— Leihbibliothek + deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepneis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe — 0 hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wchenlic 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: TN — 1N 2F 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren. Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeſigeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſiattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ⁰ Außeichnungen von Cornhill nach Groß⸗Cairo von W. W. Thackeray. Aus dem Engliſchen von O. L. Heubner. Zweiter Theil. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1851. Eine Reiſe von Cornhill nach Cairo. Zweiter Theil. Aufzeichnungen. l. 1 I. Die weiße Bö. — Auf dem Verdecke, gaͤhnend, Lag ich im Zelt, mich dehnend, Und nach der Sonne ſehnend, Eh' noch das Fruͤhroth graut'. und mehr als des Dampfrohrs Droͤhnen und mehr als des Windes Stoͤhnen Macht ein Chor von Schnarchetoͤnen Sich in der Kajuͤte laut. und als ich dieſes Schnarchen hoͤrte, Das mich von ihrem Schlaf belehrte, Den ich doch auch ſo heiß begehrte, — Ward ich nicht ſonderlich erbaut. 1 und ich lag, mich wundernd, wie nicht Tag es ward, und ſchaut aufs Zwielicht und den Himmelsſchein, der hie bricht Quer durch das Verdeck ſich hin. Ich ſah der Maſten graue Spitzen, Des Todtenauges duͤſter Blitzen, Der Feuerfunken wirbelnd Glitzen, Wie ſie vom Schornſtein niederſpruͤhn; unſer ſchwimmendes Gefaͤngniß Zeigte nichts als Schlafempfaͤngniß, und kein Stern in der Bedraͤngniß Mag des Nebels Qualm durchgluͤhn. Viel ſeltnes Volk das Schifflein fuͤhret; Juden ſind hundert einpaſſiret, All' ungewaſchen, unraſiret, und ungekaͤmmt, ſchwarz, grau und braun. Ei, wie kaͤmet ihr in Noͤthen, Muͤßtet ihr die neuen Propheten, Die nur kratzen, die nur beten, Schmutzige Rabbiner, ſchaun; und ſehn, wie ſchmutz'ge Kinder rekeln, und ſehn, wie ſchmutz'ge Pfannen prekeln, und ſehn, wie ſchmutz'ge Finger haͤkeln Nach einem Heer von Floͤhen traun. An Backbord war'n mit ihren großen Pfeifen, und ungeheuren Hoſen, Und braunen Backen, bartumfloſſen, Tuͤrken und Griechen einlogirt; und ſchmauchend, ſchweigend im Gewuͤhle, Saß jeder ſchmunzelnd auf dem Pfuͤhle, Indeß das Kindervolk beim Spiele In Saus und Braus umher trottirt. Ja, ſchmunzeln mußte ſelbſt der Dichter, Als er die ſchmunzelnden Geſichter und all' das frohliche Gelichter Der kleinen Heidenwelt ſtizzirt. Und wie die Stunden zogen, Rollt durch des Meeres Wogen, Iberia, kuͤhn gebogen, Eh' noch der Tag ſich ruͤhrt — Da, mit einem Male, brauſend Kam die Boͤ, durchs Waſſer ſauſend, Hat gethuͤrmt den Wolkenwagen, Und die See zu Schaum geſchlagen, Und die dumpfen Donner ſchuͤttern, und die lichten Blitze zittern, Und das Schiff, das ganze Meer, Tobt im Aufruhr hin und her. Nun begann der Wind ein Heulen, Und der Pudelhund ein Qeulen, Und der Hahn ein Dudelduenz und die alte Kuh ein Muhen, Und das Gaͤnſevolk ein Gackeln, und das Tauwerk und die Takeln Kniſtern, platzen, krachen, praſſeln Bei des Sturmes wildem Raſſeln. Ueber's Deck hin ſtroͤmen Fluͤſſe, heber's Dampfrohr Schaumesguſſe, Alles Volk erliegt dem Naſſen, Vom Matroſen an den Braſſen Bis zur ſchwarzen Feuerratte In der ruſ'gen Hangematte. und der Kap'tain commandiret, und das Schiffsvolk manoeuvriret, und der Quarterdeck⸗Matroſe Wird gepeitſcht im Sturmsgetoſe, und die Paſſagier' erwachen, Furchtbar hin und hergeſchlagen, und der Kellner ſpringt und eilet Nach den Becken unverweilet. und die Griechen knien und ſchauern, Zittern, beben, jammern, trauern, Als die Waſſer, wild ergoſſen, 8 ueber ſie dahin gefloſſen. und zu allen Heil'gen beten Sie in ihren großen Noͤthen, Fuhlen's ſchon in Mark und Knochen, Juͤngſter Tag ſei angebrochen. Und ein Schrecken kam und Grauen ueber alle turkiſchen Frauenz Ihre Kindlein an ſich druͤcken Muͤtter mit entſetzten Blicken, und die Männer ſingen: „Fllah! „Allah! Maſhallah Bymillah!“ Flehn zu dem Prophet befliſſen, Ohne viel davon zu wiſſen — Als ſie ſich hineingezogen Sehen in den Kampf der Wogen. „ Aber Juda's Flohvolk plotzlich Huͤpft und beißt nun ganz entſetzlich; Jakobs Kinder all' erwachen, Wie ſie auf den Hauptdeck lagen, (Denn Kajuͤte, daß ich wuͤßte, Zahlt kein ſolcher Talmudiſte,) Und mit Weheruf und Klagen, Und mit heulendem Verzagen Schreit's und jammert's voller Schrecken In den ſchmutz gen Judenroͤcken. Doch von Waſſern, die ſie haſchen, Wird nun Mann und Weib gewaſchen, und, wie Sack und Pack ſie luͤften Weht's in hunderttauſend Duͤften. Dies war die Weiße Boͤ, die wilde, und wen mit Schrecken ſie erfuͤllte, Der weiß in den Septembertagen Vom acht und zwanzigſten zu ſagen. Da kam ein preußiſcher Rittmeiſter, So einer der geſchnuͤrten Geiſter Von baͤrtigen Paraderoſſen, Auf das Verdeck heraufgeſchoſſen, und rief erſtaunt: „Potz tauſend, Wie iſt der Stuͤrm jetzt brauſend?“¹) Was that nun Kapitain Lewis? Der ſtand ganz ruhig da, und blies Den Tabaksrauch in all den Laͤrmen, Die Boͤ ſchien ihn nicht ſehr zu und oft noch dachten wir daran, Vie wir im Sturm ihn laͤcheln ſahn, *) Die geſperrten Worte ſtehen, ſo wie hier, auch im Hriginale deutſch. Denn ſolchem Wind, das konnt' er ſehen, Wird's wackre Schiff noch widerſtehen. Oft wenns uns ſchon wie Wrack umkrachte, Und Jeder an ſein Stuͤndlein dachte, Wie munter hat er's da regieret, und durch den Saus hindurchgefuͤhret; Und wenn's im Sturm zur Seite flog, Da rief er: „George, ein wenig Grog!“ Nun hat die Boͤ ſich gezogen, Der harmloſe Sturm iſt verflogen, Und ſtrahlend uͤber die Wogen Erhebt die Sonne ſich. Ei, jetzt, ſo ſollt' ich meinen, Bei dieſem hellen Scheinen Erwachen daheim die Kleinen und laͤcheln, und beten fuͤr mich. „ II. Telmeſſus. Beyrut. Telmeſſus. — Halil Paſcha. — Beyrut. — Ein Portrait. — Ein Ball an Bord. — Ein ſyriſcher Prinz. Es haͤtte ein Dichter bei unſerer Geſellſchaft ſein ſollen, um die bezaubernde Bai von Glaukus, in welche wir am 29. September einliefen, zu beſchreiben. Un⸗ ſer Dampfboot war das erſte, welches durch dieſe rei⸗ zenden Gewaͤſſer rauſchte. Man kann dieſe entzuckende Epiſode der dichteriſchen Natur nicht in Proſa wieder⸗ geben; in einer Symphonie voll der lieblichſten Melo⸗ dien und ſchwellendſten Harmonien muͤßte man es thun koͤnnen, oder man muͤßte ſie in einem Kranze kry⸗ ſtallreiner Jamben beſingen, wie ſie Milnes zu ſchrei⸗ ben weiß. Eine bloße Skizzirung in Worten kann kei⸗ nen Begriff von dieſer herrlichen Natur gewaͤhren. Was laͤßt ſich mit Gebirgen in Lettern anfangen, oder 0 mit Fluͤſſen in Herrn Vizetelle's beſtem Brevier? Da liegt die wonnige Bai, friedlich im roſigen Sonnenſcheine gluͤhend; gruͤne Eilande tauchen hie und da aus ihren Gewaͤſſern empor; purpurne Berge umgeben ſie im ſchwellendem Halbkreis, und ihnen entgegen, von dem Golfe aus ſich erhebend, erſtreckt ſich eine reiche, gruͤne Ebene, fruchtbar mit einem dichten Pflanzenteppich und mannichfachem Baumſchlag bedeckt, aus welchem weiße Haͤuſer hervorleuchten. Hier ſehe ich noch ein Thuͤrm⸗ chen und einige ſich weit ausbreitende Palmbaͤume; allein abgeſehen von dieſen, wuͤrde meine Beſchreibung ebenſogut auf die Bantry⸗Bai, als auf Makri paſſen. Man wuͤrde, ohne den Platz geſehen zu haben, ebenſo, ja noch weit bezeichnender und praͤchtiger ſchildern koͤn⸗ nen, wenn man Beauforts Karamania geleſen, welche aber immer keine Idee davon gewaͤhrt. Man denke, daß der große Hydrograph der Ad⸗ miralitaͤt, der den Platz aufgenommen hat, ſelbſt nicht im Stande iſt, ihn zu beſchreiben; man denke, daß Herr Fellowes, der ihn ſpaͤter noch einmal unterſuchte — ich ſage Sir John Fellowes, Ritter c. — es nicht ver⸗ mochte (denn welcher Mann von noch ſo lebhafter Einbildungskraft kann ſich nach ſeinem Buche ein Bild von Telmeſſus entwerfen?) — wie ſollte ich ſo eitel ſein, zu hoffen, daß mir ein Verſuch gelingen werde? Die Wirkung, welche der Kuͤnſtler zu erreichen hat, muß, meiner Anſicht nach, darin beſtehen, daß er durch ſeine Kunſt in dem Gemuthe des Horers einen Eindruck hervorbringt, welcher demjenigen, den er ſelbſt beim An⸗ blicke des Naturſchauſpiels empfunden hat, ziemlich gleichkommt. Nur Muſik, oder eine vorzuͤgliche Poeſie, vermag dies zu erreichen. Horaz's Ode auf die grie⸗ chiſche „Urne“ iſt, ſoviel mir bekannt, die beſte Beſchrei⸗ bung dieſer lieblichen, ſtillen Ruinen von Telmeſſus. Hat man ſie einmal geſehen, ſo bleibt die Erinnerung fuͤr immer lebendig, wie die Toͤne, die Mozart dem Himmel abgelauſcht hat, nie aufhoren, ſuͤße Harmonien in uns nachklingen zu laſſen. Es iſt ein Genuß fuͤr's ganze Leben. Ihr braucht nur die Augen zuzudruͤcken, euch zu ſammeln, das Andenken außzufriſchen, und ihr habt das lachende, reizende Bild wieder vor euch hinge⸗ zaubert, — die himmliſche Luft, — das entzuckende, liebliche Schauſpiel, mit welchem die Natur an jenem gluͤcklichen Tage euch erfreute. Hier ſind die Notizen uͤber die Einfuhr, wie ich ſie in den genußreichen Augenblicken aufgezeichnet habe. Fruͤh Morgens in die Bai von Glaukus eingefahren — bei Makri gelandet — ſchoͤne Traäume einer unterge⸗ gangenen Stadt — Theater am reizenden Meeresufer — große Fruchtbarkeit, Oleander — ein Palmbaum in der Mitte des Palaſtes, ſtrahlend, wie die Agraffe eines Sultans — am Berge Hoͤhlen oder Graͤber mit Bildhauerarbeit — Kameele uͤber die Bruͤcke. Es iſt wohl am beſten, wenn der Leſer aus dieſen Materialien ſich ſeine eigene Landſchaft bildet, wenn er die ruhenden Kameele unter Platanenbaͤume gruppirt; wenn er den kleinen Zug nomadiſirender Heiden an den friedlichen Waſſerſpiegel des Meeres herantreten und ſich das Dampfſchiff in der Naͤhe betrachten laͤßt; wenn er ſich einen Berg dazu denkt, an deſſen Abhange einige zwanzig Graͤber roh in Stein gehauen ſind; und am Fuße deſſelben weithin Pfeiler und Saͤulengaͤnge und andere Truͤmmer doriſchen Bauwerks. Aber das rei⸗ zendſte Bild muß er ſich von dem Theater entwerfen. Es befindet ſich auf einem wahren Feſtplatze, liegt nach der Kuͤſte hin und iſt dem wonnigen Golfe, und der purpurnen Inſel darin, zugewendet. Noch kein Thea⸗ tergaͤnger hat je auf eine ſchoͤnere Scene geblickt. Hier iſt ein Platz zum Ruhen und Schwelgen, zum Traͤu⸗ men und Dichten. O Jones, Freund meines Herzens, moͤchteſt du nicht als Grieche im weißen Gewande auf dieſen kühlen Baͤnken ruhen und der roſigen Nesra ſuͤße Dinge (im joniſchen Dialekte) zufluͤſtern? Anſtatt Jones, muͤßteſt Du Jonides heißen; anſtatt eines Sei⸗ denhutes, muͤßteſt Du einen Roſenkranz auf Deine Locken ſetzen; aber du wuͤrdeſt nicht auf die Choͤre achten, die auf den Buͤhnen geſungen werden, denn die trauten Lippen der Schoͤnen wuͤrden von einem Rendezvous zu den eoovvxriug poig*) Kunde geben, und mein Joni⸗ *) Mitternaͤchtlichen Stunden. des wuͤrde fuͤr nichts Anderes Ohr haben. Und dort im Gebirge wurdet ihr euch eine doriſche Tempelgruft ausſuchen, um eure Urne aufzunehmen, wenn Alles voruͤber, und ein Klagelied der uͤberlebenden Joniden wuͤrde euch dort zur Ruhe geleiten. Die Todtengruͤfte ſind nun leer und Niemand ſucht mehr die Todten un⸗ ter dem feſtlichen Aufenthalte der Lebenden. Doch um die klangvollen Choͤre zu erſetzen, die in alten Zeiten hier ertoͤnten, trat Einer aus der Geſellſchaft auf die Buͤhne und declamirte: „Mein Nam' iſt Norval.“ An demſelben Tage nahten wir den Ruinen eines an⸗ deren Theaters, des zu Antiphilos. Die Herrchen von Orford, noch voll von friſchen, claſſiſchen Erinnerungen, eilten den Huͤgel hinauf, auf dem die Ruine lag, ſchritten das Theater aus und berechneten die Breite der Buͤhne, waͤhrend andere gemaͤchlichere Leute von dem Schiffe aus mit Fernroͤhren zuſahen, wie ſie zwiſchen den Steinen und in den Loͤchern herum⸗ kletterten. Zwei Tage ſpaͤter war die ganze Scene gaͤnzlich veraͤndert. Wir hatten das klaſſiſche Land aus dem Geſichte verloren und lagen in der St. Georgsbai, hin⸗ ter einem gewaltigen Berge, auf welchem Ritter Georg den Kampf mit dem Drachen hatte und die liebens⸗ wuͤrdige Prinzeſſin Sabra, die Tochter des Koͤnigs von Babylon, befreite. Die tuͤrkiſche Flotte lag vor uns; . — 14 — Halil Paſcha, deſſen Kinder die beiden letzten Sultane ermordet, hatte das Commando daruͤber; die carmoiſin⸗ rothe Flagge mit Stern und Halbmond flatterte vom Hintertheile ſeines Schiffes. Unſer Diplomat legte Uniform und Orden an und machte Sr. Excellenz einen Beſuch. Er ſprach nach ſeiner Zuruͤckkunft entzuͤckt von der Ordnung und Schoͤnheit der Schiffe und von der Urbanität des Admirals der Ungläubigen. Dieſer ſandte uns mehrere Flaſchen alten Cyperweins; und der Kapitain von Ihrer Majeſtaͤt Kriegsſchiff „Trump'“, ohnweit deſſen wir lagen, beſtaͤtigte uns in der guten Meinung vom turkiſchen Großadmiral, die ſein Prä⸗ ſent in uns hervorgerufen hatte, durch mannichfache Mittheilungen uͤber ſeine Artigkeit und Gaſtfreundlichkeit. Kapitain G. . verſicherte, die tuͤrkiſchen Schiffe wa⸗ ren alle ſo wohl bemannt, ſo gut unterhalten und ſo geſchickt im Manoͤveriren, wie irgend ein Fahrzeug von einer andern Marine; es wuͤrde ihm Vergnuͤgen ma⸗ chen, einen tuͤrkiſchen Vierundſiebziger zu commandiren, und er wurde damit jeden Augenblick gegen ein franzöſiſches Schiff von demſelben Belange den Kampf annehmen. Ich bin aber feſt uͤberzeugt, er wird nicht zum muha⸗ medaniſchen Glauben uͤbertreten, noch in die Lage ver⸗ ſett werden, ſich mit irgend welchem Vierundſiebziger zu engagiren. Geſchieht es doch, ſo wollen wir hoffen, daß er den Kampf mit ſeinen eigenen Mannſchaften fuhren kann. Wenn die Mannſchaften des „Trump⸗ — allen denen des Kapitainbootes gleichen, ſo haben ſie nicht Urſache, ſich vor zweihundert funfzig Mann frem⸗ der Truppen, mit einem Joinville an ihrer Spitze, zu furchten. Wir wurden in dieſem Boote ans Land ge⸗ fahren. Der „Trump“ liegt ſeit zwei Jahren ohnfern Beyrut; und waͤhrend dieſer zwei Jahre hat Niemand außer dieſen acht Leuten einen Fuß an's Land geſetzt. Muß das nicht ein gluͤckliches Leben ſein? Wir lan⸗ deten an dem belebten Kai von Beyrut, welcher von dem Kaſtell gedeckt wird, das der kampfluſtige, alte Commodore halb in Grund und Boden geſchoſſen hat. Entlang der Kaie Beyruts nimmt unter der Conſulatsflagge, die uber dem gelben Gebaͤude durch die reine Luft hinflattert, die Civiliſation einen kräͤftigen Aufſchwung. Hierher bringt ſie von England die Schaͤtze ihrer Exportes, ihre Wollenwaaren, ihr Steingut, ihre Bouillontafeln, ihre bittere Ale. Hierher hat Ci⸗ viliſation feinen Ton und die neueſten Moden von Paris gebracht. Dieſe vereinigen ſich in der Perſon einer reizenden Dame, der Inhaberin des großen fran⸗ zoͤſiſchen Magazins, welche, wenn ſie am Kai einen Fremden mit Aufnahme einer Skizze beſchaͤftigt ſieht, ihm durch einen Bedienten einen Stuhl ſendete, um es dem Kuͤnſtler bequemer zu machen, und zugleich mit einer Verbeugung und mit einem Laͤcheln gruͤßte, wie man es nur in Frankreich findet. Spaͤter unterhielt ſie ſich mit einem baͤrtigen, jungen, franzoͤſiſchen Offi⸗ zier, der ganz von ihr bezaubert war, und ſie ſpannen ihren Liebeshandel ebenſo ab, wie man es auf den Boulevards ſieht. Ein Araber ließ ſeine Waarenballen, und das Kameeb, welches abgeladen werden ſollte, im Stich, und betrachtete ſich meine Skizze. Auch zwei dicke, turkiſche Soldaten mit breiten Geſichtern, in rothen Muͤtzen und weißem Negligé guckten uͤber das Papier. Ein feines, junges Maͤdchen vom Libanon, mit tief⸗ gelbem Antlitz, lockigem, braunſchwarzem Haar, blau⸗ punktirtem Kinne und ſtatt aller Kleidung einem zer⸗ ſchlitztem Hemde von blauem Zeug, ſtand, ihren Waſ⸗ ſerkrug haltend, wie eine kleine Statue daneben und ſchaute mit ihren verwunderten, braunen Augen zu. Wie prachtvoll blau war das Waſſer, wie glaͤnzten daruͤber die hellen Flaggen und Gebaͤude am Ufer und die Um⸗ riſſe des leiſe bewegten Takelwerks im Golfe! Die weißen Spitzchen der blauen Wellen huͤpften und zitter⸗ ten wie Queckſilber; die Schatten waren ſo breit und kuͤhl, als die Lichter glaͤnzend und ruhig; die vom Com⸗ modore beſchoſſenen, alten Thuͤrme ſchauten jetzt ver⸗ gnuͤglich durch die koͤſtliche Atmoſphaͤre, und die Gebirge dahinter prangten in amethyſtfarbigem Dufte. Der franzoͤſiſche Offizier und die Dame plauderten ganz liebegluͤcklich uͤber das ſchoͤnſte, neueſte Haͤubchen oder uͤber die Schlacht von Jösly oder den ewigen Juden, und wie niedlich ſtanden Robe und Schleifen der lie⸗ benswuͤrdigen, kleinen Figur. Einen ganzen Monat lang hatten wir kein Weib geſehen, mit Ausnahme der ehrbaren Frau Proviantmeiſterin Flanigan, der Damen von unſerer Geſellſchaft und der Naſenſpitzen der con⸗ ſtantinopolitaniſchen Schönheiten, wenn ſie in ihren haͤßlichen, gelben Pantoffeln ſchluͤrfend und watſchelnd bei uns voruͤberkamen. Aber dieſer Tag muß mit einer zweiten, weißen Marke bezeichnet werden; denn es gab dem gluͤcklichen Verfaſſer dieſes Gelegenheit, eine zweite Schoͤnheit ge⸗ nauer in Augenſchein zu nehmen. Dies war ein einge⸗ bornes, ſyriſches Kind, das den ſuͤßen Namen Mariam fuhrte. Mariam war die Schweſter des jungen Fuͤhrers, den wir angenommen hatten, um uns die Stadt zu zeigen, in welcher wir uns beim Einkaufe goldgeſtickter Scharpen und Tuͤcher, welche die Fremden von hier aus mitzunehmen fuͤr unerläßlich halten, uͤbervortheilen laſſen wollten. Ehe aber von gedachter Schoͤnheit eine ganz authentiſche Skizze erlangt werden konnte, mußten die Kuͤnſtler die mannichfachſten Kunſtgriffe anwen⸗ den, um die Schuͤchternheit der kleinen Mariam zu uberwinden. Anfangs wollte ſie nicht hinter der Thuͤre hervor (von wo aus ihre ſchonen, ſchwarzen Augen wie brennende Wachskerzchen durch das Dunkel leuch⸗ teten) und ſelbſt die Bemuͤhungen ihres Bruders und ihrer Mutter konnten ſie nicht aus ihrem Verſtecke vertreiben. Um die Letzteren bei Gutem zu erhalten, fin⸗ Aufzeichnungen. I. 2 — en wir an, ein Bild von ihr zu entwerfen — d. h. nicht von ihr, denn ſie war ein altes, dickes, unfoͤrmi⸗ ges Weib in gelben Gewaͤndern und mit Perlenſchnuͤren und Halsketten von Zechinen und andern Schmuckſachen, die ihr uͤber den Nacken und die umfaͤngliche Bruſt herabhingen, uͤber und uͤber bedeckt — wir zeichneten nicht dieſes dicke, alte Weib, die ſich bei genauer Dar⸗ ſtellung ihrer Proportionen vor ſich ſelbſt entſetzt haben wuͤrde, ſondern ein ideales Weſen, nichts als Grazie und Schönheit, in ihre Gewaͤnder gehuͤllt; ich habe das tächelnde Antlitz — ganz wie eine Lady im Modejour⸗ nal — noch immer in meinem Skizzenbuche. Dieſes Portrait wurde der alten Dame gezeigt: dieſe wies es der ſchwarzen Köchin und dieſe trug es grinſend zu der kleinen Mariam — das Reſultat aber war, daß das liebe Kind zum Vorſchein kam und ſich fugte. und ſo iſt ſie im Bilde mit nach Europa gekom⸗ men. Die Familie der Mariam ſchien in guten umſtänden und ſehr gluͤcklich zu ſein. Wie man aus dem Lachen und Scherzen, aus den glaͤnzenden An⸗ zugen der Frauen, aus der Nettigkeit des mit Arabes⸗ kenmalerei huͤbſch decorirten Hauſes, den niedlichen Matten und bunten Teppichen abnehmen konnte, bildeten ſie eine in der Beyrutwelt recht wohl ſituirte Familie und lebten in ebenſo erquicklicher Weiſe, wie die Euro⸗ päer. Ich ſah auch ein Buch dort liegen, und an der Wand des größten Zimmers hing ein Kupferſtich von — der heiligen Jungfrau, deren Namen die liebliche Ma⸗ riam fuͤhrte. Kameele und Soldaten, Bazars und Waarenhaͤuſer, Springbrunnen und Zelte, welche in ſo reizendem Wechſel von Licht und Schatten die Stra⸗ ßen und Markte einer orientaliſchen Stadt bunt aus⸗ ſchmuͤckten, waren in Beyrut in größter Vollkommen⸗ heit zu ſehen; und ein Kuͤnſtler wuͤrde hier mehrere Monate lang angenehme und nuͤtzliche Studien machen koͤnnen. Zu der Muſterkarte der bunten und maleri⸗ ſchen Trachten des Orients kam hier ein neues Koſtuͤm. Es war das der blauverſchleierten Frauen vom Li⸗ banon, die mit maͤchtigen, faſt eine halbe Elle langen Si an ihrer Stien, feierlich uͤber die Marktplaͤtze hinwandelten. Vor Jahrtauſenden ſchon, zur Zeit der Propheten, trugen die Frauen des Libanons dieſe hoch emporragenden Hoͤrner. Dieſe Nacht gab Kapitain Lewis dem „Trump“ einen glaͤnzenden Ball mit Souper. Wir hatten das Muſikkorps vom „Trump“ an Bord, und ein feierlicher Anblick war es, als der Kapitain enthuſiaſtiſch ein Muſtkſtuck mit durchfuͤhren half. Er ließ Leuchtkugeln und Raketen von den Stocks des Dampfſchiffes auf⸗ ſteigen, und dieſe Feſtſignale wurden ſofort vom „Trump⸗ und einem andern engliſchen Schiffe im Hafen er⸗ wiedert. Dies mußte den Großadmiral Wunder genom⸗ men haben; denn er ſandte ſeinen Sekretär zu uns 6 * — an Bord, um ſich zu erkundigen, was das Feuer⸗ werk zu bedeuten habe. Und der wuͤrdige Tuͤrke hatte kaum ſeinen Fuß auf das Verdeck geſetzt, als er ſich von einem der Offiziere des „Trump“ rund um⸗ ſchlungen und zu ſeinem eignen, nicht geringem Er⸗ ſtaunen und dem groͤßten Vergnuͤgen der ganzen Ge⸗ ſellſchaft zu einem wirbelnden Walzer um das ganze Verdeck herum engagirt ſah. Der Ausdruck von Ver⸗ wunderung und Gravität in ſeinem Geſichte, als der Tanz begann, konnte von dem eines tanzenden Der⸗ wiſches von Skutari nicht uͤbertroffen werden, in wel⸗ cher er ſich bemuͤhte, mit dem „Cajambes“ im Walzer zurechtzukommen, erweckte allgemeinen Beifall. Ich habe vergeſſen, ob er ſich ſpäterhin noch ſo auf europäiſche Weiſe einrichtete, daß er beim Souper mit Champagner trank; zu ſagen, daß er es gethan, hieße aus der Schule ſchwatzen, und moͤchte dem freund⸗ lichen Tuͤrken bei ſeinem kuͤnftigen Avancement hin⸗ derlich ſein. Wir machten noch mit einem andern Unterthan des Sultans Bekanntſchaft, der, wie ich fuͤrchte, aus dem loſen Streiche, der ihm geſpielt worden iſt, wohl Anlaß nehmen wird, an der Ehrenhaftigkeit der engliſchen Nation zu zweifeln. Unter den Inhabern der kleinen Bazarbuden, den Verkaͤufern von geſtickten Tuͤchern und anderen glaͤn⸗ zenden Artikeln des orientaliſchen Galanteriewgarenhan⸗ dels, war ein gutmuͤthig ausſehender, zierlicher, junger Mann, welcher fließend engliſch ſprach und gegen alle Paſſagiere unſers Schiffes eine große Aufmerkſamkeit an den Tag legte. Dieſer Herr beſaß nicht blos ſein Taſchentuchergeſchaͤft auf dem Bazar, ſondern bezog auch ein weiteres Einkommen durch Vermiethen von Maul⸗ thieren und Eſeln und war der Beſitzer eines kleinen Gaſthauſes. So waren wir berichtet worden. Daß er gut engliſch ſprach, ſich aͤußerſt artig be⸗ nahm und viele Bildung zeigte, war kein Wunder; denn der ehrenwerthe Herr hatte einige Zeit in England gelebt und noch dazu in der beſten Geſellſchaft. Dieſer einfache Galanteriewaarenhaͤndler zu Beyrut war in London ein Löwe, war in den erſten Haͤuſern der vor⸗ nehmen Welt eingefuͤhrt und hatte auch ſeine Aufwar⸗ tung in Windſor gemacht, wo er als ſyriſcher Prinz empfangen und mit großer Gaſtfreiheit an der könig⸗ lichen Tafel bewirthet wurde. Ich weiß nicht, welche muthwillige kau der Offiziere des „Trump“ darauf brachte, zu auße befinde ſich ein Stallmeiſter Seiner koͤniglicher des Prinzen an Bord, und warum er mich als dieſen Wuͤrdenträger bezeichnete. Der ſyriſche Prinz wurde dem königlichen Stallmeiſter vorgeſtellt, und eine Menge von Höflichkeitsbezeugungen wurden gegen einander aus⸗ gewechſelt. Ich hatte ſogar die Kuͤhnheit, zu verſichern, daß bei meiner letzten Unterredung mit meinem koͤnig⸗ lichen Herrn, Seine königliche Hoheit geſagt haͤtte: „Oberſt Titmarſh, wenn Sie nach Beyrut kommen, ſo werden Sie uͤber meinen intereſſanten Freund, Cogia Haſſan, beſondere Erkundigung einziehen.“ Der arme Cogia Haſſan (ich weiß nicht genau, ob dies ſein Name war, er iſt aber ebenſogut, wie ein anderer) war von dieſer königlichen Botſchaft ganz uͤber⸗ waͤltigt; wir unterhielten uns lange auf das Herzlichſte und der muthwillige Offizier des „Trump“ nahm mit der groͤßten Heiterkeit daran Theil. Aber nun hoͤre man die traurigen Folgen der Schuld. Am nächſten Tage, kurz vor unſerer Abfahrt, kam, — wer anders, als mein Freund, der ſyriſche Prinz, noch einmal an Bord. Sein Eifer hatte ihm nicht Ruhe gelaſſen, er mußte noch eine Unterredung mit dem Stallmeiſter von Windſor haben; er erſuchte mich, dem erhabenen Gemahl Ihrer Königlichen Maje⸗ Betheuerungen ſeiner unveraͤnderlichen Treue ingen. Das war aber nicht Alles. Jetzt ogia Haſſan eine große Kiſte voll Zuckerbaͤcker⸗ zum Vorſchein und erſuchte meine Excellenz, ſie pfang zu nehmen. Auch hatte er eine kleine dockenartige Figur, in der Tracht der Bewohnerinnen des Libanons, mitgebracht. Nun war ich fuͤr meine loſen Streiche empfindlich geſtraft. Wie konnte ich das Zuckerwerk des armen Teufels annehmen? Wie konnte ich es ablehnen? Wie aber die „boͤſe That fortzeugend Böſes muß gebaͤren“, ſo war ich genoͤthigt, der erſten Luͤge eine zweite folgen zu laſſen, und ſagte, indem ich eine Amtsmiene annahm: „Ich ſei ſo uberraſcht, daß ihm das am britiſchen Hofe geltende Reglement unbe⸗ kannt geblieben, und daß es ihm entgangen ſei, daß nach dem Befehle unſeres gnadigſten Herrn keiner ſei⸗ ner Beamten irgend eine Art von backshush auf ſei⸗ nen Reiſen annehmen duͤrfe“ So zog ſich Prinz Co⸗ gia Haſſan mit ſeiner Kiſte voll Zuckerwerk zuruͤck, beſtand aber darauf, die kleine Figur in meinen Haͤnden zu laſſen, welche nur einige Groſchen werth iſt. II. Ein Tag und eine Nacht in Syrien. Landung in Jaffa. — Kadi in Jaffa. — Des Kadi's Hivan. — Eine Nachtſcene in Jaffa. — Syriſche Nachtunter⸗ haltungen. Wenn man fuͤnf volle Wochen zur See geweſen iſt, und, wie dies allgemein angenommen wird, ſich der Erwartung hingegeben hat, daß man wenigen Tagen von der Seekrankheit befreit ſein und wenn man nun findet, daß bei jedem ſchar⸗ Windſtoße, und ſo oft die Wolken hohl gehen, die⸗ ſelben innerlichen Zuſtaͤnde, wie zu Anfange der Reiſe, ſich immer wieder einſtellen; dann bildet man ſich wohl ein, daß man auf unbillige Weiſe von dieſem Uebel heimgeſucht wird; und ich dachte ſchon daran, uͤber die Dampfſchifffahrts⸗Geſellſchaft, im Hinblick auf dieſe ſchwere Verletzung der in ihrem Proſpectus enthaltenen Angaben, Beſchwerde zu fuͤhren: indeß ſo oft wir in einem neuen Hafen Anker warfen, kehrte unſere gute Laune zuruͤck. Am dritten October ſchnurrte das Ankertau mit einem gewaltigen Raſſeln in die blauen Gewäſſer von Jaffa. Wir blieben eine ſtarke Meile vom Ufer ent⸗ fernt. Aber die Stadt, mit den Conſulatsflaggen, die unter dem glaͤnzenden Himmel flatterten, lag klar vor uns, und gewaͤhrte einen frohlichen und einladenden An⸗ blick. Die Haͤuſer, welche meiſtens von Backſteinen aufgebauet ſind, werden hier und da von Minarets und zahlloſen, weiß angeſtrichenen Kuppeln uͤberragt; einzelne Dattelbaͤume breiten ihre faͤcherartigen Gipfel uͤber die etwas ſchwerfallig ausſehenden Gebaͤude aus; auf beiden Seiten ſtrecken ſich lange Sandbaͤnke hin, und im Hin⸗ tergrunde erheben ſich purpurfarbige Bergzuͤge. Wir ſehen Kameele wie Punkte uber die gelben Flaͤchen hin⸗ kriechen, und diejenigen aus der Geſellſchaft, welche hier landeten, hatten Muße, das ſchaͤumende Meer uͤber die Sandbaͤnke und uͤber eine Partie ſchwarzer Klippen, welche vor der Einfahrt der Stadt liegen, hinſpritzen ſehen. Die Stroͤmung iſt ſehr ſtark, die Paſſage zwi⸗ ſchen den Klippen eng, und die Gefahr mitunter be⸗ trächtlich. Auch verabſaͤumte es der Bootfuhrer nicht, die Damen und andere Paſſagiere, die er in ſeinem großen Landboote vom Dampfſchiffe abgeholt hatte, auf angemeſſene Weiſe mit dem Berichte uͤber den Unter⸗ 1 gang, den kuͤrzlich ein englicher Schiffslieutenant mit acht Matroſen zwiſchen dieſen Felſen gefunden, zu un⸗ terhalten und zu erzählen, wie ſie umgeworfen, in Stuͤcken zerſchmettert, und unter dieſelben Klippen verſenkt wor⸗ den ſeien, durch welche uns eben jetzt zwei Maͤnner und zwei Knaben, — alle faſt ohne Kleidung, und zu Dreien an zwei Rudern beſchaͤftigt, während der Vierte ſich am Steuerruder befand, — mit großer Anſtrengung hin⸗ durchzukaͤmpfen bemuͤht waren. Als wir die Gefahren der Klippen und die Bran⸗ dung hinter uns hatten, mußten wir alsbald eine andere Pruͤfung beſtehen. Häßliche Ungethuͤme von ſchwarz⸗ brauner Farbe, in kurzen Hemden, kreiſchten und ſchrieen uns auf gut Arabiſch die Einladung zu, ihre Schultern zu beſteigen. Gewiß, vor dieſen Geſchoͤpfen entſetzten ſich die Damen noch mehr, als vor den Klip⸗ pen der Brandung; aber es half nichts, die Armen mußten ſich fuͤgen, und wurden zitternd, ſo gut es ſich nun einrichten wollte, auf die Mahagony-Ruͤcken der Unholde placirt, durch den naſſen Sand getragen, und auf dem Trocknen vor dem Stadtthor abgeſetzt, wo große Haufen ſchwarzen Volks umherſchwaͤrmten und nach ihrer Weiſe tobten. Die Herren von der Partie hatten indeſſen Streit mit den arabiſchen Bootsleuten um das nicht endenwollende backshuhs, und ich denke noch jetzt mit Verwunderung und Vergnuͤgen an das Fluchen und Schreien eines kleinen Burſchen, mit aus⸗ — gezeichneten Lungen, der ſein Mißvergnuͤgen daruͤber ausbruͤckte, daß er anſtatt eines Sechspiaſterſtuͤcks, ein Fuͤnfpiaſterſtuͤck erhalten hatte. Aber wie kann man ſich verſtandigen, wenn man die Sprache nicht verſteht? Beiderlei Muͤnzen ſind von ſchmierigem, verzinnten Weißblech, und ich glaubte, die groͤßte muͤſſe die werth⸗ vollſte ſein. Aber jener Burſche ſchien ein beſſeres Verſtaͤndniß und daneben Luſt zu beſitzen, Leuten von geringerem unterſcheidungsvermoͤgen die Kehle abzuſchnei⸗ den. Schon Mancher iſt wegen noch unbedeutenderer Dinge um den Hals gekommen. Als wir das Trockene erreicht hatten, war es unſere erſte Sorge, nach den Damen zu ſehen. Die armen Weſen, auf den Schul⸗ tern der nackten Wilden hin und her geworfen, waren noch ganz entſetzt und betreten; wir entzogen ſie dem Bereiche der Letzteren und gelangten durch einen dun⸗ keln Bogengang in eine Straße, die von ſchwerbepackten Eſeln und ihren Treibern wimmelte und von Kamee⸗ len, welche mit ihren freundlichen Augen vertraulich in die Zimmer des obern Stocks hinaufſchauten, und durch deren gewaltige, ausgeſpreizte Beine hindurch die Frauen und Fraͤuleins ſich fahren zu laſſen, ſich entſchließen mußten. Wir machten einen Anlauf auf das erſte offene Thor, und langten gluͤcklich zwiſchen den Haufen einer Partie Pferde an, welche unter einem gewoͤlbten Raume im Hofe zuſammengeſtellt waren, von wo aus wir dann eine Treppe erreichten, welche, wie ſich bald — ergab, zu der Wohnung des ruſſiſchen Conſuls fuhrte. Seine Leute gruͤßten uns ſehr gemuͤthlich, und die Da⸗ men ſammt Gepaͤcke (auch ein Gegenſtand unſerer Fuͤr⸗ ſorge) wurde manche Treppe auf und ab und uͤber ver⸗ ſchiedene Terraſſen hinweg, in ein hochſt comfortables, kleines Zimmer gebracht, welches mit einem eigenen kuppelfoͤrmigen Dache verſehen war. Hier ſaß der Repraͤſentant Rußlands. Frauen mit braunen Geſich⸗ tern und ſchmutzigen Roͤcken und Turbanen, mit ver⸗ wunderten Augen, ohne Schnuͤrbruͤſte, mit blauen Knöpf⸗ chen und goldenen Muͤnzen rund um den Hals behan⸗ gen, kamen, waͤhrend die zierlichen engliſchen Damen vorbeigingen, heran, um ſie zu betrachten. Pausbaͤckige, ſchwarze Koche, die mit ſeltſamen Töpfen und Pfannen an verſchiedenen Feuern auf der Terraſſe beſchaͤftigt waren, und Kinder, die in langen, geſtreiften Kappen herum⸗ wackelten, verließen ihre Spiele und ihre Arbeit, um die Fremdlinge zu ſchauen, und der Conſul in ſeinem kuh⸗ len, gewölbten Pavillon, durch deſſen Jalouſien man einen weiten Blick auf das Meer hatte, und welcher mit den Bildern des ruſſiſchen Kaiſers, der heiligen Jung⸗ frau und des St. Georg geſchmuͤckt war, empfing uns mit großer Artigkeit und Freundlichkeit und regalirte die Einen mit Apfelſinen und Zucker, die Andern mit Tabak und Pfeifen, von denen die letzteren mit duf⸗ tenden, drei Ellen langen Roͤhren verſehen waren. Als wir uns an den ruſſiſchen Herrlichkeiten er⸗ gotzt hatten, ließen wir die Damen einſtweilen noch unter dem kuͤhlen Dache des Conſulats und machten uns auf, um dem Repraͤſentanten unſeres Vaterlandes einen Beſuch abzuſtatten. Die Straßen der kleinen Stadt waren weder fuͤr Reiter, noch fuͤr Fußgaͤnger zugaͤnglich. Manche Straßen ſind nichts anderes, als die Auslaͤufe roher Anfahrten zu Privathaͤuſern; man kommt durch zahlloſe Bogengaͤnge und Durchgaͤnge, ein wildes, ſchmutziges Labyrinth von gewoͤlbten Staͤl⸗ len und Vorſtaͤtten nimmt die Hausflur der Wohnun⸗ gen ein, und auf den Terraſſen paſſirt man von Ab⸗ ſatz zu Abſatz, auf deren verſchiedenen, unregelmaͤßigen Ecken kleine Gemaͤcher mit beſondern kugelfoͤrmigen Daͤ⸗ chern angebracht ſind, ſo daß die Leute mehr auf der Terraſſe, als in ihren Haͤuſern zu wohnen ſcheinen. Wir trafen den engliſchen Conſul in einem wun⸗ derlichen, kleinen Zimmer mit Bogengewoͤlbe, an deſſen einer Seite das koͤnigliche Wappen in ganz eigenthuͤm⸗ licher Malerei angebracht war; und hier empfaͤngt der Conſul, ein ernſthafter, alter Mann, in ein wallendes, rothes Gewand gekleidet, unter Vortritt eines ſchwaͤch⸗ lichen Janitſcharen, der einen armſeligen, mit Zinn be⸗ ſchlagenen Stab oder Scepter, als Zeichen der Conſu⸗ latswurde, in der Hand traͤgt, Diejenigen von ſeinen Landsleuten, welche ſeine Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen. Der Conſul praͤſentirte uns Allen, ohne Aus⸗ nahme, Pfeifen und Kaffee, ſtellte uns fuͤr die Nacht ſein ganzes Haus und alle ſeine Betten zur Dispoſi⸗ tion, und hatte ſelbſt ſein Nachtlager auf der Terraſſe; und fuͤr all dieſe Gaſtfreundſchaft lehnte er jede Ver⸗ geltung unfrerſeits ab und verſicherte, daß er bei Aus⸗ uͤbung derſelben nur ſeine Pflicht thue. Man hätte meinen ſollen, dieſer wuͤrdige Mann muͤßte bei den Opfern, die er bringt, von unſerer Regierung ſehr gut bezahlt ſein; allein er bekommt augenſcheinlich nicht ei⸗ nen Pfennig; und der groͤßere Theil unſerer Levanti⸗ ſchen Conſuln mag auf ähnliche Weiſe honorirt ſein. Wenn wir ſchlechte Conſular-Agenten haben, duͤrfen wir uns daruͤber beklagene Wenn ſolch ein Wuͤrdenträ⸗ ger gelegentlich den Betruͤger macht, durfen wir daruͤber aͤrgerlich ſein? Aber wenn Englaͤnder, welche fuͤr die jammervolle Armuth und die duͤrftigen Huͤlfsquellen ihres Vaterlandes blind, ſich deſſelben ruͤhmen und mit ſeiner Groͤße prahlen, wenn ſolche Englaͤnder durch dieſe Gegenden reiſen, und wenn ſie die Repraſentanten je der Nation, mit Ausnahme ihrer eigenen, wohl und an⸗ ſtaͤndig ſituirt finden, o, wie außerordentlich fuhlen ſi ſich da in ihrer Eitelkeit verletzt und mit welcher Be⸗ ſchaͤmung begeben ſie ſich unter die armſelige Proter tion unſerer duͤrftigen Conſularflagge! Die flinken, jungen Männer in unſerer Geſellſcha waren ſchon lange vor uns gelandet, und hatten all brauchbaren Pferde der Stadt in Beſchlag genommen Indeß, wir verliefen uns auf einen Brief von Hall Paſcha, worin allen Statthaltern und Paſchas anbefoh⸗ len war, uns in aller nur möglichen Weiſe behuͤlflich zu ſein. Sobald der Kadi und Vieceſtatthalter von Jaffa in Erfahrung gebracht, daß wir uns im Beſitz eines ſolchen Documents befanden, machte er dem Haupte unſerer Partei ſeine Aufwartung, und erklaͤrte, daß er es ſich zur Ehre und zum groͤßten Vergnuͤgen rechne, uns zu ſehen, daß er Alles, was in ſeiner Macht ſtehe, aufbieten werde, um uns behuͤlflich zu ſein; daß un⸗ glucklicher Weiſe fuͤr den Augenblick keine Pferde zu haben wären, daß er aber ausſendete, und ſie in der Stunde herbeiſchaffen wolle; und ſo verließ er uns un⸗ ter vielen Buͤcklingen und einer großen Menge von Complimenten, die mit Huͤlfe eines willfaͤhrigen Dol⸗ metſchers hinuͤber und heruͤber gewechſelt wurden. Al⸗ lein die Stunden verflogen und kein Huf war zu ſehen und zu hoͤren. Wir hatten unſer Diner von Eiern und Brotſchnitten eingenommen; der Kanonenſchuß hatte den Sonnenuntergang verkuͤndigt; wir griffen zu den Pfeifen und ſetzten uns zum Kaffee; die Nacht brach herein. Will uns dieſer Mann zum Beſten ha⸗ ben? dachten wir; will er uns ins Geſicht lachen, und ſoll die Art und Weiſe, wie uns dieſer ſchwindelnde, laͤchelnde Kadi behandelt, unſern Muttern noch im Grabe Schande machen? Wir beſchloſſen, uns ſelbſt in Be⸗ wegung zu ſetzen und dieſen treuloſen Ausſpender einer unglaͤubigen Juſtiz in ſeiner eigenen Hoͤhle aufzuſuchen. — Wir wollten uns diesmal nicht mehr mit Höflichkeits⸗ bezeigungen abſpeiſen laſſen, wir wollten ernſtlich for⸗ dern und eine Sprache fuͤhren, welche dem Manne den Zorn des indignirten, britiſchen Löwen bemerkbar ma⸗ chen muͤſſe. Der arme Conſul verſorgte uns mit ei— ner Laterne und einem Stuͤckchen Wachskerze, wie man ſolches in ſeinem aͤrmlichen Haushalte kaum hätte ſu⸗ chen moͤgen; der duͤrftige Janitſchar, mit ſeinem zinn⸗ beſchlagenen Scepter, marſchirte voran, die beiden Lohn⸗ bedienten, welche zwei von unſerer Grſelſchaft gemiethet hatten, ſchritten hinter ihm, jeder mit einem al⸗ ten Säbel bewaffnet, und dann folgten wir, und klet⸗ terten und ſtolperten durch die Straßen der Stadt, um den Kadi in ſeinem eigenen Divan anzugreifen. Ich meinestheils, ſo ſehr ich mich auch aͤußerlich mit einer majeſtätiſchen Indignation bruͤſtete, war froh, daß die Pferde nicht gekommen waren, und daß wir ſo Gele⸗ genheit erlangt hatten, die wunderlichen, kleinen Bilder orientaliſchen Lebens naͤher zu betrachten, die uns in Folge der Wortbruͤchigkeit des Kadi zur Einſicht geſtellt waren. Da es der tuͤrkiſche Gluub- nicht geſtattet, daß die Gläubigen wahrend des Ramazan den ganzen, lan⸗ gen Tag uͤber irgend etwas genießen, ſo verwenden ſie dieſe Zeit auf ganz vortheilhafte Weiſe zum Schlafe, und erſt mit dem erſehnten Sonnenuntergange wird es lebendig in der Stadtz nun entzunden ſich alle Later⸗ * nen, nun kommen alle Pfeifen in Gang und die Nar⸗ ghilis beginnen zu wollen; nun rufen alle Saure⸗ milch⸗ und Scherbet- Leute die Vortrefflichkeit ihrer Waare preiſend aus; nun ziſcht es in allen Bratpfan⸗ nen, nun dampft es aus allen Toͤpfen; und dieſen dun⸗ keln, bunten, aͤrmlichen, laͤrmenden und vergnuͤglichen Scenen entlang, bewegte ſich unſer Zug nach der Bogen⸗ ſtraße von Jaffa hin. Wir draͤngten uns durch einen engen, geſtopftvollen Thorweg, der zu des Kadi's Amts⸗ lokal fuͤhrte, traten in ein unanſehnliches, ſtark mit Mo⸗ chus parfuͤmirtes Gemach, brachen uns durch das Gitterwerk, vor welchem die untergeordneten Leute ſtan⸗ den, Bahn, ſtiegen auf die Buͤhne, auf welcher Se. Gnaden mit ſeinen Freunden ſaß, und ließen uns auf dem Divan in ernſter und ſchweigender Wuͤrde nieder. Der ehrenwerthe Herr befahl, daß man uns Faffee bringe; ſeine Geſichtszuͤge ließen es aber deutlich wahr⸗ nehmen, daß er ſich in großer Aufregung befand. Ein Neger, dem das Geſchaͤft uͤbertragen zu ſein ſchien, in einem mit einem Heerde verſehenen Nebenzimmer dieſes Getraͤnk zu bereiten, fertigte fuͤr einen jeden von uns ohngefaͤhr einen Theeloͤffel voll von dem Safte, und der Secretaͤr Sr. Gnaden, wie ich glaube, praͤſen⸗ tirte uns denſelben. Nachdem wir die kleine Doſis des uns verabreichten Tranks zu uns genommen, fing der britiſche Loͤwe an, ſich hoͤren zu laſſen. Alle andern Reiſenden, ſae er mit gutem Grunde, Aufzeichnungen. ll. 3 — 3 — haben Pferde erhalten und ſind bereits unterwegs; die Ruſſen haben Pferde, die Spanier haben Pferde, die Englaͤnder haben Pferde, aber wir, wir, gewiſſermaaßen Veziere des Landes durch den offenen Brief von Halil Paſcha, wir werden verlacht und verſpottet. Iſt Halil Paſchas offener Brief ein Wiſch, daß man ihn ſo re⸗ ſpektirt: Sind britiſche Loͤwen Hunde, daß man ſie ſo behandelt? und in dieſem Tone ging es fort. Wir beſprachen das Thema mit mannigfachen Variationen unſererſeits wohl eine Viertelſtunde lang und ſchwuren ſchließlich, daß wir, wenn man die Pſferde nicht ſchaffe, am naͤchſten Morgen an Halil Paſcha und an Se. Ex⸗ cellenz, den engliſchen Geſandten und bevollmaͤchtigten Miniſter bei der hohen Pforte, ſchreiben wuͤrden. Nun haͤtte der Leſer den vollen Chor, in welchem ſich die Erwiederungen der Tuͤrken Luft machten, hoͤren ſollen. Ein Dutzend Stimmen auf einmal erhoben ſich, ſchreiend, kreiſchend, polternd, heftig die Worte hervorſtoßend (die beiden letzteren oratoriſchen Methoden ſcheinen bei dem muͤndlichen Vortrage der arabiſchen Sprache die um⸗ faſſendſte Anwendung zu finden) und ſich in Aeußerun⸗ gen ergießend, die der ſanfte Dolmetſcher jedenfalls nicht treu uͤberſetzt hat, denn ich bin feſt uͤberzeugt, daß es ſich um Phraſen handelte, die fuͤr uns und unſere Na⸗ tion nichts weniger als ſchmeichelhaft waren. Zuletzt endete der eitle Wortkampf damit, daß der Kadi erklaͤrte: es ſollten, wenn anders der Rathſchluß des Himmels nicht dagegen, morgen fruͤh Punkt drei Uhr die Pferde bereit ſtehen; wo nicht, dann moͤchten wir an Halil Paſcha ſchreiben. Dies beruhigte uns; wir ſtanden auf und nah⸗ men feierlichſt Abſchied. Gern heätte ich die wahre Herzensmeinung des Herrn Viceſtatthalters uͤber uns wiſſen moͤgen; und beſonders intereſſant wuͤrde es mir geweſen ſein, wenn ich eine treue Ueberſetzung von den Reden des Einen der Ungläubigen gehabt hatte, der be⸗ turbant und in den allerweiteſten Hoſen ſteckend, den meiſten Aufruhr machte und ſo grimmig blickte und ſprach, als wollte er uns ſaͤmmtlich ins Meer werfen, deſſen heiſer unter den Fenſtern murmelnde Wogen zu dem Concert innen eine paſſende Begleitung abgaben. Wir wanderten nun durch die Bezars, die maͤch⸗ tig groß, ſonſt aber haͤßlich und gedraͤngt voll von Volk waren. In einem halbverfallenen und abgebrochenen Gebaͤude ſpielten und ſangen ein paar hundert Kinder, in allen Ecken faßen Gruppen mit Waſſerpfeifen, die oft die ſeltſamſten und wunderlichſten Laute von ſich gaben; Andere ſpielten Karte; wieder Andere kauerten um marktſchreieriſche Gaukler herum, und ihre Blicke und Reden zeigten das lebendigſte Intereſſe; auf einer andern Seite des Bazars fanden wir die Leute zu Hun⸗ derten um einen Geſchichtenerzahler verſammelt, der ſeine Aufgabe mit hochſt ausdrucksvoller Action und großer Zungenfertigkeit loͤſte; und gegenuͤber wurde 3* — eine Art Fingerhutſpiel mit Kaffeetaſſen geſpielt, wel⸗ chem alle Mitſpieler die großte Aufmerkſamkeit zuwen⸗ deten, waͤhrend die Unternehmer des Spiels die wil⸗ deſte Beſorgniß blicken ließen, daß nicht Einer von uns, der in den Geheimniſſen des Spiels Beſcheid wuͤßte, die Geſellſchaft aufklären moͤchte. Die Hingabe und der Eifer, die bei allen dieſen Zeitvertreiben an den Tag gelegt wurden, erregten meine Aufmerkſamkeit mehr, als alles Andere. So hat das Volk vor vier⸗ zig Jahren geſpielt, ſo hat der Geſchichterzaͤhler ſeine Mäͤhrchen vom Autor vor vierzig Jahren zum Beſten gegeben, und dieſelbe Unterhaltung macht ſie heute noch ſo gluͤcklich, als zu der Zeit, wo ſie ſich zum erſten Male daruͤber freuten. Ennuyrt man ſich nicht im Oriente Duͤrfen die blauen Teufel *) dort nicht herumſtreifen? Vom Bazar aus begaben wir uns zu dem Hauſe des Muſtapha, welches fur das beſte in Jaffa gehal⸗ ten wurde, ſowie er ſelbſt fur den größten Mann in der Stadt galt. Aber der große Mann hatte ſich ploͤt⸗ lich unſichtbar gemacht, und war nach Egypten geflohen. Der Sultan hatte ihm eine Forderung von ſechzehn⸗ tauſend Börſen (80,000 Pfund St.) zuſtellen laſſen; Muſtapha zog ſich zutrk, der Sultan ſtuͤrzte ſich auf ſein Haus und ſeine Guͤter, ſeine Pferde und ſeine Maulthiere. Der Harem ſtand sde. Herr Miles hätte, *) blue devis Mißpergnügen. — — wenn er zugegen geweſen waͤre, die duͤſtre Einſamkeit des entweihten Heiligthums in ſechs ruͤhrenden Geſaͤn⸗ gen gefeiert. Wir gingen von Halle zu Halle, von Terraſſe zu Terraſſe — ein paar Burſchen ſchliefen auf dem nackten Flur und wendeten ſich kaum um, als wir vor⸗ beigingen. Wir gelangten zu Muſtapha's Privatdivan, wir ſahen den gebuͤhnten Flur, aber keine baͤrtigen Freunde darauf, die hier die Nacht des Ramazan in bequemer Ruhe vertraͤumten; hier war der kleine Kaf⸗ feeheerd, aber wo blieben der Sklave, der Kaffee und die glimmenden Pfeifen? Muſtapha's Lieblingsſtellen aus dem Koran waren noch immer an der Wand gemalt zu ſehen, aber wem nuͤtzen ſie nun etwas? Wir ſchrit⸗ ten uͤber einen ſchlafenden Neger hin und oͤffneten die Fenſter, die die Ausſicht auf die Gärten gewähren. Die Pferde und Eſel, die Kameele und Maulthiere wa⸗ ren hier unten angepfaͤhlt, aber wo iſt Muſtapha? Iſt er nicht aus der Bratpfanne der Pforte in den Brenn⸗ ofen des Mehemed Ali gefallen? Was iſt beſſer, braten oder brennen? Und waͤre es nur um das Leſen der arabiſchen Naͤchte, wenn man wieder heim kommt, ſo iſt es doch gut geweſen, daß man dieſe kleine Reiſe ge⸗ macht, und dieſe fernen Plaͤtze und Erſcheinungen ge⸗ ſehen hat. Nun gingen wir durch das duͤſtere, gewölbte Stadtthor in die Ebene hinaus, und hier eroͤffnete ſich eine andere praͤchtige und glaͤnzende Scene aus den arabiſchen Naͤchten. Der Himmel woͤlbte ſich uͤber uns in wunderbarer, ſtrahlender Herrlichkeit; die Ebene verſchwamm in weiterer Ferne im Nebel; die Thuͤrme und Zinnen der Stadt ſtachen ſchwarz gegen den Aether ab; uralte, ſubtropiſche Baͤume ragten hier und da durch die Luft; Kameele lagerten auf ſparſamen Grasflocken; Hunde bellten ringsum; hier und da lagen kleine Par⸗ tien ſchlummernder Maͤnner unter ihren Haiks; aller Orten rund um die gewaltigen Thore blitzten Lichter auf; und man brachte uns Waſſerpfeifen und Scherbet, und wir wunderten uns, wenn wir daran dachten, daß wir in drei Wochen wieder in London ſein ſollten. Nun kam das Nachtquartier bei dem Conſul. Der gravitatiſche, arme, alte Herr gab uns alle ſeine Ma⸗ tratzen; die Damen ſchliefen rund um auf den Divans, wir lagen ganz behaglich unten, und ich, meines Theils, beabſichtigte, ſo vergnuͤgt zu traͤumen, wie Alnaſchar; aber ſiehe, der koͤſtliche Moskito ſtimmte ſein Lied an; der muntere Floh machte ſeine Spruͤnge, um auf Chriſtenfleiſch ein Feſtmahl zu halten (und die mor⸗ genlaͤndiſchen Floͤhe beißen entſetzlicher, als die wildeſte Warze in der Chriſtenwelt) und die Wanze — ohl dieſe vermaledeite! Wozu iſt ſie geſchaffen? Was fuͤr Pflichten hat dieſe nichtswuͤrdige Mörderin in der Welt noch zu erfullen, außer der, daß ſie die Leute ungluͤck⸗ lich macht? Nur Bulwer, wenn er in ſeiner ruͤhrend⸗ „ — 39 — ſten Weiſe ſchreibt, könnte das Elend dieſer Nacht ſchildern — dieſes Wehklagen, Stohnen, Fluchen, Sich⸗ umherwaͤlzen, Blaſenbekommen, dieſe entwuͤrdigende Qual und Verzweiflung. Alle Haͤhne in Jaffa hoͤrte ich kraͤhen, die Kinder ſchreien und die Muͤtter ſie zur Ruhe ſingen; dazwiſchen durch machten ſich die Eſel im Mondſcheine mit lautſchallender Stimme luſtig; endlich, endlich ertoͤnte unten klappernder Pferdehuf⸗ ſchlag und das Halloh von Maͤnnern. Es war drei Uhr, die Pferde waren wirklich angekommen; äuch Ka⸗ meele waren dabei, Eſel und Maulthiere, Packſaͤttel und Treiber, alles durch einander laͤrmend im Mond⸗ ſchein auf der luſtigen Straße — und die erſte Nacht in Syrien war voruͤber. 2 —5— IV. Von Jaffa nach Jeruſalem. Eine Cavalcade. — Marſchordnung. — Ein Turnier. — Ramleh. — Straßenſtizzen. — Begegnungen. — Abu Goſch. — Die Nacht vor Jeruſalem. — Es bedurfte einer Stunde Zeit, oder noch laͤnger, um unſere kleine Karavane reiſefertig zu machen, um all die Bagage den Pferden und die Pferde den Strei⸗ tern zuzuweiſen, und die Damen behaglich in ihrer Saͤnfte placirt zu ſehen, die zwiſchen zwei großen, glat⸗ ten, ſchwarzen Maulthieren, von denen das eine vorne, und das andere hinten ging, befeſtigt war. Jedem Maulthiere war ein Fuͤhrer beigegeben, und ein großer, außerordentlich gutmuͤthiger, mahagonyfarbiger Unglau⸗ biger wanderte zur Seite des Fuhrwerks, um es beim Hin⸗ und Herſchwanken gehoͤrig in der Balance zu er⸗ halten, und zugleich ſeinen Ruͤcken als Tritt brauchen zu laſſen, wenn die Herrſchaften darin aus- und ein⸗ ſteigen wollten. Dieſe drei Maͤnner, die wegen des Ra⸗ mazan faſteten, legten trotzdem den vierzehn Stunden langen Weg durch eine Entfernung von nahe vierzig Meilen, und auf einer ſo holprigen Straße, wie nur je eine ſterbliche Knochen durchſchuttert hat, mit bewun⸗ derungswuͤrdiger Ausdauer, Munterkeit und guter Laune zuruͤck. Sie tranken waͤhrend des Marſches zwei⸗ oder dreimal Waſſer, und uͤbertraten ſo die Vorſchrift in et⸗ was; aber ſie wieſen Brot und jede andere Erfriſchung in Speiſen, die ihnen geboten wurde, zuruͤck, und hielten ſo wacker aus, bis zum Ziele, daß ſie das beſte Kameel und, ich kann wohl ſagen, auch der beſte Chriſt darum beneiden mußte. Was fuͤr eine derbe Lection liegt in dieſer freudigen Ausdauer fuͤr manchen Sardanapal, der murrt, wenn die Clubbſopha-Kiſſen nicht weich ge⸗ nug ſind. Wenn es mir gegeben waͤre, nach Gutduͤnken Son⸗ nette zu ſchreiben, ſo wurde ich in vierzehn Zeilen die Gefuhle ſchildern, die mich erfullten, als ich mich auf einem hohen, tuͤrkiſchen Sattel ſah, mit Steigbuͤgeln wie Feuerſchaufeln, wollenen Zuͤgeln, rother Satteldecke, und unzähligen Stiften, Franſen, Glasknöpfchen und Schnuͤrchen, mit welchem das Geſchirr meines Roſſes, des huͤbſchen Hengſtes, auf dem ich in das ſyriſche Le⸗ ben hineingaloppiren ſollte, geſchmuͤckt war. Was fuͤr eine Figur machten wir im Mondſchein, und wie woͤr⸗ den ſie uns am „Strand“ nachgeſehen haben! Ja, oder in Leiceſterſhire, wo ich wette, Roß und Reiter noch nicht oft ſo geſehen worden. Die Schaufel-Steigbuͤgel ſind teufelmaͤßig kurz, die plumpen Leder druͤcken die Schienbeine mancher Reiter auf eine furchterliche Weiſe; man ſitzt gewiſſermaaßen uͤber dem Pferde, wie auf ei⸗ nem Thurme, und die Niederfahrt wuͤrde ſehr leicht von Statten gehen, wenn nicht der maͤchtige Sattelknopf waͤre. Dem Ungeuͤbten iſt es anzuempfehlen, den Stock oder Regenſchirm queruͤber am Sattelknopfe zu befeſti⸗ gen, indem es beinahe unmoͤglich wird, uͤber den Hals des Pferdes herabzukommen. Es gewaͤhrte dies eine außerordentliche Hilfe beim Bergunterreiten, und ich kann dieſe Methode anderen werthen Stadtkindern auf das gewiſſenhafteſte empfehlen. Als friedliebende Menſchen hatten wir unſere Guͤr⸗ tel nicht mit Piſtolen und Pataghans herausgeputzt, wie manche Reiſende, die uͤber und uͤber davon ſtrotzen; auch moͤgen ſich ſolche tollkuͤhne Maͤnner eine Geſchichte zu Herzen nehmen, die man uns in Jeruſalem erzaͤhlt hat, und die eine ſehr heilſame Moral enthaͤlt. Der ehren⸗ werthe Hugo Harniſch, der kuͤrzlich im Orient reiſte, trug, um ſeinen Leib herum, zwei paar Piſtolen von ſo ausgezeichneter Arbeit und ſolcher Vollendung, daß ein Scheik, in der Umgegend von Jericho, ihn einzig und allein dieſer Piſtolen wegen anfiel und auspluͤnderte. Ich weiß nicht, ob er ſeinen Freunden daheim dieſe Ge⸗ ſchichte erzaͤhlt hat. Ich will die Gelegenheit benutzen, um noch eine andere Scheikgeſchichte zum Beſten zu geben. Der beruͤhmte iriſche Pair, Lord Altnobel (er hatt ſich unter den Buckinghamſhirer Dragonern aus⸗ gezeichnet) hatte an den Scheik der Umgegend von Jericho eine Art von perſoͤnlichem Schutzzoll bezahlt, wurde aber auf einmal von einem anderen Scheik an⸗ gegriffen, welcher ſich fuͤr den echten Statthalter der freien Marken um Jericho ausgab; und dieſe Zwillinge ſtritten ſich nun um den Leib des Lord Altnobel, wie die Witwen vor Salomo um das unſchuldige Kindlein. Dort war genug fuͤr Beide — doch dieſe Abſchweifun⸗ gen wuͤrden kein Ende nehmen. Unſer Zug ſetzte ſich nach vier Uhr in Bewegung; die Damen in der Säaͤnfte, die franzoͤſiſche kemme de chambre ritterlich auf einem Grauſchimmel courbetti⸗ rendz die Herren, worunter meine eigene, geringe Per⸗ ſon, auf ihren hohen Saͤtteln, die Diener, Fuͤhrer und Knechte auf allen Gattungen von Thieren — wir zähl⸗ ten deren im Ganzen vierzehn bei der Karavane. Man rechne nun noch zwei wuͤrdige, ſtattliche Araber in weißen Baͤrten, weißen Turbans, weißen Haiks*) und weißen Gewaͤndern, die von Saͤbeln an ihren Schenkeln militairiſch umklappert wurden, und ungeheuer lange Flinten auf ihrem Ruͤcken trugen. Nimmer ſah ich ehr⸗ *) Haik = ein großer wollener Ueberwurf der Afrikaner. — — wuͤrdigere Kriegsmaͤnner. Sie hielten ſich anfangs, die baͤumenden Roſſe feſt im Zuͤgel, an der Seite der Saͤnfte. Als wir aber aus den ſteilen, ſchallenden Straßen der Stadt auf die graue, von Mond- und Sternlicht beleuchtete Ebene herauskamen, ritten ſie vorne und fuͤhrten den Zug durch maͤchtige Alleen von ſtachlichen Birnbaͤumen, die einen fremdartigen und abſchreckenden Anblick gewaͤhrten und ſo ausſahen, als ob ſie im Tartarus gewachſen waͤren. Dieſe Alleen er⸗ ſtreckten ſich, von der Stadt aus, eine oder zwei Meilen weit und begrenzten den Weg. Als die Daͤmmerung anbrach und ſich zuerſt mit einem grauen, dann mit einem gruͤnen und zuletzt mit einem rothen Streifen am Himmel abzeichnete, war es eine Pracht, dieſe mar⸗ tialiſchen Geſtalten in ſcharfen Umriſſen aus dem daͤm⸗ mernden Lichte hervortreten zu ſehen. Der Anblick un⸗ ſerer froͤhlichen Cavalcade und der Natur rings um ſie her, wird immer in ſo friſchen Farben und unter ſo wohlthuenden Gefuͤhlen vor meiner Seele ſtehen, wie dies ſeit dem Augenblicke, wo ich den Steindamm von Calais zum erſtenmale betrat, je wieder mit einer Ruͤck⸗ erinnerung der Fall geweſen. Es war voller Tag, als wir unſere Pferde an einem maͤchtigen orientaliſchen Brunnen traͤnkten, und nun kamen wir auf eine offene Ebene heraus, in das beruͤhmte Thal von Saron, das einſt ſo reich an Roſen war, jetzt aber kaum cultivirt und doch allwaͤrts ſchoͤn und herrlich iſt. — Hier ſahen wir eine andere Cavalcade uͤber die Ebene ſprengen. Unſere zwei weißen Krieger galoppirten links und rechts vorwaͤrts, um zu recognosciren. Auch wir ſetzten unſere Hengſte in kurzen Galopp und forderten, wie Richard einſt ſeine Lanze gegen Saladin, ſo wir unſere Regenſchirme einlegend, furchtlos die ſich naͤhernde Karavane heraus. Die Sache iſt die, daß wir auf der anderen Seite unſere lieben Freunde, die Polen, ſchon lange erkannt hatten; wir begruͤßten ſie mit lautem Zu⸗ ruf, beide Karavanen vereinigten ſich nun, und wir leg⸗ ten beinahe vier Meilen in einer Stunde durch die glatte Ebene hin zuruͤck. Der Stallmeiſter, ein zu der anderen Geſellſchaft gehoriger Courier, ritt drei Meilen, wenn wir eine rit⸗ ten. Es war ein Araber mit zerbrochener Naſe; er war mit Flinte, Saͤbel und Piſtolen bewaffnet, trug ein gel⸗ bes, den Kopf zugleich mit bedeckendes Damascener⸗ Gewand, und hatte ſeine Naſe mit einem Saftpflaſter geſchmuͤckt. Er ritt einen eberhalſigen, grauen Araber, der uͤber und uͤber von Geſchirrziertathen ſtrotzte, und die Spruͤnge und Wendungen, die er ausfuͤhrte, ſein Auf⸗ jagen und Pariren erregten die allgemeine Bewunderung. Kaum hatte der bepflaſterte Araber ſeine Evolutio⸗ nen beendigt, als eine andere Staubwolke ſichtbar wutde, und ein neuer Zug bewaffneter und glänzender Reiter zum Vorſchein kam. Auch dieſen fuͤhrte ein Araber, dem zwei Janitſcharen mit weithin in der Sonne — funkelnden Silberſtaͤben folgten. Es war der neue amerikaniſche General-Conſul von Syrien und Jeruſa⸗ lem, der ſich im Geleite der beiden Conſuln von Ram⸗ leh und Jaffa, ſeinen Untergebenen, nach Jeruſalem begab. Er erwartet den Eintritt des tauſendjährigen Reichs binnen drei Jahren, und hat das Amt eines Con⸗ ſuls zu Jeruſalem uͤbernommen, um zur rechten Zeit ſofort zu Platze zu kommen. Als der bepflaſterte Araber den amerikaniſchen Araber ſah, galoppirte er ſchnurgerade auf ihn los, ſandte ſeine Pfeife nach Art eines Wurffpießes feinem Gegner zu, ſprengte nun um ihn herum, und changirte und avancirte ganz wie bei einem Feſtkampfe. Der Ameri⸗ kaner ging ſeinerſeits mit gleicher Heftigkeit auf das ritterliche Schaugefecht ein, und beide Krieger gaben uns auf den Ebenen von Jaffa ein vollſtändiges Tur⸗ nier zum Beſten. Der Bepflaſterte zog darin etwas den Fuͤrzeren. Er forderte ſeinen Gegner zum Wettrennen auf und flog auf ſeinem Grauen dahin. Der Ameri⸗ kaner auf ſeinem Braunen folgte. Auch hier blieb das arme Heftpflaſter etwas ſitzen, und damit hatte das Kriegsſpiel ein Ende. Was haͤtte man weiter verlangen mögen. Eine Schaar Ritter und Paladine haͤtte nicht mehr thun kön⸗ nen. Ich habe auf keiner Seite in Walter Scott von einer glänzenderen und ſchoͤneren Scene geleſen. Aber die beſonnenen Krieger von unſerem Zuge nahmen an — den Luftſpringen jener jungen Maͤnner keinen Theit. Sie ritten ganz verſtaͤndig in ihren weißen Turbanen und mit ihren hinter ihnen emporragenden Flinten neben der Saͤnfte der Damen her. Die Straße war immerwaͤhrend belebt. Zahlloſe Eſel, Kameele zu zweien und dreienz jetzt ein Maulthier⸗ treiber, der langſam einherſchlenderte und nach wunder⸗ licher Melodie ein Liedchen trillerte, jetzt eine Dame in weißem Schleier, ſchwarzer Maske und gelben Pantof⸗ feln, auf ihrem Eſel thronend, von ihrem Gemahle ge⸗ folgt — kamen an uns voruberz faſt Alle gruͤßten auf dieſe oder jene Weiſe. Nach einiger Zeit ſahen wir Ramleh, in einen dampfenden Nebel gehuͤllt, auf der Ebene vor uns, zur Rechten von einem einſamen, maͤchtigen Thurme uͤber⸗ ragt, der die Glocke irgend eines Kloſters von Caen oder Evreux getragen haben mag. Wir kamen, etwa drei und eine halbe Stunde nach unſerem Aufbruche mor⸗ gens, hier an, und ſahen mitten unter den weißen Thuͤr⸗ men und ſteinernen Haͤuſern der kleinen Stadt den Kirchhof vor uns liegen. Auf einem der Graͤber ſaßen zwei Frauen; die Eine hatte den Kopf auf den Stein herabgebeugt, hob und ſenkte ihn langſam und ließ leiſe, tiefergreifende Klagetoͤnen hoͤren. Der amerikaniſche Conſul lud uns ein, in dem Hauſe ſeines Subalternen, des gaſtfreundlichen, ein⸗ aͤugigen Armeniers, der die Vereinigten Staaten in — 48 — Ramleh repräſentirt, ein Fruͤhſtuͤck einzunehmen. Die Sterne und Streifen flaggten uͤber den Terraſſen, zu denen wir emporſtiegen, nachdem wir die Sorge fuͤr un⸗ ſere Pferde einem Haufen zerlumpter, laͤrmender Ara⸗ ber uͤberlaſſen hatten, die ſie unterbrachten und futterten, ohne daß ich im mindeſten ſagen koͤnnte, wie? in Je⸗ ruſalem entledigte ich mich, ſobald ich dort angekommen, in derſelben Weiſe meines Pferdes, gab die Zuͤgel an die erſte Perſon, die mir nahe kam, ab, und habe ſeitdem von dem guten Thiere niemals wieder etwas zu ſehen bekommen. Bei dem amerikaniſchen Conſul wurden wir zuerſt mit Reisſuppe in Piſchpaſch, weſches durch Zimmet und anderes Gewuͤrze wohlſchmeckender gemacht worden war, dann mit gekochtem, dann mit geſchmortem Schoͤpſen⸗ fleiſch und Goldaͤpfeln, dann mit Gefluͤgel, welches im Fette ſchwamm, dann mit braunem Zwiebelragout, und zuletzt mit einem dampfenden Reispillau tractirt, und ich kann verſichern, daß einige unter dieſen Gerichten von ausgezeichneten Ingredienzen und Wohlgeſchmacke waren. Als die erſte Tafel das Mahl beendigt hatte, wurde es an die zweite Tafel abgegeben, und das Un⸗ terhaus begann es ſofort mit großem Eifer in Eror⸗ terung zu ʒiehen. Sie waren noch in voller Thaͤtigkeit, als wir aufbrachen, um die zweite Section unſerer Reiſe anzutreten. Als wir Ramleh hinter uns hatten, — verlor die Gegend den milden und freundlichen Anſtrich, der die ſchoͤne Ebene, die wir durchſchritten hatten, cha⸗ rakteriſirt. Auch verſcheuchte nun die hoͤher am Him⸗ mel heraufſteigende Sonne all den friſchen und reizenden Duft, von welchem Gottes ſchoͤne Welt am fruͤhen Morgen uͤberhaucht iſt, und den der Staͤdter ſo ſelten zu ſchauen bekommt. Die Ebene, uͤber welche wir nun ritten, ſah gelb und duͤſter aus; von Cultur war wenig oder gar nichts zu bemerken, der Boden zu beiden Sei⸗ ten der Straßen war mit wuchernden, wilden Knollen⸗ gewaͤchſen bedeckt, und nur ſelten ſah man hier und da ein gruͤnes Plaͤtzchen. Manchmal trafen wir auf Heer⸗ den von ſchmaͤchtigem und kleinem, aber wohl unterhal⸗ tenem Rindvieh, und hier und da weideten Heerden von ſchwarzen Ziegen unter der Aufſicht eines aͤrmlich-aus⸗ ſehenden Negerhirten, der die lange Flinte uͤber dem Ruͤcken haͤngen hatte und ſich die Hand vor die Augen hielt, um beſſer nach unſerer kleinen Cavalcade ſehen zu koͤnnen. Faſt alles halbnackte Landvolk, welches wir trafen, fuͤhrte dies duͤſtere Anhaͤngſel des orientaliſchen Landlebens bei ſich, und die Waffe kann kaum zur bloßen Vertheidigung dienen, denn außer der abgetrage⸗ nen Kopfbedeckung und dem zerriſſenen Mantel, von blauem oder ſchmutzig⸗weißem Zeuge, haben dieſe ſtarken, braun⸗bruͤſtigen und ernſtblickenden Burſche offenbar nichts zu vertheidigen. Aber die Straße ward, wie vor⸗ her, nicht leer von Reiſenden; und Eſel von glattem Aufzeichnungen ll. 4 — und ſtarkem Ausſehen, ſowie Kameele, trafen wir noch mehr. Die letzteren kamen einzeln oder paarweiſe und nicht ſtark, und mit unanſehnlicher Waare beladen, die ſie zwiſchen den beiden Staͤdten hin und her befoͤrdern mochten. Gegen Mittag hielten wir mit großer Befrie⸗ digung in der Naͤhe eines arabiſchen Dorfes und Brun⸗ nens, wo wir uns ſaͤmmtlich mit einem Trunke friſchen Waſſers labten. Eine Biebergemeinde oder eine Amei⸗ ſencolonie bauen ſich Wohnungen, die den elenden, auf der Ebene hier zuſammengeſtellten Huͤtten nicht unaͤhn⸗ llich ſein moͤgen. Man ſieht ſie nicht einzeln entlang der Straße; arm und elend, wie ſie ſind, ruͤcken die Fellahs alle insgeſammt knapp nebeneinander, um ſich vor den Dieben, ihren Nachbarn, zu ſichern. Die Re⸗ gierung (welche wir ihnen zuruͤckgegeben haben) hat keine Macht, ſie zu ſchutzen und iſt nur ſtark genug, ſie zu pluͤndern. Die Frauen, mit ihren langen, blauen Gewaͤndern und zerriſſenen Schleiern, gingen, Kruͤge auf den Koͤpfen tragend, ab und zu. Solch einen Krug hatte Rebekka, als ſie Abrahams Haushofmeiſter Waſ⸗ ſer ſchoͤpfte. Jungen kamen, ringsumher gaffend, uns nachgelaufen und ſchrien, zugleich mit ihren Vätern, um das unvermeidliche backshush; und die Dorfhunde bellten den Heerden nach, die zur Traͤnke oder auf die Weide getrieben wurden. Wir ſahen einen ſchwaͤrzlichen, anſcheinend nicht ſehr hohen Gebirgszug gerade vor uns liegen; der Fuh⸗ rer wies auf die hoͤchſte Spitze und ſagte, daß wir von dort aus Jeruſalem ſehen koͤnnten. Sie kam uns ziem⸗ lich nahe vor und wir Alle trabten nun ganz begeiſtert vorwaͤrts, um die Bergkette zu erreichen. Aber dieſer Begeiſterungsausbruch (er hatte uns drei Minuten, beinahe eine Viertelmeile vorwaͤrts ge⸗ bracht) wurde durch die Unannehmlichkeiten, die uns der Landſtrich, durch den wir jetzt kamen, in den Weg legte, bedeutend herabgeſtimmt. Ehe wir noch in den eigent⸗ lichen Bergdiſtrikt kamen, wurden wir ſchon gehoͤrig darauf vorbereitet, indem wir verſchiedene einzelne, vor⸗ geſchobene Berge, um die ſich unſer rauher, ſteiniger Weg herumwand, auf und ab paſſiren mußten. Dann gelangten wir in den eigentlichen Bergdiſtrikt und un⸗ ſere Straße zog ſich in dem ſteinigen Bette eines ver⸗ trockneten Stromes fort, deſſen Gewäſſer zugleich mit dem ſtuͤrmiſchen und grimmigen Geſchlechte, das einſt dieſe wilde Berge bewohnte, die Vorzeit verſchlungen hat. Welche Cultur mag hier vor zweitauſend Jahren geherrſcht haben! Das Gebirge und die einzelnen, ſtei⸗ nigen Huͤgel, ziehen ſich bis zu ihren Scheitelpunkten in ziemlich horizontaler Richtung aufwaͤrts, und an den parallelen Raͤndern bemerkt man noch immer etwas Gruͤn und tragbares Erdreich. Als es hier noch Waſſer gab, und als dies Land ſo außerordentlich ſtark bevolkert war, wie es nach den Erzählungen der heiligen Schrift der Fall geweſen ſein muß, mögen wohl dieſe Gebirgs⸗ ⸗ 4* — öden eben ſo mit Gaͤrten und Weinland bedeckt geweſen ſein, wie wir dies jetzt in den Weingebirgen des geſeg⸗ neten Rheingaues wahrnehmen. Jetzt liegt der Di⸗ ſtrikt ganz wuͤſte und man reitet durch Partien hin, die man verſteinerte Waſſerfalle nennen mochte. Kein lebendiges Geſchoͤpf bewegte ſich zwiſchen den Felſen und Dornen; kaum daß wir auf der ganzen Tour ein Dutzend kleine Voͤgel erblickten. Die Sperlinge befinden ſich alle zu Jeruſalem, zwiſchen den Giebeln der Haͤuſer, wo ihr unaufhorliches Zirpen und Zwitſchern, die ergoͤtlichſte Muſik im ganzen Orte bildet. Die Polen⸗Compagnie, die Opford⸗Compagnie und das kleine, amerikaniſche Armeekorps marſchirten zu ſchnell fur unſere Caravane, welche ſich nach den lang⸗ ſameren Bewegungen der Damenſaͤnfte zu richten hat⸗ ten, und ſo mußten wir die Reiſe durch das Gebirge in verhaͤltnißmaͤßig geringer Anzahl machen. Von der Geſelſchaft ſelbſt hatte nicht ein Einzi⸗ ger eine gefaͤhrlichere Waffe, als einen Regenſchirm, und ein Trupp Araber, wenn von ſchlechten Geſinnungen beſeelt, hatte uns Alle zum Halten gebracht und haͤtte uns Sack und Pack abnehmen und uns voͤllig ausplun⸗ dern koͤnnen. Ich will auch nicht ſagen, daß wir nicht mit einem gewiſſen Herzklopfen die Reiſe fortgeſetzt haͤt⸗ ten. Wenn ſchwarzbraune Kerle, die den ganzen Guͤr⸗ tel voll Piſtolen und Yataghans ſtecken hatten, an uns voruberkamen, ohne ihre langen Flinten von den Schul⸗ tern zu nehmen, wenn finſterblickende Kameelreiter, mit furchtbaren, geſenkt gehaltenen Lanzen, und mit Buͤ⸗ ſcheln von bunten Lappen, oder wilden, ſcharlachrothen Federbuͤſchen herausgeputzt, ohne Belaͤſtigung an uns voruͤberzogen: dann, meine ich, waren wir ſtets herzlich froh, daß ſie nicht Halt gemacht und eine Verhandlung begonnen hatten! denn ſoviel iſt gewiß: ein britiſcher Loͤwe mit einem Regenſchirm, iſt einem Araber mit ſei⸗ ner hoͤlliſchen, langen Flinte nicht gewachſen. Und was haͤtte vollends aus unſeren Frauen werden ſollen? Wir mochten uns leicht uͤberreden, daß es hauptſaͤchlich die Sorge um ſie waͤre, welche uns geneigt machte, die Reiſe weiter zu beſchleunigen. In der Mitte des Bergdiſtriktes findet man einen ſchattigen Ruheplatz und ein Dorf, wo die Reiſenden gewoͤhnlich auf eine Stunde Halt machen, um auszu⸗ ruhen und ſich zu erfriſchen. Die anderen Caravanen waren eben im Begriffe, den Platz zu verlaſſen, nach⸗ dem ſie ſich ſeiner kuͤhlen Schatten und ſeines friſchen Waſſers erfreut hatten, als wir ankamen. Sollten wir Halt machen? Die Ruͤckſicht auf die Damen (natuͤrlich kein anderer Grund auf der Welt) ließ uns Mein!“ ſagen. Welche bewunderungswuͤrdige Selbſtverleugnung und ritterliche Hingebung! So bekamen unſere armen Teufel von Maulthieren und Pferden weder Raſt noch Waſſer, unſere keuchenden Senftenmaͤnner keinen Au⸗ genblick Zeit zum Verſchnaufen, und wir ſchwankten der Proceſſion zu unſeren Haͤuptern verzweiflungsvoll nach. Sie wand ſich vor unſeren Augen das Gebirge hinauf; die Polen mit ihren Flinten und Dienern, die Ameri⸗ kaner mit ihren Janitſcharen; es waren fuͤnfzig bis ſechzig, Alle langſam bergauf reitend, wie die Proceſſion im Blaubart. Aber ach! ſie waren bald unſeren Blicken ent⸗ ſchwunden; als wir die Spitze des ermuͤdenden Berges erreicht hatten, war nichts mehr von ihnen zu ſehen; moͤglich, daß in dieſem Augenblicke Einigen von uns Ge⸗ danken an Fleet-⸗street durch den Kopf gingen, oder daß uns eine leichte Sehnſucht nach einiger Polizeimann⸗ ſchaft uͤberfiel. Der Diſtrikt ſchien jetzt bevolkert, aber von einem haͤßlichen Menſchenſchlage. Aus den Huͤtten und aus unheimlichen Felſenhoͤhlen ſtarrten uns wilde Geſichter an. Die Maulthiere wollten kaum mehr vom Platze; die Maulthierfuͤhrer mußten Waſſer haben — ſiehe, da kamen wir endlich an ein recht freundlich aus⸗ ſehendes, mitten unter Baͤumen auf einer kleinen An⸗ hoͤhe gelegenes Dorf; die Kinder ſchuttelten Feigen von den Baͤumen, Frauen gingen ab und zu, vor uns lag die Moſchee irgend eines Heiligen, das Dorf, welches einer Anzahl kleiner Feſtungen glich, erſtreckte ſich zur Rechten den Abhang des Berges hinauf, eine reiche Flur von Feldern und Gaͤrten ſchloß ſich an daſſelbe an, und beladene Kameele kehrten heim. Hier mußte angehalten werden. Paolo, der Chef der Dienerſchaft, — d annte den Scheik des Dorfes — „er, ein ſehr guter Mann — giebt Ihnen Waſſer und Abendbrot — Waſ⸗ ſer ſehr gut hier« — in der That, wir fingen ſchon an zu uͤberlegen, ob es nicht rathſam ſei, hier Nachtlager zu halten, um am anderen Morgen erſt nach Jeruſalem aufzubrechen. Ein Mann in rother Tracht, auf einem ſchoͤnen Pferde, kam ſtolz an uns herangaloppirt, ſah ſcharf in die Damenſaͤnfte hinein und ritt weiter. Dann kamen ein paar Andere des Weges geſchlendert; der Eine, eben⸗ falls in rother Tracht, und ein ſehr ſchoͤner Mann, ſah ganz ohne Umſtaͤnde ſtarr in die Saͤnfte hinein, ſpielte mit einem Huͤndchen in der Naͤhe und fragte, ob wir Englaͤnder waͤren, was ich bejahte. Paolo hatte inzwi⸗ ſchen Waſſer gebracht, den erfriſchendſten Trunk von der Welt. Die Herrſchaften hatten ihr Theil bekommen; die armen Maulthiertreiber ſchmachteten darnach. Das franzoͤſiſche Kammermaͤdchen, die heldenmuͤthige Victoire, (ſeit den Tagen der Johanne d'Arc hat Frankreich ohne Zweifel kein Weib geſehen, welches muthvoller und hoch⸗ herziger geweſen) wollte noch nicht trinken. Da kam plotzlich einer der Diener zu ſeinem Herrn geſprungen und ſagte: „Abu Goſch verlangt, daß die Damen ausſteigen und ſich den Frauen im Dorfe zeigen.“ Es war alſo Abu Goſch in eigener Perſon, der be⸗ ruͤchtigte Raͤuber⸗Scheik, mit dem wir uns den ganzen Tag uͤber geneckt und gefoppt hatten, und der „der — — Wolf“ geweſen war, der ſo oft von uns beſchrieen wurde. Nie iſt ein Bild groͤßerer Beſtuͤrzung geſehen worden. „Marſch!“ war die Ordre, die im Augenblicke ertonte. O, wie bleich wurde Victoire, als ſie von der Botſchaft hoͤrte; wie zitterte ſie fuͤr ihre Tugend in den wilden Klauen eines Goſch! „Un verre d'eau pour l'amour de Dieu!“ keuchte ſie, und war nahe daran, ohnmaͤchtig vom Sattel zu fallen. „Ne burez plus Victoire!“ kreiſchte ihr ein kleiner Burſche von unſerer Geſellſchaft zu; vorwaͤrts! vorwaͤrts! ſchrie es von allen Seiten. „Was giebt's?“ riefen die Damen in der Saͤnfte, als ſie plotzlich die Reiſe wieder fortgehen ſahen; wir huͤte⸗ ten uns aber, ſie von den Abſichten des entſetzlichen Abu Goſch zu unterichten. Der Zug ging weiter, — Victoire war gerettet, — und ihre Herrinnen waren aus Gefahren befreiet, von denen ſie erſt Kenntniß er⸗ hielten, als wir das Dorf ſchon weit hinter uns hatten. Hatte Abu Goſch Boͤſes oder Gutes im Sinne? Entrann Victoire in der That der mißlichen Beſtim⸗ mung, Madame Abu Goſch zu werden? Oder hatte der Gebirgschef nur in ſeiner Weiſe eine gaſtfreundliche Einladung an uns ergehen laſſen? Ich glaube, er be⸗ abſichtigte das Letztere; denn haͤtte er was Anderes ge⸗ wollt, ſo haͤtten uns ein halb Dutzend ſeiner langen Flinten in ein paar Minuten eingeholt, und die ganze Geſellſchaft, war auf Gnade und Ungnade in ſeine Hand gegeben. Wie dem auch ſei, ich geſtehe es gerne ein, es war mir doch weit lieber, daß es bei der bloßen Auf⸗ regung ſein Bewenden hatte, als wenn es zu etwas Anderem gekommen waͤre; und man wird dies einem Reiſenden nicht verargen, der ſich in der bevorzugten Lage befindet, ſchon zuvor ein Liedchen von Raͤubern ſingen zu koͤnnen, wie dies bei dem Schreiber dieſes der Fall iſt. Nachdem wir das Reich des Goſch eine Strecke Weges hinter uns hatten, gelangten wir zu einer langen Reihe von Gaͤrten und Weinbergen, welche, von der un⸗ tergehenden Sonne getroffen, uns zahlloſe, goldene Ket⸗ ten der koͤſtlichen Trauben in voller Beleuchtung zeigten, ſo daß wir uns nicht entbrachen, zu raſten und ihnen ihr Recht widerfahren zu laſſen. So koſttiche Trauben hatten wir nie zuvor gegeſſen; ſo friſches Waſſer, wie das, welches ein Landmann uns vom nahen Brunnen holte, hatte noch nie eine vertrocknete Kehle erquickt. Der Ritt, die Sonne und vor Allem Abu Goſch war es, der dieſe Erfriſchung ſo beſonders lieblich machte, und dafuͤr ſage ich ihm meinen ſchonſten Dank. Wir gelangten von hier ab in eine verzweifelte Schlucht, welche unſere Pferde mehr hinabglitten, als ſchritten. In der Mitte derſelben hoͤrten wir den Abend⸗Kanonen⸗ ſchuß. Er war in Jeruſalem abgefeuert worden. Die Daͤmmerung iſt unter dieſem Himmelsſtriche kurz; in wenig Minuten war die Landſchaft rings um uns grau, und der Himmel leuchtete von hunderttauſend Sternen, welche die Nacht verherrlichten. Ueber dieſen pracht⸗ — vollen Dome ritten wir noch ein paar Stunden hin bis ans Ziel der Reiſe. Die Gebirge rund um uns duͤſter, traurig und oͤde, die Landſchaft, ſoviel wir bei Nacht ſehen konnten (ſie iſt bei Tage auch nicht freund⸗ licher), eine der ernſteſten und einſamſten, die ich je geſehen. Mit welchen faſt an Furcht grenzenden Ge⸗ fuhlen wir, durch die Nacht hinreitend, dieſem ehrwuͤr⸗ digen Orte uns nahten, brauche ich nicht niederzuſchrei⸗ ben. Die Erinnerungen an dieſe Gefuhle werden ſich Keinem aus dem Gedaͤchtniſſe verwiſchen, ſo lange er ein Gedaͤchtniß hat, und ſie ſind ihm vielleicht um ſo oͤfter gegenwaͤrtig, je ſeltener er davon ſpricht. —S— V. Jeruſalem. Ein Pfeiler der Kirche. — Stadttheile. — Juͤdiſche Pil⸗ grime. — Jeruſalemer Juden. — Engliſcher Gottesdienſt. — Juͤdiſche Geſchichte. — Die Kirche vom heiligen Grabe. — Der Porticus vor derſelben. — Griechiſche und lateiniſche Legenden. — Die Kirche vom heiligen Grabe. — Bethlehem. — Das lateiniſche Kloſter. — Der amerikaniſche Conſul. — Stoff zu Skizzen. — Abreiſe. — Eine Tagereiſe. — Ramleh. Die Damen von unſerer Geſellſchaft fanden in der Stadt, im griechiſchen Kloſter „treffliche Quartiere fur ſie in Bereitſchaft geſetz. Luftige Raͤume, reich⸗ beſetzte Tafeln, Weine und Zuckergebaͤcke, Alles delicat und im Ueberfluſſe, waren beſtimmt, ſie fur die Stra⸗ patzen der Reiſe zu entſchädigen. Ich weiß nicht, ob die wurdigen Vaͤter des Kloſters ſich auch an den Schaͤtzen erquicken, mit denen ſie verſchwenderiſch ihre — 60 — Gäſte bedenken; doch ſcheint es faſt, als ob es ſo ware. Alle, die wir ſahen, hatten die ſicheren Anzeigen eines guten Gewiſſens und einer guten Pfruͤnde an ſich, und unter Andern ſahen wir ein paar kraͤftige, roſige, ſchim⸗ mernde Laienbruͤder auf der Kloſterterraſſe gemaͤchlich in der Sonne herumſchlendern oder uͤber die Bruͤſtung in die Straße hinabſchauen, bei deren Anblick man eher an alles Andere als an Ascetism haͤtte denken moͤgen. Im Hauptſaale des Fremdenhauſes (denn die rei⸗ ſenden Laien durfen nicht im geweiheten Innern des Kloſters wohnen,) und uͤber dem Gebaͤude flattert der doppelkoͤpfige, ruſſiſche Adler. Der Platz befindet ſich naͤmlich unter dem Patronate des Kaiſers Nicolaus; ein kaiſerlicher Prinz hat in dieſen Raͤumen gewohnt, der ruſſiſche Conſul ſpielt eine große Rolle in der Stadt, und der Kaiſer bezahlt einen betraͤchtlichen, jaͤhrlichen Zuſchuß, um dieſes große Etabliſſement in Jeruſalem zu unterhalten. Die große Kapelle in der Kirche zum heiligen Grabe iſt unter allen dem Gottesdienſte geweih⸗ ten Raͤumen, dieſer Stiftung die am reichſten ausge⸗ ſtattete. Wir waren in Rußland, als wir unſere Freundinnen hier beſuchten, unter dem Schutze des kaiſerlichen Adlers und des Vaters der Kirche. Er nimmt ein warmes Intereſſe an dem Wohle ſeiner gei⸗ ſtigen Kinder; er nimmt in der morgenlaͤndiſchen Kirche den Rang nach der Gottheit ein und wird von Millionen — Menſchen angebetet. Ein frommes Muſterbild von Chriſtlichkeit; ein treues Gemälde von dem Zuſtand, in welchen das Chriſtenthum, durch die Vereinigung mit der Politik gebracht worden iſt. Man vergegen⸗ waͤrtige ſich den Rang, den er beanſprucht, und den er wirklich einzunehmen die ernſtliche Ueberzeugung hat; man denke ſich diejenigen, welche ſich vor ihm einen gleichen, hochheiligen Charakter beilegten — und dann an das Wort Gottes und den Stifter der Religion, deren oberſter Prieſter und Schutzherr zu ſein, der Kai⸗ ſer ſich anmaaßt! Es befanden ſich einige Polen in unſerer Geſell⸗ ſchaft; aber dieſe armen Maͤnner gingen in das latei⸗ niſche Kloſter und waren nicht geſonnen, den Gottes⸗ dienſt nach kaherlichem Ritus zu vollziehen. Die nächſte Nacht nach unſerer Ankunft beſuchten zwei von ihnen das heilige Grab. Wir ſahen ſie dort bei oͤfteren Beſuchen mehr als einmal in der lateiniſchen Kirche vor Gemälden knien, oder feierlich mit Kerzen in Pro⸗ zeſſion gehen, oder platt auf dem Boden liegen, oder Stellen leidenſchaftlich kuſſen, welche von der Tradition als ſolche, wo unſer Erlöſer gelitten, geheiligt worden ſind. Sei es aus groͤßerer Wahrheitsliebe, oder in Folge hoͤherer Bildung, oder aus Oppoſition — die Prieſter der lateiniſchen Kirche haben die aͤrgerliche Mummerei der Sſterfeuer — ein Betrug, den die griechiſchen Prieſter nicht muͤde werden, alljaͤhrlich zu er⸗ neuern — ſchon lange aufgegeben und verworfen. Ihr Kloſter und Fremdenhaus, obſchon geraͤumig und bequem, iſt doch weit armſeliger und von geringerer Beſchaffenheit, als das griechiſche; beide geben vor, daß ſie nicht um Geld bewirthen, aber in jedem wird er⸗ wartet, daß der Reiſende zahle. Die lateiniſchen Moͤnche erwerben ſich noch etwas Lebensunterhalt durch einen harmloſen Handel mit Roſenkraͤnzen, Kreuzen und Perlmuttermuſchelſchaalen, auf welchen Heiligenbilder ge⸗ malt ſind, und welche ſie aus den Manufacturen be⸗ ziehen und mit einem maͤßigen Gewinn wieder verkau⸗ fen. Auch die Englaͤnder kehrten bis in die neuere Zeit in dieſen halben Gaſthofen ein! allein im vergan⸗ genen Jahre etablirten zwei oder drei Malteſer ein paar Gaſthoͤfe fuͤr Touriſten, in welchen man ein rein⸗ liches und comfortables Unterkommen findet, und in welchen man ſo viel zahlt, daß es den meiſten Boͤrſen nicht allzuſchwer faͤllt. Wir wandten uns heiter dem einen dieſer Gaſt⸗ haͤuſer zu, indem wir unſern Pferden am Thore den Zuͤgel ließen, die ſich nun ſelbſt ihren Weg zu den be⸗ kannten Staͤllen durch die dunklen, verworrenen Stra⸗ ßenlabyrinthe, Bogengaͤnge und Alleen ſuchten, durch die wir gedrungen waren, ſeit wir die Hauptſtraße am Jaffaer Thore verlaſſen hatten. Dort war noch Leben; viele Leute ſaßen vor ihren Thuͤren, oder rauchten vor — duͤſtern Kaffeehaͤuſern, wo auch noch Singen und Ge⸗ ſchichtenerzaͤhlen an der Tagesordnung war; aber außer⸗ halb dieſer Hauptſtraße war es allerwaͤrts ſtill, und kein Lichtſchimmer drang aus den Fenſtern der wuͤrdigen Haͤuſer, die wir paſſirten, zu uns. Wir ſtiegen vor einer tiefer gelegenen Hausflur eine Terraſſe hinauf, auf welcher ſich verſchiedene kleine, gewoͤlbte Raͤume oder Pavillons befanden. Von dieſer Terraſſe aus ſahen wir des andern Morgens fruͤh einen großen Theil der Stadt ausgebreitet vor uns daliegen, — weiße Kuppeln uͤber Kuppeln, und Terraſſen uͤber Terraſſen, alle in derſelben Form, wie die unſrige. Hier und da ſtieg zwiſchen dieſen weißen, abgeduͤnchten, erdhuͤgelartigen, kleinen Gebaͤuden ein Minaret empor, oder ſie wurden von einem vereinzelten Dattelbaume uͤberragt; allein der Hauptbeſtandtheil der Vegetation bildeten jene haͤßlichen Baͤume, jene ſtachlichen Birnen, die aus maͤchtigen, gruͤnen Auswuͤchſen auseinander her⸗ vorwachſen, wie die Aloes mit ungaſtlichen Stacheln uͤberſaͤet ſind und weder Schatten, noch einen freundli⸗ chen Anblick gewaͤhren. Zur Rechten erhob ſich die Moſchee des Omar, und hinter ihr die aufgehende Sonne. Jene ſteil ſich hinanſchlaͤngelnde Gaſſe dort vor uns, zu beiden Seiten von verfallenen Mauern umgeben, hat ſeit undenklichen Zeiten den Namen Via dolorosa gefuͤhrt, und die Tradition hat die Plaͤtze ge⸗ nau bezeichnet, wo der Erlöſer ruhete, als er ſein Kreuz — nach Golgatha trug. Und dieſer Berg hier, der uns gerade gegenuͤber liegt, und deſſen gelber Abhang hie und da mit einigen grauen Oelbaͤumen beſetzt iſt, — hier kann kein Zweifel ſein. Es iſt der Oelberg. Jenſeits deſſelben liegt Bethanien. Das heiligſte Auge, das je auf dieſer Erdenwelt ruhte, es ruhte auf dieſen Huͤgeln, und hier war es, wo Er wandelte und lehrte. Mit Schaam und Demuth weilt der Blick auf den Raͤumen, wo dieſe unausſprechliche Liebe und Guͤte lebte und ath⸗ mete, wo das große, ſehnende Herz des Erloſers fuͤr das ganze Menſchengeſchlecht ſich hingab, wo die Frömmler und Verraͤther ſeiner Zeit ihn hinfuͤhrten zum Tode. Die Juden, die wir von Conſtantinopel aus mit an Bord hatten, und die jeden Tag Aufenthalts unter⸗ wegs verwuͤnſchten, nicht aus Ungeduld nach dem An⸗ blicke der heiligen Stadt, ſondern aus Aerger daruͤber, daß ſie während dieſer Zeit ihren theuren Unterhalt auf dem Schiffe beſtreiten mußten, machten in Jaffa ſo viele Geſchaͤfte, als ſich nur immer thun ließ, und ſetz⸗ ten ihre Reiſe zu dem Thale Joſaphat auf dem wenigſt koſtſpieligen Wege fort. Wir ſahen die erhabene Ge⸗ ſtalt des alten polniſchen Patriarchen, ehrwuͤrdig unter dieſem Schmutze, zwiſchen den ſtinkenden Ueberreſten des Hauptquartiers der Juden einherwandeln. Der ſchlaue, alte Rabbiner, in dem ſchmierigen Klapphute, der kein Geld ausgeben mochte, um ſeinen Kindern in dem Sturme vor Beyrut Schutz zu gewaͤhren, grußte uns auf dem Bazar; die juͤngern Rabbiner hatten ſich jetzt etwas herausgeputzt. Wir trafen ſie Sonntags auf jener Art von Promenade an den Mauern vor dem Bethlehemer Thore; ſie waren in Geſellſchaft eini⸗ ger rothbaͤrtiger Glaubensgenoſſen, welche in orientali⸗ ſchem Schmucke prangten; aber ſie ſpracheñ ganz nach Weiſe der berliner Juden und natuͤrlich von nichts an⸗ derem, als von einem Hundert Thalern. Man nehme den erſten beſten von dieſem Volke heraus, und hoͤrt, was er ſpricht, und man kann ſicher ſein, es iſt von dem ſilbernen Kalbe die Rede, das ſie anbeten. Die Wirkſamkeit der engliſchen Miſſion iſt bei den Bekennern dieſer Religion ganz erfolglos geweſen. Ich glaube nicht, daß der episcopaliſche Glanz, die Ka⸗ plane, die Facultaͤt, die Pedelle, ein Dutzend von ihnen bekehrt haben; fuͤr Diejenigen aber, welche den al⸗ ten Glauben aufgeben, fuͤr dieſe ungluͤcklichen Hebräer zu Jeruſalem wird ein neues Maͤrtyrerthum geſchaffen. Ihre alte Genoſſenſchaft verachtet ſie mit Abſcheu, und ich hoͤrte das Schickſal eines ungluͤcklichen Mannes er⸗ zaͤhlen, deſſen Gattin, wie es einem treuen Weibe zu⸗ kommt, entſchloſſen war, ihrem Ehegatten trotz ſeines Glaubenswechſels anzuhangen. Man hatte ſie während ſeiner Abweſenheit aus dem Hauſe zu locken gewußt;“ man hielt ſie, allen Bemuͤhungen der Miſſion, des Conſuls, des Biſchofs, der Kaplaͤne, der Pedelle zum Hohne, in der Stadt in Gefangenſchaft; man ent⸗ Aufzeichnungen. 11. 5 — 5 fuhrte ſie von Jeruſalem nach Beyrut und von Beyrut nach Conſtantinopel; von Conſtantinopel ward ſie auf ruſſiſches Gebiet hinuͤbergeſchmuggelt, und dort ſeufzt die Arme noch immer nach ihrem Ehegatten. Moͤge der ungluͤckliche, von ihr getrennte Bekehrte Troſt fin⸗ den. Als mir mein Gewaͤhrsmann, ein ſehr angeſehe⸗ ner und gebildeter Herr von der Miſſion, dieſe Be⸗ gebenheit erzaͤhlte, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß die Juden nur das gethan haben, was die Chriſten unter gleichen Verhältniſſen auch gethan haben wuͤrden. Die Gattin des Bekehrten war, wie ich erfuhr, die Tochter eines tiefgelehrten Rabbiners. Man ſtelle ſich nun vor, daß die Tochter eines Rabbi⸗ ners von Exeter oder Canterbury an einen Mann ver⸗ heirathet waͤre, der zum juͤdiſchen Glauben uͤberträte: wuͤrde nicht ihr hochwurdiger Vater in ſeinem Rechte zu ſein glauben, wenn er ſie der Gewalt eines Men⸗ ſchen entzoͤge, der ihre Seele leicht ins Verderben ſturzen konnte? Man ſollte dieſe armen Convertiten nach England ſenden, damit ſie der Verfolgung entzo⸗ gen waͤren. Wir konnten ſie nur beklagen, als wir ſie auf ihren Baͤnken in der Kirche ſitzen ſahen und an den Haß, an die Verachtung dachten, der ſie außen entgegen gingen wenn ſie in europaͤiſcher Tracht und rafirt unter ihren gehäſſigen und finſter blickenden, langperruͤckten Landsleuten ſich ſehen ließen. Wie in an⸗ dern Städten, die ich geſehen, ſo iſt auch in Jeruſalem — 35 — der Ghetto durch Schmutz ausgezeichnet Die Juden haben in der Umgegend des Duͤngerthors der Stadt ihr Niederlaſſungen aufgeſchlagen. An einem Freitage kann man ihr Wehklagen und ihr Jammern uͤber die zu Grunde gegangene Herrlichkeit ihrer Stadt hoͤren. Das Thal Joſaphat gewährt den grauſigſten Anblick von der Welt. Von allen Enden kommen ſie zuſam⸗ men, um hier ihre Todten zu begraben. Und wenn ihre Zeit gekommen, wird auch jener alte, graue Geiz⸗ hals, mit dem wir zuſammen reiſten, ſeinen Leichnam hier zur Ruhe legen; dies zu thun und Geld zuſammenzuſchar⸗ ren, iſt der Zweck ſeines langen, kalten Lebens geweſen. Wir hatten einen Herrn von der Miſſion, einen bekehrten Juden, den ſehr ehrenwerthen Herrn E, bei uns; und damit ich nicht in Verdacht komme, als ob ich oben von irgend einem der Convertiten mit Ge⸗ ringſchaͤtzung haͤtte ſprechen wollen, ſo ſoll hier erwaͤhnt werden, daß dieſer Herr der einzige war, mit dem ich das Gluͤck hatte, in naͤhere Beruͤhrung zu kommen. Ich ſah nie einen Mann von mehr einnehmendem Aeußern, von einer ſo offenbar hervorleuchtenden Aufrichtigkeit und von ſo tiefer, aͤchter und vernuͤnftiger Religioſitat. Die Mauern der anglikaniſchen Kirche zu Jeru⸗ ſalem ſind nur erſt wenige Fuß hoch uͤber ihre Gruͤn⸗ dung emporgewachſen, an einem ſehr maleriſchen, offe⸗ nen Platze, dem Bethlehemer Thore gegenuͤber. Der engliſche Biſchof hat ſeine Kirche ganz in der Naͤhe; 55 — ohnfern befindet ſich das Haus, wo die Chriſten unſerer Confeſſion ſich verſammeln und Gottesdienſt halten. Es iſt, als ob hier in allen Sprachen Gottesdienſt gehalten wuͤrde. Ich ſah Gebetbuͤcher und Bibeln in hebraͤiſcher, griechiſcher und deutſcher Sprache; in letz⸗ terer predigt Dr. Alexander jeden Sonntag. Ein Herr, der in der Kirche neben mir ſaß, konnte, ohne Unter⸗ ſchied, von allen dieſen Buͤchern Gebrauch machen. Er las zuerſt einen Abſchnitt im hebraͤiſchen und dann einen im griechiſchen Geſangbuch. Hier verſammelten wir uns Alle am Sonntage nach unſerer Ankunft. Es war ruͤhrend, die heimathliche Kirchenmuſik und die Mutterſprache in ſo weiter Entfernung vom Vaterlande zu hören, dem ernſten und anſtaͤndigen Ceremonial un⸗ ſeres Gottesdienſtes beizuwohnen und die Gebete in der Landesſprache vortragen zu hoͤren. Selbſt der gewaltige Antiprälatiſt, der amerikaniſche Conſul, welcher, um das Kommen des tauſendjährigen Reichs zu bezeugen, Haus und Vermoͤgen in Amerika zuruckgelaſſen, und der daſſelbe fuͤr ſo nahe haͤlt, daß er aus ſeiner Hei⸗ math eine Taube mitgebracht hat (welcher Vogel, wie er uns feierlich verſicherte, den erwarteten Advent uͤber⸗ lebt), ſelbſt er war durch das gute, alte Wort und den guten, alten Gottesdienſt geruͤhrt. Bei vielen Paſſagen ſeufzte er und bewegte ſich auf ſeinem Platze hin und her und während der Predigt gab er haͤufig Zeichen der Theil⸗ nahme und der Billigung. 5 Ich habe niemals den Gottesdienſt ſo vorzuͤglich und eindringlich abhalten hoͤren, als von des Biſchofs Kaplan, Herrn Veitch. Und doch iſt wohl die Muſik das Ruͤhrendſte geweſen; es waren die ſuͤßen, alten Flaͤnge aus der Heimath. Die Kirche war diesmal ſehr zahlreich beſucht; es muͤſſen nahe an hundert Leute darin geweſen ſein. Un⸗ ſere Geſellſchaft brachte der regelmaͤßigen Kirchengemeinde einen bedeutenden Zuwachs. Die Familie des Biſchofs iſt ſprichwoͤrtlich zahlreich; der Conſul und die Herren von der Miſſion haben Weiber und Kinder und engliſche Etabliſſements. Dieſe und die Fremden nehmen die Plätze in dem Raum zur Rechten und Linken des Pults und des Altars ein; die Convertiten und die Mitglieder des Collegii, allerdings in ſehr geringer An⸗ zahl, ſaßen dem dienſtthuenden Geiſtlichen gegenuͤber, vor dem die ſilbernen Staͤbe der Janitſcharen aufgeſtellt waren, wie dies in England mit den Staͤben der Pe⸗ delle geſchieht. Ich ging ſehr viel im Bereiche der Stadt herum; auf den Oelberg, nach Bethanien, zu den Graͤbern der Koͤnige und zu den geſchichtlich heiligen Brunnen. Dieſe ſind gruͤn und friſch, aber die ganze ubrige Länd⸗ ſchaft iſt abſchreckend. Verdorrte Berge, hier und da ein graubleicher, zitternder Oelbaum darauf; wilde Schluchten und Gruͤnde, mit Leichenſteinen gepflaſtert,— eine oͤde und geſpenſtige Gegend trifft das Auge aller — Orten, wo man nur in der Umgegend der Stadt ver⸗ weilt. Der Platz ſcheint durch und durch im Einklange zu ſtehen mit den Ereigniſſen, die die hebräiſchen Ge⸗ ſchichtsbuͤcher uns aufbewahrt haben. Auf dieſen, wie auf der Gegend kann das Auge nur mit Schrecken ver⸗ weilen. Entſetzen und Blut, Verbrechen und Strafe fullen Blatt fuͤr Blatt in grauſenhafter Aufeinander⸗ folge Da iſt auch nicht ein Plaͤtzchen — wohin das Auge nur blicken mag — wo nicht irgend eine Gewalt⸗ that veruͤbt, ein Blutbad angerichtet, ein Ungluͤcklicher gemordet, einem Idole unter blutigen und furchtbaren Gebräͤuchen gehuldigt worden wäre. Nicht weit von hier iſt der Platz, wo die juͤdiſchen Eroberer um den Beſitz von Jeruſalem kaͤmpften. „Da ſtand die Sonne am Himmel und verzog unterzugehen beinahe einen ganzen Tag.“*) Das Tageslicht ſollte den Juden leuchten zur Vertilgung der Amariter, die den Juden ihr Gott in die Hände gegeben hatte, dem Lande, das ſie erobern ſollten. Und die fluͤchtigen fuͤnf heidniſchen Könige, die ſich in der Höhle verbargen, wurden gefun⸗ den und gehaͤngt“*), und die Kinder Juda ſchlugen Je⸗ ruſalem „mit der Schaͤrfe des Schwerts“ und „ver⸗ brannten die Stadt mit Feuer“ und „ließen nichts uͤbrig bleiben, das Odem hatte.“**) Ich ging zum Thore von Zion hinaus und ſchaute nach dem ſogenannten 1. Buch Soſ. 10, 13. ib. V. 26. )C. 11, V. 10. 11. — 71 — Grabe Davids. Ich hatte alle Morgen in den Pſal⸗ men und Davids Geſchichte in den Buͤchern Samuelis uund der Koͤnige geleſen. „Siehe, Du haſt bei Dir Simei. — — — Ich ſchwur ihm bei dem Herrn, und ſprach: Ich will Dich nicht toͤdten mit dem Schwert. Du aber laß ihn nicht unſchuldig ſein; denn Du biſt ein weiſer Mann, und wirſt wohl wiſſen, was Du ihm thun ſollſt, daß Du ſeine grauen Haare mit Blut hinunter in die Hoͤlke bringſt.“ Das waren die letzten Worte, die der ſterbende Koͤnig zu ſeinem Sohn und Nachfolger ſprach, — ſo berichtet es die Schrift. *à) Das, was das Grab genannt wird, befindet ſich jetzt in einer zerfallenen, alten Moſchee, von welcher Juden und Chriſten beide in gleicher Weiſe entfernt ge⸗ halten werden. Wie ich ſie vor mir liegen ſah, von der Sonne beſtrahlt, den purpurnen Abendhimmel hin⸗ ter ihr, da konnte der Glanz nur dazu dienen, die Troſt⸗ loſigkeit rings umher deutlicher hervortreten zu laſſen. Die einſamen Mauern und Thuͤrme der Stadt ragten ohnfern empor. Oede Berge und Abhaͤnge von nacktem Geſteine bilden weit und breit die Umgebung; die Letz⸗ teren ſind mit Hoͤhlen durchwuͤhlt, in welchen chriſtliche Einſiedler lebten und ſtarben. Einen einzigen gruͤnen Platz ſieht man fern im Thale. Er wird El Rogel genannt. Dort hielt Adonia ſein Koͤnigsmahl, der von 3 *) 1. Könige Kap. 2, 8 ff. ſeinem Bruder Salomo getoͤdtet wurde, weil er die Abiſag zum Weibe gefordert²). Jenen Huͤgel entlang erſtreckt ſich das Thal Hinnom; dieſe traurige Schlucht war einſt ein fruchtbarer Garten. Ahas und die götzen⸗ dieneriſchen Koͤnige „raͤucherten“ dort unter den grunen Baͤumen, und „verbrannten ihre Soͤhne mit Feuer.“*¹) Auf dem entgegengeſetzten Berge betete Salomo mit den tauſend Weibern ſeines Harems die fremden Göͤtter derſelben an, den Aſthöreth „ und den Milcom“ und den Molech, die Greuel der Ammoniter.“**) Ein ſehr großes Beinhaus ſteht auf der Höhe, auf welcher man die Gebeine der todten Pilger aufzuhaͤufen pflegte; und der gemeine Glaube bezeichnet dieſen Platz als den Hakeldama, den Blutacker, den Judas „erworben um den ungerechten Lohn.“ †) So gelangt man von einem duͤſteren Platze zum andern, von denen jeder durch eine blutige Tradition verrufen iſt. Dort iſt der Tempel, und man denkt an die Titus⸗Soldaten, wie ſie ſeine flammenden Vorhallen erſtuͤrmen und in die Stadt ein⸗ dringen, deren wilder Vertheidigung zwei Millionen Menſchen zum Opfer fielen. Auf dem Berge Zion hatten Gottfried und Tankred ihr Lager aufgeſchlagen; als die Kreuzfahrer die Moſchee ſtuͤrmten, wadeten ſie knietief im Blute ihrer Vertheidiger, und im Blute der ) 1. Kön. 2, 13—25. *) 2 Chr. 28, 3. 1. Kn 11, 4— 7. 34) Apoſt. Geſch. 1, 18. 19. Frauen und Kinder, die hier eine Zuflucht geſucht hat⸗ ten; das war wieder ein Joſuaſieg. Und nach einer Schlaͤchterei, die drei Tage hintereinander fortgedauert hatte, reinigten ſie die entweihete Moſchee, und ſchickten ſich an, zu beten. — In dem Mittelpunkte dieſer in Truͤm⸗ mern geſchriebenen Verbrechensgeſchichte ragt das hohe Golgatha empor und bezeugt den großen Mord, das Groͤßte von Allen. Ich habe nicht noͤthig, von dieſem truͤben Land⸗ ſchaftsgemälde mehr zu ſagen. Wer es einmal geſehen, vergißt es nie wieder. Es iſt, als ob ihm die Erinnerung gleich einem böſen Gewiſſen verfolge, als ob er ſelbſt mit an der entſetzlichen That Schuld trage, die hier ver⸗ uͤbt worden. O, mit welcher Schaam, mit welchem Beben muß man an dieſes Verbrechen denken und ſich demuͤthigen vor dem Bilde des gottlichen, gebenedeieten Dulders! Der erſte Gang, den der Reiſende macht, iſt na⸗ tuͤrlich der zu der beruhmten Kirche vom heiligen Grabe. In dem Bogengange, welcher von der Straße ab zu dem Hofe und der Kirche fuhrt, iſt ein kleiner Beazar, von Bethlehemiten gehalten, die dem Handel der latei⸗ niſchen Moͤnche wohl vielen Abbruch thun mogen. Dieſe Leute rufen, von ihren Verkaufsplaͤtzen aus, die Voruͤber⸗ gehenden an und bieten mannichfache, zu frommem Ge⸗ brauche oder als Andenken dienende Kleinigkeiten, — — namentlich große Maſſen von Roſenkraͤnzen und wohl⸗ riechenden Kuͤgelchen, geſchnittenen Muſchelſchaalen von Perlmutter, Salzfaͤſſer oder andere Figuren, roh aus Stein gearbeitet, — zum Verkaufe feil. Und jetzt, ſeitdem Gaſthoͤfe errichtet ſind, warten dort Sondlinge dieſer Kramer auf die Ankunft von Fremden, liegen Tag fuͤr Tag auf der Terraſſe vor ihrer Thuͤr und bitten mit unermuͤdeter Geduld, daß man von ihren Schaͤtzen kaufen moͤge. Andere wuͤrdige Leute betreiben ein ein⸗ traͤgliches Geſchaͤft damit, daß ſie Pilger mit den fuͤnf Kreuzen, dem Wappen von Jeruſalem taͤttowiren; darunter wird dann noch der Name der Stadt in heb⸗ raͤiſchen Buchſtaben und die Jahrszahl der glucklichen Pilgerſchaft eingeſtochen. Manche von unſerer Reiſege⸗ ſellſchaft unterwarfen ſich dieſer ſeltſamen Operation, und werden ſo ein Andenken an ihre Reiſe bis zum Grabe bei ſich tragen. Einige darunter hatten in Bey⸗ ruth einen Bedienten angenommen, der fruͤher auf einem engliſchen Schiffe im mittelläͤndiſchen Meere Schiffs⸗ junge geweſen war. Der Burſche tragt auch das taͤtto⸗ wirte Bild der fuͤnf Kreuze. Ueber demſelben ſieht man zwei verbundene Herzen mit dem ruͤhrenden Motto: „Lisbeth, mein Lieb!“ die er ſich ſchon fruͤher hatte ein⸗ ätzen laſſen. Er hatte ſich von „Liesbeth, mein Lieb“ vor fuͤnf Jahren in Malta getrennt. Hier lernte er eine kleine Engländerin kennen. Er hat ſie aber bald vergeſſen. Nur ihr Name blieb eingegraben mit einem eitlen Sinnbilde der Treue auf der Haut des treuloſen Schelms, auf welche er nun ein neues Zeichen einer wohl gleich nachhaltigen Hingebung drucken ließ. Die Roſenkraͤnze und das Tattowiren ſcheinen fuͤr jeden chriſtlichen Pilgrim weſentliche Ceremonien zu ſein; ge⸗ wiß ſeit manchen hundert Jahren haben die Wallfahrer dieſe einfache Erinnerung an die heilige Stadt mit ſich fortgenommen. Dieſes Symbol iſt in das Wappen gar vieler Prinzen, Ritter und Kreuzfahrer eingeſtochen worden. Giebt dies nicht eine Moral, ebenſo anwendbar auf ſie, als auf den ſchwindelnden Pferdekopf von Beyrut? Ich habe euch, anſtatt bethlehemiſcher Muſchelſchaalen und Roſenkraͤnze, dieſe einfache und heilſame Lehre mit nach Hauſe gebracht. Nachdem man durch die Kraͤmerhalle hindurch ge⸗ kommen, gelangt man auf den Kirchhof, unmittelbar vor den erhabenen, alten Thuͤrmen der Kirche zum heili⸗ gen Grabe, welche mit Spitzbogen und gothiſchen Ziera⸗ then von roher Arbeit, aber reicher und pittoresker Zeich⸗ nung geſchmuͤckt ſind. Hier warten ganze Schaaren in der Sonne, bis es den tuͤrkiſchen Aufſehern gefaͤllig iſt, das Kirchthor zu oͤffnen. Permanent aber iſt ein Haufe von Bettlern; alte, zerlumpte Weiber, mit langen Maͤnteln, Kinder in zerriſſenen Kleidern, graubaͤrtige, blinde Bettler, die in einem allgemeinen Chore um Geld ſchreien und ihre hoͤlzernen Becken hinhalten, oder mit ihren Staͤben auf den Steinen klappern, oder den Saum * eures Kleides ergreifen, und weinen und wehklagen. In einer Ecke ſitzt eine Gruppe kohlſchwarzer, koptiſcher Wallfahrer, mit tiefblauen Gewaͤndern und Turbanen, und unaufhoͤrlich ihre Roſenkraͤnze abbetend; auch ara⸗ biſche Chriſten ſind aus ihren Zelten oder Doͤrfern her⸗ beigekommen, die Maͤnner halb nackend, nach Befinden wie Bettler oder wie Banditen ausſehend, und die Weiber, welche ihre Kopftuͤcher zuruͤckgeſchlagen haben, unter den taͤttowirten Augenbrauen hervor zu den Fremden aufſchauend. Was aber die Fremden ſelbſt anlangt, ſo habe ich es nicht noͤthig, ſie zu beſchreiben; dieſe engliſche Figur, die Haͤnde in den Taſchen, iſt in der ganzen Welt be⸗ kannt, moͤge ſie den Krater des Veſuv anſtarren, oder einen Hottentottenkraal, oder eine Pyramide, oder ein Pariſer Kaffeehaus, oder eine Eskimohuͤtte; aber alle⸗ mal und uͤberall mit einem und demſelben Ausdrucke von Kälte und Inſolenz. Wenn das Kirchthor geoͤff⸗ net wird, ſo macht er ſich mit dem Ellnbogen unter den Erſten Platz, wirft dem tuͤrkiſchen Pfoͤrtner verächt⸗ lich ein paar Piaſter zu und betrachtet gleichgiltig rings⸗ um den Platz, bei deſſen Anblick alle anderen Nationen der Erde in Thraͤnen, oder Entzuͤcken, oder Bewunde⸗ rung ausbrechen. Er iſt noch nie hier geweſen und zeigt ſich eben ſo unbefangen als der tuͤrkiſche Aufſeher, der unter der Thuͤre ſitzt und uͤber das hereindringende Volk flucht. — Soviel iſt gewiß, der Grund und das Weſen der römiſch⸗katholiſchen Fröͤmmigkeit zu begreifen iſt uns eine Unmoͤglichkeit. In Rom fuͤhrte mich ein Freund, ein Katholik, in eine Kirche, deren Inneres er ſo herr⸗ lich und ſchoͤn beſchrieb, daß es, wie er meinte, im Him⸗ mel ſelbſt nicht anders ſein koͤnne. Ich fand die Waͤnde mit Streifen von billigem rothen und weißen Calico behangen, die Altäre mit kuͤnſtlichen Blumen bedeckt, eine zahlloſe Menge Wachskerzen und einen Ueberfluß an goldpapierner Ausſchmuͤckung. Mir kam der Platz wie ein durftiges Theater vorz mein Freund aber kniete an meiner Seite ganz in Entzuͤcken und Anbetung verſenkt. Auch dieſe beruͤhmteſte Kirche der Welt vermochte keinen beſſeren Eindruck auf mich zu machen. Die Täuſchungen ſind zu offen und auffaͤllig, die Erfindun⸗ gen und Unſchicklichkeiten zu unfoͤrmlich. Es fällt ſelbſt ſchwer, mit Perſonen zu ſympathiſiren, welche dies alles fur echt hinnehmen; und wenn auch (wie ich dies von meinem Freunde in Rom zu genau wußte) das Leben des Glaubigen ein Leben der reinſten Frömmig⸗ keit und Liebe iſt, ſo kommt es Einen doch hart an, an ſeine Aufrichtigkeit zu glauben, weil die Betruͤgereien, die er glaͤubig zu verehren behauptet, zu ſehr am Tage liegen. Ja, es macht ſogar Muͤhe, die Moͤglichkeit zu⸗ zulaſſen, daß der Katholik dies nur aus Leichtglaͤubigkeit thun; an ſeinem Entzucken und ſeiner Anbetung Theil — zu nehmen, ſteht ganz außer unſrer Macht. Mir konnte dieſe Kirche keine anderen Gefuhle einfloͤßen, als Schaam und Schmerz. Die Legenden, mit welchen Griechen und Romer den Platz ausgeſtattet haben, koͤnnen uns nicht heiliger erſcheinen, als die haͤßlichen, unweſentlichen und bar⸗ bariſchen Gemaͤlde und Verzierungen, mit denen man ihn uͤberſchwemmt hat. Man ſehe, wie inbruͤnſtig die Pilger ein flitterndes, gothiſches Bild, welches nicht viel beſſer iſt, als ein Gotzenbild in einem Suͤdſee⸗Morai, mit Kuͤſſen und Thraͤnen bedecken. Die geſchichtlichen Darſtellungen, denen ſie ihre Ehrfurcht widmen ſollen, ſind aus derſelben Periode und von derſelben Gattung — gothiſche Carricaturen. In jeder erſcheint ein Heiliger in den Formen des Mittelalters und ganz nach der Weiſe des zehnten Jahrhunderts zugeſtutzt. Die verſchiedenen Kirchen ſtreiten ſich um den Beſitz verſchiedener Reliquien. Die Griechen zeigen das Grab des Melchiſedek; die Armenier beſitzen die Kapelle vom reuigen Uebelthaͤter; die Kopten, in ihrer kleinen Huͤtte von einer Kapelle, ruͤhmen ſich des Dickichts, in welchem Abraham den Widder fing, der an Iſaaks Stelle zum Opfer dienen ſollte; die roͤmiſche Kirche weiſ't den Pfei⸗ ler auf, an welchem Chriſtus gebunden war. Der Platz der Auffindung des heiligen Kreuzes, der Riß in dem Felſen zu Golgatha, das Grab Adams ſelbſt, — dies Alles befindet ſich innerhalb eines Raums von wenigen —— — Ellen. Man ſteigt ein paar Stufen hinauf und wird belehrt, daß man jetzt auf dem Calvarienberg ſtehe, und ringsumher ſind flammende Kerzen und Weihrauch⸗ wolken und grauſenhafte Gemaͤlde nach Scenen aus der bibliſchen Geſchichte oder Portraits von Konigen, welche dieſe oder jene Kapelle reichlich beſchenkt haben; dazu kommt das Summen und Laͤrmen der Haufen von Fremden; dieſe weinen, knieen und kuͤſſen, jene ſind gleichgiltig, und vor Allem die Prieſter, die in außerge⸗ woͤhnlicher Tracht unverſtandliche Litaneien murmeln und ſingen, Gewaͤnder an⸗ und ablegen, Kerzen anzun⸗ den und auslöſchen, vorwaͤrtskommen und zuruckgehen, und in allen Formen fremdartiger Weiſe ſich neigen und beugen. Hatte es den Erfindern der Topographie des Grabes gefallen, noch funfzig Plaͤtze mehr hinzuverlegen, und ſie alle mit einander als ſolche zu bezeichnen, wo Ereigniſſe, von denen die heilige Schrift berichtet, ſtatt⸗ gefunden: die Pilger wuͤrden es auch geglaubt haben. Die prieſterliche Autorität hat ihr Urtheil ſo gefangen genommen, daß es ſich zu jeder Forderung bequemt; der engliſche Reiſende aber blickt zum erſten Male auf die Scene mit einem Gefuͤhle von Verachtung, Verwirrung und Schaam uͤber dieſe kriechende Leichtglaͤubigkeit, uͤber dieſe ſeltſamen Gebraͤuche und Ceremonien, und uͤber dieſen ſich ſelbſt Lugen ſtrafenden Betrug. . Verdruß und Mißmuth hieruͤber laͤßt dem Eng⸗ laͤnder die Kirche vom heiligen Grabe fur die erſte Zeit — — als den mindeſt geweihten Platz in Jeruſalem erſchei⸗ nen. Es ſind die Lugen, die Legenden, die Prieſter, und ihre Zänkereien und Ceremonien, welche die Heilig⸗ keit des Platzes dem Auge verhuͤllen. Es heißt, die Roͤmer haͤtten nach der Einnahme von Jeruſalem eine Statue der Venus auf dieſem geweihten Platze aufge⸗ ſtellt, um alle Erinnerungen daran zu zerſtoͤren. Die Heiden haben nicht ſo ſchlimm gehandelt, als es die Chriſten jetzt thun. Zu leugnen und ungläubig zu ſein, iſt nicht ſo ſchlecht, als einen Betrug zum Gegenſtande des Glaubens zu machen. Der Luͤgner Ananias ging der Luͤge wegen zu Grunde, und aus demſelben Thore, wo die Engel Wache gehalten, aus dem Grabe Chriſti, ſcheuen chriſtliche Prieſter ſich nicht, mit handgreiflichen Lugen hervorzutreten. Welch ein Platz, auserwählt zum Betruge! Großer Gott! Dieſe Stelle beſudeln ſie mit gemeinem Nachjagen nach eigener Machtvergroͤßerung, mit den Kunſtgriffen einer ſchimpflichen Gewinnſucht! Das Grab ſelbſt (in welches, ſei es echt oder nicht, Niemand eintreten kann, ohne von odemloſen Schauer und tiefer, ehrfurchtsvoller Demuth durchbebt zu werden), es hätte an ſich auf jeden Beſucher den ge⸗ waltigſten Eindruck machen muͤſſen. Es ſteht in dem Mittelpunkte der gewoͤlbten Rotunde, welche allen Chri⸗ ſten gemeinſam iſt, und von welcher aus ſich die ver⸗ ſchiedenen Kapellen, die den einzelnen Secten gehoͤren, abzweigen. In der koptiſchen Kapelle ſah ich einen kohlſchwarzen Kopten, in blauen Gewändern, unter ſchmu⸗ bigen Lampen, rohen Bildern und geringen, verſchoſſe⸗ nen Flittern kauern. In der lateiniſchen Kirche war noch kein Gottesdienſt. Nur zwei Moͤnche befanden ſich darin, die entlang der braunen Waͤnde den modrigen Tand abſtäubten, und einander zulachten. Die geraͤu⸗ mige Kirche der Feuerbetruͤger nahe dabei, war von weit mehr Gottesdienern beſorgt, als die ihrer reichen Nach⸗ barn, der Armenier. Dieſe drei Hauptſekten haſſen ein⸗ ander; ihre Zaͤnkereien ſind endlos; alle intriguiren gegen einander bei den heidniſchen Grundherren, die ſie beſte⸗ chen. Wenn die Griechen die gemeinſchaftliche Kirche neu decken wollen, ſo treten die Römiſchen dazwiſchen, auf die Gefahr hin, daß ſie zu Grunde geht; und die Griechen zerſtören lieber ein Kloſter am Oelberge und berlaſſen den Grund und Boden den Tuͤrken, als daß ſie den Armeniern den Beſitz deſſelben einräumen ſoll⸗ ten; und die Armenier laſſen ſich, wenn die Griechen den armeniſchen Zugang zu der ſogenannten Geburts⸗ grotte zu Bethlehem hergeſtellt haben, die Erlaubniß er⸗ theilen, das Werk der Griechen wieder zu zerſtoͤren und derſtören es wirklich. Und ſo halten an dieſem heiligen Platze, dem Mittelpunkte des Chriſtenthums, die Reprè⸗ ſentanten dreier großer, chriſtlicher Glaubensgenoſſe⸗ ſchaften unter einem Dache ihren Gottesdienſt — und haſſen einander. Unmittelbar uͤber dem Grabe des Erlöſers iſt die Aufzeichnungen. 11. 6 — 3 — Kuppel offen, und man ſieht oben den blauen Him⸗ mel. Welcher von den Bauherren mag es geweſen ſein, der den herrlichen Gedanken hatte, das Grab unter dem erhabenen Schirme des Himmels zu belaſſen, und es nicht einzuengen unter den alten, modrigen Kuppeln und Decken, unter denen ſo viele Selbſtſucht, Liebloſig⸗ keit und Betruͤgerei wohnt? Wir gingen auch nach Bethlehem und ſahen die apokryphiſchen Wunder dort. Ein Ritt von fuͤnf Mei⸗ len brachte uns von Jeruſalem aus uͤber nackte, wellen⸗ foörmige Huͤgel, deren Anblick ſich, je mehr man ſich naͤhert, immer freundlicher geſtaltet, zu dem beruͤhmten Flecken. Wir kamen bei dem an der Straße gelegenen Kloſter von Mar Elyas voruͤber, welches, gleich einem Fort, mit Waͤllen und Befeſtigungen umgeben iſt. Trotz dieſer ſtarken Verwahrung haben es aber doch die Ara⸗ ber mehr als einmal geſtuͤrmt und die ungluͤcklichen Mönche darin getödtet. Ganz in det Naͤhe war der Brunnen der Rebekka; wir trafen eine Leiche dort, und eine Menge leidtragender Maͤnner und Frauen weh⸗ klagten und tanzten um dieſelbe herum. Hier und da begegneten wir einem kleinen Trupp wilder und finſter plickender Reiter, einem Schafhirten mit ſeiner ſchwar⸗ zen Heerde und einer Flinte auf dem Ruͤcken, einer Partie Kameele, Frauen mit langen, blauen Roͤcken und weißen Schleiern, welche Kreuze trugen und die Fremden mit großen, ernſten Augen anſchauten; einer — 53 — Schaar Landleute, die auf ihren Eſeln Getreide oder Weintrauben in die Stadt brachten, und der kurze Weg wurde ſo auf mannichfache Weiſe belebt. Es war eine freundliche, betriebvolle Scene. Die Kirche von det Geburt Chriſti, ſammt den dazu gehörigen Kloſtern, iſt ein machtiges und prachtvolles chriſtliches Bauwerk. Ein Theil der Reiſenden ging dieſen Tag an den Jor⸗ dan, und Dutzende ihrer Begleiter — räuberiſche Ara⸗ ber, welche vorgaben, ſie beſchutzen zu wollen, darunter einzelne prächtige Figuren mit flatternden Haiks und Turbanen, langen Flinten, krummen Säbeln und ver⸗ zweifelten Pferden, letztere mit bunten Fetzen uͤberbockt, ſtanden auf dem breiten Steinpflaſter vor dem kleinen Kloſterthore. Es war eine Scene, wie ſie Cattermole gemalt haben muͤßte. Ritter und Kreuzfahrer mögen Zeugen von ähnlichen Scenen geweſen ſein. Man ließ ſie in Gedanken aus dem engen Portale heraustreten, und von dem Schwarme ſonnengebraͤunter, geſchwaͤtziger Weiber, Kraͤmer und Kinder in gleicher Weiſe begrußt werden. Der Anblick im Innern des Gebaͤudes zeigte den⸗ ſelben Charakter. Wir wurden von dem Superior des griechiſchen Kloſters in einem ſchoͤnen Refectorium mit derſelben Hoͤflichkeit und Gaſtfreundlichkeit, mit welcher nan die Pilgrime im Mittelalter bewirthet haben mag, empfangen. Man zeigte uns die großartige Kirche; wir beſuchten die Grotte, wo die Geburt des Heilands 6* ſtattgefunden haben ſoll, und betrachteten die uͤbrigen Gegenſtände der Verehrung, welche durch plumpe Le⸗ genden der Anbetung der Glaͤubigen uberliefert ſind. Als dieſer Beſuch beendet worden, machte ſich der Theil der Reiſenden, welcher ſich zum todten Meere be⸗ gab, mit ſeinem bewaffneten Gefolge auf den Weg; jeder einzelne Reiſende hatte ein ſo tapferes Ausſehen, als moglich, angenommen, und war perſoͤnlich kriegeriſch mit Schwert und Piſtolen ausgeruͤſtet. Die pittoresken Gruppen, die Araber und Reiter im Sonnenſchein, das ſtattliche, alte Kloſter und die graubaͤrtigen Prieſter mit ihrem Feſtmahle, die Kirche mit ihren Gemaͤlden, Säu⸗ len und Weihrauch, die Begegnungen auf der Straße — Heerden und Schafhirten, Brunnen, Leichenbegäng⸗ niß und Kameele — alles dies hat ein glaͤnzendes, romantiſches und heiteres Bild in meiner Seele zuruͤck⸗ gelaſſen. Du aber, mein theurer M.. du haſt, ohne dort geweſen zu ſein, ein viel ſchoneres Bild davon entworfen, und Bethlehem, wo das heilige Kind geboren worden, und die Engel geſungen: „Ehre ſei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und dem Menſchen ein Wohlgefallen!“ iſt dir der heiligſte und ſchoͤnſte Platz auf der Erde. Beinahe die ſchoͤnſten Wohnungen in Jeruſalem ſind die der Armenier in ihrem Kloſter zu St. Jacob. Wo man ſie nur immer trifft, dieſe orientaliſchen Qus⸗ ker haben ſtets ein ernſt⸗heiteres, gehaͤbiges Ausſehen. Ihr Kloſter auf dem Berge Zion iſt geraͤumig genug, um zwei⸗ oder dreitauſend Glaͤubige zu faſſen, und ihre Kirche iſt durch eben ſo reiche, als ungeſtaltete Spenden, wie ſie nur immer eine ſeltſame Frömmigkeit erdenken mag, ausgeſchmuͤckt. An der Stelle der Glocke bedienen ſich die dicken Moͤnche des Kloſters eines Brettes, auf welchem ſie einen furchtbaren Lärm machen, und ſo ſchlagen ſie die Glaͤubigen, ſo zu ſagen, in die Kirche hinein. Man kann keine behaglicheren und roſigeren Geſichter, als die der ehrwurdigen Väter ſehen, wie ſie entweder in ihrer huͤbſch mit Matten ausgelegten Kirche knieen oder in heiterer Andacht daſitzn. Bilder, Ge⸗ maͤlde, Gold- und Silberſchmuck, Wachskerzen fuͤllen glaͤnzend den ganzen Raum, und zehntauſend Straußen⸗ eier (man kann auch die Zahl etwas niedriger feſtſtel⸗ len) haͤngen von der gewölbten Decke herab. Die Ver⸗ ſammlung, die dem Gottesdienſte beiwohnte, war ſehr zahlreich; ſie lagen auf den Knien, kuͤßten die Waͤnde mit heißer Inbrunſt, und zollten der köſtlichſten Reliquie des Kloſters, der Kanzel des heiligen Jacob, des erſten Biſchofs von Jeruſalem, ihres Patrons, große Ehr⸗ furcht. Der prangendſte Kirchenſtuhl in der Kirche des roͤmiſchen Kloſters iſt der mit dem duͤrftigen, rothen Damaſt decorirte, welcher dem franzoͤſiſchen Conſul und Repräſentanten des Königs der Franzoſen in Ruͤckſicht auf den Schutz, welchen er ſeit undenklichen Zeiten den tömiſch⸗katholiſchen Chriſten in Syrien angedeihen läßt, zugewieſen iſt. Alle franzoſiſche Schriftſteller und Rei⸗ ſende mit großer Selbſtgenuͤgſamkeit von dieſer Protection. Man leſe franzöſiſche Reiſebeſchreibungen, man frage den erſten beſten Franzoſen, und wir werden hoören: „La France, Monsieur, de tous les temps protége les Chretiens d'Orient;“ und der gute Herr ſieht ſich in der Kirche rings um, macht eine Armbewegung und protegirt ſie nach Herzensluſt. Es iſt guter Ton bei ihnen, an Proceſſionen Theil zu nehmen, und man ſieht ſie in Ausuͤbung dieſer Pflicht ſo feierlich, als ſie es immer zu thun im Stande ſind, mit langen Kerzen einherſchreiten. Aber ich habe mich an ihrer Froͤmmigkeit nie recht erbauen können, und die religiöſen Erguͤſſe von La⸗ martine und Chateaubriand, die wir im Hinblicke auf unſere Reiſe alle geleſen, haben mich eher mit jedem anderen Gefuͤhle, als mit dem der Ehrfurcht, erfuͤllt. „Voyez comme M. de Chateaubriand prir Pien ſcheint uns die Beredtſamkeit des Grafen immer zuzurufen. Der zierliche, franzöſiſche Pilger macht ſolche heilige Grimaſſen, daß es in der That ſchwierig iſt, ernſthaft zuzuſehen. Die Gemälde, Bilder und Duuntnt des lateini⸗ ſchen Hauptkloſters ſind, im Vergleiche zu dem armeni⸗ ſchen Reichthume, aͤrmlich und gering. Das Kloſter iſt geraͤumig, aber unſauber. Viele huͤpfende und krie⸗ chende Plagen ſollen die Haut der dort ſchlafenden Pil⸗ — ger heimſuchen. Die Gebaͤude ſind in Höfe und Gal⸗ lerien zerlegt, und die modrigen Thuͤren ſind mit Zwei⸗ pennybildern von Lieblingsheiligen und Maͤrtyrern ge⸗ ſchmuͤckt. Die Aermlichkeit und Trägheit iſt von ſolcher Art, daß man ſich in ein italieniſches Kloſter verſetzt glaubt. Moͤnche in braunen Kutten, ſchmutzig, baͤrtig und bleich, ſieht man die Corridore entlang gleiten. Die Reliquien-Manufactur, deren ich fruͤher Erwaͤhnung that, macht bedeutende Geſchafte; ganze Kiſten voll Muſchelſchaalen, Kreuze und Roſenkraͤnze werden an die Gläubigen in Europa verſendet. Hierin beſteht jetzt die hauptſäͤchlichſte Einnahme des Kloſters. Frankreich iſt nicht mehr das allerchriſtlichſte Königreich, und die Pro⸗ tection will nicht allzuviel ſagen, ſeitdem Karl X. ver⸗ trieben worden; und Spanien, welches ſich bei manchen Gelegenheiten auch grofartig gezeigt hat (die Gaben der ſpaniſchen Monarchen, Wappen, Leuchter, Baldachine figuriren haͤufig in den verſchiedenen lateiniſchen Kapel⸗ len) iſt ſeit den letzten Unruhen, der Beraubung des Clerus ꝛc. ebenfalls karg geworden. Nachdem wir uns alle Merkwuͤrdigkeiten beſehen, tractirte uns der Prior in dem hölzernen Sprechzimmer mit kleinen Glaͤſern von rothem Roſolio, den Sr. Wuͤrden, der Kloſterkellner, unter manchen Buͤcklingen und Kniebeugungen auftrug. Nach dieſer Gemeinſchaft von heiligen Männern nimmt die wichtigſte Stelle der amerikaniſche Convent ein, eine proteſtantiſche Geſellſchaft, hauptſaͤchlich von Independenten, welche Tractate verbreiten, ſich bemuͤhen, Convertiten zu machen, ihre eigenen Zuſammenkuͤnfte halten, mitunter aber auch die kleine Gemeinde, die ſich zum engliſchen Gottesdienſte verſammelt, verſtärken. Von unſerm Reiſegenoſſen, dem Generalkonſul der Ver⸗ einigten Staaten fuͤr Syrien, habe ich ſchon geſprochen; er war Kaufmann, hat ein ſehr betrachtliches Vermoͤ⸗ gen und lebte auf ſeinem Landhauſe in behaglichſter Zu⸗ ruͤckgezogenheit. Er hat es ſich aber in den Kopf ge⸗ ſetzt, daß die Prophezeiungen der heiligen Schrift bald in Erfullung gehen werden, und daß der Tag der Ruͤck⸗ kehr der Juden und die Verherrlichung des wiederherge⸗ ſtellten Jeruſalem nahe bevorſtehe. Er beeifert ſich, hiervon Zeugniß abzulegen, er und eine Lieblingstaube, welche er mit auf die Reiſe genommen; um dieſer Reiſe willen gab er die Heimath und einen herrlichen Landſitz Preis. Er weiß nichts weiter von Syrien, als was in den heiligen Prophezeiungen daruber enthalten; und man hat dies, — wie er denn auch das Amt un⸗ entgeldlich uͤbernommen — Seiten der Regierung der Vereinigten Staaten fuͤr ausreichend betrachtet, um ihm dieſes Amt zu uͤbertragen. Alsbald nach ſeiner Ankunft ließ er ſich bei dem Paſcha melden und um eine Unter⸗ redung bitten; er erlaͤuterte ihm darin ſeine Auslegung der Apokalypſe, vermoͤge deren er entdeckt habe, daß die fuͤf Maͤchte und Amerika im Begriffe ſtaͤnden, in den ſpriſchen Angelegenheiten zu interveniren, und daß die Juden unfehlbar nach Palaͤſtina zuruͤckkehren wuͤrden. Dieſe Neuigkeiten muͤſſen den Statthalter der erhabenen Pforte in Erſtaunen verſetzt haben, und ich glaube nicht, daß ſeit den Tagen des Koͤnigreichs von Muͤnſter, unter dem Wiedertaͤufer Johann von Leyden, irgend eine Re⸗ gierung einen ſo ſeltſamen Geſandten empfangen oder beglaubigt hat. Der wuͤrdige, ſchlichte und gutmuͤthige Mann nahm mich mit in ſein derzeitiges Conſulathaus in der amerikaniſchen Miſſion, und ſetzte mir, waͤhrend er vorgab, mich mit einem Weinfruhſtuͤcke regaliren zu wollen, ſeine Ideen auseinander. Er ſprach von der Zukunft, als ob es ſich um einen Artikel in der „Times⸗ handle, und zweifelte eben ſo wenig daran, ein göttliches Koͤnigreich in Jeruſalem hergeſtellt zu ſehen, als irgend Jemand in England daran zweifelt, daß im naͤchſten Fruͤhjahre im St.⸗James⸗Palaſte Lever ſein wird. Das kleine Zimmer, in dem wir ſaßen, war mit Miſ⸗ ſionstractaten vollgeſtopft, doch hoͤrte ich nicht viel von Bekehrten, — ſo wenig wie bei unſerer eigenen biſchöf⸗ lichen Miſſion. Doch, mögen auch die religioſen Siege der Letzte⸗ ven noch ſo gering ſein, und moͤgen ſehr Wenige durch die amerikaniſchen Tractate und die engliſchen Predigten und Katechiſationen ihrer eigenen Weiſe, das höchſte Weſen anzubeten, entfremdet und der unſtigen zuge⸗ fuͤhrt werden, ſo wird doch gewiß dieſe Colonie von Männern und Frauen unſeres religioſen Glaubens durch — 6 die lichte Gewalt eines guten Beiſpiels, eines reinen Lebenswandels und einer thaͤtigen Naͤchſtenliebe ſehr viel Gutes wirken. Die Damen der Miſſion haben ganze Schaaren von Schuͤtzlingen jeden Glaubens, denen ſie ihre Wohlthaten zufließen laſſen. Jede, ohne Aus⸗ nahme, hat ihr Haus zu einem Muſterbilde der Zier⸗ lichkeit gemacht, und ein Laboratorium fuͤr alle köſtli⸗ chen Werke chriſtlicher Liebe darin eingerichtet; und die Maͤnner bilden den beſcheidenen Kern einer Civiliſation, die ſicher Fortſchritte machen wird. Man hat im Un⸗ terhauſe uͤber den Biſchof Alexander und die Frau Bi⸗ ſchoͤfin, ſeine Gemahlin, und die Biſchöfchen, ſeine zahl⸗ reichen Kinder, auf eine beklagenswerthe Weiſe geſcherzt und behauptet, das Volk von Jeruſalem habe Aerger⸗ niß davon genommen. Dieſer Hohn iſt offenbar von den Lateinern oder Griechen ausgegangen; denn wie konnten Juden oder Tuͤrken daran Anſtoß nehmen, daß ein engliſcher Geiſtlicher Weib und Kinder habe, da dies bei ihren eigenen Prieſtern auch der Fall iſt? So viel ich auch nur immer in Erfahrung bringen konnte, hat man nie ein Mißfallen gegen ſie an den Tag ge⸗ legt; ich ſah die Kinder des Biſchofs ſo ſicher wie im Hyde⸗Park herumfahren. Ueberhaupt ſcheint man inner⸗ halb der Stadtmauern allen Europäern mit Artigkeit und Freundlichkeit zu begegnen. Wenn ich Skizzen aufnahm, ſah das Volk gutmuͤthig zu, ohne mich im mindeſten zu ſtoren; ja Zwei oder Drei waren ſogleich erbötig, ſtehen zu bleiben, und den Stoff zu einem Portrait, wie es mein ſchwacher Pinſel entwerfen konnte, abzugeben; und wenn das Werk gethan war, ging die Skizze von einer Hand in die andere; Jeder machte ſeine Bemerkungen dazu, und oft aͤußerten ſie ihre Billigung in ſehr hoflicher Weiſe. Dagegen wurde von den Arabern außerhalb der Stadtmauern und von dem neu ankommenden Landvolke eine kleine Höflichkeit in keiner Weiſe beobachtet. Ich ſah ein tättowirtes WMadchen, mit ſchwarzen Augen, machtigen, ſilbernen Ohrringen und einem auf das Zierlichſte blau durch⸗ ſtochenen Kinn in einer Gruppe von Frauen an der Außenſeite des großen Kloſters ſtehen, und haͤtte mir gar zu gern ein Portrait von ihr mit nach Hauſe ge⸗ nommen, — ich ſah ein Weib, die ein kleines Kind bei ſich hatte, mit verwunderten Augen am Teiche Siloam Waſſer ſchoͤpfend und ganz in ſolcher Stellung und Kleidung, wie man Rebekka geſehen haben mag, als der Knecht Iſaaks ihr entgegen lief und ſprach: „Laß mich ein wenig Waſſer aus Deinem Kruge trinken!“ — Beide ſtanden eine halbe Minute ſtill und in der nach⸗ ſten ſchrien ſie nach einem backshush, und nicht zu⸗ frieden mit den fuͤnf Piaſtern, die ich einer Jeden von ihnen gab, kreiſchten ſie nach mehr und riefen ihre Freundinnen zuſammen, die ebenfalls backshush ſchrien; ich ward von einem Dutzend heulender und Lohn for⸗ dernder Frauen in das Kloſter verfolgt und ſtemmte == die Thuͤre hinter mir zu, zum großen Erſtaunen des wuͤrdigen Vaters, der ſich daneben niedergelaſſen. Am Brunnen Miriam hatten die Weiber einen Mann zu Huͤlfe gerufen, der einen großen Stock fuͤhrte und ihre Petition unterſtuͤtzen zu wollen ſchien. Wir waren aber ſo glucklich, ihn auslachen zu koͤnnen, denn wir waren zu Zweien und hatten auch Stocke. Keinem Kuͤnſtler will ich es rathen, im Dorfe Siloam Studien zu machen. Dieſen unheimlichen Ort bewohnt eine Colonie von Raͤubern; ſie wiſſen mit Stock und Flinte gleich gut umzugehen. Ihre Hunde heulen den durchwandernden Fremden an, und uͤber die Bruſtwehr der Mauern hin ſieht man ſich von finſtern Geſichtern ſo abſchreckender Art begruͤßt, daß man ſich wenig Gutes von ihnen verheißt. Waͤhrend meines Aufenthaltes in Jeruſalem haben ſie am hellen Tage, wenige hundert Schritte vor dem Stadtthore, einen Mann erſchoſſen und Niemand hat ſich nach den Moͤr⸗ dern umgeſehen. Horden von arabiſchen Raͤubern be⸗ draͤngen die näͤchſten Umgebungen der Stadt, und die Reiſenden pflegen ſich, vor Unternehmung der Reiſe, auf dem Wege der Unterhandlung mit ihnen abzufinden. Auch wuͤrden die ſtaͤdtiſchen Befeſtigungen dieſen Krie⸗ gern nimmer im Wege ſtehen, wenn ſie Luſt hätten, die Stadt zu pluͤndern, denn es befindet ſich, um die langen Vertheidigungslinien zu behaupten, nur etwa 150 Mann Beſatzung hier. Nur in Titians Gemaͤlden habe ich die pracht⸗ vollen, purpurnen Schatten geſehen, in welchen die Huͤgel ringsumher lagen, als die Daͤmmerung ſchwach hinter ihnen aufleuchtete, und wir zum letzten Male von unſerer Terraſſe aus zu dem Oelberge hinuͤberblickten. Wir warteten auf die Ankunft unſerer Pferde, die uns nach Jaffa zuruͤckbringen ſollten. Der Mond glaͤnzte noch hell und gelb mitten unter den zahlloſen, funkeln⸗ den Sternen droben, und die wundervolle, roſige Atmo⸗ ſphaͤre, wie das Zuſammentreffen von Nacht und Däm⸗ merung ſie hervorrief, verbarg das Nackte und Oede der Umgebungen. Nie hatte ſich die Stadt ſo prachtvoll ausgenommen, wie jetzt, wo die Moſcheen, Kuppeln und Minarets in den ſternenhellen Himmel hineinragten. Am Bethlehemer Thore ſteht ein Palmbaum und ein Haus mit drei Kuppeln. Man denke ſich dies und das große, alte, gothiſche Thor als Hintergrund, der ſchwarz gegen den gelbſtreifigen, oſtlichen Himmel ab⸗ ſticht; der Vordergrund iſt ein tiefes Grau; wenn man ſcharf in daſſelbe hineinſieht, treten dunkle Formen von Reitern aus der Daͤmmerung heraus; nun kommen Laternen, mehr Reiter, eine Sänfte mit Maulthieren, ein Haufen Pferdewaͤrter und die Herren dazu, die ihre Thiere bis ans Thor begleiten; Alles, was zu unſerer Ge⸗ ſellſchaft gehoͤrte, findet ſich zu Zweien oder Dreien zuſam⸗ men, und endlich offnet ſich das große Thor, gerade vor Son⸗ nenaufgang, und wir ziehen in die graue Ebene hinaus. — 66 — O welche Wohlthat, ein engliſcher Sattel! Der engliſche Diener von einem der Herren aus der Miſ⸗ ſionsgeſellſchaft hatte mir ihn ausfindig gemacht und dazu eine huͤbſche Stute, welche (da ich leicht wiege) während der ganzen Tagereiſe kein naſſes Haar bekam und mich — als wir den häßlichen, ſteinigen Felſen⸗ diſtrikt des Abu Goſch hinter uns und die wellenförmige Ebene, die ſich bis nach Ramleh erſtreckt, vor uns hat⸗ ten — in einem köſtlichen, kurzen Galopp in die Stadt hineinbrachte. Mir voraus galoppirte ein Neger von mehr als natuͤrlicher Haͤßlichkeit. Er trug einen gelben Mantel; um den Kopf flatterte ihm ein carmoiſinrothes Tuch, und ſeine Schaufelſporen in die Seite ſeines mageren Pferdes bohrend und drei andere vor ſich her treibend, ſchwankte er bald vorwaͤrts, bald ruͤckwärts, hing bald uͤber den Ohren des Pferdes, bald unter ſeinem Bauche, kreiſchte in entſetzlichen Tönen „Yallah“ und ſang Lieder nach ſeiner Landesweiſe. Ich habe manches davon auswendig gelernt und konnte ſein Geſchrei ganz genau nachahmen; ich werde aber nicht das Vergnuͤgen haben, ſie Jemandem in England vorzuſingen; denn ich habe all dieſe entzuͤckenden Diſſonanzen, ſowohl die des Negers, als die eines arabiſchen Minſtrels, eines Eſeltreibers bei un erem Gepaͤcke, der in der ergötzlichſten Manier ſang und trillerte, ſchon nach zwei Tagen wie⸗ der vergeſſen. Wir hielten gegen Mittag in einem kleinen Haine — 66 — von Oelbäumen, der, mit Ausnahme der Obſtgärten des Abu Goſch, zwiſchen Jaffa und Jeruſalem beinahe das einzige, ſchattende Unterkommen darbietet. Durch das gefuͤrchtete Dorf des Letzteren hatte ſich der Zug mit doppelt ſchnellen Schritten bewegt. Theils unter den Oelbaͤumen, theils in den Zweigen derſelben hielten einige unſerer Freunde Sieſta. Ich habe eine Skize, in der vier von ihnen in dieſer Lage veranſchaulicht ſind. Zwei ſtarben binnen Monatsfriſt an dem unheil⸗ vollen ſyriſchen Fieber. Damals ahnten wir nicht, wie nahe das Schickſal an uns herangekommen. Wir mach⸗ ten Feuer an, ſchmaußten Gefluͤgel und Eier, ſervirten rundum Thee und Kaffee in zinnernen Krugen, zunde⸗ ten unſere Pfeifen an und rauchten und lachten nach Herzensluſt. Es war, als ob Jedermann froh waͤre, nicht mehr in Jeruſalem zu ſein. Der Eindruck dieſer Scene wurde mir bald durch ein zehntaͤgiges Fieber verwiſcht. Im griechiſchen Kloſter zu Ramleh fanden wir Alle Quartier. Die Moͤnche ſervirten uns die Abend⸗ mahlzeit auf der Terraſſe bei einem herrlichen Sonnen⸗ untergang. Rings lag eine ſchoͤne, freundliche Land⸗ ſchaft wellenförmig vor uns ausgebreitet; auch fehlte es nicht an Gruͤn, namentlich an lieblichen Palmen, und die Moſcheen und Thuͤrme glaͤnzten roſig im Abendſonnenſtrahle. Jaffa war von ihm neun Meilen entfernt. Als wir am andern Morgen aufbrachen, hat⸗ — ten wir weithin den Rauch unſeres Dampfſchiffes, welches zwanzig Meilen von uns auf dem Meere war, vor Augen. Das Floſter iſt eine große Karavanſarei; nur drei oder vier Mönche wohnen darin, die geiſtlichen Gaſt⸗ halter des Ortes. Die Pferde wurden in dem Vorplatze, in den wir hineingeritten waren, angebunden und gefut⸗ tert; daruͤber befanden ſich die Gaſtzimmer, in denen nicht nur eine unbegrenzte Menge von Reiſenden, ſon⸗ dern auch eine zahlloſe Schaar huͤpfender und kriechender Gegenſtände, welche darauf beſtehen, das Lager der Rei⸗ ſenden zu theilen, ihr Unterkommen finden mochten. Moögen ſich alle duͤnnhaͤutigen Reiſende, die den Orient beſuchen, ja verwarnen laſſen, die Reiſe nicht ohne die wunderbare Erfindung, die Herr Fellowe in ſeinem Buche beſchreibt, anzutreten. Es iſt wohl moglich, daß dieſer unternehmende und erfahrene Reiſende die Vor⸗ kehrung ſelbſt erfunden hat. Man macht einen Sack von Calico oder Leinen, groß genug, um den ganzen Korper darin unterzubringen, und ſetzt damit einen ver⸗ ſchloſſenen Schornſtein von Muſſelin in Verbindung, der durch Rohrreife ausgeſpannt und an einem Balken oder an der Wand befeſtigt wird. Man paßt nun ſcharf auf, daß nicht etwa ein Floh oder eine Wanze auf der Lauer liegt, und hat man ſich deſſen gehoͤrig verſichert, ſo ſchlupft man ſchnell in den Sack und bin⸗ det feſt hinter ſich zu. Mit dieſem bewunderungswuͤr⸗ 5 —— digen Wanzenverhoöhner machte ich in Ramleh einen Verſuch, und es war dies die erſte ruhige Nacht, deren ich mich im Orient erfteuete. Allerdings war es nur eine kurze Nacht; denn viele von der Geſellſchaft wur⸗ den ſchon um ein Uhr munter, und dieſe hoͤrten nicht auf, zu ſchwatzen und auch die Anderen zu wecken, die gern noch geſchlafen hätten. Niemals aber werde ich das Entſetzen vergeſſen, das mich befiel, als ein luſtiger Laienbruder des Kloſters, während ich noch in meinem Wanzenverhohner eingeſchloſſen war, auf mich eindrang und mich zu kitzeln begann. Ich hatte nie wieder den Muth, dieſe Anti⸗Flohmaſchine in Anwendung zu brin⸗ gen, indem mir die Lebhaftigkeit dieſer Thiere noch im⸗ mer ertraͤglicher erſchien, als die Spaͤße ſo eines dicken, wohlgefaͤllig laͤchelnden Schalks, wie mein Freund zu Ramleh. Fruͤhmorgens, lange vor Sonnenaufgang, war unſere kleine Caravane wieder in Marſchordnung. Wir zogen mit Laternen und unter lautem Hallohrufen durch die engen Straßen und kamen bald in die weite Ebene hinaus, wo, obſchon der Mond nicht ſchien, doch die flammenden Sterne uͤber uns ein helles Licht verbrei⸗ teten. Der Reiſende lernt ſie ſehr liebgewinnen, na⸗ mentlich unter dem reinen öſtlichen Himmel, wenn ſie feierlich, gelb blitzend und funkelnd, herableuchten, als ob ſie uns beſchutzen wollten. Sie erſcheinen hier näher, als in Europa, groͤßer und Ehrfurcht erweckender. So Aufzeichnungen. I. ritten wir fort, bis die Morgendämmerung aufleuchtete und wir Jaffa vor uns ſahen. Das freundliche Schiff lag ruhig am Strande, und erwartete uns; wir gaben die Pferde an ihre Eigenthuͤmer zuruͤck, und durch einen Haufen nackter Bettler und eine wahre Sturmfluth von Fluͤchen und Ausrufungen, mit denen ſie nach einem backsbush ſchrien, gelangten wir in die Boote und in das Schiff, wo wir von dem trefflichſten Kapi⸗ tain, der je das Meer befahren, von dem Kapitain Sa⸗ muel Lewis, im Dienſte der Dampfſchifffahrtsgeſellſchaft fur die Halbinſeln und den Orient, auf das Herzlichſte bewillkommnet wurden. — VI. Von Jaffa nach Alexandria. (Aus dem Tagebuche des Proviantmeiſters.) Speiſezettel, am 12. October. Mulligatawny⸗Suppe. Geſalzene Fiſche mit Eierſauce. Gebratene Hammelkeule. Gekochte Schoͤpſenbruſt und Zwiebelſauce. Gekochtes Rindfleiſch. Gebratenes Geflugel. Fricaſſirtes desgl. Lendenbraten. Schoͤps⸗Ragout. Redfiſch mit Reis. Kohl. Franzoͤſiſche Bohnen. Geſottene Kartoffeln. Geſchmorte desgl. Johannisbeertorte. Pflaumenkuchen. Reißkloͤßchen. Pfannenkuchen mit Johannisbeeren. Wir waren ſchon vor der Muͤndung des Hafens, wir konnten die Thuͤrme und Gebaͤude Alexandria's, von der Abendſonne vergoldet, liegen ſehen, als der dumpfe Schall eines Kanonenſchuſſes uͤber den ruhig flammenden Meeresſpiegel heruͤber zu uns tonte, und wir zu unſerem großen Mißvergnuͤgen vernahmen, daß wir keine Ausſicht mehr haͤtten, fuͤr dieſe Nacht einen Landungsbrief zu erlangen. Schon fingen die undank⸗ baren Paſſagiere wieder an, des Schiffes muͤde zu wer⸗ den, — obſchon es waͤhrend unſerer Abweſenheit in Syrien auf das Sorgfaͤltigſte gereinigt und geputzt worden war, obſchon es von dem Schwarm der Juden, die die Verdecke den Weg von Conſtantinopel daher unſauber gemacht hatten, nicht mehr belaͤſtigt wurde; obſchon wir fetirt worden waren und geſchmauſft hatten, wie dies auf der umſtehenden Seite ausfuͤhrlich ver⸗ zeichnet worden. Aber fruͤh am andern Morgen liefen wir in den Hafen ein, den eine große Anzahl von Fahrzeugen be⸗ lebte. Wir kamen bei mächtigen, ſchwarzen Rumpfen von zerbrockelnden Kriegsſchiffen voruͤber, von deren Stern die ſchmutzige rothe Flagge, mit Stern und Halbmond, herunterhing, und zwiſchen denſelben fuhren unaufhoͤrlich Boote hin und wieder, mit rothmuͤtzigen Matroſen bemannt, die baͤrtigen Kapitaine und Steuer⸗ maͤnner im Terbuſch, die Ruderer mit dem ganzen Leibe uͤber das Ruder hingebeugt, ſo daß ſie bei jedem Ausholen im Boote verſchwanden. Außerdem ſahen wir eine große Flotte von andern inlaͤndiſchen Schiffen, und die Sterne und Streifen, die Tricolors, die eng⸗ liſche Nationalflagge. Auch mancher geſchaͤftige Dam⸗ pfer von den engliſchen und franzöſiſchen Compagnien, ſchoß in den Hafen herein oder heraus, oder lag im Salzwaſſer vor Anker. Das Schiff von unſerer Ge⸗ ſellſchaft, der „Oriental“, lag wie ein Palaſt auf dem Waſſerſpiegel, und einige Dampfboote des Paſchas ſahen den chriſtlichen durchaus aͤhnlich; aber ſeltſam anzuſchauen waren die auf den Stern gemalten, un⸗ verſtaͤndlichen, turkiſchen Schnorkel und die langſchwaͤn⸗ zigen, vergoldeten, arabiſchen Hieroglyphen auf den Schau⸗ felkäſten. Unſer theurer Freund und Kamerad von Beyrut (wenn es erlaubt iſt, dieſe Benennung zu ge⸗ brauchen), J. M. Kriegsſchiff „Trumpé, war ebenfalls im Hafen, und der Kapitain des ſchoͤnen Schiffes be⸗ — grußte uns und nahm Einige von uns in ſeinem Na⸗ chen mit ans Land. Ich hatte mich während der Nacht, mit Huͤlfe einer Eigarre und einer Mondſchein-Betrachtung, an Deck in die Stimmung verſetzt, mit welcher man in Egypten landen muß. Ich war bereit, mich mit Ernſt der myſtiſchen Groͤße dieſer Einweihungs⸗Scene zu uͤber⸗ laſſen. Die Pompejus⸗Saͤule mußte da ſtehen, wie ein Berg in einer gelben Ebene, umgeben von einem Wald von Obelisken, ſo groß wie Palmenbaͤume. Ru⸗ hige Sphinxe, am Nile lagernd, — maͤchtige, feſte Memnon⸗Geſichter — hatten (in einem Sonnet Ten⸗ nyſon's) mir Egypten offenbart, und ich war gefaßt darauf, es mit pyramidaler Verwunderung und hiero⸗ glyphiſcher Ehrfurcht anzuſtaunen. Der Landungs⸗Kai zu Alerandrien gleicht dem Schiffswerfft⸗Kai zu Portsmouth, man muß ſich nur noch ein paar Dutzend braune Geſichter unter die Be⸗ völkerung hineindenken. Kleiderhändler, Verkaͤufer von Schifffahrts⸗Utenſilien, Bouteillen⸗Bierſchaͤnken, herum⸗ ſchlendernde Matroſen, Eckenſteher und Laſttrager, die ſich emſig um Arbeit bewerben, und ein ſchreiender Haufe von Eſeltreibern, laut rufend: Reiten, Sir!“ „Eſel, Sir!“ Ich ſage: „Sir!“ Alles im beſten Engliſch — verſcheuchen alle romantiſchen Ideen. Die ruhigen, am Nile lagernden Sphinxe verſchwinden vor dem Ge⸗ ſchrei der Eſelstreiber. Wapping mag denſelben Ein⸗ druck in uns hervorrufen, den wir bei dem erſten Fuß⸗ tritt auf egyptiſchen Boden empfinden. Auf einem Eſel zu reiten, iſt jedenfalls keine wuͤrdevolle Beſchaͤftigung. Ein Mann glaubt anfangs, er muͤſſe ſich einer ſolchen Zumuthung, gewiſſermaaßen als einer ſchmachvollen, widerſetzen. Wie kann dieſes arme, kleine, langohrige, mit einem rothen Sattel aufgeputzte Geſchoͤpf mich tragen? Soll ich den einen fuͤr mich, den andern fuͤr meine Beine miethen? Aber, in der That, Eingeborne und Europäer von allen Größen kamen, von demſelben Vehikel befoͤrdert, an mir voruͤber. Ich wartete, bis ich an einen ziem⸗ lich abgelegenen Platz kam, wo mich Niemand ſehen konnte, ſtieg dann auf — man koͤnnte ebenſo gut ſagen, herunter — und das arme, kleine Thier, an⸗ ſtatt, wie man etwa fuͤrchten mochte, zuſammenzubre⸗ chen, ſchießt frohlich und munter vorwaͤrts und legt in einer Stunde ſechs bis ſieben Meilen zuruͤck, ohne daß ein Sporn oder ein Mittel zum Antreiben, außer dem Geſchrei des egytiſchen Gamins, der nebenher läuft, in Bewegung geſetzt zu werden brauchte. Der Charakter der Gebaͤude, bei denen man vor⸗ uͤberkommt, iſt nicht allenthalben orientaliſch; die Straßen ſind durch eine geſchaͤftige, bunte Bevölkerung belebt, und man ſieht Juden und Armenier, Europaer, die das Anſehen von Sclavenhaltern haben, Griechen, in weiten Beinkleidern, und wohlraſirte, gefaͤllige Kauf⸗ — leute, die eben ſo munter und wohlbeleibt ausſehen, wie die in der Boͤrſe oder Halle; nur was die Einheimi⸗ ſchen anlangt, ſo fällt es den Fremden (wie dem Kali⸗ fen in den arabiſchen Nächten bei den Kalendern) ſo⸗ fort auf, daß viele von ihnen nur ein Auge haben. Es iſt die furchtbare Ophthalmie, welche ſo entſetzliche Zerſtörungen unter ihnen anrichtet. Haͤufig ſieht man unter den Hausthuͤren Kinder ſitzen, deren Augen mit dem entzuͤndeten, gruͤnen Geſchwuͤre ganz uͤberdeckt ſind, ſo daß ſich die Fliegen darauf weiden. Ein Ritt auf dem Eſel, von fuͤnf bis ſechs Mi⸗ nuten, bringt uns in das fraͤnkiſche Quartier und in die ſchoͤne, breite Straße (gleich einer Straße von Mar⸗ ſeille), wo man die Haupthotels und die groͤßten Han⸗ delshäuſer findet, und wo die Conſule ihre Reſidenz aufgeſchlagen und ihre Flaggen aufgeſteckt haben. Der Palaſt des franzoſiſchen General⸗ Conſuls gewaͤhrt den großartigſten Anblick unter allen Gebaͤuden der Straße und bildet einen maͤchtigen Abſtand gegen die beſcheidene Wohnung des engliſchen Repraͤſentanten, der ſeine Lands⸗ leute von einem zweiten Stocke aus protegirt. Aber dieſe alexandriniſche Zweite⸗Stock⸗ Facade von einer Conſulatswohnung war uns weit willkommener und erfreulicher, als der ſchonſte Palaſt. Denn es fanden ſich dort gewiſſe Briefe mit den heimathlichen Poſtzeichen, die erſten ſeit zwei Monaten, — und dieſe Zeit ſchien uns, — ſoviel Leute und Städte hat⸗ — ten wir inzwiſchen geſehen — was Cornhill und die Perſonen anlangt, die mehr oder weniger nahe dabei wohnen, ſchon laͤnger als ein Jahr zu dauern. Ein junger Mann aus Opford empfing ſeinen Theil und ſchlich ſich mit manchem Brieflein fort, das von einer feinen, netten Hand uͤberſchrieben und mit dem zierlich⸗ ſten Kreuzcouvert verſchloſſen warz Jedermann konnte es auf den erſten Blick ſehen, dies war das Werk Maria Anna's, ſeiner Geliebten daheim. Der Rechts⸗ gelehrte empfing ein Packet aus ſeiner Kanzlei, und der Sekretair hatte nicht umhin gekonnt, ſich in Rechtsſachen Snook contra Rodger und Smith contra Tomkins das Herz zu erleichtern. Der Staatsmann empfing ſeine De⸗ peſchen unter manchem dicken Couvert und mit einer ſolchen Fuͤlle von Siegellack ausſtaffirt, wie die Sorg⸗ loſigkeit ex oflicio die Staatsgelder zu verſchwenden pflegt; ich ſelbſt aber empfing nur ein einfaches, liebes Briefchen, dem ein anderer beigelegt war, deſſen Cha⸗ raktere, mit Pinſelſchrift entworfen, in der Groͤße zwiſchen ein und zwei Zoll abwechſeltenz und doch, wie viel ergotzlicher war er zu leſen, als des Lords Depe⸗ ſchen, des Schreibers Bericht oder ſelbſt die Korreſpon⸗ denz Maria Anna's. Ja, verehrte Frau, Sie werden mich verſtehen, wenn ich Ihnen ſage, daß der Brief von Mariechen daheim kam „und daß ſie mir ganz im Vertrauen etwas von einer Katze und von ihrer neue⸗ ſten Docke erzaͤhlte. — Es iſt der Muͤhe werth, um dieſes Vergnuͤgens willen die Reiſe gemacht zu haben; in langen Nächten auf dem Verdecke umhergegangen zu ſein und an die Hei⸗ math gedacht zu haben. In der Stadt hat man hierzu keine Muße. Man ſieht den Himmel uͤber ſich nicht ſo rein ſchimmern und die Sterne nicht ſo hell fun⸗ keln. O, wie ergquickten wir uns, nachdem wir die belobten Documente geleſen hatten, an einer Spalte des trefflichen Galignani und einem Berichte uͤber OCon⸗ nel und die letzten zwolf Siege der Franzoſen in Algier und vor Allem an ſechs oder ſieben Nummern des Punch! Und waͤre uns die Saͤule des Pompejus oder eine leibhaftige Sphinr vom Ufer des Mahmedieh⸗Ka⸗ nals ſo nahe geweſen, daß wir ſie mit den Haͤnden haͤtten greifen koͤnnen, wir wuͤrden uns nicht darnach umgeſehen haben, bevor nicht der Galignani verabſchie⸗ det und dem Punch ſein Recht gethan worden. Die Sehenswuͤrdigkeiten von Alexandria ſind nicht zahlreich und leicht zu uͤberſchauen. Wir gingen auf die Bazars, die einen mehr orientaliſchen Anſtrich ha⸗ ben, als das europaͤiſche Viertel mit ſeinen anglo⸗ galliſch⸗italieniſchen Einwohnern und ſeiner babyloni⸗ ſchen Civiliſation. Hier und da wurde uns ein großes, plumpes, weißabgeputztes Gebaͤude, mit orientaliſchen Gitterfenſtern und ein paar in der haͤßlichſten Uniform auf⸗ und abſchlendernden Schildwachen, als die Reſi⸗ denz eines Großoffiziers vom Hofe des Paſcha oder — 107 — eines der Kinder dieſes egyptiſchen Salomo bemerkbar gemacht. Se. Hoheit reſidirte gegenwaͤrtig in ſeinem Palaſte, welcher demzufolge nicht zugaͤnglich war. Er hielt ſich, in tiefſter Trauer, ſtreng zuruͤckgezogen. Da⸗ mals war es, wo die europaͤiſchen Zeitungen verkuͤndig⸗ ten, daß er im Begriff ſtehe, die Regierung niederzu⸗ legen. Aber die Quidnuncs von Alexandria gaben zu ver⸗ ſtehen, daß eine Liebesaffaire, in die ſich der hochbejahrte Potentat mit aller Leidenſchaftlichkeit eingelaſſen, und die Wirkungen eines Tranks von hachich oder eines andern Aufreizungsmittels, durch welches er ſich in Erregung zu ſetzen gewohnt war, die Abſtumpfung und den verzweifelten Ueberdruß am Leben und der Regie⸗ rung herbeigefuͤhrt haͤtten, in welche der ehrwuͤrdige Prinz verfallen war. Ehe jedoch drei Tage voruͤberge⸗ gangen, hatte er ſich von dem Anfalle erholt, und be⸗ ſchloß, noch laͤnger zu leben und zu regieren. Wenige Tage ſpaͤter wurden ihm Mehrere von unſerer Geſell⸗ ſchaft in Cairo vorgeſtellt, und fanden den großen egyp⸗ tiſchen Herrſcher vollkommen wieder geneſen. Dies, die Oper, und die Zaͤnkereien zwiſchen den beiden prime donne, ſowie die Schoͤnheit der Einen von Beiden, bil⸗ deten den hauptſaͤchlichſten Gegenſtand der Unterhaltung; ich wurde in dieſe intereſſanten Neuigkeiten in einer ſtaͤdtiſchen Barbierſtube eingeweiht, deren Inhaber ſie mir in einem franzoͤſiſchen, ſpaniſchen und italieniſchen Sprachgemiſch und mit einer Zungenfertigkeit offen⸗ — barte, wie ſie einem Barbier des Gil Blas Ehre ge⸗ macht haben wuͤrde. Alsdann machten wir uns auf den Weg, um den beruͤhmten Obelisken, den Mehemed Ali der britiſchen Regierung verehrt hat, ohne daß ſich jedoch letztere in Annahme dieſes gewichtigen Geſchenks ſehr eifrig bezeigt haͤtte, in Augenſchein zu nehmen. Der Schaft liegt am Boden und iſt auf alle nur mogliche Weiſe ver⸗ unſtaltet und entweiht. Kinder, durch den Schmutz angezogen, ſprangen auf demſelben herum. Araber, Neger und Eſeltreiber, welche voruͤberkamen, ließ das gefallene Ungeheuer von Stein ganz ſo gleichgiltig, — wie die britiſche Regierung, die es ſich nicht angelegen ſein läßt, das Andenken an die glorreiche Beendigung ihres egyptiſchen Feldzugs vom Jahre 1801 zu bewah⸗ ren. Wenn das Vaterland das Compliment ſo kuͤhl aufnimmt, ſo wuͤrde es von unſerer Seite illoyal ſein, wenn wir uns enthuſiaſtiſcher zeigten. Ich wollte, man boͤte die Saͤule auf dem Trafalgar⸗Platze den Egyptern an, und beide haͤßliche Ungeheuer laͤgen hier im Schmutze neben einander. Die Saͤule des Pompejus iſt nicht ſo groß, als die Trophaͤe von Chariag⸗Croß. Dieſe ehrwuͤrdige Saͤule iſt ebenfalls einer ſehr uͤblen Behandlung aus⸗ geſetzt geweſen. Zahlloſe Schiffsgeſellſchaften, reiſende Maulaffen ꝛc. haben die rohen Merkmale ihrer Anwe⸗ ſenheit auf ihr zuruckgelaſſen. Irgend ein frecher Ruf⸗ — 109 — fian hat ſogar „Warrons Dunkel“ darauf gemalt, und damit andere Inſchriften, darunter eine, wie Wilkinſon ſagt, „von Pſammetichus I.“ uͤberzogen. Ich beklage es ſchmerzlich, mein theurer Freund, daß ich Ihnen nun dieſes Document eines bedauerungswuͤrdigen Mo⸗ narchen, fuͤr deſſen Geſchichte Sie ſich ſo intereſſiren, nicht mittheilen kann. Der ſchoͤnſte Anblick, den ich in Alexandria hatte, gewaͤhrte mir ein Negerfeſt. Es wurde außerhalb der Stadt, in einem aus Huͤtten beſtehenden Negerdorfe gefeiert, und man ſah alte und junge, magere und fette, haͤßlicheh, aber allzumal glaͤckliche Geſichter, welchen die Natur einen noch ſchwaͤrzern und dauerhaftern Anſtrich verliehen hatte, als der war, mit welchem man das Pſammetichus⸗Poſtament geziert hatte. Jenes breite, fröhliche Grinſen zeigte gleichmäßig ein jedes dieſer er⸗ götzlichen Geſichter, mochte man nun die dunkle Mut⸗ ter, oder das auf ihrem Ruͤcken zappelnde Gummielaſti⸗ kum⸗Kind oder den ehrbaren, gagatfarbigen Alten be⸗ trachten, deſſen Woltenhaar ſo weiß geworden war, wie die Wolle eines Schafs in Florians Hirtengedichten. Fuͤr die Taͤnzer machten ein paar Kumeraden auf einer Trommel und einer vierſaitigen Neger⸗Zither Mu⸗ ſik. Sie ſangen einen Chor, der nicht allein höchſt originell und von ſcharf markirtem Rhythmus, ſondern auch von äußerſt lieblicher Melodie war. Die Taͤnzer waren im Kreiſe angetreten, und diejenigen, welche die —— Hauptpartien durchfuͤhrten, kamen von allen Seiten in den Ring herein, wackelten mit dem Kopfe, ge⸗ ſtikulirten mit der linken Hand und bewegten die kleinen Ruthen, die ſie in der rechten Hand hielten, unausgeſetzt auf und nieder. Dabei wurde nach Her⸗ zensluſt geſungen. Ich ſah den oberſten Eunuch des Großtuͤrken zu Konſtantinopel; wie verſchieden ſind ſeine Geſichtszuge von jenen! Ob er ſchon einer der Groͤßten unter den Großen im tuͤrkiſchen Reiche iſt (er rangirt etwa mit einem Kabinetsminiſter oder Lord Kammerherren), ſo ſind doch ſeine ſchoͤnen Zuͤge ganz von Kummer uͤber⸗ ſchattet und von Langeweile entſtellt. Aber ſeine ſchwarzen Bruͤder hier waren zerlumpt, darbend — und gluͤcklich.. Ich habe es nicht noͤthig, vor einem ſo feinen Moraliſten, wie Sie, die Bemer⸗ kung fallen zu laſſen, daß die Freude (dieſe republika⸗ niſche Gleichmacherin, die ſich keinen Pfifferling um die Mode kuͤmmert), oft die Koͤnigsſchloͤſſer flieht und in den „tabernis pauperum“ einen Beſuch macht. Am Abend beſuchten wir alle Kaffeehaͤuſer rund⸗ um, ſowohl die feinen europaͤiſchen Reſtaurationen, wo man Eis und franzoſiſche Zeitungen bekommt, als diejenigen, wo man Griechen, Tuͤrken und die Haupt⸗ maſſe der Bevoͤlkerung trifft, wo man auf ſchlechten Stuͤhlen ſitzt, und ſchlechten, ſchlammigen Kaffee trinkt, — und wo man zwei oder drei miſerablen Muſikanten zu⸗ hoͤrt, welche vier Stunden hintereinander in verſchiede⸗ nen Variationen ihre Mißtoͤne zum Beſten geben. Aber mir hatte der huͤbſche Geſang der Neger dieſe ſuͤrchterliche Muſik vereitelt. VII. Nach Cairv. Der Nil. — Der erſte Anblick des Cheops. — Die Ez⸗ bekieh. — Das Hotel d'Orient. — Der Eroberer Waghorn. — Architektur. — Der Fuͤhrer der Hadſchah. — Eine Straßenſcene. — Arnauten. — Ein gnädiger Prinz. — Der egyptiſche Landausſauger. — Der „Rint“ in Egypten. — Der verlaͤſterte Orient. — Das ſchone Geſchlecht. — Stoffe fuͤr Maler. — Sklaven. — Ein Hyde-Park-Mu⸗ ſelmann. — Schimmer von einem Harem. — Eine orien⸗ taliſche Bekanntſchaft. — Ein egyptiſches Diner. — Leben in der Wuͤſte. — Vom Gipfel der Pyramide. — Landſchaft⸗ liche Gruppen. — Pygmaen und Pyramiden. — Reminis⸗ cenzen. — Ende. Wir hatten nicht noͤthig, eines der einheimiſchen Boote zu miethen, welche den Mahmudiehkanal bis an — — den Nil bei Atfeh befahren; denn wir bekamen Pla auf einem der Eilboote der Dampfſchifffahrtsgeſellſchaf fuͤr die Halbinſeln und den Orient. Dieſe gleichen faſt ganz den engen, iriſchen Kanalbooten, in denen der un⸗ ternehmende Reiſende von Dublin nach Ballines!oe fahrt. Unſer Boot aber wurde von einem kleinen Dampfer gezogen; ſo viel hat der egyptiſche Kanal vor dem iriſchen voraus. Was die Naturſcenerie anlangt, ſo iſt die Ausſicht auf beiden vollkommen gleich. Men ſieht hier und dort nichts. In der That, Alles, was man erblicken konnte, war: auf jeder Seite ein ſchlam⸗ miges Ufer und daruͤber ein blauer Himmel. Hier und da ſtanden, der Kanallinie entlang, ein paar runde Lehmhuͤtten und einige Palmbäume. Mitunter ſahen wir an der Waſſerſeite ein Weib im blauen Kleide mit ihrem Söhnlein, welches das knappe, braune Gewand trug, mit dem es von der Natur ausgeſtattet war. Dann fiel Einem von uns der Hut in's Waſſer; ein brauner Araber ſprang nach, verſchwand einen Augen⸗ blick, brachte ihn aus der lehmigen Fluth hervor, und kam nackend, das erkämpfte Gut hoch in der Hand haltend, dem kleinen Dampfboote (das jetzt ſchon in großer Entfernung voraus war) nachgelaufen, wobei ſeine ſtattlichen Glieder hell in der Sonne glaͤnzten. Her⸗ nach hatten wir ein halbkaltes Geflugel und bittre Ale und wieder zum Diner bittte Ale und kaltes Gefluͤgel. Unter dieſen Ereigniſſen verging der Tag auf dem Ka⸗ Aufzrichnungen. ll. 8 — 114 — nale ſo harmlos, als wenn wir ihn in einer hollaͤndi⸗ ſchen Treckſchute zugebracht hätten. Gegen Abend langten wir bei der Stadt Atfeh an — zum Theil nackter Boden, zum Theil Haͤuſer, zum Theil Palmen. Haufen halbnackter Leute fuͤllen die ſchattigen Landbazars und bieten ihre Produkte an Fruͤchten oder vielfarbigen Koͤrnern zum Verkaufe aus. Hier ſchloß ſich der Kanal plotzlich ab, indem er in einer großen Schleuße endigte. Jenſeits derſelben ſah man eine kleine Flotte von inlaͤndiſchen Schiffen und Booten und durch dieſe Schleuße gelangt man in den Nil. Es hat doch etwas zü ſagen, dieſe rothen Gewaſſer geſehen zu haben. Es iſt wahr, man ſieht nur nie⸗ drige, grune ufer, Lehmhoͤtten, Gruppen von Palm⸗ bäumen, den rothen Sonnenuntergang dahinter und den großartigen, vielgekruͤmmten, hie und da im Lichte auf⸗ blitzenden Strom. Aber es iſt der Nil, der alte Strom⸗ Saturn, noch jetzt eine Gottheit, wenn auch jungere Stromgoͤtter ihn abgeſetzt haben. Sei gegruͤßt! ehr⸗ wuͤrdiger Vater der Krokodile! Wir waren Alle im Ge⸗ fuͤhle der tiefſten Ehrfurcht verſunken, und wir legten den Beweis davon ab, indem wir in die Kajuͤte des Nildampfbootes, das uns erwartete, hinabſturzten und um Schlafraͤume kaͤmpften und intriguirten. Am Morgen waren wir ſchon mit der Dämme⸗ — 115 — rung auf dem Veidecke. Die Scenerie an den Strom⸗ ufern hatte ihren Charakter nicht verändert. Auf bei⸗ den Seiten ſah man das Land, das von der nachlaſſen⸗ den Ueberſchwemmung wieder frei geworden war, ſich weithin erſtrecken; in der Naͤhe der Doͤrfer, die aus Lehmhutten beſtehen, lag hier und dort ein Stromſchiff oder zwei, ruhig unter den Dattelbaͤumen; unausgeſetzt aber behielt die Landſchaft ihren gleichmäßigen, einför⸗ migen Anſtrich. Am öſtlichen Himmel wurde jetzt ein langer Streif gruͤnlichen Lichtes bemerkbar; er wurde groͤßer und großer und nahm, je mehr er ſich ausbrei⸗ tete, erſt eine Opal-, dann eine Orangefarbe an, und ſiehe, nun tauchte die rothe, runde Sonnenſcheibe flam⸗ mend uͤber den Horizont herauf. Das Waſſer ringsum um das ganze Verdeck erglänzte in rothem Schim⸗ mer, als ſie aufging; der Steuermann gab das Steuer an einen Andern, warf ſich auf das Verdeck hin, neigte ſein Haupt oſtwaͤrts und pries den Schopfer der Sonne; ſie ſchien hell auf ſeinen weißen Turban, wie er da kniete, vergoldete ſein bronzenes Geſicht und warf ſeinen dunkeln Schatten uͤber das gluͤhende Deck hin. Die Frauen, welche grau erſchienen waren, hatten ſich nun in Purpur gekleidet, und der breite Strom war illu⸗ minirt. Als die Sonne hoͤher ſtieg, verſchwand das Morgengluhen. Der Himmel war wolkenlos und bleich und der Strom und die ihn umgebende Land⸗ ſchaft flimmernd klar. 8* — — Als wir nach einer oder zwei Stunden vor uns hinſchauten, ſahen wir die Pyramiden. Stellen Sie Sich meine Gefuͤhle vor, theurer M. . .3 — Zwei große und eine kleine: — Da lagen ſie, roſig und feierlich, in der Ferne, dieſe alten, majeſtätiſchen, myſtiſchen Familiengebaͤude. Einige von uns verſuchten, erſchuͤttert zu werden; da aber das Fruͤhſtuͤck kam, ſo ward ein Angriff auf den Kaffee und die kalten Paſteten gemacht, und das Gefuhl der Ehr⸗ furcht ging in dem Eifer, mit dem nach den Mund⸗ vorräthen gegriffen wurde, verloren. Sind wir ſo blaſirt von der Welt, daß es ihren größten Wunderwerken nicht mehr gelingt, uns in Be⸗ wegung zu verſetzen? haben Geſellſchaften, Pall⸗Mall⸗ Clubbs und die Gewohnheit, zu ſpotten, unſere Ver⸗ ehrungsorgane ſo zuſammenſchrumpfen laſſen, daß wir nicht mehr bewundern koͤnnen? Was mich anbelangt, ſo kam mir bei den Pyramiden zuerſt das Ge⸗ fühl, daß ich ſie ſchon fruͤher geſehen haben muͤſſe; dann ein Gefuͤhl der Schaam, daß mich ihr Anblick nicht mit größerer Ehrfurcht erfulle. Dann mußte ich naturlich beobachten, ob meine Nachbarn enthuſiaſtiſcher ſeien, als ich — aber das Dreieinigkeitscollegium, Ox⸗ — — 117 — ford, war mit dem kalten Lendenbraten beſchaͤftigt: Downing⸗Street ſchenkte einer großen Weintraube ſeine beſondere Aufmerkſamkeit; Fig⸗Tree⸗Court betrug ſich hochſt anſtaͤndig; er hat eine gute Praxis und iſt con⸗ ſervativen Anſichten ergeben, die ihn nothwendiger Weiſe dahin fuͤhren muͤſſen, die „kaits accomplis“ aus Grund⸗ ſatz zu reſpektiren; vielleicht fiel es ihm auch ein, daß eine von den Pyramiden ſo groß waͤre, als Lincoln's Inn Fields. Aber — in Wahrheit, ernſtlich war Nie⸗ mand ergriffen. Und warum auch — wegen einer An⸗ häͤufung von Steinen, und waͤre ſie noch groͤßer? Ich, fuͤr meinen Theil, gebe zu, daß die Pyramiden ſehr groß ſind. . Nach einer Fahrt von etwa dreißig Stunden brachte uns das Dampfboot an den Kai von Bulak, in die Mitte einer kleinen Flotte von ſchmutzigen und uner⸗ quicklich ausſehenden Cangias, in denen Baumwollwaaren und andere Handelsguter abgeladen wurden. Am ufer war viel Larm und betriebſames Leben. Zahlreiche Villas, Parks und Landhaͤuſer ſchmuͤcken — ſeit Kurzem erſt — das nach Cairo zu gelegene Ufer des Stroms. Hier wohnen die Wuͤrdenträger des Paſchas, die Befehl erhalten ha⸗ ben, ſich hier zu vergnugen und die Umgebungen der Hauptſtadt zu verſchönern. Dazwiſchen erheben ſich die mächtigen Schornſteine von großen Fabriken, Gie⸗ ßereien und Maſchinenbauwerkſtatten. Dieſe und die Luſthäuſer ſtehen ſo geputzt da, wie Soldaten in Pa⸗ — 118 — rade, im vollen Gegenſatze zu der zuſammengedraͤngten, duͤſtern, engen, verfallenen, öſtlichen alten Stadt, welche den „großen Hafen“ von Cairo bildet, und gebaut wurde, ehe ſich der europaiſche Geſchmiack und die europaͤiſche Kunſt dort in Geltung geſetzt hatte. Wir beſtiegen Eſel, ebenſo vollkommen und munter, wie die zu Alex⸗ andria, unſchaͤtzbar fur furchtſame Reiter und jedem Gewichte gewachſen. Wir hielten ein Jeruſalem⸗Klep⸗ per⸗Wettrennen nach Cairo hinein, und mein Thier kam allen uͤbrigen um manche Leibeslaͤngen voraus. Der Eintritt in die Hauptſtadt, von Bulak aus, iſt ſehr freundlich und maleriſch. Man kommt auf einer ſchoͤ⸗ nen Straße durch die weite, gut cultivirte Ebene von Ezbekieh, die rings mit Gärten, Kanaͤlen, Feldern und Baumpflanzungen bedeckt und zum Sammelplatz ge⸗ worden iſt, auf welchem die Großen der Stadt ihren Vergnuͤgungen leben. Wir ſahen manche Barutſche*) mit dicken Paſchas, die auf den Kiſſen lagen, einher⸗ fahren; es kamen ſtattlich ausſehende Oberſte und Doc⸗ toren geritten, denen ihre Ordonnanzen oder Bedienten folgten; in den Kaffeehäuſern ſah man ganze Reihen von Beſuchern rauchen und Scherbet trinken; und ein Anblick, der erfreulichſte von allen, war ein praͤch⸗ tiges, ganz neu und weiß ſchimmerndes Gebaͤude, an *) Barutſche oder Birutſche = eine (meiſt zweiräderige) Halbkutſche. — — deſſen Facade man in ungeheuren franzoͤſiſchen Buch— ſtaben HOTEL D'ORIENT las, und welches in der That ein ſo großes und comfortables Etabliſſement iſt, daß es den beſten Gaſthaͤuſern im Suͤden von Frank⸗ reich an die Seite geſtellt werden kann. Von den Fenſtern aus hat man einen hoͤchſt freundlichen und belebten Anblick auf die Gaͤrten, das Thor des Hotels halten ganze Haufen von Eſeltreibern beſetzt; edel und ſtattlich ausſehende arabiſche Frauen von lohfarbiger Hautfarbe (welche ein einfaches Ge⸗ wand von flatterndem, blauem Kattun nicht allzu aͤngſt⸗ lich verhullt) und mit großen, ſchwarzen Augen kom⸗ men heran, um an dem ganz nahebei gelegenen Brun⸗ nen Waſſer zu ſchoͤpfen; Kameele treffen unaufhoͤrlich ein und werden abgeladen; der Hof iſt voll geſchaͤftigen Dolmetſchern, Ayahs *) und Kindern aus Indien; gute, alte, ehrwuͤrdige Kinderwaͤrter mit grauen Bärten und rothen Turbanen warten die kleinen Weſen mit weißen Geſichtern, die das Licht der Welt in Dumdum oder Futtyghur zuerſt erblickt haben; ein kupferfarbiger Barbier, auf den gekreuzten Fuͤßen ſitzend, raſirt einen Kameeltreiber an der großen Einfahrt zum Hotel; das Laͤuten mit der Glocke hort nicht auf, und der Lieute⸗ nant Waghorn ſpringt in vollſter Geſchaͤftigkeit in den Hof und zuruͤck. Er verließ Bombay geſtern fruͤh, war *) Ayah = Gouvernantè, Hofmeiſterin. — 425 — am Dienſtag noch im rothen Meere geſehen worden, muß dieſen Nachmittag in Regents Park ſpeiſen, und iſt (da nun ſchon zwei Minuten vergangen, ſeit ich ihn im Hofe ſah) in dieſem Augenblick jedenfalls in Alex⸗ andrien oder Malta, oder in beiden Qrten zugleich. li en est capable. Denn wenn Jemand an zwei Orten zugleich ſein kann (ich glaube nicht an Doppel⸗ Läͤnger, will ſie aber auch nicht laͤugnen), ſo iſt's Waghorn. Es ſchlaͤgt ſechs Uhr. Eine Geſellſchaft von ſech⸗ zig Perſonen ſitzt, wie bei einem franzoſiſchen Bankette, beiſammen; dreißig indiſche Offiziere in Schnurrbart und Jacke; zehn Civiliſten ditto und mit Brillen; zehn bleiche, gelockte Damen, denen Alle eine erſtaunliche Aufmerkſamkeit beweiſen. Die bleichen Damen trinken bleiche Alez dies iſt vielleicht die Urſache ihrer Bläſſe. In der That, die Paſſagiere von Bombay und Sucz ſind eben angekommen, und daher dieſes Draͤngen und Treiben, dieſe Ausſtellung von Militaͤrjacken und Schnürrbaͤrten, von Locken und Reizen. Die Fenſter ſind geoͤffnet und ein Schwarm Moskitos von den Ezbekiehgewaſſern, den die Wachskerzen herbeigelockt ha⸗ ben, trägt außerordentlich viel zur Belebung der Scene bei. Ein kleiner, alter Major beſteht darauf, daß die Fenſter offen bleiben, zur freien Paſſage fur dieſe ge⸗ flugelten Geſchoͤpfe, deren Stiche er vornehm verachtet — und die bleichen Lockinnen ſcheinen ſich auch nicht 8 — — um ſie zu kuͤmmern, obſchon Einige ihre zarten Schul⸗ tern entbloͤßt tragen. All' die verſchiedenen Gerichte, Ragouts, Fricaſſies und Paſteten, welche waͤhrend des Diners herumgereicht wurden, ſchienen mir wie von einem Guſſe: dieſe „Fleiſch⸗ töpfe Egyptens“ enthalten eine ſchwarze, unbeſtimmte Art Fleiſch. Was es aber fur welches iſt, weiß Nie⸗ mand; etwa Eſelsfleiſch? Von dieſem Thiere herrſcht ein groͤßerer Ueberfluß in Cairo, als von irgend einem anderen. Als ſich nach der Mahlzeit die Damen zuruckge⸗ zogen hatten, nahmen Einige von uns eine Miſchung von heißem Waſſer, Zucker und weißem, franzoͤſiſchem Branntwein zu ſich; man hat dieſes Getraͤnk wie ein Gift vorrufen, ich habe es aber nicht unſchmackhaft gefunden. Einer von den Indiern gab einen Bund bengaliſcher Cigarren zum Beſten, und wir machten mit dieſen baͤr⸗ tigen, weißjackigen, ehrenwerthen Majors und ſonſtigen militairiſchen Befehlshabern bald ſo nahe Bekanntſchaft, daß wir uns mitten in England befanden, hier, in einem franzoſiſchen, von einem Italiener gehaltenen Hotel, in der Stadt Groß⸗Cairo in Afrika. Wenn man ſich zu Bett begiebt, nimmt man in das geheiligte Innere, hinter die Moskitovorhaͤnge, ein Handtuch mit hinein. Sobald man die Vorhaͤnge feſt angezogen und verſchloſſen, faͤngt man an, links und rechts, vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts mit dem Handtuche zu — 122 — wedeln und zu ſchlagen, und hoͤrt nicht eher auf, bis alle Moskitos, die innerhalb des Muſſelin-Betthimmels einen Verſteck gefunden haben ſollten, vollſtaͤndig er⸗ legt ſind. Man mag aber machen, was man wrill, einer entſchluͤpft der allgemeinen Niederlage, und ſobald die Kerze verloͤſcht iſt, beginnt der Böſewicht ſein holliſches Brummen und Trompeten, ſchwebt uns ſpielend um Antlitz und Naſe, und laͤßt ſich ſo leicht nieder, daß man ſeine Beruͤhrung nicht wahrnimmt. Und wenn man ſich nicht eine ganze Woche lang mit den Nach⸗ wehen ſeines wilden Blutdurſtes zu tragen haͤtte, ſo wuͤrde man glauben, das unſichtbare, kleine Ding ſei ein Gebilde unſerer Phantaſie; es habe uns nur in den Ohren geklungen. Wenn dies als Bericht uͤber Cairo gelten ſoll, mein theueret M. . . ., ſo werden Sie ihn jedenfalls ſehr unvollſtaͤndig finden: die Sache iſt die, ich habe bisher nichts weiter geſehen. Ich bin nicht in die Ha⸗ rems eingedrungen. Die Magiker hat man als Be⸗ truͤger anerkannt und mit Baſtonnaden aus der Stadt getrieben. Die Taͤnzerinnen, dieſe zugleich ſo liebens⸗ wuͤrdigen Stegreifdichterinnen, von denen ich Ihnen eine elegante und gluͤhende, natuͤrlich aber ſtreng mora⸗ liſche Beſchreibung geben zu koͤnnen gehofft hatte, ſind nach Oberegypten gejagt worden; und wenn Sie in Gedanken ſagen — — — — Ja, das iſt keine gute — Beſchreibung von Cairo; Sie haben vollkommen Recht. Es iſt England in Egypten? Ich freue mich daruͤber, es hier zu ſehen, mit ſeinem Muth, ſeinem Unterneh⸗ mungsgeiſt, ſeiner Maͤnnlichkeit, ſeiner bittern Ale und ſeiner Harrey-Sauce. Wohin ſie nur kommen, da faſſen ſie Fuß, und mit Gluͤck. Von dem Gipfel jener Pyramiden „moͤgen vierzig Jahrhunderte auf ſie herab⸗ blicken,“ wenn ſie Luſt haben; und ich meine, dieſe ehr⸗ wuͤrdigen Toͤchter der Zeit werden durch das Reſultat einer ſolchen Unterſuchung weit meht zufriedengeſtellt ſein, als funfzig Jahre fruͤher durch den Anblick der franzoͤſiſchen Bajonnette und des Generals Bonaparte, Mitglied des Inſtituts, wie er mit Saͤbel und Zopf herumrennt. Wunder hat er gethan, das iſt wahrz aber dann machte er ſich aus dem Staube und ließ Klebern in der Klemme — ein Opfer, das wenige hun⸗ dert Schritte von der Stelle, wo ich Gegenwaͤrtiges aufzeichne, ermordet werden ſollte. Was wollen aber ſeine Wunder ſagen gegen die, die Waghorn gethan hat? Napoleon hat bei den Pyramiden die Mamelukken maſ— ſakrirt; Waghorn hat die Pyramiden ſelbſt erobert. Er hat die ſchwerfaͤlligen Bauwerke um einen vollen Monat naͤher an England herangebracht, und das Land, in dem ſie ſtehen, dazu. Alle die Trophaͤen und Gefangenen, die jemals bei einem roͤmiſchen Triumphe glaͤnzten, wa⸗ ren nicht ſo außerordentlich und wunderbar, als dies. Alle die Köpfe, die Napolcon je zum Fallen gebracht — 124 — (wie George Eruikſhank ſagt), wuͤrben kein ſo gewaltiges Monument fuͤr ihn bilden. Mögen wir unſere Tro⸗ phaen in Frieden erringen! O, mein Vaterland! O, Waghorn! Hac tibi erunt artes. Wenn ich die Py⸗ ramiden beſuche, will ich deinem Namen Opferſpenden darbringen und zu deiner Ehre Libationen von bitterer Ale und Harrey-Sauce ausgießen. Eine unuͤbertrefflich ſchoͤne Ausſicht hat man von der ECitadelle, welche wir am folgenden Tage beſtiegen. Weithin zu unſern Fuͤßen erſtreckt ſich die Stadt mit tauſend Minarets und Moſcheen; und durch die gruͤnen Ebenen hin, die mit unzahligen Dörfern uͤberſäet ſind, kruͤmmt ſich der gewaltige Strom. Die Pyramiden liegen uͤber alle Beſchreibung klar und glaͤnzend vor uns; ebenſo die an den Hoͤhen hin ſich erſtreckenden Linien und Befeſtigungswerke und das tiefer gelegene Arſenal. Wenn man ſich hier umſieht, unterläßt es der Fuͤhrer nie, auf den beruͤhmten Manielukkenſprung aufmerkſam zu machen, mittelſt deſſen einer von dem Corps, zu der Zeit, wo Se. Hoheit der Paſcha das ganze Corps in einem allgemeinen Maſſacro morden ließ, dem Tode entwiſchte. Nahe bei der Citadelle befindet ſich der Harem des ehrwuͤrdigen Patriarchen, der Einige von unſerer Ge⸗ ſellſchaft mit großer Auszeichnung empfing. Es wurde uns geſtattet, ziemlich nahe an den heiligen Bereich heranzutreten, und wir ſahen ein ſchönes, weißes Ge⸗ — — baͤude nach europaͤiſcher Art, mit Freitreppe und zu bei⸗ den Seiten von huͤbſchen Gärten eingefaßt. Auch die Polizeigebaͤude und Gerichtshoͤfe befanden ſich hier, wie ich hoͤrte; es war aber jetzt nicht die Zeit der egyptiſchen Aſſiſen. Außerdem wuͤrde es ſehr erfreulich geweſen ſein, den oberſten Cadi in ſeiner Juſtizhalle amtiren zu ſehen, und, wenn auch peinlich, doch inſtructiv waͤre es geweſen, der unmittelbaren Application einer Baſtonnade beizuwohnen. Der Loͤwe des Platzes iſt eine neue Moſchee, welche Mehemed Ali mit großer Muße aufbaut. Sie wird von ſchoͤnem, weißen Alabaſter, mit einem zarten, roſigen Anſtrich, errichtet; aber die Ornamente ſind eu⸗ ropaiſch: die erhabene, phantaſtiſche, ſchoͤne orientaliſche Kunſt iſt vergeſſen. Die alten Moſcheen der Stadt, von denen ich zwei beſuchte, und viele von außen be⸗ trachtete, ſind tauſendmal ſchoͤner. Die Mannichfaltig⸗ keit ihrer Verzierungen iſt Erſtaunen erregend, — der Unterſchied in der Form der Kuppeln, die reizenden Phantaſien und Capricen, mit welchen bei den Mina⸗ rets die gewoͤhnlichen Vorſchriften der Proportion auf eine eben ſo kuͤhne, als gluͤckliche und anmuthige Weiſe verlebt ſind, muͤſſen auf jeden Architekten, der ſie ge⸗ ſehen, den großten Eindruck machen. Wenn man durch die Straßen geht, wird das Auge von dieſen architek⸗ toniſchen Schoͤnheiten fortdauernd bezaubert: jetzt iſt es ein Marmorbrunnen, mit uͤberhaͤngendem und ausge⸗ — 126 — ſchnittenen Arabeskendache, deſſen Anblick uns daſſelbe Vergnuͤgen verurſacht, wie eine antike Gemme; jetzt kommt man zu dem gewoͤlbten Eingang einer Moſchee, welche in die Hoͤhe ſpringt, wie — nun, wie was? ſo wollen wir ſagen, wie die ſchoͤnſte Pirouette der Ta⸗ glioni. Dieſe Architektur iſt nicht ſo erhaben ſchon, ſie zeigt keine ſo vollendete Lieblichkeit und Ruhe, wie ſie das Parthenon uns offenbart haͤtte (im Vergleich zu welchem das Pantheon und Coloſſeum gewoͤhnlich und roh iſt, bloße breitſchulterige Titanen gegenuͤber einem ambroſiſchen Jupiter), aber dieſe phantaſtiſchen Spitz⸗ ſaulen und Kuppeln und Gallerien regen die Einbil⸗ dungskraft auf, ergoͤtzen und kitzeln ſie, ſo zu ſagen, in⸗ dem ſie das Auge unausgeſetzt bezaubern. Wir trafen nur wenige Glaͤubige in der beruͤhmten Moſchee des Sultans Haſſan, als wir ſie beſuchten; aber der mu⸗ ſelmaͤnniſche Pedell war da; er lag auf der Lauer nach einem backshush, ganz ſo, wie ſeine Kollegen in den engliſchen Kathedralen es auch machen, ließ uns Stroh⸗ pantoffeln anziehen, damit wir das geweihte Pflaſter nicht beſchmutzten, und fuͤhrte uns durch den Tempel. Die Verhaͤltniſſe dieſes Bauwerks ſind bewunderungs⸗ wuͤrdig klar und leicht; die beſten Muſter normänni⸗ ſcher Kunſt, die ich geſehen (und gewiß haben ſich die Kreuzfahrer die Modelle zu dieſen in ihren Augen heid⸗ niſchen Tempeln mit nach Hauſe genommen) kommen ihm nicht gleich in erhabener Anmuth und Einfachheit. — — Die Myſtiker machen daheim die Entdeckung, daß die gothiſche Architektur der in Stein geſchriebene Katholi⸗ zismus ſei. Wenn dies der Fall, und wenn architek⸗ toniſche Schoͤnheit ein Kriterion der Religion oder ein Ausdruck dafur iſt, welch' eine traurige Confeſſion muß dann diejenige ſein, die ſich in dem Bethesde-Bethauſe und in den Kapellen der Independenten ausſpricht? Soll aber, wie man dies ganz ernſtlich andeutet, des⸗ halb, weil der gothiſche Bauſtyl ſchoͤn iſt, der Katholi⸗ zismus liebenswuͤrdig und trefflich ſein — ei, wie liebens⸗ wuͤrdig und trefflich muͤßte dann auch der Mahomeda⸗ nismus ſein. Keine Glaubensgenoſſenſchaft beſitzt ele⸗ gantere Tempel; ſie ſind ſo elegant, wie die Kathedrale zu Rouen oder der Taufſtein zu Piſa. Jetzt aber iſt es anders. Niemand ließ ſich beim Gebete ſehen, außer den Pedellen, die von Amtswegen da ſein mußten, und den Supernummer-Fuͤhrern, die wegen eines backshush kamen. Der Glaube iſt ausge⸗ artet. Natuͤrlich koͤnnen nun keine ſolchen Moſcheen mehr erbaut, noch ſo ſchoͤne Formen erfunden werden. Zeugniß dafuͤr die Unvollſtänd igkeit und Alltäglichkeit des neuen Paſchate npels und die traurigen Fehler, an denen die neuen Gebaͤude in Conſtantinopel leiden! Indeſſen werden immer noch Pilgerreiſen nach Mekka von großen Volkshaufen unternommen. Die Moſchee des Haſſan liegt ganz in der Nähe der gr nen — 128 — Platzes, auf welchem ſich die Hadſchah *) verſammelt, ehe ſie jaͤhrlich ihren frommen Zug unternimmt. Die Zeit dazu war noch nicht herangekommenz ich ſah aber auf den Bazars den gefuͤrchteten Derwiſch, der das Haupt der Hadſchah iſt, den Fuͤhrer jeder Proceſſion, den Begleiter des heiligen Kameels, kurz, einen Mann, der beinahe in demſelben hohen Anſehen ſtehet, wie Herr Daniel O'Connell in Irland. Dieſer Menſch lebt von Unterſtuͤtzungen (ich meine das Haupt des Hadſchah). Er traͤgt Winter und Sommer kein anderes Kleid, als ein kurzes, duͤnnes, weißes Hemd. Er fuͤhrt einen Stab, und ſchreitet finſter blickend und barfuß einher. Ein ungeheurer Schopf ſchwarzen Haars faͤllt ihm nach hinten hinab, und ſein brauner, ſtarker Koͤrper iſt uͤberall mit zotti⸗ gem, ſchwarzen Haar beſetzt, wie bei einem wilden Manne. Dieſer Heilige hat den groͤßten Harem in der Stadtz er ſoll durch die Contributionen, die er erhebt, einen außerordentlichen Reichthum erlangt ha⸗ ben, und der Geruch der Heiligkeit, in welchem er bei dem bethoͤrten Volke ſteht, iſt ſo groß, daß, wenn er von der Hadſchah zuruͤckkommt (was zu Pferde ge⸗ ſchieht, wobei ihn die oberſten Mollahs auf der Straße von Ezbekieh einholen und nach Haufe geleiten), ſich die Leute unter die Hufe ſeines Roſſes werfen, um ſich Habſchah = Wallfahrt. treten und tödten zu laſſen, da ſie ſich des Himmels fuͤr ganz verſichert halten, wenn nur das Pferd des großen Hadji ſie in denſelben hineinſtoͤßt. War es mein Fehler, wenn ich an Hadji Daniel und ſeine Glaͤubigen dachte? Als ich an jenem Platze voruͤberkam, war kein Derwiſch von Ruf zugegen; nur ein armer, wilder Burſche mit ſtieren Augen und graͤulichem Barte tanzte, wie es ſchien, mehr als Gegenſtand der Ver⸗ achtung ſeiner Zuſchauer, denn man ſah ſie nicht ein⸗ mal Kupfergeld in ſein ausgeſtelltes Becken legen. An dem Kopfe des armen Teufels war ein noch ärmerer Teufel befeſtigt, ein lebendiger Hahn, der kahl gerupft und mit einigen zerriſſenen Bäͤndern, Scharlachlappen und Flittergold herausgeputzt war. Ich ſah nie etwas Klaͤglicheres, Abſcheulicheres und Unnatuͤrlicheres. Eine kurze Strecke von ihm entfernt, begann eine ganz eigene Art von Schauſpiel; — ein Hanswurſt und ein durchtriebener Burſche, wie Widdicombe und der Hanswurſt bei uns — der Poſſenreißer antwortete mit plumpen Spaͤßen, bei welchen das Auditorium in ein ſchallendes Gelaͤchter ausbrach; aber der einzige Spaß, den man mir uͤberſetzte, wuͤrde euch zu etwas ganz Anderen als zum Lachen pringen und ſoll daher niemals uͤber meine Lippen kommen. Die Bevölkerung ſett, wie mir mein Dolmetſcher ſagte, ihr Hauptver⸗ Znuͤgen in ſolcherlei Dinge. Ein junger, egytiſcher Edel⸗ Aufzeichnungen. ll. 9 — 130 — mann, der Sohn eines Paſcha, den ich ſpaͤter in Malta traf, beſtaͤtigte mir dies, und gab ein Detail von dem im Privatleben eingeriſſenen Thun und Treiben, wel⸗ ches nichts weniger als erbauend war. Die Haupt⸗ aufgabe, ſagte er, die ſich die Frauen in dem ſo ſehr verläſterten Oriente zum Ziele ſetzen, iſt die, der Bru⸗ talität ihres Herrn Vorſchub zu thun; ihr Verdienſt beſteht in der Kunſt, die Luſt des Thiermenſchen zu vermannichfaltigen. Er verſicherte, wir koͤnnten uns von dem „Witze“ der egyptiſchen Frauen und von ihrer Geſchicklichkeit im „double estendre“ keinen Be⸗ griff machen; und ich vermuthe, wir verlieren nicht viel bei dieſer Unkenntniß. Was ich aber beſchei⸗ dentlichſt hervorheben wollte, iſt das: Man laſſe ſich durch die deutſchen Schriftſteller und Aeſthetiker, durch die Semilaſſoism's und Hahnhahnism's und dergleichen nicht irre fuͤhren. Das Leben im Orient iſt ein Thierleben. Der ſehr gelaͤſterte Orient, deſſen bin ich gewiß, iſt noch lange nicht genug gelaͤſtert wor⸗ den, und das aus dem guten Grunde, weil Niemand von uns in die ganze Tiefe der ſchrecklichen, dort herr⸗ ſchenden Sinnlichkeit eingedrungen iſt. Gegenuͤber dem Schurken von Hanswurſt und ſeinem Auditorium, war ein Platz auf der gruͤnen Flaͤche, wo man mir Blutſpuren zeigte. Dieſes Blut war am Morgen dem Nacken eines Arnautſoldaten entſpritzt, der wegen Mords hingerichtet worden. Die — 431 — Arnauten ſind der Fluch und der Schrecken der Stadt⸗ bewohner. Ihr Lager befindet ſich außerhalb der Stadt; ſie kommen aber regelmaͤßig herein und trinken, ſtreiten und morden, den harten Geſetzen, die gegen ſie in An⸗ wendung gebracht werden, zum Hohn. Faſt jede Woche werden mehrere von dieſen Ungeheuern hinge⸗ richtet. Einige von unſerer Geſellſchaft hatten den Men⸗ ſchen Tags zuvor, umgeben von einer Menge Solda⸗ ten, die ihn gefangen genommen, bei dem Hotel vor⸗ beiſchleppen ſehen. Der Mann war den Dutzenden ſeiner Häſcher noch immer furchtbarz man hatte ihm die Kleider vom Leibe geriſſen, ſeine Glieder waren mit Stricken gebunden, aber er verſuchte, in wahnſinniger Wuth, ſich frei zu machen. Mein Gewaͤhrsmann be⸗ ſchrieb die Geſtalt des nackenden, gebundenen, ſich win⸗ denden Wilden, als ein wahres Modell von Schonheit. Mitten auf der Straße war er, unmittelbar zu⸗ vor, durch den Anblick eines Weibes in Anregung ver⸗ ſetzt worden und hatte Hand an ſie gelegt. Sie war ihm entſchluͤpft, wurde von ihm verfolgt und fluͤchtete ſich in eine Polizeiwache, die gluͤcklicher Weiſe ganz in der Naͤhe lag. Aber der Arnaut ließ ſich hierdurch nicht abſchrecken und folgte ihr mitten unter die Polizeiſol⸗ daten hinein. Einer der Letzteren wollte ihn ergreifen; der Arnaut zog ein Piſtol und ſchoß den Soldaten nieder. Er hatte noch drei oder vier niedergehauen, 9g* — ehe es den Uebrigen gluͤckte, ihn zu uͤberwaͤltigen. Er wußte, daß ihm der Tod unvermeidlich bevorſtehe, daß er ſich des Weibes nicht bemaͤchtigen koͤnne, daß er nicht im Stande ſei, einem halben Regimente bewaff⸗ neter Soldaten Gegenwehr zu leiſten: aber ſein Wolluſt⸗ und Blutdurſt war zu heiß; dieſen Morgen hat er ſich ganz ruhig das Haupt abſchlagen laſſen, waͤhrend Viele von ſeinen Kameraden dem Ende ihres Genoſſen bei⸗ wohnten. Der Tod war ihm gleichguͤltig; er kniete nieder und legte ſein Haupt auf den Block, ſo kaltblutig, als wenn er der Vollziehung der Ceremonie an einem Andern beiwohnte. Als der Kopf abgeſchlagen war, und das Blut zu Boden ſtroͤmte, draͤngte ſich ein verheirathetes, kinder⸗ loſes Weib eifrig aus der Menge vor, um ſich mit dem Blute zu beſchmieren. Das Blut Hingerichteter wird naͤmlich als eine aͤußerſt heilſame Mediein fuͤr unfrucht⸗ bare Frauen betrachtet, und ſo wollte ſie von dem Mittel Gebrauch machen. Einer von den Arnauten ſtand in ihrer Naͤhe, „Du willſt Blut? Willſt Du? Laß doch ſehen, wie Dein Blut und das Blut meines Komeraden zuſammenpaßt!“ Und mit dieſen Worten (wenigſtens war dies der Sinn ſeiner Aeußerung) zog er eine Piſtole und ſchoß das Weib mitten unter der Volksmenge und unter den Wachen, die der Epecution beiwohnten, nieder. Er wurde natuͤrlich ſofort ergriffen, und ſein Haupt fällt ohne Zweifel morgen auch. Es — 133 — wuͤrde ſich ein ſchoͤnes Kapitel ſchreiben laſſen, uͤber „den Tod eines Arnauten“, aber ich gehe nicht hin. Hat man einen Menſchen haͤngen ſehen, ſo iſt's genug furs Leben. „Ny ai été,« wie die Franzoſen ſagen, wenn von der Jagd die Rede iſt. Dieſe Arnauten ſind eine Geißel der Stadt. Vor kurzer Zeit fingen ſie einen Englaͤnder ab und waren nahe daran, ihn zu erſchießen. In der letzten Woche mordete Einer von ihnen einen Haͤndler, welcher ſich weigerte, ihm eine Waſſermelone um den Preis abzu⸗ laſſen, den der Soldat ſelbſt beſtimmt hatte. So todtete er wegen eines Betrags von zwolf Pfennigen den Händ⸗ ler, und brachte ſich ſelbſt um den Kopf, unter ſeinen Freunden ſehr bedauert. Es nimmt mich Wunder, daß ſeine Hoheit, der Paſcha, nicht die Arnauten ein⸗ mal zu einem Aejeüner auf die Citadelle einladet, wie er es mit den Mameluken gemacht hat, und ſie mit einem Fruͤhſtuͤcke von der naͤmlichen Art bedient. Die Mauern ſind bedeutend erhoͤht, ſeit Emir Bey und ſein Pferd ſie uͤberſprungen, und es iſt wahrſcheinlich, daß jetzt keiner entſchluͤpfen wuͤrde. Die Piſtolenpraxis ſcheint uͤberhaupt hier etwas Gewoͤhnliches zu ſein, und nicht blos unter den Arnau⸗ ten, ſondern auch hoͤhern Orts. Vor Kurzem ließ ſich einer von Sr. Hoheit Enkeln, den ich Paſcha Blau⸗ bart nennen will (damit die Namensveroffentlichung nicht unſer gutes Verhältniß mit dieſem Lande unter⸗ — 134 — krechen moͤge), einer von den jungen Paſchas, die in ihrer Erziehung noch etwas zuruͤck ſind, einen Infor⸗ mator von England kommen, um ſich in der Mathe⸗ matik und dem feinen Betragen der civiliſirten Welt beſſer auszubilden. Wie ich vernommen, hatte er in Cambridge ſtudirt und Algebra und feine Sitte unter dem hochwuͤrdigen Doctor Saus im. . . . Collegio gehoͤrt. Eines Tages ging der Informator, Herr Mac Whiſter, Dr. ph., in den Schubra-Gaͤrten mit Sr. Hoheit, dem jungen Paſcha Blaubart, ſpatzieren, und waͤhrend er ihn in die Gebraͤuche der Geſellſchaft von gutem Ton einweihte und ihn mit Reminiscenzen von Trumpington angenehm unterhielt, kam ein armer Fellah, warf ſich dem jungen Blaubart zu Fuͤßen, rief mit lauter und pathetiſcher Stimme um Gerechtigkeit, uͤberreichte ihm ein Bittgeſuch und erſuchte Se. Ho⸗ heit, ein gnaͤdiges Auge darauf zu werfen und anzu⸗ empfehlen, daß ſeinem Sklaven Gerechtigkeit zu Theil werde. Paſcha Blaubart fuͤhlte ſich von der Unterhal⸗ tung ſeines verehrten Informators ſo angeſprochen und hingeriſſen, daß er den armen Fellah zum Henker gehen hieß, und das Geſpräch wieder anknuͤpfte, welches durch den ganz zur unrechten Zeit angebrachten Schrei um Gerechtigkeit unterbrochen worden war. Aber der un⸗ gluckſelige, arme Wicht von einem Fellah meinte, von ſeinem boͤſen Geſchick getrieben, noch einen zweiten Ver⸗ ſuch machen zu muͤſſen. So bog er denn in einen der kurzen Seitengaͤnge des Gartens ein, und als der Prinz und der hochwuͤrdige Herr Whiſter, ſein Informator, wieder des Weges kamen, trat der Fellah vor, kniete vor dem erhabenen Blaubart nieder, ſchrie noch einmal um Gerechtigkeit und hielt ſein Bittgeſuch der Hoheit entgegen. Als der Prinz ſo ſeine Unterhaltung zum zweiten Male unterbrochen ſah, hatte ſeine königliche Geduld und Gnade ein Ende. „Mann,“ ſagte er, „ſchon ein⸗ mal befahl ich Dir, mich mit Deinem Geſchrei nicht zu belaͤſtigen. Siehe, Du biſt mir ungehorſam gewe⸗ ſen! So empfange den Lohn Deines Ungehorſams gegen einen Prinzen, und Dein Blut komme uͤber Dein eigenes Haupt!“ Und mit dieſen Worten zog er ein Piſtol heraus und ſchoß den armen Fellah durch den Kopf, ſo daß er nimmer wieder um Gerechtigkeit ſchreien konnte. Der hochwuͤrdige Herr Whiſter war von einer ſolchen kurzen Verfahrungsweiſe aͤußerſt betroffen. „Gnädiger Prinz,“ ſagte er, „wir ſchießen in Cam⸗ bridge keinen Studenten todt, und wenn er uͤber einen zum Collegio gehoͤrigen Raſenplatz ginge. Geſtatten mir Ew. Hoheit die Bemerkung, daß eine ſolche Art und Weiſe, ſich von eines armen Teufels Belaͤſtigung zu befreien, in Europa fuͤr ebenſo ſonderbar, als grau⸗ ſam angeſehen werden wuͤrde. Laſſen Sie mich die — 136 — Bitte hinzufugen, daß Sie fur die Zukunft Ihr königli⸗ ches Ungeſtuͤm etwas maͤßigen und gehen Sie fortan, — ich lege dies Ew. königl. Hoheit, als Informator, ans Herz, — mit Ihrem Pulver und Blei etwas weniger verſchwenderiſch um.“ „O, Mollah!“ antwortete Se. Hoheit, die warme Anſprache ſeines Fuͤhrers unterbrechend, „Du verſtehſt Dich ſehr gut auf die Geſchichte von Trumpington und auf die „Pons asinorum“; aber wenn Du Dich auf irgend eine Weiſe in den Lauf der Juſtiz miſchen oder mich verhindern willſt, einen arabiſchen Hund, der mir um die Ferſen knurrt, niederzuſchießen, dann habe ich noch ein anderes Piſtol und — beim Barte des Propheten! — auch eine Kugel dazu, fuͤr Dich.“ Unter dieſen Worten brachte er die Piſtole zum Vorſchein und warf dabei einen ſo furchtbaren und bezeichnenden Blick auf den hochwuͤrdigen Herrn Mac Whiſter, daß ſich dieſer Herr wieder in ſein Studierzimmer zuruckwuͤnſchte. Hoffentlich wird er gegenwaͤrtig wohlbehalten darin hauſen. Eine andere luſtige Anekdote erfuhr ich von einem gut unterrichteten, in Cairo wohnenden Herrn, deſſen Namen ich aus einleuchtenden Gruͤnden nicht nennen kann, da denn doch wohl einige Exemplare dieſes meines entſtehenden Buchs ſich in die hieſigen Bibliotheken verirren koͤnnten. Die Landeseinkuͤnfte werden nicht unmittelbar fuͤr — — Sr. Hoheit Schatz erhoben, ſondern ſind diſtriktweiſe verpachtet und die Steuerpächter muͤſſen fur die Quote, zu welcher ihr Bezirk abgeſchätzt iſt, perſoͤnlich haften. Dieſe Methode bringt ein ganz unertraͤgliches Syſtem von Grauſamkeiten und Erpreſſungen mit ſich, welches die Steuerpächter bei Erhebung der Gefälle in Anwen⸗ dung ſetzen, und auf der andern Seite veranlaßt ſie mannichfache Verheimlichungen unter den Fellahs, die nicht nur an ſich der Mehrzahl nach ganz arm ſind, ſondern ſich auch noch weit aͤrmer ſtellen, als ſie wirk⸗ lich ſind, um nicht ihr Geld in die Haͤnde ihrer raͤube⸗ riſchen Vorgeſetzten fallen zu laſſen. Dies iſt der Fluch des Orients, Jeder wird zum Betruͤger; es iſt ein nie⸗ derſchlagender Zuſtand. Der Paſcha beraubt und be⸗ truͤgt die Kaufleute; er weiß es, daß die Aufſeher ihn betruͤgen, und wartet ſeine Zeit, wo er ſie durch An⸗ wendung der Baſtonnade zwingen kann, den gemachten Raub herauszugeben; der Aufſeher raubt und bedruͤckt die Arbeiter, und dieſe durch das Ungluͤck zur Verzweif⸗ lung gebrachten armen Teufel, betruͤgen und rauben ihrerſeits, wo es geht; ſo bewegt ſich die Regierung in einem gluͤcklichen Kreislaufe von Spitzbuͤberei. Deputationen von Fellahs und Bauern erſcheinen unaufhoͤrlich vor dem erhabenen Herrſcher, um uͤber die Grauſamkeiten und Erpreſſungen der Vorgeſetzten Klage zu fuͤhren; allein da es einmal bekannt iſt, daß der Araber ohne Baſtonnade nicht zahlt, ſo bleiben ihre — Beſchwerden meiſtentheils völlig unberuͤckſichtigt. Sr. Hoheit Schatz muß gefullt, und ſeine Beamten muͤſſen bei Anſehen erhalten werden. Eine Ortſchaft indeß erhob ſo ruͤhrende Klagen, und die Bevoͤlkerung war ſo ſehr ins Elend gerathen, daß durch ihre Erzaͤhlungen die konigliche Indignation erregt wurde und der Vorgeſetzte der Ortſchaft, Beg Pfennigfuchſer, erhielt Befehl, in Cairo perſoͤnlich Rechenſchaft abzulegen. Als er vor Mehemed Ali erſchienen, warf ihm dieſer ſeine entſetzliche Grauſamkeit und ſeine Erpreſ— ſungen vor, fragte ihn, wie er ſich unterſtehen koͤnne, ſeine treuen und geliebten Unterthanen auf ſolche Weiſe zu behandeln, und drohte ihm mit Ungnade und Ver⸗ moͤgensconfiscation, weil er einen ganzen Diſtrikt in ſolcher Weiſe zu Grunde gerichtet habe. „Ew. Hoheit nehmen an, ich haͤtte dieſe Fellahs zu Grunde gerichtet,“ erwiederte Beg Pfennigfuch⸗ ſer; „welches iſt das ſicherſte Mittel, meine Feinde zu Schanden zu machen und das Luͤgenhafte ihrer Anklage, als ob ich ſie zu Grunde gerichtet, an den Tag zu legen? Gewiß das, daß ich noch mehr Geld von ihnen kriege. Wenn ich Ew. Hoheit aus meiner Ortſchaft fuͤnfhundert Boͤrſen herbeiſchaffe, werden Sie dann zugeſtehen, daß meine Leute jetzt noch nicht ruinirt ſind?“ Der Paſcha war geruͤhrt. „Ich will keine Ba⸗ — 139 — ſtonnaden mehr, Pfennigfuchſer; Du haſt dieſe armen Leute ſo gequält, und haſt ſo wenig von ihnen erlangt, daß mein koͤnigliches Herz weich geworden iſt, und ich will ſie nicht laͤnger leiden laſſen.“ „Laſſen Sie mich gewaͤhren, und ſichern Sie mir Ew. Hoheit Gnade zu, und ich bringe die fuͤnfhundert Boͤrſen ſo gewiß, als mein Name Pfennigfuchſer iſt. Ich verlange nur ſo viel Zeit, als zur Hin- und Ruͤck⸗ reiſe und zu einem Aufenthalte von wenig Tagen erfor⸗ derlich iſt, und ich will ſo redlich zuruͤckkehren, als Pa⸗ ſcha Regulus zu den Carthaginenſern zuruckkehrte; ich will kommen und mein Angeſicht weiß waſchen vor Ew. Hoheit.“ Die erbetene Friſt ward Pfennigfuchſern bewilligt; er kehrte heim, ließ ſofort die Aelteſten der Ortſchaft zuſammenberufen, und ſagte: „O, Freunde! Die Klagen uͤber unſere Armuth und unſer Elend haben Zugang zum koͤniglichen Thron gefunden, und das wohlwollende Herz des Herrſchers iſt weich geworden bei den Bitten, die zu ſeinen Ohren gedrungen ſind. Er ſagte: Mein Herz iſt meinen Unterthanen zu El Moder zugewendet, ich habe uͤber Mittel nachgedacht, ihnen in ihrer Noth beizuſpringen. In ihrer Naͤhe liegt das furchtbare Land von El Leguan; es iſt reich an Mais, Baumwolle, Seſam und Gerſte; es iſt tauſend Boͤrſen werth; ich will es aber meinen Kindern zu ſiebenhun⸗ dert ablaſſen, und ich will ihnen den Ueberſchuß als — einen Gewinn und eine Erleichterung in ihrem großen Elend zutheilen.““ Die Aelteſten von El Moder kannten den großen Werth und die Fruchtbarkeit der Lander von El Leguan, aber ſie ſetzten in die Ehrlichkeit ihres Gouverneurs Zweifel. Dieſer indeß wußte ihre Beſorgniſſe zu ver⸗ ſcheuchen und den Eifer zu beleben, den ſie blicken ließen, um auf den vorgeſchlagenen Handel einzugehen. „Ich will ſelbſt zweihundertundfunfzig Börſen vorſchießen,“ fagte er, „haltet unter einander Rath, ſehet, daß ihr die uͤbrigen fuͤnfhundert durch Subſcription zuſammen⸗ bringt; und wenn die Summe parat iſt, ſo mogt Ihr eine Deputation damit nach Cairo ſenden, ich ſelbſt aber werde mich mit meinem Antheile auch einfinden, und wir wollen ſodann das Ganze Sr. Hoheit zu Fuͤßen legen.“ Die Graubärte der Ortſchaft uberleg⸗ ten die Sache miteinander, und ſelbſt die, bei welchen die Baſtonnaden wirkungslos geblieben waren, trieben Geld auf, wo ein Gewinn zu machen war; der Scheik und ſie mit ihren fuͤnfhundert Böͤrſen machten ſich auf den Weg zur Hauptſtadt. Nach ihrer Ankunft baten Beg Pfennigfuchſer und die Aelteſten von El Moder um eine Audienz und legten ihre Börſen vor dem Throne nieder. „Hier iſt der Beitrag Ihres unterthaͤnigſten Dieners,“ ſagte Pfennigfuchſer, indem er ſeinen Theil vorbrachte, „und hier iſt das Opfer Ihrer treuen Ortſchaft von El Mo⸗ — 141 — der. Habe ich es nicht vorausgeſagt, daß Feinde und Betruͤger mich bei dem erhabenen Herrſcher verleumdet haͤtten, indem ſie behaupteten, daß kein Piaſter in meinem Bezirke mehr aufzutreiben ſei, und daß meine Erpreſſungen die Landſchaft vollſtaͤndig entbloͤßt häͤtten? Hier iſt der Beweis, daß es noch uͤberfluͤſſig vieles Geld in El Moder giebt; in zwoͤlf Stunden haben die Aelte⸗ ſten fuͤnfhundert Borſen ſubſeribirt und legen ſie nun zu den Fuͤßen ihres Herrn nieder.“ Anſtatt der Baſtonnade, ward Beg Pfennigfuchſer die vollſte königliche Gnade zu Theil, während mit dem erſteren Beweiſe von Aufmerkſamkeit die Fellahs heim⸗ geſucht wurden, die ihn verleumdet hatten. Beg Pfen⸗ nigfuchſer ward zu dem Range eines Bey Pfennig⸗ fuchſer befoͤrdert, und ſeine Geſchicklichkeit, den Leuten das Geld aus der Taſche zu ziehen, mag in einem Theile des vereinigten Königreiches mit Bewunderung ſtudirt werden *). Zur Zeit der ſyriſchen Streitigkeiten befuͤrchtete der Paſcha einen Bruch mit England und wuͤnſchte den Geiſt der Fellahs zu entflammen. Pour relerer a morale nationale ernannte er ſofort einen von den er⸗ ſtaunten Arabern zum Oberſten. Drei Tage nach dem Friedensſchluſſe degradirte er ihn wieder. Der junge egyptiſche Oberſt, der es mir ſelbſt erzählte, lachte und *) 3. B. zu Derrynane Beg. — ſcherzte uͤber den Spaß mit gutem Humor. „Iſt es nicht eine Schande,“ ſagte er, „ein Oberſt von drei⸗ undzwanzig Jahren? Und dabei habe ich in keiner Weiſe ein beſonderes Verdienſt und habe vom Kriegs⸗ weſen nie etwas geſehen.“ Der Tod hat ſeitdem die Weiterbeforderung dieſes beſcheidenen und gutmuͤthigen jungen Mannes unterbrochen. Einige Wochen ſpaͤter las man in franzoͤſiſchen Zeitungen die Todesanzeige des Bey Der freundliche und unterhaltende junge Mann, deſſen ich fruher gedachte und dem ich manche inter⸗ eſſante Mittheilung zu verdanken habe, ſprach in den Abendſtunden, im Lazareth zu Malta, mit großer Be⸗ redtſamkeit von der Schoͤnheit ſeines Weibes, das er in Cairo zuruͤckgelaſſen, — von ihrem braunen Haar, ihrer herrlichen Geſichtsbildung und ihren blauen Augen. Dieſes cirkaſſiſche Blut iſt es, wie man wohl anneh⸗ men darf, welchem die in Egypten herrſchende, tuͤrkiſche Ariſtokratie fuͤr ihr ſchoͤnes Aeußere zum Danke ver⸗ pflichtet iſt. Ibrahim Paſcha, der in ſeiner Barutſche vorbeifuhr, ſah wie ein uͤbermuͤthiger, wohlgebildeter Dragonerofficier mit grauem Schnurrbart und rothen Backen, ſo wie man ſie in Maidſtone fieht. Alle die zahlreichen Beamten, die man durch die Stadt reiten ſieht, ſind ebenſo ſchoͤn, als die Europaͤer. Wir lernten einen Wuͤrdentraͤger kennen, einen dicken, jovialen Pa⸗ ſcha, den Eigenthuͤmer des Gaſthauſes, wie ich glaube, der unaufhoͤrlich in den Ezbekieh-Gaͤrten herumſchlen⸗ derte, und der, einen leichten, juͤdiſchen Anſtrich abge⸗ rechnet, jeden Augenblick fur einen Franzoſen haͤtte gel⸗ ten moͤgen. Auch die Damen, die wir ſahen, waren ebenſo ſchoͤn; d. h. die in der That ſehr unbedeutenden Theilchen ihrer Perſoͤnlichkeiten, welche anzuſchauen un⸗ ſern gluͤcklichen Augen vergoͤnnt war. Dieſe liebens⸗ wuͤrdigen Geſchoͤpfe ſah man zu Dreien und Vieren in der Stadt umherreiten; ſie waren dabei von Sklaven gefolgt, welche ſich am Kreuze des Eſels hielten, um die ſchoͤne Reiterin, wenn ſie fallen wollte, aufzuhalten, waͤhrend Andere mit lautem Geſchrei die Worte: „Schmalek, Aminek“ (oder wie ſie ſonſt lauten moͤgen) ausriefen, und das Volk rechts und links mit Ochſen⸗ ziemern auf die Seite trieben. Aber die lieben Weſen ſind noch weit mehr eingehuͤllt, als ſelbſt die Frauen von Conſtantinopel; ſie ſind am ganzen Koͤrper von einer ſchwarzſeidenen Kappe, gleich einer Kapuze, um⸗ geben; und es ſcheint bei ihnen Mode zu ſein, die Arme auszubreiten und dem Gewande den moͤglichſten Umfang zu geben, waͤhrend ſie unter den ſchwarzen Masken mit großen, verlockenden Augen hervorlauſchen. Alle Welt hier hat große, rollende Augen (die Ungluͤck⸗ lichen ausgenommen, die durch die Ophthalmie ein Auge eingebuͤßt haben). Unter den arabiſchen Frauen zeich⸗ nen ſich viele durch eine vortreffliche Geſtalt aus. Die Gewohnheit, Kruͤge auf dem Kopfe zu tragen, — giebt der Figur Anmuth und Beweglichkeit, und die Tracht der Frauen laͤßt beides in vollem Reize her⸗ vortreten. Ich habe einen vollſtaͤndigen Anzug mit nach Hauſe gebracht, und er ſtehet einer Lady fuͤr den nächſten Maskenball zu Dienſten. Es iſt ein Gewand von grobem, blauen Calicot, vorn offen und mit einem hornernen Knopfe zum Zumachen verſehen; dazu drei Ellen blauer Stoff zu einem Schleier, ein Krug, der uͤber dem obern Theile des Schleiers auf dem Kopfe balancirt wird, und ein kleiner Streifen von ſchwarzer Seide, der uͤber die Naſe herabfallt, und den ſchoͤnen Augen volle Freiheit gewaͤhrt, zu rollen und umherzu⸗ ſchwaͤrmen. Allein ein ſolches Koſtuͤm, dem weder eine Schnuͤrbruſt, noch ein anderer Putzartikel zu Huͤlfe kommt, kann nur von einer ſehr guten Figur getragen werden. Ich glaube nicht, daß man es zur naͤchſten „Season“ auf vielen Baͤllen ſehen wird. Die Maͤnner, ein großer, ſchöner und ſtattlicher Menſchenſchlag, werden wie Hunde behandelt. Ich werde es nie vergeſſen, wie mein Dolmetſcher oder laquais-de place, waͤhrend wir durch die gedraͤngt vollen Bazars ritten, und dieſer mir um etwas voraus die Bahn zu brechen hatte, ſeine Peitſche hervornahm und auf die Schultern eines Mannes, der nicht aus⸗ weichen konnte oder wollte, Schlaͤge herunter regnen ließ. Der Mann drehte ſich um — ein altes, ehr⸗ wuͤrdiges, ſchoͤnes Geſicht, mit ſchuchternen, traurigen Augen, und einem ganz grauen Barte. Er ließ nicht die mindeſte Klage laut werden und ſchlich, waͤhrend er ſchmerzlich mit den Achſeln zuckte, ruhig auf die Seite. Der Anblick dieſes empoͤrenden Betragens verſtimmte mich außerordentlich. Ich ſchrie dem verwuͤnſchten Laquai zu, er ſolle ſeine Hand im Zaume halten, und verbot ihm ein fuͤr alle Mal, in meiner Gegenwart Jemanden zu ſchlagen. Aber es iſt dies die allgemeine Sitte. Die Peitſche iſt in Jedermanns Hand; die Vorlaͤufer des Paſchas, wenn er laͤrmend uͤber den Mackt hinzieht; der Bediente des Doktors, wenn er ge⸗ hetzt den Haufen durchdringt; der Negerſtlave (ſobald er zu Pferde ſitzt, der Unverſchamteſte von Allen), ſie ſchlagen und hauen um ſich herum, und nie hat man gehoͤrt, daß auch nur ein einziger von den Gemißhan⸗ delten ſich beklagt hatte. Wie aber wäre es moglich, die Schoͤnheit der Straßen zu beſchreiben? — Dieſe phantaſtiſche Pracht; dieſe Mannichfaltigkeit der Häuſer, Bogengaͤnge, die uͤberhaͤngenden Dächer, Balkone und Säulengänge; die herrlichen Wechſel von Licht und Schatten, die daruͤber hingleiten; der Laͤrm, das Leben, das bunte Schimmern der Volkshaufen; die unendlich weiten Bazars, mit ihrer auslaͤndiſchen Herrlichkeit! In Cairo können Maler ihr Gluͤck machen, und Stoff iſt fur eine ganze Kuͤnſt⸗ leracademie zur Genuͤge vorhanden. Ich ſah nie ſo viel Leben, nie einen ſolchen Reichthum von architekto Aufzeichnungen. ll. 10 — 146 — niſchen Formen, von pittoresken Scenen, von glaͤnzen⸗ den Farben, von Licht und Schatten. Jede Straße, jedes Bezargewolbe bietet ein Gemaͤlde dar. Einige hat unſer, durch ſeine Bilder in Waſſerfarben beruͤhm⸗ ter Maler, Herr Lewis, mit einer bewunderungswuͤrdi⸗ ger Treue und ausnehmender Genauigkeit und Schoͤn⸗ heit ausgefuͤhrt, aber es iſt hier noch fuͤr Hunderte Ma⸗ terial zur Nachfolge; und ſollte zufaͤllig ein Kuͤnſtler, der Muße hat und ein neues Feld zu eroͤffnen wuͤnſcht, Gegenwärtiges leſen, ſo mag er ſich ein Herz faſſen und einen Winter in Cairo zubringen; denn im Win⸗ ter iſt das Klima am ſchoͤnſten, und er findet in dieſer Jahreszeit den beſten Stoff fur ſeinen Pinſel. Eine Reihe von Studien blos uͤber Neger, wuͤrde ſchon ein köſtliches, groteskes Album bilden. Ich beſtieg heute meinen Eſel und machte einen Ritt zu den ver⸗ verfallenen, aber großartigen, außerhalb der Stadt gele⸗ genen, alten Gebaͤuden, welche unter dem Namen der Kalifengräͤber bekannt ſind. Ein jedes von dieſen Bau⸗ werken mit ſeinen Kuppeln, Hoͤfen und Minarets iſt ſeltſam, aber ſchoͤn. In dem einen war ein Lager von neuangekommenen Negerſklaven. Ein paar Dutzend von den letzteren waren der ſonnigen Mauer entlang ausgeſtellt. Zwei oder drei von den Haͤndlern ſchlen⸗ derten im Hofe herum oder lagen rauchend auf Teppi⸗ chen. Einer von dieſen Maͤnnern, ein gradnaͤſiger, ebenholzfarbiger Abyſſinier, hatte einen Ausdruck von — 147 — ſo boͤsartiger, guter Laune in ſeinem ſchönen Gs⸗ ſichte, daß es den Typus vollendeter Schlechtigkeit ab⸗ geben konnte. Er ſaß, nach mir hinſchielend, auf ſeinem Teppiche, waͤhrend ich bemuͤht war, dieſe einge⸗ fleiſchten Schurkenzuͤge zu ſkizziren. „Geben Sie mir Geld,“ ſagte der Menſch, „ich weiß, was Sie vorha⸗ ben; Sie wollen mein Bild, wenn Sie nach Europa zuruͤckkommen, fuͤr Geld losſchlagen. Warum ſoll ich nicht etwas von dieſem Gelde erhalten?“ Allein ich ungeſchickter und ſchwacher Zeichner war durchaus nicht im Stande, einen ſolchen Inbegriff und ein ſolches Muſterbild von Schlechtigkeit zu treffen; ich warf ihm eine Cigarre zu, die er, den Geber angrinſend, ſofort zu rauchen begann. Ich trug dem Dolmetſcher auf, ihm, unter Verſicherung meiner Uneigennuͤtzigkeit, zu ſagen, daß ſein Geſicht viel zu abſtoßend ſei, um in Europa Gluͤck zu machen, und daß ich gerade aus dieſem Grunde meine Auswahl ſo getroffen haͤtte. Dain ſtand einer ſeiner Gefaͤhrten auf und zeigte uns ſeine ſchwarze Heerde. Die maͤnnlichen Sklaven waren mei⸗ ſtens junge Burſchen; auch die Frauen waren jung und von huͤbſcher Geſtalt, ſonſt aber ſehr haͤßlich. Der Händler zog einer die Bedeckung weg und befahl ihr aufzuſtehen, was ſie, vor Schaam zuſammenſchaudernd, that. Sie war kohlſchwarz, ihre Lippen hatten den Umfang von Bratwuͤrſtchen, ihre Augen waren groß und gutmuͤthig. Das Haar oder die Wolle, die dieſe 10* — 148 — junge Perſon auf dem Kopfe trug, war ſchmutzig oder fettig und in tauſend kleine Ringelchen zuſammenge⸗ rollt. Sie war offenbar die Zierde der ganzen Heerde. Sie ſind nicht ungluͤcklich; ſie ſehnen ſich nach einem Käufer, wie manche Spinnerin in England nach einem Unterkommen. Sind ſie einmal in eine Fami⸗ lie eingetreten, ſo werden ſie freundlich behandelt und gut gekleidet und genaͤhrt; ſie ſind dann die gluͤcklichſten Lrute in der Gemeinde. Die Sklaven hier waren von einer weit roheren Race als diejenigen, welche wir auf dem abſcheulichen Sklavenmarkte zu Conſtantinopel ge⸗ ſehen hatten. Ich erinnere mich von dorther eines Geſchöpfs, das, weiblichen Geſchlechts, während ich ſie betrachtete und traurige Reflexionen uͤber ihr Schickſal anſtellte, recht gutmuthig laͤchelte und mich durch den Dolmetſcher fragen ließ, ob ich ſie nicht fuͤr zwanzig Pfund kaufen wolle? Hinter dieſen Kalifengraͤbern lag die Wuͤſte unmittelbar vor uns. Sie tritt hier bis an die Mauern der Stadt herum, und ſchneidet bei einigen Gärten ab, welche ſich knapp an ihrer Kante erheben. Man kann das erſte Stationshaus auf der Straße nach Suez ſehen, und nach den von Diſtanz zu Diſtanz ſichtbaren, gleichmaͤßig fortgehenden Stationspunkten den Weg ohne Fuͤhrer zuruͤcklegen. Asinus trottirte wacker eine Viertelſtunde lang in das öde Land hinein; da wa⸗ ren wir nun (jedoch immer Sorge tragend, daß uns der Ruͤckzug nach den Stadtmauern nicht abgeſchnitten — 149 — werde) in der wirklichen, leibhaftigen Wuͤſte; Sandh⸗ gel uͤber Sandhuͤgel, weit und breit, ſo weit das Auge nur ſehen konnte, bis der traumige Anblick mit dem gelben Horizonte zuſammenſchwimmt. Ich hatte mir nach der Beſchreibung im Eothen, eine ſchoͤnere Idee davon gemacht. Moͤglich, daß ſich die Sache bei einem Simoon ehrfurchterweckender geſtaltet. Das einzige Abenteuer, welches mich auf dieſem romantiſchen Platze befiel, war, daß asinus mit den Fuͤßen in ein tiefes Loch hineinging, von wannen der Reiter uͤber das Haupt des Thieres herabkam, in den Sand beißen, und ſeine ganze Laͤnge darin meſſen mußte. Er nahm ſich dieſen Wink zu Herzen, ſprang auf und ritt nach Hauſe. Ohne Zweifel, und wenn es zwei Tagereiſen ſo fort gegangen waͤre, die Wuͤſte, wie ſie ſich hier darſtellte, ſchien mir nicht erhaben, nur unerquicklich. Kurze Zeit nach dieſem gefaͤhrlichen Abenteuer ſah ich die Sonne auch in den Sand eintunken (aber nicht, um ſich ſo ſchnell wieder in die Höhe zu machen, wie ich es gethan), und ich betrachte dies tägliche Phaͤ⸗ nomen des Sonnenuntergangs mit Vergnuͤgen, denn ich hatte eine Einladung auf dieſe Stunde zum Diner bei unſerm alten Freund J. . . „der ſich hier auf durchaus orientaliſche Weiſe eingerichtet hat. Sie erinnern ſich an J. . . ., was fur ein Dandy er war, wie er auf untadelhafte Stiefeln und Cravat⸗ ten, auf prachtvolle Weſten und auf Glacie⸗Handſchuh — 180 — hielt; wir haben ihn in Regent-Street, in den Tuile⸗ rien und auf dem Toledo in ſeinem Glanze geſehen. Mein erſtes Geſchaͤft nach unſerer Ankunft war, ſeine Wohnung ausfindig zu machen, die er, weit entfernt von den Sitzen europäiſcher Civiliſation, im arabiſchen Quartiere aufgeſchlagen hat. Sie liegt in einer kuͤh⸗ len, ſchattigen und engen Gaſſe, ſo enge, daß als Se. Hoheit, Ibrahim Paſcha, zufallig in demſelben Augen⸗ blicke hindurchkam, es nur mit großter Schwierigkeit ge⸗ lang, unſere kleine Proceſſion — zwei Eſel, auf denen ich und der Valet-de-Place ritten, und zwei Eſelsjungen, unſere Diener — eng an die Mauer hinanzudruͤcken, und fuͤr die erhabene Cavalcade Platz zu machen. Als Se. Hoheit (mit einem leutſeligen und freundlichen Gruß fuͤr unſeren impoſanten Zug) voruͤbergerauſcht war, betraten wir J.'s Wohnung. Wir gelangten zu⸗ erſt in einen breiten, bedeckten Hof oder Saͤulengang, wo ein ſonnenverbrannter, ſchwarzbrauner Diener, in blauer Tracht, mit weißem Turban, immerwaͤhrend Wache ſteht. Im Orient liegt, wie es den Anſchein hat, an jeder Thuͤre ein Diener, und man klatſcht, wie man in den arabiſchen Nächten lieſ't, in die Hande, wenn ſie erſcheinen ſollen. Dieſer Diener verſchwand durch ein enges Thor, welches er hinter ſich zuſchloß, und ging in die innern Gemaͤcher, um ſeinen Herrn zu fragen, ob wir empfangen werden ſollten. Er kam augenblicklich zuruͤck; ich ſtieg ab, ubergab meinen Eſel ſeinem War⸗ — 151 — ter (dieſe Eſelsjungen ſind, beilaͤufig geſagt, ſo verſchla⸗ gene Erzſchelme, wie man ſie unter den Londoner, und Pariſer Pflaſtertretern nicht findet), und trat durch das geheimnißvolle, aͤußere Thor. Wir kamen nun in einen breiten, offenen Hof, auf deſſen einer Seite ſich eine bedeckte Gallerie hinzog. Hier lagerte ein Kameel auf dem Graſe; nahe bei dem⸗ ſelben befand ſich eine Gazelle, an deren dunkelblauem Auge J . . .. ſein Wohlgefallen haben mochte, und zahlreiche Hecken von Hennen und Kuͤchlein wuchſen hier fur ſeine gaſtfreie Tafel heran. Auf der, der be⸗ deckten Gallerie entgegengeſetzten Seite ſtiegen die Mauern ſeines langen, ſeltſamen, mit vielen Fenſtern und manchen Gallerien verſehenen Hauſes empor. Unter andern bemerkte ich mehrere Bogenfenſter mit hoͤlzerner Vergitterung und ſah durch die Felder des einen zwei wunderſchoͤne, große, ſchmachtende, ſchwarze Augen auf den intereſſanten Fremden herablauſchen. Tauben flat⸗ terten, mit den Fluͤgeln ſchlagend, gurrend und ſchna⸗ belnd daran herum. i Ihr gluͤcklichen Tauben! jedenfalls werdet ihr mit Kruͤmchen gefuttert, die Zuleika's von henné-Tinctur traͤufende Finger euch hinſtreuen. Dieſer ganze Hof, der ſo froͤhlich im Sonnenſcheine und ſo froͤhlich im wunderbaren Glanze der hinter dem hoͤlzernen Gitter hervorſtrahlenden Augen leuchtete, war ſo alterthuͤmlich, ſo verfallen und broͤcklig, wie irgend ein Herrenhaus, — — wir wollen ſagen — in Irland. Die Malerzi blaͤtterte von den verkruͤppelten, alten, geſchnitzten Gal⸗ lerien herunter; die Arabesken uͤber den Fenſtern waren abgeſchabt und zerrieben; dieſe Alterthuͤmlichkeit machte aber den Platz doppelt maleriſch. — Ich habe Sie lange Zeit mit dem aͤußeren Hofe hingehalten. Aber — Zuleika war ja hier mit den ſchoͤnen, ſchwarzen Augen! Nun gelangten wir in ein großes Gemach mit einer Fontaine; hier erſchien ein anderer Diener, der mich in Beſchlag nahm, und den ſchwarzbraunen Por⸗ tier abloͤſ'te. Auch er trug blaue Kleidung und hatte eine rothe Leibbinde und grauen Bart. Er fuͤhrte mich in eine geraͤumige Halle, in welcher ſich ein großes, wei⸗ tes, ſarazeniſches Galleriefenſter befand, brachte mich dann zu einem Divan, entfernte ſich auf einige Augen⸗ blicke und kam mit einer langen Pfeife und einem bron⸗ cenen Kohlenbecken zuruͤck, blies die Kohlen an, ſette die Pfeife zum Anbrennen in Bereitſchaft und ließ mich unter einem tiefen Buͤckling allein. Dieſes Hinhalten, dies Geheimthun der Diener, dieſer Außenhof mit den Kameelen, Gazellen und an⸗ dern ſchoͤnaͤugigen Gegenſtaͤnden, nahm mich die ganze Zeit uͤber, die ich warten mußte, auf wunderbare Weiſe in Anſpruch; und waͤhrend ich das ſonderbare Zimmer und das, was es enthielt, pruͤfte, ſteigerte ſich mein V ſpect vor dem Eigenthuͤmer bedeutend. Da es Ihnen intereſſant ſein wird, zu erfahren, wie ein orientaliſcher Edelmann (und einen ſolchen ſtellt J. . .. unzweifelhaft vor) eingerichtet iſt, ſo will ich Ihnen dieſe Audienzhalle in allen Einzelnheiten beſchrei⸗ ben. Sie iſt etwa vierzig Fuß lang und achtzehn oder zwanzig Fuß hoch; die ganze Decke beſteht aus Schnitz⸗ werk und iſt vergoldet, bemalt und mit Arabesken und Spruͤchen in orientaliſcher Schrift geziert. Ein Ma⸗ meluken⸗Aga oder Bey, den Mehemed Ali mit zum Fruhſtuͤck einladen und niedermetzeln laſſen, war einſt Eigenthuͤmer dieſes Grundſtuͤckes; es iſt ſeitdem ſchwär⸗ zer, aber vielleicht ſchoͤner geworden. Dem Divan ge⸗ genuͤber iſt ein großes Bogenfenſter, in welchem ſich ebenfalls ein Divan befindet, der ſich rings um die ganze Niſche herumzieht. Die Ausſicht geht in einen Garten, der ungefaͤhr die Groͤße des Brunnenhofs im Temple hat, und von den großen Gebaͤuden der Nach⸗ barſchaft eingeſchloſſen iſt. Er erquickt das Auge durch ein reiches Gruͤn. In der Mitte befindet ſich ein präch⸗ tiger Palmbaum, uͤppiges Strauchwerk und ein ge⸗ ſchwaͤtziger Springbrunnen. Den Platz neben dem Di⸗ van nimmt ein Tiſch von weichem Holz ein, fuͤnf Schil⸗ linge werth, und das weitere Meublement beſteht in vier hoͤlzernen Stuhlen, ſechs Schillinge werth, und ein paar Matten und Teppichen. Tiſche und Stuͤhle ſind europaͤiſche Luxus⸗Artikel. In der Regel ſervirt man ein orientaliſches Mahl auf kupfernen Speiſetragen, — welche auf niedrige Schemel geſtellt werden. Und ſo kann man wohl ſagen, daß das Haus des Effendi J. ... eine koſtſpieligere Einrichtung hat, als die der Beys und Agas, ſeiner Nachbarn. Als ich dies Alles mit Muße betrachtet hatte, kam J . . . . War dies der erſte Stutzer Europas und der Prois Frins? — Ein Mann — in langer, gelber Robe, mit langem, etwas graugemiſchtem Bart und geſchor⸗ nem Kopfe, auf dem er zunaͤchſt eine weiße, wattirte, baumwollene Nachtmuͤtze und dann einen rothen Tar⸗ buſch trug — trat ein und begruͤßte mich herzlich. Es dauerte einige Zeit, ehe ich, wie die Amerikaner ſagen, dieſen I . . . ., dieſen Feuergeiſt der alten Zeiten, wreali⸗ ſiren“ konnte. Er ſtreifte ſeine Ueberzieh-Pantoffeln ab, ehe er ſich auf dem Divan neben mich in die richtige Lage hineinſchmiegte. Dann klatſchte er in die Haͤnde und rufte gemachlich Muſtapha. Muſtapha brachte Lichter, Pfeifen und Kaffee, wir vertieften uns in ein Geſpraͤch uͤber London, und ich gab ihm die juͤngſten Neuigkeiten uͤber ſeine Freunde in der lieben Stadt zum Beſten. Je länger wir ſprachen, deſto mehr machte ſeine orien⸗ taliſche Kaͤlte und Abgemeſſenheit, der britiſchen Herz⸗ lichkeit Platz; er war wieder der unterhaltendſte Geſell⸗ ſchafter im — — Clubb. Aeußerlich aber hat er ganz die orientaliſche Le⸗ bensweiſe angenommen. Wenn er ſich aus dem Hauſe begiebt, reitet er einen Grauſchimmel mit rother Sat⸗ teldecke; zwei Diener reiten neben ihm. Er traͤgt ein ſehr ſchones, anſtaͤndiges, dunkelblaues Koſtuͤm, beſte⸗ hend aus geſtickter Jacke und Gamaſchen und einem paar Hoſen, aus welchen eine ganze engliſche Familie vollſtändige Anzuge erhalten könnte. Sein Bart fällt anſehnlich uͤber die Bruſt herab, und ein Damascener⸗ Säͤbel klirrt an ſeiner Seite. Seine rothe Muͤtze giebt ihm ein ehrwuͤrdiges, Bayaͤhnliches Anſehen. Es iſt kein flitterhafter Putz oder Tand an ihm, wie an eini⸗ gen von ihren ſtutzermaͤßigen, jungen Agas. Ich will auch nicht unerwaͤhnt laſſen, daß er General-Major vom Ingenieur-Corps, mithin ein ſehr bedeutender Staatsbeamter iſt. Wir und der tuͤrkiſirte Europaͤer der uns zu Tiſche hatte, hielten ſchmauchend einen feier⸗ lichen Divan. Die Speiſen waren ausgezeichnet. Sie waren von einer perfecten egyptiſchen Köchin zubereitet. Wir hatten delicate Gurken, mit wuͤrziger Fleiſchfulle; gelben, rauchenden Pillau, der Stolz der orientaliſchen Kuͤche, Ziegenfleiſch à PAbukir und Gefluͤgel à la Pyramide, eine große Menge ſchmackhafte Gerichte von Gemuͤſen der vorzuglichſten Art, und Schoͤpſenbraten mit einer ausgezeichneten Pflaumen- und einer gewuͤrzhaften Kraͤuter-Sauce. Das Mahl endete mit purpurnen Granatäpfeln, die in Stucke zerſtoßen und von einem höchſt angenehmen und erfriſchenden Geſchmacke waren — — Was die Fleiſchgerichte anlangt, ſo verzehrten wir die⸗ ſelben mit Meſſer und Gabel der Unglaͤubigen; was aber die Fruͤchte anlangt, ſo ſchickten wir unſere Herren Finger in die Schuͤſſeln und ließen die herausgefiſchte Beute in treueſter orientaliſcher Manier in den Mund gleiten. Ich fragte nach Lammfleiſch und Pimpernuß und nach Rahmtoͤrtchen au poivre, aber J.'s Koͤchin verſorgte uns weder mit dieſem, noch mit jenem hiſto⸗ riſchen Gerichte. Das Trinkwaſſer war in den poroſen, kleinen Kruͤgen von grauem Thon abgefriſcht, deren ſprudelnden Quell jeder Reiſende im Orient mit Ent⸗ zucken eingeſchluͤrft hat. Es muß aber auch zugegeben werden, daß wir verſchiedene Sherbets tranken, die bit⸗ terſten und koſtlichſten Gebraͤnde der beiden großen Ne⸗ benbuhler Hadji Hodſon und Baß Bey. O, göttlicher Hodſon! Eine Kameelladung von deinem Biere kam von Beyrut nach Jeruſalem, waͤhrend wir uns an letz⸗ terem Orte befanden. Wie ſoll ich nur das Vergnuͤ⸗ gen beſchreiben, welches mir ſolch eine ſchaͤumende, kuh⸗ lende Flaſche einfloͤßte! Im engliſchen Klima kennt man den Luxus des Durſtes nicht. Maͤnner von ſitzender Lebensart, in Staͤdten wenigſtens, wiſſen nicht, was Durſt iſt. Allein wenn ſie reiſen, wiſſen ſich unſere Landsleute gut gegen ihn ſicherzuſtellen. Die Straße zwiſchen Cairo und Sucz iſt mit Soda⸗Waſſer-Korken beſäet. — 157 — Tom Thumb und ſeine Genoſſen wuͤrden ſich mit Hilfe dieſer Grenzſteine durch die Wuͤſte zurecht finden. Cairo iſt praͤchtig und pittoresk; es iſt ſchoͤn, Palmbaäume in ſeinem Garten zu haben, und auf einem Kameele zu reiten; aber bei dem Allen haͤtte ich gern gewußt, worin eigentlich das Anziehende im orientali⸗ ſchen Leben beſtehe, wodurch ſich J . . . ., ein Mann von feiner Erziehung, ſeinen natuͤrlichen Vergnuͤgungen und Beſchaͤftigungen in London entfremden laſſen mochte; in London, wo ſeine Familie nichts von ihm hoͤrt, ſein Zimmer noch immer fuͤr ihn parat und ſein Name in der Clubbliſte ſteht; wo ſeine Schweſtern, die er vergeſſen, zittern wuͤrden, wenn ſie denken ſollten, daß ihr Friedrich mit einem großen Barte, einem krummen Saͤbel und in abſcheulicher Tuͤrkentracht herumgehe. Fuͤr eine luſtige Stunde mag ſolch ein Koſtuͤm recht gut ſein; aber fuͤrs taͤgliche Leben wird ſich die Hei⸗ math, London, ein Raſirmeſſer, die Schweſter am Theetiſch und eine anſtaͤndige, chriſtliche Hoſe, anſtatt der ungeheuren tuͤrkiſchen Schulwars, jedenfalls weit beſſer eignen. Was hielt ihn denn nun von dieſen an⸗ ſtändigen und freundlichen Gewohnheiten entfernt? Die ſchwarzen Augen auf dem Altane konnten es nicht ſein, denn dieſe gehoͤrten, wie er uns auf Ehre verſicherte, der ſchwarzen Köchin an, die den Pillau gefertigt und die Gurken gefullt hatte. Nein, es war das Vergnuͤ⸗ gen an jener Unthaͤtigkeit, von der man in Europa, we⸗ — 158 — nigſtens in England, nichts weiß. Er lebt hier, wie ein laͤſſiger Lotus-Eſſer, ein traͤumeriſches, trages, umdaͤmmertes Rauchtabaksleben. Er ſagte, er habe hier nicht noͤthig, ſich an Abendpartien zu betheiligen, weiße Glacée-Handſchuhe oder geſtaͤrkte Halskragen zu tragen und Zeitungen zu leſen. Ja, ſelbſt dieſes Leben in Cairo war noch zu civiliſirt fuͤr ihn. Englaͤnder kaͤmen haͤufig durch; alte Bekannte beſuchten ihn; der Wonnen größte Wonne ſei das Leben in der Wuͤſte, unter den Zelten, mit noch weit mehr Unthaͤtigkeit, als in Cairo; man raucht, man reitet auf ſeinem arabi⸗ ſchen Roſſe — aber kein Draͤngen und Stoßen unſter; man verſenkt ſich Nachts in feierliche Betrachtung der Sterne, ſobald die Kameele angepfaͤhlt ſind, und die Feuer und die Pfeifen glimmen. Das Bild, das Cairo zur Nachtzeit darbietet, macht durch Oede und Einſamkeit einen tiefen Ein⸗ druck. Alle Welt iſt lange vor zehn Uhr zu Bette ge⸗ gangen. Kein Licht ſchimmert aus den gewaltigen Ge⸗ baͤuden hervor; nur die Sterne funkeln von oben, mit ihrem wunderbaren Glanze, am blauen, friedlichen Hinm⸗ mel. Die Fuͤhrer haben kleine Laternen bei ſich, die die Finſterniß der einſamen, widerhallenden Straßen nur verdoppeln. Geheimnißvolle Geſtalten liegen unter den Saͤulengaͤngen hingeſchmiegt und ſchlafen. Eine Sol⸗ datenpatrouille kommt voruͤber und ruft uns an. Hier glaͤnzt noch ein Licht in einer Moſchee, wo einige — 159 — Fromme allnaͤchtlich beten, und man hoͤrt dieſe treuen Glaͤubiger in den ſeltſamſten Naſentoͤnen muſiciren. Wenn man am Irrenhauſe voruͤber kommt, da ſieht man einen armen Burſchen, der immer mit dem Monde ſpricht, und vor ihm nicht ſchlafen kann; er ſingt und ſchreit die ganze Nacht hindurch, iſt aber vollkommen vergnuͤgt dabei. Er hat ſeine Eitelkeit nicht zugleich mit der Vernunft eingebuͤßt; er iſt trotz der Gitter und des Strohs ein Prinz. — Und nun von jenen beruͤhmten Bauwerken; wie koönnte ich etwas von ihnen ſagen, was nicht Andere ſchon beſſer geſagt haͤtten? Allein man glaubt mir nicht, daß ich dort geweſen, wenn ich nicht ein Zeichen bringe. Hier iſt eins: Ein weißbemuͤtzter Junge klettert mit einem Krug voll Waſſer die Steine hinauf, um muͤde Klimmer zu erfriſchen, und ich zeichne ihn, wie er oben auf dem Gipfel kauert. Die weite, flache Landſchaft breitet ſich hinter ihm aus; der große Strom in vielfachen Kruͤm⸗ mungen; die purpurne Stadt, mit ihren Schlöſſern und Kuppeln und Thuͤrmen; das gruͤne Gefilde, die Palmenhaine, die dazwiſchen geſtreuten Dörfer; noch immer iſt die Ebene ſtellenweiſe von den hellſchimmern⸗ Nn Waſſern uͤberſchwemmt, — die Landſchaft erſtreckt ſich weit, ſehr weit, bis ſie ſich endlich mit dem goldnen Horizonte vermiſcht und in ihr verliert. Es iſt eine mißliche Sache, dieſe Landſchaftsmalerei in Worten. * —— — — Shelley's zwei Sonette gewaͤhren die beſte Anſchauung von den Pyramiden; — eine beſſere, als die Wirklich⸗ keit darbietet. Denn da kann man ſich hinlegen mit dem Buche, und die Phantaſie kann nach den erhabe⸗ nen Worten ſich ruhig ein Gemälde hervorzaubern, welches durch keine Qualereien und Verdrießlichkeiten beeinträchtigt wird, wie der Anblick an Ort und Stelle durch die Schwaͤrme heulender Bettler, die ſich um uns draͤngen, uns unaufhoͤrlich in die Ohren ſchreien, ſich an unſere Kleider haͤngen und um Geld kreiſchen. — Der Ritt zu den Pyramiben iſt einer der angenehm⸗ ſten, den man ſich nur denken kann. Gegen Ende des Jahres ſcheint die Sonne, obſchon bei faſt wolkenloſem Himmel, doch nicht ſo heiß, daß es nicht zu ertragen wäre; und die ganze Gegend, durch die nur wieder zu⸗ ruͤckgekehrten Ueberſchwemmungen erftiſcht, prangt in lieblichem, erquickendem Gruͤn. Wir machten uns, eine Geſellſchaft von etwa einem halben Dutzend Perſonen, aus dem Hotel auf den Weg. Auch eine Dame, die ſich der Partie angeſchloſſen (die gätige Soda-Waſſer⸗ Spenderin, der fuͤr die freundliche Bewirthung hiermit der ſchoͤnſte Dank geſagt ſein ſoll), war, wie die uͤbrige Geſellſchaft, entſchloſſen, den Gipfel des Cheops zu er⸗ ſteigen. Wer klug und weiſe war, nahm ſich ein paar Eſel mit auf den Weg. Meine Thiere fielen während der Tour wenigſtens fuͤnfmal mit mir und ließen mich das Experiment in der Wuſte wiederholen; allein es ge⸗ —, —,. — 161 — ſchah mit beſſerem Geſchicke. Der Raum zwiſchen einem Paar maͤßig langen Beinen und dem Boden be⸗ trägt nicht allzuviele Zolle, und der Reiter kann mit der groͤßten Leichtigkeit und Grazie Grund gewinnen. Faſt Jedermann wurde im Laufe des Tags erniedriget, und erhoͤhet. Wir kamen durch die Ezbekieh, bei den Vorſtaͤd⸗ ten und den Gartenhaͤuſern der egyptiſchen Nobleſſe vor⸗ uͤber, nach Alt-Cairo. Hier wurde die ganze Geſell⸗ ſchaft auf einem Faͤhrboote, unter dem Geſchrei und der kreiſchenden Geſchwaͤtzigkeit, durch welche die arabiſche Bevoͤlkerung einen ſo ſtarken Gegenſatz zu dem ernſten und ſchweigenden Tuͤrken bildet, uͤber den Nil gebracht, und dann ſetzten wir unſere Reiſe fort, wobei wir noch acht oder zehn Meilen lang durch ziemlich unwegſame Strecken reiten mußten, wohin uns die theilweiſe noch immer ſtehenden Waſſer der Ueberſchwemmung verwie⸗ ſen. Die Pyramiden hatten wir den ganzen Tag uͤber im Auge; ein paar ſilberne Woͤlkchen hingen uͤber ihnen und warfen uͤber die einfachen, alten, gewaltigen Stein⸗ maſſen roſige Schatten hin. Entlang des Wegs ſtie⸗ ßen wir auf ein Dutzend intereſſante Gemaͤlde aus dem oͤſtlichen Leben. — Des Paſchas aufgezaͤumte Pferde und ſeine Sklaven ſtanden am Thore des Palaſtes; vor der Thuͤre eines Landhauſes ſahen wir, ich kann es nicht verſchweigen, den Gig des Bey, ſeinen Honved, — ein unromantiſches Fahrzeug; Landleute, mit Zugen Aufzeichnungen. lU. 11 — 162 — beladener Eſel kamen zur Stadt, und als ſie ſich mehr genaͤhert, hielten ſie an und traͤnkten ihre Thiere am Brunnenz eine Colonne Soldaten, in rothen Muͤtzen, weißen Uniformen und glaͤnzenden Bajonnetten, exercir⸗ ten mit ſchleppendem Tritte. Am Kai boten ſich andere Bilder dar: das Faͤhrboot und das Stromboot mit ro⸗ then Segeln, die ſich unter der Wucht beugten und bei nahe den Strom kuͤßten; hier ein Getreidemarkt, und auf der andern Seite die Haͤuſer; und dieſes ſchoͤne Weib mit den ſilbernen Armbaͤndern und dem goldfar⸗ bigen Geſichte, welches (da die Maske gluͤcklicher Weiſe abgebunden war) auf uns Europaͤer, wie der große, gelbe Herbſtmond, feierlich heruberglaͤnzte. Trauben von purpurroth ſchimmernden Datteln hingen von den Zweigen herab; graue Kraniche und Reiher flogen uͤber die kuͤhlen, glaͤnzenden Lachen, welche die Ueberſchwemmung zuruͤckgelaſſen; hier hatte ſich das Waſſer durch die rohen Wehre und Daͤmme Bahn gemacht, und uͤberfluthete rieſelnd ein Grundſtuck, waͤh⸗ rend das Nachbarfeld ſchon uͤber und uͤber vom glaͤn⸗ zendſten, friſchen Gruͤn ſproßte. Einzelne Dromedare, die Reiter traͤge auf ihren Hoͤckern hingeſtreckt, ſchritten durch die Ebene; niedrige Segelboote lagen in den Ka⸗ näͤlen; jetzt kamen wir an eine alte Marmorbruͤcke; jetzt paſſirten wir, Mann hinter Mann, einen Grad ſchluͤpfrigen Erdreichs; jetzt ritten wir widerſtrebent durch eine kleine Lehmlache. Endlich, eine halbe Meile — 163 — von den Pyramiden entfernt, kamen wir an eine Stelle, wo das Waſſer etwa vierzig Ellen breit war, und wo uns ein Regiment halbnackter Araber in Em⸗ pfang nahm, die jeden von der Geſellſchaft ergriffen und uns auf ihren Schultern, unter allſeitigem Geläch⸗ ter und zu großer Beaͤngſtigung eines Manchen, der jeden Augenblick in eines der vielen Loͤcher dieſer ver⸗ rätheriſchen Lache verſenkt zu werden fuͤrchtete, hinuͤber trugen. Es war allenthalben nur Scherz und Gellaͤchter, Laͤrm der Fuͤhrer, Rufen nach Dolmetſchern, und Noth um Sechspenceſtuͤcke. Es wurde eine Farce auf— gefuͤhrt und die Pyramiden waren die Buͤhne. Da ſtiegen ſie empor, ungeheuer vor unſern Augen, und die närriſchſten Dinge von der Welt paſſirten unter ih⸗ rem Schatten. Das Erhabene war verſchwunden, o maͤchtig⸗ groß ſie auch waren. Wer erinnerte ſich nicht, wie Gulliwer ſeine Ehrfurcht vor der furchtbaren Dame von Brobdingnay verlor? Jeder Reiſende wird an die⸗ ſem Platze von Maͤkeleien, Kleinlichkeiten und Lächer— lichkeiten aller Art heimgeſucht. Er blickt zu der un⸗ geheuren, ſteilen Bahn hinauf, waͤhrend zwanzig Kerle ihn von allen Seiten umbruͤllen; man hoͤrt hoch oben ſchwache Zurufe und Schreie und ſieht kleine, kriechende Geſchoͤpfe ſich in der Hoͤhe verlieren; oder wenn ſie den Gipfel erſtiegen hatten, huͤpfend und ſpringend, von Stufe zu Stufe abwärts kommen; die Zuruſe — 164 — und das Geſchrei werden lauter und unangenehmer, und jetzt hat ſich das kleine, huͤpfende Ding, was vorher nicht groͤßer, als ein Inſekt war, zu einem keuchen⸗ den Major ſvon der bengallſchen Kavallerie verwandelt. Er treibt die Araber mit einem Fluche fort, wiſcht ſich ſein rothes, glaͤnzendes Antlitz mit einem gelben Schnupf⸗ tuche ab und verſchwindet, auf dem Sande forteilend, in einem kuͤhlen Winkel, wo kaltes Gefluͤgel und harte Eier ihn erwarten, und wo ſich in der naͤchſten Mi⸗ nute ſeine Naſe in einen ſchaͤumenden Becher voll So⸗ dawaſſer mit Branntwein verſenkt. Er kann ſich nun heute und ſein Lebenlang damit ruͤhmen, daß er auf der Pyramide geweſen iſt. Ich ſehe nichts Erhabenes darin. Man wirft noch einmal den Blick auf die Zickzacklinie bis zum Gipfel empor, man wuͤnſcht, man waͤre oben, und wieder unten. Vorwaͤrts! Hinauf! Es muß ſein! Sechs Araber folgen uns nach, und laſ⸗ ſen uns nicht zuruͤck, wenn wir auch wollten. Die Bllaͤſtigung durch dieſe Unholde iſt eine ko⸗ miſche Plage, der der Reiſende ſich unterwerfen muß. Sobald man bis auf zwei Meilen an die Pyramiden herangekommen, wird man von ihnen mit Beſchlag belegt und nicht wieder aus dem Netze gelaſſen. Fuͤnf oder Sechs ſtuͤrzen ſich auf ein Opfer, und weichen und wanken nicht eher, als bis die Reiſe hinauf und herunter vollendet iſt. Dann und wann verabreden ſie ſich, ihren Mann die gewaltige Treppe in voller ——— — 165 — Haſt hinaufzubefoͤrdern, und bringen ihn halb todt und verſchmachtend, auf der Spitze an. Ein paar ſolche Schlingel machten es ſich zur beſondern Aufgabe, uns von hinten unausgeſetzt zu draͤngen, und das einzige Mittel, ſich zu befreien, iſt das, daß man kraͤftig und ohne Erbarmen nach hinten ausſchlaͤgt, indem ſich dann doch die Araber nach Moͤglichkeit zuruͤckziehen. Das Em⸗ porklimmen iſt nicht im mindeſten romantiſch oder ſchwierig oder erhebend; man geht eine große, zerbrochene Treppe hinauf, von welcher manche Stufen vier Fuß hoch ſind. Das iſt nicht ſchwer, nur ein bischen hoch. Man hat auf dem Gipfel keine beſſere Ausſicht, als am Fuße. Man ſieht etwas mehr Strom, etwas mehr Sand und etwas mehr Reisfeld. Man ſpringt die ohen Stufen nach Belieben herunter; aber Be⸗ trachtungen muß man auf andere Zeiten verſparen; das verwuͤnſchte Geſchrei der Araber laͤßt keinen Gedan⸗ ken aufkommen. Und das iſt Alles, was Sie mir uͤber die Pyra⸗ miden zu ſagen haben? Pfui, Schande! Keinen Lob⸗ ſpruch uͤber ihr Alter und ihre Groͤße und keine uͤber⸗ ſchwängliche Phraſe? Kein Entzuͤcken? Wollen Sie da⸗ mit ſagen, daß Ihnen die Gefuͤhle des Staunens und der Ehrfurcht gaͤnzlich fremd ſind? Gehe hin, Mann, und errichte ein Monument von Worten, ſo erhaben, wie ſie ſelbſt ſind, die da „imber edax“ und der „nquilo — impotens“ und der Fug der Jahrhunderte zu zerſtoren nicht im Stande geweſen! — Nein, das will ich dem großen Genius uͤber⸗ laſſen: großen Malern und großen Dichtern! Meine Feder iſt zu ſo hohem Fluge nicht geſchaffen; ſie kommt aus der Schwinge eines demuͤthigen Vogels, eines Hausthiers, das ſich nicht uͤber das Gewöhnliche verſteigt; das ziemlich geſchwaͤtzig iſt und manchmal ziſcht; das nicht hoch fliegen kann, und immer ſchnell wieder herunterkommt, und deſſen unromantiſches Schick⸗ ſal ſich dadurch erfullt, daß es auf eine Michaelis-Feſt⸗ oder Weihnachtstafel gelegt, und dort fuͤr eine halbe Stunde in naͤhere Betrachtung gezogen wird. Wir wollen hoffen, daß man es nicht ganz unſchmackhaft finden moͤge. — — — Eine Woche ſpäter befanden wir uns im Qua⸗ rantaine⸗Hafen von Malta, wo eine ſiebenzehntägige Gefaͤngnißruhe, nach den unaufhoͤrlich wechſelnden Schauſpielen der letzten zwei Monate in der That ſehr erquicklich war. In der Zeit vom 26. Juli bis zum 27. October moͤgen wir uns wohl ruͤhmen, mehr geſehen zu haben, — „Menſchen und Staͤdte“ — als viele andere Reiſende in gleicher Zeit. — Liſſabon, Ca⸗ dir, Gibraltar, Malta, Athen, Smyrna, Conſtantino⸗ pel, Jeruſalem, Cairo. Ich werde auf die Reiſetaſche, welche mit ihrem Eigenthuͤmer alle dieſe Orte geſehen, die Namen derſelben ſticken laſſen, ſowie es gebraͤuch⸗ — 167 — lich iſt, Regimentsfahnen zu bemalen, und ſie zum Ge⸗ daͤchtniß der Nachwelt zur Anſchauung aufzubewahren. Mit welch einer zahlloſen Menge von Anſichten und Bildern, von neuen Gefuͤhlen und dauernden, angeneh⸗ men Erinnerungen bereichert man ſein Gemuͤth durch ſolch eine Reiſe! die Verdrießlichkeiten der Reiſe ver⸗ gißt man, aber das Angenehme bleibt uns; nach derſel⸗ ben guͤtigen Ordnung der Natur „ nach welcher der Kranke ſeine Leiden vergißt, und neben der Freude uͤber ſein Wohlbefinden auch die Ruͤckerinnerung an die kleinſten Umſtaͤnde ſeiner Wiedergeneſung behaͤlt. Ich weiß nicht mehr, was Seekrankheit iſt, obſchon ſie ei⸗ nen leidenvollen Theil meines Journals einnimmt. Es gab eine Zeit an Bord, wo die bittere Ale entſchie⸗ den truͤb geworden, und als der Schiffskoch in Conſtan⸗ tinopel deſertirt war, waͤhrte es ſehr lange, ehe ſich ſein Nachfolger einrichtete. Solcherlei Ungemach ſchwindet aus der Erinnerung mit dem beruhigenden Einfluſſe der Zeit, aber tauſend ſchone Reiſeeindrucke werde ich hoffentlich mein ganzes Leben lang bleibend in meinem Innern erhalten. Nur ein paar Tage lang ſah ich die glänzenden Saͤulen des Parthenon unter ihrem blauen Himmel ſchwimmen, aber haͤtte ich ſie vovn Kindheit an ſo geſehen, es wuͤrde mir kaum ein leben⸗ digerer Eindruck davon geblieben ſein. Wir ſahen Cadir nur eine Stunde lang, aber dieſe weißen Ge⸗ baͤude, und dieſe herrliche, blaue See, wie klar ſchweben — 168 — ſie noch immer vor dem Gedaͤchtniſſe — mit dem Kling⸗ klang der Guitarre jenes Zigeuners, der auf dem Markte, mitten unter den Fruchthaufen und Bettlern, im Son⸗ nenſcheine herumtanzte! Wer kann den Bosporus, das prachtvollſte und ſchoͤnſte Schauſpiel der Welt, vergeſſen, oder die hochaufgethuͤrmten Feſtungswerke von Gibral⸗ tar, oder die großen Pfeiler von Mafra, als wir in den Tago einfuhren? Waͤhrend ich dies niederſchreibe und nachſinne, fällt mir Rhodus ein, mit ſeinen alten Thuͤr⸗ men und ſeiner Artillerie und jener wunderbaren At⸗ moſphaͤre, und der prachtigen, blauen See, die das Ei⸗ land umgiebt. Ich ſehe gerade vor Sonnenaufgang, im roſigen Zwielicht, den Araber uͤber die Ebene von Saron reiten, und ich ſehe die geſpenſtigen moabitiſchen Gebirge, und den doͤſtern Schein des todten Meeres vor ihnen, am Wege von der Moſchee nach Bethanien Jene ſchwarzen, knorrigen Baͤume von Gethſemane liegen am Fuße des Oelberges, und die gelben Waͤlle der Stadt ziehen ſich hinan bis zu der hohen Felſen⸗ ſtaͤtte gegenuͤber. — Die ſchoͤnſten und freundlichſten Erinnerungen ſind die an die Stunden des Nachts auf dem Verdecke, wenn die Sterne droben funkelten, und die Glocke von Stunde zu Stunde anſchlug, und die Gedanken in die Weite dahinzogen nach der fernen Heimath. Mit Son⸗ nenaufgang horte ich einſt den Prieſter von ſeinem Mi⸗ naret zu Conſtantinopel mit lauter, durch die klare Luft — 169 — hellklingender Stimme ausrufen! „Kommt zum Ge⸗ bete!“ Zu derſelben Stunde ſah ich den Araber ſich hin⸗ ſtrecken und beten, und den juͤdiſchen Rabbiner ſah ich uber ſeine Buͤcher ſich beugen und dem Herrn dienen, dem Schopfer der Tuͤrken und Juden. Indem ich nun daheim in London ſitze und dieſe letzte Zeile zum Abſchied ſchreide, treten dieſe Geſtalten, klar vor allen andern, vor meine Seele, und dazu das Bild von un⸗ ſerem Schiffe, wie es friedlich uͤber die ſonntaͤgliche See dahingleitet, und ich ſehe uns ſelbſt auf dem Verdecke zum Gottesdienſte verſammelt und betend. So beugt ſich ein Jeder in ſeiner Weiſe und nach ſeiner Art in Demuth und Andacht vor dem Vater, der gleich uͤber Allen iſt. Spottet nicht, ihr Bruͤder und Schweſtern, wenn die Stimme eines Nachbarn nicht klingt wie die eu⸗ rige, aber laßt uns hoffen, daß ſein Wort, wie es auch laute, aufrichtig, und ſein Herz beſcheiden und dank⸗ bar ſei. Ende des zweiten und letzten Theiles. Druck der Verlagsbuchdruckerei in Wurzen. ——— —.—————— —