Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oitmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß- und Heſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 korgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr. — Pf. 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— 4 1 * — — 2 — — —— —— — Trelawneps Ahrntheuor in Ostindien Erſter Band. In demſelben Verlage iſt früher erſchienen: Pelham, voder Begegniße eines Weltmannes. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Ri 3 Bde. 4 Thlr. Der Verſtoßene. Aus dem Engliſchen über⸗ ſezt von C. Richard. 4 Bde. 4 Thlr. 12 9Gr. Devereux. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 3 Bde. 4 Thlr. 12 9gGr. Paul Clifford. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 3 Bde. 4 Thlr. 12 gGr. Falkland. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 1 Thlr. 12 8Gr. Engen Aram. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 3 Bde. 4 Thlr. 12 9gGr. Herbert Milton oder Leben der höhern Stände in Londvn. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 3 Bde. 5 Thlr. Arthur Beverley, des Königs Page. Aus dem Engliſchen überſezt von C. Richard. 2 Bde. 3 Thlr. Trelawney's Abentheuer in Ostindien. ——— Aus dem Engliſchen vbn C. Richard. Krieg will, in Worten mind'ſtens, ja, müßt's ſehn In That auh, ich mit Allen, die verbannten Das Denken! Seen Grollverein Levt in Thrannen und in Sykophanten. Wen Sieg erwartet, haucht ſich mir nicht einz Doch hält's nicht ap mich, meinen anerkannten Geſchwornen enn gegen Despotie Zu änßern, wo auch ummer herrſche ſie. Byron. Erſter Band. Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. 1832. J. J. Veaufort. 2 Trelawney's Abentheuer in Ostindien. W Erſtes Kapitel. —— Krank machen Lieb und Wohlluſt, Wein macht kränker, Ehrſucht zerfleiſcht, und Spiel gewinnt Verſuſt; Doch Goldgewinn, almählig kräft'ger Lenker, Hebt höher, wie der Schaz ſich mehrt, die Bruſt; Wir fragen dann nach Lieb und Wein, den Henker. Byron. Meine Geburt verhieß kein Gluͤck. Mit dem Brandmahle und der Beſtimmung eines Land⸗ läͤufers kam ich in die Welt; denn ich war der juͤngere Sohn einer, auf ihr Alterthum ſo ſtolzen Familie, daß die Gicht ſogar nebſt verpfändeten Landguͤtern, als alte unver⸗ aͤußerliche Erbtheile ariſtokratiſchen Urſprun⸗ 5 * ges, ſeit manchen Lebensaltern auf ihrem Stammbaume verzeichnet waren, und eben deshalb hoͤchlich verehrt wurden. In ſolch einem Hauſe glich der juͤngſte Sohn dem, von einer Woͤlfin geworfenen Jungen in des gu⸗ ten Konig Edgars Tagen, auf deßen Kopf damals ein Preis geſezt war. Es hat Geſeze gegeben, welche Eltern zwangen, ihre Neu⸗ gebornen zu toͤdten; und eine Spartaniſche Mutter haͤtte, bei dem Umbringen ihres noch * bewußtloſen Kindes, mit Othello ausrufen koͤnnen: . Ich, wenn auch grauſam, bin gleichwohl barmhersig, * In Deinen Qualen laß ich Dich nicht ſchmachten; im Vergleich mit dem abſcheulichen Rechte der Erſtgeburt, war das gerecht und milde. Mein Großvater war General, und hatte meinem Vater, ſeinem einzigen Sohne, wenig mehr zu geben, als goͤnnerhafte Befoͤrderung in ſeinem Stande. Die Natur gab ihm ge⸗ wißermaßen dadurch Erſaz, daß ſie ihm ver⸗ lieh, was oͤfter zum Gluͤcke fuͤhrt, als Ge⸗ nius, Tugend und dergleichen abgedankte An⸗ ſorderer — ein ſchoͤnes Außere, gehoben durch hofiſches Venehmen. Seine Jugend, durch— keine bemerkliche ausgezeich⸗ ⸗ net, verrann im gewohnten Lebenslaufe jnn⸗ ger Herren jener Zeit. Frauen, Wein, der Hof und das Feldlager bildeten die Schau⸗ plaͤze ſeines Ehrgeizes, und er war bekannt dafuͤr, ſeine Rollen auf ihnen gut zu ſpielen. In ſeinem vier und zwanzigſten Jahre ver⸗ liebte er ſich in ein reizendes, liebenswuͤrdi⸗ ges Maͤdchen. Seine Gedanken nahmen nun eine andere Richtung. Er entdeckte — denn darin warer erfahren — daß die Leidenſchaft ge⸗ genſeitig war; Vermoͤgensumſtände hemmten allein die Erfuͤllung ihrer Wuͤnſche. Beider Familien waren einander gleich, aber nicht Beider Erwartungen von der Zukunft. Ju⸗ gend und Liebe ſind gewöhnlich feſt gegen Abmahnungen von Verwandten und Vor⸗ muͤndern. In Bezug auf Geld, auf Verſchrei⸗ bungen und Mitgift iſt eine erſte Liebe zu aufrichtigen und leidenſchaftlichen Karakters, um ſich durch weltlich berechnende Selbſtſucht zuͤgeln zu laßen, welche im ſpätern Leben allen unſern Verhäͤltnißen mit Frauen, oder den ihrigen mit uns, ſich mehr oder weniger zugeſellt. Die edlen, großmuͤthigen Geſinnun⸗ gen, welche eine erſte Liebe entflammt, pra⸗ gen dem beſtandloſen, ſchwankenden Karakter oft eine Feſtigkeit ein, welche die Zeit nicht ganz auszutilgen vermag. Wollte der Him⸗ mel, daß mein Vater ſein Geſchick mit dem ihrigen verknuͤpft hätte, denn ihr Werth hat die Probe gegen Zeiten und Wechſel beſtan⸗ den! Waͤhrend er bemuͤht war, die Hinde⸗ rungen ſeiner Vermählung mit ihr zu uͤber⸗ winden, ward er mit einem Werbkommands nach dem weſtlichen Theile des Landes ge⸗ ſchickt. Sie achteten ihre Trennung voruͤber⸗ gehend und ſchieden, wie Alle, die unter aͤhn⸗ lichen Umſtänden ſich verlaßen mußten, unter Betheurungen ewiger Treue; was aber nicht ſo allgemein gefunden wird, wenn man beden⸗ ken will, daß er ein luſtiger Kriegsmannwar, er hielt ſeine Eidſchwuͤre drei Monate lang. Auf einem Balle, den der Sheriff der Graß⸗ ſchaft zur Feier ſeiner Ernennung gab, for⸗ derte dieſer ſeine Tochter, eine reiche Erbin, auf, den Tanz mit dem Manne hoͤchſten Ranges im Saale zu eroͤffnen, der zufaͤllig auch der Alleraͤlteſte war; ſie dagegen erklaͤrte, den Ball mit dem ſchoͤnſten Manne eroͤffnen zu wollen. Als ſolchen waͤhlte ſie meinen Va⸗ ter aus, und tanzte mit ihm. Durch dieſen Vorzug ward ihm geſchmeichelt; und weil — ———— — — ———— — — S — „„ derſelbe Gegenſtand dernterhaltung wurde, ſo erzeugte er Gedanken in ihm, die ohne dieſen Umſtand vielleicht nicht in ſeinem Kopfe entſtanden waͤren. Sie war eine dunkelfar⸗ bige, eine gewißermaßen mäͤnnliche Jung⸗ frau von drei und zwanzig Jahren; aber ſie war die reichſte, und dies war genug, um ſie ihm mindeſtens als die Anziehendſte erſcheinen zu machen. Mein Vater war entweder von Natur, oder nach dem Beiſpiele der Welt eigennuͤziger Sinnesart. Reich und ſchoͤn wurden ihm bald gleichbedentende Ausdruͤcke. Die Erbin gab ihm bezeichnende Aufmunte⸗ rungen. Er ſah ſich von denen beneidet, die bisher Gegenſtand ſeines Neides waren. Gold war ſein Gott; denn taglich hatte er die De⸗ muͤthigungen erfahren, denen ſein Entbehren deßelben ihn ausſezte; ſo beſchloß er, ſein Herz nur allein dem Tempel des Reichthumes zu weihen, und wartete nur auf eine Veran⸗ laßung, ſeine Abtruͤnnigkeit von der Liebe zu offenbaren. Der Kampf mit ſeinen beßern Gefuͤhlen war kurzer Dauer. Sein Betragen nannte er Klugheit und kindlichen Gehor⸗ ſam, — dieſe aber ſind Tugenden; auf ſolche Weiſe verbarg er ſeine nakte Abſcheulichkeit unter ſcheinbarer Hülle. Die Briefe an die Dame ſeiner Liebe wurden kuͤrzer, und die Zuwiſchenfriſten, in denen er nicht ſchrieb, immer laͤnger; ſeine Beſuche bei der reichen Dame wurden dagegen haͤufiger. Doch, weshalb bei einem in der Welt ſo alltaͤglichen Ereigniße verweilen, dem Auf⸗ opfern von Schoͤnheit und Tugend gegen Reichthum, mag auch der Teufel dieſen lezten darbieten? Er heirathete; fand der Dame Ver⸗ moͤgen um Vieles geringer, die Dame ſelber um Vieles ſchlimmer, als er erwartet hatte; erboſt, in ſeinen Hoffnungen getaͤuſcht, zos er nach London, mit dem Bewußtſehn, ſein Schickſal verdient zu haben; hier verſchleu⸗ derte er einen Theil ſeines Vermoͤgens in ei⸗ telm Prunke, um ſeine Frau zu befriedigenz und nachdem er durch ihre Verſchwendung in Geldverlegenheiten gerieth, ſah er ſich endlich genoͤthigt, ſeinen Rang im Heere zu verkaufen und ſich der Erſparung wegen, auf das Land zuruͤckzuziehen. Malthus hatte die Welt noch nicht belehrt. Mit jedem ablaufenden Jahre verzeichnete er recht ungern die Geburt einer neuenLebensbuͤrde in die Familienbibel. Er verwuͤnſchte meiner — ——— 1 — Mutter Fruchtbarkeit, zugleich mit den Rech⸗ nungen der Schlaͤchter und Baͤcker. Er wurde finſter und mißmuͤthig. Ihm fiel eine Erbſchaft zu; ernſtlich be⸗ muͤhete er ſich dann, Geld zuſammen zu ſchar⸗ ren, und dieſe ward von nun an ſeines Lebens herrſchende Leidenſchaft. Er wurde, was die Welt einen verſtändigen Mann nennt. Be⸗ gehrte ein armer Verwandte ſeinen Beiſtand, ſo ſprach er von ſeinen Pflichten gegen Frau und Kinder; und je reicher er wurde, deſto mohr klagte er uͤber ſeine Duͤrftigkeit, uͤber Geldabpreßen und uͤber die gewißenloſen Preiſe aller Beduͤrfniße. Er behauptete, unvermögend zu ſeyn, ſeine Kinder auf Schulen zu ſchicken; lernen wäre gar zu theuer; es ſey auch un⸗ noͤthig, Lenn ſeine Erziehung in Weſtminſter habe gar keinen Vortheil gebracht, weil er nie wieder in Griechiſche, noch Lateiniſche, oder andere Buͤcher geblickt haͤtte, die er dort aus Zwang habe leſen muͤßen; gleichwohl waͤre er nicht unwißender, als ſeine Nach⸗ barn. Er kannte des Geldes Wichtigkeit, ſo wie die Nothwendigkeit, daßelbe anzuhau⸗ fen, deshalb konnte er den Werth der Ge⸗ lehrſamkeit berechnen. Vielleicht glaubte er — auch ausſchließlich an den Lehrſaz des angebor⸗ nen Talentes; Kenntniße wuͤrden nach ſeiner Meinung kommen, wenn man ſie beduͤrfe. Es wuͤrde Zeit genug ſeyn, das Unerlaͤßliche zu ler⸗ nen, wennunſer kuͤnftiger Lebensſtand erſt feſt⸗ geſezt wäre; und da mein Bruder und ich fur das Heer beſtimmt waren, wuͤrde wenig erforder⸗ lich ſeyn. Er haßte überfluß in allen Dingen; zudem hatte er auch bemerkt, daß die Offiziere in ſeinem Regimente, welche Buͤcher liebten, die unruhigſten waren, und daß ihre Kennt⸗ niße nicht zu ihver Befoͤrderung beitrugen. Zweites Kapitel. t In meinem übermuthe taucht' ich unter In grün⸗durchſicht'gen Golphen, ſuchte auf Das Muſchelwerk und Seekraut, unseſehen Von Obenſtehenden, bis dieſe Angſt erfaßt; Empor dann wieder meine Hand voll Zeichen, Die aus der Tiefe ich geholt; voll Luſt Schoß kräftig ich dahin; tief aus der Bruſt Holt' ich den langverhalt'nen Athem, ſchlng Den Schaum, der mich umbrauſte, und verfolgte Gleich einem Meeresvogel meine Bahn. Byron. Mein Bruder war gefuͤgig, ſanft und klagte nie; ich dagegen war in unaufhoͤrlichen Ver⸗ legenheiten. Ich beſtand darauf, dem Zuge meiner Neigungen zu folgen; Widerſtand ſchaͤrfte nur mein Verlangen. Unter viele an⸗ dere laͤſtige Beſchraͤnkungen unſers unfreund⸗ lichen Gebieters, gehorte auch das Verbot, uns von den Kieswegen im Garten zu ent⸗ — — fernen. Mein Bruder unterwarf ſich dem; während ich Schadloshaltung in den Gaͤrten unſerer Nachbaren ſuchte, aus denen ich mit Fruͤchten und Blumen im überfluße zuruͤck⸗ kehrte. Mein Bruder begnuͤgte ſich mit ſeinem täglichen Spaziergange auf der Gemeinweide, oder auf der Landſtraße; ich aber fuͤllte meine Taſchen mit Brod und mit Vpfeln, erklomm die Huͤgel, oder ſtieg hinab von ihnen, um in den Gewaͤßern das Schwimmen zu lernen. Alles, was mich hinderte, haßte ich; ſowohl Vorſteher, als Prediger und Lehrer. Jeglich Ding, das als gefahrvoll oder unrecht vor⸗ ſichtig zu vermeiden mir geboten wurde, ſuchte ich begierig auf, weil es mir das meiſte Ver⸗ gnuͤgen gewaͤhrte. Waͤre ich mit Liebe, oder auch nur mit dem Scheine von Zuneigung behandelt worden, ſo glanbe ich, daß ich auch gefuͤgig, ſanft und ohne Klage geweſen ſeyn wuͤrde. Aber Strafen und Strenge jeder Art waren die einzigen Beweiſe väterlicher Liebe, die mir ſeit meinem erſten Gedenken zufielen. Mein Vater hatte eine Liebhaberei fuͤr ei⸗ nen Raben, der mit ſtruppigen Fluͤgeln, und mit ernſtem alterthuͤmlichen Ausſehen einſam im Garten umherzugehen pflegte. Dieſer — — 1 — konnte keine Kinder leiden; ſo oft er eines von uns erblickte, verſcheuchte er uns aus ſeinem Pfade. Damals war ich fuͤnf Jahre alt. Hätte der Rabe irgend einen andern Ort ſich auserwählt, als den Obſtgarten, in dem er ſtets verweilte, ſo wuͤrde ich ihm das Recht ſeines Veſizes gewiß nie beſtritten haben. So aber hatten wir Kinder, ſeitdem wir umher⸗ gehen konnten, ihn und meinen Vater fuͤr die zwei mächtigſten, ſchreckbarſten, und ge— waltſamſten Perſonen auf der Welt angeſe⸗ hen. Der Rabe war ſchon ſehr alt; ſein Aus⸗ ſehen war grau und weißlich; er ſtand auf einem Beine; ſeine Gelenke waren ſteif, ſeine Beinhaͤute waren rauh, wie die Borke vom Korkbaume, und er war mit großen Warzen uͤberdeckt; ſeine triefenden Augen hatten einen finſtern Ausdruck; er verbrachte ſeine Zeit faſt immer an einer Mittagswand, in der Sonne ruhend, wo grade die aller koͤſtlich⸗ ſten Pflaumen im Garten ſtanden. Gar manche Liſt verſuchten wir, um ihn von da fort zu locken; vergebens ward ihm der Kuͤchenabfall zum Verſchlingen geboten. Seine Bosheit, ſein Zorn und die Schwierigkeit, zu dem Obſt zu gelangen, waren unertraglich. Wir verſuch⸗ 6 ten, ihn mit Stecken Furcht einzutreiben, wa⸗ ren aber zu kraftlos, um auf ſeinen abgehaͤr⸗ teten Koͤrper den mindeſten Eindruck hervor⸗ zubringen, und wir zogen dabei den Kuͤrzern. Wenn ich mich heranſchleichen konnte, warf ich mit Steinen nach ihm; aber auch das hatte keinen Erfolg. So ſtanden die Sachen; ver⸗ gebens hatte ich den Gaͤrtner und das Geſinde um Huͤlfe angeſprochen; dieſe verlachten und verhoͤhnten uns. Eines Tages war ein kleines Maͤdchen meine Begleiterin, die ich aus der Kinder⸗ ſtube gelockt hatte, um heimlich mit mir Obſt zu holen. Wir ſchlichen uns unbemerkt in den Garten. Grade als wir unter einem Kirſch⸗ baume uns des Gelingens erfreuten, kam der Rabe, dieſes verwuͤnſchte Ungethuͤm, heran⸗ geſchritten. Dies war nicht laͤnger zu erdul⸗ den. Er packte des kleinen Maͤdchens Kleid an; dies war zu erſchreckt, um ſchreien zu koͤnnen; ich beſann mich keinen Augenblick. Ich rief ihr zu, ſich nicht zu fuͤrchten und warf mich auf das Thier. Nun ließ er ſie los und griff mich mit Krallen und Schnabel an; doch ich erfaßte ihn beim Halſe, hob ihn mit Anſtrengung in die Hoͤhe, und ſchleu⸗ derte ſeinen Koͤrper gegen den Baum und gegen die Erde. Ihn aber ſchien nichts zu verwunden; er war hart wie ein Stein. So kaͤmpften wir mit einander und ich war au⸗ genſcheinlich der ſchwaͤchere Theil. Das kleine Maͤdchen, mein Liebling, ſagte: »ich will hin und den Gärtner rufen.« »Nein,« antwortete ich; »der wird es dem Vater ſagen; ich will ihn aufhaͤngen, den Altenz« (womit ich den Raben meinte, nicht meinen Vater) »gieb mir Deine Leibbindel« Dies that ſie und mit großer Anſtrengung gelang es mir, wiewohl ſchrecklich von ihm verlezt, das eine Ende der Binde um des alten Tyrannen Hals zu befeſtigen; dann klet⸗ terte ich auf den Kirſchbaum, ſchlang das andere Ende des Bandes um einen abſtehen⸗ den Zweig, ſprang wieder zur Erde, und hatte wirklich den Erfolg, meinen Feind in der Luft ſchweben zu ſehen. In dieſem Augenblick kam mein Bruder her⸗ beigelaufen. Er war erſchreckt, als er mich ſo im Kampfe gewahrte, doch ſobald er un⸗ ſern alten Widerſacher am Bande erblickte, ſtieß er einen Freudenſchrei aus. Nun befe⸗ ſtigten wir des Bandes anderes Ende und . 2 — 8 — begannen, ihn zu Tode zu ſteinigen. Nachdem wir dieſer Luſt uͤberdruͤßig geworden, und er allem Anſcheine nach todt war, ließen wir ihn herab. Er fiel auf eine Seite nieder, und ich griff nach einem Stecken, um ihn durch Schläge auf den Kopf voͤllig zu tödten. Zu unſerm Schrecken und zu unſerm großen Er⸗ ſtaunen ſprang er mit heiſerem Geſchrei in die Hoͤhe und ergriff mich. Unſer erſter Ge⸗ danke war Flucht, er aber hielt mich feſt, deshalb warf ich mich noch einmal auf ihn, rief meinen Bruder zu Huͤlfe, hieß dem das Band feſter um den Rabenhals ſchlingen und dann den Baum beſteigen. Dabei ſuchte ich ihn feſtzuhalten. Jezt ſah das Thier furchtbar aus, ein Auge hing ihm aus dem Kopfe her⸗ vor, aus der Kehle floß ihm das Blut, mit ſeinen Fluͤgeln und mit zerzupftem Schwei⸗ fe, den ich ihm waͤhrend ſeiner erſten Hin⸗ richtung ſchon zur Hälfte ausgezogen hatte, zerſchlug er den Boden. Er kämpfte mit wil⸗ der Anſtrengung um ſein Leben, und ich war mit Blut ganz bedeckt. Aber mit Huͤlfe mei⸗ nes Bruders gelang es uns, den erſchoͤpften und verwundeten Raben noch einmal aufzu⸗ ſchnürenz als er hing, ſchlugen wir ihn vol— — 1 — lends todt, indem wir ſeinen Kopf zerſpalte⸗ ten. Alsdann banden wir ihn an einen Stein und verſenkten ihn im Ententeiche. Dieſer war der erſte und ſchrecklichſte Zwei⸗ kampf in meinem Leben. So kindiſch er iſt, fuͤhre ich ihn doch an, nicht nur weil er le⸗ bendig in meinem Gedächtniße fortlebt, ſon⸗ dern als ein Ereigniß, das in der Uberſicht meines ſpaͤtern Lebens angenſcheinlich den er⸗ ſten Ring ausmachte, an den ſich die Glie⸗ der einer langen Kette reiheten. Er beweiſt, wie lange ich Unterdruͤckung und Quaͤlerei zu erdulden vermogte, und daß, wenn ich end⸗ lich gereizt wurde, ich nie halbe Maßregeln verſuchte, ſondern ohne Anhalten noch Be⸗ ſinnen, zum Außerſten ſchritt. Dieſer war mein laſtender Fehler, und ſchwer habe ich ihn ge⸗ buͤßt, habe ihn bitter bereuet; denn ich habe vernichtet, wo ich nach ſtrengem Rechte dies thun konnte, aber wo ich, der Milde zufol⸗ ge, nur haͤtte ſtrafen ſolen; daher kam es, daß die Umſtehenden dasjenige fuͤr Rache hiel⸗ ten, was mich nur billige Vergeltung duͤnkte. Drittes Kapitel. — Es erſchollen Aus nahem Schulgemache Stimmen, die Nur Echo waren, einer Welt von Wehe, Im herben Kampfe mit Tyrannengroll. Shelley. Durch neue Leiden raſend, Unlenkſam, ſtrengem Zwange Unterthan. 3 Keats. In übereinſtimmung mit meines Vaters Anſichten von der Nuzloſigkeit fruͤher Aus⸗ bildung ward ich nicht zur Schule geſchickt, bis ich mein zehntes Jahr angetreten hatte. Damals war ich ein ungewoͤhnlich großge⸗ wachſener, ſtämmiger, unbeholfener Knabe. Waͤhrend meine Eltern taͤgliche Beſprechun⸗ gen uͤber die Frage abhielten, mit welchem Zeitpunkte ihre Soͤhne den Schulbeſuch an⸗ fangen ſollten, entſchied ein unbedeutender — Umſtand dieſe Frage. Ich ſaß oben in einem Apfelbaume, und warf meinem Bruder von da die gebrochenen Fruͤchte herab, als mein Vater ploͤzlich herzukam. Jede Kleinigkeit er⸗ boßte ihn. Er befahl uns, ihm zu folgen, ſchritt raſch durch den Garten auf die Land⸗ ſtraße, ohne im Hauſe vorzuſprechen. So fuͤhrte er uns, ohne eine Silbe zu reden, nach der nahen Stadt und durch die Straßen, eine Entfernung von beinahe zwei Meilen. Ich folgte mit troziger Gleichguͤltigkeit, fragte jedoch von Zeit zu Zeit meinen Bruder, was er vom wahrſcheinlichen Ausgange denke; dieſer aber gab keine Antwort. Am andern entfernten Ende der Stadt hielt mein Vater, that einige uns unverſtaͤndliche Fragen, und ging darauf zu einem ummauerten, traurig ausſehenden Gebaͤude. Wir folgten unſerm wuͤrdevoll hinſchreitenden Vater bis zum Ende einer langen Gaße; hier zog er die Klingel an einem Thorwege, der dem Einlaße zu ei⸗ nem Gefaͤngniße glich; man ließ uns in den Hofz dann wurden wir durch eine geräumi⸗ ge, aber dunkele Vorhalle in ein kleines An⸗ ſprachzimmer gefuͤhrt; die Thuͤr ward hier zugemacht und der Diener verließ uns. — — Lach zehn Winuten, die mir eine Ewigkeit ſchienen, trat ein zierliches, kleines Maͤnnchen ein, den Kopf hoch in die Luft geſtreckt, große ſilberne Schnallen auf den Schuhen, eine Halsbinde eng um den Hals geſchnuͤrt, mit einer Brille auf der Naſe und weiß gepudert. Sein Weſen zeigte eine puͤnktliche Genauig⸗ keit, die einen Knaben entſezlich duͤnkt. Ein raſcher Blick, den ſein Falkenauge zuerſt auf meinen Vater, dann auf uns warf, verſtan⸗ digte ihm das Geſchaͤft. Unter wiederholten Verbeugungen noͤthigte er den Vater zum Si⸗ zen, und deutete uns mit ſeinem Finger an, das naͤmliche zu thun. In Allem, was er ſagte, herrſchte eine Ungeduld und Schnel⸗ lligkeit, welche anzeigte, daß er Handeln lieb⸗ te, aber nicht Sprechen. »Ich vermuthe, Sie ſind Herr Sayers?« ſagte unſer Vater. »Ja, mein Herr.« »Haben Sie noch Plaz in 35 Schule?« »Ja, mein Herr.« »Wohlan, wollen Sie dieſe unlenkſamen Landſtreicher unter Ihre Obhut nehmen. Ich kann nichts mit ihnen ausrichten. Sehen Sie, mein Herr, dieſer Burſche« (er deutete auf — 23 — mich) »veruͤbt mehr Unfug in meinem Hauſe, als Ihre ſechzig Knaben moͤglicher Weiſe in dem Ihrigen anſtiften können.« Bei dieſen Worten ſchob der Pedagog ſeine Brille auf die geſchaͤrfte Naſenſpize herab, blickte uͤber ſie hin, und maß mich vom Kopfe bis zu den Fuͤßen; dabei ballte er ſeine Fauſt, als ergriffe ſie in der Einbildung bereits das irkenreis, nickte ſeitwaͤrts mit dem Kopfe, als gebe er dadurch zu verſtehen, daß er mich bezaͤhmen wolle. Meine Schuleinfuͤhrung ward ſortheht »Er iſt unbäͤndig, unverbeßerlich! Herr, er wird an den Galgen kommen, wenn Sie ihm den Teufel nicht auspeitſchen. Heute Morgen habe ich ihn bei einem Verbrechen ertappt, fuͤr welches er den Strick verdient. Mein älteſter Sohn war durch ihn verfuͤhrt, ſein Mitſchuldiger zu werden, mein Herr, denn der iſt von Natur beßerer Sinnesart.« Darauf ordnete mein Vater das Unerläß⸗ lichſte mit Herrn Sayers, verbengte ſich ge⸗ gen dieſen, und ging hinaus, ohne ſich um uns zu bekuͤmmern. Man ſtelle ſich vor, wie mein Gemuͤth em⸗ pört war. Ohne Ankuͤndigung, noch Vorbe⸗ reitung aus meinem Vaterhauſe entnommen, und mit bittern Worten als ein Verbrecher der Gewalt eines Fremden uͤberliefert; dann eine Minute ſpaͤter, ſah ich mich auf einem kleinen Plaze, der zum Spielen beſtimmt war, der aber mit ſeinen hohen Mauern und durch ſeine Befeſtigung mehr einem Gefaͤngnißhofe glich. Dreißig oder vierzig Knaben, zwiſchen fuͤnf und fuͤnfzehn Jahren, ſtanden um uns her, machten ihre Bemerkungen und richteten Fragen an uns. Ich wuͤnſchte, daß die Erde ſich öffnen und mich begraben moͤge, um die folternden Erregungen zu verbergen, die mei⸗ nen Buſen ſchwellten. Jezt, im Zuruͤckblik⸗ ken, wiederhole ich dieſen Wunſch aus gan⸗ zer Seele; und koͤnnte ich damals die Zukunft gekannt oder nur das Loos ertraͤumt haben, das meiner wartete, ich wuͤrde, ſo ſehr ich auch noch Knabe war, mein Gehirn an der Mauer zerſtoßen haben, an der ich ſchweigend und muͤrriſch lehnte. Meines Bruders Sin⸗ nesart befahigte ihn, ſein Schickſal in Ver⸗ gleich mit mir viel ruhiger zu ertragen; doch die rothen Flecken auf ſeinen Wangen, ſeine ſchweren Auglieder, ſeine erſtickte Stimme bewieſen, daß unſere Gefuͤhle, wenn auch 5 — — — an Schaͤrfe abweichend, eigentlich die nàm⸗ lichen waren. So jammervoll meine ganze Schulzeit war, blieb der erſte Tag doch der bitterſte von Al⸗ len. Ich erinnere mich, bei dem Abendeßen von meinen Gefuͤhlen dermaßen uͤberwaͤltigt geweſen zu ſeyn, daß ich nicht einen Bißen der in ſpärlichem Maße zugetheilten erbärm⸗ lichen Koſt hinabzuwuͤrgen vermogte; meine erſte Erholung war, als ich auf meiner Bett⸗ lermatraze lag, als die Pfenniglichte ausge⸗ löſcht waren, und rings um mich her die er⸗ muͤdeten Knaben ſchnarchten — Toͤne, die mir Troſt gewaͤhrten — meinem gepreßten Herzen durch Thraͤnen Luft machen zu koͤn⸗ nen. Ich ſchluchzte laut; ſobald ſich aber einer im Zimmer ruͤhrte, als ſey er erwacht, hielt ich den Athem an, bis ich mich wieder völlig geſichert wußte. So ſchluchzte ich fort, ohne gehort zu werden, bis es ſpät in der Nacht geworden, und mein Kopfkißen von Thranen gebadet war, da fiel ich ganz er⸗ ſchoͤpft in einen Schlaf, aus dem ich um ſie⸗ ben Uhr Morgens unſanft aufgeruttelt wur⸗ de, ohne von ihm erfriſcht zu ſeyn. Nan ging ich hinab in das Schulzimmer. — 26 — Knaben, die unter dem Drucke ihrer unbe⸗ ſchraͤnkten Vorgeſezten leben, ſind grauſam, und gefallen ſich in Grauſamkeit. Alles Boͤſe in ihrer Natur wird hervorgerufen, alles Gute unterdruͤckt. Sie erinnern ſich an das⸗ jenige, was ſie erleiden mußten, als ſie der Sklaverei uͤbergeben wurden; an die rohen Spaͤße, die man mit ihnen trieb; an die überliſtungen ihrer Einfalt; daran, daß ſie von den Schlauen betrogen und von den Starken geſchlagen wurden; deshalb wol⸗ len ſie keinem Neuangekommenen geſtatten, dieſer Pruͤfung zu entgehen. Knaben in der Schule wird Grauſamkeit, Liſt und Selbſt⸗ ſucht gelehrt; derjenige iſt ihr Opfer und Narr, der noch einen Funken von Herzens⸗ guͤte beibehält. Der Vorſteher trat ein. Er war einer der Paͤdagogen von der ſogenannten alten Schule. Er ſezte unfehlbaren Glauben in ſeinen Wun⸗ derſtab, den er in unaufhoͤrlicher Anwendung bei jedem zweifelhaften Falle gebrauchte. Die Schule glich mehr einem Beßerungshauſe, als einer Lehranſtalt; und mein Herz erkrank⸗ te, als ich der Anweiſung meines Vaters gedachte, die Zuchtruthe nicht zu ſparen. „ W — — Weil mein Leben in der Schule nur ein Auftritt des Leidens war, bin ich genoͤthigt, ſo raſch als moͤglich daruͤber hinzugleiten; um ſo mehr, da die Mißbraͤuche, uͤber welche ich klage, wenn nicht ganz gehoben, mindeſtens doch ermaͤßigt ſind. Selten ward ich mehr als einmal taͤglich mit Ruthen gepeitſcht, oder bekam mehr als einmal in der Stunde Stock⸗ ſchläge. Nachdein ich erſt daran gewoͤhnt worden, ward ich unempfindlich; und nun ward ich von dem Schulherrn fuͤr den ver⸗ ſtockteſten, boshafteſten, unverbeßerlichſten Buben gehalten, der je unter ſeine Zucht ge⸗ kommen war. Jede moͤgliche Art der Zuͤchti⸗ gung ward an mir ohne Wirkung verſucht. Nie kam es ihm in den Sinn, einen Verſuch mit der Guͤte zu machen, weil er wahrſchein⸗ lich nie davon gehoͤrt hatte. In ganz kurzer Zeit ward ich gleichguͤltig gegen Schande und Furcht. Jedes gute, ſanfte Gefuͤhl meiner von Natur zuneigungsvollen Denkart ſchien unterdruͤckt durch die herbe, grauſame Behandlung meines Lehrers; und ich war trozig, rachſuͤchtig, oder unempfindlich. Die Gemuͤther der andern Knaben beſchäftig⸗ ten fruchtloſe Verſuche, um der Schmach von — 6 — Strafen zu entgehen, aber ſie blieben immer fruchtlos. Ich begann meinen Grimm an den Knaben auszulaßen und gewann bald durch Furcht jene Achtung, die ich mir durch Fleiß bei den Buͤchern nicht erwerben wollte. So genoß ich denn meinen erſten Unterricht in der Nothwendigkeit, mich auf mich ſelber zu verlaßen; und der Geiſt in meinem Innern nahm zu an Kraft, troz allen Bemuͤhungen, ihn auszurotten, gleich wie eine junge Tanne in der Spalte eines Granitfelſens gruͤnt. — Viertes Kapitel. Verwandtſchaft zwiſchen Sohn und Vater iſt Haltbarer nicht als Seidenband, woran Nach zweien Seiten Löwen zerren; wenn Aus langer Jahre Wechſel⸗Liebe nicht Die Lieb' erwächſt. Keats. „ Er warf Natur von ſich, die Schild ihm war; Nun ſtößt Natur ihn aus, der Schmach ihr iſt. Shelley. So wie meine koͤrperlichen Kräfte zunahmen, ward ich außerhalb der Schule Anfuͤhrer bei allen Spielen und Unthaten; in der Schule aber gehoͤrte ich der unterſten Klaße an. Ich war entſchloßen, nicht lernen zu wollen und den Strafen zu trozen. In Wahrheit erinnere ich mich auch nicht, daß irgend einer von den Knaben dort nuͤzliche Kenntniße erwarb. Als mich das Anſehen befriedigte, welches ich uͤber meine Schulgenoßen mir errungen, wandte ich mein ganzes Denkvermoͤgen auf die Moglichkeit, Rache am Schulherrnzu nehmen. Zuerſt verſuchte ich meine Fauſt an ſeinem Unterlehrer. Nachdem ich aus meinen verwe⸗ genſten Myrmidonen eine Partei gebildet hatte, erdachte ich eine Zuͤchtigung unſers Lehrers, und fuͤhrte ſie aus. Einmal in der Woche wurden wir durch einen weiten Aus⸗ gang auf das Land erfriſcht; bei einem der⸗ ſelben ſezte unſer Lehrer ſich nieder, um aus⸗ zuraſten; die mit dem Plane nicht vertrauten Knaben waren eifrig beſchaͤftigt, Nuͤße zu brechen; meine Auserwaͤhlten blieben in der Nähe und bereiteten Stoͤcke; plozlich uͤberfie ₰ ich, von dreien derſelben unterſtuͤzt, unſern Feind. Ich erfaßte mit meiner Hand ſeine un⸗ ſaubere Halsbinde, die ich immer enger um ſeinen Hals zuſammendrehte; die Andern packten ihn an Armen und Beinen, und war⸗ fen ihn voͤllig auf den Boden. Ein Zuruf brachte noch ſechs oder ſieben von ihnen her⸗ bei. Mehremale gelang es ihm beinahe, ſich von uns los zu machen; ich aber ließ die Halsbinde nicht fahren, und wenn ſeine An⸗ . ſtrengung auch einen Knaben vertrieben hatte, „ ſo nahm ein Anderer deßen Stelle ein; bis —— — — er endlich voͤllig uͤberwaͤltigt flehete, ſo gut er Toͤne hervorzubringen vermogte, barmherzig zu ſeyn und ihn nicht zu erdroßeln. Ich ſchnuͤrte ihn noch feſter, bis der Schweiß von ſeiner Stirn traͤufelte, wie der Regen vom Bretter⸗ dach eines Schoppens. Dann gaben wir ihm ein Beiſpiel von Durchpeitſchen, welches er nie vergeßen konnte. Die Folge davon laͤßt ſich in wenigen Wor⸗ ten erzaͤhlen. Bei der Ruͤckkehr zur Schule begann unſer Prieſter und Meiſter — denn er war ein Geiſtlicher — ein Vorgefuͤhl von dem zu bekommen, deßen ich und ſeine Zoͤg⸗ linge faͤhig waͤren. Der ſchreckliche Bericht, den der Unterlehrer von meiner Gewaltthaͤ⸗ tigkeit machte, erweckte ihm die Beſorgniß, daß die Heiligkeit ſeines Standes und geiſt⸗ lichen Gewandes nur allein geehrt worden, weil wir am erfolgvollen Widerſtande ver⸗ zweifelten; daß wir aber, nachdem des Sieges Suͤßigkeit einmal von uns gekoſtet war, an⸗ maßend genug ſeyn moͤgten, ſeinen Befehlen den Gehorſam keck zu verweigern; daß mein Einfluß und mein Beiſpiel die Andern ermu⸗ thigte, und daß er taͤglich ſein Anſehen mehr verlieren wuͤrde. Die Zuͤchtigung des Unter⸗ — 32 — 7 lehrers floͤßte ihm Staunen ein. Er ſah die Nothwendigkeit, entſcheidende Maßregeln an⸗ zuwenden, und an mir ein Beiſpiel aufzu⸗ ſtellen, bevor ich in meiner Verwegenheit ſo verſtockte, um vielleicht gegen ihn ſelber einen Verſuch zu wagen. Seine Vorſicht kam zu ſpaͤt. Er rief mich vor ſich, wobei er um drei Stufen hoͤher auf einer Redebank ſtand. Die Knaben waren unruhig, gleich jungen Pfer⸗ den, die ihre Kräͤfte kennen lernen. Ich ſtand nicht, wie fruͤher, vor ſeinen zornigen Blicken niedergebeugt, ſondern aufrecht, und blickte ihm voller Selbſtvertrauen ohne Scheu in das Angeſicht. Er klagte mich an, ich ſprach „ zu meiner Rechtfertigung; er ward zornig; mein Blut draͤngte nach dem Kopfe; er ſchlug mich, und ich ergriff ihn mit einem ploͤzlichen Zulaufe bei den Beinen, ſo daß er mit Heftigkeit ruͤckwaͤrts niederſchlug. Ihm eilten der Unterlehrer, der Schreib⸗ meiſter und Andere zu Huͤlfe; alle Knaben aber ſaßen ſtill und hoͤhnend, mit Verwun⸗ derung dem Ausgange zuſehend. Ich wollte mich vom Unterlehrer nicht ergreifen laßen, der zwiſchen der Furcht vor den Knaben und ſeiner Pflicht gegen den Schulherrn ſchwan⸗ — — — kend, unſchlußig da ſtand; ſo ſtuͤrzte ich aus dem Schulzimmer fort in den Garten, und feierte hier meinen Triumph. Ich beſchloß, daß mich nichts zwingen koͤnne, noch ſolle, in der Schule zu bleiben; ein Entſchluß, den ich lange ſchon gefaßt haben wuͤrde, wenn nicht die Furcht vor meines Vaters ſchreck⸗ licher Strenge geweſen wäre. Zwei Jahre lang hatte ich Leiden ausgeſtanden, die wenig Andere ertragen hätten; die Natur konnte nicht mehr erdulden. Jezt war ich in Ver⸗ zweiflung, und deshalb empfand ich weder Furcht, noch Hoffnung. Einer der Diener kam mit der Botſchaft' zu mir, ich ſolle mich in das Haus begeben. Nach einigem Zoͤgern ging ich. Ich ward allein in ein Schlafzimmer geſperrt; zur Zeit des Abendeßens brachte man mir Brod und Waſ⸗ ſer, — ſpäͤrliche Koſt, doch nicht um Vieles ſchlechter, als unſere gewoͤhnliche Nahrung. Ich ſah Niemanden, als den Diener. Der folgende Tag verging in gleicher Einſamkeit, bei gleicher, kuͤmmerlicher Bekoͤſtigung. Abends ward mir ein Endchen Licht gelaſſen, um mir beim Schlafengehen zu leuchten; ich weiß nicht, was mich dazu antrieb, ich glaube aber, I. 3 es war Hoffnung auf Befreiung, nicht Rache, kurz, ich ſteckte die Bettumhaͤnge in Brand. Das Bett ſtand in hellen Flammen, der Rauch ſtieg in dicken Wolken empor; ohne einen Ge⸗ danken an Flucht, betrachtete ich der Flamme Verbreiten mit kindiſcher Freude; die Wand⸗ vertaͤfelung und das Holzwerk fingen nun Feuer, die Flamme praßelte an den Waͤnden auf, und ich konnte im Rauche kaum athmen. Der Diener kam zuruͤck, um das Licht abzu⸗ holen; das Offnen der Thuͤre vermehrte die lodernde Gluth. I„ch rief: »Schaut hier, Georg, ich habe mir ſelber Feuer gemacht; Ihr ſagtet doch, ich ſollte keines haben, wiewohl es ſo kalt war.« Des Menſchen Geſchrei verkuͤndete den Um⸗ ſtand im Hauſe. In der elenden Kammer war wenig Geraͤth, und das Feuer ward ausgeloͤſcht. Ich ward nach einem andern Zim⸗ mer gebracht, wo die ganze Nacht ein Waͤch⸗ ter bei mir aufſizen mußte; ich entſinne mich, daß ich mich uͤber die Furcht freute, die Alle vor mir empfanden. Sie nanuten das Brand⸗ ſtiften, Verrath, Gottesläſterung — und dieſe Beſchuldigungen machten einigen Eindruck auf — — mich, weil ich die Bedeutung der Worte nicht kannte. Meinen ehrwuͤrdigen Schulherrn ſah ich nicht, vielleicht ſchmerzte ihn der Kopf vom Falle; es ward mir nicht geſtattet, ei⸗ nen meiner Schulgenoßen zu ſehen, — dies ſchmerzte mich; man erlaubte mir nicht ein⸗ mal, meinen Bruder zu ſehen, damit ich ihn nicht verderben moͤge. Am folgenden Morgen ward ich unter Be⸗ wachung nach Hauſe geſchickt. Mein Vater war abweſend, — gluͤcklicher Zufall! Ein un⸗ erwartetes, ſehr bedeutendes Vermoͤgen war ihm durch Erbſchaft zugefallen. Er kam zu⸗ ruͤck, und entweder durch ſein gutes Gluͤck, oder durch gutes Bedenken beſaͤnftigt, ſagte er mir nie ein Wort uͤber das Vorgefallene. Zu meiner Mutter aber ſprach er: »Du ſcheinſt bei Deinem Sohne etwas zu vermoͤ⸗ gen. Ich gebe ihn auf. Kannſt Du ihn dahin bringen, daß er ſich vernuͤnftig beträgt, ſo ſey es, wenn nicht, muß er ſich eine andere Heimath ſuchen.« Damals war ich etwa eilf Jahre alt. Folgendes giebt einen Begriff von den Fort⸗ ſchritten, die ich in dieſer Zuchtſchule gemacht hatte. Eines Tages ſprach mein Vater mit der Mutter von den übermäßigen Koſten des Unterrichts, und gab zu verſtehen, daß die Kirchſpielſchule im Dorfe, zu welcher er ge⸗ zwungener Weiſe beiſtenern mußte, eben ſo nuͤzlich geweſen ſeyn moͤgte; dann fragte er mich: »Nun, was haſt Du gelernt?“ Gelernt!« ſagte ich mit zoͤgernder Stimme, denn mir wurde bange vor dem, was nach⸗ folgen koͤnnte. „Iſt das eine Art, mir zu antworten? Sprich heraus, Pinſel!« Seine Stimme ward ſo laut, das ihr Donnern das Wenige voͤllig aus meinem Kopfe vertrieb, was der Schul⸗ meiſter mit unglaublicher Muͤhe und Beſtra⸗ fung hineingezwungen hatte. »Was haſt Du gelernt, Taugenichts? Was weißt Du?« »Nicht viel, Vater l« „Was verſtehſt Du vom Latein?« „Latein? Ich kann kein Latein ?« »Kein Latein, Dummkopf! Ich dachte, ſie lehrten nichts anders, als Latein.« „Doch, Vater, — rechnen.« „Nun, wie weit biſt Du in der Rechenkunſt gekommen?« „Nein, Vater, ſie lehrten mich rechnen und ſchreiben.« — —. — Mein Vater blickte mich ſtrenge an. »Kannſt Du die Regel⸗de⸗Tri, Toͤlpel?⸗ „Regel⸗de⸗Tri 24 »Kannſt Du ſubtrahiren? Dummer Junge antworte! Kannſt Du mir ſagen, wenn man fuͤnf von fuͤnfzehn abzieht, wie viele bleiben 2«. »Fuͤnf und fuͤnfzehn macht —« ich zählte auf meinen Fingern, vergaß aber den Dau⸗ men — »macht — macht — neunzehn!« »O, Du nichtsnuͤziger Schlingel! Kannſt Du das Einmal⸗ein herſagen ?« »Was ſoll ich herſagen ?« Nun wandte er ſich zu meiner Mutter und ſagte: »Dein Sohn iſt ein ausgemachter Tropf, er weiß vielleicht nicht einmal ſeinen Namen. Schreib Deinen Namen hin, Reckel le »Schreiben? Mit der Feder kann ich nicht ſchreiben, das iſt meine Feder nicht.« »Dann buchſtabiere Deinen Namen, Du einfaͤltiger Lotterbube l« »Buchſtabieren !e Ich war ſo verwirrt, daß ich die Vokale verkehrt angab. . Im Rrger ſtand er auf, warf den Tiſch um, und zerſtieß ſich das Schienbein, als er mir einen Fußtritt geben wollte, ich entwand mich ihm und ſtuͤrzte aus dem Zimmer fort. Fuͤnftes Kapitel. O Gold! Weshalb man doch den Knauſer ſchmähet? Luſt, die da nie vergehen kann,iſt ſein, Sein Kabeltau ſich an dem Anker drehet, Der alle Luſt ihm feſthält, groß und klein. Die Ihr den Geishals nur bei Tiſche ſehet, Sein ärmlich Mahl verhöhnt, wohl obendrein, D'rob ſtaunt, daß Sparen ſich bei Reichen finde — Ihr kennt den Werth nicht, einer Käſerinde! Byron. — Tiz ſeines vergroͤßerten Vermoͤgens ver⸗ mehrte mein Vater ſeine Ausgaben nicht, ſon⸗ dern fuͤhrte wo moͤglich noch ſtrengere Spar⸗ ſamkeit ein. Das Zuſammenhäufen von Reich⸗ thuͤmern gewaͤhrte ihm mehr Vergnuͤgen, als er je in den Frenden des geſellſchaftlichen Le⸗ bens empfunden hatte. Das einzige Anzeichen von Einbildungskraft, welches er je verrieth, war im Bauen von Luftſchloͤßern; doch waren die ſeinigen auf beßern Grundlagen errichtet, als das gewoͤhnlich bei den Wahnbildern ſolcher Traͤumer der Fall zu ſeyn pflegt. In ſeiner Bruſt beherbergte er kein unwirkliches Scheinbild von feenhaftem Zauvergluͤckz; Sil⸗ berbarren, Gold, Ländereien, Haͤuſer und Landguͤter bildeten ſeine Traͤume. Er ward ein außerordentlicher Rechner, mit Huͤlfe ei⸗ nes Rechenknechtes, den er ſtets in der Taſche trug; mit der ſorglichſten Genauigkeit ſchrieb er den Sterling⸗Werth aller ſeiner Ver⸗ wandten nieder, ſo wie den der Verwandten ſeiner Frau, ihrer geſezlichen Erben, ihrer naͤchſten Sippſchaft, deren Alter und Ge⸗ ſundheitszuſtand. Die Verſicherungs⸗Tabelle ward zu Huͤlfe genommen, um den Werth ihres Lebens zu berechnen; dieſem fuͤgte er die moͤglichen Zufälle bei, die aus Erb⸗oder andern Krankheiten entſtehen konnten, wobei er jedoch immer ſeine eigene Gichtanfaͤlle ver⸗ gaß. Dann beſchloß er, dieſen Berechnungen gemaͤß, ſein Benehmen zu regeln, mit ſeinen reichen Verwandten den freundlichſten Um⸗ gang zu halten, dagegen die Armen moͤglichſt zu entfernen. Weil er keine Veranlaßung zum Borgen hatte, graͤnzte ſein Widerwille gegen Darlehen an Antipathie. Alle ſeine Geſpräche mit ſolchen, die er fur duͤrftig hielt, waren mit den weiſen Spruͤchen kluger und ſparſa⸗ mer Menſchen durchwebt; das Mißtrauen und der Abſcheu, den er bei der leiſeſten Andeu⸗ tung auf Anleihen ohne Sicherheit oder Zin⸗ ſen laut ausſprach, hatte die Wirkung, daß auch die Unverſchaͤmteſten und Verwegenſten nicht wagten, ihn anzuſprechen, und lieber im Nothſtande blieben, oder bettelten, raub⸗ ten, oder verhungerten, als daß ſie ihn zur Abhuͤlfe zu bewegen ſuchten. Er war in die⸗ ſer Beziehung nicht immer ſo hartherzig ge⸗ weſen, ſondern erſt, als er vich geworden war. 3 Wir ſezten uns niemals ohne eine Beleh⸗ rung uͤber Sparſamkeit zu Tiſche. Es war eine ganz natuͤrliche Folge, daß ich, der von allen Seiten eingehemmt wurde, bis mich der Geiſt des Widerſpruches völlig beherrſch⸗ te, nun unverbeßerlich, freiſinnig und groß⸗ muͤthig ward. Es reizte mich, durch Schlau⸗ heit ſeinen Geiz gegen mich und Andere zu hintergehen. Ich ward bei manchen Miße⸗ thaten ertappt, denn ich hatte wenig Ehr⸗ furcht vor perſoͤnlichem Eigenthume, ein La⸗ ſter, das in der Regel denen eigen iſt, die — — — ſelber nichts beſizen. Lebensmittel verſchwan⸗ den aus der Speiſekammer und vom Schenk⸗ tiſche; Wein, Zuckerwerk und Fruͤchte, die ich ganz beſonders liebte, weil ſie ſo zu ſa⸗ gen zu den verbotenen Dingen gehoͤrten, verſchwanden in befremdlicher Weiſe. Endlich ward ich aber einer laͤſterlichen Suͤnde uͤber⸗ fuͤhrt, die ſo ungeheurer und beiſpielloſer Art ſchien, daß ſie niemals verziehen, noch vergeßen werden konnte. Mein Vater ver⸗ wuͤnſchte ſein Geſchick, einen ſo ausgearteten Sohn zu haben, und beſchloß, ſich meiner auf der Stelle zu entledigen, damit ich An⸗ dere durch mein Beiſpiel nicht verfuͤhren und ihn gänzlich zu Grunde richten mogte. Die von mir begangene Suͤnde beſtand darin, daß ich eine ganze Taubenpaſtete aus dem Heiligthume der Speiſekammer entwandt, und zuſammt der Schuͤßel einer Bettelfrau gegeben hatte. Vielleicht waͤre die Unthat nie entdeckt, haͤtte die eifrig gewißenhafte Alte die leere Paſtetenſchuͤßel nicht zuruͤckgebracht. Ich haßte ihre Ehrlichkeit, und konnte ſpaͤter nie wieder alte Frauen leiden. Die Irmſte ward vor meinem Vater beſchieden; ſie hoͤrte ſeine Androhungen der Fußblocke, des Zucht⸗ hauſes, der Anklage des Einbruchs und der Transportation an, ohne mich zu verrathen; auch glaube ich nicht, daß die Wahrheit an den Tag gekommen waͤre, wenn ich nicht ſel⸗ ber vortrat und dieſelbe geſtand. Meines Va⸗ ters Wuth werde ich nie vergeßen. Er ſagte, ich ſey nicht nur Dieb, ſondern verſtockter Raͤuber; er gab mir Schläge und Fußtritte. Ich ſtand feſt vor ihm, wie ich vor meinem Schulherrn geſtanden, denn ich hatte Dulden erlernt, und durch Schlaͤge war meine Haut dick und hornartig geworden. Ich weinte nicht, bat nicht um Verzeihung. Als ſeine Haͤnde und Fuͤße ermuͤdet waren, ſagte er: „Geh' mir aus den Augen, Du Schurke!« Ich ruͤhrte keinen Fuß, ſondern blickte ihn muͤrriſch und verwegen an. Damit man nicht glaube, mein Weſen habe etwas ganz beſonders Boͤsartiges gehabt, welches die äußerſte Strenge erforderte, muß ich hinzuſezen, daß mein Vater meinen Bru⸗ der und meine Schweſtern, dieſe lezteren ſo⸗ gar im Alter von vierzehn und ſechszehn Jah⸗ ren, wiewohl ſie dem Außern nach ſchon Frauen ſchienen, mit der nämlichen eiſernen „. 8 — — Ruthe regierte; der einzige Unterſchied be⸗ ſtand darin, daß dieſe Eiſenruthe mich nicht zu beherrſchen vermogte, und deshalb war es mit mir nicht auszuhalten. — Sechstes Kapitel. Sezt bin ich in der Welt allein, Auf weiter, weiter See! Soll And'rer Schmerz der meine ſehn⸗ Da Keinen ruhrt mein Weh? Byron. Es war die Rede davon, mich nach Orford zu ſchicken, weil einer meiner Oheime Pfruͤn⸗ den zu vergeben hatte, die mein Vater un⸗ moglich ohne Schmerz, als Eigenthum der Familie, in andere Hände konnte kommen laßen. Ich ward befragt; aber die entſchie⸗ dene Weiſe, in der ich den Prieſterſtand zu⸗ ruͤckwies, ließ keine Hoffnung, daß ich jemals durch Eigennuz geleitet werden koͤnnte. Bald darauf wurde ich nach Portsmouth gebracht, und auf dem Linienſchiffe Superb eingeſchifft, um auf demſelben zu einem der Schiffe gefuͤhrt zu werden, die zu Nelſon's Flotte gehoͤrten. Kapitain Keates befehligte daßelbe, und wir ſegelten nach Plymouth, um den Admiral Duckworth an Bord zu neh⸗ men, der ſeine Flagge aufzog und das Schiff drei Tage zuruͤckhielt, um Hammel und Kar⸗ toffeln aus Cornwallis einzunehmen. Dieſe Verzogerung ließ uns ungluͤcklicher Weiſe Nelſon's Flotte auf der Hoͤhe von Trafalgar, erſt zwei Tage nach ſeinem unſterblichen Siege, erreichen. So jung ich auch war, werde ich nie un⸗ ſer erſtes Zuſammentreffen mit dem von Tra⸗ falgar kommenden Schooner Pickle vergeßen, der die erſten Berichte vom Siege und Tode des Helden nach England brachte. Mehre Stunden hatten wir unſern Lauf verlaßen und Jagd auf ihn gemacht, wuͤrden ihn auch ſchwerlich zum Beilegen gebracht haben, ware unſer Schiff nicht ſo guter Segler und der Wind ſo friſch geweſen. Der Befehlshaber des Schooners, der vor Ungeduld brannte, die Neuigkeiten zuerſt nach England zu brin⸗ gen, ward genöthigt, beizulegen und an un⸗ ſern Bord zu kommen. Kapitain Keates em⸗ pfing ihn auf dem Verdeck, und ich war ihm zur Seite, als er die Kunde empfing. Schwei⸗ — 46 gen herrſchte im ganzen Schiffe; das Vorge⸗ fuͤhl eines großen Ereignißes waltete; die Offiziere ſtanden ſeitwaärts und betrachteten mit ſehnſuͤchtigem Aufmerken die beiden Be⸗ fehlshaber, die allein miteinander ſprachen: Schlacht — Nelſon — Schiffe — waren die einzig vernehmlichen Worte ihres Geſprächs. Ich ſah, wie das Blut in Keates Antliz ſtieg; er ſtampfte mit dem Fuße auf das Verdeck, ging eilfertig und ſprach wie im heftigen Zorne. Dies wunderte mich, denn ich hatte ihn bisher nie in Aufregung geſehen; bei al⸗ len Veranlaßungen ſchien er kalt, feſt und geſammelt, und ich hatte eine Ahnung davon, daß irgend ein ſchreckhaftes Ereigniß vorge⸗ fallen ſey, oder erwartet werde. Der Admiral war noch immer in ſeiner Kajuͤte, und begierig, Nachrichten von Rel⸗ ſon's Flotte zu erhalten. Er war ein reizba⸗ rer, heftiger Mann, und ſehr erboßt daruͤber, daß der Schooner ſeinem Signal nicht gehor⸗ ſamt hatte, bevor er dazu gezwungen wurde. Nach einigen Minuten, in denen ſein Irger nur zugenommen, ſchickte er einen Befehl an Kapitain Keates; dieſer hoͤrte denſelben viel⸗ leicht nicht, denn er fuhr fort, auf dem Ver⸗ decke umher zu gehen, im ſchmerzlichen Ge⸗ fuͤhle uͤber die empfangene Kunde, und zum erſtenmale in ſeinem Leben, vergaß er die ſeinem Vorgeſezten ſchuldige Ehrfurcht; es ſchien, als murmele er Verwuͤnſchungen uͤber ſein Lvos vor ſich hin, daß er durch des Ad⸗ mirals Zoͤgerung abgehalten worden, an der glorreichſten Schlacht in der Seegeſchichte, Theil zu nehmen. Ein zweiter Bote des Ad⸗ mirals nöthigte ihn, eilends hinab zu gehen; dieſer war wuͤthend in ſeiner Ungeduld. Ich war Keates gefolgt; bei dem Eintre⸗ ten in des Admirals Kajuͤte ſagte er mit ge⸗ dämpfter Stimme, als wenn es ihn erſticke: »Vor zwei Tagen iſt eine große Schlacht auf der Hoͤhe von Lrafalgar geliefert. Die ver⸗ einigten Flotten von Frankreich und Spanien ſind vernichtet und Nelſon iſt nicht mehr!l« Dann murmelte er: »Waͤren wir nicht auf⸗ gehalten, ſo wuͤrden auch wir da geweſen ſeyn. Der Kapitain des Schooner bittet Sie, Sir, ihn nicht aufzuhalten und ſeine Hoff⸗ nungen nicht zu zertruͤmmern, wie Sie die unſerigen vernichtet haben.« Duckworth, dem ſein eigenes Gewißen Vor⸗ wuͤrfe machte, antwortete nicht, ging aber — auf das Verdeck. Er ſchien dem Anblicke fei⸗ nes Kapitains auszuweichen, wandte ſich um zu dem Befehlshaber des Schvoners, der ſeine Fragen in verdroßener Kuͤrze nur mit »ja⸗ oder »nein« beantwortete. Nachdem er dieſen entlaßen, befahl er, alle Segel beizuſezen, und ging allein auf dem Hinterdeck umher. Grabesſtille herrſchte im Schiffe, die nur zu⸗ weilen vom leiſen Gemurmel der Mannſchaft und der Offiziere unterbrochen ward, aus dem nur die Worte »Schlachte und »Nelſon« deut⸗ lich vernommen wurden. Kummer und Miß⸗ muth malte ſich auf allen Geſichtern; ich theilte dieſe Gefuͤhle ohne klares Erkennen ihrer Urſache. Am folgenden Morgen ſtießen wir auf ei⸗ nen Theil der ſiegreichen Flotte⸗ Einhefriger Wind tobte, die Schiffe lagen wie Wracke auf dem Meere. Unſer Admiral wechſelte Signale mit ihnen, fuhr dann zu Collingwood, erhielt ſechs Linienſchiffe unter ſeinen Befehl, mit der Weiſung, den entflohenen Theit der feind⸗ lichen Flotte zu verfoigen. — Ich ward auf das Schiff geſezt, fuͤr welches ich beſtimmt war. Es waͤre uͤberfluͤßig bei den Drangſaa⸗ len des Lebens eines Schiffsjungen zu ver⸗ 4 — weilen; ich fand es ertraͤglicher, als meine Schule, und um ein geringes ſchlimmer, als mein Vaterhans. Zudem ward ich mit unge⸗ meiner Leutſeligkeit behandelt, und begann an meinem Stande Freude zu gewinnen. Wir kehrten zuruͤck nach Portsmouth. Der Kapi⸗ tain ſchrieb meinem Vater, um zu erfahren, was mit mir vorgenommen werden ſolle, da die Schiffsmannſchaft im Begriffe ſtand, ent⸗ laßen zu werden. Mein Vater gab zur Ant⸗ wort, er ſey entſchloßen, mich nicht wieder im Hauſe aufzunehmen, und beſtimmte, ich ſolle unverzuͤglich nach Dr. Burney's See⸗ fahrerſchule geſchickt werden. Dieſe Kunde machte mich ſtarr vor Schrecken, denn ich glaubte nichts mehr mit Schulen zu thun zu haben, und weil ich annahm, daß Alle mei⸗ ner ehemaligen Schule glichen, ſah ich einem jammervollen Zuſtande entgegen. Wir hatten eine beſchwerliche Fahrt ge⸗ habt, denn wir waren fuͤnf oder ſechs Linien⸗ ſchiffe zuſammen, von denen einige ganz, andere theilweiſe entmaſtet waren. Unſer Schiff war nicht nur entmaſtet, ſondern vom feindlichen Feuer raſirt, das heißt, ſein obe⸗ res Verdeck war faſt ganz vernichtet; deshalb 4 war unſere Fahrt ſehr ſchwierig geweſen. Das ſtolze Schiff, deßen hochſchwellende Se⸗ gel noch vor wenigen Tagen oben in den Wolken geflattert hatten, als es vermeßen, den Namen des »Unuͤberwindlichen⸗ fuͤh⸗ rend, auf die vereinigte Flotte andrang, war nun, wiewohl ſeine Flagge ſiegreich wehete, verkruͤppelt, mit Nothmaſten verſehen, zer⸗ ſplittert, ein in Meereswogen fortarbeitendes Wrack, das dem Ungeſtuͤm der Wellen und des Windes preisgegeben war. Unter unſäg⸗ licher Arbeit und Gefahr, unter dem Zuruf und wiederhallendem Hurrah nachfolgender Schiffe gelangten wir endlich am Schlepp⸗ tau zum ſichern Ankerplaze in Spithead. Welch ein Freudenauftritt eroͤffnete ſich nun. Vom Schiffe bis zum Ufer haͤtte man auf ei⸗ ner Bruͤcke von Boͤten hingehen koͤnnen, die ſich alle bemuͤheten, an das Schiff zu kommen. Einige Leute, athemlos vor aͤngſtlicher Er⸗ wartung, fragten eifrig nach dem Schickſale von Bruͤdern, Soͤhnen oder Vaͤtern, darauf folgte freudiges Haͤndeklatſchen oder jam⸗ merndes Haͤnderingen, und manche kehrten bleich, todtenähnlich, mit gebrochenem Her⸗ zen an's Ufer zuruͤck. Sodann folgte der aus⸗ — 5 — ſaugende Jude, in deßen Geſichte Freude zuckte bei dem Gedanken an den Wucher, den er an vorgekauften Preisgeldern gewinnen wuͤrde; er bot ſein Gold mit geiziger Hand dar, und forderte unmaͤßige Sicherheit und ungeheuere Zinſe fuͤr ſeine Gelder. Große Hafenboͤte, mit friſchem Mundvorrath ange⸗ fuͤllt, und ein Kreis von Kaͤhnen aller Art, umzog uns, die mit Matroſenweibern, Kin⸗ dern und mit Heuſchrecken⸗Zuͤgen von Dir⸗ nen ſtrozten. Dieſe lezten kamen in ſolcher Menge, daß ich glaube, von den Achttauſen⸗ den, welche damals in Portsmouth und Gos⸗ port angenommen waren, blieben nicht achte am Lande. In ganz kurzer Zeit ſchienen die bewirkt zu haben, was die vereinigte feind⸗ liche Flotte nur prahleriſch drohete: — ſie hatten das ganze Trafalgar⸗Geſchwader in Beſiz genommen. Ich erinnere mich, daß am folgenden Tage bei dem Abtakeln des Schif⸗ fes dieſe geſchminkten Suͤnderinnen die drei ½ erſten zwei und dreißig Pfuͤnder herauswan⸗ den; ich meine, daß ihrer gegen drei bis vier hundert an der Schiffsſpille dreheten. Unſer Kapitain, der an einer ſchweren Wunde litt, ging ans Land, und uͤbergab mich, mit zwei andern Burſchen meines Al⸗ ters, der beſondern H hut eines der Unter⸗ Steuermaͤnner, der arauf mit uns nach Gosport üͤberſezte. Er hatte den Befehl, uns zum Pr. Burney zu bringen. 1* Siebentes Kapitel. „Damit nun Keiner die Behauptung wage, Mein Sang ſey unmoraliſch, bitt' ich frei: Richt mach' er, eh' es ihn noch traf, Geſchrei.“ Byron. As der alte Noah und ſeine heterogene Fa⸗ milie den Fuß wieder auf feſtes Land ſezten, konnte ſeine und ihre Frende die unſrige nicht uͤbertreffen. Des Unter⸗Steuermanns Geſichts⸗ zuͤge, durch die lange Gewohnheit des Ge⸗ horſams und Befehl⸗Empfangens zu einer Art hoͤlzerner Ernſthaftigkeit ertoͤdtet, lebten nun wieder auf und wurden ſo luſtig, wie die ei⸗ nes Hanswurſt. Er blickte umher, als habe er die Inſel voͤllig in Beſiz genommen und als duͤnke es ihn Hochverrath und Gotteslä⸗ ſterung, wenn einer ſeiner Unterthanen miß⸗ muthig ſchien; deshalb wandte er ſich ſcharf gegen mich und ſagte: . »Hallo, mein Junge, was iſt Dir? Dn ſtehſt ja ſo truͤbſelig aus, als wenn's Sonn⸗ tag waͤre und die Betglocke gelaͤutet wuͤrde. Wirſt mich doch nicht fuͤr den ſchwerfaͤlligen, ſchulmeiſternden Pfaffen am Bord halten, wirſt Du?« Er hatte es ſo ziemlich getroffen. Die ver⸗ wuͤnſchte Schule ging mir im Kopfe herum, und ich ahnete, daß er uns dahin bringe. Indeßen ſagte ich nichts und er fuhr fort: »Riemals geh' Du am Lande, oder auf An⸗ kerplaͤzen in die Kirche. Zur See kann man zuweilen nicht umhin. Zudem hat man da auch einige Urſache zum Gebet — als gut Wetter und Beutegeld; — am Lande braucht man, um nichts zu beten. Kommt, Jungens, blickt ſcharf aus nach der »Krone und Anker.⸗ Das Haus ſollte ſo etwa in dieſen Breiten liegen, wenn ſeine Anker nicht losgegangen und es von der Stelle getrieben iſt.« »Ein Aufſchub!« dachte ich; »er hat die Schule vergeßen und wir gehen in's Wirths⸗ haus.« Ich lief voraus wie ein ungezuͤgeltes Fohlen, ſobald ich die ſchimmernde Krone uͤber der Thuͤr des Schenkhauſes erblickte. Ich dentete das Wahrzeichen an und er wollte uns „ — eben hineinfuͤhren, als er ploͤzlich ſtill ſtand, die Stirne rieb und ſagte: »Haltet an, Jungens; — Laßt mal' ſeh'n, — laßt mich nachdenken, — ſagte mir der Kapitain nicht, dieſe Burſche irgendwo hin⸗ zubringen — zu — zu — der Teufel mag's wißen! Ich ſage, Jungens, wo ſollt Ihr hin?“ »Hin?« wiederholten wir. »Jaz ich habe den Befehl, Euch irgendwo hinzubringen. Verdammt ſonderbar, daß Ihr das nicht wißt, und daß ich mich nicht darauf beſinnen kann. — Aha, jezt fällt mir's ein! — zum Doktor — gleichviel, wie er heißt, in Gosport. — Oho! ich hab' auch von dem Geſellen gehoͤrt. — Erinn're mich, daß ſie mich mal zu ihm ſchicken wollten, — war ih⸗ nen zu pfiffig, — ſah mich zu gut vor, — nicht Toͤlpel genug dazu. — Aber, muß den Befehl vollzieh'n, — umph! — indeß habe ich jezt Freiheit, — nicht unter'm Wimpel, — mag thun, was ich will. — Nun Jungens, was ſagt Ihr? — Wollt Ihr zur Schule geh'n, oder — no kommt hier, Ihr ſeht ja um den Einlauf herum, als wenn Ihr vor⸗ hättet, vorbei und davon zu laufen!« — Dies war wirklich der Fall. — »Nun Inn⸗ — 56 — gens, davon konnen wir bei 'nem Glaſe Grog ſprechen. — Zeit in überfluß, — ich habe drei Tage frei! — Wenn Ihr alſo Befehl gehorcht — nun da werde ich dem meinigen auch nicht ungehorſam ſeyn, wenn ich Eure Namen nur in des Doktors Buch eingetragen ſehe, bevor ich mich wieder am Bord melde. So denn, vorwärts Jungens l Der Aufwaͤrter fuͤhrte uns geſchaͤftig in ein Zimmer, machte ſich darin zu thun, um auf Befehle zu warten; unſer Kommodore fragte uns, was wir haben wollten, wandte ſich dann um zu dem Waͤrter, der das Feuer auf⸗ ſchuͤrte und polterte heraus: »Was fuͤr Staub ruͤhrt Ihr auf! Wenn Ihr nicht gleich Grog bringt, unſere Keßer zu ſpuͤlen, ſo will ich mal ſeh'n, ob 'n Fuß⸗ tritt Euch nicht Beine macht. — Halt da!« — er machte ihn ſtill ſtehen. — »Sagt mal Jun⸗ gens, fuͤhlt Ihr nicht, daß der Landwind Euch in's Mitteldeck weht? Haben wir ſchon ſieben Glockenſchlaͤge gehabt?« „Nein Herr,« ſagte der ves iſt erſt zehn Uhr.⸗ »Gleichviel; gebt uns ns zu kauen.« »Was waͤre Ihnen gefaͤllig, mein Herr? — 57 — es iſt treffliches kaltes Salzfleiſch und Schin⸗ ken im Hauſe.« Nichts, nichts; Ihr wollt uns den Schaar⸗ bock geben, luͤmmelhafter Schurke.« »Wuͤrden Sie eine Kotelette vorziehen, mein Herr, oder ein Beefſteek 24 „Ja, ja, das iſt gut; fort, weshalb rührt Ihr die Stuͤmpfe nicht, Ihr Landkrebs? Still geſtanden! Koͤnnt Ihr nicht einige Huͤhner braten?« „Ja, mein Herr, es iſt ein ſehr zartes, jun⸗ ges Huͤhnchen in der Speiſekammer l. »Verdammt ſey das Huͤhnchen! »Nen gan⸗ zen Huͤhnerkorb voll Gefluͤgel ſollt Ihr bra⸗ ten, ſag' ich, und das geſchwind! Und ver⸗ ſteht mich, wenn ſie in fuͤnf Minuten nicht auf dem Liſche ſtehen, ſo ſagt der Mutter — wie heißt ſie? — der Wirthin, daß ich herauskomme und ſie braten will. No, war⸗ um ruͤhrt Ihr Euch nicht? Still geſtanden! — wo zum Teufel iſt der Grog? — n vor »ner Stunde beſtellt.« Hierauf ſorgte er vorſichtig fuͤr ſeinen gold⸗ betreßten dreieckigen Hut und trieb den Wän ter zum Zimmer hinaus. Nach ziner unmaͤßigen Malzeit, die mit unſparender Hand angeſeuchtet worden, wa⸗ ren Schiffe und Schulen ganz aus unſerm Gedaͤchtniße verſchwunden, wir ſtuͤrmten hin⸗ aus; unſer Pilot fuͤhrte uns zu einer Menge von Kaufläden; in jeglichem beſtellte er et⸗ was, oder ſchloß einen Handel; uns ſagte er, wir mogten ausnehmen, was uns gefiele, er wolle bezahlen, denn dieſe Geſellen, be⸗ merkte er, kennten ihn und wuͤrden ihn nicht anfuͤhren, wie uns das bevorſtände. Er be⸗ ſtand darauf, in der Kaufleute kleines Hin⸗ terzimmer gefuͤhrt zu werden, um ihre Frauen und Tochter zu ſehen und ein Grog zu haben. Bei dieſem »Kreuzei „„wie er es nannte, lud er jeglichen ſeiner Tiſchgenoßen, ſo wie jede Perſen ein, die er fruͤher einmal geſe⸗ hen hatte, um zwei Uhr mit ihm in der Ta⸗ verne zu ſpeiſen; mit allen jungen Frauen⸗ zimmern ſeiner Bekanntſchaft, deren Zahl nicht gering war, traf er Verabredungen, hieß ſie, wie gute Maͤdchen zu Haus gehen, das Verdeck abwaſchen, ihre Kajuͤten ordnen, ſich ſelber rein anziehen und im Theater zu ihm kommen, ihren Muͤttern ſollten ſie beſtel⸗ len, daß ſle ihre Flaſchen⸗Kaſten gehoͤrig ge⸗ fuͤllt hielten — keine»Marinen« deere Flaſchenz darunter, — und reichlich Grog in den Schenk⸗ ſchränken. Sodann, weil er gar vorſorgend und ſoſtematiſch in ſeinen Anordnungen war, ging er zum Theater, um zwei oder drei Lo⸗ gen fuͤr ſich zu beſtellen, hierauf kehrte er zu⸗ ruͤck zur »Krone und Anker« und klagte über ſeinen »trocknen Dienſt.«⸗ Seine herumſtreifenden Bekannten erſchie⸗ nen alsbald; ihre Begruͤßungen waren wild, roh und ungeſtuͤm. Das Eßen ward aufge⸗ tragen und wunderbarlich verſchwanden die Speiſen. Die Flaſchen flogen umher, nun wurden die leeren Schuͤßeln abgehoben und der Tiſch mit trockten Fruͤchten, mit Wei⸗ nen aller Art, mit geſchliffenen Kriſtalflaſchen voll Branntwein, Genever, Schrub und Rum beſezt. Trinkſpruͤche, Lieder und ungeiſtliche Scherze machten die Zeit ſchwinden, bis un⸗ ſer methodiſcher Unterſtenermann, der den Vorſiz fuͤhrte, ſprach: 2 »Ihr Seehunde, haltet die Maͤuler, oder Euch Jungens da bringe ich zum Doktor; — Ihr verſteht mich! — Nun, Ihr werthen Gäſte, was ſagt Ihr zu 'ner Ausfahrt? Es iſt Zeit zum Schauſpiel; und Ihr wißt wohl, Kirchen und Theater muͤßen wir nuͤchtern beſuchen, aus Achtung vor Prediger und Da⸗ men. Es iſt nicht offiziermaͤßig, vor Son⸗ nenuntergang betrunken zu ſeyn; es iſt nicht dienſtgemaͤß und ich will es nicht zugeben. Alſo kommt, ich habe nur noch einen Trink⸗ ſpruch zu geben, dann zieh ich den »blauen Peter« auf, und ihr muͤht Euch unter Segel⸗ befehl betrachten.« Hier unterbrach ihn das Geraͤuſch im Zim⸗ mer. »Still! ſag⸗ ich; — nun, Ihr Herren, fuͤn Eure Glaͤſer! Keine Flick⸗Flackereien, denn ich gebe einen feierlichen Trinkſpruch. Ich be⸗ daure ſehr zu bemerken, daß durch die Nach⸗ läßigkeit im Dienſte dieſer tölpelhaften Land⸗ krebſe nichts als Marinen Gleere Flaſchen) und Reſte auf dem Tiſche ſtehen. Deshalb befehle ich, daß jeder einen Marinen bei'm Halſe ergreift, und ſich in Bereitſchaft hält, ihm den Hals zu brechen.« Der Aufwaͤrter machte Gegenvorſtellungen, und erſuchte den Praͤſidenten, die ßſchen zu ſchonen. »Burſche!« ſchrie der tobend, „Meuterei! Haltet Euch zu Eurem kommandirenden Offi⸗ zier! Wärter, geh' hinab — verlaß das Hin⸗ terdeck. Oho, Du willſt nicht. Nun Burſche, eins — zwei — und wenn ich drei ſage, ſo erinnert Euch, daß der da Eure Zielſcheibe iſt,« — er zeigte auf den Waͤrter — obrecht ihm ſeinen Hals!l« Der geſchreckte Diener verließ das Zimmer im kritiſchen Augenblicke, und alle leeren Fla⸗ ſchen wurden gegen die Thuͤr geſchleudert. Darauf ward Nelſon's Andenken getrunken, und dann zogen wir alle hinaus in die Hoch⸗ ſtraße. Ich glaubte, die Luft ſey mit Alkohol geſchwaͤngert, denn als ich hinaustrat, em⸗ pfand ich die erſten Zeichen der Trunkenheit. Vom Theater weiß ich nichts mehr, als daß die Zuſchauer ganz allein aus Seeleuten und deren weiblicher Begleitung beſtanden. Waͤre in den Zwiſchenakten die große Glocke der St. Paulskirche, ſtatt der trillernden Muſik gelaͤutet, ſo wuͤrde man auch die nicht gehoͤrt haben. Um Mitternacht ſpeiſeten wir in eben der Art zu Abend, in der wir Mittags getafelt hatten, und zogen dann wieder aus. Nachtwaͤchter, Hafenwaͤrter, Schildwachen wurden beſchimpft, wo wir ſie antrafen. Trez der ungeheuren Menge von Getränken aller Art, die der Unterſtenermann zu ſich genom⸗ men, war ſein Kopf ſo wenig davon ange⸗ griffen, als der hoͤlzerne Spund eines Rum⸗ faßes. Doch von mir, deßen erſtes Trinkge⸗ lag dieſes war, kann ich nicht ſagen, daß ich ganz klar ſah, denn die Häuſer ſchienen mir umzurollen und zu ſchwanken, gleich Schiffen. Auch konnte ich nicht ordentlich gehen, denn in den breiteſten Straßen zerſtieß ich mir die Schienbeine an den Schuzſteinen zu beiden Seiten des Weges. Weil ich bei jeglichem Umlegen, das ich im Hinaufkreuzen der langen Straße vornahm, auch den Grund fuͤhlte, ſo glaubte ich, ſie habe weder Anfang noch Ende. Aber unſer Steuermann hielt die Zer⸗ ſtreuten zuſammen, bis wir bei dem anka⸗ men, was er das Hauptquartier nannte. Hier uͤbergab er mich und die beiden andern jungen Leute der Obhut einer rothnaſigen, gluth⸗ verbreitenden alten Wirthsfrau, mit genauer Weiſung in Betreff unſerer Behandlung, wor⸗ auf ſie erwiederte, ſie wolle fuͤr uns, wie fuͤr ihre eigenen Kinder ſorgen. Inzwiſchen ging er wieder aus, um die Kuͤſten zu beſichtigen, verſprach wieder zu kommen und beſtellte ein Bett, eine Waͤrmpfanne, einen geräucherten Buͤckling und eine Bowle Punſch, fuͤr ihn in Bereitſchaft zu halten. Unſere ſorgliche, gehorſame und ſtliche Wirthin ließ mit mehr als Mutterzaͤrtlich⸗ keit fuͤr jeden von uns jungen Burſchen ein Bett zurecht machen, miſchte fuͤr jeglichen ein Glas ſtarkes Waßer, bemerkte alsdann kluͤg⸗ lich, daß ſpaͤte Nachtzeit nicht fuͤr junges Blut tauge, und brachte mich zuerſt zu Bett. Sie ſezte mir eine ihrer eigenen Nachthauben auf, befeſtigte ſie mit einem blauen Bande unter meinem Kinne, zog die Vorhänge zu, nannte mich ein ſuͤßes Geſchoͤpf, wickelte mich in die Decken, beſchlabberte mir die Backen, und ſchied von mir mit den Worten: »Sey nun ein guter Junge und vergiß nicht, Dein Gebet zu ſagen, ehe Du einſchläfſt!« Gegen die Zeit der Morgendaͤmmerung er⸗ wachte ich aus unruhigen, quälenden Traͤu⸗ men. Waͤre ich fruͤher mit dem Phantom des Alp ſchon bekannt geweſen, ſo haͤtte ich mich unter deßen Einfluße waͤhnen koͤnnen; es er⸗ regte mir hoͤchliches Staunen, mich in mei⸗ nem kleinen Bette zu finden. Während ich mich noch bemuͤhete, deutlich auszudenken, wie ich dahinein gekommen ſey, erſchien die K Hausmagd, und nun ward das Geheimniß entraͤthſelt. Nach einiger Zeit, welche unter Herbei⸗ ſchaffung der nothigen Gerathe zu einer Mor⸗ genabwaſchung verſtrich, kleidete ich mich an; des Steuermannes wohlbekannte Stimme diente mir alsdann zur Fuͤhrerin in das Zim⸗ mer, welches ich beſchämt, verlegen und ſeine Vorwuͤrfe befuͤrchtend betrat, weil ich damals in ihm die Urſache zu meinem Benehmen noch nicht erkannte. Wiewohl er ungemein methodiſch zu Werke ging, war er doch kein Methodiſt, mindeſtens im Predigen nicht. Sein Verfahren mag mit dem ihrigen ſehr nahe verwandt ſeyn. — Er ſaß da, wie ein Kaiſer, oder wie ein Abyßi⸗ niſcher Fuͤrſt, mit ſeiner erhabenen Perſon, der alten Wirthin Ehren-Lehnſeßel aus⸗ fuͤllend, und im ausſchließlichen Genuß des Feners. Auf dem Tiſche waren geborſtene Obertaßen ohne Unterſäze, ein Theetopf ohne Handgriff, ein Stuͤck geſalzene Butter in braunes Papier gewickelt, Zucker auf einem zerbrochenen Teller, braungeroſtete und mit Butter beſtrichene Brodſchnitte, halb aufge⸗ zehrt und durch Anbiße gezeichnet, unter⸗ miſcht mit dem Fett von Schinken und mit Wuͤrſten. Dieſe meine erſten Suͤnden muͤßen in mei⸗ nem Teſtamente und lez'en Willen einen Plaz finden; wem aber ſoll ich ſie vermachen? Meinem Vater? Dem Kapitain? Oder dem Unterſteuermann? Sicherlich kann der bos⸗ hafteſte meiner Feinde mir nicht zur Schuld anrechnen, was ich im Alter von zwölf Jah⸗ ren gethan habe. Einen oder zwei Tage ſpäter fuͤhrte unſer Unterſteuermann uns zum Doktor Burney, uͤbergab uns demſelben in ſehr angemeßener Weiſe, und betrug ſich mit mehr Wuͤrde, als der Doktor ſelber; dieſem gefiel ſein be⸗ ſcheidenes Weſen und Reden ſo ſehr, daß er ihn zu Tiſche bat. Er entſchuldigte ſich unter dem Vorwande von Schiffs dienſt, und kehr⸗ te, wie ich vermuthe, zum »Hauptquartier⸗ zuruͤck, jedoch nicht, bevor er jedem von uns, bei dem herzlichen Drucke unſerer Hände, ein Paar Guineen zugeſteckt hatte, wobei er uns ſagte, uns an ihn zu wenden, wenn wir et⸗ was gebrauchten, und den alten Knauſern vom Vorgefallenen nichts zuerzaͤhlen. Damit verloren wir ihn fuͤr immer aus den Geſichte. 5 1 Achtes Kapitel. Wo dürrer Boden ſpärlich Saamen trägt⸗ Und d'rum nur nnfruchtbare Geiſter hegt; Wo Diſtel ſchon der Erde Geiz verräth, auls Sinnbild deßen, was im Land erſteht: Gemein, ſophiſtiſch, nebeldunkles Land, Das höhern Geiſtes Einfinß ſtets verbannt. Byron. — Viet⸗ der Knaben in dieſer Schule waren, gleich mir, ſchon zur See geweſen. Unſere Zahl uͤberſtieg weit einhundert; die Zucht war ſehr nachlaͤßig, die Knaben waren unabhän⸗ gig, und deshalb ward wenig gelehrt. Ich wurde nie beſtraft. In der That wußte man auch, daß ich nur ſo lange da bleiben ſollte, bis ich zu einem Schiffe beſtimmt waͤre. Nur ein, mit dieſer Schule verknuͤpfter Umſtand, lebt noch friſch in meinem Gedächt⸗ niße. Kapitain Morris hatte mir einen Brief — 67 — mitgegeben, den ich meinem Vater zuſenden ſollte; auf dem Wege zum Poſthauſe beglei⸗ tete mich ein Schulkamerad, ein Burſche von faſt ſechszehn Jahren, der ſchon zwei Jahre auf See zugebracht hatte. Er verlangte den Brief zu ſehen, betaſtete ihn, fühlte etwas darin, blickte hinein und rief aus: „Ne Beute, bei Jupiter!« Nun fragte er, wer mir den Brief gegeben habe, und ſobald er hoͤrte, daß derfelbe vom Kapitain komme, errieth er auch deßen Inhalt, und ſagte: »Ach! dann iſt es eine Abrechnung uͤber das Geld, was Dein Vater ihm fuͤr Dich gegeben hat. Du wirſt doch nicht ſo 'n Gruͤn⸗ ſchnabel ſeyn, das Geld hinzuſchicken, he?« »Ganz gewiß!« antwortete ich. »Gott, welcher Unſinn le fuhr er fort, ves iſt ja Dein, und damit kannſt Du Dir Alles verſchaffen, was Du brauchſt.« Darauf verſpottete er mich, weil ich keinen Pfennig beſize, und fuhr damit fort, bis ich meines Vaters Knauſerei bedachte, und daß mir vielleicht nie wieder eine ſolche Gelegen⸗ heit ſich darbiete. Ich hoͤrte auf ſeine Behaup⸗ tung, daß ich jedenfalls ein Recht auf einen Theil des Geldes habe, weil ein Knabe Geld ————————————— „ in der Taſche tragen muͤße. Während er ſo ſprach, erbrach er das Siegel und rief aus: »Sieh hier, er iſt durch Zufall aufgegangen, ganz durch Zufall, und hier iſt das Geld l« Der Anblick des Inhalts war, wie er vor⸗ ausgeſehen hatte, viel wirkſamer, als ſein Zureden. Die Summe war allerdings ſehr geringfuͤgig, obgleich ich ſie unerſchoͤpflich achtete. Mit meines Gefaͤhrten freundlicher Huͤlfe ward ſie ſchnell verthan; mein Antheil ward zum Ankauf einer Flinte nebſt Pulver und Blei verwandt; er hatte den groͤßern Theil fuͤr ſich genommen. Am folgenden Morgen gingen wir aus, um Voͤgel zu ſchießen. Mein Begleiter ließ mich den erſten Schuß thun; darauf gab ich ihm die Flinte, weil wir ubereingekommen waren, abwechſelnd zu feuern. Hier war ich betrogen, denn er beſtand darauf, die Flinte zu behalten. Ich bat ihn, mir meine Reihefolge zu geſtatten, aber vergebens; ich warf ihm ſeine Wortbruͤchigkeit vor, und murmelte, es ſey meine Flinte; dies hatte zur Folge, daß ihre Muͤndung gegen mich gerichtet, und daß ich geſchlagen wurde. So gingen wir weiter, bis wir ermuͤdeten, weil wir nichts zu ſchießen fanden, oder, was gleich viel galt, weil wir unfahig waren, etwas zu ſchießen, bis der Mittag herankam und wir Beide Hun⸗ ger fuͤhlten; da befahl er mir, meine lezte Krone herzugeben, und Erfriſchungen auf ei⸗ nem Pachthofe dafuͤr zu kaufen. Mir blieb keine Wahl; im Beſiz der Flinte, war er mein Herr. Nachher wurde er vollends unverſchämt und gebot, ich ſolle meinen Hut anfwerfen, damit er einen Schuß auf ihn thue. Zuerſt weigerte ich mich; aber er ſchwor mir zu, daß er mir erlauben wolle, den zweiten Schuß auf meinen eigenen Hut zu thun, und wenn ich nicht ſo viel Hagel hineinbringe, als er, ſo ſolle ich meine Krone verloren haben. Dies ging ich ein; er fenerte, und gab mir alsdann die i Flinte. Sobald ich dieſe in der Hand hatte, rich⸗ tete ich ſie nicht auf meinen Hut, ſondern nach dem ſeinigen auf ſeinem Kopfe, wobei ich ausrief: »Hut, fuͤr Hut!« und losdruͤckte. Er ward todtenbleich und ſchrie: »Du wirſt mich ermorden la Ich antwortete, das ſey meine Abſicht; die Flinte verſagte zum zweitenmale. Es war kein Pulver auf der Pfanne; zum Gluck ret⸗ tete ſeine Liſt ihm das Leben. Er lief davon; ich ſchuͤttete Pulver auf und folgte ihm; er mogte vierzig oder fuͤnfzig Yards voraus ſeyn, da ſtand ich ſtill, während er uͤber eine Hecke ſprang, und gab Feuer. Er fiel, und meine Wuth verwandelte ſich augenblicklich in Bekuͤmmerniß. Er lag auf ſeinem Geſich⸗ te, und ſchrie, er ſey todt geſchoßen; ich legte die Flinte ab, die er jezt nicht anblicken mog⸗ te, und ging zu ihm. Er war furchtbar er⸗ ſchreckt und ein weniges verlezt; er bat mich, ihm weiter keinen Harm zuzufuͤgen, und ſag⸗ te, er muͤße ſterben. Gutes Gluͤck hatte die Hagelkörner genau auf den Theil gerichtet, der die Ruthe verdiente. Nach wiederholten Verſicherungen, er ſey nur wenig verlezt, uberredete ich ihn, ſich von mir zu Hanſe geleiten zu laßen. Bevor wir zur Schule ka⸗ men, fuͤhlte er ſich um Vieles beßer. Hier lagte er bei dem Lehrer gegen die überein⸗ kunft, zu der ich ihn durch Eidſchwur ver⸗ pflichtet hatte. Ohne mich zu hören, legte der Schulherr Beſchlag auf die Flinte und ſezte mich in Arreſt. 45 Nach Ablauf zweier Tage ward ich vorge⸗ fordert, erhielt Verweiſe, und zugleich die ———9 Nachricht, daß ein Brief meines Vaters an⸗ ordne, mich an Bord einer Fregatte zu brin⸗ gen, die ſich eben zu einem Seezuge ruͤſtete. Am nächſten Morgen ging ich an Bord. We⸗ nige Tage ſpäter ſtachen wir in See, und kreuzten auf der Höhe von Havre de Grace. Der Kapitain war genau mit meiner Familie bekannt. Er war ein rothhaariger, ſchmaro⸗ zender Schotte, der Sohn eines Sachwalters, und hatte durch Verbeugungen und Speichel⸗ leckereien die Aufmerkſamkeit des Koͤniglichen Hauſes auf ſich gezogen. Sein erſter Lieute⸗ nant war von der Inſel Guernſey, ein Menſch von niederer Abkunft, gemeiner Sinnesart, ein boshafter Schurke, der Alle haßte, die beßer waren, als er, und das war Jeder⸗ mann. Inzwiſchen war ein trefflicher Kreis junger Leute mit mir am Bord, und unſere Zeit verging Anfangs gut genug. Aber ich ſah nun ein, daß der Flottendienſt fuͤr mich nicht tauge. Der Kapitain hat unbeſchraͤnkte Ge⸗ walt, mithin haͤngt es von ſeinen Launen ab, ſein Schiff zu einem Himmel oder zu einer Hölle zu machen. Ich war kein Beachter menſchlicher Launen, war kein Schmeichler von Machthabern, folglich ward ich gehaßt. — 72 — Bald fühlte ich mich unzufrieden, und ſehnte mich nach Freiheit. Zudem hatte ich auf der Flotte thaͤtigen Dienſt und Gefechte erwar⸗ tet; hier war nichts dergleichen, noch irgend eine Ausſicht dazu, waͤhrend mehre Matroſen mir erzählten, ſie hätten ihr ganzes Leben auf dem Meere zugebracht, ohne auch nur einen Schuß abzufeuern. Kurz, es ſchien, als ſey die Schlacht von Trafalgar die lezte Hand⸗ lung im Seekriege geweſen, und des alten Duckworth Liebhaberei fuͤr Cornwalliſer Schaf⸗ fleiſch und Kartoffeln hatte meine Einweihung in den Dienſt der Ehre verhindert, welche mich hätte dazu beſtimmen in dem⸗ ſelben zu beharren. Nichts iſt ſo ſtlaviſch und ntetſ as das Benehmen juͤngerer Offiziere am Bord eines Kriegsſchiffes. Man darf ſeine Vorge⸗ ſezten nicht einmal mit Unzufriedenheit im Blicke anſehen. Der Hut muß ſtets in der Hand gehalten, und als Zeichen der Unter⸗ wuͤrfigkeit muͤßen Verbeugungen gegen jeden gemacht werden, der um einen Grad hoͤher ſteht. Wenn aber der Kapitain oder einer der Lieutenants Jemanden zufaͤllig nicht leiden tann, ſo iſt dieſer ſo durchaus in ihrer Ge⸗ — — — 13 — walt, daß ſein Daſeyn ihm kaum ertraͤglich bleibt. So viel immer das Recht auf des Unterdruͤckten Seite ſeyn mag, es hilft zu nichts; denn die Vorgeſezten koͤnnen gleich der Majeſtat kein Unrecht thun, und Wider⸗ ſezlichkeit iſt fruchtlos. Dies mag zur wirkſamen Mannszucht auf der Flotte noͤthig ſeyn, oder auch nicht. Nie⸗ mand vermag abzuleugnen, daß es ein Ubel iſt; und ſo viel bleibt gewiß, daß Alle, ſo lange ſie in untergeordneten Verhaͤltnißen ſte⸗ hen, daruber klagen, und den Entſchluß faſ⸗ ſen, dem Ubel abzuhelfen, ſobald ſie die Macht dazu erlangen. Gute Vorſäze ſind aber ent⸗ weder vergeßen, wenn der Zeitpunkt zu de⸗ ren Ausfuͤhrung gekommen iſt, oder werden nicht laͤnger als gut betrachtet. Anderungen vornehmen, heißt dann gefährliche Neuerung, boͤſes Beiſpiel und Unmoͤglichkeit. Ihr neuer Glaube wird von ihnen mittelſt ſcheinbarer Gemeinpläze ausgelegt: »wir muͤßen thun, wie Andere; die Sachen gehen recht gut, ſo wie ſie ſind; eine Anderung verſuchen, wäre Anmaßungz« ſo uͤberfirnißen ſie ihren eige⸗ nen natuͤrlichen Trieb zum Tyranniſiren, der oft am ſtaͤrkſten bei denen wirkt, die am ſtrengſten behandelt worden ſind. Sie fahren fort, dem gewohnten Gange zu folgen, und deßen Betragensweiſe fortzuſezen, ſo verderb⸗ lich ſie ſeyn mag; wenn ſie dabei nur fuͤr ſich ſelber leben, ſo handeln ſie nach dem Aus⸗ ſpruche der Welt kluͤglich, wenn auch nicht weiſe. Wie Baco von der Ameiſe ſagt: »ſie iſt, fuͤr ſich allein betrachtet, ein kluges Ge⸗ ſchoͤpf, aber in einem Obſt⸗oder andern Gar⸗ ten ein ſchlaues Ding.« Jedermann widerſezt ſich mit Haß dem, der eine Inderung beab⸗ ſichtigt, weil dieſe bekundet, daß Jedermann bisher im Irrthum lebte, und was eben ſo demuͤthigend iſt, nicht um Rath gefragt wur⸗ de. Verbeßerer waren zu allen Zeiten, wel⸗ ches immer ihr Zweck ſeyn mogte, unbemit⸗ leidete Maͤrtyrer, und der große Haufe hat bei ihrem Untergange ſtets wilde Freude dar⸗ gethan. »Bringt ein Licht zu dem Reſte jun⸗ ger Eulen, und ſie ſchreien uͤber die Beleidi⸗ gung, die ihr ihnen zufuͤgt.. Mittelmäßige Menſchen gleichen jungen Eulen; zeigt ihnen kraftvolle, glaͤnzende Gebanken, und ſie ver⸗ ſchreien dieſelben als falſch, gefährlich und ſtrafbar: »jeglicher Mißbrauch, deßen Ab⸗ ſtellung verſucht werden ſoll, iſt ein Erbtheil derer, die groͤßeren Einfluß beſtzen, als die Verbeßerer.« Neuntes Kapitel. Von Stund' an müh't ich mich mit ernſtem Sinnen, Verbot'ner Weisheit Schäze zu gewinnenz Vergchtend der Tyrannen Klugheit⸗Lehren, Wob ich mir Rüſtung aus geheimen Schäzen, um meine Seele in den Stand zu ſezen, Im Kampf mit Menſchheit kraſtvol ſich zu wehren Shere U Hatte ich waͤhlen koͤnnen, ſo wuͤrde ich die Flotte jezt verlaßen haben; obgleich meine Leidenſchaft fuͤr das Seefahrerleben unver⸗ mindert war. Ich fuͤhlte, es widerſtehe mei⸗ ner Natur, mich einem langen knechtiſchen Erlernen zu unterwerfen. Vierzehn Jahre, vielleicht noch mehr, konnten vergehen, ehe ich ſelbſtſtändig wurde, und vierzehn Jahre duͤnkten mich damals ein langes Leben. Von dem Zeitpunkte an gruͤbelte ich ganz allein die Moͤglichkeit aus, meine Bande zu zerbre⸗ chen, und mein eigenes Gluͤck zu ſuchen, wie — 76 — die Menſchen in ältern Zeiten nach der Er⸗ zaͤhlung von Geſchichten und Sagen das tha⸗ ten. Dabei ſchien jedoch meine freundloſe La⸗ ge, meine Unbekanntſchaft mit der Welt eine weſentliche Hinderung; auch ſehnte ſich mein Herz mit liebendem Andenken zuruͤck zu mei⸗ ner Mutter, die ich damals faſt anbetete, und zu meinen Schweſtern. Tauſend zartliche Er⸗ innerungen aus meinem fruͤhern Leben weil⸗ ten in meinem Herzen; waͤhrend zugleich die fortwaͤhrende Verfolgung meines Schickſals, die lange Entfernung, die Vernachlaͤßigung und das Gedenken meines ſtrengen, unerbitt⸗ lichen Vaters mich in niedergeſchlagene und ungluͤckliche Stimmung verſezte. Doch, ich fahre in meiner Geghichte fort. In dieſer Zeit meines Lebens erwachte bei mir eine unwillkuͤhrliche Liebe zum Leſen; ſo daß ich jegliche Gelegenheit ergriff, mir Bu⸗ cher zu borgen und anzuſchaffen; jeden muͤßi⸗ gen Augenblick verwandte ich zum Leſen. Alte Komoͤdien, Seefahrten und Reiſebeſchreibun⸗ gen beſchaͤftigten mich hauptſaͤchlich; Kapi⸗ tain Bligh's Bericht uber ſeine Fahrt nach den Suͤdſee⸗Inſeln und die Meuterei ſeiner Schiffsmannſchaft lernte ich faſt auswendig; * * — W — ſeine parteiiſche Aufſtellung täuſchte mich nicht. Ihn verabſcheute ich wegen ſeiner Tyrannei, und Chriſtian war mein Held. Ich wuͤnſchte mir ſein Schickſal, und ſehnte mich, ihm nach⸗ zueifern. Dieſes Buch ließ einen Eindruck in meinem Gemuͤthe zuruͤck, der auf mein gan⸗ zes Leben entſchieden einwirkte. Unſers Kapitains Schreiber, der bemerkte, daß ich einen guten Vorrath von Buͤchern beſaß, ohne einen Plaz, ſie aufſtellen zu kön⸗ nen, glaubte, dieſe wuͤrden eine gute Zierde ſeiner Kajuͤte abgeben, denn er las niemals. Deshalb ſchlug er mir vor, dieſelben fuͤr mich aufzubewahren, und bot mir ſeine Kajuͤte an, ſo oft ich leſen wollte. Freudig nahm ich an, was mir in meiner einfaͤltigen Thorheit ein aͤußerſt guͤtiges Erbieten ſchien; und eine kurze Zeit ging die Sache recht gut. Eines Tages ging ich hin, mir ein Buch zu holen; er war uͤbler Laune und hatte die Unverſchämtheit zu ſagen: »hier koͤnnen Sie leſen, wenn Sie wol⸗ len; aber ich will nicht erlauben, daß ein Buch aus meiner Kajuͤte getragen wird.« »Sind die Bücher nicht mein?« fragte ich. ezt nichtze erwiederte er. — — 78 — »Wasle fragte ich weiter, »denken Sie, meine Buͤcher zu behalten « Darauf erhielt ich keine andere Antwort als: »Ruhig — keine Ungezogenheit !« Ich entgegnete : »Geben Sie mir meine Buͤcher; ich will ſie nicht laͤnger hier laßen, nun ich Ihre Abſicht errathe.« Er ſagte, ich ſolle nur wagen, ſie anzu⸗ faßen; ſogleich riß ich eines vom Bort her⸗ ab; er ſchlug mich; den Schlag gab ich zu⸗ ruͤck; er war damals ſo harmlos, als das Ausſchlagen eines Saugfohlens. Mein Gegner war drei und zwanzig alt, kräftig und fleiſchig gebaut; ich war ein ſchmaͤchtig aufgeſchoßener, vierzehnjaͤhriger Knabe. Meine Keckheit, den Schlag zu er⸗ widern, ſezte ſein feiges Gemuͤth dermaßen in Staunen, daß er einen Augenblick nicht wußte, was er thun ſollte. Indeß hatten ſich einige meiner jungen Schiffsgenoßen an der Thuͤr eingefunden und riefen aus: »Recht ſo, mein Junge!« dies erboßte den elenden, jaͤmmerlichen Skribler. Er packte mich und polterte: »Du junger Boſewicht, Dich will ich zahm machen!« da⸗ bei ſchlug er mich mit einem Lineale, das er d auf meinem Kopfe zerbrach; ſodann vruͤckte er mich gegen die Schiffswand, daß ich nicht entſchluͤpfen konnte, und zerarbeitete mich ohne Erbarmen. So lange meine Kraft aus⸗ dauerte, widerſtand ich ihm. Die Zuſchauer mutterten mich auf, und riefen, es ſey von ihm eine Schande. Mir ſchwindelte der Kopf von den empfangenen Schlaͤgen, das Blut rann mir aus Naſe und Mundz mein Kör⸗ per war uͤberwaͤltigt, aber nicht mein Sinn. Ich bat nicht um Schonung, ſondern trozte ihm; und als er verſuchte, mich aus der Ka⸗ jute zu werfen, ſteigerte ich ſeine Wuth durch die Erklaͤrung, ich wolle nicht eher hinaus, als bis er mir meine Buͤcher gegeben habe. So ſtritten wir fort, er ſuchte mich mit Ge⸗ walt hinauszutreiben, ich beſtrebte mich zu bleiben; da erhielt ich von ihm einen Stoß in die Magengegend und ſiel bewegungslos zu Boden; er tobte fort und ſchrie: »Hin⸗ aus, Schurke, oder ich ſchlage Dich todt!« Ich fuͤhlte, daß ich nicht länger Widerſtand leiſten konnte, und war in Verzweiflung. Es machte mich wahnſinnig, von einem feigen Toͤlpel wie ein Hund gepruͤgelt zu ſeyn, und des Menſchen beleidigende und triumphirende — Worte anhoͤren zu muͤßen. Zufaͤllig erblickte ich etwas Glaͤnzendes dicht neben mir; der Tiſch war ſogleich umgeworfen, und ein Fe⸗ dermeßer lag ſo nahe, daß ich es ergreifen konnte. Die Ausſicht auf Rache erneuerte meine Kräfte. Ich erfaßte das Meßer, wie⸗ derholte ſeine Worte, mit denen er gedroht, mich todt zu ſchlagen, hielt meine Waffe em⸗ por und ſezte hinzu: »Memme, wahre Dein eigenes Leben!« Sch lag noch auf einem Knie und ſuchte in die Höhe zu kommen. Bei dem Erblicken des Federmeßers und meines wilden, leichenähn⸗ lichen Ausſehens prallte der Federnſchneider zuruͤck. Von dem, was nun folgte, weiß ich nur noch, daß ich ihm an mehren Stellen Stiche gab, daß er ſeine Augen verſchloß, die Hände vor ſein Antliz hielt, und um Gnade flehete. Jemand rief hinter mir mei⸗ nen Namen aus, mit: »„Hallo! — was geht hier vor?« Ich wandte mich um, und erwiederte: „die⸗ ſer feige Schurke wollte mich zu Tode pruͤ⸗ geln, und ich habe ihn todt geſtochen l Dann warf ich das Federmeßer hin, nahm mein Buch und verließ die Kajuͤte. — — — — 8 — Bald erſchien ein Marineſergeant mit dem Befehle, mich auf das Verdeck zu fuͤhren. Hier ſtand der Kapitain, von ſeinen Offizieren um⸗ geben. Er fragte den erſten Lieutenant, was vorgefallen ſey, und die Antwort lautete: »Dieſer Burſche, Sir, ging mit einem Vorlegemeßer in Ihres Schreibers Kajuͤte und hat ihn ermordet.« Mit Abſcheu blickte der Kapitain auf mich, und ohne nur eine Frage noch zu thun, ſagte er: »Meinen Schreiber morden! legt dem Moͤrder Eiſen an, und Handſchellen; — mei⸗ nen Schreiber morden l« Ich machte den Verſuch, gehoͤrt zu werden, ward aber zum Schweigen gebracht mit den Worten: »Knebelt ihn! Hinab mit ihm, ſo⸗ gleich. Kein Wort, Burſche! Meinen Schrei⸗ ber morden!« Als der Sergeant mich anfaßen wollte, ſagte ich: »Haͤnde ab le ſah grimmig aus, denn ich hielt mich nun fuͤr einen Mann, und ging langſam die Luke hinab. Eine Schild⸗ wache ward bei mir aufgeſtellt, und der Ruͤſt⸗ meiſter brachte die Eiſen. Indeß vermuthe ich, daß der Kapitain während der Zeit ei⸗ nen andern Bericht uͤber den Vorfall gehoͤrt I. 6 „ hatte; denn ein Midſhipman, Namens Mur⸗ ray, kam herab, und gab in Betreff des Schließens Gegenbefehl; hierauf wandte er ſich an mich und ſagte: »Nur getroſt, ſie koͤn⸗ nen Ihnen nichts thun. Wir wollen die Wahr⸗ heit ſagen. Sie haben gehandelt, wie ein Mann. Seyn Sie gutes Muths l »Beſorgen Sie nichts von mir!« entgeg⸗ nete ich. »Nach Verlauf einiger Stunden kam der Kapitain zu mir, und ſagte: »Sind Sie nicht beſchaͤmt uͤber Ihr Betragen, junger Mann?« Ich antwortete: »Nein!« »Wie! iſt das eine Art mir zu antworten? Aufgeſtanden, den Hut herunter.« Ich erwiederte, daß ich die Eiſen erwarte; ſtand jedoch auf. »Sie werden, als ein Moͤrder, gehängt werden!« »„Ich will lieber haͤngen, als mich von Ih⸗ ren Dienern Schlagen laßen!« war meine Antwort. »Sind Sie toll, Herrle „Ja! Ihre Behandlung hat mich wahnſin⸗ nig gemacht. Sie und Ihr erſter Lientenant ſrafen und mißhandeln mich fortwaͤhrend und —— — 83 — das ohne Urſache; ich will das nicht ertra⸗ gen. Ich trat als Offizier und Gentleman in den Flottendienſt, werde aber behandelt wie ein Hund. Sezen Sie mich an's Land! Ich will keinen Dienſt mehr thun; und will weder Ihnen, noch Ihren Dienern geſtatten, mich zu ſchimpfen und zu ſchlagen.« Bei dieſen Worten trat ich ihm einen Schritt näher, aus welchem Antriebe, weiß ich nicht. Er faßte mich am Kragen, und befahl mir, auf die Laffette niederzuſizen. »Nein,« entgegnete ich; »Sie haben mir einmal geſagt, in Ihrer Gegenwart mich nie zu ſezen, und ich will nicht!⸗ »Will nicht!« wiederholte er, preßte mich heftiger, ſo daß er mich faſt erdroßelte. Spre⸗ chen konnte ich nicht, hob aber meine Hand auf, um mir Luft zu machen; er wiederholte noch einmal: „Sie wollen nicht!« gab mir einen heftigen Schlag in das Geſicht, und ich hatte die Verwegenheit, mit einem noch⸗ maligen »Nein!le in das ſeine zu ſpucken. Seine bisher feuerrothe Stirn dunkelte angenblicklich faſt zum Schwarz. Er ver⸗ mogte kein Wort vorzubringen; ſchleuderte mich mit ſeiner ganzen Kraft von ſich, und — kehrte, von Wuth angeſchwellt, zu ſeiner Ka⸗ juͤte zuruͤck. Mehre Offiziere, beſonders die Midſhipmen, ſtanden um uns her; — ich raffte mich von der Laffette empor, auf die ich hingefallen war. Zwei meiner Tiſchgenoßen traten zu mir, und ſagten: »Gut gemacht, mein Burſche, fuͤrchte nichts.« »Sehe ich etwa ſo aus?« war meine Ant⸗ wort. Bei Sonnenuntergang erhielt ich die Wet⸗ ſung, hinab in meine Schlafſtelle zu gehen, ſolle mich aber nie wieder auf dem Verdecke ſehen laßem Den dickwanſtigen Schottiſchen Kapitain habe ich ſpäter nie wieder erblickt. Die ganze uͤbrige Zeit unſeres Kreuzzuges war fuͤr mich Feiertag. Ich erhielt meine Buͤ⸗ cher, und ſuchte durch Leſen zu erſezen, was an meiner Erziehung verfehlt worden war. Der Schreiber genas wieder, und obgleich er ſorglich bemuͤht war, mir weiten Raum zu laßen, wenn er genoͤthigt ward, mir vor⸗ beizugehen, war ich doch boshaft genug, zu ſagen: »Wiewohl Sie ein Schreiber ſind, ſtehlen Sie keine Buͤcher und ſchlagen Sie keine Gentlemenze dabei dentete ich auf eine — 85 — tiefe Schmarre auf ſeiner Wange. Er war der Sohn vom Schneider unſers edelhaften Kapitains, und ſeine Anſtellung war eine Schottiſche Aushuͤlfe, um dem Vater deßen Rechnung zu bezahlen. Zehntes Kapitel. Des weiten Oceanes tiefes Blau, Die Schiffe, Felſen, Höhlen, Furcht und Hoffes, Geheimnißvolles Rauſchen, — dies erregt Gedanken an die Zukunft — das Vergang'ne. Keates. Bei unſerm Einlaufen in einen Brittiſchen Hafen ward ich auf ein Wachſchiff zu Spithead geſchickt, und bald darauf von dieſem wieder an den Bord einer Kriegsſchaluppe, ohne nur ein Wort von meinem Vater zu hoͤren. Wie⸗ wohl ſo jung, beſaß ich doch Stolz genug, um mich nuzloſer Gegenvorſtellungen oder weinender Klagen zu enthalten, und Philo⸗ ſophie genug, um zu ertragen. Von Kindheit an war ich gewohnt, aufgezwungenen Be⸗ fehlen zu gehorchen, deshalb verſuchte ich, gleichguͤltig zu ſcheinen, und runzelte die Stirne, um meine Ruͤhrung zu verbergen. — — — — Bisher war ich mindeſtens Maͤnnern uͤber⸗ geben worden, die meine Familie kannten; nun aber ward ich ploͤzlich auf ein Schiff ver⸗ ſezt, wo Alle mir durchaus fremd waren, und das ohne Geld, ſpaͤrlich mit Beduͤrfnißen verſehen; denn ich war kein »ſorgſam geſcheu⸗ ter Burſche,« wie jener Schottiſche Midſhip⸗ man, den ſeine Eltern mit geringer Bekleidung fuͤr ſeinen Korper, aber mit reichlicher Aus⸗ ſtattung Schottiſcher Lehrſpruͤche an Bord ge⸗ ſchickt hatten, als da ſind: vein Heller er⸗ ſpart, iſt ein Heller erworben, und »wenig Geld macht 'n Haufen.« Dieſer mit Schaafs⸗ magen gefuͤtterte, ſandhaarige Betrieger hatte das Meiſte meiner Sachen aus meinem Koffer genommen, während ich am Bord des Wach⸗ ſchiffes feſtſaß bis zur Anſtellung auf dieſer Schaluppe. Jemand ſah ihn einmal, wie er einen Buͤndel von allerlei Geraͤth, als: alte Zahnbuͤrſten, abgewaſchene Stuͤcke Seife, ſchmuzige Waͤſche u. ſ. w. in ſeinen Nacht⸗ ſack ſteckte, und fragte, was er da vorhabe; er antwortete: »Ich habe nur dieſe Dinge da auf dem Verdeck eingeſammelt.« Dieſer Caledoniſche Spuͤrhund hatte die Schamloſig⸗ keit, zu geſtehen, er beſtze zwei, drei bis ——— vier Duzend Hemden, von denen jegliches anders gezeichnet ſey; der Schurke hatte ſte dreißig oder vierzig verſchiedenen Knaben — geſtohlen. Er beſaß zu viel Unmſicht, ich zu wenig. Kein Menſch gab ſich die Muͤhe, nach meinen Beduͤrfnißen zu fragen, und noch ein⸗ mal ſtach ich am Bord der Kriegsſchaluppe in Ser. Wir fuhren nach Cadſz, Lißabon, nach Sud⸗Amerika und nach der Kuͤſte von Afrika. Achtzehn Monate waren wir auf der Fahrt und hatten die vier Enden der Welt befucht; ich ſammelte mir alſo bei einer Fahrt von dreißig tanſend Meilen einige praktiſche Gev⸗ graphie. Unſer xefehlshaber war Kapitain fuͤr Meßungen, ein kleines, vorwiziges, geſchaͤf⸗ tiges Maͤnnlein, und er duͤnkte ſich, wie die meiſten kleinen Leute, ein ſehr großer Mann zu ſeyn. Alles, was ich von dieſem winzigen Befehlshaber mich erinnere, iſt⸗ daß er ſeinen Kopf ſeitwaͤrts zu drehen und zu wenden pflegte, um zu mir aufzublicken, und dabei zu brummen; kreiſchend rief er mit Worten, die zu gehaltvoll waren, um aus ſeinem en⸗ gen Munde hervorzugehen, mir zu: »Uber⸗ ——— —— — — 80 — wachſenes Ungeheuer, dummer Tolpel, ohne Kraft, noch Gefuͤhl, weshalb ſind Sie da muͤßig, anſtatt auf meine Befehle zu achten?« Er haßte mich, weil ich wie ein Mann geformt war, ich dagegen verachtete ihn, weil er einem Manne ſo wenig gleich ſah. Zuweilen ſprang er auf das Fußgeſtell einer Karonade, um einen Matroſen an den Kopf zu ſchlagen. Weil ich im ſpaätern Leben faſt alle Welt⸗ theile wieder mehr im Einzelnen beſuchte und mit erweiterten Fähigkeiten, mit erwachten Gefuͤhlen, ſo will ich keine knabenhafte Er⸗ zahlung meiner Begegniße geben. Ich verab⸗ ſcheue das Gewaͤſch ſchwazhafter, alberner Jungen, die ihrer Muͤtter Lieblinge ſind; es iſt mir eben ſo laͤſtig, als eine Zueignung im »Spectator,« oder als Addiſon's von der Trunkenheit eingegebene, abgeſchmackte mo⸗ raliſche Schriften. Bei unſerer Ruͤckkehr nach England ſchrieb unſer weltumſegelnder Befehlshaber an meinen Vater, der durch die Zeit um nichts beſaͤnf⸗ tigt, mithin härter noch als Stein oder Eiſen, wiederum ſeinen hoͤchſten und verabſcheuten Willen kund gab, daß ich abermals auf ein anderes Schiff verſezt werde, welches ſich zur Fahrt nach Oſtindien ruͤſtete. 3 Bald waren wir zum Auslaufen bereit. Wer vermoͤgte durch Worte zu ſchildern, was ich empfand. Man denke ſich, wie ich, meinem Vaterlande entrißen, beſtimmt war, den wei⸗ ten Ocean zu durchſchiffen, zu einer wilden 4 Zonè, abgeſchnitten von jeglichem Bande, 3 von jeder Moͤglichkeit der Mittheilung, gleich⸗ ſam wie ein Verbrecher fuͤr Lebenszeit fort⸗ geſchafft, denn in damaliger Zeit kehrten die Schiffe ſelten vor Ablauf von ſieben oder noch mehr Jahren zuruͤck. Ich ward fortgefuͤhrt, ohne meine Mutter, meinen Bruder, meine 5 Schweſtern, noch irgend ein bekanntes Geſicht zu ſehen. Keine Stimme ſprach mir ein Wort des Troſtes zu, noch ward mir die kleinſte Hoffnung eingefloͤßt, daß irgend ein menſch⸗ liches Weſen mir Theilnahme ſchenke. Waͤre ein Diener unſers Hauſes, ja waͤre nur der —— alte Kettenhund, der Gefährte meiner Kin⸗ derzeit, fuͤr eine Stunde zu mir gekommen, mit Freude hätte ich ihn umhalſen koͤnnen, und meine Bruſt waͤre weich geworden fuͤr aͤlterliche Liebe, ſtatt nun in Gleichguͤltigkeit 3 zu verhärten. Von dieſem Zeitpunkte an ent⸗ — 3 fremdete meine Zuneigung unmerklich von meiner Familie und meiner Verwandtſchaft, ſuchte die Liebe fremder Menſchen in dieſer weiten Welt auf. Noch einmal ward ich von Tiſchgenoßen entfernt, die ich zu lieben ge⸗ lernt hatte; ſolche Dinge vermoͤgen Manche zu fuͤhlen, doch Niemand kann ſie ſchildern. Der unſichtbare Geiſt, welcher unter einer ſolchen Laſt des Kummers mich aufrichtete, iſt mir ſogar jezt noch ein Geheimniß, nun meine Leidenſchaften durch Vernunft, Zeit oder Er⸗ ſchoͤpfung beſiegt ſind. Jenes flammende Feuer, das in meinem Gehirn loderte, iſt erloſchen, hat keine andere Spur zuruͤckgelaßen, als tiefe Furchen, die es zu fruͤhzeitig in meine Stirne grub. Aber jezt ſogar wird die Flamme durch das bloße Gedenken deßen, was ich erduldet, wieder angeſchuͤrt, und ich brenne vor Ent⸗ ruͤſtung. Die ſchmerzliche überzeugung, daß ich ein voͤllig Verworfener ſey, daß mein Vater mich aus ſeinem Hauſe in der Hoffnung geſtoßen habe, ich wuͤrde deßen Schwelle nie wieder betreten, konnte ich mir nicht laͤnger verheh⸗ len. Meiner Mutter Fuͤrſprache — wenn ſie wirklich dieſe verſuchte — blieb unvermoͤgendz ich ward mir ſelber uͤberlaßen. Das einzige Zeichen, welches andeutete, daß mein Vater glaube, er habe doch immer noch eine Pflicht gegen mich zu erfuͤllen, beſtand in einem klei⸗ nen Jahrgelde, welches er entweder aus Pflichtgefuͤhl, oder aus Stolz mir zahlen ließ. Bei dieſer Anordnung ſagte er vielleicht mit andern guten und einſichtigen Leuten: vich habe fuͤr meinen Sohn geſorgt; wenn er ſich auszeichnet und als ein Mann hohen Ran⸗ ges und Anſehens zuruͤckkehrt, dann kann ich ſagen — er iſt mein Sohn, und ich machte ihn zu dem, was er geworden iſt! Seine ver⸗ wegene und furchtloſe Sinnesart mag ihm im Dienſte der Flotte Erfolg ſchaffen.« Er uͤberließ mich meinem Schickſale mit eben ſo geringer Theilnahme, als haͤtte er einen Wurf junger Hunde ertraͤnken laßen. Genoͤthigt in dieſem freundloſen Zuſtande England zu verlaßen, war ich niedergeſchla⸗ gen und krank; alles, was ich vor mir ſah, was meine Einbildung mir zeigte, hatte eine ſchwarze Faͤrbung. Troz meiner fruͤhen Ju⸗ gend, meines lebhaften Geiſtes und meiner von Natur frohhoffenden Richtung deſſelben, vermogte ich keinen Lichtfleck zu gewahren, der mich verlocken konnte, ſchoͤnere Tage von der Zukunft zu erwarten. Wir mogten zwei oder drei Tage in See geweſen ſeyn, als der Kapitain, im Arger uber einen ſeiner Lieutenants, ſich zu mir wandte, der ich die nemliche Wache hielt, und ſagte: »Sie werden gut thun ſich in Acht zu nehmen; bedenken Sie, daß ich vom Ka⸗ pitain A.. die Abſcheulichteit weiß, der Sie ſich am Bord ſeines Schiffes ſchuldig machten.« »Ich habe mich keiner ſolchen ſchuldig ge⸗ macht,« war meine Antwort. »Was la fuhr er fort, denn er fuͤhlte das Beduͤrfniß, das Ubrige ſeines Argers an Je⸗ manden auszulaßen, der huͤlfloſer war, als einer der aͤltern Flottenoffiziere, — »was, Herr! Denken Sie, es ſey nichts, die Leute mit Meßern zu ſtechen? Ich will Sie vom Gegentheil uͤberzeugen; bei der erſten Klage, die uͤber Sie eingeht, werde ich Sie von meinem Bord ſchaffen.« Dieſe Androhung einer Rache machte mich laͤcheln, denn, an das Land geſezt zu wer⸗ den, war das Ziel meiner ſehnlichſten Wuͤn⸗ ſche. Er nahm es vielleicht fur hoͤhnende Ver⸗ achtung, und wandte ſich zornig ab. Doch bald fand ich aus, er ſey kein boͤſer, ſondern nur ein ſchwacher und jähzorniger Mann. Viele Jahre hatte er auf halben Sold geſtanden, und weil er auf dem Lande erzo⸗ gen worden, hatte er eine Pachterliebhaberei fuͤr Schmuz und Duͤnger eingeſogen, welche ſein Seefahrerſtand zwar unterbrochen, aber nicht ausgetilgt hatte. Waͤhrend der langen Zwiſchenzeit, die verfloßen war, bis er zum Befehl eines Schiffes kam, war er der natuͤr⸗ lichen Richtung ſeiner Neigungen gefolgt und hatte alles Ernſtes ſeinen vaͤterlichen Boden gebauet; hatte mehr Stolz dabei empfunden, ſeine fetten Schweine und Haͤmmel zu be⸗ ſchauen und ſeinen Acker fuͤr Schwediſche Tur⸗ nips zu pfluͤgen, als mit einer ſchnellſegeln⸗ den Fregatte Furchen im Indiſchen Ocean zu ziehen. Seine Ernennung zu dieſer lezten war eine ungeſuchte Ehre; denn ein achtbares Mitglied ſeiner Familie, das in der Admi⸗ ralität angeſtellt war, empoͤrte dieſe ausge⸗ artete Beſchaͤftigung, und berief ihn zur Groͤ⸗ ße, durch den Befehl ſich zum Dienſte zu melden. Ungern verließ er, was er nicht mitnehmen konnte, — ſein Haus und ſeine Ländereien; — 95 — mit wirklich ſchmerzlicher Ruͤhrung betrach⸗ tete er den praͤchtigen, großartigen Haufen des reichſten Miſchdungs, den er zuruckzu⸗ laßen gezwungen war. Sich aber auch vom lebendigen Vieh, von Schweinen, Schaafen und Gefluͤgel zu trennen, nachdem er mehr Zeit, Geld und Geduld auf deren Zucht ver⸗ wandt hatte, als die Mehrzahl der Eltern an die Erziehung ihrer Kinder wendet, waͤre zu ſchmerzlich geweſen; deshalb nahm er je⸗ nes mit an Bord, und des Schiffes Ahnlich⸗ keit mit einem Pachthofe, war fuͤr ihn Quelle des Entzuͤckens. Seine meiſte Zeit war dieſen ſeinen Adoptivkindern gewidmet; dem älteſten Lieutenant blieb die Sorge fuͤr das Schiff uͤber⸗ laßen, wobei deßen Vergnuͤgen nur den klei⸗ nen Abbruch erlitt, einen Theil des Unmuths ertragen zu muͤßen, der in harter Behand⸗ lung der Offiziere jedesmal auf dem Hinter⸗ deck ſich kund gab, wenn unſer Paͤchterkapi⸗ tain durch einen Unfall verdrießlich war, der ſeinem lebendigen Vieh begegnete, welcher bei ſtuͤrmiſchem Wetter durch Krankheit, Tod, oder zerbrochene Gliedmaßen entſtehen Im Ganzen genommen, pflegten wir Mid⸗ ſhipmen, ihn mehr zu quaͤlen, als er uns. Einer unſetet Streiche beſtand, wie ich mich erinnere, darin, daß wir allnächtlich einigen Huͤhnern eine feine Nähnadel in den Kopf ſtießen; ward nun, in der Vorausſezung, daß ſie an Krankheit geſtorben wären, der Befehl gegeben, ſie uͤber Bord zu werfen, ſo waren wir in der Naͤhe, um ſie zu retten, und ein Braten war unſere Belohnung. Er war im alltäglichen Sinne des Wortes ein gutartiger Menſch, das heißt, er war zu keinem Dinge weder gut, noch ſchlecht genug; und es war in ganz gleichem Grade unmoͤg⸗ lich, ihn zu lieben, zu ehren, zu oder iu verachten. 57 — Eilftes Kapitel. um ſeine Wiege ſchon die Stürme rangen, An Seel und Leib war er orkan⸗empfangen; Sein erſter Blick fiel auf den Ungeſtüm' Des Meer's, und ſeine Heimath däucht es ihm. Byron. Weir ich nun völlig entſchloßen war, den Flottendienſt aufzugeben, verwandte ich auf meine Verrichtungen einige Aufmerkſamkeit. Ich begann, mich mit Planzeichnung und Steuermannskunſt zu beſchäftigen; las Alles, was ich mir nur verſchaffen konnte, und ſam⸗ melte mir von Offizieren und Matroſen jeg⸗ liche Kunde ein, die Indien und deßen zahl⸗ loſe Inſelgruppen betrifft. Wir ſegelten den alten Lauf, beruͤhrten St. Helena und das Kap der guten Hoffnung, und ankerten end⸗ lich im Hafen von Bombay, ohne irgend einen bemerkenswerthen Vorfall. N 7 Der einzige mit meiner ſpätern Geſchichte verknuͤpfte Umſtand, zu deßen Erwaͤhnung ich hier Gelegenheit finde, iſt der, daß ich waͤh⸗ rend meiner Uberfahrt eine dauernde Freund⸗ ſchaft mit dem juͤngſten Lieutenant ſchloß. Ich hatte zu ſeiner Wache gehoͤrt, und waͤhrend der langweiligen Naͤchte hatte er meinen ei⸗ gentlichen Karakter genugſam ergruͤndet, um zu entdecken, daß ich nicht ſey, was ich zu ſeyn ſchien. Seine freundliche Guͤte hatte mich aus der Schaalen⸗Umhaͤuſung hervorge⸗ lockt, in die ich zuruͤckſchrumpfte, ſo oft Frem⸗ de mir nahe kamen, die mir nur Feinde ſchienen. Er weckte Gefuͤhle wieder auf, die in Erſtarrung lagen, und rief andere hervor, die ich nie empfunden hatte. Er ward mein Verfechter bei denen, die uͤber mir ſtan⸗ den. Ein Umſtand, erzaͤhlte er mir, habe, in Be⸗ tracht meiner Jugend, ihm oft Bewunderung eingefloͤßt. Auf det Uberfahrt hatte ein zwei⸗ ter Lieutenant, ein ſchlauer, liſtiger, raͤnke⸗ voller und boshafter Schotte, deßen einziges Vergnuͤgen darin beſtand, ſeine Untergebenen zu quaͤlen, eines Tages, als er mir Dienſt⸗ fragen vorlegte, zu mir geſagt: »Wenn Sie — zu mir reden, nehmen Sie Ihren Hut ab, Herr!« Ich erwiederte: »Ich habe Sie begruͤßt, wie ich den Kapitain begruͤße, habe die Hand an den Hut gelegt.« Hierauf trat er dicht vor mich und ſprach: »Nehmen Sie den Hut herunter, Herr, ſo lang Sie mit Ihrem Obern reden!« „Ich habe keinen.« »Wie, Herr, bin ich nicht Ihr vorgeſezter »Ja, Herr, der ſind Sie.« »Nun, weshalb nehmen Sie Ihren Hut nicht vor mir ab?« »Das thue ich niemals.« »Hut herunter le rief er mit drohender Stimme. »Nein, ich will nicht.« »Was, wollen nicht d« »Nein, vor Niemandem, als vor Gott!« und weil ich mich beſann, daß ich auch vor dem Koͤnige den Hut abgezogen hatte, ſezte ich hinzu: »und vor dem Koͤnig le Dieſer Speichellecker hielt dafuͤr — minde⸗ ſtens mußte man das aus ſeiner Art, den Hut zu gebrauchen, ſchließen, — daß ein — 100 — Hut nur dazu diene, als Zeichen niedrig⸗ kriechender Sinnesart gegen den Boden herab⸗ gehalten zu werden, nicht aber, um den Kopf zu bedecken. Wiewohl er ſich in die Gunſt des Kapitains gebuͤckt und geſchmeichelt hatte, konnte ſeine Beſchwerde doch nicht verſtanden werden, als er mich eines aufruͤhreriſchen Ungehorſams gegen ſeine Befehle anklagte. Weil ſeine Wuth bei dieſer Veranlaßung un⸗ maͤchtig blieb, raͤchte er ſich dadurch, eine Menge kleiner Verunglimpfungen auf mich zu haͤufen, die ich im Gedächtniße aufbewahrte, um ſie zuſammen zu rechnen und abzuzahlen. Dies that ich, und mit Zinſen. Ein anderer Vorfall, der den Lieutenant Aſton ebenfalls in Staunen ſezte, ereignete ſich zwiſchen Madras und Bombay, an der Seeräuberkuͤſte von Goa. Ein verdaͤchtig aus⸗ ſehendes Schiff, welches ſich den ganzen Tag bemuͤht hatte, uns auszuweichen, ward von einer Windſtille befallen, und drei Boͤte wur⸗ den abgeſchickt mit dem Befehle, an Bord deſſelben zu gehen. Ich ward in demjenigen mitgeſchickt, welches der Schottiſche Lieute⸗ nant befehligte. Dieſes Boot ruderte am ſchnell⸗ ſten, hatte die beſte Bemannung und Bewaff⸗ — 101 — nung. Aſton war im naͤchſten Boote und folgte uns nahe. Das vermeintliche Piratenfahrzeug trieb fortwaͤhrend dem Lande zu; von unſerm Schiffe aus mußte es das Anſehen haben, daß wir es nicht wuͤrden erreichen koͤnnen, bevor es auf den Strand gelaufen ſey; weil nun ein leichter Wind ſich erhob und weil zu⸗ dem der allgemeine Befehl der Indiſchen Flotte vorſchreibt, die Malayiſchen Seeraͤuberſchiffe zu zertruͤmmern, aber nicht zu entern, ſo feuerte die Fregatte eine Kanone ab, und zog den Ruͤckzugswimpel auf. In dieſem Augen⸗ blicke waren wir noch um zwei Schußweiten hinter dem verfolgten Fahrzeuge, das ſchon innerhalb des Riffes war, und an der Ha⸗ fenbucht zeigten ſich die bewaffneten Einge⸗ bornen in großer Anzahl. Sobald unſer Boot den Signalſchuß hoͤrte, erklaͤrte der Lieute⸗ nant, wir muͤßten zuruͤck, und befahl den Leuten, die Ruder einzuziehen, bis Aſton's Kutter herankam, dem er zurief: »Aſton, Sie ſehen das Ruͤckzugsſignal — wir moͤgen umkehren zum Schiffe. Aſton antwortete: »Welches Signal, ich ſehe es nicht.« — 102 — »Wenn Sie hinſchauen, werden Sie's ſe⸗ hen,« ſprach der Lieutenant. »Ich denke nicht hinzuſehen,« war die wei⸗ tere Erwiederung, »wir ſind abgeſchickt, zu ſehen, was fuͤr ein Fahrzeug dies iſt, und den Befehl will ich vollfuͤhren. — Sezt an, Leute !« Ich bat Aſton, die Ruder einen Augenblick ruhen zu laßen, wandte mich darauf gegen den Schotten ünd fragte ehrfurchtsvoll, ob auch er weiter gehen wolle, weil ich das Steuer der Barke fuͤhrte. Er antwortete: »nein,« und befahl mir, zum Schiff zuruͤck zu ſteuern. Sogleich ließ ich die Handhabe los und ſprang uͤber Bord, rief Aſton zu, mich aufzunehmen, und ſchwamm nach deßen Kutter. Mit dem knurrenden Geheul einer Hyaͤne ſagte der Lieutenant: »Ich werde Be⸗ richt machen uͤber Ihr Betragen, Herr!« Aſton befahl ſeinen Leuten, nach der Kuͤſte zu rudern, und zehn Minuten ſpaͤter waren wir am Bord des Malayen. Ich ſtand im Bug des Kutters und brannte vor Verlan⸗ gen, meine gluͤhende Sehnſucht nach einem Gefechte zu befriedigen; in dem Augenblicke, in welchem unſer Boot des Malayen Bug — 103 — beruͤhrte, erfaßte ich mit einer Hand ein Tau, ſchwang mich auf deßen Bord, und verſezte einem des Schiffsvolkes einen Hieb uͤber den Kopf, bevor noch mein Fuß auf dem Verdeck ſtand; zwei oder drei Matroſen folgten mir, und ſo ſäbelten und hieben wir ohne Gnade um uns her. Die Malayen ſpran⸗ gen uͤber Bord; ich war dermaßen in Feuer, daß ich nicht bemerkte, ob ſie Widerſtand lei⸗ ſteten oder nicht; aber durch meine Heftigkeit angereizt, und erboßt bei dem Gedanken, daß einer entkommen koͤnnte, gedachte ich unſerer Schußwaffen, ergriff eine Muskete, und war im Begriff auf einen der Schwim⸗ mer Feuer zu geben, als Aſton mich zuruͤck⸗ hielt und ausrief: »Hoͤren Sie mich nicht? Ich habe mich ganz heiſer nach Ihnen ge⸗ ſchrien. — Was treiben Sie? — Sind Sie wahnſinnig? — Ihr Beiſpiel hat alle Ma⸗ troſen toll gemacht. Nehmen Sie die Mus⸗ kete ab. Sie haben kein Recht, dieſe Leute anzugreifen.« überraſcht fragte ich, ob es kein Malayen⸗ Schiff waͤre? »Wie kann ich ſagen, antwortete er, »was es fuͤr ein Fahrzeug iſt. Sie hätten auf mei⸗ nen Befehl warten muͤßen. Vielleicht iſt es ein harmloſes Kuͤſtenſchiff.« Nun begann ich zu glauben, ich ſey zu übereilt, zu raſch geweſen; und mein Eifer ward durch den Gedanken abgekuͤhlt, daß ich Aſton in Ungelegenheit Zeſezt haben moͤgte. Mit unausſprechlicher Freude bemerkte ich dann, daß die Wilden von der Hafenbucht aus mit Luntengewehren auf uns feuerten, und ihre Canves voll Bewaffneter gegen uns ausſchickten. Während dieſe jedoch aufgehal⸗ ten wurden, um ihre Landsleute aufzufiſchen, bohrten wir Loͤcher, um das Fahrzeug zu ver⸗ ſenken, ſprangen in unſer Boot, und die Fre⸗ gatte, welche herbeigeſegelt war, nahm uns auf. Zwei verwundete Malayen Aſton mitgenommen. Nachdem das Gefecht voruͤber war, ſuchte ich Aſton's Zorn durch meine Kaͤlte und Thaͤ⸗ tigkeit zu beſaͤnftigen; ſo daß er, nachdem er mir ſeinen Verweis gegeben, mein Betragen dem erſten Lieutenant in ſo guͤnſtigen Aus⸗ druͤcken berichtete, daß des Schotten Anklage mir nichts Schlimmeres, als einen leichten Verweis zuzog. Von nun an verabſcheute er mich; aber unter Aſton's Schuze war ich ge⸗ —————— ſichert. Zudem ward ſeine Angſtlichkeit zu ei⸗ ner Quelle des Laͤcherlichen; und die Matro⸗ ſen, welche Herzhaftigkeit fuͤr das Hoͤchſte halten, ſpendeten mir Beifall. 3 Zwölftes Kapitel. Lang' ſchmachtete Im Elend ich, bevor das Außerſte Ich wast' auf Tod und Leben. Keates. Schon fruͤher hatte ich durch nichtsachtende Verwegenheit mir Achtung im Schiffe erwor⸗ ben. Meine Gleichgultigkeit gegen alle ge⸗ wohnte Dienſtpflicht und meine Nachlaͤßigkeit darin wurde einigermaßen geduldet, weil ich bei jeglichem Anlaße voll Schwierigkeit und Gefahr, oder bei ploͤzlichen Windſtoͤßen den unermuͤblichſten Fleiß und Eifer darthat. Mit ſolchen Windſtoͤßen iſt in den Indiſchen Ge⸗ wäßern nicht zu ſcherzen; die Maſte werden zuſammengebeugt gleich Angelruthen, die leich⸗ ten Segel in Bandſtreifen zerrißen, die Ma⸗ troſen ſchwanken hin und her auf dem Bugz Segelſtangen zerbrechen, das Schiff wird auf — 107 — die Seite geworfen, daß die Maſtenden in's Meer tauchen, die Woge und der Sturm heulen in brauſender Wuth, und es leuchtet kein anderes Licht, als die roth flaſchenden Blize. Dann pflegte ich aus meinem Schlum⸗ mer auf der Karonaden⸗Schleife empor zu ſpringen, ehe noch meine Augen halb geoͤff⸗ net waren, und meine Stimme gab dann die einzige Antwort auf Aſtons Sprachrohr. Im Kampfe der Elemente fuͤhlte ich mich heimiſch; dies war eine Art von Krieg und ſtimmte zu meinen Gefuͤhlen. Je furchtbarer der Sturm, deſto groͤßer mein Entzuͤcken. Meine Verach⸗ tung der Gefahr gewaͤhrte mir Sicherheit; und die feierlichen, methodiſchen Zuchtlehrer, die ſich ſtolz mit der genauen Ausfuͤhrung ihrer beſondern Dienſtpflicht an ihren verein⸗ zelten Poſten bruͤſteten, ſahen mit Verwun⸗ derung den jungen Menſchen, mit dem ſie ſtets wegen Dienſtvernachlaͤßigung ſchmollten, freiwillig zu jeglichem ſchwierigen und ge⸗ fahrvollen Unternehmen herbeieilen, bevor ſie ſich noch uͤber die Moͤglichkeit oder Rath⸗ ſamkeit, es zu verſuchen, zu einigen vermog⸗ ten. Deshalb liebten die Matroſen mich, und ſagten voraus, ich wuͤrde ein ganzer See⸗ — 108 — mann werden. Die Offiziere ſogar, die mich bisher als einen unnuͤzen Muͤßiggänger be⸗ trachtet hatten, ſahen mein Benehmen mit ſtaunender Verwunderung und faßten beßere Hoffnung von mir. Dieſe Hoffnung aber erſtarb mit den un⸗ ruhigen Auftritten, von denen ſie erzeugt war; im ſchoͤnen, ſtillen Wetter verlor ich den in Stuͤrmen und Gefechten erworbenen Ruhm wieder. Unter meinen Liſchgenoßen war ich der entſchiedene Liebling. Meinen groͤßten Stolz ſezte ich darin, den Schwachen gegen den Stärkern in Schuz zu nehmen. Nie⸗ mandem geſtattete ich Tyrannei. Vor der Zeit war ich ſehr lang und kraͤftig geworden; dabei war meine Denkart ſo unbeugſam, daß ich in meinen Kaͤmpfen mit ſolchen, die, wiewohl an Jahren mir uͤberlegen, mich doch an Koͤr⸗ perkraft nicht gar zu viel uͤbertrafen, durch meine Beharrlichkeit uͤberwand. Meine Hef⸗ tigkeit und mein raſches Zugreifen warf Alles vor mir nieder. Niemand liebte, mit mir an⸗ zubinden, denn ich erkannte mich niemals ge⸗ ſchlagen, ſondern erneute den Kampf ohne Ruͤckſicht auf Zeit oder auf Srtlichkeit. Was aber meine Tiſchgenoßen hauptſaͤchlich lobten — — ———— —— — * — 209 — und ehrten, war die furchtloſe Unabhaͤngig⸗ keit, womit ich Alle behandelte, die uͤber mir ſtanden. Sie hatten das Außerſte ihrer Machtgewalt an mir verſucht; aber wenn ſie auch die Fol⸗ ter noch hinzugefuͤgt haͤtten, mich vermogten ſie nicht zu bengen. Aus wirklichem Ubermuthe ging ich noch weiter, als ihr Strafgeheiß. Es war, um ein Beiſpiel davon anzufuͤhren, eine gewoͤhnliche Art der Beſtrafung, uns fuͤr vier oder fuͤnf Stunden auf die Maſtſpize zu ſchicken. Sobald ich dahin verwieſen wurde, legte ich mich der Laͤnge nach auf die Queer⸗ Sparren, als ſey ich da recht bequem, ſtellte mich ſchlafend, oder fiel wirklich in Schlaf, wenn es recht heiß war. Die Moͤglichkeit mei⸗ nes Herabfallens von einer ſo gefahrvollen Hoͤhe erregte Beſorgniß, und eines Tages, als die See bei geringem Winde ſehr hohl ging, befahl mir der Schotte zornig, zum aͤußerſten Ende der Top⸗Segel Rahe zu ge⸗ hen, um, wie er glaubte, der Moͤglichkeit des Einſchlafens vorzubengen; dort ſollte ich vier Stunden bleiben. Ich murrte, aber zum Ge⸗ horchen genoͤthigt, mußte ich hinauf; oben auf der ſchwindelnden Hoͤhe ging ich die Rahe — 110 — 6 entlang, erfaßte das Top⸗Segel Ziehtau, legte mich zwiſchen der Rahe und der Beiſaz⸗Segel⸗ ſtange nieder, und ſtellte mich, wie ich pflegte, ſchlafend. Oft rief der Lieukenant mich an, befahl mir wach zu bleiben, weil ich ſonſt uͤber Bord fallen wuͤrde. Die wiederholten Mah⸗ nungen gaben mir das Mittel ein, dieſer Art von Quälerei dadurch ein Ende zu machen, daß ich ſeiner Furcht zuvorkäme und wirklich uͤber Bord fiele; indeßen nicht mit der Ab⸗ ſicht, mich zu ertraͤnken, denn Wenige im Schiffe ſchwammen ſo gut, als ich. Ich hatte geſehen, daß ein Matroſe zum Scherz von der untern Rahe in's Meer geſprungen war und beſchloß, den Verſuch zu machen. Uberdem war des Schiffes rollende Bewegung mir guͤnſtig; ich wartete alſo den gelegenen Au⸗ genblick ab, als Offiziere und Matroſen bei Sonnenuntergang auf ihren Poſten waren, benuzte ein gewaltiges Rollen des Schiffes, und fiel herab auf den Gipfel einer unge⸗ heuern Meereswoge. Tief verſank ich in ihren Schlund, die Todesqual unterdruͤckten Athemholens war nach dem Falle entſezlich. Haͤtte ich die Vor⸗ ſicht nicht gebraucht, mein Gleichgewicht durch — 111 — das Zuſammenhalten beider Hände uͤber dem Kopfe und durch Ausreckung des Koͤrpers im Niederſtuͤrzen zu erhalten, wobei ich meine Gliedmaßen in der Luft bewegte, ſo wuͤrde ich unausbleiblich mein Leben verloren haben. In dieſem Zuſtande empfand ich nur ein An⸗ ſchwellen der Bruſt zum Zerplazen, zugleich mit dem furchtbaren Bewußtſeyn, in der Ge⸗ ſchwindigkeit eines Blizſtrahles unterzugehen, troz meiner krampfhaften Anſtrengung, mich empor zu arbeiten; es wäre vergebens, eine ſolche Folter beſchreiben zu wollen. Todten⸗ gleiche Erſtarrung lähmte mich; nun vernahm ich das Toͤnen von Stimmen, und ein Geräuſch auf dem Meere, und unter dem Waßer, das einem Orkane glich; es war mir, als muͤßten mein Kopfund meine Bruſt zerberſten. Nachher duͤnkte mich, ich ſehe ein wirres Ge⸗ draͤnge von Geſichtern uber mich hingebengt, und ich fuͤhlte mich unſäglich krank. Ein kal⸗ ter Schauder durchzuckte meine Gebeine und ich knirſchte mit den Zähnen, im Wahne, daß ich immer noch mit Anſtrengung meiner lezten Kräfte arbeite, um dem Ertrinken zu entgehen. Dieſer Zuſtand muß lange Zeit ge⸗ dauert haben. Das Erſte, deßen ich mich wie⸗ — 112 — der lebhaft entſinnen kann, war Aſton's Stimme, die fragte: »Wie geht es Ihnen jezt?« Ich verſuchte umſonſt Antwort zu ge⸗ ben; meine Lippen bewegten ſich, brachten aber kein Wort hervor. Er ſagte mir, ich ſey jezt wieder in Sicherheit, am Bord. Ich blickte umher; aber ein Gefuͤhl, als ſtuͤrze mir noch immer das Waßer in Mund, Ohren und Naſe, machte mich glauben, ich weile noch in den Wogen. Acht und vierzig Stun⸗ den litt ich unbeſchreibliche Schmerzen; ſie waren tauſendfach heftiger bei meinem Zu⸗ ruͤcktehren in das Leben, als zu der Zeit, in welcher ich die Beſinnung verlor. Doch was bedeutet es, wie viel ich zu er⸗ dulden hatte? mein Zweck war erreicht. Der Schottiſche Lieutenant erhielt einen ſtrengen Verweis uͤber ſeinen unverantwortlichen Be⸗ fehl, der mich zur Strafe an einen ſo gefaͤhr⸗ lichen Ort ſchickte. Des Kapitains Herz war ſo geruͤhrt, daß er befahl ein Huhn abzuſchlach⸗ ten, um mir Suppe zu kochen; auch ſchickte er mir eine Flaſche Wein. Ich ließ mir das Eine auf dem Roſt braten und den Andern abgluͤhen, weil ich gegen Alles, was nicht ſtark ſchmeckte, Widerwillen hegte. Auf die Maſt⸗ — 113 — ſpize ward ich niemals wieder geſchickt; auch konnte Niemand argwoͤhnen, ich ſey eines ſo tollen Streiches faͤhig, mich dem Ertrin⸗ ken auszuſezen, um mich dadurch von einer unbedeutenden Strafe zu befreien, welche An⸗ dere ertrugen, ohne ſich zu beklagen. Weil ich bei dem Vorfalle mit dem Malayen⸗ Schiffe an der Seeraͤnberkuͤſte den Schotti⸗ ſchen Lientenant der Zaghaftigkeit beſchuldigte, muß ich zu voͤlligem Verſtändniß erlaͤutern, daß einem Offizier, der zu ſolchem Auftrage ausgeſchickt wird, eine ſelbſt zu ermeßende Machtvollkommenheit zugetheilt werden muß, die dergleichen Dienſt erfordert, wenn gleich ſie nicht genau bezeichnet iſt. Das Ruͤckzug⸗ Signal war unter der Vorausſezung gegeben, daß das Malayen⸗Schiff auf die Kuͤſte trei⸗ ben werde, und daß es, unterſtuͤzt von den Eingebornen, verzweifelten Widerſtand lei⸗ ſten wuͤrde, wie das ganz im Karakter die⸗ ſes Volkes iſt. Sehr geeigneter Weiſe ſind alle Befehlshaber angewieſen, mit der Ver⸗ wendung des Weſentlichen im Schiffe, das heißt der Mannſchaft, zu Don Quijotiſchen Abentheuern ſehr ſparſam zu ſeyn; dies nicht etwa aus weibiſchen Menſchlichkeitsgefuͤhlen, 1 5 — 114 — ſondern aus triftigeren Gruͤnden, wegen des Sterling⸗Werths in Pfunden, Schillin⸗ gen und Pfennigen fuͤr jeden angelernten Ma⸗ troſen, der nach auslaͤndiſchem Klima ge⸗ fuͤhrt wird und daran gewoͤhnt iſt; nicht ein⸗ mal der Schwierigkeit zu gedenken, ihn durch einen Andern zu erſezen. Weil alſo der Ka⸗ pitain die Wahrſcheinlichkeit ſah, einige von ſeiner Mannſchaft zu verlieren, und das des unbedeutſamen Zweckes wegen einige Wilde aus dem Wege zu raͤumen, ohne eine Aus⸗ ſicht auf Beutegeld zu haben, ließ er das Ruͤckzug⸗Signal aufziehen; dadurch wuſch er ſeine Haͤnde gegen alle Folgen, wenn dieſe unguͤnſtig ausfielen, und uͤberließ die in den Böten befehlenden Offiziere ihrer eigenen Verantwortlichkeit. Dieſe Dinge verſtehen ſich auf der Flotte von ſelber. Iſt das Schiff im Angenblick des Signalgebens ſehr entfernt, und ſind die Boͤte dagegen dem Gegenſtande näher, ſo koͤnnen dieſe den Verſuch am beſten beurtheilen; wenn alsdann die Wahrſchein⸗ lichkeit des Erfolges, unterſtuͤzt von der Ma⸗ troſen brennender Gefechtliebe und der Hoff⸗ nung auf Befoͤrderung, die Gefahr aufwiegt, ſo halten ſie den Ruͤcken dem Signal zugekehrt und rudern hinan zum Gefechte. Wird aber auf der andern Seite das Ruͤckzug⸗Signal gar nicht gegeben, ſo muͤßen ſie den Auftrag aus⸗ zurichten verſuchen, ſo gefaͤhrlich das Unter⸗ nehmen auch ſcheinen mag. Dieſerhalb war die allgemeine Stimmung auf dem Schiffe gegen den Schottiſchen Lieutenant. — 116 — Dreizehntes Kapitel. Weh' mir! ich lebte Nur wenig trübe Jahr' auf dieſer Erde; So war mein Loos geordnet, daß ein Vater Momente der erwachenden Natur In Gift umwandelt', Hoffnung zu vernichten. Shelley. Außer Aſton liebte ich einige meiner Tiſch⸗ genoßen ganz vorzuͤglich. Einer von ihnen, mit mir faſt im gleichen Alter, war mein ge⸗ wöhnlicher Gefaͤhrte; nicht etwa, als waͤre in unſern Liebhabereien und Karakteren viele übereinſtimmung geweſen, ſondern weil ſein Vater ihn ſogar noch mit ärgerer Brutalitaͤt vehandelt hatte, als mich der meinige. Frei⸗ lich mogte er, nach der Meinung gewißen⸗ hafter Perſonen, ſeines Vaters Haß dadurch verdient haben, daß er ungeſezlicher, gar nicht orthodorer Weiſe auf dem Schauplaze — 117 — der Welt erſchien. Verwandte und Vormuͤn⸗ der waren nicht gebuͤhrend befragt; die Rechte der Kirche waren verlezt, ihre Zucht beſchimpft, ihren Dienern waren die Gebuͤhren entzogen; kein froͤhliches Gelaͤute der Dorfglocken, noch auch ein Kreis feſtlicher Freunde hatte die harmoniſchen Toͤne geeinigt, um dem unbe⸗ rufenen Fremdling in der Welt ein Willkomm zu geben. Anſtatt ſolcher freudiger Anzeichen waren er und ſeine Mutter heimlich in die düſtere Umgegend einer großen Stadt gebracht; und es war eben ſo viel Liſt und Vorſicht an⸗ gewandt, eben ſo viel Beſtechung gezahlt, um ſeine Geburt zu verbergen, als waͤre ein Mord begangen. Dieſes war der einzige Be⸗ weis von der Sorgfalt ſeines Vaters, min⸗ deſtens hatte er nie von einem andern gehoͤrt. Seine Mutter war eines aus der Million ein⸗ fältiger Maͤdchen, die, unter einem Heiraths⸗ verſprechen verfuͤhrt, an die Betheuerungen und Schwuͤre eines Lord glauben; — als wenn ein Lord irgend ein anderes Ding ſo zärtlich lieben koͤnnte, wie ſeine Wappenkro⸗ ne! oder als wenn er ſich nur beſinnen wollte, lieber eine ganze Welt gemeiner Menſchen aufzuopfern, als die Schuld auf ſich zu la⸗ — — den, gleich einem elenden Plebejer ſein Ge⸗ luͤbde zu halten, und ſein Kind mit einem Makel auf dem Wappenſchilde anzuerkennen! Walter, ſo hieß mein Freund, war in einer Schule der Barmherzigkeit, in der Blau⸗ rockſchule, einer Koͤniglichen Stiftung zum Unterhalte und zur Erziehung armer, vater⸗ loſer Kinder, erzogen; und wer konnte aͤrmer, verwaiſeter ſeyn, als dieſer Sohn eines Man⸗ nes, der vierzigtauſend Pfund jaͤhrlicher Ein⸗ kuͤnfte bezog? Dieſe Stiftung iſt, gleich man⸗ cher andern, eine trefliche Pflanzſchule fuͤr die natuͤrlichen Kinder der Ariſtokraten; und die Gemeinden muͤßen ſtolz auf ihr hohes und ausgezeichnetes Vorrecht ſeyn, ihr ſauer erworbenes Geld zur Unterhaltung und zum Unterricht der Kinder unſerer hochfahrenden Lords und Herren herzugeben. Es waͤre wahr⸗ lich Todſuͤnde, ſollte nur ein Tropfen ihres edlen Blutes am Boden verſchuͤttet werden. Seine Mutter ſtrengte ſich auf's Außerſte an, und brachte ihn durch irgend eine Fuͤr⸗ ſprache auf die Flotte. Arm und unbeſchuͤzt, außer von ihr, fuͤhrte er ein klaͤgliches Leben, und ſtand eine Reihefolge verdrießlicher Ver⸗ folgungen aus, die unter dem Schottiſchen — 119 — Lieutenant verewigt werden zu ſollen ſchienen. Dies machte ihn truͤbſinnig; er vermied un⸗ ſere Spiele und unſere Froͤhlichkeit; waͤhrend wir Gelage feierten, beſchaͤftigte er ſich ge⸗ meiniglich mit Leſen. Ich empfand großes Mitleid fuͤr ihn; und nahm mehr als einmal ſeine Beſtrafung fuͤr Dienſtverſäumniß auf mich. Dies gewann mir ſein Herz. Um den kleinmuͤthigen Schotten laͤcherlich zu machen, hatte ich eine Karrikatur gezeich⸗ net, die ſeinen Gehorſam darſtellte, mit wel⸗ chem er dem Ruͤckzugſignale Folge gab, wäh⸗ rend die zwei andern Barken auf das Ma⸗ layen⸗Schiff zueilten. Walter hatte mehr An⸗ lage zu Zeichnungen, und ich beredete ihn, das Bild beßer auszufuͤhren; dann ſah ich mir den rechten Augenblick aus, und warf es von oben durch die Luke auf ihre Tafel, als ſämmtliche Offiziere am Liſche ſaßen. Ein ſchallendes Gelaͤchter erfolgte, und es dau⸗ erte einige Zeit, bevor derjenige, der die Hauptperſon dabei ſpielte, die Urſache entdeck⸗ te; als dies aber geſchah, ward ſein langes, bleiches Geſicht zitronengelb, und die zu⸗ ruͤckgetretene Galle gab ihm einen Anfall von Gelbſucht. — 120 — Er ſparte keine Muͤhe, um den Urheber dieſes Spottbildes auszufinden. Ich hätte hinzuſezen ſollen, daß wir zur Erklaͤrung ein Gedicht in Knittelverſen beigefuͤgt hatten, welches ich ohne Ruͤckſicht auf Zeit noch Ort gar gern abzuſingen pflegte, ſey es aus Au⸗ toreitelkeit, oder um dem Beiſpiele alter Bar⸗ den und eines modernen Dichters zu folgen. — Bald waren die Verſe den Matroſen ſo bekannt als: »Still, rauher Boreas,« »Tom Bowling« und andere. Meinem kritiſchen Ge⸗ ſchmacke nach, uͤbertrafen ſie die lezten aber ſehr. Ich wußte damals noch nicht, daß der ge⸗ feierte Verfaßer eines dieſer Nationalgeſange eine Penſion erhalten hatte, ſonſt wuͤrde ich zuverläßig meine Forderung eingereicht ha⸗ ben. Alles, was ich empfing, war Verweis we⸗ gen des Lärmens, den ich machte, und zu⸗ nehmende Verfolgung von Seiten des Hel⸗ den, den ich ſo unermuͤdlich trachtete un⸗ ſterblich zu machen. Sein Undank war, wie Brutus Dolch, das Unfreundlichſte, was ſich denken ließ. Einige Zeit darauf brachte er in Erfahrung, daß die Zeichnung von Walter ſey. »Ich glaubte, ſagte er, »der Patron (r — 124 — meinte mich) habe es gemacht, der iſt ein Kind des Teufels und zu jeder Unthat bereit; auch ſcheut ſich der vor Niemanden, und wird in ſeiner laͤſterlichen Verwegenheit von Aſton und vom erſten Lieutenant in Schuz genom⸗ men. Aber den Walter, dieſen bleichſuͤchtigen, kraͤnklichen Burſchen, den Jedermann auf die Seite ſtoͤßt, bei Gott! den will ich dahin bringen, daß er ſich in's Waßer ſtͤrzt, eh⸗ er 'ne Woche älter wird l« Er bemuͤhete ſich, ſein Wort gut zu machen. Durch Verſchlagenheit, Luͤge und Verrath wußte er den Kapitain und den erſten Lieute⸗ nant mit ſo unaufhoͤrlichen Klagen gegen ihn zu verfolgen, daß der arme Walter geſtraft und mißhandelt wurde, bis dieſer Druck ihn zur Verzweiflung brachte; als er nun voll Zorn in heftigen Worten Antwort gab, ward er ſeines entſezt, vor den Maſt geſchickt und als Matroſe fuͤr den Beſanmaſt beſtimmt. Wiewohl das Gegentheil befohlen war, redete ich ihm unaufhoͤrlich zu, und ſprach ihm Muth ein. Sein ſanftes Herz war gebrochen, er ward tiefſinnig, und ich be⸗ ſorgte, er moͤgte des Lieutenants Vorher⸗ ſagung wahr machen. Allem, was ſch ihm — 122 — ſagte, ſchenkte er wenig Aufmerkſamkeit, bis ich ihm endlich meinen Entſchluß anvertraute, das Schiff und die Flotte im erſten Hafen zu verlaßen, wo wir anlegen wuͤrden; ihm gab ich den Rath, das Nämliche zu thun, und deutete ihm den trefflichen Genuß an, den wir haben wuͤrden, wenn wir ſeinen Feind zu Tode pruͤgelten. Die Hoffnung auf dieſe ungeregelte Vergeltung verurſachte, was keine andere Hoffnung vermogte — ſie machte ihn ruhig. Er ſtellte ſich ſogar, als thue er ſeinen Dienſt mit Geſchaͤftigkeit. Sein Verfolger quaͤlte ihn mit unnachla⸗ ßender, roher Haͤrte. Er ward gezwungen, den Dienſt mit den Top⸗Beſan⸗Maſt⸗Jungen zu verrichten; ſeinen ehemaligen Tiſchgenoßen ward unterſagt, mit ihm zu ſprechen; er mußte Matroſenkleider anziehen und mit dem Schiffsvolke eßen; der Schotte hatte ſich auf's. Außerſte bemuͤht, ſeinen Namen durch das abſcheuliche Zuerkennen koͤrperlicher Zuͤchti⸗ gung zu brandmarken; aber der Kapitain, wiewohl bis zu dieſem Punkte gewonnen, wollte das doch nicht geſtatten. Vierzehntes Kapitel. Jünglinge, die 's nach Sonneninſeln zieht, Wo ſommerlich das Jahr, ſammt Frauen, blüht⸗ Ein Hauf', entfremdet ſeinem Vaterland, Der kein's mehr hatt', es zu verändert fand, Dem blöder Wilden Höle lieber war, Dem halbentbürgerten, als Meer⸗Gefahr. 55 Byron. N Wenn er im Dienſte war, beſonders bei den Nachtwachen, pflegte ich ihn auf den Maſt zu begleiten, wo ich ſein klägliches Bejam⸗ mern ſeines Schickſals durch die Ausſicht auf uͤberſchwengliche Rache verſuͤßte. Ich ſtellte ihm die Leichtigkeit heraus, mit der das zu bewerkſtelligen ſey; ich ſagte ihm, jezt waren wir Maͤnner, beſaͤßen die Kraft und das Ver⸗ moͤgen, Ketten abzuſchutteln, die uns baͤnden; unſer Schiff ſey nicht die Welt und wir eben ſo wenig Galeerenſtlaven auf Lebenszeit an — — ihre Ruderbank geſchmiedet; daß, wenn die Englaͤnder ſich gegen unſere Freiheit verſchwoͤ⸗ ren, ſie um nicht vieles beßer waͤren, als Tyrannen der Meereskuͤſten, und daß Indien mit ſeinen tauſend Koͤnigen uns offen ſtaͤnde; daß unſer jeziger verzweiflungsvoller Zuſtand uns dennoch Hoffnung laße; daß wir in der Schaale des Elendes nicht tiefer ſinken koͤnn⸗ ten und daß jeglicher Wechſel uns das Beſ⸗ ſere verſchaffen muͤße. „Ja la rief er aus, »gehen wir dahin, wo keine Europäer ſind und wohin ſie nicht wagen, uns zu folgen. Stoßen wir ein Land von uns, das fuͤr uns kein Vatererbe, keine Ver⸗ wandte, keine Freundesbande enthaͤlt! Ver⸗ tauſchen wir unſer Geburtsland und unſern Stamm, ſuchen wir unſere Heimath unter den Kindern der Natur. Ich habe von ſolchen Dingen geleſen und gehoͤrt, daß ſie wahr ſind. Wer koͤnnte geeigneter ſeyn, einen ſolchen Verſuch zu machen, als wir unterdruͤckte Aus⸗ geſtoßene? Der ausſaͤzige, verachtete, von Allen gehaßte Paria lebt meines Duͤnkens ein gluckliches Leben, im Vergleich zu dem, was wir erduldet haben und noch erdulden!« »Was den Ausſaz anbetrifft, gab ich zur Antwort, »ſo kann von dem nicht die Rede ſeyn, denn ich denke, daß meine Gliedmaßen mir gute Dienſte thun ſollen. Sie ſind die einzigen Freunde, die ich beſize, und die ech⸗ ten Philoſophen im Morgenlande, ſezen rich⸗ tigern Werth auf Naturgaben, als die Eng⸗ laͤnder, bei denen unvollendete Halbgeburten, mit dem nachgemachten Scheine einer Ge⸗ ſtalt und mit hinreichendem Geiſtesvermoͤgen, um ſich dem Menſchengeſchlechte zuzuzählen, durch Luͤgen, Kriechen und Scheinheiligkeit zu einer Hoͤhe erhoben werden, welche uns, die wir ſie gleich Floͤhen zwiſchen Daumen und Finger zerquetſchen koͤnnten, zwingt, mit unbedeckten Haͤuptern vor ihnen zu ſtehen! Eine ſolche ſchaͤndliche Entwuͤrdigung findet ſich unter dieſen Eingeborenen nicht. Staͤrke iſt Macht und das Schwerdt regelt die Waage der Gerechtigkeit.« Walter pflegte dann ſeinen von Bannwor⸗ ten niedergebeugten Geiſt anzufeuern, brach in flammende, leidenſchaftliche Worte aus, ver⸗ ſezte ſich in der Einbildung auf eine der zahl⸗ loſen Inſeln des Indiſchen Archipelagus, er⸗ freute ſich ſeines Bogens und ſeiner Pfeile, ſeiner Angelruthe und ſeines Canoe. »Doch nein, nein,« rief er dann aus, »kein Canoe, nie will ich wieder auf die ſalzigen Fluthen blicken, ſie wuͤrden mein Blut ge⸗ rinnen machen. Nein, ich will mir ein Felſen⸗ thal aufſuchen, das Ufer eines Flußes, von Baͤumen beſchattet, und da will ich in Bruͤ⸗ derlichkeit mit den Eingeborenen leben.« »Wenn Du ihre Schweſtern nimmſt/ be⸗ merkte ich. Er fuhr fort: »ich will heirathen, Kinder zeugen und mir eine Huͤtte bauen.« »Und Dich tättowiren und nackt 2. fragte ich. »Ja,« antwortete er, »gleichviel, was ſie thun, will auch ich.« So vertrieben wir uns die Zeit, bauten Luftſchloͤßer, traͤumten uns bereits in deren Beſiz und vergaßen Alles um uns her, bis unſer ſchaͤferlicher, unſchuldiger, romantiſcher Aufbau ploͤzlich durch die verwuͤnſchten, kraͤch⸗ zenden, zankenden, augendieneriſchen, brei⸗ ten, gemeinen Toͤne des Schottiſchen Lieute⸗ nants zertruͤmmert wurde, der heraufſchrie: »Haltet die Maͤuler, ihr läͤſterlichen Schurken im Beſan⸗Maſte da, oder ich will euch herun⸗ terholen, daß euch der Unter⸗Steuermann das — 127 — Tauende fuͤhlen laͤßt, das will ich, ihr Lot⸗ terbuben!« So wirkte die Macht der Gewohnheit, daß wir dann am Takelwerk herabglitten, in un⸗ ſere Hangmatten krochen, und zu fortgeſezter niedriger Sklaverei am Tage, ſo wie zu fort⸗ geſponnenen Roman⸗Traͤumen waͤhrend der folgenden Racht erwachten, bis wir endlich Beide, wie ich glaube mit gleicher Sehnſucht, den Nachtwachen entgegen ſahen. Aſton behandelte Walter fortwaͤhrend ganz wie einen Gentleman; und das Schiffsvolk, das deßen Benehmen mit der zuvorkommen⸗ den Liſt von Sklaven bemerkte, folgte ſeinem Beiſpiele. Die Ereigniße am Bord dieſer Fregatte habe ich erzaͤhlt, wie ſie meinem Gedaͤchtniße wieder auflebten, nicht ihrer Zeitfolge gemäß. Nachdem wir kurze Zeit in Bombay geankert hatten, ſegelten wir nach Madras und von da wieder zuruͤck nach dem erſtgenannten Ha⸗ fen, mit geheimen Weiſungen vom Admiral. Auf unſerer Fahrt von Bombay nach Ma⸗ dras ſchlief ich an einem ſchoͤnen Tage in ei⸗ nem der Boͤte des Hinterdecks, als ploͤzlich wilder Aufruhr im Schiffe entſtand. Sogleich — 128 — dachte ich an die Meuterei von Kapitain Bligh's Mannſchaft. Solche Verwirrung habe ich nie am Bord eines Kriegsſchiffes geſehen; die Matroſen ſtuͤrzten einer über den andern, aus allen Luken, zum Verdeck hinauf; die Mannszucht hatte aufgehoͤrt; der auf dem Verdeck befehligende Lieutenant ſtand da lei⸗ chenblaß und vor Staunen erſtarrt; der Ka⸗ pitain und die meiſten Offiziere drängten ſich fragend und befehligend durch die dichte Maße des Schiffsvolkes; aber alle Ordnung war aufgehoben, ohne Unterſchied wurden ſie ge⸗ draͤngt und eingekeilt. Sogleich bemerkte ich, es ſey Verzweiflung, nicht aber wilder Auf⸗ ruhr, was ſich auf den plumpen, durchge⸗ wetterten Geſichtern der Matroſen zeigte. End⸗ lich riefen Alle Stimmen auf einmal das Ge⸗ heimniß aus: »Feuer! Feuer! Feuer im Vor⸗ magazin!« Dieſer furchtbare Ton bewirkte, was ſonſt nichts Irdiſches hätte hervorbringen koͤnnen; er machte, daß der kräftige, abgehaͤrtete, be⸗ herzte Matroſe die wohlgeordnete Zucht ſei⸗ nes ganzen Lebens vergaß; unwiderſtehliche Furcht vor dem einzigen Elemente, mit dem er den , zu beſtehen ſchanderte, ergriff — 129 — ihn; — Feuer, und zwar im Pulvermaga⸗ zin! Noch ein Augenblick, und Leiber wurden zerſtuͤmmelt, in die Luft geſchleudert, ohne Auszeichnung von Rang und Stand! Ge⸗ wohnheit oder Inſtinkt trieb die Offiziere an, die, bei dem erſten Rufe, das allgemeine Ge⸗ fuhl zu theilen ſchienen. Niemand bewegte ſich ohne blutroth aufgeſchwollene Stirn; aller Augen waren ſtarr auf die vordere Luke ge⸗ heftet, und erwarteten das unvermeidliche Schickſal. Wir hatten kein Land im Geſicht; kein Segel, kein dunkler Punkt zeigte ſich am Horizonte; die einzige Wolke bildete der ſchwarze, dicke Rauch, der aus der Luke her⸗ vorqualmte; es herrſchte voͤllige Windſtille, und dieſer Dampf ſtieg in unabgebrochener Saͤule zu den Wolken empor, wohin wir ihm bald folgen zu muͤßen meinten. Grabesſtille herrſchte im ganzen ſchoͤnen Schiffe; dem folgte ein wirres Gemurmel, und gleich darauf ſtuͤrzten Matroſen ohne Verabredung, aber zugleich nach den Boͤten am Hinterdeck; Andere draͤngten ſich an den Seiten des Schiffes und ſtrengten ihre Au⸗ gen in der vergebenen Hoffnung an, irgend ein Mittel zum Entkommen zu gewahren; I. 9 zitternd krochen einige die Strickleiter hinan, während ein kleiner Haufe eiſerner Veteranen allein und unerſchrocken da ſtand — Leute, die in Stuͤrmen, Schlachten und uͤbermaͤßi⸗ gen Anſtrengungen, nicht durch Alter ergraut waren. — Waäͤhrend dieſer allgemeinen Be⸗ wegung ſchreckte mich Aſton's laute, deut⸗ liche, hellklingende Stimme auf, der den Feuerleuten befahl, ihre Eimer zu ergreifen, den Marineſoldaten bewaffnet auf das Hin⸗ terdeck zu kommen, und den Offizieren zurief, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Dabei ergriff er einen Handdegen; der erſte Lieutenant und andere Offiziere wachten gleichſam wieder auf zu ihrer Pflicht, und ſo wurden die Matro⸗ ſen aus den Böten und vom Hinterdeck ver⸗ trieben. Sobald ich Aſton's Stimme hoͤrte, trat ich zu ihm und ſagte: »Ich will hinab in das Magazin, wenn Sie die Feuerwerker dahin ſchicken und Waßer herabreichen laßen wollen.« Nun ſtuͤrzte ich die große Schiffslucke hinab, eilte längs dem veroͤdeten untern Verdecke hin, ergriff ein Tau, und ließ mich mitten durch den Qualm in das Magazin hinab. In deßen vordern Raume, der ſchwaͤrzer als die — ——— — 131 — ſchwärzeſte Nacht war, konnte ich unmöglich unterſcheiden, woher das Feuer entſtehe. Ich tappte umher, fuͤhlte meine Hand und meinen Kopf verſengen, und der Rauch hinderte mein Athemholen. Da ſtolperte ich uͤber einen Men⸗ ſchen hin, der entweder todt, oder ſteif be⸗ trunken, ich wußte nicht welches von Bei⸗ den war; dann riß ich ein Buͤndel Lunten nieder, die in Brand gerathen waren. Dadurch geriethen die zu Signalen beſtimmten, ſoge⸗ nannten »blauen Lichter in Brand, und ich hoͤrte Leute, die herabkamen, um uns zu hel⸗ fen, ausrufen: »es fliegt auf!« Dieſe ſtuͤrm⸗ ten wieder hinauf zum Verdeck, wo ein zwei⸗ ter hoffnungsloſer Ausruf: ves fliegt aufle erſcholl, und dann ward alles ſtill. Bei den Flammen der »blauen Lichter « reichte ein Blick hin, das Geheimniß aufzu⸗ klaͤren. Zu meinen Fuͤßen ausgeſtreckt, lag der Unter⸗Feuerwerker, mit einer zerbroche⸗ nen Pfeife im Munde; das einzige Lebens⸗ zeichen, was er von ſich gab, war paffende Bewegung ſeiner Lippen. Die zum Zuͤnden bereitliegenden Kanonenlunten hatten durch ſeine Nachlaͤßigkeit Feuer gefangen. Der lang⸗ ſam fortglimmende Brand ſo vieler Hunderte von Lunten, hatte ganz allein den Rauch ver⸗ urſacht, und die Gefahr beſtand nur in de⸗ ren Naͤhe vom Pulvermagazine. Feuerfeſt, wie ich in dem Eifer war, den die Wahr⸗ ſcheinlichkeit das Schiff zu retten mir einfloͤßte, erfaßte ich die »blauen Lichter.« Waͤhrend ich bemuͤht war, dieſe nach oben zu reichen, rief ich, man ſolle mehr Leute mir zu Huͤlfe ſchicken. In dieſem Augenblicke kam Aſton herabgeſprungen. »Kommen Sie nicht hier herunter,« ſagte ich, »aber reichen Sie dieſe verdammte Lich⸗ ter nach oben — und dann ein Duzend Eimer Waßer herab — und Alles iſt in Ordnung.« Aſton befahl einem der Matroſen, die ihm folgten, auf das Verdeck zu gehen, dem Ka⸗ pitain zu melden, daß keine Gefahr drohe, und daß nur Waßer noͤthig ſey. Den erſten Eimer Waßer, der herabgereicht wurde, goß Aſton uͤber mich aus, wobei er ſagte: »Sie brennen lichter loh!« Meine Haare und mein Hemd brannten wirklich. Das Waßer und der Dampf mach⸗ ten, wie ich vermuthe, mich bewußtlos um⸗ fallen. Aſton nahm meine Stelle ein. Mich belebte die friſche Luft bald wieder. In we⸗ * — 133 — nigen Sekunden war das Magazin vollge⸗ ſchwemmt und Alles geſichert. Ich ward nach dem Verdeck beſchieden, und ging dahin, mein Geſicht mit naßem Pulver beklebt — nur mit meinen Pantalons beklei⸗ det; meine Haare und Augbraunen abgeſengt, Haͤnde und Antliz verbrannt, kurz ich glaube, meine gänze Erſcheinung gab das lebendige Bild eines ſo eben aus dem Höllenpfuhle heraufgekommenen Feuergeiſtes. Saͤmmtliche Offiziere laͤchelten, indeß ſchienen ſie zuglei⸗ cher Zeit meine Geiſtesgegenwart hoͤchlich zu loben; ich ſage, ſie ſchienen, denn es iſt gegen den allgemeinen Gebrauch auf der Flotte, etwas mehr auszudruͤcken. Mir zu danken, wäre ſo viel geweſen, als ſich ſelber einen Verweis geben. Inzwiſchen war ich zufrieden; der Eindruck konnte nicht wieder ausgetilgt werden; ſie konnten mich nicht laͤn⸗ ger einen unnuͤzen Muͤßiggänger nennen, wiewohl ich dafuͤr ſorgte, von jezt an fuͤr lange Zeit ein wirklicher Faullenzer unter dem Vorwande zu ſeyn, ich muͤße meine Brand⸗ und Quetſchwunden heilen; ſie ſag⸗ ten: »Nun, der arme Menſch verdient etwas Nachſicht la — 134 — Funfzehntes Kapitel. . Ein Ränber, hätte ihn Ar abiens Sand Gezeugt, ſo kuhn als einer dort erſtand, Der auf dem Schiff der Wüſte, dem Kameel Dem Durſte trozt, ſo gut wie Ismael; Kazik von Stolz, wird er auf Chili's Welle, Auf Hella's Höh'n, ein Griechiſcher Rebelle⸗ Vyron. Sobald das Schiff in irgend einem Hafen ankerte, ergriff ich die erſte Gelegenheit, an das Land zu gehen, und man ſah mich nicht eher wieder am Bord, als bis der »blaue Pe⸗ ter« aufgezogen und das Top⸗Vorſegel los⸗ gemacht war. Kaum ankerten wir zum zwei⸗ tenmale im Hafen von Bombay, als ich auch ſogleich unter irgend einem Vorwande in ei⸗ nem Hafenboot an's Land ruderte; gleich darauf hatte ich mrin Lieblings⸗Hauptquartier in der Stadt bezogen, naͤmlich eine Taverne, * in welcher ich mich zuͤgellos den ausſchwei⸗ — ——— — ——— —— — 135 — fendſten Freuden uͤberließ. Die Zeit, die ich dem Weine und den Weibern abſparen konn⸗ te, benuzte ich, in der Umgegend umher zu reiten, in den Bazars Gelage zu halten, und zum Billardſpiele. Am Lande ging es, wie im Schiffe, jede Unordnung und Stoͤrung ward gewoͤhnlich mir zugeſchrieben. Die Eu⸗ ropaͤer fuͤhren in Oſtindien ſtrenge Herrſchaft uͤber die beſiegten Eingebornen. Jegliche Un⸗ that mag faſt ungeſtraft ausgefuͤhrt werden, des Volkſinnes leichte Biegſamkeit hat eine knechtiſche Unterwuͤrfigkeit erzengt. Faſt nie leiſten ſie Widerſtand, kaum wird eine Kläge hoͤrbar; und die groͤßte Guͤte, welche Euro⸗ päer ihnen für lange treu geleiſtete Dienſte erweiſen, uͤberſteigt niemals die Freundlich⸗ keit, die man einem Hunde zuwendet; ſie werden ſchmeichelnd geklopft, wenn ihre Her⸗ ren guter Laune ſind, und gepruͤgelt, wenn dieſe Arger haben; mindeſtens war dies ſo zur Zeit meines dortigen Aufenthalts. So lange der Fremde ſich vor politiſcher Einmi⸗ ſchung huͤtete, und ſich nicht anmaßte, die Allgewalt der Heiligen unter den Heiligen — der Oſtindiſchen Kompagnie — und deren Diener, wie ſie liebt, den Gouverneur und — 136 — alle Beamte zu nennen, in Zweifel zu ziehen, konnte er nichts Unrechtes thun. Wer die Be⸗ fehle dieſer Sultankaufleute mit ſchuldiger Nachachtung befolgte, und den eigenen Knecht⸗ ſinn durch Stolz und Grauſamkeit gegen ihre Sklaven darthat, von dem bemerkte man blos, daß die Hize des Klimas ſolche Behandlung derſelben zu einer Laſt mache, und wer die Elenden in den heißen Tagesſtunden durch⸗ peitſchte, ward von den alten Angeſeßenen als unerfahrner Neuling betrachtet. Mit Walter blieb ich durch Briefe und Botſchaften im Verkehr, und war mit ihm übereingekommen, er ſolle das Schiff nicht eher verlaßen, als bis es im Begriff ſey, wie⸗ der abzuſegeln. Dann wollte ich ein Canoe miethen, welches die Nacht durch dicht neben der Fregatte liegen ſollte, er aber muͤße ſich uͤber Bord werfen und zu dieſem ſchwimmen. Was den Lieutenant anbetraf, ſo nahm ich den auf mich, denn jezt war ich groß und ſtark geworden, und es gab nur wenige Män⸗ ner, mit denen mich zu meßen ich Anſtand genommen hätte. In der Taverne, die ich bezogen hatte, knuͤpfte ich Vertraulichkeit mit einem Kauf⸗ * 1 — — — 137 — manne an. In unſerer Jugend ſchließen wir Freundſchaften in einem Tage, zu denen im ſpaͤtern Alter Jahre erfordert wuͤrden. So ging es mir mit dieſem Manne; nachdem wir ein Paar Partien Billard zuſammen ge⸗ ſpielt, mit einander geſpeiſet hatten, und ge⸗ meinſchaftlich umhergewandert waren, wur⸗ den wir luſtige Genoßen. Viele der Flotten⸗ offiziere pftegten in Geſellſchaften nach der Taverne zu kommen, um mich zu beſuchen, dann ſtreiften wir in der Stadt umher, und machten tauſend tolle Streiche. Mein Freund, der Fremde, wie er genannt wurde, ſchien die Geſellſchaft der Seeoffiziere zu ſuchen, ſchien vielen Antheil an der Erzaͤhlung ihrer Fahrten, an den Schiffen, auf denen ſie dien⸗ ten, an deren Segelfertigkeit, und an den Ei⸗ genthuͤmlichkeiten zu nehmen, welche ihre ver⸗ ſchiedenen Befehlshaber auszeichneten. Seine Unterhaltung beſchraͤnkte ſich groͤßerntheils auf Fragen, und weil die Menſchen meiſtens lie⸗ ber ſprechen, als zuhoͤren, ſo war er deshalb um ſo beliebter. Oft beſuchte er mit mir die im Hafen liegenden Kriegsſchiffe; gern fuͤhrte ich ihn auf Allen ein, nur nicht auf der Fre⸗ gatte, wozu ichegehoͤrte; um ihm aber dafuͤr ſchwellten, pomphaften Armeniſchen Handels⸗ — 138 — Erſaz zu geben, erzaͤhlte ich ihm ſehr genau alles, was er uͤber deren Zuſtand zu wißen wuͤnſchte. Wiewohl er ſich damals de Witt nannte, will ich ihn doch jezt gleich bei ſeinem rechten Namen de Ruyter, nennen. Er ſagte mir, daß er auf ein Schiff warte, um nach Batavia abzugehen; Indien und deßen Meere ſchien er ſehr gut zu kennen. Er ſprach die meiſten Europaiſchen Sprachen, und ſeine Ausſprache der Engliſchen hatte gar nichts Fremdartiges. Zuweilen begegnete er mir auf meinen We⸗ gen durch die Bazars und nahm mich mit ſich. Er kannte alle abgelegenen Ecken und Winkel dieſer unregelmaͤßigſten der Städte und be⸗ trat manches dunkle Haus ohne alle Umſtände. Bei ſolchen Gelegenheiten beſprach er ſich mit den Eingebornen in ihren verſchiedenen Dia⸗ lekten; gelaͤufig war ihm eben ſo das kehlen⸗ hohle, thiergleiche Grunzen der Malayen, als das menſchlichere Hindoſtane, oder das ſanf⸗ tere, harmoniereichere Perſiſche. Was mich damals am meiſten in Staunen ſezte, war die große Achtung, welche alle die Leute ihm bewieſen; ſogar die ſtolzen, fetten, aufge⸗ herren ließen ihre Palankine halten und ſtie⸗ gen aus, um ſich mit ihm zu unterhalten, dem Anſcheine nach hoͤchlich erfreut, ihn an⸗ zutreffen. Dieſe und andere Umſtaͤnde floͤßten mir Verwunderung ein, aber ſonſt nichts; im ſiebenzehnten Jahre erwarten wir nicht, wie im dreißigſten, daß jeder Mann ein Schurke ſey. In der gewoͤhnlichen Handlungsweiſe de Ruyter's that ſich eine Selbſtbeherrſchung und Entſchiedenheit, verbunden mit ſo allge⸗ mein umfaßender Kenntniß dar, die mich etwas empfinden ließ, was ich glaube, von keinem Andern gern als Bemerkung gehoͤrt zu haben, weil wir in dem Alter Niemanden gern ge⸗ ſtatten, uns uͤberlegen zu ſeyn. Vielleicht moͤgte ich dies auch nicht ſo durchaus empfunden haben, waͤre er mir nicht eben ſo ſehr an phy⸗ ſiſchen Kraͤften, als an Geiſtesgaben uͤberle⸗ gen geweſen. Seine Geſtalt war majeſtätiſch, die Laͤnge und das ſchoͤne Ebenmaaß ſeiner Glieder, die Ruͤndung und Gedrungenheit ſeines Koͤrpers gaben ihm ein Anſehen von Leichtigkeit und Federkraft, wie man es ſelten anders, als bei den Eingebornen des Mor⸗ genlandes findet. Nur bei genauerer Pruͤfung — 140 — erkannte man, daß die Staͤrke der Eiche ſich unter der ſchmaͤchtigen Geſtalt des Dattel⸗ baumes verkleidete. Seinem Geſichte fehlte es an Breite, um einem Kuͤnſtler zu gefallen, aber es erhoͤhete noch die Wirkung ſeiner ho⸗ hen, klaren, kuͤhnen, faltenloſen Stirn, die geebnet war wie bearbeiteter Marmor, wenn gleich nicht ſo weiß. Sein Haar war dunkel und reich gelockt, der Schnitt ſeines Geſich⸗ tes gut gezeichnet. Sein Ange zeigte die groͤßte Eigenthuͤmlichkeit; es war ſo fortwaͤhrend ändernd, daß man deßen Farbe unmoͤglich unterſcheiden konnte; gleich der Färbung ei⸗ nes Kamäleon zeigte es keine feſte Tinten, bildete aber, wie in einem Spiegel, den Wi⸗ derſchein ſeines Gemuͤthes ab. Im ruhigen Zuſtande war es mit einem Nebeldunkel, das einer grauen Bewoͤlkung glich, uͤberzo⸗ gen; gerieth es aber durch die Heftigkeit ſei⸗ ner Gefuͤhle in Erregung, dann ſchwand dieſer Nebeldunſt, und es begann allmählig zu glän⸗ zen, bis ſeine Strahlen, gleich denen der Sonne, ſo funkelnd wurden, daß ſie des An⸗ ſchauers Augen blendeten. Seine Augwim⸗ per waren ſchwarz, wie Ebenholz; er hatte dicke, gradlienige, vorſtehende Brauen, undweil er ſo lange Zeit der brennenden Hize einer Morgenlaͤndiſchen Sonne ausgeſezt ge⸗ weſen war, hatte er die Gewohnheit angenom⸗ men, dieſe zuſammen zu ziehen, wodurch er an ſeinen Augwinkeln eine Unzahl kleiner Li⸗ nien bildete, die aber durchaus den tiefen Fur⸗ chen nicht ähnelten, welche Alter oder Aus⸗ ſchweifung in noͤrdlichen Gegenden ziehen. Die Bildung ſeines Mundes war kuͤhn und ſcharf bezeichnet; er war kraͤftig, ausdrucksvoll, und ſeine vorſtehende Oberlippe zeigte im Sprechen eine krampfende Bewegung, welche die Unterlippe nicht theilte; ſein Kinn war voll, und gab ihm das Anſehen unbezwing⸗ licher Entſchloßenheit. Obwohl er von Natur nicht ſo dunkler Hautfarbe war, als ich, ſo ſchienen doch die unbekleideten Theile ſeines Koͤrpers nicht blos ſonnverbrannt, ſondern bis auf die Knochen verſengt. Er naͤherte ſich ſeinem dreißigſten Jahre. Ich bin ſo genau in der Schilderung de Ruyter's, um dadurch einigermaßen den au⸗ ßerordentlichen Einfluß zu rechtfertigen, den er bei ſo kurzer Bekanntſchaft auf mein Ge⸗ muͤth und meine Einbildungskraft gewann. Er ward mein Vorbild. Das Ziel meines Ehrgeizes beſtand darin, ihm nachzuahmen, ſogar in ſeinen Mängeln. Zum erſtenmale empfand ich die Uberlegenheit eines menſch⸗ lichen Weſens. Mit ihm auf gleicher Stufe zu bleiben, war unerreichbar. Bei jeglicher, ganz unbedeutenden Handlung zeigte er ein ſo unbefangenes, freies und edelmuthiges Weſen, daß es ſchien, als entſpringe dies ganz neu und friſch aus ſeinem eigenſten Selbſt; und alles andere ſank zuruͤck in äffiſche Nachahmung. Der entnervende Einfluß eines langen Auf⸗ enthalts im Tropiſchen Klima hatte ihn nicht angegriffen; ſeine Korperkräftigkeit und Gei⸗ ſtesſtärke ſchien unuͤberwindlich; das Sinne ver⸗ wirrende Fieber Indiſcher Jungeln verderbte ſein Blut nicht; unſchädlich brannte der Son⸗ nenſtrahl auf ſein unbedecktes Haupt; und er allein ſezte, ohne auf Zeit oder Witterung zu achten, den gewohnten Kreislauf ſeiner Geſchaͤfte fort. Aber ich bemerkte, daß er we⸗ nig trank, wenig ſchlief und ſehr maͤßig im Eßen war. Während wir Gelage hielten, mitternächtige Orgien feierten, geſellte er ſich oft zu uns, trank ſeinen Kafe und rauchte ſeine Hooka. Den Juͤngſten von uns uͤbertraf er im Genießen des gegenwaͤrtigen Augenblik⸗ — 143 — kes; ſelber mit der beruhigenden Hurfe der Mokka⸗Bohne vermogte er ſeinen lebhaften Geiſt kaum bis zu uns herabzuſtimmen, wenn wir vom Rebenſafte ergluͤhten, oder von Ar⸗ rak⸗Punſch halb wahnſinnig waren. Ohne Anſtrengung ſezte er ſich in Einklang mit der Gemuͤthsſtimmung ſeiner Gefaͤhrten, wodurch er die Duldſamkeit ſeines eigenen Gemuͤthes darthat, weil er das Vermoͤgen beſaß, den Eigenſinnigſten und Gedankenloſeſten unter ſeinen Willen zu beugen und ihn in jegliche Geſtalt umzuformen, die ſeiner Laune gefal⸗ len mogte. Er zog aber vor, Anderer Karak⸗ tere zu erforſchen, ſie in ihren naturgemäßen Färbungen zu betrachten und ſeine eigene hoch⸗ ſchwingende Einbildungskraft dadurch herab⸗ zuſpannen, daß er knabenhafte Gedanken und Gefuͤhle in ſich aufnahm. Indem er ſich uns gleich ſtellte, gewann er jenen Einfluß, den Salomon mit aller ſeiner Weisheit und ſei⸗ nen verſtaͤndigen Spruͤchen, nicht erworben haben koͤnnte. 12 * Sechszehntes Kapitel. Vergeßt ihr Schtäge denn und ſchnöde Püffe? Zerbläu'te euch nicht eines Lünglings Arm? Keats. ht und an Jahren Von einem mir an Ein ſo ganz uͤberlegenen Weſen anz auf dem Fuße der Gleichheit behandelt zu Werden, gab mir ein Gefuhl von Stolz und Wichtigkeit, das ich fruͤher nicht gekannt hatte. Durch dieſes Be⸗ tragen gewann er mein unbegraͤnztes Zu⸗ trauen und entwand mir unmerklich meine geheimſten Gedanken. Ich ſagte ihm, daß ich entſchloßen ſey, einem Stande zu entſagen, in welchem ich jene flammenden, ehrſuͤchtigen Bilder des Ruhmes nicht verwirklichen konnte, die er meiner Einbildungskraft vorgemalt hatte. Anſtatt mich in dieſem Vorſaze zu be⸗ ſärken, drang er ſtets darauf, ich ſolle nichts — 145 — in Ubereilung oder Leidenſchaft vornehmen. Ich ſprach von der Vernachläßigung und Schmach die ich litt, von den geringen Aus⸗ ſichten die mein Leben mir darboͤte, der hoff⸗ nungsloſen Beziehungen wegen, in denen ich zu meiner Familie ſtand, und ſchloß mit dem feſten ausgeſprochenen Entſchluße, Feßeln ab⸗ zuwerfen, die mein Gemuͤth erbitterten und mein Fortkommen hemmten; ich erkläͤrte, daß, wenn ich nichts Beßeres zu thun wiße, wolle ich in die Jungeln gehen, und dort mit wilden Buͤffeln und Tigern zuſammen leben, da wuͤrde ich mindeſtens Freiheit genießen, wie kurz mein Leben auch ſeyn moͤge, dies ziehe ich dem längern Ertragen eines eiſernen Despotismus vor, der ſogar meine Gedan⸗ ken in Sklaverei halte. Mit Heftigkeit rief ich aus: »Steht es nicht in der Sammlung unſerer Flotten⸗Artikel geſchrieben, daß Niemand durch Blick oder Geberde Unzufriedenheit gegen diejenigen darthun ſoll, die ihn beherrſchen, indem ſie die Zuchtruthe uͤber ſeinem Haupte ſchwingen? Wenn die Göoͤtter uns durch rohe Schreckens⸗ gewalt regierten, wer wuͤrde ſich dann nicht auflehnen wollen? Und wenn wir einmal ei⸗ I. 10 — 146 — nen Herrn haben muͤßen, warum denn nicht auf billige Bedingungen, und unter freund⸗ licher übereinkunft in den Dienſt der Teufel und Daͤmone treten?« »Nein,« ſagte de Ruhter, »jezt richten Sie ſich ſelber zu Grunde. Zuͤgeln Sie Ihre Lei⸗ denſchaft; betrachten Sie die Dinge in ih⸗ rem wahren Lichte, nicht in der krankhaften Vergelbung Ihrer gallſuͤchtigen Begriffe. Wir konnen nicht Alle Herren ſeyn, und der beſte Befehlshaber vermag ſeine Untergebenen nicht ſammtlich zufrieden zu ſtellen. Ihr Gemuͤth iſt verwundet durch die Vernachläßigung und Thorheit ſchwacher, aber nicht boͤſer Men⸗ ſchen. Sie, der von den engherzigen Anſich⸗ ten Anderer ſo viel gelitten hat, ſollten ler⸗ nen, gerecht und duldſam zu urtheilen, ſollten Unwißenheit von Bosheit bei denen unter⸗ ſcheiden, die gegen Sie ſuͤndigten. Der ein⸗ zige Fall von Bosheit, uͤber den Sie Klage fuhren, will wenig ſagen. Der Urheber iſt zu unbedeutend, um viele Uberlegung an ihn zu verſchwenden; — ich meine den Schotti⸗ ſchen Lieutenant, von dem Sie mir geſpro⸗ chen haben.« »Wenig l« erwiederte 16 u nennen Sie — 147 — wenig? das gaͤnzliche Verderben und die Er⸗ niedrigung, die er meinem Freunde Walter zuzog? Weil ich aber die Urſache dazu war, bin ich verpflichtet, vollſtaͤndige Rache fuͤr dieſe Beleidigung ihm zu verſchaffen. Mag jegliches Unheil des Lebens ausſchließlich mei⸗ nen Kopf treffen, — moͤgen die Paria mich verhoͤhnen und anſpeien, — moͤgen wilde Hunde mich durch die Jungeln hezen, — verzeihe ich jemals dieſem boshaften — —4 Als ſein verhaßter Name auf meinen Lip⸗ pen bebte, trat der jaͤmmerliche Wicht ſelber, und zwar allein in das Billardzimmer, in welchem wir ſprachen. Er blickte in mein ro⸗ thes, erhiztes Geſicht und war unſchluͤßig, ob er umkehren, oder vortreten ſolle. Das lezte wählte er, erkuͤnſtelte die ſchmeichelvoll⸗ ſten Blicke mit Laͤcheln und Kopfnicken, und alle die kleinen Kunſtgriffe, mit denen er durch die Welt gekrochen war, und die Er⸗ wartungen ehrenhafter und wackrer Maͤnner zerſtört hatte. Ich muß noch bemerken, daß er dieſe Taverne während meines dortigen Aufenthaltes öfter beſucht hatte, und daß er am Lande eben ſo zuthunlich war, als er ſich am Bord herriſch und uͤbermuͤthig zeigte. X — Weil ich unter ſeinem Befehle ſtand, mogte er waͤhnen, mich immer noch in ſeiner Ge⸗ walt zu haben; er trat zu mir und ſprach: »Nun, wann gehen Sie an Bord? Die Fre⸗ gatte hat Befehl, morgen unter Segel zu ge⸗ hen, und alle Offiziere muͤßen bei Tagesan⸗ bruch eingeſchifft ſeyn.« »Iſt es ſo?« ſagte ich, mit langſamer ge⸗ dämpfter Stimme, um die Wuth meines Vor⸗ ſazes darunter zu verbergen, waͤhrend jeder Nerf meines Koͤrpers zuckte, das Blut in mei⸗ nen Adern kochte und dann ploͤzlich zu Eis erſtarrte; »dann iſt die Zeit gekommen, meine Rechnung abzuſchließen; zum Gluͤck fuͤhrt der Zufall meinen Hauptglaͤubiger her.« „Was meinen Sie damit?« fragte er. »Einmal,«antwortete ich, »ſagten Sie mir, ich ſolle nie mit meinem Hut auf dem Kopfe vor Ihnen ſtehen. Jezt gehorche ich Ihnen zum lezten Male l Bei dieſen Worten ſchleuderte ich ihm mei⸗ nen Hut mit aller Kraft in's Angeſicht. Waͤhrend er ſtaunend da ſtand und mich anſtierte, riß ich das lezte Zeichen der Knecht⸗ ſchaft von meinem Leibe herunter, trat den Rock mit Fuͤßen und rief aus: »Jezt, Herr — 149 — Lieutenant, bin ich frei! Nun ſind Sie mein vorgeſezter Offizier nicht mehr! Soll ich Ihre überlegenheit als Mann anerkennen, ſo be⸗ weiſen Sie dieſe mit dem Degen! Dabei ſtellte ich mich zwiſchen ihn und die Thuͤr, und ſezte hinzu : »Ziehen Sie, dieſer Herr und der Markeur des Billard ſollen zuſehen, daß alles in Ordnung zugeht.« Er machte den Verſuch die Thůr zu ge⸗ winnen, wobei er murmelte: »Was haben Sie vor? Sind Sie von Sinnen?« Ich ergriff ihn beim Kragen, ſchlenderte ihn mitten in das Zimmer und ſagte: »Hier iſt kein Entkommen! Vertheidigen Sie Ihr Leben !. Nun trat er zu de Ruyter, forderte den auf, ihn zu beſchuͤzen, und ſchwor, er wiße nicht, was ich meine, noch was ich wolle. De Ruyter rauchte ganz ruhig fort und antwortete: »Nun, was er will, das ſcheint ziemlich klar. Ich habe mit dem Streite nichts zu thun. Es waͤre am beſten, Sie zoͤgen und machten es untereinander aus; er iſt ja nur ein Knabe, und Sie ſollten, nach Ihrem Barte zu ſchließen, ein Mann ſeyn.« Der Lientenant, den die Angſt unn uͤber⸗ — 150 — wältigte, demüthigte ſich vor mir; er be⸗ theuerte, daß er nie die Abſicht gehabt, mir Unrechtzuthun; wenn ich das von ihm glaube, bedaure er es und bitte mich um Verzeihung; er erſuchte mich, meinen Degen einzuſtecken und mit ihm an Bord zu gehen, unter dem sidlichen Verſprechen, von dem, was vorge⸗ fallen ſey, nie gegen mich Gebrauch zu machen. 3 Seine Niedertraͤchtigkeit machte mir Eckel;z ich ſtieß ihn von mir, ſpuckte ihn an und ſchrie: „Denl' an Walter, Du feiger boshaf⸗ ter Schuft! He! Du jämmerlicher Wicht, wenn Worte Dich zu nichts bringen, ſo ſollen es Schläge!« Ich ſchlug ihm mit dem Hefte meines Degens auf den Mund, ein Stoß warf ihn nieder und ich trat ihn mit Fuͤßen. Seinen Rock zog ich ihm ab und zerriß den in Fezen, wobei ich ſagte, »dies iſt das erſte Mal, daß dieſe echte Farbe von einer ſolchen Memme geſchändet wirdla Sein Geſchrei und ſeine Betheurungen ver⸗ mehrten meine Verachtung und erhoͤheten mei⸗ nen Zorn, denn der Gedanke machte mich wuͤ⸗ thend, daß ein ſo jämmerlicher Wicht mich ſo lange Zeit beherrſcht hatte. Ich ſchrie ihm zu: — 151 — „Fuͤr das Unrecht, was ich ſelber erlitten, habe ich Genugthuung. Aber nichts, als Ihr huͤndiſches Blut kann die Scheußlichkeiten gut machen, die Sie an Walter veruͤbt haben.« Weil ich meinen Degen gleich anfangs zer⸗ brochen hatte, zog ich den ſeinigen unter ſei⸗ nen am Boden liegenden Koͤrper hervor, und wuͤrde ihn unfehlbar auf der Stelle entleibt haben, wäre mein Arm nicht durch einen Stärkeren zurückgehalten. Dieſer war de Ruyter, er ſagte wir dabet in leiſem, ruhigem Tone: »Laßen Sie ab, kein Mord. Hier,« (er gab mir eine abge⸗ brochene Billardqueue) »ein Stock iſt die beßere Waffe, um eine Memme zu zuͤchtigen. Machen Sie guten Stahl nicht roſtig.« Es war vergebens, ihm nicht Gehoͤr ge⸗ ben zu wollen, denn er hatte mir den Degen aus der Hand entwunden. So zerarbeitete ich denn den Schurkenz ſein Geheul war entſez⸗ lich; die Angſt machte ihn wahnſinnig, er ſah aus, wie ein Lollhäusler. Ich hoͤrte nicht auf, bis der Queue dickes Ende zerſplittert war, und bis er bewegungslos da lag. De Ruyter hatte dieſe ganze Zeit hindurch Schildwach an der Thuͤre geſtanden, um das — 152 — Eindringen Anderer zu verhuͤten; wiewohl ich das damals gar nicht bemerkte. Als er von der Thuͤr wegtrat, ſtuͤrzte eine ganze Fluth von Weißen und von herein. Siebenzehntes Kapitel. Bringt her das Pferd! — Es ward gebracht. Fürwahr es war ein edles Roß, Ein Tartar von Ukrain'ſchem Sproß: Leichtfußig — gans zum Lauf gemacht; Geflügelt gleichſam, wie der Traum Des eilenden Gedankens Bild. * „ „ „ „ „ Die Mähne ſträubt ſich, ſeine Augen droh'n, Es bäumt ſich ſtörriſch, ſchäumt vor Zorn, Gar ſchreckhaft ſchien der Wüſte Sohn⸗ Byrvn. An der Spize dieſer Eindringenden erſchien, zu meiner großen Verwunderung, Walter. Er ſtaunte nicht minder uͤber den Auftritt, den er hier gewahrte, — der Mann, den er am meiſten in der Welt haßte, lag wie todt zu ſeinen Fuͤßen. Er blickte mit einer Art von Triumph auf ihn herab; ſeine Lippen bebten, ſein Antliz ward erſt feuerroth, dann voͤllig bleich. Er richtete ſein Ange auf mich, und — 154 — weil er mich athemlos und in ſtummer Wuth ſah, zugleich auch den zerbrochenen Degen auf dem Boden bemerkte, ſo verſtand er ploz⸗ lich den Vorgang. Sein fragender Blick traf de Ruyter, der ihn nicht nur verſtand, ſon⸗ dern auch zu wißen ſchien, wer er ſey, denn er befragte ihn, ob ſein Name nicht Walter waͤre. Nachdem dies bejaht worden, ſagte er: „Nun, da liegt Ihr Widerſacher, ich glaube, Ihr Freund hat ihm den Athem benommen. Ich wuͤnſchte, daß der ſich in ſeinen Leiden⸗ ſchaften etwas maͤßigen moͤgte.« »Ich hoffe,« erwiederte Walter, ver hat ihn nicht getodtet.« De Ruhter, der in Zweifel daruͤber war, ging hin und fuͤhlte ihm au den Puls; dann ſagte er: »Nein, ganz todt iſt er nicht; — tragt ihn hinaus.« Die Leute hoben ihn vom Boden aufz er oͤffnete ſeine Augen; das Blut rann ihm aus dem Munde; mehre Zaͤhne waren ihm aus⸗ geſchlagen. Er war ein recht jammervoller Gegenſtand, und ſchluchzte wie ein Knabe. Sobald er wieder zur Beſinnung kam, er⸗ blickte er Walter, was ſeine Angſt erhoͤhete; * — 155 — Walter konnte ſeine Wuth kaum zurückhal⸗ ten, denn uls er von de Ruyter vernahm, daß der Degen nur auf, nicht in ſeinem Koͤr⸗ per zerbrochen ſey, glaubte er, der Menſch ſey mehr geangſtigt, als verlezt. De Ruyter aber gab ihm die Verſicherung des Gegentheils und bemerkte: »Er iſt eben ſo ſchwer zu todten, als eine Tigerkaze. In meinem Leben habe ich keinen Burſchen ge⸗ ſehen, der ein ſolches Durchpruͤgeln aushielt. Jezt kommt aber, Ihr jungen Herren, er hat genng bekommen, und zuviel falls Ihr zur Verantwortung gezogen wuͤrdet. Eure Art, den Dienſt zu verlaßen, mag auch nicht als vorwurfsfreie Handlung ausgelegt werden; waͤre es alſo nicht beßer, Ihr machtet Euch davon, ehe die Sache ruchtbar wird, und in Folge derſelben die Thore der Stadt ge⸗ ſchloßen werden? Haben Sie, Walter, nach dem Beiſpiele Ihres Freundes, den blauen Rock abgeworfen? Was bedeutet dieſe rothe Farbe? Haben Sie alles Ernſtes zu einer andern Fahne geſchworen, oder iſt das nur Scherz 24 Es hatte mich uͤberraſcht, Walter in der Uniform der Landtruppen zu ſehen⸗ — 156 — Dieſer rief aus: »Ich danke Gott und mei⸗ ner Mutter! Ich habe ein Patent im Dienſte der Kompagnie bekommen, und wurde heute Morgen vom Schiffe entlaßen. Ein Offizier, der nach England zuruͤckgeht, hat mir gluͤck⸗ licher Weiſe ſeine Uniformſtucke uͤberlaßen, und ich war ſo eifrig, jenem Schurken meine Schuld zu bezahlen, daß ich, weil die Fre⸗ gatte morgen ſegelt, hierher kam, Dich auf⸗ zuſuchen, um mit Dir zu berathen, auf welche Weiſe wir dem nichtswuͤrdigen Schufte bei⸗ kommen koͤnnten. Als ich in das Haus trat, hoͤrte ich Dein Zuͤrnen, konnte mir aber nicht einbilden, daß Du meine Rache vorweg uͤber⸗ nommen hatteſt; aber gutes Gluͤck koͤmmt ja nie allein.⸗ De Ruyter unterbrach ihn: „Kommt nun, fort, ſo ſchnell wie der Wind. Ihr werdet Zeit finden, dieſe Dinge in gelegenern Au⸗ genblicken zu beſprechen. Die Stunde draͤngt. Silen Sie (fuhr er fort und dämpfte ſeine Stimme zu leiſem Fliſtern) nach dem Bun⸗ galo (Indiſche Pflanzung), von dem ich Ih⸗ nen neulich erzählte, nahe bei dem Dorfe Pünie. Sie kennen den Weg. Walter oder ich werden Sie dort beſuchen, ſobald die Fre⸗ — 157 — gatte abgeſegelt und dieſer Vorfall etwas vergeßen iſt. Nun, kein Wort mehr. Fort! ſag' ich.« Mein Pferd ward gebracht. Dies war ein boͤſes Thier, mit ſo vieler Tuͤcke im Auge, daß dieſe ihm ein ungewoͤhnlich ſchreckhaftes Anſehen gab. Es war vom Lande herein ge⸗ fuͤhrt, und nachdem es mehre der Seeoffiziere abgeworfen hatte, wollte es Niemand mehr reiten, ſo daß es in voͤlliger Unthaͤtigkeit ge⸗ fuͤttert wurde, als man mir es zuerſt an⸗ trug. Da ich niemals irgend etwas Eigen⸗ ſinnigeres angetroffen hatte, als ich ſelber war, ſo mogte ich das Pferd leiden. Ich liebte ſeinen unabhaͤngigen Sinn, nahm es unter meinen beſondern Schuz, und fand die Anſtrengung, es zu baͤndigen, entzuͤckend. Ein ſtätiſches Pferd, voller Tuͤcke, wird in einem zum Erſticken heißen Klima keinesweges als ein Ding des Vergnuͤgens betrachtet; ich aber liebte gegen den Strom zu ſchwimmen, und folgte nie dem Pfade der Verſtaͤndigen auf der ausgetretenen Bahn des Lebens. Mein Pferd und ich wurden bald Sehenswuͤrdig⸗ keiten fuͤr die nuͤchternen Eingebornen; es Koͤßte Theilnahme ein, zu erfahren, wer von — 158 — uns der Sieger ſeyn wuͤrde. Täglich pflegte ich durch die engen Straßen der Stadt, unter drohender Gefahr fuͤr Maͤnner, Frauen und Kinder, zu ſprengen. Zahllos wa⸗ ren die Beſchwerden uͤber umgeworfene Kaufbuden, Verlezungen und Wunden; ich glaube, daß im ganzen Umkreiſe, troz der hundert einander anfeindenden Kaſten, nur ein Wunſch und eine Verwuͤnſchung gegen mich herrſchte. Haͤtten Verwuͤnſchungen mich abwerfen und des Thieres Hufſchlag gegen meinen Kopf richten koͤnnen, ſo wuͤrde nicht ein Einziger, weder Chriſt, noch Heide, ſich auch nur einen Zoll breit geruͤhrt haben, um eine ſo gerechte Beſtrafung einzuhalten. Ei⸗ nem Tuͤrkiſchen Zaume und Sattel, die ich ihm anſtatt des Engliſchen Scheinzeuges an⸗ legte, verdankte ich's, daß ich betrunken oder nuͤchtern meinen Siz behielt, und des Pfer⸗ des Eigenwillen minderte, wenn auch nicht uͤberwand, bis wir lernten, einander zu ver⸗ ſtehen, und nachdem wir uns im Kampfe ge⸗ gen uns ſelber abgemuͤdet hatten, gleich ehr⸗ baren Eheleuten mit einander oͤffentlich fort⸗ zuckelten. Dieſes Thier beſtieg ich, nachdem ich eine von de Ruyter's weißen Armelweſten — — 159 — angezogen hatte, und ſprengte dem Thore zu, erhizt vom Auspruͤgeln des Lieutenants, und keinesweges abgekuͤhlt durch zwei Fla⸗ ſchen Bordeaurwein, die ich mit Walter ge⸗ trunken hatte. Die Sepoy⸗Wache ſtand, irgend einer Dienſtangelegenheit wegen, im gewoͤlb⸗ ten Thore unter Gewehr. Mein Haß gegen das Wahrzeichen der Knechtſchaft dehnte ſich auf Alle aus, welche daßelbe trugen. Ich wähnte mich hoͤher geſtellt und kraftvoller; um meine kurzlich erlangte Freiheit zu zei⸗ gen, ein Gefuͤhl, zu dem mein boͤsſinniges Pferd, als wuͤrde es vom gleichen Antriebe beſeelt, recht wilfaͤhrig einſtimmte, flog ich mit der Schnelligkeit des Gedankens durch die Wache hin, und ſprengte dann mit wil⸗ dem triumphirendem Hurrah der Sandflaͤche zu, die unmittelbar vor den Thoren der Stadt ſich ausbreitet. Hier gab ich mich völlig meiner Luſt hin, und trieb ſo tolles Zeug, als ein Wahnſin⸗ niger, der eben von der Kette losgekommen iſt. Ich ſpornte mein raſches Pferd bis in den Mittelpunkt der Sandwuͤſte, wobei ich mich in meinem Entzuͤcken heiſer ſchrie und jauchzte. Den Säbel, den de Ruyter mir auch verfolgte!« — — gegeben, zog ich aus der Scheide, und ſchwang ihn, ohne meines Pferdes Kopf und Ohren zu beachten. Als ich das Stadt⸗Thor aus dem Geſichte verlor, hielt ich mein dampfendes Thier ein, und weil ich kein menſchliches We⸗ ſen erblickte, ſaß ich ab, klopfte des Pferdes rauchenden Hals und rief aus: »Hier ſind wir, du einzig ehrliches Geſchoͤpf, endlich in Freiheit! Der Zauber meiner Knechtſchaft iſt geloſt! Wer will mir jezt befehlen? Nie⸗ mandem will ich gehorchen; will keinen an⸗ dern Fuͤhrer anerkennen, als meine Neigung; keines Andern Wille ſoll der meinige ſeyn; meinem eigenen freien Willen gehoͤre ich an! Wer wagt es, mir das Joch wieder aufzu⸗ buͤrden? Laß ihn herankommen! Dieſen Fleck verlaße ich nicht, und wenn die ganze Flot⸗ tenmannſchaft zuſammt der Beſazung mich — — — 161 — Achtzehntes Kapitel. —— Die Sonne ſank — und ſterbend lag Ich feſt an's todte Roß gekettet; Und meint' mit ihm müß' ich vermoderu. Mein trübes Aug' gewahrte ach!. Kein Hoffen mehr, das mich errettet. Byron. So rief ich meine Prahlereien in den Wind; mein Buſen ſchwellte bei dem freien Schlage meines Herzens; ich war außer mir, nun ich umher ſchwaͤrmen konnte, ohne von muͤrri⸗ ſchen Obern gehindert zu werden. Ich hatte meine Müze abgeworfen, wiewohl der Him⸗ mel ausſah, wie geſchmolzenes Gold oder Kupfer; auch war ich im Begriff, mich zu entkleiden, obſchon der weiße Sand gluͤhend funkelte, und die Solen unter meinen Fuͤßen wie Feuer durchdrang, denn ſolchen Abſcheu erregte mir jegliche Spur eines Zeichens von . 11 — 162 — Sklaverei, oder, was mich in dem Augen⸗ blicke das naͤmliche duͤnkte, von Civiliſation. Im wahnſinnigen Taumel wuͤrde ich mein Pferd abgeſattelt und entzäumt haben, um auch dem Freiheit zu geben, hätte ich in eben dem Augenblicke nicht in der Entfernung eine Bewegung erblickt. Mein erſter Gedanke, es ſey Jemand der mich verfolge, verſchwand, ſobald ich er⸗ kannte, daß ich mich zwiſchen Jenem und der Stadt befinde. Ich gab mir Muͤhe, zu unter⸗ ſcheiden was es wäre, vermogte aber nichts zu ſehen, als eine ſilberweiße Wolke, die ſich im ſchimmernden Kreiſe erhob, und einen von Zeit zu Zeit erkennbaren dunkeln Gegenſtand. Ich ſaß auf und ſprengte hinzu. Im Näher⸗ zommen ſah ich, es ſey ein Pferd, das un⸗ aufhaltſam in der Runde kief. Ich ritt weiter, und gewahrte durch die Sandwolke, daß des Pferdes Springen und Ausſchlagen mit jedem Augenblicke an Heftigkeit zunahm. Mein Thier ſtreckte ſeinen Hals empor, erwlederte das laute Wiehern und drängte vorwärts; als ich aber nahe herankam, ſtieg mein Erſtaunen auß's Hoͤchſte, da mich eine Stimme anrief, und jch einen Mann in Reiteruniform halb von Sand bedeckt liegen ſah, von deßem dicht⸗ geſchornen Scheitel Schweiß und Blut auf Stirn und Geſicht herabtrieften. Ich rief ihm zu: »Was gibt's hier ?« da rannte das Pferd auf mich ein. Seine großen Augen und auf⸗ geweiteten Nuͤſtern waren dunkelroth, ſein Blut rann aus mehren Hiebwunden am Kopfe, am Halſe und an den Flanken, es miſchte ſich dem weißen Schaume zu, der ſein ſchwar⸗ zes Fell uͤberzog. Mit aufgeſtruppter Maͤhne und hochgehobenem Schweife, und mit offe⸗ nem Maule kam es mir bis auf wenige Schritte nahe. Ich hielt und zog meinen Sä⸗ bel. Da wandte es ſich raſch herum, lief in ſchneller Bewegung in immer engern Kreiſen umher, und ſchlng mit den Hinterfuͤßen nach dem am Boden liegenden Soldaten aus, deßen Schwerdt ihn nur ſchwach vertheidigte. Das Pferd ſuchte durch Gewandtheit und Schnelle der Verwundung zu entgehen. Der Sattel mit den Holftern lag neben dem Men⸗ ſchen, und gewaͤhrte ihm etwas Schuz. Weil es dem Thiere nicht gelang, ihn im Ausſchla⸗ gen zu treffen, warf es ſich kurz auf dem Hintertheil herum, und ſprang mit furchtba⸗ rer Wildheit gerade auf ihn zu, wie ein Ti⸗ — 164 — ger, ſchlug mit aufgehobenen Vorderfuͤßen nach ihm, und verſuchte ſogar, dem Men⸗ ſchen mit den Zaͤhnen beizukommen. Hier war Umwaͤlzung der Dinge; das Pferd verſuchte, ſeinen Reiter zu toͤdten, und richtete ſeinen beſchlagenen Huf gegen deßen Kopf! Um meinem Freiheitsſinne zu willfah⸗ ren, haͤtte ich entweder dem Pferde beiſtehen oder unbetheiligt bleiben ſollen; mein Inſtinkt trieb mich aber auf die Seite des zweibeini⸗ gen Thieres. Ich ſprengte heran und bemuͤ⸗ hete mich, zwiſchen Beide zu kommen, das war aber nicht leicht; denn das Pferd rich⸗ tete keinen Angriff auf mich, ſondern bemuͤ⸗ hete ſich im Gegentheile, meinem Einmiſchen auszuweichen. Ich rief ihm laut zu und ver⸗ ſuchte, es abzutreiben. Es entfernte ſich viel⸗ leicht um hundert Schritte, aber zweimal erneute es ſeinen Angriff, während ich ab⸗ geſtiegen war, um dem anſcheinend ganz er⸗ ſchopften Menſchen Huͤlfe zu leiſten. Indeß ward das Thier durch die Anſtrengung und den Blutverluſt muͤde, und zeigte weniger Liſt; ſo daß es mir nach manchem vergebli⸗ chen Verſuche gelang, ihm die Sehnen durch⸗ zuhauen. Nun heulte es laut auf und verſuchte „ — mit ſchwankender Bewegung fortzurennen, wobei es oft umfiel. Ich verfolgte es, und brachte ihm mehre Hiebe bei, bis es endlich, nach Verluſt von ſo vielem Blute geſchwaͤcht, zu Boden ſank, um nicht wieder aufzuſtehen. Nun kehrte ich zuruͤck zu dem Menſchen, der in einem nicht viel beßern Zuſtande als das Pferd zu ſeyn ſchien. Alles, was ich auf meine Anrede verſtehen konnte, war: »Waſ⸗ ſer! Waßer! — Waßer le — aber ich hatte keines, und es war auch kein ſolches in der Nähe. Des Menſchen Mund wär beklebt, faſt verkittet durch Blut und Sand, ich wiſchte ihm Naſe und Mund mit meiner Jacke ab. Halb durch Zeichen, halb mit Worten ver⸗ ſtaͤndigte er mich, ſeine Sattelholfter zu oͤff⸗ nen. Das that ich, und fand des alten Fall⸗ ſtaff Stellvertreter des Piſtols, eine Flaſche, worin freilich kein Sekt, ſondern Arrack war. Davon gab ich ihm etwas zu trinken, und rieb mit dem Ubrigen ſeinen Kopf und ſein Geſicht. Dies ſtaͤrkte ihn, als ich ihm nun zuredete aufzuſtehen und mein Pferd zu be⸗ ſteigen, bis wirzu einer Huͤtte kämen, winkte er ab mit ſeiner Hand und ſagte: »Nein, ich habe heute genng von Pferden!« — 166 — „Wollt Ihr gehen?« fragte ich. »Wie koͤnnte ich,« erwiederte er, »mein Bein und mein linker Arm ſind gebrochen; ſonſt haͤtten Sie mich hier nicht einem Vieh unterliegend gefunden! Waͤren Sie nicht her⸗ beigekommen, ſo hätte es mich getoͤdtet. Es war faſt mit mir zu Ende. Noch nie habe ich ſo etwas gehoͤrt, obgleich ich ſechszehn Jahre lang ein verwegener Reiter im Regimente war, und alle Abarten von Zucht und gekreuz⸗ ten Stämmen zwiſchen den Schenkeln hatte. Nie konnte mich eines im freien Felde her⸗ unterwerfen, ohne ſich kerzengrade zu ſteilen. Und dies da rannte auf mich ein, wie ein reißendes Thier, mit Huf und mit Zahn! es muß den Koller haben. Ich hoffe, es iſt todt.« Das naͤchſte Dorf war Dungerie. Ich ſaß auf und ritt dahin, erpreßte einen Palankin und kehrte zuruͤck zu dem Soldaten. Er litt viel Schmerz, war aber ruhiger. Nun erzaͤhlte er mir, das Pferd gehoͤre dem Oberſten des Regiments. Es ſey um hohen Preis von ei⸗ nem Araber erſtanden; im Anfang war es ruhig, ward aber ſpäter ſo boshaft und tuk⸗ kiſch, daß Niemand es reiten konnte. »Ich,« fuhr er fort, »unternahm es, den * * — 167 — Gaul zu bändigen oder zu toͤdten. Ich that mein Beſtes. Vergebens ſuchte ich, ſeinen Starr⸗ ſinn zu bezwingen, er ließ ſich nicht ſtrafen. Entzog ich ihm fein Futter, ſo ward er nur um ſo wuͤthiger, und erlauerte mit bewun⸗ dernswuͤrdiger Liſt jegliche Gelegenheit, nach mir zu ſchlagen und mich zu beißen. Einmal erfaßte er mich am Ruͤckentheile meiner Klei⸗ dung und hob mich hinauf in die Krippe; wäre ich nicht ziemlich ſtark geweſen, und waͤren nicht Andere mir zu Huͤlfe gekommen, ſo wuͤrde er mich damals todt gemacht haben. So oft ich ihn ritt, verſuchte er jeden moͤg⸗ lichen Kunſtgriff, um mich abzuwerfen; es war ihm nie gelungen, außer heute, wo er durch die gewaltſamſten Säze und durch Hin⸗ tenausſchlagen den Sattel hinterwaͤrts herab arbeitete, und dann im vollen Laufe rennend mich auf den Grund ſezte. Weil ich zuſam⸗ mengebogen lag, brach er mir den Arm, und wie ich glaube, auch den Schenkel. Sodann, nachdem er eine kurze Strecke fortgelaufen war, hielt er an, warf ſich wieder herum, um das Ausſchlagen zu erneuen. Mit großer Schwierigkeit hatte ich meinen Degen gezo⸗ gen; und bis Sie zu mir kamen, griff er ——— — 168 — mich in der Art an, von der Sie Zeuge ge⸗ weſen ſind. Wiewohl ich ihn mit meinem De⸗ gen an mehren Stellen verwundet hatte, ward das Unthier nur noch immer wilder. Ich war mehr durch ſein Ausſehen erſchreckt, als durch irgend Anderes, und ich glaube alles Herr, es war der Teufel ſelber.« »Glaubt Ihr 7« ſagte ich; »dann kann es euch einigermaßen troͤſten, mein Mann, zu ſehen, daß er todt iſt.« Damit ſchickte ich ihn nach Bombay, wies die Leute an, ihn nach dem Hoſpitale zu tragen, gab ihnen Geld, und das Verſpre⸗ chen, daß ſie noch mehr erhalten wenn ſie eilten. — 169 — Neunzehntes Kapitel. 5 Nicht weiß ich's, war der Muttername⸗ Spott, Nicht, ob mit Recht die andern »Jungfern« hießen Jedoch befahl's der ernſte Harems⸗Gott Mit dieſen guten Titeln ſie zu grüßen: So melden's Cantemir uns, und de Tott. Ihr Amt war zu behüten, zu beſchließen Die tauſend Mädchen, ſie zu ſtrafen gar Wenn mal ein Fehltritt vorgefallen war. Byron. Bei Sonnenuntergang kehkte ich nach dem Dorfe zuruͤck, entſchloßen, einen geſchäftigen Tag durch eine laͤrmende Nacht zu beſchließen. Dieſes Dorf iſt vom Gouvernement ausſchließ⸗ lich zum Bewohnen fuͤr eine abgeſonderte Kaſte beſtimmt. Hier war ein kleines Utopien gebildet. Ich brachte mein Pferd unter, und machte eine Runde, um die buntſcheckigen Haufen in den verſchiedenen von geſtampfter Erde und Bambus erbauten Huͤtten zu betrachten. Zlu⸗ — 170 — erſt zeigten ſich die wohl⸗geolten, ſchwarzen Schoͤnheiten von Madagascar. In der naͤch⸗ ſten Huͤtte war nur eine kleine Geſellſchaft. Eine iltis⸗aͤugige, ambra⸗farbige, dickleibige Japaneſerin ſchaute aus der Thuͤr und glänzte wie eine Sonnenblume. Das Haus einer fruͤhern Bekannten von mir, die gelegentlich auch ſtarke Getränke an ihre Beſucher verkaufte, nahm mich auf. Sie war der weibliche Schaich des Stammes. Ihre Wohnung war hervorſcheinend, denn ſie zeich⸗ nete ſich aus durch ein zweites Stockwerk mit Veranden. Dieſes war der Hauptſammelplaz der Europaͤer, und um dieſem Vorzuge eine Artigkeit entgegen zu ſezen, hatte die Frau eine Art von Engliſchem Kopfzeuge uͤber ihr mahagonybraunes Geſicht aufgeſezt. In ihter Perſon vereinigte ſie die Eigenſchaften des Buͤffels, wie er in den Jungeln lebt, ſeine kugeldichte Haut von ſchmuzgrauer Farbe, geziert mit ſtruppig vereinzelten Haaren, ein⸗ gefallenen Augen und hoͤrnigem Angeſichte, und den ſchiefen Fuß, mit dem Hoͤcker des Dromedars. Sie war ein ungethuͤmliches al⸗ tes Weib, das ausſah, wie ein Bild der Sünde — 171 — Man hoͤrte nun das Herbeikommen ihrer Hausgenoßinnen. Ich unterſchied das kurze Trippeln ihrer Kinderfuͤßchen, und bald darauf das Geklingel ihrer Armbaͤnder und Ringe. Arme, Handgelenke, Enkel, Zehen und Fin⸗ ger erglaͤnzten von Kupfer, Silber und Glas, und verurſachten recht harmoniſche Muſik, als die Maͤdchen von einer feenhaft ausſehenden . Bambusleiter, wie ein unabgebrochener Zug von Ameiſen, an einer alten Mauer herab⸗ ſtiegen. Jegliches der Frauenzimmer trug ein weites, bauſchendes Beinkleid und ein ganz knappes baumwollenes Leibchen, und war an der Stirn mit gelbem oder rothem Oker be⸗ malt. Hier war jegliche Abſtufung der Farbe und des Stammes, ſchlammfarbig, oliven⸗ grüͤn, bleigrau, kupferroth und die ganze große Familie des Braun, vom dunkelroth geſchuppten Indiſchen Cockorotſch an, bis es ſich in das Kohlſchwarz meines vaterländi⸗ ſchen Hornkaͤfers verlor. Hier war jegliches Alter und jeder Grad der Koͤrperſtatur; vom neunten bis zum neunzigſten, dem ſcheinbaren Alter der abgelebten Hekate; und von der Hoͤhe meines Pfeifenrohrs zu der des Palm⸗ baums. Hier war die leichte, biegſam geglie⸗ — 172 — derte Kubſchie, gepaart mit der aufgeſchwol⸗ lenen, ſpeckigen Hottentottin, die ſich bewegt, wie der Kugelfiſch; das Hinduhmädchen, mit den Augen des Hirſches und der Form der Antelope; die blonde, oͤlige, mondgeſichtige, fleiſchige Armenierin, gebaut wie eine Schild⸗ kroͤte, und die ſanfte, gleich der Turteltaube girrende Parſie. Unter dieſe gemiſcht waren die Chiechie'n, ein Geſchlecht, entſprungen aus der Miſchung des Europaͤiſchen mit In⸗ diſchem Blute — ein Zuſammengeſeztes von Feuer und Froſt — bei dem die talghafte Weiße der Englaͤnder ſich mit dem ſchwarzen Haarwuchs im Morgenlande einte; und dem, wiewohl ihm die Roſenfarbe ſeiner weſtlichen Erzenger gebrach, doch reichlicher Erſaz wurde durch den funkelnden, flammenden Glanz der Augen ſeiner Muͤtter, die nicht mit den tod⸗ ten, fiſchartigen Farben des Nordens ver⸗ fälſcht waren. So wie ich in das Haus trat, hatte ich die reichliche Herbeiſchaffung aller der Beſtand⸗ theile befohlen, die erforderlich ſind, um das zu bereiten, was die Arzte mit dem Namen „fluͤßiges Feuer« bezeichnen, was die Unge⸗ lehrten aber Punſch nennen. Davon goß ich — 173 — mir ſo viel durch den Schlund hinab, daß ich den Gebrauch meiner Sinne faſt verloren hatte, und nun machte ich den Verſuch, den obern Theil des Hauſes zu betreten. Als ich auf die Leiter zuſchwankte, ſtellte die alte Schaich ſich vor mich hin, um mein Hinaufgehen zu verhindern, ich aber ſchleu⸗ derte ſie im Wirbel in's Zimmer zuruͤck, er⸗ griff ein Stuͤck brennendes Kienholz, und er⸗ ſtieg eine Art von Stockwerk. Eine halbe Stiege der Hausbewohnerinnen ſchreckte in die Hoͤhe, um mein weiteres Vordringen ab⸗ zuwehren. Dies wuͤrde mich ſchon zum Wei⸗ tergehen gereizt haben, wäre ich nuͤchtern ge⸗ weſen; aber mit dem beharrlichen Eigenſinne der Trunkenheit wollte ich noch mehr thun, und rief ihnen zu: »Zuruͤck, oder ich will mal ſehen, ob Ihr echte Salamander ſeyd oder nicht!« damit hielt ich den Kienbrand an das Rohrgeflecht des Gebaͤudes. Die Mädchen ſtuͤrzten mit ohrzerreißendem Geſchrei zuruͤck, ich aber rollte in ein inneres Zimmer, indem ich die Matte abriß, womit es verhangen war; da bruͤllte eine rauhe Stimme mich an: »Laß das ſtill hängen da, Du Hundeſohn!« — 174 — „Hallo! alter Pferdehuf!« rief ich aus, ſo⸗ bald ich die Stimme meines bisherigen Ka⸗ pitains erkannte, und begruͤßte ihn mit dem Spottnamen, den wir ſeines ungethuͤmlich breiten Fußes wegen ihm unter uns beige⸗ legt hatten, »Hallo, alter Klunsfuß, biſt' hier und beſaͤufſt Dich?« »Hinaus, ſag' ich? Was ſoll die Frechheit? Weshalb ſind Sie nicht am Bord, Herr? Iſt Ihnen der Befehl nicht bekannt? »Hinaus! nein, ich will nicht; und ich denke auch nicht, wieder an Bord zu gehen. Ich bin entlaßen, großmaͤchtigſter Signor!« »Was faſelt der Hallunke da?« »Faſeln? — no hoͤr' mal, eh' wir ſcheiden, wollen wir 'ne goͤttliche Bowle Punſch mit ein⸗ ander haben, ſo verdrießlich Du auch ausſiehſt.« Als er bemerkte, er koͤnne mich aus meiner Laune nicht ſchrecken, gab er mir nach, und weil er in der That kein ſehr ſtrenger Menſch war, wurde er bald recht luſtig; zudem war er, wenn auch nicht betrunken, doch gewiß nicht nuͤchtern. Wir ſaßen bei unſerm Punſch, und ich ſang oder bruͤllte vielmehr das Lied vom val ten Kommodore«: — 175 — Fugelwunden und die Gicht Haben ihn ſo zugericht't, Daß er nicht zur See mehr taugt. Sodann, um ihm meine Dankbarkeit dafür zu bezeugen, daß er außen vor dem Hafen den Sittenlehrer geſpielt hatte, hielt ich ihm eine Predigt, in der ich mich uͤber ſeine man⸗ nichfachen Suͤnden und Maͤngel, ganz vor⸗ zuͤglich aber uͤber das Unrecht ſeines Betrun⸗ kenwerdens verbreitete. Aber ungeachtet der Rechtgläubig keit meiner Lehren und der Höf⸗ lichkeit, mit welcher die ſogenannten Jungfern⸗ Reden immer angehoͤrt werden, zeigte der alte Kommodore doch ſo viel Ungeduld, um fortzukommen, als ſäße er auf Nadeln. Gleichwohl trank er mir Grog zu, bis das lezte Aufglimmen meiner Verſtandeskraͤfte nahe am Erloͤſchen war. Einige Naach⸗Mädchen tanzten im Zimmer und klingelten mit ihren Arm⸗ und Beinpuz; ich ſah ſie fuͤr Teufels⸗ geiſter an, denn das vulkaniſche Feuer in meinem Innern, zuſammen mit der ofen⸗ heißen eingeſchloßenen Luft des Zimmers, machte mich glauben, ich befinde mich im Hoͤllenreiche. Der Kapitain ſtahl ſich hinaus, während ich eine Bambus⸗Sparre herabriß, — — mit der ich die Kudgarie⸗Toͤpfe und Alles zer⸗ ſchlug, was ich erreichen konnte. Die alte Herenmutter ward wuͤthend uͤber das Zerſchla⸗ gen ihrer Hausgoͤtter und Guͤter; ſie rief die Burkandazer (die Dorfpolizei) herbei. Von dieſer unterſtuͤzt, machte ſie einen verzweifel⸗ ten Angriff auf mich, wobei ſie ausrief: »Ihr, mehr als Tiger, nicht wie 'n Menſch. Ihr nicht geht — mein Haus. Ich laſſe Se⸗ poys kommen, Euch todtſchlagen. In mein ganzes Leben nicht ſo 'nen Lärm geſehn.« Zwanzigſtes Kapitel. Der lezte Ton von Feindes⸗Wort un hinter mir in Luft verhalt; Und höhniſches Gelzater ſchaut Der boſen Rotte, das der Wind Mir nachtrug. Wild, vom Zorne blind Bückt ich den Kopf und meinen Nacken Mit vieler Müh' zurück ich wandte, Den Kanibalen Flüche ſandte. Hinweg! hinweg! mein Athem fehlt, Ich ſah nicht, welchen Weg er wäblt; Kaum Dämmerlicht; doch von den Ort Sprengt ſchnaubend er ſtets fort und fort: Byron. Der Aufruhr im Innern brachte bald Se⸗ poy's von außen herbei. Als ich eines ſolchen Pike uͤber die Leiter hervorblinken ſah, ſtieg mir das Blut zu Kopf und mein Zorn be⸗ gann mich nuͤchtern zu machen. Hekate mit ihren Hexen hing an mir, wie ein Rudel Terrier⸗Hunde am Dachs. Mittelſt einer ploͤz⸗ 12 — 178 — lichen Anſtrengung ſchuͤttelte ich die einſchlä⸗ fernde Wirkung des Trinkens zugleich mit der Alten und den Jungen ab, die mich umklam⸗ mert hielten, gleichwie der Tiger ſeine ſchma⸗ rozenden Schaffner, die Schackale, von ſich ſcheucht, wenn er gejagt wird. Ich erfaßte mein Bambusrohr wieder und trieb ſie die Leiter hinab; in der Verwirrung zerbrach ihr Gewicht, dem das ihrer fleiſchigen Aufſeherin hinzugeſezt wurde, die Leiter, ſie ſielen und bildeten unten eine koniſche Erhoͤhung, deren Gipfel die Alte ausmachte; dieſe plumpte nieder, wie ein Hollaͤndiſches Kuffſchiff, das vom Stapel gleitet, der Sepoy und Alle verſchwanden unter ihrem breiten Bau. Nun folgte gewaltiger Aufruhr. Ein dichtes Ge⸗ draͤnge hatte ſich vor der Hausthuͤr geſam⸗ melt, unter dieſem zeigten ſich einzelne Peone, Sepoys und Polizeidiener. Jezt hielt ich gerathen, mich in Bewegung zu ſezen. Ein Docht der zerſchmetterten Lampe brannte noch; an dieſem entzuͤndete ich in Ol getuͤpfte Baumwolle, und ſteckte das Haus an mehren Stellen in Brand. Schnell loderte das trockne, feuerfangende Material in helle Flammen auf. Ein wildes, außen erhobenes — 1 — Geſchrei verkundete das Ereigniß. Ich hatte keine Zeit zu verlieren. Aus den praßelnden Flammen hervor ſturzte ich mich durch das Fenſter hinab, und traf gluͤcklicherweiſe auf den Sepoy⸗Hellebardier. Ich hatte keinen Schaden genommen, er aber wohl. Sogleich ſprang ich in die Höhe, ergriff ſeine ihm aus der Hand gefallene Pike, gebrauchte die wie einen Knuͤttel, machte mir den Weg frei, und gelangte zu dem Schoppen, in welchen mein Pferd angebunden war. Schnell that ich dieſem den Zügel an; weil ich aber in der Dunkelheit und Eile meinen Sattel nicht fin⸗ den konnte, ſchwang ich mich ohne dieſen auf und ritt davon. Entſchloßen, mein angezuͤndetes Feuer zu ſehen, warf ich das Pferd herum, und ritt auf die Sepoys und andere Leute ein, die mich dicht verfolgten; ich legte meinen Speer ein, wie die alten Ritter ihre Lanzen, ſprengte ſpornſtreichs die enge Straße hinab, brach durch meine Verfolger, ſpießte einen derſel⸗ ben gegen einen kleinen Erdtempel, ihn bei⸗ nahe dem Gotte Brama zum Opfer weihend; mein boshaftes, gotteslaͤſterliches Pferd trat mit ſeinem ſuͤndhaften Hufe in das innerſte . — 180 — Heiligthum dieſes Altars, beſtehend in einer kleinen Niſche, die den toͤpferthoͤnernen Leib des Goͤzenbildes und einen Kudgerie⸗Topf voll wohlriechenden Reis enthielt, welche beide in tauſend Scherben zertruͤmmerten. Sie heulten uns Fluͤche entgegen: »Gjaur! Hundle aber unter dem ſchwarzen Fittich der Nacht entka⸗ men wir den uns nachgeſchleuderten Wurf⸗ waffen, und aus Worten machten wir uns nichts. Nun ſprangen wir mitten in das vor der Brandſtaͤtte gehaͤufte Gedraͤnge und rich⸗ teten großes Unheil an. Voller Zornwuth traf ich auf die Menge, denn ich durfte nicht lange da verweilen. Das Volk entfloh vor mir, gleich wilden Enten. Die alte Geldta⸗ ſche war geſchaͤftig, mit einem langen Bam⸗ busſtecken ihre Kleider aus den Flammen zu fiſchen, da traf ich ſie mit dem ſcharfen Ende meiner Pike, und trieb ſie in die gluͤhende Aſche. Sie erfaßte eine Handvoll flammender Bambushoͤlzer, verfehlte mich zwar, äber brannte mein Pferd damit; dies ſprang ſo⸗ gleich davon, bäumte ſich und machte Saͤze in unbezwinglicher Wuth. Ich vermogte es weder einzuhalten, noch zu ſw Wir kamen aus dem Dorfe. 113 2 Unſer Lauf war ſo frei und ſchnell, als der Wind. Mein Kopf begann zu ſchwindeln; die raſche Flucht in friſcher Luft, nachdem ich aus dem heißen Zimmer gekommen, machte mich ſterbenskrank. Mit großer Schwierigkeit behielt ich den Siz, da mir kein Sattel zu Huͤlfe kam. Alles um mich her war Finſter⸗ niß und Nacht. Wir durchrannten eine weite Niederung, hier ſprang mein einſichtiger Bu⸗ zephalus in eine tiefe Waſſerleitung, und ſchwamm hindurch zum jenſeitigen Ufer. Mein Kopf kag auf ſeinem Halſe, und ich hielt mich an ſeiner langen, flatternden Mähne feſt. Weil ich wußte, daß wir uns von der Stadt entfernten, war es mir gleichgultig, wohin er mich trug. Gar zu gern haͤtte ich das Thier eingehalten, denn mich uͤberwaͤl⸗ tigte trunkene Schlafluſt; aber der eine Zuͤ⸗ gel war gebrochen, und mein feuriger Renner lief immer fort, ſpringend, aufſezend und ſchnaubend wie ein Nordkaper; wie lange er das ſo trieb, weiß ich nicht, denn ich war meiner Sinne nicht maͤchtig. Er eilte einem hellglaͤnzenden Lichte zu; es brannte in einer Chokey (Huͤtte), und als er hier gegen et⸗ was anlief, war der Stoß ſo heftig, wie — — 182 — der eines Schiffes gegen eine Felsklippe. Er taumelte ſchwankend und fiel dann auf mich nieder, wie ich auf den Sepoy gefallen war. Nun ſchwand meine Beſinnung, und in die⸗ ſem Zuſtande muß ich lange Zeit geblieben ſeyn. Als ich meine Augen wieder oͤffnete, ſtierte ich verwundert umher, und fühlte mich wie aus einer Verzuͤckung erwachend. Ein Haufe Volk bildete, auf zuſammengekauerten Schen⸗ keln ſizend, einen Kreis um mich her. Ein duͤnner alter Mann, mit einem Zauberer⸗ Geſichte und mit der Pieta eines Braminen, ſchien Beſchwoͤrungen herzumurmeln; alles, was ich unterſcheiden konnte, war: »Topie Sahibt« — »Ram, ram, ram!« — und »Dum, dum, dum!« Ein beßer ausſehen⸗ der und beßer gekleideter Mann, mit grauem Barte, ſagte nichts, als: »Ill'! Allahl⸗ Ich verſuchte aufzuſizen und gab Zeichen, mir Waßer zu reichen; ſie ſchüttelten ihre Köpfe. Mein Mund war zugeklebt, ich konnte nicht ſprechen, und verſchmachtete vor Durſt. Ich bemerkte nun, daß ich auf einer Matte im Schatten eines mit Veranden verſehenen Kaufladen, eines Bunyan, lag. Dieſer kam W — 183 — heraus, ſobald er hoͤrte, daß ich wieder auf⸗ gelebt war, und redete mich in Engliſcher Sprache an; niemals hatte Muſik mir ſo har⸗ moniſch geklungen. Erbrachte mir einen Kud⸗ gerie⸗Topf voll Toddy, der mich erfriſchte; kein Getraͤnk war jemals koͤſtlicher. Dicht ne⸗ ben mir ſtand ein verwundert ſtierender, und gaffender Bhieſtie; queer auf ſeinen Schul⸗ tern trug er ein Bambus, an dem zwei Ei⸗ mer von Palmetta⸗Blatt voll Waßer hingen. Durch Zeichen hatte ich ihn gebeten, mir etwas von dieſem zu geben, aber er grinſete mir die Verweigerung zu. Jezt erfaßte ich den Rand des Eimers und goß mir das Waßer uͤber den Kopf. Das Waßer dampfte an mei⸗ nen gluhenden Schlaͤfen; im naͤmlichen Au⸗ genblicke empfand ich ein ſchauerndes Vergnuͤ⸗ gen, und nun konnte ich aufrecht ſizen. Hierauf erfuhr ich, daß ich in einem Dorfe ohnfern der Straße nach Callean ſey. Es dauerte lange, bevorich mich aufdie Vorgaͤnge des verfloßenen Tages beſinnen konnte. Meine Knochen ſchmerzten mich, als waͤre ich zu einer Mumie zerſchlagen; mein Geſicht, mein Kopf und meine Haͤnde waren voller Wun⸗ den. Das Pferd ward mir zuerſt wieder durch — 184 — einen Schopf ſeiner langen Maͤhne in das Gedächtniß gerufen, der um meine immer nochzuſammengeballten Finger geflochten war. Ich ging nun in das Innere des Kaufladens, legte mich wieder hin, und ſiel in tiefen Schlaf. Als die Sonne im Weſten verſank, erwachte ich aus dieſem, von Schweiß trie⸗ fend. Nachdem ich einige Fruͤchte verſpeiſet, ging ich zu einem Leiche, badete und fuͤhlte mich dann wie ein neuer Menſch. über meine Lage nachſinnend und mich er⸗ innernd, daß ich de Ruhter in dem Bun⸗ galo treffen ſollte, fragte ich nach meinem Pferde. Niemand wußte etwas von dieſem. Ich war durch ein Paar Kulie's aus der Chokie hergetragen und in den Bazar hinge⸗ legt. Auf den Rath der Ladenherren miethete ich eine Buͤffel Hackerie, und begab mich nach dem zur Zuſammenkunft beſtimmten Orte. — 185 — Ein und zwanzigſtes Kapitel. —— Luſt beut, wo Wälder pfadlos ſich verſchlingen, Entzücken ſich, am abgeleg'nen Strand, Geſellſchaft, wo nicht Menſchen ſich aufdringen, Auf tiefer See⸗ Muſik ihr Wogenbrand, Lieb iſt der Menſch mir, doch Natur, verwandt Durch ihren Gruß, wenn ich mich zu ihr ſtehle, Gilt mehr mir, als was je ſich zu mir fand; Dann fühlt', getaucht in's Weltall, meine Seele, Was ich nicht nennen kann, und doch nicht ganz verhehle. Byuron. Ein Schriftſteller, mit Recht ſeiner Kennt⸗ niß der Natur des Menſchen wegen gefeiert, bemerkt: »mag ein Mann noch ſo aufrichtig ſeyn, ihm ſelber zum Troze wird jede An⸗ gabe ͤber ſein eigenes Betragen ſo guͤnſtig ausfallen, daß ſeine Laſter ſogar gereinigt uͤber ſeine Lippen kommen; denn wiewohl die Thatſachen an ſich zum Vorſchein kommen moͤgen, werden doch die Beweggruͤnde, die — 165 — Unmſtaͤnde und Folgerungen ſo ganz verſchie⸗ den ſeyn, wenn ein Mann ſeine eigene Ge⸗ ſchichte erzaͤhlt, daß wir die Vorgaͤnge kaum als die naͤmlichen wieder zu erkennen ver⸗ moͤgen.« In zwanzig Stuiden erreichte ich ein klei⸗ nes Dorf an der Grenze von Deckan; hier entließ ich meine Hackerie, nahm ein Paar Kulie's an, ſezte meinen Weg durch einige Pflanzungen und Maisfelder fort, durchwa⸗ tete eine Furth und erreichte de Ruyter's Bun⸗ galo, den ich aus den Landmarken erkannte, die er mir angegeben hatte, und aus der Kompaßrichtung. Die Pflanzung war ſchoͤn auf einer Erhoͤhung am Fuße eines Berges, in einem abgeſonderten Einſchnitte angelegt, den ein Wald von Kokos⸗Baäumen verbarg, die leichtigen, ſteinigen Boden lieben; gegen Nord, Oſt und Weſt ſchuͤzten Hugel die Ge⸗ gend. Hier war ein wilder Garten, bewach⸗ ſen mit Guava, Mango und Granatäpfel⸗ Baͤumen, rings umzogen mit einer hohen, undurchdringlichen Hecke des ſtachlichen Birn⸗ buſches. Das Innere des Hauſes war mit blauen und weißen Streifen bemalt, um das Ausſehen eines Zeltes zu gewinnen; die Decke — 187 — des Mittelzimmers wurde von Bambusſtäm⸗ men getragen, an denen Waffen, Flinten und Jagdſpieße hingen. Zwei daranſtoßende Schlaf⸗ zimmer waren durch geſpaltene Bambus und Matten abgeſondert. Im Hauſe war ein Zelt⸗ tiſch, einige Betten und andere Bequemlich⸗ keiten; einige Buͤcher und Geraͤthſchaften zum Zeichnen; an den Waͤnden hingen rauh hin⸗ geworfene, aber kuͤhne Entwuͤrfe von Schif⸗ fen, ſo wie von Loͤwen⸗ und Tiger⸗Jagden. Ein kleiner offener Plaz mit Bananen⸗ und Lemonen⸗Baͤumen eingepflanzt, die unter der Laſt ihrer Fruͤchte ſich niederbeugten, ſenkte ſich von der Hausthuͤre hinab zu einem ge⸗ raͤumigen Teiche, der zum Baden diente und mit Roſen, Jasmin und Geranium eingefaßt war. Ein alter Arbeiter, der die Aufſicht uͤber den Plaz fuͤhrte, ſagte: »Ihr ſeht, Herr, es iſt ungregi — Eng⸗ liſche Sitte.« An der Oſtſeite des Bungalo, von einer prächtigen Sago⸗Palme uͤberwolbt, ſtand ein langer, niedriger Schoppen, der zur Kuͤche diente, und unter eben dieſem Dache wohnte der Landmann mit ſeiner Frau und Fami⸗ lie, einer Yack oder kleinen Kuh, die ge⸗ * — 188 — meinſchaftlich mit den Kindern an Fruͤchten kauete. Diefe Yackwar merkwuͤrdig klein und ſtrupp⸗ haarig. Der Mann ſagte mir, ſie ſey gut, traftvoll zum Reiten, und daß ſein Malek cHerr) ſie aus der See mitgebracht haͤtte. »Ein Seeungeheuer?« ſagte ich lachend, »nun, da will ich mit ihr ſchwimmen le und war im Begriffe, ſie in den Teich zu reiten. »Nein, nein, ſie mag gern Berg hinauf, mag nicht Waßer hinunter.« Ich fragte ihn ſodann, ob er ſeinen Malet kuͤrzlich geſehen habe. »Nein,« antwortete er, vaber geſchickt hat er vor zwei Tagen viele Sachen fuͤr Huzur,« ein anderer Name fuͤr Herr. »Hat er nicht geſchrieben?« Auf dieſe Frage zog er einen zerlumpten Fezen von Turban von ſeiner Stirne herun⸗ ter und aus deßen Falten, in denen es ſorg⸗ faͤltig aufbewahrt worden, ein zuſammengs⸗ legtes, mit Dattelſchnur umwickeltes Bana⸗ nen⸗Blatt. Ich rieß das Blatt auseinander, und fand einen Brief von de Ruyter. „Was zum Teufel,« fragte ich ärgerlich, „weshalb ward mir das nicht fruͤher gegeben?⸗ — 189 — »Ihr mir nicht ſagtet das.« »Nein, denn wie konnt' ich wißen, daß der Brief hier waͤre ?« »Ja, Malek weiß Alles; armer Gaowala⸗ man weiß gar nichts.« Dies verſtaͤndigte mich nun, weshalb mir nichts zu Eßen angeboten war, da ich doch hungrig war wie ein Wolf, wiewohl ich jegliche Art von Fruͤchten fortwährend zum Munde gefuͤhrt hatte. Deshalb beſtellte ich mir Tiffin, und ging nach dem Hauſe, um den Brief zu leſen; aus dieſem erſah ich, daß die Fregatte abgeſegelt war, nachdem man in meiner ehemaligen Wohnung einige Nachfrage nach mir angeſtellt hatte. Dies war eine große Beruhigung und mein Herz ſchlug vor Freuden. De Ruyter ſchloß ſeinen Brief mit * Nach⸗ richt, er ſey durch Walter aufgehalten, dem man Arreſt gegeben, ſo lange die Unterſuchung uͤber den Vorgang mit dem Schottiſchen Lieutenant im Gange war; und daß Walter auf de Ruyter's abgegebenes Zeugniß, troz aller erſonnenen Luͤgen, um ihn in die Sache zu verwickeln, freigeſprochen ſey. Die Fre⸗ gatte war einen Tag zuruͤckgehalten, um die . —— — —— —— —— — — 190 — Unterſuchung anzuſtellen, und den Schotti⸗ ſchen Lieutenant an Bord zu bringen; dieſer war ſehr krank, ſpie Blut, und hatte zwei gebrochene Rippen, ſo daß ich, wenn ich die Verrenkung ſeiner Kinnladen und den Verluſt ſeiner Zähne hinzurechnete, meine Schuld als reichlich getilgt annehmen konnte, weshalb ich den Hallunken auch aus meinem Gedaͤcht⸗ niße, wie ich glaubte, fuͤr immer verwiſchte. — Walter hatte ihm Genugthuung angebo⸗ ten, aber er war mit dem Empfangenen ſchon mehr, als befriedigt. Spaͤter hoͤrte ich, daß er ſich in Bombay nie an das Land wage, wobei er anfuͤhrte, daß die boͤſe Luft, die Mosquitos und Scorpione die Stadt aͤr⸗ ger, als eine Hoͤlle machten; was er aber mehr als alles Andere fuͤrchtete, war, daß er Waltern dort begegnen koͤnnte. Ich ſchickte einen Kulie ab, um mir eine Hooka zu bringen, badete im Teiche, legte mich dann mit einem Buche, »die Lebens⸗ geſchichte von Paul Jones,« unter den Bäu⸗ men nieder, und verzehrte, nach einem reich⸗ lichen Indiſchen Gabelfruͤhſtuͤck, meinen Nach⸗ tiſch. Ein Gefuͤhl von Leichtigkeit, Federkraft und ſchwellender Luſt, wie ich ſie nie empfun⸗ — 191 — den hatte, durchzitterte mich. Dies war der erſte Tag ganz vollkommener Gluͤckſeligkeit, den ich erlebte; auch zertruͤmmerte ich damals nicht, wie wir in ſpaͤtern Jahren zu thun pflegen, den Genuß der gegenwärtigen Stun⸗ de durch Vorausdenken an die Zukunft. Mir ſchien das Leben eines Landmannes das ein⸗ zig gluͤckliche, und deßen eingeſchränkte Be⸗ duͤrfniße eben die Urſache ſeines Gluͤckes. So⸗ gleich machte ich den Verſuch damit, warf meine zerrißenen und beſudelten Kleidungs⸗ ſtuͤcke ab, wickelte ein Stuͤck geſtreiften Kat⸗ tun, wie einen Kummirbund, um den Leib, und ſezte mir einen Turban auf den Kopf. — Baarfuß, ein Kokosmeßer in der Hand, und meine Haut tuͤchtig mit Kokos⸗ Nußoͤl eingeſalbt, ging ich hinaus in den Hain, erſtieg mit des alten Bauern Familie die Baͤume, lernte die Art, ſie anzuzapfen, und wie die Toddytoͤpfe aufgehaͤngt werden muͤßen. Dieſe Beſchaͤftigung und die Gaͤrt⸗ nerei verkuͤrzten mir die Zeit ſo erfreulich, daß am dritten Tage, als ich die Kunde er⸗ hielt, de Ruyter ſey unterwegs, ich dieſen Beſuch als eine Unterbrechung meiner und meiner Einſamkeit betrachiete. * — W — Gleichwohl beſtieg ich die Yack mit einem Bambus in der einen, und meinem Meßer in der andern Hand; ſo ritt ich ihm, meine beiden Kulies voranſchickend, entgegen. Ploz⸗ lich hinter einer dichten Baumgruppe hervor⸗ kommend, war er vor mir, beſchaͤftigt, Wal⸗ ter die Erzaͤhlung einer Loͤwenjagd zu ge⸗ ben; ſo vollſtaͤndig war meine Umwandlung, daß er mir vorbeiritt, ohne mich zu erken⸗ nen, bis ſein raſches — auf ſeiner eigenen Yack haftete. „ Nun rief ich ihn an mit »Hallo! de Ruy⸗ ter, was giebt's gutes Neues!« Voller Verwunderung hielten ſie an, und nachdem ſie mich einen Angenblick betrachtet hatten, brachen ſie in ein ſo wildes Geläch⸗ ter aus, daß ich glaubte, ſie waͤren von Sin⸗ nen. De Fuhter ſprang vom Pferde, hielt ſich die Seiten, und rief: »Bei'm Himmel, Sie werden mich toͤdten, toller Menſch!« Mit recht ernſthaftem Ausſehen bemerkte vich: »ich wuͤßte nicht, daß irgend etwas hier ſo ſpaßhaft waͤre, um ſolches Lachen zu er⸗ regen. Ich bin nach der Landesſitte ange⸗ than, und das iſt am paßendſten für dieſes Klima; iſt es nicht? Wollen Sie friſchen 1 Toddy trinken, ſo ſehen Sie dieſe Leute da mit meinen Kudgerie⸗Toͤpfen, voll des aller⸗ friſcheſten, den ich noch dazu ſelber gezapft Wir ſezten uns auf den Raſen, ſprachen, und als ſie ihrer Luſtigkeit muͤde wurden, beſtieg ich meine Yack wieder, und ritt ihnen voran nach dem Bungalo. gwei Tage verlebten wir in unverfälſchter Gluͤckſeligkeit. Wir erklimmten die Berge, machten Jagd auf die Schackall, ohne die Hize und Muͤhſeligkeit zu beachten; wir tanzten und ſangen, nicht aber durch trinken ange⸗ feuert, wie in den Tagen der Sklaverei, nein, wir waren trunken von Luſt. De Ruyter und ich liebten vorzugsweiſe einfache, ungekuͤnſtelte Lebensgewohnheiten. Er beging Kemals Ausſchweifungen, und die⸗ jenigen, deren ich mich ſchuldig machte, ent⸗ ſprangen nur aus meinen vulkaniſchen Be⸗ ſtandtheilen, die durch einen zufällig ſie be⸗ ruͤhrenden Funken wie Pulver aufloderten, und waͤre dieſer auch vom Hufſchlag eines Eſels hervorgerufen. Bei allem, was ich vor⸗ nahm, mogte es noch ſo lächerlich ſeyn, mußte ich den Herodes uͤbertreffen, konnte I. 13 * —— — 194 — keinen auf gleicher Stufe mit mir dulden. Meine Stirn ergluͤht jezt vor Schaam bei der Erinnerung an alle die Thorheiten — um ſie mit dem mildeſten Namen zu bezeich⸗ nen — die ich damals und ſpaͤter beging. Strenge und unaufhoͤrlicher Zwang hatten in mir ſo Vieles vom innigſten Geiſte der Wi⸗ derſezlichkeit und des Eigenſinnes zuſammen⸗ gehäuft, daß er ſich allen Handlungen mei⸗ nes Lebens zumiſchte; meine beßern Gefuͤhle und mein richtigeres Urtheil haben ſich ver⸗ gebens bemuͤht, den Strom zu dämmen, der mich fortriß. Falſche Anſſchten haben die ſchönſten und glaͤnzendſten Auftritte meines Daſeyns verzerrt, haben in Schwarz ver⸗ wandelt, was wirklich gut und ſchoͤn war, und mich zu Handlungen verleitet, die ich fuͤr die verachtungsvollſten hielt“ Auf ſolche Weiſe habe ich den Trinker, den Schlemmer, den Prahler und Raufbold geſpielt. Meine verkehrte Auffaßung der Dinge muß Folge meiner Erziehung und boͤſer Beiſpiele gewe⸗ ſen ſeyn, denn von Natur war ich ganz das Entgegengeſezte von dem Allen, und ſelten irrte ich, wenn ich einer ploͤzlichen Eingebung folgte. edeeuehu Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Die Kön'ge Indiens walten mit Juwelen⸗Seepter, Und ſtreuen Perlen⸗Hagel aus von ihren Schäzen; Der große Brama ſeufzt im hochgeheimen Himmel, Und ſeine ganze Prieſterſchaft ächzt ſeufzend mit. 8 Keates. Er ſezt Vertrau'n In Zeiten beßern Glück's, wenn federleicht Ihn dünken würde, was er ſchwer geritten. Ebend. Nac Abla 4 des zweiten Tages war Wal⸗ ter genoͤthigt, zu ſeinem Regimente zuruͤck zu kehren. Weil ſein neuer Stand ihm großes Vergnuͤgen machte, war er entſchloßen, in beiſpielwuͤrdiger Art ſeine Pflichten zu erfuͤl⸗ len. Wiewohl wir Tag und Nacht mit weni⸗ ger Unterbrechung geplaudert hatten, war uns dennoch keine Zeit uͤbrig geblieben, ein Wort von dem Vergangenen, noch von un⸗ ſern Planen fuͤr die Zukunft zu ſagen. Des⸗ — 196 — halb verabredeten wir eine baldige Zuſam⸗ menkunft, um dieſe Dinge zu beſprechen. Am Morgen ſeiner Abreiſe ſagte er.: »Du biſt jezt ein freier Menſch und ganz unbe⸗ ſchaͤftigt. Wir lagern auf dem Artillerieplaze. Komm' nach meinem Zelte. Was ich habe, iſt Dein. Ich wollte zu Gott, Du erhielteſt ein Patent in unſerm Regimente, es wuͤrde Dir leicht werden.⸗ »Nein, nein, Walter; das Zeichen der Dienſtbarkeit, ſey es roth oder blau, habe ich fuͤr immer abgeworfen. Weder der Koͤ⸗ nig, noch die Oſtindiſche Kompagnie ſollen mich mit ihrem Golde, ihren Ehrenſtellen oder ihrem Prunke dazu verlocken, mein an⸗ gebornes Recht freier Willensthaͤtigkeit auf⸗ zugeben. — Und wozu? — Um's Brod? — Auf jeglicher Stande kann ich deßen Erſaz finden.« »Wahr,« erwiederte er, vaber Du liebſt den Ruhm, und kannſt nicht ohne Hader und Gefechte leben.« »Wenn dem ſo iſt, kann ich davon genug in der Welt finden, und mir meinen eigenen Schauplaz und meinen Beweggrund waͤhlen; brauche nicht, wie ein Schlaͤchterhund, nach — übereinkunft zu fechten, weil ich vom Abfall meines Herrn genährt und mit einem Sir⸗ pence taͤglich beſoldet werde. Dich, Walter, werden ſie wie einen Hund von der Koppel gegen dieſe unterdruͤckten, mit Fuͤßen getre⸗ tenen Sklaven loslaßen. Deine Herren erre⸗ gen Uneinigkeit und Feindſchaft unter ihnen, und ſenden alsdann ihre Myrmidone gegen ſie aus, um ſich ihrer Schaͤze und ihrer Län⸗ der zu bemaͤchtigen, ſie in den Helotenſtand zu verſezen, oder ſie als Rebellen und Ver⸗ räther auszurotten. Iſt das glorreich? Wenn ich das Beduͤrfniß fuͤhle, mich zu ſchlagen, dann werde ich ſicherlich meine Fahne ver⸗ tauſchen, und gegen Tyrannen und Unter⸗ druͤcker ankaͤmpfen, wo ſie immer zu finden ſind — und wo waͤren ſie nicht?« Darauf ſagte er: »Stoͤren wir dieſe lez⸗ ten wenigen Minuten vor dem Scheiden nicht durch Streitfragen. Vielleicht denke ich, wie Du, vielleicht weißt Du, daß meine Geſin⸗ nungen die nämlichen ſind; aber ich bin nicht mit Dir aus gleichem Stoffe gemacht. Ach! meine arme Mutter hat nur Kummer und ge⸗ taͤuſchte Hoffnungen gekannt. Ihr Daſeyn war freudenlos. In meiner huͤlfloſen Kinder⸗ — 198 — zeit liebkoſete mich keine andere Hand, als die ihrige, — ich kannte keinen andern Ruhe⸗ plaz, als an ihrem Buſen, — und als ich Eines vom Andern zu unterſcheiden lernte, verließ ich niemals ihre liebevolle Gegenwart. War ich krank, ſo ſang ſie mich unter Be⸗ gleitung ihrer Harfe in den Schlaf, und druͤckte mir die Auglieder mit ihren Kuͤßen und Thränen zu. Einmal, im wilden Sinne geſunden Knabenalters, fragte ich ſie, — der Himmel weiß, in welcher Unſchuld! — nach meinem Vater. Sie legte ihr Haupt auf den Tiſch, und das Zimmer ertonte von ihrem krampfhaften Schluchzen.« Walter wandte ſein Geſicht ab, und ſuchte vergebens, weiter zu reden. Endlich fuhr er mit Anſtrengung fort: »Du magſt mich noch jezt fuͤr einen Knaben halten, weil ich ſo ſpreche, denn Du kennſt die reine, innigſte Liebe nicht, welche zwei vereinte Herzen em⸗ pfinden koͤnnen, die gleichguͤltig gegen alles übrige ſind, — die Herzen einer verlaßenen Mutter und ihres verwaiſeten Kindes. Wie kann ich, nun ich weiß, daß die Engelgute ſich vielleicht des Lebens Nothwendigſtes ent⸗ zog, um mich aus einer Lage zu befreien, — 199 — in der ich, wie ſie glaubte, leiden müße — denn ich enthielt mich, ihr das zu ſagen — wie koͤnnte ich ihre ſuͤßeſten Hoffnungen zer⸗ ſtoͤren, nun ihre Bemuͤhungen und Bitten erhoͤrt ſind? Mindeſtens bin ich zu einem, im Vergleich der bisherigen Lage, gluͤcklichen Zuſtande ubergegangen, und nach Verlauf von zwei Jahren erhalte ich Urlaub, nach England zu gehen, und dann — aber ſag' mir, koͤnnte ich — wuͤrdeſt Du — einer ſol⸗ chen Mutter irgend etwas verſagen ?« Ich war ſeinem Beiſpiele gefolgt und hatte mein Antliz ebenfalls abgewendet, denn ich vermogte nicht zu antworten. So geht es im geſitteten Leben! Wir ſchaͤmen uns unſerer Gefuͤhle, wenn ſie natuͤrlich ſind, und ſezen unſern Ruhm, wenn auch nicht in Grauſam⸗ keit, doch in angeeignete Fuͤhlloſigkeit. Noch ſezte er hinzu: »Komm zu mir, und das recht bald. Wir wollen Deine Plane be⸗ ſprechen, und vergiß nicht, daß wir immer Bruͤder bleiben, magſt Du oder mag ich thun, was es ſey. Hier, nimm dieſes Buch, es hat mich beinahe untauglich fuͤr meinen neuen Stand gemacht; fuͤr Dich iſt es geſchrieben, und fuͤr Menſchen mit Seelen, die der Dei⸗ — — — — 200 — nigen gleichen. Ich muß es zu vergeßen ſu⸗ chen; wer aber vermoͤgte, ſeinen Geiſt der Wahrheit zu entfremden d« Er preßte meine Hand und war mir gleich darauf aus dem Geſichte verſchwunden. Als ich nach de Ruyter umblickte, der ſeine Hooka in aller Ruhe unter einem Banme geraucht hatte, bemerkte ich, daß er mit ſeiner rauhen und rothbraunen Hand ſich die Augen rieb. „Der Walter ſagte er, »wird uns Alle zu Weibern machen. Auch ich hatte meine Mut⸗ ter lieb, aber ſprechen von ihr, das kann ich nicht. Gleich ihm, hatte ich keinen Vater, mindeſtens habe ich ihn nie gekannt.« Hierauf ſenkte er ſeinen Kopf gegen die Erde, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn er Ruͤhrung empfand, und rauchte mit ver⸗ doppelten Zuͤgen. Nach einer Pauſe hob er wieder an: ver iſt ein gutherziger Menſch, hat aber zu viel Muttermilch getrunken, die hat faſt ein Mäd⸗ chen aus ihm gemacht. Was iſt das fuͤr ein Buch, das er Ihnen gab? Seiner Mutter Bibel? Oder ein ſchwuͤlſtiger Pſalter? Oder ein Kochbuch? Oder die Rangliſte?« Er nahm es mir aus der Hand und rief „ — — 201 — aus „Ha! Volneys Trummer von Reichen, und Naturgeſeze! Bei dem großen Gott, der Burſche hat Seele! Häͤtte ich dies fruͤher gewußt, ſo wuͤrde ich ihn zu beßerem Zwecke bearbeitet haben.. Nach au⸗ genblicklichem Nachdenken ſezte er jedoch hinzu: „Nein! ein krummer Stab, wenn auch grade gebogen, bemuͤht ſich doch, immer ſeine na⸗ tuͤrliche Geſtaltung wieder anzunehmen. Ich vertraue Menſchen, die ſo ſind als Sie, von Natur aufrecht und voll Entſchloßenheit. Solche moͤgen durch ihre Launen, oder durch Gewalt eine falſche Richtung annehmen; am Ende aber gewinnen ſie ihr aufrechtes Em⸗ porhalten wieder, oder brechen. Mein Freund, ich muß morgen zuruͤck nach der Stadt, und in zehn Tagen geh' ich zur See. Was mei⸗ nen Sie zu thun?« „Daran habe ich bis jezt noch nicht ge⸗ dacht, war meine Antwort; vich mag dieſe Art eines ruhigen Lebens leiden.« Daruͤber laͤchelte er und ſagte : »Gut, mein lieber Mann, ſey'n Sie Ihren Wuͤnſchen nicht entgegen. Dieſer Bungalo iſt der Ihre, wenn Sie ihn leiden moͤgen. Laßen Sie mich ſehen, da ſind ſechzehn Kokosnußbäume, — 202 — das muͤßte der Teufel ſeyn, wenn die und der Garten, Sie und Ihre Yock, nicht in natuͤrlichem Zuſtande erhalten koͤnnen; denn der alte Saboo da ernährt ſich ſelber, mit der Frau und ſechs Kinder von der Hälfte dieſer Anzahl. Bedenken Sie nur, welchen Werth die haben; ihr Saft giebt Ihnen Toddy; aus gegohrnem Toddy wird Arrackz die Frucht ſelber macht mit Reis einen tref⸗ lichen Currp; ausgepreßt gibt ſie Ihnen Ol in Uberfluß, um Ihre Haut glatt zu halten, und Ihnen die Dunkelheit aufzuhellen; wie⸗ derum koͤnnen Sie aus jeglicher Nußſchaale einen Becher machen; die Huͤlſen verſchaffen Ihnen Lagerbette, Schnuͤre, Bindfaden, Stricke und Taue ſogar; der Baum ſelber kann im Alter zum Canve gemacht werden. Manche dieſer Erzeugniße koͤnnen Sie auch gegen Reis und Ghie austauſchen.« „Das will ich; uͤberdem kann ich von Fruͤch⸗ ten leben, jagen und ſchießen.« »Thun Sie das, mein Beſter. Nur ſo viel will ich Ihnen ſagen, weil doch die aller⸗ ausgeſuchteſten Lebensuͤppigkeiten ſchaal wer⸗ den, und durch ihren Beſiz uns Uberdruß rregen, daß auch dieſe Dinge, ſo vortreff⸗ — 203 — lich ſie an ſich ſind, eben die Wirkung her⸗ vorbringen koͤnnen. Erinnern Sie ſich, daß ich ein allerliebſtes, kleines Fahrzeug beſize, gut ausgeruͤſtet, zum Frieden oder zum Kriege tauglich, wie es die Gelegenheit mit ſich bringt, und dem nichts mangelt, als ein un⸗ ternehmender Offizier; ſolch' einen, wie ich einmal wähnte, den Sie abgeben koͤnnten, aber ich irrte mich.« „Wo iſt das Fahrzeng, de Ruyter? Davon haben Sie mir nie geſprochen. Bitte, wo liegt es ?6 „Sie vergeßen Ihre Kudgerie⸗Toͤpfe, Ih⸗ ren Toddy und Ihr ſchaͤferliches Leben.« »O nein, gar nicht! Aber laßen Sie uns nur einen Blick auf das Fahrzeug werfen. Wie iſt die Takelung? Wo liegt es vor An⸗ ker? Wie viel Tonnen iſt es maͤchtig? Wie ſtark die Bemannung? Wozu ſoll es gebraucht werden 2. „Keinesweges. Sie ſcheinen ſo bewunderns⸗ werth tauglich fuͤr das Leben eines Pavian, daß es am beſten ſeyn wird, Sie bleiben hier bei meinem alten Saboo. Vielleicht haben Sie im kuͤnftigen Jahre Luſt, eine Fahrt zwiſchen den Inſeln durchzumachen, um einige Per⸗ 5 — 204 — ſiſche und Hinduh⸗Maͤdchen aufzufangen, da⸗ mit Sie Ihr Bauerngeſchlecht fortpflanzen koͤn⸗ nen; findet ſich dergleichen in Ihrem Natur⸗ geſez 24 So fuhr er fort zu ſcherzen, zu ſpotten und zu lachen, wollte mir aber in Bezug auf das Fahrzeug keine Antwort geben. Weil er die Gewohnheit hatte, Nachts zu reiſen, druͤckte er mir die Hand, ſobald der große Bär am Himmelsrande aufleuchtete, warf ei⸗ nen Beutel voll Pagoden auf den Tiſch, ſagte mir, ich duͤrfe mir nichts verfagen, was Geld herbeizuſchaffen im Stande wäre, ver⸗ ſprach nach wenigen Tagen wieder bei mir zu ſeyn, und kehrte zuruͤck nach Bombay. Drei und zwanzigſtes Kapitel. Sanz unwillkührlich ſtaunt ich an; ein Zanber Weilt in dem Mond, dem Wolkenhimmel, der Die Einbildung mir ſeßelte und in Erwartung ungewißer Dinge blieb ich. Shelley. Die Nacht war ſo, wie man ſie im Oſten oft erlebt. Jeglicher naͤhere Gegenſtand, Frucht und Blume, beleuchtet vom glaͤnzend⸗hellen und doch ſanftem Scheine des Mondes und dem Flimmern der Sterne, erſchien in Geſtalt und Farbe eben ſo deutlich und beſtimmt, wie am Tage. Die bleicheren, gemilderten Tinten, die weiche, laue Luft, die herabhaͤngende Zweige anfaͤchelte, bildeten einen entzuͤckenden Gegen⸗ ſaz zu der ſengenden Gluthhize des Tages, an welchem die Augen geblendet ſind, und wir in der heißen Athmosphaͤre erſtickend nach Athem ſchnappen. Ich ſezte mich auf den gruͤ⸗ ————— — * ——— 2 nen Raſenabhang, lauſchte dem Gekreiſch der Eulen und betrachtete das Hinſchwirren der großen Vampyre am Teiche, bis ich in den Schlaf fiel. Mir traͤumte von de Ruyter, von Indiſchen Eilanden, von Walter; zulezt aber ſchreckte die abſcheuliche kraͤchzende Stimme des Schottiſchen Lieutenants mich auf, der ſagte: »was iſt das, waͤhrend Ihrer Wache eingeſchlafen! Klettern Sie den Maſt hinauf, damit Sie wach werden.« Als ich die Augen oͤffnete, erblickte ich dieſen knurrenden Kleffer nicht, ſondern den ehrlichen alten Saboo, der mich mit der Warnung aufweckte: »nicht gut ſchlafen in Sonne; — macht krank; — Haus gut zum ſchlafen.« Ich war kalt und ſteif gekrampft. Die Sonne war aufgegangen. Ich forderte Toddy, ging hinab zum Teiche, ſprang hinein und war wieder hergeſtellt. 2 Die ruhige, gluͤckliche Zeit, die ich hier verlebte, ward nicht durch überdruß vergif⸗ tet. Inzwiſchen hatte ich meine Irmelweſte und meine Beinkleider wieder angelegt, denn meine Haut war nicht Musquito⸗feſt; und nachdem ich unverſehens einmal in ein Neſt junger Tanſendfüße getreten, freute ich — — 207 — mich, meine Schuhe wieder anziehen zu koͤn⸗ nen. Von meinen erſten Kindes⸗Erinnerungen an warich zu gelegentlichen Anfaͤllen von Schwer⸗ muth geneigt; dieſe war aber nicht der tief finſtern Art, ſondern mehr eine gefallſame, beſaͤnftigende Gemuͤthsſtimmung. Meine jezige Einſamkeit war ſehr dazu geeignet, Schat⸗ tenbilder des Wahns und der Einbildung zu erzeugen. Unter dieſe gemiſcht, draͤngte die Wirklichkeit ihre Anſichten mir auf und end⸗ lich begann ich uͤber meine ſonderbare Stel— lung in Gruͤbeleien zu verfallen. In de Ruy⸗ ter's Handlungen und in ſeiner Beſchaͤftigung war etwas Seltſames und Geheimnißvolles, das ich nicht zu entraͤthſeln vermogte, das aber meinen Geiſt feßelte und bezauberte. Wunderbar duͤnkte mich die Schnelligkeit, mit welcher er ſolchen Einfluß auf mich gewonnen hatte. Sein offnes Weſen, ſein Muth, ſeine Großherzigkeit, der Adel ſeiner Natur, ſeine freiſinnige, aufgeklaͤrte Denkweiſe, worin er ſo ganz unterſchieden war von den Kaufher⸗ ren und Geldmaännern, die ich geſehen hatte, uͤberzeugte mich, daß er keiner von dieſen ſey. Nachdem ich mehr uͤber ſeine Worte und * *. —— 5 —— „ ——— — * — — 208 — uͤber das nachgedacht hatte, was ich in ſeinem Benehmen geſehen, ſchloß ich, er ſey der Be⸗ fehlshaber eines Kriegskapers. Aber weder die Englaͤnder, noch die Amerikaner hatten ei⸗ nen ſolchen in Oſtindien; freilich beſaßen die Franzoſen dergleichen; fuhr er aber unter die⸗ ſer Flagge, was machte er dann in einem Engliſchen Hafen, wo er dem Anſcheine nach im freundſchaftlichen Verkehre ſtand? Mein nächſter Gedanke war, er ſey der Agent eines derjenigen Rajahs, die immer noch unabhaͤngige Herrſcher waren, wiewohl die Kompagnie ſie mit ſtets engern Kreiſen unſchloß, bis ſie aus ihren Prunkſizen hinab in die Ebene getrieben wurden, um uͤber ir⸗ gend eine Beute herzufallen. Es war bekannt, daß dieſe Fuͤrſten im Frieden, wie im Kriege geheime Agenten in den Engliſchen Praͤſiden⸗ tien unterhielten, um ihnen die ſchnellſte Kunde von den Bewegungen und der Politik der Re⸗ ſidenten zu geben, welche die Kompagnie an⸗ ſtellte. Zu ſolchem Dienſte ſchien de Ruyter ganz vorzuglich geeignet, wiewohl er ſeine Entruͤſtung uͤber das, was ihn barbariſche Politik, Unduldſamkeit und Hochmuth der Engliſch⸗Indiſchen Diktatoren duͤnkte, nicht —— — 209 — immer verbergen konnte, oder vielleicht nicht wollte. Seine Stirn pflegte ſich zu umwoͤl⸗ ken, ſeine Lippe zu beben und ſein Ange zu erweitern, wenn er mit donnernder Stimme Beiſpiele ſolcher Grauſamkeit, Erpreßung und Anmaßung herzaͤhlte. Gleichwohl liebte er England und Individuen dieſer Nation, obſchon er die aus Amerika, ſeinem Adoptiv⸗ Vaterlande, vorzog. Er pflegte zu bemerken: »es iſt auffallend, daß alle Voͤlker, die daheim mit dem groͤßten Antheile von Freiheit geſegnet ſind, ihre Ko⸗ lonien mit dem ruchloſeſten und uneingeſchränk⸗ teſten Despotismus behandeln.. — Auch ſezte er wohl hinzu: »dies iſt eine Sache, die zum Wohle der Menſchheit dient; ſie bildet die einzige Hoffnung dazu, daß die Freiheit jemals allgemein werden kann. Das aller⸗ geduldigſte Thier, wenn es die Qual nicht laͤnger zu ertragen vermag, bewaffnet ſich mit der Unbeſiegbarkeit, die Verzweiflung dar⸗ leihet; — das thut die wilde Kaze gegen den Tiger — ich habe es ſelber mit angeſehen.« Dieſes und manches andere von de Ruyter, deßen ich nun gedachte, gab mir die Uberzeu⸗ gung, er ſey nicht, was er zu ſeyn ſchien, 1. 14 1⁸ — 210 — ließ mich aber in Zweifel uͤber ſein eigentli⸗ ches Seyn. Waren meine Vermuthungen ge⸗ gruͤndet, dann fuͤhlte ich, ich werde ihn um ſo mehr lieben, und ich empfand nicht das leiſeſte Bedenken, nach Allem dem, was ich von ihm geſehen hatte, mich gänzlich unter ſeine Leitung zu ſtellen. Er war ja ganz nach meinem Herzen. Sfter ſchickte er mir Zuſchriften und Bot⸗ ſchaften; weil ſeine Abfahrt ausgeſezt war, fonnte ich Walters dringender Einladung nicht länger widerſtehen; deßhalb beſtieg ich eines Abends ein Pferd, das er mir geſchickt hatte, und befand mich in der darauf folgen⸗ den Nacht unter ſeinem behaglichen Zeltdache. Es machte ihm kindiſches Vergnuͤgen, mir alle ſeine Bequemlichkeiten und Vorzuͤge an⸗ zudeuten und dadurch hervorzuheben, daß er ſie mit ſeinen fruͤhern Entbehrungen und Lei⸗ den in Vergleich ſtellte. Ich theilte ſeine Ge⸗ fuͤhle ganz, denn in meinem Weſen war nicht das mindeſte von Neid. Schon war er ein Liebling der andern Offiziere geworden, und weil er dieſen einen Theil meiner Geſchichte erzaͤhlt hatte, ſo wurden wir ſchon in der er⸗ ſten Nacht meines Aufenthalts im Lager recht muntere Genoßen. Eine Geſellſchaft von ih⸗ nen begleitete mich, als ich in einem Palan⸗ kin zu meiner ehemaligen Wohnung in Bom⸗ bay zuruͤckkehrte. Angenehm verging mir die Zeit, entweder im Lager oder im Bungalo, wohin ich mit Geſellſchaften aufbrach, oder in meiner Ta⸗ verne in Bombay; de Ruyter geſellte ſich zu uns, wenn er nicht abgehalten war, durch ſeine Beſchaͤftigungen — oder ſein Geſchäft, wie er es nannte. —— Vier und zwanzigſtes Kapitel. — Ein Mann, der Mann will ſeyn, * Muß ſelber ſich beherrſchen können; muß Gebieter ſeiner Seele, ſich den Thron Errichten auf bezwung'nem Willen, muß Der Furcht und Hoffnung Anarchie zerſtören, Mut Er gllein ſeyn. Shelley. De Ruyter fuͤhrte mich an Bord einer Ara⸗ biſchen Grabb⸗Brigg, die durch ihre ſchma⸗ len, keilförmigen, ausgelaͤngten Buge merk⸗ wuͤrdig war. Aufgetakelt war ſie, wie ein Hermaphodrit, und trug, wie es bei den Arabern uͤblich iſt, ganz unverhaͤltnißmäßige Segelſtangen. Das Schiffsvolk beſtand zum Theil aus Arabern; der uͤbrige Theil verrieth durch Hautfarbe und Anzug, daß er mancher⸗ lei Kaſten angehore. Sie loͤſchte eine Ladung Baumwolle und Gewuͤrze, welche, wie mir „ geſagt wurde, von der Kompagnie angekauft war. De Ruyter ging ſehr ſelten an ihren Bord, aber ihr Kapitain, der Rais genannt, war täglich bei ihm. In der Regel trafen ſie ſich am Bord eines kleinen, ſeltſamlich gebau⸗ ten Fahrzeuges, welches den Namen Dau fuͤhrt. Dieſe war hauptſaͤchlich mit Arabern bemannt, zu meinem Erſtaunen bemerkte ich aber auch eine Miſchung Europaiſcher Ma⸗ troſen, Daͤnen und Schweden, ſo wie zwei oder drei Armenier unter ihnen. Dieſe wur⸗ den heimlich am Bord gehalten, zu welchem Zwecke wußte ich damals nicht; mir ward aber ganz ausdruͤcklich anbefohlen, dieſen Umſtand am Lande nicht zu erwaͤhnen. Dieſe Dau trug vorn einen großen Maſt, hinten aber einen ſogenannten Gigger⸗Baum. Sie war das unbehuͤlflichſte und unanſehnlichſte Fahrzeug, welches ich je in den Indiſchen Gewäßern erblickt hatte. Ihre hochuͤberragen⸗ den, ſchlecht gebauten Schnabel und Stern waren von leichtem Bambus gearbeitet. Sie ſchien unſicher, zum Kippen geneigt, und we⸗ nig Haltung im Waßer zu haben. Als de Ruyter mich fragte, ob ich wohl der Befehlshaber dieſer Dan ſeyn moͤgte, gab ————— — 214 — ich zur Antwort: »Ja, wenn ich kein Cata⸗ maran oder Maſuli⸗Boot haben kann, dann moͤgte ich mein Leben moͤglicher Wei in ihr auf's Spiel ſezen.« „Ich ſehe, Sie ſind nicht leicht befriedigt,« ſagte er. »Wiewohl ich die Wahl habe, will ich doch vorzugsweiſe auf ihr in See gehen. Sie, ekler in Ihrer Wahl, ziehen vielleicht die Grabb vor?« »Nun,« erwiederte ich, »ſchlagen Sie ihr den Hayfiſchkopf ab, ſezen Sie ein Bugſpriet an deßen Stelle, geben Sie ihr einen Uberzug von Theer oder Malerfarbe, und ich mögte wohl eine Fahrt mit ihr machen. Zudem ge⸗ fällt mir das Ausſehen jener Araber und der wilden, ſchmaͤchtigen, rollaͤugigen Burſchen mit ihren rothen Muͤzen, Jacken und Tur⸗ kanen. In meinem Leben ſah ich keine rein⸗ lichere, noch leichter gemachte Leute, um bei nem Windſtoße auf die Maſten zu klettern, oder 'nen Feind im Gefecht zu entern.« Ja, die ſind unſere beſten Leute, ſie kom⸗ men von Dacca, und glauben Sie mir, die fechten .„ „Ich mogte aber auch was haben, womit ich fechten koͤnnte.⸗ »Sie fuͤhrt Kanonen l »Ich kann dieſe Erbsbuͤchſen⸗ähnlichen Din⸗ ger da in ihren Schießluken nicht ausſtehen. Ein Paar Zwoͤlf⸗ oder kurze Vier⸗und⸗Zwan⸗ zigpfuͤnder wuͤrden nicht zu viel fuͤr ſie ſeyn. Sie hat »ne ſchoͤne Waßerlinie und 'nen Hin⸗ terzug wie ein Schooner. Ihr Bug iſt der ſchmalſte, den ich kenne; nur weil der Maſt ſo weit nach hinten ſteht, glanbe ich, ſie wird im Winde ganz verdammt ſtuͤrzen. Aber dem ungeachtet hat ſie ein pfiffiges, unternehmen⸗ des Ausſehen, was ich leiden mag.« »Gut, wollen Sie ſie läͤngs der Kuͤſte nach Goa hinſegeln? Ich will in der alten Dau nachkommen. Geh'n Sie bei Sonnenunter⸗ gang an Bord, und lichten Sie Anker wäh⸗ rend dem Landwinde. Sie ſehen, daß ſie be⸗ reits auf dem Ankerplaz liegt und ſegelfertig iſt. Mit Tagesanbruch gehe ich auch unter Segel. Ich habe dem Rass geſagt, daß Sie in der Grabb fahren werden, und daß er Ihnen zu gehorchen hat. Ich will Ihnen einige aufgeſchriebene Bemerkungen fuͤr den Fall ge⸗ ben, daß ein Ereigniß uns trennen koͤnnte, was jedoch nicht wahrſcheinlich iſt. Kommen Sie mit mir, vergeßen Sie nicht, daß Sie ein Faſgier ſind, „der . Goa rei. Kein Wort mehr an Walter! Wenn wir auf den blauen Wogen ſind, ſollen Sie Aues wißen eind Sie zufrieden?« »Ich bin; ſo lange wuͤrde ich nicht mit Fra⸗ gen gewartet haben, wenn ich nicht volles Vertrauen in Sie ſezte, de Ruyter. Wo Sie hingehen, da zweifeln Sie nicht, ich folge. Ich habe keinen ſehr eckeln . bin keine Windfahne.« »Gut, gutz aber an eines s denten Sie ganz * vorzuglich⸗ Bevor Sie Andere regieren koͤn⸗ nen, muͤßen Sie vollkommen Herr uͤber ſich ſelber ſeyn. Um das zu bewirken, verrathen Sie nicht, gleich einem Maͤdchen, durch Worte oder Geberden ihre Abſichten. Ein unbedacht⸗ ſames Wort, in Leidenſchaft ausgeſprochen, oder ein verlegener Blick mag Ihre Ent⸗ wuͤrfe ſcheitern machen, ſo trefflich ſie auch angelegt ſind. Vor allem geben Sie ſich dem 8 Weine nicht hin, denn der offnet das Herz, wie man ſagt, und wer ſonſt, als ein Narr, wollte ſich ſelber an diejenigen verrathen, die vielleicht auflauern, um Sie in der Schlinge zu fangen ?« »Sie wißen, daß 6 trinke.« „ 4 — 217 — »Wahr; aber jezt wuͤnſche ich, daß Sie nicht trinken ſollen.« — Als ich ihn ſtaunend anblickte, lächelte er und ſagte: »Das heißt, fuͤr jezt. Wenn Sie trinken wollen, ſo thun Sie das nur allein mit gepruͤften Freunden. Es waͤre aber beßer, Sie traͤnken gar nicht, denn ich weiß, es wird Ihnen leichter, ſich des Weines ganz zu enthalten, als ihn mit Maͤßigkett zu ge⸗ nießen. Iſt dem nicht ſo 24 „Ich glaube, daß Sie Recht 4 Nachdem wir uns wieder am Lande befan⸗ den, ſtand er bei der Taverne ſtill und ſagte: »Geben Sie dieſen Kahnfuͤhrern ihre Wei⸗ ſungen wegen der Dinge, die Sie noͤthig haben. Sie werden faſt Alles, was Sie etwa gebrauchen koͤnnten, am Bord finden, und das iſt ein Gluͤck fuͤr Sie, weil Sie der aller⸗ unſorgſamſte Menſch ſind.« „ Genau vor Sonnenuntergang erhielt ich de Ruyter's lezte Weiſungen; wir druͤckten uns die Haͤnde, und ich ſprang in das Boot. Der Rais, der recht gut Engliſch ſprach, empfing mich am Bord und fuͤhrte mich in die Kajüte. Ich gab ihm ein Schreiben von de Ruyter, er beruͤhrte ſeine Stirn damit, las es, und fragte mich, um welche Zeit ich un⸗ — 21 — ter Segel gehen wolle, denn er ſey an mich verwieſen. Ich gab meiner empfangenen Wei⸗ ſung gemaͤß zur Antwort: vum zwoͤlf Uhr,⸗ hieß ihm die Boote aufwinden, ſie feſtlegen, und alles zur Fahrt in Bereitſchaft ſezen. Während er dieſe Befehle vollzog, uberlief ich de Ruyter's mit Bleiſtift aufgezeichnete Denkſaͤze. Wiewohl ich mit voͤlliger Gewiß⸗ heit erka ate, daß ich des Schiffes Befehl be⸗ kommen ſollte, wenn ich ihn wuͤnſchte, konnte ich mir doch uͤber die ſeltſame Weiſe, in welcher mir derſelbe aufgedrungen war, keine Rechenſchaft geben. Der Rais wollte nichts thun ohne meinen Befehl. * „Wohlan,« dachte ich, »von Herzen gern! Morgen treffen wir mit der Dau zuſammen, und dann wird de Ruyter mir alles auf⸗ Flären.« Es war ein ſolches Hundeleben geweſen, in welches meine Fuͤhrer mich fruͤher verſezt hatten, daß, wenn ich mein Gluͤck auch ganz blind ſuchte, ich doch unmoͤglich auf etwas Jammervolleres ſtoßen konnte; deshalb war ich nicht nur ohne das mindeſte Bedenken, ſondern mit frendiger Aufgewecktheit bereit, alles, was de Ruyter, der einzige Menſch, der Theil an meinem Schickſale zu nehmen ſchien, mir aufzutragen fuͤr gut finden mogte, ſogleich auszufuͤhren. Ich ging einige Male mit feſtem Schritte und ſtolzem Blicke, wie die Befehlshabergewalt uns dieſe einfloͤßt, uͤber das Verdeck hin und her, und ſprach freundlich zum Serang und zu Andern, wie ein Mann in dem erſten Aufbluͤhen ſei⸗ ner Beamtung das thut. Wiewohl ſich das Schiff im ungeordneten, kauffahrenden Zuſtande befand, fehlte es ihm doch nicht an dem Weſentlichen zum Verthei⸗ digungs⸗, vielleicht zum Angriffskriege. Seine Maſte und Segel mit dem ſeltſamlich geſtell⸗ ten Takelwerke hatten im Auge eines Mannes von der Flotte, ein unbehuͤlfliches Anſehen; das ganze Fahrzeug war aus Mangel an Ver⸗ theerung und Bemalung gebraunt. Gleich⸗ wohl bemerkte man bei genauerer Betrach⸗ tung, daß es in allen weſentlichen Punkten mit großer Sorgfalt und mit mancher der neueren Europaiſchen Verbeßerungen aus⸗ geruͤſtet war. Es mogte etwa ein hundert Ton⸗ nen tragen, war aber nicht im Stande, mehr als die Hälfte dieſes Gewichtes im Raume feſtzulegen. Es fuͤhrte einen tiefen Rand mit Schießluken, die aber außer den zwei vor⸗ dern und vier andern am Hintertheile, zuge⸗ Neunpfuͤnder. Die Seiten waren mit Dreh⸗ baßen bewaffnet. Das Vordertheil war hoch aufgeſezt und hinten fuͤhrte es eine Pupe oder Halbverdeck, unter dem ſich die Hauptkajuͤte befand. So wie der lezte Schlag der Schiffs⸗ glocke die achte Stunde, der Matroſen Zeit zum Abendeßen ankuͤndete, ging ich inſtinkt⸗ maͤßig zuruͤck nach dieſer hintern Kajuͤte; denn die Leere, die ſeit Mittag in meinem Magen entſtanden war, gaͤhnte auf und wollte ausge⸗ fuͤllt ſeyn. Schwärme von Menſchen eilten in der naͤmlichen Abſicht aus dem unteren Raumeherauf, kauerten ſich, nach ihren Kaſten geſondert, in kleinen Kreiſen auf ihre Ferſen nieder und beſchäftigten ſich mit ihrer Meſ⸗ ſala (Speiſung) von Reis, Ghie, gedorr⸗ tem Bumbalo, friſchen Fruͤchten und getrock⸗ neten Beeren. Nachdem ich die beſagte Leere ausgefüllt hatte, legte ich mich auf eine Ruhebank nie⸗ der, rauchte aus de Ruyter's Hooka und beau⸗ genſcheinigte, was die Kajuͤte enthielt. Sie war niedrig, aber geräumig, und durch die Fenſterloͤcher im Stern gut erhellt und kuͤhl gehalten. An den beiden Seiten befanden ſich gegenein anderuber zwei Schlafſtellen, und in ſchloßen waren; dieſe enthielten ſechs lange „ — 221 — den Raͤumen zwiſchen ihnen und der obern Decke zwei aus Piſtolen gebildete Sterne, das heißt, vierzehn oder ſechszehn Piſtolen ſtießen in jedem Sterne mit ihren Muͤndun⸗ gen zuſammen und ihre Kolbenenden machten die Linie aus. Der vordere Schiffsverſchlag war dicht mit Bambusſparren geribbt; an der aͤußern Seite ſtanden Musketen in Rei⸗ hen, und hier war auch ein Vorrath von Bahyonnetten und von gekerbten Malayiſchen Krieſſes in recht gefaͤlligen Geſtalten aufge⸗ puzt. Darin beſtand »das zum Kriege geruͤ⸗ ſtet ſeyn,« wie de Ruyter es nannte. Der Hintertheil der Kajuͤte war aber unſtreitig dem Frieden gewidmet, ſeine Vorte waren mit Buͤchern, Schreibmaterial und nautiſchen Inſtrumenten angefuͤllt; und an der Decke, ſo niedrig ſie auch war, hing zwiſchen den Balken aufbewahrt eine große Anzahl aufge⸗ rollter Karten, waͤhrend der umgekehrte Kom⸗ paß am Mittelbalken ſchwebte. In andern Schraͤnken und Faͤchern befanden ſich Teles⸗ kope; außerdem, wiewohl minder maleriſch, aber doch eben ſo unerlaͤßlich, ſolche Artikel, uber die ich zu meinem Abendeßen verfuͤgt hatte. Weil mir Schlaf nicht verboten war, und weil keine Strafe fuͤr Dienſtnachlaͤßigkeit 8 ——— — mir uͤber dem Kopfe hing, ſo war ich wach⸗ ſam und aufmerkend. Mein Gemuͤth war durch die Verantwortlichkeit beſchaͤftigt, die mein Freund mir anvertraut hatte. Ich ging auf dem Verdeck umher, betrachtete das Wind⸗ fähnchen, um zu gewahren, ob es mit dem Landwinde koſe; aber wie de Ruyter mir zum Voraus geſagt hatte, es war faſt Mitternacht, bevor dies der Fall war. Nun befahl ich dem Rals unter Segel zu gehen, und das, wo moͤglich, ohne Geraͤuſch. Das erſte, antwor⸗ tete er, ſey leicht, das lezte aber unmoͤglich. Wir lichteten Anker und liefen aus. — 223 — Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. Mit Dir, mein Schifflein, ſchnell bewest Durch Wogenſchwall zum Strand! Gleichviel wohin Dein Lauf mich trägt⸗ Nur nicht zum Mutterland! Gegrüßt mir, dunkle Welle, ſey! Und iſt die Fahrt vollbracht, Gegrüßt dann, Höhl' und Wüſtenei! Mein Heimatland, gut' Nacht! Byron. Ale, deren phyſiſche und geiſtige Kräfte durch kuͤnſtliche Mittel, oder durch ſtädtiſche Einwirkung zu fruͤhzeitiger Entwickelung ge⸗ nöthigt werden, erlangen, gleichviel aus welchem Urſtoffe ſie beſtehen, den raſchen, duͤnn emporſchießenden Wachsthum von Pflan⸗ zen im dichten Schuze eines Waldes. Fruͤhe treiben ſie Blaͤtter und Knospen, aber ſelten oder nie kommen ſie weiter; bringen ſie ja einmal Fruͤchte hervor, ſo ſind dieſe ungeſund und widrig. Werden ſie aus ihrer Umſchir⸗ mung hinausverpflanzt in den offenen Welt⸗ „ —— ————— . — 224 — raum, ſo zerſtoͤrt ſie der erſte Froſt oder Sturm. Eben ſo iſt es mit Thleren; die Kraft eines Vollblut⸗Renners, durch aufregendes Futter und warme Decken hervorgezwungen, gewaͤhrt ihm einen fruͤhverſprechenden An⸗ ſchein von Staͤrke, der ſich aber nie verwirk⸗ licht. Im erſten Aufbluͤhen ſeiner Jugend ſtirbt er ſchon ab mit allen Anzeichen des Ab⸗ ters und der Hinfaͤlligkeit. Es gibt im Norden einige wenige Maͤnner und auch Frauen, die auch ohne eine ſolche Sorgfalt und kuͤnſtliche Pflege mit der wunder⸗ baren Geſchwindigkeit des Morgenlandes zu ihrem vollen Wachsthume emporſchießen, da⸗ bei ſind die Keime des Lebens und der Aus⸗ dauer in ihnen durch Zeit und Muͤhſeligkeit ſichtbar nicht zu uͤberwaͤltigen; ſo daß dieſe eiſernen Naturen in dem Alter, in welchem gewoͤhnliche Menſchen abſterben, noch feſt und aufrecht ihren Plaz behaupten. So waren die Patriarchen der grauen Vorzeit; und nun, da die Welt durch Kriege, Krankheiten und Abentheuer aller Art mehr gereift iſt, ver⸗ mindert ſich zwar ihre Zahl, doch werden noch immer ſolche Weſen angetroffen, die ihr ganzes Geſchlecht und ihre Nachkommenſchaft uͤberleben, die aufhoͤrten, die Zeit nach Jah⸗ — 225 — ren zu zählen, aber ſich auf Geſchichten und vergangene Ereigniße beziehen, und ſich wun⸗ dern, an welcher Krankheit ein Bruder im achtzigſten Jahre ſterben mogte. Wiewohl keiner dieſer Granit-Pfeiler, ver⸗ rieth ich doch unerkuͤnſtelte Anzeichen davon, das ich zu ihrem kernhaften Stamme gehoͤre, denn im damaligen Zeitpunkte meines Lebens hatte ich ſchon alle Eigenſchaften vollendeter Mannheit erlangt. Ich war ſechs Fuß hoch, kraͤftig und vom feſten, beinahe an Magerkeit graͤnzenden Knochenbau; aber mit dieſer Kraft gereifter Maͤnnlichkeit verband ich diejenige Gelenkſamkeit, die der Jugend allein eigen iſt. Von Natur dunkler Hautfarbe, hatte mich die Sonne um ſo mehr gebraͤunt, und ich warjezt vollkommen bronzefarbig. Mein Haar war ſchwarz und meine Geſichtszuge waren ganz Arabiſch. Im ſiebenzehnten Jahre hatte ich das Anſehen eines ſieben und zwanzig⸗ jaͤhrigen Alters. Weil mir in meiner erſten Jugend ſchon uͤberlaßen blieb, mir meinen Weg durch das Gedraͤnge zu bahnen, ſo hatte ich in dem, was man Weltkenntniß nennt, und welche Erfahrung allein, nicht aber der Jahre Zahl lehrt, bedemtende Fortſchritte ge⸗ macht. I. 15. — 226 — Ich beſorge, daß die Art, in der ich mein er⸗ ſtes Bekanntwerden und meine darauf folgende Freundſchaft mit de Ruyter erzaͤhlt habe, Manchem die irrige Anſicht aufdrang, dieſer habe die empfaͤngliche Dehnbarkeit meiner Ju⸗ gend ſelbſtſuͤchtig benuzt. Ich kann jezt mit überzeugung ſagen, daß er auf dem Pruͤf⸗ ſtein der Zeit verſucht wurde und ſich als echtes Gold bewies. De Ruyter ſelber war unbefreundeter Wanderer in der Welt; ein Mann, halb verbannt aus dem Kreiſe der Verbuͤrgerung und ihrer Bande; ſeine lebhafte hochſtrebende Einbildungskraft, ſein ausge⸗ bildeter Verſtand, machten es ganz natuͤr⸗ lich, daß er Weſen aufſuchte, denen er ſeine Neigung zuwandte und die ſeine Gefuͤhle zu theilen vermogten. Aber da, wo er war, und bei ſeiner unſtaͤten Lebensweiſe, waren ſolche nicht leicht aufzufinden. Die Halb⸗Barbaren des Morgenlandes blieben außer der Frage, und Europäiſche Abentheurer waren wohl um⸗ her verſtreut, aber durchaus geſchaͤftig im Zu⸗ ſammenraffen von Reichthuͤmern, oder aus⸗ ſchließlich ihre eigenen ehrgeizigen Abſichten verfolgend. Die wenigen abtruͤnnigen Matro⸗ ſen, die er von Zeit zu Zeit auffinden mogte, waren entweder Entlaufene, oder entliefen —,— — 227 — wiederum aus Werthloſigkeit. Wenige ſeiner Gefäͤhrten, die er wirklich geliebt hatte, wa⸗ ren ihm durch den Tod, oder was in dieſem Falle gleich galt, durch Entfernung entzogen. Er war nicht fuͤr einen Aſiaten gemacht; ſein freier aufwallender Geiſt noͤthigte ihn, Ge⸗ noßenſchaft zu ſuchen; und weil er vielleicht in dem Augenblicke keine beſondere Vorliebe fuͤr Jemanden haben mogte, in welchem der Zufall mich auf ſeinen Weg fuͤhrte, ſo ent⸗ ſtand in ihm ein Gefuͤhl der Theilnahme fuͤr mich. In jenem, wiewohl kurzen, doch ſehr ſachreichen Zeitraum hatte er mich vollkom⸗ men durchblickt, und gar nicht bezweifelt, daß ich in kurzer Zeit und mit einiger Anlei⸗ tung werden wuͤrde, was er aus mir zu ma⸗ chen wuͤnſchte. Er bemerkte, daß ich mit war⸗ men friſchen Jugendgefuͤhlen Rechtlichkeit, Aufrichtigkeit und Muth verband, Eigenſchaf⸗ ten, welche noch nicht verdorben, noch nicht abgenuzt waren, durch Fortwandeln auf ge⸗ wohnten Lebensgleiſen, die nur wenige ohne Abreibung verfolgen koͤnnen. Mithin war der Schritt, den er that, nicht ſo auffallend, als oberflächliche Anſchauer denken moͤgten. Von der Stunde an, in welcher ich meine Rache an dem Lieutenant in einer Art voll⸗ 3 — 6 — — zogen hatte, die mir jede Moͤglichkeit ab⸗ ſchnitt, auf die Flotte zuruͤckzukehren, ward de Ruyter, der ſah, daß ich durchaus ver⸗ laßen war, mein Freund im echten Sinne des Wortes, und behandelte mich ſpaͤter ſtets als einen ſolchen, ſo daß, wenn Vaͤter ſeinem Bei⸗ ſpiele folgen wollten, wir weniger von dem ewigen und albernen Klag⸗Geſchwaͤze uͤber kindlichen Ungehorſam hoͤren wuͤrden; ein Gejammer, das eben ſo langweilig, als falſch, der menſchlichen Geſellſchaft durch trockne, ſaalbadernde Prieſter anerzeugt, und durch die unfruchtbare Kaſte ſchimmlig gewor⸗ dener, verglimmter, gelehrter Frauen aus⸗ gebruͤtet worden iſt. Seine Stimmung oder ſeine Unruhe machten ſein Leben, zu einem voller Abentheuer, und folglich voller Gefah⸗ ren. Ich war ein Sproͤßling von gleichem Stamme; meine Neigungen ſtimmten ganz überein mit den ſeinigen; und moͤgte ich ihn angetroffen haben oder nicht, ich wuͤrde meine mir beſtimmte Laufbahn verfolgt haben, wie⸗ wohl nicht mit ihm auf gleichem Schauplaze. Weil ich mehr zu meinem eigenen Vergnuͤ⸗ gen, und um meine mir jezt langweilige Muße zu verkuͤrzen, als fuͤr Andere ſchreibe, ſo muͤßen Dieſe mir Kabellänge und Raum genug bei der Erzählung dieſes Theiles mei⸗ ner Geſchichte laßen, der, ſo trocken und er⸗ mudend er ihnen erſcheinen mag, fuͤr mich der anziehendſte iſt. Welcher lebende Menſch „deßen Herz nicht zu Stein geworden, wird nicht bei der Erinnerung an das, was er von ſei⸗ nem ſiebenzehnten bis zu ſeinem zwanzigſten Jahre that und fuͤhlte, in Luſt aufflammen? Es mag Einige geben, denen fruͤhere oder ſpätere Erinnerungen gleiches Entzuͤcken ge⸗ wahren. Das iſt bei mir nicht der Fall; denn im ein und zwanzigſten Jahre glich ich dem jungen Stiere, der von der Weide zum Flei⸗ ſcherſcharrn gefuͤhrt wird; oder dem wilden Pferde, das unter dem Rudel ausgewaͤhlt, mitten in ſeinem freien Laufe vom Laßo des Suͤdamerikaniſchen Guacho getroffen wird. Die unſelige Schlinge ward mir um den Hals geworfen, mein ſtolzer Nacke in den Staub gebeugt, das blutige Gebiß mir in den Mund gethan, meine flatternde Maͤhne geſtuzt, mei⸗ nem bisher unbelaſteten Rr ken eine Buͤrde auferlegt, die ich weder ertragen noch abſchuͤt⸗ teln konnte, meine leichten, ſpringkräſtigen Bewegungen wurden zu einem peinlichen Gange eingezwaͤngt, kurz, ich wurde verheirathet; und verheirathet an — doch ich darf meinen Suropäiſchen Abentheuern nicht vorgreifen. Fuͤr jezt muß ich mich bemuͤhen, ſie zu ver⸗ geßen, damit ich mein Thun in Oſtindien mit jenem offnen, flammenden Geiſte erzählen koͤnne, den die Freiheit gibt; nicht aber im unterdruͤckten Tone eines gebundenen, von Sorgen verzehrten, und im Geiſte gebroche⸗ nen Ehemannes, im geſitteten Abendlande. Leicht entglitten wir dem Hafen, genau mit hinreichendem Winde, um nach dem Matro⸗ ſen⸗Ausdrucke »die Segel in Schlaf zu lullen.« Bei Tagesanbruch hatten wir Stadt und Ha⸗ fen noch im Geſichte, gewahrten aber auch die nun ansgelaufene alte Dau, die gleich einer Schildkroͤte an der Kuͤſte fortkroch. Um Mit⸗ tag ſprang ein friſcher Suͤdweſt auf; und bei Sonnenuntergang, als die Entfernung mir jede Beſorgniß hob, daß unſere Bewegungen vom Hafen aus beobachtet werden moͤgten, egte ich um, lief der Kuͤſte um einige See⸗ meilen näher, kurzte die Segel und legte bei. So wie ich voraus berechnet hatte, war bei der erſten Morgendämmerung, ſobald die grauen Nebel ſich verzogen und einen klaren Strich am Horizonte aufgehellt hatten, die alte Dau der erſte ſchwarze Punkt, den ich mit meinem Teleskope, die blauen Wogen uͤberlau⸗ —————— 931 — 23 — fend, auffaßte. Ich befahl dem Steuermanne, auf ſie zu halten, und durch Aufziehen einer Menge von Segeln erreichten wir ſie etwa um acht Uhr. Ich rief ſie an und de Ruyter kam zu mir an Bord. Nun gingen wir wieder nä⸗ her an den Wind und verfolgten unſern Lauf längs der Kuͤſte hin. De Ruyter fruͤhſtuͤckte mit mir in 3* Ka⸗ juͤte und fragte mich, was ich von der Grabb halte. »Sie ſcheint Bewegung zu haben, ſagte ich, vohne vom Winde abzuhängen. Geſtern ſegelten wir einer Kriegsbrigg vorbei, als waͤre ſie ein Fels im Meere geweſen.« »Ja, bei ſo leichtem Wehen, als dieſes, kommt ihr nichts nahe. In ſchwerer See aber ſtuͤrzt ſie freilich ganz ungemein. Werden aber nicht zu viel Segel beigeſezt, ſo iſt ſie leicht, lenkſam, und hält gut in den Wind. Deshalb geben Sie ihr nicht zu viel Segel, oder Sie werden ſie in den Wellen begraben.⸗ Sechs und zwanzigſtes Kapitel⸗ unwißend drehten ſie ein leichtes Rad Das ſcharfe Foltern trieb, die quetſchen, ſchinden. f. Weshalb ſo ſtolz? Weil ihre Marmorbrunuen . Prachtvoller rannen, als des Jammers Zähren? Weshalb ſo ſtolz? Weil die Orangen⸗Hügel Sich ſanfter hoben, als die Laz ar⸗Treppen? Weshalb ſo ſtolz? Weil die roth⸗lin'gen⸗Bücher WMeehr Reichthumzeigten, als der Griechen Dichtung? — Weshalb ſo ſtolz? Noch einmal frag' ich laut, Im Namen wahren Ruhms, weshalb ſo ſtolz? Keags. N ach einigem weitern Seemanns⸗Geſpraͤche wandte de Ruyter ſich zu dem Punkte des Kompaß, welchen ich wuͤnſchte, indem er mir ſagte: »Was ich Ihnen in Vombay ſagte, iſt wahr; dort war ich Kaufmann. Jezt, da ich meine Handelsangelegenheit abgeſchloßen habe, bin ich bereit Furcht einzujagen, oder zu fechten; gewoͤhnlich aber ſehe ich mich ge⸗ noͤthigt, mit dem lezten zu beginnen. Ich ver⸗ folge keine unabaͤnderliche Richtung; wir Beide, ich und die Grabb, ſind veränder⸗ licher Natur.« »Welche Richtung werden wir jezt nehmen 2 7 »Nun in dieſen weiten Meeren, mitten zwi⸗ ſchen den ſtreitenden Kampfen und Kriegen Europäiſcher Abentheurer und eingeborner Fürſten, und Rajahs — thoͤrige Barbaren, die ſich einander wuͤrgen und im Streite üͤber 6 ihr Weideland an den Kehlen packen, wäh⸗ rend die Engliſchen Woͤlfe ſi ſich herbeiſtehlen und die Heerden fortnehmen, — kann es uns nicht an Beſchäftigung fehlen, wiewohl es . überlegung erfordert, hier zu entſcheiden. Zuerſt muͤßen wir laͤngs der Kuͤſte nach Goa laufen, wenn ich dort einige Geſchaͤfte in Ordnung gebracht und die alte Dau auf den Stapel gelegt habe, wollen wir nachher zu⸗ ſammen fahren; und dann wird es Zeit ge⸗ nugſeyn, unſere nachherigen Bewegungen feſtzuſezen. Wie alt ſind Sie ?« »Ich habe mein ſiebenzehntes Jahr zuruͤck⸗ gelegt.« »Das iſt ſonderbar! ich hielt Sie zwanzig alt. Gut, Ihr Alter hat nichts dabei zu thun. Ein gruͤner Stamm bringt oft die reifſten und ſaftigſten Fruͤchte hervor. Ein wenig ——— „ mehr Erfahrung, welche Sie in unſerm ge⸗ wirrvollen Leben bald einſammeln werden, und recht viel Herrſchaft mehr, uͤber Ihre Leidenſchaften, wenn Sie dieſe erlangten, ſo wird Ihnen wenig an den weſentlichſten Eigenſchaften fehlen, um Sie zu jeglichem Unternehmen, ſey es zur See oder zu Lande, zu befähigen. Die Wahlſteht ganz bei Ihnen. Wenn Sie den Landdienſt vorziehen, ſo be⸗ ſize ich hier umher einige Freunde, welche Sie um Ihrentwillen ſowohl, als um mich zu verpflichten, mit Vergnuͤgen anſtellen wer⸗ den. Wollen Sie bei mir bleiben, dann habe ich nicht erſt noͤthig, Ihnen zu ſagen, daß Sie mir herzlich willkommen ſind. Ich fuͤhre aber ein rauhes Leben; und wenn Sie meine Handlungen nach der alltäglichen ſcheinhei⸗ ligen Sophiſterei oͤffentlicher Meinung beur⸗ theilen wollen, ſo moͤgen Sie das Geſezliche derſelben mehr als zweifelhaft zu ſeyn erklä⸗ ren, und wuͤrden beßer thun, Ihren auf das Spiel zu ſezen.« »Den hole der Henker!« erwiederte ich, mit Ihrem Wohlnehmen will ich bleiben, wo ich bin. Ich habe Ihnen fruͤher ſchon geſagt, daß ich bei Ihnen zu bleiben wuͤnſche, und das wiederhole ich jezt. Ich verlange Ihre Plaͤne nicht zu wißen, bevor ich Erfahrung genug beſize, Ihnen durch meinen Rath nuͤz⸗ lich zu werden.« »Nein; Ihrem Verſtande nach ſind Sie Mann, und haben mehr Feſtigkeit, als die meiſten Menſchen, mit denen ich zu thun ge⸗ habt habe. Einiger Dinge wegen, die ich un⸗ ternommen habe, erklärten dieſe allesver⸗ ſchlingenden Heuſchrecken aus Europa mich fuͤr einen Bnkanier. Dieſe knickrige Brut, die der eigenen Vaͤter Augen nach Uberein⸗ kunft herausdruͤcken wuͤrde, falls ſie nur Muskatnuͤße waͤren, will keinem Menſchen erlauben, ſein Blut durch Gewuͤrze zu wär⸗ men, oder mit Thee abzukuͤhlen, wenn ſie nicht zuvor ihren Vortheil, oder wie ſie es nennt, ihre Duſtvorie, davon gezogen hat. Sie moͤgte Alles allein an ſich reißen, und wo nur Gewinn ſeyn mag, jagt ſie, wenn ſie einmal die Witterung davon bekom⸗ men hat, dem durch Blut und Moraſt nach, ohne Andern zu erlauben, an ihrer Beute Theil zu nehmen. Ich aber mag auch Gewuͤrze und Thee leiden; und weil ihr Syſtem eines ausſchließlichen Rechtes nicht mit meinen Be⸗ griffen von den Dingen uͤbereinſtimmte, ſo begann ich, einen Handel fuͤr mich ſelber zu — 236 — eroöffnen. Man gab mich an, mein Schiff wurde genommen, und ich war Bankerott. Nun, ich verfaulte nicht im Kerker, ſaß nicht nieder in dumpfer Verzweiſtung, vergeudete meinen Athem nicht zu bettelnden Bitten. Ich bin keiner von ſolchen muthloſen Elenden. Noch einmal zog ich wieder aus, dem Loͤwen gleich, allein, nicht laͤnger umfangen von den engen Gränzen eines armſeligen Buͤrgers, ſondern entſchloßen, meine Beute wieder zu gewinnen, und Schlag durch Schlag zu ver⸗ gelten, gleichviel woher mir der Erſte käme. In der Zwiſchenzeit jedoch, die meinen Ruin und mein Wiederauslaufen in See ausfuͤllte, befriedigte ich meine Sehnſucht das Innere von Indien zu ſehen, und durch⸗ ſtrich deßen groͤßten Theil. Einige Zeit ver⸗ weilte ich bei Tippo Saib. In ihm allein war Stoff zur Groͤße. Ihn begleitete ich zu einigen ſeiner Hauptſchlachten; doch, Sie kennen ſein Schickſal. Damals war ich einer jener traumbildneriſchen Begeiſterten, die durch ihre heiße Liebe zur Freiheit angetrieben wer⸗ den, ihre Kraft gegen die Fluth zu verſuchen, die den Schwachen widerſtandlos mit ſich fortreißt. Gleich einem kleinen Bergſtrome, der mit einem maͤchtigen Fluße den Kampf 3 . — fuͤhrt, brauſete ich auf und arbeitete mich ab, um meinen Zweck durchzufuͤhren, aber vergebens. Gleich wie alle Ubrige ward ich mit hinabgeſpuͤlt, bis ich, unter ſie gemiſcht, im weiten Ocean verloren ging. Thoͤrichter⸗ weiſe glaubte ich, Menſchen möchten dazu gebracht werden koͤnnen, ihre armſeligen Vor⸗ theile fuͤr eine gewiße Jahreszeit an die Seite zu legen, und ihre Leidenſchaften, wie Scor⸗ pione im Winter ſchlafen zu laßen, bis die Sonne der Freiheit aufdämmern, und ihnen, ohne durch fremden Einfall geſtoͤrt zu wer⸗ den, die Muße verſchaffen wuͤrde, ihre buͤr⸗ gerlichen und religisſen Streitigkeiten wieder anzuheben. Ich beſchwor Prinzen und Prie⸗ ſter (dieſe Sachwalter der Weld ſich einander nicht in den Haaren zu liegen, bis der all⸗ gemeine Feind von den Kuͤſten in das Meer getrieben ſey, aus welchem er herangekommen war. Wahrheit iſt aber, wie das Schwerdt in der Hand eines Kindes, nur dieſem allein gefaͤhrlich. Meine Lehre ward verderblich ge⸗ achtet. Ich entging nur eben dem, daß mein Name das Maͤrtyrer⸗Verzeichniß noch ver⸗ mehrte. überall im Morgenlande erblickte ich die Nothwendigkeit einer großen moraliſchen Umwaͤlzung. Das alte Spſtem zeigte ſich da⸗ — ſelbſt in ſeiner ganzen ergrauten und abge⸗ lebten Scheußlichkeit der Zerſtörung und Zer⸗ truͤmmerung; furchtbar und abſchreckend wird es bleiben, bis ein ganz neues aufgeſtellt wird. Dies vermag die Zeit allein zu bewirken; und die Anſtrengungen eines Armes, wie der meinige, um deren Schildkroͤtengang zu be⸗ ſchleunigen, ſind kindiſch.« »Mir ſcheint es,« bemerkte ich, vals häͤtten wir nicht vieles in Europa, womit wir uns pruſten könnten. Dort iſt Raum fur Anderun⸗ gen, und der Menſchen Gemuͤther und Haͤnde ſind ſchon mit der Umgeſtaltung beſchaͤftigt.« „Ja, aber ganz wie die Eingebornen hier, jeder nur für ſich allein. Europa iſt eines armen alten Mannes Kind, eine widernatuͤr⸗ lich empfangene, zuſammengeſchrumpfte Miß⸗ gebur., erſchaffen aus den umher geſtreuten Truͤmmern des zerſchellten Oſtens, die ſinn⸗ reich genug zuſammengeſtuͤckt und geheftet ſind, aber ohne Dauerhaftigkeit. Es iſt ein altes Stuͤck aus Bronze, mit Kalk ausgefugt und uberweißt,ein Gypsabguß im verjuͤngten Maß⸗ ſtabe von einer Granit⸗Bildſaͤule. Schon liegt die Hand der Zerſtoͤrung auf ihm, wie die einer Spartaniſchen Mutter auf ihrem juͤnsſt Geborenen. Dergleichen Gedanken erweckten — 239 — mich aus meinen Verbeßerungstraͤumen, und weil ich mein Geld ausgegeben und Brod ns⸗ thig hatte, wandte ich mich um, entſchloßen, von nun an mit dem Strome zu ſchwim⸗ men, und gleich dem trefflichen Philoſophen, Faͤhnrich Piſtol, zu ſagen, »die Welt iſt meine Auſter, die ich mit dem Schwerdt oͤffnen will.« Ich ging wieder zur See, kam nach Mauri⸗ tius, ruͤſtete auf Kredit ein bewaffnetes Fahr⸗ zeug aus, und vervierfachte mein fruͤheres Kapital; auch war es nicht mehr als billig, daß ich Zinſen fuͤr mein Geld bekam. Meine Perſon iſt nicht ſehr bekannt; gleichwohl be⸗ gebe ich mich nur ſehr ſelten in eine der Reſidenzen. Mein Beſuch in Bombay hatte den Abſchluß eines wichtigen Geſchäftes zum Gegenſtande — nicht aber den Verkauf der armſeligen Ladung dieſer Grabb. Ja,« fuhr er lachend fort, »wenn ſie mich da gegrabbt hätten! Denken Sie nur, eben die nämliche Ladung haben ſie ſchon einmal fruͤher bezahlt, wenn die urſpruͤnglichen Verkaͤufer nicht da⸗ rum betrogen wurden. Vor ſechs Monden kreuzte ich unter Franzoͤſiſcher Flagge in dieſer Grabb, und ſchnitt ein faules Kom⸗ pagnieſchiff, von Amboyna kommend, ab, als es hinter ſeinem Konvoi zuruͤckgeblieben — 240 — war; dieſe war deßen Ladung! Ich habe Kunde davon, daß noch mehre in Banda Ladung einnehmen, vielleicht moͤgen wir auf ſie ſtoßen. Wenn die vollgeſogen ſind, wie Blutegel, dann weiß ich, wie ich ihnen mei⸗ nen Daumen aufzuſezen und ſie zu druͤcken habe, bis ſie von ſich geben. Was ſagen Sie dazu?« „Ich bin dabei, antwortete ich, »aber bis ich hierher gekommen bin, habe ich ſtets ge⸗ hoͤrt, daß unſere Kolonien zum Schuze der armen Teufel beſtanden, die ſich ſelber nicht helfen konnten, und um ſie zum Chriſten⸗ thume zu bekehren; wenn ſie alſo getauft und angebuͤrgert ſind, ſo wird ihre Freiwerdung folgen.« »Gewiß wird die folgen, wenn ſie bekehrt ſind. Es iſt wirklich ſonderbar, daß, wiewohl jezt wenige Magen feſt genug ſind, um gleis⸗ neriſches Gewimmer und Caſtoroͤl bei ſich zu behalten, doch jeglicher Quackſalber glaubt, er beſize die Methode, das Eine oder das Andere die Kehle hinab zu bringen, ohne Eckel zu erregen. Wir werden, moͤgen wir wollen, oder nicht, mit dem Sle der Gleisnerei, als mit einer Panacee gegen alle Krankheiten, geſalbt. Gewiß iſt unſer Zeitalter das gol⸗ — 241 — dene, denn, wer ſezte wohl auf irgend et⸗ was Anderes Werth? Weiber, Heilige und Philoſophen, ſaalbadern jezt nur fuͤr »Brod und Fiſche.⸗ Wer macht wohl andere Ent⸗ wuͤrfe, als dazu, ſeine Boͤrſe zu fuͤllen? Und was ließe ſich nicht mit Gold erkaufen, von Koͤnigreichen an, bis zu Biſchofsmuͤzen und Maͤdchen? Dieſer Krämerverein ſagt, er habe ein ausſchließliches Recht (welches ſo viel als ein allgemeines Unrecht iſt) auf die ſaͤmmt⸗ lichen Erzeugniße dieſes großen Reiches. Wie großartig die Raͤuberei jezt betrieben wird! Armſeliges Pluͤndern kam aus der Mode, und man ſchaͤmt ſich deßen. Die maͤchtigen Diebe haben jene reizende Inſel nun einge⸗ haͤgt; mich wundert nur, daß es noch erlaubt iſt, ſeine ſuͤßen Wohlgeruͤche einzuathmen le »Meinen Sie Ceylon?« »Ja, dort haben ſie ein Rundnez von Poſten aufgeſtellt, und darin den Koͤnig von Candia umsarnt. Er nennt die Englaͤnder Strand⸗ meiſter, aber bald werden ſie ſeine Mei⸗ ſter ſeyn. Weder Jungeln, noch giftige Schlan⸗ gen, noch Fieber, vermoͤgen die von uner⸗ ſättlichem Geize Angetriebenen aufzuhalten, bis ſie mit dem vollſtaͤndigen Beſize aufge⸗ fullt ſind. Die andern Gewuͤrzinſeln werden 6 16 — 242 — nachfolgen. Spaͤter wird kein Felſen ſo nakt ſeyn, den ſie nicht begehren, und zu ihren Zwecken umgeſtalten. Aber ihr Reich wird nur das eines Tages ſeyn; die Zeit gerechter Vergeltung wird kommen, und das bald.« »Sie unterſcheiden gar nicht in Ihren Be⸗ merkungen, de Ruyter. Mindeſtens zeigen ſie doch den Schein, als thäten ſie etwas Gu⸗ tes. Sie haben Schulen angelegt, Kirchen gebaut, Zeitungen in Umlauf geſezt, die das Panier der Freiheit ſind.⸗ * „Das ſind nur truglich ausgeſteckte Fahnen! Die Schulen ſind fuͤr ihre eigenen Kinder; die Kirchen, um Schurken Brod zu geben; und ihre Preße, ganz unter eigener Zenſur, iſt nur ein vorbedachtes Luͤgengewebe zur Aus⸗ fuhr beſtimmt. Was die Pfaffen betrifft, ſo wäre es beßer geweſen, wenn die Peſt uͤber den Fquator gedrungen waͤre. Die ſind ein gut durchgeſiebtes Gemiſch von Scheinheiligen und Dummkoͤpfen, von Schurken, Jeſuiten, Pres⸗ bytern, Maͤhriſchen Bruͤdern und von dem krächzenden, käferrpfigen, gefräßigen, fin⸗ ſtern Gezuͤcht der Diſſidenten. Wir hatten ſchon giftig⸗ſchleichendes Ungeziefer genug, ehe wir dieſen preisgegeben wurden.« „Jezt werden Sie poßenhaft, wenn nicht — 243 — gottesläſterlich. Bedenken Sie doch, daß die ſogar einige von Ihren Leuten bekehrt haben.« »Sie haben ehrliche Menſchen zu Heuchlern verkehrt, wie ſie ſelber ſind; wenn ich aber noch irgend einen von ihnen an meinen Bord bekomme, will ich ihn kielholen. So lange es Bettler und Geſezloſe giebt, und dieſe Reis und Arrak geben, wird ein bischen Be⸗ ſprengen mit Waßer auf der Stirn ihnen nicht hinderlich ſeyn, um eine Mahlzeit und ein Glas Grog durch ihre eigenen Kehlen hinabzufuͤhren.« »Einige rechtliche Maͤnner muß es doch unter ihnen geben.« »Vielleicht, aber deren Hierſeyn zeugt nicht fuͤr ihre Weisheit. Und was koͤnnen ſie be⸗ wirken? Bevor ſie ſich an das Klima gewoͤhnt und die Sprache erlernt haben, ſtirbt die Mehrzahl ab. Die Ubrigbleibenden widmen ſich nicht dem Seelenheile der Menſchen, um ſie vor der Verdammung zu bewahren, ſondern rufen in ihren Predigten einer uͤber den an⸗ dern Verdammniß herab. Wenn ihr Prieſter⸗ gewand irgend etwas anders als Scheinhei⸗ ligkeit bedeckt, ſo verſteht die Kompagnie ih⸗ ren heiligen Eifer dadurch zu kuͤhlen, daß ſie ihnen deutlich verſtaͤndigt, ihr Bemuͤhen — — 244 — ſey vergebens. Die von ihnen getauften Land⸗ ſtreicher bleiben ihnen zur Laſt, unverkaufbar wie verfaultes Schaaffleiſch; denn keinem der Angeſtellten der Kompagnie iſt verſtattet, ſie zu beſchaͤftigen; ja ſie verlieren ſogar bei ih⸗ rer eigenen Kaſte das Brod, wenn ſie vor der Taufe etwa im Dienſte ſtanden, damit ſie die Heerde nicht anſtecken moͤgen. Kauf⸗ leute wißen recht gut, daß der vielgeſichtige und vielhandige Brama ein tauglicher Gott fuͤr Sklaven iſt; eben ſo wißen ſie, daß ſie ihr Anſehen nur aufrecht halten koͤnnen, ſo lange die vielfach ſich beſtreitenden Kaſten, aber⸗ gläubiſchen Goͤzendienſt treiben, und daß ihr Beſizthum wenig Werth haben wuͤrde, wenn die Eingebornen ſich zu einer Religion be⸗ kennten. Aber die Sonne verſinkt im Meere; und ihr blutrother Mantel, ſo wie die pferd⸗ ſchweifigen Streifen in der Luft, verheißen uns mit Gewißheit einen friſchen Wind. Nur dies habe ich noch hinzuzuſezen: ich bin kein hungernder Hund, der geduldig in der Hoff⸗ nung bei dem Male ſteht, einen Knochen zu erhaſchen, den dieſe herrſchenden Kaufherren in der Regel recht gut abzunagen wißen, be⸗ vor ſie ihn wegwerfen. Moͤgen ſie ſich unge⸗ ſtört den Wanſt fuͤllen, bis, dem Geier gleich, ihr Gewicht fuͤr ihre Fluͤgelkraft zu ſchwer geworden iſt; dann wollen wir, die wir bis dahin ſie wachſam beobachteten, gleich Fal⸗ ken auf ſie hinſchießen. Raͤuber auszupluͤn⸗ dern iſt kein Unrecht. Ein Convoy von den Inſelfahrzeugen der Kompagnie, beſchuͤzt durch ihre eigenen Kreuzer, die ich als Un⸗ rath betrachte der Kriegsſchiffe nachaͤffen ſoll, iſt nach den Gewuͤrzinſeln geſegelt. Eh' ich's vergeße, Sie muͤßen Ihren Koͤrper durch eine Abbah in den eines Arabers umwan⸗ deln, dann koͤnnen Sie nicht von ihnen er⸗ fannt werden. Ich habe vollſtändige Vorſchrif⸗ ten fuͤr Sie aufgezeichnet. Folgen Sie ihrem Laufe nach Goa, auch ich ſteure dahin. Ge⸗ hen Sie unter keinem Vorwande an's Land, bis ich dort angekommen bin. Der Parſie⸗ Kaufmann, an den ich einen Brief aufgeſezt habe, wird Alles Noͤthige fuͤr Sie ausrich⸗ ten. Seh'n Sie, der Wind ſpringt auf! Laſ⸗ ſen Sie das Boot an's Schiff ziehen!« Er ſchuͤttelte mir die Hand, ſprang in ſein Boot, und kehrte zuruͤck nach der alten Dau. Sieben und zwanzigſtes Kapitel. Gnutkommen iſt noch möglich, wenn Wir die Selegenheit bei'm Schopf erfaßen. Shelleg. Bis zu unſerer Ankunft in Goa fiel nichts Bemerkenswerthes vor. Ich hatte mich ange⸗ than mit weiten dunkeln Beinkleidern, einer purpurrothen Armelweſte, trug eine hohe ſchwarze Muͤze von Aſtrachaniſchem Lamms⸗ fell auf dem Kopfe, und hatte einen Cachemir⸗ ſhawl um den Leib gewunden, in dem eine kleine Krieſe ſteckte. Meine langen dunkeln Elfenlocken waren, mit Ausnahme einer ein⸗ zigen auf dem Scheitel, abgeſchoren, an die⸗ ſer ſollten die ſchwarz⸗ͤugigen Houri mich in das Paradies emporziehen. Ein Geroͤll von Betel, gehoͤrig zugerichtet, ſteckte in, oder vielmehr aus meinen Wangen hervor. Meine Zähne hatte ich mit dem glänzenden Roth der Schachfiguren gefaͤrbt; mein entbloͤſter Hals, nieine nakten Arme und Enkel waren gut eingeoͤlt und glänzend abgerieben. Das Schiffsvolk verſammelte ſich um mich her, wuͤnſchte mir Gluͤck, und erklaͤrte einſtimmig, ich muͤße ein Araber ſeyn, ich waͤre ganz be⸗ ſtimmt ein Araber, und trieb es ſo weit, mich zu fragen, wie mein Vater heiße, und welchem Stamme ich angehoͤre. Gegenuͤber der Spize des Cap Ramas legte ich bei, wartete die ganze Nacht auf die An⸗ kunft der Dau, fuhr dann unter dem Fort Aguada hin und ankerte im Hafen von Goa. Prachtvoll erhob ſich die Sonne, ſpiegelte ſchimmernd zuruͤck von Marmorkloͤſtern, zer⸗ truͤmmerten Saͤulengängen und Kollegien der alten Stadt, die ſich uͤber einen Raum hin⸗ dehnte, der erkennen ließ, ſie ſey einmal ein bluͤhender Ort geweſen. Der Bunder oder Hafendamm lag von den Wogen zerbroͤckelt, und im Hafen war nur ein buntſcheckiges Zuſammenſtoßen von kleinen Kuͤſtenſchiffen. Ich ſchickte den Rais mit den Schiffspapieren und mit dem Briefe an den Kaufmann an's Land. Abends ließ die alte Dau hinter un⸗ ſerm Stern ihr Anker fallen; und bei Ein⸗ bruch der Nacht war de Ruyter wieder bei mir. — W3 — Am folgenden Tage ging er in das Innere des Landes, um mit gewißen Agehten des Rajah von Myſore und einem Maratten⸗Fuͤr⸗ ſten ſich zu beſprechen; mich ließ er in Gva zuruͤck, um das Ubrige der Ladung, in Kaffee und Reis beſtehend, auszuſchiffen, Ballaſt ein⸗ zunehmen und unſere Waßertonnen zu fuͤllen. Als er nach Goa zuruͤckkam, ſah ich einen Grie⸗ chen und einen Portugieſen bei ihm, die er, wie ich glaube, als Kundſchafter gebrauchte. Sie pflegten ſtets zur Nachtzeit in den Truͤmmern eines Kloſters oder Kollegiums der alten Stadt nahe am Meere, ihre Zuſammenkünfte zu halten. Bei ſolchen Anläßen kam de Ruyter zu mir an Bord, um ſich durch ein Boot der Grabb an's Land rudern zu laßen. Ihre Beſprechungen dauerten von Mitternacht bis zwei Uhr Morgens. Die Ruderer waͤhlte de Ruyter ſelber unter dem Schiffsvolke aus. Nachdem wir Alles zum Auslaufen in Be⸗ rreitſchaft geſezt hatten, nahmen wir ſämmt⸗ liche Mannſchaft, und was ſonſt nuͤzlich ſeyn konnte, von der alten Dan ein, die hier ih⸗ ren Eigenthuͤmern zuruͤckgeſtellt wurde. Ich ließ mich durch meine Boͤte aus dem Hafen bugſiren, zog jeden Abend bei Sonnenunter⸗ gang die Boͤte auf's Verdeck, verkuͤrzte mein — 249 — Kabel, und lag bereit, jeden Augenblick unter Segel zu gehen. Am zehnten Tage nach un⸗ ſerm Einlaufen bemerkte ich eine Stunde nach Mitternacht an den Phosphorfunken, die auf der dunkeln Oberflaͤche des Waßers ſpruͤheten, daß ſich etwas mit ungewoͤhnlicher Geſchwin⸗ digkeit uns naͤhere. Lange ſchon war das An⸗ rufen und das entfernte Geräuſch im Hafen ſtill geworden; die hin und her flackernden Lichter am Ufer waren ſchon eine Zeitlang ausgelsſcht; aber grade da duͤnkte mich, ich bemerke einen Auflauf am Hafendamme. Ein leichter Landwind trieb mir den Schall zu, und nun vernahm ich ganz deutlich, daß Je⸗ mand ein Boot im Hafen anrief. Dieſer An⸗ ruf wärd lauter und immer lauter wiederholt. An der Hafenbucht erſchienen wieder Lichter, und ich hoͤrte das Geraͤuſch von Rudern, Vootſtangen und Barken, die ſich im Abſtoßen vom Hafendamme beruͤhrten. Weil das Ge⸗ raͤuſch immer lauter wurde, ſuchte mein Blick den Gegenſtand wieder, der meine Aufmerk⸗ ſamkeit zuerſt erregt hatte; wiewohl auf dem Waßer alles ſtill war, konnte ich immer doch das leuchtende Ringeln und die langen, bogen⸗ gleichen Lichtſtreifen in den Fluthen gewah⸗ ren, welche das Hinſchießen eines Bootes auf — W0 — bringt. An dem durch Umwickelung gedämpf⸗ ten Schalle der Ruder, und den langen, kraͤf⸗ tigen Schlaͤgen, welche de Ruyter den Ma⸗ troſen ſeines Lieblingsbootes eingeubt hatte, erkannte ich dieſes, und erſtaunte ſowohl daruͤber, daß es fruͤher, als zur gewohnten Stunde zuruͤckkehre, als auch uͤber die aus⸗ nehmende Geſchwindigkeit, mit der es heran⸗ kam. Im Hafen nahm der Laͤrmen immer noch zu. Eine Ahnung ergriff mich, als wäre nicht Alles ſo, wie es ſeyn ſolle. Mein Herz klopfte aͤngſtlich, ohne zu wißen, weshalb. Ich rief den Serang, der ſchon ſchlief, denn der Rais war mit in de Ruyter's Boot, be⸗ fahl ihm, die Leute zu wecken und trieb dieſe, in meiner Ungeduld, ſelber vom Lager auf. Ich befahl der noͤthigen Anzahl an die Spinde zu treten, das Jib⸗ und Vor Top⸗Segel fal⸗ len zu laßen, und die Vorder⸗ und Mittel⸗ Maſt⸗Hauptſegel los zu machen, dann kehrte ich zum Gangwege des Schiffes zuruͤck, und rief, da ich nunmehr unſer Boot ſah, dieſes an. Anſtatt der gewoͤhnlichen Erwiederung »Achar,« antwortete nur eine Stimme in leiſem, gedämpftem Tone: »Yup! Yupl« (ſtille! ſtille!) In Betreff dieſes Zeichens hatte ſtillem Meerwaßer in dieſem Klima hervor⸗ ich meine fruͤhern Weiſungen, lief nach dem Bug, ergriff die bereitliegende Art, befahl, die Jib aufzuhißen und das Schiff zu wen⸗ den, hieb das Kabeltau durch, und mit die⸗ ſem ein Stuck aus dem Schenkel eines dicht dabei ſtehenden Arabers. Nun kam de Ruyter ſchon herbei, und ſagte: »das war Recht, mein Junge, das Kabeltan zu kappen; aber kaltes Blut, den armen Burſchen haben Sie beſchädigt, ſchik⸗ ten Sie ihn hinab in die Kajuͤte. Alle Se⸗ gel beigeſezt, ſo raſch wie moglich. Ich will nach hinten gehen. Die Bluthunde haben die Witterung ausgefunden; ſie meinen uns ſchla⸗ fend zu finden, wie Rohrhuͤhner in den Jun⸗ gelnz ſie ſollen aber ein Pantherthier finden, das nie im Schlafe uͤberfallen wird!« Er ſprang nach dem Hintertheil. Langſam legten wir um, und waͤhrend ich fluchte uͤber der Grabb langen Kielbau und uͤber die Unkraft des Windes, der ſie ſo langſam dem Steuer gehorchen machte, legte de Ruyter mir die Hand auf die Schulter und ſagte: »Vewaff⸗ nen Sie die Mannſchaft! aber nur mit Spee⸗ ren. Erlauben Sie keinem Boote uns nahe zu kommen, oder nur den Verſuch dazu zu machen. Reden Sie anſtaͤndig mit ihnen, aber — ſobald ein Mann von ihnen die Hand an die Schiffsleiter legt, ſtoßen Sie ihm den Speer in den Leib, wie einem wilden Eber. Salpe⸗ ter haben wir nicht noͤthig, der macht Laͤrmen und hat uͤbeln Geruch. Harpunieren Sie die Kerle! aber nicht, bevor ich es ſage. Ich muß mich zuruͤckhalten und darf nicht geſehen werden. Wenn man Sie nach dem Kaufmann de Witt fraͤgt, ſo ſagen Sie, daß Sie den nicht kennen.« Zwei Boote naheten ſich jezt, das vordere rief uns an, mit: »Grabb, ahoy le Ich ant⸗ wortete. Man befahl mir beizulegen, weil ſie den Kapitain zu ſprechen wuͤnſchten. Ich befahl dem Serang, das Hauptſegel fallen zu laßen, und die Top⸗Gallant⸗Segel zu lo⸗ ſen, dabei erwiederte ich: »wir gehen in See. Ich habe meine Ausklarirung und die Schiffs⸗ papiere ſaͤmmtlich der Ordnung gemaͤß, auf den gehörigen Amtern unterſchreiben laßen. Ich kann dieſen friſchen Wind nicht verlieren. Was verlangen Sie?« »Beigelegt, augenblicklich, oder wir geben Feuer!« 3 »Es wird beßer ſeyn, das zu unterlaßen,« ſagte ich. Wir hatten noch nicht Segel genug beige⸗ — 253 — ſezt, um dem erſten Boote vorbeizukommen, welches dem Hafen⸗Kapitain gehoͤrte. De Ruy⸗ ter befahl der Mannſchaft, ſich auf dem Verdecke niederzulegen. Er ſelber ſtand am Steuer. Eben rief er mir zu, hinter Schuz zu bleiben, als mit einem Aufblizen aus dem Boote mir eine Kugel am Kopfe vorbeiſchwirrte und in den Maſt fuhr. De Ruyters Befehl gehorchend, gab ich ſie nicht zuruͤck, ſo ſehr das auch ge⸗ gen meine Neigung war. Gleich darauf, als das Boot heranſchoß, um am Gangwege unſern Bord zu beſteigen, drehete de Ruyter das Schiff ab, ſo daß jenes auf unſere Lee⸗ Seite kam. Hier war es ihm nicht moglich, an unſern Bord zu gerathen; es verlor einige Zeit im Zuruͤckweichen, ehe es ſeine Ruder wieder gebrauchen konnte. Der Wind friſchte iezt ein wenig auf, und ſo hielten wir ſie eine Zeitlang von uns entfernt, waͤhrend wel⸗ cher nicht ein Wort geſprochen wurde. De Ruyter blieb am Steuer, und ich ſtand mit einer Anzahl der Mannſchaft, ſaͤmmtlich mit Speeren bewaffnet, in Bereitſchaft, ihnen das Entern zu wehren. Auch das zweite Bvot nahte jezt; beide hatten ſchon viele Musketen⸗ ſchuͤße auf uns abgefeuert, wir aber, geſchuͤzt hinter den Seitenwänden, die hochaufragten, — 254 — blieben unberuͤhrt. Das erſte Boot hatte in⸗ zwiſchen die Leiter erreicht, und die Leute ſtiegen ganz kalthluͤtig zu unſerm Bord herauf. Da ſagte de Ruyter: »Chielo, chaol« (drauf, Burſche!) wir ſtießen unſere Speere durch die Seitenluken und drei oder viere von ih⸗ nen mit dem Anfuͤhrer, fielen geſpießt unter ſchmerzlichem Geheul in ihr Boot zuruͤck. Wie⸗ wohl ihr Offizier befahl, das Boot feſt am Schiff zu halten, wollten ſie nicht gehorchen; weil aber nun auch das zweite Boot unter unſerm Stern herankam, ließ ich eine der hin⸗ tern Kanonen losmachen und die Muͤndung durch die Sternluke hervorlaufen; dann rief ich beide Boͤte an und ſagte: »wenn Ihr noch einen Ruderſchlag in unſerer Richtung thut, oder das Feuerwerk da unter unſerm Stern abbrennt, ſo ſollt Ihr das Bruͤllen dieſer metallnen Schlange vernehmen. Befehlt wo Ihr die Macht beſizt, Euch Gehorſam zu erzwingen; hier koͤnnt Ihr nichts aus⸗ richten.« Ich blies die baumwollene Lunte anz; ſie ſa⸗ hen die blanke Muͤndung der Kanone, zu der Waßerlinie ihres Boots herabgeſenkt, ſo daß ich ſie in Stuͤcke zerſchmettern konnte. Sie zogen ihre Rnder ein; ihre Fluͤche und Dro⸗ hungen, gemiſcht unter das Rauſchen des Wellenſchlages, erſtarben, waͤhrend wir un⸗ ter Beiſezung aller Segel majeſtaͤtiſch uns vom Hafen entfernten und zuſahen, wie ſie von ihrem fruchtloſen Auslaufen zu dem Lande zuruͤckkehrten. ——— — 26 — Acht und zwanzigſtes Kapitel. Der leichte Kahn Des federſchmucken Indiers ſchießt daher, Wie durch die dünnſte Luft. Keats. Nachdem de Ruyter die Land⸗Merkzeichen aufgenommen, klopfte er mir auf die Schul⸗ ter und ſagte: »wer unter dem Panier des Schweigens kaͤmpft, traͤgt den Sieg davon, waͤhrend Toben und Drohen nur in Nieder⸗ lage endet. Die Gewalt der Luft oder des Feuers iſt unwiderſtehlich, wenn dieſe zuſam⸗ mengepreßt und eingeſchloßen ſind. Weiber, Schwaͤchlinge und Knaben, ehe ſie gelernt haben zu beißen, poltern und drohen. Ein ſchweigender Mann mit gezogenem Schwerdte iſt furchtbar, weil er entſtloßen iſt. Sobalb ein Mann prahlt oder drohet, iſt er entweder bange oder in ſeinem Vorſaze ſchwankendz ſo habe ich es jederzeit gefunden. Nun, Sie ha⸗ ben einen guten Anfang gemacht; wahrhaf⸗ tig, Ihre Schlauheit uͤbertrift die des Alteſten und Erfahrenſten. Was brachte Sie dazu, ſo vorbereitet wachſam zu ſeyn, daß Sie unter Segel gehen konnten, bevor ich Sie noch an⸗ gerufen hatte? Ich glaubte ſchon, daß die Nachteulen vom Lande mir zuvorgekommen, und bereits zur Seite des Schiffes wären.« Nun ſagte ich ihm die Gruͤnde, die mich vermogt hatten, zu glauben, daß nicht Alles in gutem Gleiſe wäre. »Gut, fuhr er dann fort, »ich ſezte großes Vertrauen in Sie, und verſprach mir Vieles von Ihnen, wenn Ihr Urtheil durch Erfah⸗ rung vervollkommt ſeyn wuͤrde. Aber bei ei⸗ nigen Naturen wirkt die Belehrung ſchnel⸗ ler Auffaßung inſtinktmäßig, — es iſt wirk⸗ lich ſonderbar. Aber nun geht, Burſche, Ihr habt harte Arbeit gehabt, und wenn wir uns uͤbermäßig angeſtrengt haben, beduͤrfen wir der Ruhe. Geht ſchlafen; dieſe Nacht will ich Wache halten.« Als ich halb eingeſchlafen mit dem Kopfe auf der Kajuͤt⸗Luke lag, ſchuͤttelte er mich und ſagte: »Der Nachtthau bei Landwinden iſt in dieſem Himmelsſtriche ſo giftig wie Schlan⸗ I. 17 258 — genbiß; er iſt geſchwängert mit den Ausduͤn⸗ ſtungen der Jungeln. Gute Nacht.« Troz meiner Einwendungen, das Verdeck nicht verlaßen zu wollen, wobei ich uͤber die Hize in der Kajuͤte klagte und vorſtellte, daß wir immer noch verfolgt werden moͤgten, be⸗ ſtand er darauf, ich ſolle hinabgehen. »Beſorgen Sie nichts,« ſagte er, vehe noch der Tag anbricht, kann uns kein Adlerange mehr entdecken, und horſtete er auch auf dem hoͤchſten Felsgipfel. Gute Nacht.« Die Veraͤnderung der Atmosphäre, die eine Stunde vor Tagesanbruch eintritt, weckte mich. Ich ſtolperte die Treppe zum Verdeck hinauf, und ward erſt vollig wach, als ich mir das Schienbein gegen einen Geſchuͤzbol⸗ zen zerſtieß. De Ruyter ſtand auf einer Laf⸗ fette und blickte uͤber den Stern hinaus durch einen Nachtteleskop; der Mond ſpiegelte ſich auf ſeinem Geſichte ab; er ſah leichenblaß aus vom Wachen, und ſein Haar ſo wie ſein Schnauzbart trieften vom Thau. Ich begrußte ihn, bat ihn ſich niederzulegen und entſchul⸗ digte mich meines langen Schlafens wegen. „Ich wundere mich nur,« antwortete er, »daß Sie ſchon ſo fruͤh wieder auf ſind; aber jugendliche und gluͤckliche Menſchen ruhen, wenn uns die Sonne ihr Licht entzieht, und erwachen wieder, ſobald ſie hinter ihrem Vor⸗ hange heraustritt. In meinem Alter werden Sie dem Monde Geſellſchaft leiſten, und die ſchattige Stille der Nacht dem blendenden Tage vorziehen, der das Vorſpiel nie enden⸗ der und nie nuzbarer Muͤhſeligkeit iſt.« Wir ſegelten mit allen Kraͤften in ſuͤdweſt⸗ licher Richtung. Die Schiffswachen ſchliefen in Abtheilungen unter dem Schirme der Halb⸗ verdecke. So wie der Tag anbrach, uͤberblickte de Ruyter ſorgfältig den Horizont; befahl die Wachen aufzurufen, damit ſie den täg⸗ lichen Schiffsdienſt verrichteten, der am Bord nie endet; er uͤberzeugte ſich dann davon, daß alle Segel, die im Geſichte waren, Kuͤ⸗ ſten ſchiffe ſeyen. Unſere Entfernung vom Ha⸗ fen und vom Lande war ſo, daß alle unter⸗ ſcheidbaren Punkte in eine unklare Maße zu⸗ ſammenliefen, ihr dunkler Umriß ward von ſchwebenden Morgenwolken unterbrochen und in durchſichtige Duͤnſte gehuͤllt. Nun entfern⸗ ten wir uns vom Lande; de Ruyter ging hinab in die Kajuͤte, bezeichnete den Schiffs⸗ lauf waͤhrend der Nacht auf der Karte, gab mir Weiſungen, wie ich ſteuern und wann ich ihn rufen ſollte, huͤllte ſich in ſeinen Man⸗ — 260 — tel und ſchlief. Ich ſtraffte die Segel, wie er vorgeſchrieben hatte, hielt eine ſüdoͤſtliche Richtung, um die ſuͤdlichſte der Lakadiven⸗ Inſeln zu erreichen. Als wir in die Breite dieſer Inſeln kamen, wurden wir viele Tage lang von Windſtille befallen. Mein Geiſt war damals zu feder⸗ kraͤftig, um durch Ermuͤdung niedergedruͤckt zu werden. Ich liebte das Meer in allen ſei⸗ nen Launen. Den Tag uͤber beſchaͤftigte mich der Schiffsdienſt, und obgleich die Grabb ſo wenig von der Stelle kam, daß es ſchien, ſie haͤtte hier Wurzel gefaßt, verging die Zeit mir doch im Schwalbenflug. Zum erſtenmale waren meine Pflichten und meine Neigungen miteinander verſchmolzen, und von einem ſchlaͤfrigen Knaben ward ich ploͤzlich, wie durch Zauberſchlag, zu dem thaͤtigſten und Fraftvollſten Manne umgebildet. De Ruyter wuͤnſchte ſeinem Schiffe ein mehr krieggemaͤßes Anſehen zu geben. Wir hißten vier mit Gruͤnſpan überzogene metallne Neunpfuͤnder herauf, die unter dem Ballaſt im Kielraume verſteckt gelegen, und prozten ſie auf. Wir machten und ordneten Schieß⸗ lnken auf dem Verdeck, bereiteten Karthau⸗ nen, und ſezten zwei Ofen in den Stand, — — 261 — um gluͤhende Kugeln zu fertigen. Unſer Ma⸗ gazin ward in Ordnung gebracht, Raketen und blaue Lichter wurden zubereitet, die Zwi⸗ ſchendecke wurde gereinigt und geweißt, die Mannſchaft wurde gemuſtert und abgetheilt, in den Waffen geuͤbt, ſowohl im Bedienen des Geſchuͤzes, als im Gebrauch des Klein⸗ gewehrs unterwieſen, und unter des Rais Anleitung erlernte ich den Speer und die Krieſe zu fuͤhren. Wir hatten vierzehn Europaͤer am Bord, ſie waren groͤßtentheils von der Dau zu uns heruͤber gekommen; unter ihnen waren Schwe⸗ den, Hollaͤnder, Portugieſen und Franzoſen. Ebenſo zählten wir einige Amerikaner, mit Probemaͤnnern faſt aller ſeefahrenden Einge⸗ bornen Indiens: Araber, Muſelmaͤnner, De⸗ kaneſen, Kulies und Lascars. Unſer Proviant⸗ und Zahlmeiſter war ein Franzoͤſiſcher Kreole, der Kajuͤtenjunge ein Englaͤnder, der Ruͤſt⸗ meiſter und der Waffenſchmidt waren Deut⸗ ſche. De Ruyhter achtete es ganz gleichguͤltig, wo ſeine Leute geboren waren, oder welcher Kaſte ſie angehoͤren moͤgten; er ſchaͤzte ſie nur nach ihrem Werthe. Ich erſtaunte daruͤber, daß ſo ungleiche und gar nicht uͤbereinſtim⸗ mende Einzelweſen zuſammengemiſcht lebten, — 262 — ohne vielen Streit; aber die vollendete Kunſt ſeiner Meiſterhand, ſein kaltbluͤtiges, geſam⸗ meltes Weſen ordnete Alles; ehe noch ein Murren gehoͤrt wurde, kam erjeglicher Klage durch zeitige Abhuͤlfe zuvor. Er ſelber war der Thaͤtigſte und Unermuͤdetſte bei allen An⸗ ſtrengungen, der Erſte in der Gefahr, und Alles, was er that, geſchah ſchneller und beßer, als irgend ein Anderer es haͤtte machen koͤnnen. Kurz, er wuͤrde unter jeglichem Hau⸗ fen von Abentheurern in jeder denkbaren Lage der Gefahr oder der Wagniß, einſtimmig zum Anführer erwaͤhlt worden ſeyn. Die allerun⸗ erwartetſte Noth, die auch den Kuͤhnſten er⸗ ſtarrte, und Alle mit hoffnungsloſer Verzweif⸗ lung erfuͤllen mogte, traf ihn vorbereitet, nicht ſich ihr zu unterwerfen, ſondern ihr eine der Dringlichkeit angemeßene Thatkraft entgegenzuſezen. Dies muß indeßen aus ſeinen Handlungen bewieſen werden, und ich fahre mit unſerer Reiſe fort. Am vierten Tage ging ein Wechſel in der bisherigen ſteten Gleichfoͤrmigkeit des blauen Himmels und blauen Meeres vor. Wolken⸗ maßen begannen ſich am Horizonte zu bewe⸗ gen, bis ſie einander erreichten und den Him⸗ mel duͤſterten. Wir zogen unſere leichten Se⸗ — 263 — gel ein, und verkuͤrzten unſere Topſegel durch doppeltes Einreefen. Die ſogenannten Kazenpfoten oder leichten Wirbel kraͤuſelten auf der Fluth daher aus allen Richtungen des Kompaß, bleiches Blizleuchten und leiſer Donner begleiteten ſie. Nun goß der Regen in Stroͤmen herab, und das Auftreiben der See von wirbelnden Windſtoͤßen in kleine Wogen, die ſich einander bekaͤmpften, hoͤrte auf, der Wellenſchlag nahm nun eine Rich⸗ tung, und ein feſter Wind wehete, ſtatt des heftigen Sturmes, den wir erwartet hatten. Die ſchwarzen Wolken loͤſeten ſich in Regen auf, und ein anhaltender Nordoſtwind brachte uns am folgenden Morgen zum Angeſichte der Lakadiven⸗Inſeln. Die Canves der Eingebornen erregten hier meine Verwunderung. Die Europäer geben ihnen wegen der ſtaunenswuͤrdigen Schnel⸗ ligkeit, mit welcher ſie ſegeln, den Namen: „fliegende Nachen.« Einer von ihnen ſchoß an unſerer Leeſeite hinab, waͤhrend wir unter feſtem Winde mit unſern aufgezo⸗ genen Topgallantſegeln in der Geſchwindig⸗ keit von eilf Knoten in der Stunde fuhren, kam dann an unſerer Windſeite wieder her⸗ auf zu uns, ſtand um zwei Striche dichter „ in den Wind, und flog uns gleichwohl vor⸗ bei, als ruͤhrten wir uns gar nicht. Das Meer brach ſich in kurzen Sturzwellen; und zwei oder drei dieſer Inſelbewohner, die auf des Fahrzeuges Ausliegern ſtanden, hatten das Anſehen, als floͤgen ſie auf dem Waßer hin. Der Nachen ſchoß nicht uͤber, ſondern durch das Meer hin, und war zuweilen ganz vom aufſprizenden Schaume eingehuͤllt, ſo daß er einem gebrochenen Waßerſtrahle glich. De Ruyter entwarf die Zeichnung eines ſol⸗ chen Bootes und beſchrieb es mir naͤher. »Dieſes ungelehrte Volk,« ſagte er, »hat im Bau ſeiner Fahrzeuge den Triumph und die Vollendung der Schiffsbaukunſt erreicht, in welcher wir, mit aller unſerer Gelehrſam⸗ keit, Forſchung und Aufmunterung, noch nicht uͤber das ABC hinausgekommen ſind, in ſo fern Schnelligkeit, Gewandheit im Uim⸗ legen auf andere Richtung, das Verhuͤten des Abtreibens vor dem Winde und vor allem Ver⸗ einfachung der Arbeit, in Betracht gezogen werden. Alles das haben dieſe Inſulaner ge⸗ than; folglich iſt der Ban ihrer Proen in jeg⸗ lichem Einzeltheile ganz das Entgegengeſezte von unſern Begriffen in der Schiffsbaukunſt. Wir bauen den Schnabel und Stern eines — 265 — Schiffes ſo unaͤhnlich, als moͤglich; ſie geben beiden genau dieſelbe Geſtaltung und gleiche Verhaͤltniße. Wiederum ſind die Seiten unſe⸗ rer Schiffe einander auf das genaueſte gleich; dagegen bemerken Sie die Seitenwaͤnde der Proa durchaus verſchieden. Dieſe Proa legt niemals um, ſondern ſegelt, wie es unter Umſtaͤnde dienlich ſeyn mag, mit jeglichen ihrer Schiffenden nach vorn gekehrt; dagegen iſt aber ſtets die naͤmliche Seite an den Wind gelegt. Die linke oder Leeſeite iſt ſo flach, als eine dicke Linie nur ſeyn kann; folglich muͤßte, weil die Wetterſeite geruͤndet iſt, und wegen der Laͤnge des ſehr ſchmalen Balkens, der Nachen umſchlagen; um dies aber zu ver⸗ hindern, wird an der Leeſeite ein Auslieger von Bambus angebracht, der weit in das Waßer hinausreicht, und an deßen Ende ein ſchwerer Block von Kokosholz befeſtigt iſt, der die Geſtalt eines unausgehoͤlten hat. Dieſer verſchafft dem Fahrzeuge eine un⸗ endlich kuͤnſttiche Balkenfeſtigkeit, ohne doch den Wogen großen Widerſtand entgegen z ſezen. Zwiſchen dieſem Auslieger und der ſla⸗ chen Seitenwand des Nachen fluthet das Waßer ungehindert durch, und iſt die Ur⸗ ſache ſowohl der außerordentlichen Geſchwin⸗ — 266 — digkeit, als des Umſtandes, daß es gar nicht vor dem Winde abtreibt. Die Proa ſelber oder der eigentliche Korper des Fahrzeuges beſteht nur aus einigen zuſammengefugten Planken, deren Rizen mit Baſtwerg ausge⸗ fuͤllt ſind. Zum ganzen Fahrzeuge iſt kein Na⸗ gel, noch das kleinſte Stuͤck Metall verwandt. Das Segel iſt aus Matten gefertigt, der Maſt und die Rahen ſind von Bambus. Wenn ſie umlegen wollen, ſo treiben ſie ab und bringen, was alsdann der Stern, iſt an den Wind, bewegen die Ferſe des dreieckigen Se⸗ gels, bis ſie dieſe am gegenuͤber befindlichen Ende befeſtigen koͤnnen, und wechſeln zugleich die Queerſtange nach der andern Seite uͤber; ſo daß, was bisher Stern war, nun Schna⸗ bel iſt; auf jedem der beiden aͤußerſten Schiffs⸗ enden ſteht immer ein Mann zum Steuern be⸗ reit. Man mag von ihnen ſagen, daß ſie mit em Winde in gleicher Schnelligkeit bleiben. Kein Europäiſches Schiff konnte es je mit ihnen aufnehmen, wie auch das Wetter ſeyn mogte. Sie ſind trefflich zu der Beſchiffung von Inſeln geeignet, die in den Breiten der Paßatwinde liegen, weil ſie bei dem näm⸗ lichen Winde von einer zur andern mit dem unirrenden Fluge eines Kranich uͤberfahren; — 267 — waͤhrend wir in unſern Schiffen, wenn wir durch Abtreiben vor dem Winde den Gegen⸗ ſtand verfehlen, auf den wir zuſteuerten, die groͤßten Schwierigkeiten erfahren, und viele Zeit durch Umlegen und Kreuzen verlieren. Wahr iſt es, daß ſie wenig Laſt einnehmen koͤnnen, und nur allein zu dem einfachen Tanſchhandel geeignet ſind, der uͤberflußige Erzeugniße gegen dringende Bedürfniße um⸗ fezt. Das gewoͤhnliche Indiſche Canoe wuͤrde ihrem Zwecke nicht entſprechen; entweder wuͤrde es bei ploͤzlichen Windſtoͤßen in den Grund ſinken, oder leewaͤrts vom beabſich⸗ tigten Hafen abtreiben. Durch ihre ſinnreiche Erfindung einer ſolchen Abanderung und Hin⸗ zufuͤgung haben ſie die wichtigen Erfolge er⸗ langt, die ich Ihnen ausdeutete.« — 268 — Neun und zwanzigſtes Kapitel. Zuerſt erſcholl ein allgemein Gebrüll, Lauter als Meer's Geheul, und als Gekrach Von Donners Widerhall; dann Alles ſtill Nur nicht der Sturm und ruheloſer Schlag Der Wogen; und dann wieder ein Geſchrill, Durch welches hinkreiſcht ein verhallend Ach, Vereinzelt, ausgeheult, als wenn es ſchrie Ein Schwimmer in des Todes Agonie. „ Byron. Als wir uns einer dieſer Inſeln näherten, ging ich an's Land, um die Eingebornen zu ſehen, und Fruchte zu erhalten. Während der Nacht legte ſich der Wind wieder. Vei Tagesanbruch gewahrten wir zwei oder drei rechtwinkelig getakelte Schiffe, die etwa zwei Seemeilen in weſtlicher Entfernung von der Windſtille befallen waren. In einem Boote mit zehn gut bewaffneten Leuten fuhr ich an den Bord des einen, der Rais, in gewaltiger Angſt, erzaͤhlte mir, er ſey auf der Hoͤhe des Per⸗ ſiſchen Golphes von einer großen Malayi⸗ — — 269 — ſchen Brigg voller Mannſchaft angehalten. Dieſe hatte nicht nur ſein Schiff und zwei andere, die mit ihm ſegelten, ausgepluͤndert, ſondern auch von ſeiner Mannſchaft mehre unter ſcheußlichen Grauſamkeiten getoͤdtet. Er ſezte hinzu, dieſer Malaye habe längere Zeit im Einlauf zum Golphe gekreuzt, und eine große Anzahl von Schiffen ausgeraubt. Ich brachte den Kapitain und einige von ſeiner Mannſchaft an den Vord der Grabb. Rachdem de Ruyter ſich uͤberzengt hatte, daß des Mannes Erzählung mit allen Nebenum⸗ ſtaͤnden der Wahrheit gemaͤß ſey, beſchloß er ſogleich, die Malayen aufzuſuchen. Die Per⸗ ſer erzahlten ihm, jenes Raubſchiff ſey vol⸗ ler Gold, und deßen Ladung ſo reich, daß mehre Ballen Perſiſcher Seidenwaaren von den Raͤubern in's Meer geworfen wären, weil es ihnen an Raum gebrach, ſie auf — Schiffe unterzubringen. . Gegen Abend ſprang ein leichter Wind auf, und wir machten einen langen Strich gegen Nordweſten, in der Vorausſezung, den Malahen anzutreffen, bevor er die Straße von Molakka erreiche. Wir ſegelten trefflich an den folgenden Tagen, waren ſehr auf⸗ merkend, und hielten täglich Boote⸗ und Kuͤſtenſchiffe an, in der Hoffnung, von dem Seeraͤuber Kunde zu erlangen. Tag und Nacht waren wir wachſam, ſtuͤndlich wurde unſere Erwartung durch vorbeiſegelnde Schiffe ge⸗ ſpannt, von denen jeder bei jeglichem ſchwor, es ſey der Malaye, den wir ſuchten, und wir hatten dann den Verdruß, unſere Hoff⸗ nungen oder vielmehr uns von dieſen, ge⸗ taͤnſcht zu finden. Jezt war de Ruyter's Geduld erſchoͤpft. Er hatte wichtige Depeſchen nach Jsle de France zu bringen, und wollte keinen laͤngeren Auf⸗ enthalt zugeben. Ungern aͤnderten wir alſo unſern Lauf wieder gegen Suͤden, und nach⸗ dem wir zwanzig oder dreißig Seemeilen in dieſer Richtung geſegelt ſeyn mogten, rief der Mann oben im Maſte bei Tägesanbruch, als der Horizont ſich ungemein klar zeigte, bevor die Sonne in ihren Dunſtmantel gehuͤllt hervorkam: »Ein großes Segel leewärts!« In der Beſorgniß, es moͤge ein Kriegsſchiff ſeyn, nahm ich mein Teleskop und erſtieg den Maſt; hier ſtrengte ich meine Augen an, um zu erkennen, was es fuͤr ein Schiff ſey, da rief de Ruyter mich an mit: »nun, was iſt's 26 Zuverſichtlich erwiederte ich: »der Malayhele »Welcher Richtung folgt er?« »Sein Lauf iſt noͤrdlich, er hat uns noch nicht bemerkt.« Nun gab ich eine geſchreibung des Schif⸗ fes und de Ruyter ſagte: »ſehr moͤglich, daß Sie richtig ſehen.« Ich ſtieg nun wieder hinab auf's Verdeck. Der Horizont bezog ſich mit dichten Nebelwol⸗ ken, und weil jener verſäumt hatte, ſeinen Spaͤher auf dem Maſt zu halten, hofften wir, ihm nun um vieles naͤher zu kommen, bevor er uns gewahre. Wir fuhren unter allen Segeln, die wir nur aufziehen konnten, auf ihn ein. Die Beiſazſegel wurden mittelſt einer dazu angefertigten Maſchine angefeuch⸗ tet, damit ſie den leichten Wind beßer auffin⸗ gen; um acht Uhr bemerkte uns der Andere und legte um. Wir waren ihm um ein Be⸗ traͤchtliches näher gekommen, wir konnten von unſerm Verdeck die Kopfenden ſeiner untern Rahen gewahren, und de Ruyter ſagte: »wenn dieſer Wind bis Mittag an⸗ hält, kann er uns nicht entkommen.« Unter unſerm Schiffsvolke herrſchte Jubel und thätige Freude, in Erwartung der Beu⸗ te. Wir pumpten das Waßer aus, erleich⸗ terten das Schiff durch Auswerfen einiger — 272 — Tonnen Ballaſt, ordneten die eiſernen Ku⸗ geln, räumten das Verdeck zur Schlacht, ſez⸗ ten Waffen und Boͤte in Bereitſchaft, um ſie zum augenblicklichen Gebrauche auszuſe⸗ zen, beobachteten und bemerkten im Voraus alle Bewegungen des Feindes, auf den wir lauerten wie der Falk auf den Brachvogel. Um Mittag friſchte der Wind auf und wir kamen ihn ſchnell naͤher, gleichwohl war es ſchon ſechs Uhr p. M., ehe wir in die Schuß⸗ weite groben Geſchuͤzes kamen. Wir feuerten aus den Bugluken. Eine Zeitlang gab er keine Acht darauf. Wir hatten eine dreifarbige Fran⸗ zoͤſiſche Flagge aufgezogen, denn de Ruyter hatte wirklich einen foͤrmlichen Franzoͤſiſchen Kaperbrief, den er mir jezt zum Durchleſen reichte, weil ich der Einzige unter den Offi⸗ zieren war, der dieſe Thatſache nicht kannte. Weil unſere Kugeln nun uͤber den Malayen hinfuhren und ſeinen Bord trafen, zog er ſein Top⸗Gallant⸗Segel ein; wir liefen unter ſeine Lee⸗Seite, verkuͤrzten unſer Segel und beweg⸗ ten das Topſegel zuruͤck. Ein Malaye an unſerm Bord mußte das Schiff anrufen. Ein Schwarm von Schiffs⸗ volk zeigte ſich auf dem Verdecke. Wir gaben den Befehl, ein Boot mit den Schiffspapie⸗ — 273 — ren an unſern Bord zu ſchicken, und als de Ruyter ſah, daß der Malaye nicht gehorchte, fenerte er noch eine Kugel uͤber das Schiff hin. Dieſe erwiederte er durch eine Lage aus vier Karonaden, verſchiedenen Drehbaßen und zwanzig oder dreißig Lunten⸗Musketen; Stuͤcke altes Eiſen, Glas und Nägel, mit denen ſie geladen waren, flogen in unſer Takelwerk und verwundeten uns drei Mann. »Verdammt ſey ihre Unverſchaͤmtheit,« rief de Ruyterz »ſie ſollen genug dafuͤr bekommen!le Run eroͤffneten wir ein ſo gut unterhalte⸗ nes, niedriges und wohlgerichtetes Feuer, gaben unſere volle Lagen auf des Andern Stern und Hinterdeck, daß de Rupter nach zehn Minuten mit Feuern einzuhalten befahl, weil wir nicht nur ſein Geſchuͤz zum Schwei⸗ gen gebracht, ſondern die Mannſchaft vom Verdeck getrieben, ſein Takelwerk zerrißen und ſein Steuer abgeſchoßen hatten. Nun lie⸗ ßen wir unſere Boͤte ausſezen, und mit drei⸗ Pig Mann in drei Boͤten fuhr ich ab, um an Bord zu gehen; de Ruyter warnte mich, vor ihrer Liſt und Verraͤtherei auf meiner Huth zu ſeyn. 1 4 Lachend ſagte er: »Sie muͤßen einer Kolo⸗ nie angehoͤren, die von den alten Griechen 1. 18 — — 24 — angelegt iſt, denn Sie ſind vollig wie mein moderner Griechiſcher Freund in Gog.« Vorſichtig ruderten wir hihan. Nicht das mindeſte Hinderniß ward uns entgegengeſezt. Wirklich ſah man kein Zeichen davon, daß etwas am Bord lebe. Ich befahl dem Rais, der das eine Boot befehligte, mit ſeinen Ara⸗ bern vom Bug aus hinanzuſteigen, waͤhrend ich mit einer Abtheilung, die groͤßtentheils aus Europaͤern — und wackere Geſellen wa⸗ ren dieſe — beſtand, das buntgezierte Hin⸗ terdeck und den Bambus⸗ Stern hinankletterte. An den Bord gekommen, ſahen wir viele Todte und Verwundete auf dem Verdecke, aber ſonſt nichts. Das Schiff war nur etwa zu zwei Drittheilen mit Verdeck uͤberkleidet, hatte einen offenen Raum, der mit Bambus⸗Latten belegt und mit Matten überzogen war. Se⸗ gel und Rahen hingen in Verwirrung umher. Jezt waren wir ſaͤmmtlich auf dem Verdecke, und eine Abtheilung unſerer Leute war im Begriffe, in das Zwiſchendeck hinabzuſteigen. Ploͤzlich ward ich von einem wilden, gellen⸗ den Kriegsgeſchrei erſchreckt, als ich eben de Ruyter's Fragen erwiederte, und im Vor⸗ ſpringen ſah ich eine Menge Speere von un⸗ ten hervordringen, die, durch die Mattendecke ſtoßend, manchen unſerer Leute verwundeten. Mich ſezte dieſe neue Art des Kriegfuͤhrens gewiß eben ſo ſehr in Erſtaunen, als der wandelnde Wald von Dunſinane den Mac⸗ beth. Als ich auf dem feſten Theile des Ver⸗ deckes hinlief, wurden mehre Speerſtoͤße auf mich gerichtet, denen ich mit Muͤhe entging. Mehre meiner Leute waren zuruͤckgewichen; ich befahl, durch das offene Gitterwerk hin⸗ abzufeuern. Die meiſten der Araber des Rais, die nicht verwundet waren, hatten das Boot wieder zu erreichen geſucht, indem ſie uͤber Bord ſprangen. Ich rief de Ruyter an, und berichtete ihm, wie bie Sachen ſtanden. Er wuͤnſchte, ich ſolle ein Zugſeil, das er mir ſchicken wolle, in den Ringbolzen des vordern Queerbalkens befeſti⸗ gen, daßelbe dann am Bugſpriet feſtbinden und ſodann ſollten wir ſaͤmmtlich auf die Grabb zuruͤckkommen; er war ſehr fuͤr das Leben ſei⸗ ner Leute beſorgt und wußte, daß dieſe Raͤu⸗ ber, wenn ſie einmal den Entſchluß faßten, ſich nicht ergeben zu wollen, ſtandhaft dabei beharren. Ich ſagte ihm, wenn er Handgra⸗ naten oder Feuerkugeln habe, ſo wolle ich ſie herausſchwefeln. Wiewohl wir ſchon große Niederlage unter ihnen angerichtet hatten, — 276 — verlangte mich und mit mir allen Europaͤern ſehr, auf jede Gefahr hinabzudringen; aber unſre Indiſche Mannſchaft widerſezte ſich dem; ſieben oder achte von uns konnten ſchwerlich et⸗ was ausrichten, weil wir unſere Feinde in der Dunkelheit nicht erblicken konnten, waͤh⸗ rend ſie in ihren Schlupfwinkeln voͤllig geſi⸗ chert uns mit Speeren durchſtoßen mogten. Die Mannſchaft war beſchaͤftigt, unſere Verwundeten in das Boot hinabzulaßen. Ein Schwediſcher Burſche, den ich als trefflicher Matroſe liebte, war mit einem Speerſtoße durch den Fuß verwundet und litt unſaͤgli⸗ chen Schmerz. Als ich hinzueilte, um zu ſe⸗ hen, daß er in das Boot gelegt wuͤrde, ſchritt ich uͤber einen ſterbenden Malayen hin, der durch den Leib geſchoßen war, bevor wir noch enterten. Schon vorher hatte ich im Vorbei⸗ gehen einen Blick auf ſein eigenthuͤmlich grim⸗ miges Ausſehen und auf den boshaften Aus⸗ druck ſeines breiten, viehiſch dummen Geſich⸗ tes geworfen. Sein dickes ſchwarzes ſtruppiges Haar war vom Blute verklebt, das aus einer Kopfwunde drang, welche er dem Anſchein nach durch einen Splitter bekommen hatte. So wie ich jezt uͤber ihn hinſchritt, machte mich ſein Ange einhalten, das mit ſtarrem — N — Augliede umgeben und tief unter ſeine hoch herausſtehenden Backenknochen geſenkt lag, wo die eingefallene Pupille immer noch funkelte, wie ein Gluͤhwurm in einem dunkeln Gewoͤlbe. Mein Fuß glitt im Blutſtreifen aus, und ich fiel uͤber ihn hin; als ich mich aufraffte, er⸗ faßte er mich mit ſeiner breiten Hand und machte eine furchtbare Anſtrengung, um in die Hoͤhe zu kommen; ſeine Beine waren aber ſchon ſteif geworden. Aus ſeinem Buſen zog er eine kleine Krieſe hervor, und ſuchte dieſe mit ſeiner lezten Anſtrengung mir in's Herz zu ſtoßen. Die Leidenſchaft der Rache uͤber⸗ lebte ſeine phyſiſche Kraftz die ſcharfe Schneide rizte mich leicht, er aber fiel, von der An⸗ ſtrengung erſchoͤpft, leblos zu Boden, und riß mich mit nieder, denn ſeine Hand hielt mich feſt geklammert wie eine Schraube. Nur da⸗ durch vermogte ich mich loszumachen, daß ich den Arm aus meiner Weſte zog und dieſe in ſeiner Todtenhand zuruͤckließ. »Maͤnner wie dieſe,« rief ich aus, »werden ſogar im Tode nicht uͤberwunden! Ihr Geiſt kaͤmpft gegen uns und erdolcht uns !⸗ Dringend befahl de Ruhter jezt unſere un⸗ geſäͤumte Ruͤckkehr, denn die Nacht brach an und die Malayen hatten von unten herauf — 278 — ein Feuer mit ihren Luntengewehren gegen uns angehoben. Voller Wuth und Verdruß kehrte ich zuruͤck. Wir hatten nun im Ganzen acht Verwun⸗ dete. Als ich zu der Grabb kam, ſagte de Ruhter: »Es iſt nichts zu thun; wir muͤſ⸗ ſen verſuchen, das Schiff im Schlepptau ge⸗ gen die Kuͤſte zu ziehen; wenn die Malayen ſich unfern des Geſtades befinden, werden ſie vielleicht verſuchen, ſich durch Schwimmen zu retten.« Waͤhrend wir unſere Segel voll machten und das Schiff mit fortzogen, ſtand eine Abtheilung unſerer Leute im Stern, und gab Feuer auf jeglichen Gegenſtand, der ſich am Bord deßelben bewegte. Wir fanden es ſehr ſchwierig, das Fahrzeug fortzuſchleppen, denn weil es nicht geſtenert ward, ſo ſchoß es hin und her, und in minder als einer Stunde war es den Malayen gelungen, unſer Schlepptau zu kappen. Unter dem Schuze unſers Mus⸗ ketenfeuers befeſtigten wir ein zweites, und ſchoßen dann fortwaͤhrend auf die Buge des Schiffes. Man ſah nichts Lebendiges auf dem Verdeck, gleichwohl wurde das Schleppſeil noch einmal durchgehauen. Wir riefen das Schiff an, wie wir oft ſchon gethan hatten, erhielten aber keine Antwort. — 270 — So wie es Tag wurde, faßte de Ruyter den Entſchluß, das Schiff zu verſenken; dies fuͤhrten wir ungern dadurch aus, daß wir es aus unſerm groͤbſten Geſchuͤze mit gluͤhen⸗ den Kugeln beſchoßen, die wir während der Nacht in Bereitſchaft geſezt hatten. Bald ge⸗ wahrten wir Feuerzeichen aus dem untern Raume hervorkommen; langſam erhob ſich der Rauch; mehrmals flog Pulver in die Luft; nun wurde der Rauch ſchwaͤrzer und dicker; endlich ſahen wir die Wilden auf allen Vieren zum Verdeck hinauf kriechen. Weil wir ihre Kanonen uͤber Bord geworfen hatten, konn⸗ ten ſie ſich nicht vertheidigen. Feuerſuͤulen loderten jezt aus ihren Luken und Luftloͤchern empor. So wie unſere Kugeln das Schiff durch⸗ bohrten, ſchworen nun die Araber an unſerm Bord, daß ſie Goldſtaub, Perlen und Ru⸗ binen auf der andern Seite aus dem bren⸗ nenden Schiffe fliegen ſähen. Ich kann nicht ſagen, daß ich eben das ſah, auch konnte ich eben ſo wenig das Roſenoͤl riechen, das nach ihrer Verſicherung in Stroͤmen aus ihren Waßerrinnen liefe. Ich gewahrte nichts, als. dichten Rauch und Flammen, und die armen Teufel, die hervor kamen und in die Fluthen ſprangen, den Tod im Waßer, dem im Feuer 20 oder durch Kugeln vorziehen, denn andere Wahl hatten ſie nicht. Wiewohl wir unſere Boͤte ausſezten, um ſie aufzufiſchen, naͤ⸗ herte ſich dieſer keiner von ihnen; die Boͤte wollten dem Schiffe nicht zu nahe kommen, weil ſie deßen Auffliegen befuͤrchteten. Es ſchien, daß eine erſtaunliche Bemannung am Bord war, gewiß zwiſchen zweihundert fuͤnfzig und dreihundert. . Nachdem wir unſer Feuer eingeſtellt hat⸗ ten, legten wir in einiger Entfernung bei, und beobachteten das Schiff. Nach einer Ex⸗ ploſion, die lauter tobte wie der lauteſte Don⸗ ner, und die in der Luft fortzitterte, konnten wir nichts ſehen, als auf dem Waßer eine ſchwarze Wolke, die gleich einem Leichtuche alles einhuͤllte und den Himmel dunkelte. Die Stelle, wo das Raubſchiff geweſen war, konnte man nur durch die Blaſen aufwerfende Be⸗ wegung und das ringelnde Aufbauſchen der Wogen erkennen, das ſo ließ, als wenn zwei Stroͤmungen gegen einander ſchwellen, oder wie das Meer an einer Stelle, wo ein Wall⸗ fiſch mit der Harpune getroffen, zu Grunde ging. Große Schiffstruͤmmer, Maſte, Takel⸗ werk und Menſchen, alles zerſtuͤckelt und zer⸗ rißen, waren im weiten Kreiſe umher ver⸗ — —— „———— — — 281 — ſtreut. Einige ſchwarze Köpfe, die immer noch uͤber das Meer hervorragten, als warteten ſie auf das Außerſte unſerer Bosheit, kreiſch⸗ ten noch mit ſchwacher Stimme ihr troziges Kriegsgeſchrei; gleich darauf deuteten einige Blaſen die Stelle an, wo ſie geweſen. Das Wrack ging nun mit dem Stern zuerſt zu Grunde; und in ſelbem Augenblicke fuͤllte das Waßergrab ſich aus. Sogar der Wind ward durch die Exploſion ſtill gemacht, und ich ſchreckte auf, als un⸗ ſere Segel ſchwer gegen den Maſtbaum klapp⸗ ten, und der Grabb Schiffsſeiten wie vor Schrecken erzitterten. Die ſchwarze Wolke hellte ſich auf, und zog langſam auf der Ober⸗ flaͤche des Meeres hin; dann hob ſie ſich, und hing zu einer dichten Maße geſammelt in der Luft. Als ich dieſe Wolke betrachtete, duͤnkte mich, das Raubſchiff ſey verwandelt, aber nicht zerſtoͤrt, und daß ſeine Teufels⸗ bemannung nun in der Luft ihr Weſen treibe. De Ruyter ſagte: »Es war ein ſchreck⸗ licher und ein ſchmerzlicher Anblick! aber ſie verdienten ihr Schickſal. Kommen Sie, trei⸗ ben wir unſer gaffendes Schiffsvolk an die Arbeit! Ziehen Sie die Boͤte ein, und richten wir alle Segel auf unſern beſtimmten Lauf. Dreißigſtes Kapitel. Se giebt der Arzt uns Tod's⸗ und Lebenspillen, Secundum Artem. Oft verſpottet hat, Wenn man geſund war, ihn; um Gotteswillen Begehrt im Bett man ächzend ſeinen Rath. Byron. S Tage darauf ſtarb einer unſerer ver⸗ wundeten Araber, und ſeine Gefaͤhrten uber⸗ gaben ihn dem Meeresgrunde mit ihren uͤb⸗ lichen geheimnißvollen Feierlichkeiten. Sein Koͤrper ward mit großer Sorgfalt abgewa⸗ ſchen; ſein Kopf ſorgfaͤltig abgeſchoren und gereinigt; ſein Mund, ſeine Naſeloͤcher und Augen wurden mit Baumwolle ausgeſtopft, die in Kampferaufguß geſaͤttigt worden; die Gelenke ſeiner Arme und Beine wurden ge⸗ brochen, dann nach Mumien⸗Art feſt mit Bin⸗ den umwickelt, und nachdem eine zwoͤlfpfün⸗ dige Kugel an den Fuͤßen des Leichnams be⸗ feſtigt worden, wurde derſelbe in das Meer verſenkt. Auf meine Frage, weshalb ſie ihXm die Gelenke zerbrochen, erhielt ich zur Ant⸗ wort, das geſchehe, um zu verhuͤten, daß er dem Schiffe nicht folge; denn haͤtten ſie die Ausuͤbung dieſer heiligen Pflicht ver⸗ ſaͤumt, ſo wuͤrde ſein Koͤrper auf den Wellen ſchwimmen, und ſein Geiſt ſie immerwährend verfolgen. Es ſchien nicht, als haͤtten die Malayen bei dieſer Gelegenheit ihre Speere vergiftet, denn die Leute genaſen bald von ihren Wun⸗ den, mit Ausnahme des jungen Schweden, deßen Wunde ſo gefaͤhrlicher Art war, daß wir ihn verloren haben wuͤrden, wenn de Ruy⸗ ter nicht ſeinen uͤbrigen Befehlshaber⸗Eigen⸗ ſchaften auch eine Wundarzneikunde zugeſellt haͤtte, welche die Wißenſchaft mancher mit einem Diplom verſehenen Menſchenſchlächter übertraf. De Ruyter raͤumte ihm ſeine eigene Prunkkajuͤte ein, woſelbſt wir beide ihn pfleg⸗ ten, und in uns den Gedanken nicht aufkom⸗ men ließen, uns dieſe Sorge dadurch zu uber⸗ heben, daß wir dem Schiffsarzt zu deßen Ubung erlaubt haͤtten, ihm den Fuß abzu⸗ nehmen, welches die Meiſten der Fakultaͤt Angehoͤrenden gethan haben wuͤrden, und worauf dieſer als ganz unerläßlich drang. Van Scolpveldt, unſer Schiffswundarzt, war auf einem Oſtindienfahrer als Unter⸗ wundarzt angeſtellt worden, und in der Hoff⸗ nung, Dienſt zu ſehen und Wundarzt zu werden, gealtert. Aber der ſchlammige Muth dieſer Buͤrger konnte durch nichts anders aufgeregt werden, als durch die Ausſicht auf Gewinn; und ihr natuͤrlicher Widerwille ge⸗ gen Schießpulver war eben ſo ſtark, als der den Quaͤkern eigene, ſo daß er aus Mangel an ärztlicher Beſchaͤftigung das Ding muͤde wurde, waͤhrend ſeine chirurgiſchen Inſtru⸗ mente ſtumpften und verroſteten. Alles, was er an Bord zu thun hatte, beſtand darin, ein Ernetscatharticus, ein Enema, oder ein⸗ fache Abführungen den dickbaͤuchigen Hollaͤn⸗ dern einzugeben, wenn Schlemmerei ihre gaſtriſchen Funktionen in Unordnung gebracht hatten. Er glaubte ſeine Wuͤrde, und zudem die Wuͤrde ſeiner Wißenſchaft, die er ganz allein verehrte, durch eine ſo ſchimpfliche An⸗ wendung derſelben verlezt. Deshalb ergriff er gern de Ruyter's Vorſchlaͤge, und hatte dieſen bereits auf mehren Seefahrten be⸗ gleitet. Er ſagte: »De Ruyter iſt ein nachdenk⸗ licher Mann, und beſchaͤftigt mich in der Re⸗ gel ertraͤglich genug. Nur einen großen Ka⸗ rakterfehler hat er, der bei einem ſo freiſin⸗ nigen und menſchenfreundlichen Manne un⸗ erklaͤrbar iſt, naͤmlich den, daß er die heidni⸗ ſchen Vorurtheile ſeines Schiffsvolkes theilt, und ſich in allen Faͤllen der Amputation wi⸗ derſezt. In dieſem Punkte, fuhr er gegen mich gewendet fort, »ſind die Englaͤnder das aufgeklaͤrteſte Volk auf dem Erdboden. Ihre Regierung treibt die Vorforge ſo weit, daß ſie aus Beſorgniß, Wundaͤrzte moͤgten gleich Andern, welche die Liebe zur Wißenſchaft nicht in ſich aufgenommen haben, ungern umſonſt arbeiten, eine Praͤmie fuͤr jegliches Glied oder jeden Schoͤßling, wie man mir geſagt hat, ausſezte, der vom älterlichen Stamme abgeſondert wird; daher kommt es, daß bei der Menge Verſtuͤmmelter ihre In⸗ ſtrumente nicht roſten, und zu dem muß das eine huͤbſche Soldvermehrung geben. Aber nicht nur der Operateur, ſondern auch die Operirten werden reichlich entſchaͤdigt, ſo daß ſie fuͤr ein abgetrenntes Glied mehr erhalten, als ſie je mit geſunden Gliedern haͤtten ver⸗ dienen koͤnnen. Sehen Sie, rief er mit un⸗ gewohnter Waͤrme aus, »ich, van Scolp⸗ veldt, habe geholfen, einem Matroſen auf — 256 — einer Engliſchen Fregatt, das Bein abzuneh⸗ men, und das war die gefallendſte Opera⸗ tion, der ich je beiwohnte. Es war ein mehr⸗ facher Bruch; der Menſch war vom Maſte herabgefallen, ſo daß der Knoche ſeines Kniees durch die Huͤlle in das Verdeck gedrungen war. Am folgenden Tage erlangte der Mann ſeine Beſinnung wieder, und nun begannen wir mit ihm. Es wuͤrde Ihrem Herzen wohl gethan haben, ihn zu ſehen; ich wuͤnſchte, Sie haͤtten ihn geſehen, er war ein trefflicher Kerl! Kein Menſch hatte die Operation vhne ſtaunendes Entzuͤcken mit anſehen konnen! Er ſchrie nicht ein einzig Mal, verzog das Geſicht nicht, und ſprach kein Wort, bis alles abge⸗ macht war; dann drehte er ſeinen Kautabak im Munde herum und verlangte nur ein Glas Grog; waͤre nur eine einzige Flaſche Rhum in der Welt geweſen, er haͤtte ſie haben ſollen! Ich hatte ihn ſehr lieb. Die Englaͤn⸗ der ſind gute Leute, und empfinden nicht mehr Schmerz, als das Stuͤck Holz, was der Zim⸗ mermann dort mit dem Hohleiſen bearbeitet; ſo ſollten alle Kranken ſeyn! Nun da iſt der Burſche dort in der Kajuͤte; auf einem Eng⸗ liſchen Schiffe wuͤrden ſie ihm kein Wort ſa⸗ gen, ſondern ihm das Bein abuehmen und ſodann fragen, wie er ſich fuͤhle. Späterhin wuͤrde er in's Hospital fuͤr Lebenszeit ge⸗ ſchickt werden, — oder er ſtaͤrbe — ſonſt nichts! — waͤhrend ich nun drei oder vier Monate mit ſeiner Heilung zu thun haben werde, und dieſe ganze Zeit uͤber muß er eßen und trinken, und kann keine Arbeit ver⸗ richten. Daran denkt de Reuter gar nicht! Sie ſind ein Englaͤnder; gehen Sie zu ihm und uͤberreden Sie ihn, daß er ein guter Burſche ſeyn ſoll! Gehen Sie hin und ſagen Sie ihm, daß ich es mit ganz wenig Schmer⸗ zen abtrenne.« Seinem ſchmeichelnden Gewaͤſche machte ich dadurch ein Ende, daß ich ſagte: »Wenn mein Bein nur noch an einem Stuͤckchen Haut hinge, und irgend ein Doktor ſchnitt es mir ab, ſo wuͤrde ich den mit einer von ſeinen eigenen Sonden erſtechen le Er ſtarrte mich mit unbeſchreiblichem Er⸗ ſtaunen an, ſteckte ſeinen Bund Inſtrumente, die er ſo angeprieſen hatte, in die Taſche, und trappelte fort, wobei er ein Geraͤuſch machte, als wenn ein Haifiſch mit dem Floße auf das Verdeck ſchluͤge, denn einer glich ſein platter Fuß. De Reuter rief ihn, um ihm einige Fragen vorzulegen, und nun konnte ich mich nicht enthalten, ſeine ſonderbare Geſtalt mit den Augen zu uͤberlaufen. Sein Koͤrper warklein, duͤrr, ſaftlos, und da er ſich gerade zum Operiren entkleidet hatte, konnte ich ihn mit nichts Anderm vergleichen, als mit einer rieſenmaͤßigen Raupe. Sein vertrocknetes Ge⸗ ſicht war zuſammengeſchruͤmpft wie ein gedorr⸗ ter Schellfiſch, oder wie ein Chineſiſcher Man⸗ darin. Sein Scheitel war kahl, mit langen, ſtruppigen, rothlichen Haaren eingefaßt. Das Haar, welches an ſeinen Augbrauen, Aug⸗ liedern und Barte ſich haͤtten finden ſollen, war von dieſen verſchiedenen Stellen ganz gewichen und in Buͤſcheln auf ſeinen hängen⸗ den Backen, am Kinn und Halſe aufgeſproßen; dieſer lezte war ſo lang, wie der eines Rei⸗ hers, und ſchien mit abgeſengtem Perga⸗ mente bekleidet. Vier oder fuͤnf unregelmäßige gelb verkruſtete Stuͤmpfe ſtanden, wie die Hauer eines wilden Schweines, aus ſeiner Kinnlade hervor; ſein großer Mund, und ſeine duͤnnen fiſchartigen Lippen, glichen ei⸗ nem Gelbfiſche. Seine Augen waren klein und eingefallen, hatien eine Miſchung von blaßroth, gruͤn und gelb. , Aber roz ſeiner unmäßigen Liebe ärztlicher — 289 — Anwendung und troz ſeines auffallenden Au⸗ ßern, beſaß er eine gewiße Geſchicklichkeit, und war fuͤr das Geheimnißvolle ſeiner Kunſt begeiſtert. Hatte er keine Geſchaͤfte, ſo beſtand ſeine Erholung darin, alte Hollaͤndiſche Lehr⸗ ſchriften und Arzneikunden zu ſtudieren, die er entweder in Handſchriften beſaß, oder doch durchſchoßen und mit enggeſchriebenen An⸗ merkungen von ſeiner Hand verſehen, auch geziert mit farbigen Abbildungen eckelerregen⸗ der Operationen, in treuer Rachbildung ihres grauſenhaften unnatuͤrlichen Ausſehens. Sein Anzug beſtand gewoͤhnlich aus ſolchen ver⸗ ſchiedenartigen Kleidungsſtuͤcken, die er eben im Krankenzimmer aufraffte, oder vom Leibe eines Wilden riß. Sein Alter war unmoͤg⸗ lich abzuſchaͤzen, denn er glich einer wieder lebendig gewordenen Egyptiſchen Mumie, war aber thaͤtig, ſo viel wir Andern wißen konnten, immer wach, und ſeine Geiſteskraft zeigte volle Staͤrke. Er war in ſehr lebhafter Eroͤrterung mit de Ruyter, als Beide zu der Stelle zuruͤck⸗ kamen, an der ich ſtand; ſeine Hand, auf die er etwas eitel war, hielt er ausgeſtreckt. Dieſe glich in ihrer Laͤnge und Schmalheit dem Griffe eines Ranbvogels, war ſo durch⸗ . 19 — 290 — aus entfteiſcht, daß, als ich ihmeinmal Nachts begegnete und er ein brennendes Licht zwi⸗ ſchen den Handflaͤchen trug, dieſes ſo hell hin⸗ durch leuchtete, daß ich ihn bat, mir die Signallaterne zu leihen, die er eben trage. Er ſchaͤzte ſeine Hand aber ihrer nuͤzlichen Eigenſchaften wegen. »Denn,« ſagte er, »wo eine Kugel hindringt, kann ich ihr nachfol⸗ gen;za dabei ſtreckte er einen langen, leichen⸗ haft ausſehenden Finger vor, der mit der einzigen Koſtbarkeit geſchmuͤckt war, die er an ſich trug, naämlich mit einem in Silber gefaßten, ſehr großen, antiken Karfunkel, auf dem kabbaliſtiſche Zeichen eingegraben waren. Ich ging mit dem Doktor hinab, um nach den Verwundeten zu ſehen; hier ging er ohne Verzug an's Werk, und gebrauchte ſeine Sonde ganz ſo gleichguͤltig, wie ein Tabaksraucher ſeinen Pfeifenſtopfer. Nachdem er alle dieje⸗ nigen, die Fleiſchwunden hatten, mit der Sonde unterſucht, mit dem Meßer geſchnit⸗ ten und mit den Fingern in Ordnung gebracht hatte, beſtand de Ruyter darauf, er ſolle auch nach der Schramme auf meiner Bruſt ſehen. Das that er und erklaͤrte den Umſtehenden die WPhyſiologie dieſes Theiles, ſprach viel von der Wirkung und den Folgen des Indiſchen Giftes, und von der Fluͤchtigkeit, mit wel⸗ cher er das ganze thieriſche Weſen mittelſt des Blutumlaufes und des Nervenſyſtems durch⸗ dringt. »Das heißt, um es ganz deutlich zu machen,. fuhr er fort, »nachdem es den Vorpoſten er⸗ griffen, ſeinen Weg durch die Huͤlſe und Decke genagt, gelaͤhmt und gewurmt hat, frißt es den Kern an. Darauf bei den aͤußern Glied⸗ maßen beginnend, die es zerſtoͤrt, ſammelt und vereinigt es ſeine Kraft, bis der Kranke, wenn das Gift zum Herzen dringt, Fut⸗ bekommt und ſtirbt.« Ein ſolches Lied ſang mir der Holläͤndiſche Doktor vor, waͤhrend er ein Brenneiſen gluͤ⸗ hend machte, das er ſodann mit dem gierigen Blicke eines Senſualliſten mir auf die Bruſt ſezte. Ob dies des Giftes Reiſe durch mein Koͤrperſyſtem verhinderte, weiß ich nicht, aber ſo viel iſt gewiß, daß es eine leichte Wund⸗ ſchramme in eine umſichgreifende, eiternde Bruſtwunde verwandelte, die mir lange Zeit beſchwerlich fiel. Als er die wirklich gefaͤhrliche Wunde des jungen Schweden zum zweitenmale unterſuchte, verbreitete er ſich in eine Beſchreibung der zer⸗ — 292 — rißenen Muskeln und Sehnbaͤnder. Krebs und kalter Brand ſey das Wenigſte, was folgen muͤße; dabei erklärte er, wenn die Abnahme uͤber dem Enkel nicht jezt gleich Statt finde, ſo werde er in vier und zwanzig Stunden genothigt ſeyn koͤnnen, das ganze Bein bis an die Huͤfte zu kuͤrzen, und das immer nur un⸗ ter geringer Wahrſcheinlichkeit das Leben zu erhalten, weil der Kranke in der Regel wäh⸗ rend dieſer Operation den Geiſt aufgebe. Der arme Menſch weinte und bat zuerſt den Doktor, dann mich. Ich rief de Ruyter her⸗ bei, der die Operation beſtimmt unterſagte. Um ſich in etwas dafuͤr zu entſchaͤdigen, be⸗ gann Scolpveldt, nachdem er den Knaben feſthalten laßen, an ihm eben ſo ſinnreich zu arbeiten, als ein Indier, der ſeinem auf den Pfahl geſpießten Feinde die Haut abſchaͤlt; als der folternde Schmerz dem Leidenden gluͤck⸗ licherweiſe das Bewußtſeyn raubte, blickte der Doktor zuerſt ihn und dann verwundernd die Umſtehenden an, wobei er ſagte: »Weshalb ſchluchzt er denn und faͤllt in Unmacht, wie ein Maͤdchen! Jedermann ſieht, daß ich nur den Knochen ein wenig ſchabe.« De Ruyter, der jezt wieder in die Kajuͤte herabkam, hieß ihm die Wunde verbinden und 6 v — 293 — einen erweichenden Umſchlag anlegen. Dann ſagte er ihm: »Sie ſind wie der alte Koch, Doktor, der lebendige Aale in den Paſteten⸗ teich that, und ſie mit dem Rollholze auf den Kopf ſchlug, wobei er dann ausrief: »Liegt ſtill, ihr muthwilligen Dinger!« Als der Kranke ſich erholt hatte, gab de Ruyter ihm ein Glas Brandwein, wodurch er geſtärkt wurde; auch geſtattete er ſpaͤter nicht, die Wunde zu verbinden, wenn er nicht zugegen war; und der Menſch genas, troz des Doktors Vorherſagungen, wenn gleich ſehr langſam. Ich habe von dieſem jungen Menſchen ausfuͤhrlicher geredet, weil ich ſein trauriges Schickſal werde anfuͤhren muͤßen. — 294 — Ein und dreißigſtes Kapitel. Der Himmel ward Erfüllt mit Gluth, und jeglich kteines Wolkchen Erſtarb verſchmachtend, denn die durſt'ge Luft Sog alles Naß in ſich. Shelley. Unſere Fahrt war langſam, haͤufige Wind⸗ ſtillen befielen uns; doch, ich will nicht lang⸗ weilen, — meine Zeit war in Anſpruch ge⸗ nommen, und wir trieben tanſend kurzweilige Dinge. Die Enthaltſamkeit und Maͤßigkeit der Eingebornen machte es viel leichter, die⸗ ſen zu befehlen, als einer noch ſo kleinen Mannzahl Europaͤer. Diejenigen dieſer lez⸗ ten, welche wir am Bord hatten, waren ſorg⸗ fältig ausgewäͤhlt, und hatten ſaͤmmtlich verantwortlichen Schiffsdienſt, ſo daß ſie hinreichend beſchaͤftigt waren. De Ruhter war nicht nur ein nachdenklicher und trefflicher 5 E. — 295 — Befehlshaber, ſondern auch ein ſehr ange⸗ nehmer Geſellſchafter; mithin hatte ich uͤber nichts zu klagen. Nachdem wir die Lakadiven⸗Inſeln ver⸗ laßen hatten, legten wir bei einer andern, Diego Rayes genannt, an, um Holz und Waßer einzunehmen. Sodann durchfuhren wir eine lange Inſelgruppe, die „Bruͤder⸗ genannt, ſteuerten darauf mehr ſuͤdlich, und auf's Neue von dem Roquepez⸗Eylande in das hohe Meer. Einige Tage ſpaͤter, als wir uns zwiſchen der Garagos⸗Bank und den St. Brandon⸗Inſeln befanden, rief der Matroſe, der oben auf dem Maſte Wache hielt: »Ein unbekanntes Segel weſtlich!« — und gleich hinterher — »Noch eines !« Sie ſegelten in unſerer Richtung, wir ſez⸗ ten unſere Fahrt fort. Ein heftiger Windſtoß, mit Nebel und Regen begleitet, der uns hier uͤberfiel, machte, daß wir dieſe Schiffe eine Zeit lang aus dem Geſichte verloren. Als das Wetter wieder aufklärte, konnten wir ſie vom Verdecke gewahren, und kaum hatte ich ſie geſehen, was um ein Uhr p. M. der Fall ſeyn mogte, als ich de Ruyter aus der Ka⸗ juͤte herbei rief und ihm ſagte, ſie waͤren ausgemacht Fregatten — vielleicht Franzoͤ⸗ — — ſiſche von Port St. Louis, auf JIsle de France. »Das wäre möglich, antwortete er, vaber ich bezweifle es. Geben Sie mir das Fern⸗ rohr.« Er betrachtete ſie aufmerkſam und murmelte dabei: »Zu hoch über dem Waßer; Segel⸗ werk zu dunkel; Rumpf zu kurz; und die Ra⸗ hen nicht winkelrecht genug fuͤr Franzoſen. Nein, ſie ſind keine Franzoſen. Ziehen Sie die Beiſazſegel ein, legen Sie nach der Steuer⸗ bordſeite um, und geh'n Sie dicht an den Wind.« 6 So wie wir dies ausfuͤhrten, fing auch das vordere der fremden Schiffe ſeinen Wind auf, und legte alsbald ebenfalls um; das Hintere nahm eben die Richtung. Der Wind war ſchwach, und wir ſegelten nun Alle wind⸗ wärts. Die vordere Fregatte war ein treffli⸗ cher Segler, und ließ ihre Gefaͤhrtin weit hinter ſich, deren Rumpf vor dem Winde abtrieb; gleichwohl konnte ſie ſich mit uns nicht meßen. Was wir befuͤrchteten, war nur, daß der Wind umſpringen, oder ſich ganz legen werde, was wirklich bei Sonnenunter⸗ gang geſchah. Die Nacht hindurch waren wir auf unſe⸗ rer Hut; kein Licht durfte brennen, aus Be⸗ ſorgniß, daß wir geſehen wuͤrden; unſer Ver⸗ deck ward zum Gefechte klar gemacht; die Geſchuͤze erhielten doppelte Ladungen, und das Kleingewehr ward in Bereitſchaft ge⸗ ſezt; nicht in der eitlen Hoffnung, den Kampf mit einer Fregatte zu beſtehen, ſondern als Vorſichtsmaßregel, gegen einen moͤglichen Verſuch in Böten an unſern Bord zu kom⸗ men. Nach der mittlern Wache, wehte ein leichter Zug aus dem Kanal von Garagos, und wir ſegelten einen langen Strich nach Oſten hin. Nun aͤnderte der Wind mit ab⸗ wechſelnden Windſtillen; die Nacht war fin⸗ ſter; die Fregatten zeigten keine Lichter, noch gewahrten wir irgend etwas, woraus wir haͤtten abnehmen moͤgen, welcher Richtung ſie folgten. Unſere Abſicht war, zwiſchen die Inſelgruppe der Bruͤder zu kommen; dadurch hofften wir zu verhindern, daß ſie uns wie⸗ der anſichtig wuͤrden, weil wir glaubten, ſie wuͤrden aller Wahrſcheinlichkeit nach ihre Stel⸗ lung zwiſchen uns und dem Hafen inne hal⸗ ten, nach welchem wir, zufolge des Laufes, den wir ſteuerten, als ſie uns zuerſt entdeckt hatten, augenſcheinlich beſtimmt waren. Der Wind hatte aber ſo ſchwach gewehet, daß wir in dieſer Nacht nur wenig von der Stelle gekommen waren. Auch war der Himmel ſo bewölkt geweſen, daß wir unſere Nachtteles⸗ kope gar nicht brauchen konnten, und wir ſahen mit einiger Beſorgniß dem anbrechen⸗ den Täge entgegen. . Endlich hellten die Wolken im Oſteu ſich auf, vertauſchten ihre Farbe ge⸗ gen Purpur, der alsbald einen orangefarbi⸗ gen Saum erhielt, und der Kreis des Hori⸗ zontes erweiterte ſich. Aber die Fregatten waren nicht zu ſehen und aller Blicke hei⸗ terten ſich auf. De Ruyter ſtand auf einer Kanone, und beobachtete eine Bank ſchwerer Nebelduͤnſte an unſerer Leeſeite, die ſich langſam verzog, ploͤzlich rief er aus: »Da iſt ſi ſie l« Ich blickte hin, eine der gehe ward durch den einhuͤllenden Nebel ſichtbar, als wäre ſie eine Inſel. Sie mußte uns bald darauf erkannt haben, denn ſie legte um in unſern Strich und ſezte von leichten Segeln bei, was ſie nur konnte. Sie war hoͤchſtens drei Seemeilen hinter uns und etwas mehr als eine leewaͤrts; die andere Fregatte ſa⸗ hen wir in weiter Ferne treibend. Jezt rich⸗ teten wir unſere ganze Aufmerkſamkeit auf — 299 — die richtigſte Behandlung der Grabb, und zogen jeden Zollbreit Segeltuch auf; alles, was von Geraͤthen auf dem Verdeck ſtand, ward uͤber Bord geworfen. Nachdem wir die Fregatte eine Zeitlang ſcharf beobachtet hat⸗ ten, rief de Ruyter aus: »Bei'm Himmel! ſie iſt ein Segler! ich glaube faſt, daß ſie uns gleich kommt; und das iſt mehr als irgend ein anderes Schiff in dieſen Gewaͤßern thun kann. Sie muß eine neue Fregatte ſeyn, friſch aus Europa gekommen. Zudem iſt die Grabb, in ihrer jezigen Zu⸗ richtung und Takelung, nicht mehr die naͤm⸗ liche. Ich liebe die Anſicht vom Wetter nicht; ſo wie die Sonne aufgeht, wird der Wind ſich legen. Laßen Sie ſäͤmmtliche Sbe der in Bereitſchaft halten.« Zwei Stunden ſpaͤter ward das Meer ſpie⸗ gelglatt. Die Sonne ging auf wie eine Feuer⸗ kugel, und war ſchreckhaft anzuſehen; kaum konnte man ihren verſengenden Strahl aus⸗ halten; dieſer war ſo blendend, daß ich häu⸗ ſig genoͤthigt war, mein Auge vor dem blin⸗ kenden Glanze zu ſchließen, weil ich beſorgte, die Sehkraft zu verlieren. Troz dieſer Hize wagte die Fregatte um zehn Uhr Morgens, ihre Bote auszuſezen, und in dieſen auf uns Jagd zu machen. De Ruyter bewunderte ihre Unverzagtheit. Seit einer Stunde hatten wir die Stangen⸗ ruder in Arbeit geſezt, aber die Groͤße un⸗ ſers Schiffes und der Nachtheil, bei einer Hize von hundert und acht Graden im Kajuͤten⸗ fenſter, zu arbeiten, ließ uns wenig weiter kommen. Deshalb bereiteten wir uns auf alle Weiſe darauf vor, dem Argſten die Stirne zu bieten. Inzwiſchen bemerkte de Ruyter: »Die Leute plagen ſich vergebens! Um Mittag wird ein Seewind aufſpringen, dann muͤßen ſie ihre Böte wieder aufziehen und ihre Zeit dabei verlieren l« Wie er vorhergeſagt hatte, begannen turz Mittag leichte Windhauche die ſpiegelnde Oberflaͤche des Waßers zu kräuſeln; bald darauf hob ein ſchwacher Windzug die gefie⸗ derte Wetterfahne empor. Wir hielten dieſem gleichſam flehend die flachen Haͤnden entgegen. Zuerſt erfaßten ihn die leichten baumwollenen Segel am Obertheile der Maſten, die nun zu ihrer woͤlbenden Geſtalt anſchwellten, anſtatt wie bisher an den Sparren zu liegen, als wa⸗ ren ſie angeklebt. Als ich zu de Ruyter ſagte, man ſolle faſt — 301 — glauben, er ſtehe mit den Elementen in Ge⸗ meinſchaft, weil er ſie ſo genau deute, ant⸗ wortete er mir: »So iſtps auch; mein ganzes Leben hindurch habe ich ſie zu erforſchen geſucht, aber das Leben iſt zu kurz, um ihre Geheimniße zu be⸗ greifen! Sie ſind ein Buch, in dem der See⸗ mann unaufhoͤrlich leſen ſollte, denn ſtets liegt es aufgeſchlagen vor ihm. Wer das nicht thut, iſt untauglich zum Befehlshaber; nicht geeignet, um ihm Anderer Leben und Eigen⸗ thum anzuvertrauen.« Wir ſahen, daß die Fregatte das Signal zum Umkehren ihrer Kutter aufzog und ihrer Gefährtin Zeichen machte, zu kreuzen, um uns aufzufangen, falls wir in der Nacht verſuchen ſollten, nach Isle de France zu entkommen. De Ruyter beſaß Abſchriften ſowohl von den Admiralitats⸗, als von den beſondern Sig⸗ nalen der riegsſchiffe, und auch von deren telegraphiſchen Zeichen; dieſe leiſteten ihm bei manchen Gelegenheiten vortreffliche Dienſte. Wir fuhren fort, nach der am hoͤchſten im Winde gelegenen Inſel hinzuſteuern, und als der Wind allmaͤhlig ſtaͤrker wurde, waren wir genoͤthigt, unſere leichten Segel einzu⸗ ziehen. Die Fregatte, welche fortwährend alle — 302 — ihr Segelwerk fuͤhrte, gewann beträͤchtlich uͤber uns. De Ruͤpter ward ungeduldig, weil er ſah, daß die Grabb ihren Verfolger nicht weit zuruͤcklaßen konnte, wie ſie das fruͤher zu thun pflegte. Er ſagte, ſie wäͤre in ihren Bewegungen eingekrampft;z um ihr Spielraum zu geben, wurden die Stengen und Hinter⸗ ſtengen nachgelaßen; das Sternbvot uͤberließen wir den Fluthen; die Anker, welche ihren niedern Rand druͤckten, brachten wir mehr nach hinten, machten uͤberhaupt ihr Vorder⸗ theil leichter. Wir legten den Ballaſt an ihren Seiten um, und damit wir ſie in mehr als einer Art des Gleichgewichtes verſuchten, ließ de Ruyter die ganze Mannſchaft, jeg⸗ lichen mit einer achtzehnpfuͤndigen Kugel in jeder Hand, auf das Hinterdeck kommen; hier wechſelte er ihre Stellungen von einem zum andern Plaze, aber dem ungeachtet vermog⸗ ten wir ſie kaum in den Wind zu halten. Er bemerkte, ihr kupferner Boden ſey vom ver⸗ fluchten Schlamme in Svnbegle und ich ſezte hinzu: »Ja, die Fregatte iſt neu ge⸗ kupfert.« . Die Sonne verſank, wolkenlos, roth und feurig, wie ſie aufgegangen war. Der Wind friſchte immer mehr auf; als wir uns gegen — 303 — eilf Uhr p. M. dem Lande genaͤhert hatten, beſchloß de Ruyter vor dem Winde hinzuge⸗ hen und an der Leeſeite der Inſel Anker zu werfen; dies geſchah, wobei wir darauf baue⸗ ten, daß die Fregatte ihren Lauf windwärts fortſezen und uns auf dieſe Weiſe verlieren wuͤrde. Inzwiſchen waren wir die ganze Nacht ſehr wachſam; wer von den Leuten ſchlief, hatte doch ſeine Waffen bereit liegen; unſere —Karonaden waren mit Saͤcken voll kugeln geladen. Zwei und dreißigſtes Kapitel. Die Morgenwache kam, das Schiff durchfuhr Mit ſanftem Gleiten ſeine feuchte Flur, Indeß die Welle furchengleich enteilt, Von Vordertheiles hehrem Pflug zertheilt. 3 Byron. Der Doktor, der eine eben ſo ſcharfe Wit— terung vom Blut hatte, wie wir, ſteckte, nachdem er einen Plaz fuͤr die kuͤnftigen Verwundeten im Raum zubereitet hatte, von Zeit zu Zeit den Kopf aus der Kajuͤtluke hervor, um zu fragen, wann das Gefecht wahrſcheinlich beginnen werde und um zwei von den Schiffsjungen zu ſeinen Gehuͤlfen ſich auszubitten. Spaͤt in der Nacht, als wir ge⸗ ankert hatten, wagte er ſich vollends herauf, eine Binde nachſchleppend, die ſo lang war, als eine Loggleine, die er ſehr gewandt aufrollte. »Jezt mein lieber Freund, ſagte er zu mir, „iſt es an der Zeit, Sie zu untetweiſen. Se⸗ — 305 — zen Sie ſich einen Augenblick hier auf die Laf⸗ fette, damit ich Ihnen nur eben das Anlegen eines Turniket zeige.⸗ Bei dieſen Worten zog er ein ſolches aus der Leibbinde hervor. »Unſinn, Doktor, ich habe auf andre Dinge zu achten und kann Ihre Pflicht nicht auf mich nehmen.« »Ach, Sie ſind jung und eigenwillig! Je⸗ dermann ſollte wißen, wie das anzuſezen iſt, denn geſchieht es nicht im entſcheidenden Au⸗ genblicke, ſo verliere ich meinen Kranken, der Verwundete aber ſein Leben.« Weil ich abgerufen wurde, um irgend et⸗ was im Hintertheile des Schiffes zu ordnen, ging er zu de Ruyter, den er bat, ſich beleh⸗ ren zu laßen, wie Kreuz⸗ und doppelte Kreuz⸗ binden angelegt wuͤrden. Dieſer antwortete ihm etwas herbe und er ging murmelnd wie⸗ der hinab: »Mangel an Schlaf erzeugt Fie⸗ ber, Fieber zeugt Delirium, und daraus wird Wahnſinn!« Bald nachher kam er wieder zum Lorſchein mit einer kleinen Flaſche und einem Glaſe, und beſtand darauf, de Ruyter, ich und die ganze Bemannung muͤße ein Glas von ſeinem Waßer trinken. Er ſagte, es ſey ein natuͤrli⸗ I. 20 * — 306 — ches, kuͤhlendes Getraͤnk, wuͤrde die koͤrper⸗ liche Erhizung maͤßigen und ſo erfriſchend wirken, wie der Schlaf. De Ruyter, der ſchon bedauerte, ihn unfreundlich angeredet zu ha⸗ ben, nahm ein Glas, trank es, und ſagte, es ſey nichts anderes, als Nitrum⸗Saͤnre und Soda. Als van Scolpveldt ihn ſo nachgiebig fand, zog er wieder einige lange Binden hervor, aber de Ruyter lachte und ging weg. Nun ward ich angegriffen und die meiſten des Schiffsvolkes nach mir; doch mit aller ſeiner Beredtſamkeit vermogte er nicht, nur einen Tropfen ſeines kuͤhlenden Getraͤnkes auf dem Verdeck anzubringen, ſo daß er in Ver⸗ zweiflung, und damit es nicht verloren gehe, ein großes Glas voll ſelber trank und die Flaſche geleert haben wuͤrde, wenn er ſich nicht ſeiner Kranken unten im Schiffe erin⸗ nert haͤtte und nun hinabging, dieſe zu traͤnken. So abgemattet und muͤde ich war, ſah ich doch mit banger Erwartung der Morgendaͤm⸗ merung entgegen. Altere, an dergleichen Auf⸗ tritte gewohnte Seeleute, legten ſich auf ihre Poſten nieder und ſchliefen geſunden Schlaf. De Ruyter ging mit einem Nacht⸗Teleskop in der Hand, auf dem Verdeck hin und her. 2 — 307 — Ich badete vorn im Schiffe, indem ich mir einen Eimer voll Waßer uͤber den Kopf gießen ließ, um nur meine Auglieder offen zu halten, bis de Ryter mich bat, eine Stunde zu ſchlafen. Bei dem erſten Aufglimmen der Morgen⸗ helle ergriff uns alle Erſtaunen, weil der erſte Gegenſtand, den unſer Ange traf, die Fre⸗ gatte war, welche nicht eine Seemeile von uns entfernt ankerte. Sie lag dicht unter dem hohen Lande und ihr Rumpf war durch hohe in das Meer vorſpringende Felſen bedeckt, welche, verbunden mit den Bergſchatten uns gehindert hatten, ſie waͤhrend der Nacht zu gewahren. De Ruyter's ſcharfes, durchdrin⸗ gendes Auge erblickte ſie, noch ehe ſie unſer anſichtig geworden war; mit der Schnellig⸗ keit des Gedankens ward unſer Ankertau ge⸗ kappt und wir ſuchten mit allen Segeln, die wir tragen konnten, zu entkommen. Bald folgte uns die Fregatte, ſie mußte indeß das dunkle Korallenriff, das wie ein großer Alligator vor ihr lag, erſt umfahren, ſo daß wir, in Betracht des ſchwachen Wind⸗ zuges, eine betraͤchtliche Strecke voraus ka⸗ men. Mir machten die Grabb durch Auswer⸗ ſen von Zimmerholz und Ballaſt noch leich⸗ — 308 — ter; weil de Ruhter aber beſorgte, daß uns abermals eine Windſtille befallen moͤgte, ſo bereitete er ſich nun ernſtlich auf das Gefecht vor. Unter dem brennenden Strahl er Sonne wurden die Stangenruder wieder in Arbeit geſezt; der Wind legte ſich, und um zehn Uhr, als die Fregatte kaum anderthalb See⸗ meilen hinter uns war, begann ſie, ihre Boͤte in Bereitſchaft zu ſezen. Mit dem ſchwachen Windzuge, der noch anhielt, und mit Huͤlfe unſerer Stangenruder fuhren wir fort, uns im⸗ mer weiter von der Fregatte zu entfernen; ſobald ſie dies bemerkte, ſezte ſie ihre Boͤte aus, und wir zaͤhlten deren ſieben, die abſtie⸗ hen, um uns zu verfolgen. De Ruyter ſah, daß vor Abend nicht auf Wind zu hoffen war, und troz unſerer an⸗ geſtrengteſten Arbeit mit den Stangenrudern konnten wir nicht abwenden, daß die Fre⸗ gatten⸗Boͤte uns in drei oder vier Stunden einholten. Seine klare Stirn uͤberwöoͤlkte ſich im Nachdenken, ſein Blick ward ſorglich, aber nicht aus Furcht. Er rief mich zu ſich und ſagte: »Sie ſehen jenen ſchroffen Fels, der ſo keck aus dem Meere emporſteilt, von der Sonne und von Stuͤrmen zu einem weislichen Grau ge⸗ — 309 — bleicht, und ausgehoͤlt und gebroͤckelt durch tiefe Einſchnitte. Kein Zeichen der Vegetation iſt auf ihm, noch in ſeiner Naͤhe ſichtbar. Er ſteht da wie ein Wachthurm, der die Inſel uberſchauet. Sie bemerken aus der Farbe und der Stille des Waßers an ſeinem Fuße, daß auf dieſer Seite des Felſens das Meer tief iſt; weiterhin ſehen Sie eine aus Punkten beſtehende Linie, die ſich im weiten, halbmond⸗ foͤrmigen Bogen, gleich einem Fiſcherneze, hinzieht; das iſt ein niedriges Korallenriff, womit das Meer in der Naͤhe dieſer Inſel angefuͤllt iſt. Nun wuͤnſche ich die Grabb um jenen Fels hin zu rudern; Sie muͤßen aber weit genug abhalten, um deßen aͤußerſten Punkt zu umfahren; zu dieſem Ende ſtellen Sie Leute auf unſerm aͤußerſten Bugende und auf der Vorderrahe an, um die Brandung zu beobachten. Dort werden wir eine kleine ſandige Bucht finden, geſchuͤzt vor den Paßat⸗ winden, die in der jezigen Jahreszeit herr⸗ ſchen, in die man nur bei ganz ſtillem Waßer gelangen kann, und die kein Schiff erreicht, das um Vieles groͤßer iſt, als das unſrige. Rings um dieſe Bucht iſt alles dermaßen mit Riffen und Klippen, mit Strudeln und Stroͤ⸗ mungen angefullt, daß niemand, der dieſe — 310 — Wirrgaͤnge nicht ganz genau kennt, wagen moͤchte, jener Stelle nahe zu kommen, ſelber nicht bei ſolcher Windſtille, als wir jezt ha⸗ ben. Erhebt ſich aber der mindeſte Wind, oder iſt das Meer nach einem ſchweren Wet⸗ ter unruhig, ſo iſt alles dort in Aufruhr, und ſogar gefaͤhrlich fuͤr ein Rettungsbvot, denn die Korallen zerſchneiden wie ſcharfer Stahl. Bei dem Wehen eines mäßigen Win⸗ des, ſo wie ich ihn einmal ſchon an eben dieſem Orte beſtanden habe, wuͤrde ſich der allertoll⸗ kuͤhnſte Seeabentheurer nicht auf Meilenweite dieſer Kuͤſte zu nahen wagen. Das furchtbare Anſchwellen der Wogen zwiſchenſ dieſer Inſel und der großen Bank von Baragos iſt ſchrecken⸗ erregend; die Wellengebirge rollen herein, und werden von jenen zahlloſen Felsriffen, deren Koͤpfe nur eben uͤber dem Waßerſpiegel hervortauchen, aufgehalten und gebrochen, ganz wie regelmaͤßige Heere zuweilen von Guerillas zertruͤmmert werden. Wiewohl der Wogenſchwall ſo gehemmt und gebrochen wird, laͤßt er ſich doch nicht aufhalten; das Meer iſt weiß in grimmer Wuth, und bedeckt die Haͤlfte der Inſel mit ſeinem Schaum und ſeinem Sprizwaſſer. Auf dieſer Seite, wo dem Schalle nichts entgegenſteht, uͤbertönt 4 — 341 — die ſchlagende Brandung den lauteſten Donner. Genau in den Einlauf zu jener Bucht — die nicht groͤßer ſcheint wie ein Albatros⸗Neſt, wollen wir die Grabb der Queere nach feſt⸗ legen, um jenen Leuten, die aus Liebe zum Gefecht mit mehr Grauſamkeit eindringen, als Andere aus Haß thun, die Stirne zu bieten. Mit unſerer Mannſchaft moͤgte ich es aller⸗ dings auf geeigneterem Plaze ohne Furcht vor dem Ausgange mit ihnen aufnehmen, aber die Tage der Ritterlichkeit ſind voruͤber; Liſt und Schlauheit werden jezt Kriegskunſt ge⸗ nannt, und ein Befehlshaber wird geſchmäht, wenn er ſich einer Gefahr ausſezt, die er vermeiden konnte. Zudem wuͤnſche ich jezt Blut⸗ vergießen zu hindern; gleichwohl muß und will ich die Grabb gegen jede übermacht ver⸗ theidigen, und wenn auch die Fregatte ſelber ſich an unſern Bord legte. Jene raubwilden Malayen haben uns gelehrt, daß der Tod dem Kerker vorzuziehen iſt; wenn alle Men⸗ ſchen ſo daͤchten, dann wuͤrde es keinen Ker⸗ ker geben. Was ſagen Sie dazu?« »Ich liebe Gefecht, und haße faule Luft.« »Aber jene da, ſind Ihre —« »Ich bedaure das. Aber Bullenbeißer, wie Sie wißen, käͤmpfen gegen ihr eigenes Ge⸗ — 342 — ſchlecht und Zucht; ich bin kein Baſtard. Ich will mein echtes Blut zeigen.« Er laͤchelte, und ich ging hin, die Mann⸗ ſchaft an den Stangenrudern aufzumuntern, und Waͤchter gegen die Brandung auszuſtellen, während er ſeine Weiſungen am Steuer gab. Drei und dreißigftes Kapitel. Der Tod treibt Spiel in Turban⸗Mummerei. Keats. Ein Sieg! Der zieht die greiſen Haare alle aus; Er iſt der beſte Doktor fur den Spleen; Der Höflichſte zum Feſte einzuladen; Der beſte der Entſchuld'ger kleiner Fehler; Genguſter Kenner giten, guten Wein's. Ebend. Un zwei Uhr p. M. ruderten wir nach de Ruyter's Plane um das Riff hin. Die Fre⸗ gatte lag, von der Windſtille befallen, am aͤnßerſten Nordende der Inſel. Ihre Boͤte ka⸗ men uns raſch naͤher. Als wir zwiſchen die Untiefen geriethen, und gegen Suͤden das Land vor uns lag, verloren wir ſie ganz aus dem Geſichte, verdeckt hinter einem dicken Felsblocke, der in vereinzelter Großartig⸗ keit hervorſtreckte. Wir rollten alle unſere — 314 — Segel auf, nahmen unſere Stellung am in⸗ nern Einlaufe zu der kleinen Bucht, ließen Schiffſeile vom Stern und Bug aus, und befeſtigten dieſe mit einiger Schwierigkeit an den Felsbloͤcken. Nun hielten wir Muſterung unſerer Mannſchaft; wir zaͤhlten nur vier und fuͤnfzig Waffenfaͤhige, und viele unter dieſen waren noch ungeuͤbt. Als alle Vorkehrungen getroffen waren, entſtand eine ſchauerliche Stille, waͤhrend welcher wir den Zeitpunkt abwarteten, in welchem die Boͤte die Felſenſpize umfahren haben wuͤrden. Ich ſogar, der ich damals von Kampfluſt ergluͤhete und voͤllig unbe⸗ ſorgt war, fuͤhlte dennoch eine ſonderbare Empfindung bei dieſer ploͤzlichen Umgeſtal⸗ tung der Dinge, nun ich mich mit dunkelfar⸗ bigen Mauern zum Widerſtande gegen meine blondkoͤpfigen Landsleute verbruͤdert ſah. Als nun eines der Boͤte wieder zum Vorſchein kam, und wir ihren jauchzenden Hurrahruf von Boot zu Boot wiederholen hörten, bis es im Echo des ausgehoͤlten Strandes ver⸗ hallte, fuͤhlte ich mein Herz ungeſtuͤm im Bu⸗ ſen klopfen, und kalte Tropfen rannen mir von der gluͤhenden Stirn herab. In der Grabb herrſchte eine Todtenſtille, wie ich ſie zuvor nie — erlebt hatte; unbehagliche Gedanken erfuͤllten meinen Kopf, aber ſchnell entſchwanden ſie wieder bei der vollen, klaren Stimme, den unverwirrten Blicken und dem feſten Auftre⸗ ten de Ruyter's, als dieſer vorſchritt und ſeinen Leuten ſagte: »Auf! gebt ihnen das Arabiſche Kriegsge⸗ ſchrei zuruͤck! Ihr pflegtet ſonſt nicht ſo ſtumm zu ſeyn. Verſuchts einmal, ob das vordere Boot im Bereich der Kugel iſt.« Ich ließ abfeuern. »Das Geſchuͤz,« ſagte er, »iſt zu hoch ge⸗ richtet; ich will einmal dieſe Kanone verſu⸗ chen, gebt mir die Lunte. — das wird's thun.« Die Kugel flog in gerader Linie fort traf das Waßer, ſprang empor wie ein Spiel⸗ ball, oder rikoſchettirte, wie der Kunſtaus⸗ druck ſagt, und ging dicht uͤber das vorderſte Boot hin. Dieſes zog die Ruder ein, bis die Kugel vorbei war, und rief den uͤbrigen Kut⸗ tern zu, herbei zu kommen. Ich habe ver⸗ geßen zu bemerken, daß wir bei dem erſten Schuße unſere Franzoͤſiſche Flagge aufzogen;z auf jedem ihrer Boͤte flatterte die Univn⸗ flagge. Als ſie verſammelt waren, bemerkten wir, — — daß ſie ſich beriethen; darauf ſonderten ſie ſich in zwei Abtheilungen und ruderten in⸗ nerhalb des Riffes heran. Wir unterhielten ein anhaltendes Feuer auf ſie, aber uner⸗ ſchrocken erwiederten ſie jeglichen Kanonen⸗ ſchuß mit einem Hurrah! und ruderten nur noch eilender heran. »Sehen Sie, de Ruyter,« ſagte ich, viel⸗ leicht mit einigem Frohlocken uͤber ihren Hel⸗ denmuth, veines ihrer Boͤte ward von der lezten Kugel getroffen und ſinkt jezt; ſie ha⸗ ben nur noch ein Boot, um die Mannſchaft aufzufiſchen, und uͤbertoͤnen jeden Unfall mit fröhlichem Hurrahruf, als waͤren ſie bei ei⸗ nem Freudenfeſte.« Seine Antwort war: »Beutegeld, Befoͤr⸗ derung und Gewohnheit thun viel. Jezt wol⸗ len wir ihnen eine Lage Kartaͤtſchen geben; wir muͤßen ihre Anfuͤhrer zuſammen ſchießen.« Von dieſem Zeitpunkte an blieb ich auf mei⸗ nem Poſten im Vordertheile; die meiſten Eu⸗ ropäer waren unter meinem Befehle, und de Ruyter, der mir ſeine lezten Weiſungen ge⸗ geben, ging und blieb auf dem Hinterdecke, umgeben von ſeinen Arabern, bei denen er in großem Anſehen ſtand. Jezt wurde ein zweites Bvot, welches den Zug anfuͤhren — 317 — wollte, in den Grund geſchoßen, und waͤh⸗ rend ſie beſchaͤftigt waren, ihre Mannſchaft aufzufiſchen, war ihr Verluſt an Leuten ſo ſchreckend, daß wir hoͤrten, wie ſie einander zuriefen, wiewohl ſie zugleich ein kreuzendes Feuer aus Drehbaßen und Musketen auf uns richteten. So verwegen ſie augenſcheinlich wa⸗ ren, wurden ſie doch zu einem Stillſtande ge⸗ bracht, und es ſchien, als ſeyen ſie unent⸗ ſchloßen uͤber die Art ihres weitern Vordrin⸗ gens; denn was Ruͤckzug betrifft, ſo war dieſes Wort ganz außer Gebrauch unter Leu⸗ ten gekommen, die durch Erfolge uͤbermuͤthig geworden waren. Das ſchwerſte ihrer Bote, eine Launſche, mit einer achtzehnpfuͤndigen Karonade und mit See⸗Soldaten angefuͤllt, kam nun zugleich mit ihrer Barke heran. Wir hoͤrten den Befehl: vangezogen Burſchela und unter fortgeſeztem, raſchem Feuer, welches einigen Schaden an unſerm Vord anrichtete, ruderten ſie mit verdoppeltem Freudengeſchrei auf uns an, litten gewaltig von unſerm ſte beherrſchenden Feuer, wiewohl ſie zum Theil hinter einigen Felskuppen Schuz fanden. Sie hatten unſägliche Arbeit gethan; die kaum ſich bewegende Luft ſengte gleich der, die aus der Muͤndung eines Hochofens hervorkommt, und * — 318 — es war augenſcheinlich, daß ſie weder einen ſo heißen Empfang, noch einen ſo ungleichen Kampf erwartet hatten. Verzweiflung und ihre karakteriſtiſche Herzhaftigkeit ſchien ſie fortzutreiben. Fuͤnf ihres kleinen Geſchwaders erreichten unſer Schiff, waͤhrend das Achzen Sterbender ſich mit dem lauten Freudenjubel ihrer Kameraden und mit ihrem ſcharfen — vermengte. Jezt griffen wir zu unſern Speeren und kurzen Waffen. Indeß erſtiegen einige der Un⸗ ternehmendſten von ihnen bald unſere Seiten⸗ ketten; und wiewohl ſie oͤfters abgetrieben wur⸗ den, erneuten ſie doch immer wieder ihren Verſuch, unſern Bord zu beſteigen, Waͤhrend wir Alle bemuͤht waren, ſie von unſern an⸗ gegriffenen Seiten abzutreiben, war die Barke laͤngs unſerm Bug hingeglitten; ein aufſprin⸗ gender Wind und ein Anſchwellen des Waßers ſchwangen den Bug der Grabb gegen das Land, und nun ſprangen mehre von ihnen . von der Seite her, auf unſern Bord. Dieſer Unſtand rief uns dahin, und mehre ihrer Ab⸗ theilungen kamen jezt auf unſer Schiff. Ich gewahrte einen Laskar, dem ich vor⸗ her ſchon Vorwuͤrfe gemacht hatte, weil er ſſch hinter dem Maſtbaum verſteckte, wie er * 1 — 310 — im Begriff war, durch die Luke hinab zu ent⸗ fliehen. Alle Luken, mit Ausnahme der gro⸗ ßen, unter welcher der Doktor ſeine Geſchaͤfte betreiben ſollte, waren feſt verrammelt. De Ruyter, der beſorgte, daß einige ſeiner Ma⸗ troſen aus Bombay hinabrennen moͤgten, hatte van Scolpveldt den Vefehl gegeben, Nieman⸗ dem, als Verwundeten und den Jungen, die Pulver herbeiholten, das Auf⸗ und Nieder⸗ gehen zu geſtatten, indem er laͤchelnd hinzu⸗ ſezte: »Schneiden Sie jeder Memme die Beine ab, Doktor, die vom Verdeck entläuft.« Van Scolpveldt grinſete ſeine wohlgefaͤllige Zuſage und antwortete: »Beſorgen Sie nichts, Kapitain!« Mir bewußt, wie nachtheilig das Beiſpiel der Feigheit wirke, und wie ſchnell allgemei⸗ ner Schrecken um ſich greift, erſchoß ich den Laskar auf der Stelle; er fiel die Luke hinab auf den Doktor, der ihn ſchon am Beine zerrte. In eben dieſem Augenblick erhielt ich eine Hiebwunde, und ein Piſtol ward mir mit ſolcher Heftigkeit in den Mund geſezt, daß — mir die Lippen zerrißen wurden, wiewohl es „ nicht Feuer gab, vielleicht, weil das Schloß — 30 — naß geworden war. De Ruyter reinigte mit ſeinen Arabern das Verdeck und rief mir zu, am Steuerbord⸗Bug wachſam zu ſeyn. Unſere Angreifer errangen keinen Schatten von Vor⸗ theil uͤber uns, obgleich ſie mit der tollkuͤhn⸗ ſten Tapferkeit kaͤmpften. Viele von ihnen, wiewohl ſchwer verwundet, hielten ſich am Takelwerk feſt, und kaͤmpften mannhaft fort; wenn wir ſie uͤber Kopf in ihre Boͤte oder in das Meer zuruͤckgeworfen hatten, bemuͤh⸗ ten ſie ſich, die Angriffe zu erneuern. Unſer Verluſt war betraͤchtlich; mein Blut kochte, gleich brennender Lava; ich empfand ein trei⸗ bendes Draͤngen, das mich faſt wahnſinnig machte; obgleich ich an vielen Stellen mei⸗ nes Koͤrpers Hieb⸗ und Schußwunden erhal⸗ ten hatte, war ich ganz fuͤhllos gegen Schmer⸗ zen, und meine Leute fochten im Allgemeinen, wenn auch nicht mit gleicher Heftigkeit, doch mit eben ſo viel Muth. Noch zwei andere Boͤte gingen ihnen dicht an unſerm Schiffe, durch Unterſinken verlo⸗ ren. Was vom Feinde noch an unſerm Bord war, unterwarf ſich mürriſch, oder hatte vielmehr mit der hoffnungsloſen Gegenwehr fuͤr einen Augenblick eingehalten; einer von ihnen ſagte: »Ich will verdammt ſeyn, wenn — 32 — ich mich einem Neger ergebe, was ſie auch mit uns vornehmen moͤgen.« Um dieſer Leute gewißenhaftes Zartgefüht in der Hinſicht zu beruhigen, redete ich ſie an und ſagte: »Kommt, Kameraden, legt Eure Waffen nieder, und dann ſollt Ihr haben, was Euch jezt nuͤzlicher iſt — ein Stuͤck Sulzſteiſch und ein Glas ſteifen Grog.« »Nun, ſagte einer zu einem Andern, »ſiſt Alles vorbei, Tom! Und wenn er auch nicht ſo aufgetakelt iſt, ſo ſpricht er doch wie ein Chriſt.« Alle, die im Vordertheile waren, viele ver⸗ wundet, uͤbergaben mir ihre Waffen. Nach geendetem Gefechte erzaͤhlte de Ruy⸗ ter'mir, daß van Scolpveldt, ſobald er er⸗ fahren, daß ich die raſche Strafe am Laskar vollzogen hatte, im dichteſten Kampfe auf das Verdeck kam, um Klage uͤber mich zu fuͤhren, weil ich, ohne auf den Befehl zu achten, ihm auf gar nicht zu rechtfertigende Weiſe einen trefflichen Patienten geraubt habe, an dem er ſehnlich wuͤnſchte, ein neues, von ihm ſelber erfundenes Inſtrument zu ver⸗ ſuchen, das er in der Hand hielt und eine vhexagonals, transverſe, dreifach gezähnte I. 21 — 322 — Saͤge« nannte, die ſich ſchnell um ihre eigene Are drehe, und ohne Schmerz, noch Splitter durchſchneide. Umſonſt ward ihm die Noth⸗ wendigkeit vorgeſtellt, auf ſeinem Poſten blei⸗ ben zu muͤßen; er fuhr fort, ſich zu beklagen, daß am Bord entweder aus Verachtung ſei⸗ ner Wißenſchaft, oder aus böſer Anſtiftung eine allgemeineVerabredung zu beſtehen ſchiene, ja eine uͤbelwollende und gottloſe Abſicht, alle ſeine freudig genaͤhrten Hoffnungen eines philantropiſchen Lebens zu zertruͤmmern, zu vernichten und zu vereiteln. Als de Rupter befahl, ihm nicht laͤnger laͤſtig zu ſeyn, ſtand er in ſchmerzlicher, in ſich gekehrter Betrach⸗ tung ſeines furchtbaren Inſtrumentes; da tau⸗ melte ein mit der Kugel in's Herz getroffener Matroſe neben ihn hin. Van Scolpveldt er⸗ griff dieſen, bevor er noch zur Erde fiel, am Arme, bog den Koͤrper deßelben zuſammen in der Geſtalt eines lateiniſchen 2, und lief mit bewundernswuͤrdiger Kraft mit der Leiche davon, wobei er ſagte: »Wenn ich keinen lebendigen Patienten ha⸗ ben ſoll, will ich meine Saͤge an einem Todten verſuchen, und das ohne Verzug.« „ — 323 — Vier und dreißigſtes Kapitel. Gewählt wie rother Hirſch, aus falbem Rudel Gefangener. Keats. Der Kampf war aus: das Blizen durch das Dunkel⸗ Das die Kanone einhüllt und den Tod Beflugett, war zu Ende. Shellen. Wir hatten Mannſchaft abgeſchickt, um ihr Boot und die Barke an unſeren Schiffsſeiten in Beſiz zu nehmen, waͤhrend ein Kutter und ein Nachen von ihnen, mit einigen Offizieren und Matroſen, die wir vom Bord vertrie⸗ ben hatten, abſtießen. In dieſem Augenblicke bahnte ſich eine Handvoll Leute, von einem Offizier angefuͤhrt, den Weg nach dem Hin⸗ theile des Schiffes, um zu de Ruyter zu kom⸗ men, mit dem er entſchloßen ſchien, einen Gang zu wagen, oder falls er bezwungen werde, ſich nur dem Befehlshaber, nicht deſ⸗ — —— —— ——— — 324 — ſen dunkelfarbigem Schiffsvolke zu ergeben. De Ruyter bemerkte ſeine Abſicht und rief ſeinen Leuten zu, die ſich bemuͤhten, jenen auf⸗ zuhalten, die aber im dichten Gedränge ihre Waffen kaum zu gebrauchen vermogten: »Zu⸗ rruͤck, Araber! laßt ihn durch, aber ihn allein!« Meine Aufmerkſamkeit war dahin gerichtet; anſtatt aber, wie ich vermuthet hatte, zu ſe⸗ hen, er wuͤrde ſeinen Degen abgeben, griff er de Ruyter mit aͤußerſter Heftigkeit an. Nach ſeinem Koͤrperumfange und ſeiner Groͤße hielt ich ihn fuͤr den ſtaͤrkſten Kaͤmpfer, den ich je ge⸗ ſehen hatte. De Ruyter ſchien zu denken, er habe ſeinen Mann gefunden, und ſich deßen 4 zu freuen, denn ſeine Geſtalt entfaltete ſich, und ſein durchdringendes, volles Auge zog ſich auf einen Punkt zuſammen. In ſeiner Lin⸗ ken hielt er ein Piſtol und einen kurzen, we⸗ nig gekruͤmmten Saͤbel fuͤhrte er in der Rech⸗ ten. Mehrmals rief er ſeinen andraͤngenden Leuten zu, ſie ſollten zuruͤckbleiben, oder auf ihre eigene Gefahr herankommen. Des Frem⸗ den gewoͤhnlicher Schiffsdegen, Lom ſchlechte⸗ ſten Metall, bog ſich um wie ein Reif, ſo⸗ bald er gegen de Ruyter's Schwerdtgriff traf, der ganz allein ſich vertheidigend da ſtand. In dieſem gefahrvollen Augenblicke war der Koch, — — 325 — ein Schwarzer von der Inſel Madagaskar, im Begriffe, ſein Meßer dem Offizier in die Seite zu ſtoßen. De Ruyter aͤnderte ſeine Stellung und ſchoß den Menſchen nieder, darauf ſagte er zu ſeinem Gegner: »Kommen Sie, Lieutenant, Sie haben Alles gethan, was der Bravſte nur thun konnte, und es iſt zu heiß, hier Terzen und Quarten zu fech⸗ ten. Sie vergeßen, daß Sie ſich hier unter alten Bekannten finden. Das Spiel des Ge⸗ fechtes iſt lange ſchon aus; der Zufall hat fuͤr uns entſchieden. Kommen Sie, werfen Sie die unnuͤze Waffe von ſich.« Jezt ging ich nach hinten und ſagte: »Wie! Aſton 24 Er warf ſeinen Degen auf's Verdeck und ſtarrte mich verwundert an. Sobald er mich unter meiner Huͤlle von Blut, Pulver und Schweiß erkannte, ſagte er: »Ha! jezt ſehe ich Alles. Der wohlbekannte de Ruyter war alſo jener de Witt, jener geſchaͤftige Kauf⸗ mann in Bon S und⸗ er. auf mich, nund Sie“ Halber 2 Vorwurt ſpra aũs ſeilen Blicken, als er fortfuhr: »Nun, das iſt ſeltſam! Wel⸗ chen Erfolg konnten wir uns verſprechen, gegen zwei ſolche Genoßen und ein aus dem — 326 — nämlichen Stoffe zuſammengeſeztes Schiffs⸗ volk? Und dann der Verſuch, Euch in einer Stellung zu nehmen, wie dieſe iſt; die beſten Leute unſerer Schiffsmannſchaft in dieſer Wil⸗ den⸗Gänſe⸗Jagd aufzuopfern; es war Thor⸗ heit oder Wahnſinn, ich weiß nicht, wie ich es nennen ſoll!« Einige der Leute von der Fregatte ſuchten immer noch zu entkommen; zwei ihrer Boͤte, die in der allgemeinen Verwirrung abgeſtoßen waren, machten jezt den Verſuch, ein drittes wieder unſern Leuten abzunehmen, die es in Beſiz hatten; ein unnuͤzes Feuern ward hier fortgeſezt. De Ruyter ward erboſt, ging eilenden Schrittes auf Aſton zu und ſagte: »Herr, ich bitte Sie, reden Sie mit Ihren Leuten! Wenn ſie Kriegsgebrauch zu finden erwarten, ſollen ſie mit unnuͤzem Widerſtande einhalten. Es iſt toller Ubermuth, und ich kann meine Mannſchaft nicht laͤnger baͤndigen, wenn die Ihrige, nachdem ſie die Flagge geſtrichen, ſich noch erlaubt, ihre Boͤte wieder zu er⸗ obern. Mein Wunſch iſt, dem fernern Blut⸗ vergießen zu wehren.« Aſton ſprang nach dem Vordertheile, be⸗ fahl den Leuten, die in der Barke kämpften, —,—— ——— — ſich ruhig zu verhalten und an Bord zu kom⸗ men, denen aber, die am Bord waren, in den Raum zu gehen. »Was die einmal abgeſtoßenen Böte be⸗ trifft,« ſagte er, »die , Gluͤck ver⸗ ſuchen. 4 »Das moͤgen ſie,« erwiederte ve Ruyter, nich will ihre Flucht nicht hindern. Ich wun⸗ ſche keine Boͤte und keine Gefangene. Inzwi⸗ ſchen muß ich meine Pflicht erfuͤllen und die feſthalten, die ich einmal habe, wiewohl ich bedaure, daß ich ſie bekam. Dieſer iſt der un⸗ vortheilhafteſte Sieg, den ich jemals gewon⸗ nen habe. Einige meiner beſten Leute ſind mir verloren gegangen, und zudem der Dienſt aller Verwundeten.« »Fortgeſezte Erfolge machen uns vielleicht zu ſelber⸗vertrauend, bemerkte Aſton, »dies aber iſt das Ergebniß.« Nein,« entgegnete de Ruyter, vieſes Ver⸗ trauen ſichert Ihnen eben den Erfolg bei Al⸗ lem, was Sie unternehmen. Alle Nationen haben ihre Hoͤhe gehabt; ſo lange ſie ſich un⸗ verwundbar achteten, waren ſie es; entſtan⸗ den ihnen Zweifel, ſo waren ſie nicht länger ſiegreich. Die Menſchen werden, was ſie zu ſeyn glauben. Die Europaͤiſchen Flaggen ſind — 326 — verblichen, alt und zerrißen, ſterben eine nach der andern ab. Dieſe Sterne und Striche« — er deutete auf eine Amerikaniſche Flagge, welche die Luke bedeckte, — »muͤßen — denn es iſt ihr Plaz — oben wehen! — Aber fuͤh⸗ ren Sie Ihren Freund hinab,« ſagte er, zu mir gewandt, — vund heißen ihn Willkommen. Es giebt noch viel zu thun. — Aber was? — Heda! was iſt das? Wie, Sie laͤugneten, verwundet zu ſeyn!« . Von Anſtrengung, Erſchoͤpfung und Blut⸗ verluſt fiel ich ſo ploͤzlich auf dem Verdeck zuſammen, als hätte mich ein Schuß getrof⸗ fen, de Ruyter konnte mich nicht Wge wiewohl er es verſucht hatte. Van Scolpveldt war ſchon einige Zeit auf dem Verdecke geweſen, uͤberblickte und uͤber⸗ rechnete mit Zufriedenheit die reiche Erndte ſeiner Kranken. Boshafte Blicke warf er auf einen Unterwundarzt, der Aſton in deßen Boote begleitet hatte, und der eine Wunde im Schenkel des Lieutenants verband, nach⸗ dem er von de Ruypter die Zuſicherung erlangt hatte, alle die Verwundeten von der Fregatte, deren Anzahl bei weitem die Groͤßte war, allein zu verpflegen und zu heilen. Dieſe wa⸗ ren auch keinesweges fuͤr van Scolpveldt — 39 — eingenommen; im Gegentheil, als dieſer un⸗ ter ihnen umherging, um ſich einen Fall fuͤr Amputation auszuſuchen, damit er ſein neuer⸗ fundenes Inſtrument verſuchen möge, machte deßen ſcheußliches Ausſehen in ſolchen Han⸗ den die harten Herzen dieſer durchgewetter⸗ ten Matroſen krank. Ich hoͤrte wie einer von ihnen ſagte: »Tom, hier geht 'n Indiſcher Teufel von 'nem Kannibalen herum, der unſer Kopfnez abſchneiden (das heißt, uns ſkalpiren), uns zu Poͤkelfleiſch zerſchneiden, und uns wie ge⸗ ſalzen Schweinefleiſch an die Mannſchaft aus⸗ theilen will! »Ich will verdammt ſeyn,« erwiederte der andere, »wenn der alte Nickel mit ſeiner Ga⸗ bel kommt, um mich in den Geſchirrkaſten ein⸗ zuſchiffen, denn will ich 'n mit 'em langen Loͤffel bedienen.. Dabei griff er — einer Ladeſchaufel. Der beleidigte Amputator . ſch bei de Ruyter uͤber dieſes meuteriſche Vetragen, kurz bevor ich ohnmaͤchtig wurde; dann lehnte er ſich uͤber mich hin und ſagte: »ich habe mir wohl gedacht, wie's kommen wuͤrde. Er lachte, als ich mich exbot, die Quetſchung in ſeinem Geſichte zu verbinden; aber jezt wird — 330 — er's lachen vergeßen!« Nun zog er ſeine In⸗ ſtrumente hervor: »Ja, er weiß alles beßer, als der Doktor! Ich wollte meinen Meer⸗ ſchaumkopf lieber im Pulvermagazin rauchen, als ihn in der Heilung haben, denn er iſt eigenwillig und halsſtarrig, wie 'ne Sie. Meinen Patienten hat er auch getoͤdtet. Hätte er mir den nicht laßen koͤnnen. Hier iſt die Vergeltung fuͤr ihn, der die Leute ſo gern todt ſchießt. Waͤre er nicht geweſen, ſo haͤtte ich den ſchoͤnſten Fall bekommen!« Während dieſes Selbergeſpraͤches, das Aſton mir wiedererzaͤhlte, ward ich in die Kajuͤte getragen, wo Scolpveldt meine Shawl⸗ Schärpe loͤſete, und nachdem er mein blutiges Hemde abgehoben, zwei Wunden fand, die eine von einer Kugel durch den Unterarm, die andere eine Kontuſion in der Seite von einem Kolbenſchlage. »Vergeltung,« fuhr er fort, »fuͤr n haß⸗ ſenswuͤrdigſte aller Verbrechen, das Betriegen ſeines Arztes. Er hat auch nicht lernen wol⸗ len, wie ein Turniket anzuſezen iſt; was die Englaͤnder doch fuͤr thoͤrichtes, unverſtän⸗ diges Volk ſind. Ich bin gewiß, er wuͤrde lieber ſein Leben verlieren, als ſeinen Eigen⸗ ſinn aufgeben. Seinem Doktor einen Patien⸗ — 331 — ten ſtehlen!« Jezt fuͤllte er die Wunde mit Scharpie aus. »Oho! das gefaͤllt ihm nicht; ich dachte ſchon, er hätte's Gefuͤhl verloren.« Aſton erzählte mir, daß ich, durch ſeine Be⸗ handlung aufgereizt, wieder Lebenszeichen gab; als er jedoch mehre Botſchaften bekam, die ihn abriefen, verband er eilig meine Wun⸗ den und ging, um ſeine zahlreichen Kranken zu verſehen. Fuͤnf und dreißigſtes Kapitel. — Mit ſtrengem Vorwurf fragt' er: Wo Blieb Deine Dankbarkeit, lohnſt Du mir ſo? Wo iſt nun Deine Hoffnung, wo Dein Streben. Dich und Brittaniens Glorie zu erheben? So öffnen fiebriſch ſeine Lippen ſich. Byron⸗ Als ich wieder zur Beſinnung kam, gewahrte ich Aſton uͤber mich herabgebeugt, der mir Geſicht und Bruſt mit Eßig und Waßer ba⸗ dete. Es dauerte einige Zeit, bis ich verſtand, wo ich war, denn Aſton's Geſicht rief mir mein tolles Ertrinken⸗Spielen in's Gedaͤcht⸗ niß zuruͤck. »Ich habe getraͤumt,« ſagte ich, viſt das Aſton? wo bin ich?« »Da, wo ich Sie gefunden zu be⸗ daure. Unter jeder andern Flagge ich Ihnen verzeihen koͤnnen!« Dies rief meine unerſceienden Gedan⸗ ken zuruͤck, und ich antwortete: »Sie werden — 333 — zugeben, daß ich Urſache hatte, der vorigen uͤberdruͤßig zu ſeyn. Jezt kaͤmpfe ich unter de Ruyter. Zeigen Sie mir einen muthvolleren Mann, und ich will ihn verlaßen, aber es giebt keinen der herzhafter, noch edelmuͤthi⸗ ger waͤre.« „Ja, er iſt bekannt als t Seemann, und ſo habe ich ihn erfunden; aber das reicht nicht hin.« »Sie wißen, Aſton, in welcher Lage ich mich befand; was häͤtte ich Beßeres thun köͤnnen? Was wuͤrden Sie an meiner Stelle gethan haben?« Er uͤberlegte einen Augenblick, faßte mich dann bei der Hand und ſagte freundlich: »Bei'm Himmel! ich glaube, ich hätte das nämliche gethan!« ſezte jedoch hinzu: »als ich in Ihrem Alter war!« »O! kennten Sie ihn ſo genau, als ich, ſo moͤgten Sie weiter gehen und ſagetk, in jeglichem Alter. Ich bin mir bewußt, daß ich es thun wuͤrde; deshalb reden wir davon nicht mehr. Ich moͤgte wißen, wie es auf dem Verdeck zuſteht. Die Nacht ſcheint ſehr finſter und wir liegen hier in einem verteufelt ſon⸗ derbaren Winkel. Wie? iſt das die Bran⸗ dung, die ſo gegen unſer Schiff ſchlägt?« — 334 — »Nein, gegen den Fels. Wer anders, als de Ruyter, haͤtte ſich auf einen ſolchen Anker⸗ plaz gewagt? Ich erkenne ſeinen Zweck; er wollte verhindern, daß unſere Schiffe ſich an ſeine Seiten legten. Es iſt wundervoll! Ich haͤtte eben ſo wohl den Gedanken faßen koͤn⸗ nen, auf einer Sandbank bei dem Wuͤthen eines Typhons zu ankern.« »Seyen Sie getroſt; er weiß, was er thut. Es iſt nicht das erſtemal, daß er hier vor Anker liegt, wie er mir geſagt hat. Aber, heda! Junge, bring' zu Eßen und Grog. Ich muß den Verluſt dieſer rothen Fluͤßigkeit er⸗ ſezen; ich bin ſo trocken wie ein Schwamm. Was, zum Teufel, hat Scolpveldt mir in der Seite gewühlt? Ich fuͤhle die Spur ſeiner verfluchten Griffe in meinem Fleiſche einge⸗ prägt. Der Kerl iſt zum erſten Folterknechte der Hoͤlle gemacht. Ich wuͤnſchte, Aſton, Sie wollten Ihrem Doktor ſagen, daß er mich mal uͤberholt, denn der Scolpveldt mir den Appetit verdorben.« Aſton ſchickte fuͤr den Wundarzt und ſagte: »Ihr Doktor hat wirklich ein auffallendes An⸗ ſehen. Ich kann nicht ſagen, daß ich den Schnitt ſeines Vordertheils leiden mag.« „Das iſt nicht halb ſo ſchlimm, als ſeine Taze zu fuͤhlen, die brennt wie Hoͤllenſtein.« Aſton's Wundarzt kam jezt herab. Weil Arzte Individuen ihrer Zunft niemals offen tadeln, außer durch foͤrmlichen Gegenſaz, das heißt, indem ſie jederzeit umordnen, was der Andere anordnete; ſo machte dieſer es eben ſo. Beſaͤnftigende Salben wurden ange⸗ legt, und die verwuͤnſchten beiden Stopfer aus den Wunden genommen; dies gab mir eben ſo viel Linderung, als waͤren Splitter daraus hervorgezogen, die lange darin geei⸗ tert haͤtten. So erleichtert begann ich mein Geſpraͤch mit Aſton wieder, fragte nach un⸗ ſerm ehemaligen Schiffe, und weshalb er das verlaßen habe; denn ich wußte, es ſey keines von denen geweſen, die Jagd auf uns ge⸗ macht hatten. Er erzaͤhlte mir, daß ein Freund von ihm als Befehlshaber der Fregatte, welcher er nun angehoͤrte, nach Indien gekommen war, und fuͤr ihn die Anſtellung als erſter Lignte⸗ nant erwirkte. Weil ſie Kunde erlangt haͤt⸗ ten von zwei ausgelaufenen Franzoͤſiſchen Fregatten, waͤren ſie in aller Eile nach Ma⸗ dras geſegelt, um dies dem Admiral zu be⸗ richten; von dem habe ihr Schiff und eine — — 336 — öweite Fregatte Befehl bekommen, die Fran⸗ zoſen aufzuſuchen und unter keinem Vorwande aus dem Geſichte zu verlieren. Sie hatten er⸗ ſpuͤrt, daß ſie in Port St. Louis ankerten, welchen Hafen ſie mehre Tage blokirt hielten. »Außerdem, ſagte er, »war uns auch an⸗ gezeigt, daß de Ruhter mit ſeiner Korvette in See waͤre, und wir hatten Befehl, ihn, wo moͤglich, bei ſeiner Ruͤckkehr nach dem Ha⸗ fen abzuſchneiden. Wir hatten nicht den ent⸗ fernteſten Gedanken, ihn hier in dieſer Grabb zu finden. Dieſe hielten wir Alle fuͤr ein Ara⸗ biſches Schiff. Ich glaubte, ſie irgendwo ge⸗ ſehen zu haben, vergaß aber, daß dies in Bombay geweſen ſey. Damals hatte ich aber auch nicht die geringſte Urſache zu vermuthen, daß de Ruyter, oder ſelber nur, daß de Witt Antheil an ihr habe, und viel weniger noch, daß dieſe beiden Namen einer und derſelben Per⸗ ſon angehoͤrten. Er allein hat dem Handel der Oſtindiſchen Kompagnie mehr geſchadet, alsgle Franzoͤſiſchen Kriegsſchiffe zuſammen⸗ genommen; ſein Kopf wiegt den Preis einer Fregatte auf. Es iſt wunderbar, daß er ſo lange Zeit allen den Schlingen entgehen konnte, die ihm gelegt wurden, hoͤchſt wunderbar, ſo geſcheut er auch iſt.« — 337 — Als de Ruyter ſeine Anordnungen auf dem Verdeck getroffen hatte, kam er herab, ſchuͤt⸗ telte Aſton die Hand und ſagte: »Dieſer Unfall, der Sie uns in die Haͤnde gerathen ließ, wird kein großes Ubel ſeyn. Sie koͤnnen ihn beßer ertragen, als ich. Welche Barmherzigkeit wuͤrde mir erwieſen werden, wenn dieſe Kaufmanns⸗Inquiſition mich in ihren Klauen hielte? Lieber wollte ich eines zornigen Elephanten Fuß auf meiner Bruſt fuͤhlen.« Hierauf ſezte er hinzu: »Um Sie ſo zu⸗ frieden zu ſtellen, als die Umſtaͤnde es erlau⸗ ben wollen, muß ich Ihnen nur ſagen, daß ich die Verfuͤgung uͤber Ihre Leute Ihrem ei⸗ genen Ermeßen uͤberlaße, und mich mit Jh⸗ rem Ehrenworte begnuͤge. Wie viele Mann⸗ ſchaft hatten Sie in den Boͤten ?« vim »Mit Offizieren und — nehr gls ſechszig Mann.« »Nun, ſo lange Ihr Schiff in der Nähe bleibt, moͤgen Ihre Leute ungeduldig ſeyn und uns laͤſtig fallen. Morgen fruͤh wird die Fregatte auf dieſer Hoͤhe erſcheinen, und Sie koͤnnen dann den Doktor mit den ſchwer Ver⸗ wundeten an Bord ſchicken; dort werden ſie beßer verpflegt werden, denn hier ſind wir P 22 — 338 — zuſammengepackt, und ganz unvorbereitet auf ſo unerwartete Gaͤſte. Ich hatte keine Vermuthung davon, daß einer Ihrer Kreu⸗ zer in dieſen Gewaͤßern ſey. Wenn Sie Briefe zu ſchreiben haben, ſo machen Sie die fertig.« Er ging zuruͤck auf das Verdeck, Aſton ſchrieb, und ich ſchlief bis zum folgenden Morgen. Da war ich wohl genug, um mit Huͤlfe eines Stockes auf das Verdeck zu krie⸗ chen. Eine Wache, die wir auf einer Felſen⸗ kuppe am Lande ausgeſtellt hatten, gab uns Nachricht von den Bewegungen der Fregatte. Kurz nach Tagesanbruch ſegelte ſie ſo nahe heran, als es ohne Gefahr fuͤr ſie moͤglich war. Es wehete ein leichter Wind. Wir ſchick⸗ ten unſer langes Boot unter Stillſtandsflagge mit den Verwundeten, dem Wundarzt und mit einem Schreiben von Aſton an Bord. Der Fregattenkapitain erwiederte ſeinen Dank, drohete jedoch, troz de Ruyter's menſchenfreundlichem und edlem Betragen, ihn aus ſeinem Schlupfwinkel hervorzutreiben. Dies ward auf alle Weiſe verſucht. De Ruhter wußte aber aus dem Signale an die zweite Fregatte, daß dieſe unter keinem Vor⸗ wande die Blokade von Port St. Louis auf⸗ geben duͤrfe. Die Anweſende hatte ihre — 339 — Böte eingebößt, und konnte deshalb nichts thun, weil es ihr unmöglich war, ſich der Grabb auf Schußweite zu naͤhern. Es blieb ihr nichts uͤbrig, als de Ruyter hier einge⸗ ſchloßen zu halten, das vermogte ſie indeß nicht mit Wirkſamkeit zu thun, der haͤuſigen Stuͤrme wegen, die in der damaligen Jah⸗ reszeit herrſchten; ſo daß de Ruyter ſich durch dieſe Drohung nicht ſehr beunruhigt fuͤhlte. »Was das Uübrige anbetrifft,« ſagte er, »ſo werde ich beßer ſchlafen und beßer ſpei⸗ ſen, wenn ich mich ein bischen angeregt fuͤh⸗ le, um meiner Verdauung zu Huͤlfe zu kom⸗ men, und den Theil meines Blutes, der Hol⸗ laͤndiſch iſt, vor der Stockung zu bewahren.« Um Ermuͤdung zu vermeiden, falls ich bis⸗ her glucklich genug geweſen wäre, den Fels zu umgehen, an dem ſo Viele ſchon ſcheiter⸗ ten, will ich einen Auszug aus de Ruyter's kurzem und gedrängt aufgezeichnetem Tage⸗ buche entlehnen: »Zehn p. M. dunkel und wolkig; Bliz; ſchwere Regenſchauer; lichtete die Anker; bug⸗ ſirte vom Ankerplaze weg; friſcher Wind vom Lande; mit Hülfe der Blizſtrahlen hielt ich mich aus der Brandung frei; um ein Uhr a. M. zog ich Segel auf; lief windwärts — 340 — von der Inſel, die unſer Schuzort geweſen war.« Dies geſchah am dritten Tage nach unſerm Gefechte mit den Boten. Wir liefen hinuͤber bis nach Diego Garcia, und entkamen aus dem Segelſtriche der Fregatte; meinen Freund Aſton und ſechs und zwanzig von deßen Mannſchaft hatten wir am Vord. — — Sechs und dreißigftes Kapitel. — Richts auf der Welt veruhist mehr den Griſt, Als Rum und wahre Gottesfurcht. Byron. De Ruyter war tereit, Aſton in Freiheit zu ſezen, dieſer aber wollte davon nichts hoͤ⸗ ren. Er ſagte, daß er es verſchmaͤhe, den natuͤrlichen und verdienten Folgen ſeines fehl⸗ geſchlagenen Verſuches ſich zu entziehen. Waͤre ihm dieſer gelungen, ſo hoffe er, gewünſcht zu haben, eben ſo großmuͤthig zu verfahren, als de Ruyter; indeß wuͤrde ſeine Gewalt einge⸗ ſchraͤnkt geweſen ſeyn. Da jezt das Geger⸗ theil eingetroffen wäre, unterwerfe er ſich natürlich dem Kriegsgebrauche; und er bat de Ruyter, deßen eigenen Ruf und die Treue, welche er dem Souverain ſchulde, unter deſ⸗ ſen Flagge er kämpfe, nicht dadurch auf das Spiel zu ſezen, daß er ihn vor einer, wie er hoffe, kurzen, wenn auch ſtrengen Einker⸗ kerung bewahre; kurz, weil ſo viele Franzoͤ⸗ ſiſche Gefangene in Indien ſich befänden, hoffe er, daß eine Auswechſelung recht bald vorgenommen wuͤrde. „Es ſoll ſo ſeyn, wie Sie es rathſam ach⸗ ken,« antwortete de Ruyter, »nur davon hal⸗ ten Sie ſich überzeugt: ich beſize hinreichende Gewalt Ihnen dies zu verſprechen, wenn der Name eines Gefangenen Ihre Geduld nicht empoͤrt, ſo ſollen Sie keine der Unwuͤr⸗ digkeiten dieſes Zuſtandes empfinden. Dächte ich anders, ſo ſollten Sie kein Gefangener ſeyn, wo ich den Befehl fuͤhre. Mein Zreu⸗ verſprechen beſteht in Tinte, kommt nicht aus dem Blute; ich ſchulde den Franzoſen keine Unterthanenpflicht. Unſere übereinkunft gruͤn⸗ det ſich — wie Alle thun ſollten, deren Fort⸗ dauer man beabſichtigt — auf gegenſeitigen Vortheil; wenn dieſer aufhoͤrte, wuͤrde jeg⸗ licher der Betheiligten ſie aufheben, ohne ſich nur einen Augenblick zu beſinnen. Der Schaum, den die Franzoͤſiſche Revolution aufgekocht hat, fuͤhrt die Herrſchaft auf Isle de Francs, ein Botany⸗Bay, wohin Frankreich ſeine ver⸗ brecheriſchen Menſchen abfuͤhrt. Dort ſind ſie eben ſo leichtfertig, ſo unbeſtändig und dabei — — — 343 — ſo heftig, als die Monſon⸗Stuͤrme in Port⸗ Louis, wo der Wind zwiſchen Sonnen⸗Auf⸗ gang und Sonnen⸗Untergang aus allen Stri⸗ chen des Kompaßes weht. Aber ſie duͤrfen nicht wagen, mit mir ihr Spiel zu treiben. Ich ſage, ſie duͤrfen es nicht wagen: denn mit allem ihren poſaunenhaften Großprahlen ſind ſie weder tapfer, noch edelmuͤthig. Ihr Muth ſizt nicht tiefer, als auf den Lippen und ihre Wuth gleicht einem Orkane im Unterrock. Auf Sie werden ſie Haß werfen, weil Sie tapfer ſind und ihnen ſo oft ſchon die erborgten Fe⸗ dern abgerupft haben, um ſie in ihrer nack⸗ ten mowenhaften Geſtalt zu zeigen, oder ſie werden auch Haß auf Sie werfen, weil Sie hoher gewachſen ſind, oder einen beßern Rock, einen ſchoͤnern Bart, oder glänzendern Knopf beſizen, als jene. Sie ſind neidiſch, boshaft, grauſam und tuͤckiſch⸗felge, ganz ſo wie das unruhige, ſchreiende Gezuͤcht des Madagascar⸗ Affen; ſie ſind geräͤuſchig und ſchmuzig, wie der kothſchweifige, dyßenteriſche Kakadu; ei⸗ tel, eingebildet, zugellos und beſtialiſch, wie der Orang⸗Utang auf Borneo.« Aſton erſtaunte und ich lachte uͤber dieſen Herzenserguß. S. Er fuhr fort: »Dies ſage ich Ihnen, weil ich wuͤnſche, Sie moögen dentlich verſtehen, daß ich nicht dieſem Volke, ſondern mir ſel⸗ ber diene. Ich verachte es als Nation, wie⸗ wohl einige wenige mit ihnen aus ſoͤhnende Karaktere, unter ihnen gefunden werden. Troz aller ihrer belobten Bildung wuͤrden Sie von ihnen mit Unwuͤrdigkeit behandelt werden. Sie haben ſo ſelten Gelegenheit, ihre aufgeſam⸗ melte Galle an einem gefangenen Englaͤnder auszulaßen, daß ſie jede moͤgliche Laune des übermuthes gegen Sie richten wurden. Aber das ſollen ſie nicht. Mogen ſie am eigenen Gifte erſticken, bevor ich zugebe, daß ein Englaͤnder, und mein Gefangener, nur ver⸗ ächtlich von ihnen angeblickt werde. Jezt ver⸗ ſtehen wir uns. Nun Burſche laßt uns mal ſehen, was noch in den Schraͤnken uͤbrig iſt. Ich fuͤrchte, unſere Kocherei und unſer Tiſch⸗ geſchirr hat ſehr gelitten, ſeitdem dieſe argen Beſucher an unſern Bord kamen. Aber bei dieſer kalten, bezogenen Luft bedarf man kei⸗ nes Pompelmus⸗Vittern, um die Eßluſt zu reizen. Gehen Sie hinab; ich will nur noch einen Blick umherwerfen und Ihnen gleich folgen.« Als wir hinabgingen, rief ich unſern Schiffs⸗ verſorger, Lonis, und ſagte ihm, wir waͤren — — 345 — ſo hungrig, als Hyänen. »Aber wer, Teufel,« ſezte ich hinzu: »kann das trockene Poͤkelfleiſch und die verfaulten Salzfiſche kauen, die da auf dem Liſche ſtehen? Fort, alter Knabe, gable was Beßeres heraus, oder ich werde mich genoͤthigt ſehen, van Scolpveldt auf den Roſt zu legen und ihn abzuteufeln.« Lonis erwiederte: »Den einmal im Leibe, und Sie werden niemals mehr eßen. Wollt' ich doch lieber 'nen Pferdehuf verzehren.« Jezt kam Scolpveldt ſelber die Treppe herab, um meine Wunden zu beſichtigen. »Nein, nein, Doktor, ſagte ich, »keine äzende Stopfer fuͤr mich! Sezen Sie ſich, und fuͤllen Sie einiges von der loſen Haut aus, die um Sie herhaͤngt, wie 'n einge⸗ ſchrumpftes Theertucht« 3 „Was iſt dasle rief er aus, »Sie duͤrfen nicht eßen; ich habe dem Jungen geſagt, ih⸗ nen Congie⸗Schleim zu bringen.« »Verdammt ſey Ihr Reiswaßer! Geh' hin⸗ auf, Louis, und ſag' dem Koch, daß er uns ein Paar Huͤhner braten und ein Stuͤck Schweinefleiſch auf den Roſt legen ſoll. Mich verlangt nach etwas Kraͤftigem.« Van Scolpveldt wuͤrde Gegenbefehl gege⸗ ben haben, wenn ich ihm nicht mit meiner — 346 — Hand den geoͤffneten Mund zugedrückt haͤtte. Darauf ſchuͤttete ich eine Flaſche Madeira in einen Trinknapf, und war im Begriff, dieſen auszuleeren; aber er widerſezte ſich aus allen Kräften, wobei er erklärte, daß ich, ſo lange ich ſein Kranker waͤre, nicht Selbſtmord be⸗ gehen und ſeiner Behandlung Schande machen ſolle. Er rief ſeinen Burſchen und befahl dem, eine Flaſche 2 nk Zitronenſaf⸗ tes zu bringen. Er fuͤhlte meinen Puls un ſagte: „Wenn Sie keinen Congie⸗Schleim trinken wollen, ſo iſt die Zitrone, bei Ihren fieberhaften Anzei⸗ chen, die einzige Flußigkeit fuͤr Sie. Die iſt die Frucht vom Citrus, aus der Klaße Po⸗ lyadelphia, Geſchlecht Jeoſandria. Sie iſt der Hauptbeſtandtheil der Zitronſäure, die großen pharmaceutiſchen Werth am Lande hat, und tauſendmal nuͤzlicher auf Schiffen angewendet werden wuͤrde, wo ſie niemals zu haben iſt. Aber ich — ich — van Scolp⸗ veldt, habe lange daran gearbeitet, ſie durch Eindaͤmpfung anwendbar zu machen. Bisher zeigte ſie bei allen Chymiſten Spuren des Ver⸗ derbtwerdens. Doch durch Huͤlfe eines koſt⸗ baren, mir gehoͤrigen Manuſeriptes, geſchrie⸗ ben vom gelehrten Winſchoeten, dem Lehrer — 347 — des unſterblichen Bverhave, und zwar im Jahre 1673, unter Mitanwendung einiger meiner eigenen kleinen Zuſäze, iſt es mir end⸗ lich gelungen, ſie in konkretem Weſen aufzu⸗ bewahren. Jezt iſt der Saft ſechszehn Mo⸗ nate alt, und Sie werden finden, daß er beßer und friſcher iſt, als wuͤrde die Frucht erſt eben vom Baume gebrochen. Komm' „Burſche, gib mir die Flaſche.« Als er ſich zu dem hereinkommenden Bur⸗ ſchen umwandte, vergaß er den Madeira, den ich auf einen Zug ausleerte. Er warf mir nur einen Blick zu, ſteckte die konkrete Eßenz in ſeine Taſche, eilte auf das Verdeck und ſagte zu de Ruyter, er waſche ſeine Haͤn⸗ de, er ſey nicht gewohnt, tolle Menſchen zu behandeln, und empfehle den Gebrauch eines Zwangkamiſols. Nach dem Abendeßen zog Louis eine ſtäu⸗ big ausſehende, ſteinerne Kruke des echten pambusfarbigen Schiedam hervor. Wir über⸗ zengten uns davon, daß er den wahren Ge⸗ ſchmack beſize, oder nach Louis leckerhafter Bemerkung, den Geſchmack und die Farbe einer Flamme habe, gezeugt durch den Rauch des Wachholderbaums. „Louis teufle uns Zwieback. Du biſt der — 348 — einzige nuͤzliche Menſch am Bord, nichts kommt Deinem mit Carry zubereiteten Teu⸗ fel gleich. Der wird den oͤligen und köſtlichen Duft vom Wachholderrauche herauslocken a Als Louis auf das Verdeck wackelte, fragte Aſton: »Wer iſt dieſer Louis? er ſcheint hier Alles in Allem zu ſeyn, Zahlmeiſter, Pro⸗ viantverwalter, Buchfuͤhrer, und jezt machen Sie ihn auch noch außerdem zum Koch.« »Er iſt wirklich,« gab ich zur Antwort, vein gedoppelter Menſch, Hollaͤndiſchen Stam⸗ mes mit Franzöſiſcher Pfropfung, ein unre⸗ gelmäßiges Geſchoͤpf, auf der Inſel Mauri⸗ tius geboren. Er vereinigt die bezeichnenden Eigenſchaften zweier Voͤlker in ſich, den ge⸗ rundeten Bauch und ſtämmigen Bau des Hol⸗ länders, mit den duͤnnen Drahtbeinen und Armen des Franzoſen, er gleicht einem Or⸗ hoeft Schiedam auf Stelzen. Sein Geſicht iſt eine ſpaßhafte Zuſammenſezung beider ſeiner Rltern; voll und rund wie ein Kuͤrbiß, und ganz geroͤthet, hat er eine Galliſche Naſe, wie eine rothe reife Feige mit dem Stengel nach oben gekehrt; einen Mund, der, wie bei der Fledermaus, von einem Ohre zum andern reicht, und dicke, aufgeſchwollene, feuchte Lippen, die, wenn ſie im Sprechen ————— —— — 349 — aufgeſchloßen ſind, eine lange doppelte Reihe von Ebenhoͤlzern zeigen, die den Pfaͤhlen am Einlauf eines Holländiſchen Deiches oder Ka⸗ nals ähnlich ſehen, und gleich dieſen ſtets be⸗ reit ſind, aufzunehmen, was ihnen darge⸗ boten wird. Sein naturgemäßes Kinn iſt laͤ⸗ cherlich kurz, iſt aber wie ſein Magen her⸗ vorbringender Art, denn es hat drei Riffe vorgetrieben, eine Fettmaße, die einem echt Franzoͤſiſchen, langen, knoͤcherigen und ka⸗ meelartig gebogenem Halſe angeſezt iſt. Sein Kopf ſcheint fuͤr nichts anders, als fuͤr eine goldene Krone geſchaffen, denn keine Bedek⸗ kung geringeren Gewichtes vermag bei einem ſcharfen Winde darauf feſt zu ſizen, und er fuͤhrt wirklich auch bei uns den Namen: Louis le Grand. Hier kommt er, betrachten Sie ihn, und ſagen Sie dann, ob ich uͤber⸗ trieben habe.« Sobald der zubereitete Teufel und die ge⸗ bratenen Huͤhner auf den Tiſch geſtellt wa⸗ ren, ſagte ich zu Louis, er ſolle auf der Bank Anker werfen und Aſton erzaͤhlen, auf welche Weiſe er zu dem Amte eines Zahlmeiſters befoͤrdert worden. »Mein Herr, der lezte Zahlmeiſter, der ſtarb.« — 350 — „Das weiß ich, aber wie ſtarb er 26 Nun begann er in ſeinem gebrochenen En⸗ gliſchen, uns eine Geſchichte davon zu erzah⸗ len, wie der lezte Zahlmeiſter, aus zu großer Liebe zur Sparſamkeit, die lederaͤhnliche Rinde eines trocknen, uͤberſalzenen Hollaͤndiſchen Kaͤſes auf den Kajuͤtentiſch ſezen wollte; wie er, Louis, dagegen einwandte, er ſey nicht eßbar; wie der Andere ihn nun ausſchmälte, weil er leckermaͤnlig und verſchwenderiſch werde, unter der Verſicherung, daß der Kaͤſe ein guter Kaͤſe ſey; wie derſelbe, um Louis davon zu uͤberzeugen, den er ein ſtarrkoͤpfi⸗ ges, halbzuͤchtiges Holländiſches Schwein nannte, ein losgebroͤckeltes Stuͤck davon ab⸗ trennte, und den Verſuch machte, daßelbe niederzubringen; wie dieſes in der Kehle ſtek⸗ ken blieb, ſo wie die Hoͤrner einer Ziege, wenn die mit Haut und Haar von einer Boa verſchlungen wird; wie Scolpveldt eben am Lande war; und wie Louis, als ein guter Freund, dem armen Zahlmeiſter auf den Ruͤk⸗ ken klopfte, bis der ſarb, und wie er dann in deßen Schuhe trat. — — 35 — Sieben und dreißigſtes Kapitel. Nichts über alten Wein! — Verachte ihn, Wer immer will, ſein Schmollen iſt vergebens; Gebt Abends Weiber, Wein, und Luſt und Lachen Sermon' und Sodawaßer beim Erwachen. Byron. Wir Alle lachten uͤber Louis, obgleich nicht Einer am Bord war, der ihm nicht fuͤr gelei⸗ ſtete gute Dienſte Verpflichtung ſchuldete. Er war unermuͤdlich fleißig, und weil er ſelber einen Magen hatte, gemacht wie ein Chro⸗ nometer, ſo verſäumte er niemals die Stunde zur Austheilung des Mundvorraths; uͤberdem war er gewißenhaft ehrlich in Maaß und Gewicht. Unter dem reichlich ſpendenden, gut geordneten Syſteme dieſes gewißenhaften Zahlmeiſters hatten wir ſelten Urſache zu Be⸗ ſchwerden; und er pflegte ſich ſelber zu ruͤh⸗ men, daß ſeit ſeiner Anſtellung das Schiffs⸗ — 352 — volk an Kraͤftigkeit und Gewicht zugenommen habe; die einzige Ausnahme davon machte zu ſeinem unſaͤglichen Leidweſen van Scolpveldt. Von dieſem ſagte er: »Ich glaube, er iſt der Teufel ſelber; lebt von Arznei und Rauch, raucht den ganzen Tag und Nachts dazu, ißt nichts, ſchlaͤft nichts! — er muß der Teu⸗ fel ſeyn, oder nichts; muß er nicht?“ Während wir uͤber Louis vortreffliche Pro⸗ viant⸗Verwaltung noch ſprachen, kam de Ruy⸗ ter zu uns, und ſtimmte hoͤchlich — ſein Lob mit ein. »Nichts,« ſagte dieſer, »iſt fuͤr einen Be⸗ fehlshaber ſo wichtig, als die gute Bekoſti⸗ gung ſeiner Mannſchaft. Matroſen eßen im Grunde wenig; werden ſie aber ſpärlich be⸗ handelt, ſo ſind ſie unlenkſam und grimmig wie Raubthiere, die doch, ſogar die Loͤwen, wenn vollauf geſaͤttigt, unſchäͤdlich ſind. Auf Ihrer Flotte entſtand einmal Meuterei,« fuhr er zu Aſton gewendet fort; »Leute, die ſich zuvor nie empoͤrt hatten, nahmen Ihnen Ihre hoͤlzernen Wäͤlle ab, weil Sie deren tägliche Nahrung beknappten, während die vereinig⸗ ten Schaͤze der Welt ſie nicht verfuͤhrt haben wuͤrden, ihre Pflicht zu vergeßen. Eben ſo verlezen Ihre Soldaten alle Mannzucht, wenn — 353 — ihnen die Rationen nicht gereicht werden. Wir, die wir den Befehl nur nach dem guten Wil⸗ len derer fuͤhren, die unter uns ſind, ſehen unſere Oberherrſchaft nie mehr in Gefahr, als wenn wir von halbverſchmachteten Men⸗ ſchen umgeben ſind. Hunger iſt taub gegen Vernunft, Furcht und das eiſerne Joch der Gewohnheit. Alles, was man am Bord eines Schiffes thun ſoll, iſt das Verhuͤten von Ver⸗ geudung und Trunkenheit, welche leztere in ihren Wirkungen mit dem Hunger nahe ver⸗ wandt iſt. Nun, komm' her, Louis, gieb uns noch einen Strahl von Deinem fluͤßigen Blize; gutes Leben iſt am Bord eben ſo noth⸗ wendig, als ein guter Kompaß; nachher geh auf's Verdeck und ſchuͤrze das Tau vom Haupt⸗ ſegel zuſammen, denn unſere Leute haben ſchwere Arbeit gehabt. Dieſer Louis hat un⸗ ſerer Mannſchaft Rechtglaͤubigkeit umgekehrtz ſeine Beredſamkeit hat die Gewißenszweifel uͤberwunden, die ihnen der Genever machtez ſo leicht wird es, die Menſchen zu einem Glauben zu bekehren, der mit unſern Wuͤn⸗ ſchen einklingt. Meinen Muſelmännern hat er einzureden gewußt, daß Genever von Ma⸗ homet nicht verboten war und nicht verboten iſt; daß dieſer im Gegentheil den Wein ver⸗ 1. 23 — 354 — bot, damit in der Welt nichts anders als Genever getrunken werden ſolle, und dies zwar nach der Eingebung eines wunderbaren Traumbildes, während welchem ein Engel ihm eine volle ſteinerne Kruke ſchenkte, die er als Probe aus dem Himmel — oder aus Holland mitgebracht hatte!« Louis ging auf's Verdeck, und kehrte bald darauf mit der RNachricht zuruͤck, daß ein blauer Haiſiſch unſerm Schiffſtriche folge, wobei er uns zugleich daran erinnerte, daß unſere friſchen Lebensmittel aufgezehrt ſeyen. Waͤhrend er einen Haifiſch⸗Angelhaken aus einem der Schubfaͤcher hervor zog, ſagte er: „Ich gehe hin und fang' ihn; er iſt ſehr gutes Eßen, in der Art, wie ich ihn koche.⸗ Wir folgten ihm alle auf's Verdeck, und nachdem ein Huͤhnergedärm als Koͤder an den Angelhaken geſteckt war, ließ das gierige Ungethuͤm denſelben kaum das Waßer be⸗ ruͤhren, als es ſchon darauf zuſchoß und ohne ſich vom widerhakigen Eiſen abhalten zu laßen, das Hingeworfene verſchlang, und raſch mit ſeiner Beute umkehrte. Es gelang uns bald, den Raubfiſch auf das Verdeck zu winden; er war rieſenhaft groß; und wie⸗ wohl in ſeinem Innern noch die unverdauten — — überbleibſel einer Matroſenjacke gefunden wurden, ſezte Louis doch ſogleich ſein Meßer an, und ſchnitt eine reichliche Schuͤßel voll Bratſtuͤcke aus dem hintern Theile deßelben. Damit verging der Abend. Die Wache wurde ausgeſtellt. De Ruyter ging, um mit einem Band von Shakespeare ſeine Gedanken zu ſammeln, und ich lehnte mich uͤber die Sei⸗ tennezwand, uͤberdachte das Vergangene und die Gegenwart, und ſah voller erwartender Verwunderung dem entgegen, was nun kom⸗ men wuͤrde. Von nun an ging alles froͤhlich und gut; oder uͤberkam uns einmal ein widerwärtiger Vorfall, wie dergleichen unzertrennlich vom Seeleben ſind, wo die Menſchen wie Häringe in einer Tonne aufeinandergepackt ſich drͤngen, ſo verzog ſich der wiederum gleich den Wolken des Sommers, die den Himmel nur noch klarer laßen, als er vorher war. Die Zeit ward uns am Bord der Grabb nicht lang. Ich befand mich in Geſellſchaft der beiden Menſchen, die ich am meiſten bewunderte und liebte. Nur Walter fehlte mir; dann hätte eine Suͤndfluth die ganze Welt uͤberſchwem⸗ men moͤgen, und wäre die Grabb nur unſere Arche geweſen, ſo wuͤrde ich dadurch nichts — 356 — verloren haben, um daß ich haͤtte weinen mö⸗ gen, ſo engherzig und ſelbſtfuͤchtig waren meine Anſichten in dieſem erſten Aufleben meiner Ingend. Diejenigen, die ich liebte, waren mir die ganze Welt; alle Uübrigen waren mir dagegen voͤllig gleichguͤltig. Meine Nei⸗ gungen waren keimend, aber noch nicht ent⸗ faltet. Meine Leidenſchaften und Gefuͤhle wa⸗ ren im Entſtehen, diejenigen ausgenommen, die Aſton und de Ruyter erweckt hatten. Dieſe Beiden waren in der Wirklichkeit ſich ganz gleich; wiewohl durch Erziehung und Vaterland ihnen Gewohnheiten angeeignet wa⸗ ren, die ihnen eine ſolche Kruſte uͤbergezogen hatten, daß einem zufaͤlligen Beobachter nicht leicht zwei Menſchen unaͤhnlicher erſcheinen mogten. Im eigentlichen Kerne aber waren ſie ganz dieſelben; beide hatten gleiche Karak⸗ terfeſtigkeit, gleichen Heldenmuth, gleich zar⸗ tes und liebevolles Weſen, gleich offen mann⸗ haftes Betragen. Recht bald wurden ſie in⸗ nige Freunde. Seefahrer betrachten das Meer als ihr Va⸗ terland, und alle echtgezogene Soͤhne Neptuns als ihre Milchbruͤder. National⸗Vorurtheile werden von den Elementen abgeſpuͤlt und abgerieben. Am Vord eines Schiffes werden — — 357 — vertraute Verhaͤltniße in einer Stunde ge⸗ ſchloßen, die am Lande Jahre erfordert haͤt⸗ ten; und was am Lande nie geſchieht, ſieht man am Bord haͤufig: Schiffgenoßen theilen ihre Boͤrſen, und ſchenken viel freigebiger, als die naͤchſten Anverwandten nur darleihen, ein Wort, das im Seefahrerlexikon nicht zu finden iſt. Gute Genoßenſchaft, Aufrichtig⸗ keit und Großmuth ſcheinen nach dem Ocean entflohen zu ſeyn, um auf ihm Zuflucht zu⸗ finden. t Rach einigen Tagen erkannten wir gegen Weſten hin ein fremdes Segel. Dieſes richtete uns ſeinen Lauf zu, und weil wir fanden, daß wir zu ſchnell fuͤr daßelbe ſegelten, ver⸗ kuͤrzten wir unſere Segel, bis es uns nahe genug kam, um auszufinden, was fuͤr ein Schiff es ſey. Nun erkannte es de Ruyter fuͤr eine Franzoſiſche Korvette. Wir zogen ein beſonderes Signal auf, welches ſie beant⸗ wortete. Da legten wir bei. Gegen Sonnen⸗ untergang war ſie neben uns, und nach eini⸗ ger Zwiſchenſprache mit dem Kapitain ging de Ruyter an ihren Bord, woſelbſt er eine lange Beſprechung hielt. Nach ſeiner Zuruͤck⸗ kunft äͤnderten wir unſere Richtung, und liefen auf die Inſel Madagascar zu. S —— — — 358 — Mehre unſerer Verwundeten ſtarben. Weil wir fuͤr unſere Gefangenen nicht Raum genug hatten, verſezte de Ruyter, nachdem er zuerſt ſich mit Aſton daruͤber beſprochen, und ſich voͤllig davon uͤberzeugt hatte, daß der Fran⸗ zoͤſiſche Befehlshaber ein menſchenfreundlicher und eheenwerther Mann war, dieſelben unter der Leitung eines ihrer eigenen Midſhipmen und eines Lientenants von den Seeſoldaten auf die Korvette, mit Ausnahme von Aſton und vier Matroſen, die um die Erlaubniß an⸗ hielten, bei ihrem Offizier bleiben zu duͤrfen. Dieſes Geſuch ward ihnen auf meine Fuͤr⸗ ſprache gern bewilligt. — 359 — Acht und dreißigſtes Kapitel. — Die Sonn' iſt Afrika! und wie das Land⸗ Iſt der Bewohner immerdar ergrühend Für Gut und Böſes; den Planetenſtand Stets in das mauer'ſche Stammblut niederziehend, Crieugt er, gleich der Flur, der er verwandt. Byron⸗ Mnn eroffnete uns de Rupter, die Korvette ſey ausgeſandt, um eine begangene Seeraͤu⸗ berei zu unterſuchen, fuͤr deren Urheber man die Maratten hielt, die ein furchtbares Raub⸗ neſt auf der Nordſpize der Inſel Madagascar bewohnten. Die Portugieſen und Franzoſen hatten mehremale verſucht ſich dort niederzu⸗ laßen, waren aber ſtets genothigt worden, den Plaz wieder nach erlittenem großen Ver⸗ luſte zu verlaßen, weil die Eingebornen ſie unaufhoͤrlich, bei Nacht wie bei Tage, uberfie⸗ len; endlich erklaͤrten ſie, das Klima ſey ver⸗ derblich und die Riederlaßung von gar keinem — 350 — Nuzen, und ſie entfernten ſich, das heißt die⸗ jenigen, die das konnten, mit ſolcher Eilfer⸗ tigkeit, daß ſie die von ihnen aufgefuͤhrten Gebaͤude und einige fuͤr den Augenblick auf⸗ geworfenen Schanzen den Maratten und an⸗ dern Raͤuberbanden zur Wohnung uͤberließen. Dieſe Maratten, ein altes Seeraͤubervolk, wohnten vordem auf der oͤſtlichen Seite von Madagascar, wo ſie ein Schrecken der erſten Anbauer der benachbarten Inſeln wurden; ganz beſonders nach ihrer Vereinigung mit den Seeraͤubern von Roßi Ibrahim, ſpäter St. Marie genannt. Sie hoben die Zufuhren von Vieh und Lebensmitteln auf, die Mada⸗ gasear jenen lieferte; landeten ſogar, ſteckten die Haͤuſer in Brand und mordeten die Be⸗ wohner von Mauritius und der Inſel Bour⸗ bon. Die Hollaͤnder, welche Mauritius damals beſaßen, warem in ſolchen Mangel an Lebens⸗ mitteln gerathen, und wurden von dieſen Hornißen dermaßen gequaͤlt, daß ſie ſich wirk⸗ lich genoͤthigt ſahen, die Inſel aufzugeben. Den Portugieſen nachahmend, hatten auch ſie ihre Entſchuldigung bereit, und gaben Heu⸗ ſchrecken und Ratten als die Urſache ihres Fortziehens an; aber es giebt, wie der alte Shylock ſagt, »Landratten und Waßerrattenz⸗ 3 — dieſe lezten waren die Ratten, welche die Hollaͤnder vertrieben. Sie zogen ſich nach dem Kap der guten Hoffnung zuruͤck, wo ſie an den viehmäßigen Hottentotten ein viel un⸗ ſchaͤdlicheres Thier fanden, als an den Waßer⸗ ratten — Piraten meine ich. Die auf der ganz nahen Inſel Bourbon angeſtedelten Franzoſen benuzten den Umſtand augenblicklich und nahmen, dem Kuckuck gleich, das Reſt der Holländer in Beſiz, ehe es noch kalt geworden. Damals war Port⸗Louis ein klägliches Doͤrfchen, denn die Holländer lie⸗ ben Schlamm und Holz, und aus dieſen Ma⸗ terialien waren ihre Wohnungen hier, ſo wie anderwärts ausſchließlich erbaut. Kurze Zeit nachher vereinigten die Fran⸗ zoͤſiſche, Portugieſiſche und Hollaͤndiſche Han⸗ delsgeſellſchaft eine bewaffnete Macht, um die Maratten auszurotten, welche ihrem Handel großen Schaden beibrachten. Sie griffen die Seeräuber in deren befeſtigten Schlupfwin⸗ keln von Noßi⸗Ibrahim und auf andern Punk⸗ ten an, und zertruͤmmerten mit großem Verluſt, den ſie ſelber dabei erlitten, einen Theil der Seeraͤuber⸗Böte, vertrieben dieſe auch in die Verge von Noßi⸗Ibrahim und Madagascar. Die Maratten aber, nachdem ſie vigentlich nur gethan, was ihnen widerfahren war, nach⸗ dem ſie eine Franzoͤſiſche Niederlaßung in der Bay von Antogil gepluͤndert und geſchleift hatten, ſezten ſich wiederum an der Kuͤſte von Madagascar, nahe bei dem Kap St. Sebaſtian feſt, wo ſie durch ihre große An⸗ zahl furchtbar wurden. Von den Eingebornen wurden ſie unterſtuͤzt, weil dieſe ſie minder druͤckend, als die Europäer fanden, welche lezte ihre Kuͤſten auspluͤnderten, und ſie ſelber ſchlugen, ſo oft ſie nur einen Salad oder ein friſches Ey gebrauchten. Hier wurden die wehrhaften und verzweifelt kaͤmpfenden Marat⸗ ten, nachdem ſie mehre Verſuche, ſie zu ver⸗ nichten, abgetrieben hatten, voͤllig aben⸗ theuerlich, und dehnten ihre Verwuͤſtungen auf weite Kreiſe aus. Durch ihre Raubzuͤge auf den Indiſchen Gewaͤßern hatten ſie be⸗ reits Comory, Mayotta, Mohilla und an⸗ dere Inſeln in der Nachbarſchaft dadurch ent⸗ voͤlkert, daß ſie die Einwohner aufgriffen und an Europäiſche Sklavenhaͤndler verkauften, obgleich ſie fruͤher, ehe ſie aus Roßi⸗Ibrahim vertrieben wurden, nie zum Sklavenhandel bewogen werden konnten. Dieſen verabſcheu⸗ ten ſie zu jener Zeit ſo ſehr, daß ſie unaus⸗ bleiblich die Mannſchaft jeglichen Schiffes mordeten, welches, mit dieſem ſchändlichen Handel beſchaͤftigt, ihnen in die Hand fiel, ein Handel, der, ihr eigenes Seeräubertreiben damit verglichen, dieſes lezte ehrenwerth und gerecht erſcheinen ließ. Dieſer Umſtand war aber die Hanpturſache des Vereines der Europäi⸗ ſchen Handelsgeſellſchaften, um ſie als un⸗ chriſtliche Barbaren zu vernichten, die nicht einmal Einſicht genug beſaͤßen, ihren eigenen Vortheil zu erkennen. In St. Sebaſtian je⸗ doch — ich glaube, beilaͤufig geſagt, dieſer Sebaſtian iſt der heilige Schuzpatron der Sklaven — gaben ſie bald Anzeichen ihrer weniger heidniſchen Geſinnung; denn mit wahrhaft chriſtlichem Eifer beflißen ſie ſich nunmehr aller Verzweigungen des Sklaven⸗ handels, und trieben dieſes Geſchaͤft im Oſten ſo ausſchließlich, wie die Hollaͤnder ihr Syſtem des Alleinhandels mit Gewuͤrz, und die Englaͤnder das ihrige mit Thee durch⸗ fuͤhrten. Sie erlernten Statiſtik, entwarfen Karten von den Inſeln, zaͤhlten deren Be⸗ voͤlkerung, theilten ſie in Diſtrikte, berechne⸗ ten ihre Hervorbringungskraft, und ſchickten in jedem Fruͤhling und Herbſte eine Flotte von ihren Kaͤhnen aus, um die verſchiedenen Inſeln der Reihefolge nach zu beſuchen⸗ Be⸗ — 364 — dachtſam enthielten ſie ſich, die nämliche In⸗ ſel in einem Zeitraum von drei oder vier, oder auch mehren Jahren wieder zu uͤberzie⸗ hen. Die jungen und gut gebauten Einwohner wurden von ihnen im Alter zwiſchen zehn und fuͤnf und zwanzig Jahren ausgewaͤhlt, mit gluͤhendem Eiſen und ſchwarzem Pul⸗ ver gezeichnet, und ſodann nach St. Se⸗ baſtian abgefuͤhrt, wo ſie blieben, bis ſich eine Gelegenheit darbot, ſie an die Franzoſen, Hollaͤnder, in oder Englaͤnder zu verkaufen. Die Maratten lernten noch einen andern Kunſtgriff von den Europaern; ſie ließen keine Mittel unverſucht, um unter den Eingebor⸗ nen von Madagascar Uneinigkeit und Haß anzufachen, und klaͤrten dieſe uͤber die Vor⸗ theile auf, ihre Gefangenen durch ſie ver⸗ kaufen zu laßen; im Wege der »Duſtoorie⸗ behielten ſie dann vom Kaufgelde einen be⸗ deutenden Abzug fuͤr ſich. So lange ſie ſich darauf beſchränkten, Sklaven zu ſtehlen und zu verkaufen, gleichviel wie ſie dazu gelang⸗ ten, ob ſie von ihren eigenen Stämmen und Geſchlechtern, ob ſie von ihren eigenen Vä⸗ tern verkaufte Soͤhne, oder Bruͤder und Schwe⸗ ſtern waren, die der Erſtgeborene verhandelte, — 35 — ward das Alles fuͤr rechtlichen und ehrlichen Handel geachtet. Nun ward aber ein Fran⸗ zoſiſcher Schooner, deßen Mannſchaft in ei⸗ nem Dorfe Schaafe und Federvieh gepluͤndert und deßen Bewohner geſchlagen hatte, von den Maratten in ihren Kriegs⸗Canven ver⸗ folgt, erſtiegen, genommen, und bevor noch die Franzoſen Zeit gehabt, den Schaafen die Hälſe abzuſchneiden, wurden ſie ſelber abge⸗ ſchlachtet, die unſchuldigen Schaafe aber be⸗ freit und auf ihre Weide zuruͤckgebracht. Die Vertreter der großen Nation auf der Inſel Mauritins, erſtarrten vor Abſchen bei dieſer verwegenen Grauſamkeit, und es duͤnkte ſie, ihre Ehre wuͤrde angetaſtet ſeyn, wenn ſie nicht durch eine ſchreckliche Niedermezelung dafuͤr Rache naͤhmen. Zuerſt beabſichtigte man die gänzliche Ausrottung aller Eingeborenen von Madagascar. Dieſer Anſchlag der Strenge ward indeß des ungluͤcklichen Umſtandes we⸗ gen ermaͤßigt, daß ihre einzige verfuͤgbare Seemacht, in zwei Fregatten beſtehend, von zwei viel kleinern Engliſchen Fregatten, oder ſogar gewoͤhnlich nur von einer, in ihrem Hafen blokirt lag. Endlich lief die Korvette in einem windwärts gelegenen Hafen der In⸗ ſel ein, und dieſe ward mit ausgedehnten Be⸗ fehlen, aber nur mit ſehr beſchraͤnkten Mit⸗ teln zu deren Pollfuͤhrung ausgeſchickt. Dieſe war das Fahrzeug, dem wir begegneten. Der Befehlshaber, ein junger Mann ge⸗ winnenden Betragens, kam am folgenden Morgen zu uns am Bord; erfreut uͤber die gute Gelegenheit, von de Ruyter Kundſchaft einzuziehen. Er fuͤhrte alle moͤgliche Beweg⸗ gruͤnde an, um dieſen zu vermoͤgen, ſich ſei⸗ ner Unternehmung anzuſchließen; und drang darauf, daß er, Aſton und ich auf der Kor⸗ vette um vier Uhr zu Mittag ſpeiſen ſollten; um dieſe Zeit hatte de Ruyter verſprochen, ſeine ſchließliche Antwort zu ertheilen. — — — 367 — Reun und dreißigſtes Kapitel. Wie geht's den Räubern? Sind ſie ſchon bereit, Ihr Raubgut ſich zu wahren in dem Streit? Vermuthen ſie in ihrem tollen Wahn, Daß wir mit Feuer und Schwerdt dem Reſte nah'n? Byron. An dieſem Abende erklaͤrte de Ruyter dem Franzöſiſchen Befehlshaber, daß nur noch eine Schwierigkeit ihn abhalte; koͤnne die be⸗ ſeitigt werden, ſo wuͤrde er gern mit ihm verweilen, bis die Blokade von Port⸗Louis aufgehoben waͤre. „Aber,« ſagte er, »Sie muͤßen einſehen, daß wir mit unſern Streitkraͤften eigentlich gar nichts auszurichten vermoͤgen; es ſey denn, daß wir etwa ausfindig machen, wer die See⸗ räuber waren, weshalb ſie die Franzoͤſiſche Flagge angriffen und ob jener Schooner Ver⸗ anlaßung zu dieſem Angriffe gegeben hatte. Denn es thut mir leid, geſtehen zu muͤßen, — 368 — daß wir in unſerm Verfahren mit den Einge⸗ borenen dieſer Inſeln oft zu uͤbereilt, zu an⸗ maßend und ungerecht ſind. Laßen Sie uns deshalb zuerſt ermitteln, wer der Angreifer war, alsdann moͤgen wir gelegene Zeit zur Zuͤchtigung finden.«⸗ Der Kapitain erwiederte, er habe mehre Schiffe angehalten, die ſämmtlich in der lez⸗ ten Zeit von langen Kriegs⸗Canoen aus St. Sebaſtlan gepluͤndert worden waͤren. »Ich bezweifle kaum,« ſagte de Ruyter, „daß es die Maratten ſind. Aber Sie wißen auch, daß dieſe nur ſelten in See gehen, au⸗ ßer zur Zeit des Suͤdweſt⸗Monſoon; und was vermoͤgten wir gegen ihre Anzahl auszurich⸗ ten 24 Darauf gab der Kapitain zur Antwort: »Nach allem, was ich vernommen habe, ſind ſie jezt ausgelaufen; wohin aber, konnte ich nicht erfahren. Wir muͤßen zuerſt fuͤr Ihre Depeſchen ſorgen, und ich glanbe, uns wird bald eine gute Gelegenheit aufſtoßen, um dieſe abzuſenden; denn ich erwarte taͤglich, einigen unſerer Schiffe zu begegnen, die le⸗ bendiges Vieh überfuͤhren.« Von der Zeit ſezten wir unſere Fahrt in Gemeinſchaft fort. Weil das Wetter ungemein — ſchön und nur wenig Wind war, ſo brachten wir unſere Zeit recht vergnuͤglich zu, indem wir uns Feſtmale abwechſelnd auf der Kor⸗ vette und auf der Grabb gaben. Aſton, der als Midſhipman einige Zeit Gefangener in Frankreich geweſen war, ſprach das Fran⸗ zoͤſiſche eben ſo gelaͤufig, als de Ruhter. Bei Tagesanbruch pflegten wir auseinander zu ſe⸗ geln und ſcharfnach der Windſeite auszuſpaͤhenz bei Sonnenuntergang brachten wir die Schiffe dann wieder zuſammen und blieben die Nacht hindurch vereinigt. Das erſte Schiff, dem wir auſfſtießen, war ein Schvoner, den wir, nachdem wir lange Jagd auf ihn ge⸗ macht hatten, fuͤr einen Amerikaner erkann⸗ ten. Sobald er ſah, daß wir Franzoſiſche Flagge fuͤhrten, legte er bei. Es war ein ſchoͤn gebautes Schiff, lang, niedrig im Waßer, mit hochaufgeſezten ſchlanken Maſten, die ſich verduͤnnten, bis ſie endlich oben zu fein waren, um unterſchieden zu werden, und die ſchwalbenartigen Wimpel flatterten darauf gleich Feuerfliegen. Die beſternte Flagge wehete uͤber dem Taffrel. Als es den Wind voll in die Segel nahm, um unter unſerm Stern bei einem friſchen Luftzuge hinzuglei⸗ ten, von dem es ſanft auf die Seite gelegt . 24 — — 370 — wurde, glaubte ich nie etwas Schoͤneres ge⸗ ſehen zu haben, als die bogenfoͤrmige Schaͤrfe ſeines Bugs, und die allmaͤhlich zuruͤckwei⸗ chende Geſtaltung ſeiner Seiten. Das Fahr⸗ zeug glich im Anſehen und in der Bewegung einem Arabiſchen Pferde in der Wuͤſte, und gehorchte ganz wie dieſes dem Befehle. Es herrſchte auf ihm eine Leichtigkeit und vogel⸗ gleiche Beweglichkeit, welche ganz ausſchließ⸗ lich dieſer Klaße von Schiffen angehoͤrt. Ame⸗ rika gebuͤhrt das Verdienſt, ein ſolches nau⸗ tiſches Wunder vervollkommt zu haben, das im trefflichſten Ebenmaße und an Schoͤnheit eben ſo ſehr alle andere Schiffe uͤbertrifft, als die Gazelle jedes thieriſche Weſen in der Natur hinter ſich läßt. Noch bis auf dem heutigen Tage hat kein anderes Land, weder im Bau, noch in der Handhabung dieſer Schiffe den Amerikanern ſich gleich zu ſtellen vermogt. Ein leichter, feenhaft ausſehender Nachen, ward nun ausgeſezt. Es ſchien wunderbar, daß er die viet herkuliſchen Matroſen tragen koͤnne, die hinein ſprangen. Zwei oder drei Schläge ihrer langen Ruder brachten den Nachen augenblicklich an unſere Seite, und de Ruyter war hoͤchlich erfrent, mit ſeinen Landsleuten ſo zuſammen zu treffen; denn wiewohl ſein Vater ein Hollaͤnder war, hatte. er ſelber doch nur Amerika als ſeine Heimath gekannt. Er ſchuͤttelte dem Kapitain des Schooners die Hand, ſprach von nichts als Boſton, ſeiner Geburtsſtadt, und dem Hafen, welchen der Schooner zulezt verlaßen hatte. Dieſer war nach Mauritius beſtimmt und hatte auf der Fahrt St. Malo beruͤhrt. Es war dies einer der ſchnellſegelnden Schooner, die den ſogenannten erzwungenen Handel mit Kolonialwaaren und Gewuͤrzen fuͤhrten. Zum groͤßern Theile waren dieſe Schiffe Amerikaner, eben wegen ihrer unver⸗ gleichbaren Segelſchnelligkeit dazu ausgewaͤhlt. Nachdem ſie Amerika verlaßen hatten, lie⸗ fen ſie in einem Franzoſiſchen Hafen ein, bekamen Frarzoſiſche Schiffspaptere und zu⸗ weilen auch Kaperbriefe. Sie waren bewaff⸗ net und gut bemannt, und weil die ganze am Bord befindliche Mannſchaft Vortheile aus der Ladung zog, ſo waren Alle am Er⸗ folge mit betheiligt. Die Schiffe erhielten dem Namen nach einen Franzoͤſiſchen Kapitain, nur eine Null, aber nothwendig, weil Ame⸗ rika damals mit England im Frieden war. Die Ladung dieſes Schvoners war nach — — 372 — meinem Sinne reicher, als Gold; ſie beſtand aus Cognac, Bordeaurweinen, Sauterne und einer Mannichfaltigkeit Europaͤiſcher Lebens⸗ uͤppigkeiten; dieſe ſollte er auf der Inſel Mauritius ausladen und dagegen Gewuͤrze einnehmen. Er hatte ſo zu ſagen das Gaßen⸗ laufen durch das Engliſche Geſchwader in der Bay von Biscaya und am Cap der guten Hoffnung ausgehalten, und hätten wir ihm nicht die Nachricht von der Blokade von Mauritius mitgetheilt, ſo wuͤrde er noch ein⸗ mal Gefahr gelaufen haben, aufgebracht zu werden. De Ruyter rieth, nach dem wind⸗ warts gelegenen Hafen von Mauritius zu ſegeln, gab dem Kapitain unſere Depeſchen und ſchrieb einige Briefe. Aus Dankbarkeit uͤberließ der Schooner uns eine Pipe Bor⸗ deaur, ein Orhoeft Cognac und einen guten Vorrath von Eßwaaren. Die Korvette ſegelte jezt heran, wir trenn⸗ ten uns von dem Amerikaner und ſteuerten unſern Lauf nach St. Sebaſtian. Bald darauf trafen wir einige Arabiſche Handelsſchiffe und hielten ſie an. Sie waren geplundert wor⸗ den, der groͤßte Theil ihrer Ladungen und ihrer Bemannung war ihnen abgenommen, man hatte nur einige alte Leute zuruͤck ge⸗ —4 ⸗ —4 . — 373 — kaßen, die kaum hinreichten, die Schiffe zu fahren, und denen nichts blieb, als ein we⸗ nig Reis und Waßer. Dieſen Raub hatte ein Geſchwader von achtzehn Marattenkaͤhnen begangen, von denen jeglicher zwiſchen acht⸗ zehn und vierzig Mann am Bord fuͤhrte. Es hatte den Anſchein, als waͤre dieſes Geſchwa⸗ der nach einer der Inſeln im Moſambikkanal beſtimmt. De Ruyter beſprach ſich mit dem ßrahs ſiſchen Befehlshaber; ſein Rath war, daß wir während der Abweſenheit der groͤßern Anzahl dieſer Seeraͤuber bei St. Sebaſtian landen, ſie in der Nacht uͤberfallen, ihre Befeſtigungen auspluͤndern und ſchleifen, ihre Stadt in Brand ſtecken und ihre Gefangenen befreien ſollten; denn, weil ſie zwei der groͤß⸗ ten Arabiſchen Kaufſchiffe behalten hatten, konnten wir nicht bezweifeln, ſie haͤtten Raub⸗ gut und Gefangene dorthin gefuͤhrt. Dies ward beſchloßen; die Korvette gab uns zwei ihrer Metallkanonen, und lieh fuͤnfzehn Seeſoldaten. Ohne beſondere Vorfaͤlle kamen wir in 15 , 20“ ſuͤdlicher Breite, ſegelten fort, bis wir das hohe Land von Madagascar erblick⸗ ten, und dann an der Oſtkuͤſte der Inſel hin, — 374 — bis wir faſt das Land erreichten; hier ſchick⸗ ten wir ein Boot aus und griffen einige Fi⸗ ſcher, die uns Kunde geben mußten. Nun umfuhren wir in der Nacht in noͤrblicher Rich⸗ tung das Land, de Ruyter war unſer Lootſez wir hatten die Nordſpize vom Cap St. Se⸗ baſtian vor uns, das in Geſtalt einer Muͤn⸗ dung ſich in das Meer vorſchiebt. Waͤhrend der Däͤmmerung lootſte de Ruyter uns durch einen engen Kanal in dieſe tiefe Bucht, und noch vor Mitternacht legten wir uns den Felſen auf der Oſtſeite ſo nahe als moͤglich vor Anker; das Cap war zwiſchen uns und der Stadt, ſo daß wir unbemerkt blieben.) Es war eine bewöoͤlkte Nacht mit oͤftern Re⸗ genſchauern. Wir ſezten unſere Boͤte aus und landeten ein hundert und zwanzig Offiziere und wohl bewaffnete Leute; achtzig von der Korvette und vierzig von der Grabb. Dem Franzoſen muß die Gerechtigkeit widerfahren, daß de Ruypter's uͤberlegene Kenntniße ihm keinen Neid erregten; im Gegentheil beſtand er darauf, daß dieſer den Oberbefehl fuͤhren ſolle, und gebot ſeinen Offizieren, de Ruyter in jedem Punkte unbedingten Gehorſam zu leiſtenz er ſelber blieb am Bord der Korvette. Als wir gelandet waren, theilte de Ruyter — — 36 — uns in drei Abtheilungen; die ſtarkſte aus fuͤnf⸗ zig Mann, mit Musketen und Bajonnetten be⸗ waffnet, behielt er fuͤr ſich, unter ihm befehligte deralteſte der Franzoͤſiſchen Offiziere; ein Fran⸗ zöſiſcher Lieutenant bekam fuͤnf und dreißig Mann und ich dreißig. Ich hatte einen Theil von de Ruyter's Lieblingsleuten bei mir, Ara⸗ ber mit ihren Lanzen und kurzen Karabinern bewaffnet. Wir blieben zuſammen, bis wir das Cap umgangen hatten; nun befahl de Ruyter mir, die Felſen zu erſteigen und um den Huͤgel vorzugehen, an deßen Fuße die Seeräuber⸗ ſtadt erbaut war, bis ich dicht uͤber dieſe ge⸗ kommen wäre. Der Lieutenant erhielt die Weiſung, an der Bucht hinzuziehen, bis er mit mir in gleicher Linie ſey; de Ruyter ging mit der Hauptmacht in gerader Richtung vor. Wir alle ſollten uns der Stadt ſo viel als moͤglich naͤhern und durch jede Vorſichtsmaß⸗ regel das Entdecktwerden verhuͤten. Hätten wir unſere verſchiedenen Stellungen einge⸗ nommen, ſo ſollten wir uns bis kurz vor dem erſten Aufblinken des Tages verborgen hal⸗ ten, alsdann wuͤrde die Hauptabtheilung eine Rakete aufſteigen laßen, die, nachdem ſie von uns erwiedert worden, das Zeichen zum gleich⸗ zeitigen Vordringen und Angreifen geben ſolle. — 376 — So viel wir konnten, ſollte jeder unter dem Schuze der Nacht Beobachtungen anſtellen, um zu erſpahen, auf welche Weiſe wir am leichteſten in die Stadt gelangen könnten, die mit niedern Erdwällen umzogen war, welche drei Einlaßthoreenthielten. Bei der Beſiznahme dieſer Thore ſollte jeder von uns eine Anzahl Mannſchaft zu deren Behauptung dabeizuruͤck⸗ laßen, die alle niedermachen oder gefangen nehmen follte, welche zu entfliehen verſuchten, während die Ubrigen das Innere der Stadt angriffen. Sollte einer von uns zu fruͤh ent⸗ deckt, oder ſollten wir angegriffen werden, dann hätten wir uns auf die Hauptabthei⸗ lung zuruͤckzuziehen. Nach einigen andern Wei⸗ ſungen gab de Ruyter uns noch den Befehl, auf unſere eigene Gefahr Niemanden zu toͤdten, der nicht Waffen gegen uns fuͤhre, und ganz beſonders den Weibern, Kindern und Gefangenen kein Leid zuzufuͤgen. . Vierzigſtes Kapitel. Mit flüchtig raſcher Wildheit greift er on, Entflieht, dringt grimm'ger vor, auf's Neue dann Entwiſcht dem Tode er, und tödtet Ane, Die in den Umſchwung ſeines Schwerdts ſch wagen. Keats. Meine Abtheilung hatte eine ziemliche Ent⸗ fernung und zwar auf einem rauhen, ſteilen Pfade zu erklimmen; plozlich wurden wir vor einer ſchwarzen, tiefen Schlucht oder einem Abgrunde aufgehalten, aus deßen Tiefe das Brauſen von Waßerfluthen herauftoͤnte. Es wäre Wahnſinn geweſen, den Ubergang an dieſer Stelle zu verſuchen; denn wenige Maͤn⸗ ner auf der andern Seite haͤtten uns mit Er⸗ folg widerſtehen moͤgen. Deshalb gingen wir tiefer nach dem Fuße des Berges hinab und kamen nur unter großer Anſtrengung und mit vielem Zeitverluſte auf das jenſeitige Ufer. Mein Ungeſtuͤm ſpornte mich an; es mogte — 378 — etwa noch eine halbe Stunde bis zur Mor⸗ gendämmerung uͤbrig ſeyn, als unſere Vor⸗ ausgeſchickten uns die willkommene Kunde gaben, daß wir nahe bei dem Orte unſerer Beſtimmung waren. Jezt ließ ich Halt machen und ging mit zwei Leuten vor. Wir ſtiegen einen ſchmalen Pfad zwiſchen broͤckligen Steinen hinab, die mit Stachelerbſen, niederm Gebuͤſch und Ru⸗ deln von Kokos⸗ Palm⸗Buumen uͤberwachſen waren. D Deutlich hoͤtten wir die Brandung von der Kuͤſte her, ganz in der einfoͤrmigen Regelmaͤßigkeit der Pendelſchlaͤge einer Uhr während der Nacht. Der Boden wurde wei⸗ cher, und nun erkannten wir ganz dicht un⸗ ter uns die niedern Huͤtten der Stadt, nahe zuſammengedrängt und ausſehend wie eine Menge großer, weißer Ameiſenhaufen, oder wie Bienenkoͤrbe. Darauf gelangten wir zu ei⸗ nigen Truͤmmern auf einem kegelfoͤrmigen Huͤ⸗ gel, auf den einer der Araber wie ein Schackall auf allen Vieren kroch, und ihn öde fand. Ich ſchickte den zweiten Mann zuruͤck, um meinen Zug hieher zu fuͤhren, weil dieſer Ort beieinem etwanigen Uberfall uns treffliche Dienſte lei⸗ ſten konnte. Mit groͤßter Vorſicht ſtieg ich nun hinab bis zum Walle um die Stadt; er — 379 — war niedrig und im verfallenden Zuſtande, ich ging laͤngs demſelben weiter, bis ich zu zwei oder drei Palmbäumen gelangte, und hier auf dem Walle eine Erdhuͤtte erblickte, darauf hingebaut, wie ein Schwalbenneſt. Unter derſelben war ein Eingang oder viel⸗ mehr ein Loch, das augenſcheinlich zum In⸗ nern der Stadt führte. Nachdem ich den Ort genau erſpaͤht, eilte ich mit meinem Begleiter zuruͤck Die Wolken gaben Anzeichen vom Auf⸗ hellen im Oſten. Regen fiel immer noch. Mit zehn Mann kroch ich hinab, und unter dem Schatten des Erdwalles hin, bis auf Piſtolen⸗ ſchußweite vom Eingange. Hier blieben wir und erwarteten voller Ungeduld de Ruyter's verabredetes Zeichen. Langſam legte die Nacht ihren dunkeln Schleier ab, und truͤbe gewoͤlkt nahte der Morgen. Bedeutſam ward die tiefe Stille vom ziſchenden Kniſtern der Signalrakete un⸗ terbrochen, die wie ein unheildeutendes Me⸗ teor uͤber die zum Tode beſtimmten Marat⸗ ten hinflog. Angenſcheinlich kam ſie nicht, wie ſie ſollte, von de Ruhter, ſondern von dem Franzoͤſiſchen Lieutenant, der mir gerade ge⸗ genuͤber ſeyn mußte, und es war ein Zeichen davon, daß deßen Abtheilung entweder ent⸗ — 366 — deckt ſey, oder beſorgte, entdeckt zu werden. Ich gab das Antwortzeichen, und faſt im nämlichen Angenblicke ſtieg auch de Ruyter's Rakete empor. Dieſe gebot augenblicklichen Angriff, und kaum hatte ſie die Hoͤhe des Speeres erreicht, den ich in der Hand führte, als ich auch ſchon die unbedeutende Verſper⸗ rung des Einganges uͤberwaͤltigt hatte, und in meiner Eile uͤber etwas ſtolperte, was da am Boden lag. Es war ein Menſch, der aufzuſtehen verſuchte. Ich warf meinen Speer weg, und erfaßte ihn an der Kehle. Die mei⸗ ſten meiner Araber ſtuͤrzten jezt herein. Ich rief ihnen zu, das innere Thor aufzuſprengen, und als dies geſchehen war, erblickten wir bei dem ſchwachen Scheine des Morgenlichtes vler oder fuͤnf Maratten, die ſich vom Bo⸗ den aufrafften und ihr Schlachtgeſchrei aus⸗ ſtießen. Dieſe wurden ſchnell auf die Seite geſchafft. Der Mann, den ich an der Kehle hielt, bedurfte kaum noch des Stoßes meiner Krieſe, die ich durch ſeine Bruſt in den ſandigen Boden jagte. Aufruhr entſtand nunmehr im Innern. Wir drangen durch die kunſtloſen Außenwerke hin⸗ ein. Ein Theil meiner Mannſchaft kam von der innern Wallſeite herab, nachdem ſie dieſen — — mit Huͤlfe ihrer Lanzen erſtiegen hatte. Der Laͤrmen eines Angriffs auf der andern Seite der Stadt ward nun laut; bald hoͤrten wir ſcharfe Schuͤße. Ich ließ einen Theil meiner Leute zur Bewachung des Einlaßthores zuruͤck und drang mit den Ubrigen, der vorherbe⸗ ſtimmten Abrede gemaͤß, zum Mittelpunkte der Häuſer vor; die Einwohner, voͤllig uͤber⸗ raſcht, kamen zu zweien und dreien in aͤußer⸗ ſter Verwirrung und Angſt, aus dieſen zum Vorſchein. Alle, die uns in den Weg kamen, wurden geſpießt, und auf die Andern, die ihr Heil in der Flucht ſuchten, ward Feuer ge⸗ geben. Wir ließen ihnen keinen Augenblick Zeit, ſich zu ſammeln, bis wir zu den Truͤmmern eines betraͤchtlichen Gebaͤudes mitten in der Stadt kamen, welches entweder von den Por⸗ tugieſen oder von den Hollaͤndern, zu einem WMagazin und Wachhofe erbaut worden war. Hier ſtellten wir uns auf. Bald kam der Fran⸗ zoͤſiſche Lieutenant, und nicht viel ſpäter auch de Ruyter heran, dieſer ſagte: »gut gemacht, mein Junge! ſtets der Erſte in Gefahr!« Pier ward ein Offizier mit zwanzig Mann zuruͤckgelaßen, um den Plaz zu behaupten; wir Andern theilten unſere Mannſchaft in drei gleiche Theile, und zogen wieder aus, mit — 282 — dem ſtrengen Befehle, ſo viele Gefangene zu machen, als wir konnten, und ſie dieſem Poſten zuzufuͤhren. Mir trug de Ruhter auf, nach dem Thore zuruͤckzugehen, durch das ich eingedrungen war, weil die Bewohner dort den Verſuch machen wuͤrden, in die Gebirge zu entfliehen; wäͤhrend er noch ſprach, hoͤrten wir ſcharfes Feuern in jener Richtung. Ich eilte dahin unter immerwäͤhrendem Feuer aus Musketen⸗ und Lunten⸗Gewehren, und unter dem gellenden Geſchret von Maͤnnern, Weibern und Kin⸗ dern, die nach allen Richtungen umher liefen. Das Kampfgeſchrei der Araber, und der Franzoſen allons! en avant! Rufen, war ſo laut, daß ich weder meine eigene Stimme, noch den Knall meines Karabiners hoͤren konnte. Als wir dem Orte uns näherten, durch wel⸗ chen wir hereingedrungen waren, ſahen wir einen gemiſchten Haufen nackter Wilder, von allen Altern, Maͤnner und Weiber, bewaff⸗ net mit Krieſen, Lunten⸗Gewehren, Meßern und Bambus⸗Speeren; Andere hatten ihre Kinder bei ſich, oder waren beladen mit ihrem Eigenthum; Alle drängten vorwaͤrts. Ich machte mit meiner Mannſchaft Halt und ließ Feuer auf ſie geben, und als ſie ſich gegen S — — 383 — uns umwandten, drangen wir mit unſern Lanzen auf ſie ein. Mit dem Grimme der Ver⸗ zweiflung vertheidigten ſie ſich, und einige mei⸗ ner Leute fielen; ihr Widerſtand war aber ordnungslos, ward durch ihre eigene Anzahl nur noch mehr erſchwert, und als die Furcht uͤberhand ndhm, trennten ſie ſich, um zu ent⸗ fliehen. Eine große Anzahl von ihnen ward niedergeſtoßen, Gefangene wurden gar nicht gemacht; denn Blut gleicht dem Weine, je mehr wir ſchon haben, deſto mehr verlangen wir, bis endlich voͤlliger Wahnſinn uns von einer Ausſchweifung zur andern fortreißt; ja, es iſt leichter, einem Betrunkenen einzureden, vom Trinken abzulaßen, ſo lange er ſein Glas noch halten kann, als einen Menſchen, deßen Hände vom vergoßenen Blute dampfen, abzuhalten, noch mehr zu vergießen. Meine Leute ſtreiften in unbezwinglicher Unordnung umher, und ſtießen Alles nieher, was ihnen begegnete; ich ſelber war genoͤ⸗ thigt, am Einlaßthore zu bleiben, bis ich endlich zehn oder zwoͤlf Mann gezwungen hatte, dieſen Poſten zu behaupten. Mit zu⸗ nehmendem Morgenlichte wurden die Gegen⸗ ſtaͤnde deutlich und ich gewahrte die Verwir⸗ rung und das fortarſezte Vorden. im Innern — 2 S ½ 7 . — 384 — der Stadt. Meine Sinne ſchwindelten vom Blute, das ich vergoßen, oder hatte vergie⸗ ßen ſehen. Die Maratten, in ihren eigenen Waͤllen eingeſchloßen, verſuchten jeglichen Ausgang und ſuchten durch jedes erdenkliche Mittel, das Entfliehen ihrer Frauen und Kinder zu bewerkſtelligen; als ihnen dieſes auf keine Weiſe gelang, kaͤmpften ſie mit der Furchtloſigkeit oder Sinnloſigkeit umſtellter Tiger. In blinder Wuth rannten ſie von ei⸗ nem Thore zum andern und ſtuͤrzten ſich wild in unſere Bajonnette und Lanzen. Sie hat⸗ ten nie von Gnade, Ergeben und Bitten um Schonung gehoͤrt. Dergleichen Worte ent⸗ hielt ihre Sprache gar nicht. Von Jugend auf waren ſie daran gewohnt, das Blut von WMenſchen oder Affen mit voͤlliger Gleichgul⸗ tigkeit fließen zu machen; und ſie glaubten, in der ganzen Welt herrſchten die nämlichen Gebraͤuche. Fielen Europaer ihnen in die Haͤnde, ſo machten ſie es damit allezeit wie mit Fiſchen — hingen ſie in der Sonne auf, um zu doͤrren. Aus dieſem Grunde zogen Maͤnner, Weiber und Kinder vor, fechtend zu ſterben; und bis dahin hatten wir noch nicht einen Gefangenen gemacht. Es wuͤrde ihnen gelungen ſeyn, meine Stellung zu uͤber⸗ waͤltigen, waͤre de Ruyter mir nicht zu Huͤlfe gekommen. Es verurſacht mir ungemeinen Schmerz und wirkliche Schaam, an die ſcheuß⸗ liche Grauſamkeit zu denken, mit der ich dieſe unſinnigen Barbaren toͤdtete, und mehr noch mich der rohen, unmenſchlichen Luſt zu erin⸗ nern, die ich dabei empfand. Sie wuͤrden vollſtaͤndig ausgerottet worden ſeyn, waͤre es ihnen nicht gelungen, durch ihre zerbroͤk⸗ kelten Waͤlle verſchiedene Ausgaͤnge zu oͤffnen. Nur im Schenkel hatte ich eine Wunde von einem Weibe empfangen, das verſuchte, mir die Sehnen durchzuſchneiden, waͤhrend ich im raſchen Vordringen auf ihren am Bo⸗ den liegenden Koͤrper trat; das erſte Zeichen vom Zuruͤckkehren meiner Vernunft gab ich dadurch, daß ich ſie, ſobald ich ihr Geſchlecht entdeckte, nach unſerer Hauptwache abſchickte, anſtatt ſie mit meinem ſchon aufgehobenen Fuße zu zertreten; ſie war unſere allererſte Gefangene. Da kam de Ruyter heran und ſagte: »Wir haben Blut genug gehabt. Rufen Sie unſere Leute zuſammen und laßen die armen Teufel laufen. Nehmen Sie ſo viele Gefangene, als Sie koͤnnen, aber toͤdten Sie keine mehr; und fuͤhren Sie Ihre Mannſchaft zu den Huͤt⸗ F ten auf jenem Sandhuͤgel; dort werden Sie dieſer Raͤuber Arabiſche und andere Gefan⸗ gene finden; ſorgen Sie dafuͤr, daß die nicht als Opfer dieſer Wuth umkommen, und ſchicken Sie Alle nach unſerer Hauptwache. Schlagen Sie eine Binde um den Schenkel, Sie bluten ſtark.« — 38 Ein und vierzigſtes Kapitel. um Mitternacht geboren in der Wildniß⸗ Wo Tigerſchrei ſich miſcht' dem Mutterkreiſen, Und Fackelträger⸗Sklaven in die Jungeln Hallohruf ſenden; und ihr Palankin In öder Wuſte Schreckniß abgeſest, Erbebt von ihren Schmerzen, bis die Augen Der kleinen Bertha hell im Sternlicht funkeln⸗ Keats. Wie ſchön, wenn nur der Kummer nicht gemacht Den Kummer ſchöner noch, als Schönheit ſelber. Ebend. Jo ſammelte meine Leute und fuͤhrte ſie auf den Sandhuͤgel. Es war Zeit, daß wir ankamen, ſonſt wuͤrden wir keine Gefangene mehr zu erloͤſen gefunden haben, denn die Weiber mordeten dieſe, die haufenweiſe an Haͤnden und Fuͤßen gebunden auf Lem Boden lagen. Dieſe ſchwarzen Hexen wurden von uns niedergeſtoßen. Als ich darauf in ein kleines, von Matten gemachtes Zelt trat, das an einem groͤßeren Zelte befeſtigt war, traf mein Auge als erſten Gegenſtand einen nackten, ſtarkknochigen Araber, feſtgebunden an einen kurzen in die Erde getriebenen Pfahl. Er war mit Stichwunden bedeckt und waͤlzte ſich in ſeinem Blute; aber wiewohl gebun⸗ den, huͤlflos und dem Tode nahe, leuchtete ſein unbezwungener Geiſt immer noch hervor, wie der eines Oberhanptes. Eine alte, abge⸗ lebte Satansmutter lag uͤber ſeinem ausge⸗ ſtreckten Koͤrper hingefallen, weil ihr Fuß im Blute ausgeglitten war, und zerhackte dieſen in unmaͤchtiger Wuth mit einem Kokos⸗Nuß⸗ meßer, das ſie in der Hand hielt. Ihr Schlacht⸗ vpfer hatte ſeine Zaͤhne in ihre linke Hand gebißen, und hielt ſie feſt; zu ſeinen Fuͤßen in einem Winkel zuſammengekauert lag ein junges, faſt ganz nacktes Mädchen, und ſchrie in Todesangſt: »Ach! Vater! Vater! laß mich aufl« ſie ſtreckte dabei ihre gebundenen Haͤnde aus, ſuchte in die Hoͤhe zu kommen, ward aber von des Mannes ſtarken Glied⸗ maßen hinabgedruckt, der ſie auf dieſe Weiſe vor dem teufliſchen alten Weibe ſchirmte. Ich ergriff den Leibbund, den die alte Hekate ſich umgewunden, hob daran ihr verwittertes Gerippe in die Höhe, und ſchlenderte ſie mit — 389 — ſolcher Gewalt zu Boden, daß ſie nie wieder aufſtand, ſondern wie eine zertretene Kroͤte zappelnd da lag, ihr ſchwacher Lebensfunke erloſch, ohne daß ſie nur ein Achzen hervor⸗ ſtoͤhnte. Dieſer Auftritt zeigte meinen Augen das Bild der ſcheußlichſten Grauſamkeit in ihrer allerteufliſchſten Geſtalt, und erfuͤllte mich mit Abſcheu und Mitleid. Einem Araber befahl ich, den Vater loszubinden, der, ohne ſich zu bewegen, mich beobachtete, als ich hinzu⸗ trat, die Tochter zu befreien. Er ſchien durch⸗ aus unbekuͤmmert fuͤr ſich ſelber, aber doch im Zweifel uͤber das, was er thun ſolle, weil er Argwohn gegen meine Abſicht faßte. Ver⸗ gebens bemuͤhete er ſich, aufrecht zu ſizen, denn der Boden war glitſchig von ſeinem ei⸗ genen Blute. Ich ſah ſeine Furcht, und um dieſe zu verſcheuchen, half ich ihn ſogleich in eine ſizende Stellung, und zog meine Krieſe aus dem Guͤrtel. Ergrimmt funkelte ſein Auge. Da gab ich ihm die Waffe in die Hand und ſagte: »Wir ſind Freunde, Va⸗ ter! fuͤrchte nichts!« Er bemuͤhete ſich zu ſprechen, aber Blut entſtroͤmte ſeinem Mun⸗ de, und ſeine Worte erſtarben ihm auf den Lippen. — 390 — Seine Tochter, deren Bande nun geloͤſt waren, und der ich einen Mantel uͤberwarf, kroch zu ihres Vaters Seite, kuͤßte ſeine blutgefaͤrbten Haͤnde und Augen, und lag uͤber ihn hingebeugt in ſprachloſer und unbe⸗ ſchreiblicher Angſt. Des alten Mannes ver⸗ zweiflungsvoller Blick ließ nach; ſein Auge verlor die wilde Wuth und ward truͤber um⸗ woͤlkt. Von dem Anblicke ergriffen, kniete ich ſeiner Tochter gegenuͤber nieder, um ihn auf der andern Seite zu ſtuͤzen. Mit Anſtrengung erfaßte er meine Hand; ich fuhlte deren klebende Feuchtigkeit, er fuͤhrte ſie an ſeine Lippen, zog dann mit vieler Muͤhe einen Ring von ſeinem Finger und ſteckte mir den an; darauf legte er meine Hand auf die ſeiner Tochter, blickte uns Beide abwechſelnd an, drückte krampfhaft uhſere Hände zuſammen und mur⸗ melte einige Worte. Meine Augen waren naß von Thraͤnen, die hinab auf ſeine Bruſt fie⸗ len. Sein Haupt und ſein ganzer Koͤrper er⸗ zitterten wie von einem Fieberfroſte, ſeine Finger wurden eiskalt, ſeine Augen verſtei⸗ nert, ſtarr und glaͤſern, ſeine Gliedmaßen ſteif. Ich vermogte ſeine zunehmende Schwere nicht laͤnger aufrecht zu halten. Sein Geiſt entwich aus der irdiſchen Hulle. Aber immer — 391 — noch waren unſere Hände ſo feſt in der ſei⸗ nigen zuſammengepreßt, daß ich ſie nicht zu loͤſen vermogte; auch ſchien er uns fortwaͤh⸗ rend mit dem naͤmlichen ſehnſuͤchtigen Ban⸗ gen anzublicken. Unbeweglich, wie eine Marmorgeſtalt, lag ſeine Tochter uͤber ihm. Sie weinte nicht, ſchien nicht einmal zu athmen. Dies rief mich zum Bewußtſeyn zuruͤck. Ich glaubte, auch ſie waͤre todt; mit Gewalt entzog ich mich ſeiner toͤdtlichen Umklammerung, befreite mich, ſtand auf und trat zu dem Maͤdchen. Sie ſchien wie aus einem Traum zu erwachen, als ich ſanft verſuchte, ſie aufzuheben, ſchlug ihre Arme um ihres Vaters Nacken, und klam⸗ merte ſich mit krampfender Kraft an ihm feſt. Ich ſchickte die gaffenden Leute aus dem Zelte fort, auch ſie waren nicht ungeruͤhrt, denn ſie machten ihren Gefuͤhlen durch Rachgeloͤb⸗ niße Luft; darauf ſtellte ich zwei Araber, denen ich vertrauen konnte, an den Eingang, mit dem Befehle, Niemanden durchzulaßen und ging hinaus, um in freier Luft die Schwäche zu uͤberwinden, die mich krankhaft uͤberfiel. Ich warf meinen Karabiner am Riemen uͤber die Schulter, und ſuchte nunmehr aus — 392 — allen Kraͤften dem Gemezel Einhalt zu thun. Allgemeine Pluͤnderung begann jezt. Die Langboͤte der Korvette und der Grabb wa⸗ ren zum Strande in der Bucht gekommen, weil die Schiffe ſelber, bei der gaͤnzlichen Windſtille, das vorſpringende Riff nicht hat⸗ ten umfahren koͤnnen. Dieſe Boͤte und mehre in der Bucht liegende Kaͤhne beluden wir mit der Beute, die ſehr betraͤchtlich war; ſie beſtand in Gold, Gewuͤrzen, Ballen Chine⸗ ſiſcher Seide, Indiſchen Muslin, Tuͤchern und Shawls aus dem Perſiſchen Golph, Säcken voll Zierrathe um Arme oder Fußgelenke, ſil⸗ bernen und goldenen Geſchmeiden, Mais, Ge⸗ traide, Reis, Salzfiſch, Schildkroͤten, Rackie und einer Unzahl von Waffen und Schmuck⸗ ſachen, außer maͤnnlichen und weiblichen Skla⸗ ven jedes Alters und jeden Landes. Aller Augen funkelten und Aller Ruͤcken kruͤmmten ſich unter koſtbarer Buͤrde. Aber ſo gierig und unerſaͤttlich wurden un⸗ ſ Leute, daß ſie, zuerſt in ihrer Wahl ſehr eckel, endlich Alles mit eiferſuͤchtigem Ange anblickten und in ihrem geizigen Aufraffen ſo roh wurden, daß ſie Abfall hätten forttra⸗ gen mogen, den kein wilder Hund mehr an⸗ geruͤhrt hätte; verfaulte Fiſche, verdorbener 393 — Reis, ranzigen Ghie, zerbrochene Toͤpfe und Pfannen, weggeworfene Kleidungsſtuͤcke, Mat⸗ ten und Zelte, alles, was noch ſo werthlos und eckelhaft war, zeigte ihrer zuͤgelloſen Pluͤn⸗ derungsſucht noch einigen Werth. Was ſie auf ihren Schultern nicht fortbringen konn⸗ ten, ſtopften ſie in ihre Leiber; ſie fuͤllten ſich an wie Sträuße, bis ſie ſich kaum noch be⸗ wegen konnten. Jezt erſchienen auch van Scolpveldt und un⸗ ſer Proviantmeiſter, aber nachiganz verſchiede⸗ nen Gegenſtaͤnden trachtend. Der Doktor ſchien ganz zerſtreut von der reichen Mannichfal⸗ tigkeit Verwundeter vor ihm. Wie er mit aufgekrempelten Hemdeaͤrmeln, ſeine haͤu⸗ tigen, knoͤchernen und behaarten Armen ent⸗ bloͤſt durch die Reihen hinging, ein Beſteck glaͤnzender und furchteinfloͤßender Inſtrumente in der einen Hand und in der andern eine unfoͤrmliche Scheere gekruͤmmt und in Geſtalt eines Halbmondes, da verwirklichte er in ſei⸗ nem Ausſehen das verdammungswuͤrdigſte Bild eines raͤchenden Dämons, das jemals von einem heiligen Maler oder Dichter er⸗ ſonnen wurde. Einige, die noch nicht ganz todt waren, zuckten ſchwach ihre Krieſen ge⸗ gen ihn, Andere ſchrien im Entſezen auf, als — 394 — er ſtill ſtand, ihre Wunden zu unterſuchen, und einige wenige gaben wirklich den Geiſt auf, ſo wie er ſich ihnen naͤherte. Louis dagegen grinſete von einem Ohre bis zum andern bei dem Anblick der großen Maße von Beute, und bei der Zerſtoͤrung der Seeräuber, die er haßte, weil ſie zu ver⸗ ſchiedenen Malen die Zufuhr von Vieh nach Mauritius geſtoͤrt hatten. Bald aber ward ſeine Frende verbittert, und betruͤbt ſagte er in ſeiner gebrochenen Redeweiſe: »Ach, Kapitain, koͤnnen Sie zugeben, daß dieſe unvorſichtigen Wilden ſo Vieles ver⸗ genden? Sehen Sie, der Boden iſt mit Korn und Mehl bedeckt, als wäre Schnee gefallen. Und ſehen Sie die praͤchtigen Schildkroten? Die ſind von der allerköſlichſten Art, die ſchoͤnſten Geſchoͤpfe, die ich jemals geſehen habe; was das fuͤr wildes Viehzeug iſt, die hier zu laßen! Befehlen Sie den Leuten, den Trodel wegzuwerfen, den ſie an Bord ſchlep⸗ pen, wir brauchen den nicht; brauchen Sie? Die Schildkröten ſollen ſie in die Böte laden. ozu ſind die ſchwarzen Wilden nuz, die S . nach den Boͤten ſchicken? Eine von die⸗ ſen« — er zeigte auf die Schildkröten — viſt mehr werth, als 'ne ganze Inſel voll von „ ihnen. Die kann kein Menſch eßen; konnen Sie? — Bah! ich haße wilde Menſchen und liebe vor allem Schildkroͤten; Sie nicht? — Von den Einen haben wir ſchon uberfluͤßig am Bord, aber wo ſahen Sie jemals ſo liebliche Geſchoͤpfe, als dieſe? Seit Jahren habe ich keine ſolche geſehen; haben Sie?« Sein ganzer Eifer war auf Schildkroͤten gerichtet, die ihn ganz allein beſchaͤftigten; durch Drohungen und Bitten ſuchte er die Mannſchaft zu bewegen, ihm zum Fortſchaf⸗ fen derſelben behuͤlflich zu ſeyn. Endlich brach⸗ ten die Araber ihn zur Verzweiflung, weil ſie Schildkroͤten verabſcheuen, was nach Louis Behauptung beweiſe, daß ſie ohne menſch⸗ liche Gaumen geboren waͤren, und nun be⸗ gann er damit, den Sklaven und Weibern Schildkroͤten aufzuladen, wobei er erklaͤrte, er habe dieſe lezten noch nie zuvor ſo nuͤzlich beſchaͤftigt geſehen; dann wandte er ſich zu mir und fragte mit ſeiner eigenthuͤmlichen Stimmtoͤnung, die in dem tiefen, hohlen Schalle einer gedampften Trommel began und mit dem gellenden Geklingel einer Mor⸗ genglocke endete: »Haben Sie 24 Jezt kam de Ruyter heran, begleitet von Aſton, der ſo eben an das Land geſtiegen war, um die Stadt zu ſehen. Ihnen erzählte ich den Auftritt, den ich im Sklavenzelte er⸗ lebt hatte; Aſton's ſanftes Herz ward geruͤhrt, und er machte mir Vorwuͤrfe daruͤber, das Maͤdchen dort zuruͤckgelaßen zu haben. Ich erwiederte, ich habe das gethan, weil ich ge⸗ glaubt, es ſey beßer, ſie allein zu laßen, um dem erſten Ausbruch ihres Schmerzes keinen Zwang anzuthun. des erſten Bandes. ————— — — — — — — S —— —