— Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und geſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens . 7 Uhr bis Abends 8 offen. . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von e Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für e 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 N. — Pf 1 V 5 W f. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen B der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ß ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — 2 — geder⸗Proben. 6 Sammlung * kleiner Erzählungen und Novellen, von J. W. Lembert. ——— Wien, bey Tendler und von Manſtein. 1 8 2 1. Sammlung kleiner Erzählungen und Novellen. 1 ————— D esnirn Das Wirthshaus im Walde . 39 Das Reujahrs »Geſchenk. (Bruchſtück aus dem Tagebuche eines Hageſtolzen) . 355 Das Gewiſſen . 3 65 Was ſeyn ſoll, ſchickt ſich wohl 93 Die Einquartirung . Unſchuld und Bosheit 3 . 129 Der Liebe Kampf mit der Gefahr 165 Der Eid am Sterbebette. 207 Das Erdbeben von Lima 225 Seite. —,— —— . Der Litel dieſes Büchleins ſagt dem geneig⸗ ten Leſer, was er hier zu erwarten habe — Feder⸗Proben, flüchtige Geburten müßiger Stunden, die, weit davon entfernt, auf hö⸗ heren Werth Anſpruch zu machen, nur un⸗ terhalten wollen. Ein Theil derſelben, wel⸗ cher ſchon früher im Morgenblatt und in an⸗ dern Zeitſchriften erſchienen iſt, war wenig⸗ ſtens ſo glücklich, ſich einer günſtigen Auf⸗ nahme erfreuen zu dürfen. Wien, im Januar, 1821. J. W. Lembert, k. k. Hofſchauſpieler. S — 8 — — — — 6 = S e D — c De Geſellſchaft des Caſino hatte ſich heute be⸗ ſonders zahlreich eingefunden, aber Krieg und Stadtneuigkeiten, des großen Kaiſers abenteuer⸗ licher Feldzug nach Rußland und die Entdeckung einer Diebes⸗Bande ward vergeſſen, die ſchöne Wamſell B — die heute als Donna Anna, in Mozart's Don Juan, die Ohren und Augen der geſammten, wenigſtens männlichen Zuſchauer entzückt hatte, war der einzige Gegenſtand des ziemlich lebhaften Geſprächs. Eine ſolche Stimme aus einem ſo ſchönen Munde und noch ſchöneren Förper, ſolch eine Declamation, ein ſolcher An⸗ ſtand war in ** * noch nicht gehört, noch nicht geſehen worden. Und was das Wunderbare erhö⸗ hete, Mamſell B — war weder Italienerinn noch Franzöſinn, ſondern eine Deutſche und noch dazu in ** * geboren und erzogen; deſſen ungeachtet ergoß ſich Alles zu ihrem Lobe, und Allen ſchien es unbegreiflich, wie es möglich ſey, in drey Mo⸗ nathen — ſo lange war es, ſeit ihrem erſten Auf⸗ treten — ſolche Fortſchritte zu machen. 2 — 4 — Nun Graf, ſagte der Chevalier F*** zu dem jungen Grafen L***, der ſtumm in einer Ecke ſaß, was fehlt dir? Während wir von dem Lobe der Herrlichen überfließen, ſitzeſt du kalt und in dich verſunken? Sollte das himmliſche Mädchen vor deinem ſtrengen Richterſtuhle nicht Gnade ge⸗ funden, ſollteſt Du etwas an ihr auszuſetzen ha⸗ ben? Haſt du wohl in deinem Leben einen ſchöneren Fuß? eine herrlichere Geſtalt, einen blendenderen Buſen, einen roſigeren Mund und ſprechendere Au⸗ gen geſehen? — Ein lauter Seufzer war des Gra⸗ fen Antwort. — Ach, nun verſteh ich, fuhr der Chevalier lachend fort: die kleine Hexe hat dir's angethan! Tröſte dich, mein ſeufzender Schäfer, mit deiner Geſtalt und deinem Vermögen findet man überall offne Thüren. Graf. Ich will doch nimmermehr hoffen, Chevalier, daß du den Engel zur Klaſſe der ge⸗ wöhnlichen Sängerinnen rechneſt? Haſt du vergeſ⸗ ſen, daß über ihren ſittigen Wandel in der gan⸗ zen Stadt nur Eine Stimme herrſcht, daß ſie eben ſo tugendhaft als ſchön —2 Chevalier. Tugendhaft? Ha ha ha! Nun wahrlich, Ihr Deutſchen ſeyd ein gutmüthiges Volk, was man Euch nicht Alles weiß machen kann! An die Tugend einer Sängerinn zu glau⸗ ben! — C'est bien Allemand! würden meine Landsleute ſagen, wenn ſie das hörten. Graf. Wer ſelbſt keine Tugend beſitzt, kaun freylich auch nicht au fremde glauben. Chev. Lerne Du mich die Sängerinnen ken⸗ nen! — Folge meinem Rathe: Wirf eine Handvoll Dukaten in die Schürze der Kammerkatze deiner Lukrezia, damit ſie den freygebigen ſchönen jungen Herrn bey ihrer Herrſchaft gehörig herausſtreiche, dann ziehe deine beſte Uniform an, ſtecke die Fin⸗ ger voll Brillanten, laß dich melden, ſprich von deinen Gütern, zeig' ihr deine Equipage, biethe ihr ein rundes Sümmchen als Monathsgeld, und ehe drey Tage vergehen, biſt du der Hahn im Korbe. Graf. Du ſprichſt wie ein Franzoſe. Chev. Danke für's Compliment. Doch der Herr Graf belieben an meinen Worten zu zweifeln, es iſt daher an mir, den Beweis zu liefern. Ich will ein feines Liebesbriefchen in deinem Nahmen aufſetzen, das ſchreibſt du ab, und ſendeſt es der Donna, und wenn die Antwort nicht günſtig aus⸗ fällt, ſo büße ich den Frevel mit einem halben Dutzend Bouteillen Champagner, im entgegenge⸗ ſeßten Falle bezahlen aber der Herr Graf ein gan⸗ les Dußend (ihm die Hand hinhaltend). Gilt's? Graf. Um dich zu beſchämen (ſchlägt ein). Es gilt. — . 6 Chev. Schön! Morgen in aller Frühe haſt du dein Billet-doux. Ich will gleich mit dem Caſino⸗Wirth ſprechen, damit wir morgen Abend lauter echte Tropfen bekommen. Graf Eduard von L*** war der einzige Er⸗ be eines bedeutenden Hauſes, unter der Aufſicht eines biedern Vaters, von einem eben ſo rechtli⸗ chen als klugen Hofmeiſter erzogen, wuchs der deutſche Jüngling kräftig heran, gleich geſund an Herz und Körper. Freylich hatte der Umgang und das Beyſpiel ſeiner Kameraden in dem halben Jah⸗ re, ſeit er als Lieutenant bey der fürſtlichen Gar⸗ de ſtand, Manches an ihm verändert und abgeſchlif⸗ fen, freylich hatten Temperament und lockende Ge⸗ legenheiten, die dem ſchönen Jüngling in der ver⸗ führeriſchen Reſidenz nicht fehlten, ihn zu manchem Fehltritt verleitet, doch war es ihm, Dank ſeinen Grundſätzen, immer noch gelungen, ein unverdor⸗ benes Herz aus dem reißenden Strome zu retten. Sein beſſeres Gefühl ſträubte ſich daher gegen die freche Sprache des Briefleins, welches ihm der Chevalier am folgenden Morgen ſandte, allein Furcht vor dem Spotte des Weltlings, und der Wunſch, mit der ſchönen Sängerinn, die einen bisher noch nie empfundenen tiefen Eindruck auf ſein Herz gemacht hatte, bekannt zu werden, lie⸗ ßen ihm die mißbilligende innere Stimme überhö⸗ ren, und die Abſchrift abſenden. Nit ängſtlicher Ungeduld ſah er der Rückkehr des lang ausbleiben⸗ den Bothen entgegen, endlich kam er und brachte folgende Antwort: „Herr Graf! Was konnte Sie berechtigen, „einem ſchuldloſen Mädchen, das, wie es ſich „ſchmeicheln darf, einen unbeſcholtenen Ruf mit „Würde zu behaupten wußte, einen ſo entehren⸗ „den Antrag zu machen? Iſt es mein Stand, auf „dem ein ſo demüthigendes Vorurtheil laſtet, der „Ihnen den Muth zu dieſem verächtlichen Schritte „gab, ſo wiſſen Sie, daß es Ausnahmen von je⸗ „der Regel gibt, daß man wahre Tugend nicht „allein in Palläſten, ſondern auch in Hütten fin⸗ „det, daß ein Gemüth, das von dem himmliſchen „Feuer der Kunſt erglüht, erhaben iſt über das „Laſter, in ſo glänzender Geſtalt es ſich auch naht. — „Bedauern dem Manne, der den Glauben an „weibliche Tugend verloren hat. Verachtung dem „Wollüſtlinge, der im üppigen Uebermuthe wähnt, „für Geld ſey alles feil.“ Julie B — Erglühend im peinigenden Gefühle tiefer Be⸗ ſchämung ſtand Eduard bey Leſung dieſer Zeilen. Zum erſten Mahle hatte er ſich, von Leiden⸗ ſchaft verblendet, zu einem Schritte verleiten laſ⸗ ſen, vor dem er erröthen mußte. Er liebte ein Mädchen, daß ihn als einen Wollüſtling verachte⸗ te, ein Mädchen, das er, nun er ſie erkannt, wie ein höheres Weſen verehrte. Dieſer Gedanke war eihm unerträglich. Er wünſchte gut zu machen, ſich zu rechtfertigen vor der Geliebten, ihr eine ande⸗ re Meinung von ſich zu geben. Er ſchrieb einen zwehten Brief an Julie, worin er ihr frey geſtand, wie er dazu gekommen, ſie zu beleidigen, und mit der Bitte um Verzeihung ſchloß. Er hoffte, ſie würde antworten; und er ſo Gelegenheit finden, ſie mündlich zu überzeugen, daß er ein ſo hartes Urtheil nicht verdiene; allein Julie antwortete nicht, und der Graf war in Ver⸗ zweiflung. — Vergebens ſuchte er Gelegenheit, Julien zu ſprechen, ſie fand ſich nicht. Rur auf der Bühne ſah er die Geliebte, ihr himmliſcher Geſang, ihr herrliches Spiel, drückte den Pfeil immer tie⸗ fer in ſein wundes Herz. Eines Abends ſaß er im Parterre und lauſchte mit bitterſüßen Empfindungen den Rachtigall-Tö⸗ nen der Angebetheten. Im Zwiſchenakte erhob ſich ein Geſpräch über die gefeyerte Sängerinn unter ſeinen Nachbarn. Man ſprach viel von ihrer Kunſt⸗ fertigkeit, noch mehr von ihrer Schönheit und Sprödigkeit; ein junger reicher Fant zuckte bedeu⸗ tend die Achſeln, und gab, als man ihn um Er⸗ klärung bath, deutlich zu verſtehen, daß er mit der ſchönen Sängerinn auf einem vertrauten Fuß ſtehe. Entrüſtet ſprang Eduard auf und nannte den Prah⸗ ler laut einen unwürdigen Verleumder. Es ent⸗ ſtand ein heftiger Wortwechſel, der mit einer For⸗ derung ſchloß. Am folgenden Morgen fand der Zweykampf Statt. Wuth und Durſt nach Rache, machten, daß Eduard, der ſonſt ein geübter Fechter war, ſeine Kunſt vergaß und von ſeinem Gegner eine tiefe Wunde am Arm erhielt. Da der Streit und die darauf erfolgte Forderung öffentlich im Theater geſchahen, ſo blieb der Zweykampf natürlich nicht verſchwiegen. Auch Julie erhielt davon und von der Verwundung des Grafen Rachricht. Gerührt ſchrieb ſie an Eduard nachſtehendes Billet: „Herr Graf! Tief hat mich der Edelmuth ge⸗ „rührt, mit welchem Sie ſich zum Vertheidiger der „verleumdeten Unſchuld aufwarfen, aber eben ſo „ſehr ſchmerzt es mich auch, daß ich die unſchuldi⸗ „ge Urſache der Unannehmlichkeit bin, die Ihnen „aus dieſem Ritterdienſte erwuchs. Möge die Er⸗ „klärung, daß Sie ſich durch dieſe edle That voll⸗ „kommen in meinen Augen gerechtfertiget haben „und die Bitte um Verzeihung für meine früheren „harten Aeußerungen Ihnen einigen Erſab ge⸗ „währen.“ Julie B — — 10 — Dieſe Zeilen und die wiederhohlte Nachfrage Julien's nach ſeinem Befinden, wirkten ſo wohlthä⸗ tig auf den Kranken, daß er nach kurzer Friſt das Bett verlaſſen konnte. Sobald es ſeine Kräfte ver⸗ ſtatteten, eilte er zu Julien, um ihr für die gütige Theilnahme an ſeinem Schickſale zu danken. Er ließ ſich melden — und ward abgewieſen. Nach einer Stunde erhielt er folgendes Billet: „Herr Graf! Herzlich leid that es mir, Ih⸗ „ren Beſuch nicht annehmen zu dürfen. Ich habe „nichts als meinen unbeſcholtenen Ruf; der Mann, „der ſo edelmüthig ſein Leben für dieſen Ruf auf's „Spiel ſetzte, wird nicht wollen, daß die Stadt „glauben ſoll, er habe aus Rebenabſichten gehan⸗ „delt. Mein Dank und das Bewußtſeyn einer edlen „Handlung werden ihm genügen.“ Julie B — Kaum hatte Eduard dieſes Billet geleſen, als der Regiments⸗Adjutant hereintrat und ſeinen Degen forderte, indem er ihm andeutete, daß er auf allerhöchſte Ordre, wegen verletztem Duell⸗ Mandat, zu dreymonathlichem Feſtungs⸗Arreſt ver⸗ urtheilt ſey. Es wird dem geneigten Leſern vielleicht nicht unangenehm ſeyn, etwas von den Verhältniſſen unſerer ſchönen Sängerinn zu erfahren. Julie war die einzige Tochter des Forſtraths B —, in früher Jugend verlor ſie die Mutter; der Vater, ein kluger Mann, der außer ſeinem ſpärlichen Gehalt, nichts beſaß, folglich der Toch⸗ ter kein Vermögen hinterlaſſen konnte, ſorgte da⸗ für, daß Julie ſich mit Kenntniſſen bereicherte, die ſie in den Stand ſetzten, ſich nach ſeinem Tode ihren Unterhalt zu erwerben. Mit beſonderer Vorliebe betrieb Julie die Muſik. Ihre ſchöne metallreiche Stimme durch ei⸗ nen geſchickten Meiſter ausgebildet, erregte in ei⸗ nigen Privat⸗Concerten, wo ſie ſich hören ließ, vieles Aufſehen. Eben hatte ſie ihr achtzehntes Jahr erreicht, als ein Schlagfluß den geliebten Vater wegrafte. Allein ſtand ſie nun in der Welt, ſich ſelbſt überlaſſen! Da machte ihr der Director des daſigen Theaters den Vorſchlag, ſich als Sän⸗ gerinn der Bühne zu widmen. Er war als ein durchaus rechtlicher Mann allgemein bekannt, und die Anerbiethungen, die er Julien machte, waren glänzend. Das Vorurtheil, welches auf dem Schauſpie⸗ lerſtande laſtet, ſchreckte ſie zwar anfangs zurück, aber die Ueberzeugung, daß nicht der Stand den Menſchen, wohl aber der Menſch den Stand adeln könne, beſtimmte ſie, das Anerbiethen anzunehmen⸗ — 12 — Mit welchem Glücke ſie die neue Laufbahn betreten, wiſſen wir bereits aus dem Anfange dieſer Erzählung. Julie hatte eine Jugendfreundinn, welche ſich vor einigen Jahren mit einem jungen Menſchen verheirathete, der früher der zärtlichſte Liebhaber, ſpäter aber der unerträglichſte Haustyrann ward. Das beklagenswerthe Los der Freundinn machte Julien Hymens Bande verhaßt. Sie beſchloß, die läſtigen Ketten auf immer zu fliehen, und als ein freyes, ſelbſtſtändiges Weſen bloß der Kunſt zu leben; deßhalb vermied ſie den Umgang mit Män⸗ nern, um ihr Herz vor den Gefahren der Verſu⸗ chung zu bewahren. Viele bewarben ſich um ihre Gunſt und ihre Hand, da aber ihr Scharfblick hinter den ſchön übertünchten Larven bald den ſchmutzigſten Eigennutz oder die roheſte Sinnlich⸗ keit entdeckte, ſo blieb die Ruhe ihres Herzens un⸗ gefährtet. Der ſchöne Graf L*** von dem jeder weibliche Mund der Reſidenz mit Entzücken ſprach, war der erſte Mann, der dieſe Ruhe bedrohte. Die Art, wie er ſeinen Fehler wieder gut zu machen ſuchte, und ſein nachheriges anſtändiges Vetragen intereſſirten ſie, die großmüthige Auf⸗ opferung, mit welcher er für ihre Ehre in die Schranken trat, die Wunde, die er für ſie erhielt, die Strafe, die er ihrentwegen erdulden mußte, — 13 — dieß alles rährte ſie im hohen Grade. Sie fühlte ſich zum erſten Mahle in ihrem Leben einem Man⸗ ne verpflichtet, einem jungen, ſchönen Manne, der ſie wahrhaft, innig liebte, ihr Herz machte ihr Dankbarkeit zum Geſetz, und wie konnte ſie ihm würdiger lohnen, als durch Erwiederung ſeiner Gefühle; aber wo blieben dann ihre Entſchlüſſe, ihre Grundſätze? — Vergebens ſuchte ihr Ver⸗ ſtand ihr Herz, wie bisher, zu beherrſchen die philoſophiſche Ruhe, auf die ſie ſich ſo viel zu gute gethan; war dahin, ſie liebte mit dem ganzen Feuer der erſten Liebe, und wollte es ſich nicht ge⸗ ſtehen! So waren unter harten Kämpfen drey Monathe verfloſſen, ohne daß es ihrem Verſtande gelungen war, das rebelliſche Herz zu bezwingen. Schon breitete die Racht ihre dunkeln Fittige über die Reſidenz, als Graf L** ſeiner Haft wieder entlaſſen, vor ſeiner Wohnung abſtieg. Er hatte ſeine Strafe gern geduldet, denn er litt ja für die Geliebte und fühlte eine Art von Stolz darin. Das Andenken an ſie gewährte ihm in ſei⸗ ner Einſamkeit reiche Unterhaltung, und gerne würde er ſeine ganze Lebenezeit auf der Feſtung zugebracht haben, hätte nur Julie ſein Gefängniß getheilt. Sein erſter Gang nach ſeiner Zurückkunft war in die Straße, wo Julie wohnte. Er ſah noch Licht in ihrem Zimmer, obgleich Mitternacht ſchon vorüber war. Selig in dem Bewußtſehn, der Geliebten wieder nahe zu ſeyn, ſtand er, nach ihrem Fenſter ſtarrend, da, in der Hoffnung die Geliebte ſelbſt, oder wenigſtens ihren Schatten zu erblicken. Da ward es immer heller in der Stube, das kam ihm ſeltſam vor, als er aber die zerſprun⸗ genen Fenſter klirren, die Gardinen hell auflodern ſah, da ward ihm das furchtbare Räthſel klar. Wie ein Raſender ſtürmte er gegen das verſchloſſe⸗ ne Hausthor. Das morſche Holz wich der Kraft des Starken, die Thüre ſtürzte ein und Eduard die Treppe hinauf zu Juliens Zimmer. Rauch und Dampf quoll ihm entgegen. Er erbrach den Ein⸗ gang, aus dem ihm die Flamme entgegen ſchlug, er achtete das verſengende Feuer nicht, und ſprang muthig in das Gemach. Ein leiſes Röcheln erſcholl aus einer Ecke, er ging darauf zu, taſtete um ſich, fühlte einen weiblichen Körper, ergriff ihn mit ſtarkem Arme und trug ihn durch Rauch und Flam⸗ men in's Freye, wo er betäubt mit der ſüßen Laſt niederſank. Julie hatte die üble Gewohnheit, des Nachts im Bette zu leſen. Sie hatte an jenem Abend eine angreifende Rolle geſpielt, deßhalb ſchlief ſie, was ihr bisher noch nicht geſchehen war, unter dem Leſen ein, das abgebrannte Licht ergriff die Gar⸗ dinen des Bettes, die Flamme ſchlug empor, Ju⸗ lie erwachte von der Hitze und dem Dampf, ſie verſuchte ſich zu retten, ſank aber betäubt in der Ecke nieder, wo ſie der Graf dem Erſticken nahe fand. Eduard hatte ſich bald wieder erhohlt, mit der zärtlichſten Sorgfalt war er bemüht, die noch immer Ohnmächtige in's Leben zurück zu bringen, endlich ſchlug ſie die Augen auf, und ſtarrte be⸗ fremdet den Grafen an, der ihr Haupt in ſeinen Armen hielt; als man ihr aber erzählte, mit wel⸗ cher Aufopferung er ſie der Gefahr entriſſen habe, da verkündete ein zärtlicher Blick und ein ſanfter Druck der Hand dem Seligen das nahe Glück der Liebe. Das Feuer war indeſſen gelöſcht worden, der Schade war nicht bedeutend, Julie konnte in den noch unverſehrten Theil ihrer Wohnung zurückkeh⸗ ren. Eduard begleitete ſie dahin, und erhielt beym Abſchied, nebſt einer warmen Dankſagung, die erflehte Erlaubniß, ſich morgen wieder nach ih⸗ rem Befinden erkundigen zu dürfen. Dieſe Nacht hatte über Juliens Schickfal ent⸗ ſchieden. Dahin waren ihre Entſchlüſſe, ihre Grundſätze, ihr Herz hatte die Feſſeln, unter de⸗ nen es bisher ſeufzte, zerſprengt und verlangte ſeine Rechte, unbekümmert um die Meinung der Welt und die Einwürfe des mißbilligenden Verſtandes. 8 —— Eduard kam anfangs einige Mahl die Woche, endlich alle Tage. Julie nahm es ſich oft vor, der Schicklichkeit ein Opfer zu bringen, den Umgang mit ihm, der doch zu keinem glücklichen Ende füh⸗ ren konnte, abzubrechen, aber ihr Herz, dieſer mächtige Uſurpator, hatte der leitenden Vernunft die Zügel der Regierung entriſſen — ſie vermoch⸗ ze es nicht, ſo oft ſie ſich's auch vornahm. Zeit und Gelegenheit ſind mächtige Feinde, wenn ſie mit einem liebenden Herzen im Bunde ſtehen; nach wenig Wochen küßte Eduard das lan⸗ ge bekämpfte Geſtändniß, daß er geliebt werde, von den zitternden Lippen der Erliegenden. Julie ſah die Kluft, die ſie von dem Gelieb⸗ ten trennte, und die Unmöglichkeit, jemahls die Seinige werden zu können, wohl ein, aber ein liebendes Herz verlangt nichts als Liebe, es ſchwelgt im ſeligen Genuß der Gegenwart, unbekümmert um die Gewitterwolken, die im Hintergrunde der Zukunft aufſteigen. Eduard war der glücklichſte Sterbliche. Ein neues Leben war ihm aufgegangen, was er nur in ſüßen Träumen zu ahnden wagte, war zur Wirk⸗ lichkeit geworden, er war geliebt von ihr, die er anbethete! So verſtrichen in glücklicher Sorgloſig⸗ keit mehrere Monden, als Eduard plötzlich die Nach⸗ richt erhielt, ſein Vater ſey gefährlich krank. Mit zärtlicher Beſorgniß eilte der gute Sohn an das Krankenlager des Vaters, aber er kam zu ſpät, eine Stunde vor Eduards Ankunft hatte der Greis vollendet, ſein letztes Wort war Segen über den ge⸗ liebten Sohn. LTief fühlte Eduard den unerſetzli⸗ chen Verluſt! Des Verſtorbenen Bruder war Miniſter, ein kluger; aber eben ſo ſtolzer Mann, der für nichts Sinn hatte, als für Glanz und Größe. Er ward, nach des Vaters Willen, der Vormund des noch minderjährigen Eduard. Auf ſeinen Befehl mußte der Reffe das Militair quittiren, und ſich dem di⸗ plomatiſchen Fache widmen; denn der Miniſter hatte den Plan, durch Eduard den Glanz ſeines Hauſes zu erhöhen. So wenig der Reffe auch Rei⸗ gung zu dieſer Laufbahn hegte, ſo mußte er doch dem mächtigen Günſtlinge des Fürſten gehorchen. Er ward Legations⸗Rath, und weihte ſich ſeinem Geſchäfte mit doppeltem Eifer, um nach vollendeter Arbeit um ſo länger bey Julien weilen und in ihren Armen Erſatz für das trockne Aktenle⸗ ben finden zu können. Sein Onkel war von ſeinem Umgange mit der Sängerinn wohl unterrichtet, aber er lächelte zu der Galanterie; wofür er Edu⸗ ards Liebe hielt. Bald darauf zeigte ſich eine glänzende Parthie für Eduard, der Miniſter ließ ihn rufen. Reffe, ſprach er zu dem Erſtaunten, es wird Zeit, daß du dich firirſt. Der Mann von Kopf wählt jedoch mit gehöriger Porſicht, und da Vorſicht, wie du aus Erfahrung wiſſen wirſt, eben nicht die größte Tugend junger Männer iſt, ſo habe ich dir die Mühe erſpart, und für dich gewählt. Du wirſt hoffentlich mit meiner Wahl zufrieden ſeyn, denn es iſt eine Parthie, gegen die Riemand etwas ein⸗ zuwenden haben kann. Adel, Reichthun, Conne⸗ rion, Jugend, kurz, Alles, was ſich ein junger Mann wünſchen kann, der ſein Glück bey Hofe machen will. Ich darf dir nur den Nahmen nen⸗ nen, um jeden Zweifel zu heben. Es iſt die junge Gräfin R***. Eduard (beſtürzt). Wie, theurer Onkel, ich ſollte — 7 Miniſter. Morgen früh um 10 Uhr bey ihr vorfahren, ſie dann täglich beſuchen, und nach vier Wochen um ihre Hand anhalten. Es iſt Alles eingeleitet, du haſt keinen Korb zu befürchten. Eduard. (ſich vergeſſend). Nimmermehr! Miniſter. (beleidigt). Was war das? — Ich will nicht hoffen — Eduard. (hat ſich indeſſen geſammelt.). Ver⸗ zeihen Sie, gnädiger Herr Onkel, ich — ich fühle noch keine Reigung zum Eheſtande. Miniſter. Keine Reigung, in de'nen Jah⸗ — 19 — ren? das mache du einem Andern weiß. Mit ei⸗ nem Worte, du heiratheſt die Comteſſe. Eduard. Es thut mir leid, Ihnen nicht ge⸗ horchen zu können, denn ich bin feſt entſchoſſen, mich nicht zu vermählen. Miniſter. Poſſen! Abgeſchmackte Grillen! — Eduard, ich rathe dir Gutes! Laß es nicht zum Aeußerſten kommen. Du mußt die Gräfinn heira⸗ then, ich habe mein Wort gegeben; dein eigener Vortheil erfordert es und folglich mußt du ge⸗ horchen. Eduard. Soll ich meinem Herzen zum Trotz? — Miniſter. Wie lächerlich! Seit wann iſt es in unſerer Familie Sitte, bey Vermählungen das Herz um Rath zu fragen? Hier hat allein der Ver⸗ ſtand zu ſprechen. — Oder ſollte etwa die Liebeley mit der Theaterprinzeßin — ² Eduard. Halten Sie ein, Herr Onkel, denn bey Gort, ich würde es nicht gelaſſen anhö⸗ ren, wenn Sie ſich Läſterungen gegen eine Perſon erlaubten, die ich zu ſchätzen die größte Urſache habe. Miniſter. Aha, kommt der Wind daher? Wohlan, junger Herr, geh' du nach Hauſe, über⸗ lege dir meinen Vorſchlag, und biſt du heut über vier Wochen nicht mit der Gräfinn verlobt, ſo werde ich deine Prima Donna an einen Ort brin⸗ gen laſſen, wo ihr die Luſt wohl vergehen ſoll, ihr Retz nach dir auszuwerfen. — Mit dieſen Wor⸗ ten entfernte ſich der Erzürnte. Eduard kannte ſeinen Onkel und ſeine Gewalt, er wußte, daß man ihn aufs Empfindlichſte belei⸗ digte, wenn man ſeinem Willen widerſtrebte, er zitterte für die Geliebte, und faßte, von Ver⸗ zweiflung geſpornt, den Entſchluß, einen entſchei⸗ denden Schritt zu wagen. Er bekannte ſeinem Onkel in einem Briefe ſei⸗ ne Liebe zu Julien; und erklärte, daß nichts auf der Welt ihn vermögen werde, ſeine Hand einer Andern zu reichen, daß er Vermögen-und Fami⸗ lien⸗Verhältniſſe nicht achten und der Gewalt bis zu ſeinem letzten Hauche trotzen werde. — Der Miniſter war ein viel zu gewandter Höfling, um öffentlich mit dem Feuerkopfe eines Verliebten an⸗ zubinden, es ſtanden ihm ja noch der Mittel meh⸗ rere zu Gebothe, die ohne Aufſehen zum erwünſch⸗ ten Ziele führten. Er erwähnte der Heirath mit keinem Worte mehr, ließ ſich aber durch ſeine Spione genau erkundigen, und baute auf die Nachrichten, welche ihm hinterbracht wurden, ſeinen Plan. Eduard, von der verſtellten Freundlichkeit ſeines Onkels getäuſcht, vergaß das Vergangene und lebte beglückt durch Juliens Liebe wie vorher. Aber plötzlich verlor Julie ihre heitere Laune, ſie ward zerſtreut und niedergeſchlagen, tiefe Seufzer entquollen unwillkührlich ihrer Bruſt; ſogar Thrä⸗ nen füllten manchmahl ihr Auge. Wenn Ednard es bemerkte, ſuchte ſie ſich zwar zu faſſen und hei⸗ ter zu ſcheinen, oder ſchob, wenn ſie nicht anders konnte, ihr ſonderbares Betragen auf ein Uebelbe⸗ finden, welches ihr eine nahe Krankheit prophe⸗ zeihte, und wirklich fand ſie Eduard, als er ſie nach einigen Tagen wieder beſuchte, krank im Bet⸗ te. Der Arzt, den Eduard über ihren Zuſtand be⸗ fragte, zuckte bedenklich die Achſeln. Von nun an wich Eduard nicht mehr von ihrem Bette, auſſer wenn ſeine Amtsgeſchäfte ihn abriefen. Eines Abends, als er aus dem geheimen Kabinette mit haſtigen Schritten durch die Straſſen zu der Ge⸗ liebten eilte, kam ihm Juliens Mädchen weinend entgegen und verkündigte ihm ſchluchzend, ihre Herrſchaft ſey vor einer Viertelſtunde — verſchieden. Von der ſchrecklichen Bothſchaft betäubt, taumelte Eduard an einen Pfeiler! Als er ſeiner Sinne wieder mächtig ward, raffte er ſich auf und ſtürzte in Julien's Wohnung. Da lag ſie, die Geliebte, ſtarr mit geſchloſſenen Augen — eine Leiche! Verzweifelnd warf er ſich über die Entſeelte hin, als wollte er ihr mit ſeinen Küſſen neues Le⸗ ben einhauchen, vergebens, ſie blieb todt. Er hat⸗ te keine Sprache, keine Thräne für ſeinen Schmerz, der aber eben deßhalb um ſo gieriger in ſeinem Innern wüthete. Vergebens ſuchte man ihn von der Leiche zu entfernen, wüthend ſtieß er die hel⸗ fende Hand des Arztes von ſich, bis er endlich er⸗ ſchöpft und ohnmächtig niederſank. Man brachte ihn nach Hauſe. Schon am näch⸗ ſten Morgen zeigten ſich Spuren eines heftigen Fiebers. Mehrere Wochen lag er ohne Beſinnung da, und die Aerzte zweifelten an ſeinem Aufkom⸗ men. Seine ungeſchwächte Ratur ſiegte endlich, er genas, obgleich langſam. Sein erſter Gang nach der gänzlichen Wie⸗ derherſtellung war, obgleich der Arzt es ausdrück⸗ lich verbothen hatte, nach Juliens Grabe; hier. vergoß er heiße Thränen. Läglich wiederhohlte er dieſen Gang; todt für Alles, was um ihn her vor⸗ ging, hatte er nur Gefühl für den Schmerz über ſeinen unerſetzlichen Verluſt. Sein Onkel verſuchte es umſonſt, ihn aufzuheitern, und als er endlich ſeinen ehemahligen Vorſchlag, in Anſehung von Eduards Vermählung wiederhohlte, erklärte die⸗ ſer feſt und beſtimmt, daß er ſich nie verheirathen würde. Der Miniſter verbiß ſeinen Aerger und hoffte von der Zukunſt. Um jene Zeit gab Preußen dem unterjochten Deutſchland das große Beyſpiel, indem es die ſchmähligen Ketten franzöſiſcher Tyranneh ſprengte. Der Gedanke, für Freyheit und Recht ein freuden⸗ loſes Leben zu enden, beſeelte die erſchlafften Le⸗ bensgeiſter Eduards mit neuer Thatkraft. Heimlich verließ er ſein Vaterland, das noch im Joche ſeufz⸗ te, und ließ ſich, unter fremden Nahmen, bey ei⸗ nem preußiſchen Freykorps anwerben. Verachtung des Todes machte ihn zum Helden, das Gefähr⸗ llichſte unternahm er am liebſten. So kam es, daß er bey einem Vorpoſten⸗Gefechte, dem ſlie⸗ henden Feinde nachſetzend, ſich zu weit von ſeinen Kameraden entfernte, umringt und nach einer wüthenden Gegenwehr vom Pferde geriſſen und gefangen ward. Mit fünfzig Unglücksgefährten brachte man ihn über Frankfurt nach Frankreich. Die Gefange⸗ nen wurden ſtreng bewacht und durften mit Nie⸗ manden aus dem Publikum ſprechen; bey Tage transportirte man ſie unter ſtarker Bedeckung von Station zu Station, bey Nacht wurden ſie in Ca⸗ ſernen, Schlöſſer oder Kirchen geſperrt. Endlich kamen ſie, nach einem langen be⸗ ſchwerlichen Marſche in Chr *ihrem Beſtim⸗ mungsorte an. Als der Zug durch e Straße ging, welche nach dem feſten Schloße führte, hörte Eduard, der in Gedanken verſunken, vor ſich hinſtarrte, einen lauten Schrey, er blickte auf und ſah, ei⸗ nige Schritte hinter ſich, eine Dame, die ihrer Begleiterinn ohnmächtig in die Arme geſunken war. Die Geſtalt zog ihn an, er wollte ſtehen bleiben, aber die escortirenden Gensdarmes ermahnten ihn mit harten Worten vorwärts zu gehen. — Er ge⸗ horchte. Auf dem Schloſſe wurden die Gefangenen in einen engen dumpfigen Saal geſperrt, den ſie, ohne Begleitung der Wache, nicht verlaſſen durf⸗ ten. Eduard trug ſein hartes Los mit männlicher Faſſung, die Hoffnung, bald ausgewechſelt, oder durch ſeine ſiegenden Landsleute befreht zu werden, belebte ſeinen Muth. Auf dem Schloſſe war auch die Caſerne der Invaliden, welche das Schloß und die Gefange⸗ nen bewachten. Jeden Morgen kam ein kleiner Junge mit Weißbrot und Branntwein in die Ca⸗ ſerne, und hernach auch, von einem wachhaben⸗ den Soldaten begleitet, in den Saal der Kriegs⸗ gefangenen, um ſeine Waaren zu verkaufen. Edu⸗ ard hatte ihm dann und wann auch ein Brot ab⸗ gekauft. Eines Morgens kam der Junge wieder und both Eduard ſeine Waare an, dieſer wollte heute nichts kaufen. „Kauft nur, Herr Soldat, ſagte der Junge., mit einem bedeutenden Blicke, es wird Euch nicht reuen, meine Waare iſt heute — 25 — beſonders gut“ Dieſe Worte, mehr noch die Win⸗ ke des Buben, ſielen Eduard auf. Er griff in den Korb und wollte ein Brot nehmen. „Nicht doch, Herr, ſprach der Junge, indem er ihm haſtig eine Semmel in die Hand drückte, dieſe nehmt, und Ihr werdet mit Eurem Kaufe zufrieden ſeyn.“ Eduard nahm, und der Junge verſchwand. Kaum hatte ſich der Knabe entfernt, als Edu⸗ ard in einen Winkel eilte, um ſeine Semmel zu unterſuchen; er brach ſie und fand einen Zettel folgenden Inhalts: „Mein Herr! Eine Dame, die, „falls ſie ſich nicht irrt, an Ihrem Schickſal'gro⸗ „ßen Antheil nimmt, glaubte in Ihnen den Gra⸗ „fen L*** aus ** zu erkennen, hat ſie recht ge⸗ „ſehen, ſo werden Sie erſucht, dem Bäckerjun⸗ „gen, wenn er Sie morgen fragt: „Nun Herr? „hat Euch Eure Semmel geſchmeckt?“ Ja, zu „antworten; hat ſie ſich aber geirrt, auf obige „Frage Rein zu erwiedern. In jedem Falle kön⸗ „nen Sie auf thätige Unterſtützung zählen.“ Die⸗ ſe Zeilen ſebten Eduard in großes Erſtaunen. Wer konnte die Dame ſeyn, die an ſeinem Schickſal ſo großen Antheil nimmt? Wie konnte man ihn hier kennen, da außer ihm ſelbſt, Riemand ſeinen wah⸗ ren Nahmen wußte? Das Billet war in franzöſiſcher Sprache geſchrieben, die Hand kam ihm bekannt vor, gleichwohl konnte er ſich nicht entſinnen, wo er ſie B — 26 — geſehen habe. Der übrige Tag und die daruf fol⸗ gende Racht dünkte ihm eine Ewigkeit, endlich brach der erſehnte Morgen an, endlich ſchlug die Stun⸗ de, wo der Junge zu kommen pflegte, aber es ſchien, als ob ſich ein böſes Schickſal gegen Eduard verſchworen habe, um ſeine Ungeduld auf die Fol⸗ ter zu ſpannen, ſchon vor Dreyviertelſtunden hatte es ſieben Uhr geſchlagen, und kein Knabe kam. Endlich, nach acht Uhr, öffnete ſich die Pforte, der ſehnlichſt Erwartete trat herein und näherte ſich dem ihm entgegenkomenden Eduard mit der Frage: „Nun Herr, hat Euch Eure Semmel geſchmeckt?“ Ja, rief Eduard haſtig. „So kauft heute dieſe, „erwiederte der Junge, indem er ihm eine Sem⸗ „mel in die Hand ſchob, ſie wird Euch nicht min⸗ „der gut ſchmecken.“ Eduard nahm, bezahlte, eilte in ſeinen Win⸗ kel, brach die Semmel, und fand abermahls ei⸗ nen Zettel. „Wenn dieſer Zettel in Ihrer Hand niſt, ſo habe ich recht geſehen, ſo ſind Sie Graf „L*** Erfahren Sie nun, was Ihnen zu wiſ⸗ „ſen nöthig iſt. Ihre Landsleute ſind über den „Rhein gegangen, und nähern ſich ſiegreich der „Hauptſtadt. In Kurzem werden Sie auch bey „uns ſeyn. Wer weiß, wie bald der Befehl an⸗ „langt, die Gefangenen in Sicherheit zu bringen, und wohin werden Sie dann transportirt werden? „Der Gefahr vorzubeugen, und Sie in Frehheit „zu ſeßen, ſind von ihrer Freundinn die gehörigen „Anſtalten getroffen. Suchen Sie es zu veranſtal⸗ „ten, daß Sie morgen in die Stadt zum Ein⸗ „kauf geſchickt werden. In der breiten Straße, „bey dem großen gelben Hauſe, wird ein Mann „im braunen Rock den Sie bewachenden Soldaten „anſprechen, und ihn in ein tiefes Geſpräch ver⸗ „wickeln, nützen Sie den günſtigen Augenblick; „wenn die Wache Ihnen den Rücken kehrt, ſprin⸗ „en Sie ſchnell in den Thorweg und ſchlagen die „Thür hinter ſich zu. Im Hauſe werden Sie Je⸗ „manden finden, der Sie in Sicherheit bringt. „Beſorgen Sie keinen Verrath, Sie können kei⸗ ne treuere Freundinn finden, als die Schreiberinn „dieſes Billets.“ Wenn ſchon das erſte Billet Eduards Erſtau⸗ nen erregte, ſo vermehrte es dieſes in hohem Gra⸗ de; doch der Gedanke an Freyheit, das ſüße Ge⸗ fühl, welches ihm die Nachricht von den Siegen der Deutſchen einflößte, überwog Alles, und be⸗ ſtimmte ihn, den Rath der Unbekannten zu befol⸗ gen. Leicht ward es ihm, die Erlaubniß zu erhal⸗ ten, den Einkauf der Lebensmittel für die Gefan⸗ genen beſorgen zu dürfen. Sobald es Tag gewor⸗ den war, machte er ſich von einer Wache begleitet, auf den Weg. Mit pochendem Herzen betrat er B 2 die breite Straße, in deren Mitte er bald das große gelbe Haus erblickte. Schon waren ſie kaum zwanzig Schritte mehr von dem Thor des bezeich⸗ neten Hauſes entfernt, und noch ließ ſich kein Mann im braunen Rocke ſehen. Noch drey Schrit⸗ te, und ſie ſtanden an der rettenden Pforte, der braune Mann kam noch nicht. Plötzlich rief es hin⸗ ter ihnen: Matthieu! Eduard und der Invalide wendeten ſich, und ſiehe da, ein ältlicher Mann im braunen Rocke eilte auf den Soldaten zu, grüß⸗ te ihn, und ſprach eifrig, aber leiſe mit ihm; der Soldat ſchien über das, was ihm der Mann er⸗ zählte, verwundert und beſtritt ſeine Meinung, der Mann wußte aber immer mehr zu erzählen, nahm endlich den Invaliden, um, wie es ausſah, von dem Gefangenen nicht gehört zu werden, einige Schritte abſeits, jener vergaß über die Erzählung ſeines Gefangenen und hatte nur Augen und Oh⸗ ren für den Erzählenden. Dieſen Augenblick ergriff Eduard, ſchnell ſprang er in's Haus und ſchlug das Thor hinter ſich zu. Im Hauſe ſtand eine ältliche Frau, die ihm ſchnell einen großen Mantel umwarf, einen großen Hut in die Stirne drückte, und ihn mit den Worten: „Folgen Sie mir getroſt,“ durch ei⸗ ne Hinterthür wieder in's Freye zog. Er folgte ſei⸗ ner Jührerinn durch mehrere Quergäßchen, endlich 6 — 29 — hielt ſie am äußerſten Ende der Stadt vor einem kleinem Häuschen. „Wir ſind am Ziele, ſprach „ſie zu Eduard, belieben Sie herein zu treten.“ Eduard folgte ihr in das Hintertheil des Hauſes, wo ſie eine, hinter Holz verſteckte, Thür öffnete, die in ein zwar kleines, aber artig meublirtes Zimmerchen führte. „Hier ſind Sie ſicher vor je⸗ der Entdeckung, fuhr das Weib fort, Sie ſollen mit allem Nothwendigen reichlich verſehen werden, bis ſich die Mittel zu Ihrer ſichern Flucht gefunden haben, oder ihre ſiegenden Landsleute bis zu uns vorgedrungen ſind. „Wem verdanke ich aber alle dieſe Wohlthaten fragte der Erſtaunte?“ „Ihre Freundinn heißt Mademoiſelle Duprs, ſie hat Ih⸗ re Flucht veranſtaltet, und mir das nöthige Geld gegeben, um Sie mit Allem verſorgen zu können, denn ich bin eine arme Witwe, die nichts hat, als dieß Häuschen und ein kleines Gärtchen, und ich wäre ohne die Unterſtützung der guten Mademoi⸗ ſelle Duprs in dieſen harten Zeiten längſt zu Grun⸗ de gegangen.“ Wer iſt denn Mademoiſelle Duprè? frug Eduard. — „Ein wahrer Engel an Leib und See⸗ le, erwiederte die Alte, ganz Ch** liebt ſie, denn ſie iſt ſo gut als ſchön. Die Armen verehren ſie wie ihre Schutzheilige, denn ſie iſt ſo mildthä⸗ dig.“ — Aber woher kennt ſie mich? unterbrach Eduard die Erzählende — „Ja, mein Herr, ant⸗ wortete die Frau, darüber kann ich Ihnen keine Auskunſt geben, denn das hat mir Mademoiſelle Dupré nicht geſagt, auch habe ich meine gemeſ— ſene Ordre von ihr. Sie werden daher verzeihen, wenn ich manche Ihrer Fragen unbeantwortet laſ⸗ ſen muß. Machen Sie ſich's jeßt hübſch bequem, ich will für Ihr Mittagsmahl ſorgen.“ — Bey dieſen Worten machte ſie einen Knix, entfernte ſich, und überließ den erſtaunten Eduard ſeinen Be⸗ trachtungen. Die Alte hielt redlich Wort, ſie verſorgte ihn reichlich mit allen Bedürfniſſen, aber ſo geſprächig ſie auch ſonſt war, ſo ſtumm war ſie auch, wenn er ſie über Mademoiſelle Dupreè ausforſchen wollte. Am zwölften Tage ſeines Aufenthalts in dem Häuschen, bemerkte er deutliche Spuren der Un⸗ ruhe und des Kummers in dem Geſichte der Wir⸗ thinn, als er den Nahmen Duprè nannte, traten ihr ſogar Thränen in die Augen, allein ſein Be⸗ ſtreben, die Urſache derſelben zu erforſchen, blieb fruchtlos. So waren vier Wochen verfloſſen, als ihn eines Morgens die Alte mit der Rachricht über⸗ raſchte; die Alliirten ſeyen nur noch ſechs Meilen von Ch“ entfernt, man ſehe in den nächſten Ta⸗ gen einer entſcheidenden Schlacht entgegen; und wirklich hörte man ſchon am Morgen des dritten Tages eine heftige Kanonade, die immer näher zu kommen ſchien. „Jetzt iſt unſer Los entſchieden, ſprach die eintretende Alte zu Eduard, die Unſri⸗ gen retiriren, ſchon ſind Haufen von Flüchtigen an der Stadt vorüber gezogen, noch vor Abend ſind die Feinde da!“ Dieſe Worte waren Muſik für Eduards Ohren. Die Stunde ſeiner Befrey⸗ ung war nicht fern, er ſollte wieder Deutſche ſe⸗ hen, als freyer Mann die Bahn des Ruhm's wie⸗ der verfolgen, und, was ihm am meiſten am Herzen lag, die Unbekannte kennen lernen, die ihm ein helfender Engel ward. Die Prophezei⸗ hung der Alten traf ein, ſchon des Nittags brach⸗ te ſie ihm die Rachricht, ein preuſſiſches Regi⸗ ment habe die Stadt beſetzt. Ungeſäumt wollte der Erfreute ſich auf den Weg machen, um ſich bey dem Commandanten zu melden, da hielt ihn die Alte zurück und ſagte: „Mein Herr, Sie ſind jetzt wieder im Beſitz ihrer Freyheit, aber Ihre Wohlthäterinn der Sie die⸗ ſes köſtliche Gut verdanken, ſchmachtet um Ih⸗ rentwillen im Kerker, an Ihnen iſt es jetzt, die hei⸗ lige Schuld der Dankbarkeit abzutragen.“ Haſtig bath Eduard um Erklärung dieſer Worte, da erfuhr er: Mademoiſelle Duprè habe jenen Bäckerjungen beſtochen, um ihm die Mittel — 32 — zur Flucht zu geben, der Junge nicht gewohnt, ſo viel Geld zu beſitzen, ſey unvorſichtig damit umgegangen, das habe Verdacht erregt, man ha⸗ be ihn eingezogen, und ſchon im erſten Verhöre habe er Alles geſtanden. Hierauf ward Mademoi⸗ ſelle Duprè verhaftet, ſie habe es nicht läugnen können, ſeine Flucht befördert zu haben, um die Richter irre zu führen, habe ſie vorgegeben, er habe, von ihr mit einem falſchen Paſſe verſehen, den Weg nach dem Rhein eingeſchlagen; jetzt ſchmachte ſie als Verbrecherinn im Gefängniſſe. — Kaum hatte die geſchwätzige Alte ihre breite Er⸗ zählung geendet, als Eduard zu dem Commandan⸗ ten eilte, ſeine Begebenheit erzählte und ſich deſ⸗ ſen Verwendung für die Befreyung ſeiner Wohl⸗ thäterinn erbath. Zufällig war der Maire der Stadt gerade bey dem Commandanten, leicht wurde es dieſem, von er⸗ ſterem eine ſchriftliche Ordre zur Entlaſſung der Gefangenen zu bewirken. Auf den Flügeln der freudigſten Ungeduld flog Eduard ins Gefängniß, übergab dem Aufſeher die Ordre des Maire's, und folgte ihm einen langen finſtern Gang hinab, an deſſen Ende der Aufſeher eine ſchwere eiſenbeſchla⸗ gene Thüre öffnete. Eduard trat in ein kleines Gemach. In einer Ecke ſaß an einem Liſche, den Rücken gegen die Thür gekehrt, den Kepf auf die Hand geſtützt, eine weibliche Geſtalt, ſie ſchien in tiefen Gedanken verſunken, aus denen ſie weder das Knarren der Thür, noch das Geräuſch der Eittretenden ſtörte. Mademoiſelle, begann Eduard nach einer Pauſe, — da blickte die Gefangene auf, und Eduard bebte mit dem Geſchrey „Julie!“ erſchrocken zurück. Sie war es — es war Julie B — Der Miniſter, Eduards Oheim hatte ſich durch Spione von Juliens edlem Herzen überzeugt, er fand zu ſeinem größten Erſtaunen, was er bis⸗ her für unmöglich gehalten, daß auch auf den ver⸗ rufenen Brettern der Bühne wahre Tugend zu fin⸗ den ſey. Dieſe unerwartete Entdeckung warf ſei⸗ nen fein angelegten Plan über den Haufen, er mußte auf einen neuen denken. — Unter ſeinen Sekretairen hatte er einen gewandten ſchlauen Franzoſen Namens Duprè, der ſich zu allen Schandthaten gebrauchen ließ, ſeine Sache aber immer ſo künſtlich einfädelte, daß kein Verdacht auf ihn fiel, und er in ganz ** als ein recht⸗ ſchaffener Mann bekannt und geehrt war. Dieſer Puprè hatte ſich auch in das Vertrauen des ver⸗ ſtorbenen Forſtraths B — zu ſtehlen gewußt, und war bey ſeinen Lebzeiten oft in ſeinem Hauſe ge⸗ — weſen; ihn erwählte der kluge Miniſter zum Werkzeug⸗ Eines Morgens ward Julie durch einen Be⸗ ſuch von dem vorgeblichen Freunde ihres Vaters überraſcht. Rach einer langen Vorrede entdeckte ihr Duprè, wie er aus alter Liebe und Freund⸗ ſchaft für ihren verſtorbenen Vater gekommen ſey, ſie, auf die Gefahr, ſein karges Stück Brot ein⸗ zubüßen, vor Unglück und Schaden zu warnen⸗ Er vertraute ihr, unter dem Siegel der Verſchwie⸗ genheit, daß der Miniſter feſt entſchloſſen wäre, ſeinen widerſpenſtigen Reffen auf die Feſtung zn ſperren, und, falls er ſich binnen einem Monath nicht entſchlöße, der jungen Gräfinn R'' die Hand zu reichen, ihn lebenslänglich dort verwah⸗ ren zu laſſen; daß der Miniſter über Julien wü⸗ the, und daß er nicht einmahl für ihre Freyheit gut ſtehen möchte. Dabey machte er ſie auf die Almacht des Miniſters aufmerkſam, die man all⸗ gemein kannte und fürchtete. Erſchrocken bath ihn Julie um Rath. Ja, liebes Kind, erwiederte der Schlaue, hier iſt Ge⸗ fahr vorhanden, hier kann nur ein raſcher Ent⸗ ſchluß retten. Und welcher? fragte Julie. Rur wenn der junge Graf Ihnen entſagt, und ſeine Hand der Beſtimmten reicht, antwortete Duprè, iſt der Miniſter zu beſänftigen, nun liebt Sie aben — Graf Eduard, und wird ſich, wie er denn nun ein Mahl iſt, nie dazu entſchließen, ſo lange er Sie am Leben weiß. Das glaube ich auch! un⸗ terbrach ihn die Weinende. Der Miniſter fuhr Duprè fort, iſt ſtolz, der Glanz ſeines Hauſes geht ihm über Alles, nie wird er in eine Verbin⸗ dung ſeines Reffen mit Ihnen willigen, Graf Edu⸗ ard wird Ihnen nicht entſagen, alſo iſt ſein Los le⸗ benslänglicher Feſtungsarreſt, wenn Sie nicht den Muth haben, ihre Liebe durch Entſagung zu bewähren, und durch eine kühne That das Glück ſeines Lebens zu ſichern. — Für dieſen Preis iſt mir nichts zu theuer, rief Julie. Das war von Ihrem edlen Herzen zu erwarten, entgegnete der Argliſtige, alſo laſſen Sie uns keine Zeit verſäu⸗ men. Graf Eduard muß Sie für todt halten, die Zeit wird ſeinen Gram lindern, und er im Beſitz der liebenswürdigen Gräfinn R** glücklich ſeyn. Sie reiſen unter dem Rahmen meiner Richte nach Ch* * in Frankreich, wo ich einen alten Freund habe, der Sie aufnehmen wird, dort können Sie anſtändig von der Penſion leben, welche Ihnen der Miniſter, wenn Sie ſich zu dieſem nöthigen Schritte entſchließen, gerne ausſetzen wird, und finden Beruhigung in dem Bewußtſeyn, den Ge⸗ liebten vom Verderben gerettet zu haben. — 3 — Vernichtet ſtand Julie da, ſie ſollte dem Gelieb⸗ ten entſagen, auf ewig von ihm ſcheiden — und doch blieb kein anderer Ausweg übrig. Schreckliche Wahl! Sie erbath ſich einige Stunden Bedenk⸗ zeit; welche ihr Duprè mit dem Bedinge gewähr⸗ te, keine Silbe über das Vorgefallene gegen Eduard zu verlieren. Nach verfloſſener Zeit kam Dupré wieder, und erhielt von ihren blaſſen Lippen die Erklä⸗ rung, daß ſie entſchloſſen ſey, ſeinem Rathe zu folgen. Triumphirend eilte der Heuchler zu dem Mi⸗ niſter, um ihm ſeinen Sieg zu verkönden. Run ward ein Arzt in's Spiel gezogen, und folgender Plan verabredet: Julie mußte ſich krank ſtellen, die Krankheit ſollte täglich mehr zunehmen, end⸗ lich ſollte ihr der Arzt einen Trank reichen, der ſie in einen todtenähnlichen Schlaf verſetzte. So fand ſie Eduard am beſtimmten Tage, und ward getäuſcht. Ein leerer Sarg wurde in die Grube geſenkt, indeſſen Julie als Mademoiſelle Duprè nach Ch““ reiſte. Dort fand ſie bey dem alten reichen Kauf⸗ mann Doriral, Duprö's Freund, eine freundli⸗ che Aufnahme. Bald gewann ſie die ganze Liebe des kinderloſen Alten, und ward von ihm, als er kurz darauf ſtarb, zur Erbinn eines bedeuten⸗ den Capitals eingeſeßt. Sie lebte zurückgezogen und einſam, ihr Ver⸗ mögen verwandte ſie zu wohlthätigen Zwecken, deßhalb liebte und ehrte ſie Jedermann. Eines Tages, als ſie über die Straße ging, erkannte ſie unter den Gefangenen, die eben nach dem Schloſ⸗ ſe transportirt wurden, den Geliebten. Welche Ueberraſchung! Ihn zu befreyen war ihr einziges Dichten und Trachten, wie es ihr gelang, und wie viel ſie dabey wagte, weiß der geneigte Leſer bereits. Eduards Entzucken war ohne Gränzen, eben ſo groß war auch ſein Zorn über die Ränke ſeines Onkels. Er ließ die Geliebte unter der Obhuth des Preuſſiſchen Commandanten in Ch **, eilte zu ſeinem Regiment, focht die Schlacht bey Laon mit, und zog mit den ſiegenden Truppen in die Hauptſtadt ein. — Nach geſchloſſenem Frieden er⸗ hielt er ſehr leicht ſeinen Abſchied; und die Frey⸗ gabe ſeiner, von der vorigen Regierung eingezo⸗ genen Güter. Auf den Flügeln der Sehnſucht eilte er zur Geliebten, um ſie als ſeine Gattinn in's Pater⸗ land zu führen. Sein Oheim hatte durch den Wechſel der Regierung ſeine Stelle verloren, der Gram über dieſen Verluſt beſchleunigte ſeinen Tod. Eduard war nun Herr ſeines Willens. Er zog mit ſeiner Gattinn auf ſeine Güter, dort leben die Glücklichen durch die ſchöne Gegenwart für die Leiden der Vergangenheit belohnt. . D Abend dämmerte bereits, als der Regi⸗ mentsarzt Grabow, aus dem heiligen Befrey⸗ ungskriege heimkehrend, durch den ** Wald ritt. Das Glück hatte ihm wohlgewollt. Sein ſchwer verwundeter General ward von ihm auf dem Schlachtfelde verbunden, und ſpäter, als der Armee⸗Arzt alle Hoffnung aufgegeben, durch ſei⸗ ne Geſchicklichkeit am Leben erhalten. Der Geret⸗ tete lohnte ſeinem Retter durch das Geſchenk einer anſehnlichen Summe, und einem nicht unbedeu⸗ tenden lebenslängigen Jahrgehalt. Fröhlich und guter Dinge trabte Grabow nun der Heimath zu, wo ein geliebtes Mädchen ſeiner harrte, und erprobte Treue am Traualtar ihren Lohn finden ſollte; als ſein Pferd ſtolperte, und ſich an einem ſpiten Stein verletzte. Er hatte deſſen anfangs nicht geachtet, aber bald nahm er mit Verdruß waßr, daß der Schimmel hinkte. Er mußte ab⸗ ſteigen und ihn führen; eine Art zu reiſen, die an und für ſich langweilig genug, für einen Lie⸗ benden aber, der an's lang erſehnte Ziel eilt, un⸗ ausſtehlich iſt. Im Gehölze begann es bereits dunkel zu werden, und er hatte noch eine gute Stunde bis zur nächſten Stadt. Endlich begegnete er einem Bauer. „Guter Freund,“ rief er ihm zu, „iſt kein Wirthshaus im Walde, wo ein ehr⸗ licher Reiſender ohne Gefahr übernachten kann?“ — O ja, antwortete der Bauer, das Mordloch liegt kaum eine halbe Stunde von hier. Das iſt aber auch das einzige in der ganzen Gegend. — Das Mordloch? murmelte Grabow in ſich hinein, eine ſonderbare Benennung! — Sie hat ihre gute Urſache, entgegnete der Bauer. Der vorige Wirth war ein Spitzbube; mehr als zwölf Reiſende wurden in ſeinem Hauſe ermordet und beraubt, bis die Obrigkeit den Gräuel entdeckte, und den Verbrecher zur wohlverdienten Strafe zog. — Und der jebige Beſitzer? fragte Gra⸗ bow haſtig. — Zett gehört es einer Witwe, ein alter Geißdrache, dem man viel Böſes nach⸗ ſagt; doh hat man nicht gehört, daß irgend ei⸗ nem Reiſenden etwas Unheimliches in ihrem Hau⸗ ſe begegnet ſey. Das Wirthshaus liegt am Wege, der Herr kann nicht fehlen. — Damit zog der Bau⸗ er weiter, und ließ Grabow nicht in der be⸗ ſten Stimmung zurück. Ein Blick auf ſeinen Sä⸗ bel und ſeine guten Piſtolen gab ihm jedoch die gehörige Faſſung bald wieder, und er ſchritt ge⸗ troſt dem Mordloche zu. Es war ſchon finſtere Nacht geworden, als er vor dem ärmlichen Häus⸗ chen ankam. In den beyden Fenſtern, aus wel⸗ chen der ganze obere Stock beſtand, ſah er Licht, und es däuchte ihm, als ob mehrere Perſonen in haſtiger Geſchäftigkeit in der Stube hin und her liefen. Die Hausthür war verſchloſſen. Kaum hatte er angepocht, als das Fenſter geöffnet ward, und eine heiſere Weiberſtimme änbſtlich fragte: „Wer iſt da?“ „Ein Reiſender der Herberge ſucht,“ erwiederte Grabow. Schnell ward das Fenſter zugeworfen, und bald darauf verſchwand das Licht. Er hoffte, man werde ihm nun die Thür öffnen, aber er wartete lange vergebens. Rach⸗ dem er das zweyte Mahl gepocht hatte, hörte er mehrere Menſchen die Treppe herab kommen, die ſich heimlich zuflüſterten. Endlich ging das Thor auf, und Grabow ſah beym Scheine der Lampe ein altes ſchwarzbraunes Weib, die einer Zigen⸗ nerinn glich und ihn mit falſchen Blicken aus den kleinen Augen ängſtlich anſchielte; hinter ihr ſtand ein Kerl, mit einem verwegenen Geſicht, auf dem ſich aber Spuren der Verlegenheit unverkennbar äußerten. „Kann ich für dieſe Nacht ein Zimmer haben?“ fragte Grabow, indem er ſeinen Sä⸗ bel feſter an ſich drückte. — Ja — aber — es — wir haben eine einzige Fremdenſtube, und die iſt zum Unglück nicht ganz rein — ſtotterte die Alte, indem ſie dem Kerl hinter ſich einen bedeutenden Blick zuwarf — wenn der gnädige Herr ſich ſo lange in die Schenkſtube begeben wollten, bis al⸗ les in Ordnung iſt — „Das will ich wohl,“ ant⸗ wortete Grabow, „ſorgt nur indeſſen für mein Pferd.“ — Sogleich ſprang der Kerl hinzu, um den Gaul wegzuführen. „Nicht ſo haſtig guter Freund,“ rief ihm Grabow zu, „erſt müſſen wir dieſe Sachen in Sicherheit bringen.“ Damit ſchnallte er den ſchweren Mantelſack los, zog die Piſtolen aus den Halftern, die er dem Kerl ab⸗ ſichtlich unter die Raſe hielt, und folgte der leuch⸗ tenden Alten in die räuchrige Unterſtube. II. Nachdem ihn die Wirthinn unter tauſend ängſtlich hervorgeſtotterten Entſchuldigungen, ver⸗ laſſen hatte, prüfte Grabow ſorgfältig ſeine Umgebung. Der ſämmtliche Hausrath der Stube zeigte nichts, was man nicht in jeder Bauernſchen⸗ ke finden könnte. Endlich näherte er ſich dem gro⸗ — 4 — ßen Ofen, um zu ſehen, ob ſich Riemand dahin⸗ ter verborgen habe. Er ſah nichts als einen Hau⸗ fen Kleidungsſtücke, die eilig hingeworfen ſchie⸗ nen. Er ergriff eines davon und zog es an's Licht — wie ward ihm, als er ſah, daß es mit Blut überſtrömt ſey, und, wie er ſich durch ſein Gefühl überzeugte, mit beynahe noch warmem Blute. Schaudernd warf er es an ſeine vorige Stelle und ſann darauf, wie er mit heiler Haut aus dieſer Mördergrube entrinnen könnte. Schon wollte er ſein Pferd im Stich laſſen und zu Fuße ſein Heil in der Flucht ſuchen, aber die Furcht, daß er in der finſtern Racht ſich im Walde verirren, oder der übrigen Bande, die, nach ſeiner Ueberzeugung hier ihren Sitz habe, in die Hände fallen könnte, beſtimmte ihn zu bleiben, und auf jede mögliche Weiſe für ſeine Sicherheit zu ſorgen. Rachdem er beynahe eine Stunde in der peinlichſten Unruhe zugebracht hatte, erſchien die Wirthinn und be⸗ richtete ihm, daß ſein Zimmer fertig ſey. Die Pi⸗ ſtolen unter dem Arm und den Säbel in der Hand, folgte er ihr über die knarrende Holztreppe in ein ziemlich reinliches Stübchen. Auf die Frage, was er zum Abendeſſen begehre? verlangte er nur et⸗ was Brot und Wein, unter dem Vorgeben, daß er, von der Reiſe ermüdet, mehr der Ruhe als der Speiſe bedürfe. Beydes wurde gebracht, und die Wirthinn verließ ihn, nachdem ſie vorher ei⸗ nen ängſtlichen Blick auf einen großen Wandſchrank geworfen hatte. Grabow der ſie nicht aus den Augen ließ, bemerkte dieſen Blick wohl. Kaum war ſie aus der Thür, als er dieſe hinter ihr ab⸗ ſchloß und mit geſpannter Piſtole nach dem Schrank eilte. Er war nicht verſchloſſen, auch fand ſich bey genauer Unterſuchung nichts darin, als einige Kleidungsſtücke. Grabow unterſuchte nun jeden einzelnen Theil des Gemach's, ohne auf etwas Verdächtiges zu ſtoßen. Endlich ſiel es ihm ein, den Fußboden zu betrachten, ob nicht irgend eine Fallthür oder eine ähnliche Heffnung angebracht ſey. Dieſe fand er nun wohl nicht, aber unverkennbare Spuren vergoſſenen gut die man in der Eile nur ober⸗ flächlich aufgewaſchen hatte; er folgte dieſen Spu⸗ ren und entdeckte, daß ſie ſich hinter jenem Wand⸗ ſchrank verloren. Dieſe Entdeckung vermehrte ſei⸗ nen Verdacht, und ſorgſältiger als vorher wurde der Schrank unterſucht, allein eben ſo fruchtlos. Da gerieth er auf den Gedanken ihn von der Stel⸗ le zu ſchieben. Mit vieler Mühe gelang es, und — ſiehe da — es zeigte ſich ihm eine Thür, die beym erſten Druck aufſprang. IIH. Die Thür führte in eine Kammer. Grab ow nahm das Licht, um zu ſehen, was ſie enthalte, da zeigte ſich ſeinem Blicke — Entſetzen! — der Leichnam eines Mädchens mit einer breiten Wun⸗ de in der Bruſt, aus der das Blut noch hervor⸗ rieſelte. Die Haare ſträubten ſich ihm empor, und der letzte Zweifel ſchwand: er war in der verruch⸗ teſten Mordhöhle, wo man auch nach ſeinem Blu⸗ te dürſtete: — der Entſchluß, ſein Leben wenig⸗ ſtens ſo theuer als möglich zu verkaufen, belebte ſeinen Muth auf's Reue. Nachdem er ſich über⸗ zeugt, daß die Kammer keinen andern Ausgang hatte, eilte er in ſein Zimmer und verrammelte die Thür mit Tiſchen und Stühlen. Dann kehrte er zu der Ermordeten zurück. Der Anblick des ſchönen, blaſſen Geſichts flößte ihm inniges Mit⸗ leid ein; er unterſuchte die Wunde und den Puls und — o der Freude! — er fand noch Spuren vom Leben. Der eigenen Gefahr vergeſſend hohl⸗ te er das Nöthige aus ſeinem Felleiſen, verband die Wunde und trug die ſchöne Geſtalt in das für ihn bereitete Bette. W. Das brennende Licht, die geſpannten Piſto⸗ len und den bloßen Säbel vor ſich auf dem Tiſche, erwartete nun Grabow in männlicher Faſſung was kommen ſollte, indem er von Zeit zu Zeit den Puls der Unglücklichen prüfte und ſich immer mehr von ihrem Leben überzeugte. Einigemahl däuchte es ihm, als höre er auf den Gange Jemanden ſchleichen, allein bald verlor ſich das Geräuſch wie⸗ der und Alles blieb ruhig. Rach Mitternacht ver⸗ loſch die niedergebrannte Kerze, und Grabow mußte im Finſtern bleiben, doch verbreitete der ſternhelle Himmel ſo viel Licht im Zimmer, daß er die Gegenſtände um ſich her unterſcheiden konnte. Die Spannung, in der er ſich befand, und die Sorge für die Verwundete verſcheuchten den Schlaf von ſeinen Augen. Seit das Licht verloſchen war, fürchtete er mehr als vorher, einen Ueberfall der Räuber; deßhalb verdoppelte er ſeine Wachſamkeit. Plötzlich hörte er vor dem Fenſter ſeiner Stube Geräuſch und gewahrte bald darauf, beym Ster⸗ nenſchimmer, eine Hand, die an das Fenſter drück⸗ te, um es zu öffnen. Elende Meuchelmörder, dachte Grabow, Eure Vorſicht iſt vergeblich, ich bin auf meiner Huth. Raſch griff er nach der Piſtole, und als auf wiederhohlten Druck das Fenſter aufging und eine männliche Geſtalt ſich zeigte, die im Begriff ſchien, herein zu ſteigen, da drückte er ſein Gewehr ab, und blitzſchnell ver⸗ — 49 — ſchwand die Geſtalt, vom Schuß getroffen, wie es ſchien. 6½ Grabow glaubte die Gefahr noch keines⸗ wegs vorüber, er nahm deßhalb die zweyte Piſto⸗ le und den bloßen Säbel zur Hand, als er hörte, daß es im Hauſe laut ward, daß man die Treppe her⸗ auf kam und die Stubenthür zu öffnen verſuchte. „Wer da?“ rief Grabow mit ſtarker Stimme. — Um Gotteswillen, gnädiger Herr, rief die Stimme der Wirthinn, was iſt geſchehen? Heffnen Sie die Thür! — „Fort, Raubgeſindel!“ entgeg⸗ nete Grabow, „Eure ſchändliche Abſicht iſt ent⸗ deckt; Ihr ſeyd an den Unrechten gekommen. Wem ſein Leben lieb iſt, der komme mir nicht zu nahe.“ — Sie ſind im Irrthum, gnädiger Herr, erſcholl es wieder durch die Thür, oͤffnen ſie nur, es wird Ihnen Alles klar werden. — Der Beſuch vor der Thür ſchien ſich vermehrt zu haben; denn ein tie⸗ fer männlicher Baß, vereinigte ſein: „Aufge⸗ macht!“ mit den Krähenſtimmen zweyer Weiber, und mit kräftigen Schlägen donnerte es an die morſche Holzthür. Jeden Augenblick erwartete Grabow den Ueberfall der Rotte und empfahl ſich dem Schutze Gottes — da vernahm er den Schall eines Poſthorns, und hörte bald darauf C einen Wagen auf der Landſtraße heranraſſeln. An's Fenſter eilend erkannte er den Poſtwagen, und ſchrie dem Poſtillon zu: ihm zu Hülfe zu kommen. Dieſer und ſämmtliche Paſſagiere, als ſie hörten, daß ſein Leben von Räubern bedroht ſey, ſäumten nicht, ihm beyzuſpringen; ſchnell war das Hausthor geſprengt, die vermeinten Räu⸗ ber vor der Stubenthür ergriffen, und Grabow befreyt. Die Wirthinn, der Knecht und die Magd ſchrien laut: ſie wären unſchuldig! Die Kranke ſchlug die Augen auf, und als ſie, beym Schein des herbeygehohlten Lichtes die gebundene Wir⸗ thinn erkannte, liſpelte ſie mit ſchwacher Stimme: meine Mutter! VI. Nun kam es zu Erklärungen, und der er⸗ ſtaunte Grabow vernahm Folgendes: Die ſchöne Agnes, der Wirthinn Lochter, liebte mit der ganzen Gluth eines jugendlichen Herzens den Jägerburſchen Joſeph. Die geitzige Mutter ließ die jungen Leute gewähren, theils, weil Joſeph um die Geliebte öfter zu ſehen, ſich fleißig in der Schenkſtube einfand, und um der Wirthinn zu gefallen, manchen Groſchen verzehr⸗ te; theils, weil ſie wußte, Joſeph ſey ein wacke⸗ —— — ——— 5 — rer Burſche, der über kurz oder lang Förſter wer⸗ den könnte, und ihre Tochter auf dieſe Weiſe an⸗ ſtändig verſorgt würde. Ein böſer Stern führte den reichen Bäcker Geyer aus dem nächſten Städt⸗ chen, ein abgelebter Fünfziger mit einem kupfrigen Satyr⸗Geſicht, auf einer Reiſe, die er des ein⸗ träglichen Kornhandels wegen unternehmen muß⸗ te, in das Wirthshaus; der alte Wollüſtling ſah die blühende Agnes und entbrannte für das ſchöne Mädchen in unreinen Flammen. Er kam öfter, und hielt endlich um der Tochter Hand bey der Mutter an. Die habſüchtige Alte war außer ſich vor Freude über das nie gehoffte Glück, einen ſo reichen Schwiegerſohn zu bekommen, und ver⸗ ſprach ihm Agneſens Hand, trotz dem Widerſtre⸗ ben der Verzweifelnden. Von dieſer Stunde an mußte die Arme den Umgang mit Joſeph auf Be⸗ fehl der Mutter, abbrechen, der ſich nicht mehr im Hauſe ſehen laſſen durfte, wenn er nicht von der wüthenden Megäre mißhandelt werden wollte. Die Liebenden fanden indeſſen doch ein Mittel, ſich zu ſehen und zu ſprechen. An dunkeln Aben⸗ den, wenn gerade kein Reiſender da war, kletter⸗ te Joſeph mittelſt des, vor dem Fenſter ſtehenden, Baumes in die Fremdenſtube und traf dort die Geliebte, um ihr unglückliches Los mit ihr zu be⸗ jammern. Der beſtimmte Hochzeittag rückte heran, C 2 und nirgend zeigte ſich ein Schimmer von Hoff⸗ nung; mit gebrochenem Herzen nahmen die jun⸗ gen Leute täglich Abſchied, um ſich am folgenden Abende doch wieder zu ſehen. Joſeph ſchwur, Ag⸗ neſens Verluſt nicht zu überleben, und dieſe ergab ſich, einem Opferlamm gleich, mit zerriſſenem Herzen in ihr hartes Schickſal. Rur noch vierund⸗ zwanzig Stunden, und der reiche Bäcker kam, um ſeine Braut heimzuführen! Da ſaß die arme Ag⸗ nes des Abends mit blutenden Herzen in der Stu⸗ be, den Geliebten erwartend, um den letzten ewi⸗ gen Abſchied von ihm zu nehmen. Furchtbare Bil— der einer ſchrecklichen Zukunft ſtiegen vor ihrer Seele auf; ſie wünſchte ſich den Tod, um von den Martern eines freudenleeren Lebens befreyt zu ſeyn. Schon lange war die Stunde verſtrichen, in welcher Joſeph zu kommen verſprochen hatte. So verläßt auch er mich! rief ſie ſchluchzend und händeringend. Der Gedanke, allein zu ſtehen, von Allen verlaſſen zu ſeyn, erfüllte ſie mit nah⸗ menloſen Schauder. Ein furchbarer Abgrund gähn⸗ te ſie grauſend an. „Sprenge die Kette, die dich an dieſes traurige Daſeyn feſſelt!“ flüſterte eine geheime Stimme ihr zu. Willenlos, von Schreck und Verzweiflung getrieben, ergriff ſie ein neben ihr liegendes Meſſer und ſtieß es ſich in die Bruſt! — Der Schmerz und das fließende Blut brachken ſie wieder zur Beſinnung, das Bewußtſehn ihrer ſündhaften That erpreßte ihr einen Jammerſchrey, mit dem ſie, vom Blutverluſt erſchöpft, zu Boden ſank. Auf ihr Geſchrey ſtürzte die Mutter und das Geſinde herbey. Zu ſpät erkannte die thörichte Al⸗ te ihr Unrecht, Agnes ſchien ohne Rettung verlo⸗ ren! Da pochte Grabow an der Hausthür. Die Furcht, daß, wenn der Lochter gewaltſamer Tod bekannt würde, man ſie als Urheberinn des Selbſt⸗ mordes zur Verantwortung ziehen könnte, und die Sorge, daß ihr, ohnehin nicht allzuwohl be⸗ rüchtigtes, Wirthshaus neuerdings in übeln Ruf kommen ſollte, beſtimmte ſie zu dem ſchnellen Ent⸗ ſchluß, die That, vor der Hand wenigſtens, zu ver⸗ bergen. Agnes wurde entkleidet und in eine Ne⸗ benkammer gelegt; ihre Kleider trug die Magd hinab und warf ſie einſtweilen hinter den Ofen in der Wirthsſtube, wo ſie Grabow ſpäter fand⸗ Der blutige Voden ward, ſo gut es ſich in der Geſchwindigkeit thun ließ, aufgewaſchen und ein Schrank vor die Kammerthür gerückt. — Joſeph, der von ſeinem Herrn, dem Föͤrſter, verſchickt war, kam erſt nach Mitternacht nach Hauſe; dennoch wollte er den letzten Abſchied von dem theuern Mädchen nicht verſäumen, denn er war feſt ent⸗ ſchloſſen, ſich am Tage ihrer Hochzeit als Freywil⸗ liger anwerben zu laſſen, und im Kriege ein, ohne ihren Beſitz, werthloſes Leben zu enden. Leicht und ſicher erkletterte er den wohlbekannten Baum, aber kaum hatte er das Fenſter geöffnet, als ihm eine Kugel hart am Ohr vorbei pfiff. Erſchrocken ſtieg er hinab und eilte davon. Dieſe Löſung der abenteuerlichen Begeben⸗ heit freute Grabow um ſo mehr, da er, als er Agneſens Wunde nun mit mehr Ruhe unterſuchte, ſie ganz gefahrlos fand, da er die Mutter durch die Drohung, ihre Graufamkeit gegen das leibliche Kind vor Gericht anzuzeigen, und durch das Ver⸗ ſprechen, die Liebenden auszuſtatten und Joſeph durch ſeine Fürſprache bey ſeinem Gönner, dem General, einen guten Dienſt zu verſchaffen, dahin gebracht hatte, daß ſie ihr, dem Bäcker gegebenes, Wort zurücknahm und in die Verbindung der Lie⸗ benden willigte. Nach wenigen Wochen war Ag⸗ nes vollkommen hergeſtellt, und wurde mit dem Förſter Joſeph in derſelben Kirche und Stunde getraut, in welcher Grabom ſeiner geliebten Luiſe ewige Treue ſchwur. Das Neujahrs⸗Geſchenk. (Bruchſtück aus dem Tagebuche eines Hageſtolzen). De Beſitz einer liebenden Gattinn war von je⸗ her mein ſüßeſter Traum, mein höchſter Wunſch! aber wie konnte ich bey meiner ſpärlichen Beſol⸗ dung, die mich ſelbſt nur kümmerlich nährte, hof⸗ fen, in unſern Lagen, ein weibliches Weſen zu ſinden, das Muth und Entſagung genug beſibt, ihr Los an das Meinige zu knüpfen? Dieſe Be⸗ trachtung verſchloß mir ſtets den Mund, ſo oft auch in meinen jüngern Jahren mancher freund⸗ liche Blick aus ſchönen Augen mir Muth einzuflö⸗ ßen ſchien. So war ich unter Sehnſucht und vergeblichen Wünſchen vierzig Jahre alt geworden, als ich plötzlich die Rachricht erhielt, ein alter Oheim von mir, von deſſen Eriſtenz ich kaum etwas gehört hatte, ſey in England geſtorben, und habe mich zum Erben ſeiner hinterlaſſenen zehntauſend Pfund Sterlinge eingeſetzt. Dieſer glückliche Zufall veränderte auf ein Mahl, wie durch den Schlag einer Zauberruthe meine Verhältniſſe. Der arme unbedeutende Se⸗ kretär Walter, den man ſonſt über die Achſel anſah, ward nun, wo er ſich blicken ließ, mit Auszeichnung behandelt; man drängte ſich zu mei⸗ ner Geſellſchaft, und die Thüren der erſten Häu⸗ ſer öffneten ſich mir, als ich, nach dem Rath ei⸗ niger Freunde, den Hofraths⸗Titel kaufte. Nun ſchien der Erfüllung meines Lieblings⸗ wunſches nichts mehr im Wege zu ſtehen, ich konnte wählen unter den reizendſten Töchtern des Landes, und ſäumte nicht an das lang erſehnte Ziel zu gelangen. Häufiger als alle andern Häuſer der Stadt beſuchte ich jenes des Amtsraths Birner, denn der Amtsrath hatte eine ſchöne, kaum achtzehnjährige Tochter. Amalie, ſo hieß ſie, ſchien die kleinen Aufmerkſamkeiten, durch welche ich ihr Wohlwol⸗ len zu gewinnen ſuchte, gütig aufzunehmen, ſie war gern in meiner Geſellſchaft und behandelte mich mit einer Vertraulichkeit, die mich zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigte. Mit Herzklopfen wagte ich eines Tages von Liebe mit ihr zu ſpre⸗ chen — Die holde Gluth, die ihre Wangen rö⸗ thete — das niedergeſchlagene Auge — der wal⸗ lende Buſen, der den züchtigen Schleier abzuwer⸗ fen drohte — konnte ich noch zweifeln? Ich war geliebt, ich war glücklich Feſt ſtund der Entſchluß, des folgendes Ta⸗ ges förmlich um ſie zu werben. Die ganze Nacht hindurch bereitete ich mich darauf vor. Ich hatte meinen Heirathsantrag in den gewählteſten Wor⸗ ten zu Papier gebracht und pünktlich auswendig gelernt; auf alle mögliche Einwendungen von ih⸗ rer oder der Familie Seite hatte ich eine genügen⸗ de Antwort bereit. Rachdem ich die ſorgfältigſte Toilette beendigt und meinen Muth durch ein paar Gläſer Burgunder befeuert hatte, machte ich mich, ziemlich gefaßt, auf den Weg; aber ſonder⸗ bar, dieſe Faſſung verlor ſich immer mehr, je nä⸗ her ich dem Birneriſchen Hauſe kam, ja es über⸗ ſiel mich endlich eine ſolche Angſt, daß ich ſechs Schritte von der Thür, die zu der Wohnung mei⸗ ner Angebetheten führte, plöblich umkehrte, und unverrichteter Sache wieder nach Hauſe lief. Dieß lächerliche Spiel trieb ich eine ganze Woche hin⸗ durch, ohne weiter zu kommen. Das herannahende Neujahrsfeſt gab mir ei⸗ nen glücklichen Gedanken ein. Ich wollte nähm⸗ lich das, was ich mit Worten auszuſprechen nicht den Muth hatte, der Geliebten durch ein allegori⸗ ſches Geſchenk offenbaren. Mir zu dem koſtlichen Einfall Glück wünſchend, eilte ich zu dem Hof⸗ gärtner, von dem ich wußte, daß er in der Blu⸗ menſprache beſonders geſchickt ſey, um mir bey — 66 — ihm einen Selam zu beſtellen, der die Gefühle meines geängſteten Herzens rein ausſprechen ſollte. Der Blumenredner erfüllte meinen Auftrag auf's Beſte. Endlich erſchien der, mit Ungeduld erwartete, entſcheidende Reujahrstag. Sobkald es die Schick⸗ lichkeit erlaubte, trabte mein Johann mit der duf⸗ tenden Liebeserklärung und einem zierlichen Neu⸗ jahrswunſche zu Amalien. Zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwankend erwartete ich, trotz der gro⸗ ßen Kälte, am offenen Fenſter ſeine Rückkunſt. Er blieb lange aus. Endlich erſchien er, ein Bil⸗ let in der Hand. Ich eilte ihm die Treppe hinab entgegen, riß ihm das Billet aus der Hand und las: „Theurer Freund! Ihr Reujahrsgeſchenk hat mir viel Vergnügen gemacht. Eilen Sie zu ihrer Freundinn, damit ich Ihnen durch ein Gegenge⸗ ſchenk vergelten kann. Der Himmel gebe, daß es für ſie einigen Werth haben möge! Dieß wünſcht ron Herzen Ihre ergebene Amalie Birner.“ Ich wußte mich vor Freude kaum zu faſſen, und drückte im Taumel des Entzückens meinen alten Johann ſo heftig an die Bruſt, daß er laut aufſchrie. — „Mein Geſchenk hat ihr Vergnügen gemacht, ſie will es durch ein Gegengeſchenk er⸗ wiedern, kann dieſes wohl in etwas Anderem be⸗ ſtehen, als in ihrer lieben ſüßen Hand? Ich habe — 61 — geſiegt! Sie iſt mein! mein! mein!“ So jauchzte ich, ergriff Hut und Stock und eilte, um die Be⸗ ſtätigung meines Glücks aus dem Munde der Herr⸗ lichen zu vernehmen. Auf der Straße rannte ich vor lauter Eile eine Bäuerinn, die einen Korb Eyer auf dem Kopfe trug, über den Haufen. Die Bäuerinn ſchrie, der Pöbel verſammelte ſich um uns und drohte mich feſtzuhalten, da warf ich eiligſt eine Hand voll Geld in den unbeſtellten Eyerkuchen, und flog nach dem Hauſe, wo die Göttinn thron⸗ te⸗, die Roſen auf meinen Lebenspfad ſtreuen ſollte. Mit einer Freundlichkeit, welche mir die Mor⸗ genröthe meines Glücks zu ſeyn ſchien, empfing ſie mich, und nöthigte mich neben ſich auf den Sopha. „Sie haben, ſagte ſie mir ſanftem Flötentone und einer gewiſſen Verwirrung, die mich entzückte, mir ein Reujahrsgeſchenk geſandt, und ich bin in einiger Verlegenheit, db jenes, das ich Ihnen da⸗ gegen anbiethen kann, Ihnen willkommen ſeyn wird.“ Ratürlicher Weiſe entgegnete ich: daß jedes Geſchenk von ihr mir theurer ſey als alle Koſtbar⸗ keiten der Welt. „Ich glaube, fing ſie nach a kleinen Pauſe wieder an, Ihnen nicht beſſer ver⸗ gelten zu können, als — durch Vertrauen. — „Run kommt's!“ triumphirte ich bey mir ſelbſt, — 62 — indem ich ihre Hand ergriff und mein Entzuͤcken über dieſes unſchätzbare Geſchenk durch feurige Worte und Küſſe ausdrückte. — Hierauf folgte eine abermahlige ziemlich lange Pauſe. Sie ſchien mit dem Geſtändniß zu kämpfen. „Jungfräuliche Schamhaftigkeit,“ dachte ich, und wollte durch das Bekenntniß meiner Gefühle ihrem Herzen Luft machen — aber der Himmel weiß, wie es kam, ſo oft ich den Mund öffnen wollte, blieben mir die Worte im Halſe ſtecken, und ich ſaß, eben ſo ſtumm wie ſie ſelbſt, neben ihr. — „Iſt es nicht albern von mir, unterbrach ſie endlich das peinli⸗ che Schweigen, daß ich noch anſtehe, ein Geſtänd⸗ niß zu thun, das unvermeidlich iſt? In ihre Hän⸗ de, edler Mann, lege ich das Heil meiner Zu⸗ kunft!“ — „Sprechen Sie theure Amalie, rief ich aus, ich kenne kein größeres Glück als Ihr Vertrauen!“ — „Nun ſo erfahren Sie denn, er⸗ wiederte ſie mit unſicherer Stimme, daß ich den jungen Werning liebe!“ — Da ſaß ich wie ei⸗ ne Bildſäule an den Trümmern meines ſchönen Luftſchloſſes. Amalie fuhr in ihrer Erzählung fort, ohne darauf zu merken: „Mein Vater liebt mich und will mein Glück; aber Sie kennen ihn, er hält viel auf eine gute Verſorgung, wie er es nennt, und ich kann ohne Werning's Beſitz nicht glücklich ſeyn. Er iſt zwar arm, aber er hat — 68 — viel gelernt, es kann ihm nicht ſchwer werden, ſich empor zu ſchwingen. Mein Vater hält große Stücke auf Sie, werther Freund, es wird Ihnen ein Leichtes ſeyn, ihn für unſere Wünſche zu ſtimmen. Thun Sie es, edler Mann, und empfan⸗ gen Sie dagegen den Dank einer Freundinn, de⸗ ren Glück Sie gegründet haben.“ — Ich konnte lange keine Worte finden, endlich bath ich ſie ſtot⸗ ternd: mich ein wenig allein zu laſſen, damit ich überlegen könnte, auf welche Weiſe ich dem Va⸗ ter beykommen wollte. Sie verließ mich, indem ſie meine zitternde Hand an ihr Herz drückte, und mir einen Blick zuwarf, der mir durch Leib und Seele ging. Meinem ärgſten Feinde mag ich das Gefuͤhl nicht wünſchen, das damahls meine Bruſt zerriß. „Ein ſauberes Neujahrsgeſchenk!“ brummte ich zornig die Stube auf und ab ſchreitend. — Nach einer halben Stunde des härteſten Kampfes hatte ich ſo viel Faſſung gewonnen, daß ich mit dem Amtsrath ſprechen konnte. Es gelang mir, ihn zu bereden, er gab ſeine Einwilligung, und nach einigen Wochen hatte ich das Vergnügen — die Treuloſe meinem Rebenbuhler am Altar zuzu⸗ führen. Seit jener Zeit war mir kein Tag im Jahre — 64 — fataler als der erſte, und ſo oft nachher ein Paar ſchöne Augen mein Blut in Wallung und mein ſ Herz in Bewegung ſetzen wollten, dachte ich im⸗ 1 mer an Amaliens Neujahrs-Geſchenk, und 1 dieſe Erinnerung bewährte ſich ſtets als unfehl⸗ bares Mittel gegen die Heirathsluſt. 8 — — — — £ — 8 „ 8 & W. hinaus in die finſtere Nacht erſcholl, aus dem feſtlich beleuchteten Hauſe des Grafen Mon⸗ tini, der ſchmetternde Klang der Trompeten und Pauken und das Jubelgeſchrei der vom feurigen Syrakuſaner aufgeregten Hochzeitgäſte. Es lebe die herrliche Julia! Sie lebe hoch — ſo jauchz⸗ ten hundert Kehlen; aber dem Auge der ſchönen Braut entquoll eine große Thränenperle und ver⸗ miſchte ſich mit dem duftenden Weine des goldenen Pokals, aus dem der reitzende Purpurmund nipp⸗ te, um den glückwünſchenden Gäſten Beſcheid zu thun. Alles athmete Wonne und Vergnügen, nur ſie, der dieſes Feſt galt, des mächtigen Marcheſe Spolaltro wunderſchöne Lochter Julia fühl⸗ te ſich nahmenlos unglücklich an der Seite ihres Bräutigams, des reichen Grafen Montini, und nur mit Mühe hielt ſie den Strom der Thrä⸗ nen zurück. Mit den Kindern des Marcheſe Spolaltro ward Ludovico, der jüngſte Sohn des Hauſes Farini, erzogen. Gleiche Spiele und gleiche Neigungen ſchlangen frühzeitig der Liebe Roſen⸗ band um Ludovico's und Julia's Herzen. Dieſe Liebe wuchs mit den Jahren um ſo mehr, da Julia's Mutter ſelbe billigte und der Aus⸗ ſicht zu einer künftigen Verbindung nichts im We⸗ ge ſtand, als die Einwilligung des Vaters, wel⸗ che, mit der Zeit zu erlangen man ebenfalls hoffte. Die jungen Herzen überließen ſich, da kein Hin⸗ derniß ihr Glück bedrohte, ganz ihren Gefühlen, und liebten ſich mit jener Leidenſchaftlichkeit, wel⸗ che dem Italiener eigen iſt. Beſonders hing Ju⸗ lia mit der ganzen Gluth ihres feurigen Herzens an dem Geliebten. Ein Schlagfluß raffte Julia's Mutter ſchnell dahin. — Kaum hatte ſich die zärtliche Tochter von dem Schmerz über dieſen großen Verluſt eini⸗ germaßen erhohlt, als ein neuer ſchrecklicherer Streich ihr Herz traf. Der Marcheſe kündigte ihr, mit der ihm eigenen Feſtigkeit, die keinen Wi⸗ derſpruch duldet, an: daß er ihre Hand dem Gra⸗ fen Montini verſprochen habe, und kindlichen Gehorſam von ihr verlange. Zum erſten Mahle wagte ſie es, dem ſtren⸗ gen Vater zu widerſprechen, und ihm zu erklären: daß ſie bereits liebe. Der Marcheſe lachte über dieſe Erklärung und wiederhohlte ſeinen Befehl, mit dem Beyfügen; daß er, wenn ſie ſich weiger⸗ te, zu den ärgſten Mitteln greifen würde, um ſei⸗ nen Willen durchzuſetzen. Julia war außer ſich, als ſie hörte, Lu⸗ dovico habe auf Befehl ihres Vaters das Haus und die Stadt verlaſſen müßen. Sie weigerte ſich ſtandhaft, dem Grafen ihre Hand zu reichen; der Marcheſe drohte und wüthete. — Julia blieb bey ihrer Weigerung. Da trat eines Tages der ehrwürdige Vater Anſelmo, der Beichtvater ih⸗ rer ſeligen Mutter, in ihr Gemach. Sein Erſchei⸗ nen war ihr höchſt willkommen; von ihm hoffte ſie Troſt und Hülfe. — Mit freundlichem Ernſt ermahnte ſie der würdige Greis ihre kindliche Pflicht zu erfüllen, dem Willen des Vaters nach⸗ zugeben und dem Grafen, welcher der reichſte und mächtigſte Mann in ganz Parma und noch in ſei⸗ nen beſten Jahren war, die Hand zu reichen. Er ſtellte ihk vor, daß die Gewalt in ihres Vaters Händen ſey, daß ewige Einkerkerung in einem ent⸗ fernten Kloſter ihr Los ſeyn würde, wenn ſie auf ihrer Weigerung beſtände. — Roch wankte ſie nicht, als aber der Pater ein eigenhändiges Schrei⸗ ben Ludovico's hervorzog, worin dieſer ſie der Schwüre ewiger Treue entband und ſie bath der Nothwendigkeit zu gehorchen — da wandelte ſich ihr ganzes Weſen. Der Gedanke, daß der, dem ſie jedes Opfer zu bringen feſt entſchloſſen war, ihr ſo leicht entſagen, ſie ſelbſt zur Untreue bere⸗ den konnte, empörte ihr Herz, und in der erſten Aufwallung beleidigten Stolzes willigte ſie in die Verbindung mit dem Grafen. Die Vermählung ward mit großem Pomp vollzogen. Der Graf, ein kalter ſtolzer Mann, der nur deßhalb eine Gattinn nahm, damit ſein alter Stamm nicht mit ihm ausſterbe, behandelte Ju⸗ lia zwar mit aller Artigkeit, doch ließ er es ihr nur zu deutlich fühlen, daß ſein Herz der Liebe unfähig ſey. So blieb die Unglückliche, von Reich⸗ thum und Ueberfluß umgeben, ärmer als eine Bettlerinn, und fand ihren einzigen Troſt in den Thränen, die ſie heimlich dem Andenken des ver⸗ lorenen Glücks weinte. Das erſte Jahr verfloß, und Julia, war noch nicht Mutter. Der Graf fürchtete ſeine Ab⸗ ſicht vereitelt und behandelte ſeine Gattinn mit auf⸗ fallender Kälte. Dieß vermehrte die Sehnſucht nach dem noch immer heißgeliebten Ludovico, von deſſen Schickſal ſie auch nicht die kleinſte Rach⸗ richt erhielt; nur ein Mahl wünſchte ſie ihn noch zu ſehen, um ihre Seele auszuweinen an ſeinem Buſen. Geſchäfte nöthigten den Grafen zu einer Rei⸗ ſe nach Neapel; Julis ſollte ihn begleiten, Kurz vor ihrer Abreiſe beſuchte ſie ihr Bruder, der eben von da her nach Parma zurückgekehrt war. Von ihm erfuhr ſie im traulichen Geſpräche; daß man Ludoviko jenen Abſagebrief, durch die über⸗ triebenſte Schilderung der Gefahr, die ihr bey längerer Weigerung drohte, abgenöthiget habe; daß er ſein Glück und ſeine Ruhe ihrer Freyheit aufgeopfert; daß er ſie noch immer heiß liebe und in Neapel ein trauriges Leben fuͤhre, von Sehn⸗ ſucht und Kummer verzehrt. — Wie ſehr dieſe Nachricht ſie erſchütterte, läßt ſich leicht denken⸗ Mächtiger als je entflammte die Leidenſchaft für den edlen Verkannten ihr gequältes Herz. Ihr Gemahl, den ſie nie geliebt, ward ihr jetzt ver⸗ haßt; nur an ihn, den Ewiggeliebten, nur an Lu⸗ dovico dachte ſie — und ſie ſollte ihn wieder ſehen, eine Luft mit ihm athmen, in einer Stadt mit ihm wohnen! Wer beſchreibt die Gefühle; welche ſie wäh⸗ rend der Reiſe abwechſelnd beſtürmten? Sie blieb unempfindlich für die paradieſiſchen Umgebungen Neapels, für die Herrlichkeiten der glänzenden Königsſtadt; ihn, nur ihn ſuchte ihr Auge unter der wogenden Volksmenge. — Schon war ſie mehrere Tage in Reapel, ohne ihn geſe⸗ hen zu haben. Sie hatte nicht den Muth, ſich nach ihm zu erkundigen, ſo oft ſie ſich's auch vornahm. Eines Abends ſaß ſie mit ihrem Gatten in einer Loge des großen Opernhauſes. Taub für die herrliche Muſik, blind für die ſchönen Dekorationen und prachtvollen Coſtüme ſchweifte ihr Blick von Loge zu Loge, um den Einzigen zu finden. End⸗ lich gewahrte ſie im Partere einen Mann, der, in einen Mantel gehüllt, aus der Ecke, in welcher er ſich verſtecken zu wollen ſchien, nach ihr hin⸗ ſtarrte, als ihr Auge das ſeinige traf. Es war die Geſtalt Ludovico's, es war ſein von Gram — über ihren Verluſt — abgezehrtes blaſſes Geſicht! — Sie vergaß die ganze Welt um ſich her, nur hinſtarren konnte ſie nach der theuern Geſtalt. Kaum war die Oper geendigt, als ſie aufſprang, die Loge verließ und dem Ausgang zu⸗ eilte. Ihr Gemahl bath ſie, zu warten, bis der große Haufe ſich verlaufen habe; aber ſie hörte nicht. Haſtig eilte ſie der Treppe zu. Als ſie ſie erreicht hatte, erblickte ſie am Fuße derſelben Lu⸗ dovico ſtehen — ihre Füße verſagten ihr den Dienſt, ſie wankte, glitſchte aus und ſtürzte die Treppe hinab — in Ludovico's Arme, der zu ihrer Rettung herbeyſprang. Der Graf hatte ih⸗ ren Fall bemerkt und eilte ihr zu Hülfe, aber wie erſtaunte er, als er ſie in den Armen Ludoviso's erblickte. — Dieſer, ohne ſeine Faſſung zu ver⸗ lieren, übergab Julia mit dieſen Worten dem Grafen: „Ich ſchäßze mich glücklich, daß ein Unge⸗ fähr mir das Vergnügen verſchaffte, meiner Cou⸗ ſine nüßlich ſeyn zu können!“ Er begleitete ſie an den Wagen, und ſchlug die Einladung des Grafen, mit ihm zu Racht zu ſpeiſen, unter dem Vorwand aus: daß er noch in dieſer Stunde Neapel ver⸗ laſſen müſſe. — Das finſtere Geſicht des Grafen zeigte nur zu deutlich, wie unangenehm ihm die⸗ ſes Zuſammentreffen ſey; denn dienſtfertige Freunde hatten nach ſeiner Vermählung nicht verſäumt, ihn von den früheren Verhältniſſen der Liebenden zu unterrichten. Dieſer Auftritt, Ludovico's zarte Hand⸗ lungsweiſe, ſeine zitternde Hand und ſeine mit Mühe unterdrückten Seufzer — Alles vereiniate ſich, um die mühſam gedämvfte Gluth der heftig⸗ ſten Leidenſchaft in Julia's Herzen zur helllo⸗ dernden Flamme anzufachen. Ihre Lage wurds ihr unerträglich. Ihr Gemabl erſchien ihr von die⸗ ſem Nugenblicke an als ein böſer Dämon, der ſich feindſelig zwiſchen ſie und ihr Glück ſiellte; der Ton ſeiner Stimme erſchreckte ſie, ſeinen Anblick floh ſte, wo ſie konnte, und war ſie gezwungen ihn zu ſehen, ſo zeigte ihr ganzes Weſen nur zu deutlich von der Bitterkeit ihrer Empfindungen. — D Eine unbeſonnene Aeußerung ihres eigenen Va⸗ ters, nach ihrer Zurückkunft in Parma, trug da⸗ zu bey, ſie auf den Gipfel der Verzweiflung zu treiben. — Ludovico's beyde ältern Brüder ſtarben kurz nach einander, er ward der einzige Erbe der großen einträglichen Güter, und konnte ſich nun mit den reichſten Cavalieren Italiens meſ⸗ ſen. — Der Marcheſe hinterbrachte dieſe Nachricht ſeiner Tochter ſelbſt, und ließ nicht undeutlich mer⸗ ken, wie ſehr er jetzt bedaure, ſich ihrer Reigung widerſetzt zu haben. Dieſe Erklärung erfüllte Julia mit einer Art von Wuth. Die ſchwärzeſten Bilder, die ent⸗ ſetzlichſten Entſchlüſſe marterten von nun an ihr zerriſſenes Gemüth. Das Betragen des Grafen ward von Tag zu Tag kälter gegen ſie. Er erlaubte ſich mitunter bittere Bemerkung über ihre ehemahligen Verhält⸗ niſſe mit Ludovico, über ihr Betragen, und nährte ſo den Haß, der in ihrem Herzen kochte. Eine ſchmerzliche Krankheit, in welche der Graf bald darauf verſtel, vermehrte ſeine üble Laune und ſeine Vorwürfe. Er verlangte von ſeiner Gat⸗ tinn die zärtlichſte Pflege und lohnte ihr dafür mit Bitterkeit und Spott; ſo goß er Hehl in die verzehrende Flamme. Julia's Mutter ward, nach ihrem ausdrück⸗ lichen Verlangen, in einem Bosket des Gartens, der an des Marcheſe Haus ſtieß, begraben. All⸗ jährlich pflegte Julia, an ihrem Sterbetage meh⸗ rere Stunden im andächtigen Gebeth am Grabe der zu früb Entſchlafenen zuzubringen. Auch heute wollte ſie dem Andenken der geliebten Todten die⸗ ſes Opfer kindlicher Liebe bringen. Nur mit Mühe erhielt ſie von dem Grafen die Erlaubniß dazu. Er entließ ſie mit boshaften Anſpielungen, die um ſo empfindlicher ſchmerzten, da ſie von dem Man⸗ ne kamen, welcher der Schopfer ihres Unglücks war. Mit blutendem Herzen betrat ſie den väterli⸗ chen Garten, wo jede Stelle an die glücklichen Tage erinnerte, die ſie hier, in ſchuldloſer Fröh⸗ lichkeit mit ihrem Ludovico verlebt hatte. — So erreichte ſie das Bosket, wo in einer Rotun⸗ da das Trauerdenkmahl der Verſtorbenen ſtand. Als ſie ſich dem Eingang näherte, ſchollen ihr aus der geöffneten Thür Seufzer entgegen. Betroffen blieb ſie ſtehen, als ſie deutlich folgende Worte vernahm: „O warum mußte dich ein neidiſches Geſchick ſo früh dieſer Welt entziehen? — Mit dir ging all mein Glück zu Grabe! — Hätteſt Du länger gelebt, ſo wäre ſie jetzt mein, die Ewig⸗ geliebte. — O Julia! Julia!“ — — Der Horchenden ſtockten beynahe die Pulſe, denn es S2 war Ludovico's Stimme. Zitternd näherte ſie ſich der Rotunda, um Gewißheit zu erlangen. Sie hatte recht gehört; da ſtand der Geliebte in Thränen zerfließend, die kalte Urne mit ſeinen Armen umklammernd. — Geſchäfte hatten ihn nach Parma geführt. Sein kindliches Herz machte es ihm zur Pflicht, das Grab ſeiner theuern Pflege⸗ mutter zu beſuchen — ſo traf ihn Julia. Sie ſah in ſein blaſſes Geſicht, in ſeine thränenden Augen, — die Welt und alle Perhältniſſe vergeſ⸗ ſend, drückte ſie ihn mit der Gluth der Leiden⸗ ſchaft an ihr Herz, indem ſie mit zitternder Stim⸗ me ausrief: „O du Einziggeliebter!“ — Dahin war Ludovico's Faſſung. „Meine Julia!“ rief er aus der Tiefe ſeines Herzens und drückte einen Flammenkuß auf ihre blaſſen Lippen. In ſeliger Trunkenheit ſtanden ſie ſo einige Sekunden, als Ludoviko wieder zu ſich kam, und erſchrocken ſich los wand aus den umſtricken⸗ den Armen der Angebetheten. „O Julia!“ rief er mit herzzerſchneidenden Tönen, welches Glück ha⸗ ben wir verloren! — Doch Gott iſt gnädig, er wird ſich unſerer Leiden erbarmen. — Und nun lebe wohl! So dürfen wir uns nicht wieder tref⸗ fen. Ich hielt mich für ſtärker als ich bin. Leb' wohl! Hoffe von der Zukunft; nur als Witwe ſiehſt du mich wieder!“ — Roch ein Mahl umfing er die Schluchzende und eilte davon. Lange noch ſtand Julia da wie eine Träu⸗ mende. „Hoffe von der Zukunft; nur als Witwe ſiehſt du mich wieder!“ Dieſe Worte allein tönten in ihrem Gedächtniſſe wieder. Erlöſung von den Banden, welche ſie an ein jammervolles Leben feſ⸗ ſelten, Erlöſung von dem verhaßten Gemahl — dieſer Wunſch erfüllte ihr ganzes Weſen. Das Herz voll Bitterkeit gegen den Urheber ihrer Lei⸗ den, betrat ſie ihr Haus; wo ihr die Rachricht ward: ihres Gemahls Krankheit habe ſich während ihrer Abweſenheit verſchlimmert, er ſey ſchon meh⸗ rere Mahle von Krämpfen befallen worden, die ihn der Beſinnung beraubten. — Der Arzt des Grafen ließ ſie bitten, in das Krankenzimmer zu kommen. Bey ihrem Eintritt kam er ihr mit den Worten entgegen: „Gnädige Gräfinn, ich muß unverzüglich zu dem Cardinal Co lonna, der ge⸗ fährlich darnieder liegt. Wahrſcheinlich werden die Krämpfe ihres Gemahls wiederkehren, in dieſer Phiole iſt ein ſtarkes Opiat, von dem er bey je⸗ dem Anfall den dritten Theil nehmen muß. Ich wagte es nicht, es einem Domeſtiken anzuvertrau⸗ en, denn eine ſtärkere Doſis könnte den Kranken, in ſeinem Zuſtande tödten. Rur wenn der Anfall ſich wiederhohlt, belieben Sie ihm eine Doſis zu geben. Nach einigen Stunden hoffe ich wieder⸗ kehren und nachſehen zu können.“ Er drückte der Ueberraſchten die Phiole in die Hand und entfern⸗ te ſich ſchnell. Der Graf hatte ſich indeſſen erhohlt. „Aha! rief er als er Julia erblickte, Madame ſind ge⸗ wiß gekommen, um zu ſehen, ob die Stunde ih⸗ rer Erlöſung bald ſchlagen wird? Triumphiren ſie nicht zu früh; noch lebe ich, und hoffe ihre ſchändliche Abſicht zu vereiteln.“ — Dieſer belei⸗ digende Vorwurf empörte die ohnehin ſchon ſchwer Gereitzte. Der Anblick der Phiole erregte den fürchterlichen Gedanken, daß das Leben ihres Peinigers in ihrer Hand ſey. Da ſtellten ſich un⸗ glücklicher Weiſe die Krämpfe des Grafen wieder ein. Dieß ſchien der Verzweifelnden ein Wink des Schickſals; die Hoffnung, ihre Freyheit und mit ihr den Beſitz des Geliebten zu erlangen, über⸗ täubten die Stimme des Gewiſſens; von den Mächten des Abgrunds fortgeriſſen, gab ſie dem Kranken — den ganzen Inhalt der Phiole auf ein Mahl! Kaum war die That vollendet, kaum bemerk⸗ te ſie, daß an die Stelle der Krämpſe ein Röcheln trat, das immer ſchwächer wurde, als ihr Ver⸗ brechen in ſeiner ganzen Rieſengröße vor ihrer Seele aufſtieg, die Reue die ſcharfen Klauen in — 79 — ihr Herz ſchlug, und das Bewußtſeyn der unge⸗ heuern Schuld ſie ohnmächtig zu Boden warf. Als ſie wieder zu ſich kam, befand ſie ſich auf ihrem Bette von Domeſtiken umgeben. „Was macht mein Gemahl? lebt er?“ fragte ſie mit be⸗ bender Stimme. Das verlegene Schweigen der Anweſenden gab ihr die ſchreckliche Gewißheit, daß das Verbrechen vollendet ſey! — Ein gefähr⸗ liches Fieber raubte ihr das Bewußtſeyn. Dieſer Zuſtand war eine Wohlthat für ſie, denn ſo wie die Wuth des Fiebers nachließ, ergriffen die Fu⸗ rien des Gewiſſens ihr gefoltertes Herz. In einem lichten Augenblicke bemerkte ſie einen fremden Arzt an ihrem Bette. Vebend fragte ſie nach dem alten Hausarzte. „Er iſt krank,“ ward ihr zur Ant⸗ wort. Als ſie nach einigen Tagen ſich wieder nach ihm erkundigte und die Rachricht ſeiner Geneſung erhielt, beſtand ſie darauf, ihn zu ihr zu rufen. Zwei Mahl verweigerte der Doctor ſeinen Beſuch, endlich erſchien er auf ihr wiederhohltes dringendes Bitten. „Was verlangen Sie von mir?“ fragte er mit finſterem Geſichte. Zitternd entgegnete Ju⸗ lia: ſie fühle ſich krank und bitte um ſeinen Bey⸗ ſtand. „Ich habe kein Mittel für ein böſes Gewiſ⸗ ſen, — antwortete er mit durchdringenden Bli⸗ cken — ſuchen Sie Troſt und Hülfe bei Ihrem Beichtvater; der Arzt vermag hier nichts.“ Bebend, wie eine Verbrecherinn vor ihrem Richter, ſchlug Julia die Augen nieder. „O Gräfinn, fuhr der Greis fort, wie konnten ſie ſo tief ſinken? Was würde ihre würdige Mutter ſagen, wenn“ — 7 Julia ſah ſich entdeckt; mit dem Zagen einer Sünderinn ergriff ſie krampfhaft die Hand des Arztes und beſchwor ihn, ſie nicht zu verderben. „Fürchten Sie nichts, erwiederte er, ich werde Sie nicht verrathen, denn die Ehre Ihrer Familie und das Andenken an Ihre herrliche Mutter iſt mir viel zu heilig. Leben Sie, um durch Reue und Buße Ihre Seele zu retten von ewiger Ver⸗ dammniß!“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich, taub für die Bitten der Verzweifelnden, die ihn beſchwor zu bleiben, und kehrte nicht mehr wieder, ſo oft ſie ihn auch darum bitten ließ. Vier ſchreckliche Monathe waren der Unglück⸗ lichen unter nahmenloſen Körper⸗ und Seelen⸗ Leiden verſtrichen, als endlich die ungeſchwächte Kraft ihrer Jugend den Sieg davon trug, und ſie ſich, wider ihren Wunſch, der Geneſung näherte. Eines Morgens erhielt ſie einen Brief von Ludovico. „Unſere Herzen, ſchrieb er unter an⸗ dern, haben nie aufgehört für einander zu ſchla⸗ gen, davon bin ich überzeugt; aber ich fühle, daß es jetzt nicht Zeit iſt, um eine ſo lange ver⸗ folgte treue Liebe zu krönen: doch glaube ich dein — 31 — Zartgefühl nicht zu verletzen, wenn ich um die Erlaubniß bitte, dich als Freund und Verwandter beſuchen zu dürfen.“ Dieſer Brief verſeßte Ju lia in die ſchmerzlichſte Verlegenheit. Sie hatte ſich vorgenommen, ihm ihr Verbrechen zu geſtehen und ſeinem Beſiß, als ſeiner unwürdig, auf immer zu entſagen; aber die Stimme des Herzens war mäch⸗ tiger als ihre Entſchlüſſe — Ludoviso erhielt die erbethene Erlaubniß. Ihr Ausſehen, der tiefe Schmerz, der aus jedem ihrer Züge ſprach, be⸗ fremdete ihn nicht wenig, und erregte den Gedan⸗ ken: Julia bedaure den Verluſt ihres Gatten, den ſie doch wohl geliebt habe. Dieſer Argwohn erzeugte eine höchſt bittere Empfindung in Ludo⸗ vico's Herzen. Durch die ſtrengſte, heimlich geübte Buße, ſuchte Julia ihr Verbrechen auszuſohnen. Sie ſpendete reichlich Mmoſen, hundert Meſſen wur⸗ den für die Seelenruhe des Ermordeten geleſen, ein koſtbares Denkmahl zierte ſein Grab, und end⸗ lich unternahm ſie ſogar eine Wahlfahrt nach Lo⸗ retto. So gelang es ihr einigermaßen, ihr Ge⸗ wiſſen ſcheinbar zu beruhigen; ſie fühlte ſich leich⸗ ter und kehrte, obgleich blaß und abgezehrt doch in leidlicher Gemüthsſtimmung nach Parma zurück. Ludoviko ward jetzt dringender und Ju⸗ ria folgte dem Zuge ihres Herzens und reichte —— ihm die Hand am Altare. Eine hellere Zukunft ſchien vor ihr aufgehen zu wollen, ſie hoffte wie⸗ der auf glückliche Tage. Mit dem Enthuſiasmus der feurigſten Liebe hieng ſie an ihrem neuen Gat⸗ ten; ſeine Gegenwart gab ihr Beruhigung, ſeine Entfernung machte ſie troſtlos. Sie ward Mutter. Die ſüßen Sorgen für das theure Pfand ihrer Liebe trugen viel dazu bey, ſie aufzuheitern und das trübe Bild der Vergan⸗ genheit immer mehr in ihrem Gedächtniſſe zu ver⸗ wiſchen. Sie glaubte den Himmel durch ihre Lei⸗ den, ihre Reue verſöhnt zu haben, und gab ſich dem Glücke, das ihr lächelte, mit Entzücken hin⸗ — Aber der ſelige Traum währte nicht lange! Eines Abends war ſie mit ihrem Gemabl zum Ball bey dem Herzog eingeladen; ſie ſaß an der Joilette, von ihren Frauen umgeben, welche be⸗ ſchäftigt waren ſie zu ſchmücken. „Haben Euer Gnaden ſchon gehört,“ fing eines der Mädchen im Laufe des Geſpräches an, „daß unſer alter Haus⸗ arzt der Doctor Marco dieſen Nachmittag ge⸗ ſtorben iſt?“ — Furchtbar wirkte dieſe Nachricht auf die arme Julia. Die Vergangenheit trat drohend vor ihre Seele und ſchreckte ſie auf aus der täuſchenden Ruhe. Schwerer als jemahls la⸗ ſtete das Gefühl der Schuld auf ihrem Herzen, in Thränen der ſchmerzlichſten Reue zerfließend, ——— — 33 — verließ ſie die Toilette. Eine ungeheure Angſt er⸗ griff ſie, als ſie in den Saal treten wollte, wo Ludovico ihrer harrte; von einem unerklärba⸗ ren Gefühl getrieben, kehrte ſie um und eilte in die Kinderſtube. Ihr Sohn lag ſchon im Bette ⸗ obgleich noch wachend, lächelnd ſtreckte er ihr die kleinen Hände entgegen, haſtig ergriff ſie ihn, drückte ihn mit heißen Küſſen an die wallende Bruſt, und wankte, den Knaben auf den Arm, in den ſchwach beleuchteten Saal. Kaum hatte ſie die Thür geöfſnet, als ihr plötzlich däuchte — die blaſſe Leichengeſtalt des gemordeten Grafen trete mit drohender Geberde zwiſchen ſie und ihren Lu⸗ dovico. Mit einem lauten Schrey ſank ſie zu Boden; das Kind entſtürzte den Armen der Oßn⸗ mächtigen! Als ſie wieder zu ſich kam, ſah ſe ſich auf einem Ruhebette; Ludoviko ſtand mit thränen⸗ ſchweren Augen neben ihr, aber ihren Sohn ver⸗ mißte ſie. Aengſtlich erkundigte ſich die ahnende Mutter; verlegen ſtotterte Ludovico: er ſey ſchläfrig geworden und zu Bette gebracht. „Nein rief die Verzweifelnde, er iſt todt, ich weiß es! Er ſtürzte aus meinen Armen auf das harte Mar⸗ morgetäfel des Saals. „Mit unwiderſtehlicher Gewalt entriß ſie ſich den Armen ihres Gatten, der ſie zurückhalten wolite, und eilte in das Ge⸗ — 34 — mach ihres Sohnes. Da lag der blutende Knabe bewußtlos unter den Händen eines Arztes, der ſeine tiefe Kopfwunde unterſuchte. „Ich bin ſeine Mörderinn!“ ſchrie die unglückliche Mutter, in⸗ dem ſie ſich die Haare zerraufte; einen entſetzlichen Blick zum Himmel werfend, ſetzte ſie mit Jam⸗ mertönen hinzu: „Ich hab' es verdient!“ Bald brach ſie in laute Klagen aus, bald fuhr ſie zu⸗ ſammen ſtarrte ängſtlich in einen dunkeln Winkel und ſtammelte zitternd: „Seht ihr ihn? Dort — dort ſteht er. Er iſt's! Es iſt Montini!““ — Man wollte die Fieberkranke zu Bette bringen, aber mit ungeheurer Kraft ſträubte ſie ſich dagegen, ihr ſterbendes Kind zu verlaſſen. Sie wich nicht von dem Bette des Knaben. Als endlich der Arzt erklärte: er ſey todt! ſprang ſie ans Fenſter, riß es auf, ſchrie mit herzzermalmenden Tönen in die finſtere Nacht hinaus: „Haſt Du mich noch nicht genug geſtraft?!“ und ſank erſchöpft in die Arme ihres Gatten, der ihr beſorgt nachgeeilt war. Von dieſer Zeit an kehrte keine Ruhe in den Buſen der Unglücklichen zurück; überall ſah ihre erhitzte Einbildungskraft die drohende Geſtalt des Ermordeten. Entſetzlich war ihr Los! Sie hatte ihr einziges Kind verloren und lief ſogar auch Ge⸗ fahr, ihres Gatten Liebe zu verlieren; denn ihr Betragen und der Rahme Montini, welcher den Lippen der unglückſeligen Träumerinn ſo oft ent⸗ fuhr, beſtärkten in ihm den Argwohn: Julia habe den Grafen wahrhaft geliebt, und fühle ſich jetzt unglücklich. — Oft ſtand ſie im Begriff, ihm Alles zu bekennen, aber die Furcht, daß der Geliebte ſie als ein Ungeheuer fliehen und haſſen würde, beſtimmte ſie, lieber ihr unglückliches Los mit ſtiller Ergebung zu tragen, als das Einzige einzubüßen, was auf Erden noch Werth für ſie hatte. Aber der Wurm in ihrem Buſen ruhte nicht; ihre Viſionen kehrten häufiger wieder, und trie⸗ ben ſie endlich in einer furchbaren Gewitternacht, wo Ludovico gerade auf einige Zeit verreiſ't war, zu dem ſchmerzlichen Entſchluſſe, der Welt und ihrem ewiggeliebten Gatten zu entſagen, und in einem Kloſter Ruhe zu ſuchen vor den Skorpi⸗ onen des Gewiſſens! — Sie traute der Feſtigkeit ihres Entſchluſſes ſelbſt nicht, deßhalb ſandte ſie, obgleich es bald Mitternacht war, zu dem Pater Anſelmo, mit der Bitte, unverzüglich zu ihr zu kommen. Der ehrwürdige Greis ließ ſich nicht lange erwarten. „Was iſt die Urſache, meine ge⸗ liebte Tochter, fragte der Eintretende, daß Sie mich zu dieſer ungewöhnlichen Stunde rufen laſ⸗ ſen? Seit langer Zeit laſtet ein ſchwerer Kummer auf Ibrem Herzen. Haben Sie mir etwas zu ver⸗ trauen? Sprechen Sie ohne Scheu; Troſt und Hülfe, wenn ſie in meinen geringen Kraͤften ſte⸗ hen, ſollen Ihnen nicht fehlen. Was kann die reine Seele meiner guten Lochter ſo tief beugen?“ O ehrwürdiger Vater, erwiederte Julie, ich bin nicht mehr was ich war, als wir uns das letzte Mahl in dem Hauſe meines Vaters ſprachen; als ſie in der edelſten Abſicht mich zu jener un⸗ glücklichen Verbindung überredeten. Ein furchtba⸗ res Verbrechen laſtet auf meiner Seele! Erſchrocken zurücktretend ſagte der Pater be⸗ ſorgt: „Theures Kind, ich fürchte, Sie ſind auf dem Wege zu einem gefährlichen Fieber, das Ihre Sinne verwirrt. Fehlen kann der Menſch, aber eines Verbrechens iſt die Tochter einer ſolchen Mutter, wie die Ihrige war, nicht fähig.“ Ich habe meinen erſten Gatten ermordet, ſein drohender Schatten verfolgt mich überall und läßt mir keine Ruhe! rief ſchluchzend die reuige Sün⸗ derinn und warf ſich zu den Füßen des erſtarrten Greiſes, der von dieſem unerwarteten Geſtändniß ſo betroffen war, daß er keine Worte finden konn⸗ te; zwey große Thränentropfen träufelten in den weißen Bart, die frommen Augen gen Himmel ge⸗ richtet, ſtammelte er endlich mit gefaltenen Hän⸗ den: „Iſt es möglich?!“ Es währte lange, bis er ſich wieder ſo weit ge⸗ ſammelt hatte, um das vollſtändige Bekenntniß der Schreckensthat mit allen ſie begleitenden Um⸗ ſtänden und den gefaßten Entſchluß aus dem Mun⸗ de der Unglücklichen zu vernehmen. Er billigte das fromme Vorhaben vollkommen, lobte die un⸗ verkennbaren Beweiſe wahrer Reue, und ſchlug Julia vor, das Kloſter St. Maria bey Reapel, deſſen Aebtiſſinun er kannte, zum Zufluchtsort zu wählen. Er erboth ſich ſogar, nach Rom zu rei⸗ ſen, und bey dem heiligen Vater die Scheidung ihrer Ehe mit Ludovico zu bewirken; weil dieſer, ſo lange er noch ein Recht an die Büße⸗ rinn habe, niemahls in dieſe Trennung willigen werde. Dieſer Vorſchlag war der empfindlichſte Streich für Julia's Herz. „NRein, rief ſie ver⸗ zweifelnd, das kann ich nicht, das geht über mei⸗ ne Kräfte!“ — Iſt das Ihre Reue? unterbrach ſie Anſelmo mit erhobener Stimme — Wie können Sie Ver⸗ gebung Ihres ungeheuern Verbrechens hoffen, ſo lange ihr Herz noch mit ſündlichen Gedanken an dem hängt, der die Urſache dieſes Verbrechens iſt? O Julia! Julia! Gehen Sie in ſich. Die Welt können Sie wohl täuſchen, aber niemahls, den, der die Herzen prüft! — Das blitzende Au⸗ ge des Greiſes, ſeine donnernde Stimme die er⸗ ſchütternde Wahrheit ſeiner Worte — Alles wirk⸗ te auf Julia; ihr war es, als ob ſie vor ihrem — Richter ſtände, und aus ſeinem Munde ihr Ur⸗ theil vernähme. Zagend blickte ſie zu ihm auf — da kam es ihr vor, als ob des Grafen bleiche Ge⸗ ſtalt über des Greiſes Schulter drohend nach ihr hinblicke! Mit wahrer Zerknirſchung umfaßte ſie des Paters Knie und gelobte blinden Gehorſam⸗ Nun ward verabredet, daß beyde ſchon in der künftigen Nacht ihre Reiſe nach Neapel an⸗ treten wollten, weil Ludoviko jeden Tag heim⸗ kehren konnte. In einem zurückgelaſſenen Briefe ſollte Julia von ihrem Gatten für immer Ab⸗ ſchied nehmen, ohne ihm die Urſache zu melden, welche ſie zur Flucht zwangen. In furchtbarer Bewegung brachte Julia, nachdem ſie der Pater verlaſſen hatte, den übri⸗ gen Theil der Nacht zu. Sie ſollte den heißgelieb⸗ ten Gatten, deſſen Veſitz ſie ſo theuer erkauft hat⸗ te, nicht wieder ſehen! Was ſollte er von ihr den⸗ ken? War das der Lohn für ſeine Treue und un⸗ erſchütterliche Anhänglichkeit? — Der Morgen überraſchte ſie unter dem Wechſel marternder Em⸗ pfindungen. Mit zerriſſenem Herzen traf ſie den Tag über die nöthigen Anſtalten zur Flucht. End⸗ lich kam die verhängnißvolle Racht, und mit ihr Pater Anſelmo, um ſie abzuhohlen. Noch ein Mahl ergriff der furchtbare Gedanke des ungeheu⸗ — 89 — ren Verluſtes mit allen Schrecken ihre Seele — allein der Wurf war gefallen! Ihr Los entſchieden! Rach einer beſchwerlichen Reiſe langten die glüchtlinge am Eingange von St. Maria an. Die finſtern Mauern, der dumpfe Ton der Vesperglo⸗ cke, die Vorſtellung, an der Pforte zu ſtehen, die ſie von allem irdiſchen Glück für immer trennt, wirkte ſo mächtig auf Julia, daß ſie nur mit Anſtrengung den Wagen verlaſſen konnte. — Die Aebtiſſinn nahm ſie gütig auf, und die übrigen Ronnen, dem Beyſpiel ihrer Obern folgend, über⸗ bothen ſich, ihr Theilnahme und Liebe zu bewei⸗ ſen. Aber wie wenig war das Alles im Stande, die fürchterlichen Betrachtungen zu verſcheuchen, die ſich der Unglücklichen aufdrangen, als der Pa⸗ ter ſie verlaſſen hatte, um ſeine Reiſe nach Rom fortzuſetzen. An den Glanz der Welt von Jugend auf gewöhnt, mit allen Anſprüchen an das Leben und ſeine Freuden, ſollte ſie in dieſen traurigen Mauern, von fremden Menſchen umgeben, die an⸗ ders dachten, anders fühlten als ſie, ihre Tage hinſchmachten! Ein ſchwacher Schein von Hoffnung dämmer⸗ te noch in ihrer Seele während des Paters Abwe⸗ ſenheit; als er aber zurückkehrte und den päbſtli⸗ chen Befehl der Eheſcheidung mitbrachte, da war es ihr, als habe ſich plöblich eine Scheidewand — 90 — zwiſchen ihr und der Welt aufgerichtet. Sie wag⸗ te es nicht zu klagen noch zu murren, geduldig wie ein Opferlamm ließ ſie alles über ſich ergehen. Der Tag ihrer Einweihung in den Orden ward beſtimmt. Der ehrwürdige Pater ſtand ihr in die⸗ fer ſchweren Prüfungszeit treulich bey und beglei⸗ tete ſie ſelbſt zum Altare. Die ſchönen Locken fielen unter der Schere der Ronnen, der Schmuck der Himmelsbraut ward mit dem härnen Kloſterge⸗ wande vertauſcht, die Worte der Weihe wurden geſprochen — und die Welt war fortan für ſie nicht mehr! Noch eine harte Prüfung ſtand der armen Dulderinn bevor. — Eines Tages wurde ſie in das Sprachzimmer gerufen. Der Schrecken hemm⸗ te ihre Schritte, als ſie am Sprachgitter Ludo⸗ vico ſtehen ſah. Eine herzzerreißende Scene folgte nun. Ludovico beſchwor ſie mit Thränen, ihm wenigſtens die Urſache zu entdecken, die ſie bewe⸗ gen konnte, einen Gatten zu verlaſſen, der ſie ſo innig, ſo treu liebte, deſſen einzige Freude darin beſtand, ſie glücklich zu machen. Zitternd flehte Julia: Nitleid mit ihr zu haben, und überzeugt zu ſeyn, daß ſie mit blutendem Herzen ſich von ihm losgeriſſen habe, daß der Schritt aber unvermeid⸗ lich geweſen ſey. Sie bath ihn, — zu bedenken, daß ſie nicht mehr dieſer Welt angehöre, daß ſie — 91 — an den Pforten der Ewigkeit ſtehe, und beſchwor ihn endlich, ihre ſchwer errungene Faſſung nicht zu ſtören. „Lebe wohl auf ewig!“ rief ſie mit ge⸗ brochner Stimme und wankte auf ihre Begleite⸗ rinn geſtützt ihrer Zelle zu. Sie hörte Ludovi⸗ co's Geſchrey, ſein Schluchzen im Kreuzgang wiederhallen und ſank erſchöpft auf ihr Ruhebette. Der letzte Streich war geſchehen! Von nun an ſah ſie weder Ludovico noch einen ihrer Verwandten wieder, nur der Pater Anſelmo beſuchte ſie zuweilen, und bewunderte den beyſpie⸗ loſen Wandel der Büßenden. Keine Kaſteyung, keine Pönitenz war ihr zu ſchwer, ſie duldete das Härteſte mit unbeſchreiblicher Hingebung. — Vier⸗ zehn Jahre büßte ſie für ihr Verbrechen; endlich nahm der verſöhnte Himmel die Bürde von den Schultern der armen Kreuzträgerinn. In ihrer Sterbeſtunde glaubte ſie den Geiſt des Ermorde⸗ ten noch ein Mahl zu ſehen: er hatte ihren Sohn auf dem Arm, der drohende Blick war in ſanftes Nitleid verſchmolzen und gen Himmel deutend liſpelte er: Verſöhnung! — Ludovico fand, als ihm ſpäter der Pater das Geheimniß entdeckte, Beruhigung in den Troſtgründen ſeiner heiligen Religion. — — £ S E — — — S — S — — S 20 8 ——— —— . De⸗ Geläute der Glocken und der Donner der Kanonen verkündete am Morgen des Himmel⸗ fahrtstages den Einwohnern von Venedig das prachtvolle Feſt der Vermählung des Doge mit dem adriatiſchen Meere. In wogenden Haufen ſrömte Jung und Alt dem Kanale St. Marko zu, deſſen ganze Breite nach wenigen Stunden mit einer zahlloſen Menge von ſchwarzen Gondeln und buntverzierten Barken bedeckt war. Unter den wimmelnden Haufen, den die Reugierde herbeyge⸗ zogen hatte, befand ſich Graf Solldingen, ein junger, deutſcher Cavalier, der Italien durch⸗ reiſet war und auf ſeiner Rückkehr in das Pater⸗ land die Inſelſtadt beſuchte, um dem impoſanten Schauſpiele, daß ſich hier bereitete, beyzuwohnen. Gegen Rittag beſtieg der Doge, im feſtlichen Ornat, von einem gläuzenden Gefolge von Sena⸗ toren und fremden Geſandten umgeben, den, auf dem prachtvoll geſchmückten Bucentaur, für ihn errichteten Thron. Unter dem Geläute aller Glo⸗ ken wurden die Anker gelichtet; in ſtolzer Pracht ſetzte ſich der feyerliche Zug langſam in Vewegunz, von den in zwey Reihen aufgeſtellten Kriegs⸗und Kauffahrdeyſchiffen mit Kanonendonner und Mu⸗ ſik begrüßt und einem bunten Gondel⸗Geſchwader umſchwärmt. Bey der Inſel St. Helena kam der Patriarch mit ſeinem geiſtlichen Gefolge in einer vergoldeten Barke dem Bucentaur entgegen. Als er den Zug erreicht hatte, weihte er ein Gefäß mit Waſſer, welches er hierauf in's Meer goß, um, wie der gemeine Mann glaubt, den Seeſturm zu beſchwören. Nachdem der Bucentaur, von den Kanonen des Hafens St. Nicolo feyerlich bewillkom⸗ met, eine Strecke in die offene See hinaus geſteuert war, kehrte ſich das Schiff, der Doge trat auf eine hinter dem Throne angebrachte Gallerie und warf mit den Worten: „Desposamus te, mare, in Signum perpetui Dominii!“ unter dem Donner des Geſchützes, dem Gebethe der Geiſtlichkeit und dem Jubelgeſchrey des Volkes einen Ring in's Meer; worauf der Bucentaur zurückkehrte und an der Inſel Lido hielt, wo der Doge mit der Sig⸗ noria an's Land ſtieg, um in der Kirche St. Ni⸗ eolo dem feherlichen Hochamte beyzuwohnen. Auch Graf Solldingen war mit ſeiner Gondel gelandet und verſuchte, wiewohl verge⸗ bens, ſich durch den Haufen zur überfüllten Kir⸗ che Bahn zu machen; plötzlich hörte er hinter ſich ausrufen; „Er iſt es!“ Die Töne der geliebten Mutterſprache ſchlugen wohlthätig an ſein Ohr und in leiſen Schwingungen erbebte eine Saite ſeines Herzens. Schnell wandte er den Kopf nach der Seite hin, woher die traulichen Töne kamen und ſah ein Mädchengeſicht voll Liebreitz. Die Vergißmeinnicht-Augen und das blondgelockte Haar verriethen ihm die celtiſche Abkunft der ſchö⸗ nen Unbekannten, und die holde Röthe, welche ihr Geſicht überflog, als ſein Blick den ihrigen traf, das geſenkte Auge, die geſpannte Aufmerk⸗ ſamkeit, mit welcher ihr Begleiter, ein ältlicher Mann, ihn beobachtete — Alles ließ ihn vermu⸗ then, daß ſein plöhlicher Anblick jenen Ausruf ver⸗ anlaßt habe. Obgleich er nicht begreifen konnte, wie und woher er der reitzenden Dame bekannt ſey, ſo wagte er es doch nicht, — einen wahr⸗ ſcheinlichen Irrthum fürchtend, ſie anzuſprechen; denn ihr Anzug ſowohl, als ihr ganzes Weſen ließen keinen Zweifel übrig, daß ſie und ihr Be⸗ gleiter ſich den höhern Ständen zuzählten. War es die Sonderbarkeit des ganzen Auftrittes, oder trug die Schönheit der Dame das ihrige dazu bey, kurz, Graf Solldingen, der ſonſt kein Freund von galanten Abenteuern war, brannte vor Reu⸗ gierde, zu erfahren, wer die Unbekannte ſey. Er vergaß die hohe Signoria ſammt dem Dogen; feſt E — 98 — entſchloſſen, ihr zu folgen, um ihre Wohnung und auf dieſe Weiſe ihren Stand und Nahmen zu entdecken, blieb er im Volkshaufen ſtehen, doch ſo, daß er die Dame und ihren Begleiter ſtets im Au⸗ ge behielt. Mit Vergnügen bemerkte er, daß der Holden Blick ihn beobachtete, doch ſich jedes Mahl, wie auf einem Verbrechen ertappt, abwandte, ſo⸗ bald der ſeinige ſie traf. Dieſes, übrigens nicht unangenehme Augenſpiel, ward einige Zeit lang wiederhohlt, diente aber nur dazu, des Grafen Reugierde immer mehr zu entflammen. Er dankte Gott, als das Hochamt geendet war, und der feſtliche Zug in der vorigen Ordnung den Rückweg antrat. Mit Anſtrengung aller Kräfte arbeitete er ſich durch die Menge, um die Schöne, welche ihre Schritte dem Ufer zuwandte, nicht aus den Augen zu verlieren; doch hier, wo Alles in buntem Ge⸗ wirre den Gondeln zuſtrömte, ward er trotz al⸗ lem Widerſtreben, vom Haufen fortgeriſſen und von der Dame getrennt. Vergebens bemühte er ſich, ſie wieder zu finden, vergebens blieb er auf der Inſel, bis die letzte Gondel vom Ufer ſtieß, vergebens both er ſeinem Gondoliere reichen Lohn, damit er den Zug der ſich indeſſen ſchon weit ent⸗ fernt hatte, wieder einhohlte, — die Dame war und blieb verſchwunden⸗ Das bunte Getreibe der Käufer und Verkäu⸗ fer auf dem St. Markusplatze, der mit geſchmack⸗ voll errichteten Buden bedeckt war, das Gewim⸗ mel der neckenden Masken vermochte eben ſo we⸗ nig Solldingens Aufmerkſamkeit zu feſſeln, als der prachtvolle Corſo, der am Abend auf dem Kanale della Giudecca zur Freude der zahlloſen Zuſchauer gehalten ward, die reichverzierten Gon⸗ deln, die mahleriſchen Stellungen der Gondoliere und die Gewandtheit der Bakarolen, die bey'm Wettlauf mit unglaublicher Geſchicklichkeit und Sicherheit durch das Gewühl ſteuerten, blieben von ihm unbemerkt; die reizende Unbekannte war das einzige Ziel, nachdem ſein Auge vergeblich ſtrebte. Ermüdet von fruchtloſem Suchen kehrte er verdrießlich nach Hauſe zurück. Die ſchöne mond⸗ helle Nacht lockte ihn an's Fenſter: gedankenvoll lag er da, vor ſich hinausſtarrend, da weckten ihn die Töne einer Guitarre aus ſeinen Träumen. Sie ſchienen aus dem offenen Fenſter des Rach⸗ barhauſes zu kommen. Wie ward ihm aber, als 1 eine ſchöne, weibliche Stimme das, zu jener Zeit 1 eben erſchienene herrliche deutſche Lied: „Nur wer die Sehnſucht kennt,“ — mit unbeſchreiblichem Ausdruck ſang. Mächtig ergriffen die bedeutenden Worte und die meiſterliche Compoſition des Liedes E2 — 100 — ſein erregtes Gemüth, ein Meer von unbeſtimm- ten Empfindungen wogte in ſeinem Buſen auf und nieder, ihn bald mit Wonne, bald mit Schmerz erfüllend; nur Ein Gedanke ſtieg klar aus dem dunklen Chaos der verſchiedenartigſten Ge⸗ fühle vor ihm auf, der? daß die bezaubernde Sängerinn Niemand ſeyn könne, als jene reitzende Unbekannte, welche, ſo lange vergebens geſucht, ein günſtiges Geſchick mit einem Mahle ihm ſo na⸗ he brachte. Er ſegnete den glücklichen Zufall, in⸗ dem er zugleich die Racht verwünſchte, die ihn hinderte, auf der Stelle Erkundigungen einzu⸗ ziehen. Der folgende Morgen gab ihm den erwünſch⸗ ten Aufſchluß. Er erfuhr, ſeine ſchone Rachbarinn ſey die junge Baroneſſe Espern aus Deutſchland, welche mit ihrem alten Onkel vor zwey Tagen hier angekommen war. Rachdem er in der Hoffnung, ſie am Fenſter zu erblicken, ſich wohl zwanzig Mahl den Kanal vor ihrem Hauſe vergebens auf und ab rudern ließ, faßte er, von Ungeduld ge⸗ ſpornt, den Entſchluß, ſeinen Kammerdiener zu dem alten Onkel zu ſchicken, ſelben in ſeinem Nah⸗ men als Landsmann zu bewillkommen und ihn um die Erlaubniß zu bitten, perſönlich aufwarten zu dürfen. Der Kammerdiener kehrte mit der er⸗ wünſchten Antwort zurück; „Graf Solldingen — würde dem Paron Espern zu jeder Zeit willkom⸗ men ſeyn.“ Der Hocherfreute ſäumte nicht, von der erhaltenen Erlaubniß in der nächſten Stunde Gebrauch zu machen. Der Baron, ein heiterer lebensluſtiger Fünf⸗ ziger empfing ihn mit zuvorkommender Artigkeit; aber — allein! So angenehm und hoffnungsreich unſer'm Grafen die Höflichkeit des freundlichen Onkels war, ſo ſehr verdroß ihn die Abweſenheit der reitzenden Nichte, welche hier zu treffen er zu⸗ verſichtlich hoffte. Er verlängerte die Dauer ſeines Beſuches über die Gebühr, von Zeit zu Zeit die Thür ſcharf beobachtend, in Erwartung, daß ſie ſich öffnen und die Erſehnte hereintreten würde; aber die Grauſame kam nicht und er ſah ſich end⸗ lich genöthiget, Anſtalt zum Aufbruch zu machen. Im Begriff, eben ſo verdrießlich zu gehen, als er fröhlich gekommen war, klangen ihm die Worte des Barons: „Beynahe hätte ich vergeſſen, Ihnen meine Richte vorzuſtellen, Herr Graf!“ wie Sphä⸗ renmuſik, beſonders, als der freundliche Alte um deſſen Mund ein triumphirendes Lächeln ſchwebte, hinzufügte: „Ich rechne auf Ihre Entſchuldigung und gehe, ſie zu hohlen.“ Damit verließ er das Gemach und Soll⸗ dingen ſtand da mit einem Gemiſch von Furcht und Freude, von Verlegenheit und Hoffnung; — 102 — kurz in einer ſo ſonderbaren Stimmung, daß er ſich nicht erinnern konnte, jemahls etwas ähnliches gefühlt zu haben. Wie vor der Erſcheinung der hehren Königinn des Tages die Nachtnebel fliehen, ſo verſcheuchte der jungen Baroneſſe Eintritt und ammuthiges Weſen des Grafen Verlegenheit. Hat⸗ te früher ihre Schönheit ihn entzückt, ſo ſtaunte er jeßt über die Bildung ihres Geiſtes, über ihre Anſpruchloſigkeit und das wahrhaft kindliche Ge⸗ müth, das ſie in ihrem Geſpräch entfaltete. Mit Vergnügen nahm er die Einladung an, den Ba⸗ ron und ſeine liebenswürdige Nichte bey Beſichti⸗ gung der Merkwürdigkeiten der Stadt zu begleiten. Die Stunden verflogen ihm an der Seite der Hol⸗ den, wie Augenblicke; von Minute zu Minute ent⸗ deckte er neue Vollkommenheiten, denn es ſchien, als lege ſie es darauf an, ihm zu gefallen, was ſeiner Eitelkeit nicht wenig ſchmeichelte, und er trennte ſich mit der Ueberzeugung von ihr, daß ſie ihn gleich einer mächtigen Fee auf ewig in den Zauberkreis ihrer Reibe gebannt habe. Bey jedem wiederhohlten Beſuche ward es ihm deutlicher, daß er ſie liebte, mit einer Lei⸗ denſchaft liebte, deren er ſich bis jetzt ſelbſt nicht fähig hielt. Dieſe Entdeckung, ſo ſehr ſie ihn auf einer Seite beglückte, beunruhigte ihn auf der an⸗ dern nicht wenig; denn er war — bereits verlobt. — 103 — Graf Solldingen, Eduards Vater, war mit dem Grafen Hochfels von früher Jugend an, durch die Bande inniger Freundſchaft ver⸗ bunden. Gleiche Reigungen, gleicher Stand und gleiche Glücksgüter gaben dieſem Bande Dauer und Feſtigkeit. Die Väter wünſchten das Glück welches ihnen Liebe und Freundſchaſt gewähr⸗ ten, auf ihre Kinder zu vererben und beſtimmten deßhalb Solldingen's einzigen Sohn Edu⸗ ard zum künftigen Gatten der einzigen Lochter des Grafen Hochfels, Emilie genannt. Als ſpäter Graf Hochfels zum Geſandten am eng⸗ liſchen Hofe ernannt ward, und mit ſeiner Familie das Vaterland verlaſſen mußte, um ſich in Lon⸗ don anzuſiedeln, da beſchloſſen die Freunde, ih⸗ ren Vorſatz durch das Geſetz zu heiligen und der zehnjährige Eduard ward mit der achtjährigen Emilie feyerlich verlobt. Der Knabe Eduard gefiel ſich in dieſem Ver⸗ hältniſſe ungemein, er that ſich nicht wenig darauf zu gute, mit ſeinen Spielgenoſſen von ſeiner ſchö⸗ nen Braut und künftigen Gemahlinn ſprechen zu können; anders dachte aber der Jüngling. Der Gedanke, ohne eigene Wahl gebunden, des Vor⸗ rechtes, als freyer Mann ſeine Hand verſchenken dürfen, beraubt zu ſeyn, war dem natürlichen Frepheitsſinne des kräftigen Jünglings drückend ne⸗ und ward mit zunehmenden Jahren und zunehmen⸗ der Kraft immer drückender. Obgleich alle Nach⸗ richten, die ihm von Emilien zukamen, darin übereinſtimmten, daß das ſchöne Kind zur reitzen⸗ den Jungfrau emporgereift ſey, obgleich Jeder, der ſie kennen lernte, den Glücklichen beneidete, dem ein ſolcher Schatz zu Theil ward, — der Ge⸗ danke: Du mußt ihr Gemahl werden! machte ihm ein Vand verhaßt, das jedem Andern als ein beneidenswerthes Los erſchien. Mit Sehnſucht erwartete er die Zeit, welche ihm, nach vollendeten Studien, zur letzten Aus⸗ vildung durch Reiſen vergönnt war. Sie erſchien und Eduard trat die Reiſe mit dem Gedanken an: es iſt die letzte Zeit deiner Freiheit, bald wird ſie entſchwunden ſeyn und du wirſt dich ſchmie⸗ gen müſſen unter das drückende Joch! Wer kann es dem feurigen Jünglinge verargen, wenn er dieſe Zeit zu genießen und die Kürze ihrer Dauer nach Möglichkeit zu verlängern ſuchte? Längſt war die ihm gegebene Friſt verſtrichen, längſt hatte ſein Vater ihn zur Rückkehr gemahnt. Unter allerley Vorwand wußte er ſich die Verlängerung des Ur⸗ ſaubes zu verſchaffen. Endlich meldete ihm ein 3 Brief, ſeine Verlobte ſey nach em Tode ihres Vaters aus England zurückgekommen und ſe Pflicht heiſche es nun, nach Hauſe zu kehren, un *— 5 — 105 — nach verfloſſenem Trauerjahr die Vermählung zu vollziehen; allein eben dieſes Trauerjahr gab Eduard einen neuen Vorwand des Ausbleibens. Endlich war auch dieſes verfloſſen; ein ernſter vä⸗ terlicher Brief mahnte in drohenden Ausdrücken zur Rückkehr, — mit dem Gefühl eines Vogels, der, nach kurzer Zeit der Freyheit, in den Käſig zurückkehren muß, entſchloß ſich der Arme, der gebiethenden Nothwendigkeit zu folgen und in Ve⸗ nedig gleichſam Abſchied zu nehmen von den la⸗ chenden Freuden des ungebundenen Lebens. Doch hier ereilte ihn ſein Schickſal. Waren ihm die Feſſeln, welche ihn an ein ungeliebtes Weſen banden, vorher verhaßt, ſo ſchienen ſie ihm jetzt unerträglich, und der feſte Entſchluß reifte in ſei⸗ ner Seele, die läſtigen Bande mit freyem Mannes⸗ ſinn zu ſprengen, es koſte was es wolle. Eifriger als vorher, bewarb er ſich um die Gunſt der ſchö⸗ nen Baroneſſe, und ein glücklicher Erfolg krönte ſein Bemühen; er konnte nicht länger zweifeln, daß ſie ſeine Gofühle erwiedere und beſchloß da⸗ her, einen entſcheidenden Schritt zu wagen. Den nächſten günſtigen Augenblick benützend, ſank er ihr zu Füßen und geſtand ihr in feurigen Worten ſeine Liebe; er verhehlte keinesweges das Verhält⸗ niß, in welchem er mit ſeiner Familie ſtand, fügte aber die Verſicherung hinzu, daß ihm kein Opfer — 106 — zu theuer ſey, wenn er dadurch die Hand der Ge⸗ liebten erkaufen könne! Der Baroneſſe ſchien die⸗ ſes Geſtändniß nicht unerwartet; mit holdem Er⸗ röthen erwiederte ſie ihm, daß auch er auf ihr Herz einen bis dahin unbekannten Eindruck gemacht habe, daß ſie ihm gerne die Hand reichen würde, wenn ihr nicht ein gleich trauriges Los zu Theil geworden wäre. Auch ſie ſey ſeit ihrer Jugend durch den Willen ihrer Familie mit einem ihr un⸗ bekannten Manne verlobt und könne daher auf die Einwilligung der Ihrigen zu der Verbindung mit einem Andern niemahls hoffen. Solldingen ſtand wie vom Blitz getroffen. So ſteht der Land⸗ mann nach einem verheerenden Hagelſchlag an dem verwüſteten Felde, das ihm noch vor wenig Stun⸗ den in üppiger Pracht Hoffnung zur reichen Ern⸗ te gab. Mit ſchmerzerfülltem Buſen eilte er nach Hauſe, dem Verhängniß fluchend, daß ſeinen hei⸗ ßen Wünſchen tückiſch in den Weg trat. Wie ſtaun⸗ re er, als man ihm meldete, ſo eben ſey ſein Va⸗ ter aus Deutſchland angekommen und harre des Sohnes mit Ungeduld in ſeinen Gemächern. Edu⸗ ard traute kaum ſeinen Augen, als die ehrwürdi⸗ ge Geſtalt des alten Grafen ihm bey ſeinem Eins tritte entgegen kam, ihn umarmte und lächelnd ſprach: „Glück auf, mein Sohn! Richt wahr, — — 107 — das heißt überraſcht? Aber bereite Dich nur noch auf eine größere Ueberraſchung vor. Ich komme nicht allein. Erräthſt Du wohl, wer mich beglei⸗ tet? — Deine verlobte Braut. Von zärtlicher Ungeduld getrieben, beſchloß ſie, Dir entgegen zu reiſen und vermochte mich alten Knaben, ihr zu folgen. Sobald ſie ſich von den Mühſeligkeiten der Reiſe in Etwas erhohlt hat, werde ich nicht ſäumen, ſie Dir zuzuführen.“ Der alte Graf ſprach wahr: hatte ſeine plötz⸗ liche Ankunft Eduard überraſcht, ſo that es dieſe Nachricht noch mehr. Verlegen ſtotterte er unzu⸗ ſammenhängende Worte und ſuchte die Unruhe, die ihn quälte, ſo gut als möglich zu verbergen. Sobald er ſeinen Vater ſchicklicher Weiſe verlaſſen konnte, eilte er in das abgelegenſte Ge⸗ mach, hier ging er mit großen Schritten auf und ab, über einen wichtigen Plan brütend. — „Ent⸗ weder — oder —!“ rief er endlich mit ſtarker Stimme, ergriff ſeinen Hut und eilte zur Baro⸗ neſſe. In haſtiger Eile unterrichtete er ſie von der drohenden Gefahr. „Wir müſſen All es wagen, oder Alles verlieren!“ ſetzte er hinzu: Die Zeit iſt gekommen, wo Sie mir beweiſen müſſen, ob Sie mich wahrhaft lieben. Wahre Liebe achtet keine Verhältniſſe, kennt keinen Eigennutz, ſcheut keine Gefahr. Nur ein Rettungsweg bleibt uns übrig — 158 — — die Flucht. Liebſt Du mich wirklich, ſo folge mir noch dieſe Nacht. In einem entfernten Lande ſegne die Kirche unſern Bund; dann wollen wir verſuchen die Unſrigen zu verſöhnen, wo nicht, ſo beſitze ich hinlängliche Kenntniße, durch anſtändi⸗ gen Erwerb mich und die Meinigen zu erhalten.“ Die Baroneſſe ſchien anfangs vor dem Wage⸗ ſtück zurückzuſchaudern, doch Eduard's Bitten, ſeine Verſicherungen, ſeine Schwüre hoben den letzten Zweifel; ſie willigte ein und die nächſte Mitternachtsſtunde ward zur Flucht feſtgeſetzt. Kaum hatte die Racht den ſchwarzen Mantel über die Lagunenſtadt gebreitet, als Eduard mit Hülfe ſeines vertrauten Kammerdieners ſeine Cha⸗ touille und einen Theil ſeines Gepäckes nach der zur Flucht gedungenen Gondel bringen ließ; mit Ungeduld erwartete er Mitternacht. Endlich er⸗ tönte die erſehnte Stunde vom Thurme der St. Markuskirche, ſchnell eilte er unter das Fenſter der Geliebten, durch das verabredete Zeichen ſeine Rähe ihr kund zu thun; da fühlte er ſich plötzlich von einer Schaar Sbirren ergriffen und gebunden forrgeſchleppt. Vergebens ſuchte er der Menge zu widerſtreben, er ſah ſich überwältigt, eine dichte Kappe, die ihn der Sprache und des Geſichtes be⸗ raubte, hüllte ſein Haupt in Finſterniß; ſo ward er — 109 — in eine wondel geworfen, wo er Zeit hatte, ſei⸗ nem Unſtern zu fluchen. Rach einer Vie kelſtunde ungefähr, die dem Armen zur Ewigkeit ward, landete die Gondel, man hob ihn heraus, führte ihn in ein Haus, ei⸗ ne Treppe hinan, hier wurde eine Thür geöffnet und er hinein geführt. Als man ſeine Bande löſ'⸗ te blieb ihm kein Zweifel, daß er ſich im Kerker befinde; wie groß war daher ſein Erſtaunen, als man die Kappe vom Kopfe zog und er ſich in ei⸗ nem hellerleuchteten Zimmer ſah, vor ſeinem Vater ſtehend. Nachdem ſich auf ſeinen Wink die Sbirren entfernt hatten, begann der alte Graf: „Schöne Streiche junger Herr! So ehrſt Du Deinen Stand und Deine Familie? Dank' es der Wachſamkeit der hieſigen Polizey, deren Chef mein alter Freund iſt, daß Du verhindert wurdeſt, eine Thorheit zu begehen. Um jedoch ähnlichen Auftritten in Zu⸗ kunft vorzubeugen, ſoll noch in dieſer Stunde der Prieſter den Segen über Dich und Deine dir recht⸗ mäßig verlobte Braut ſprechen.“ „Nimmermehr!“ rief Eduard. „Reitze meinen Zorn nicht!“ fuhr der Alte fort: „ſey vielmehr froh, daß ich, Deine That vergeſſend, ſie nicht nach Verdienſt beſtrafe. — Die Comteſſe Hochſels iſt von Allem unterrichtet, — 1165 — ſie hat ſich, der ſpäten Stunde ungeachtet, zur Trauung entſchloſſen, der Prieſter harret —“ Eduard. Mein Vater, ich beſchwöre Sie bey Allem, was heilig iſt —! Der alte Graf. Und ich befehle Dir im Nahmen der geſunden Vernunft, die Rarrenspoſ⸗ ſen aufzugeben und der Comteſſe Deine Hand zu reichen! Eduard. Mein Herz blutet, Ihnen wider⸗ ſtreben zu müſſen, allein ich kann nicht anders! Riemahls werde ich der Comteſſe meine Hand reichen! „Das wollen wir doch ſehen“, rief der Va⸗ ter, nahm den Sohn bey der Hand und zog ihn in einen anſtoßenden Saal. Hier befand ſich eine Ge⸗ ſellſchaft von Damen und Herren, vor einem klei⸗ nen Altar ſtand der Prieſter im Ornat und neben ihm die Eomteſſe Hochfels verſchleyert. „Hier Ihro Hochwürden, iſt der Bräutigam, belieben Sie die heilige Handlung zu vollziehen,“ ſprach Graf Solldingen, indem er ſeinen Sohn dem Prieſter zuführte. „Halten Sie ein!“ rief „ich proteſti⸗ re feyerlich gegen eine Verbindung, welche ich nie eingehen kann!“ „Iſt das Dein feſter Entſchluß? fragte ihn hierauf ſein Vater mit ſcharfem Blick. 111 — „Feſt und unerſchutterlich!“ entgegnete Edu⸗ ard. „Wir wollen doch ſehen, ob Deine Entſchlüſ⸗ ſe die Probe beſtehen,“ ſagte der alte Graf, ging zur Comteſſe, ſchlug ihren Schleyer zurück, und Eduard — deſſen Blick unwillkührlich folg⸗ te, — ſah in das reitzende Geſicht der — Baro⸗ neſſe Espern. „Was — was iſt das?“ ſtotterte der Be⸗ troffene. „Gräfinn Emilie von Hochfels, die von dir verſchmähte Braut,“ antwortete der Vater. „Wäre es möglich!“ ſchrie der Ueberraſchte und ſtürzte zu den Füßen der Geliebten. Nun kam es zur Erklärung. — Die Reitze der jungen Gräfinn Hochfels, mehr noch ihre Ta⸗ lente, ihr Verſtand, ihre Herzensgüte, verſam⸗ melten eine Schaar von Anbethern um ſie her. Sie ward von Seufzern in Proſa und Verſen beſtürmt, doch, ihre Beſtimmung kennend und den Willen ihres Vaters ehrend, betrachtete ſie ſich als das Eigenthum ihres Verlobten und ihr Herz blieb un⸗ gerührt bey allgemeiner Huldigung. Zwar fiel es ihr auf, daß dieſer Verlobte, dem ſie Alles aufopferte, ihr ſo ſelten, und wenn es geſchah, ſo förmliche nichtsſagende Brieſe ſchrieb; als ſie aber nach dem Lode ihres Paters nach Deutſchland zurückkehrte, blieb ihr bald kein Zweifel über die Geſinnungen ihres flatterſinnigen Bräutigams. Ihre Eitelkeit, und — wo lebt das Weib, welches von dieſem Erbe Evens nicht ſeinen Theil bekommen hätte? — ward gereitzt, ihr Stolz beleidigt. Unter fremden Rahmen beſchloß ſie, das Herz des Widerſpenſtigen zu erobern; und wenn es ihr nicht gelänge, einer Verbindung zu entſagen, welche ſie unglücklich zu machen drohte. Bald war der Plan entworfen und ſie reiſte, von Eduard's Vater und einem weitläufigen Verwandten, Baron Espern; fur deſſen Nichte ſie ſich ausgab begleitet, nach Venedig. Hier fand ſie Eduard und feyerte in kurzer Zeit einen voll⸗ kommenen Sieg über den abtrünnigen Frevler. Zwiſchen Scham und Entzücken getheilt, horchte der Ueberſelige der Löſung des Räthſels. „Zauberinn!“ lispelte er und drückte einen feuri⸗ gen Kuß auf die niedliche Hand der holden Er⸗ zählerinn.“ „Nun Kinder!“ ſprach Graf Solldi ngen, dazwiſchen tretend: „laßt den Herrn Pfarrer nicht länger warten; oder hat der Herr da wieder einen feſten unerſchütterlichen Entſchluß gefaßt?“ „Allerdings,“ antwortete Eduard: „und zwar einen, den nur der Tod löſen kann.“ — 113 — „Und der iſt? fragte Emilie mit einem holden Lächeln. — „Mein ganzes Leben Dir zu weihen!“ rief der Entzückte und ſchloß die Erröthende an ſein Herz. „Amen!“ rief der alte Graf und trat mit dem glücklichen Paare zum Altar. S ——— —— — — e i —— E⸗ war eine finſtere Racht, in welcher Oberiſt Graf von *** im Feldzuge vom Jahre 1813 an der Spitze ſeines Regiments in L*“ einrückte. In das Haus einer reichen Kaufmannswitwe ein⸗ quartirt, vom Rachtwachen und den Beſchwerlich⸗ keiten eines langen Marſches ermüdet, hörte er es gern, daß die Frau vom Hauſe unpäßlich ſey, weil er dadurch der ſteifen Ceremonie der gewöhn⸗ lichen Bewillkommungs-Complimente überhoben ward; ließ ſich das Eſſen auf ſein Zimmer brin⸗ gen, und ſuchte ſo bald als möglich in den Armen des Schlafes die lang entbehrte Erquickung. Kaum hatte er die Lichter ausgelöſcht und die Augen geſchloſſen, als er durch ein Geräuſch ge⸗ ſtört ward. Er blickte auf und — ſiehe da — ei⸗ ne weiße Geſtalt, eine Leuchte in der Hand, kam, mit kaum hörbaren Tritten, zu ſeinem Lager her⸗ angeſchritten. — Der Oberiſt, ein vorurtheilsfrey⸗ er Mann, konnte ſich bey dieſem Amblicke des Grauſens nicht erwehren, doch faßte er ſich bald, — 118 — und harrte mit geſpannter Aufmerkſamkeit der Dinge, die da kommen würden. Die Geſtalt hatte ſich indeſſen auf einen Stuhl geſetzt, und ſah mit ſtarren Blicken auf eine Stelle der Wand, ober⸗ halb dem Bette. Unwillkührlich folgte der Oberſt ihrem Blicke, und entdeckte bey dem Scheine der Lampe, an der Wand die Spuren eines herabge⸗ nommenen Bildes oder Spiegels. Unbeweglich blieb die Geſtalt ſitzen, indeß gewann der Graf Zeit, ſie näher zu betrachten. Es war ein engel⸗ ſchönes kaum 18 jähriges Mädchen, die dunkeln großen Augen, die rabenſchwarzen Haare, erhöh⸗ ten die Lilienfarbe des blaſſen Geſichts. Sonder⸗ bar ward ihm zu Muthe, als er in dieſem Geſicht eine Aehnlichkeit entdeckte, die ſchmerzliche Erin⸗ nerungen in ihm erweckte. — Mit einem Mahle ſchien Leben in die, bis dahin, ſtarre Geſtalt zu kommen; Seufzer entſtiegen der wallenden Bruſt, Thränenſtröme ſtürzten aus den ſchönen Augen, mit herzzerreißenden Jammertönen rief ſie: „Er iſt fort! Auch er hat mich verlaſſen, verläugnet gleich meinem Vater. Weh mir, ich bin allein, auf der weiten Welt allein!“ ſprang auf und ver⸗ ließ laut ſchluchzend das Zimmer. Der Eindruck, den dieſer Auftritt auf den Oberſten machte, war ſo überraſchend, daß er lan⸗ ge in Gedanken verfunken, im Bette liegen bliebz als er ſich endlich ermannte und der Erſcheinung folgen wollte, entdeckte er, in dem finſtern Gan⸗ ge, der zu ſeiner Wohnung führte keine Spur mehr von ihr. Um die Ruhe des Hauſes nicht zu ſtören, gab er ſeine Rachforſchungen auf, in der Hoffnung, daß ihm der kommende Morgen das Räthſel wohl löſen werde. Der Tag fing bereits an zu grauen, als er in einen unruhigen Schlummer verſank, aus dem ihn ein alter Diener des Hauſes weckte, der das beſtellte Frühſtück brachte. Seine Reugierde trieb ihn an, den Alten alſogleich in's Verhör zu neh⸗ men. Ach, ſeufzte der treue Johann; gnädiger Herr, Sie berühren da eine traurige Geſchichte! Der Oberſt, damit nicht zufrieden, drang ernſtli⸗ cher in ihn und erfuhr Folgendes: Marie, die Lochter der Kaufmannswitwe, bey welcher der Oberſt wohnte, war mit Joſeph, des Rachbars Sohn, aufgewachſen; gemeinſame Spiele und gleiche Neigungen hatten frühzeitig den Keim der Liebe in die jungen Herzen gelegt. Die Aeltern ließen es geſchehen, und gaben gerne ihre Einwilligung zur Verbindung, als jedes der Kinder insbeſondere darum bath. Die Liebenden ſchwammen in einem Meere von Wonne, umgau⸗ kelt von den Roſenträumen der kommenden Selig⸗ keit. Aber ach! ſie wurden grauſam aufgeſchreckt — 120 — aus den ſüßen Träumen. — Joſeph's Pater beſprach ſich mit Marien's Mutter, es kam zu Erklärungen, und — ſiehe da — es ergab ſich, was Niemand geahnet hatte, daß Marie die Frucht eines Fehltritt's der Wittwe, vor ihrer Perheirathung mit dem Kaufmann D““ begangen, ſey. Herr D** hatte Mariens Mutter in F** kennen gelernt, und geheirathet, und war mit ſeiner Frau erſt ſpäter nach L** gezogen; daher kam es, daß Marie allgemein für ſeine eheliche Lochter galt. — Joſephs Vater, ein Leder⸗ händler vom altbürgerlichen Schlage, hatte ſich durch Lieferungen ein großes Vermögen erworben, ſeine veränderten Glücksumſtände hatten aber ſeine Geſinungen unverändert gelaſſen; feſt hielt er auf Krenge Sitte und altes Herkommen. Der Gedan⸗ ke, ſeinen Sohn an ein unehelich gezeustes Mäd⸗ chen zu verheirathen, empörte ſein Innerſtes. So leid es ihm auch that, ſo ſehr er Marien, we⸗ gen ihrer Herzensgüte und Holdſeligkeit, liebte, ſo konnte er es doch nicht über ſich gewinnen, ſei⸗ nen Grundſäben entgegen zu handeln. Mit der möglichſten Schonung, aber mit der Feſtigkeit des entſchloſſenen Mannes, erklärte er der Mutter und ſeinem Sohne, daß aus der Verbindung nichts werden konne. — Joſeph liebte Marien mit dem ganzen Feuer der erſten Liebe, aber er war ————— ———— auch gewohnt, den Willen ſeines Vaters heilig zu verehren. Mit blutendem Herzen gehorchte er, als ihn dieſer nach S*** zu einem Verwandten ſandte, um ihn durch Entfernung auf andere Ge⸗ danken zu bringen. — Schrecklich war aber die Wirkung, welche dieſes Ereigniß auf die arme Marie hervorbrachte. Sie gehörte zu jenen lei⸗ denſchaftlichen Weſen, die den geliebten Gegen⸗ ſtand mit heißer Gluth umfaſſen, durch und in ihm leben, die nur ein Mahl, aber mit unnennba⸗ rer Kraft lieben. Der Gedanke, den Geliebten verloren zu haben, brachte ſie beynahe zum Wahn⸗ ſinn, der ſich durch die Bemühungen der geſchick⸗ teſten Aerzte in eine ſtille Melancholie umwandelte. Für nichts empfänglich, als für den ungeheuern Schmerz über ihren Verluſt, welkte ſie dem Gra⸗ be zu. Das Zimmer, in welchem der Oberſt ſchlief, war früher ihre Wohnung geweſen, hier hatte ſie Joſeph's Bild, daß ihr dieſer, kurz vor jener unglücklichen Kataſtrophe, geſchenkt, aufgehangen; tagelang ſaß ſie vor dieſem Bilde und weinte und klagte ihr unſeliges Geſchick an. Auf des Arztes Rath brachte man ſie in ein anderes Zimmer und verbarg heimlich Joſeph's Bild. Marie ließ es geſchehen, aber in jener Nacht, in welcher der Oberſt eingezogen war, ſtahl ſie ſich von der Seite ihrer ſchlafenden Wärterinn, öffnete die 6 —————— — 122 — unverſchloſſene Thür und brach, als ſie des Ge⸗ liebten Bild vermißte, in jene Jammertöne aus. Dieſe Erzählung rührte den Grafen ſehr, denn auch er hatte die Leiden unglücklicher Liebe kennen gelernt. Noch ein Kind, verlor er ſchon den Vater. Seine Mutter, eine ſtolze Frau aus einem altadelichen Hauſe, das viele Ahnen aber wenig Geld zählte, ſuchte ihm frühzeitig die heilige Ehrfurcht für den uralten Stammbaum einzuprä⸗ gen; aber es ſchien, als ob der herangewachſene Jüngling, der als Lieutenant bey einem Infante⸗ rieregiment ſtand, der mütterlichen Lehren nicht eingedenk bleiben wolle, denn er hatte ſich ſo ſehr vergeſſen, für ein armes bürgerliches Mädchen ein zärtliches Attachement zu fühlen! Wäre dieſe Zuneigung bloß eine vorübergehende Galanterie geweſen, ſo hätte die hochgeborne Mama allenfalls noch ein Auge zugedrückt, und ſelbe als eine ignoble noble Passion paſſiren laſſen; aber nein, der Unglückſelige vergaß, was er ſich und der Ehre ſeines Hauſes ſchuldig war, ſo ganz, daß er ſogar an eine eheliche Verbindung dachte!! — Und dem war wirklich ſo. — Verborgen wie das Veilchen im Graſe blühte Louiſe, eine va⸗ ter⸗und mutterloſe Waiſe, in ihrer einſamen Woh⸗ nung, ſich von ihrer Hände Arbeit nährend. Der Lieutenant ſah zufällig das ſchöne Mädchen, und — 123 — machte, nach hergebrachter Sitte, Jagd auf die ſeltne Beute. Wie wunderte er ſich aber, als er ſich mit Verachtung zurückgewieſen, alle Kunſtſtücke der Verführung an dieſem Feenkinde abprallen ſah. Die Ueberzeugung, daß es noch wahre Lugend gebe und die Allgewalt, mit welcher dieſe auch auf verdorbene Herzen wirkt, machten auf ſein weiches Gemüth einen großen Eindruck. Er fing an, das ſchöne Mädchen wahrhaft zu lieben, und mit immer größerer Stärke, je mehr ſich ihm ihr herrliches Gemüth entfaltete. Es ſchmeichelte der Eitelkeit der Kleinen nicht wenig, einen Sünder bekehrt zu haben; aber ehe ſie ſich's verſah, hat⸗ te ſie dieſen reuigen Sünder von ganzen Herzen lieb gewonnen und war in einer unbewachten Stunde ſelbſt zur Sünderinn geworden. Der Lieu⸗ tenant, der zum erſten Mahle wahrhaft liebte, hielt es für Pflicht, der Entehrten durch ſeine Hand zu vergelten. Während er nachſann, wie er ſein Vor⸗ haben ſeiner Mutter beybringen und ihre Einwilli⸗ gung erhalten ſollte, war dieſe ſchon von allem unterrichtet, und ließ heimlich alle Minen ſprin⸗ gen, um den Schimpf abzuwenden, der ihrer un⸗ befleckten Stammtafel drohte. So kam es, daß der Herr Lieutenaut plötzlich zu einem entfernten Regiment verſetzt ward, mit der ſtrengen Ordre, ſogleich abzureiſen. Der Oberſt dieſes Regiments 8 2 — 124 — war ein Vetter ſeiner Mutter, durch Blut und Ge⸗ ſinnung mit ihr verwandt; dieſer übernahm es, den ehrvergeſſenen Sprößling eines erlauchten Hauſes zu bewachen. Alle Briefe, welche der Lieu⸗ tenant abſchicken wollte, oder die an ihn ankamen, wurden von dem Oberſten aufgefangen, deßhalb erhielt der arme Seladon, ungeachtet der vielen Briefe, die er an Louiſen ſchrieb, keine Ant⸗ wort, und glaubte es zuletzt, als man ihm, auf Anſtiften ſeiner Mutter, mit Gewißheit erzählte: Louiſe habe ſich über ſeine Abreiſe leicht getrö⸗ ſtet, und ſey gegenwärtig im Auslande verheira⸗ thet. Die vermeinte Untreue der Heißgeliebten er⸗ zeugte bey dem Lieutenant den Entſchluß, dieß falſche Geſchlecht auf immer zu fliehen, und im Ruhme Erſat für die triegeriſchen Freuden der Liebe zu ſuchen. Zwey, kurz hintereinander aus⸗ gebrochene Kriege gaben ihm Gelegenheit, ſich auszuzeichnen. Kaum 40 Jahre alt, war er ſchon Oberſt und Ritter mehrerer Orden. Auf ihrem Sterbebette entdeckte ihm ſeine Mutter, von Ge⸗ wiſſensangſt getrieben, daß ſie, um die ſchimpf⸗ liche Mißheirath zu hindern, durch Drohungen und die Vorſpiegelung, als ſey ſie von ihrem Soh⸗ ne betrogen worden, die arme Louiſe vermocht habe, P**zu verlaſſen; daß die Thränen, die ſie bey ihrer Abreiſe vergoſſen, und die ſichtbaren Spu⸗ — 12535 — ren tiefer Herzensleiden deutliche Beweiſe ihrer Liebe zu dem vermeinten Treuloſen waren. Dem Oberſten ward bey dieſer Entdeckung ſonderbar zu Muthe. Alle roſigen Bilder der ſchönen Vergan⸗ genheit ſtiegen auf in ſeiner Seele und weckten das ſehnliche Verlangen nach dem Beſitze des höch⸗ ſten irdiſchen Glücks. Er beſchloß, ſich nach Loui⸗ ſen's Aufenthaltsort und ihrem Schickſal zu er⸗ kundigen; da brach der Krieg abermahls aus und er mußte mit ſeinem Regimente zur Armee. Glück⸗ lich entkam er der drohenden Todeoſichel, die an den mörderiſchen Tagen bey Kulm und Leipzig große Ernte hielt, ging mit dem ſiegenden Heere bey Mannheim über den Rhein und kam ſpäter nach L**, wo ihn der Leſer am Anfang unſerer Er⸗ zählung fand. Selbſtentbehrte Wonne Andern zu bereiten, und in ihrem Glück das Eigene zu finden, beſchloß der edle deutſche Krieger und ließ ſich deßhalb bey der Frau des Hauſes melden, um mit ihr die Mit⸗ tel zur Erreichung ſeiner ſchönen Abſicht zu verab⸗ reden. Sein Beſuch wurde mit Vergnügen ange⸗ nommen. Aber wie ward ihm, als er, bey'm Ein⸗ tritt in das Gemach, eine ältliche Dame mit be⸗ kannten Zügen erblickte, die über ſeinen Anblick nicht weniger betroffen ſchien, er traute ſeinen Augen kaum und blieb von Erſtaunen gefeſſelt ſte⸗ — 126 — hen; als aber die Dame den Mund öffnete als er die ſüßen Töne der wohlbekannten Stimme hörte, da ſtürzte er mit dem Ausrufe: Louiſe! — zu ihren Füßen. Der Oberſt hatte nicht geirrt, es war ſeine Geliebte, die jeßt freylich 18 Jahr älter gewor⸗ den, deren Geſicht aber trotz den Spuren tiefen Kummers, noch immer den Stämpel ihres Seelen⸗ adels trug. Louiſe hatte, durch die Täuſchung der al⸗ ten Gräfinn betrogen, P verlaſſen, und ſich nach F* zu einer weitläufigen Verwandtinn, ei⸗ ner Putzhändlerinn, begeben, der ſie in ihrem Geſchäfte treulich beyſtand, und bald unentbehrlich wurde. Mit Entſetzen bemerkte ſie nach wenigen Wochen, daß jener ſchwache Augenblick Folgen habe, und ward nach mehreren Monathen Mut⸗ ter der holden Marie. Zu ſtolz, um ihren Ver⸗ führer aufzufordern; ſeine Vaterpflichten zu erfül⸗ len, ſorgte ſie mit doppelter Mutterliebe für ihr Kind, um ihm den Verluſt des Vaters zu erſetzen. — Herr D“*, ein reicher alter Kaufmann lernte ſie im Hauſe ihrer Freundinn kennen und trug ihr ſeine Hand an. Er wußte ihre Geſchichte, ſetzte ſich aber über den begangenen Fehltritt gern hin⸗ weg, denn ihm war weniger um eine Gattinn, als um eine treue Pflegerinn ſeines kränklichen Alters zu thun, und Louiſen's Herzensgüte, die ſich in jeder ihrer Handlungen ausſprach, bürg⸗ te ihm dafür, daß er gefunden habe, was er ſuch⸗ te. Louiſe glaubte es dem Glücke ihrer Tochter ſchuldig zu ſeyn, dieſes großmüthige Anerbiethen nicht zu verſchmähen; ſie ward Madame D* und zog mit ihrem Gatten ſpäter nach L“* wo dieſer nach einigen Jahren, ſeine Wahl ſegnend, ſtarb. Dieß alles erfuhr nun der Oberſt aus Loui⸗ ſens Munde. Das ſelige Gefühl, Vater einer liebenswürdigen Tochter zu ſeyn, erfüllte ihn mit nahmenloſer Wonne! Kaum hatte er Louiſen von ſeiner Unſchuld überzeugt, und von ihr die Ein⸗ willigung erhalten, ſein längſt gegebenes Wort am Altare löſen zu dürfen, als er auch zu Jo⸗ ſephs Vater eilte. Sein Stand, ſein Anſehen und die veränderten Umſtände, bewirkten eine baldige Veränderung in den Geſinnungen des al⸗ ten Mannes. Joſeph wurde zurück berufen. Seine Gegenwart wirkte wohlthätiger auf Mari⸗ ens Geſundheit, als die Kunſt der Aerzte. Rach bald darauf erſolgtem Frieden wurde der Oberſt und Louiſe, und Joſeph und Marie an ei⸗ nem Lage und von demſelben Prieſter getraut. — —— —— — - — — — — — — — — — S— — — . S ſchallte der Donner des Geſchützes über die S. ſche Gränze nach F.. herüber. Seit zwey Tagen waren die Feindſeligkeiten ausgebrochen, und ſchon lagen ſechs Dörfer in Aſche. Im Strah⸗ le der Morgenſonne ſchritt der alte Pächter Herr⸗ mann durch ſeine äppig⸗wogenden Kornfelder, die an der Gränze von S. . und B.. lagen, und ſegnete ſeinen weiſen Fürſten, der die Schre⸗ cken des Krieges mit landesväterlicher Klugheit von den Gränzen ſeines kleinen Reich's entfernt hielt. Lauter brüllte jetzt der Kanonnendonner, von dem Gepraſſel des Kleingewehrfeuers beglei⸗ tet, und deutete auf eine große entſcheidende Schlacht. Des biedern Herrmann's Herz blutete, denn er konnte ſich keinen guten Erfolg für ſein Vaterland verſprechen. Jeder Schuß zerriß ſeine Bruſt; es war ihm unmöglich, länger im Freyen auszuhalten; deßhalb eilte er den Rückweg anzu⸗ treten. Da gewahrte er am Abhange eines Hügels eine weibliche Geſtalt; näher tretend ſah' er ein ſchlafendes Mädchen, deren Anzug keine gemeine Herkunft, deren ſchönes, aber blaſſes Geſicht Spu⸗ ren tiefen Kummers verrieth. Armes Kind, dachte Herrmann, Dich haben ſicher auch die Gräuel des Krieges aus deiner Heimath vertrieben! Wer weiß wie viele unglückliche Opfer unerſättlicher Herrſchſucht, gleich Dir, ohne Obdach, ohne Rah⸗ rung umherirren! Ein lauter Seufßzer entſtieg der beklommenen Bruſt des Biedermannes. — Das Mädchen ſchlug die Augen auf, und wollte, da ſie Herrmann erblickte, erſchrocken aufſpringen. Von mir haben ſie nichts zu fürchten, liebes Kind, ſprach Herrmann, ſie beruhigend; ſuchen Sie Schutz und Hülfe, ſo haben Sie beydes gefunden. Was meine Kräfte vermögen, biethe ich Ihnen freudig. — Des Mädchens Augen füllten ſich mit Thränen, ſchluchzend verbarg ſie das holde Geſicht. Armes Kind, fuhr Herrmann gerührt fort, Sie mögen wohl viel verloren, viel gelitten ha⸗ hen? Mit dem Ausdruck des tiefſten Jammers hob ſie das große Auge gegen Himmel. — Wenn ich Ihnen auch das PVerlorne nicht erſetzen kann, ſprach Herrmann, ſo bin ich doch im Stande, — 153 — Ihnen vor der Hand einen ſichern Aufenthalt zu gewähren, wo Sie ſich von der ausgeſtandenen Angſt erhohlen, und den Ihrigen Rachricht geben zu können. Den Meinigen? erwiederte ſchluchzend das Mädchen. Auf Erden lebt Niemand mehr, den ich mein nennen kann! — Niemand mehr? Hm! daß iſt freylich viel Unglück! brummte der gute Alte und wiſchte ſich verſtohlen eine Thräne aus den grauen Wimpern. So iſt es, fuhr mit dem Tonne hoffnungsloſer Verzweiflung das Mädchen fort. Ich ſtehe allein in der Schöpfung von Him⸗ mel und Erde verlaſſen! — Das iſt nicht wahr, fuhr ſie der Alte an, Gott verläßt Niemand. Es gibt noch theilnehmende Herzen, man muß nur die Hülfe nicht verſchmähen, die angebothen wird. — Wollen Sie mir in mein Haus folgen, ſo werden Sie mir willkommen ſeyn, denn meine Thür ſteht jedem Unglücklichen offen. Ich verſpreche Ihnen, Ihren Schmerz zu ehren, und nicht durch unzeitige Reugier Ihre Wunden aufzureißen. Sie ſollen mir nicht ſagen, wer Sie ſind und von wannen Sie kommen, bis die Zeit Ihren Schmerz gemildert, Ihre Thränen getrocknet hat. Sie ſind unglücklich, das iſt mir genug; das giebt Ihnen ein gültiges Recht auf meinen Beyſtand. Stüten Sie ſich auf meinen Arm, und folgen Sie mir getroſt.— Ueber⸗ raſcht ſah ihn das Mädchen mit großen Augen an, als ob ſie an ſeinen Worten zweifelte; aber ſein treuherziger Blick, das freundliche Lächeln, mit welchem er ihr zunickte, ſchienen ihre Zweifel zu heben. Mit einem dankenden Blick zum Himmel wollte ſie ſeine Hand an ihren Mund drücken; brummend ſuchte er es zu verhindern, und zog ſie an ſeine klopfende Bruſt. Sanfter floſſen ihre Thrä⸗ nen, und wortlos, aber mit einer ſeligen Empfin⸗ dung im Buſen, geleitete ſie der brave Alte in ſein Haus. Eigenes Leiden hatte den guten Herrmann empfänglich für fremden Kummer gemacht. Sein Vater, ein wohlhabender Bäcker, verachtete den Stand, der ihn bereichert hatte. Der einzige Sohn ſollte ſtudieren, um einſt als vornehmer Mann den Namen Herrmann glänzend zu machen, aber dieſer Sohn von einer Mutter erzogen, die als die Tochter eines ehrbaren Bürgers den ſchlich⸗ ten deutſchen Biederſinn bewahrt und auf ihren Sohn übertragen hatte, fühlte ſich nicht berufen, die goldene Mittelſtraße, wozu ihn ſeine Geburt beſtimmte, zu verlaſſen. Dennoch mußte er dem Vater gehorchend, eine Univerſität beſuchen. Dort verliebte er ſich in die Tochter eines armen Kupfer⸗ ſtechers. Die Liebe übertäubte das kindliche Pflicht⸗ gefühl. Eine heimliche Verbindung zog ihm den — —— — 135 — Fluch des Vaters und die Verbannung aus dem väterlichen Hauſe zu. Mühſam ernährte er ſich und ſeine Frau durch eine ſpärliche Beſoldung, welche er als Rechnungsführer eines reichen Lieferanten erhielt, der früher mit ſeinem Vater in Verbindung ge⸗ ſtanden, und den er aus jener Zeit kannte. Auf dem Sterbebette wußte die ſorgende Mutter den harten Vater zu bewegen, daß er den ausgeſpro⸗ chenen Fluch zurücknahm, und das Teſtament, wel⸗ ches den ungehorſamen Sohn enterbte, umſtieß. — Aus dem drückendſten Mangel ſah ſich nun Herrmann nach dem Tode ſeiner Aeltern, die einander bald folgten, mit einem Mahle in Ueber⸗ fluß verſetzt. Doch dieſer glückliche Wechſel änder⸗ te nichts in ſeinen Geſinnungen. Ein Freund des Landlebens, ſuchte er ſich in einer paradieſiſchen Gegend anzukaufen, um das Leben eines Philoſo⸗ phen zu führen. Allein das Schickſal war noch nicht müde geworden, ihn zu verfolgen. Die fran⸗ zöſiſche Revolution brach aus, und verbreitete ih⸗ re ſchreckliche Folgen auch über das geſegnete Deutſchland; die Horden der Reufranken über⸗ ſchwemmten, Heuſchrecken gleich, den Aufenthalt Herrmann's. Sein Gut ward ein Raub der Flammen, ſein Vieh fiel unter dem Beil der Heißhungerigen, ſeine gefüllten Scheuern wurden — 136 — ausgeleert, ſeine üppigen Fluren von Roſſes⸗Huf zertreten, und ſeine Frau ſtarb an den Folgen der ausgeſtandenen Angſt. — Er floh mit ſeinem Kin⸗ de, einem holden Knaben, eine Gegend, wo Gräuel jeder Art und traurige Erinnerungen ſein Herz täglich zerrißen, und ſuchte mit den Trüm⸗ mern ſeines Vermoͤgens im F. ſchen eine Pach⸗ tung zu übernehmen. Gott ſegnete ſeinen Fleiß reichlich; Herrmann ward in kurzer Zeit der wohlhabendſte Pachter im Lande. Kaum hatte er aber angefangen, das Verlorne zu verſchmerzen, und ſich des Lebens wieder zu freuen, als ein neu⸗ es Ungewitter den Frieden ſeines häuslichen Him⸗ mels zu trüben drohte. Sein Sohn Franz, zum neunzehnjährigen, kräftig blühenden Jünglinge herangewachſen, verrieth ein feuriges wildes Ge⸗ müth. Das blühende Thal, in welchem er aufge⸗ wachſen, ward dem unruhigen Sinne des Jüng⸗ lings zu enge; ſein Feuergeiſt trieb ihn hinaus in die weite Welt. Unabläſſig lag er dem Vater an, ihm zu erlauben, Soldat zu werden, ein Stand, der ſeiner Gemüthsart am meiſten zuſagte. Der Vater erſchrack über dieſen Vorſatz, der ihm den Einziggebornen zu rauben drohte. Er kannte die Welt; er wußte, daß man in ihrem Strudel wohl an Erfahrungen, aber nicht an Glück reicher wird, — 155 — daß Zufriedenheit allein in den beſchränkten Grän⸗ zen ſtiller Häuslichkeit zu finden iſt. Franz hatte dafür keinen Sinn, oder viel⸗ mehr ſeine Stunde war noch nicht gekommen. Un⸗ aufhörlich beſtürmte er den Vater mit Bitten, bis ihm dieſer endlich, obgleich mit blutendem Herzen, verſprach, nächſten Herbſt, wenn die Geſchäfte be⸗ endigt wären, und er die Hülfe des ſonſt wackeren Arbeiters entbehren könne, ſeinen Wunſch zu erfüllen. So ſtanden die Sachen in Herrmanns Hau⸗ ſe, als er die Unbekannte in daſſelbe einführte. Mit ihr ſchien ein wohlthätiger Engel einzuziehen. Mit unermüdeter Thätigkeit nahm ſich Luiſe — ſo nannte ſich die Unbekannte — der Wirthſchaft an. Unter ihrer Hand gedieh Alles. Knechte und Mäg⸗ de arbeiteten mit verdoppeltem Eifer; ein freund⸗ licher Blick Luiſens vermochte ſelbſt den Faul⸗ ſten unter ihnen zu beleben. So übte ſie eine un⸗ umſchränkte Herrſchaft in Herrmann's Hauſe, ohne es zu wiſſen und zu wollen. Der gute Alte ſegnete die Vorſehung, die ihm in Luiſen einen Erſatz für ſeine verſtorbene wirthliche Gattinn ge⸗ ſandt hatte. Alles liebte, Alles ehrte Luiſen; doch ſah man kein Lächeln der Freude auf ihren blaſſen Wangen; ja nicht ſelten überraſchte man ſie auf ihrer Kammer mit rothgeweinten Augen; die Morgenſonne fand ſie ſchon an der Arbeit; ſelbſt das Licht des Mondes mußte oft der Ge⸗ ſchäftigen zur Leuchte dienen; es ſchien als ob ſie durch unermüdete Thätigkeit Erinnerungen ver— ſcheuchen wollte, die ſie quälten. Herrmann ehrte, wie er verſprochen hat⸗ te, ihren Kummer. Luiſe hatte ihm erzählt, daß ſie die Waiſe eines Schulmeiſters im“*** ſchen wäre, daß ihr der Krieg Aeltern und Heimath geraubt habe; damit begnügte er ſich und vermied es, durch unnütze Fragen ihren Schmerz zu mehren. 3 Das fleißige und dabey ſchöne Mädchen blieb von den jungen Burſchen des Dorfes nicht unbe⸗ achtet. Mancher fehnſüchtige Blick wanderte nach Luiſen's Stuhl, wenn ſie am Sonntage dem Gottesdienſte beywohnte und, im herzlichen Ge⸗ beth verſunken, von der Glorie der Andacht um⸗ ſtrahlt, einer Heiligen glich. Manche Mutter wünſch⸗ te ſich eine ſolche Schwiegertochter, und mancher Jüngling eine ſolche Gattinn. Es fehlte nicht an an⸗ nehmbaren Anträgen, die Luiſen gemacht wur⸗ den, aber ſtandhaft ſchlug ſie auch die glänzend⸗ ſten aus. Franz war nicht der letzte unter den Jüng⸗ lingen, deren Herzen, von Luiſen's Schönheit ergriffen, in ſchnellern Pulſen klopften. Seit Lui⸗ ſe im Hauſe war, dachte er nicht mehr daran, es zu verlaſſen. Das väterliche Thal kam ihm an⸗ muthiger, die Gegend paradieſiſcher vor, wenn er dann und wann, nach gethaner Arbeit, Luiſen auf einem Spaziergange begleiten durfte. Emſiger als je verſah er ſeine Geſchäfte, beſonders wenn Luiſe in der Nähe war; da fühlte er Kraft in ſich, Berge zu verſetzen. Der alte Herrmann ſah mit ſtiller Freude die Veränderung, welche mit ſeinem Sohne vorging, und pries die Güte Gottes, die auch dieſen Sturm von ſeinem Haup⸗ te abwendete, da es ſchien, paß der ſchöne lebens⸗ luſtige Franz auch auf Luiſen keinen ungün⸗ ſtigen Eindruck gemacht habe, da er bemerkte, wie ſie ihn unter allen Jünglingen des Dorf's auszeich⸗ nete, und während jene ſich vergebens um einen einzigen Blick bewarben, der glückliche Franz ſtundenlang an ihrer Hand im traulichen Geſpräch die Fluren durchſtrich. Aber mit Einem Mahl änderte ſich die Scene. Der luſtige lebensfrohe Franz ward niederge⸗ ſchlagen, traurig ließ er den Kopf hängen, und oft traten ihm unwillkührlich Thränen in die Au⸗ gen, die er emſig zu verbergen ſtrebte. Auch Lui⸗ — 140 — ſe ſchien niedergeſchlagener als vorher. Man ſah ſie nicht mehr des Abends mit Franz luſtwan⸗ deln; war die Arbeit gethan, ſo verſchloß ſie ſich in ihre Kammer, wo man ſie oft halbe Nächte hindurch bald ſchneller bald langſamer auf undab⸗ gehen hörte. Sie ſchien Franzen's Geſellſchaft ſorgfältig zu meiden, und wenn ſie die Nothwen⸗ digkeit oder der Zufall in ſeine Nähe führten, ſo zeigte der höhere Karmin ihrer Wangen, das nie⸗ dergeſchlagene Auge, die unſichere zitternde Sprache ihre Verlegenheit. Der gute Vater ſchüttel⸗ te brummend das graue Haupt; vergebens ſuchte er ſeinen Sohn über das Vorgefallene auszuhoh⸗ len, Franz ſchwieg und ſeufzte. Vergebens ver⸗ ſuchte er es bey Luiſen; ein Thränenſtrom war die Antwort. Sichtlich nahm der arme Franz von Tag zu Tag ab, das feurige ſprechende Auge er⸗ loſch, die volle Wange ſank ein, der Karmin der Geſundheit verſchwand, an ſeine Stelle trat eine fahle Leichenfarbe. Auch auf Luiſen's Geſicht zeigten ſich die kaum erloſchnen Spuren tiefen Kummers ſichtbarer als je. Seufzend ſah der gute Alte ſeine ſchönen Hoffnungen dahin ſchwinden; ſein Haus, in dem ſonſt Frohſinn und Heiterkeit herrſchten, glich ei⸗ nem Trauerhauſe, wo jeder um ein verlornes Glück zu klagen, und mit der Vorſehung, die man ſonſt — 141 — mit freudigen Herzen verehrte, zu hadern ſchien. Endlich erlag der kräftige Körper Franzens dem nagenden Zahne des Grams. Ein hitziges Fieber warf ihn auf's Krankenlager, und führte ihn an den Rand des Grabes. Troſtlos ſtand der Vater am Sterbebette des Einzigen. Mit dir geht all' mein Glück, die Freude meines Lebens dahin! ſag⸗ te der gute Alte, mit einer von Thränen gedämpf⸗ ten Stimme — Nun Gott wird ſich mein erbar⸗ men, und mich erlöſen aus dieſem Jammerthale! — Rein! mein Vater, unterbrach ihn der Kranke. Du mußt leben und glücklich ſeyn. Nimm Luiſern an Kindesſtatt an; ſie wird Dir reicher Erſatz ſeyn für meinen Verluſt. Sag' ihr, daß ich aus Liebe zu ihr geſtorben ſey, daß ich ihr Alles verzeihe, — daß — hier vermochte er vor Schluchzen nicht wei⸗ ter zu ſprechen. Dieſe Worte fielen dem guten Herrmann auf; vorſichtig ſuchte er ſeinem Sohne, als er ſich wieder erhohlt hatte, das Räthſel zu entlocken. Der Sterbende glaubte ſeinem Vater nichts ver⸗ ſchweigen zu dürfen, und der erſtaunte Herr⸗ mann erfuhr: daß ſein Sohn Luiſen mit dem ganzen Feuer eines zum erſten Mahle Liebenden liebe, daß — Luiſen's Betragen ihm Hoffnung gegeben, daß er es gewagt habe, ihr ſeine Liebe zu geſtehen, ſie um Gegenliebe und um ihre Hand zu bitten, daß ſie dieſer Antrag mächtig erſchüt⸗ tert, daß ſie aber nach einer langen Pauſe ſicht⸗ baren inneren Kampfes erklärt habe, ſie würde nie die Seinige werden, er möchte einen Wunſch aufgeben, deſſen Erfüllung ihn doch nur unglück⸗ lich machen würde. Statt Herrmanns Erſtau⸗ nen zu mindern, vermehrte es dieſes Geſtändniß vielmehr. Warum weigert ſie ſich, meines Sohnes Gattinn zu werden? ſprach er bey ſich ſelbſt. Fürchtet ſie etwa, daß ihre Armuth mich beſtim⸗ men könnte, meine Einwilligung zu verweigern? Wenn es nur das wäre, Großer Gott! Wie, wenn ich mit ihr ſpräche, mich erklärte, wenn ſie ein⸗ willigte, wenn die Hoffnung meinen Sohn neu be⸗ lebte — Er vermochte es nicht weiter zu denken! Haſtig, zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwankend, ſprang er auf, und eilte nach Luiſens Kammer. Laut ſchluchzend und bethend lag Luiſe auf ih⸗ ren Knien; erſchrocken fuhr ſie auf, als ſie den Greis und ſein verweintes Auge ſah. Iſt er todt? rief ſie mit den Tönen des tieſſten Jammers. Gott ſey gelobt, noch lebt er, erwiederte mit ſchwan⸗ kender Stimme der Alte, und bey dir ſteht es, ob er leben oder in der Blüthe ſeiner Jahre dahin welken ſoll. „Bey mir?“ ſeufzte mit ſchmerzlichen Blick Luiſe. — Ich kenne die Gründe nicht, welche Dich beſtimmen, die Hand meinos Sohnes auszu⸗ — 143 — ſchlagen; ich weiß nur, daß er ohne Dich nicht leben kann! Haſt Du ihm die Hoffnung auf Dei⸗ nen Beſitß nur deßhalb genommen, weil Du fürch⸗ teſt, ich würde deiner Armuth wegen nicht einwil⸗ ligen, ſo wiſſe, daß Du mir Unrecht gethan haſt. Deine Verbindung mit meinem Sohne war mein einziger Wunſch. Haſt Du alſo keine andere trif⸗ tigere Urſache, ihm Deine Hand zu verweigern, o ſo erbarme dich des Unglücklichen, der am Ran⸗ de des Grabes ſteht, und ohne Deine helfende Hand dahin ſinkt, eine Beute des Grams! Erbar⸗ me Dich eines Greiſes, der, ſeiner Stütze beraubt, ihm bald folgen wird! — Kannſt Du meinen Sohn nicht ſo lieben, wie er es verdient, und Du es zu einer glücklichen Ehe für noͤthig hältſt, ſo wiſſe, daß der heißen Liebe Feuerſtrom nicht ſel⸗ ten die Blüthen des häuslichen Glücks verſengt, daß die milde Sonne der Freundſchaft hingegen die hoffnungsvollen Blüthen zu ſüßen Früchten reift. Meinem Sohne wird es gelingen, Deine Achtung zu gewinnen, denn er iſt brav und liebt Dich ohne Gränzen; Du wirſt glücklich mit ihm und ich werd' es durch Euch ſeyn. Glaubſt Du mir Dank ſchuldig zu ſeyn, ſo iſt jetzt die Stunde der Vergeltung gekommen. Gib mir meinen Sohn wie⸗ der, Du vermagſt es! — Komm, folge mir an das Bette des Sterhenden! Dort ſprich unſer Ur⸗ — — 4—— theil! — Bey dieſen Worten ergriff er die Schluch⸗ zende, und riß ſie mit ſich fort zum Krankenbette des Sohnes. — Franzens erloſchenes Auge belebte ein neues Feuer bey Luiſens Anblick. Kommſt du, Abſchied von mir zu nehmen? ſprach er, indem er ihr ſeine Arme entgegen hielt. Ich danke Dir. Bald werde ich vollendet haben. Fer⸗ ne ſey es von mir, Dir meinen Tod, deſſen Urſa⸗ che Du biſt, vorzuwerfen. Was kannſt Du dafür, daß ich für Dich glühe, daß Dein Herz mein Ge⸗ fühl nicht zu theilen vermag? Bald wird das Grab die Flamme kühlen, die mich verzehrt! — Lebe wohl, und wenn Du einſt in den Armen eines geliebten Gatten glücklich biſt, ſo denke manchmahl an den Unglücklichen, der, im Lenze ſeiner Jahre aus Liebe zu Dir, ſtarb! — Lautſchluchzend ſank Luiſe am Bette nieder. — Luiſe, rief der Va⸗ ter, kannſt Du noch unentſchieden bleiben? — Nein, nein! rief Luiſe, indem ſie Franzens Hand ergriff. — Lebe, ich bin Dein, ich liebe Dich, ſo ſehr als Du mich nur lieben kannſt; Gott wird mir gnädig ſeyn und mir beyſtehen, daß Du es nie bereueſt! — Gleich einem Träumenden ſtarr⸗ te Franz ſie an. Nach und nach kehrte Leben in die erſtarrten Züge zurück; das Lächeln eines Seli⸗ gen verklärte ſein eingefallnes Geſicht; ſanft wei⸗ nend ſchloß er die Hingeſunkene an ſein klopfendes — 1453 — Herz. Herr Gott, dich loben wir! ſchrie der Va⸗ ter aus voller Bruſt, und legte ſeine Hände zum Segen auf die Häupter der Liebenden. Luiſen's Jawort ſchien Franzen's Krank⸗ heit mit einem Mahle gehoben zu haben; ſichtlich beſſerte ſich ſein Zuſtand; nach vier Tagen konnte er ſchon das Bett und nach acht Tagen die Kran⸗ kenſtube verlaſſen. Sein ungeſchwächter Körper erhohlte ſich bald völlig wieder, und ehe ein Vier⸗ teljahr verging, ſtand der Selige mit Luiſen am Traualtar, um ihre Hand und mit ihr das höchſte Glück zu empfangen. Er ſchwamm in ei⸗ nem Meere von Wonne; denn Luiſe überzeugte ihn bald, mit welcher Wärme er auch von ihr ge⸗ liebt wurde. So verging ein Jahr in ungetrübter Heiter⸗ keit; nur dann und wann überraſchte Franz ſein geliebtes Weib in ſchwermüthigen Gedanken verſunken; erſchrocken fuhr ſie auf, wenn ſie ihn bemerkte; vergebens forſchte er nach der Urſache; ſie ſuchte unter irgend einem Vorwande ihn auf andere Gedanken zu bringen, und zwang ſich hei⸗ ter zu ſcheinen. Franz hielt dieſen Trübſinn für ein Ueberbleibſel der überſtandenen Leiden, und ſuchte durch zärtliches Zuvorkommen aller ihrer Wünſche die Angebethete aufzuheitern. 6 Der alte Herrmann ſchüttelte aber be⸗ denklich den Kopf, und fürchtete die Zukunft. Es wird wohl hier nicht am unrechten Orte ſeyn, die Leſer mit der Urſache ihres räthſelhaften Betragens bekannt zu machen. III. In Thränen zerfließend, kehrte die junge Witwe des alten Kaufmann Rorbert von dem Leichenbegängniſſe ihres Mannes in das Trauer⸗ haus zurück. Die klatſchſüchtigen Rachbarinnen ſteckten die Köpfe zuſammen, und wunderten ſich höchlich, daß der Verluſt eines alten mürriſchen Mannes, der ſeiner Witwe, die noch in den beſten Jahren war, und von der man wußte, daß ſie mit dem Seligen nicht in der beſten Ehe gelebt, ja ſogar, wie die böſe Fama verlautbaren wollte, it dem ſchönen jungen Buchhalter des alten Herrn Norbert ſeit Jahren auf einem vertrau⸗ ten Fuß ſtände, ſo ſehr zu Herzen gehen könne. Nachdem man den Umſtand mit geläufigen Zungen gehörig beſprochen hatte, ward man darüber einig, daß der Schmerz der Witwe erheuchelt und ihre Thränen erkünſtelt wären. Und ſo war es auch. — Kaum hatten die Leichengäſte das Haus verlaſ⸗ ſen, die Dienerſchaft ſich entfernt, als Madame Norbert Herrn Falk, den eben erwähnten Vuchhalter, zu ſich rufen ließ und ihn umarmend, ausrief: Gott ſey Dank, die läſtige Feſſel iſt ge⸗ ſprengt, ich bin frey! Nun noch das Trauerjahr überſtanden, und dieſe Hand ſammt meinem Ver⸗ mögen ſind der Lohn deiner Treue. — Mit dieſer Treue hatte es ein eigenes Bewandniß. HerrFalk war ein loſer Vogel, mit einem reitzbaren Herzen, hatte aber nebenbey Klugheit genug, es der ver⸗ liebten Gebietherinn zu verbergen, daß er das Geld, was er von Madame empfing, heimlich mit jüngern und ſchönern Mädchen verthat. Madame betrog ihren alten Mann; Herr Falk folgte ih⸗ rem Beyſpiel, und betrog ſie wieder. — Zweh Monathe, ſeit dem Tode des alten Herrn, waren verfloſſen, als die Haushälterinn der Madame Norbert ihren Abſchied begehrte, um ſich zu verheirarhen. Dieſer Verluſt ſetzte Madame in gro⸗ ße Verlegenheit; denn ſie war gewohnt, ihrer Haushälterinn, auf deren Treue ſie bauen konnte, die ganze Führung ihres Hausweſens unbekümmert zu überlaſſen, und nur ihrem Vergnügen zu leben. Wo ſollte ſie nun eine Perſon finden, welche die ledige Stelle mit ſo viel Treue und Eifer ausfüll⸗ te? Da ward ihr ein junges Mädchen, die Loch⸗ ter eines Dorſſchulmeiſters, der vor kurzem ge⸗ ſtorben war, und ſeinem einzigen Kinde nichts als G 2 — ½6 — Tugend und eine reitzende Geſtalt hinterlaſſen konnte, empfohlen. — Dieſes Mädchen war Lui⸗ ſe — Madame Norbert ließ Luiſen zu ſich kommen und ward bald mit ihr einig; denn da der verlaſſenen Waiſe um ein Unterkommen zu thun war, ſo begnügte ſie ſich mit einem kargen Lohne, ein Umſtand, der Madame Norbert be⸗ wog, die Jugend und die Reitze des Mädchens zu überſehen. Luiſe verſah ihren Dienſt mit Eifer und Pünktlichkeit, und Madame hätte alle Urſache gehabt, mit ihr zufrieden zu ſeyn, wenn nicht ein Umſtand ihr die Unſchuldige verhaßter als der Tod gemacht hätte. Die friſchen Reitze der eben aufplühenden Luiſe blieben Herrn Falk nicht unbemerkt; die ſeltne Beute erregte ſeine Lüſtern⸗ heit, und mit der Gierde eines Wollüſtlings mach⸗ te er Jagd auf die Tugend der Armen. Doch alle ſeine Verfuche ſcheiterten an den feſten Grund⸗ ſäten der Unſchuldigen. Das war ihm noch nicht vorgekommen; er war gewohnt, daß man ihm überall auf halbem Wege entgegen kam; hier ſah er ſich zum erſten Mahle zurück gewieſen; verge⸗ bens verſchwendete er alle ſeine Künſte und Verſu⸗ chungen; ſie prallten ab am heiligen Schilde der Tugend. Dieſer Widerſtand reitzte ihn noch mehr, und entflammte ſeine Leidenſchaft zu einem furcht⸗ baren Grade. Luiſen's Beſitz war das Ziel, welches zu erreichen ihm nun nichts zu ſchwer, nichts zu heilig ſchien; er vergaß ſeinen Vortheil, Zukunft und Gegenwart, und beſchloß, ihr ſeine Hand zu biethen. Zufällig traf er Luiſen allein, den günſti⸗ gen Augenblicke wollte er nicht ungenüßt laſſen; er ſank ihr ungeſtüm zu Füßen, und begann ſeinen Heirathsantrag mit einem Schwall von feurigen Liebesverſicherungen. Die Leidenſchaft hatte ihn blind und taub gemacht; denn er ſah und hörte nicht, daß Madame Rorbert kurz hinter ihm ins Zimmer getreten und eine Zeuginn dieſes Auftritts war. Zur Bildſäule erſtarrt, ſtand die Betrogene da; lange konnte ſie vor Zorn und Erſtaunen keinen Ton von ſich geben; endlich löste ſich die erſtarrte Zunge, und machte ihrer Wuth in einem furchtba⸗ ren Strom von Schimpfworten Luft. Mit den un⸗ verdienteſten Vorwürfen ward die arme Luiſe belegt, und ihr befohlen, augenblicklich das Haus zu verlaſſen. Von dem ganzen Vorfalle aufgereitzt, trat jetzt Falk zwiſchen die raſende Medea und die zitternde Luiſe, und erklärte mit feſtem To⸗ ne, daß, wenn Luiſe das Haus verlaſſen müße, auch er keinen Augenblick mehr darin zu bleiben feſt entſchloſſen ſey, und bemühte ſich, ihre Un⸗ ſchuld darzuthun. Der Ton, in welchem er ſprach, und den Madame Norbert jeßt zum erſten Mahle von ihm hörte, die Furcht, ihn zu verlie⸗ ren, ihn, an dem ſie mit heftiger Leidenſchaft hing, erſchreckten⸗und bewogen ſie, das ausgeſpro⸗ chene Verdammungs⸗Urtheil zu widerrufen und Luiſen zum Schein zu verzeihen; allein in ihrer Bruſt kochten Wuth und Rache. Da Herr Falk ſpäter, nachdem er ſich eines Beſſern beſonnen hatte, zu Kreuze kroch, es nicht wieder zu thun gelobte, und auch wirklich Luiſen nicht mehr mit ſeiner Zärtlichkeit verfolgte, da überdieß ihre Herrſchaft ſeit einiger Zeit gütiger als ſonſt gegen ſie war, ſo glaubte die argloſe Luiſe die Gefahr glücklich überſtanden, und erfüllte ihre Pflicht mit heiterem Sinne. — Armes Mädchen, du ſahſt die ſinſtere Wolke nicht, die ſich drohend über deinem Haupte zuſammenzog, und den Blit barg, der dich zerſchmettern ſollte. Eines Abends war Madame Norbert in Geſellſchaft gebethen, und trug Luiſen eine Ar⸗ beit auf, welche ſie während ihrer Abweſenheit in ihrer Wohnſtube vollenden ſollte; eben als ſie aus⸗ gehen wollte, kam Falk, und brachte ihr eine Summe in Gold, die eben eingegangen war. Madame Norbert verſchloß die Geldrollen in Luiſen's und Falk's Gegenwart in ein in der Stube be⸗ findliches Bureau, zog den Schlüſſel ab, den ſie zu ſich ſteckte, und entfernte ſich mit Falk. Lui⸗ — 151 — ſe blieb bis ſpät in die Nacht allein in der Stube, und verließ ſie ermüdet nach vollbrachter Arbeit, um auf ihrer Kammer der Ruhe zu genießen. Kaum hatte ſie die Augen geſchloſſen, als ein un⸗ gewöhnlicher Lärm im Hauſe ſie aufſchreckte. Aengſt⸗ lich ſtand ſie auf, und eilte in das untere Stock⸗ werk, um ſich nach der Urſache zu erkundigen. Da kam ihr Madame Rorbert außer ſich entge⸗ gen: Unglückskind, ſchrie ſie die Erſchrockene an, wer war während meiner Abweſenheit in meiner Stube? Riemand als ich, antwortete Luiſe. — Ich bin beſtohlen, ſchrie mit heiſerer Stimme Ma⸗ dame Norbert; mein Bureau iſt erbrochen, und die tauſend Thaler, die ich vor meinem Ausgange darein verſchloß, ſindentwendet; keine fremde See⸗ le kam in's Haus; es iſt alſo ein Hausdiebſtahl, und man muß Hausſuchung halten. — Luiſe wuß⸗ te ſich ſchuldlos, und ſagte daher ruhig: ich bin es zufrieden. Das ganze Geſinde ward herbey ge⸗ hohlt; Madame Norbert lief ab und zu; endlich erſchien ein Polizey⸗Commiſſair. Die Wohnung jedes Einzelnen ward genau durchſucht, aber die vermißte Summe fand ſich nirgend. Run kam Luiſens Kammer an die Reihe. Im Bewußt⸗ ſeyn ihrer Unſchuld öffnete Luiſe willig ihren Foffer und ihren Schrank; man fand nichts. Schon wollte man die Kammer verlaſſen, als Falk be⸗ — 152 — merkte, man möchte doch auch das Bett durchſu⸗ chen. Es geſchah zum Ueberfluß, und ſiehe da — im Strohſacke fand man die Rollen mit den Gold⸗ ſtücken. Luiſe ſtand vernichtet da, und betheuerte ihre Unſchuld, aber der Beweis ſprach gegen ſie; man ſchalt ſie eine Diebinn und Lügnerinn, und die Frau vom Hauſe beſtand auf ihrer Verhaftung. Der Polizey⸗Commißair erfüllte ſeine Pflicht, führte die Verzagende mit ſich fort, und übergab ſie dem Aufſeher des Stadtgefängniſſes als Die⸗ binn zur Haft. In eine dumpfige Stube zu meh⸗ rern Gefangenen, die aus der Hefe des Pöbels beſtanden, ward das unglückliche Mädchen geſperrt. Wer beſchreibt ihr Gefühl, als ſie ſich, in vollem Bewußtſeyn ihrer Unſchuld, entehrt in der Geſell⸗ ſchaft der gemeinſten Verbrecher befand, die mit ſchadenfrohem Spotte die Unglücksgefährtinn be⸗ grüßten. In einen Winkel zog ſich die Arme zu⸗ rück, und durchweinte den noch übrigen Theil die⸗ ſer fürchterlichen Racht. Am Morgen ward ſie zum Verhör geführt; hier ſollte ſie ein Verbrechen eingeſtehen, daß ſie nicht begangen hatte. Vergebens betheuerte ſie ih⸗ re Unſchuld; die Beweiſe waren gegen ſie, und — 153 — der Richter beſchloß, die Inquiſitinn durch Zwangs⸗ mittel zum Geſtändniß zu bringen. Sie ward in ein finſteres Loch allein geſperrt, erhielt nur Brot und Waſſer, und man drohte ihr ſogar mit Schlä⸗ gen, wenn ſie die Wahrheit nicht eingeſtände. Auf faulem Stroh lag die Aermſte in der folgenden Racht; der Schlaf floh ihre wundgeweinten Au⸗ gen; mit Sehnſucht wünſchte ſie ſich den Tod, um ihre unverdienten Leiden zu endigen; da hörte ſie über ſich ſtark hin-und her laufen, Thüren auf und zu ſchlagen, und ein verworrenes Getöſe von Menſchenſtimmen; plötzlich ſiel ein heller Schein durch das kleine vergitterte Loch, durch welches am Tage einige Lichtſtrahlen ihren Kerker ſparſam erleuchteten, auf ihr Strohlager, und bald unter⸗ ſchied ſie einzelne Stimmen, welche Feuer! Feuer! ſchrien. In dem Strohmagazin des Stadtgefäng⸗ niſſes war durch Unachtſamkeit Feuer ausgekom⸗ men, das ſchnell um ſich griff; ein ganzer Flügel des Gebäudes ſtand in Flammen, ehe man Sprit⸗ zen herbeyſchaffen konnte. Die Feuermaſſe verbrei⸗ tete ſich immer mehr; man gab die Hoffnung der Rettung auf, und war nur darauf bedacht, die Nebengebäude zu ſichern. Die Gefangenen wurden aus ihren Kerkern gehohlt und, von weniger Wa⸗ che umringt, in einen Winkel der Straße geſtellt; unter ihnen ſtand auch Luiſe. Plöblich faßte ſie . Jemand am Arm, und zog ſie ſchnell aus dem Kreis der Wache, welche die Augen nach der Brandſtelle gerichtet, es nicht bemerkte; noch ſchnel⸗ ler ward ihr ein Manutel umgeworfen, und ein Hut ins Geſicht gedrückt. Folge mir getroſt, ſprach eine ihr bekannte Stimme. Sie folgte unwillkühr⸗ lich. Der ſchnelle Wechſel der ſonderbarſten Bege⸗ benheiten hatte ihre Geiſteskraft gelähmt. In ei⸗ ner dunkeln Straße ſprach ihr Führer, indem er ihr etwas Geld in die Hand drückte: Rimm und flieh durch jenes Thor! Es führt der Gränze zu; vor Tagesanbruch kannſt Du ſie erreichen; ver⸗ weilſt Du, ſo iſt Schande und Verderben Dein Los. Mit dieſen Worten entfernte er ſich ſchnell. Luiſe ſtand einen Augenblick unbeweglich, allein Furcht und Hoffnung gaben der erſchlafften Ma⸗ ſchine neue Kraft; ſie floh, und erreichte noch vor Tages⸗Anbruch die Gränzſäule. Ermattet ſank ſie unter einem Gebüſche nieder; der durch die furchtbarſten Gefühle hart angegriffene Körper verſagte ihr den fernern Dienſt; die Ratur ver⸗ langte ihr Recht: ſie ſiel in einen feſten Schlaf. — So fand ſie der alte Herrmann. Leicht wird ſich der Leſer nun Luiſen's ſon⸗ derbares Benehmen erklären. Stets kämpfte ſie mit dem Geſtändniß; aber Scham und Sorge, das Glück der ihr ſo theuer gewordnen Menſchen — 155 — zu ſtören, ſchloß ihr den Mund; ſie liebte Franz mit dem ganzen Feuer eines heißen Herzen, aber ſie brachte der Pflicht das ſchwere Opfer der Ent⸗ ſagung, weil ſie den Geliebten nicht unglücklich machen wollte; ſie reichte ihm ſpäter die Hand, um ihm das Leben zu retten, und würde an ſei⸗ ner Seite des Lebens höchſte Seligkeit genoſſen ha⸗ ben, hätten ihr nicht, indem ſie die ſüßen Roſen der Liebe pflückte, Erinnerung und Furcht vor Entdeckung den bittern Leidenskeſch gereicht. Luiſe wurde Mutter. Nahmenlos war das Entzücken des glücklichen Vaters, der nun ſeinen höchſten Wunſch erfüllt ſah. Die Laufe ſollte mit feſtlicher Pracht gefehert werden; deßhalb ward ſie bis zur gänzlichen Herſtellung der Wöchnerinn verſchoben. Die Geneſung erfolgte; der zur Tau⸗ fe beſtimmte, feſtlich vorbereitete Tag erſchien. Ei⸗ ne große Anzahl von Freunden und Bekannten füllte das Haus; die herzlichſte Freude beſeelte den frohen Zirkel, belebte das ſtattliche Mahl⸗ Schon wurden die Braten ab⸗und die Kuchen auf⸗ getragen, da ward der alte Herrmann abge⸗ rufen, weil ein Fremder ihn zu ſprechen verlangte. Schon glänzte mauches Auge feuriger, ſchon glüh⸗ te manche Raſe in höherem Purpur, da ergriff Franz das Glas, und brachte folgende Geſund⸗ beit aus: Auf das Wohl meiner guten Frauk — 156 — Ihr danke ich mein Glüce, mein Leben; ihr dan⸗ ken wir den heutigen frohen Tag; ſie lebe noch lange mir zur Freude und Wonne! Eben wollte die Tafelrunde anſtoßen, ſchon hatte ſich mancher Mund zum freundlichen Lebehoch geöffnet, da ging die Thüre auf, und ein alter finſterer Mann trat an Herrmanns Hand herein. Luiſe, welche der Thür gegenüber ſaß, und eben vom ſeligſten Gefühle erglühte, ſchlug die Augen auf, erblickte den Eintretenden, und ſank mit einem furchtbaren Angſtgeſchrey ohnmächtig nieder. — Alles ſtürzte der Ohnmächtigen zu Hülfe, auch der Fremde. Luiſen's Anblick machte ihn ſtuben; doch als ſie ſpäter die Augen öffnete, ängſtlich umher ſtierte und, wie ihr Blick auf den Fremden traf, wim⸗ mernd die Hände vor die Augen ſchlug, da rief er: Bey Gott, es iſt keine Täuſchung; ſie iſt's, ſo wahr ich lebe, ſie iſt's! Wer, rief Alles, wie aus einem Munde. „Eine Diebinn, die vor vier Jahren aus unſerm Stadtgefängniß entſprungen iſt!“ war die ſchreckliche Antwort.— Welchen Ein⸗ druck dieſe Worte auf die Umſtehenden machten, läßt ſich nicht beſchreiben, um ſo mehr, da Luiſe vernichtet im eiskalten Grabeston ſtöhnte: Fch bin'e! — Der Fremde war der Kerkermeiſter, d ſechs Meilen von der Gränze entlegenen ſchen Stadt R** Er war auf ſeiner Rückreiſe vot O. begriffen, wo die Gerichte einen entſprung⸗ nen Arreſtanten aus N** in Verwahrung hielten. Der Gefangene läugnete hartnäckig, der im Steck⸗ brief beſchriebene Flüchtling zu ſeyn; deßhalb ſand⸗ te man den Kerkermeiſter, um ſich durch den Au⸗ genſchein zu überzeugen. Dieſer kam zu dem Päch⸗ ter, um ſich von ihm einen Wagen zur weitern Transportirung des Gefangnen zu erbitten, ward von dem guten Herrmann freundlich aufgenom⸗ men und eingeladen, ſich ein Stückchen Taufkuchen und ein Glas Wein belieben zu laſſen. So führte der gute Alte, ohne es zu ahnden, die unſelige Kataſtrophe herbey. Noch nie ward ein Feſt, wo echte Freude ſich ſo herzlich äußerſte, auf eine ſo ſchreckliche Art un⸗ terbrochen. Gleich Marmorbildern ſtanden die Gãä⸗ ſte in den ſeltſamſten Gruppen umher. Erſchöpft war der alte Herrmann in einen Stuhl geſun⸗ ken, krampfhaft faltete er die Hände, die bethrän⸗ ten Augen ſtierten vor ſich hin. Franz war der erſte, der die ſtarren Bande des Schreckens ſpreng⸗ te; verzweiflend ſchloß er Luiſen in ſeine Arme: Rein, ſchrie er mit furchtbarer Stimme, nein, ſo wahr Gott gnädig iſt, Du biſt, Du kannſt es nicht ſeyn! „Ich bin's!“ wimmerte Luiſe⸗ Da ſchlichen die Gäſte davon, und bald befanden ſich Luiſe, der alte Herrmann, ſein Sohn und —— der Kerkermeiſter allein in der Stube. Der Kerker⸗ meiſter erklärte nun, daß er den Augenblick ver⸗ fluche, der ihn als Unglücksbothe hieher geführt habe, allein Eid und Amt machten es ihm zur Pflicht auf der Auslieferung der Entſprungenen zu beſtehen. Raſend ſprang Franz auf, und ſchwur, nur mit ſeinem Leben würde man die Gat⸗ tinn ſeinen Armen entreißen. Der alte Herr⸗ mann hatte ſich indeſſen echohlt; mit männlicher Faſſung ermahnte er ſeinen Sohn zur Ergebung in den Willen des Schickſals. Nun kam es zur Erklärung. Luiſe erzählte ih⸗ re Geſchichte. Kein Auge blieb trocken, ſelbſt auf der grauen Wimper des Kerkermeiſters zitterte eine Thräne. Franz beſchloß, von der Unſchuld ſei⸗ nes Weibes überzeugt, mit ihr zu reiſen, und weder Gold noch Mühe zu ſparen, um ſie vor den Augen der Welt zu rechtfertigen. Der aſte Herrmann, der dem Feuerkopf ſeines Sohnes nicht traute, erboth ſich zur Be⸗ gleitung⸗ 6 Sie kamen in N**an. Luife ward dem Gericht übergeben, durfte aber, auf Herr⸗ manns Verwendung, in einem kleinen, doch reinlichen Stübchen des Kerker⸗Meiſters wohnen; — 159 — auch war es ihr erlaubt, dann und wann Beſuche der Ihrigen anzunehmen. Vater und Sohn wand⸗ ten Alles an, um Beweiſe ihrer Unſchuld herbey zu ſchaffen. Vergebens! der Verdacht des Dieb⸗ ſtahls haftete auf ihr, und ihre Entweichung mehr⸗ te ihn. Eines Tages, als Franz bey ihr war, die Unglückliche, die ihren Säugling auf dem Schooße trug, im Arm hielt, kam der Kerkermei⸗ ſter, um Luiſen vor die Schranken des Gerich⸗ tes zu fordern, indem ihr Urtheil angekommen ſey. Franz beſchloß, ſie zu begleiten, und ſo traten die unglücklichen Gatten Arm in Arm, den Säugling an der Mutter Bruſt, in die Gerichts⸗ ſtube. Dieſer Anblick erſchütterte den Richter ſo ſehr, daß er nur nach einer Pauſe und mit ſchwan⸗ tender Stimme den Rechtsſpruch verkünden konnte. Luiſe ward, als des Diebſtahls im höchſten Grade verdächtig, zu ſechsmonathlicher Zuchthaus⸗ ſtrafe verurtheilt! — Einen Vorhang über die Herzzerreiſſende Stene, die jetzt folgte. Die Verzweiflung beſtimmte Franz, das Aeußerſte zu verſuchen. Er wollte in die Reſidenz eilen, und am Fuße des Throns die Begnadigung der Schuldloſen zu erflehen. Der menſchliche Richter verſprach ihm, die Abführung der Verurtheilten bis zu ſeiner Rückkunft zu verſchieben. Franz ſlog zur Reſidenz. Drey Tage mußte er harren, — 166 — bis er zur Audienz gelangte. Er warf ſich zu den Füßen des erhabenen Monarchen, und trug ſein Geſuch mit der glühenden Sprache des Herzens vor. Kaum hatte er vollendet, als das edle Antliß des Fürſten von milder Glorie erglänzte: Sie kom⸗ men zur glücklichen Stunde, ſprach der fürſtliche Menſchenfreund. Ihre Gattinn iſt unſchuldig; ſo eben erhalte ich die Beweiſe. Kehren Sie zu ihr zurück, und überbringen Sie ihr die Ordre zu ih⸗ rer Freylaſſung. Der Erſatz für ſchuldloſe Leiden ſey, ſo weit es in meinen Kräften ſteht, meine Sorge. — Seliger konnte wohl kein Gnadenruf den armen Sünder auf dem Schaffot überraſchen, als dieſe Worte den glücklichen Fran z. Er wollte danken, aber er vermochte es nicht; doch ſeine Thränen ſprachen deutlicher zu dem wei⸗ chen Herzen des edlen Fürſten, als alle Worte. Rach einer Viertelſtunde erhielt er die ver⸗ ſiegelte Ordre, und eilte auf den Flügeln der freu⸗ digſien Ungeduld nach R* zurück. 2 * Madame Rorbert hatte nach Luiſen's Entfernung Herrn Falk geehlicht, hatte ihte Handlung in R* aufgegeben, und war mit ihrem jungen Gemahl in die Reſidenz gezogen. Hier begann er ein luſtiges Leben, das aber bald — 161 — ein trauriges Ende prophezeihte, wenn nicht neue Erwerbsquellen entdeckt wurden. Falk war ein geſchickter Federzeichner; von ſeiner Gattinn er⸗ muthigt, wagte er's, Banko⸗Roten zu verfäl⸗ ſchen. Mehrere Jahre trieb er das ſaubre Hand⸗ werk, aber endlich entdeckte es der Zufall. Er und ſeine Gattinn wurden einige Tage vor Franzens Ankunft in der Reſidenz eingezogen. Eines Ver⸗ brechens, das ihr lebenslängliche Freyheit koſtete, überwieſen, geſtand Madame Falk unter andern Gräueln auch ein, daß ſie aus Eiferſucht, um die verhaßte Rebenbuhlerinn los zu werden, die Gold⸗ rolle in Luiſens Strohſack geſteckt habe. Sie hatte es nach Luiſens Entfernung ihrem nachhe⸗ rigen Manne geſtanden. Bey dem Brande des Stadtgefängniſſes eilte auch Falk herbey. Er ſah im Scheine des Feuers Luiſen im Kreiſe der Gefangenen; ſein Gewiſſen erwachte, und er ward ihr Retter. Franz kam in R** an, und ftürzte mit dem Freudengeſchrey; Gnade! Gnade! Du biſt frey und als unſchuldig erkannt! in Luiſens Geſängniß. Bethend ſank die Gute auf ihre Knie; andächtig die Hände faltend folgte der alte Herr⸗ — 162 — mann ihrem Beyſpiel. Franz eilte nach dem Sturm des erſten Entzückens, zu dem Richter. Eine ſeelenvolle Heiterkeit überzog das Geſicht des Edlen bey Leſung der fürſtlichen Ordre. Ihre Gattinn iſt frey, ſagte er zu Franz; morgen ein Mehreres. Die Racht, welche dieſem Lage folgte, war eine der ſeligſten, die der alte Herrmann, ſein Sohn, und Luiſe genoſſen. Die Freude verſcheuchte den Schlaf; unter ſü⸗ ßen Geſprächen überraſchte ſie der Tag. Jetzt dach⸗ ten ſie auf Anſtalten zur Abreiſe; da trat der Ker⸗ kermeiſter herein, und bath die Familie mit hei⸗ terem Geſichte, ihm zu folgen. Er führte ſie über den Hof nach dem Thore; als er dieſes öffnete, ſahen ſie den Plab, auf welchem das neue Gebäu⸗ de des Stadtgefängniſſes ſtand, mit Menſchen ge⸗ füllt. Sie ſtutzten, aber freundlich bath der Ker⸗ kermeiſter, ihm muthig zu folgen. Er führte ſie durch die Volksmenge zu einem erhabenen Gerü⸗ ſte, auf welchem der ganze Magiſtrat in Amtsklei⸗ dern verſammelt ſaß. Laut verkündete der Richter Luiſens Unſchuld, und den Befehl des Fürſten, welcher der Schuldlofen ein Gratial von tauſend Thalern beſtimmte; der Magiſtrat fügte aus freyem Antrieb noch das Bärgerrecht bey, welches Lui⸗ ſens Gatten unentgeldlich ertheilt ward. Ein all⸗ gemeiner Freudenruf pries die Großmuth des Ge⸗ — 163 — rechtigkeit liebenden Fürſten. Luiſe nahm das fürſtliche Geſchenk nur, um es bey dem Magiſtrat zur Ausſtattung armer Bürgerstöchter niederzule⸗ gen, und kehrte mit ihrem Gatten und ſeinem Vater in ihre Heimath zurück, wo ungeſtörte Freu⸗ den häuslichen Glückes ihr reichen Erſaß für die überſtandenen Leiden gewährten. J Wn jener, für das unglückliche Frankreich ſo fok⸗ genſchweren Zeit, wo ein Haufe Meuterer, die Langmuth eines allzu guten Königs mißbrauchend, göttliche und menſchliche Geſetze mit Füße tretend, die Flamme des Aufruhrs entzündete, welche ſpä⸗ ter ſo furchtbar wüthete und das geſegnete Reich in ein großes Schlachtfeld verwandelte, mit Lei⸗ chen und Trümmern ehemaliger Pracht überſäet, — in jener verhängnißvollen Zeit befand ſich ein junger franzöſiſcher Edelmann, Eduard von Erne⸗ val genannt, gerade in Paris, um ſeinen Onkel, einen der Oberofficiere, denen die Bewachung der Baſtille anvertraut war, zu beſuchen. Eduard hatte frühzeitig ſeine Aeltern ver⸗ loren, die ihm ein großes Vermögen hinterließen, ſein Onkel hatte ſeine Erziehung vollendet und ei⸗ nen wackern Jüngling aus ihm gebildet. Er war eben von einer Reiſe nach Italien zurückgekehrt und nach Paris gekommen, um ſeinen Erzieher nach mehrjähriger Trennung wieder ein Mahl zu ſehen. — 168 — Schon lange war die Baſtille, dieſes große Grab, das manche unſchuldige Schlachtopfer ver⸗ ſchlang und ſelten ſeinen Raub wieder herausgab, dem Volke ein Gegenſtand des Abſcheues, die vor⸗ hergegangenen glücklich gelungenen Plünderungen der königlichen Rüſtkammer und des Invalidenhau⸗ ſes hatten den Muth des Pöbels angefeuert, es bedurfte daher nur eines Fingerzeiges der Rädels⸗ führer und beſchloſſen war die Erſtürmung dieſes feſten, in der Vorſtadt St. Antoine gelegenen Staatsgefängniſſes; um ſo mehr, da man liſtig das Gerücht ausſprengte: es ſey Befehl gegeben; bey dem erſten Aufſtand des Volkes von den Thür⸗ men der Feſtung die Stadt mit glühenden Kugeln zu beſchießen. Der vierzehnte July des Jahres 1789 war der Tag, an dem dieſe feſte Burg, welche beſtimmt ſchien, der Ewigkeit zu trotzen, in wenigen Stun⸗ den in einen Schutthaufen verwandelt werden ſollte. Schon am frühen Morgen umſchwärmte ein groſſer Volkshaufen das Schloß, immer größer ward die Anzahl der Empörer und drohend nahte die Gefahr. Vergebens hatte der Gouverneur, Herr von Delaunay die an ihn geſandten De⸗ putirten durch den Augenſchein von der Richtigkeit des ausgeſprengten Gerüchtes überzeugt; kaum hatten dieſe die Baſtille verlaſſen, als die tollküh⸗ — 193 — gebrochener Stimme: „an welchem Orte müſſen wir uns wieder finden!“ Es brauchte lange Zeit, bis Eduard ſo viel Faſſung gewann, den Gefangenwärter durch eini⸗ ge Goldſtücke dahin zu vermögen, daß er Erfri⸗ ſchungen und Betten herbeyſchaffte; doch dem Ver⸗ langen nach einem geſchickten Arzte entgegnete er: es dürfe kein anderer in das Gefängniß, als der geſchworne Stadtphyſikus, und der ſey ſchon da geweſen. Stephanie zeigte eine Ergebung in ihr hartes Schickſal, die ein unwiderlegbarer Bürge von der Reinheit ihres Bewußtſeyns war; ſie hat⸗ te Karft genug, den verzweifelnden Eduard noch zu tröſten, und er ſchied gefaßter von ihr, als er gekommen war. Nachdem er am folgenden Tage wieder meh⸗ rere vergebliche Verſuche zu Stephaniens Be⸗ freyung gemacht hatte, eilte er in das Gefängniß, um abermahls Troſt zu hohlen, ſtatt ihn zu brin⸗ gen. Er wollte, nachdem der Gefangenwärter die eiſenbeſchlagene Thür geöffnet hatte, die Treppe hinauf in das ihm leider nur zu wohl bekannt⸗ Gefängniß, als dieſer ihm nachrief: „Wo wollt ihr hin, Bürger? — „Zu dem Fräulein von Parthenai,“ antwortete Eduard. — „Das Fräulein von Parthenai,“ entgegnete der Ge⸗ ₰ fangenwärter mit finſterer Miene, „kennt man hier nicht. Die gefangene Bürgerinn Parthenai iſt heute früh auf Befehl des Arztes, in das Hoſpi⸗ tal in der Vorſtadt St. Germain gebracht worden, weil ihre Krankheit anfängt bedenklich zu werden.“ — Ein neuer Donnerſchlag für den armen Edu⸗ ard. Haſtig warf er ſich in einen Fiaker und flog nach dem Hoſpital. Nachdem er ſeine Erlaubnißkarte vorgezeigt hatte, führte man ihn in einen ſchmalen ſchmutzigen Saal, aus dem ihm ein erſtickender Qualm verpe⸗ ſteter Luft entgegen quoll. Hier, unter Sterben⸗ den und mit den ekelhafteſten Krankheiten Behafte⸗ ten fand er, auf einem groben, unreinenStrohſack, mit einer ſchlechten wollenen Decke verhüllt, die Gelieb⸗ te! — Das Fieber hatte ihr die Beſinnung geraubt und ihren kranken Sinnen wohlthätig den Anblick des Elendes entzogen, das ſie umgab. — Schleunig traf Eduard Anſtalten, durch Geld und Bitten herbey zu ſchaffen, was ihre Umſtände erleichtern und die Geneſung befördern konnte. Vergebens bath er, der Kranken ein beſſeres Zimmer einzu⸗ räumen. — Dieſer Saal iſt für die Gefangenen heſtimmt und hinlänglich verwahrt und bewacht; in einem andern Gemache wäre man nicht im Stan⸗ de, gehörige Vorſichtsmaßreg eln zu gebrauchen, 3 um eine mögliche Flucht zu verhindern — war die Antwort, mit der er ſich begnügen mußte. Als er die Kranke mit dem Röthigſten ver⸗ ſorgt hatte, kehrte er nach Hauſe, um Gauvin von dem traurigen Wechſel zu unterrichten. Rach einer ziemlich langen Pauſe des Nach⸗ denkens ſagte der ehrwürdige Geiſtliche: Die Ge⸗ ſundheit des Fräuleins muß jetzt das Hauptaugen⸗ merk unſerer Sorfalt ſeyn. Mir fällt ein Mittel ein, ihr die nöthige Hülfe zu leiſten und vielleicht ſogar die Freyheit zu verſchaffen. Eduard (haſtig): O ſprechen Sie, Mann Gottes! Gauvin. Mein Stand hat es mir zur Pflicht gemacht, mir einige mediziniſche Kenntniſſe zu er⸗ werben. Ich will mich als Krankenwärter im Spital aufnehmen laſſen, will mich mit dem ge⸗ ringſten Sold begnügen, und mich zu jedem Dienſt erbiethen. Ich werde für die Geſundheit des theu⸗ ern Fräuleins väterlich ſorgen, und ihre Seebe mit den Troſtgründen unſerer heiligen Religion ſtärken. Des Allmächtigen Vatergüte wird mir Kraft verleihen und unſer frommes Beginnen mit glücklichem Erfolge krönen. Eduard. Haben Sie auch bedacht — die Gefahr, die Ihnen ſelbſt droht? — — 32 Gauvin. In der Verkleidung eines armſe⸗ ligen Krankenwärters werden mich die Spione der Grauſamkeit wohl nicht ſuchen, und will es der Rathſchluß des Unerforſchlichen alſo — nun, dann ſterbe ich im Dienſte der Menſchheit, und meiner wartet der Lohn jenſeits! Mit heißen Thränen innigen Dankes drückte Eduard den Edlen an das Herz. Gauvin ſäumte nicht, ſein großmüthiges Vorhaben in's Werk zu ſetzen. Ohne Umſtände ward er im Spital angeſtellt, und als Eduard am folgenden Tage Stephanien beſuchte, fand er ihn mit väterlicher Sorgfalt die Kranke pflegend. Den größten Theil ſeiner Zeit brachte jetzt Eduard im Hoſpitale zu. Schon nach wenigen Tagen befand ſich Stephanie auf dem Wege der Beſſerung. — Beh einem ſeiner häuſigen Be⸗ ſuche entdeckte ihm Gauvin, er habe ein, zwar ſehr gewagtes, Mittel zur Flucht erſonnen. So⸗ bald Stephanie vollkommen hergeſtellt ſey, ſollte ſie mit Gauvins Hülfe durch ein Fenſter des Krankenſaals in den Hof ſteigen, dort auf ei⸗ ner Leiter, die Gauvin beſorgen wollte, die Mauer des Hoſpitals erklettern und mit ihm in dem benachtbarten Hauſe, das einem ehrlichen Bürger zugehörte, den Ganvin für ſeinen Plan zu gewinnen hoffte, ſich ſo lange verſteckt halten, bis ſie alle drey unbemerkt Paris verlaſſen könnten⸗ Nach wenigen Wochen war Stephanie vollkommen hergeſtellt; doch mußte ſie ſich noch immer krank ſtellen, um nicht als Geneſene in ihr Gefängniß zurück geſchickt zu werden. — Endlich nahete der entſcheidende Tag. Gauvin verſprach mit dem Beſitzer des Nachbarhauſes zu ſprechen und am folgenden Morgen Bericht über den Er⸗ folg abzuſtatten. Früher als gewöhnlich eilte Eduard am be⸗ ſtimmten Tage nach dem Hoſpitale. Als er in das Thor treten wollte, klopfte ihn Jemand von hinten auf die Schulter; er ſah ſich um und erblickte ei⸗ nen Mann, den er ſogleich für Dumont, jenen Polizeyagenten, erkannte, der ihm vor einigen Wochen in der Maske des Portiers unvorſichtiger Weiſe Nachricht von der Gefahr, die Stepha⸗ nien drohte, gegeben hatte. „Nicht ſo haſtig, mein Freund,“ ſprach die⸗ ſer: „wir haben zuerſt ein Wörtchen mit einander zu ſprechen.“ — Eduard enſtarrte vor Schre⸗ cken, und folgte Dumont maſchienenmäßig in ei⸗ nen abgelegenen Winkel. — „Ihr glaubt Euch meiner Wachſamkeit zu entziehen, mein feiner Pa⸗ tron,“ fuhr dieſer fort: „aber weit gefehlt! Ihr ſeyd der Bürger Erneval, Ihr habt die Bür⸗ — 198 — gerinn Parthenai verborgen gehalten und, als ſie unſerer Liſt dennoch in's Retz lief, Euch ihrer Arretirung mit gewaffneter Hand widerſetzt und dabey einen Polizeydiener ſchwer verwundet; noch mehr: Ihr hägt die ſträfliche Abſicht, ſie aber⸗ mahls den Händen der Gerechtigkeit zu entreißen und mit ihr zu entfliehen. Zweifelt ihr nun noch an meiner Allwiſſenheit?“ Eduard glaubte in die Erde ſinken zu müſ⸗ en, vergebens ſuchte er ſeine Verlegenheit zu ver⸗ bergen und einige Worte hervor zu ſtammeln. — „Bemüht Euch nicht,“ unterbrach ihn Dumont: „Ihr dreht mir keine Raſe mehr! Doch, um Euch die Mühe zu erſparen, Euch noch ein Mahl in das Hoſpital zu bemühen, will ich Euch nur ver⸗ trauen, daß es mit dem Fluchtanſchlag Eures Ge⸗ hülfen Gauvin nichts iſt; denn der Bürger, dem das Haus gehört, worin er ſich und Euer Liebchen verſtecken wollte, iſt einer meiner Vertrauten. Seht Ihr nun wohl ein, daß Eure und Eures Freundes Freyheit in meiner Hand iſt? — Doch'“ — ſetzte er nach einer kleinen Pauſe, in welcher er ſich ſorgfältig umſah, ob ihn Niemand behor⸗ che, mit leiſer Stimme hinzu: — „ich will Euch einen beſſern Vorſchlag thun. Aufrichtig geſtanden: Euer ganzes Weſen gefällt mir, die Art, mit wel⸗ cher Ihr Leben und Frepheit für Euer Mädchen in S die Schanze ſchlaget, intereſſirt mich, der Selten⸗ heit wegen; denn ich muß Euch ſagen: wenn ich ſo in Romanen und Komödien die heldenmüthigen Opfer der Verliebten las, ſo ſchütteſte ich immer ungläubig den Kopf, weil ich dergleichen im wirk⸗ lichen Leben nicht für möglich hielt; Ihr ſeyd der Erſte, der mich vom Gegentheil überführt und das hat Euch meine Zuneigung gewonnen, denn Unſereins hat zu Zeiten auch ein Herz! deßhalb ſeht Ihr mich bereit, Euch beyzuſtehen — nota bene — wenn Ihr im Stande ſeyd, ein tüchtiges Stück Geld daran zu wenden.“ Eduard glaubte die Stimme eines Engels zu vernehmen. — Fordert! rief er entzückt: was in meinen Kräften ſteht — „Ja ſeht,“ fuhr Dumont langſam fort: „Euere und Eueres Vertrauten Verhaftung und die Entdeckung des Complottes könnte mir leicht hundert Louisd'ors eintragen, auch muß ich, um meine Abſicht zu erreichen, hier und da ein Sümm⸗ chen ſpringen laſſen — das Alles ſoll mich aber nicht hindern, die Geliebte zu befrehen und Euere ſichere Flucht aus Paris zu veranſtalten, wenn Ihr mir tauſend Louisd'ors gebt.“ Von Herzen gern! ſchrie Eduard voll Freuden. — 200 — „Run gut,“ ſprach Dumont: „der Handel iſt geſchloſſen! Ihr geht jetzt nicht mehr in das Hoſpital, ſondern begebt Euch nach Hauſe und bleibt ruhig daheim, damit Ihr gleich bey der Hand ſeyd, wenn man Euch braucht. Bis Ueber⸗ morgen, hoffe ich, ſoll Alles in Ordnung ſeyn — und damit Ihr ſeht, daß ich es ehrlich meine, ſollt Ihr mir das Geld nicht eher auszahlen, bis Ihr mit dem Liebchen in den Wagen ſteigen und die Flucht ungehindert antreten könnt.“ Eduard wollte ihm vor Freuden um den Hals fallen. „Laßt die Poſſen!“ — ſagte er abwehrend: — „Morgen hoffe ich Euch Rachricht geben zu kön⸗ nen; bis dahin lebt wohl!“ — Mit dieſen Wor⸗ ten wandte er ſich und ging in das Hoſpital. Lange, nachdem er ſchon verſchwunden war, ſtarrte ihm Eduard noch nach, zweifelnd, ob er recht geſehen und gehört, oder ob ein gauckleri⸗ ſcher Traum ihn getäuſcht habe, endlich ermannte er ſich und kehrte ſeine Schritte nach Hauſe. Dieſer und der folgende Tag ſchienen ihm die längſten ſeines Lebens; gegen Abend des zweyten pochte ein kleiner Knabe an das Hausthor. Edu⸗ ard eilte voll Erwartung ſelbſt hinab und erhielt von dem Kleinen, nachdem er auf deſſen Frage: ob er der Bürger Erneval ſey? mit: Ja, ge⸗ — 20 — antwortet hatte, einen wohlverſiegolten Zettel oh⸗ ne Aufſchrift. Haſtig erbrach er die Siegel und kas: „Alles geht gut. Ihr müßt noch dieſen Abend „einen leichten Reiſewagen mit zwey jungen, ra⸗ „ſchen Pferden kaufen, die Ihr ſelbſt kurſchiren „könnt; mit dieſen haltet morgen früh um ſechs „Uhr in der Nähe des Kirchhofes in der Straße „St. Jaques, dort ſollt Ihr das Weitere erfahren. „Vergeßt nicht, Euch mit dem nöthigen Gelde zu „verſehen! Der bewußte Portier.“ — Eduard las den Zettel mehrere Mahle, bedeckte ihn mit Küſſen und kniete endlich vom Dankgefühl für den weiſen Lenker unſeres Schickſals durchdrungen, nieder, und ergoß ſeine Empfindungen in einem inbrünſtigen Gebethe. Sich auf den ſchlimmſten Fall vorſehend, war Eduard in der letzten Zeit bemüht geweſen, ſeine Capitale, ſo viel es ſich ohne Aufſehen zu erregen, thun ließ, einzuziehen und in Gold umzuſeßzen; ſo ſah er ſich in dem Beſitz von achttauſend Louis⸗ d'ors, den Werth ſeiner Koſtbarkeiten nicht mit eingerechnet. Wagen und Pferde, wie er ſie brauch⸗ te, waren, da er keinen Preis ſcheuete, bald an⸗ geſchafft; eben ſo ſchnell die übrigen Vorkehrun⸗ gen zur Flucht getroffen. Schon um fünf Uhr des werdenden Tages be⸗ fand er ſich an dem beſtimmten Orte. Den Wagen verbarg er hinter eine Baumgruppe und harrte mit Ungeduld der Dinge, die da kommen ſollten. Endlich nach ſechs Uhr ſah er einen Leichenwa⸗ gen ankommen, ihm voran ſchritt Dumont, Gauvin hinter ihm. Eine entſetzliche Ahnung ſtieg in Eduard's Seele auf. Sollte der Treuloſe meiner ſpotten? ſprach er bey ſich ſelbſt — ſollte das Maß meiner Leiden noch nicht voll ſeyn und ich — furchtbarer Gedanke! — die Geliebte als Leiche wiederfinden!2 Indeſſen hatte ſich der Zug genähert und lenk⸗ te in das Thor des Kirchhofes. Zitternd folgte Eduard. An einem offenen Grabe hielt der Lei⸗ chenwagen und ein Sarg ward herausgehoben, worauf jener unverzüglich den Rückweg antrat. Mit Mühe hielt Eduard an ſich, um nicht laut aufzuſchreyen. Eben wollte der Todtengräber mit Gauvins Hülfe den Sarg in die Grube ſenken — „Halt!“ rief Dumont plötzlich,“ vorher die Ocular⸗Inſpection! Doch,“ ſeßte er hinzu, als der Todtengräber den Sarg öffnen wollte, „es iſt heute ein friſcher Morgen, ein Glas Wein kann bey ſolch einem Geſchäfte nicht ſchaden. Da, Mei⸗ ſter Martin, habt ihr Geld, hohlt uns eine Fla⸗ ſche Wein, indeſſen wollen ich und der Kranken⸗ wärter die Leiche beſehen; aber weilt nicht lange, — 203 — mich dürſtet.“ — Der Todtengräber nahm bas Geld und ging. Kaum hatte er den Kirchhof verlaſſen, als Eduard, ſeiner nicht mehr mächtig, mit den Worten herzuſtürzte: „Um Gotteswillen! Was ſoll das bedeuten?“ — „Nur ruhig!“ rief Dumont, indem er den Deckel des Sarges zurück ſchlug, — mit einem Schrey prallte Eduard rückwärts, denn er ſah — Stephaniens Leiche! „Ver⸗ liert doch die Faſſung nicht!“ — ſprach Gauvin, trat zum Sarge und zog ein kleines Fläſchen her⸗ vor, welches er der vermeinten Leiche unter die Naſe hielt. Nach einigen Augenblicken bewegte ſich Stephanie, ſchlug die Augen auf und richtete ſich empor. „Wir haben keinen Augenblick zu ver⸗ lieren!“ verſeßte Dumont haſtig. „Wo iſt das Geld!“ fragte er den erſtaunten Eduard, der die Wiedererſtandene in den Armen hielt; mecha⸗ niſch griff dieſer in die Taſche und reichte ihm die Rolle. „So iſt's recht!“ fuhr Dumont fort: „redlicher Dienſt will redlichen Lohn! doch nun fort, fort, ehe der Todtengräber zurück kommt. Verbergt das Fräulein in Euern Wagen, bis ich und Gauvin den Sarg in das Grab geſenkb baben, dann wird er Euch folgen.“ Eduard ſchlug ſeinen Mantel um die Ge⸗ —— — 204 — liebte, führte ſie zu dem Wagen und ergriff die Leitſeile, zur Abfahrt bereit. Indeſſen thaten Dumont und Gauvin wie erſterer geſagt hatte. Der leere Sarg war bereits in die Grube hinabgelaſſen, als der Tod⸗ tengräber mit dem Wein zurück kam. „Ey, ey! Ihr greift mir in's Handwerk,“ rief der Kommen⸗ de ſcherzend. — „Warum ſollen wir die Zeit ver⸗ lieren?“ entgegnete Dumont: „wir haben noch mehr zu thun.“ Dabey ſchenkte er dem Todtengrä⸗ ber ein Glas Wein ein, das dieſer mit einem Zug leerte. „Hat's geſchmeckt?“ ſagte Dumont und trank auch ein Glas.“ Nun macht, daß wir fertig werden.“ — „Soll bald geſchehen ſeyn!“ antwor⸗ tete Meiſter Martin und warf behende Erdſchol⸗ len in das Grab. — „Wir haben unſere Pflicht gethan!“ ſprach Dumont, nachdem die Grube mit Erde gefüllt war: „Lebt wohl, Meiſter Mar⸗ tin!“ — Somit ſchritten er und Gauvin zur Kirchhofthüre hinaus. Vor der Pforte drückte Gauvin dem Schei⸗ denden die Hand, eilte zur Baumgruppe — und dahin flog der Wagen auf der Straße nach der Vendee, die damahls noch im Aufruhr gegen das Directorium begriffen war. Unterweges erfuhr Eduard wie der ſchlaue Dumont den ganzen Plan erſonnen und ausge⸗ — 205 — führt hatte. Mittelſt eines Schlaftrunkes mußte Stephanie die Rolle der Todten ſpielen, Du⸗ mont ſelbſt hatte ſich ſeit einigen Tagen den Dienſt im Hoſpitale zu verſchaffen gewußt — es mußte nähmlich jedes Mahl, wenn ein Gefangener ſtarb, ein Polizeybeamter die Leiche begleiten, um ſich durch den Augenſchein von dem wirklichen Tode und der vollzogenen Beerdigung zu überzeugen — und ſo gelang das kühne Unternehmen. Auch mit den nöthigen Reiſepäſſen hatte der Vorſichtige die Flüchtlinge zu verſehen gewußt. Bald ſtießen unſere Reiſenden auf die Vorpo⸗ ſten der aufrühriſchen Vendeer. Gauvin gab ſich zu erkennen und ward freudig aufgenommen. In dem Wohnorte des würdigen Prieſters kaufte ſich Eduard an und verlebte mit ſeiner Stepha⸗ nie, deren Hand der edelmüthige Gauvin am Altare in die ſeinige zu legen die Freude hatte, ſelige Tage, bis eine mildere Sonne über das un⸗ glückliche Frankreich aufging und ihm erlaubt ward, ſeine Güter ohne Gefahr wieder in Beſitz nehmen zu dürfen. Der Eid am Sterbebette. De junge Baron Heiding war der letzte männliche Sprößling einer ſehr alten und ſehr reichen Familie, die mit ihm auch auszuſterben drohte, denn Heiding liebte die Lochter des Ge⸗ nerals von Sillburg, die ſeine Gefühle erwie⸗ derte, allein, da ihm der General ihre Hand, aus verjährtem Haß gegen ſeinen verſtorbenen Vater, abſchlug, ſchwur er unverehlicht zu bleiben. Der Baron hatte keinen Verwandten, als eine fünfzig⸗ jährige Tante, Brigitte von Heiding, wel⸗ cher nach ſeinem LTode die beträchtlichen Güter an⸗ heimfielen. Der ſiebenjährige Krieg brach aus, General Sillburg folgte den Fahnen Thereſi⸗ ens, und blieb in der Schlacht bey Prag. Nun ward die reitzende Emilie Herrinn ih⸗ res Willens. Rach verfloſſenem Trauerjahre, reich⸗ te ſie dem Geliebten die Hand, und genoß in ſei⸗ nen Armen die Seligkeit einer glücklichen Ehe. Aber ſchon nach einigen Monathen kränkelte ſie; das Uebel nahm überhand, und drohte gefährlich — 20 zu werden. Der zärtliche Gatte ſäumte nicht, die berühmteſten Aerzte zu Rathe zu ziehen; kein Mit⸗ tel blieb unverſucht, allein keines vermochte zu helfen, die Krankheit ward immer bedenklicher, die Aerzte ſchüttelten beſorgt die Köpfe, und gaben endlich alle Hoffnung auf. Der Baron war außer ſich, Tag und Nacht wich er nicht vom Kranken⸗ bette der geliebten Gattinn, welche die Herannä⸗ herung ihres Lodes fühlte. — Schon in den Flit⸗ ter⸗Wochen ihrer Ehe hatte Emilie mehrere Mahle geäußert, wie ſchrecklich ihr der Gedanke ſey, daß er, wenn ſie das Schickſal etwa von ſei⸗ ner Seite riſſe, einer Andern die Hand reichen könnte. Der Baron ſcherzte über die Aeußerung, als eine unwahrſcheinliche Sache. Jetzt auf ihrem Krankenbette kehrte ihre Beforgniß um ſo mehr zu⸗ rück. Vergebens gelobte der Baron in ſeinem un⸗ endlichen Schmerze, ſich nie wieder zu verehlichen, wenn ihn das harte Los treffen ſollte, ſie zu ver⸗ lieren; allein dieß beruhigte ſie nicht; ſchwere Seufzer entquollen ihrer gepreßten Bruſt, und wenn ſie Heiding um die Urſache befragte, äu⸗ ßerte ſie abermahls jene Beſorgniß, welche durch ſeine Verſicherungen zu verbannen er ſich fruchtlos mühte. Indeß verſchlimmerte ſich Emiliens Zu⸗ ſtand immer mehr, und die Aerzte prophe⸗ zeihten ihre nahe Auflöſung. Verzweifelnd ſaß in — 211 — einer ſtürmiſchen Nacht der troſtloſe Gatte am Srerbebette der Geliebten. Fürchterlich heulte der Sturm, wüthend peitſchte der Regen die hohen Bogenfenſter des Schloſſes. Die Kranke ſchlum⸗ merte, ängſtlich horchte der Baron aufihre Athem⸗ züge, da öffnete ſie gegen Mitternacht die matten Augen, reichte ihrem Manne die vom kaltem Schweiß triefende Hand, und ſprach mit gebro⸗ chener Stimme: „Meine Stunde ſchlägt, ich muß Dich verlaſſen; willſt Du, daß ich ruhig ſcheide, ſo gelobe mir, Dich nie mit einer Andern zu ver⸗ mählen.“ Schluchzend befolgte Heiding ihr Be⸗ gehren. „Damit bin ich nicht beruhigt,“ entgeg⸗ nete die Sterbende, „Du mußt es mir ſchwören.“ Haſtig griff ſie nach einem Kruzifir, daß auf einem nahen Tiſche ſtand, hielt es ihm hin, und ſtam⸗ melte mit ſterbenden Lauten: „Schwöre es bey unſer'm Heiland!“ Ich ſchwöre, rief der Baron, indem er die Finger auf das Kreuz legte. Da ſeufz⸗ te die Sterbende, ſank zurück, und — war nicht mehr. In dieſem Augenblicke ſchlug die Schloß⸗ Uhr Zwölf. — Gränzenlos war der Schmerz des armen Ba⸗ rons, er warf ſich über die Leiche, als wollte er ſie durch ſeine heißen Küſſe in's Leben zurück brin⸗ gen. Vergebens ſuchte ihn ſein Kammerdiener Paul, welcher der einzige Zeuge dieſer Scene war, — aufzurichten; er mußte Leute herbeh rufen, und nur mit Mühe konnte man den Verzweifelnden von der Entſeelten trennen. Richts vermochte ihn über ſeinen großen Verluſt zu tröſten, eine dumpfe Schwermuth hatte ſich ſeiner bemächtigt, und ließ für ſeine Geſundheit beſorgen. Seine Freunde be⸗ ſuchten ihn auf dem Gute, ſein trauriger Zuſtand ging Jedem, der ihn ſah, zu Herzen; Zerſtreuung ſchien das einzige Mittel, ſeinen tiefen Kummer zu mildern. Darum ſprachen ſie ihm vereint ſo lange zu, bis er ſich entſchloß, ihnen in die Re⸗ ſidenz zu folgen. Der Strudel von Vergnügungen, in welche man ihn dort zu ziehen bemüht war, wirk⸗ te wohlthätig auf ſein Gemüth; ſchon war es ge⸗ lungen, daß er den Feſten, welche man ihm gab, mit Theilnahme beywohnte, daß er in fröhlichen Kreiſen ſeines Kummers vergaß; nur wenn er allein war, kehrte ſeine Schwermuth wieder. „Er muß wieder heirathen,“ ſagte einer ſeiner Freunde, „nur in den Armen einer zweyten Frau kann er Erſatz und Vergeſſen ſeines Verluſtes finden.“ Die⸗ ſer Vorſchlag fand Beyfall, und man beſchloß, Alles anzuwenden, um den trauernden Wittwer eine Frau zu verſchaffen. Unter den jungen Damen der Reſidenz zeichnete ſich die Gräfinn Kleeburg durch Schönheit und Geiſt vortheilhaft aus; auf ſie richteten Heiding's Freunde ihr Augenmerk. In allen Geſellſchaften, bey allen Bällen und Feſtlichkeiten wußte man es ſo zu karten, daß die Gräfinn Heiding's Dame ward. Der gute Ba⸗ ron blieb nicht gleichgültig gegen die Reitze der ſchönen Gräfinn, um ſo mehr, da dieſe den hüb⸗ ſchen Wittwer lieb gewonnen, und Alles aufboth ihm zu gefallen. Die Freunde bemerkten triumphi⸗ rend die Neigung des Barons; mit Ungeduld war⸗ teten ſie auf ſeine Erklärung, aber zu ihrer größ⸗ ten Verwunderung blieb ſie aus. Man ſeßte ihn über ſein ſonderbares Betragen zur Rede, und wunderte ſich noch mehr „als er erklärte, er wer⸗ de nie wieder heirathen. Lange drang man verge⸗ bens in ihn, die Gründe zu nennen, die ihn zu einem ſo ſonderbaren Entſchluſſe bewogen. Endlich entdeckte Heiding, was er ſeiner Gattinn auf dem Sterbebette zugeſchworen hatte. Die Freunde ſpotteten ſeiner Bedenklichkeiten, nannten das Verlangen der Verblichenen eine Grille, ſuchten die Ungültigkeit eines ſolchen Schwurs dadurch zu beweiſen: Die Verſtorbene ſey beruhigt aus der Welt gegangen; nun werd' es ihr gewiß gleichgül⸗ tig ſeyn, ob er jenes ſonderbare Gelübde erfülle oder nicht; er ſey noch jung, ohne Erben, ihm gebiethe daher die Pflicht, ſeinen Stamm fortzu⸗ pflanzen. — Mit dieſen und ähnlichen Gründen ſetz⸗ ten ſie dem guten Baron ſo lange zu, bis er in — ſeinem Entſchluſſe zu wanken anfing, und ihn end⸗ lich ganz aufgab. Kurz, Heiding warb um die Gräfinn Kleeburg, erhielt das Jawort, und reiſ'te auf ſein Gut, um Anſtalt zur Vermählung zu treffen. Sonderbar war Heiding zu Muthe, als er die Gemächer betrat, in denen er einſt im Arme ſeiner, ihm zu früh entriſſenen Emilie ſo glücklich wor; jeder Gegenſtand erinnerte ihn an die Ver⸗ ſtorbene und an ſeinen Schwur. Daß dieſe Erin⸗ nerung ihn beunruhigte, iſt begreiflich. Die Nacht fand ihn ſchlaflos auf ſeinem Lager; in Zweifel verſunken, wälzte er ſich auf den ſeidenen Kiſſen, der Mond warf ſein blaſſes Licht durch die Bogen⸗ fenſter, eine Todtenſtille herrſchte rings umher, da ſtörte ihn ein Geräuſch aus ſeinen Träumereyen⸗ Als er aufblickte, ſah er eine verhüllte weibliche Geſtalt an ſeinem Bette vorüber ſchweben, und deutlich vernahm er die Worte: „Gedenke deines Schwurs!“ — Eiskalt überlief es ihn, und ſeine Sinne ſchwanden. Als er ſich wieder erhohlt hat⸗ te, war die Erſcheinung verſchwunden, und die vorige Stille umgab ihn. Er ſprang zur Thür, und da er ſie verſchloſſen, auch ſonſt keine Spur im Zimmer fand, glaubte er, ſeine erhitzte Phan⸗ taſie habe ihn getäuſcht. Spät ſchlief er ein, und als er am Morgen erwachte, und Alles im Gema⸗ S — 215 — che ſo fand, wie am Abend zuvor, ward er in je⸗ ner Meinung beſtärkt, und ging beruhigt an ſeine Geſchäfte. Gegen Mirtag wurde ihm ſeine ſämmt⸗ liche Dienerſchaft vorgeſtellt. Unter ihnen befand ſich Paul, ſein ehemahliger Kammerdiener, den er nach dem Tode ſeiner Gattinn zum Kaſtellan des Schloſſes ernannt hatte. Als ſie nach empfange⸗ nen Befehlen abtreten ſollten, bath Paul um eine Unterredung unter vier Augen; ſie ward ihm be⸗ willigt, und nachdem die Uebrigen ſich entfernt hatten, begann Paul: „Gnädiger Herr, ich hal⸗ te es für meine Pflicht, Sie von einer ſeltſamen Begebenheit zu benachrichtigen. Schon ſeit einigen Abenden hörte ich in der Familien-Gruft, wo Ihre gnädige Gemahlin beygeſeßt ward, ein leiſes Wimmern und Aechzen. Ich habe es bisher Nie⸗ mand entdeckt, weil ich die Sache nicht eher laut werden laſſen wollte, bis ich Euer Gnaden Bericht davon erſtattet hätte.“ Dieſe Nachricht ergriff den Baron gewaltig; allein er verbarg ſeine Unruhe, ſo gut er konnte, und nannte Paul einen Träu⸗ mer; als dieſer jedoch feſt auf ſeiner Ausſage be⸗ ſtand, befahl er ihm, den kommenden Abend zu lauſchen, ob ſich das Wimmern wieder hören laſ⸗ ſe; wäre das der Fall, ſo möchte er es ihm ſo⸗ gleich melden, dann wolle er ſich ſelbſt überzeugen. Vor der Hand ſolle aber die Sache vor Jedermann — 216 — ein Geheimniß bleiben. Paul verſprach pünktlich Folge zu leiſten, und ließ den Baron in großer Unruhe. Vergebens beſtritt ſeine Vernunft Pauls Bericht. Die Erſcheinung der vergangenen Racht, und der gegebene Schwur, fſielen ſchwer auf ſein Herz. Mit ängſtlicher Beſorgniß ſah er den Abend entgegen. Kaum war es dunkel geworden und der Mond aufgegangen, als Paul verſtört in ſein Zimmer trat und ihm meldete, daß das Aechzen und Wehklagen ſich ſchon wieder, und zwar deut⸗ licher, als bisher, vernehmen laſſe. Dem Baron ward nicht wohl zu Muthe, allein er hatte feſt beſchloſſen, ſich Ueberzeugung zu verſchaffen. Da⸗ rum befahl er Paul den Schlüſſel des Erbbe⸗ gräbniſſes zu hohlen, und als dieſer erklärte, er habe ihn zur Fürſorge bereits zu ſich geſteckt, hüll⸗ te er ſich in einen Mantel und geboth Paul, ihm zu folgen. Kaum hatten ſie den Kirchhof betreten, als dem Baron aus der Halle der Familien⸗Gruft Klagetöne entgegen ſchalten, die immer vernehm⸗ licher wurden, je näher ſie dem Gewölbe kamen. Betroffen ſtand Heiding ſtill; allein die Hoff⸗ nung, daß vielleicht eine ganz naturliche Urſache hier zum Grunde liegen konnte, erhob ſeinen Muth. Raſch ſchritt er der Thür des Begräbniſſes zu, riß dem zitternden Paul den Schlüſſel aus der Hand, ffnete die Pforte, ſtieg, obsleich mit ſchwanken⸗ — a1 — den Knien, die Stuffen hinab, und leuchtete mit der Laterne, die Paul trug, nach der Stelle, wo der Sarg ſeiner Gattinn ſtand, und von wannen das Aechzen herzukommen ſchien; aber wie ward ihm, als er den Deckel abgeworfen, und die Ver⸗ ſtorbene im Sarge mit zerſtreutem Haar und ſtie⸗ rem Auge, im Sterbekleide, ganz ſo wie er ſie das lette Mahl geſehen, erblickte. Mit einem lau⸗ ten Angſtgeſchrey bebte er zurück, und hielt ſich mühſam an einem Pfeiler aufrecht. Da richtete ſich die Leiche langſam empor, und rief ihm mit dumpfen Tone zu: „Meineidiger, ſo erfüllſt Du Dein Gelübde? Wehe, wehe Dir, wenn Du den Schwur brichſt, deſſen Zeuge der Gekreuzigte war!“ Mehr vernahm ernicht, ſeine Sinne ſchwan⸗ den, er ſank ohnmächtig nieder. — Als er wie⸗ der zu ſich kam, befand er ſich auf ſeinem Bette, von Domeſtiken umgeben. Es war heller Tag. Er befahl den Uebrigen, ſich zu entfernen, nur Paul mußte bleiben. Aengſtlich befragte er dieſen, was er in der Gruft geſehen. Paul wiederhohlte ihm eine treue Erzählung des Auftritts, den er erlebt hatte, und fügte noch hinzu: Da der Baron ohn⸗ mächtig niedergeſunken ſey, habe er Herz gefaßt, ihn auf ſeine Schultern geladen, und aus der Gruft getragen. — Von nun an ſprach der Baron kein Wort mehr; in düſteres Schweigen verſunken, 8 — 218 — ſtarrte er vor ſich hin, und ſchon am folgenden Ta⸗ ge äußerten ſich Spuren von Wahnſinn. Immer glaubte er den Geiſt der Verſtorbenen zu ſehen. Aerzte wurden herbey gehohlt; vergebens erſchöpf⸗ ten ſie ihre Kunſt, der Baron war und blieb wahn⸗ ſinnig. In einem unbewachten Augenblicke öffnete er ein Fenſter ſeines Gemachs, ſprang hinunter, und fand in den Wellen der vorüberfließenden Donau ſein Grab. — Nach dem traurigen Ende des Unglücklichen nahm ſeine Tante, als einzige Erbinn, Beſitz von den bedeutenden Gütern. Schwer ſeufzten die Un⸗ terthanen unter dem eiſernen Scepter dieſer geitzi⸗ gen Megäre, bis nach einigen Jahren der Tod ſie von ihrer Peinigerinn erlöste. Auf ihrem Ster⸗ bebette ließ ſie den Pfarrer des Ortes zu ſich kom⸗ men, und entdeckte ihm, von Gewiſſensangſt ge⸗ foltert, ihr Verbrechen. Tante Brigitte war von Jugend auf in hohem Grade habſüchtig und geitzig; dieſe Laſter wuchſen mit den Jahren. Sie hatte ſich nicht ver⸗ mählt, weil ſie keinen Mann von gleichen Geſin⸗ nungen und gleichem Reichthume finden konnte. Mit allen Wucherern der Stadt ſtand ſie im Ver⸗ kehr, ſie lieh auf Pfänder und gegen hohe Zinſen; ſo mehrte ſich ihr Reichthum, aber nicht ihre Zufriedenheit. Der Habſucht nimmerſatter Hunger — 219 — ſtachelte ſie unabläſſig. Voll Reid ſah ſie auf die reichen Beſitungen ihres Reffen, und dankte Gott in ihrem Gebethe, als ſie hörte, daß Heiding beſchloſſen hatte, unverehlicht zu bleiben; nun leuchtete ihr ja die ſchönſte Hoffnung, ihn einſt zu beerben. Denn obgleich ſie ſchon fünfzig und der Baron erſt fünf und zwanzig Jahre zählte, ſo glaubte ſie dennoch feſt, ihn zu überleben. Um ſo größer war daher ihre Verzweiflung, als der Tod des Generals und die ſpätere Vermählung Hei⸗ dings ihre ſüßeſte Hoffnung vereitelte. Das neidiſche Geſchick verfluchend ward ſie nicht eher ruhig, als bis ſie Kunde von der Krank⸗ heit Emilien's erhielt. Run lebte ſie von Neu⸗ em auf. Paul, der Kammerdiener ihres Reffen, ward beſtochen, und gab ihr täglich Kunde von dem Befinden des Barons. Mit hoher Freude er⸗ füllte ſie die Nachricht, daß die Krankheit immer bedenklicher werde; ſelig machte ſie der Ausſpruch der Aerzte, die alle Hoffnung aufgegeben hatten, und als ſie endlich gar erfuhr, die Baroninn ſey geſtorben, und habe dem Baron auf dem Sterbe⸗ bette den Eid' abgefordert, unverehlicht zu blei⸗ ben, da kannte ihre Freude keine Gränzen. Sie beſuchte nach Jahren zum erſten Mahl ihren Ref⸗ fen wieder. Mit heuchleriſcher Miene ſprach ſie ihm Troſt zu, freute ſich aber im Herzen des tie⸗ § 2 — 220 — fen Kummers, der an ſeiner Lebenskraft nagte. Von nun an ſah ſie ſich ſchon im Geiſte als Be⸗ ſitzerinn des großen Heiding'ſchen Vermögens, denn ihr fiel ja nach dem Tode des Barons Alles anheim, und ſein tiefer Schmerz machte ſeinen Tod wahrſcheinlich. Wie ein Donnerſchlag aus heiterem Himmel traf ſie die Bothſchaft von des Barons Wiedervermählung. Sie ſchäumte Wuth und Ra⸗ che. Als ſich aber der Sturm gelegt hatte, ſann ſie darauf, dieſe verhaßte Verbindung zu hintertreiben. Lange marterte ſie ſich vergebens. Da zeigte ihr der Zufall das ſchrecklichſte, aber auch das wirk⸗ ſamſte Mittel, ihren Zweck zu erreichen. Eines Tages ging ſie um die Thore der Stadt, in tiefen Gedanken verſunken. Ein armes Mädchen ſprach ſie um ein Almoſen an. Schon wollte Sie ihrem Aerger über das heilloſe Bettel⸗ pak in einem Strome von Schimpfworten Luft machen, als ſie die Bettlerinn in's Auge faßte. Erſchrocken ſprang ſie zurück, denn vor ihr ſtand die verſtorbene Baroninn Heiding wie ſie leibte und lebte; es war ihr Geſicht, ihr Haar, ihr Wuchs, nur die Kleidung war die eines armen Mädchens. Zitternd fragte Tante Brigitte die Bettlerinn nach ihrem Nahmen und ihrer Herkunft. Das Mädchen erzählte: Sie ſey die Lochter einer alten ſiebenzigjährigen Witwe, welche ſeit Monathen krank darnieder liege, ſie ſey ſelbſt erſt von einer ſchweren Krankheit geneſen, und der zu⸗ rückgebliebenen Schwäche wegen noch nicht im Stande etwas zu verdienen. Sie und ihre arme Mutter müßten Hungers ſterben, wenn ſich mild⸗ thätige Menſchen ihrer nicht erbarmten. — Tante Brigitte jubelte nach dieſer Erzählung laut auf, denn ſie hatte das Mittel gefunden, welches ſie ſo lange vergebens geſucht. Durch eine Summe Gel⸗ des ward das Mädchen verblendet, die Rolle des Geiſtes der Baroninn im Schlafzimmer und in der Gruft zu ſpielen. Paul, der ſchon früher der Kundſchafter der Tante, und auch jetzt durch eine lebenslängliche Rente von ihr gewonnen war, both hülfreiche Hand; die Ankunft des Barons auf dem Gute kam erwünſcht, und ſo ward der arme Hei⸗ ding ein Opfer der ſchändlichſten Habſucht. Das Se 62 m Pallaſte des Don Pedro de Rocca war ein glänzendes Feſt, denn der Herr des Hauſes feyerte ſeine Verlobung mit Maria Fuentes mit all' der Pracht, welche dem wohlhabendſten Einwohner des ſchätzereichen Lima, der Hauptſtadt des golderzeugenden Peru, zu Gebothe ſtand. Hat⸗ ten bis jetzt die Kaufleute und Geſchäftsmänner den glücklichen Don Pedro ſeiner großen Reich⸗ thümer wegen beneidet, ſo beneideten ihn nun die Jünglinge nicht minder der engelſchönen Braut wegen; nur die Damen rümpften die Raſen und meinten, er hätte wohl aus ihrer Mitte eine wür⸗ digere Wahl treffen und das Aergerniß einer Miß⸗ heirath vermeiden können; denn Don Pedro war nicht allein aus einem ſehr alten, ſondern auch ſehr reichen Hauſe entſproſſen; indeſſen die Mut⸗ ter der — was man leider nicht abläugnen konn⸗ te, — nur zu reitzenden Braut, die arme Witwe eines Schiff⸗Schreibers war, die ſich bis jetzt durch ihrer Hände Arbeit kümmerlich ernähren mußte. — 226 — Auch konnte man Pedro in der That benei⸗ den, denn das Glück ſchien ihn zu ſeinem Liebling auserkoren zu haben. In Sevilla von reichen Ael⸗ tern geboren, lebte er das Leben eines Weiſen; und that ſich auf ſeine Gleichmüthigkeit, die er als Folge ſeiner Lebensphiloſophie anſah, nicht wenig zu gut. Ein ſteinreicher Onkel in Peru ſtarb und ſetzte ihn zum Univerſalerben ein. Obgleich Pedro, als ein echter Philoſoph, zeitliche Gü⸗ ter nur in ſo ferne achtete, als ſie Mittel zum Zwecke biethen, ſo war es ihm doch nicht unlieb, ſein bedeutendes Vermögen vervierfacht zu ſehen. Er reiſte nach Lima, um die Erbſchaftsangelegen⸗ heiten zu ordnen und dann nach Sevilla zurückzu⸗ kehren. — Allein, das Schickſal wollte es anders! Eines Morgens, als er ſeiner Gewohnheit gemäß, nach vollendeter Frühmeſſe, die Kirche verlaſſen wollte und an den Taufſtein trat, um Weihwaſſer zu nehmen, näherten ſich zwey Damen in derſelben Abſicht. Den Geſetzen der feinen Le⸗ bensart gehorchend, ſäumte Pedro um ſo we⸗ niger, den Damen das geweihte Waſſer darzu⸗ reichen, da die ätheriſche Geſtalt der Einen von ihnen ſeine Aufmerkſamkeit in hohem Grade gefeſ⸗ ſelt hatte; als ſie aber den Schleyer zurück ſchlug, um ſich mit dem empfangenen Weihwaſſer zu be⸗ ſprengen und der lberraſchte in ein himmliſches — 227 — Geſicht, in den Reitzen der friſcheſten Jugend pran⸗ gend, von einem feurigen Augenpaar belebt, blick⸗ te, da war es um die Ruhe unſers Weiſen ge⸗ ſchehen! Bald hatte er erkundet, daß die holde Er⸗ ſcheinung, welche ſeiner hochgeprieſenen Gemüths⸗ ruhe den Krieg auf eine ſo gefährliche Weiſe an⸗ kündigte, die Tochter der Witwe Fuentes ſey, und leicht ward es dem reichen Manne, Eintritt in das Haus der armen Witwe zu erhalten, die ſich und ihre Lochter durch einen kleinen Handel mit Putzwaaren mühſelig ernährte. Von armen aber ehrlichen Aeltern in Vene⸗ dig geboren, verliebte ſich Laura, ſo hieß Ma⸗ ri a's Mutter, kaum achtzehn Jahre alt, in einen jungen Handlungsdiener, der ein Spanier von Geburt war und ſich Fuentes nannte, und wünſchte ihn zu ehelichen. Die klugen Aeltern wi⸗ derſetzten ſich einer Heirath, welche das Unglück ihrer einzigen Lochter nothwendig herbey führen mußte; doch dieſe, von Leidenſchaft verblendet, entfloh mit dem Geliebten auf ein ſpaniſches Schiff, das in die neue Welt zu ſegeln im Begriff ſtand. Der Capitain deſſelben ſtellte Fuentes als Schiff⸗ ſchreiber an und ließ ihn durch den Schiffprediger mit der Geliebten trauen. Mit der Ausſicht auf leicht zu gewinnende Reichthümer kamen die — 228 — * Ueberglücklichen in Peru an; fanden ſich aber lei⸗ der in ihren Hoffnungen getäuſcht. Fuentes ſah ſich gezwungen, ſeine hochſchwangere Gattinn mit wenigem Gelde in Lima zurückzulaſſen und ſich wieder zur See zu begeben, um den nöthigen Un⸗ terhalt zu erwerben. Einige Mahl erhielt die ver⸗ laſſene Laura Briefe und etwas Geld von dem geliebten Gatten, aber bald blieb Beydes aus. Nach mehreren Monathen erfuhr ſie endlich, daß er ſie ſchändlich vergeſſen und verrathen habe, in⸗ dem er mit der Witwe ſeines ehemahligen Capi⸗ tains in einem unerlaubten Einverſtändniſſe lebe. Die Strafe folgte jedoch dem Treuloſen auf dem Fuße; denn bey ſeiner nächſten Fahrt nach dem Cap⸗Horn ſcheiterte das Schiff und er fand mit ſeiner ganzen Equipage den Tod in den Wellen. Dieſe Nachricht erhielt Laura kurz nach ih⸗ rer Riederkunft mit Maria. Da ſchwur die Er⸗ regte einen heiligen Eid, ihre Tochter vor jeder übereilten, auf Leidenſchaft gegründeten Verbin⸗ dung zu bewahren, ſie von Jugend auf an blin⸗ den Gehorſam zu gewöhnen und ihre mütterliche Einwilligung nur dann zu geben, wenn ſich ein Freyer fände, der ihr mit ſeiner Hand eine an⸗ ſtändige geſicherte Verſorgung biethen könnte. Früh⸗ zeitig gewöhnte ſie, dieſem Entſchluſſe gemäß, ih⸗ ve Tochter daran, jeden, auch den geheimſten Ge⸗ 7 — 229 — danken ihrer Mutter mitzutheilen, die Befehle der⸗ ſelben heilig zu achten und ihnen unbedingt Folge zu leiſten. Ein Kind der Unſchuld und Ratur reifte die holde Maria zur reißenden Jungfrau heran. Sorgfältig bewahrte die kluge Mutter ihr engel⸗ reines Gemüth vor jedem gefährlichen Eindruck. So war ſie ſechszehn Jahre alt geworden, ohne eine andere Freude zu kennen, als ihr kleines Gärtchen, in dem ſie ihre Blumen nach vollbrach⸗ tem Tagwerk emſig pflegte. Dieſer kleine Raum umſchloß alle ihre Wünſche; die Zufriedenheit ih⸗ rer Mutter war das einzige Ziel, nach dem die gu⸗ te Tochter ſtrebte, dieſe zu erlangen, ſcheute ſie nicht Arbeit, nicht Entſagung. Durch Maria's Fleiß und Geſchmack hatte ſich der Putzhandel merk⸗ lich verbeſſert und Laura ſah ſich wenigſtens der, ihr oft recht fühlbar gewordenen Nahrungsſorgen überhoben. Die ſich immer lieblicher entfaltende Schönheit Maria's belebte ihre Hoffnung auf ein ſorgenfreyes Alter, beſtimmte ſie aber auch zu⸗ gleich, das reitzende Mädchen mit verdoppelter Aufmerkſamkeit zu bewachen. Um dieſe Zeit führte der Zufall Mutter und Tochter mit unſerem Don Pedro zuſammen, da⸗ mit die ſiegende Schönheit der letztern, durch ei⸗ * — 230 — nen einzigen Blick ein Herz bezwinge, welches der Liebe ſo lange zu trotzen ſich erkuͤhnte. Pedro beſuchte die Witwe Fuentes an⸗ fänglich unter dem Vorwande, verſchiedene Artikel ihrer kleinen Handlung zu bedürfen, die wahre Urſache ſeines Beſuches blieb jedoch dem forſchen⸗ den Auge der Mutter nicht verborgen; da ſie aber auf eingezogene Erkundigung, nichts als Gutes von ihm hörte, er ſelbſt ſeine redlichen Abſichten auf Maria's Hand ſpäter deutlich äußerte, ſo empfing ſie ihn mit zuvorkommender Artigkeit und ſuchte die Aufmerkſamkeit der unbefangenen Toch⸗ ter auf den ſtattlichen und, was ihr mehr galt, reichen Mann zu lenken. Maria's Herz, das bis jetzt noch kein an⸗ deres Gefühl kannte, als das der kindlichen Liebe für ihre Mutter, ließ dieſe gewähren. Die Bewer⸗ bung des, obgleich nicht mehr jungen, doch noch kräftigen Mannes, ſchmeichelte ihr, die Ausſicht auf ein glänzendes Leben, und vor Allem der Ge⸗ danke, die letten Tage ihrer Mutter verſüßen zu können, ließen ſie keinen Augenblick anſtehen, ihr Jawort zu geben, als Pedro um ihre Hand warb. Vier Wochen nach jener feyerlichen Verlo⸗ bung, wovon am Eingange die Rede war, ſollte die Trauung vor ſich gehen; ſo lange wollten Lau⸗ ra und ihre Lochter in ihrer alten, kleinen Woh⸗ nung bleiben; obgleich Pedro ſich erboth ihnen einen Theil ſeines großes Hauſes einzuräumen, ſo beſtand die kluge Frau doch darauf, erſt nach vol⸗ lendeter Trauung mit ihrer Tochter in ſein Haus zu ziehen. Laur a's Häuschen ſtieß hinten an eine Allee, jenſeits von einem Fluſſe begränzt. Oft und gern verweilte Maria an den Fenſter ihres Schlafge⸗ maches, welches die Ausſicht dahin hatte. Einige Tage nach ihrer Verlobung ſtand ſie auch da, in Gedanken verſunken, das ſchöne Köpfchen auf die ſchöne Hand ſtützend, als ſie durch das Traben ei⸗ nes Pferdes in ihren Träumen geſtört ward, ſie blickte auf und ſah — einen Jüngling, ſchön wie der heilige Georg auf dem Altarblatte der Kirche, welche ſie täglich zu beſuchen pflegte, auf einem ſtolzen, andaluſiſchen Hengſte die Allee herab cour⸗ bettiren. Mit einem, ihr bis jetzt unbekannten Gefühle, verweilte ihr trunkenes Auge auf der reißenden Geſtalt des ſchönen Reiters, aber hoch erröthend ſchlug ſie die Augen nieder, als dieſer nach ihr aufſah; deſſen ungeachtet war es ihr nicht entgangen, daß ihr Anblick einen nicht unangeneh⸗ men Eindruck auf ihn gemacht zu haben ſchien: das beſtättigte ihr auch noch ſein öfteres Umſehen nach ihrem Fenſter, als ſie es ſchüchtern wagte, ihm verſtohlen nachzublicken. — Mit klopfendem — 232 — Herzen und wogendem Vuſen ſtarrte die Erregte dem Entſchwundenen nach — da durchriß ein gel⸗ lender Schrey die Luft! Aengſtlich wandte Maria das Auge nach der Gegend, woher der Schrey kam, da ſah ſie ein Kind mit den Wellen kämpfend, im Fluſſe untertauchen. Es hatte am Ufer geſpielt und unvorſichtiger Weiſe das Gleichgewicht verlo⸗ ren. Außer ſich vor Schrecken rief Maria mit lauter Stimme um Hülfe, — ſiehe, da kam mit Blitzesſchnelle der ſchöne Reiter herbey geſprengt, das Auge fragend nach der Zitternden gerichtet. Maria hatte jetzt für nichts als für die Rettung des Kindes Sinn, — Helft! Rettet! ſchrie ſie dem ſchö⸗ nen Jüngling zu, indem ſie krampfhaft nach dem Fluſſe deutete, wo das auftauchende Kind eben wieder ſichtbar ward und die kleinen Händchen aus den Fluthen nach Hülfe emporſtreckte. Raſch ſprang der Unbekannte vom Pferde, ſtürzte ſich, von einem Schreckensruf Maria's begleitet, in den Strom, worauf er bald darauf wieder auf⸗ tauchte und mit dem geretteten Kinde an's Ufer ſchwamm. Als er jedoch die Allee erreicht und das Kind den herbeygekommenen Aeltern übergeben hat⸗ te, ſank er ohnmächtig zur Erde; gerade in dem Augenblicke, als Maria mit ihrer Mutter aus der Hinterthür ihres Hauſes zu Hülfe herbey eil⸗ ten. — Laura's Haus war das beſte in der Nä⸗ he, um ſo weniger konnte dieſe dem Anſinnen der Nachbarn, den Ohnmächtigen bey ſich aufzuneh⸗ men, widerſtehen, ſo ungern ſie es auch that. Der herbeygehohlte Arzt erklärte die Ohn⸗ macht für die Wirkung des ſchnellen Wechſels von Erhitzung und Erkältung, die bald und ohne ſchlimme Folgen vorübergehen werde. Dieſe Pro⸗ phezeihung traf auch richtig ein. Nach einigen Minuten ſchlug der Jüngling ſein ſchönes Auge auf und ſein erſter Blick fiel auf die ängſtlich um ihn beſchäftigte Maria, deren Hand er, vom Dank⸗ gefühl durchdrungen, ergriff und heftig an die Lippen drückte. — Mit Unwillen bemerkte Laura dieſen leidenſchaftlichen Akt einer Dankbarkeit, de⸗ ren Grund ſie zu errathen glaubte; ein ſtrafbarer Blick traf die hoch erröthende Maria, welche bald darauf das Zimmer, auf Befehl der Mutter, ver⸗ laſſen mußte. Der Fremde, der ſich von ſeiner Unpäßlich⸗ keit zu ſeinem größten Leidweſen nur allzuſchnell erhohlt hatte, ſah ſich gezwungen, da er keinen Grund zum Längerbleiben finden konnte, ein Haus zu verlaſſen, in welchem er gern immer geblieben wäre. — Er ſäumte nicht, ſich am folgenden Mor⸗ gen wieder einzufinden, in der Hoffnung, das ſchöne Mädchen, das auf ſein Herz einen ſo ge⸗ waltigen Eindruck gemacht hatte, zu ſehen; allein die kluge Mutter empfing ihm ganz allein und gab ihm deutlich zu verſtehen, daß ſie eine Wiederhoh⸗ lung ſeines Beſuches überflüſſig finde. Es blieb alfo dem Armen nichts übrig, als die Allee fleißig auf und ab zu reiten, um das holde Kind wenig⸗ ſtens am Fenſter zu ſehen; auch däuchte es ihm, einige Mahle ſie hinter den Gardinen des Fenſters nach ihm hinſchielend, erblickt zu haben, und — er hatte recht geſehen. Der Druck ſeiner Hand, der feurige Kuß und mehr noch das ſprechende Auge hatten in Maria's Buſen eine Flamme entzundet, welche ihre Her⸗ zensruhe bedrohte. Es kam ihr vor, als wäre ſie plötzlich aus einem langen Traume erwacht, und die dunkeln Gefuͤhle, welche dann und wann ih⸗ ren Buſen mit unbegreiflicher Sehnſucht füllten, wurden ihr nun mit einem Mahle klar. — Mit Schrecken dachte ſie jetzt an ihr gegebenes Jawort, denn ſie war nun überzeugt, Pedro nie geliebt zu haben, und je mehr ſie ihn mit dem ſchonen Unbekannten verglich, um ſo mehr verlor er bey ihr, und um ſo höher ſtieg ihre Angſt vor dem entſcheidenden Tage. Der Beſuch des Fremden bey ihrer Mutter blieb ihr nicht verborgen, eben ſo wenig unbemerkt ſein öfteres Vorbeyreiten und ſein ſehnſüchtiger Blick nach ihrem Fenſter — Al⸗ les trug dazu bey, ihre Angſt zu vermehren. — 235 — Doch acht Tage vor dem verhängnißvollen Hochzeitfeſte blieb der Unbekannte plötzlich aus. So fleißig ſich auch Maria am Fenſter ſehen ließ, ſo ſcharf auch ihr Falkenauge umher ſpähete — der ſchöne Jüngling war nirgend zu erblicken. — „Er hat dich vergeſſen,“ ſeufzte Maria aus ge⸗ preßter Bruſt, „und in den Armen einer Glückli⸗ cheren als du Entſchädigung gefunden!“ Eine Thräne trat dabey in ihr Auge, welcher bald ein ganzer Strom folgte. — Dieſe Vermuthung gab ihr indeſſen doch einige Beruhigung und ſie konnte am Hochzeitrage mit der nothigen Faſſung Don Pedro zum Altare folgen, und das entſcheidende Ja, wenn auch nicht mit freyem Herzen, doch mit ziemlich feſter Stimme ausſprechen. Die rauſchen⸗ den Freuden des Hochzeitfeſtes, die zuvorkommen⸗ de Artigkeit ihres überſeligen Gatten, und die vielen koſtbaren Geſchenke zerſtreuten ihren Kum⸗ mer und entrückten ihrem Gedächtniſſe das Bild des ſchönen Unbekannten immer mehr. Wir wollen unſern Blick jetzt von der Reu⸗ vermählten ab und ihrem überglücklichen Gatten zuwenden, der in einem Meer von Wonne ſchwamm; um jedoch unſeren Leſern verſtändlich zu werden, müſſen wir um einige Wochen zurück ſchreiten. Eines Tages nach der feyerlichen Verlobung mit der holden Maria, als Pedro, um ver' — 336 — ſchiedene Vorkehrungen zu treffen, ausgefahren war und wieder nach Hauſe kehrte, meldete man ihm, daß ein Fremder ihn zu ſprechen wünſche. Ohne Verzug ließ ihn Pedro kommen, und es trat ein bildſchöner, ungefähr zwanzigjähriger Jüngling herein, ihm, nach einer kurzen Begrü⸗ ßung, einen Brief überreichend. — Kaum hatte Pedro den Brief erbrochen und einen Blick auf die Unterſchrift geworfen, als er freudig ausrief: „Von Don Luis d' Alavar, von meinem Her⸗ zensfreunde! Was macht er? Wie lebt er?“ „Er iſt todt!“ entgegnete der Jüngling, und eine Thräne füllte ſein ſchönes Auge. „Todt?!“ ſchrie Pedro: „wie iſt das mög⸗ lich? Jünger als ich, hat ihn das Schickſal“ — „Abgrufen in eine beſſere Welt, an die Sei⸗ te meiner guten Mutter!“ unterbrach ihn Alon⸗ zo, ſo hieß der Jüngling, und ſeine Thränen floſ⸗ ſen häufiger. Auch Pedro's Auge blieb nicht trocken, denn er hatte einen wahren Freund verloren, einen Freund, der zwey Mahl das Leben wagte, als Ge⸗ fahr dem ſeinigen drohte. — Endlich fand er ſo viel Faſſung, um den Brief zu leſen, der Folgen⸗ des enthielt: „Herzens Freund! „Mein Stündlein hat geſchlagen, bald ſtehe „ich vor Gott, um Rechenſchaft zu geben von mei⸗ „nem Thun hienieden. — Immerhin! Ich habe ei⸗ „nen ſanften Spruch aus des Ewigen Munde zu „erwarten. „Von einem Freund, der vor Kurzem aus „Lima hierher kam, erfuhr ich: daß Du Dich jetzt „daſelbſt aufhältſt und eines großen Vermögens „erfreueſt. Ich wünſche dazu vom Herzen Glück. „Mein Los war minder glänzend, und ich muß „meinen einzigen Sohn Alonzo, ohne Zuflucht, „den Stürmen des Zufalls Preis geben! — Sey „Du ihm Vater und ſorge für ſein Unterkommen. „Lebe wohl und glücklich, und vergiß nicht „Deinen bis in den Tod treuen Freund Luis d' Alavar.“ „Ich dich vergeſſen treue Seele?“ rief Pe⸗ dro: „Nimmermehr! Alles was ich beſitze, Don Alonzo gehört von nun an Euch eben ſo gut als mir; gebiethet über meine Kaſſe, über —“ „Darf ich Euch bitten, den Brief meines Va⸗ ters ganz zu leſen?“ unterbrach ihn Alonzo mit beſcheidener Miene. Pedro las: „Nachſchrift: — Glaube nicht, alter Freund, „ich wolle Dir meinen Sohn aufbürden, wie eine „drückende Laſt; — nein, nur deine Verwendung „für ſeine Anſtellung nehme ich in Anſpruch, ſonſt „nichts — hörſt Du? — ſonſt nichts! Durch Ge⸗ „ſchenke würdeſt Du ihn und mich erniedrigen. „Ich hinterlaſſe ihm ſo viel, als er vor der Hand „braucht, bis er durch Deine Fürſprache angeſtellt „iſt; ſeinen Unterhalt zu verdienen hat ihm Gots „Geſundheit und Kraft gegeben.“ Eine finſtere Wolke flog bey Leſung dieſer Worte über Pedro's Stirne, doch bald ver⸗ ſchwand ſie wieder, und er ſprach mit dem ihm ei⸗ genen einnehmenden Weſen zu Tlonzo: „Ich hoffe wenigſtens, Euer Vater hat Euch nicht ver⸗ bothen, ſo lange eine Wohnung in meinem Hauſe anzunehmen, bis ich ſeinen letzten Willen zu er⸗ füllen im Stande bin?“ Dieſes Anerbiethen auszuſchlagen wagte Alonzo nicht, aus Furcht den edlen Mann zu beleidigen, und ſo ward er denn Don Pedro's Hausgenoſſe. Im täglichen Umgang mit dem er⸗ fahrnen Freunde entfaltete ſich des Jünglings rei⸗ nes Gemüth immer ſchöner, und Pedro begann ihn von ganzem Herzen lieb zu gewinnen; wenn er aber ſeine Antinous⸗Geſtalt betrachtete, konn⸗ te er ſich der Sorge nicht erwehren, es möchte gefährlich ſeyn, ihn mit Maria bekannt zu ma⸗ chen, — mit einem Worte, unſer Philoſoph ward, troßz ſeiner gerühmten Weisheit, eiferſüchtig und beſchloß, ihm die bevorſtehende Vermöhlung verſchweigen, und Alonzo's Anſtellung nach Kräf⸗ ten zu betreiben. Es konnte dieſem nicht unbekaunt bleiben, was die ganze Stadt wußte; doch da Pedro ſeiner Braut mit keinem Worte erwähnte, ſo hielt er es für rathſam, die Gründe ſeines Schweigens ehrend, ſeinem Beyſpiel zu folgen. Ohne viele Mühe erhielt Pedro von der Gnade des Vice⸗ Königs eine anſtändige Stelle für ſeinen Schützling. — Kaum hatte Tlonzo ſeinen Poſten angetreten, als er eine Reiſe in Ge⸗ ſchäften nach Callao unternehmen mußte, wel⸗ che ihn auf mehrere Wochen von Lima entfernt hielt. — Mit inniglichem Vergnügen vernahm Pedro dieſe Rachricht, denn da Alonzo's Rück⸗ kehr erſt in jene Zeit fiel, wo Maria durch ein heiliges unauflösliches Band die Seinige gewor— den, ſo ſah er ſich durch dieſe Reiſe mit einem Mahle aller Beſorgniſſe enthoben. „Eure Entfer⸗ nung,“ ſprach er jedoch zu dem Abſchiednehmen⸗ den: „thut mir leid, weil ich hoffte, durch Eure Gegenwart mein nahes Hochzeitfeſt verherrlicht zu ſehen; doch die Rothwendigkeit gebiethet! So rei⸗ ſet denn in Gottes Nahmen, und kehret bald und wohl in die Arme Eures Freundes zurück.“ Alonzo ſuchte ſeine Geſchäfte ſo ſchnell al möglich zu beendigen, denn ihn zog ein gewalti⸗ ger Magnet nach Lima zurück. — Es gelang über Erwartung und er kam, kurz nach Pedro's Hoch⸗ zeitfeyer, in deſſen Hauſe an. Dieſer konnte und wollte dem Sohne ſeines Freundes den Anblick ſeiner jungen Gattinn nicht länger entziehen und ließ ſich daher mit ihm bey ihr melden. Maria war neugierig, Alonzo, von dem ihr Gatte ihr ſo viel Rühmliches erzählt hatte, kennen zu lernen. Die Thür rauſchte auf und her⸗ rein trat an Don Pedro's Hand — der ſchöne Unbekannte! Wie angedonnert ſtanden Maria und Alon⸗ zo, während Pedro ſie mit den Worten: „Der Sohn meines Freundes — Meine Gattinn“ — einander vorſtellte. „Das — das Eure Gattinn?!“ rief Alon⸗ zo nach einer langen Pauſe, ſchlug die geballten Hände vor das Geſicht und ſtürzte zur Thür hin⸗ aus; während Maria, von dieſer Scene ergrif— fen, ohnmächtig auf den Sopha zurück ſank, von dem ſie ſich vor Kurzem erhoben hatte, den Ein⸗ tretenden entgegen zu gehen. Pedro wußte nicht, wie ihm geſchah. Sei⸗ ner Gemahlinn beyzuſpringen, war ſeine erſte Sor⸗ ge; kaum hatte ſie ſich jedoch wieder erhohlt, und er ſie der ſorgfältigen Pflege ihrer Kammerfrauen anempfohlen, als er zu ſeinem jungen Freunde — ——— eilte, um von ihm, wo moͤglich, Aufklärung über dieſen ſonderbaren Auftritt zu erhalten; allein, er fand ſein Zimmer verſchloſſen. Zu ſeiner Gattinn zurückkehrend ſuchte er bey ihr Löſung des Räth⸗ ſels — ein Strom von Thränen war ihre einiige Antwort! Eine finſtere Ahnung ſtieg in ſeinem Buſen auf, die keinesweges dazu geeignet war, ſeine Unruhe zu beſchwichtigen. — Nach einigen Stun⸗ den peinlicher Ungewißheit ließ ihn Alonzo um eine Unterredung unter vier bitten. Er eil⸗ te zu ihm. Bleich und verſtört fand er Alonzo, eine flammende Röthe flog bey ſeinem Eintritt über des Jünglings Geſicht, die jedoch der vorigen Todes⸗ bläſſe bald wieder Platz machte. „Ich bin Euch,“ begann Alonzo nach einer kurzen Pauſe ſichtbaren innerlichen Kampfes, „Er⸗ klärung über mein ſonderbares Betragen ſchuldig. Der Verſtellung unfähig, will ich offen mit Euch ſprechen, und hoffe, Ihr werdet mein Geſtändniß zu würdigen wiſſen. Vernehmet denn, ich liebe — liebe mit aller Macht der erſten Reigung — Eure Gemahlinn!“ Die Reihe zu erblaſſen kam jetzt an Don Pe⸗ dro „Fürchtet nichts,“ beſchwichtigte ihn Alon⸗ zo, „Ihr habt es mit einem ehrlichen Manne zu L thun, der ſeine Pflicht kennt und ehrt.“ — Nun fing er an, dem erſtaunten Pedro zu erzählen, wie ein Zufall ihn mit Maria bekannt gemacht, wie ihr Anblick ſein Herz bezwungen und ihre Sorgfalt, als jene Unpäßlichkeit ihn des Bewußt⸗ ſeyns beraubt hatte, den glimmenden Funken zur hellen, ewig lodernden Flamme angefacht habe. — „Adein,“ ſchloß der edelmüthige Jüngling, „ſie iſt Euer Weib, Ihr ſeyd ihrer werth. Ich kann nichts thun, als mein unglückſeliges Schickſal an⸗ klagen! — Rie ſehe ich Maria wieder; doch hier in ihrer Nähe zu weilen, iſt mir unmöglich⸗ — Ich werde mich noch in dieſer Stunde zum Vi⸗ cekönig begeben und ihn um eine Miſſion in eine entfernte Gegend, wo möglich in einen andern Welttheil bitten; dieſes Geſuch zu unterſtützen er⸗ ſuche ich Euch. Ihr werdet die letzte Bitte von deren Erfüllung meine Ruhe — wenn dieſes Herz anders jemahls wieder Ruhe finden kann — ab⸗ hängt, dem Sohne Eures Freundes nicht ab⸗ ſchlagen.“ Vergebens ſuchte ihn der tiefbewegte Pedro von ſeinem Vorhaben durch allerhand PVorſchläge abzubringen; er blieb unerſchütterlich bey ſeinem Eutſchluß, und Pedro ſah ſich gezwungen, ihn zum Vicekönig zu begleiten. „Euer Geſuch, antwortete der Vicekönig auf Alonzo's Bitte: „kommt mir eben gelegen. Ich habe Auftrag, unverzüglich einen erfahrnen Mann nach den Philippiniſchen Inſeln zu ſenden, der ſich genau über den Zuſtand der dortigen Kolonion un⸗ terrichten, dann nach Spanien reiſen, und den Regierung treuen Bericht erſtatten ſoll. Hierzu er⸗ wähle ich Euch, Don Alonzo, jedoch müßt Ihr Eure Reiſe ſpäteſtens in drey Tagen anzutreten be⸗ reit ſeyn. Im Hafen von Callao iſt ein ſegelferti⸗ ges Schiff, das Euch an den Ort Eurer Beſtim⸗ mung bringen wird.“ Dankbar, wie eine beglückende Wohlthat, empfing Alonzo dieſen Auftrag, und ſchon am. folgenden Morgen befand er ſich, von ſeinem Freunde, der die Seelengröße des edlen Jüng⸗ lings voll tiefer Rührung bewunderte, mit dem heißeſten Wunſche für ſein Wohl begleitet, auf dem Wege nach dem Hafen, wo das Schiff vor Anker lag, das ihn nach einer andern Hemiſphäre brin⸗ gen ſollte, wo er Vergeſſenheit und Ruhe zu fin⸗ den hoffte! Maria's Lage war nicht glücklicher! Alon⸗ zo's Benehmen, ihres Gatten Erzählung von der Seelengröße des ſeltenen Junglings — denn Pe⸗ dro dachte zu edel, um ſeiner Gattinn daraus ein Beheimniß zu machen, — überzeugte ſie, daß ſie L 2 — — unausſprechlich geliebt ward, geliebt von dem ſchönſten, dem edelſten Jünglinge. Sie fühlte, was ſie mit ihm verloren hatte, und finſtere Schwer⸗ muth bemächtigte ſich ihres Gemüthes. Vergebens trachtete ihr Gemahl und ihre Mutter den Trüb⸗ ſinn zu verſcheuchen — ihre frohe Laune war da⸗ hin. Sie verehrte Don Pedro, aber lieben — lieben konnte ſie ihn nicht. Auch gegen ihre Mutter hatte ſich Maria's Herz gewaltſam verſchloſſen; ſie ſah ſich gezwun⸗ gen, ſie als Urheberinn ihres Unglücks anzuſehen und, ſo viele Mühe ſie ſich auch gab, vermochte ſie doch nicht das bittere Gefühl zu unterdrücken, das ſich ihrer bey'm Anblick derſelben bemächtigte. — Es konnte Laura nicht verborgen bleiben, wie viel ſie bey ihrer Tochter verloren hatte, auch fühl⸗ te ſie ſich nur allzubald in den Cirkeln der großen Welt nicht an ihrem Platze; ſie verließ daher Don Pedro's Haus und bezog ihre alte Wohnung wieder, wo ſie, obgleich von ihrem Schwiegerſoh⸗ ne reichlich unterſtützt, dennoch ein trauriges, freudenleeres Leben führte. Alonzo hatte, nach einem langwierigen Aufenthalt in den Kolonien, ſeine Geſchäfte glück⸗ lich vollendet und den geheiſchten Bericht in Ma⸗ drid erſtattet. Die Beſorgniß, in der Rähe der Geliebten nicht Kraft genug zu haben, der Leiden⸗ ſchaft Meiſter zu bleiben, die ihn verzehrte, be⸗ ſchloß er, nicht mehr nach Lima zurückzukehren. Auf ſein Geſuch ward er in der Reſidenz angeſtellt und zu manchem ſchwierigen Geſchäft verwendet, wodurch er Gelegenheit erhielt, dem Staate we⸗ ſentliche Dienſte zu leiſten. So waren mehrere Jahre verfloſſen, als Alonzo eines Tages zu dem Miniſter gerufen wurde und von ihm den Auftrag erhielt, ſich zu einer geheimen Miſſion bereit zu machen. Der Zweck und der Ort ſeiner Beſtimmung ward ihm in einem verſiegelten Paket überreicht, welches er erſt auf dem Schiffe, mit dem er abreiſen ſollte, erbrechen durfte. Alonzo hatte die nöthigen Vorkehrungen bald getroffen und beſtieg das be⸗ zeichnete Schiff, das, wie es hieß, ſeinen Anker nach St. Domingo lichtete. Nachdem das Schiff den Hafen verlaſſen und das offene Meer erreicht hatte, erbrach Alonzo ſeine verſiegelte Ordre und las mit einer Miſchung von Freude und Schmerz, daß Lima der Ort ſeiner Beſtimmung ſey. Nachdem er ſich von ſeiner Gemüthsbewegung einigermaßen erhohlt hatte, theilte er dem Capi⸗ tain ſeine Entdeckung mit; dieſer beruhiste ihn mit der Verſicherung: daß der Hafen von Callao auch das Ziel ſeiner Reiſe und die Fahrt nach St. Domingo nur ein Vorwand ſeh, zu welchem er durch höhere Befehle beſtimmt worden. Kach einer langen, beſchwerlichen Fahrt er⸗ reichte das Schiff gegen das Ende des Oktobers 1746 die Höhe von Lima. Der acht und zwanzig⸗ ſte Oktober neigte ſich zu ſeinem Ende, als daſ⸗ ſelbe um halb eilf Uhr Abends im Angeſicht des Hafens von Callao erſchien. Mit einem Mahle ſing das Meer an, ohne alle äußere Veranlaſſung, anzuſchwellen und aufzubrauſen, von einem dum⸗ pfen Getöſe begleitet. Der erfahrne Capitain er⸗ kannte in dieſem Anzeichen die Wirkung eines Erd⸗ bebens; ſchnell ließ er die Segel einziehen um die Breite zu gewinnen, und rettete auf dieſe Weiſe ſich und ſeine ganze Equipage vor dem ſichern Un⸗ tergange; denn eine halbe Stunde darauf über⸗ ſtieg das Meer mit furchtbarer Gewalt ſein Ufer und überſchwemmte das flache Land Meilen weit: eine große Anzahl Unglücklicher, die ſich nach Lima retten wollten, fanden auf der Landſtraße den Tod in den Wellen, von drey und zwanzig Schiffen, die ſich im Hafen befanden, wurden neunzehn von dem empörten Meere verſchlungen, und die übri⸗ gen viere mit unglaublicher Gewalt weit hin auf das feſte Land geſchleudert. Furcht und Entſetzen herrſchte die ganze Nacht hindurch auf dem Schiffe, Alles bebte, doch Alon⸗ — zo am meiſten, denn man konnte mit Grund ver⸗ muthen, daß die grauenvollen Verwüſtungen die⸗ ſes furchtbaren Aufruhrs der Natur ſich auch nach Lima erſtreckten, und dort wohnte — Maria! Endlich brach der erſehnte Morgen an, mit ihm kehrte das beſänftigte Meer in ſein Bette zu⸗ rück; doch das regſame Callao mit ſeinen fleißigen Einwohnern — ſiebentauſend an der Zahl, — war ein Raub der Wellen geworden! Nun ver⸗ mochte es Alonzo nicht mehr, am Bord auszu⸗ halten. Mit Hülfe eines Kahnes ſuchte er einen ſichern Ladungsplatz und eilte auf Umwegen Lima zu erreichen. Allenthalben ſtieß er auf Spuren der Verwüſtung und erreichte endlich mit unbeſchreib⸗ licher Angſt die Hauptſtadt von Peru, die geſtern noch ſechszigtauſend Einwohner zählte und in ſtol⸗ zer Pracht prangte — doch, wie war es heute! Von all' den ſtolzen Thürmen, den ſchönen Klö⸗ ſtern, den herrlichen Palläſten und Kirchen, war keines der zerſtörenden Gewalt entgangen; nur fünf und zwanzig Häuſer waren durch ein Wunder unverſehrt geblieben. Ueber Schutt und Ruinen mußte ſich Alon⸗ zo mühſam einen Weg bahnen, vergebens eine Spur ſuchend, die ihn zur Wohnuns ſeines Freun⸗ des leitete. Als er einen großen Platz erreichte, gewahrte er mehrere Männer, welche große Gru⸗ 4 ben machten, in welche andere die Todten ſo lan⸗ ge auſſchichteten, als noch Raum übrig war, und ſie dann mit Erde deckten. Alonzo bemerkte unter der großen Anzahl von Todten viele Frauen, er ſammelte ſeinen ganzen Muth und prüfte jedes einzelne Geſicht, jeden Augenblick befürchtend, die theuern Züge Maria's zu erkennen. Obgleich ſein guter Engel ihn vor dieſer fürchterlichen Ent⸗ deckung bewahrte, ſtand ſeinem Muthe dennoch ei⸗ ne harte Prüfung bevor, denn er erkannte in der letzten Leiche — Laura, Maria's Mutter? Seine Kräfte ſchienen ihm bey dieſem Anblick ver⸗ laſſen zu wollen, denn er konnte beynahe nicht mehr zweifeln, daß Maria ein gleiches Los ge⸗ troffen, weil es ihm unbekannt war, daß Laura nicht mehr bey ihrer Tochter wohnte. Hoffnung. und Liebe richteten jedoch ſeinen geſunkenen Muth wieder auf. Troß der allgemeinen Verwüſtung ge⸗ lang es ihm, den Garten zu entdecken, der an Pedro's Pallaſt ſtieß. Ueber die Trümmer der gingeſtürzten Mauer ſchritt er durch die ihm wohl⸗ kannten Alleen, dem Wohnhauſe zu, deſſen Sſiölze Pracht, in einen Steinhaufen verwandelt, vor ihm lag. Im Hofe ſah er zwey Diener Pe⸗ dro's, welche bemüht waren, Koſtbarkeiten, Le⸗ bensmittel und Geräthſchaften aus den Trümmern hervor zu ziehen. Auf ſein ſtürmiſches Forſchen — 249 — nach dem Schickſal ihrer Herrſchaft ward ihm von ihnen zur Antwort: Sie wären geſtern in Geſchäf⸗ ten auf das nahe Landgut Don Petro's verſchickt worden und hätten heute bey ihrer Zurückkunft nur die Ruinen des Pallaſtes, aber weder Herrſchaft noch Dienerſchaft gefunden. Alonzo hoffte, Pedro und Maria könn⸗ ten, von eingeſtürzten Mauern verſchuttet, in ir⸗ gend einem noch unverſehrten Gemache nach Ret⸗ tung ſchmachten; er forderte die beyden Diener auf, ihm bey Durchſuchung der Ruinen behülflich zu ſeyn und verſprach ihnen reichlichen Lohn; doch dieſe hielten das Wageſtück für zu halsbrechend, indem die Erde noch nicht ganz ruhig war und man noch hier und da Mauern einſtürzen ſah und hörte. Alonzo drehte ihnen verrächtlich den Rücken zu und ſchritt, ſo ſehr ſie ihn auch bathen, von ei⸗ nem Unternehmen abzuſtehen, das ihn dem ſichern LTod entgegen führe, muthig zwiſchen die Ruinen, einen Eingang ſuchend. Bald entdeckte er eine Thür, die zu einem feſten Gewölbe im Erdgeſchoß führte, nur einzelne Steine lagen davor, die leicht überſprungen waren. Die Thür war offen, einige Stufen führten in das dunkle Gewölbe hinab. Kaum hatte er den Boden deſſelben erreicht, als er im Dämmerſchein, welcher durch die geöffnete Thür her⸗ einfiel, einige Schritte vor ſich etwas Weißes ge⸗ 8 4 8 3 wahrte. Haſtig eilte er darauf zu und erkannte ei⸗ ne weibliche Geſtalt. Er warf ſich lautrufend vor ihr nieder, nur das dumpfe Echo des Gewölbes antwortete ihm, unbeweglich lag die weibliche Geſtalt in ſeinen Armen. Entſetzen ſträubte ſein Haar aufwärts bey dem Gedanken, es ſey Ma⸗ ria's Leiche. Nicht länger vermochte er die Schre⸗ cken dieſes Zweifels zu ertragen, er nahm die Ge⸗ ſtalt, mit Anſtrengung aller Kräfte auf die Schul⸗ tern und trug ſie in's Freye. Erſchöpft ſank er mit ihr hin. Den Reſt ſeiner Kräfte ſammelnd, richte⸗ te er ſich nach einer Weile auf, Entſcheidung der fürchterlichen Ungewißheit zu erlangen; er ſah in das bleiche Geſicht und — erkannte Maria! dieſer Anblick raubte ihm das Bewußtſeyn, ohn⸗ mächtig ſank er neben der Lebloſen nieder. Als er wieder zu ſich kam, zog ſein Rufen die Diener, die ihn ſchon für verloren hielten, herbey. Mit ihrer Hülfe trug er Maria in den Garten, legte ſie auf eine weiche Moosbank und rieb ihr die Schläfe mit Wein, welchen die Diener aus dem Schutt gerettet hatten. Lange blieben ſeine Bemühungen fruchtlos, doch endlich — o der Wonne! — zeigte der kräftigere Puls⸗ ſchlag von wiederkehrendem Leben, und nach weni⸗ gen Minuten ſchlug die Angebethete das ſchöne Auge auf. Alonzo vergaß in dieſem Momente ſich, die Welt, Alles, ſein ganzes Weſen erfüllte die Wonne die Geliebte durch ein Wunder geret⸗ tet zu ſehen! Befremdet blickte die Erwachte um ſich, nicht begreifend, wie ſie hierher gekommen; da fiel ihr Blick auf Alonzo — plötzlich ſchien ſie, des Vergangenen ſich erinnernd den Zuſammenhang zu errathen: eine ſchöne Röthe färbte ihre bleiche Wange, von ſeligem Entzücken erglänzte ihr Auge, und mit ſüßen Flötentönen liſpelte der holde Mund: „Alonzo! Ihr mein Retter?!“ In nahmenloſer Luſt drückte der Ueberglück⸗ liche ihre dargereichte Hand an ſeine brennenden Lippen. Das Feuer ſeiner Küſſe ſchien Maria ihre volle Beſinnung wieder zu geben. Erſchrocken richtete ſie ſich auf und rief, ſcheu um ſich blickend: „Wo iſt mein Gemahl? Er iſt doch auch gerettet?“ Das Achſelzucken der Diener beantwortete ihre Fra⸗ ge zur Genüge. Schnell raffte ſie ſich empor und ſchritt raſch zu Klonzo hin, der, bey ihrer Fra⸗ ge wie vom Bliß getroffen, aufgeſprungen und, ſich die Augen mit den Händen bergend, einige Schrittezurück gewichen war: „Alonzo, mein Er⸗ retter“ ſprach ſie zu ihm: „Euer Freund, mein Gatte iſt ein Raub des Todes, wenn Eure Groß⸗ muth ihm nicht hülfreiche Hand leiſtet. In demſel⸗ ben Gewölbe, wo Ihr mich gefunden, muß auch — 252 — er ſeyn. Eilt, rettet ihn, ehe es vielleicht zu ſpät wird!“ Alonzo ſah ſie an, mit einem Blick, als wollte er ſagen: Grauſame, was forderſt du von mir! — als aber ihr Auge das ſeinige traf, da überflog eine dunkle Röthe ſein Geſicht, gewaltſam richtete er ſich auf und eilte nach dem Gewölbe. Die Diener, durch ſein Beyſpiel ermuthigt, folg⸗ ten ihm dieſes Mahl; auch Maria verſuchte es, doch ihre Kräfte reichten nicht hin, ſie mußte zu⸗ rück bleiben. Aus einem Winkel des Gewölbes erſcholl lei⸗ ſes Gewimmer, Alonzo eilte darauf zu — da lag Don Pedro durch einen herabgefallenen Stein ſchwer verletzt; die Zugluft, welche durch die offen gelaſſene Thuͤr in das feuchte Gewölbe drang, hatte ihn vor wenigen Augenblicken aus einer ſchweren Ohnmacht geweckt. Von den Die⸗ nern unterſtützt brachte Alonzo den Verwundeten in den Garten, legte ihn ſchweigend neben Maria auf den Raſen und ging, um einen Ort zu ſuchen, wo man den Kranken ſchicklich unterbringen könnte. Ein Pavillon des Gartens ſtand, bis auf das herabgeworfene Dach, noch ganz, auch fand ſich, neben andern Geräthſchaften, ein weiches Ruhe⸗ bett darin. Hierher ließ Alonzo den kranken Freund bringen, nachdem er das fehlende Dach 5 — 83 — durch ein Stück Segeltuch erſetzt hatte⸗ Pedro mußte bereits durch ſeine Gattinn von Alonzo's edelmüthiger Aufopferung unterrichtet ſeyn, denn als dieſer zu ihm trat, ergriff er ſeine Hand und drückte ſie ſo feſt an ſein Herz, als ſeine erſchöpf⸗ te Kraft es erlaubte: ſprechen konnte der Arme nicht, aber eine Thraͤne trat in ſein mattes Auge, die mehr ſagte, als Worte auszudrücken fähig ſind. Seine Rührung verbergend, riß ſich Alon⸗ zo los von dem Freunde, um einen Wundarzt aufzuſuchen. Es gelang ihm, gegen Vermuthen, bald einen zu finden; als dieſer aber die Wun⸗ de des Kranken unterſuchte, ſchüttelte er be⸗ denklich den Kopf, und obgleich Pedro durch die Vemühungen des Arztes die Sprache wieder gewann, ſo verſicherte doch dieſer bey'm Wegge⸗ hen den ihn begleitenden Alonzo, daß er an der Rettung des Patienten zweifle. Pedro mußte ſeinen Zuſtand fühlen, denn er bath, ihm vor Allem einen Prieſter und einen RNotar herbey zuſchaffen. Das war in der allge⸗ meinen Verwirrung nicht ſo leicht. Alonzo und Maria waochten die Nacht hindurch an Pedro's Krankenlager und entfernten ſich nur auf ſein Geheiß, 4 s am folgenden Morgen der nach lan⸗ — — dieſem folgte hald ein Prieſter: mit Beyden ſchloß ſich der Kranke mehrere Stunden lang ein. Als Nlonzo und Maria endlich auf den Wunſch Pedro's wieder in den Pavillon traten, fanden ſie ihn ſihtbar erſchöpft, er winkte ihnen, näher zu treten und legte ihre Hände in einander, indem er auf ein verſiegeltes Papier deutete; dann ſeufzte er tief auf, wie Einer, der eine drückende Laſt abwirft, ſank zurück — und war nicht mehr! Groß und aufrichtig war Beyder Schmerz über den Verluſt des verehrten Todten. Maria zog auf ihr Landgut und trauerte in ſtiller Abgeſchiedenheit um den verlornen Gatten; ſelten erlaubte ſie dem geliebten Alonzo, der in kima zurück blieb, ſie beſuchen zu dürfen. Endlich erſchien das Ende des Trauerjahres und mit ihm der Tag, wo das hinterlaſſene Teſta⸗ ment Don Pedro's geöffnet werden mußte: ſo war es von ihm angeordnet worden. Der edle Mann hatte ſein ganzes Vermögen ſeiner Gattinn Ma ria und ſeinem Freunde Nlonzo vermacht, mit der Bedingung das Veyde ſich ehelichen ſollten. Durchdrungen von innigem Dankgefühl ſeg⸗ neten die Liebenden die Aſche des theuern Lodten und prieſen laut der Vorſehung Weisheit, welche ihnen aus den Gräueln der Zerſtörung des Glü⸗ ckes ſchönſte Blume erblühen ließ. Folgende Unterhaltungsſchriften der Verlagshandlung verdienen em⸗ pfohlen zu werden. Aehrenleſe, Sammlung von Bruchſtücken zur ältern und neuern Geſchichte, Literatur und Völkerkunde. gr. 12. 1819. cartonirt. (In Commiſſion.) 1 Thlr. oder 1fl. 43 kr. Antipoden, moraliſch⸗ romantiſche Doppelerzäh⸗ lungen. 1818. broch. 16 gr. oder 1 fl. 12 kr. Blüthen und Blumen des Geiſtes und des Ge⸗ fühles. Aus Kotzebues Schriften geſammelt und mit Bemerkungen begleitet von Anton Freund. 12. 1319. geh⸗ 3 gr. oder 36 kr. Fehde, dem Unmuth und der Langenweile. Eine Auswahl Romane u. intereſſanter Erzählungen. 12. mit 1 Kupf. 1318 broch. 3 gr. od. 36 kr. Geſchichten, kleine abentheuerliche, Erzählungen und Anekdoten. Von K. A. Langbein 12. Rit 1 Kupf. 1817. broſch. 3 gr. oder 36 kr. Lembert J. W., die Brautwahl, Luſtſpiel in drey Aufzügen. 12. broſch. Müller, Friedr., Spaniſche Liebe. Ein Gedicht in 4 Geſängen 12. 1820. geh. 12 gr. od. 54 kr. Philipp, C., Zeitgemälde nach erhabenen Ge⸗ genſtänden der Wirklichkeit. Mit Portrait der — Kaiſerinn von Deſterreich 3. 1317. b Rieſch, Franz Grafen von, Bühnenſpiele 1. Thl. enthaltend Luſtſpiele, 2. Thl. 1 Trauerſpiel in fünf Aufzügen und 1 Drama in drey Auf⸗ zügen enthaltend z 3. Thl. enthält g Luſtſpiele, 4. Thl. enthält 1 Trauerſpiel in fünf Aufzü⸗ gen, 1 Drama in drey Aufzügen und 1 Schau⸗ ſpiel in drey Aufzügen. gr. 12. gebunden je⸗ 8 der Band 1 Thl. oder 1 fl. 4 kr. (Die Stücke aus dem 2. und 4. Band ſind auch einzeln zu haben). Seltſame Reiſen und Abentheuer vom Herrn Peter von Großmaul, Taufpathen Münchhau⸗ ſens. Mit vielen Kupf. 8. Peru, 1320. geh. (In Commiſſion) 1 Thl. 8 gr. od. 2 fl. 24 kr. Stahl, Caroline, Erzählungen. 12. 1820. geheftet 20 gr. oder 1 fl. 30 kr. Tankredi, eine lokale Parodie in zwey Akten. von Adolph Bäuerle. Zweyte Aufl. g. 1817. broſch. 6 gr. oder 27 kr. 3 gr. oder 36 kr. Schreibp. 10gr. od. 46 kt. 8 O78 g14 senqae