eguſſe cleiß- und cKe 1onenein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine vem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhenlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— ——— —— auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt. — Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte „ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feßaeleht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das geiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Des Kriegers Leben und Valten. 5 „ Erzaählung aus dem Bereiche der Soldateska, von 5 J. K. von Train, Hauptmann a. D. Seitenſtuͤck zu: „Paulowna, oder das unglůͤckliche Mädchen im Todtengewolbe zu Moskau.“ Nordhauſen, bei Ernſt Friedrich 3ur „ 6ℳ Der guſarenritimtißer von Zeſchky ſaß unter der dichtbelaubten Linde ſeines Schloßhofes, und betrachtete wohlgefällig die neue, eben eingeſchoſſene Doppelflinte; denn er war ein gewaltiger Jäger, und hatte des Wildes viel in ſeinen Forſten, auf ſeinen Teichen und WMarkungen. Jetzt wurde der Hufſchlag eines galloppirenden Pferdes hörbar, und gleich darauf ſprengte ein Dragoner auf ſchaumbedecktem Roſſe durch das Gitterthor. „Woher, Kamerad!“ ſprach der Ritt⸗ 6 meiſter, den militairiſchen Eilboten nicht ganz ohne Befremdung anſchauend, da er ſchon vor mehreren Jahren den Militairdienſt ver⸗ laſſen hatte, und in keiner Verbindung mit eines dahin irihlãgigen S — 4 „Von Deprezyn,“ erwiederte der bärtige Krieger, überreichte ein Schreiben, ſaß ab, und führte den triefenden Mecklenburger der Gartenmauer entlang⸗ Zeſchky las den Bericht, und nickte und lächelte recht freundlich, eneves e Geleſene war eines ſehr ehrenvollen, das Gemüth des alten Soldaten erfreuenden Inhältes. Ein tüchtiger Jägerpfiff — ein Jigerpfif war im Hauſe des Rittmeiſterts, ein ſufer Ruf für das dienende Völklein — briehd die Schritte der alten Haushälterin, und machte den feier⸗ lichen Gang des grauen Leibhuſaren zum Sturmmarſche. „Martha!“ ſprach der Riti⸗ meiſter, „rufe Sie ſchnell meine Tochter, die in der blauen Stube am Zeichnungstiſche ſitzt, und Du, Hunyady! ſchaffe mir den Lieutenant Herrmann Käröſch aus der Ge⸗ wehrkammer hierher.“ — Martha humpelte fort, und der Halbinvalide tummelte die ſtei⸗ en Beine aus Leibeskräften. Auf einen Wink S übernahm der Kutſcher das Pferd des Dra⸗ goners, der in die Kiche zum Frühſtück 3. 5 gewieſen; und dem weitern Gebote gewärtig zu ſeyn, bedeutet wurde. Stephanie, des Rittmeiſters Tochter, ein in jungfräulicher Zucht herangewachſenes und mit allen Reizen geſchmücktes Mädchen, ſchwebte mit der ſchlanken Nympfengeſtalt, auf welcher ein Lockenköpfen mit dem lieb⸗ lichſten Madonengeſichte ruhte, den langen Schloßhof einher, um des Vaters Befehle zu vernehmen; der Reiterlieutenant Hermann, Zeſchky's Pflegeſohn, folgte der Saſi mit klingendem Tritte. „Eine Neuigkeit, meine Kinder!“ rief ihnen Vater Zeſchky entgegen, reichte Jedem die Hand in warmer Liebe hin, und zog ſie an ſeine Seite nieder. „Ein Dragoner über⸗ brachte mir ſo eben dieſes Schreiben, welches ich Euch nun vorleſe: „„Lieber, alter triegotintabt Auf beſondern Befehl Seiner königlichen 8 * Hoheit, des Palatinus, ſind Sie zum Vor⸗ ſtand der Militairkommiſſion er 6 aus den Dienſt Abſchied genommenen Ofſi⸗ zieren zuſammengeſetzt, in Debreczyn ſich mit der Unterſuchung des zwiſchen dem Drago⸗ nermajor von Billfeld und dem Grenndier⸗ hauptmann Strube Statt gehabten Duells zu beſchäftigen hat. Sie beziehen für die Dauer Ihres dienſtlichen Aufenthalts die Feld⸗ gage eines Cavalleriemajors, nebſt freier Woh⸗ nung im Hauſe der Statthatterſchaft. und Futter für vier Pferde. Reiſen Sie nach Empfang dieſes ſogleich ab, und melden Sie ſich beim Generalmajor Grafen von Hachberg, der Ihnen eine genaue Anweiſung ertheilen wird. In einigen Tagen treffe ich mit dem Palatinus wieder in der Reſidenz ein. Gott befohlen, lieber alter Kriegskamerad?! Luſtſchloß Wildſee, am 14. Mai 1786. Oberſt Gollberg, Flügeladjutant.““ Beſtellen Sie Ihr Haus immerhin auf drei Monatez der Palatinus hat Sie beſtimmt, nach geſchloſſener unterſujung die Niitaie⸗ geſtütte zweier Comitate zu bereiſe „Auf ſo lange willſt Du eten, Vä⸗ terchen!“ lispelte Stephanie, und eine Thräne umflorte des blauen Auges en Kryſtall. — „Herzenskind!“ tröſtete der Vater, ved iſt ja nur eine kleine Spanne Zeit, und Debreczyn ſo nahe, daß Du mich in zwölf Stunden ſehen kannſt, wenn die Sehnſucht nach dem Väterchen gar zu mächtig würde. Nun meine Aufträge an Euch beide. Du, meine ſanfte und verſtändige Stephanie, wirſt als oberſte Gewalthaberin in häuslichen Angelegenheiten, von der treuen und erfahr⸗ nen Martha berathen, eine ernſte Auf⸗ ſicht führen über Dein weibliches Perſonal. Ich laſſe Dir hinlänglich Geld zurück, um die freigebige Wirthin machen Sollte ſich der Fall ereignen, daß e brannter vor Deine Thi meiner Unterthanen ein ungiie würde, ſo gebe reichlich; iſt i erſchöpft, dann beziehe vom Verwalter, ſo viel Du brauchſt.“ — „Dir, Herrmann! übe⸗ gebe ich den Oberbefehl über Feldwirthſchaſt, Jagd und Forſt. Du verſtehſt den Feldbau trotz einem gebornen Landmanne, und biſt ein tüchtiger Forſt⸗ und Jagdmann. Begehe fleißig die ſüdliche Gränze, dort giebt es Schnapphähne; ſehe den Feldarbeitern, den Holzhauern und den Gewerbleuten nach, ſey ernſt aber gütig; eine Kanne Wein zur rech⸗ ten Zeit gereicht, ein kleines Trinkgeld freund⸗ lich gegeben, ſind bei dieſer Menſchenkaſſe ge⸗ 3 wichtige Hebel. — Macht Eure Sache gut, Kinder! damit mich bei meiner Rückkehr an den ſo lieb gewordenen Heerd, lauter frohe Geſichter begrüßen, und Haus, Feld und Gehölz gut beſtellt finde. Das Weitere nach Tiſche. Jetzt gehet, ich muß dem alten Punyady Aufträge ertheilen.“ Nch eingewurzelter Soldatenſitte ſund Hunyady vor ſeinem Rittmeiſter, unter deſſen Kommando er ſich fünf ſchwere Bleſſuren icd die goldene Verdienſt⸗Metaille erworben 9 hatte, und jetzt als Halbinvalide ein ſorgen⸗ freies, frohes Alter im gaſtlichen Hauſe ſeines Herrn genoß. „Alter,“ ſprach der Rittmei⸗ ſter, und machte die ſteife Haltung mit einem Winke zur bequemen; „morgen ſitzen wir auf, und reiten nach Debreczyn.“ — Des alten Leibhuſaren Auge funkelte in ſtolzer Freude, ſich dort vor manchem alten Waffen⸗ bruder auf dem ſchönen Goldfuchs ſehen zu laſſen. — „Ich reite den Moldauer, die Ukrainer Stute nimmſt Du an die Hand, der Reit⸗ knecht bleibt mit dem Apfelſchimmel zu Hauſe, und übernimmt Deine Wildfänge. Der Kutſcher fährt das Gepäck. Gallamontur, Gallawagen, Galla⸗Reitzeug; Alles blank, wie aus dem Euſſe. Wir wollen den Pracht⸗ männern der Garniſon zeigen, daß wir das alte Handwerk nicht verlernt haben. Schlag 4 uhr wird abmarſchirt. — Kehrt Euch! — Hunyady machte ſeine Be as ſtünde er auf dem Revr ſtolz dahin, und puß und focht dabei ſo gewaltig mit den Händen, daß der Rittmeiſter in lautes Lachen aus⸗ brach, und die Vorübergehenden mit Befrem⸗ dung auf ſeine Geberden ſahen. — Durch des Rittmeiſters Abreiſe war das ſchöne und raumvolle Schloß zu Göſegg ziemlich öde geworden, denn der Rittmeiſter war die Seele des häuslichen frohen Zirkels, und ſein Reichthum, ſeine Biederkeit, ſeine Gaſtfreundſchaft hatten täglich Freunde, auch Fremde nach Göſegg gebracht. Man konnte es jetzt wirklich als ein Kloſter betrachten, und doch geſiel ſich Stephanie, die noch im⸗ mer um ihre treffliche, vor drei Jahren hinübergegangene Mutter trauerte, und die durch die ſtille Schwermuth, die ſeitdem ihr Gemüth beherrſchte, einen dem Herzen ſehr gefährlichen Reiz im Antlitze, wie in den zauberiſchen Bewegungen des Körpers hatte, ſehr wohl in dieſer klöſterlichen Abgeſchieden⸗ heitz ſie ſchaute gern und lange bald in die 11 ziehenden Wolken, bald auf den Saum der fernen Gebirge, und war dann immer ganz in ſich ſelbſt aufgelöſt, denn die finſtern Ge⸗ ſtalten der Gegenwart ſanken ſchnell unter in das Nebeldunkel des Fernen und Unbekann⸗ ten. Die fromme und lebenskluge Martha — eine Mutter kann ihre Tochter nicht inniger lieben, als Martha das Fräulein liebte — ſchalt ſie dann oft ob ſolcher Träumereien, und ſagte gewöhnlich: „Fräulein Stephanchen! Fräulein Stephanchen! man muß beten und arbeiten, wenn man von ſchwermüthigen Ge⸗ danken überfallen wird; das Eine bringt Vertrauen, das Andere vertreibt die Grillen.“ — Stephanie ließ ſich dieſe Rede nie ver⸗ drießen; ſie wurde vielmehr jedesmal freund⸗ licher, griff nach der Stickerei oder dem Silberſtift, und bat die Alte, ihr eines von den Liedern aus ihrer Kindheit zu ſingen⸗ Martha hatte freilich ihre ſchöne Stimme ringſt eingebüßt, doch war ſie immer den Wünſchen ihres Lieblings zuvorkommend, und ſo gut es aus der teiſn Kchle 12 gehen mochte, einige Reime her, deren blo⸗ ßer Klang auf das Gemüth der holden Jung⸗ frau einen tiefen Eindruck machte. * Stephanie hatte zwei Brüder, Hugo und Arnim, die noch im zarten Knabenalter ſtan⸗ den. Dieſe kamen den ganzen Tag über ſel⸗ ten von Herrmanns Seite, an den ſie mit ganzer Seele hingen. Der junge Krieger be⸗ ſaß mancherlei Kenntniſſe, und hatte viel ge⸗ ſehen und erfahren. Dabei wurde er bei den Kindern gern wieder ſelbſt zum Kinde. Er unterrichtete ſie in vielen, ihrem Alter anpaſ⸗ ſenden Gegenſtänden und gab ihnen in den Stunden des Unterrichtes, und bei frohen Spielen manche nützliche Lehre. — Abends ſaß die Familie gewöhnlich beiſammen um einen runden Tiſch, und während das Fräu⸗ lein und Martha mit häuslicher Arbeit be⸗ ſchäftiget waren, mußte Herrmann von ſei⸗ nem Kriegs⸗Leben erzählen, und von den Treffen und Gefechten, denen er an der Seite des tapfern Zeſchky beigewohnt. Die Kna⸗ ben jauchzten immet hoch auf, wenn ſie von 13 dem ritterlichen Muthe ihres Vaters hörten, aber das ſanfte Mädchen freute ſich deſſen wenig, denn ſie dachte dabei beſtändig an die Gefahren, die ihn umgaben, und an die Schrelkniſſe und Drangſale ſo vieler Städte und Menſchen. Als Herrmann einſt von der Beſtürmung eines feſten Fleckens erzählte, und wie die Kroaten und Panduren eine Kirche in Brand ſteckten, in welche ſich die Greiſe, Kinder und Weiber geflüchtet hatten, da wurde die Jungfrau bleich wie ein Mar⸗ morbild, faltete die Hände, und ſchaute, von einem unſäglichen Schmerz ergriffen, gegen den Himmel. Von dieſem Augenblicke an drückte ſich ihr Bild unauslöſchlich in das Herz des Jünglings, und er konnte ſein Auge nur noch ſchüchtern zu ihr erheben. Einmal, als die Knaben wieder Kriegs⸗ geſchichten hören wollten, ſagte Stephanie recht freundlich bittend: „Bruder Herrmann!“ — Bruder und Du nannten ihn die Geſchwi⸗ ſter, nicht nur auf des Vaters Geheiß, ſon⸗ dern aus volem Herzen, denn der muthige 14 „ Jüngling hatte im blutigen Handgemenge das Leben ihres Vaters gerettet — „ich kann nicht mehr ruhig ſchlafen, ſeit Du mich hineingeführt haſt in all das Elend der Zeit. Erzähle mir lieber etwas Heiteres, von Deinen Aeltern und Geſchwiſtern, von der Gegend, wo Du geboren biſt, denn ſo nahe Du, als der Lebensretter unſers Vaters, un⸗ ſern dankbaren Herzen biſt, ſo weiß ich doch nicht das Mindeſte von Deinen Jugendver⸗ hältniſſen; auch ſind es ja erſt drei Wochen, ſeit Du in unſerm traulichen Kreiſe hauſeſt und ich Dich kenne, da ich bei Deinem er⸗ ſten Hierſein noch in einer Erziehungsanſtalt war, und Du ſeitdem immer in ferner Gar⸗ niſon lagſt. Von Deinen guten Aeltern, von liebenswürdigen Schweſtern, von frohſinni⸗ gen Brüdern, von den Hügeln, Fluren und Gebüſchen erzähle mit, welche die Tummel⸗ plätze Deiner Kindheit waren!“ Bei dieſer ſo herzlichen Bitte n Herrman traurig, und ein Zug des Schmer⸗ zes verdüſterte das lächelnde Angeſicht. „Edle Stephanie!“ antwortete er, und ſeine etnmn⸗ wurde immer weicher — „ich wollte ja gerne Alles darum geben, was mein wohlverdientes Eigenthum iſt, nämlich meinen türkiſchen Sä⸗ bel und meinen braven Koſaken, wenn ich Dein Verlangen befriedigen könnte. Du ſiehſt mich verwundert an, und doch weiß ich Dir nicht zn ſagen, wer meine Aeltern waren, noch wie mein Geburtsort heißt. Ich will aber nichts verſchweigen von dem Wenigen, was mir darüber bekannt iſt.“ „Es ſind nun vierunzwanzig Jahre, als ein Haufe von Flüchtlingen, es waren eiſt Weibet, Mädchen und Kinder, aus Ergötoli kam, und ſich in den Gebüſchen am ufer der Käröſch lagerten. Ein Trupp umherſteiſen⸗ der, mord⸗ und ranbgieriger Osmanen über⸗ ſiel die Wehrloſen, tödtete ſie, und eilte mit rei⸗ cher Beute über die Trave zurück. Am fol⸗ genden Morgen führte mein guter Engel einen frommen YPrieſter an die Geſtade der Käröſch. Er fand mich ſchlafend an der Bruſt einer ermordeten Frau, die das Ane 16 ſehen einer Wärterin hatte. Ich mochte noch kein volles Jahr alt ſeyn, und an einem Gürtel, der mein Kleidchen umgab, war der Name Herrmann mit Silber geſtückt. Der wackere Mann trug mich in ſeine Wohnung, und übergab mich der Pflege ſeiner Schwe⸗ ſter, die ſein Hausweſen beſorgte. Nachdem Ergötoli wieder von unſern Leuten beſetzt, und die Ruhe hergeſtellt war, reiſte er ſelbſt dahin, um Nachricht über meine Abkunft ein⸗ zuʒiehen, allein rin großer Theil der Einwoh⸗ ner hate in den Bedrängniſſen der Einfäl der Türken den Tod gefunden, Biele waren ausgewandert, und Niemand konnte ihm eini⸗ £ Licht verſchaffen, wer meine Aeltern ſeyn möchten. s ich — des guten Prieſter⸗ weiſen und liebevollen Unterricht ſchon manche RKenntniſſe geſammelt, auch unter einem in nſerm Dorfe ſtstionirten Küraſſirunteroffi⸗ zier die Reitbahn und die Waffenübung durch⸗ gemacht hatte, kam eines Tages Dein Vater mit einem Zug Huſaren, um Ergänzungs⸗ pferde abzuholen. Die glänzende Huſaren⸗ uniform, die ſchmucken Reiter und die mu⸗ thigen Pferde erregten in mir die brennende Begierde, auch den Huſarenſübel zu ſchwingen und den flüchtigen Ungar zu tummeln. Dein Vater hatte Wohlgefallen an mir; ich kam beinahe nie von ſeiner Seite, und putzte ſeine Pfeifen, ſeinen Säbel, ſeine Piſtolen ſo em⸗ ſig, daß Hunvady mir beinahe Gram wurde aus Eiferſucht. Als die Ergänzungs⸗Pferde beiſammen waren, und ſich die Huſaren zum Abmarſch rſteten, da ſiel ich Deinem Vater ſlehend zu Füßen, mich in den Zug einreihen zu laſſen, und ſelbſt der gute Prieſter unter⸗ ſtützte meine Bitte, denn er kannte meine heiße Neigung zu dem Woffen⸗Stande, und war auch nicht mehr kräftig genug, den n len Jungen zu zügeln. — Als Korpord rückte ich in der Schwadron Deines Vaters ins Feld, und als ich das Glück hatte, in der Schlacht von Vorgatſch dem zu kühnen Rittmeiſter einigen Dienſt zu leiſten, wurde ich nach beendigtem Feldzuge Lieutenant im Chevauylegers⸗ Regiment Lichtenſtein. Laut weinend vertauſchte ich den Dollmann mit Leben u. Walten. * Herz ſichtbar zu dem Jünglinge hin, der auch 18 dem Colet, und als ich das Offizierspatent ſchmerzlich betrachtete, da ſprach Dein Vater: „„Daß Du nicht in unſerm, ſondern in ei⸗ nem andern Cavallerieregiment Offizier ge⸗ worden biſt, iſt der Erfolg meiner eigenen Bitte bei dem Commandirenden, denn das Vaterherz würde Dich, meinen Lebensretter, als meinen Untergebenen, verzärtelt haben.““ — Wie meine Aeltern hießen, ob ich Ge⸗ ſchwiſter habe, weiß ich nicht; den Namen Kä⸗ röſch hat mir der Strom gegeben, an deſſen blutigem Ufer ich gefunden wurde, und daß ich ihn in Ehren erhalten werde, iſt eine hei⸗ lige Pflicht, die ich für die Ehre meines Pfle⸗ und für dieſen Ehrenrock habe.“ Berrmann ſchloß, und trübſi innig vor ſc hinſehend, bemerkte er nicht, daß Ste⸗ phanie mit Blicken der Theilnahme an ihm bing. Ihr war's, als müßte ſie ihm die Hand reichen, damit er nicht ferner allein ſtehe in der Welt. Von dieſer Stunde an neigte ſich ihr 19 in ſeinem ganzen Thun und Weſen gar viel Einnehmendes hatte. Die alte Martha trug ebenfalls das Ihrige, obgleich unwiſſend, red⸗ lich bei, das Fünklein der Liebe im Buſen des Fräuleins zum wallenden Flämmchen an⸗ zufachen. Sie pries den ſchlanken, ſchönen Chevaurlegersoffizier bei jeder Selegenheit, und äußerte einmal gegen das Fräulein: wenn ſie in ihrer Jugend einen ſo beſcheidenen, ver⸗ ſtändigen, ſittigen und tapfern Jüngling ge⸗ funden, und derſelbe um ihre Hand gewor⸗ ben hätte, ſo würde ſie der Verſuchung nicht haben widerſtehen können, ihm ſelbe am Traualtare zu reichen. Stephanie erröthete bei dieſer Aeußerung ohne zu wiſſen, warum? aber, als ſie nun allein war, und die Rede der Alten erwog, konnte das Geheimniß ihres Herzens nicht länger vor ihr verborgen blei⸗ ben. „Ach,“ ſeufzte ſie, „wie unglücklich bin ich, da ich nicht die leiſeſte Hoffnung habe, daß mein ſehr guter, aber die Reinheit ſeines Adels ſtreng bewachender Vater meine Bund einem Findlinge hingeben wird! 2 N — 20 Es kam eines Tages ein Porträtmaler aus Preßburg nach Göſegg, und wollte im dor⸗ tigen Gaſthauſe übernachten, um recht früh auf ein nahes, adeliches Schloß zu gelangen, wohin ihn die Herrin des Hauſes beſchieden hatte, daß er ihre Kinder male, zur Ueber⸗ raſchung des bald heimkehrenden Vaters. Herrmann machte ſeine Bekanntſchaft im Gaſthauſe, wo den, von der Jagd Rückkeh⸗ renden ein heftiger Durſt einzutreten nöthigte. Er bat um ſeine Begleitung ins Schloß, und als ſie auf den Hof kamen, fanden ſie Ste⸗ phanie, ihren Tauben, Perlhühnern und Pfauen Futter ſtreuend, und ſie mit ſüßen Worten liebkoſend. „Theuere Stephanie! Hier bring ich einen Gaſt, der Dir werth ſeyn wird. Herr Krauſe, ein Porträtmaler aus Preßburg. Wäre Dir gefällig, Dich abbilden zu laſſen, ſo möchte wohl Dein Bildniß dem Vater viele Freude machen bei ſeiner Rückkehr!“ — So ſprach Herrmann, und der Antrag er⸗ freute das Fräulein, und ſie ließ ſich von dem Künſtler malen, wie ſie vertieft ſaß in from⸗ 21¹ mer Betrachtung, in ihrem Schooße ein ge⸗ öffnetes Buch, neben ihr auf dem Siſche eine Roſen⸗Knospe in kryſtallner Vaſe. — Das Bild wurde ſprächend ähnlich, und wer es ſah, der bewunderte die kunſtvolle Schaffung. Herrmann hätte den größten Schatz der Erde hingegeben, um es zu beſitzen, und er wurde traurig und düſter, als er kein Mittel ſah, ſeinen Wunſch zu befriedigen. „Wäre ich reich,“ ſprach er zu dem Maler, „ſo würde ich Sie bitten, mir auch ein ſolches Anden⸗ ken Ihrer Kunſt zurückzulaſſen!“ — Der Maler lächelte, denn es war ihm nicht ſchwer in der Seele des der Verſtellung Unkundigen zu leſen, und er erwiederte mit Betonung: „Durch Ihre Empfehlung, Herr Lieutenant! bin ich hier ſo gaſtfreundlich aufgenommen worden, und ich habe — verzeihen Sie der offnen Rede des geradſinnigen Mannes — ſo viel Gutes an Ihnen geſehen, daß ich mich glücklich fühle, in Ihrem Andenken zu bleiben.“ — Herrmann freute ſich nur halb über dieſe Zuſage, deren geheimen Sinn er 22 nicht zu deuten wußte; das Bildniß der heiß geliebten Stephanie war ja das Einzige, das ihn zum glücklichſten Weſen machen konnte, und doch hielt er es für unſchicklich, ſeinen Wunſch kund zu thun. Der Maler verſchloß ſich den größten Theil des Tages über in ſein Gemach, und verſtattete dem Lieutenant, der ihn machmal beſuchen wollte, keinen Zutritt, unter dem Vorwande, das Bild einer fremder Dame zu kopiren, das er Niemanden ſehen zu laſſen, auf ſein Wort gelobt habe. Eines Abends, als Herrmann von dem Beſuche der äußer⸗ ſten Jagd⸗ „Gränzen zurückkehrte, wodurch er zwei Tage von Göſegg entfernt blieb, erzähl⸗ ten ihm Arnim und Hugo, daß der fren Maler Briefe erhalten hätte, die ſeine ſchnelle Abreiſe zur Folge hatten; zugleich gaben ſie ihm den Schlüſſel zu des Malers Stube, welchem ſie hoch und theuer verſprechen muß⸗ ten, dieſen Schlüſſel in keine andern als in Herrmanns Hände zu legen, auch vor ſeiner Ankunft nicht das Gemach zu betreten. 2³ Von einer ſüßen Ahnung durchzittert, flog Herrmann auf des Malers Stube. Ein Gemälde ſtand auf dem Tiſche, an die Wand gelehnt, — es war Stephanien's Bildniß als Madonne, mit dem göttlichen Knaben auf dem Schooße. Er war außer ſich vor Freude; aber bald wandelte ihn eine heilige Scheu an. Die Glorie um das jungfräu⸗ liche Haupt zeigte ihm eine Heilige, wie durfte er ſich ihr nähern mit der irdiſchen Liebe in ſeinem Herzen? — „Ja, Stephanie ſoll mir auch immer heilig bleiben; ich will ihr huldigen als dem guten Engel, der mich durch's Leben leitet.“ — Das war Herr⸗ mann's Geliebte. — 8 Er nahm das Bild, drückte es an die freudetrunkene Bruſt, und trug es feierlich, wie eine Reliquie, ſeinem Gemache zu; da begegnete ihm Stephanie auf dem Gange. „Was haſt Du hier, Herrmann?“ flötete das wunderliebliche Mädchen. — „Ein An⸗ denken von dem gütigen Maler,“ ſprach Herr⸗ wann, und ein Leben flog durch ſeine Glie⸗ 24 der. Stephanie betrachtete das Bild und ſtand in holder Verwirrung. Aus ihren Au⸗ gen leuchtete das Morgenroth der ernen en⸗ gelreinen Liebe; es zog ſie fort und hielt ſie feſt, und auch Herrmann wußte keine Rede zu finden, und ſchwankte in Zagen und Hof⸗ fen. Man hörte Fußtritte auf der Treppe, und ſie gingen Beide auseinander, ohne ein Wort zu ſprechen; ein flammender Wechſel⸗ blick und des Buſens wallende Bewegung ſprachen die Gefühle des Herzens aus. Kaum hatte die Sonne aus ihrem Flam⸗ men⸗Bette aufgetaucht, als Herrmann vom — Lager aufſprang. Er wollte dieſen Tag — es war der 15. Juni, ſein Geburtstag — mit einem Feſte, dem Herzen gegeben, begin⸗ nen, und ſich ganz ungeſtört im lieblichen Anblicke des theuren Bildniſſes erfreuen; allein er vermochte nicht lange die trunkenen Blicke auf das Gemälde zu heften, denn ſein Inneres war aufgeregt, wie die Tiefe des 25 Meeres beim herannahenden Sturm. Er trat an's Fenſter; jetzt wurden Tritte mehrerer Pferde hörbar, und eine kräftige Baßſtimme von einem reinen Tenore begleitet, ſang: 3 „Was ſaftet von des Berges Haupt So tief in's Thal hinad? Die Rebe iſt's, die neu belaubt, Sich blühend hebt am Stab⸗ „Was regt ſich in des Hauſes Grund, In den Gewölben tief? Der Wein iſts, der in Faſſes Rund, Schon längſt gebunden ſchlief. „Die Blüthe hat ihn aufgeregt Der Duft in Heimathland, Daß er, vom innern Drang bewegt, WVill ſprengen jetzt ſein Band. „Hebt ſingend auf zur Berges Höh Den ſchäumenden Pokak, 3 Wo ich die traute Heimath ſeh', Im Duft und Sonnenſtrahl! — „Im Herzen rufts „„willkommen Du, D Heimath, voller Licht!““ — und jet, Gefährten! trinkt nur zu. Ich bin der letzte nicht * 26 „Freund Rebenſaft! du dringſt mit Macht Uns in das Herz hinein! Wohlan! ſtoßt an! er ſoll gebracht Der theuern Heimath ſeyn!“ — Die Sänger ſchwiegen; der Roſſe lang⸗ ſamer Schritt wurde zum brauſenden Gal⸗ lopp, und Hunyady ſprengte auf den Schloß⸗ hof; — ihm folgten zwei fremde Reitknechte in goldbedeckter Livree, mit prächtigen Hand⸗ pferden, ein Huſar ſchloß den ſtattlichen Zug. — Herrmann's Seele durchflog eine bange Ahnung. Kaum hatte er ſich in die Kleider geworfen, als Hunyady eintrat, ſich des Wie⸗ derſehens und der blühenden, kräftigen Ge⸗ ſtalt ſeines hochgeehrten Herrn Lieutenants Käröſch herzlich freute, die Rückkunft des Ritt⸗ meiſters in Begleitung des Grafen Matthias von Töreck auf den morgigen Tag ankün⸗ digte, dem Reichthume „der Reitkunſt, dem Mohrenſchimmel und dem Araber des Mag⸗ naten lange Lobreden hielt, und endlich aus der Säbeltaſche einen Brief des Rittmeiſters hervorlangte, worin ſelber ſeinem Oekonomi⸗ 7 und Jagdintendanten Herrmann auftrug, alle Anſtalten zu einer großen Hirſchjagd im Wrathſchecker Forſte zu treffen. Herrmann hörte nur mit halbem Ohre des Redeluſtigen endloſen Vortrag, denn er war in trübe Ge⸗ danken verſunken, und Hunyady war ſchon längſt abgetreten, um, wie er ſich militairiſch ausdrückte, bei dem gnädigen Fräulein ſich zum Rapporte zu melden, als Herrmann's Auge noch immer auf den zerknitterten Brief hinſtarrte. Nicht wonnevoll, wie ſonſt, pochte jetzt des Pflegeſohnes Herz dem Wiederſehen des theuern Pflegevaters entgegen. Vorüber waren nun für ihn die ſchönen Abende mit Stephanien, vielleicht auf immer, und ſchmerz⸗ 2 lich ward ihm erſt in dieſem Augen licke ganz klar, daß das Schickſal eine unüberſteigliche Scheidewand geſtellt habe, zwiſchen die reiche Erbin und den armen Findling. Des Ritt⸗ meiſters Auftrag war ihm jetzt willkommen, er gewährte Zerſtreuung, und beruhigte das Gemüth. Raſch eilte er durch des Hauſes heroinge, um ſich mit dem um n 28 Ende wohnenden Förſter zu beſprechen. Nahe an der Markortreppe, wo der Anblick des Bildniſſes nicht der Liebenden Lippen geöff⸗ net, aber die Liebe und die Gegenliebe in der erglühenden Wange, in der Trunkenheit der Blicke verkündet hatte, trat ihm Stephanie entgegen. In unbeſchreiblicher Schöne ſtand ſie vor dem trauernden Jünglinge, erröthend und einen ſüßen Gruß lispelnd, reichte ſie ihm die lilienweiße Hand; da durchbrach der Liebe mächtiges Gefühl die Schranken der Schüchternheit. Raſch öffnete er die Arme und Stephanie ſank an die Bruſt des Glück⸗ lichen. „Ewige Liebe, ewige Treue“ hauch⸗ ten ſich die Liebenden zu, und ein reiner, glühender Kuß verwebte die unentweihten Lippen; der Schutzgeiſt der tugendhaften der engelreinen Liebe ſegnete die Ergießungen 3 der Herzen. Der Rittmeiſter kam an, mit ihm der Magnat Töreck, ein ſchöner junger Mann, über deſſen ſchlanke, ebenmäßige Geſtalt die reiche Tracht der Edlen des Landes, 29 Magyar Arszag (Ungarn) einen Zauber der Pracht und der Anmuth goß; hätte nicht das reizende Geſicht ein Zug von Hohn, ein lauernder Blick und ein oft grinſendes Lächeln ſo ſcharf gezeichnet, man würde von der ſchön⸗ ſten Hülle auf die ſchönſte Seele gefolgert haben. Der Equipage des Rittmeiſters folgten in kurzer Zeit mehrere, da die Kunde ſeiner Rückkehr ſich ſchnell verbreitet hatte, und alle benachbarten Guts⸗Beſitzer ſich ſchon lange nach dem biedern Zeſchky ſehnten. Eine prachtvolle Abendtafel wurde beſtellt, der fröhliche Hunyady zog mit einer Geſellſchaft Prager Muſikanten, die er in der Dorfſchenke aufgegriffen hatte, in den Schloßſaal, und die Stille des lange verödeten Göſegg wurde in Lärm und Geräuſch verwandelt. Herrmann, dem es im tobenden Kreiſe der Zecher und der Tanzenden gar unheimlich wurde, ent⸗ fernte ſich unter einem anſtändigen Vorwande, nd ſchloß ſich in ſein Gemach ein. Weh⸗ müthig betrachtete er dort Stephanie'ns Bild; „ 30 „Du, Du wirſt mir wenigſtens bleiben!“ rief er ſchmerzlich aus, und heiße Thränen entſtürzten ſeinen Augen. Jetzt ſchreckte ihn der freudige Lärm der Abendtafel und eine Reihe von Toaſten, die in Begleitung ſchmet⸗ ternder Trompeten durch den Schloß⸗Raum drangen, aus ſeinen trüben Gedanken. Un⸗ muthig drückte er die geballte Fauſt an die pochende Bruſt, und rief mit kräftiger Stim⸗ me: „Warum ſind dieſe fröhlichen Töne, nicht das Zeichen zur blutigen Schlacht! jetzt möchte ich meine Klinge gebrauchen!“ — Schlafloſer hatte Herrmann noch keine Nacht hingebracht, und als ihn gegen Tages⸗ Anbruch ein leiſer Schlummer überfiel, rang er mit furchtbaren Träumen. Ermattet und von trüben Bildern umringt, wachte er auf; Martha ſtand vor ſeinem Bette. „Herr Lieutenant!“ ſprach die gute Frau, und trocknete das naſſe Auge, — „ich muß gegen irgend einen wackern Menſchen mein Herz ausſchütten. Sie waren geſtern nicht 31 bei der Abentiuſil — Etephanie iſ Törel' Braut.“ Alten.“ — „Des Grafen Matthias von Steekt des reichſten Magnaten in der Maitſcher Geſpann⸗ ſchaft. — Die arme Stephanie, ſie weinte und betete die ganze Nacht hindurch; ſie hat auch Urſache hierzu, denn aus dieſer Ehe kann kein frohes Leben, kein Seegen kom⸗ men. Es iſt gar nicht zu leugnen, daß Graf Matthias ein wunderſchöner und auch ein recht leutſeeliger Herr iſt; er hat geſtern Abends, als er mich zufällig in Bereitung ſeines Gemaches fand, recht lange mit mir geſprochen, und recht höfliche Reden geführt, aber ſein Herz muß ſchlimm, grund ſchlimm ſeyn. Nach der geſtrigen Abendtafel meldete ihm ſein Haiduck, daß der Leibhuſar die türki⸗ ſchen Piſtolen im letzten Nachtlager vergeſſen abe. Raſch ging er in den Stall, befahl die Thür zu ſchließen, und den armen Du⸗ „Weſſen?“ ſchrie der Erbleichende gß⸗ lich auf, und faßte krampfhaft die Hand der * 6i ——— ——— — — * ⸗ — 32 ſaren an eine Säule zu binden. Der Hai⸗ ducke mußte ihm auf den entblößten Rücken mit einem Packriemen 30 Hiebe geben. Als das Unglückskind zu wimmern begnnn, zog der Unmenſch den Säbel, und drohte ihm beim erſten Laute den Kopf zu ſpalten. Durch einem Ritze der Sattelkammerthür hat Hunyady die Sache mit angeſehen, und mir dieſen Morgen erzählt. — Und mit dieſem Hartherzigen ſoll ſich die ſanfte, gefühlvolle Stephanie vermählen!“ „Die Taube mit dem Geier!“ kreiſchte der Jüngling, ſprang mit grimmiger Gebärde vom Lager empor, und riß ſeinen Säbel aus der Scheide. — „Die Natur hat ſich verändert; ich bedarf keiner Waffe mehr, denn ich will mir den Kopf ſcheeren laſſen, und eine Kutte anziehen.“ Sprach's, und zerbrach unter ſchneiden⸗ dem Gelächter den geflammten Damascener, als knickte er ein Schilfrohr. „Um des Barmherzigen Willen!“ flehte die zitternde Martha, „Sie ſind in ſolch' 33 einer Stimmung, und gerade von Ihnen wollte ich Troſt heiſchen.“ — „Schätze von dem Dürftigen, xmoſen von dem Bettler!“ zürnte Herrmann, und drückte die geballte Fauſt auf die glühende Stirne. Lange verſuchte die theilnehmende Martha dem ſtarr Hinblickenden noch einige Rede abzugewinnen; er beobachtete ein hart⸗ näckiges Stillſchweigen, und ſie ſchlich hinaus, indem ſie die Hände zuſammenſchlug, und mit erloſchener Stimme ſprach: „Gott wende alles Unglück ab!“ Das Landgut Göſegg zu verlaſſen, Ent⸗ laſſung aus dem Militairverbande zu verlan⸗ gen, und in die Reihen der Osmanen zu treten, um im blutigen Kampfe mit den Whehaby's, ihren Todfeinden, ein hoffnungs⸗, ein freudenloſes Daſeyn hinzugeben, war Herrmanns feſter Entſchluß. Er begann ſo eben ſeine kleinen Angelegenheiten zu ordnen, ſinnend auf geltende Gründe, die bei Vater Zeſchky ſeine ſchnelle Abreiſe rechtfertigen ſollten, als ein Schreiben ſeines Reginents⸗ Leben u. Walten. 3 34 Commandanten eintraf, welches den Befehl zum ſchnellen Einrücken enthielt, da ihn der Inſpections⸗General zu ſeinem Adjutanten ernannt habe. — Willkommene Botſchaft. Er eilte in das Gemach ſeines Pflegevaters, der mit dem Magnaten unter Familienpapie⸗ ren beinahe vergraben war, und überreichte ihm das Schreiben. Schwer fiel dem alten Rittmeiſter die ſo ſchnelle Entferung ſeines Lieblings auf vas liebende Herz; aber Dienſt ging ihm über Alles, und die Auszeichnung, ſeinen Pflegeſohn unter ſo vielen verdienſt⸗ und kenntnißvollen Offizieren zum Adjutan⸗ ten des allgemein gewürdigten Inſpektions⸗ Generals erhoben zu ſehen, füllte das Vater⸗ herz mit Stolz und Freude. — Graf Mat⸗ thias, vom Rittmeiſter mit Herrmann's ſchnel⸗ ler Abreiſe und deſſen ſchönen Berufe be⸗ kannt gemacht, vereinte die feinſten Glück⸗ wünſche mit dem wortreichſten Bedauern über die Trennung es, gleich beim erſten An⸗ blicke ſeinem Herzen ſo befreundeten, Mannes. Doch verrieth das freudeglänzende Auge die ₰ 25 50 heuchleriſche Lüge, denn er fürchtetr dem ſchönen, von Allen herzlich geliebten Jüngling in Stephanien's Nähe, und ſein Herz ſprach dem abreiſenden Reiterlieutenant ein frohlok⸗ kendes: „Auf Niewiederſehen!“ — Vom Vater Zeſchky reichlich mit Gold ausgeſtattet, ſchickte Herrmann ſeinen Reit⸗ knecht mit dem Packpferde voran, und machte ſich noch eine Menge kleine Geſchäfte, um den günſtigen Augenblick zu erhaſchen, der geliebten Stephanie das letzte Lebewohl un⸗ belauſcht zu ſagen. Er traf ſie, als ſie zur Abendandacht in die Schloßkapelle ging⸗ Bleich waren ihre Wangen wie Marmor, und die Augen von Thränen geſchwollen. Bei ihrem Anblicke wäre er beinahe in die Kniee geſunken, und kaum vermochte er ein leiſes, zitterndes „Lebe wohl!“ hervor zu ſtammeln. Stephanie ſtand bewegungslos, es ſchien, als wolle ſie die Arme nach ihm ausſtrecken, aber ſie ſanken ſtarr an ihtem Leibe herab. Herrmann blieb ſeiner nicht 3 8 36 der Entſagung, der Sehnſucht, des unaus⸗ ſprechlichſten Schmerzes umſchlang er die Jungfrau, preßte ſie an das gebrochene Herz, drückte glühende Küſſe auf ihre Lippen, und floh dann, in wilder Haſt, als hätte er ge⸗ mordet. — In wenig Augenblicken ſprengte er auf ſeinem tollen Koſaken durch das Schloßthor, und im furchtbaren Carierre enttloh er Stephaniens Blicken, die ohnmächtig in Martha's Arme ſank. Laut wieherte das Roß vom Uräl, und Herrmann erwachte aus tiefen Träumen. Wie lange und auf welchen Wegen er gerit⸗ ten ſey, ward ihm nicht klar; er fand ſich unter dem Dome hoher Eichen, und die öden Strecken, die er durchritt, die dichten Tan⸗ nengebüſche, und der bemooſte, mit Schling⸗ gewächſen bedeckte Boden, der die Schritte des Pferdes hinderte, und auf dem keine Spuren von Fußtapfen Herrmann's ſpähen⸗ dem Auge begegneten, ſagte ihm, daß er ſich 37 in einem unwirthlichen Walde beſinde. Die ſchauerliche Stille that ihm wohl, und dem Verdüſterten ward leichter um's Herz, als er ſich einſam und entfernt von Men⸗ ſchen ſah. Er ſtieg ab, leitete den treuen Koſaken am Zügel hinter ſich, und ſuchte eine Lagerſtätte. Bald fand er einen üppig bewachſenen Raſenfleck, durch welchem ſich eine ſpiegelreine Quelle ſchlängelte. Das den friſchen Trunk witternde Pferd wurde abge⸗ ſattelt, getränkt und auf dem erquickenden Weideplatze an einer langen Leine befeſtigt⸗ Herrmann warf ſich unter einer nahen Buche in das hohe Gras, und, verloren in düſteres Sinnen über ſein gramvolles Schickſal, fiel er in einem tiefen Schlaf. Geräuſch und laute Stimmen weckten ihn auf. Als er die Augen öffnete, ſah er ſich von Männern umgeben, deren gräßliche Ge⸗ ſichter, deren Meſſer und Piſtolen ihm ſagten, daß ſie zur blutigen Fahne des Mordes und des Raubes geſchworen hatten. Raſch ſprang er auf und riß wüthend den Säbel aus der Scheide; da knakten viele Hähne, und eine Reihe ſchwarzer Mündungen ſpottete des Ohnmächtigen. „Feige Memmen!“ rief der Erglühende, „drükt doch los, um euch im WMorde des einzelnen Mannes einer Hr hat rühmen zu können!“ — Ein junger Mann von hoher, edler Ge⸗ ſtalt trat vor ihn hin, und reichte ihm die Hand: „Willkommen, Lieutenant Käröſch!“ Herrmann ſtarrte den Räuberhauptmann an und rief erſtaunt: „Uhratſchek, Du! — Iſt es möglich? — Du unter einer Räuber⸗ bande?! — Gehörſt Du wirklich zu dieſen Geſellen?“ — „Du ſollſt meine Jammergeſchichte hö⸗ ren,“ ſprach der Hauptmann, und gab Befehl an ſeine Horde. Ein Trupp Räuber, von einem eisgrauen, benarbten Genoſſen ange⸗ führt, ging ſchnell ab, und man ſah, wie ſie ſich, in ziemlicher Entfernung, einzeln theils in die Zweige der Bäume ſchwangen, theils in hohle Stämme bargen, und ſo eine kreis förmige Kette von Sicherheitswachen bildeten. 4 39 Im Mittelpunkte derſelben gab es ein raſches, ſich luſtig bewegendes Treiben. Ein Zelt ſtieg em⸗ por für den Hauptmann, aus jungen Stäm⸗ men und Zweigen geſtalteten ſich Lager⸗ Hütt.n, Pfähle wurden eingeſchlagen, um die Pferde anzubinden, dürre Aeſte auf die Feuer⸗ ſtätte herbeigeſchleppt, und bald loderte eine hohe Flamme empor, von Räubern umlagert, die Geflügel rupften, Lämmer am Spieße drehten, und dabei aus heiſern Kehlen wilde Lieder ſangen. Der Räuberhauptmann lagerte ſich mit Herrmann abſeits unter eine ſtattliche Eiche und erzühlte ihm ſeine Schickſale. Uhratſchek, der Sohn eines Wachtmei⸗ ſters im Huſarenregimente, worin Rittmeiſter Zeſchky ſtand, trat mit Herrmann zugleich in die Schwadron. Bald wurden die Jüng⸗ linge vertraute Freunde. Der Krieg brach aus, ſie wurden zu Unteroffizieren befördert, und zeichneten ſich in den kleinen Gefechten, die die Vorſpiele größerer blutiger Auftritte waren, vorzüglich aus. Die furchtbare 4 40 Schlacht bei Vorgaotſch wurde geſchlagen. Herr⸗ mann rettete ſeinem Rittmeiſter das Leben; Uhratſchek, der unter ſeinem Oberlieutenant 40 Pferden entſendet war, fiel in einen — der Türken. Ein Janitſchar hieb den Ober⸗Lieutenant vom Pferde. Uhratſchek raſch an die Stelle des Gefallenen tretend, warf ſich an der Spitze ſeiner braven Ungarn auf die Feinde, vertilgte ſie, nahm einen Paſcha mit ſeinem glänzenden Gefolge gefan⸗ gen, und kehrte im Beſitze einer großen Beute in das Lager der Seinigen zurück. Herrmann trat als Offizier in das Chevaur⸗ legers⸗Regiment Lichtenſtein, und Uhratſchek wurde zum Lieutenant in einem berittenen Freicorps befördert. Der kommandirende Ma⸗ jor, ein junger, höchſt leidenſchaftlicher Mann,. empfing den Beförderten mit ſchmeichelhafter Rede, aber mit einem Herzen voll Galle, denn Uhratſchek hatte die Stelle erhalten, die der Major für ſeinen Neffen, einen von der hohen Schule entlaufenen Patron, ver⸗ gebens nachgeſucht hatte. 41 wurde ſein Haß, als ein edles Fräulein, das der Sinnliche mit den Schwüren einer ge⸗ heuchelten Liebe und Treue zu bethören ſtrebte, des Zudringlichen Schritte mit kalter Ver achtung zurückwies, und ſich ſichtbar zu dei ſchönen, fleckenlos wandelnden Uhratſchek hin⸗ neigte, der die holde Jungfrau innig liebte. — Hatte der Major ſchon Anfangs die Haltung einer vorzüglichen Liebenswürdigkeit gegen den verhaßten Fremdling angenommen, ſo ſtrebte er jetzt noch mehr, unter der heuch⸗ leriſchen Maske einer ſich anſchmiegenden Freundſchaft die teufliſche Bosheit zu ver⸗ hüllen, die ſein Inneres wie ein Feuerſtrom durchglühte, und es gelang dem beſonnenen Böſewicht, die argloſe Seele zu täuſchen und zu verderben. Monate waren hinübergegan⸗ gen, die Uhratſchek unter die ſeligſten ſeines Lebens zählte. Sein Commandant zeichnete ihn ſichtbar aus, die herzliche Liebe ſeiner Kameraden, die ſchöne Hoffnung, an der Hond der ſchönen tugendvollen Juliane bald durch ein roſenbegränztes Leben zu gehen, . i 42 die kindliche Verehrung ſeiner Untergebenen, und die ſorgenfreie, durch weiſe Sparſamkeit ſicher geſtellte Lebenstage machten ſeine Tage zu den Tagen eines unbeſchreibbaren Glük⸗ 3 . — Eines Worgens betrank ſich ein Soldat aus Uhratſchek's Abtheilung, ſtürzte, ſeiner Sinne nicht mächtig, die ſteinerne Treppe der Kaſerne herab, und zerſchmetterte ſich die Hirnſchale. Der Major ließ den Lieutenant rufen. Gleich beim Eintritte gab er ihm auf eine lächerlich⸗unſinnige Weiſe die ganze Schuld an dem Tode dieſes muſter⸗ haften Mannes — es war der lüderlichſte Burſche im Corps — und übergoß den Staunenden mit einer Fluth der unverdien⸗ teſten Vorwürfe und bis zur Entehrung ge⸗ ſteigerter Ausdrücke. Uhratſchek, der zu träu⸗ men glaubte, aber durch des Major's immer mehr verletzende Rede in der Tiefe ſeines Gemüthes aufgeregt wurde, vertheidigte ſich Anfangs, im Bemußtſein ſeiner Unſchuld mit wüdevoller Ruhe; als aber der Maior aus dem polternden Tone des brauſenden Gebietes in den kalten, beißenden Tone des Hohnes überging, alle Schleuſſen des boshaften Witzes öffnete, und die Sehne der moraliſchen Miß⸗ handlung bis zum raſchen Bruche ſpannte, da war der furchtbar Gereizte ſeiner nicht mehr mächtig, und forderte, krampfhaft das Gefäß des Säbels umfaſſend, blutige Ge⸗ nugthuung. Um Hilfe kreiſchend, ſprang der Major an's Fenſter, durch eine Seiten⸗ thür ſtürzten zwei Offiziere herein, und über⸗ gaben den Entwaffneten der herbeieilenden Wache, Uhratſchek wurde unter dem Zuſtrömen einer Menge Volkes in das Stockhaus ge⸗ führt, und in das tiefſte, dunkelſte Gefäng⸗ niß, ein nur für die ärgſten Verbrecher der Garniſon beſtimmte Kerker, gebracht. Bald erſchien der Profoß mit einer ſchweren Kette, und — es war damals Vorſchrift im öſter⸗ reichiſchen Militair — ſchloß ihn kreuzweis. Da dieſes Gefängniß in einem Thurme war, der vom Stockhauſe etwas entfernt lag, ſo wurde zur Bewachung des Eingekerker⸗ 44 ten ein Unteroffizier mit vier Mann kom⸗ mandirt. Schon drei Wochen hatte Uhratſchek in dieſer Mörderhöhle zugebracht, kein Tages⸗ licht genießend, erbärmlich verpflegt, und von keiner freundlichen Anfprache erheitert, als ſich die Thür des Kerkers raſſelnd aufthat, und ihn der Adjutant, von Wache begleitet, zum Verhöre abholte. Mit frohem Muthe und mit froher Hoffnung trat er vor das Militairgericht; als er aber über eine Menge von Anklagepunkten vernommen wurde, die ein Gewebe unmenſchlicher Lügen waren, und als am Schluſſe des Verhörs die beiden Offiziere hervortraten, und mit einem Eide bekräftigten: „daß Lieutenant Uhratſchek mit geſchwungenem Süäbel auf den Major einge⸗ drungen ſey, und ihn ermordert haben würde, hätten ſie ſich nicht zwiſchen ihren Comman⸗ danten und den Raſenden geworfen“ — da ward es ihm gräßlich klar, daß er das blu⸗ nde Opfer des Haſſes, der allerbeſonſtenſte Rache werden müſſe. Mit jener Würde uud 45 Kraft, die das gediegene Vorrecht des reinen Bewußtſeins iſt, begegnete Uhratſchek jeder, aus der Lüge trüber Quelle ſtrömenden Anklage, nannte die, wider ihn fälſchlich aufgetretenen Zeugen ehrloſe Betrüger, und forderte, hier⸗ über den Major zu vernehmen, der, wenn nur ein Funke des Ehrgefühls, der Wahr⸗ heitsliebe, der Menſchlichkeit in ſeiner Bruſt loderte, ihn für unſchuldig erklären müſſe. Man ſchrieb, man verhörte, ſchon nach eini⸗ gen Tagen fällte das Kriegsgericht das Ur⸗ theil; — der Tod durch die Kugel wurde über den Lieutenant Uhratſchek ausgeſprochen. Als Uhratſchek aus dem Verhörzimmer, worin ihm das von dem Generalkommando beſtätigte Todesurtheil angekündigt wurde, unter ſtarker Wache in ſein Gefängniß zu⸗ rückkehrte, faßte in dem langen dunkeln Bo⸗ gengange, der dahin leitete, raſch eine Hand die ſeinige, und drückte ein feſt zufammenge⸗ rolltes Zettelchen hinein. — Kaum hatte ihn das Raſſeln des letzten Riegels der Gefäng⸗ nißthůr unter der ſorgfältigen Hand des ver⸗ 46 ſchließenden Profoßen geſagt, daß er nun allein ſey, ſo ſtieg er auf einem auf die Bett⸗ lade geſtellten Stuhle dem kleinen, dicht ver⸗ gitterten Fenſter zu, und las bei höchſt ſpar⸗ ſamen Lichte folgende in ſlavoniſcher Sprache geſchriebenen Zeilen: „Man wird Sie in das Armenſünderſtübchen des Stockhauſes führen wollen; begehren Sie Ihre letzten drei Tage im Kerker hinbringen zu dürfen; es wird Ihnen nicht abgeſchlagen. Bleiben Stetvleſe Nacht wach.“ — Noch ſinnend über das Räthſelhafte dieſes Billets hörte er die Schlüſ⸗ ſel der Kerkerthür klirren. Schnell ward das Zettelchen verſchluckt. Der Profoß trat ein und nahm ihm die Ketten ab; bald folgte der Adjutant mit der Weiſung, ihm nach dem Stockhauſe zu folgen. Uhratſchek's Bitte, ihm das Hinbringen ſeiner letzten Stunden innerhalb dieſer Mauern zu gön⸗ nen, wurde gewährt. Dem Adjutanten folgte der Garniſons⸗Prediger, ein liebevoller, auf dem Pfade ſeines Berufes wördig dahin allender Greis. Unter religiöſen und weiſen nehr fern ſeyn, als Uhratſchek ein Gerii 47 Geſprächen flohen die Stunden des Tages ſchnell dahin. Der Prieſter verließ in tiefer Rührung den unglücklichen Jüngling. Der Adjutant erſchien mit dem Profoß und dem Unteroffizier der Wache. Ein Soldat brachte einige Speiſen und eine Flaſche Wein. Uhrat⸗ ſchek wünſchte dieſe Nacht ganz allein bei verſchloſſener Thür hinbringen zu dürfen, um ſich auf den bevorſtehenden wichtigen Schritt in ſtiller Ruhe vorbereiten zu können; der abgehende Adjutant befahl dem Unter⸗ offizier, die Wache an der Gefängnißthür abzuführen, den Bogengang zu verſchließen, und im Laufe dieſer Nacht den Arreſtanten ungeſtört zu laſſen. Eine brennende Oel⸗ lampe blieb im Kerker zurück. Die Mitternachtsſtunde mochte nicht — an der nördlichen Seite ſeines Gefüngriſfes hörte, wie das Picken eines Hammers. Das Geräuſch war ſehr nahe. Eine ſüße Ahnung durchzitterte die Bruſt des Ueberraſchten. Bad zeigte ſich eine kleine Oeffnung; durch — — 48 ſie kam ein Meiſel, ein Hammer, und eine flüſternde Stimme, die ihn mahnte, flink und ſtille die Oeffnung zu etweitern. Raſch ging die Arbeit im morſchen Geſteine von Statten, an welchem der Zahn der Zeit mächtig genagt hatte. Geräumig ward die Seffnung, und den ſich Durchwindenden zogen zwei kräftige Arme in die rabendunkle Nacht hinaus. Mit Haſt führte der Unbe⸗ kannte den Befreiten unter eine verfallene Bretterhütte, warf eine Kapuzinerkutte über ihn, drückte ihm die Kapuze tief in die Au⸗ gen, und ſchritt, eben ſo vermummt, dem nahen Thore zu. Die Schildwache, welche beim Schein der Laterne die daher wandern⸗ den Mönche ſah, rief dem Korporal heraus, der ſchnell das Einlaßpförtchen öffnete, und vie ſtil und feierlich Dahinziehenden herzlich bedauerte, in der pechfinſtern Nacht noch über Land zu einem Kranken gehen zu müſſen. Schnell und lautlos wurde eine Strecke auf der Heerſtraße fortgeſchritten; jetzt ſchlug der Unbekannte Feuer, zündete die Wachs⸗ * kerze einer Blendlaterne an, und nun ging es waldeinwärts, bald auf gebahnten Fuß⸗ ſteigen, bald gerade hin durch dichte Gebü⸗ ſche, über Wieſen, Felder, Anhöhen, ſelbſt durch Bäche an den ſeichteſten Stellen. — Uhratſchek überzeugte ſich immer mehr, daß ſein Führer der Gegend ſehr kundig ſeyn müſſe; aber wer der edle Mann ſey, war ihm noch immer ein Geheimniß, da bisher in aller Stille immer recht wacker fortgeſchrit⸗ ten wurde. Ein Goldſaum im Oſten ver⸗ kündete die Nähe des jungen Tages. Der Führer blies die Kerze aus, warf die Kapuze zurück, und betrachtete ſeinen Schützling mit frohen, leuchtenden Blicken. In freudevoller Ueberraſchung erkannte Uhratſchek in ihm den bravſten Unteroffizier ſeiner Schwadron. „Ju⸗ lack! Du mein Retter!?“ rief er aus, und drückte den Ehrenmann unendlich bewegt an ſein Herz. „Wie iſt es Dir gelungen, das beinahe Unmögliche zum Möglichen zu ma⸗ chen?“ — „Herr Lieutenant!“ erwiederte Leben u. Walten. 4 50 der edle Krieger, „der Allmüchtige, der den ſchuldlos Leidenden wohl drücken, aber nie im Drucke untergehen läßt, hat mir die Gnade verliehen, Ihnen einen kleinen Theil meiner Schuld abzutragen, denn Sie waren es ja, der, als ich bei der letzten Revue ſtürzte, und mir die Mähre das Bein zerſplüterte, mich nicht in unſer armſeliges Lazareth, ſon⸗ dern in eine eigene Wohnung bringen, heilen und pflegen, und den ſchon Geheilten noch lange mit Wein und Speiſe erquicken ließ. Dank Dir, gütiger Vater im Himmel! daß Du mir die Macht ſchenkteſt, den Klauen der allerſchwärzeſten Bosheit ein ſchuldloſes Opfer zu entreißen. O der Major, dieſer hölliſche Schurke! — Sie ſind matt, Herr Lieutenant! — Der lange Arreſt, die verpe⸗ ſtete Kerkerluft, jetzt das ungewohnte ſchnelle Gehen haben Ihre Kräfte erſchöpft. Hier ſind wir ſicher; über dies gegen Angriffe eines Feindes und des Hungers wohl gerü⸗ ſtet. — Er zog eine tüchtige Flaſche Wein, 51 Brod, Käfe und Braten, auch zwei Piſtolen und ein langes türkiſches Meſſer aus den geräumigen Taſchen ſeiner Kutte. — „Hier, unter dieſem Eichendache wollen wir ruhen, eſſen und trinken. Dann ſchlafen Sie, und ich wache. Mit der Abend⸗Dämmerung bre⸗ chen wir auf, und mit Tages⸗Anbruch ſind wir zur Stelle.“ Julack bereitete ſeinem geliebten Offiziere eine bequeme Ruheſtätte aus Moos und Laub unter der Eiche, zer⸗ legte Braten, Brod und Käſe in Schnitten, entſiegelte die Flaſche, und machte den ge⸗ ſchäftigen, aufmerkſamen Wirth; auch ein Fläſchchen Kirſchengeiſt und die lang entbehrte Tabackspfeife luden den tiefgerührten Uhrat⸗ ſchek zum frohen Genuſſe ein. Man aß und trank, und wurde immer frohern Muthes. Julack erzählte: „Wie ein Lauffeuer durchflog die Nc⸗ richt von Ihrer Arretirung das Corps. Un⸗ ter den Offizieren gab es Spaltungen. Die des Majors, feile Schmeichler, don⸗ — —— ——— — . — 52 nerten über die ſubordinationswidrige That; die beſſer Geſinnten behandelten jene mit kal⸗ ter Verachtung, und betrauerten den unglück⸗ lichen Freund. In der Caſerne war Alles in Bewegung; ja, die tollen Burſchen unſerer Schwadron waren nur mit Mühe von dem Entſchluſſe abzubringen, das Stahans zu ſtürmen und Sie zu befreien. Sie wiſſen ja ſelbſt, wie Alle Sie ſo feurig lieben. Ein Paar Tage darauf ging ich an einem Wein⸗ hauſe vorüber; des Majors Jäger ſaß darin, ein verſchmitzter, tückiſcher, filziger Kerl, der ſeines Herrn Vertrauter iſt, den Wein liebt, und in der Trunkenheit gleich einem Kinde ausplaudert. Halla! dachte ich, es gilt einen Verſuch, dem Patron die Zunge zu löſen. Ich ließ mir eine Flaſche Wein vom Beſten geben, aus der ich ihm fleißig zuſprach. Ich brachte das Geſpräch auf Sies der Kerl grinſte und ſchielte mich mit liſtigen Blicken an. Die zweite Flaſche machte ihn redſeliger. WMit frecher Lüſtigkeit erzählte er mir, daß der Sie vom erſten Augenblicke 3 jetzt ſeinen Mann beim rechten Flecke gefaßt yabe. Bei der dritten und vierten Flaſche erfuhr ich, daß die beiden Offiziere, welche gegen Sie zeugten, ſchon lange, ehe Sie ge⸗ rufen wurden, im Seitenzimmer verſteckt wa⸗ ren, daß der Major ſich ſchon Vormittags mit dem Auditor längere Zeit eingeſchloſſen, und im läſterlichen Uebermuthe gegen ihn frohlockt hatte: „„An der fein gedrehten Schlinge ſoll ſich mein lieber Uhratſchek zu Tode zappeln.““ — Der Kerl fiel unter den Ziſch, ich ließ den Trunkenbold liegen, und that einen feierlichen Schwur, meinen un⸗ ſchuldigen Lieutenant zu retten, und ſollte ich darüber auf der Richtſtätte verbluten müſſen. Bald war ich mit meinem Plane im Reinen. Die Lage Ihres Gefängniſſes kannte ich ſchon . früher hin genau, da ich oft die Wache im Stockhauſe hatte, und jederzeit den Profoßen bei dem Beſuche der Arreſtanten begleiten 54 mußte. Die nördliche Seite des Thurmes ſtößt an einen ſehr abgeſondert liegenden Friedhof, der Jahre lang nicht mehr benutzt, auch ſehr gemieden wird, weil auf ihm die Sage von herumwandelnden Geſpenſtern ruht. Die vom Aberglauben erzeugte Furcht war meinem Plane ſehr günſtig. Ich verſchaffte mir Meißel und Hammer, errichtete hart an der Thurmmauer aus zerſtreut herumliegen⸗ den Balken eine Art Hütte, und arbeitete unter ihrem Dache unbelauſcht und wohlge⸗ muth fort. Die Arbeit ging raſcher als ich dachte, denn der feuchte Grund, auf dem der Thurm ſteht, hat die Backſteine ſehr mürbe gemacht, und mir hilfreich vorgearbeitet. Nur immer in den Stunden, wo ich wußte, daß Sie im Verhöre waren, ging ich an's Werk, da ich befürchtete, daß man, im Falle gerade während meiner Steinbrecherei, Jemand bei Ihnen im Gefängniſſe ſey, von innen die Schläge des Hammers und das Kollern der hetausgebrochenen Steine hören möchte; ich 55 befürchtete auch zugleich, daß Sie ſelbſt, auf⸗ merkſam oder mißtrauiſch gemacht durch ein auf ſolcher Stelle befremdendes Geräuſch, hiervon Anzeige machen und dadurch Ihre eigene Rettung vernichten würden. Schon vor mehreren Tagen war meine Arbeit ſo weit gediehen, daß ich zur Bildung einer innern Oeffnung nur noch einiger Ham⸗ merſchläge nöthig hatte; ich unterbrach meine Arbeit, um einen entſcheidenden Augenblick abzuwarten, und war hocherfreut, als ich geſtern auf die Wache in's Stockhaus kom⸗ mandirt wurde. Ich ſchrieb das Zettelchen, und zerbrach mir den Kopf über die Art und Weiſe, wie ich Ihnen ſelbes bei der vor⸗ geſchriebenen täglichen Gefängnißunterſuchung unbemerkt zuſtecken könnte, da erſchien der Adjutant mit dem Profoßen, der mir zuflüſterte, daß die Stunde Ihrer Urtheilseröffnung ge⸗ kommen ſey. „Jetzt oder nie!“ dachte ich mit bebendem Herzen, und betete recht an⸗ vächtig zu dem lieben Gott um ſeinen Bei⸗ 55 ſtand, und wurde mit jedem Augenblicke im⸗ mer froher und muthiger, denn mir ſagte mein Bewußtſeyn, daß ich an der Schwelle einer guten That ſtehe. Und durch Gottes hilfreiche Gnade iſt es mir gelungen, die lei⸗ dende Unſchuld zu retten.“ — Rit heißen, reichlich ſerömenden Thränen der Dankbarkeit drückte Uhratſchek ſeinen ed⸗ ien Retter an das ſchlagende Herz, und ſie feierten in einer langen Pauſe das ſchöne Ge⸗ fühl jener unendlichen Wonne, die aus den dunkeln Gräbern einer ſchauerlichen Vergan⸗ genheit an das klare Licht freundlicher Gegen⸗ wart auftauchte. „Auf welchem Lebenspfade ich von nun an wandeln werde,“ ſprach Uhratſchek, „iſt mir in dieſem Augenblicke fremd, da die Er⸗ eigniſſe, die ſich im Laufe einer Spanne Zeit ſo überraſchend gebildet haben, mir noch keinen reifen Entſchluß zu faſſen geſtatten. Aber was wird aus Dir werden, guter Julack? — Du haſt einen zum Tode Verurtheilten ſeinem Schickſale gewaltthätig entführt, und biſt dadurch dem ſchwer ſtrafenden Arme der Geſetze anheim gefallen! — Du haſt Deine Fahne verlaſſen, und dadurch alle gerechten Anſprüche zertrümmert, die Dir eine Reihe von ſieb enzehn tadellos dahingebrachten Dienſt⸗ jahren und mehrere ehrenvolle Wunden auf Lohn und auf ein ſorgenfreies Alter gaben. Wo wirſt Du eine Lebensquelle finden, die den Hungrigen ſpeiſet, den Durſtigen erquickt, den Entblößten kleidet? — Wo wird Dir eine Freiſtätte werden, auf welcher der Entflohene frei und ſorgenlos hauſen kann? — Soll ich meinen großmüthigen Retter in den heiſſen Fußblöcken des bitterſten Elendes ſehen? — Soll ich Zeuge ſeyn, daß der Mann, der für meine Rettung eine verſorgende Stelle, einen ehrenden Rock, ein reines Bewußtſeyn, eine beglückende, und von keiner Bangigkeit verdüſterte Ruhe hinter ſich warf, auf ſeinen unſichern Wegen von ausgeſandten Spihern ergriffen wird, und wie den heiligen Su 58 ſchein, durch die edelſte, erhabenſte Großmuth worben, des Nachrichters Schwert mit blu⸗ tiger Münze einlöſet? — O armer, zu groß⸗ müthiger Julack! immer drückender laſtet die Sorge um Dich auf meinem gepreßten Herzen, und heiter würde ich in die dunkeln, Tod verkündenden Mauern meines Gefängniſſes zurückkehren, wüßte ich nur Dich dem qual⸗ vollen Bereiche der Nahrungsſorge und eines von ſteter Bangigkeit vergällten Zuſtandes zu entreißen. — „Seyen Sie unbeſorgt, Herr Lieut⸗ nant!“ erwiederte Julack, innigſt gerührt von der hochherzigen Rede, und reichte dem bekümmerten Freunde die Flaſche mit einem heiter lächelnden Geſichte hin. — „Jetzt noch einen derben Schluck und dann zur Ruhe, deren Sie ſehr bedürfen. Schlafen Sie ſüß und ſorgenlos. Sie ſind gerettet, und mei⸗ ner hartt ein angenehmes Loos. Das Weitere morgen.“ — Brülderlich reichten ſie ſich die půnde. — 59 Bald war Uhratſchek im tiefen Schlafe be⸗ graben, und der brave Julack lagerte ſich unter eine nahe Fichte und betrachtete ſeinen Schützling mit ſüſſen Empfindungen, und betete andächtig um glückliche Vollendung des ſo glücklich begonnenen. Der Abend begann zu dämmern, Julack weckte den Schlafenden. „Die Zeit des Auf⸗ bruches iſt da,“ ſprach Julack, „wenn wir tapfer darauf losmarſchiren, ſo ſind wir mit Tages Anbruch am Orte unſerer Beſtimmung. Jetzt giebt es aber noch ein kleines Geſchäft. Der militäriſche Haarſchnitt paßt nicht zur Kapuzinerkutte. Wir müſſen uns wechſelſei⸗ tig die Haare abſcheeren.“ Mit flinker Scheere arbeitete er unbarmherzig in Uhratſchek's rei⸗ chen Locken herum, der desgleichen an Julak's that, und ſchnell waren die Kahlköpfe fertig. „Nun noch zur Verbeſſerung unſerer Fußbe⸗ kleidung, denn die Kapuziner würden ſich in gewichsten Stiefeln gar ſeltſam ausnehmen,“ bemerkte der Alles umſichtig ordnende Julack, — 65 und brachte noch Sandalen zum Vorſcheinz dieſe wurden angelegt, und jeder einherwan⸗ dernde Mönch würde die beiden militäriſchen Kapuziner als ächte Mitbrüder begrüßt ha⸗ ben,“ — „Aber ſage mir doch, Du ſo klug vor⸗ ſehender Julack,“ fragte der Lieutenant, wäh⸗ rend er und ſein Geführte ſich zur weiten und mühſamen Reiſe noch mit Wein und kalter Küche ſtärkten, „wie war es Dir mög⸗ lich, dieſer Kleidung habhaft zu werden?“ — „Die habe ich — Gott wird mir ja die Sünde vergeben — geſtohlen. Die Ehefrau des Kaſernen⸗Hausmeiſters hatte zwei Brü⸗ der, die im Kapuziner⸗Kloſter zu Prag ein⸗ gekleidet waren, und im verfloſſenen Jahre beinahe zu gleicher Zeit ſtarben. Zum An⸗ denken erbat ſich die betrübte Schweſter die Ordenskleider ihrer unvergeßlichen Brüder, und verwahrte ſie in einem unverſchloſſenen Schreine, der auf einem entlegenen, das alte Sattelzeug der Schwadron aufbewahrenden 61 Hausboden ſtand. Ich wußte ſchon lange darum. Als mich die Sorge, auf welche Art wir unangefochten durch das bewachte Thor kommen könnten, recht mächtig quälte, kam mir die Erinnerung an dieſe den Motten preis⸗ gegebenen Gewänder wie eine Erleuchtung von oben. Es gelang mir, ſie heimlich zu entwenden, und bis zum Augenblicke des Gebrauches zu verbergen. Ich glaube, Män⸗ ner mit unſern Herzen ſchänden dieſe der Frömmigkeit geweihten Hüllen gewiß nicht.“ Das Mahl war vollendet; die Stiefeln, die geleerte Flaſche und Uhratſchek's Ueber⸗ rock, der ihm unter dem ſchweren Habite zu läſtig war, wurden ſorgſam in die Oeffnung eines halbverfaulten Eichenſtrunkes begrabenz ſie ſtreuten das Lager von Moos weit im Kreiſe herum, um allenfallſigen Verfolgern jede Spur zu entrücken, und ſetzten bei ein⸗ getretener Dunkelheit ihre Reiſe fort. Julack zündete wieder die Kerze ſeiner Blendlaterne an, und der Marſch ging raſch von ſtatten. 62 „Ich habe keine Ruhe,“ begann der Lieutenant, als ſie jetzt am Rande eines Erlenbaches dahinſchritten, „bis Du mir Deine Entſchlüſſe für Deine künftige Lebensweiſe mitgetheilt, und mich überzeugt haſt, daß Du nicht darben, und Dich nicht der unaufhör⸗ lichen Gefahr einer Entdeckung überlaſſen mußt.“ — „Ich bin des militäriſchen Lebens zu ſatt,“ erwiederte Julack, „denn ich habe, wie mir jeder im Korps bezeugen muß, zu Felde wie in der Garniſon ſo gedient, daß mir ſchon lange das Wachtmeiſterrohr gebührt hätte, aber es wurde immer in die Hände n Laffen gegeben, die recht viel aus ſich zu machen, und die Haushälterin des Majors, einer eitlen „ verbuhlten Dirne, zu ſchmeicheln wußten. Meinen Abſchied konnte ich nicht erhalten, denn man brauchte mich zu gut, daher nahm ich ihn jetzt ſelbſt. Was meine künftige, ungeſtörte und ſorgenloſe Exiſtenz betrifft, ſo iſt ſie geborgen. Ich habe zwei Brüder, die mich unausſprechlich lieben, und ſehr wohlhabend ſind. Der Eine iſt Wittwer und Beſitzer einer bedeutenden Kohlenbren⸗ nerei, der Andere Hammermeiſter in Schle⸗ ſien, dabei ein glücklicher Gatte und Vater. Mit dem Anbruche des Tages treten wir unter das gaſtliche Dach des Köhlerherrn wo wir die freundlichſte und eine ganz ge⸗ ſicherte Freiſtätte genießen, denn die Woh⸗ nung meines Bruders, umgeben von den Hütten ſeiner Arbeiter, lieot ſo tief im un⸗ wirthbarſten Walde und ſo außer allem Ver⸗ bande mit den Bewohnern der Umgebung, daß ſie oft Jahre lang kein fremder Fuß be⸗ tritt; dabei ſind die Fahrwege dahin ſo ſchlecht, daß mein Bruder nur immer in der kälteſten Jahreszeit ſeine Vorräthe auf die von ihm zu verſehenden Eiſenhämmer verſenden kann. Seine Köhler ſind Leute, die, außer den allerhöchſten Feiertagen, wo ſie die Kirche in dem ferne liegenden Pfarr⸗ dorfe beſuchen, nie aus ihren Wäldern kom⸗ men, daher ihnen das Treiben und Wirken 64 anderer Menſchen ganz fremd bleibt, auch Alles, was nicht mit Holz und Kohlen ver⸗ wandt iſt, ihre beſchränkten Begriffe über⸗ ſteigt. Meinen Bruder, der mich im erſten Augenblicke gewiß nicht erkennt, darf ich un⸗ geſcheuet mit der ganzen Lage der Dinge be⸗ kannt machen. Wir werden, als Mönche, als theure Anverwandte bei ſeinen Köhlern gelten, und ſo bei größter Sicherheit und im Genuſſe leng entbehrter Bequemlich⸗ keiten des Lebens Muße genug haben, einen Plan für ein erneuertes Leben zu entwer⸗ fen, da wir Beide für dieſes Land ſo gut wie todt ſind.“ Der Tag fing an zu grauen. Sie hatten eine felſige Anhöhe erſtiegen, und ſahen in ein ſchmales, vom dichten Gehölze umgürtetes Thal hinein, deſſen Mitte ein ſtattliches Haus mit einem regelmäßig angelegten Garten ſchmückte; viele niedrigen Hütten, unfreund⸗ lichen, dunkeln Anſehens, als wäten ſie mit ſchwarzgrauer Farbe übertüncht, lagen zer⸗ 6⁵ ſtreut umher, tief im Hintergrunde ſtiegen aus dem den Geſichtskreis begränzenden Forſte mehrere Rauchſäulen empor. Sie waren ih⸗ rem Ziele ſehr nahe. Julak rieth, hier zu ruhen, bis im Hauſe des Meiſters und in den Hütten der Köhler ein reges Leben her⸗ vortrete, damit ihre ſo frühe Ankunft doch nicht gar zu ſehr auffalle. Sie lagerten ſich im bemoosten Geſteine, und betrachteten die nahe Stätte der Erholung und des Schutzes mit angenehmen Empfindungen. Ernſt und feierlich ſchritten die Mönche durch das Gitterthor, andächtig zogen die im Hofe beſchäftigten Köhler ihre ſchwarzen Le⸗ dermützen und der herbeieilende Hausherr be⸗ grüßte den geiſtlichen Beſuch mit tiefer Ehr⸗ furcht. Julak ergriff des Bruders Hand, und führte ihn ſchweigend in das Haus. Uhrat⸗ ſchek folgte. Sie traten in das Gaſtzimmer. Julak, den ſtaunenden Hausherrn mit Feuer an ſeine Bruſt drückend, gab ſich zu erkennen, etzählte die Leidensgeſchichte ſeines Gefährten, eeben u. Walten. 5 66 entwarf ein treues, kräftiges Gemüälde der unſchuld und des Haſſes, der Duldung und der Blutgierde, und bat für ſie beide um eine Freiſtätte, und um das allertiefſte Still⸗ ſchweigen. Julak's Bruder, der bei ſeinen ſchlichten, ſtreng redlichen Grundſätzen, bei dieſer Abgeſchiedenheit von dem menſchlichen Treiben, im ſteten Umgange mit ſeinen trug⸗ loſen, geiſtesarmen Köhlern, kaum zu faſſen vermochte, wie ſolche Unmenſchlichkeiten ge⸗ ſchehen können, wurde von Erſtaunen, von Theilnahme, von Ingrimm hingeriſſen, brach in Thränen, in Verwünſchungen aus, und gelobte ihnen — auch der gemißhandelte Uhratſchek war jetzt ſeinem Herzen ein ge⸗ liebter Bruder — die brüderlichſte Hülfe. Bald durchlief das Haus und die Hütten der Köhler die Kunde, daß die beiden Kapu⸗ ziner, nahe Anverwandte des Meiſters, auf ℳ Zeit hierher gekommen ſeyen, um ſ holen. on den Anſtrengungen ihres Berufes zu ei⸗ Das vuhhune die Köhler, 3 um die ſegnende Hand der frommen Väter und den Saum ihrer Gewänder zu küſſen. Wehe that es den geradſinnigen Männern, in einer vom Schickſale aufgedrungenen Rolle dieſe argloſen, ſtarkgläubigen Leute täuſchen zu müſſen; aber dieſe Täuſchung war ja die einzige Grundbedingung der Freiheit und des Lebens. Angenehm verlebten die Flüchtlinge ei⸗ nige Wochen im Hauſe des gaſtfreien Be⸗ ſchützers. Uhratſchek's Entſchluß, als Kohler⸗ knecht, mit einem Paſſe, den Julak's Bru⸗ der, der öfters Boten in ferne Gegenden ſendete, leicht vom Oberamte erhalten konnte, nach Wien zu reiſen, ſich der Kaiſerin Maria Thereſia, ſeiner hochherzigen, ſtrengen, aber gerechten und milden Monarchin, zu Füſſen zu werfen, um die genaueſte Prüfung der Unterſuchungs⸗Akten und um die Verfüguns 1 aller dahin einſchlägigen geſetmůßigen Ver⸗ handlungen anzuflehen, wurde immer feſter, die Weiber und die Kinder ſtrömten hue ——ÜÜů˖ů———— 65 doch wollte er dieſen wichtigen Schritt nicht machen, ohne zu wiſſen, wie ſeine Sache in der Garniſon ſtände, da er die Hoffnung hegte, daß der Major die ganze Sache habe beruhen laſſen, froh, den verhaßten Neben⸗ buhler für immer entfernt und unſchädlich zu wiſſen. Der Köhlermeiſter, den dort Nie⸗ mand kannte, erbot ſich, auf Kundſchaft aus⸗ zuziehen. Er ritt hin, und kehrte am Abende des vierten Tages ſchon wieder, aber nicht mit unbefangener, froher, troſtbringender Miene — der Mann war zu einfach auch für die kleinſte Verſtellung — ſondern mit dem Zeichen tiefer Betrübniß, und als ihm uhratſchek entgegenkam, konnte die mitleidige Seele nicht die heiſſen Thränen unterdrücken. uhratſchek, den ſein unglückliches Schickſal ſtärker, muthiger gemacht hatte, erbleichte doch bei des gefühlvollen Mannes fließenden 1 Thränen; aber er faßte ſich ſchnell, und bat den Rückkehrenden, ihm volle, ungeſchminkte Wahrheit zu geben; da erfuhr er, daß — 69 „ſein Name an den Galgen geheftet worden, der ehemalige Lieutenant Uhratſchek für vogel⸗ frei erklärt, und auf den Kopf des lebend oder todt Eingebrachten ein Preis von 100 Dukaten geſetzt ſey.“ — Dieſe gräßliche Schmach, dieſes furchtbare Hinausſtoßen aus dem Verbande der Menſchheit war für den ſelbſt auf das Aeußerſte gefaßten Mann zu erſchütternd, und als am nächſten Kirchen⸗ tage mehrere Köhler dieſe (nach der dama⸗ ligen Sitte) von der Kanzel verleſene Nach⸗ richt heimbrachten, verſiel er in eine dumpfe Betäubung, die an ſtillen Wahnſinn gränzte. Wochen gingen vorüber, ohne daß uhrat⸗ ſchek das Gemach verließ, — „Pater Anton liege an einer ſchweren Krankheit darnieder,“ wurde den Hausgenoſſen und den Köhlern erzählt — und nur den regen Bemühungen der Briüder Julak gelang es, den im Gefüchle der Schande und der Ungerechtigkeiten Ver⸗ ſunkenen wieder für das Leben und die Um⸗ geſtaltung ſeiner Lage empfünglicher zu ma⸗ 70 chen, das tief trauernde Herz zu erheitern, und ihn zum Genuſſe der freien, ſtärkenden Natur zu bewegen. Eines Morgens in Uhratſchek und Julak im traulichen Geſpräche auf einer Wieſe hin, und hatten ſo eben feſt beſchloſſen, noch dieſe Woche in ihrer Verkleidung nach Schleſten zu dem Hammermeiſter Julak zu ziehen, als ihnen ein Trupp Reiter entgegen ſprengte. „Hier ſind die verkappten Flücht⸗ linge!“ ſchrie der Anführer, — uhratſchel erkannte in ihm einen der gegen ihn aufge⸗ tretenen Zeugen — und: „Ergebt Euch!“ donnerte er den Stehenden zu. Schnell riſſen dieſe ihre Waffen, ohne die ſie nie in's Freie gingen, hervor, und ſchoſſen in den gedräng⸗ ten Haufen. Drei Mann ſanken, ein Reiter zchelte unter Julak's Meſſer; Uhratſchek hatte den Offizier vom Pferde geriſſen, und wollte ihm eben den Todesſtoß in die Bruſt geben, als ein Schlag in's Genick den Be⸗ täubten wehrlos machte; mit geſpaltenem 71 Schädel lag Julak auf dem Kampſplatze. Frohlockend wurde dem Gefangenen die Kutte vom Leibe geriſſen, ein Reitermantel über⸗ geworfen, und an Hand und Fuß eine Kette gelegt. Der Offizier ließ einen Korporal zu⸗ rück, um für die Verwundeten zu ſorgen, und zog mit den Uebrigen, den gefeſſelten Uhratſchek in ihrer Mitte, der Heerſtraße zu. „Eine Neuigkeit, mein ehemaliger Herr Kamerad und Bräutigam!“ höhnte der Offi⸗ zier, machte ſeine Tabakspfeife zurecht, und lehnte ſich nachläſſig auf die Croupe des Pferdes — „der Major, Ihr guter Freund, hat ſich mit dem ſchönen Fräulein von Stadlar vermählt.“ — Gräßlich ſtarrte Uhratſchek den ſchadenfroh lächelnden Erzähler an. „Mit meiner Juliane!“ ſchrie er, und mit über⸗ menſchlicher Kraft zerriß er ſeine Kette, drängte ſich durch die Pferde, und ſprang, flüchtig wie eine Gemſe, über den breiten Straß⸗ graben. Fruchtloſe Schüſſe folgten ihm. Im heftigſten Laufe erreichte er das Gebüſche, 72 ſprang; dem fliehenden Hirſche gleich, über Sträucher, Steine und Baumſtränken, ſtürzte eine Anhöhe hinab, dem dichten Walde zu, und — gerade in die Mitte einer dort ge⸗ lagerten Räuberbande. Mit einem hölliſchen Gelächter trat er in den Kreis der ſchnell angelegten Büchſen und der gezuckten Meſſer, ward Geſelle der Räuber und bald ihr Hupt⸗ mann. So erzählte Uhratſchek dem wiederge⸗ fundenen Kriegskameraden. Im finſtern Schweigen hatte Herrmann der Erzählung ſeines unglücklichen Waffen⸗ gefährten zugehorcht, und ſein Herz war voll des Abſcheues über die Ausbrüche der Leiden⸗ ſchaft, des Haſſes, und über die Schlangen⸗ gänge der allerbeſonnenſten Rache, wodurch ein wackerer Mann, deſſen Tugenden und deſſen Muth ein ſchön leuchtendes Geſtirn waren, von der Höhe der Ehre und eines ————— geregelten Seyns nun in den verpeſteten Pfuhl des Laſters, der Schande, des traurigſten Todes herabgeſchleudert wurde. Ihm ſchau⸗ derte bei dem Hinblicke auf die blutige Stätte, welche einſt den feindlich gewobenen Lebens⸗ faden ſeines Jugendfreundes gewaltſam zer⸗ hauen wird, und eine ſchwere Thräne der reinſten Menſchlichkeit floß dem Schickſale des Unglücklichen. Uhratſchek ſah dieſe Thräne, und ſprach mit weicher Stimmè: „Herrmann! ich leſe in Deinen naſſen Augen und auf Deiner umwölkten Stirne die Gefühle Deines In⸗ nern, das Mitleiden mit dem Hinausge⸗ ſchleuderten, die heißen Wünſche, mich mit der Menſchheit ausgeſöhnt, und auf der Bahn des Guten wandeln zu ſehen. Der Glaube, daß den Menſchen ſein Verhängniß treibt, und daß er ihm folgen muß, wie das tobende Roß dem kundigen Reiter, iſt nicht der mei⸗ nige. Gott hat ſeinem Ebenbilde die Kraft gegeben, ſeinen eigenen Weg zu wandeln. Yoch iſt für mich nicht der Augenblik ge⸗ 74 kommen, dieſen Weg zu verlaſſen, aber daß er kommen wird, daß er nahe iſt, das ſchwöre ich Dir heilig. Ich bin das Haupt dieſer Geſellen, aber dieſe Hand trieft noch von keinem Menſchenblute, und ihre Meſſer haben ſich noch in keine Menſchenbruſt getaucht, ſeit⸗ dem ich ſie anführe. Noch habe ich einen Straus zu beſtehen, der ſeit meinem Ver⸗ vande mit dieſen Burſchen das Ziel meines Strebens iſt, und dann kehre ich zur Menſch⸗ heit zurück; ich habe die Mittel in Händen, aus dieſer Bande von Verworfenen gebeſſerte friedliche Menſchen zu machen. Aber jetzt erzähle auch Du mir Deine Schickſale ſeit unſerer Trennung, und laſſe mich einen Blick in Dein Herz werfen, das mir nicht in füßer Zufriedenheit zu ſchlagen ſcheint!“ Verdüſtert ſchüttelte Herrmann den Kopf, und ſchweigend ſah er in die ziehenden Wol⸗ ken, denn ſeine keuſche, innige Liebe zu der engelreinen Stephanie war zu heilig, um ſie hier durch eine Mittheilung zu entweihen⸗ 73 Jetzt kam einer der Räuber, der ſie zum bereiteten Nachtmahle in des Hauptmanns Zelt führte. Der Morgen brach an, und mit ihm das rege Treiben des nomadiſchen Lebens. Die Pfeifen dampften, die Branntweinflaſche ging im Kreiſe herum, Pferde wurden ge⸗ füttert, geſattelt, gepackt, das Zelt abgeriſſen, und bald ſtand die Horde in Gruppen, har⸗ rend der Befehle des Häuptlings. Herrmann nahm herzlichen Abſchied von Uhratſchek, und ſprach noch gewichtige Worte zu ihm, die das unglückliche Gemüth tief ergriffen. Schon wollte er den Koſaken be⸗ ſteigen, als ihm beifiel, daß er geſtern, im trüben Sinnen verloren, in eine ganz fremde Gegend gekommen, und ihm unbekannt ſey, wo er ſich hinzuwenden habe, um die nach Prag führende Hauptſtraße zu gewinnen. Uhratſchek, den er darum befragte, bemerkte daß er ſich in entgegengeſetzter Richtung be⸗ ſinde, belehrte ihn, wie er ſich nach dem 76 Stande der Sonne richten müſſe, und gab ihm verſchiedene Punkte, als Anhöhen, aus⸗ gezeichnete Eichbäume, Kreuzwege und Köhler⸗ hütten an, bei welchen er vorbei müſſe, um die, eine halbe Tagreiſe entfernte Hauptſtraße zu finden. „Du wirſt,“ ſchloß der Haupt⸗ mann ſeine Weiſung, „eine Stunde, ehe Du auf die Heerſtraße gelangſt, am Saume eines Buchenwäldchens, nahe bei einer Ruine und einem Waſſerfalle, eine Klauſe finden, welche ein freundlicher, gefälliger Eremit bewohnt. Sobald Du ihn ſiehſt, ſo lege die Hand auf ſeine linke Schulder und grüße ihn vom Waldbruder, dann weiß er, daß Du von mir kömmſt, und wird Dich mit Herzlichkeit aufnehmen, und nach Kräften bewirthen. Ich habe ihm das Leben gerettet, als er ſchon unter der würgenden Fauſt ei⸗ nes raubſüchtigen Deſerteurs röchelte. Der Mann iſt dankbar, und leiſtet mir ſo man⸗ chen Dienſt.“ — Sie ſchieden. Herrmann ritt den bezeichneten Stellen, und die Bande 77 zog in ſchauerlicher Stille den binten Wäl⸗ dern zu. Die Dämmerung brach ein, als Herr⸗ mann die bemerkte Klauſe erreichte, dem grü⸗ ßenden Einſiedler ſich als Uhratſchek's Ver⸗ trauten kenntlich machte, und von dem hei⸗ tern Greiſe mit lauter Freude aufgenommen wurde. Der arme Koſak, welcher ſich an einer hervorragenden Baumwurzel eine Sehne verletzt hatte, und lahm gieng, wurde unter einer dichtbelaubten Eiche angebunden, und von ſeinem ſorgſamen Herrn, während der Eremit die Spenden frommer Geber aus ei⸗ ner kühlen Felſenhöhle herbeiholte, und mit kunſtfertiger Hand ein einfaches, ſchmackhaftes Abendeſſen bereitete, an dem ſchmerzenden Theile mit Eſſig und Branntwein eingerieben. Ein nahrhaftes Gericht, ein Glas Wein von einer Güte, die man hier nicht geſucht hätte, und ein weiches, hoch aufgerichtetes Moos⸗ lager waren die wohlthuenden Geſchenke der gaſtlichen Hütte. Als Herrmann ſchon mit der Morgen⸗ röthe von dannen ziehen wollte, fand er die gähmung ſeines Koſaken ſo ziemlich gehoben, doch für ihn einen Ruhetag noch nöthig. Der Eremit freute ſich ob des verlängerten Aufenthaltes, und unter traulichen Geſprächen rückte der Abend heran. Herrmann, dem es in ſeiner verdüſterten Stimmung wohl that, hier von dem Ge⸗ rüuſche der Menſchen entfernt zu ſeyn, gieng mit der ſinkenden Sonne einen ziemlich be⸗ fahrenen Weg hin, der auf die Heerſtraße führte. Plötzlich vernahm er in der Ferne ein verworrenes Getöſe, Hilfe rufende, wild durcheinander ſchallende Stimmen tönten ihm dumpf entgegen, und fallende Schüſſe ſchlu⸗ gen an ſein Ohr. Des Jünglings ritterlicher Muth erwachte kräftig, der Drang, beizu⸗ ſiehen dem Bedrängten, begeiſterte ihn zur raſchen That, und mit gezogenem Säbel ſtürzte er dem Tummelplatze zu. Jetzt wurde der Hufſchlag eines Pferdes hörbar, der näher 79 und immer näher kam. Mit verhängten Zü⸗ geln ſprengte eine Dame auf einem ſchnau⸗ benden Roſſe daher, ſich jeden Augenbli ängſtlich umſehend, als ob ihr Verogung drohe. „Rette mich, Herrmann!“ rief die Dame, (in welcher Herrmann mit Schrecken und Wonne ſeine Stephanie erkannte,) mit der letzten Anſtrengung ihrer Kräfte dem Heran⸗ eilenden zu, und ſank ohnmächtig vom Pferde in ſeine Arme. Sanſt legte er ſie an einen bemoosten Stein hin, tauchte ſein Sacktuch in den friſchen Thau der Blätter, rieb ihre Schläfe, und goß friſche Tropfen in die halb geöffneten Lippen. Stephanie kam zu ſich; mit rollenden Augen ſah ſie umher, und das geängſtigte Herz ſchlug in hörbarer Bewegung. „Fort, um Gotteswillen fort!“ hauchte ſie mit bebenden Lippen hervor; „fort in die allertiefſte Einſamkeit, ehe das Raub⸗ geſindel, ehe Töreck kommt!“ der vor freudigem emn 80 außer ſich war, und das Wiederfinden dieſes Weſens auf ſolcher Stätte beinahe für einen Traum hielt, trug die theure Bürde auf ſtarken Armen der Einſiedelei zu. Das kluge Roß folgte dem Eilenden. Mit Staunen empſfieng ſie der Eremit, und als er Stephanien's bleiches Antlitz und ihre kraftloſe Geſtalt ſah, goß er einige Trop⸗ ſen ſtürkende Flüſſigkeit auf Zucer, und ſie, ſolche zu genießen. Stephanie, rzenei geſtärkt, und durch Herrmanns Rähe mit Muth und Kraft beſeelt, erzählte: „Mein Vater hatte beſchloſſen, meine Verlobung mit dem Magnaten Töreck auf dem Schloſſe des Oheims, dieſes mich ſo innig liebenden Greiſes zu feiern. Mit Ta⸗ ges Anbruch ritten wir aus Göſegg, in ei⸗ nem prachtvollen Zuge, denn der Magnat und mein Vater wetteiferten durch eine Menge von Edelgeſteinen, durch die ſchönſten Pferde mit den koſtbarſten Reutzeugen, und durch zahlreiche in goldbedeckten Kleidern 81 der Dienerſchaft, ihren Reichthum zu zeigen. Gegen Mittag kamen wir in ein Städtchen, dem Mittelpunkte zwiſchen unſerm und des Dheims Schloſſe. Dort fanden wir unſern Verwalter, der ſchon um Nitternacht zur Verkündigung unſers Beſuchs voran geeilt war, mit der Nachricht, daß der Oheim, als Ober⸗ geſpann, ſchon vor drei Tagen in Landesan⸗ gelegenheiten ſchleunigſt nach Preßburg abge⸗ reiſt ſey. Die Männer wurden mißlaunig. Ich dankte dem Allmächtigen inbrünſtig, daß dieſer wichtige, zu einer verhaßten Verbin⸗ dung führende Schritt aufgeſchoben ſey, und machte das Gelübde, in den erſten Tagen nach St. Annaberg zu Fuße zu wallfahr⸗ ten. Das Mittagsmahl war vorüber, und ich eilte, von des Gaſtwirths Tochter be⸗ gleitet, in das Gotteshaus des Ortes „ um während den Stunden unſeres Aufenthaltes von Töreck's Zudringlichkeit befreit zu ſeyn. Spät wurde die Rückreiſe angetreten, benn es fanden ſich mehrere Edelleute, n Leben u. Walten. 82 unſers Hauſes, im Gaſthofe ein, und der trauliche Kreis ſprach der Flaſche wacker zu. Ein Huſar erzählte dem Grafen von Tö⸗ reck, daß ſich zwei Unbekannte mit wilden Geſichtern ſehr angelegentlich um Namen, Stand und Wohnort der Reiſenden erkundigt, und eine Stunde früher den Gaſthof verlaſ⸗ ſen hätten. Man lachte den Erzähler aus, und ritt wohlgemuth auf der breiten Heer⸗ ſtraße fort, die zu beiden Seiten am Saume ſehr dichter Gebüſche hinlief. Aus dieſen brachen plötzlich viele gräßliche Männer mit blanken Säbeln und Feuergewehren hervor. Raſch waren die Klingen der Unſerigen ent⸗ blößt; ein fürchterlicher Kampf begann. Einer der Räuber griff nach mir, Hunyady ſtach ibn mi eder; jetzt ſiel ein Schuß dicht an mei⸗ ner Seite, mein ſcheugewordenes Pferd, an deſſen Mähnen ich mich halb bewußtlos an⸗ klammerte, machte ein Paar fürchterliche Sätze, und brauſte gerade in den Wald hineinz wie ſich der plutige Kampf geendet, iſt mir hen werden.“ 83 fremd, denn im Nu war ich im dichten Ge⸗ hölze, und die Furcht vor der Verfolgung der Räuber ließ mich nur an ſchnelle Flucht den⸗ ken.“ — Wie wird es unter dieſen gräßlichen Mördern meinem armen Vater ergehen!“ ſchluchzte ſie jett laut, und barg die über⸗ ſtrömenden Augen in die kleinen Hände. — „O ehrwürdiger Greis!“ flehte ſie mit 3 den Tönen der heftigſten Angſt, „bringt mich in die tiefſte Verborgenheit, damit ich ge⸗ ſchützt bin gegen die Räuberhorde und gegen Töreck. Nur dieſe Nacht gewährt Schutz, denn mir ſagt mein ahnend Herz, daß ſie kommen, und dieſe friedliche Hütte durchſpä⸗ „Ich will Sie verbergen, edles Fräulein! wo auch kein menſchliches Auge hindringen ſoll. — Folgen Sie getroſt,“ tröſtete der Siedler und ſchritt zur That. Er belud Hermann mit Wein, kuiter Küche und einer großen Decke von Wolle, ergriff eine Laterne, und eilte durch das Hin 6 * 3 84 zerpförtchen der Klauſe doran. Mit ſchwei⸗ gender Lippe, mit einer von Hoffnung be⸗ lebten Bruſt, folgte ihm Stephanie an Herr⸗ mann's Arm. Nur einige Schritte von der Klauſe war eine Ruine, die Zeichen eines ehemaligen Thurmes tragend. Der Eremit ſchob eine dünne, mit altem Reiſig und Laub bedeckte Steinplatte auf die Seite, und drückte eine kleine Thür, die ſo vorſichtig und kunſt⸗ innig mit feſt zuſammengefügten Steinen, aus deren Ritzen üppiges Moos empor⸗ 1 einer verborgenen Feder; da öffnete ſich wuchs, überkleidet war, daß auch dem ſchärf⸗ ſten Auge hier das Werk der Kunſt für eine Schaffung der Natur galt. Hart an der Oeffnung zeigten ſich die Stufen einer Treppe. Zetzt winkte ihnen der Eremit ſtille zu ſtehen, ſchlug Feuer, und mit einer Hand die Leuchte haltend, mit der andern Stephanien ſorgſam leitend, ſtiegen ſie die enge, halb morſche Treppe hinab. Sie glaubten in den Mittel⸗ punkt der Erde zu ſteigen, bis ſie ihr Ziel, — —, 8 ein trocknes, gewölbtes Gemach, deſſen Ge⸗ räthe ſich auf ein reines Strohlager, ein aus Holz geſchnitztes Eruzifit „auf einen Siſch, Schemmel und Waſſerkrug beſchränkten, er⸗ reicht hatten. Nun zündete der Führer eine große Wachskerze an, die er in eine Fuge des Tiſches ſteckte, zog über das Strohlager die warme Decke, und bat nun Stephanije ſich mit Speiſe und Trank zu erquicken, und dann unbeſorgt der Ruhe zu pflegen. „Schon im Jahre 1521,“ belehrte ſie der geſchichts⸗ kundige Waldbruder, „wo der grauſame Suleimann dem unmündigen Nachfolger Ula⸗ dislaw's, Ludwig 1I., Sabacz, Belgrad und ganz Serbien entriß, war dieſer Thurm eine Ruine, und viele, viele Jahre hindurch die ganze Wendeltreppe mit Steinen verſchüttet. Im Laufe der Rakozyſchen Unruhen flüchtete ſich ein von ſeinen Unterthanen vertriebener Edelmann in dieſe Wäldert. Er hatte einen Sohn bei ſich, und ſehr viele Koſtbarkeiten und blankes Gold trugen ſie unter ihren 86 ſchlechten Wämſern. uf einer ihrer Streife⸗ reien kamen ſie zu dieſer Ruine, und ent⸗ deckten die mit Steinen verſchüttete Treppe. Die Fremdlinge erbauten ſich hart daran eine Hütte aus Baumzweigen und Bäſengeflech⸗ ten, fingen an den Steig gangbar zu machen, und bargen in dieſem Gemache nicht nur ihre Schätze, ſondern auch Mutter, Geſchwi⸗ ſterte und einen Diener, die ſie mit Lebens⸗ gefahr aus Siebenbürgen holten, vor den herumſtreifenden, raubſüchtigen Osmanen. Der Sohn ging zu Felde, um zu kämpfen gegen die Feinde ſeines Glaubens und ſeines Vater⸗ landes; der Szathmarer Friede beendigte die Unruhen, und führte den Edelmann und ſeine Familie wieder in ſeine ruhige Heimath zu⸗ rück. Der Diener, der ſein Stillleben nicht mehr dem Geräuſche der Welt, ſondern from⸗ men Betrachtungen, und einem ſtreng reli⸗ giöſen Wandel weihen wollte, blieb zurück, und zimmerte mit eigner Hand dieſe ſeit dem Jahre 1687 ſtehende Klauſe, denn er war in 87 ſeiner Jugend ein tüchtiger Zimmergeſelle, und dieſer mein Urvorfahrer war es, der, den Gedanken mit Wärme auffaſſend, daß ſolch' ein Gemach oft vielen Bedrängten zur heil⸗ ſamen Stätte des Schutzes und der Sicher⸗ heit werden könnte, ſo lange über die künſt⸗ liche Verfertigung einer den Eingang in die Tiefe der Ruinen verbergenden Thür nach⸗ dachte, und ſo viele Verſuche machte, bis ihm das Meiſterſtück gelang. — Von dieſem Sie⸗ benbürger erbte ſich die Klauſe, und mit ihr die Geſchichte ihrer Entſtehung, ſo wie das Geheimniß des verborgenen Gemaches durch viele Vorgänger auf mich fort.“ — „Sie dürfen nicht bange haben, edles Fräulein!“ ermuthigte der fromme Mann, „in dieſer einſam ſchauerlichen, die Stille des Grabes in ſich faſſenden Stätte. Kein menſch⸗ liches Weſen wird Ihren Aufenthalt entdek⸗ ken, und kein böſer Geiſt wird dieſes Lager umſchweben, denn ich leſe aus Ihrem engel⸗ reinen Antlitze, aus Ihrem frommen Auge 88 und aus den Zügen der Unſchuld und der Gottesfurcht all' die hohen Tugenden, die in dieſer fleckenloſen Seele thronen. Der Herr ſey mit Dir, meine ſehr edle Tochter!“ — Sprach's, und legte ſegnend die väter⸗ liche Hand auf das Haupt Stephaniens, die ſich in ſtiller Rührung vor dem ehrwürdigen Greiſe andächtig beugte. Mit ſtillem Ent⸗ zücken, in ſüßes Schweigen verſunken, hatte Herrmann die wunderſchöne, ihm jetzt durch des Schickſals Wechſelgänge ſo nahe gebrachte Geliebte betrachtet, und als ſie ihm zur guten Nacht die Hand reichte, mit liebevoller Sorge vor den Räubern warnte, und ihn um ſein Wiederkommen mit dem Anbruche des Tages bat, da löſte ſich ſein ſtilles Entzücken in ſüße, ſtille Thränen auf, und mit einer Bruſt voll Entzücken ſtieg er an des Eremiten Seite die ſteile Treppe hinauf. — ſ 5⁰ Der ſorgliche Hüttenbewohner wollte auch für Herrmann ein ſicheres Verſteck bereiten, doch der Muth und das Ehrgefühl des Rei⸗ terlieutenants verſchmähten ſolch' einen Antrag; nur Stephaniens Pferd bat er zu verſtecken, da, im Falle Töreck die Gegend nach der vermißten Braut durchſpähen ſollte, das milch⸗ weiße, ihm bekannte Pferd Stephaniens Aufenthalt verrathen würde. Das ſich im fetten Graſe der öppigen Wieſe gütlichthuende Rößlein wurde gefangen, entſattelt, und in der Nähe des Waſſerfalles ſo gut verborgen, daß es nur durch die genaueſte Nachforſchung hätte entdeckt werden können, und auch das lauteſte, zur Entdeckung führende Wiehern würde im Toſen des Sturzbaches verhallt ſeyn. „Jetzt ziehe ich auf Spähe aus,“ ſprach der gefällige, ſorgſame Eremit, „vielleicht ge⸗ lingt es mir, eine Kunde von dem Ausgange des Kampfes und von dem Schickſale der Sieger und der Beſiegten zu erlangen. Ge⸗ hen Sie zur Ruhe, Herr Lientenant! und öffnen Sie die Klauſenthür nicht, bis Ihnen ein dreimal wiederholter Pfiff meine erfolgte Rückkunft anſagt. Ich werde recht emſig nachforſchen, denn das gute, liebliche Fräulein geht meinem Herzen zu nahe.“ — Dankbar drückte Herrmann die Hand des Scheidenden, trat in die Klauſe, und vertiegelte die Pforte, feſt entſchloſſen, keinem Fremdlinge ſie zu öffnen, wenn ſie aber mit Gewalt geſprengt würde, mit ſcharfer Klinge furchtbar darein zu ſchlagen. — Schon bei⸗ nahe zwei Stunden ſtand er, den bloßen Sä⸗ bel in der nervigen Fauſt, und des Kampfes gewärtig, in der Mitte des dunkein Gema⸗ ches, da fielen heftige Schläge an die Pforte, und fluchende Stimmen — er erkannte dar⸗ unter Töreck's Stimme — forderten Einlaß. Nach fruchtloſer Mühe ſchwur der Ergrimmte, ſchon Morgen die Spelunte nieder zu bren⸗ nen, und ſprengte mit ſeinem Gefolge von dannen. Mitternacht war lange vorüber, und noch hatte kein Schlaf ſeine milden 94 Schwingen über Hermann ausgebreitet, denn des Jünglings Seele durchwallten mannich⸗ faltige Gefühle, und ſein Streben, in der Zukunft dunkle Windungen zu blicken, ver⸗ ſcheuchte jede Ruhe. — Jetzt vernahm das Ohr des Lauſchenden nahe Fußtritte, und das weitſchallende Zeichen zur Oeffnung der Pforte. „Ich bringe gute Nachricht,“ ſprach der Eintretende, und warf ſich ermattet auf einen Schemmel hin, „Rittmeiſter von Zeſchky hat den Sieg über die Räuber davon getragen, und iſt unverletzt. Der Magnat Graf Mat⸗ thias von Törek erhielt eine unbedeutende Streifwunde; nur der arme Hunyady wurde durch einen tüchtigen Säbelhieb über die Bruſt ſchwer verwundet. Zeſchky und die Seinigen hätten der zu zahlreichen Bande unterliegen müſſen, wären nicht mehrere Gre⸗ nadiere, die von einem Transporte zurück⸗ kehrten, den Bedrängten zu Hilfe gekommen. Die braven Burſchen warfen ſich mitten un⸗ ter die Räuber, und ihre Bajonette wütheten 5² in dem Geſindel. Sieben der Räuber blieben auf der Kampf⸗Stätte, mehrere wurden ver⸗ wundet und gefangen, nur wenige entkamen, unter ihnen ihr Anführer. So erzählte mir Hunyady ſelbſt, den ich in einer einſam lie⸗ genden Schenke unter den Händen des Wund⸗ Arztes fand. Richt über den Schmerz der tiefen Wunde, nur über das Schickſal des verſchwundenen Fräuleins jammerte der edle Mann mit rührender Klage, uud vergoß heiße Thränen. Es drängte mich gewaltig, die Thränen des Trauernden durch ein einziges Wort zu trocknen, und in das gepreßte Herz den Balſam der Freude zu gießen, aber ich fürchtete, daß der geſprächige Alte im Ueber⸗ maß dieſer Freude das Geheimniß nicht zu bewahren vermöchte, und ſchwieg daher um ſo hartnäckiger, weil ein Töreck'ſcher Knecht da war, der mich mit lauernden, mißtrauiſchen Blicken beobachtete.“ „Bringen Sie nun, Herr Lieutenant! dem Fräulein die gute Nachricht vom Wohl⸗ * 3 ——————— — † 93 ſeyn Ihres Vaters; das Herz der liebenden Tochter wird mächtig getröſtet werden.“ — Haſtig eilte Herrmann mit einer hell lodernden Kienfackel verſehen, die zum Schlaf⸗ gemache des Fräuleins führende Treppe hinab. Da lag ſie im ſüßen Morgenſchlummer, ſo ſchön und ſo züchtig, wie ein ſchlafender Engel. Mit brennenden Blicken betrachtete ſie der Jüngling, und die gewölbte Bruſt hob ſich in ſtillglühender Sehnſucht; aber keine wilde, unreine Flamme wallte im keuſchen, unentweihten, nur die Tugend, den Muth und die Gottesfurcht umfaſſende Herzen des Jünglings; nur die heiße Sehnſucht, für dieſes engelreine Weſen ſein Blut, ſein Leben opfern zu dürfen, durchglühte es; leiſe kniete er am Lager der Jungfrau nieder, und that das feierliche Gelübde, ſtets ein unbeflecktes Herz im Buſen zu tragen, und ſtrenge zu wachen über Gedanken, Worte und Hand⸗ lungen. Stephanie erwachte, und ihr Blick fiel auf den ſchönen, im Glanze der Andacht und Frömmigkeit ſtrahlenden Jüngling. Hold erröthend reichte ſie ihm die Hand zum freund⸗ lichen Morgengruſſe, und als ſie nun hörte, daß ihr Vater unverletzt und wohl ſey, da faltetete ſie die kleinen, zarten Hände, und dankte dem Allmächtigen mit frohlockendem Herzen. Jetzt ſtiegen ſie aus dem ſchauerlichen, ewig dunkeln Gemach in die milde, belebende Natur hinauf, und Stephanie eilte zum Waſſerfalle hin, badete Geſicht, Hals und Arme in den Silberwellen des Sturzbaches, und erfriſcht durch die kichlende Fluth und die fächelnden Lüfte trat ſie des Morgens in erneuerter Schöpe „blühend wie eine ſich im Thaue entfaltende Knospe, in des Siedlers friedliche Hütte. Ein Frühſtück, aus zarten, ſchmackhaften Wurzeln und Kräutern bereitet, verſammelte den kleinen Kreis, und es kam zun ernſten ———— —— 95 Berathung, was nun geſchehen ſoll. Stephanie, die die Aebtiſſin des Kloſters St. Annaberg ſehr gut kannte und als eine mütterliche Freundin verehrte, beſchloß, dahin zu wallfahr⸗ ten, ſich dort der frommen, hochwürdigen Aebtiſſen zu Füßen zu werfen, und um ihren Beiſtand zur Vereitlung einer Verbindung anzuflehen, die das Grab ihres Glückes, ihrer Ruhe wäre, und ihr zum Todesengel werden müſſe. „Und ſollte mein Vater den uner⸗ ſchütterlichen Entſchluß gefaßt haben, mich mit dem Grafen Matthias zu vermählen, dann — hier wurde ſie immer bleicher, und die Stimme immer zitternder — werfe ich mich in die Arme der Kirche. Mit dem Nonnen⸗Schleier werde ich die Thränen⸗Augen verhüllen, und bald wird die dumpfe Vodten⸗ glocke verkünden, daß innerhalb der geweihten Mauern ein gebrochenes Berz zu ſchlagen aufgehört hat!“ — Uunter fallenden Thränen ſenkte ſie das Angeſicht, und Herrmann blickte mit einem Herzen voll Wehmuth und Trauer . 56 in die Wipfel der Bäume. — Des Einſiedlers troſtreiche, zum Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit hinweiſenden Worte, goſſen Beruhigung und Hoffnung in die Gemüther der Betrübten. 8 Der abgebrochene Faden der Beredung über das, was nun zu thun ſey, wurde wie⸗ der aufgenommen. Stephanie beharrte auf ihrem Entſchluſſe; Herrmann wurde, aus Furcht vor Räubern oder Törecks Kundſchaf⸗ tern, zum Begleiter angenommen, und da die Reiſe zu Fuß gemacht werden ſollte, verſprach der Eremit, für die Pferde bis zu Herrmann's Rückkunft zu ſorgen. Aber wie konnte Stephanie in ihrer weiblichen Klei⸗ dung, in dieſem prachtvollen, mit Edelſteinen und Perlen geſchmückten Kleide ſolch eine, zwei Tage währende Reiſe unter dem Geleite eines jungen, bildſchönen Offiziers machen, ohne Aller Augen auf ſich zu ziehen, ohne der Zartheit ihres Rufes zu nahe zu treten, und zugleich ohne befürchten zu müſſen, die Auf⸗ —— —— ——————— merkſamkeit des ſe gewiß noch aufſuchenden Magnaten zu erregen! — Hier trat der Ere⸗ mit wieder als hilfreicher Wohlthäter auf; er brachte eine Kleidung, die er als Knabe ge⸗ tragen hatte, eine reinliche, gut erhaltene, für Stephanien's Größe und Wuchs paſſende Kleidung. Die Männer entfernten ſich, und bald hatte die zarte, ſchlanke Jungfrau, die üppig wallenden Locken unter einem leichten Tuche verbergend, ſich in einem unausſprech⸗ lich ſchönen Knaben verwandelt. Mit Thränen ſchieden ſie von dem from⸗ men Greiſe, von dem erprobten Freunde, der, Stephanien's und Herrmann's reiche Geſchenke ablehnend, ihnen ſeine redlichſten Wünſche und ein andächtiges Gebet zum Geleite gab. Mit einem Herzen voll Wehmut⸗ ſchier Herrmann aus dem Aufenthalte klöſterlicher Ruhe und ſüßer Verborgenheit, denn in dieſer Leben u. Wirken. 7 1 1 5 98 Abgeſchiedenheit hätte er, an Stephanien's Seite ſeine Welt und ſeinen Himmel gehabt; auch konnte er ſſich trüber Ahnungen nicht erwehren. Aber die Jungfrau, die in der hochwürdigen, hochgeltenden Aebtiſſin von St. Annaberg ſchon die glückliche Vermittlerin zwiſchen des Vaters und der Tochter ſich kreu⸗ zenden Wünſchen ſah, und allen ſchönen Träu⸗ men und Hoffnungen des Herzens Pforte öffnete, war heitern Muthes, ſchwebte raſch dahin, und ſchien aller Mühſeligkeiten nicht zu achten, denn Herrmann kannte, als er die Prager Heerſtraße erreicht hatte, genau die Gegend, wo das Kloſter lag, und war der voft ſteilen und müheſamen, aber kürzern und weniger beſuchten Nebenpfade kundig, da Rittmeiſter Zeſchky gerade hier bedeutende Waldungen und einen großen Jagdbezirk Drückend wndt die Hitze des Tages, und die Beſchwerlichkeiten des Gehens fingen an, die Jungfrau zu ermüden, und zu ſchmer⸗ 99 zen; des Mädchens Fuß, nur gewöhnt, auf den Teppichen des väterlichen Schloſſes, auf fein behandelten Gartengängen und auf wei⸗ chen Matten zu wandeln, verletzten jetzt rauhe höckerige Steine und wild verwachſene Wur⸗ zeln, und harte Erdſchollen. Lange achtete die wackere Jungfrau nicht die Ermũbung⸗ und die Wehen der angegriffenen Fußſohlen, doch allmählig erlag die Stärke des Geiſtes der körperlichen Schwäche, und nur mit Mühe unterdrückte ſie lautes Stöhnen und die Aus⸗ brüche der Leiden. Unter tröſtenden und auf⸗ munternden Worten nahm Herrmann die theuere Schweſter — er hatte ſich geſchworen, in ihr nur die edle Schweſter — mit reinem, brüderlichen Gefühlen zu lieben — auf die Arme, und trug ſie eine ſteile Anhöhe hinab. Eine kleine, von einer kryſtallreinen Quelle durchſchlängelte, mit duftendem Gebüſche m⸗ leriſch begränzte Wieſe, lud freundlich zur Ruhe ein. In der Mitte dieſes einſamen, und von dem Geſange der Vögel und dem 7 * 100 Flüſtern der Quelle belebten Plätzchens ſtand eine ſäuſelnde Erle, von üppigem Raſen um⸗ rungen. Dorthin trug Herrmann ſeine ſüße Bürde, und in der Kühlung des Schattens und auf dem weichen Ruhebette der Natur, fühlte ſich Stephanie erquickt und wohl. Herrmann, mit einer Kürbisflaſche voll Wein und mit Brod von dem wohlthätigen Eremi⸗ ten beſchenkt, füllte den Becher zur Hälfte mit Waſſer, goß Wein darauf, und tauchte eine Kruſte Brod hinein. Unter freundlichen Geſprächen genoſſen ſie die mäßige, ſtürkende Erfriſchung. Bald ſenkte ſich des Schlafes Macht auf Stephanien's Augenlieder, ſanft entſchlummerte ſie, und auch Herrmann, der im Laufe dieſer Tage mit Anſtrengungen der Seele und des Körpers zu ringen hatte, un⸗ terlag den Forderungen der Natur. — Der jungfräuliche Hirtenknabe, der ritterliche Jüng⸗ ling, beide in der Fülle der Schönheit, mit den frommen, blühenden Geſichtern, in ſittiger unſchuldsvoller Haltung, würden dem zeich⸗ . „e 101¹ nenden Küjnſtler ein liebliches urbild der Ruhe und des Friedens gegeben, den Dichter zum idylliſchen Geſange begeiſtert haben. Ein ſchwarzbraunes, verzerrtes Geſicht guckte durch die Gebüſche und lauernde Blicke hafteten auf den Ruhenden. Das Geſicht verſchwand, und bald ſchlichen einige Männer über die Wieſe her. Mit kräftiger Fauſt wurde Herrmann aus dem Schlafe gerüttelt, und Herrmann und Söreck erkannten ſich. Stephanie, durch Herrmann's heftiges Auf⸗ ſpringen erweckt, blickte in Töreck's rollende Augen, und mit einem Schrei des Entſetzens barg ſie das Antlitz im hohen Graſe. „Ha! das iſt Stephanie!“ rief der Magnat in fürchterlicher Wuth, „die keuſche Jungfrau, die ich in verbuhlter Ruhe treffe mit ihrem Räuber, mit einem ehrloſen Buben!“ — „Räuber!? — Bube!?“ — ſchtumte Herrmann, und riß den Säbel aus der Scheibe, doch Töreck's Knechte riſſen ihn von rückwärts 102 1 zu Boden, und banden ihn auf des Gebieters Befcht an die Erle. Stephanie warf ſich zu Trechs Füßen, betheuerte mit heiligen Schwüren, daß er un⸗ ſchuldig, daß er ihr Retter geweſen ſey, als das im Kampfgewühle ſcheu gewordene Pferd mit ihr in den Wald hineinſtürmte, und daß ſie ihn nur durch dringendes Bitten vermocht habe, ihr ein ſchützendes Geleit zu geben auf ihrer Reiſe nach St. Annaberg. Schweigend hörte Töreck die flehende Stephanie an. Sein wild flammender Blick, das oft gräßlich zuckende Geſicht, die krampf⸗ haft geballte Fauſt, und der Wechſel der Gluth und des Erbleichens im vetſtörten Antlitze, verriethen, daß der Sturm der Leidenſchaften in ſeinem Gemüthe tobe, und in ſeiner ſchwar⸗ zen Seele ein ſcheußlicher Gedanke ſich ge⸗ ſtalte. „Holdes Täubchen!“ — jetzt Töreck das Flehen und die Thränen der be⸗ ängſtigten Jungfrau, „wit wollen Dir ein 103 Neſichen hauen, worinn Dich kein fremder 3 Falke aus traulicher, wonnevoller Ruhe auf⸗ ſcheuchen ſoll. Folge mir, holde Braut!“ Laut ſchreiend ſtieß ſie den Magnaten⸗ von ſich, aber zwei Knechte, dem Winke ihres Herrn gehorchend, nahmen die Jammernde auf ihre Arme, und eiften raſch dem Forſie zu. „Höre, Michael!“ rief der Magnat ſeinem Jäger zu, und flüſterte ihm einige Worte in's Ohr. — „Mein ſchöner und tapferer Reiterlieutenant!“ ſprach er zu Herr⸗ mann, der nicht die Worte des Höhnenden hörte, ſondern mit zerriſſenem Herzen der im⸗ mer mehr verhallenden Jammertöne ſeiner Stephanie lauſchte.— „Mir thut es Leid, daß nicht Roſengewinde, ſondern Bande, aus Hanf gewoben, Euren tapfern Arm feſſeln. Euer Müthchen muß gekühlt, und Euch Ge⸗ legenheit gegeben werden, das Zeitliche zu vergeſſen, und den ſtarren Sinn zur Erge⸗ bung zu lenken. Nun, gute Nacht, mein edler Ritter der Tafelrunde!“ 104 Laut lachend warf er ſich auf das von ſeinem Huſaren herbeigeführte Pferd, und ſprengte der entführten Jungfrau nach. Ingrimm und Schmerz hatten den un⸗ glücklichen Herrmann außer ſich gebracht. Mit der Kraft der Verzweiflung ſuchte er ſeine Bande zu zerreißen, aber die Miethlinge des Wütherichs hatten ſie zu feſt verſchlungen. Jetzt fiel ein Blick auf des Magnaten Jäger, der in einiger Entfernung ſtand, und langſam ſeine Büchſe vom Rücken nahm. Der Meu⸗ chelmord ſprach ſich im tückiſchen Blicke des Blutgierigen aus. „lmüchtiger, allbarmherziger Vater der Welten 1“ betete jetzt Herrmann mit hocher⸗ hobenem Auge, „rette mich vom ſchmählichen Untergange!“ — Der Jäger goß friſches Pulver auf die Pfanne, ſpannte den Hahn, hob, ſeine Beute mit ſcharfem Auge meſſend, langſam das Feuerrohr, legte an, und ein Schuß ſiel aus dem Gebüſche, mit zerſchmetterter Bruſt ſtürzte der Jäger hin. ——— 105 „Ich bin zur rechten Stunde gekommen,“ tönte eine Stimme aus den Gebüſchen hervor, und laut lachend trat Uhratſchek mit einigen Geſellen aus dem Dickicht. „Der Kerl hat Dich feſt auf's Korn genommen, mich aber Dein guter Geiſt in dieſe Gegend geführt!“ — Raſch wurden die Stricke zerſchnitten und Herrmann, kaum ſeinen Sinnen trauend, ſank in die Arme des Retters. Bald aber übermannte ihn neuerdings der Schmerz über die für ihn auf ewig verlorne Stephanie. „O, Uhratſchek!“ ſprach er mit dumpfer, gramvoller Stimme, „kannſt Du das Fräu⸗ lein nicht retten, ſo iſt mir Dein Geſchenk mit meinem Leben eine drückende Laſt!“ — Uhratſchek bewies, daß er mit ſeinen vier Burſchen gegen Töreck's zahlreiches Gefolge nichts auszurichten vermöge, und gab ihm das feierliche Wort, die Bande zu ſammeln und Töreck zu verfolgen. — Der Platz unter dem Erlenbaume, früher die Erholungsſtätte der Unſchuld und der Liebe, dann ein Zeuge der „ 106 2 grüßlichſten Unmenſchlichkeit, wurde jetzt der Tummelplatz der Freundſchaft und der Dank⸗ barkeit, und da, wo früher das bleiche Ent⸗ ſetzen gewaltet hatte, blinkte jetzt das ſchäu⸗ mende Weinglas, und der geiſtige Saft der Rebe goß wieder Beruhigung und Muth in Herrmann's wunde Bruſt. Herrmann erzählte jetzt ſeinem Freunde das ganze zwiſchen Stephanien und ihm be⸗ ſtehende Verhältniß, bewies die Unmöglichkeit bei Zeſchky's Ahnenſtolz und deſſen dem Mag⸗ naten gegebenem Worte, je auf rechtmäßigem Wege der Geliebten Gatte werden zu können, eröffnete den unerſchütterlichen Entſchluß, um ſeine Entlaſſung aus öſterreichiſchen Dienſten einzukommen, und unter den Panieren der Osmanen gegen die Whehaby's zu Felde zu ziehen. Mit den herzlichſten, mit den ein⸗ greifendſten Worten beſchwor er den Räuber⸗ hauptmann, dieſes Leben voll Verbrechen, voll Angſt, voll Gewiſſensbiſſe von ſich zu ſchüt⸗ „teln, an die türkiſche Gränze zu ziehen, und Greis aus der Fülle des Herzens, als er . 107 mit ihm in die kriegeriſchen Reihen der Os⸗ mahen zu treten. Uhratſchek verſprach, ihm bald zu folgen, da ſich die Gelegenheit, den ſchon lange reif bedachten Strauß zu beſtehen „ immer mehr nahe. Fleiſſig wurde der Weinflaſche, Uhrat⸗ ſcheck's ſteter Gefährtin, zugeſprochen, und als es zu dunkeln begann, verſcharrten die Räuber den erſchoſſenen Meuchelmörder, und der Zug ſetzte ſich gegen die Hütte des Klaus⸗ ners in Bewegung. Außerhalb des Forſtes harrte ein Räuber mit Pferden. Uebetraſcht von Herrmann's früher Rückkehr trauerte der hörte, daß Stephanie in Töreck's Hände ſey, daß das Lamm unter den Klauen des Tiegers wimmere. Uhratſcheck mochte hier nicht län⸗ ger weilen, da er ſeine Geſellen vereinen und Töreck aufſuchen wollte. Er nahm von ſeinem Freunde Abſchied, gab ihm das feierliche Ver⸗ ſprechen eines baldigen Wiederſehens, und zu⸗ gleich die Adreſſe eines Sittnes zu Brodo⸗ 3 108 win, durch welchen er am ſicherſten Briefe erhalten könne. Mit gerührtem und dankba⸗ rem Herzen ſchied Herrmann von ſeinem Ret⸗ ter und von dem edelſinnigen Eremiten. — Als die Pferde vorgeführt wurden, bat der Alte, ihm die Laſt der Sorge für des Fräu⸗ leins Pferd abzunehmen. Mit entzückten, mit wehmüthigen Blicken betrachtete Herrmann das edle treue Thier, das die holdeſte der Jungfrauen ſo oft auf ſanftem Rücken trug. In heißer Begierde nach ſeinem Beſitze ſchwoll ihm der Buſen, und ſeiner Leidenſchaft nicht mehr mächtig, ſchwang er ſich raſch auf Stepha⸗ nien's milchweißen Zelter, und ſprengte Heerſtraße zu. Uhratſchek, der eine Mähre ritt, beſtieg den preisgegebenen Koſaken, und trabte mit den Seinigen waldeinwärts. ———— Herrmann ſah die bemooſten Thütme des uralten Städtchens, worin ſein Regiment — 109 das Stand⸗Quartier hatte, und ein neuer Strom der Wehmuth zog in trüben Wellen durch ſeine Bruſt. Wie ſehnſuchtsvoll zählte er ſonſt die Augenblicke der Rückkehr in den Kreis der geliebten Waffenbrüder, wann ihn Dienſtgeſchäfte daraus entfernt und ihm eine nur auf ſich beſchränkte Stellung gegeben hat⸗ ten; wie glücklich fühlte er ſich im regen, pünktlichen Treiben ſeines Berufes, in den Erholungen bei herzlichen, frohſinnigen, ſich bald um das Waffenhandwerk, bald um die Tagesbegebenheiten bewegenden Geſprächen, und wie lebensluſtig trat er ſonſt in das bunte Gewühl des Tanzes, oder in den Freu⸗ denkreis der Jagden, der Landparthien, der Fechtplätze und der Reitbahn. — Harmlos war er dieſen Ringmauern enteilt, um bei Vater Zeſchky aus dem Wonnekelch der Na⸗ tur in vollen Zügen zu ſaugen: — jetzt ritt er mit einem Herzen voll düſterer, in die Farbe der Schwermuth getauchter Bilder, mit einem freudenleeren Gemüthe durch die 10 ſchwarzgraue Thorwölbung, und als nun herbeieilende Kameraden den geliebten An⸗ kömmling mit lautem Jubel begrüßten, auch die Reiter, in kriegsüblicher Sitte vor dem vorüberreitenden Offizier regungslos daſte⸗ hend, in lachenden Blicken die Freude des Wiederſehens ausſprachen; da that es ihm ſchmerzlich wehe, den jubelnden Freunden und den liebenden Reitern nicht Gegengefühle des Frohſinnes, der Herzlichkeit, der Theilnahme entgegenbringen zu können. Ueberwallend von trauriger Empfindung, ſprengte er in raſcher Carriere an die Thür ſeiner Wohnung. „Aber, lieber Herr Lieutenant Käröſch!“ ſprach der Obriſt, ein tapferer, lieber Greis, zu Herrmann, der ſich bei ihm meldete, und zugleich ſeine ſchtiftliche Bitte um Entlaſſung aus dem Militairverbande überreichte — welch ein feindſeliger Geiſt iſt über Sie gekommen, der Ihnen den Einfall zuflüſtert, jetzt zu quittiren. Sie ſind im Regimente nach den Dienſtiahren Einer der älteſten zum Ober⸗ „— — „— 111 Lieutenant; Sie hat der Inſpectionsgeneral, dem die Offiziere von acht Cavallerieregimen⸗ tern zu Gebote ſtehen, unter all' dieſen wür⸗ digen Männern zu ſeinem Adjutanten heraus⸗ geſucht, und dadurch ſeine Anerkennung Ihrer militairiſchen Verdienſte und Ihrer Reinheit beurkundet. Und überdieß iſt von unſerer allergnädigſten Kaiſerin die Errichtung eines neuen Huſarenregiments anbefohlen, und der Inſpektionsgeneral zum Inhaber ernannt wor⸗ den. Kann es wohl einem Zweifel unterlie⸗ gen, daß Sie dahin als Rittmeiſter verſetzt werden, und ſo ſchon in der Blüthe Ihres Atters auf einer Stufe ſtehen, die ein Militär von Fortuna gewöhnlich erſt im Herbſte ſei⸗ nes Lebens erklimmt, und die Ihnen um ſo anziehender ſeyn muß, da ich Ihre Vorliebe für den Huſarendienſt kenne. Herr Lieute⸗ nant! bleiben Sie bei Ihrem guten Süäbel, den Ihnen das Geſchick in die tapfere Hand gedrückt hat. — Folge mir, Kamerad! ich meine es ehrlich und väter ten Menſchen.“ 112 Tief hatte des Greiſes ſchlichte, herzliche Rede in das verdüſterte Gemüth eingegriffen, aber der Gedanke, Stephanie auf immer ver⸗ loren zu haben, die klare Ueberzeugung, daß ohne ihren Beſitz ihm hienieden keine frohe Stunde lächle, und das glühende Drängen, dieſes Leben ohne Ruhe, ohne Hoffnung, im verzweiflungsvollen Kampfe von ſich zu ſto⸗ ßen, hatten das bewegliche Herz mit einer ehernen Kruſte umſchloſſen. In ruhiger Be⸗ ſonnenheit bat er mit Nachdruck, ſein Ent⸗ laſſungsgeſuch dem Brigadekommando vor⸗ zulegen. Ernſt und ſchweigend heftete der Obriſt 3 den ſcharfen Blick auf des Jünglings Auge, deſſen Spiegel von dem eiſigen Hauche des Grames angewehet war. — „Herr Lieute⸗ nant!“ ſprach der Obriſt, „Ihrem Geſuche ſoll auf dienſtlichem Wege willfahren werden; aber zuvor — er legte ſanft die Hand auf Herrmann's Schulter — ein Vaterwort an uter Menſch. Ein Kum⸗ 113 mer, ein bitterer, nagt an den Frieden Dei⸗ nes Herzens, an den Roſen Deiner Wangen. — In meiner alten Bruſt ſchlägt ein väter⸗ lich Herz für Dich, thue ihm wohl durch kindliches Vertrauen, und was mein warmes Herz, und dieſer graue, mit den Schlägen des Schickſals, mit den Leidenſchaften der Menſchen, mit den Klippen und Riſſen der Jugendwallungen und mit den Gluthen des Herzens vertraute Kopf für Dich zu thun vermögen, das ſoll für Dich geſchehen. Und nun wird doch der Sohn zum Vater ſpre⸗ chen?“ Wie konnte Herrman, der gefühlvolle Jüngling, in die ſanfte, wohlthätig entgegen⸗ wallende Flamme der Vaterliebe die eiſigen Tropfen der Verſchloſſenheit, des Mißtrauens, der Verſchmähung gießen? — Mit herzlicher Offenheit erzählte er, wie der erſte Keim der Liebe zu Stephanien auf ſeines Herzens rei⸗ nem Grunde ſich entwickelte, wie dieſer zarte Keim zur üppigen Pflanze, die ipig⸗ Pflanze zum feſten, tief gewur ten Leben u. Walten. 114 wie des Vaters Wille die blühenden Zweige ſüßer Hoffnungen, innig ſich an dieſen heili⸗ gen Stamm ſchmiegend, untergrub, wie Graf Matthias mit frecher Mordhand in die Fäden ſei⸗ nes Lebens griff, und ihn hinaufſtieß in die glühende Steppe eines ſich blüthenlos auf⸗ löſendes Seyns. „Ich habe,“ ſchloß Herr⸗ mann, „dem Beſitze dieſer herrlichen Jungfrau entſagt, aber ich werde ſie ewig lieben, und mit Entzücken den Pfeil des Whehabiten be⸗ grüßen, der dieſes gebrochene Herz ſpaltet!“ — Oft hatte der Obriſt im Laufe der Er⸗ zählung das graue Haupt gebeugt in ſtiller Rührung, und die Tiefe ſeines Gemüthes wurde immer mehr aufgeregt, und er geſtand ſich ſelbſt, daß er in Herrmann's Blüthen⸗ alter auch hingegangen wäre zu ſterben in ewiger Liebe; doch die Reife des Alters und der Erfahrungen Fülle hätten die Wallungen des Innern gezügelt, und den aufflammenden Sinn, des Blutes Feuerſtröme und die küh⸗ nen Flügelſchläge der jugenblichen Anſichten „ 1¹⁵ an die Bahn der Prüfung, der Ruhe, der weiſen Beſchlüſſe gefeſſelt. Mit milder Theil⸗ nahme ſprach er zu Herrmann, keine redneri⸗ ſche Blume ſchmückte den einfachen Vortrag, aber die Weisheit, die Klarheit und die Va⸗ terliebe ſprachen gediegene Worte, und Herr⸗ mann, deſſen Ehrgefühl, Religiöſität und Vaterlandsliebe ſich unter dem erſtickenden Gewinde der Verſchloſſenheit und des Lebens⸗ überdruſſes mit erneuerter Kraft emporhoben, gab dem Obriſten ſein Ehrenwort, binnen Jahr und Tag keine eigenmächtige Umgeſtal⸗ tung ſeiner gegenwärtigen Stellung zu unter⸗ nehmen. Der Inſpektionsgeneral hatte das Un⸗ glück, auf einer Parfocejagd mit dem Pferde zu ſtürzen, und ſich tödtlich zu verletzen. Die ſchon angeordnete Revue der in dem Inſpektionsbezirke liegenden Cavallerieregimen⸗ ter unterblieb, und mit ihr Hermann's Ein⸗ tritt in die erſte Umgebung des General⸗ lieutenants. Der Obriſt gab ihm die alleinige 8 * 116 Aufſicht über die Dreſſur und Wartung der ſo eben aus der Bukowina, für das Regi⸗ ment angekommenen Remonten; dieſe Ge⸗ ſchäftsübertragung war ein ſchöner Bürge der Weisheit des alten Mannes, der das Walten in einem ausgedehnten Geſchäftskreiſe als eine mildernde Zerſtreuung und Beſchwich⸗ tigung eines leidenden Gemüthes kannte. Es war Wachtparade. Der Stabstrom⸗ peter kam von der Briefpoſt, und vertheilte die eingelaufenen Briefe. Auch Lieutenant Käröſch erhielt einen. Die Schriftzüge ſeines Pflegevaters erkennend, trat er ſeitwärts, ent⸗ ſiegelte das Schreiben mit Haſt, ahnend, daß ihm daraus nichts Erfreuliches entgegen tre⸗ ten werde, und las: „Mein theuerer Sohn! „Kaum vermag die zitternde Hand die „Feder zu faſſen, denn des Unglückes „ſchwerſte Laſt ruht auf mir, und eine harte „Prüfung hat der Allmächtige dem alten „Manne aujgeugt 84 S dieſem ½ 117 „Herzen Luft machen, es würde mir zer⸗ „ſpringen im Uebermaaß des Schmerzes; — „und an welche Bruſt kann ich meinen Kum⸗ „mer, meine Angſt, meinen Vatergram mit „mehr Ruhe und Vertrauen legen, als an die „Bruſt eines edlen Sohnes? — Höre die „jammervolle Begebenheit!“ (Hier erʒãhlt Vater Zeſchky den Ritt zur Verlobung nach des Oheims Landgut, deſſen Abweſenheit, die Rückkehr nach Göſegg, den Anfall der Räuber.) „Unter dem Beiſtand der muthigen „Grenadiere hatten wir den größten Theil „der Räuber getödtet, viele gefangen, und „den Ueberreſt in die Flucht geſchlagen. Wie „die Bande mit Blitzesſchnelle aus dem Ge⸗ „büſche hervorbrach, ritt ich an der Spitze „des Zuges. Mein erſter Gedanke war „Stephanie, die ich früher mit einem kleinen „Gefolge hinter uns ſah. Ich durfte in „dieſem Augenblicke nicht zurückſprengen, da „ich dadurch eine Lücke gemacht, den An⸗ 118 „greifenden eine Blöße gegeben, ja ſogar „den Schein einer Muthloſigkeit veranlaßt „hätte; überdies konnte ich ruhig ſeyn für „meine Stephanie, da ich den braven Hu⸗ „nyady an ihrer Seite wußte. Aber wie „war mir zu Muth, als der Kampf been⸗ „digt, und meine Tochter vermißt war!? Mein „ſchwer verwundeter Hunyady wußte nicht „mehr zu ſagen, als daß er einen Räuber, „der ſie vom Pferde herabreißen wollte, nie⸗ „derſtach, und von dieſem Augenblicke an, „wo zugleich das gegenſeitige Feuern anging, „und ein dichter Puverdampf aufſtieg, ſie „nicht mehr geſehen habe. Raſch theilten „wir uns in zwei Haufen, um in entgegen⸗ „geſetzten Richtungen nach der Verſchwunde⸗ „nen zu forſchen, und gaben uns einen „Punkt, wo wir mit anbrechendem Tage uns „vereinigen wollten. Mit der Löſung der „furchtbaren Frage beſchäftigt, ob die Un⸗ „glückliche von einem der Räuber fortge⸗ „riſſen wurde, oder, unfühig das vielleicht ¹¹9 „ſcheu gewordene, dahin wüthende Roß zu „zügeln, an Baumäſten ſich das Haupt zer⸗ „ſchmettert hatte, oder zu Tode geſchleift „ward, forſchte ich mit unſäglicher Bemühung „nach der Vermißten, aber auch ohne die ge⸗ „ringſte Spur entdeckt zu haben, traf ich mit „dem eben fruchtlos umhergeſpäheten Mag⸗ „naten zuſammen. Noch winkte mir die „ſüße Hoffnung, daß Stephanie, von Angſt „getrieben, durch die Seitengebüſche der „Heerſtraße ſich zu gewendet, und gerade „nach Göſegg geſprengt ſey; mit Kraft auf „dieſen Anker mich ſtützend, flogen wir mit „verhängten Zügeln meinem Schloſſe zu. — „Stephanie war nicht da. — Herrmann! — „Wie ſehr ich meine Stephanie liebe, das „erkannte erſt das Vaterherz in dem zer⸗ „reißenden Gefühle, dieſe Tochter nicht mehr „zu haben, und ich, der den Mündungen der „feindlichen Kanonen, dem gräßlichen Allah „der Türken, den blinkenden Säbeln und den „ſchwirrenden Pfeilen ſtets ein furchtloſes, in 120 „ſtolzer Freude ſchlagendes Herz entgegen „trug, ich bebte jetzt, wie der Feigſten Einer, „wann ich einen heranrollenden Wagen, oder „unbekannte Stimmen hörte; in dem Wagen „ſah ich die Leiche meiner Tochter, und die „unbekannten Stimmen klangen wie Todes⸗ . „botſchaften. — Aus dem rüſtigen Manne „zum morſchen Schwächlinge geworden, ver⸗ „mochte ich nicht, auf Kundſchaft nach Ste⸗ „phanien auszuziehen, aber der edle Graf „Matthias hatte kaum gehört, daß ſie noch „nicht auf Göſegg angekommen ſey, als er „ſich auf ein friſches Pferd warf, und mit „ſeiner muthigen Dienerſchaft dahin ſprengte, „um die verlorne Braut zu ſuchen. — Un⸗ „ter den Bedrängniſſen der zermalmenden „Vaterangſt harrte ich ewig lange Tage auf „Törek. Er kam, von einem einzigen Hu⸗ „ſaren begleitet, und ſeine bebende Stimme, „ſein düſter zur Erde geſenkter Blick, die „bleiche Miene und die ermattete, kraftloſe Ge⸗ „ſtalt ſagten mir im erſten Augenblicke, daß * 12¹ „ich keine Tochter mehr habe. — Noch lebt „ſie, die Unglückliche, aber in den Händen „grauſamer, ehrloſer, wollüſtiger Menſchen. — „Törek fand ſie in der Mitte einer zahlrei⸗ „chen Räuberbande. Laut ſchrie ſie um Hilfe, „als ſie den geliebten Retter ſah, und rang „mit verzweiflungsvoller Kraft mit einem „der Räuber, der ſie vor ſich auf dem Gaule „hatte. Wüthend ſprengte der Magnat unter „die Räuber, und ſein Säbel und die Säbel „der Seinigen machten blutige Lücken in der „feſtgeſchloſſenen Horde. Der Kampf war „fürchterlich, und der Sieg auf Törek's „Seite; da ſtürzte ſein Pferd über eine hoch „hervorragende Wurzel, die Räuber ſchoſſen „nach ihm, und entflohen. Alle ſeine Leute „waren getödtet, nur der Huſar, der ſchnell „vom Roſſe ſprang, um ſeinen Herrn unter „dem Pferde hervorzuziehen, blieb unverletzt.“ „Geſtern iſt der Magnat abgereiſt. „Stephanien's Verluſt nagt mächtig an ſeinem „Herzen und an ſeiner Geſundheit, und hat 122 „ihn ſein Vaterland ſo verhaßt gemacht, daß „er ſich auf ſeine in Croatien liegende Güter „zurückzieht.“ „Meine einzige, meine ſtärkſte Hoffnung „beruht nun auf Dir, mein Sohn! — Ste⸗ „phanie lebt, und der allgnädige Gott wird „ihre Tugend und ihr Leben ſchützen. Komm „ſchnell. Ich weiß, daß Dein Obriſt ein „edler Mann iſt, der meinen tiefen Schmerz „achten, meine Hoffnung auf Dich unter⸗ „ſtützen, und Dir Urlaub geben wird. Komme „ſchnell. Mit verjüngter Kraft werde ich an „Deiner Seite der Geraubten nachforſchen, „und die Gefundene aus einer Legion von „Böſewichtern heraushauen. Komme ſchnell, „mein Sohn Herrmann!“ „Ich zähle jede Sekunde, die Dich „bringt den offenen Armen Göſegg, den „ Deines liebenden Vaters Zeſchky.“ —ee 123 Herrmann traute dem eigenen Auge nicht, er las nochmal die unglücksſchwangern Blät⸗ ter, und als ihm nun klar geworden, daß der wollüſtige Bube die reine Jungfrau zur Fröh⸗ nung ſchändlicher Gelüſte entführt habe, daß der edle Vater betrogen ſey, und daß die heiß geliebte Stephanie in den Armen dieſes Moloch verſchmachte, da wurde ſein friſches Blut zum Feuerſtrome, und ſein Gehirn brannte fieber⸗ haft. „O arme, unglückliche Stephanie! — O hölliſcher, furchtbarer Schurke!“ rief er mit dem Beben des Schmerzes, mit dem Donnertone des Ingrimms, und drückte die gefalteten Hände krampfhaft auf die glühende Stirne. — „Was geht mit unſerm Käröſch vor?“ flüſterten mehrere Offiziere, die ihn ſchon lange beobachteten, und ſie gingen näher an ihn hin, die Stabsoffiziere und die Sub⸗ alternen, und betrachteten ihn mit Blicken des Erſtaunens und der Theilnahme, denn er war Jedem ein herziger Freund. 124 Herrmann trat in den lauſchenden Kreis, erzählte von der Werbung des Magnaten, Grafen Mathias von Töreck um die Hand des Rittmeiſters⸗Tochter von Zeſchky, und wie das Fräulein, den Räubern entflohen, von ihm nach St. Annaberg geleitet, unter⸗ wegs von Töreck entführt, und ihm der Tod durch Meuchelmord bereitet worden ſey; und nun gab er Zeſchky's Brief einem Kameraden, und der las ihn vor mit lauter Stimme und ſcharfer Betonung. Der biedern, zahrtfühlenden Oſſiziere Theilnahme an den Leiden des Vaters und an dem ſchmählichen Schickſale der edlen Jungfrau, ihr Abſcheu vor Töreck's ehrloſer That ſprachen ſie laut aus, und viele Feuer⸗ köpfe wollten ſogleich aufſitzen, die ſchöne Dulderin dem Lande der Croaten zu entreißen, und den Buben vor die ſcharfe Klinge zu nehmen. „Lieutenant Käröſch muß fort,“ ſprach der Obriſt, „und zwar auf der Stelle. Reiſen Sie mit Gott, ſchreiben Sie, auf wie 12⁵ lange Sie Urlaub wünſchen, und ich werde für die Sache beſorgt ſeyn!“ — Herrmann eilte in ſein Quartier, packte nur das Nöthigſte an Kleidungsſtücken und Wiäſche zuſammen, übergab ſeine Pferde der Aufſicht eines vertrauten Freundes, und warf ſich in die Poſtchaiſe. Unter dem Yeitſchen⸗ geknalle und dem Hörnerſchalle der reichlich beſchenkten Poſtillone rollte er im wilden Fluge dahin, und lag bald in den Armen ſeines Pflegevaters. Würde Herrmann je ſeinen Pflegevater durch die kleinſte Lüge getäuſcht haben, und wäre des Jünglings Wahrheitsliebe, ſein offe⸗ ner, gerader Sinn und ſeine Feſtigkeit in Wort und That nicht immer ſo rein bewährt geweſen, ſo hätte der Rittmeiſter Zeſchky die Erzählung von Stephanien's Raub durch den Magnaten für ein Mährchen gehalten, und des Sohnes Behauptung, daß Löreck, zu laſterhaft, zu ſinnlich für das Stilleben einer heiligen keuſchen Ehe, die Jungfrau erkohren X 125 habe zum Opfer ſeiner wilden Begierde, und in einem der geheimſten Gemächer ſeiner Burg verſchließe, als die Geburt einer fieberhaften Phantaſie belächelt haben; doch Herrmann's kräftige Rede drang tief in des Vaters Ge⸗ müth, und ſein Schmerz wurde zur furcht⸗ baren Wuth, und er ſchwur blutige Rache dem ehrloſen Buben, und wollte raſch auf⸗ ſitzen, im raſtloſen Ritte hinſtürmen nach der fernen Burg, und mit der geretteten Tochter über die Leiche des Entführers ſchreiten. „Der ſchöne Augenblick iſt gekommen,“ ſprach Herrmann mit Begeiſterung, „wo ich Ihnen, theurer Vater! die unzähligen Wohl⸗ thaten, welche Sie dem berwaiſten Jünglinge mit der Großmuth Fülle ſpendeten, in etwas vergelten kann. Bei der kindlichen Liebe, bei der innigen Dankbarkeit, die für Sie in mei⸗ nem Herzen kräftig leben, ſchwöre ich, Alles, was der Wille und die Ausdauer des Men⸗ ſchen vermögen, für Stephanien's Wiederfin⸗ den und für ihre Rettung zu thun. Laſſen 127 Sie die Ruhe und den Frieden wieder in den freudenleeren Buſen zurückkehren, und ver⸗ bannen Sie jede, das Vaterherz durchzitternde Wallung der Angſt, der Sehnſucht, des Kum⸗ mers durch den erheiternden Gedanken, daß der Sohn für Vater und Schweſter handelt!“ — Neu belebt, ſchon im Geiſte ſchwelgend am Wiederſehen ſeiner Stephanie, nahm Vater Zeſchky den bewährten Sohn in ſeine Arme, und ſegnete die Stunde, die ihm den pinbing an's Herz gelegt hatte. — —— Herrmann fuhr nach Debreczyn, und kaufte eine Menge von Galanterie⸗Waaren. In ſchlichter Bürgerkleidung, auf dem Rücken einen Kaſten mit goldenen Ringen, Vorſteck⸗ nadeln, Uhren, Kämmen, Halsketten, und mit einer Menge von Gegenſtänden für die Pracht, für den Putz und für die Befriedi⸗ gung der Bedürfniſſe der Glanzſucht, und der Weichlichkeit, ſchritt er wacker dem Plait⸗ ſcher Comitate zu; dort hatte der Graf Mat⸗ thias ſein Stammſchloß, und dort mußte ihm, wo nicht die ſicherſte, doch einige Kunde von von Stephanien werden. Auf den Schlöſſern der Adlichen, wie in den Häuſern der Bürger, war der ſchöne Tabuletkrämer aus Debreczyn gerne geſehen, und zur baldigen Wiederkehr freundlich gela⸗ den, denn ſeine Waare erhielt den Beifall der Kenner, wie der Nichtkundigen, und die Preiſe waren beinahe unter dem Maaßſtabe der Bil⸗ ligkeit; überdies gab es keinen gefülligeren, liebenswürdigeren Menſchen, als dieſen jungen Handelsmann; da war auf den Schlöſſern der Plaitſcher Geſpannſchaft kein Bedienter, mit dem er ſich nicht traulich beſprach, und zum Danke für die Unterhaltung mit einem Glaſe Wein bewirthete, und plauderte eine Zofe mit ihm, und beantwortete ſeine vielen und neugierigen Fragen — er war ſehr neu⸗ gierig — nach dem beſten Wiſſen, ſo ward 129 ihr gewiß ein Ringelchen oder ein Kreuzchen zum Danke beſcheert; dabei war der junge blühende Mann ſo ſittſam, ſo beſcheiden, und lächelte Jedermann aus den Taubenaugen ſo gutmüthig zu, daß man noch lange nach ſei⸗ nem Verſchwinden von dem ſchönen, frohſin⸗ nigen und großmüthigen Krämer ſprach. Aber all' die preisgegebenen Weine und die geſpendeten Ringelchen und Kreuzchen, und all' die recht unſchuldig geſtellten Fragen, blieben für Herrmann ohne Vortheile; es waren wohl die Bande aller Zungen gelöſt, und er erfuhr ſo Manches, das in mancher Bruſt als tiefes Geheimniß Jahre lang begra⸗ ben lag, und deſſen Benutzung einen furcht⸗ baren Nachtheil über viele Familien verhängt hätte; doch der edle liebende Jüngling hatte kein Ohr und keinen Sinn für die Angele⸗ genheiten, Verbrechen, Umtriebe und Feind⸗ ſeligkeiten und Liebſchaften anderer Menſchen; nur die allerkleinſte Nachricht von Stephanien Leben u. Walten. 9 13⁰ wäre ihm wichtiger geweſen, als die Geheim⸗ niſſe aller Nationen und aller Zeiten. „Vater!“ ſprach der Heimkehrende, und warf den leeren Kaſten von ſich, — ich habe Geld und Zeit hingegeben, ohne die mindeſte Spur von Schweſter Stephanie entdeckt zu haben; doch ward mir die volle Ueberzeugung, daß der Bube Töreck ſeine Beute nicht auf dem Boden des Plaitſcher Comitatsberge, ſon⸗ dern nach Croatien geſchleppt habe. Ich löſe mein heilig verpfündeles Wort, daher muß noch ein Ritt geſchehen, ehe ich in das Land der Croaten wandere.“ — Herrmann ſchwang ſich auf e Mol⸗ dauer des Rittmeiſters, und eilte im flüchti⸗ gen Trabe der Gegand zu, wo der gütige Eremit weilte. Es gelang ihm, noch an dieſem Abend die Hütte des Siedlers zu erreichen, und — glücklicher Zufall! — er fand dort Uhratſcheck, über deſſen Aufenthalt er vom Klausner Kunde erhalten wollte. Mit inniger Freude umfaßten ſich die 131 Freunde, und das klöſterliche Häuschen wie⸗ derhallte von Ausrufungen des Erſtaunens und von fragenden, erzählenden Stimmen. Herrmann ſagte ſeinem Freunde, daß Stephanie nicht in die Arme ihres Vaters, ſondern von dem Magnaten gewiß auf deſſen Beſitzungen in Croatien gebracht wurde, und bat nun aus voller Seele, mit ihm dahin zu ziehen, und mit dem klugen Kopfe und der ſcharfen Klinge zu der Jungfrau Hilfe und zur Züchtigung des Böſewichts freundſchaft⸗ lichen Beiſtand zu leiſten. — „Ich ſtehe auf dem Punkte,“ erwiederte der Räuberhäuptling, „einen Schlag zu thun, der dieſem mich an⸗ ekelnden Leben auf immer mich entrückt, daher muß ich Dir jetzt mein Geleit verſagen; aber ich ſende Dir einen meiner Burſchen, der ein geborner Crvat, alle Städte, Dörfer, Schlöſſer und Weiler, alle Straßen, Schluchten und Ruinen dieſes Landes ſo genau kennt „ als hätte er eine Charte davon entworfen; über⸗ dies iſt es ein verwegener, liſtiger Geſell⸗ 9 8 — 132 deſſen Muth und Schlauheit Du unbedingt vertrauen darfſt.“ Der Eremit brachte das Nachtmahl, die Männer plauderten noch lange, und in Herr⸗ mann's Herzen geſtaltete ſich die Hoffnung, Stephanie dem großmüthigen Pflegevater wie⸗ der geben zu können, immer mehr zum ſanft erheiternden Gebilde. — Mit dem Anbruche des Tages trennte man ſich⸗ Herrmann machte die nöthige Zurüſtung zur lange währenden Reiſe; er war entſchloſ⸗ ſen, bis an die Gränze von Croatien ein leich⸗ tes Geſpann zu nehmen, dort Wagen und Pferde zu laſſen, und unter einer paſſenden Verkleidung ſeine Streifereien zu beginnen; doch über die Art der Verkleidung war er noch nicht mit ſich einig. Da meldete Hu⸗ nyady einen fremden Mann, der aus fernen Landen herziehe, und eine wichtige Nachricht bringe. — Eine lange, kräftige Geſtalt im Pilgerkleide, mit ſtark gelocktem Barte und dunkel rollendem Auge trat herein. „Uhrat⸗ 133 ſchek grüßt!“ ſprach die Geſtalt im tiefen Baſſe, und Käröſch erkannte in ihr den ver⸗ heißenen Geſellen. „Hier iſt noch was zur Reiſe, ein gutes, gar nützliches Ding; ſchon oft hat ſein Gebrauch dem Hauptmann ge⸗ frommt.“ — Er entwickelte einen ziemlichen Pack, der ein Pilgerkleid mit dem Muſchel⸗ hute, und eine Zither enthielt. „Ha! ich verſtehe Dich, Du mein kluger Uhratſchek! — Dem frommen Pilger werden ſich die Thore der Burgen, dem frohſinnigen Zitherſchläger die Herzen der Bewohner auf⸗ thun!“ rief Herrmann freudig aus, nahm die Zither, ſpielte mit ſanfter, kunſtgeübter Hand und ſang mit trunkenem Blicke: „Eh' der Liebe Allmachtſtimme Licht in's graue Chaos rief, Barg in Ekementengrimme Finſterniß den Abgrund tief.“ „Liebe ſprach das große Werde: Und — ein Paradies entſtand; Gott gleich ging der Herr der Erde Aus des Schoͤpfers Meiſterhand.“ 134 „Rings her Freude, Lenz und Leben, Zarter Minne ſuͤßem Gluck, Lebt ſein Herz ſich hinzugeben; Und in Sehnſucht gluht ſein Blick.“ „Sie erſchien, der Schopfung Krone! Himmliſch ſchoͤn; voll reiner Luſt, Sank das Weib dem Erdenſohne An die wonnetrunk'ne Bruſt.“ „Endlos ſteht die Sonnenfährte Hehr im Liebesglanze da; Und auch unſerer kleinen Erde Iſt die Liebe ewig nah.“ „Lieb' und Tugend ſtets hienieden, Bis die Todtenglocke ruft. — Liebe ſtreut auf Gräber Bluͤthen, Liebe ſenk uns in das Grab.“ „Fliegt Euch freudig in die Arme, Freund und Feind den Liebeskuß! Linderung dem tiefſten Harme, Im begluͤckten Hochgenuß.“ „Jolgt dem innern Ruf und Drange, Engel gleich uns Liebe ſtellt. Innig, tugendvoll umfange Jedes Herz, die ganze Welt!“ — 135 „Liebe lehrt die Armuth pflegen, Dpfern in ihr Thraͤnentuch, Keinen Groll fuͤr Kraͤnkung hegen, Segen gegen Feindes⸗Fluch.“ „Kindlich Glauben, Ruhe, Hoffen, Biederkeit, zufried'nen Sinn, Stets ein Herz, der Freude offen, Weiſer Mäßigung Gewinn.“ „Theilnahm' an der Menſchheit Leiden, Fuͤr die Unſchuld Gut und Blut! Bei verhaͤngnißvollen Zeiten, Selbſt im Tode heitern Muth!“ — „Suͤße Ruh' im Sterbgewande; Thränen unter'm Grabgeläut. In des Friedens Wunderlande Eine frohe Ewigkeit.“ Der ganze weſtliche Horizont ſchien Glut zu ſeyn in der Neige des Tages. Die Strahlen der ſcheidenden Sonne ſpiegelten ſich auf dem ſtillen Gewäſſer des Wharad⸗ ſcher Sees, ein leichtes Gedüfte ſchwebte in 1356 der Ferne über den ſpiegelhellen Fluthen, und dehnte ſich almählig hin über die kriſtallene Fläche. Herrmann ſaß unfern einer Fiſcherhütte am Ufer des Sees; aus den nahen Dörfern riefen Glockentöne zum Abendgebete, und er faltete ſeine Hände zur ftommen Andacht, und ließ die feierliche Stimmung, in welche ihn das herzliche Wort, zu Gott gefprochen, und das erhabene Schauſpiel der untergehen⸗ den Sonne verſetzt hatten „leiſe in ſich ver⸗ klingen. Heute war wieder ein Jahrestag ſeines Eintrittes in die kriegeriſche Lebens⸗ bahn. Wie Vieles hat ſich ſeit dem Mo⸗ mente geändert, da er der Jugend leichte, willkührliche Spiele mit dem Ernſte eines ſtrenge vorgezeichneten Lebens vertauſchte! Wie mancher Stachel hatte ſich in die junge Bruſt geſenkt; wie manche ſchöne Hoffnung war getäucht worden; wie manches Streben, dem er ſeine beſten Kräfte geweiht hatte, war vergeblich geweſen? — Und die Rückblicke 137 auf Vergangenheit hinter ſich werfend, wie iſt ihm die Gegenwart? — Wo ſind die Früchte ſeiner Opfer, ſeiner Duldungen, ſei⸗ ner Kraftanſtrengung für Stephaniens Wie⸗ derfinden? — Wo iſt ihm bis zu dieſem Mo⸗ mente eine auch nur hingehauchte Spur von der Vorlorenen geworden? — Mit welch' harter Hand wühlte der Schmerz in dem tief verletzten Gemüthe! — Und lebhafter als der eigne Schmerz ergriff ihn der Gedanke an die leidende Stephanie, und an den kummer⸗ vollen Pflegevater, deſſen Kraft im ſchweren Kampfe gegen die Vaterſorge ſich verzehrt, und deſſen Bruſt, ſonſt voll friſchen Lebens⸗ muthes, jetzt beklommen athmet, und deſſen Feuerauge jetzt von Gram umflort iſt. — Tief beugte den Sinnenden die herbe Erfah⸗ rung, daß der Menſch ohnmächtig iſt gegen die Stärke einer übermächtigen Leidenſchaft, oder gegen die Angriffe des Schickſals, wenn es bald tückiſch von allen Seiten ihn um⸗ 135 ſtellt, bald mit zermalmender Gewalt im offenen Kampfe gegen ihn eindringt! — Verſunken in Betrachtungen und Träume, beinahe unterliegend den Qualen finſterer Zweifel und Beſorgniſſe, ſah er nicht den an des Sees blumigen Geſtade dahereilenden Geſellen, der ein fröhliches: „Glück auf!“ mit dem allerfreundlichſten Lächeln, das das ſchwarzbraune, pockennarbige Geſicht hervor zu bringen vermochte, und mit einer Stimme, die wie donnernder Schlachtenruf klang dem Einſamen ſchon aus der Ferne zurief. — Herrmann ſprang auf und beſtürmte den daher Eilenden mit Fragen. „Ihr Täubchen,“ tröſtete der luſtige Burſche, „ſitzt ganz trocken in einem ſichern Käfig, den habe ich aufgeſpürt mit einer feinern, ſchärfern Naſe, als der Trüffel⸗Hund ſeine Trüffeln aufſpürt. — Aber Herr Lieutenant! jetzt bringen ſie auch keine Sylbe aus mir, bis ich nicht eine herrliche Mahlzeit gethan „und ein Paar Flaſchen Wein ausgeſtochen habe. 139 Drei Tage bin ich — der wackerſte Gaul ia ſelbſt Bucephalus wäre unterlegen — mit der Sonne aufgebrochen, aber nicht mit ihr zur Ruhe gegangen, denn die freund⸗ lichen Sterne beleuchteten täglich die mühe⸗ vollen Pfade des Umherſpähenden; drei Tage habe ich nichts als Quellwaſſer getrunken, beinahe nur von wilden Beeren und ent⸗ hülſten Getreidekörnern gelebt; aber jetzt will ich mir gütlich thun, und mich für alle die Anſtrengungen und ihren glücklichen Er⸗ folg reichlich belohnen; und bis das vorüber iſt, ſoll auch keine Macht der Erde meine Zunge löſen!“ Herrmann's brennende Sehnſucht nach einer, auch nur kleinen, Mittheilung wuchs zum furchtbaren Rieſen, aber da half kein flehendes Wort, keine hingereichte Goldbörſe, keine gräßliche Drohung; unaufhaltſam und ſchweigend ſchrie Loor, der ſchwarzbraune Ge⸗ ſelle, der Fiſcherhütte zu, und im Augen⸗ blicke war das ganze Häuschen in Bewegung. 140 2 Der Fiſcher mußte eine gewaltige Lachsforelle aus dem Behülter bringen, die Hausfrau hatte mit hurtiger Bereitung eines Speck⸗ kuchens vollauf zu thun, und des Fiſchers Söhnlein eilte auf flüchtigen Füßen der Schenke des nächſten Dorfes zu, um mit dem feurigen Blute der Croatiſchen Reben den entkräfteten Loor zu laben. Endlich faß Loor hinter den dampfenden Gerichten, hinter der hellglänzenden Flaſche, und während er aß und trank, mit einer Ge⸗ mächlichkeit, mit einem Wohlbehagen und einer Ruhe, die bis zur Gleichgiltigkeit und Faulheit ſtiegen, wurde Herrmann von Neu⸗ gierde und der allerheftigſten Ungeduld ge⸗ foldert; der arme Dulder wünſchte dem lang⸗ weiligen Freſſer den Rachen eines Haifiſches, um das reichliche Mahl auf einmal verſchlin⸗ gen zu können. 3 Der letzte Biſſen war verſchluckt, die letzte Neige ausgeſchlürft, und nun packte Herrmann den Wohlgenährten, zog ihn zum * 141 Seegeſtade hin, und beſchwor ihn um ſchnelle und treue Kunde. Loor zog ein mit Blei⸗ ſtift flüchtig beſchriebenes Blatt hervor, und reichte es hin. „Allmächtiger Gott!“ ſchrie Herrmann auf, „das iſt Stephaniens Hand!“ und er las: „Frommer Pilger!“ „Wenn ein Funken von Mitleiden mit einem höchſt bedauernswürdigen Geſchöpfe in Eurer Bruſt glimmt, ſo ziehet ſchnell nach Ungarn. Zwei Tagereiſen von Debreczyn, öſtlich, liegt das Landgut Göſegg. Dort wohnt mein Vater, der Huſarenrittmeiſter von Zeſchly. Sagt ihm, daß ſeine unglückliche Tochter hier in der Gewalt des Magnaten Töreck ſchmachtet, daß ſie ihn um Rettung anflehet. Mein Vater wird Euch für Ueber⸗ bringung dieſer Zeilen reichlich belohnen, und lebenslänglich verſorgen. Um Gotteswillen, eilet und ſeyd verſchwiegen. Mein heißeſtes Gebet begleitet Eure Schritte. Stephanie.“ 142 N. S. „Suchet in Debreczyn den Obriſt Goll⸗ berg auf, gebt ihm geheim dieſen Zettel, und er wird Euch mit ſeinen Pferden ſchleunigſt nach Göſegg bringen laſſen.“ Herrmann. unbegreiflicher Menſch! Wie biſt Du zu dieſen Zeilen gekommen? — Haſt Du Stephanie geſehen? — Sie geſprochen? — O rede, rede! Loor. Nur flüchtig geſehen, aber nicht geſprochen. Das Glück kam mir gleichſam aus den Wol⸗ ken zugeflogen. Laſſen Sie ſich erzählen, Herr Lieutenant! — Es war gegen die Mittagsſtunde, als ich meine Streifereien auf der weſtlichen Gebirgsſeite beendigt hatte, und ſchon auf dem Wege war, geradezu in die Thäler der Leitha hinabzuſteigen, da bemerkte ich jenſeits der Hauptſtraße eine mäßige, mit * 14³ ) — hohen Fichten bewachſene Anhöhe, und meinem ſehr geſchärften Blicke ſchien ein weißes Ge⸗ ſtein aus der Bäume dunkeln Verzweigungen entgegen zu ſchimmern. Munter ſchritt ich der Anhöhe zu, fand einen ſchmalen, beinahe unbetretenen Fußweg, folgte ſeinen ſich durch die dichteſten Gebüſche und rauhe Steinmaſſe windenden Krümmungen, und ſtand plötzlich vor einem thurmähnlichen, aus Quadern auf⸗ geführten Gebäude von unbedeutender Höhe und mäßigem Umfange, aber gegen Angriffe und Ueberfälle ſehr geſchützt durch einen brei⸗ ten, tiefen, ſchlammigen Graben, worüber eine Zugbrücke führt, und durch ein koloſſales, aus Balken mit Eiſenklammern zuſammengefügtes Thor. Die aufgezogene Brücke und das ver⸗ ſchloſſene Thor hinderte mich, in das J Innere des Gebäudes zu ſehen. Ich entſchloß mich, Einlaß zu begehren, doch vorher die kleine Burg zu umgehen und ſie genau zu beſichti⸗ gen. Kahl und bemooſt waren die ſteilen Mauern, nur hie und da mit einer Schuß⸗ 144 ſcharte verſehen. Auf der Rückſeite ſtand eine rieſenmäßige Fichte, zwiſchen deren Aeſten ein hohes, ſtark vergittertes Fenſter düſter hervor⸗ ſtarrte. Mir ſchien, als bewegte ſich eine weiße Geſtalt hinter dem Eiſengeflechte. Ich blickte ſcharf hinz die Geſtalt winkte mir Still⸗ ſtehen und Stillſchweigen zu, und verſchwand. Das ſo einſam liegende Gebäudeſ, die aufge⸗ zogene Brücke, das verſchloſſene Thor, die ſchauerliche Stille, die winkende Geſtalt, fag⸗ ten mir, daß im Bereiche dieſer geheimniß⸗ vollen Mauern eine Unglückliche weile, und mein Herz ließ mich in ihr das edle Fräulein Zeſchky ahnen. Sehnſuchtsvoll der Dinge harrend, die da kommen würden, ſetzte ich mich nieder, und überließ mich meinen Ge⸗ danken; jetzt rauſchte es durch die Lüfte, und ein Stein fiel zu meinen Füßen nieder, an welchem dieſer Zettel mit einer ſeidenen Schnur befeſtigt war. Ich ſah auf, da ſtreckte die Geſtalt die Arme nach mir aus, hob ſich ge⸗ gen den Himmel, ſank an der Brüſtung des 145 Fenſters auf die Knie und faltete die Hände zum Gebet. Raſch den Stein ergreifend, ſprang ich durch das dichteſte Gebüſch (u eilte hieher. Herr mann. Lvor, Du haſt mir das Beſte was man dem Menſchen geben kann, die Ge⸗ legenheit, die Leiden einer Unglücklichen zu enden, den tiefen Schmerz eines edlen Vaters in Wonne umzuwandeln, und dem Laſter eine ſchuldloſe Beute zu entreißen. Von dieſer Stunde an, kommſt Du nie mehr von meiner Seite, und als ein, vom Pfade des Böſen zurückgekehrtes Glied ſollſt Du nun in der Kette der guten Menſchheit eine tugendhafte, pflichtgenügende und beruhigungsvolle Stelle behaupten. Aber warum haſt Du mich ſo lange der heftigſten Neugierde überlaſſen? Loor. Herr Lieutenant! Ich ſah ſchon im Geiſte, wie Sie von den Zeilen des Fräuleins Leben u. Walten. 10 146 mit einer unendlichen Freude erfüllt, raſch zu ihrer Hilfe aufbrechen, und keine Anſtrengung ſcheuend, keinen Forderungen des Körpers genügend, dem heißerſehnten Ziele entgegen ſtürmen werden; daher mein hartnäckiges Stillſchweigen, denn ich war zu erſchöpft, um Ihnen folgen zu können, und ich würde Ihnen doch gefolgt ſeyn, trotz der feſten Ueberzeugung ſchon in der erſten Stunde leblos hinzuſinken⸗ Es iſt nicht eitel geprahlt, wenn ich geradezu ſige, daß ich in den drei Tagen unſerer Trennung beinahe Alles überboten habe, was der Menſch zu leiſten vermag. Herrmann. Als ich Stephanien's Schriftzüge erkannte, glühte ich vor Begierde, auf der Stelle hin zu eilen, und ihren Kerker mit gewaffneter Hand zu ſtürmen, doch die Beſonnenheit kehrte zurück, und mit ihr die Ueberzeugung, daß hier jede gewaltthätige Handlung fruchtlos ſey. Jetzt, Loor! gehe zur Ruhe, die Dir 147 höchſt nöthig iſt; ich werde wachen und über⸗ legen. Sie kehrten zur Fiſcherhütte zurück, worin die geſchäftige, gutmüthige Hausfrau ein weiches, bequemes Lager bereitet hatte. Der müde Loor entſchlief bald, und Herrmann ging mit großen Schritten vor dem Häuschen auf und ab. Viele Anſchläge zu Stephanien's Befreiung gingen durch ſeine Seele, doch ſchien keiner zum Ziele zu führen. Sein Heldenmuth hätte ſie gern erkämpft, doch dazu möchte ſich ſchwerlich Gelegenheit geben, und da hier der ernſte, beſonnene Weg der beſte war, ſo wurde er mit ſich ſelbſt einig, vor Allem an die kleine Burg zu wandetn, wo Siephanie gefangen gehalten wird, um ihr Hilfe zu verheißen, und dann ſchnell nach Agram zu ziehen, des Grafen Matthias von Töreck ruchloſe That dem Weraſtiner General anzuzeigen, und auf ſchnelle Befreiung der edlen Magyarin zu dringen. Schon ſtand die Sonne hoch am Him⸗ 10 * 148 mel, als Herrmann, der ein tüchtiges Früh⸗ ſtück bereiten ließ, den Siebenſchläfer Loor weckte. Munter ſprang der treue Burſche vom Lager auf, und ließ ſich den würzigen Morgenimbiß trefflich ſchmecken. Auch Herr⸗ mann, den das nächtliche Wandeln hungrig gemacht hatte, und deſſen friſchen Muth und friſche Kräfte ein langer beſchwerlicher Marſch in Anſpruch nahm, leiſtete gute Geſellſchaft und fleißig wurden die Becher geleert auf eine glückliche Folge, auf Stephanien's und Vater Zeſchky's Wohl; bedankt und geſegnet von der großmüthig beſchenkten Fiſcherfamilie bra⸗ chen ſie wohlgemuth auf, und ſchritten dem Sriner Gebirge zu. Je nůher ſie an die verhüngnißvolle Burg kamen, deſto höher wogte Herrmanns Bruſt in glühender Sehnſucht und in der Freude Vorgefühl. Jetzt hatten ſie bei hereinbrechen⸗ dem Abend die Heerſtraße erreicht, von welcher ſich der ſchmale, unſcheinbare Fußweg zur waldigen Anhöhe ſchlängelte, und des Ge⸗ 149 mãuers weißgraue Bekleidung trat Herrmauns brennenden Blicken entgegen. Da ſtand er ſtille und hob das Auge zur Himmelsdecke und betete leiſe und andächtig um Segen zur guten That; ein armer Köhler ging vor⸗ über — der einzige Menſch, den ſie ſeit einem halben Tage in dieſer wilden, menſchenleeren Gebirgsgegend ſahen — begrüßte die Pilger mit Ehrfurcht, und warf ſcheue Blicke in, die Gegend des Schloſſes. Herrmann. Sagt mir, lieber Freund! iſt das Ge⸗ mäuer, welches dort durch den dunkeln Wald leuchtet, eine Ruine oder ein bewohntes Schloß? — Köhler. Ein Schloß, frommer Pilger! das aber nur von einem alten Vogt, ſeinem Weibe und Knechte bewohnt iſt. Wir gehen nicht gerne in die Nähe dieſes ſchauerlichen Zwingers, 15⁰ und es mag wohl mehr als ein furchtbares Geheimniß darin begraben liegen. Herrmann. Wie ſo? Köhler⸗ Schon öfters wurden verſchleierte Frauen in verſchloſſenen Wagen hierher gebracht, die immer dort am Fußſteige herausgehoben, und in den Fichtenwald hineingeführt wurden, aber keine ſah man je wieder herauskommen; wohl hört man um die Mitternachtsſtunde ihr Wehegeſchrei von den Zinnen des Schloſ⸗ ſes erſchallen, und ſieht weiße, gräßliche Ge⸗ ſtalten unter den Bäumen wandeln. — Vor Kurzem brachten ſie auch wieder ſolch' eine Unglückliche, wie mir mein Bruder ſagte, der beim Mondlichte nach dem Kohlenhaufen ging, die verſchleierte Dame aus dem Wagen heben, und dem Berge zuſchleppen ſah. Er kam todtenbleich in unſere Hütte, und ge⸗ 151 traut ſich ſeit dem nicht mehr, nächtlicher Weile an die Arbeit zu gehen. Herrmann. Kein Dorf und keine Schenke ſind hier in der Nähe. Glaubt Ihr, daß wir im Schloſſe auf Herberge rechnen zu dürfen? Köhler. Ich kenne die Menſchen da oben und ihre Geſinnungen nicht; Ihr könnt es ja ver⸗ ſuchen. Gott geleite und ſchütze Euch. Der Croate blickte noch einmal ängſtlich nach dem Geſteine, ſchlug ein Kreuz, und eilte von dannen. „Es gilt den Verſuch!“ ſprach Herrmann, ſie ſchritten raſch auf dem Fußſteige dem Schloſſe zu. Vor der aufgezogenen Brücke war ein Balken eingerammt, in welchem ein Glocken⸗ zug herablief. Herrmann zog die Klinge, und dumpf⸗ſchauerlich wiederhallte der dröh⸗ vende Ton in den verödeten Wölbungen⸗ * 152 Im gewaltigen Thore öffnete ſich ein Thör⸗ chen, und ein gräßliches Geſicht, von ſtrup⸗ pigen Haaren und wildverworrenem Barte umſtarrt, ſchaute feindſeligrollenden Auges durch die Oeffnung, und eine rauhe Stimme frug: „was des Begehrens ſey?“ — „Zwei arme ermattete Pilger,“ ſprach Herrmann im kläglichen Tone, „bitten um trocken Brod und Obdach für dieſe Nacht!“ — „ Harret hier des Weiteren,“ grollte ihnen die Stimme zu, und das Thörchen ſchloß ſich. — Lange ſtunden ſie in banger Erwartung, da dröhn⸗ ten Fußtritte der Thorwölbung entlang, Schlüſſel klirrten, Riegel wurden zurückge⸗ ſchoben, in knarrenden Angeln öffnete ſich das Thor, und ſchwirrend ſank die ſchwerfällige Zugbrücke. Die Pilger wankten in das Schloß hinein, in deſſen Hofraum ein greiſer Mann, der Vogt des Schloſſes, einen kurzen Eroaten⸗ ſbel an der Hüfte, zwei Piſtolen und 4 breites Meſſer im Gürtel, ſie mit ſcharfem, 153 prüfendem Auge empfing; der Borſtenkopf ſtand ſeitwärts, im linken Arme eine Doppel⸗ flinte, die rechte Hand hielteinen, die Zähne fletſchenden Fanghund von furchtbarer Größe am Halsband. Ein Mütterlein lauſchte im Hintergrunde und begaffte die Fremdlinge mit gutmüthigen Blicken. Herrmann bat wehe⸗ klagend über alle die Drangſale der weiten Herreiſe aus dem gelobten Lande, und eine Erſchlaffung aller Kräfte verſchützend, nur um ein Lager und eine warme Suppe, und der kräftige, kerngeſunde Loor wußte ſo hin⸗ fällig zu ſcheinen, daß der Borſtenkopf den Hund an eine große Kette legend, ihm un⸗ ter die Arme griff, und zu einer Bank leitete. — „Seid willkommen, fromme Pilger!“ ſprach der Vogt, „Ihr ſollt gutes Nachtlager, kräftiges Eſſen und kräftigen Wein haben, 3 denn Ihr dauert mich, und es ſteht geſchrie⸗ „ ben: „„wer Barmherzigkeit übt, an dem E ſie auch geübt werden!““ — aber mit em früheſten Morgen müßt Ihr fort, denn 164 ich erwarte zu jeder Stunde den Herrn, und der liebt keine Fremdlinge auf dieſer Burg. — Michael! führe die Männer auf Nr. 5.“ Mühſam ſchleppten ſie ſich hinter ihren Führer eine kleine Wendeltreppe hinauf, und traten in ein geräumiges, mit zwei reinlichen Betten verſehenes Gemach, deſſen dicht ver⸗ gitterte Fenſter in den Schloßhof gingen; das Mütterchen folgte mit einer Flaſche Wein, Brod und Käſe, recht bald ein gutes Nacht⸗ mahl verheißend. Jetzt entfernte ſich die Matrone mit dem Knechte, und zwei von Außen vorgeſchobene Riegel machten das gaſtliche Gemach zur Zwingſtube. „Gott im Himmel!“ klagte Herrmann, „ſo nahe bei Stephanien, und doch ſo ferne durch dieſe Gitter, durch dieſe Riegel und durch des Wärters ſtarre, mißtrauiſche Sorge⸗ Soll ich denn jeder ſüßen Hoffnung entſagen, ohne Hilfe der Gerichte durch eigne kühne That die theure Schweſter retten zu kön⸗ nen!“ — „Nein,“ rief er mit funkelnden 155 Augen, und legte die Hand auf das ermu⸗ thigte Herz, „ich ſchwöre, ſie aus dieſen laſtet⸗ vollen Mauern zu führen, oder an ihrer Seite zu verbluten!“ und nun entwarfen ſie einen Plan zur Rettung. — Die Riegel knarrten und der Vogt trat ein: „Ich habe ein Anliegen,“ ſprach er, „und vielleicht könnt Ihr mir zum Frommen ſeyn. Die Schweſter meines Gebieters iſt, eines, mir unbekannten Vergehens wegen hier in Gewahrſam, und meiner Sorge über⸗ geben. Schon mehrere Tage iſt ſie krank und bedarf eines ärztlichen Beiſtandes. Gewöhn⸗ lich ſind die Pilger in der Heilkunde erfah⸗ rren, und iſt einer von Euch darin bewandert, ſo wird ihm ein reichlicher Lohn, wenn er das Fräulein geſund macht. Ich ſoll zwar keinen Menſchen zu ihr laſſen, aber die Pflicht des Chriſten fordert, Leidenden beizuſtehen, und Gottes Zorn ſchreckt mich mehr, als der Zorn der — 15⁵6 Herrmann hatte Mühe, ſeine Empſin⸗ dungen zu verbergen. Er lobte den Vogt ob ſo frommer Geſinnungen, und Loor fiel raſch ein: „Mein Gefährte verſteht nichts von der Heilkunde, aber ich bin der Sohn eines Wundarztes, und habe mir ſo manches ſchöne Wiſſen im Arzeneifache erworben. Ich will Euch, Herr Kaſtellan! zur Kranken be⸗ gleiten; doch gönnet mir Ruhe bis nach dem Abendeſſen, denn ich fühle mich jetzt zu kraftlos.“ Dankend ſchied der Kaſtellan, und Herr⸗ mann riß ſchnell ein Blatt aus der Brief⸗ taſche, und die zitternde Hand verkündigte in flüchtigen Zügen die nahe Hilfe. Das Nachtmahl war vorüber, und Loor trat mit dem Vogte in Stephaniens Ge⸗ mach. Auf einem Sopha ruhte die Dulde⸗ rin, bleich und matt, und als ſie die Augen aufſchlug, und in dem Pilger den Fremdling von geſtern erkannte, da war ſie einer Ohn⸗ macht nahe, denn die Furcht, verrathen zu 157 ſeyn, betäubte ihre Sinne. „Edles Fräu⸗ lein!“ ſprach Loor mit möglichſt ſanfter Stimme, „ich bin Arzt, und, trügt mich die Hoffnung nicht, Ihr Helfer in dieſem leidenvollen Zuſtande zu werden. Haben Sie Vertrauen zu mir, und geſtatten Sie die Berührung Ihrer Hand, um den Gang Ihres Pulſes beobach⸗ ten zu können!“ — Mit Gewandtheit drückte er Herrmann's Briefchen in Stephanien's Hand, und wußte ſeine Stellung ſo zu neh⸗ men, daß ſie es, trotz des Vogtes lauernden Blicken, in das Buſentuch gleiten ließ. „Jetzt werde ich Ihnen ſtärkende Tropfen ſchicen. Sobald der Tag anbricht — er betonte dieſe Worte ſcharf — wird das Ende Ihrer Lei⸗ den nicht mehr ferne ſeyn!“ — Mit einem brennenden, vielſagenden Blicke verließ Loor die von wonnevollen Ahnungen ermuthigte Jungfrau. Der Kaſtellan em⸗ pfing die Arznei — es waren gewöhnliche Magentropfen, die Loor immer bei ſich führte, hier aber mit großer Feierlichkeit als eine 158 ſeltene Tinctur pries — wünſchte gute Nacht, ermahnte, ſich mit anbrechendem Tage zur Abreiſe bereit zu halten, und verſchloß die Thür mit großer Sorgfalt. Der Gefangenwärter Michael trat, als der Morgen zu dämmern anfing, ſchlaftrun⸗ ken in die Stube der Pilger, und forderte ſie mit rauhen Worten zum Abzuge auf. Eine volle Flaſche Wein ſtand noch auf dem Tiſche. Loor bot ihm ein Glas, das der Lüſterne freundlich greiſend ausſtürzte, aber auch in dieſem Augenblicke in die drohenden Mündungen einer geſpannten Doppelpiſtole ſah. „Nur ein Laut, und vier Kugeln zerſchmettern Deine Bruſt,“ donnerte ihm Herrmann zu. „Geſchehen ſoll Dir nichts leides, aber für einige Stunden ſollſt Du unthätig ſeyn.“ — Michael ſtand wie eine Bildſäule, Loor band ihm die Hände auf den Rücken, und trug ihn mit Herrmann auf ein Bett, an deſſen Geſtelle ſie ihn mit Stricken befeſtigten, und ihm bei Todesſtrafe Ruhe geboten. Schnell eilten ſie dem Ge⸗. 159 mache des Kaſtellans zu, um auch ihn zu feſſeln. Als ſie bei der Wendeltreppe um die Mauer bogen, ſprang der ungeheure Fang⸗ hund hervor, und faßte Herrmann's Schulter mit tief verwundentem Zahne; raſch ſtieß ihm Loor das Meſſer in die Kehle, und leblos ſank das Thier zu Boden. Der Kaſtellan wurde geweckt, bedroht und gebunden wie Michael; dabei ihm aber das feierliche Ver⸗ ſprechen geleiſtet, daß nach Verlauf einiger Stunden ein Köhler geſendet werde, ſeine Bande zu löſen. Das Mütterchen mußte den Eheherrn Geſellſchaft leiſten. Verſehen mit dem Schlüſſel zu Stephanien's Gefäng⸗ niß, eilten ſie dahin. Die Jungfrau empfing die eintretenden mit einem Schrei des Ent⸗ zückens, und ſtürzte halb bewußtlos in Herr⸗ mann's Arme. „Wir haben keine Zeit zu verlieren,“ drängte Loor, „ich will das Thor öffnen; folgen Sie mir ſchnell mit dem Fräu⸗ lein!“ Herrmann nahm Stephanie auf die Arme und trug ſie die Treppe hinab. Das 1 160 Thor war geöffnet, die Zugbrücke herabge⸗ laſſen, ſie eilten darüber hin, und — Töreck trat ihnen aus einer Windung des Gebüſches entgegen. „ S und Teufel!“ brüllte der Magnat, und ſein Säbel blitzte in der Morgenröthe, und der kräftige Arm hob ſich zum furchtharen Hieb gegen den, durch die umklammette Jungfrau wehrlos gemachten Herrmann, da unterlief Loor die Klinge, riß reck mit Rieſenſtärke empor, und ſtürzte ihn in den ſchlammigten Teich. Das gräß⸗ liche Geſchrei des Sinkenden um Hilfe ſchallte weit umher, und aus der Ferne antwortende, immer näher tönende Stimmen, verriethen das herbeieilende Gefolge des Magnaten. Auf entgegengeſetzter Richtung ſprangen die Flücht⸗ linge in den dunkeln, dichten Wald hinein; Loor, der die Umgebungen kannte, leitete ſie auf eine verödet ſtehende Köhlerhütte zu, welche nach zwei Stunden des raſcheſten Fort⸗ gehens erteicht wurde. Die Hütte ſtand dicht an einem Holzwege, und vom nahen 161 Dörfchen her ertönte der Glockenruf zur hei⸗ ligen Meſſe. „Geben Sie mir Geld, Herr Lieutenant!“ ſprach Lovr. „Im Dörſfchen wohnt ein Jude, den ich kenne, ein verſchmitzter Kerl, der für klingende Münze Alles zu verſchaffen weiß. Das Fräulein vermag eine Fußreiſe bis zur näch⸗ ſten Stadt nicht auszuhalten. Ich will dem Juden ein Fuhrwerk abkaufen; ſchlecht wird es wohl ſeyn, aber auch das ſchlechteſte iſt für dieſen Augenblick nützlich!“ — Er eilte fort, und bald verkündigte ein luſtiges Peit⸗ ſchen⸗Geknall, daß der Wu Phäeton nahe ſey. Das Wägelchen war nach Landesſitte nur von Holz verfertigt, und ein Paar Schütten Roggenſtroh vertraten die Stelle weicher Kiſ⸗ ſen; die Pferde ſahen aus, wie Pharaoo's magere Kühe, doch waren ſie kräftig und ge⸗ ſund; und als Herrmann nul en St. 162 voll Dank, voll Entzücken auf ihm ruhten; als die flüchtigen Roſſe, von dem jubelnden Loor getrieben, im raſchen Trabe den ungari⸗ ſchen Fluren zu eilten, das Wehen der vater⸗ Undiſchen Luft und die Düfte der heimath⸗ lichen Matten immer ſüßer und entzückender die herrliche Jungfrau umwallten; als jetzt die Thürme von Göſegg in blauer Ferne auftauchten, und Stephanie vor unſäglicher Wonne laut ſchluchzte; da mochte es wohl in Gottes ſchöner großer Schöpfung keine glück⸗ lichern Menſchen gegeben haben. — „Meine Stephanie!“ ſchrie Vater Zeſchky mit ſtrömenden Thränen, und die Tochter lag aufgelöſt in unendlicher Seligkeit, an der Bruſt des Vaters, und Alles eilte herbei, um die vs beruuett eelgue Imh in und die Jünglinge, die Mütter: chen des Dorfes jubelten in bn l 163 der Seligſte, denn Er hatte ija Stephanien gerettet. Der Reiterlieutenant Käröſch war wie⸗ der beim Regimente eingerückt. — Loor, von dem Rittmeiſter für Stephaniens Auffinden mit einem reichen lebenslänglichen Gehalte belohnt, blieb als Leibjäger auf Göſegg zu⸗ rück; Vater Zeſchky hatte ſich vorgenommen, den tollen Burſchen mit einem gütigen, aber ſcharfen Auge zu beobachten, und ihn durch milde Behandlung und weiſe Lehre allmählig für die Tugend, für die Gottesfurcht und für ein ruhiges, geregeltes zu ge⸗ winnen. Herrmann hatte nach etephꝛriens Ret⸗ tung kurze Zeit auf dem Schloſſe ſeines Pflege⸗ vaters geweilt; es that ſeinem nur für Ste⸗ phanien ſchlagenden Herzen zu wehe, täglich die ſanfte, hochgeſtaltete Jungfrau zu ſehen, an ihrer Seite zu wandeln, und bald an dem 11 * 164 Flügel, wo ſein reiner, ſchöner Tenor ihr liebliches Spiel begleitete, bald auf abend⸗ lichen Spaziergängen, bald mit Lectüre und herzlichen Geſprächen die Erheiterung des greiſen Vaters mit ihr theilen zu müſſen, ohne die Gefühle ſeines Innern in gerader ehrlicher Rede ausſprechen, und zu Vater Zeſchky ſagen zu dürfen: „Vater! gieb mir Stephanien zum Weibe,“ denn Zeſchky, der ſo manchen brennenden Wechfelblick belauſcht hatte, und deſſen tief dringendem Auge die innig verwobenen Empfindungen des jungen Paares nicht entgangen waren, erklärte eines Abends, daß er die Hand ſeiner Tochter einem jungen verdienſtvollen Manne beſtimmt habe, und ſprach über den Gehorſam einer guten Tochter, die nur durch die Erfüllung der väterlichen Wünſche ihm ein ruhevolles Alter gründen könne, und über den Schmerz einer zerſtörten Hoffnung, der dem Zerſtörer zum Fluche werden müſſe, mit ſolch; einem Nach⸗ druck, daß die Träume und die Erwartungen 16⁵ der Liebenden in die ewig Nacht der Hoffnungsloſi gkeit verſanken. Lebte Herrmann im regen Treiben ſei⸗ nes Standes, im Kreiſe der braven, frohſin⸗ nigen Kameraden und in der gebildeten, an⸗ ziehenden Männer⸗ und Frauenwelt ſeines angenehmen Garniſonsſtädtchens auch nicht in der ungebundenen Heiterkeit, die des Blü⸗ thenalters holde Gefährtin iſt, ſo war doch jene nächtlichdunkle, menſchenfeindliche, lebens⸗ läſtige Stimmung, die vor Stephaniens Ret⸗ tung ſich auf Trauer⸗Schwingen in ſeine Bruſt geſenkt hatte, von ihm gewichenʒ das Bewußtſeyn, in die bleichen Locken ſeines Pflegevaters einen friſchen Blumenkranz der Vaterfreuden durch Entſagung gewunden zu haben, goß die Stärke des Selbſtgefühls und der Hochherzigkeit über ihn aus, und gab dem jungen Manne eine edle, freundliche Haltung, welche. der Hauch einer ſunſten Schwermuth zur anziehenden machte. Das Regiment war eines Tages unter 104 dem begeiſterten Schalle der Trompetentöne vom Exerzirplatze eingerückt, und Herrmann im Begriffe, einen kürzlich gekauften, noch rohen Ukrainer auf der Reitbahn zu bearbei⸗ ten, als ihn eine Ordonanz zum Obriſten rief, der ihm ein Schreiben übergab, mit dem Befehle, ſelbes einem nur wenige Meilen von hier garniſonirenden Uhlanenmajor zu überbringen. Zwar befremdet über einen Auftrag, den jeder gemeine Reiter hätte über⸗ nehmen können, doch des Vorgeſetzten Befehl unbekrittelnd, ſchwang er ſich auf Stephaniens milchweißen Ungar, ſein Lieblingspferd, und trabte der Garniſon des Uhlanenregimen⸗ tes zu. „Ihr Herr Obriſt iſt ſehr gefällig,“ ſprach der Major, nachdem er das Schreiben geleſen hatte. — „Ich erzählte ihm ohnlängſt, daß ich einige vorzüglich ſchöne militairiſche p e beſitze, deren Copie ich für meinen 3 General zu erhalten wünſche, und nun ſen⸗ det er mir in Ihnen einen, wie er ſchreibt, — 167 trefflichen Zeichner. Wollten Sie mir die Freude machen, dieſe Pläne zu copiren, ſo wäre ich Ihnen eine große Verbindlichkeit ſchuldig!“ — Mit Vergnügen entſprach Herrmann den Wünſchen des Majors, begann ſogleich die Arbeit, und hatte ſie mit kunſtgeübter, flüch⸗ tiger Hand bald vollendet. Aber da brachte der alte Herr ſo viele, beinahe ganz werthloſe Dinge zum Vorſchein, und wußte den Ge⸗ fülligen ſo mannichfaltig zu beſchäftigen, daß der Heimritt erſt am vierten Tage nach Tiſche erfolgte. — Der Unteroffizier der Thorwache ſagte dem Einreitenden, daß der Befehl des Obri⸗ ſten ihn ſogleich in deſſen Quartier beſcheide. An der Treppe des Hauſes empfing ihn der Adjutant mit einem geheimnißvollen, freudi⸗ gen Lächeln und herzlichen Händedrucke. Die Flügelthüren des Saales thaten ſich auf. In der Mitte des weitgeöffneten, von den Reiter⸗Offizieren gebildeten Kreiſes, ſtand Vater Zeſchk'y, Stephanien an der 168 Hand, und von hohem Gerüſte herab empfin⸗ gen die Trompeter des Regiments den Ein⸗ tretenden mit einer raſchen Fanfare. Der Obriſt führte den Ueberraſchten in die feier⸗ liche Rundung. „Mein edler Pflegeſohn!“ ſprach Vater Zeſchky, „von der ereignißvollen Stunde an, wo Du in die kriegeriſchen Rei⸗ hen trateſt, bis zu dieſem gefeierten Augen⸗ blicke haſt Du meine kühnſten Erwartungen übertroffen. Im rollenden Donner der Schlach⸗ ten ſtandeſt Du, ein furchtbarer Feind dem vewaffneten Feinde, ein gefühlvoller Menſch dem Wehrloſen, dem Verwundeten. — Unter des Friedens ſanften Schwingen wandelteſt Du, ein friedlicher Bürger, ein rege thätiges, ein wohlthuendes, ein fleckenloſes Glied in der Menſchheit bunt verſchlungener Kette. Deinem Muthe, Deinem Herzen dankt Ste⸗ phanie die Rettung ihres Vaters auf blut⸗ niefender Kampfes⸗Stätte, ihre eigne Ret⸗ tung aus der Peſthöhle des Laſters. — Ste⸗ phanie ſey Dein Lohn!“ 3 169 Und die bewegten Waffenbrüder kießen ein herzliches Lebehoch ertönen, verhallend im Gebrauſe der ſchmetternden Trompeten, der wirbelnden Pauke, und Stephanie und Herrmann, vom Vater Zeſchky umſchlungen, lagen ſich an den wogenden Herzen, und der Schutzgeiſt der tugendhaften Liebe ſchaute mit Engelsblicken auf eine glückliche, innig ver⸗ ſchlungene Gruppe nieder. ℳ , 1 Herrmann, der noch vor ſeiner Vermäh⸗ lung aus dem Militairverbande getreten war, und auf Göſegg im Schooße des häuslichen Glückes ein Leben voll irdiſcher Seligkeit lebte, erhielt eines Tages von der nahen Poſt ein ſchweres, ſorgſam verſiegeltes Paket. Er erbrach es, und fand unter Goldrollen einen Brief von Uhratſchek. — Er las: „Ich bin unendlich glücklich, mein Herr⸗ mann! denn Juliane iſt mein, und der Räuber⸗ häuptling hat ſich und ſeine Geſellen der Menſchheit wieder gegeben. — Höre die Ge⸗ ſchichte: „Unter den Papieren meines Vorgängers fand ich ein verſchloſſenes Schreiben mit der — Aufſchrift: „„Von meinem Nachfolger zu eröffnen.“ Der Umſchlag barg eine von einem Dominikanermönche im Jahre 1537 auf Pergament geſchriebene Urkunde, welche enthielt, daß die — nun ausgeſtorbene — Familie Harack während des Krieges, geführt um die ungariſche Krone von Woiwoden Johann Zapolyn gegen ſeinen Mitbewerber, Kaiſer Ferdinand I., Karls V. Bruder, auf einem verfallenen Schloſſe in Siebenbürgen ihre Koſtbarkeiten und ihr Geld unter den Ruinen des Burgthurmes vergraben hatte. Die Lage der Burgruinen und deren Umge⸗ zeichnet, daß es leicht war ſie aufzufinden, wenn nicht im Laufe der Zeiten eine, bung war in dieſer Urkunde ſo genau be⸗ 171¹ Alles umgeſtaltende Veränderung eingetreten war.“ — „Der von Dir in meine Seele gelegte Entſchluß, nach dem Osmanenlande zu zie⸗ hen, und dort im ehrlichen Waffenhandwerke mich muthig zu tummeln, ſollte nach Auffin⸗ den der Schätze in Ausführung gebracht wer⸗ den. Ich gebot meiner Bande, vereinzelnd nach Siebenbürgen zu ziehen, und ſetzte Zeit und Ort der Vereinigung feſt. Am Tage Deiner Rückkunft aus Croatien reiſte ich ab, begleitet von zwei mir höchſt treuen Geſellen. Ich hatte einen Paß als Wallachiſcher Guts⸗ beſitzer, meine Geſellen waren als Sob⸗ bagyock's *) eingeſchrieben.“ „In einer Dorſfſchenke hielt ich eines Tages an, um die Pferde füttern zu laſſen. Eine ſchwarz gekleidete Dame ging im Gar⸗ ten auf und ab. „Wer iſt die Dame?“ frug ich den Wirth. — „Wie mir der Kutſcher * *) So hießen die Leibeigenen in Siebenbuͤrgen⸗ * 172 ſagte,“ erwiederte er, „die Wittwe des Major Kamern.“ — Kamern! ſchrie ich auf, ſtürzte in den Garten, und — Juliane lag in mei⸗ nen Armen. — Juliane wurde die Gattin des Majors Kamern, aber nicht aus Treu⸗ loſigkeit, nicht aus charakterloſer Hingebung, ſondern durch eine ſchändliche Lüge, durch eine heilloſe Betrügerei. Juliane ging am Tage meiner Verhaftung nach dem nahen Landgute ihrer Tante, um dort mein trauervolles Schick⸗ ſal unbelauſcht und unverhöhnt beweinen zu können. Als dem Major meine Entweichung gemeldet wurde, gebot er das tiefſte Still⸗ ſchweigen, warf ſich auf ſein flüchtigſtes Pferd und flog zu Julianen. Mit der Miene des Biedermannes beklagte er mein unglückliches Loos, malte mein gewiſſes Ende auf dem Blutgerüſte mit den gräßlichſten Farben, und ſchloß ſeine trugvolle, erſchütternde Rede mit einer feierlichen Betheuerung, mich fliehen zu laſſen, wenn ihm Juliane ihre Hand reiche. Juliane, die kein anderes Bild mehr in ihrer N 173 Seele hatte, als das blutige meiner ſchmach⸗ vollen Hinrichtung, und die ſich genug erha⸗ ben fühlte, das Leben des heiß Geliebten durch hochherzige Hinwegwerfung ihrer Ruhe, ihres Glückes, ihrer Freuden erkaufen zu können, forderte ihm einen feierlichen Schwur ab, mich fliehen zu laſſen, und meinen Namen in das Grab der Vergeſſenheit zu ſenken. Kamern ſchwur; Juliane wurde ſein Weib, und, durch einen tückiſchen Köhlerknecht von meinem Aufenthalte in Julak's Hauſe benachrichtigt, ſchickte der blutgierige Betrüger am Tage ſei⸗ ner Vermählung ein Kommando zu meiner Verhaftung ab.“ — „In einem Zweikampfe tödtlich verwun⸗ det, geſtand er ſeiner Gattin das Gewebe der Betrügerei. Kamern ſtarb. Juliane, mit dem Leben ſchmerzlich zerfallen, beſtimmte ſich für den Schleier, und ich fand ſie auf ihrer Reiſe nach den geweihten Mauern.“ „Wir eilten nach Siebenbürgen, fanden die verfallene Burg, und in ihren Gewölben 174 große Schätze. An der Ruine verſammelte ich meine Bande, ſprach kräftig über den Fluch der Allmacht und der Menſchheit, der auf einem Leben der Sittenloſigkeit, der Ver⸗ brechen, der Unmenſchlichkeit laſtet, und ver⸗ hieß jedem einzelnen Gliede dieſer Blutkette ein ſorgenloſes, reich begabtes Leben, wenn hen nach Amerika, und, in einer Anſiedlung vereint, den Weg des Guten zu wandeln. — Jubelnd ſchwuren die Geſellen, und ich ver⸗ theilte die gefundenen Schätze.“ „Ich ziehe nach Amerika, nach dem Wunder⸗Lande, das die Natur in größere Formen geſtaltet, und deſſen Inneres mit hoher Lebenskraft ausgerüſtet hat; nach dem Lande, über welches ſich das üppigſte Pflan⸗ zen⸗ und Thierleben in der wundervollſten Abſtufung ausgießt, und worin ſich die al⸗ ternde Welt des Oſtens nach Körper und Geiſt verjüngt.“ — „Ich ſende Dir eine Summe. Verwende mir der Schwur geleiſtet würde, hin zu zie⸗ * — 175 ſie nach Deinem Herzen; ſie wird gedeihen, denn auf ihr laſtet kein Fluch.“ — „Lebe wohl, Herrmann! Gott ſegne Deine Wünſche, und ſeine allbarmherzige Hand leite unſere Tritte.“ — Von Uhrathſchek's Gold ſtieg aus des Siedlers bemooſter Klauſe ein ſtattliches Ge⸗ bäude, ein Pflege⸗ und Verſorgungshaus für kranke, darbende Menſchen empor. Zwei fromme Prieſter theilen das ſüße, Gott ge⸗ fällige Geſchäft, mit Troſt, mit Belehrung, mit liebevoller Erheiterung auf die Gemüther der kleinen, im Geiſte gottesgeſtalteten Ge⸗ meinde einzuwirken, und eines Arztes weiſe Behandlung linvert die Wehen der Pflegebe⸗ fohlenen, und verlängert ihre Tage. — Von kindlich dankbaren Lippen lebensfroher Greiſe und Matronen fließen täglich heiße Gebete für Käröſch und Uhratſchek. —— Juͤr Leih⸗Bibliotheken. Bei Ernſt Friedrich Fürſt in Nord⸗ hauſen iſt erſchienen und in allen Buchhand⸗ lungen Deutſchlands und der Schweiz zu be⸗ kommen: Die ſchone Advokaten⸗Tochter zu Wachholderleben, von G. Bertrant. Ein Seitenſtuͤck zur Pfarrers⸗Tochter zu Tauben⸗ hayn. 8. 1829. 1 Thlr. Wie leicht Unbefangenheit und Stolz ein Mädchen in das Verderben führen können, wird in dieſer wahren Geſchichte gezeigt. Der vielgeleſenen und bekannten Pfarrerstochter zu Taubenhayn darf dieſe Geſchichte mit Recht an die Seite geſetzt werden. Die gefaͤhrliche Bekanntſchaft. Eeine Raͤubergeſchichte aus dem 30jaͤhrigen Kriege, von C. F. Froͤhlich. 8. 1830. 274 Sgr. Keine gewöhnliche Räubergeſchichte findet hier der Leſer, doch iſt man ſtets ſehr ge⸗ ſpannt, und wird ſie gewiß vollkommen be⸗ friedigt am Schluſſe aus der Hand legen. Rordhauſen, 1831. Gedruckt in der Cruſenſſchen Buchdruckerei. O7S 8 e1i vMqe