Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oilmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhchentlich auf 1 Monat: 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mk. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi. — Pf. 6 — 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. v—— S PFrelawneps Abrntheuer in Ostindien. Zweiter Band. In demſelben Verlage iſt früher erſchienen: Pelham, oder Begegniße eines Weltmannes. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 3 Bde. 4 Thlr. Der Verſtoßene. Aus dem Engliſchen über⸗ ſezt von C. Richard. 4 Bde. 4 Thlr. 12 gGr. Devereur. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 3 Bde. 4 Thlr. 12 gGr. Paul Clifford. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 3 Bde. 4 Thlr. 12 9Gr. Falkland. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 1 Thlr. 12 gGr. Eugen Aram. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 3 Bde. 4 Thlr. 12 9Gr. Herbert Milton oder Leben der höhern Stände in London. Aus dem Engliſchen überſezt vvn C. Richard. 3 Bde. 5 Thlr. Arthur Beverley, des Königs Page. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 2 Bde. 3 Thlr. — Trelawney's Abentheuer in Ostindien. Aus dem Engliſchen von C. Richard. Krieg will, in Worten mind'ſtens, ſa, müßt's ſehn In That auch, ich mit Allen, die verbannten Das Denken! Denken's ſchlimmſter Grollverein Lebt in Tyraunen und in Sykophanten. Wen Sieg erwartet, haucht ſich mir nicht ein; Doch hält's nicht av mich, meinen anerkannten Geſchwornen Abſcheu gegen Despotie Su äußern, wo auch immer herrſche ſe. Byron. Zweiter Band. Aachen und Leipzig, Verlag vvn Jacob Anton Maher. 1832. £ — Trelawney's Abentheuer in Ostindien. M Erſtes Kapitel. Die Moslemwaiſe zog nun weit hinaus Mit dem Beſchüzer. Die Verwandten alle Sie ſielen ihr — ſo zog durch Hektor's Haus Der grimme Tod — auf dem erſtürmten Walle; In Schutt lag ihr Geburtsort und in Graus, Richt rief der Muetzin mehr mit dumpfem Schale Dort zum Gebet. Byron. Jee haben wir keinen Augenblick mehr zu verlieren,« ſprach de Ruyter, veilen wir auf unſere Fahrzeuge; denn dieſe Wilden werden ſich dort außen gewiß wieder ſammeln, und von den Madagascar⸗Eingebornen un⸗ terſtuͤzt, uns hier angreifen. Rufen Sie alſo die Verſtrenten zuſammen. Die Gefangenen ſind eingeſchifft und wir muͤßen ſchnell an Bord.« »Kommen Sie mit, Aſton,« ſagte ich, »hel⸗ fen Sie mir dieſes arme verwaiſete Mädchen auf das Schiff bringen.« Wir gingen zuſammen nach dem Zelte, wo wir ſie im lauten Klaggeſchrei antrafen; zuweilen rief ſie in ihrem Jammer aus: »Steh auf, Vater! wir ſind frei! Dieſe Fremd⸗ linge ſind gut; ſchau nur, ſie kommen, uns zu befreien. Dies alte Weib hat mich nicht getoͤdtet; ich bin wohlauf, und ſie ſelber iſt todt. O! Vater! ſteh auf! — Sieh! ich habe Deine Wunden feſt umwickelt — jezt bluteſt Du nicht mehr.« Sie hatte wirklich mit dem, was von ih⸗ rem zerfezten Kleide uͤbrig war, ihren Vater ſorgfaͤltig verbunden. Ich faßte ihre Hand und ſagte: »Komm, liebe Schweſter, Du biſt frei. Wir muͤßen fort von dieſen blutduͤrſtigen Maratten la Ohne mich anzublicken fuhr ſie fort: »Sieh, mein Vater ſchlaͤft. Sie wollten ihn nicht ſchla⸗ ſen noch eßen laßen, und er iſt doch muͤde und hungrig.« »Komm Schweſter,« ſagte * wieder, »wir muͤßen fort!« 4 — . »Fort!« erwiederte ſie, »wie koͤnnten wir? unſer Vater ſchläft, ich kann ihn nicht auf⸗ wecken! O! weck Du ihn, daß ich ihm zu eßen gebe; ſieh hier, ich habe eine koͤſtliche Frucht, und ſeine Lippen ſind trocken. Ach! dieſe grauſamen Maratten werden wieder kommen, wenn Du fort biſt, und werden ihn toͤdten! Wecke meinen Vater, ſeine Augen ſind offen, aber er kann ſich nicht bewegen. Er iſt alt, und vor Hunger ſchwach; er muß Nahrung haben; ſeine Lippen ſind kalt, ihn hungert!« Dabei kuͤßte ſie ihn, rieb ihm den Kopf, und druͤckte den Saft eines Granatapfels ihm in den Mund. »Geſchwind,« ſagte Aſton, »man ruft Sie; wir muͤßen fort. Ich kann dieſen Anblick nicht ertragen. Ich will ſie in's Boot bringen.« Ich bat ihn, das zu thun; machte ſanft ihre Haͤnde los, bedeckte ſie mit meiner Ab⸗ bah, und ſagte ihr, ich wolle fuͤr ihren Va⸗ ter ſorgen. Aſton hob ſie vom Boden auf, und eilte mit ihr davon. Ihr Geſchrei war entſezlich. Sie rief den Namen ihres Vaters aus, um ſie zu retten; Aſton bebte, aber nicht vom Gewicht ſeiner leichten Buͤrde. Ich war nicht viel gefaßter. Einige Araber ſchickte ich mit Aſton zur Hafenbucht hinab, und kehrte dann zuruͤck zu de Rupter, der die Mann⸗ ſchaft mit gvoßer Schwierigkeit forttrieb. Als Louis Aſton mit dem Mädchen auf ſeinem Arme vorbeigehen ſah, rief der in ſei⸗ nem gebrochenen Engliſchen mir zu: »Was trägt der denn da? Ein Mädchen? — Wozu iü denn die gut? — Nein, er haͤtte dieſe große Schildkroͤte tragen ſollen, die wir ſonſt hier laßen muͤßen, denn Niemand kann ſie aufheben; können Sie? — Und das Maͤdchen haͤtte die kleinere da tragen können, die wuͤrde eine gute Suppe geben; und ſie iſt ein ſcho⸗ nes Thier, — viel ſchoner, als ein Mädchen.« Ich ging vorbei, und befahl ihm augen⸗ blicklich an Bord zu gehen, ſonſt wuͤrden die Maratten ihm Suppe kochen. »Wiele rief er aus, »die Schildkroͤte hier laßen! die allein mehr werth iſt, als Alles, was wir genommen haben?« — dabei rang er ſeine Hände in ſchmerzlicher Angſt. Bewaffnete Maͤnner zeigten ſich jezt auf den Huͤgeln, und de Ruyter ward wuͤthend über das Zoͤgern ſeiner Leute. Viele der Fran⸗ zoſen waren betrunken und nicht aus den Zelten zu treiben. Das Kampfgeſchrei auf den Huͤgeln ward ſtaͤrker, und wir mußten uns 3 3 3 4 4 1 6 in Bewegung ſezen. De Ruyter entfernte ſich durch das Thor, ich blieb noch eine Weile zurück mit den Arabern, um Nachzuͤgler auf⸗ zutreiben, und ihm dann zu folgen. Ich habe anzufuͤhren vergeßen, daß wir die Stadt an mehren Stellen in Brand ſteckten, zwei Ara⸗ biſche, auf den Strand gelaufene Schiffe und ſieben oder acht ihrer Canve in der Hafen⸗ bucht verbrannten. Auch die Eingebornen der Inſel liefen der Stadt zu und bald gewahrten wir Schwaͤr⸗ me von ihnen am Ufer des Flußes, uͤber den wir ſezen mußten; ſie ſtiegen die Hoͤhen hinab, um uns dort anzugreifen. Wir eilten weiter und ſezten unſere Gewehre in Bereit⸗ ſchaft. Als wir dahin kamen und uns ſo nahe am Meere, als moͤglich hielten, hoͤrten wir Schießen und ſahen, daß de Ruyhter uͤber den 1 Fluß ſezte. Er ließ eine Abtheilung zurück, um das jenſeitige Ufer zu behaupten, ging dann nach den Boͤten, weil er beſorgte, daß dieſe angegriffen werden mögten, und ſchickte mir Botſchaft, moͤglichſt zu eilen. Doch ehe ich dahin gelangen konnte, aufgehalten durch 7 die Schwierigkeit, die betrunkenen Franzoſen fortzubringen, war die Zahl der Eingebornen zu einer furchtbaren Höͤhe gewachſen. Sie — 10 — wurden nun keck und griffen die Schuzwache am jenſeitigen Ufer an, wadeten im Fluße fort, reiheten ſich hinter uns und fielen uns ſehr beſchwerlich. Feſt behaupteten wir unſere Stelle und ich blieb am Ufer, bis unſere Leute über den Fluß geſezt hatten. Grade im Be⸗ griff, ihnen mit meinen Arabern zu folgen, hoͤrte ich Schuͤße hinter uns, und nun er⸗ ſchien, hinter einer Sandbank hervorkom⸗ mend, eine eigenthuͤmliche Geſtalt, ein Pata⸗ gonier, wie mich duͤnkte, in geſchuppter Ruͤ⸗ ſtung, denn ſo erſchien es im Strahle der Sonne. Es warunſer Proviantmeiſter Louis, mit der Schildkroͤte auf ſeinen Schultern, in Begleitung eines Hollaͤndiſchen Soldaten. Ich rief ihnen zu, ſchnell herbeizukommen, denn mit jedem Augenblicke wuchs die Gefahr. Als ſte ſo daher ſchwankten, konnte ich mich kaum des Lachens erwehren. Louis, deßen menſch⸗ liche Geſtalt ich faſt nicht erkannte, glich ei⸗ nem Hippopotamüs, waͤhrend er taumelnd wie ein Betrunkener, unter der Laſt des ſchweren Schaalthieres daher ſchwankte, wel⸗ ches er, wie ich vermuthete, zuruͤckgelaßen haben wuͤrde. Der Hollaͤnder, welcher ihm folgte, war zu unfoͤrmlicher Dicke ausgeſtopft; ſein rothes Guernſey⸗Uberkleid und ſeine wei⸗ —— —— ten Hollaͤndiſchen Schifferhoſen waren an Handgelenken und Knieen feſt zugebunden und voͤllig geſtopft mit Gold und Edelſteinen, die er bei dem Riederreißen eines Hauſes gefun⸗ den hatte. Er ſah aus, wie ein Wollſack und bewegte ſich, wie eine Hollaͤndiſche Kuffe die gegen ſchwere See anarbeitet, dieſer glich auch ſein breiter Bau. Ich ſagte ihnen, ſie ſollten alles von ſich werfen, wenn ihnen ihr Leben lieb waͤre und begann nun das über⸗ ſezen uͤber den Fluß auf einer durch die Mee⸗ resfluth aufgeworfenen Sandbank, der einzi⸗ gen Stelle, die den Ubergang moͤglich machte. Immer dichter draͤngten die Eingebornen nach; die Schwierigkeit, unſere Feuerge⸗ wehre im Waßer zu gebrauchen, machte ſie verwegen, und hätten unſere Leute nicht be⸗ reits feſten Fuß am andern Ufer gehabt, ſo wuͤrden wir ſchwerlich unſerm Schickſale ent⸗ gangen ſeyn; die Unſrigen aber hielten ihr Vordringen auf und reinigten die Bahn vor uns. Bei dem Allen waren wir gezwungen, ſehr eilfertig uͤberzugehen. In dieſem Augen⸗ blicke hoͤrte ich etwas im Waßer platſchen, und zugleich ein gellendes, triumphirendes Geſchrei der Wilden. Ich blickte um, und vermißte den Hollandiſchen Soldaten, der — hinter mir war. überladen mit ſeinen Schä⸗ zen, hatte er die Haltung in der Furth ver⸗ loren, war niedergefallen und vom Gewicht der Schaͤze, die er an ſich trug und nicht abwerfen konnte, zu Grunde geſunken. Nur einen Blick warf ich auf dieſen, als meine Aufmerkſamkeit ſogleich auf Louis gerichtet wurde, der entweder aus Furcht, oder weil ſein Begleiter ihn erfaßt hatte, auch nieder⸗ gefallen war. Ich lief zuruͤck, hielt ihm den Schaft meines Speers hin, den er ergriff, während das unfoͤrmliche Schaalthier, wel⸗ ches er ſo weit geſchleppthatte, in's Waßer ſiel, und triumphirend ſeine ſchweren Schwimm⸗ Koßen ſchlug, nun es ſich wieder im angebor⸗ nen Elemente befand. Sobald Louis ſich wieder der Sand⸗ bank fuͤhlte, rief er mit ſchmerzlichem Aus⸗ ſehen: »Aber wo iſt meine Schildkroͤte? Kuͤm⸗ mern Sie ſich nicht um mich, Kapitain, retten Sie die Schildkroͤtel »Hol' der Henker die Schildkrote! i6 wollte, ſie ſteckte Dir im Halſe l« »Ja, das wollt' ich auch, Kapitain; das iſt Alles, was ich wünſche. — Ach! wo iſt meine Schildkroͤte geblieben ?« Als er dieſe Worte ausrief, kam das Thier, um ſeinen Feind zu verſpotten, auf die Ober⸗ flaͤche des Waßers, und ſobald ſeine glän⸗ zende Schaale in der Sonne funkelte, ſchien Louis geſonnen, ihr nach in den Strom zu eilen, wobei er laut aufſchrie: »Da! da! — retten Sie, retten Sie l« Ich glaubte, daß er den Hollaͤndiſchen Sol⸗ daten meine, blickte hin und fragte: »Wo? »Ey, hierl« erwiederte er und zeigte auf die Schildkroͤte, »ach, Kapitain, ich habe Ihnen geſagt, wie lieblich ſie war! Vor zwei Stunden ſchnitt ich ihr den Hals ab, aber ſterben wird ſie nicht vor Sonnenuntergang, das thun ſie niemals; — und dann wird ſie verloren ſeyn; — wird ſie nicht 2« Ich hatte zwei Leuten den Befehl gegeben, ihn fortzuſchleppen, und er verließ ſo ungern ſeine Schildkroͤte, daß er, die Augen immer feſt auf den Strom gerichtet, in Seitenbe⸗ wegungen wie ein Seekrebs, widerſtrebend fortging. Einigemale war ich genoͤthigt umzuwenden und auf unſere Verfolger einzudringen, bevor wie das jenſeitige Ufer erreichten. Nun eilten wir unſern Boͤten zu. Vier bis fuͤnf Mann waren bei dieſem Ruͤckzuge leicht verwundet, außerdem hatten wir den Hollaͤndiſchen Sol⸗ — 11 — daten und die tief betrauerte Schildkroͤte ver⸗ loren. Wo nun der Grund durchbrochen war, oder wo es ein Verſteck hinter Felſen und Buͤſchen gab, da drangen die Eingebornen von Madagascar auf unſere Flanken und im Ruͤcken ein. Deshalb zog ich mich dicht an das Meer und folgte dem Geſtade. Hier gab es einen hoͤchſt gefaͤhrlichen Paß; dieſer war ein rauhes Felſenriff, das, eine halbe Meile von unſern Boͤten entfernt, weit in das Meer vorſprang. Die Bewaffneten waren laͤngs dieſem Felſenriffe in dichten Reihen aufge⸗ ſtellt, und ſchon hoͤrten wir ſcharfes Feuer auf jener Stelle. Waͤhrend ich mich noch dar⸗ uͤber wunderte, daß de Ruyter mich in einer ſolchen gefahrvollen Lage im Stiche gelaßen, und uͤber die beſte Art und Weiſe mich her⸗ auszuziehen noch nicht mit mir einig war, gewahrte ich an der aͤußerſten Spize ſeine, wie ein Schwalbenſchwanz geſtaltete Flagge. Jezt ſtuͤrmten wir voran und wurden von unſern Schiffgenoßen begruͤßt, die, ſobald ſie geſehen, daß der Feind dieſen Paß beſezt hielt, ihn vertrieben und uns den Durchgang geoͤffnet hatten. Gleichwol ward um jeden Zoll breit hartnaͤckig gekaͤmpft und hier ließen wir vier Todte zuruͤck, denn die Eingebor⸗ — 15 — nen, hinter Felsbloͤcken geſchuͤzt und mit ih⸗ ren langen Luntengewehren am Boden liegend, hatten große Vortheile uͤber uns, während wir ihnen keinen Schuß beibringen konnten. Nun kamen die Bote heran; die Frauzoͤſiſchen Soldaten wurden an der Hafenbucht aufge⸗ ſtellt, und da hier offener Strand war, wag⸗ ten die Eingebornen nicht herabzukommen, wiewohl ſie ein beſtäͤndiges Feuer auf uns unterhielten. Wir ſchifften uns unter ihrem wilden Geheule ein, und in eben dem Augen⸗ blicke, in welchem wir vom Lande abſtießen, kamen ſie in zahlloſen Horden, gleich Raben an die Kuͤſte herab, folgten uns ſchreiend und heulend in das Waßer nach und ihre Pfeile, Steine und Kugeln fielen um uns her wie ein Schloßenwetter. Zweites Kapitel. Ja, bei Sonnenuntergeh'n, * Friſch wird der Wind noch heute Abend weh'n. * * * * Das Schiff durchfuhr Mit ſauftem Gleiten ſeine feuchte Flur, Indeß die Welle furchengleich enteilt⸗ Von Vordertheiles hehrem Pflug zertheilt, Die weite Waßerwelt lag vor dem Blick', Der Südſee⸗Inſeln manche blieb zurück. Byron. — Ich glaube, wir alle waren froh, unſere Schiffe wieder erreicht zu haben. Wir bugſir⸗ ten dieſe hinaus, weil ſich kein Wind regte, und warteten den Abend⸗Landwind ab; mit dieſem entfernten wir uns vom Lande und 3 richteten unſern Lauf nach der Inſel Bourbon. Als wir unſern Verluſt am Bord beider Schiffe nachrechneten, belief ſich die Anzahl der Getoͤdteten und Vermißten nur auf vier⸗ ehn, dagegen hatten wir aber acht und zwan⸗ — zig, wenn gleich mehre nur leicht Verwun⸗ dete. Als ich dieſe Einzelheiten im Loggbuche verzeichnete, bemerkte ich gegen de Ruyter: »Wenn wir die Art unſeres Dienſtes und die Anzahl unſerer Gegner bedenken, ſo ſcheint mir dieſer ein ſehr geringer Verluſt.« »Nein, es iſt ein ſehr großer!« rief Louis, der eben die Treppe herabkam; »etwas ſo Prächtiges werden Sie niemals wieder ſehen. Ich haͤtte lieber ſaͤmmtliche Leute und alles Andere verloren, — hätten Sie nicht?« »Wovon ſprichſt Du, Louis 2« »Sprechen, nun wovon ſonſt, als von der Schildkroͤte; Sie haͤtten die retten koͤnnen. Herr, konnten Sie nicht? Aber Sie denken nur an kleine Maͤdchen; meine Schildkroͤte war mehr werth, als alle Maͤdchen in der Welt; — war ſie nicht?« Dabei drehte er ſich, wie er bei jeder ſeiner fragenden Aus⸗ rufungen zu thun pflegte, ſcharf herum, und ſchnob mit aufgeweiteten Naſenfluͤgeln den Naheſtehenden an. Er iſt ein Hindu,« ſagte de Ruyter, »der glaubt, daß die Welt auf dem Ruͤcken einer ungehenern Schildkroͤte ruhet.« Ja,« ſezte ich hinzu, »mich ſoll es nicht wundern, wenn er nach dem Pole faͤhrt, II. 2 ſich vor ſeinem weit vorgeſtreckten Inſtrumen⸗ nicht zum Beſten der Seefahrerkunſt, ſondern um Calliopaſch und Calliopie zu bereiten. — . Welch eine Uppigkeit Lonis, wenn Dein gan⸗ zer Koͤrper in ſolch einem See von gruͤnem Fett ſich waͤlzen könnte; — wär' es nicht?« aͤffte ich ihm nach. »Ja,« antwortete er, »aber da ſind keine Schildkroten, nichts wie Wallroße, weiße Bären und Wallfiſche.« Van Scolpveldt kam jezt herab und trug einige Knochenſplitter in einer Hand, hielt in der andern ſeine Saͤge und ſagte: »Sehen Sie hier, ich habe einen Schaͤdel trepanirt, und ſchauen Sie, was ich ſagte, iſt wahr; fuͤhlen Sie nur die Kanten am Knochen, ſie ſind ſanft wie Elfenbein, und beſizen einen Glanz und eine Glaͤtte, die gar herrlich ſind. Ich habe eine Kugel herausgezogen, das Ce⸗ rebrum iſt unverlezt, nicht vom Gewicht ei⸗ nes Haares gedruͤckt.« Er wollte eben fortfahren, uns zu ſagen, daß der Menſch es gar nicht gefuͤhlt habe, als einer ſeiner Gehuͤlfen herbeikam, ihm zu melden, der Mann ringe mit dem LTode. »Das iſt erlogen !a rief er aus und rannte auf das Verdeck hinter dem Boten her, der te fuͤrchtete. Denn im Hinaufſteigen prickelte der Doktor ihn damit, ſo daß er auf's Ver⸗ deck ſprang, als ſey ihm ein gluͤhendes Eiſen angeſezt worden. Bald darauf ward unter Louis Anleitung ein Mahl aufgetragen, das man fuͤglich ein Schildkroͤtenfeſt nennen konnte. Er ſelber trug eine große hoͤlzerne Buͤtte voll Suppe auf den Tiſch, geraͤumig genug, um darin um⸗ herzuſchiffen, rieb ſeine dampfende Stirn und ſagte: »Koſten Sie das und Sie werden ewig leben! Schon der bloße Geruch davon iſt ein Feſt fuͤr einen Buͤrgermeiſter, oder einen Kö⸗ nig! Ich habe nie was Köſtlicheres gerochen, Sodann kam Callivpaſch und Callivpie, und Geſottenes, Geſchmortes, Gehacktes, Geknaͤ⸗ tetes und Gebratenes; und nachdem dies al⸗ les beſeitigt und wir faſt überfuͤllt waren, ſprach Louis le Grand: »Hier ſind nun zwei Schuͤßeln meiner eige⸗ nen Erfindung, Niemand beſizt das Geheim⸗ niß noch, wiewohl Buͤrgermeiſter und fremde Geſandten mir große Anerbietungen machen ließen, um es zu offenbaren. Ich aber wollte nicht, denn dies Geheimniß macht mich groͤ⸗ ßer, als alle Koͤnige in der Welt, und nicht — „ um ein Koͤnigreich wollt' ich es hingeben, — wollten Sie? — Alles was ich Ihnen ſagen werde, iſt, — und dies iſt mehr als ich je einem Menſchen geſagt habe — daß die wei⸗ chen Eyer, der Kopf, das Herz, die Einge⸗ weide und Alles dahineinkommt! — aber auch viele andere Dinge, von denen ich nicht reden will, nicht reden darf.« Als er auf meinen Teller blickte und ſah, daß ich das gruͤne Fett liegen ließ, fragte er verwundert, weshalb ich das nicht äße? „Ich kann nicht,« antwortete ich, »ich mag es nicht.« „Koͤnnen nicht! rief er aus, »wenn ich auf den Tod lage und nur noch Kraft genug be⸗ ſäße, den Mund zu oͤffnen, ſo wollte ich ſolche gottliche Speiſe verſchlingen. — Nicht moͤgen? — Sie ſind kein Chriſt! — ſind Sie? Aber es iſt unmoͤglich — ich glaube ihm nicht, — thun Sie?« Madagastar iſt eine der groͤßten und frucht⸗ barſten Inſeln in der Welt; ihre Länge mißt beinahe neun hundert Engliſche Meilen, und ihre beträchtlichſte Breite drei hundert und fuͤnfzig. Eine wunderſchöne Bergkette windet ſich in abwechſelnder Hoͤhe durch ihre ganze Länge hin, und giebt vielen mächtigen und ſchiffbaren Stroͤmen ihren Urſprung. Wenig iſt das Innere dieſer großen Inſel, und ſind deßen Bewohner gekannt; aber die Kuͤſten⸗ gegenden, welche ich damals, und ſpaͤter haͤu⸗ figer beſuchte, geben Proben genug davon, daß die Natur ihre Schaͤze hier nicht mit kaͤrglicher Hand ſpendete. Nichts als Kennt⸗ niße ſcheinen zu mangeln, um dieſer pracht⸗ vollen Inſel den Vorrang uͤber große und maͤchtige Reiche zu ſichern. Als ich dort war, machte die Sonderungslinte, die den Men⸗ ſchen vom Thiere unterſcheidet, ſich nur kaum erkennbar. Der Abend war einzig ſchön, das Meer ſtill und klar wie ein Spiegel, und unſere Mannſchaft, durch die ungewohnte Arbeit die⸗ ſes Tages erſchoͤpft, verſank in Schlaf. De Ruyhter war in der Kajuͤte; ich hatte die Wache und Aſton leiſtete mir Geſellſchaft; er lag auf dem erhobenen Sternrande, und ich lehnte uͤber das Taffrel hin, und blickte nach dem Lande. Allmaͤhlich wurden die Geſtalten der fernen Bergreihen dunkel und undeutlich. Das durchſichtige, glasartige, tiefe Blau des Mee⸗ res wandelte ſich zu dunkelm Olivengruͤn um, getheilt durch eine Unzahl kleiner, ſchimmern⸗ der Striche, als wuͤren ſie mit Diamanten * beſezt, welche die wechſelnden Luftzuͤge her⸗ vorbrächten, die gleich jungen Loͤwen an der Mutter ſtillem Buſen ſpielten, waͤhrend die Loͤwin ſelber, am hoͤhlenvollen Ufer vom Zertruͤmmern und Verwuͤſten ausruhend, auf dem Lager weilte. über dem Lande hin eilte die gluͤhende Sonne ihrer kuͤhlen Ruheſtaͤtte zu, ihre hinſterbenden Strahlen färbten den ſchimmernden Himmel mit glanzvollen, aber ſchwindenden Tinten; tiefes Rubinroth än⸗ derte ſich um in Purpur, ward dann ſma⸗ ragdgruͤn, durchbrochen und geſtreift mit Azur, weiß und gelb; als aber die Sonne wirklich verſank, war das ganze Firmament mit flam⸗ mendem Karmoiſin uͤberzogen; ſodann blieb der Abendhimmel glänzender als geſchmolze⸗ nes Gold, bis der Sonne lezte Strahlen erlo⸗ ſchen waren. Sobald der Mond mit ſeinen ſilbernen Glanz⸗ lichtern hervorkam, verſchwanden alle jene bunten Farben, ließen nur einige gewoͤlkte ſprenkliche Flecken zuruͤck, gleich Laͤmmern, die auf den Himmelshuͤgeln weideten. Dieſer Wechſel glich dem ploͤzlichen Lebensende, mit⸗ ten in Jugend und Schoͤnheit; der bleiche, in Nebel gehuͤllte Tod umringte uns uͤberall mit ſeinem ſchreckenden Leichtuche. Jezt tried der Stern der Grabb in der Fluth herum, und ich gewahrte nun unſere Gefähr⸗ tin, die Korvette, deren ſchwarzer Rumpf und weiße Seiten ganz allein den vom Mond⸗ licht hellen Horizont unterbrachen, gleich wie ein Meergeiſt, der auf gräͤnzenloſen Fluthen raſtet. Vertieft im Anſchauen der wunderglei⸗ chen Schoͤnheiten einer Nacht im Oſten, blie⸗ ben wir Stundenlang ſchweigend, und nach dem Gewirre dieſes Tages brachte eben dieſe Stille eine uͤbernaturliche, zauberhafte Wir⸗ kung auf das Gemuͤth hervor, die beſaͤnfti⸗ gender war, als der Schlaf. Der Mann, der gewöhnlich das Steuerruder handhabte, rief im Schlafe aus: »feſt! feſtla ſogar unſere gewoͤhnlichen Ublichkeiten des Abloͤſens der Wache waren unterblieben, und die Schild⸗ wache, ſich gar nicht bewußt, daß ihre Wach⸗ ſtunde abgelaufen ſey, ſchlummerte auf ihrem Wachpoſten bei den Gefangenen; des Schla⸗ fes Balſam heilte die Verwundeten und ſezte die Gefangenen in Freiheit, die vielleicht von Jagden auf den heimathlichen Gebuͤrgen träum⸗ ten, oder waͤh⸗ten, mit ihren Kleinen oder mit deren Muͤttern zu koſen, und doch beſtimmt wa⸗ ren, gefeßelt zu erwachen, gleich wilden Thieren im ſcheußlichſten der Kerker, im tiefen Schiffs⸗ raume unter dem Waßer angekettet, wo nur Tod oder Sklaverei ſie erwarteten. Drittes Kapitel. Wir führten ſtill Geſpräch bei'm hellen Scheine Des Silbermonds, als plözlich unſrer Ruhe Eein namenlos Gefühl von Ansſt ſich zumiſcht; Mir war, als hörte Herauf ich Töne ſchwellen, unvollkommen Erſtickt Geſchrei, und näher nun, ſtets näher Giwirr von eilend fluͤcht'gen Tritten. Shelley. Mein Ohr ward von einem Schalle getrof⸗ fen, als bewege ſich jemand, und gleich hinter⸗ her durch ein roͤchelndes Getoſe, wie von ei⸗ nem Erſtickenden, dem wieder ein gurgelnder Laut, als vom Waßer herruͤhrend, folgte. Aſton und ich ſprangen auf. Er fragte: »was iſt das ?« da ſiel ein ſchweres Gewicht auf das Verdeck im Vorbug der Grabb. Noch ehe jemand Antwort geben konnte, eilte eine dun⸗ 3 kele, nackte Geſtalt auf uns zu. Unwillkuͤhrlich griff ich nach der kleinen Krieſe, die ich im⸗ mer in meiner Schaͤrpe fuͤhrte. Der Menſch ſtand ſtill, wenige Schritte vor uns, und ich ſagte: »Heda, Torra, biſt Du's« Dieſer Torra war ein Sklave, auf der Inſel Madagascar geboren, den de Ruyter freigelaßen hatte, und den er und ich ſehr beguͤnſtigten. »Was haſt Du vor? Was war das fuͤr ein Geräuſch eben auf dem Vordertheile L« Er antwortete: »Nur Torra, der todt ſtach ſein' boͤſ⸗Bruder mit dies . . . Dabei ſteckte er ſeinen nakten, ſchwarzen Arm vor mit der Hand, die ein Brodmeßer umklammert hielt. »Wen haſt Du todt geſtochen 2* »Mein' Bruder — boſ' Bruder, Schron⸗ doo!le erwiederte er. »Was fuͤr einen Bruder? Biſt Du toll, oder betrunken! — denn ich wußte von kei⸗ nem Bruder, den er hatte. »Nein, Maßa, Torra nicht toll und Torra nicht trink'.« Jezt ward es im Vordertheile laut „ der ſchlafende Steuermann oͤffnete die Augen und rief: ofeſt! feſt!« Torra blickte um, und ſag⸗ te, als er ſah, daß die Mannſchaft nach hin⸗ ten kam: »Maßa, mich jezt nicht hoͤrt. Torra alles ſagt, wenn Tag kommt.« 0 6 — — 18 Die Leute prallten zuruͤck, als ſie im Her⸗ ankommen gewahrten, daß er ein Meßer in der Hand hielt. Dies bemerkte er und ſagte ihnen: »Nicht fuͤrchten Torra. Nicht böſes thun. Torra nur todt, boͤſen Bruder;« damit ſchleuderte er das Meßer in die Fluthen. — »Maßa, Sie guter Mann, Sie Freund von armen ſchwarzen Sklaven; laßen nicht todt machen Torra, jezt Nacht. Wenn Morgen kommt, Torra ſagt Alles. Dann wuͤnſcht er Tod. — Nicht wuͤnſcht Leben. Geht zu ſein' Vater in gutes Land; nicht Sklave da; nicht boͤſer weiße Mann kommt, der armen Schwar⸗ zen käuft, fuͤr Sklaven machen⸗ Ich glaubte, er ſey wahnſinnig, befahl ihn zu greifen, und ihm Ketten und Handſchel⸗ len anzulegen. Unbeweglich ſtand er und ſagte nun noch einmal: »Nicht todt machen Torra, Nacht. Todt Torra morgen. Torra muß alles ſagen.« Ich eilte nach dem Vordertheile und fragte: . »Was hat er gethan? wer iſt getoͤdtet ?« Im Vorgehen fuͤhlte mein unbekleideter Fuß 3 etwas Feuchtes und Glitſchendes. Ich blickte nieder und bemerkte einen dunkeln Streif von Fluͤßigkeit, der nach den Schießloͤchern ablief. Zuſammengefallen lag eine nicht erkennbare — 27 — Maße am Schießloche der Kanone im Vor⸗ dertheile, mit einer Art Bekleidung von wei⸗ ßem Kattun, voller Fecken; von dieſer ging jener Strom aus. Einer der Leute hob die⸗ ſelbe theilweiſe auf und ſagte: »hier iſt er la Die Umſtehenden riefen: »Allah! Il Al⸗ lah!« Der Koͤrper fiel wieder ſchwer zu Bo⸗ den, und bei dieſem Schalle traten die Leute zuruͤck. Nun fiel des Mondes volles Licht auf den unbekleideten Leichnam eines ſchwarzen Menſchen; die Huͤlle war abgefallen; durch einen furchtbaren Schnitt in der Kehle war der Kopffaſt vom Rumpfe getrennt. Wiederum fragte ich, wer es ſey; aber Niemand konnte Antwort geben. Endlich erkannte ich ihn fuͤr die Leiche eines unſerer kurzlich Gefangenen, ließ den lebloſen Koͤrper auf eine Gitterlucke legen und hinten in's Schiff bringen; auch ſtellte ich eine Schildwache bei den Meuchel⸗ moͤrder. Dieſer ſcheußliche Anblick hatte den Schlaf vertrieben. Das Schiffsvolk ſtand in unge⸗ ordneten Haufen zuſammen, und ſchreckte vor ſeinen eigenen Worten, die dumpf und leiſe erklangen; Leute, deren Bekleidung vom Ge⸗ fechte des Morgens noch feucht und blut⸗ bedeckt war, ſtanden da in bangem Starren vor einem einzelnen Nachtmorde. Sie ſam⸗ melten ſich um Torra, und ſtierten den Moͤr⸗ an, der auf ſeinen Ferſen zuſammenge⸗ kauert im Schatten der Schiffswand ſaß. Seine Ketten raßelten, und die Zuſchauer prallten zuruͤck; es waren die nämlichen Men⸗ ſchen, welche vor wenigen Stunden, ohne ſich zu bedenken, das umwallte Lager ver⸗ zweifelter Feinde erſtuͤrmten, die ihnen an Zahl zehnmal uͤberlegen waren. Aſton und de Ruyter ſprachen miteinander, da bemerkte ich ein leichtes Luͤftchen vom Lande heranſaäuſeln, und rief aus: »Alle Mannſchaft an die Segel!« Die Matroſen ſprangen vor, ich gab nun Befehl, die Segel zu verkuͤrzen, die Top⸗ ſegel einzureefen und dann wieder anzuſezen. De Ruyter kam zu mir und bemerkte: „Wozu alle Mannſchaft, es droht kein Wind⸗ ſtoß, ſo viel ich ſehe l »Auch ich gewahre keinen,« erwiederte ich, vaber das ganze Schiffsvolk ſchien von ei⸗ nem paniſchen Schrecken ergriffen, und den will ich dadurch vertreiben, daß ich ihm Beſchaͤftigung gebe. Die Mannſchaft war, wie vom Zauber gelaͤhmt, und waͤre ein Wind⸗ ſtoß aufgeſprungen, wir haͤtten unſere Maſte verloren, bevor ſie wieder zur gekommen waͤre.« 4 »Gut uͤberlegt,« ſagte de Ruyter. „ Nachdem ich den Gedanken der Mannſchaft dadurch eine andere Richtung gegeben hatte, daß ich ſie arbeiten ließ, als befaͤnden wir uns mitten im Sturme, hoͤrte ſie auf meine Befehle, und vollzog ſie mit gewohnter Schnel⸗ ligkeit, ohne ſich durch die fortwaͤhrende Ruhe des Meeres irre machen zu laßen. Zu jeder andern Zeit wuͤrde ich mir dadurch tauſend im Frger hergemurmelte Fluͤche und Ver⸗ wuͤnſchungen zugezogen haben. Als dies geſchehen war, uͤberließ ich de Rupter die Sorge auf dem Verdeck, und troz allem, was vorgegangen war, troz der Stei⸗ figkeit meiner Gliedmaßen und des Schmer⸗ zes in meinem verlezten Schenkel, dem ſich ſtechende Pein fruͤher empfangener Wunden zugeſellte, die wieder aufzubrechen ſchienen, waren meine Augen ſo ſchwer, daß ich im Bemuͤhen, die Ereigniße des Tages noch ein⸗ mal zu uͤberdenken, ohne mich zu entkleiden, auf ein Bett hinſank, und wie durch Ver⸗ zauberung entſchlief, ſobald mein Kopf nur das Kißen beruͤhrt hatte. Vielleicht war dies auch ein Zauberkißen; wollte Gott, ich haͤtte es jezt. Viertes Kapitel. Ich, ein verbrech'riſch elend Weſen bin; Nun ich i dies Alles, laß mich ſterben. Shelley. In einem jugendlichen, wohlgeſtalteten Koͤr⸗ per, der kraͤftig und geſund iſt, und in wel⸗ chem das gute Herz von Natur vorzugsweiſe wohnt, weil es Raum haben muß, um ſich auszubreiten, damit ſeine gluͤhenden Aufre⸗ gungen jeden Ausfluß ungehindert, mit Blizes⸗ ſchnelle und bevor ſie erkalten, durchdringen koͤnnen, — in ſolch einem Koͤrper iſt die Seele, oder der uns beherrſchende Geiſt kraͤf⸗ tig erzeugt, iſt ihm angeboren und lebt darin fuͤr immer; wurde er aber eingezwaͤngt und zuſammengepreßt in enge, finſtere und todte Buſen, ſo flackert ſeine ſchwache Flamme aus Mangel an Luft und Raum in der Lebens⸗ lampe, bis ſie beinah oder ganz erloſchen iſt⸗ Owen, der Philantrop von Lanack, oder die weiſe und heilige Hanna More und ihre Sippſchaft ſchreiben und ſchwazen von Er⸗ ziehung, und daß dieſe allein den Unterſchied zwiſchen Menſchen und Menſchen hervor⸗ bringe, weil die Natur uns Alle gleich ge⸗ eignet fuͤr Gutes und Boͤſes in die Welt geſezt habe. Anders dachten Shakespeare und Baco; dieſe aber waren eben ſo tiefe Denker und weiſe Menſchen, als die Andern Flach⸗ koͤpfe und Narren ſind. Baco ſagt: »Ver⸗ wachſene Leute ſtehen gewoͤhnlich mit der Natur auf gleichem Fuße; denn, ſo wie die Natur ſie ſchlecht behandelt hat, erwiedern ſie der Natur dieſelbe Behandlung, weil ſie mehrentheils — nach dem Schriftausdrucke — natuͤrlicher Liebe ermangeln; dadurch raͤchen ſie ſich an der Natur.« Und ſo wie verwachſene, zwerghafte, oder mißgeborene Geſchoͤpfe zuweilen gegen ihre Natur an⸗ ſtreben, um ſich Gutes anzueignen, ſo neigen die wohlgeſtalteten (von der Schoͤnheit rede ich dabei nicht) in einigen Fällen ſich aus Wahl und gegen ihre Natur dem Boͤſen zu. Ich bin zu dieſer Abſchweifung durch das Andenken an Aſton und de Ruyter verleitet, deren edle, majeſtaͤtiſche Perſoͤnlichkeit, deren leichte, zierliche Haltung, deren hochſtreben⸗ der Geiſt und deren ſanfte, liebevolle Herzen zuerſt meine natuͤrlichen Gefuͤhle der Freund⸗ ſchaft und des Wohlwollens erweckten, die zwar bei mir zertreten, aber nicht ausgerottet waren; denn ich hatte begonnen zu glauben, die Welt ſey mit boͤſen Daͤmonen bevoͤlkert, und ich ſey in eine ſchwarze, folternde Hoͤlle eingeſperrt. Wie freudvoll verweile ich bei jenen Tagen, und wie gern zolle ich ihnen die⸗ ſen Tribut, ſo armſelig er auch iſt, als Er⸗ wiederung fuͤr die Zufriedenheit und das Gluͤck, welches ich in ihrem Umgange genoß, wo es mir ſchien, daß die Sonne unaufhoͤr⸗ lich erglaͤnze, und die Welt ein großer Gar⸗ ten, voller Blumen und Fruͤchte ſey. Da⸗ mals hätte ich dieſe Welt, ſo wie ſie fuͤr mich beſtand, nicht gegen ein Paradies vertauſchen moͤgen, wie es uns von frommen Begeiſter⸗ ten geſchildert wird, ſelber dann nicht, wenn ich haͤtte hineinkommen ſollen, ohne die ſchrek⸗ kenden Pruͤfungen zu beſtehen, die uns dahin fuͤhren. Und doch beſtand mein damaliges Leben aus faſt beiſpielloſen Muͤhſeligkeiten und Ge⸗ fahren, aus ſchmerzenden Wunden und zu⸗ weilen aus aͤrgerer Pein durch Hunger oder — Durſt. Ich habe die Zeit gekannt, in der ich frendig mein Blut tropfenweiſe gegen Waßer ausgetauſcht, oder wo ich fuͤr ſo viel Waſ⸗ ſer, als ich in einer gehoͤlten Hand halten konnte, dankbar beide Haͤnde voll Gold ge⸗ geben hätte, wo meine Lippen zuſammenge⸗ klebt waren, und der Durſt wie ein boͤsarti⸗ ges Fieber am Innerſten des Lebens nagte. Hinterher kam Uberfluß, und in eben dem Angenblicke waren meine Leiden vergeßen, oder lebten nur dazu in meinem Gedächtniße fort, mir einen noch geſchärfteren Appetit, einen koͤſtlicheren Genuß von Dingen zu ge⸗ waͤhren, die, weil ſie uns zu alltäglich ſind, faſt als nuzlos von uns betrachtet werden — ich meine Brod und Waßer. Oft mit dem Kopfe auf einer Ladeſtange ruhend, denn Ei⸗ ſen diente mir damals beßer, als jezt die weichſten Eiderdaunen, bedeckt mit einem Theer⸗ tuche, um die Gewalt von Regen und über⸗ ſprizendem Seewaßer zu brechen, in welchem ich faſt ſchwamm, getaucht und geſchaukelt aufdem, was man fuͤglich einen Meerſarg nen⸗ nen koͤnnte, bei furchtbaren Stuͤrmen die Ze⸗ dern ſo leicht hätten entwurzeln koͤnnen, wie Menſchen Kornhalme aufziehen, an gefahr⸗ vollen Kuͤſten treibend, unter Donner und II. 3 — 3 — Bliz, ſo, unter ſolchen Auftritten habe ich beßer und feſter geſchlafen, als ein muͤdes Kind auf dem Schooße der Mutter mit Ge⸗ ſang und ſanftem Wiegen eingelullt. Konnte ich nun alle dieſe Muͤhſeligkeiten und Ent⸗ behrungen ohne Klage erdulden, wie unna⸗ tuͤrlich mußte ich da in meinem fruͤhern Le⸗ ben von Altern und Erziehern behandelt ſeyn, weil mir das Leben ſo uͤberdruͤßig geworden war, daß ich ernſtlich an Selberzerſtoͤrung dachte! — Und ich dachte nicht blos daruͤber nach, ſondern war im vierzehnten Jahre nahe daran, mir das Leben zu nehmen. Damals ſammelte ich alle Schriften, alte wie neuere, die ich nur erlangen konnte, wenn ſie etwa den Selbſtmord vertheidigten oder rechtfer⸗ tigten. Ich bin dadurch vermogt, dies hier anzufuͤhren, weil ich vor wenigen Tagen ein Papier wieder auffand, auf welchem ich alle jene Schriftſteller verzeichnet hatte. Doch bald nach jenem Zeitpunkte verknuͤpften Aſton, Walter, und darauf de Ruyter, durch die ſanften Bande der Freundſchaft mich wieder mit der Welt. So ward ich denn vor einem Ende bewahrt, welches ich ohne ihre Liebe ſicherlich genommen haben wuͤrde. Es war nahe an Mittag, als mich des — Doktors Gehuͤlfe weckte, der eine Flaſche Kampferſpiritus und Sl hielt, die äußerlich angewandt, und eine Mirtur, die eingenom⸗ men werden ſollte. Louis ſtand dabei und ordnete eben das Auftragen eines zweiten Schildkroͤtenmales an; aͤrgerlich ſagte er zu dem Gehuͤlfen: »Wozu taugt Kampher anders, als um todte Araber damit auszuſtopfen. Ich haße den Geruch davon; Sie nicht? Der Doktor will, daß alle Leute von Gift leben ſollen, wie er ſelber und die Skorpione und die Tauſendfuͤße. Hier der Kapitain hat was in den Leib noͤthig, aber nichts, um die Beine einzureiben. Die Suppe iſt fertig; und da⸗ fuͤr will ich einſtehen, daß die ihm hinunter gehen wird, bis in die Fußnaͤgel, und in den Huͤhneraugen umlaͤuft, wenn er welche hat. Die kurirt alles; — thut ſie nicht?« Weil ich hungrig war, wie ein Vogel bei ſcharfem Froſte, gab ich zur Antwort: »Ich denke, ſie wird.« Mithin ward der Doktorgehuͤlfe die Treppe wieder hinauf geſchickt, und eine Wiederho⸗ lung vom vortägigen Schildkrotenfeſte auf⸗ getiſcht. Sobald de Ruyter und Aſton herab ka⸗ men, fragte ich was mit Torra geſchehen waͤre. — 36 — »Er iſt noch ſo, wie Sie ihn gelaßen haben.« »Nun, haben Sie das Geheimniß ausge⸗ ⸗ funden? Denn um eine ſo blutige That aus⸗ zuuͤben, hat er eine beſondere bewegende Ur⸗ ſache haben muͤßen, er ſchien mir immer ein guter, ſtiller Menſch.« »Das war er,« bemerkte de Ruyter, vich habe aber immer gefunden, daß dieſe ſtillen Menſchen die gefaͤhrlichſten, rachſuͤchtigſten und blutduͤrdigſten ſind. Die fuͤhren aus, waͤhrend Prahlhaͤnſe ſich mit Sprechen be⸗ gnuͤgen. Sahen Sie ihn nicht geſtern Mor⸗ gen im Gefechte, roth gefaͤrbt vom Blute der Indier ?« »Freilich, er erſchreckte mich ordentlich. überall ſtuͤrzte er ſich in ihre dickſten Haufen, und fuͤhrte keine andere Waffen, als zwei lange Meßer. Es erregte mir den Gedan⸗ ken, daß er dem Kannibalismus anhaͤnge. Gleichwohl iſt er eben ſo gutherzig, als ver⸗ wegen; Sie erinnern ſich wohl, daß mein Lieblings⸗Papagay vor einigen Tagen bei ei⸗ nem Windſtoße durch die Top⸗Segelhißen in's Meer geſchleudert ward; ſogleich ſprang er uͤber Bord und rettete ihn. Auch iſt er durchaus ehrlich; denn ſtets war er hier un⸗ ten, wo mehr Spaniſche Thaler in den Schub⸗ fächern ſind, als Zwieback, und mehr ſtarke Getränke, als die Einen und die Andern, gleichwohl nahm er nie ein Stuͤck Silber, ſchenkte ſich nie ein Glas von dieſen ein. Zu⸗ dem kennt Louis ihn als den zuverlaͤßigſten Menſchen im Schiffe.« »Ole betheuerte Louis, »das iſt gewißlich wahr! Ich wuͤrde ihm alles Gold in der Welt anvertrauenz; nichts kann ihn zum Steh⸗ len verlocken. Denken Sie nur nach, als wir bei Ceylon lagen, da fing ich die hubſche kleine Schildkroͤte, von der ſie Alle behaupteten, ſie waͤre ein Stuͤck Holz — ich wußte aber, daß es 'ne Schildkroͤte war. Auf zwanzig Meilen Weite kann ich 'ne Schildkroͤte erken⸗ nen, und wenn ſie nicht mehr Schaale uͤber dem Waßer hervorzeigt, als der Loffel groß iſt; das heißt, wenn die Thiere ſchlafen, denn dabei moͤgen ſie gern die Sonne auf ihren Ruͤcken brennen fuͤhlen, — mogen Sie nicht? Nun, erinnern Sie ſich, wie ich die in's Bvot hob, ſo ſanft, wie ein kleines Kind, daß ſie gar nicht aufwachte. Und als ich ihr darauf mein Meßer unter die Schaale ſchob, ſteckte ſie nur eben ihren huͤbſchen kleinen Kopf hervor, blickte mich an und fuͤhlte, daß mein Meßer ſie kizelte; und ſie hatte grade nur — 38 — Zeit genug, den Kopf wieder zuruͤckzuziehen, als ſie ſchon im Topfe auf dem Feuer war. O! der Schwarze iſt ehrlich und brav! — denn er ſchlug einen Matroſen zu Boden, der ſeinen Loͤffel in die Suppe ſtecken wohlte. Und obgleich ich ihn da ließ, um den Sup⸗ pentopf zu bewachen, tunkte er nicht einmal ſeinen Finger hinein, um ein einziges Mal daran zu lecken. O, gewiß, der iſt der ehr⸗ lichſte Menſch in der Welt! — denn jeder Andere wuͤrde wenigſtens einmal haben lecken wollen, — wuͤrden Sie nicht? — Ein Schwar⸗ zer iſt ein ganz anderer Menſch, als ein Weißer, leckt nicht einmal an der Suppe. Deshalb liebe ich auch den Schwarzen, — thun Sie nicht ?« »Komm, ſagte de »gib uns Lang⸗ kork, und dann nimm die Deckel von den Schuͤßeln.« Als das ausgerichtet war, zog Louis ſich in ſeine Schlafſtaͤtte zuruͤck, wo wir ihn ſein Futter verzehren hoͤrten, gleich einem See⸗ raben, und gruͤnes Fett hinabſchlingen, wie ein Truthahn Nudeln hinunterwuͤrgt. »Wenn das Schiff in Feuer aufginge,« ſagte Aſton, »ſo wuͤrde er ſich nicht von der Stelle ruͤhren, er liegt feſt auf ſeinem Anker. — — Erzählen Sie uns nun, was Sie von Torra wißen, de Ruyter.« »Das iſt bald geſchehen,« gab dieſer zur Antwort, »aber zuvor muß ich Ihnen erzäh⸗ len, was ich vor der lezten Racht von ihm wußte.« Fuͤnftes Kapitel. Ich fühl' mich nicht, als wäre ich ein Menſch, Nein, als ein böſer Geiſt, beſtimmt zu ſtrafen Die Sünden einer unerkannten Wert. Shelley. Du warſt in Gottes Hand die Waffe, zu Gerechter That. Ebend. „Vor achtzehn Monaten lief ich auf der In⸗ ſel Rodriguez ein, um Waßer und Holz ein⸗ zunehmen; und als ich dort in einer der Jungeln jagte, ſcheuchte ich dieſen Burſchen aus einem Schlupfwinkel zwiſchen den Felſen auf. Er war einer der wildeſten und hun⸗ grigſten.« »Was!« rief Louis uͤberlaut, ohne aufzu⸗ ſtehen, aber unter Hervorſtrecken ſeines un⸗ foͤrmlichen Kopfes, Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn, das Schildkroͤtenfett lief ihm aus den Kinnladen herab, und ſeine Au⸗ —— — gen ſtierten hervor, wie die eines Hummers, »was! hungrig! Wenn er hungrig iſt, will ich ihm hiervon geben. Ich kann es nicht Al⸗ les verzehren, und wir haben jezt reichlich am Bord; und ich habe ihn lieb, weil er ein ehrlicher Kerl iſt.« Unſer Gelaͤchter noͤthigte ihn, ſich zuruͤck⸗ zuziehen, und de Ruyter fuhr fort: »Ich hatte meine gezogene Buͤchſe in der Hand, und er konnte mir nicht entfliehen. Ich winkte ihn zu mir, und befragte ihn, als er kam. So gut ich ihn zu verſtehen im Stande war, gab er mir eine ſchreckliche Geſchichte von dem, was er unter einem Hollaͤndiſchen Aufſeher — denn er war Sklave — gelitten hatte, und daß er mit mehren Andern auf der Nordſeite der In⸗ ſel habe Fiſche einſalzen, und Schildkroͤten fangen muͤßen, um ſie nach Jsle de France zu ſchicken. Er war entlaufen, grade als die dazu ausgeſchickte Mannſchaft ihre Ruͤckkehr nach Macao antreten wollte, bevor der Suͤd⸗ Weſt⸗Monſoon endete; von der Zeit an hatte er auf der Inſel von Eiern, Fiſchen und Fruͤch⸗ ten gelebt. Obgleich dies eine oft gehoͤrte Ge⸗ ſchichte war, bedauerte ich ihn doch und nahm ihn an Bord, wo er, wie Sie geſehen haben, ſich ſeitdem immer ſehr gut betrug.« Louis, der ſich nun uͤberfuͤllt hatte, kam wieder zum Vorſchein und empfahl uns drin⸗ gend, ein Glas Schiedam zu trinken, nur um eben die Schildkroͤte ruhig zu halten. »Denn«, ſagte er, vobgleich Sie ſie jezt in Ihren Magen haben, ſtirbt ſie doch erſt bei Sonnenuntergang, weil ſie dieſen Morgen getoͤdtet wurde; ſeitdem Torra fort iſt, habe ich Niemand, der mir helfen könnte. Einer Schildkroͤte ſollte man den Hals jedesmal bei Sonnenuntergang abſchneiden, dann ſtirbt ſie auf der Stelle. Torra weiß das; aber die Andern am Bord ſind alle Dummkoͤpfe und wißen nichts; — thun Sie? Laßen Sie nur eben dieſen kleinen Tropfen hinablaufen, der wird ſie umkehren, und ſie wird bis Son⸗ nenuntergang ſtill bleiben, und Sie werden nichts wieder von ihr hören. Der Franzoͤſt⸗ ſche Wein taugt nur bei der Suppe, wenn kein Madeira da iſt.« Als er uns nicht einreden konnte, daß raͤu⸗ cheriger Genever beßer ſey, als der trefflichſte Bordeauxwein, ſo fuͤllte er, um ſich ſelber behaglich zu machen, eine Kokus⸗Nußſchaale, die er »Segelmachers⸗Fingerhut« nannte, zur Hälfte an, oͤffnete die Schleuſen ſeiner trock⸗ nen Docke, und ließ das Waßer hinein. — — — De Ruyter, der ihn gemeiniglich mehr aufmunterte, als unterbrach, fuhr in ſeiner Erzählung fort: »Als Sie ſchliefen, ging ich zu Torra. Auf mein Befragen erzaͤhlte er mir ſeine Geſchichte. Ich will ſie nacherzaͤhlen, und zwar mit ſei⸗ nen eigenen Worten, ſo gut mein Gedaͤcht⸗ niß dies vermag.« „Thun Sie das ſagte ich, vaber nicht mit Ihrer gewohnten Kuͤrze. Sie ſind der unbarmherzigſte Zerſchneider von Geſchichten Anderer. Ich moͤgte gar zu gern Alles wißen, was dieſen Menſchen betrifft; denn, wie Louis ſagt, ich habe ihn lieb, und es wuͤrde mich ſchmerzen, wenn ich mich in ihm getaͤuſcht haͤtte.« »Ich will ehrlicher ſeyn,« ſagte de Ruy⸗ ter, vals die meiſten Uberſezer ſind; denn, wenn ich es nicht woͤrtlich wiedergebe, ſo ſollen Sie doch den Sinn haben, ohne durch meine Meinungen umgemodelt zu ſeyn, und frei von der Spreu ſcheinheiliger moraliſcher Abſchweifungen, ſeyen dieſe Epiſoden, Vor⸗ reden, Anmerkungen, oder Aufzeichnungen, die ein Narr macht, weil er denkt, daß viele Narren ſie leſen wuͤrden.« »So erzaͤhlte Torra: »Ich bin in einem — Fiſcherdorfe, im nordöſtlichen Theil von Ma⸗ dagascar, in der Bay von Antongil geboren. Mein Vater war ein armer Mann, und nahm eine Frau. Dieſe hatte nur ein Kind, einen kraͤnkelnden Knaben, der nicht viel taugte. Sie wollte ihn nicht arbeiten laßen, und wollte auch nicht mehr Kinder zeugen; und als ſie alt wurde, ward ſie zänkiſch. Sie ſe⸗ hen alſo, daß hier die namliche Art von Weibern zu Hauſe iſt, als in Europa. Beim Werben um ſie, geben ſie uns die weiche pelzfellige Pfote, und die duͤnkt uns ſo ſanft wie Sammt. Dann heirathen wir ſie, und ſogleich ſtrecken die bis dahin eingezogenen Krallen hervor, ihr ſanftes Knurren verwan⸗ delt ſich in drohendes Puſten.« Ich blickte Aſton an, und wir laͤchelten daruͤber, daß de Ruhter ſein zu Anfang ge⸗ gebenes Verſprechen ſobald ſchon vergeßen hatte; er bemerkte das und ſagte: »Beim Himmel! dies iſt nur eine freie Ubertragung oder Nachahmung eines Gleichnißes, welches er wirklich anfuͤhrte. Hören Sie ſeine eigenen Worte: In der Jugend iſt eine Frau gleich einem gruͤnen Kuͤrbiß; ihre Schaale iſt weich und biegſam; wird ſie aber alt, ſo iſt ſie haͤrter, als Eiſenholz. Mein Vater ſpricht nicht zu ſeiner Frau, das hilft nicht; aber wie ein kluger Mann geht er aus und kauft ſich eine andere Frau, und von der bekommt er drei Kinder. Die erſte Frau liebt das nicht, und laͤßt die nicht in das Haus kommen. Er geht alſo auf das andere Ufer vom Waßer und baut ein neues Haus. Hier faͤngt er mehr Fiſche, und handelt mit den Weißen, die dahin kommen. Nun ſieht er ſeine alte Frau gar nicht. Ihr Sohn iſt groß genug zur Ar⸗ beit, und er gibt ihm ein Canve, ein Fiſch⸗ nez und einen Speer. Aber der mag nicht arbeiten, und ſie ſind ſehr arm. »Als ich heranwuchs, ward ich ein guter Fiſcher. Mein Vater liebt mich. Zuweilen gebe ich meinem Bruder Fiſche; und wenn ich keine Fiſche habe, gebe ich ihm Kourie. Da ſahen die Weißen« (unter dieſen verſteht Torra die Franzoſen von Jösle de France), daß der Plaz gut war; ſie ſprachen freund⸗ lich zu meinem Vater, und Viele kommen hin und leben da. Bald nachher fangen ſie Streit an mit meinem Vater. Sie verlangen ſein Land, wo er ſein Brod bauet, um einen feſten Plaz aufzurichten. Mein Vater will das nicht geben, und ſie toͤdten ihn und neh⸗ men das Land, und nehmen meine Mutter — und meine Schweſtern, und machen die zu Sklaven. i »Ich laufe auf die Berge und dann hinuͤber nach Noßi Ibrahim. Da ſind ſehr gute Leute und die haßen die Weißen. Sie ſtehlen auf Waßer, aber nicht auf Land, und machen keine Sklaven. Als ich ihnen erzaͤhlte, daß die Weißen kamen und meinen alten Vater todt ſchlugen, der ihnen ein guter Freund war, da ſagten ſie Alle, das waͤre ihnen lieb, denn mein Vater habe Unrecht gethan, weiße Freunde zu haben. Als ich ihnen aber ſage, daß ſie meine Mutter und meine Schweſtern nahmen und die zu Sklaven machten, da ſagen ſie, das ſey ſehr boͤſe. Dann rufen ſie ein Krieg⸗ Beſprechen und ſagen, ſie wollen mit den weißen Männern reden. Und da ſagt ein al⸗ ter Mann, der ein Freund von meinem Va⸗ ter war: »»Nein, es iſt nicht gut mit ihnen reden. Ihre Worte ſind weiß, wie Morgen, aber ihr Thun iſt ſchwarz, wie Nacht. Es iſt nicht gut, mit ihnen ſprechen. Es iſt gut, ſie Alle todt machen. a« Und nach viel anderem Sprechen ſtimmen ſie mit dem weiſen alten Mann. »Sie nehmen viele große Kriegskähne. Sie ſegeln Alle hinuͤber in der Nacht. Es war kein — Mond und die Nacht dunkel. Der alte Mann liebt dunkle Nacht. »»Denn, «« ſagt er, »»der weiße Mann fuͤrchtet ſich und mag nicht fech⸗ ten im Dunkeln. Ein ſchwarzer Mann iſt die Eule, die in der Nacht die Andern ſieht; ſie aber ſind der wilde Truthahn, der nichts ſieht. Ihr Donner trifft nicht.«« »Die weißen Maͤnner hatten ein Feſt; denn es war der große Tag ihres guten Geiſtes; und in des armen ſchwarzen Mannes Land ſind ſie Alle betrunken. Und als wir hoͤren, daß ſie nicht mehr ſingen, wißen wir, daß ſie ſchlafen, und wir kommen von den Bergen herunter und machen ſie Alle todt. »Meine Freunde nehmen Alles, was ſie finden koͤnnen, und gehen weg. Ich mag da nicht bleiben, nun mein Vater todt iſt. Ich nehme meine Mutter und meine Schweſtern, und gehe nach der andern Seite, wo mein Vater zuerſt lebte. Mein Vater weg, mein Bruder ſcheint ſehr betruͤbt, ſo ſind wir Alle gute Freunde und ich arbeite fuͤr ſie Alle. Mein Bruder geht oft aus, wir wißen nicht wohin; und er bleibt manche Tage weg. »Vier Monden ſpäter gehe ich nach Noßi Ibrahim, den alten Mann zu ſehen; denn er war ein guter Freund und viele Monden al⸗ ter, als ich ſagen kann. Als ich zuruͤckkomme, gehe ich in mein Haus und finde Niemand darin, obwohl es Nacht war. Ich gehe zu meinem Bruder, und der ſtirbt bald vor Kum⸗ mer. Er ſagt mir, daß, als ich wegging, die Maratten in ihren Kriegskaͤhnen kamen, meine Mutter und meine Schweſtern wegnahmen, und weil ſeine alte Mutter zu ihnen ſprach, und ſie nicht viel gut war, ſie todt machten. »»Jezt,«« ſagte er, »»muß ich Feuer machen, um ſie zu verbrennen.«« Voller Traurigkeit gehen wir hin, richten einen Scheiterhaufen zu und die Leiche wird verbrannt. »Dann ſagt mein Bruder zu mir: »es iſt nicht gut weinen; Deine bringen die Weiber nicht zuruͤck.«« »Und ich ſage: »»weshalb nahmen ſie Dich nicht 746 »„Ola« ſagte er, »vich lief auf die Berge und ſie ſahen mich nicht. «« »Ich wollte zuruͤck nach dem alten Manne in Noßi Ibrahim gehen und den um Rath fragen. Aber mein Bruder ſagt: »»Nein, die Leute ſind wenig und arm und verkanfen keine Sklaven. Die Maratten ſind ein großes Volk und die machen viele Sklaven. Sie haßen einander, wie ſchlechte Bruͤder. Unter den — ₰ Maratten ſind einige gute Leute; laß uns zu ihnen gehen; einer von ihnen iſt mein Onkel; der wird zuruͤckbekommen, was Du verloren haſt, denn er hat mich lieb; laß uns gehen und mit ihm ſprechen. «« IMI. 4 — Sechſtes Kapitel. — Geſpenſter, die zulest dazu verdammt, Zu kunden all' das Elend insgeſammt, Was jene Meerestiefen in ſich einen⸗ Zum Schreck der Mäüner, und kür Frau'n zum Weinen. Byron. Ein Muſchelbvot, gewölbt aus hohler Perle⸗ Durchſichtig faſt. S helley. „Das übrige, fuhr de Ruyter fort, „koͤn⸗ nen Sie ſich vorſtellen. Torra, der einfältige Narr, ließ ſich in der Schlinge fangen, und wurde von ſeinem heimtuͤckiſchen Bruder ver⸗ kauft. Dieſer, als der Alteſte, hatte die vä⸗ terlichen Rechte uͤber die Juͤngern geerbt und es ſtand ihm, nach des Volkes Geſezen, die Gewalt zu, welche er benuzte, um ſie Alle zu verkaufen. Seine alte Mutter, weniger teuf⸗ liſch geſinnt, oder vielleicht weil ſie ſich fuͤrch⸗ tete, widerſtand ihm, weshalb er ſelber dieſe erſchlug. Torra ward in Sklaverei nach der — — Inſel Rodriguez geſchickt, die Frauen aber nach Jsle de France. Das Ende von Torra's tragiſcher Geſchichte und ſeine kurzgefaßte Rechtsſazungen kennen Sie bereits. Daruͤber iſt nur noch Folgendes zu bemerken: Als wir geſtern Morgen landeten, ſchwamm er mit ſeinen Meßern an das Land und ſchloß ſich, wie es ſcheint, unſerm Zuge an.« Darauf erwiederte ich: »Torra uͤberraſchte mich wirklich; als wir in der Dunkelheit um⸗ herſtolperten und uͤber die Schlucht zu kom⸗ men ſuchten, war er es, der uns zu einer tiefer abwarts gelegenen Stelle fuͤhrte. Spa⸗ ter var er uns außerordentlich nuͤzlich, indem er uns zu den Waͤllen und Thoren fuͤhrte. Seine ganz unerwartete Dienſtbeflißenheit er⸗ regte mir ſogar den Verdacht, daß er auf eine Liſt ſaͤnne und deshalb behielt ich ihn ſcharf im Auge. Als wir aber am Morgen eindrangen, nachdem das Zeichen gegeben war, da ſchwanden meine Zweifel voͤllig; denn er war bei weitem der Thaͤtigſte von uns Al⸗ len. Wiewohl mich das damals in Erſtaunen ſezte, verſtehe ich doch jezt ſein Rachegefuͤhl gegen die Maratten. Waͤhrend ich einen ihrer Waͤchter bei der Kehle feſthielt, um zu verhin⸗ dern, daß erdenen in der Stadt Kunde zurufe, — — hatte Torra in groͤßter Geſchwindigkeit und auf viel wirkſamere Weiſe drei andere Gefaͤhrten zum Schweigen gebracht, ich glaube wirklich, noch ehe ſie erwacht waren. Sodann brach er mit) Gewalt den zweiten Eingang durch, der zun Innern der Stadt fuͤhrte. Von da an verlor ich ihn aus dem Geſichte, bis ich ſeine Ge⸗ ſtalt vom Kopf bis zu den Fuͤßen in Blut gebadet, aus einer Huͤtte in die andere ſtuͤr⸗ zen ſah. Wo er ſich blicken ließ, da zitterte die Luft von durchdringendem Angſtgeſchrei und Geheul, bis Alles wieder ſtill geworden. Ich glaubte, der Menſch ſey toll geworden, und feuerte endlich eine Kugel an ihm hin, denn es war ganz umſonſt, mit ihm zu ſpre⸗ chen; dadurch brachte ich ſein triumphirendes Kriegsgeſchrei zum Schweigen.« »Aber von ſeinem Zuſammentreffen mit dem Bruder,« ſagte Aſton, »haben Sie uns nichts erzahlt.« „Ja, das war ganz bruͤderlich, entgeg⸗ nete de Ruyter. »Doch, ich vergaß zu bemer⸗ ken, daß er ein Traͤumer iſt und Luftbilder ſieht. Es iſt kein Wunder, daß ich Torra's Traͤume vergaß, weil ich mich meiner eigenen nie erinnere. Beim Jupiter! es iſt hoͤchſt wun⸗ derbar und verdient aufbewahrt zu werden. So ſprach Torra: »In der Maratten⸗Stadt ſuche ich uͤberall „nach meinem boͤſen Bruder, aber ich finde ihn nicht. Da brannte mein Kopf und mein Blut wie Feuer. Ich toͤdte Alle, die ich finde. Ich wuͤnſche zu ſterben, aber niemand hält mir Stand. Alles flieht vor Torra, vor ei⸗ nem Menſchen, der nichts als ein Meßer hat, waͤhrend die doch Schwerdte und Dolche und Feuergewehre haben. Eiſen ſchlaͤgt und ſchadet mir nicht; Schuͤße verwunden Torra nicht. »Als ich wieder an Bord komme, bin ich krank und erhizt, und lege mich in die Haͤng⸗ matte im Vordertheile, aber nicht um zu ſchla⸗ fen. Ich habe zu viel Schmerz, um ſchlafen zu koͤnnen. Ich lege mich hin und ſchaue auf das Meer, und da ſehe ich meinen alten Va⸗ ter, in einer großen Muſchel mit ſeinem Fi⸗ ſcherneze in der Hand vom Meergrunde her⸗ aufkommen. Er ſieht mich an und ſagt: Torra, mein Sohn! »Ich verſuche zu antworten, aber ich kann nicht. »Darauf ſagt er: deine Mutter, deine Schweſtern, wo ſind ſie? »Ich verſuche zu ſagen, ſie ſind Sklaven bei den weißen Männern. »Er verſteht mich und ſagt: nein Torra, ſie ſind frei; ſchau' hier! du biſt ein Sklave, mein Sohn, aber ſie ſind bei mir! — und ich ſah ſie alle drei in der Muſchel. »Darauf ſagt er: dein Bruder, wo iſt 3 »Ich verſuche zu antworten: ich weiß nicht; — als ein alter, runzlicher, weißer Mann, der in ſchwarzen Wolken lebt, mit einem großen Feuerbrand kommt und ſagt: wo iſt er? „Mein Vater ſchuͤttelt ſein Fiſchernez und ſagt wiederum: wo iſt er? Torra, du biſt ein boͤſer Sohn und ein falſcher Bruder dei⸗ ner Schweſtern, weil du deinen boͤſen Bru⸗ der nicht zu dem Quälgeiſte ſchickſt, der mir befiehlt, mein Nez nach ihm auszuſtellen; und bis ich ihn fange, haben wir keine Ruhe, keinen Frieden, muͤßen ihn uͤberall verfolgen; und nun finde ich, daß er mit dir im Schiffe iſt, und er allein von allen meinen Bluts⸗ verwandten kann ſchlafen. Torra hat das Ge⸗ 1 ſez des Landes ſeiner Väter gebrochen und vergeßen; Blut um Blut! »Nun wirft mein Vater ſein Nez hierhin und dorthin, und der weiße Daͤmon in der Wolke ſchuͤttelt ſeinen Speer und ruft meinen Bruder bei Namen, — Schrondoo! »Ich wende mich um und ſehe nach der an⸗ deren Seite, und gewahre meinen Bruder ſchlafend, wie mein Vater ſagte. Ich gehe hin auf das Verdeck; ich ſtehe uͤber ihm; und als ich gewiß davon bin, daß er es iſt, toͤdte ich ihn. Und ich ſehe durch die Luke auf die Fluth und ſehe, wie mein Vater ſeinen Geiſt im Neze faͤngt, und der weiße Daͤmon ſpießt ihn auf ſeinen Speer. Alle ſchreien und klat⸗ ſchen in die Haͤnde; die Muſchel verſinkt ins Meer und der weiße Dämon iſt i mehr zu ſehen la »So war Torra's Wahnbild, — was den⸗ ken Sie davon? Ich verſichere Sie, der Menſch ſpricht im vollen Ernſte, denn er bittet mich, ihn uͤber Bord gehen zu laßen zu ſeinem Va⸗ ter, — ich meine aber, daß die Muſchel ohne⸗ hin ſchon reichlich beſchwert iſt.« »Armer Menſch!« ſagte Aſton, »er iſt hart behandelt und ſein Ungluͤck hat das Wenige von Verſtand aufgezehrt, was er beſaß.« »Beim Himmel!« rief ich aus, vich weiß nicht, was Sie wenig nennen; der Weiſeſte aus dem Alterthume wuͤrde ſeine Beſinnung in ſolch einem Falle verloren haben. Was das Toͤdten ſeines Bruders betrifft, wenn er eine Myriade ſolcher Schurken umgebracht hätte, verdiente er Belohnung und nicht Strafe.« »Sehr wahr,« bemerkte de Ruyter, »aber menſchliche Vorurtheile muͤßen die Wagſchaale der Gerechtigkeit regeln. Unſer Schiffsvolk wuͤrde Meuterei anfangen, wenn ich Torra verzeihen wollte. Sein Bruder, als der Erſt⸗ geborene, hatte patriarchaliſche Rechte und konnte ſeine ganze Sippſchaft verkaufen. Auf der andern Seite moͤgte des Vaters Befehl, wiewohl nur im Traume, Torra's Mordthat rechtfertigen; weil aber der Vater nicht hier iſt, um Zeugniß abzulegen, ſo muß Torra's Blut jezt fuͤr das von ihm vergoßene buͤßen.« »Sicher beabſichtigen Sie das nicht!« rief ſch eifrig aus. „Gewiß nicht entgegnete er, »wir muͤſ⸗ ſen aber den Schein davon annehmen und eine Gelegenheit ergreifen, ihn entfliehen zu laßen, wenn wir uns dem Lande nähern.« Dies war jedoch unnoͤthig, denn zwei Tage ſpaͤter, als Torra mit gebundenen Haͤnden und unter Aufſicht einer Schildwache laͤngs dem Borderbug hinging, blickte er in die Flu⸗ then, rief: »da iſt er und wartet auf mich! ich komme, Vater!« damit ſprang er hinab, — — — 5 — und das Schiff fuhr uͤber ihn hin. Unnäz war jeder Verſuch zu ſeiner Rettung, denn das Gewicht ſeiner Ketten ſenkte ihn zu Grunde, als waͤre er Blei. Dieſes armen Menſchen Geſchichte und truͤb⸗ ſeliges Ende machten uns Alle fuͤr einige Zeit traurig. Aſton, der einen Schatten von See⸗ fahrer⸗Glauben an Traͤume und Vorzeichen beſaß, gab ſich bei unſerer Ankunft auf Jsle de France Muͤhe, herauszubringen, ob der Theil von Torra's Traum oder Luftbild, der ſich auf den Tod ſeiner Mutter und ſeiner Schweſtern bezog, Wirklichkeit enthalte. Auf dem Gouvernementshauſe wurde ein Verzeich⸗ niß der geſtorbenen Sklaven gefuͤhrt, aus dieſem erſah er nicht nur deren wirklichen Tod, ſondern es ging auch aus der Verglei⸗ chung mit unſerm Loggbuche hervor, daß ſie alle drei innerhalb der vier und zwanzig Stun⸗ den umgekommen waren, in welchen Torra ſie auf dem Meere geſehen hatte; ein Boot, in welchem ſie nach der Inſel Bourbon gefuͤhrt werden ſollten, war zu Grunde gegangen und ſie ertranken. Ich brauche nicht hinzuzuſezen, daß Aſton's Glaube von nun an unerſchuͤtterlich war. Siebentes Kapitel. — Wobei er nahm ein enges Flim ſthes Glas, Hernach, für Admiral de Witt's erkannt⸗ Mit Kennerblick bewunde te er das, und fullt's, mit beſtem Clairet, hoch zum Rand, Sturzt ſchnelt, behend es um in ſeiner Hand⸗ Bevor des Weines geiſt'ge Perle plazt, Geſchickt den Mund er dabei ſpist' und wand, Den Wein zu ſchlürfen; »der im Hals nicht krast« Sagt'er, blickt freundtich um, und mit den Lippen ſchmatt. Keats. ⸗ Wir befanden uns in den weſtlichen Paßat⸗ winden, und glitten luſtig in Geſellſchaft der Korvette dahin, nachdem wir beſchloßen hatten, in Port⸗Bourbon auf der ſuͤdoͤſtlichen Kuͤſte der Inſel Mauritius einzulaufen, weil die Englander den nordweſtlichen Hafen blo⸗ kirten. »Port⸗Bourbon,« ſagte de Ruyter, »iſt der beſte Hafen zum Einlaufen, weil er auf der Windſeite liegt; aber es hält ſchwer, heraus * . — — zu kommen. Inzwiſchen iſt es ein ſchoͤner Ha⸗ fen, und wir muͤßen den Nordweſt⸗Monſoon, der im Begriff iſt, anzuheben, dort abwar⸗ ten. Zudem werden wir auch naͤher bei mei⸗ ner Heimath, und ganz in Ruhe ſeyn, weil nur wenige Schiffe dort ſind und geringer Handel in Port⸗Bourbon mit dem leewärts gelegenen Port⸗Louis getrieben wird.« Nachdem wir vinige Tage wieder auf See geweſen, wollte ich meiner kleinen Gefan⸗ genen einen Beſuch machen; nicht als haͤtte ich ſie bisher vernachlaͤßigt, denn ich hatte ihr meine eigene, verhaͤltnißmaͤßig behagliche Kajuͤte eingeraͤumt, und dem guten Rals den Auftrag gegeben, alle zu ihres Vaters Stamme oder Gefolge Gehoͤrenden am Bord auszu⸗ ſuchen. Ihn ſelber, der durch ſeinen Rang und ſein Alter bevorrechtet war, ſchickte ich zu ihr, daß er mit ihr rede, ihr die Ver⸗ ſicherung gebe, daß es ihr an nichts fehlen, daß alle ihre Wuͤnſche erfuͤllt werden ſollen. Er ſagte mir, daß ſchon drei Frauen bei ihr waͤren, die mit ihr in ihres Vaters Schiffe geweſen ſeyen; daß er einige Ge⸗ genſtaͤnde, deren ſie bedurfte, zuſammen ge⸗ ſucht habe, und daß ſie ſich in einigen Ta⸗ gen beßer befinden wuͤrde. Der alte Rais „ 6 — hatte wirklich, weil ihr Vater nicht nur ein Araber, ſondern Schaich eines Stammes im Perſiſchen Golphe, unfern ſeines eigenen Lan⸗ des, geweſen wer, alle meine Wuͤnſche zum Voraus befriedigt. Er ſagte: »Ich muß fuͤr ſie eben ſo ſor⸗ gen, als fuͤr mein eigenes Kind; denn wir ſind Alle Bruder.« De Ruyter, der in der Nähe ſtand und unſer Geſpraͤch angehört hatte, begann nun mit dem Rals zu ſprechen, und redete ihn mit dem Namen »Vater« an; denn ſo nannte er ihn immer, der den Befehl uͤber die Araber am Bord fuͤhrte und ſchon lange mit ihm gefah⸗ ren war. Er befragte den Rais um alles, was deßen Mannſchaft betraf, und widerſezte ſich niemals der Ausuͤbung ihrer Gebräuche. Bei ſeinem geheimen Einlaufen in Engliſche Hä⸗ ſen ging der Befehl ſcheinbar ganz auf den alten Araber uͤber, während de Ruyter ſich fuͤr einen Kaufmann ausgab, entweder fuͤr einen Perſer, Armenier oder Amerikaner, wie die Umſtände das erforderten, denn ihm war das ganz gleich. »Ich habe dieſem jungen Menſchen geſagt, Vater,« ſagte er zu dem Rais, »daß die Arabiſche Jungfrau geſezmaͤßig und nach Eu⸗ — 61 — ver Landesſitte, in der allerfeierlichſten Weiſe, ſeine Frau ſey. Iſt dem nicht ſo? Belehrt ihn. 4 Der alte Rals hatte von den genesn die zugegen geweſen, alle die einzelnen Umſtaͤnde bei des Vaters Tode vernommen, und ſprach: »Auf das Allergewißeſte, Malek; wer koͤnnte daran zweifeln 2 Gleichwohl klang es mir ſehr fremde, als ich es hoͤrte. So alt ich geworden bin, iſt es das erſtemal, daß ich hoͤrte, ein Arabiſcher Schaich, deßen Ahnen ſo zahllos ſind, als die Sandkoͤrner in der großen Wuͤſte, ſeine Tochter ſo vergiebt, das Blut der Erſten des Menſchengeſchlechtes mit dem eines Unglaͤubigen aus einem Lande ver⸗ miſcht, das erſt ſo kuͤrzlich entdeckt iſt, von dem unſere Vaͤter nichts wußten, und deßen Daſeyn ihr Vater nicht einmal kennen konnte; verſchenkt an einen Ghiaur! »Bah!« erwiederte de Ruyter, »der Vater erkannte ihn als einen Araber. Was ſollte er ſonſt ſeyn? Sieht er aus wie ein Chriſt? Hat er nicht den Koran in ſeiner Kajuͤte? — Kommen Sie«, ſagte er zu mir, »ſprechen Sie Ihren Namaz.« »Weiſe ſeyd Ihr, Malek, hob der Rais wieder an, »das iſt die Wahrheit. — Es iſt — — 2 2 ——— — ⸗ 2 auch gar nicht befremdlich, daß ihr Vater ſo gedacht hat; und ich bin ein unwißender Menſch, wenn ſein Vater nicht ein geborner Araber, oder von Arabiſcher Abkunft war; denn nie⸗ mals habe ich einen von Euern Abendländern ſo von der Sonne verbrannt und ſolcher Ge⸗ ſichtsbildung geſehen, als dieſen Juͤngling. Er iſt ehrlich und tapfer, liebt unſer Volk, ficht mit unſern Waffen und folgt unſern Ge⸗ braͤuchen. Ihr ſeht, die Natur bricht bei ihm hervor. Nun er durch den Segen Mahomets, unſers heiligen Propheten, ein Arabiſches Weib beſizt, hoffe ich, er wird den Stamm ſeiner Vorfahren ausfinden, und nicht, gleich ſeinem thoͤrichten Vater, von ſeinem Lande wegziehen, um auf weißen Felſen im Meere zu leben.« Dies ward ſo ernſthaft geſagt, und de Ruy⸗ ter, der ſein Lachen verbarg, ſprach ſo gelehrt . uͤber den Gegenſtand, daß ich begann, an meiner Identität zu zweifeln. Der Rais legte zudem noch beſonderes Ge⸗ wicht darauf, daß des Maͤdchens Vater un⸗ ſere Haͤnde vereinte, als er unter dem Schat⸗ ten des Todes weilte, zu welchem Zeitpunkte zwar entfernte Dinge undeutlich werden, aber alles in der Nähe ſich wunderbarlich entfaltet, ſo weit es mit den Geheimnißen der andern 6 — Welt in Bezug ſteht, die uns Lebenden ſo wahn⸗ bildneriſch erſcheint, als Geſpenſter in einem Traume, die uns aber klar und deutlich wird, ſobald wir zwiſchen Leben und Tod ſchwanken. »Deshalb, ſagte er, »konnte ihr Vater ſich in dem Augenblicke nicht taͤuſchen. Er wußte, in weßen Haͤnde er ſeine Tochter, die Hoff⸗ nung ſeines Hauſes, und die Sorge fuͤr ſeine Kinder uͤbergab.« »Welche Kinder?« fragte Aſton, »hat er noch mehr Kinder 7« Schon begann ich zu fuͤhlen, in welchen ſchwierigen Zuſtand ich verſezt worden; — Frau, Kinder, und der Himmel weiß, was ſonſt noch! »inder?« wiederholte der Rais, »v ja, aber nicht viele; denn er war ein tapferer, verzweifelter Krieger, und die meiſten ſeines Stammes ſind in Kriegen aufgerieben mit Voͤl⸗ kerſchaften, die den Marratten gleichen, die ſein Dorf auspluͤnderten, und faſt Alle er⸗ ſchlugen. Jezt hat er nicht mehr als zwanzig oder dreißig.« »Wahrlich genug!« rief Aſton aus. »Ich halte es fuͤr mehr als genug,« ſagte de Ruyter, und dann Louis Manier mend, »Sie nicht 2« — 6 — Ich vermuthe, daß ich gar nicht ſehr be⸗ geiſtert bei dieſer Beſprechung ausſah, und ich begann zu gewahren, daß es Ernſt damit ſey; vielleicht glich ich einer von Louis ſchoͤ⸗ nen Schildkröten, nachdem ihr der Hals ab⸗ geſchnitten war. Inzwiſchen ward ich dadurch etwas getroͤſtet, daß ich entdeckte, dieſe Kin⸗ der wären keine leibliche von ihm, welche lezte Alle durch die Krie ſen der Feinde aus dem Wege geräumt waren, — ſondern es ſey mit dem Ausdruck ſein Stamm gemeint, — ganz ſo, wie der Rals alle am Bord be⸗ findlichen Araber ſeine Kinder nannte, ja zu⸗ weilen ſogar, wenn er recht mit uns zufrie⸗ den war, de Ruyter und mich zu ihnen zählte. De Ruyter verſicherte mich mit voͤlligem Ernſte und unter Entfernung alles Scherzes, daß, genau genommen⸗ alles, was der alte Rals geſagt habe, ſo wahr ſey, als der Ko⸗ ran. »Aber, ſezte er hinzu, »der Koran iſt Ihnen nichts, und das Arabiſche Geſez iſt nicht das Ihrige.« »Wahr; aber in wie fern findet es auf ſie ſeine Anwendung ?« fragte ich⸗ „Nur ſo weit, daß ſie keinen Anderen hei⸗ rathen darf, weil ihr Vater ſie mit Ihnen verlobte. Deshalb muͤßen Sie ſowohl aus — Pflicht, als aus Menſchlichkeit fuͤr ſie ſor⸗ gen, und ſie, mit ihren Arabern, nach ihrem Geburtslande zuruͤckbringen. Ich weiß, daß Sie außer der Ehre auch andere Gefuͤhle ken⸗ nen, und daß dieſe niemals das leitende Steuer verlaßen werden, welchen Lauf zu nehmen Sie auch beſtimmt ſeyn moͤgen. Ich habe Ihnen, mein lieber Freund, nie meinen dienſt⸗ beflißenen Rathſchlag aufgedraͤngt, und werde das nie thun, weil der, gleich Eiſen, nur von einem Straußenmagen verdaut werden kann. Zudem ſind Sie keiner von denen, die fuͤr ſich ſelber, fuͤr ihre Sekte oder fuͤr ihr Geburtsland — wie das nur zu Viele Ihrer Landsleute thun — alles Gute und jede Tu⸗ gend unter der Sonne in Anſpruch nehmen. Auf den Sandebenen dieſer ungebildeten Kin⸗ der der Wuͤſte iſt das Licht nicht minder ſtrah⸗ lend, weil es nicht verdunkelt wird durch das, was man fälſchlich Geſittung nennt. Wiewohl ſie nicht gewaͤrmt und gekaͤltet wer⸗ den vom naͤmlichen Sommer und Winter, wie nach des alten Shylock Ausſpruch die Juden und die Chriſten, ſo bluten ſie doch, wenn ſie geſtochen werden, — und ſo fort. — Sie verſtehen mich. — Kommen Sie alſo mit herab, und laßen Sie uns nach dieſer II. * 5 65 — Unterſuchung ein Glas Bordeaurwein unter⸗ ſuchen; deßen Erzeugniß zugleich mit dem von Bartſcheerern, Taͤnzern, Geigern, Koͤ⸗ chen, Zufuͤhrern und feilen Weibern der einzig wahre Vortheil iſt, den Frankreich der Welt zugebracht hat, wie Voltaire dies in ſeinen »Lettres aux Welches« gruͤndlich erwei⸗ ſet. Wenn irgend ein Franzoſe in den Him⸗ mel zu gelangen hofft, ſo muß es vermoͤge der Ausübung einer dieſer Vorzuͤge ſeyn⸗« Nachher fragte Aſton mich, was ich in die⸗ ſer Angelegenheit zu thun, willens ſey? »Thun?« erwiederte ich, »haben Sie denn nicht gehoͤrt; Alles iſt ſchon gethan!« Wie ſo, gethan ?« „Nun, ich bin verheirathet — ohne Auf⸗ gebot und ohne andere Saalbaderei. Es gleicht der erſten Empfindung im Bade; Schuͤchterne, die langſam und ſtufenweis hineinkriechen, leiden am meiſten; die Kuͤhnen, die uͤber Kopf hineinſpringen, fuͤhlen es kaum. Ich bin kein Angſtlicher! Wenn ich hinein muß, ſo gebe man mir tiefes Waßer, und eine Erhoͤhung, von der ich herabſpringe; alsdann werde ich ſo wenig meinen Fuß verwunden, als den kalten Anſtoß fuͤhlen.« „Bedenken Sie aber doch, daß ſie nur ein — 67 — Kind iſt, und daß Sie dieſes Kind kaum an⸗ geblickt haben« »Nun, welcher Araber ſieht ſeine Frau, be⸗ vor er geheirathet iſt?« »Wie koͤnnen Sie ſie nach der Heimath fuͤh⸗ ren? Denn gewiß wollen Sie Ihr ganzes Le⸗ ben nicht mit Arabern verbringen 2« »Weshalb nicht? Ich habe keine Heimath. Der alte Vater Rais ſagt, Arabien ſey mein Land; und ich mag es leiden, — mir iſt die Sonne viel lieber, als der Schnee. Hoͤren Sie, Aſton, verziehen Sie Ihr Geſicht nicht gleich einem ſcheinheil'gen Pfaffen auf der Kanzel, der ſeine Pfarrkinder vor Fleiſches⸗ Suͤnden und Teufelswerken verwarnt. Fort mit den Runzeln, Bordeaur ſoll ſie abſpuͤlen. Haben Sie nicht gehoͤrt, heute iſt mein Hoch⸗ zeittag. Spenden wir den in Froͤhlichkeit. Ich haße Predigten, und mag Wein.« So verbrachten wir unſere Zeit mit Cal⸗ lian, Scharuht und Bordeaur⸗Wein; de Ruyter und Aſton verſpotteten mich mit mei⸗ ner neumodigen Heirath. Mein Geiſt war zu kräftig, um durch eine ſolche Kleinigkeit gebrochen zu werden, als mich damals Hei⸗ rath duͤnkte. Sobald Louis davon gehoͤrt hatte, ſagte der: »Ich habe auch mal 'ne Frow gehabt, aber ſie war niemals viel werth. Wenn ich zur See ging, trank ſie alle meinen Genever aus. Nicht 'nen Tropfen guten Schiedam konnte ich im Hauſe bewah⸗ ren. Das konnte ich nicht leiden; haͤtten Sie gekonnt? Sie ward ſehr dick, und jedermann ſagte, ſie ſey ſchwanger; ich aber wußte, daß, wenn ſie irgend etwas truͤge, ſo muͤßten das junge Fäßchen voll Hollaͤndiſchen Genever ſeyn. Spater glaubten die Doktors das auch; denn die zapften — wie ſie das nennen — ſie oͤftermals. Aber die hatte ſtarkes Getraͤnk viel zu lieb, um es von ſich zu geben; die Doktors bekamen nichts, als Waßer. Dies hätte ich nie glauben koͤnnen, hätten Sie? Denn in ihrem ganzen Leben hatte ich ſie kein Waßer anruͤhren ſehen; ſie konnte nicht einmal den Anblick davon ertragen, und ſagte, es mache ihr Kaͤlte im Magen. Ich verließ ſie, und ging wieder zur See, weil ich wußte, daß ſie mir auf's Waßer nicht folgen werde; ſie aber war betruͤbt, und krank, und ſchwermuͤthig, die arme Frau, — aus Kummer daruͤber, daß ſie keinen Gene⸗ ver mehr bekommen konnte; den hatte ich alle mitgenommen« Achtes Kapitel. Für Deinen offnen Schlund und Schlotterbauch Steht Futter hier bereit auf jeder Seite; Gekocht, gebraten und geſchmortes Fleiſch, Du masſt's zerhacken, reißen oder kauen. Shelley. Mnn kam van Scolpveldt mit dem Ver⸗ zeichniße der Kranken und Verwundeten herab. Er war ſo ſehr beſchäftigt, daß wir ihn nur ſelten ſahen, mit Ausnahme ſeines Kopfes, den er gelegentlich aus der Luke hervorſchob, um Luft zu ſchoͤpfen, wie der Nordkaper den ſeinigen uͤber das Waßer hervorſtreckt. Er erlaͤuterte uns das Geſez in Betreff von Moͤr⸗ dern, deren Leichname, in allen geſitteten Staa⸗ ten, dem Zergliedern uͤbergeben wuͤrden; des⸗ halb folgerte er, daß Moͤrder durch Beforde⸗ rung der Wißenſchaft viel mehr Gutes, als Boͤſes in der Welt ſtifteten, und daß es ———— ein Jammer ſey, daß ſo wenig Morde veruͤbt würden. Darauf beſchuldigte er uns einer Verſchwoͤrung, um die Beſtrebungen wißen⸗ ſchaftlicher Männer zu vereiteln, nicht nur dadurch, daß wir uns den Amputationen widerſezten, ſondern auch durch unſer Ein⸗ verſtaͤndniß truͤgeriſchen Raub geſtatteten, der ihm eine Zergliederung nach dem Tode entzogen habe. »Hätten Sie, ſagte er, »kurz die Sache abgemacht, wie Sie bei andern Vorfaͤllen thun, ſo wuͤrde Torra, der ein ſehr ſchoͤn geſtaltetes Subjekt war, augenblicklich ge⸗ haͤngt, und mir ſein Koͤrper zugefallen ſeyn. 6 Ich hielt ihn fuͤr einen ehrlichen Burſchen, finde aber, daß er war, wie alle Andern ſind, die ſich verſchwoͤren, den Doktor zu betriegen; dies hat er dadurch gethan, daß er 1 ſich ſelber den Fiſchen hinwarf, als er mein mir geſezlich zukommendes Eigenthum war-« Mit einem Glaſe voll aus Louis Flaſche kehrte er zu ſeinen Kranken zuruͤck. »Ach!le ſagte Lonis, »ſaͤhe ich ihn dies nicht von Zeit zu Zeit trinken und ſeine Pfeife rauchen, ſo wollt' ich nicht glauben, daß er ein lebendiger Menſch wäͤre. Aber Jedermann mag von dieſem Tranke leben⸗ — er hielt die Geneverflaſche in die Hohe — »koͤnnen Sie nicht? Denn der iſt wie Hl und ſtarker Geiſt zu gleicher Zeit; das eine erhaͤlt den Koͤrper, der andere die Seele; thun ſie nicht 24 »Ja,« ſagte ich, »wenn ich von Zeit zu Zeit etwas Schildkroͤte dabei bekaͤme, ſo glaube ich, davon leben zu koͤnnen. Was meinſt Du, Louis, giebt es im Himmel Schildkroͤten 2« Ich beſtehe darauf, daß ſie da ſind,« war ſeine Antwort, »wer wollte ſich ſonſt auch in den Himmel wuͤnſchen; — wollten Sie? — Es gibt kein Paradies ohne Schildkroͤte; — gibt es? Und denn iſt im Monde auch viel Waßer, wo kame ſonſt der Regen her? — Alſo muß dort auch Genever ſeyn, um die Feuchtigkeit abzuhalten.« Ich ging auf's Verdeck, um die erſte Wache abzuhalten. Von Louis und von Schildkroͤ⸗ ten wandten ſich meine Gedanken auf meine kleine Turteltaube im Kaͤfich. Weil ich damals nur allein die Sonnenſeite der Dinge betrach⸗ tete, ſo erſchien mir Alles glaͤnzend. Es war mir, als naͤhme ich an Geſtalt und gewichti⸗ gem Umfange zu. Meine Gedanken folgten beinahe einer Richtung mit denen Alnaſchar's, des Bruders vom plandernden Varbier, des fabelhaften Glasverkäufers, einbildungskräf⸗ tigen Andenkens; denn meine Wahnbilder verloren ſich in Unſinn, wie die ſeinigen. Ich beſchloß Anfangs, ein guͤtiger und liebe⸗ voller, ſodann ein ſtrenger und ernſter, oder aber abwechſelnd, ein guͤtiger und ein grau⸗ ſamer Ehemann zu ſeyn. Wiewohl ich mir die allerſonderbarſten Dinge erſann, war doch ſo viel gewiß, daß auch nicht ein einzi⸗ ger Strahl nuzbaren oder vernuͤnftigen Lich⸗ tes meine mitternaͤchtigen Traäumereien auf⸗ hellte. Die Schiffsglocke ſchlug zwoͤlf; ich ward in meinem Dienſt abgeloͤſet. Die Sor⸗ gen eines verheiratheten Lebenszuſtandes ſtoͤr⸗ ten meinen Schlaf nicht im mindeſten. Jezt wundere ich mich daruͤber, daß ich ſo geſun⸗ den Schlaf hatte. Ich erwachte, weil van Scolpveldt mich am Beine ruͤttelte. Sogleich ſprang ich in die Hoͤhe und ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden; denn ich beſorgte, er moͤge waͤhrend meines Schlafes eine Operation an mir vor⸗ genommen haben. — »Was gibt's, van Scolpveldt,« fragte ich⸗ »Nun, was ſprechen Sie viel davon? Ei⸗ ner der Gefangenen, ein Araber, iſt dem Tode nahe und verlangt Sie zu ſehen!« Ich tauchte den Kopf in einen Eimer See⸗ waßer, und folgte dem Doktor. Wiewohl Louis mir mit einem Stuͤcke heißgebratener Schildkroͤte entgegen trat, und mich auffor⸗ derte, dies zuvor zu eßen, weil es gefaͤhrlich waͤre, mit leerem Magen an ein Krankenbett zu treten, ging ich dennoch hinab; der ge⸗ faͤhrlich verwundete Mann wollte mir nur ſagen, ich ſolle gegen die Tochter ſeines Va⸗ ters guͤtig ſeyn, ich moͤge ihn dieſe ſehen laßen bevor er ſtuͤrbe, damit er irgend eine Beſtellung an ihren Vater ausrichten koͤnne, bei dem er bald ſeyn werde; denn ſchon ſehe er den blauen Todesengel uͤber ſich ſchweben, der ihn hinauf tragen werde; auch forderte er mich auf, ſeinen zwei Frauen und fuͤnf Kindern ein Vater zu ſeyn, und dieſen zu ſagen, ſie muͤßen, »Iſchallah!« (gefall' es Gott!) ihren Krieg gegen die Maratten un⸗ aufhoͤrlich fortſezen; denn ſo lange einer da⸗ von am Leben bliebe, wuͤrde ihres Vaters Geiſt vom Himmel ausgeſchloßen ſeyn; end⸗ lich ſolle ich ihn in das Meer verſenken, mit allen den in ſeinem Lande uͤblichen heiligen Gebraͤuchen, und nicht geſtatten, daß der weiße Indier mit ſeinem langen Meßer — dabei dentete er auf van Scolpveldt — ihn ſtal⸗ piere oder an ihm ſchneide. »Denn,« ſagte er, »wenn der mir hier ein Stuͤck Fleiſch aus⸗ ſchneidet, um es zu eßen, ſo werde ich in jenem andern Lande nicht mehr zum Krieger tauglich ſeyn.« Van Scolpveldt verzerrte ſein Geſicht in einem Gemiſch von Staunen, Abſcheu und Grimm, er heulte und knurrte, wie eine Hyaͤne. Ich glaube, daß die Furcht vor dem Doktor des Arabers Geiſt noch ſchneller da⸗ von trieb, ſein glaſiges Auge zeigte vorhin ſchon des Todes Nähe, und das Leben ver⸗ ließ ihn, waͤhrend ich bemuͤht war, van Scolpveldt's Zorn zu beſaͤnftigen. Ich gebot den Arabern, die Leiche zu be⸗ wachen. Sie errichteten eine Ruheſtaͤtte von Segeltuch, legten den Todten darauf, und wiederholten alle die fruͤher ſchon von mir er⸗ zählten Feierlichkeiten; nur der Unterſchied be⸗ ſtand jezt darin, daß ich genothigt war, ein Mithandelnder bei ihren Myſterien zu ſeyn. So war ich nun wie durch Zauberſchlag aus einem freundloſen, verſtoßenen, unbändigen, abendlaͤndiſchen Knaben, ohne verwandtſchaft⸗ liches Band noch Heimath, zu einem Schaich, Araber, Muſelmanne und Ehegatten umge⸗ wandelt. Um einen Begriff davon zu geben, — — 5 wie ſehr dieſe übergaͤnge — mindeſtens der leztgenannte, welcher die andern gleichſam beherrſchte — auf meinem Gemuͤthe laſteten, muß ich anfuͤhren, daß ich meine Frau von keinem andern Maͤdchen oder Frauenzimmer haͤtte unterſcheiden koͤnnen. Mit ihrem Vater war ich damals zu ſehr beſchaͤftigt geweſen, und ihr Kopf und Geſicht waren faſt immer ver⸗ ſchleiert geblieben, ſo daß ich ihre Geſichtszuͤge weder erblickt noch bemerkt hatte. Nicht ein⸗ mal ihren Namen kannte ich. Allerdings be⸗ ſaß ich einen Koran; wo aber mein ange⸗ nommenes Vaterland ſey, das wußte ich nicht., Der erſte Schritt, den ich that, war, wie mich damals duͤnkte und wie ich noch jezt meine, der richtige; — ich ſuchte in Betreff der jungen Dame Erkundigungen einzuziehen. Deshalb erfuhr ich nun bald, um in gehoͤri⸗ ger Ordnung anzufangen, daß ihr Name Zela ſey. Dieſer, damals in ſchwachen Zuͤ⸗ gen meinem Gedaͤchtniße eingepragte Name, wird tief und unausloͤſchlich meinem Herzen eingegraben gefunden werden, wenn ich ſterbe. Sollte irgend ein wißbegieriger van Scolp⸗ veldt wuͤnſchen, mein Inneres zu ſehen, dann gebe ich dem, doch am liebſten dem wahren van Scolpveldt ſelber, wenn der alsdann — 5 noch leben ſollte, gern die Verwilligung, der Welt zu beweiſen, daß ich jenen unbegraͤnz⸗ ten Haß gegen die Wißenſchaft nicht beſize, den er mir ſo oft vorgeworfen hat. Er ſoll finden, daß meinem lezten Willen ein Kodi⸗ zill angehaͤngt iſt, in welchem ich ausdruͤcklich vorſchreibe, daß mein Koͤrper, aufbewahrt in einem Orhoeft echten Schiedam, nach Amſter⸗ dam geſchickt werden ſolle, wo van Scolp⸗ veldt lebte als ich zulezt von ihm hoͤrte; die Leiche beſtimme ich fuͤr den wißenſchaft⸗ liebenden Doktor, die Flußigkeit aber fuͤr des ehrlichen Louis »Frow,« falls die von der Waßerſucht hergeſtellt iſt. Nachdem ich gefruͤhſtuͤckt und die Auftraͤge des ſterbenden Arabers in ſo weit vollfuͤhrt hatte, daß ich bei der Verſenkung ſeines Kör⸗ pers in die Fluthen gegenwaͤrtig war, wen⸗ deten meine Gedanken ſich wieder zu dem. rechten Kompaßpunkte — zu meiner jung⸗ fraulichen Braut. Ich bekam fleißigen Unter⸗ richt in der geeigneten kehltonigen Ausſprache ihres Namens; das war keine leichte Aufga⸗ be, denn ich war genoͤthigt, das 3 wohl hundertmal zu wiederholen, bevor meine Leh⸗ rerin, die alte Amme, mit deßen ziſchendem Lante zufrieden war. Darauf praͤgte ſie mei⸗ —— — ůÜ nem Gedaͤchtniße zehntauſend Feiergebräuche und Vorſichtsmaßregeln ein; ich duͤrfe der Dame Schleier ſo wenig, als ihre Perſon oder ihr Gewand beruͤhren, noch zu viel ſpre⸗ chen, noch Fragen an ſie richten, noch auch zu lange verweilen. Denn Zela's Gedanken hielten Gemeinſchaft mit dem Geiſte ihres Vaters; alle ihre Liebe waͤre mit dem erſtor— ben; ihre Augen, funkelnder als Sterne, wenn ſie gluͤcklich war, blickten uun ſo glanz— los, wie die ihres todten Vaters; ihr Antliz, heller wie der Mond, ſey nun gedunkelt von den Wolken des Kummers; ihre Lippen, roͤ⸗ ther als Henna, wären bleich vom Schmerz; alle ihre Lieblichkeit ſey verfinſtert, denn Thränen waͤren ihre einzige Nahrung gewe⸗ ſen; Friede und Schlaf waͤren von ihren Polſtern gewichen, ſeit ihres Vaters Geiſt ſie verlaßen, und ſie allein in der Welt zuruͤck⸗ geblieben ſey. Endlich ſezte die Alte hinzu: »Fremdling, ſey guͤtig gegen ſie, und Alles Gute wird Dir durch ihren Beſiz werden l« Neuntes Kapitel. So wie der Mond im lesten Schein Schwand ſie vor ihm, und ſank zuſammen, konnte Nur ſchmerzlich weinen; gleich der Blume, die Sich Abends ſchließt, ſank ſie in eigne Hülle. Keats. Set Nins Gewählt, ſagt man, aus dem Geſchmeide Hymen's⸗ Ebend⸗ Sie ging, um Zela auf meinen Empfang vorzubereiten, und waͤre ich ein feuriger oder ungeduldiger Liebhaber geweſen, ſie haͤtte mir Zeit zum Abkuͤhlen gelaßen. Vielleicht trug der Gedanke, daß ich nicht werbe, ſon⸗ dern bereits feſt verbunden ſey, dazu bei, um die anderthalb Stunden, welche bis zu ihrer Ruͤckkunft vergingen, mir nicht mehr, noch weniger erſcheinen zu laßen, als genau neun⸗ zig Minuten. Auch machte ich gar keine An⸗ . — — rufungen an die Zeit, weder an ihre bleier⸗ nen, noch an ihre Schwalbenfluͤgel. Es mogte ſeyn, daß ich grade um dieſe Tageszeit ganz beſondern Genuß daran fand, meine Callian zu rauchen und meinen Kaffee zu ſchluͤrfen. Dieſem Laſter, oder vielmehr dieſer Tugend, habe ich nie entſagt, denn noch jezt bin ich, wenn man mich Morgens abruft, bevor ich meine Pfeife und meinen Kaffee hatte, eben ſo verdrießlich, als ein Richter, wenn die Geſchwornen den Ausſpruch nach ihrem Ge⸗ wißen, und nicht nach ſeiner lezten Aufſtel⸗ lung der Urtheilsgruͤnde geben; oder wie ein Bullenbeißer mit ſeinem Knochen, wenn irgend ein unverſchaͤmter Kleffer den annagen will; oder wie eine Frau, die ihren ermuͤde⸗ ten Eheherrn gerade im Begriff findet, ihren neuen Kopfpuz vom Sopha zu legen, um ſelber darauf zu ruhen. Ich ſaß und ſog den lezten Zug des duf⸗ tenden Tombacge von Shiraz, durch Roſen⸗ waßer von Benares ein. Ich fuͤllte meine Lunge mit einer entzuͤckenden Wolke, die mei⸗ nen ganzen Koͤrper zu durchringeln ſchien, und dann blies ich ſie wieder aus, wie einen Waßerſtrahl, oder wie Weihrauch, der auf ei⸗ nem Altar, oder im geſchwungenen Raͤucher⸗ beckeu brennt, oder in Spiralkreiſen wie der Rauch aus dem Schornſteine einer Huͤtte em⸗ porſteigt, denn allei dieſen verglich ich mei⸗ ne Dampfwolke; und ſo ganz war ich verlo⸗ ren im Betrachten und Bewundern der von der Sonne entlehnten Regenbogentinten, die auf dem Rauche ſpielten, den ich aus meinen geſchloßenen Lippen und aus der Naſe hervor⸗ blies, waͤhrend meine Backen aufgeſchwellt waren gleich denen eines Trompeters, daß ich die Ruͤckkehr der alten Araberin gar nicht bemerkt hatte. Ich vermuthe, auch ihre Reize waren bewoͤlkt wie der Mond, oder in ei⸗ ne Verfinſterung gehuͤllt; denn ihre ſchwarze Geſtalt ſchreckte mich, und ich gedachte der Geſchichte des Fiſchers, und meinte, der Rauch habe ſich zu einer ſchwarzen Zauberin verdichtet. Sie ſagte mir, daß Zela mich mit Kaffee und Zuckerwerk erwartet habe, bis der eine kalt, das andere ſauer geworden ſey. »Niemand war hier,« entgegnete ich, »mir zu ſagen, daß ſie bereit wäre.« 6 Sie machte ein ſaures Geſicht, das allein hingereicht haͤtte, alles Zuckerwerk durch blo⸗ ßen Anblick zu verderben, und ſagte ärger⸗ lich: »So lange habe ich hier geſtanden, daß meine Fuͤße am Holze feſtgewachſen ſind⸗« Ich lachte, denn in ſo weit hatte ſie recht, daß von der Sonne und der Waͤrme ihres Fußes das Pech geſchmolzen war, und waͤh⸗ rend ſie ſich davon loͤſete, hatte ſie Muͤhe, ihr Gleichgewicht zu behalten, weil das Schiff eben ſehr ſchwankte. Ich ſagte alles Moͤgliche, um ſie zu beſaͤnftigen, und wir gingen mit⸗ einander hinab. Ein kleines Malayiſches Sklavenmadchen von der Malabariſchen Kuͤſte, welches ich ihr als mein erſtes Geſchenk zugeſchickt hatte, oͤffnete die Kajuͤtenthuͤr und ich trat ein. Die Dame meines Herzens ſaß mit untergeſchla⸗ genen Beinen auf einem niedern Polſter, ſo umwickelt und eingehullt in weißes Gewand — der Trauer ihres Landes — daß ich von den wunderbaren Schoͤnheiten, deren die alte Ara⸗ berin erwähnt hatte, gar nichts zu unterſchei⸗ den vermogte. Bei meinem Eintreten hielt ich ſie fuͤr eine jener Mamorgeſtalten inEgyptiſchen Tempeln, von denen ich gehort hatte; doch ſah ich, daß ſie lebendig war. Ihre Fuͤße wa⸗ dren unbekleidet; ſie erhob ſich und ſteckte dieſe in geſtickte Pantoffeln, die auf dem Fußboden der Kajute lagen, nun nahm ſi ſie meine Hand, beruͤhrte ihre Stirn damit und fuͤhrte ſie dann an ihre Lippenz ich bat, ſie moͤge ſich ſezen. 6 Sie nahm ihre vorige Stellung wieder ein, und blieb bewegungslos; ihre Arme ſanken am Koͤrper nieder, ihre kleinen Fuͤße neſtell⸗ ten ſich unter ſie, wie nackte Voͤglein unter die Fittiche der Mutter. Ihr Haar, das einzige, was jezt von ihr ſichtbar blieb, uͤber⸗ deckte ſie wie eine glaͤnzend ſchwarze Wolke. Ich hatte den Druck ihrer bebenden Lippen empfunden; und Einbildung oder vielleicht auch ein ſchwacher Umriß, den mein Glaube auf der Hand zuruckgelaßen wähnte, malte mir ihren Mund außerordentlich ſanft und klein, — ich haße großen Mund und harte Lippen! — noch jezt bin ich der Meinung, daß dieſer ſchweigende Druck das erſte Glied jener De⸗ mantkette wob, welche weder Zeit, noch Ge⸗ wohnheit jemals zu zerbrechen oder zu entfer⸗ nen vermogte. Ich ſchien im Zauberkreiſe ge⸗ fangen. Wir ſaßen beide ſchweigend und ich fuͤhlte mich freier, als die alte Araberin mit Kaffee, Mango⸗Frucht und Guava⸗Gelée zu⸗ ruͤckkehrte. Zela ſtand wieder auf; dies wuͤrde ich verhindert haben, wenn die Alte mir nicht durch Zeichen Stillſizen geboten haͤtte. Sie nahm eine kleine Taße auf einem Unterſaze von durchbrochenem Silber und reichte mir die. Ich war ſo ganz im Anſchauen der Be⸗ wegungen ihrer zart geformten Finger ver⸗ loren, daß ich den Kaffee verſchuͤttete und die Taße, die ich zu dem Munde fuͤhrte, faſt verſchluckt haͤtte; dies haͤtte leicht geſchehen koͤn⸗ nen, ohne daran zu erſticken, weil ſie nicht groͤ⸗ ßer war, als die gewuͤrzige haͤutige Schaale, welche eine Muskatnuß umgibt. Die Alte ſagte mir ſpaͤter, dies ſey ein boͤſes Vorzei⸗ chen. Zela reichte mir alsdann von dem Ein⸗ gemachten, gab den Teller an die Alte zuruͤck und ſezte ſich wieder. Jezt zog ich einen goldenen Ring vom Fin⸗ ger, der eine Arabiſche Inſchrift trug, die mit zwei Kreiſen von Kameelhaaren umgeben war; — es war der naͤmliche, den ihr ſter⸗ bender Vater mir angeſteckt hatte, — ich hielt ihr den hin. Das leiſe, unterdruͤckte Achzen, was ich bei meinem Eintreten von ihr hoͤrte, brach nun in ſo heftiges Schluchzen aus, daß ich ihr loſes Gewand vom Schlage ihres Herzens in Bewegung gerathen ſah. Ich war im Begriffe, dieſen Gegenſtand, der ihr ſo ſchmerzliche Erinnerungen erweckte, wieder zu verbergen, als ſie denſelben erfaßte, ihn an ihre Lippen druͤckte und längere Zeit Thraͤ⸗ nen daruͤber vergoß. Nun ſagte ihr die Alte einige Worte; und ohne die Leitung ihrer ⸗ Augen ſtreckte ſie ihre kleinen Finger nach mir hin, und ſteckte mir den Ring wieder an. Dieſer war wirklich der alterthuͤmliche Sie⸗ gelring von ihres Vaters Voͤlkerſtamm; und er machte, gleich Fuͤrſtlichen Siegeln, Recht zu Unrecht, oder Ungebuͤhr zu Recht, gab und nahm, ſezte Geſeze feſt oder hob ſie auf, dem Willen desjenigen gehorchend, der ihn trug. Sie ſteckte ihn an den Vorderfinger mei⸗ ner rechten Hand, und druͤckte dieſe dann noch einmal an ihre Stirn und an ihre Lippen. Darauf nahm ich einen Ring, den ich aus de Ruyter's Vorrath von dergleichen Spiel⸗ werken ausgewaͤhlt hatte; es war ein dunkler Rubin, von der Groͤße und Geſtalt einer wilden Traube, dick in reines Gold gefaßt, ſeinem Umfange nach ſchien er aber beſtimmt von einer Fee getragen zu werden. Sanft nahm ich ihre Hand aus dem Gewande her⸗ vor, unter welchem ſie bewegungslos ver⸗ borgen lag, und ſteckte dieſen Ring un den Vorderfinger ihrer rechten Hand; die alte Araberin laͤchelte. Dann fuͤhrte ich die kleine Handflaͤche an meine Lippen und kuͤßte ſie wiederholt; der Alten Stirn verdunkelte ſich, oder vielmehr, die Runzeln ihrer Stirn wur⸗ den tiefer, denn ihre Geſichtsfarbe war von der Zeit und von der Sonne zu unaustilg⸗ barer Bronze geworden. Indeß folgte ich dem Winke, ließ die Hand los, und dieſe ſank an ihre Seite nieder. Dieſes Wechſeln der Ringe war entſchie⸗ dene Anerkennung unſerer Verbindung. Jezt fragte ich, ob ich durch irgend etwas die Be⸗ haglichkeit der Dame am Bord zu vermehren im Stande waͤre. Ich ſagte ihr, daß ich alle, welche ihres Vaters Stamme angehoͤrten, geſammelt und freigemacht habe; daß dieſe freundlich behandelt werden ſollten; daß ich ein Fremdling ſey, dem viele ihrer Gebraͤuche unbekannt waͤren, und daß ich ſie bitte, mich zu belehren, daß unſer Rals ein guter Mann wäͤre, und daß der ſie lieben wuͤrde, wie ein Vater. Ihr Schluchzen ward nun immer hef⸗ tiger. Auch mich ſteckte dieſe Schwermuth an, ich legte meine Hand auf das Herz und ſprach: »Liebe Schweſter, maͤßige Deinen Kummer. Gib mir in allen Dingen Deine Befehle, denn ich bin Dein begluͤckter Sklave.« Sie aber weinte nur, und ich ging hinaus. Zehntes Kapitel. — Sinfachſte Blumen Im Kräuterſtrauß der Welt; hier weiße Lilie, Erblüht im Thau der Frömmigkeit; es ſüt Die zarte Jungfrau da, gleich einem Engel, Sich bergend unter ſchnreig weißen Schwingen. 3 Keats. So verging mein erſter, und ſo auch meine folgenden Beſuche. Es dauerte lange Zeit, bevor ich die Muſik ihrer Stimme vernahm. Ich glaubte, ſie ſey ſtumm, wie ſie bewe⸗ gungslos war; aber zerſtreut durch das Laͤr⸗ men unſeres, jezt uͤberfuͤllten Fahrzeuges, wurden mir meine Beſuche bei der ſchwei⸗ genden Dame nicht laͤſtig. Ich ſuchte jegliches Ding auf, von dem ich vermuthete, es koͤnne ihr gefallen, oder ſie vergnuͤgen; unter dem⸗ Haufen von Raubgut, welches wir den Ma⸗ ratten abgenommen hatten, forſchte ich auf — das ſorgfältigſte nach Allem, was ihr ſelber oder ihrem Vater und deßen Volke gehoͤrt hatte, und das Alles ward ihr zuruͤckgege⸗ benz ich war unermuͤdlich in meinem Bemü⸗ hen, ihre Achtung zu gewinnen. Aber ſo lange Zeit blieb ſie gefuͤhllos, daß ich ſchon glaubte, ich moͤge eben ſo gut eine Mumie aus der Pyramide anbeten; und waͤre meine Unge⸗ duld durch den gutherzigen Aſton nicht ge⸗ mildert und beſaͤnftigt, ſo wuͤrde ich der Dame ſelber meine Unzufriedenheit ausgeſprochen, und mich ganz von ihr zuruͤckgezogen haben, da meine Gegenwart ihr zuwider ſchien. Vielleicht wäre das keine leichte Aufgabe fuͤr mich geweſen. Denn wiewohl ich mit Zela keine Rede austauſchen konnte, war doch die alte Araberin keinesweges ſo zuruͤckhaltend. Bei jedem Gange, den ſie in Ausfuͤhrung ihrer Verrichtungen uͤber das Verdeck zu machen hat⸗ te, blieb ſie ſtehen und ſprach von nichts anderm, als von Zela. Zuerſt verfluchte ich ihre Schwaz⸗ haftigkeit, weil meine Beine mir vom Stehen muͤde wurden, ich glaubte, ſie wuͤrde mir dieſe abgeplaudert haben, denn nichts konnte ſie zum Niederſezen bewegen. Nein! in Ge⸗ genwart ihres Malek duͤrfe ſie nicht ſizen; zudem warte ihre Herrin auf Waßer, Kaffee, eingemachte Fruchte, oder ſonſt etwas. Mich wollte beduͤnfen, ihre Herrin ſey ungemein geduldig, denn der Mond begann zu ſchwin⸗ den, bevor ihr Geſpraͤch noch endete. Endlich floͤßte ſie mir einige Hoffnung ein, daß Zela bei meiner Gute nicht fuͤhllos bleibe; daß ſie ſagte, ich ſey ſehr gut, — ich muͤße ſo ſeyn, weil ihr Volk das ſage; daß es ſehr zn bedauern wäre, ich ſpraͤche ihre Sprache ſo unvollkommen, und ſey ein Fremdling, einem weit entfernten Stamme angehoͤrend, — ßie beklage, daß der große Kala panie (das ſchwarze Waßer) zwiſchen den Ländern unſerer Väter waͤre; ich aber ſey ſanft, guͤ⸗ tig, ſchoͤn wie ein Zebra, und ſie hoͤre gern meine Stimme. Dieſes entzuͤckende Gift zuͤndete meine er⸗ ſterbende Hoffnung wieder an; jezt wurde mir die dunkelbraune alte Frau eine gefal⸗ lende und unterhaltende, ihre kreiſchende Stimme ertoͤnte mir im ſuͤßen Wohllaut. Meine Nachtwachen ſchienen mir wunderbarlich ge⸗ kürzt. Dennoch hatte ich von Zela nichts er⸗ blickt, als ihren Fuß und ihren Kopf; noch kannte ich den Ton ihrer Stimme nicht einmal. Wie konnte ich ſie denn lieben? Die ſelt⸗ ſame Gewalt der Liebe hatte ich nie empfun⸗ b — 65 — den, nie geſehen, nie ertraͤumt. Ich weiß auch wirklich gar nicht, wie, noch wann, oder wo und auf welche Weiſe dieſelbe ſich meinen Gedanken aufdrang. Mir erſchien es, als erfuͤlle ich nur eine heilige Pflicht, da⸗ durch noch feierlicher, daß der gebietende Ernſt eines ſterbenden Vaters ſie mir aufer⸗ legt hatte, indem er mit ſeinem lezten Athem⸗ zuge ſein verwaiſetes Kind mir anempfahl. In der kriſtallhellen Reinheit der Jugend war dieſer der erſte eindringliche Auftritt geweſen, bei dem ich handelnde Hauptperſon war und durch welchen die bis dahin verſiegelte Quelle der guten Gefuͤhle meines Herzens im ergrei⸗ fenden Anrufen geoͤffnet wurde; aus dieſer hervor flutheten nun, wie ein angeſchwollner Strom, Mitleid und Schmerzgefuͤhl, die alles vor ſich her mit foririßen. Das arme kleine gefangene Vögelein baute ſich ſein Neſt in meiner Herzenskammer, waͤh⸗ rend ich es ganz ruhig im Käſich der Kajute aufbewahrt waͤhnte. Meine Beſuche verlaͤn⸗ gerten ſich und wurden öfter wiederholt. Ich behielt ihre leidend mir uͤberlaßene Hand in der meinigen, bis ich fuͤhlte, ſie ſey wieder warm geworden, und mir einbildete, ſie gluͤhe mit der meinigen. Der Luftkreis um ſie her ſchien mir mit ſuͤßem Duft erfuͤllt. Die Be⸗ ruͤhrung ihrer Haare, die reizender herabhin⸗ gen, als Zweige der Trauerweide, erfü meine Seele mit Leidenſchaft, wenn ſie an meiner Wange leicht hinſtreiften. Alle meine Sinne ſchienen wunderbar geſchaͤrft und ver⸗ feinert, eine Welt ganz neuer Gedanken und zartfinniger Bilder entſtand in mir. — Als ich endlich den vollen ſtrahlenden Glanz ihrer dunkeln Augen erſchaute, da zitterten meine Glieder, meine Stimme bebte und mein Herz klopfte mit krampfhaft raſchen Schlägen. Ich hielt ihre Hand und betrachtete ſie mit ſprach⸗ loſem Entzuͤcken. Ob ſie dies bemerkte, weiß ich nicht, aber ſie entzog mir ihre Hand und verſchleierte den Flammenglanz ihrer Augen. — Es war aber genug; ihr Blick hatte mich durchzuckt und unausloͤſchliche Flammen in mir entzuͤndet. Mit gebrochener Stimme hatte ſie einige Worte hergemurmelt, die mir im Ohre erklangen wie das Sumſen der Honig⸗ biene, oder wie das Trillern eines Singvo⸗ gels, der in Zimmthainen lebt, und ihr Hauch war noch ſußer, als der Duft der Baͤume, auf denen jener Vogel ſich wiegt. Alle meine Sinne waren erſchuͤttert durch den Eindruck 6 dieſer neuen Welt des Entzuͤckens, die ſich mir aufſchloß. So ward denn reine, gluͤhende, tiefe, un⸗ vergaͤngliche Liebe in meiner Bruſt entzuͤn⸗ det. Von dem Tage an war Zela der Stern, den ich anbeten mußte, war die Gottheit, auf deren Altar ich den ganzen reichen Weih⸗ rauch meiner jungfraͤulichen Liebe, meiner er⸗ ſten Gefuͤhle und Leidenſchaften darbringen ſollte. Auch hat ſich nie ein heiliger Geweihe⸗ ter mit mehr Inbrunſt ſeinem Gotte hinge⸗ geben, als die war, mit der ich Zela mein Herz widmete. Wenn dieſe langweilige Sterb⸗ lichkeit einmal zum Staube zuruͤckkehrt, wenn der Geiſt durch ſein Beingehaͤuſe hervordringt und einer Taube gleich davon flattert, wird er keinen Ruheplaz, keinen Olzweig des Frie⸗ dens finden, bis er wieder mit Zela's Geiſte vereinigt wurde; dann werden ſie als zwei in einander verſchmolzene Sonnenſtrahlen ſich einen, und in Ewigkeit fortſchimmern. Eilftes Kapitel. Nun ſtieg er ohne Säumen an das Land, Dann hier war Zollhaus nitt, noch Quarantäne, Mit Fragen über Zeit und Ort zur Hand, Und wies ihm d'rum auch nicht die biß'gen Zähne. Aufziehen ließ er's Schiff zum Stapelſtrand, Daß man's wie neu kalfatre, und verſpäne, Und hurtig ſchafft man aus dm Waßerhaus Geſchüz und Ballaſt, Wgar' und Schäz' heraus. Byron. Kein anderer Umſtand irgend einiger Wich⸗ tigkeit, aus der Zeit dieſes ereignißreichen Kreuzzuges, hat ſich meinem Gedaͤchtniße ein⸗ geprägt. Wir waren jezt auf der Hoͤhe von Mauritius, zwei und dreißig Seemeilen nord⸗ weſtlich von der Inſel Bourbon. Die Portu⸗ gieſen nannten Mauritius bei ihrem erſten Beſuche im Jahre 1521 die Schwaneninſel, weil ſie der Lieblings⸗Aufenthalt dieſer Vogel zu ſeyn ſchien. Die alles an ſich raffenden — Hollaͤnder nahmen die Inſel zuerſt in Beſiz, wenn gleich um viele Jahre ſpäter, etwa um 1600. Sie gaben ihr den Namen Mauritius, zu Ehren des Admirals ihrer vereinigten Pro⸗ vinzen. Ihnen folgten, wie ich ſchon geſagt habe, die Franzoſen und nannten ſie Isle de France; ſie war der Sammelplaz und der Vereinigungspunkt aller ihrer Kreuzer. Sehr nahe im Segelſtriche der auslaufenden, oder heimkehrenden Handelsflotten der Oſtindiſchen Kompagnie, deren Ausſegeln man immer recht genau und fruͤhe zu erfahren ſuchte, ſchickten ſie ihre Kriegsfahrzeuge aus, um gegen dieſe Handelsflotten in den Breiten ihrer gewohn⸗ ten Fahrten zu kreuzen. Gleichwohl litten die Engliſchen Handelsflotten am meiſten durch einzelne, mit Kaperbriefen verſehene bewaff⸗ nete Fahrzeuge. Gegen die großen Franzoͤ⸗ ſiſchen Schiffe wurden ſie durch hinreichende Bedeckung ihrer eigenen Kriegsfahrzeuge be⸗ ſchuͤzt; aber die kleinen, ſchnellſegelnden Fran⸗ zoͤſiſchen Kreuzer, bemannt mit verwegenen Abentheurern, umſchwärmten ihre Flotten, gleich wie die wandernden Araber die Kara⸗ vanen in den Wuͤſten umgeben; die Engliſchen Kriegsfahrzeuge wurden abgehalten, ſie zu verfolgen, weil ſie theils fuͤrchteten, ihre — Sä⸗ — Handelsſchiffe aus dem Geſichte zu verlie⸗ ren, theils auch beſorgen mußten, dieſe wuͤr⸗ den während ihrer Abwefenheit von andern Kapern angegriffen. Selten wagten ſich die Franzoſen den Tag uͤber in ihre Naͤhe, auch nicht bei ſchoͤnem Wetter, es ſey denn, daß einige ihrer eigenen Fregatten zu ihrer Un⸗ terſtuͤzung bereit waren, die ihnen etwa in der Hoffnung folgten, Nachzuͤgler abſchnei⸗ den zu koͤnnen. Bei ſchlimmem Wetter, oder in dunkeln Naͤchten wußten ſie durch falſche Signale ſie liſtig abzulocken; oder, wenn während den heftigen und ſchweren Wind⸗ ſtoͤßen, die in jener Meeresbreite ſo haͤufig aufſpringen, einem Schiffe ein Unfall begeg⸗ nete, als etwa das Verlieren ſeiner Maſte, oder, was gleichfalls oft der Fall war, wenn es ſein Konvoi aus dem Geſichte verloren hatte, da konnte es ſicher ſeyn, von einem oder mehren dieſer Franzoͤſiſchen Kaper an⸗ gegriffen zu werden. Weil aber die Oſtindi⸗ ſche Kompagnie nur ſehr große und wohl⸗ bewaffnete Schiffe gebrauchte, ſo gelang es dieſen zuweilen, nicht nur ſich gegen die ein⸗ zelnen Kaper zu wehren, ſondern auch bei mehr als einer Veranlaßung ein Franzoſiſches Geſchwader herzhaft abzutreiben. — 66 — Die Franzoſen fanden die Inſel Mauritius von großer Wichtigkeit, weil ſie durch deren Beſiz ſich im Stande ſahen, den Engliſchen Handel zu beeintraͤchtigen, und einen feſten Fuß in Oſtindien zu behaupten. Sie ſparten keine Koſten, um die Inſel zu befeſtigen; auch muß die Wahrheit eingeſtanden wer⸗ den, daß ſie dieſelbe weſentlich verbeßerten, indem ſie den Boden zu nuͤzlichen Erzeng⸗ nißen bearbeiteten. Mit Erfolg fuͤhrten ſie den Anbau der meiſten Indiſchen Gewuͤrze und Fruͤchte, nebſt dem von Reis und allen Ar⸗ ten Korn von Bourbon, Cochin⸗China und Madagascar ein. Weil jedoch die Inſel klein iſt, und nicht mehr als neunzehn Stunden im Umfange hat, ſo geſchah dies Alles na⸗ tuͤrlich in ſehr verjuͤngtem Maßſtabe. Durch ihre Nachlaͤßigkeit hatten die Hollaͤnder den werthvollſten Hafen auf der Nordweſt⸗Kuͤſte der Inſel verſanden und verſchlemmen laßen durch Erde und Steine, welche die Stroͤme von den dicht daneben liegenden Bergen hinabfuͤhrten. Untereinem geſcheuten und thaͤ⸗ tigen Gouverneur reinigten die Franzoſen dieſen Hafen, bauten einen guten Hafen⸗ damm und ein vortreffliches Becken fuͤr ihre Kriegsſchiffe, in welchem dieſe vor allen, oft furchtbar wuͤthenden Winden geſichert lagen. Wir naheten uns dem Lande der Inſel Bourbon, und wandten uns dann mit dem Winde gegen Mauritius, welches wir bald darauf erblickten. Dieſe Inſel iſt eyfoͤrmiger Geſtalt, und die Nordweſt⸗Kuͤſte, an der wir hinfuhren, iſt großartig mit Felſen beſezt, die hin und wieder gruͤnende Bedeckung ziert. De Ruyter bemerkte, dieſe Seite der Inſel ſey durch vulkaniſche Wirkungen gänz⸗ lich umgeſtuͤrzt, und Beobachter ſolcher Er⸗ ſcheinungen hielten dafuͤr, ſie ſey ehemals ein Theil der Inſel Bourbon geweſen, durch Erdbeben und Feuer im Innern der Berge aber von dieſer losgerißen worden. Wir ſa⸗ hen viele große gewölbte Hoͤhlen, in welche die Wogen mit donnerndem Getoͤſe hinein⸗ drangen. Graue zerbrockelte Maßen verkalk⸗ ter Felſen waren in phantaſtiſchem Gewirre aufeinander gethuͤrmt. Von dieſen Klippen erhob ſich das Land in almaͤhliger Aufſtei⸗ gung bis zum Mittelpunkte, und endete da in einem Verge, der gleich einem Dome em⸗ porragte. De Ruyter erzaͤhlte uns, dieſer ſey eine dreizehn hundert Fuß über dem Meeres⸗ ſpiegel liegende Hochfläͤche; und wiewohl 4 ſte von dieſer Seite den Anſchein eines ſtei⸗ len Berges habe, ſey doch ihr Aufſteigen an der andern Seite bei Port St. Louis ſo all⸗ mählig, daß ein Pferd beinah bis auf den Gipfel derſelben ſprengen koͤnne, der, wie ein Zuckerhut geſtaltet, von einer ebnen Fläche umgeben iſt und »Piton du milieus heißt. Wir zählten noch ſieben andere Berge, ſie⸗ ben Rieſen gleich, die neben einander in Be⸗ rathung ſizen. Manche niedrige Riffe ſtreck⸗ ten ſich in das Meer hinaus, wanden ihre Felſenwurzeln noch weiter und bildeten ſchoͤne Buchten, mit weißen Sandufern und engen Thalſchluchten, haͤufig durchbrochen von Stroͤ⸗ men oder Bergwäßern, gruͤn bewaldet und dicht mit Geſtraͤuchen und Blumen — ſen. Aſton und ich beſchauten das Land durch unſere Fernroͤhre und ich rief aus: »Wie ſtill und wunderlieblich das iſt! Gehen wir dahin, dort zu wohnen!« So wie ein ſolches Thal ſich unſern Blik⸗ ken durch vorſpringende Felſen verſchloß, oͤffnete ſich ein anderes, noch ſchoͤneres, und wiederum ein anderes, und immer mehre,“ und ich wiederholte minen Ausruf. Wir alle liebten die ſchoͤne Natur und de Ruyhter fand 4 6 e wahres Vergnuͤgen daran, uns jeden kleinſten Wechſel der Anſichten genan auszudeuten. »Gewiß,« rief ich, »dieſes Eyland iſt das Paradies der morgenlaͤndiſchen Dichter! Nur ein Narr koͤnnte dieſes Land wieder verlaßen⸗ nachdem er es einmal betreten hat. Entſagen wir dem ungewißen Ocean, der uns mit ſei⸗ nem verrathvollen Laͤcheln zu Krankheit, ge⸗ ſcheiterten Hoffnungen, Schmerzen und Tod verlockt!« Aſton empfand nicht geringeres Entzuͤcken, als ich; und die ganze Bemannung zeigte willigſte Thaͤtigkeit in ihren Bewegungen. Freude malte ſich auf allen Geſichtern, jede Quelle der Uneinigkeit war vergeßen, über⸗ einſtimmung und Einklang herrſchten. Als wir den Anker fallen ließen, flogen die Matroſen den Vogeln gleich die Maſten hinan und in einem Augenblicke waren die Segel aufgerollt. Canve, die faſt unter der Laſt ihrer Ladungen von friſchen Fiſchen, Fruͤchten und Gemuͤſen verſanken, umſchwaͤrmten uns. Die Freude meines Herzens ward bis zum überfließen geſteigert durch die Gegenwart meiner kleinen morgenlaͤndiſchen Fee Zela, die, meinen dringenden Bitten nachgebend, mir erlanbt hatte, ſie auf das Verdeckzu fuͤh⸗ ren. So wie der leichte Luftzug ihre duͤnnen, faſt durchſichtigen Gewaͤnder zur Seite trieb, oder ſie dichter um ihren Koͤrper druͤckte, mit ihrem Haare ſpielte und ihre jugendliche Ge⸗ ſtalt zeigte, die faſt in ihrer eigenen Leichtig⸗ keit zu ſchweben ſchien, ſtaunte Aſton ſie vol⸗ ler Bewunderung an und verglich ſie der jun⸗ gen Hindin neben dem Hirſche. De Ruyter, der ihre Sprache gelaͤufig redete, faßte ſie bei der Hand, ward aber von ihrer Schoͤnheit ſo uͤberraſcht, daß es einige Zeit dauerte, bevor er ein Wort hervorzubringen vermogte, wie⸗ wohl ſie damals bleich und kraͤnkelnd war und ihre Lippen gar keine Farbe zeigten. Er ſprach zu ihr in ſeiner ſanfteſten Weiſe; wandte ſich ſodann zu mir und ſagte: »Sie iſt ein kleiner morgenlaͤndiſcher Geiſt, zu zart und zerbrechlich, um von Menſchen⸗ hand beruͤhrt zu werden! Jezt kann ich Ihnen von ganzem Herzen Gluͤck wuͤnſchen; und es lebt kein Menſch, der kaltſfnnig genug waͤre, Ihr Gluͤck nicht zu beneiden. Beim Himmel! ich war der Meinung, Sie braͤchten ein Opfer und nun ſehe ich, daß Sie ein Juweel beſizen, fuͤr welches Könige, wenn dieſe Herzen haͤt⸗ ten, ihre Kronen hingeben wuͤrden! Wollten Sie, nachdem Sie das wißen, ſie nicht als ein * — — ſolches Kleinod ſchaͤzen, ſo möge Gluͤckſelig⸗ keit auf immer von Ihnen weichen. Nie kann das Gluͤck wieder etwas darbieten, das ſo ganz uͤber jeden Vergleich erhaben iſt.« Zela blickte umher, wie eine geaͤngſtigte Antelope, voller Verwunderung, ſich unter ſo vielen Unbekannten zu befinden, die Alle ſie anſtaunten; ihr Antliz war karmvoiſinroth, gleich den Wolken am Morgenhimmel. Sie wuͤrde wieder hinabgeeilt ſeyn, ich aber hielt ihre Hand in der meinigen feſt. Ich ließ einen Teppich und Polſter heraufbringen, und nun ſaß ſie, von ihren Frauen umkreiſet. Zwoͤlftes Kapitel. — — Noch ſchlimmer hartes Herz, als blut'ge Hand. Shelten. — Du heillos, gifterfüllter, böſer Pfaff! Keats. De Ruyter ging an den Bord der Korvette, um deren Kapitain die Nachricht zu ertheilen, daß die Engliſchen Fregatten ihre Blokade des leewaͤrts gelegenen Hafens aufgegeben hätten. Dazu waren ſte durch den Verluſt ihrer Mann⸗ ſchaft und ihrer Boͤte bewogen, zugleich auch, damit ſie vor dem Eintreten des Suͤdweſt⸗Mon⸗ ſoon nach Madras zuruͤckkehren koͤnnten. Zudem war der Zweck ihrer Blokade erfuͤllt, weil die nach England beſtimmte Oſtindien⸗Flotte ſchon uͤber die Breiten dieſer Inſeln hinaus war. Deshalb ward beſtimmt, daß die Kor⸗ vette nach Einnahme von Waßer und friſchen Lebensmitteln hinum nach Port St. Louis ſegeln ſolle, und daß de Ruyter, der ſich uͤber Land dahin begeben wolle, ſie dort wieder antreffen wuͤrde, um ihre Depeſchen dem kom⸗ mandirenden Franzoͤſiſchen General einzuhän⸗ digen. Nachdem dies abgeredet war, kam er zuruͤck an unſern Bord, wir ſchickten alle unſere Gefangenen und Verwundeten an Bord der Korvette, und de Ruyter ging an's Land, um Unterkommen fuͤr ſeine eigenen Kranken zu finden und Lebensmittel anzuſchaffen. Am folgenden Morgen verließ er uns und begab ſich nach Port St. Louis. Mir gab er Wei⸗ ſungen in Betreff beßen, was waͤhrend ſeiner Abweſenheit vorzunehmen ſey und verſprach, ſpäteſtens nach drei Tagen wieder bei uns zu ſeyn. Wir druͤckten uns die Haͤnde und er reiſete ab. Es war verabredet, daß die Grabb, ſo⸗ pald ſie geloͤſcht worden, an den Hafendamm gebracht werde, und wir uns nach de Ruy⸗ ter's Landhauſe begeben ſollten; er beſaß eine pedeutende Pflanzung im Innern der Inſel. Es iſt bemerkenswerth, daß dieſe Inſel in klimatiſcher Hinſicht eine Eigenthuͤmlichkeit be⸗ kundet, die ich auf keinem andern Indiſchen Eylande gefunden zu haben mich erinnere. In der Regel ſind alle Inſeln an den Meeresku⸗ — — 103 — ſten kuͤhl und angenehm, dagegen im Innern, ausgenommen auf Berghoͤhen, druͤckend heiß und ungeſund. Hier iſt es umgekehrt; die ganze Kuͤſte iſt ſo ſengend heiß, und die Luft derſelben ſo nachtheilig, daß zu Port St. Louis, und in andern umliegenden Or⸗ ten, wäͤhrend ſechs Monaten des Jahres ſich Niemand am Tage hervorwagt, weil er faſt gewiß waͤre, einen Sonnenſtich zu bekommen, der Gehirnfieber, boͤsartige Fieber, Cholera⸗ Morbus, oder Dißenterien erzeugt; waͤhrend in dem nämlichen Jahresabſchnitte die Luft im Innern, ganz beſonders auf der wind⸗ waͤrts gelegenen Inſelhälfte, gemaͤßigt und heilſam iſt. Sechs Monate im Jahre, vom November bis April, iſt die Stadt St. Louis unertraͤglich und erkrankend heiß; alle freien Einwohner verlaßen dieſelbe und gehen in das Innere der Inſel; kaum koͤnnte einer, der nicht zu den Sklaven gehoͤrt, vermogt werden, dieſe Zeit in der Stadt zuzubringen. Wiederum ſind die trocknen Monate im Ha⸗ fen St. Louis die Regenzeit der mitteln Ge⸗ genden; waͤhrend die furchtbarſten Orkane an der Kuͤſte wuͤthen, ſcheint wenige Meilen tiefer im Lande die Sonne, und Alles iſt ruhig. Wiederholt bin ich von dieſer Natur⸗ — 104 — erſcheinung Zeuge geweſen, und ſie iſt auf einer ſo kleinen Inſel recht wunderbar. Bei meiner flammenden, thatkräftigen und unternehmenden Denkweiſe geſchah alles, was ich ausrichten wollte, mit ſeelenvollem Eifer, und mit unermuͤdetem Fleiße vollzog ich de Ruyter's Auftraͤge. Mir machte Wachen und muͤhevolle Arbeit Vergnuͤgen, denn mein Koͤr⸗ per war kräftig und mein Geiſt beſchwingt. Magazine von Sparren, Planken und Rez⸗ werk waren ſchleunig am Lande errichtet; al⸗ les, was nicht zum Fahrzeuge ſelber gehoͤrte, wurde gelandet, um taͤglich auf den Ruͤcken von Maulthieren, Eſeln und Sklaven — ich ſchäͤme mich zu ſagen, daß dieſe lezten die hauptſächlichſten Laſtthiere der Inſel waren — umher, oder mit der noͤthigen Vorſicht nach Port St. Louis geſchickt. De Ruyter hatte große Anſtrengungen und Aufopferungen zur Einfuͤhrung von Buͤffeln und Eſeln gemacht, um die quälende und abſcheuliche Verwendung der Sklaven zum Laſttragen in einem faſt unerträglich heißen Himmelsſtriche zu erſezen. Aber die kalte Gleichgultigkeit, mit der Leute ſeine men⸗ ſchenfreundlichen Vorſchlage aufnahmen, die nur fuͤr kaufmaͤnniſchen Erwerb Sinn hat⸗ — 105 — ten, machte dies unerreichbar. Dieſe herz⸗ loſen Feilſcher wollten von keinem Plane hoͤren, konnten keinen ſolchen einſehen, der nicht ihren augenblicklichen Gewinn bezweckte. Die gewoͤhnlichen Naturorgane waren bei ih⸗ nen abgeſtumpft; ihre Anſichten der Dinge beſchraͤnkten ſich auf den engen Kreis des wirklich vor Angen Habenden, und wie die Wespe mit ihrem linſenartigen Auge, das die kleinſten Gegenſtaͤnde in der Entfernung eines Zolles von ihrer optiſchen Wirkung zu betraͤchtlichem Umfange vergroͤßert, auf die Entfernung einiger Ellen keine Mauer, von einer Mauer⸗Goldlacke zu unterſchei⸗ den vermag, erging es auch dieſen Men⸗ ſchen. Es war nuzlos, ihnen vom morgenden Tage zu reden, und von dem, was alsdann durch Maulthiere und Buͤffel bewirkt werden koͤnnte, weil ſie durch Anwendung von Skla⸗ ven ſchon heute Gewinn zogen. Menſchliche Leiden! wie haͤtten die Einfluß auf ſie uͤben koͤnnen, die von keinem menſchlichen Ge⸗ fuͤhle geruͤhrt wurden? »Iſt das geſezlich? Ich kann's nicht finden, es ſteht nicht in meiner Verſchreibung;« das iſt der Inbegriff ihrer ſtets bereiten Erwiederung an die Ver⸗ treter menſchlicher Behandlung. Bei jeglicher — 106 — Aufforderung ſind ſie taub wie Krokodille; und während man ihnen von Menſchlichkeit ſpricht, geißeln ſie, oder befehlen, eine entblößte und ſchon zerfezte, mit Bürde uͤberladene, weibliche Sklavin zu peitſchen, deren zarte Natur zu einer belcbten Maße von Geſchwuͤren und Krebsſchäden geworden iſt, lebendig ſchon halb aufgezehrt von Flie⸗ gen und Maden, die an der ihnen beſtimm⸗ ten Beute zum Voraus nagen. Deshalb iſt der Tod, den die Freien und Gluͤcklichen am meiſten fuͤrchten, der armen Sklavin einzige Hoffnung und Zuflucht, den ſie wie einen Bräutigam empfaͤngt; der halb ſchon im Leben verfaulte Korper wird dann unein⸗ geſargt in das Meer, oder in eine Grube geworfen, wo Raubfiſche, oder verhungernde wilde Hunde ſich vor dieſem, von den Wuͤrmern übriggelaßenen abwenden. So geht es den Wei⸗ bern und den härtere, groͤßere Muͤhſeligkeit ertragenden Männern. Ich habe deren Rück⸗ grad knotig geſehen wie ein Tannenbaum, ihre Haut eben ſo borkig und verhäͤrtet, ihr Fleiſch in tiefe Wunden aufgerißen, aus denen das Blut wie Gummi hervorſchwizte, während Hunderte dieſer ungluͤcklichen Jam⸗ merbilder ihre tägliche Arbeit im Dockhofe zu — 407 — Port St. Louis unter dem Strahle einer Sonne verrichteten, die ſo brennend war, daß ihre Aufſeher, im Schatten, unter Schuz⸗ daͤchern hingeſtreckt, ſo ſchwer den Athem hol⸗ ten, als waͤren ſie dem Erſticken nahe; und wo dieſe von der geringen Anſtrengung, ſich einige Ellen in ſchneckengleichem Kriechen fortzubewegen, um Befehle zu ertheilen, am ganzen Koͤrper von Schweiß trieften, und die Erde feuchteten wie ein Pferd, nach einem Wettrennen im heißen Juli. Dem Mit⸗ leid und der Pein, welche der Anblick dieſer armen Sklaven mir einfloͤßte, kann nur die graͤßliche, vernichtende Verwuͤnſchung ver⸗ glichen werden, die ich auf die Koͤpfe ihrer unmenſchlichen Unterdruͤcker und auf die ihres ganzen Geſchlechtes fuͤr ewige Zeiten herab⸗ rief. Ungehener, wie dieſe, werden ſicherlich vernichtet; ſie koͤnnen nicht unſterblich ſeyn! Und doch ſollten ſie das, um die Ewigkeit einer Folter zu erdulden. Ihnen ſollte »Ge⸗ rechtigkeit und ihre Verſchreibung« werden; was ſie Andern thaten, ſollte ihnen geſche⸗ hen; und ich biete der Erfindungskraft er⸗ fabelter hoͤlliſcher Dämonen Troz, in ihrer Granſamkeit heimtuͤckiſcher zu ſeyn, als jene ſind. — 108 — Dieſe barbariſche Behandlung der Sklaven, obgleich ſie den Grad noch nicht erreicht, den ich ſpaͤter auf der andern Seite der Inſel mit anſah, trieb mich, gleichſam als haͤtte ich eines Spornes bedurft, mein Geſchäft im Hafen Bourbon zu beendigen, um dem ab⸗ gelegenen, wilden, waldigen Huͤgel zuzueilen, den de Ruyter als den Ort ſeines Wohn⸗ ſizes bezeichnet hatte. Ich wußte, daß da, wo er die Gewalt ausuͤbte, Schmerz und Unterdruͤckung gemildert, wenn ganz entfernt ſeyn wuͤrde. Zur feſtgeſezten Zeit kehrte de Ruyter zu⸗ ruͤck. So thaͤtig und kraftvoll er bei Allem war, was er unternahm, uͤberraſchte ihn doch, was wir geleiſtet hatten. Der belaſiete Rumpf und das hochgetakelte Schiff, das noch vor wenigen Tagen halb unter Waßer begraben von ſeinem Gewichte, mit Wolken von Segeltuch in den Hafen fuhr, ſchwamm nun ſo leicht wie ein ſchlafender Meeresvogel auf der Fluth, ſeine Segel waren abgenommen, Maſte und Rahen ausgehoben, es lag abgeta⸗ kelt und dicht am Hafendamm feſtgebunden. De Ruyter verkuͤndete Aſton, daß er fuͤr ihn und die vier Matroſen von der Fregatte, die an unſerm Bord behalten waren, die Er⸗ — 109 — laubniß erwirkt habe, bei ihm zu bleiben, wenn Aſton ſein Wort fuͤr ſich und jene zum Pfande gebe. Eben ſprachen wir von Sklaven, als er eintrat. Aun erzaͤhlte er uns in ſeiner abge⸗ rißenen, kurzen Weiſe folgenden Vorfall: »Vor zwei Tagen ging ich bis an die große Thuͤr einer Kirche — denn weiter wage ich mich nie — die eben eingeweihet wurde, um einen Sklavenhaͤndler aufzuſuchen, mit dem ich Geſchaͤfte hatte. Er iſt ein blutſchinderi⸗ ſcher Boͤſewicht, aber ein puͤnktlicher, ſchein⸗ heiliger, ſauertoͤpfiſcher Kirchgaͤnger; ein Kerl, der, wenn außer ihm nur noch ein Menſch auf der Inſel uͤbrig bliebe, und wenn Beider Glaubensſazungen nur um eines Haa⸗ res Breite von einander abwichen, dieſen an⸗ dern entweder durch Gewalt oder Liſt ſpießen oder verbrennen wuͤrde. Hoͤren Sie nur; die mit weißen Flieſen ausgelegte Kirche mogte eine halbe Stiege ſchwarzer Pfaffen enthal⸗ ten. Eine Menge Volkes war zugegen, um die Feierlichkeit anzuſehen, und dieſe Pfaffen ſahen aus wie die Ahrenenden, die an einer Garbe Korn zuſammengebunden ſind. Ich war im Begriff fortzugehen, denn der gemiſchte Geruch von Weihrauch, Schweiß und Knob⸗ — 110 — lauch machte mich krank. Ein unwißender, bekehrter Sklave trat ein, ſah am Portal in einem ſteinernen Becken etwas trubes Waßer, und hielt dafuͤr, dies ſey zum Abwaſchen be⸗ ſtimmt. Deshalb ſpuͤlte er ſeine betheerten und beſudelten Arme bis zu den Ellbogen darin ab. Ein Mißionairprieſter, der das bemerkte, ſchlug ihn mit dem Kreuze, auf welchem, wie zum Spott, ein aus den Wunden blutender Chriſtus abkonterfeit war, auf den Schaͤdel. Das Kreuz, weil es mit des Pfaffen Herzen aus denſelben Materialien gemacht war, aus Ebenholz und Eiſenbaum, war ſchwer. Der Prieſter war ſtark und boshaft. Es zerbrach des Menſchen unbedeckten Schädel und drang zum Gehirn durch; dies war die erſte gute Handlung, welche ein dummfroͤmmelnder Pfaffe je verrichtete, denn der Sklave ward dadurch in Freiheit geſezt.« »Was geſchah dem Moͤrder?« rief Aſton. „Ich weiß,« antwortete de Ruyter, »was Ihnen geſchehen ſeyn wuͤrde, wenn man ge⸗ hoͤrt haͤtte, Sie nennten ihn ſo. Des Schlacht⸗ opfers Sterbegeſchrei ward vom hervorge⸗ heulten Te Deum uͤberſtimmt, dann wiſchten ſie ihre ſchweißtriefenden Stirnen ab, und gingen, ihr Feſtgelag im Hauſe des Sklaven⸗ 2. — 111 — ſchinders zu halten. Was den armen Neger betrifft, ſo ſah ich ſeinen Leichnam heute, als ich am Strande hinritt, zur Speiſe fuͤr die Landkrabben hingeworfen. So ſind die mann⸗ haften Aufrechthalter des Päpſtlichen Panie⸗ res, und ſo die Beweisgruͤnde zur Bekehrung von Unglaͤubigen. In Rom iſt die Haupt⸗ quelle dieſes Glaubens, den ich einem Bana⸗ nenbaum zu vergleichen liebe; denn jeglicher Zweig vom Hauptſtamme treibt ſeine eigenen Wurzeln hervor, anfangs als duͤnne Fiebern, die aber allmaͤhlig bei tieferem Eindringen dicker werden, und ſich in der Erdoberfläche befeſtigen; hier wachſen ſie zu umfangreichen Stäͤmmen, von denen jeglicher wieder ein Mutterbaum wird, der neue Zweige aus ſei⸗ nem obern Ende hervortreibt, die nach Ver⸗ lauf einer gewißen Zeit ebenfalls ihre Wur⸗ zelfaſern ausbreiten, Nahrung aus dem Bo⸗ den ſaugen, zu Staͤmmen anſchwellen und wiederum neue Zweige hervorſprießen; ſo geht es in ſtets fortſchreitender Vermehrung, ſo lange der erſte Hauptſtamm Allen die Nah⸗ rung zufuͤhrt.« »Nicht mehr davon!« ſagte ich, »eilen wir zu unſerer Wohnung auf den Vergen, fort von Prieſtern und Sklaven!« Dreizehntes Kapitel. Sanfte Raſengründe Verbreiten unter dieſem Laubdach ſich, Aus ihnen duften Kräuter, und es ſprießen Die kleinen, ſchönen Blumen auf. Shelley. Kein Waßerfall ſprach mich romantiſch an, Wenn nicht Dein Aug' mit mir ſich d'ran erſreute; Kein Wald war grun genug, kein Schattenhain Gefiel mir je, wo nicht Dein Ange ſtrahlte. Keats. Nach wenigen Tagen waren alle unſere Vorbereitungen getroffen, der Rals blieb am Bord und fuͤhrte den Befehl; de Ruyter, Aſton, ich, die holde Zela mit ihren Diene⸗ rinnen gingen bei Tagesanbruch an das Land. Auf Maulthieren, kleinen Pferden und Eſeln begannen wir unſere Reiſe in das Innere. Eine Zeitlang folgten wir dem ſteinigen Kuͤ⸗ ſtenufer, ſchoͤn ausgelegt mit einer Mannich⸗ faltigkeit von Muſcheln aller Farben und Ge⸗ — 113 — ſtaltungen. Sodann durchzogen wir ſeitwaͤrts eine ſandige Ebene, und erklommen nun ei⸗ nen felſigen rauhen Abhang auf einem Pfade, der nur Raum fuͤr ein einziges Maulthier bot. Ich ging neben Zela's kleinem Pferde her, und zeigte ihr die erhabenen Schoͤnheiten der Gegend. So wie ſich die grauen Nebel ver⸗ zogen, hellten ſich die Gipfel der kegelfoͤrmi⸗ gen Huͤgel auf, während unten der Fuß der⸗ ſelben in Dunſtwolken verborgen blieb. So glichen ſie einer reizenden Inſelgruppe oder ſchwarzen Schwanen, die auf einem ſtillen, ſchweigenden See ſchwammen; einige von ihnen waren bis zur äußerſten Hoͤhe mit Ge⸗ ſträͤuchen und Bluͤthenbuͤſchen bewachſen; an⸗ dere mit prachtvollen Palmen und Zedern; wieder andere waren vom vulkaniſchen Feuer oͤde gebrannt. In Zela's Adern rollte das Blut eines furcht⸗ loſen Stammes. Unter ſtets ſie umgebenden Gefahren war ſie aufgewachſen und deshalb mit ihnen vertraut. Weil ſie nicht gelernt hatte, unempfundene Gefuͤhle zu erkuͤnſteln, ſo ging ſie mit mir durch Schluchten, folgte längs dem Rande von Abgruͤnden, wadete durch Baͤche und Fluͤße, und dies Alles nicht IH. 8 nur, ohne uns durch pantomimiſche Darſtel⸗ lungen von Bangigkeit, Thränen, Bitten, Flehen, Aufſchreien und Unmaͤchtigwerden aufzuhalten, ſondern in ſolcher Einfalt, um ſie gar nicht zu bemerken, es ſey denn, daß ſie mit ihrem gewohnten, ſuͤßklingenden, leiſen Tone der Stimme etwa ſagte, ſie waͤ⸗ ren entzuͤckende Orte, um während der druͤk⸗ kend heißen Tageszeit in ihnen zu verweilen. Mitunter hielt ſie ihr Pferd grade oberhalb eines Abhanges an, um eine ſeltene Blume zu brechen, die vielleicht von einer Felswoͤl⸗ bung herabhing, oder um die ſchwankenden niedergeſenkten Zweige des reizendſten der Indiſchen Baͤume, der ſtolzen Mirmoſa, zu brechen, die, gleich der Liebe empfindlich und geheiligt, vor der Beruͤhrung Ungeweiheter zuſammenſchrumpft. »Steck dies, ſagte ſie, mir einen Zweig hinhaltend, vin Deinen Turban; denn ich bin gewiß, daß in dieſen tiefen Kluften und furcht⸗ baren Felsſpalten die Oger leben; ſie nähren ihre Jungen mit Menſchenblut und geben ih⸗ nen am liebſten die Juͤngſten und Schoͤnſten⸗ Steck es in Deinen Turban, Bruder — weil Du nicht willſt, daß ich Dich Herr nennen ſoll; — und runzle die Stirn nicht — ich ſehe das nicht gern, denn Du biſt dann nicht ſo huͤbſch — gut, meine ich zu ſagen, als wenn Du laͤchelſt. — Lache nicht daruͤber, ſondern nimm. Es wird Dich vor jedem Zauber und Bannſpruch beſchuͤzen. Nichts Boͤſes darf wa⸗ gen, ihm nahe zu kommen.« Wir ritten durch eine ſandige Ebene; ploͤz⸗ lich ſtarrte ſie empor, ihr Blick hatte einen Gegenſtand erfaßt. Ohne ihr Pferd einzuhal⸗ ten, das in ſeinem Gange fortzog, ſprang ſie herab und lief, gleich einem weißen Rehe, einen Sandhuͤgel hinan. Da ich dergleichen noch gar nicht von ihr geſehen hatte, ſezte es mich dermaßen in Erſtaunen, daß ſie ſchon zuruͤckkehrte, bevor ich ſie einzuholen vermogte, um zu fragen, ob etwa ein Oger mit ſeinem boͤſen Ange ſie verlockt habe? »O nein!« rief ſie, »ſchau hier! Du liebſt Blumen, aber haſt Du je eine geſehen, die dieſer an Schoͤnheit glich? Rieche ſie — ſie duftet ſo ſuͤß, daß die Roſe, wenn die neben ihr waͤchſt, aus Neid uͤber ihre Neben⸗ buhlerin ihre Schoͤnheit und ihren Wohlge⸗ ruch verliert.« Nun glaubte ich in der That, ſie ſey be⸗ hert. Es war ein ſaftglanziger, großer, ro⸗ cher Zweig, voller unfoͤrmlicher Bluͤthen und — 115 — gelber Beeren mit einem moſchusartigen, be⸗ taͤubenden Geruche. »Wie!«⸗ rief ich aus, »Du haͤtteſt eben ſo viel Urſache, auf die alte Kamalia, Deine Amme, eiferſuͤchtig zu ſeyn, als die Roſe auf ſolch einen unanſehnlichen Dornſtrauch! Pfui, der Geruch macht mich krank.« Ich vermuthe, daß die Kuͤße und das zaͤrt⸗ liche Tändeln, das ſie dem Zweige zuwandte, mich zu dieſer rauhen Anrede reizten. Ihre dunkeln Augen weiteten ſich auf; es ſchien, als betrachte ſie mich einen Augenblick mit Staunen, dann aber traurig; bei dem Ver⸗ ſchließen derſelben gewahrte ich, daß ihr Glanz geſchwunden ſey und daß die lange, ſchwarze Wimper, die ſich aufwaͤrts woͤlbte, wenn ſie gegen die Wange gepreßt ward, mit kleinen perlenden Thautropfen bedeckt war. Der Zweig entfiel ihrer Hand und faſt unter meine Fuͤße, ihre belebte Geſtalt ſank zuſammen und der Ton ihrer Stimme mahnte mich an die Zeit, in welcher ſie uber ihren ſterbenden Vater hin⸗ hing, als ſie die folgenden Worte zu mir ſprach: »Verzeihe mir, Fremdling! Ich hatte vergeßen, daß Du dem Lande meiner Vaͤter nicht angehoͤrſt. Dieſer Baum uberſchattete meines Vaters Zelt, ſchirmte uns vor der — 117 — Sonne und hielt die Fliegen entfernt, wenn wir den Tag uͤber ſchliefen. Unſere Jungfrauen bekränzen ihr Haar damit und wenn ſie ſter⸗ ben, wird er auf ihr Grab geſtreut. Deshalb vermag ich nicht anders, ich muß ihn mehr lieben, als irgend ein anderes Ding. Doch weil Du ſagſt, daß er Dich krank macht, will ich ihn nicht mehr lieb haben, will ihn nicht laͤnger einſammeln.« Ihre Worte verklangen im Schluchzen faſt unvernehmlich, als ſie hinzuſezte: »Weshalb ſollte ich mich jezt damit ſchmuͤcken? Ich ge⸗ hoͤre einem Fremdlinge! — Mein Vater iſt dahin le Ich darf kaum erwaͤhnen, daß ich die Blu⸗ men nicht nur zuruͤckgab und mich durch Un⸗ wißenheit entſchuldigte, ſondern den Huͤgel erſtieg und den Baum mit deßen Wurzeln auszog. »Suͤße Schweſter, ſagte ich, »dem Zweige zuͤrnte ich nur, weil Du der Lieblingsſtaude meines Vaterlandes, der Roſe, Unglimpf ſagteſt. Jezt aber, nun die Sonne ſie be⸗ ſcheint, nun ich die Bluͤthe naͤher betrachte,« — ich blickte ſie dabei an — »glaube ich, die Roſe moͤgte ſie beneiden, wie die ſchoͤnſte Frau meines Vaterlands Dich beneiden muͤßte. — Ich will die Staude in unſern Garten pflan⸗ zen.« »O! wie gut Du biſt,« rief ſie aus; »ich aber will einen Roſenſtock neben ſie pflan⸗ zen, und beide ſollen ihre ſuͤßen Düfte mit⸗ einander vermengen; denn unſere liebende Sorgfalt wird machen, daß ſie ohne Neid miteinander leben. Jegliches Weſen ſollte alle andern lieben. Ich liebe jeden Baum, jede Frucht und jede Blume!« Demungeachtet bemerkte ich, weil ihr duͤn⸗ nes Gewand etwas verſchoben war, daß ihr kleiner, kaum aufknospender Buſen ängſtlich ſich hob wie ein gefangener Vogel, der nach Freiheit lechzt; um ihre Gedanken alſo von dem abzuwenden, was ihr wehe gethan, ſagte ich: »Habe keine Furcht Zela, dies iſt der lezte Fluß, den wir zu durchwaten haben, dann werden wir uͤber jene reizende Ebene hinreiten.« »O! Fremdling, erwiederte ſie, »Zela fuͤrch⸗ tete nie etwas anders, als ihren Vater, wenn der zornig war; aber dann fuͤrchteten auch die⸗ jenigen in ſein Antliz zu blicken, die keine Furcht empfanden, in den Bliz zu ſchauen, wenn die ganze Erde in Feuer zu ſtehen ſchien. Dann toͤnte ſeine Stimme lauter als Donner, ſeine Lanze drohete furchtbarer als ein Donnerkeil. Geſtern Abend, als Du mit dem ſchlanken Manne ſpracheſt, der ſo freundlich iſt, da ſahſt Du aus wie mein Vater; ich glaubte, Du würdeſt ihn toͤdten, und es draͤngte mich, Dir zu ſagen, Du ſollteſt das nicht thun, denn ich habe in ſeinen Angen geleſen, er liebt Dich viel. Es iſt ſehr ſuͤndlich, mit de⸗ nen zu zuͤrnen, die uns lieb haben.« »Ach, Du meinſt Aſton! Nein, liebes Maͤd⸗ chen, ich zuͤrnte ihm nicht. Auch ich habe ihn lieb. Wir ſprachen von den abſcheulichen Grauſamkeiten, die hier an den Sklaven veruͤbt werden; und daruͤber war ich er⸗ grimmt.« »Ich wuͤnſchte, ich verſtände Eure Sprache! Wie es mich erfrent haben wuͤrde, Dich zu hören! Dann haͤtte ich auch nachher geſchla⸗ fen; weil ich das aber nicht wußte, habe ich die ganze Nacht nur geweint, denn ich glaubte, ich ſaͤhe Dich mit einem zuͤrnen, der Dich liebte.« Jezt kam de Ruyter herauf, und wir be⸗ fanden uns ploͤzlich auf der hohen Ebene, Vacojs genannt, im Mittelpunkte der Inſel. Unſer Anſteigen war ſehr ſteil, rauh und windend geweſen. Mitten auf der Ebene, — 120 — welche wir jezt durchritten, lag vor uns der pyramidenfoͤrmige Berg Piton du Milieu. Rechts abwaͤrts war der Hafen und die Stadt St. Louis. Gegen Suͤden dehnten ſich weite Strecken in uͤppiger Vegetation aus, die ein ſchoͤner Strom durchſchnitt, und auf denen ſich ein vereinzelter Huͤgel erhob. Gegen Nor⸗ den ſenkten ſich andere Flaͤchen gegen das Meer hinab, waren weiß, als waͤre das ſchaͤumende Waßer erſt kuͤrzlich von ihnen zu⸗ ruͤckgetreten, und nur theilweiſe mit Zucker⸗ rohr, Indigo, und in den ſumpfigen Stel⸗ len mit Reis angebauet. Von Suͤd nach Oſt war die Gegend vulkaniſch und gebirgig, mit Geroͤhrig und alten Waldſtrecken uͤberzo⸗ gen. Faſt der ganze nordoͤſtliche Theil war weite Flaͤche. Die Ebene, auf der wir uns befanden, war voller tiefer Waßerlaͤufe, die ſich zu ſchoͤnen Seen geſtalteten, und die waͤhrend heftiger Regenguͤße das Land uͤber⸗ ſchwemmen, die Ebene ſumpfig machen und ein beſtaͤndiges Uüberwachſenſeyn derſelben mit wildem Zuckerrohr, Schilf und rieſenhohem Graſe hervorbringen. So war die wechſel⸗ reiche ſchoͤne Anſicht der Gegend, die ſich uns eroͤffnete, als die Sonne uͤber das Gebirge im Oſten ſich erhoben, die gelben Nebel ver⸗ — 124 — ſcheucht und die bis dahin verhuͤllten Reize dieſes goͤttlichen Eilandes, gleich denen einer zum Bade entkleideten Jungfrau, dem Auge blosgeſtellt hatte. Unter dem Schatten eines kleinen Haines von Roſenapfelbaͤumen, die gleichſam einen Heiligenkreis um eine Eiche gezogen hatten, welche einſam am Ufer eines Sees, von dia⸗ mantener Klarheit und dem Anſehen nach grau⸗ ſenerregender Tiefe, tand, machten wir Halt; auf ſeiner Oberflaͤche ſpielten Chineſiſche Gold⸗ fiſche, und gruͤne, gelbe und blaue Fliegen ſchoſ⸗ ſen hin und her. Die beſcheidenen Holztauben und die Turteltauben, bei ihren Morgenabwa⸗ ſchungen geſtoͤrt, entflogen zum Walde. Das graue Feldhuhn rannte unter das in dichten Reihen am Ufer wachſende Stachelkraut, das ſeine langen flächſigen Blätter wie einen Lan⸗ zenwald undurchdringlich vorhielt. Die Waſ⸗ ſerhuͤhner tauchten unter, und die Papagayen kreiſchten auf den Bäumen, als wären dieſe mit zankenden Ehefrauen beſezt geweſen; waͤh⸗ rend der unbehuͤlfliche Pavian mit gerundetem Bauche da ſaß, und mit der Gefräßigkeit und der Ernſthaftigkeit eines Moͤnches die Nah⸗ rung zu ſich nahm, unbekͤmmert um Alles, —— —— — 12 wenn er ſeinen unerſättlichen Schlund nur mit Bananen vollſtopfen konnte. Man ſagte uns, in dieſem See lebten Krabben, ſo groß als Hummer, und Aale von unglaublichem Umfange, fuͤnfzehn bis zwanzig Fuß lang. Die beiden Hauptfluͤße entſprangen auf dieſer Ebene, vergroͤßerten ſich bei ihrem Laufe durch eine Unzahl kleiner Baͤche, bis ſie, zur Ausdehnung und Kraft angeſchwellt gleich zwei nebenbuhlenden Mo⸗ narchen, eine Zeit lang parallel mit einan⸗ der fortrauſchten, jeglicher dem andern an Pracht und reißender Schnelle, mit der ſie uͤber ihr Felſenbett hinſtuͤrzten, zu uͤbertref⸗ fen ſuchend. In einer gewißen Entfernung theilten ſie ſich zur Rechten und zur Linken, durchflutheten ihre verſchiedenen Landtheile, um endlich dem maͤchtigeren Ocean ihren Tri⸗ but zu entrichten. — 123 — Vierzehntes Kapitel. Die Eiche, Mit unermeßlich weit geſtreckten Rſten, Umarmt die helle Buche. Pyramiden Von ſchlanken Zedern wölben ſich und bilden 5 Im Innern feierlichen Dom; tief unten, Den Wolken gleich, im reinen Himmel ſchwimmend, . Hängt Eſche und Akazie ſchwankend nieder Und zittert bleich. Um graue Stämme ranken, Mit hundert tauſend Blüthen, Schlinggewächfe In dichten Ringeln. 5 Shelley. Nachdem unſere hoͤhern Sinne ſich geſäͤt⸗ tigt hatten an der unvergleichlichen Schoͤn⸗ heit dieſer Natur, verlangte auch die gröbere Sinnenluſt ihr Recht und wollte kernigere Befriedigung. Fiſche, Früchte und andere einfache Lebensmittel, die des Seefahrers uͤppigſten Lebensgenuß ausmachen, wurden in reichlichem Maße vor uns ausgebreitet. Wir verzehrten ſie mit wahrhaft prieſterlichem Eifer. Die Duͤfte von Zitronen, Himbeeren, Guava, wilden Mango und Erdbeeren, nebſt denen zahlloſer wohlriechender Kraͤuter, ge⸗ würzhafter Pflanzen und Stauden, ſtiegen mit dem Morgenthau aus dem Thale zu uns herauf, und erfullten uns mit unbeſchreib⸗ lichem Entzuͤcken. Ich fuͤhlte mich ſo leicht und federkräftig, daß ich glaubte, das Wild im Laufe einholen zu koͤnnen, das wir von Zeit zu Zeit durch die Thaloͤffnungen hervor in das dichtere Gebuͤſch ſpringen ſahen. Ein Theil des Vergnuͤgens, welches ich empfand, floͤßte ſich auch Zela's Gemuͤthe ein. Es war das erſtemal, daß wir Brod und Salz mit einander genoßen hatten. Als ich ihr das bemerkte, laͤchelte ſie und ſagte: „Ja, nun müßen wir Freunde ſeyn! Und wenn Du der Sitte unſeres Landes folgſt, mußt Du gegen mich, Deinen Gaſt, bis die Sonne untergeht und wieder aufblinkt, Deine Stirn nicht einmal runzeln.« Während wir miteinander umher wandel⸗ ten und Blumen brachen, befragte ich ſie, um deren Eintheilung — nicht nach der bo⸗ taniſchen, ſondern nach ihrer morgenlandi⸗ ſchen Liebe⸗Bedeutung; aber bald rief uns de Ruyter wieder zu, unſere Pferde zu beſteigen⸗ — 125 — Wir ließen dieſen See zu unſerer Rechten, zogen am Fuße des Piton du milieu uͤber einen vulkaniſchen Boden zu Staub gewordener Kohlen, im ſanften Abhange gegen Suͤden hin. Wiederum geriethen wir zwiſchen Berge, durchzogen gruͤne Thaͤler und Sümpfe, uͤber⸗ wachſen mit Vitti-vert (das zum Dachdecken benuzt wird), Farrenkraut, Eibiſch, ſchwan⸗ kendem Bambus und wildem Tabak. Wir ſahen Pflanzungen von Manioc (einer Brod⸗ frucht), Mais, ſuͤßen Kartoffeln, Baum⸗ wollſtauden, Zuckerrohr, Kaffee und Gewuͤrz⸗ nelken. Dann ritten wir durch felſige Betten heller ſprudelnder Baͤche, eingefaßt mit Zwerg⸗ eichen und mit der ſchwaͤrzlichen Olive, unter denen der dunkelgruͤne Feigenbaum mit ſei⸗ nen erdbeerrothen markigen Fruͤchten prangte, die durch Aufberſten ihrer ſmaragdgruͤnen Schaalen entbloͤßt waren. Hier thuͤrmte die majeſtätiſche Palme, großartig allein, gekront mit ihrer erſten, ſpaͤten und einzigen Frucht; iſt ihr aber dieſes Diadem geraubt, dann ſtirbt ſie ab, gleich irdiſchen Monarchen. Wir durchdrangen die wilden Urwaͤlder, wo der Eiſenholz⸗Baum, die Eiche, der ſchwarze Zim⸗ met, der Apfelbdum, die Akazie, die Tama⸗ rinde und der Muskatnußbaum wäͤchſt. Un⸗ ſern Pfad uͤberwoͤlbte wilder Wein, Jas⸗ min und eine Menge dunkel⸗ſcharlach⸗bluͤ⸗ hender Rankengewäͤchſe, die ihr lebendiges Geflechte ſo dicht verwoben, daß weder die Sonne, noch der Sturmwind daßelbe zu durchdringen vermogten; oder wenn auch ein irrender Strahl der Sonne durch dieſes natuͤrliche dichte Gitterwerk Eingang fand, ſo reichte der nur dazu hin, einen kleinen Buͤſchel Veilchen oder Erdbeeren, ſeine eige⸗ nen Erzeugten, zu treffen, die in ſeiner belebenden Waͤrme mit einer Kraft und einer Maͤchtigkeit aufwuchſen, welche ſie unter dem bleichen, kraͤnkelnden Aufwachſen der vernach⸗ läßigten Kinder des Schattens ſehr bemerk⸗ lich machten. Was ich mir jemals von Na⸗ turſchoͤnheiten getraͤumt hatte, konnte mit der Wirklichkeit dieſer Anſichten den Ver⸗ gleich nicht aushalten. In ſolchen, fuͤr Waldmenſchen gemachten Feenwohnungen ſchienen wir fremde Einge⸗ drungene; zum erſtenmale duͤnkten mich de Ruyter's und Aſton's Stimmen hart, und ihre männlichen Geſtalten, ihre ſonnverbrann⸗ ten Stirnen, ganz unpaßend; auf dem Ver⸗ decke eines bewaffneten Schiffes, oder im Anfuͤhren der Maͤnner zur Schlacht, meinte — 127 — ich, wären ſie beßer an ihrem Plaze. Ich vermogte ihnen gar keine Stelle anzuweiſen, welche mit unſerm jezigen Schauplaze im Einklange ſtand, und deßen Harmonie nicht ſtoͤrte. Die allerguͤnſtigſte Anſicht, die ich ih⸗ nen abgewinnen konnte, war, ſie fuͤr Wald⸗ daͤmone, Jungel⸗Admie (wilde Männer), Orang⸗Utangs, oder Centauren zu halten. Ich war ſo voͤllig davon uͤberzeugt, daß die alte Amme Kamalia, welche mit zwei ſchwarzen Sklaven den Zug beſchloß, eine Sybille oder Zauberin mit ihren Dämon⸗ dienern ſey, im Begriff, ihre entſezlichen Verzauberungen auszuuͤben, daß ich wirklich begann, mich aus der Duͤſterheit dieſes Wal⸗ des wegzuwuͤnſchen, und mich wieder nach der Sonne zu ſehnen, wie brennend dieſe auch ſtrahlen mogte; als Zela nun ihr Pferd anhielt, und die alte gebraͤunte Hexe mit ihren Schwarzen ſich nahett, ergriff ich den Zuͤgel deßelben und trieb es weiter, weil ich mit jedem Augenblicke Zela's Verwandlung in eine weiße Hindin erwartete, die in des Waldes Dickicht entſpringen werde, und zu⸗ gleich meine eigene und die aller Ubrigen in große ſchwarze Hunde, beſtimmt, ſie hun⸗ dert Monden lang ohne Anfhoͤren zu ver⸗ — 123 — folgen. Meine Angſt verſchwand ein wenig, als ſie, ſich feſter an ihr Pferd klammernd, weil deßen ploͤzliches Anſezen ſie, die gerade in die Hoͤhe blickte, faſt herabgeworfen hatte, zu mir ſagte: „O! laß mich, ich werde fallen! Ich wollte mit der alten Kamalia ſprechen, ſie fragen, was das fuͤr reizende rothe Blumen auf dem Wipfel dieſes Baumes ſind. Aber ſchau, ſie ſind keine Bluͤthen, ſondern kleine ſcharlach⸗ rothe Voͤgel, und nun haſt Du ſie fortge⸗ ſcheucht lu Lachend erklaͤrte ich Zela meine Gedanken. Auch ſie lachte und fragte: »Was meinſt Du aber, daß ich bin ?« „Du, mein ſuͤßes Weſen, biſt der ſanfte Ariel, der Schuzgeiſt dieſes Ortes. Der Wald hier ſollte Dein Wohnplaz, Dein Reich ſeynz nichts Menſchliches, denn alles menſchen⸗ hafte iſt mit Suͤnde bezeichnet, ſollte je herein kommen. Elemente ſollten Mauern um Dich herziehen, und Du ſollteſt, gleich der Biene, und gleich jenen glaͤnzenden Voͤgeln, von ſuͤßen Kräutern und Blumen leben.« „Ja, aber ich wuͤrde nicht allein le⸗ ben mogen; auch koͤnnte ich nicht gluͤcklich ſeyn, wenn ich eingeſchloßen wäre; der rei⸗ zendſte Ort wuͤrde dann nicht laͤnger ſchoͤn ſeyn.« »Ich wuͤrde als Dein Sklave Dich bedie⸗ nen.« »O nein, nein, nein, es ſoll keine Sklaven geben; ſagteſt Du das nicht 2« Jezt ward unſer Pfad breiter und lichter, aus dem duͤſtern Schatten kamen wir auf eine offene Ebene, die uns mit ihrem Schimmer⸗ glanze faſt erblindete. Als wir auf einer laͤnd⸗ lichen einfachen Bruͤcke uͤber einen Fluß hin⸗ ritten, duͤnkte mich, ich erkenne de Ruyter's Hand in deren Bau. Wiederum ritten wir einen im Zickzack anſteilenden Pfad unter Rudeln von Baͤumen und Stauden zu einer hochliegenden Ebene hinan, auf welcher de Ruyter's Haus mit Gaͤrten umgeben ſtand. Entzuͤckt rief ich Aſton zu, der hinter uns war: »Sehen Sie, hier iſts — hier iſt unſer Haus; es muß das ſeyn, denn wer anders, als de Ruyter haätte einen ſo unvergleichlichen Ort auffinden können, um ſich anzubauen? Ich ſagte es Ihnen vorher; alles, was wir bis⸗ her geſehen haben, erreicht die Schoͤnheit dieſes Ortes nicht; und was bliebe noch zu wuͤn⸗ ſchen uͤbrig, wenn man dies beſizt; alle Reize II. 9 — — der Natur ſind hier zuſammengefaßt, um das Vollkommenſte darzuſtellen.« »In Wahrheit, hier iſt das Vollkommenel⸗ antwortete Aſton, die Anlage und die weite Fernſicht uͤber das Land betrachtend. »„Sizen Sie ab,« ſagte de Ruyter, »Sie werden Zeit genug haben, dies Alles zu be⸗ ſchauen. Jezt iſt gerade die heißeſte Stunde des Tages.⸗ Dann fuhr er zu Zela gewandt fort: »Dein Mann iſt nur zu einem wan⸗ dernden Santon in der Wuͤſte tauglich; ſieh, er hat ſich die allerſchattenloſeſte Stelle ausgeſucht, die er finden konnte, um ſich recht von der Sonne durchgluͤhen zu laßen. Jezt nimmt er gar den Turban ab! Er könnte ein Heiliger ſeyn unter den Ray⸗ pooten — den Kindern der Sonnele Zela trat zu mir und ſagte ſanft: »Steh nicht in der Sonne, denn das iſt jezt ſehr boͤs. Schau! alle Bluͤthen und Blumen ver⸗ bergen ſich vor ihr, und verſinken mit ge⸗ ſchloßenen Augen in den Schatten ihrer Blaͤt⸗ ter; und ſogar auch dieſe hängen kraftlos herab. Und alle die huͤbſchen kleinen Voͤgel und Inſekten ſind in den Wald gezogen, um zu ſchlafen. Kein Thier geht umher, wenn die Sonne mitten am Himmel ſteht. Alles ſchlaͤft; der Wind ſogar iſt zum Schlaf in jene Hölen und Vertiefungen gegangen, die wir an der Kuͤſte ſahen. Nichts anderes wacht, als die boshafte kleine Fliege; die ſammelt jezt ihren Gift in der ungeſunden Ausduͤn⸗ ſtung, um Nachts mit ihrem Kampfgeſchrei zu quaͤlen, wenn ſie mit ihrem Speere ſticht und den Schlaf verſcheucht. Sie iſt der boͤſe Geiſt, Schlaf aber iſt der Gute. Komm, der Kapitain will es, und ihn achteſt Du mehr, als mich.« Eine recht huͤbſche Beſchreibung vom Ge⸗ zuͤcht der Sandfliege dachte ich; wir ſaßen unter einer Verande ab, und wurden von de Ruyter in das Haus gefuͤhrt. Dieſes hatte eine doppelte Reihe Perſiſcher Blenden rings⸗ um, welche die Sonne voͤllig abhielten, die Luft aber einließen. Die große Mittelhalle, welche faſt die Haͤlfte des Hauſes einnahm, war auf dem Fußboden mit Flieſen belegt; ein kleiner Lauf des klarſten Waßers rann durch eine ſchmale Leitung und fuͤllte ein eifoͤr⸗ miges Vecken in des Zimmers Mitte, von hier floß es zu einem großen Badeplaze im Garten ab, den es zugleich befeuchtete. Spaͤ⸗ ter bildete es einen Waßerfall; ſprang von Fels zu Fels herab, bis es wieder zum Fluße gelangte, deßen Fluth man aus den Fenſtern des Hauſes konnte murmeln horen. Um dieſe Waßerleitung zu erlangen, hatte de Ruyter oberwaͤrts im Berge den Felſen bis zu einer der dort entſpringenden Quelle durchbrochen, und dieſe zu ſeinem Hauſe und Garten ge⸗ fuͤhrt. Rings an den Waͤnden der Mittel⸗ halle waren niedere, breite, gepolſterte Size angebracht; Indiſche und Europaͤiſche Jagd⸗ waffen hingen umher, gemiſcht mit Zeichnun⸗ gen und ländlichen Werkzeugen. Zela und ihre Dienerinnen wurden nach einem Fluͤgel des Hauſes gefuͤhrt, uͤber den mit Perſiſchen Schriftzeichen das Wort »Zennanah« ein⸗ gegraben ſtand. „Dies war eine Laune des Kuͤnſtlers,« ſagte de Ruyter, »der das Innere malte und verzierte; denn dieſe Jungfrau iſt, ſo viel ich weiß, das erſte weibliche Weſen, welches mein Haus betritt.« Hierauf wies er Aſton deßen Zimmer an, und ſagte zu mir: »Was Sie anbetrifft, ſo kann kein eingeſchloßenes Zimmer Ihren um⸗ herflatternden Geiſt aufhalten. Wir muͤßen Sie daher Ihrem raſtloſen Umhertreiben uͤber⸗ laßen; denn ich weiß, dies werden Sie fort⸗ ſezen, es mag Ihnen erlaubt werden, oder — 133 — nicht. Wenn Sie irgend etwas wuͤnſchen, ſo kratſchen Sie in Ihre Hände; infofern Ihre Wuͤnſche weſentlich ſind, werden ſie befriedigt werden. Uppigkeiten habe ich entfernt und dadurch die Färbung dieſes Himmelsſtriches vermieden; indeßen iſt nichts verboten, denn Verbot an ſich verfehlt ſeinen Zweck und ver⸗ leihet einem Schatten den Werth von Wirk⸗ lichkeit. Wenn die Glocke Eins ſchlägt, wer⸗ den Sie Liffin in der Halle finden.« Fuͤnfzehntes Kapitel. — Wir ſchau'n, der Blick ſchweift ab, weiß nicht wohin. Verwirrt und trunken von der Schönheit, bis Das Herz in überfülle taumelt. Byron. Mit dieſen Worten uͤberließ er uns unſerm eigenen Gefallen und Aſton rief aus : »Was mag er unter Uppigkeiten verſtehen? Kann die Welt Uppigkeiten wie dieſe, erzeugen, die nach weinem Dafuͤrhalten die gewaͤhlteſten ſind, die man erdenken moͤgte?« »Weil wir in dergleichen Dingen es nicht gar zu genau nehmen,« erwiederte ich, »ſo meine ich, wir koͤnnen verſuchen, es hier aus⸗ zuhalten.« „Ja, entgegnete er darauf, »und wenn wir dieſen Ort ſpaͤter verlaßen, wird alles Andre uns rauh und unfreundlich erſcheinen, wie eine Irlaͤndiſche Bauernhuͤtte.« So planderten wir und ruheten in der — Halle, wollten eben hinaus gehen, als die Glocke ertoͤnte. Alle erſchienen nun, nur Zela ausgenommen. »Wir werden an Ihnen nur einen Genoßen finden, der den Drohnen gleicht, ſagte de Rugter zu mir, »falls Ihre Koͤnigin hier nicht erſcheint; bitten wir ſie alſo, die Sitte ihres Landes zu verlaßen und der unſeren zu folgen; mindeſtens in dieſem Punkte. In den meiſten andern ziehe ich ihre Landesgebraͤuche vor.« Eine Dienerin ward gerufen und zu ihr geſchickt. Nach einiger Weile trat Zela ein, ich fuͤhrte ſie zu einem Size, denn ſie hatte noch nie auf einem Stuhle geſeßen, und ſezte mich neben ſie. Wunder lieblich waren ihre kleinen waͤchſernen Finger bei dem Eßen anzuſehen. Die Schoͤnheit derſelben wurde ge⸗ ſtoͤrt durch eine garſtige eiſerne Gabel, welche zu gebrauchen, ſie fruchtlos verſuchte. Ich bat ſie, mich ihre Weiſe zu lehren; aber an⸗ ſtatt Koͤrner Reis zu trennen, wie ſie das mit ihren kleinen Fingern vermogte, war es mir ſogar unmoͤglich, den Reis vom Fluͤgel eines Huhnes im Curry zu ſondern; ich war genoͤthigt, beide zugleich in meinen Wos zu ſchaufeln. Zela begleitete uns, wiewohl erſt nach man⸗ chem Zureden, auf unſerm Abendwandel⸗ gange. Dann zog ſie ſich in die Zennanah zuruͤck und wir ſtreckten uns auf die Polſter⸗ ſize in der Halle mit unſerm Kaffee und unſern Callians, und ſchauten in das Waßer, wel⸗ ches in ſeiner ſchattigen Rinne einem Spiegel im Marmor⸗Rahmen glich. Zu gluͤcklich, um unſern Gefühlen Worte geben zu koͤnnen, ſprachen wir nicht, ſondern ſaßen ſinnend da, bis wir im Schlafe Erholung fanden. Beim Erwachen wuſchen wir uns in Ge⸗ faͤßen, die auf ſteinernen Baͤnken neben dem Strome hingeſtellt waren. Dann ward ein Getraͤnk von Eiswaßer mit dem ausgepreß⸗ ten Safte friſch gebrochener Granataͤpfel ge⸗ geben, und ein kleines durchbrochenes Koͤrb⸗ chen mit Fruͤchten und Eingemachtem. Darauf ſtellten wir den feinen Geſchmack des Gaumens durch Kaffee her, deßen Duft die Halle er⸗ fuͤllte und rauchten unſere Callians, bis die Sonne hinter einem Berge verſank, und die friſche Luft von der See herwehete; dann ſchickten wir fuͤr Zela. Wenn dieſe erſchien, gingen wir in die Gärten am Hauſe, und erſtiegen auf gemaͤch⸗ lichem, überſchattetem Pfade eine Anhoͤhe, auf der ein Sommerhaͤuschen, genau in Geſtalt und Farbe einer Perſiſchen Markie gleichend, errichtet war. Von hier aus hatte man eine ausgedehnte Anſicht der ſchoͤnſten Theile der Inſel, ſah das Meer und den Hafen Bourbon. Zela rief aus: »Da iſt das Schiff! — dicht unter uns! — nicht fuͤnf Meilen entfernt.« Mit meinem Teleskop glaubte ich, Louis le Grand erkennen zu koͤnnen, wie der em⸗ ſig beſchäftigt war, unter dem Zeltdache des Verdeckes eine Schildkroͤte zuzubereiten. Ich ſezte mich auf eine uͤber eine tiefe Schlucht vorſpringende Felſenzacke, meine Blicke auf Zela's leichte, befluͤgelte Bewegun⸗ gen geheftet, die gleich einer Biene oder ei⸗ nem Vogel von Baum zu Baum, von Blume zu Blume umherſchwirrke, den Geruch und die Eigenſchaft einer jeglichen pruͤfend. Zier⸗ liche Bewegung, gefallender Anſtand, und beſcheidene, aber nicht verlegene Anrede fin⸗ det ſich im Morgenlande in einem hohen Grade der Vollkommenheit. Die Natur, als fuͤrchte ſte die Nebenbuhlerei der Kunſt, oder als ſey ſie entruͤſtet uͤber die Anmaßungen dieſer lezten, oder als verachte ſie den Wett⸗ ſtreit mit einer ſo ſchwachen Gegnerin, oder als eckele es ſie an, daß ihre auserwählte⸗ ſten, beſten Geſchenke verſchmäͤht, verzerrt und verkuͤmmet werden zu unanſehnlichen Ge⸗ ſtalten, in dem, was man verſittlichten Ge⸗ ſellſchaftszuſtand nennt, hat ſich aus volkrei⸗ chen Städten nach Wuͤſten und einſamen Ber⸗ gen gezogen, die ihre Lieblingswohnpläze ſind; da weilt ſie und ſpielt mit ihren Lieb⸗ lingskindern, mit der Ringeltaube, der An⸗ telope und dem Barbar⸗Pferde. Ein Kind der Wuͤſte gleicht dem wilden Weinſtocke, der ſeine Nattreichen Ranken in überfluß ausbrei⸗ tet; wiewohl er im Vergleich zu eben dem Gewaͤchſe, wenn es ſorglich angebaut und beſchnitten wird, nur wenig Wein hervor⸗ bringt, iſt er doch viel ſchoͤner, wenn er in ſchwankenden Ringeln von den Wipfeln der Waldbäume herabhäͤngt, als zugeſtuzt und an Sezſtecken gebunden. Der Weinſtock und die Olive ſind Kinder der Berghoͤhen und des Sandes, genaͤhrt vom Strahl der Sonne. Das Pferd der Wuͤſte und die Antelope ſind die fluͤchtigſten und ſchoͤnſten Thiere. Der majeſtätiſche Koͤnig unter den Vögeln, deßen Gefieder uͤber den Juwelen⸗Diade⸗ men menſchliſcher Koͤnige ſchwankt, und im Triumphe uͤber Koͤniglichen Leichenbahren hin⸗ nickt, der Strauß, auch er bewohnt die ſan⸗ dige Wuͤſte. Die ſaftvollſten Fruͤchte, die duf⸗ . — 139 — tendſten Blumen, die balſamiſchſte Luft, das Harſte, reinſte Waßer, werden zwiſchen Fel⸗ ſen und in Sandſtrecken gefunden, auferzo⸗ gen in Einſamkeit und Freiheit; und hier lebt der Menſch in Gemeinſchaft mit Gott und der Natur, bis ſeine Gefuͤhle in Liebe und Anbetung ſich faſt vergöttlichen. Dort habe ich Jungfrauen geſehen, und Zela war eine von dieſen, ſo unbelehrt als der Wuͤſte wildeſte Kinder, deren ausnehmende Lieblich⸗ keit die Kunſt des Griechiſchen Bildhauers, ſeine abgemeßenen Linien und kalten Ver⸗ haͤltniße durch Schonheit beſchämten, welche Begeiſterung einer vervollkommneten Wißen⸗ ſchaft zu entwerfen nie traͤumen konnte. Ich yabe ihre Geſtalten, Geſichtszuͤge und den im Einklange verſchmolzenen Ausdruck der⸗ ſelben angeſtaunt, bis die uͤberreizten Sinne, alle in einen Punkt geſammelt, mein ganzes Weſen ſo bezauberten, daß ich vor uͤberma⸗ ßigem Entzuͤcken unmaͤchtig wurde, und mein Herz, in zauberiſchen Empfindungen uͤber⸗ fließend, ſich in Seufzern und Thraͤnen Lin⸗ derung ſuchte. Welches Auge waͤre ſo ſtei⸗ nern, daß es ihrem ſtrahlenden, das Gehirn durchdringenden Blicke begegnen, und däbei die Farbe ihrer Augen unterſuchen, ihre Li⸗ — 140 — nien meßen, oder ſehen koͤnnte, ob ſie nach Griechiſchen oder Roͤmiſchen Formen gebildet wären? Die Eule mogte eben ſo leicht ver⸗ ſuchen, ungeblendet in die Sonne zu blicken. Nur in Zela's Abweſenheit vermogte ich, ihre Schilderung zu entwerfen. Sie hatte ſo eben ihr vierzehntes Jahr vollendet, und wie⸗ wohl ſie ſelber im Morgenlande noch nicht als gereift betrachtet wurde, ſo verſprachen ihre Formen, die gleich den Blumenblättern einer fruͤh getriebenen, vom ſonnigen Weſt⸗ winde angefächelten Bluͤthe durch ihre Knos⸗ pen hervorbrachen, doch die ſeltenſte Schoͤnheit, die ſußeſte Lieblichkeit. Im Schatten auferzo⸗ gen, war ihre Hautfarbe blaß, bildete aber einen auffallenden Gegenſaz zu den dattelfar⸗ benen Frauen ihrer Umgebungz; die zarte, durch⸗ ſichtige Reinheit ihrer Geſichtshaut war merk⸗ wuͤrdig und ward noch gehoben durch Wolken des ſchwärzeſten Haares. Sie glich einem ein⸗ zelnen unverhuͤllten Sterne in dunkler Nacht. Die Breite und Tiefe ihrer hellen, ſanften Stirn war zum Theil verborgen unter der flachen, ſeidenaͤhnlichen Linie, aus der ihr Haar emporſproß, im uͤppigen Reichthume uͤberhing und den Glanz derſelben erhoͤhete; die inlige Wirkung brachten ihre ſchim⸗ — 141 — mernden, ſchoͤn gezeichneten Brauen hervor, die ſich kuͤhn uͤber die Stirn hinzogen, an ihren äußern Enden leicht gewunden, aber nicht bogenfoörmig. Ihre Augen waren ſogar fuͤr eine Morgenlaͤnderin voll, doch weder funkelnd, noch vorſtehend, ſondern ſanft wie die einer Droßel. Nur wenn Freude, Uber⸗ raſchung oder Kummer ſie anregten, erwei⸗ terte die ſternengleiche Iris ſich und ſtrahlte, dann war ihre Wirkung im hoͤchſten Grade beredt und zauberiſch. Die deutlich geſonder⸗ ten, dunkelſchwarzen Wimper, welche das Auge umhingen, waren ausnehmend lang und reizvoll; ſchlief ſie, ſo preßten dieſe gegen ihre bleichen Wangen und woͤlbten ſich auf⸗ waͤrts. Der Theil des Auges, der in der Regel eine Perlenweiße zeigt, war in den ihrigen mit einem zarten Lichtblau gedunkelt, gleich den Bluͤthen der Purpurtraube oder dem durch Morgennebel angeblickten Wolkenhimmel. Ihr Mund war Ausdruck von Harmonie und Liebe; ihr Geſicht war klein und eifoͤrmig ge⸗ bildet; ein wellenfoͤrmiger Umriß unvertilg⸗ barer Grazie ſenkte ſich hinab zum weichen, faltenloſen Halſe, hob ſich dann an ihrem Buſen, der gewoͤlbt war und ſeine Formen * — 142 — eben entwickelte. Ihre Gliedmaßen waren ge⸗ laͤngt, voll und geruͤndet; ihre Bewegungen raſch, doch nicht ſpringend, leicht wie ein Zephir. Wie ſie jezt uͤberwoͤlbt vom dichten Schatten jenes geheiligten Hindus⸗Baumes da ſtand, deßen herabhängende Velaubung ſie in Buͤſcheln umſpielte, und von dem man ſagt, daß in jeglichem ſeiner zuſammengezo⸗ genen Sinnblaͤtter eine Fee wohnt, bildete ich mir ein, ſie ſey der Feen Koͤnigin und můße aus einem Laubblatte herabgefallen ſeyn, um unten zwiſchen den Blumen zu ſpielen und zu tändeln. Ich lief auf ſie zu, umfaßte ſie mit meinen Armen und ſagte, indem ich ſie an meinen Buſen druͤckte: »Jezt habe ich Dich, geliebter Geiſt, ich ſah Dich herabfallen und will Dich nun hier feſthalten.⸗ »O! ſez mich nieder? Du thuſt mir weh! — ich ſiel nicht, — o! laß mich los !« »Willſt Du mir auch verſprechen, nicht in Deine Laubwohnung, dort im Baume Dei⸗ nes Feenreiches zu entfliehen 2« »Was willſt Du damit ſagen? — O! laß mich los — Du wirſt mich erdruͤcken le Sanft ſezte ich ſie auf die Erde, und er⸗ zählte ihr meine Furcht. Sobald ich ſie los⸗ gelaßen, entlief ſie wie ein junges Wild zu — — ihrer alten Waͤrterin; dieſe war meine erſte Umarmung meiner Arabiſchen Jungfrau. Damit es nicht den Anſchein habe, als uͤbertreibe ich, wenn ich von den Arabern in Indien im Allgemeinen rede, muß ich dem Leſer wiederholen, was ein gelehrter, vor⸗ urtheilsfreier Reiſender kuͤrzlich uͤber ſie ſagte: »Die Araber ſind zahlreich in Indien; ihre im Vergleich bemerkliche Weiße, ihre ſchoͤ⸗ nen, kernigen, kraͤftigen Geſtalten, ihre ed⸗ len Geſichtszuͤge, ihr maleriſcher Anzug zeich⸗ nen ſie aus, ſo wie ihr Scharfſinn, ihre Kuͤhnheit und ihre Thaͤtigkeit u. ſ. w. u. ſ. w.« Alles das war Zela's Vater, und ihre Mutter, eine beruͤhmte Schoͤnheit vom Ge⸗ orgiſchen Kaukaſus gebracht, war durch Kriegszufaͤlle zweimal eine Gefangene gewor⸗ den. Nachdem ſie Zela geboren hatte, be⸗ trachtete ſie ihr Kind, ſah in demſelben ihr Ebenbild, ſegnete es und gab ihr ſterbliches Daſeyn auf. Iſt es alſo zu verwundern, daß die Tochter ſolcher Eltern ſo war, wie ich ſie geſchildert habe, oder vielmehr zu ſchildern verſuchte? Denn ich bin wenig bewandert in Worten, oder Worte ſind auch unzurei⸗ chend, um das darzuſtellen, was das Auge ſieht und das Herz empfindet. Sechszehntes Kapitel. Auch nicht ein Hauch Will freundlich ſich vermengen mit der Luft, Bevor er umgekreiſet und geraubt Vom Herzen einen Theil der Leidenſchaft. Keats. Bei meiner Ruͤckkehr zu de Ruyter und Aſton beſprachen dieſe die Nothwendigkeit, dem Kommandanten in Port St. Louis ei⸗ nen Beſuch zu machen, und beſtimmten den folgenden Tag zu einem Ritte dahin. Ich bettelte mich los, unter dem Vorwande, daß ich den Schiffsdienſt nachzuſehen habe. Wir blieben in freier Luft, bis das Abendeßen angeſagt wurde, und unſer Abend endete ſo angenehm, als der Tag begonnen hatte, nur Zela's Gegenwart fehlte mir. Weil wir lange vor Sonnenaufgang heraus wollten, um die kuͤhle Morgenluft zu genießen, legten wir uns fruͤhe ſchon auf unſere Polſter. — 145 — Mein unruhiger Geiſt ließ ſich vom Schlafe nicht feßeln. Nachdem ich wohl eine Stunde mich umhergewälzt, ging ich wieder hinaus und hinauf zum Sommerhauſe, wo mich die Andern am Morgen fanden. Darauf nahm ich ein Bad, das mich mehr als Schlaf er⸗ friſchte. Nach dem Kaffee und nachdem wir unſere Callian geraucht, gingen wir mit de Ruyter umher, um deßen Pflanzen und Stauden zu beſehen, die er aus verſchiede⸗ nen Inſeln des Indiſchen Archipelagus mit⸗ gebracht hatte; denn ihm war eine leiden⸗ ſchaftliche Liebhaberei fuͤr Gartenanlagen, Bauen und Pflanzen eigen; dieſe Inſel aber liebte er ganz beſonders ihres Klima und Bodens wegen, auf dem jegliches Gewächs herrlich gedieh. Er ſagte; »Ich habe alle Klaßen von Men⸗ ſchen befragt, bis hinauf zu Fuͤrſten und Ty⸗ rannen, und habe gefunden, daß die Gärt⸗ ner die zufriedendſten und folglich die gluͤck⸗ lichſten Leute in der Welt ſind. Ich geſtehe, daß, wenn der Zufall mich nicht zum See⸗ fahrer gemacht haͤtte, ich aus Wahl Gärt⸗ ner haͤtte ſeyn wollen. Aber bei dergleichen Dingen wird uns keine Stimme zugeſtanden, ſondern wie der Kaͤfer und die Fledermaus II. 10 — 146 — werden wir gezwungen, blindlings fortzu⸗ arbeiten, in der Erde oder in der Luft. Kaum konnte ich mich entſinnen, irgend eine Frucht oder Blume in Europa, oder in Indien geſehen zu haben, die er nicht hier um ſich geſammelt hatte; außer dieſen war aber noch eine große Anzahl ſolcher da, die ich nie zuvor geſehen, oder doch nicht be⸗ ſonders bemerkt hatte; dazu kamen noch alle die urſpruͤnglichen Holzarten der Inſel. Die hohe Flaͤche ausgenommen, auf der das Haus erbaut war, lag der ganze umliegende Theil des Landes wild und bewachſen da. Zum Theil waren die großen Baͤume gefaͤllt und fortgeſchafft; kleine Haufen und einzelne Wald⸗ bäume hatte man gelaßen. Das Haus hatte nur ein Geſchoß mit vorſpringendem Dache auf Säulen. Die Vorderſeite lag gegen Suͤd, und von ihr blickte man hinab auf eine kleine Ebene; das Meer lag gegen Nordweſt; gegen Oſten aber gaben Berge, Waͤlder, Felſen und tiefe Schluchten der Ausſicht eine wechſelreiche Mannigfaltigkeit. Nur ein Theil der untern Ebene verrieth Anbau, alles übrige ſchien im wilden, unbewohnten Zuſtande. Dort war eine große, nebſt verſchiedenen kleinern Pflan⸗ zungen, abgeſondert durch Baumreihen und — 147 — Wege; uͤberweißte holzerne Huͤtten dienten zu Wohnungen, und aus dieſen Pläzen bezog de Ruyter alle ſeine Beduͤrfniße, denn er machte ſich's zum Geſeze, jegliches Erzeug⸗ niß zu ſeinem Verbrauche im Uberfluße her⸗ vorzubringen. »Vortheilhafter,« ſagte er, »wuͤrde es in gewißer Ruͤckſicht ſeyn, nur dasjenige allein in großer Menge anzubauen, was der Eigen⸗ thuͤmlichkeit des Bodens am beſten entſpricht; den Uberfluß aber in Geld umzuſezen, um daftͤr ſolche Beduͤrfniße und uͤppigere Genuͤße anzuſchaffen, die mich etwa reizen moͤgten. Aber außer der Befriedigung, die mein Plan mir gewaͤhrt, der mich, was ich am Nuzen verliere, durch Vergnuͤgen, Geſundheit und Beſchaͤftigung wiedergewinnen macht, ſezt er mich zugleich auch in den Stand, das harte Loos derjenigen zu erleichtern, die unter einem abſcheulichen Verhaͤltniße ſeufzen — ein Verhaͤltniß, das ich verwuͤnſche, aber nicht abwenden kann — ich meine das der Sklaverei. Was ich vermogte, habe ich ge⸗ than. Auf meinem Beſizthume ſinden Sie keine Sklaven. Das Brod, welches Sie bei mir ſpeiſen, mag vielleicht nicht das weißeſte, noch das leichteſte ſeyn; aber dagegen iſt es auch nicht vermengt mit dem Blute und Schweiße des erbitterten, uͤbermaͤßig abge⸗ quaͤlten Gefangenen, noch ſind deßen Ver⸗ wuͤnſchungen ihm als Hefe zugeſezt. Einige zwanzig Sklaven, die ich frei gemacht, oder ſchon befreit gefunden habe, ſind meine Paͤch⸗ ter. Ich bekomme einen Zehnten von ihren Erzeugnißen, und nehme dieſen im natuͤrlichen Zuſtande. Der Eine muß mir meinen Jahr⸗ bedarf an Korn liefern, ein Anderer Kaffee und ſo fort: Reis, Zucker, Gewuͤrz, Baum⸗ wolle, Tabak, Wein, Ol, Branntwein, und was der Boden ſonſt noch hervorbringen will. Den Uberfluß veraͤußere ich. Alles, was Sie hier eßen oder trinken, wird durch freie, nicht durch erzwungene Arbeit hervorgebracht; und ich bin der Meinung, unſere Hausmannskoſt ſoll uns nicht ſchlimmer munden, weil wir wißen, daß dem ſo iſt. Ich bin keiner von den ſchwerkieligen Moraliſten, die da predi⸗ gen, aber hinter der Ausuͤbung zuruͤckſchlep⸗ pen; Kerle, die eines Schneiders Glaubens⸗ lehre erpruͤfen, bevor ſie ſich in ein Paar Bein⸗ kleider wagen, die er gemacht hat, und die keinen Gedanken auf Bezahlung verwenden; ich betrachte lieber die Guͤte der Arbeit, als den froͤmmelnden Sinn des Arbeiters. Freie Leute, die mit wahrer Luſt arbeiten, dienen mir beßer, als die Hände herzloſer Sklaven.« Der Ritt zum Kommandanten war bis zum folgenden Tage verſchoben, und wir Alle ſuchten uns nach unſerer Laune zu beſchäftigen. De. Ruyter machte die Zeichnung eines Fiͤgels, den er an ſein Haus zu bauen wuͤnſchte, beſtimmt zu einer Zennanah fuͤr die Frauen. Aſton hob ſuͤße Kartoffeln, Yam⸗ Wurzeln und Kraͤuter fuͤr das Mittageßen aus der Erde. Ich fertigte unter den Gebuͤ⸗ ſchen eine Laube von Bambusrohr, und pflanzte darin jenen geheimnißvollen Baum, den Yakunnh, der Zela's Thränen auf der Herreiſe hatte fließen machen. Als ich mich dann unter einem Roſenapfelbaum niederlec⸗ te, verſank ich in feſten Schlaf, denn ich hatte die ganze Nacht ſchlaflos zugebracht. Aus dem Schlafe erwachte ich durch das Sen⸗ gen der Sonnenſtrahlen, die gleich Feuer uͤber meine Glieder ſich hinzogen, ſobald die Sonne uͤber die Baͤume hervorragte. Ich war mir bewußt, daß ich in wenigen Minuten aus meiner Lagerſtaͤtte fortgebrannt werden wuͤrde, dieſe Gewißheit aber erhoͤhete noch das Vergnuͤgen der lezten Augenblicke, und geduldig ertrug ich das feurige Martyrer⸗ — 150 — thum meiner Fuͤße und Beine. Nun vernahm ich leiſes, naͤher kommendes Geraͤuſch. Was konnte das ſeyn? In ſo bewegungsloſer Faul⸗ heit lag ich ausgeſtreckt, daß ich mich weder ruͤhren, noch aufſchauen wollte, gleichwohl horchte ich aufmerkſam. Ich hatte ein Gefuͤhl, als muͤße ich aufſtehen, denn wie das raßelnde Geraͤuſch naͤher kam, glaubte ich, es ſey eine Schlange; aber ſogleich fiel mir wieder ein, daß de Ruyter uns geſagt hatte, auf der gan⸗ zen Inſel gaͤbe es nicht ein einziges giftiges Kriechthier. Ach nein, dachte ich, der Ton iſt mir bekannt, ich bin gewiß, daß es nur eine Eydechſe iſt, oder hoͤchſtens ein Paar davon, die Fliegen fangen wollen. Nun em⸗ pfand ich aber, daß etwas leiſe ber mich hingebreitet wurde, das im Bewegen ein gewißes Rauſchen vernehmen ließ, und als ich nunmehr meine Augen oͤffnete, gewahrte ich Zela mit ihrem kleinen Malayen⸗Mäd⸗ chen, Aduh, die mich mit einem Stuͤcke von einem Talypot⸗Palmblatte beſchatteten; — denn ein Ganzes dieſer Blaͤtter mißt zuwei⸗ len dreißig Fuß im Umfange. Sie wollten entlaufen, als ſie mich erwacht ſah, aber ich erfaßte den Saum ihrer geſtickten weiten Veinkleider. — 151 — »Weshalb liegſt Du in der Sonne?« ſagte ſie, »weißt Du nicht, daß ſie ſchlimmer iſt, wie der Biß der Chichta? und ihr Strahl auf den unbedeckten Kopf gföbrüches⸗ als ein Schwerdthieb 2« »Suͤße Zela, was fuͤhrte Dich hierher! S »Ich wollte Fruͤchte brechen.« »Weshalb brachteſt Du das Palmblatt? Hier ſteht keine Palme in der Nähe.« Nun erblickte ſie den von mir gepflanzten Baum und ſagte: »Wozu glaubſt Du wohl? Wie konnte ich wißen, daß Du in der Sonne ſchliefeſt? Wir trugen das Blatt her, um dieſen Yakunuh zu beſchirmen.« »Wie wußteſt Du denn, daß der hier ge⸗ pflanzt war, ich habe das Niemandem ge⸗ ſagt ?« Mich duͤnkte, ich las in ihren Augen und im wechſelnden Ausdruck ihrer Geſichtszuͤge — den Spiegeln ihres Gemuͤthes — daß ich nicht mehr, wie fruͤher, ihr gleichguͤltig ſey. Nun begleitete ich ſie zuruͤck zum Hauſe, mit Schritten, die faſt eben ſo leicht waren, als die ihrigen. — 152 — Siebenzehntes Kapitel. Tabak! von Oſt bis Weſt erfreueſt Du Des Seemann's Arbeit und des Türken Ruh', Der ſeine Zeit, wenn er im Sopha weitt Mit Dir, dem Opium und den Frauen theilt; In Stambul prächtig, minder gut am Strand, Obgleich auch hier für trefflich Gut erkannt, Im Hookah göttlich, und in Bernſtein⸗Pfeifen Das lange Rohr, geſchmückt mit Ambraſtreifen. Byron. und in den Sand wolt' ich mir Zeichen graben, Um der Gedanken Schwingungen zu faßen, Die klaren Luftgebilde, deren kleinſte Veränd'rung Sprache in der Sprach' erzeugt. Shelley. Wr begegneten de Ruyter, der ſagte: »Ich war im Begriff, Dir einen Beſuch zu machen, Dame, um eine Taße Kaffee von der Kamalia zu bekommen.« »Ich bitte Dich, Kapitain, thue das ant⸗ wortete ſie, »die macht beßer Kaffee, als ir⸗ gend Jemand, auch ihr Sorbet und ihr Arekie iſt vortrefflich, ſie weiß viele andere Dinge; kanr in den alten Buͤchern unſeres Landes leſen, und in den Sternen.« Nach ihrem alterthuͤmlichen Ausſehen,« bemerkte de Ruyter, »muß ſie ſchon den Pa⸗ pyrus erforſcht haben, und es ſollte mich nicht uͤberraſchen, wenn ſie das Geheimniß der Hieroglyphen aufzuhellen vermoͤgte.« Bei dem Eintreten in die Zennanah be⸗ un die alte Waͤrterin Kamalia ſogleich, nachdem ſie uns vorher auf ihren vier ver⸗ „knöcherten Fingern abgezaͤhlt hatte, jenen hei⸗ ligen, „ im Morgenlande nie unterlaßenen Gebrauch, des Darreichens von Erfriſchun⸗ gen zu evfuͤllen; dort geſchieht es ohne die herzloſe und knauſerige Foͤrmlichkeit des An⸗ fragens bei den Gäſten nach Europaiſcher Sitte, ob ſie Erfriſchungen annehmen wollen oder nicht, wobei diejenigen verdrießlich an⸗ geſehen werden, welche die Anfrage bejahen. Ich folgte Kamalia, um zu wißen, wie der echte orientaliſche Kaffee gemacht werde. Nur allein gute Moslim koͤnnen guten Kaffee zu⸗ bereiten, denn, weil ihnen der Genuß feuri⸗ ger Getraͤnke unterſagt iſt, ſo bleibt ihr Gau⸗ men feinſchmeckender, und ihr eigentlicher Genuß wird um ſo mehr geſteigert. — 154 — So wird er gemacht: in einem klinen Kochofen brannte ein helles Holzkohlenfener. Zuerſt nahm ſie, fuͤr vier Perſonen, vier Handvoll der kleinen, blaßen Mokkabohne, die nur um weniges größer, als ein Gerſten⸗ korn iſt. Die Bohnen waren ſorgfältig ver⸗ 5 leſen und gereinigt. Dieſe that ſie in ein ei⸗ ſernes Geſchirr, in welchem ſie mit bewun⸗ derungswuͤrdiger Geſchwindigkeit und ℳ ſchicklichkeit geroſtet wurden, bis ihre Farb etwas gedunkelt, die Feuchtigkeit aber nicht verdampft war. Solche Bohnen, die z ſturt . gebrannt waren, wurden ausgeſondert die andern aber noch in voller Roſthize in 38 großen hoͤlzernen Moͤrſer geſchuͤttet, und in dieſem ſogleich durch eine andere Frau zer⸗ ſtoßen. Nachdem das geſchehen war, ſiebte Kamalia das Pulver erſt durch ein gröbtres, dann durch ein feineres dameelhaargewebe. Inzwiſchen war ein Kaffeetopf, in welchem genau vier Taßen Waßer enthalten waren, zum Kochen gebracht. Dieſer ward nun vom Feuer gehoben, eine Taße Waßer ausge⸗ ſchoͤpft, und dagegen drei Taßen voll Kaffee⸗ pulver hineingeſchuͤttet, nachdem ſie ſich zuvor zwiſchen Daumen und Zeigefinger von deßen nnfuͤhibarer Feinheit uͤberzeugt hatte; mit ei⸗ — 1¹55 — nem Stabe von Zimmtholz ward daßelbe um⸗ geruͤhrt. Nachdem der Topf wieder auf das Feuer geſezt worden, hob ſie ihn in dem Au⸗ genblicke, in welchem das Waßer uͤberkochen wollte, herab, ſtieß den Boden deſſelben ge⸗ gen den Ofenrand, und ſezte ihn dann wie⸗ der auf das Feuer. Dies wurde fuͤnf⸗bis ſechs⸗ N mal wiederholt. Ich vergaß zu bemerken, daß ſie ein ſehr kleines Stuͤckchen Muskatbluͤthe hat doch nicht ſo viel, um deßen Ge⸗ ſchmack erkennbar zu machen; auch daß der Kaffeetopf von Zinn und ohne Deckel ſeyn muß, denn ſonſt kann der Kaffee auf der * Oberflaͤche keinen dicken Rahm bilden, wie er thun muß. Als der Topf zum leztenmale vom Feuer gehoben worden, ward die eine aus⸗ geſchoͤpfte Taße Waßer hinzugeſchuͤttet. Nun ward der Topf ohne umruͤtteln ſogleich in das Zimmer getragen, und der Kaffee au⸗ genblicklich in die Taßen gegoßen, worin er ſeine reiche Rahmdecke auf der Oberflaͤche bei⸗ behielt. So bereitet, fuͤllte ſein Duft das Zimmer . an und nichts konnte dem Gaumen entzuͤcken⸗ der ſeyn. Nach meiner Beſchreibung ſcheint dies ein ſehr zeitraubendes, ermuͤdendes Ver⸗ fahren, die alte Kamalia gebrauchte aber nur zwei Minuten fuͤr jede Perſon; ſo daß von der Zeit, in welcher ſie das Zimmer verließ, bis zu ihrer Ruͤckkehr mit dem Kaffee, nicht mehr als acht Minuten vergangen waren. Zela ſelber reichte ihren Gaͤſten den Kaffee, ihr folgte das kleine Malayen⸗Mädchen mit Zuckerwerk und Waßer. Darauf brachte Zela mir eine Schebukſche (Tuͤrkiſche Pfeife), denn die Sitte will, daß eine Frau in ihrem Zimmer dieſelbe ſtopft und auch anzuͤndek, aber nur allein fuͤr den Vater, oder Ehemann. Sie entzog den bleich⸗gefarbten Ambra ihren rubinrothen Lippen, reichte ihn mir dar und kreuzte ihre beiden Haͤnde uͤber der Stirn. Sodann verließ ſie mich, um danach zu ſehen, daß ihre andern Gaͤſte von ihren Frauen be⸗ dient wuͤrden. Bleicher, nicht durchſichtiger Ambra, mit dem leichteſten Schatten von veilchenblauer Farbe ſpielend, oder nach dem Ausdruck der Muſelmaͤnner, dem Anſehen einer jungfräu⸗ lichen Stirne gleichend, aus der das Leben grade entflohen iſt, gilt bei weitem fuͤr den koſtbarſten. Dieſem folgt, nach ihrer Wuͤrdi⸗ gung, der bleichſte zitrongebliche, ohne dunk⸗ les Gewoͤlk und ohne Flecken, aber ganz un⸗ durchſichtig. . — 157 — Das einzige zuläßige Getrank, um den Ge⸗ ſchmackſinn des Gaumen waͤhrend dem Ein⸗ athmen des Rauches von jenem ausgewaͤhl⸗ ten und unſchaͤzbaren Blatte zu unterhalten, welches in Schiraz an einem Meerbuſen der oͤſtlichen Seite des Perſiſchen Golphes waͤchſt, von welchem Landtheile man ſagt, es ſey Adam's Paradies geweſen — und ich glaube das! — iſt, wenn man die Wolluſt des gan⸗ zen uͤppigen Genußes ſeines koͤſtlichen Duftes empfinden will, entweder ſolcher Kaffee, wie ich ihn eben beſchrieben habe, oder der Saft friſchgebrochener Fruͤchte in Waßer gepreßt, oder aber dieſes reine Element allein, oder Tonkin, oder Souchong⸗Thee, eingeſammelt waͤhrend der Thau noch die Blätter feuchtete; von dieſen muͤßen die beſten ausgeſucht und mit freigebiger Hand in Waßer geſchuͤttet werden, genau im Augenblicke vor deßen Ko⸗ chen; man muß ſie nicht auslangen, wie in Europa. Im Augenblicke des Entfaltens der Blätter, iſt der Aufguß reizhaft und aroma⸗ tiſch, ohne bitter, noch ſtark zu ſeyn. Dann muß er mit dem klarſten Kandis⸗Zucker geſuͤßt werden. Verfeinerte Raucher haben einen Ma⸗ hometaniſchen Abſcheu vor allen gegohrenen Getraͤnken, die des Gaumens zarte Unterſchei⸗ dung abſtumpfen und den geiſtigen Genuß zer⸗ ſtoͤren. Zelas Vater war tief eingeweiht in die Kunſt des Rauchens; und hatte ſeine Toch⸗ ter wißenſchaftlich in deren verborgenſte Ge⸗ heimniße eingeweihet, wel dieſe einen uner⸗ läßlichen Theil weiblicher Erziehung ausma⸗ chen. De Ruyter, deßen praktiſche Kennt⸗ niß der ſeinigen wenig untergeordnet war, pflegte zu ſagen: »Ich betrachte Europaͤiſche weibliche Aus⸗ bildung fuͤr nichts anders, als Aufſtellen von Schlingen, um Waldſchnepfen zu fangen. Nuz⸗ liche Kenntniße beſizen die Frauen nicht. Ihr ganzer Stolz beſteht in ihren Federn und in ihrem Puze, gleich dem bunten Muckarungur, oder dem ſchillernden Pfau, oder dem bun⸗ ten, einfältigen, anmaßenden und ſchnattern⸗ den Holz⸗Heher. Dagegen koͤnnen dieſe Ara⸗ biſchen Mädchen, welche jene deshalb als barbariſches Geſchlecht verachten, weil ſie nur das Ruͤzliche allein ſchaͤzen, jede Art von Tuch bereiten, Gewaͤnder daraus machen, Getraide ſaen, Korn zermalmen und Brod daraus backen, ferner die fluͤchtige Antelope, oder den Strauß mit ihrem Speer erjagen, und von beiden Thieren Speiſen auf man⸗ nichfaltige Art bereiten. Und dieſe haben ihre angelobte Treue nie gebrochen; ihre wach⸗ ſame Schnelligkeit, ihr hingebender Muth, dienen der Bruſt ihrer Gatten als ein Schild, wenn deßen Auge im Drange der Gefahr verſchloßen iſt; weder Gefahr noch Gewalt kann zu ihren Gatten anders dringen, aks durch ihren treuen Bnſen. Was weibliche Schönheit anbetrifft, wer koͤnnte uͤber de⸗ ren allgemein geltende Vorſchrift entſcheiden? Alle Frauen ſind einer Klaße zugetheilt, ganz wie die Lilie und der Knoblauch; was koͤnnte gleichwohl mehr verſchieden ſeyn, als dieſe? In Siam und Arrakan werden lange Ohren und ſchwarze Zähnereizend gehalten; in China und in der Tartarei, große Lippen und lange Naͤgel. In einigen Europaͤiſchen Laͤndern wer⸗ den die Schoͤnheitseigenſchaften der Frauen mit denen der Pferde in Kbereinſtimmung ge⸗ ſchäzt; Athem, Knochenbau, Hoͤhe und kraͤf⸗ tiger Koͤrper. In England iſt ein Amazonen⸗ Geſchlecht, zugleich mit dem Pferde, dem Stiere und der Eiche zur Vollkommenheit ge⸗ diehen. Aber diejenigen, die zierliche, zarte weibliche Formen lieben, muͤßen dieſe in Laͤn⸗ dern aufſuchen, in denen die karmoiſinbläͤt⸗ trige Ceiba, die Dattel und der ſchwanke Bam⸗ * „ „ bus herrlich wachſen, die der Natur wil⸗ deſte Schlupfwinkel lieben, und ſich weigern, ihre Schoͤnheit unter dicht bewachſene Jun⸗ geln oder angebauete Pflanzungen zu mi⸗ ſchen.« Am folgenden Morgen ritten de Ruyter und Aſton nach der Stadt St. Louis, um dem Kommandanten ihren Beſuch zu machen; und ich vergnuͤgte mich mit Gartenarbeit. Zela hatte nun die Gewohnheit angenommen, bei mir zu ſeyn, und ich vermogte kaum, einen Augenblick ohne ſie zu verbringen. Ihre ru⸗ higen Geſichtzuͤge belebten ſich durch Gruͤb⸗ chen ihres Lächelns. Wir Beide kannten die Liebe nicht. Wiewohl wir, troz meiner oͤftern Fehler im Arabiſchen, ohne große Schwie⸗ rigkeit uͤber gewoͤhnliche Dinge mit einander ſprechen konnten, waren wir Beide doch durch⸗ aus Neulinge in der Sprache des Herzens. Mein leidenſchaftlicher Ungeſtüm, der mich gewoͤhnlich zum Heftigſten fortriß, ward nun durch das ſinnigſte Zartgefuͤhl gehemmt. Ich konnte nicht Worte finden, um meine neuen Gefuͤhle auszudruͤcken, deren Drang gleichwohl die vollkommenſte Beredtſamkeit verlangte, um ſie zu bezeichnen. Doch mir erſtarb der Verſuch zu Worten auf den Lip⸗ — 161 — pen; wir ſezten uns unter dem Schatten ei⸗ nes Vaumes auf einen Teppich nieder und unterhielten uns mit den alten Zeichenſchrif⸗ ten ihres Landes, welche fuͤr Liebende, das Alphabet des Cadmus bei weitem uͤbertref⸗ fen. In den rothen Sandboden zeichneten wir Abbildungen von Voͤgeln, Schiffen und Haͤu⸗ ſern, und dieſen Hieroglyphen fuͤgten wir die ſtumme Sprache der Fruͤchte und Blumen hin⸗ zu. Dieſe, Zela's große ſchwarze Angen, die ſuͤße Beweglichkeit ihrer Lippen, das Beruͤh⸗ ren derſelben und das Verſchraänken unſerer Finger, wobei unſere jungen Herze im Auf⸗ ruhr klopften, ſchienen uns das Beredtſamſte und Verſtändigſte. Die Zeit verflog ſo ſchnell wie die kleinen Windluͤftgen, die uͤber den ſil⸗ berfarbenen Spiegel des Waßerteiches zu un⸗ ſern Fuͤßen hinglitten, und die Blumen am Ufer im Fortrauſchen niederbeugten. Später wandelten wir umher, raubten dem Garten ſeine reifſten, ſaftigſten Fruͤchte, und unſer groͤßter Wettſtreit war, wer von uns die be⸗ ſten ſammle? und welche die beſten wären? Sie belebte ſich in Lobſpruͤchen, welche ſie den friſchen, zuckerſuͤßen Datteln ertheilte, ich aber behauptete, ſie wären gar nichts im Vergleiche zu der wolligen Pfirſichpflaume II. 11 — 162 — und der Fuͤrſtlich gekroͤnten Ananas; Aſton, der ploͤzlich dicht hinter uns ſtand, gab ſeinen Ausſpruch gegen uns Beide zum Vortheile der Mangoſtine, die nach ſeiner Behauptung den feinen Geſchmack der Pfirſichpflaume, der Dattel, und der Ananas in Verbindung mit ihrem eigenen enthalte. »„Hallohle rief ich aus, »Aſton! ich glanbte, Sie waͤren zum Beſuche des Kommandanten abgeritten. Jezt iſt es zu ſpaͤt, — die Sonne iſt zu heiß, — mein Blut flammt. — Wes⸗ halb ritten Sie nicht mit de Ruyter? Der iſt ſchon uͤber eine Stunde fort.« „Sie träumen,« antwortete Aſton, »vor ſechs Stunden ritten de Ruyter und ich zu⸗ ſammen weg und wir ſind wieder zuruͤck. Es iſt Mittag, und uberall haben wir Sie ge⸗ ſucht. Wir warten mit dem Eßen auf Sie!« »Unmoglich! Zela und ich gingen hinaus, als Sie und de Ruyter Ihren Kaffee nahmen und davon ſprachen, daß Sie nach der Stadt reiten wollten. Das kann gewiß noch nicht länger, als eine Stunde ſeyn.« »Wachen Sie auf, Träumer!« ſagte er. »Blicken Sie nach der Sonne. Sehen Sie nicht, daß ſie ſchon am Mittagspunkte ge⸗ rade über Ihrem Kopfe ſteht? Gewiß iſt — 163 — Ihr Gehirn vom Sonnenſtich getroffen! Aber kommen Sie, ſtehen Sie auf; wir, die wir die Zeit nach der Uhr und nach unſerer Eßluſt zaͤhlen, beduͤrfen etwas Staͤrkenderes, als die ſuͤße Liebeskoſt.« Voller Verwunderung uͤber die ungewoͤhn⸗ liche Geſchwindigkeit, mit der dieſer Tag vergangen war, kehrten wir zuruͤck zum Hauſe. Zela, die keine kuͤnſtliche Ausfluͤchte kannte, wußte de Ruyter in Erwiederung ſeiner Neckereien nurzu antworten, ſie wiße gar nicht, daß es ſchon ſo ſpaͤt ſey; ſie beſorge, daß ſie ganz ihr unbewußt die Zeit vertraͤumt habe, und daß, weil wir ſo viele Fruͤchte genoßen hatten, keiner von uns Hunger em⸗ pfunden und deshalb auch nicht an das Mit⸗ tageßen gedacht habe. — 164 — Achtzehntes Kapitel. und ſeyd Ihr Türk nun ganz und wirklich? Ja? „ Braucht man die Finger ſtatt der Gabel da? Welch ſchöner Shawl! Ha! den werd' ich bekommen! Dem Schweinfleiſch, ſagt man, kommt Ihr nicht zu nah? Byron. Si ſagten mir, der Kommandant wuͤnſche ſehr, mich zu ſehen, und hätte uns ſämmt⸗ lich eingeladen, bei ihm zu ſpeiſen. Aſton war ſehr freundlich von ihm empfangen. Wir machten uns demzufolge einige Tage ſpäter, noch vor der Morgendämmerung auf, nahmen den nämlichen Weg, der uns auf die erhoͤhete Ebene gefuͤhrt hatte, ritten den Piton vorbei und kamen auf einem erträg⸗ lich guten Wege den ſanften Abhang hinunter nach der Stadt St. Louis. Auf dieſer Seite ſenken ſich die Berge eben ſo allmaͤhlig ge⸗ gen das Meer hinab, als ſie auf der andern — 165 — abgebrochen und ſteil emporſteigen. In der Umgegend der Stadt war das Land ſehr flei⸗ ßig angebaut. Huͤbſche Wohnungen mit gruͤ⸗ nen Veranden, lagen zerſtreut in den Pflan⸗ zungen, die ſaͤmmtlich durch Auffahrten mit doppelten Baumreihen von einander getrennt waren. Dazu hatte man Vacuor gewaͤhlt, die wegen der dichten Maße ihrer baͤrtigen und ſtachlichen Blaͤtter undurchdringlich ſind, und den reizenden ſcharlachroth und weiß bluͤ⸗ henden Roſenapfelbaum, der in der Geſtal⸗ tung dem Blbaume gleicht; unter ihrem Schat⸗ ten wuchs der Kaffeebaum. Wir ſahen eine große Mannichfaltigkeit von Bananen, ganze Felder voll Ananas, eingefaßt mit Pfirſich⸗ Baumen, Perſiſchen Roſen, und einer reizen⸗ den Indianiſchen Staude, Netſchuli genannt, der weidenartige Bambus ſchwankte ſeine Wi⸗ pfel uͤber den klaren Strom hin, als ſey er in ſeine eigene zierliche Geſtalt verliebt. Die Stadt iſt dicht am Hafen an der Sff⸗ nung eines ſehr ſchoͤnen Thales erbaut, durch welches wir herabgeritten waren, und das zu beiden Seiten von hohen Bergen uͤberhan⸗ gen iſt; in den Vorſtaͤdten kamen wir eini⸗ gen ziemlich zuten Häuſern vorbei, deren Gärten mit Blumen und Fruͤchten angefullt — — waren. Darauf wanden wir uns durch einige enge, kothige ungepflaſterte Straßen, an de⸗ nen hoͤlzerne und von Erde erbaute Haͤuſer ſtanden. Als wir uns dem Hafen naͤherten, kamen wir zu des Kommandanten Hauſe am Quai, das unter den umgebenden Zwerghuͤt⸗ ten einem praͤchtigen Pallaſte glich. Der Kommandant empfing mich mit der feinen Lebensart und Gewandtheit, die den Franzoſen eigen iſt, und die ſich auffallend unterſcheidet, wenn man ſie mit der bißigen Saͤure eines unhoͤflichen ſteifen Englaͤnders im Amte vergleicht, der jeden Fremden als einen Zudringlichen betrachtet, den er angrei⸗ fen muͤße. Ein ſolcher blaͤst ſich im jämmer⸗ lichen Stolze auf, nimmt das Anſehen eines Baͤren im Maulkorbe, oder eines boshaften Maulthieres an und ſtreichelt ſeinen Hund, das Sinnbild ſeines Herrn, der ſich bemuͤht, ſeine Kette zu zerreißen, um auf den Frem⸗ den loszuſtuͤrzen, wäͤhrend der Herr muͤrriſch fragt: »was iſt Ihr Geſchaͤft, Sir?« Falls er ſeiner Natur Gewalt anthut, und ver⸗ drießlich auffordert hereinzutreten, ſeine Frau aber vielleicht unvorbereitet zum Empfange dadurch uͤberraſcht, ſo wird dieſe roth vor Arger und ſtuͤrzt unter recht ſanften Winken — 167 — gegen ihren Gemahl, wie eine Furie aus dem Zimmer. Findet der Angekommene nicht ein Mittel auf, ſie zu beſänftigen, ſo iſt ſie den ganzen Tag hindurch uͤbler Laune, betrach⸗ tet den Angekommenen ſpäter immer nur als einen Uberläſtigen, oder behandelt ihn, wenn er hohen Ranges iſt, mit äußerſter Gleich⸗ guͤltigkeit. Bei unſerem Franzoͤſiſchen Kommandanten fand ganz das Gegentheil Statt, er ging zum andern Außerſten und uͤberhäufte uns mit Bewillkommungen. Waͤhrend Erfriſchun⸗ gen zubereitet wurden, fuͤhrte er mich in das Zimmer ſeiner Frau, ſagte: »hier bringe ich Ihnen einen jungen Arabiſchen Haͤuptling« und verließ uns. Ich mußte mich neben ſie auf den Sopha ſezen, ſie richtete eine Unzahl Fragen an mich und bezweifelte gar nicht, das ich ſey, was ich zu ſeyn ſchien. Sie ſagte mir, ich ſey ſchoͤn, und meine Schawls waͤren noch ſchoͤner, ſie wünſchte zu wißen, ob dieſe aus Cachemir kaͤmen, weshalb ich meinen Kopf abſcheere, ob ich an die Jungfrau Maria glaube, ob ich jemals geliebt haͤtte, und ob ich getauft ſeyn wolle. Ihre Haͤnde waren ganz ſo ge⸗ ſchaͤftig, als ihre Zunge, bis ſie mich faſt —— entkleidet hatte, um meinen Anzug zu betrach⸗ ten. Meine Haut, ſagte ſie, ſey recht weich, nicht ſehr ſchwarz, und fragte dann, ob die Arabiſchen Frauen ſchoͤn waͤren und ob ich Franzoͤſinnen leiden moͤge. Dann erzaͤhlte ſie mir, ſie werde bald nach Frankreich zuruͤck⸗ kehren, weil ſie die Hize nicht ertragen koͤnn⸗ te, noch auch das barbariſche Volk, den Man⸗ gel an Geſellſchaft, das Entbehren einer Oper, das Vermißen aller Lebensnothwendigkeiten — der wirklich ſaͤchlichen ausgenommen, von denen ſie eingeſtand, daß dieſe gut und im überfluß da wären — doch dieſe konnte ſie nicht gebrauchen. Hier ward ſie durch de Ruy⸗ ter unterbrochen, der ein beſonderer Liebling von ihr war. Ihn nannte ſie den einzigen wirk⸗ lichen Gentleman auf der Inſel, weil er in ſei⸗ ner Jngend mehre Jahre in Frankreich und Paris zugebracht hatte. Von nun an ſprach ſie unaufhoͤrlich uͤber Paris. »Lieber de Ruyter, ſagte ſie, »gehoͤrt Ih⸗ nen dieſer junge Menſch? Wo bekamen Sie ihn? Er gefällt mir ganz ungemein, und ich bin feſt entſchloßen, ihn mit nach Paris zu nehmen. Denken Sie nur, was der fuͤr Auf⸗ ſehen machen wird! Wahrlich, es iſt wunder⸗ voll, daß dieſe Lente, die mit Löwen und — 169 — Tigern in Sandwuͤſten leben, ſo ausgezeich⸗ nete Geſichtszuͤge und Haltung haben. Und nun denken Sie, lieber de Ruyter, was er ſeyn wird, wenn er einen Winter in Paris zugebracht und das Walzen gelernt hat! O, Sie ſind der beſte Menſch, — und erinnern Sie ſich, daß Sie ihn mir geſchenkt haben. — Wie reizend er ſeinen Turban aufſezt; — und wie iſt denn Ihr Name? — Kommen Sie, zeigen Sie mir, wie Sie den Turban falten. — In Paris wird alles ſterben vor Ver⸗ liebtſeyn — in Ihren Turban und Ihre Schawls.« So plauderte ſie fort, bis ſie ermuͤdete; that das Geluͤbde, ich ſolle bei ihr blei⸗ ben, ſie koͤnne keinen Augenblick ohne mich verbringen; warf ſich auf einen Sopha und winkte mir, ſie mit einer Punka zu faͤ⸗ cheln. »Ach!« rief ſie aus, »wer koͤnnte hier leben, wo die Hize ſo unerträglich iſt, daß man nicht einmal einem alten Freunde ein Wort zum Willkomm ſagen kann, ohne faſt zu ver⸗ gehen! Ich bin gewiß, dieſen ganzen Monat hindurch habe ich keine drei Worte geſprochen. Und dieſer junge Menſch muß auch muͤde ſeyn. Sie kennen unſer Haus, de Ruyterz bitte — — 170 — Sie ſind ein ſo lieber Mann, — ſchicken Sie einige meiner Frauen zu mir, und reichen Sie mir das Eau de Cologne. « Nach einem ſchwelgeriſchen Tiffin fuͤhrte uns der Kommandant in Begleitung des Ka⸗ pitains und einiger Offiziere von der jezt in Port St. Louis ankernden Korvette, nach dem Leſezimmer eines Gebaudes, welches die Kaufleute zu literariſchen Zwecken und zur Verbeßerung der Inſel erbaut hatten. Hier fanden wir die vornehmſten Perſonen des Mi⸗ litairs, der Beamten und des Handelsſtandes verſammelt. Der Kommandant ward erſucht, eine Dankadreße an den Korvetten⸗Kapitain, an de Ruyter und die Offiziere und Mannſchaft fuͤr den weſentlichen Dienſt zu verleſen, den ſie durch Ausrottung der Seeraͤuber zu St. Se⸗ paſtian geleiſtet hatten. Der Franzöſiſche Ka⸗ pitain bemerkte, der Erfolg ſey ganz der Geſchicklichkeit und dem Muthe de Ruyter's zuzuſchreiben. Hierauf beſchenkte der Komman⸗ dant die beiden Kapitaine mit ſchoͤnen Degen, und den älteſten Lientenant der Korvette, ſo wie auch mich mit ſilber⸗vergoldeten Bechern, denen Inſchriften eingegraben waren. Auf de Ruyter's vorher ausgeſprochenen Wunſch erwuhnte der Kommandast aus Zartgefüͤhl — — gegen Aſton und mich, des Seetreffens mit der Engliſchen Fregatte nicht. Wiederum wurden Erfriſchungen gereicht, dann trennten wir uns, um Buͤcher und Zei⸗ tungen anzublicken. Bei unſerer Ruͤckkehr nach des Kommandanten Hauſe, wo ein großes Feſtmahl gehalten werden ſollte, beſtand die Dame darauf, daß wir Alle waͤhrend der Hize des Tages ſchlafen muͤßten; indeß ent⸗ zog ich mich dem, und ging nach dem Ha⸗ fen, um die Schiffe zu beſehen. Dort lag der ſchone Amerikaniſche Schvoner, und ich hätte den ganzen Tag damit verbringen koͤnnen, deßen ſchoͤnes Ebenmaß und die ausgeſuchte Meiſterform ſeines Baues zu betrachten; aber mich trieb das Achzen der Sklaven fort, die unter ſchweren Laſten dahin ſchwankten, mit ſchweißtriefenden Stirnen, eingefallenen Au⸗ gen und aufgeſprungenem Ruͤcken, welchen die Fliegen ganz bedeckten. Ich durchwan⸗ derte die Stadt. Unter einer Bevolkerung von ſiebenzehn bis achtzehn tauſend Menſchen enthielt ſie hoͤchſtens acht hundert Europaes; dieſe aber beſtanden in einem bunten Gemiſch aus allen Rationen. Mithin war das Ver⸗ haͤltniß der Sklaven zu den Freien ganz ungehener. Die ſtammten großtentheils von Moſambique und Madagascar, ſo wie von den umher verſtreuten Inſeln her. Einige der⸗ ſelben waren Freigelaßene, und treffliche Mechaniker, gute, fleißige Menſchen. Die meiſten ſprachen Franzoͤſiſch, einige auch Eng⸗ liſch. Sie waren gute Rechner und Sprach⸗ kundige. Ich bemerkte weder Pferde, noch Karren; Sklaven und Buͤffel waren die ein⸗ zigen Thiere, die man gebrauchte, und dieſe verrichteten alle Arbeiten. Ich ging durch die Vorſtaͤdte, in denen die Eingebornen vor⸗ nehmlich wohnen, trat in ihre Huͤtten und ſprach mit ihnen, bis ich glaubte, es ſey Zeit, zum Kommandanten zuruͤck zu kehren. Nachdem ich gebadet hatte, ſpeiſte ich dort mit einer großen Geſellſchaft zu Mittag. Die Unterhaltung drehete ſich hauptſächlich um „la grande nation,« die Seerauber und Pa⸗ ris; nur einen dieſer drei Gegenſtände hatte ich geſehen, wollte ich ſehen, und empfand nur fuͤr ihn Theilnahme. Ich erinnere mich eines geckenhaften, rundbaͤuchigen, lebergel⸗ ben, ſchnaubenden Franzoſen, deßen Mund ſo groß und tief war wie das Maul eines Pferdes, der Augen hatte ſo gelb wie To⸗ paſe, gar keine Stirn, keine Geſichtsfarbe und keine Haare; eine Naſe, die einer zu⸗ — 173 — ſammengequetſchten Feige gkich, und die ge⸗ woͤhnlich das unterſcheidende eigenthuͤmliche Merkmal ſeiner Nation iſt; dieſer verſſcherte, London ſey gegen Paris ſo unbedeutend, als die ſchwarze Stadt auf Jsle de France mit Calcutta verglichen. Ich war froh, von die⸗ ſem eiteln, großprahleriſchen Hans⸗Wurſte fortzukommen, und den Kommandanten zu Pferde nach einem prächtigen, mit Baͤumen bepflanzten freien Plaze am außern Ende der Stadt zu begleiten, der mit Huͤgeln umgeben iſt, und auf dem Sommerhäuschen jeder Art erbaut ſind. Von hier kehrten wir zu meiner groͤßten Freude nach unſerm Wohnplaze zu⸗ ruͤck; der Kommandant begleitete uns eine Strecke Weges. Und o! dies Herzensſtreben, bieſes Schlagen! Was koſtet's uns! Und doch bleibt's uns ſo ſüß Bn urſach, wie in Wirkung; ſcheucht Behagen Der Weisheit, die ſich's Pflicht ſtets dunken ließ⸗ Durch ihre Lehren Sieg davon zu tragen, Und Wahrheit. Byron. Bei meiner Ungeduld nach der Heimath, bemerkte ich die Schoͤnheiten der Gegend we⸗ nig. De Ruyter fragte mich, was ich von der Dame denke, und ich antwortete: »Sie duͤnkt mich ein Engel! Sie iſt ſo ſanft, ſo himmliſch gut, hegt ſo edle Gefuͤhle und ſo hohen Muth! Obgleich ſie ſehr ſchweigſam iſt, wird das doch nur von ihrer Schuͤchtern⸗ heit und von ihrem Nachdenken bewirkt; denn Augen und ein Mund wie der ihrige, koͤn⸗ nen nicht bedeutungslos ſeyn!« »Halten Sie ein, Sie haben genug geſagt. Ich will Ihnen zugegn daß ſie alle Schoͤn⸗ heit beſizt, die ihrer Nation angehoͤrt, nem⸗ lich Ingend und guten Anzug. Aber von allen den übrigen Reizen, die Sie aufzählen, habe ich nicht die leiſeſte Spur aufgefunden, weder bei ihr, noch unter ihrem Volke, und ich habe lange unter dieſem gelebt. Was verſtehen Sie unter Schuͤchternheit, etwa die Blicke und Bewegungen einer Courtiſanne? Und Nachden⸗ ken? wahrlich, Sie moͤgen die ſchnatternden, ſchreienden Papagayen eben ſo wohl nachdenk⸗ lich nennen. — Und ihre außerordentliche Schweigſamkeit! — ich mögte lieber in einem Strudel liegen mit einem Orkane uͤber meinem Kopfe, oder fuͤr Lebenszeit zu den Galeeren verurtheilt ſeyn, als die Folter einer Fran⸗ zöſiſchen Weiberzunge nur eine Stunde am Tage, im tropiſchen Himmelsſtrich aushalten!« »Franzoſiſche Weiber la rief ich aus, »welche meinen Sie d« »Nun, welche konnte ich anders meinen, als die 6 bei der wir den heutigen Tag zugebracht haben!« »Ach! die hatte 6 ganz vergeßen, ichſprach von Zela la »Ha! ha! hal« erwiederte er lachend, Sie — 176 — ſind wie der junge Menſch, der den Brief an ſeinen Vater mit der Zeile ſchloß: „Geliebte Zela, ewig bin ich Dein!“ »Aber ich hatte geglaubt, Sie haͤtten mehr vom Adler in ſich, als daß Sie ſo tief her⸗ abſinken ſollten. Richtig ſagt man in Liebe fallen, denn ein Mann kann gar nicht tie⸗ fer hinabfallen. Große Geiſter laßen ſich durch einen ſo ſchwachen und elenden Feind nicht unterjochen. Gierig verſchlingen Sie einen Gift, der alle Ihre edlen Gefuͤhle und alle That⸗ kraft Ihres Geiſtes vernichten wird. In Ih⸗ rem Buſen lodert jezt eine Flamme, die eben ſo unausloͤſchlich brennt, als das Feuer im Schooße dieſes Berges, und denken Sie an mich, es wird Sie zerſtoͤren, wie jenen Huͤgel, obgleich er ein Granitblock iſt. Armer junger Menſch! ich bemitleide Sie, weil ich ſehe, daß Sie ſelber ſich zum willigen Sklaven der ſchlimmſten und entnervendſten menſchlichen Leidenſchaften hergaben. Weiber gleichen den Schmarozerpflanzen, treiben ihre wilden Ran⸗ ken von einem Baume zum andern, bis ſie, angeſchwellt zu zaͤhen Nezwerken, diejenigen erſticken, welche ſie umarmen, und in ihrem Abſterben uͤppig ſchwelgen. Ihre breite offne Stirne kuͤndet eine Urtheilskraft an, die, wenn — 177 — ſie zu voller Reife gelangt waͤre, mit eiſerner Kraft die ſchlangenartige Leidenſchaft gleich in der Geburt erdruͤcken ſollte. Maͤnner, wie Sie, ſind zu edlen Zwecken beſtimmt, zu Hand⸗ lungen, die der Menſchheit Wohlfahrt befoͤr⸗ dern moͤgen, nicht aber um den kleinlichen, unbedeutenden, ſelbſtſuͤchtigen Ausſichten und Wuͤnſchen eines noch ſo wuͤrdigen Einzelwe⸗ ſens ſich hinzugeben. Wie! Sie wollen ſich dem kindiſchen Zeitvertreibe weihen, mit einem flitternden Spielwerke, mit einer Puppe zu taͤndeln!« Als er mich ſchweigend und trubſinnig ſah, fuͤhrte er ſeinen Lieblings⸗Autor als Gewaͤhrs⸗ mann bei allen Fragpunkten an, doch wie alles übrige diente ſeine Anführung nur ſeinen Zwecken allein. „Erheb' Dich ſelber; und Cupid der Schwächling Löſet ſein verliebt Umarmen Deines Nackens, Wird, wie ein Tropfen Thau von Löwenmahne, In Luft zerſiebt.⸗ Bald nachher ſagte er, um ſeine bittern Bemerkungen zu mildern: »Ich tadle Sie nicht deshalb, weil Sie Zela lieben. Die iſt Ihre Frau, von Ihnen abhängig und außs Hoͤchſte wuͤrdig, geliebt zu werden. Aber ich verwerfe es, daß Sie Zela ausſchließlich lie⸗ U. 212 — 178 — ben wollen, und ihre Neigung, ſo wie Ihre Zeit und Ihre Anlagen, die nuͤzlich gebraucht werden koͤnnten, allem Andern entziehen.« Dann ſprach er von andern Dingen und ſuchte die Theilnahme in mir zu erwecken, die mir fruͤher jeder allgemeine Gegenſtand ſowohl, als beſonders die mit meiner Dienſt⸗ pflicht in Bezug ſtehenden Dinge erregt hatten. Vielleicht um weitern Eroͤrterungen zu ent⸗ gehen, ritt ich raſch vorweg. Als ich die Höhe hinankam, auf der unſer Haus ſtand, uͤber⸗ raſchte es mich zu ſehen, daß alle Fenſter und Blenden des Mittelzimmers dicht ver⸗ ſchloßen waren. Es war ſchon die Abendkuͤh⸗ lung eingetreten, die Sonne hatte ſich hinter den weſtlichen Huͤgel verborgen und ein fri⸗ ſcher Meerwind wehete. Ich beſorgte irgend einen Unfall. Weil Zela ganz allein meine Gedanken erfuͤllte, troz de Ruyter's Abmah⸗ nung gegen die Liebe, ſo eilte ich nach dem hintern Theile des Hauſes, riß eine der Blen⸗ den auf und ſprang in das große Zimmer. Der ploͤzliche übergang aus Licht in Finſter⸗ niß hinderte mich am Gewahren irgend einer Sache; als ich aber rief: »Wer iſt da?« er⸗ wiederte eine Stimme: »Das Fenſter zu, er entflieht! — Das Fenſter zu oder ſie entfliehen !⸗ — 179 — Bei dem Vorgehen ſtolperte ich in die Waß⸗ ſerleitung, und die Stimme kreiſchte immer noch: »Fenſter zu, ſie entfliehen, ſie entfliehen.⸗ Als ich wieder aufrecht ſtand und umher⸗ blickte, kam eine geiſterbleiche, duͤrre Schat⸗ tengeſtalt auf mich zu. Sogleich erkannte ich den Klang des breiten Fußes auf den Flieſen, und konnte auch, bei dem Schimmer einer kleinen, in hoͤrnerner Hand gehaltenen Lam⸗ pe, durch die das Licht drang, das geſpen⸗ ſtiſche Antliz van Scolpveldt's unterſcheiden. In ſeiner linken Hand hielt er einen langen weißen Bambus, den er wie einen Stab zur Vorbereitung einer Bezauberung ſchwang. Er ging mir vorbei, ohne mich zu bemerken, denn ſeine aus den Aughoͤlen hervorgetriebe⸗ nen Rpfel ſtierten gegen die Decke hinauf. Die Blende ſchob er mit ſeinem Bambusſtabe wieder zu und murmelte: »Sie ſind mir nicht entkommen, da ſind ſie, und die Luft hat ihnen wohl gethan. Sie waren nur ein wenig ſchwindelnd, und haben ihre volle Lebenskraft wieder gewonnen. Das iſt wirklich wunder⸗ voll! — Ey! ſind Sie es, Kapitain? Ich glaubte, es ſey einer von den Negern gewe⸗ ſen, — ich freue mich, daß Sie gekommen ſind, denn es wird Ihnen Vergnuͤgen ma⸗ chen, zu ſehen, wie dieſe muntern, raſchen Quadrupeden in der Luft umhergaukeln.« »Was reden Sie? — Ich ſehe keine Qua⸗ drupeden. — Ich glaube, Sie ſind der Teu⸗ fel ſelber, ſonſt koͤnnten Sie die erſtickende Hize in dieſem Zimmer nicht aushalten.« »Hize! ich fuͤhle keine Hize. Nein, oͤffnen Sie die Fenſter nicht — Sie werden mir Al⸗ les verderben. In ein Paar Minuten bin ich fertig. Sehen Sie nur nach den Thieren.« »Ich ſehe ſie und hoͤre ihr ſchwaches Ge⸗ kreiſch. Was haben Sie mit den Voͤgeln vor? Treiben Sie Zauberſpruͤche mit ihnen, oder was iſt's 2. »Voͤgel! Bah! Ich dachte mir wohl, daß Sie ſehr unwißend ſeyn muͤßten, weil Sie aller Wißenſchaft entgegen arbeiten. Voͤgel! die ſind ſo wenig Voͤgel, als ich. Sie gehö⸗ ren zu den, lebendige Junge gebaͤhrenden und zu der nämlichen Ordnung von Thieren, in welche Sie begriffen ſind. Sie haben mei⸗ nen Spallanzani, den ich Ihnen vor einigen Tagen ſchickte, weggeworfen, ſonſt könnten Sie nicht ſo unwißend ſeyn, um eine Fle⸗ dermaus Vogel zu nennen.« »Nun oͤffnen Sie die Fenſter, Scolpveldt, ich fuͤhle mich krank.« — 181 — »Krank! was thut das? Vin ich nicht hier? Ich wuͤnſche, daß Sie den Erfolg des Ver⸗ ſuchs mit anſehen. Moͤgten Sie nicht aus dem Gewahren ihrer Bewegungen ſchließen, daß ſie den Gebrauch ihrer gewoͤhnlichen Sehwerkzeuge haͤtten? Wollten Sie ſich ein⸗ bilden, daß ihnen die ausgebrannt iſt ?. »Ausgebrannt?« „Ja, vor einer halben Stunde.⸗ »Welcher Unmenſch that das2« Das Fenſter war jezt geoffnet, und Zela trat weinend herein und ſagte: „Ich bin froh, daß Du zuruͤck biſt, — dieſer abſchen⸗ lich gelbe Indianer hat ſo viele von dieſen armen Geſchoͤpfen gefangen, als er nur konn⸗ te, und ihre Augen mit gluͤhenden Nadeln ausgebrannt.« Van Scolpveldt, der gekommen wyb um de Ruyter zu beſuchen, hatte, wie es ſchien, in der verfallenen Mauer eines alten Brun⸗ nens einige Fledermäuſe gefunden. Drei da⸗ von hatte er gefangen, zwei mit gluͤhendem Drath geblendet und der dritten die Augen ausgeſchnitten. Darauf ließ er ſie in dem großen Zimmer los, um zu ſehen, ob ſie ihren Flug mit eben der Schnelligkeit und — — 182 — Genauigkeit nehmen koͤnnten, als vor dieſer grauſamen Beraubung ihres Geſichtes. Er nannte das einen anziehenden, genuß⸗ reichen und belehrenden Verſuch. »Spallan⸗ zani, ſagte er, »machte ihn mit gewoͤhnlichen Fledermauſen, ich aber mit der Vampyr⸗oder Geſpenſt Gattung. In dieſer Nacht will ich noch eine andere Frage zur Entſcheidung brin⸗ gen. Es wird verſichert, ſie waͤren ſo vortref⸗ ſtiche Aderlaßer, daß ſie mit ihren Zungen, welche geſchaͤrft ſind wie die feinſten Lanzet⸗ ten, ganz unmerklich die Adern ſchlafender Perſonen oͤffnen und ihre großen Schwingen dabei als Fächer gebrauchen, um den Schlum⸗ mernden wohlzuthun, wobei ſie eine große Menge Blut ausſaugen. Sie lieben beſonders die Adern hinten am Halſe oder an den Schlaͤ⸗ fen. Zuweilen blutet ihr Opfer zu Tode. Sie,« ſagte er zu mir, »ſind jung, erhizt, fieberiſch — Ihre Adern ſind dick und voll — wollen Sie dieſe Nacht bei dem alten Brunnen ſchla⸗ fen? Ich will die Quantitaͤt Blut regeln und das Nachbluten ſtopfen, das allein gefäͤhrlich iſt. Bedenken Sie, welchen Nuzen Sie der Wißenſchaft bringen werden und welchen Vor⸗ theil ſich ſelber! Denn wenn Alles ſo wahr iſt, dann moͤgen Schropfkopfe, Blutigel und an⸗ — 183 — dere Mittel zum Blutablaßen durch dieſe un⸗ ſchäzbaren Phlebotomiſten erſezt werden. Mor⸗ gen fruͤh wollen wir dann zu der Pruͤfung des phyſtologiſchen Baues der Zunge ſchreiten; denn daraus mag eine ganz neue Anſicht zur Verbeßerung der Lanzetten hervorgehen.⸗ Van Scolpveldt erwärmte ſich durch dieſen Gedanlen und ward ganz beredt. Ich wußte, wie fruchtlos es ſey, ber ſolche Dinge mit ihm zu ſtreiten, und begnügte mich deshalb damit, ihm dies kurz zu verweigern und mei⸗ nen Abſchen uͤber das auszuſprechen, was er bereits gethan hatte. Darauf verſuchte er, de Ruyter und Aſton durch Schmeichelworte da⸗ hin zu bringen, daß ſie ſich zu dem Verſuche hergaben; als er aber auch dieſe taub fand, nahm er ſeinen weinerlichſten Blick an und watſchelte auf Zela zu — dieſe entſprang wie ein geſcheuchtes Reh. Im Unmuthe uͤber Wei⸗ berunwißenheit und Vorurtheile der Menſchen erklaͤrte er, daß er ſelber ſein Bett neben den Brunnen hinſtellen wolle und gab dazu „ lich Befehl. Zwanzigſtes Kapitel. ——— Sah'ſ. grimmer Leſer, jemals Du 'nen Geiß? Nein? Doch du hörteſt? Ich verſteh' ſchon. — Stilie! Bedaur' nicht Zeit, die ſich verloren weiſt, Die Frende ſparte ſie Dir auf in Fülle. Byron. Aſon und ich thaten das Geluͤbde, dem Scolpveldt fuͤr ſeine an den Fledermaͤuſen veruͤbte Grauſamkeit einen vergeltenden Poßen zu ſpielen, und entſchieden uns raſch zu deſ⸗ ſen Ausfuͤhrung. Während de Ruyter ihn zum Abendeßen begleitete, ging ich mit einigen Negerknaben, um die Srtlichkeit in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Der Brunnen war nach mor⸗ genlaͤndiſcher Sitte breit und tief angelegt, mit Stufen, die bis zum Grunde hinabfuͤhr⸗ ten. Nur mit Schwierigkeit gelangte ich hin⸗ unter, weil dieſe Stufen zerbroͤckelt und ab⸗ genuzt, die Seitenwände mit dunkeln Saft⸗ gewaͤchſen, Nachtblumen und Kriechpflanzen überwachſen, gegen das untere Ende aber bedeckt und beklebt waren mit dem Unrathe von Fledermaͤuſen und glitſchig durch den Schleim von Kroͤten, die ein heiſer⸗ſchreien⸗ des Geraͤuſch erhoben, als ich meinen Bam⸗ busſtecken hinabſtieß, um die Tiefe des Waſ⸗ ſers zu meßen. Ich ſtieg wieder hinauf, nach⸗ dem ich zu meiner Zufriedenheit gefunden, daß dies nicht hoͤher als zwei bis drei Fuß im Brunnen ſtand, und nachdem ich das Ge⸗ ſtruͤpp zum Theil fortgeraͤumt hatte. Nun traf ich meine Vorkehrungen: eines von de Ruy⸗ ter's Rahmenhaͤngbetten ward herbeigetragen, wir ſtellten es mit dem Kopfende gegen die Stufen im Brunnen, zogen ein Tau durch die Ringe an deßen beiden Enden und eine loſe Schlinge um daßelbe, um die zuzuholen, ſobald wir jenes hinablaßen wuͤrden. Nahe am Brunnen ſtand ein großer Pepulbaum, deßen einer Aſt uͤber denſelben hinſtreckte und mit ſeinem dichten Laube die Sffnung dun⸗ kelte. An dieſen Aſt befeſtigten wir einen Roll⸗ bock und zogen das Tau hindurch. Sobald ich die beiden Negerjungen in dem unterwie⸗ ſen hatte, was ſie thun ſollten, kehrte ich mit ihnen zum Hauſe zuruͤck, um ſie gebuͤh⸗ rend zu ihren Rollen anzukleiden. — 186 — Es war verabredet, daß ich de Ruyter ab⸗ rufen und Aſton bei Scolpveldt zuruͤckbleiben ſolle, um dieſen zu unterhalten, bis er ſich nach ſeinem Ruheplaze verfuͤgen wolltez als ich in das Zimmer trat, konnte ich mich nicht enthalten, verwundernd mitanzuhoͤren, was er eben ſagte: »Ich wuͤnſchte,« rief er aus, »meine Mut⸗ ter haͤtte mich nicht zur Welt gebracht, oder daß ich tauſend Jahre vor dieſem Zeitalter der Dunkelheit geboren waͤre, in welchem ich anſehen muß, wie die Sonne der Wißenſchaft untergeht. Wären die Menſchen verſtändig geweſen, haͤtten ſie die Wißenſchaft aus al⸗ ren Kräften gefoͤrdert, ſo wuͤrde ſie im ſteten Zunehmen aus den dunkeln Woiken empor⸗ geſtiegen ſeyn, die uns umgeben, und der Chemiker wurde mit ſeiner Galvaniſchen Bat⸗ terie nicht länger zerſtoͤren, ſondern erſchaffen. Neue Planeten mit unſterblichen Bewohnern hätten durch die Wißenſchaft hervorgebracht werden koͤnnen, wie ſie aus der Urmaße durch Wißenſchaft gebildet ſind. — O! meine Mut⸗ ter, hätteſt du bis zu dieſem dunkeln Zeit⸗ punkte gelebt, in dem ich nicht einmal einen Menſchen finden kann, der Vernunft genug beſizt, um an einem Brunnen ſchlafen zu wol⸗ . — — 8 — len! Du, meine Mutter, die nichts anbers, als Wißenſchaft ehrte und liebte und mich, Deinen einzigen Sohn, meines Eifers wegen, den ich fuͤr ſie darthat, Dir war es bekannt, wie lange und wie unausgeſezt die Scolp⸗ veldt's ihre gottaͤhnliche Kunſt getrieben ha⸗ ben; und als dein Ange durch emſiges For⸗ ſchen erkrankte und ich dir ſagte, es wuͤrde ein Krebsſchade daraus entſtehen, da ſagteſt du: »»Nimm es heraus, mein Sohn la« Das that ich auf der Stelle und ſie ſtieß keinen Schrei aus, lehnte ſich, ohne gehalten zu werden, in ihren Lehnſeßel zuruͤck und lächelte mir Zufriedenheit uͤber meine wankelloſe Ner⸗ venſtaͤrke zu! — Und wo waͤre eine — Frau jezt noch zu finden?« Nachdem er dieſe ſtolze Frage an uns ge⸗ richtet, zuͤndete er ſeinen Meerſchaum⸗Kopf wieder an, beleidigt durch unſer Auflachen, das er jederzeit haßte und ging, um ſich am Brunnen ſchlafen zu legen. Aſton hatte m das Verſprechen gegeben, ſtuͤndlich einmal heraus zu kommen und nach ihm zu ſehen. Jezt richteten wir die Negerbuben zu ihren Rollen ein. De Ruyter miſchte Chenam und Kreide, womit er Linien auf ihren Koͤrper zog, die ganz die Abbildung eines weißen — 188 — Gerippes auf ſchwarzem Grunde gaben. Dies, ſo wie Malayiſche Bogen mit geſchwärztem Papier uͤberzogen und an ihren Ruͤcken gleich Fluͤgeln befeſtigt, gab ihnen ein durchaus ge⸗ ſpenſtiſches Ausſehen. Wir gaben ihnen Nadel⸗ buͤndel, die mit Zwirn zuſammengewickelt wa⸗ ren, wobei ein kleiner Theil ihrer Spizen un⸗ bedeckt und von einander abgeſondert bleibt; die Matroſen gebrauchen dergleichen, um ſich damit zu taͤttowiren. Kurz nach Mitternacht ſtellten de Rupter and Aſton ſich an das Tauende, das auf ein gegebenes Zeichen aufgewunden werden ſollte; unbemerkt kroch ich unter den Pepul⸗Baum, und die Geſpenſter⸗Knaben verſteckten ſich im Gebuͤſch zu beiden Seiten des Haͤngbettes. Einige der dunkeln, unfoͤrmlichen, ſchwaͤrzli⸗ chen Fledermäuſe umflatterten wirklich den Brunnen, waͤhrend andere mit ihren langen duͤnnen Klauen, den Kopf nach unten, an den Zweigen des Pepul dicht uͤber van Scolpveldt hingen, der auf dem Ruͤcken lag und ſie emſig zu beobachten ſchien. Sein Anſehen glich dem einer halbaufgerollten Mumie. Er hatte Bind⸗ zeng bei ſich, um das Bluten zu ſtopfen, wenn er Kraft ſeines Standes als Arzt — wollte: »Halt, genug!⸗ 7 ₰ — 189 — Sobald ich das Zeichen gab, kamen die beiden Buben mit gellendem Gekreiſch aus dem Buſche hervor, ſchwangen ihre gerippigen Fluͤgeldecken, umſchloßen ihn mit den Seiten⸗ deckeln des Hangbettes und zogen die Schlinge in einem Augenblicke zu. Nun ward das Zei⸗ chen zum Aufziehen gegeben und van Scolp⸗ veldt in die Hoͤhe gewunden. Ich ſchob das Hangbett uͤber die Brunnenoͤffnung und gab nun das Zeichen zum Niederlaßen. Die Ne⸗ gerbuben machten ihre Sache gut, ergriffen das Tau, ſprangen auf das Haͤngbett und prickelten mit ihren Nadeln den armen Scolp⸗ veldt uͤberall, als befaͤnde er ſich unter einem dichten Schwarme wilder Wespen. Inzwiſchen ward das Haͤngbett ſo ſchnell als möglich herunter gelaßen; dadurch aus ihren Schlupf⸗ winkeln verſcheucht, ſchoßen die Fledermäuſe mit ihren Fluͤgeldecken klappernd in Menge hervor; und die Kroͤten und Ratten, deren es eine große Anzahl gab, vermehrten das Getoͤſe. So wie das Haͤngbett unten im Brun⸗ nen auf den Grund kam, ſchnitten die Buben die Schlingen der Seitenwände los und wir zogen ſie am gelöſeten Tau in die Höhe. Nun ſtießen wir Alle das gellende Schlachtgeſchrei der Amerikaniſchen Wilden aus, kreiſchten und klatſchten mit der Hand auf den Mund, worauf die erſchreckten, in Jahrhunderten nicht geſtoͤrten Bewohner des Brunnens, Thiere, Voͤgel und das ganze Gezuͤcht von Wuͤrmern und Ungeziefer aus ihren dunkeln Schlupfwinkeln hervorſchoßen. Uns, die wir nur hinabſahen, erſchien das ein ſchreckhafter Anblick; van Scolpveldt, der von unten hinaufſchaute, mußte es entſezlich erſcheinen. Schon begannen wir unſern Scherz zu bereuen, aber de Ruyter ſagte: »Nein, er hat das Herz eines Stvoikers. Entweder ſeine Philoſophie, oder ſeine Furcht, oder beide zuſammen — denn die ſind nicht unver⸗ traͤglich, obgleich ſie das ſeyn ſollten, — hal⸗ ten ihn ab, um Huͤlfe zu rufen.« »Still,« fliſterte ich, »ich höre ihn im Waſ⸗ ſer platſchen. Er bewegt ſich, horch! ſein Gekraͤchze toͤnt lauter, als das der Kroͤten.« Wir hoͤrten ihn murmeln und umhertappen; nun platſchte es ſtark genug im Waßer, um zu vermuthen, er ſey umgeglitten und hinein⸗ gefallen. Ruhig daruͤber, daß es keine drin⸗ gende Gefahr mit ihm habe, wuͤnſchten wir ihn fuͤr ſeine Grauſamkeiten zu zuͤchtigen, und ließen ihn bis zum Ablauf der Stunde unten. Dann trat Aſton zum Brunnen, ſtellte — 191 — ſich erſtaunt, ihn nicht zu finden, und ging, ihn laut bei Namen rufend, im Garten um⸗ her. Ich war Aſton gefolgt und hoörte, wie er unten im Waßer platſchte, wobei er in Hollaͤn⸗ diſcher, Lateiniſcher und Engliſcher Sprache die Stunde verſtuchte, in der ſeine Mutter ihn geboren, ſammt der Iel, den Fleder⸗ mauſen, dem Brunnen und zuſammt allen Teufeln in dieſem. Endlich war Aſton guͤtig genug, ihn zu hoͤren, und nachdem wir noch einige Zeit hatten verſtreichen laßen, kamen wir mit Stricken und Lichten herbei, um ihn herauszuſchaffen. Einer der Negerbuben ward in den Brunnen hinabgelaßen, und mußte ihm ein Tau um den Leib befeſtigen, dann hißten wir ihn mit ſolcher Schnelligkeit in die Höͤhe, daß ſeine Beinkleider und ſein Hemde am Pepul Aſte zerrißen, und er ausſah, wie ein in Ketten aufgehangener, im Winde flat⸗ ternder Verbrecher. Als wir ihn auf die Erde herabließen, war er ſo erſchoͤpft, daß er kei⸗ nen Laut vorbringen konnte. Des Lazarus Auferſtehung gibt nur ein ſchwaches Bild von ihm, wie er da vor uns ſtand und wir ihn mit unſern Lanternen beleuchteten. Sein Kopf bebte, wie vom Schlage geruͤhrt, ſeine duͤnnen Beine ſchlotterten zuſammen, wie Bambus⸗ „ — roͤhre im heftigen Winde, ſeine Haut war mit Fledermaus⸗Unrath und gruͤnem Schleim uͤberzogen, ſein Geſicht hatte eine kalte mergel⸗ blaue Farbe, untermiſcht mit Blutflecken, angenommen, und ſeine langen duͤnnen Haare hingen herab, wie die einer Meerjungfer. Seine borſtigen Augbraunen ſtruppten ſchroff empor; ſo ſtand er da, tuͤckiſch und knurrend, wie ein im Fußeiſen gefang: aer Schakall. Nein Wort erwiederte er auf unſere unaufhoͤrlichen Nachfragen, während wir ihn zum Hauſe begleiteten. Grimmig blickte es mich an, als ich ihn fragte, wie die Vampyre es angefan⸗ gen hätten, ihn in den Brunnen hinab zu bringen, und ob ſie ihn zur Ader gelaßen? Ein großes Glas voll Schiedam, ein trock⸗ nes Hemde und ein Bett waren fuͤr ihn in dem Zimmer bereit. Schmollend und ſchwei⸗ gend legte er ſich nieder. — 193 — Ein und zwanzigſtes Kapitel. Wenn wilde Schweine junges Korn entwurzetn Und unſere Jäger ärgern. Keats. An Morgen nahmen Aſton und ich unſere Eber⸗Spieße und erſtiegen den waldigen Theil des Berges. Nachdem wir einige Zeit fortge⸗ gangen waren, folgten wir dem Laufe eines kleinen, nach langer Duͤrre faſt verſiegten Ba⸗ ches. Sein ſpaͤrliches Gerinne wandte und kruͤmmte ſich unter dem Schatten von Bau⸗ men und Gebuͤſchen hin, die, in der Feuchtig⸗ keit fortgruͤnend, dankbar ihrer ſchwaͤchlichen Amme huldigend, dieſer den Tribut ihrer Be⸗ ſchattung zollten. Die brennende Sonne ſchien wie Feuer Alles ringsum zerſtoͤrt zu haben. Die harte Eiche und die hohe Pinie, die Rie⸗ ſenpalme und der majeſtätiſche Teakbaum, die ſich gleich Fuͤrſten uͤber dem Walde mit II. 13 5 — 194 — ihren verſengten und ausgedorrten Häuptern erhoben, ſchienen in Angſt ſich niederzuben⸗ gen. Ihr zuſammengeſchrumpftes, rothgefleck⸗ tes Laubwerk und ihre verwitterten Fruͤchte fielen von ſaftloſen Zweigen herab, ohne daß nur ein Luͤftgen dieſe bewegt haͤtte, und zer⸗ krachten unter unſern Fußtritten. Das geräu⸗ ſchige Papagayen⸗Gezuͤcht war ſtill geworden; die ſonſt immer beweglichen Affen hingen in halbſchlafender, unaufmerkſamer Fuͤhlloſigkeit an den Aſten, und ließen uns vorbeigehen, ohne nach uns aufzublicken; weckten wir ſie aber auf durch Abſchleudern unſerer Spieße oder eines Steines, dann kletterten ſie muͤr⸗ riſch einige Fuß hoͤher hinauf, oder wechſelten auch wohl nur ihre Stellung nach der andern Seite um. Andere Thiere ließen ſich gar nicht blicken. Wir aber ſchienen mit der Spannkraft der Ingend, Geſundheit und Stärke Sonnen⸗ feſt, drangen immer weiter vor, ohne die Hinderniße zu beachten, die Gebuͤſche, Bam⸗ bus, oder Dorngeſtraͤuch uns entgegenſtellten; mit unſern Speeren bahnten wir uns den Weg, erzwangen unſern Durchgang, gleich dem wilden Eber, den wir aufſuchten, und wurden nur von unſerer Eßluſt an den her⸗ annahenden Mittag gemahnt. Nun ſchritten wir uͤber den Bach, um ge⸗ gen die Wohnung hinab zu ſteigen, als wir plozlich durch das Abfeuern einer Muskete ganz in unſerer Naͤhe üͤberraſcht wurden, die in der allgemeinen Stille ſo laut donnerte wie eine Kanone und ſich im Echo der Felſen wiederholte. Augenblicklich geriethen die er⸗ ſchreckten Waldbew ohner in Aufruhr. Als wir der Stelle zueilten, wo der Schuß gefallen war, ſtuͤrzte eine wilde Sau aus dem hohlen Stamme eines abgebrochenen Baumes hervor, gefolgt von ihrer jungen Zucht, die mit ihren gar ſuͤßen Stimmen die Luft erfuͤllten. Aſton und ich riefen ein lautes Hallo, und ſpran⸗ gen ihnen nach. Die Mutter wandte ſich ſo⸗ gleich um, und ſezte unſern ſcharfen Waffen ihre Bruſt entgegen, alles uͤber ihre Kindlein vergeßend. Ich wuͤnſchte, meine Frau Mut⸗ ter mogte zuweilen an die ihrigen denken; es iſt ſo lange her, ſeit ſie dieſe geboren, daß ſie vielleicht vergeßen haben mag, jemals Kin⸗ der gehabt zu haben. In meinem wilden Eifer kam ich Aſton zuvor, ſturzte unbedachtſam voran, und weil mein Speer ſchlecht gerichtet war, glitt er an dem harten, runzlichen Felle der Sau ab, ich aber fiel, auf dem trocknen Boden ausglei⸗ — 5 5 — 196 — tend, vor ſie hin. Sie ließ mir keine Zeit zum Aufſtehen, ich griff nach der kleinen Krieſe in meinem Guͤrtel und verlor die Geiſtesge⸗ genwart nicht, wiewohl ihre kleinen feurigen Augen, ihre runzelnde Schnauze und ihre langen Faͤnge ſchreckhaft genug ausſahen, als ſie auf mich zuſtuͤrzte. Aſton rief aus: »Liegen Sie ſtill! ruͤhren Sie ſich nicht!« und ich fuͤhlte, wie ſein Speer uͤber mich hinglitt, als er dieſen unter der linken Schulter der Sau, ihr ins Herz und faſt durch den Körper ſtieß, der leblos auf mich herabfiel. Nun rief eine andere Stimme: »Wird treff⸗ liche Schinken geben! — will 'n hinabtragen und ſalzen und zurichten!« bei dieſen Worten fuͤhlte ich mich angepackt. »Ich will gehaͤngt werden, ehe das geſchieht! antwortete ich, ſobald ich in die Hoͤhe kam und Louis gegenuͤber ſtand, der am Morgen mit Lebensmitteln im Hauſe angekommen war. »Ach ſagte der, »ich ſah nicht zwei, ich glaub daß nur ein Stuͤck da wäre« — Nun buckte er ſich, betaſtete das wilde Schwein und grinſete freudig, als er in der Einbil⸗ dung ſchon an deßen Fleiſch ſchwelgte; plöz⸗ lich hörte er das Grunzen der Milcher, die quiekend und ihre Mutter ſuchend umherlie⸗ fen: »Oho lerief er aus, »ſie hat Junge, hat ſie? — weßhalb ſagten Sie mir das nicht?« Es gelang uns, den groͤßten Theil der Zucht zu erhaſchen. Louis druͤckte, herzte und kuͤßte dieſe, nannte ſie ſeine Zuckerkinder, ſagte ih⸗ nen, ſie ſollten nicht ſchreien, und verſprach, fur ſie zu ſorgen, ſo gut als ihre eigene Mut⸗ terz darauf fragte er uns, ob wir Hunger haͤtten und ob er ein Feuer anmachen, und uns ein Paar Ferkel als Tiffin braten ſolle, um uns Appetit zum Mittageßen zu geben. Wir fragten ihn, wonach er geſchoßen habe. »Ach! das hatte ich ganz vergeßen,« erwie⸗ derte er, »laßen Sie mich nur erſt dieſe al⸗ lerliebſten Geſchoͤpfe zwei und zwei bei den Bei⸗ nen zuſammenbinden, dann will ich Ihnen zeigen, was ich geſchoßen habe; — er iſt noch nicht todt.« Nun fuͤhrte er uns einige Schritte abwaͤrts unter einen dicken Baum, von deßen einem horizontalen Aſte ein großer Pavian herab⸗ hing. Dieſem ſchleppten die Eingewe'de aus dem Leibe hervor und ſein Blut lief . Stroͤ⸗ men herab; gleichwohl klammerte er in der Todesangſt und in ſeiner Pein mit den Hin⸗ terfuͤßen ſich feſt an den Aſt und bewegte ſich — zähnfletſchend gegen uns. Louis lnd ſogleich ſeine lange Muskete wieder, und als er die Muͤndung empor richtete, ſchien das arme Thier ſich des Looſes bewußt, das ihm be⸗ vorſtand. Seine Wuth wich der Furcht; es blickte noch einmal jammernd auf, machte eine lezte Anſtrengung, um ſich ſeiner gefaͤhr⸗ lichen und unbeſchüzten Stellung zu entzie⸗ hen, und fiel leblos zur Erde, ehe noch das Gewehr abgefenert war. Louis ergriff den Pavian ſogleich beim Nacken und ſchnitt ihm den Hals ab. Dies hatte ſo ganz das Aus⸗ ſehen eines Menſchenmordes, daß ich ſchau⸗ derte und ausrief: »Komm, Lonis, — laß ihn da liegen — laß ihn l⸗ »Wozu das?« erwiederte er, vich will ihn nicht liegen laßen, der gibt den trefflichſten Braten in der Welt. Wenn Sie das noch nicht wißen, ſo wißen Sie gar nichts.« »Bah!« ſagte Aſton, »der Menſch iſt ein Kannibale — gehen wir.« Nun verließen wir ihn mit dem vepe chen, einige Leute herauf zu ſchicken, um die wilde Sau herabzutragen, und eilten den Berg hinab. Unter einer Dornbirnenhecke fanden wir van Scolpveldt ſizen; ein großer, alter, vergelbter Folioband lag vor ihm auf⸗ — geſchlagen, und er war eifrig beſchäͤftigt, durch ein Vergroͤßerungsglas einen Gegen⸗ ſtand zu betrachten. Unſer Herbeikommen be⸗ kuͤmmerte ihn gar nicht, er fuhr fort, mit einem kleinen Meßer emſig zu arbeiten, und nun gewahrte ich, daß er, von ſeiner Grau⸗ ſamkeit noch nicht gebeßert, beſchaͤftigt war, an einem unglücklichenZaunigel vorzunehmen, was er vivisection nannte. Mit Bitterkeit ſagte er zu Aſton: Hier nehmen Sie ein Beiſpiel! Sehen Sie dieſes heldenmuͤthige kleine Thier« — er gab ihm einen Schnitt mit ſeinem Meßer — »Sie ge⸗ wahren, daß es lebt, Muskeln und Nerven hat, dennoch ruͤhrt es ſich nicht und kein Serstſch « 3 Zwei und zwanzigſtes Kapitel. — Ein wenig ernſter ward nun das Geſpräch, Wie Rede, wenn ſie unterbrochen wird PVom Spott, der ſich verhöhnt, weil er nicht höhnen Godanken kann, die er ertodten würde. Shelley. Ein zartes Weſen, himmliſch, hold und licht⸗ Ein Röschen, das dem Kelche kaum entbricht. Byron. An wir in das Haus kamen, trafen wir de Ruyter mit ſeinen Buͤchern und Journalen beſchaͤftigt. Er bat mich, die Schiffsbuͤcher und einige Briefe nachzuſehen; meine Aufmerk⸗ ſamkeit ward aber von dem Geſpraͤche an⸗ gezogen, welches Aſton und de Ruyter fuͤhr⸗ ten. Der erſte ſuchte dieſen zu bewegen, ei⸗ nige von ihm geſchriebene Tagebuͤcher, deren Durchleſung er uns geſtattet hatte, im Druck herauszugeben. De Ruyter's Antwort ſezte mich in Erſtaunen. — 201 — »Wenn ich,« ſagte er, »den Ehrgeiz hätte, mir einen unſterblichen Namen machen zu wollen, und den Genius beſäße, mir dieſen durch Schreiben zu ſichern, ſo wollte ich den⸗ noch nicht ſchreiben. Handlungen, die rein, glänzend und unbefleckt ſind, gewähren eine edlere Unſterblichkeit, und Schriften werden, wenn unſere Handlungen nicht mit ihnen uͤbereinſtimmen, nur ſo im Gedächtniß auf⸗ bewahrt, als die des Seneka. Wie wenige der alten Griechiſchen und Roͤmiſchen Helden waren Schriftſteller, und wie Viele leben durch ihre Thaten fort. Aſchilus, Sophocles und Homer werden geleſen; aber Socrates, Timoleon, Leonidas, Brutus, Portia und Aria ſind gekannt. Einzelne Handlungen des Heldenſinnes, der Hingebung und der Groß⸗ muth haben ſie vor dem Vergeßenwerden bewahrt. Unſterblichkeit durch Handlungen verliehen, iſt ganz ſo ehrenvoll, aber dabei unendlich allgemeiner verbreitet, als die durch Schriften erworbene. Denn Millionen, die unfähig ſind, die Gedanken eines großen Schriftſtellers zu faßen, erwarmen ſich, er⸗ gluͤhen ſogar bei der Erzuͤhlung einer edlen oder einer großmuͤthigen Handlung. Ich be⸗ gnuͤge mich damit, wenn diejenigen, die ich — 202 — liebe, bei meinen Lebzeiten gut von mir den⸗ ken und die Welt im Allgemeinen iſt mir jezt ſowohl, als in der Zukunft gleichguͤltig. So ſchaͤze ich Ihre gute Meinung hoͤher, als die Zufriedenheit der Franzoſiſchen Regierung. Man hat mir hier geſchrieben — doch es iſt nur ein allgemeiner Befehl — daß Sie ein⸗ gekerkert werden ſollen, bis Sie ausgewech⸗ ſelt ſind. Ich aber, ſelbſtſuͤchtigerweiſe geneigt mir Ihre gute Meinung zu erhalten, gebe Ihnen ganz unbedingt Ihre Freiheit, und werde Ihnen die Uberfahrt nach einem Ihrer Haͤfen verſchaffen, ſobald Sie unſeres einför⸗ migen Lebens hier uͤberdruͤßig werden.« »Wenn ich ſo lange warten ſoll,« antwor⸗ tete Aſton, »ſo wird es nie geſchehen; denn bis zum jezigen Zeitpunkte meines Lebens habe ich faſt noch nie eine vernuͤnftige Freude ge⸗ noßen, noch nie ſolches Entzuͤcken an meinem Daſeyn empfunden, als hier bei Ihnen. Ich fuͤhle mich vollkommen zufrieden, alle meine Wuͤnſche werden befriedigt und meine Gluͤck⸗ ſeligkeit wuͤrde vollkommen ſeyn, wenn ich nur ihrer Dauer gewiß waͤre. Mithin muß ich Ihnen aufrichtig bekennen, daß meine Lip⸗ pen nicht reden wuͤrden, was mein Herz denkt, wollte ich Ihnen fuͤr dieſe Kunde Dank ſagen.« »Wenn das iſt, ſo ſparen Sie Ihren Dank und bleiben Sie, wo Sie ſind, ſagte er auf⸗ ſtehend und ihm die Hand druͤckend; »bleiben Sie und laßen Sie mich fuͤr das Ubrige ſor⸗ gen. Ich nehme es auf mich, den Komman⸗ danten zu verſtaͤndigen; und nach dem zu ur⸗ theilen, was Sie mir von Ihren Verhaͤlt⸗ nißen ſagten, kann Ihr längeres Verweilen Ihnen in Ihrem Dienſte keinen Nachtheil bringen.« „Verwünſcht ſey der Dienſt,« ſagte Aſton, als de Ruyter hinausging. »Ich war ein al⸗ berner Knabe, als ich in Dienſt ging und bin ein verblendeter Thor geweſen, darin zu blei⸗ ben, bis ich unfaͤhig zu irgend einem vernuͤnf⸗ tigen Unternehmen geworden bin, durch wel⸗ ches ich mein Brod verdienen koͤnnte. Von meinem zehnten Jahre an diene ich bis jezt zu meinem fuͤnf und zwanzigſten, war in der ganzen Zeit nicht drei Monate am Lande, meine Haut iſt beinahe ſchwarz verbrannt von der Sonne und meine Haare ergraut in Stuͤr⸗ men; diesmit einigen Wunden, gelegentlichen rheumatiſchen Schmerzen und dem Range eines Lieutenants, iſt Alles, was ich mir erworben habe und aller Wahrſcheinlichkeit nach erwer⸗ ben werde.« — 204 — »Doch,« ſezte ich hinzu, »Sie werden ein huͤbſches Bettpläzchen im Hospital von Green⸗ wich erhalten, eine niedliche kleine Kajuͤte, ſechs Fuß lang, fuͤnf Fuß breit, ganz fuͤr ſich allein, ohne Pachtzahlung, noch Taxen, zudem einen Kohlgarten, um darin Landbau zu treiben und taͤglich drei halbe Pfennige Tabakgeld! Was koͤnnten Sie mehr wuͤnſchen ?« Aſton fuhr fort, ſein hartes Geſchick zu beklagen und ich ſuchte ihn mit Troſtgruͤnden zu beſaͤnftigen, die ich aus dem Hospitale herleitete. Inzwiſchen endete unſer Geſpraͤch damit, daß ich ihn uͤberredete, noch eine Weile bei uns zu bleiben und eine Gelegen⸗ heit abzuwarten, damit wir ihn entweder an Bord eines Kuͤſtenſchiffes bringen oder ihn in der Nähe einer Engliſchen Niederlaßung an das Land ſezen moͤgten. Ich muß eingeſtehen, daß ich mit der gan⸗ zen Waͤrme meines Karakters und meiner Freundſchaft fuͤr ihn darauf drang, er ſolle einen Dienſt aufgeben, in welchem er keine Hoffung auf Befoͤrderung habe und ſolle ſich uns anſchließen, weil es ihm an Vermoͤgen fehle; dies wuͤrde ihn hoͤchſtwahrſcheinlich in den Stand ſezen, nach Verlauf einiger Jahre nach ſeinem Vaterlande zuruͤckzukehren, mit — 205 — den Mitteln verſehen, ſeinen hoͤchſten Lebens⸗ wunſch, einen angenehmen Aufenthalt auf dem Lande, zu befriedigen. »Denn,« fuhr ich fort, »ein Mann ohne Geld hat kein Vaterland. Zudem ſind Sie in Canada geboren, Aſton; und wenn Sie ohne Geld nach England gehen, ſo muͤßen Sie bedenken, daß an den Eingaͤngen der Staͤdte gewiße unangenehme Bretter, ſauber bemalt, in Galgenart aufgehängt ſchweben, die einen recht verdrießlichen und unhoͤflichen Wink fuͤr Leute ohne Geld enthalten, der etwa ſo lau⸗ tet : »Landſtreicher werden hier nicht zugelaßen.« So daß Greenwich —« Hier brachte er mich dadurch zum Schwei⸗ gen, daß er einen Eberſpieß ergriff, und ich ſprang durch das Fenſter hinaus. Auch ſpaͤter wollte er meinen oft wieder⸗ holten Anmahnungen nicht Gehoͤr geben, und war nicht zu bewegen. Was de Ruyter an⸗ betrifft, ſo bin ich des feſten Glaubens, daß der nie einen ſolchen Gedanken hegte, wie⸗ wohl er und Aſton feſte und unzertrennliche Freunde waren. Ich ging hinab zu dem Hafen, in welchem unſere Grabb lag, zahlte der Mannſchaft ei⸗ nen betraͤchtlichen Antheil an Beutegeldern — 206 — aus, und entließ den groͤßten Theil derſelben; nur ſo viele Leute blieben unter dem Befehle des guten alten Rais, als noͤthig waren, das Schiff in gutem Stande zu erhalten. Mit dieſen traf ich die Uübereinkunft, daß ich zweimal in jeder Woche an den Bord der Grabb und er dagegen an zwei oder drei udern Tagen zu uns auf's Land kommen ſolle. Nachdem ich auf dieſe Weiſe fuͤr das Schiff geſorgt hatte, ergab ich mich mit Leib und Seele dem Landleben. Faſt taͤglich durch⸗ ſtreifte ich die Inſel in andern Richtungen, entdeckte wo das meiſte Wild ſtand und in welchen Fluͤßen und Seen die ſchoͤnſten Fiſche lebten; zuweilen war de Ruyter, zuweilen Aſton mit mir. An guten Jagdtagen gingen wir Alle gemeinſchaftlich aus, nahmen Le⸗ bensmittel mit und hielten unſere Mahlzeit im Walde; Louis, der wenig am Bord zu thun hatte, war dann unſer Proviantmeiſter. Wir gingen, ſo ſelten als nur moͤglich war, zur Stadt, wiewohl wir faſt taͤglich Ein⸗ ladungen von des Kommandanten Frau, von Offizieren und Kaufleuten empfingen. De Ruy⸗ ter und wir Alle haßten, was man Geſell⸗ ſchaft nennt. Deshalb hatte er zu ſeinem Wohnplaze einen Ort ausgewaͤhlt, der in — 207 — der Regenzeit beinahe unzugänglich war. Schlauerweiſe vermied er dadurch Stoͤrung ſeiner Einſamkeit durch leichtfertige, muͤßige und laͤſtige Beſucher, von deren es in allen Garniſonſtäͤdten wimmelt; er fuͤhrte oft den Ausſpruch des Franzoͤſiſchen Philoſophen Mo⸗ rin an: »Diejenigen, die mich zu beſuchen kommen, erzeigen mir eine Ehre, diejenigen aber, die wegbleiben, eine Gunſt.« Wagten ſich gleichwohl Einige zu uns, ſo ſprachen ſie von nichts anderm, als von den Gefah⸗ ren, welche ſie bei dem Durchwaten von Stroͤmen und Moraſten beſtanden hatten; da⸗ bei deutete de Ruyter, recht verdrießlich fuͤr ſie, ihnen an, mit welcher Leichtigkeit dem abzuhelfen waͤre, und ſprach davon, daß er ſich damit beſchäftigen wolle, wenn er von ſeiner nͤchſten Fahrt zuruͤckkehre. Hatten ſie ſich aber entfernt, ſo ſagte er wohl: »Mich wundert, wie ſie es gemacht haben, um durch zu kommen. Wir muͤßen das Waßer aufſtauen, um den Moraſt und die Stroͤmung noch un⸗ zugaͤnglicher zu machen, und muͤßen unſerer Bambusbruͤcke noch mehr Schwankung geben.« Aber doch war er kein Knicker. Alle wür⸗ dige Menſchen waren ihm willkommen; dieſe geleitete er ſelber; und wenn die Thuͤre bei — 208 — ihrem Ankommen aufging, druͤckte er ihnen die Hande, und auf jeglichem Zuge ſeines Geſichtes konnte man leſen, wie herzlich ſie ihm willkommen waren. En fuͤhlte, und machte ſie empfinden, daß ihr Annehmen ſeiner Gaſt⸗ freiheit ein Beweis ihrer Freundſchaft fuͤr ihn ſey. Je laͤnger ſie blieben, deſto mehr war er ihnen verbunden; und verließen ſie ihn, be⸗ vor ihre Geſchäfte ſie zur Abreiſe noͤthigten, dann dunkelte ſeine Stirne durch unruhige Gedanken. Ich habe in wenigen Haͤuſern ge⸗ lebt — es verſteht ſich, daß ich die Haͤuſer verheiratheter Männer ausnehme, — in wel⸗ chen jeglicher Gaſt ſowohl, als der Wirth ſelber ſo viele Freiheit genoß, als bei de Ruyter. Wenn Menſchen, die ſich ſelber Gent⸗ lemen nennen, ihm glichen, ſo beduͤrften ſie weder beſonderer Sprechweiſen, noch blank⸗ gefirnißter Stiefel, noch geſteifter Hemdekra⸗ gen, um ſich auszuzeichnen. Meine kleine verwaiſete Braut wußte, dem Himmel ſey Dank! nichts von Verfeinerung. Ihre Schuͤchternheit war die einer Holztaube, nicht die Kunſt einer Kokette. Das arme, einfaͤltige Ding meinte, ihr Eheherr allein duͤrfe in ihren Gedanken leben, und hätte ſich nicht einbilden koͤnnen, daß die Mode — 209 — dies in meinem Lande zu einem Verbrechen geſtempelt habe, das nur um ein Geringes haßenswuͤrdiger ſey, als Ehebruch. Die Um⸗ ſtaͤnde unſeres erſten Begegnens, unſer Leben auf dem Schiffe, dann unſer Wohnen mit einander in Schauplaͤzen, die fuͤr Liebe ge⸗ ſchaffen waren, bewirkten in wenigen Mo⸗ naten, was Jahre vielleicht in gewoͤhnlichen Lebensverhaͤltnißen nicht hätten hervorbrin⸗ gen können. Zudem war auch die Sitte ihres Landes uns guͤnſtig, denn dort wird Wer⸗ bung kluͤglich nicht erwartet. Ich ſage kluͤg⸗ lich, denn wo Jugend und Schoͤnheit ange⸗ betet werden, iſt die Beurtheilungskraft durch Leidenſchaft geblendet. Im Morgenlande ver⸗ ſteht man das beßer; die Sache wird kurz abgemacht; Eltern, deren Urtheil gereift iſt, und deren Leidenſchaften erkalteten, ſchließen die noͤthigen Vorbereitungen ab; Braut und Braͤutigam ſehen ſich und werden mit ein⸗ ander vermaͤhlt in der naͤmlichen Stunde. »Denn,« pflegte der alte Rais zu ſagen, und der war geſcheut, junge Maͤnner und Frauen ſind gleich dem Feuer und Schießpulver; deshalb ſollten ſie ſorgfältig von einander entfernt gehalten werden, ſo wie am Bord der Grabb.« Jedermann weiß, wie ſehr di⸗ B. 14 — 210 — plomatiſche Muͤtter in Europa in Anſchlag bringen, was durch Anzug und Anrede, durch Zudringen und Gelegenheitgeben bei jungen Leuten zu bewirken iſt. Die Unverheiratheten ſprechen von haͤuslichem Gluͤck und ehelicher Zaͤrtlichkeit, wobei, wie ich bemerkt habe, die Verheiratheten Zuckungen bekommen, wie Pferde unter der Folter des gluͤhenden Brenn⸗ eiſens; freilich giebt es auch Einige, deren Stirnen ſo hart ſind, als die von Widdern, und deren Haut weiberfeſt geworden, die das Joch mit Hochherzigkeit ertragen. Im Mor⸗ genlande herrſcht eheliche Liebe triumphirend, dort ſind die Unverheiratheten allein, die Ar⸗ men, Hausloſen und Verachteten. Zela, wiewohl ſo jung, war mit dem Tode vertraut, und ſobald der Kummer uͤber ihren verlornen Vater wich, wurde ihre Zaͤrtlich⸗ keit durch mich, den einzigen Anforderer, wieder erweckt, und alle meine Liebe war ihr geweihet. Ich lehrte ſie meine Sprache, und lernte noch mehr von der ihrigenz es war alles, was ſie wußte. Unſer Athem vermengte ſich, wenn ich mich uͤber ſie hinbeugte, un⸗ ſere Lippen begegneten ſich, unſere Herzen ſchlugen zuſammen. Sie war eine geſchickte Schuͤlerin, wiewohl ihre einzige Beſtrafung — 211 — fuͤr Muͤßiggang oder Vernachlaͤßigung in Auf⸗ druͤcken von Kuͤßen beſtand, die ſo lange und ſo flammend waren, daß unſere Lippen zu⸗ ſammengewachſen ſchienen. Sie ward meine Gefaͤhrtin auf Streifzuͤgen, und folgte mir, mit einem leichten Jagdſpeer in der Hand, durch Walder und auf Berge. Ihre feengleiche Geſtalt war mit wunderbarer Kraft und Be⸗ haͤndigkeit begabt. Wurden wir durch einen Strom oder durch eine tiefe Schlucht aufge⸗ halten, ſo trug ich ſie auf meinen Armen hin⸗ durch; und in den Jungeln bahnte ich ihr den Weg. Unſerer Gluͤckſeligkeit konnte nichts hinzugeſezt werden, ſie war vollkommen. In dieſen unſern Friedenstagen dachten wir ſo wenig daran, was Andere auf dieſer Erde thun moͤgten, als an das, was auf dem Monde oder in den Sternen geſchaͤhe. Dieje⸗ nigen, die mit uns lebten, beſchaͤftigten einen kleinen Theil unſerer Gedanken und unſerer Zuneigung, ſo vielwir unſerer innigſten, alles uͤberbietenden Hingebung gegen einander zu entziehen vermogten; Aſton theilte immer, ſpä⸗ ter auch de Ruyter unſere Gefuͤhle, und ergluͤ⸗ hete in Bewunderung bei dem Wahrnehmen ſo ſeltener und ſo beiſpielloſer Liebe. — 212 — Drei und zwanzigſtes Kapitel. Verſenkt in ſüße Lieb'svergeßenheit, War ganz ein Weib die ſchöne Sudſeemaid. Nicht ſtörte ſie die Welt und zog ſie ab, Kein Schwäzerklubb brach über ſie den Stab Und ihren neuen Liebesrauſch; kein Geck Beſtaunte oder wizelte hinweg Mit afterredender Begeiferung Des Mädchens Seligkeit und Seelenſchwung. Byron. Mehre Monate hatten wir nun im uͤppi⸗ gen Genuße eines ruhigen Lebens zugebracht; jeder Augenblick dieſer Zeit lebt noch friſch in meinem Gedaͤchtniße, und ſie ward von keinem des Erwähnen werthen Ereignißes ge⸗ ſtoͤrt. Jezt erhielt de Ruyter Kunde, die ihm zu dem Beſchluße vermogte, ſich wieder zu einem Seezuge vorzubereiten. Sein Geiſt kannte keine Ruhe, ſobald irgend ein Zweck erreicht werden ſollte. Gleichwie die Linſe eines Glaſes, ſammelte ſein Gemuͤth alle ſeine — — — 2 Kraft in einem durchbohrenden Strahle. Im Augenblick ſeiner Ankunft auf dem Lande hatte er ſein Seefahrer⸗Gewand abgeworfen, und mit dem Kleide eines Pflanzers, auch den Karakter deßelben angenommen. Beide paßten ihm ſo vollkommen gut, daß ein Unbekann⸗ ter ſich nicht haͤtte einfallen laßen, er ſey je⸗ mals in Anderen erſchienen. Gartenbau und Ackerbau, Pfropfen und Pflanzen beſchaͤftig⸗ ten ihn ausſchließlich, ſowohl ſeine Hände, als ſein Herz. Er ging gar nicht hinab zum Hafen, verabſcheute den Theergeruch, ſagte, der Anblick des Meeres errege ihm übelkeit, und verwuͤnſchte den ſtarken Seewind, der ſein Zuckerrohr entwurzelte und ſeine jungen Anpflanzungen zerſtoͤrte. Er verbot den Ge⸗ brauch von Seefahrer⸗Ausdruͤcken, und befahl, kein geſalzenes Fleiſch ihm in ſein Haus zu bringen. So daß eines Tages, als er mir vom Bal⸗ kon zurief, während ich mich im Garten be⸗ ſchaͤftigte: »Hallo! mein Burſche — vorwaͤrts geſteuert — Sie ſind noͤthig le ich meinen Spa⸗ den niederwarf und in das Haus ging, mit dem Vorſaze, ihm ſeinen Seefahrer⸗Zuruf vor⸗ zuwerfen. Daran ward ich indeß gehindert, ſobald ich in das Zimmer trat, denn der Fuß⸗ — 214 — boden deßelben war mit Seekarten bedeckt, ein Beſteck war geoͤffnet, und er lag auf den Knieen und maß mit Zirkel und Maßſtaab die Laͤngen. Uber ihm dehnte die duͤnne ſchmaͤch⸗ tige Geſtalt des Arabiſchen Rals, und deu⸗ tete mit ſeegebleichter Hand auf eine Inſel⸗ gruppe im Kanal von Moſambique. Weil de Ruyter zu emſig beſchaͤftigt war, um mich ſogleich zu gewahren, ſtand ich eine Weile da, um Beide zu betrachten. Das Nebeldun⸗ kel, welches ſeine Augen im ruhigen Zuſtande uͤberhing, war entſchwunden, und ſie funkelten hell; ſein ganzes Geſicht war aufgeheitert und ſeine Muskeln in Bewegung. Dagegen waren des Rais Geſichtzuge eben ſo wenig dem Wech⸗ ſel unterworfen, als ein betheerter, Stuͤrmen trozender Schiffsſchnabel; ſein Antliz glich einem altgewordenen Sonnenzeiger, deßen Oberflaͤche verwittert und ausgeloͤſcht iſt, ſo daß er die hinſchwindenden Stunden nicht mehr andeutet. Sobald de Ruyter mich erblickte, ſn er: „Ha! mein Freund, wir muͤßen hinaus! Be⸗ ſtellen Sie unſere Wir muͤßen hinab zum Hafen l« Nun ſtand er auf, warf ſeine weiße Jacke ab und zog eine blaue an. Ich that keine Fra⸗ gen, ſondern folgte ſeinem Beiſpiele und wir ritten ab. Sein kleiner Achieniſcher Klepper genuͤgte der Ungeduld des Reiters nicht. »Kommen Sie, ſagte er, »laßen wir dieſes trippelnde, ſtolpernde Vieh, das nur fuͤr Moͤnche taugt, und uͤberſteigen wir das Ge⸗ birge nach der Richtung des Kompaß.« Wir uͤberließen die Pferde einem Diener, erklommen die Hoͤhen und richteten unſern Pfad ſo geradlinig und machten unſer Fort⸗ fliegen beinahe ſo ſchnell, als das eines Kra⸗ nich. Im Hafen angekommen, ſtießen wir ſo⸗ gleich in einem Bvot ab. Im Augenblicke ſei⸗ nes Beſteigens der Grabb uͤbernahm er ſeinen Befehl wieder, durch ein Stampfen mit dem Fuße auf das Verdeck; ſogleich ſprangen die muͤßigen Araber, die faulenzend in der Sonne lagen, empor und Alles am Bord war wie⸗ der Leben und Bewegung. Er ertheilte ſeine Befehle, die neuen Maſte, Rahen und Segel, die in der Zwiſchenzeit gemacht waren, wur⸗ den vollſtändig zugerichtet. Des Fahrzenges Kupferboden war kalfatert; der ausgelängte Bug war abgenommen; die hohen Obertheile waren gekuͤrzt; und die Grabb war im Be⸗ griffe, zu einer Korvette umgeſtaltet zu wer⸗ — 216 — Sobald de Ruyter mir verſtaͤndigt hatte, was er noch vollendet zu ſehen wuͤnſche, ging er mit dem Rals wieder an das Ufer und uͤber Land nach Port St. Louis, um Mannſchaft anzunehmen, Vorraͤthe einzukaufen und ſeine uͤbrigen Angelegenheiten in Ordnung zu brin⸗ gen. Kaum ward es bekannt, daß er Frei⸗ willige ſuche, als auch Matroſen aller Län⸗ der und Abentheurer jeder Art, ſich zu ihm drängten. Sein Name war genug; jeder, der ſich mit ihm zu einem Kreuzzuge einſchiffte, betrachtete ſein Gluͤck gemacht; und anſtatt ſich vor ſeinen Glaͤubigern zu verkriechen, fand man ihn wieder in Weinhäuſern zechend und lärmend, oder auf Ladentiſchen und Baͤnken muͤßig hingeſtreckt. Die Hölung ſeiner Backen war wieder mit Kautabak ausgefuͤllt und ſein unbeſtaͤndiges Weibsweſen wurde zu ſeiner be⸗ ſtaͤndigen Geſellſchafterin. De Ruyter war aber ſehr ſcharf ſondernd in der Auswahl ſeiner Leute, ganz beſonders in Betreff der Euro⸗ paͤer, von denen er in der That auch nur moͤglichſt wenige annahm, weil er die Schwie⸗ rigkeit kannte, ſolche geſezloſe Ausgeſtoßene in Ordnung zu halten; er uͤberließ dem alten Rals lieber, ſeine Mannſchaft durch Araber und verſchiedene der Indiſchen Eingeborenen — 27 — vollzählig zu machen, was in dem vollgedraͤng⸗ ten Hafen dieſer Inſel nicht ſchwer ward. Inzwiſchen arbeiteten wir am Bord der Grabb Tag und Nacht mit Anſtrengung; ich fahre fort, ihr dieſen Namen zu geben, ob⸗ gleich ſie ſehr umgeſchaffen wurde. In weni⸗ gen Tagen vertauſchte ſie das Ausſehen eines ſchwimmenden Rumpfes mit dem eines beflͤ⸗ gelten, lebendigen Weſens, und in noch ei⸗ nigen Tagen glich ſie einem Kriegsfahrzeuge. Wir gaben ihren Seiten verſchiedene Farben, die eine ward ganz ſchwarz, die andere mit einem breiten, weißen Striche bemalt. De Ruyter hatte mir angekuͤndigt, er werde allein in See gehen. Auch verſtaͤndigte er mir den Zweck, den er im Auge hatte; es war der, einige Engliſche Schiffe im Kanal von Moſambique aufzubringen; auch werde er nicht laͤnger, als einen Monat oder ſechs Wo⸗ chen abweſend bleiben. »Während dieſer Zeit,« ſagte er, »konnen Sie ſich damit vergnuͤgen, die Pflanzungen in Obacht zu nehmen und die Verbeßerungen, mit denen wir beſchäftigt ſind, zu vervoll⸗ ſtändigen. Sie ſcheinen hier ſo durchaus gluͤck⸗ lich, ſind ein ſo guter Pflanzer geworden, und es iſt ſo viel zu thun, was eines Herrn — 21 — Ange erfordert, daß es beßer iſt, da Einer von uns zuruͤckbleiben muß, daß Sie die⸗ ſes Loos trifft. Auch duͤrfen wir Aſton nicht allein laßen. Nach meiner Ruͤckkehr habe ich wichtigere Dinge im Ange. Dann wollen wir das Fahrzeng wiederum anders ausruͤſten und uns Alle einſchiffen; und Aſton moͤgen wir ſodann auf einer der Engliſchen Niederlaßun⸗ gen an das Land ſezen.« Dieſe und andere Gruͤnde machten mich bereitwillig bleiben; ſobald de Ruyter ſein Waßer und ſeine Lebensmittel eingenom⸗ men hatte, gab er uns ein Abſchiedsmahl am Bord der Grabb; wir druͤckten uns die Haͤnde und ſchieden. Mit dem Landwinde lich⸗ tete er Anker; und am Morgen bei Tagesan⸗ bruch ſahen Aſton und ich von einer erſtiege⸗ nen Hoͤhe, den ſchwarzen Rumpf und die wei⸗ ßen Segel der Grabb uͤber dem Waßer hin⸗ gleiten, gleich einem Meervogel. Ich ſezte mein gewohntes, thaͤtiges, aber ruhiges und gluckliches Leben fort. Meine Liebe fuͤr Zela kannte kein Abnehmen. Mit jedem Tage entbeckte ich neue Eigenſchaften an ihr, die ich bewundern mußte. Sie war meine un⸗ zertrennliche Begleiterin. Kaum konnke ich er⸗ tragen, ſie einen Angenblick aus dem Geſichte — 219 — zu laßen, und unſere Seligkeit war eben ſo vollkommen, als ungeſtoͤrt. Meine Liebe war zu tief gewurzelt, um Uberſaͤttigung zu be⸗ ſorgen; auch ſchweifte meine Einbildungskraft nie von ihr ab, um ſie mit irgend einer an⸗ dern Frau zu vergleichen. Sie hatte ſich um mein Herz gerankt, bis ſie zu einem Theile deßelben geworden war. Unſere Jugend, un⸗ ſere flammenden Naturen und die Einſamkeit hatten die Gefuͤhle unſerer Liebe fuͤr einander zu einer Innigkeit gelaͤutert, die vielleicht nie erreicht, gewiß nie uͤbertröffen ward. Zur Stadt ging ich nur, wenn Geſchaͤfte mich dahin riefen oder um den Kommandan⸗ ten zu beſuchen, denn de Ruypter hatte mir ausdruͤcklich geſagt, es ſey nothwendig, un⸗ ſer gutes Vernehmen mit dieſem zu erhalten. Seine Gemahlin, wirklich eine gute Frau, erhielt mir ihre Vorliebe, und wuͤnſchte ſehr, ich ſolle Zela ihrer Leitung uͤbergeben, da⸗ mit ſie lerne, was dieſe Dame die Regeln geſiteter Geſelligkeit nannte, und dabei er⸗ klaͤrte, ſie wuͤrde ein Edelſtein vom erſten Waß ſeyn, ſobald ſie gehoͤrig geſchleift und eingefaßt wäre. So wenig ich auch von ver⸗ feinerten und abgeglaͤnzten Damen geſehen hatte, reichte dieſes Wenige doch hin, mir — 220 — Widerwillen einzufloͤßen. In ihrer fruͤheſten Jugend wird ihre Schoͤnheit bereits durch die betaſtenden, vielgeſchäftigen Hände von Tanzmeiſtern, Muſiklehrern und Franzoͤſiſchen Sprachmeiſtern verlezt, deren Athem eine Knoblauch⸗Eßenz iſt. Sobald ſie gehoͤrig ein⸗ gelernt, und ihnen von ihren Muͤttern und Gouvernanten die Nothwendigkeit der Heu⸗ chelei und Luͤge eingepraͤgt worden, werden ſie dem Strome des Modelebens — der ge⸗ wiß kein kriſtallheller iſt — anvertraut, wer⸗ den unhoͤflich angeſtarrt und Punkt fuͤr Punkt gepruͤft, von den ausſchließlich ſo benannten Gentlemen, welche dieſen Namen deswegen fuͤhren, weil ſie nicht viel Anderes vorneh⸗ men, als Trinken und Spielen. Hat das junge Maͤdchen Vermoͤgen, ſo ergreiſt ein dem Un⸗ tergange naher Spieker die Gelegenheit, um ſich durch eine Heirath mit ihr uͤber dem Waßer zu halten; iſt ſie arm, ſo wird ſie von alten Wohlluͤſtlingen verfolgt, deren ſchlafende Leidenſchaften wieder angefacht werden; ent⸗ geht ſie dieſen beiden Schlingen, ſo werden ein Paar Jahre modiſcher Zerſtreuingen, Schlafen am Tage, eingeſchloßene verderb⸗ te Luft, Walzer und Quadrillen in der Nacht, ihr die Jugend rauben, ihr Gemuͤth durch laſterhafte Geſpraͤche beflecken, ihre ro⸗ ſenfarbenen Wangen vergelben, ihren Buſen verwelken wie den einer alten Matrone, ſo daß, haͤtte ſie auch in dem allerunwuͤrdigſten Auf⸗ enthaltsorte gelebt, ſie doch nicht mehr leiden, noch weniger haͤtte gewinnen koͤnnen, als durch die Art ihrer Erziehung und Einfuͤhrung in die Welt. So etwas von dieſem hatte ich bereits in der Welt geſehen und dies beſtimmte mich vom erſten Angenblicke an, Zela ſo wild und unverfeinert zu laßen, als ſie aus den Wuͤ⸗ ſten kam; meine Furcht vor Neuerungen in den Gebraͤuchen ihres Landes trieb ich ſo weit, daß ich glaube, ich wuͤrde ihr nicht einmal erlaubt haben, den Kanibalismus ab⸗ zulegen, haͤtte dieſer zu ihren Landesſitten ge⸗ hoͤrt. Vier und zwanzigſtes Kapitel. »Ein Schiff! Ein Schiff!« Ein lang gehoffter Lohn! Das Fernrohr zeig' uns Flagg' und Nation! Kein Fang, ach! — dennoch ein willkommnes Boot, Im Winde glänzt ſein Wimpel blutigroth. Wer würd' nicht Schlachtenfeuer, Schiffbruch wagen Den Herrn des wohlbemannten Deck's zu tragen? Byron. De Ruyter war nur wenig laͤnger als fuͤnf Wochen abweſend geweſen, als mich vor Ta⸗ gesanbruch ein Bote mit der Kunde weckte, daß die Grabb in Port St. Louis vor Anker liege. Ich ſprang vom Lager auf, fragte den Boten um nichts weiter, ſondern eilte durch den dunkeln Wald und erſtieg den Piton du milieu ſo ſchnell wie ein Rehbock, ohne auf Fallen, oder zerſtoßene Schienbeine Acht zu geben. Auf der Hoͤhe uͤber dem Hafen ange⸗ kommen, war es noch nicht hell genug, um die Schiffe zu erkennen, nur ein undeutli⸗ ches Gemiſch von Schiffsruͤmpfen und Maſten — 223 — konnte ich gewahren. Ich eilte weiter. Das Abfeuern der Kanone verkuͤndete den ange⸗ brochenen Tag, als ich, eine Erderhoͤhung hin⸗ anlaufend, den dunkeln, langen, niedern Rumpf der Grabb und ihre uͤber alle andern Schiffe hinragenden Maſten ſah. Sie lag vor dem Eingange zum Hafen, und war im Be⸗ griff, ihre Flagge aufzuziehen. Auf Kabeltau's Laͤnge hinter ihr erblickte mein Auge jezt den ſchoͤnen Amerikaniſchen Schooner, der gleich einer See⸗Moͤve voller Leben und Be⸗ weglichkeit auf den kurzen brandenden Wogen tanzte, denn in der Nacht hatte ein friſcher Wind geweht. Was konnte der Schvoner hier zu thun haben? Er war von Mauritius nach Manilla ausgelaufen, um dann nach Europa zuruͤckzukehren. Es ſezte mich noch mehr in Erſtaunen, daß er eine Franzoͤſiſche Flagge aufzog und unter dieſer eine Engliſche wehen ließ. Was hatte das zu bedeuten? Gewiß war er mit de Ruyter zuſammengetroffen. Ich ſprang von der Erdhoͤhe herab, und meine Schritte waren durch dieſe erſte Anregung gewiß nicht langſamer geworden. Mich duͤnkte, ich wuͤrde den Hafen gar nicht erreichen, und als ich endlich da war, ſezten mich die we⸗ nigen Minuten in Verzweiflung, die vergin⸗ — 24 — gen, bis ich ein Boot erhalten konnte, um mich an Bord zu bringen. Eines der Boͤte von der Grabb fuhr ans Land und mir vorbei, aber ich wollte mich keinen Augenblick aufhalten, um mit dieſem zu reden. Ich ſelber ergriff ein Ruder und arbeitete, als gelte jeglicher Ruderſchlag um mein Leben. De Ruyter's klare, tiefe Stimme ertoͤnte in meinem Ohre, und einen Augenblickſpaͤter lagen unſere Haͤnde in einander. Seine linke Hand trug er im Bande; ich zeigte darauf hin, denn noch hatte ich nicht Athem geſchoͤpft, um ſprechen zu koͤn⸗ nen. Er laͤchelte und deutete zur Erwiede⸗ derung auf den Schooner. »Was meinen Sie?« rief ich aus. »Kommen Sie mit herab, und ich will Ih⸗ nen alles erzählen. Nachdem ich einige Zeit an der Nordkuͤſte des Kanals von Moſam⸗ bique gekreuzt hatte, erhielt ich Kunde da⸗ von, daß eine Engliſche Fregatte bei hefti⸗ gem Winde in den Haſen von Mocha einge⸗ laufen ſey. Um ihr auszuweichen, fuhr ich in einer ſtuͤrmiſchen Nacht hinuͤber zu den Amarant⸗Inſeln und legte mich zwiſchen dieſen und den Bernſtein⸗Untiefen ſicher. Ich bemerkte, oder vielmehr bildete mir ein, ich ſaͤhe lee⸗ waͤrts »blane Lichter« und Signal⸗Raketen, denn bei dem beſtaͤndigen Blizen war es ſchwer, dies zu unterſcheiden. Ich blieb im Winde, ſo gut ich vermogte, im Glauben, es koͤnnte vermuthlich die Fregatte ſeyn. Gegen Tages⸗ anbruch legte ſich der Wind, und bald er⸗ kannte ich zu meiner Verwunderung und eben ſo großen Frende an unſere Leeſeite ein Se⸗ gel, das ganz gewiß nicht die Fregatte war. Das Schiff ſtand nordoͤſtlich von uns, und weil wir ebenfalls oͤſtlich ſteuerten, konnte ich nur gewahren, daß es ein vorn und hinten, aber nicht rechtwinkelich getakeltes Fahrzeng ſey. Ich ſezte meine Top⸗Gallantſegel bei, und ſegelte hinab zu ihm, um es beßer zu erkennen. Wir kamen ihm ſchnell nahe, denn es hatte beigelegt, weil es, wie ſich das nach⸗ her zeigte, vom Blize getroffen, am Kopfe ſeines Vordermaſtes ſehr beſchädigt war. So⸗ bald wir naͤher kamen, erkannte ich am Rumpfe und an den hochragenden Maſten unſern Schooner aus Boſton, denn wer koͤnnte ihn e der ihn nur einmal geſehen hat. Jezt doppelt bemuͤht, ihm Huͤlſe zu leiſten, ſezte ich der Grabb ſo viele Segel auf, daß ich ihren Vordertheil unter den immer noch hochgehenden Wogen begrub, und meinte, ich muͤße ebenfalls meine Maſte einbuͤßen. 1. 15 — 226 — Die kleineren Rahen bogen zuſammen, wie Bambus, und die Kiar⸗Hinterſtangen zer⸗ brachen, wie Gußeiſen, ſo ſtark und feder⸗ kraͤftig ſie auch ſind; und dies nicht, weil wir zu viel, ſondern weil wir nicht Wind genug hatten. Sobald ich meine Flagge zeig⸗ te, bemerkte ich Bewegung auf ſeinem Bord, und wunderte mich, alsbald zu ſehen, daß es, troz ſeines zerkruͤppelten Zuſtandes, Se⸗ gel beiſezte und davon ſegelte. Sie wißen, daß der Grabb Staͤrke nicht im Segeln vor dem Winde beſteht, zum Gluͤck iſt das bei dem Schooner der naͤmliche Fall. Inzwiſchen zog dieſer ſein viereckiges Segel auf, und ſchien, mit Huͤlfe ſeines gewaltigen Haupt⸗ ſegels, es mit uns aufnehmen zu koͤnnen. Grade jezt rief der Matroſe oben vom Maſte herab: »Ein anderes unbekanntes Segel lee⸗ waͤrts!« Nachſinnend, was dies ſeyn koͤnne, ſah ich das Hauptſegel des Boſtonſchooners auf die andere Seite legen, und als es zu⸗ keilte, brach der Kopf ſeines Vordermaſtes. Ich ſezte noch mehr Segel auf die Grabb, und bevor er den Stumpf abnehmen oder vielmehr abhauen konnte, der uns bald dar⸗ auf vorbeiſchwamm, waren wir ihm auf Ka⸗ nonenſchußweite nahe gekommen. Nun feuerte ich meine vordere Kanone, aber ohne Kugel, ab, damit er ſeine Flagge zeige; aber dies that er erſt, nachdem ein zweiter Schuß eine Kugel uͤber ihn hin und ein dritter ihm eine Kugel in den Rumpf getrieben hatte. Nun klaͤrte ſich das Geheimniß durch Aufziehen der Engliſchen Flagge auf. Der Schooner war von der leewärts ſſchtbaren Fregatte aufgebracht. Während dem ſcharfen Wind⸗ ſtoße der Nacht waren ſie getrennt. Hier war keine Zeit zu verlieren. Die Fregatte, wie⸗ wohl weit leewaͤrts, war gleichwohl im Ge— ſichte, indeß war es moͤglich, daß ſie in der weiten Entfernung uns, die wir die kleine⸗ ren Gegenſtände waren, noch nicht geſehen habe. Der Muth von Englaͤndern iſt unter keinen Umſtaͤnden zu beugen. Sobald der Schooner das Wrack des Vordermaſtes an die Seite geſchafft hatte, ſegelte er ſeinem Gefährten zu, und unterhielt ein fortdauern⸗ des Feuer aus allen ſeinen Kanonen auf uns, die er gegen uns richten konnte. Bald war ich ihm zur Seite, und genöthigt, ihm mehre⸗ volle Lagen zu geben; weil ich nun auf ſeiner Leeſeite blieb, ſchnitt ich ihm dadurch jede Moͤglichkeit des Entrinnens ab. Er ſtrich die 5 Flagge und ich nahm ihn in Beſiz. Ich er⸗ fuhr, er waͤre —« »Aber,« unterbrach ich ihn, »Sie haben mir noch nichts von Ihrem Verluſte geſagt, und was Ihrem Arme begegnete.« »Wir hatten einen Todten, zwei Verwun⸗ dete, und meine Floße war von einem Split⸗ ter gerizt.« »Ich hoffe, nicht ſehr beſchaͤdigt.« »O nein! — es iſt nichts la »Wie,« ſagte van Scolpveldt, der ſo eben mit Pflaſter und Scheere in die Kajuͤte⸗trat, „was nennen Sie nichts? — Ich, der faſt ein halbes Jahrhundert die Wundarzneikunſt treibt, ſah noch nie eine ſchlimmer gequetſchte Wunde. Sind nicht zwei von den drei Fin⸗ gerverzweigungen der Ulnar⸗Arterie verlezt? — iſt der Knochen unter dem tiefen Fleiſch⸗ theile des Mittelfingers nicht entbloͤßt? — und der erſte Phalanx des Zeigefingers nicht bis zum Stumpf des Mittelknorpels zer⸗ ſplittert?“ ⁰ »Bah!« ſagte de Ruyter, vein oder ein Paar Fuͤhlfaͤden gequetſcht, oder zuſammenge⸗ preßt.« »Ja,« ſprach van Scolpveldt, blickte mich triumphirend an, und betrachtete ſodann mit — Wohlgefallen die geſchwollene, entſtellte Hand, die er losgebunden und auf den Tiſch gelegt hatte, vhaͤtte ich den Zeigefinger nicht abge⸗ nommen, und jedes Stuͤck des zerſplitterten Knochens herausgezogen — waͤren Sie von jedem andern Wundarzte, als von mir be⸗ handelt worden — Sie wuͤrden nicht nur ei⸗ nen Finger, ſondern die ganze Hand bis zum Gelenke verloren haben. Und das nennen Sie nichts? Aber Wunden ſind eigentlich auch nichts, wenn ich zur Hand bin, um ſie zu heilen; — ſo iſt meine Kunſt, und ich be⸗ handle ſo ſanft« — er nahm ein Abwaſchen mit ſtarkem Hoͤllenſteinwaßer vor — »daß meine Kranken eher ſchlafen, als aͤchzen moͤgten.« Weil ich ſah, daß de Ruyter zuckte, ſagte ich: »Ja, Scolpveldt, Sie foltern Ihre Kranken zur Gefuͤhlloſigkeit.« Ohne darauf zu achten, betrachtete er de Ruyter und ſagte: »Es macht mir Vergnuͤ⸗ gen, daß Sie Schmerz empfinden.« „Hol' Sie der Teufel la »Ja, ja, ich bin hoͤchlich erfreut; denn es beweiſt, daß die Empfindlichkeit des Theiles wieder hergeſtellt iſt. Ich ſehe auch, daß der Muskel wieder anſezt. Nun brauchen wir nur 230 — das Waſchen fortzuſezen, um die Geſchwulſt nieder zu halten und das wilde Fleiſch mit Höllenſtein abzubeizen. Es wird bald gut ſeyn.⸗ Ich begruͤßte den alten Lonis, der ſich freundlich nach der Schildkroͤte erkundigte, die er Zela zuruͤckgelaßen hatte; waͤhrend das Fruͤhſtuͤck zubereitet wurde, ging ich auf das Verdeck, um dem alten Rals und meinen ehemaligen Schiffsgenoßen die Hände zu druͤcken. „ „ Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. —— Gieich Noah mögen wir auf Meeren ſchweben Wie die Tartaren auf dem Lande leben; Das Zelt am Strand, das Schiff im Wogenbette, Sind mehr uns, als Serail und mehr als Städte, Vom Roße oder Segel hingetragen, Durch Wüſtengrauen vor des Oſtwinds⸗Jagen, Wo ſich der Zugel ſchlingt, die Barke gleitet, Sey Du der Stern mir, der den Wandrer leitet, Zuleika Du! Byron. Nach beendigtem Fruͤhſtuͤcke erzaͤhlte de Ruy⸗ ter das Ubrige ſeines Seezuges. Er fand, daß die Amerikaner ſämmtlich, mit Ausnahme von fuͤnfen, die am Fieber erkrankt lagen, an den Bord der Fregatte gebracht waren, und daß dagegen ſiebenzehn Matroſen nebſt zwei der jungen Offiziere auf den Schooner geſezt wurden, mit dem Befehle, in der Näͤhe jener zu bleiben. Der Sturm hatte ſie aber getrennt, wie ſchon erzaͤhlt iſt. — 232 — »Dieſe Mannſchaft,« ſagte de Ruyter, »ſchickte ich an den Bord der Grabb, erſezte ſie durch eine gute Auswahl meiner beſten Leute, nahm den Schooner in's Schlepptan, und begann, deßen Havarie durch einige un⸗ ſerer Segelſtangen zu erſezen. Die Fregatte machte Jagd auf uns und blieb zwei Tage im Geſichte, bis ich zwiſchen die Amarant⸗ Inſeln kam. Hier entkam ich ihr durch meine beßere Kenntniß der Hrtlichkeit, warf Rachts unter dem Leeufer der einen meine Anker aus, und ſah nichts mehr von der Fregatte. Dann ſezte ich dem Schvoner einen Nothmaſt auf, und hier bin ich. Jezt nehmen Sie ein Bovot, und gehen an ſeinen Bord; wir wollen in den Hafen arbeiten; oder — warten Sie, — es wird beßer ſeyn, Sie bleiben auf der Grabb, der Wind wird ſtill. Ich muß an's Land. Legen Sie beide dicht zuſammen, auf 3 unſern alten Ankerplaz. In zwei oder drei Stunden werde ich zuruͤckkommen. Ich muß 3 mit dem Kommandanten ſprechen, unſere Ge⸗ fangenen landen, und die Kaufleute ſehen, denen der Boſton konſignirt war. Wiewohl die Englaͤnder ihn gewonnen hatten, war er doch noch nicht von ihnen als gute Priſe erkannt, als ich ihn wieder nahm; aus dieſer Urſache — 7 — 233 — glaube ich, daß ich nur Anſpruch auf Ret⸗ tungsgelder fuͤr Schiff und Ladung habe;z dieſe ſind aber bedeutend.« Meine Freude ward durch dieſe Kunde et⸗ was gedaͤmpft; ich hatte dieſes Schiff bereits als das unſrige betrachtet, und nicht bezwei⸗ felt, deßen Befehl zu bekommen, eine Stel⸗ lung, welche den Gipfel meiner kuͤhnſten Wuͤnſche kroͤnte, und die ich einem Herzog⸗ thum vorgezogen haben wuͤrde. Vom erſten Augenblicke, in welchem wir den Schooner in See trafen, und ganz beſonders, nachdem ich ihn ſpaͤter im Hafen genauer pruͤfte, hatte ich ihn mit ſehnſuͤchtigem, ja eiferſuͤchtigem Blicke betrachtet. Die anſcheinende Unmoͤg⸗ lichkeit, ihn zu beſizen, machte meinen Wunſch nur noch begieriger. Ich wuͤrde nicht nur mein Geburtsrecht, ſondern auch noch dazu ein Glied meines Koͤrpers, mit Allem, was ich in der Welt beſaß — Zela allein ausgenommen, die mir das Hoͤchſte war — gegeben haben, um ihn zu erlangen. De Ruyter hatte oft mit mir daruͤber geſcherzt, und nun, da ich ſo zu ſagen am Ziele meines Wunſches ſtand, konnte ich ſein Geſez fuͤr Rettungsanſpruch gar nicht verſtehen. Er war im Beſiz, und — — — — — 234 — dieſes Recht duͤnkte mich das einzige verſtaͤn⸗ dige oder richtige. Mit Ungeduld erwartete ich ſeine Ruͤck⸗ kunft, ſie ward aber nicht befriedigt, als er endlich kam; denn die Kaufleute ſollte er erſt Abends antreffen. Der folgende Tag ver⸗ ging in eben der Weiſe, und die Sache blieb viele Tage lang unentſchieden. Ich verwuͤn⸗ ſche die langſamen Verhandlungen dieſes krie⸗ chenden Schlangengezuͤchtes. Ich haße arith⸗ metiſche Berechnungen; dieſe verurſachen mehr — Schaden, als Erdbeben im Zerſtoren von Ge⸗ bäuden, auf ſchlechtem Grunde errichtet; ſie gleichen einem Mamelucken⸗Gebiße im Mun⸗ de eines feurigen, ungeduldigen Roßes. Gleichwohl war ich ſo gut, als das Pferd ge⸗ nöthigt, mich zu unterwerfen. Viele Zeit ward auf dieſe Art nuthwilig vergeudet, bis de Ruyter Ubereinkunft ge⸗ troffen hatte, gewiße Geldſummen zu zahlen, anſtatt zu empfangen, Sicherheit zu leiſten, gewiße Buͤrgſchaften und Verbindlichkeiten zu uͤbernehmen, Verſchreibungen zu unter⸗ zeichnen, was alles vorlaͤufig zu ordnen war, bevor er den Schooner in Beſiz nehmen konnte. Indeß ward Alles vollzogen, und noch war kein Monat ſeit ſeiner Ankunft verfloßen, — 235 — als ich ſchon nach meines Herzens Wunſche den Befehl des Schiffes erhielt. Mit de Ruy⸗ ter's Huͤlfe begann ich nun, daßelbe zum See⸗ zuge auszuruͤſten. So lange ich um Bord zu thun hatte, war Zela immer bei mir. Gele⸗ gentlich hielten wir Feiertage auf der Villa, deren Obhut Aſton uͤberlaßen blieb. Sobald die Grabb und der Schooner ſe⸗ gelfertig waren, gab de Ruyter mir Verhal⸗ tungsbefehle. Wir lichteten zuſammen die An⸗ ker. De Ruyter's Handwunde war ziemlich gut geheilt. Die Amerikaner, welche am Bord gelaßen waren, und die vier Engliſchen Ma⸗ troſen, die mit Aſton gefangen worden, wa⸗ ren freiwillig in Dienſt auf den Schooner gegangen. Mein Schiffsvolk war von de Ruyter ergaͤnzt, und ich hatte eine ziemlich gute Bemannung. Ich war ausgeruͤſtet mit ſechs zwoͤlfpfuͤndigen Karonaden und vier lan⸗ gen Sechspfuͤndern. Wir hatten Mundvorrath und Waßer fuͤr zehn Wochen am Bord. Ze⸗ la, die nur durch Gewalt haͤtte vermogt wer⸗ den koͤnnen, zuruͤck zu bleiben, welche ich anzuwenden gar nicht Luſt hatte, war bei mir. So in voͤlliger Befriedigung aller meiner Wuͤnſche, war meine Freude ganz ſo graͤnzen⸗ — 236 — los, als das Element, auf dem ich ſchwamm; und ich waͤhnte es immerdauernd, weil ich kein Rechner und nicht mit der Vorausbe⸗ trachtung auch nur einer Stunde, begabt war. Verwuͤnſchtes Vorausſehen! das Freude in Elend verwandelt, weil es den Ausgang be⸗ rechnet! Dies that ich nie; ſondern ging zur See mit huͤpfendem Herzen, furchtlos und frei, wie der Loͤwe, wenn er ſein Lager in den Jungeln verlaͤßt, um in den Ebenen zu jagen. Wir ſtenerten nach Norden, mit der Ab⸗ ſicht, die Inſel St. Brandon zu erreichen, von da nach einer Inſelgruppe, die ſechs Ey⸗ lande genannt, zu ſteuern und im noͤrdlichen Indianiſchen Meere zu kreuzen, indem wir den Lauf durchfahren wollten, den die Schiffe von Madras nach Bombay waͤhrend der Zeit des Suͤdweſt⸗Monſoon fuhren. Der erſte Tag ward damit verbracht, unſere beiderſeitige Segelſchnelligkeit zu verſuchen und die Schiffe in ihr beſtes Gleichgewicht zu bringen. Die Grabb uͤberwand alles, was in Oſtindien fuhr, ausgenommen, wenn ſie ganz vor dem Winde treiben mußte; bei ſtarkem Seiten⸗ winde hatte bis jezt ihr nichts gleich kommen koͤnnen, als etwa dieſer Schooner. Wir fan⸗ 3 6 —,— — — 237 — den nun nachmehrfach wiederholten Verſuchen, daß der Schooner bei kurzem Umlegen dicht in den Wind zu bringen ſey; aber bei Segeln aus allen andern Windpunkten war die Grabb uͤberlegen, wiewohl nur um ein ſo Geringes, daß immer noch Zweifel uͤbrig blieben. Wir kamen zur Inſel St. Brandon, ohne beſonderes Ereigniß. Bald nachher machte ich Jagd auf eine Brigg und zwang ſie zum Bei⸗ legen. Es fand ſich, daß ſie ein Franzoͤſiſches, nach Mauritius beſtimmtes Fahrzeug von der Inſel Diego Garcia war. Ihr Kapitain ſagte uns, er fahre viel hin und her nach dieſer Inſel, um Fiſche und friſche Schildkroͤten ein⸗ zufangen, die in deren Umgegend ſehr haͤufig waͤren. Die Inſel ſey unbewohnt, aber einige Kaufleute haͤtten ihn mit einem Arbeitergange von Sklaven dahin geſchickt; waͤhrend er im Begriffe geweſen, ſeine Ladung einzunehmen, ſey er faſt durch ein Engliſches Kriegsſchiff uͤberrumpelt worden, und wiewohl es ihm gelungen waͤre zu entkommen, ſeyen doch die Sklaven, ſo wie ſeine Ladung den Englaͤn⸗ dern in die Haͤnde gefallen. Sobald de Ruy⸗ ter dies hoͤrte, uͤberlegten wir mit dem Ka⸗ pitain, ob es nicht moͤglich wäre, jenen die Sklaven und die Ladung wieder abzujagen. — 238 — De Ruyter, der eben ſo fruchtbar im Ent⸗ werfen von Planen, als verwegen in ihrer Ausfuͤhrung war, beſchloß alsbald eine Liſt, die er und ich ausfuͤhren wollten. Der Brigg, die kein beſonderer Schnellſegler war, em⸗ pfahl er, in einen Hafen zu laufen, den er dem Kapitain auf einer Karte bei einem der ſechs Ehlande anzeigte; dieſer Hafen war auch vorher zwiſchen uns zum Sammelplaze an⸗ genommen, im Falle wir getrennt werden * ſollten. Sobald dieſe Anordnungen getroffen waren, ſezten wir alle Segel bei und liefen, von einem ſcharfwehenden Paßatwinde getrie⸗ ben, nach Diego Garcia. Die Geſtalt dieſer Inſel iſt halbmondfoͤrmig, in ihrem Einbuge liegt ein ſehr kleines Eyland, welches gleich⸗ ſam als Waßerbrecher dient und hinter ſich einen geräumigen und ſichern Hafenplaz dar⸗ bietet. Als wir die Inſel erreichten und die Fregatte dort vor Anker liegen ſahen, liefen wir längs der Kuͤſte hin, ließen das kleine 5 Eyland zwiſchen uns und der Fregatte, wo⸗ durch wir verhinderten, von ihr geſehen zu wer⸗ den. Hier ankerten wir; am folgenden Tage gingen wir wieder zugleich unter Segel; die Grabb, welche die äußere Geſtaltung eines Stlavenſchiffes nachgeahmt hatte, lief lee⸗ waͤrts hinab und erſchien am Eingange des Hafens, als wiße ſie gar nicht, daß ein Schiff darin liege; bis ſie mit der Fregatte in einen Strich kam, welche ſie ebenfalls ſogleich er⸗ blickte, da legte ſie um und ſezte Segel 9 als ſuche ſie zu entkommen. Die Fregatte mit ihrer raſchen, immer be⸗ reiten Engliſchen Bemannung kappte ſogleich ihr Kabel und ſezte Segel bei, um Jagd zu machen. Gleichwohl verging Zeit genug, um der Grabb einen guten Vorſprung gewinnen zu laßen, und auch Zeit genug fuͤr mich, um mich durch Segeln in den Wind aus dem Ge⸗ ſichte zu halten. Auf dem kteinen Eylande hatte ich einen Mann ans Ufer geſezt, der mir durch Signale die Bewegungen der Fregatte mit⸗ theilen mußte, und ich ergriff den Zeitpunkt ſo genau, daß, waͤhrend ſie um die vorſprin⸗ gende Rundung der Inſel ſegelte und das kleine Eyland ihr den Anblick entzog, ich deßen äu⸗ ßerſte Spize umfuhr, in die Bucht dicht an's Ufer lief und eine ſtarke Abtheilung meiner Mannſchaft landete. Der Plan war ſo gut angelegt und ſo raſch ausgefuͤhrt, daß ich eine Abtheilung der Fre⸗ gattenmannſchaft uͤberfiel, welche die Skla⸗ ven bewachte und zugleich mit Holzfällen be⸗ — 240 — ſchaͤftigt war. Die Sklaven ſchifften wir ein, ebenfalls ſo viel geſalzene Fiſche und friſche Schildkroͤten, als wir nur waͤhrend der vier Stunden an Bord zu ſchaffen vermogten, die ich wagte, hier liegen zu bleiben. Das übrige zerſtoͤrten wir. Was meine Landsleute anbe⸗ traf, ſo ſchien ihr Schickſal mir ſo ungemein hart, daß ich ſie zuruͤckließ; doch nicht bevor ſie erklart hatten, ich wäre der beſte Geſelle in der Welt, — aber ich hatte ſie zuvor be⸗ trunken gemacht. Auch hatte ich ſie durch das Aufziehen der Bankee⸗Flagge getaͤnſcht, den Schooner mußten ſie fuͤr einen Amerikaner erkennen; ſo daß ſie, anſtatt in die Waldung und auf die Berge zu entfliehen, was ſie leicht thun konnten, unſer Landen ohne Arg⸗ wohn angeſehen und zum Voraus den Betrag des Beutegeldes berechnet hatten, bis ſie ihre Erwartungen dadurch getauſcht ſahen, daß die Fregatte ein fluͤchtiges Franzoͤſiſches Se⸗ gel verfolgte, denn fuͤr ein ſolches achteten ſie das unbekannte Schiff ſeiner Leichtigkeit und Raſchheit wegen. Wir ſchieden als ſo gute Freunde, daß ſie mir ein dreifaches Hur⸗ rah nachriefen, als ich die Kuͤſte verließ, zur Erwiederung fuͤr drei Flaſchen Rum, die ich ihnen zuruͤckließ. — 241 — Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Uns ſchreckt kein Tod, weun mit uns ſtirbt der Feind, Nur daß er dumpfer noch als Schlaf erſcheint. Und kommt er, gilt's — in luſt'ger Lebensſpende. Bleichviel, ob Krankheit oder Kampf es ende. Byron. Hierauf ſegelte ich um die Nordſpize der In⸗ ſel, und glitt mit vollen Segeln ſtattlich dem Hafen zu, den wir zu unſerm Zuſammen⸗ treffen beſtimmt hatten; ich bezweifelte das Gelingen von de Ruyter's Liſt gar nicht, der die Fregatte ablocken wuͤrde, um mir Zeit zu geben, und ſich dann in der Dunkelheit der Nacht ihrer Verfolgung zu entziehen. Das Wetter war duͤſter geweſen, durch heftige Windſtöße und Regenſchauer unter⸗ brochen; dies war ein guͤnſtiger Umſtand. Recht ſchnell liefen wir hinab zu den Eylanden, und beinahe gleichzeitig trafen die Grabb und der Schooner von Norden und Weſten in den II. 16 — 242 — ſelgruppe bildet. Wir ankerten neben einander in einem kleinen, aber ſichern Hafen, vor den Winden ſowohl, als vor dem Entdeckt⸗ werden geſchuͤzt durch eine hohe vorſprin⸗ gende Uferbank, die in der Geſtalt eines ge⸗ bogenen Armes ſich in das Meer hinausſtreckte. Am folgenden Morgen erſchien auch die Brigg bei dieſer Inſel und legte bald darauf vor Anker. Ich überließ de Ruyter das Ge⸗ ſchaͤft wegen Ruͤckgabe der Sklaven zu ordnen und ging an's Land. Von den Eingebornen iſt mir ſonſt nichts erinnerlich, als daß ſie ein gutmuͤthiges, gaſtfreundliches, großentheils vom Fiſchfang lebendes Volkchen ſind. Wir verſchafften uns Ziegen, Fiſche, Hühner und gruͤne Gemüſe, dann ſegelten wir ab, unſern Lauf nach den Maldiven⸗Inſeln nehmend, um noch vor Eintritt des herannahenden Nordoſt⸗Monſoon die Malabariſche Kuͤſte zu erreichen. 35 Bald nachher hielten wir verſchiedene Schiffe mit Engliſchen Papieren an, und plünderten ſie aus. Unter dieſen war eines mit einer Hollaͤndiſchen»Frowaam Bord, deren Rumpf⸗ balken faſt ſo groß war, als der des Schiffs ſel⸗ ber. Ihr gehoͤrte ein betraͤchtlicher Theil der Kanal ein, der ſich im Mittelpunkte der In⸗ — 243 — Waaren, mit denen ſie zwiſchen Madras und Bombay auf eigenem Schiffe Handel trieb. Ihr verſtorbener Mann hatte im Dienſte der Engliſch-Oſtindiſchen Kompagnie geſtanden, dies war mit genug, um das Schiff fuͤr gute Priſe zu erklären. Nachdem ich den werthvoll⸗ ſten Theil der Ladung fuͤr uns ausgeſucht, und den werthloſeſten uͤber Bord geworfen hatte, fiel mir ein, daß wir Waßer bedurften. Auf dem Verdecke befanden ſich fuͤnf oder ſechs Tonnen mit dieſem Elemente angefuͤllt. Waͤh⸗ rend ich abwartete, daß das lange Boot aus⸗ geſezt werde, um dieſe an den Bord des Schoo⸗ ners zu bringen, bemuͤhete ſich das Hollan⸗ diſche Ungethuͤm, mich durch Lächeln, Lieb⸗ äugeln und Schmeicheln zu bewegen, daß ich hinab in ihre Kajuͤte kommen moͤgte, wobei ſie bat und flehete, ihr das Waßer nicht zu nehmen. »Es iſt hoͤlliſch heiß, ſagte ich, »und ich brauche Waßer. Gebt mir einen Eimer herle dabei erfaßte ich ein halb ausgeleertes Faß. »Ach! das iſt nicht gut,« ſprach die ſpeckige Frow; »Junge, hol' Waßer aus der Kajuͤte. Trinken Sie das nicht, Kapitain! Ich will Ihnen Wein bringen laßen — Conſtantia, vom Cap —. — 244 — »Schlagt dem Faße den Deckel aus, befahl ich einem Matroſen. Einer verſuchte den Boden mit einem Meßer auszuheben, und die Hollaͤnderin bat ihn, ein anderes Faß anzubrechen, wobei ſie er⸗ klaͤrte, dieſes ſey halbſalzen. »Wie kommt's denn, daß es angebrochen iſt, alte Dame? Ich denke, Ihr habt Con⸗ ſtantia drin. Wenn das iſt, ſo will ich's an Bord nehmen.« Nun ergriff ich eine Stange, und ſprengte den Boden heraus, voller Verwunderung über den Eifer der Frau, mich zuruͤckzuhal⸗ ten und meine Aufmerkſamkeit davon abzuzie⸗ hen. Ich glaubte wirklich, es ſey etwas un⸗ gemein Gutes darin, entweder Schiedam oder Wein; darin beſtaͤrkten mich eben ihre Ver⸗ ſicherungen vom Gegentheile. So wie der Deckel heraus war, hielt ich einen Eimer un⸗ ter, während ein Matroſe das Faß uͤberhielt; als nun das klare Waßer herauslief und ich uͤber der alten Frau Hartnäckigkeit lachte, that ſie einen lauten Schrei und ich einen Aus⸗ ruf der überraſchung bei dem, was ich zuerſt fuͤr ein Thier hielt, was ſich aber bald als das Ende eines Perlen⸗Halsbandes auswies. Der »Frow⸗ rothes Geſicht ward noch rother, als eine Schnur Karniolperlen, die nun in den Eimer plumpte, ſobald ich dieſe heraus⸗ zog, und ihr vor die Augen hielt. „Den Boden heraus und laßt das Waßer laufen! — Treffliche Beute! — Hände weg, oder ich werde ſie abhauen! — Alle die Kleino⸗ dien in den Eimer gethan!« Wir fiſchten eine praͤchtige Sammlung von Ringen, Perlen, Korallen und Karniolen auf — ein geheimer Schaz der Hollaͤndiſchen Frow, die ihn hier verſteckt hatte, waͤhrend wir Jagd machten. Häͤtte ich nicht ſo beſon⸗ dere Begierde empfunden, in dieſes Faß zu tauchen, eben weil ich kein volles anbrechen wollte, ſo wuͤrden wir dieſe Perlenfiſchere nicht gehabt haben. Nun ſuchten wir noch genauer nach, fan⸗ den aber nichts anderes. Der Frau gab ich einen ihrer Ringe, es war der ſchlechteſte nicht, von dem ſie mir mit einem Eide ver⸗ ſicherte, er habe ihrer Großmutter angehoͤrt, zuruͤck, und einen Kuß; als ich ihr denſelben an ihren fetten, plumpen Finger ſteckte, und ſagte dabei: »Trauert nicht, junge Frau, denn dies iſt im Arabiſchen Lande ein Ehe⸗ kontrakt, und ihr ſeyd meine Fran. Wenn wir uns wieder begegnen, will ich die Hoch⸗ — 246 — zeit vollziehen, bis dahin ſorgt fuͤr eure Mit⸗ gift.« Nun fuhr ich ab zur Grabb, und brachte den Raub an deren Bord, weil wir im Schoo⸗ ner wenig Raum hatten. Dem alten Louis erzaͤhlte ich den Vorfall mit ſeiner Lands⸗ maͤnnin und ſezte hinzu: »Gewiß iſt ſie Deine »»Frow,«« nach der Beſchreibung zu urthei⸗ len, die Du von der gegeben haſt; ganz ge⸗ wiß die naͤmliche, verlaß Dich darauf.« Louis ward nachdenklich, heiterte ſich aber bald wieder auf, und antwortete: »Meine Frau hat keine Ebelſteine, und keine Ringe auf den Fingern, ihren Trauring gab ſie fuͤr eine Flaſche Schiedam weg, als ich ihr zum erſten Male den Thaler abſchlug, um ſich eine zu kaufen.« Wir ſtießen auf eine Flotte Kuͤſtenſchiffe von Ceylon und Pondicherry, denen eine Kriegsbrigg der Oſtindiſchen Kompagnie Con⸗ voy gab. De Ruyter machte mir Signale hi⸗ nanzuſegeln und die Schiffe zu unterſuchen, während er auf den Kreuzer der Kompagnie Jagd mache. Bald hatte ich die Kuͤſtenſchiffe eingeholt; es war eine Sammlung aller moͤg⸗ lichen Gattungen, Bauarten und Auftakelun⸗ gen, — Snaue, Grabben, Padamen. So⸗ 24 —4 bald das Kompagnieſchiff uns als Feinde erkannte, ſezte es alle Segel bei und uͤber⸗ ließ die Fahrzeuge ihrem Schickſale. Als ich nahe genug war, ſie durch Kanonenſchuß zu erreichen, feuerte ich eine Kugel zwiſchen ſie, und nun ſtoben ſie auseinander wie ein Zug wilder Enten, nach allen Richtungen des Kom⸗ paßes ſuchten ſie zu entkommen. Ich verfolgte ſie wie der Beneta die fliegenden Fiſche, und hielt ſie dadurch, daß ich um ſie herſegelte, zuſammen, wie der Jäͤger oder Koppel⸗Bur⸗ ſche ſeine Heze Hunde in der Zucht bewahrt. Einige wenige entkamen mir allerdings, aber die meiſten trieb ich zuſammen. Wir beſtiegen ſie Eines nach dem Andern; ſie hatten vor⸗ nemlich Bumbalow, Paddy, Betel⸗Ruͤße, Ghie, Pfeffer, Arrack und Salz geladen; — indeß fand ſich auch etwas weniges von Sei⸗ denzeug, Muslin und einige Schawls; auch vermogte ich mit unermuͤdlicher Anſtelligkeit einige Beutel voll goldener Mohur und Ru⸗ pien zu erhalten. De Ruyter war jezt weit leewärts, und aus dem Schall der Kanonen erkannte ich, daß er ein lebhaftes verfolgendes Feuer auf die Brigg unterhielt, die bemerklich ſchnell ſegelte. Ich verließ nun die kleinen Fahrzeuge und fezte alle Segel bei, um die Grabb zu erreichen. In der Richtung, welche jene deide Schiffe nahmen, war eine Gruppe von drei Felſen, die ihre Spizen hoch uͤber die Meerflaͤche emporſtreckten. Durch ſie hin war ein Fahrwaßer und es ſchien, die Brigg wuͤnſche ſie zu erreichen. Was ſie damit be⸗ zweckte, konnte ich nicht verſtehen; als ſie aber in die Nähe der Felſen kam, mogte ſie ihr Takelwerk ſehr zerſchoßen und keine Aus⸗ ſicht zum Entkommen finden, deßhalb ver⸗ kuͤrzte ſie ihre Segel, zog ſie an den Wind, legte bei und begann ein Gefecht mit de Ruy⸗ ter. Ich brannte vor Begierde, dabei zu ſeyn. Als ich mich nahete, gab de Ruyter mir das Signal, leewaͤrts von den Felſen zu ſegeln, um der Brigg die Moͤglichkeit des Entkom⸗ mens abzuſchneiden; und ich konnte aus dem Anſcheine erkennen, daß die Grabb ſchon ſo ſehr im Vortheile uͤber ihren Gegner war, daß ich meines Freundes Ruhm nur haͤtte ſchmaͤlern koͤnnen, ohne ſelber einigen zu verdienen. Doch bevor ich dem Signale noch Folge geben konnte, war ſie, in der Abſicht, das Schiff zu zerſchellen, gegen die Felſen getrieben, und ſtrich ihre Flagge. Sogleich ſezte die Grabb ihre Bote aus, — — 249 — denen ich die meinigen zugeſellte, wir gingen an ihren Bord und verſuchten, ſie abzubng⸗ ſiren. Sie war ein ſchoͤnes Schiff, mit ſechs⸗ zehn achtzehnpfuͤndigen Karonaden bewaffnet, und hatte achtzig bis neunzig Mann am Bord. Sie war kaum mehr als zehn oder fuͤnfzehn Minuten im Gefechte geweſen, gleichwohl war ihr Rumpf und ihr Takelwerk ſehr zer⸗ ſchoßen. Sie zäͤhlte nur acht Verwundete und einen Todten; die Grabb hatte drei Verwun⸗ dete und einen Mann durch Zufall verloren. Dieſer war beſchaͤftigt, eine Kartonſche in die Kanone hinabzuſtoßen, weil dieſe aber nicht mit dem Schwamm gereinigt und das Luft⸗ loch verſtopft war, ſo ging ſie los, waͤhrend der Mann vor ihr ſtand. Mir erzählte der alte Rals in ſeiner trocknen Weiſe: „Ich ſoh durch das Schießloch hinaus, und ſagte ihm, als er die Kanone lud, er ſolle vorſichtig ſeyn, um die Tauringe der aufſtehenden Ta⸗ kelei nicht mit fortzureißen, denn er war zu hizig und uͤbereilt. Er konnte mir nicht ant⸗ worten, weil die Kanone losging. Ich blickte wieder hinaus; der Menſch war nicht mehr da, aber ein Stuͤck von ſeiner rothen Muͤze oder von ſeinem rothen Kopfe ſchwamm auf dem Waßer Weiter ſah ich nichts von ihm.⸗ — 250 — »Es war Dan Murphi — der arme Junge.« „Ja,« erwiederte der Rais, ver war im⸗ mer zu haſtig, und hoͤrte niemals auf den Befehl. Und ſehen Sie nur die Tauringe, die hat er zugleich mit ſeinem thoͤrichten Kopfe abgerißen.« Wir nahmen die Europäer auf der Brigg gefangen; weil es ſtilles Wetter war, gelang es uns, die lezte ohne große Beſchädigung von dem Felſen loszumachen. Die Vorräthe und Waffen nahmen wir heraus, brachten ſodann unſere Kranken und unſere ſämmtliche Beute an ihren Bord, waͤhlten zwanzig Mann, zwei Quartiermeiſter und einen Priſenagen⸗ ten aus, um ſie zu fuͤhren, und nachdem wir ſie waͤhrend der Nacht und am folgenden Tage gehoͤrig ausgebeßert hatten, ſchickten wir ſie nach Isle de France. Die Lascars und Indi⸗ ſchen Matroſen ſchifften wir wenige Tage nachher auf einem Kuͤſtenſchiffe ein, und gaben ihnen ihre Freiheit. Acht oder zehn Mann von ihnen blieben bei uns, und noch mehre von ihnen haͤtten gern bei de Ruyter Dienſt ge⸗ nommen, wenn wir ihrer bedurft haͤtten. Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Zum Feſt heut Abend! Morgen zieh'n wir ab; Spielt auf zum Tanz! Füllt an die Cava⸗Bowle, Den lesten Tropfen leert, wir könnten morgen ſterben. Byron. De Ruyter beſchloß, durch die Straße von Sunda zu ſegeln, waͤhrend ich durch die von Molakka fahren und von den Engliſchen Schiffen Kunde einziehen ſollte. Demzutolge trennten wir uns, um nach Ablauf einer ge⸗ wißen Zeit bei einem kleinen Eilande in der Raͤhe der großen Inſel Bornev wieder zu⸗ ſammen zu treffen. Mir gab de Ruyter ge⸗ naue Verhaltungsbefehle, und nahm mir das Verſprechen ab, ſie nicht zu uͤberſchreiten. Darauf nahm er herzlichen Abſchied von Aſton, drang ihm ſehenswuͤrdige Waffen als Geſchenke auf, weil Aſton dafuͤr Liebhaberei hatte, und beide bemheten ſich, ihre Ruͤh⸗ rung unter gleichguͤltigen Worten zu ver⸗ bergen. Noch einmal wlederholte de Ruyter mir ſeine feierlichen Mahnungen, kußte Zela's Stirne, druͤckte uns die Haͤnde, und kehrte zuruͤck an den Bord der Grabb. Wir gingen unter Segel und ſteuerten nach abweichenden Richtungen. Sobald ich dem Einlauf der Enge vor Molakka nahe genng war, ſteuerte ich hinuͤber zu der Malayen⸗ kuͤſte, die ſehr hoch und ſchroff iſt. Als ich zu einer großen, durch eine Landzunge ge⸗ bildeten Bucht kam, warfich an einer geſicher⸗ ten Stelle zwiſchen einem kleinen Eilande und der feſten Kuͤſte, Anker. Hier ſezte ich mich in Gemeinſchaft mit den Eingebornen und ver⸗ ſchaffte mir unter vielen Schwierigkeiten eine große, ſehr ſchnell rudernde Proa, weil ich glaubte, dieſe gewaͤhre das ſicherſte Mittel, Aſton nach Pulo⸗Penang zu bringen, das am Eingange der Meerenge liegt und den Eng⸗ landern gehoͤrt. Wenn ich in einem nach der Landesſitte gefertigten Canoe längs der Ma⸗ layenkuͤſte hin ruderte, wuͤrde ich den Ein⸗ gebornen nicht auffallen, und den Englän⸗ dern, falls ſie mich gewahrten, keinen Ver⸗ dacht erregen; und ſo moͤgte ich auf irgend einem Theile der Inſel nach meinem Gefallen landen. Pulo⸗Penang iſt von der Engliſch-Oſtindi⸗ ſchen Kompagnie den Malayen der gegen⸗ ͤberliegenden Kuͤſte abgekauft, und wird jezt die Prinz⸗Wallis⸗Inſel genannt. Sie iſt klein 5 aber außerordentlich fruchtbar und hoͤchſt rei⸗ zend. Sie ſtreckt ſich in paralleller Richtung mit der ſehr hohen Malayenkuͤſte hin, und der Kanal zwiſchen beiden bildet einen treff⸗ lichen Hafen. Entſchloßen, Aſton zu begleiten, bemannte ich die Proa mit ſechs Arabern und zwei Malayen, nahm auf drei Tage Proviſton und Waßer mit und ließ die Waffen der Mannſchaft in der Proa verbergen. Aſton und ich beſtiegen dieſe; er in weißer Jacke und weiten Beinkleidern, ich im Anzuge ei⸗ nes Arabiſchen Seefahrers. Den Schooner ließ ich unter dem Befehle des erſten Steuer⸗ mannes, eines Amerikaners, der als zweiter Steuermann auf ihm diente, als er genom⸗ men ward. Von ſeinem Fieber war er her⸗ geſtellt, und de Ruyter hatte ihn mir ange⸗ legentlich empfohlen. Er war ein thaͤtiger, einſichtsvoller Menſch, durch und durch ein Seemann, in New⸗York geboren und erzv⸗ — 254 — gen. Sein Name war Strong, und er ein kurzer, unterſeziger Menſch, kraͤftig wie ein Pferd aus Suffolk. Einer meiner eigenen Landsleute, der auf Aſton's Fregatte Befehl⸗ fuͤhrer auf dem Verdeck geweſen, war mein zweiter Steuermann. Er hatte alle bezeich⸗ nende Eigenſchaften eines Mannes von der Flotte, war ſchweigſam, gehorſam, brav und abgehaͤrtet. Auch beſaß er eines Seefah⸗ rers Vorliebe fuͤr Grog. Sein Liſchgenoße, der Befehlsfuͤhrer im Raum, hatte ein leeres Rumfaß gebullt, das heißt, er hatte, ſo⸗ bald das geiſtige Getränk heraus gezapft worden, eine Gallone Waßer hinein gethan, um vier und zwanzig Stunden darin unter gelegentlichem Umrollen des Faßes zu blei⸗ ben; dieſes Waßer wird alsdann ein recht ſteifer Grog; von dieſem hatte der Vor⸗ derdecks⸗Kapitain zu reichlich hinabgeſpuͤlt, und verſtieß gegen die Ehrfurcht vor einem hoͤhern Offizier. Der Bootsmann, eiferſuͤch⸗ tig auf dieſes Menſchen beßere Seemanns⸗ kunde, und voll Haß, weil ihm viel Achtung bezeigt ward, wußte es dahin zu bringen, daß er mit dem Tauende gepeiſcht ward. Dieſer Schimpf laſtete auf ſeinem Gemuͤthe, und werurſachte, daß er bereitwillig ſich mir an⸗ — 255 — ſchloß. Zudem fuͤhrte er auch als Beweggrund an, daß er zwanzig Jahre lang dem Koͤnige in Oſt⸗ und Weſtindien gedient und dafuͤr nur zwei freie Tage am Lande, das gelbe Fieber, viele Wunden, ein Betrunkenſeyn im Dienſte und ein Auspeitſchen bekommen habe. Doch zuruͤck zu meiner Geſchichte. Als wir von dem Schooner abſtießen, war Windſtille und die Sonne brannte bis auf die Knochen durch. Wir blieben an der Malayenkuͤſte, und waren Abends in der Naͤhe der Malayenſtadt Prya, die von einem Fort vertheidigt wird. Nachdem wir einige Unterredung mit Ma⸗ layen in einem Fiſcherboote gehalten, fuhren wir Nachts in deren Geſellſchaft zum Fluße Penang hinuͤber, der ſuͤdlich von George⸗ Town auf der Prinz⸗Wallis⸗Inſel gelegen iſt. Da die überfahrt kaum zwei Meilen be⸗ trug, ſo erquickten Aſton und ich uns durch Verſchlingen der koͤſtlichen Auſtern, durch welche die Kuͤſte ſo beruͤhmt iſt. Bei dem Verſuche, den Fluß hinauf zu fahren, fanden wir unſere Proa zu groß, um uͤber die vor⸗ liegende Sandbank zu kommen, deshalb ſtie⸗ gen er und ich an das Land. Ich trug den Leuten in der Proa auf, mit andern Fiſcher⸗ — 256 — nachen, die Morgens Fiſche zur Stadt brin⸗ gen wuͤrden, nach dem Hafen zu ſahren. Wir ſchliefen in der Huͤtte eines Fiſchers. Kurz vor Tagesanbruch begaben wir uns nach der Stadt; wir hatten mehre kleine Fluͤße zu durchwaten, die von den Bergen herab ſich in den Penang ergoßen. Die Huͤgel wa⸗ ren mit trefflichem Zimmerholz bewachſen, und unſer Pfad duftete vom Wohlgeruch der Blumen und Gewuͤrze; dies ſchien uns zehn⸗ mal lieblicher, weil wir eben aus einem klei⸗ nen, uͤberfuͤllten, nichts weniger als wohl⸗ riechenden Schiffe an das Land ſtiegen. Nahe bei der Stadt, am Meerufer, dehnte ſich eine weite flache Erdſtrecke leichten ſandigen Bo⸗ dens aus, ſo dicht mit Ananas bewachſen, als der allerfruchtbarſte Ackergrund in Eng⸗ land nur Turnips hervorzutreiben vermoͤgte. Gleich immer hungernden Knaben gingen wir weiter und hoͤhlten ihr Inneres mit unſern Meßern aus; nicht leicht befriedigt, brachen wir zwanzig und warfen ſie weg, bevor wir eine fanden, deren Geſchmack uns zuſagte. Unbefragt gelangten wir in die Stadt und gingen nach einem kuͤrzlich eingerichteten Ho⸗ tel. Hier kleidete Aſton ſich, machte dem Prä⸗ ſidenten ſeinen Beſuch, und erzaͤhlte von ſeiner — Geſchichte ſo viel, als wir nach vorgegange⸗ ner übereinkunft nöthig achteten, dem zu er⸗ oͤffnen. Er gab vor, tiefer an der Kuͤſte von einem Amerikaniſchen Schiffe an's Land ge⸗ ſezt und auf einer Malayen⸗Proa nach der Stadt gelangt zu ſeyn. Der Präſident, ein Militair, war ſehr guͤ⸗ tig gegen ihn und erſuchte ihn, ſein Haus zu bewohnen, bis ein Engliſches Kriegsſchiff zu dieſem Hafen kommen wuͤrde. Aſton duͤnkte es kluͤglich, dies Erbieten anzunehmen, und er bat nur um die Erlaubniß, einen oder ein Paar Tage im Hotel bleiben zu duͤrfen, bis ſein Anzug und andere Nothwendigkeiten 6. tig werden koͤnnten. Darauf kehrte er zuruͤck zu mir, und weil ich in dieſer Nacht noch zu meiner Proa zu⸗ ruͤckkehren mußte, beſchloßen wir, den Tag zu benuzen, nahmen ſogleich ein gutes Liffin und beſtellten ein ſchwelgeriſches Mittags⸗ mahl. Aſton bennzte dieſe Gelegenheit, mir noch einmal den Rath zu geben, auf die Engliſche Flotte zuruͤckzukehren, und deutete mir die Folgen meines Dienſtes unter feindlicher Flag⸗ ge aus, drang endlich darauf, daß ich minde⸗ ſtens auf Jöle de France bleiben, und nicht II. 17 — 258 — angriffsweiſe gegen meine Landsleute auszie⸗ hen ſolle. „Wenn ich mir ein Vermoͤgen geſammelt habe,«antwortete ich, »ſo bin ich völlig ent⸗ ſchloßen, dem Beiſpiele unſeres alten Fre⸗ gatten⸗Kapitains zu folgen und ein Acker⸗ bauer zu werden; erſt aber muß ich Geld haben, denn Sie wißen, ich werde aͤlter, habe eine Frau und werde Kinder bekommen. Ja, ich muß vorſorgend werden, muß fuͤr dieſe ſparen. Waͤre ich unverheirathet, Aſton, ein junger, unbedaͤchtiger Menſch, wie Sie, da waͤre es etwas Anderes.« „Sie ſind verruͤckt; die zuſammengezählten Jahre von Ihnen und Ihrer Familie wuͤrden kaum das eigentliche Mannesalter von drei⸗ ßig erreichen!“ „Dreißig! O weh! Ein Mann iſt denn alt, kruͤppelhaft und ergraut, wie ein abgelebter Kettenhund !« Waͤhrend dieſem Geſpraͤche ſpielten wir Billard. Des Spieles muͤde, ſchlenderte ich hinaus, beſah mir den Hafen, und praͤgte meinem Gebächtniße jedes Schiff ein, das hier vor Anker lag. Auch meine Proa be⸗ merkte ich, die etwas weſtlich von der Stadt, hinter einem Arabiſchen Schiffe, nahe bei einem Landungsplaze lag, der zu einem Werft fuͤhrte, auf dem ein großes Kuͤſtenſchiff ge⸗ bauet worden. Ich achtete es nicht rathſam, die Aufmerkſamkeit auf mich zu ziehen, und kehrte zuruͤck zu der Taverne. Wir ſpeiſeten zu Mittag; vor Tiſche hatten wir ſtarke, mit Madeira angemachte Sangarie getrunken, und nach Tiſche Bordeaur, dem viel Branntwein zugeſezt war; deshalb war ich weder ſo nuͤch⸗ tern, als ein Prediger ſeyn ſollte, noch ſo ſchweigend, als ein Quäker; aber betrunken war ich nicht, und um zu verhuͤten, daß ich dazu käme, ſchlug ich vor, hinaus zu gehen und uns einen Scherz zu machen. So wie ich in die freie Luft kam, ſchwankte ich etwas ſehr unſtätt umher, ward zuweilen auch zuruͤckgetrieben, wenn ich gar zu ſehr dem Winde in's Angeſicht ſteuerte; doch wurde ich bald »feſt.. Wir durchwanderten eine An⸗ zahl winkelicher Gaßen zwiſchen ſonnverbrann⸗ ten Erdhuͤtten, bis wir zu einem Plaze ka⸗ men, der Bambus⸗Square hieß. Es war ein offener Raum mit einer unregelmaͤßigen Reihe von Laden, die ringsum durch Bambus und Matten vor der Sonne geſchuͤzt waren. Trom⸗ melſchlag und Toͤne von Inſtrumenten fuͤhr⸗ ten uns zu einer Reihe ansſchließlich von — 260 — Näch⸗Maͤdchen bewohnter Huͤtten. Aſton liebte Muſik und war ein Bewunderer tanzender Mädchen, die ich verſchworen hatte, wie alle verheirathete Maͤnner das thun ſollten. Zu⸗ dem war der Geruch ranzigen Oles, Ghies und Knoblauchs nicht meine Sache. Deshalb verließ ich ihn und ſchlenderte weiter zu einer Reihe von Laden, die Juwelier⸗Bazar ge⸗ nannt wurden. — 261 — Acht und zwanzigſtes Kapitel. Drum z09 ich Mein Meßer; plözlich, gauz unvorgeſeh'n Erſtach ich dreie ihrer Zahl in einem Anlauf, ergriff den Vierten bei⸗der Kehle. Syelten. Hier war ein dichtes Volksgedränge; den Bazar erleuchteten buntfarbige Papierlampen. Ich ſtand vor einem dieſer wie Buden gebau⸗ ten Laden; er war der beſte und gehoͤrte ei⸗ nem Parſie. Dieſer war beſchaͤftigt, einer vom Kopfe bis zum Fuße verſchleierten Frau einige Ohr⸗ und Naſenringe zu zeigen, faſt ſo groß wie Spielreife eines Knaben, wobei er deren Schoͤnheit und Zierlichkeit belobte. Nachdem ſie ſich uͤber den Preis geeinigt hat⸗ ten, zog ſie einen Theil ihrer Kopfbehängung zur Seite und zeigte ihre Naſe, ſo wie einen Theil ihres Ohres; dies lezte war faſt ſo groß und flach wie ein Teller, und hing herab X — 202 — wie das einer Sau. Der Juwelier erfaßte es mit ſeinem Daumen, um die Spalte darin offen zu halten, und hing einen großen Ring hinein, der wie ein Leuchter ausſah. Sie be⸗ durfte keinen Spiegel, ſondern bog ihren Kopf ein wenig ſeitwaͤrts, zog den Ohrlap⸗ pen vor, und grinſete entzuͤckt, wobei ſie eine doppelte Reihe tief orangengelb gefaͤrbter Zähne zeigte, dichter beſezt, als eine Gar⸗ tenharke, und eben ſo zugeſpizt. Der Juwe⸗ lier, durch dieſe Reize erſtaunt, rief aus: »Welch ein Engel!« Nun fragte ſie nach einer Beteldoſe. Er zeigte ihr vier oder fuͤnf goldene, und er⸗ klaͤrte dabei, daß ihre ſchoͤne Hand kein ge⸗ ringeres Metall erfaßen dürfe. Sie waren hubſch gearbeitet, und weil mir kurz vorher in den Sinn gekommen war, Aſton ein freund⸗ ſchaftliches Andenken zu geben, der mich am Morgen mit ſeiner Uhr beſchenkt hatte, ſo nahm ich zwei von den Doſen. Ich wog ſie in meiner Hand, und ohne auf den Preis zu achten, den er mir nannte, weil ich Handeln und Dingen haßte, ſteckte ich die Doſen in die Falten des um meinen Leib gewickelten Shawls, und gab ihm, was mich ihr Werth duͤnkte, in goldenen Mohur, ohne dieſe zu — 263 — zählen. Er aber zaͤhlte ſie nach, und weil er ſah, daß ich mit meinem Golde ſo frei⸗ gebig war, verlangte er mehr; wobei er er⸗ klärte, ich haͤtte nur eine erſt bezahlt. — Darauf erwiederte ich: »Das iſt gelogen!« rollte mir ein Blatt mit Chinam auf, ſteckte das in den Mund und wollte fortgehen. Der Juwelier nannte mich einen Raͤuber, und ſtreckte ſeinen Arm vor, um mich aufzuhal⸗ ten. Er erfaßte das herabhaͤngende Ende mei⸗ nes Turbans und riß mir dieſen ab. Ich dre⸗ bete mich herum, und verſezte ihm einen Schlag, der ihn zwiſchen ſeine glaͤſernen Schmuckkaſten warf. Ein Parſie verzeiht kei⸗ nen Schlag — und wer thaͤte das auch? — Sobald er wieder auf ſeinen Fuͤßen ſtand, ſtach er nach mir mit einem Meßer oder einer ahnlichen Waffe; er aber ſtand im Laden, ich vor dieſem, und deshalb wich ich durch Zuruͤcktreten ſeiner Stichwaffe aus; mir kochte das Blut jezt, und zwar mehr uͤber des Menſchen Verwegenheit, als weil er be⸗ muͤht geweſen mich zu erſtechen, ich ergriff einen ſeiner Kleinodienkaſten und ſchlenderte den an ſeinen Kopf. Mehre Perſonen, ſowohl in als vor dem Laden, traten nun hinzu, und Alle waren — 264 — auf des Parſie Seite. Der Aufruhr verbrei⸗ tete ſich im Bazar. Der Juwelier, dem Kopf und Geſicht bluteten, und der vor Wuth faſt wahnſinnig war, nannte mich Dieb, Räu⸗ ber; und rief denen, die um mich her ſtan⸗ den — denn der Laͤrmen hatte alle Muͤßig⸗ ganger herbeigefuͤhrt — zu, ſie ſollten mich greifen, mich ims Gefängniß fuͤhren oder mich tödten, falls ich Widerſtand leiſte. So wie der Volkshaufe zunahm, drängte man⸗ cher ſich mir näher; und der erboßte Juwe⸗ ler, nun ganz in verzweiflungsvoller Wuth, machte einen zweiten Verſuch, mich zu greifen. Die Gefahr brachte mich völlig wieder zum Gebrauch meiner Sinne; und ich war im Stande, die Geiſtesgegenwart zu benuzen, mit der ich von der Natur begabt war. Aus meiner Schaͤrpe zog ich ein Piſtol und eine Krieſe, die beiden beſten Waffen im Hand⸗ gemenge; jedoch geſchah das nicht, bevor ich geſehen, daß mehre der Naheſtehenden ihre Waffen gezogen hatten. Noch enthielt ich mich, von den meinigen Gebrauch zu machen; denn in ſolchen Faͤllen machen die Menſchen viel Aufſehen, ziehen und drohen, aber bedenken ſich gleichwohl, einen bewaffneten und ent⸗ ſchloßenen Mann anzugreifen, der bereit ſteht, — 265 — ihnen Widerſtand zu leiſten; ſobald jedoch ein Streich verſezt iſt, ſchlagen Alle zu, und der ſchwaͤchere Theil muß unterliegen, wenn nicht etwa ein unvorgeſehenes Ereigniß, irgend ein Zufall zu ſeinen Gunſten einſchreitet. In die⸗ ſer augenblicklichen Pauſe, waͤhrend welcher mein Schickſal gleichſam an einem Haare hing, warf ich einen raſchen Blick umher, und erkannte die Unmoͤglichkeit, durch das Gedraͤnge vor mir zu entkommen. Auf der Stelle getoͤdtet zu werden, war beßer, als ergriffen und in's Gefaͤngniß gefuͤhrt zu ſeyn. Ich ergriff die einzige Moͤglichkeit einer Flucht, indem ich mich zuruͤckzog in die Be⸗ hauſung meines Feindes, des Juweliers, — aber nicht um ſein Erbarinen anzuflehen. — Meine Bewegungen waren ſo raſch, daß die im Laden befindlichen Perſonen mir nicht wi⸗ derſtehen konnten; einen erſtach ich, warf den Juwelier zu Boden, und durch ploͤzliche Anſtrengung meiner ganzen Kraft riß ich die beiden aufrecht ſtehenden Bambusſtreben fort, die ſeinen zeltähnlichen Schoppen ſtuzten. Rieder fiel das Dach zwiſchen mich und den Volkshaufen, und ich entfloh in eine enge, dunkle Gaße hinter dem Bazar. Der Malayen tiefe kehlgurgelnde Fluͤche — 266 — und des Parſie laute Drohungen erreichten mein Ohr. Es war aber beßer, ſich zuruͤck zu ziehen, als der Wuth eines entflammten Volkshaufens Troz bieten; auch durfte ich nicht vergeßen, wer ich war und welche Fol⸗ gen mein Erkanntwerden herbeifuͤhren wuͤrde. Waͤre ich recht vernuͤnftig geweſen, ſo wuͤrde ich mich augenblicklich nach dem aͤußern Ha⸗ fen begeben heben, wo meine Proa lag, um mich ſogleich einzuſchiffen; aber das Verlan⸗ gen Aſton zu ſehen und Abſchied von ihm zu nehmen, hielt mich zuruͤck. Vorſichtig ging ich deshalb durch die winkeliche, kothige Gaße, die mich vom Bazar entfernte, uͤber⸗ raſcht dadurch, daß Niemand mich verfolgte. Inzwiſchen eilte ich weiter, und nahm Inde⸗ rungen in meinem Anzuge vor, um nicht ſo⸗ gleich erkannt zu werden. Es war nicht leicht, die unfern des Hafens gelegene Taverne durch ein Irrſaal dunkler Gaͤßchen aufzufinden. Unbemerkt trat ich ein und kam zu meinem Zimmer, hatte jedoch den Verdruß, zu hoͤ⸗ ren, daß Aſton noch nicht zuruͤckgekommen war. Weil ich es moͤglich glaubte, daß er in den Streit verwickelt worden waͤre, beſchloß ich, meinen Anzug zu vertanſchen und ihn aufzuſuchen. Schnell zog ich ein Beinkleid — 267 — und eine Jacke von weißem Zeuge an, die ihm gehoͤrten, und konnte mich des Laͤchelns nicht enthalten, als ich aus dem Hauſe ging und gewahrte, daß der Waͤrter, der uns bei Tiſche bedient hatte, mich ganz verwirrt an⸗ blickte und nicht zu enträthſeln vermogte, wer ich ſey. Doch hatte ich ſpäter Urſache zu vermuthen, daß eben dieſes mein triumphi⸗ rendes Laͤcheln mich verrieth. Ich ging geradeweges nach dem Bazar. Da gewahrte ich Aſton's hohe Geſtalt mit Kopf und Schultern aus dem Gedraͤnge her⸗ vorragen, das immer noch vor des Juweliers Laden oder vielmehr vor dem leeren Plaze ſtand, wo der Laden fruͤher war. Ich be⸗ merkte aber zugleich, daß dieſes Gedraͤnge nicht mehr aus den naͤmlichen Menſchen be⸗ ſtand, es waren Seapoys und Polizeidiener da. Aſton und einer der Offiziere ſchienen ei⸗ nem muͤndlichen Berichte uͤber den Vorgang zuzuhoͤren. Vor ihnen ſtand der Juwelier, mit leichenblaßem, eingefallenem Ausſehen, und erzaͤhlte, was ihm widerfahren war. Ihn umſtanden mehre ſeiner Verwandten und Freunde. Er deutete auf die Stelle, welche ſein Laden eingenommen hatte, jezt eine Luͤcke im Bazar, ſtampfte mit dem Fuße auf deßen — 268 — Dach, das jezt ſo niedrig lag, wie der Grund ſelber, und riß, als er ſeine heftige Rede geendet hatte, ſeinen Turban vom Kopfe und ſeine Bekleidung in Stuͤcke; darauf ver⸗ ſchwand er, ohne auf das Zureden der Um⸗ ſtehenden zu achten. — 269 — Neun und zwanzigſtes Kapitel — Ruft aus Beloynung deim, der erſte Kunde Von dem verſchwundenen Araber bringt. Keats. Un dem Bemerktwerden auszuweichen, und weil ich nicht wuͤnſchte, abgefragt zu werden, ging ich zuruͤck zur Taverne. Bald kam auch Aſton, druͤckte mir die Hand und ſagte: Ich bin froh, Sie hier zu finden. Im Bazar iſt ein ſehr ernſthafter Auflauf geweſen, und ich be⸗ ſorgte, Sie moͤgten daran betheiligt ſeyn.« »Was war es L« fragte ich. »Ich ward bewogen, nach dem Orte hin⸗ zugehen, weil ich ſah, daß das Volk dort hinlief. Ein Laden, oder Schoppen, der ei⸗ nem Goldſchmiede gehoͤrte, war nieder⸗ gerißen und das Volk begann zu pluͤndern, während er und einige Andere mit ihm, ſein Eigenthum zu vertheidigen ſuchten. Aber alle Schurken aus dem Hafen waren da zuſam⸗ — — men, und ich glaube, die haben dem armen Manne keinen goldenen Mohur gelaßen. Als ich hinzukam, war es ſchon zu ſpaͤt, auch hatte ich nicht einmal meinen Degen; indeß that ich doch, was ich vermogte. Einige von dem Geſindel ſchlug ich zu Boden, und holte die Seapoywache vom Thore herbei.« »Wer war aber der Urheber?« »Ein Araber; und ſo viel ich verſtehe, iſt dergleichen nichts Seltenes hier, wiewohl es nicht leicht ſo offenbar geſchieht. Der Bazar war voller Menſchen, und waͤhrend der Ju⸗ welier einer Frau mehre ſeiner Koſtbarkeiten zeigte, von der man glaubt daß ſie im Ver⸗ ſtaͤndniß war, trat ein Araber hinzu, ergriff Alles, deßen er habhaft werden konnte, er⸗ ſtach einen Menſchen im Laden, ſchlug den Juwelier zu Boden, und mit Huͤlfe Anderer, die außen ſtanden, ſtuͤrzte er durch den La⸗ den hin, der zugleich eingerißen wurde, und nun begann das Geſindel die Pluͤnderung.« »Hat man irgend Jemand beſonders in Verdacht?« »Ich weiß nichtz einige der Diebe ſind er⸗ griffen.« »Zuͤnden Sie Ihr Scharvot an, und ich will Ihnen den ganzen Hergang erzaͤhlen.« — 271 — Groß war ſein Erſtaunen, als er vernahm, ich waͤre derjenige, den man den Arabiſchen Raͤuber nannte; ſehr betruͤbt, tadelte er meine Thorheit und Ubereilung. »Zudem,« ſezte er hinzu, vverſicherte der Juwelier, er wolle denjenigen, der ihn zuerſt angegriffen habe, unter Tauſenden wieder erkennen, und er warf das Wenige, was gerettet worden, von ſich und ſchwur bei ſeinem Glauben, daß er faſten wolle, bis er geraͤcht waͤre.« »Wenn er ſein Wort haͤlt, antwortete ich, »ſo kann ſein Rhamadan ewig dauern; denn mit dem Landwinde will ich in See gehen.« Nun machte der Leufel aber das Wetter ſo ſchlecht, daß ich mich an dieſem Abende nicht einſchiffen konnte. Indeß hatte ich keinen Grund zu glauben, daß man mich bearg⸗ woͤhne; ganz beſonders nicht in einer Stadt, wo dergleichen Auflauf haͤufig war, und wo ein erſchlagener oder vermißter Menſch nicht viel zählte, unter eine Bevoͤlkerung bewaffne⸗ ter und blutduͤrſtiger Malayen — die unter allen Morgenlaͤndiſchen Voͤlkern, und von allen menſchlichen Weſen, einige Koönige etwa ausgenommen, die geringſte Achtung vor Menſchenleben haben, — und Arabern, die Todtſchlag nicht fuͤr Mord und Raub nicht ——— —— ———— — fuͤr Verbrechen halten, inſofern fruͤhere Sitte und Zeitverlauf irgend etwas geſezlich zu machen vermoͤgen, denn Beide ſind ihrem Geſchlechte eigenthuͤmlich angeboren. Zudem war der Bruder des Parſie an ſeiner Wunde nicht geſtorben. Fruͤh am Morgen ging Aſton zum Praͤſt⸗ denten, und ich ging aus, gebrauchte jedoch die Vorſicht, eine Arrikanerkappe, anſtatt meines Turbans aufzuſezen; ich ging hinab zum Hafen, um Kundſchaft einzuziehen. Nach⸗ her beſuchte ich mehre Kauflaͤden, um Klei⸗ nigkeiten einzuhandeln, die mir fehlten; auf⸗ ſerdem hatte ich aber auch noch verſchiedene wichtige Auftraͤge de Ruyter's auszurichten, ſowohl um Nachrichten einzuziehen, als auch um Briefe nach dem Innern von Hindoſtan abzuſenden. Dies bewerkſtelligte ich durch ei⸗ nen Agenten der Franzoͤſiſchen Regierung, die, ſo viel ich glaube, in jeglichem Indi⸗ ſchen Hafen Spione unterhielt. Einigemale duͤnkte mich während dieſes Vormittages, ich werde beobachtet, und ich wich meinem ver⸗ meintlichen Verfolger aus; mehr als einmal ſezte mich auch der Aufwärter in der Taverne durch Bemerkungen in Verwunderung, die er uͤber den Vorfall des verfloßenen Abends machte; dieſe waren mir um ſo auffallender, weil ein anderer Diener des Hauſes uns er⸗ zählt hatte, daß der Juwelier ſeine Koſtbar⸗ keiten nach dieſem Hotel zu bringen pflege, wenn Fremde da waͤren. Wir verbrachten dieſen Tag wie den vori⸗ gen; indeß war mir mein gezwungener Auf⸗ enthalt nicht ganz lieb. Der Vorfall mit dem Juwelier duͤnkte mich wenig im Vergleich zu der Moͤglichkeit perſonlichen Entdecktwerdens. Leicht konnten einige der von mir auf dem Meere gepluͤnderten Schiffe, in dieſem Hafen liegen und troz der Veraͤnderung meines An⸗ zuges konnte ich von einigen Perſonen wieder erkannt werden. Auch an den Schooner dachte ich; denn ſo ſicher derſelbe einen oder ein Paar Tage auf ſeinem jezigen Ankerplaze ſeyn mogte, konnte er doch durch irgend einen Zufall erblickt werden; und er war eigentlich nur einigermaßen ſicher, wenn er auf weitem Fahrwaßer in Bewegung war. Aber ſtärker noch als alle dieſe klugen Betrachtungen zog mich ein Magnet zu ſchneller Abfahrt — Zela, meine kleine Turteltaube, die, wie ich wußte, raſtlos wachen wuͤrde, ſo lange ich abweſend blieb. Dies brachte mich zu dem Entſchluße, mich an dieſem Abende, troz Wind und Wet⸗ II. 18 — 274 — ter, einzuſchiffen; der Himmel war wolkig und das Wetter unbeſtaͤndig, auch erſtarb der Landwind mit der untergehenden Sonne, wie das in dieſen Breiten haͤufig der Fall iſt. Ich uͤbergehe mein Scheiden von Aſton; um einem Theile des Schmerzes auszuwei⸗ chen, benuzte ich ſeine Abweſenheit, ſchrieb ihm ein kurzes Lebewohl und ließ die fuͤnfzig oder ſechszig goldenen Mohur, die ich bei mir hatte, im Armel ſeiner Jacke zuruͤck, ſo daß er ſie nothwendig finden mußte. Niemanden im Hauſe ſagte ich etwas von meinem Fortgehen. Mein Gepaͤck beſtand nur aus meiner Abbah, welche die abwechſelnd herabgießenden Regenſchauer mir nicht zur Buͤrde machten. Modiſche Tändelei, als Kaͤm⸗ me, Raſiermeßer, Buͤrſten und Leinenzeug, die es einem Manneunmoͤglich machen, außer⸗ halb ſeines Hauſes zu ſchlafen, ohne den groͤßten Theil vom Laden eines Modehänd⸗ lers bei ſich zu fuͤhren, gebrauchte ich nicht. Meine Zaͤhne waren auch ohne Huͤlfe von Schweinsborſten ſo kraͤftig und weiß, wie die eines Hundes. Mein Kopf war nicht kahl geſchoren, wie ehedem, ſondern dicht bebuſcht, wie ein Brombeer⸗Strauch, und ward mit eben ſo geringer Sorge und Pflege ſeinem —— —,—— natuͤrlichen Wachsthume uͤberlaßen, als die⸗ ſer, hochſt freundlich erinnerten Fruchtſtaude zugewandt wird. Ich ſage dies, weil ich, in Gemeinſchaft mit andern jungen Knaben, mich der Zeit erinnere, in welcher ich, wie ein Hund aus der Nachbarſchaft jedes andern Fruchtbaumes verſcheucht, mich unter den freundlichen Brombeerſtrauch und ſeinen lie⸗ ben Gefaͤhrten, den ſchoͤnen Haſelnußbuſch, legte. Heilige Ruheplaͤze! unbeſchuͤzt durch knauſerige Huͤter, und die uns, beilaͤufig ge⸗ ſagt, Rahrung geben, ohne alle Pflege. Dieſe muß die Urſache ſeyn, weshalb verhun⸗ gernde Dichter die Natur und die Mutter Erde wohlthaͤtig nennen, — eine andere iſt nicht denkbar; — denn man ertappe euch nur bei dem Ausziehen einer Feldruͤbe, und ihr werdet hoͤren, was der Friedensrichter ſagt, vor allem, wenn er geiſtlichen Standes iſt. Dann werdet ihr Mutter Erde als die aͤrgſte Stiefmutter kennen lernen, und in Kolonien genug von ihr bekommen. Dreißigſtes Kapitel. Der bleiche Mond, Wie eine Sterbende, ſo dünn und blaß, Die eingehüllt in ihrem Schlei'r hervor Aus ihrer Kammer ſchwankt, getrieben vom Wahnſinn'gen Wirren ihres kranken Geiſt's. Shelley. Er ſtirbt. S'iſt gut, daß ſich nicht kennbar macht Des kalten Eiſens Schurkerei im Rücken. Keats. Unberäſtigt ging ich kurz vor Mitternacht hinaus, vermied die volkreichſten Straßen der Stadt und eilte fort, ſo raſch ich nur konnte; doch hinderten die Dunkelheit der Nacht und die engen, kothigen Straßen mich ſehr am Weiterkommen. Endlich erreichte ich die offne Ebene in der Nähe des jezt ganz ſtillen Ha⸗ ſens und ſezte meinen Weg außerhalb der Stadt nach einer Art von halbfertiger Docke fort, vor deren einem Auslaufe meine Proa lag. Das Wetter war guͤnſtig; der ſchwache Wind der wehete, war, wie ich aus den ge⸗ legentlichen Stoͤßen deßelben bemerkte, nicht feſtſtehend, ſondern kam unſtät aus allen Him⸗ melsgegenden. Dunkle und weiße Wolkenmaſ⸗ ſen ſchienen mit einander zu ringen, und von Zeit zu Zeit, wenn ſie in ihrem Kampfe be⸗ griffen, den Mond uͤberzogen, war die Erde faſt in völlige Finſterniß gehuͤllt. Menſchen am ufer riefen ihren Schiffen zu, Boͤte an das Land zu ſchicken, um ſie abzuholen; dieſes und der Seapoy Schildwachen »Alles gut! waren die einzigen Toͤne, welche ich vernahm. Leichter wurde mir um's Herz, als ich vor der Stadt war, und meine Schritte laͤngten ſich aus, ſobald ich das offne Meer zu meiner Rechten und die Berge vor mir ſah; das eine oder die andern konnten mir Zuflucht gewäh⸗ ren, ſollte ich verfolgt werden; inzwiſchen glaubte ich mich außer Gefahr. Jezt kam ich an eine Reihe kleiner Huͤtten und zu einer hoͤl⸗ zernen Einfriedigung, die ich fruͤher nicht be⸗ merkt hatte. Eine Schildwache, die unter dem Vordache einer der Huͤtten ſtand, trat vor, als ich ihr vorbeiging und rief: »Wer da! Halt!« Wie nahe die Wache ſeyn mogte, wußte ich nicht; um alſo zu verhuͤten, daß ſie Lärm — 278 — mache, was ſicher geſchehen wäre, wenn ich nicht ſtil ſtand, gehorſamte ich und erwiederte, um meinen Indiſchen Karakter zu behaupten, in der Hindu⸗Sprache: »Guter Freund le Sodann ward ich in uͤblicher Weiſe befragt, wohin ich gehe und was ich hier zu thun habe. Auf meine Antwort ward mir die Weiſung: »Hier kann Niemand vorbei ohne Erlaubniß.« »Das weiß ich, erwiederteich, vund ich habe einen ſchriftlichen Befehl.« Ich ſuchte in den Falten meiner Kleider nach einem Briefe oder Papiere. Ein ſolches zog ich heraus, und mit dem Anſchein der aͤußerſten Einfalt ging ich auf den Soldaten zu und ſagte: »Hier iſt erl« . Er hieß mir zuruͤckbleiben und legte ſeine Muskete an, waͤhrend ich auf ihn einſprang, ihn an der Kehle erfaßte, ſo daß er keinen Laut von ſich geben konnte, und ihn eben ſo ſchnell zu Boden warf. Die Muskete entfiel ſeinen Haͤnden, und dieſer kleine aufgereizte Bombay⸗Soldat ſtraͤubte ſich nicht wenig, um von mir los zu kommen und mich zu ergrei⸗ fen, aber er hatte ſo wenig Vermoͤgen dazu, als eine Kaze im Kampfe mit einem Ketten⸗ hunde. Ich hielt ihn feſt, bis er beinahe er⸗ ſtict war, und als der Mond gerade wieder 2 — hinter Wolken verborgen war, warf ich ſein Bajonnett nach einer Seite, ſeine Muskete nach der Andern, ließ ihn los, ſprang auf und lief in der Richtu.eg fort, in der ich ge⸗ kommenwar, als kehrte ich zuruck zur Stadt. Ich nahm aber gleich darauf den entgegen⸗ geſezten Weg, umging das Arſenal im wei⸗ ten Bogen und ſchlich durch einige Mays⸗ felder. Als ich glaubte, mich weit genug ent⸗ fernt zu haben, näherte ich mich wieder ab⸗ wärts der Kuͤſte. Mehr als einmal ſchien es mir, als verfolge man mich. Ich ſtand ſtill und blickte um. Sobald ich den betretenen Pfad wieder gewann, duͤnkte mich, ich ge⸗ wahre den Schatten einer ſchleichenden Ge⸗ ſtalt an einer Mauer hinſchwinden. Ich zog meine Krieſe, kehrte um, ſuchte aber verge⸗ bens nach dem Gegenſtande. Das wechſelnde ungewiße Licht des Mondes machte alle meine Anſtrengungen fruchtlos; ich vermuthe⸗ te, es ſey ein Schatte geweſen, den meine Einbildungskraft erzeugt haͤtte, und ging weiter. . 18 Als der Mond wieder hervorbrach, ſah ich zwiſchen mir und dem Strande ein Gebaͤude, dicht am Meere, im Einlaß einer Bucht, wel⸗ ches ich fuͤr das oͤffentliche Schlachthaus er⸗ — 280 — kannte. Etwas weiter hin war ein umplank⸗ tes Werft, in welchem ein Schiff gebauet oder ausgebeßert worden war. Noch eine halbe Meile weiter gegen die offene See zu, lag meine mich erwartende Proa. Auf einem kleinen Sandhuͤgel ſtand ich ſtill und blickte laͤngs dem Waßer hin, um zu ſe⸗ hen, ob ich mein Boot erkennen koͤnne. Dicht neben der Anhoͤhe war eine der Waͤnde des Schlachthauſes, und an dieſe lehnte ich mich. In dieſem Augenblicke, mit einem Schimmer vom Mondenlichte hinter mir, der meinen Schatten ſehr lang gezogen auf den weißen Sand hinzeichnete, hob ein gewaltiger Arm eine Waffe auf, die mich in ihrem Schatten ſo groß duͤnkte, wie ein Speer, und im Be⸗ griff war, mich zu ſpießen. Ich drehte mich herum, hielt meine linke Hand vor, in wel⸗ cher ich meinen Mantel zuſammengewickelt trug, um den Stoß aufzufangen, denn hier war wirklich ein Menſch, mit einer Krieſe be⸗ waffnet, im Begriff, mich abzufertigen. Der Stoß drang durch viele Falten des dicken Kameelhaarnen⸗Zeuges, aber die Spize war abgewendet, und ſtreifte mir an der Seite hin. Ich ſchrie auf, ſprang zuruͤck, hielt ein kleines Piſtol, das Aſton mir gegeben hatte, — 281 — dem Menſchen in's Geſicht und druͤckte ab. Dieſes Birminghamer Spielzeug war nicht zum Gebrauche gemacht; es verſagte; ich ver⸗ fluchte deßen Anfertiger, ſchleuderte es von mir und zog meine Krieſe, in deren Anwen⸗ dung ich, Dank meinem guten Rais, voll⸗ kommen bewandert war. Weil ich hoͤher ſtand, konnte der Moͤrder ſeinen Stoß nicht wieder⸗ holen. Er glaubte, der Erſte habe mich ſchon verwundet, und weil er wußte, daß ſeine Waffe vergiftet war, ſo daß eine Schramme der Haut hinreichte, verſuchte er zu entkommen. Augenblicklich war ich ihm auf den Ferſen; er war raſch, und das war ich auch. Die Wendungen und Kreuzwege, die er einſchlug, zeigten, er kenne die Ortlichkeit genau; der Boden war ſo uneben, daß ich haͤufig ſtol⸗ perte. Gleichwohl verfolgte ich ihn dicht, rief aus: »Halt! oder ich ſchieße!« — obgleich ich kein Feuergewehr hatte, — ſo daß er ploz⸗ lich durch eine Maueroͤffnung abbog, von der ich einen loſen Stein nahm, und dieſen ihm nachſchleuderte. Immer verfolgte ich ihn noch, und erkannte aus den Zimmerholzern und Sparren, die mich im Laufe hinderten, daß ich in der halbvollendeten Docke ſey. Dieſe hatte, ſo viel entſann ich mich, zu — 282 — beiden Seiten hohe Einfaßungen; ich war mehremale hieher gekommen, um mit meinen Bootsleuten zu ſprechen. Der tiefe Einſchnitt oder Kanal, der gezogen war, um ein Schiff hineinzubringen, war jezt faſt leer von Waſ⸗ ſer und lag vor mir. Deshalb glaubte ich, den Menſchen nun in der Schlinge zu haben. Er ging indeßen immer voran, drehete ſich alsdann um, und zoͤgerte einen Angenblick. Ich glaubte, er wende ſich, um mich auf's Neue anzugreifen. Die Nacht war etwas hel⸗ ler geworden, doch konnte ich keinen Zug ſei⸗ nes ſchwaͤrzlichen Geſichtes erkennen, und ſah nur, wie ſeine Augen mich anſtierten. Als ich jezt auf ihn einſtuͤrzte, vermied er meinen Angriff dadurch, daß er zur Seite trat, er war jezt ganz dicht am Rande des tiefen Einſchnittes, und ging, wie es in dem Augenblick ſchien, in den Wolken; dabei wendete er den Kopf zu mir herum und rief: »Raͤuber und Moͤrder, weiter wagſt Du Dich nicht!« Jezt entſchleierte ſich der Mond und er⸗ klaͤrte das Geheimniß. Der abgeborkte Stamm eines Baumes, deßen dickes Ende an der Seite lag, wo ich ſtand, war queer uͤber den tie⸗ fen Abgrund hingeſtreckt; und der Menſch . — — 283 — ging vorſichtig uber dieſen hin, ſich ſtüzend und mit ſeinen unbekleideten Fuͤßen anklammernd⸗ Er ſtand ſtill, mich herauszufordern und zu verwuͤnſchen; ich war ungemiß uͤber das, was ich thun ſolle und ſagte: »Feiger Sklave! — Wer biſt Du? — Warum haſt Du mich angefallen ?« Mtt ſeinem geiſterbleichen Geſichte zu mir gekehrt, erwiederte er: »Ich bin der Juwe⸗ tier, den Du beraubt haſt, der Bruder von ihm, den Du erſtachſt! Aber ich bin gerächt!« „Du luͤgſt! — Das biſt Du nicht!« „Thor!le rief er, ſeine Krieſe empor hal⸗ tend, »wenn dieſe nicht tief ging, ſo wird doch der Gift von ihr eindringen!« „Wird derle ſchrie ich, und ohne laͤnger zu zogern, lief ich, nachdem 'ich meine Schuhe zuvor abgeworfen hatte, laͤngs dem Baume hin. Er ſprang auf dieſem in die Höhe, viel⸗ leicht um deßen Schwankung zu vermehren, vielleicht um ihn zu brechen, oder umzudrehen; ich weiß nicht, was er beabſichtigte. Meine Bewegung war ſo raſch, wie der Blizſtrahl, der an einer Eiſenſtange hinlaͤuft, und ich ſtand dicht neben ihm. Er war uͤberraſcht, wenn nicht vor Schreck erſtarrt. Der Stoß unſeres Zuſammentreffens brachte uns aus — 284 — dem Gleichgewicht und wir ſielen Beide, keiner von uns machte die vergebliche Anſtren⸗ gung, ſeinen Dolch zu gebrauchen. Der Ju⸗ welier, der auf dem duͤnnern, mehr geruͤn⸗ deten Theile des Baumes ſtand, und, wie ich glaube, im Begriff war, ſich umzudrehen, ſuchte im Fallen voller Verzweiflung mich zu erfaßen, damit wir beide in den ſchwarzen Abgrund hinabſtuͤrzten. Aber ſo war es nicht beſchloßen; er packte nur mein Gewand, dies zerriß und ich hoͤrte ihn ſchwer hinabſtuͤrzen. Ich war auf das Geſicht gefallen und um⸗ klammerte den Baumſtamm mit beiden Bei⸗ nen und einem Arme, denn der Andere ſchien vom Falle ausgeſezt. Mein Koͤrper war leicht, und meine Gliedmaßen lang und muskelkräͤf⸗ tig. Es gelang mir, obgleich ich nicht weiß wie, mich auf dieſe Art feſtzuhalten und zu retten; aber lebhaft erinnere ich mich der An⸗ ſtrengung und Gefahr, die ich beſtand, als ich mit Hand und Fuͤßen laͤngs dieſer gefähr⸗ lichen Bruͤcke hinkroch, die mir eben ſo ſchwie⸗ rig zu uͤberkommen ſchien, als die, von Ma⸗ homet el Sirat genannte Bruͤcke, die duͤnner, als ein Haar, und ſchaͤrfer, als ein Schwerdt uͤber den unten aufgaͤhnenden Hoͤllenſchlund fuͤhrt. Sonderbar war es, daß, als der Juwe⸗ lier meine Kleidung erfaßte und zerriß, die goldenen Doſen, die Urquellen alles Unheils, aus meinem Buſen hinabfielen; — denn nach⸗ dem, was vorgefallen war, hatte ich es un⸗ recht gehalten, ſie Aſton zu ſchenken; — mich duͤnkte, daß ich ſie auf des Mannes Kopfe ſchimmern ſah. — 286 — „ Ein und dreißigſtes Kapitel. — Ein bitt'rer Tod, ein ſtickend garſt'ger Tod, Verdeckter Tod, gehullt in ſchrecklich Schweigen; Entſezens⸗Stille, ſenkt mich in mein Grab. Keats., Ats ich athemlos und ganz erſchoͤpft den Rand des Abgrundes wieder erreicht, pein⸗ lich an einer Quetſchung des Kopfes und Hand⸗ gelenkes leidend, ſezte ich mich am tiefen, grauſenvollen Schlunde nieder, der gleich ei⸗ ner Gebeingrube mich anfletſchte und im kla⸗ ren Mondenſcheine nur noch tiefer und furcht⸗ barer ließ. Dazu kam das Geraͤuſch, welches unten der Parſte im Ringen nach ſeinem Le⸗ ben machte; auf dem Boden des Kanals be⸗ fand ſich etwas ſtehendes Waßer, aufgeſtauet durch Meerſand und Schlamm, den die Re⸗ genguͤße hinabgefluthet hatten, und angefüllt. mit dem ganzen Unrathe aus dem Schlacht⸗ — 287 — hauſe; dies bildete zuſammen eine Maße, in welcher ein Menſch weder lange ſchwimmen, noch ſogleich verſinken konnte; doch machte jegliches Sträuben das Ubel ärger. Tief war er im erſten Falle hineingeſenkt und ſeine Anſtrengungen, ſich empor zu arbeiten, ga⸗ ben ſich durch die ſprachloſe Todesangſt ſei⸗ nes Zappelns kund, und ſein ſchnelles, ro⸗ chelndes Athemholen verrieth, daß die ſchlam⸗ mige Maße ihn ſchon halb erſtickt hatte. Er aͤchzte, ſtoͤhnte und plaͤtſcherte auf der Ober⸗ flaͤche. Ich vermogte nichts anderes zu gewah⸗ ren, als eine undeutliche, krampfende und in der Folter aͤchzende Maße. Es war ein ent⸗ ſezender Anblick, und wiewohl ich nicht leicht erſchuttert wurde, ſchauderte mir, und mein ganzer Leib erbebte im Mitgefuͤhl ſeiner Pein. Ich blickte umher im vergeblichen Bemuͤ⸗ hen, etwas aufzuſuchen, das mir dienen konn⸗ te, ihn zu retten; aber der hellſcheinende Mond ließ mir nichts Anderes gewahren, als die ganz huͤlfloſe Lage des Ungluͤcklichen. Nun verſuchte ich meine Augen davon abzu⸗ wenden, das vermogte ich nicht, ein Zan⸗ ber bannte ſie gleichſam darauf feſt. Bei⸗ nahe hatte ich ſchon den Entſchluß gefaßt, Lärmen zu machen und Huͤlfe herbeizurufen, — 288 — weil ich vermuthete, die Schildwache koͤnne nicht fern ſtehen, — die Folgen, welche dies fuͤr mich haben konnte, ſchienen mir außer der Berechnung. Jezt ward das Gezappel ſchwächer, das Geraͤuſch undeutlich zu einem heiſern Todes⸗ roͤcheln. Ich blickte hin, und die dunkele Maße verſank langſam unter der ſchlammigen Oberflaͤche; als ſie fuͤr immer unterging, duͤnkte mich, ich ſaͤhe fortwährend einen Arm die geſchlaͤngelte Waffe emporhalten, die im allmaͤhligen Verſinken ſchwankte, — was vom Todeskrampfe herruͤhren mogte, — als wuͤrde ſie immer noch in drohender Herausforderung geſchwungen. Ich erinnerte mich an ſeine Worte, daß der Dolch vergiftet geweſen, und ſeine lezten Bewegungen riefen mir das Bild einer gif⸗ tigen Schlange zuruͤck, die ich Tages zuvor getoͤdtet hatte, die im Sterben mich noch mit ihren ſmaragd⸗gruͤnen Augen anfunkelte, und mit eingeſchlagenem Kopfe ihre gezackte Zunge noch hervorſchoß, als koͤnne ihre rachegluͤ⸗ hende Wuth nicht gebändigt werden. Meine Blicke waren auf den Fleck geheftet, auf welchem der Mann verſchwand. Die auf⸗ blaͤhende und unruhige Oberflaͤche nahm ihre — 289 — Glätte wieder an; da ward ich ploͤzlich der⸗ maßen erſchreckt, daß ich beinahe mein Gleich⸗ gewicht verloren hätte, und uͤber Kopf hinab⸗ geſtuͤrzt wäre, denn eine Stimme rief mir in's Ohr: »Alles gut!l« Dies war der Ausruf einer entfernt ſtehen⸗ den Schildwache, vom Winde hergefuͤhrt, waͤhrend mein Kopf ſich am ünſeligen Baum⸗ ſtamme ſtuͤzte, der uͤber dem Abgrunde lag und der nun als Schallzubringer wirkte. Die⸗ ſer Umſtand ſowohl, als die ausnehmende Stille der Nacht ließen mich glauben, die Stimme ſey mir ganz nahe, und erſchreckte mich in Wahrheit mehr, als ich jemals er⸗ ſchrocken geweſen bin. Ich ſprang auf und blickte angſtvoll um⸗ her; aber alles war wieder ſtill. Die Mor⸗ gendämmerung wollte anbrechen, und jeder Augenblick war koſtbar. Einen lezten Blick warf ich auf den Fleck, der den Mann be⸗ grub, und ein ſchmerzliches Zucken der Reue ergriff mich bei dem Uberdenken der Vorfaͤlle dieſer lezten zwei Tage, denn ich war die Urſache von der Zerſtoͤrung des Eigenthumes dieſes Mannes, vielleicht vom Tode ſeines Bru⸗ ders und gewiß von dem ſeinigen. Welchen Kummer und welches Elend hatte ich ſeiner M. 19 Familie erregt; welche Verwuͤnſchungen muß⸗ ten mein Haupt treffen! Welcher Dämon von Mißethat hatte mich angetrieben? Sein Todesſchrei verfolgte mich lange. Bei ſpaͤterm Uberlegen ſchien mir, daß der Aufwaͤrter, oder ſonſt jemand in der Taverne den Argwohn gefaßt habe, als ſey ich in des Juweliers Angelegenheit verwickelt, — daß dieſer Verdacht demſelben mitgetheilt worden war, — daß der Juwelier mich bei meinem Morgenausgange erblickt und wieder erkannt habe, daß er mir ſpäter gefolgt ſey und mich im Auge behalten habe, als ich hinab nach dem Orte ging, wo mein Boot lag. Haͤtte er den Behoͤrden Anzeige gemacht, und mich als den Haupturheber des Angriffes auf ſeinen Laden angeklagt, ſo kannte er viel⸗ leicht aus Erfahrung das langſame und be⸗ ſtechliche Verfahren der Gerichtshoͤfe und die unzureichende Gerechtigkeit, die von ihnen zu erlangen war; zudem giebt es auch Be⸗ leidiguugen, die kein Geſez zu richten ver⸗ mag, und fuͤr welche Menſchen durch Rache Vergeltung ſuchen. Gefuͤhle dieſer Art muß⸗ ten ihn zu dem Entſchluße beſtimmt haben, einen Mordverſuch an mir zu uͤben. Haͤtte er freilich gewußt, wer ich eigentlich war, — 291 — dann haͤtte er vollſtaͤndige Rache an mir neh⸗ men koͤnnen durch einfache Angeberei; aber ſolchen Argwohn hegte er nicht. Ich eilte hinab zur Bucht, als wuͤrde ich verfolgt; meine Proa erblickte ich, und war im Begriff, ihr zuzurufen, als ich mich er⸗ innerte, wie nahe die Schildwache ſtaͤnde. Mein linkes Handgelenk war ausgerenkt oder gebrochen, heißes Blut träufelte meine Wan⸗ gen herab, und eine erſtickende Hize erfuͤllte mich. Angſtlich blickte ich am Meeresufer nach einem Boote aus, konnte aber keines entdecken, welches mir dienen mogte. Jeder Augenblick laͤngerer Zoͤgerung vermehrte die Gefahr meines Ergriffenwerdens.; deshalb ſicherte ich die wenigen Dinge, welche vom Waßer zerſtoͤrt werden konnten, in meiner Kappe, und watete in das Meer, welches bei einem, vom Lande her friſchenden Winde ganz glatt war. So ſchnell ich konnte, ſchwamm ich hinaus, aber ich hatte nur eine Hand zum Rudern. Indeß war das keine Schwie⸗ rigkeit fuͤr mich, der ich faſt eben ſo gut ſchwimmen, als gehen konnte, und deßen taͤglicher Zeitvertreib in Madras darin be⸗ ſtanden hatte, die furchtbare Brandung zu durchbrechen, in der kein Europaͤiſches Boot ausdauern kann. Gefahr drohete mir nur von Haifiſchen und Krokodillen, die in der Naͤhe dieſer Inſel in Menge weilen; ich wußte, daß die leztgenannten Thiere, vom Geruch des Abfalls angelockt, in ganzen Schwaͤrmen die Muͤndung des Abzugkanals vom Schlachthauſe umlagerten. Vielleicht zehr⸗ ten ſie eben am ungluͤcklichen Juwelier. — 293 — Zwei und dreißigſtes Kapitel. Längs Kieſelſtrand der Küſte flog das Bvot Mit Seitenwind in eine ſtille Bucht, Wo dunkler Schatten wob, der ſchwarzen Pinie Wucht. Shelrey. Zerſchellt mein Boot, mein Ruder abgebrochen, Zerfest mein Segel, fahr' ich langſam weiter⸗ Weiß kaum wohin. Kests. Guictich kam ich zu meiner Proa; nachdem wir unſern kleinen Ankerhaken in aller Stille aufgezogen hatten, legten wir uns Alle nie⸗ der und ließen das Boot hinaus in das Fahr⸗ waßer treiben, bis die Fiſchernachen auslie⸗ fen; da ruderten wir zwiſchen dieſe, zogen unſer Mattenſegel auf, und liefen hinuͤber nach der Malabar⸗Kuͤſte; weil der Wind den ganzen Tag uͤber nicht ſtark wehete, ruderten wir langs dieſer hinab, und als gegen Abend — 294 — die Wolken eine ſtuͤrmiſche Nacht verhießen, fuhren wir in eine kleine Bucht, die gar nicht das Anſehen hatte, bewohnt zu ſeyn. Hier zogen wir unſer Boot auf den Strand, und bereiteten unſer Abendeßen und unſer Nachtlager unter dem Schuze einiger dicht am Ufer wachſenden Baͤume. In der Zwiſchen⸗ zeit fingen die beiden Malayen vom Felſen herab Fiſche mit Wurfſpießen, und die Araber machten Feuer an einem dicken Teakbaume, welches, wie ich ſpater vernahm, ſich dem Walde mitgetheilt, und ſieben bis acht Mo⸗ nate fortgebrannt hatte. Muͤde und ganz er⸗ ſchoͤpft, waͤhlte ich, nachdem ich zwei Ma⸗ troſen als Außenpoſten in einiger Entfernung aufgeſtellt und angeordnet hatte, ſcharfe Wache zu halten, einen glatten Stein zu meinem Kopfkißen, wickelte mich in das Bootſegel, ſtreckte meine Fuͤße dem Feuer entgegen und ſchlief ſo feſt, daß weder Wind, noch Regen, welche die Nacht uns herbeifuͤhrte, mich auf⸗ weckten. Eine Stunde vor Tagesanbruch ward ich aufgerufen. Meine Glieder waren kalt und ſteif. Kaffee und Tabakrauchen, meine nie mangelnde Heilmittel am Morgen, erfriſchten mich. Sodann machten wir unſer Boot flott, und mit einem immer noch vom Lande her⸗ wehenden Winde ſegelten wir einen guten Strich durch das Waßer hin, wobei wir weit genug hinausliefen, um den Seewind auf⸗ zufaßen. Nach der Mittagſtunde ward das Wetter klar und heiter, und es mogte Mit⸗ ternacht ſeyn, als wir laͤngs der Nordoſt⸗ kuͤſte der Inſel hinfuhren, neben welcher un⸗ ſer Schooner ankerte. Dieſer lag ſo gut ver⸗ borgen, daß wir ihn erſt nach dem Umfahren einer Landzunge gewahren konnten. Ein Ma⸗ troſe von dem Schooner, der auf dem Lande als Kundſchafter ſtand, erkannte uns. Als wir naͤher kamen, erblickte ich durch mein Taſchenteleskop Zela, die durch eines der Fernroͤhre auf dem Schiffe nach uns ausſah. Ich ſprang uͤber des Schooners niedrige Seitenwand, hob ſie auf und druͤckte ſie mit Inbrunſt an mein Herz. Sie hatte an Um⸗ fang zugenommen, ſo daß ich ſie mit meiner Hand nicht mehr umſpannen konnte; aber ich trug ſie die Luke hinab und ſezte ſie auf den Tiſch in der Kajuͤte. Dann wandte ich mich um zu meinem Steuermann und ſagte: »Strong, haben Sie irgend was im Fah waßer geſehen ?« »Nur Kuͤſtenfahrzenge.« ——————— — 296 — »Gleichviel. Lichten Sie Anker, wir wollen einen Strich oſtwärts ſegeln.« Ich haͤtte auch anfuͤhren ſollen, daß ich vorher die Stelle meines Koͤrpers unterſucht hatte, welche, wie ich glaubte, von des Ju⸗ weliers Krieſe geſchrammt wäre; ich konnte aber keine Verwundung entdecken. Die loſen, dicken Falten meiner kameelhaarenen Abbah, und die Shawls, die ich um den Leib ge⸗ ſchlungen trug, hatten mich beſchuͤzt. Meine beiden Angen waren ſchwarz unterlaufen von dem Falle auf meine Stirne, und mein linkes Handgelenk war angeſchwollen und ſchmerzte, . Meine Abbah hatte ich aufgerafft, ſo daß auch nicht die mindeſte Spur zuruͤckgeblieben war, mittelſt welcher des Goldſchmieds Freun⸗ de ihm oder mir nachforſchen konnten. Ob die Schildwache, mit der ich in's Handge⸗ menge gerieth, Laͤrm machte oder Anzeige da⸗ von gab, weiß ich nicht. Wahrſcheinlich ver⸗ ſchwieg der Soldat Alles, weil er dadurch einen Fehler begangen, daß er mir erlaubt hat⸗ te, ihm ſo nahe zu kommen. Zela's Paramana (Amme), die alte Kamalia, heilte meine Wunden; und Zela ſelber rieb mir die Schläfe und meine erſteiften Glieder mit Ca⸗ — 297 — jeput⸗Ol und Kampfer. Ob dieſes heiße Ol oder der thieriſche Magnetismus der Hand, oder ob gebratene Huͤhner und Bordeaur, oder mein Callian und Kaffee, oder Guava⸗Gelee und Lippen, deren Kuß noch ſuͤßer war, mich heilten, bleibt ein Geheimniß. Nur ſo viel iſt ausgemacht, daß dieſe aͤußerlich und innerlich angewandten Mittel meinem Koͤrper die Ge⸗ ſundheit wieder gaben. Meinen Arm mußte ich eine Zeitlang in der Binde tragen, und ich glaube, er hat nie ſeine ganze fruͤhere Kraͤftigkeit wieder bekommen. Weil de Ruyter mir geſagt hatte, er wolle durch die Straße von Sunda ſegeln und Java beruͤhren, ſo fuhr ich nach Borneo. Ich durch⸗ ſegelte die Straße von Drion, aber voller Begierde nur hindurchzukommen, unterbrach ich meinen Lauf gar nicht, um die Kuͤſtenfahr⸗ zeuge anzuhalten, denen ich von Zeit zu Zeit begegnete. Das erſte Schiff, an deßen Bord ich ſtieg, fand ich einige Tage ſpäter, gerade bei der Morgendaͤmmerung. Es war ein ſon⸗ derbarlich gebautes und aufgetakeltes Fahr⸗ zeug, das gerade auf uns zulief, dem An⸗ ſcheine nach keine hundert Tonnen traͤchtig, mit zwei Maſten, nach Art einer Snauz ſein Takelwerk war großentheils aus dunkelfarbi⸗ — 298 — gem Gras gedreht, und ſeine Segel waren von purpurrother oder weißer Baumwolle, wiewohl auch einige von Mattengeflechten ſeyn mogten; ſein Rumpf ſtand hoch uͤber dem Waßer heraus und war zu einem weißlichen Braun verblichen; ſein Boden — denn bei dem gewaltigen Rollen, das mehr aus Man⸗ gel an Ballaſt und vom Gewichte uͤber dem Vord herruͤhrte, als von hoher See, konnte ich beinahe ſeinen Kielbalken ſehen — war mit Muſchelſchnecken, Meergras und gruͤnem Schleim uͤberwachſen. Das Schiff ſchwankte bei ſchlechter Steurung ſo weit umher, daß ich kaum vermogte, mich frei von ihm zu er⸗ halten. Ich feuerte eine Muskete ab, damit es beilege, und dies geſchah in ſo linkiſcher Weiſe, daß es beinahe durch Drehen in den Wind ſeine Maſte eingebußt haͤtte. Ein ſelt⸗ ſamliches, vorſuͤndfluthliches Volk von faſt nackten Wilden, die ungethuͤmlichſten und ro⸗ heſten, die ich je geſehen hatte, vom Kopfe bis zu Fuͤßen tattowirt, ſammelte ſich auf ſei⸗ nem Verdecke und in ſeinem Takelwerke. Ein zerrißenes Stuͤck bemalten Segeltuches ward als Flagge aufgezogen. Es war ganz unmoͤg⸗ lich zu errathen, wer oder was es ſey, noch woher es komme, noch wohin es fahre. Die Im Naͤherkommen ſez — 209 — oͤbern Seitenwaͤnde waren dermaßen zerbro⸗ chen und aufſperrend, daß man nicht nur in das Schiff, ſondern durch daſſelbe hinblik⸗ ken konnte; dies ſowohl, als ſeine zerfezte und zerlumpte Auftakelung gaben ihm das Anſe⸗ hen, als ſchwimme es umher ſeit der Suͤnd⸗ fluth, und gleichwohl mußte man ſich daruͤber wundern, daß es nur eine Stunde lang flott erhalten werden koͤnne. Das Schiffs volk verſuchte ein altes, ver⸗ ziertes Canve auszuſezen; um aber Zeit zu erſparen und voll Eifers, ſchnell zu unterſu⸗ chen, mehr aus Reugieede, als aus Hoffnung auf Beute, ließ ich einen kleinen Nachen von unſerm Stern herab und fuhr an ſeinen Bord. e mich des Schiffes ver⸗ wildertes Ausſehen noch mehr in Verwunde⸗ rung, und nachdem ich mit vieler Anſtren⸗ gung deßen vorſpringendes Bambus⸗Außen⸗ werk erſtiegen hatte, fand ich das Innere den uͤußern Anſchein noch weit übertreffend. Sein oberes Verdeck war mit Schilf uͤberdacht, welches durch zuſammengedrehete Grasſeile feſt gebunden war. Das wilde Schiffsvolk trug Palmblätter als Kopfbedeckung, ubri⸗ gens aber Adamitiſchen Beinanzug. Ein ſehr hochgewachſener, duͤnner, knöcherner Mann ₰ — 300 — kam mir entgegen, um mich zu empfangen. Er unterſchied ſich von den ihn umſtehenden Wilden durch hellere Farbe und grimmigeres Ausſehen, auch trug er mehr körperliche Be⸗ deckung. Seine Zuͤge waren ſcharfvorſprin⸗ gend, ſeine Geſichtfarbe roͤthlichbraun und ſein Haar um etwas dunkeler; ſeine Geſtalt und Haltung wuͤrden bemerklich ſchoͤn geweſen ſeyn, wären ſein Geſicht, ſeine Arme und ſeine entbloͤßte Bruſt nicht in auffallender und garſtiger Weiſe tattowirt geweſen. Um ſei⸗ nen Hals ſchlaͤngelte ſich die Geſtalt einer ſcheußlichen Schlange, dargeſtellt, als ſey ſie im Begriffe, ihn zu erdroßeln; ihr Kopf und ihre ſpizgekielte Zunge waren auf der Ober⸗ lippe hingezeichnet, als ſey ſie, um zweifach zu toͤdten, im Begriffe, in ſeinen Mund zu ſchluͤpfen. Die glaͤnzend gruͤnen Angen und die rothe Zunge dieſer Schlange waren in ſo kunſt⸗ vollen Farben tattowirt, daß ſie wirklich ſich zu bewegen ſchienen, wenn die untere Kinn⸗ lade ſich oͤffnete. In des Mannes Auge und auf ſeiner Stirne weilte aber ein friedlicher Ausdruck, der gar nicht zu ſeinem grimmigen Kleide ſtimmte. Ich hatte die Zeit nicht, ihn genauer zu betrachten, denn dieſer Hauptmann oder Haͤuptling trat in der hoͤflichſten und 5 — 20 — freundlichſten Weiſe vor und ſagte mit fremd⸗ artiger Betonung, aber in ziemlich gutem Engliſch: »Sie ſind Engländer, Herr?« Ich hatte naͤmlich eine Engliſche Flagge aufgezogen, und fragte nun meiner Seits: »Wer ſind Sie aber, mein Herr!« „Ich bin von der Inſel Zaov.« »Was! wo iſt die? — Von einer ſolchen Inſel habe ich nie gehoͤrt.« Er verſtaͤndigte mir, daß ſie in der Rich⸗ tung des Suluh⸗Archipelagus liege. Sein Benehmen uͤberraſchte mich mehr, als ſeine Erſcheinung, und ich ſagte: »Das iſt aber hoͤchſt ſeltſam, ſind Sie von jenen In⸗ ſeln ?« „Ja, mein Herr.« »Wie, ein Eingeborner?« »Nein, mein Herr.« »Wer ſind Sie denn2« Er zoͤgerte einen Augenblick und antwor⸗ tete darauf: »Ein Englaͤnder, mein Herr.« »Wirklich; wie zum Teufel kamen Sie da⸗ hin, oder vielmehr hierher in dieſem Aufzuge ?⸗ »Wollen Sie hinabkommen in die Kajuͤte, ſo will ich es Ihnen erzaͤhlen; ich beſorge nur, daß ich wenig Erfriſchung beſize, um Ihnen anbieten zu koͤnnen.« 6 — —— — — 302 — Gerade als wir an die Treppe der Luke kamen, hoͤrte ich Weibergeſchrei herauftoͤnen. Er ſtand ſtill und ſagte: »Das hatte ich ver⸗ geßen, wir koͤnnen nicht hinabgehen.« »Iſt jemand krank?« »Ja, mein Herr, eine meiner Frauen kommt nieder, und wie ich glaube, vor der Zeit. Seekrankheit hat die Fruͤhgeburt zu Wege gebracht. Sie leidet entſezlich.« Ich ſchickte fur die alte Kamalia, indem ich ihm ſagte: daß ich meine Frau am Bord habe und daß deren Amme, wie ich verſtanden habe, fur ſolche Umſtaͤnde Geſchicklichkeit beſize. Ze⸗ la's Paranama kam alsbald an Bord; um die Frauen nicht zu ſtoͤren, ſezten wir uns allein auf das Verdeck, nahe am Stern, und der Unbekannte begann ſo: »Seit ſehr langer Zeit habe ich meine Mut⸗ terſprache nicht geredet, auch ereigneten ſich die Borfalle, welche ich zu erzählen habe, vor ſo manchen Jahren, daß ich beſorge, meine Erzählung derſelben werde zu ſtuͤmperhaft aus⸗ fallen, um von Ihnen verſtanden zu werden.« »Nunſagte ich, »wir haben beinahe Wind⸗ ſülle und deshalb Zeit genug; alſo eilen Sie nicht. Und weil es mir ſcheint, daß Sie mit Eßwaaren nicht ſehr verſehen ſind, will ich * — 303 — hinſchicken, um etwas herbeizuſchaffen, was Ihr Gedaͤchtniß anfriſchen kann, während Sie ſich in die vergangene Zeit zuruͤckverſezen.« Vom Schooner wurden wir bald mit ge⸗ ſalzenem Rindfleiſch, Schinken, Bordeaur und Branntwein verſorgt. Englaͤnder haßen einander, bis ſie zuſammen geſpeiſet haben. Eßen machte uns zu Freunden und Trinken oͤffnete unſere Herzen. Das einzige Kberbleib⸗ ſel von Geſittung, an welchem man in ihm immer noch den Gentleman erkennen konnte, war, daß er unaufhoͤrlich rauchte. Sobald unſere Callian angezuͤndet waren, begann er ſeine Erzaͤhlung; dies aber in einem ſo ſeltſamlichen Vortrage und mit ſo vielen Ab⸗ brechungen und Einhalten, daß ich Anfangs große Muͤhe hatte zu verſtehen, was er ei⸗ gentlich ſagen wollte. Zum Beſten meiner Le⸗ ſer nehme ich mir die Freiheit, ſeine weiſe zu — 304 — Drei und dreißigſtes Kapitel.⸗ Der Mars Brittaniens einſt Lord Nelſon war⸗ Noch ſollt' er's ſeyn; doch hat ſich's ausgeflimmert. Kein Menſchenkind ſpricht mehr von Trafalgar, Wit unſerm Helden ſank es, wie zertrümmert. Byron. „Vor ſieben oder acht Jahren, erzaͤhlte er, »verließ ich England am Bord eines Oſtindi⸗ ſchen Kompagnie⸗Schiffes, das unter Convoy nach Canton beſtimmt war. Der aͤlteſte der Offiziere, der mit meinem Vater in merkan⸗ tiliſchem Verkehr ſtand, und wegen fruͤherer Geſchaͤfte ſchon ſein Schuldner fur ſehr be⸗ deutende Summen war, vermogte ihn dazu, ihm noch eine ungewoͤhnlich groͤßere Waa⸗ renmenge unter der Bedingung anzuvertrauen, daß ich, der damals auf dem Komptoir meines Vaters arbeitete, als Midſhipman die Fahrt mitmache und einen gewißen An⸗ theil vom Gewinne auf meines Vaters Rech⸗ nung beziehen ſolle. In Betreff dieſer Ange⸗ legenheit hatte ich die geeigneten Weiſungen bekommen, ſollte die Reiſe machen, und wenn es mir geſiele, im Dienſte der Kompagnie bleiben, ſonſt aber zuruͤck zum Komptoir mei⸗ nes Vaters kommen. Ich brauche nicht zu ſagen, wie gern ich in meinem fuͤnfzehnten Jahre Debet und Credit, Lagerbuͤcher, Jour⸗ nale und Hauptbuch verließ, um nach einem Lande zu reiſen, von dem ich ſo vieles gehoͤrt hatte, und eine Stelle unter den jungen Seeleuten einzunehmen, die ſich ſo;zu bruͤſten und ſo gluͤcklich auszuſehen pflegten, wenn ſie am Lande waren; — ich wußte damals nicht, daß der Grund zu ihrer Freude am Lande der war, daß ſie ſich erloͤſet ſahen von der tyranniſchen Unterwuͤrfigkeit am Bord jener aͤrgſten Gefangenen⸗Schiffe, der Oſtin⸗ dienfahrer. Inzwiſchen durfte angenommen werden, daß meine Einweihung in den See⸗ dienſt unter der Goͤnnerſchaft des aͤlteſten Offiziers recht guͤnſtig fur mich ſeyn werde. »Indeß waren wir noch nicht weit aus den Duͤnen geſegelt, als ich ſchon eine recht merk⸗ liche Verſchlimmerung wahrnahm. Denn au⸗ ßer den unwuͤrdigen und erniedrigenden Dien⸗ ſten, zu welchen die Klaße junger Seeleute II. 20 gebraucht wird, der ich angehoͤrte, uberſchuͤt⸗ tete mich der Offizier, der mein Patron ſeyn ſollte, und zu deßen Wache ich gehöͤrte, ploͤz⸗ lich und ohne daß ich Urſache dazu gegeben hatte, mit Schmaͤhworten und Schimpfna⸗ men. Von dieſer Zeit an behandelte er mich bei jeglicher Gelegenheit mit Hohn und Ver⸗ achtung. Nicht zufrieden damit, mich die al⸗ lerniedrigſten Arbeiten verrichten zu laßen, zuͤchtigte er mich zu ſeinem Zeitvertreibe, denn ich gab ihm keine Urſache dazu. Eines Tages ſagte er zu mir im Zorne, daß mein alter Wucher⸗Jude von Vater mich ihm als ſeinen Spion aufgebuͤrdet habe, um ihm ſeinen Frachtgewinn zu entziehen; er ſezte hinzu: »Ich habe ihm zudem noch eine Ver⸗ ſchreibung als Sicherheit geben muͤßen, aber ich will verdammt ſeyn, wenn ich Sie nicht zu meinem Sklaven mache le« — Es wäre uͤberfluͤßig, von dem Elende zu reden, wel⸗ ches ich zu ertragen hatte. „Der Kapitain des Schiffes lebte abgeſon⸗ 2 dert, glich einer Art von Gottheit, und ich glaube, dafuͤr hielt er ſich ſelber. Er ging mit Niemandem um, als mit zwei pder drei Paßagieren vom hochſten Range und alle ſeine Befehle gab er durch den aͤlteſten Offizier kund⸗ ⸗ N ————— In einer Nacht auf der Hoͤhe von Madeira blies der Wind mit Heftigkeit, und ein Ma⸗ troſe rief: »»Ein unbekanntes Segel auf der Wetter⸗Seite la« Ich ſtand nahe bei ihm und antwortete: »»gut, ich will Bericht machen la« wiewohl ich nichts anders ſah, als was mich eine große ſchwarze Wolke dünkte, ging ich nach dem Hinterdeck, um dem älteſten Offi⸗ zier, der die Wache hatte, davon in Kennt⸗ niß zu ſezen. Ich fand ihn auf einer Karo⸗ naden⸗Schleife ſchlafend; nun erwachte in meiner Bruſt ein neues Gefuͤhl — Rache l« »Wie, fragte ich, verſtachen Sie ihn, und warfen ſeinen Leichnam uͤber Bord?« »O nein, es war nur ein kindiſcher Troz; ſollte er mir jezt begegnen, ſo moͤgte ich viel⸗ leicht thun, was Sie ausſprechen. Ich ließ ihn ſchlafen und ging hinab zus Kapitain, den ich mit dem Zuruf erweckte: „ein gro⸗ ßes Schiff, dicht unter unſerm Lee⸗Bug la« »Er ſprang auf und fragte: »»wo iſt der Offizier, der die Wache hat 24. »Ich kann ihn nicht finden, Sir.« „»Nicht finden la« wiederholte er, und rannte auf das Verdeck. Der Offizier ſchlief dicht bei der Haupttreppe, ſo daß der Kapitain vor ihm ſtand, ſobald er ſeinen Fuß auf das Ver⸗ — 308 — deck geſezt hatte und ihn bei'm Namen rief. Der erſchreckte Schlaͤfer ſprang bei der wohl⸗ bekannten Stimme ſeines ſtrengen Befehls⸗ habers empor. Aber es war keine Zeit mehr in Worten hinzubringen; der Wind ſtuͤrmte heftig und die See ging hohl; die dunkele be⸗ wegliche Maße, die ich einen Angenblick vorher fuͤr eine Wolke oder fuͤr fernes Land gehalten hatte, trieb jezt in der Geſtalt eines unge⸗ heuren entmaſteten Kriegsſchiffes auf uns zu. Unſer Kapitain rief uns, unterweg zuſteuern, und all- Matroſen auf dem Verdeck zu ſam⸗ meln; dies ſchien aber zu ſpät. Eine Stimme, die verſuchte, ſich durch ein Sprachrohr ver⸗ nehmbar zu machen, rief uns an, wie von einem Thurme herab, denn ſo erſchien uns das vor dem Winde hintreibende Schiff, das, von einer risſenhaften Welle in die Hoͤhe ge⸗ hoben, hoch uͤber uns ſchwebte. Die blauen Lichter, welche an ſeinem Vordertheile brann⸗ ten, warfen ihren Wiederſchein auf unſer eng zuſammengereeftes Top⸗Segel. Es ſchien unvermeidlich, daß, wenn es von der Welle hinab wieder in die Tiefe ſtuͤrze, wo wir la⸗ gen und wo uns der Wind durch ſeinen un⸗ geheuren Rumpf ganz entzogen war, wir in den Grund gefahren oder zerſchellt werden — — 309 — wuͤrden. Unſere Segel ſchlugen mit Donner aͤhnlichem Geraͤuſche an die Maſten, und das Schiffsvolk im Hemde, halb ſchlaftrunken durch die Luken hervorkriechend, ſchrie un⸗ willkuͤhrlich auf bei dem Anblick des ungeheu⸗ ren Schiffes, das auf uns eindrang. Vor Schreckerſtarrt, vermogten wir nichts zu thun, und das große Schiff, ein Spiel der brauſen⸗ den Wogen und des wuͤthenden Sturmes, ward auf uns eingerollt und geworfen, ohne Segel oder Maſten zu haben, um es ſteuers oder feſtlegen zu koönnen. Der Allerunempfind⸗ lichſte ward von dieſem Anblicke erſchuͤttert; Einige breiteten ihre Armen aus und kreiſch⸗ ten jämmerlich; Andere ſanken auf ihre Knieen, und Viele ſtuͤrzten uͤber Kopf die Luken hinab; wiewohl der ganze Auftritt nur einen Augen⸗ blick dauerte, konnte ein ſolcher Angenblick doch einen Knaben zum alten Manne machen. Eine laute, deutliche und herbe toͤnende Stim⸗ me rief uns wiederum durch das Sprachrohr zu: »»Steuerbord, oder wir rennen Euch in den Grundla« dies ſchien unſer Sterberuf. »Als die Welle uns emporhob, ſtießen wir mit dem Schiffe zuſammen. Das Gekrach war furchtbar. Ich hoͤrte das lante Gekreiſch un⸗ ſerer Matroſen, und mich fuͤr verloren ach⸗ 4 — 310 — tend, griff ich krampfhaft in das Tauwerk und erwartete mein Ende. Mein Auge war auf das große Schiff geheftet; mich duͤnkte, es fliege uͤber uns weg, und nun lag es, gleich einem Rieſenfelſen, unbeweglich dicht an un⸗ ſerer Lee⸗Seite. Nun heulte der Wind wieder unaufgehalten in unſerm Takelwerke, und die Wogen brauſeten uͤber unſer Schiff herein. Nach einem furchtbaren Stillſtande brachte das Toſen des Windes, der Wellen und der ſchreienden Stimmen mich wieder zur Beſin⸗ nung. Das Schiff hatte unſern Hintertheil be⸗ ruͤhrt, die hintere Verdeckwand, das Boot am Stern und den Baum des Hinterſegels fortgerißen; — mehr nicht; — wir waren gerettet. Wiederum wurden wir vom Schiffe angerufen, und nach dem Namen unſeres Fahr⸗ zenges befragt. Darauf erhielten wir den Be⸗ fehl, die Nacht hindurch neben ihm zu blei⸗ ben, mit dem Zuſaze, es ſey Sr. Brittiſchen Majeſtät Kriegs ſchiff Victoria. . „Dem aͤlteſten Ofſizier ward in dieſer Nacht nichts geſagt, aber er erhielt ſtrengen Arreſt. Die Furcht war in der That ſo arg, daß Je⸗ dermann eine Zeitlang wie verzaubert ſchien, und unſer Kapitain und die Offiziere wur⸗ den an ihre Pflicht gemahnt durch die häufi⸗ — 311 — gen Nachtſignale der Victoria, und vom Donner ihrer ungeheuren Kanonen, der je⸗ nen Achtung verſchaffen und uns dicht neben ihr halten ſollte; denn man beſorgte, wir mogten die Nacht benuzen, um davon zu ſegeln. »Als ich am Morgen auf das Verdeck ging, ſah ich, daß wir unſer Konvoi aus dem Ge⸗ ſichte verloren hatten, und daß die Victoria dicht bei uns Signale gab, ſie in's Schlepp⸗ tau zu nehmen. Das Meer ging ſo hohl, daß kein Boot ausgeſezt werden konnte, des⸗ halb ließen wir von unſerm Stern eine leere Tonne an einem Stricke herab, damit dieſe von der Viectoria aufgefiſcht wuͤrde. Als das geſchehen war, befeſtigte ſie Schlepptaue, die faſt ſo dick waren, als unſere Ankerkabel, an unſer Strick. Dieſe holten wir uͤber unſern Taffrel auf unſern Bord, befeſtigten ſie am Hauptmaſt, ſezten ſo viel Segel bei, als wir fuͤhren konnten, und ſteuerten der Inſel Ma⸗ deira zu. Unſer Zuſtand war im hoͤchſten Grade gefaͤhrlich; denn troz der Lange des Schlepptaues gab uns das Gewicht und der Umfang der Viktoria, damals das groͤßte Schiff in der Welt, furchtbare Stoͤße, wenn wir zitternd auf den Gipfeln der Wogen em⸗ — 312 — porgehoben wurden, und ſie unter uns in die Tiefe verſank, — dann ſchien es, als reiße ſie uns am Sterne mit hinab; arbeiteten wir ſodann in der tiefen Wogenhoͤhlung, wo uns der Wind entzogen war, und wurde die Vie⸗ toria in die Hoͤhe geſchwellt, ſo ſchien es, ſie muͤße grade auf uns herabſchießen. Zu⸗ weilen zerbrach das Schlepptau, wiewohl von ungeheurer Dicke, gleich verfaultem Strickwerke; und dann hatten wir abermals die ſchwierige und gefahrvolle Aufgabe zu loͤ⸗ ſen, ein neues Schlepptau an unſern Bord zu bekommen. Gluͤcklicher Weiſe legte ſich der Sturm in dieſer Nacht, ſonſt glaube ich, daß beide Schiffe hätten untergehen muͤßen. Die Gewalt, welche unſer Schiff zu uͤberwinden hatte, war ſo groß, daß wir nicht nur be⸗ ſorgen mußten, unſer Hauptmaſt werde bre⸗ chen, ſondern die Fugen unſeres Verdecks oͤffneten ſich auch, die Wellen brachen ſich uͤber uns, ſchwemmten Alles mit fort, und droheten uns den Untergang durch Anfuͤllen unſeres Schiffes. Unſer Kapitain rief die Vic⸗ toria an, ind ſtellte unſere Gefahr vor; die einzige Antwort war : »»Wenn Ihr das Schlepptau los macht, bohren wir Euch in den Grundl«« — 313 — »Am Bord der Victoria hatten ſie alle Ka⸗ nonen des obern Verdecks uͤber Bord gewor⸗ fen, um das Schiff zu erleichtern, hatten Sturmſegel auf die Stuͤmpfe der abgebroche⸗ nen Maſten befeſtigt und jedes moͤgliche Mit⸗ tel zum Fortkommen angewandt. Am folgen⸗ den Tage hatte ſich der Wind ſehr gelegt, wiewohl die See immer noch hoch ging. Wir brachten ein großes Weſtindiſches, nach Ma⸗ deira beſtimmtes Schiff zum Beilegen, und dies ward gezwungen, unſere Stelle einzu⸗ nehmen. »Unſer Kapitain ging an den Bord des ehemaligen Admiralſchiffes und der Kommo⸗ dore ſagte ihm, nachdem er ihm einen Ver⸗ weis uͤber ſein nachlaͤßiges Ausblicken in je⸗ ner Nacht gegeben, er wolle ſein Betragen uͤberſehen in Betracht des Dienſtes, den er geleiſtet habe, da er das Mittel geweſen, Sr. Majeſtaͤt und ſeinem Vaterlande das werth⸗ vollſte aller Schiffe zu erhalten, welches Nel⸗ ſon's ſiegreiche Flagge gefuͤhrt hatte und nun deßen Leiche trug. »Unſer Kapitain erhielt von ihm ein ſchrift⸗ liches Zeugniß dieſer Thatſache. Dadurch ward unſer ſtolzer Befehlshaber etwas beſaͤnftigt, und ſobald die Gefahr uͤberſtanden, milderte — 314 — ſich ſein Zorn gegen den ſchuldigen Offizier, den er zu kaßiren in ſeinem Grimme gedro⸗ het hatte. Dazu kam noch, daß ſie Verwandte waren oder mindeſtens Einen Namen fuͤhrten — Patterſon; und Sie wißen, mein Herr, Schotten ſind Clansleute und kuͤmmern ſich nicht darum, ob die Welt zu Grunde geht, wenn nur ihr eigener Clan davon kommt und aus dem allgemeinen Untergange Gewinn zieht. Aber ich bitte Sie um Verzeihung; es mag auch einige recht gute Menſchen unter ihnen geben.« Vier und dreißigſtes Kapitel. — Dies Boot und Schiff ſich niemals wieder treffen! Byron. Im Zauber⸗Siebe mußt Du Waßer halten, Mußt König ſeyn von Elfen und von Feen, um das zu wagen. Keats. „Der älteſte Offizier,« fuhr er fort, „trat ſeinen Dienſt wieder an, und es ward ihm nicht ſchwer, den Urſprung des ihm wider⸗ fahrnen Unheiles herauszubringen. Daß meine Lage dadurch nicht gebeßert ward, brauche ich nicht zu ſagen. O! wie beneidete ich das Loos des verachtetſten Schornſteinfegers, oder des verworfenſten Bettlers. Mit mir vergli⸗ chen, erſchien ihr Leben mir eine Segnung. Zudem konnten die ja von herzloſen Vogten oder von grauſamen Herren entfliehen, waͤh⸗ rind ich in hoffnungsloſer Sklaverei ſchmach⸗ tete. Aber ich ermuͤde Sie, mein Herr.⸗ — 316 — »Gar nicht, fahren Sie fort,« erwiederte ich, denn dieſes Mannes Schickſal, das dem von Walter ſo ganz aͤhnlich war, floͤßte mir doppelte Theilnahme ein und ich empfand ſchon Freundſchaft fuͤr den Erzaͤhler. Durch das Betrachten ſeiner Geſichtszuͤge, waͤhrend er ſprach, war ich bald vertraut geworden mit den Schreckgeſtalten, die auf ſeiner Haut abgebildet waren und erblickte »ſein Geſicht in ſeinem Gemuͤthe.« »Endlich,« erzaͤhlte er weiter, »gelangten wir auf der gewoͤhnlichen Fahrt in das Chi⸗ neſiſche Meer. In einer Nacht, als das Schiff unfern einer Inſel, ich habe vergeßen, zu welchem Zwecke, ankerte, erhielt ich Befehl, in das Boot zu gehen, was hinter ihm lag, und auf dieſes zu achten. Ploͤzlich ſtieg mir der Gedanke auf, den Umſtand zu benuzen, und zu entfliehen. Ohne nur einen Augenblick die Wagniß eines ſolchen Unternehmens zu bedenken, folgte ich der erſten Eingebung. Im Boote war ein Maſt, ein Segel und ein kleines Gefaͤß voll Waßer; denn es war ge⸗ braucht worden, um auf der vor uns liegen⸗ den Inſel zu landen und Waßer aufzuſuchen. Dies machte mich entſchloßen. Damals dachte ich gar nicht daran, daß eine Menge ande⸗ — 317 — rer Dinge, und ganz beſonders Brod, dazu erforderlich waren. Nur mein Abendeßen von Salzfleiſch und Zwieback hatte ich mit mir genommen; an Karten und Kompaß dachte ich gar nicht. Die Nacht war dunkel, ein fe⸗ ſter Wind blies aus dem Golphe hin, und das Meer war ziemlich wellenlos. Ich benuzte einen guͤnſtigen Augenblick, als am Bord Al⸗ les ſtill war, machte das Tau los, an dem das Boot befeſtigt war, und nachdem ich in angſtvoller Erwartung eine Zeitlang abge⸗ trieben war, richtete ich den Maſt auf „legte um und verlor das Schiff bald aus dem Ge⸗ ſichte. »Eine Stunde verging, da duͤnkte mich, es zöge eine Lanterne auf, und ſpäter gewahrte ich deutlich eines ſeiner blauen Lichter. Ich zog den Wind an, um mich der Inſel zu nä⸗ hern, damit ich unter der Leeſeite derſelben geſchirmt ſeyn moͤge, wenn der Tag anbräche. In der Naͤhe einer Docke geboren, und von Jugend auf viel Vergnuͤgen an Segelböten findend, hatte ich gelernt, ein Boot gut zu regieren. »Bitte, mein Herr, bedenken Sie nur einen Augenblick die Veraͤnderung, welche mein Schickſal in wenigen Monaten und ganz be⸗ — 318 — ſonders in den lezten Paar Stunden erlitten hatte; gleichwohl bedauerte ich die lezten nicht. Aber bei Sonnenuntergang am folgenden JTage ward ich kleinmuͤthig, als ich meine huͤlfloſe Lage uͤberdachte; allein in einem klei⸗ nen Boote, ohne Kompaß, ohne Lebensmit⸗ tel, auf dem weiten Meere, rings um mich her Waßer und uͤber mir der damals unge⸗ ſtirnte, wolkige Himmel. Nun erkannte ich meine Thorheit, wuͤnſchte mich wieder zuruͤck an den Bord des Schiffes. Ich weinte bitter⸗ lich, ließ in Verzweiflung das Steuer fahren, und das Boot von den Wellen und dem Winde treiben. Lange hielt der Hunger meine Augen geoͤffnet; zulezt aber, nachdem ich etwas Waßer getrunken hatte, ſchlief ich ein, uͤber⸗ wältigt von Anſtrengung und Faſten. Ich ſchlief lange, wenn gleich unruhig; es war beinahe Tag geworden, als ich erwachte, der Himmel war heiter. Ich machte noch einmal meine Segel los und lief vor dem Winde hin. Ich ſuchte auszudenken, welchem Laufe ich folgte. Aus der Richtung des Windes und aus dem Nordſterne zog ich den Schluß, daß ich gegen die Inſeln im Suluh⸗Archipelagus hin ſchiffe, und daß das hohe Land, welches ich am Morgen gewahrte, Borneo ſey. Ich — 319 — ſteuerte faſt genau nach Suͤden, und die In⸗ ſel Paragua, bei welcher ich das Schiff ver⸗ laßen hatte, mußte ſo ziemlich hinter mir lie⸗ gen. Der Wind blieb friſch, und meine kleine Barke flog raſch durch das Meer. Kein Fahr⸗ zeug irgend einer Art war im Geſicht. Un⸗ willkuͤhrlich knupperte ich am Rande des ein⸗ zig mir uͤbriggebliebenen Zwiebacks. Ich uͤber⸗ legte noch, ob ich meinen Lauf nach Borneo nehmen ſollte, als der Wind um einige Striche drehete, und ich fand, daß ich ſie nur durch hinaufkreuzen gegen den Wind er⸗ reichen könnte, weshalb ich genoͤthigt war, fortzuſegeln. »Die Angſt vor dem Hungertode machte mich ſchon das Verhungern fuͤhlen; aber der Wind friſchte wieder auf, und ich wußte, es koͤnne nicht viele Zeit vergehen, bevor ich wieder eine der zahlloſen Inſeln traͤfe, die vor mir liegen mußten. Ich war feſt entſchloßen, auf die erſte zuzulaufen, die ich ſehen wuͤrde. Dieſer Tag verging mir unter Hungerpeis; ich war krank und truͤbſinnig. Der Abend kam und ich ſah kein Land vor mir, verlor aber den Anblick deßen, das hinter mir lag. Mit zunehmender Nacht ward ich halbwahnſinnig und fieberhaft; ich ſchmaͤhete die Vorſehung, ——— — 320 — weil ſie mich verlaße. Die Nacht war heiter, faſt ſo hell, wie der Tag, und waͤhrend ich muͤrriſch am Steuer ſaß, hoͤrte ich etwas plaͤtſchernd in das Boot fallen, ſprang freu⸗ dig empor und ergriff einen glaͤnzend ſilber⸗ ſchüppigen Fiſch, der wohl ein Pfund wie⸗ gen mogte. Meine Freude erkaltete bei dem Gedanken, daß ich kein Feuer hatte, um den Fiſch zu kochen, nicht einmal ein Meßer, um ihn abzuſchuppen, ſo ganz war ich von Allem entbloͤßt. Ich warf den Fiſch in das Boot, und nahm mißmüthig meinen Siz am Steuer wieder ein. Nun traf mein Auge et⸗ was Dunkles, das auf dem Meere ſchwamm; ich trieb mein Boot nach der Seite hin, ſtreckte meinen Arm aus, und hob herein, was mich ein kleiner Block Holz duͤnkte, was aber eine Schildkroͤte war. Ich warf ſie hinab auf den Boden des Bootes. Dieſe beiden Gottesga⸗ ben, welche die Entfernung zwiſchen mir und dem Hungertode verlaͤngerten, machten mich wieder guter Dingez ich band das Steuer⸗ ruder feſt und fiel in Schlaf. Aus dieſem ward ich bald durch das Waſ⸗ ſer geweckt, das uͤber den Rand des Bootes hereinſtuͤrzte, und mich uͤberfloß, während ich ausgeſtreckt lag. Ich glaubte, das Boot 5 * ginge unter, hatte aber Beſinnung genug, das Segel zu loͤſen, nun hob ſich das Boot wieder, wiewohl mehr als zur Haͤlfte mit Waßer angefuͤllt. Nachdem ich das Segel am Maſte feſtgewickelt hatte, begann ich mit mei⸗ ner Ledermuͤze das Waßer auszuſchoͤpfen. Der Wind war ſtaͤrker geworden, das Meer ging hoͤher, und das Wetter ſah drohend aus. In⸗ deß blieb die Nacht hell. Ich reefte mein Se⸗ gel, ſpannte es dann wieder aus, und das Boot lief in großer Geſchwindigkeit fort, ſo daß ich voͤllig darauf vertraute, am Morgen Land zu erblicken. »Jezt wurde ich ſo hungrig, daß ich den Fiſch wieder aufſuchte, ich biß zuerſt und ſog' an ſeinem Schwanzende, fuhr aber unablaͤßig damit fort, bis ich zum Kopfe kam. Es war ſo köſtlich erfriſchend, uͤbertraf ſo ganz Al⸗ les, was ich fruͤher geſpeiſet hatte, daß ich mich verwunderte, wie die Menſchen Fiſche durch Kochen verderben moͤgten. Indeßen uͤber⸗ wand ich mich und hielt ein, als ich bis zu dem dickeren Theile kam, um dieſes ſpater am Morgen als Herzſtaͤrkung zu verzehren; doch diente es mehr dazu, meine Eßluſt zu ſchaͤrfen, als meinen Hunger zu ſtillen. Sehn⸗ ſüchtig und gierig begann ich nach der Schild⸗ II. 21 — 322 — kroͤte zu blicken, die im Boote lag, und weil ich bedachte, daß ſie mir beinahe entkommen waͤre, als das Seewaßer in das Boot lief, band ich ſie bei ihren Floßen feſt. Das Ubrige der Nacht verbrachte ich im Nachdenken, auf welche Weiſe ich ihre Schaale oͤffnen koͤnne, um zu ihrem Fleiſche zu gelangen, und ich verwuͤnſchte wiederholt meine Unachtſamkeit, mich nicht mit einem Meßer, einem Kompaß und einem Quadranten verſehen zu haben. Mir ſchien es, daß ich nur dieſe Dinge be⸗ duͤrfe, um mich zu einer Weltumſegelung im Stande zu ſehen; denn Sie wißen, mein Herr, nach einem guten Abendeßen empfin⸗ det ein Menſch ſehr viel Selbſtvertrauen.« — 323 — Fünf und dreißigſtes Kapitel. Mit Schwindel⸗Schnelle rund und rund, und rund Von Riff zu Riff hinauf ward's Boot getrieben, Bis an dem Rand des lezten Wogenſchnittes; Durch eine Offnung in dem Felſenbette Floß hier das Waßer, und ein ſtiller Ort In Spiegelglätte blieb, wo rinss die Brandung Empor brauſt; ſchaudernd ruhte hier das Voot. Shellen. „Die Nacht hindurch ſegelte ich eine weite Strecke. So wie der Tag anbrach, forſchte ich mit unſaͤglicher Angſt, um Land zu ent⸗ decken. Die See ging ſo hoch, daß mein klei⸗ nes Boot nur eben im Stande war, ſich flott zu halten, und ich mußte fortwaͤhrend Waßer ausſchopfen. Mein Leben ſchien daran zu haͤn⸗ gen, daß ich ſchnell Land gewinne, und ich vermag mein Entſezen und meinen Unmuth nicht zu beſchreiben, als ich bei dem hervor⸗ kommenden Tageslichte bemerkte, daß ich meh⸗ ren kleinen Inſeln in der Dunkelheit vorbei⸗ — 324 — gefahren war, und daß nun der weite Ocean vor mir lag, ohne nur einen dunkeln Punkt am Horizonte ſichtbar zu machen. Das übrige des Fiſches hatte ich — es war mir unmöglich geweſen, länger zu widerſtehen — waͤhrend der Nacht aufgezehrt. Vergebens war meine Anſtrengung, dicht an den Wind zu ſegeln, um eine der Inſeln zu erreichen; Wind und Meer waren zu ungeſtum, und haͤtte ich mein Boot nicht augenblicklich wie⸗ der vor den Wind gebracht, ſo waͤre ich in den Grund geſegelt. »Einige Stunden ſpaͤter zernagte mich der Hunger dermaßen, daß, obgleich ich mich an⸗ ſtrengte, mein Auge feſt auf den Horizont zu heften, um bei dem erſten Aufblinken von Land den Lauf des Bootes dahin zu richten, mein Blick zulezt unverwandt nur auf der Schild⸗ krote haftete. Ich hatte fuͤr nichts Anderes mehr Sinn. Verſuchte ich meinen Kopf ab⸗ zuwenden, ſo war das um nichts erfolgvol⸗ ler, als das Schuͤtteln eines Kompaß; die Schildkroͤte wirkte auf mein Auge, wie der Pol auf die Magnetnadel, und brachte es immer wieder zuruͤck auf den nemlichen Punkt. Auch meine Gedanken beſchaͤftigten ſich nur mit der Moͤglichkeit, die Schaale zu oͤffnen. 0 — 325 — Ich band das Thier los, legte es vor mich hin und betrachtete das Gewirr farbiger Li⸗ nien und Theilungsſtriche auf ſeinem Ruͤcken⸗ ſchilde, als unterſuchte ich eine Karte. Rie⸗ mals hatte ich etwas ſo wohl Verſchloßenes erblickt, ausgenommen die eiſerne Geldkiſte im Komptvir meines Vaters; es ſchien un⸗ moͤglich, ohne Eiſen ſie zu oͤffnen. Sodann erforſchte ich den Bau meines Bootes mit einer Genauigkeit, welche mich in den Stand geſezt haͤtte, ſelber eines zu fertigen, um zu ſehen, ob nicht ein Bolze oder Nagel demſel⸗ ben ohne Nachtheil auszuziehen waͤre, aber auch das war vergebens. Die Beinfloßen der Schildkroͤte ſchienen freilich in meiner Gewalt, aber ihr eines Ende war durch den hornigen Kopfſchild und die beinernen Finnen, das Andere ebenfalls durch Finnen und eine häu⸗ tige Subſtanz geſchloßen, die zäͤher war, als die Sohle meines Schuhes. Den Kopf ſelber ſtreckte ſie keinen Augenblick hervor, gleichſam als errathe ſie meine Abſicht. Nun verſuchte ich das Schild durch Zerſchlagen auf dem Rande des Bootes zu brechen; aber das Boot hätte ich auseinander getrieben, ohne nur den kleinſten Bruch im Schilde zu bewirken. Nach vielen fruchtloſen Verſuchen — 326 — gelang mir endlich, ſie bei dem Kopfe zu er⸗ faßen; dieſen band ich mit Segelgarn feſt und roͤdtete ſie endlich durch Anwendung meines lezten Mittels.⸗ »Aber wie 7« fragte ich. »Mit meinen Zaͤhnen nagte ich durch die Haut ihres Halſes, wiewohl ſie mit ihren Finnen mir faſt die Augen ausgeſchlagen hatte. Dann bohrte ich meine Finger in ihre Bruſt, riß die Finnen ab, und kam auf dieſe Weiſe zwiſchen das Schild. Aber in meiner Eile, oder vielleicht aus Unwißenheit, denn ich verſtand gar nicht damit umzugehen, zer⸗ riß ich ihr wahrſcheinlich die Gallenblaſe, denn wiewohl ich das Fleiſch recht fleißig ab⸗ wuſch, war es dennoch bitter. Die Eier, deren ſie eine große Anzahl bei ſich hatte, waren, obgleich ſehr klein, doch der ſchmackhafteſte Theil. Mein Hunger wurde geſtillt, und nun wandte ich meine ganze Aufmerkſamkeit wie⸗ der dem Entdecken von Land zu; vor Ent⸗ zuͤcken ſchrie ich auf, als ich dies an meiner Stenerbordſeite gewahrte!« Bei der Beſchreibung ſeines Kampfes mit der Schildkroͤte wurden ſeine Blicke und Be⸗ wegungen ſo grimmvoll heftig, daß ich ihm das uͤbriggebliebene Fleiſch auf dem Tiſche — — — — —.— — 327 — zuſchob und mich in geziemender Entfernung von ſeinen geierartigen Klauen hielt, denen ſeine Haͤnde durch die darauf tattowirten ſchwarzen Linien wirklich glichen. »Bei dem Anblicke des Landes,« fuhr er fort, verwachte meine hinſterbende Kraft wie⸗ der. Der Wind nahm immer zu, und weil ich fuͤrchtete, daß ein Sturm heraufziehen werde, ſuchte ich die Inſel ſo ſchnell als moͤg⸗ lich zu gewinnen. Wiewohl das Boot faſt über dem Waßer hinflog, ſo daß der Schaum uͤber mich hinſprizte, meinte ich in meiner Ungeduld doch, es laͤge ſo unbeweglich auf dem Waßer wie ein Holzblock. Ich gewahrte mehre andere Inſeln in fuͤdlicher Richtung von der erſten. Die Sonne war dem Verſinken nahe, als ich ſo weit herangekommen war, um die Brandung an der Felsklippe zu ge⸗ wahren. In meiner Begierde, an das Land zu kommen, ließ ich dem Boote ſeinen vollen Lauf und verſaͤumte, an der Kuͤſte hinumzu⸗ fahren, um mir eine Bucht oder einen Lan⸗ dungsplaz aufzuſuchen, um Untiefen und Fel⸗ ſen zu vermeiden. Blindlings ſegelte ich her⸗ an, wo die Brandung am höchſten auftobte, und fand mich ploͤzlich mitten zwiſchen Fels⸗ riffen, über welche die Wellen unaufhoͤrlich — 328 — und mit wüthendem Ungeſtuͤme hereinbrachen. In meinem ſo großen Eifer, der Meeresge⸗ 1 fahr zu entgehen, gab ich mich der Zertruͤm⸗ merung auf den viel gefahrvollern Klippen 3 preis. Ich loͤſete den Strick, der das Segel hielt, und dies flattertete wild im Winde. Meervoͤgel umflogen mich kreiſchend. Meine kleine Barke, faſt begraben im Sprizwaßer, das wie Hagelſchauer auf mich hinſtroͤmte, ward geſchlagen, gekippt und umgewirbelt, und war ſo mit Waßer angefuͤllt, daß ich kaum wußte, ob ich im Boote oder im Meere ſchwimme. Gerade als es von einer hohen Welle wuͤthend gegen einen Felſen geſchleu⸗ dert wurde, an dem es zerſchellen mußte, ku⸗ gelte dieſe Woge wie ein Ball zuruͤck, ohne zu brechen, und riß das Boot auf die gegen⸗ überſtehende Klippe, prallte dann wiederum von dieſer zuruͤck, als treibe ſie ein Spiel mit dem Nachen. Das Toſen des Windes und der donnernden Brandung war betäubend. Der Raum zwiſchen mir und dem Lande war weiß und ſchäumend wie uͤberkochende Milch; das Land ſchien dicht bei mir, doch ohne Moͤg⸗ lichkeit dahin zu gelangen. Ploͤzlich verſank das Boot unter mir. Wiewohl ich ſchwimmen konnte, war meine Anſtrengung doch vergeb⸗ leche i — 329 — lich, denn war ich auch mit Anwendung mei⸗ ner ganzen Kraft bis auf Armlaͤnge einem Felsblocke nahe gekommen, ſo riß mich der Gegenſtoß wieder zuruͤck, gleichſam um mich zu verhoͤhnen. Zulezt voͤllig erſchoͤpft und am ganzen Koͤrper blutend aus Wunden, welche die lanzetſcharfen Spizen der Korallenriffe mir beigebracht hatten, gegen die ich von Zeit zu Zeit getrieben wurde, fuͤhlte ich, daß ich unterginge. Ich glaubte, mein Ende ſey nun da, und ich muß ſagen, daß der Tod durch Ertrinken nicht ſo graͤßlich iſt, als er darge⸗ ſtellt wird. Vielleicht erſchien er mir minder bitter nach der langen Anſtrengung, nach Hun⸗ ger, Blutverluſt, Erſchoͤpfung und bei der huͤlfloſen Lage, in der ich mich befinden wuͤrde, falls ich zum Landen kaͤme. Wie dem auch ſeyn mag, eine Empfindung von Ruhe, die faſt zum Vergnuͤgen ſich ſteigerte, ergriff mich, als das Waßer uͤber meinem Kopfe zuſchlug. Weil ich noch einige Augenblicke unwillkuͤhr⸗ lich oder krampfhaft mich bewegte, ſo kann ich mich noch erinnern, daß es mir ſchien, als wuͤrde ich unter dem Waßer gehalten, koͤnne aber nicht verſinken. Nun folgte ein Schmerz, als braͤche mein Herz — und das Leben war entflohen.« — 330 — Sechs und dreißigſtes Kapitel. „ Kann holdes Eyland, können Fruchtgeſiüde, Mühloſe Feſte, Herzen voller Milde, Wr die Natur den ſitt'gen Zartſinn übt, Wo Geld nicht weilt, wo unerkauft man liebt, — Kann das den rohen Seemann reizen, den Am Maſt durchſchüttert jedes Windes Weh'n? Byron. Er ſchwieg eine Weile, um ſeinen Callian 1 wieder anzufuͤllen, und fuhr dann in ſeiner Geſchichte fort: »Wie lange ich unter dem 1 Waßer blieb, weiß ich nicht. Ein Gefuͤhl, als träumte ich und bemuͤhe mich zu erwa⸗ chen, weilt noch ſchwach in mir; dieſem folgte Erſticken. Mich duͤnkte, daß Menſchen mich erdroßeln wollten, indem ſie mich in einem Stromſturze unter Waßer hielten, und daß des Waßers Rauſchen mein Geſchrei uͤbertoͤne. Endlich kam ich einigermaßen wieder zur Be⸗ ſinnung. Ich unterſchied einige uͤber mich hin⸗ — 351 gelehnte Geſtalten. Mir war übel und ich zit⸗ terte vor Froſt. Die Leute ſahen ſehr fremd⸗ artig aus und ſprachen zu mir, ich aber ver⸗ ſtand ſie nicht. Sie waren freundlich, rieben meinen Koͤrper mit ihren Haͤnden, um mich wieder in das Leben zu rufen. Aber ich kurze dies ab, um Ihnen mein Erſtaunen zu ſchil⸗ dern, nachdem ich ſo weit wieder zu mir ge⸗ kommen war, die Dinge um mich her erken⸗ nen zu koͤnnen. Ich lag auf dem Boden, unter mir wa⸗ ren Matten hingebreitet, und baumwollene Gewaͤnder bedeckten mich. Drei faſt nackte Frauen ſtanden neben mir, ſpäter ſah ich je⸗ doch, daß dieſer entbloͤßte Zuſtand nicht ihre Landesſitte ſey, ſondern davon herruͤhrte, daß ſie mich mit ihren eigenen Kleidungen bedeckt hatten. Ihre Geſichter, Arme und Nacken wa⸗ ren mit ſchwarzen Linien bezogen. Sie tru⸗ gen goldene Ringe in ihren Naſen, an den Armen und um ihre Knoͤchel. Sie waren ſehr jung, und, wie mich damals duͤnkte, wirk⸗ lich huͤbſch, wenn ſie nur nicht durch jene Li⸗ nien entſtellt worden waͤren, auch die Farbe ihrer Haut war nicht ſehr dunkel. Sie ſchrien auf, als ich ſprach und mich bewegte, um auf⸗ recht zu ſizen. Furchtbarer Heißhunger hatte — 332 — mich wieder ergriffen. Ich ſuchte ihnen dies durch Zeichen zu verſtandigen, nun liefen ſie Alle fort, kehrten aber vald mit Fruͤchten zuruͤck. Gierig verſchlang ich dieſe, eine nach der andern, ſo wie die Frauen mir ſie dar⸗ reichten; ich erſchreckte ſie durch meine Ge⸗ fraͤßigkeit. »Nachdem mein Hunger geſtillt war, blickte ich umher, zu ſehen, wo ich ſey, und fand mich am Rande eines kleinen, ſanften, klaren Baches; gleichwohl erſchreckte mich das Ge⸗ toͤſe der Brandung ganz in meiner Nähe. Sehen konnte ich dieſe nicht, weil eine hohe Felswand zwiſchen mir und dem Meere em⸗ porſteilte. Später erklaͤrte ſich's, daß ein ſtarker Strudel unter der Oberfläche mich, als ich hinabſank, in ſeine Wirbel erfaßt und gegen die Muͤndung dieſes kleinen Baches ge⸗ trieben hatte, der ſo ſtill wie ein Teich war, weil er ganz vor dem Winde geſchuͤzt lag und vom Meere aus nicht geſehen werden konnte, obgleich er, aus einer Jungel herabfließend, ſich in dieſes ergoß. Drei Mädchen, die in einem Canoe zu der Muͤndung dieſes Flußes herabkamen, um in rechter Zeit da zu ſeyn, weil ſie Nachts Fiſche mit Speeren ſtechen wollten, die bei ſtuͤrmiſchem Seewetter ſich ———— — ———— — immer in großer Menge hier ſammelten, muß⸗ ten in dem Augenblicke herangekommen ſeyn, als mein Koͤrper wieder oben trieb. Weder überraſchung, noch Furcht hielt ſie ab, mich an's Ufer zu ſchleppen. Lange Zeit hielten ſie mich fuͤr eine Leiche. Um die Fiſche anzu⸗ locken, machten ſie ein Feuer an, in deßen Naͤhe ſie mich hingelegt hatten; dies betrach⸗ te ich als einen gluͤcklichen Zufall, dem ich mein Leben verdanke. Die erſten Zeichen, die ich von Athmen und Bewegen gab, waren hinreichend, ſie zu vermoͤgen, Alles anzuwen⸗ den, um mich im Leben zu erhalten, und wie⸗ wohl an ſich gering, reichte ihre Huͤlfe doch dazu hin. »Ich will Ihnen nun vom nächſten Morgen erzaͤhlen, denn ich blieb die ganze Nacht dort unter ihrer Pflege. Dann war ich genugſam wieder bei Kraͤften, um aufrecht ſtehen zu koͤn⸗ nen, und ſie fuͤhrten mich hinab zu ihrem Ca⸗ noe, das ſie in den Fluß ſchoben. Ich hatte großen Widerwillen, wirkliche Angſt vor dem Waßer; inzwiſchen ſchifften wir uns ſaͤmmt⸗ lich ein. Mich ſezten ſie auf den Boden hin, und begannen, mit ihren Rudern das Boot fortzutreiben. »Als wir das kleine offene Becken verlie⸗ — 334 — ßen, das der Fluß zwiſchen Felſenwänden, Kokosbaͤumen und gelbem Mooſe bildete, und nun den Strom hinauf fuhren, ſtanden die Bäume und Bambus zu beiden Seiten ſo dicht, daß ſie an manchen Stellen oben zuſammenlaubten und das Sonnenlicht ab⸗ hielten. An dieſen Baͤumen hingen haufen⸗ weiſe, gleich lebendigen Fruͤchten, kleine ſchwarze Affen, nicht groͤßer, als ein Apfel. Der ſuͤße Duft der Bäume und Bluͤthen, ſo wie der Maͤdchen freundliche Blicke heilten mich recht wunderbar. Der Fluß hatte viele Kruͤmmungen und wurde zuweilen ſehr ſchmal. An manchen Stellen hatte er ſeine Ufer durch⸗ brochen und kleine Abzuͤge gebildet, deren Lauf man aus den hoͤhern, kräftigen Bau⸗ men und dem uͤppigen Wachsthume der Kraͤu⸗ ter erkennen konnte. Nach etwa zwei Stunden kamen wir zum Einlauf eines dieſer Abzuͤge, der breiter und tiefer war, als die bis⸗ 16 her geſehenen. In dieſen fuhren ſie ihr Ca⸗ noe, und machten mir Zeichen, an das Land zu ſteigen. Dies that ich; hier war ſo uͤppi⸗ ger Pflanzenreichthum, daß uns faſt kein Raum zum Stehen gelaßen ſchien; auch konnte ich da, wo das Canoe landete, im langen, wil⸗ den Graſe gar keinen Pfad gewahren. — 335 — »Sie gaben mir Zeichen, ihnen zu folgen; und wir gingen einige Minuten im ſeichten Flußbette hin; darauf erreichten wir bei ei⸗ ner Wendung einen Pfad, der immer am Fluße hinfuͤhrte. Bald gewahrte ich hier un⸗ ter einem Haine ſchlanker Bäume, die ganz von Unterholz geſaͤubert waren, eine Menge kleiner hoͤlzerner Huͤtten, mit Blaͤttern ge⸗ deckt. Mich fuͤhrten ſie in eine von zwei oder drei der groͤßten, die dicht nebeneinander er⸗ baut und mit einer Hecke von Dornenbirnen umzogen waren. »Als ſie in ihre Haͤnde klatſchten, kamen aus allen Winkeln eine Menge alter Frauen und nackter junger Kinder hervor. Dieſe ſtier⸗ ten mich an, richteten tauſend Fragen an die Mädchen, die mich hergefuͤhrt hatten, kamen mir naͤher, um mich genau zu betrachten, befuͤhlten meine Haͤnde und meine Haare, und gingen dann wieder hin, ſich meine Ge⸗ ſchichte noch einmal erzaͤhlen zu laßen. Es dauerte nicht lange, bis alle alte Frauen im Dorfe in eben dieſer Weiſe mich beſuchten und betaſteten. »Meine Wirthinnen verſorgten mich inzwi⸗ ſchen mit einem Uberfluß von Lebensmitteln, als: geroͤſtetes Fleiſch, Mis, Mais und — 336 — Fruͤchte. Was mich am meiſten in Erſtaunen ſezte, war, daß ich, außer zwei oder drei ganz abgelebten, gar keine Männer erblickte. Aber es wird Nacht, deshalb will ich uͤber Jahre meiner Geſchichte hingleiten; alles er⸗ ſcheint mir noch, als waͤre es erſt geſchehen, und wenige Ereigniße haben ſich in ihrem Verlaufe bemerkbar gemacht. Unter dem gutherzigſten und einfachſten Volke der Welt fand ich Zuflucht. Später er⸗ fuhr ich, daß die Männer des Dorfes zur Zeit meiner Ankunft mit ihrem Koͤnige zu ei⸗ nem großen Jagd⸗ und Fiſcher⸗Zuge durch und um die Inſel abgegangen waren, welcher zweimal jaͤhrlich vorgenommen wird. Die drei Maͤdchen, welche den Fluß herabgekommen waren, um Fiſche zu fangen, waren dieſes Inſelkoͤnigs Toͤchter. Abends, als ich mich ſchlafen legen wollte, ward ich hoͤchlich uͤber⸗ raſcht: die aͤlteſte der Jungfrauen, die mir ein behagliches Lager von Schilf und Matten zubereitet hatte, hielt ein kurzes Geſpraͤch mit ihren Schweſtern und legte ſich dann an meiner Seite nieder.« Als ich auflachte, ſchien der Zaov⸗Englaͤn⸗ der dadurch beleidigt und ſagte: »Mein Herr, es iſt Landesſitte, daß die aͤlteſte der unver⸗ — 337 — heiratheten Frauenzimmer einer Familie, mit dem angekommenen Fremdlinge ſchläft.« »Fahren Sie fort; den Gebrauch billige ich ſehr. Er iſt vortrefflich, beſonders fuͤr uns Reiſende; und ich wuͤnſchte, daß eine ſolche gaſtliche Aufnahme uͤberall eingefuͤhrt waͤre.« »Von der Zeit an,« ſezte er hinzu, »ward dieſes Maͤdchen meine Frau.« Das, dachte ich, aͤndert die Sache, und ich ſah recht ernſthaft aus. »Der Koͤnig,« fuhr er fort, »kehrte mit ſeinem Volke zuruͤck und bezengte ſeine Uüber⸗ raſchung und Freude, mich als ein Mitglied ſeiner Familie zu finden. Allmaͤhlich gewöhnte ich mich an ihre Lebensweiſe und erlernte ihre Sprache. Ich hatte von Natur Anlage zur Mechanik, die ſich in England noch mehr aus⸗ gebildet hatte, weil ich in der Naͤhe einer Schiff⸗Docke wohnte; mithin wurde ich dem alten Koͤnige nuͤzlich, der mich bald wie ſeinen Sohn liebte, und mir ſeine beiden andern Toͤchter, auf deren dringendes Erſuchen, zu Frauen gab. Darauf bezog ich ein abgeſon⸗ dertes Haus, ein Geſchenk des Koͤnigs; die⸗ ſer konnte jedoch meine Entfernung nicht lange ertragen. Sie ſehen, mein Herr, jede Spur fruͤherer Geſittung iſt mir verloren gegangen H. 22 — 338 — und ich gleiche durchaus den Eingebornen der Inſel.« »Aber, Sie haben mir noch nicht geſagt, wohin Sie fahren? »Weil Sie ein Englaͤnder ſind,« erwiederte er, »glaube ich, es koͤnne mir nicht nachthei⸗ lig werden, Ihnen dies zu eroͤffnen. Sie muͤſ⸗ ſen wißen, mein Herr, daß in den wenigen Jahren mehre Spaniſche und Hollaͤndiſche Schiffe auf unſerer Inſel angelegt haben, die nicht nur unſere Kuͤſten beraubten, ſondern auch mehre der unbewaffneten Leute ergriffen, um ſie zu Sklaven zu machen. Dieſe kommen von den Philippinen⸗Inſeln. Deshalb gehe ich, um die Huͤlfe des Engliſchen Gouverne⸗ ments in Indien zu erbitten, und um Ge⸗ ſchuͤz und Munition zu einer Batterie zu kaufen, oder —« Ich unterbrach ihn: — »Dies Leztere iſt weiſe; aber an Ihr Geſuch denken Sie nur nicht weiter. Wodurch koͤnnten Sie die Kom⸗ pagnie bewegen, Ihnen Huͤlfe zu leiſten ?« »Durch eine werthvolle Perlenfiſcherei,« ant⸗ wortete er, »welche die Kompagnie ſo wenig, als irgend ein Europaͤer, außer mir, kennt.« Ich legte ihm meine Hand auf den Mund und rief aus: »Sagen Sie das nie wieder —————— — —————— — 6 — 339 — einem menſchlichen Weſen, oder man wird Ihnen Ihre Inſel mit Gewalt nehmen! Sam⸗ meln Sie Ihre Perlen im Geheimen, und vertauſchen ſie dieſe gegen Waffen, oder laßen Sie ſie ruhig liegen, wo ſie ſind.« Dieſen Rath gab ich ihm mit ſo dring⸗ lichem Ernſte, daß ich glaube, er hat ihn befolgt, und ich habe mich St ihn zu verrathen. »Aber,« ſagte er, »nach Calcutta muß ich jedenfalls, denn dort hoffe ich von meinen Angehoͤrigen Kunde zu erhalten, und ich wuͤnſche, ihnen wißen zu laßen, daß ich lebe und ganz zufrieden bin. Nach Europa will ich nie zuruͤck! Hier habe ich Frauen und Kinder, Jedermann liebt mich, und was koͤnnte ich dagegen in Europa vornehmen mit dem Brandmale meines Lebens unter Wilden im Geſichte und auf meinem Koͤrper? Hier ge⸗ winnen dieſe Verehrung, weil ſie zeigen, daß ich der Sohn eines Koͤnigs bin; dort wuͤr⸗ den ſie verurſachen, daß man mich uͤberall, wo ich mich blicken ließe, anſtarren und ver⸗ ſchreien wuͤrde, wie ein wildes Thier.« Sieben und dreißigſtes Kapitel. — Ob Chriſtenglaube wahr, ob nicht, Hatt' ich noch nimmer unterſucht. Ich nahm ihn für Gewohnheits⸗Pflicht. Oft hat mein banger Geiſt verſucht Zu zweifeln, ob die Wahrheit rein, Ob's Menſchenſazung ſey und Schein. Shelley. ich, »wie bekamen Sie dieſes alterthuͤmlich ausſehende Schiff? Oder iſt es etwa die Per⸗ len⸗Auſter⸗Bank, die ſich aus der Tiefe geho⸗ ben und flott geworden iſt.« »Vor ſiebenzehn oder achtzehn Monden,« erwiederte er, »fuhr ich mit einer Anzahl un⸗ ſerer Canoe hinaus, um die Suͤdweſtkuͤſte unſerer Inſel zu beſchiffen, da gewahrten wir dieſes Fahrzeug entmaſtet dem Lande zutreiben. Ich fuhr hinan, und weil ich Nie⸗ manden darauf erblickte, beſtieg ich das Wrack. »Aber im Namen des alten Neptun fragte ——— ——— „ — —————— — 341 — Es war gänzlich verlaßen; bei dem Offnen der Luken, um hinabzuſteigen, drängten peſt⸗ artige Duͤnſte, wie von verfaulenden Körpern herauf, und wir fanden wirklich einen Hau⸗ fen dergleichen, als eine nicht zu unterſcheidende Maße uͤbereinander geworfen. Einige unge⸗ wiße Zeichen ließen uns vermuthen, es ſeyen die Leichen von Lascar'n oder Arabern, viel leicht von Beiden. Eine große Kaze mit ge⸗ ringeltem Schweife und eine Menge Waßer⸗ ratten nagten an den verfaulenden Koͤrpern. Meine Leute ſagten, und ich glaube, ſie ur⸗ theilten richtig, es ſey ein Kuͤſtenſchiff, wel⸗ ches Seerauber angegriffen und die Mann⸗ ſchaft gemordet hätten. Alles, was Werth hatte, oder tragbar war, hatten ſie heraus⸗ genommen. Wir bugſirten es in einen kleinen Hafen der Inſel, reinigten es, und kalfater⸗ ten, ſo gut wir vermogten. Ein ganzes Jahr habe ich daran gearbeitet, und Sie ſehei, wie wenig ich ausrichten konnte, weil ich weder geeignete Werkzeuge, noch Eiſen, Tau⸗ werk, Theer, Malerfarbe, Segeltuch, Anker, oder Kabel hatte; in welcher Weiſe ich dieſe zu erſezen ſuchte, gewahren Sie. Ob ich wei⸗ ter fahren oder den Forderungen des geſun⸗ den Menſchenverſtandes gehorchen und um⸗ — 342 — kehren ſoll, weiß ich wahrlich nicht. Ihre Meinung ſoll mich beſtimmen, denn Sie ſchei⸗ nen freundlichen Antheil an mir zu nehmen, und ſind mein Landsmann.« Ich druͤckte ihm die Hand, und betheuerte, daß ich in jedem Falle mein Moͤglichſtes fuͤr ihn thun wolle. Es war aber ſpaͤt geworden, und ich kehrte mit dem Verſprechen zu mei⸗ nem Schooner zuruͤck, daß ich die Nacht hin⸗ durch in ſeiner Naͤhe bleiben, um ihn am folgenden Morgen mit meinem Zimmermei⸗ ſter und dem Bootmanne zu beſuchen, damit ſein Schiff gehoͤrig unterſucht wuͤrde, um zu ſehen, ob es ſeewuͤrdig ſey. Demgemaͤß fand am nächſten Morgen eine genaue Prufung deſſelben Statt, und der Be⸗ richt ſiel ziemlich guͤnſtig aus. Nachdem ich mit dieſem Fuͤrſten von Zaov mich laͤnger be⸗ ſprochen, und alle die Beweggruͤnde vernom⸗ men hatte, die ihn wuͤnſchen ließen, einen Europäiſchen Hafen zu beſuchen, in welchem er ſich Waffen, Munition und eine Menge anderer Beduͤrfniße verſchaffen konnte, em⸗ pfahl ich ihm, mit dem Land⸗ und Seewinde längs der Kuͤſte von Malabar hinzuſteuern, und nach Pulo⸗Penang zu fahren, wo ſein Schiff ausgebeßert und in beßern Segelzu⸗ ſtand verſezt werden koͤnnte; von da aber nach Bengalen uͤberzuſchiffen, woſelbſt er nur allein erhalten koͤnne, was er wuͤnſche. In Erwiederung auf meine Fragen über die Inſel und deren Bewohner ſagte er mir: »Die Inſel iſt klein und niedrig, mit Aus⸗ nahme eines zackigen Berges, der faſt in ih⸗ rem Mittelpunkte ſich erhebt; und dieſer hat nach Uberlieferung unter den Eingebornen einmal ganz in Flammen geſtanden. Daraus ſchließe ich, er ſey ein Vulkan geweſen, der vielleicht aus dem Meergrunde emporkam, und der ſich vergroͤßert hat, wie er auch noch jezt durch die lebendigen Korallen im Zuneh⸗ men iſt. Sie kennen den raſchen Wachsthum in dieſem Himmelsſtriche. Die Inſelbewohner ſagen, daß jenes Dorf, in welchem der Kö⸗ nig jezt wohnt, ehemals dicht am Meeresufer lag; und dies ſcheint gegruͤndet, weil ſich bei Nachgrabung Sand und Seemuſcheln finden. Jezt iſt die ganze Inſel mit hohem Baum⸗ ſchlag und undurchdringlichen Jungeln be⸗ wachſen, mit Ausnahme des Berggipfels und ſolcher Orte, welche die Eingeborenen zu ih⸗ ren Wohnplaͤzen reinigten. Wir haben wilde und zahme Schweine, Ziegen, Wildprett, Affen und Gefluͤgel; außerdem Yam, Kladi, — 344 — und eine Mannichfaltigkeit von Wurzeln und Kraͤutern, Mango, Bananen, Kokosnuͤße und andere Fruͤchte, die Meerkuͤſte wimmelt von Schaalenthieren und Fiſchen. Wo die Vorſehung ſo Vieles erzeugte, thun wir nicht viel mehr, als fiſchen und jagen. Die Ein⸗ wohner thun wohl, ſich mit dem zu begnu⸗ sen, was ſie haben, und nie nach Mehrem durch Sorge und Arbeit zu ſtreben. Was man der Erde durch harte Arbeit abzwingt, wird verbittert durch die Muͤhſeligkeit, mit der man es erkauft. „Die Frauen ſind ſehr fleißig und beſorgen den Haushalt. Die Bevoͤlkerung lebt uͤber die ganze Inſel in Doͤrfern verſtreut, unter ſel⸗ ber gegebenen Geſezen, die einfach, fuͤr alle gleich und kurz gefaßt ſind. Zweimal im Jahre iſt große Volksverſammlung, bei welcher der Koͤnig den Vorſtz fuͤhrt, die Klagen vernimmt und den Hader ſchlichtet. Die Frauen haben ihren voͤlligen Antheil von Freiheit. Jegliche von ihnen mag den heirathen, welchen ſie waͤhlt, und zu ihrer Familie zuruͤckkehren, wenn ihr Mann ſie uͤbel behandelt. Vor der Verheirathung duͤrfen ſie Geſchlechtsumgang mit Unvermaͤhlten und Unverſprochenen hal⸗ ten; nach der Heirath wird das aber ſo ſchaͤnd⸗ „ — — 345 — lich geachtet, daß beide Theile aus der Ge⸗ meinſchaft der Ubrigen verſtoßen werden. Vielweiberei iſt erlaubt; wiewohl nur die Haͤupter mehr als zwei Frauen nehmen duͤr⸗ fen. Weil jegliche Frau genoͤthigt iſt, die Arbeit in ihrem eigenen Hauſe und fuͤr ihre Familie zu verrichten, ſo iſt ſie nicht nur da⸗ mit zufrieden, daß ihr Mann eine zweite Frau nimmt, ſondern verſieht ihn in den meiſten Faͤllen damit, indem ſie eine Schwe⸗ ſter oder eine Freundin, welche ſie beſonders liebt, dazu auswaͤhlt; denn unter ihnen gibt es weder Sklaven, noch Dienende. »Alle Frauen ſind wohlgebildet, ſanft und ihren Familien ſehr zugethan. Sie ſind rein⸗ lich an ihrem Koͤrper, und in Gewaͤnder ge⸗ kleidet, welche ſie von der Borke eines Bau⸗ mes machen; dieſer Zeug iſt weich und da⸗ bei dauerhaft, nimmt auch alle Farben an. Unſere Wohnungen haben ein oberes Stock⸗ werk von Bambus; der untere Theil dient zur Aufbewahrung von Vorraͤthen. Der Ta⸗ bak, den Sie jezt rauchen, wächſt auf unſe⸗ rer Inſel; alle unſere Leute gebrauchen ihn. Dieſe hoͤlzernen Pfeifenroͤhre verfertigen ſie aus einer Art von Jasminſtaude, deren Mark ſie austreiben, ſo lange es gruͤn iſt, aus — 346 — gebranntem harten Holze werden die Koͤpfe ge⸗ macht. Eben ſo bereiten ſie ihre Speere und Meſ⸗ ſer ſelber; die Handgriffe ſind mit Schnizwerk verziert. In den Geſichtszuͤgen und der Haut⸗ farbe der Eingebornen herrſcht merkliche Man⸗ nigfaltigkeit. Von Zeit zu Zeit wird etwas Tauſchhandel auf der Inſel getrieben, denn Geld kennt man nicht; Schiffe von Borneo brachten Eiſen, Arte, Draht, grobes Tuch, Kupfer und alte Musketen; dagegen erhiel⸗ ſie eine Menge Gummi und Baumharz, Ko⸗ kosnuß⸗Ol, Sandel und Kiabuka⸗Holz. Aber die Anfahrt zu der Inſel iſt gefährlich, der ſtar⸗ ken Grund⸗Strudel und der ungeheuren Ko⸗ rallenriffe wegen, aufwelchen das Meer fort⸗ waͤhrend brandet. Zudem hat die Inſel nur einen ſehr kleinen und nicht ſehr geſicherten Hafen.« Auf meine Frage, ob ſie irgend einer Re⸗ ligion anhingen, und welche dieſe ſey, erwie⸗ derte er: »Ja, wir haben unſern Aberglauben, aber keine Prieſter. Unſere Haͤuptlinge fuͤhren bei beſondern Zeremonien den Vorſiz, ſingen Gebete und opfern den boͤſen Geiſtern.« »Aber welcher iſt ihr Glaube?« fragte ich weiter. —— „Er iſt auf die nämliche Grundlage gebaut, als der Ihrige in der Heimath; der Glaube nimmt einen guten Geiſt an, der uͤber der Erde, und einen Boͤſen, der unter ihr wohnt.« Der Zaoo⸗Fuͤrſt hatte ſein Schiff mit Pad⸗ dy, mit Wild⸗ und Ziegenfleiſch, das, zu kleinen Stuͤcken zerſchnitten, in Salzwaßer getaucht und an der Sonne gedorrt war, und mit Fiſchen verſehen, die auf eben dieſe Weiſe zur Aufbewahrung zugerichtet worden. Außer dieſem hatte er einen großen Vorrath von Kokosnuͤßen, und einen ſehr fenrigen, aus dem gegohrenen Safte dieſes Baumes gefer⸗ tigten Arrack, Melonen, Kuͤrbiß, Zwiebeln und eine erſtaunenswuͤrdige Menge von Ta⸗ bak an Bord, der lang und dickblaͤtterig war, aber vortrefflich duftete. Von dieſem gab er mir, ſo viel mein Boot tragen konnte, und ſchenkte mir eine ſeiner Pfeifen; dieſe lezte bewahre ich noch als ein Andenken an dieſen ſeltſamen Menſchen; groteske, ungethuͤmliche Geſtalten von erſonnenen . ſind tief darauf eingeaͤzt. Im Laufe dieſes Tages kam eine ſeiner Frauen zu fruͤhe mit einem Prinzen nieder, und erſchien zu meinem Erſtaunen bald nach⸗ her auf dem Verdecke, um im Meere zu baden. — 8 — Weil ich bereits mehr Zeit mit ihm ver⸗ bracht hatte, als mich rathſam duͤnkte, gab ich ihm eine Seekarte, einen Kompaß, einige Flaſchen Branntwein, einen Sack voll Schiffs⸗ zwieback, und was wichtiger war, ich ließ ſein Steuerruder ausbeßern und ſein Schiff in beßeres Gleichgewicht zum Segeln ſezen. Er uͤberhaͤufte mich mit Dankſagungen, und drang mir einen kleinen Beutel voller Perlen auf, die ich als reichlich vorhandenes Erzeug⸗ niß ſeiner Inſel annahm. Darauf gab ich ihm das Verſprechen, ſeine Inſel, wenn irgend möglich, zu beſuchen, umarmte ihn mit Herz⸗ lichkeit, und dann ſezten wir Beide unſern Lauf in entgegengeſezten Richtungen fort. — 349 — Acht und dreißigſtes Kapitel. . Und Neb meint', Deß noch das Schiff ein Gtündchen ſchwimmen könnte; Denn ſchwamm's auch, ſchwamm's doch nicht gleich einer Ente. Byron. Leicht ſieht man ein, daß, als Gefahr nicht wich. Die Mannſchaft ſich vom Unmuth ließ verführen. Die Paßagiere fanden's ärgerlich. Ihr Leben, ſammt der Mahlieit zu verlieren⸗ Ebend. ⸗ Fortwährend machte ich auf alle Schiffe Jagd und traf unter andern Kuͤſtenfahrzeugen, auch eine Chineſiſche Junk, die auf ihrer Ruͤck⸗ kehr von Borneo, aus ihrem Laufe getrieben war. Sie ſah aus wie eine ungethuͤmliche Theekiſte, die flott gemacht worden, und ſe⸗ gelte etwa eben ſo gut. Sie hatte platten Bo⸗ den und flache Seiten; gruͤne und gelbe Dra⸗ chen waren uͤberall als Zierrathe auf ſie gemalt oder vergoldet; ſie trug fuͤnf Maſt⸗ bäume, fuͤhrte Bambusrahen, Mattenſegel und Tauwerk von gedrehtem Baſt; ringsum hatte ſie eine doppelte Gallerie ſo hoch wie mein halber Maſt; Vordertheil und Stern waren mit Zierrathen bedeckt, ſie mogte wohl ſechshundert Tonnen tragen. Ihr Inneres war ein vollſtaͤndiger Bazaar; Schwaͤrme von Menſchen fuͤhrte ſie am Bord, und weil jeder Einzelne einen Theil vom Tonnengehalte im zugemeßenen Raume bekam, ſo hatte auch jeg⸗ licher dieſer ſeinen Theil abgeſondert und in einen Kaufladen oder ein Waarenhaus um⸗ gewandelt; dieſe Abtheilungen glichen den zahlloſen Zellen in einem Bienenkorbe, ge⸗ wiß gab es darin einige hundert. Alle Hand⸗ werke und Kuͤnſte wurden hier getrieben, ganz ſo, wie am Lande; vom Eiſenſchmiede an bis zur Verfertigung von Papier aus Reis⸗ Stroh und von Glas aus Reiskoͤrnern; vom Zuſammenſezen elfenbeinerner Faͤcher, und Stickereien in Gold auf Muslin, bis zum Braten unzerſtuͤckelter junger Schweine, die dann auf Bambusſtäben zum Verkauf umher⸗ getragen wurden. Ein uͤppiger Tartar und ein tonnenbäuchiger Chineſe, hatten ihre Lek⸗ kerbißen in einer Kajuͤte zuſammengethan; ein gemaͤſteter Hund, ganz am Spieße gebraten, und ausgeſtopft mit Curcumie, Reis, Schmalz, und Knoblauch, geſpickt mit Schweinsfett; ferner die echten, koͤſtlichen und beruͤhmten Meervoͤgel⸗oder See⸗Schwalben⸗Reſter, Hay⸗ fiſchfloͤßen zu Gelee eingekocht, geſalzene Eyer, und gelb gefaͤrbter Pilaff bildeten ihre Mal⸗ zeit. Eine maͤchtige Chineſiſche Bowle voll heißen Arrackpunſch ſtand in der Mitte des Tiſches, und ein Knabe war fortdauernd be⸗ ſchaͤftigt, deren Inhalt auszuſchoͤpfen. Solche gefraͤßige Schlemmer hatte ich noch nie er⸗ blickt; ſie ruͤhrten ihre Kinnladen mit der Schnelligkeit und unaufhoͤrlichen Bewegung, womit der Taſchenſpieler ſeine Kunſt im Ball⸗ werſen zeigt. Des Chineſen kleine, ſchwarze, ſpeckig runzelnde Angen, faſt unter Fettber⸗ gen begraben, funkelten gleich einer Fliege, die in einer Buttertonne feſtgeklebt die Fluͤ⸗ gel ſchlaͤgt. Der Tartar, deßen Mund die Groͤße einer Schiffsluke hatte, ſchien einen ihm angemeßenen Raum zum Aufnehmen von Vorrath zu beſizen. Weil ich hoͤrte, daß dieſe Beiden die angeſehenſten Kaufleute am Bord ſeyen, war ich zu ihnen gegangen, um mit ihnen zu ſprechen; aber ſie glichen Schweinen, die bis uͤber die Ohren im uͤberfluͤßig hinge⸗ — 352 — worfenen Abfall wuͤhlen, und ließen ſich von den Leckereien, bei deren Hinunterſchlingung ſie beſchaͤftigt waren, nicht abwenden. Ein Matroſe, der mich zu ihnen gefuͤhrt hatte, fliſterte dem Tartar in's Ohr, wer ich ſey; er grunzte irgend etwas zur Erwiederung, und legte mit fetttriefender Taze einige Häͤn⸗ devoll gekochten Reis auf eine Ecke des Tiſches hin, machte mit der Fauſt eine Hölung in dieſen und goß dahinein etwas von der Speckbruͤhe aus der Schuͤßel, die den gebra⸗ tenen Hund enthielt, fuͤgte dem fuͤnf oder ſechs hartgekychte, geſalzene Eyer hinzu, und winkte mir, niederzuſizen und zu eßen. Von dieſen unreinlichen Beſtien vertrieben, ging ich zur Kajuͤte des Tärtaren⸗Kapitains, die uͤber dem Steuerruder erbauet war. Die⸗ ſer lag auf einer Matte ausgeſtreckt und rauchte Opium durch ein feines Rohr, er beobachtete die Karte und den Kompaß, wobei er ſingend ausrief: »Kie! Hove! — Kie! Chee!« Weil ich fand, daß ich dem Steuerruder eben ſo gut Fragen vorlegen moͤgte, als ihm, rief ich dem Schooner zu, mir eine Anzahl Be⸗ waffneter herzuſchicken. Sodann begannen wir eine allgemeine Nach⸗ ſuchung, drangen mit Gewalt in alle Ka⸗ — 353 — juͤten, und es entſtand ein Auftritt von Ver⸗ wirrung, Gegenrede und betaͤubendem Ge⸗ raͤuſche, wie ich keinen zuvor erlebt hatte. Zu den menſchlichen Stimmen geſellten ſich Kreiſchen und Schnattern von Affen, Pa⸗ vianen, Kakadus, Papagayen, Bories, Mak⸗ kaws, hunderter von Enten, von Teichtau⸗ chern, Schweinen und vielem andern Vieh und Vögeln, welche in großer Anzahl am Bord dieſer Mackva⸗Arche ſich befanden. Die Beſtuͤrzung und der ſtarrende Schrecken, der das buntfarbig zuſammengeſezte Schiffsvolk und die reiſenden Handelsleute ergriff, läßt ſich nicht beſchreiben, noch vorſtellen. Nie⸗ mals hatten ſie ſich träumen laßen, daß ein Schiff unter der heiligen Flagge des Kaiſers vom Weltall, des Koͤnigs der Koͤnige, der Sonne Gottes, welche die Welt erleuchtet, des Vaters und der Mutter vom ganzen Men⸗ ſchengeſchlechte auf aͤhnliche Weiſe und noch dazu in deßen eigenen Meeren angehalten und durchſucht werden koͤnne. Sie riefen uns zu: »Wer ſeyd Ihr? — Woher kommt Ihr? — Was wollt Ihr hier?. — Kaum wuͤrdig⸗ ten ſie den kleinen Schooner eines Blickes, deßen niederer, ſchwarzer Rumpf, als er queer hinter dem Sterne der Junk lag, wie II. 23 — 354 — ein Boot oder wie eine Waßerſchlange aus⸗ ſah; ſie ſtaunten uͤber die vielen bewaffneten, grimmigen Menſchen, und hielten es nicht fuͤr moͤglich, daß die in einem ſo unbedeuten⸗ den Fahrzenge Plaz finden koͤnnten, deßen Bug ſich kaum uͤber das Waßer erhob. Ein Hong⸗Seidenhaͤndler bot uns, während wir ſeine Waarenballen in eines unſerer Boͤte herabließen, fuͤr jeglichen Mann ein Seiden⸗ tuch, und redete heftig gegen unſer Wegneh⸗ men ſeiner großen Ballen, fuͤr die wir un⸗ moͤglich Raum haben koͤnnten. Einige wenige lehnten ſich auf und riefen Huͤlfe herbei, um ihr Eigenthum zu vertheidi⸗ gen. Einige Tartarenſoldaten traten unter die Waffen; der großmaͤulige Tartar und ſein Tiſchgenoß, aufgeſchwellt von ihrem Fraße ge⸗ bratenen Hundes und Meerſchwalben⸗Neſtern, bewaffneten ſich und drangen mit Hauen und Drohworten auf mich ein. Den Tartaren ex⸗ griff ich bei ſeinem Schnauzbart, der ihm bis auf den halben Leib herabhing, und er druͤckte ſeine Muskete mir in's Geſicht ab; ſie ver⸗ ſagte; ſeine Kinnladen ſtanden offen, und ich ſchloß ſie fuͤr immer mit meinem Piſtol. Die Kugel fuhr ihm in den Mund; — wie waͤre es mir auch moͤglich geweſen, den zu verfeh⸗ — 355 — len? — und er fiel nicht ſo zierlich wie ein Caͤſar, aber ſo ſchwer wie ein Maſtochſe un⸗ ter dem Schlage der Art. Die Chineſen haben eben ſo großen Widerwillen gegen den »ab⸗ ſcheulichen Salpeter,« nur bei Feuerwerken ausgenommen, als Heißſporns gepuzter und geſchniegelter Lord; und ihr Kaiſer, das Licht des Univerſum, iſt eben ſo unerbittlich ſtrenge und ſtrafend gegen diejenigen, die ſeine Un⸗ terthanen umbringen, als unſere Engliſchen Landbeſizer gegen die, welche ihre Faſanen toͤdten. Vor wenigen Tagen ſagte mir noch ein Großbrittaniſcher Earl, er vermoͤge kei⸗ nen Unterſchied zwiſchen dem Verbrechen des Toͤdtens eines Haſen auf ſeinem Gebiete, und eines Menſchen auf deßen Eigenthum zu ge⸗ wahren, und folgerte daraus, daß die Strafe fuͤr beide Faͤlle gleich ſeyn ſolle. Inzwiſchen habe ich manchen von des Earl Haſen, und zu ſeiner Zeit auch einige Chineſen getödtet, und zwar angetrieben zu dieſen haßenswuͤr⸗ digen Verbrechen durch einen und denſelben Anreiz, den nemlich, daß rachſuͤchtige Dro⸗ hungen von Strafen und Geldbußen mich daran hindern ſollten und es mir verboten. Aber um auf die Junk zuruͤckzukommen. — Wir hatten ein kleines Gefocht auf dem Ver⸗ — 356 — decke zu beſtehen, das etwa zwei Minuten dauern mogte; einige Schuͤße wurden gewech⸗ ſelt und noch einige Leute getoͤdtet. Der Schoo⸗ ner ſchickte uns noch mehr Mannſchaft zu Huͤlfe, und nun ward nicht laͤnger Widerſtand geleiſtet. Anſtatt uns aber mit dem Ausleſen einiger der werthvollſten Sachen zu begnuͤgen und ihnen zu erlauben, das Ubrige ihrer Ladung durch Zahlung einer Geldſumme von uns abzulö⸗ ſen, erklaͤrte ich jezt das Schiff fuͤr gute Priſe, weil die Spizbuben Widerſtand geleiſtet hat⸗ ten. Deshalb begannen wir nun eine regel⸗ mäßige Pluͤnderung, und kehrten ſo zu ſagen ihr Inneres nach Außen. Jeder Winkel, jedes Loch und jeglicher Verſchlag wurde durchſucht, ſaͤmmtliche Ballen aufgeſchnitten und alle Kiſten erbrochen. Den ſchweren und umfangvollern Theil ihrer Ladung, in Kampher, Farbehoͤl⸗ zern, Apothekerwaaren, Gewuͤrzen und Guß⸗ ſtangen von Eiſen und Zinn beſtehend, ließen wir zuruͤck; dagegen nahmen wir Seiden⸗ zeuge, Kupfer, ausgewaͤhlte Arzeneiwaaren, eine betraͤchtliche Menge Goldſtaub, einige Diamanten und Tigerfelle; auch vergaß ich Louis nicht, der mich gebeten hatte, nach Meerſchwalbenneſtern zu ſuchen; ich fand mehre Saͤcke voll davon in der Kajuͤte meines wer⸗ — 357 — then Freundes, des todtgeſchoßenen Kauf⸗ mannes. Eben ſo wenig uͤberſah ich die geſal⸗ zenen Eyer, einen neuen und vortrefflichen Mundvorrath fuͤr meine Schiffsmannſchaft. Ich nahm mehre Tauſende davon, ſo wie auch Reis und ſteinerne Toͤpfe voller geſchmolzenen Schmalzes; guter Proviant fuͤr mein Schiff. Die Chineſen bewahren die Eyer dadurch, daß ſie dieſelben nur in Salz und Waßer kochen, bis ſie hart ſind; das Salz durchdringt die Schaale, und die Eyer koͤnnen Jahre lang aufbewahrt bleiben. Der philoſophiſche Kapitain, deßen Ge⸗ ſchaͤft war, die Richtung und Steuerung der Junk zu ordnen, und der mit der Bemannung und Ladung nichts zu thun hatte, fuhr fort, ſeine narkotiſchen Duͤfte einzuathmen. Sein ſchwerfaͤlliger Blick war fortwaͤhrend auf den Kompaß geheftet, und ſeine ſchlaͤfrige Stimme rief aus: »Kie! Hooe! — Kie! Chee!« Wie⸗ wohl ich ihn zu wiederholtenmalen fragte, wohin ſeine Fahrt gerichtet ſey, war ſeine unabänderliche Antwort nur: »Kie! Kove! — Kie! Chee!« Ich ſezte ihm meinen Hand⸗ degen auf die Bruſt, ſein Blick blieb aber auf den Kompaß geheftet. Ich hieb den Kopf von ſeinem Pfeifenrohre herunter, er aber — 358 — fuhr fort, aus dieſem Rohrende zu ſaugen, und wiederholte: »Kie! Kooe! — Kie! Chee l Bei dem Abſtoßen unſers Schooners hieb ich im Hinfahren unter dem Stern der Junk die Ruderſtricke durch, ſo daß die Junk in den Wind abfiel, aber immer noch hoͤrte ich des Burſchen ſingenden Ausruf: »Kie! Kooe! — Kie! Chee!« Wir hatten treffliche Beute auf dieſem China⸗ Schiffe gemacht. Jeder Plaz unſers kleinen Schiffes war mit Waaren ausgeſtopft. Un⸗ ſer Schiffsvolk vertauſchte ſeine betheerten Lumpen gegen Hemden und Beinkleider von verſchiedenartig gefarbtem Seidenzeuge, und ſah darin Renn⸗Jockei's aͤhnlicher als Matro⸗ ſen. Am folgenden Tage trieb ich ſogar eine faule und uͤppige Chineſiſche Sau aus einem Ballen purpurrother Seide auf, deßen ſie ſich zu ihrem weichen Lager bedient hatte; vielleicht glaubte ſie, dazu das beßere Recht zu beſizen, weil der Ballen ihrem Herrn ge⸗ hoͤrk haben mogte, oder weil ſie zu der Be⸗ mannung der Junk gehoͤrte, oder vielleicht war ſie gar der Etgenthuͤmer ſelber, in dieſe Geſtalt umgewandelt, — wozu nicht ſehr große Anderung nothig war. Ich erhielt eben⸗ falls einige ſeltene, ſchon gearbeitete Waffen, — 359 — beſonders die Muskete oder Jagdflinte, die meinen Lebenslauf geendet haben wuͤrde, wenn ſie der Abſicht ihres Herrn gehorchte. Lauf, Schloß und Schaft ſind uͤberall mit Roſen und andern Figuren von maſſivem Golde tief eingelegt. Ich beſize ſie noch jezt, und ſie hat mich an die Umſtande erinnert, durch welche ich ſie bekam; ſonſt haͤtten dieſe, wie ſo viele andere von großerer Wichtigkeit, durch die Länge der Zeit oder durch neuere Ereig⸗ niße aus meinem Gedaͤchtniße vertilgt wer⸗ den koͤnnen. — 360 — Neun und dreißigſtes Kapitel. Kein Stern Erglänzt; gehört ward nicht ein Laut; die Winde, Ergrimmte Spielgenoßen der Gefahr, Umfaßt von Abgrund, ſchliefen hier. Sheltey. Wei ich mich jezt auf der Suͤdoſtſeite der Inſel Borneo befand, und die Zeit herankam, in welcher ich mit de Ruyter zuſammentreffen ſollte, ſo ſtenerte ich gradesweges auf die kleine Inſelgruppe dicht bei Borneo zu, aber genau, als ich Land erblickte, befiel uns eine ertoͤd⸗ tende Windſtille, welche beinahe vier Tage anhielt, und während welcherich einen mei⸗ ner beſten Leute verlor. In einer Bruſtſchleife von Tauwerk haͤngend, war er uͤber den Bug des Schooners hinabgelaßen, um eine Kupfer⸗ platte feſtzunageln, die losgetrennt worden, weil die Koͤpfe der Rägel abgerieben waren. — 361 — Ich befand mich auf dem Verdeck, und als ich ein entſezliches Geſchrei und Getoͤſe ver⸗ nahm, rannte ich nach dem Bug, woher die⸗ ſes ertoͤnte. Ein ungeheuer großer Hayſiſch hatte des Menſchen Schenkel ergriffen, und zerrte ihn daran hinab unter das Waßer, wo⸗ bei er mit ſeinen Floßen und ſeinem Schwanze das Meer zu weißem Schaume zerpeitſchte. Den Matroſen hielt die unter deßen Arme durchgezogene Tauſchleife, auch erfaßte er mit ſeinen Haͤnden die Kettenknoͤpfe, und ſuchte ſich auf jede Weiſe zu retten. Sobald er mich ſah, rief er aus: »Ach, Kapitain, rettet mich!« Ich rief den Matroſen, die ſich herbeidraͤngten, zu, Harpunen und Piken her⸗ zubringen und das Boot am Stern hinunter zu laßen; mit der raſchen Thätigkeit, die den Matroſen eigen iſt, ſobald einer ihrer Mit⸗ bruͤder in Gefahr ſchwebt, griffen ſte das Seeungeheuer an. Der Bruder des Ungluͤck⸗ lichen ſprang ſogar mit einem Meßer in der Hand uͤber Bord. Der Schaum auf dem Waſ⸗ ſer faͤrbte ſich mit Blut, und der gierige, gefraͤßige Meerteufel erhielt viele Wunden, ward ſogar von der Harpune getroffen, be⸗ vor er ſeine Beute fahren ließ; indeßen ent⸗ kam er, weil die Harpunlinie ihm nicht Spiel⸗ * — 362 — raum genug ließ und daher zerriß. Der Ma⸗ troſe ward voͤllig beſinnungslos auf das Ver⸗ deck gezogen; ſein Schenkel war in entſezlicher Weiſe zernagt, vom Obertheile der Wade an war das Fleiſch heruntergezogen, wie ein Strumpf, und man ſah nur den nackten Kno⸗ chen. Wir hatten eine Art von Wundarzt am Bord, den van Scolpveldt auf Jsle de France ausgefunden hatte, dieſer aber zeigte ſich als ein muͤßiger, dem Trunke ergebener Menſch, wiewohl er keinesweges ungeſchickt war. Der Matroſe ſtarb wenige Tage ſpaͤter; ich ver⸗ muthe, daß ſeine Wunden keine Heilkunſt mehr zuließen. Am Bord eines Schiffes verurſacht unvor⸗ hergeſehener Tod tiefen und ſchauerlichen Ein⸗ druck. Matroſen ſind eben ſo unwißend, und haben eben ſo wenig Beruͤhrungen mit der aufgeklärten Welt, als die in ihren Wuͤſten eingeſchloßenen Araber. Die Einen betrachten das große Waßerreich, die Andern ihre ſan⸗ dige Wuͤſte, und Beide Wind und Sterne als Zauberbuͤcher, die nicht zu enträthſeln ſind; und wer vermoͤgte auch dieſe geheim⸗ nißvollen, ihm unbekannten Kräften anzu⸗ ſchauen, ihre täglichen wunderbaren Wechſel und Wirkungen anzuſtannen, ohne aberglaͤu⸗ — 363 — biſch zu werden? — Araber und Matroſen vermoͤgen das gewiß nicht, denn ihr feſter Glaube an Zeichen und Deutungen iſt ſo alt und graͤnzenlos, als die Sandwuͤſte und das weite Meer. Sonderbar iſt es, daß ſo man⸗ cher, dem Seefahrer eigene Aberglaube ganz allgemein in der Welt verbreitet iſt; ſo zum Beiſpiel halten Seefahrer aller Laͤnder und aller Religionen vom Lord Relſon und dem Kapudan Paſcha an, der die Ottomanniſche Flotte befehligt, bis zum Mainotten⸗Seeraͤu⸗ ber und Arabiſchen Rals es fuͤr ein furcht⸗ bares Vorzeichen von Ungluͤck, wenn eine Reiſe am Freitage begonnen wird, der ein Sabbath der Moslim und der Chriſten Tag der Kreuzigung iſt. Ich hatte meine lezte Fahrt von der Inſel in der Nähe von Pulo⸗ Penang an dieſem unſeligen Tage begonnen; und es iſt merkwuͤrdig, daß der Unterſteuer⸗ mann, mein Landsmann, und zwei Matro⸗ ſen, Bruͤder, ſaͤmmtlich treffliche Seeleute und ſehr gute Menſchen, unzufrieden murr⸗ ten, als ſie hoͤrten, wie ich den Befehl zum Lichten des Ankers gab. Sfter verlachte ich ſie dieſes Umſtandes wegen, jedesmal gaben ſie mir zur Antwort: »Sie werden ſehen, was es iſt, wir ſind noch nicht im Hafen.« Einer dieſer Bruͤder war es, der das Leben — 364 — durch den Hayfiſch verlor, und der Andere buͤßte das ſeinige kurze Zeit darauf in eben ſo befremdlicher Weiſe ein. Bei der Windſtille, die uns auf der Hoͤhe von Borneo befiel, ruderte ich eines Tages an das Land, um eine kleine Bucht an der Muͤndung eines Flußes zu beſichtigen, und fuhr auch dieſen eine Strecke hinauf. Wir warfen unſer kleines Bootanker aus, um zu Mittag zu eßen, und in der Abendkuͤhlung badete die Mannſchaft. Der Bruder des durch den Hayfiſch getoͤdteten Matroſen, ein treff⸗ licher Schwimmer, forderte einen Malayen auf, den ich als Dolmetſcher mit genommen hatte, falls wir etwa Leute ſeines Stammes anträfen, zu verſuchen, wer von ihnen am beſten tauchen und am laͤngſten unter Waßer bleiben koͤnnte. Ich war ſo eben aus dem Waßer gekommen und kleidete mich wieder an. Beide ſprangen zugleich hinab, und blie⸗ ben ſo lange Zeit unter Waßer, daß ich be⸗ ſorgt wurde. Zulezt kam des Indiers dunkler Kopf zum Vorſchein; er war ganz erſtaunt daruͤber, die Wette verloren zu haben, und ſagte, der weiße Mann muͤße der Teufel ſel⸗ ber ſeyn, denn kein Anderer koͤnne ihn im Tauchen uͤberwinden. Unſere Angſt nahm zu; jegliches Ange ſtarrte angeſtrengt, als haͤtte es vermogt, den tiefen und unklaren Fluß zu durchdringen. Der ungluͤckliche Taucher kam nie wieder zum Vorſchein. Wir ſuchten und ſiſchten nach ihm in jeder moͤglichen Weiſe, aber vergebens. Die Nacht brach an und noͤ⸗ thigte uns, nach dem Schiffe zuruͤckzukehren. Die ſonderbare Todesweiſe dieſer Bruͤder, in ſo kurzer Zeitfolge, machte tiefen Ein⸗ druck. Durchworrene Krautgeſchlinge, oder ein verſunkener Baum mogten ihn feſtgehal⸗ ten, oder ein Krampf ſeine Glieder gelähmt haben, oder vielleicht, was noch wahrſchein⸗ licher iſt, erfaßten ihn die Kinnladen eines Krokodills. Einige meiner Leute waren freilich der Meinung, daß der Kummer uͤber den Tod ſeines Bruders, der ihn allerdings tief er⸗ ſchuͤttert hatte, ihn vermogte, freiwillig den Tod zu ſuchen. Ihr Schickſal verbreitete dumpfe Schwermuth unter dem Schiffsvolk, bei wei⸗ tem wirkender, als waͤre ein viel groͤßerer Theil ihrer Anzahl in Kampf und Gefecht umgekommen. Als wir langſam längs der Suͤdoſtkuͤſte der Inſel nach dem beſtimmten Orte hinfuhren, war das Wetter, wie es ſchon lange Zeit ge⸗ weſen, ungewoͤhnlich klar und heiter mit Wind⸗ ſtille, oder ſehr ſchwachem Luftzuge. Eines Abends bemerkte ich eben vor Sonnenunter⸗ — 366 — gang das erſte Anzeichen einer Wolke ſeit vie⸗ len Tagen. Duͤnne nebelhafte Duͤnſte gasar⸗ tiger Durchſichtigkeit begannen die weſtlich ge⸗ legenen Berge einzuhuͤllen, und als die Sonne hinter ihnen verſchwand, ſchoß ploͤzlich ein Streif heller Flammen laͤngs ihren Kuppen hin, ringelte ſich dann um den zerbroͤckelten Gipfel der hoͤchſten Bergſpize und verweilte dort ei⸗ nige Augenblicke, ſchimmernd wie eine Krone von Rubinen. Der Mond war dunkelroth, das Meer aͤnderte ſeine Farbe und war un⸗ gewoͤhnlich klar und durchſichtig. Ich ſchreckte zuruͤck, als ich Felſen, Fiſche und Muſcheln in der Tiefe gewahrte; wir ließen das Senk⸗ blei hinab und fanden zwoͤlf Faden Waßer. Die Atmosphäre war heiß und druͤckend ſchwer; die Flamme eines auf dem Verdecke brennen⸗ den Lichtes erhob ſich ſo klar und ſtill wie in einem Gewoͤlbe. Ich befahl, die Segel auf⸗ zurollen und das Anker fallen zu laßen, weil wir augenſcheinlich der Kuͤſte zutrieben, mit dem Entſchluße, bei dem erſten Auffriſchen von Winde unter Segel zu gehen. Dem Unter⸗ ſteuermanne, der die Wache hatte, bemerkte ich: »Jezt ſind wir vor Anker, nun iſt der Zau⸗ ber gehoben, nicht wahr?⸗ Muͤrriſch erwiederte er: »Wir ſind noch nicht im Hafen!l« — Vierzigſtes Kapitel. —— Horch! dies iſt Brauſen eines Windes, der Daher ſturmt über Erd' und Oceane, Schau! Blize fachen Feu'r am Regenhimmel, Gepeitſchte glänzen, kochen unten. Shellen. Di uns zunächſt liegende Kuͤſte war nie⸗ drig und erſchien wie ein weiter Moraſt, mit ungethuͤmlichem Schilfrohr bewachſen, das ſich ſchwankend bewegte, wiewohl kein Luͤft⸗ chen zog. Dort war die Heimath von wilden Elephanten, Tigern, Schlangen und von Fiebern. Uns duͤnkte, wir hoͤrten das Ti⸗ gergeheul durch die Stille der Nacht. Angſt⸗ lich ſah ich dem leiſeſten Zuge der Luft ent⸗ gegen, der uns in den Stand ſezen konnte, dieſe furchtbare Gegend zu verlaßen. Augen⸗ ſcheinlich war das Land fuͤr Menſchen nicht bewohnbar, dennoch ſahen wir bei Zunehmen der Nacht auf der Oberflaͤche des Sumpfes — 368 — Lichter flackern, gleich denen, die von Fiſchern gebraucht werden; andere ſchienen aus feſten Standpunkten her, als brennten ſie in Doͤr⸗ fern. Nach der Seeſeite zu waren keine Wolken ſichtbar, und doch leuchtete kein einziger Stern durch. Später begannen Blize ihr zak⸗ kendes Spiel an den Bergen des Inlandes. Ich ſaß mit Zela auf dem Verdecke, dieſe un⸗ gewoͤhnlichen Wetterzeichen beobachtend, die uns Beide mit bangen Ahnungen erfuͤllten; ſie erzählte mir dabei von ſeltſamen Feuer⸗ ſcheinen, Simuhm, und Wirbelwinden, welche ſie in den Sandwuͤſten ihrer Heimath erlebt hatte; als ich ploͤzlich ein befremdlicheß Geraͤuſch erlauſchte, dem gleich, das dem Don⸗ nerſchlage voranzugehenpflegt. »Horchl« ſagte ich, vwas iſt das?« und ſprang in die Höhe. Aber der Stoß war erfolgt, bevor ich noch die Zeit gewann, die Leute aufzurufen, die auf dem Verdecke ſchliefen. Wir waren ent⸗ maſtet. Ich blickte in die Hoͤhe, und gewahrte bei dem Aufflackern der Blize nur noch zwei nackte Baͤume aufrecht ſtehen. Alle unſere hoͤ⸗ heren Segelſtangen, Rahen und Takelwerk flogen davon, vom Winde fortgeführt, als wů⸗ ren ſie Diſtelflocken. Das Meer war ringsum ——— ——— weiß von Schaum, der vom Sturme gepeitſcht aufflog und uns beſchuͤttete, als ſtaͤnden wir unter einem Unſere Schiffswaͤnde und ein großer Thtil unſerer Gangwege, waren fortgerißen; die Geſchuͤzbolzen waren gewichen, und die Kanonen los geworden. Unſer kleines Fahrzeug ſtuͤrzte wie beſeßen in die Fluth, und war einige Zeit voͤllig un⸗ ter der Oberflaͤche des Meeres. Ich erfaßte Zela und hielt mich mit aͤußerſter Anſtrengung an einigem Tauwerke feſt, um nicht von der Gewalt des Waßers fortgeſpuͤlt zu werden. Gluͤcklicherweiſe zerriß das Kabeltau, ſonſt waͤren wir unausbleiblich zu Grunde gegangen. Ich athmete erſt wieder auf, als ich den Bug unſeres Schiffes uͤber dem Waßer wie⸗ der emporragen ſah. Ich rief der Mannſchaft zu, aber Niemand antwortete mir, und ich glaubte, Alle wären in das Meer hinabge⸗ waſchen. Endlich kamen einige vereinzelte Matroſen, ſprachlos, nach Athem ſchnappend und außer ſich vor Schrecken nach dem Hin⸗ tertheile des Schiffes geſchwankt. »Sind Leute uͤber Bord geſchwemmt?«fragte ich und blickte über den Stern hinab, da rief mir eine Stimme aus den Fluthen zu: »Ach! Kapi⸗ tain!« Es war viel heller als um Mittag;z II. 24 — 370 — feurige Blize beleuchteten den ganzen Him⸗ mel ohne Unterbrechung, ich war faſt von ihnen geblendet. Zudem war das Meer ſo weiß wie Schnee, und mich duͤnkte, ich koͤnne viele dunkle Koͤpfe unterſcheiden, die ſchwach und fruchtlos gegen die Waßergewalt ankämpf⸗ ten. Die Stimme, welche mich anrief, erkannte ich fuͤr die meines Lieblings, des jungen Schwediſchen Matroſen, und ich glaubte ſeine verzweiflungsvollen, aͤngſtlichen Geberden zu ſehen. Der unſelige Stoß des Simuhm war voruͤ⸗ ber, ich machte mich von Zela los, die mich in Todesangſt umklammert hielt, und ſezte ſie an geſichertem Orte neben dem Amerikani⸗ ſchen Steuermann hin, der das Ruder ergrif⸗ fen hatte. Nun ſprang ich nach einem leichten Boote, das auf dem Gangwege feſtgelegt war — denn das, welches wir am Stern be⸗ feſtigt hatten, war von den Fluthen fort⸗ gerißen — und als ich ſah, es ſey der Zer⸗ truͤmmerung entgangen, rief ich die Matro⸗ ſen auf, ihre Mitbruͤder zu retten. Einen Au⸗ genblick beſannen ſie ſich, denn ſie wußten taum noch, ob ſie ſelber ſich im geretteten Zuſtande befanden. Darauf rief ich einige meiner Landsleute bei ihren Namen, und — 371 — ſagte: »wie? ſollen unſere Schiffgenoßen umkommen aus Mangel eines Bootes oder eines Taues? Iſt noch eine Hand dœL, die ihnen ein Tauende zuwirft? Das Boot aus⸗ geſezt, wo iſt Strong? Bei'm Himmel, der iſt uͤber Bord geſchwemmt, ſonſt wuͤrde der ſich nicht aufrufen laſſen! Zieht zugleich an, ihr Leute; — ſo jezt iſt's flott; — nun paßt auf, daß es nicht forttreibt oder voll Waſ⸗ ſers untergeht; — ſo iſt's recht; — nun die vier Beſten am Vord hinein; — ich will mit; — ich weiß, wo ſie ſind; — kommt, jezt nicht mehr hinein⸗ — denn nun zeigten Alle gleichen Eifer — »und Sie, Steuermann, halten Sie den Schooner in den Wind; zie⸗ hen Sie Laternen auf, und halten Sie Taue in Bereitſchaft!« Wir ſtießen ab; der Wind war eben ſo plozlich wieder ſtill geworden, als er aufge⸗ brauſt war; aber die See ging hoch, wir⸗ belnd und quirlend, wie ein Strom, wo er ſich in's Meer ergießt. Auch das anhaltende Blizleuchten erſtarb zu ſchwachem, undeutli⸗ chem Aufflackern, und es war dunkel, ſchau⸗ rig truͤbe. Kaum waren wir hinter den Stern getrieben, als wir ſchon zwei Matroſen auf⸗ fiſchten, die ſich durch feſtklammern an den treibenden Segelſtangen gerettet hatten, die vom Tauwerk gehalten, hinter dem Schiffe herſchwammen. Noch zwei Andere retteten wir, die ſich ſchwimmend in der Naͤhe hielten. Darauf riefen wir und ruderten umher der Stelle zu, auf der uns der Windſtoß erfaßt hatte, und ſuchten nach dem Unterſteuermann und dem jungen Schweden, die wir Beide ganz gewiß vermißten, ohne zu wißen, wie viele außer ihnen noch fehlen moͤgten; end⸗ lich aber waren wir genoͤthigt, umzukehren, aus Furcht, unſer Schiff aus dem Geſicht zu verlieren. Der Wind machte ſich nun auf, der Re⸗ gen goß in Stroͤmen herab, die Nacht war fürchterlich. Mit unſäglicher Arbeit kamen wir pem Schvoner nahe und zulezt unter ſeine Leeſeite, während er mit Schnelligkeit hinaus ims offene Meer trieb. So wie unſer Boot unter des Schooners Seite gelangte, ward es vor dem Anſtoß nicht bewahrt, weil die Matroſen nur ſuchten an Bord des Schoo⸗ ners zu klimmen, deshalb gab dieſer eine ſchwere Schwingung, die das Boot verſenkte und mich mit ſechs Andern im Meere ſchwim⸗ mend zuruͤckließ. Ich ſchoß ſogleich unter dem Schiffsrande weg, um mich im freien Meere — — 373 — zu halten, damit kein Anderer mich erfaßen moͤge. Fluͤche miſchten ſich unter Geſchrei. Als wir in den Kielzug des von uns fort⸗ ſchießenden Schooners geriethen, hoͤrte ich, wie die Mannſchaft auf demſelben ſich nach hinten drängte, um uns Taue zuzuwerfen, von welchen keines uns erreichte, ſie riefen uns zu, die zerbrochenen Segelſtangen zu er⸗ greifen, dieſe aber lagen zu tief im Waßer, halb verwickelt mit dem Schiffsboden und an der Windſeite, der Schooner aber trieb leewaͤrts. Ganz vernehmlich rief ich aus: »Ein Tau, oder wir ſind verloren ?. Ich wuß⸗ te, daß es unmoͤglich war, unſer einzig uͤbrig gebliebenes Boot auszuſezen. Schon glaubte ich, meine Stunde ſey gekommen, als ich am Bord des Schvoners etwas weißes er⸗ blickte und eine Stimme vernahm, die mein Innerſtes durchzitterte, als ſie durch das To⸗ ſen des Windes und das Geſchrei Ertrinken⸗ der zu mir toͤnte. Sie rief aus: »hier iſt ein Strick! O Gott! gib es ihm, oder nimm mich hin!« Das äußerſte Ende einer duͤnnen weißen Leine ſiel faſt in meine Hand, die es erfaßtez ſo unirrend war das Auge in ſeinem Ziele, und ſo vom Herzen angetrie⸗ ben die Hand, welche es warf. — Dieſe Hand, — 374 — Zela, war Deine! In dem Augenblicke befaß Dein kleiner Arm, Deine weiche Hand mehr Kraft, als der ſtärkſte Matroſe aufwenden konnte, Du retteteſt das Leben von fuͤnf Men⸗ ſchen, die nicht fuͤnf Minuten länger ihr Da⸗ ſeyn hätten friſten koͤnnen! Kaum vermag ich das Papier zu ſehen, auf dem ich ſchreibe! Jahre, die ſeit jenem Zeitpunkte verfloſſen ſind, erſcheinen mir wie Minuten, denn dieſer alles uͤberwältigende Angenblick iſt meinem Herzen zu lebhaft ein⸗ geprägt. Und ach, du Segens⸗Engel! haſt du mich nicht ſeitdem in Schlachten umſchwebt, haſt du mich nicht beſchuͤzt, wenn ich verwe⸗ gen mich in den Tod ſtuͤrzte, denn weshalb ſolte ich fürchten oder ſcheuen, was mich wieder mit Dir vereinigte? — Und haſt Du, mein Schuzgeiſt! des feigen Meuchelmoͤrders Kugel, die auf das Herz gerichtet war, das Dir geheiligt iſt, nicht abgewendet, ſie durch meinen Koͤrper hingefuͤhrt, und Wunden, die menſchlicher Kunſt toͤdtlich erſchienen, mit Deinem Balſam geheilt, des Todes Griffe geloͤſet, als ich ſeine eiſigen Finger ſchon auf meiner Bruſt fuͤhlte, und mich durch die wun⸗ derbarſten Mittel wieder geſund gemacht? Ein und vierzigſtes Kapitel. Starb alte Angela⸗ Pom Schlag gerührt, verzerrt ihr mager Antliz⸗ Keats. Ats ein Sklave meiner Gefuͤhle muß ich zuruͤck zu meiner Geſchichte. Zela, die das Verdeck nicht verlaßen hatte, was ſte in der That nie anders als gezwungen that, wenn ich in Gefahr ſchwebte, ſah die ganze Noth mit an. Sie gehoͤrte, wie ich fruͤher ſchon geſagt habe, einem furchtloſen Stamme an, und ihr zarter Körper umhuͤllte einen faſt uber⸗ irdiſchen Geiſt. Sie hatte den Matroſen am Bord die Stelle angedeutet, wohin ſie die Taue werfen ſollten, denn das Auge Lieben⸗ der durchdringt die dunkelſte Nacht; aber weil ſie ſich auf dieſe nicht verließ, ergriff ſie die lange Leine zum Senkblei, an welcher dieſes zum Gluͤck nicht befeſtigt war; von dieſer nahm ſie ein langes Wickel⸗Ende, und lief damit auf den Fußtauen des Haupt⸗Segel⸗ daumes uͤber das Schiff hinaus. Das Schiffs⸗ volk ſchwor, ſie ſey hingeſchwebt wie ein Geiſt. Als ſie am aͤußerſten Ende deßelben ſich be⸗ fand, gab meine Stimme ihr die Richtung und nun warf ſie mit ihrer ganzen Kraft den Ring⸗Wickel der Leine uns zu. Aus Furcht dieſe moͤge uns nicht erreichen, hatte ſie das eine Ende derſelben am Schiffe feſt gemacht und war in dieſem Falle entſchloſſen, in das Meer zu ſpringen, um es mir zuzureichen; ſobald ſie aber ſah, daß ich die Leine erfaßt hatte, löſete ſie jenes andere Ende wieder und warf es zuruͤck auf den Bord. Von den ſechs Matroſen ergriffen anßer mir noch vier die Leine. Es war ein Wunder, daß dieſe, nicht viel dicker als eine Peitſchen⸗Schnur, uns hielt; aber der Schvoner trieb zuruͤck, ſo daß es moͤglich wurde, uns dickere Taue zuzuwerfen, und unſere Rettung zu ſichern. Zwei der Matroſen, die ſich entweder in das Tauwerk des Bootes verwickelt hatten, oder vie nicht ſchwimmen konnten — denn es iſt nur zu wahr, daß recht wenige Matroſen zu ſchwimmen verſtehn — kamen nicht wieder zum Vorſchein, als das Boot unterging⸗ —— — —— — Zela ſtürzte in meine Arme, ſprach aber kein Wort; ihre Lippen waren kalt wie Eis. Ich ſezte ſie neben dem Malayen⸗Maͤdchen an der großen Luke nieder und rief, als dieſe lezte ihre lebloſe Geſtalt aufrecht hielt: „O Gott! ſie iſt todt!«⸗ Die alte Paramana Kamalia, die unten in der Kajuͤte krank im Bette lag, rief nun herauf: »Nein; — freilich kommt der Tod, aber noch nicht fuͤr ſie. Wenn er das naͤchſte mal wieder kommt, dann erliſcht ſuͤr immer der edle Stamm von Beni⸗Bedar⸗K'urciſch, der ſo alt iſt, als der Sand der Wuͤſte! Wenn die zerſtoͤrende Salzwoge die Wurzel des Dat⸗ telbaumes der Wuͤſte beruͤhrt, dann ſtirbt er ab, und mit ihm ſeine Fruͤchte und ſeine Blätter. So hat es der Prophet geſchrieben. Ich erkaufe ihr Leben durch meines. Als der Tod ihre Mutter nahm, da ſchwor ich, daß er die alte Kamalia nehmen ſolle, wenn er zum erſten male wieder kaͤme, um die Geiſter unſeres Hauſes abzufordern. Blauer Feind! der Prophet hat mich gehoͤrt, und ihm mußt Du gehorchen l« Dieſen Worten folgte ein gurgelndes Roͤ⸗ cheln, als waͤre die arme Amme im Ertrinken. Weil ich wußte, daß die Kajuͤte voller Waſ⸗ — 378 — ſer ſeyn muͤßte, obgleich ich die Alte verge⸗ geßen hatte, ſo forderte ich eine Laterne und befahl dem Malayenmaͤdchen mit zwei Matro⸗ ſen hinabzugehen, um die alte Frau, welche in den lezten Tagen ihrer Aufloͤſung raſch ent⸗ gegenging, auf das Verdeck zu tragen. Am ganzen Bord war kein trockner Faden zu fin⸗ den; ich konnte nichts thun, als Zela an meinen Buſen preßen, der gleichwohl nur ein Eispfuͤhl war, — und ihre Augen anhau⸗ chen; inzwiſchen duͤnkte mich, ich fuhlte Zei⸗ chen wiederkehrenden Lebens. Jezt riefen mir die Matroſen zu, daß die alte Amme todt, ſteif und kalt wie ein Stein ſey. Nachdem das Waßer aus der Kajute ge⸗ ſchoͤpft worden, trug ich Zela hinab, und ſo⸗ bald ich geſehen, daß ſie lebte, ließ ich ſie im Schooße des Malayenmädchen und eilte auf das Verdeck. Unſere Häͤnde und Gemuͤther waren bis zu Tagesanbruch genugſam be⸗ ſchaͤftigt, um unſer zum Wrack gewordenes Fahrzeug einigermaßen wieder in Ordnung zu bringen, ſo daß wir gar nicht nachzählten, wie viele Mannſchaft wir verloren hatten. Das Geſchrei des Malayenmaͤdchens rief mich hinab in die Kajuͤte. Ich fand Zela in Zuk⸗ kungen, die ich damals fuͤr Todeskrampf hielt. — 378 — Sie kruͤmmte ſich lange Zeit in furchtbarer Qual und der Schmerz ſchien ihr die Beſin⸗ nung wiedergegeben zu haben. Ehe noch der WMorgen voͤllig anbrach, hatten die krampf⸗ haften Zuckungen geendet. Sie hatte eine zu fruͤhe Niederkunft uͤberſtanden und ein todtes Kind zur Welt gebracht. Aber ich war gluck⸗ lich, denn ſie lebte. Ich zwang ſie, ein recht ſtarkes heißes Getränk von Branntwein und Waßer zu nehmen, darauf fiel ſie in tie⸗ fen ruhigen Schlaf. Ihre bis dahin eiskalte, todtenbleiche Stirn wurde warm und feuchtete ſich; in dieſem Zuſtande ſah ſie ſo unbeſchreib⸗ lich reizend aus, daß ich, wie vom Zauber feſtgebannt, ſie betrachten mußte, waͤhrend mein Herz noch ängſtlich bei dem Gedanken klopfte, wie nahe ich daran geweſen, ſie zu verlieren, und fuͤr mich ſelber den Entſchluß faßte, ſie von nun an mit zehnfach vermehr⸗ ter Sorgfalt zu behandeln. Weil ich befuͤrchtete, daß ſie im Erwachen den Tod der alten Kamalia erfahre, vielleicht deren Leiche ſehen moͤgte, ſo ging ich nach der Stelle, an welcher das treue, gute, alte Geſchoͤpf lag. Ich beleuchtete ihr Geſicht mit der Laterne, es war kein Wechſel darauf zu erblicken; eine Mumie aus Cleopatra's Zeit⸗ — 380 — alter, faſt zweitanſend Jahre im Grabgewölbe geweſen, die man mir auf Isle de France zeigte, ſah nicht alterthuͤmlicher aus, als die alte Kamalia, und hatte eben ſo viel Anſchein lebendigen Saftes, Fleiſches und Blutes, als dieſer Alten zuſammengeſchrumpfte, verwit⸗ terte und ausgedorrte überbleibſel. Hier war den Wuͤrmern die Speiſe entzogen. Ihre ſchwärzlich⸗blaue Haut bedeckte nichts andres, als dürres, ſaftloſes Gebein; ein bleich karmoi⸗ ſinrother Strich, das lezte kleine Troͤpfchen Blut, faͤrbte noch eine Ader an der Schläfe; ein kleines Gewirr greiſer Haare bedeckte, gleich wie graues Moos den verwitterten Baumſtamm, oder als wenn eine Spinne ihr Nezgewebe uͤber ihren Scheitel hingeſpannt hätte, die nackte Hirnſchaale; ihre Arme und ihr Koͤrper waren trocken zum Zerbroͤckeln. Ich umwickelte ihren Koͤrper mit ihrem eige⸗ nen Barrakan, hob ihn in die Hoͤhe und trug ihn nach einer abgeſonderten Kajuͤte. Sie war nicht ſchwerer, als ein Buͤndel Schilf. Ich druͤckte ihre ſtarren Augen und ihren haͤuti⸗ gen Mund zu. Jezt brach der Tag an; ein Matroſe rief: »Brandung, grade vor uns!« und doch konn⸗ ten wir mit dem Senkblei keinen Grund fuh⸗ —————,— — len. Troz ſeines zerkruͤppelten Zuſtandes ging der Schooner, auf dem wir nun einige Se⸗ gel befeſtigt hatten, um die Brandung hin, die, wie wir ſehen konnten, auf Felſen un⸗ ter der Meeresfläͤche brach. So wie der Tag aufdaͤmmerte, nahm das Wetter auch ſeine vorherige Ruhe wieder an, die Sonne erhob ſich in ihrem vollen Glanze; ein Schleier von Nebeldunſt verhing die jezt entfernte niedere Kuͤſtenlinie, von der wir durch einen Orkan vertrieben worden, der gleich einem auf ſein Neſt herabflatternden Adler, ſich auf ſein ei⸗ genes zerſtoͤrtes Gebiet, der Heimath immer⸗ waͤhrender Regenguͤße und Stuͤrme herab⸗ geſenkt hatte. Dieſer weitausgedehnte, furcht⸗ bare Moraſt, verbreitet ſich tief in das In⸗ nere der Inſel, ſtreckt ſich wohl hundert Mei⸗ len an der Kuͤſte hin, und liegt genau unter dem Rquator. Wir hatten Urſache, der Fuͤ⸗ gung des Schickſales dafuͤr zu danken, daß wir, wiewohl als voͤlliges Wrack von ihm fortgetrieben worden, ſtatt in ſeinem Bereiche geſcheitert zu ſeyn. Der Schiffbauer wuͤrde den Schooner nicht mehr gekannt haben; und der Zavo⸗Fuͤrſt haͤtte ſeine halbverfaulte werth⸗ loſe Barke nicht gegen unſer, jezt noch min⸗ der ſicher ausſehendes Fahrzeng vertauſchen — 382 — wollen. Zerbrochen, zerſchellt und entmaſtet, trieben wir als huͤlfloſes Wrack, dem Spiele der Wellen und Winde ausgeſezt, auf dem Waßer, wo wir Tages zuvor noch waͤhnten, die Elemente beherrſchen zu koͤnnen. Unſere Veute, und ein großer Theil unſeres Mund⸗ vorrathes, war vom Seewaßer verdorben. Nachdem ich die nothigen Weiſungen ge⸗ geben, dem Steuermann die Sorge fuͤr das Schiff uͤbertragen, und die Mannſchaft ge⸗ muſtert hatte, ging ich hinab in meine Ka⸗ juͤte. Wir hatten den Unterſteuermann, den Proviantmeiſter, den jungen Schweden und noch ſieben andere Matroſen verloren. Zela fand ich ſchlafend, ich ſchob einige Stuͤhle neben ihr Lager, umfaßte ſie mit meinen Armen, druͤckte ſie ſanft an meine Bruſt und fiel dann in tiefen Schlaf. Mir träͤumte, daß ich eines entſezlichen Todes ſtuͤrbe; daß Hayſiſche und Tiger mich zerſtuͤk⸗ kelten, daß ich im Waßer untergehend erſticke, und daß meine Hirnſchaale wie eine Nuß zwiſchen den gräßlichen Kinnladen eines Kro⸗ kodils zerbrochen werde. Bei meinen Anſtren⸗ gungen, um mich zu retten, warf ich die Stuͤhle um, und fiel ſchwer auf den Fußbo⸗ den der Kajute hinab, Zela mit mir nieder⸗ ————— ———— „ — 383 — ziehend. Erſchreckt fragte ſie mich, was es gaͤbe? Der Schweiß troff von meiner Stirn; ſie trocknete mein Antliz, kuͤßte meine Lippen und ſagte: »Du traͤumteſt, Geliebter, und ich ſuchte Dich aufzuwecken, denn Dein Traum ſchien ſchrecklich.« Einige Zeit verging, bevor ich mich beſann wo ich war, und die Ereigniße der Nacht mir wieder vorſtellen konnte. Voller Freude Zela wieder hergeſtellt zu finden, preßte ich ſie unter tauſend Kuͤßen an mein Herz, und befreite mich von meiner ſchweren Schlaftrun⸗ kenheit und vom Gefuͤhl des Krankſeyns durch kaltes Waßer und Kaffe. Fuͤnf Tage trieben wir in leichtem Winde bei unſerm Mangel an Segeln, bis wir zu dem uns beſtimmten Hafen gelangten. Als wir de Ruyter hier mit zwei erbeuteten Fahrzeu⸗ gen antrafen, waren unſere Leiden augenblick⸗ lich vergeßen, und wir legten uns am Stern der Grabb unter Singen und Jauchzen vor Anker, als kehrten wir zuruͤck von der aller gluͤcklichſten Fahrt; ſo vermag ein einziger Strahl von Freude die Erinnerung an die laͤngſten und entſezlichſten Leiden vollſtändig zu vertilgen. De Ruyter kam eilig an Bord; er wußte —— . — 384 — nicht, was er von unſerm verkruͤppelten und zerſchellten Ausſehen denken ſollte. Als er in ſeinem Boote heranruderts, rief er uns zu: „Hallo! Kameraden, habt Ihr eine Fahrt nach dem Nordpol gemacht, und ſeyd Ihr ein Jahrhundert zwiſchen Eisbergen einge⸗ froren geweſen?« »Nein,« antwortete ich, »wir haben den Schvoner nur zu einer Taucherglocke oder Torpedo umgewandelt, damit er unter Waſ⸗ ſer fahren koͤnne.« »Was iſt vorgegangen?« ſagte er, als er auf dem Verdecke ſtand und ſein ſcharfes Auge das ſturmzerſchellte Wrack uͤberblickte, »Ihr habt mit dem Simuhm gekaͤmpft! Menſchliches Geſchuͤz konnte Euch ſo nicht zurichten. Olich vermiße auch einige bekannte Geſichter! Denn de Rupter beſaß die Gabe, welche man Koͤ⸗ nigen zuſchreibt, kein Geſicht zu vergeßen. Verwundernd ſtieg er mit mir hinab in die Kajuͤte, und ich erzählte ihm unſere unheil⸗ volle Geſchichte. »Wohlan,« ſagte er, »Sie ſind auf wunderbare Weiſe vom Untergange errettet. Dabei laͤßt ſich nichts thun. Wir muͤßen unſer Beſtes verſuchen, um Sie wie⸗ der in Ordnung zu bringen. Ich hoffe, daß des Schooners Grundwerk nicht gelitten hat. — 385 — Maſtholz und Rahen haben wir genug; und ich kann Sie mit Tauwerk und Segeln ver⸗ ſehen. Ich bin gluͤcklicher geweſen mit einem Konvoi von Kuͤſtenfahrzeugen in der Straße von Sunda. Wir ſchoßen einem ſchwerfälli⸗ gen Kreuzer der Kompagnie die Maſten weg, nahmen zwei Schiffe aus dem Konvoi, mit Schiffs⸗ und Militairvorraͤthen geladen, brachten ſie auf nach Java, wo wir Schiffe und Ladung vortheilhaft verkauften. Seitdem haben wir auf unſerer Fahrt hierher noch zwei Kauffahrer aufgefiſcht; der eine, nach Macao beſtimmt, iſt mit Opium in Kiſten beladen, die beßer ſind, als waͤren ſie voller Spaniſcher Dollars, denn der Marktpreis ſteht hoch; der andere hat Ol, Kaffee, Kan⸗ dies⸗Zucker und andere Waaren am Bord. Beide ſehen Sie hier im Hafen. Außer dieſem habe ich der Bevoͤlkerung, den Beajus, die Sie hier ſehen, die Mohren nennen ſie wilde Männer, einige Dienſte geleiſtet, wofuͤr die mich zum Koͤnig der Inſel gemacht haben. Hier bin ich nun, ein Koͤnig Prospero, mit tauſend Calibanen, die meine Unterthanen ſind! Schauen Sie hin, jezt bringen ſie mir Holz und Waßer, und gezeigt haben ſie mir Jede Eigenſchaft der Inſel: Salibrunnen, Quellen, fruchthar Land und dürres.⸗ IM. 25 „Was wollen Sie damit ſagen?« fragte ich. „Es uͤberraſchte mich, in der Naͤhe der un⸗ bewohnten Tamboe⸗Eilande eine ganze Flotte von Proen zu gewahren. Ich hielt ſie für Seeräuber und lief zwiſchen ſie. Sie lagen dicht am Strande und der groͤßte Theil der Bemannung entfloh. Einige ſtießen ab und zuchten das hohe Meer zu gewinnen, aber ich zwang ſie, mit Ausnahme von zweien oder dreien, wieder umzukehren; da ſprang die Mannſchaft derſelben ebenfalls uͤber Bord und ſchwamm der Kuͤſte zu. Ich unter⸗ ſuchte die Fahrzeuge und fand, was ich im Voraus angenommen hatte, daß ſie Malayen⸗ und Mohren⸗Seeräuber waren. Sie hatten eine Fahrt nach der Sudoſt⸗Seite von Bor⸗ neo gemacht und dort die Eingebornen uͤber⸗ fallen, die in ſchwimmenden Haͤuſern leben, welche an Bäumen befeſtigt ſind, weil ihr Land wahrend der Regenzeit und noch einen Theil des Jahres nachher, uͤberſchwemmt iſt. Entkommen konnten die nicht, denn die Räu⸗ der fuhren mit ihren Kaͤhnen zu den Haͤuſern heran, machten ſie, ihre Weiber und Kinder, zu Gefangenen, weil ſie ſich nicht zu wehren, noch zu enfliehen vermogten. Mit ihren leben⸗ digen Ladungen waren ſie dann in See ge⸗ gangen und hatten bei den Tambve⸗Eylanden 8* — 387 — angelegt, um Waßer und Mundvorrath ein⸗ zunehmen; wo ich denn glucklicherweiſe ſie meinerſeits eben ſo unerwartet uͤberraſchte, und die Gefangenen befreite, von denen ich nahe an zweihundert in den verſchiedenen Proen fand. Dieſen Beajus gab ich die Proen, fuͤhrte ſie hierher und landete ſie in der Naͤhe ihrer Heimath.« Ich muß bemerken, daß wir jezt in einem 3 Hafen auf der Suͤdküſte der Inſel Borneo ankerten und zwar in einer von drei kleinen Eylanden gebildeten Bucht, die weder bewohnt, noch auch bewohnbar waren, denn die groͤßte von ihnen hatte kaum eine Engliſche Meile im Umfang, auch enthielt ſie nur ſehr wenig 8* Trinkwaßer. Der Kanal zwiſchen uns und der 8 großen Inſel war kaum eine Meile breit und der Einlauf zu ihm durch eine weit ausge⸗ dehnte Untiefe geſchloßen, auf welcher das Meer unaufhoͤrlich in unruhiger Bewegung, großentheils in wirklicher Brandung, arbei⸗ tete. Die Grabb lag durchaus vom Lande eingeſchloßen; ein Paar Tage hatte ich mit Hin⸗ und Herfahren verbracht, bevor ich die Stelle entdecken konnte, obgleich de Ruyter mir eine ſehr genaue Zeichnung davon ent⸗ worfen und mir die umſtaͤndlichſte und aus⸗ — 388 — fuͤhrlichſte Anweiſung zur Einfahrt aufge⸗ zeichnet hatte. Um den Nothzuſtand auf dem Schooner vollſtändig zu machen, waren viele unſerer Matroſen ploͤzlich an Faulfiebern und Durch⸗ fall erkrankt, die wir der peſtartigen Aus⸗ duͤnſtung zuſchrieben, welche die Luft in der Racht erfuͤllte, in welcher wir unfern jener unſeligen Moraſtkuͤſte ankerten. Einige ſtarben in den erſten vier und zwanzig Stunden ihrer Erkrankung, und wir waren genoͤthigt, ihre Koͤrper in dem Augenblicke uͤber Bord zu werfen, in welchem ihre lezte Todeszuckung endete, um den von ihnen verbreiteten Ge⸗ ruch los zu werden, der ſchon vor ihrem Tode unertraͤglich war. Und alle dieſe Unfaͤlle wurden dem Umſtande zugeſchrieben, daß un⸗ ſere Fahrt an einem Freitage begonnen wor⸗ den! Am Boro des Schvooners warkeine Seele, die nicht feſt an dieſem Glauben hing, nur ich allein ausgenommen. Aberglaube zeigt ſich aber da, wo er die Vernunft beherrſcht, in ſeinen Wirkungen ganz ſo, als waͤre er Wirk⸗ lichkeit; deshalb ging ich ſpäter auch niemals wieder an einem Freitage in See. Ende des zweiten Bandes. — * 578 ei⸗