V Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oilmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeiß- und geſebedingungen. — 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. f 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für 4 öchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— —— ———— auf 1 Monat: 1 M — PFf 1 MW 5 Pf. 2 W — Ff , Auswärtige Aonhenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — — S ce *, — — ——— ———— — — ————— — ———— — ———— ——— — —— — Przählungen — J. K. vön Srnin ans dem Gebiete der Romantik und des Abenteuerlichen. Zweiter Band. Enthält: 1) Wohlthat um Wohlthat. 2) Blaͤtter aus meinem militaͤriſchen Tagebuche. 3) Rettung durch Mord. —.— Nürnberg, 1831. Verlag der C, H. Zeh'ſchen Buchhandlung. mohltyat — — — — — 8 — — 2r Band⸗ „ Wie bedeutend auch immer der Einfluß früherer Lehre und Bildung auf das ſpätere Alter ſeyn mag, ſo kann doch die eigentliche Bildungsſchule des Menſchen — und beſonders des Mannes — nur durch die Erfahrung“ durch jene vielſeitige Lehrmeiſterin, vollendet werden, welche ihn beim Eintritt ins ſelbſt⸗ ſtändige Leben erwartet. Die Richtung des Charakters und der Gang des Schickſals be⸗ dingen ſich dann wechſelſeitig, ſo daß es oft nicht ſchwer fällt, den Wendepunkt zu entdek⸗ ken, wo wir uns zum Beſſern aufwärts erhe⸗ ben, oder zum Schlechteren abwärts neigen. Denn jeder von uns ſteht irgend ein Mal an jenem Scheideweg, wohin eine alterthümliche Fabel den Herkules ſtellte; und nur ſein eigen⸗ ſtes, innerſtes Selbſt entſcheidet über die wich⸗ tige Wahl; — bei dem Einen ſchneller und be⸗ ſtimmter, bei dem Andern langſamer, und nur nach vielfältigem, ungewiſſen Schwanken. Lohrbach war nach manchen harten Prüfun⸗ gen aus jener hohen Schule des praktiſchen Le⸗ bens als ein kräftiger, ſelbſtſtändiger Mann her⸗ vorgetreten. Mit gründlichen Kenntniſſen und beſonnenem Willen ausgerüſtet, hatte er im Jünglingsalter die erwählte Laufbahn als Rechts⸗ gelehrter begonnen; allein die Ungerechtigkeit, die er oft in ihren geheimſten Schlupfwinkeln aufſpürte und bekämpfte, wußte ſich empfind⸗ lich an ihm zu rächen. Einflußreiche Feinde, die er ſich durch ſeine, hier und da vielleicht allzu rückſichtslöſe, Geradheit zuzog, erſchwer⸗ ten ihm ſeine Beſtrebungen, ja verleideten ſie ihm faſt. Die früherhin glänzenden Ausſichten auf ein anſehnliches Erbe, hatten mancherlei Unfälle zu einer ſehr mäßigen Hoffnung herab⸗ geſpannt; doch der empfindlichſte Verluſt traf ihn durch der geliebten Eltern Tod, welche den Kummer über den ſinkenden Familienwohl⸗ ſtand nicht lange zu ertragen vermochten. Auch ſogar jene ſüßen Minneblumen, die er in den Dornenkranz ſeines oft ſo undankbaren Ge⸗ ſchäftslebens zu flechten ſuchte, verwelkten nur allzuſchnell. Seine erſte Liebe — ein treffli⸗ ches Mädchen, das ihres Lohrbachs Verdienſt zu würdigen, ſein Herz zu lieben verſtand — war kurz vor dem beſtimmten Hochzeitstag, ſtatt des Brautkranzes mit der Todtenkrone geſchmückt worden; und als er nach der tiefen Trauer mehrerer Jahre noch ein Mal den Ver⸗ ſuch machte, ſich durch ein eheliches Band fe⸗ ſter an's Leben zu knüpfen, erkannte er — faſt zu ſpät — die künſtlich verhehlte Unwürdigkeit der Erwählten. Dieſe ſchmerzlichen Erfahrun⸗ gen brachten ihn zum Entſchluß, unverheirathet zu bleiben, aber ſie gaben ihn zugleich einem mißmuthigen Trübſinne preis. Schon in naher Gefahr, der Welt nutzlos, und ſich ſelbſt zur Laſt zu werden, konnte nur ein kräftiger Auf⸗ ſchwung des heiligen Pflichtgefühls ihn retten; — und er ermannte ſich dazu. Mit dem ge⸗ reiften Vorſatz, ſein höchſtes Glück im Be⸗ wußtſeyn treu erfüllter Pflicht zu ſuchen, gieng ihm der ſchützende Leitſtern ſeines künftigen Le⸗ —,— — beuspfades auf. Alle verzärtelnde Rückſichten für den ſelbſtſüchtigen Genuß verbannend, lebte er deſto ungetheilter der allgemeinen Wohlfahrt; und je ſtandhafter er dieſes Ziel verfolgte, de⸗ ſto glänzender trat es hervor, deſto belohnen⸗ der kehrte Zufriedenheit und Seelenruhe zurück. Sein edles Wirken fand, wie auch Reid und Rache ihm entgegenſtreben mochten, doch immer mehr Anerkennung. Vom Landesherrn ſelbſt bemerkt und hervorgezogen, wurde ihm endlich eine Beamtenſtelle anvertraut, welche ihm viel⸗ ſeitige Gelegenheit verſchaffte, als Vorgeſetzter eines bedeutenden Bezirkes, dem Rechten das Nützlichſte und Schönſte beizugeſellen. Mit nun völlig gerettetem Lebensmuthe be⸗ wohnte er eine kleine Landſtadt an einer der gangbarſten Straßen des ſüdlichen Deutſchlands. Ohne ſelbſt Weib und Kinder zu beſitzen, war er dennoch ein reicher Familienvater geworden, denn alle rechtlichen Bewohner ſeines großen Amtsbezirkes ehrten ihn mit kindlicher Liebe. Viele Meilen im Umkreiſe gab es keinen reizender gelegenen Ort, als Lohrbachs Wohn⸗ — — ſitz war. Vom Amthauſe her, welches ſich auf einer Anhöhe mitten aus anmuthigen Garten⸗ anlagen erhob, überſchaute er im Vorgrunde das reinlich ſchimmernde Städtchen, deſſen Wies⸗ gründe den Krümmungen eines anſehnlichen Fluſſes folgten, bis ſie ſich, von Weingeländen umkränzt, in eine weite, reich angebaute Ge⸗ gend am Ausgang des Gebirgs öffneten; und dieſes bildete mit ſeinen dunkeln, dichtbewalde⸗ ten Berggipfeln einen höchſt maleriſchen Hinter⸗ grund. Der alterthümlichen, burgartig aufge⸗ thürmten Wohnung des Amtmanns ſtand ein neuerbautes ſtattliches Poſthaus gegenüber, und war ihm in mehrfacher Rückſicht eine angeneh⸗ me Nochbarſchaft; theils, weil er mit deſſen Beſitzer, dem Poſtmeiſter Werner, in freund⸗ ſchaftlichen Verhältniſſen ſtand; theils, weil es ihm Gelegenheit zu mancher anziehenden Be⸗ kanntſchaft darbot; denn nicht ſelten traß ſich's, daß die Durchreiſenden der ſchönen Gegend ei⸗ nen längern Aufenthalt widmeten. An einem heitern Nachmittage des Spät⸗ ſommers ſtand Lohrbach, von den beendigten 10 — Amtsarbeiten ausruhend, auf dem vffenen, mit einer Akazien⸗Allee bepflanzten Vorplatz des Poſthauſes. Unter mancherlei ſtillen Bemerkun⸗ gen pflegte er dort die Reiſenden zu muſtern⸗ welche zu dieſer Jahreszeit, gleich den Wan⸗ dervögeln, in größerer Anzahl dem Süden zu⸗ jagen. Zuweilen trat er auch wohl gefällig herbei, um auf dieſe oder jene Erkundigung der Ausländer, mit welchen Werner ſich nicht im⸗ mer gehörig verſtändigen konnte, befriedigende Auskunft zu geben. Als nun der Abend zu dämmern begann⸗ und nach dem lärmvollen Geräuſch der ab- und zufahrenden Wagen eine wohlthuende Stille ein⸗ trat, ſetzte ſich der Poſtmeiſter zur gewöhnli⸗ chen Unterhaltung an Lohrbachs Seite auf die Thürbank, von welcher man einer freien Aus⸗ ſicht genoß. Was man während des Tages be⸗ merkt und erfahren, bot ihrem Geſpräch einen ſtets ergiebigen Stoff dar. Der Poſtmeiſter war, bei einer gewiſſen ſcheinbaren trocknen Ma⸗ nier, doch ein ſehr launiger, feiner Beobachter und Erzähler; er wußte die Eigenheiten ſeiner Gäſte, ihre oft lächerlich überſpannten Anfors derungen, die mißtrauiſche Knauſerei des Ei⸗ nen, die prahlhafte Windbeutelei des Andern, den egviſtiſchen Hochmuth, die pfiffig berechnende Schlauheit und die närriſchen Sitten der Uebri⸗ gen in das ergötzlichſte Licht zu ſetzen. Dazu war er Meiſter in der Kunſt, die auffallendſten Manieren ſolcher ausgezeichneten Paſſagiere, auf das Treueſte nachahmend, zur Anſchauung zu bringen; — welche erheiternde Naturgabe Lohr⸗ bach auch heute wieder anerkennen mußte, als Werner ihm eine eben erlebte allerliebſte Zank⸗ ſcene zum Beſten gab. Auſſer ihm ſelbſt, als Vermittler, traten noch einige intereſſante Per⸗ ſonen, in ihrem eigenthümlichen Charakter han⸗ delnd, auf: nämlich eine vornehme, alte, pre⸗ ciöſe Franzöſin mit ihrer ſchnippiſchen Nichte und ungezogenen Zofe; ein hochfahrender, den Herrn ſpielender Valet de chambre, und ein vierſchrötiger Poſtillon, der das Deutſch, das jene Perſonagen auſ's Jämmerlichſte radebrech⸗ ten, deſto gründlicher und verſtändlicher zu hand⸗ haben wußte. Alle waren zuerſt mit dem knau⸗ ſerig abgelohnten Poſtillon, dann aber, wegen Verſchiedenheit der Meinungen, auch unter ſich in einen höchſt verwickelten Zwiſt gerathen, ſo daß man ſie noch im Abfahren, mitten durch die lauten Flüche des Poſtillons) mit einander keiſend parliren hörte. „Freund!“ rief Lohrbach, nach dieſer kleinen theatraliſchen Darſtellung aus dem Stegreife, herzlich lachend aus: „Ihr ſeyd ganz für Eure Stelle geſchaffen! So wie Ihr, weiß ſchwerlich ein Poſtmeiſter dem thörichten Treibjagen herum⸗ ſchweifender müßiger Reiſenden, denen die Lan⸗ geweile überall, wo ſie ihr zu entkommen ſu⸗ chen, tückiſch auflauert, die rechte Seite und Anſicht abzugewinnen! Wie Mancher würde ſich an Eurer Stelle da bitterlich ärgern, wo Ihr ſchalkhaft zu beobachten und harmlos zu lachen verſteht!“ „Nun, nun!“ erwiederte Werner; „es macht in der Wirklichkeit denn doch Manches einen ganz audern Effekt, als in der Erzählung! Und glaubt es mir immer, nur zu oft iſt's ein mühſeliges, heckeliges Ding, Poſthalter und Gaſtgeber zu ſeyn! —,— — — 13 — Es gehört eine eigne Gewöhnung dazu, äußer⸗ lich kalt zu bleiben, wenn's im Innern aufzuwal⸗ len anfängt; und eine eigne Kunſt, zur rechten Zeit höflich, aber auch, wenn's die Noth erfor⸗ dert, ſtreng und derb zu ſeyn; ich wundere mich gar nicht, wie Männer meines Standes in den allgemeinen Ruf der Grobheit gekommen ſind. Wer ſo, wie unſer einer, Jahr ein, Jahr aus, oft die allerſeltſamſten Gäſte mit ihren tau⸗ ſend albernen Grillen und wunderlichen For⸗ derungen abzufertigen und zu beherbergen hat, der . Doch ſeht!“ unterbrach er ſeine Rede, erſchrocken aufſpringend und nach der Bergwand hindeutend, an welcher die Poſtſtraſſe herab⸗ lief: „Dort gibt's ein Unglück! Gewiß hat einmal ein fauler Poſtillon ſich das Einhemmen erſparen wollen, und die Pferde ſind durchgegangen!“ Lohrbach erſchrak ſelbſt, als er hinüber blick⸗ te. Mehr fliegend, als fahrend, glitt ein Wagen, deſſen Inhalt man eben ſo wenig, als ſein Ge⸗ ſpann zu unterſcheiden vermochte, von der ſtei⸗ len Höhe hernieder. „Jetzt!“ rief Werner, als das herabſchießende — 1 — Fuhrwerk an einer Biegung des Weges anlangte „Jetzt ſind ſie verloren oder gerettet⸗ wie's fält““ — Aber es gieng glücklich ab, Alles blieb im Gleichgewicht, und ehe noch fünf Mi⸗ nuten verlaufen waren, rollte ein zweiſitziges leichtes Fahrzeug, mit einem Paar brauſender Rappen beſpannt, vor das Poſthaus. „Brr!“ rief ein ſchlanker, feingekleideter Kutſcher vhne Hut, den er wahrſcheinlich bei der windſchnellen Bergfahrt verloren hatte. La⸗ chend ſchüttelte er die dichten, ſchwarzen Locken und das ſchöne, glühende Geſicht. Die Pferde ſtanden verſchnaufend, faſt zitternd, als käme ihnen ſelbſt jetzt die Ahnung der Gefahr. Nach dem gebieteriſchen Heit des auſet ſprang eilig der Herr aus dem Wagen, und er⸗ griff die Zügel. „Ausſpannen?“ fragte er⸗ ehr⸗ erbietig zum Kutſchbock aufblickend. „Wir wol⸗ len uns erſt ein wenig umſehen!“ war die Ant⸗ wort: „Halte unterdeſſen hier.“ Mit einem raſchen Sprunge ſtand er leicht und feſt auf dem Boden dann ſchritt er, die Daſtehenden mit 15 freundlichem Kopfnicken grüßend, einer hochlie— genden Terraſſe zu, von wo aus ſich dem Blick die freieſte Ausſicht in 4 ausgebreitete Land⸗ ſchaft öfſnete. Der Poſtmeiſter näherte ſich unterdeſſen dem vermeinten Herrn, in welchem nun der Kutſcher zu erkennen war. Er wünſchte ihm Glück, das gefahrvolle Abenteuer, mit durch⸗ gehenden Pferden von ſolch einer Höhe herab, ohne Unfall beſtanden zu haben. „Bin leider dieſer halsbrechenden Fahrten ſchon ziemlich gewohnt!“ erwiederte der Kutſcher. „Ich habe einen braven Herrn, dem man gerne dient; aber ein bischen Lebensgefahr iſt freilich immer dabei. Der reitet und fährt, als ob er ein Dutzend Hälſe im Vorrath mit im Reiſe⸗ koffer hätte! Ein zerbrochenes Bein und eine zerſplitterte Are gilt ihm ſo ziemlich gleich. Er läßt eben dort den Doktor, und da den Wagner rufen; — meint dann, damit ſey's wieder gut. Herr Poſthalter!“ fügte er mit faſt zorniger Miene hinzu: „Sehen Sie, ich bin nur ein armer Teufel, aber ein Jahr lang diente ich — 16 — meinem Herrn mit Freuden umſonſt, wenn er da⸗ durch nur halb ſo viel geſunden Menſchenver⸗ ſtand bekäme, als unſer einer! Hab' ich ihn denn nicht dort auf dem Berge himmelhoch gebe⸗ ten, mich einhemmen zu laſſen? Er wollte mir zeigen, wie man einen ſolchen Hügel auch ohne Hemmſchuh hinabkommen könne; das war die Antwort. Und damit ſchwang er ſich ſelbſt auf meinen Sitz. Mich aber ſollte wohl kein Menſch auf ſeinen Platz in den Wagen gebracht haben, hätte ich mich nicht geſchämt vor dem Vorwurf der Feigheit, und hätte ich ihn ſonſt nicht ſo lieb.“ Während dieſer Unterhaltung war Lohrbach dem Fremden, welcher gleich beim erſten Anblick ſeine Theilahme gewann, nachgegangen, um wo möglich ihm Rede abzugewinnen. Bei ſeinem eingeübten Blick ſprach er ihn richtig als einen jungen Engländer an, und durfte, da er der Sprache vollkommen kundig war, die gewünſchte Unterhaltung nicht ſchenen. Doch der junge Mann redete ihn ſelbſt zuerſt und zwar deutſch an, ſo daß man wohl den fremden Accent, zu⸗ gleich — 1 gleich aber eine lang eingeübte Fertigkeit bemer⸗ ken konnte. William, ſo hieß der Engländer, war in der That während eines frühern Aufent⸗ haltes in Deutſchland des Ausdruckes mächtiger geworden, als die meiſten ſeiner Landsleute; und man bemerkte bald, daß er ſich darauf nicht we⸗ nig zu gute thue. „Wir bleiben hier!“ rief er, nach kurzer Un⸗ terhaltung über die Hertlichkeiten der Umgegend, ſeinem Kutſcher zu. „Die Landſchaft iſt ſchön, die Menſchen ſcheinen umgänglich; und die Ruhe thut doch wohl nach ſolch einer Fahrt!“ er ſich zu Lohrbach. „Gewiß!“ erwiederte dieſer. „Aber Sie dür⸗ fen ſich glücklich preiſen, daß Ihnen dieſe Fahrt nicht zu einer noch weit tiefern Ruhe verholfen hat.“ „Sie meinen wohl die da unten, tief unter dem Raſen?“ lächelte der Jüngling. „Ei nun! was wär's denn mehr? Iſt nicht unſer Leben ein Geſchenk? und darf man bei ſeinem Genuſſe mehr damit geizen, als man es mit andern Ge⸗ ſchenken zu thun pflegt? — Sollte es Der wohl 2r Band. 2 „ anders gemeint haben, der das Seyn an das Richts wie ein Almoſen austheilt, und vor dem es in jeder Secunde millivnenmal wieder in Richts zerfällt, zum Beweiſe, wie wenig ihm ein einzelnes Weſen gelte?“ Der Amtmann fand es der allzuneuen Be⸗ kanntſchaft nicht angemeſſen, hierauf anders, als mit einem leiſen Kopfſchütteln, zu antworten, wöhrend ſie mit einander nach dem Poſthauſe zurückgingen. Er hatte dem fremden Jüngling nicht lang ins feurig blitzende Auge geſchaut, als er ſich ein vorläufiges Urtheil über ihn er⸗ laubte, welches zurückzunehmen er in der Folge keine Veranlaſſung fand: Ein junger, kraftvoller Wildfang von ausgezeichneten Anlagen; aber noch viel zu tief im Rauſch des Sinnenlebens befangen, um dem aufſtrebenden Geiſt die volle Herrſchaft zu geſtatten. So glaubte ihn Lohr⸗ bach zu erkennen. „Finden ſich in Ihrem Keller einige Flaſchen des beſten Weines, den dieſe Gegend liefert?“ war Williams erſte Frage an den Poſtmeiſter, welche dieſer, wie jeder Wirth im ähnlichen Fal⸗ le, bejahte. „Nun, ſo trinken wir ein Gläschen zuſammen?“ wendete er ſich fragend an Lohr⸗ bach. Dieſer ſchlug's nicht aus; aber freilich auf eine Art, die den jungen Mann zu über⸗ raſchen, ja faſt zu beleidigen ſchien. Denn der Amtmann rief dem, eben zur Beſorgung ab⸗ gehenden Poſtmeiſter nach: „Auch eine Byuteille für mich, lieber Freund!“ „Wie ?““ fragte William mit höher erglühen⸗ den Wangen: „Sie meinen alſo, ich kann Ihnen, als meinem erbetenen Gaſte, kein Glas Wein vorſetzen?“ „Das können ſie ohne Zweifel,“ ſagte Lohr⸗ bach ruhig. „Aber,“ fuhr er, da jetzt eben der Kellner auftrug, in engliſcher Sprache fort, „ich bin nun einmal nicht gewohnt, Sir, mich an irgend Jemand, den ich nicht genauer kenne, auf Diskretion zu ergeben. Jedem Anklange der Gläſer ſcheint ſich mir von Seiten des Freige⸗ haltenen etwas Unreines beizumiſchen; tönte es auch nur wie gehorſamer Dank, ſo iſt ſchon die edle Freiheit des Geſprächs, das den Trunk erſt würzen muß, verkauft für Rebenſaft. Solchen 2 — ⸗ — Tauſch liebe ich nicht! Trinken Sie Ihren Wein, und ich den meinigen, ſo leben wir als freie Männer ſelbanter; — keiner genirt weder ſich, noch den Zechgeſellen.“ — William ſah ihn mit großen Augen an. „Herr!“ ſagte er, ihm die Hand reichend, „ich müßte mich ſehr irren, oder Sie ſind ein geborner Engländer?“ — „Und wer wehrt es mir,“ antwortete Lohrbach, „Sie aus gleichen Gründen für einen gebornen Deutſchen zu halten?“ — „Ei nun!“ rief William fröhlich aus; „ſo laßt uns denn Men⸗ ſchen ſeyn! Da iſt ja alles in Einem begriffen!“ „Recht ſo!“ erwiederte Lohrbach, die dar⸗ gebotene Rechte kräftig ſchüttelnd; „Sie haben die einzig echte große Nation genannt, wel⸗ cher anzugehören auch mein Stolz iſt.“ — klangen denn die Becher zum weltbür⸗ gerlichen Toaſt „auf's Wohl der großen Na⸗ tivn!“ Die Rede wendete ſich jedoch bald vom Ganzen zum Einzelnen zurück. Jeder theilte über die charakteriſtiſche Verſchiedenheit der Völ⸗ ker, ihrer Verfaſſung und gegenſeitigen Stel⸗ lung zu einander ſeine eigenthümlichen Meinun⸗ gen und Anſichten mit; wie denn in jener viel⸗ fach bewegten Zeit faſt jede geſellſchaftliche Un⸗ terhaltung, wohin man ſie auch wenden mochte, doch, gleich der Magnetnadel, immer wieder denſelben Pol aufſuchte; ſo daß nicht blos die Männer beim Weinglaſe, ſondern ſogar die Frauen am Theetiſche über republikaniſche und monarchiſche Streitfragen, nicht ſelten mit ei⸗ nem, die Gemüther entzweienden, Eifer zu verhandeln pflegten. Daß unſer junger Britte im Lobe des ge⸗ liebten Vaterlandes und ſeiner Verfaſſung un⸗ erſchöpflich war, verſteht ſich von ſelbſt; auch fand er im Allgemeinen beim Amtmann ſo viel anerkennendes Lob Englands, daß er ſich immer entzückter ins patriotiſche Feuer hinein redete und trank. Das Wort zu einem andern Gegenſtande hinlenkend, ſagte dann Lohrbach: „In der That bin ich ein ſo treuer Anhänger der konſtitutio⸗ nellen Monarchie, daß ich behaupte, kein Menſch ſey wohl regiert, der ſie nicht bei ſeiner eig⸗ nen Perſönlichkeit einführt.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte William verwundert. „Ich meine,“ erklärte ſich Lohrbach, „daß in einem gut regierten Menſchen nicht die demo⸗ kratiſch, ja anarchiſch geſinnten Leidenſchaften und Sinnentriebe herrſchen, ſondern daß der Geiſt als Monarch auf dem Thron ſitzen ſoll; doch nicht, ohne die magna charta feierlich be⸗ ſchworen zu haben, die ihm höhern Orts am Altare der Religion und Moral vorgehalten wird. — Glaubt es mir, mein junger Gentle⸗ men, bei ſolchem conſtitutionellen Regimente wird das Unterhaus der Sinne mit ſeinem, ihm vorgeſetzten Sprecher Verſtand niemals eine Bill einbringen, die nicht das Oberhaus der Vernunft prüft, ehe ſie der Monarch Geiſt genehmigt, und ihr ſein königliches Sie⸗ gel aufdrückt.“ „Ihr ſeyd mein Mann!“ rief William, in⸗ dem er dem Allegoriſten das Taſchenbuch mit der Bitte hinreichte, ſeinen Namen einzuzeich⸗ nen. „Iſt erſt mein Unterhaus beſſer geord⸗ net; hat mein Sprecher keine ſo warme Oppo⸗ N — ſitivn mehr zu bekämpfen, und gelangt einſt mein Oberhaus ganz zu ſeinen urſprünglichen Gerechtſamen, womit es leider bis jetzt noch hapert — dann kehre ich wieder zu Euch zu⸗ rück, und wir ſprechen mehr von der Sache: — darauf mein königliches Ehrenwort!“ Lohrbach ſchlug freudig ein. Die beiden Zecher, deren Einer freilich im⸗ mer ein übervolles Glas mit einem Zuge leer⸗ te, während der Andere nur wenig davon ko⸗ ſtend genoß, rückten ſich im Verfolg des Ge⸗ ſprächs immer näher, ſo daß der Amtmann nun wohl eine Frage über Williams bisheriges Leben und Treiben wagen durfte. „Was ich treibe?“ erwiederte dieſer: „Ei nun! ich genieße die Welt! Kann man das Le⸗ ben beſſer nützen, als durch dieſen Genuß⸗ wenn Jugend, Glück und Geſchick ihn vergön⸗ nen?“ „Wohl gut!“ entgegnete Lohrbach: „aber genießt die Welt auch Sie?“ „Freund!“ rief William lachend, „da fra⸗ gen Sie doch die Welt ſelbſt, — die ſchöne insbeſondere. Denn ich Ein zu beſcheiden, dar⸗ auf zu antworten.“ Lohrbach machte wohl den Verſuch, ihn für den ernſten Sinn ſeiner Frage zu ſtimmen n aber er gab ihn bald wieder auf. Der junge, reiche, durch keine Verhältniſſe gebun⸗ dene, genußſüchtige William war für die Rich⸗ tung, die ihm der ältere Freund ſo gern gege⸗ ben hätte, offenbar noch nicht reif. „Ein heftig brauſender Moſt,“ ſagte der Poſtmeiſter, als Lohrbach mit ihm wieder allein war, „aber ſicher vom edlen Gewächs, aus dem etwas Treffliches hervorgehen könn⸗ te.“ — „Wenn er,“ ſetzte Lohrbach hinzu, „die bevorſtehende Kriſis ſo überſteht, daß ſie nicht zur wilden Gährung umſchlägt. — Aber laßt uns immer das Beſte hoffen.“ Der Amtmann war durch eine Reihe von Erfahrungen, wie ſie Jeder im Laufe eines längern Lebens macht, zu einer Selbſterkennt⸗ niß gelangt, die denn doch nicht Jeder ge⸗ winnt; darum fehlte es ihm niemals am rich⸗ — tigſten Takt zur Behandlung Anderer. Einem vollkräftigen, mitten im Genuß der Jngendblü⸗ the ſchwelgenden Jüngling viel vormoraliſiren, das ſey — meinte Lohrbach — immer ein ver⸗. gebliches Bemühen, wofern nicht diec frühere Erziehung gehörig vorgearbeitet habe. „Ihn kann ja nur die Erfahrung belehren; ſo wie der Schiffer blos auf dem Meere ſelbſt, käm⸗ pfend mit Sturm und Wellen, die drohenden Klippen und Sandbänke vermeiden lernt. So lange nur der Geiſt, als Steuermann des zer⸗ brechlichen Schiffleins, Kraft und Beſonnenheit nicht verliert; nicht die Trägheit erlahmt oder im böſen Rauſche verſinkt, bleibt immer gute Hoffnung zum glücklichen Ende der Fahrt Daß in dieſer Hinſicht für William in der That bis jetzt noch mehr zu hoffen, als zu fürchten ſey, davon überzeugten ſich die beiden Freunde täglich mehr. Wie ſeltſam und ſchroff auch oft ſeine Anſichten gegen die ihrigen abſtechen mochten, ſo fehlte doch ſelten ein gewiſſer ge⸗ ſunder Kern des Urtheils, wenn man ihn auch oft erſt mit einiger Geduld aus ſeiner ſpröden, 2 nach allerlei Vorurtheilen ſchmeckenden Hülſe herausklauben mußte. Williams Aufenthalt, dem Anfangs nur ei⸗ nige Tage beſtimmt waren, verlängerte ſich auf einige Wochen, ſo wie er allmählig mit der reizenden Lage des Ortes und mit der treuher⸗ zigen Gutmüthigkeit ſeiner Bewohner näher be⸗ kannt zu werden anfieng. Von ſeinem Stand⸗ punkt aus machte er häufig Ausflüge in die Umgegend, und kam gewöhnlich nicht ohne be⸗ reicherte Kenntniß, wohl aber auch nicht ohne die Erinnerung an mancherlei Abentheuer ſol⸗ cher Art zurück, daß er ſie ſchwerlich alle ſei⸗ nem edlen Freunde Lohrbach mitzutheilen ge⸗ wagt haben möchte. Das väterliche Anſehen, in welches ſich die⸗ ſer ſogleich in der erſten Stunde bei ihm zu ſetzen gewußt hatte, blieb in Kraft, und wuchs immer mehr. Der Jüngling ſuchte ihn oft auf⸗ um ſich bald über dieſen, bald über jenen Plan Raths zu erholen. Aber faſt noch mehr, als Lohrbachs verſtändige Reden, wirkte auf ihn ſeine männlich milde Perſönlichkeit; die anſpre⸗ — — chende, wohlthuende Ordnung ſeines kleinen Hauswe ſens; die allgemein anerkannte Ge⸗ meinnützigkeit ſeines öffentlichen Wirkens, und die gehaltreiche Ruhe ſeiner einſamen Beſchäf⸗ tigungen. „Endlich muß ich doch ſcheiden!“ mit die⸗ ſen Worten trat eines Tages William dem Amtmann entgegen, als dieſer, ihn aufzuſu⸗ chen, herüber in's Poſthaus gekommen war: „Könnt' ich länger bleiben, blieb' ich vielleicht immer! Aber die Welt iſt noch groß; ich habe noch allzuwenig von ihr geſehen; und der Ban⸗ quier in Paris, der mir neue Zahlung zu lei⸗ ſten hat, wundert ſich ohne Zweifel über mein langes Ausbleiben. Wohin und wie weit mich aber auch meine Reiſeluſt noch führen mag, den Weg vergeſſ' ich nirgends, der mich einſt zu Euch zurückführt! Gewiß,“ hier reichte er Lohr⸗ bach die Hand, „wir ſeh'n uns wieder!“ „Gewiß?“ lächelte dieſer mit leiſem Kopf⸗ ſchütteln; „leider wird Sie, mein junger Freund, der Lauf der Welt und des Lebens bald genug lehren, daß die Zeit kurz, und der Menſch — 28 — nicht Herr ihrer Richtung iſt; — kaum dann, wenn er immer auf geradem Pfade ſeiner Pflicht nachgeht; gewiß niemals, wenn er, abir⸗ rend auf Seitenwege, blos die Befriedigung ſeiner Gelüſte aufſucht.“ „Ei was!“ rief William, „das iſt mir ze 1 gelehrt! Mag's nun krumm oder gerade gehen 1 — genug, es kommt die Stunde, wo wieder 1 Eiiner dort die Höhe herabrollt, daß Ihnen die Augen ſchwindelnd übergehen, wie neulich; und wenn Sie dann den lockern Paſſagier, der ſo toll in den Tag hineinrennt, näher betrach⸗ ¹ ten, iſt's wahrhaftig Ihr wohlbehaltener Wil⸗ liam! — Da ſie es aber ſo ſtreng nehmen mit der Pflicht, ſo wiſſen Sie denn, daß ich's für eine meiner heiligſten halte, Sie ſpäterhin noch ein Mal aufzuſuchen. Wer weiß,“ ſetzte er mit einem Ausdruck hinzu, den man am jungen Leichtfuß nicht gewohnt war, „wer weiß, wär' mir's beſſer, wenn ich ſie früher gekannt, und immer in Ihrer Rähe gelebt hätte!“ Der Reiſewagen hielt ſchon lange vor der Thüre, als William noch feſt an der Seite der — 525 — beiden Freunde ſaß. Die Scheideſtunde hatte im Anfang dieſer letzten Unterhaltung mit ih⸗ nen eine ernſtere Stimmung herbeigeführt, ſo daß dem Amtmann der rechte Moment gekom⸗ men zu ſeyn ſchien, dem Abreiſenden noch man⸗ ches tiefer eingreifende Wort und manchen heil⸗ ſamen Rath mit auf den Weg zu geben. Doch dem Jüngling ward es unheimlich und unbe⸗ quem in dieſem ungewohnten Ernſte; er ſetzte der Flaſche ſo emſig zu, daß bald eine ausge⸗ laſſene Fröhlichkeit, als ſeine gewöhnliche Ge⸗ fährtin, jenen ſeltenen Gaſt verjagte. Nicht ohne ein wehmüthiges Gefühl innern Unwillens über dieſen erzwungenen Wechſel, ſagte Lohr⸗ bach zum Poſtmeiſter, als der Engländer, zur Beſorgung einiger Reiſebedürfniſſe, hinausge⸗ gangen war: „Er ſcheidet, wie er kam! Aber ſo kommt er nicht wieder zurück, wie er jetzt ſcheidet!“ — „Sollte er uns wohl gar ohne Abſchied ent⸗ wiſchen wollen?“ fragte Werner, als William lange ausblieb, und Lohrbach eilte ſelbſt hin⸗ aus, ſich nach ihm umzuſehen. Er fand ihn ——— — aber noch auf dem Vorplatze in einer ſeltſamen Unterhaltung mit zwei ärmlich gekleideten Kna⸗ ben, deren einer ſeinen kleinen Trödelkram von allerlei unbedeutenden Waaren an einem Bande im Körbchen vor ſich trug. „Am Ende wird mir's faſt zu bunt!“ rief ſo eben der Engländer aus, und ließ ein Gold⸗ ſtück in den Korb herabfallen. „Stellen Sie ſich vor!“ redete er Lohrbach an, der verwun⸗ dert herzugetreten war; „dieſer kleine Schelm von Kaufmann plündert mir die Reiſetaſche mit ſo unverſchämtem Glück, als es mir leider nych niemals an einer Spielbank gelächelt hat.“ Der Kleine hatte nämlich dem vornehmen jungen Herrn dringend angelegen, etwas von ſeinen Siebenſachen zu kaufen. Dieſer that, ihn los zu werden, den Vorſchlag, um den ganzen Kram auf Gerade und Ungerade mit ihm zu ſpielen; aber der tapfere Junge nahm die Parthie muthig an; wahrſcheinlich, weil er es dem Fremden wohl anſah, daß ein armer Främer bei ihm auf keine Weiſe zu kurz kom⸗ men werde. — Der ausgeſetzte Preis ward ge⸗ wonnen; ein zweiter und dritter Satz folgte, und wie auch immer der Ausſetzende verdoppeln und wechſeln mochte, niemals entging dem Ra⸗ thenden ein neuer Gewinn. „So habe ich,“ fügte William der Erzählung bei, „anfangs im Scherz ſein Glück auf die Probe ſtellen wollen, und werde nun faſt im Ernſt ärgerlich über mein Unglück. — Doch noch einmal ſetze ich das Doppelte daran!“ Hiermit that er einen neuen Griff in die Börſe. „Halt!“ lächelte der Amtmann: „hier tritt meine polizeiliche Antorität gerade zur rechten Zeit ins Mittel. Sie wiſſen es vermuthlich nicht, Sir William, daß hier zu Lande alle Hazardſpiele ſtreng verpönt ſind? — Auf alle Fälle laſſen Sie mich doch ein paar Wörtchen mit dieſen Glücksrittern wechſeln, um mich zu überzeugen, ob's auch überall hübſch ehrlich zu⸗ gegangen ſey.“ — Doch das Examen ſiel für beide Knaben gut aus. Der kleine Kaufmann — ein hüb⸗ ſcher, wohlgeſitteter Junge, dem jetzt, als er ſeinen gewonnenen Schatz näher betrachtete, hel⸗ le Freudenthränen über die glühenden Backen herabrollten — war der Sohn einer Wittwe, die ſich als Wilzerin und nebenbei von einem kleinen Kramladen kümmerlich nährte. Da ihr Wohnort mit zu Lohrbachs Amtsbezirk gehörte, ſo waren ihm die nähern Verhältniſſe bekannt genng, um der Angabe des Knaben Glauben beimeſſen zu können. „Und was fängſt Du nun mit dem vielen Gelde an, Johannes?“ fragte S der Amt⸗ mann. * „Die Hälfte davon bekommt meine Mut⸗ ter,“ war die Antwort. — „Und die andere Hälfte?“ fragte Lohrbach weiter. — Der Knabe blickte, wie verlegen, vor ſich nieder dann aber ermuthigt dem Fragenden ins Auget „Der da bekommt die andere!“ ſeste 3 ſeinen Gefährten deutend. „Aber er hat es Dir doch nicht mitgewin⸗ nen helfen?“ ſagte William. — „Macht nichts!“ erwiederte Johannes; „ich und Gottfried, wir theilen alles mit einander.“ ſich Die Zuigleit ihres Freundſchaftbundes t — 33 — ſich bei genauer Erkundigung immer mehr zu erkennen. Der Gefährte des kleinen Krämers war ein Waiſe aus einem entfernten Dorfe. Der Zufall und die Aehnlichkeit ihres äußerli⸗ chen Looſes hatte Beide zuſammengeführt; durch gleichgeſtimmte Reigungen waren ſie engverbrü⸗ derte Freunde geworden, und hatten die ganze Umgegend als unzertrennliche Reiſegefährten durchzogen, der Eine mit ſeinen Pfennigswaaren hauſirend, der Andere mitleidige Herzen um einen Beitrag anſprechend, um ſich, wenn es glückte, künftig auch vielleicht eine ähnliche trag⸗ bare Krambude anſchaffen zu können; welches ihm freilich jetzt noch eine faſt unerſchwinglich hohe Geldſumme zu erfordern ſchien. „Sieh nur her!“ ſagte Johannes, ihm die volle Hand vorhaltend, „nun iſt Dir auf ein Mal gehol⸗ fen!“ 4 Wer dieſen Gottfried genauer in's Auge faß⸗ te, konnte ſich die innige Zuneigung wohl er⸗ klären, mit welcher Johannes an ihm hing. Er war von ſo auffallend ſchöner Bildung, daß ſelbſt der bettelhafte Anzug dem angenehmen 2r Band. 3 Eindruck ſeines Anblics nicht ſchadete. Den Namen Johannes hätte man ihm eher als ſei⸗ nem Freunde geben mögen. Das lichtbraune Haar floß längs der hohen Stirne neben zwei blauen, mildblickenden Augen und zartgerötheten Wangen herab, ſo daß man ſich bei dieſer Ge⸗ ſtalt wohl an Domenichino's holdſeliges Bild vom Schovßjünger des Herrn erinnern konnte. Daß der Druck ſeines verwaiſeten Lebens und das Verderbliche ſeines müßigen Umherirrens, den Geiſt, der aus dieſem ſchönen Geſicht her⸗ vprleuchtete, bis jetzt noch nicht zu unterdruͤcken vermochte, ergab ſich im Verfolg der Unterhal⸗ tung mit ſeinem Gefährten; denn er ſelbſt ſprach wenig, und antwortete nur mit leiſen, blöden Worten auf die an ihn gerichteten Fragen. Jv⸗ hannes aber erzählte: ſein Wondergeſelle habe ihm bald nach ihrer geknüpften Bekanntſchaft mit Thränen geklagt, daß er noch nicht leſen könne, denn Niemand habe es ihn bis jetzt ge⸗ lehrt. — Aus Barmherzigkeit war der Knabe nach dem Tode der armen Eltern vom Hirten ſeines Dörfchens aufgenommen worden; der 35 — Mann hatte ihm aber dieſe Wohlthat in der Folge nur allzuhoch angerechnet; er behandelte ihn mit Härte, und trieb ihn zur Zeit, wo er ſich ſeiner nicht auf der Viehweide bedienen konn⸗ te, ſelbſt hinweg, um Almoſen einzuſammeln, ſo daß der geplagte Gottfried endlich gar nicht mehr zurückkehrte. — „Da ich, Gottlob! tüchtig leſen kann,“ fuhr Johannes zu erzählen fort, „ſo haben wir uns dann oft unterwegs unter einen Baum gelegt, und Schulmeiſter geſpielt. Er hat es aber aus den paar Büchern, die mir meine Mutter immer mitgibt, (es war ein neues Teſtament und ein Geſangbuch,) in kurzer Zeit ſo gut begriffen, daß er's jetzt noch beſſer kann⸗ als ich ſelbſt. Dagegen habe ich auch Manches von ihm gelernt. Denn ſeinem Pflegevater, dem Hirten, hat er die Namen vieler Pflanzen abge⸗ fragt, die im Walde und auf der Wieſe wach⸗ ſen, und von manchen weiß er ſogar, wozu ſie gebrancht werden. Das iſt nun meine größte Luſt, ſo viele ſchöne Blümchen näher kennen zu lernen. Denn weiß man nur erſt, wie Jemand heißt, und wer er iſt, ſo bekümmert man ſich 5 — —— auch mehr um ihn, und kommt immer beſſer zur Einſicht, was eigentlich hinter ihm ſteckt.“ Lohrbach blickte mit väterlichem Wohlgefallen auf den verſtändigen Johannes herab. Auch William hatte der Unterredung mit ſteigender Theilnahme zugehört. Jetzt zog er den Amt⸗ mann bei Seite, um ihm mit einigen leiſen Worten noch Etwas in die Hand zu drücken, wofür dieſer die ſeinige mit herzlichem Danke ſchüttelte. „Hört, Kinder!“ wendete Lohrbach ſich wieder zu den beiden jungen Freunden: „Ihr ſeyd in dieſer glücklichen Stunde viel reicher geworden, als Ihr es ſelber wohl meint. Aber wißt Ihr denn, wie Leute, die gern zu Etwas kommen möchten, es mit ihren Kapitalien zu halten pfle⸗ gen? Sie thun dieſelben auf Zinſen ans; ja ſie ſparen vft auch dieſe wieder, um jene damit zu vergrößern; ſo wächſet es dann immer fort! Wie wär's, wenn Ihr die Gaben Eueres Wohl⸗ thaters hier auch auf Kapital legtet? Ihr könn⸗ tet vielleicht reiche Männer dadurch werden!“ „Aber wie ſollten wir das anfangen?“ lächelte Johannes. „Für uns arme Jungen iſt das frei⸗ lich wohl viel Geld, doch die Zinſen davon würden uns, denke ich, eben nicht weiter hel⸗ fen.“ „So macht mich zu Euerm Schatzmeiſter, und ſchlagt Euch ſelbſt mit zum Kapital hinzu. Ich leihe Euch mit auf Zinſen aus, und gedenke dabei nicht zu kurz zu kommen. — Ihr verſteht mich nicht, wie ich bemerke, da Ihr mich ganz verwundert anblickt. So hört denn, wie ich's meine: Ich bringe Euch, wenn Ihr wollt, bei braven Meiſtern in die Lehre, und bezahle das nöthige Lehrgeld von Euerm Gewinn. Lernt Ihr dann eben ſo brav, als Eure Lehrherrn Euch unterrichten werden, ſo kann's gar nicht fehlen⸗ daß Ihr mir die Mühe einſt vielfältig durch die Freude vergütet, die Euer gutes Gedeihen mir machen wird.“ — Während der Amtmann die beiden gerühr⸗ ten Knaben für eine edlere Beſchäftigung und eine frohere Zukunft gewann, rollte Williams Reiſewagen vor. „Werden Sie nur vollends mit dieſen Glückskindern fertig!“ rief er, einen längern Abſchied vermeidend. „Ich gebe zu Al⸗ lem meine Einwilligung; vielleicht auch fernere Beihülfe. — Und nun, Freunde! lebt wohl! — Wir ſeh'n uns wieder: — gewiß!“ Lohrbach hätte dem eiligen, ſchon vom Kut⸗ ſcherſitz herabgerufenen Lebewohl ſo gern noch Manches hinzugefügt; allein ehe er noch zum Wort kommen konnte, galoppirte das raſche Ge⸗ ſpann mit dem leichten Fuhrwerk der Berg⸗ ſtraſſe zu. Die reichbeſchenkten Knaben liefen noch eine Strecke hinterdrein, und Johannes rief ſo laut er konnte, ſeinen Dank nach, dem der Fortzie⸗ hende vielleicht gerade recht ſchnell zu entkom⸗ men geſucht hatte. Lohrbach fand bald einige wackere Männer, gerade, wie er ſie für Gottfried und Johannes gewünſcht hatte. Die Freude ſeiner Mutter er⸗ höhte die Freude Johannes über ſeine neue Lauf⸗ bahn, und die beiden jungen Freunde wetteiferten mit einander, das treffliche Zeugniß, welches ihnen gleich im Anfang ihrer Lehrjahre ertheilt wurde, nun auch für immer zu verdienen. — 39 — Seit dieſem Vorgange war eine Reihe von Jahren verfloſſen. Der Amtmann hatte ſeine Stelle, ob er es gleich als ein anerkannt treuer⸗ verdienſtvoller Geſchäftsmann wohl gekonnt hätte, mit keiner höhern vertauſcht, da er nun einmal in dieſem Städtchen ganz eingebürgert und über⸗ haupt der Meinung war: vieljährige, vertraute Bekanntſchaft mit ſeinem Wirkungskreiſe trage unendlich viel zu einer recht durchgreifenden, ge⸗ meinnützigen Amtsführung bei. Neben den alten Geſchäften blieb er auch den alten Erholungen treu. Noch immer war es ihm der erquickendſte Genuß⸗ im Umgang mit Menſchen den Menſchen ſelbſt, dem inner⸗ ſten Weſen nach⸗ in ſeiner, ſelten ganz vertilg⸗ ten, urſprünglichen Würde, aber auch zugleich in ſeinen mannichfaltigen Verirrungen und verkehr⸗ ten Beſtrebungen zu ſtudiren. Wie oft fand er ſich bei dieſem edelſten Studium, — ſogar in jenen ernſten Fällen, über welche er als Krimi⸗ nalrichter zu entſcheiden hatte, — durch die troſt⸗ reiche Bemerkung erheitert: „es ſey der Menſch in ſeinem dunkeln Drange ſich doch des rechten Weses wohl bewußt.“ Wie oft auch glaubte er in den mannichfaltigen Ereigniſſen ſeiner Er⸗ fahrungen jene Hand deutlich zu erkennen, die der blos ſinnliche Menſch nicht ahnet, der Leicht⸗ ſinnige überſieht, und nur der vollendet Laſter⸗ hafte hinweg läͤugnet oder verſpottet: — jene wunderbare, höhere Vaterhand, welche in den verworrenſten Verhältniſſen, durch menſchliche Leidenſchaft, Schwachheit und Verirrung her⸗ beigeführt, endlich den verſchlungenen Knoten löſet, und den guten Samen oft auch da zur belohnenden Frucht gedeihen läßt, wo er unter den allerungünſtigſten Einflüſſen aufzukeimen ſchien. „Kein ächt humanes Gefühl bleibt ohne ſegensreiche Einwirkung auf den Lebensgang, — auf das, was man gewöhnlich Schickſal zu nennen pflegt. Jeder gute redliche Wille findet endlich ſeine gute Anerkennung, und jede gute That ihren Lohn:“ das wurde ihm, je weiter er in Jahren und Erfahrungen vorwärts ſchritt, immer mehr zur feſten Ueberzeugung, deren Richtigkeit ſich wohl am auffallendſten an ihm ſelbſt beſtätigt hatte, obgleich die beſcheidene — 41 — Anſicht ſeines Verdienſtes ihm nicht erlaubte, das eigene, ſo thatkräftige und mit ſo ſchönem Lohn geſegnete Leben als belegendes Beiſpiel anzuführen. Die freundſchaftlichen Verbindungen, welche Lohrbach in ſeinem Wohnort angeknüpft hatte, dauerten noch, wie ehemals, fort, und trugen nicht wenig bei, das Glück des eignen Herzens durch den Mitgenuß der Befreundeten, ſo wie durch wechſelſeitige Theilnahme an dem ihrigen, zu erhöhen. Sooft es Jahreszeit und Witterung verſtatte⸗ ten, ſaß Lohrbach noch, wie ſonſt, Abends unter den Bäumen des Nachbarhauſes an der Seite ſeines alten bewährten Freundes Werner. Die Akazien waren ſeit jener Zeit, wo wir in un⸗ ſerer Erzählung die beiden Männer zum erſten Mal auf dieſer Stelle erblickten, viel höher und dichter, — die Freunde, die ſich in ihrem Schatten labten, merklich älter geworden; aber ſo wie dort die nachbarlichen Stämme ſich ihre Zweige immer näher entgegenſtreckten, bis ſie ſich jetzt, in einander verwachſend, berührten: ſo waren auch durch vieljährige Gewohnheit des . Umgangs dieſe getreuen Nachbarn ſich immer näher gerückt, und jedes neue, gemeinſam ge⸗ noſſene Jahr hatte auch neue, innigere Berüh⸗ rungspunkte herbeigeführt. So ſaßen ſie jetzt abermals an einem klaren milden Herbſtabend, ſich über mancherlei durch⸗ lebte Begebenheiten einer wechſelvollen Zeit be⸗ ſprechend, traulich beiſammen; und als gerade von der Höhe der Bergſtraſſe, welche man von dieſem Sitze aus überſah, ein Reiſewagen her⸗ abzog, da rief die Aehnlichkeit der Zeit und des Hinblicks beim Poſtmeiſter lebhaft das Anden⸗ ken an jenen Engländer zurück, der ſie einſt im jugendlichen Uebermuthe auf eine ſchreckhafte Weiſe überraſcht, deſſen flüchtige Erſcheinung aber doch eine freundliche Erinnerung zurück gelaſſen hatte. Beide geſtanden, niemals einen Jüngling gekannt zu haben, der, wie dieſer, mit einer groſ⸗ ſen Leichtfertigkeit der Sitten ſo viel Liebenswür⸗ digkeit im Umgange, — und mit einem, nur all⸗ zuoft ſichtbaren, Mangel geregelter Grundſätze ſo viel anſprechende Gemüthlichkeit vereinigte. Lohrbach entdeckte bei dieſer Gelegenheit dem Freunde, was er, nachdem ſo manches Jahr ohne weitere Kunde von William verlaufen war, nicht mehr geheim halten zu dürfen glaubte; daß näm⸗ lich der junge Wildfang ihm auch aus der Ferne her einen neuen Beweis ſeines guten Herzens gegeben. Von Italien aus hatte er einen an⸗ ſehnlichen Wechſel mit der Bitte, den Geber nicht zu nennen, und mit der Aufſchrift geſen⸗ det: „Zur Unterſtützung der beiden armen Kna⸗ ben.“ — „Sie wiſſen wohl,“ ſetzte der Amtmann hinzu, „durch welchen reichen Segen ſich dieſe Wohlthat belohnt hat.“ „O möchte er doch wieder kommen,“ rief Werner aus, „um ſich nun auch ſelbſt der ed⸗ len Früchte ſeiner ſchönen Ausſaat zu erfreuen!“ „Ich zweifle, ob er jemals ſeine Zuſage er⸗ füllt!“ ſagte Lohrbach. „Hat ihn der Weg des ungeregelten Weltgenuſſes immer tiefer abwärts geführt, ſo iſt er jetzt wohl todt, vder doch für die Freundſchaft verloren. Führte ihn aber, wie ich immer hoſfe, die lenkende Hand eines gütigen Schickſals zur rechten Erkenntniß ſeiner ſelbſt und des Lebens, ſo ſteht es noch dahin⸗ ob ihn das Rachholen langverfäumter Pflichten nicht zu ſehr im Vaterlande beſchäftigt, um ihm eine weite Reiſe zu verſtatten, blos um einige alte Bekannte wieder zu ſehen, die ihn eben ſo ſehr tadeln, als lieben mußten.“ Während dieſes Geſprächs war der Reiſe⸗ wagen langſam näher gekommen, und der Kut⸗ ſcher lenkte jetzt in den Hof. Der Poſtmeiſter eilte herbei, das Nöthige wegen des Umſpannens bei ſeinen Leuten zu beſorgen, und auch Lohr⸗ bach trat herzu, einen Blick auf den Inhalt des Fahrzeugs zu richten. Zwei Diener ſpran⸗ gen vom hohen Sitz herab, und eilten an den Schlag; aber mancherlei Vorkehrungen, die ſie trafen, und die zögernde Behutſamkeit, womit ſie zu Werke giengen, ließen ſogleich ahnen, daß man es hier mit einem kranken Gaſt zu thun habe. Eine hohe, hagere Geſtalt mit bleichem, eingefallenen Geſicht ward mühſam aus dem, mit Gardinen verhängten, Wagen herausgehoben, und ſtand nun, auf einen der Bedienten geſtützt, ſich umſchauend da. „Gottlob!“ ſagte der Reiſende mit hohltönen⸗ — — der Stimme, „ſo wären wir denn endlich am Ziele!“ Und als jetzt ſein Blick auf den nah⸗ ſtehenden Lohrbach ſiel, ſagte er in ſichtbarer Bewegung: „Ja, er iſt's! mein alter, treuer Freund! — Und nvoch ſo rüſtig! ſo glücklich! — Mich aber kennt er nicht mehr! Wer wollte den armen, kranken William wieder erkennen ?““ Da⸗ mit ſtreckte er ihm die zitternde Hand entgegen. Lohrbach trat in dieſem Augenblick des Wie⸗ dererkennens mit unausſprechlichen Empfindungen herzu. Das naſſe Auge feſt auf den verblüh⸗ ten Jüngling geheftet, drückte er ſtumm die dargebotene Rechte an ſein Herz. Aber ein inneres Gefühl ſagte ihm in dieſem ergreifenden Momente, ein ſolcher Empfang müſſe den armen Freund, welcher der Ermuthigung ſo ſehr be⸗ dürftig ſchien, nur noch tiefer niederbeugen. Sich ſchnell zuſammen nehmend, verbarg er ſein wehmüthiges Erſchrecken über Williams kaum noch kenntliche Geſtalt unter der, gewiß aufric⸗ tigen, Freude des Wiederſehens. „Hier mit einem Freunde unterredete ich mich noch vor wenig Minuten von Ihnen;“ ſagte ————————————— — 46 — Lohrbach zu William, auf den Poſtmeiſter hin⸗ deutend, der jetzt auch mit dem Ausdruck inni⸗ ger Theilnahme herbeigekommen war. „Schvyn hatten wir die Hoffnung aufgegeben, Sie noch ein Mol zu ſehen, und nun ſtehen Sie plötzlich vor uns; — denken unſrer noch; lieben uns noch: — O ſo ſeyn Sie gegrüßt! Es ſind noch dieſelben treuen Herzen, die Ihnen vor Jahren ein wehmüthiges Lebewohl nachriefen, und jetzt das froheſte Willkommen entgegen bringen! — Aber Sie ſind von den Strapazen der Reiſe erſchöpft, und bedürfen gewiß der Ruhe. Kom⸗ men Sie zu mir, mein Haus als Ihres be⸗ trachtend, ſo lange Sie es mit Ihrem Beſuche erfreuen wollen.“ „Iſt mir's doch,“ ſagte William, „als könnte ich die erſehnte Herberge dieſes gaſtfreien Hau⸗ ſes kaum noch erreichen! Ruhe! nur einige Au⸗ genblicke Ruhe! Ob ich dann vielleicht Ihrer freund⸗ lichen Einladung folgen kann.“ ⁰ Er ließ ſich zur Thürbank hinführen; aber es wandelte ihn, als er ſich geſetzt hatte, eine Schwäche an, die bald in völlige Ohnmacht übergieng. „Gott!“ flüſterte Werner dem Freunde zu, während Beide durch Reiben und Beſprengen mit geiſtigen Gerüchen den Todtähnlichen zu er⸗ wecken ſuchten: „welch ein trauriger Unterſchied zwiſchen dieſer Ankunft und jener, deren wir uns vorhin ſo lebhaft erinnerten! Iſt es denn Derſelbe, der damals, ein junger, blühender Herkules an Kraft und Muth, aus dem hals⸗ brechendſten Abenteuer ſo keck, als käme er von einer luſtigen Spazierfahrt heim, vor uns niederſprang? Und jetzt! welch ein Wiederſehen!“ „Wer weiß!“ erwiederte Lohrbach eben ſo leiſe: „Aus ſeinem matten Auge ſchien mir doch ein anderer Geiſt zu blicken: wer weiß, ob er nicht, wenn auch körperlich krank, doch geiſtig geneſend zurückkehrt!“ Jetzt ſammelten ſich Mehrere, den Freunden beizuſtehen, und nicht vhne Mühe gelang es, den Gaſt in des Amtmanns Wohnung zu brin⸗ gen. — „Sie bedürfen des Arztes,“ ſagte dieſer, ſobald William ſich einigermaſſen zu erholen ſchien. „Darf ich Ihnen meinen Hausarzt bringen? Er iſt ein zwar noch junger, aber geſchickter, treff⸗ licher Mann, und ich getraue mir zu verbürgen⸗ daß Sie mit ihm zufrieden ſeyn werden.“ Der Erſchöpfte gab einen bejahenden Wink; nach wenigen Minuten trat der ſchon vorher Benachrichtigte herein, und — als ihm Lohrbach einige Worte in's Ohr ſagte — mit großer, ſicht⸗ barer Theilnahme zum Sopha, auf welchem Wil⸗ liam immer noch in tiefer Ermattung hingeſtreckt lag. Nach kurzer Prüfung erklärte der Doktor, vaß ein heftiges Fieber im Anzuge ſey, deſſen eigenthümlicher Charakter ſich jedoch erſt ſpäter beurtheilen laſſe. Auf Lohrbachs Anordnung waren bereits die Hausgenoſſen emſig beſchäftigt, das Krankenbett aufzuſtellen. William gab ſich in einem halb bewußtloſen Zuſtande der Pflege ſeiner für ihn beſorgten Freunde willig hin. Da er ſelbſt über die Ereigniſſe, welche dieſer un⸗ erwarteten und bedenklichen Ankunft vorher⸗ giengen, noch keine nähere Auskunft zu geben im Stande war, ſo erfuhr man vyn ſeinen Dienern, daß er vor einem Jahre mit zerrütteter Geſund⸗ heit zurückgekehrt ſey, und vergebens Hülfe bei eini⸗ — 40 — einigen der berühmteſten Aerzte geſucht habe. Sie ſelbſt hielten eine neue Reiſe, beſonders um den nachtheiligen klimatiſchen Einflüſſen aus⸗ zuweichen, für nothwendig zur Geneſung. Wil⸗ liam ſehnte ſich jetzt ohnehin mehr als jemals, ſeinen alten, niemals vergeſſenen Freund Lohr⸗ bach wieder zu ſehen; aber ſey es, daß er ſich auf dieſer Reiſe zu wenig Erholung gegönnt, oder daß gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen war, wo ſich der langverſteckte Krankheitsſtoff völlig entwickelte: genug, es ſanken die Kräfte von Tag zu Tag ſo merklich, daß nur mit Mühe das Ziel der Reiſe zu erreichen war. Die all⸗ zuheftige Gemüthsbewegung bei ſeiner Ankunft, — wo ihm bei der Freude des Wiederſehens wohl zwiſchen jetzt und ehemals ähnliche Vergleichungen, wie dem Poſtmeiſter, ſich aufdrangen, — vvollen⸗ dete den Ausbruch des heftigen Fiebers, das ihn jetzt, dem Anſcheine nach, einem baldigen Tode entgegenführte. Leuthold — ſo hieß Lohrbachs Hausarzt — verzweifelte ſelbſt zuweilen an der Rettung ei⸗ nes Lebens, dem er faſt ſeine eigene Geſund⸗ 2r Band. 4 — 650 — „ heit zum Opfer brachte, indem er in der gefähr⸗ lichſten Periode der Krankheit oft ganze Nächte durchwachte, um ſogleich zur Stelle zu ſeyn, wenn irgend eine neue Wendung des Uebels ſchnelle Anwendung veränderter Heilmittel er⸗ forderte. Mit nicht geringerer Sorgfalt pflegte der Amtmann ſeinen Gaſt. Ihn verließ die Hoffnung eines glücklichen Ausgangs ſelbſt dann niemals ganz, wenn ſein Freund Lenthold der Stärke des Uebels den Sieg überlaſſen zu müſ⸗ ſen fürchtete. So ſchwankte es lange, bis einmal am Mor⸗ gen nach einer ruhig verlaufenen Nacht Leuthold mit freudiger Haſt in Lohrbachs Arbeitszimmer trat. „Viktoria!“ rief er: „der Sieg bleibt unſer. Die nun eingetretene, entſchieden gün⸗ ſtige Kriſis iſt nicht zu verkennen. Unſer Kranker wird leben, und, ich hoffe es nach dieſer über⸗ ſtandenen, gewaltſamen Anſtrengung der Natur, bald zur vollen Geſundheit zurückkehren.“ Der Amtmann drückte den lieben Boten die⸗ ſer frohen Nochricht mit Entzücken an die Bruſt, und wollte ſogleich hinüber in's Krankenzimmer Subhth Subhth eilen. „Gemach!“ ſagte Leuthold, ihn zurück⸗ haltend. „Die einfache Ruhe der befreiten Natur tritt an die Stelle unſrer künſtlichen Miſchmittel. Alle, bis auf die nothwendigſte Stärkung, bleiben von heut' an zurückgeſtellt; aber es werden noch mehrere Tage vergehen, ehe ich dem Geneſenden ein zuſammenhängendes Geſpräch erlauben darf. Mir ſelbſt thut Ruhe noth. Ich übergebe Ihnen Ihren Freund für eine Zeitlang allein, mit der Vorſchrift, für ununterbrochene Stille zu ſorgen. Sobald ich mich ſelbſt durch den langentbehrten Schlaf er⸗ quickt fühle, kehre ich zur gemeinſchaftlichen Pflege unſers lieben Kranken zurück.“ „Gott lohne Ihre treue Sorgfalt!“ rief Lohrbach dem Forteilenden nach. Mit Williams nun täglich merklich fort⸗ ſchreitender Geneſung fanden ſich der günſtigen Stunden immer mehrere, wo Lohrbach in wech⸗ ſelſeitiger traulicher Unterhaltung am Kranken⸗ bette ſitzen durfte. Da aber nach des Arztes Gebot jetzt noch jedes Geſpräch vermieden wer⸗ den ſollte, welches allzuheftige Gemüthserregun⸗ 4 * — 52 — gen beſorgen ließ, ſo ſuchte er abſichtlich die Erinnerungen an eine Vergangenheit entfernt zu halten, die ſchwerlich von moncherlei ſchmerz⸗ haften Gefühlen getrennt werden mochte. Lange war indeß der Geneſende ſelbſt nicht zurückzu⸗ halten von ſo manchen Selbſtbekenntniſſen, wel⸗ che in den Buſen ſeines väterlichen Freundes niederzulegen, er ſich längſt geſehnt hatte. In einzelnen Bruchſtücken theilte er ihm die Ge⸗ ſchichte ſeiner Verirrungen mit, die wir jedoch hier nicht umſtändlich wiedergeben wollen; denn Erzähler, wie für den Leſer, in ſchlichter Proſa (die kunſtreiche Macht der Poeſie darf es ſchon eher wagen) jene traurigen Schritte im Einzel⸗ nen zu verfolgen, mit welchen der verführende Dämon ein irrendes menſchliches Streben „auf ſeinem Wege ſacht hinabführt.“ Junge Wüſtlinge, welche die natürlichen Ga⸗ ſonſt noch genußfördernd ſeyn mag, nur allzu⸗ wir halten es für gleich unerfreulich für den ben des Glücks, Geſundheit, Schönheit, aus⸗ gezeichneter Stand und Reichthum, und was leicht blenden und mißleiten, ſind ſich in der Heftigkeit ihrer Reigungen, wie in der regello⸗ ſen Befriedigung einander ziemlich gleich. „Wer einmal,“ ſagte Lohrbach in einem ſeiner Ge⸗ ſpräche mit dem jungen Mann, „wer einmal in mißverſtandner Freiheit ſich aller Mühſelig⸗ keit überhebt, die von dem rechten Pfade der Pflicht unzertrennlich zu ſeyn pflegt; wer ſich im verweichlichenden Sinnenleben nur erſt dahin überredet, die Tugend für unmöglich zu halten, der iſt auch ſchon nahe daran, das Laſter für erlaubt anzuſehen; und wo fände ſich dann noch Stillſtand auf der abwärts führenden Bahn?““ — Eines jedoch, ſo viel ging aus Williams Ge⸗ ſtändniſſen hervor, Eines hatten ihm mannig⸗ faltige jugendliche Verirrungen nicht zu rauben vermocht, die unſchätzbare pimmelsgabe eines natürlich guten, für das Edle und Schöne em⸗ pfänglichen Herzens. Mußte er auch bekennen⸗ da und dort als Genoſſe der Schuldigen mit⸗ geſündigt zu haben, ſo durfte er ſich doch in keinem Falle als Verführer der Unſchuldigen an⸗ klagen. Dieſe liebenswürdige Eigenthümlichkeit des Charakters trat jetzt um ſo kenntlicher her⸗ — — vor, wo die unglücklichen Folgen fruͤherer Thor⸗ heit den täuſchenden Schleier zerriſſen hatten, der einſt ſeine Blicke aufhielt, weiter zu drin⸗ gen, als der beſchränkte Kreis ſinnlicher Genüſſe es verſtattet. Gab er ſich Jahre lang, im leicht⸗ ſinnigen Vertrauen auf eine unverwüſtliche Ju⸗ gendſtärke, dem wüſten Drange einer ungere⸗ gelten Lebensweiſe hin, ſo mußte ſchon deshalb bald jene Erſchlaffung eintreten, welche dann gewöhnlich durch neue Reizmittel geheilt werden ſoll, die ſie doch nur immer unheilbarer machen, bis zuletzt drr ſinkende Zuſtand aller Kräfte jede fernere Selbſttäuſchung unmöglich macht. Zu dieſer traurigen Erfahrung geſellte ſich bei Wil⸗ liam noch tiefes Gemüthsleiden, deſſen er ſich früherhin wohl ſelbſt kaum fähtg gehalten hätte. — Eine ernſte Liebe zu einer der erſten Schönhei⸗ ten ſeines damaligen Aufenthaltsortes, einer italieniſchen Stadt, bemächtigte ſich ſeines gan⸗ zen Herzens, und er gedachte, da die Neigung nicht unerwiedert blieb, die Geliebte als Gat⸗ ſiegliches Vorurtheil der Eltern, ole allem Frem⸗ 5 tin heimzuführen. Doch nicht blos ein unbe⸗ — den, beſonders aber, wenn es aus England kam, im Innerſten abhold waren, ſondern kräfti⸗ ger noch die racherfüllte Feindſchaft eines gekränk⸗ ten Nebenbuhlers, ſtellten ſich ſeinem heißeſten Wunſche entgegen; und nachdem er vergtheus durch Gewalt zu erringen verſucht, was das Geſchick ihm verſagte, rettete er endlich nur mit Mühe ſein Leben vor den auf ihn gezückten Dolchen gedungener Meuchelmörder. An Leib und Seele verarmt, kam er in ſein Vaterland zurück, an welches keine vergütenden Familien⸗ bande ihn knüpften; denn Eltern und nahe Ver⸗ wandte waren ihm ſchon in früher Jugend ge⸗ ſtorben. Vielleicht wäre er hier, wie ſo man⸗ cher Jüngling in ſeiner Lage, als ein Oyfer der Verzweiflung gefallen, hätte ihm die tief geſun⸗ kene Kraft ſo viel Muth übrig gelaſſen, als im⸗ mer noch dazu gehört, jene milde Hand gewalt⸗ ſam hinweg zu ſtoßen⸗ die das Leben ſchenkt und erhält. Dies erkannte er jetzt ſelbſt in Lohrbachs veredelnder Nähe. — „Aber,“ ſetzte er mit ſchmerzlichem Seufzer hinzu, „wozu iſt mir das Leben auf's Neue wieder gegeben worden? nach vergendeter Ingend und verfehlter Be⸗ ſtimmung noch Zläcklich und der Welt nützlich ſeyn zu können?“ — Gerade dieſe Gemüthsſtimmung ſchien ſeinem Freunde den günſtigen Zeitpunkt anzudeuten, wo er zu den eignen Tröſtungen und Erhebungen noch einen Gehülfen bei William einführen konnte, von deſſen Beiſtand er mit Recht eine bedeutende Wirkung erwartete. Es war der zweite Predi⸗ ger des Städtchens, Namens Reinhard; ein noch junger Mann, aber von ausgezeichneter Bildung des Geiſtes und Herzens. Wenn es in dieſem an und für ſich hochehrwürdigen Stande eben nicht zu den gewöhnlichſten Er⸗ ſcheinungen gehört, daß ein Geiſtlicher ſchon im Jünglingsalter mannichfachen, vft ſchweren⸗ Ent⸗ ſagung fordernden Pflichten ſeines Amtes volle Genüge leiſtet, ſo macht es da, wo dieſer ſelt⸗ heilſamern Eindruck; und Reinhard durfte ſich dieſes Verdienſtes und dieſes Segens erfreuen. Wie aber faſt überall, wo ein ausgezeichnetes Wer giebt mir mit ihm zugleich die innere Kraft, nere Fall ſich verwirklicht, um ſo größern und — Verdienſt erſcheint, die äußern, von keiner Will⸗ kühr abhängigen Verhältniſſe die Gewinnung des innern Schatzes eingeführt und erleichtert haben, damit der Menſch nicht ſtolz auf ſeine eigne Kraft und Würdigkeit werde: ſo war es auch bei Reinhard der Fall geweſen. Die harten Be⸗ drängniſſe tiefer Armuth in verwaiſeter Kindheit mag man wohl, in Hinſicht der Charakter-Bil⸗ dung, unter die herviſchen Mittel auf Leben und Tod zählen, indem der ſo Be⸗ drängte entweder moraliſch erliegt, oder ſich zu einer ungewöhnlichen Stärke erhebt. Der Mit⸗ telſchlag derer, die weder gut, noch böſe, we⸗ der kalt, noch warm ſind, findet ſich am mei⸗ ſten da, wo der ſich bildende Menſch mit ſol⸗ chem Widerſtande eines ungünſtigen Geſchickes gar nicht zu kämpfen hatte. Reinhard, von der Natur mit geſundem Verſtande und richtigem Gefühle ausgeſtattet, arbeitete ſich aus dem Drucke mannichfacher Bedrängniſſe rüſtig empor. Reinhard genvß als armer, von ſeinen El⸗ tern früh verlaſſener Knabe das große Glück, einen treuen frommen Lehrer zu beſitzen. Was — dieſer ihm durch Lehre und Beiſpiel auf den mühſeligen Weg durch ein dürftiges Leben mit⸗ gab, ruhte auch in der Folge, als das Glück ihm zu lächeln begann, unauslöſchlich in ſeiner Bruſt. Hätte er ſich verirren können, ſo wür⸗ de gewiß eine Begleiterin es verhindert haben, die ihm als ein wahrer Schutzengel zur Seite ging: es war die Dankbarkeit. Gute Men⸗ ſchen hatten ſich ſeiner angenommen; ihrer Wohl⸗ thätigkeit verdankte er alle die Mittel, ohne welche es ihm unmöglich geweſen wäre, den Stand zu wählen und den Pfad zu verfolgen, auf welchen ihn ſeine innerſte Neigung hinlei⸗ tete. Immer, wenn die Kraft des mit An⸗ ſtrengung arbeitenden Jünglings ermatten woll⸗ te, oder wenn ihm irgend eine ſüße Lockung zu dem reizendern und bequemern Luſtpfade reicher Mitſtudirenden hinwinkte, da durfte er ſich nur fragen: Was werden deine Wohlthäter von dir denken, wenn du ihr großmüthiges Zutrauen täuſcheſt? Da war ſchnell der vorige Eifer wie⸗ der gewonnen, und jede Verführung trat, reiz⸗ los und unkräftig geworden, zurück. Mit rein⸗ N bewahrtem Herzen, mit gründlichen Kenntniſſen und hervorſtechenden Rednergaben zurückkehrend, konnte es gar nicht fehlen, daß man ſeinen Werth bald erkannte, und ihm, ſelbſt als Jüng⸗ ling, ſchon ein Amt anvertraute, das man nur mit ſeinem würdigſten Namen zu nennen braucht, um ſeine hohe Wichtigkeit zu beweiſen: das Amt eines Seelſorgers. Den Amtmann Lohrbach kennen wir bereits genug, um es ohne Verſicherung zu glauben, daß Reinhard in Kurzem unter ſeine vertraute⸗ ſten Freunde gehörte, und daß dieſer gegenſei⸗ tig im Umgang mit dem erfahrnen, weltkundigen Mann gar Vieles gewann, was ihm ſeine frühern Verhältniſſe nicht zu geben vermochten. Recht mit Sehnſucht hatte Lohrbach auf den ſchicklichſten Augenblick gewartet, wo die fort⸗ ſchreitende Geneſung des Gaſtes erlauben würde, ihm den jungen, würdigen Freund vorzuſtellen, und ſo dem leiblichen Arzte auch den geiſtlichen beizufügen. Beide, auch unter ſich eng ver⸗ brüdert, wurden von nun an oft zur Unterhal⸗ tung und Erheiterung eingeladen. Blieb dem 5 Geneſenden ſelbſt die eigne lebhafte Theilnahme am Geſpräch immer noch unterſagt, ſo durfte er doch wenigſtens ein theilnehmender Zuhörer ſeyn, und ſchon das wurde ihm bald ein über⸗ aus lieber Genuß. „Ich weiß es mir ſelbſt nicht zu erklären,“ ſagte er einmal zu Lohrbach, „warum mir ſo im Innerſten wohl wird, wenn ich den Unterredun⸗ gen der beiden trefflichen jungen Männer zu⸗ horche. Jeder ſcheint des Andern Geſinnungen und Gefühle ſchon im Entſtehen zu erkennen, und auch da, wo ihre Meinungen und Anſichten von einander abzuweichen ſcheinen, finden ſie ſie doch immer bald wieder im harmoniſchen Zuſam⸗ menleben, ſo wie in einem guten Tonſtück alle Diſſonanzen „ in den Grundakkord aufgelöſet, ſtets ihren Ruhe⸗ und Einigungspunkt finden; und dieſer ruht in ihrem Herzen⸗ denn faſt möch⸗ te man ſagen, ſie hätten beide nur Eines! — Freund! wie ſoll ich's Ihnen verdanken, daß Sie mich mit ſo herrlichen Menſchen bekannt gemacht haben? Wie ſpricht mich nun auch wie⸗ der dieſer Prediger an! Wie ergquickt mich ſein heiterer, lebensfroher Sinn bei der ſichtbaren Enthaltung von allem Mißbrauch des Lebens! Wie gern folge ich ſelbſt ſeinem religiöſen Auf⸗ ſchwunge, obgleich —“ Hier ſchwieg William ſtv⸗ ckend, und ein tiefer Seufzer drängte ſich ihm aus der Bruſt. Lohrbach wollte für jetzt nicht in den eigent⸗ lichen Sinn dieſes beſeufzten „Obgleich“ ein⸗ dringen, und ſetzte lieber das von William be⸗ gonnene Lob der beiden Freunde fort. Beſon⸗ ders fügte er in Bezug auf Reinhard die Be⸗ merkung hinzu: „Es iſt doch etwas ganz Eige⸗ nes, ja ich möchte ſagen, Wunderbares und Geheimnißvolles um die Kraft der Religion, wenn ſie ſich in einem reinen, jugendlichen Ge⸗ müthe lebendig offenbart! Was dieſer Reinhard in den Ergüſſen eines lieberfüllten Gemüthes über Gott und göttliche Dinge uns mittheilt, das haben wir dem Weſen nach längſt gehört oder geleſen; aber gewinnt es nicht hier gleichſam höhere Kraft und eine mehr begeiſternde Geſtalt, eine Beweiskraft, die ſich unmittelbar auf⸗ dringt, indem ſich das, was erwieſen werden — foll, durch ein ganzes, rein abgeſchloſſenes Leben darſtellt? Iſt es nicht, wenn man ihn von den erhabenen Hoffnungen der Zukunft ſprechen hört, die doch in unendlich vielfacher Form und Wen⸗ dung von Philoſophen, Gottesgelehrten und frommen Dichtern unſerm Geiſte vorübergeführt worden, iſt es dann nicht, als hätten wir nun dennoch eine ganz neue Anſicht des erhabenen Gegenſtandes gewonnen? Fühlen wir nicht eine Ueberzeugung, die wir eben mit keinem andern Beiwort zu bezeichnen wiſſen, als daß wir ſie lebendig nennen; eine Ueberzeugung⸗ die uns ins innere Heiligthum führt, während uns alle philoſophiſchen Entwickelungen⸗ kirchliche Glau⸗ bensſätze und poetiſche Phantaſieen nur bis zum Eingang geleiten?“ — Aber auch auf dieſes antwortete William nit leiſem Kopfſchütteln. „Ich habe früherhin einmal das Werk eines Ihrer größten Dichter geleſen, und eine Zeile daraus wiederholt ſich mir ſeitdem immer auf's Reue — gewiß, weil ſie ſo ganz für mich und meinen Zuſtand paßt: „Die Botſchaft hab' ich wohl; allein mir fehlt — 68 — der Glaube.““ William ſprach dieſe Wort⸗ mit einem gewiſſen ſchmerzhaften Gefühl aus; etwa wie Einer, der uns von einem erlittenen großen Verluſt erzählt. — Und in der That war wohl unter den übrigen empfindlichen Fol⸗ gen einer leichtfertig verſcherzten Jugend dieſes der größte Verluſt, daß gerade jene Gegen⸗ ſtände, deren Anſchauen und Auffaſſen die edel⸗ ſten und höchſten Kräfte des menſchlichen Geiſtes in Anſpruch nehmen, ihm in eine ſo weite Ferne entrückt worden waren, die ihn am Ergreifen derſelben verzweifeln ließ. „Seyn Sie getroſten Muthes!“ ſagte Lohr⸗ bach; „mit der ſtärkern Sehnſucht nach dem Ziele verſtärkt ſich auch die Kraft, es zu errei⸗ chen; und das eifrige Streben nach der Höhe wird bald zum aufwärtshebenden Fluge. „Der Adler beſuchet die Erde; doch ſäumt er nicht, Schüttelt vom Flügel den Stanb, und keh⸗ ret zur Sonne zurück.“ Auch das iſt ein ſinn⸗ und troſtvolles Wort eines dentſchen Dichters.“ Lohrbach hatte ſich in ſeinen ſchönen Hyff⸗ nungen nicht betrogen. In den folgenden Zu⸗ ſammenkünften der Freunde, zu welchen ſich nun gewöhnlich auch der Poſtmeiſter einfand⸗ gewann die Unterhaltung immer mehr eine Rich⸗ tung, welche man nicht verfolgen kann, ohne daß mit jedem neuen Fortſchritte ſich alle Zwei⸗ fel löſen, und neue Ausſichten nach jener Rich⸗ tung hin aufthun, in welcher des Geiſtes raſt⸗ loſes Streben den ſeligen Ruhepunkt, des Herzens tiefſtes Sehnen ſeine vorige geimath findet. Mit dieſen erhebenden Geſprächen ließ Rein⸗ hard, der edlen Kunſt vollkommen mächtig, ſchö⸗ nen Gedanken immer den ſchönſten Ausdruck zu geben, nun auch gewählte Vorleſungen abwech⸗ ſeln. Die Wahl aber traf nur ſolche deutſche Schriften, welche die Phantaſie des Leſers ſtets um edlerer Zwecke willen in Anſpruch nehmen; nicht jene buntſchillernden Spielbilder und Nebel⸗ geſtalten einer abenteuerlich träumenden Einbil⸗ dungskraft, die nur augenblicklich beluſtigen, um dann ſpurlos zu zerfließen⸗ ſondern nur jene Dich⸗ „ — 65 — N Dichtungen, welche als Töchter der ewigen Wahr⸗ heit blos darum in reizender Verhüllung die Angen der Sterblichen auf ſich lenken, um die Herzen für ihre unſterbliche Mutter zu gewinnen. Eine Bekanntſchaft vorzüglich ließ bei Wil⸗ liam den tiefſten Eindruck zurück; die Bekannt⸗ ſchaft eines der größten, vielſeitigſten, wärmſten und geiſtreichſten Schriftſtellers unter allen, die jemals unſer Vaterland zu Ehren erhoben — Herders! Seine geiſtvollen „Ideen zur Philv⸗ ſophie der Geſchichte“ mußte der Vorleſer wie⸗ derholt beginnen, und niemals folgte der ent⸗ zückte Zuhörer jenen Betrachtungen, welche den Gang der Geſchichte großer Völker, wie das Gemüthsleben einzelner „aus den Weltbe⸗ gebenheiten hervortretender, Geiſter mit um⸗ faſſendem Scharfblick, oft nur in wenigen und doch ſo trefflichen Zügen darſtellen, ohne ſich dadurch immer auf's Neue erhoben, veredelt⸗ ja erquickt und getröſtet zu fühlen. Denn ſo wie er dort im Großen den wunderbaren Weg er Band. nicht mehr verkannte, der Nativnen almählig aus der Nacht zum Licht, aus Irrthum, Verkehrt⸗ heit und feindſeliger Trennung zum Gefühl für Wahrheit, Tugend und ſittlicher Vereinigung hinüberleitet: ſo glaubte er nun auch in ſeinem eigenen Lebensgange die Vaterhand ſtets deut⸗ licher wahrzunehmen, die ihm aus der trauri⸗ gen Wüſte, wohin ein irrendes, blos ſinnliches Streben führt, zum edlern Ziele, zu einer ſitt⸗ lich geregelten Willensfreiheit und zu einer wahrhaft nützlichen Thätigkeit hinüber winkte. Eine heilſamere Nachkur hätte der brave Reinhard auf die ärztliche Behandlung ſeines Freundes Leuthold wohl nicht folgen laſſen kön⸗ nen. Auch war es ſichtbar, wie ſich durch den emporgerichteten Geiſt, durch den belebenden Blick auf einen edlen, feſten, neuen Wirkungs⸗ plan auch zugleich die Körperkraft ſtärkte und hob; ſo daß Leuthold dem Amtmann gern nach⸗ gab, welcher des Freundes Geneſungsfeſt an einem der nächſten, vom heitern Himmel des milden Herbſtes begünſtigten Sonntage im Freien ſeines Gartens zu feiern wünſchte. Dieſer geſchmackvoll angelegte Garten lehnte ſich, hinter dem Amthanſe beginnend, mit ſchö⸗ nen Blumenſtöcken und Buſchpflanzungen ver⸗ ziert, und von fruchtreichen Obſtbäumen über⸗ ragt, ſanft an einem Hügel hinan, deſſen ober⸗ ſte Höhe ſchattige Laubengänge bekränzten. Es war dieſes dieſelbe Stelle, deren Fernſicht un⸗ ſerm William bei ſeinem erſten Beſuche ein ſo inniges Wohlgefallen am reizend gelegenen Oert⸗ chen einflößte, das ihm die treubewahrte Liebe jetzt ſo dankbar vergalt. Dort hatte Lohrbach unter einem Zeltſchirm die Tafel aufſtellen laſ⸗ ſen, woran ſich die Freunde zum feſtlichen Mahle am beſtimmten Tage der gemeinſamen Feier verſammeln wollten. Wie man aber der⸗ gleichen feierlich frohe Feſtſtunden des Lebens⸗ um die gemeinſchaftliche Luſt zum höchſten Gi⸗ pfel zu erheben, wo möglich noch mit einigen nicht minder herzerfreuenden Beiwerken auszu⸗ 5 5 N — 56 — ſchmücken pflegt, ſo hatte man auch hier eine dreifache Feier vereinigt. Williams Geneſungs⸗ feſt ſollte zugleich Reinhards und Leutholds Verlobungstag werden. Die beiden Freunde hatten ſich zwei, eben ſo eng verbündete Freundinnen gewählt. Rein⸗ hard wurde durch Luiſens Hand, einer Nichte des Amtmanns, beglückt, und Leuthold reichte die ſeinige Carvlinen, einer Tochter des Poſt⸗ meiſters. Die Jungfrauen ſtanden jetzt in der Blüthe ihres Frühlings. Luiſe, ſchön und geiſt⸗ reich, Carvline, wenn auch weniger durch äuſ⸗ ſere Schönheit ausgezeichnet, doch nicht minder liebenswürdig durch gemüthsvolle Bildung; bei⸗ de höchſt einfach für den beſchränkten Kreis ſtiler Häuslichkeit erzogen; beide ſich in reiner herzlicher Liebe den jungen Männern zuneigend, die ſie zugleich in ſo vielfachen Beweiſen ihrer edlen Wirkſamkeit innigſt verehren mußten. So durch das wechſelſeitige beglückende Verhältniß verbunden⸗ gingen ſie in ſüßer Eintracht der 1 — 69 — Stunde des heiligen Gelübdes, der Hoffnung entgegen. — William hatte die trefflichen Mäd⸗ chen, ſo bald ſein Siechthum ſich zur entſchie⸗ denen Beſſerung hinneigte, ebenfalls als ſeine Wohlthäterinnen kennen gelernt, da ſie es wa⸗ ren, welche bisher im Stillen ſo Vieles ange⸗ ordnet und beſorgt hatten, was zu ſeiner Kran⸗ kenpflege erforderlich war. Immer kam, wenn ihn irgend eine Labung vorzüglich erquickte, die⸗ ſelbe aus Luiſens und Carolinens zubereitenden Händen. Sie mußten von dem Tage an, wo ihm ſein Zuſtand erlaubte, ihnen ſelbſt zu dan⸗ ken, auf ſein dringendes Bitten oft an den ge⸗ meinſchaftlichen Unterhaltungen und Vorleſungen Antheil nehmen; da konnte denn der geheime Bund der Liebenden nicht lange dem feinen Beobachter entgehen, und er ſelbſt trug nicht wenig dazu bei, die öffentliche Erklärung ſchnel⸗ ler herbeizuführen. Weder die frühverwaiſete Luiſe, noch auch Caroline, als die Tochter ei⸗ nes kinderreichen Hauſes, vermochte dem künf⸗ tigen Gatten ein bedeutendes Heirathsgut zu⸗ — b — zubringen ; und gerade in dieſem, vielleicht bis⸗ her die Verbindung verzögernden Umſtand fand der reiche Gaſt eine erwünſchte Gelegenheit, ſeiner begeiſterten Dankbarkeit einen fühlbarern und bleibendern Ausdruck zu geben, als Worte es vermocht hätten. „Was ich den beiden Männern ſchuldig bin, die Sie mir zugeführt haben,“ ſagte er in ei⸗ ner Unterredung mit Lohrbach, die ſich auf jene Verbindung bezog, „das unternehme ich nicht, durch irgend eine Bezahlung zu vergüten. Da⸗ gegen aber bedinge ich mir aus, Leutholds und Reinhards Gattinnen ſo ausſtatten zu dürfen, als ob ich ihr Vater wäre.“ In der That fiel dieſe Mitgabe ſo anſehnlich aus, daß die jun⸗ gen Paare nunmehr aller Sorgen wegen des Aufwandes, den die erſte Einrichtung eines eig⸗ nen Hausweſens zu erfordern pflegt, gänzlich überhoben ſeyn konnten. Auf ſolche Weiſe immer enger umſchlungen vom zarten Bande, welches wechſelſeitige Liebe und Dankbarkeit um die vereinten Freunde ge⸗ knüpft hatte, traten ſie in den ſchönen Feſttag ein, welchem der Himmel mit dem reinſten Ae⸗ therblau zulächelte und ſeine mildeſten Lüſte ſendete, ſo daß man ſich ſömmerlich wohl im Freien fühlte, und den begonnnen Herbſt nur an Spätblumen farbenfunkelnder Aſtern und am goldgelben Laub der Pappeln erkannte. Die Morgenſtunden waren der gi chen Feier gewidmet, in welcher Reinhard mit einer Rede guftrat, die nicht blos den Geneſe⸗ nen, an welchn ſie zunächſt grichtet ſchien, ſon⸗ dern alle Zuhörer auf gleiche Weiſe rührte und erhob. In jener ſeligen Stimmung, wphin uns die Frende nur dann verſetzt, wenn ſie ſich mit re⸗ ligiöſem Gefühl, mit der Ahnung des Höchſten⸗ Beſten und Dauerndſten aller Geiſtesgenüſſe ver⸗ einigt, reichten. ſch die Freunde nach dem Schluß der frommen Rede die Hind m Paar bei Paar zur ſchöngeſchmückten⸗ im berbſtlichen Blu⸗ men⸗ und Frucht⸗ Richtbum vrangenden Stelle hinzuwandeln wp ein kleines Feſtmahl ſie er⸗ wartete. ——— . — . Zwiſchen heitern Wechſelgeſprächen, in deren Genuß man aller Zeit vergaß, waren einige Stunden verfloſſen. Die Freude hatte ſich durch die genußreizenden Gaben, welche die bei⸗ den Bräute aus Küche und Keller geſpendet, immer mehr geſteigert; William, dem jetzt ein mäßiger Genuß des Weines wieder verſtattet war, hatte eine Heiterkeit gewonnen, welche an die ſchöne Blüthe zurückerinnerte, worinn er einſt hier zum erſten Male die wöhlgefälligen Blicke der Freunde auf ſich gezogen hatte. „Heute,“ ſprach er, „fühle ich mich erſt ganz geneſen, ja, neugeboren! Jene Zeit, die mir Eure Bekanntſchaft, Ihr Lieben, ſchenkte, lag zeither immer ſo weit hinter mir zurück; jetzt iſt ſie mit plötzlich wieder ganz nahe ge⸗ rückt. Alle Bildet jener erſten Begegnung ha⸗ ben ſich mir ſo lebhaft aufgefriſcht, als hätte ſie der geſtrige Tag in meine Erinnerung ein⸗ gezeichnet. Auf dieſer unvergeßlichen Höhe fin⸗ de ich mich wieder, wie in jenem Momente, der mich mit treuer Liebe zur reizenden Gegend und zu meinem Lohrbach erfüllte, die ſpäter⸗ hin — ach, faſt allzu ſpät! — den Zurückkeh⸗ renden aufnehmen und, ihn heilend, zu einer ganz andern Geſundheit, zu einem andern hö⸗ hern Glück hinlenken ſollte, als er früher ge⸗ kannt und erſehnt hatte. Unter jenen Akazien — — Aber, Freunde!“ unterbrach er hier ſeine Rede, da jene Vergangenheit, ſo lebendig, als wäre ſie Gegenwart, vor ſeine Seele trat: „Schon einige Male war ich im Begriff, eine immer wieder vergeſſene Frage nach jenen ar⸗ men Knaben zu thun, die mir dort in der Ab⸗ ſchiedsſtunde die gute Lehre mit auf den Weg gegeben, meinem Glück nicht allzudreiſt zu ver⸗ trauen. Leben Beide noch? Und iſt die väter⸗ liche Bemühung, die Sie auf ihre Erziehung zu wenden verſprachen, nicht ganz erfolglos ge⸗ blieben?“ Lohrbach hatte ſich lächelnd erhoben, um zu antworten; aber in demſelben Augenblick über⸗ mannte ihn eine Rührung, welche dieſes Lächeln in wortloſe Wehmuth der Freude auflöſte, und Alle erhoben ſich, vom gleichen Gefühle ergrif⸗ fen. Die Verlobten hatten ſich herzu gedrängt und drückten die Hände des Erſtaunten mit Thränen kindlicher Dankbarkeit an ihre Lippen, an ihr Herz. — Williams Frage und dieſen Augenblick der Entdeckung hatte man ja gerade am hentigen Tage ſo ſehnſuchtsvoll erwartet! „Mein Gott!“ rief William, vom ſüßen Schrec einer aufdämmernden Ahnung heftig be⸗ wegt, „— wäre es möglich! Dieſe meine — — 5 „Sie ſind es ſelbſt, ſprach Lohrbach, „Gott⸗ Fried Reinhard, und Johannes Leuthold — die Zöglinge Ihrer Wohlthätigkeit!!“ — „Um meine Wohlthäter zu werden!“ ſagte William in tiefer Rührung. „O Ihr theuern Menſchen! Wie habt Ihr mir ſo überſchwänglich vergol⸗ ten! — Aber laßt mich,“ ſetzte er, ſich von den Umarmenden, Weinenden, Dankenden los⸗ — 5 — windend, hinzu: „mein Herz erliegt faſt unter der höchſten, der ſchönſten Ueberraſchung mei⸗ nes Lebens. Gönnt mir ein paar einſame Au⸗ genblicke, mich zu ſammlen!“ — Er eilte den Laubengang hinan, und die Freunde erblickten ihn auf jener Terraſſe, wo ihn Lohrbach zuerſt gefunden, auf's Knie hingeſunken und die ge⸗ falteten Hände zum leuchtenden Abendhimmel emporrichtend. „ „In dieſen geweihten Augenblicken ſprach er, mit heiterverklärtem Geſicht zurückkehrend, „hat ſich der Plan meines künftigen Lebens, wie ich ihn längſt in der Stille entwarf, nun unwiderruflich befeſtigt. Ja, meine Freunde! ich bleibe bei Euch! — Ein kleines Landgut, das man, wie ich vernommen, hier in der Rähe zum Verkauf ausbietet, ſoll mein Eigenthum werden und mich zu Eurem treuen, glücklichen Nachbar machen. Dort ſollen meine beiden äl⸗ teren, vielerfahrnen Freunde Lohrbach und Werner mich bauen und pflanzen lehren; für — 76 — die beiden jüngeren aber habe ich einen andern Pflanzgarten auserſehen. Ich ſtifte ein Er⸗ ziehungshaus für verwaiste Knaben, und hoffe dabei gewiß nicht vergebens, daß Reinhard und Leuthold die Aufſicht und Leitung dieſer Anſtalt unter ſich theilen werden.“ W Fetzt drängten ſich Alle aufs Neue um ihn her, und das ſtille Entzücken der nun für im⸗ mer Vereinten löste ſich auf in den lauten Ju⸗ bel der Wonne. — Blätter aus iei militärischen Tagebuche. Ats am 18ten Jannar 1814, dem Neujahrs⸗ tage der Ruſſen, die ſchwankenden Joche der Rheinbrücke bei Baſel den Uebergang von vie⸗ len Tauſenden der allirten Feinde Frankreichs trugen, gehörte auch das Regiment, bei dem ich damals ſtand, zu einer großen Reitermaſſe, die an dieſem Tage das linke Ufer des Rheins be⸗ trat. Der beſchwerliche Winterfeldzug hatte be⸗ gonnen, wir hatten bei Bar sur Aube und im Gefolge der Schlacht von Brienne Vortheile er⸗ rungen, aber immer noch bot uns der kühne Feind und ſein gewaltiger Führer mit wechſelndem Kriegesglücke die Spitze. In jener Zeit ward ich eines Tages mit einer Abtheilung Ulanen auf Patrouille entſendet; wir fanden den Ort un⸗ ſerer Beſtimmung bereits vom Feinde geräumt, nur noch einzelne Reiter ließen ſich ſehen, und auch dieſe machten ſich eilig davon, als wir — 80 — näher kamen. Sie hatten jedoch ihre Carabiner auf uns abgefeuert, und mein Unſtern wollte, daß eine dieſer Kugeln mich im Fuß gefährlich verwundete. Da ich auſſer Stande war⸗ weiter zu reiten⸗ ſo machten die Ulanen aus ihren Lanzen und Fourageleinen ein Geſtell, worauf ſie mich zum nächſten Dorfe trugen, an deſſen Ende wir ein großes Schloß liegen ſahen. Als der ſich lang⸗ ſam fortbewegende Zug den Ort erreicht hatte, war es bereits dunkel, aber das Klirren der Sä⸗ bel meiner, ihre Pferde am Zügel führenden⸗ Reiter, das Bellen der Hunde und Trappeln der Roſſe, brachte die ganze Dorfſchaft auf die Beine. Mit Laternen und Holzbränden kam man aus allen Häuſern⸗ mich zu beleuchten. — „Der arme Menſch! wird er ſterben? — Wie er noch jung iſt! — Wird denn kein Arzt kommen?“ — So hörte ich die Frauen rufen. — „Währte das Gefecht lange? — Sind auch Franzoſen geblie⸗ ben? — Wer war Sieger, und wo ſtehen un⸗ ſere Freunde? — Man muß entgegen und mit ihnen 6 — ihnen allen dieſen Fremden den Garaus ma⸗ chen!“ raunten die Männer ſich zu. Endlich im Vorhofe des Schloſſes angekom⸗ men, ſahen wir durch die Zweige noch unbe⸗ laubter alter Linden, wie Lichter eilig durch die Zimmer des Hauſes getragen, Fenſter erleuchtet und wieder verdunkelt wurden, dann giengen die Flügelthüren auf, und unter Rufen und Schel⸗ ten kam das Geſinde des Hauſes hervvr. Vom erſten Zimmer, das ſich zunächſt der Hausthüre fand, nahmen die Ulanen für mich Beſitz; ein Bette ward eilig herbeigeſchafft, und ich darauf gelegt. — Nach Verlauf mehrerer Stunden kam ein franzöſiſcher Arzt aus dem nächſten Städt⸗ chen an und ich ſah bald, daß ich in den Hän⸗ den eines erfahrnen Mannes war, dem, weil er lange in Napolevn's Armee gedient, gerade der Theil ſeiner Kunſt, den ich in Anſpruch nahm, durch häufige Praxis am geläufigſten ſeyn mochte. Indeß nun ſo für mich das Röthige geſche⸗ hen, hatte ein Theil der Ulanen vor dem Dorfe Wache gehalten, die Andern aber im Schloß⸗ hofe ihre Pferde gefüttert und damit hatten ſie, 2r Band. 6 bis der Tag anbrach, unter ſich abgewechſelt. Ich durfte das Commando jetzt nicht länger bei mir aufhalten, es mußte zum Regiment zu⸗ rück. Mit ihren Untervffizieren kamen die Rei⸗ ter noch, ehe ſie aufbrachen, an mein Bette; Jeder gab mir zum Abſchiede treuherzig die Hand⸗ und mancher feſte Druck und trübe Blick eines braven Mannes ſprach die Theilnahme der Schei⸗ denden aus. Von dem Arzte, der bis dahin geblieben war, erfuhr ich das Nöhere über meinen jetzi⸗ gen Aufenthalt. Ich war zu Lechéres im Schloſ⸗ ſe der Gräfin Cabanac, einer achtzigjährigen Dame, die ſich nach einem ihr zugehörigen Forſt⸗ hauſe im Walde geflüchtet hatte, ſeit vor und nach der Schlacht von Brienne dieſe Gegend bedroht war, ein Schauplatz des Krieges zu werden. Im Schloſſe waren nur einige Leute von der niedern Bedienung zurückgeblieben, ſo daß für meine Pflege von Seiten des Hauſes nur ſehr mittelmäßig geſorgt ward; deſto eifri⸗ ger waren mein Bedienter und ein Ulan, den ich bei den Pferden zurückbehalten hatre, bemüht, durch ihre treue Anhänglichkeit nach Möglichkeit das Fehlende zu erſetzen. In der zweiten Woche meines Aufenthalts im Schloſſe, kam die Gräfin zurück. Zu ſehr an alle Bequemlichkeiten des Lebens gewöhnt, hatte ſie in der ärmlichen Wohnung ihrer Dienſt⸗ leute nur ſo lange verweilt, als zu ihrer Sicher⸗ heit durchaus nöthig ſchien. Der Abzug der Alliirten aus dieſer Gegend, nachdem ſie zur Aufrechthaltung der Ordnung Commandanten in den Städten zurückgelaſſen hatten, bewog die Gräfin, das Schloß wieder zu beziehen. Mit der Dame kamen: ihre Geſellſchafterin, der Haushofmeiſter, der Koch und einige Andere der Dienerſchaft. Jetzt gewann das ganze Hauswe⸗ ſen ein verändertes Anſehen. Der Maitre d'hotél, ein alter freundlicher Mann, in ſeinem ganzen Aeußern das Bild der Ordnung und Sauberkeit, vom gepuderten Scheitel, dem braunen, ein wenig mit Seide geſtickten Fracke, den ſchnee⸗ weißen Manſchetten und der zierlich verbrämten Weſte bis auf die grau⸗ ſeidenen, geflammten Strümpfe und die großen, ſilbernen Schuhſchnal⸗ 6 — — — 64 — len, kam, mich im Namen ſeiner Herrſchaft zu becvmplimentiren. Kuf ſeine Veranlaſſung ward ich ſogleich in ein viel ſchöneres Zimmer getra⸗ gen, das allerdings dem Glanze des Hauſes mehr entſprechen mußte, denn die guten Ulanen hatten bei Beſitzergreifung meiner erſten Woh⸗ nung den Portier in ſeinen Rechten gekränkt; ſo kam erſt jetzt der Mann zu dem Seinigen. Als ich in dem neuen Zimmer etablirt war, hat⸗ te ich die Ehre, den Beſuch der Gräfin zu em⸗ pfangen. Wie vermag ich den tiefen Eindruck wahr⸗ haft zu ſchildern, den die ehrwürdige Dame auf mich mochte, als ſie, begleitet von ihrer Geſell⸗ ſchafterin, eintrat, wie ein treues Bild zu entwer⸗ fen von dieſer auſſerordentlichen Frau! — Ju⸗ gend und Schönheit ſchienen hier den Zierden des Alters, der Würde und Milde, nur darum gewichen zu ſeyn, damit die unvergänglichen Güter des menſchlichen Lebens, die Güte und Frömmigkeit, nur noch klarer und herrlicher ſich aus ſprechen könnten in den edelſten Zůgen. Den⸗ noch ward ein ſolches Aeuſſere im Ungewöhnlichen beinahe noch übertroffen von der Lebendigkeit des Geiſtes der betagten Frau. Mit welcher Freundlichkeit ſie ſprach, als ſie ſich erkundigte, ob ich denn nun auch Alles habe, was ich be⸗ dürfe; wie es ihr ſo leid thue, daß bisher ſo wenig für mich geſchehen ſey; mich dann über mein Unglück tröſtete, und ich nun erzählen muß⸗ te von meinem Vaterlande und allen Lieben in der Heimath. Da empfand ich es, wie beglückend die Theilnahme guter Menſchen im Unglück iſt. Von dieſem Tage an durfte ich mich oft und lange des Beſuches der Gräfin erfreuen, die mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt jedem meiner Wünſche zuvor kam. Ich hätte alle Urſache ge⸗ habt, den Umſtänden nach zufrieden, ja glücklich zu ſeyn, wenn nicht die unwiderſtehliche Sehn⸗ ſucht, bei meinen Kameraden zu ſeyn und ihr Schickſal zu theilen, mir manche trübe Stunde gemacht hätte. Die Gräfin bot Alles auf, mich zu zerſtreuen. Ihre Geſellſchafterin, eine äuſ⸗ ſerſt liebenswürdige Dame von hoher Bildung, las vor oder ſang hübſche franzöſiſche Lieder un⸗ ter Begleitung der Harfe; doch zog ich dem — 86 — Allen die Unterhaltung der Gräfin vor, die am intereſſanteſten ward, wenn es ihr gefiel, von den Begebenheiten ihres Lebens zu reden. Die Gräfin hatte gegen dreißig Jahre unter den glänzendſten und glücklichſten Verhältniſſen am fran⸗ zöſiſchen Hofe gelebt und dann das Schickſal ihrer Standesgenoſſen in allen Schreckniſſen der Revolution getheilt, wo nicht im Unglück über⸗ troffen. Domals ſeit wenig Jahren Wittwe, lebten der Mutter zum Troſt und zur Freude in der Blüthe ihrer Jahre drei Söhne. Der älteſte Graf war Capitain in einem Cavallerie⸗ Regimente, der zweite Garde du Corps des Königs, und der dritte hatte ſo eben ſeine Stu⸗ dien vollendet, als die Revolution ausbrach. Beim Sturme des wüthenden Pöbels auf das Schloß von Verſailles am Morgen des öten Oktobers 1789 fiel der Garde du Corps in treuer Vertheidigung ſeines Herrn. — Der älteſte Graf hatte in ſeinem Regimente bei mehreren Gelegenheiten zu entſchieden die Parthei des Königs genommen, als daß er hätte wagen kön⸗ nen, in Frankreich zu bleiben, da das König⸗ — 87 — thum untergieng. Er war über Holland nach Eng⸗ land emigrirt. Die Gräfin hatte mit ihrer Ab⸗ reiſe aus Frankreich zu lange gewartet, es hätte nur noch mit der höchſten Gefahr geſchehen kön⸗ nen; ſo blieb ſie denn auf einem Schloſſe bei Nantes, das ſie von ihren Aeltern ererbt und ſchon ſeit dem Tode ihres Mannes bewohnte. Graf Heinrich, der jüngſte der Brüder, war mit ihr, da ihn die Unruhen verhinderten, ir⸗ gend eine Laufbahn zu ergreiſen. Es war das Jahr 1795 heran gekommen. Im niedern Poiton wehten die Fahnen der König⸗ lichen, aus den benachbarten Provinzen ſtrömten die Gleichgeſinnten ihnen zu, vor Allen der noch nicht emigrirte junge Adel. An dem düſtern, wehmüthigen Schweigen ihres Sohnes erkannte die liebende Mutter ſeinen innern Kampf zwi⸗ ſchen der doppelten Pflicht, und mit Zittern ſah ſie den Tag kommen, wo er ſie verlaſſen und auch zum Kampfe gehen wirde auf Leben und Tod. Beide vermieden es ängſtlich, über den Bürgerkrieg zu ſprechen; die Mutter, weil jede Erörterung über denſelben die Abreiſe des Soh⸗ nes unausbleiblich nach ſich ziehen mußte, der Sohn aber konnte ſich immer noch kein Herz faſſen, der bekümmerten Mutter zu ſagen, wo⸗ zu er dennoch entſchloſſen war. So ſtanden die Dinge; da ward in einer dunklen Racht leiſe an des Schloſſes Thüre ge⸗ klopft. Zwei Bauern verlangten eingelaſſen zu werden, und als der Portier zögerte, bedurfte es nur zweier Worte des Einen und ſie waren im Schloſſe. Zum Zimmer des jungen Grafen gien⸗ gen die Männer, der, als er aus dem Schlafe aufgeſchreckt, ſeinen älteſten Bruder und einen Vetter des Hauſes in den Verkleideten erkannte. Am andern Morgen, wie die Gräfin zur ge⸗ wöhnlichen Zeit ihren Heinrich empfieng, führte er in ihre Arme Carl, den lange entbehrten, heißgeliebten Erſtgebornen. — Carl und ſein Begleiter waren nicht längſt, wo die Unruhen in der Vendee einen ernſtern Charakter angenommen hatten, mit Gefahr ih⸗ res Lebens von England herüber gekommen; aber ſchon hatten ſie in jenen blutigen Tagen von Fontenay mit den Königlichen gegen die Blauen gefochten. Sie benutzten die Zeit mo⸗ mentaner Waffenruhe, Nachrichten von den Re⸗ publikanern einzuziehen, die Gräfin zu ſehen, und Heinrich ihren Fahnen zuzuführen. Nach harter Trennung, unter tauſend Thrä⸗ nen der armen Mutter, zogen mit Wiederein⸗ treten der Nacht nun beide Brüder und der Freund dahin, wohin Pflicht und Ehre den fran⸗ zöſiſchen Edelmann zu rufen ſchien. Die Gräfin wagte jetzt nicht länger, allein auf dem Schloſſe zu bleiben, ſie bezog unter fremdem Namen eine kleine Wohnung in Nan⸗ tes. Hier erfuhr ſie nur zu bald den Tod ih⸗ res Heinrichs, der ſchon beim Sturm auf Sau⸗ mur heldenmüthig ſein Ende gefunden hatte, und als mit Ablauf deſſelben Jahres das Glück der Vendéer zu Grabe gieng, war auch Carl, ſeit er in einem Treffen ſchwer verwundet wor⸗ den, ſpurlos verſchollen. Wie um dieſe Zeit Nantes der Schauplatz ungeheuerer Mordſcenen ward, als die halbe Bevölkerung der Vendée dahin getrieben wurde, um, vhne Unterſchied des Alters und Geſchlech⸗ tes, in den Fluthen der Loire erſäuft zu wer⸗ den, ward die Gräſin durch wenige Zeilen von unbekannter Hand gewarnt. Man ſchrieb ihr: „ſie ſey als Mutter eines Vendée⸗Offiziers erkannt, nur ſchnelle Flucht könne ſie dem ſichern Tode entziehen.“ — * Das Zureden zweier treuen Leute und die Liebe zum Leben beſiegten endlich den dumpfen, theilnahmloſen Schmerz der verwaiſeten Mutter; ſie ließ es geſchehen, daß jene Beiden, ihre Kam⸗ merfrau Victvire und Pierre Dachet, ein treuer Diener, Anordnungen zur Flucht machten. Am nächſten Morgen ſah man durch die Straſ⸗ ſen von Nantes einen rüſtigen Bauer zwei Eſel vor ſich hertreiben, die zu beiden Seiten große Körbe trugen. Auf dem gepolſterten Sattelkif⸗ ſen jedes der Thiere aber ſaß eine Bäuerin, mit den Füſſen gemächlich in einem der Körbe ruhend, wie die Landleute aus der Bretagne zu thun pflegen, wenn die zur Stadt gebrachten Erzeug⸗ niſſe verkauft ſind und ſie der Heimath wieder zueilen. Bei der alterthümlichen Kirche von St. Ricolas, wo ihr Weg vorüber gieng, fanden ſie ſich durch eine tobende Volksmaſſe aufgehalten und auch zum Umkehren war es zu ſpät, denn hinter ihnen ruͤckte unter dem Schalle des Mar⸗ ſeiller⸗Marſches ein Bataillon Nationalgarden heran; es kam, die Schlachtopfer dieſes Tages, einige Hundert Vendéer, abzuholen, die in je⸗ ner Kirche eingeſchloſſen waren. Die hohen Pforten des Gvotteshauſes tha⸗ ten ſich auf und die Unglücklichen traten her⸗ vor, herzzerreiſſende Bilder menſchlichen Elends. Ernſte Reſignation, lauter Jammer und blaſſe Todesfurcht, frommes Beten und verzweifelte, raſende Wuth giengen Hand in Hand denſel⸗ ben, den letzten Weg. Aber erbarmlos, er⸗ hitzt von Wein und Mordluſt, ſangen die Ja⸗ kobiner von Nantes patrivtiſche Lieder zum Takte der rauſchenden Muſik, laut übertönend die Klagen ihrer wehrloſen Feinde. Im Gedränge waren die Bretagner, in de⸗ nen wir die Gräfin und ihre treuen Begleiter wieder finden, der Kirchthüre ſo nahe gekom⸗ men, daß ſie gegen ihren Willen Zuſchauer die⸗ ſer Scene ſeyn mußten. Bleich und zitternd . — — ſaß die Gräfin und vermochte nicht, den leiſen Winken ihres beſonnenen Dieners zu folgen, die Faſſung heiſchten; als aber gar ein junges Weib aus der Vendée ihren halbnackten Säug⸗ ling hoch empor hielt und laut weinend ſchrie: „Wer nimmt das unſchuldige Kind, wer will ihm Mutter ſeyn? Seht, o ich bitte, ſeht den lächelnden Knaben!““ — Da, ihrer ſelbſt nicht mehr mächtig, Alles um ſich her vergeſſend, nur dem Drange ihres Herzens folgend, rief die Gräfin: „Ich, ich! die unglückliche Mutter, die keinen Sohn mehr hat!“ So groß der Lärm auch ſeyn mochte, wa⸗ ren die Worte der Gräfin dennoch einer Furie von Weibsbild nicht entgangen, die in zerrißſe⸗ neu Kleidern und verworrenem Haar, taumelnd vor Trunkenheit, zur Seite ſtand. Und die Gräfin einen Augenblick anſtarrend, packt ſie den Arm der Dame plötzlich und ſchreit auf: „He da, Weib! wo ſind denn Eure Söhne, wer ſeyd denn Ihr, — wohl auch von denen da drüben? Ja, ja, es iſt noch Platz in der Loire!“ — Jetzt um ſich ſehend, ſcheint ſie Je⸗ 5 — mand zu ſuchen; vielleicht um die Arretirung der Gräfin zu fordern. Da im raſchen Ent⸗ ſchluß tritt Dachet vor, und wie aus Verſehen⸗ faßt er im ſichern Stoß und in ganzer Kraft mit ſeinem eiſenbeſchlagenen Abſatz die Spitze vom nackten Fuß des Weibes, daß die Zehen brechen und ſie im ungeheuern Schmerz zu Bo⸗ den ſinkt. Des Augenblickes nimmt Victyire wahr, drehet die Eſel um und gewinnt glück⸗ lich das Freie, ehe die Betäubte zu ſich kom⸗ men kann; Dachet aber entweicht auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite, verfolgt von den wüthen⸗ den Schmähungen des Weibes, die, trunken wie ſie iſt, über den Feind ihrer Füſſe der mitleidi⸗ gen Mutter nicht mehr gedenkt. Auf Umwegen hatten die Fliehenden ſich wie⸗ der zuſammen gefunden. Am Thore ruft die Wache ſie an. Dachet kennt die Loſungworte des Tages und raſch gibt er ſie ab. „La nation, les sanseulottes et Carrier!“ ſagt er. Jetzt hält ihn nichts mehr auf. Um Blvis, das erſte Ziel der Reiſenden, zu gewinnen, zogen ſie die Loire hinauf, Angers umgehend. Sie wußten, daß hier, wie zu Ran⸗ tes, ſchauerlich Gericht gehalten ward über die Königlichen; aber erſt nach Jahren ſollte die Gräfin erfahren, daß in der Zeit ihrer Flucht nach Blnis, vielleicht an dem Tage ſelbſt, wo ſie Angers liegen ſah, in deſſen Mauern zwölf Vendee-Offiziere erſchoſſen wurden, unter ih⸗ nen mit kaum vernarbten Wunden — ihr Sohn Carl. Unter ſteter Furcht und allen Mühſeligkeiten einer ſolchen Reiſe ward endlich, öber Tours⸗ Blvis erreicht. Frühere Verbindungen und reiche Geſchenke verſchafften der Gräfin von den Machthabern dieſes Ortes unter fremden Namen Päſſe für das Ausland. Die Bretagner und die treuen Eſel blieben in Blois, dafür reiſete ein Kaufmann aus Bern⸗ mit ſeiner Frau und Schwiegermutter, im be⸗ quemen Wagen der Grenze zu. Nach einem kurzen Aufenthalte in der Schweiz gieng die Gräfin nach Wien, wo ſie ſo lange blieb, bis Napoleon die Rückkehr der Ausgewanderten geſtattete und ihnen ihre noch nicht verkauften Beſitzungen zurück gab. Sie fand ſich vor den meiſten ihrer Unglücksgefährten begünſtigt, denn durch Zufall hatte mehr ais die Hälfte ihres Eigenthums keine Käunfer gefunden; dazu gehörte das Schloß von Lechéres. Victvire hatte ſich in Wien mit einem Fran⸗ zoſen verheirathet, jener ſtattliche Haushofmei⸗ ſter der Gräfin aber, deſſen ich früher gedacht habe, war kein Anderer, als Pierre Dachet, der treueſte Diener ſeiner alten Herrſchaft. Bald nach meiner Ankunft in Lechéres hatte ich dem ruſſiſchen Commandanten in Joinville, einer vier Lieus entfernten Stadt, davvn An⸗ zeige machen laſſen und öfter meinen Ulanen zu ihm geſchickt, um Nachrichten vom Gange des Krieges zu erhalten. Hatten die Mittheilungen immer günſtig gelautet, neue Siege der Allür⸗ ten und die nahe Einnahme von Paris verkün⸗ det, um ſo mehr war ich erſtaunt, als eines Tages Graudenz, jener Ulan, ein Billet vom Commandanten deß Inhalts brachte: „Franzöſiſche Cavallerie ſey im Anzuge, kaum noch eine Stunde von Joinville entfernt; ein — 96 — um ſo unerklärlicheres Ereigniß⸗ als man gewiß wiſſe, daß die alliirten Armeen wenigſtens 15 Stunden vorwärts, auf Paris zu, ſtänden.“ — Bei ſeinem Abreiten von der Stadt hatte Grau⸗ denz bereits die Koſaken des Commandanten mit franzöſiſchen Chaſſeurs flankiren und ſich auf Chaumont zurückziehen geſehen; um ſo eiliger hatte er ſelbſt ihm wohlbekannte Waldwege nach Lechéres eingeſchlagen. Bei der Ankunft dieſer Hiobspoſt hatte ich gerade den Beſuch des Arztes; ſein Ausſpruch, daß nicht daran zu denken ſey, mich nach Chau⸗ mont und von vort weiter bringen zu laſſen, ohne des Verluſts des Beines, vielleicht des Lebens, gewärtig zu ſeyn, bewog mich, zu bleiben. Meine beiden Leute mochte ich nicht auch in Gefahr bringen, Kriegsgefangene zu werden⸗ ſie giengen deshalb mit den Pferden in derſel⸗ ben Stunde noch nach Chaumont zurück; wie ſchmerzlich ich es auch empfand, getrennt von den treuen Dienern, einer ungewiſſen Zukunft entgegen zu gehen. Es Es hatte meiner gütigen Wirthin nicht ge⸗ lingen wollen, mich zu beruhigen, ſie war ja ſelbſt von der Nachricht zu ſehr ergriffen. Mit Leib und Seele den Bourbons ergeben, ſah ſie in den Alliirten nur die Befreier Frankreichs, die Wiederherſteller alter Formen und Rechte. Erſt ſpät war ſie von mir gegangen, ich hatte in der ſtillen Nacht über meine troſtloſe Lage nachgedacht und nur im Vertrauen auf Gott die Hoffnung auf eine beſſere Zukunft wieder gewinnen können. Da höre ich Reiter in den Hof ſprengen, lautes Geſpräch in franzöſiſcher Sprache und unterſcheide die Worte: „Oflcier blessé — ou sont les chevaux — faire prisonnier!“ — Einen Augenblick ſpäter ſtanden vor meinem Bette ein alter Maréchal de logis und zwei Chaſſeurs. Ich hatte kaum die barſche Anrede des Erſtern: „Wer ſeid Ihr? — Wo ſind Eu⸗ re Pferde? — Habt Ihr Geld?“ — zu beant⸗ worten angefangen, ſo ward der Alte auch ſchon freundlicher; denn nie kann der Franzoſe ſein Wohlbehagen unterdrücken, wenn er von ar Band. 7 Fremden ſeine Sprache reden hört. Bei dem Allen ward die Frage nach meinem Gelde nicht aus dem Geſichte verloren, und ich war eben im Begriff, das Wenige herzugeben, was mir geblieben, nachdem ich den Arzt gleich Anfangs bezahlt hatte; als die Gräfin, alles für mich fürchtend, herbei eilte. Zwar war die Gefahr ſo groß nicht, doch war mir's ſehr gelegen, als die ungebetenen Gäſte ſich bewegen ließen⸗ das Zimmer zu verlaſſen. An der Thüre nahm der Haushofmeiſter ſie in Empfang⸗ trank mit ihnen auf die Geſund⸗ heit des Kaiſers, und als er nun gar Jedem ein Paar Napolevns von Seite der Gräfin zum Geſchenk machte, ließen ſie die Dame des Hauſes, mich und wen er ſonſt wollte, hoch leben, und ritten endlich ganz zufrieden ihres Weges. Am andern Morgen blieb alles ruhig, we⸗ der Freund noch Feind hatte ſich ſehen laſſen, man wußte ſelbſt nicht, wohin die Chaſſeurs geritten waren. — Nachmittags hatte Dachet eine Landkarte gebracht und, ſich in Vermu⸗ thungen und Zweifeln über die Stellung der Ar⸗ meen erſchöpfend, ſich dann verdrießlich em⸗ pfohlen. . Von der durchwachten Nacht ermüdet, war ich eben eingeſchlafen, als ich durch den raſchen Hufſchlag eines Pferdes aufgeweckt ward. Kaum mochte ich meinen Augen trauen: vor dem Fen⸗ ſter hielt der Ulan Graudenz zu Pferde. Er verſuchte zu öffnen, und als das von außen nicht gieng, beſann er ſich einen Augenblick, ſtieß dann mit der Lanze eine Scheibe ein und warf mir einen Beutel mit Geld auf's Bette. „Neh⸗ men Sie das, Herr Lieutenant!“ — rief er mir zu — „es ſind die Sparpfennige vom Bedienten Franz und mirz uns iſt, als wir von Ihnen geritten waren, eingefallen, daß Sie das Geld wohl brauchen könnten. Um es Ihnen zu brin⸗ gen und doch auch zu ſehen, ob die Franzoſen ſchon im Schloſſe waren, und wie ſie mit Ih⸗ nen umgegangen, bin ich jetzt hier. Meine Schecke kennen Sie ja, ſie iſt ſchon ſteif und nicht raſch, da habe ich mich auf Ihren Rap⸗ pen geſetzt, auf dem greift mich Keiner, das 7 — 100 — weiß ich, und ſo bin ich getroſt die ſechs Stun⸗ den von Chaumont hieher zwiſchen den ſen hindurchgeritten.“ Nun machte der ehrliche Menſch viele Ent⸗ ſchuldigungen, daß er das Fenſter eingeſchlagen habe; aber er habe nicht abſitzen dürfen, weil den Bauern nicht zu trauen ſey, und das Geld habe er doch nur mir ſelbſt geben wollen. Noch hatte ich keine Zeit finden können, dem braven Reiter meine herzliche Erkenntlichkeit für ſo treue, teine Gefahr achtende Anhänglichkeit an den Tag zu legen, als er plötzlich mir zurief: „Sie kommen ſchon! — Auf Wiederſehen, Herr Lieutenant! — Gott erhalte Sie!“ — Ganz nahe fallen jetzt Schüſſe und klirrend ſährt eine Kugel durch's Fenſter in die Wand. Meinem Graudenz hat's gegolten; der aber ſchwingt die Lanze, wendet den Gaul um und ſprengt zum Schloßhofe hinaus. Algemeine Beſtürzung und Neugier hat tuld die Bewohner des Schloſſes bei mir vereinigt. Man hat Grandenz geſehen⸗ ſchießen gehört⸗ nun ſoll ich wiſſen, wie das zugegangen, wie — 101 — der Ulan den Chaſſeurs entgangen iſt, vb er geſchoſſen, auf wen, und warum? — Erſt als Dachet im Dorfe Erkundigung ein⸗ gezogen hatte, ließ ſich Nachſtehendes über den Hergang der Sache zuſammenſtellen. Die Chaſ⸗ ſeurs hatten in der Nacht erzählt: Napoleon habe ein levée en masse befohlen, um olle Fremden aus Frankreich zu jagen; das hat die Banern aufgeregt, man hat im Wirthshauſe getrunken, ſich einander vorgeworfen, daß es unrecht geweſen ſey, meine Leute und Pferde weggehen zu laſſen, mindeſtens hätte man der Pferde ſich bemächtigen ſollen u. ſ. w. Am Morgen waren die vergrabenen und verſteckten Gewehre in der Stille hervorgeſucht worden, um gleich bereit zu ſeyn, wenn das Aufgebot kommen ſollte. Da kommt auf mei⸗ nem mit Staub und Schweiß bedeckten Rappen der Ulan durch's Dorf geſprengt. Er iſt vom Weiten ſchon bemerkt, einige der Redeführer im Gaſthauſe wollen jetzt ausführen, was ge⸗ ſtern verſäumt iſt; ſie rufen ihn an, er hält nicht, jagt immer dem Schloſſe?zu. Nun wird — zu den Gewehren gegriffen, denn den Rappen wollen ſie haben um jeden Preis, was aus dem Reiter werde, ob todt oder lebendig, gilt gleich. Und zum Schloſſe geht es, ihm nach über He⸗ cken und Zäune den nächſten Weg. Aber Grau⸗ denz iſt auf ſeiner Hut; nicht abgeſeſſen, wie ſie glauben, zu Pferde hält er vor meinem Fen⸗ ſter. Er wird ſie gewahr, iſt näher dem Thore wie ſie. Jetzt gilt es! Sie geben Feuer; doch unverſehrt, im raſcheſten Laufe, gowinnen Mann und Roß das Weite. Die Bauern waren nach mißglücktem Unter⸗ nehmen eben ſo ſchnell entſchwunden als ſie ge⸗ kommen. Seit dem Erſcheinen des Graudenz waren wieder franzöſiſche Reiter im Dorfe geweſen⸗ jedoch weiter gezogen, ohne auf's Schloß zu kommen. Mit Anbruch des nächſten Tages aber war ein Commando Huſaren von den neu er⸗ richteten Freiwilligen im Dorfe eingerückt und machte große Requiſitionen für das Hauptquar⸗ tier des Kaiſers. Der Offizier ließ ſich förmlich bei mir mel⸗ *— —— — 103 — den und ich fand mich bald vis-à⸗vis eines vollkommenen Incrvyable, der ſo eben aus der Hauptſtadt der Armee zugeeilt war. Er nahm Platz, pour faire pelle conversation — wie er ſagte; doch leider war der Gute ſo ſehr be⸗ trunken, daß auch gar nichts Vernünftiges aus ihm herauszubringen war. Ich hätte ſo gern etwas Gewiſſes über den Gang des Krieges erfahren, aber was er ſagte, war entweder verworren, voder nicht zu glauben. Der Kaiſer Alexander — ſagte er — ſey verwundet, der König von Preußen gefangen, Kaiſer Franz wolle ſeinen lieben Schwiegerſohn nicht länger bekriegen und habe ſich mit Napo⸗ leon verbunden. Der Friede der Welt — fuhr er fort — ſey vor der Thüre; jeder werde ſei⸗ ne Heimath, er ſein herrliches Paris wieder⸗ ſehen, ich ſolle ihn da beſuchen, wie werde er entzückt ſeyn, mich eines Tages in Rue St. Honoré zu empfangen, dann wolle er mir zei⸗ gen, was eine ſchöne Stadt ſey. Nun gieng es an ein lächerliches Fragen über mein Vater⸗ land, ohne je eine Antwort abzuwarten; über⸗ — 104 — haupt war der zierliche Herr eine ſo drollige Erſcheinung, ſo ganz das Gegentheil eines Soldaten, für den er doch gelten wollte, daß meine ſo höchſt betrübte Lage mich nicht abhal⸗ ten konnte, ihm öfters gerade in's Geſicht zu lachen. Von ſeinen Huſaren, die ihn abzuholen ka⸗ men, ward es beſtätigt, daß die requirirten Gegenſtände allerdings für das Hauptquartier des Kaiſers beſtimmt waren, welches noch die⸗ ſen Abend in Doulevent, einem Dorfe, das kaum eine Stunde von Lecheres lag, aufge⸗ ſchlagen werden ſollte. Durch den Augenſchein ward jeder Zweifel an dieſer Nachricht bald gehoben. Von vier Uhr Nachmittags dieſes Tages an, faſt ununterbrochen zwei Tage und drei Nächte, war das Schloß überfüllt von Grenadieren der alten Garde, die aus dem Bivouak bei Dou⸗ levent kamen, um Lebensmittel zu ſuchen. In allen Zimmern, auf jedem Tiſch, der aufzutrei⸗ ben war, mußte ſervirt werden; aber das Hausgeſinde mochte auftragen ſo viel und was — 105 — es wollte, immer gab es leere Schuſſeln, leere Flaſchen, und war Einer ſatt, ſo lauerten auch ſchon wieder zwei, drei Andere auf ſeinen Platz. Die Gräfin, außer Stande, Alle zufrieden zu ſtellen, durch immer neue Anforderungen, ja ſelbſt Beleidigungen, aus ihren Zimmern ver⸗ trieben, hatte ſich in ein Dachſtübchen verſteckt. Um ſo mehr ward nun Dachet in Anſpruch ge⸗ nommen. Jeder wandte ſich an ihn, er ſollte und mußte Rath ſchaffen. Aber mit nicht zu beugendem Dienſteifer blieb er in ſeinem Amte, gab ſo lange er hatte, und ließ in Geduld gute und böſe Worte über ſich ergehen, ſelbſt Rib⸗ benſtöße, bis Alles gegeſſen, Alles getrunken war. In dieſer Beziehung war denn auch voll⸗ kommen aufgeräumt, als die Gäſte abzogen. Es gab kein Brod, keinen Tropfen Wein mehr im Hauſe, die Teiche im Garten waren abge⸗ laſſen, die Fiſche herausgenommen, alles Ge⸗ flügel ſpurlos vom Hofe verſchwunden, ja ſogar einige Pfauen waren von den Hungerigen, als — 106 — ſie nichts Anderes mehr ſinden konnten, erwürgt und verſpeiſt worden. Die zuerſt angekommenen Grenadiere waren auf mein Zimmer gekommen und hatten ſich dort für die Zeit ihres Aufenthaltes im Schloſ⸗ ſe etablirt, Andere hatten ſie abgelöſ't und ge⸗ wiß nur wenge, die das Schloß betreten hat⸗ ten, mochten verſäumt haben, mich zu betrach⸗ ten, denn niemals ward die Stube von Neu⸗ gierigen leer. Es mußte wohl großes Intereſſe für mich haben, dieſe weltberüͤhmte Elite des franzöſi⸗ ſchen Heeres ſo ruhig von meinem Bette aus beobachten zu können. In den langen blauen Mänteln mit rothen Epauletten und den hohen Bärmützen ſaßen ſie da die rieſigen Geſtalten mit den bärtigen Geſichtern und dem kriegeri⸗ ſchen Anſehen, ſich nach ihrer Weiſe zwanglos von den Begebenheiten des Tages unterhal⸗ tend. Welche ungewöhnliche Intelligenz über die Kriegsoperationen, welche begeiſterte Ergeben⸗ heit für ihren Kaiſer und was für ein kriege⸗ — 107 — riſches Selbſtvertrauen bezeichnete jedes ihrer Worte. „Die Alliirten“ — begann unter andern ein Alter mit dem Kreuze der Ehrenlegion — „wei⸗ chen uns aus, ſie ermüden uns mit ihren Hin⸗ und Hermärſchen; wo der Kaiſer ſich mit uns hinwirft, weichen ſie, und gehen vor, wo wir nicht ſind. Daß ſie ſtehen! feſt ſtehen! daß ſie halten nur ein gut Mal!“ „Ja, ja!““ — ſiel ein Anderer ein — „da wollen wir ihnen zeigen, daß wir nicht von dem zuſammengerafften Volke ſind, das ſie durch Deutſchland über den Rhein vor ſich her⸗ getrieben haben. — Die Alliirten ſollen es er⸗ fahren, daß ſie es mit Leuten zu thun haben, die in Spanien unter Suchet fochten!“ Jetzt ergreift ein Dritter ſein Glas und bringt die Geſundheit des Kaiſers aus; dann zu ſeinem Nachbar ſich wendend⸗ einem Manne von mindeſtens fünfzig Jahren, den eine große Hiebwunde über Backe und Kinn kenntlich macht, ſagt er: „Nun, Papa Bakafré, gieb uns doch auch ein Tvaſt zum Beſten!“ — 108 — Ohne ſich zu beſinnen, ſteht der auf und ſpricht: „Wohl denn, meine Freunde! ſo trin⸗ ket auf die erſte Schlacht! Sie wird, ſie muß ſiegreich ſeyn, Napoleon und die alte Garde iſt dabei!“ — Mit ſtürmiſchem Jubel wurden die Gläſer geleert. Und eben dieſe unter den Waffen ergraue⸗ ten Krieger, mit welch würdevoller Freundlich⸗ keit verkehrten ſie mit mir, ihrem verwundeten Feinde. Wie Viele ich auch geſehen, von Allen habe ich nur Gutes zu ſagen; Theilnahme, Ge⸗ fälligkeit und Güte habe ich von ihnen erfahren, wie ich ſie von meinen Landesleuten nur erwar⸗ ten konnte. Der Kaiſer war von Doulevent aufgebro⸗ chen, wie man in Lechéres nicht anders wußte und glaubte, die Allürten verfolgend dem Rhei⸗ ne zu. Es ſchien, ich würde meine Wieder⸗ herſtellung auf dem Schloſſe in Ruhe erwarten können, dann aber leider Kriegsgefangener ſeyn; ſchon machte ich Pläne, wie ich ſolchen Falls und unter welcher Verkleidung meine Freiheit gewinnen könnte. Ich hatte mich bitter ge⸗ — 109 — täuſcht; kaum zwei Tage ſpäter würde ich froh geweſen ſeyn, wenn ich die Ueberzeugung ge⸗ habt hätte, mit dem Leben davvn zu kommen. Die Gröfin hatte in den vergangenen Ta⸗ gen viel gelitten und konnte ſich kaum aufrecht erhalten; dennoch wollte ſie ſich ſelbſt überzeu⸗ gen, wie es mir gienge. Eben ſaß ſie an mei⸗ nem Bette und ihre trübe Stimmung, ſchien es, hielt gleichen Schritt mit dem körperlichen Unwohlſeyn; da kam Dachet, ein offenes Schrei⸗ ben in den Händen haltend, zur Thüre herein. Er gab es der Gräfin, indem er ſehr ernſt ſagte: „Madame, das Gewitter iſt noch nicht vor⸗ über, es wird eine ſturmbewegte Zeit geben. Faſſen Sie Muth! Sie haben in Ihrem Leben ſo viel überſtanden, tragen Sie auch das noch.“ Die Gräfin warf einen Blick auf das Blatt⸗ dann entſiel es den zitternden Händen, die ſich krampfhaft zum Gebete falteten, und keines Wortes mächtig, blieb ſie regungslos, mit per⸗ lenden Thränen auf den bleichen Wangen. Ich hatte das Schreiben aufgehoben; es — 110 — war der Befehl zum Levée en masse, unter⸗ zeichnet vom General Alir, datirt von Toul. „Keine Zeit iſt zu verlieren, Gräfin!“ — begann auf's Neue Dachet — „Ich darf es Ih⸗ nen nicht erſt ſagen, wie übel das Landvolk dieſer Gegend denkt. Es weiß, daß die Bour⸗ bons an den Grenzen des Reiches nur den Au⸗ genblick erwarten, wo die ſiegreichen Waffen der Alliirten ihnen geſtatten werden, ihre Rech⸗ te geltend zu machen, man weiß, daß der alte Adel in den Allirten keine Feinde ſieht. Die aufgerufene Menge wird in dieſer Zeit der all⸗ gemeinen Bewaffnung den Zweck verwechſelnd, nur die Wiederkehr jener Tage der Revolution ſehen. Der auf's Neue erwachte Haß gegen den Adel muß uns Raub und Gewaltthätigkei⸗ ten jeder Art fürchten laſſen. Sie können nicht bleiben, Madame, müſſen fliehen, noch in die⸗ ſer Nacht!“ — Allmälig hatte die Gräfin wieder Faſſung gewonnen; die Abreiſe ward beſchloſſen und im Geheim verabredet, denn es ſtand zu fürchten⸗ daß die Gräfin gezwungen wurde zu bleiben, — 111 — wenn im Dorfe etwas von ihrer Abſicht ver⸗ lautete. 2. Die Gemeinde zu Lechéres hatte ſich in der Revolution einen traurigen Namen gemacht. Noch lebten die Helden jener Zeit; ſelbſt der Maire des Ortes war ein Ungehener, deſſen blutbeflecktes Leben man nur zu gut kannte. In der Revolution Secretair eines geiſtli⸗ chen Herrn zu Nancy, der ihn hatte erziehen laſſen, findet er Gelegenheit, eines Briefes ſei⸗ nes Wohlthäters an Jemand in Condé's Armee habhaft zu werden. Als Ankläger ſeines alten Herrn tritt er nun auf und überliefert ihn der Guillotine. Zu ſchwarz war die Handlung, als daß ſie nicht die öffentliche Aufmerkſamkeit hätte erregen ſollen; das war eine That im Ge⸗ ſchmacke der Zeit! — Was der Elende gegen ſeinen zweiten Vater aus eigenem Antriebe ge⸗ than, wird hinfort ſein Amt. Als öffentlicher Ankläger in einer Provinzial-Stadt, läßt er erbarmlos dahin ſchlachten, was ſeine Wuth⸗ was ſeine Macht nur erreichen kann, bis eine beſſere Zeit ihn von ſeinem Poſten treibt. Mit — 112 — dem, was er von der Habe der Ermordeten an ſich gebracht, hatte er ſich in Lechéres an⸗ gekauft, deſſen Maire er nun war⸗ Mit der Ankunft jenes Befehls war im Dorfe Alles in wilde Bewegung gerathen. Die Mannſchaft ward gemuſtert, Gewehre abge⸗ ſchoſſen, Reitende kamen an und ritten ab, Signalfeuer wurden angezündet, mit ollen Glo⸗ cken ward Sturm geläutet und mit lautem Schalle wurden die dumpfen Töne von den Sturm⸗ glocken der benachbarten Orte beantwortet. Wäh⸗ rend die Menge der Bezeichnung des allgemei⸗ nen Sammelplatzes ungeduldig entgegen ſah⸗ gelang es der Gräfin, unter dem Schutze der Nacht, mit ihrer Geſellſchafterin unbemerkt das Schloß und die Gegend zu verlaſſen. — Da⸗ chet hatte die Damen bis zur äußern Pforte des Parks geführt, wo ihrer ſchon ein Wagen wartete, der ſie glücklich nach Joinville brachte. Eine Stunde ſpäter ward der Haushofmei⸗ ſter benachrichtigt, daß die Mannſchaft einiger umliegenden Dörfer angekommen und ſich mit der von Lechéres vereinigt habe, die tobende Maſſe S — 443 — Maſſe aber den Weg auf's Schloß nehme. Selbſt in dieſem dringenden Angenblicke vergaß der brave Mann meiner nicht, er kam, um ei⸗ lig meine Lichter zu verlöſchen, damit die Auf⸗ merkſamkeit der Bauern nicht auf mein Zimmer gelockt werde; dann gieng er den Anrückenden entgegen. Schon konnte ich den immer näher kommen⸗ den Lärm deutlich hören; nach wenigen Augen⸗ blicken war man unter meinen Fenſtern ange⸗ kommen und mit wildem Geſchrei wird zum Schloſſe hereingeſtürmt. Nach Licht wird geru⸗ fen, Wein verlangt, Thüren werden geſprengt, Gewehre aufgeſtoßen, und Jeder tobt und ſchreit ſo viel er kann. Im Schloßhofe, ſcheint es, hat man Fackeln angezündet, deren falber Schein das Innere meines Zimmers erleuchtet. Aber immer heller und heller wird es und es kommt mir in den Sinn, die ruchloſe Menge könne das Schloß angezündet haben. Den Gedanken faſſend, ſehe zr Band. 3 — 114 — ich auch ſchon lichte Flammen aufſchlagen, die mit jedem Augenblicke größer werden, und ein Mädchen höre ich an meiner Thüre vorüber⸗ laufen, die kreiſchet in höchſter Angſt: „On Prule! on Prule!“ Jetzt, im Gefühle meiner vollkommenen Hülf⸗ loſigkeit, fange auch ich nach Möglichkeit zu ru⸗ fen an, über die nächſte jede andere Gefahr vergeſſend. Man hat mich gehört und es treten drei oder vier Bauern ein, deren Erſtaunen und Ungewißheit über meine Erſcheinung mich er⸗ kennen ließ, daß ſie nicht aus Lechéres waren. Indeß ich von ihnen höre, daß die Flamme von einer großen Moſſe Brennholz kommt, die man im Schloßhofe gefunden und angezündet hat, und daß das Haus nicht in Gefahr iſt, kom⸗ men, da die Thüre vffen geblieben, noch meh⸗ rere Bauern in's Zimmer. Einer von denen iſt aus dem Dorfe. Der ſieht mich kaum, als er auch ſchreit: „Das iſt —— der Schelm von den Allirten““ — dann be⸗ ginnt er, die Umſtehenden gegen mich aufzurei⸗ zen, indem er tauſend Lügen von mir erzählt und die gräßlichſten Schmähungen auf mich häuft. Vergebens verſuche ich es, die Wuth des Feindlichgeſinnten zu beſänftigen. Immer mehr Volk läuft herzu, Viele ſind betrunken, um ſo mehr finden die Reden des Aufwieglers Eingang, und Einer überbietet den Andern in Schimpfreden. Run ſoll ich Geld ſchaffen, auf⸗ ſtehen und mit ihnen nach Toul zum General Alix kommen; man will mich emporteiſſen und faßt den wunden Fuß, daß ich vor jähem Schmerz laut aufſchreie. Jetzt gewahre ich der Thüre zunächſt in.⸗ blauen Oberrock und mit tief in die Angen gedrücktem breiten Hut einen Bedienten der Gräfin. Ich vergeſſe im Angenblicke der Ge⸗ fahr, daß ich ſchon viel Schlechtes von dieſem Menſchen gehört und „Nicola!“ — rufe ich — „könnt Ihr's dulden, daß man ſo mich mißhan⸗ delt?“ 8 — — 116 — „Alſo Du kennſt mich, Hund?“ — giebt Nicola zur Antwort und ſtolpert vorwärts — „Gut denn, was willſt Du von mir? Ich bin nicht mehr der Gräfin Knecht, die Zeiten ſind vorbei, hier ſoll keine Gräfin, kein Herr mehr ſeyn! Dem Dachet habe ich's eben gezeigt; wie er, ſollſt auch Du von meinen Händen ſter⸗ ben.“ Das in höchſter Trunkenheit ſagend, wirft er eine in Händen habende Flaſche nach mir, daß ſie dicht über meinem Kopfe an der Lehne des Bettes zerſchellt, und dem Nächſten einen alten Säbel entreiſſend, dringt er auf mich ein. Vielleicht war es um mein Leben geſchehen, hätte nicht ein Scherben der zerſprungenen Fla⸗ ſche einen der Bauern empfindlich verletzt, der ſeiner Seits nun Parthie gegen den Wüthenden nimmt. So wird die allgemeine Aufmerkſam⸗ keit einen Angenblick von mir obgeleitet. Wie jetzt der Tumult und das Gedränge im Zimmer auf's Höchſte geſtiegen iſt, gelingt — es einem großen, alten Manne in ſchlichter Bauerntracht nur dadurch, ſich Platz zu machen, daß man ihm, wie es ſcheint, nicht ohne Ach⸗ tung dazu behülflich iſt. Mir nahe gekommen, legt er die nervige Hand mir auf die Schulter. „Seid auſſer Sorgen, Herr!“ — ſagt er dann — „Capitain Pirvut wird nicht zugeben, daß man einem wehrloſen Feinde ein Leid anthue.“ — Und hierauf zur Menge ſich wendend, redet er ſie ernſt und freundlich zu Gunſten meiner an. Als man anfieng ihn zu verſtehen, ward es ruhiger und ſeinem dringenden Zureden gelang es, Alle in ſo weit zu beſänftigen, daß ſie nach und nach das Zimmer verließen, und als bald darauf im Schloßhyfe mit einer Trompete das Signal zum Aufbruche gegeben ward, eilten ſelbſt die Letzten hinweg. Mein Erretter war im Schloſſe geblieben, denn nach kurzer Abweſenheit ſah ich ihn wie⸗ der. Jeden Dank freundlich ablehnend, willfahrte — 118 — Pirvut meiner Bitte gern, mir zu erklären, wie es ihm habe gelingen können, ſeinen Reden und Vorſtellungen bei den erhitzten Leuten ſo bald Eingang zu verſchaffen. „In der Revvlution“ — ſagte er — „hatte auch ich die Waffen ergriffen, als die Fremden in Frankreich eingebrochen wgren; mit den Män⸗ nern aus der Gemeinde Lechéres und der Um⸗ gegend ward ich im Pataillon libre eingeſtellt. — Unſer Capitgin blieb ſchon im erſten Ge⸗ fecht; die Mannſchaft hatte das Recht, aus ih⸗ rer Mitte die Stelle zu beſetzen, und mich traf die Wahl. Da habe ich ſie denn ein Jahrlang gehön den Feind gefuhrt, bis eine ſchwere Wun⸗ de mich zwang, nach der Heimath zurückzuge⸗ hen. In Lecheres“ — fuhr er fort — „fieng ich mein altes Geſchäft, einen kleinen Holzhan⸗ del, wieder an, wodurch ich mit allen Bauern der Nachbarſchaft in Verbindung ſtehe. Viele erinnern ſich gern noch der Tage, wo ich ihr Anführer war, und da vorher auch mancher meiner alten Kameraden bei Ihnen im Zimmer — 119 — war, ſo darf es nicht Wunder nehmen, daß ſie etwas Werth auf meine Reden legten.“ — Als der Befehl zum Levée en masse in Lechéres angekommen, war Pirvut einſtimmig zum Führer verlangt worden, er hatte es je⸗ doch ſeines Alters und der früher empfangenen Wunde wegen abgelehnt und gar keinen Theil an den Bewegungen im Dorfe genommen. In der Nacht aber ließen die hochaufſchla⸗ genden Flammen ihn fürchten, man habe das Schloß angezündet; da war er denn auch her⸗ beigeeilt. In das Schloß eingetreten, erzählte man ihm: daß der Haushofmeiſter, nachdem er es vergeblich verſucht habe, den Unordnungen zu ſteuern, nun gar ſeinen Untergebenen, den Bedienten Nievla, unter den Ruchloſen gewah⸗ rend, dieſen mit harten Worten zur Rede ge⸗ ſtellt und Schimpfworte habe entgegen nehmen müſſen. Ja, im höchſten Zorn ſchlägt der ſonſt ſo bedächtige Dachet den Unverſchämten in's An⸗ geſicht; das aber iſt das Signal für Ricola und — die Wüthendſten der Rotte fallen über den Mann her und ſchlagen ihn zu Boden. Eben zeigt man dem Capitain den Unglück⸗ lichen, wie er, einem Todten gleich, dahin ge⸗ ſtreckt liegt, als von einer andern Seite geru⸗ fen wird; „Man ermordet den fremden Offi⸗ ziet Jetzt bricht durch die Menge der brave Pi⸗ rout ſich Bahn und kommt zu mir — zur rech⸗ ten Zeit. Kaum das Signal zum Abmarſch der Bauern dem Capitain die Gewißheit gegeben, daß für mich nichts mehr zu fürchten ſey, als er es ſeine erſte Sorge ſeyn läßt, dem Haus⸗ hofmeiſter zu helfen, wenn es noch möglich iſt. — Er fand den Mann auf ſeinem Bette lie⸗ gen, wohin ihn das Mitleid einiger Bauern gebracht hatte, Leben und Beſinnung war zu⸗ rückgekehrt, das Beſte ließ ſich hoffen, wenn gute Pflege der Ruhe zu Hülfe kommen konnte. Aber niemand iſt im Schloſſe zu finden; Ri⸗ — 121 — cbla und die Bauern haben einen zweiten Be⸗ dienten gezwungen, mit ihnen zu ziehen, und was von der weiblichen Dienerſchaft noch nicht bei der Gräfin in Joinville war, hatte ſich jetzt auf den Weg dahin gemacht. Da übernimmt der brave Capitain die ganze Sorge für Dachet und mich; er ſelbſt bleibt im Schloſſe und, ſeine Güte theilend, weicht er Tag und Nocht nicht von unſern Lagern. Was wir für unſern Unterhalt täglich brauchen, brin⸗ gen Frau und Kinder des edlen Mannes aus ihrer kleinen Wohnung herbei. Vier Tage waren ſo vergangen, da kam die abmarſchirte Mannſchaft eben ſo ſtill und ein⸗ zeln zurück, als ſie tobend und in Maſſe aufge⸗ brochen war. In einem Walde bei Vaucou⸗ leurs hatten ſie, bei zweitauſend Mann ſtark⸗ einen Bivouac aufgeſchlagen, weil aber keine weiteren Befehle gekommen und die mitgenom⸗ menen Lebensmittel aufgezehrt waren, liefen die Bauern auseinander, doch nicht, ohne die Ueberzeugung mitzunehmen, daß nur die zu ei⸗ — 122 — lige Flucht der Alliirten das Aufgebot unnöthig mache, Auch die Dienerſchaft des Schloſſes, bis auf Nicola, der ſich nicht wieder ſehen ließ, fand ſich nach und nach ein; und zwei Wochen waren kaum vergangen, da konnte der Haus⸗ bofmeiſter ſein Amt wieder antreten und die Gräſin am Thore des Schloſſes empfangen, als ſie es gewagt hatte, die Stadt zu verlaſſen. Die gute Dame kam zwar körperlich wohl, aber ſehr niedergeſchlagen, an. In Joinville hatte man beſtimmte Rachricht gehabt, daß die Alliirten auf's Hanpt geſchlagen worden und vielleicht ſchon jetzt Frankreich gänzlich geräumt hatten. So waren denn die ſchönen Hoffnungen der Bräfin, die liebſten, ach, vielleicht die letz⸗ den ihres Lebens, dahin, und nicht ruhen ſollte ihre Aſche unter dem Schatten der Lilien! — — — Es war am Morgen eines ſchönen Tages, in der erſten Hälfte vom April. Man hatte mich 4 auf ein Sopha gelegt und ſo bis auf die hin⸗ 13 — tere Altane des Schloſſes getragen, damit ich der heitern Luft und einer ſchönen Ausſicht auf die weiten Gärten des Hauſes mich erfreuen möchte. Ich hatte Frankreich bis dahin nur während des Feldzuges im Winter geſehen, denn ſeit lange ſchon an das Krankenbette gefeſſelt, waren traurige Tage an mir vorübergegangen; heute ſah ich zuerſt das Freie wieder. Ich ſah das friſche Grüne, und der Bäume Blüthenſchnee, den milden Himmel und die reiche ſchaffende Ra⸗ tur von Frankreichs ſchönem Frühling⸗ Im ſtillen Gebet hatte ich Gott gedankt für die Erhaltung meines Lebens und dieſe Stunde Seligkeit. Da ſah ich die Gräfin mit faſt ju⸗ gendlichem Ungeſtüm aus dem Schloſſe kom⸗ men. In der Hand hält ſie ein großes Blatt Papier, ihr ganzes Weſen athmet Freude. An mein Sopha gekommen, ſinkt auf ihre Knie ſie nieder und meine Hände ergreifend und feſt zuſammendrückend, iſt ſie unter Thränen des Entzückens kaum mächtig zu rufen: „Betet Herr, betet zu Gott!“ — Dann ſehe ich das Haupt demüthig ſie nei⸗ gen und den zitternden Lippen der Matrone ent⸗ ſtrömt inbrünſtig frommes Gebet. Jetzt haben die Zeichen des Kreuzes e Andacht geſchloſſen und zu mir ſieht ſie mit lenchtenden Blicken auf. Sie will ſprechen und vermag es nicht; nur den Ausruf „Vive les Bourbons“ habe ich gehört, als das zur Erde gefallene Blatt in meine Hände ſie legt. Es iſt das Journal des debats, Paris, vom 1. April 1814, und oben ſtand geſchrieben: Entrée des Allies à Paris, Die Gebirge des Canca ſus ſind ſeit lan⸗ ger Zeit von dem ruſſiſchen Reiche umſchloſſen, ohne zu demſelben zu gehören Ihre wilden Bewohner, durch ihre Sprache, ſo wie durch ganz verſchiedene Intereſſen von ihm getrennt⸗ bilden eine große Anzahl kleiner Völkerſchaften, welche keine politiſche Verbindung unter einan⸗ der haben, aber von gleicher Liebe der Unab⸗ hängigkeit und gleicher Ranbſucht beſeelt ſind. Eine der zahlreichſten und furchtbarſten die⸗ ſer Völkerſchaften ſind die Tschetschenzen, welche die große und kleine Kabrada bewohnen, Pro⸗ vinzen, die ſich bis auf die Gipfel des Cauca⸗ ſus ausdehnen. Die Männer ſind ſchön, muth⸗ voll, verſtändig, aber räuberiſch und grauſam, und in beſtändigem Kriege mit den Truppen der Linie. In Mitte dieſer gefährlichen Horden und — 128 — ſelbſt im Mittelpunkte dieſer ungehenren Gebirgs⸗ kälte hat Rußland eine Verbindungsſtraſſe mit ſeinen aſiatiſchen Beſitzungen hergeſtellt. Schan⸗ zen, welche von einer gewiſſen Entfernung zur andern aufgeführt ſind, ſichern die Straſſe bis nach Georgien; aber kein Einzelner dürfte es wagen, den Raum zu betreten, der zwiſchen den Schanzen liegt. Jede Woche zweimal be⸗ gleitet eine Infanterie⸗Abtheilung mit Kanonen und einer beträchtlichen Anzahl von Koſaken die Reiſenden und die Depeſchen der Regierung. Eine dieſer Schanzen, welche am Ausgange der Gebirge ſteht, iſt ein ziemlich bedeutender Fle⸗ cken geworden. Ihrer Lage wegen hat man ihr den Namen Wladi⸗Caucaſus gegeben; ſie iſt die Reſidenz des Befehlshabers der Truppen, die den beſchwerlichen Dienſt haben, von dem ſo eben die Rede war. Der Major Kascombo, vom Regimente Woloyda, ein ruſſiſcher Edelmann von einer aus Griecheuland ſtammenden Familie, ſollte das Kommando des Poſtens von Lars, in den Gebirgspöſſen des Cancaſus, öbernehmen. Voll Unge⸗ ———— — 12 Ungeduld, ſich an ſeinen Beſtimmungsort zu be⸗ geben, und tapfer bis zur Verwegenheit, begieng er die Unvorſichtigkeit, die Reiſe nur in Be⸗ gleitung von 50 Koſaken, über die er zu befeh⸗ len hatte, zu unternehmen, und ſich ſeines Vor⸗ habens zu rühmen, bevor es ausgeführt war. Die Tschetschenzen, welche nahe an den Grenzen wohnen, und welche man die friedli⸗ chen nennt, ſind Rußland unterworfen, und ha⸗ ben daher freien Zutritt in Mosdack; aber die meiſten unter ihnen unterhalten Verbindungen mit den Gebirgsbewohnern, und theilen oft ihre Räubereien. Dieſe letztern, von dem Marſche Kascombo's und ſogar von dem Tage der Ab⸗ reiſe unterrichtet, zogen ihm in großer Anzahl entgegen, und legten ſich in Hinterhalt. 20 Werſte ungefähr vor Mosdack, beim umbiegen um einen uit Gebüſch bewachſenen Hügel, wur⸗ de er von 700 Mann zu Pferd angegriffen. Der Rückzug war unmöglich; die Koſaken ſtiegen ab, und hielten den Angriff mit Entſchloſſenheit aus⸗ indem ſie von den Truppen einer, nicht weit entfernten, Verſchanzung Unterſtützung erwarteten 2r Band. 9 — 130 — Obwohl die Bewohner des Caueaſus einzeln viel Muth beſitzen, ſind ſie doch nicht fähig, in Maſſe anzugreifen, und daher für eine Truppe, die Stand hält, wenig gefährlich; aber ſie ha⸗ ben gute Waffen „und zielen richtig. Bei dieſer Gelegenheit machte jedoch die große Anzahl den Kampf zu ungleich. Rach einem ziemlich langen Gewehrfeuer war mehr als die Hälfte der Ko⸗ ſaken getödtet vder kampfunfähig; der Ueberreſt hat⸗ te mit den todten Pferden eine kreisförmige Bruſt⸗ wehr gemacht, hinter welcher ſie ihre letzten Patronen abſchoſſen. Die Tschetschenzen, welche immer ruſſiſche Ausreißer auf ihren Zügen bei ſich baben, um ihnen im Rothfalle als Dollmet⸗ ſcher zu dienen, ließen den Koſaken zurufen: „Liefert uns den Major aus, oder ihr werdet alle bis auf den letzten Mann getödtet.“ Als Kascombo den gewiſſen Untergang ſeiner Mann⸗ ſchaft vor Augen ſah⸗ entſchloß er ſich, ſich ſelbſt zu überliefern, um das Leben ſeiner Koſaken zu retten. Er übergab daher ſeinen Degen ei⸗ nem der Seinigen, und gieng allein den Tschets⸗ chenzen entgegen, die ſogleich das Feuer ein⸗ ſtellten, da ſie nichts Anderes wollten, als ihn lebend gefangen zu nehmen, und ein gutes Löſe⸗ geld zu erlangen. Kaum hatte er ſich ſeinen Feinden überliefert, als er in der Ferne die Unterſtützung erblickte, die man ihm zuſandte; aber es war zu ſpät, die Räuber entfernten ſich mit Blitzesſchnelle. Sein Denſchik war mit dem Mauleſel, wel⸗ cher das Gepäck des Majors trug, zurückge⸗ blieben. In einer Schlucht verſteckt, erwartete er den Ausgang des Kampfes, als ihm die Ko⸗ ſaken begegneten, und das Unglück ſeines Herrn meldeten; der brave Diener war augenblicklich entſchloſſen, ſein Lvos zu theilen, und ſchlug die Straſſe ein, auf der ſich die Töchetschen⸗ zen zurückgezogen hatten, indem er ſein Maul⸗ thier an der Hand führte, und der Spur der Pferde folgte. Als er dieſe in der Dunkel⸗ heit verlor, begegnete er einem feindlichen Nachzügler, der ihn auf den Sammelplatz der Tschetschenzen brachte. Man kann ſich eine Vorſtellung von den Em⸗ pfindungen des Gefangenen machen, als er ſei⸗ 5 — 1 nen Denſchik ankommen ſah, um freiwillig ſein trauriges Loos zu theilen. Die Töchetschenzen theilten ſogleich die Beute unter ſich, die ihnen ſo unerwartet kam, und ließen dem Major nichts als eine Guitarre, die ſich in ſeinem Gepäcke fand, und die man ihm aus Spott zurückgab. Jvan Seurnoff, ſo nannte ſich der Denſchik, bemächtigte ſich ihrer, und wollte ſie nicht wegwerfen, wie ihm ſein Herr rieth. „Wa⸗ rum den Muth verlieren?“ ſagte er ihm: „Der Gott der Ruſſen iſt groß; der eigne Vortheil der Räuber erheiſcht es, Ihr Leben zu er⸗ halten; ſie werden Ihnen kein Leid zufügen.“ Rach einem Halt von einigen Stunden ſetzte ſich die Horde wieder in Marſch, als einer ihrer Leute zu ihr ſtieß, und ihr meldete, die Ruſſen rückten noch immer vor, und vermuthlich wür⸗ den ſich die Truppen der übrigen Verſchanzungen mit ihnen vereinigen, um ſie zu verfolgen. Die Anführer hielten Rath; es handelte ſich darum, ihren Rückzug zu verbergen, nicht nur um ihre Gefangenen zu behalten, ſondern auch den Feind von ihren Dörfern abzuleiten, und dadurch ſei⸗ — 133 — ner Rache auszuweichen. Die Horde zerſtreute ſich auf verſchiedenen Wegen. Zehn Mann zu Fuß wurden zur Begleitung der Gefangenen beſtimmt, während hundert Pferde beiſammen blieben und in einer ganz andern Richtung wei⸗ ter zogen, als jene war, welche man Kascombo anwies. Man nahm dieſem die mit Eiſen be⸗ ſchlagenen Stiefel, damit ſie keine erkennbare Spur auf dem Boden zurückließen, und zwang ihn und Jvan, einen Theil des Morgens mit bloßen Fuſſen zu marſchiren. Als die kleine Begleitung bei einem Strome anlangte, zog ſie ungefähr eine halbe Werſte lang an ſeinem Ufer über Raſenplätze hinauf, und ſtieg an einem Orte, wo die Ufer am ſteil⸗ ſten waren, mitten unter dornichten Hecken hin⸗ ab, um ja keine Spur ihres Durchzuges zu hin⸗ terlaſſen. Der Major war ſo ermüdet, daß man ihn an Binden führen mußte, um ihn an den Fluß zu bringen. Seine Füſſe waren mit Blut unterlaufen; man entſchloß ſich daher, ihm ſeine Stiefel zuruckzugeben, um den Weg vollends zurückzulegen, den ſie noch zu machen hatten. 2 —— — — Als ſie im erſten Dorfe anlangten, ſchien Kascombo, den der Kummer heftiger ergriff, als die Ermüdung, ſeinen Wächtern ſo ſchwach und elend, daß ſie für ſein Leben beſorgt wurden, und ihn menſchlicher behandelten. Man gönnte ihm einige Ruhe, und gab ihm ein Pferd zur Fortſetzung der Reiſe; aber um die Ruſſen von jeder Rachforſchung, die ſie anſtellen könnten, abzulenken, und den Gefangenen ſelbſt auſſer Stand zu ſetzen, ſeine Freunde von dem Orte ſeines Aufenthalts in Kenntniß zu ſetzen, brachte man ihn von Dorf zu Dorf, von einem Thal ins andere, und gebrauchte ſogar die Vorſicht, ihm öfters die Augen zu verbinden. Auf dieſe Art ſetzte er über einen beträchtlichen Fluß, den er für die Sanja hielt. Man ſchonte ihn auf jede Weiſe während des Marſches, gab ihm hin⸗ reichende Nahrung und verſtattete ihm die nö⸗ thige Ruhe. Als er aber das entfernte Dorf erreicht hatte, welches zu ſeinem Aufbewahrungs⸗ orte beſtimmt war, änderten die Tschetschenzen auf einmal ihr Betragen gegen ihn, und ließen ihn jede urt von übler Behandlung empfinden. N — 135 — Man legte ihm eiſerne Ringe an Hände und Füſſe und eine Kette um den Hals, an deren Ende ein eiſerner Block befeſtigt war. Der Denſchik wurde milder behandelt; ſeine Eiſen waren leichter, und geſtatteten ihm, ſeinem Herrn einige Dienſte zu leiſten. In dieſer Lage und bei jeder neuen Qual, die man ihm anthat, beſuchte den Major ein Mann, welcher ruſſiſch ſprach, und rieth ihm, an ſeine Freunde zu ſchreiben, um ſein Löſegeld zu erhalten, welches man auf 10,000 Rubel feſtgeſetzt hatte. Der unglückliche Gefangene war außer Stand, eine ſo ſtarke Summe zu be⸗ zahlen, und baute ſeine einzige Hoffnung auf den Schutz der Regierung, welche vor einigen Jahren einen Oberſt, der in die Hände der Räuber gefallen war, ausgelöſet hatte. Der Dollmetſcher verſprach ihm Papier zu verſchaffen und den Brief zu überliefern; aber, nachdem der Major eingewilligt, erſchien er mehrere Ta⸗ ge nicht wieder, und während dieſer Zeit muß⸗ te Kascombo eine noch härtere Behandlung, als bisher, ausſtehen. Man nahm ihm die Stroh⸗ — 136 — matte, auf der er lag, und den Koſaken⸗ Sattel, der ihm als Kiſſen gedient hatte, und als endlich der Vermittler zurückkehrte, mel⸗ dete er ihm im Vertrauen, daß, wenn man bei der Linie“ die geforderte Summe verweigerte, oder die Zahlung verzögerte, ſein Tod beſchloſ⸗ ſen ſey, um die Koſten ſeiner Rahrung zu er⸗ ſparen, und ſich von der Unruhe zu befreien, die er ihnen verurſachte Der Zweck dieſer grauſamen Behandlung war, ihn zu vermögen, auf eine dringendere Weiſe zu ſchreiben. Man brachte ihm endlich Papier mit einem, nach tar⸗ tariſchem Gebrauch geſchnittenen, Schilfrohr; man nahm ihm die Eiſen vom Hals und von den Händen, um ohne Zwang ſchreiben zu können, und als der Brief fertig war, wurde er den Chefs eingehändigt, welche es über ſich nahmen, ihn dem Kommandanten der Linie zu überliefern. Seit dem Abgange des Briefes wurde der Gefangene minder hart behandelt; man legte ihm nur noch eine Kette an, welche ihm den linken Fuß und die rechte Hand feſſelte. Sein Wirth, oder vielmehr ſein Kerkermei⸗ — ſter, war ein Greis von 60 Jahren, von rieſen⸗ haftem Wuchſe und wildem Ausſehen, welches ſein Charakter nicht Lügen ſtrafte. Zwei ſeiner Söhne waren in einem Scharmützel mit den Ruſſen getödtet worden, ein Umſtand, wel⸗ cher die Tschetschenzen beſtimmte, ihn unter al⸗ len Einwohnern des Dorfes zum Wächter des Gefangenen zu wählen. Die Familie des Mannes, welcher Ibrahim hieß, beſtand aus der 35jährigen Wittwe eines ſeiner Söhne und aus einem 7, bis sjährigen Kinde, Namens Mamet. Seine Mutter war eben ſo bösartig und noch launenhafter, als der alte Wächter. Kascombo hatte viel von ihr zu erdulden, aber die Liebkoſungen und die Ver⸗ traulichkeiten des kleinen Mamet gewährten ihm Zerſtreuung und wirklichen Troſt in ſeinem Un⸗ glück. Dieſes Kind gewann eine ſo große Zu⸗ neigung zu ihm, daß weder die Drohungen, nach Schläge ſeines Großvaters es abhielten, mit dem Gefangenen zu ſpielen, ſo oft es Ge⸗ legenheit dazu fand. Es hatte ihm den Namen Koniak gegeben, welches in der Landesſprache — 138 — Freund oder Gaſtfreund bedeutet. Es theilte heimlich alles Obſt mit ihm, das es ſich verſchaf⸗ fen konnte, und während der Major zu einem gezwungenen Faſten verurtheilt war⸗ benützte der junge Mamet, vom Mitleid gerührt, auf eine geſchickte Weiſe die augenblickliche Abweſenheit ſeiner Aeltern, um ſeinem Freunde Brod oder in der Aſche gebratene Kartoffeln zuzuſtecken. Einige Monate waren ſeit der Abſendung des Briefes verfloſſen, ohne daß ſich etwas Merk⸗ würdiges ereignet hätte. Während dieſer Zeit hatte Jvan das Wohlwollen des Alten und ſei⸗ ner Schwiegertochter zu gewinnen, oder ſich ih⸗ nen wenigſtens nothwendig zu machen gewußt. Er verſtand die Kochkunſt, bereitete einen köſt⸗ lichen Kislitſchi, machte geſalzne Gurken ein⸗ und hatte ſeine Hauswirthe an gewiſſe Annehm⸗ lichkeiten in ihrem häuslichen Leben gewöhnt. Um ihr Zutrauen in einem höhern Grade zu erwerben, machte er den Poſſenreißer, und erdachte jeden Tag einen neuen Spaß, um ſie zu unterhalten. Ibrahim liebte vor Al⸗ lem den Koſakentanz. Wenn ein Einwohner des Dorfes zum Beſuche kam, nahm man Jvan die Ketten ab, und er mußte ihn tanzen, was er im⸗ mer mit der größten Bereitwilligkeit und jedes⸗ mal mit neuen Luftſprüngen that. Dadurch hatte er ſich die Freiheit verſchafft, im Dorfe herum zu gehen, wo ihm gewöhnlich ein durch ſeine Späſſe berbeigelockter Schwarm von Kindern folgte, und da er der tartariſchen Sprache kun⸗ dig war, ſo hatte er bald jene des Landes er⸗ lernt, welche mit der erſten ſo nahe verwandt iſt. Der Major ſelbſt war oft genöthigt, mit ſeinem Denſchik euſſiſche Lieder zu ſingen, und auf der Guitarre zu ſpielen, um dieſe wilde Bande zu beluſtigen. Anfangs nahm man ihm die Handkette ab, wenn man dieſe Gefälligkeit von ihm begehrte; als aber die Frau bemerkte, daß er bisweilen trotz dieſer Kette ſpielte, um ſich die Zeit zu vertreiben, entzog man ihm die⸗ ſe Begünſtigung, und der unglückliche Muſiker bereute es mehr als einmal, ſein Talent ver⸗ rathen zu haben. Um die, ſo heiß erſehnte, Freiheit zu er⸗ langen, machten ſie tauſend Pläne, einer ſchwe⸗ — rer auszuführen, als der andere. Bei ihrer Ankunft in dem Dorfe ſchickten die Einwohner jede Nacht einen andern Mann, um die Wache zu verſtärken. Nach und nach ließ dieſe ſtrenge Maßregel nach, und die Woche kam oft gar nicht. Mutter und Kind ſchliefen in einer be⸗ nachbarten Kammer, und der alte Ibrahim blieb allein bei ihnen; aber er behielt den Schlüſſel zu ihren Eiſen ſorgfältig bei ſich, und erwachte bei dem geringſten Geräuſche. Als auf ſeine Briefe keine Antwort anlangte, kamen die Tschetschenzen oft in Kascombo's Ge⸗ fängniß, um ihn zu beſchimpfen, und ihm mit den grauſamſten Qualen zu drohen. Man gab ihm nichts zu eſſen, und einmal hatte er den Schmerz, zu ſehen, wie der kleine Mamet un⸗ barmherzig geſchlagen wurde, weil ihm das Kind einige Miſpeln gebracht hatte. Ein ſehr merkwürdiger Umſtand in der traurigen Lage, in welcher ſich Kascombo befand⸗ war das Zutrauen und die Achtung, die er ſei⸗ nen Verfolgern eingeflößt hatte. Während ihn die Barbaren unaufhörlich quälten⸗ kamen ſie — oft, ihn um Rath zu fragen, und ihn zum Schiedsrichter in ihren Angelegenheiten und Zwi⸗ ſten zu erwählen. Unter andern Streithändeln, die er entſcheiden mußte, verdient folgender ſeiner Sonderbarkeit wegen erzählt zu werden. Ein Bewohner des Dorfes hatte einem ſei⸗ ner Kameraden, der nach einem benachbarten Thale reiſete, eine ruſſiſche Anweiſung von 5 Rubeln mitgegeben, um ſie einem Dritten zu⸗ zuſtellen. Der Kppmiſſivnär verlor ſein Pferd, welches auf dem Wege zu Grunde gieng, und überredete ſich, er habe das Recht, die 5 Ru⸗ bel als Entſchädigung für ſeinen Verluſt zu be⸗ holten. Dieſe, der Bewohner des Caucaſus würdige Anſicht behagte dem Eigenthümer des Geldes keineswegs. Bei der Rückkunft des Reiſenden entſtand großer Lärm im Dorfe⸗ Die beiden Streitenden waren von ihren Ver⸗ wandten und Freunden umringt, und es hätte vielleicht blutige Köpfe gegeben, wenn die Al⸗ ten der Horde, nach fruchtloſem Verſuche, den Streit zu ſchlichten, ſie nicht bewogen hätten, ihre Sache der Entſcheidung des Gefangenen zu unterwerſen. Die ganze Bevölkeruns ſtrömte ſchreiend und tobend vor ſeine Wohnung, um nur früher den Ausgang dieſes lächerlichen Pro⸗ zeſſes zu erfahren. Kascombo wurde aus ſei⸗ nem Gefängniſſe gezogen, und auf die Altane geführt, welche das Dach des Hauſes bildete. Die meiſten Wohnungen in den Thälern des Caucaſus ſind zum Theil in die Erde ge⸗ graben, und erheben ſich nur 3 bis a Fuß über den Boden; das Dach iſt horizontal, und wird von einer Schicht dichten Lehms gebildet; die Einwohner, beſonders die Weiber, ruhen nach Sonnen-Untergang auf dieſen Terraſſen aus, und bringen in der ſchönen Johreszeit die Nächte darauf zu. Als Kascombo auf dem Dache erſchien, berrſchte tiefes Schweigen. Bei dieſem ſonder⸗ baren Gerichte ſah man, nicht ohne Erſtaunen, wüthende, mit Piſtolen und Dolchen bewaffnete Menſchen ihre Streitſache einem gefeſſelten Richter unterwerfen, der, halbtodt vor Hunger und Elend, in letzter Inſtanz entſchied, und deſſen Ausſprüche immer geachtet wurden. Da — 143 — der Major verzweifelte, den Beklagten von ſei⸗ nem Unrechte zu überzeugen, ließ er ihn näher vortreten, und that, um wenigſtens die Lacher auf die Seite der Gerechtigkeit zu bringen folgende Fragen an ihn: „Wenn dir dein Ka⸗ merad anſtatt der 5 Rubel für ſeinen Gläubiger nur einen Gruß an denſelben mitgegeben hätte, würde dein Pferd nicht dennoch gefallen ſeyn ?“ — Vielleicht, antwortete der Widerſpenſtige. — „Und was hätteſt du in dieſem Falle mit dem Gruße gemacht? Wäreſt du nicht gezwungen geweſen, ihn an Zahlungsſtatt zu behalten, und dich damit zu begnügen? Ich befehle dir daher, die Anweiſung deinem Kameraden zu⸗ rückzuſtellen, und dieſem, dir den Gruß zu ge⸗ ben.“ Als dieſer Urtheilsſpruch den Zuſchauern überſetzt wurde, verkündete ein lautes Geläch⸗ ter die Weisheit des neuen Salomon. Der Verurtheilte ſelbſt mußte, nachdem er noch eine Weile geſtritten⸗ endlich nachgeben, und ſagte, indem er die Anweiſung herausgab: „Ich wußte zum Voraus, daß ich verlieren würde, ſo bald ſich dieſer Chriſtenhund hineinmiſchte.“ — — Dieſes ſonderbare Zutrauen bezeichnet den Be⸗ griff, welchen dieſe Völker von der europäiſchen Ue⸗ berlegenheit haben, und das angeborne Gefühl der Gerechtigkeit, das man bei den wildeſten Menſchen wahrnimmt. Kascombo hatte auf drei Briefe, die er ſeit ſeiner Gefangennehmung geſchrieben, keine Ant⸗ wort erhalten, und doch war ſchon ein ganzes Jahr verfloſſen. Der unglückliche Eefangene⸗ die nothwendigſten Bedürfniſſe und alle Be⸗ quemlichkeiten des Lebens entbehrend, ſah ſeine Geſundheit dahin ſchwinden, und überließ ſich der Verzweiftung. Jvan ſelbſt war einige Zeit krank geweſen. Der ſtrenge Ibrahim hat⸗ te jedoch, zu des Majors großer Verwunde⸗ rung, dem jungen Menſchen während ſeiner Un⸗ päßlichkeit die Feſſeln abgenommen⸗ und ließ ihn noch immer frei herumgehen. Als der Major Jvan eines Tages hierüber befrag⸗ re, antwortete ihm dieſer: „Herr! ſeit einiger Zeit habe ich mich mit Ihnen wegen eines Pla⸗ nes berathſchlagen wollen, der mir im Kopfe herumgeht. Ich glaube, ich würde gut thun, wenn wenn ich mich zum Mahomedaner machen ließe.“ — Du wirſt doch kein Narr ſeyn, Jvan? — „Rein, ich bin kein Narr; es giebt für mich kein anderes Mittel, Ihnen nützlich zu ſeyn; der türkiſche Mollah hat mir geſagt, ſo bald ich beſchnitten ſey, könne man mir keine Feſ⸗ ſeln mehr anlegen. Alsdann kann ich Ihnen Dienſte leiſten, Ihnen wenigſtens eine beſſere Kahrung verſchaffen; kurz — wer weiß? Wenn ich einmal frei bin — der Gott der Ruſſen iſt groß — dann wollen wir ſehen.“ — Aber Goit ſelbſt wird dich verlaſſen, Ungluͤcklicher, wenn du ihn verlängneſt. — Während dieſer Strafrede mußte Kascombo über das närriſche Projekt ſeines Denſchik lachen; als er ihm aber förmlich verbot, es in's Werk zu ſetzen erwiederte ihm Jvan: „Herr! ich kann Ihnen nicht mehr gehorchen, und würde es Ihnen ver⸗ geblich noch länger verhehlen: es iſt ſchon ge⸗ ſchehen, ich bin Mahomedaner ſeit dem Tage, wo Sie mich für krank hielten, und wo man mir die Eiſen abnahm. Ich heiße jetzt Houſ⸗ ſein. Was iſt hieran Schlimmes? Kann ich 2r Band. 10 — 16 — mich nicht wieder zum Chriſten machen, ſo bald ich will und Sie frei ſind? Sehen Sie, ſchon trage ich keine Ketten mehr, und kann die Jh⸗ rigen bei der erſten günſtigen Gelegenheit ſpren⸗ gen. Und ich hoffe, dieſe wird ſich bald zeigen.“ Wirklich hielt man ihm Wort, er wurde nicht mehr gefeſſelt, und genoß ſeitdem eine größere Freiheit. Aber dieſe Freiheit wäre ihm bald verderblich geworden. Die Haupturheber des Zuges gegen Kascombo fürchteten, der neue Muſelmann möchte entſpringen. Der lange Aufenthalt unter ihnen und die Kenntniß ihrer Sprache ſetzten ihn in Stand, jeden bei ſeinem Namen zu nennen, und bei der Linie, wenn er dahin zurückkehrte, eine genaue Perſonen⸗ Beſchreibung zu geben, wodurch ſie der Rache der Ruſſen perſönlich ausgeſetzt worden wären. Auf der andern Seite bemerkten die ächten Muſelmänner, welche ihm bei ſeiner Bekehrung geneigt geweſen waren, daß, wenn er nach dem ausdrücklichen Gebote des Mollah die übli⸗ chen Gebete auf der Terraſſe des Hauſes ver⸗ richtete, um das öffentliche Wohlwollen zu ge⸗ winnen, er oft, aus Gewohnheit und aus Mangel an Aufmerkſamkeit, das Zeichen des Kreuzes unter die Riederwerfungen in der Richtung nach Mecca miſchte, und ſogar bis⸗ weilen dieſem heiligen Orte den Rücken zukehrte, was ihnen natürlicher Weiſe die Aufrichtigkeit ſeiner Bekehrung verdächtig machen mußte. Einige Monate nach ſeiner verſtellten Glau⸗ bensabſchwörung bemerkte Jvan eine große Ver⸗ änderung in dem Betragen der Einwohner gegen ihn und konnte ſich über die offenbaren Zeichen ihres böſen Willens nicht täuſchen. Vergeblich forſchte er nach det Urſache, als einige junge Leute, mit denen er enger verbunden war, ihm den Vorſchlag thaten, ſie auf einem Zuge, den ſie nächſtens unternehmen wollten, zu begleiten. Sie hatten nämlich vor, über den Tereck zu ge⸗ hen, um einige Kaufleute, welche nach Mosdack reisten, zu plündern. Jvan nahm ihren Vor⸗ ſchlag ohne Zögern an; ſeit langer Zeit hatte er ſich Waffen zu verſchaffen gewunſcht. Man ver⸗ ſprach ihm einen Antheil an der Beute. Er dachte, die Perſonen, welche den Argwohn 102 — 148 — hegten, daß er entweichen wollte, würden nicht mehr die nämlichen Urſachen zum Mißtrauen haben, wenn ſie ihn zu ſeinem Herrn zurückkeh⸗ ren ſähen. Als ſich indeſſen der Mojor dieſem Vorhaben mit Nachdruck widerſetzte, ſchien er nicht mehr daran zu denken; aber eines Mor⸗ gens fand Kascombo die Matte, auf welcher Jvan ſchlief, an der Mauer aufgerollt; er war in der Racht abgereiſet. Seine Kameraden woll⸗ ten in der folgenden Nacht über den Tereck gehen, um die Kaufleute anzugreifen, deren Ankunft ihnen durch ihre Spione verrathen war. Das Vertrauen der Tschetschenzen hätte einigen Verdacht in Jvans Gemüth erregen ſol⸗ len; denn es war nicht natürlich, daß ſo liſtige und mißtrauiſche Leute ihn zu einem Zuge ge⸗ gen ſeine Landsleute mitnehmen ſollten. Auch erfuhr man in der Folge, daß ſie ihm den Vor⸗ ſchlag, ſie zu begleiten, nur in der Abſicht ge⸗ macht hatten, ihn zu ermorden. Da ihnen ſei⸗ ne Eigenſchaft als Neubekehrter einige Schonung gebot, ſo hatten ſie ſich vorgenommen, ihn wäh⸗ rend des Marſches im Auge zu behalten, und — 149 — und ſich ſeiner im Angenblicke des Angriffs zu entledigen, um glauben zu machen, er ſei im Gefecht getödtet worden. Nur Wenige von der Expedition waren in das Geheimniß eingeweiht. Aber das Schickſal vereitelte ihre Pläne. Gera⸗ de, als ſie ſich in den Hinterhalt legten, um die Kaufleute anzugreifen, wurden ſie ſelbſt von ei⸗ nem Regimente Koſaken überfallen, das ihnen ſo ſcharf zuſetzte, daß ſie nur mit Noth wieder über den Fluß kommen konnten. Die Größe der Gefahr ließ ſie ihre Anſchläge gegen Jvan vergeſſen, und er folgte ihnen auf ihrem Rück⸗ zuge. Als ihr Trupp in Ordnung über den Tereck floh, deſſen Gewäſſer ſehr reißend ſind, ſtürzte das Pferd eines jungen Töchetschenzen mitten im Fluſſe, und wurde von den Wellen fortgeriſſen. Jvan, der ihm folgte, trieb ſein Pferd, mit Gefahr, ſelbſt fortgeriſſen zu wer⸗ den, in den Stromſtrich, ergriff den jungen Menſchen im Augenblicke, als er unterſinken wollte, und war ſo glücklich, ihn ans andere Ufer zu bringen. Die Koſaken erkannten ihn⸗ als er beim Anbruch der Morgenröthe zurück⸗ — 150 — kehrte, an ſeiner Uniform und Stallmütze, und indem ſie auf ihn ſchoſſen, ſchrieen ſie: „De⸗ ſerteur! — fangt den Deſerteur!“ Seine Kleider waren von Kugeln durchlöchert. Nachdem er ſich als Verzweifelter gewehrt, und alle ſeine Patronen verſchoſſen hatte, kam er endlich in das Dorf zurück mit dem Ruhme, einem ſeiner Gefährten das Leben gerettet und ſich dem ganzen Trupp als nützlich erwieſen zu haben. Wenn ſein Betragen bei dieſer Gelegenheit ihm auch nicht alle Gemüther gewann, ſo erwarb es ihm wenigſtens einen Freund; der junge Menſch, den er gerettet hatte, nahm ihn zu ſeinem Koniak an (ein geheiligter Name, den die Bergbewohner des Caucaſus nie verletzen) und ſchwur, ihn gegen und wider Alle zu ver⸗ theidigen. Aber dieſes freundſchaftliche Ver⸗ hältniß war nicht hinreichend, ihn gegen den Haß der vornehmſten Einwohner zu ſchützen. Der Muth, den er bewieſen, und die Anhäng⸗ lichkeit an ſeinen Herrn vermehrten die Beſorg⸗ niſſe, die er ihnen eingeflößt. Man konnte ihn nicht mehr als einen Spaßmacher betrachten, — 151 der nichts zu unternehmen fähig wäre, wie man bisher beurtheilt hatte; und wenn man an die vereitelte Expedition dachte, an der er Theil genommen, ſo erſtaunte man, daß ruſſiſche Trup⸗ pen an einem von ihrem gewöhnlichen Aufent⸗ halte ſo entfernten Orte gerade zur Zeit des Angriffs erſchienen ſeyen, und man vermuthete, er habe Mittel gefunden, ſie zu unterrichten. Dieſer Argwohn war ganz ungegründet; dem ungeachtet wurde er doch ſchärfer bewacht. Selbſt der alte Ibrahim fürchtete ein Komplott zur Entweichung ſeiner Gefangenen, und geſtat⸗ tete ihnen keine Unterredung mehr mit einander, ja er bedrohte und ſchlug ſogar den Jvan einige Male, wenn er ſich mit ſeinem Herrn unterhalten wollte. In dieſer Lage erſannen die beiden Gefan⸗ genen ein Mittel, ſich mit einander zu unter⸗ reden, ohne ihrem Wächter Argwohn zu geben. Da ſie gewohnt waren, ruſſiſche Lieder mit ein⸗ ander zu ſingen, ſo nahm der Major, wenn er dem Jvan in Ibrahims Gegenwart etwas Wichtiges mitzutheilen hatte, ſeine Guitarre, und ſang, indem er ihn fragte; dieſer antwor⸗ tete im nämlichen Tone, und ſein Herr begleite⸗ te ihn mit der Guitarre. Mehr als 3 Monate waren ſeit dem unglück⸗ lichen Zuge verfloſſen, als Jvan eine auſſeror⸗ dentliche Bewegung im Dorfe wahrzunehmen glaubte. Die Männer putzten ihre Gewehre, und machten Patronen. Er erfuhr bald, daß man ſich zu einer großen Expedition rüſtete. Die ganze Nation ſollte ſich vereinigen, um ei⸗ nen benachbarten Völkerſtamm anzugreifen, der ſich unter den Schutz der Ruſſen begeben, und ihnen die Errichtung einer Schanze auf ſeinem Gebiete geſtattet hatte. Es war von nichts Wenigerm die Rede, als den ganzen Stamm ſammt dem ruſſiſchen Bataillon, welches die Schanzenarbeiter beſchützte, zu vernichten. Als Jvan einige Tage darauf aus der Hütte trat, fand er das ganze Dorf verlaſſen. Alle waffenfähige Männer waren in der Racht aus⸗ gezogen. Als er im Dorfe herum gieng, um Erkundigungen einzuziehen, ſammelte er neue Beweiſe von den übeln Geſinnungen der Ein⸗ wohner gegen ihn. Die Alten vermieden es, mit ihm zu reden, und ein Knabe ſagte ihm offenherzig: ſein Vater wolle ihn tödten. Als er endlich ganz nachdenkend zu ſeinem Herrn zurückkehrte, ſah er auf dem Dache eines Hau⸗ ſes eine junge Frau, welche ihren Schleier auf⸗ hob, und ihm mit allen Merkmalen des Schre⸗ ckens ein Zeichen gab, ſich zu entfernen, indem ſie ihm die Straße nach Rußland wies. Es war die Schweſter des Töchetschenzen, den er bei dem Uebergang über den Tereck gerettet hatte. Beim Eintritt in das Haus fand er den Alten beſchäftigt, die Eiſen Kascombo's zu un⸗ terſuchen. Ein neuer Ankömmling ſaß im Zim⸗ mer; es war ein Mann, den ein Wechſelfieber verhinderte, ſeinen Kameraden zu folgen, und den man zu Ibrahim geſchickt hatte, um die Wache der Gefangenen bis zur Rückkehr der Einwohner zu verſtärken. Jvan bemerkte dieſe Vorſicht, ohne das mindeſte Erſtaunen zu zei⸗ gen. Die Entfernung der Männer aus dem Dorfe bot eine günſtige Gelegenheit zur Ausfüh⸗ rung ſeiner Pläne dar, aber die größere Wach⸗ — 154 — ſamkeit ihres Hüters und vorzüglich die Gegen⸗ wart des Fieberhaften machte den Erfolg ſehr zweifelhaft. Inzwiſchen war ſein Tod unver⸗ meidlich, wenn er die Rückkehr der Einwohner abwartete; er ſah voraus, daß ihre Expedition verunglücken und ihre Wuth alsdann ihn nicht verſchonen würde. Es blieb ihm kein anderer Ausweg, als entweder ſeinen Herrn zu verlaſ⸗ ſen, oder ihn ohne die geringſte Zögerung zu retten. Der treue Diener hätte lieber einen tanſendfachen Tod erlitten, als das erſte Mit⸗ tel gewählt. Kascvmbo, der alle Hoffnung zu verlieren anfieng „war in eine Art von Stumpfſinn ver⸗ fallen, und bevbachtete ein tiefes Schweigen. Jvan, ruhiger und fröhlicher, als gewöhnlich, übertraf ſich ſelbſt bei der Zubereitung der Mahl⸗ zeit, dazwiſchen ſang er ruſſiſche Lieder, und miſchte Worte des Troſtes und der Aufmun⸗ terung an ſeinen Herrn darunter. „Die Zeit iſt gekommen,“ ſagte er, indem er zu jedem Satze den nichts ſagenden Refrain eines ruſſiſchen Volksliedes:; hat Juli, fügte, — 155 — „die Zeit iſt gekommen, unſerm Elend ein En⸗ de zu machen oder zu ſterben. Morgen, hai Juli, werden wir auf dem Wege zu einer Stadt, einer ſchönen Stadt ſeyn, hai Juli, die ich nicht nennen will. Muth, Herr! das Vertrauen nicht verloren! Der Gott der Ruſſen iſt groß, hai Juli.“ Kascombo, gleichgültig gegen Leben und Tod, und die Abſichten ſeines Denſchik nicht kennend, begnügte ſich, ihm zu antworten: „Thue, was du willſt, und ſchweige,“ Gegen Abend bekam der Fieberhafte, den man, um ihn in guter Laune zu erhalten, mit einer köſtlichen Mahlzeit bewirthete, und der den ganzen Nachmittag Schislik geſchmauſet hatte, einen ſo heftigen Anfall, daß er ſeinen Poſten verließ, und nach Hauſe gieng; Ibra⸗ him, durch Jvan's Luſtigkeit beruhigt, wider⸗ ſetzte ſich ſeinem Abzuge nicht. Um jede Art von Mißtrauen zu entfernen, zog ſich Jvan zeitig in den Hintergrund ſeiner Kammer zu⸗ rück, und legte ſich auf eine Bank an d Mauer, in der Hoffnung, daß Ibrahim . einſchlafen werde. Aber dieſer war entſchloſſen, die ganze Nacht zu wachen, anſtatt ſich, wie gewöhnlich, auf eine Matte beim Feuer zu le⸗ gen. Er ſetzte ſich auf einen Block, dem Ge⸗ ſangenen gegenüber, und ſchickte ſeine Schwie⸗ gertochter fort, welche ſich in das nächſte Zim⸗ mer begab, wo ihr Kind war, und die Thüre hinter ſich abſchloß. Von dem dunkeln Winkel aus, in dem er ſich befand, betrachtete Jvan die Scene, die er vor ſich hatte, mit der größten Aufmerkſam⸗ keit. Bei dem Scheine des Feuers, das von Zeit zu Zeit aufflammte, ſah er ein Beil in einer Vertiefung der Mauer glänzen. Der Al⸗ te, vom Schlafe bezwungen, ließ von Zeit zu Zeit ſein Haupt auf die Bruſt ſinken. Jvan ſah, daß es Zeit ſey, und ſtand auf. Der argwöhniſche Ibrahim bemerkte es ſogleich. „Was machſt du da?“ rief er ihm in rauhem Tone zu. Jvan, ſtatt zu antworten, näherte ſich gähnend dem Feuer, wie Einer, der ans einem tiefen Schlaf erwacht. Ibrahim, dem Augenlieder immer ſchwerer wurden, be⸗ * — fahl dem Kascombo, die Guitarre zu ſpielen⸗ um thn wach zu erhalten. Der Major weigerte ſich, aber Jvan reichte ihm das Inſtrument, indem er das verabredete Zeichen machte. „Spielen Sie, lieber Herr!“ ſagte er, „ich habe mit Ihnen zu reden.“ Kascombo ſtimmte die Guitarre, fieng an zu ſingen, und nun be⸗ gann folgendes fürchterliche Duett: Kascombo. Hai juli, hai juli, was willſt Du mir ſagen? Nimm dich in Acht. (Bei je⸗ der Frage und Antwort ſangen ſie eine Strophe eines ruſſiſchen Liedes.) Jvan. Sehen Sie jenes Beil, aber be⸗ trachten Sie es nicht. Hai juli, hai juli, ich werde dem Schelm den Krpf ſpalten. Kascombo. Unnützer Mord! Hai ju, wie werde ich mit meinen Ketten entfliehen können? Jvan. Wir werden die Schlüſſel in den Taſchen des Räubers finden. Kascombo. Das Weib wird Lärm ſchla⸗ gen, hai juli. Jvan. Mag daraus entſtehen, was willj werden Sie nicht eben ſo gewiß aus Elend und Hunger ſterben? Hai juli. Da der Alte aufmerkſam wurde, verdoppel⸗ ten ſie ihr Hoi juli, und begleiteten es mit einem rauſchenden Geſange. „Spielen Sie, Herr!“ rief der Denſchik, „ſpielen Sie den Koſaken; ich will im Zimmer herumtanzen, um mich dem Beile zu nähern; ſpielen Sie friſch darauf los.“ Kascombv. Sey es; dieſe Höllenqual muß enden. — Er wandte den Kopf auf die Seite, und ſpielte nun aus aller Kraft den verlangten Tanz. Jvan fieng mit den grotesken Schritten und Stellungen des Koſakentanzes an, die dem Alten ausnehmend gefielen, und machte dann die lächerlichſten Luftſprünge unter lautem Ge⸗ ſchrei, um ſeine Aufmerkſamkeit abzulenken. Als Kascombo merkte, daß der Tänzer ſich dem Beile näherte, klopfte ſein Herz voll Un⸗ ruhe; dieſes Werkzeug ihrer Befreiung lag in einem offenen, in der Mauer angebrachten Ka⸗ ſten, aber ſo hoch, daß es Jvan kaum errei⸗ chen konnte. Um es bei der Hand zu haben, benutzte er einen günſtigen Augenblick, ergriff es ſchuell, und ſtellte es im Schatten, welchen Ibrahims Körper bildete, auf die Erde. Als dieſer die Augen auf ihn warf, war er weit davvn, und ſetzte ſeinen Tanz fort. Dieſe ge⸗ fährliche Scene dauerte ſchon ziemlich lange, und Kascvmbo, des Spielens überdrüſſig, fieng an zu glauben, es fehle ſeinem Denſchik an Muth, oder er halte den Augenblick nicht für günſtig. Er wandte gerade ſeine Augen auf ihn, als der unerſchrockene Tänzer das Beil ergriſſen hatte, und feſten Schrittes herankam, um den alten Räuber damit niederzuſchlagen. Die Ge⸗ müthsbewegung des Majors war ſo groß, daß er zu ſpielen aufhörte, und die Guitarre auf ſeine Kniee fallen ließ. Im nämlichen Augen⸗ blicke bückte ſich der Alte, und machte einen Schritt vorwärts, um das Reißig in das Feuer zu ſchieben; die dürren Blätter entzündeten ſich, und warfen einen hellen Schein in das Zimmer. Ibrahim kehrte zu ſeinem Sitze zurück. Wenn Jvan jetzt ſeinen Plan befolgt hätte, — 160 — ſo wäre ein Fauſtkampf zwiſchen ihm und Ibra⸗ bim unvermeidlich geweſen, und es wäre großer Lärm entſtanden, welchen man vorzüglich ver⸗ meiden mußte; aber ſeine Geiſtesgegenwart rettete ihn. Als er die Verwirrung des Majors bemerkte, und Ibrahim aufſtehen ſah, legte er das Beil gerade hinter den Block, worauf Ibra⸗ him ſaß, und fieng aufs Neue zu fragen an. „Spielen Sie, zum Henker,“ ſagte er zu ſei⸗ nem Herrn, „an was denken Sie?“ Der Ma⸗ jor, welcher die begangene Unvorſichtigkeit er⸗ kannte, entlockte ſeinem Inſtrumente neue Töne. Der alte Wächter hatte keinen Verdacht, und ſetzte ſich nieder, aber er befahl ihnen, das das Spiel zu enden, und ſich niederzulegen. Jvan nahm ruhig das Futteral der Guitarre, und legte es auf den Kamin; aber anſtatt das Inſtrument zu nehmen, das ihm ſein Herr an⸗ bot, ergriff er plötzlich das Beil hinter Ibrahim, und verſetzte ihm einen ſo fürchterlichen Schlag an den Kopf, daß er, ohne einen Laut von ſich zu geben, todt darnieder, und mit dem Geſicht in das Feuer fiel; ſein langer grauer Bart ent⸗ zündete zundete ſich; Jvan zog ihn am Fuße aus den Flammen, und bedeckte ihn mit einer Matte. Sie horchten, ob die Frau erwacht ſei, als dieſe, ohne Zweifel über das Stillſchweigen verwundert, das auf ſo großes Geräuſch folgte, ihre Zimmerthür öffnete. „Was macht ihr doch hier,“ fragte ſie, indem ſie auf die Gefangenen zuſchritt; „woher kommt der Geruch von ver⸗ brannten Federn?“ Das Feuer war am Erlöſchen⸗ und gab nur noch einen ſchwachen Schein. Jvan erhob das Beil, um ſie zu tödten, ſie gewann aber Zeit, den Kopf abzuwenden, und empfieng den Streich auf die Bruſt, indem ſie einen gräßlichen Seufzer ausſtieß; ein zweiter Schlag, ſchneller als der Blitz, erreichte ſie in ihrem Falle, und ſtreckte ſie todt zu den Füſſen Kas⸗ combo's. Erſchreckt durch dieſen zweiten Mord, auf den er nicht vorbereitet war, ſtellte ſich der Major dem Jvan, welcher auf das Zimmer des Kindes zugieng, in den Weg, um ihn auf⸗ zuhalten. „Wohin gehſt du, Unglücklicher?“ rief. er ihm zu: „Könnteſt du die Grauſamkeit bege⸗ hen, auch dieſes Kind zu opfern, das mir ſo 2r Vand. 11 — 162 — viele Freundſchaft erwieſen hat? Wenn du mich um dieſen Preis befreiteſt, dann könnten weder deine Anhänglichkeit, noch deine Dienſte dich bei unſerer Ankunft an der Linie retten.“ — „An der Linie,“ antwortete Jvan, „können Sie thun, was Sie wollen, aber hier müſſen wir vollenden.“ Kascombo ſammelte alle ſeine Kräfte, faßte den Jvan, welcher mit Gewalt vordringen wollte, am Kragen und ſagte: „Elen⸗ der, wenn du es wagſt, nach ſeinem Leben zu ſtreben, wenn du ihm ein einziges Haar entreiſ⸗ ſeſt, ſo ſchwöre ich bei Gott, ich überliefere mich ſelbſt den Händen der Töschetschenzen⸗ und deine Barbarei iſt ohne Nutzen.“ „Den Hän⸗ den der Töchetschenzen ?“ wiederholte der Den⸗ ſchick, indem er das blutige Beil über dem Haupte ſeines Herrn ſchwang; „ſie werden Sie nie mehr lebendig ergreifen; ich erwürge dieſe Räuber, Sie und mich eher, als dieß geſchieht. Dieſes Kind kann uns verderben, wenn es Lärm macht; in dem Zuſtand, in dem Sie ſich befinden, ſind Weiber im Stande, Sie ins Ge⸗ fängniß zurückzuführen.“ — „Halt, halt!“ ſchrie — 163 — Kascombo, deſſen Händen ſich Jvan zu entwin⸗ den ſuchte; „halt, Ungeheuer, du mußt mich ſelbſt zuerſt erwürgen, ehe du dieſes Verbrecheu begeheſt!““ — Aber durch ſeine Ketten gehemmt, und ſchwach, wie er war, konnte er den wüthen⸗ den jungen Menſchen, der ihn von ſich ſtieß, nicht zurückhalten, und fiel, halbohnmächtig vor Schrecken und Abſcheu, hart auf die Erde nie⸗ der. Während er, vom Blute der erſten Opfer beſudelt, alle Kräfte anſtrengte, um ſich zu er⸗ heben, rief er aus: „Jvan, ich beſchwöre dich, tödte es nicht, im Namen Gottes, vergieße das Blut dieſes unſchuldigen Geſchöpfes nicht!“ Er eilte dem Kinde zu Hülfe, ſobald er es vermochte, aber in der Zimmerthüre ſtieß er in der Dunkelheit an Jvan, welcher zurück⸗ kehrte. „Herr!“ ſagte dieſer, „alles iſt vorbei. Laſſen Sie uns keine Zeit verlieren, — machen Sie kein Geräuſch, ſag' ich Ihnen,“ — antwor⸗ tete er auf die Vorwürfe, die ihm ſein Herr in der höchſten Verzweiflung machte. — „Geſche⸗ hen iſt geſchehen, jetzt können wir nicht mehr zurück. So lange wir nicht frei ſind, iſt jeder 11 . Menſch, der mir begegnet, todt, oder er muß mich tödten, und wenn jemand vor unſerer Ab⸗ reiſe in dieſes Zimmer tritt, Mann oder Weib oder Kind, Freund oder Feind, ſo ſtreck' ich ihn zu den Andern nieder.“ Jvan zündete den Span eines Lerchenbaumes an, begann die Patrontaſche und die Säcke des Räubers zu durchſuchen, aber der Schlüſſel zu den Ketten fand ſich nicht; er ſuchte ihn eben ſo vergeblich in den Kleidern der Frau, in ei⸗ nem Koffer und überall, wo er glaubte, daß er verborgen ſeyn könne. Während er dieſe Nach⸗ forſchungen anſtellte, überließ ſich der Maior ſeinem Schmerze; Jvan tröſtete ihn auf ſeine Art. „Sie würden beſſer thun,“ ſagte er, „den verlornen Schlüſſel zu ihren Ketten zu be⸗ weinen. Wos iſt an dieſen Räubern zu bedauern, die Sie ſeit fünfzehn Monaten gequält haben? Sie wollten uns tödten, — je nun, die Reihe iſt von uns an ſie gekommen.“ Da ſich der Schlüſſel zu den Eiſen nirgends fand, ſo waren alle dieſe Morde unnütz, wenn man ſie nicht zu ſprengen vermochte. Nach lan⸗ gen Bemühungen gelang es endlich dem Jvan, mit dem Keile des Beils den Ring von der Hand los zu machen, aber der Ring an der Fußkette widerſtand allen Anſtrengungen, und Jvan getraute ſich nicht, ſeine ganze Stärke an⸗ zuwenden, aus Furcht, ſeinem Herrn das Bein zu zerquetſchen. Inzwiſchen rückte die Nacht vvran; die Gefahr wurde dringend; ſie entſchloſ⸗ ſen ſich daher, abzureiſen. Jvan befeſtigte die Kette an dem Gürtel des Majors, ſo daß ſie ihn ſo wenig als möglich am Gehen hinderte. Er ſteckte ein Viertel von einem Hammel⸗ braten, den Reſt von ihrem geſtrigen Mahle, in einen Zwerchſack, that noch einige Vor⸗ räthe hinzu, und bewaffnete ſich mit dem Pi⸗ ſtol und dem Dolche des Todten, Kascombo bemächtigte ſich ſeiner Bourka. So verlie⸗ ßen ſie im tiefſten Stillſchweigen das Haus. Anſtatt die Richtung nach Mosdack auf der gewöhnlichen Straße zu nehmen, ſchlugen die Flüchtlinge den Gebirgsweg ein, indem ſie wohl vorausſahen, daß man ſie auf jener verfolgen würde. Sie zogen während der Nacht längs den Höhen zu ihrer Rechten hin, und tra⸗ ten bei Anbruch des Tages in einen Buchenwald, welcher das Gebirg krönte und ſie vor der Gefahr ſchützte, von Weitem geſehen zu werden. Es war im Monat Februar; der Boden auf dieſen Höhen, und vorzüglich im Walde, war mit har⸗ tem Schnee bedeckt, der während der Nacht und eines Theils des Morgens einen feſten Schritt gewährte; aber gegen Mittag, als die Sonne den Schnee erweichte, ſanken ſie bei jedem Tritte ein, wodurch ihr Marſch ſehr ver⸗ zögert wurde. So erreichten ſie mühſam die Halde eines tiefen Thales, in deſſen Schooße der Schnee verſchwunden war; ein betretener Weg, welcher den Krümmungen des Baches folgte, bewies, daß die Gegend gangbar ſey. Dieſe Betrachtung, in Verbindung mit der Ermüdung des Majors, bewog die Reiſenden, hier die Nacht zu erwarten; ſie verbargen ſich daher zwiſchen einzelne Felsſtücken, welche aus dem Schnee hervorragten. Jvan hieb Tannen⸗ zweige ab, und bereitete ein feſtes Lager auf dem Schnee, auf welches der Major ſich legte. — 167 — Während er ruhte, ſuchte Jvan die Gegend aus⸗ zuforſchen. Das Thal, auf deſſen Höhe er ſich befand, war mit hohen Gebirgen umringt, zwi⸗ ſchen welchen man keinen Ausgang erblickte; er ſah, daß es unmöglich war, den betretenen Weg zu vermeiden, und daß man nothwendig dem Laufe des Fluſſes folgen mußte, wenn man aus dieſem Labyrinthe gelangen wollte. Gegen eilf Uhr in der Nacht, als der Froſt den Schnee feſt machte, ſtiegen ſie in das Thal hinab. Vorher aber legten ſie Feuer an ihr Nachtlager, theils um ſich zu erwärmen⸗ theils um eine klei⸗ ne Mahlzeit von Schislik zu halten, deren ſie ſehr bedurften. Eine Hand voll Schnee war ihr Getränk, und ein Schluck Branntwein vol⸗ lendete ihr Feſt. Sie kamen glücklich durch das Thal, ohne einen Menſchen zu ſehen, und tra⸗ ten dann in einen Hohlweg, wo der Fußpfad und der Bach zwiſchen hohen, ſenkrechten Felſen eingeſchloſſen waren. Kascombv und Jvan giengen mit der mög⸗ lichſten Geſchwindigkeit, wohl fühlend, welche Gefahr ſie liefen, wenn ihnen jemand auf dem — 168 — engen Wege begegnete, aus dem ſie erſt gegen 9 Uhr in der Frühe herauskamen. Da öffnete ſich diefe finſtere Hohlgaſſe auf einmal, und ſie entdeckten, über die niedrigen Gebirge hin, wel⸗ che ſich vor ihnen ausbreiteten, den unermeßli⸗ chen Horizont von Rußland, einem entfernten Meere gleich. Man kann ſich kaum einen Be⸗ griff von dem Vergnügen machen, das der Ma⸗ jor bei dieſem unerwarteten Schauſpiel empfand; Rußland! Rußland! war das einzige Wort, das er hervorbringen konnte. Die Reiſenden ſetzten ſich, um auszuruhen und zum Voraus ihrer na⸗ hen Freiheit zu genießen. In dieſes Vorgefühl des Glückes miſchte ſich im Gemüthe des Majors die Erinnerung an die gräßliche Scene, davon er kurz vorher Zeuge gewefen war, und welche ſeine mit Blut beſpritzten Ketten und Kleider lebhaft in ſein Gedächtniß zurückriefen. Die Angen auf das ferne Ziel ſeiner Leiden gerich⸗ tet, berechnete er die Beſchwerlichkeiten der Reiſe. Der Anblick des langen und gefährlichen Weges, welchen er noch mit Eiſen an den ge⸗ ſchwollenen Füſſen machen mußte, verlöſchte die — 169 — Freude, welche ihm die Anſicht ſeines Geburtslandes gewährte, bis auf die letzte Spur. Zu den Qua⸗ len ſeiner Einbildungskraft geſellte ſich ein brennender Durſt. Jvan ſtieg zu dem Flnuſſe hinab, welcher in einer Entfernung vorbeifloß, um für ſeinen Herrn Waſſer zu holen; er fand dort eine von 2 Bäumen gebildete Brücke, und ſah in der Ferne ein Haus. Es war eine Gat⸗ tung von Chalet oder Sommerwohnung der Töchets⸗ chenzen, aber verlaſſen. In ihrer Lage war dieſes Haus für unſere Flüchtlinge eine köſtliche Entdeckung. Jvan entriß ſeinen Herrn ſeinen Betrachtungen, um ihn in die gefundene Frei⸗ ſtätte zu führen, und nachdem er ihn daſelbſt untergebracht, ſuchte er ſogleich das Magazin auszufinden. Die Bewohner des Caucaſus, welche größ⸗ tentheils halbe Nomaden und vft den Einfällen ihrer Nachbarn ausgeſetzt ſind, haben nämlich immer in der Nähe ihrer Häuſer unterirdiſche Behältniſſe, wo ſie ihre Vorräthe und ihre Habſeligkeiten verbergen. Dieſe Magazine, in * 5 Geſtalt eines engen Brunnens, ſind mit einem Brette oder breiten Stein verſchloſſen, ſorgfäl⸗ tig mit Erde überdeckt, und immer an Orten ogebracht, wo kein Raſen wächſt, aus Furcht, die Farbe des Graſes möchte den Schatz ver⸗ rathen. Trotz dieſer Vorſicht entdecken ſie die ruſſiſchen Soldaten doch oft; ſie ſtoßen mit ih⸗ ren Flintenkolben auf die Fußwege in der Nähe der Wohnungen, und der Ton zeigt ihnen die Höhlungen an, die ſie ſuchen. Jvan entdeckte eine ſolche unter einem Schoppen, der an das Haus ſtieß, und fand darin irdene Häfen, ei⸗ nige Maisſtengel, ein Stück Steinſalz und ei⸗ niges Hausgeräthe. Er holte eilends Waſſer, um die Küche einzurichten; das Viertel Ham⸗ melfleiſch und einige Kartoffeln⸗ die er mitge⸗ bracht, wurden über das Feuer geſetzt. Wäh⸗ rend dieſes Gericht zubereitet wurde, röſtete Kascombo die Maiskörner; alles dies, nebſt einigen im Magazine gefundenen Haſelnüſſen, gab ein herrliches Mahl. Als dies verzehrt war, gelang es dem Jvan, der nun mehr Zeit und Hülfsmittel hatte, ſeinen Herrn von den — 171 — Ketten zu befreien; und dieſer, ruhiger und durch die Mahlzeit geſtärkt, verfiel bald in ei⸗ nen tiefen Schlaf, aus dem er erſt gegen 9 Uhr Abends erwachte. Trotz dieſer wohlthäti⸗ gen Ruhe waren ſeine geſchwollenen Füße ſo ſteif geworden, daß er, als ſie die Reiſe fort⸗ ſetzen wollten, nicht die mindeſte Bewegung ma⸗ chen konnte, ohne unerträgliche Schmerzen zu empfinden. Dennoch mußte man weiter. Auf ſeinen Diener geſtützt, machte er ſich voll trü⸗ ber Gedanken auf den Weg, überzeugt, daß er nie am gewünſchten Ziele anlangen würde. Die Bewegung und die Wärme, die das Gehen ſeinem Körper mittheilte, linderten nach und nach ſeine Schmerzen. Er gieng die ganze Nacht, ruhte oft aus, und zog gleich wieder weiter. Bisweilen überließ er ſich einer gänz⸗ lichen Muthloſigkeit, warf ſich auf die Erde nieder, und beſchwor den Jvan, allein in die Heimath zurückzukehren, und ihn ſeinem unglück⸗ lichen Schickſal zu überlaſſen. Sein treuer Ge⸗ fährte flößte ihm aber nicht nur durch ſeine Geſpräche und ſein Beiſpiel neuen Muth ein⸗ . — 172 — ſondern gebrauchte faſt Gewalt, um ihn aufzu⸗ heben und mit fortzuſchleppen. Kascombo und Jvan kamen auf ihrer Reiſe an eine gefährliche Stelle, die ſie nicht vermei⸗ den konnten; den Tag zu erwarten, wäre ein unerſetzlicher Zeitverluſt geweſen: ſie entſchloſ⸗ ſen ſich daher, den Verſuch zu wagen, auf die Gefahr, in den Abgrund zu ſtürzen; Jvan wollte jedoch, bevor er ſeinen Herrn dieſer Ge⸗ fahr ausſetzte, jene Stelle allein unterſuchen. Während er hinabſtieg, verweilte Kascombv am Rande des Felſens in einer unbeſchreiblichen Seelenangſt. Die Nacht war düſter; er hörte das dumpfe Getöſe eines reiſſenden, ſich in das Thal ergießenden Stromes unter ſeinen Füßen; das Geränſch der unter den Tritten ſeines Ge⸗ fährten vom Gebirge herab in das Waſſer rol⸗ lenden Steine ließ ihn die ungeheure Tiefe des Abgrundes erkennen, an dem er ſich befand. In dieſem angſtvollen Augenblicke, welcher der letzte ſeines Lebens ſeyn konnte, trat das Bild ſeiner Mutter vor ſein Gemüth; ſie hatte ihn bei dem Abſchiede an der Linie ſo zärtlich ge⸗ — 13 — ſegnet: dieſer Gedanke gab ihm neuen Muth. Ein geheimes Vorgeſühl ließ ihn hoffen, ſie wieder zu ſehen. „Großer Gott,“ rief er aus, „laß ihren Segen nicht ohne Wirkung ſeyn!“ Als er dieſes kurze, aber heiße Gebet endigte, erſchien Jvan wieder. Die unterſuchte Stelle war nicht ſo beſchwerlich, als ſie Anfangs ge⸗ glaubt hatten. Nachdem ſie einige Klafter zwi⸗ ſchen Felſen hinabgeſtiegen waren, mußten ſie, um die gangbare Halde zu gewinnen, längs ei⸗ ner engen, abſchüſſigen, mit ſchlüpfrigem Schnee bedeckten Felſenbank, unter welcher ſich der BVerg ſenkrecht erhob, hingleiten. Jvan grub mit ſeinem Beile Löcher in den gefrornen Schnee, welche das Gehen erleichterten; dann machten ſie das Zeichen des Kreuzes, und Kascombho ſagte: „Wenn ich umkomme, ſo ſoll es wenig⸗ ſtens nicht aus Mangel an Muth geſchehen, den mir nur die Krankheit rauben konnte. Ich will nun gehen, ſo lange mir Gott die Kraft dazu läßt.“ Sie kamen glücklich aus dieſem gefähr⸗ lichen Engpaſſe, und ſetzten ihre Reiſe fort. Die Fußpfade wurden nun gebahnter und feſter; — 474 — ſie fanden keinen Schnee mehr als auf der Nord⸗ ſeite und in den Tiefen, wo er ſich angehäuft. Sie hatten das Glück, bis zum Anbruche des Tages Niemand anzutreffen; jetzt aber nöthigte ſie der Anblick von 2 Männern, die ſie in der Ferne ſahen, ſich auf die Erde zu legen, um nicht wahrgenommen zu werden. Wenn man in dieſen Provinzen aus den Bergen hervorkommt, trifft man keine Wal⸗ dungen mehr an; die Gegend iſt ganz nackt, und man würde vergeblich einen Baum ſuchen, auſſer an den Ufern großer Flüſſe, und auch da ſind ſie noch ſehr ſelten, was bei der großen Fruchtbarkeit des Erdreichs wirklich ſonderbar iſt. Sie folgten ſeit einiger Zeit dem Laufe der Sanja, über welche ſie gehen mußten, um nach Mosdack zu kommen, und ſuchten eine Stelle, wo das ruhigere Waſſer ihnen einen minder ge⸗ fährlichen Uebergang verſtatten würde, als ſie einen Mann zu Pferd gerade auf ſie zureiten ſahen. Das ganze offne Land bot ihnen weder Baum, noch Geböüſch, um ſich zu verſtecken. — Sie duckten ſich daher unter das Ufer am Ran⸗ de des Waſſers. Der Reiſende zog einige Klafter von ihrem Schlupfwinkel vorüber. Sie hatten keine andere Abſicht, als ſich zu verthei⸗ digen, wenn ſie angegriffen würden. Jvan zog ſeinen Dolch, und gab das Piſtol dem Major. Als er aber ſah, daß der Reiter nur ein Kabe von 12 bis 13 Jahren war, ſtürzte er ſchnell auf ihn los, ergriff ihn beim Kragen, und warf ihn auf den Raſen. Der junge Menſch wollte Widerſtand leiſten, als er aber den Major, das Piſtol in der Hand, am Rande des Fluſſes er⸗ blickte, floh er pfeilſchnell davon. Das Pferd war ohne Sattel, und hatte ſtatt des Zaumes eine Halfter im Maule. Beide Flüchtlinge be⸗ dienten ſich ſogleich ihres Fanges, um über den Fluß zu ſetzen. Dies Ereigniß war ein großes Glück für ſie, denn ſie überzeugten ſich bald, daß es ihnen unmöglich geweſen wäre, zu Fuß hinüber zu kommen, wie ſie es im Sinn gehabt. Obwohl ihr Pferd die Laſt vvn 2 Männern zu tragen hatte, ward es doch von den Wellen beinahe fortgeriſſen; inzwiſchen langten ſie wohlbehalten am ändern Ufer an, welches aber ſo ſteil war, daß das Pferd den Boden nicht erreichen konnte“ Sie ſtiegen daher ab, um es zu erleichtern; als es aber Jvan mit aller Gewalt an ſich zog⸗ um es herauf zu bringen, machte ſich die Half⸗ ter los, und blieb ihm in den Händen. Das arme Thier wurde vom Strome fortgeriſſen⸗ ſank nach mehrmaligen Verſuchen, ans Land zu kommen, endlich unter, und ertrank. Obwohl der Verluſt des Pferdes Kascombo und Jvan ſchmerzte, waren ſie doch über die Gefahr, ver⸗ folgt zu werden, von nun an beruhigter; ſie lenkten daher ihre Schritte nach einem felſigen Hügel, den ſie von Weitem ſahen, in der Ab⸗ ſicht, ſich daſelbſt zu verbergen, und bis zur N Nacht⸗ zeit auszuruhen. Nach der Berechnung des We⸗ ges, den ſie ſchon zurückgetegt hatten⸗ konnten⸗ ihrem Urtheile nach⸗ die Wohnungen der fried⸗ lichen Töchetschenzen nicht mehr entfernt ſeyn; aber nichts war unſicherer, als ſich dieſen Men⸗ ſchen zu überliefern, deren wahrſcheinliche Ver⸗ rätherei ſie verderben konnten In dem Zuſtande der Ermattung jedoch⸗ worin der Major ſich befand, befand, war es faſt unmöglich, daß er ohne fremde Hülfe den Tereck erreichen konnte. Ih⸗ re Vorräthe waren erſchöpft; ſie brachten den Tag in einem dumpfen Schweigen zu, und ge⸗ trauten ſich nicht, ihre Beſorgniſſe einander mitzutheilen. Gegen Abend ſah Kascombo, daß ſein Denſchik ſich mit der Hand an die Stirne ſchlug, und einen tiefen Seufzer ausſtieß. Er⸗ ſtaunt über dieſen plötzlichen Ausbruch der Ver⸗ zweiflung ſeines bisher ſo heldenmüthigen Ge⸗ fährten, fragte der Major nach der Urſache. „Herr!“ antwortete Jvan⸗ „ich habe einen gro⸗ ßen Fehler begangen.“ — Möge ihn dir Gott vergeben! — „Ja,“ erwiederte Jvan, „ich ver⸗ gaß, den ſchönen Karabiner mitzunehmen⸗ wel⸗ cher in dem Zimmer des Kindes war. Lachen Sie nur, — er war der ſchönſte im ganzen Dor⸗ fe. Ich hätte dem orſten Manne, der uns be⸗ gegnete, ein Geſchenk damit gemacht, um ihn für uns zu gewinnen; denn ich ſehe kaum, wie wir in dem Zuſtande, worin ich Sie unſre Reiſe vollenden können.“ Das Wetter, welches den 1i viſer 2r Band. 42 ſo günſtig geweſen war, veränderte ſich im Lauſe des Tages. Der kalte Wind aus Ruß⸗ land blies mit Heſtigkeit, und jagte ihnen Graupen ins Geſicht. Sie reisten beim Ein⸗ bruche der Nacht weiter, unentſchloſſen, ob ſie ein Dorf zu erreichen oder zu vermeiden ſuchen ſollten. Ein neues Unglück, welches ihnen ge⸗ gen Ende der Racht begegnete, machte ihnen wegen der Länge des Weges, den ſie noch vor ſich hatten, letzteres durchaus unmöglich. Als ſie in einer Schlucht auf dem Reſte von Schnee, der die Tiefe verbarg, fortſchritten, brach das Eis unter ihren Füßen, und ſie ſanken bis an die Kniee ins Waſſer. Durch die Bemühungen, welche Kascombo anwandte, um ſich heraus zu arbeiten, wurden ſeine Kleider noch vpllends durchnäßt. Seit dem Augenblick ihrer Abreiſe war die Kälte nie ſo durchdringend geweſen; das gange Feld war mit Reif bedeckt. Nach einem viertelſtündigen Marſche fiel der Major, ſtarr vvr Kälte, aus Müdigkeit und Schmerz nieder, und weigerte ſich entſchieden, einen Schritt weiter zu gehen. Da er die Unmög⸗ — — 179 — lichkeit ſah, das Ziel ſeiner Reiſe zu erreichen, ſo hielt er es für eine zweckloſe Granſamkeit, ſeinen Gefährten zurückzuhalten, welcher leicht allein ſich retten konnte. „Höre, Jvan,“ ſagte er zu ihm, „Gott iſt mein Zeuge, ich habe bisher alles gethan, was mir möglich war, um von dem Beiſtande, den du mir geleiſtet, Vor⸗ theil zu ziehen; du ſiehſt, daß er mich nicht retten kann, und daß mein Schickſal entſchieden iſt. Geh' du bis an die Linie, mein lieber Jvan, kehre zu unſerm Regimente zurück. Sa⸗ ge meinen alten Freunden und Vorgeſetzten, du habeſt mich hier den Raben zur Speiſe zurück⸗ gelaſſen, und daß ich ihnen ein beſſeres Lvos wünſche. Aber erinnere dich, bevor du abrei⸗ ſeſt, an den Eid, den du da vben bei dem Blute der Wächter geſchworen, daß mich die Tachetschenzen nicht lebendig wieder in ihre Ge⸗ walt bekommen ſollten. Halte Wort!“ In⸗ dem er dies ſprach, ſtreckte er ſich auf der Erde aus, und deckte ſich ganz mit ſeiner Bourka zu. „Es bleibt uns noch ein Hülfsmittel,“ erwie⸗ derte Jvan, „wir müſſen Wohnung aufſuchen, und den Eigenthümer der⸗ ſelben durch Verſprechungen gewinnen; wenn er uns verräth, haben wir uns wenigſtens nichts vorzuwerfen. Suchen Sie ſich noch bis dahin zu ſchleppen; oder wohlan,“ fügte er bei, als er ſah, daß ſein Herr ſtill ſchwieg, „ich will allein gehen, und einen Töchetschenzen zu ge⸗ winnen trachten. Wenn es gut geht, komme ich mit ihm zurück, um Sie wegzubringen; geht es ſchlimm, komme ich um, und kehre ich nicht wieder zurück, ſo — hier iſt das Piſtol, neh⸗ men Sie es.“ Kascombo ſtreckte ſeine Hand unter der Bourka hervor, und nahm das Piſtol. — Iran bedeckte ihn mit Gras und dürrem Ge⸗ ſuuuche⸗ aus Furcht, er möchte während ſeiner Abweſenheit von Jemand entdeckt werden. Als er im Begriffe war, fortzugehen, rief ihn ſein Herr noch einmal zurück. „Höre, Jvan,“ ſag⸗ te er ihm, „meinen letzten Auftrag. Wenn du über den Tereck kommſt, und meine Mutter ohne mich wieder ſiehſt „ — „Herr!“ un⸗ terbrach ihn Jvan, „auf Wiederſehen heute Abend! — Wenn Sie ſterben, wird weder Ihre, — 181 — noch meine Mutter mich jemals wieder ſehen.“ Nachdem Jvan eine Stunde gegangen, ſah er von einer kleinen Anhöhe herab, in einer Entfernung von einigen Werſten, zwei Dörfer. Dies war es aber nicht, was er ſuchte: er woll⸗ te ein einzeln ſtehendes Haus finden, und un⸗ bemerkt in daſſelbe treten, um den Eigenthümer heimlich in ſein Intereſſe zu ziehen. Der ferne Rauch eines Kamins ließ ihn eines entdecken, wie er wünſchte. Er eilte dahin, und trat ohne Zögern in die Stube. Der Herr des Hauſes ſaß auf der Erde, beſchäktigt, ſeine Halbſtiefel zu flicken. „Ich komme,“ ſagte ihm Jvan, „um dich 200 Rubel gewinnen zu laſſen, und einen Dienſt von dir zu verlangen. Du haſt ohne Zweifel von dem Major Kascombo, dem Gefangenen bei den Gebirgsvölkern, reden gehört. Gut. Dieſen habe ich entführt, er iſt einige Schritte von hier, krank, und in deiner Gewalt. Willſt du ihn von Neuem ſeinen Fein⸗ den ausliefern, ſo werden ſie dich gewiß loben, aber wie du wohl weißt, nicht belohnen. Wenn du im Gegentheil einwilligſt, ihn zu retten, und — 182 — nur 3 Tage pei dir zu behalten, ſo gehe ich nach Mosdack, und bringe dir 200 Rubel in klingender Münze für ſeine Auslöſung; wenn du dich aber von deinem Platze rührſt,“ fügte er bei, indem er ſeinen Dolch zog, „oder Lär⸗ men ſchlägſt, um mich verhaften zu laſſen, ſo erwürge ich dich auf der Stelle. Dein Wort, vder du biſt des Todes!“ Ivans zuverſichtlicher Ton flößte dem Tschets⸗ chenzen Achtung ein, ohne ihn furchtſam zu ma⸗ chen. „Junger Menſch,“ ſagte er ihm, indem er ruhig ſeinen Stiefel auf die Seite legte, „ich habe auch einen Dolch in meinem Gürtel, und der deinige erſchreckt mich nicht; — wenn du als Freund zu mir gekommen wäreſt, würde ich nie einen Menſchen verrathen haben, der über die Schwelle meiner Thüre getreten iſt; jetzt verſpreche ich nichts. Setze dich nieder, und ſage, was du willſt.“ Als Jvan ſah, mit wem er es zu thun hatte, ſteckte er ſeinen Dolch wieder ein, ſetzte ſich, und wiederholte ſeinen Vorſchlag. „Welche Sicherheit giebſt du mir,“ fragte der Töchetschenze, „für die Erfüllung — 183 — deines Verſprechens?“ — „Ich laſſe den Major ſelbſt bei dir,“ antwortete Jvan; „glaubſt du, daß ich 15 Monate lang geduldet, und meinen Herrn zu dir gebracht haben würde, um ihn zu verlaſſen?“ — „Gut, ich glaube dir, aber 200 Rubel ſind zu wenig; ich will 400. — „Sie zu verſprechen, das koſtet ja nichts; ich aber, der Wort halten will, biete dir 200, weil ich weiß, wo ich ſie bekommen kann, aber keinen Kopecken mehr. Willſt du mich in die Nothwendigkeit verſetzen, dich zu betrügen?“ — „Wohlan, es ſey! Es gilt für die 200 Rubel; und du kommſt allein und in 3 Tagen zurück?““ — „Ja, allein und in 3 Tagen, ich gebe dir mein Wort; aber haſt du mir das deinige gegeben? Iſt der Major dein Gaſt? — „Er iſt mein Gaſt, ſo wie du von dieſem Augenblicke an, du haſt mein Wort.“ Sie gaben ſich wechſelſeitg die Hand, und eilten zum Major, den ſie halb todt vor Hunger und Kälte in die Hütte trugen. Anſtatt nach Mosdack zu gehen, begab ſich Jvan nach dem näher gelegenen Tchervelians⸗ Kaya⸗Staniza, wo ſich ein beträchtlicher Ko⸗ — ſaken⸗Poſten befand. Ohne Mühe brachte er da die nöthige Summe zuſammen. Die braven Koſaken, von denen einige bei dem unglücklichen Gefechte zugegen geweſen, das dem Major die Freiheit gekoſtet, legten mit Freuden zuſammen, um das Löſegeld vollſtändig zu machen. Am beſtimmten Tage reiste Jvan ab, um endlich ſeinen Herrn zu befreien; aber der Oberſt, der den Poſten kommandirte, fürchtete eine neue Verrätherei, ließ ihn nicht allein zurückkehren, und gab ihm, gegen die mit dem Töchetschen⸗ zen getroffene Verabredung, einige Koſaken zur Bedeckung mit. Dieſe Vorſicht wäre dem Ma⸗ jor bald verderblich geworden. Sobald ſein Wirth in der Ferne die Lanzen der Koſaken blinken ſah, glaubte er ſich verrathen. Sogleich bewies er die muthige Rohheit ſeiner Nation, führte den noch kranken Major auf das Dach des Hauſes, band ihn an einen Pfoſten, und ſtellte ſich ihm gegenüber, ſeinen Karabiner in der Hand. „Wenn ihr weiter vorwärts geht,“ rief er dem Jvan zu, als er ſo nahe war, um ihn zu verſtehen, indem er auf den Major an⸗ — 185 — legte, „wenn ihr noch einen Schritt näher kommt, ſo zerſchmettere ich dem Maojor das Gehirn, und ich habe noch 50 Patronen für meine Fein⸗ de und für den Verräther, der ſie herbeige⸗ führt.“ — „Du biſt nicht verrathen,“ ſchrie ihm der, für das Leben ſeines Herrn zitternde, Denſchik zu; „man hat mir die Begleitung auf⸗ gedrungen. Aber ich halte Wort, und bringe dir die 200 Rubel.“ — „Die Koſaken müſſen ſich entfernen, oder ich gebe Feuer.“ Kascom⸗ bo ſelbſt bat den Offizier, ſich zurückzuziehen. Jvan folgte den Koſaken einige Augenblicke, und kam dann allein zurück; aber der argwöh⸗ niſche Räuber erlaubte ihm nicht, näher zu kommen. Er befahl ihm, die 200 Rubel hun⸗ dert Schritte vom Hauſe auf dem Fubpfade vor⸗ zuzählen, und ſich zu entfernen. Sobald der Tächetschenze ſich des Geldes bemächtigt hatte, kehrte er auf das Dach zu⸗ rück, warf ſich vor dem Major auf die Kniee, und bat ihn um Verzeihung und Vergeſſenheit der übeln Behandlung, zu der er, ſeiner eige⸗ nen Sicherheit wegen, gezwungen worden ſey⸗ — 186 — „Ich werde mich nur erinnern,“ gab ihm Kas⸗ combo zur Antwort, „daß ich dein Gaſt gewe⸗ ſen bin, und daß du Wort gehalten haſt; aber bevor du mich um Verzeihung bitteſt, löſe zu⸗ erſt meine Bande.“ Anſtatt ihm zu antworten⸗ eilte der Tschetschenze, als er den Jvan zu⸗ rückkehren ſah, vom Dache herunter, und ver⸗ ſchwand wie der Blitz. Noch am nämlichen Tage hatte der brave Jvan das Glück und den Ruhm, ſeinen Herrn in den Kreis ſeiner Freunde zurück zu führen, die längſt die Hoffnung aufgegeben hatten, wieder zu ſehen. — — Einige Monate ſpäter fuhr ein Reiſender in der Nacht zu Jegorievsky an einem ſtark er⸗ leuchteten Hauſe von gutem Ausſehen vorbei. Er ſtieg von ſeinem Kibik, und nahte ſich ei⸗ nem Fenſter, um den Anblick eines ſehr beleb⸗ ten Balles zu genießen, der zur ebenen Erde gegeben wurde. Ein Unteroffizier betrachtete gleichfalls ſehr aufmerkſam, was im Innern des Zimmers vorgieng. „Wer giebt dieſen Ball?“ fragte der Fremde. — Der Herr Major, der — 187 — ſich verheirathet. — „Und wie nennt ſich der Major ? — Er nennt ſich Kascombo. Der Reiſende, welcher die ſonderbare Ge⸗ ſchichte dieſes Offiziers kannte, wünſchte ſich Glück, ſeiner Reugierde nachgegeben zu haben, und ließ ſich den Neuvermählten zeigen, welcher, vor Vergnügen ſtrahlend, in dieſem Augenblicke die Tochetschenzen und ihre Granſamkeit ver⸗ gaß. „Zeigen Sie mir auch, wenn ich bitten darf, den braven Denſchik, der ihn befreit hat.“ Der Unteroffizier antwortete nach einigem Zögern: „Ich bin's.“ Doppelt überraſcht von dieſem Zuſammentreffen und noch mehr von ſeiner Jugend, fragte er ihn um ſein Alter. Er hatte noch nicht das zwanzigſte Jahr zu⸗ rückgelegt, und als Belohnung ſeines Muthes und ſeiner Treue ein Geldgeſchenk und den Grad eines Unteroffiziers erhalten. Dieſer bra⸗ ve junge Menſch, nachdem er freiwillig das Unglück ſeines Herrn getheilt, und ihm das Leben und die Freiheit wieder gegeben, freute ſich an ſeinem Glück, indem er deſſen Hochzeit durch das Fenſter betrachtete. Als — 188 — ihm aber der Fremde ſeine Verwunderung be⸗ zeigte, daß er nicht beim Feſte wäre, und des⸗ wegen ſeinen vorigen Herrn des Undanks be⸗ ſchuldigte, warf ihm Jvan einen furchtbaren Seitenblick zu, und gieng in das Haus, die Melodie: hai Juli, anſtimmend. Bald darauf erſchien er im Ball⸗Saale, und der Fremde, noch immer Jvans gräßlichen Blick vor Augen, und die Erinnerung an die blutige That im be⸗ ängſtigten Herzen, ſprang ſchnell in ſeinen Ki⸗ bik, und jagte mit verhängten Zügeln davon⸗ froh, dem ſchrecklichen Jvan und ſeinem Mord⸗ beile entronnen zu ſeyn. —————— In der C. H. Zeh'ſchen Buchhandlung ſind noch folgende intereſſante Romane erſchienen. Tirylus, B., Corando Corandini, der kühne Räuberhauptmann. Eine romantiſche Geſchich⸗ te unſeres Jahrhunderts. 2 Thle. m. 2 Ku⸗ pfern. 8. 823. 3 fl. 36 kr. oder 2 Thlr. Graf Meinolf von Wildenforſt, voder des grauen Mannes wunderbares Wirken auf den Burgen ſeiner Freunde. Eine Geſchichte a. d Tagen der Vorzeit. 3 Thle. m. 3 Kpfrn. 8. 329. 5 fl. 24 kr. od. 3 Thlr. — — Moranzv, furchtbares Oberhaupt kühner ſpaniſcher Räuber auf dem Lande und zur See. Eine romantiſche Geſchichte unſers Jahrhun⸗ derts. 2 Bde. m. 2 Kpfrn. 8. 325. 3 fl. 36 kr. vd. 2 Thlr. a Ggr. — — Phalantus und Anaſtaſia ſchreckbare Schick⸗ ſale in der Gefangenſchaft der Osmanen. Eine Geſchichte aus dem gegenwärtigen Frei⸗ heitskampfe der Neugriechen. Mit 1 Küpfer. 8. 323. 2fl. vd. 1 Thlr. 3 Ggr. Egloffſtein, H. A. Ch. von, Alberts und ſeiner Freunde Abentheuer. Ein Seitenſtück zu Graf Benjowsky von A. v. Kotzebne. 2 Thle. mit 2 Kpfrn. 3. 322. 3 fl. 30 kr. vd. 2 Thlr. — — Blüthen und Blumen. Eine Sammlung intereſſanter Erzählungen und Miszellen. Mit 1 Kupfer. 8. 819. 1fl. a5 kr. od. 1 Thlr. — — Charles Denvi, oder das Vorgefühl des väterlichen Herzens; Wigv der Kühne oder die Freiſchützen in Böhmen n. a. Erzählungen. Mit 1 Kupfr. 8. 328. 1 fl. 45 kr. vd. 1 Thlr. Egloffſtein, H. A. 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