machte ſie eine paſſable Wirthin, ſanft gegen den Stammgaſt, das Publikum ſtets anlächelnd, ihrem Gatten aber furchtbar, welcher vermöge einer innerlich im Herzen der Miſtreß Gruff angebrachten Fallthür für jedes Lächeln ein Grinſen, für jede Verbeugung einen Fluch auf⸗ bewahrt bekam. Das war ein abgeſchloſſener Kauf. Miſtreß Gruff hätte ſich ein Gewiſſen daraus gemacht, die Galle nicht ſorglich über ihn zu ergießen, mit welcher ſie ihre Kunden verſchonte. Es war ungefähr eine Stunde, ſeit Anna und Clary Mac⸗Farlane im Wirthshauſe zum König Georg angekom⸗ men waren. Sie ſaßen noch immer vor dem zum Mittag⸗ eſſen gedeckten Tiſch und warteten ungeduldig auf die Ankunft ihres Vaters. Von Zeit zu Zeit ließ ſich ein leiſer Schritt auf dem Corridor hören und das Rauſchen eines Kleides machte ſich vor der Thür bemerklich, als ob Jemand ſich dem Schloſſe genähert, um zu horchen. Draußen pfiff der Abendwind. Hinter den ſchmutzigen Scheiben des hohen Fenſters ſah man zuweilen, wie ſchwarze Geſpenſter, die dicken Rauchwolken der Dampfbvote, welche den Fluß auf und nieder fuhren, kreisförmig emporſteigen. Man hörte den traurigen gezogenen Ruf der Watermen, welche an der Schiffswinde drehten, das ferne Schreien der Lighterman (Schiffsauslader) und in noch weiterer Ferne das Rollen der tauſend Wagen, welche unaufhörlich London durchſchneiden. Das war nichts Ungewöhnliches, dieſe Töne mußten den Ohren der beiden Schweſtern vertraut ſein; aber es gibt Augenblicke, wo Alles der Anlaß zu düſterer Träumerei iſt. Anna und Clary hatten zuerſt ſich fröhlich zu unter⸗ halten begonnen, ſehr viel von ihrem Vater, ein wenig von Stephen und von den angenehmen Luftſchlöſſern, welche junge Mädchen auf dem beweglichen Sande der Zukunft ſo ge⸗ ſchickt zu erbauen im Stande ſind; — darauf waren ſie unmerklich trauriger geworden, da die Einſamkeit und das monotone Geräuſch um ſie her dieſe Stimmung hervorrufen mußten. Es lag ihnen wie ein Gewicht auf dem Herzen. Das Zimmer, in dem ſie ſich befanden, war groß, ein mächtiges Himmelbett mit geſchloſſenen Vorhängen bildete mit den Stühlen, dem Tiſch und einem Sekretär von ver⸗ alteter Bauart das einzige Mobiliar, ſo daß durch dieſe Kahlheit das Zimmer nur noch größer ſcheinen mußte. Die Nacht war ſchwarz und ein einziges Licht badete ſeinen zit⸗ ternden Schein in dem Dunkel der weiten Stube, deren Tapeten keine Reflexe hatten. Clary ſah zerſtreut, ernſthaft und nachdenklich durch das Fenſter, an welchem in langen Zwiſchenräumen ein Paketbvot mit voller Kraft des Dampfes vorüberſchoß. Anna, welche wirklich ganz erſchreckt war, wagte nicht, ſich zu be⸗ klagen, hatte den Koyf in ihre Händchen gelegt und verſuchte zu denken, ſie ſei im Hauſe ihrer Tante, unter dem hohen Schutze ihres Vetters Mac⸗Nab. — Clary! ſagte ſie endlich mit leiſer Stimme und ohne ihr Geſicht ſehen zu laſſen. Clarh wandte ihren traurigen, aber ruhigen Blick nach ihr hin. — Haſt Du nicht Furcht, Anna? — wie düſter und kalt das Zimmer iſt, Schweſter! . . . es iſt ſchon ſpät . .. und dieſer Mann, jetzt denke ich daran .., — Du haſt Recht, Clary! — dieſer Mann, der uns hergebracht hat, gleicht nicht dem guten Duncan von Leed. — Du erkannteſt ihn doch ſo gut, ſagte Clary lächelnd. — Ich weiß nicht . . Duncan hat nicht den wilden Blick, der heimlich hinter den dicken niedergezogenen Augen⸗ brauen lacht. ich möchte dieſes Haus hier verlaſſen. — Und unſer Vater, der kommen wird, Du kleine Närrin .. Geh, beruhige Dich . . . Was kann man zu dieſer Stunde, wo in London noch alles lebendig iſt, fürchten? — Ich weiß nicht, ſagte Anna mit zitternder Stimme; — ich habe Furcht, ſo große Furcht, wie noch nie in mei⸗ nem Leben. Als ſie dieſe Worte ſprach, ließ ſich ein Geräuſch an der Thür vernehmen und das arme Kind drängte ſich — — — ſchauernd an ihre Schweſter, deren edle Stirn ihre Ruhe nicht verlor. Die Thür öffnete ſich. Miſtreß Gruff, mit ihrem freund⸗ lichſten Lächeln ausgeſtattet, trat in Begleitung des Maſter Gruff herein, deſſen bärbeißiges Geſicht noch mit einer fri⸗ ſchen Lage üblen Humors überzogen zu ſein ſchien. Miſtreß Gruff trug ein Trinkgefäß und Waſſer, Gruff hatte einen Krug mit ſchottiſchem Ale in der Hand, deſſen Schaum bei einem ſeit drei Tagen ſchon geſtorbenen Lowlander noch das Nationalgefühl erweckt hätte⸗ — Nun, meine ſchönen Damen, ſagte Miſtreß Gruff mit einer liebenswürdigen Verneigung, der Laird läßt heute Abend auf ſich warten. Er hatte uns verſprochen, ſpäteſtens um ſechs Uhr wieder zurück zu ſein. es iſt merkwürdig. — Es iſt merkwürdig! brummte Maſter Gruff, indem er ſein dickes geröthetes Auge auf Anna richtete. — Mein Freund, ſagte Miſtreß Gruff zärtlich, — ſchweig . ſtelle Deinen Krug hin .. und geh hinaus! Der brave Mann befolgte den Befehl in drei Tempo's. — Nun, nun, meine hübſchen Miſſes, hob die Gaſt⸗ wirthin fröhlich an, ſobald ihr Mann hinausgegangen war, — der Laird kann jetzt nicht mehr lange bleiben . folgen Sie meinem Rathe, eſſen und trinken Sie unterdeſſen ein wenig. Clary machte eine abwehrende Bewegung. — Schottiſches Bier, mein Kind! rief Miſtreß Gruff und goß das Glas voll; — ächtes Bier von St. Dunſtan, auf mein Wort!... Sie müſſen das koſten, meine Kinder: das ſchmeckt nach dem guten Lande, oder ich will keine Chriſtin ſein .. aber es fällt mir ein, vielleicht hätten Sie lieber ein Fingerhütchen voll Whisky? — Wir wollen auf unſern Vater warten, ſagte Clary, mit einer Beſtimmtheit, welche den patriotiſchen Einladungen ein Ende machte. Wißtreß Gruff nahm dieſe kalten Worte mit einem engliſchen Lächeln entgegen und ließ dabei ein paar Reihen Zähne ſehen, welche vom ſchönſten Gelb waren. — Meine hübſche Miß, antwortete ſie, es ſteht natür⸗ lich ganz in Ihrem Belieben . .. aber das Bier iſt gut, bei meiner Seligkeit! . . . ſo gut, als nur jemals ein Bier jen⸗ ſeits des Solway gebraut worden iſt. Miſtreß Gruff grüßte und ging wieder die Treppe hinab. — Maſter Gruff, rief ſie, als ſie unten am Erdgeſchoß ankam, ich wünſche, daß Gott Dich davor bewahre, daß ich Dich nicht hier auf Erden ſchon beſtrafe! . .. konnteſt Du mir nicht helfen, dieſe Täubchen zu beſchwatzen?... — Du haſt mir ja geſagt, ich ſoll ſtill ſein, begann der Wirth. — Ich ſage es Dir nochmals, rief ſchneidend ſeine ſanfte Frau; — o Maſter Gruff, ich gäbe ein hübſches Sümmchen darum, wenn mir Jemand ſagen könnte, wozu Du in der Welt gut biſt! ich thäte es, auf mein Wort! .. . weißt Du, wie es kommen wird? .. Dieſe Mamſells werden nicht trinken ſie werden wach bleiben wie Aprilkatzen . . . nun Maſter, hörſt Du nichts? — Meine gute Freundin .. . — Man ſchweigt, Maſter, wenn man nichts als Dumm⸗ heiten zu ſagen weiß! . . . o wie ich zu beklagen bin! und was wird Maſter Vob ſagen, der uns voraus bezahlt hat!... ſollen wir ihm ſeine zwanzig Pfund wieder geben? — Ihm ſeine zwanzig Pfund wieder geben, Baby? — Das frage ich Dich, Maſter Gruff. — Meiner Treu, Baby, ich vermuthe .. — Habe ich Dich nicht gebeten, ſtill zu ſein, ſchrie die zuvorkommende Wirthin .. . Mein Gott, ſo ſchone mich doch ein wenig ach, wenn ich einen andern Mann hätte; aber was einmal geſchehen iſt, iſt geſchehen! Es war das allerdings ſeit etwa zwanzig Jahren ge⸗ ſchehen. Maſter Gruff ſenkte ſchüchtern ſeine Blicke und wagte nicht mehr, das leiſeſte Wort zu ſprechen. Seine Frau be⸗ trachtete ihn eine Minute lang mit vollkommenſter Verachtung, und da ſie es dann müde war, Niemanden zu haben, mit dem ſie ſprechen konnte, ſo ſtieg ſie ganz leiſe die Treppe hinauf, welche nach dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte. Vor der Thür deſſelben angekommen, legte ſie diseret ihr Auge an das Schlüſſelloch. Miſtreß Gruff trug ein ſei⸗ denes Kleid, das bis zum Kinn hinauf zu war, wie jede Methodiſtin 9yn nur einiger Tugend. Dadurch wird uns 1** 8 3 — —— t das Geränſch erklärt, welches man mitunter innen im Zim⸗ mer hörte, denn es war der geringſte Fehler der Miſtreß Gruff, ſehr neugierig zu ſein und an jenem Abend hatte ſie häufig ihr kleines lächelndes Auge an das Schlüſſelloch gelegt. Durch dieſes Loch konnte ſie vortrefflich ſehen, aber dabei nicht gut hören, was um ſo beklagenswerther war, als die beiden Schweſtern ſich gerade von ihr unterhielten. Anna's Schrecken war in der That etwas beſchwichtigt worden und das liebenswürdige Lächeln der Wirthin hatte nicht wenig dazu beigetragen. Durch den Anblick eines Ge⸗ ſichtes, welches ſie für befreundet halten mußte, hatte das junge Mädchen plötzlich einen guten Theil ihrer natürlichen Fröhlichkeit wieder bekommen. Das Zimmer, in dem ſie ſich befand, erſchien ihr nicht mehr ſo düſter, und das Ge⸗ räuſch von anßen drang ihr nicht mehr mit dem unheilvollen Tone an ihr Ohr, welchen ihr eben noch ihre Einbildungs⸗ kraft gegeben hatte. 5 Dagegen war das ſchöne Geſicht Clary's von einem Schatten der Beſorgniß verdüſtert worden, man hätte meinen mögen, daß der Anblick der lächelnden Wirthin ihre Heiter⸗ keit getrübt hätte. — Warum haſt Du dieſe gute Frau weggeſchickt, ſagte Anna endlich, ſie hat ſo ſanfte, ſo höfliche Mienen!. . . ich habe keine Furcht mehr. . jetzt könnte ich, ohne zu zittern, warten bis Mitternacht. — Bis Mitternacht, wiederholte Clary, und runzelte 11 leicht die Stirn; — Gott wolle, daß unſer Vater bald kommt! .. . haſt Du dieſe Frau genau betrachtet? — Gewiß, Clary, und ich hätte ſie von ganzem Herzen umarmen mögen, ich konnte vor Furcht kaum mehr athmen. — Findeſt Du nicht, erwiederte Clary, daß in ihrem Blicke etwas Fremdartiges liegt? — Fremdartiges?... nein, gewiß nicht etwas ſehr Zuvorkommendes ... — Ihr Lächeln iſt mir unangenehm, ſagte Clary mit leiſer Stimme. — Mir hat es ſehr wohl gethan .. . aber, wie Du mit einem Male bleich, ernſt und betrübt ausſiehſt.. fürchteſt Du etwas, Clary? Bei dieſen Worten verlor das furchtſame Kind wieder ihre ganze Heiterkeit und drängte ſich aufs Neue dicht an ihre Schweſter. Clary antwortete nicht. — Du böſes Kind, ſagte Anna, ich war ſchon beruhigt und jetzt erſchreckſt Du mich wieder. Clary betrachtete ſie mit unentſchloſſener Miene, ergrif ihre Hand und verſuchte zu lächeln. — Unſer Vater wird kommen, ſagte ſie. — O ja, unſer guter Vater, rief Anna, wir werden ihn wieder ſehen . . . vielleicht bringt er uns wieder nach unſerm guten Schottland, mit. — Mit Stephen? vtihß Clary, leiſe ſpottend. Anna wurde ganz roth. — Mit meiner Tante, flüſterte ſie. .. und mit meinem Vetter, wenn. .. wenn er Luſt hat, mitzukommen. — Er wird ſchon Luſt haben, liebe Schweſter . . . aber unſer Vater bleibt ſehr lange aus. Clary ſprach die letzten Worte mit einer ſo wahrhaften Unruhe, daß Anna unwillkührlich zuſammenfuhr. Das arme Kind war daran gewöhnt, inſtinktmäßig den Eindrücken ihrer Schweſter zu folgen bei allen Gelegenheiten, wo ihre naive und reizende Fröhlichkeit nicht die kindiſche Schwäche ihres Charakters bewahrte. Sie befragte Clary's Geſicht mit ängſtlichem Blicke und ihr verſchwundener Schrecken kehrte mit neuer Gewalt zurück. Clary litt, und ihrer unangenehmen Stimmung, wenn ſie auch nicht von derſelben Natur war, als die ihrer Schwe⸗ ſter, lag doch ein unüberwindlicher Schrecken zum Grunde. Die Verſpätung ihres Vaters kam ihr unerklärlich vor: zuerſt hegte ſie Befürchtungen für ihn; aber ſie fürchtete auch für ihre Schweſter und für ſich, denn es kamen ihr immer neue Zweifel über den angeblichen Duncan von Leed und dieſe Zweifel nahmen immer mehr Feſtigkeit an, jemehr ſie darüber nachdachte und glichen endlich faſt einer Gewißheit. Man ſprach zu jener Zeit ſehr viel von geheimnißvollen Entführungen, gottloſen Attentaten und das furchtbare Ge⸗ rücht von den Burkers, Reſurrections⸗Männern und andern Spekulanten des Todes ſtörte ſehr häufig den Schlummer junger Mädchen. Clary hatte alſo Grund genug zu Befürchtungen, da — — ſie mit ihrer Schweſter in einein unbekannten Wirthshauſe ſich befand, wohin ſie ein ihr jetzt ſehr verdächtig vorkom⸗ mender Menſch geführt hatte; aber die Furcht konnte nicht lange die edle Natur unterjochen und Clary beſiegte ſie bald. Ein Blick, den ſie auf ihre junge Schweſter warf, war für ſie genügend zu dieſer Umwandlung. Die arme Anna, von ihrer unbeſtimmten Angſt ganz außer ſich gebracht, hatte ihr hübſches Köpfchen auf die Hand geneigt und ſchien nahe daran, ohnmächtig zu werden. Clary ergriff ihre kalte Hand und nahm ſie zwiſchen die ihrigen. — Möchte man nicht meinen, daß wir in einer Räu⸗ berhöhle ſind, flüſterte ſie; — ich habe blos ſehen wollen, ob Du jetzt muthiger biſt, als ſonſt, Anna ... beruhige Dich. Wir ſind hier eben ſo ſicher, als in unſerem Hauſe... o wie würde Stephen lachen, wenn er Dich ſo zittern ſähe. Anna hob den Kopf, ſie glaubte, daß Clary keine Furcht mehr habe und das gab ihr plötzlich allen ihren Muth wieder. — Du biſt ganz kalt, hob Clary wieder an, wollen wir unterdeſſen immer zu Mittag eſſen? — Kannſt Du denn hier Bunger haben, fragte Anna voller Bewunderung; — mir liegt es noch wie ein Gewicht auf dem Herzen . .. wenn ich nur ein wenig Waſſer haben könnte. Ihre blaſſen Wangen belebten ſich und ihr kleiner Mund nahm einen neckiſchen Ausdruck an. — Was ſpreche ich denn vos Waſſer, rief ſie aus und ergriff den hohen Becher, in welchem das ſchottiſche Bier ſchon begann, ſeinen dicken Schaum zu verlieren; — hier iſt ja etwas, das mir Courage geben wird, Clary; trinken wir auf die Geſundheit unſers Vaters! Sie that einen tüchtigen Zug. Ein leiſes Geräuſch wurde an der Thür vernehmlich. — Es iſt gut, ſagte Anna; Effie von Leed hat nie⸗ mals beſſeres gebraut ... biſt Du denn keine Schottin mehr, Clary? . ich fordere Dich auf, die Geſundheit unſeres Vaters nachzutrinken! * Clary war glücklich, ihre Schweſter in frohem Sinne erhalten zu können, nahm nun auch den Becher, der vor ihr ſtand und trank. — Dießmal hörte man ſehr deutlich das Geräuſch eines „ Schrittes, der ſich im Gange entfernte und ſich dann auf den Stufen der Treppe verlor. Dieſer Schritt gehörte Miſtreß Gruff an, deren Auge während der ganzen Seene, die wir erzählt haben, nicht einen einzigen Moment von dem Schlüſſelloche weggekommen war. —— — Sie haben getrunken, ſie haben getrunken, dieſe lieben beiden Täubchen, rief ſie aus, indem ſie in den großen Saal eilte, wo Maſter Gruff wartend am Feuer ſchnarchte; † — ſie haben alle beide getrunken, wie wackere ſchottiſche 1 Mädchen. Maſter Gruff fuhr erſchreckt aus ſeinem Schlafe empor. Bei jeder andern, minder günſtigen Gelegenheit würde der Wirth für dieſen unzeitigen Schlaf mit großer Beſtimmt⸗ heit beſtraft worden ſein, denn Miſtreß Gruff war eine ſtrenge Frau; aber in dieſem Augenblicke, der ganz der Freude geweiht war, zeigte ſie ſich milde und begnügte ſich blos, ihn tüchtig zu rütteln. 3. — Was g es, meine gute w es? fragte der conſtitutionelle Gemahl. — Es gibt weiter nichts, Maſter Gruff, mnützer dum⸗ mer Klotz! — es gibt weiter nichts, Du unverſchmter Faullenzer, als daß die Töchter des Laird von M aſter Bob Lanterns Waſſer getrunken haben. — Sie haben getrunken, meine gute Freundin? . — Sie haben getrunken und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ſie jetzt nicht geduldig die Ankunft des Luird erwarteten, — der in dieſer Stunde wahrſcheinlich ganz fröhlich in den Haiden von Teviot⸗Dale auf das Birkhuhn Jagd macht. Es iſt ſchon ſehr ſpät zur Jagd auf Birkhühner. — Spät oder früh, was geht's mich an, rief die Wirthin ärgerlich, — ſo viel iſt gewiß, der Laird iſt zwei⸗ hundert Meilen vom Wirthshauſe des König Georg entfernt und Während Miſtreß Gruff noch ſprach, öffnete ſich die Straßenthür plötzlich, und ein Mann, der ſorgſam in einen ſchottiſchen Plaid gehüllt war, trat in das Gaſtzimmer des Wirthshauſes. Beim Eintreten watf er die carrirten Zipfel ſeines Plaids zurück. 2 ₰ Miſtreß Gruff vollendetete ihre angefangene Rede nicht, ſie ſank wie vom Blitz getroffen auf den Schemel nieder, der dem ihres Mannes gegenüber ſtand. — Der Laird, murmelte ſie voll Schrecken. — Den führt der Teufel her! — Zweites Kapitel. Zwei Engel am Rande eines Abgrunds. Der Mann, welcher in das Gaſtzimmer des Wirths⸗ hauſes zum König Georg getreten war, konnte etwa fünfzig Jahre haben und ſchien dem Ausſehen nach älter. Als er ſich des Plaids entledigte, der ſeine Schultern umgab, und einen Theil ſeines Geſichtes verdeckte, ließ er eines von den blutreichen Geſichtern ſehen, auf denen die Bläſſe erſt nach Jahren voll Martern ſich zeigen kann. Und dennoch war ſein Geſicht bleich. In leſerlichen Zügen ſtand auf jeder ſeiner Mienen eine lange Geſchichte voller Leiden ohne Abhülfe, grauſamer Un⸗ gewißheit, Angſt, und furchtbarer tief im. Herzen von der wilden Energie ungebändigter Leidenſchaften geführter Kämpfe. Geſchickte Lügner tragen Sorge, ſich ſo viel als möglich bei ihren Erfindungen der Wahrheit zu nähern. Sie erhal⸗ ten auf dieſe Weiſe eine Art von Lokalfärbung, von welcher Leute ohne Mißtrauen ſich leicht täuſchen laſſen. Bob Lan⸗ tern, der ein Lügner von erſtem Range war, hatte ſich ge⸗ hütet, das Elementarprincip des Gewerbes außer Acht zu laſſen. Unter allen verdächtigen Gaſthöfen, in denen er zur Vollführung ſeines teufliſchen Anſchlages gleiche Bereitwillig⸗ keit hätte finden können, hatte er den des Maſter Gruff gerade ausgewählt, weil Angus Mac⸗Farlane in der That gewöhnlich bei ſeinen Reiſen nach London daſelbſt abſtieg. Bob hatte alſo die Wahrheit ſehr nahe getroffen, — ſo nahe ſogar, daß der geringſte Zufall die Wahrſcheinlichkeit in gute und wirkliche Wahrheit verwandeln konnte. Das aber eben war die Klippe. Bob hatte ohne den Zufall gerechnet und der Zufall übernahm als läſtiger Bun⸗ desgenoſſe die Verwirklichung ſeiner Fiktion. Bob befand ſich in der Lage, wider ſeinen Willen die Wahrheit geſpro⸗ chen zu haben. Der Vater und die beiden Töchter waren unter demſelben Dache vereinigt. Der in das Gaſtzimmer eingetretene Fremde war wirk⸗ lich Angus Mae⸗Farlane von Schloß Crewe. Er hatte eine traurige und nachdenkliche Miene; aber dieſe Traurigkeit war nicht von der Art, wie ſie ein zufälli⸗ ger Unglücksfall hervorbringt und der erſte Hauch von Fröh⸗ lich keit wieder verſcheucht, ſondern augenſcheinlich eine chroniſche Traurigkeit, die Folge von langen und unaufhörlichen Sorgen. Seine großen Augen von edlem, reinen Schnitte waren 8 19 gerunzelt und geröthet, als ob ſeine männlichen Wimpern gewohnt ſeien zu weinen. Seine gefurchte Stirn war nur mit einem durchſichtigen Kranze dünner Haare umgeben; ſein Mund, deſſen Linien mit makelloſer Regelmäßigkeit aneinander hin zogen, hatte um die Winkel eine tiefe Falte, die Hieroglyphe des Leidens, in der viel Bitterkeit und Schmerz lag. So ſchienen zwei widerſprechende Charaktere, ſo zu ſagen, ſich den Ausdruck ſeiner Phyſiognomie ſtreitig zu machen. Erſtens eine natürliche Energie, deren edles Feuer von Zeit zu Zeit das Ganze ſeiner zerſtörten Züge erwärmte; zweitens aber auch eine verzweiflungsvolle Mattigkeit, eine düſtere Ent⸗ muthigung, etwas von der niederſchlagenden Ermüdung eines ſchon mehrere Male zurückgeworfenen Soldaten. Gekämpft hatte er, entweder gegen einen Andern, oder gegen ſich ſelbſt, aus gerechter oder ungerechter Urſache, und gekämpft bis zur Erſchöpfung; vielleicht kämpfte er noch. Aber auf der Stirn trug er das Zeichen der Niederlage: es war ein beſiegter Soldat! Die Ankunft des Laird in dieſem Augenblicke wär für das würdige Paar ein wahrhafter Blitzſchlag. Miſtreß Gruff fiel, wie wir geſagt haben, auf einen Schemel nieder, wäh⸗ rend ihr Mann ſeine dicken, dummen Augen weit aufriß, und ſich mit der Hand durch die ſtruppigen Haare ſeines rothen Backenbartes fuhr. Angus nahm von ihrer Aufregung keine Notiz. Er näherte ſeine vom Regen durchnäßten Halbſtiefel dem Feuer * 20 und warf ſeine mit einem Eibenzweige geſchmückte Mütze auf den Tiſch. — Ich bin müde, ſagte er, machen Sie mein Zim⸗ 5 mer zurecht. — Ihr Zimmer, wiederholte Gruff ſchmollend; — Ihr Zimmer, Mac⸗Farlane! .. Hol mich der Teufel, wenn ich Sie heut' Abend zu ſehen erwartete .. Ja, Mac⸗Far⸗ lane . . oder Ew. Ehren, wie man Sie jet nennt, meiner Treu! — zum Teufel, wenn ich das gedacht hätte! — Mein Zimmer iſt beſetzt? fragte der Laird. — Beſetzt? ... Gott ſei Dank, Mae⸗Farlane, es gibt mehr als ein Zimmer im König Georg . . . und was das Ihrige anbetrifft. .. — Mein Freund, ſchweig ſtill! zunterbrach ihn ſanft die Wirthin, welche Zeit gehabt hatte, ſich zu erholen und deren Lächeln in neuem Glanze ſtrahlte. — Ah, Ew. Ehren haben uns überraſchen wollen ... und wie befinden Sie ſich? . Was gibts Neues im Niederlande, wenn ich fra⸗ gen darf? Das wurde mit ſehr großer Geriufigteit und einer 3 Miene geſagt, die herzlich erfreut ſein wollte. — Ich befinde mich ſchlecht, antwortete der Laird kalt, ₰ — und ich weiß keine Neuigkeiten .. . Wollen Sie nicht mein Zimmer zurecht machen? Maſter Gruff wollte das Mort nehmen, aber ſeine Frau ſchloß mit einer Geberde ihm den Mund. — Man verdient ſein Brod, wis man kann, Ew. Ehren, 3 N. 21 ſagte ſie mit einſchmeichelndem Tone, durch welchen indeß eine leichte Schattirung von Spott hindurch ſchimmerte; — es hat nicht Jedermann, wie Sie, ein ſchönes Schloß geerbt, das mehr Pfunde einbringt, als wir Schillinge verdienen .. Ihr Zimmer dient uns zu einem kleinen Geſchäft auf die Themſe hinaus, und in dieſem Augenblick befinden ſich einige Waarenballen darin ... — Schaffen Sie dieſelben hinaus, ſagte Mac⸗Farlane ungeduldig. — Es gibt noch andere Zimmer, mein Gott! brummte Gruff in übler Laune. — Mein Freund, ſagte Mrs. Gruff, — Du ſollſt ſtill ſein .. Seine Ehren hat wohl das Recht, ſich das Zimmer auszuſuchen, das ihm gefällt, denke ich .. Gedulden Sie ſich nur ein Weilchen, Herr Mac⸗Farlane . in einer klei⸗ nen halben Stunde wird Alles bereit ſein. . . Soll ich Ihnen indeſſen immer zu eſſen auftragen? — Ich werde in meinem Zimmer eſſen, ſagte der Laird; — laſſen Sie Ihre Leute ſich beeilen! — Mein ganzes Haus ſteht Ew. Ehren zu Befehl, er⸗ wiederte Mrs. Gruff, deren unerſchütterliche Freundlichkeit nichts ſtören konnte; — ich eile und komme bald wieder zu⸗ rück, Herr Mac⸗Farlane. Es wird eine Sache von einer kleinen Viertelſtunde ſein. Sie ſtand auf und kniff im Vorbeigehen ihren Mann in den Arm, ſo daß dieſer ein ſchmerzliches Gebrumme un⸗ terdrücken mußte. 22 — Verſuche ihn zu amüſiren, flüſterte ſie ihm ins Ohr, — und wenn ich oben huſten werde, ſo komm herauf. Mr. Gruff machte ein Zeichen des Gehorſams. Angus Mac⸗Farlane ſetzte ſich auf den Schemel, welchen die Wirthin eben verlaſſen hatte und näherte ſich dem Feuer. — Verteufelt kaltes Wetter heute, Mac⸗Farlane! be⸗ gann Mr. Gruff, der ſich angelegen ſein ließ, der Gebieterin ſeines Herzens zu gehorchen und den Laird zu amüſiren; — eine verwetterte Kälte! . . . Hm! .. Sie werden mir ſagen, daß es die Jahreszeit ſo mit ſich bringt . aber es iſt ein Unterſchied zwiſchen Kälte und Kälte ... Hm, hm! ... Und ich habe Wintertage erlebt, wo der Wind ſo ſanft war, wie ſehr ſanft, verflucht, das weiß Jeder . . . Wollen Sie eine Priſe irish snuff?) nehmen, Mac⸗Farlane? Mr. Gruff reichte ihm ſeine offene Doſe hin und be⸗ merkte da erſt, daß der Laird ihm gar nicht zuhöre; er ſtieß einen langen Seufzer der Erleichterung aus. — Jetzt iſt er ganz weg! murmelte er, indem er ſchwer⸗ fällig lächelte, jetzt könnte man ihm ſeine rechte Hand ſtehlen, ohne daß die linke etwas davon merkte .. Aber das iſt gleichviel, ich wollte, daß die Geſchichte da oben erſt zu Ende wäre .. Der Laird hatte ſeine beiden Hände über das Knie *) Irländiſcher Tabak, berühmt wegen ſeiner Stärke und ſeines teufliſchen Geruches. 7 gekreuzt und hielt den Kopf vorn übergebückt. Sein düſterer ſtarrer Blick ſchien dem dicken, grünlichen Rauche zu folgen, der im Kamin aufſtieg, wohinein Mrs. Gruff, bevor ſie das Zimmer verließ, noch etwas Steinkohlenabfall geworfen hatte, aber in der That ſahen die Augen des Lairds weder Rauch, noch Kamin, noch irgend etwas. Er war ganz in ſeine Gedanken verſunken, und der Ausdruck ſeines Geſichts war noch viel düſterer geworden, als vorhin. Mit gerunzelten Augenbrauen ſaß er da und athmete ſchwer. — Mac⸗Nab, murmelte er endlich mit erſtickter Stimme; — armer Bruder! .. Das Schickſal hat geſprochen: Mein Blut ſoll Dich rächen .. . mein Blut ſoll ihn beſtrafen!. .. Er hielt inne und ſeufzte mit Anſtrengung. — Ich warte auf Muth, um ihn zu treffen, fuhr er leiſe wieder fort; — ich warte .. warum gibt Gott zu, daß man Die liebt, welche man haſſen ſollte? . — Papperlapap! brummte Mr. Gruff gähnend; — Gott gibt zu, daß wir, Mrs. Gruff und ich, uns von ganzem Herzen verachten . Die Wirthin war unterdeſſen mit Katzentritten die Treppe hinaufgegangen und hatte ſich bei der Thür des von den Schweſtern eingenommenen Zimmers aufs Lauſchen gelegt. Hinter dieſer Thür begab ſich ein ſeltſamer Auftritt, der geeignet war, auch den gleichgültigſten Zuſchauer zu be⸗ wegen. Aber Mrs. Gruff war ſeit langer Zeit gegen jede 24 Art von Mitleid gepanzert. Sie hatte ihr Auge ans Schlüſſel⸗ loch gelegt und bedauerte ſehr, die geſprochenen Worte nicht hören zu können und blos einer Pantomime zuſehen zu müſſen. In der That verlor ſie dadurch die Hälfte des Ver⸗ gnügens. Im Zimmer begab ſich Folgendes: Das von Mrs. Gruff eingeſchenkte Bier — das gute Bier von Santt Dunſtan — enthielt eine ziemlich ſtarke Doſis von dem Waſſer, welches Bob Lantern in the pipe and pot von Biſhop, dem Burker, bekommen hatte. Dieſes Waſſer war nichts Anderes, als das mächtige Narcoticum, deſſen Geheimniß die Reſurrectionsmänner beſaßen und welches dazu diente, die Opfer ihrer hölliſchen Induſtrie einzuſchläfern. Kaum hatten die beiden Schweſtern einige Tropfen von dem scotish ale getrunken, als ſich auch die Folgen des Schlaf⸗ trunkes fühlbar machten .. Sie empfanden ein allgemeines Gefühl des Wohlſeins, gleichſam eine verdoppelte Lebenskraft. Anna begann ein ſanftes ſchottiſches Volkslied zu fingen, Clarh ließ ihren Gedanken den gewöhnlichen Lauf und zum erſten Male ſeit vielen Tagen durchzuckte ein Strahl von Hoffnung ihre Seele. Darauf war ihnen Beiden, als ob der Boden unter ihren Füßen ſchwankte, ſie bewegten ſich in langſamen und weichen Schwingungen hin und her, als ob ſie bei ruhigem Meere auf einem großen Schiffe ſich befänden. Glück wird Ihre Belohnung ſein .. Stephen liebt mich ſo ſehr, fügte ſie ſchamhaft hinzu .. und ich ... und ich . morgen iſt die Hochzeit ich will ſchweigen bis morgen. Clary konnte nicht mehr weinen, ihre Angſt grenzte an Wahnſinn. Jedes von Anna's Worten ſchnitt ihr durchs Herz. Mitunter wollte ſie noch hoffen und ſagte ſich, daß ihre Befürchtungen nur in ihrer Schüchternheit als junges Mädchen begründet ſeien. Aber die Folgen des betäubenden Trankes waren an Anna ſo handgreiflich zu bemerken, daß jeder Zweifel unmöglich wurde. Und wenn die Wirkung bei ihr minder vollſtändig war, ſo mußte ſie in gewiſſer Beziehung nur ſchrecklicher ſein. Sie widerſtand, aber ſie war beſiegt und mit vollem Bewußt⸗ ſein der Urſache; es war ein wirklicher Kampf, der Feind, der ſtärker war, als ſie, drückte ſeine ſchwere Hand auf ſie und überwältigte ſie. Nichtsdeſtoweniger gab ſie noch nicht nach, weil, ſo kräftig auch der Trank war, die von jeder der beiden Schwe⸗ ſtern genommene Quantität doch nicht ganz genügte, um ein unmittelbar entſcheidendes Reſultat herbeizuführen. Mrs. Gruff wurde an der Thür ungeduldig und fluchte, indem ſie un⸗ aufhörlich befürchtete, es möchte dem Laird einfallen, die Treppe heraufzukommen. — Wenn ſie noch einmal trinken wollten, die lieben Kleinen! ſagte ſie vor ſich hin. 28 In dieſem Augenblicke begann Anna, wieder erwacht, oder vielleicht zu träumen anfangend, mit ſchwacher, abgebro⸗ chener Stimme ihr ſchottiſches Lied wieder zu ſingen. Der erſte Ton dieſer geliebten Stimme machte Clarh zittern und gab ihrer Verzweiflung wieder ein wenig Kraft. Sie ſtand auf, zum großen Erſtaunen der Mrs. Gruff, die nur noch Zeit hatte, den Schlüſſel von außen im Schloſſe herumzu⸗ drehen, und ging auf die Thür zu. — Verſchloſſen! murmelte ſie kalt, als ob ſie dieſen Umſtand erwartet habe. Ihre Füße verſagten ihr den Dienſt und ihr ſchöner Nacken konnte kaum das Gewicht ihres immer ſchwerer wer⸗ denden Kopfes tragen. Sie ſchritt aufs Neue wankend durchs Zimmer und näherte ſich dem Fenſter. Dieſes Fenſter beſtand, wie faſt alle in London, aus zwei ühereinanderlaufenden Rahmen, welche von unten nach oben zum Aufſchieben find. Clary verſuchte den unteren Rahmen in die Höhe zu ſchieben, indem ſie ohne Zweifel um Hülfe zu rufen gedachte, aber das Holzwerk war ſehr ſchwer und kein Gegengewicht daran befindlich, wie es häufig angebracht iſt, um das Auſſchieben dieſer unbequemen und häßlich ausſehenden Fenſter zu erleichtern. Nach zwei oder drei erfolgloſen Verſuchen ließ Clary ihre Arme den Körper hinabfinken und ſenkte den Kopf. — Verſuche es nur, mein Täubchen, ermüde Dich, meine Turteltaube; flüſterte die gute Mrs. Gruff vor ſich hin; — je mehr Du Dich anſtrengſt, je ſchneller wirſt Du einſchlafen, ich kenne das, Gott ſei Dank! — Wie Clary über meine Freude glücklich iſt, ſagte Anna, die ſich in dieſem Augenblicke halb erhob, aber ohne die Augen zu öffnen; — die gute Schweſter! ich wollte, ſie liebte einen Mann, wie ich meinen Stephen liebe, denn dieſer Mann würde auch ſie lieb haben .. ſie iſt ſo ſchön . Clary! .. Als die ältere der beiden Mädchen dieſe Worte ver⸗ nahm, blieb ſie plötzlich gerade und ſteif ſtehen, als ob ihr vas Blut in den Adern erſtarrt wäre. Ein neuer Gedanke kam ihr durch den Sinn und dieſer Gedanke war nieder⸗ ſchmetternd. — Mein Gott, mein Gott ſagte ſie, kraftlos auf ihre Kniee fallend; — ich werde ihn nicht mehr ſehen .. und er liebte mich! Der Gedanke an den Tod, den Clary erwartete, nichts Anderes, hatte ſie bisher nur in Bezug auf ihre Schweſter, geſchmerzt. Ihr Herz war bei Anna's Anblick gebrochen, aber ſie hatte ſich ſelbſt vergeſſen. Jetzt vergrößerte ſich ihre Verzweiflung auch noch durch ihre perſönliche Noth. Ihre glühende, jugendliche Liebe, eine plötzliche, abſolute, grenzenloſe Leidenſchaft, welche wir im erſten Theile unſrer Erzählung zu ſchildern verſucht haben, hatte nun die ſchweſterliche Zärtlichkeit in den Hintergrund geſchoben. Ihm mur, ihrer Hoffnung, ihrem Gotte ſchwan⸗ gen ſich fortan die letzten Gedanken ihres Todeskampfes 1 . 3 30 entgegen. Jetzt hatte ſie keine Ruhe, keine Ergebung mehr; — ſie hatte nichts mehr als Thränen und den Schrei eines un⸗ endlichen Schmerzes. Kraftlos wand ſich das arme Mädchen auf dem feuchten Staube des Bodens, herzzerreißende Laute entfuhren ihrer beklemmten Bruſt. Sie litt ſo, wie unſere ſchwache Natur nicht zweimal im Leben zu leiden geſtattet. Anna lächelte noch immer ihrem Traume zu und mur⸗ melte in Zwiſchenräumen Worte des ſüßeſten Glückes. Mrs. Gruff indeſſen, welche fürchtete, daß Clary's Klagen dem Laird zu Ohren kommen könnten, ſprang leicht die Treppe hinab und gab ihren Manne ein Zeichen, ſich augenblicklich ihr zu nähern. — Nimm Deine Violine, ſagte ſie zu ihm. — Meine Violine, liebe Freundin? wiederholte Gruff erſtaunt. . — Schweig ſtill! . . Nimm Deine Violine, ſage ich Dir. Ein anhaltendes Geſchrei ließ ſich oben von der Treppe herab hören. — Mr. Gruff begriff jetzt die Sache. Er langte von der Wand eine ſtaubige Violine herab, auf der eine Seite fehlte, und beſtrich den Bogen mit Colo⸗ phonium. — Es ſchien mir, als hörte ich ein Geſchrei, ſagte Angus Mac⸗Farlane, indem er aus ſeiner düſtern Träumerei auffuhr. — Noch ein wenig Geduld, Ew. Ehren, antwortete 31 die Wirthin; — in fünf Minuten wird Ihr Zimmer be⸗ reit ſein. In demſelben Augenblicke kratzte der Vogen über die Saiten der Violine hin und gab einen abſcheulichen Ton von ſich. Mac⸗Farlane zog aus ſeiner Taſche eine Tartanmütze und zog ſie über beide Ohren, während Mr. Gruff auf ſo hölliſche Weiſe muſicirte. So miſchten ſich die letzten röchelnden Seufzer der un⸗ glücklichen Clary mit den Tönen dieſes lächerlichen Spieles. Aber bald brach ihre Stimme unter der immer ſtärker wer⸗ denden Wirkung eines unbeſiegbaren Schlafes. — Edward, murmelte ſie endlich mit einem letzten Seufzer — Edward .. ich liebte Dich — ich liebe Dich noch! O, Du wirſt nicht einmal erfahren, daß ich Dich noch ſirtend geliebt habe! Sie verſuchte, ſich bis zu ihrer Schweſter zu ſchleppen, welche anmuthig auf ihrem Seſſel ausgeſtreckt lag und mit einem Engelslächeln auf den Lippen ſchlief. Sie werden kommen, dachte ſie, denn ſie konnte nicht mehr ſprechen, — ſie werden kommen! — .. Vom Schlafe gehen wir zum Tode über .. . Arme Schweſter! Sie wird kein Grab haben, an dem Stephen weinen kann! .. Und ich! .. wer wird Edward meinen letzten Seufzer bringen?. Sie ſank entkräftet neben ihrer Schweſter nieder, ſenkte den Kopf auf ihre Bruſt und ſtöhnte die letzte Klage: 32 — Was haben wir gethan, mein Gott, um ſo zu ſterben! Darauf regte ſie ſich nicht mehr. — Stephen, mein Stephen! ſagte Anna und legte ihre ſchönen weißen Arme um den Hals ihrer eingeſchlafenen Schweſter; — wie gütig iſt Gott und wie glücklich ſind wir Drittes Kapitel. Die gelbe Laterne. Als Miſtreß Gruff durch das Schlüſſeloch die beiden Mädchen unbeweglich und ſich umarmt haltend ſah, drehte ſie leiſe den Schlüſſel wieder herum und ſtieß die Thür auf. Sie hatten in ihren Augen ſehr lange gezögert und dieſe Beweglichkeit konnte möglicherweiſe auch noch nicht der Schlaf ſein, daher nahm Miſtreß Gruff, welche eine vorſich⸗ tige Frau war, mehreremale das Licht und hielt es ihnen vor die Augen, um ſich zu vergewiſſern, ob ſie ſchliefen. Dieſe Maßregeln verbunden mit den abſcheulichen Klängen der zerborſtenen Violine des Maſter Gruff, welche von unten durch die offene Thür heraufdrangen, würden auch einem Todten faſt die Augen geöffnet haben. Die beiden Schweſtern regten ſich indeß nicht. Die Lethargie hatte offenbar begonnen. 2* 34 Miſtreß Gruff ſtand nen Statuen gegenüber, n unfähig waren, nicht blos ihr zu widerſtehen, ſondern Auc die Gefahr zu begreifen; daher legte die ſanfte Wirthin d gezwungene Lächeln bei Seite, welches ſie bei jeder Gelege heit ſtets auf den Lippen hatte. Ihr Geſicht, welches ſich 2 gewöhnlich unaufhörlich mit der Maske der Freundlichkeit bedeckte, nahm nun augenblicklich den widerwärtigen Ausdruck an, welcher von Natur ihm gegeben war. Die Heuchelei 5 verſchwand und unter der Heuchelei erſchien eine kalte, rohe, berechnete Härte, ohne irgend eine Miſchung von Mitleid. — Zwanzig Pfund, murmelte ſie, indem ſie die beiden Mädchen mit Kennerblick prüfte .. . Meiſter Lantern wird einen hübſchen Profit machen, ob er ſie nun todt oder leben⸗ dig verkauft, denn unſere Chirurgen haben närriſche Launen und geben viel Geld aus, um den Stahl ihres Secalpels in die Haut eines ſchönen Körpers hineindrücken zu können ... Zwanzig Pfund! .. er könnte uns wohl etwas mehr ge⸗ ben WMeiner Treu, es find Stücke, ohne allen Fehler und mehr als ein Lord würde ſeine Börſe in die Hände einer Peiben Frau ausſchütten, die ſich damit abgäbe .. Miſtreß Gruff hielt inne und begann darüber nachzu⸗ denken. Vielleicht hatte ſie einen Augenblick den Gedanken, ₰ BVob den Boden unter den Füßen wegzunehmen und ihm ſeine Waare zu ſtehlen; aber die Erinnerung an Angus Mac⸗Farlane, deſſen Gegenwart eine furchtbare Drohung ˙ war, änderte den Gang ihrer Gedanken. Sie entfernte ſich von den beiden Schweſtern, ging wieder auf die Treppe und 35 huſtete auf die trockene, gezwungene Weiſe, welche in allen Ländern für einen Ruf gilt. Das war das verabredete Signal, die Violine Maſter Gruffs hörte plötzlich auf zu erklingen und der würdige Gaſtwirth war bald oben auf der Treppe. — Iſt es geſchehen? — ſagte er ganz leiſe. — Schweig, antwortete Miſtreß Gruff aus Gewohnheit; — was macht der Laird? — Keine Gefahr, meine gute Freundin, der Laird hat ſeine tollen, ſchottiſchen Einfälle. Er ſpricht ganz allein vom zweiten Geſicht und andern Narrheiten. O, fuhr Maſter Gruff fort, indem er vor den beiden Schweſtern mit einem wahrhaften Mitleiden ſtillſtand; — die beiden ſchönen kleinen Geſchöpfe! Miſtreß Gruff zuckte mit der Achſel. — Wie Schade, hob der Wirth wieder an, deſſen weiche Stimme mit ſeinem nichtswürdigen Anſehen ſeltſam contra⸗ ſtirte; — wie ſchade iſt es, dieſen armen Engeln Böſes zu thun. — Schweig, ſagte Miſtreß Gruff ärgerlich und hänge die Leuchte hinaus. Der Wirth entfernte ſich ſeufzend. — Iſt es möglich, flüſterte die Wirthin wehmuthsvoll, daß eine Frau, wie ich, einen ſolchen Mann hat ... Fing er nicht über das Schickſal dieſer Jüngferchen zu lamentiren an? Zwanzig Pfund ſind zwanzig Pfund, verſtehſt Du, Du Maſchine ohne Verſtand, und weil Meiſter Boh Lantern ſein Gewerbe treibt, wie es ſich gehört . das iſt noch ein 36 Mann, meiner Treu ſe iſt das kein Grund um zu ſeuf⸗ zen, wie ein Ochfe, den man erwürgt, nein! .. . erwiedere nichts: es iſt unnütz: ich bin eine Sünderin und Gott läßt mich mein Kreuz in dieſer Welt tragen, Maſter Gruff, ſo viel ſteht feſt. Maſter Gruff hütete ſich wohl, zu antworten. Er hatte zwanzig Jahre der Erfahrung hinter ſich und kannte die Gefahr der Erörterungen. Mit kräftigem Arme ſchob er den Fenſterrahmen in die Höhe, welchen die arme Clary nicht hatte bewegen kön⸗ nen und machte eine Laterne auf, die an der äußeren Mauer hing. Miſtreß Gruff reichte ihm ein angezündetes Licht, welches er auf eine Spitze ſteckte, die innen in der Laterne als Leuchterknecht ſich befand und bald warf die Laterne hell werdend auf die Mauer einen ſtrahlenden Schein von durchdringendem und lebhaftem Gelb. Auf der andern Seite des Fenſters befand ſich eine zweite Laterne. Maſter Gruff zündete ſie nicht an; aber der Schein, welchen die angeſteckte verbreitete, ließ ſehen, daß ſie mit grünen Gläſern eingefaßt war. — Wir haben dieſe grüne Laterne an einem gewiſſen Sonntage Abend während des Nebels auf der Themſe glänzen ſehen und wir wiſſen, daß ſie dem Geſchwader des guten Kapitän Paddy zum Signal diente, der die Ueberreſte der Unglücklichen lud, welche der kleine Handel der Gatten Gruff ausbeutete. Wir werden uns ſpäter noch weitläufiger über die Vorzüge dieſer nächtlichen Induſtrie auszulaſſen haben. Was die gelbe Laterne anbetrifft, ſo haben wir ſchon einige —— ——— 2 37 Worte davon geſagt, ſie war auch ein Signal; aber ſie richtete ſich an die Speculanten des Todes. Den guten Kapitän ergriff ein Schauder, wenn er an dieſes verhängnißvolle gelbe Licht dachte, das wie ein Wahrzeichen über dieſer Höhle ausgehängt war, wo das Verbrechen mit Raffinement ſogar das Fleiſch ihrer Opfer verkaufte. Auf der ganzen Welt nur in England können ſolche geordnete Ungeheuer, ſolche haushälteriſche Tiger entſtehen, welche ihre Miſſethaten doppelt verbrecheriſch betreiben, indem ſie mit dem Morde die ſtrenge Logik kaufmänniſcher Berech⸗ nung verbinden. Maſter Gruff ließ den untern Rahmen des Fenſters los und dieſer fiel knarrend und geräuſchvoll herab. — Es war mir, als ob ich den Kahn Bob's vor White⸗Friars geſehen hätte, ſagte der Wirth mit ſeiner ver⸗ drießlichen ſchmollenden Miene; — der Spürhund ſchnobert ſeine Beute. in drei Minuten wird er hier ſein. — Das iſt ein vernünftiger Menſch, der! entgegnete die; Wirthin pathetiſch, indem ſie ihren Gatten mit einem langen Blicke der Verachtung maß; — wenn Du Geiſt genug hätteſt, um zu begreifen, daß Du nur ein Dummkopf biſt, Maſter Gruff, dann würdeſt Du Dir Mühe geben, bei ihm in die Schule zu gehen .. . aber Gott hat Dich zur Strafe meiner Sünden nun einmal ſo gelaſſen . . . Maſter Gruff hatte dieſen Verweis nicht gehört. Un⸗ willkührlich war er den beiden Schweſtern wieder nahe ge⸗ treten und betrachtete ſie voll Mitleid. — Ich habe in meinem Leben viel Böſes gethan, ſagte er, aber der Teufel ſoll mich holen, wenn es nicht eine traurige Sache iſt, zwei ſchöne Kinder, wie die hier, dieſem Metzger, dem Bob, zu überliefern. — Was ſagſt Du, rief die Wirthin, deren gelbes Ge⸗ ſicht vor Zorn purpurroth wurde; — ſeit wann gibſt Du Dich mit Bemerkungen ab?. . ſie ſind ſchön, das iſt wahr; aber was geht das uns an? ... beſitzen wir etwa Renten, um unſere Zeit damit hinbringen zu können, daß wir über das Unglück Anderer jammern ... gehe hinab und ſiehe nach, ob der Laird ungeduldig wird und bringe mir ein Glas Whisky herauf. . . geh, mach ſchnell! Maſter Gruff gehorchte und fragte ſich, ob es nicht gut wäre, in den Whisky ſeiner Frau einmal einige Tropfen von dem Waſſer Bob Lanterns hinzuzugießen, um ſie gehörig in den Schlaf zu bringen. Auf dieſe Frage antwortete Maſter Gruff's richtiger Verſtand, wenn man einmal dabei ſei, wäre es beſſer, gleich die Doſis zu verdoppeln und ſechs bis acht Tropfen hinein zu ſchütten, damit die Gefahr vermieden werde, daß die zu⸗ vorkommende Wirthin jemals wieder aufwache. Er nahm ſich vor, gelegentlich daran zu denken. In dem Augenblicke, wo er zurückkam, um zu melden, daß der Laird noch immer am Feuer bleibe und ſich in den Nebel ſeiner Gedanken verloren habe, klingelte es oben. — Da iſt Meiſter Bob, ſagte die Wirthin; — jetzt an die Arbeit auf der Stelle. 39 Sie hoben beide den Tiſch fort und trugen ihn in eine Ecke des Zimmers, mit Hülfe eines Hakens nahm Gruff ein Seil, welches ſich um eine Winde drehte, die in einen Balken der Decke angebracht war und ließ daſſelbe bis zur Erde niederſinken. Unterdeſſen trennte die Wirthin, ohne viel Umſtände zu machen, die beiden Schweſtern von einander, die ſich noch immer umarmt hielten; ſie wußte, daß keine Gefahr mehr war, ſie zu erwecken. Zwei Tücher wurden auf der Erde ausgebreitet, in das eine derſelben wickelte Gruff und ſeine Frau Clary ein und legten ſie in eine Art von Hängematte, welche vorher am Ende des Seiles feſt gemacht worden war. Gtwöhnlich war dieſe Hängematte nicht für Lebendige beſtimmt. Maſter Gruff faßte nach einem eiſernen Ringe, der in den Fußboden hineinging, gerade an der Stelle, wo eben der gedeckte Tiſch geſtanden hatte und hob mit kräftiger An⸗ ſtrengung eine ſchwere Fallthür in die Höhe, welche in ihren verroſteten Angeln kreiſchte und einen ſchwarzen klaffenden Abgrund ſehen ließ. — Who's there? fragte er ganz leiſe. — Fellow! antwortete unten die Stimme Bob Lanterns. Die Winde begann ſich zu drehen und das weiße Paket, welches die arme Clary einſchloß, verſchwand in dem Loche. 4 — Nicht ſo hart, nicht ſo hart, ſagte Bob Lantern unruhig. Meiſter Schuft, Du wirſt mir das noch Havarie leiden laſſen! Welche iſt es? — Zum Teufel, wenn ich daran gedacht habe, ihr eine Etiquette auf den Rücken zu kleben, antwortete Gruff mit murrendem Tone; — es iſt die erſte beſte... haſt Du ſie? — Wart, wart! .. Keine Unvorſichtigkeit.. das iſt gebrechlich, das, Meiſter Todtſchläger . . . ſo, jetzt halt ich ſie, das liebe Kind. .. nun die Andere. Das Seil ſtieg wieder in die Höhe. Miſtreß Gruff hatte während der erſten Operation Zeit gehabt, Anna ein⸗ zuwickeln, welche daher nun auch bereit war, die Reiſe an⸗ zutreten. Aber in dem Augenblicke, wo die beiden Gatten ſie in die Hängematten legten, hörte man ein Geräuſch an der Thür und das düſtere Geſicht Aa Mae⸗Farlane's erſchien auf der Schwelle. Miſtreß Gruff ließ erſchreckt los und Anna's Kopf, der nicht mehr unterſtützt war, ſank aus der Hängematte herab und verſchob im Fallen die Ecke des Tuches, das ihn einhüllte. — Ihre langen aufgelöſten Haare rieſelten ſogleich bis auf den Boden herab. Der Laird war die Treppe hinaufgeſtiegen, nicht etwa in Folge eines Verdachtes, oder aus einer Bewegung der Neugierde. Der natürliche Hang ſeiner Gedanken entrückte ihn ſehr häufig den Dingen dieſer Welt, wie es allen Adep⸗ ten des in Schottland endemiſchen Aberglaubens geht, wel⸗ chen unſer großer Romanſchreiber in mehreren ſeiner bewun⸗ — 2 — 41 derungswürdigen Werke dargeſtellt hat: das zweite Geſicht. Das Unglück und die Verbrechen einer ſtürmiſchen Vergan⸗ genheit ließen ihn in der Zukunft anderes Unglück und andere Verbrechen leſen und zum großen Theil dieſes ewige Gemiſch von vergangenen Schmerzen und von noch zu erwartenden Leiden machte ſeinen Charakter ſo eigenthümlich, daß er in den Augen des Gleichgültigen den Anſchein eines Wahnfin⸗ nigen hatte. Er war, ohne zu überlegen, gekommen, und weil er gewöhnlich, wenn er im Wirthshauſe war, in dieſes ſein Zimmer ging. — Gehen Sie hinaus, ſagte er eintretend, ich will allein ſein. Miſtreß Gruff hatte trotz ihrer Aufregung doch noch die Geiſtesgegenwart gehabt, ſich ſchnell zwiſchen ihn und Anna zu ſtellen. — Es iſt nur noch ein Ballen hinabzulaſſen, Ew. Ehren, ſagte ſie, indem ſie das liebenswürdigſte Lächeln auf ihre Lip⸗ pen rief, — und dann überlaſſen wir Ihnen ſogleich Ihr Zimmer. Der Laird ging im Innern des Zimmers langſam vor⸗ wärts, die düſtere Starrheit ſeiner Blicke zeigte übrigens, daß er nicht wahrnahm, was darin vorging. — Laß hinab! Unglücklicher, laß hinab, ſagte Miſtreß Gruff, ſich halb gegen ihren Mann wendend, der wie ver⸗ ſteinert ſtehen blieb. — Laſſen Sie ein Cabriolet holen, ſagte der Laird, deſſen Gedanken wieder zu den Angelegenheiten des gewöhn⸗ lichen Lebens zurückzukehren ſchienen; — ich will nach Cornhill fahren, um meine Töchter zu beſuchen. — Wie ſie erfreut ſein werden, die armen lieben Löch⸗ terchen, wagte die Wirthin zu ſagen und wandte ſich mit den Worten zu ihrem Mann: — willſt Du wohl die Winde herablaſſen, Elender! Aber der Wirth blieb vor Schrecken ganz ſtarr, er war gewiß ein ganz verzweifelter Schuft, aber doch weit entfernt davon, auf der Höhe ſeiner Frau zu ſein; und die Gegenwart des Vaters bei der Opferung ſeiner beiden Töchter machte ihn vor Furcht und Entſetzen zu gleicher Zeit ſchauern. Der Laird war indeſſen in der Mitte des Zimmers an⸗ gekommen und Miſtreß Gruff trennte allein ihn von ſeiner Tochter, die über dem gähnenden Abgrunde hing. Die Wirthin war eine Frau von ſtarkem Geiſt. Dieſer drohenden Kriſis gegenüber, welche ſich vorbereitete, hatte ſie ihre ganze Kaltblütigkeit wieder gewonnen. Sie maß die Lage mit kurzem Ueberblicke, ohne ſich weiter Rechnung auf ihren Mann zu machen, deſſen Schutz ihr nicht mehr ſicher war. Sie rechnete ſich aus, bis zu welchem Punkte es vor⸗ ſichtig war, mit der chroniſchen Befangenheit des Lairds zu ſpielen, ſie war zum Theil keck, zum Theil klug; mit einem Worte: ſie combinirte einen von den ſchnellen Plänen, deren Verdienſt in ihrer gewöhnlichen Einfachheit liegt und welche bald einem jungen Weibe dazu dienen, ihren Mann in die beklagenswerthe, vom Pſalmiſten erwähnte Lage zu verſetzen (oculos habent et non videbunt), bald einem Diplomaten eine Provinz zu escamotiren, bald unſerm Wellington eine Schlacht zu gewinnen. Das Zimmer war durch eine einzige Kerze erleuchtet, deren Schein aber weit hin und gerade auf das hübſche Ge⸗ ſicht Anna's fiel. Noch ein einziger Schritt und der Laird befand ſich ſeiner Tochter gerade gegenüber. Gruff war weiß wie ein Leichentuch. Die Wirthin ergriff in dem entſcheidenden Momente ſchnell den Strang der Glocke und zog mit voller Kraft daran. Die Glocke klingelte. Der Laird erhob ſich, einer natürlichen Bewegung folgend, um zu ſehen, woher das Klingeln käme, während deſſen ſtürzte Miſtreß Gruff vor⸗ wärts und löſchte die Kerze aus. Eine vollkommene Dunkelheit herrſchte im Zimmer; aber ein ſchreckliches Geſchrei des Laird bewies, ſo ſchnell auch die Bewegung der Wirthin geweſen war, daß die Kerze zu lange gebrannt hatte. In dem Augenblicke, wo der letzte Schimmer erloſchen war, hatte Angus das Geſicht ſeiner Tochter erblickt, er hatte dazu vielleicht nur den zwanzigſten Theil einer Minute Zeit gehabt; aber er hatte ſie geſehen, bleich, von ihren aufge⸗ löſetem Haar umgeben und über der offenen Fallthür hängend. Er empfand in ſeinem Herzen einen ſo ſchneidenden Schmerz, daß er nahe daran war, hintenüber zu fallen. Seine Augäpfel erweiterten ſich, als ob er verſucht hätte, noch zu ſehen, dann ergab er ſich ſeinem gewöhnlichen Hange, 44 welcher ſeine Gedanken faſt beſtändig zum Wunderbaren neigte und fragte ſich: ob es nicht eine Viſion geweſen ſei. Und was bedeutet dieſe Viſion? Eine gräßliche Gefahr, ohne Zweifel . Er c einen Schritt, nicht gegen die arme Anna, ſondern nach der Thür zu, um nach Cornhill zu eilen, ſich zwiſchen ſeine Töchter und die eingebildete Gefahr zu ſtellen. Miſtreß Gruff, welche anfangs durch den Ruf des Lairds beſtürzt worden war, weil ihr derſelbe von der Mutz⸗ lofigkeit ihrer Maßregel Kunde gab, faßte ſehr ſchnell wieder Muth, als ſie ſah, daß er unbeweglich ſtehen blieb. Sie ging wieder nach der Fallthür zu, entriß den Händen ihres Mannes das Seil und ließ die Winde ſpielen. Anna fiel wie eine lebloſe Maſſe mitten in den Kahn. — Himmeldonnerwetter! brummte Bob, der ſich ganz ſtill hielt, da er errieth, daß dort oben etwas Außergewöhn⸗ liches vorgehen müſſe; — dieſer Schuft Gruff wirft einem das zu, wie ein Pack Lumpen. — Fortgeſchwommen, unterbrach ihn lebhaft die Wir⸗ thin und die ſchwere Fallthür ſchloß ſich mit Krachen. Bei dieſem Geräuſch zuckte Angus Mac⸗Farlane heftig zuſammen und kam zur Empfindung der Wirklichkeit wieder zurück. — Meine Tochter, rief er nach dem Orte zuſtürzend, wo er Anna bemerkt hatte; — ich habe meine Tochter geſehen. — Ihre Tochter, wiederholte die Wirthin, indem ſie verſuchte, laut aufzulachen; — hörſt Du es wohl, Maſter Gruff; — der Laird hat ſeine Tochter geſehen. — Der Laird hat ſeine Tochter geſehen, ſagte mecha⸗ niſch Maſter Gruff. Mat⸗Farlane taſtete in der Dunkelheit umher und fand überall nur den glatten Boden. — Licht, rief er gebieteriſch; — auf der Stelle bringe man mir Licht! — Gern, Ew. Ehren, gern. Sie brauchen ſich dar⸗ über gar nicht ſo zu erzürnen. Der Laird warf die Blicke rings um ſich herum und fuhr ſich dann mit beiden Händen nach der Stirn. Miſtreß Gruff begann zu lächeln und ſagte ſüßlich: — Ew. Ehren iſt unten am Feuer eingeſchlafen, ſollten Sie einen böſen Traum gehabt haben? — Ich habe geſehen, murmelte Angus angſtvoll, — oh ich habe es wohl geſehen .. ſie lag dort ſchlafend .. oder todt. Er beugte ſich vor, um den Ort zu bezeichnen. Ein weißer Gegenſtand traf ſeine Blicke, er bemächtigte ſich deſſel⸗ ben raſch. Es war ein Battiſtſchnupftuch, in welchem ſich die An⸗ fangsbuchſtaben C. M. F. über einen Eibenzweige geſtickt fanden. Der Laird richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf, ſeine Augen ſchleuderten Blitze, er ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. — Und Clary auch, rief er mit dumpfer Stimme, — alle beide, beide auf einmal. Es lag eine ſo furchtbare Drohung auf dem Geſichte des Lairds, daß die Wirthin zitternd entfloh und die Thür hinter ſich verſchloß, indem ſie ihren Mann der Gnade Gottes überließ. Angus ging langſam auf dieſen zu, packte ihn mit der Fauſt vor die Bruſt und warf ihn unter ſeine Füße, als ob es ein Kind geweſen wäre. — Gnade! Gnade! murmelte der Gaſtwirth, halb todt vor Schrecken. Angus, der mit den Zähnen auf einander biß, daß ſie nahe daran waren, zu zerbrechen, ſetzte dreimal an, um fol⸗ gende Worte auszuſprechen: — Sind fie todt? — Nein, Ew. Ehren, nein, bei meiner Seele, rief Gruff, ſie haben Opium getrunken und das iſt alles. Ein langer Seufzer entrang ſich der Bruſt des Lairds. — Höre mir zu, wenn Du lügſt, werde ich Dich tödten . wohin bringt man ſie? — Bei Gott, davon weiß ich nichts. Angus zog ihn nach dem Fenſter hin, deſſen Rahmen er in die Höhe ſchob. — Siehſt Du den Kahn? fragte er. 47 Vob hatte ſich verſpätet, weil er ſich erſt vergewiſſern wollte, ob ſeine Waare Havarie gelitten habe, oder nicht; ſein Kahn war kaum achtzig Fuß vom Fenſter entfernt. Gruff zeigte mit dem Finger darnach hin. Der Laird ſtieg auf das Fenſterbret und ftürzte ſich in die Themſe. Viertes Kapitel. Eine Enterung. Maſter Gruff ſtand langſam auf, ſchüttelte ſich den Staub von den Kleidern und betaſtete ſeine Glieder, die wie zerſchlagen waren. — Hol' mich der Teufel, wenn er nicht ein gutes Kind gegen mich geweſen iſt, brummte er, ich dachte, es würde ſchlimmer hergehen. Er lehnte ſich auf das Fenſterbret und verſuchte, mit dem Blicke die Dunkelheit zu durchdringen, um zu ſehen, was zwiſchen dem Laird und Bob Lantern vorgehen werde. — Meiner Treu, dachte er, Bob würde ein Gebell, das ihn aufmerkſam machte, gewiß theuer bezahlen; aber bei alle dem, ich bin kein Hund, und da der Zufall den armen Kleinen eine Ausſicht gibt, ſich zu retten, ſo will ich 3 49 dieſelbe ihm nicht verderben , Bravo, zum Teufel! jetzt kommt der Mond und nun können wir uns die Jagd ganz deutlich mit anſehen. Ein friſcher Südweſtwind hatte ſich erhoben und trieb den Nebel in kleinen weißlichen Wolken, welche am Himmel Lämmerchen bildeten, vor ſich her. Der Mond zeigte ſich in kurzen und faſt gleichmäßigen Zwiſchenräumen, um ſich nach einigen Secunden wieder zu verſtecken und dann zwiſchen zwei Wolken wieder hervorzukommen. Die ſtille Themſe war nur von kleinen Wellen bewegt, auf welchen die Strahlen des Mondes tauſend kleine Streifen zogen, und ſie breitete ihr weites Bett bis zu den Füßen des Wirthshauſes zum König Georg. Sier und dort gingen Lichter und Fahrzeuge von allen Orten verwirrt durcheinander, am Ufer entlang. Ein Dampfboot, welches vorbei gekommen war, ließ in der Luft einen langen Streifen von ſchwerem Dampf hinter ſich zurück. Bob hatte ſchon die letzten Fahrzeuge, welche vor Anker lagen, überholt, und befand ſich in dem freien Raume, wel⸗ cher in der Mitte des Stromes iſt. Der Laird dagegen ſchwamm noch mitten unter den durch einander feſtgebundenen Kähnen. Der Laird war ein kräftiger Schwimmer. Er durch⸗ ſchnitt das Waſſer in regelmäßigen Stöſſen und gewann der Barke immer mehr Entfernung ab, da Bob ohne Mißtrauen war und ſich nicht beeilte. — Er wird ihn einholen, meiner Treu, ſagte Gruff II. 3 50 zu ſich; — das Waſſer und er find gute Bekannte und ich habe ihn . . es war noch in der guten Zeit . . eine Stunde im Solwah ſchwimmen ſehen, neben ſeinem athemloſen Pferde HO, Maſter Bob wird eine ſchöne Geſchichte auf den Hals bekommen . . . wenn der Laird nur irgend etwas bei ſich hat, das einem Dirk ähnlich iſt, ſo wird er ihn ſpießen, wie einen Lachs . . und ich ſage, das wird wohl gethan ſein. — Was wird wohl gethan ſein, Meiſter Dummkopf? fragte eine ſchneidende Stimme hinter ihm. — Du warſt da, meine gute Freundin? ſtotterte der Gaſtwirth auſſer Faſſung. — Ich war da, Maſter Gruff. . . und ſchäme Dich weiter nicht! Du biſt feiger, als ein Haaſe, ſiehſt Du! wenn man ſagen muß, daß ein armes Weib, wie ich, nicht einmal darauf rechnen kann, daß er ſie vertheidigt! .. Du würdeſt mich durch dieſen Raſenden haben tödten laſſen, Maſter Gruff! — O meine gute Freundin, rief der Wirth. — Schweig! oder vielmehr antworte mir! . . hat ſich der alte Narr ins Waſſer geworfen? .. — Er hat ſich ins Waſſer geworfen, Baby! — Um ſich zu erſäufen? Maſter Gruff ſtockte. — Es könnte wohl ſein, daß er ſich erſäufte, antwor⸗ tete er endlich. Miſtreß Gruff warf ihm einen mißtrauiſchen Blick zu, 51 ſchob ihn haſtig bei Seite, um ſeinen Platz am Fenſter ein⸗ zunehmen. — Der Laird hat närriſche Einfälle, brummte ſie; aber ich möchte wetten, daß er eher daran gedacht hätte, Maſter Gruff den Schädel einzuſchlagen, bevor er ſich erſäufte.. . . Er hatte den wahren Satan in den Augen, und meiner Treu, es iſt mir lieber ihn im Waſſer zu wiſſen, als bei uns und das Schnupftuch, unnütze Kreatur, die Du biſt!. .. was war das mit dem Schnupftuche! warum haſt Du das Schnupftuch fallen laſſen? — Das Schnupftuch, Baby, wird der kleinen Mamſel aus der Taſche gefallen ſein. — Du wirſt noch unſer Haus ruiniren! Du biſt ein Fluch für mich, ein ſchwerer Fluch, ich kann es nicht ver⸗ bergen . wenn der Laird das Schnupftuch nicht geſehen hätte, ſo würden wir ihn . . . das heißt, ich würde, denn Du oder nichts — das iſt dieſelbe Sache. . . ich würde ihn haben glauben machen, was ich gewollt hätte . träumt er nicht mit offnen Augen, ſo lange der Tag dauert? — Die Sache iſt, Baby .. — Schweig! . . . das Schnupftuch könnte uns eine traurige Geſchichte auf den Hals bringen, wenn der Laird nicht als braver Hochländer, der an das hitzige Fieber ge⸗ wöhnt iſt, ſich benommen hätte . . . aber die Themſe iſt hier unten tief, Gott ſei Dank . . . in Teufels Namen, Du haſt mich betrogen, ich ſehe einen Menſchen dort aus den Schatten jener Gabarre hervorkommen ... belüge mich nicht, 3 * 52 Maſter Gruff, oder es geht Dir ſchlimm! .. Iſt dieſer Menſch der Laird? — Ja, ſagte der Wirth mit gepreßtem Herzen. — Es iſt der Laird, rief die Wirthin und wurde gelb vor Furcht und Wuth; — und der Kahn, der nur noch dreißig Schritte von ihm entfernt iſt, iſt das der Kahn Meiſter Bob's? — Ja ſagte abermals der Wirth. — Und Du warnſt ihn nicht, Unſeliger, hob Miſtreß Gruff wieder an, und ihre Hände krallten ſich, als ob ſie das Geſicht ihres Mannes zerfleiſchen wollte; — Du ſtehſt da wie ein Prellpfahl? Auf der Stelle das Signal, augenblicklich! Maſter Gruff hatte zum erſtenmale ſeit langen Jahren Luſt, Widerſtand zu leiſten. Er zauderte, richtete ſich in die Höhe und betrachtete ſeine Frau mit Stirnrunzeln; aber bald ſenkte er den Blick wieder. Das Licht der gelben La⸗ terne fiel gerade auf das bleiche Geſicht des Mannweibes und gab demſelben den Ausdruck einer ſo furchtbaren Nichts⸗ würdigkeit, daß Gruff einen Schauer durch alle ſeine Glie⸗ der laufen fühlte. — WMorgen wird Gift in meiner Suppe ſein, dachte er, man ſchlägt ſich nicht mit dem Teufel! — Nun, wird's bald? rief die Wirthin gebieteriſch. Maſter Gruff beugte ſich zum Fenſter hinaus, löſchte die gelbe Laterne aus und legte ſeine beiden Hände an den Mund. In demſelben Augenblick ließ ſich ein furchtbares Bellen, 53 deſſen tiefe Töne jedenfalls bis über die ganze Themſe hin⸗ überdringen mußten, hören. Maſter Gruff ſteckte ſeine beiden Hände wieder in die Taſche und das Gebell hörte auf. — Nun, ſo iſt's recht, rief die Wirthin in einem An⸗ falle widerwärtiger Fröhlichkeit; — umarme mich, dicker Böſewicht . . . es gibt nicht zwei Doggen in London, die ſo bellen können wie Du . . jetzt iſt Maſter Bob gewarnt und der Laird mag ſich gut halten, . . . ich möchte wetten, daß er niemals zurückkehren wird, um uns zur Rede zu ſtel⸗ len über das, was heute vorgegangen iſt. Miſtreß Gruff ſchwieg und machte auf dem Fenſterbret für ihren Mann ein wenig Platz. Die Scene wurde in⸗ tereſſant; in dem kritiſchen Augenblicke eines Dramas macht auch der entſchiedenſte Schwätzer Waffenſtillſtand. Der Laird und der Kahn, welchen er verfolgte, blieben vollkommen im Geſichtskreiſe. Der Mond ſtrahlte im rein⸗ ſten Glanze. Das Fenſter des Wirthshauſes zum König Georg war eine Art Proſcenium, auf dem man alles ſehen konnte, wenn auch nicht alles hören. Angus Mac⸗Farlane fuhr mit der geregelten Energie zu ſchwimmen fort, welche bewies, daß er weit davon ent⸗ fernt war, zu ermatten. Er ſchwamm nicht dirert auf den Kahn zu, ſondern durchſchnitt den Fluß in gerader Linie, um nachher im entſcheidenden Augenblicke den Vortheil der Strömung benutzen zu können. Das Bellen Maſter Gruff's ging über ſeinem Kopfe hin⸗ 54 weg, ohne daß er ihm die geringſte Aufmerkſamkeit geſchenkt hätte. Er fuhr fort den Strom zu durchſchneiden, in⸗ dem er indeß Sorge trug, fortan die Heftigkeit ſeiner Stöße zu mäßigen, um unbemerkt ſeine Beute überfallen zu können. 1 3 Der Kahn Bob's ſchien verlaſſen zu ſein, er ging lang⸗ ſam den Fluß hinab und blieb immer in der Richtung des dem linken Ufer nächſten Kanals. Bob ſelbſt hatte ſich auf den Boden des Kahnes niedergelegt, ſo daß er nur den Kopf ein wenig über Bord ließ. Die Fahrt, welche er zu machen hatte, war nur kurz, es kam weniger darauf an, ſchnell zu fahren, als ohne Hin⸗ derniß anzukommen, und Bob hatte in ſeiner Weisheit ſich ausgerechnet, daß ein Kahn, der faſt unmerklich in dieſem Theile des Fluſſes, wo der Strom keine Kraft hat, hinabglitt, tauſend gegen eins für ſich hatte, nicht bemerkt zu werden. Er hatte die beiden Schweſtern im Kahne aufs Beſte ausgeſtreckt, und ſah von Zeit zu Zeit nach, ob ſie auch ſo comfortable lagen, als nur möglich. Nichts gleicht der Auf⸗ merkſamkeit eines Vaters für ſeine Töchter ſo ſehr als die Beſorgniß eines Handelsmannes für ſeine Waare. In dem Augenblick, wo das Gebell ertönte, hatte er ſeine Jacke ausgezogen, um ſie unter Anna's Kopf zu legen. Dieſe 3 bekannten Töne brachten auf ihn den Eindruck eines elektri⸗ ſchen Schlages hervor; anfangs blieb er unbeweglich, dann hob er ſachte den Kopf über Bord in die Höhe und warf um das ganze Schiff herum ſeine durchdringenden Blicke. — Was Teufel, ſoll das heißen? flüſterte er, kann ich 55 nicht genug ſehen, um ein Polizeiboot im Mondſcheine ge⸗ wahr zu werden? ... Nun wahrhaftig, ſo muß es ein wirk⸗ licher Hund ſein, eine richtige Dogge, welche die Stimme des brummigen Gruff angenommen hat . .. das iſt ein Schelm, der ſeine Frau ſehr unglücklich machen muß. Halb beruhigt durch die Prüfung, welche er vorgenom⸗ men hatte, wandte er dennoch in Folge der Gewohnheit über⸗ triebener Vorſicht, welche bei Leuten, die aus dem Böſen ein Gewerbe machen, zur zweiten Natur wird, ſeinen Blick nach dem Wirthshauſe des Königs Georg. Die gelbe La⸗ terne hatte zu leuchten aufgehört. Bob wurde unter der Bronze ſeiner Haut bleich. Es war alſo keine Dogge, die gebellt hatte, man ſignaliſirte ihm eine Gefahr, und dieſe Gefahr war um ſo furchtbarer für ihn, als er die Art der⸗ ſelben nicht erkennen konnte. Er hob aufs neue ſich in die Höhe, und ſein auf das ſorgſamſte prüfende Auge durchforſchte jeden Punkt in der Umgebung des Kahnes. Kein einziger verdächtiger Gegenſtand traf ſeine Blicke. — Ei, zum Teufel, ich will doch gleich des Todes ſein, wenn ich auch nur eine Nußſchale im Waſſer ſchwimmen ſehe Er unterbrach ſich, beugte den Kopf vorwärts, und ſchien die Schärfe ſeines Blickes verdoppeln zu wollen. Er hatte einen dunkeln Gegenſtand, der etwa dreißig Fuß in der Spur ſeines Kahnes ſich bewegte, wahrgenommen. — HO, o! ſagte er, was haben wir denn da?. 56 das iſt ein Menſch, und ein braver Schwimmer. ſollte er etwa auf meine Ladung Abſichten haben? Vob verließ die Mitte ſeines Schiffes und ſchlich ſich leiſe nach dem Hintertheil. Als er bei Clary vorbeikam, ſtieß ſeinen Ellbogen an den Arm des jungen Mädchens, wel⸗ ches ſchwach ſeufzte. Bob ließ ſich einen Fluch entfahren. — Nun auch das noch, ſchimpfte er; — man hat ſie mir ſchlecht eingeſchläfert . . . wenn Temperance nicht acht Stunden von zwölf betrunken wäre, würde ich ſie damit be⸗ auftragt haben, obgleich ich ſie nicht gern in alle dieſe Ge⸗ ſchichten miſchen mag, das arme liebe Kind. aber ſie iſt immer betrunken. Bob ſtieß einen Seufzer des Bedauerns und der Liebe aus, indem er an dieſen koſtbaren Fehler dachte, der ein Makel an den fünf Fuß ſechs Zoll ſeiner Lebensgefährtin war, und lehnte ſich ſchweigend auf das Hintertheil des Kahnes. — Er hat ſich bewegt, ſagte Miſtreß Gruff am Fenſter des Königs Georg; ich bin gewiß, daß ich ihn ſich im Schiffe habe bewegen ſehen. Oho, wir werden etwas Herrliches zu ſehen bekommen. Maſter Gruff antwortete nichts darauf. Das Intereſſe dieſes ſeltſamen Auftrittes hatte ſich ſeiner ganz bemächtigt. Er war jetzt eben ſo neugierig als ſeine Frau auf den Aus⸗ gang dieſer Scene. Die Lage der beiden handelnden Perſonen war folgende: 57 Der Laird ſchwamm etwa dreißig Fuß hinter dem Kahne, welchem er ſich durch jeden neuen Stoß mehr näherte. Er wußte nicht, daß er ſchon entdeckt ſei: die Bewegungen Bob's mußten ihm entgehen, weil der Mond, der über der Brücke von Blackfriars ſtrahlte, das Schiff von der entgegengeſetzten Seite beſchien, und die ganze Seite, welche Angus bemerken konnte, im Schatten war. Die Hoffnung, ſeinen Feind zu überraſchen, und das Bewußtſein, welches er von ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit als Schwimmer hatte, verdoppelten ſeine Kräfte. Er ſchwamm ſtill fort, und hob den Kopf nur ſo viel über das Waſſer, als er bedurfte, um zu athmen, und überlegte ſchon, auf welche Weiſe er den Kahn am beſten unverſehens überfallen könne. Bob, welcher dem Lichte den Rücken zukehrte, konnte dagegen den Theil der Themſe, in welchem der Laird ſchwamm, vollkommen erkennen, und bis auf die Minute den Augen⸗ blick vorher berechnen, wann der Laird den Kahn erreichen würde. Aber das Plätſchern des von Angus Schultern be⸗ wegten Waſſers verhinderte ihn, die Geſichtszüge des Schwim⸗ menden zu unterſcheiden. Augenſcheinlich verfolgte ihn dieſer Mann. Das konnte Bob nicht verkennen. Aber weßhalb dieſe Verfolgung? zu welchem unbekannten Zwecke gab ſich der Unbekannte ſo viel Mühe? von Seiten Gruff's und ſeiner Frau konnte kein Verrath ſtatt finden, weil das mildthätige Signalgeben, das ihn aus ſeiner Ruhe geſchreckt hatte, von dem Fenſter ihres Wirthshauſes hergekommen war. Uebrigens war dieſer ge⸗ 3 ** —— heimnißvolle Unbekannte auch aller Wahrſcheinlichkeit nach kein Polizeimann. Die Hingebung der Policemen in London geht nicht ſo weit, daß ſie in einer kalten Winternacht ein verdächtiges Schiff ſchwimmend verfolgen ſollten. Wer war es alſo? Bob war unfähig, auf eine genügende, oder wenigſtens annehmbare Weiſe dieſe Frage zu beantworten, und hatte einen Augenblick lang den Plan, ſein Ruder zu nehmen und aufs Gerathewohl zu entfliehen. Aber wenn dieſer Mann ein Feind wäre, ſo ſagte ihm ſein geſunder Verſtand, daß er ſchreien werde, ſobald er ſich entdeckt ſehe; und außer der Gefahr, auf dieſe Weiſe die Aufmerkſamkeit der Waſſerpolizei auf ſich zu richten, drohte ihm noch ganz in der Nähe eine andere, die nicht minder ſchwer zu vermeiden war. Clary hatte nur eine kleine Quantität des Schlaftrun⸗ kes genommen, und jetzt begann der belebende Eindruck der friſchen Luft ſich bei ihr geltend zu machen. Sie bewegte ſich ſchwach, und ſtieß ein leiſes Geſtöhn aus, Vorläufer des nahe bevorſtehenden Erwachens. Die geringſte heftige Bewegung, das kleinſte Geräuſch konnten eine Kriſis her⸗ beiführen. Bob verhielt ſich ſtill. Er fuhr fort, ſeine durchdrin⸗ genden, weitoffeneu Augen auf ſeinen Feind zu heften, ent⸗ ſchloſſen, von den Umſtänden ſich rathen zu laſſen. — Im Grunde iſt es vielleicht nur ein Dieb, der den Kahn für leer hält und ihm einen Beſuch abſtatten will der Teufel hole den Spitzbuben! . . . London wird immer — 59 mehr von ſchlechter Geſellſchaft überhäuft . . . Es ſcheint auf den Straßen nicht genug Platz für die swell-mob *) zu ſein, da man ſie ſogar in der Themſe antrifft. In dieſem Augenblicke trennten den Laird höchſtens noch zwanzig Fuß von dem Kahne. Er machte jetzt einen minder vorſichtig abgemeſſenen Stoß, und ſein Kopf erhob ſich ganz über dem Waſſer. Bob erkanute ihn. — Sieh, ſieh! murmelte er, ohne im Geringſten ſich aufzuregen — wer zum Teufel wäre darauf gekommen? ... Meiner Treu, ich hätte eher auf einen Polizeimanin gewettet! . Nun es iſt Eins, ich werde mich zuſammen nehmen müſſen, denn er iſt ein tapferer Burſche, und wenn ich ihn mit dem erſten Streiche verfehle, dann — Adieu, meine Waare! Er fühlte nach ſeinem Ueberhemde und legte ſeine Hand ans Meſſer, aber er zog es nicht heraus, ſondern ſchlich ſich bis zu den Rudern hin, um eins davon zu ergreifen. — Mein Vater! rief Clary mit ſchwacher Stimme, ohne die Augen zu öffnen. — Der iſt gegenwärtig, brummte Bob. — Sollte man nicht meinen, daß ſie ihn kommen hört? .. Geduld, meine hübſche Kleine, wir wollen ihn empfangen, wie es ſich ge⸗ bührt, deinen Vater! — Anna, ſtammelte Clarh noch, und verſank wieder in ihren Schlaf. Bob ſtellte ſich wieder an ſeinen Poſten. Der Laird *) Spitzbubenpöbel. war nur noch ſechs bis acht Fuß entfernt. Eine Minute darauf hob ſich Bob plötzlich hoch auf den Füßen in die Höhe, das Ruder machte einen ſchnellen Kreis; der Laird verſchwand unter dem Waſſer und zeigte ſich nicht mehr. — Gut getroffen, rief die Wirthin mit Enthuſiasmus; — haſt Du geſehen, Maſter Gruff? . .. Meiner Treu! einen ſolchen Schlag wäreſt Du nicht zu führen im Stande! . — Angus Mac⸗Farlane war ein Kunde von uns, Baby, ſagte der Wirth traurig; ich wünſche, daß Gott mit ſeiner Seele Erbarmen habe. — Und was hat Gott mit Deinen Wünſchen zu ſchaf⸗ fen, Maſter Gruff? O, der Schlag war ſchön, aber es war Zeit! .. dort kommt ſchon eine Wolke, welche den Mond verhüllt,. . . noch eine Minute länger und wir hät⸗ ten nichts geſehen. Bob hatte ruhig das Ruder wieder an ſeinen Platz gelegt und rieb ſich ſtill die Hände, indem er nach der Stelle ſah, an welcher der Laird verſchwunden war. Es zeigte ſich Nichts. Das Waſſer hatte ſich über ſeiner Beute wieder geſchloſſen. — Die Sache wäre beſorgt, ſagte Vob zu ſich; — s iſt mir lieber, daß ich ihn mit dem Ruder erpedirt habe, als mit einem Meſſerſtich.. . . Ich habe einſt ſein Brod gegeſſen, dieſes alten Angus Brod, und ſein Bier getrunken gutes Bier, meiner Treu; . . . und es iſt doch immer eine traurige Sache, mit einem alten Kameraden Meſſerſpiel zu treiben. — — 61 In dem Augenblicke, wo Bob zu Ende war mit dieſer Sentenz, deren hohe Moralität Niemand wird beſtreiten wol⸗ len, hörte er ein kleines Geräuſch am Vordertheil des Schiffes und er drehte ſich nachläßig um. Aber dieſe Gleichgültigkeit war nicht von langer Dauer.— Ein dumpfes Röcheln entrang ſich Vob's Bruſt, er zog in aller Eile ſein Meſſer und ſtellte ſich auf die Füße. Er hatte eine lange ſchwarze Geſtalt ſich auf dem Vordertheile des Schiffes aufrichten ſehen. Eine Secunde darauf ſtanden der Laird und Bob ſich einander gegenüber. Wahrſcheinlich hatte das Ruder ſich in Bob's Hand gedreht. Anſtatt der ſcharfen Seite hatte nur die breite Seite der Schaufel den Laird getroffen, der als vortrefflicher Taucher, unter dem Schlage ſich duckend, den Irrthum Bob's benutzt hatte, um die Enterung vom Vordertheile aus zu verſuchen. Bob hatte ſein Meſſer, der Laird hielt einen ſchottiſchen Dolch in der Hand, alle beide waren kräftig und die Aus⸗ ſichten auf den Sieg ſchienen zwiſchen beiden zu ſchwanken. Wie wir geſagt haben, hatte ſich der Mond hinter eine Wolke verſteckt. Die beiden Gegner blieben noch eine Secunde lang ein⸗ ander beobachtend ſich gegenüber ſtehen, bevor ſie angriffen. — Geh' fort! ſagte endlich der Laird mit verhaltener Stimme; — mein Dolch iſt länger als dein Meſſer; aber die beiden Kinder leben: ich höre den Athemzug Clary's. .. 5 Mach, daß Du fort kommſt, Du hätteſt ſie tödten können: ich will Deinen Tod nicht. Bob hatte große Luſt, die Gelegenheit zu benützen. Das Element der Klugheit, oder, beſſer geſagt, der angebornen Feig⸗ heit, welche bei der Zuſammenſetzung ſeines moraliſchen Sinns eine große Rolle ſpielte, neigte ſich lebhaft zu der offnen Thür hin, welche ihm eine unerwartete Milde aufthat. Aber die Feigheit mußte in ihm bald der Habſucht weichen, der Geiz herrſchte fiegreich in dieſer Dreckſeele; jedes andere Gefühl, jede andere Leidenſchaft verſchwand dieſer einmal hervorge⸗ rufenen Habgierde gegenüber. Bob dachte daran, daß dieſe beiden Schweſtern für ihn ein Kapital von dreihundert Pfund repräſentirten, und er beſchloß eben ſo brav zu ſterben, wie es nur ein Mann von wahrem Muthe hätte thun können. — Ich kann nicht ſchwimmen, ſagte er ironiſch. — Geh' fort, wiederholte der Laird, deſſen Stimme vor Entrüſtung zitterte. — Sören Sie mir zu, rief Bob aus, die ganze Sache kann ſich noch arrangiren laſſen. . In demſelben Augenblicke, wo er dieſe Worte ausſprach, die eine Art von Capitulation anzukündigen ſchienen, warf ſich Bob mit der Geſchmeidigkeit eines Tigers auf den Laird und ſtieß mit ſeinem Meſſer ihn gerade in die Gegend des Herzens. Aber Angus ſah ſich vor, er parirte den Stoß. Ein kurzer, ſtiller, furchtbarer Kampf folgte darauf. Nach einer Secunde wankte Vob, von einem Dolchſtich in die 63 Gurgel verletzt. Angus warf ihn nieder und ſetzte ihm das Knie auf die Bruſt. Bob hatte im Fallen mit ſeinem Kopfe auf Clary's Schulter geſtoßen, die halb erwacht ſich auf ihrem Sitze in die Höhe richtete. Der Laird erhob den Arm, um einen letzten Stoß zu führen. In dieſem Augenblicke warf der Mond aus dem Gewölke, das ihn bisher verdeckt hatte, hervortretend, ſeinen vollen Strahl auf das Geſicht Angus Mac⸗Farlanes, der Kopf Bob⸗Lantern's blieb im Schatten. — Mein Vater! rief Clary, welche aus einem furcht⸗ baren Traume zu erwachen glaubte. Der Laird drehte ſich unwillkürlich um. Bob⸗Lantern, der dieſe Bewegung be⸗ nützte, richtete ſich mit einem Sprunge auf, und ohne ſeine Zeit zu verlieren, daß er ſein Meſſer ſuchte, welches ihm im Kampfe entſunken war, faßte er den Laird bei der Gurgel und erwürgte ihn wüthend. Clary verbarg ihren Kopf in beiden Händen und ſtieß einen Schreckensruf aus. Angus röchelte dumpf. Bob, ohne ſeinen Schlund los⸗ zulaſſen, den er zwiſchen ſeinen eiſenfeſten Fingern hielt, zog den Kopf des Lairds nach dem Bord des Schiffes hin und ſtieß ihn zu wiederholtenmalen gegen die Ecke des Holzes. Darauf zog er den Oberkörper des Lairds über Bord, ließ die Gurgel plötzlich los, und hob ihn bei den Beinen in die Höhe. Der Körper des Lairds kippte über und fiel leblos in die Themſe. * — 64 — Dießmal wird er nicht wiederkommen, brummte Bob, indem er die Ruder ergriff, um ſich vom Orte des Gefechts „zu entfernen. — Nun wollen wir ein wenig nach den Kleinen ſehen. Anna war nicht aufgewacht. Clary ſchlief nicht mehr, aber ſie lag quer im Schiffe, der Beſinnung beraubt. Fünftes Kapitel. Belgrave⸗Square. Hinter den edlen Gärten des Buckingham ⸗„Palaſtes, weit, ſehr weit von den bevölkerten Vierteln, in welche der Sandel ſeine hungrigen Diener hineinſtopft, dehnt ſich ein großer und regelmäßig gezeichneter Square aus, deſſen inne⸗ rer Park nicht die runde oder ovale Form hat, welche ſo ſeltſam im ganzen übrigen London mit den Häuſerfronten in Widerſpruch ſteht, die ganz und gar wie nach der Schnur in Pgralellogrammen gebauet ſind. Die⸗ Gebäude, welche dieſen ſchönen Teppich von Raſen umgeben, ſind eben ſo viele Paläſte. Man wagt kaum dort zu wohnen wenn man nicht Pair von England iſt. Dort pflanzen die fremden Prinzen und Fürſten, wenn ſie London beſuchen, ihre Zelte auf und dieſe ſtolzen Gebäude haben bis⸗ weilen Könige zu Einwohnern gehabt. 66 Dieſer Platz heißt Belgrave⸗Square. Don Joſe Maria Telles de Alarcon, Marguis von Rio Santo nahm von allen dieſen Paläſten den größe⸗ ſten, den glänzendſten und herrlichſten ein, denjenigen, der im Norden des Square ſteht, zwiſchen dem Platze und der Straße, welche denſelben Namen führt, vor dem Durchgange, der nach Pembroke⸗Street geht. Der Lurus dieſer ariſtokratiſchen Wohnung war ſprüch⸗ wörtlich geworden; die prunkvollſten Quartiere von Weſtend mußten ihm nachſtehen und der engliſche Adel, ſo reich, ſo eitel, ſo leidenſchaftlich für das Renommée eingenommen, wel⸗ ches in den vereinigten Königreichen die Uebertreibung eines bis zur Narrheit gehenden Lurus gibt, mußte vor dieſem babyloniſchen Pomp, den ein Fremder zur Schau ſtellte, ſein Haupt beugen. Rio Santo, deſſen künſtleriſcher und launiſcher Geſchmack ſich nicht der bürgerlichen Einrichtung der engliſchen Baukunſt accommodiren konnte, welche für alle Gebäude einen und den⸗ ſelben Plan hat, mag es nun ein Palaſt, ein Hühnerhaus, oder eine Kapelle ſein, Rio Santo hatte, wie zum Vergnü⸗ gen, das ganze Innere ſeines Hauſes umgekehrt. Bei ihm ſah man, wie in Italien, breite Treppen von Marmor und nicht jene ſteilen Leitern, die gebohnt und mit einem mageren Teppich belegt ſind, welchen die Lords ſich aus den reichen Magazinen von Fleet⸗Street geliehen zu haben ſcheinen. Der innere Schmuck zeigte jenen reichen und harmoniſchen Styl, den man in Paris oder Genua bewundert und der bei uns 67 unbekannt ſcheint, wo das Comfortable die Eingebungen des Schönen erſticken würde, ſelbſt wenn der Proteſtantismus nicht mit dem ſchweren und ſtupiden Ebenmaaß ſeiner puritani⸗ ſchen Heuchelei über alle äußeren Dinge hinführe. Man hat mitunter aus tiefſtem Herzen geſeufzt über jene unedle Tiſchlerarbeit, welche ein rothbäckiger, froſtiger Paſtor eines Wintertages mitten im königlichen Schiff von Weſtminſter errichten ließ! London hatte damals einen von den Juwelen ohne Preis, aus dem ein ganzes Volk ſeinen Stolz zieht. Der Engländer, für den der Stolz etwas ſo Süßes iſt, konnte ſein Haupt aufwerfen und wohlgefällig mit dem Blicke über dieſe hohen Wölbungen ſtreifen, die über ſo viele Wunder ſich hindehnen. Ja, das war wirklich ſchön, würdig und prunkvoll. — Aber es war kalt. Die Kirche, welche einſt für die Menge der Katholiken zu klein war, wurde ſehr groß für das halbe Hundert Biſchöfe, welche zweimal wöchentlich dahin kamen, um, ſo zu ſagen, in Familie Pſalmen zu näſeln. Die alten Scheiben der gothiſcheu Fenſter ließen den Luftzug durch, und durch ihre hundertjährigen bleiernen Fügungen machte ſich der Zugwind Platz. Die feuchten Quader durchnäßten das Leder der Schuhſohlen der Ladys und ſogar die doppelte Korkſohle der frommen Gentlemens. Das war entſetzlich. Ach, man hat Dreiviertel dieſer Scheiben durch kleine Fenſterrauten von bewunderungswürdig geſchnittenem weißen Glaſe erſetzt! Mitten im Schiffe erhebt ſich eine Baracke don „ 68 Kaſtanienholz, ein ungeheurer Schrank, der den Hirten und ſeine ſchwindſüchtige Heerde vor der Kälte ſchützen kann, aber jede Harmonie ſtört und eine vorſätzliche Läſterung gegen die Kunſt zu ſein ſcheint. Iſt das nicht eine ähnliche Geſchichte wie die von jenem caſtiliſchen Gecken, der als unwürdiger Beſitzer von Cid's ruhmvollem Schwerte es um einen Fuß kürzer machen ließ, um es ſeinem Körper anzupaſſen? Und hätte man in Lon⸗ don, um dieſe Bretterhütte zu bauen, keinen ſchicklichern Ort finden können, als dieſen berühmten Weſtminſter, das Grab ſo vieler Könige? Aber es mußte ſo kommen. Unſere brutale Bequem⸗ lichkeit und unſere herrſchende Religion verlangten es gebiete⸗ riſch. Der Proteſtantismus haßt Alles, was prunkvoll und edel iſt; er ſpottet über die Tradition, verachtet die Poeſte und gefällt ſich blos zwiſchen vier lakirten Wänden, bei einem brennenden Heerde, welcher mit ausgepolſterten Bänken umgeben iſt. Man kann wohl denken, daß Rio Santo mit ſeinen gewählten Inſtinkten und ſeiner Leidenſchaft für das Schöne nicht der engliſchen Mode folgen konnte. Aleibiades verän⸗ derte ſich augenblicklich und nahm in einem Tage die Sitten der Länder an, welche er durchreiſte. Das iſt kein Lob für Aleibiades. Es iſt jedenfalls beſſer, das Schöne einzuführen, als ſich gefällig mit dem Häßlichen zu umgeben. Im Parterre des Hauſes des Marquis gingen nach Belgrave⸗Square hinaus drei in einer Reihe liegende, nur 69 durch Flügelthüren getrennte Säle. Hinter dieſen Sälen er⸗ ſtreckte ſich eine Reihe von Gebrauchszimmern, unter welchen die Küchen ſich befanden, die bis zu den Pferdeſtillen reichten. Dieſe letzteren waren ungeheure Gebäude, die nach Belgrave⸗Street hinausgingen. Im erſten Stockwerk befan⸗ den ſich die Privatzimmer des Marquis. Man ſprach dunkel von ihrer feenhaften Eleganz, aber Niemand konnte darüber genaue Details liefern, weil in London das Auge des Be⸗ ſuchers nicht über die Wände des Salons hinaus kam, wie über eine unüberſteigliche Barriere. Die Freunde allein, und wir ſprechen von jenen Freunden, welche durch eine lange Vertraulichkeit Brüder geworden ſind, können dort hinein⸗ dringen. In dieſem Palaſte von Belgrave Square empfing der Marquis von Rio Santo Alles, was in irgend einer Art Ausgezeichnetes von Perſönlichkeiten in London zu finden war. Die hohen Beamten des Staates verſchmähten nicht, ihn zu beſuchen, und es war Niemandem unbekannt, daß er einen unausgeſetzten Verkehr mit den Geſandten der Groß⸗ mächte unterhalte. Das trug nicht wenig dazu bei, die Meinung zu unterſtützen, daß ſeine Gegenwart in London einen politiſchen Zweck habe. Wenn dieſer Zweck eriſtirte, ſo mußte man übrigens geſtehen, daß er ſehr ſorgfältig und geſchickt verſchleiert wurde. Das Leben Rio Santo's war ſo gänzlich mit jenen Dingen des Weltlebens beſchäftigt, welche die Einen für frivol halten, Andere aber weit über viel ernſthaftere ſtellen, daß — es ſcheinen mußte, als ſei es ihm unmöglich, die zu ernſten Arbeiten nöthige Zeit zu finden. Er ſtrahlte zu ſehr und zu beſtändig nach außen, als daß er Muße gehabt hätte, hinter dem Vorhange zu agiren. Das Gewerbe eines Lion's iſt kein Faullenzerpoſten. Man muß dabei vom Morgen bis zum Abend auf dem Throne ſitzen und das Scepter feſthalten, aus Furcht, daß eine von den tauſend mit buttergelben Handſchuhen verſehenen Händen es zu ihrem Vortheil aufraffe. Die Faſhion gleicht den Reichstagen des alten Polens, wo der geringſte Edel⸗ mann ſein Votum hatte und ſeinen Säbel an der Seite, um das Votum zu unterſtützen. Jeder Gentleman, welcher ſeine Cravatte zu knüpfen verſteht, ſeinen turt kennt, im ring nicht unerfahren iſt und im Stande, tauſend Guineen in New⸗ market zu verlieren, indem er auf Lady Waterloo, Sultan Mahmud oder Child of the Foundered wettet, hat Anſpruch auf die Reitpeitſche der Herrſchaft. Wehe dem herrſchenden Monarchen, der auf ſeinem Sattel einſchläft! Die Faſhion iſt ein ſtörriger Renner und ſie bedarf nicht einmal drei Sommertage, wie bei unſern guten Nachbarn in Frunkreich, um eine Revolution zu Stande zu bringen. Man dachte alſo, daß Rio Santo ein politiſche Miſſion haben könne, aber man dachte auch, daß er ſie ſtark ver⸗ nachläſſige, was ſein Piedeſtal noch um einige Fuß erhöhte. — Was gibt es in der That wirklich Faſhionableres, als wich⸗ tige Intereſſen in den Händen zu haben und ſich nicht damit zu beſchäftigen? 71 Es war etwa acht Uhr Abends, kein Licht ſtrahlte in den drei großen Sälen von Irish⸗Houſe, (vas war der Name, welchen Rio Santo, man weiß nicht warum, ſeinem Palaſte gegeben hatte.) Die Eingangsthür, an deren Schwelle ge⸗ wöhnlich zwei ſechs Fuß hohe Grooms in Livree ſtanden, war geſchloſſen. Der Herr war nicht zu Hauſe. In einem der nach hinten hinaus gelegenen Zimmer, welches ſanft von einer, mit einer mattgeſchliſſenen Glaskup⸗ pel bedeckten Lampe erleuchtet wurde, ſaß ein junger Mann, oder lag vielmehr halb auf dem blauen Sammet einer Otto⸗ mane und ſpielte mit dem langen Seidenhaar eines herrli⸗ chen Racehundes. Mitten im Zimmer ſtand Tyrrel der Blinde. — Wie finden Sie Lovely, Sir Edmund? fragte plötz⸗ lich der junge Mann. Lovely war der Name des Hundes. — Ich finde die Frage impertinent, Signor Angelo Bembo, antwortete der Blinde; — kennen Sie nicht meine Schwäche? — Ganz recht, Sir Edmund, ganz recht, ſagte Bembo, deſſen ſorgloſes, ſchönes Geſicht eine Schattirung von Spott annahm; — Ihre Schwäche iſt bekannt. Es iſt die ſchönſte Feder aus Ihrem Flügel, und ich bin gewiß, daß Sie dieſelbe nicht um hundert Pfund vertauſchten. — Ja wohl, ſagte Tyrrel trocken. — Wirklich, wirklich? . In der That, es würde Ihnen noch die Hülfsquelle bleiben, ſich taub zu ſtellen .. * das kann helfen .. ſtill, Lovely! .. Hol mich der Teu⸗ fel, wenn dieſes Mädchen, das Sie, ich weiß nicht wo, aus der Erde gegraben haben müſſen, nicht die ſchönſte Kreatur iſt, welche man auf der Welt nur ſehen kann, Sir Edmund. — Finden Sie, Signore? — Ja, bei Gott, Sir Edmund Runzeln Sie nicht die Stirne .. ich mache keinen Anſpruch auf ſie wäre ſie auch noch ſchöner . . . und das iſt ſchwer! . .. Von dem Augenblicke an, wo ſie mit Ihnen in Verbindung ſteht, wird ſie für mich ſo ehrwürdig wie eine Hundertjährige . Ich ſchätze Sie Alle, ſo viel Sie ſein mögen, ſehr hoch, ſehen Sie, aber ich liebe Sie nicht. — Das iſt für uns ein großes Unglück, Signore. Der Cavaliere Angelo Bembo verneigte ſich. — Ich liebe Sie nicht, hob er wieder an, und ohne Don Joſe, für den ich tauſendmal in den Tod gehen würde, hätte ich ſchon längſt Ihre ganze Verbindung zu allen Teu⸗ feln fahren laſſen. — Das würde für uns ein großer Verluſt geweſen ſein, Signore, ſagte Tyrrel abermals mit Kälte. — Groß oder nicht, das bleibt ſich gleich, mein Herr es gibt unter Ihnen ein Dutzend Geſichter, welche mir die Phantaſie verderben, . . zuerſt das Ihrige, Sir Ed⸗ mund, ärgern Sie ſich nicht mehr, ich bitte Sie! „. Dann das des Doctor Moore, der das Ausſehen eines Vam⸗ pyrs hat, auf meine Ehre .. Dann dieſer kalte Prahlhans. der Major Borougham, ein ächter Engländer; .. . und end⸗ —— 73 lich, um die Liſte nicht zu lang zu machen, der angebliche Doktor Müller — deſſen Diplom ich wohl einmal ſehen möchte. — Sie müſſen ihn danach fragen, Signore; man ſagt, daß er auf zwanzig Schritt eine Piſtolenkugel auf der Klinge eines Raſirmeſſers entzwei ſchießt. — Das iſt geſchickt . . . Um wieder darauf zurück⸗ zukommen, ich bin nicht mehr werth, als Sie vielleicht, und es iſt fürchterlich, ſich das ſagen zu müſſen, mein Herr! mindeſtens verwende ich doch meine Zeit darauf, mich zu betäuben, und dann bin ich kein Mann, ich — Signore, unterbrach ihn Tyrrel, ich konnte das wohl denken, aber nicht ſagen. — Rächen Sie ſich, Sir Edmund, ich habe Ihnen An⸗ laß dazu gegeben . . . Ich bin, um in meinem Gedanken fortzufahren, ein armer Sklave; ich habe mich ohne Rück⸗ halt hingegeben. — Man hatte mir geſagt, verkauft, Signore! Angelo ſtand heftig auf, und ſtieß Lovely mit den Füßen zurück. — Ergeben, mein Herr, ergeben! rief er aus. Ich bin Edelmann, verſtehen Sie mich, und wenn ich meinen Willen dem Dienſte eines höheren, ſtärkeren Willens untergeordnet habe, ſo geſchah es nicht um Geld. Das allgemeine Gerücht kann ſich irren, Signore, ſagte Tyrrel mit einer ſchadenfrohen Ironie. — Das allgemeine Gerücht, ſagen Sie? Oho, Sie I. 4 meſſen mich mit Ihrer Elle, mein Herr! .. . Sie halten mich für Ihresgleichen, und ſehen nicht in Don oſe meinen Freund — mein Herr, ich geſtehe es mit Stolz, — Sie erblicken an ihm nur die Seite, welche er Ihnen zeigt, Ihnen, den elenden Werkzeugen ſeiner Entwürfe . Wenn Sie wüß⸗ ten. — Was? fragte Tyrrel, ſich heftig nähernd. Angelo biß ſich auf die Lippen, daß ſie bluteten. — Still, Lovely! brummte er erröthend; — zum Teu⸗ fel, Maſter Tyrrel, oder Sir Edmund, ſehen Sie mich nicht ſo an, Sie werden nichts ſehen, da Sie blind ſind! .. Was wollen Sie? . . . Wenn Sie mich nicht unterbrochen hätten, — wofür ich Ihnen ſehr dankbar bin, mein Herr, — hätte ich eine Dummheit geſagt. Der Marquis hat alſo Abſichten, welche wir nicht ken⸗ nen? ſagte der Blinde dumpf. — Habe ich das geſagt? .. das iſt wohl möglich . was ich gewiß weiß, das iſt, daß dieſe Abſichten mir unbe⸗ kannt ſind, ſo gut wie Ihnen . . Don Joſé liebt mich, aber ich bin nicht ſein Vertrauter, und ich danke Gott dafür, denn ich habe eine leichtſinnige Zunge . . Alles, was ich weiß, iſt, daß ſein Herz groß iſt, ſeine Verſtandeskraft ſtark, ſein Wille ungebändigt .. . Die Vereinigung dieſer drei Sachen nennt ſich Genie, Sir Edmund, und mit Genie be⸗ gnügt man ſich nicht, in trübem Waſſer zu fiſchen, wie Sie, obgleich ich geſtehen muß, daß Sie r recht hübſche 75 Fiſche fangen . . . Wie nennt ſich das hübſche Mädchen, wenn ich fragen darf? — Suſanna, Signore! — und was denken Sie, mit ihr anzufangen? — Das fragt ſich noch. Der Blinde begann, das Zimmer auf und ab zu gehen und ſchien bald ganz in Nachdenken verſunken. Der Cavalier Angelo Bembo folgte ihm mit ſchmollen⸗ dem verdrießlichem Blicke. — Wozu brauchte ich mit dieſem Menſchen zu ſprechen! murmelte er endlich mit übler Laune; — ein Wort mehr, und ich hatte ein Geheimniß verrathen, das nicht das mei⸗ nige iſt . . . ein Geheimniß, das man mir nicht anvertraut hat, das ich blos durch einen Zufall errathen, und für wel⸗ ches mein armes Gehirn zu eng iſt! . . . Vielleicht habe ich ſchon zu viel geſagt. Angelo konnte etwa zwei und zwanzig Jahre alt ſein, er war einer von den ſchönen Knaben mit dem griechiſchen Proſil, welche die Maler Italiens einſt jenſeits des Meeres, auf den Inſeln des mittelländiſchen Meeres aufſuchten, um ſie auf die Leinewand zu bringen, unter den Namen von Göttern oder mythologiſchen Helden. In dem Blicke ſeiner großen ſchwarzen Augen, die durchdringend und ſanft zugleich waren, lag ein lebhafter Verſtand, und das Anzeichen eines verwegenen Muthes; aber der Geſammtausdruck ſeiner Züge, wie groß auch die Harmonie derſelben war, ließ eine Art von weiblicher Reizbarkeit, und auch eine launiſche Schwäche 4* 76 vermiſcht mit der Sorgloſigkeit eines Kindes durchſchimmern. Angelo mußte auf einem Balle ein reizender Cavalier, auf der Menſur ein kräftiger Gegner ſein; aber wo es darauf ankam, Seelenkraft zu zeigen, Vorſicht und männlichen Lang⸗ muth, mußte er jeden Vortheil verlieren. Er war aus Malta gebürtig, wo ſeine Väter, dem Urſprunge nach Venetianer, einſt einen großen Aufwand ge⸗ macht hatten. Die engliſche Eroberung hatte ſeine Familie ruinirt, deren Verfall ſich von der Landung des Generals Bonaparte herſchrieb, als er nach Egypten ging. Die Bembo's waren in Folge der Chikanen, welche die Agenten der engliſchen Coloniſation gegen ſie anzuwenden wußten, gezwungen worden, Malta zu verlaſſen, und Angelo, der ſchon beim Austritt aus der Kindheit ſich ſeiner Eltern beraubt ſah, wurde ohne Vermögen und ohne Stütze ins Leben hinein geworfen. G begann tapfer ſeine Wanderung durch Europa, wie es ganze Haufen von Italienern thun, die vor dem erſticken⸗ den Drucke der fremden Tyrannei ihr Vaterland fliehen, wo ſie nur Oeſterreich finden, und ſich mit verſchloſſenen Augen in die wechſelvolle Exiſtenz der Abenteurer werfen. — In Paris traf Angelo den Marquis von Rio Santo, welcher, wie wir geſagt haben, über die Vergnügungen der großen Stadt das Scepter trug. In Paris, wie in London, hatte Rio Santo unzählige geheimnißvolle Beziehungen, deren verſchiedene Zweige ſich weit über die Grenzen von Frankreich erſtreckten. Es wäre 77 zu früh, wollten wir ſchon jetzt dem Leſer den Schlüſſel zu dieſen rieſenhaften Unternehmungen geben, welche ſeit langer Zeit combinirt, und mit ſtets unermüdeter Beharrlichkeit, wie beim erſten Entwurfe, in ihrem Triebwerke erhalten wurden. Es liegen noch zu viel ſeltſame Ereigniſſe zwiſchen dem jetzi⸗ gen Punkte unſerer Erzählung und der Schlußkataſtrophe, als daß wir uns ſchon erlauben könnten, auch nur das Ge⸗ ringſte zu verrathen. Der junge Italiener wurde Rio Santo vorgeſtellt, und dieſer nahm ſogleich ein ſehr lebhaftes Intereſſe an ihm, als er die Erzählung der Verfolgungen anhörte, welche ſeine Familie von England hatte erfahren müſſen. Angelo blieb nun beim Marquis, und folgte ihm, als dieſer nach London überſiedelte. Dort trennten ſie ſich anſcheinend. Angelo nahm für die Welt ſeine Eigenſchaft, als junger italieniſcher Edelmann, und ſeine unabhängige Stellung wieder an. Seine Rolle war, die Zahl der uneigennützigen Bewunderer Rio Santo's zu vermehren, und ſo ſeinen Glanz zu vergrößern. Wir haben ihn ſchon auf dem Balle von Trevorhouſe ſeine Funk⸗ tionen ausüben ſehen. Aber er hatte nichts veſto weniger ſeinen Privatzugang zu dem Pallaſte in Belgrave⸗Square, und Angelo entſprach dieſer Freundſchaft durch eine Ergebenheit ohne Grenzen. Tyrrel fuhr fort, auf und abzugehen. Angel hatte ſeine Heiterkeit wieder gewonnen, und lächelte, wahrſcheinlich bei einem Liebesgedanken, während ſeine weißen und läng⸗ 78 lichen Finger zerſtreut in dem langen ſeidenen Haare Lovely's ſpielten. Plötzlich richtete ſich der ſchöne Hund hoch in die Höhe, und brach in ein freudiges Geheul aus. Darauf ſprang er auf eine von den Thüren zu, die ſich in demſelben Augen⸗ blicke öffnete. Rio Santo trat ein, ihm folgte der Doktor Moore. Er war bleich, und ſchien vor Müdigkeit ganz hin. Seine erloſchenen Augen hatten einen matten bläulichen Schein um ſich. — Schon gut, Lovely, gut! ſagte er, den Hund zu⸗ rückſtoßend, der ſehr wenig an eine ſo gleichgültige Behand⸗ lung gewöhnt, traurig unter die Ottomane entfloh; — Gu⸗ ten Abend, Angelo! Er drückte ihm die Hand, und zog ihn an ſich. — Gehen Sie, und nehmen Sie das Geld, welches ſich in meinem Wagen befindet, ſagte er mit leiſer Stimme; — es ſind zehntauſend Pfund Sterling . Es kommt aus dem Hauſe in Cornhill . . tragen Sie es in meinen Kaſten. Angelo grüßte ihn, und ging hinaus. — Was gibt es, Sir Edmund? fragte der Marquis darauf; — Doktor, ich bitte Sie, mich einen Augenbick zu entſchuldigen; ſetzen Sie ſich: ich bin gleich bei Ihnen. — Ich möchte wiſſen, antwortete der Blinde, ob meine Erfindung Erfolg gehabt hat. — Sie ſind ein geſchickter Mann, Sir Edmund, er⸗ wiederte Rio Santo kalt. Alles iſt gelungen, und Sie — 0 haben heute hundert Guineen verdient, welche mein Schatz⸗ meiſter zu Ihrer Verfügung hält. — Mylord! . . . begann der Blinde, ſich verneigend. — Iſt das Alles? unterbrach ihn der Marquis. — Es iſt nicht Alles, Mylord. Ich hätte mit Ihnen noch von der ſchönen Jüdin Suſanna zu ſprechen. — Suſanna! unterbrach ihn abermals der Marquis, aber diesmal mit Sanftmuth, und als ob dieſer Name ſein Ohr anmuthig getroffen habe. 3 Der Blinde konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, das er gleich wieder verſchwinden ließ, als ob er hätte den ſtolzen Blick errathen können, welchen Rio Santo ihm zu⸗ ſchleuderte. — Sprechen Sie, begann endlich der Letztere, indem er ſich ermattet a f eine Ottomane warf. Tyrrel blieb ſtehen, und fuhr fort: — Dieſes junge Mädchen, Mylord, iſt ſchön, wie Sie haben ſehen können, und bewunderungswürdig geeignet, die Rolle auszuführen, welche ihr beſtimmt iſt. Aber ſie liebt, und ich fürchte . — Wen liebt ſie? unterbrach ihn lebhaft der Marquis. — Den Narren Brian von Lanceſter, antwortete Tyrrel. — Brian! . . . der iſt eines von unſeren Werkzeugen, flüſterte der Marquis, zu leiſe indeß zu, als daß Tyrrel, trotz ſeiner beſten Abſicht, es hätte hören können; — und bei allen Fehlern, welche Mylord's und Mylady's ihren Kindern als Erbſchaft hinterlaſſen, hat er wenigſtens ein edles Herz ———— —— —— — 80 bewahrt . ich bin es zufrieden, daß ſie Brian von Lance⸗ ſter liebt, Sir Edmund. — Im Ernſt, Mylord! entgegnete der Blinde; — in dieſem Falle kann ich ſelbſt nur darüber erfreut ſein. Aber es iſt ein ſeltſames Mädchen . — Ein bewunderungswürdiges Kind iſt es, ſagte Rio Santo ſchwermüthig. — Bewunderungswürdig, ganz gewiß, Mylord, weil Eure Herrlichkeit der Anſicht iſt, — aber ſie gleicht nicht den anderen Weibern. Die Furcht hat keine Macht über ſie, und ich habe Angſt, daß einige Indiskretionen . . . — Sie liebt ihn alſo ſehr, Sir Edmund? ... — Mit glühender, leidenſchaftlicher Liebe, Mylord! .. ich möchte ſagen, eine erhabene Liebe, wenn ich nicht die großen Worte verachtete, welche die Poeten lächerlich gemacht haben. — Sie ſind ſtreng, Sir Edmund, — und dieſer Brian iſt ſehr glücklich! Der Blinde unterdrückte ein Lächeln, und Rio Santo ſprach nach einigen Sekunden weiter: — Der Augenblick nähert ſich, Sir Edmund, wo alle die, welche mir gedient haben, über ihre Hoffnung belohnt und über jede Unruhe ſicher geſtellt werden ſöllen wachen Sie über Suſanna, denn es iſt wahr, daß eine In⸗ diskretion, wenn auch nicht Alles verderben, doch mindeſtens den Erfolg zweifelhaft machen könnte, aber trennen Sie ſie nicht von Brian, . . . dieſes junge Mädchen hat mein In⸗ 81 tereſſe zu erregen gewußt, Sir Edmund, vergeſſen Sie das nicht, und richten Sie Ihre Handlungen darnach ein. Er hörte zu ſprechen auf. Der Blinde verbeugte ſich tief und ging. Rio Santo blieb mit dem Doktor Moore allein. Sechstes Kapitel. — Diplomatie. Nachdem der Blinde fortgegangen war, blieb der Marquis einen Augenblick nachdenklich. Sein ſchönes, von der Ermüdung gebleichtes Geſicht hatte einen gerührten Aus⸗ druck angenommen. Zwei⸗ oder dreimal murmelte er den Namen Suſanna's, als ob derſelbe in ſeinem Herzen eine Lieblingsſaite angeſchlagen habe. — Es ſind ihre Augen, flüſterte er endlich, — aber ſtolzer! .. Es iſt ihre Stirn — aber breiter; es iſt ihre ganze Schönheit — aber ſtolzer und kräftiger .. Ich möchte ſie glücklich machen, der Erinnerung halber an mein ver⸗ gangenes Glück. Er rief mit einer Geberde den Doktor Moore näher, der ſich während ſeiner Unterhaltung mit Tyrrel bei Seite 83 gehalten hatte. Der Doktor trat herzu und blieb vor der Ottomane ſtehen. — Wie haben Sie ſie angetroffen? fragte Rio Santo mit Theilnahme. — Schlecht, Mylord, ſehr ſchlecht, antwortete Doktor Moore, ernſt den Kopf ſchüttelnd. Der ganz moraliſche Ur⸗ ſprung ihres Leidens macht die Behandlung ſehr ſchwer, um nicht zu ſagen, unmöglich. Ich wüßte nur ein Mittel da⸗ gegen . — Welches? — Das Glück. Rio Santo machte eine ungeduldige Geberde. Ein Schatten von Traurigkeit lagerte ſich über ſein Geſicht. — Meinen Sie alſo nicht, daß ich ſie glücklich machen könnte? flüſterte er. — Davon iſt jetzt nicht die Rede, Mylord, wenn ich mir dieſe Bemerkung erlauben darf. Sie kennen beſſer als irgend Jemand den Zuſtand geiſtiger Verwirrung, in welcher Miß Mary Trevor ſchon ſeit langer Zeit lebt .. In dieſem Augenblicke, — Niemand kann wiſſen, was die Zukunft ver⸗ birgt, — in dieſem Augenblicke liebt ſie den jungen Frank Perceval; ſie liebt ihn leidenſchaftlich, Mylord .. Die fort⸗ während gegen ihre ſchwache Natur gerichtete Bedrückung hat ihre Vernunft täuſchen und ihr den Zuſtand ihres Herzens verbergen können, aber vermöge einer pſychologiſch ſehr leicht erklärlichen Reaction . . 84 — Zur Sache, mein Berr, ich bitte; ſagte ungeduldig Rio Santv. — Durch eine erklärliche Reaction, fuhr der Doktor langſam fort, empört ſich ihr Herz und nun erntet im Grund Frank Perceval die Frucht ſo vieler Beſtrebungen. — Glauben Sie das wirklich? — Ich bin innig davon überzeugt, Mylord. Nach dem, was ſich heute zugetragen hat, iſt Ihre Verheirathung eine ſichere Sache .. aber ſelbſt zu dieſer Stunde, wo ich mit Ihnen ſpreche, denkt Ms. Marh nur an Perceval; Ms. Mary, welche durch Aufregungen aufgerieben iſt, die ihr ſchwaches Temperament nicht ertragen konnte, Ms. Marh, die dem Tode nahe i — Dem Tode nahe? mein Herr! rief Rio Santo er⸗ bleichend. — Dem Tode nahe, Mylord .. Indeß, vielleicht gehe ich etwas zu weit. Ms. Mary Trevor kann noch einige Monate auf die Weiſe leben. — O, Verhängniß! rief Rio Santo aus, warum mußte das arme Kind ſich auf meinem Wege finden? — Ms. Mary, ſagte ich, hob der Doktor wieder an, deſſen Geſicht gleichgültig und ruhig blieb, — lebt allein in dem Gedanken an dieſen jungen Perceval. Dieſe Liebe erhält ſie, aber tödtet ſie auch zugleich .. O, Mylord, es iſt ein herrlicher und ſchwieriger Krankheitsfall, der dem Arzte das höchſte Intereſſe einflößt. Rio Santo hörte ihn nicht mehr. Er hatte die Augen⸗ * 85 brauen in ſtummem, bittrem Schmerze zuſammengezogen. — Es muß ſein, ſagte er, dieſe Heirath iſt eine Noth⸗ wendigkeit. — Ganz unbeſtritten, Mylord .. . aber es ſind von nun an alle Mittel erſchöpft, welche der jetzige Zuſtand un⸗ ſerer Wiſſenſchaft zur Verfügung ſtellt. Dem Anſcheine nach iſt das Uebel Ms. Mary's eine Nervenaffection, welche mit fürchterlicher Schnelligkeit ihre äußerſten Grenzen erreicht. — Ich habe ſie demgemäß behandelt; meine Verordnungen find nicht mit Erfolg gekrönt worden . . . das mußte ſo kommen. Das Uebel iſt keines von denen, die man mit beruhigenden Tränken bekämpfen kann .. — Aber mit einem Worte, mein Herr, iſt gar keine Hoffnung mehr? — Erlauben Sie, Mylord, wenn Ew. Herrlichkeit Zeit hat, mich bis zu Ende zu hören, ſo werde ich indirect auch auf Ihre Frage antworten .. . Und vor allen Dingen muß ich Ihnen berichten, daß ich vorgeſtern ein Mittel verſucht habe, welches unfehlbar ſein konnte. — Welches Mittel? — Ich habe den ehrenwerthen Sir Frank Perceval ver⸗ giften wollen, ſagte der Doktor mit unglaublicher Kalt⸗ blütigkeit. Rio Santo ſprang von ſeinem Seſſel auf und ſeine bleiche Stirn wurde dunkelroth. — Sie haben! begann er mit Heftigkeit. 86 — Frank Perceval vergiften wollen, Mylord, vollendete Moore, ohne eine Bewegung zu zeigen. Aus Rio Santo's Auge blitzte ein Strahl der Ent⸗ rüſtung, darauf heftete es ſich ſchwer und ſtreng auf des Doktors Geſicht. Einen Augenblick lang hielt dieſer den Blick muthig aus, aber in der Ueberlegenheit Rio Santo's lag etwas Bezauberndes, Unwiderſtehliches. Moore zog die Augenbrauen zuſammen, ſtotterte einige unverſtändliche Worte und mußte endlich die Augen niederſchlagen. — Ich habe Ihnen, mein Herr, einen Auftrag von zarter Natur vertraut, ſagte Rio Santo mit dem Tone eines Herrn; — ich habe Sie verpflichtet, Herrn Frank Perceval, deſſen Leben ich, wie Sie wiſſen, geſchont habe, mit Ihrer Kunſt beizuſtehen. Anſtatt ihm zu helfen, haben Sie ihn ermorden wollen, ohne daran zu denken, daß eine ſolche Handlung, abgeſehen von ihrer nicht zu entſchuldigenden ſ würdigkeit, ein falſches Licht auf mich werfen muß . iſt das ein kecker Streich, mein Herr, den ich 6. ſehr bereuen laſſen könnte. — Ich wußte, daß er Ihr Nebenbuhlet war, Mylord, und ich wollte . . — Die Leute, welche mir dienen, mein Herr, haben keinen Willen. — Nun, Mylord, ſagte der Doktor mit ungeduldiger Miene, — Sie ſind mächtig — wir wiſſen es; aber für unſere Geſellſchaft iſt es eine gebieteriſche Nothwendigkeit, daß 87 dieſe Heirath zu Stande kommt und ich bin Lord of the night, eben ſo gut, als Ew. Herrlichkeit. — Ganz ſo gut, wie ich, wiederholte der Marquis mit der größten Verachtung. — Verzeihung, Mylord... ganz eben ſo gut, wie Sie. Der Doktor richtete zum zweiten Mal ſeine ſteife Figur in die Höhe und nahm alle ſeine Kaltblütigkeit zuſammen, um ſeine Augen zu Rio Santo zu erheben. Er fand den Blick des Letztern auf ſich geheftet und voll ſo drohenden Stolzes, daß er abermals ſeine ruhige Haltung verlor. — Sie wiſſen es, Mylord, hob er an und gab ſeiner Stimme plötzlich den Ausdruck von Unterwünfigkeit, — wir haben in Sie ein unbegrenztes Zutrauen geſetzt. Unſere Statuten binden Sie nicht, Sie haben alle Rechte und keine Pflichten. Bewahre mich Gott davor, daß ich darauf Anſpruch mache, Ihnen gleich zu ſtehen, aber ich ſehe Ihnen dieſe Heirath entgehen .. und ich kenne in London keinen andern Pair von England, welcher der männlichen Erben beraubt iſt und nur eins⸗Tochter beſitzt. Der Marquis antwortete nicht ſogleich darauf. Er ging einige Mal im Zimmer auf und ab und ſtellte ſich dann vor den Doktor Moore hin. — Wenn es Ihnen gelungen wäre, Sir Frank Per⸗ deval zu vergiften, ſo ſchwöre ich Ihnen auf meine Ehre, daß ich Sie hätte hängen laſſen. Moore zitterte ſo ſichtlich, daß jeder unbefangene Beob⸗ 88 achter hätte merken müſſen, dieſe Drohung ſei keine bloße Prahlerei. Rio Santo warf ſich nachlſſig auf die Ottomane. — Aber es iſt Ihnen nicht gelungen, ſagte er, ich will Ihnen deshalb verzeihen. In dieſem Augenblicke ſchlug es acht Uhr. Der Mar⸗ quis fuhr fort: — Ich kann Ihnen nur noch fünf Minuten gewähren, mein Herr, denn Sie haben mir noch nicht auf meine Frage geantwortet. Moore zauderte etnen Augenblick. Auch er war in ſeiner Sphäre ein ſtolzer, kräftiger Mann; dieſe Rolle dul⸗ dender Ahblihigtett, welche ihm ſo ſchonungslos auferlegt war, regte ſein Ehrgefühl lebhaft auf aber er war, wie man glauben muß, durch ein mächtiges Band gefeſſelt, denn er verneigte ſich ehrfurchtsvoll und antwortete: — Ein Hülfsmittel bleibt uns noch, Mylord. Es iſt zu bekämpfen wir aber kein Recht haben, — wie es ſcheint. — Erklären Sie ſich näher und machen Sie ſchnell. — Jede Krankheit hat ihre Gegenmittel, Mylord; die Natur iſt ganz vollſtändig, nur unſere Wiſſenſchaft iſt unzu⸗ reichend beſchränkt. wir müſſen erperimentiren. Nun wäre zu erperimentiren an Ms. Mary .. — Büten Sie ich wohl, rief der Marquis lebhaft. — 89 — Ich bin ſehr erfreut, daß Sie meinen Gedanken zu⸗ vor kommen, Mylord ... wir müſſen alſo an Jemand An⸗ ders erperimentiren. Aber in dieſem Falle kann ein in Stücke geſchnittener Leichnam meine Unwiſſenheit nicht auf⸗ klären. Ich muß das Leben ſelbſt befragen, muß an einem jungen Mädchen von Ms. Mary's Alter künſtlich ähnliche Erſcheinungen hervorbringen, welche die Symptome ihrer Krankheit bilden. — Aber das iſt abſcheulich, ſagte der Marquis mit Ekel. — Ja, Mylord .. habe ich dieſe Symptome erſt hervorgerufen, dann muß ich ſie zu bekämpfen ſuchen, an ihrer Heilung herumtaſten und blindlings meins Verſuche machen. — Aber das kann abermals ein Mord ſein. — Ja wohl, Mylord; es iſt zehn gegen eins zu wetten, daß das junge Mädchen, von dem ich ſpreche, ſter⸗ ben wird. — Unter fürchterlichen Martern? nach langen Leiden? — Ja, Mylord! — Können Sie nicht ein anderes Mittel finden, mein Herr? ſagte Rio Santo in höchſter Aufregung. — Wenn Ew. Herrlichkeit es wünſcht, will ich dar⸗ über nachdenken; aber die Zeit drängt und jede Stunde der Verzögerung verſchlimmert Ms. Mary Trevor's Zuſtand. Rio Santo fuhr mit der Hand über die Stirn, auf welcher große Tropfen Schweißes ſtanden. — Ew. Herrlichkeit hatte mir nur fünf Minuten Zeit zu ſchenken, ſagte der Doktor Moore; — die fünf Minuten ſind vergangen. — Retten Sie Mary, ſagte Rio Santo mit kaum ver⸗ nehmbarer Stimme. Der Doktor ging auf die Thür zu. — Sagen Sie mir, rief ihm der Marquis nach: — um des Goldes willen thun Sie das alles, mein Herr? — Wir ſind in London, antwortete Moore halb lächelnd; — und ich bin Engländer: die Frage iſt alſo un⸗ nöthig, Mylord. Dieſe blutige Satyre über ein ganzes Volk rief in Rio Santo's Auge einen von den Blitzen der Entrüſtung hervor, welche ſeinem Geſicht die Macht und Majeſtät eines Jupiter tonans gaben. — O, Stadt des Schmutzes, nichtswürdige Nation! Nun gut, mein Herr, wenn Sie Geld gewinnen wollen . viel Geld . ein ganzes Vermögen, ſo retten Sie Mary, indem Sie dieſes junge Mädchen ſchonen. Der Doktor ſah Rio Santo an, wie er ihn noch nie⸗ mals betrachtet hatte. — Ich werde es verſuchen, Mylord, ſagte er. Als er über die Schwelle ging, fügte er zwiſchen den Zähnen hinzu: — Kann denn derſelbe Menſch zu gleicher Zeit das Serz eines Engels und eines Teufels haben? — Dieſer Menſch hat Schlimmeres gethan, als wir, und ich ſah, 91 wie ſein Auge feucht wurde, bei dem bloßen Gedanken an die Leiden eines jungen Mädchens, das er nicht einmal kennt!. Rio Santo zog an der ſeidenen Klingelſchnur, ein Bedienter hob den Vorhang vor einer Thür in die Höhe, welche ſich der gegenüber befand, durch die Doktor Moore. gegangen war. — Wartet Jemand, Toby? fragte Rio Santo. — Ein Gentleman, der in einen Mantel gehüllt iſt, er iſt ganz allein durch die Hinterthür gekommen .. . Gleich darauf erſchien ein Mann von hohem Wuchſe, deſſen Geſicht zum großen Theil durch das Pelzwerk eines weiten Mantels verdeckt war; er trat mit ſchwerem Tritte ins Zimmer, indem er auf dem Teppich die Sporen an ſei⸗ nen Stiefeln erklingen ließ, die von ſehr weichem Leder und bewunderungswürdig lackirt waren. — Wie befinden ſich Ew. Gnaden, fragte Rio Santo, indem er eine hofmäßige Verbeugung machte. — Gut, gut, Mylord, antwortete der Ankömmling und entledigte ſich ſeines Mantels. Er hatte ein knochiges Ge⸗ ſicht, mit über alle Gebühr hervorſtehenden Backenknochen, einem Pferdegebiß und gedrückter Stirn, welche faſt bis zu den Augenbrauen hinab von einem dichten Walde von Haaren bedeckt war. Es war in der ganzen Erſcheinung des Mannes ſehr viel von der Pferdenatur: ſeine langen Zähne ſchienen Hunger auf Heu zu haben und zwiſchen ſeinen breiten Schultern 92 war Platz für hundert Reitpeitſchenhiebe oder auch für die Knute. Seine Gnaden war ein Tartar. Ein tartariſcher Prinz ganz im Ernſte. Dimitri Nico⸗ lajewitſch Fürſt Tolſtoy, Geſandter des Kaiſers Nicolaus bei ſeiner britanniſchen Majeſtät Wilhelm IV. Und wenn man wußte, daß er ein Fürſt war, ſo konnte man in der That verſucht ſein, in ſeiner Rauhheit, die aller⸗ dings der Rohheit ſehr nahe kam, einen gewiſſen Adel zu finden; wenn man ihn Mylord Geſandter nennen hörte, ſo fühlte man ſich geneigt, in dem blinzelnden Blicke ſeiner kleinen grauen Augen tauſend Arten feiner, geiſtreicher diplo⸗ matiſcher Dinge zu entdecken, denn dieſe Augen waren ſtets beobachtend und ſahen pfiffig hinter dem dichten Pelze zweier großen Augenbrauen hervor. Der That nach war der Prinz Dimitri Lolſtoy ein Tartar voll Verdienſt. Wir ſagen das ohne allen Spott. Er hatte in London eine Stellung vom erſten Range einzu⸗ nehmen gewußt und hatte, ſo zu ſagen, die wirkliche Präfi⸗ dentur beim diplomatiſchen Corps. Er ließ ſich auf der Ottomane neben Rio Santo nie⸗ derſinken. — Marquis, ſagte er, das Alles zieht ſich in die Länge und mein Herr, der Kaiſer, wird ungeduldig. — Das iſt eine unangenehme Sache, antwortete Rio Santo. Der Prinz hielt eine Geberde des Unwillens zurück. 93 — Sie ſcheinen die Unzufriedenheit des Zaaren auf eine ſehr philoſophiſche Weiſe zu betrachten, mein Herr, ſagte er. — Es iſt eine betrübende Sache, Mylord, wiederholte Rio Santo. Ich kann nichts mehr ſagen und pflege ge⸗ wöhnlich alle unglücklichen Ereigniſſe ſo zu charakteriſiren,. denen auszuweichen nicht in meiner Macht ſteht. — Nun gut, Marquis, nun gut. Dann heißt es ſo viel, als: es iſt eine unglückliche Botſchaft, ein grauſamer Schlag .. — Es heißt nur das, Mylord: es iſt eine betrübende Sache und nichts weiter. Der Ruſſe zuckte mit den Augenbrauen. — Bei Sanct Nicolai, mein Herr, rief er aus, Sie ſprechen ſehr leichtfertig! . .. Thun Sie nicht gerade, als ob es eine von den Widerwärtigkeiten wäre, die einem alle Tage paſſiren können .. . wenn Seine Kaiſerliche Majeſtät gegen einen ihrer Agenten in Zorn geräth, ſo muß er zittern und ſich demüthigen .. — Ich verſtehe nicht zu zittern, Mylord, unterbrach ihn Rio Santo, ohne die Stimme zu erhöhen, und ich habe zu wenig Stolz, um jemals Gelegenheit zu haben, mich demüthigen zu müſſen . erlauben Sie mir übrigens einen Ausdruck zu berichtigen, der Ihnen ohne Zweifel nur ſo entſchlüpft iſt: Sie haben mich unter die Zahl der Agenten Seiner Kaiſerlichen Majeſtät geſtellt ... * 94 — Und was ſind Sie denn, Mylord, wenn ich fra⸗ gen darf? — Fürſt, zur Beantwortung dieſer Frage müßte ich Ihnen eine lange Geſchichte erzählen, ich habe keine Luſt, dies zu thun, und Sie keine Muße, ſie anzuhören. Ich werde mich alſo begnügen Ihnen zu ſagen, was ich nicht bin: — ich bin nicht der Agent Shres Herrn, Mylord! Der Ruſſe bearbeitete den Teppich mit einem heftigen Fußtritt. — Meiner Treu, mein erwiederte er, ohne länger ſeinen Zorn zu verhehlen, das iſt eine ſeltſame Verwegenheit, auf die ich nicht gefaßt ſein konnte! Nachdem ich ungeheure Summen in Ihre Hände niedergelegt habe . — Wofür ich Ew. Gnaden aufrichtig und aus Her⸗ zensgrunde danke. Dieſelben ſind meinen Plänen ſehr zu Statten gekommen. — Nachdem ich mich durch lügneriſche habe fangen laſſen — Nicht ein Wort weiter, Mylord, ſagte Rio Santo mit kurzer Stimme und ſeinem ſouverainen Blick, vor dem der Stolz des Tartaren wie durch Bezauberung ſich legte. — Verzeihung, Mylord, daß ich Ew. Gnaden unter⸗ brochen habe, vegann darauf Rio Santo in ſeinem gewöhn⸗ lichen Tone. Sie waren im Begriff, einige von den Worten . auszuſprechen, welche eine poſitive Rüge erheiſchen und ich bin in dem Falle, die Beihülfe Seiner Kaiſerlichen Majeſtät nicht entbehren zu können ... verſtehen Sie mich recht, 8 Mylord, und trennen Sie nicht aus leichtfertigen Gründen einen Pact, der uns gegenſeitig vortheilhaft iſt. — Vortrefflich, murmelte Tolſtoy; — wir werden alſo, wie es ſcheint, von Macht zu Macht mit einander verhandeln: nämlich Sie, Herr Marquis, für Ew. Herrlichkeit, und ich für den Kaiſer, meinen Herrn .. Das iſt allerliebſt! — Es iſt mindeſtens wahr, erwiederte Rio Santo ganz friedlich. Der Ruſſe ſtach aufs Neue mit ſeinen Sporen in den Teppich, der doch für die ganze Geſchichte nichts konnte. — uUm ſo wahrer, fuhr der Marquis fort, als Ihre Inſtructionen, Mylord, einen Paragraphen enthalten, der mich betrifft. . — Woher wiſſen Sie das? — Entſchuldigen Sie .. Die Summen, von denen Sie ſo viel Weſens machen, geben zuſammengezählt nicht das Contingent, welches mir zu übergeben Sie von Seiner Kaiſerlichen Majeſtät beauftragt waren. — Was wollen Sie damit ſagen, mein Herr? .. — Sie ſind mein Schuldner noch ungefähr für drei⸗ malhunderttauſend Rubel, Mylord! Der Fürſt öffnete den Mund und ſah Rio Santo mit weit aufgeriſſenen Augen an. — Dreihundert bis dreihundertfünzig Tauſend, fuhr der letztere ruhig fort; — ich habe die Rechnungsauszüge in meiner Caſſe . . und bin überzeugt, daß Ew. Gnaden ſo artig ſein werden, mich nicht Lügen ſtrafen zu wollen. — ———— —— 3 3 96 — Nein, mein Herr .. nein, auf mein Wort, ſagte der Prinz anfgeregt; — Seine Majeſtät hat mich in der That beauftragt . .. es iſt eine unglaubliche Sache .. Seien Sie überzeugt, daß meine Abſichten dabei .. aber beim Namen unſeres Kaiſers, haben Sie denn einen Geſandten in St. Petersburg, mein Herr? Rio Santo verbeugte ſich anmuthig, zum Zeichen der Beſtätigung. — Wie Sie ſehen, Mylord, ſagte er, wir verhandeln von Macht zu Macht: nämlich Ew. Gnaden mit mir; mein Geſandter mit Ihrem Herrn. — Es iſt Teufelei dahinter, flüſterte der Tartar . in jedem Falle, Herr Marquis, fügte er mit einer gewiſſen Ritterlichkeit hinzu, habe ich Ihnen Entſchuldigungen zu machen, ich wußte, daß der Czaar Ihr hohes Verdienſt ſchätzte; aber mir war unbekannt . — Laſſen wir das, Mylord! — Was die dreimalhundertfünzigtauſend Rubel anbe⸗ trifft . . — Laſſen wir auch das ... ich wünſche, damit Ew. Gnaden ein für allemal in Beziehung auf mich eine feſte Anſicht gewinnt, daß Sie erfahren, Rußland's Geld bildet nur einen ſehr ſchwachen Theil meiner Hülfsquellen .. und wenn Sie, Mylord, für den Dienſt Ihres Herrn einiger Vor⸗ ſchüſſe bedürften, zwei oder drei Millionen Franken das Doppelte, oder ſelbſt noch mehr, ſo würde ich Sie bitten, es anzuſehen, als ob ich ganz und gar zu Ihrer Verfügung ſtehe 6 97 Rio Santo ſagte dieß mit ernſtem und einfachem Tone, der nicht den Schatten eines Zweifels über die Aufrichtigkeit ſeiner Worte erlaubte. Der Fürſt, welcher über dieſes königliche Anerbieten ganz verwundert war, gab ſeine cavaliermäßige Stellung, welche er angenommen hatte, auf und nahm die Füße vom Sopha herunter. II. 5 Siebentes Kapitel. Der Prinz Dimitri Tolſtoy, Geſandter von Rußland, blieb einige Sekunden hindurch in einem verlegenen Schwei⸗ gen. Er betrachtete Rio Santo verſtohlen, als ob er plötz⸗ lich das Geheimniß dieſes Mannes hätte errathen wollen, der nur einen Zipfel von dem Schleier, der ſeine Stel⸗ lung verbarg, aufgehoben hatte, und ſich ihm in einem ſo ſeltſamen Lichte dadurch zeigte. — Iſt es mir erlaubt, nur eine Frage an Ew. Herr⸗ lichkeit zu richten? fragte er ihn endlich. Gewöhnlich, erwiederte Rio Santo lächelnd, fragen Ew. HBerrlichkeit, ohne ſich darnach zu erkundigen, ob es mir angenehm iſt ich bitte Sie, Mylord, fragen Sie nur. — Dieſes iſt ein Vorwurf, ſagte Tolſtoy erröthend, 99 und ich weiß in der That nicht, ob ich mir erlauben därf — Nur zu, Mylord, ich bitte darum. Der Prinz zauderte noch einen Augenblick, und darauf begann er: — Kennen Sie den Kaiſer perſönlich, Herr Marquis? — Ja, Mylord. — Ah, ſagte Tolſtoy, indem er in ſeiner Haltung eine neue Lage von höflicher Scheu hinzunahm. — Nicolaus Paulowitſch, fuhr Rio Santo fort, hat mir die Ehre angethan, gewiſſe Pläne anzuhören, welche damals in meinem Kopfe nur noch unbeſtimmte Projecte waren ich wurde in ſeine Nähe gelaſſen, Abends, wenn der Empfang bei Hofe vorüber war, — und ſehr häufig iſt der heranbrechende Tag gekommen, und hat erſt unſern Unterhaltungen ein Ende gemacht. — In der That, Herr Marquis, ſagte der Prinz, in⸗ dem er ſich auf der Ottomane klein machte. — Ja, ſehr häufig, erwiederte Rio Santo, der von ſeinen Erinnerungen hingeriſſen zu ſein ſchien. — Einmal, nach einer langen Unterredung, wo ich mich dem ganzen Enthuſiasmus meiner glühenden Politik hingegeben hatte, ergriff Se. Majeſtät meine Hand, und heftete dieſes Kreus auf meine Bruſt, welches Sie da ſehen. Er zeigte auf das Comandeurkreuz des ruſſiſchen Sankt Georgen Ordens, welches zwiſchen den Inſignien des preußi⸗ 8* 2 100 ſchen rothen Adlers, und dem Maria⸗Thereſia Orden von Oeſterreich ſtrahlte. Der Fürſt ſtand halb auf, und richtete ſeine große Ge⸗ ſtalt mit der ganzen Strenge einer etiquettenmäßigen Haltung in die Höhe. — Nicolaus Paulowitſch, begann Rio Santo, erinnert ſich meiner wieder, und ich bewahre ihm einen ehrenvollen Platz in meinem Gedächtniſſe. Mein politiſcher Glaube dif⸗ ferirt von dem ſeinigen wie Tag und Nacht, — aber eine gemeinſame Leidenſchaft nähert uns einander, mich, den ſchwa⸗ chen Privatmann, und ihn, den mächtigen Fürſten, wir be⸗ gegnen uns in einem und demſelben Haſſe. . . O, wie groß auch ſein Unrecht gegen die Welt und die Freiheit iſt, Ihr Kaiſer hat eine kräftige Seele, Fürſt, und einen königlichen Willen! Der Marquis ſchwieg, und ſchien in Gedanken ſich in Zeiten zu verſetzen, welche ſchon ſehr fern von ihm waren. Tolſtoy blieb ſteif, unbeweglich, ſtumm, wie jeder Ruſſe von guter Dreſſur vor ſeinem Oberen. Rio Sanko hatte für ihn ganz phantaſtiſche Proportiv⸗ nen angenommen, und dieſe ₰ Gand, welche Nicolaus Hand berührt hatte, ſchien ihm in übermenſchlichem Lichte zu ſtrahlen. — Verzeihung, Mylord, ſagte plötzlich Rio Santo, in⸗ dem er ſich aus ſeinem Nachſinnen heraus riß. Wir ſind jetzt ſehr fern von dem Beweggrunde Ihres Beſuches. Sie waren gekommen, um eine Erklärung von mir zu fordern — Eine Erklärung von Ihnen, Herr Marquis? Gott bewahre mich davor! — Cw. Gnaden haben ein Sof⸗Gedächtniß! erwie⸗ derte Rio Santo lächelnd; — es iſt noch keine Viertelſtunde her, daß Sie mir, als Ihrem Agenten, Rechenſchaft abfor⸗ derten . . . — Möge Ew. Herrlichkeit mich nicht betrüben, ſagte unterwürfig der Fürſt; Se. Majeſtät der Kaiſer, mein erha⸗ bener Herr, hatte mir nicht geſagt, welchem Manne ich die ausgezeichnete Ehre haben würde, die Fonds zu übergeben, welche ich dazu bekam, endlich glaubte . . — Was glaubten Sie, Mylord? — Kann Ew. Herrlichkeit ſich nicht mit meinen auf⸗ richtigen und reſpectvollen Entſchuldigungen begnügen? flüſterte Tolſtoy, mit einer Uuterwürfigkeit, unter der bereits Grimm verborgen war. — Sie glaubten, erwiederte Rio Santo, mit einem von jenen Abenteurern zu thun zu haben, welche auf die gehei⸗ men Leidenſchaften der gekrönten Häupter ſpeculiren, und durch Lügen, Intriguen und Manoeuvres dahin gelangen, den Fürſten einige Subventionen zu entlocken, — welche groß oder erbärmlich ſind, je nachdem ſie, wie ich, einen unſterb⸗ lichen Namen und Stern auf der Bruſt tragen, oder wie manche Andere einen bürgerlichen Namen und ein Kleid, welches ſchon lange Zeiten geſehen hat . . . Sie glaubten, um ſo zu ſagen, ſich etwas zu vergeben, indem Sie ſich mit mir auf eine Unterredung einließen . 102 — O, Serr Marquis, ſagte der Fürſt. — Sie fragten ſich, Mylord, ob es nicht unerträglich und verletzend ſei, einem Mann wie Ew. Gnaden, wegen eines kleinen Marquis der vielleicht noch ein einge⸗ geſchmuggelter Marquis iſt .. Unbequemlichkeiten zu ma⸗ chen . in der That, ich kann Ihnen nicht bös darüber ſein. — Auf meine Ehre, Herr Marquis! .. — Aber was Ihre üble Laune anf die Spitze getrie⸗ ben hat, Fürſt, war der Umſtand, daß der kleine Marquis Ew. Gnaden nicht gebeten hat, ihm die Unterſtützung Ihrer hohen Einſicht zu gewähren.. daß er weit entfernt davon die große Ungeſchicklichkeit beging, ſeine Pläne und Projecte für ſich zu behalten .. Ich geſtehe, Mhlord, daß das Un⸗ recht in dieſer Beziehung auf meiner Seite iſt . .. Aber, wenn ich es ſagen muß, mein Leben iſt mehr in Anſpruch genommen, als das anderer Männer, weil die Vergnügungen der Welt und dieſe Stunden gezwungenen Müßigganges, welche die Mode auferlegt, für mich eine enge und ernſthafte Verpflichtung ſind . . . wenn ich genöthigt wäre, mein Serz allen denen zu eröffnen, welche das Recht zu haben glauben, mich zu befragen, ſo würde ich in Hyde⸗Park die Zeit ver⸗ ſäumen, und bei unſern Ladies für einen Geſchäftsmann gelten. Das iſt eine fürchterliche Sache, ſechen Sie; man hilt mich jetzt ſchon für einen Diplomaten. Rio Santo nahm eines von den Kiſſen der Ottomane und legte nachläßig den Kopf darauf. — ——— 103 — Der Fürſt ſtand auf. — Mylord, ſagte er mit ſteifem Gruße, ich weiß recht wohl, daß ich keine Eigenſchaften beſitze, welche mir das Vertrauen Ew. Herrlichkeit zu Wege bringen könnten . ich bekenne es mit Offenheit, daß das Geheimnißvolle Ihres Benehmens mich bisher ſehr ſtark geſtört hat, — nicht als. bloßer Privatmann, ſondern als Repräſentant des Kaiſers, meines Herrn. — Ich wußte, daß Sie eine Miſſion von hoher Wichtigkeit in den Händen hatten, deren Zweck ich bis zu einem gewiſſen Punkte errathen konnte, wenn nicht die Mittel; ich ließ Ihnen Summen zukommen, welche, als ſehr bedeutend zu betrachten, mir wohl erlaubt war; vielleicht war es natürlich .. — Sehr natürlich, Fürſt, und Sie konnten nichts an⸗ deres denken, als daß die Gelder Ihres Souveraines dazu dienten, den faſt königlichen Lurus zu unterhalten, der mich umgiebt . — Das habe ich nicht geſagt, Herr Marquis! — Sie haben es gedacht, Mylorb! Tolſtoy verbeugte ſich auf's neue. — Herr Marquis, ſagte er, indem er nun ganz ent⸗ ſchieden ſeine üble Laune zeigte, — ich habe mich gegen Sie entſchuldigen wollen, mehr kann man von einem Edelmanne nicht verlangen, und doch ſcheint es, als wenn Sie mich noch nicht loslaſſen wollten .. Da ich nun keinen eigentlichen Nutzen von einer Auseinanderſetzung einſehe, die mit einem ſo feindſeligen oder mindeſtens zweideutigem Tone ins Werk geſetzt wird, ſo will ich mich bei Ew. Herrlichkeit be⸗ urlauben, indem ich erkläre, daß ich jedesmal, wenn Sie mir die Ehre geben wollen, eine Unterredung mit mir zu haben, zu Ihrem Befehl ſtehe. Rio Santo richtete ſich halb in die Höhe. — Sollte ich Sie wider meinen Willen verletzt haben? fragte er. Es giebt Ruſſen, welche Geiſt genug haben, ohne Hin⸗ derniß die ſchwer zu paſſirenden Vorgebirge mit allen ihren Spitzen zu umſchiffen, von denen der diplomatiſche Ocean wimmelt. Aber dieſe Ruſſen ſind ſelten. Italien, einige Gebiete Deutſchlands, einige Striche des ſüdlichen Frankreichs — das ſind die fruchtbaren Länder, wo die Macchiavell's im kleinen Maßſtabe ohne Cultur wachſen. Der Prinz Dimitri Tolſtoy wußte nicht zur rechten Zeit die Segel einzuſtreichen, wie die Seeleute ſagen. Da er Rio Santo ſchwach werden ſah, kam er auf den übeln Einfall, ſeinen früheren Stolz wieder anzunehmen und eine Antwort zu geben, in welcher das tartariſche Element im höchſten Grade vorherrſchend war. Rio Santo erwiederte mit Strenge darauf.“ — BVrechen wir davon ab, Mylord, wenn es gefällig iſt. Sie ſind zu mir gekommen, um mich auf eine Weiſe zu befragen, wie es etwa ein Oberer gegen ſeine Untergebe⸗ nen hätte thun können. Ich habe die Richtigkeit unſerer be⸗ treffenden Stellungen wieder herſtellen müſſen, und die Lehre etwas verlängern, damit Sie ſich in Zukunft nicht einfallen ließen, es zu vergeſſen . Jetzt, Mylord, wenn es Ihnen ge⸗ 6 105 fällig iſt, ſich wieder zu ſetzen, und mir zuzuhören, werde ich die Ehre haben, Ihnen einen wichtigen Vorſchlag mitzu⸗ theilen. Der Ruſſe verſuchte zu lächeln; aber dieſer unglückliche Verſuch brachte nichts, als eine verdrießliche Grimaſſe her⸗ vor, hinter welcher ein heftiger Aerger und Groll verborgen lag, der, nur von der Furcht zurückgehalten, nichts wünſchte, als ſich bei Gelegenheit Platz zu machen. Er nahm in übler Laune auf der Ottoma⸗e wieder Sitz. — Es iſt mir eingefallen, Mylord, begann Rio Santo, indem er ihn mit ſeinem ſtrahlenden klaren Blicke maß, — daß Ew. Gnaden gern eine ſehr ſtrenge Anſicht in Bezie⸗ hung auf mich ausſprechen .. Ihrer Anſicht nach, wäre ich mit nichts beſchäftigt, als mit galanten Intriguen, unſinni⸗ gen Wetten, Kirchthurm⸗Rennen . . . und wer weiß was noch... Man hat mir ſogar geſagt, Sie beſchuldigten mich, daß ich Stundenlang in tiefem Nachſinnen über den Schnitt eines Kleides wäre. Tolſtoy machte eine Geberde der heftigſten Ungeduld. — Sie haben mir verheißen, Herr Marquis, unterbrach er ihn ſchnell, daß wir uns mit ernſthaften Sachen beſchäf⸗ tigen wollten. — Ihr Unterbrechen, Mylord, antwortete Rio Santo, beweiſt mir, daß Sie ſelbſt dergleichen Infinuationen als erbärmliche Scherze anſehen. ich hoffe, daß Sie in Folge dieſer Unterredung Ihre Meinung darüber nicht ändern wer⸗ 5** 106 den, und bin überzeugt, daß es Ihnen niemals paſſiren kann, in flüchtigen Momenten auf leichtfertige Art von mir zu ſprechen Kommen wir zur Sache: Ich habe Sie um einen Dienſt zu bitten, Mylord! Der Fürſt richtete einen Augenblick ſeine grauen Augen verwundert auf Rio Santo, und ließ ſie dann wieder hinter den dichten Augenbrauen verſchwinden. Sein Geſicht hei⸗ terte ſich plötzlich wieder auf. Seit zehn Minuten hielt ihn der Marquis fortwährend auf der Folter, und voll Freude gewahrte er die Möglichkeit einer kleinen Rache. Welches auch die Bitte Rio Santo's ſein mochte, der Ruſſe war im Vor⸗ aus entſchloſſen, ſie abzuſchlagen. Deshalb antwortete er, ohne zu zaudern. — Berr Marquis, ich ſtehe ganz zu Dienſten. Rio Santo öffnete eine Schublade und nahm daraus ein Papier, welches er dem Geſandten überreichte. — Wollen Sie zuvörderſt Kenntniß von dieſer Schrift nehmen, Mylord? — ſagte er. Der Ruſſe entfaltete ſogleich das Papier, und begann zu leſen: — Rio Santo hatte unterdeſſen aus ſeiner Bruſt⸗ taſche ein Portefeuille gezogen, und beſchäftigte ſich damit, verſchiedene Documente in Ordnung zu bringen, ohne daß er ſich die Mühe nahm, auf der Phyſiognomie des Fürſten die Wirkung zu verfolgen, welche die Schrift auf dieſen her⸗ vorbringen würde. Und doch waren die Mienen des Fürſten Dimitri Tolſtoy in dieſem Augenblicke wohl werth, beobachtet zu 107 werden. Je weiter er in ſeiner Lectüre fortſchritt, je mehr ſenkten ſich ſeine Augenbrauen, während ſeine Stirne ſich faltend, wie der Gürtelring eines Inſektes, die Wurzeln ſeines Haupthaares faſt mit den buſchigen Augenbrauen zuſammenſchob. Von Zeit zu Zeit zog ſich die Stirnhaut wieder auseinander, und durch ein ſchnelles Muskelſpiel ſtie⸗ gen die Haare wieder in die Höhe, und das graue Auge, welches durch die buſchigen Brauen einen ſchnellen Blick ſchoß, ſchien auf Rio Santo's Geſicht den Commentar zu dem anvertrauten Papiere ſuchen zu wollen. Das Geſicht Rio Santo's klärte indeß nichts auf, auch er las, und ſchien an den Prinzen Dimitri Tolſtoy nicht mehr zu denken. Zu Ende ſeiner Lectüre gekommen, ließ dieſer einen Ausruf der Ueberraſchung vernehmen. — Das iſt der Plan Napoleon's, murmelte er. Rio Santo machte ſein Portefeuille zu. — Der Plan Napoleon's, fuhr der Ruſſe mit ſich ſelbſt ſprechend fort, — erweitert und dem jetzigen europäiſchen Friedenszuſtand angeeignet. — Ich habe die Ehre gehabt, Se. Majeſtät, den Kai⸗ ſer der Franzoſen auf Sankt Helena ein Jahr vor ſeinem ewig bedauernswerthen Tode zu ſprechen, antwortete Rio Santo; — auch er haßte glühend Alles, was ich haſſe . . . und ich habe, Mylord, den Unterricht ſeiner erhabenen und erleuchte⸗ ren Worte benutzen können. Das Project, — welches nur einen Theil meines Planes bildet, — wurde mir allerdings 108 durch den großen Mann eingegeben, welchen die brutale Prah⸗ lerei Wellingtons, dieſes grotesken Halbgottes, und die Rache des ſo oft beſiegten Europa's an dieſe tödtliche Klippe gefeſſelt hatten, wo ſein Leben ſich ſelbſt verzehren mußte . hat das Project die Billigung Ew. Gnaden? — Das Project, Mylord, bedarf deren nicht, antwor⸗ tete der Ruſſe, ſich gleich wieder mit Zurückhaltung waffnend. — Ganz im Gegentheil, Mylord, und ich rechne durch⸗ aus auf Sie, um die begonnene be⸗ enden zu können. — Auf mich? wiederholte Tolſtoy, mit jenem zweideu⸗ tigen Tone, der keine Vorausſetzung billigt, zu nichts ver⸗ pflichtet und die Möglichkeit frei läßt, je nach den Unſtän⸗ den ja oder nein zu ſagen. — Auf Sie, und auf Sie allein, Mylord! Tolſtoy Wachte eine eben ſo zweißelhafte Verneigung, als es die vorhergehende Antwort war. — Auf Sie, fuhr Rio Santo fort, weil Ihre bekannte Geſchicklichkeit Ihnen im diplomatiſchen Corps eine wichtige Stellung gegeben hat, welche durch den Rang der Macht, die Sie repräſentiren, noch unterſtützt wird. — Aber, Herr Marquis, es gäbe doch wohl noch Andere . — Das denk' ich nicht, Mylord. — Der Geſandte von Frankreich — Iſt vielleicht eben ſo einflußreich, als Sie, das will ich nicht in Abrede ſtellen .. aber ich beſitze kein Mittel, — 109 auf ihn einzuwirken, und ſein Hof liegt nicht innerhalb mei⸗ ner perſönlichen diplomatiſchen Beziehungen. — Das iſt ſchlimm, Herr Marquis, ſagte der Ruſſe, und ſein Geſicht nahm einen trockenen kalten Ausdruck an. Rio Santo nahm von dieſen Worten keine Notiz, und Tolſtoy fuhr nach einigen Minuten Stillſchweigens fort: — Welche Bewunderung mir auch dieſes Product Ihrer ſehr fruchtbaren Einbildungskraft einflößen mag, Herr Mar⸗ quis, wie groß die Sympathie auch iſt, die ich natürlich für einen Plan empfinden muß, deſſen Ausführung, ich geſtehe es, der Politik des Kaiſers, meines Horrn, im höchſten Grade dienlich ſein muß, ſo würde ich doch genöthigt ſein, wenn Ew. Herrlichkeit es mir erlauben will, mich bei dieſer An⸗ gelegenheit etwas fern zu halten. — Darf ich wagen, Sie um den Grund zu bitten, Mylord? — Weil, Herr Marquis, antwortete Tolſtoy, und ſein kleines Auge nahm den Ausdruck eines boshaften Spottes an, — weil ich ein poſitiver Menſch bin, und kein Poet; weil ich trotz meines Beſtrebens, Ew. Herrlichkeit gefällig zu ſein, doch in Ihrem Plane nichts ſehen kann, als ein ſehr geniales Utopien, und weil die ruſſiſche Geſandtſchaft nur die Verpflichtung hat, ſich ausſchließlich mit der Wirklichkeit zu beſchäftigen. — So verweigern Sie mir alſo Ihren Beiſtand, Mylord? — Sie ſehen mich in der auftichtigſten Betrübniß, 110 Berr Marquis. Wäre Ihr Traum auszuführen, ſo würde er allerdings ein Streich ſein, welcher den gemeinſchaftlichen Feind auf das furchtbarſte ins Herz träfe . . . aber .. Tolſtoh erheuchelte ein artiges Zaudern. — Aber was? fragte Rio Santo ſanft. — Aber es iſt nichts als ein Traum, Herr Marquis, ein Traum, an dem viel Genie, aber auch etwas Fieber An⸗ theil hat; ... wenn es mir erlaubt wäre, Ew. Herrlichkeit meine unmaßgebliche Meinung darüber zu eröffnen, ſo würde ich Ihnen rathen, die Sache ein wenig ruhen zu laſſen, und an Napoleon zu denken, — der auf Sankt Helena geſtorben iſt, gerade, weil er das hat verſuchen wollen, was Sie vor⸗ ſchlagen. Und doch ſtand Napoleon, der Kaiſer, an der Spitze der tapferſten Nation von der Welt und doch hatte Napoleon, ein Krieger ohne Gleichen, ein Politiker er⸗ ſten Ranges, die Initiative Ihres Planes, eine Hauptſache zum Erfolg, wie Sie wiſſen werden, Mylord. . . . ſo daß alles, was in Ihrem Traume Geniales iſt, ihm zugeſchrieben werden muß, während das Phantaſtiſche dabei .. Tolſtoy lächelte, grüßte und ging zum zweitenmale nach der Thüre zu. — Sie ſind ſtreng, Mylord, ſagte Rio Santo, ohne ſich den Anſchein zu geben, als wolle er ihn zurückhalten; — und ich werde mich genöthigt ſehen, zum Kaiſer, Ihrem Berrn, die Zuflucht zu nehmen. — Ganz ſchön, Herr Marquis, aber bis dahin ... — Wie viel Zeit glauben Sie, Mylord, daß ich bedarf. 111 —— — um einen Brief von Sr. kaiſerlichen Majeſtät zu haben? un⸗ terbrach ihn Rio Santo nachläſſig. . Dieß ſagend, öffnete er wieder ſein ſchönes Portefeuille, und ſchloß mit einem ganz kleinen Schlüſſel die eine Taſche deſſelben auf. Tolſtoy machte eine Bewegung der Beſorgniß. — Wie viel Zeit? ſtotterte er, ich denke .. — Es bedarf nur einer Minute, Mylord, fuhr Rio Santo fort, indem er ſeinen ſtolzen Blick auf Tolſtoy warf, der wie gebannt an der Thüre ſtehen blieb. — Geruhen Ew. Gnaden näher zu treten, und zu leſen, diesmal wird es ſich um keinen Traum handeln. Er zog aus ſeinem Portefeuille ein breites Couvert, vas mit dem Wappen der Romanow und der Kaiſerkrone darüber zugeſiegelt war. Tolſtoy hatte nicht ſobald das Siegel wahrgenommen, als er auch den Kopf ſenkte und ſeine Hände über die Bruſt kreuzte, wie die türkiſchen Veziere thun ſollen beim Anblick der ſeidenen Schnur, mit welcher ſie ſich erwürgen müſſen. — Leſen Sie, Mylord, wiederholte Rio Santo. Der Fürſt nahm das Couvert und brachte es mit jener gezierten myſtiſchen Ehrfurcht an ſeine Lippen, welche den Grundton in allen Beziehungen vom Unterthan zum Fürſten in Rußland bildet. Er entfaltete langſam das Couvert, ohne den ſeidenen Faden, der es zuſammenhielt, zu zerreißen, und nahm ein viereckiges Papier heraus, an welchem das Pri⸗ vatſiegel des Kaiſers hing. ² Das Papier war weiß, aber Tolſtoy wußte, was damit zu thun ſi ſei und hatte keine Luſt mehr, Widerſtreben an den Tag zu legen. Er ging nach dem Kamin und hielt das Papier in die Nähe der Flamme. — Nach einer halben iu erſchienen auf dem weißen . . Papiere Schriſtzüge von grü Farbe. Es waren nichts als zwei Reihen Chiffreſchrift und ein Name darunter. Tolſtoy nahm nun ſeinerſeits aus ſeiner Brieftaſche ein Papier, das, ſchon zerknittert, von einem langen Gebrauche zeugte, und breitete daſſelbe auf einem Tiſchchen am Kamine neben dem kaiſerlichen Schreiben aus. Das zerknitterte Pa⸗ pier war ein Chiffreſchlüſſel. Der Geſandte buchſtabirte nun Folgendes: „Unſer Wille iſt, daß Dimitri Nicolajewitſch Tolſtoy den Inſtruktionen gehorche, welche ihm Don Joſé Maria Telles de Alarcon, Marquis von Rio Santo, wird geben können.“ Der Fürſt wandte die Botſchaft hin und her; er ver⸗ glich ſie auf das ſorgfältigſte mit dem Chiffreſchlüſſel und gab ſie endlich dem Marquis zurück, indem er ſagte: — Mylord, das iſt peremptoriſch. Gebieten Sie über mich nach Gefallen. Eine lange und ernſthafte Conferenz fand nun zwiſchen dem Marquis und dem Geſandten ſtatt. Der Letztere gab⸗ in allen Punkten nach und verpflichtete ſich aufs förmlichſte, die verſchiedenen, in London reſidirenden Bevollmächtigten 5 —— —— 113 der Höfe in Rio Santo's Sinne zu bearbeiten, weil es ſo der Wille Seiner Majeſtät des Kaiſers Nicolaus war. — WMylord, ſagte der Marquis zum Schluſſe, Ihre Bemühungen werden Ihnen leicht werden. Dieſe Tyrannei, welche wir brechen wollen, drohet bald auf der ganzen Welt ſchwer zu laſten, und die ganze Welt hat folglich Intereſſe daran; ſie abzuſchütteln .. Das Anſehen des kaiſerlichen Willens, deſſen Ausdruck Sie ſind, wird allein hinreichen, die Wage ſchwankend zu machen, denn jeder von den Diplo⸗ maten, mit welchem Sie ſprechen werden, ſo wie jeder ihrer Gebieter ſind darum angegangen worden und warten nur darauf, den Dingen den Lauf zu laſſen . übrigens beden⸗ ken Sie wohl, daß noch andere Moßregeln und noch furcht⸗ barere genommen ſind, um den Coloß von allen Seiten zu gleicher Zeit zu treffen .. Nun noch ein Wort .. Sie werden fortan begreifen, hoffe ich, warum ich mein ganzes Leben, dem Anſcheine nach, mit dem leichtfertigen Zeitvertreibe hinbringe, aus dem Sie mir ſo häufig ein Verbrechen ma⸗ chen. Sie werden begreifen, warum ich mich zum König der Mode gemacht habe, mich mit einem orientaliſchen Lurus — das iſt Ihr Lieblingswort, Mylord, — umgebe, warum ich endlich alle gliume von Weſt⸗End mit dem Gerüchte von meinen Liebesintriguen beſchäftige es geſchieht, verzeih' es mir Gott .. . weil ich darin meiner Natur folge Ferner geſchieht es, weil London in mir das Gegentheil von dem erblicken ſoll, was ich bin, oder, um mich beſſer aus⸗ zudrücken: London ſoll mich nur von einer meiner Seiten 44 kennen und glauben, daß ich blos der eleganteſte, galanteſte Mann bin, der außerdem die ſchönſten Pferde in den drei Kö⸗ nigreichen beſitzt... Hinter dieſer Rolle, Mylord, verſteckt man ſich beſſer, als unter einer Maske und mein Flittermantel wiegt wohl die Lumpen des Römers Brutus auf ... Brutus, wie Sie wiſſen, ſtürzte einen Thron um. Der Fürſt Dimitri Tolſtoy entfernte ſich wieder durch die Hinterthür, durch welche er gekommen war. Allein geblieben, ſank Rio Santo erſchöpft auf die Ottomane nieder. Es war etwa zehn Uhr Abends. Ge⸗ wöhnlich benutzte der Marquis einen großen Theil der Nacht dazu, die Zeit wieder einzuholen, welche ihm das Weltleben raubte; aber an dieſem Abend war die Ermüdung ſtärker, als ſein Wille. Während er nachzudenken verſuchte, neigte ſich ſein Haupt auf die Kiſſen der Ottomane nieder: er ſchlief ein. Sein Schlaf war bewegt und unruhig. Als die Uhr Mitternacht ſchlug, wachte er plötzlich auf. Er ſtand auf; aber beim erſten Schritte ſtieß ſein Fuß gegen den Körper eines Mannes, der regungslos auf dem Teppich lag. Es konnte kein Miſſethäter ſein, denn der kräftige und ſchöne Lovely lag neben ihm und beleckte ihm das Geſicht, indem er traurig bellte. Rio Santo legte ſich aufs Knie. Der Mann, welcher auf dem Boden lag, hatte ein blutbeflecktes Geſicht und ſeine naſſen Haare fielen verwirrt um ſeinen Kopf herum. — — 115 Sein ſchottiſches Coſtüm war gleichfalls ganz durchnäßt und mit Blut befleckt. Rio Santo ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus, als er die Züge des Mannes erblickte. Er ſtürzte fort, er⸗ griff eine Kerze, denn er konnte ſeinen Augen nicht trauen. Der Schein des Lichtes zeigte ihm, daß er ſich nicht geirrt habe. — Angus, Angus! rief er aus; — mein Bruder! Der Laird rührte ſich nicht. Rio Santo hob ihn auf und legte ihn auf die Otto⸗ mane; — der Marquis hatte in ſeinen ſtolzen Augen Thränen. — Angus, Angus! wiederholte er. Der Laird öffnete die Augen und warf ſeine erloſchenen Blicke um ſich her. — Alle beide, alle beide, mein Gott, röchelte er mit herz⸗ zerreißender Stimme; — alle beide verloren. Darauf ſchloſſen ſich ſeine Augen wieder und er fiel ſchwer hinten über. Achtes Kapitel. Einſamkeit. Es war ungefähr eine Woche nach den Ereigniſſen, welche wir in den vorhergehenden Kapiteln erzählt haben. Suſanna befand ſich in dem kleinen Salon, in welchem wir ſie ſchon früher im Geſpräch mit Brian von Lanceſter geſehen haben, allein. Sie hielt ein Buch in der Hand und ihre feuchten Augen irrten unbeſtimmt auf den bereiften Stellen umher, deren funkelnder Kryſtall an der äußeren Seite der Fenſterſcheiben haftete. Es lag in ihrer Haltung mehr Ruhe und in ihrem Blicke mehr Nachdenken als ſonſt. Ihre ſchöne Stirn war nicht weniger intelligent, aber man entdeckte etwas minder Unent⸗ ſchloſſenes und, ſo zu ſagen, mehr Menſchliches an ihr. Sie ſchien nicht mehr ſo über den gewöhnlichen menſchlichen Verhältniſſen zu S———— 117 ſtehen, man konnte ſie beſſer begreifen und jede ihrer Bewe⸗ gungen glich nicht mehr ſo ſehr einem Problem. Der Grund lag vuth daß Suſanna ſeit acht Tagen manchen Schritt ins Leben vorwärts gethan hatte, ihre ſtumme Unglücksexiſtenz hatte plötzlich eine Endſchaft erreicht. Zwei Seelen hatten ſich gefunden, um die naiven Ergießungen der ihrigen hervorzurufen und entgegen zu nehmen. Die At⸗ moſphäre der Unwiſſenheit und des dumpfen Schmerzes, welche ſo lange auf ihr gelegen hattte, war von einem Strahl der Sonne getheilt worden. Seit einer Woche ſah ſie faſt jeden Tag Lady Ophelia, Gräfin von Derby, und Brian von Lanceſter. Lady Ophelia lehrte ſie ſanft das Leben kennen. Sie hatte nicht verſucht, durch Ueberraſchung hinter Suſanna's Geheimniſſe zu kommen. Obwohl ſie den magiſchen Ring im höchſten Grade beſaß, welcher an den weißen Fingern jeder Frau von Welt ſteckt, und daher auf den erſten Blick errathen hatte, daß ein ſeltſames Geheimniß hinter dieſem Prinzeſſintitel ſtecke, denn es trug ihn ein Kind, das aller⸗ dings ſtolz, edel und imponirend war, mit Anſtand die Diamanten⸗Aigrette zu tragen wußte, welche ſich auf ihrem ſchwarzen Haare wiegte, das aber fremd war in den tauſend ſchicklichen Formen, all' den kleinen Regeln, welche die Syn⸗ tar in der Grammatik des Weltlebens ſind; ein Geheimniß mußte noch in der Witwenſchaft einer Jungfrau liegen, denn Suſanna war der Seele und dem Körper nach jungfräulich. 118 Das konnte Lady Ophelia nicht verkennen, denn ſie hatten beide ſo häufig und ſo lange von Liebe geſprochen! Und während ſie das Geheimniß Suſanna's ehrte, hatte Lady Ophelia ſich eine der Wirklichkeit ziemlich nahe kommende Idee davon gemacht, war ſofort in das Vertrauen des ſchönen Mädchen eingedrungen, hatte ſich die außeror⸗ dentlichen Seltſamkeiten ihres Charakters erklärt, ſie von einem, dem Weltleben fremden Standpunkte beurtheilt, und dann an ihr ſogar das bewundern können, was Mildes und Großes unter der rauhen Rinde lag, durch welche minder freundſchaftliche Blicke nicht hätten dringen können. Zwiſchen Lady Ophelia und Suſanna herrſchte eine Art von Vorherbeſtimmung gegenſeitiger Zärtlichkeit. Sie hatten ſich von dem erſten Augenblick geliebt und ſich auf jene ro⸗ mantiſche Art von einander angezogen gefühlt, welche die Dichter mit vielen ſchönen Worten zu erklären ſich bemühen, obwohl es die einfachſte und natürlichſte Sache von der Welt war. Nach acht Tagen ſchon waren ſie Schweſtern geworden. Lady Ophelia, minder jung und mehr erfahren in der Welt, übernahm die Rolle der älteren Schweſter, des ſanften und geduldigen Führers, der eine Mutter erſetzen würde, wenn überhaupt eine Mutter erſetzt werden könnte. Suſanna, welche unwiſſender, aber ſtärker war und vielleicht mit einer größeren Geiſteskraft begabt, war einſtweilen die Schülerin, um ſpäter vielleicht Lehrerin zu werden. Es war ein reizender und ſeltener Anblick, wenn man 119 dieſe beiden jungen Frauen ſich unterhalten ſah; die eine entdeckte bei jedem Worte ein unbekanntes oder noch nicht enthülltes Gefühl in ſich während die andere, für welche das Leben keine Geheimniſſe mehr hatte, gerührt und ent⸗ zückt war, in einem friſchen und glühenden Herzen die Arbeit zu verfolgen, welche die Bewältigung der Regeln und Formen des Weltlebens erforderte. Denn Suſanna erreichte, wie unſere Stammmutter Eva, das Alter des Weibes mit der vollkommenen Unwiſſenheit eines Kindes. Erſt ſeit acht Tagen genoß ſie vom Baume der Erkenntniß des Guten und Böſen. Bis dahin hatte ihr jeder moraliſche Unterricht, ſo wie jedes Mittel, ſich durch Vergleich oder Beobachtung zu belehren, gefehlt. Sie war in der That mitten in unſerer, auf die Spitze getriebenen Civiliſation wild geblieben und ihre Jugend, wenn ſie die⸗ ſelbe auch nicht in einem Gefängniſſe, wie das Kaſpar Hau⸗ ſers, zugebracht hatte, war doch auf eine ähnliche Weiſe iſo⸗ lirt geweſen. Man hatte hinterliſtig und abſichtsvoll einen dichten Schleier ihr um die Augen gelegt und ihr ſorgfältig alles verhehlt, was ein Weib wiſſen muß. Und ſeit die mißwollende Beſtrebung dieſer Tyrannei aufgehört hatte — ſeit ihr Vater gehängt worden war, — . war Suſanna plößlich in das abſoluteſte Elend hineinge⸗ worfen worden und hatte ſich, wie wir geſehen haben, in eine apathiſche, verhängnißvolle Verzweiflung eingewiegt. Das arme Mädchen hatte, um mit dem Elende zu kämpfen, weder die Religion gehabt, die tröſtet, noch menſchliches Ehr⸗ 120 gefühl, welches mitunter aufrecht erhält. Von der Religion war ihr ſogar faſt das Wort unbekannt, weil ihr Vater, äußerlich Jude, aber ungläubi ie viele Chriſten ſind, ſie von Allem ſtreng entfernt gehalten hatte, was das Herz erhebt und bildet. Man hatte ſie tanzen, ſingen und ſich putzen gelehrt. Von ihrer früheſten Jugend auf hatte man ihr eine Binde um die Augen geſchlungen, damit ſie, Weib geworden, ohne es zu wiſſen, ſich der Schande ergeben und ungeſcheut in den Abgrund der Nichtswürdigkeit hinabſinken könne. Das arme Mädchen war das Opfer einer hartnäckig ausdauernden und abſcheulichen Berechnung. Viele Frauen, welche die Welt vergöttert und verehrt, viele Salon⸗Heiligen und Boudoir⸗Engel würden in ähnlicher Schule Dämonen ge⸗ worden ſein; aber Suſanna war nicht blos gut, ſo viel es bedarf, um von der Welt als Götzenbild angeſehen zu werden, ſie war eine einfache und große Natur, in welcher das Laſter ſich blos durch Verrath hätte feſtſetzen können, ohne jemals tief in die Seele zu dringen, Uſurpatoren gleich, welche auf einen Tag einen Thron einnehmen und nicht einmal Zeit haben, den königlichen uud legitimen Glanz deſſelben zu beflecken. 4 Suſanna war rein, obwohl ſie ohne Abſcheu die Schande betrachten konnte, von welcher ſie kein Verſtändniß hatte, ſie war rein, obwohl ſie erſt acht Tage von der Zeit trennten, wo ſie noch nicht gewußt hatte, was Scham ſt. Die Liebe war ihr ein Schutz geweſen, die Liebe und — ——— 121 vielleicht auch wider ihr Wiſſen, der göttliche Lichtſtrahl, den Gott in jede Seele legt: das Gewiſſen. — Aber das Gewiſſen iſt ſehr häufig nur ein trübes Echo angelernter Tugenden und künſtlich angenommener Moral; Suſanna dage⸗ gen wußte davon nichts. Trotz unſeres Mißtrauens gegen die Liebe, welche im „ Allgemeinen ein ſchlechter Rathgeber iſt, ſind wir doch ge⸗ nöthigt, auch ihre guten Seiten hervorzuheben. Denn ſie war es, welche Suſanna am Rande des Abgrundes zurück⸗ 9 hielt; die Religion, die Ehre nach dem Menſchenbegriff würden vielleicht noch mehr gethan haben; die Liebe that aber genug dazu und das iſt ſchon ſehr viel. Mit Entzücken trank Suſanna aus dieſem Kelche der + Erkenntniß, welchen ihr eine befreundete Hand darbot. Sie horchte, ſie errieth, ſie zerriß mit haſtiger Hand den Vorhang, der vor ihren Blicken ſich bewegte. Mit wunderbarem Scharfblicke wußte ſie im Unglück der Lady Ophelia zu leſen und ſchenkte ihr alles, was von ihrem Herzen nicht Brian gehörte. Aber zu gleicher Zeit, wo ſie mit Leidenſchaft die neue Ausſicht genoß, welche die Erweiterung ihres Horizontes ihr ⸗ varbot, lernte ſie errathen, fürchten, zweifeln. Die holde Scham war plötzlich in ihrem Innern er⸗ blüht und hatte ihre Stirn mit einen neuem Reize geſchmückt. — Darauf hatte ſie die Schranken kennen gelernt, welche die unerbittliche Geſellſchaft dem blumigen Wege des Glückes entgegenſtellt, — und das Beiſpiel der Lady Ophelia, die 6 3 A 3 ſo ſchön, ſo gut war, lehrte ſie die Gefahren kennen, welche eine Frau umgeben: die Unbeſtändigkeit, die Reue, die Ver⸗ laſſenheit. Sie war, wie geſagt, in dem kleinen Salon allein, welcher ihr zum Boudoir diente. Ihre Toilette hatte in ge⸗ wiſſer Beziehung eine ihrem Weſen angemeſſene Veränderung erlitten. Sie glich noch nicht derjenigen, welche unſere Ladies ſchweſterlich mit ihren Kammerzofen theilen; aber ſie ſuchte nicht mehr jene verwegene und faſt theatraliſche Selt⸗ ſamkeit, welche zwar die Schönheit mehr hervorhebt, aber den Reiz derſelben verringert. Ihr reiches ſchwarzes Haar floß in weichen Bogen an ihren Wangen herab und war blos hinten vermittelſt eines Schildkrötenkammes zuſammengehalten. Ein Kleid von ſchwarzer Seide, bis oben hinauf zu, umſchloß die köſtlichen Contouren ihres Buſens und ließ um den Hals herum nur Platz für einen ſchmalen Spitzenkragen. Dieſer einfache Anzug, welchem Suſanna eine reizende Zierlichkeit verlieh, gab ihr zum Austauſch die Jugend zu⸗ rück, welche ſonſt der Schmuck ihrer prunkhaften Toilette verbarg. Sie war ſo auch dem Aeußeren nach ein ganz junges Mädchen. Etwas Sanftes, Zärtliches, Träumeriſches ſchwebte um ihr vornüber gebeugtes Geſicht. Wer ſie ſo ſah, mußte ſie lieben. Aber ſie war ſo ſchön! Jedesmal, wenn ſie ſich in einer andern Geſtalt zeigte, als am Tage vorher, liebte man ſie immer noch mehr, weil alles an ihr edel, anmuthreich, voll⸗ kommen und voll unwiderſtehlichen Reizes war. 2 123 Das Vuch, welches ſie halbgeſchloſſen in ihrer Hand hielt, war ein Band von Goldſmith und ihr Zeigefinger lag auf der Seite, wo Miſtreß Primroſe*) über die Flucht ihrer Tochter weint. Suſanna wußte noch nicht genug, um die edle Poeſie vollkommen zu begreifen, welche über dieſe unnachahmliche. Erzählung ausgebreitet iſt. Dieſe ſtillen, liebevollen Neigun⸗ gen rührten ſie, aber nicht bis zur Aufregung; und das Un⸗ glück, von welchem ſie ſelbſt noch vor kurzem niedergebeugt war, überragte das des armen Geiſtlichen viel zu ſehr, als daß ſie ſich lebhaft für die häuslichen Sorgen des braven Primroſe hätte intereſſiren können. Aber der Schmerz dieſer Mutter, welche um ihre Toch⸗ ter weint, dieſet ſo wahre, ſortiefe, und zu gleicher Zeit ſo einfach von· Swhuhnichwledergegebene Schmerz überraſchte ihr Herz; Thränen kamen ihr in die Augen, ſie machte das Buch zu. Das war nicht alles. Hat man einmal zu träumen begonnen, wer weiß dann, wo man aufhört? — Seit langer Zeit dachte Suſanna ſchon nicht mehr an das Buch und doch wurden ihre Augen nicht trocken. Zum erſtenmale nämlich begriff ſie und beneidete das Glück derer, die eine Mutter beſitzen. Mit der Lebhaftigkeit der Anſchauung, welche ihr eigen war, hatte ſie mit einem Blicke ermeſſen, wie viel ſanfte Freuden, wie unendlicher *) The Vicar of Wakefield. 6⁸ 124 Genuß, wie viel reine Glückſeligkeit in der Liebe einer Mutter liege. Bisher war die Mutterliebe ein Wort, an welches ſich für ſie Gedanken der Bitterkeit und der Verachtung knüpften. Die ihrige hatte ſie ſchon in der Wiege verlaſſen, war fern vom Lächeln ihres Kindes geflohen und hatte ſich, ohne Zweifel, nicht um die Sehnſucht oder die Liebe deſſelben ge⸗ gekümmert. So wenigſtens ſchilderte ſie der Jude, welcher der Va⸗ ter Suſanna's war. Sie hatte niemals daran gedacht, die Wahrheit dieſer Schilderung in Zweifel zu ziehen, — aber jetzt trieb ſie die neue Richtung ihrer Gedanken gebieteriſch der Verzeihuug und der Zärtlichkeit entgegen. ℳ E 3 — 56 O, wie würde ſie eMukter“ ge“ und wie — ſüß klang der Name Mutter an ihr Ohr! Sie entſchuldigte 6 ſie, darauf bereute ſie, ſie nur entſchuldigt zu haben und . bat ihr Andenken um Verzeihung, ſie für ſchuldig gehalten zu haben. Sie ſtellte ſich ihre Mutter glücklich vor und lächelte zu ihrer Freude, ſahe ſie leiden und ſchwärmte, wie man für ein Glück ſchwärmt, für das Vorrecht, ihre Thränen zu theilen. Darauf verdüſterte ſich wieder ihr Geſicht und ſie barg es in die Hände. Zu häufig hatte ihr Vater dieſe Frau angeklagt, als daß ſie ſich darüber täuſchen konnte. Selbſt die Erinnerung und die Sehnſucht nach der Vergangenheit 6 fehlten der armen Suſanna. 3 — — 125 Ihr früheres Leben war nichts als Dunkel, Verlaſſen⸗ heit, Einſamkeit. Lange Zeit wurden ihre Gedanken zwiſchen der guten und böſen Meinung von ihrer Mutter, wie ein Uferkieſel zwiſchen der Fluth und der Ebbe, hin und hergeworfen. Bald liebte ſie ein Phantom, welches ſie mit kindlichen Liebko⸗ ſungen und abgöttiſcher Ehrfurcht überhäufte, bald ſtieß ſie das lügneriſche Hirngeſpinſt von ſich und machte ſich in ſtolzer Traurigkeit gegen das Gefühl ihres Verlaſſenſeins ſtarr. Die Stunden vergingen. — Suſanna labte ſich noch einmal an dem tröſtenden Gedanken, daß ihre Mutter durch Zufall oder Unglück von ihrer Wiege entfernt worden ſei; darauf kam ihnGeiſt, der ſchon zwlange von ſeiner beſtin⸗ digen Richtuug abgewichen war, plötzlich auf Brian von Lanceſter wieder zurück. Brian blieb an jenem Tage ſehr lange. Gewöhnlich hatte das ſchöne Mädchen nicht nöthig, ſeine Gegenwart her⸗ beizuwünſchen und niemals hatte er ſo lange auf ſich warten laſſen. Der glänzende excentric- man ſchläferte ſich in der That zu den Füßen der Prinzeſſin von Longueville ein. Er liebte ſie um ſo mehr und ſtärker, da er ſein Herz für zu kräftig gehalten hatte, als daß es beſiegt werden könnte. Sein leidenſchaftlicher Kampf gegen ſeinen Bruder, oder vielmehr gegen das Recht der Erſtgeburt hielt inne. Der Anblick der gegenwärtigen 126 Suſanna und die Erinnerung an die Abweſende füllten ſein Leben aus. 5 Es liegen ſehr häufig Schätze von Jugend und heißen Gefühls in den Seelen, deren Hülle von Eis nicht an den lauen Liebesgluthen des erſten Frühlingsalters geſchmolzen iſt, und die gleichgültig durch die gewöhnlichen heftigen Be⸗ gierden hindurch gekommen ſind, welche man die ſchönen Jahre nennt. Um thöricht und ohne Zurückhaltung lieben zu kön⸗ nen, muß man ſpät lieben und früher dieſes Gefühl verachtet haben. Allerdings mußte Brian wohl auf die Idee zurück⸗ kommen, welche ſeine ganze Exiſtenz beherrſchte; aber dieſe Idee war jetzt minder ſtark, als ſeine Liebe. Er hätte ſeine Pläne gegen ſeinen Bruder vielleicht für ein Lächeln aufge⸗ geben . . Er liebte wie ein irtender Ritter, ein Pen, ein Sklave. So geht es immer Je ſtärker man iſt, je heftiger iſt der Umſturz. Eine halbe Niederlage deutet auf ein verderbtes Herz oder auf Schwäche hin. Don Juan kann halb lieben, weil er mit ſeinem Leben als Verſchwender um ſich wirft; aber außer Don Juan können es nur jene halben Män⸗ ner thun, dicke Kaufleute, ſchreiende Advocaten und gebrech⸗ liche Lords, welche Millionen dazu angewandt haben, 6 die Gicht an den Hals zu ſchaffen. Suſanna hätte zu einer Zeit wenigſtens ihn unter jene weibliche Tyrannei beugen können, welcher keine andere gleich kommt, aber ſie dachte nicht daran. Sie liebte eben ſo ſehr und noch mehr als Brian. Sie liebte ſo ſehr, daß die — ,———————— 127 —— Zärtlichkeit des Letzteren, als ſie nun ſo plötzlich ihre thö⸗ richtſten Hoffnungen überſtieg, ſie traurig machte und er⸗ ſchreckte. Sie fragte ſich, ſie, das vollkommene Geſchöpf, ausge⸗ zeichnet an Körper und Geiſt, ſie fragte ſich: — was bin ich, um ſo geliebt zu werden? Es war das nicht übertriebene Beſcheidenheit, da Su⸗ ſanna, als Kind der Natur, es nicht gelernt hatte, ſich aus Pflicht herabzuſetzen. Es war ungeheure Bewunderung, ein Cultus, um ſo zu ſagen, und Ueberzeugung, daß es nichts in der Welt gäbe, was Brian's würdig ſei. Außerdem fühlte ſie jetzt, und jeden Tag mit mehr Lebhaftigkeit, wie viel unglück doch hinter der ſtrahlenden Außenſeite ihrer neuen Stellung liege. Je mehr ſie mit dem Weltleben vertraut wurde, je mehr begriff ſie das Leere und die Gefahren dieſer ganz ausnahmsweiſen Exiſtenz, welche ihr aufgezwungen war. Sie wußte, daß ſie Gefangene war, eine verkaufte Sklavin. Sie ahnete, daß um ſie herum ein Netz von geheimnißvoller Spionirerei gelegt ſei und zitterte, wenn ſie daran dachte, daß zu jeder Stunde ein Mann kommen und mit ihr als Herr ſprechen könne. Sie erinnerte ſich der Scene, welche ſie am Bett Per⸗ ceval's geſpielt hatte und obwohl ſie ſich beſtrebte, ihr Ge⸗ wiſſen in Beziehung auf dieſe Sache zu erſticken, ſo erhob ſich doch häuſig eine Stimme in ihr, die ihr ſagte, daß ſie einer unheimlichen Intrigue gedient habe und daß der Kuß, den ſie auf die Stirn eines Sterbenden geheftet, viele Thrä⸗ nen verurſacht habe. In ſolchen Augenblicken rieth ihr ihre ſtolze Natur, die ſich plötzlich empörte, dieſe düſtere Tyrannei abzuwerfen und mit Füßen zu treten. — Aber ſie liebte ſo ſehr! Dieſe ſo mäch⸗ tigen Männer, welche Brian zu ihren Füßen geführt, würden ſie nicht eben ſo gut ſie zerſchmettern können, nachdem ſie ſie erhoben hatten! Und dann — was war ſie ohne dieſelben? Nichts, als wieder das unglückliche Mädchen, das keine an⸗ dere Rettung kennt, als den Tod. Sterben! jetzt, nachdem ſie das Glück kennen gelernt .. Sie hatte keinen Muth. — Sehr häufig, wenn Brian bei ihr war, öffneten ſich ihre Lippen zugleich mit dem Her⸗ zen; ſie ſtand im Begriff, dieſem Manne alles zu enthüllen, der das Recht hatte, alles zu erfahren. Aber hatte man ihr nicht geſagt, daß ihr nicht allein Gefahr drohen würde, ſondern, daß auch über Brian's Haupt das verhängnißvolle Schwert hinge? Sie ſchwieg in der Ueberzeugung, daß irgendwo in ihrer Umgebung ein offenes Ohr ſei, um zu horchen. Dieſe Be⸗ klemmung tödtete ihre Freuden, vergiftete die Augenblicke, welche Brian's Gegenwart mit ſo viel Glück erfüllte; aber ſie konnte ſich nicht beklagen und verbarg, ſo ſtolz und auf⸗ richtig ſie ſonſt war, ihre Pein unter einem Lächeln. Das ſollte aber noch nicht die Grenze ihres Leidens ſein. Laneeſter bat ſie um ihre Hand. Sie war anfangs glücklich darüber, ſehr glücklich und ſah in der Heirath nichts 129 als eine unauflösliche Vereinigung, der nur der Tod ein Ende ſetzen kann. Was konnte ſie ſich Schöneres träumen? — Aber, wie geſagt, jeder Tag brachte für ſie neue Lehren; ſie erkundigte ſich und erfuhr, daß die Welt an dieſe Verei⸗ nigung, welche ihr ſo ſchön und einfach ſchien, Formen und Regeln knüpfe, die nicht überſchritten werden dürfen, und mit Schaudern dachte ſie daran, wer ſie unter ihrem Prinzeſſin⸗ titel war. Sie fürchtete abermals für Brian; denn nur für ihn konnte ſie Furcht empfinden. Er kam mit jedem Tage dringender wieder und die arme Suſanna wußte nicht, wie ſie ſich vertheidigen ſollte. Sie war die Prinzeſſin von Longueville, wer hättte alſo jemals glauben können, daß ihre Weigerung Zartgefühl war? Brian ſagte eines Tages zu ihr: — Sie wollen nicht zu mir herabſteigen. Dieſe Worte zerriſſen ihr das Herz, aber ſie ſchwieg noch. Heute dachte ſie an alle dieſe Dinge, während ſie auf Brian wartete, der nicht kam. Sie war ſehr traurig, das Buch, in welchem ſie noch eben geleſen, war ihren Händen entfallen. Ihre Thränen waren getrocknet und ihre gerun⸗ zelten Augenbrauen zogen ſich in die weiße Stirn hinauf. — Vielleicht will er nicht mehr kommen, flüſterte ſie. Sie hob die ſchönen Augen zum Himmel und rang die Hände. — Mein Gott, mein Gott, hob ſie an; — ich werde lernen, Dir zu dienen ich habe ſchon beten gelernt .. habe Erbarmen mit mir! 6* — ——— 130 Das Gebet trägt Hoffnung und Troſt in ſich. Suſan⸗ na's Stirn nahm ihr edle Heiterkeit wieder an; über ihrem Blicke lag nur noch ein leichter Schleier der Schwermuth. Sie ſtand auf und ließ ihre Finger über die Taſten eines köſtlichen Piano's irren, welches die Frau Herzogin Wittwe von Gövres in ihr Boudoir hatte ſtellen laſſen. Die Accorde folgten anfangs launiſch und wie zufällig auf einander. Dann machte ſich aus ihrer harmonieenreichen Verwirrung eine reine, weiche, fromme Melodie los. Und darauf miſchte auch noch Suſanna's Stimme, ſanft und klarer, als die Töne des Inſtrumentes, ihren wun⸗ dervollen Schmelz in die Harmonie. Sie ſang einen von Paleſtrina's Geſängen, in denen ſo viel myſtiſche Frömmigkeit und brünſtiges Gebet liegt und beim Singen vergaß ſie ihre Traurigkeit, überließ ſich ganz der Poeſie ihrer Natur und gab ihre Seele dem Geſange hin. Die Melodie floß verführeriſch von ihren Lippen; man hätte ſie für einen der köſtlichen Repräſentanten ſüdlicher Kunſt halten können, welche ſich heiligen an dem Feuer der Begei⸗ ſterung und, unter den großen Bögen der katholiſchen Kir⸗ 8 chen die harmoniſchen Wellen des frommen Geſanges dahin ſchweben laſſen. Ihr Geſicht ſtrahlte, ihr Blick, der von begeiſterter Ent⸗ zückung erfüllt war, ſchien die Madonna zu ſehen, an welche ſich ihr Gebet und ihr Geſang richtete. Sie war ſchön, wie jene Heilige, deren herrliche Züge die Maler der römiſchen 8 131 Schule auf die Leinwand geworfen haben, ſchön, wie ein Traum Raphael's, ſchön, wie eine Viſion von Dante. Seit einer Minute ungefähr hatte ſich die Thür geöffnet, und Brian von Lanceſter ſtand auf der Schwelle, mit flat⸗ terndem Haar, ſchweißbedecktem Geſichte und derangirter Klei⸗ dung. Bei Suſanna's Anblick, deren Züge ihm durch einen ihr gegenüberhängenden Spiegel gezeigt wurden, ließ Lanceſter ſich eine Geberde ſtummer Bewunderung entſchlüpfen. Dar⸗ auf ging er auf den Zehen vorwärts und legte ſeine beiden Hände auf die Rückenlehne von Suſanna's Seſſel. Neuntes Kapitel. 5 Suſanna, welche den Tritt Brian Laneeſters nicht ge⸗ ät hatte, gefiel ſich immer mehr in der Poeſie ihres 6 eſanges. Sie, die arme Heidin, ließ die katholiſche Melodie zum Himmel emporſteigen, und ihre Stimme nahm wie ein ſüßer Weihrauch den Weg zu Gott. Die klangvollen Worte der ſchönen italieniſchen Sprache floßen von ihrem Munde, gemiſcht mit den kryſtallenen Tönen des Piano's, deſſen Taſten von ihren geſchickten Fingern bewegt, harmo⸗ niſch in Melodien wogten, und den Geſang halb deckten, wie ſtrahlende Spitzen, hinter denen ein anmuthiges Geſicht noch lieblicher erſcheint. Brian horchte, und verſuchte ſeinen Athem zurückzuhal⸗ ten; aber es gelang ihm nicht, weil er eben einen haſtigen 133 Ritt gemacht hatte. Seine Bruſt hob ſich wider ſeinen Willen, und große Tropfen Schweißes perlten ſich ihm auf der Stirn. Aber er war ſich ſeiner ſelbſt nicht bewußt. Suſanna war ſo ſchön in dieſem Augenblick; er ſah, er hörte dieſe köſtliche Stimme, dieſen göttlichen Geſang, dieſe ſtrahlende und begeiſterte Schönheit — alles das verſetzte ihn in eine Bewun⸗ derung voller Entzücken. Die letzte Vibrationen von Suſanna's Stimme ſtarben unter einem Wirbel von Accorden hin, dann ſchwieg auch das Piano. Das ſchöne Mädchen hob bewegt die Augen empor, und begegnete im Spiegel den glühenden Blicken Lan⸗ ceſters. Sie zitterte und wurde purpurroth, nicht vor Scham, ſondern vor Vergnügen. Brian küßte ihr die Hand. Sie ſetzten ſich neben einander auf das Sopha, und blieben einige Sekunden ſchweigend. Suſanna war glück⸗ lich, weil ſie Brian ſah, und Brian war noch mit dem oben empfangenen Eindruck beſchäftigt; er bewunderte ſtill und aus tiefſter Seele. — Ich erwartete Sie, Mylord, ſagte Suſanna endlich,— es iſt das erſtemal, daß Sie ſo ſpät kommen. — War Ihr Gebet für mich? fragte Brian, als wollte er nicht antworten, — die Engel müſſen ſingen wie Sie, Suſanna! Suſanna ſchlug die Augen nicht nieder. — Wenn ich bete, Mylord, ſagte ſie, — geſchieht es blos für Sie, — immer! .. . aber was hat Sie von mir fern gehalten? ich bin ſehr traurig, wenn Sie nicht da ſind wenn Sie eines Tages einmal nicht kommen ſollten .. — An dem Tage würde ich todt ſein, Mylady! Das Auge des . Mädchens ſtrahlte einen Blitz des Entzückens. — Dank, ſagte ſie mit zurückgehaltener Stimme. Ich glaube Ihnen, Brian, und bin ſtolz darauf, Sie zu lieben. Sie legte ihre Hand in Brians, und fragte dann plötzlich: — Wo kommen Sie her, Mylord? Ihr Blick betrachtete Lanceſter mit Verwunderung, von Kopf bis zu den Füßen, und in der That, ſein Ausſehen war zur Ueberraſchung geeignet. Wie wir ſchon geſagt, bedeckte ſein verſtörtes Haar einen Theil ſeines Geſichtes, ſeine Stirn war feucht von Schweiß, und mit dem Schweiße miſchten ſich hier und da einige Tropfen Blut. Es war an ſeiner Kleidung eine Unordnung bemerkbar, die ihr um ſo mehr auffiel, als ſein Anzug, ob wohl den ſchicklichen Ernſt bewahrend, gewöhnlich die äußer⸗ ſten Grenzen des Modernen erreichte. Das feine Tuch ſeines ſchwarzen Rockes war an mehreren Orten zerriſſen, ſeine ver⸗ ſchobene Cravate wurde nur noch durch einen ſchlecht zuſam⸗ mengezogenen und alles Styles entbehrenden Knoten zuſam⸗ mengehalten. Große Flecken von Schmutz trübten den Glanz ſeiner Stiefeln, und die Spitzen ſeines zerknitterten, an meh⸗ reren Orten abgeriſſenen Jabots hingen liederlich über den zerkratzten Kragen ſeiner Atlasweſte. Sein Hut, den er beim ——.— ———FÜYHÜ˖ÜFYG“ — ,— —5— — 135 Eintreten auf einen Stuhl gelegt, hatte keine irgend erlaubte Form mehr, und man bemerkte durch das Leder ſeiner engen zerriſſenen Handſchuhe hindurch die verletzte Haut ſeiner Finger. Man hätte ſagen mögen, daß er aus einer Orgie komme, oder aus einem gefahrvollen, ſchwer ausgehaltenen Kampfe. Suſanna's Frage, welche gewiß ſehr natürlich war, ſchien Brian von Lanceſter plötzlich aus dem ſentimentalen Kreiſe zu reißen, in welchem er ſeit einigen Minuten ſchwärmte. Er ſtand ſchnell auf und ſtellte ſich vor einen Spiegel. — Verzeihung, Mylady, tauſendmal Verzeihung, auf meine Ehre, ich glaubte nicht ſo zugerichtet worden zu ſein. — Aber im Namen des Himmels, Mylord, was iſt Ihnen geſchehen? rief Suſanna ernſthaft beunruhigt. — Etwas ſehr Wichtiges, antwortete Lanceſter lächelnd, das Wichtigſte, was nur paſſiren kann. Ich habe mich des Verbrechens des Hochverrathes ſchuldig gemacht. Dieſes Wort hatte keine Bedeutung für die Frau Prin⸗ zeſſin von Longueville. — Hochverrath! wiederholte ſie, wie man thut, wenn man nicht verſtanden hat. — Ja, Mylady, fuhr Brian fort, der ſein ſchönes ge⸗ locktes Haar wieder zurückgeſtrichen hatte, und ſich damit be⸗ ſchäftigte, im Allgemeinen die Unordnung ſeiner Toilette wieder gut zu machen; aber das entſchuldigt mich in keiner Bezie⸗ hung, und ich bitte Sie, zu glauben, daß, wenn ich mich 136 in einem Spiegel geſehen hätte, ehe ich an die Thür Ihres Hauſes klopfte. — Aber, Mylord, unterbrach ihn die Prinzeſſin mit einer leichten Bewegung der Ungeduld, — das erklärt mir nicht .. — Ganz recht, antwortete Brian, der nicht erwarten konnte, bis zu welchem Punkte Suſanna aufgeklärt ſein mußte; — Sie wollen wiſſen, Muylady, worin ich Seine könig⸗ liche Majeſtät habe beleidigen können . — Die königliche Majeſtät beleidigen, unterbrach ihn Suſanna noch einmal, für welche dieſe letzte Worte eine Art von Schlüſſel zu der erſten Antwort Brian's waren; — aber das heißt ja ſich einer furchtbaren Gefahr ausſetzen, Mylord! — Ja, Mylady .. Todesgefahr, ſagte Lanceſter nach⸗ läſſig; und weil wir gerade jetzt davon ſprechen; es hätte wohl geſchehen können, daß ich nicht wieder gekommen wäre. Suſanna erbleichte. Lanceſter fuhr lächelnd fort: — Aber es gibt keinen Todten, Mylady, als meinen armen Renner Ruby .. kannten Sie Ruby? es war ein edles Thier! der König des steeple chase! . . er hat dieſen Morgen ſein letztes Rennen gemacht, Mylady, und ich kann nicht ſagen, daß er zu früh ſich ergeben . . . o, wie hat er eine ganze Schwadron Horſeguards überholt, meiner Treu! — Und glauben Sie nicht, daß Sie jetzt noch etwas zu fürchten haben? fragte die Prinzeffin, deren ſchönes Ge⸗ ſicht bleich blieb. — . — 137 Brian führte ſie zum Sopha zurück und ſetzte ſich neben ſie. — Ich will Ihnen das erzählen, Madame, ſagte er mit liebkoſendem, fröhlichem Tone. — Zuerſt müſſen Sie, damit Sie mein Abenteuer für entſchuldbar halten, erfahren, daß ich ſeit drei Tagen in London einen Gegenſtand ſuchte, der nicht aufzufinden iſt .. . — Welchen Gegenſtand, Mylord? — Das iſt mein Geheimniß, Mylady, antwortete Lance⸗ ſter ernſt. — Ich ſuchte alſo und fand nicht. Eine ſchreckliche Geſchichte, denn ich mußte dieſen Gegenſtand haben; ich wollte es . . . heute Morgen kam mir der Gedanke, daß es mir vielleicht möglich ſei, ihn zu leihen, — oder, wenn Sie lieber ſo ſagen wollen, ihn zu ſtehlen, und zwar unſerm allergnä⸗ digſten Könige Wilhelm. Das war ein glücklicher Gedanke. Ich ließ Ruby ſatteln, — der arme Ruby! — und bin im Galopp nach Windſor⸗Caſtle geritten. In Windſor zeigte ſich anfangs die Gelegenheit günſtig, der König war nicht im Schloſſe. Alle Thüren wurden mir geöffnet, und ich habe in ein großes Gemach eindringen können, welches ganz voller Gegenſtände war, ähnlich dem, welchen ich ſuchte .. Suſanna hatte ein zu großes Herz, um neugierig zu ſein; aber wer weiß nicht, daß die Theilnahme ſehr häufig die Formen der Neugier annimmt? Es handelte ſich übrigens um Brian, und alles, was Brian berührte, wurde für Su⸗ ſanna der einzige wichtige Gegenſtand. Mit begierigem Blicke beftagte ſie ſeine Phyſiognomie, fing jedes Wort unterwegs 138 auf, und ſuchte zu errathen, welches der koſtbare Gegenſtand ſei, um deßwillen man dem königlichen Unwillen trotze. Brian that, als bemerkte er dieſe Ungeduld gar nicht. — Es gab dort, Mylady, hundert von dieſen Gegenſtän⸗ den, begann er wieder mit ernſtem Tone, ja tauſende ſogar. Ich brauchte nur zu wählen; aber durch ein ſeltſames Miß⸗ geſchick geſchah es, daß von allen Arten ſich dort befanden, auſſer nur von derjenigen nicht, welche ich ſuchte .. — Wollen Sie mir nicht ſagen, wovon Sie ſprechen, Mylord? fragte die Prinzeſſin mit einer liebkoſenden Betonung der Stimme. — Das iſt mein Geheimniß, ſagte Lanceſter wieder; aber dießmal lächelnd. — Da ich ſah, daß mein Suchen in Windſor vergeblich war, ſetzte ich mich wieder zu Pferde, und mein braver Ruby begann wieder ſeinen Lauf. Er ging wie der Wind, Madame, und nach einer Stunde, Madame, ſah ich die chineſiſchen Kiosken und die Pagoden von Kew . Hier zeigte ſich ein Hinderniß. Die Fahne wehte auf dem Schloſſe, der König war in Kew anweſend. Je weiter Brian in ſeiner Erzählung kam, je mehr be⸗ lebte ſich ſeine Stimme, und ſeine gewöhnlich ſo ernſte Phy⸗ ſiognomie nahm den Ausdruck anſteckender Luſtigkeit an. Su⸗ ſanna folgte dem Hange dieſer ungewöhnlichen Aufgeräumt⸗ heit. Sie lächelte bei dem Lächeln Brian's, und fühlte ſich fröhlich, weil er ſich luſtig zeigte. — Wenn der König im Schloſſe iſt, fuhr Lanceſter fort, ſind die Gärten und die Terraſſen für das Publikum 139 geſchloſſen, beſonders ſeit der Geſchichte mit jenem Wahnſin⸗ nigen, der einen Piſtolenſchuß auf die junge Prinzeſfin Ale⸗ randrine Victoria *), Tochter des verſtorbenen Herzogs von Kent, mitten auf einem pleasure g ground in Hamptoncourt richtete. Man ſtellt Schildwachen an alle Barrieren, und die Fuß⸗ garden gehen unaufhörlich um die Terraſſen herum. — Den⸗ noch, Mylady, mußte ich in das Schloß ſelbſt gelangen, über die Graben hinüber nach dem ſchönen Raſen, auf welchem das große japaniſche Gewächshaus ſich erhebt. Das war durchaus nothwendig. — Aber warum, Mylord? — Sie werden es ſehen, Madame... Die Barriere zu überſpringen war nur ein Spaß, Dank meinem braven Ruby mein armer Ruby . . . ich bin ohne Hinderniß bis zum Fuße der Terraſſe gekommen, von der mich blos noch der Graben und die Verzäunung trennte. Ruby hatte einen ſicheren Tritt. Er ſtieg in den Graben hinab; ich ſtellte mich auf den Sattel aufrecht, und mit einem einzigen Sprunge befand ich mich auf dem Raſen, dreißig Schritte von einer Schildwache entfernt. — Das hieß, Ihr Leben aufs Spiel ſetzen, Brian, ſagte die Prinzeſſin, und hörte zu lächeln auf. — Es iſt das der einzige Einſatz, der einer Parthie für mich Intereſſe geben kann, Mylady, antwortete Brian, deſſen Heiterkeit ſich einen Augenblick umwölkte. *) Die jetzige Königin. Und da die Prinzeſſin ihm einen Blick voll ſanften Vorwurfes zuwarf, fügte er hinzu: ich bin undankbar, und vergeſſe, daß ich mein Glück in der Zukunft habe leuchten ſehen. Man verliert nicht ſo leicht ſeine alten Gewohnhei⸗ ten, Madame, mein Groll gegen das Leben hat ſo lange Zeit gedauert! . . . jetzt liebe ich Sie, Suſanna, und Gott weiß, daß der Tod mir ſehr bitter ſein würde, weil er mich von Ihnen trennte; aber ich bin nun einmal ſo beſchaffen: zwiſchen mir und dem, was ich will, gibt es kein Hinder⸗ niß. .. und ich wollte nun einmal nach Kew hinein. Die letzten Worte wurden wieder leicht hingeſprochen. Lanceſter fuhr dann mit ſeiner erſten Fröhlichkeit wieder fort: — Ich bitte Sie übrigens um Verzeihung, Mylady, daß ich Ihnen einen Augenblick Furcht gemacht, und das reizende Lächeln von Ihrem Geſichte vertrieben habe. Die Schildwache, von der ich ſprach, ſchlief, auf ihr Gewehr gelehnt .. . es war ein braver Fußgardiſt, der wahrſcheinlich die Nacht damit zugebracht hatte, auf die Geſundheit Seiner Allergnädigſten Majeſtät zu trinken. Nachdem ich über den Graben gekommen war, näherte ich mich mit gemeſſenem Schritte dem japaniſchen Gewächshauſe, um mir den Anſchein zu geben, als wäre ich ein Bewohner des Schloßes; aber beim Umbiegen um eine Allee befand ich mich plötzlich zwei Damen gegenüber, der Herzogin von Kent und ihrer Tochter, der Prinzeſſin Alerandrine Victoria. Ich verneigte mich ehr⸗ furchtsvoll, wie es meine Pflicht war, und ging vorbei. Während ich mich entfernte, folgte mir die junge Prinzeſſin, 141 ein reizendes Kind, mit erſtauntem Blicke, und ich muß ge⸗ ſtehen, daß mein eben ſtatt gefundenes Klettern in meine Toilette ſchon eine gewiſſe Unordnung gebracht hatte, die ſehr wenig mit der Etiquette der königl. Reſidenz übereinſtimmte Als ich mich umwandte, ſah ich die junge Prinzeſſin, und hintendrein ihre erhabene Mutter nach einem Poſten der Fußgarden hinlaufen, das war ein unangenehmes Zeichen. .. — Sie nahmen die Flucht, Mylord? — Ich ſetzte meinen Weg nach den Gewächshäuſern fort, Mylady, ich trat hinein. Meine Wahl dauerte lange und war ſchwer. Als ich wieder hinaustrat, waren die Alleen mit Garden beſetzt. . Mylady, fuhr Lanceſter mit einem Schatten von Verlegenheit fort, ich ſchäme mich faſt, einer Franzöſin zu geſtehen, daß wir engliſchen Edelleute mei⸗ ſtentheils mit einer gewiſſen Ueberlegenheit die wenig ritter⸗ liche Kunſt der antiken Athleten inne haben .. mehrere Fußgardiſten ohne Waffen ſtellten ſich mir in den Weg. Ich warf ſie einen nach dem andern in den Sand; aber das konnte nicht ohne ein gewiſſes Aufſehen abgehen. Die Fen⸗ ſter des Schloſſes hatten ſich mit Zuſchauern beſetzt. Von allen Seiten ſchrieen die Befehlenden: man möge ſich mei⸗ ner, um jeden Preis, todt oder lebendig bemächtigen. Bevor ich den Rand der Terraſſe erreicht hatte, war ich ſchon dem Feuer zweier Schildwachen ausgeſetzt gewiſen. — Iſt es möglich, ſagte Suſanna erbleichend; — Und find Sie nicht verwundet, Mylord? — Nein, Mylady, antwortete luſtig Lanceſter; dieſes 142 fehlt durchaus an dem dramatiſchen Theil meines Abenteuers. Ich habe auch nicht die kleinſte Wunde aufzuweiſen, mit der ich Parade machen könnte, und blos mein Hut hat von einer Kugel leiden müſſen, die von einem Rothrock ziemlich gut gerichtet geweſen war. Suſanna ſtand ſchnell auf und nahm den Hut, der in der That in der Mitte durch und durch geſchoſſen war. — Mein Gott, murmelte ſie; — ſo nahe ſind Sie dem Tode geweſen? Und warum, Mhlord, im Namen des Himmels, und warum das Alles? — Der Reſt meiner Erzählung, ſagte Lanceſter, beſteht in einem bloßen Rennen mit Hinderniſſen. Von dem ge⸗ mauerten Abſatz der Terraſſe ſprang ich auf den Rücken mei⸗ nes armen Ruby, der den Bord des Grabens hinaufkletterte, als ob er die Nägel einer wilden Katze habe, und dann ſo⸗ gleich im Carriere zu rennen anfing es war offenbar Alarm gemacht worden. Man gab mir noch die Ehre von zwei bis drei Ladungen, und in der That, ich kann Ihnen weiter nichts ſagen, als daß das Recht nicht auf meiner Seite war ich mußte allerdings ganz das Anſehen eines Böſewichtes haben, der mit ſehr ſchlechten Abſichten nach dem Schloſſe gekommen ſei. — Aber Ruby ließ ſich auf keine Diskuſſionen ein, er rannte .. . man hätte ihn für einen Sturmwind halten können Er hatte mehr als dreißig Mei⸗ len an dieſem Morgen gemacht, das edle Thier! Seine Nü⸗ ſtern dampften, die Flanken ſchlugen ihm, und ſein Lauf wurde nicht langſamer. Ich kam mit einer Geſchwindigkeit, 143 welche an Zauber grenzte, bei den in Reihen geſtellten Horſe⸗ guards vorbei, die mir den Weg abſchneiden ſollten. Ich ſah vor mir nur noch ein einziges Piquet, aus drei Reitern beſtehend, welche manöuvrirten, um mich abzuſperren. Mir zur Rechten war das Gitter eines Parkes. Sie kamen von links .. zum erſtenmale, ſeitdem Ruby mir gehörte, Madame, vrückte ich ihm die Sporen in die Seiten. Er machte einen bewunderungswürdigen Sprung; ich war im Parke auf der andern Seite des Gitters. — Schießt, rief es hinter mir, ſchießt auf den Mörder Sr. Majeſtät. Man glaubte, Gott verzeihe mir, Mylady, daß ich den alten König hätte ermorden wollen! — Die drei Horſeguards ſchoſſen ihre Carabiner durch die Stäbe des Gitters nach mir ab. Ich fühlte Ruby unter mir zuſammenfahren ... aber er hielt nicht an .. . erſt vier Meilen von dort, mitten in Regents⸗Park, wo ich ſchon vor aller Verfolgung ſicher war, ſank mein armer Ruby in einer Allee plötzlich im Sande nieder. Ich wollte ihn wieder aufrichten — er war todt. — Hatten die Horſeguards ihn getroffen? fragte Su⸗ ſanna, welche bei dem Gedanken, daß Brian dem Tode ſo nahe geweſen war, ſchauderte. — Die Kugel eines Horſeguard hatte ihn getroffen, ſagte Lanceſter traurig, — der arme Ruby aber ich bringe Ihnen mit, wonach ich geſucht hatte, fügte er hinzu, indem er aus ſeiner Taſche, ein reich mit Gold ausgelegtes Käſtchen nahm . ich bin zufrieden, Mylady! 144 Suſanna ſprach nicht, aber ſie neigte ſich lebhaft vorn über, um endlich den geheimnißvollen Gegenſtand zu ſehen, um deßwillen Brian ſo verwegen mit dem Leben geſpielt hatte. Dieſer öffnete lächelnd das Kiſtchen: es enthielt eine weiße, blau geäderte Camelia. Suſanna legte die Hand aufs Herz, und ihre Augen wurden feucht. — H, Mylord, Mylord, ſagte ſie . . das war alſo für mich? — Und für wen ſonſt, Mylady, antwortete Lanceſter, deſſen Blick vor Zärtlichkeit ſtrahlend auf dem niedergeſchla⸗ genen Auge der Prinzeſſin ruhte. Sie nahm die Camelia, und bot ihm ihre Stirn dar, auf welche Lanceſter einen Kuß heftete. — Ich war es, der Sie der andern Blume beraubt hat, flüſterte er. — Sie haben darüber geweint . . jede von ihren Schattirungen lebte hier — er zeigte auf ſein Herz; — viele glichen ihr, aber ich mußte genau eben eine ſolche haben .. . Ich würde ſie unter der Mündung einer Kanone gepflückt haben, My⸗ lady! Lanceſter ſagte das einfach und ohne Emphaſe. Bei einem Franzoſen würde es vielleicht wie eine Fanfaronade oder wie Narrheit geſchienen haben, bei Brian indeß war es, obwohl auf eine unbedeutende Sache angewandt, ein Auf⸗ ſchwung ſeiner ernſthaften Begeiſterung, welche die Welt um⸗ wälzen könnte. ₰ Suſanna berührte die Blume mit ihren Lippen. — —— — 145 — Sie ſoll mich nicht wieder verlaſſen, Mylord, ſagte ſie. Die andere Blume, — dieſelbe, um welche ſie geweint hatte, war eine weiße, blau geäderte Camelia geweſen, in allem derjenigen ähnlich, welche jetzt aus den königlichen Ge⸗ wächshäuſern kam. Suſanna trug dieſelbe zuſammenge⸗ ſchrumpft und vertrocknet, wie ſie ſchon ſeit langer Zeit war, in einem kleinen goldnen Medaillon. Sie hatte ſie Brian eines Tages gezeigt, und dieſer, war es nun Ungeſchicklich⸗ keit, oder vielleicht auch unwillkührliche und boshafte Beweg⸗ ung der Eiferſucht, hatte ſie zwiſchen ſeinen Fingern zerblät⸗ tert und zu Staub zerrieben. Für die Angelegenheiten des Herzens gibt es keine Kleinigkeiten. Beim Anblick ihrer zerſtörten Blume brach Suſanna in Thränen aus, und Brian empfand Reue, als ob er ein Verbrechen begangen habe. Er ſuchte in London, von Garten zu Garten, und fand nichts, was der Camelia im Medaillon vollkommen glich. Daher denn ſeine Idee, die Gewächshäuſer von Windſor und Kew zu beſuchen. Suſanna ihrerſeits dachte nicht mehr an ihre Blume. Ihr ganzer Kummer hatte in jener augenblicklichen Beklem⸗ mung beſtanden, welche man empfindet, wenn man ſich von einem lange Zeit geliebten Symbole trennt. Aber ihr neues Lehen war zu voll, und ihr Charakter im Ganzen zu ernſt⸗ haft, als daß ſie ſich länger als einen Tag mit ihrer armen Blume hätte beſchäftigen ſollen, dem einzigen Ueberbleibſel ihrer jungen Träume von ehemals, zwiſchen denen ihr ſpä⸗ I. 146 teres Elend wie ein Abgrund lag. Die Gabe Brian's rührte ſie tief; aber nicht ſowohl wegen der Erinnerung an die ver⸗ lorene Blume, ſondern als Beweis einer mächtigen, unüber⸗ legten, faſt bis zur Thorheit getriebenen Liebe. Die Um⸗ ſtände, von welchen die Gabe begleitet war, eigneten ſich ge⸗ rade dazu, auf ihre energiſche, kühne und ſchnell ent⸗ ſchloſſene Natur Eindruck zu machen. Die Leichtfertigkeit des Zweckes, umgeben von zu trotzenden Gefahren, gab dem Abenteuer einen romantiſchen Schein, den vielleicht eine Lady mit einem verbrauchten Herzen verachtet hätte, der aber eine friſche Seele, die noch nicht von der ſchwächenden Athmo⸗ ſphäre der Salons fade geworden war, elektriſiren mußte. Suſanna zog aus ihrem Buſen das goldene Medaillon und öffnete es, um die Blume hineinzulegen. Brian hielt ihre Hand zurück. — Wie, ſagte er traurig, an die Stelle der anderen? — Ich werde dieſe ſo ſehr lieben, als die andere, Mylord! — Als die andere, wiederholte Brian von Laneeſter, langſam; — und eines Tages werden Sie dieſelbe einem auch Jemandem zeigen, Mylady .. . und dieſer wird die vertrocknete Blume nehmen, wie ich die andere genommen habe haben Sie mir nicht geſagt, daß die andere auch ein Andenken war? ... Suſanna erröthete und ſchlug die Augen nieder. — Ein Andenken an inen Mann! ſagte Lanceſter mit halber Stimme. —2 147 — An einen Mann, ja, Mylord, antwortete Suſanna. Brian ließ ihre Hand los. Suſanna ſchloß die Blume . in das Medaillon ein. — An einen ſchönen, edlen und ſtolzen Mann, fügte die Prinzeſſin mit einem reizenden Lächeln hinzu; — an einen Mann, den ich liebte, Mylord, heftig und von ganzer Seele, der einzige Mann, den ich jemals geliebt habe. — Und dieſer Mann, Madame, murmelte Brian durch die Zähne hindurch; — war. — Waren Sie, Mylord! — Zehntes Kapitel. „ Die eingeſchlafene Schildnache. — —. Brian von Lanceſter und Suſanna unterhielten ſich ſo und vergaßen die ganze Welt dabei. Suſanna dachte ſogar nicht einmal mehr an die immerwährende heimliche Spioni⸗ rerei, welche ſie von allen Seiten umgab. Das verhinderte indeß die Spione nicht, ihr Gewerbe zu treiben. Hinter den geſchwärzten Scheiben des dunklen Cabi⸗ nettes, in welchem wir früher Tyrrel den Blinden das erſte téte à téte Brian's und der Prinzeſſin unterbrechen ſahen, ſaß die verwitwete Frau Herzogin von Gövres ganz com⸗ fortabel in ihre Saloppe von Atlas gehüllt, die Füße in das Pelzwerk eines Fußſackes ſteckend, und horchte und paßte auf. ₰ 149 Die Stellung Suſanna's war, Tyrrel und der kleinen Franzöſin gegenüber, nicht mehr ganz dieſelbe, als bei ihrer Ankunft in Wimpole⸗Street; ſie war noch immer überwacht, aber die Unterwürfigkeit und Achtung, mit welcher man ſie behandelte, hatte ſich verdoppelt, und jene unbeſtimmte Dro⸗ hungen, vermöge welcher man ſie früher zu erſchrecken ver⸗ ſucht, hatten endlich aufgehört. Das war der Erfolg von den Empfehlungen des Marquis von Rio Santo, da dieſer den Anſchein gehabt hatte, als wolle er ſie unter ſeinen Schutz nehmen. Welche auch die Beweggründe dieſes Wohl⸗ wollens waren — und Tyrrel ſo wenig als die kleine Fran⸗ zöſin, machte ſich kein Gewiſſen daraus, lieber etwas Schlech⸗ tes, als das Gute zu vermuthen — der Marquis hatte ge⸗ ſprochen und das genügte. Von ihrem Obſervationspoſten, auf welchen ſie ſich übrigens begab, ſobald Brian oder Suſanna nur das Haus betraten, hatte die Frau Herzogin Wittwe von Gövres nicht ein Wort von der romantiſchen Erzählung Vrian's von Lan⸗ eeſter verloren. Die brave Alte hatte in den wattirten Capuchon ihres Ueberwurfs von ganzem Herzen auf Koſten Brian's gelacht. Der excentric-man iſt zum Troubadour geworden, ſagte ſie für ſich hin; — er iſt noch amüſanter als ſonſt, wenn dieſer Schuft Tyrrel, — die Zunge bleibt mir jedesmal am Gaumen kleben, wenn ich ihn Mylord nennen muß — wenn dieſer Schuft Tyrrel hier wäre, könnten wir ein wenig plau⸗ dern aber es ſcheint, daß er eine großartige Geſchichte vor⸗ 150 hat.. noch vor Abend werde ich erfahren, was es iſt.. Tyrrel ſelbſt iſt nicht ſo ſchlau, daß man ihn nicht zum Sprechen bringen könnte, wenn man ihn nur auf die gehö⸗ rige Weiſe zu nehmen weiß. Trotz dem Genuß, welchen ihr die Befriedigung ihrer MNeugier gewährte, und den Selbſtgeſprächen, mit denen die kleine Herzogin von Gevres ſich die Zeit ihrer Wache abkürzte, begann ſie ſich außerordentlich zu langweilen in ihrem ſchwarzen Cabinete und gähnte, als ob ſie ſich die Kinnbacken zerſprengen wolle. Sie ſaß oder lag vielmehr halb auf einer weichen, ſchönen Bergore; ihre Füße waren warm, Dunkelheit umgab ſie rings und legte ſich auf ihre Augen, fügt man das zur Langeweile noch hinzu, ſo iſt es kein Wunder, daß man leicht einſchläft, beſonders wenn man den feſten Willen hat, nicht ſchlafen zu wollen. Die Frau Herzogin von Gövres ſchlummerte ein. Das war allerdings nicht ihr Fehler. Anfangs ſchloß ſie die Augen, weil, wie ſie dachte, ſie zum Hören nur der Ohren bedurfte; und gewiß hatte in dieſer Beziehung die Frau Herzogin von Göévres Recht. Als ihre Augen einmal geſchloſſen waren, folgte ſie einige Minuten lang noch der Unterhaltung der beiden Liebenden, darauf aber ſchwebten ihr die Worte verwirrt um die Ohren. Es war dies ein pein⸗ licher Moment, aber endlich überwand ihn die Frau Her⸗ zogin und ſchlief ſo tief ein, daß ſie träumte, ſie ſei im Horchen begriffen. Dadurch wurde ihr Gewiſſen beruhigt. —,— 151 Dieſes begab ſich in dem Augenblicke, wo Brian bei dem Gedanken traurig wurde, daß er die Erinnerungen Su⸗ ſanna's mit einem Andern zu theilen habe; die kleine Fran⸗ zöſin hörte indeß nicht die reizende Antwort ihrer angeb⸗ lichen Nichte. Es entging ihr noch ſo manches Andere dabei. — Wie! rief Brian entzückt aus, das war ich, My⸗ lady! — Dieſes Andenken, auf das ich eiferſüchtig war, kam von mir! . . . Aber iſt es möglich! verbeſſerte er ſich plötzlich, indem er auf Suſanna einen Blick des Zweifels heftete; Sie kommen eben erſt in England an und ich bin niemals in Frankreich geweſen, Madame! Suſanna wurde bleich, ſie öffnete den Mund, um zu antworten, aber brachte kein Wort hervor. — um das Andenken Jemandes zu bewahren, fuhr Brian mit jener Naivetät des Ausdrucks fort, welche der leidenſchaftlichen Sprache eigenthümlich iſt, — muß man ihn geſehen haben, ihn kennen .. . — O, Mylord, ich kannte Sie, flüſterte Suſanna. — Woher kannten Sie mich, Mylady? Gewiß, die Frage war natürlich. Indeß konnte Su⸗ ſanna nicht darauf antworten, ohne ihr ganzes Leben zu ent⸗ hüllen, und wie viele Rückſichten mußten ſie davon zurück⸗ halten! — Madame, ſagte er, Jedermann hat ſeine Geheim⸗ niſſe, und ich erkenne mir kein Recht zu, die Ihrigen zu durchdringen ... Sie geruhen mir zu ſagen, daß Sie mich lieben, das iſt ſehr viel ... es iſt zuviel ſogar, in Betracht deſſen, was ich verdiene, und ich bitte Sie, die indisereten Fragen zu entſchuldigen. — Brian! . . . Brian! . . . ſprechen Sie nicht alſo! unterbrach ihn Suſanna mit ſchmerzvoller Stimme. — Die indiscreten Fragen, fuhr Lanceſter kalt fort, welche an Sie zu richten, ich auf keine Weiſe ermächtigt bin. — Mylord, ſagte Suſanna, indem ſie ſich bleich und ſtolz erhob, ſpotten Sie nicht länger. Ich verdiene Ihren Spott nicht und würde ihn nicht ertragen können .. . Es ſchwebt eine große Gefahr über unſern Häuptern? ... — Ich verſtehe Sie nicht, Frau Prinzeſſin .. — Ich bin nicht Prinzeſſin, Mylord . . . Sie müſſen mir indeß zuhören! .. . Wenn ich Prinzeſſin wäre, würde ich ſchon Ihr Weib ſein; wäre ich Prinzeſſin und reich und mächtig, wofür Sie und die ganze Welt mich halten, ſo würde ich ſchon längſt meinen Rang und mein Vermögen Ihnen zu Füßen gelegt haben. Brian betrachtete ſie in Verwirrung. — Die Stimme Suſannu's, welche bis dahin zurückhaltend geweſen, wurde mit einemmale klangvoll und nahm eine herausfordernde Be⸗ tonung an. — Hören Sie, hören Sie mir zu, erwiederte ſie mit Heftigkeit; — hören Sie und beſchuldigen Sie mich nicht des Unglücks, welches auf uns hereinbrechen wird! . .. Ich bin nicht Prinzeſſin, ſage ich Ihnen. Ich bin ein blindes Werkzeug in mächtigen Händen . . Ich bin Suſanna, My⸗ —— 153 lord, die Tochter Ismael Spencer's, des Juden, der im letz⸗ ten Herbſte vor Newgate gehängt wurde. Brian rückte drei Schritte zurück. — Jsmael Spencer, murmelte er — der Wucherer Jsmael! — Jsmael, der Falſchmünzer, Mylord! Ismael, der Dieb! Die Stimme Suſanna's brach zuſammen. Nichtsdeſto⸗ weniger ſprach ſie dieſe letzten Worte mit der Kraft und dem ſtolzen Tone, mit welchem ein tapferer Kriegsgefange⸗ ner ſelbſt Feuer kommandirt, das ihm den Tod geben ſoll. Darauf ließ ſie ihren verſtörten Blick um ſich her irren, als wenn ſie eine unvermeidliche Kataſtrophe erwartet hätte. Es entſtand ein tiefes Schweigen. — Suſanna ſank erſchöpft auf ihren Seſſel nieder. Brian betrachtete ſie mit unſtätem Blick und bleichen Mienen, als ob er einen furchtbaren Traum zu thun ge⸗ glaubt hätte. — Nichts! ſagte endlich Suſanna nach einigen Sekun⸗ den Schweigens; — ſie befehlen mir nicht ſtill zu ſein . ſie haben mich nicht gehört! Brian ſchien zu Stein geworden zu ſein. — O Mylord, Mylord, rief das ſchöne Mädchen, in⸗ dem ſie ſich auf ihn zuſtürzte, — in dieſem Augenblicke kann ich Ihnen meine Seele öffnen, ohne Furcht, den Tod oder Unglück auf Sie herabzubeſchwören .. . Sie wiſſen es nicht, man hatte mir geſagt: wenn Du ſprichſt, wird jedes 7 154 Wort auf das Haupt Brian's von Lanceſter zurückfallen .. . und ich ſchwieg, Mylord ... und ich, die ich das Anerbie⸗ ten Ihrer Hand zurückwies, weil ich mich Ihrer unwerth wußte, ich ließ Sie glauben .. . — Sind Sie meiner unwerth, Suſanna? fragte plötz⸗ lich Brian mit ernſter und tiefer Stimme; antworten Sie, antworten Sie ſchnell, Madame! Entweder muß ich Sie in dieſer Stunde auf den Knieen um Verzeihung bitten, oder für immer von Ihnen Abſchied nehmen. Suſanna blieb noch eine Minute lang ohne Antwort. Es war ein feierlicher Moment für das arme Mädchen. Sie fühlte an ihrer Angſt, daß ihre Zukunft, ihre Liebe und alle die Hoffnungen auf Glück, welche ſeit einigen Ta⸗ gen ihr ſo ſehr theuer geworden waren, in Gefahr ſeien und von einem einzigen Worte abhingen. Aber ihre Erfahrung, welche ſich erſt ſeit einer Woche datirte, hatte ſie noch nicht genug gelehrt, als daß ſie augenblicklich der Frage Lance⸗ ſters auf den Grund gehen konnte. Sie zauderte, weil ſie von nichts wußte und ſie ſelbſt um den Preis ihres Glückes Brian nicht hätte betrügen mögen. — Antworten Sie! ſagte dieſer mit noch mehr Strenge. — Mylord, ſagte das ſchöne Mädchen ganz leiſe, — ich bin arm und mein Vater iſt gehängt worden. Darauf hob ſie das Haupt und betrachtete ihren Richter. Lanceſter lehnte ſich auf den Deckel des Pianos und barg ſeine Stirn in ſeine Hände. — Was ich glauben? flüſterte er; — Suſanna! 155 rief er darauf mit Leidenſchaſt, während ihm das Blut in die Wangen ſchoß, — ich liebe Sie noch ... ich liebe Sie mehr ſogar . . . O, täuſchen Sie mich nicht durch Ihr Still⸗ ſchweigen .. . ſagen Sie mir, — Erbarmen, Madame! — Sagen Sie mir, was Sie ſind, ſprechen Sie mir nicht mehr von Elend; auch ich bin arm .. . Sprechen Sie mir nicht von Ihrem Vater, was geht mich Ihr Vater an! . . . Sie, nur Sie will ich kennen lernen. Wer ſind Sie? wozu die⸗ ſer falſche Titel? woher kommt Ihnen dieſer reiche Schmuck, der Ihnen ſo ſchön ſteht? mit welchem Rechte bewohnen Sie dieſe koſtbaren Zimmer? . .. Warum bedürfen Sie mei⸗ nes Schutzes nicht? — O wie gern wollte ich es, Brian! Mit meinem Blute möchte ich es erkaufen, ganz Ihnen anzugehören, ſagte Suſanna, deren düſtere Stirn ein Strahl von Hoffnung ver⸗ klärte; — aber was ſoll ich Ihnen ſagen, mein Gott!.. Ich fürchte, Sie nicht zu verſtehen . . . ich weiß nichts von dem, was andere Frauen wiſſen .. . und nun hoffe ich ſchon wie⸗ der, ich arme Thörin, weil ich Liebe in Ihrem Zorn er⸗ blicke. . .. Aber Ihre Fragen erſchrecken mich ... Alles, was ich Ihnen antworten kann, Brian, iſt: daß ich Sie liebe, daß ich niemals Jemand anders geliebt habe, als Sie! Brian wurde von Zweifel und von der Rührung hin und her geworfen. Das edle Geſicht Suſanna's ſagte mehr, als ihre ungefügen Worte ausdrücken konnten; — aber es zeugte zu Vieles gegen ſie. Brian ſchämte ſich deſſen, was er ſeine Schwachheit nannte. — Madame, ſagte er mit langſamer, ſchmerzvoller Stimme und als ob jedes Wort, das er ausſprach, ihm das Herz zerriſſen hätte; — man liebt ſo nicht zweimal und ich würde mein Leben einer andern Frau niemals ſo hingeben können, wie Ihnen . . . Sie ſchuldig zu glauben, iſt das bit⸗ terſte Leiden, was ich in dieſer Welt empfinden kann .. . ich habe gezweifelt, habe Sie gefragt, wo * Anderer Sie ſchon längſt mit Verachtung von ſich geſtoßen haben würde. — Mein Gott! mein Gott! flüſterte bus ſchöne Mäd⸗ chen, und ihr vergingen die Sinne. „ Lanceſter hatte Mitleid; er fuhr nß fort: — Wenn Sie nur ein Wort zu ſagen brauchen . — Aber ich kenne dies Wort nicht, Brian, unterbrach anna, deren große Augen ſich mit brennenden Thrä⸗ füllten; — verurtheilen Sie mich nicht ſo leicht hin, c bitte Sie im Namen Ihrer Mutter darum! . . . denn Sie haben eine Mutter gehabt! . . . Wenn ich mich mit ei⸗ nem Namen habe nennen laſſen, der nicht der meinige iſt, wenn ich eine geheimnißvolle Verpflichtung eingegangen bin, deren Umfang mir auch jetzt noch unbekannt iſt, ſo geſchah es, um zu leben . . und wenn ich leben wollte, Brian ... ich, die der Verſucher ſchon über dem Abgrund des Todes hängend gefunden hat, ſo geſchah es blos Ihretwegen! Brian verſtand nichts davon, aber dieſe Stimme, dieſe Thränen drangen ihm in die Seele und er war halb über⸗ zeugt. 1½ — Hören Sie mir zu, begann Suſanna, deren feuchter 157 Blick von einer plötzlichen Begeiſterung ſtrahlte; — ich bin Ihrer nicht unwürdig, Brian! — Wirklich! ſagen Sie wahr? rief dieſer aus, indem er einen Schritt auf ſie zuging. Das arme Mädchen glaubte einen Talisman gefunden zu haben; — dieſe neue Frage ſtürzte ſie wieder in ihre ganze Traurigkeit. — Sie zweifeln noch! ſeufzte ſie niedergeſchlagen; — ich kann das Wort nicht finden, Mylord, welches Ihnen Glauben abzwänge. Das waren ſeltſame und der gewöhnlichen Sprache ganz fremde Antworten, die Brian unaufhörlich von dem Vertrauen wieder ablenkten, welchem ſich hinzugeben er doch ſo lebhaft wünſchte. Eine Lage, wie die Suſanna's, läßt ſich ſo leicht nicht errathen. Man muß Weib ſein, um dieſen Geheimniſſen auf den Grund kommen zu können „welche ſo ganz aus dem Geleiſe herausgehen, in welchem gleichmäßig das Leben eines Jeden in unſeren modernen Geſellſchaften dahingeht. Ein Mann — und wäre er auch excentric man — geht zwanzig Mal über dieſe erceptionellen Exiſtenzen hinweg, ohne etwas anderes ihnen abzumerken, als den Duft der Seltſamkeit, der ſich nach auſſen hin entwickelt und für Alle Reiz hat. Vielleicht war es dieſe Schattirung von Bi⸗ zarrerie, welche von Anfang die plötzliche Leidenſchaft her⸗ vorgerufen; aber er entſann ſich deſſen nicht mehr und be⸗ ſtand hartnäckig darauf, ſeine Geliebte nach dem gewöhn⸗ lichen Maaße nehmen zu wollen. — . 158 Glücklicherweiſe war ſeine Liebe kräftig und ſein Herz zu friſch, um einen gefaßten ſtrengen Entſchluß ausführen zu können. Sobald es ihm möglich war, zu zweifeln, hoffte er auch, und Suſanna war noch untröſtlich, als ihre Sache ſchon den Sieg davon getragen hatte. Denn es handelte ſich zwiſchen ihr und Brian, wie der Letztere geſagt hatte, . nur um ſie und nicht um das Unglück ihrer Geburt. In England erkennen viele Perſonen, und beſonders die kühnen Kämpfer der Mode, keinen Urſprungsfehler an. In dieſer — Beziehung können wir ſie nicht tadeln. 1 Manche gehn ſogar noch viel weiter, und man hat ſchon Lords ihre legitimen Gattinnen, die Mütter ihrer muth⸗ maßlichen Erben, an Orten wählen ſehen, welche man nicht gern nennt. Das kann ſehr originell ſein, aber Alles, was . man nach unſerer Meinung zu Gunſten Ihrer Herrlichkeiten ſagen kann, iſt, daß man über Geſchmack und Farbe nicht 4 leicht aburtheilen kann. Zehn Minuten ungefähr nach den letzten Worten Su⸗ ſanna's ſaß Brian von Lanceſter neben ihr auf dem Sopha. 1 Die ſtolze Stirn des excentric⸗mans hatte noch nicht wieder jenen Ausdruck von ruhigem Glücke angenommen, welcher ihm von Seiten der Frau Herzogin von Gévres die Be⸗ 4 zeichnung Troubadour eingetragen; aber man ſah dage⸗ gen nicht mehr jene unangenehme Falten, welche Suſanna * ſo ſehr geſchmerzt hatten, und dieſe lächelte jetzt ſanft unter ihren Thränen. Das kam daher, weil Suſanna jetzt das von Brian 2 — — — 159 geforderte richtige Wort gefunden hatte; ſie hatte verſtanden, was er mit dem Talisman meinte und ihm geſagt: Uns trennt nichts, als die Hinrichtung meines Vaters und der Abſtand zwiſchen der Lochter eines Juden und einem Edel⸗ manne. Und ſo war Brian, nach der ewigen Gewohnheit der Liebenden, von einem Extreme zum andern übergegangen. Er wollte keine Erklärungen, wies ſie zurück und verach⸗ tete ſie. Aber in dieſer Beziehung mußte Suſanna um ſo leich⸗ ter den Sieg davon tragen, als die Abneigung gegen Erklä⸗ rungen ein weſentlich vorübergehendes Gefühl iſt, der Zwei⸗ fel dagegen ein ſehr hartnäckiges. Nach der warmen Groß⸗ muth der erſten Bewegung kommt die kalte Reflexion; man kämpft nicht länger, ſondern hört zu. Und dann begann Brian hinter der jetzt beglaubigten Unwiſſenheit Suſanna's ein Geheimniß zu ahnen, und er wollte daſſelbe kennen lernen. — Ich habe Vieles gelernt, ſeit Sie mich lieben, Brian, begann das ſchöne Mädchen, deſſen Augen noch feucht waren, — aber ich weiß noch nicht auf alle Fragen zu antworten, — begreife noch nicht alle Verdachte, My⸗ Iord — Sprechen Sie nicht ſo, Madame, rief Lanceſter aus; vergeſſen Sie, daß ich Zweifel in Sie geſetzt habe! . Sie ſehen, der Menſch iſt ſchwach und böſe. Diejenigen, welche alle Voturtheile der Menge abgeworfen zu haben glauben und ſich rühmen, ein edles Herz zu beſitzen und einen Verſtand, der frei iſt von allem menſchlichen Elend, ſind Prahler voller Eitelkeit .. . beim erſten Anſtoß ſinken ſie zuſammen .. . zu Füßen hätte ich Ihnen fallen ſollen, als Sie mir geſagt haben, ich bin nicht Prinzeſſin; auf den Knieen mußte ich Ihnen danken, daß Sie mir Ihr Ver⸗ trauen mit Ihrer Liebe ſchenkten und um mir zu antworten, der Gefahr trotzten, — einer furchtbaren Gefahr, wie Sie ſagen, — die eine mächtige Hand über Ihrem Haupte ſchwebend erhält . . . Dieſe Gefahr, mag ſie nun eingebildet oder wirklich ſein, erſchreckte Sie ... — Ihretwegen, Brian, Ihretwegen! unterbrach ihn Suſanna. Lanceſter ergriff ihre Hand und drückte ſie leidenſchaft⸗ lich an ſeine Lippen. — WMeinetwegen! wiederholte er; — haben Sie mir vergeben, Madame? Suſanna antwortete ihm nur mit einem Blicke, in dem ihre ſchrankenloſe Liebe ſtrahlte. — Wußte ich nicht, daß Sie rein ſind, hob Brian mit Zorn gegen ſich ſelbſt an; — habe ich nicht ſeit acht Tagen in Ihrem Herzen geleſen, welches das edelſte, das vollkommenſte auf der Welt iſt? ... O, als ich glaubte, Sie ſeien eine Prinzeſſin, war ich unterwürfig, zärtlich und leidenſchaftlich! .. . Und als Sie mir ſagten: Ich bin arm, bin die Tochter eines Verbrechers, wurde ich ſtreng, 161 gebieteriſch, grauſam . . ich ließ mich zu Drohungen herab. — Aber Sie haben auch Mitleid gehabt, unterbrach ihn Suſanna ſanft; — und dann lieben Sie mich, ſagen es mir: was kümmert mich alles Uebrige? Brian wollte antworten — ſie legte ihm den Finger auf den Mund. — Wir müſſen uns beeilen, ſagte ſie ganz leiſe; — ſind Sie nicht begierig zu erfahren, was es für eine Gefahr iſt, von der wir eben ſprachen? — Ich will Ihr Leben kennen lernen, antwortete Brian, will Sie von ſich ſelbſt ſprechen hören, um zu erfahren, bis zu welchem Grade ich ſchuldig bin. — Warum haben Sie mich alſo eben unterbrochen? antwortete ihm lächelnd das ſchöne Mädchen; — ich wollte Ihnen Alles ſagen .. ich war ſo froh, Ihnen meine ganze Seele zu eröffnen! . . . anſtatt mich anzuhören, haben Sie nich gefragt: ob ich Ihrer Liebe würdig ſei? ... O, Brian, konnte ich darauf antworten? ich, die ich glaube, daß es kein Weib auf Erden gibt, die Ihrer würdig iſt? Lanceſter wurde traurig und ſenkte den Kopf. Er fühlte Reue über ſeinen Verdacht, wie über ein Verbrechen. Gewiß, von zehn Engländern, von zehn Menſchen aus irgend einem Lande würde neune ſich gewiß nicht mit den unbe⸗ ſtimmten Erklärungen Suſanna's in Betreff ihrer geheim⸗ nißvollen Stellung begnügt haben, und doch hielt ſich Brian für ſchuldvoll, weil er gezweifelt hatte. Seine ſonſtige Kälte, die jetzt zu dem höchſten Grade der Exaltation über⸗ gegangen war, legte in ſeine Liebe eine Blüthe von Zart⸗ heit, welche man bei unſeren vorſichtigen, überlegten Sitten ſonſt nicht mehr findet. — Dieſer Menſch mußte übrigens ſtets immer beſſer oder ſchlechter ſein, als Andere, weil er nichts wie Andere zu thun im Stande war. Die Ercentricität war ſeine Natur und nicht ein ſorg⸗ fältig drappirter Mantel, wie es bei mehr als drei Vierteln der Excentric⸗Gentlemen der Fall iſt. — Ich werde Sie nicht mehr unterbrechen, ſagte er mit einem Blicke, in welchem ſich die Leidenſchaft mit einer begeiſterten Verehrung verſchmolz. — Beeilen wir uns alſo, hob Suſanna an. Das Spionenweſen, welches mich umlagert, hat augenblicklich aufgehört, denn wenn man uns behorcht hätte, würde die Rache der Männer, welche mich als Sklavin behandeln, nicht lange auf ſich haben warten laſſen .. . Ich will Ihnen zuerſt mein Leben erzählen, Brian ... mein gan⸗ zes Leben .. und dann ſage ich Ihnen, was ich über die mächtige und geheimnißvolle Geſellſchaft weiß, deren Macht uns umgibt und uns zerſchmettern kann ... In dem ſchwarzen Cabinette ſchlief die kleine Fran⸗ zöſin unter der warmen Watte ihrer Atlasenveloppe. — Sie träumte noch immer, daß ſie wache und daß Brian Suſanna die großartige Geſchichte von Robinſon Cruſoe 163 erzähle, der durch den Sturm auf eine wüſte Iuſel ge⸗ worfen iſt. Es war lange Zeit her, daß die kleine Franzöſin Ro⸗ binſon Cruſoe geleſen hatte, deshalb hörte ſie mit großem Intereſſe der Erzählung ſeiner Abenteuer zu. Suſanna ſammelte ſich einen Augenblick und begann: Elftes Kapitel. Der geträumte Kuß. — Hinter dem Hauſe meines Vaters, ſagte Suſanna, in Goodmans Field wat ein kleiner Garten, in welchem zwölf Bäume ſtanden; — zwölf große Eichen, Mylord, wie man fie in den königlichen Parks ſieht. Im ganzen Garten ſtand ſonſt weiter nichts. — Ich war noch ganz klein. — Aus der früheſten Zeit, wo ich mich erinnern kann, ſehe ich mich auf dem Raſen ſpielen, am Fuße der großen Bäume, welche, im Kreiſe gepflanzt, mir die umgebenden Häuſer verbargen und mich nur den grauen Himmel von London und bisweilen die Sonne⸗ vom Nebel geröthet, ſehen ließen. =ch ſpielte allein, immer allein. — Es gab Tage, wo ich durch unſere Fenſter hindurch weinend die jungen Mäd⸗ 4 — 165 chen betrachtete, welche auf dem ſchönen Raſen des Square lachten und einander verfolgten. Wie ſchienen ſie glücklich zu ſein, dieſe junge Mädchen! Ihre ſchönen roſigen Wangen lächelten immer, und ich hörte hinter dem Gitter meines Ge⸗ fängniſſes ihr fröhliches Jubelgeſchrei. Ich war traurig. Ein oder zweimal in jener Zeit er⸗ innere ich mich, bitterlich geweint zu haben, als ich das Glück der Freiheit errieth. Aber ich reſignirte bald wieder. Ich war ſtark, Mylord, ſtärker als jetzt, und tröſtete mich, indem ich daran dachte, daß dieſe jungen Mädchen auch wieder gern in den vergoldeten Salons meines Vaters hätten leben mögen. Ich ging niemals aus. — Im Hauſe meines Vaters war nur noch eine Presbyterianerin, Temperance, welche ſich vom Morgen bis zum Abend betrank, und ein Bedienter mit Namens Roboam. Roboam war ſtumm, Temperance erfüllte bei mir die Pflichten einer Kammerfrau oder Kinderwärterin, wenn Sie wollen. Es war ihr verboten worden, mit mir zu ſprechen, und mein Vater drohte einmal, ſie unbarmherzig zu tödten, weil ſie in ihrer Trunkenheit in ſeiner Gegenwart einige ſelt⸗ ſame Worte an mich gerichtet, deren dunkler Sinn an mei⸗ nem Kindesverſtande vorüber ging. Aber die Worte ſelbſt ſind in meinem Gedächtniſſe, wie die geringſten Ereigniſſe aus der Zeit meiner Kindheit. Es handelte ſich um einen böſen und grauſamen Lord, um einen 8 Grafen, glaube ich, der ſeine Tochter verlaſſen hatte, und um 166 eine arme Frau, welche jenſeits des Clyde um ihre Tochter weinte. Jetzt, da ich daran denke, fällt mir ein, daß es ohne Zweifel Verſe aus irgend einer ſchottiſchen Ballade waren. Temperance hütete ſich wohl, wieder anzufangen, mein Vater erregte ihr Schrecken; jedesmal wenn ſie ihn bemerkte, zitterte ſie, und ihre vom Gin gerötheten Wangen erbleichten. Es war ein großes Mädchen mit männlichen Gliedern, und einem ſtumpfen Geſichtsausdrucke. Ihre Arbeit beſchränkte ſich darauf, mich anzukleiden, und die Schaukel in Beweg⸗ ung zu ſetzen, auf welcher ich mich halbe Tage lang unter den großen Eichen des Gartens wiegen ließ. Die übrige Zeit trank ſie oder ſchlief. Ich glaube, ſie war ein Geſchöpf ohne Galle, und wohl einer guten Handlung fähig. Roboam bediente bei Tiſche. Seine Stummheit war nicht eine angeborne Schwäche, denn er trug auf ſeinem Ge⸗ ſichte Spuren einer barbariſchen Verſtümmelung, welche ich ſpäter im Orient habe bemerken können bei den Unglücklichen, deren ſich die Muſelmänner bedienen, ich weiß nicht wozu, und die Fuden zu ihren geheimen Opfern. F Er war übrigens ein wirklicher Sklave. Mein Vater ſchlug ihn. — Er hat meinen Vater an den Galgen ge⸗ bracht. Sie kannten meinen Vater, Mylord! Ich habe Sie oft in das Haus von Goodmans Field kommen ſehen. — Aber Sie kamen erſt Jahre nach der Zeit dort hin, n — 167 welcher ich jetzt ſprach. Ismael Spencer war damals ein junger Mann, ich kann mich ſeiner nur noch mit einem Gefühle des Schreckens erinnern. Ich glaube noch ſeine durchdrin⸗ genden Augen auf mich geheftet zu ſehen, mit ihrem Aus⸗ drucke von unbeſchreiblichem Spotte. Er liebte mich nicht, obwohl er mir bisweilen im Vorübergehen ein Lächeln zu⸗ warf, und ſpäter Stunden lang mir von dem bezaubern⸗ den Rauſche orientaliſcher Sitten erzählte, und mir ausein⸗ anderſetzte, die Pflicht der Frau ſei zu gefallen, zu verführen und zu gehorchen . . Ich aber liebte ihn. Ich liebte Temperance auch, und hatte Mitleid mit dem armen ſtummen Roboam. Mein Vater ſah mich mitunter drei bis vier Tage nicht. Nicht etwa, daß er abweſend geweſen wäre, aber er hielt ſich dann in einem andern Theile des Hauſes auf, wohin ich nicht kommen durfte. Ich blieb dann mit Temperance und Roboam allein. Roboam ſchnitzte kleine Stücke von hartem Holz, deren Gebrauch ich erſt ſpäter erfahren habe, Tempe⸗ rance trank ihren Genevre, bis ſie leblos zur Erde fiel. Ich lief mit einem Reh unter den großen Bäumen umher. — Ich habe Ihnen noch nichts von meinem Rehe erzählt, Brian, von meiner armen Korah, die ſo ſanft, ſo ſchön war, und mich ſo ſehr lieb hatte! Mein Vater hatte ſie in unſern kleinen Garten gebracht, und Roboam machte ihr eine Bretterhütte. Ich fürchtete mich anfangs vor ihr, 4 S aber Jsmael drängte mich an ſie heran, und Korah legte ſich 168 ſo ſanft zu meinen Füßen, daß ich meine Hand auszuſtrecken wagte, ſie zu berühren. Korah leckte mir die Hand. — Es war das erſtemal in meinem Leben, daß ich eine Liebkoſung empfing, ich war glücklicher, als ich jemals geweſen bin. Ich warf mich Korah um den Hals, und küßte ihr entzückt den Kopf. Mein Vater fing zu lachen an, und dieſes Lachen fuhr mir eiſig durch die Seele. — Das wird künftig Deine Gefährtin ſein, Suky, ſagte er zu mir, ſie wird nicht mehr aus dem Garten heraus kommen. Ich wurde traurig. Woher kam ſie, dieſes traurige Geſchöpf, welches man in mein Gefängniß verſchloß? Es ſchien ihr zwiſchen den Mauern des Gartens zu eng, und ſie lief nach allen Richtungen hin, um ſich einen Ausgang zu ſuchen. Ohne Zweifel war ſie geſtern noch frei geweſen, wie dieſe jungen Mädchen, welche luſtig auf dem Raſen von Good⸗ mans Field liefen. Ich wenigſtens hatte niemals das Ge⸗ fühl der Freiheit kennen gelernt. 3 Mein Vater verließ den Garten. Korah legte ſich mir wieder zu Füßen, ich ſprach mit ihr, als ob ſie mich hätte verſtehen können. — Sie konnte nicht antworten, Brian, aber ſie weinte. In dem Augenblicke, wo die Sonne ſich hinter den Mauern verbarg, rilie ſie ſich hoch auf, ſtieß einen Seufzer aus, und reckte ihren Kopf ſo viel als mög⸗ lich in die Höhe, um die Luft von draußen einzuathmen. ₰ 169 Zwei große Thränen rannen über das kurze glatte Haar ihrer Wangen. Dieſe ganze Nacht dachte ich, anſtatt zu ſchlafen, an Dinge, welche ich nicht erlangen konnte, — an das Drau⸗ ßen, an die Freiheit, deren Namen ich nicht kannte, von der ich aber eine unbeſtimmte Ahnung, ganz voll unbekannter Wonne hatte. Als endlich der Schlummer kam, träumte ich, daß auch ich auf dem Raſen eines ſchönen Square ſpielte mit jungen Mädchen, welche ich lieb hatte und die mich liebten. Suſanna hielt nachdenklich inne, Brian, der bis dahin ihr mit ſchweigendem Erſtaunen zugehört hatte, benutzte dieſen Augenblick der Stille. — Sie haben alſo Ihre Mutter nicht gekannt? fragte er. — Nein, antwortete das ſchöne Mädchen, mein Vater hat mir von ihr geſagt . . . aber es geſchah nur, um mich zum Haß gegen ſie aufzureizen. .. Brian machte eine Bewegung des Erſtaunens. — Ihre Mutter haſſen! wiederholte er; — aber haben Sie denn keine andere Erinnerungen an ſie, als die Worte Ihres Vaters? — Nein, ſagte das ſchöne Mädchen. — War keine Frau an Ihrer Wiege? — Temperance, antwortete Suſanna, — welche ihre Zeit zwiſchen Trinken und Schlafen verbrachte. — Und wie alt waren Sie zu der Zeit, von welcher Sie erzählen? II. . 8 170 — Ich weiß es nicht. .. Es iſt zehn Jahre her, und ich glaube, ich bin achtzehn Jahre alt. Brian ſchwieg. Suſanna ſammelte ſich einen Augen⸗ blick, darauf erhellte ſich ihr ſchönes Geſicht mit einem Strahle von Glück, und ſie fuhr plötzlich fort: — Ich will Ihnen ein geheimnißvolles Ereigniß er⸗ zählen, Mylord, welches zu jener Zeit die Eintönigkeit mei⸗ ner Gefangenſchaft unterbrach . Es war vielleicht ein Traum.. mein Vater und Temperance ſagten mir das oft .. aber wenn es ein Traum war, habe ich ſeitdem nie wieder einen ſo angenehmen gehabt, und jede Einzelnheit deſſelben iſt tief in meinem Herzen geblieben . Lange, ſehr lange Zeit nach⸗ her noch, wenn ich glücklich ſein wollte, ſchloß ich die Augen und rief mir den Gedanken an dieſen Traum oder dieſe Er⸗ innerung zurück. Es war eines Abends. Ismael war ſeit zwei Tagen nicht nach dem Theile des Hauſes gekommen, welchen ich bewohnte. Ich befand mich im Sprechzimmer, wo ich, den Kopf auf die Schulter meiner Korah gelegt, eingeſchlafen war. Wenn ich ſo ſchlief, war Korah ganze Stunden lang unbeweglich, und regte ſich nicht, bis ich aufwachte.. Dieß⸗ mal machte ſie eine Bewegung, ich ſchlug die Augen auf und ſah .. ſchlafend oder erwacht, ich weiß es nicht .. eine Frau, welche in Begleitung Temperance's ſich ins Sprech⸗ zimmer ſchlich. Wie ſchön dieſe Frau war, Mylord, und welche ſanfte Güte auf ihrem Geſichte lag: mein Gerz wandte ſich ihr, ſo wie ich ſie ſah, gleich zu; aber ich wagte mich 4 171 nicht zu regen, da ich von der Schüchternheit des Kindesal⸗ ters, welche bei mir noch durch eine fortwährende Einſam⸗ keit vermehrt wurde, zurückgehalten wurde. Ich hielt meine Augen halb geſchloſſen und that, als ob ich ſchliefe. Temperance und die ſchöne Dame ſtanden mitten im Zimmer ſtille, Korah ſchlug mit den Flanken, weil ſie auch ſcheu war, und bei dem Anblicke eines Fremden Furcht em⸗ pfand .. Ich war noch zu ſehr Kind, nicht wahr, Mylord, um mir dergleichen Einzelnheiten erfinden zu können? Temperance und mein Vater müſſen mich getäuſcht haben. Ich habe dieſe Frau wirklich geſehen, und gefühlt, wie Korah zitterte, es war kein Traum! Suſanna erhob ihren Blick zu Brian und befragte ſeine Miene. — Wie ſehr würden Sie Ihre Mutter geliebt haben, flüſterte Lanceſter voller Bewegung. — Sie meinen alſo, daß es ein Traum war? fragte das ſchöne Mädchen traurig. — Ich meine, daß Gott gnädig gegen mich geweſen iſt, und daß ich Ihre Liebe nicht verdiente, Suſanna fahren Sie fort, o, fahren Sie fort, mir Ihr Leben zu etzählen ich fange an zu begreifen, was Sie ſind .. beginne das geheimnißvolle und göttliche Werk zu errathen, welches da einen Engel wachſen ließ, wo man nur den Saamen der Hölle geſäet hatte .. 8* 172 — Ach, Mylord, ſagte Suſanna den Kopf ſchüttelnd, erinnern Sie ſich denn nicht mehr, daß ich eine unglückliche Sklavin in den Händen verderbter, mächtiger Leute bin! — ein verhängnißvolles Werkzeug . . Brian ergriff ihre Hand und unterbrach ſie lächelnd. — Sie find ein armes betrogenes Kind, erwiederte er, wir ſind in London, wo zwei Millionen Augen ſtets offen find, in London, wo das Verbrechen allerdings exiſtirt; aber wo jede verborgene, und faſt magiſche Gewalt, wie die, von der Sie nur unbeſtimmt geſprochen haben, unmöglich iſt .. . Es gibt Leute, welche ſich Ihrer zu einem Zwecke bedienen wollen, den ich nicht kenne, und den wir noch heraus bekom⸗ men werden. Das iſt die Wahrheit ... aber dieſe Leute waren nur mächtig durch Ihre Unwiſſenheit, Madame .. . — Hüten Sie ſich, Mylord! . . . ich habe Sachen ge⸗ ſhen — Sie werden mir das alles erzählen, ſagte Brian. Uebrigens, fügte er mit jenem ſpaßenden Tone hinzu, welchen man gegen Kinder annimmt, um ſich ihrer eingebildeten Furcht anzubequemen, — wenn es Rieſen ſind, werden wir ſie niederſchmettern, und ſfind es Teufel, ſo wollen wir es verſuchen, ſie zu beſchwören. Er ſtand auf, öffnete die beiden Thüren des Boudoirs, eine nach der andern, und überzeugte ſich, daß die beiden anſtoßenden Zimmer leer ſeien. — Und dann begann er, als er ſich wieder geſetzt hatte fürchten Sie nicht mehr dieſe phantaſtiſchen Spione, welche 173 Ihnen ſo viel Schrecken erregen. Man findet nur noch in den Büchern Wände, welche Ohren haben. Wenn die Frau Herzogin Wittwe von Gévres nicht in dieſem Augenblick den 1Schlaf der unſchud geſchlafen hätte, würde ſie ganz beſtimmt die ſentenziöſe Sicherheit des ehren⸗ werthen Brian von Lanceſter Lügen geſtraft haben; aber die kleine Franzöſin folgte im Traume den für alle ewige Zeiten berühmten Abenteuern Robinſon Cruſoe's. Sie war gerade bis zu der Stelle gekommen, wo der verwegene See⸗ fahrer ſich einen Hut von Lamafell und einen Regenſchirm von demſelben Stoffe machte, und dachte mit einigem An⸗ ſchein von Recht, daß Cruſoe, als er ſich mit Pelz bedeckte, um der Sonne auszuweichen, ein wenig jenem Manne glich, der aus Furcht vor dem Regen ins Waſſer tauchte. Dieſes war die Anſicht der Frau Herzogin Wittwe von Geévres. Aber Robinſon war ein Mann von hohem Sinn und bis wir beſſer unterrichtet ſind, bewahren wir für ihn, ſeine Mütze und ſeinen Regenſchirm unſere ausgezeichnetſte Hochachtung. Suſanna ſchien nicht ganz und gar das Vertrauen und die Sicherheit Brian's zu theilen. Nichts deſto weniger be⸗ wies ihr die bloße Thatſache, daß ſie faſt eine Stunde lang ganz frei hatte ſprechen können, daß die Ueberwachung etwas nachgelaſſen haben müſſe. Sie fuhr fort: — Sie glauben es nicht, Brian, wie viel mir daran liegt, denken zu können, daß dieſe ſchöne Dame mit der wohlwollenden und ſanften Miene kein Viſion geweſen iſt. Es iſt die einzige glückliche Erinnerung, welche ich aus mei⸗ ner Kindheit habe. Sie betrachtete mich mit Augen, in denen Entzücken ſrahlte — — Wie hübſch ſie iſt, ſagte ſie mit trauriger und zu⸗ gleich erfreuter Miene. Außerordentlicher Weiſe hatte Temperance an jenem Abende nicht getrunken. — Muylady, ſie iſt ganz Ihr Portrait, antwortete ſie. Zu Ende des Corridors, nach welchem das Sprech⸗ zimmer hinaus ging, hörte man ein Geräuſch. — Gehen Sie fort, Madame, gehen Sie fort! rief Temperance und wurde bleich, trotz des Ueberzugs von Roth, welchen der Gin ihr auf die Vacken gelegt hatte; — in des Himmels Namen, gehen Sie fort! Die Dame machte eine Bewegung zum Gehen; aber es hielt ſie etwas zurück; und die Bemühungen Temperance's abweiſend, welche ſie fortziehen wollte, ſtürzte ſie auf mich zu und drückte mich krampfhaft an ihr Herz. — Es iſt mir unmöglich, Ihnen zu ſagen, Mylord, was ich in jenem Augenblicke empfand. Meine Seele ver⸗ ging; Thränen füllten meine Augen, ich ſah nichts mehr. — O, das konnte kein Traum ſein, denn ſehen Sie, Brian, jetzt weine ich ſchon, bei dem Gedanken an dieſen 175 Kuß, den einzigen, den ich ſanft auf meiner Stirn gefühlt habe .. O ja, Sie haben Recht .. . ach, wie wirde ¹ meine Mutter geliebt haben, Nylordl — Aber ſie war es ja! rief Lanceſter, es war Ihre Mutter, Mylady ... Ihre Mutter, welche man gewiß ge⸗ waltſam von Ihnen entfernt hielt! . Suſanna faltete die Hände und hob den Blick leiden⸗ ſchaftlich gen Himmel. — Meine Mutter! wiederholte ſie, als ob dies Wort ihren Lippen wie Süßigkeit vorkomme; — meine Mutter, . ich ſollte meine Mutter geſehen haben? Sie glitt vom Sopha herab und fiel auf das Knie. — Mein Gott! mein Gott! murmelte ſie; — laß mich ſo glücklich. . ſehr glücklich ſein .. . und laß mich vor mei⸗ nem Tode nur noch einmal die Lippen meiner Mutter auf meiner Stirn fühlen! .. . — Mein ganzes Leben gehört Ihnen, ſagte Lanceſter, ſie aufhebend; — alle Zeit, welche ich bisher meinem Grolle und meinen Thorheiten opferte, werde ich fortan Ihnen ohne Rückhalt ſchenken .. Wir wollen ſuchen ... Und wenn es möglich iſt, Ihre Mutter zu finden, ſo werden wir ſie zu finden wiſſen, Suſanna! Sie wandte ihren thränenvollen Blick auf ihn. — Gott erhört mich, hob ſie an, weil er mir Ihren Schutz ſendet, Brian! Sagen Sie mir noch inna daß wir ſie finden werden. — Auf meine Ehre, ich werde mir alle Mühe geben, Madame ... Und dann wollen wir von ihr ſprechen .. Laſſen wir alle ihre ſchmerzlichen Erinnerungen bei Seite und lehnen wir uns blos an dieſe glückliche, und an die Hoff⸗ nungen, welche wir darauf bauen. — O, wie gut Sie find, Mylord, ſagte Suſanna, deren feuchter Blick vor unendlicher Dankbarkeit ſtrahlte; — ja, .. wir wollen von ihr ſprechen und ſie zu finden ſuchen .. Sie ſprach dieſe letzten Worte mit Anſtrengung, darauf ſchwieg ſie und ihr Lächeln verſchwand unter Thränen. Plötzlich wurden ihre Augen trocken und brennend. — Nein, nein! ... hob ſie mit bitterer Entmuthigung an; — Sie reißen mich zu thörichten Wünſchen fort, Mylord .. . Weiß ich denn nicht, daß ich keine Mutter habe? . Vergebens ſuche ich mir dieſe einzige und unbe⸗ ſtimmte Hoffnung zu verkörpern ... Die Wahrheit macht ſich Platz, Brian .. die Wahrheit, die das Herz zerreißt und entmuthigt es war nichts, als ein Traum. — Ich kann es nicht glauben begann Brian. — Bören Sie .. als dieſer Mund meine Stirn be⸗ rührte, ſtieß ich einen Freudenruf aus und ſtreckte meine Arme entgegen, um die lmarmung zu erwiedern .. Ach, ſie um⸗ faßten nur den leeren Raum. — Es beugte ſich keine ſchöne Dame mehr über mich, um mir einen Kuß zu geben. 177 — Ich öffnete die Augen: eine tiefe Dunkelheit war in dem Zimmer. Ich hörte allerdings einen leiſen Schritt ſich entfernen, aber das mußte Temperance ſein. Beinahe in demſelben Augenblicke ließ ſich die drohende Stimme meines Vaters an der Thür des Corridors verneh⸗ men. Ich konnte nicht verſtehen, was er ſagte, weil er mit Temperance in einer mir unbekannten Sprache redete .. Ich habe ſpäter erfahren, daß es der Dialekt des weſtlichen Irlandes war . Temperance antwortete mit zitternder Stimme. Ismael drohte immer fort. Endlich ſtieß das arme Mädchen durchdringendes Geſchrei aus, und während des Geſchrei's hörte ich die Hand meines Vaters ſchwer und zu wiederholten Malen auf ſie nieder⸗ fallen. Als man Licht anzündete, ſah ich Temperance auf dem Boden ausgeſtreckt, das Geſicht blutig und geſchwollen. — Ismael ſchlug ſie oft ſo. Ich näherte mich ihr um ſie zu tröſten: mein Vater ſtieß mich heftig zurück. — Haſt Du gut geſchlafen, Suky? fragte er mich. — Ich ſchlief nicht, Herr, antwortete ich ihm, und ich habe geſehen .. * — Du ſollſt mir Deinen Traum ein andermal er⸗ zählen, Suky . . . aber ſchlafe künftig nicht wieder auf dem bloßen Fußboden: die Abende find kalt und, — Du „ 8** 178 ſiehſt, Du biſt ſchuld, daß ich genöthigt bin, Temperance ſo zu züchtigen. — Wie? rief ich aus, meinetwegen! .. — Hör' mich an, Suky, ſagte Ismael mit ſeinem boshaften Lächeln; — denn wenn er lächelte, Brian, fühlte ich immer ein Beben vor Furcht; — hör' mir zu, ſchlafe nicht wieder im Sprechzimmer, meine Tochter und wenn Du wieder Träume gehabt haſt, ſo komm gleich zu mir, und erzähle ſie mir . . . willſt Du das thun, Suky? Eine Frage meines Vaters, Mylord, war ſtets ein Befehl oder eine Drohung. Ich ſenkte den Kopf und be⸗ gann zu zittern. — Wirſt Du das thun? wiederholte Ismael, mich am Arme rüttelnd. — Ich werde es thun, Herr! Ja, Suky, Du biſt ein gutes Mädchen . Und übrigens wenn Du es nicht thäteſt .. würde ich zur Strafe Dein Reh tödten. Dieſe Drohung drückte mir das Herz ab und entzün- dete in mir eine Entrüſtung, welche über mein Alter hinaus war. Ich hatte in der Welt NRichts, das ich liebte, Mylord, als meine Korah. — Zum erſten Male betrachtete ich Is⸗ mael gerade ins Geſicht und ſeine gerunzelten Augenbrauen ließen mich nicht den Blick vor ihm ſenken. — Wenn Sie Korah tödten wollen, ſo werde ich ſie vertheidigen, antwortete ich. Gin habe? 179 Er verſetzte mir einen leichten Streich auf die Wange. — Gutes Blut kann ſich nicht verläugnen! murmelte er, — oder etwas dem Aehnliches, deſſen ſprüchwörtlicher Sinn mir augenblicklich entfallen iſt. — Suky, fügte er hinzu, wieder ernſt werdend, — wenn Du Dein Reh vertheidigſt, ſobald ich es tödten will, ſo werde ich Euch alle Beide todtſchlagen. Brian zitterte vor Wuth auf dem Sopha. — Der Elende! ſagte er unwillkürlich. — Er iſt todt, ſagte Suſanna langſam; — und er war mein Vater, Mylord ... Als er hinausgegangen war, näherte ich mich Temperance, welche auf dem Boden lag und verſuchte ſie aufzurichten. — Gin her! ſagte ſie zu mir mit ihrer rauhen, gebro⸗ chenen Stimme. — Ich ging, um Genevre zu holen. Sie trank gierig und zu wiederholten Malen. — Als ſie getrunken hatte, begann ſie zu fingen. 5 — Ich fragte ſie inſtändigſt und auf den Knieen, wer die ſchöne Lady geweſen wäre, die ſich zu mir niedergebeugt habe, um mich zu küſſen. — Sie brach in Lachen aus und trank wieder. — Darauf, anſtatt aufzuſtehen, legte ſie ſich der ganzen Länge nach auf den Boden und ſagte: — Der Jude ſchlägt mich, aber er läßt mich trin⸗ ken .. was kümmere ich mich um die Prügel, wenn ich 180 — Temperance, gute Temperance! rief ich aus. — Ant⸗ worte mir, um Gotteswillen. — Wenn ich Gin habe, fürchte ich keine Prügel, wie⸗ derholte ſie; — mag mich der Jude nur immer ſchlagen — ich trinke. Zwölftes Kapitel. S Gar häufig ſeit jenem Tage, hob Suſanna an, habe ich Temperance befragt. Wenn ſie nicht trunken war, hörte ſie mir zu, zitterte und wollte mir nicht antworten .. war ſie trunken, ſo ſah ſie mich mit ihrem thieriſchen Lachen an und ſang. Man ließ mich nicht mehr im Sprechzimmer ſchlafen. Sie, deren Kindheit ohne Zweifel ſehr glücklich geweſen iſt, Mylord, deſſen Vater gut und edel und tugendhaft war, Sie, der Sie ſich an den Küſſen einer Mutter ergötzt haben, Sie werden das vielleicht nicht begreifen: einer meiner lei⸗ denſchaftlichſten Wünſche in dieſer Welt iſt der, Temperance wieder zu ſehen, — und wenn ich ſie wieder zu ſehen wünſche, geſchieht es, noch einmal die Frage an ſie zu richten, welche ich ſo oft wiederholt habe: 822 — War es ein Traum? — Nein, es war kein Traum, unterbrach ſie Brian von Lanceſter, — glauben Sie mir, Suſanna, während Sie ſprachen, dachte ich darüber nach und. der einfachſte Verſtand im Verein mit einer gewöhnlichen Erfahrung genügt zum Erkennen, daß es hier mehr als einen bloßen Traum gibt. Dieſer Mann, Ihr Vater, Madame, hatte eine Intereſſe, Sie zu täuſchen, von dem ich allerdings mir keine Rechenſchaft ablegen kann. Er hatte dieſe Temperance vermöge der Lei⸗ denſchaft der Unglücklichen gewonnen und hielt ſie durch die Furcht vor ſeiner brutalen Beſtrafung immer von einem Ver⸗ rath zurück. Und ſie ſchwieg, weil ſie Furcht hatte. Ich möchte bei meinem Heile ſchwören, Mylady, daß die Dame, deren Bild Ihr Gedächtniß ſo treu bewahrt hat, Ihre Mutter iſt. — Ich danke, Mylord, ich danke, ſagte Suſanna ganz leiſe. Darauf fügte ſie, mit ſich ſelbſt ſprechend, hinzu: — WMeine Mutter ſollte zu mir gekommen ſein um mich darauf niemals wieder zu ſehen!. ſagte ſie, Ismael hat es mir ſehr häufig geſagt, meine Mutter ſelbſt war es, welche mich in der Wiege ſchon ver⸗ laſſen hat .. Die Tage verfloſſen, Mylord, und die Monate, und die Jahre. Ich wurde größer, mein Vater ſagte, daß ich ſchön würde. Indeß ging keine Veränderung mit mir vor ich blieb . Ach, Mylord, 183 ſtets in dem Hauſe von Goodmans Field eingeſchloſſen und hatte keine andere Geſellſchaft, als den ſtummen Roboam, Temperance und mein Reh. Mein Vater war immer häu⸗ figer abweſend. Ich ſah ihn faſt gar nicht mehr. Seitdem habe ich erfahren, was er während dieſer Ab⸗ weſenheit that. Er ſetzte ſein Leben gegen Gold aufs Spiel. Anfangs gewann er ſehr viel, als aber das Glück umſchlug, verlor er das Leben. Nie habe ich geweint, Mylord, um dieſe Zeit, von welcher ich ſpreche! Es war etwa zwei Jahre, daß wir, die arme Korah und ich, uns liebten .. wenn Sie wüßten, wie gut ſie war, Korah, wie gut und wie ſanft, wie ſie aufmerk⸗ ſam jedes Wort verſtand, das aus meinem Munde kam! Wie ſie mein Schweigen zu errathen wußte! Sie war meine einzige Freundin und meine einzige Freude! Wenn ich zu lachen begann, ſprang ſie wie toll auf dem Raſen herum: wenn ich traurig war, und ſo war es häufig, Mylord, — dann legte ſie ſich mir zu Füßen, richtete ihre großen röth⸗ lichen Augen auf mich und ſtöhnte leiſe .. . ich habe mehr als einmal geſehen, daß Thränen an ihrer Wimper hin⸗ gen arme Korah ... als ſie todt war, verfloß lange Zeit, bevor ich ein anderes lebendes Geſchöpf fand, welches mit meiner Traurigkeit Mitleid hatte. Sie ſtarb, Mylord! — Korah war nicht, wie ich, eine Tochter des Unglückes. Sie hatte die Freiheit gekannt. Die gewandten kräftigen Sehnen ihres anſcheinend ſo zarten Fußes hatten früher den freien Raum nach allen Seiten durcheilt; mitten in dem großen Gehölze hatte man ſie ge⸗ fangen, um ſie dann in dieſen engen Garten einzuſperren, der nicht Luft genug hatte für ihre freie Bruſt. Sie ſchwand hin, das arme Thier, weil ſie eine Mauer zwiſchen ſich und dem Horizonte hatte, weil ihre weit offenen Niüſtern nicht mehr den friſchen Wind athmen konnten, der über das hohe Gras geht, weil alles ihr fehlte, die Beweg⸗ ung, die Ermüdung, die Sonne. Abends, zu der Stunde, wo die feuchte und kalte Ath⸗ moſphäre den erſtickenden Athem von Vierhunderttauſend Schornſteinen in London ſich auf den Boden niederſenken läßt, begann Korah mühevoll zu athmen; ſie röchelte und verlor ganz die Luft. Morgens gaben ihr die erſten Strah⸗ len der Sonne ein wenig Leben wieder. Aber die Sonne iſt ſehr ſelten in London, und wenn ſie fehlt, welcher graue Mantel liegt dann über der Stadt! . — Soll ich s Ihnen ſagen, Wylor, ich war ein wenig eben ſo wie Korah; die ſchwere Luft meines Gefäng⸗ niſſes beklemmte mir mehr und mehr die Bruſt. Aber in dieſem neuen Uebel lag eine düſtere Freude: ich hoffte zu ſterben. — Ich war zu ſtark, der Tod kam nicht... Eines Morgens, als ich nach dem Garten hinausging, fand ich meine Korah auf dem Raſen ausgeſtreckt, ſie ath⸗ mete mühſam und ihre Bruſt hob ſich in krampfhaften Ab⸗ ſitzen. — Mir ſanken die Kniee ein, ich errieth. ich ſetzte mich bei ihr nieder; große Thränen floßen ſtill über meine Wangen, ſie richtete ihr ſterbendes Auge auf mich, und verſuchte ſich — —— * 185 auf die Füße zu ſtellen, um mich auf ihre gewohnte Weiſe zu liebkoſen. Sie ſank wieder zuſammen, Mylord, und damit war es aus . . . Korah ſtand nicht wieder auf .. Brian nahm das geſtickte Schnupftuch des ſchönen Mäd⸗ chens und wiſchte eine Thräne weg, welche über ihre Wange lief. Sie verſuchte zu lächeln. — Das iſt ein kleinlicher Schmurz, Mylord, nicht wahr? ſagte ſie. — Aber nach dem Tode dieſes Thieres, muß ich eine Zeit von fieben Jahren durchgehen, um in meinem Le⸗ ben einen Augnbt der Herzensergießung, eine Bewegung der Zärtlichkeit, einen freundſchaftlichen Blick, eine aufrichtige Liebkoſung wieder zu finden . .. Sieben Jahre, Mylord, und ich bin noch ſo jung .. „ſeit acht Tagen hat mich Gott geſegnet; er hat mir den zugeſandt, der mich liebt, und eine engliſche Frau, die mich ihre Schweſter nennt. Was daher auch kommen möge, Brian, jetzt werde ich nie mehr klagen. Sie haben mich acht Tage lang geliebt, und Lady Ophelia hat mir einen Platz in ihrem Herzen gegeben .. Ich blieb den ganzen Tag bei der todten Korah. Ver⸗ gebens ſuchte man mich von ihr fortzureißen, ich wollte da ſterben. Am Abend, o es war obſcheulich, Mylord, brachte Temperance einen Mann in den Garten. Dieſer Mann war von häßlichem Anblick: er trug auf einem mißgeſtalteten Körper elende Lumpen; wenn er ging, verzogen ſch ſeine Glieder zu unedlen Bewegungen. 186 Temperance ſagte zu mir: — Miß Suſanna, hier iſt der hübſche Bettler Bob, der das Reh holen will, Sie müſſen auf Ihr Zimmer gehen, oder Sie werden krank. Ich rührte mich nicht. Aber der furchtbare Bettler kam auf mich zu, und von unbeſiegbarem Abſcheu ergriffen, ſtürzte ich fort ins Sprechzimmer. Der Bettler Bob und Temperance blieben bei meiner Korah allein. . — Nun, mein hübſcher Bob, ſagte Temperance, lade Dir das auf Deine Schultern. Bob legte ſich auf's Knie, gerade auf derſelben Stelle, welche ich eben eingenommen, und fuhr mit den Händen über den Körper meines Rehes. — Sie iſt grauſam mager, dieſes kleine Thier, brummte er; aber wenn ſie von einem Meſſerſtich geſtorben wäre, könnte man doch wohl dreißig Schilling dafür bekommen. Ich hörte es und ſchauderte zuſammen. — Ich gebe ſie Dir, ſo wie ſie da iſt, für einen Krug Gin, ſagte Temperance; — aber beeile Dich, mein hübſcher Bob! — Gin, ſchmollte Bob, — immer Gin! . . Eine Frau von fünf Fuß ſechs Zoll; höre zu, Temperance, ich werde Dir eine Pinte Ginger⸗beer bringen .. das kleine Vieh iſt nicht mehr werth. — Gut, Ginger⸗beer, ſagte Temperance, aber nun mache ſchnell. — Bob fuhr mit der Hand nach ſeiner Bruſt und zog ein langes Meſſer hervor, deſſen Klinge im letzten Scheine der Dämmerung glänzte. — Vorher oder nachher, ſagte er, das bleibt ſich gleich... es wäre eine Sünde, ſo viel gutes Fleiſch zu verlieren: ich werde es ſchon ſo einrichten, daß der Käufer glauben ſoll, ich habe ſie vor ihrem Tode geſchlachtet. . . Ich hörte ihn ekelhaft lachen. Darauf verſchwand ſeine Klinge in Korah's Gurgel .. Ein Ruf des Schreckens entfuhr mir, ich ſank hin⸗ ten über. Als ich wieder zur Beſinnung kam, ſtand mein Vater mit einem Arzte an meinem Bette. — Sie müſſen dieſes Kind gut pflegen, ſagte der letztere, es iſt krank, ſehr krank, ſie bedarf der Luft, der Freiheit, der Spiele ihres Alters, oder .. . Er ſprach nicht aus, aber ich verſtand ihn und empfand eine Bewegnng der Hoffnung. — Meinen Sie, daß wir ſchon ſo weit ſind, Doktor? entgegnete Ismael, — ſie iſt ſtark und ſchön, ſehen Sie es iſt blos die Wirkung eines vorübergehenden Schmerzes .. ich werde ihr ein anderes Reh ſchenken, und dann wird es wieder gut. Der Doktor ſchütlt den Kopf und nahm von dem Simſe des Kamines ein Geranium, deſſen Blätter ſich welk auf ihre Stengel herabſenkten. . — Die Blumen und die Kinder haben Shin und . 6 188 freie Luft nöthig, ſagte er; ſehen Sie hier eine arme Pflanze, welche morgen hin ſein wird . . . glauben Sie mir, mein Herr, geben Sie der ermatteten Lunge Ihres Kindes freie Luft zu athmen, oder es wird ihr wie der Blume ergehen . . Der Arzt grüßte und ging. — Ich hatte gethan, als ob ich während dieſer Unterredung ſchliefe. Als mein Vater allein war, ſetzte er ſich neben mich, und fühlte mir den Puls. Dieſe Schufte von Aerzten werden nun noch Poeten, murmelte er in böſer Laune; die Blumen und die Kinder!. . Allerdings iſt Suſanna krank, und bei Jacob, ich will lieber ein Opfer bringen, als ſie verlieren! Dieſes Kind iſt ein Vermögen für mich, auf eine oder die andere Art wird ſie mir eine gute Rente einbringen, und das ohne alle Gefahr... Am andern Tage, Mylord, ließ man mich in einen verſchloſſenen Wagen ſteigen, der einen ganzen Tag fuhr, ohne anzuhalten. Als ich ausſtieg war es Nacht, und am andern Tage wachte ich in einem großen Zimmer auf, in welches die Strahlen der aufgehenden Sonne hereinſtrömten. Ich ſprang aus meinem Bett und eilte ans Fenſter. Thränen kamen mir in die Augen, Mylord, ich hatte einen weiten Horizont vor mir, Wälder, einen See, Berge, auf alles das warfen die ſchrägen Strahlen der Sonne hier und dort ihren Goldſtaub. Es war ſehr ſchön, ſo ſchön, daß ich meine arme Korah vergaß. — Aber ihr Bild quälte bald wieder mein Gedächtniß, ich ſah ſie in Gedanken unter den großen Bäumen laufen, an den grünen Ufern des Sees ſpringen, 189 oder in dem Gras der Ebene ruhen, und ich weinte aber⸗ mals; aber nicht mehr vor Freuden. Indeß war ich bei alledem ein Kind. Alle dieſe ſo ſchönen, und für mich ſo neuen Sachen wirkten mächtig ge⸗ gen meinen Kummer. Ich erinnerte mich an Korah, und ich erinnere mich ihrer noch, als des einzigen Weſens, das einige Annehmlichkeit in die traurige Einöde gebracht hat, in welcher meine Jugend verfloß, und doch verlor dieſe Er⸗ innerung damals, wie jetzt ihre erſte Bitterkeit. Ich ſtellte mir Korah ſtets zu meinen Füßen liegend vor, wie ſie meine Hand leckte, die ihr Brod gab, oder ſie liebkoſte; niemals ſah ich ſie ſterbend, und ich entfernte ganz und gar aus meinem Gedächtniſſe das Meſſer des fürchterlichen Bettlers Bob. Der Ort, wohin man mich gebracht hatte, war ſehr weit von London, das iſt alles, was ich ſagen kann, da ich niemals ſeinen Namen noch ſeine Lage auf der Karte erfah⸗ ren habe. Man ließ mich ausgehen, wann ich wollte; aber es war mir nicht erlaubt, mit fremden Leuten zu ſprechen, und Temperance war immer meine einzige Geſellſchaft. Tem⸗ perance und Roboam der Stumme, der mich bei allen meinen Ausflüchten über Feld begleitete, und ſich wie eine Mauer von Stein zwiſchen mich und die guten Bauersleute ſtellte, welche mich im Vorübergehen grüßten. Mein Vater war in London geblieben. — Lady Ophelia, und Sie, Mylord, haben mir ſeit acht Tagen von Gott geſprochen, und Lady Ophelia hat mir ein 190 Buch geliehen, worin erhabene und tröſtende Worte ſehen Damals kannte ich keinen Gott, und ſein Name war mir niemals anders in's Ohr gedrungen als bei einem Fluche Ismaels, oder bei den Klagen Temperance's, wenn ſie mein Vater ſchlug. Mir war alles unbekannt, was Bezug auf Religion hatte. Ach, ich weiß auch jetzt noch in dieſen Din⸗ gen ſehr vieles nicht! . .. und doch, ſeit jener Zeit, wo mein Kindesverſtand in vollkommenes Dunkel verſunken war, ſeit jener Zeit fühlte ich in mir etwas, das mich unwillkührlich zu einer geheimnißvollen Anbetung zog, zu einer Hoffnung, die nicht von dieſer Welt ſei, und deren Ziel jenſeits des Todes ſtrahlte. Es war das ein unbeſtimmtes, ein mehr ſchmerzhaftes als tröſtendes Ehrgefühl, Mylord, weil es von peinlichen Beſtrebungen, zu begreifen, begleitet wurde, Beſtre⸗ bungen, welche niemals zum Zwecke führen konnten. Ich fragte mitunter Temperance, aber Temperance hörte mich nicht, oder that ſo. — Bei dieſer Gelegenheit ſtimmte ſie einen brutalen Geſang an, oder ſagte mir auch wohl, daß Ismael bald mich abholen würde, und dann ſollte ich Kleider von Sammet und Seide haben, Perlen in den Haa⸗ ren, und Ringe von koſtbaren Steinen an jedem meiner Finger. Das verſtand ich. Für alles, was ſchlecht, oder blos leichtfertig war, war ich nicht ganz unwiſſend, Ismael hatte mir bis zum Ekel wiederholt, daß ich ſchön ſei, und häufig hatte er mich mit ſtrahlendem Schmuck umgeben, um meine erwachende Koketterie zu reizen. 191 Ich hatte London zu Anfange des Frühlings verlaſſen. Man ließ mich die ganze ſchöne Jahreszeit hindurch auf dieſem Landhauſe. Dieſe Monate, welche in Vergleich zu meinem früheren Zuſtand Freiheit zu nennen waren „brach⸗ ten auf mich eine außerordentliche Wirkung hervor. Ich war von Hauſe aus ſtark, und um mich niederzubeugen, hatte es der ganzen niederdrückenden Beklemmung meiner Einſamkeit, in mitten der unreinen Sphären Londons bedurft. Auf dem Lande entwickelte ich mich plötzlich. Mein Körper wurde kräftig, mein Herz ſtark und mein Verſtand, obgleich noch immer ungebildet, warf kühne Blicke über die aufgezwunge⸗ nen Schranken auf dieſer Welt, welche kennen zu lernen mir verwehrt war. Ich lernte reiten, im See ſchwimmen, und der Stumme verwunderte ſich ſehr häufig über meine Geſchicklichkeit mit dem Jagdgewehre umzugehen, welches Ismael meinem Ge⸗ päck beigelegt hatte. — Ach, Mylord, das find nicht die Dinge, welche ein junges Mädchen wiſſen muß. Ich habe ſeit acht Tagen ge⸗ lernt, daß dieſe armen Talente einem Weibe übel ſtehen. Ich werde ſie vergeſſen, weil ich Ihnen gefallen will, Brian! Lanceſter verneigte ſich lächelnd. — Vergeſſen Sie nicht, Suſanna, ſagte er, ich liebe Sie, ſo wie Sie ſind . . ich liebe alles, was an Ihnen iſt; Ihre Unwiſſenheit, und ſogat jene Tyrannei, welche auf Ihren jungen Jahren gelegen hat, Lnd Sie ſo ganz verſchieden 192 von andern Weibern machte . . o, wenn Sie mich lieben, werden Sie ſehr glücklich ſein. — Ob ich Sie liebe? wiederholte Suſanna, deren Auge, bei ihren Erinnerungen ſchmachtend geworden, plötzlich auf⸗ flammte. Gott weiß, daß ſeit langer Zeit mein Leben Ihnen gehört .. aber ich werde Ihnen bald ſagen, was ich ohne Sie, und für Sie gelitten habe, der mich nicht kannte .. ich will Ihnen ſagen, wie Sie, ohne es zu wiſſen, meine apathiſche Entſagung in Todeskampf, meine dumpfe Gleich⸗ giltigkeit in Märtyrerthum umgewandelt haben .. aber ich werde Ihnen auch ſagen, Brian, wie ſehr ich mein Leiden liebte, und welch ein ſeltſames Glück ſich in die Bitterkeit meiner Qualen miſchte .. Gegen den Herbſt rief mich ein Brief Ismael's zurück. Wir ſtiegen abermals in einen geſchloſſenen Wagen, der in der Nacht nach London kam. — Ich bin ein ſeltſames Ge⸗ ſchöpf oder vielleicht find wir alle ſo geſchaffen. Ich em⸗ pfand Vergnügen beim Anblick des Hauſes, wo die Lange⸗ weile und Abgeſchloſſenheit ſo ſchwer auf mir gelegen hatte, empfand Vergnügen, mich neben der leeren Hütte der armen Korah hinzuſetzen. Die großen Bäume ſchienen mir wie alte Freunde, und mein Kämmerchen minder trübſelig. Ich beneidete nicht mehr die jungen Mädchen, welche auf den Raſen des Squares ſpielten und übrigens waren es auch nicht mehr dieſelben; die, auf deren lärmende Ver⸗ gnügungen ich früher eiferſüchtig geweſen, waren groß ge⸗ worden wie ich. — Was thaten ſie jetzt, da man ſie nicht mehr auf dem Square ſah? Vielleicht waren auch ſie nun eingeſperrt . Arme Mädchen! ich empfand Mitleid mit ihren Schickſalen, und ſagte mir, ſie würden es wie mein Reh Korah machen, weil ſie Gefangene ſeien, nachdem ſie frei geweſen. Als mein Vater mich wiederſah, ſchien er erſtaunt. — Wie ſchön und groß Du biſt, Suſanna, ſagte er mit wirklicher Bewunderung Dieſer verteufelte Doktor hatte Recht mit ſeinen Blumen und ſeinen Kindern .. Nun, Su⸗ ſanna, meine Tochter, jetzt biſt Du eine Dame und man muß Dich auch danach behandeln. Liebſt Du ſchöne Kleider? Ich wurde vor Vergnügen bei dieſer Frage roth⸗ — Du ſollſt ſchöne Kleider bekommen, ſagte mein Vater, und legte Spott in ſein Lächeln; — und Spitzen . Und dann, meine Tochter, wirſt Du bald neue Geſichter ſehen ... O. Du ſollſt Dich vergnügen wie eine Königin, Suſanna! Nachdem Ismael weggegangen war, blieb ich nachdenk⸗ lich; meine Neugier hatte ſich in ſcheue Furcht verändert Der Gedanke Jemand zu ſehen, mit Jemand zu ſprechen, der nicht mein Vater, noch Temperance noch Roboam ſei, machte mir Schrecken. — Aber von der andern Seite mach⸗ ten mich die ſchöne Kleider, die Kleinode, die Spitzen ſchwind⸗ lich: ich denke, daß ich damals etwa eilf Jahre alt wan oder ein wenig mehr. Es iſt ſechs Jahre her. Noch am Abend deſſelben Tages paſſirte mir eine Art von Ereigniß. H. 9 194 Temperance war damit beſchäftigt, meine Haare aufzu⸗ rollen, und meine Nachttoilette zu machen. Wie gewöhnlich, roch das unglückliche Mädchen zum Umkommen nach Gin, nichts deſto weniger war ſie nicht ganz betrunken, aber in der mittheilungsluſtigen und aufgeregten Stimmung, welche bei Geſchöpfen, welche dem Laſter des Trunkes ergeben ſind, ſo abſtoßend iſt. Miß Suſanna, ſagte ſie plötzlich mit rohem Gelächter zu mir, ich habe den Auftrag, Sie zu küſſen .. . auf beide Backen zu küſſen, wahrhaftig, Miß Suſanna . bei Gott. .. ich habe geſündigt, meine theure Miß, die Schrift ſagt: Du ſollſt den Namen Gottes nicht mißbrauchen . . . aber mein hübſcher Bob lehrt mich ſo fluchen .. . Was ſagte ich doch, Miß Suſanna, wenn ich fragen darf? — Du ſagteſt, daß Trinken ſtets ein abſcheulicher Feh⸗ ler iſt, Temperance, erwiederte ich mit der Spottſucht eines Kindes. — Sagte ich das? rief ſie aus; — Teufel! dann muß ich wohl betrunken ſein . . aber nein, boshaftes Kind .. ich ſagte, daß man mir aufgetragen, Dich zu umarmen und Dir dieſes Spielzeug hier um den Hals zu hängen. Bevor ich noch Zeit gehabt hatte zu antworten, heftete ſie mir einen derben Kuß auf jede von meinen Backen, und hing mir eine ſeidene Schnur um den Hals, an welcher das Medaillon hing, in welchem ſich Ihre Blume befindet, Brian! — Was iſt das, rief ich aus, und wer hat Dir den Auftrag gegeben? — „ 195 — Still . unterbrach mich Temperance, es iſt ein großes Geheimniß. .. — Ich bitte Dich, liebe, gute Temperance, ſage mir, wer mir dieſe ſchöne Kapſel ſchickt. — Es iſt. . ſie hielt ein, um in ein Gelächter aus⸗ zubrechen, es iſt eine Fee, welche alle Abende in Goodmans Field umherſchwärmt, und mir Geld zu Gin gibt, wenn . wenn es ihr gefällt, bei Gott, Miß Suſanna! 9* Dreizehntes Kapitel. Das Medaillon. Es war mir unmöglich, fuhr Suſanna fort, etwas Weiteres aus Temperance herauszulocken, welche fortlief, um, wie ſie mir ſagte, die halbe Pinte Gin auszutrinken, zu welcher ihr die Fee das Geld gegeben hatte. Sie ließ mir das Medaillon, welches ſie mir um⸗ gehängt. Ich wandte es nach allen Seiten hin und bewun⸗ derte die Künſtlichkeit ſeiner Arbeit. An der Stelle, wo fich jetzt dies verwirrte Gekritzel befindet — Suſanna hielt, wäh⸗ rend ſie ſo ſprach, das Medaillon in der Hand, — ſah man eine kleine Gravirarbeit, ein Wappen, glaube ich, das mit großer Kunſt ausgeführt war. Ueber dem Schilde war mit dem Grabſtichel noch ein Wort hinzugefügt, wie es ſchien, mit zitternder unerfahrener Hand. 197 Ich konnte noch nicht leſen, Brian, und daher auch das Wort nicht entziffern, aber jeder von den Buchſtaben, aus welchen es zuſammengeſetzt war, prägte ſich meinem Ge⸗ dächtniß tief ein und ſpäter konnte ich ſie der Erinnerung nach buchſtabiren. Das Wort, das über dem Schilde ſtand, war ein Name und dieſer Name, ſo weit ich einen ſolchen Eindruck als Gewißheit annehmen kann, war Mary. — Mary! wiederholte Brian, als ob er in ſeinem Ge⸗ dächtniſſe ſuchte. Einen Augenblick ſchien er ſeine ſtumme Forſchung fort⸗ zuſetzen, darauf aber fügte er plötzlich hinzu: — Aber es gibt ſo viel Mary's. — Und dann kann ich mich vielleicht irren, erwiederte Suſanna, denn dieſer Name iſt mir nur ſehr kurze Zeit vor den Augen geweſen. Brian indeſſen dachte nach; ein unbeſtimmter Gedanke keimte in ſeinem Geiſte. Er beugte ſich über das Medaillon nieder und prüfte es aufmerkſam, als ob er den dichten Schleier, welchen die nebeneinander und querüber gekreuzten Linien bildeten, durchdringen und die urſprüngliche Arbeit wieder entdecken wollte. — Aber wer hat ſchon zweimal hintereinander dieſelbe Figur in den Wolken geſehen? In der Verwirrung von tauſend Kreuz⸗ und Querſtrichen wird der Geiſt Alles gewahr und doch auch Nichts. — Brian ſuchte vergebens die beiden Adler, welche er zu beiden Seiten des Wappens erkannt zu haben meinte. Jetzt ſchienen 198 ihm die Schildhalter wieder Greife zu ſein. Blos die Grafenkrone war deutlich über dem Wappen ſichtbar. — Und wahrſcheinlich war es Ihr Vater, der den urſprünglichen Stich zerſtört hat, Mylady? fragte er. — Ich wollte es Ihnen eben erzählen, antwortete Su⸗ ſanna. Den ganzen Abend hindurch beſchäftigte ich mich mit der Betrachtung meines Medaillons. Ich weiß nicht, warum es mir ſchon lieber war, als mein ganzer übriger Schmuck. Ich ſtellte zwiſchen dieſem ſonderbaren Geſchenk, welches mir von unbekannter Hand gemacht war und der Erſcheinung, von der ich Ihnen erzählt, eine unerklärliche und geheimnißvolle Verbindung auf. Es mußte dieſelbe Perſon ſein .. — Sie dachten an Ihre Mutter, Suſanna? Das ſchöne Mädchen ſenkte den Kopf. — Mylord, ſagte ſie, ich dachte an eine ſanfte und gute Frau, die mich liebte. An meine Mutter dachte ich nicht, da ich glaubte, daß ſie mich verachte. Hatte ſie mich nicht verlaſſen? .. . Nein, Brian, ich muß Ihnen ſagen, der Gedanke an meine Mutter erweckte in mir nur ſchmerzliche Empfindungen. Mein Vater hatte mir oft geſagt ... — Ihr Vater, unterbrach ſie Brian entrüſtet und mit⸗ leidig, wollte Ihr Herz verderben und die Kindesliebe in demſelben ausrotten, wie er das auf dem Medaillon befind⸗ liche Wappen und Wort ausgewiſcht hatte. Er iſt todt und ſein Werk der Hölle iſt ihm nicht gelungen. Gott möge ihm verzeihen! ————————&— 190 — O ja, Mylord, Gott möge ihm verzeihen, wenn das ſein Plan geweſen iſt! .. Denn unter den grauſamen Erinnerungen an meine Vergangenheit iſt die ſchrecklichſte die, daß ich häufig meiner Mutter geflucht habe. Ich war noch in der Betrachtnng meines theuren Medaillons verſunken, als Ismael mir ſeinen Abendbeſuch machte. Ich verſuchte es in meinem Buſen zu verbergen; aber er bemerkte dieſe Bewegung und hielt mir den Arm feſt. — Soho! rief er, Miß Suky, kennen wir ſchon den Weg in unſern Buſen? Dieſer Verſteck pflegt ſonſt in Ihrem Alter noch nicht ſo bekannt zu ſein. Zeig' mir nur das, mein Kind .. Ein Billet dour kann es wohl noch nicht ſein, denke ich! — Nehmen Sie mir es nicht, mein Herr! rief ich aus; ich bitte Sie, nehmen Sie mir es nicht. — Alſo halten wir wohl ſehr viel darauf, Miß Suky. Laß ſehen! Ich werde es Dir wiedergeben, aber Du mußt es mir augenblicklich zeigen. Er ſagte das mit ſeinem gewöhnlichen gebieteriſchen Spotte, dem ich zu meinem Unglück ſelten habe widerſtehen können. Sie erinnern ſich Jsmael's, Mylord? Aber Ihnen befahl er nichts, und Fremden gegenüber hatten ſeine Züge ſtets den unterwürſigen Ausdruck eines jüdiſchen Wu⸗ cherers. Im Innern ſeines Hauſes dagegen war er ein ſchreck⸗ licher Menſch. Mir iſt, als ſihe ich noch immer ſein bleiches Geſicht, deſſen unterer Theil von einem dichten, 200 ſchwarzen, weichen Bart bedeckt wurde, der ſo ſchön war, daß man ihn für eine Atlaskrauſe hätte halten können. Dieſer Bart war von ſeinen Haaren nur durch den Vor⸗ ſprung ſeiner Backen und die niedrige Stirn getrennt, deren größeren Theil ſeine rabenſchwarzen, buſchigen Augenbrauen einnahmen. — Temperance ſagte, daß er ſchön ſei, aber jedenfalls war ſeine Schönheit eine ſchreckliche. Und ſeine Stimme! wie duupf, ſpöttiſch und drohend ſie klang! — Ich habe ſeitdem eine ähnliche Stimme gehört, Brian, eine Stimme, welche, als ich ſie zum erſten Male vernahm, mir das Blut in den Adern ſtarren machte und durch Mark und Bein ging. Es war die Stimme eines Mannes ... Suſanna ſprach leiſer und näherte ſich Brian. — Es war die Stimme des Mannes, der jetzt mein Herr iſt, ſagte ſie. Brian verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit. — Suſanna hob wieder an. — Ich bin noch⸗ nicht ſo weit, um Ihnen von dieſem Manne erzählen zu können, nur will ich Ihnen eine ſeltſame Sache ſagen. Dieſer Mann, den ich untet dem Namen Tyrrel kennen gelernt habe, und den Lady Ophelia Sir Ed⸗ mund Makenzie nennt ... — Sir Edmund Makenzie! rief Lanceſter, er wäre .. — Sie kennen ihn, Mylord? — Gewiß kenne ich ihn, Madame ... Was wollten Sie mir über Sir Edmund Makenzie ſagen? — —,—— — — S 9** — 5 201 — Ich wollte Ihnen ſagen, Mylord . aber Sie werden am beſten heurtheilen können, ob ich mich irre oder nicht, da Sie ihn kennen, — ich wollte Ihnen ſagen, daß ſeine Stimme einmal einen außerordentlichen Eindruck auf mich gemacht hat. Ich hatte ihn ſchon früher, vor dieſer Zeit ſprechen hören, habe ihn nachher wieder gehört, und da ſchien es mir, als ob er ſeine Stimme verſtellte, — während er jenes Mal, Mylord, nur ein einziges Mal, natürlich, voller Zorn, mit Leidenſchaft ſprach, — und ſeine Stimme wurde ganz dieſelbe, wie Ismael's. Brian lächelte mit einer Miene des Zweifels. — Ich habe mich geirrt, nicht wahr? ſagte Suſanna. — Meine Lage ſelbſt mußte an jenem Tage ſtark zu meinem Irrthume beitragen, denn ich fand mich, wie früher, in dem Hauſe von Gvodmans Field, unter der tyranniſchen Herr⸗ ſchaft eines Mannes, der mir ſagte: Thu' das! Und ich war genöthigt, gegen meinen Willen und mein Gewiſſen zu handeln! .. O, das wa rein ſchmerzlicher Augenblick! fügte Su⸗ ſanna hinzu, und ein trauriger Gedanke ſchien ihr durch die Seele zu gehen. — Es war ein Sterbender da und ſchlief und man ſagte mir, ich ſollte ihn auf die Stirn küſſen; — ich küßte ihn, Mylord, weil man mir drohte, Sie zu ver⸗ derben wolle Gott, daß nichts Böſes daraus entſprun⸗ gen iſt! . Brian betrachtete ſie voller Beſorgniß. — Ihre Worte werden für mich Räthſel, Suſanna — in des Himmels Namen, erklären Sie deutlicher. — Vald, Mylord, bald . . . Bevor ich zu dieſer trau⸗ rigen Epiſode komme, habe ich noch andere, traurigere zu er⸗ zählen . . . Ich ſprach mit Ihnen von Tyrrel, weil ſeine Stimme . . . während ich daran denke . . . und jetzt wird mir noch das Herz beklommen ja, es war ſeine Stimme! Suſanna hielt ſich bei den letzten Worten die Hände vor die Augen, als ob ſie eine ſchreckliche Viſion verſcheu⸗ chen wollte. — Madame, ſagte Lanceſter ſanft, es hat wirkliches Unglück genug auf Ihrem Leben gelaſtet, das dennoch nur kurz iſt, und laſtet noch darauf, als daß Sie auch noch ſich Phantome zu ſchaffen brauchten . . . Welche Aehnlichkeit iſt zwiſchen dem gutmüthigen Geſicht Sir Edmunds und dem entſchloſſen boshaften Ausdruck des Juden Ismael? Dieſe Unbedeutenheit der Züge des blinden Sir Edmund Makenzie kann nur eine Maske ſein, da Sie mir ſagen, daß er mit den räthſelhaften Intriguen zuſammenhängt, welche Sie umgeben; aber dieſe Maske würde Ismael vergebens auf ſeine bewegliche Phyſiognomie zu legen verſucht haben. Alles an ihnen iſt verſchieden, ſogar ganz entgegengeſetzt. Uebrigens, Madame, brauche ich Sie daran zu erinnern daß Ismael todt iſt? — Auf dem Schaffot vorimnh murmelte Suſanna; % — — 6 203 ich weiß es, habe es geſehen . . . ich habe meinen Vater hängen ſehen, Mylord! Zitternd und beklommen hielt ſie inne und ließ einige Minuten vergehen, ehe ſie wieder das Wort nahm. Während dieſer Zeit dachte Brian an Sir Edmund, deſſen Unglück er bisher beklagt hatte und der nun, wie Suſanna ſagte, ſich an der Spitze eines verbrecheriſchen und geheimnißvollen Unternehmens befinden ſollte. Er wußte noch nicht, welches die Zwecke und die Mittel dieſes Unter⸗ nehmens waren, aber er dachte ſchon auf Maßregeln, um dieſem Manne, der mit ſeiner Schwäche Mißbrauch trieb, die Maske abzureißen und der um ſo leichter die Welt be⸗ trog, als man ihn allgemein beklagte und das Mitleid mit ihm jedem Verdachte die Thür ſchloß. Es war das ſehr gefährlich für Sir Edmund Ma⸗ kenzie, denn die Stellung, welche Brian von Lanceſter in der Geſellſchaft einnahm, machte ihn zu einem der furchtbarſten Feinde, die man nur haben kann. Und noch wußte der arme Sir Edmund nichts von der Gefahr, die ihm drohte. In der That, die kleine Franzöſin, mögen wir ſie nun Maudelin, die Herzogin Wittwe von Gévres, die Conteſſa Kantakuzenos oder ſonſt wie nennen, war auf gar keine Weiſe zu entſchuldigen, daß ſie gerade in einem ſolchen Augenblicke eingeſchlafen war. Wenn ſie nur mit einem Auge geſchla⸗ fen hätte, wie, den Naturforſchern zufolge, die Katzen thun — aber ſie ſchlief von ganzem Herzen und las ihren Ro⸗ 204 binſon Eruſoe. Sie pflanzte Mais, ſchliff kleine Nägel, um ſich Meſſer daraus zu machen, höhlte Stämme zu Kähnen aus, lehrte eine Menge Papageys alle mögliche Sprachen; — kurz und gut, ſie war äußerſt beſchäftigt. — Ich ſagte Ihnen, Mylord, begann Suſanna wieder, nachdem ſie das ſchwere Gewicht abgeſchüttelt, welches die ſchreckliche Erinnerung an das eben hervorgerufene Bild auf ihren Geiſt gelegt hatte, — ich ſagte Ihnen, daß mein Va⸗ ter mir auf das Beſtimmteſte befahl, ihm den in meinen Buſen verſenkten Gegenſtand zu geben. Ich mußte ihm ge⸗ horchen, wie groß auch mein Widerſtreben war, mich von dem Medaillon zu trennen. — Er nahm es, und kaum hatte er die Augen auf das geſchriebene Wort und auf das Wappen geworfen, als ihm ein Ausruf des Zornes entfuhr. — Elende Temperance! murmelte er; — man kann ſich wahrhaftig nicht auf ſie verlaſſen . . . Wer hat Dir das Kleinod gegeben, Miß Suky? — Ich antwortete nicht. — Es iſt ſehr hübſch, meine Tochter, hob er an; — willſt Du mir ein Geſchenk damit machen? — Nein, o nein, mein Herr! rief ich aus, laſſen Sie es mir! Ich bitte Sie, es mir zu laſſen. — Ich werde es Dir laſſen, Suky „wenn Du eine gute Tochter biſt, — das heißt, wenn Du mir geſtehſt, daß Temperance Dir dieſen Schmuck gegeben hat. Gott hat einen inſtinktmäßigen Abſcheu vor der Lüge t 205 in uns gelegt, Mylord, denn ich, deren Unwiſſenheit hier, wie in jeder andern Beziehung vollkommen war, hatte die größte Mühe, dieſe erſte Lüge über meine Lippen zu bringen. — Aber ich wußte, daß mein Vater Temperance ſchlagen würde und ich hatte Mitleid mit ihr. — Nein, mein Herr, antwortete ich verlegen, es iſt nicht Temperance. — So wäre es alſo Robvam? rief er erbleichend aus. — O nein, mein Herr! Diesmal kam die Antwort aus dem Herzen. Ismael ſah mich von unten herauf an. — Das verſteht ſchon zu lügen, murmelte er mit höh⸗ niſchem Lächeln; — die Erziehung wird weder lang noch ſchwierig ſein . . . Es iſt gut, Miß Suky, ſagte er ganz laut. Ich weiß, was ich wiſſen wollte und werde Dir Dei⸗ nen Schmuck wiedergeben. — Er ſetzte ſich neben mich, drehte das Medaillon zwiſchen ſeinen Fingern hin und her, als ob er es öffnen wollte; — ich hatte gar keine Ahnung davon, daß es hohl ſein könne. — Nach einigen Minnten, während welcher er mich von gleichgültigen Dingen unterhielt, drückte er an die ge⸗ heime Feder und das Medaillon ſprang auf. Ich ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. — Ah, Suky, das haſt Du wohl nicht erwartet. — Was iſt darin? fragte ich neugierig. 206 — Es iſt eau de Portugal drin, Suſanna, und etwas Katzenhaar. — Dieſe Worte begleitete er mit einem trocknen ge⸗ zwungenen Lachen. Er näherte ſich dem Kamine, wo einige Stücke Steinkohlen glimmten und warf einen Gegenſtand hinein, den er aus dem Medaillon genommen hatte. Dieſer Gegenſtand kniſterte, als er die Kohle berührte, zündete augenblicklich und gab eine kleine Wolke dicken Rauch von ſich; — es mußte eine Haarlocke ſein. — O, mein Herr, rief ich aus, Sie hatten mir ver⸗ ſprochen, es mir wiederzugeben. — Still, Miß Suky, un⸗ terbrach er mich; — wir Andern, wir Söhne Abrahams, halten alle unſer Verſprechen, verſtehſt Du? Und ich mei⸗ nestheils habe lieber ſchon fünfmal Bankerott gemacht, als mein Wort gebrochen. Aber Du weißt nicht, was ein Ban⸗ kerott iſt, Suky; ich werde Dir das eines Tages ſagen ... und manches Andere noch, wenn wir Beide einmal Muße haben. Er hatte aus dem Medaillon ein ganz kleines Pa⸗ pier von großer Feinheit genommen, welches bei den Haaren lag. Er hielt ſeine Lorgnette vor die Augen und las: „An Suſanna, wenn ſie wird leſen können.“ + Schön! rief er aus, das iſt eine reizende Naivetät .. natürlich Suky, Du würdeſt nicht darauf kommen, zu leſen, bevor Du Dein Alphabet gelernt haſt. — Aber ich werde 6 lernen, mein Herr, ihn; das Papier gehört mir, geben Sie es mir wieder. 3 —————— — ———————— — — Du wirſt es lernen, Suky, das iſt allerdings wahr Von morgen ab ſollſt Du leſen, tanzen, ſingen lernen, Alles, was ein hübſches Mädchen lernen muß, um das Herz eines Mannes zu feſſeln. Was dies Papier anbetrifft, ſo iſt das etwas Anderes . beunruhige Dich nicht darüber und laß mich das Gekritzel entziffern. In der That begann er den im Medaillon enthal⸗ ten geweſenen Brief zu leſen. Das Papier war ſehr klein, Mylord; dennoch ent⸗ hielt es ohne Zweifel ſehr viele Dinge, denn mein Vater las ſehr lange. — Während er las, murmelte er verächtliche Worte und zuckte ſpöttiſch die Achſeln. — Wie herrlich das iſt! rief er endlich aus; auf die⸗ ſen elenden Zettel ſteht genug, um ein ganzes Bataillon von alten Weibern ſich in Thränen auflöſen zu laſſen! .. . Wenn dieſe Perſon, welche dieſe Thorheiten geſchrieben, reich wäre, Suky, ſo glaube ich, daß wir uns zuſammen einigen könn⸗ ten, denn Ihr ſcheint nichts zu theuer. — Wer iſt dieſe Perſon, mein Herr? fragte ich mit bittender Stimme; — und was will ſie von mir? — 6ir will Dich ſelbſt, Suky, das iſt Ales. Was ihren Namen anbetrifft, ſo ſteht er hier mit allen Buchſta⸗ ben. — Er zeigte mir das Wort, welches auf dem Me⸗ daillon eingekratzt war . . . Wie ſchade, nicht wahr, daß * —n noch nicht Deinen erſten Leſeunterricht genommen haſt? — Wie heißt dieſer Name? fragte ich wieder. — Es iſt der Name . . 208 Er hielt inne und fuhr dann fort: Es iſt der Name eines ſchönen jungen Mannes, der aus Liebe zu Dir ſtirbt, Suky .. man nennt ihn Harry. Wie Sie wohl denken können, verſtand ich von die⸗ ſer Antwort Nichts, Mylord! Mit elf und einem halben Jahre zu wiſſen, was Liebe iſt, muß man an der Thüre der Geſellſchaftsſalons gehorcht haben oder häufig in Vor⸗ zimmer gekommen ſein. — Und Ismael ſprach ſo mit Ihnen, Madame? ſprach Lanceſter und furchte die Stirn; — Ihr eigener Vater! — Ich denke, daß das ſehr böſe war, Mylord, weil dieſe Worte Ihre Entrüſtung hervorrufen; — aber Ismael ging weiter .. An jenem Abende ſprach er zum erſtenmale vor mir Worte aus, welche Anfangs unverſtanden von dem Schilde meiner Unerfahrenheit abglitten, die aber häufig wiederholt und geduldig auseinandergeſetzt, mir am Ende verſtändlich wurden. Vor acht Tagen würde ich Ihnen noch ohne Erröthen An wiederholt haben, was mir Ismael ſagte, weil ich glaubte, daß dergleichen Unterricht jeder Va⸗ 1 ter ſeiner Tochter gäbe .. ſeit acht Tagen iſt es licht in mir geworden; ich weiß, daß vor Gott, wie vor der Welt dergleichen Belehrungen nichtswürdig ſind und im Munde 1 eines Vaters die äußerſten Grenzen der Abſcheulichkeit reichen. — Wie, Madame, rief Brian, ſoll ich vermuthen? . 209 — Laſſen Sie, Mylord, ſagte Suſanna, und ein edles, reines Lächeln verklärte ihre Traurigkeit; — fragen Sie mich nicht . . ich würde vielleicht Ihre Fragen nicht einmal verſtehen . . . ich werde Ihnen Alles ſagen, wie viel Ueberwindung es mich auch koſten mag, und geſtehe Ihnen gleich jetzt, daß in allen Dingen, welche ſich auf die Liebe beziehen, ich nichts aus meinem Leben weiß, woraus ich irgend Jemandem auf der Welt ein Geheimniß machen wollte. Brian von Lanceſter wurde roth und empfand Scham, ſo weit entfernt war er bei der Frage, welche er eben hatte thun wollen, von der Ahnung geweſen, welche edle und wür⸗ dige Unſchuld in Suſanna war. — Jsmael hatte noch immer das Medaillon in der Hand, fuhr Suſanna indeſſen fort. Er ſchien Anſtand zu nehmen, es mir wiederzugeben. Plötzlich zog er aus ſeiner Taſche ein Werkzeug, ähnlich dem, mit welchem Roboam ſeine kleinen Stücke Holz ſchnitzte, und ſetzte ſich plötzlich neben mich. Darauf begann er, mit Hülfe ſeines Werkzeuges das Wappen zu zerkratzen. — Was machen Sie da? fragte ich ihn. — Du ſiehſt es ja, Suky . . . aber laſſen wir das, ich bitte Dich, und ſprechen wir von ernſthaften Dingen . Siehſt Du, ich habe Dir eine lange Rede zu halten, und ich predige gern beim Arbeiten .. Höre mir wohl zu: — Du 210 biſt ein reizendes Kind, Suſanna, und wenn Du hältſt, was Du verſprichſt, wirſt Du in zwei oder drei Jahren, ſpäteſtens in vieren, das ſchönſte Mädchen von London ſein . . . Macht Dir das Vergnügen? — Aber, mein Herr, antwortete ich ſchluchzend, Sie vernichten ja den Namen der Perſon, die mich liebt ... wo⸗ zu ſollte ich denn noch leſen lernen? — Es liegt Dir alſo wohl viel daran, Suſanna, die⸗ ſen Namen zu erfahren? .. Wenn Du artig biſt, werde ich ihn Dir ſpäter ſagen .. Und übrigens, mein Kind, in kurzer Zeit wirſt Du die Leute, welche Dich lieben, nach Dutzenden zählen können .. Meiner Treu, Du wirſt ein glückliches Geſchöpf ſein, Suky .. ich werde Dir Putz und Schmuck geben, daß Du die glänzendſten Lady's über⸗ ſtrahlen ſollſt.. Du wirſt das Geſtirn ſein, das London erhellt, der Löwe wirſt Du ſein eine dichte Maſſe von Schmachtenden wird ſich um Dich drängen .. . Alle wer⸗ den Dich um Dein Herz bitten . . . hörſt Du mir zu, Suky? Ich folgte mit traurigem Blicke dem Werke der Zer⸗ ſtörung, welchem er ſich während des Sprechens hingab. — Du hörſt mir zu, das iſt gut, ſagte er. — Ich meinte alſo, daß man rechts und links, mit einem Worte, von allen Seiten, mein Kind, nach einem Blicke von Dir haſchen würde; das Leben der Frauen iſt nun einmal ſo, wenigſtens das der hüſchen Frauen ... Nun, ſiehſt Du, Suky, Viele ſtürzen ſich durch zu viel Stolz ins Verderben, 211 Andere wieder durch Unbeſonnenheit .. . Der Stolz, welchen Narren und Heuchler Schamhaftigkeit nennen, wird Dir rathen, kalt und hochmüthig an dem Weihrauch vorüberzu⸗ gehen, der Dir zu Ehren geſtreut wird; — die Unbeſonnen⸗ heit, welche Du in der Welt .. ſobald Du nämlich in die Welt kommſt, die Stimme des Herzens nennen hören kannſt, wird Dich verlocken, einen jungen Gentleman mit zärtlichem Lächeln und ſanfter Stimme zu en Nimm Dich in Acht, Suſanna! . . o, nimm Dich in Acht, meine Tochter! . . . Die Pflicht einer Frau . . . Aber hier gebe ich Dir Deinen Schmuck wieder, meinem Verſprechen zufolge. Er gab mir in der That das Medaillon in dem Zuſtande zurück, in welchem Sie es ſehen. Darauf ſagte er mit faſt feierlicher Stimme: — Die Pflicht einer Frau iſt, zu lieben, Suſanna, zu lieben und ſich ohne Widerſtand hinzugeben .. Du wirſt das ſpäter begreifen .. Aber ihre Pflicht iſt es auch, zu wählen . . . und die beſte Regel befolgt man bei ſeiner Wahl, mein Kind, wenn man Niemanden zurück⸗ weiſt — ausgenommen jene erbärmlichen Abenteurer, welche nichts beſitzen als ihr Geſicht und ihren Rock . .. Man muß von Einem zum Andern gehen . . . wenn nur der Eine wie der Andere reich und freigebig iſt .. . Auf Wie⸗ derſehen, morgen, Suky! Brian war wie verſteinert. — Nichtswürdig! nichtswürdig! murmelte er endlich. 212 Er ſtand auf und ging einigemal durchs Zimmer. — Als er wieder zu Suſanna kam, hatte ſeine Stirn ſich wie⸗ der aufgeklärt. — Madame, ſagte er zu ihr mit dem Tone der tiefſten Ueberzeugung, dieſer Menſch — dieſes Ungeheuer — war nicht Ihr Vater! — Vierzehntes Kapitel. Das Bondoir Ismael's. Als Brian von Lanceſter Suſanna verſicherte, daß der Jude Ismael nicht ihr Vater ſei, hatte er für ſeine Meinung keinen materiellen Beweis. Der Ausſpruch, welchen er mit ſo viel Ueberzeugung und Wärme gethan hatte, war nichts, als der Aufſchwung eines edlen und hochherzigen Sinnes, der ſich weigerte, an dies Uebermaaß der Nichtswürdigkeit zu glauben, daß ein Vater der Seele ſeines Kindes den Geiſt des Böſen mit Abſicht einhauchen ſollte. Wenn noch etwas Anderes hinter ſeinem Worte lag, ſo war es nur ein unbeſtimmter Verdacht, der durch einige Theile der Erzählung des jungen Mädchens hervorgerufen wurde, aber dieſer Verdacht ſelbſt hatte keine Baſis und im Grunde, abgeſehen von der unwahrſcheinlichen Scheußlichkeit 214 in Jsmael's Betragen, ſagte Nichts, daß Suſanna nicht ſeine Tochter hätte ſein können. Sie verſtand ihn wahrſcheinlich, denn ſie ging nicht auf den Brian's Serzen entſchlüpften Ruf ein, und erwartete ein Wort, einen Gedanken, der dieſe ſo plötzliche Verſicherung beſtätigen würde. — Es gibt Dinge, Mylady, ſagte Lanceſter, indem er dem geheimen Gedanken Suſanna's entſprach, Dinge, welche man fühlt, und nicht beweiſen kann. — Ich fühle, — ich weiß, Madame, — daß dies Medaillon von Ihrer Mutter kam, weiß, daß dieſer Mann nicht Ihr Vater ſein kann .. . Ihnen zu ſagen, warum ich es weiß, iſt mir unmöglich .. Suſanna drückte das Medaillon an i einen langen Kuß darauf. — Ich will Ihnen glauben, Mylord, was den geheim⸗ nißvollen Urſprung dieſes Medaillons anbetrifft .. mir jetzt doppelt theuer ſein, weil es mir von Allem ſpricht, was ich liebe von meiner Mutter und Ihnen meiner Mutter, deren Liebe Sie mir ſo zu ſagen, hre Lippen und Es wird von offenbaren, die Sie mir, wiedergeben und mir hinter einem Schleier zei⸗ gen, den ich noch nicht ganz habe lüften können .. O, ich danke Ihnen für ſie und für mich, Mylord .. Sie haben mich auf dieſe Weiſe gelehrt, daß ich Sie noch nicht genug liebe! .. Sie hob ihre Augen voll unendlicher Zärtlichkeit und Dankbarkeit zu ihm auf. — Was Ismael anbetrifft, fuhr ſie darauf fort, ſo irren Sie ſich, Mylord, er war mein Vater .. Aber er war ein Mann, der, ſo viel ich ihn nach meinen Erinnerungen beurtheilen kann, Ideen und Principien hatte, die ganz von denen der anderen Menſchen abwichen . . . Er glaubte an Nichts, er ſpottete über Alles und wußte jede Eigenſchaft, die in der Welt für eine Tugend gilt, mit einem verächtlichen Namen zu bezeichnen .. . In ſeinen Augen war gerade das die lächerlichſte Sache, was allen Andern als die heiligſte er⸗ ſchien und wenn er ſich mit Stolz rühmte, Jude zu ſein, ſo geſchah es nur deshalb, weil er allen denen, welche das moſaiſche Geſetz befolgen, dieſelben Gefühle und Geſinnungen zuſchrieb .. Vielleicht war das eine Verläumdung .. und doch, wenn ich bisweilen die Glaubensbrüder Ismaels in Damaskus, Paris oder London bei einander geſehen habe, habe ich mich überzeugen können, daß Ismael weder der Habgierigſte noch Ungläubigſte war. Denn ich habe manche Dinge geſehen, Mylord, in den Verſammlungen, bei welchen mein Vater ſeine Geſell⸗ ſchaften bei Brod und Wein um ſich verſammelte. — Ich habe manche Sachen geſehen, welche ich nicht im Stande wäre, wiederzuerzählen, theils, weil ſie meinem Gedächtniſſe entfallen find, theils, weil mir, als ich ſie geſehen habe, alles fehlte, um ſie zu verſtehen, oder mich dafür zu intereſſiren. Aber ich ſah auch, daß die, welche Ismael ſeine Brüder nannte, der Auswurf der jüdiſchen Nation waren. — Es gibt noch in Iſrael gerechte und gute Männer, aber dieſe habe b 216 ich nicht gekannt, weil ſie ohne Zweifel nicht die entehrende Schwelle des Hauſes von Goodmans Field würden haben betreten wollen. In Folge der Unterredung, welche ich Ihnen erzählt habe, verließ mich Ismael; aber vorher wiederholte er mir, daß von morgen ab ein neues Leben für mich beginnen würde. Einige Minuten darauf hörte ich im Corridor Geſchrei und Weinen; es war die Stimme Temperances, welche auf dieſe Weiſe das Verbrechen abbüßte, mir das Medaillon über⸗ geben zu haben. Darauf wurde es ganz ſtill. — Seitdem habe ich Temperance niemals wiedergeſehen und häufig bei dem Gedanken geſchaudert, daß vielleicht .. Aber mein Vater hatte ſie blos fortgejagt, ich muß es glauben; warum hätte er dieſes unglückliche und unſchäd⸗ liche Geſchöpf tödten ſollen. Lanceſter konnte eine Bewegung des Abſcheus nicht zu⸗ rückhalten, bei dem Gedanken an die Möglichkeit eines an der Perſon einer Frau begangenen Mordes. Er mochte ſich noch ſo ſehr ſagen, daß bei der ganzen Erzählung es ſich um einen Verbrecher handele, welcher der Gerechtigkeit ſeine Schuld abgetragen. Sein Herz empörte ſich doch heftig in jedem Augenblicke, nicht blos bei dem Gedanken an ſo viel kalte und überlegte Niedrigkeit, ſondern auch noch, wenn es ihm vor die Seele trat, daß Suſanna, das Weib, welches er, einem Engel gleich, liebte, das Joch dieſer abſcheulichen Ty⸗ rannei habe ertragen müſſen, — zu gleicher Zeit dachte er 217 aber auch daran, wie er ſelbſt vormals in die Höhle des Juden gekommen ſei, ſich auf ſein Kanapee geſetzt, mit ſeiner Hand ihn vielleicht nach jenen wucheriſchen Geſchäften berührt hatte, bei welchen er früher die letzten Reſte ſeines Vermögens flüſſig machte. Suſanna dagegen konnte dieſe rohen Auftritte ohne ein anderes Gefühl erzählen, als eine ſtille düſtere Traurigkeit, welche ihrer edeln Phyſiognomie etwas von jenem ſchweren Schleier der Apathie gab, von welcher wir bei Beginn dieſer Erzählung geſprochen haben. — Wir müßten neue Worte erfinden, um mit einem Zuge die neue, oder mindeſtens ſelt⸗ ſame Lage dieſer Seele zu ſchildern, welche rein geblieben, nichts deſto weniger wie blaſfirt über das Böſe war, — ſo ſehr hatte Verbrechen und Laſter in Schamloſigkeit, Cynik und Berechnung von den erſten Tagen der Kindheit bis zu dem Augenblicke, wo fſie jetzt endlich eine andere Luft ath⸗ mete, als die der Schande, ſich ihr gezeigt. Gott hatte Suſanna ein kräftiges Herz und eine aus⸗ gezeichnete Empfindungskraft verliehen. Aber die Zartheit der Empfindung bedarf, wenn ſie aufgeregt werden ſoll, in gewiſſer Weiſe des Unvorhergeſehenen, des Unbekannten: der Chirurgus, welcher bei der Scene eines Dramas weint, kann, ohne mit den Augen zu blinken, in das Fleiſch eines Kran⸗ ken hineinſchneiden, oder mit der Sonde die Spur einer Kugel in der Bruſt eines Freundes verfolgen. Suſanna ſtellte ſich Jsmael immer nur auf eine beſtimmte Weiſe vor; ſie hatte ihn in ſeinem dunkeln Lebenslaufe ſtets unbeweglich 10 218 und kalt geſehen, ſie konnte ihn ſich nicht anders vorſtellen, und daher auch nicht in Vewegung gerathen, wenn ſie es that. Ein einziger Schmerz und ein Schmerz ohne Aufſchwung, den ſie ſchon gewohnt war, wurde ihr möglich. Nun bin ich, Mylord, zu einer andern Periode meiner Geſchichte gekommen, begann ſie wieder, mein Leben verän⸗ derte ſich plötzlich, ohne irgend einen Uebergang. Am andern Tage kam eine fremde Frau, und verrich⸗ tete bei mir Kammerfrauendienſte. Meine Schüchternheit trieb mich an, kein Wort an ſie zu richten; aber von der andern Seite wollte ich auch von Temperance Nachricht haben, und dieſer Wunſch, durch eine unbeſtimmte Beſorgniß über das Schickſal des armen Mädchens verſtärkt, war größer, als meine Schüchternheit. Ich fragte die Neuangekommene, welche zu lächeln be⸗ gann, und einige Worte in fremder Sprache ſprach. Sie verſtand kein Engliſch. Sie begann ſogleich meine Toilette. Die Kleider, welche ſie mir anzog, waren nicht mein Koſtüm von geſtern. Es war ein ſchönes neues Kleid, deſſen ſeidener Gürtel eng meine Taille umſchloß, welche bis dahin frei von jeder Feſſel ge⸗ weſen. Sie kämmte und friſirte meine Haare, die zum erſten⸗ male in ſymmetriſchen Ringen an meinen Wangen hinabfielen. Als ich aus den Händen dieſer neuen Kammerfrau hervorging und mich im Spiegel betrachtete, Mylord, ſtieß ich einen Ruf der Freude aus. Zum erſtenmale ſtieg das Gefühl von meiner Schönheit in mir auf. Ich erkannte mich 219 nicht. Ich erröthete, lächelte, war glücklich und ſtolz und verſchämt Ich hätte zu gleicher Zeit mich gern allen Blicken zeigen, und mir doch das Geſicht verhüllen mögen. — Ich war ſchon Weib, da ich ſchon dieſes doppelte widerſprechende Gefühl des Weibes kannte: den Wunſch zu glänzen, und das Bedürfniß zwiſchen ſich und den Blicken der Menge ein Bollwerk zu ſetzen. An jenem Tage wurde ich vom Morgen an in einen gro⸗ ßen Saal des erſten Stockwerkes gebracht, den ich bisher noch nicht gekannt hatte. Es war ein großes und koſtbares Zimmer mit rothem Sammet tapezieret und mit koſtbaren Ge⸗ mälden verſehen. Ein ſchönes Piano, eine Harfe ſtanden da, und auf den Teppich der Tiſche lagen reich gebundene Bücher, offene Albums auf dem Piano, den Seitentiſchen und überall. Die Bilder waren mythologiſche Gegenſtände, mit der Abſicht ausſchweifender Sinnlichkeit dargeſtellt; die Albums .. Mylord, es iſt acht Tage her, daß ich erröthen gelernt habe, und ich kann Ihnen nicht ſagen, was in den Albums war. Alles das blendete meine Augen und brachte zuerſt einen ganz angenehmen Eindruck auf mich hervor. Ich be⸗ wunderte die ſchönen Nymphen, welche mitten in entzückenden Landſchaften lagen, oder die göttlichen Contouren ihres Kör⸗ pers durch das kryſtallene Waſſer heiliger Quellen zeigten. Die Albums waren reich gebunden, ich bewunderte ihre Ver⸗ goldung; aber was ſie enthielten, intereſſirte mich nicht, und machten nicht einmal das Gefühl der Neugierde in mir rege. Ich kann nicht glauben, Mylord, trotz alle dem, was 10* Ismael gegen meinen Geiſt und mein Herz unternommen hat, ich kann nicht glauben, daß dieſe elenden Sammlungen eigens meinetwegen dort ausgelegt worden ſein ſollten. Ismael war dazu zu geſchickt. — Aber dieſer Saal diente ihm zum Bou⸗ doir, es war alſo der natürliche Platz dieſer Albums. Am andern Tage übrigens waren ſie auch verſchwunden. Gott hat mich in alle dem wunderbar beſchützt, und ich danke ihm vom Grunde meiner Seele. So lange ſich zwiſchen mir und Ismael keine Scheidewand erhob, ſo lange meine Seele ohne irgend eine Vertheidigung gegen ſeine treuloſen Einflüſterungen war, wurde ich von meinem Alter beſchützt.— In dem Augenblicke aber, wo ſeine Lehren wirkſam auf meine Sinne, wenn auch nicht auf mein Herz hätten ſein können, da kamen Sie, Mylord, und ſind, ohne es zu wiſſen, mein Schutz, mein Schild gegen das Böſe, mein guter Engel ge⸗ weſen. Lanceſter faltete unwillkürlich die Hände, und ſein männ⸗ licher Blick hob ſich dankbar zum Himmel empor. — Und auch ich, Madame, auch ich danke Gott, ſagte er mit frommem Ernſte; — ich danke Gott, daß er mich zum blinden Werkzeug gemacht, und Sie in Ihrer Reinheit erhalten hat, Suſanna, ſelbſt in der Höhle des Verbrechens und des Laſters. Er nahm ihre Hand, drückte ſie ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen und fuhr fort: — Werden Sie mir verzeihen, Madame? Seit der Stunde, daß ich mit Ihnen ſpreche, habe ich mehr gelitten, als während einer Woche Märtyrerthums. .. Ich hatte Furcht, ſtets Furcht, das Laſter bei Ihnen Eingang finden zu ſehen,— da es Ihnen unbekannt war, Eingang nicht ſowohl in Ihre Seele, als in Ihre Sinne.. . Ich fürchtete, daß Sie aus Unwiſſenheit ein Opfer deſſelben werden würden, und die Lehren dieſes Menſchen, der ſich Ihren Vater nannte — denn er war nicht Ihr Vater, Mylady — ſich Eindruck verſchafft hätten! . .. Aber Ihre letzten Worte haben mein Herz von einem erdrückenden Gewichte befreit . . . und ich danke Gott abermals auf meinen Knieen und aus dem Grunde der Seele dafür, daß er Ihnen das Kleid der Unſchuld mitten unter den furchtbarſten Gefahren nicht hatte beflecken laſſen. — Wir wollen zuſammen Gott danken, Mylord, und zu ihm beten, und mein Gebet ſoll außerdem noch den Wunſch zum Himmel tragen, daß er Sie glücklich mache. Ich blieb einen Augenblick allein im Saale, und ich muß geſtehen, während der wenigen Minuten, welche ich darin zubrachte, habe ich mich einigemale von allen Seiten im Spiegel betrachtet. Mein neues Kleid machte mich ganz ſchwindlig, und ich wäre vielleicht vor Freuden umhergeſprun⸗ gen, wenn mich nicht der Gedanke an die Fremden, welche ich bald ſehen ſollte, mit einer gewiſſen Furchtſamkeit erfüllt und mich davon abgehalten hätte. — Bravo, Miß Suky, vortrefflich! rief mein Vater aus, der mich in dem Augenblicke überraſchte, wo ich ver⸗ möge zweier einander gegenüberſtehender Spiegel mich von allen Seiten zu ſehen verſuchte; — vortrefflich, meine Toch⸗ 222 ter, bewundere Dich — Gott ſei Dank, binnen Kurzem hoffe ich, daß mancher Lord Dich anſehen und bewündern wird. „ Die Scham, überraſcht worden zu ſein, eine ganz na⸗ . türliche Scham, Mylord, und die, wie ich denke, uns Frauen ohne alle Anleitung überkommt, machte mich hoch erröthen. — Wozu errötheſt Du, Suky? ſagte mein Vater, aller⸗ dings macht die erhöhte Farbe Dich noch ſchöner, aber was Du da thuſt, iſt gut, und Du brauchſt nicht zu erröthen .. Das erſte, das größeſte, das einzige Verdienſt einer Frau iſt ihre Schönheit, warum ſollte es ihr alſo verwehrt ſein, ſtolz darauf zu werden? Ein Menſch mit zudringlicher Miene, der mit Ismael eingetreten war, und hinter der Thür ſtehen blieb, begann mit billigender Miene zu lächeln. * — Sie haben Recht, mein guter Herr Spencer, ſagte er, ſich ehrfurchtsvoll verneigend, und Fräulein Suſanna eben⸗ falls. Dieſer Menſch war ein franzöſiſcher Jude, der mich die Sprache ſeines Landes ſprechen, und nach franzöſiſcher Mode tanzen lehren ſollte. — Zu gleicher Zeit ſollte ich auch Ita⸗ lieniſch und Deutſch lernen, gleichfalls von Juden aus dieſen beiden Ländern, die im Vereine mir Muſik beibringen ſollten. . In meinen jetzt ganz und gar beſchäftigten Tagen gab es keine Zeit mehr für die Langeweile oder die Träumerei, höchſtens ganz wenig zum Nachdenken. Obgleich ich nicht die Anregung von außen hatte, welche ſonſt junge Mädchen zum Lernen und zur Arbeit treibt, ſtu⸗ dirte ich doch mit einem großen Eifer. Alles was man mir zeigte, war für mich ſo ganz und gar neu, daß ich mich im höchſten Grade dafür intereſſirte. — Brauch' ich es Ihnen zu ſagen, Mylord? Als mein Lehrer mich zuerſt im Leſen, der Baſis alles Lernens, unter⸗ richtete, waren die erſten Buchſtaben, welche ich lernte, die, welche mir tief ins Gedächtniß eingegraben blieben, obwohl ſie mein Vater auf dem Medaillon ausgekratzt hatte. Ich kann mich möglicherweiſe geirrt haben, denn die Geiſtesgegenwart Ismaels war groß geweſen. Harry gleicht für Jemanden, der nicht leſen kann, dem Namen Mary ſehr, und Harry war der Name, welchen mein Vater, als Antwort auf meine Frage, mir zufüllig hingeworfen hatte. Aber Gott hat mir ein ſcharfes Gedächtniß gegeben, und zu jener Zeit bewahrte es mit um ſo größerer Genauigkeit die gering⸗ ſten Erinnerungen, je weniger es Gelegenheit hatte, ſich zu üben. Als ich das Wort Mary buchſtabiren konnte, hielt ich mich für gelehrt; — und ich war es auch, Mylord, da nach Ihrer Anſicht, und nach meiner inſtinktmäßigen und ge⸗ heimen Hoffnung, der Name, zu deſſen Kenntniß ich dadurch gekommen bin, der meiner Mutter iſt Darauf lernte ich Alles, worin man mich unterrichtete, mit einer Geſchwindigkeit, über welche meine Lehrer erſtaun⸗ ten, und mein Vater ſich Glück wünſchte. Ein einziger Theil ſeiner Erziehung ging nicht nach ſeinen Wünſchen, und das war gerade der, welchen er übernommen hatte. WMein Vater fuhr in der That zu jener Zeit fort, ſich 224 ſehr häufig mit mir zu unterhalten; aber der Unterricht mei⸗ ner Lehrer ſtand gerade im Widerſpruche mit dem ſeinigen, ohne daß die Lehrer es wollten. Es gibt kein Buch, Mylord, ſo ſchlecht man es ſich auch vorſtellen mag, das nicht einige, der wahren Moral entlehnte Grundſätze enthielte. Und meine Lehrer waren doch genöthigt, mir Bücher zu geben, wenn ſie mich ihre Sprache lehren wollten. Hier und dort fand ich alſo die Wahrheit, oder Bruch⸗ ſtücke derſelben. Das war zwar nicht genug, um mich ſyſte⸗ matiſch gut zu machen, aber doch hinreichend, mir gegen die unerhörten Parodoren meines Vaters⸗ Mißtrauen einzuflößen. Man möchte ſagen, Mylord, daß er die abſcheuliche Abſicht gehabt habe, mein Herz vom Grund aus unzukehren, und jedes edle oder tugendhafte Gefühl daraus zu verbannen. Ich verzeihe es ihm, ach! aber jetzt, wo ich die ſchreckliche Verderbtheit ſeines Beginnens ermeſſe, zittere ich, wenn ich daran denke, daß er in ſeiner Abſicht ſchändlicher Verderbniß hätte zum Zwecke kommen können. Er ſtellte mir die Lüge als Tugend hin, Lüge und Heuchelei; er erzählte mit Begeiſterung Streiche voll kühnen Betruges .. Aber Gott behüte mich, daß ich bei dieſen widerlichen . Einzelnheiten verweilen ſollte, es genüge mir nur, Ihnen zu ſagen, daß alle Laſter, welche unſere ſchwache Menſchennatur entehren, von ihm in den Himmel erhoben, und alle Tage mir zum Muſter und zur Bewunderung aufgeſtellt wurden! Was konnte ſein Zweck ſein? . 1 — Sein Zweck! rief Brian von Laneeſter, der bleich und mit Zähneknirſchen Mühe hatte, ſeine heftige Entrüſtung zuückzuhalten; — ſein Zweck, Madame! .. O, ich kann es Ihnen nicht ſagen, denn es überſteigt Alles, was ich je⸗ mals Haſſenswürdiges und Verabſcheuungswerthes gehört habe. Er iſt todt! .. die Gerechtigkeit der Menſchen, und ohne Zweifel auch Gottes Gericht iſt über ſeinem Haupte hinweggegangen . das menſchliche Geſetz hat ihn getödtet .. die göttliche Rache hält ihn jetzt in ihrer furchtbaren Hand .. Aber welches auch die Qualen dieſer doppelten Strafe ſein mögen, ſie ſind zu leicht für ſein nichtswürdiges Verbrechen! ... Wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, machten ſeine Lehren wenig Eindruck auf mich. Ich haßte das Laſter nicht, weil mir die Tugend unbekannt war, aber ich nahm ſein Wort kalt auf, und die verführeriſchen Bilder, welche er bisweilen mit hinreißender Veredſamkeit vor meine Sinne führte, präg⸗ ten ſich in keiner Beziehung meinem Herzen oder Geiſte ein. Er verwunderte ſich darüber, ſuchte die Urſache dieſes trägen Widerſtandes anderswo, als in mir, einem wehrloſen Kinde, das unmöglich den Willen haben konnte, das darge⸗ botene Gift zurückzuweiſen, und er ließ es daher meine Lehrer entgelten, welche er ſeinen Inſtructionen für untreu hielt; er jagte ſie fort, und erſetzte ſie durch andere, ihm noch mehr ergebene . . . Er hatte Unrecht. Meine Lehrer entluden ſich ihres Auftrags ganz gewiſſenhaft. Sie waren Juden, und die Leute von dieſer Nation, mit welchen mein Vater umging, gehörten zu denjenigen, welche erſt ihren 10** 226 Preis machen, das Geld dafür nehmen, und dann blindlings das Verlangte ausführen. Sie würden nur ungehorſam geweſen ſein, wenn man unterlaſſen hätte, ſie zu bezahlen. Wie dem auch ſei, es half Jsmael nichts, daß er die Leute wechſelte, welche mich umgaben, ich blieb immer die⸗ ſelbe, eifrig jeder neuen Art von Unterricht mich hingebend, ſeinen Lehren aber ganz abhold. — Die wenigen Bruch⸗ ſtücke edler Gedanken, welche ich in den leichtfertigen und ver⸗ derblichen Büchern gefunden, die in meine Hände kamen, ließen mich außerhalb des Kreiſes, in welchem mein Leben verging, noch eine andere Welt errathen. Ich wußte nicht, aber ich zweifelte, und man muß glauben, daß der Zweifel genügt, eine Zeit lang den Kampf gegen das Böſe auszu⸗ halten, wenn man ſonſt noch von Gott mit einigem Inſtinkte der Hochherzigkeit begabt iſt. Man trägt zwar den Sieg nicht davon, aber iſt auch nicht beſiegt, ſo lange das Alter ſich nicht eingefunden hat, wo die Leidenſchaft ihr Gewicht in die Wagſchale legen kann. Als dieſe Zeit für mich kam, Mylord, ſandte Sie Gott mir auf den Weg. Nach einem Jahre verſtand ich Franzöſiſch und die anderen Sprachen. Ich begann zu fingen, und begleitete mich auf dem Piano oder der Harfe dazu. Ich tanzte, wie man auf dem Theater tanzt. Ich war mit einem Worte ſo, wie mein Vater in verſchiedenen Beziehungen mich nur wün⸗ ſchen konnte. Eines Abends, nachdem meine Lehrſtunden zu Ende waren, kam er zu mir. — Miß Suky „ſagte er, ich gebe meinen Freunden heute Nacht einen Schmaus; Du biſt ihnen Liebe und Ehr⸗ furcht ſchuldig, denn es ſind Männer nach meinem Herzen, geſchickt, verwegen, und im Stande, die dumme und boshafte Brut zu betrügen, welche man Welt nennt. .. Ich werde Dich ihnen vorſtellen mache Dich recht ſchön, Suky, da⸗ mit alle meine Brüder mich einen glücklichen Vater nennen. — Das war ein Befehl — ich hatte nichts darauf zu erwiedern. In dem Augenblicke, wo ich mich nach meinem Zimmer wandte, welches immer daſſelbe geblieben war, neben dem Sprechzimmer auf den Garten hinaus, rief er mich. — Hätteſt Du keine Luſt, Roboam wieder zu ſehen? fragte er mich. Es war ein Jahr her, daß ich des armen Stummen nicht anſichtig geworden, den er zu gleicher Zeit mit Tem⸗ perance entfernt hatte; ich hatte ſo wenig Erinnerungen, Mylord, daß eine jede derſelben mir theuer war. Ich zeigte meine Freude bei dem Gedanken, Roboam wieder zu ſehen. — Nun, ſo komm, ſagte mein Vater zu mir, indem er mich bei der Hand ergriff. Er ließ mich zur entgegengeſetzten Thür ſeines Boudoirs hinausgehen, und anſtatt in den Eßſaal zu treten, welcher darauf folgte, öffnete er eine kleine verborgene Thür, welche in dem Zwiſchencabinet zwiſchen dem Boudoir und dem 228 Speiſeſaale ſich befand. — Ich ahnte die Eriſtenz dieſer Thüre nicht im Geringſten. — Wir kamen durch einen ſehr engen Corridor, der durch eine Lampe erleuchtet war, und nach etwa zehn Schritten befanden wir uns am Fuße einer Treppe, die ſteil war wie eine Leiter, und auf welcher oben eine Laterne brennte. Steige hinauf, Suky, ſteige hinauf, ſagte Ismael, dort oben wohnt Robvam. Ich ſtieg ohne ein Gefühl der Furcht hinauf, und em⸗ pfand nichts, als ſehr lebhafte Neugier. Im zweiten Stockwerke angekommen, — welches das dritte des Hauſes ſein mußte, da die geheimnißvolle Treppe im erſten anfing — klopfte mein Vater leiſe an eine niedrige Thür, welche ſich ſogleich öffnete. Bevor wir eintraten, be⸗ trachtete er mich lächelnd, aber dieſes mal lag unter ſeinem Spotte etwas von Angſt. Miß Suky, ſagte er zu mir nit prahleriſcher und zu gleicher Zeit höhniſcher Miene, — hier iſt mein Arbeits⸗ cabinet .. . ich will Dir ein Geheimniß ſagen, meine Tochter: Den Tag darauf, wo ein Mann hier hineingedrungen wäre würde Dein Vater, Ismael Spencer, gehängt werden, Miß Suſanna! — Was iſt das, mein Herr, fragte ich ihn, gehängt? Sein Lächeln verzog ſich, und eine furchtſame und krampfhafte Bewegung gab ſich in ſeinen Kinnbacken kund. — Es iſt eine hübſche Sache, antwortete er; ich verſpreche Dir, daß Du es nächſtens einmal mit anſehen ſollſt. —— — Fünfzehntes Kapitel. Das Arbeitszimmer. — Dieſe Worte, welche ſpäter für ihn und für mich eine ſo furchtbare Bedeutung haben ſollten, fuhr Suſanna fort — machten damals gar keinen Eindruck auf mich. Wo hätte ich den Gedanken an die Strafen menſchlicher Ge⸗ rechtigkeit hernehmen ſollen, ich, die ich große Mühe hatte, den Glauben zurückzuweiſen, daß das Verbrechen hier auf Erden eine Belohnung verdient. Das Zimmer, welches mein Vater ſein Arbeitszimmer nannte, war ein großes Laboratorium, in welchem die ver⸗ ſchiedenartigſten Dinge ſich durcheinandergeworfen befanden. Als ich eintrat, ſah ich links auf einem großen Tiſche mit einer gewiſſen Regelmäßigkeit geordnet eine große Anzahl verſchiedener Coſtüme. Er waren die Uniformen der Mili⸗ 230 taire verſchiedener Länder, perſiſche Kleidungsſtücke, arabiſche Bournous, der vollſtändige Anzug eines Policemans, Hof⸗ kleider und Wintermäntel von roher Wolle, wie ſie die Hafen⸗ leute tragen. Neben dieſem Tiſche auf einer Toilette befanden ſich Töpfe von Pomaden in den verſchiedenartigſten Färbungen, Phiolen, falſche Bärte, und auf einem Perückenkopf hing in ſeidenen Locken ein herrlicher blonder Haarwuchs, der ausſah, hätte man ihn in einem Stücke von dem Kopfe eines ₰ Mannes geriſſen, ſo wunderbar ſchön war er nachgeahmt. ₰ Weiter hinten in einem Kaſten befand ſich eine Menge * großer und kleiner Werkzeuge, welche, wie ich ſpäter gehört habe, Nachſchlüſſel und Dietriche waren. Unmittelbar nach dieſem Kaſten kamen Waffen. Es waren Dolche von verſchiedenen Größen und Formen, Piſtolen und jene kurzen Schlägel von Blei, deren Wunde, wie man S ſagt, faſt immer tödtlich iſt. Ich ging bei allen dieſen vorbei, wie ein Kind, in mitten der Seltenheiten eines öffentlichen Muſeums. Neugierig, aber ohne irgend eine Aufregung, betrachtete ich dieſe Dinge, von denen ein jedes, auch das geringſte, ſeine eigenthümliche, einer beſonderen Art des Verbrechens angemeſſene Beſtimmung hatte. — O, ich weiß jetzt, Mylord, wozu das alles diente. Und wundern Sie ſich nicht über meine Kenntniß davon. Ich habe dem Prozeß Ismael Spencers beigewohnt, habe in den Schranken des Tribunals von dieſen Gegenſtänden einen nach dem andern vorbringen ſehen, und der Richter übernahm —— ————.— — ,— 231 es, die Beſtimmung eines jeden auseinanderzuſetzen. — Jedes einzelne von ihnen hat dazu Hitsa daß mein Vater gehängt wurde. — Wie findeſt Du das, Miß Suky? fragte mich 3t⸗ mael. 8 — O, mein Herr, rief ich aus, dort iſt ein Meſſer, ähnlich dem, welches der Bettler hatte, als er meine arme Korah erſtach. — Zwölf Stunden nach ihrem Tode? . fügte mein Vater ſpottend hinzu. Ich habe davon ſprechen hören .. Der verteufelte Bob iſt kein Jude, aber er wird es weit bringen. — Es waren noch andere Dinge in dem geheimen Cabinet meines Vaters, aber ich will gleich zum Gegenſtande unſeres Beſuches kommen. Ganz zu Ende des Cabinetes, rechts vom Eingange, befand ſich ein Bretterverſchlag, beinahe ähnlich denen, welche man in den Public-houses findet. Dieſer Verſchlag bildete ein kleines Büreau, in welchem ſich der ſtumme Roboam be⸗ fand. Wie war er verändert, Mylord, ſeit einem Jahre; ſeine hohlen mageren Wangen waren von einem ſchmutzigen, un⸗ cultivirten Barte bedeckt, und das Haar hing ihm bis über die Schultern herab. Er hatte das Anſehen eines verwil⸗ derten, kränklichen, erſchöpften Greiſes. — Die Gefangenen müſſen ſo ausſehen nach einem halben Jahrhundert Ge⸗ fängniß. 232 Er hob ſein düſteres Auge zu mir auf, und erkannte mich erſt nicht, daher beſchäftigte er ſich auch ſogleich wieder mit ſeiner Arbeit, von der ich Ihnen ſogleich erzählen werde. — Nun, Roboam, ſagte mein Vater, Du erkennſt Miß Suky nicht? Der Stumme richtete mit verwunderter Miene den Blick wieder empor, — darauf ſtieß er ein freudiges Gegrunze aus, und ein ſanftes Lächeln eilte flüchtig über ſeine zerſtör⸗ ten Züge hin. Er machte mir ein Zeichen mit dem Kopfe das zugleich freundlich und reſpertvoll war. — Guter Roboam, ſagte ich zu ihm, warum ſieht man Dich nicht mehr? Er betrachtete meinen Vater mit furchtſamen Blicke, der auf das Beredſamſte das ungeheure Gewicht von Skla⸗ verei ausſprach, mit welchem dieſer ihn belaſtete. — Der Blick war zweideutig, wie jeder Sklavenblick. Ich fand eine gezwungene Unterwürfigkeit darin, und unter dieſer Unter⸗ würfigkeit Haß. Durch welche Macht hatte Ismael dieſen Mann abſper⸗ ren, ſeinen Widerſtand beſtegen, und ihm Gehorſam abzwin⸗ gen können? — Ich habe es niemals erfahren, Mylord; aber man ſagt, daß ſtarke und muthvolle Männer häufig Löwen und Tiger zu bändigen gewußt haben, mit ihnen ſpielen, und ihnen ſogar die Launen ihres Willens auferlegen können. 233 Das Geſchäft Roboams im Laboratorium, aus welchem er ſeit einem Jahre nicht ein einziges Mal herausgekommen war, beſtand in Folgendem: Rings herum um ihn, auf dem Tiſche, der faſt den ganzen Raum ſeines Verſchlages einnahm, befanden ſich kleine, länglich geſchnittene Papiere, verſchiedenartig geſtempelt und mit Schriften bedeckt. Hier und dort ſah man Gravir⸗ werkzeuge, Tinten von verſchiedenen Schattirungen und jene kleinen, von hartem Holze geſchnitzten Stücke, von denen ich mit Ihnen ſchon geſprochen habe. Robvam machte für meinen Vater Wechſel der ver⸗ ſchiedenen erſten Handlungshäuſer Londons nach. Oder vielmehr, er verſuchte ſie nachzumachen, denn das arme Geſchöpf hatte bisher noch keine Nachahmung hervor⸗ bringen können, welche Ismael's Anſicht zufolge vollkommen gelungen war und Gott weiß, wie viel harte und grauſame Beſtrafungen jedem dieſer unvollkommenen Verſuche folgten. Indeß war das keine leichte Sache und man konnte wohl bei dieſer verbrecheriſchen und ſchweren Arbeit nicht Glück haben. Es galt mehr als hundert Unterſchriften nach⸗ zuahmen, eben ſo viel Siegel und Stempel zu kopiren. Man mußte aufs Genaueſte jene tauſend Nüancen auffaſſen und wiedergeben, welche die Kaufleute, wie es ſcheint, mit einem Blicke erkennen und in denen der Unterſchied zwiſchen den Papieren dieſes und jenes großen Hauſes ſich zeigt, Zeichen, welche kein Geldmenſch überſehen darf. Und Roboam verſuchte, der Unglückliche. Vom Morgen bis zum Abend 234 arbeitete er, retouchirte ſeine Matrizen, verbeſſerte ſeine Siegel und gewöhnte ſeine Hand, dreiſt und mit einem Zuge die launiſchen Schwingungen eines Kuni Namenſchnör⸗ kels nachzuziehen. 8 Nach jedem Verſuche kam mein Vater, um das Re⸗ ſultat in Augenſchein zu nehmen, und mein Vater war ein Aufſeher ohne Mitleid, Mylord. Sein durchdringender Blick entdeckte die unbemerkbarſten Fehler. Und da es ſich dabei um ſeinen Kopf handelte, ſo konnte kein Fehler, ſo klein er auch ſein mochte, entſchuldigt werden. Dann ſtürzte ſich Roboam entmuthigt in die Ver⸗ zweiflung eines gezähmten Thieres. Er zerbrach ſein Werk⸗ zeug und legte ſich der Länge nach auf dem Boden des La⸗ boratoriums hin. Mein Vater nahm dann einen Stock und ſchlug ihn. Er ſchlug ſo lange, bis Roboam, durch den Schmerz beſiegt, aufſtand und wieder aufs Neue anfing. Daher kam es, daß Roboam ſo bleich war, und ſein Geſicht alt geworden, wie das eines Greiſes. Gewiß, der arme Stumme war für mich ein ſtrenger Wiächter geweſen, aber eben ſo wohl von ihm, wie von Temperance hatte ich nur eine gute Erinnerung. Im Ver⸗ gleiche zu den Lehrern, welche man mir ſeit einem Jahre ge⸗ geben hatte, mußte ich die beiden unglücklichen Creaturen durchaus lieber haben. Der Eine, wie die Andere hatten mir bisweilen Theilnahme, wenn nicht Zuneigung bewieſen. — Ich habe es Ihnen geſagt, Mylord, ich liebte ſie . Ich reichte ihm meine Hand, welche er an die Lippen —— 235 zog. — Darauf zeigte er auf das Fenſter, oder vielmehr die freie Luft, welche hinter dem Fenſter war, und that Pei als wenn er lang ausathmete .. Der arme Roboam! Im Hauſe meines Vaters gab es nichts als Knecht⸗ ſchaft und Gefängniß. Der arme Stumme, welcher mein Schließer geweſen war, trug auch die Kette. Auf dieſe Weiſe knebelte Ismael die, welche er nöthig hatte. Bei der Geberde Roboam's, welche erbarmungsvoll und energifch war, füllte ſich mein Auge mit Thränen. Jsmael zuckte verächtlich die Achſeln und fing zu lachen an. Meiner Treu, ſagte er, Du würdeſt auf dem Haymarket⸗ theater die Rolle eines verfolgten und mitleidsvollen Mäd⸗ chens ziemlich gut ſpielen. Das iſt kein Compliment, Miß Suky, und man kann nicht wiſſen, ob wir Dich nicht noch in die dramatiſche Laufbahn hineinbringen werden ... Aber noch ſtehen wir nicht ſo hoch, um uns hier zu rühren, und wenn dieſes Vieh, der Roboam, mit aller Gewalt freie Luft athmen will, ſo braucht er nur ein kleines Loch in die Mauer zu machen ... Nun, laß ſehen, Roboam, um zu ernſteren Dingen zu kommen? Biſt Du heute mit Deiner Arbeit vor⸗ geſchritten? Robvam fuhr mit ſeiner Hand in einen Kaſten, der hinter dem Tiſche verſteckt war, und zog eine Menge Billets hervor, welche er meinem Vater reichte. Dieſer ſetzte ſich, nahm ſeine Lorgnette und ing an, die Wechſel zu prüfen. nen bedauernswerthen Anblick dar, indem er mit ängſtlichem Blicke jeder Bewegung meines Vaters folgte. Sein Auge ſuchte auf der gleichgültigen Phyſiognomie Jsmael's zu leſen. Er zitterte auf Augenblicke, mitunter verzog er aber auch die Augenbrauen, als ob die Abſicht eines Kampfes ihm durch die Seele gegangen wäre. Das war indeß nur vorübergehend, und bald blieb auf ſeinem Geſichte nichts, als der Ausdruck einer grenzenloſen Ent⸗ muthigung. Und doch lag etwas in dieſem Robvam, Mylord. Seine jetzige Energie mußte ehemals ſehr groß geweſen ſein, und es hatte wahrſcheinlich ſehr vieler Keulenſchläge bedurft, um dieſen kräftigen Menſchen unter das Joch zu beugen. Mein Vater nahm unterdeſſen die Wechſelbriefe einen nach dem andern vor, ſah durch ſein Augenglas ſie an, durchforſchte ſie, wendete ſie hin und her und ſchien jedes Körnchen im Papier zählen zu wollen. — Zum Teufel, dieſer Schuft ohne Zunge iſt doch noch zu etwas gut! ſagte er endlich; — hier iſt die Unterſchrift von Dawes, Peebles and Sons, aus Ludgate⸗Hill mit Meiſterhand nachgeahmt. Du ſollſt heut' Abend eine Pinte Sherry bekommen, Roboam! alles iſt gut ... meiner Treu, ſehr gut. Robvam nahm dieſe Lobeserhebung entgegen, ohne ſich zu rühren. Ein einziges Gefühl war noch in ihm; die Furcht .. Ich irre mich, Mylord .. Robvam empfand noch etwas Anderes, er haßte und hoffte ſich zu rächen. Der arme Roboam bot einen! bei Seite und gab Das geht ſchon beſſer, mein Lord Still, ſagte er zu ihm; — viel beſſer. Du wirſt noch dahin kommen, daß Du es ganz gut machſt, Roboam, und dann wirſt Du Dich rühmen können, daß Du der reichſte und glücklichſte Mann biſt, der auf Erden exiſtirt. — Fahre ſo fort ... Gegen Dawes, Peebles and Sons kann man nicht das Geringſte einwenden, in der That! . . . Eben ſo wenig gegen Fauntlee aus Thames⸗Street, nichts gegen Davis, Blount und Davis, die Banquiers des Königs, deſſen allergnädigſte Majeſtät der Gott Abraham's beſchützen möge! ... Die Andern laſſen noch etwas zu wünſchen übrig . . . nur wenig noch, Ro⸗ bvam! noch einige Monate Arbeit, und Du biſt der Herr der City von London. Er ſteckte die ſechs Wechſel, welche er bei Seite gelegt hatte, in die Taſche und ging auf die Thür zu. — Adieu, Roboam, ſagte ich zu dem armen Stummen; ich werde wiederkommen und Dich beſuchen. Er legte die Hand auf ſein Herz. — Mein Vater rief mich. Robvam ſtreckte den Kopf aus ſeinem Verſchlage, um uns mit eiferſüchtigem Blicke bis zur Thür zu folgen. Wir gingen hinaus und der arme Stumme blieb drin, an ſein Gefängniß gebannt! — Ach, Mylord, auch ich war eine Gefangene und doch ging ich mit zerriſſenem Herzen fort. — Siehſt Du, Suky, ſagte mein Vater zu mir, wie der Menſch geſchaßen iſt, um er zu herrſchen: eben ſo müſſen die kräftigen 6 die i über die ſchwachen haben, ſo daß die erſteren die abſoluten Herren über die letzteren ſind! .. . Du haſt Mitleid mit Roboam, ſehe ich, und ich tadle dic deshalb .. . Erſtens, Suky, glaube mir, das Mitleid iſt ein armſeliges Gefühl, und daß es unnütz iſt, mag ſein geringſter Fehler ſein .. . Dann bin ich der Herr und er iſt der Sklave, was iſt daran gelegen, ob er bei ſeiner Arbeit umkommt oder nicht! Aber genug davon! .. . Sprich mit Niemandem von meinem Arbeitszimmer, meine wochi Dieſe kleinen Papiere, welche Du in meiner Hand geſehen haſt, ſind Gold werth, aber wenn ein Polizeimenſch ſie erwiſcht oder ſieht, werden ſie zu einem tödtlichen Gifte .. . Wenn Du aber von meinem Ar⸗ beitszimmer ſprächeſt, würden die Polizeimänner kommen und mich tödten .. Wir waren die Treppe wieder hinabgeſtiegen und be⸗ fanden uns bei der heimlichen Thür, welche mit dem Saale in Verbindung ſtand. Ich hörte ein Geräuſch von Stimmen von der andern Thür und verbarg mich ſchüchtern hinter Ismael. — Es waren ſchon die Gäſte meines Vaters, welche ſich, ihn erwartend, unterhielten. Er hieß mich durch das Boudoir gehen und befahl mir, die Toilette zu machen. Als ich hinein kam, durch die geſchickten Bemühungen der franzöſiſchen Kammerfrau, welche mein Vater mir gege⸗ ben hatte, geſchmückt, erhob ſich unter den Gäſten ein Ge⸗ murmel. Es waren zwölf und ſie ſaßen ſchon um den * 239 Tiſch, der mit ausgeſuchten Speiſen bedeckt war. Selten, Mylord, habe ich eine Verſammlung geſehen, die ehrwürdiger ſchien. Mein Vater war der jüngſte von Allen; die Andern hatten weiße oder graue Bärte — ſchöne Bärte, wie ſie auf die Bruſt der Weiſen des Orients hinabfallen. Ich fühlte mich beim Anblick dieſer impoſanten Ver⸗ ſammlung von Ehrfurcht ergriffen. Setz Dich, Suſanna, ſagte mein Vater mit ſanftem Tone zu mir; — iß und trink in Geſellſchaft meiner Brü⸗ der, welche Dich lieben. In der That, Mylord, meine Furcht verging. Die Stimmen, welche ich hörte, waren ernſt und ſanft. Die ſtrengſte Sittlichkeit herrſchte in der Haltung Aller und das Geſpräch erging ſich nicht über die Gegenſtände, welche Is⸗ mael ſo ſehr liebte und gegen die ich einen ſo unbeſtimmten Widerwillen hatte. Sie plauderten vom Handel, von Geld⸗ geſchäften und bisweilen auch von den Sitten und Gewohn⸗ heiten fremder Länder, welche ſie durchreiſt waren. Bediente, welche ich bei meinem Vater nie geſehen hatte, warteten bei Tiſche auf und goſſen Wein ein, den alle Gäſte ohne Ausnahme nur mit großer Mäßigkeit zu genießen ſchienen. Aber als der Braten abgetragen war, um dem Deſſert Platz zu machen, ſetzten die Bedienten den Tiſch ganz voll Flaſchen und verſchwanden auf Jsmael's Wink, indem ſie die Thüren zuſchloſſen. Nun änderte ſich der Schauplatz. 240 Einige von dieſen ehrwürdigen B rten, welche mir ſo viel Ehrfurcht eingeflößt hatten, fielen nieder und ließen mich offen das Geſicht junger Männer ſehen. Zu gleicher Zeit veränderten ſich alle Phyſiognomien, als ob bisher ſie eine Maske bedeckt hätte, die nun abgeriſſen ſei. Eein Gemurmel des Wohlſeins ging durch die Reihe der Gäſte. Ismael entkorkte die Flaſchen; die Gläſer wur⸗ den bis an die Ränder gefüllt. Man trank, die Stimmen wurden lauter, aber ohne bis jetzt den Höhepunkt der Orgie zu erreichen. — Nun, ſagte Ismael, wie findet Ihr Suſanna, meine Brüder! — Hübſch! ſagte der Eine. — Reizend! ein Zweiter. — Bewunderungswürdig! rief ein Dritter; beſonders wenn ſie erröthet, wie eben jetzt .. Sie werden aus ihr machen können, was Sie wollen, Ismael! — Das iſt kein Zweifel, antwortete mein Vater. — Und was denken Sie aus ihr zu machen? fragte der Kaufmann Elieſar. — Man muß unterſcheiden, erwiederte mein Vater; ich denke ſehr vielerlei aus ihr zu machen, wovon die Hälfte in⸗ deß mein Geheimniß iſt. Das Uebrige kann ich Ihnen ſagen. 2 — Wir hören zu, entgegneten die Gäſte. Die Flaſchen machten die Runde. Ismael begann: 241 — Denkt ihr nicht, meine Brüder, daß Suſanna in allen Ländern für die Tochter eines Lords gelten könnte? — Für die Tochter eines Prinzen! rief ein junger Jude mit Namen Ruben, indem er mit ſeinem leeren Glaſe auf den Tiſch ſtieß. Die Anderen drückten durch Kopfnicken ihre Zuſtim⸗ mung aus. — Nun gut, meine Freunde, binnen Kurzem werde ich mich zum Lord machen müſſen und Suſanna, meine Tochter, ſoll ein Theil meiner Verkleidung ſein . . Mache nicht ſo große Augen, Freund Elieſar; man kann vor Suſanna ſo ſprechen, denn ſie iſt ein wohlerzogenes Mädchen. Jeder warf mir liebkoſende Blicke zu, nur Samuel, der Krämer, murmelte etwas, was ſo klang, als riefe er den Segen des Gottes Jacob's auf mich herab. — Das iſt eins, fuhr Ismael fort, indem er mir vä⸗ terlich die Backen ſtrich; — aber Suſanna wird nicht dabei ſtehen bleiben . . . Ich brauche eine Sirene, wißt ihr, um die Spieler in mein Tophet in Leiceſter⸗Square wieder an⸗ zulocken . — Geht es nicht gut? — Sehr ſchlecht geht es .. Ein Goy hat eine Hölle*) in Coventry⸗Street, hundert Schritte von mir . . . Die Spieler gehen zu dem Ungläubigen, weil ſie dort Frauen und Muſik finden . . Bei mir gewinnt man nicht allzuhäu⸗ fig, ſeht ihr, meine Kameraden. *) Hell, Hölle, Namen der Spielhäuſer. II. 11 ½ 242 Ein allgemeines Gelächter folgte den letzten Worten. — Das ſind ſchon zwei Weiſen, auf die ich Suſanna benutzen werde, fuhr mein Vater wieder fort es gibt noch eine dritte, die ich euch nicht erſt lange auseinander zu ſetzen brauche .. Gott ſei Dank, die Mitglieder unſeres Oberhauſes lieben, ſich von Zeit zu Zeit zu zerſtreuen, und ich habe keine Vorurtheile .. . Abermals ein noch lauteres Gelächter. Der Schweiß ſtand Lanceſter vor der Stirn. — Mylord, hob Suſanna an, alle dieſe Menſchen be⸗ trachteten mich mit Neide, wie ſie ein Stück feinen Stoffes, aus dem man einen guten Erlös ziehen kann, betrachtet haben würden. — Mein Vater erregte allgemeine Eiferſucht und machte mit ſeinem Schatze Parade. — Ihr ſeht, meine Brüder, fuhr er lächelnd fort, daß Suſanna für mich kein Lurusartikel iſt. Und doch habe ich euch noch nicht Alles geſagt. Der Hauptgebrauch, den ich von ihr machen will, muß ein Geheimniß bleiben; aber glaubt mir, was man nicht ſagt, iſt allemal das Beſte, und es ſtecken vielleicht fünfzig 6n Pfund hinter dieſem Geheimniſſe. Die Gäſte machten große Augen. Ismael zog nach⸗ läſſſg das Portefeuille aus der Taſche, in welches er die von Roboam nachgemachten Wechſel geſteckt hatte. — Aber trinken wir, rief er, — und ſprechen wir von anderen Dingen .. Elieſar, mein Bruder, willſt Du mir einen Wechſel von Dawes, Peebles and Sons discontiren? 243 — Das Geld iſt ſelten, ſagte Elieſar, deſſen heitere Stirn plötzlich ernſthaft wurde; — wie hoch iſt der Wechſel, Ismael? — Vierhundertfünfundzwanzig Pfund, neun Schilling, Elieſar . . ich will Dir die neun Schillinge als Disconto laſſen. — In der That, murmelte der alte Jude; neun Schil⸗ ling und neun Pfund dazu als Disconto, mein Bruder ich biete Dir das, weil Du es biſt ... Die Commiſſion, weißt Du, iſt zwei Procent, das macht acht Pfund zehn Schilling, zwei und einen halben Pence. — Sei's darum, ſagte Ismael luſtig, — ich bin Dir gut, auch wenn Du mich lebendig ſchindeſt, Bruder Elieſar .. . Hier iſt der Wechſel, von Mac⸗Duff & Staunton aus York endoſſirt. Er übergab den Wechſel an Elieſar, der auf ſeine dünne Naſe eine Brille klemmte. Die anderen Gäſte, denen mein Vater ein geheimes Zeichen des Einverſtändniſſes gemacht, tranken, lachten und ſahen Elieſar verſtohlen an. Dieſer unterwarf den Wechſel einer ſorgfältigen Prüfung. Nach zwei oder drei Minuten nahm er ſeine Brille ab, und reichte das Papier meinem Vater. — Recht überlegt, Bruder Ismael, ich habe kein Geld, ſagte er mit entſchloſſenem Tone. 3 Mein Vater runzelte die Stirn, er zeigte ein ärgerliches Geſicht. — Die Lacher waren nun auf Elieſar's Seite. 11* — Du hatteſt doch eben Luſt .. begann er. — Ich habe mich beſonnen, antwortete Elieſar trocken. — Warum? — Weil das Billet falſch iſt, mein Freundchen. Ismael ſchlug heftig mit der Fauſt auf den Tiſch. Die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen ihm an. — Es iſt wahr, ſagte er, indem er ſich zwang, ruhig zu ſcheinen; unſre Brüder wiſſen, daß ich Dein Geld nicht genommen haben würde. Sie waren davon unterrichtet, es war blos eine Probe. — Nun gut, ſagte der alte Jude, indem er langſam ſeinen Wein ſchlürfte; dann iſt die Probe ungünſtig ausgefallen, das iſt Alles. Der den Wechſel gemacht hat, 5 ein Eſel. — Wo liegt, der Fehler? — An vielen Stellen, mein Bruder. Bei dem Schnörkel von Dawes, Peebles and Sons iſt ein Ring zu viele — Es iſt wahr, ſagte mein Vater. — Ferner, fuhr Elieſar fort, liegt in der Unterſchrift ſelbſt etwas Zitterndes, und Peebles, der gewöhnlich unter⸗ ſchreibt, hat eine dreiſte, kräftige Hand; niemals hat er ein P ſo linkiſch gemacht. — Es iſt wahr! ſchimpfte Ismael, deſſen Zorn furcht⸗ bar wuchs. — Außerdem, ſagte der alte Jude wieder, iſt ein or⸗ thographiſcher Fehler in dem Wechſel ſelbſt und der Commis von Peebles iſt ſeiner Grammatik ſicher .. — Der orthographiſche Fehler iſt auch da! rief mein Vater mit einer wahren Wuth; — bei Beelzebub, er iſt da! o, dieſer nichtswürdige Roboam macht ſich über mich luſtig . . . ich werde ihn todtſchlagen. Er trank zwei große Gläſer hintereinander aus, und wandte ſich zu mir. — Geh', und hole dieſes Vieh, den Roboam, Miß Suky, ſagte er zu mir, geh' auf der Stelle. Ich zitterte wie ein Blatt, aber ich rührte mich nicht. Ich wäre eher geſtorben, Mylord, bevor ich den armen Ro⸗ boam in dieſem Augenblicke herbeigeholt hätte. Mein Vater wiederholte mir indeß den Befehl mit donnernder Stimme, und da er ſah, daß ich nicht gehorchte, hob er in dem Parorismus ſeiner Wuth die Hand gegen mich auf . — Und er ſchlug Sie, Mylady? unterbrach ſie Brian, der bleich war und zitterte. — Nein, Mylord. Er ließ die Hand ſinken, ohne mich berührt zu haben, darauf ſtürzte er hinaus. Einen Augenblick darauf erſchien er wieder, und ſchleppte Robvam mit den Haaren herbei. M e Sechszehntes Kapitel. Sklaverei. Die Phyſiognomie meines Vaters war in dieſem Au⸗ genblicke ſchrecklich auzuſehen, als er in der Thür erſchien.— Roboum ſtieß, halb todt vor Entſetzen, unartikulirte Töne aus. Mein Vater, obwohl er dem Anſcheine nach nicht kräf⸗ tiger ausſah, als die meiſten Menſchen, hatte in der That die Muskeln eines Athleten. Er ſtieß Roboam mit ſolcher Gewalt, daß der Unglückliche bis an das andere Ende des Zimmers flog. Die Gäſte kehrten friedlich auf ihre Plätze zurück, um mit mehr Bequemlichkeit ſehen zu können, was vorgehen ſollte. Robvam blieb unbeweglich an dem Orte liegen, wo er hingefallen war. Sein Blick verſchlang erſchreckt die Mienen meines Vaters. Er war bleich wie ein Todter, und die zer⸗ — 247 ———— ſtreuten Büſchel ſeiner Haare, welche ſeine Stirn halb be⸗ deckten, gaben ihm noch ein blutloſeres Anſehen. Mein Herz war von Furcht uud Mitleid ganz beklom⸗ men, ich prüfte mit dem Blicke die Gäſte, um an ihnen einen Schutz für den armen Roboam finden zu können. — Aber auf dieſen Marmorgeſichtern gab ſich keine Bewegung kund, außer etwas fühlloſe Neugier und Ungeduld, zu wiſſen, wie ſich die Sache entwickeln werde. Der Jude Elieſar war lahm, und ftützte ſich beim Gehen gewöhnlich auf einen ſtarken Bambusſtock. Dieſer Stock war in einer Ecke des Saales an die Wand gelehnt. Mein Vater, deſſen Auge in dieſem Augenblick das Zimmer durchlief, um eine Waffe zu ſuchen, wurde den Bambus gewahr, und griff haſtig vanach. Sein Zorn erreichte ſeinen höchſten Grad, er lachte und brüllte im Vorgefühl ſeiner brutalen Rache. — Sagt mir, Brüder, rief er mit gebrochener Stimme, ſagt mir, was verdient dieſer elende Sklave, der ſeinen Herrn dem Stricke ausſetzt? — Das kommt auf die Umſtände und die Länder an, antwortete Samuel. Wo das Feld frei iſt, macht man was man will; in London bedarf es der Klugheit, und eine gute Baſtonnade kann, ſtreng genommen, genug ſein. — Eine Baſtonnade ſcheint mir Vorſicht mit Gerech⸗ tigkeit zu verbinden, ſagte der alte Elieſar mit Wichtigkeit. In zwei Sprüngen durcheilte Ismael den Raum, der ihn von Robvam trennte, und die ſchwere Krücke gab im 248 Niederfallen auf den armen Stummen einen trockenen Ton von ſich. Er ſtreckte die Hände bittend aus; Ismael ſchlug ſie ihm mit einem zweiten Schlage nieder, darauf vermehrte ſich ſeine Wuth, je länger er ſchlug, und er bewegte ſeine Waffe mehrere Minuten lang mit blinder F ohne Aufhören und Stnſtand Man hörte das dumpfe Stöhnen Roboam's, der ſich in ſich ſelbſt zuſammengekauert hatte, und das unaufhörliche Ge⸗ räuſch des Stockes, der auf ſeine Glieder fiel. Und während Ismael ſchlug, ſagte er immer: — Aha, Du machſt einen Schnörkel zu viel am Na⸗ menszuge von Dawes Peebles and Sons, verächtlicher Ha⸗ lunke! o, infames Thier, Du zitterſt, wenn Du das P bei Pebte ſchreibſt. Nichtswürdiger, Ungeſchickter, Wör- „Du machſt enrgaphſſce Fehler im Tert des Wechſels. Und das alles blos, um mich zum Hängen zu bringen, ekelhaftes Thier! . hier, da, da (und jedes ma mal waren es furchtbare Hiebe, wylord), da, Elender, Du Scheu⸗ ſal! Ismael hielt athemlos inne; der Bambusſtock fiel ihm aus der Hand, und er ſank erſchöpft auf einen Seſſel. Ich hatte die Augen geſchloſſen, um ſo viel als mög⸗ lich dieſen abſcheulichen Anblick zu fliehen. — Als die Schläge aufhörten, vernahm ich das Geziſchel der Gäſte um mich. — Er iſt todt, ſagte Samuel höhnend. . 1 249 — Der Bruder Ismael hat eine brave Fauſt! fügte ein Anderer hinzu; — wie prächtig er damit umging. — Ich fürchte, er wird mir meinen Bambus verdorben haben, brummte der alte Elieſar in übler Laune. Ich öffnete die Augen, und ſah an dem Platze, wo Robvam noch eben ſich befand, nichts als eine regungsloſe Maſſe, welche kein Lebenszeichen gab. Aber plötz ich bewegte ſich dieſe Maſſe langſam, und Roboam richtete ſich dem keuchenden Jsmael gegenüber auf die Füße auf. Er hielt den furchtbaren Bambus in der Hand. — Ich glaubte, daß es um meinen Vater geſche⸗ hen ſei. Mit einer inſtinktmäßigen Bewegung, die ſtärker war als mein Wille, warf ich mich zwiſchen Ismael und Roboam; — jetzt war es mein Vater, an den die Reihe kam zu zittern. Der Stumme ſchien, aufrecht mit etwas hintenübergebogenem Körper zu ſchlagen bereit zu ſein. Seine Augen ſchleuderten unter den Augenbrauen brennende Blitze hervor, die Muskeln ſeines Geſichtes zogen ſich mit drohender Energie zuſammen. Die ganze Ermattung, welche mir eben noch ſo viel Mitleid ab⸗ gezwungen hatte, war verſchwunden, ein männliches Feuer an die Stelle der eiſigen Maske des Alters getreten, welche Leiden und Gefangenſchaft über ſeine Züge gelegt hatten. Er war furchtbar und ſtark, weil er in dieſem ſich frei fühlte. Die Gäſte regten indeſſen ſich nicht, dieſe i 11 * 250 ſehene Entwicklung brachte neues Intereſſe in das Drama, ſie ſahen deshalb zu. Erbarmen, guter Roboam! rief ich aus, aus Liebe zu mir, habe Erbarmen mit meinem Vater! Mit gebieteriſcher und heftiger Geberde befahl er mir, mich zu entfernen, aber ich widerſtand ihm, ſowie ich Is⸗ mael widerſtanden hatte. Dieſer hatte Zeit zum Nachdenken gehabt, und war nicht der Mann, um die augenblickliche Friſt, welche ich ihm verſchafft hatte, zu vernachläßigen. — Ruben, rief er auf deutſch, eine Sprache, welche Roboam nicht verſtand, — faſſe ihn beim Halſe und ich gebe dir zehn Pfund. — Ihr ſeid Zeugen, ſagte Ruben zu den Gäſten. — Wir ſind Zeugen, erwiederten dieſe, Ismael Spencer hat Ruben zehn Pfund verſprochen. Roboam war einen Augenblick ſchwankend geworden, als er die in einer unbekannten Sprache geſprochenen Worte vernommen, — Ruben war leiſe aufgeſtanden und näherte ſich ihm von hinten, auf den Fußſpitzen. Ich öffnete den Mund, um Robvam zu warnen, aber mein Vater verſchloß mir denſelben ſchnell, indem er ein Schnupftuch auf meine Lippen hielt. In demſelben Augenblicke krallten ſich Rubens beide Hände um Robvams Hals, ſo daß dieſer alsbald dunkelroth wurde. Der Bambus fiel ihm aus der Hand, er ſtieß ein dumpfes 251 Geheul aus, ſchloß die Augen, und gab es auf, länger Wi⸗ derſtand zu leiſten. — Laß ihn los, Ruben, ſagte mein Vater, er ſoll nicht getödtet werden .. . Sein Tod würde an der Unterſchrift von Dawes, Peebles and Sons den Ring nicht wieder fortbrin⸗ gen. .. laß ihn los, ſeine Wuth iſt vorüber. Ich kenne ihn, jetzt wird er ſtill bleiben. — Das iſt Deine Sache, Bruder Ismael, antwortete Ruben und ließ den Hals des Unglücklichen los. Unter den Gäſten gab ſich eine Bewegung des Entſetzens kund. Jeder erwartete, den Stummen ſich auf meinen Vater ſtürzen zu ſehen, aber er that es nicht. — Auf die Kniee! ſchrie ihm der Letztere rauh zu. Roboam legte ſich aufs Knie. Mein Vater ſchwang den furchtbaren Bambus über ſeinem Kopfe, aber ſchlug ihn nicht. Ich verzeihe Dir, ſagte er, weil Du ein Thier biſt. Ich habe Dich geſchlagen, wie ich einen Hund oder ein Pferd ſchlagen würde, wenn man aber einen Hund oder ein Pferd ſchlägt, ſo hält man inne, ehe ſie ſterben, nicht ihretwegen, ſondern weil man ſich keinen Verluſt zuziehen will. .. Geh hinauf und arbeite .. arbeite, hörſt Du, oder wehe Dir! Roboam ſtand wieder auf, ſenkte das Haupt, und ging auf die Thür zu. Er kehrte ſich auf der Schwelle um, und ich ſchaudere noch, wenn ich an den Blick denke, den er in dieſem Augenblicke auf meinen Vater ſchleuderte. Seine ganze Rachſucht lag in dieſem Blicke; alle Gäſte meines Vaters fühlten es, gleich mir. Der alte Elieſar ſchüttelte, als Roboam ganz verſchwun⸗ den war, bedenklich den Kopf. — Dieſes wilde Thier wird Dich eines Tages noch er⸗ würgen, Bruder Ismael, murmelte er. Mein Vater zuckte verächtlich die Achſel, und ein ſtol⸗ zes Lächeln der Ueberlegenheit ſpielte um ſeinen Mund. — Grämt euch nicht darum, meine Brüder, man muß ein ſehr elender Reiter ſein, um nicht dem Sprunge eines ſtörrigen Pferdes zu entgehen zu wiſſen. — Nun, erwiederte Ruben lachend, der letzte Sprung war doch übel zu pariren, meine ich, Bruder Ismael, weil Du meine Hülfe um zehn Pfund haſt erkaufen müſſen. Mein Vater warf ihm ſeine Börſe zu. — Trinkt, meine Brüder, ſagte er, oder geht zum Teufel! Dieſer Gegenſtand der Unterhaltung mißfällt mir. Die Juden verbargen ihr ſpöttiſches Lächeln, und fuhren zu trinken fort. Ismael hatte ſeine Gründe, Mylord, der Rache Ro⸗ boam's ſo trotzen zu können. Er glaubte den armen Stum⸗ men zu kennen, und wirklich war der Unglückliche ſo ge⸗ bändigt, daß er ſich nicht aufzulehnen wagte, wenn nicht die alleräußerſten Umſtände ihn dazu zwangen. Außerdem mußte zwiſchen ihnen noch ein Band exiſtiren, welches ich mir nie⸗ mals habe erklären können. Robvam hatte im Grunde des Herzens für meinen Vater eine unterwürfige Ehrfurcht, eine Art von abergläubiger Hingebung, ähnlich der, welche die Indier für ihre gefürchteten Fetiſche empfinden. * Er hatte im Arbeitszimmer eine Menge von Waffen zu Händen, und verſuchte niemals, ſich derſelben gegen Is⸗ mael zu bedienen. Auf unſeren Reiſen folgte er uns beſtändig, in Frank⸗ reich, in Italien, im ganzen Orient, er war frei, und ver⸗ ſuchte niemals zu entfliehen. Seine Knechtſchaft war in gewiſſer Art freiwillig. Mein Vater übte über ihn eine abſolute Gewalt aus, welche der Unterſtützung der brutalen Macht nicht bedurft hätte. Wir blieben ungefähr noch ſechs Monate nach dieſem Auftritt, den ich Ihnen eben erzählt, in London, aber meine Gefangenſchaft hörte von da an auf. Mein Vater gab mir zu verſtehen, daß eine Perſon, deren Begegnung ſehr für mich zu fürchten ſei, die Stadt verlaſſen habe. Demgemäß war mir erlaubt, zu reiten, den Park zu beſuchen, und mit⸗ unter ſogar einige Stunden lang dem Schauſpiele beizuwohnen. — Ueberall begleitete mich mein Vater, und übernahm bei mir die frühere Stelle Roboam's. — Du ſiehſt, wie Dich alle Welt ſchön findet, Suky ſagte er zu mir; in zwei bis drei Jahren werden dieſe Com⸗ plimente, welche Du überall, wo Du vorbeikommſt, aus dem Munde ſo vieler edlen Lords hörſt, direct an Dich ſelbſt ge⸗ richtet werden. .. Du wirſt lieben, Suky, und recht glück⸗ lich ſeyn. Das ganze Haus von Goodmans Field ſtand jetzt zu 254 meiner Verfügung, nur hatten die Bedienten den Befehl, nicht mit mir zu ſprechen. Soll ich es Ihnen ſagen, Mylord? zu jener Zeit machte es mir das größte Vergnügen, einige Stunden in dem Ge⸗ fängniſſe des armen Roboam's zuzubringen. Meine Gegen⸗ wart tröſtete ihn, und ich war glücklich über die Linderung, die ich ihm dadurch verſchaffte. Er zeigte mir in der Abweſenheit meines Vaters ſelt⸗ ſame Dinge, und er war es, der mir den Gebrauch der Eſ⸗ ſenzen und Pomaden zeigte, die auf der Toilette des Labora⸗ toriums ſtanden. Eines Tages ſtand er von dem Tiſche auf, wo er un⸗ aufhörlich arbeitete, reckte ſeine ſteifen Glieder lange, und dann ſchüttelte er ſein langes unordentliches Haar und fing zu lachen an. Sie wiſſen, Mylord, wie ausdrucksvoll das Mienenſpiel dieſer Leute iſt, welche der Sprache beraubt ſind. Das Lächeln des armen Robvam ſchien mir zu ſagen: O, Miß Suky, ich will Ihnen etwas Ueberraſchendes zeigen. Er nahm mich bei der Hand und führte mich zu der Toilette, vor welcher er ſich niederſetzte. Seine Geberde war voller Pathos und glich denen, welche die Escamoteurs an⸗ wenden, bevor ſie die ſeltſamſten ihrer Kunſtſtücke zeigen. Er nahm nacheinander fünf bis ſechs Fläſchchen, roch daran und ſtellte ſie bei Seite; darauf machte er mir ein 255 Zeichen, ich ſolle die Augen ſchließen. — Um ihm gefüllig zu ſein, gehorchte ich. Ich glaube Ihnen geſagt zu haben, Mylord, daß Ro⸗ boam ein Orientale ſei; ſeine braune und durchleuchtende Geſichtsfarbe hatte etwas Seltſames, was übrigens mit dem Teint Ismaels ſehr übereinſtimmte. Seine Haare waren ſchwarz, wie Ebenholz, und ebenſo ſein Bart. Ich blieb ungefähr zwei Minuten mit geſchloſſenen Augen und nach dieſer Zeit ſtieß mich Roboam am Ellenbogen an, indem er dieſe Bewegung mit einem unartikulirten Gaumen⸗ laute begleitete, welches ſeine Art zu lachen war. Ich machte die Augen auf. Auf mein Wort, Mylord, ich erkannte ihn nicht und fuhr erſchreckt mehrere Schritte zurück, während er von gan⸗ zem Herzen lachte. Es war eine Veränderung mit ihm vorgegangen, welche an Zauber grenzte, ſeine eben noch ſo dunkle Geſichtsfarbe hatte jetzt einen bleichen grünlichen Teint angenommen ſehen Sie, Mylord, gerade wie die Geſichtsfarbe des blinden Tyrrell, den Sie Sir Edmund Makenzie nennen. — Sir Edmund Makenzie, wiederholte Brian von Lanceſter mechaniſch, in deſſen Geiſte etwas Peinliches vorzu⸗ gehen ſchien. — Es gibt keinen ſchlagenderen Vergleich, hob Suſanna wieder an . . . die bleichen Reflere dieſer matten und wie mehligen Haut hatten dem Auge Roboam's ſeinen wil⸗ den Glanz geraubt .. . er glich einem Menſchen aus Europa, 256 einem Engländer, einem Bettler von London, der vom Elend ſtumpf geworden iſt, und um ſo mehr mußte dieß der Fall ſein, da ſeine langen ſchwarzen Haare, jetzt in farbloſen Büſcheln über ſeine gebleichte Stirne fielen, und ſich mit dem rauhen Vließ ſeines entfürbten Bartes miſchten. Nicht ein Härchen in ſeinem Geſichte hatte ſeine natür⸗ liche Farbe behalten. — Und milderte Veränderung den Ausdruck ſei⸗ ner Phyſiognomie? fragte Brian nachdenklich. — Dieſe Veränderung, Mylord, milderte denſelben in ſo fern, als ſie ihm jede Art von Charakter nahm . das rauhe Geſicht war plötzlich unbedeutend, und ähnlich den Geſichtern der Unglücklichen geworden, denen wir in den Straßen begegnen. — Ach! rief Brian mit zerſtreuter Miene, und wie ein Menſch, der laut denkt, — ich möchte wohl Sir Edmund Makenzie ſprechen hören, Madame, wenn er nicht ſeine Stimme verſtellt. Suſanna ſah ihn i und fragend an. — Es iſt eine thörichte Idee, Madame, antwortete er, die mir eben durch den Sinn fuhr... Fahren Sie fort.. meine Gedanken gähren, ſeit ich Ihnen zuhöre, und n mich auf das Unmögliche. .. Aber wir werden wieder zur Realität des Lebens zurückkehren, Suſanna, fügte er mit zärtlicher Stimme ſanft lächelnd hinzu; wir kehren dahin zurück, um dann nach Art aller Welt glücklich zu ſein 3 heute wird ſich das letzte Kapitel Ihrer ſeltſamen Abenteuer 257 ereignet haben . .. wir werden, Gott ſei Dank, dieſen phan⸗ taſtiſchen Roman ſo bald als möglich ſchließen . . . und ein wie edles Weib werden Sie in der Welt ſein, Suſanna, Sie, deren Herz ſo lange dem tödtlichen Einfluſſe dieſer Ath⸗ moſphäre von Laſter und Verbrechen, in welcher Ihre Jugend verfloſſen iſt, widerſtanden hat.. Das ſchöne Mädchen ſchien ſich zu ſammeln, um beſſer dieſe Worte einer ſchönen Hoffuung ſchlürfen zu können. Ein göttliches Lächeln irrte um die reinen Linien ihres Mundes, und ihre feuchten Augen ſprachen beredt Dank . das ver⸗ ſprochene Glück aus. — Der arme Roboam freute ſich naiv über mein Er⸗ ſtaunen, fuhr ſie nach einigen Minuten Stillſchweigens fort. Er zeigte auf ſein Haar, dann auf die Phiolen, um mir be⸗ begreiflich zn machen, daß in denſelben etwas befindlich ſei, was augenblicklich die Farbe der Haare ändere; darauf wies er auf ſein Geſicht und auf die Pomade, und ſein Grunzen bezeugte ſeine gute Laune. Plötzlich ſah ich alle Muskeln ſeines Geſichtes zittern. Er wurde nicht roth, weil er unter der Maske von Farbe, welche er über ſein Geſicht gezogen, nicht erröthen konnte, aber ſein Auge wandte ſich voller Schrecken nach der Thür. Ismael ſtand auf der Schwelle. — Was iſt das? fragte er die Stirne runzelnd. — Ich war es, ich habe Robvam gebeten . .. be⸗ gann ich. — Lüge, Suky, lüge nur, Töchterchen, ſagte er mit 2358 Sanftmuth; — Du kannſt Dich nicht früh genug in dieſem Gewerbe üben . . . aber bei Beelzebub, Du mußt nicht um ſolcher Kleinigkeit willen erröthen, Miß Suſanna . . . man erröthet nicht über das, was ſchlecht iſt, meine Tochter! Er ging auf Roboam zu und zog ihn heftig an den Haaren. — Was Dich anbetrifft, Lord Still, ſagte er zu ihm, ſo biſt Du ſo noch häßlicher als gewöhnlich . . . Zittere nicht, Vieh, ich bin Dir nicht böſe. Meine eigene Abſicht war es, vor Miß Suky einmal daſſelbe Erperiment zu ma⸗ chen, denn es iſt gut, daß ſie alle Kunſtſtücke unſeres Stan⸗ des kenne .. Wahrhaftig, Schuft Robvam, Du biſt nicht ſo ungeſchickt, als man glauben könnte. .. hätteſt Du ihn auf der Straße ſo wieder erkannt, Suky? — Nein, mein Herr! Er begann zu lächeln. Mancher würde viel Geld dafür geben, um mein Recept zu beſitzen, ſagte er mit augenſcheinlicher Selbſtzufrie⸗ denheit .. Nun, Lord Still, an die Arbeit! Wir müſſen tc n mit unſeren Bemühungen am Ziele ſein. Robaom kehrte in ſeinen Verſchlag zurück, und legte meinem Vater eine Menge Wechſel vor. Sie waren vollkommen, muß ich glauben, denn mein Vater fand nichts dagegen ein⸗ zuwenden. — So, ſagte er; jetzt können wir uns auf den Weg machen das wird Suky bilden, und ſie ganz würdig machen, der Pairie anzugehören Gut; Roboam, das iſt 259 ſehr gut .. . ich werde Dich mitnehmen, und Du ſollſt Miß Suſanna als Page dienen ... biſt Du zufrieden? Der Stumme zeigte ſeine langen weißen Zähne mit einem offenen Gelächter der Freude. Ich war wahrſcheinlich die einzige Perſon in der Welt, für die er Zuneigung empfand, — denn die Kette, mit welcher er an meinen Vater geſchmiedet war, konnte ich nicht Zuneigung nennen, obgleich die letzte Handlung ſeines Lebens zeigte, daß er ihn auch auf ſeine Weiſe liebte. Einige Tage darauf reiſten wir nach Frankreich ab, Mylord Ich ſah das offne Meer, und empfand, wie früher beim Anblick der Berge, einen ehrfurchtsvollen Aufſchwung nach etwas Göttlichem. — Mein Vater bemerkte es ohne Zweifel, denn er verdoppelte ſeine ſkeptiſchen Läſterungen und verſuchte mit ſeinem bitteren Spotte meine Begeiſterung zu erſticken. Es war vergebens. Ich wurde größer, und meine Seele war von der Art, daß ſie die Idee von Gott bewahrte. Dieſe noch unbeſtimmte, und von dichtem Dunkel umgebene Idee thronte jetzt hartnäckig, ſiegreich im Mittelpunkt meines Geiſtes. Man konnte ſie irre leiten, aber nicht vernichten, und alle ſeine Bemühungen, ſie zu erſticken, entwickelten ſie nur um ſo mehr. Ich will Ihnen nicht erzählen, Mylord, was ich in Frankreich, Italien, im Oriente erlebte. Wir blieben vier Jahre lang in dieſen verſchiedenen Ländern, und ich kenne ſie, als ob ich daſelbſt geboren wäre, beſonders Frankreich, — 260 das ſchöne Frankreich, wo ich ſo gern mit Ihnen leben möchte, Mylord! — Aber was ich dort machte, kann ich Ihnen mit zwei Worten ſagen, weil ich während der vier Jahre in den fremden Ländern ſtets daſſelbe that. Ich war zum Betruge behülflich, Brian, ich ſage es Ihnen mit Scham im Herzen, und täuſchte mich ſelbſt. Eines vor Allem fehlte mir in dem Gebäude der Moral, das ich mir auf eigene Hand und ohne Jemandes Hülfe ge⸗ baut hatte. Ich hatte keine Ahnung von Eigenthum: Diebſtahl machte mich nicht ſchaudern, und das Wort ſelbſt, mit welchem man dieſes Verbrechen bezeichnet, wenn es vor mir ausgeſprochen wurde, hatte für mich keinen böſen Sinn. Wenn es ſich darum gehandelt hätte, Jemandem phyſiſch übel zu thun, würde ich mich meinem Vater entgegengeſetzt haben, wie ich es mitunter ſchon in meinem Leben gethan. — Aber mit Hülfe eines Betruges Geld zu erpreſſen, ſchien mir keine verdammenswerthe Sache und meine innerſte Ueberzeu⸗ gung war, daß Alles in dieſer Welt auf dieſen Zweck hin⸗ auslaufe. Sie ſehen, daß die traurigen Lehren meines Vaters nicht ganz vollſtändig verloren waren; — in einem Sinne verdiente ich ſchon die Verachtung der Welt, und Gott weiß, wo ich auf dieſem ſchlüpftigen Abhange noch angekommen ſein würde, da ich eine Binde vor den Augen hatte und un⸗ aufhörlich nichtswürdige, giftige Rathſchläge an meinem Ohre flüſtern hörte! .. . Suſanna ſenkte das Haupt und ſchwieg. 261 Brian ergriff ihre Hand und hauchte einen leiſen Kuß darauf. — O, ermuthigen Sie ſich, Madame, ſagte er mit ernſter und tiefer Stimme, durch welche ſeine verhaltene Leidenſchaft hindurch drang; ermuthigen Sie ſich, Suſanna, und blicken ſie dreiſt Jedermann ins Antlitz, denn ſie brau⸗ chen nicht zu fürchten, Ihre ſchöne Seele offen darzulegen und haben in Ihrem Gewiſſen keinen heimlichen Winkel, in welchem Sie einen Theil Ihrer Erinnerungen verbergen müß⸗ ten .. Warum wollten Sie über die Verbrechen eines An⸗ dern erröthen? Würden Sie ſchuldig ſein, wenn Sie, in tiefer Dunkelheit am Rande eines Abgrundes gehend, Ihresgleichen in den Abgrund hinabſtürzten? Wenn man Ihre mit einem Dolche bewaffnete Hand in eine menſchliche Bruſt ſtieße, würden Sie ſchuldig ſein? O, wie edel iſt es, Madame, über Fehler zu weinen, welche man nicht beging. Ich ſage es aus dem Grunde des Herzens! Schmach dem, der in Ihrem ſchönen Leben Stoff zu Tadel oder Verdacht ſehen wollte! .. Ich, ich liebe, bewundere Sie, Suſanna! — Ich danke Ihnen, Mylord, ich danke Ihnen, flüſterte ſie mit Thränen in den Augen. Ich nußte, daß Sie gut, edel und hochherzig ſind ... aber ich hoffte nicht ſo viel, und Nachſicht war das Einzige, was ich verlangen zu kön⸗ nen glaubte . . O, auch ich liebe Sie ... und in jeder Minute mehr! ... Möge Gott erlauben, daß Sie mich ſtets lieben! .. Das einzige beſtändige Ziel meines Vaters während 262 dieſer langen Reiſe war die Verwerthung der von Roboam fabricirten falſchen Wechſel; er erreichte daſſelbe zum größten Theil und Sie werden gewiß zu jener Zeit gehört haben, welcher Sturm unter der Handelswelt in London ausbrach, über dieſe Menge von Vetrügereien zum Nachtheile der erſten Häuſer der City. — Ueberall, wo er hinkam, ſetzten ihn Briefe oder frühere Beziehungen mit Juden in Verbindung, welche irgend ein nichtswürdiges heimliches Gewerbe trieben. Vermöge ihrer geheimen Unterſtützung, des edlen Namens, den er ſich beigelegt und auch, wie ich geſtehen muß, Mylord, meines unwillkürlichen Beiſtandes, gelang es ihm, eine be⸗ trächtliche Summe zu realiſtren. Als wir Damaskus verließen und wieder nach London zurück gingen, beſaß mein Vater mehr als fünfzigtauſend Pfund Sterling. Zu jener Zeit, Mylord, war ich ſchon ganz Weib. Ernſthafte Gedanken erhoben ſich in den Stunden des Nach⸗ denkens in mir und ein unbeſtimmtes Bedürfniß, zu lieben und geliebt zu werden, miſchte ſich in meine Gefühle und meine Träume. Ismuel fand mich reif ſür den abſcheulichſten Theil ſeiner Abſichten mit mir: Er wollte mit meinem Körper und mit meinem Herzen Handel treiben . — Siebenzehntes Kapitel. Die Sirene. Als das ſchöne Mädchen dieſe letzten Worte ausſprach, hob ſich ihr Buſen heftig, ihre Wange wurde bleich, während ihr ſchwarzes Auge einen flüchtigen Glanz annahm. — Es wäre das für mich ein ſchrecklicher Augenblick geweſen, Mylord, hob ſie wieder an, wenn ich gleich von Anfang an die Abſicht Ismael's errathen hätte. Aber meine Unwiſſenheit erſparte mir die Angſt über meine Lage. Als ich endlich begriff, was man von mir wollte, war ich ſtark: ich liebte Sie. Und dann hatte mein Vater nicht die Zeit, ſein Ziel zu erreichen. Seine erſte Sorge, als wir in London ankamen, war, ſein Spielhaus in Leiceſter⸗Square auf prächtigen Fuß ein⸗ 264 zurichten. Sie wiſſen, Mylord, wie ſehr dieſe Hölle während des größten Theils eines Jahres in Flor war. Man nannte ſie den goldenen Klubb und die Kundſchaft derſelben beſtand ausſchließlich aus dem höchſten Adel der drei Königreiche. Aber mein Vater hatte nichtsdeſtoweniger das Haus von Goodmans Field nicht aufgegeben. Er trieb darin Wucher, und ſein Geſchäftslokal, welches ſich in den Parterrezimmern befand, die mir lange Zeit zur Wohnung gedient hatten, wurde den ganzen Tag nicht leer. Mylord, das Zimmer, in welches Sie mitunter gekom⸗ men find, um von meinem Vater Geld zu leihen, war alſo daſſelbe, welches ich früher inne gehabt hatte. An derſelben Stelle, wo damals das Comtoir meines Vater war, hatte früher mein Kinderbett geſtanden, und als ich Sie zum erſten Male durch das nach dem Garten hinausgehende Fen⸗ ſter ſah, ſaßen Sie an der Stelle, wo ich, auf die Schulter meiner armen Korah gelehnt, an jenem Abend geſchlafen hatte, als meine Mutter mir im Traume erſchien. Es war kurze Zeit nach unſerer Ankunft in London. Ich erging mich im Garten und gab meine Seele ſchon den unbeſtimmten Gedanken hin, welche die Köpfe junger Mäd⸗ chen erfüllen. Der erſte Hauch des Frühlingswindes ſtreifte in friſchen Zügen an mir vorbei und einige Vögel, welche ſich in dem ungeheur en London verirrt, ſangen leiſe auf den Zweigen, an denen ſchon die erſten Büſchel von Blättern hingen. Ich hörte Geräuſch im Vorzimmer. Sie waren es, —,—,— 265 Mylord, und traten ſo eben ein? — Ein ſeltener Zufall, . — mein Schickſal vermuthlich . . ließ mich neugierig die Gar⸗ tenthüre halb aufmachen, um hineinzuſehen. Ich ſah Sie, und fand Sie ſehr ſchön. Mein Vater hatte aus Frankreich zwei große Lakaien mitgebracht, welche Ihnen den Weg vertraten. — Sie erzürn⸗ ten ſich nicht, Ihre Züge behielten die ſtolze Gleichgültigkeit, und doch traten jene ſofort auf die Seite, ſobald Sie ihnen einige Worte geſagt hatten, welche Sie mit einer gebieteriſchen Geberde begleiteten. Ich verwunderte mich, Mylord, denn ich hatte häufig dieſelben Menſchen auf inſolente Weiſe den Beſuchern Wi⸗ derſtand leiſten ſehen. Ich verwunderte mich beſonders über dieſe Gewalt, welche Sie ausübten, und daß Sie ſich Ge⸗ horſam erzwangen, ohne die Stimme zu erheben, ohne Zorn, ohne Drohungen. Mein Vater wußte ſich auch Gehorſam zu verſchaffen, aber blos durch Schrecken. Es war das erſte Mal, Mylord, daß ich einen Mann ſah, der zum Befehlen geboren iſt. Ihre ruhige Stimme brachte ungewohnte Vibrationen in mein Ohr. Ihr kalter Blick, der, dieſen Bedienten gegenüber, Zorn zu verachten ſchien, aber feſt und verſchloſſen den gebieteriſchen Lakonismus Ihres Befehles unterſtützte, erfüllte mich mit Bewunderung und Furcht. — Und doch waren das Dinge, welche in Lon⸗ don nicht viele junge Mädchen in Erſtaunen geſetzt hätten. I. 12 266 Aber Sie müſſen nicht vergeſſen, in welcher Umgebung meine Jugend vergangen war. Und man muß auch bedenken, Brian, daß Sie ſelbſt in den Dingen des gewöhnlichen Lebens eine Art und Weiſe haben, welche ſich von der anderer Leute unterſcheidet, Gott hat Sie nach einem beſonderen Muſter geſchaffen, Sie ſind der Einzige ſo, ſtets erkennbar mitten in der Menge, nirgends Jemanden findend, der Ihnen ähnlich oder gar gleich wäre, der Erſte überall, der Erſte immer! .. Suſanna unterbrach ſich. — Brian hatte lächelnd das geſtickte Schnupftuch, welches er noch in der Hand hielt, ihr auf den Mund gelegt. Das ſchone Mädchen beantwortete dieſes Lächeln durch ein anderes, voll ruhigen Glücks. — Sie haben Recht gehabt, Mylord, mich zum Schwei⸗ gen zu zwingen. Ich würde doch keine Worte gefunden haben, um Alles zu ſagen, was mein Herz empfindet. — Wollen Sie mich denn vor Stolz närriſch machen, Mylady? flüſterte Lanceſter. — Ich möchte meine Seele wie ein Vuch vor Ihren Augen öffnen, Brian, wie ein Buch, deſſen Seiten alle man auf einmal, und mit einem Blicke leſen kann, damit Sie ſähen, daß mich nichts erfüllt, als der Gedanke an Sie! — Und Sie werden immer ſo ſein, nicht wahr, Suſanna? ſagte Lanceſter mit jenem ſanften Zauber, welchen glückliche Liebe in ihre Stimme zu legen weiß. 3 — Immer, wiederholte ſie. — O, gewiß immer, Mylord! 4. . ithieei 267 Man begann ſchon die Annäherung der Abenddämme⸗ rung gewahr zu werden. Die wenigen Stunden, während welcher es der Januarſonne gelingt, den dicken, über London wie ein ſchwerer Mantel liegenden Nebel zu durchdringen, erreichte ihr Ende. Der Nebel wurde draußen dichter, und die Gegenſtände im Zimmer warfen einen Schatten, in wel⸗ chem man nichts mehr unterſcheiden konnte. Suſanna fuhr fort: Als Sie in das Büreau meines Vaters eingetreten waren, Mylord, ſchlich ich mich an der Mauer des Hauſes entlang, und ſtellte mich dem Fenſter gegenüber, an einen Ort, von welchem aus ich Sie ſehen konnte, ohne ſelbſt ge⸗ ſehen zu werden. Mein Herz ſchlug ſehr ſtark, und ich wußte nicht warum; meine Augen brannten, wie wenn man weinen will, und doch empfand ich im Innern meiner Seele eine unbekannte Freude. So lange Sie bei meinem Vater blieben, verharrte ich auf meinem Platze; ich betrachtete Sie, es war mir, als wenn irgend etwas von Ihnen zu mir überginge, und ich be⸗ rauſchte mich an dieſer geheimnißvollen Berührung. Wiſſen Sie, Mylord, von jenem Tage an liebte ich Sie, faſt eben ſo ſehr, als ich Sie jetzt liebe. Als Sie das Haus meines Vaters wieder verließen, und ich Sie nicht mehr ſah, wurde mir kalt, und ich ver⸗ goß bittere Thränen. Darauf ſetzte ich mich unter einen Baum, und gefiel 12* — 268 mir darin, mit Ihrem Vilde zu liebkoſen, das mit feurigen Zügen in meiner Seele war. — Haſt Du dieſen Gentleman geſehen? fragte mich mein Vater. — O ja, mein Herr, antwortete ich. — Mit welchem Tone Du das ausſprichſt, Suky, rief er lachend; — ich wette, daß er Dir Furcht gemacht hat ... es iſt ein Narr, Miß Suſanna, der noch für zwei Jahre zu leben hat, und ſich alle Mühe gibt, dieſe zwei Jahre auf ſechs Monate zu reduciren. — Wie heißt er, mein Serr? — Brian von Lanceſter. — Ich glaube, daß niemals eine Muſik köſtlicher an mein Ohr geklungen iſt, als Ihr Name! — Brian! . H, Ihr Name iſt, wie Sie ſelbſt; er iſt ſanft und ſchön, und erquickt das Herz .. Jetzt gab es für mich faſt keinen Schlaf mehr. Ich dachte Tag und Nacht an Sie . . und wenn ich einſchlief, Brian, ſah ich Sie im Traume. O, wie vielmal habe ich mich ſo geſehen, wie ich hier neben Ihnen ſitze, die Hand in der Ihrigen, Ihrem Lächeln durch das meine entſprechend aber ich wachte auf, Mh⸗ lord, und das Erwachen nach einem ſo ſchönen Traume iſt grauſam. Suſanna ſprach die letzten Worte mit zitternder Stimme aus — auf ihrer ſchönen Stirne lagerte Traurigkeit. — Arme Ophely! murmelte ſie; — bisweilen wacht — — 269 man auch ſo nach dem Glücke auf! . .. Und doch iſt fie ſchön, Mylord, nicht wahr, ſchön und edel? .. — Schön und edel in der That, antwortete Lanceſter, die Schönſte und Edelſte nach Ihnen, Suſanna! — und er liebt ſie nicht mehr, ſagte das Mädchen ganz leiſe. — Das macht, weil er ſie nie geliebt hat, Madame! Der Serr Marquis von Rio Santo iſt ein Ehrgeiziger. — Und Sie, Brian? rief Suſanna aus. Brian ſchüttelte lächelnd den Kopf; ich, ich bin ein Narr, Madame! Suſanna fragte ihn mit unruhigem Blicke, als ob ſie befürchte, daß in dieſer Antwort Bitterkeit oder Spott liege, aber das offene Geſicht Brian's ſchien ſich jenes phlegmati⸗ ſchen und zugleich ſpöttiſchen Ausdrucks gansz entwöhnt zu haben, welcher ihm bei ſeinen Aeußerungen als Eccentricman ſo wohl ſtand. Er nahm ſein téte à téte ſehr ernſthaft, er liebte ernſthaft und von ganzer Seele, wie der Sohn eines Squire bei ſeiner erſten Leidenſchaft, wie ein Clergyman von zwanzig Jahren, wie ein Dichter. — Es dauerte ſehr lange Zeit, Mylord, hub Suſanna wieder an, bis ich Sie wiederſah. Mein Vater hatte Ihnen wahrſcheinlich eine ſehr ſtarke Summe geliehen, Sie kamen ſo bald nicht wieder nach dem Hauſe von Goodmans Field. Aber ich vergaß Sie nicht, ich wartete. Im Parke begegnete ich Ihnen zum zweiten Male. Ich erkannte Sie ſchon ganz von ferne unter all den Gentlemans, 270 welche ſich in den Alleen befanden, und mein Herz flog Ihnen zu. — Sie ritten einen ſchönen Schweißfuchs, deſſen ſtolzer Gang den Neid und die Bewunderung Ihrer Neben⸗ buhler hervorrief. — — Ruby, unterbrach Brian ſie mit einem unwillkür⸗ lichen Seufzer. Suſanna küßte das Medaillon — es war das eine Art ſtummer Leichenpredigt für das arme Roß. — Sie ritten mit Ihrem glänzenden Jokeycoſtüme höchſt anmuthig, und beherrſchten Ihr Pferd, das kokett tanzte und mit ſeinem ſchwungreichen Hufe über den Boden hinflog. Bisweilen waren Sie plötzlich mir aus dem Geſichte, dann kamen Sie wieder ſchnell, wie der Wind zurück, und Ihr Pferd ſpielte ſchäumend mit dem goldenen Gebiſſe der Candare, und krümmte ſeinen zarten Kopf .. . Sie hatten in Ihrem Knopfloche eine Camelia, — es war die Blume, welche ich ſo lange Zeit als Andenken an Sie aufbewahrt habe, Mylord! Plötzlich entſtand Lärm in der Menge. Ein von vier prächtigen Pferden gezogener Wagen hatte eine arme Frau übergefahren, welche blutend auf dem Boden lag. — Sieh, Suky, ſieh da, ſagte mein Vater, das iſt White Manor, der eine alte Frau übergefahren hat. . zum Teufel, er kehrt ſich nicht einmal um, ſie anzuſehen. — Ich will ſie aufheben, mein Herr, rief ich und gab meinem Pferde einen Schlag mit der Reitpeitſche. Aber Ismael griff mir in den Zügel. ————— 271 — Thorheiten, nichts als Thorheiten! ſagte er. . wenn die Alte todt iſt, wozu ſie dann aufheben? und iſt ſie nicht todt, wird ſich ſchon irgend ein Narr finden, der ihr zu Hülfe kommt. .. — Der Narr waren Sie, Mylord . . . erinnern Sie ſich deſſen wohl? — Ich glaube, mich unbeſtimmt zu entſinnen, fing Brian gelaſſen an. — O, ich erinnere mich ſehr genau, Brian, mir iſt, als ſähe ich Sie noch, Sie ſprangen zur Erde und nah⸗ men die ohnmächtige Frau in Ihre Arme. Ein Riechfläſchchen, ſchöne Damen! riefen Sie, indem Sie Ihr Schnupftuch ſchwangen. Wohl zehen Equipagen hielten an, und viele hübſche Damen grüßten Sie mit Lächeln, ſtatt eines Flacons fielen zwanzig Ihnen zu Füßen. Als Sie ſich bückten, um einen davon aufzulangen, fiel die Blume Ihnen aus dem Knopf⸗ loche. — Ich ſtieg ab, Brian, ſtürzte darauf zu, und ehe mein Vater noch wußte, was ich thun wollte, hatte ich die Blume ſchon in meinem Buſen verſteckt. Sie hoben die alte Frau auf und ließen ſie an flüchti⸗ gem Salze riechen ... Darauf, als ſie wieder zu ſich ge⸗ kommen war, gaben Sie ihr Ihre Börſe, Brian! — Nun, brummte Ismael, das nenne ich noch ſein Geld auf noble Weiſe wegwerfen .. aber bei alle dem iſt er nicht ſo närriſch, als er den Anſchein hat, und von 272 allen übergefahrenen Weibern weiß er ſich gerade die aus⸗ zuſuchen, welche von White Manor übergefahren ſind .. Brian erröthete. — Im Grunde ſeines Herzens erkannte er die Wahrheit dieſes Vorwurfes. Gewiß unter allen Um⸗ 3 ſtänden würde ihn ſein natürlicher Edelmuth angetrieben haben, dem Unglücke zu Hülfe zu kommen, aber das von ſeinem Bruder verurſachte Elend hatte doppeltes Recht auf ſeinen Schutz, nicht aus einem brüderlichen Gefühle, ſondern aus Antagonismus. Er erröthete, weil er fühlte, daß er hier die Bewunde⸗ rung Suſanna's nicht verdient habe. — Dieſe fuhr fort: — Mein Vater konnte nicht begreifen, daß man ohne Grund edelmüthig ſein könne. Leute wie Sie, Mylord, waren für ihn ein Räthſel, deſſen Auflöſung er nicht erra⸗ then konnte. Aber mich veranlaßte das nur, Sie noch mehr zu lieben, zu ſehr zu lieben, denn der Gedanke an Sie belagerte mich fortan förmlich. Ueberall und immer waren Sie vor mei⸗ nen Augen. Unaufhörlich ſah ich Ihre hohe und ruhige Stirne und die ſtille Verwegenheit Ihres Glückes. Es war ein willkürliches Leiden und um ſo unheilbarer, als ich mich nicht ihm zu entziehen ſuchte. Ich gefiel mir darin, und erbaute mir, wenn ich erwacht war, träumeriſche Luftſchlöſſer, welche in meinem Schlummer wiederkehrten. Ich hatte heftige, aber blinde Wünſche, und ich hoffte, ohne mir deutlich zu werden, was? In dieſer erſten Zeit meiner Liebe weinte ich heftig, — — —FY 273 und wenn mein Vater mich mit Thränen in den Augen überraſchte, ſagte er zu mir: — Geduld, Suky, Geduld! wir wollen ſchon für Dich ſorgen, meine Tochter, und binnen Kurzem werde ich Dich an einen Ort führen, wo Du wirſt wählen können. Ich glaube jetzt ungefähr den Sinn dieſer brutalen Worte zu verſtehen, zu jener Zeit glitten ſie wie leeres Ge⸗ räuſch an meinem Ohre vorüber. Mein Vater hielt indeß ſein Verſprechen, und führte mich eines Abends an einen Ort, wo ich hätte wählen kön⸗ nen. Aber nicht in dieſer Abſicht führte er mich gleich da⸗ hin, er rechnete auf mich, um eine Art Komödie zu ſpielen, welche geeignet ſei, ſeinen Speculationen zu dienen. Ich erzählte Ihnen ſchon, Mylord, von jenem nächtli⸗ chen Mahle, bei welchem Ismael ſeinen Brüdern, den Juden die verſchiedenen Vortheile aufzählte, welche er von mir zu ziehen hoffe. Er hatte an jenem Abend geſagt, daß ihm eine Sirene fehle, um die Spieler in ſeine Hölle herbeizu⸗ locken. Das war nicht ganz richtig, denn die koſtbaren Sa⸗ lons im Golden⸗Club waren ſtets von ſchönen, wie Kö⸗ niginnen geſchmückten Frauen angefüllt, nichts deſto weniger genügten dieſe Frauen nicht, wie man glauben muß, denn Ismael wollte ſich auf mich ſtützen, und mich eine Sirenen⸗ rolle ſpielen laſſen. Er hatte eine Art theatraliſcher Ueberraſchung ſich vor⸗ genommen, welche mit den herrlichen Decorationen des Clubs übeteinſtimmte. In dem Hauptſaale war ein reicher 12* * 274 Vorhang angebracht, hinter welchem meine Harfe und mein Piano ſtand. Vor dem Vorhange befand ſich eine hohe Baluſtrade von ſtarker Arbeit, welche den Durchgang hinderte. Als ich zum erſten Male hineintrat, wirkte dir warme und parfümirte Luft des Saales lebhaft auf meine Nerven, ſo wie das Geräuſch der Unterhaltungen in der Nähe meine ſcheue Schüchternheit erſchreckte. — Mein Vater befahl mir, mich ans Piano zu ſetzen. — Sabe keine Furcht, Miß Suky, ſagte er zu mir, und ſinge ſo ſchön Du kannſt .. . Niemand kann Dich ſehen. Er ſagte wahr, der Vorhang ſchützte mich vollkommen vor allen Blicken. Ich ließ die Finger über die Taſten des Inſtruments hingleiten, und jenſeits des Vorhanges ließen ſich die ſchel⸗ tenden Stimmen einiger Spieler gleich vernehmen. — Das iſt eine ſchlechte Erfindung, Spencer, ſagte man; laſſen Sie das Piano ſchweigen, das uns die Ohren zerreißt. — Nur immer weiter, Suky, ſagte mein Vater zu mir. Es war mir ganz gleich, Mylord, ob ich den Leuten, welche ſich hinter dem Vorhange befanden, gefiel oder nicht. Ich präludirte noch einige Sekunden, und darauf begann ich eine Arie aus einer franzöſiſchen Oper, welche ich früher von Demoiſelle Falcon gehört hatte. Anfangs erhob ſich meine Stimme kalt und methodiſch, als ob ich vor meinem Lehrer ſänge, aber ich kann dem Zauber der Muſik nicht lange widerſtehen, Mylord. Die Leidenſchaft ergriff mich, 275 ich gab, wie immer, meine ganze Seele dem Geſange hin. Ich vergaß, was mich umgab, vergaß den Ort, wo ich mich befand; ich ſang nur für nich. — So iſt's recht, Miß Suky, ſagte ganz leiſe mein Vater, als ich die letzte Note des Finale beendet hatte. In demſelben Augenblicke brach ein wahnſinniges Bravo⸗ gerufe im Saale aus, das ſeltſam genug im Widerſpruche ſtand mit dem unwilligen Gemurmel, welches die erſten No⸗ ten meines Geſanges begrüßte. — Es iſt die Malibran, ſagte man. — Es iſt die Catalani, welche aus der Verjüngungsquelle getrunken hat. — Es iſt die Paſta, die ihre hohen Soprantöne wieder⸗ gefunden. — Meine Theuren, rief eine flötende Stimme, es iſt eher die Griſi ... Sie kennen die Grifi noch nicht. Sie wer⸗ den die Griſi kennen lernen ich ſpreche ganz im Ernſte. Mein Vater rieb ſich die Hände und lachte ſtill vor ſich hin. — Mylords, ſagte er endlich, es iſt weder die Malibran, noch die Catalani, noch die Paſta, noch die Griſi. — und wer iſt es denn, Mr. Spencer? — Es iſt die Sirene, Mylords. Auf der andern Seite des Vorhanges wurde ein Ge⸗ ziſchel laut; mein Vater wartete ängſtlich, was daraus folgen werde. Ich, Mylord, horchte und hoffte unbeſtimmt, daß ich Ihre Stimme unter den andern hören würde . Sie waren wohl nicht an jenem Abend dort? 276 — Ich war nicht dort, Madame, aber ich habe ſpäter, wie ganz London, die geheimnißvolle und unvergleichliche Sirene von Golden⸗Club gehört .. und ich begreife jetzt, warum Ihre Stimme ſo tief in meine Seele drang ich konnte nur lieben, was ich von Ihnen kannte, Mylady, und ich liebte Ihre Stimme. Wie viel beſſer und mit wie froherem Herzen würde ich geſungen haben, hätte ich gewußt, daß Sie mir zugehört, Mhlord! Nach einigen Sekunden wurde das Geziſchel immer lauter, bis es endlich in Geſchrei ausartete. Man wollte mich ſehen und forderte laut rufend, daß die Baluſtrade aufgemacht würde. — Mylords, ſagte mein Vater, es thut mir unendlich leid, Euren Herrlichkeiten etwas abzuſchlagen, aber die Sirene wird ſich nicht zeigen. — Hundert Pfund! wenn Siemich allein einlaſſen wollen, Ismael, ſagte eine Stimme. — Fünfhundert Pfund! ſagte eine andere. Mein Vater konnte kaum ſeine Freude zurückhalten. — Es iſt ein Geſchäft, bei Beelzebub, es iſt ein Geſchäft, murmelte er. — Tauſend Pfund! rief es wieder hinter dem Vorhange. — Um keinen Preis, Mylords, antwortete Ismael; — und erlauben Sie mir, Eure Herrlichkeiten zu bitten „ daß Sie weiter ſpielen . die Sirene iſt nicht mehr da. — Wird fie wiederkommen? 277 — WMorgen, Mylords, wird die Sirene ſingen. Dies ſagend, zog mich mein Vater fort und ließ mich in einen Wagen ſteigen, der mich nach Goodmans Field zurück führte. Am andern Tage waren die Salons von Golden⸗Clubb zu eng, um die Menge zu faſſen, welche mit Anbruch des * Abends dorthin ſtrömte. Ich ſang. — Man ſtürmte die Valuſtrade, um mich zu ſehen. — Aber ich war ſchon fort und die Pferde meines Vaters fuhren mich in Galopp nach unſter Wohnung. Er war in der That ein geſchickter Mann, Mylord, Er hatte die Menge wohl beurtheilt, aus welcher ſeine Kundſchaft beſtand. Dies Geheimniß reizte die Neugier der blaſirten edeln Lords aufs lebhafteſte, Man ſprach von mir in London. — Man ſprach nur von Ihnen, Mylady, unterbrach ſie Brian; — Maler, welche Sie nie geſehen haben, machten Ihr Portrait und die Journale von Paris brachten uns bald das Echo Ihres Rufes zurück, der über das Meer hinge⸗ drungen war . . Aber wurde Niemand zugelaſſen, Sie zu ſehen? — Niemand, Mylord; — Keiner kann ſich rühmen, die Sirene von Golden⸗Club geſehen zu haben. Mein Vater wartete und ſpeculirte auf die Wirkung der bis zum Wahn⸗ ſinn getriebenen Neugier; er erwartete den Parorysmus der Mode, um um mich zu opfern, Mylord, wie ich glauben muß. Uebrigens machte er keineswegs gegen mich ein Ge⸗ — 278 heimniß aus ſeinen Plänen, aber ſie erſchreckten mich wenig, weil ich ihre Bedeutung nicht verſtand. Wir Frauen haben ein eitles, leichtfinniges und beſon⸗ ders für die Freuden des Stolzes zugängliches Serz. Wie würde ich von dieſem Beifalsruf, welcher jeden Abend meinen Geſang begleitete, eingenommen worden ſein, wenn Ihr Andenken, Brian, nicht meine Seele eingenommen hätte? Und doch, ich will es geſtehen, brachte der Stolz manchmal die Liebe in mir zum Schweigen und der laute Beifallsſturm erſtickte den Ruf meines Herzens. Ich verzeihe mir heute, wenn ich daran denke, daß Ihr Beifall ſich mitunter in den der Andern miſchte. Er war es vielleicht gerade, der die Decke meiner Gleichgültigkeit durchbrach, und was ich für Stolz hielt, war vielleicht eine geheimnißvolle Liebesahnung ... Suſanna, ſagte eines Abends mein Vater zu mir, Du ſollſt ſehr glücklich werden. Ich will eine Lady aus Dir machen und unter den Lords, welche Dir jeden Tag applau⸗ diren, ſollſt Du wählen, meine Tochter! .. ——————————————— Achtzehntes Kapitel. Der Golden⸗Club. — Mein Vater ſagte mir dies, Brian, fuhr das ſchöne Mädchen fort: unter all dieſen Lords ſollte ich wäh⸗ len! Dieſer Gedanke nahm nur verwirrt in meinem Geiſte Platz. Ich hätte nicht ſagen können, warum er mir wider⸗ derſtrebte und doch bemächtigte ſich, bis ich fortfuhr, ein unbeſtimmtes und dumpfes Gefühl von Niedergeſchlagenheit meiner Seele. Ich dachte an Sie, mein Herz rief Sie zu Hülfe und ich ſagte mir, daß Sie allein vor dieſer bevor⸗ ſtehenden und unbekannten Gefahr mich würden retten können. Ich ſetzte mich, mit einer glänzenden Toilette angethan, in den Wagen meines Vaters und wir fuhren von Gvod⸗ mans Field fort. 280 Während des ganzen Weges war mein Vater übertrie⸗ ben luſtig, aber die Fröhlichkeit Ismael's hatte ſtets einen Hinterhalt von Bitterkeit, der traurig machte und Befürch⸗ tungen erregen ließ. Als wir in Leiceſter⸗Square ankamen, ſtand ſchon eine lange Reihe von mit Wappen verſehenen Equipagen vor der Thür des Golden⸗Club. — Bravo, bravo! murmelte fröhlich mein Vater, — wahrhaftig, Miß Suky, Du wirſt nur die Qual ver Wahl haben. Wir fuhren bei der Hauptthür des Club's vorbei, um durch die Hinterthür einzutreten. So geſchah es jeden Abend, weil, wenn ich durch den gemeinſchaftlichen Eingang gekom⸗ men wäte, mein Incognito, auf welches mein Vater ſo viel hielt, bald entſchleiert worden ſein würde. Als wir in den Theil des Saales traten, welcher ſich hinter dem Vorhange befand, konnten wir an dem bedeutenden Lärm der Unter⸗ haltung merken, daß die Verſammlung noch zahlreicher war, als gewöhnlich. Sie plaudern, dieſe elenden Schwätzer, brummte mein Vater; ſie plaudern, und das iſt Alles. Wenn man ihnen alle Abend ein Concert gäbe, würden ſie bald vergeſſen, daß der Golden⸗Club ein Spielhaus iſt .. . Sieh einmal nach, ob ſie um den grünen Teppich verſammelt find, Suky! Jetzt erſt bemerkte ich ſehr kleine Löcher in dem Teppich, welche höchſtens ſo groß waren, als die Schnürlöcher eines Corſets und die ſich hier und da in dem Vorhange befan⸗ 281 den. Das Auge an dieſe Löcher nahe bringend, ſah man mit Bequemlichkeit Alles, was hinter dem Vorhange vorging. Sieh hin, Suky, ſagte Ismael zu mir; ſieh ſo lange als Du willſt. Bei Jacob oder bei Moſes oder bei Pharao, . —— dem Könige von Aegypten, oder auch bei Aſtraboth, meine Tochter .. das iſt Alles egal und es iſt eine thörichte Ge⸗ wohnheit, Gott zum Zeugen zu machen, der nicht exiſtirt, oder den Teufel, der ſich über uns luſtig macht, und Menſchen, deren Knochen ſeit mehr als zwanzig Jahrhun⸗ derten zu Staub geworden find? . . . Sieh hin, Du biſt dazu da! Auf der andern Seite des Vorhanges war eine dichte und ungeduldige Menge; alle Leute ſprachen auf einmal und nur von mir. Ihre Blicke hafteten ſo neugierig an dem Vorhange, daß ich vor Schrecken zurückſtürzte und verwirrt wurde, als ob ſie mich hätten ſehen können. Nun, nun, Suky, fürchte Dich nicht, ſagte mein Vater. Die Augengläſer Ihrer Herrlichkeiten und Ihrer Gnaden, — denn es ſind auch Herzoge dabei, Miß Suſanna, — können durch den Vorhang eben ſo wenig durchdringen, als durch eine Mauer . . O, beim Satan, meine Tochter, wenn ſie errathen könnten, daß Du da biſt und ſie ſiehſt, würden ſie einen ganz andern Lärm machen ... Du weißt es nicht, Suſanna, alle dieſe Noblemen, jung und alt, die ſchönes blondes Haar haben oder Perrücken, welche auf ihrem kahlen Schädel angeklebt ſind, haben Alle einen Nagel im Kopf ſeit 282 dem erſten Tage, wo ſie Dich geſehen .. . Es hat eine Wette unter ihnen ſtattgefunden; — und mich geht es ſehr viel an, meiner Treu, weil ich ſtets der Gewinnende dabei ſein werde, — eine Art von Wette, ſage ich, wer der Herr Deines Herzens bleiben wird .. Willſt Du, Suky, daß ich Dir meinen Rath bei dieſer Angelegenheit ertheile? — Dieſe Gentlemen kennen mich alſo? fragte ich, anſtatt ihm zu antworten. — Nein, Suky, dem Teufel ſei Dank! .. Das hieße die Hälfte Deines Zaubers aufs Spiel ſetzen. Es hilft Dir Alles nichts, daß Du ſchön biſt, die Einbildung dieſer Leute weiß Dich doch noch mehr zu verſchönen .. . Und dann verlaß Dich auf mich, Dein erſter Geliebter wird ein Bild von Dir entwerfen, daß ſeine unglücklichen Nebenbuhler ganz närriſch werden und die Hälfte des Oberhauſes im Stande iſt, ſich aus Liebe zu Dir eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen ... Ich denke, das wird Dir hinlänglich ſchmeicheln, meine Tochter! — Sie iſt blond, ſagte man auf der andern Seite des Vorhanges, blond und roſenroth, ein Engel, bei Gott! — Ei bewahre, Mylord, antwortete ein Anderer, dieſer Teufel von Spencer kommt aus dem Orient . es iſt jeden⸗ falls eine Cireaſſierin .. . das ſchönſte Blut auf dem ganzen Weltall .. . eine Odaliske iſt es, aus dem Serail Maho⸗ med's geraubt, eine Stunde vorher, ehe der Sultan ihr ſei⸗ nen erſten Beſuch gemacht. Man hatte mir geſagt, antwortete ein Dritter, daß ſie 283 ein wahrer Raphaelskopf ſei, eine römiſche Jungfrau, eine wahre Madonna ... Höre ſie einmal an, Sukh, ſagte mein Vater und lachte von ganzem Herzen. Plötzlich wurde er ernſthaft. Zum Teufel, jetzt werden ſie ſchon ungeduldig, begann, er, und man muß mit der Ungeduld von Leuten dieſer Art nicht ſein Spiel treiben, Miß Suſanna. Man könnte ſich dabei ſehr übel befinden, beſonders, wenn man eine, von der Polizei nicht geduldete Spielhölle hält .. . Nun, laß ſehen. Ich möchte Dein Herz nicht zwingen, Suky ich will Dir ſagen, wer die Reſpektabelſten unter dieſen Lords ſind und darauf ſollſt Du wählen. — Warum überhaupt wählen, mein Herr? fragte ich ihn. Er runzelte die Stirn und ſtieß mit dem Fuße auf den Boden. — Es iſt nicht mehr die Zeit, mich nicht mehr verſtehen zu wollen, ſagte er mit kurzer und gebieteriſcher Stimme. Wenn es ein Spiel iſt, ſo mache ein Ende damit, — und wenn Du wirklich nicht verſtehſt, ſo laß mit Dir machen, was ich will, oder wehe Dir! — Nun, nun, kleine Närrin, fuhr er einen Augenblick darauf fort, indem er ſein Lächeln wieder aufnahm; — Du verdirbſt mir die gute Laune, in welcher ich heut Abend war ... tritt herzu und betrachte Dir die Leute, ſei vernünftig ... Nun, biſt Du fertig? . Jetzt paß' auf! Jedem Lord ſoll ſeine gebührende Ehre er⸗ wieſen werden. Sieh dort jenen guten Mann mit den weißen Haaren, welcher die ehrwürdigſte Phyſtognomie in 284 den drei Königreichen beſitzt. Es iſt Niemand Geringeres als Se. Gnaden, der Herzog von Marlborough, minder be⸗ rühmt, als ſein glorreicher Vorfahr, von dem das Volkslied ſpricht, aber ein beſſerer Spieler. .. Er hat hier eines Abends achtzig tauſend Pfund verloren, und ſie am andern Tage bezahlt. Was ſagſt Du dazu? Ich ſchwieg ſtille. — Du ſagſt nichts? . . . Nun gut, meine Tochter . Ganz dicht bei Sr. Gnaden ſiehſt Du den Marquis, von Granby, Sohn des Herzogs von Maitland . . . Se. Herrlich⸗ keit iſt gewiß ſehr häßlich, Miß Suky, aber ſie beſitzt Mil⸗ lionen von Pfunden, und das iſt ein Punkt, den man ſehr wohl in Betracht ziehen muß. Was ſagſt Du zum Marquis von Granby? — Es iſt mir ſehr gleichgültig, mein ob er reich iſt oder nicht. — Vortrefflich, Miß Suky! er gefällt Dir alſo nicht .. Sieh, Jener dort wird vielleicht Gnade vor Deinen Augen finden. Er iſt ein König des Sports, ein Eccentrie der beſten Qua⸗ lität, der mit ſeinen nicht genug zu rühmenden Originalitäten ein nicht zu berechnendes Vermögen durchbringt . . . Sah man jemals ein ehrlicheres und rötheres Geſicht, das von einem bürgerlicheren gelben Backenbart eingefaßt war? .. 6 ſiehſt Du, mein Kind, neulich hat der Graf von field, — des iſt der Name Sr. — durch z. Stnßen der City einen Fuchs gehetzt . . . Es war mei⸗ 6 * ner Seel ein ſeltſames Ding, den Ruf der Piqueurs in — 285 Leadenhall⸗Street zu vernehmen, Fanfare in Cornhill zu hören, und im Church⸗Yard dem Aufbruch beizuwohnen. — Der Graf folgte, auf einem ſehr ſchönen Pferde reitend, und im Jagdeoſtüme .. . Es wird Dir ſehr viel Spaß machen, Suky, zu hören, daß der Fuchs bei Chancery⸗Lane vor Temple⸗Bar geſtellt wurde . .. Das arme Vieh hatte das Schickſal der hunderttauſend Unglücklichen, welche jedes Jahr in derſelben Gegend von den Attorney's von Inner⸗Temple gehetzt werden. . . Du kannſt Dir denken, daß ſeit jenem Tage Se. Herrlichkeit ſehr in der Mode iſt. Man trägt ſehr viele Röcke à la Ch. . ſield, Suky .. Gefüllt Dir der Graf, mein Kind? — Nicht mehr und nicht minder, als ein Anderer, antwortete ich. — Nicht?. . Gehen wir alſo zu einem Andern über .. Dort iſt ein dicker, ſchöner Mann, in den gewiſſe Lady's ganz vernarrt ſind. Er hat auch Eigenſchaften, Suky, große Eigenſchaften. Er iſt ein ausgezeichneter Larker; er ſchlägt in London die Policemen und die Watchmen in der City. *) Er ſchlägt Nachts ſo lange an die Kupferhämmer der Thüren, bis ſie von denſelben losgehen, und ſchlägt die Lakaien, welche ihm zu öffnen kommen. Er bort die coal⸗ heavers (Kohlenträger), er bort ſogar die ſchmutzigen dustmen ) Die Policemen ſind erſt 1839 durch Sir Robert Peel in der City eingeführt worden. Bis vahin fuhren die Watchmen fort, in der ganzen Ausdehnung der Jurisdietion des Lord Mayor Wache halten. 286 (Gaſſenkehrer). Schon vor langer Zeit hat Daniel OConnell in ſeiner wenig hofmänniſchen Beredtſamkeit ihn in Ge⸗ meinſchaft mit ſeinem ehemaligen Kameraden, dem Grafen White Manor, ein Schwein genannt. — Aber alles das kann ihn nicht abhalten, ein ſehr feiner Mann zu ſein, und ich rechne es mir zur Ehre, ihn Dir vorzuſtellen, Suky: — Der erſte Marquis von Irland, Harry von Poer⸗Beresford, Marquis von Waterford, Graf von Tyrone, Viscount Tyrone Baron von Poer, Lord von Curraghmore u. ſ. w. . . . hat Se. Herrlichkeit das Glück Dir zu gefallen? — Nein, mein Herr! — Teufel, Miß Suky ... Du biſt ſehr ſchwierig . ſindeſt Du etwa mehr Gefallen an jenem Don Juan mit dem verwegenen Blicke, dem Oberſten Rabican? Ich benach⸗ richtige Dich, Suſanna, daß dieſer edle Graf alle ſeine Geg⸗ ner im Duell tödtet, in allen Spielen gewinnt, und die Frauen aller ſeiner Freunde zu den ſeinigen macht . . Er iſt ein Lord von Verdienſt . .. ſchätzeſt Du ihn nicht? .. Nun gut! dort, nicht weit von ihm ſteht ſein intimſter Feind, Lord William Bagget . . . Dieſer Lord iſt ebenfalls nicht ohne Eigenſchaften. Neulich hat er ſeine legitime Gat⸗ tin in verbrecheriſcher Unterhaltung durch ſeinen Groom, der unter dem Sopha verſteckt war, überraſchen laſſen, und blos in der lobenswerthen Abſicht, eine hübſche Summe aus der Taſche des Verführers zu ziehen ... Aber Lord Rabican iſt nicht der Mann der ſo leicht mit ſich umſpringen läßt. Man hat plaidirt, Miß Suky, ſehr gut plaidirt die 287 Advokaten beider Partien haben anſehnliche Scheuſeligkeiten zu Tage gefördert.. und die beiden edlen Lords ſitzen nach wie vor im Oberhauſe und erfreuen ſich der allgemeinſten. Achtung . .. Ich ſehe, daß Lord Bagget Dich nicht verführt; um ſo beſſer! er iſt nicht reich ... Aber jetzt aufgepaßt, Miß Suſanna, und hier widerſtrebe nicht ſo leicht hin . Sieh dort jenen vornehmen Herrn, der zwiſchen zwei Damen ſitzt, und in ſeiner weißen faltigen Hand eine mit Brillanten beſetzte Doſe hält. Es iſt Lord Clankildare, meine Tochter, der hingebende Liebhaber des ſämmtlichen, auf der Oberfläche der Erde vertheilten ſchönen Geſchlechtes.. er legt eine große Summe von Pfunden allmonatlich einer Franzöfin von einem gewiſſen Alter zu Füßen, welche, ſo gut es geht, auf einem kleinen, faſhionablen Theater alle Arten von Rollen ſpielt. — Man ſagt, daß Se. Herrlichkeit ſeinen Koch zum Nebenbuhler habe das iſt ſehr engliſch. . . bedenke es wohl, Suſanna, Du kannſt aus Lord Clankildare machen, was Du willſt. — Ich will gar nichts aus ihm machen, mein Herr, entgegnete ich. — Du wirſt eines Tages Geiſt bekommen, Suſanna, erwiederte mein Vater, indem er ſeinem ewigen und unerbitt⸗ lichen, Spotte einen ärgerlichen Ausdruck gab; — weil Du es willſt, wollen wir Lord Clankildare verdammen ... Ich ſtelle Dir blos Spaßes halber, den ehrenwerthen John Tantivy*) den Bruder Sr. Herrlichkeit, des Lord Roß von Stablefoul vor. *) Tantivy heißt ſpornſtreichs. 288 Es iſt jener lange Menſch, mit dem Ibisgeſichte, der mit ſo ſchmachtender Miene hieher ſieht, Miß Suky. Der ehren⸗ werthe John iſt die Krone der Gentlemen⸗Riders. Er lebt von rohem Spargel und von Hahnenbouillon, um gerade nur das zum Wettreiten nöthige Gewicht zu haben .. . Neben ihm bemerkſt Du gewiß jenen häßlichen Mann, deſſen Un⸗ terkiefer verwegen hervortritt, als wollte ſie ſeinen Backen zur Regentraufe dienen. Das iſt ein Poet, Miß Suky, ein großer Poet, der göttliche und nationale Epopeen macht; man nennt ihn Sir Arkadius Vombaſtic. Er iſt ſehr beliebt bei den Gentlemens, welche an Schlafloſigkeit leiden. . . Uebri⸗ gens fällt es mir nicht ein, Suky, Dir Sir Arkadius vor⸗ zuſchlagen, denn er iſt arm. Indeß wurden alle die edlen Lords offenbar immer un⸗ geduldiger, es war auf der andern Seite des Vorhanges eine Art von allgemeinem Fieber. Die Stimmen begannen lauter zu werden, und einen zornigen Ausdruck anzunehmen. — Teufel, Teufel! brummte mein Vater, man wird ein Ende machen müſſen .. . Wie Du Dir wohl denken kannſt, Suky, würde ich meine Zeit nicht damit verloren haben, Dir Ihre Herrlichkeiten zu erklären, wie man etwa ein Wachsfigurenkabinet erklärt .. Siehſt Du, ich will es Dir nur ſagen: der, auf welchen ich die Augen geworfen habe, und den Du erwählen wirſt, Miß Sukh, — natürlich ganz aus freiem Willen wählen — iſt noch nicht angekom⸗ men. . aber ich hoffe, er wird kommen und auf die Gefahr hin, meinen edlen Kunden Mißvergnügen zu bereiten, will 289 ich noch warten ... Heute Abend wirſt Du nicht fingen, Suky, und Niemand hier nebenan wird ſich darüber Be⸗ ſchwerden erlauben können, wenn ich ankündigen werde, daß unſere Sirene ſich im téte à⸗téte mit dem Mylord Ambaſ⸗ ſadeur befünde Sie fühlen wohl, Brian, daß es unmöglich war, daß ich nicht endlich hätte verſtehen ſollen. Ich hätte zwar ge⸗ nau nicht den Gegenſtand meiner Befürchtung mir erklären können, und vielleicht könnte ich es heute eben ſo wenig, aber meine Furcht hatte jetzt eine feſtere Richtung. Ich fürchtete etwas Poſitives, nämlich das verſprochene téte-à.téte mit einem Manne, den mein Vater Mylord Ambaſſadeur nannte. — Und fand dieſes téte-àtéte ſtatt, Mylady? fragte Brian, der es verſuchte, ruhig zu ſcheinen. Suſanna lächelte ſanft. — Nun haben auch Sie Furcht, Mylord? ſagte ſie .. warten Sie nur ein wenig, ich will es machen, wie der Ver⸗ faſſer von den Büchern, welche Sie mir ſeit acht Tagen lie⸗ hen, und meine Geſchichte weiſe eintheilen. Mein Vater begann nach einem Augenblicke Schweigen wieder: — Suky, ich habe nicht ſagen wollen, daß es Dir ſchlechterdings verboten ſein ſolle, unter dieſen Gentlemen eine Auswahl zu treffen .. . nur wird dieſe Wahl erſt ſpäter ſtattfinden . . . Wie ſcheint Dir zum Beiſpiel jener kleine Franzoſe dort, der ſo närriſch ſein Augenglas hin⸗ und her⸗ ſchwingt? .. . Es iſt der Herr Vicomte von Lantures⸗Luces, II. 13 290 ein liebenswürdiger Pariſer, deſſen Gehirn in Deinem Augen⸗ winkel Platz hätte . . . Neben ihm ſiehſt Du den ehrenwerthen Noſy Trompet, ein whiggiſtiſches Mitglied des Hauſes der Gemeinen. Er ſcheint nicht recht behaglich, nicht wahr? Das kommt daher, Suky, weil unſer Comoners in Gegen⸗ wart der Pairs des Königreichs ſehr kleine Bürgerleute find. Der Ehrenwerthe, ſiehſt Du, ſchämt ſich, daß er ſo wenig iſt. Aber beim Himmel, dort dagegen iſt ein Adamsſohn, der innerlich ſehr von ſeiner Wichtigkeit überzeugt iſt. Sieh .. Ich hörte nicht mehr zu, Mylord. Meine Einbildungs⸗ kraft war beſchäftigt, und ſuchte die bevorſtehende Gefahr zu ermeſſen und zu ergründen. Und je mehr ich mich ſo be⸗ ſtrebte, je beklommener wurde mir das Herz. Ismael ſetzte ſeine ſpöttiſche Gallerie fort. Er zeigte mir noch viele Lords, vornehme fremde Herren, berühmte Aerzte und renommirte Rechtsgelehrte. — Ich wankte auf meinen Füßen, und war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen. — Dort iſt er, dort! rief plötzlich mein Vater aus, indem er meine Schulter berührte, ſieh hin, Suky! Ich ſah hin, Mylord, und ſah Sie .. — Mich? unterbrach Brian ſie erſtaunt. — Sie waren eben eingetreten. .Ich ſah Niemand, als Sie! Ach, aber! Sie waren es nicht, den mein Vater meinte. O, mein Herr, rief ich aus, von einer köſtlichen Hoff⸗ — 291 nung durchſchauert; — Täuſchen Sie mich nicht .. wollen Sie ihm mich geben? Ismael ſah mich feſt an. — Ihm, Suky, ganz gewiß . . . Kannteſt Du ihn denn ſchon? .. — Ob ich ihn kannte, mein Herr! rief ich mit Freu⸗ denthränen in den Augen aus. — Meiner Treu, das trifft ſich ſehr glücklich! mur⸗ melte mein Vater zwiſchen den Zähnen. — Aber man muß geſtehen, daß die jungen Mädchen mitunter einen ſeltſamen Geſchmack haben! . Hol mich der Teufel, wenn ich zu hoffen gewagt hätte, daß Se. Gnaden.. Nun, was geht's mich an! . . Ich werde gehen, Miß Suky, und Dir den Mylord Ambaſſadeur holen. Er ging nach der Thür zu. — Ich gab keine Acht mehr auſ ſeine Worte, Mylord, ich ſah Sie, und berauſchte mich an Ihrem Anblick; ich war glücklich .. Bevor Ismael über die Schwellé ging, beſann er ſich plötzlich, und kam eilig auf mich zu. — Aber, Miß Suky, ſagte er zu mir, wir machen doch kein qui pro quo, hoffe ich; ich ſpreche vom Fürſten Dimitri Tolſtoy, der eben in den Saal getreten iſt. Es iſt jener Mann von hohem Wuchſe, mit dem Geſichte, das ein wenig .. . ein wenig charakteriſtiſch iſt, Miß Suky, mit der Bruſt voller Orden . . wir verſtehen uns alſo doch, denke ich? Ich fand kein Wort, um ihm zu antworten, der Mann, 13* 292 welchen er mir zeigte, war. . . aber Sie müſſen ihn kennen, Brian! .. — Ich kenne ihn, Madame, antwortete Lanceſter, dem das Athmen ſchwer wurde . . . ich bitte Sie, fahren Sie fort! „ Er flößte mir Abſcheu und Schrecken ein, Mylord. Ich rang die Hände und betrachtete meinen Vater mit flehen⸗ dem Blicke. — Ah! .. ſagte der Letztere und furchte die Stirn, — wie ich ſehe, haben wir Mißverſtändniſſe geſpielt. .. und von wem ſprachſt Du denn mit mir, Miß Suky, wenn ich fragen darf? . — Ich ſprach von Brian von Lanceſter, mein Herr! Mein Vater brach in ein trocknes, höhniſches Geläch⸗ ter aus. — Der Bruder des Grafen! rief er aus; — das wäre, meiner Treu! ein hübſcher Spaß. . ein ausgezeichneter Spaß. bei Beelzebub!.. Wenn Brian etwas hätte Hahaha! .. Wenn ich daran denke, kann ich nicht anders, als lachen .. aber er hat nicht einen Heller, Miß Suky! . — Verzeihung, Madame, unterbrach ſie Brian, dieſe von Ismael über mich ausgeſprochenen Worte ſcheinen noch einen geheimen Sinn zu haben . . . Hat er ſich jemals in dieſer Beziehung gegen Sie ausgelaſſen? — Niemals, Mylord! —— Brian ſchien noch eine andere Frage thun zu wollen, aber er beſann ſich und fügte hinzu: — Haben Sie die Güte fortzufahren, Mylady! Mein Vater ſchien in der That, Mylord, fuhr Suſanna fort, noch eine beſondere Bedeutung mit dem Gefühle zu verbinden, welches er gegen Sie hegte und das war es vielleicht, was ihn zum Lachen zwang . . . und Jsmael lachte niemals, wenn er damit nicht eine boshafte Hoffnung ver⸗ band. Aber Sie müſſen beſſer als ich vermuthen können, Mylord, ob ſich hinter dieſem Umſtand noch irgend ein trauriges Geheimniß verbirgt. — In der That, Suky, ſagte Ismael, das wäre ſehr komiſch. . im höchſten Grade komiſch! . . Aber er hat nicht einen armſeligen Heller; ſiehſt Du, und man darf alſo nicht daran denken .. Nun vergiß dieſe Thorheit, und bereite Dich vor, den Fürſten Dimitri Tolſtoy, den ruſſiſchen Geſandten, zn empfangen. — Und was kann dieſer Mann von mir wollen? fragte ich ihn voller Zorn. Ein eyniſches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. — Daſſelbe, was Du von dem ehrenwerthen Brian von Lanceſter willſt, Miß Suky, antwortete er. — Uebrigens wird er Dir das ſchon ſelber ſagen. — Ich will ihn nicht ſehen! — rief ich aus; — mein Herr, ich werde ihn niemals ſehen! — Du wirſt ihn ſehen, Miß Suky, ſprach er mit 294 jener gebieteriſchen, drohenden Stimme, welche er ſtets gegen Roboam annahm; — o, bei Beelzebub, Du wirſt ihn em⸗ pfangen, und zwar ſogleich. Mylord, ich lirt unendlich, und fühlte meine Kräfte ſchwinden, indeß antwortete ich noch entſchloſſen: — Nein, mein Herr, ich werde ihn nicht empfangen! Ihre Gegenwart gab mir Muth, Brian! .. . Ismael ergriff meinen Arm, und drückte ihn ſo ſehr, daß ſeine eiſernen Finger mir bis ins Fleiſch drangen. — Seine Augen hatten einen Ausdruck von düſterer und wahr⸗ haft hölliſcher Bosheit angenommen. — Er näherte ſein Geſicht dicht an das meinige. — Du biſt mein, ſagte er mit einer Stimme, welche durch die Wuth, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, unterbrochen wurde. — Du gehörſt Niemandem als mir, ich bin Dein Herr. . verſtehſt Du? . . . Ich könnte Dich tödten! Brian ſtand, ohne es zu wiſſen, auf und legte ſeine beiden Hände auf die keuchende Bruſt. — Dich tödten, fuhr Suſanna fort, welche ſelber bei dieſer furchtbaren Erinnerung zitterte; — aber es liegt mir mehr daran, Dich zu verkaufen — und ich will Dich ver⸗ kaufen! Sein flammendes Auge verſengte mich. — Widerſtehe mir nicht! ſagte er „heftig meinen Arm ſchüttelnd, oder ich zerſchmettere Dich unter meinen Füßen, wie ich ſchon einmal in Deiner Gegenwart mit 295 Roboam gethan habe, und ich werde Dich ſchlagen, wie ich ihn geſchlagen. Brian ſtieß ein dumpfes Geſchrei aus, und ſank wieder auf das Sopha nieder. * — Aber an wem kann man Sie rächen, Madame! murmelte er. Neunzehntes Kapitel. Fünf Tauſend Rubel. Und ich war da, Watn ſagte Brian, ſo nahe bei Ihnen, während Sie der Drohung eines ſolchen Elenden ausgeſetzt waren .. und ich fühlte Nichts in meinem Her⸗ zen . O, warum riefen Sie mich nicht um Hülfe an! — Ich war niedergeſchmettert, Mylord, antwortete Suſanna, aber ich beugte mich nicht. — Sie kamen mir zu Hülfe, ohne es zu wiſſen, denn wie hätte ich der rutalen Energie Ismael's wiverſtehen können, wenn mein Herz ſich nicht inſtinktmäßig auf Sie geſtützt hätte? In mir ſelbſt hatte ich keine Stütze, denn ich kannte die menſchliche Moral und die göttliche Kraft, welche ſie geben kann, nicht; die religiöſe Macht, welche den ſchwächſten Naturen innewohnt, war mir durchaus fremd. Außer mir, wie konnte ich da Hülfe ſuchen, gegen Ismael, ich, die ich Niemand in der Welt zum Be⸗ ſchützer hatte, als Jsmael? ... Wenn ich widerſtand, ſo geſchah es Ihretwegen und durch Sie. Meine Kraft kehrte mir durch Ihre Gegenwart zurück; — auch abweſend wären Sie mir noch ein Schutz geworden und ich begriff unbeſtimmt, daß mein Vater, wenn er mich einem Anderen gäbe, mich Ihnen für ewig entriſſe. Auf ewig, Mylord! — Was damals bei mir nur ein verworrener Verdacht war, iſt jetzt ein beſtimmtes Gefühl: wäre ich in die Schlinge gefallen, hätten Sie mich niemals kennen gelernt. — Sie ſtehen ſo unendlich hoch über mir, Brian, min⸗ deſtens muß ich Ihnen alſo meine Seele und meinen Körper rein von jedem ſelbſt unwillkürlichen Makel geben. Wenn mein Unglück bis zur Beſchimpfung mich gebracht hätte, hielte ich mich für unwürdig, und würde mich von Ihnen fern halten .. Die letzte Drohung Ismael's machte mich zum Wider⸗ ſtande ſtark. — Sie können mich tödten, ſagte ich zu ihm, aber mich nicht zum Nachgeben zwingen. — Nun gut, ſo werde ich Dich tödten! rief er mit Schaum vor dem Munde; — Dich tödten „ O, aber nicht auf ein Mal! ... Du ſollſt am kleinen Feuer nach und nach, ganz langſam, alle Tage ein wenig ſterben .. Verflucht! welcher Dämon hat Dir dieſe Scham eingeflößt, elendes Mädchen! Fünfzehn Jahre habe ich daran gearbeitet, Dir 13** 298 eine Binde vor die Augen zu legen, und nun biſt Du doch nicht blind! Fünfzehn Jahre habe ich geduldig Deinen Willen gebeugt, Deinen Verſtand in der Dunkelheit erhalten, und nun ſieht Dein Geiſt doch klar! Dein Wille ſtemmt ſich mir entgegen . . . da möchte man den Satan verläugnen und glauben, daß es einen Gott da oben gibt! Er unterbrach ſich, fuhr mit ſeinem Tuche über den Mund und rief mit Anſtrengung ſein kaltes gewöhnliches Lächeln auf die Lippen. — Da bin ich eben ſo thöricht als Du, Miß Suky, hob er wieder mit anſcheinender Ruhe an; — wahrhaftig, ich ſpiele Tragödie wie ein braver dummer Lord, der ſeine Tochter zwingen will, einen buckeligen Millionär zu heira⸗ then Es iſt lächerlich, meiner Treu! .. . hör' mir zu, wir haben Beide Unrecht, der Eine wie der Andre; ſprechen wir vernünftig: ich frage Dich blos Eins: warum weigerſt Pi Hich — Sie wollen mich einem Manne hingeben, und ich will einem andern angehören! Dieſe Antwort brachte ihn beinahe in ſeine ganze Wuth zurück, aber er hielt ſich zurück. — Du willſt! wiederholte er, das iſt ſehr peremtoriſch, Miß Suky! Du vergiſſeſt, daß ich Dein Vater bin! — Was thut das zur Sache? fragte ich. Er biß ſich heftig auf die Lippen. „ — Ganz recht, erwiederte er, ich bin nicht bei Troſte heute Abend das thut allerdings ſehr wenig zur Sache.. 299 Ich wollte ſagen, Miß Suky .. Du vergiſſeſt, daß ich der Stärkere bin. — Nein, mein Herr! — Dann willſt Du mir alſo gehorchen? — Nein! Er entfernte ſich heftig von mir und ging einige Mal auf und ab. Ich benutzte dieſen Augenblick Friſt, um durch den Vor⸗ hang einen Blick zu werfen. Sie waren fröhlich nach Ihrer Art, es war jene Luſtigkeit, welche Ihr Geſicht ſtolz und ernſt läßt und das Lächeln auf alle Geſichter ruft, welche Sie umgeben. — Sie ſprachen von Ihrem Bruder; Sie er⸗ zählten einen von den Streichen in dem ſeltſamen Kampfe, welchen Sie gegen ihn unterhalten. In dieſem Augenblicke, Mylord, muß ich geſtehen, hatte ich große Luſt, Ihren Namen auszuſprechen, und Sie um Hülfe anzurufen. — Aber Sie hatten mich niemals geſe⸗ hen .. und dann empfand ich Furcht für Sie, weil ich das Herz meines Vaters kannte. Er kam wieder auf mich zu, und änderte nochmals den Ton. — Miß Suſanna, ſagte er zu mir mit Kälte und Sarkasmus, Du biſt ein tugendhaftes Mädchen, ganz gewiß; aber ich bin ein ehrlicher Kaufmann .. Ich habe Dich verkauft, bin im Voraus bezahlt worden, und der Käufer erwartet die Lleferung . . . Du wirſt alſo, freiwillig oder mit Gewalt, Miß Suky, die Huldigungen Seiner Gnaden des 300 Fürſten Dimitri Tolſtoy entgegennehmen . . Glaube mir, es iſt gut, wenn Du Dich gegen ihn ordentlich benimmſt; denn die Ruſſen haben eine Art, galant zu ſein, bei der man ſich in Acht nehmen muß, und ich will für Nichts ſtehen .. Aber das iſt Deine Sache ... In zehn Minuten iſt der Fürſt hier; in zehn Minuten wird ein gutes Schloß Euch beide von allen läſtigen Zeugen ſ Auf Wiederſehn, Suſanna! Bei dieſen Worten entfernte er ſich ſchnell. Sie waren nicht mehr da, Mylord! — Würden Sie mich gerufen haben, Madame? rief Brian, det ſich ſeine zufüllige Abweſenheit wie ein Verbrechen vorwarf. — Ich weiß nicht .. Meine Noth war ſo groß ... Aber Sie waren nicht mehr da! .. Ich ſah im Saale nur noch unbekannte, kalte Geſichter, auf die der engliſche Egoismus ſeinen Stempel gedrückt hatte. .. Und unter ihnen ſah ich das wilde Geſicht des Ruſſen, mit dem mich Ismael bedrohte. Vielleicht ließ mein Schrecken mich dieſen Mann falſch ſehen, aber er erſchien mir abſcheulich und furchtbar. Dieſer barbariſche Kopf über dem goldgeſtickten Frack hob ſich für mich aus der Menge hervor, wie eine verhaßte Vogel⸗ ſcheuche. Ich wollte ſchreien, vermochte es aber nicht. Ein nie⸗ derdrückendes Gewicht legte ſich auf meine Bruſt .. In dieſem Augenblicke trat Ismael ein und ging gerade 301 auf den Fürſten zu. Er ſprach ganz leiſe mit ihm. — Der Fürſt lächelte, ſein blitzendes Auge ging liebkoſend nach dem Vorhange hin. Dieſer Blick rettete mich, Mylord! Er peitſchte mich mit ſolchem Entſetzen, daß ich meine Erſtarrung abſchütteln konnte. Ich ſtand auf, eilte ſchnellen Laufes durch den Saal und die Corridors. Eine Minute darauf war ich in der Straße . Brian athmete leichter auf. Noch einige Sekunden lang lief ich auf gutes Glück umher; darauf ſetzte ich mich ermattet an einer der Ecken von Leiceſter⸗Square nieder. Ich wußte nicht, wohin ich gehen ſollte: ich war ganz durchſchauert von Froſt; fürchtete mich, ſo allein, mitten in der Nacht, in dem großen, weiten London; — aber ich war glücklich über die vermiedene Gefahr. Ich dachte mit Wonne an Sie, Mylord; mir ſchien, als ſei ich von Ihnen beſchützt und als hätten Sie an meinem Siege Antheil gehabt. Mein Sieg wurde mir nur um ſo lieber dadurch. Ach! Es ſiel mir nicht ein, daß ich keinen anderen Zu⸗ fluchtsort hatte, als das Haus Ismael's, und daß die Ge⸗ fahr, welcher ich heute entgangen, ſich morgen um ſo dro⸗ hender zeigen würde. Ich dachte nicht daran, daß der eiſerne Wille Ismaels, der ſich einmal kundgegeben, ſich nicht beu⸗ gen würde, daß ſeine einmal lüſtern gemachte Habſucht unter jeder Bedingung geſtillt werden müſſe, und daß, ohne irgend eine Vertheidigung gegen ihn, ich früher oder 302 ſpäter doch dem Joche ſeiner Thrannei mich würde beugen müſſen. Ich dachte ſo wenig daran, Mylord, daß meine erſte Bandlung, durch welche ich Gebrauch von meiner Freiheit machte, die war, mich in einen Fiaker zu werfen und mich nach Goodmans Field fahren zu laſſen. — Wie, Madame, Sie kehrten in dieſe nichtswürdige Höhle zurück? — Ich kehrte zurück, Mylord .. erſchöpfen Sie um einer ſo geringen Sache willen nicht Ihr Mitleid . Ich habe ſeit jener Zeit Tage von ſo herzbrechendem Elende geſehen, daß ich mich noch nach dem Hauſe Ismael's ſehnte .. Mein Vater war noch nicht zurück, als ich in Good⸗ mans Field ankam. Anſtatt wie gewöhnlich auf mein Zim⸗ mer zu gehen, benutzte ich einen Augenblick, wo die Bedienten Ismael's mich nicht beachteten, und ſtieg haſtig zu Roßvam ins Laboratorium hinauf. Das war das einzige Weſen, welches für mich eine Art von Liebe hegte, ich hoffte nicht auf ihn, der gleich mir unterdrückt war, aber ich ging zu ihm aus Inſtinkt, um meine Noth mit ſeiner Knechtſchaft zu vereinen Der arme Stumme lag ganz angekleidet auf einer Matte mitten im Zimmer ausgeſtreckt. Das war ſein Bett, er ſchlief. Als ich ihn erweckte, machte er eine Geberde des leb⸗ hafteſten Staunens, und in der That, Mylord, meine An⸗ 303 weſenheit zu dieſer Stunde der Nacht, verbunden mit der Unordnung meiner reichen Toilette, mußte ihn ſehr in Ver⸗ wunderung ſetzen. — Mit Hülfe von Geberden, die bei ihm die Sprache beinahe erſetzten, befragte er mich, und ich er⸗ zühlte ihm mit ſchluchzender Stimme das abſcheuliche Beneh⸗ men Ismael's und meine Flucht aus dem Golden⸗Club. Er ſenkte den Kopf und ſchien nachzudenken. Nach einigen Minuten nahm er meine Hand, küßte ſie, darauf führte er mich in ſeinen Verſchlag und zeigte mir eine Verſenkung, in der gerade für meinen Körper Platz war, darauf deutete er mit dem Finger auf einen leeren Teller, der ſich auf dem Tiſche befand. Das hieß in der Sprache des armen Stummen, My⸗ lord, er wolle mich in ſeinem Verſchlage verbergen und ſein Eſſen mit mir theilen. Es war ein thörichter Gedanke; mein Vater mußte bei ſeiner Heimkehr ſehr bald erfahren, daß ich nach Hauſe ge⸗ kommen ſei, mußte mich ſuchen, und Robvam dann das Opfer ſeines Mitleids werden. Das hätte ich mir gleich ſagen ſollen, und ohne Zweifel ſagte es ſich auch Roboam, denn er war niedergeſchlagen und reſignirt. — Aber ich war unfähig, ſo weit meine Berechnung auszudehnen. Ich ſah nichts, als daß ich den Verfolgungen meines Vaters entging und der furchtbaren Nothwendigkeit, die Gegenwart des Ruſſen ertragen zu müſſen, deſſen Bild von allen Erinner⸗ ungen dieſes Abends mir immer wie ein abſcheuliches Un⸗ gethüm vor den Augen ſchwebte. Dieſer Gedanke gab mir Muth und Freude. — Ja, antwortete ich, ja, guter Roboam, ich werde mich dort verbergen, und immer bei Dir bleiben. Er machte eine ſchwermüthige Miene der Zuſtimmung. — Ich bin jetzt davon überzeugt, daß er wußte, er würde bald und tödtlich beſtraft werden. Ich dagegen war beruhigt. Die Gefahr erſchien mir hinausgerückt und auch möglicherweiſe vermieden. Ich war um ſo mehr in Zukunft gefährdet, als ich meine Lage nicht empfand, und eine thörichte Sicherheit an die Stelle meiner früheren Angſt trat. Und doch, Mylord, wie furchtbar war hier die Gefahr! Wie viel mehr hätte ich zittern müſſen, wenn meine Uner⸗ fahrenheit in der Welt nicht ſo groß geweſen wäre. In Golden⸗Club war Ismael Nichts als ein Menſch, der mit Laſter Wucher trieb, kaum geduldet, der verdächtige, unauf⸗ hörlich überwachte Herr eines Etabliſſements, welches die Art ſeiner Kundſchaft blos verhinderte, der Strafe des Geſetzes zu verfallen. In Goodmans Field war er König, abſoluter Herr, Tyrann ohne Controle. Hinter meinem Vorhange war ich nur zehn Schritte von einer Verſammlung von Männern, die wohl zügellos und ganz und gar der Leiden⸗ ſchaft ergeben, aber bei alle dem doch edel waren, und im Grunde des Herzens doch etwas von Stolz, wenn nicht Tugendhaftigkeit beſaßen. Dieſe Männer hätten zuſammen mich vertheidigt, und wäre es auch nur aus ariſtokratiſchem 305 Schamgefühl geweſen, während jeder Einzelne von ihnen vielleicht meine Noth gemißbraucht hätte; ſie würden prahle⸗ riſch ſich zwiſchen mich und meinen Vater geſtellt, begierig nach der Gelegenheit gegriffen haben, mit großem Lärmen ſich als Leute von Herz zu zeigen. — Bei Ismael dagegen war ich allein, allein in einem Verſteck, deſſen Exiſtenz ſogar die Bedienten des Hauſes nicht ahnten. Kein Ohr würde durch mein Geſchrei erreicht worden ſein; Niemand war bei mir, als ein armes, verſtümmeltes, durch Sklaverei ver⸗ dummtes Weſen, — mir zwar ergeben, aber energielos und ſeit Jahren daran gewöhnt, ſich in das Joch von Ismael's Tyrannei zu beugen. Hier war es, Mylord, wo ich entweder ſterben oder beſtegt werden mußte, falls meine Rettung nicht durch eine unvorhergeſehene Kataſtrophe herbeigeführt worden wäre . Um mich zu retten, bedurfte es des Unterganges meines Vaters. Gott legte die ſchwere Hand ſeiner Rache auf Is⸗ mael. Er wurde in dem Augenblicke niedergeſchmettert, wo er mich in den Abgrund ſtoßen wollte .. Ich weiß nicht, was ſeit meiner Flucht in Golden⸗Club vorging. Alles, was ich erfahren habe, iſt, daß mein Vater in jener Nacht nicht nach ſeinem Hauſe in Goodmans Field zurückkehrte. Vielleicht wandte er, da er nicht vermuthen konnte, ich würde mich von ſelbſt wieder unter ſeine Tyran⸗ nei ſtellen, die Nacht damit an, mich in der Umgebung von Leiceſter⸗Square aufzuſuchen. 6 Gegen elf Uhr wn hörten Roboam und ich mit . 306 herriſchem Schlage an die Thür des Hauſes klopfen. Ich verbarg mich zitternd in der Vertiefung, die fortan meine Wohnung ſein ſollte, und Roboam ſetzte ſich an ſeinen Tiſch, ſo daß er mich vollkommen verbarg. Die Bedienten ſagten ohne Zweifel meinem Vater, daß ich in meinem Zimmer ſei. Er hatte etwas Anderes zu thun, als ſich davon zu unterrichten und bald hörten wir ſeinen Schritt auf der verborgenen Treppe. — Robvam be⸗ fahl mir Stillſchweigen mit einer Geberde, die nur zu ſehr ſeine eigene Unruhe und Beſorgniß kund gab. Ich blieb unbeweglich, und hielt meinen Athem anz mein Vater trat ein. — Eine ſchöne Geſchichte, brummte er die Thür hinter ſich zumachend; — eine hübſche Geſchichte, meiner Treu! .. der Fürſt Lerlangt, ich ſoll ihm ſeine fünf Tauſend Rubel wiedergeben ... hol' mich der Teufel, wenn das ſo eine leichte Sache iſt, auf dieſe Weiſe einmal gegebenes Geld wiederzuerſtatten. Er zog aus ſeiner Taſche ein Papier und faltete es auseinander. — Mach' Papier zum Durchzeichnen zurecht! ſagte er, ſich zu Robvam wendend mit ſeiner gewöhnlichen Rauhheit; ſchneide Deine Feder und übe Deine Finger ... ich will Dir gleich Arbeit geben. Roboam gehorchte. Er fühlte ſeinen Stuhl zittern. Er ſuchte ſein Federmeſſer und fand es nicht. Der Schrecken ließ ihn den Kopf verlieren. Mein Vater ging im Zimmer auf und ab. 307 — Es iſt eine verteufelte Geſchichte! brummte er; — dieſes elende Kind verdirbt mir einen goldenen Handel! .. wo werde ich einen tartariſchen Eſel wiederfinden, wie Se. Gnaden, der Luſt hat, mir ein Billet von fünftauſend Rubeln zu unterſchreiben, voraus, und ohne nur zu wiſſen?. .. Das verſprach Millionen, meiner Treu, denn dieſer Fürſt hat ſeine Fonds, und außerdem noch die Caſſe ſeines Herrn, und die Kleine iſt ſchön, um dreihundert Koſacken den Kopf zu ver⸗ drehen! .. . wo niſtet ſich noch überall die Tugend ein! fügte er mit einer elenden Läſterung hinzu; — es iſt mein Fehler, ich hätte ſie nicht einen Augenblick aus dem Geſichte verlieren ſollen ... Irgend Jemand hat ihr nichtswürdigen Rath er⸗ theilt, hat ihr die ſtolze Lüge ins Ohr geraunt, welche man weibliche Ehre nennt . . . Ehre! aber es iſt, als ob Beſtim⸗ mung darin liegt! ... Diejenigen, welchen man Ehre pre⸗ digt, nehmen dieſelbe ſehr bald leicht, während ſie... Auch muß ich geſtehen, Satan hat ſie Brian von Lanceſter treffen laſſen!. komme er nur wieder und wolle Geld von mir leihen! . . . Aber zum Teufel, errathen denn die Weiber Alles, die Schamhafrigkeit wie die Liebe? . . oder lehrt viel⸗ leicht die Liebe ſie die Scham? .. Verdammt! Er näherte ſich Roboam, und warf das Papier ihm auf den Tiſch, das er in der Hand hielt. — Hier, ſagte er, zeichne mir dieſe Unterſchrift durch. Wir werden uns derſelben bei Gelegenheit bedienen, und Se. Gnaden ſoll nichts dabei gewinnen. Nimm Dich i in Acht, daß Du den Schein nicht verdirbſt, Meſer Still!. 308 wenn eine Spur vom Durchzeichnen darauf zu merken iſt, ſchlage ich Dir den Schädel entzwei. Roboam nahm das Papier, welches eine Verſchreibung des Fürſten Dimitri Tolſtoy war, — der für den Verkauf meiner Perſon ſtipulirte Preis, Mylord, — und begann, die Unterſchrift durchzuzeichnen. Mein Vater fuhr wieder fort, auf und abzugehen, und mit ſich ſelbſt zu ſprechen. — Und wenn es nur das wäre! ſagte er, ſich immer mehr erhitzend; — fünf tauſend Rubel ſind ſchon wieder zu bekommen .. . aber was ſie einmal gethan, wird ſie wie⸗ der thun! Ganz gewiß verſucht ſie es wieder, und alle meine Hoffnungen gehen in Rauch auf. . das elende Mädchen! .. Und übrigens, wenn ſie mir nicht nachgibt, wie ſoll ich den Grafen im Schach halten! .. Welche Bedeutung können meine Drohungen für ihn haben, wenn ich nicht ihre Ent⸗ ehrung als Hinterhalt habe, wenigſtens was die Welt Ent⸗ ehrung nennt, öffentliche, offenkundige Infamie, die aller Welt zu Ohren gebracht werden kann, von einem Tage zum andern .. Was konnten dieſe ſeltſame Worte bedeuten, Mylord?... Ismael hatte augenſcheinlich ein anderes, ihm noch wichti⸗ geres Ziel vor Augen, als den Verkauf meiner Tugend. Hinter dieſen Worten lag eine Intrigue, deren Fäden ich alle mit einem Male verliere .. Brian, Sie kennen die Welt, errathen Sie etwas von Ismaels Geheimniß? Lanceſter ſchwieg einige Zeit, bevor er antwortete. — 309 — Ich werde ganz irre, Madame, ſagte er endlich; — gewiß, der Mann, welchen Sie Ihren Vater nennen, war Alles fähig, und ſein Verſtand diente auf wunderbare Weiſe ſeinen ſchlechten Plänen . .. ich denke aber es iſt ein unbeſtimmter Verdacht, den nichts rechtfertigt, außer die Gra⸗ fenkrone, welche in Ihr Medaillon gravirt iſt das Ein⸗ zige, deſſen ich gewiß bin, Mylady, weil mein Gefühl und mein Verſtand in dieſer Beziehung übereinſtimmen, das Ein⸗ zige iſt, daß dieſer Jude Ismael nicht Ihr Vater war. Das ſchöne Mädchen ſchüttelte traurig den Kopf. — Ich weiß nicht, ob ich ſagen ſoll, das wolle Gott, Mylord, antwortete ſie. Ismael hat mir ſehr viel Böſes gethan, und viele abſcheuliche Verbrechen laſten auf ſeinem Andenken; aber ſein Haus war ſo lange meine Zuflucht!. .. Und dann, ſo ſchuldig auch ein Vater ſein mag, muß es doch ſtets eine große Sünde ſein, ſein Andenken zu ver⸗ läugnen. Er fuhr noch einige Minuten fort, ſich von Sachen zu unterhalten, welche ich nicht begreifen konnte. Er ſprach von einem ungeheuer reichen Lord, der von ihm jede Schande um jeden Preis abhalten würde, und ſein halbes Vermögen hingeben würde, um ſein Wappen nicht beflecken zu laſſen. — Und er ſprach nicht den Namen dieſes Lords aus, Mylady? unterbrach ſie Lanceſter. — Nein, Mylord, er nannte ihn den Grafen . viel⸗ leicht ſind ihm auch Worte entſchlüpft, welche jeden Andern, als mich, anf die Spur ſeines Gedankens gebracht haben 310 würden, aber ich verſtand nicht, und die abſcheuliche Scene, welche daraus folgte, macht meine Erinnerungen ſchwankend .. — Wie weit biſt Du, Meiſter Stille fragte er plöt⸗ lich, ſich zu Robvam wendend. Ich fühlte, wie der Stuhl des Unglücklichen zitterte, und hatte Furcht, weil ich errieth „daß er einen Fehler be⸗ gangen haben müſſe. Mein Vater nahm das Papier, welches Roboam einen Augenblick zäuderte, ihm zu überreichen, und ſtieß einen Schrei der Wuth aus. — Nichtswürdiger, rief er aus; verfluchtes Thier! Ich hatte Dir noch geſagt, Du ſollteſt Dich in Acht nehmen .. O, diesmal ſollſt Du es mir bezahlen. Der Sachverhalt war folgender, Mylord! Der Ruſſe, dem mein Vater die bewußte Verſprechung gemacht, hatte im Voraus einen Schuldſchein von fünf tauſend Rubeln ge⸗ geben, indem er den Ruhm nicht zu theuer zu bezahlen glaubte, ſeine Rivale von Golden⸗Club aus dem Sattel zu heben, und zuerſt die berühmte Sirene zu haben ... Wie Sie ſehen, war ſeine Liebe zu mir auf blindes Vertrauen gegründet, eine barbariſche Phantaſte, da er mich niemals geſehen hatte... Als mein Vater durch meine Flucht genöthigt worden war, ſein Wort zurückzuziehen, und ihm ſeine Verlegenheit geſtand, verlangte der Ruſſe die Zurückgabe ſeines Geldes, und mein Vater wollte die wenigen Stunden Friſt, welche ihm dazu blieben, ausbeuten, und beeilte ſich alſo, Roboam das Nach⸗ ahmen der Unterſchrift des reichen Fremden zu befehlen, da⸗ 311 mit er ſich derſelben bei Gelegenheit bedienen könne. Aber Robvam hatte ſein kaltes Blut nicht mehr. Anſtatt einen Stift zum Durchzeichnen zu nehmen, bediente er ſich einer Art von Grabſtichel, welcher das Papier durchſchnitt, wo er darüber hinfuhr. Der Schuldſchein, den er meinem Vater übergab, war daher ganz durchlöchert worden von dem Eiſen. Wie konnte man alſo dem Fürſten ein Papier wieder⸗ geben, das ſo augenſcheinliche und untilgbare Spuren des Betruges zeigte? Mein Vater gerieth alle Tage um die geringſte Kleinig⸗ keiten in Zorn, Mylord! Alles erhitzte die zügelloſe Reiz⸗ barkeit ſeines Charakters. Diesmal vereinigte ſich Alles, um ſeine Wuth aufs Höchſte zu ſteigern: meine Flucht, ſeine ver⸗ fehlte Soffnung, die Gefahr, welcher er durch den Irrthum Robvam's ausgeſetzt wurde ⸗ Er war daher auch gar kein Menſch mehr. Seine mit Blut unterlaufenen Augen rollten in den übermächtig aus⸗ gedehnten Augenhöhlen umher. Die Muskeln ſeines Ge⸗ fichtes bewegten ſich aufs Seftigſte; ſein Bart wogte hin und her, als ob ein Windſtoß durch die einzelnen Partien der Haare ginge. Seine Lippen öffneten ſich, ſchloſſen ſich wieder, ließen ſeine Zähne ſehen, die ſich knirſchend auf ein⸗ ander bewegten. Der arme Stuni war von ſchrecklicher Regungslofig⸗ 312 keit getroffen und zittterte nicht einmal mehr. Bloß die Tropfen kalten Schweißes, welche ſeinen Schläfen entlang rannen, deuteten darauf hin, daß noch Leben in ihm ſei. Mein Vater, nachdem er einige Sekunden vor ſeinem Opfer ſtehen geblieben war, als ob er es mit ſeinen eigenen Bänden zerfleiſchen wolle, ſprang dann auf die Waffenſamm⸗ lung zu, und nahm den dickſten und ſchwerſten der mit einer Bleikugel verſehenen Stöcke. WMit gemeſſenen Schritten kam er auf Roboam zu, der ſich nichts deſto weniger nicht regte, mit grauſamer Freude ſchien er ſich den Ort auszuwählen, wohin er zuerſt ſchlagen wolle. Ich ſchloß die Augen, Mhlord, wie in jener Nacht, wo Ismael Roboam mit dem Bambus des alten Juden Elieſar geſchlagen hatte. — Aber hier gab es kein Mittel, dem Grauſen dieſer entſetzlichen Scene zu entgehen. Beim erſten Schlage, den Ismael that, bewegte ſich der Stuhl Robvams, ich hörte nicht blos den ſchweren Fall des Inſtrumentes anf das Fleiſch des Armen, ſondern empfand auch die Gegenwirkung davon, bei jeder Wiederholung. — Mir war es, als ob man mir aufs Herz hämmere. — Ich litt unendlich. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr, Mylord! . So hörte und fühlte ich drei mit fürchterlicher Wuth auf tinander geführte Schläge. — des Stuhles mich plötzlich, zwei zerriſſen mir das Ohr; ich— ilkürlich die Augen. 1 — 313 Robvam war nicht mehr in meiner Nähe. — Der durchdringende Schmerz, die Gewißheit, ſterben zu müſſen unter den wiederholten Schlägen Ismaels, vielleicht auch der Wunſch, mich zu beſchützen, — alles das zuſammengenommen hatte die unterwürfige Gleichgültigkeit des atmen Sklaven endlich galvanifirt. Er hatte ſich erhoben, um ſo ſchrecklicher anzu⸗ ſehen, als ſein Zorn ſeit langer Zeit zurückgedrängt worden war. Mit einem Satze war er hinter dem Tiſche hervor⸗ geſprungen, der ihn von meinem Vater trennte, und ſie ſtan⸗ den ſich nun einander gegenüber. Es war ein furchtbattr Kampf, ein abſcheuliches Ge⸗ fecht, Mylord, der eine der Kämpfer verwundet, zerſchlagen ſchon, hatte zu ſeiner Vertheidigung nichts als ſeine waffen⸗ loſen Hände, während der andere mit einer Keule ſchlug, von der jeder Schlal ilich ſein konnte. Aber der ohne Waffen war, hatte zwanzig Jahre Skla⸗ verei und Märtyrerthum zu rächen. Sein Geſicht war einen Augenblick von furchtbaren Zuckungen verzerrt. Er ſank indeß nicht nieder, weil jeder Schlag, wenn auch nicht parirt, doch durch ſeine ausgeſtreckte Band gelähmt wurde, und einen großen Theil ſeiner Kraft verlor . Er wartete. Int dagegen fuhr fort, immer blind darauf zu ſchlagen. Ihr keuchender Athem miſchte ſich und machte einen fürchterlichen Eindruck auf mich. Nach einer Minute oder zweien ſah ich mit Entſeten M. 14 314 Robvam die Hand, mit welcher er bisher parirt hatte, ſinken laſſen. Der Stock beſchrieb ſauſend ſeinen gewaltigen Kreis. Ich glaubte, das Gefecht müſſe jetzt geendet ſein. Allerdings war es zu Ende, Mylord, aber nicht Robo⸗ am war der Beſiegte. Mit einer blitzſchnellen Bewegung war er dem tödtlichen Blei ausgewichen, und den Augenblick benutzend, wo Ismael wieder den Arm erhob, hatte er ihn bei der Gurgel ergriffen. Mein Vater ließ erſtickt keinen Schrei mehr hören. Roboam war genöthigt ihn aufrecht zu halten, damit er nicht wie eine lebloſe Maſſe zu Boden falle. Da begann der Stumme zu lachen, und zeigte ſeine langen weißen Zähne, die ſpitz waren, wie bei einem reißen⸗ den Thiere. Sein wilder Inſtinkt, der gewaltſam aufgereizt war, zeigte ſich in dieſem Augenblicke mit einer unglaublichen Energie. Er zog meinen Vater bis zum anderen Ende des La⸗ boratoriums, nahm ein dickes Seil und knebelte ihn, indem er dieſe Arbeit von Zeit zu Zeit unterbrach, um in ein un⸗ artikulirtes Gelächter auszubrechen. Ich ſah das Alles mit an, Mylord, aber ich war nicht fähig, mich zu bewegen, noch einen Ton hervor zu bringen. Ich war wie vom Blitze getroffen, und mein ver⸗ wirrter Geiſt war kaum im Stande etwas zu fühlen. Ich ſah betroffen, faſt wahnſinnig zu, als wenn die Handelnden bei dieſem Kampfe mir ganz fremd geweſen wären. Als Roboam meinen Vater gebunden hatte, eilte er zur 315 Thür hinaus und verſchwand mit einem Schrei des Tri⸗ umphes. Einige Minuten darauf zeigte ſich, noch blutig und ſcheußlich zerſchlazen, das Geſicht des Stummen auf der Schwelle. Ihm folgten eine obrigkeitliche Perſon und zwei Conſtabler, welche er herbeigeholt hatte und die dicht hinter ihm in das geheime Kabinet Ismaels eintraten. 14* Zwanzigſtes Kapitel. Das Erwarten. Vor der Ankunft der Magiſtratsperſon und der Con⸗ ſtabler, welche Roboam geholt hatte, war ich mit meinem Vater allein geblieben. Ismael war voller Leben, Mylord! Als er ſich durch ſeinen Sklaven beſiegt ſah, hatte er das augenblickliche Er⸗ ſticken nur erheuchelt, um ihn zu veranlaſſen, daß er wieder losließe. Darauf hatte er ſich knebeln laſſen, weil er die Abſicht Roboam's nicht vermuthen konnte. — Ich ſelbſt, wenn ich jetzt daran denke, kann kaum begreifen, wie dieſe Idee der Denunciation in Roboam's Kopfe habe keimen können, und erkläre es mir nur dadurch, daß ſelbſt in dieſem Augenblicke des höchſten Zornes eine abergläubiſche Furcht ihn abgehalten habe, Ismael mit eigener Hand zu tödten. 317 Beim Hinausgehen hatte Roboam mit Hülfe ſeiner aus⸗ drucksvollen Geberde mir energiſch verboten, die Bande mei⸗ nes Vaters zu löſen. Dieſe Bewegung hatte Ismael meine Anweſenheit ver⸗ rathen. Er veränderte die Farbe und ſeine bewegliche Phy⸗ ſiognomie gab ſchnell hinter einander zwei entgegengeſetzte Gefühle kund, erſt Zorn und dann Hoffnung. Sobald Roboam die Thür zugeſchloſſen, was er ſehr ſorgfältig und zweimal herum that, ſprach mein Vater leiſe meinen Namen aus. Ich antwortete weder, Mylord, noch regt⸗ ich mich. Wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, war ich, dem wahren Sinne des Wortes nach, wie vom Blitze zerſchmettert, und hätte die Decke des Zimmers über mir gekracht, ich würde keine Bewegung zu meiner Rettung haben thun können. — Suſanna, wiederholte Ismael mit einer liebkoſen⸗ den Bewegung der Stimme. Daſſelbe Schweigen von meiner Seite, und dieſelbe Un⸗ beweglichkeit. Mein Vater zuckte mit den Augenbrauen und machte eine Anſtrengung, ſeine Bande zu zerreißen. Aber Roboam hatte die Stricke mit jener Gewalt zuſammengeſchnürt, welche nur der Zorn gibt, und die Bande gaben nicht nach. Ismael ſank erſchöpft zurück und ließ den Kopf finken. Gott iſt mein Zeuge, Mhlord, daß ich ihm gern ge⸗ holfen hätte, nicht weil ich errieth, welche Kataſtrophe Ro⸗ 318 boam herbeiführen würde, ſondern weil ich ſah, wie ſehr er litt . Ich war unfähig zu Allem. — Es ſchien mir, als drückte eine ſchwere eiſige Hand mein Gehirn zuſammen. So muß der Tod ſein, Brian! — Suſanna, Suſanna, ſagte Ismael nach einigen Minuten Schweigens zu mir, ich bin grauſam gegen Dich geweſen, meine Tochter . . es reuet mich . . ich bitte Dich um Verzeihung.. Erbarmen, Suſanna, die Stricke ſchneiden mir ins Fleiſch ich leide entſetzlich! Ich nahm mich mit aller Gewalt zuſammen, und es gelang mir einen Augenblick, meine Starrheit zu beſiegen, und mich auf die Kniee zu werfen. — Aber das war Alles! Ich lehnte mich athemlos auf den leeren Stuhl Robvam's. — Gut, Suky! Muth, Suky, Muth, meine Tochter! rief Jsmael; hier liegt ein Meſſer ganz nahe bei mir — und ich kann es nicht ergreifen, fügte er mit einer Art Wuth hinzu .. O, ich werde ihn ohne Erbarmen tödten, den Elenden! Aber nein, Suky, o nein, ich werde Nieman⸗ den tödten, wenn Du mich befreien willſt ... Du haſt Ro⸗ bvam lieb; ich werde ihm ſeine Freiheit geben! . . Weißt Du, meine Tochter ich will Dir das Landhaus geben, auf welchem Du früher einige Monate zugebracht haſt, und dort ſollſt Du Brian von Lanceſter finden . ſollſt ihn immer ſehen dürfen . . zu jeder Stunde, Suky . und Brian wird Dich lieben! 319 Brian! wiederholte ich mit einer ſo ſchwachen Stimme, daß er mich ohne Zweifel nicht verſtand. Da ſah er, daß ich unfähig war, ihm zu Hülfe zu kommen, und ein Ausdruck von wüthender Bitterkeit trat an die Stelle der angenommenen Sanftmuth, mit welcher er vorhin ſein Geſicht maskirt hatte. — O, Du biſt auch nur ein Weib, ſagte er, indem er dem letzten Worte einen Ton von unausſprechbarer Ver⸗ achtung gab; — unnütz oder ſchädlich!. .. Wenn man auf Dich hofft, willſt Du nicht .. . und wenn Du willſt, kannſt Du nicht! Ich denke, Mylord, Ismael kannte von dieſem Augen⸗ blicke an die Gefahr, welche ihn bedrohte, denn von Minute zu Minute wandte ſein Blick ſich angſtvoller nach der Thür. — Du weißt nicht, was uns hier erwartet, Miß Suſanna, hob er mit dem affectirten Ernſte an, welchen man anwen⸗ det, um Kinder zu überreden; — es iſt eine fürchterliche Geſchichte, meine Tochter!. . . Robvam hat beide Thüren zugeſchloſſen .. . wir haben hier keine Mittel, unſern Ruf 6 irgend einem Menſchen zu Ohren kommen zu laſſen. .. er wird uns vor Hunger ſterben laſſen. Dieſer ſchreckliche Gedanke brachte keine Wirkung auf mich hervor. — Man hörte Schritte auf der heimlichen Treppe. — Höre mir zu, Suky, ſagte er, plötzlich den Ton wechſelnd; — es iſt um uns geſchehen, ich bin verloren. . . dieſer Elende hat ſich ſo gut gerächt, wie es nur ein civiliſirter * 320 Menſch hätte thun können . . Höre mich an: Es werden Männer kommen .. Richter .. weiſe Leute, welche das Geſetz wie einen Strick drehen, und ſich deſſelben bedienen, um von Zeit zu Zeit einen ihres Gleichen zu erwürgen . Sage nicht, daß ich Dein Vater bin, denn Sie würden Dich ins Gefängniß ſetzen, und Du könnteſt mir dann nicht mehr nützlich ſein denn Du biſt gut, Suky, und wenn Du Deine Kräfte wieder bekommen haben wirſt, thuſt Du ge⸗ wiß Alles, um meinen Tod zu verhindern . .. — O ja, mein Herr, antwortete ich ihm. — Da find ſie! es iſt traurig, Suky, daß Du nicht früher haſt zu Dir kommen können . . . aber es iſt weit von hier nach Newgate, und ich hoffe .. Die ſich öffnende Thüre ſchnitt ihm das Wort ab. Robvam ftürzte ſich ins Zimmer, und bezeichnete mit wahnſinniger Haſt der Geberden alle die verdächtigen Gegen⸗ ſtände, von denen ich Ihnen etzählt habe, Mylord! Dieſe Schnelligkeit der Bewegungen, welche bewies, daß der Zorn des Stummen ſich noch nicht beruhigt hatte, konnte nur mit der Geſchwindigkeit verglichen werden, mit welcher der ihm folgende Mann ſeine Blicke durch das Zimmer glei⸗ Dieſer Mann war klein und mager. Er trug auf ſeiner Naſe eine ſchwere Brille von Metall und ſeine glatten, auf der Stirne dicht anliegenden Haare ſchienen daran gewöhnt, mit einer Perücke bedeckt zu ſein. Hinter ihm kamen zwei kräftige Gehülfen in jenem — — 321 halb militairiſchem halb eiviliſtiſchem Coſtüme, welches, wie ich ſpäter erfahren habe, die Uniform der Police⸗ men iſt. Der kleine Mann war ein Polizeicommiſſarius. Ihm hatte augenſcheinlich der erſte Blick genügt, denn er nahm einen Stuhl, und ſetzte ſich ohne Umſtände neben den noch immer geknebelten Ismael, den Robdam triumphi⸗ rend in die Mitte des Zimmers geſchleppt hatte. — Herr Ismael Spencer, ſagte der kleine Mann, mit offenbarer Selbſtgenügſamkeit, ich bin Robert Plound, Es⸗ guire, der Adjunctus des Polizeicommiſſarius von White Chapel... Sie wiſſen, das Bureau in Lambert⸗Street, Herr Spencer . ei, ei, das iſt eine ſonderbare Officin, mein Herr . .. ſonderbar, Jem Wood, fügte er hinzu, indem er ſich gegen die Policemen wandte, — ſehr ſonderbar, Peter Veloughby! .. Was? Sie haben Sorge getragen, Herr Spencer, hier ſo überzeugende Beweiſe zuſammen zu bringen, — ſo ſchöne Veweiſe, möchte ich zu ſagen mich erkühnen, — daß ich in dieſem Augenblicke nicht einmal ein Inventar da⸗ von aufzunehmen habe . ich werde blos an die Thüre die⸗ ſes Kabinets die Siegel legen. Ein ſehr erſtaunenswerthes Kabinetchen! . im höchſten Grade erſtaunenswerth, Be⸗ loughby! — und Sie dann ins Gefängniß führen, Herr Spencer, wenn Sie es erlauben. Mein Vater antwortete nicht auf die ſeltſame Rede; — aber Robvam, der hinter ihm ſtand, und deſſen ganze Hal⸗ tung die wilde Freude einer genommenen Rache ausdrückte, 14** * 322 empfing dieſen Beſchluß mit dem rauhen und abſcheulichen Geſchrei, welches bei ihm die Stelle des Lachens vertrat. — Ein närriſcher Burſche, meiner Treu, ſagte Robert Plound, indem er ihn über ſeine Brille hinweg anſah; — ein närriſcher Burſche, Jem Wood, was? ... Wenn es nicht ganz eigenthümlich dumm wäre, einem Stummen zu ſagen, er ſolle ſtill ſein, hielte ich mich für verpflichtet, ihm Schweigen aufzulegen, Peter Belougby ... Nun, meine Freunde, ſetzt Herrn Spencer in Stand, uns zu folgen . dieſer Menſch ohne Zunge hat ihn, meiner Treu! ſo geknebelt, als wenn er ſein ganzes Leben lang kein anderes Geſchäft be⸗ trieben hätte. Man machte Ismaels Beine frei, damit er gehen könne; ſeine Hände aber blieben in derſelben Lage, welche ihnen Robvam gegeben hatte. — Mein Freund, ſagte der Commiſſarius zu dem Letz⸗ teren, es wird mir nicht viel Mühe machen, Dich aufzufin⸗ den, wenn es Zeit iſt was Du gethan haſt, deutet auf ein ausgezeichnetes Naturell hin, und beweiſt uns „daß Du uns bei der Inſtruction helfen wirſt, den Strick um Herrn Spencers Hals zu legen ... Aber Jem Wood und Peter Beloughby, wer iſt denn dieſe Miß da? Die beiden Policemen ſahen mich an. — Es muß die Tochter des Herrn Spencers ſein, hob Plound wieder an, und ich muß ihm die Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen, daß er da eine ſehr hübſche Tochter hat. .. wir wollen ſie mit ins Gefüngniß nehmen. * 323 Die beiden Policemen traten einen Schritt auf mich zu, aber Roboam warf ſich ihnen entgegen, und nahm mich in ſeinen Arm. — Was! ſagte der kleine Commiſſarius: — ſollte die⸗ ſer Menſch ohne Zunge Luſt haben, der Juſtiz des König⸗ reiches ſich zu widerſetzen? „ Robvam erſchöpfte ſich, in ausdrucksvollen Geberden, Er begegnete ſich, vermöge eines dem meines Vaters ganz entgegengeſetzten Gefühls, mit ihm in derſelben Idee, und gab durch Pantomime zu verſtehen, daß ich ſeine Toch⸗ ter ſei. Der Commiſſarius und die Policemen verſtanden nicht. — Was gibt's, Jem Wood? .. fragte Robert Plound; — was gibt es, Peter Beloughby? ich bitte Euch .. dieſer Menſch benimmt ſich wie ein Beſeſſener, und ich für mein Theil finde ihn unangenehm .. Thut Eure Pflicht, meine Freunde! Das Geſicht Roboam's nahm in dieſem Augenblicke einen furchtbaren Ausdruck an. Er ſtellte ſich mit geballten Fäuſten vor mich, — und gewiß, Mylord, derſelbe Menſch, welcher unbewaffnet gegen den bewaffneten Jsmael den Sieg errungen hatte, war kein verächtlicher Gegner, ſelbſt für zwei Policemen und einen Adjunct des Polizeicommiſſarius. Robert Plound merkte das, denn er gab die Abſicht zu unterhandeln kund. In der That, ſagte er, dieſe Geberden wollen etwas ſagen .. . ich möchte wetten .. laß ſehen, mein Freund, drücke Dich deutlicher aus. Roboam ergriff meine Hand und legte ſie an ſein Herz. — Ach, zum Teufel! ſagte der kleine Mann, das iſt etwas Anderes . ich verſtehe ihn nicht. Da furt mein Vater zum erſten und letzten Male während dieſer Scene den Mund. — Sehen Sie denn nicht, daß dieſes Kind ſeine Toch⸗ ter iſte ſagte er, die Achſeln zuckend. — Ich danke Ihnen, Herr Spencer, danke, Sie haben, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, den Knoten der Schwie⸗ rigkeit durchhauen es freut mich, daß der Menſch ohne Zunge einen nſchein von Vernunft auf ſeiner Seite hat. Es iſt gut, Jem Wood, ſehr gut, Peter Beloughby, wir wollen gehen! Man ließ Roboam und mich zuerſt hinausgehen, dann meinen Vater, der zwiſchen zwei Policemen zum letzten Male über die Schwelle ſeines geheimen Cabinets trat. Der Commiſſarius legte über das Schloß einen Strei⸗ fen von Pergament, und fiegelte denſelben an die Thüre an. Wir ſtiegen die Treppe hinab, und kamen in das Zim⸗ mer, welches mein Vater ſein Boudoir nannte. — Sie hatten eine hübſche Wohnung, Herr Spencer, aber an wen, zum Teufel, werden alle dieſe ſchöne Meubels kom⸗ men, wenn Sie gehangen ſein werden? Mein Vater ſah aus, als wäre er von Marmor gewor⸗ den. Er ging durch das Bondoir mit ſanftem Schritte, und . — 325 verſchwand in der entgegengeſetzten Thür. — Roboam und ich blieben im Boudoir Brian, ich kannte das Schickſal noch nicht, welches meinen Vater erwartete. Seine Ruhe, und beſonders die Geiſtesfreiheit voller Gleichgültigkeit des Mannes, der ihn verhaftete, erlaubte mir nicht, daran zu denken, daß es ſich um Leben und Tod handeln könne. — Ich habe ſeit jener Zeit einen Richter ein Todesurtheil unterbrechen ſehen, um ſich umzuwenden und einem untern Gerichtsbeamten zu be⸗ fehlen, er möge ihm die Cotelette und den Pudding holen, der ſein Frühſtück ausmachte. — Ich habe die Advokaten unter ſich lachen und die Haarlocken ihrer weißen Perücken ſich über die Augen halten ſehen, um den Ausbruch einer unzeitigen und läſterlichen Fröhlichkeit zu verbergen, in dem⸗ ſelben Augenblicke, wo das Geſetz ſein Schwert über dem Kopfe eines Menſchen hielt; — aber damals, Mylord, war ich noch nicht dieſer Dinge ſo kundig, wie jetzt. Was mir gewiß ſchien, war, daß Ismael von einem großen unglück bedroht wurde, und Roboam die Urſache deſſelben ſei. Ich hatte kaum die Kraft, an dieſem Gedanken feſtzu⸗ halten, und noch weniger, Robvam Vorwürfe zu machen. Meine Starrheit, welche einen Augenblick durch Ismael's Bitten, und die unerwartete Gegenwart dreier Fremden gal⸗ vanifirt worden, war um ſo niederſchmetternder und voll⸗ ſtändiger wiedergekehrt. Ich lag in einem Seffel ausgeſtreckt, und fühlte nichts. So verging, denke ich, mehr als eine Stunde, Nlor! 326 Als ich die Augen wieder öffnete, ſah ich Roboam einer unglaublichen Bewegung zum Raube im Zimmer auf⸗ und abſchreiten. Wie war er verändert, Mylord, und welcher Ausdruck von tiefer Reue war an die Stelle des wilden Triumphes getreten, welcher eben noch ſeine Phyſiognomie belebte. Er ſchlug ſich an die Bruſt und ſchluchzte wie ein Kind. Wie ich Ihnen geſagt habe, es muß zwiſchen ihm und meinem Vater ein geheimnißvolles Band exiſtirt haben, und die furchtbare Aufregung ſeines Zornes war blos im Stande geweſen, ihn zum Zerreißen deſſelben zu bewegen. Als ſein Zorn einmal vorüber war, ermaß er ſein Vergehen und weinte. Sobald er ſah, daß ich wieder zu mir kam, ſtürzte er auf mich zu, ſank auf den Boden zu meinen Füßen, und bedeckte meine Hand mit Küſſen. Darauf klopfte er an ſeine Taſchen, die voll Gold waren, und zog mich nach der Thüre fort. W Ich begriff, daß er mich aus dem Hauſe von Good⸗ mans Field fortbringen wollte, und ſetzte ihm keinen Wider⸗ ſtand entgegen. Nichts hatte in dieſem Augenblicke Werth für mich, und Ihr Name ſelbſt, Brian, würde vielleicht, vor meinem Ohr ausgeſprochen, nicht im Stande geweſen ſein, mich aus meiner Starrheit herauszureißen. Ach, abgeſehen von kurzen Zwiſchenräumen, wo ein zu unerträgliches Leiden mich aufs Tiefſte verletzte, war mein Zuſtand ein Jahr hindurch ganz derſelbe. Während dieſer ganzen Zeit war ich von Stein, Mylord, und ich danke 327 Gott dafür, denn wenn mir nur ein Atom von Empfindlich⸗ keit geblieben wäre, hätte ich ſterben müſſen, und das Leben iſt mir ſeit acht Tagen ſehr theuer! . Es war ganz und gar Abend geworden, als Suſanna zu dieſem Theile ihrer Erzählung kam. Sie ſprach ſchon lange Zeit und war genöthigt, ſowohl der Ermüdung, als der ſchmerzlichen Bewältigung halber, inne zu halten, welche dieſe Erinneruugen in ihr hervorriefen. Das Zimmer war nicht ganz und gar dunkel, weil die Erleuchtung von außen die weiße Fläche des Plafonds traf, und auf die Gegenſtände unbeſtimmte und ſchwankende Re⸗ flere warf. Schon an dieſes zweifelhafte Licht gewöhnt, welches von Zeit zu Zeit durch eine Nebelwolke, oder durch das Zurückflackern des Gaſes unterbrochen wurde, konnten Brian und Suſanna ſch ſehen. Das ſchöne Mädchen, von Mattigkeit bleich, hatte etwas Schmachtendes in ihren Zügen, was ſie nur noch reizender machte. Brian betrachtete ſie außer ſich vor Entzücken. Geräuſch verhindert, wie Jedermann weiß, an Schlaf, Bewegung auch; aber wenn man durch Bewegung einge⸗ ſchläfert worden iſt, erweckt das Aufhören derſelben, wie jeder Reiſende, der gewöhnt iſt, ſein Leben auf der Schnellpoſt zuzubringen, gewiß gerne bezeugen wird. Eben ſo iſt es, wenn man von Geräuſch eingeſchläfert iſt, dann ſchüttelt das Schweigen den Schlaf ab, und verſcheucht, was die Dichter ſeit Jahrhunderten die Mohnkörner des Schlummers nennen. Wir haben dieſe Bemerkung nothwendig, um auf die kleine Franzöſin, die Frau Herzogin Wittwe von Gévres wieder übergehen zu können, welche wir, — ſchon vor ziem⸗ licher Zeit, — im ſchwarzen Cabinete, dem friedlichſten Schlummer hingegeben, verlaſſen haben. Wenn wir uns nicht irren, ſo ſetzte die Frau Herzogin alle ihre Induſtrie ins Werk, um die glücklichen Hülfs⸗ quellen zu benutzen, welche die wüſte Inſel Robinſon Cruſoe darbot, und in dieſer Einſamkeit ſo comfortabel als möglich zu leben. Da nun das Geſpräch drinnen plötzlich ſchwieg, wußte ſie nicht, wie ihr geſchah, als ſie plötzlich aufwachte und ſich umſah. Fort war die wüſte Inſel mit ihren Cocusnüſſen und Palmen — es war Nacht, ſchwarze Nacht. Die Her⸗ zogin von Gevres war eine Frau von Kopf und beſtrebte ſich, die Augen zu reiben und etwas Ordnung in ihre Ge⸗ danken zu bringen. Sie war eingeſchlafen, als es noch heller Tag war; zu jener Zeit waren die beiden Liebenden noch zuſammen. — Jetzt fragte es ſich, ob ſie es noch waren und was fie ein⸗ ander wohl erzählt haben könnten. Das war die Frage, die entſetzliche Frage. — Närrin, die ich bin, murmelte das kleine Weib mit wahrhafter Reue; ich habe geſchlafen, länger als zwei Stun⸗ den geſchlafen! während dieſer Zeit hat meine theure Nichte ihm Alles ſagen können, was er nicht wiſſen ſollte . O, wenn dieſer Schuft Tyrrel es erführe! . . Wie ſie vieſe 329 Worte ausſprach, berührte ein Hand im Dunkeln ihren Arm und drückte ihn kräftig. Sie erſtickte einen Ruf des Schreckens. — Sie waren hier, Mylord? ſagte ſie. — Der Schuft Tyrrel war da, Frau Herzogin, wie Sie ſehen, antwortete der Blinde. — Ich ſchwöre Ihnen .. — Schweigen Sie .. . Sie haben wohlgethan, Maudlin, zu ſchlafen, und wenn Sie behaupten, daß ich ein Schuft bin, ſo iſt das nicht viel geſagt, thörichte Schwätzerin . blos, wenn Sie es künftig ſagen wollen, ſo vergewiſſern Sie ſich, daß ich wenigſtens nicht da bin. — Mylord . — Stille, Maudlin! .. Bilden Sie ſich nicht ein, närriſche Kreatur, daß ich Ihnen deshalb böſe bin! .. Ich wiederhole es Ihnen: Sie haben wohlgethan, zu ſchlafen . wenn Sie gewacht hätten, Maudlin, würden Sie Dinge ge⸗ hört haben, — die Sie vielleicht verſtanden hätten, denn Sie find ganz dazu eingerichtet, das zu errathen, was Sie nicht angeht, und dann hätte man Sie ſtill machen müſſen .. Gewöhnlich war Tyrrel, der Blinde, ſehr weit entfernt, ſich ſo mittheilend zu bezeigen. Die kleine Franzöſin fand auch, daß in ſeinen Worten ein bitterer, mit Luſtigkeit vermiſchter Ton lag, den ſie an ihm noch nie bemerkt hatte. — Fe, ſagte er mit ſarkaſtiſcher Laune; — die Frau 330 Prinzeſſin hat geſprochen, Maudlin, ſehr viel geſprochen ... und es iſt oft von einem Manne die Rede geweſen, den ich früher höchſt genau gekannt habe. . . Zuwiſchen dieſem Manne und mir hat man eine Vergleichung gemacht, welche, auf mein Wort, ſehr betrübende Folgen haben könnte, wenn man ſich nicht beeilt, die Sache in Ordnung zu bringen . — Was haben fſie geſagt, bevor Sie ſchliefen, Maudlin? Die kleine Frau nahm ihre Erinnerung zuſammen und erzählte die romantiſche Ercurſion Brian's in den Gärten des Schloſſes Kew. — O, ſo war er das? rief Tyrrel aus; er war der Hans Narr, welcher dieſe Geſchichte angerichtet hat! . . . Man ſpricht in der ganzen Stadt von gar nichts Anderm .. Ei, ei, das iſt gleich ein glücklicher Zufall, und dieſe gute Nach⸗ richt ſpricht Sie vollkommen frei, Maudlin . Das Zimmer, in welchem ſich Suſanna und Lanceſter befanden, war unterdeſſen erleuchtet worden. Ein Bedienter hatte Kerzen gebracht. — Bören Sie nur zu, Maudlin, hören Sie zu! Jetzt wird ſie wieder anfangen und das Ende ihrer Geſchichte wird Sie intereſſiren, ohne daß es Gefahr für mich hat für unſere Geſellſchaft, will ich ſagen, wie Sie wohl denken kön⸗ nen .. Es handelt ſich um eine Erecution .. Sie wiſſen, das Hängen Spencers? Ich war dort, Maudlin, aber ſo placirt, daß ich nicht ganz den Anblick genießen konnte .. 331 und es wäre mir ſehr angenehm, zu erfahren, welche Figur der Jude bei dieſer Gelegenheit gemacht hat. Tyrrel ſprach dieſe Worte mit einen chniſch⸗prahlendem Tone, aber in demſelben lag ein geheimer Schauder und die kleine Franzöſin glaubte, beim ſchwachen Schimmer der be⸗ nachbarten Kerzen, der durch die hellen Löcher des ſchwarz⸗ gefürbten Glaſes drang, Schweißtropfen auf der bläulich⸗ weißen Färbung der Stirn des Blinden bemerken zu können. Einundzwanzigſtes Kapitel. Old⸗Court. Eines nur ſetzte die Frau Herzogin von Göévres ſehr in Erſtaunen: nämlich die Leichtigkeit, mit welcher der Blinde, welcher gewöhnlich ſo ſtreng war, ihr heute ihre Nachläſſig⸗ keit vergab. — Und meinen Sie nicht, Mylord, fragte ſie mit jener verſchlagenen Neugier „welche niemals gerade auf das Ziel losgeht, und wie ein Schiff lavirt, das mit vollen Segeln den Wind entgegen hat, — meinen Sie nicht, daß es beſſer wäre, wenn man die Unterhaltung verhinderte? . — Nein, Maudlin, nein. Er weiß jetzt ſchon, was er nicht wiſſen ſollte und nun iſt es gleich, ob er etwas mehr oder weniger weiß .. Uebrigens habe ich, während Sie ſchliefen, meinen Plan gemacht und dieſer tapfere Ritter ſoll 333 aus dem Bügel gehoben werden, bevor er noch die Lanze einlegen kann .. . Aber horchen Sie, unverbeſſerliche Schwätze⸗ rin .. . hören Sie zu oder ſchlafen Sie wieder ein! ... Es gibt Dinge, welche ſie Niemand anders wird ſagen wollen, als ihrem Geliebten, und die zu erfahren mir, uns ſehr wichtig iſt. Sobald er ſchwieg, drang die Stimme des ſchönen Miädchens ganz deutlich in das Cabinet. — Ich habe Ihnen nur noch wenig zu erzählen, My⸗ lord, ſagte ſie. Sie kennen mich jetzt, und wenn ich fort⸗ fahre, ſo geſchieht es, weil ich keine Lücke in meiner Geſchichte laſſen will, und damit Sie mit mir wie ein Bruder umgehen können, deſſen Auge mich niemals ſeit den Tagen meiner Kindheit verlaſſen hat. Roboam miethete ein kleines Quartier in Faringdon⸗ Street, nicht weit von dem Gefängniß Newgate, wohin mein Vater nach zwei Tagen gebracht wurde. Er hatte das Haus von Goodmans Field verlaſſend viel Gold mit ſich genom⸗ men; aber wir lebten ſehr ärmlich, weil dies Gold zum großen Theile angewandt wurde, meinem Vater in der Ge⸗ fangenſchaft Erleichterung zu verſchaffen. Gewiß war der arme Stumme auf die grauſamſte Weiſe zum Aeußerſten getrieben worden, und Niemand von denen, welche die barbariſche Thrannei kannten, welche auf ihm gelaſtet hatte, würde ſeine Rache mit Recht haben tadeln können Nichtsdeſtoweniger empfand er bittere Reue darüber. Jetzt frei geworden, war er unglücklicher als zur — 334 Zeit ſeiner Sklaverei. Er ſehnte ſich nach ſeiner Kette zurück. Ismael allein würde haben ſagen können, welcher wun⸗ derbare Pact zwiſchen ihm und dem Stummen beſtand. Es iſt gewiß, daß Roboam ihn liebte, und Robvam hätte jetzt ſein Leben hingegeben „um das des unerbittlichen Herrn zu retten, der zwanzig Jahre hindurch ihn mit ſo viel Qualen überhäuft. Aber es ſtand nicht in ſeiner Macht, das Geſchehene ungeſchehen zu machen. Ich kann nicht genau ſagen, wie viel Tage zwiſchen der Verhaftung Ismael's und dem Beginne ſeines Prozeſſes lagen. — Eines Morgens ſahen wis Leute vom Gericht kommen, die uns, Roboam und mich, nach Old⸗Baileh brachten. Man ließ uns ein großes Buch küſſen, das ich niemals in dem Hauſe von Goodmans Field geſehen, — die Bibel, Mylord, — und man hatte uns zu ſchwören befohlen, nachdem eine Gerichtsperſon uns die Formel des Eides vorgeſagt. Ich ſchwor. — Robvam machte ein Zeichen ver Zu⸗ ſtimmung. Darauf verhörte man uns. Robvam antwortete durch Zeichen auf alle Fragen, welche ihm vorgelegt wurden, verneinend. Ich dagegen ver⸗ hehlte in keiner Beziehung die Wahrheit. — Und ſo war ich es, Mylord, die das Werk Roboam's vollendete . Die große Jury verſammelte ſich eines Dienſtags in 335 dem großen Saal von Old⸗Bailey, um die Frage zu ent⸗ ſcheiden, ob die Anklage gegen meinen Vater zu verfolgen ſei oder nicht. Die Berathung dauerte nicht lange und ein einſtimmiges Verdikt befahl, meinen Vater vor die königlichen Richter in Old⸗Court zu ſtellen. Ich war bei der Berathung der großen Jury gegen⸗ wärtig und hatte meinen Vater nicht im Saale bemerkt; aber als ich von Robvam geſchützt hinausgehen wollte, hörte ich eine Stimme an meinem Ohr, die mir ſagte: — Wie befindeſt Du Dich, Suſanna? Ich wandte mich um. — Es war Ismael. Er trug das häßliche Kleid der Gefangenen von New⸗ gate und ſeine Hände waren mit einer eiſernen Schelle um⸗ geben. — Sein Geſicht war ſehr bleich; aber ſeine ange⸗ griffenen Augen hatten ihren Ausdruck von bitterer, unbeug⸗ ſamer Jronie beibehalten .. — O, mein Herr . . . mein Herr! .. rief ich. — Still, Suky! ſagte mein Vater haſtig; — Robvam muß bereuen, was er gethan hat, nicht wahr? und er iſt es, der mir Unterſtützung ſchickt? — Ja, er iſt es, Herr! — Der arme Narr! flüſterte er. Und er ſtieß Roboam mit dem Ellenbogen an, der ihn noch nicht bemerkt hatte. Ich glaubte, Roboam wollte ſich vor ihm niederwerfen, ſo große, unbegrenzte, sbergläubiſche Ehrfurcht drückte ſein 336 Geſicht in dieſem Augenblicke aus. Mein Vater hielt ihn mit einem Blicke zurück und ſagte ganz leiſe zu ihm: — Du haſt mich zu Grunde gerichtet, aber Du wirſt mich retten wollen .. das iſt gut. — Mache, daß der Doktor Moore mich im Gefängniſſe beſucht, und ſage ihm, er ſoll mir einen Dolch mitbringen. Die Wächter Ismaels, welche augenſcheinlich beſtochen waren, hatten ſich dieſer kurzen Unterhaltung nicht entgegen⸗ geſetzt, aber in dieſem Augenblicke fürchtete der Eine von ihnen wahrſcheinlich Verweiſe von ſeinem Oberen, und be⸗ fahl ihm rauh, fortzugehen. — Ismael nickte mir unmerklich mit einer Protektormine zu, gerade wie in den Zeiten ſeines höchſten Glückes, darauf ſchritt er mit erhabenem Haupte vor ſeinen Wächtern her. Roboam zog mich ſchnell mit ſich fort, und ließ mich zu Fuße eine unendliche Reihe von Straßen athemlos durch⸗ eilen, um ſich augenblicklich ſeines Auftrags zu entledigen. — Ich ſchrieb mit Bleiſtift auf ein Blatt aus meiner Brief⸗ taſche, was mein Vater verlangte, und Robvam ging zu dem Doktor hinauf. Ich glaube, Mylord, die Wohnung des Doktor Moore iſt hier in derſelben Straße, nicht weit von hier, denn als ich das erſte Mal in dieß Haus getreten, ſchien es mir, als käme mir die Umgebung bekannt vor .. — Nun, fragte ich Robvam, ſobald er wieder herun⸗ ter kam, wird der Doktor zu meinem Vater ins Gefängniß gehen? 337 Er deutete mir an, der Doktor kleide ſich eben an, um hinzugehen. — Gewiß war er der gewöhnliche Arzt Ismael's, und mußte auch wohl ein Mann von Anſehen ſein; denn ſpäter erfuhr ich, daß trotz der ſtrengen Befehle, welche mir und Roboam den Eintritt ins Gefängniß verboten, der Doktor Moore ſtets zu ihm gehen Frhte Der Tag des eigentlichen Prozeſſes kam. Bei Beginn des Morgens begab ich mich mit Robvam nach Old⸗Bailey. Ich hatte mir einen dichten Schleier über das Geſicht ge⸗ hangen, weil ich wußte, daß man mich zwingen würde, vor einer Verſammlung von vielen Leuten zu ſprechen, und weil ich noch immer ſo ſchüchtern war, wie ſonſt. Indeſſen quälte mich dieſe Schüchternheit nicht ſehr zu jener Zeit, von der ich ſpreche, Mylord! Ich nußte nun, was Ismael bevor⸗ ſtand, und die Unruhe des armen Robvam erregte mein ganzes Intereſſe. Wir kamen zuerſt durch das Vorzimmer, in welchem ſich eine Menge von Sollicitor's, Attorney's, Zeugen und niederen Gerichtsbeamten drängten. — Darauf ſtiegen wir eine hölzerne Wendeltreppe hinauf, die ſteil war wie eine Leiter, und uns direct nach dem Old⸗Court führte. Ismael's Prozeß war dem zu Folge, was die Leute in unſerer Umgebung ſagten, ein Prozeß über Capitalver⸗ brechen, und hätte von den königlichen Richtern in Perſon gerichtet werden müſſen, aber es handelte ſich hier um einen Juden, und deshalb ſaßen blos die Beamten des Magiſtrats zu Gericht. n. 15 338 Es war ein Richter da, ein Beiſitzer, ein Gerichtsſchrei⸗ ber, und auf einem, von einem weiten Zwiſchenraum getrenn⸗ ten Seſſel ſchlief ein dicker alter Mann. Old⸗Court hat an ſich nichts Impoſantes oder Schreck⸗ liches, wie Sie wohl denken können, Mylord. Es iſt ein Saal von mittler Größe, in länglichem Viereck, und aller Majeſtät entbehrend. Nichtsdeſtoweniger mußte ich beim Eintreten zittern, weil ich wußte, daß dieſe Menſchen, welche vor mir ſaßen, über das Schickſal meines Vaters entſcheiden würden. 1 Alles, was ich bei dieſer Gelegenheit ſah, war tief in mein Gedächtniß gegraben. Man hieß mich der Bank der Richter gegenüber Platz nehmen, welche an der Wand ſtand, und an dieſer Stelle mit einem feuerfarbenen Stoff drappirt war. Mitten auf dieſer Bank, unter einem Baldachin von viereckiger Form, ſaß der Oberbeamte, hinter welchem an der rothen Tapete ein nacktes Schwert befeſtigt war. Rechts von dem Beamten und hinter dem ſchlafenden Alverman befanden ſich ein Dutzend Gentlemen, welche fröh⸗ lich von ihren Geſchäften ſprachen. Das war die Jury. — Zur Linken ſaßen die Advokaten. Hinter ihrer Bank öffnete ſich die Thüre, durch welche mein Vater eintrat. Hinter mir ſtand das Publikum und unter dieſem be⸗ merkte ich mit Erſtaunen, durch gewöhnliche Kleidung ver⸗ borgen, die Meiſten der edlen Kunden des Golden⸗Clubs. Es iſt ſehr ſchwer für einen Stummen mit Hülfe der Pantomime abſtracte Gedanken verſtändlich zu machen. Seit einigen Tagen mühte ſich Roboam mir gegenüber mit Ge⸗ berden ab, deren Sinn ich nicht begreifen konnte. Ich habe ſpäter errathen, daß er mir anempfahl, auf alle Fragen der Behörden negativ zu antworten, aber damals war mir voll⸗ kommen unbekannt, was er ſagen wollte. Der arme Robo⸗ am war in Verzweiflung. Er konnte wohl mit ſerupulöſer Genauigkeit einen Wechſel nachmachen, oder eine Unterſchrift copiren, aber er konnte nicht ſchreiben, und wenn er Wechſel⸗ briefe von den Häuſern der City nachmachte, war es für ihn nichts anderes, als das Nachzeichnen eines Muſters, ohne daß er von dem Sinne der Worte eine Ahnung hatte. Ich kam alſo ohne irgend eine Vorbereitung nach Old⸗ Cvurt. Ich mußte mich auf eine Bank ſetzen, meinen Schleter herabfallen laſſen und eine Bibel küſſen. Darauf bedrängten mich der Richter des Königs, die Attorney's und die Advo⸗ katen um die Wett mit hinterliſtig geſtellten Fragen. Ich antwortete der Wahrheit gemäß, Mylord, und Roboam wurde nur der Form wegen befragt. Ich hatte ge⸗ nug geſagt, um die Verurtheilung meines Vaters zu be⸗ wirken. Als ich fertig war, wandte ich mich, che ich meinen Schleier wieder vor das Geſicht zog, inſtinktmäßig nach ihm hin. Er nickte mir freundſchaftlich mit dem Kopfe zu, und begleitete dieſe Bewegung mit einem Lächeln. Sein Geſicht drückte die vollkommenſte Ruhe aus. 1 1 4 Der öffentliche Ankläger ſtand auf, gab einem Gerichts⸗ diener ein Zeichen, und dieſer zog einen wollenen Vorhang zurück, hinter welchem ſich ein Tiſch befand, auf dem ver⸗ ſchiedene Gegenſtände lagen. Es waren alle Werkzeuge aus dem Laboratorium Roboam's, die Toilette, die Dietriche, Waffen, Grabſtichel, Pfriemen, Matrizen u. ſ. w. Der öffentliche Ankläger fragte Ismael, ob er dieſe Ge⸗ genſtände kenne? — Ich erkenne ſie an, mein Herr, antwortete mein Vater, indem er nachläſſig mit einem kleinen Schildkröten⸗ kamme durch die ſeidenen Wellen ſeines langen ſchwarzen Bartes fuhr; — es ſind, ich bitte Sie, es zu glauben, vor⸗ treffliche Inſtrumente, welche mich viel Geld gekoſtet haben . . beſonders die Waffen würden ſehr gut dem Cabinete eines Sportmans jum Schmucke dienen .. und Sie lieben den Sport, wie man mir geſagt hat, mein Es thut mir unendlich leid, daß das Geſetz mir verbietet, nach meinem Wunſche über dieſe Kleinigkeiten zu verfügen ich würde mir ſonſt eine Ehre daraus gemacht haben, ſie Ihnen anzu⸗ bieten. Ismael ſetzte ſich wieder. — Der Ankläger drückte ſich ſeine graue Perrücke in ſein rothes Geſicht hinein und ſchleu⸗ derte ihm einen zornigen Blick zu, welchem Ismael durch einen tiefen und ironiſchen Gruß entſprach. Die Herren Geſchwornen fingen zu lachen an. Der Gerichtsdiener ſtieß mit ſeinem Stocke auf den Boden, und rief mit ſchläfriger Naſenſtimme: * 341 — Ruhe! Ich weiß nicht, Mylord, welches der geheime Gedanke meines Vaters war, aber es iſt mir zur Gewißheit gewor⸗ den, daß eine geheimnißvolle Hoffnung ihn aufrecht erhielt, denn nicht ein einziges Mal während des ganzen Prozeſſes zeigte er den Wunſch, freigeſprochen zu werden, und irgend eine Furcht, ſich verurtheilt zu ſehen. Im Gegentheil, zu wiederholten Malen höhnte er ſeine Richter, provoeirte die Geſchwornen und verſchonte ſelbſt ſeine Vertheidiger nicht mit der Bitterkeit ſeiner Sarkasmen. Vielleicht ſann er auf einen Plan zum Entweichen, vielleicht rechnete er auch auf Vermittlung mächtiger Männer, welche häuſig ſeine Hölle beſucht hatten. Aber er rechnete noch auf etwas anderes, denn ſelbſt am Fuße des Schaffots bewahrte er ſeine Heiterkeit; und zuckte nicht einmal mit den Augenbrauen, als er die abſcheu⸗ liche That beging, welche ſein letztes Verbrechen war. . Er glaubte an nichts. Sterben hieß für ihn nur die Schwelle des Nichts betreten. Ich glaube, Mylord, daß Is⸗ mael, da er nun einmal entlarvt und beſiegt war, lieber ſterben wollte, als von Neuem, mit ſchlechteren Ausſichten, dieſelbe mühevolle Arbeit ſeiner Betrügereien beginnen. Er hatte ſich in dem öffentlichen Ankläger einen Feind gemacht, der trotz ſeines Alters und ſeines Charakters, dafür bekannt war, daß er ein frivoler Menſch von durchaus nicht eremplariſchem Lebenswandel ſei. Dieſer Beamte begnügte ſich nicht, bei der Anklage eine unerhörten Leidenſchaftlichkeit ——— — —— 342 zu zeigen und zu beweiſen, was wahr, offenkundig und ge⸗ nügend war, um meinen Vater zu verderben, ſondern er baute auch noch thörichte Hypotheſen auf, um gegen ungeheure Chimären zu kämpfen. Jedes Mal, wenn der Attorney des Königs inne hielt, um Athem zu ſchöpfen, zuckte Jsmael, zum Zeichen ſeiner Zuſtimmung, mit den Schultern. Der Alderman ſchnarchte, die Richter gähnten, die Geſchwornen ſprachen von Opium, Baumwolle und Conſols; der Gerichtsdiener rief von Zeit zu Zeit: — Ruhe! Alle Beweisſtücke wurden, eins nach dem andern durch⸗ genommen, und bei dieſer Gelegenheit erfuhr ich den Gebrauch der meiſten unter ihnen. Dieſe Gegenſtände, Mylord, bewie⸗ ſen, daß Ismael, abgeſehen von ſeiner ſonſtigen verbrecheri⸗ ſchen Induſtrie, auch noch Diebſtahl mit falſchen Schlüſſeln und im Nothfalle vielleicht Mord fich hatte zu Schulden kommen laſſen. Aber dieſe Dinge konnten bei dem Prozeſſe nicht in Betracht gezogen werden, da, wie einer der Richter ſich aus⸗ drückte, das Corpus delieti fehlte. Zum Schluſſe foderte der Advokat der Krone die Ge⸗ ſchwornen auf, beim Heile ihrer Seele den Angeſchuldigten als ſchuldig zu erklären, und bedrohte ſie im entgegengeſetzten Falle mit allen Strafen des Himmels. Der Vertheidiger meines Vaters ſtand auf. Es war 343 ein junger Mann, roſig und friſch, deſſen weißliche Perrücke eine Carnavalsverkleidung ſchien. — Mein junger Gentlemen, ſagte mein Vater zu ihm, ich denke, Sie werden blos zu Ihrem eigenen Vergnügen ſprechen. Was mich anbetrifft, ſo will ich gern Ihren beredt⸗ ſamen Beiſtand entbehren, mein junger Gentlemen! — O, o, murmelte die Jury. — Ruhe! ſchrie der Gerichtsdiener, der im Stehen ſchüe. Der Alderman proteſtirte gegen dieſen Befehl durch ein ſonores Geſchnarche. Der Vertheidiger kehrte ſich an Nichts. — Er machte meinem Vater ein protectoriſches Zeichen, und begann ſeine Vertheidigungsrede, indem er auf Ehre verſicherte, daß er die Unſchuld des Clienten klarer machen würde, als der Tag. Er verkündete dies mit ſo vollkommener Sicherheit, Mylord, daß ich ein freudiges Gefühl ſich in meiner Seele regen fühlte, und dachte, mein Vater würde gerettet werden. Aber dieſe Hoffnung hielt nicht lange an. Der junge Advokat ſprach mehrere Stunden, und ſagte nicht ein Wort, das mit dem Prozeſſe in Verbindung geſtanden hätte. Er erzählte von dem Unglücke des Volkes Israel in Egypten, gab eine Schilderung von den ſieben-Landplagen, und ging mit Moſes durch das rothe Meer. In der Folge, bei der Gelegenheit der Nachahmung falſcher Wechſel, kam er darauf zu ſprechen, daß die Gravirkunſt und Kalligraphie höchſt ſchätzenswerthe Künſte ſein. 344 Hier glauben wir einen Augenblick die Erzählung Su⸗ ſanna's unterbrechen zu müſſen. Dieſer Theil ihrer Geſchichte könnte in der That für Jemand unwahrſcheinlich ſein, der die Gerichtshöfe Londons nicht kennt, ſehr ehrenwerthe Ge⸗ richtshöfe ohne Zweifel, deren äußere Formen indeß die äußer⸗ ſten Grenzen des Grotesken erreichen. Unſere Advokatur zählt höchſt bedeutende Männer, und unſere Geſetzkundige haben einen europäiſchen Ruf, den wir nicht zu bezweifeln uns unterſtehn. — Aber wenn man zum Beiſpiel nach New⸗ Court hineinkommt während der Sitzung, muß man wirk⸗ lich plötzlich in ein Luſtſpiel zu kommen glauben, und denkt unwillkürlich an jene franzöſiſche Komödie: The litigious, men (es Plaideurs von Racine) wo ein Advokat von der Erſchaf⸗ fung der Welt ſpricht, bei Gelegenheit des Mordes eines Huhns Wenn unſere Formen blos veraltet wären, und nichts lächerlich, als blos die Kleidung unſerer Richter, ſo wäre das blos ein ſekundärer Uebelſtand, ein verzeihlicher Fehler, aber die Form wirkt auch auf die Sache und die Advokaten zurück, welche — die würdigen Gentlemen mögen es uns verzeihen! — noch lächerlicher fins als ihr Koſtüm. Wer ſollte nicht über dieſe armen Geſchöpfe lachen, oder vielmehr Mitleid empfinden, die, von ihrer Flachsperrücke ganz erdrückt, Blut und Waſſer ſchwitzen, mit geſchloſſenen Fäuſten auf unſchuldigen Tiſchen hämmern, den Athem in unendli⸗ chen Perioden verlieren, huſten, ſchluchzen, ſich räuspern und das Alles blos um einen Alderman einzuſchläfern, oder auf einen Beiſitzer Eindruck zu machen, einen unbeweglich daſitzen⸗ 4 3 den Holzblock, oder um die Gentlemen Geſchworne zu über⸗ zeugen, — einige mit Geſchäften überhäufte Kaufleute, welche in der Sitzung die Börſe fortſetzen. Das iſt burlesk — und zugleich höchſt abſcheulich, weil auf der andern Seite des Saales ein Menſch ſich befindet, welchen dieſe unaufmerkſamen Kaufleute aufs Gerathewohl ſchuldig erklären, und die ſchläfrigen Richter zur Deportation oder zum Tode verurtheilen werden! . — Als der junge Advokat ſeine Vertheidigung geendet, fuhr Suſanna ſort, lief ein ſchmeichelhaftes Gemurmel im Saale um. Es war ein Debüt, man erklärte es für ſehr glänzend. Und die Familie des pleading counsellor welche verſammelt war, um ſeine erſte Waffenthat zu feiern, applau⸗ dirte mit Freudenthränen. Der Gerichtsdiener war genöthigt, fünf bis ſechs Mal Ruhe zu gebieten, um die Fröhlichkeit der guten Leute zu mä⸗ ßigen, die in meinem Vater nichts als den Gegenſtand der Vertheidigung ſahen, aus welcher der Held dieſes Feſtes einen ruhmvollen Sieg errungen . . . Es waren Guineen in Perſpective, Mylord, und dieſe Familie war ganz London in verkleinertem Maßſtabe. Die Vorſtellung näherte ſich ihrem Ende. — Der Be⸗ amte, welcher unter dem Schwerte ſaß, ſprach einige Minu⸗ ten, mit gelangweilter, gleichgültiger Stimme, darauf fragte er meinen Vater, ob er etwas hinzuzufügen habe? Mein Vater antwortete nur durch einen cavaliermäßigen Gruß, begleitet von einer prahleriſchen Bewegung der Lippen. 15 X2 Die Geſchwornen verließen ihre Plätze, gruppirten ſich und begannen eine geſchäftige Unterhaltung. Es wäre ab⸗ ſcheulich, wenn man denken müßte, Mylord, daß ſie nicht die ernſte Frage erörterten, die ihnen vorgelegt wurde. — Und doch, großer Gott, welche Gleichgültigkeit auf allen ihren Geſichtern! Nach zehn Minuten tänzelte einer von ihnen wieder herbei und ging auf ſeinen Sitz zurück. Faſt zu gleicher Zeit folgte ein anderer ſeinem Beiſpiele, darauf wieder einer, ſo daß bald alle Geſchworenen ſich wieder auf ihren Sitzen befanden, die Beine kreuzten, und ihre Blicke gleichgültig an der Decke ſpazieren ließen. Der Sprecher der Jurh blieb blos ſtehen. Auf die Frage des Präfidenten ſprach er das Verdikt aus, mit der einen Hand in der Taſche ſeiner Pantalons, die andere in ſeinem Jabot. — Mein Vater wurde mit Einſtimmigkeit ſchuldig befunden. — Nun, Mylord, begannen neue Debatten, der Attor⸗ ney des Königs und der Vertheidiger öffneten dicke Bücher, und ſchleuderten ſich lateiniſche Citationen zu, worauf der erſte Beamte ihnen Stillſchweigen auferlegte. Man weckte den Alderman, der ſich die Augen rieb, und die Richter he⸗ gannen ihre Berathung. In dem Augenblicke, wo ſie ihre Sentenz abgaben, welche die Todesſtrafe gegen meinen Vater ausſprach, wurde der freudige Lärm, mit welchem man den jungen Advokaten beglückwünſchte, ſo tumultuariſch, daß der Gerichtsdiener noch mußte. Mein Vater hörte das Urtheil an, ohne die geringſte Aufregung zu zeigen. Robvam dagegen ſtieß ein gellendes Geſchrei aus, und ſchlug verzweiflungsvoll an ſeine Bruft. Mein Vater richtete einen Blick des Mitleids an ihn. — Armer Narr! ſagte er abermals, — auf Wieder⸗ ſehen, Suky! Seine Wächter ſchleppten ihn fort. Wir gingen nach unſerem Hauſe in Faringdon⸗Street zurück, meine Ermattung hatte ihren höchſten Grad erreicht. Ich empfand eine vollſtändige und allgemeine Unempfinplich⸗ keit. — Alles, was ich Ihnen erzählt habe, entlockte mir nicht eine einzige Thräne. Zwei Tage darauf empfing ich durch einen unbekannten Boten einen Brief folgenden Inhalts: „Ich gedachte aus Dir eine Lady zu machen, Suſanna, ohne dieſen unglücklichen Roboam würde ganz London der Sirene einen Thron errichtet haben, einen Thron, deſſen Stufen von Gold geweſen wären. „Jetzt iſt alles zu Ende. — Und doch, Suky, wer weiß, was die Zukunft Dir und mir noch vorbehält . .. „Erinnerſt Du Dich wohl? .. . Ich habe Dir einmal verſprochen, Dir zu zeigen, was das iſt: gehängt zu wer⸗ den: komme Donnerſtag vor Tagesanbruch nach Old⸗Bailey, meine Tochter .. komm, es iſt mein Wille, mein letzter Wille! — dann werde ich Dir mein Verſprechen halten. 348 „Auch Robvam ſoll nicht unterlaſſen, zu kommen, und auf meine geringſten Bewegungen aufpaſſen. — Ich werde ſeiner bedürfen. „Auf Wiederſehen, Suky! — Ich glaube nicht an Gott, ſonſt würde ich Dir ſagen: Gott ſegne Dich! — Du wirſt reich werden, wenn Du willſt, weil Du ſchön biſt. Alſo wolle nur.“ — — — Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Debt's⸗gate. — Gewiß, Mylord, ſagte die kleine Franzöſin zu Tyrrel, denn ſeit einigen Augenblicken hatte ſie große Mühe gehabt, ihre Zunge zu zügeln, — ich hatte von der Hin⸗ richung dieſes ungläubigen Spencer gehört, aber ich glaubte nicht, daß er ſo verhärtet geweſen ſei! ... Einen ſolchen Brief bei bevorſtehendem Tode zu ſchreiben . .. und an ſeine eigene Tochter? .. Was mich anbetrifft, wenn ich meine letzte Stunde werde kommen ſehen, ſo gedenke ich doch mich ein wenig mit der Ewigkeit zu beſchäftigen. — Ismael that was er wollte, Maudlin, antwortete Tyrrel, der an der Erzählung Suſanna's ein außerordentli⸗ ches Intereſſe zu nehmen ſchien; — und Sie werden auch thun, was Sie wollen ... Bis dahin indeß ſchweigen Sie ſtill und hören Sie zu! 350 Das ſchöne i hatte eben wieder das Wort er⸗ griffen. — Der Brief meines Vaters, ſagte ſie mit einer Stimme, deren Klang durch die Anſtrengung ſchon matter zu werden begann, — erregte ein unangenehmes Gefühl in mir. Das iſt Alles, was ich ſagen kann, Mylord! Die Zeit der ſchmerzenden Aufregungen war vorüber. Alles glitt an dieſer Decke von Fühllofigkeit ab, welche ſich um mein Herz gelegt hatte. Ich las Roboam das vor, was ihn betraf. Ein Blitz der Freude ging über das bedrückte Geſicht des armen Stummen. Ich glaube, er hoffte eine Gelegenheit zu finden, wo er Ismael dienlich ſein und auf dieſe Weiſe ſo viel als möglich das verhängnißvolle 8 ſeines Zornes wieder gut machen könne. Es war ungefähr elf Uhr Nachts. Am andern Tage ſollte mein Vater gehängt werden. Ich ſchlief ein, aber es war jener peinliche Schlaf voller Angſt, der meine Nächte nur zu einer langen Ermüdung machte, als Robvam in meine Kammer ſtürzte. Mit Geberden machte er mir verſtändlich, daß es Zeit zum Gehen ſei. Ich kleidete mich haſtig an. Wir gingen. Es war noch kein Menſch in Faringdon⸗Street, eben ſo wenig in Fleetſtreet, durch welche wir kamen, um nach Old⸗ Bailey hineinzugehen, der Thür des Seſſionshofes gegen⸗ über. — In dem Augenblicke, wo wir die ſchwarzen Mauern * von Newgate wahrnahmen, ſchlug es in Skinnerſtreet auf dem Glockenthurme der heiligen Grabkirche zwölf Uhr. In der breiten und ſchon dem Ausſehen nach unheil⸗ vollen Straße, die man Old⸗Bailey nennt, regte ſich Nichts. — Blos oben in der Luft hörte man an den Häuſern entlang, welche dem Gerichtshofe gegenüber liegen, muntere Unter⸗ haltungen und gleichfalls in den erſten Gebäuden von New⸗ gate⸗Street, die nach Old⸗Bailey hinüber Ausſicht haben. Ich ſah nach oben, um zu ſpähen, woher das luſtige Gemurmel komme, das ſo ſehr mit dem Ort und dem ange⸗ kündigten Auftritte im Widerſpruche ſtand. Anfangs bemerkte ich Nichts; aber bald unterſchieden meine Augen, die ſich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, an allen Fenſtern der Häuſer Gentlemens und Ladies. Oben auf den Böden waren Frauen aus dem Volke und einige Kinder kauerten auf den Vorſprüngen der Läden. Alle dieſe Leute warteten, Mylord! Sie hatten ihre Plätze beſtellt. — Man klagt darüber, wenn man vor dem Italian⸗Opera⸗Houſe lange halten muß; aber man kann ſich eine Nacht gedulden, um einen Menſchen hängen zu ſehen. Bei jeder Exekution iſt es ſo. Jedes Fenſter, das gün⸗ ſtig gelegen iſt, wird bis zu zehn Guineen vermiethet und der Preis iſt dreifach, wenn es Verurtheilte von Wichtig⸗ keit ſind. Man lachte. — Einige Gentlemen pfiffen, einige Ladies trällerten eine moderne Arie: — man tödtete die Zeit. Roboam und ich — wir hatten uns auf einen Balken 352 geſetzt, der mitten in der Straße Debt's⸗gate, dem Schuld⸗ gefängniß gegenüber lag. — Roboam hatte ſeinen Kopf auf ſeine Kniee gelegt. Ich ſaß gerade, unbeweglich an Körper wie an Geiſt und verſuchte nicht, im Dunkel meiner Gedan⸗ ken klar zu ſehen. Ich litt nicht, ſondern ſchlief moraliſch; blos war es mir ſehr kalt und der durchdringende Nebel der Londoner Nächte fiel mir ſo ſchwer auf die Bruſt, daß ich krampfhaft huſten mußte. Das war das einzige Geräuſch, welches dem munteren Geziſchel von den Fenſtern herab entſprach. Eine halbe Stunde nach Mitternacht kam ein Haufe Arbeiter von Polizeibeamten begleitet mit drei bis vier Karren um Ludgate⸗Hill herum nach Old⸗Bailey. Dieſe Art von Karavane ging ſchweigend vorwärts und hielt gerade vor der Schuldthür an. Man trieb Roboam und mich von unſerm Platze bis zu den dem Gefängniſſe gegenüberliegenden Häuſern zurück. — Der Balken, auf dem wir uns geſetzt hatten, war der Haupt⸗ pfahl des Galgens. Die Arbeiter begannen ſogleich, die girn abzuladen, welche Balken, Vretter und Streben enthielten. Bald darauf hörte man nach allen Richtungen hin den lauten Schlag der Hämmer. — Die einen machten das bewegliche Brett des Schaffottes zurecht, die andern rammten die Pfähle in die Erde und nagelten Bohlen daran, um die Barriere zu bilden, welche das Volk abhalten ſollte. 4 — ——— 4 — Alles das geſchah in der Eile. Man fürchtete, vom Tage überraſcht zu werden, und die Aufſeher trieben ſtets die Säumigen an. Bei jedem Hammerſchlage, Mylord, ſah ich den armen Roboam zuſammenfahren. Es ſah aus, als ſchlüge man ihm aufs Serz. — Ich hörte nicht gleichgültig, aber erſchlafft zu; ich begann in der Seele einen dumpfen, aufregungsloſen Schmerz zu fühlen, einen Uebergang von der Apathie zur Starrheit. Was um mich geſchah, wirkte allerdings auf mich, aber ohne mein Wiſſen. Ich hörte die Hammerſchläge, wie die luſtigen Geſpräche, die von den Fenſtern herabſchallten, die ſchlechten Späße, und der Name meines Vaters, der um mich herum ſehr oft ausgeſprochen wurde, berührte mein Ohr nicht ſchmerzlicher, als die monotone Stimme des Policeman, der die Zimmerleute aufforderte, die Barriere recht feſt zu machen. Mylord, ſo find viele Tage für mich vergangen, und eines Abends habe ich den Weg nach der Themſe genommen, um mich zu tödten, ohne größere Aufregung, als wenn ich Nachts mein gewöhnliches Lager geſucht hätte. Ich kann nicht denken, daß dies leben heißt; ich hatte etwas Todtes in mir: vielleicht war es das Herz. — Und doch lebte mein Herz, weil es Thränen um Ihr Andenken hatte . Die Arbeit ging ſchnell. Kein Licht leuchtete den Sand⸗ werkern, ſie arbeiteten bei dem unbeſtimmten Scheine der auf 354 dem Platze zerſtreuten Gasflammen, aber an ihre Beſchäfti⸗ gung gewöhnt, ließen ſie mit ihren Hämmern die tiefen Echo's in den alten Mauern von Newgate erklingen. — Ismael mußte den Lärm dieſer Vorbereitungen hören. — Auf einer Binſenmatte zu ebener Erde, dem letzten Lager der zum Tode Verurtheilten, liegend, konnte er die Bretter eines nach dem andern zählen, welche zuſammengenagelt den Boden ſeines Schaffottes bildeten. Damals fühlte ich das nicht, Mylord, aber heute fällt es mir ſchwer auf das Herz. — Es war unheimlich mit an⸗ zuſehen, wie alle dieſe Männer ſich in der Dunkelheit be⸗ wegten und geſchäſtig waren, die Bühne zu errichten, auf der einer ihres Gleichen ſterben ſollte. Und abſcheulich zu gleicher Zeit war es, ein widerwär⸗ tiger Gegenſatz, gegenüber der Todesrüſtung die ſanften Stimmen von Frauen zu hören, die von leichtfertigen, un⸗ nützen Dingen ſprachen, vielleicht von Liebe .. Ungefähr zwei Uhr Morgens war es, als die erſten Wogen der Menge unbeſtimmt auf beiden Seiten von Old⸗ Bailey erſchienen. Nach der Richtung von Ludgate⸗Hill hin⸗ derte eine ſtarke Barriere die Annäherung an das Schaffot, von der Seite von Newgate⸗Street konnte man indeß bis beinahe an das Gerüſte herankommen. Eine Stunde lang wuchs die Menge fortwährend. Die Barrieren, einem immer ſtärker werdenden Drucke ausgeſetzt, krachten und drohten umzubrechen. Da gab es denn von allen Seiten Flüche, rohe Spöttereien, ungeduldiges Schreien. Noch ſechs Stunden Wartens! — Das hieß das ver⸗ ſprochene Vergnügen ſehr theuer erkaufen ... aber es war nicht zu theuer. Das Schauſpiel ſollte vollſtändiger als ge⸗ wöhnlich werden und das Drama behielt den Zuſchauern noch eine unerwartete Kataſtrophe vor. Robvam und ich — wir ſtanden zwiſchen zwei Barrieren gedrängt, dicht an dem Hauſe, welches Debt's⸗gate gegenüber ſteht. Etwa blos ein Dutzend Perſonen hatten bis an un⸗ ſern Standpunkt vordringen können. Ein Zwiſchenraum von zwölf Fuß und eine ſchwankende Barriere trennten uns von der Menge. — Unſer Platz war der Gegenſtand großen Neides, Mylord, und man fragte ſich rings um uns herum, wie uns ein ſolches Glück hätte zu Theil werden können! . Suſanna unterbrach ſich und fuhr mit der Hand über die Stirn. Seit einigen Augenblicken war ihre Stimme ſchwer und mühſam geworden. — Sie leiden, Mylady, ſagte Lanceſter beſorgt, — ſchieben Sie dieſe Erzählung bis zu einem andern Tage auf, da ſie in Ihnen herzbrechende Erinnerungen hervorruft. — Nein, Mylord, antwortete Suſanna. Sie müſſen noch heute Alles wiſſen, damit ich mit dieſer düſteren Ver⸗ gangenheit abſchließen kann, die mir ſtets wie eine blutige Viſion erſcheint .. Ich leide .. . O ja, Sie haben Recht! .. Ich leide heute unendlich mehr, als in jener furchtbaren Nacht; aber ich bin ſo ſtark, Mylord! Die Stunden der Nacht vergingen und das erſte Licht —— 356 des Tages, — eines düſteren Wintertages, — erhellte die Scene. Was ich zuerſt mir gerade gegenüber bemerkte, war eine ſchwarze Maſſe von viereckiger Form, auf welcher ſich der drohende Arm des Galgens erhob; — es war das Schaffot, an welches die Arbeiter eben die letzte Hand angelegt hatten, und das ganz und gar mit ſchwarzem Tuche ausgeſchla⸗ gen war. Die Arbeiter verſchwanden; der Raum zwiſchen uns und dem Gerüſte blieb leer bis ungefähr gegen acht Uhr eine Abtheilung von Polizeimännern mit ihren Ringſtäben den⸗ 1 ſelben erfüllte. Rechts und links, ſo weit man ſehen konnte, wogte eine ungeheure Menge, bewegte ſich und zitterte bei der eiſi⸗ gen Kälte des Morgennebels. Je heller die tauſend Geſichter dieſes furchtbaren Haufens wurden, ie mehr konnte man auf ihnen ein gemeinſames Gefühl bemerken: Ungeduld, chniſche, rohe Ungeduld nach dem erwarteten abſcheulichem Schau⸗ ſpiele. Das Geflüſter an den Fenſtern über uns — hier erſetzte wenigſtens die Scheu die Achtung der Menſchlichkeit. Man ſchämte ſich dieſer von häßlichen Inſtinkten erfüllten Menge „ gegenüber, fürchtete, ſich ihr zu zeigen und zu warten wie ſte. Als ich zufällig die Augen erhob, um diejenigen zu ſehen, deren Stimmen ich die ganze Nacht hindurch gehört, in leichtfertigen, luſtigen Reden ſich ergehend, nahm ich kein enthülltes Frauengeſicht wahr. Von den eleganten Hüten 357 waren alle Schleier herabgeſunken. — Die Gentlemen hatten die Kragen ihrer Röcke in die Höhe geſchlagen, oder verbar⸗ gen ihr Geſicht hinter Opernguckern. Aber das Volk verſpottete dieſe heuchleriſche, ſpät kom⸗ mende Scham. Eine Menge von beleidigenden Schimpfreden und Späßen ſtieg von der Straße hinauf nach jenem anderen Pöbel dort oben, der ſich von dem unten nur durch die Kleidung unterſchied, und der unter ſeinem Sammet und koſtbaren Stoffen eben ſo ſehr, wie jene unter ihren Lumpen, eine grenzenloſe Vegier nach blutigen Aufregungen verbarg, und den wiverlichen Wunſch, den Tod in den letzten krampf⸗ haften Zuckungen eines ſterbenden Menſchen auszuſpähen. Mancher Schleier war zu durchſichtig, mancher Fächer zu ſchmal. Mehr als ein vdrnehmer Name wurde von dem Parterre unten genannt, dem Spotte Preis gegeben, und dieſe und jene Lady ſenkte ihr Haupt vor der energiſchen Mißbilligung des Volksgerichts. Aber das war, denke ich, von dieſen Damen nur über⸗ triebenes Zartgefühl. Thaten ſie nicht, was alle Welt in London thut? — Und ſoll man, weil man jung, reich, vor⸗ nehm, ſchön, geliebt iſt, ſich der pikanten Genüſſe berauben, welche das Volk trunken macht? O, Mylord, dieſe Spitzenſchleier und Fächer ſtehen mir noch vor Augen! Ich ſehe hinter dieſen anmuthigen Masken anmuthige Geſichter, und dieſe Geſichter flößen mir noch mehr Abſcheu ein, als jene ſonnengebräunten, luftge⸗ —— — Bekräftigung der Lehren, welche er mir gegeben . * 358 härteten der Leute aus dem Volke, auf denen ſich die Begier, dem Tode zuzuſchauen, aber offen und naturwüchſig ausdrückt. 3 Wenn ich damals den Namen Lady Ophelia's hätte nennen hören, würde ich ſpäter, ich das arme Mädchen, ihre Freundſchaft! urückgewieſen haben, und hätte ihr nicht erlaubt, mich e zu nennen. Sieben ein halb Uhr hatte es ſeit einigen Minuten geſchlagen. Der entſcheidende Augenblick kam immer näher. — Ein tiefes Schweigen herrſchte in der Menge; ſie wurde von jener Beklemmung ergriffen, welche ſtets einem erwarteten Schauſpiele vorausgeht, und die nur der Parorysmus der Ungeduld iſt. Auf der Straße war es ſtill, in den Fenſtern ſchwieg man, auf den Dächern hatte der Lärm aufgehört. Um drei viertel auf acht Uhr begann ein langſames dumpfes Glockengeläute vom Thurme der heiligen Grabkirche. Zu gleicher Zeit ſtiegen zwei ſchwarz gekleidete Männer die Stufen des Schaffots hinauf, und ſtellten auf das Gerüſt einen langen Kaſten von Fichtenholz nieder. — Die Glocke tönte das Sterbegeläut meines Vaters, und dieſer Kaſten war ſein Sarg .. Es lief ein Schauer durch die Menge. — Endlich, endlich! ſagte man. War das nicht ein würdiges Compliment für die Er⸗ ziehung, welche mir mein Vater gegeben hatte? Was ich hier von der Welt ſah, verbunden mit dem, was ich in Old⸗ Court und dem Golden⸗Club geſehen, war eine Art von 359 Ich dachte damals — und lange Zeit habe ich es denken müſſen — daß das Herz des Menſchen einzig und allein vom Böſen beherrſcht wird. Ich mußte erſt Ihr edles Wort hören, Brian, und die Reden meiner Ophelia verneh⸗ men, um hier unten auf der Erde etwas anderes zu ſehen, als die Hölle. Seit zehn Minuten ungefähr erklang die Sterbeglocke, als ſich die Thür von Debt'sgate öffnete. Von dieſer Thür bis nach dem Galgen ging eine Art von Fallbrücke. — Alles richtete ſich auf den Fußſpitzen in die Höhe. An den Fen⸗ ſtern beugten ſich die Köpfe hinaus. Alle Blicke richteten ſich nach der eben geöffneten Thür. Zuerſt erſchien ein Prediger mit der Bibel in der Hand. Es war der Ordinarius“) von Newgate, welcher auf das Schaffot trat, ohne ſich umzudrehen. Nach ihm kam Ismael. — Mein Vater war ſehr bleich, Mylord, aber keine Aufregung war auf ſeinem Geſichte zu leſen, es hatte den Ausdruck ſeines gewöhnlichen beißenden Spottes. Er ging über die Brücke mit feſtem Schritte, und ſtand mitten auf dem Ge⸗ rüſte ſtill. Seine Hände waren mit eiſernen Schellen und einem ſtarken Seile zuſammen gebunden, das ſeine Arme nach hin⸗ ten an den Ellenbogen ſchloß, ſo daß ihm jede Bewegung der Arme unmöglich wurde. Auf dem Vorſprunge ſeiner *) The Ordinary. Man nennt den proteſtantiſchen Geiſtli⸗ chen von Newgate ſo, welcher die Pflicht hat, die Verurtheilten auf ihrem letzten Wege zu begleiten, Ellenbogen hing ein gewundener Strick, deſſen Ende eine Schlinge war, die um ſeinen nackten Hals herumgelegt war. — Da iſt er, da iſt er! rief es von alken Seiten um uns herum. — Ein unverſchämter Böſewicht. — Er aß Menſchenfleiſch in einer Kammer, wo es weder Fenſter noch Thüre gab, der Ungläubige. — O, Gott ſei Dank, der verdiente zweimal gehängt zu werden! Alle dieſe zurückgehaltenen Stimmen bildeten vereint ein dumpfes Gemurmel, ähnlich dem Geräuſche des Windes, der durch einen Wald geht. — Ueber mir ſprach man noch leiſer, aber ich hörte eine Frauenſtimme ſagen: — Dieſer Menſch hat ſchöne Schultern. Mein Vater ſtand einige Schritte vom Fuße des Pfahls bei dem offenen Sarge. Er bückte ſich, um ihn näher in Augenſchein zu nehmen, dann ſtieß er ihn verächtlich mit dem Fuße von ſich. Der Sarg ruſchte auf den Sägeſpänen hin, mit welchen das Gerüſt bis zum Rande des Schaffottes bedeckt war. — Mein Vater richtete ſich darauf in die Höhe und durchlief mit ſicherem Blicke die Menge. — Welcher verhärtete Böſewicht! hieß es im Haufen. — Er hat etwas Romantiſches im Blicke, murmelte die Stimme oben vom Fenſter. Es iſt ein ſchöner Mann. — Nun, Mylady, ſchön oder häßlich, erwiederte die grollende näſelnde Stimme eines Greiſes; — bald wird er nichts mehr ſein, als der Leichnam eines gehenkten Juden. 4. 361 Der Ordinarius von Newgate hatte unterdeſſen ſeine Bibel geöffnet, und las nur ſo obenhin etwas daraus. Is⸗ mael hörte nicht zu. Nach einigen Sekunden runzelte er die Stirne und befahl dem Prediger, ſich zu entfernen. Dieſer, deſſen evangeliſcher Eifer nicht ſehr groß zu ſein ſchien, ließ es ſich nicht zweimal ſagen, nahm die Bibel unter den Arm und zog ſich links von dem Pfahle zurück. Ich weiß es Ihnen nicht zu ſagen, Mylord, wo die Henker herkamen, aber ſie waren auf einmal da, und ſtanden hinter dem Verurtheilten auf dem Gerüſte. Noch immer klang die Glocke vom heiligen Grabe. — Ich hörte in meiner Nähe ſagen, noch eine Minute, und dann würde alles vorbei ſein. Durch die Menge ging es wie ein Fieberſchauer. Alle dieſe engliſchen Geſichter, gewöhnlich ſo phlegmatiſch, beweg⸗ ten ihre Muskeln in ſeltſamen Zuckungen. Die Einen beweg⸗ ten den Mund, ohne zu ſprechen; Andere hatten ihn weit offen, mit einem ſtupiden Lächeln auf den Lippen, Andere wieder ſchienen mit emporgezogenen Augenbrauen und geöff⸗ neten Naſenlöchern mühſam ihren Genuß einzuſaugen. — O, Mylord, ich übertreibe nicht, und die Bitterkeit meiner Erinnerungen ſetzt ſich hier nicht an die Stelle der Wahrheit. Es lag nur Glück in allen dieſen brennenden Blicken. Old⸗ Bailey feierte ein Feſt und nirgend anders gibt es in Lon⸗ don ſo viel Glückliche als vor Newgate am Tage einer Hinrichtung. Mein Vater hatte indeſſen mit den Augen die Menge I 16 362 durchſucht, welche unten um Old⸗Bailey nach der Seite von Ludgatehill ſtand, hob dann den Blick nach den Fenſtern, zu welchen tauſend Köpfe hinausſahen, und ſchiel emanden zu ſuchen. An der Ecke von Fleet⸗Lane hielt er inne, und ich glaubte zu bemerken, daß er ſeinen Kopf beugte zu einem kaum wahrnehmbaren Gruße. Darauf richtete er den Blick wieder nach der Straße, und bemerkte uns endlich ihm gegenüber. Ein Strahl von wilder Freude erheiterte augenblicklich ſeine bleichen Züge, als er Robvam erblickte, der ſeine Arme weinend nach ihm ausſtreckte. — Mein Vater nickte mir wie immer freundſchaftlich zu, und lächelte, mich anſehend, ſanft. Roboam war in einem Zuſtande von Angſt, welche jedem Herzen Mitleid entreißen mußte. Die ganze Nacht hindurch hatte ſich ſein Schmerz auf die gewaltſamſte Weiſe gezeigt, aber ſeit Ismael's Erſcheinen gab ſich bei dem armen Stummen eine Art Todeskampf kund. Er röchelte dumpf, brennende Thränen ſtürzten ihm aus den Augen, und ſeine krampfhaft geſchloſſene Hand ſchlug an die Bruſt. Der Henker ſagte ein Wort mit lauter Stimme, Man brachte eine Leiter, welche er an den Querbalken des Galgens lehnte. Dieſe Leiter, auf deren Stufen er hinauf ſtieg, diente ihm dazu, das Ende des Strickes feſtzumachen, der eben noch auf Jsmael's geknebelte Ellenbogen niederhing. Als das geſchehen war, ſtieg der Henker die Leiter wie⸗ der hinab, welche man wegnahm. Jetzt hing der Strick an Ismael's Halſe; — eine Ge⸗ 363 berde des Henkers, der ſich neben die Feder geſtellt hatte, welche das hewegliche Brett in horizontaler Lage erhielt, ge⸗ nügte nun, um ihn in die Ewigkeit zu befördern. In dieſem entſcheidenden Augenblicke, wo die Geſpräche von allen Seiten aufgehört hatten, wo man kein anderes Geräuſch hörte, als den mühevoll angehaltenen Athem von drei tauſend Menſchen, warf die aufgehende Sonne einen rothen Schein auf die oberen Fenſter der Newgate gegen⸗ über liegenden Häuſer. Ismael ſchauerte zuſammen. — Erſt betrachtete er ſchwer⸗ müthig den Sonnenſtrahl, dann wollte er wahrſcheinlich das Geſtirn ſelbſt zum letzten Male ſehen, und kehrte ſich lebhaft um; — aber Newgate hielt hinter ihm den düſteren Schirm ſeiner Mauern vor. Mein Vater ſenkte den Kopf — ſeine Entſchloſſenheit ſchien im Begriffe zu finken. — Cheer up! (Muth!) rief in dieſem Augenblicke eine tiefe und tönende Stimme, welche aus einem Fenſter an der Ecke von Fleet⸗Street kam. Alle Blicke wandten ſich nach dieſer Seite. — Mein Vater grüßte leicht; — darauf richtete er den Kopf wieder ſtolz in die Höhe, und ſich zu uns wendend, machte er Ro⸗ boam ein Zeichen, als wenn er ihm riefe. In zwei oder drei Sekunden mußte die verhängnißvolle Stunde ſchlagen. Aber Robvam bedurfte nur einer, um mit einem einzigen Sprunge die zu überſteigen, welche ihn vom Schaf⸗ 16* fot trennte, die ihm in den Weg tretenden Policemen zurück zu werfen und auf den Vorſprung des Schaffots zu ſpringen. Die Menge, durch dieß unerwartete Schauſpiel lebhaft bewegt und beſtürzt, ſah ihn bald an Jsmael's Seite, deſſen im Voraus durchfeilte Handſchellen bei einer heftigen Bewe⸗ gung nachgaben. Da vergaß der Haufe ſeinen ganzen Haß, ſchrie Bravo, weil das Ereigniß verſprach, dramatiſch zu werden. Die Schnupftücher bewegten ſich zu den Fenſtern hinaus und die Stimme von Fleet⸗Lane wiederholte: — Cheer up! — Dreiundzwanzigſtes Kapitel. The launch into Fternity. Robvams Bewegung war ſo ſchnell geweſen, daß Niemand daran gedacht hatte, ſich ihr entgegenzuſtellen. — Der Henker betrachtete ihn wie verſteinert mit dummen Blicken und regte ſich nicht. — Seine Knechte waren ſchon vom Schaffotte herabgeſtiegen. Ich weiß nicht, Mylord, ob mein Vater mit Erfolg zu entfliehen hätte verſuchen können. Die Menge ſchien es zu glauben und brach in wahnfinnige Aecclamationen aus. Wurfgeſchoſſe von aller Art begannen ſchon auf die Polizei zu fallen. Es war eine Drohung zum Auftuhr. Aber mein Vater verſuchte nicht zu fliehen. Nicht des⸗ halb hatte er Roboam gerufen. In dem Augenblicke, wo dieſer den Strick ergriff, um die Schlinge loszumachen, hatte Ismael mit der Hand in den Buſen gegriffen, und zog einen kurzen Dolch heraus, — wahrſcheinlich derſelbe, den ihm Doktor Moore hatte beſorgen ſollen, — und ſtieß ihn wü⸗ thend in Roboam's Bruſt. 366 Roboam ſank ſogleich ſtarr um zwiſchen meinem Vater und dem Henker. *) Ismael wandte ſich nach dem Fenſter in Fleet⸗Lane, ſchwang den blutigen Dolch triumphirend und rief: — Thank you! Danke, Mylord! Die Menge hatte ein langhinſchallendes des Entſetzens ausgeſtoßen. In dieſem Augenblicke ſchlug es vom Thurme der heiligen Grabkirche acht. Der Henker, wohl mehr aus Ge⸗ wohnheit ſeines Handwerks als überlegter Weiſe, denn er ſchien vor Entſetzen ſtarr, drückte mit dem Fuße auf die Fe⸗ der des Brettes. Die Fallthür ging hinab, das Seil ſpannte ſich aus, die Hälfte von Ismael's Körper verſchwand in dem Loche. „ Sein Geſicht zog ſich zuſammen und wurde darauf un⸗ beweglich. — Das angeſpannte Seil wand ſich langſam herum und gab dem Körper, der ſchon nichts mehr war als ein Kadaver, eine abſcheulich drehende Bewegung. Ich ſchloß die Augen, Mylord, meine Kniee wankten. WMiir war es, als ob eine Hand von Eis mir auf dem Her⸗ zen läge. — Darauf ſah ich und fühlte ich Nichts mehr. Suſanna unterbrach ſich; Brian, welcher von dieſer Erzählung ganz beklommen war, ſchwieg ſtill. In dem ſchwarzen Cabinete zitterte die kleine Franzöſin *) Ein ähnlicher Auftritt fand 1797 in Glasgow ſtatt. Lam⸗ beth Fisher MDougal, ein Bergſchotte vom Clan Dougal, mordete auf dem Schaffott Fergus M'Dougal, ſeinen Vetter. 367 an allen Gliedern und murmelte Ausrufe des Schreckens. — Tyrrel ſelbſt ſchien außerordentlich aufgeregt zu ſein und einen Augenblick zitterte ſein Körper und ſchwankte, als ob er fallen wolle. Maudlin fühlte von der Stirn des Blinden einen Tropfen eiskalten Schweißes fallen. — Ja, flüſterte er endlich nach einer Pauſe; — ſo war es! — Sie hat Nichts vergeſſen ... ſelbſt nicht den Meſſerſtoß .. Roboam verdiente den Meſſerſtoß nicht, — aber dieſer Teufel, der Doktor Moore Sie hören mir zu, Maudlin! .. Was horchen Sie auf meine geringſten Worte, elendes Weib! ... Wiſſen Sie nicht, daß man ſich mitunter durch die Ohren vergiftet, und daß Leute ſchon geſtorben find, weil ſie zuviel gehört haben? — Mylord! ſtotterte die kleine Franzöſin. — Still! . .. hat ſie nicht geſagt, daß das Seil ſich drehte, Maudlin? .. langſam drehte! .. . Man mußte den Leichnam leblos der Bewegung dieſes verfluchten Strickes haben folgen ſehen können ... das muß abſcheulich geweſen ſein . . abſcheulich! ... Er fuhr mit der Hand unter ſeine Cravatte, als ob ihm plötzlich der Athem vergangen wäre. — Ein Strick um den Hals herum, Maudlin, begann er mit erſtickender Stimme; — ſtellen Sie ſich wohl wie unangenehm das ſein kann? Maudlin betrachtete ihn verwundert. — Meiner Treu, antwortete ſie lachend, ich bin noch niemals gehängt worden, Mylord, — und Sie? 368 Tyrrel ſtand auf und richtete ſich in ganzer Länge in die Höhe. — Ich? ſprach er wie verwildert; — ich?. Maudlin, das mußte ſcheußlich ſein, den ſich ſo umdrehen zu ſehen! . . Dieſe ſeltſamen Worte contraſtirten ſo ſehr mit dem gewöhnlichen Gleichmuth des Blinden, daß die kleine Fran⸗ zöſin einen Augenblick auf den Gedanken kam, er habe plötz⸗ lich einen Anfall von Tollheit bekommen. Aber in dem Augenblicke, wo ihr dieſe Idee durch den Sinn ging, ſetzte ſich Tyrrel ruhig wieder hin und ſagte mit dem ſten Tone: — WMeiner Treu, Maudlin, dieſer Ismael Spencer drehte ſich wie ein Tamburin herum .. und jedes Mal, wenn ich Jemanden hängen geſehen, machte dieſe Pirouette nach dem Tode einen hölliſchen Eindruck auf mich. Paſſen Sie bei der nächſten Gelegenheit einmal auf dieſe Pirouette auf. — Als ich wieder zur Beſinnung kam, Mylord, hob Suſanna wieder an, ſtand die Sonne ſchon über St. Paul⸗ Die Todesvorrichtungen waren vollkommen verſchwunden; die Menge hatte ſich zertheilt und die Proviantwagen kamen und gingen wie gewöhnlich nach Old⸗Bailey hinein und heraus. Ich wachte auf, weil ein Policeman bemerkt hatte, daß ich den Weg verſperrte, und mich derb ſchüttelte. — Seit zwei Stunden hatte ich dort beſinnungslos geſeſſen. Mehr als tauſend Perſonen waren in meiner Nähe geweſen, aber Sie wiſſen, Mylord, daß in London die Varmherzigkeit ſich — 369 damit begnügt, nicht den Fuß auf den Unglücklichen zu ſetzen, der auf dem Pflaſter liegt. Einen Schritt aus ſeinem Wege thun, iſt ſchon ſehr viel für beſchäftigte Leute, Vaſallen der Habſucht, bei welchen der Egoismus ſo ungeheure Proportio⸗ nen angenommen, daß ihr Univerſum nur in ihnen iſt und ihre kurzſichtige Seele nicht weiter als zwei Schritte vor ſich ſieht! . .. Ach, ich kenne London, Mylord! — Ich habe ſo viel darin gelitten. Mir war es, als habe ich einen Traum gethan, der in ſeiner Schauerlichkeit alle Grenzen überſchritten. Inſtinkt⸗ mäßig richtete ich meine Schritte nach unſerer Wohnung von Faringdon⸗Street, aber bevor ich dort ankam, war mir das Bewußtſein des Geſchehenen wieder zurückgekehrt. — Mein Vater und Roboam! — Ich war allein in der Welt, allein, Mylord, ich, deren Kindheit man verlängert hatte, die ich von Nichts wußte, als von nichtswürdigen oder leichtfertigen Dingen .. Seit unſerem Auszuge aus Goodmans Field hatte ich oft an Sie gedacht, aber in dieſem Augenblicke ſchmetterte mich der Gedanke an meine Verlaſſenheit nieder. — Auch ich, wie der arme Roboam, ſehnte mich nach meinen Tagen der Sklaverei zurück .. Zwei Tage verbrachte ich in meinem Zimmer einge⸗ ſchloſſen. Ich hatte Furcht vor dem Draußen. Alles war für mich unbekannt und das Unbekannte erſchreckt. — Nach 3 dieſer Zeit ging mir eine thörichte Hoffnung durch die Seele, und dieſe Hoffnung konnte nur mich beleben, die ich keine 16** 370 Ahnung vom Leben hatte. Ich beſchloß, Sie zu ſuchen, um Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe. Brian ergriff ihre Hand und drückte ſie ſanft. — Warum find Sie nicht gekommen, Suſanna? unter⸗ brach er ſie. — Ich habe Sie ſechs Monate lang geſucht, Mylord! London iſt ſehr groß, und Sie verbargen ſich, weil die, welche Ihnen Geld geliehen, Sie ins Gefängniß ſetzen wollten. — Es iſt wahr, flüſterte Brian, es iſt wahr! Die ge⸗ heimnißvolle Hand, welche meine Börſe füllt, hatte ſich noch nicht zwiſchen mich und meine Gläubiger gelegt. Tyrrel fing zu lachen an. — Haben Sie, Maudlin, wohl von jenen dreiſten Schelmen gehört, welche mit dem Teufel einen Pakt machen? — Weshalb dieſe Frage, Mylord! — Hole der Teufel Ihre unheilbare Neugier, Maud⸗ lin!. Dieſer ſchöne Herr erinnert mich an jene alten Ge⸗ ſchichten . . Die geheimnißvolle Hand, von der er ſpricht, iſt etwas Aehnliches wie der Teufel, — und Sie wiſſen, daß der Teufel immer früher oder ſpäter ſeinen Klienten den Hals umdreht .. . — Ich erfuhr, daß Sie in Clifford⸗Street wohnten, Brian, ſagte unterdeß Suſanna; — das iſt Alles, was man mir zu ſagen wußte. Sechs Monate hindurch ging ich alle Tage nach Clifford⸗Street. Niemals begegnete ich Ihnen. — Es fehlte mir nicht an Geduld, Mylord; als ich nicht mehr hinkam, geſchah es nur, weil ich nicht mehr kommen konnte. — — Eines Abends, als ich in mein einſames Zimmer kam, forderte man den Miethzins von mir. Ich hatte Nichts mehr, man jagte mich fort. London iſt hell und ſtrahlend beim Beginn der Nacht. Ich hatte daher anfangs keine Furcht. Die gleichgültige, apathiſche Schläfrigkeit, welche mich beherrſchte, ſo bald es ſich nicht um Sie handelte, hielt mich damals aufrecht, wie ſie es noch ſpäter häufig gethan. — Ich ging an den luru⸗ riöſen Magazinen in Fleet⸗Street entlang, ich ging ohne zu denken und ohne zu fürchten. — So nahe dem Reichthum und der Pracht, großer Gott! da ſagt ein unbeſtimmtes Ge⸗ fühl, man könne nicht im niedrigſten Elende umkommen. Minder Unwiſſende alsich“haben ſich von dieſem Gefühle verführen laſſen, denke ich, und in London weigert ſich der Unglückliche, der verſchmachtet, noch bis zu Ende, daran zu glauben, daß ein ſolcher Tod möglich ſei. Und wie Viele ſterben jeden Tag auf dieſe Weiſe! — Immer hofft man, da kommt der Tod; man haucht den letzten Seufzer zwei Schritte von einem Tiſche aus, von dem die Broſamen allein genügend wären, das Leben zu ver⸗ längern .. Die Broſamen! Wer wird ſich weigern, dem verſchmach⸗ tenden Elende hinzuwerfen, was Niemand will? Aber man hat ſeine Hunde, Mylord! Ich ging aufs Gerathewohl Fleet⸗Street hinab und dachte ohne Zweifel an Sie, war das nicht damals wie heute noch mein einziger Gedanke? Es wurde ſpäter. Als ich 5 durch Church⸗Yard gekommen war, ſah ich die Magazine ſich eines nach dem andern ſchließen. Zum erſten Male fragte ich mich, wo ich einen Zu⸗ fluchtsort ſuchen ſolle? An der Ecke von Cornhill redete mich ein Mann an. Er ſagte mir, ich ſei ſchön, und fragte mich, ob ich ihm in ſein Haus folgen wolle? Ich nahm es ohne zu zaudern an und gab mir nicht die Mühe, meine Freude zu verhehlen. Aber unterweges ſprach der Menſch auf eine Weiſe zu mir, die mich zwang, ihn zu verlaſſen. Ich hatte etwas in mir, Wylord, was meiner Unwiſſen⸗ heit zu Hülfe kam, das war meine Liebe. Der Gedanke, mich Jemandem zu verkaufen, hatte an ſich Nichts, was mir widerſtrebte, außer Ihretwegen. Die unbeſtimmte und ver⸗ worrene Scham, welche meinen Buſen erfüllte, würde mich nicht zurück gehalten haben. — Aber Sie waren da, immer zwiſchen mir und dem Abgrunde. Eine Stimme in meinem Herzen rief unaufhörlich: Lieber ſterben .. Mitternacht kam. Die Vorübergehenden wurden ſeltener. Die geſchloſſenen Läden boten anſtatt der ſtrahlenden Helle der Gaslampen nur das düſtere Holz ihrer Vorſetzer dar. Ich hatte Hunger und war vor Müdigkeit ganz hin. Ich legte mich an dem Gitter von St. Paul nieder und ſchlief ein. Vor Tagesanbruch wachte ich erſtarrt, ermattet, unfähig mich zu bewegen, auf. Ein Watchman kam vorüber, ich rief ihn, ſagte ihm, ich habe Hunger. — O, o, ſagte dieſer Menſch zu mir, indem er mich — Was fehlt dieſem armen Mädchen? fragte zugleich eine ſanfte Stimme. In ſolchen Momenten ſtellt jede phyſiſche oder morali⸗ ſche Aufregung vorübergehend wieder das Gleichgewicht der Sinne wieder her. Die Ueberraſchung gab mir die Fähig⸗ keit zu ſehen. Ich bemerkte um mich zwei junge Miſſes, welche einem Gentleman den Arm gaben, der ein wenig älter war als ſie. — Die lieblichen Geſichter dieſer beiden reizenden Mädchen ſtehen mir noch vor den Augen. Wie viel Güte lag in ihren Blicken! wie viel zartes Mitleid in ihrem Lächeln! wie gut, wie ſchön waren ſie! — Das arme Mädchen ſtirbt vor Hunger, ſagte der Gentleman, nachdem er mich aufmerkſam betrachtet. — Vor Hunger! wiederholten die beiden Kinder. Die ältere faßte mich ſogleich um die Taille; ich ſah Thränen in den ſchönen Augen der jüngeren. — O Stephen! rief die letztere; wir müſſen ſie zu Ihrer Mutter bringen. — Gleich auf der Stelle, fügte die ältere hinzu, und zog mich ſchon fort. Der, den ſie Stephen nannten, hielt mich zurück, und fuhr fort, mich mit kaltem Blicke zu prüfen. Es war Güte in ſeinen Zügen, aber eine vorſichtige, bedachtſame Güte, die mit ſeiner Jugend im Widerſpruch ſtand. — Das geht nicht, Clary, ſagte er endlich; — beſte⸗ hen Sie nicht darauf, Anna, das geht nicht!. wir können dieſe Dame nicht in das Haus meiner Mutter bringen . . . aber wir können, wir müſſen ihr Beiſtand leiſten. Er zog aus ſeiner Taſche eine Börſe, und legte mir zwei Goldſtücke in die Hand. — Das iſt nicht genug, Stephen, es iſt nicht genug, riefen die beiden jungen Mädchen zu gleicher Zeit; — hier, hier, Miß! Ihre Börſen glitten in meine Taſche. Ich küßte der jüngſten die Hand, und die ältere ſagte zu mir: — Unſer Haus iſt da, an der Ecke von Cornhill, — die Nummer vergaß ich — wenn Sie Hunger haben, kommen Sie! — O, kommen Sie! wiederholte die andere; — Stephen iſt ein böſer Menſch, und ſeine Mutter wird Sie aufnehmen .. . Ich habe niemals dieſe beiden Engel wiedergeſehen, Mylord. Später, wenn das Leiden mich aufs Neue drückte ſuchte ich das Haus in Cornhill, aber ich wußte es nicht zu finden. Ihre ſüßen Namen und ihre reizenden Geſichter ſind in meinem Herzen, und ich bitte Gott, daß er mich in den Stand ſetze, eines Tages ihnen Alles das Gute, das ſie mir gethan, wieder zu vergelten. Denn es war für mich der höchſte Troſt, ein wenig Güte auf meinem Wege zu finden. Das gab mir Kraft und Hoffnung wieder, es ließ mich die Zukunft und die Welt in einem minder düſteren Lichte ſehen. Mit dem Gelde der beiden jungen Mädchen kaufte ich Brod. Als ich nichts mehr hatte, ſang ich Abends in Cheapſide vor einer Taverne, wo ſich Kaufleute aus der City 377 verſammelten. Man gab mir anfangs mehr als ich brauchte, aber die Menge gruppirte ſich um mich. — Die Leute von der Polizei verboten mir, zu fingen. Damals war es, Brian, als der Gedanke an einen freiwilligen Tod zum erſten Male mir in den Sinn kam. Ich wollte die Anerbietungen, welche auf das Elend eines Weibes ſpeculiren, nicht annehmen, weil ich Ihnen gehörte, und es gab kein Mittel mehr zwiſchen dem und der Ver⸗ ſchmachtung. — Ich wußte nun, was man leidet, bevor man vor Hunger ſtirbt, und die Furcht trieb mich zum Selbſtmorde. Ich hatte früher einmal ein armes Kind ſich in dem See ertränken ſehen, an deſſen Ufern ich einige Monate glück⸗ lich war. Ich ging nach der Themſe zu. Unterweges in einer kleinen Straße, die Water⸗Street heißt, ſtand ich ermüdet ſtill, und ſetzte mich auf die Treppe eines Public⸗Houſe. Die Wirthin des Public⸗Houſe bemerkte mich und kam heraus, um mich fort zu jagen, aber ſie brauchte gerade eine Magd; ſie fand mich ſchön, und ſchöne Mägde ſind in einem Hauſe, wie die Taverne zu dem Wap⸗ pen der Krone, eine werthvolle Sache .. . Hier erzählte Suſanna ihr Leben während der drei Monate, welche ſie im Wappen der Krone zugebracht, die groben Arbeiten, zu denen man ſie verdammt, die Vertrau⸗ lichkeiten der Stammgäſte des Parlour, die rohen Inſulten der Trinker im Tap, die zänkiſche, ſchimpfende, hartnäckige Tyrannei der Miſtreß Burnett ſelbſt, welche für das Brod, welches ſie ihr gab, das Recht zu haben glaubte, ſie als Sklavin zu behandeln. 378 Endlich ſprach ſie von jenem Sonntag Abend, wo Mi⸗ ſtreß Burnett ihr ins Geſicht ſchlug. — Ich nahm wieder meinen Weg nach der Themſe, Brian, fuhr ſie fort, und in dem Augenblicke, wo ich ein Verbrechen an mir ſelbſt begehen wollte, — Gott hätte es vielleicht meiner Unwiſſenheit und meinem Unglücke verzie⸗ hen, — in dieſem Augenblicke traf ich Tyrrel, den Blinden. .. — Ah, ah, flüſterte die kleine Franzöfin und verdop⸗ pelte ihre Aufmerkſamkeit. Tyrrel ſchwieg ſtill. — Zu jener Zeit, Mylord, fuhr das junge Mädchen fort, wie ich Ihnen ſchon ſagte, nahm ich Nichts wahr, es lag mir wie ein Schleier vor den Augen; ich hatte für nichts anderes Gefühl, als für Ihr Andenken, das zu gleicher Zeit mein einziger Troſt und mein bitterſtes Leiden war; nichts⸗ deſtoweniger war mir das Geſicht dieſes Blinden, der mit⸗ unter nach dem Publie⸗Houſe kam, leicht aufgefallen. Es ſchien mir von Zeit zu Zeit, als ob ſeine, des Geſichts be⸗ raubten Augen vor allen anderen Dingen auf mich geheftet ſeien . Aber an jenem Abende am Strande der Themſe, em⸗ pfand ich eine ſeltſame und furchtbare Augentäuſchung. Während Tyrrel mich beim Arm zurückhielt, zuckte der Strahl einer in einem benachbarten Hauſe brennenden Kerze flüchtig über ſein Geſicht hin, und ich glaube, geſehen zu haben . . Das ſchöne Mädchen ſtockte. — Vollenden Sie, Madame, ſagte Lanceſter begierig. 379 Die kleine Franzöſin ſtreckte den Kopf vor, um beſſer zu hören, aber in dieſem Augenblicke legten ſich die Hände des Blinden auf ihre Ohren und machten ſie taub. — Ich glaube, das Geſpenſt meines Vaters geſehen zu haben, Mylord! ſagte Suſanna ſchauernd. Brian machte eine Geberde der Ueberraſchung. — Das iſt ſeltſam, flüſterte er, — ſeltſam! . .9, da⸗ hinter ſteckt irgend ein Geheimniß .. Ich werde es durch⸗ dringen, Madame! Tyrrel zuckte die Achſel verächtlich, ließ ſeine Hände los, und gab den Ohren der Frau Herzogin von. Gévres das Gehör wieder. Suſanna erzählte, ihre Geſchichte fortſetzend, ihre An⸗ kunft in Wimpole⸗Street, der Lurus, mit dem ſie ſich plötz⸗ lich umgeben ſah, und die Drohungen, welche gegen ſie aus⸗ geſprochen worden waren. Sie ſprach von der am Bette Perceval's geſpielten Scene, und ſprach ſelbſt das bedeutungs⸗ volle Erkennungswort aus: Gentlemen der Nacht. Als ſie zu Ende war, wandte ſie ſich zu Lanceſter, und heftete ihre großen ſchwarzen Augen auf ihn, deren Wimpern ſich bald ſenkten, während ſie ſanſt ſprach: — Sie wiſſen jetzt Alles, Mylord, ich habe Ihnen Nichts verborgen; ich habe Ihnen die Pforte meiner Seele weit offen gethan, und jetzt iſt es an Ihnen, zu ſagen, ob ich noch würdig bin, Sie zu lieben. Brian antwortete nicht gleich. — Zwei Thränen glitten zwiſchen den ſeidenen Wimpern des ſchönen Mäpchens herab. — WMylord, flüſterte ſie, ich warte, und ich leide dabei... Brian fuhr zuſammen, und drückte ſeine Lippen leiden⸗ ſchaftlich auf Suſanna's Hand. — Madame, ſagte er mit Zärtlichkeit und Ehrfurcht, der Mann, den Sie lieben, iſt Ihr Schuldner, und wenn er Recht zum Stolze hat, ſo iſt es nur der ganzen übrigen Welt gegenüber, nicht Ihnen, die Sie ſein Ruhm ſind . .. Sie haben ſehr geduldet . haben edel geduldet ... das reine Gold Ihres Herzens hat nicht gelitten, unter ſo unreinen Berührungen . .. O, Suſanna, Gott hat Ihnen eine Seele gegeben, die eben ſo ſchön iſt, als Ihr Geſicht! . . Er ſank mit einem Knie auf den Teppich. — Wollen Sie den Namen Lanceſter tragen, Madame? begann er plötzlich mit einer gewählten und ſeltenen Galan⸗ terie, deren Ritterlichkeit in unſeren bürgerlichen Zeiten nur durch Tradition in einzelnen Familien geblieben iſt. — Ob ich es will, ſtammelte Suſanna; — ob ich Ihr Weib ſein will?. .. Sie lehnte ſich entzückt an ihn, und fand keine Worte, um ihre Freude auszudrücken. — Kommen Sie, rief Brian, o kommen Sie, Madame, bleiben Sie nicht einen Augenblick länger unter dieſem un⸗ reinen Dache . die Frau Gräfin von Derby iſt Ihre Freun⸗ din; ihr Haus wird Ihnen ein ſchicklicher Zufluchtsort ſein bis zu dem Tage, welcher mir das Recht geben wird, Sie ſelbſt zu beſchützen. . . kommen Sie! Suſanna ſtand vor Freude außer ſich auf. — Ich bin bereit, Ihnen zu folgen, Brian, ſagte ſie. Sie gingen auf die Thür zu. — Aber in dem Augen⸗ blicke, wo Lanceſter die Hand auf den Knopf des Schloſſes legte, öffnete ſich die Thür von ſelbſt, und Tyrrel der Blinde erſchien auf der Schwelle. Hinter ihm waren vier kräftige Männer von entſchloſſe⸗ nem Ausſehen. — Sie ſind allein in dieſes Haus gekommen, Herr von Lanceſter, ſagte der Blinde; — Sie werden eben ſo hinausgehen. Suſanna hing ſich erſchreckt an Brian's Arm. Dieſer machte ſich ſanft los. Einen Augenblick ſchien ihm der Gedanke an einen Kampf durch den Sinn zu gehen. Sein Auge ſchleuderte einen furchtbaren Blitz und ſchien unter ſeinen Gegnern den zu wählen, den er zuerſt niederſchlüge. Aber er beſann ſich und antwortete, ſeine Stimme mä⸗ ßigend: — Es ſei, Sir Edmund, ich werde allein gehen .. Auf Wiederſehen, Madame, fügte er, ſich ſchnell zu Suſan⸗ na's Ohr neigend hinzu; — Sie werden nicht lange auf mich warten, ich ſchwöre es Ihnen! Er ging ſchnell zwiſchen Tyrrel und ſeinen Trabanten hindurch, ſtieg die Treppe hinab und ſtürzte hinaus. Als er auf der Straße war, lief er haſtig Wimpole⸗Street hinunter und ging in Marylebone hinein. In High⸗Street ging er auf das Polizeibureau. 382 Sogleich zum Commiſſar gelaſſen, hatte Brian mit die⸗ ent eine kurze Conferenz, in Folge deren der Beamte einen Polizeioffizier und eine Schaar von Policemen zu ſeiner Ver⸗ fügung ſtellte, Die kleine Truppe lief von Brian angetrieben eilig nach Winpole⸗Street. — Eine halbe Stunde war höchſtens zwiſchen Brian's Weggehen und der Ankunft der Polizei vor Numero 9 verfloſſen. Der Offizier klopfte im Namen des Königs. — Gott ſegne Se. allergnädigſte Majeſtät, antwortete eine ſpöttiſche Stimme durch eines der Fenſter der erſten Etage. — Das inſte wurde zugemicht — Nach einer halben Minute öffnete ſigie Thüre. Die Polizek drang augenblicklich in das Haus ein, mit aller nothwendigen Vorſicht. Niemand zeigte ſich, um ihrer Durchſuchung Widerſtand zu leiſten. Man vifitirte vas ganze Gebäude, vom Keller bis zum Giebel. — Man fand die Schränke offen und in Unordnung, wie nach einer haſtigen Abreiſe. Uebrigens keine Seele, kein Bedienter, kein Herr. Das Haus war verlaſſen. Ende des zweiten Theiles. Druck von Hirſchfeld in Leipzig. 3 4 * Farbkarte 11 3 „ B. /. G. —