Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, ein dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1N — . 1W 2 W P. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * — Dunkel und Bell. In zwei Erzaͤhlungen von Carl Toepfer. Cassel, Verlag von J. J. Bohne⸗ 1828. N 1. Dunkel. Adelgonde von Greifenſtein. * 4. Im ſchwimmenden Lichte des Vollmonds lag die Gegend um Greifenſtein. Es war eine jener wonnevollen Mainaͤchte, wo die Flur im verzuͤckten Schlafe zu liegen ſcheint; ſelbſt der Nachtigall gezogene Klagelaute ſchwiegen und kein Lufthauch bewegte die Wipfel, da trat Adelgonde von Greifenſtein in ihre Schlafkammer, von der alten Mechtild gefolgt. „Ei Gondchen,“ ſprach dieſe, „fuͤrch⸗ tet Ihr Euch vor der ſilbernen Monzsſcheibe, daß Ihr Euer Haupt vom Fenſter wigdrehet? Ich daͤchte, man ſah' ihm eben ſo gern ins Antlitz, wie unſerm Burgpater: Beide ſehen ſo fromm aus und ſo ſanft.“ N „Mir iſt es,“ erwiderte Adelgonde, „ſo oft ich den Vollmond ſchaue, als ob Je⸗ mand des Nachts lauſchend vor meinem Fen⸗ ſter weilte, und wenn ich auch, wie durch einen heimlichen Zug, hinausgetrieben werde, ſo erſchrecke ich doch jederzeit, wenn ſein Strahl mir aufs Geſicht faͤllt.“ „Kindchen,“ verſetzte die Alte, ihr ge⸗ liebtes Fraͤulein entkleidend, „Ihr werdet doch nicht mondſuͤchtig werden? davor bewahre Euch Gott! das iſt ein boͤſer Zauber, uns angethan im Schlafe, wenn wir das Abend⸗ ſpruͤchlein vergeſſen haben; aber Ihr vergeſſet das nie, ſomit haben die Hexen auch keine Macht uͤber Euch.“ „Seyd unbeſorgt,“ ig Adelgonde das Güprach, „Mondſuchtige wandeln ſchla⸗ fend: wnn ich einmal ſchlafe, ſo findet mich die Moigenſonne auf dem nehmlichen Fleck⸗ chen, wo ich die Augen geſchloſſen habe. Gute Facht.“ 7 M „Bedenklich iſt's doch,“ murmelte Mech⸗ tild im Hinausgehen, „hm — Prufungen der Jugend!“ — Adelgonde war allein. Ihr graute vor der Mondlandſchaft draußen mit den rieſigen Baumſchatten; aber ein un⸗ erklaͤrliches Etwas zog ſie hinaus. Sie konn⸗ te ſich nicht entſchließen, ihr Lager aufzuſu⸗ chen. Den Blick feſt auf den mit tauſend ſilbernen Sternen beſtreuten Spiegel der Do⸗ nau geheſtet, ſtand ſie regungslos in der Mit⸗ te ihres Gemachs. Da war es ihr, als ob ferne Toͤne einer Zitter ihr Gemach erreichten, und ſie fuͤhlte ſich wunderbar bewegt durch den Klang, der leiſe und ſchuͤchtern von der Bergſeite des Schloſſes herauffluͤſterte. Halb bewußtlos oͤffnete ſie die Thuͤr ihrer Kammer, und ehe ſie nachdenken konnte uͤber das, was ſie that, hatte ihr bebender Fuß das Ende des langen Ganges erreicht, ihre Hand das große Giebelfenſter entriegelt, und mit halbgeoͤffnetem Munde, hochwogender Bruſt, vom vollſten Strahl des Mondes beleuchtet, 8 MM neigte ſie das jungfraͤukiche Haupt lauſchend 6 gegen die Tiefe. Da vernahm ſie folgenden 3 heimichen Geſang: Wo biſt Du wohl geflohen hin, Zufriedner Sinn? Hab jeden Mai noch angelacht, An Glanz und Hoheit nie gedacht — Nun moͤcht' ich Herr der Herren ſeyn, Nun wolt ich, aller Prunk ſey mein! Und guͤldner Glanz, bringt er Gewinn Dem Säaͤngerſinn? Sein eigen iſt Goöld⸗Sonnenſtrahl, . Der Purpur an dem Himmelsſaal, 8 Die Perlen die der Thau ihm ſtreut, Der Sternen Demant⸗Herrlichkeit. Was ſoll mir dieſe Saͤngerspracht In Leidensnacht! — Das Sonnengold nicht Kronen beut, Die Perlen, die der Thau mir ſtreut, Kann ich zu Schnuͤren nimmer reih'n Um Kron und Perlen Dir zu weih'n! Drum iſt mein Gluͤck, zufriedner Sinn Seflohen hin! 9 Drumn moͤcht⸗ ich Herr der Herren ſeyn, Drum wollt' ich aller Prunk ſey mein, Daß ich der Hoͤchſte weit umher, Nur Deines Blickes wuͤrdig wär! — Der Geſang ſchwieg. In ihrer tieſſten Seele getroffen vermochte Adelgonde nicht von dem Fenſter zuruͤckzutreten; obgleich es ihr ſchien, als ob die Stimme der alten Mechtild ſie dazu antrieb. Der Zauber der Mainacht mit ihrer ſehnſuchtigen Liebesluft hatte ihren Sinn gefangen genommen, ſie ſah unter dem Baum ſich's bewegen, ſie hoͤr⸗ te eine Laute hinwerfen, ſie zitterte heftig, eine ungekannte ſuͤße Furcht hemmte ihren Athem, aber ſie blieb. Da ſchwang es ſich von Zweig zu Zweig, es rauſchte in den Blaͤttern, eine Hand wurde ſichtbar, welche kraͤftig den Aſt ergriff der ſich bis zu dem Giebelfenſter hinabſtreckte, und plotzlich ſah ein Jünglingskopf dem zitternden Madchen bittend und wehmuͤthig in das Antlitz. Sein Baret war ihm entfallen, in uppiger Fülle wogten blonde Locken um die hohe Stirn, und haͤtte Adelgonde fliehen wollen, fruͤher mußte ſie fliehen, nun war ihre Kraft da⸗ hin. Einen kleinen Schritt ruͤckwärts treten, war alles, was ſie zu thun faͤhig war, waͤhrend eine Hand den Sims des Fenſters feſt hielt. „Fliehet nicht,“ ſprach der Juͤngling, „ich bin fromm und ſanft, entziehet mir nicht Euren Anblick, den Quell alles Heils fuͤr mich; wendet Ihr Euch von mir ab, ſo iſt mein Leben vertrocknet, und ich verwelke wie eine Pflanze, der man Luft und Licht ent⸗ zieht!“ „Um Gotteswillen,“ antwortete die Jung⸗ frau ſtotternd, „wie wagt Ihr ſolche Worte an mich zu richten, in dieſer Stunde und an dieſer Stelle. Wenn ich auch im Stande ware, Euch zu vergeben, kennt Ihr wohl meinen Vater und fuͤrchtet Ihr ſeine Arm⸗ bruſt⸗Schuͤtzen nicht, die ſein Zorn gegen Euch ihr Geſchoß richten laͤßt?“ — 11 „Laßt ſie kommen,“ rief der Jungling in wilder Schwaͤrmerei, „laßt ſie die Pſeile richten auf mein Herz, unter Euren Au⸗ gen will ich mich verbluten und ſelig ſter⸗ ben, denn Euch weih' ich mich im To⸗ de!“ „Wer ſeyd Ihr,“ entgegnete Adel gonde, indem ſie einen furchtſamen Blick auf den Gang zuruͤck warf, „wie kennt Ihr mich und wie kommt Ihr dazu, ſolch Außerſtes zu wagen?“ „Ich nenne mich Volkmar,“ ſprach der Jungling geſenkten Auges, „und bin ein ar⸗ mer Minneſaͤnger, doch edler Geburt. Wollt Ihr mich verwerfen, weil ich nicht gezogen komme zur Brautſchau mit Saumroſſen und Prunkdecken, ſo weiſt mich hinweg, ich kann Euch nichts anbieten, als ein gluͤhendes Herz, das Euch treu⸗ eigen zugehoͤrt bis zum Gra⸗ be.“ „Ihr wißt ſehr wohl,“ laͤchelte Adel⸗ gonde gefaßter, „daß wir Jungfrauen un⸗ 12 MMMNMN ſere Neigung nicht abwägen nach dem Ge⸗ wicht des gebotnen Goldes — dennoch ſollen uns auch ſchoͤne Worte nicht allzuleicht beſte⸗ chen: auch ſie ſind oft nichts als gleiſſender Prunk, und wir haben die Beiſpiele, daß Minneſaͤnger gluͤhende Verſicherungen der Treue an mehr als eine Dame zu gleicher Zeit ge⸗ richtet haben.“ Nach dieſer Rede ließ der Juͤngling ſein Haupt auf den Arm fallen, welcher auf dem ſtarken Aſte ruhte, und das Linnen, aus dem aufgeſchlitzten dunkeln Ermel ſeines Kleides hervorquellend, wurde von ſeinen warmen Thraͤnen befeuchtet. „Ich wollte Euch nicht beleidigen,“ tro⸗ ſtete ihn die Jungfrau, indem ſie nahe zum Fenſter trat, „wenn Ihr es aufrichtig meint in Eurem Herzen, ſo vergebet mir, ich ken⸗ ur Euch nicht, und habe ſolche Worte, a Ihr geſprochen, bisher nimmer vernom⸗ men.“ 3 — — Volkmar preßte immer noch ſein Haupt auf den Arm, und verſchmahte trotzig das geliebte Angeſicht der Jungfrau zu ſchauen, wohl wiſſend, daß ſolcher Trotz den auf⸗ dãmmernden Hoffnungsſtrahl nicht verloͤ⸗ ſchen, ihn vielmehr kraftiger entzuͤnden wuͤr⸗ de. . „Erhebt Euch doch,“ bat Adelgonde, „Ihr wagtet Euer Leben, um mich zu ſehen, und nun Ihr mir gegenuͤber ſeyd, verberget Ihr Euer Auge, als ob ich Euch Schrecken einfloͤßte.“ Da erhob Volkmar ſein Antlitz, und in dem glänzenden Mondlichte perlten zwei große Zaͤhren uͤber ſeine Wangen, ſo daß in Adelgondens Bruſt jeder Zweifel uͤber die Wahrheit ſeiner Rede erloſch. „Antwortet mir,“ fuhr ſie ſanft bittend fort, „wo habt Ihr mich geſehen? Ich ge⸗ wahrte Eurer nie, und wenn ich auch vor Euch nicht ſolche Scheu empfinde, wie wohl ſonſt ein fremder Mann mir einfloßt, ſo hab' 14 MMNN ich doch die überzeugung, Ihr begegnet mir zum erſtenmale.“ „Es war auf dem Turnier von Hohen⸗ Aspern,“ entgegnete der Jüngling, „wo ich Euer holdſeliges Weſen zuerſt erblickte. Ich glaub' es wol, daß Euer Auge nicht zu mir heruntergeſtiegen iſt; demuthig ſtand ich hin⸗ ter den Schrankenwaͤchtern, an einen Pfeiler gelehnt. Ihr ſaßet oben auf dem Balkon, umgeben von Herren und edlen geſchmuͤckten Frauen. Ich konnte nicht ablaſſen, mich zu weiden an Eurem Liebreiz, und fing an, wie nie vorher, die Duͤrftigkeit meines Stan⸗ des zu verwuͤnſchen. Es ergriff mich ein Stolz auf meine reinadliche Abkunft und, ich darf es ſagen, auf meine ritterliche Geſin⸗ nungen und, mit mir ſelbſt in Unfrieden, wandte ich mich endlich hinaus in den Burg⸗ garten, meinen Unwillen in einem reichlichen Thraͤnenſtrom auszugießen. Ich hatte mich zu dem Ritterfeſt hinbegeben, in Sang und Saitenſpiel mein Scherflein beizutragen; aber — „— 15 M mit Unluſt betrachtete ich nun meine Laute, und warf mich voll Verzweiflung auf einen Raſenplatz nieder, im heißen Fieber mich ab⸗ quaͤlend, bis ein traumvoller Schlummer ſich meiner bemaͤchtigte. Als ich erwachte, war es bereits Abend und der volle Mond ſtand am Himmel ſo wie heute. Da dacht' ich bei mir ſelbſt, ich koͤnnte die Burg nicht verlaſ⸗ ſen, ohne Euch noch Einmal geſehn zu ha⸗ ben. Ich ging gegen den Prunkſaal und miſchte mich unter das Volk, welches am Portal ſtand, aber es war mir nicht moͤglich, Eurer anſichtig zu werden. Nun begab ich mich in den Hofraum, wo ich eine Gallerie wußte, die gerade in die Saalfenſter ſchauete. Ein Fluͤgel war geoͤffnet und als ich voll Ungeduld meine Blicke hinein wandte, ſiehe, da ſaßt Ihr mir ſchnurſtraks gegenuͤber, und weil ich mich hoch oben befand, war zwi⸗ ſchen uns keine andere menſchliche Seele. In thoͤrigter Einbildung war es mir, als muͤß⸗ tet Ihr es empfinden, wenn ich die volle 16 Ktaſt meines Willens aaf Euch richtete und ich dachte Eurer mit einer Inbrunſt, und ſo mit ganzer Seele, daß in dem Augenblick in der ganzen Schoͤpfung außer Euch kein Gegenſtand des Denkens fuͤr mich da war. Ihr richtetet Euch empor und ſchient in tiefen Gedanken den Mond zu betrachten, der durch das geöffnete Fenſter Euch entgegen lächelte. Ich blieb dort, ſo lang der Zauber Eures Anblicks mich feſt hielt und von kuͤhnem Ent⸗ ſchluſſe gekraͤftigt, habe ich ſeit damal Euch mein Daſeyn verſchrieben. Ich wondelte im Mondlichte unter Eurem Fenſter, bis zu die⸗ ſer gluͤckſeligen Nacht, die ich gern mit mei⸗ nem Leben buͤßen will! Adelgonde gedachte des Turniers zu Hohen⸗Aspern. Ihr war es dort wohl ge⸗ weſen, als ob eine Stimme ſie gerufen; in ſeltſamer Traͤumerei hatte ſie endlich von der ſie umgebenden Pracht Nichts mehr geſe⸗ hen, doch verſchwieg ſie das dem Juͤngling und mahnte ihn, ſich wegzubegeben, fuͤrch⸗ 17 tend, ihr ſtrenger Vater möchte an ihren verwachten Augen erkennen, wie ſpaͤt ſie ſich zur Ruhe begeben. Volkmar heftete ei⸗ nen wehmuͤthigen Blick auf ſie, deſſen Aus⸗ druck die Jungfrau nicht ertragen konn⸗ tet ſie wandte ſich ſchweigend ab, wie vor der ſilbernen Mondſcheibe in ihrer Kam⸗ mer. „Ihr wollt es,“ ſprach Volkmar nach einer Pauſe, „und Eurem Willen muß ich ge⸗ horchen, wenn er mich auch in das Elend ſendet. Lebt wohl — o ſagt mir nur vor dem Scheiden, daß Ihr mir nicht zurnet — was ich fuͤrchten muß, da Ihr Euch wegwen⸗ det und mein Auge fliehet — Adelgonde — zuͤrnet Ihr auf mich 2. ⸗ Der Ton der Stimme war ſo weich und bittend, daß Adelgonde, tief bewegt, kaum widerſtehen konnte; dennoch ſiegte die jung⸗ fräuliche Schuͤchternheit, welche verbot, dem lauſchenden Juͤngling in Worten Poffnung zu geben, und ſie blieb in ihrer abgewandten 2 M Stellung ſchweigend und ohne ein Zeichen ei⸗ ner Antwort. „So wollt Ihr mich denn niemals wie⸗ derſehen,“ klagte Volkmar, „ſo iſt es Euch angenehm, daß man meinen Leichnam aus dem kuͤhlen Bette der Donau auffaͤngt; lebt gluͤcklich — wo waͤchſt mir noch ein Freudenbluͤmchen, wenn ich Euch beleidigt habe?!“ Die letzten Worte wurden durch Thraͤnen erflickt, er verbarg wiederum ſein weinendes Auge in ſeinen Arm und da kein troſtender Laut von Adelgondens Lippen ihn auf⸗ richtete, faßte ſein heftiges Gemuͤth den Ent⸗ ſchluß, ſich plotzlich von dem Baum herab⸗ zulaſſen und zu fliehen. Adelgonde war unterdeſſen wieder zum Fenſter getreten, und hatte den Leidenden mit inniger Theilnahme betrachtet. Haͤtte er in ihrem Auge geleſen, welches ausdrucksvoller ſprach, als die bered⸗ teſte Zunge, er haͤtte ihr in ſeinem Herzen den Vorwurf nicht gemacht, daß ſie gleich⸗ 19 M gultig gegen ſeinen Schmerz ſey; ſo aber mied er, der Trotzige, ſein daͤmmerndes Gluͤck zu ſehen und blieb bewegungslos bis zu dem Augenblick, wo er in wilder Haſt von hin⸗ nen wollte. Als er den Kopf erhob, und im Begriff war, den Arm von dem haltenden Aſt herabgleiten zu laſſen, fuͤhlte er ſich von einem abgebrochenen Zweige gehalten, der ſich im Ermel verfangen hatte. Er konnte die rechte Hand nicht brauchen, weil dieſe bereits einen niedrigeren Aſt ergriff und ſeinen Koͤr⸗ per ſtützend trug. Vergeblich zerrte er und zog, das widerſpenſtige Kleid gab nicht nach. Da ſtreckte Adelgonde ihre Hand hin, ihm zu helfen, und indem ſie den Zweig aus dem Gewand luͤftete, beruͤhrten ihre Finger ſeinen Arm. Von der Gewalt des Augenblicks erfaßt, vergaß Volkmar Zuͤrnen und Schmerz; mit der bebenden Heftigkeit der Leidenſchaft, die gern von einer Minute Gluckſeligkeit oder Tod fordert, wagte er es, als ſein Arm frei war, ihre Hand ſanft gegen 2 * 20 M ſeine Bruſt zu ziehen und Adelgonde, zu ſchwach, ſie ihm zu nehmen, duldete den eang gehaltenen Druck und erwiderte ihn ndlich, aber ſo leiſe, kurz und fluͤchtig, als ob ſie den Vorſatz haͤtte, dieſe That 8 ſelbſt abzulaͤugnen. „Gute Nacht, geliebteſte Adelgonde,“ fluͤſterte Volkmar, „denket mein — Euer Bild geleitet mich immer und uͤberall, als ein Schutzgeiſt meiner Tage!“ und verſchwun⸗ den war der Juͤngling unter dem gruͤnen Blaͤtterdach, ſich ſchnell der Geliebten entzie⸗ hend, weil ſie es ihm ſo geboten hatte. Adelgonde ſtarrte noch eine Weile auf die Stelle hin, befangen von der ſeligſten Empfindung, lispelnd: „auf Wiederſehn,“ nachdem der Gluͤckliche laͤngſt ferne war, ver⸗ riegelte eilig und geraͤuſchlos das Fenſter und ſuchte behend ihre Lagerſtatt, wo ein Heer von roſigen Traͤumen ſich auf die ſchlafende Jungfrau hernieder ließ. 24 2. Am andern Morgen hielt ein Stallmeiſter vor der Burg Greifenſtein und begehrte Ein⸗ laß. Der Burgwart, die Rauhenecker Far⸗ ben erkennend, ließ das Thor eroͤffnen und fuͤhrte ihn ohne Verzug zu dem Ritter, waͤh⸗ rend die Knechte fuͤr ſein Roß die gehoͤrige Sorgfalt bewieſen. Pater Anſelmus und Mutter Mechtild, welche ſich mit dem Burgherrn im Banquett-Saal befanden, wurden auf des Fremden ausdruͤckliches Be⸗ gehren hinausgeſendet und hinter ihnen die Thuͤr verſchloſſen, ein Zeichen, daß der Ab⸗ geſandte mit dem Herrn von Greifenſtein wichtige Dinge im heimlichen Zweigeſpraͤch zu verhandeln hatte. „Was meint Ihr, ehrwuͤrdiger Herr,“ ſprach die geſchwaͤtzige Alte zu dem Burgpa⸗ ter im Vorſaal, „s wird doch dieſer Beſuch 22 N unſerm geſtrengen Ritter keine Fehde ankuͤn⸗ digen, oder ſonſt eine gefahrvolle Unterneh⸗ mung? Auffallend iſt es doch, daß man uns ſo ohne Weiteres abtreten laͤßt, da wir doch, daͤcht' ich, an allen Familien-Vorfaͤllen un⸗ ſern ehrlichen Antheil nehmen duͤrfen.“ „Wie Gott will,“ entgegnete der geiſtli⸗ che Herr, „indeſſen befurchte ich keinen Feh⸗ debrief vom Rauhenecker Grafen; wie das Geruͤcht ihn ſchildert, ſoll er ein ſtattlicher Cavalier ſeyn, dem es aber mehr um Luſt⸗ barkeiten als um Schwertergeklirr zu thun iſt Mutter Mechtild, welche in ihren Muth⸗ maßungen nicht gern ſich eines Irthums zei⸗ hen ließ, fuhr fort, mit allerhand Schreck⸗ bildern die Sendung des gräflichen Stallmei⸗ ſters zuſammen zu reimen, waͤhrend ſie in gefliſſentlichen Pauſen ein aufmerkſames Ohr nach dem Saal hinrichtete, ob etwa des Burgherrn Zorn laut werden und ſie in ihrer Meimung beſtaͤrken wuͤrde. 23 M Drinn aber blieb es ſtill, und als end⸗ lich der Ritter von Greifenſtein die Thuͤr oͤffnete, trat er hochſt freundlich hervor, ſich den Knebelbart ſtreichend, wie er wohl that, wenn ihm etwas Erwuͤnſchtes begegnet war. Auch ſchuttelte er beim Abſchiede dem Stall⸗ meiſter die Hand, ein Zeichen ſeiner beſon⸗ dern Zufriedenheit, das er nicht gewohnlich an Untergebene verſchwendete, obgleich die erſten Stallmeiſter hoher Herren jener Zeit meiſt aus edlem Gebluͤte waren. Dann trat er auf den Söller und ſah den Fremden ab⸗ waͤrts traben, welcher mit dem rechten Hand⸗ ſchuh einen ehrerbietigen Gruß ruͤckwaͤrts ſen⸗ dend, ſeinem Gaul mit beiden Sporen tuͤch⸗ tig zuſetzte, um durch den Muth ſeines Thie⸗ res und ſeine eigne Kunſtfertigkeit im Reiten bei dem Herrn von Greifenſtein Ehre ein⸗ zulegen. Die Freundlichkeit auf dem Antlitz ihres geſtrengen Ritters war eben fuͤr Mutter Mech⸗ tild nichts Alltägliches. Er pflegte juſt nicht 24 b̃ mehr zu reden, als unumgaͤnglich nöthig war und ſeit der bitterſte Feind ſeines Hau⸗ ſes vom Kaiſer in die Acht erklaͤrt ward, konnten ſich ſeine Burgbewohner nicht erin⸗ nern, ihn laͤcheln geſehn zu habenz; um ſo mehr ward ſie uͤberraſcht und durch Neube⸗ gier geplagt, als der Herr ſich in einem ſcherzhaften Ton an ſie wendete, und wie er nie gethan, ſie alſo anredete: „Wie thut's, Alte? Moͤgt Ihr wohl an einem hohen Feſttag einen Ehrenſprung hal⸗ ten, ſo will ich Euch ein funkelneues Un⸗ tergewand und einen überwurf anfertigen laſ⸗ ſen, auch ſoll es mir nicht zu thun ſeyn um ein Paar Schnabelſchuh mit guͤldner Sticke⸗ rei. Nun, beſinnt Euch nicht lange, es giebt Anlaͤſſe, die jung machen, und gedenke ich doch ſelbſt an dieſem Tage einen Pokal zu leeren unter Trompeten- und Pauken⸗Ruf, wie in meinen jungen Jahren.“ „Ei, Ew. Gnaden ſind auch anjetzt noch nicht in den alten,“ erwiderte die Alte mit 25 M einem tiefen Knire, „und wenn es Euch auch fürtrefflich laßt, einen kraͤftigen Humpen der munteren Tafelrunde vorzutrinken, ſo moͤcht' ich mich doch linkiſch und albern benehmen, wollt' ich die alten Glieder zu einem Ehren⸗ tanz bewegen, waͤre ich auch mit einem Her⸗ melin angethan, wie Sr. Majeſtat zu tragen geruhen.“ „Mit dem Kleide hat es ſein Bewenden,“ ſprach der Burgherr freundlich, ſeine rechte Hand auf ihre Schulter legend, „wenn ich Euch auch den Ehrenſprung erlaſſen muß. Wo iſt Adelgonde,“ fuhr er fort, „und warum ſehe ich die Tochter heut ſo ſpat?“ „Kann ich doch Euch ſelbſt kaum den Grund ſagen,“ entgegnete die Alte, „war⸗ um ſie heut ſo ſpaͤt aus ihrer Schlafkammer tritt; aber das muß ich Ew. Gnaden rap⸗ portiren, daß die Jungfrau Differenzien mit dem Mondſchein hat; geſtern vor dem Schla⸗ fe beklagte ſie ſich bitterlich, wie ſie erſchreckt ſey, wenn die große blaßſilberne Scheibe in „ ihr Kaͤmmerlein blicke, auch ſey es ihr ge⸗ weſen, als ob jemand lauſchend unter ihrem Fenſter geweilt haͤtte.“ Wollt' ihm die Wege zeigen,“ fuhr der Ritter auf, „mit einem halben Dutzend Bol⸗ zen aus der nachſten Schießſcharte, ſo ſich einer unterfaͤngt Nachts an meiner Mauer zu weilen!“ „Halten zu Gnaden,“ beruhigte ihn die Alte, „es war nur von der Scheibe des Mon⸗ des die Rede, und der laͤßt ſich das Verwei⸗ len nicht verbieten und ſpaziert an allen Ritterſchlöſſern herum, ohne ſich um die Wachtleute zu bekuͤmmern.“ „Laßt ſehen,“ verſetzte der Ritter, „ob wir ihm das Hineinkucken nicht verbieten koͤn⸗ nen, wenn es meinem Gondchen Mißbe⸗ hagen gewaͤhrt. Gebt Befehl dem Fraͤulein, von nun an das obere Zimmer im Winkel des Kapellenthurms zum Ruhegemach einzu⸗ richten, und ſchwere damaſtene Vorhaͤnge vor die Fenſter zu haͤngen; da wird kein Mond⸗ 27 ſtrahl und kein Lauſcher ihren Schlummer ſtö⸗ ren!“ „Geſtrenger Herr,“ erklaͤrte ihm Mutter Mechtild. — „Ohne Widerrede,“ unterbrach ſie der Burgherr, ſich ſchnell von ihr zum Saale wendend; denn es war fuͤr den Argwoͤhni⸗ ſchen auf einige Zeit die frohe Laune dahin. Mutter Mechtild wollte ſich alſogleich zum Fraͤulein begeben, um ihr, nach ihrer gewohnten ſchwatzhaften Weiſe, von Allem, was vorgegangen war, getreulichen Bericht abzuſtatten, aber des Herrn gebietende Stim⸗ me rief ſie zu ſich, ihr in kurzen Worten noch einen Auftrag zu ertheilen. Mit hochgeroͤtheten Wangen war Adel⸗ gonde erwacht. Eine Weile blieb ſie, ehe ſie ſich erhob, mit emporgeſchlagenem Blick auf ihrem Lager, gleichſam als ob ſie das Schlummerbild wachend noch uͤber ſich zu ſe⸗ hen hoffte. In ſuͤſſer Verklaͤrung glaͤnzten ihre dunkeln Augenſterne, und ein holdſeliges 28 M Lächeln hatte ſich uͤber ihre Purpurlippen hin⸗ gegoſſen, der Nachklang jener zauberiſchen Traumgeſtalten, die eben in das reine Blau des Morgenhimmels zu leichtem Nebel zerron⸗ nen waren. Nun erſt trat die Wirklichkeit vor den herabgeſenkten Blick der Jungfrau, die Erſcheinung am Fenſter, in der magiſchen Beleuchtung der Erinnerung, erfuͤllte ſie mit aller Wonne der jugendlichen Liebeshoffnung. „Auf Wiederſehn!“ flüſterte ſie, den Kopf dicht in ihr Kiſſen verbergend, damit ſie vom ſtörenden Tageslicht nichts bemerke, und die vergangene Nacht in ihrem ſeligen Daͤmmer⸗ ſchein noch einmal ungetruͤbt aus ihrem Gra⸗ be heraufſteige. „Gute Nacht, gute Nacht!“ rief ſie ſich ſelbſt unhoͤrbar zu, und ein Won⸗ neſchauer durchrieſelte ihre Glieder; ſie em⸗ pfand den innigen Druck des Juͤnglings beim Abſchiede. „Dein,“ fluͤſterte ſie, „Dein fuͤr ewig!“ und heiße Wonnezaͤhren netzten den Pfuͤhl. — Sie durfte ſo ſagen, denn er hoͤr⸗ te es nicht, der Gluckliche, dem ſie ſich ver⸗ 29 lobte, innig und im erſten Morgengedanken ihres erwachten rein jungfraͤulichen Gemuͤths. Nun wandte ſie ſich zum Morgengebet fuͤr ſich und fuͤr ihn; in heißerer Andacht hat noch keine erwachte Jungfrau gebetet. Kannſt du es ertragen, du duͤſtere Macht, die hienieden pruͤfend waltet, daß eine Men⸗ ſchenſeele ſo uͤberglucklich erwache, wie Adel⸗ gondens, ohne mit einem leichten ſpielenden Wurf urploͤtzlich die goldenen Phantaſie⸗Ge⸗ ſtalten zu zertruͤmmern? Freilich moͤgen am Schluſſe, wie in einer ausgebreiteten Rech⸗ nungsaufgabe, alle uns unerklaͤrlichen Saͤtze ſich in eine lichte und klare Grundzahl auflö⸗ ſen, freilich moͤgen dieſe feindlichen Dämo⸗ nen, die gewöhnlich ihren Angriff verzögern bis zu dem allerempfindlichſten Augenblick, den Augenblick eines muͤhſam errungenen, lang erſehnten Glückes, uns bei gelaͤuterter Anſicht wie ſtrenge, aber gute Führer erſcheinen, die uns unerbittlich den rauhen und richtigen Weg zeigen; aber hier, wo unſer ſchwaches Herz 30 MW von irdiſchen Wuͤnſchen und Neigungen, von Lächeln und Schmerz, ſich nicht loszuſagen vermag, hier auf dem Spielplatz der Kin⸗ der, dem Ball Erde, hier laß uns wie Kin⸗ der klagen uͤber das glanzende Geräthe „ das du zerbrichſt, wenn es eben in unſere bitten⸗ de Hand gegeben iſt! — Adelgonde hatte ſich erhoben, in in⸗ nerſter Seele zufrieden mit ſich und Allem, was die Welt traͤgt, freundlich und klar, wie das Donaubette, in welches der Himmel ſein blaues Auge voll Wohlgefallen geworfen; da trat die alte Mechtild zu ihr in das Zimmer, und viel vergnuͤgter, als man nach der Wendung des Geſpräches mit dem Ritter von Greifenſtein hätte erwarten ſollen, begann ſie ihren Gruß alſo: „Glückſeligen Morgen, ſüßes Gondchen;z die Rathſchluͤſſe des Himmels fugen ſich wunder⸗ bar! Ihr legt Euch zur Ruh', gedenket an nichts Außerordentliches und Morgens darauf pocht das Gluͤck an alle Pforten, weil es zu — N groß iſt, in das einzige Burgthor von Grei⸗ fenſtein hereinzupaſſiren! Laßt uns geſchwin⸗ de jenes Kleid von gewoͤhnlichem Stoff weg⸗ legen und das hellblau ſeidne mit den Spitzen⸗ Ermeln hervorſuchen; auch will ich Euch das Haar in zierliche Suce legen und auf der Stirn glatt anſtreichen — „Wozu das Alles,“ unterbrach Adel⸗ gonde die Schwätzerin, „Ihr wißt, daß mir unnoͤthiger Prunk in der Seele zuwider iſt.“ „Unnöthig, Kind?“ fuhr Mechtild fort, „der Herr Vater gebietet es, deswegen allein waͤre es allerhöchſt noͤthig, wenn auch ſonſt kein Grund ſich vorfaͤnde; diesmal aber wer⸗ det Ihr gern Euer gutes Haͤndchen mit an⸗ legen, Euch zu zieren und zu ſchmuͤcken, wenn Ihr nur erſt einen Blick in den Burg⸗ hof werft. Da laufen die Knechte umher und ſtaͤuben die ſchoͤn geblumten Decken aus, und die Frau des Schließers treibt die Maͤgde an, die in der Sonne ausgebreiteten Pfuͤhle wak⸗ 32 M ker aufzuregen — worauf deutet das, wie? daß ein Fremder unſer Schloß heimſucht, ein Fremder von Anſehn, kurz, Gondchen, daß ein edler Herr heut Mittag hier einzieht, Eu⸗ retwegen, nun ſo verſteht mich 6 zur Brautſchau!“ Ein Strom eiskalten Waſſers plotzlich uͤber den zarten Leib der Jungfrau ausgegoſſen, haͤtte kaum eine ſolche Erſtarrung bewirken koͤnnen, als das Anhoͤren der letzten Worte von Mutter Mechtilds Rede. „Ihr ſcherzt,“ ſtotterte ſie, mit inner⸗ ſter Angſt im pruͤfenden Auge der Alten Ant⸗ wort erwartend. „Mit nichten,“ entgegnete dieſe, „tum⸗ melt Euch, Kindchen, Ihr kennt die Sinnes⸗ art Eures geſtrengen Herrn Vaters; er haßt Zaudern und Verweilen wider ſein Gebot. Setzt Euch nieder, auf daß ich Euer Haar aufrichte und dann kleidet Euch. Wir muͤſ⸗ ſen dies Schlafkaͤmmerlein eiligſt mit dem Ruͤcken anſehn; denn der Beſchließer wird 33 auch hieher hereinbrechen mit ſeinen Dienſt⸗ leuten, Eure Bettſtatt heraufzuſchaffen zu dem Zimmerchen im Winkel des Kapellen⸗ thurms, allwo Ihr von nun an ruhen wer⸗ det, ſanft und ungeſtort.“ „Und kuhl —“ ſetzte Adelgonde leiſe hinzu, indem ihr Auge in wirrer Zerſtreuung am Boden haftete. „Wie meint Ihr, Kind,“ fragte darauf die geſchwaͤtzge e „ „von was ſprecht Ihr? 2 „In der giyelengut — —“ murmelte Adelgonde vor ſich hin. „Ihr ſeyd zerſtreut, Gondchen,“ weckte Mechtild die Jungfrau, ſie ſanft am Arm zupfend, „und habt wohl gar nicht vernom⸗ men, was ich Euch berichtet?“ In dieſem Augenblicke pochte des Beſchlieſ⸗ ſers Frau leiſe an die Kammerthuͤr, und be⸗ richtete der oͤffnenden Mechtild, daß ſie in Unterthänigkeit um etwas Eile anhalten muͤſ⸗ ſe, weil der geſtrenge Herr ausdrücklich an⸗ 3 34 NMN befohlen, bis Mittag mit der Einrichtung der Fremden⸗Gemaͤcher und auch mit des Fraͤu⸗ leins Kaͤmmerlein in Ordnung zu ſeyn.“ „Da hoͤrt Ihr's,“ trieb Mutter Mech⸗ tild, zu Adelgonden ſich wendend, „nun ziehet uns kein Ungewitter herbei von des Burgherrn Zorn, und benehmt Euch minder laͤſſig und unzufrieden!“ Adelgonde, in deren Seele eine dum⸗ pfe Ruhe eingetreten war, wie wohl nach einem uͤberheftigen Schlage zu folgen pflegt, uͤbergab ſich willenlos der geſchaͤftigen Alten, und unfaͤhig, das Seltſame der Begebenhei⸗ ten einer Nacht und eines Tages in ſeinem gauzen Umfange zu erkennen, befand ſie ſich in einer Betaͤubung, die ſie weder die ſchmuͤk⸗ kende Hand der Erzieherin empfinden, noch die koͤrnigen Spruͤche hoͤren ließ, mit welchen dieſe ihr Geſchaͤft zu wuͤrzen pflegte. Erſt, als ſie vollkommen gekleidet ſich auf den Seſ⸗ ſel niederließ, damit Mutter Mechtild in ihr Haar eine guͤldne Roſe mit vielem Edel⸗ 35 — geſtein befeſtigte und ein Geſchmeide um ihren Hals legte, mit großem demantnen Kreuz, erwachte das volle Bewußtſeyn ihres Unglucks, ſie fuͤhlte deutlich, wie das blendende Tages⸗ licht ſich vor ihren Augen zu ſanſtem Mondes⸗ ſtrahl verdaͤmmerte, und ihre ganze Seele einzig auf Volkmar gerichtet, ſank ſie oh⸗ ne Bewußtſeyn gegen das Greifenſteiniſche Wappen, welches in künſtlicher Schnitzerei die hohen Lehnen der dunkelfarbnen Seſſel ſchmuͤckte. — 3. Während deſſen war Alles in der Burg Greifenſtein in voller Bewegung. Von den Zinnen flatterte das Fähnlein, in den Wacht⸗ thuͤrmen ſaßen die Waͤchter in Prachtwaͤmſen, den Weinkrug neben ſich, kein Auge verwen⸗ dend von der großen Straße, die neben der Donau hinlaͤuft; im Hoftaum polirten die 3 * Reiſigen ihre Hellebarden, zwei Knechte hiel⸗ ten die mit ſtattlichen Decken uͤberhangenen Roſſe, auf welchen die Ehren⸗Stallmeiſter dem Erwarteten entgegen reiten und den Hü⸗ gel herauf das Geleite geben ſollten, und Herbrecht, der Kellermeiſter, welcher we⸗ gen ſeiner Wohlbeleibtheit dem Burgvolk man⸗ chen Spaß gewaͤhrte, war geſchaͤftig, einen großen Feldtiſch vor den Steinbaͤnken aufzu⸗ richten, beſtimmt, die angekommenen Knech⸗ te und Reiſigen mit gefüllten Kügen zu er⸗ warten. „Heut darf er die Faͤſſer anzapfen,“ rief Thoms, der Fahnenträger, „das thut er jederzeit ſelbſt, der Kellermeiſter, wißt Ihr, warum? Wenn ein Anderer in den dunkeln Keller hinabſtiege, und Meiſter Herbrecht waͤre zwiſchen den Tonnen, ſo furchtet er, man hielt ihn ſelbſt fuͤr ein Weinfaß; dem umfang nach ſind ſie ſich gleich!“ „Warte Du Witzbold,“ erwiderte Her⸗ brecht, „dafͤr will ich Dir eitel Waſſetin in den Krug pumpen, das iſt für einen lang geſtreckten Hecht, wie Du, ein angemeſſe⸗ nes Getraͤnke“ Das Waffenvolk lachte laut auf, und einige riefen, der lange Thoms habe den Kuͤrzeren gezogen. Da traten die beiden Greifenſteinſchen Stallmeiſter in den Raum und das Geſinde wich ehrerbietig ruͤck⸗ waͤrts. Sie pruften die Aufzäumung und ſtreichelten die Mähnen der Pferde, waͤhrend dieſe durch Scharren mit dem Vorderfuß ih⸗ re Ungeduld uͤber das Halten zu erkennen ga⸗ ben. Im Banquett⸗Saal, den ernſten Blick auf die Gallerie gerichtet, ſtand der Burg⸗ herr, unzufrieden mit Adekgonden und Mechtild, die ſo lange auf ſich harren ließen. Gedankenvoll ſpielte ſeine Rechte mit dem großen Ehrenpfennig, der von breiter Kette gehalten, auf dem Spitzenkragen ſeiner Bruſt hing. Dann ging er einigemal auf und nieder, daß die großen goldenen Sporen hell aufklirrten, trat zu den Blumenvaſen; die 38 M des Gärtners Hand mit den lieblichſten Mai⸗ gloͤcklein und ſaftigem Gruͤn gefullt, und als die Erwarteten auch dann noch nicht kamen, runzelte er die Stirn, und murmelte einige Scheltworte in den Bart. Pater Anſel⸗ mus, ſich dem Ritter nahernd, gewahrte mit ſeinem umſichtigen Auge bald des geſtren⸗ gen Herrn Miß⸗Stimmung, und gewohnt, den aufkeimenden Zorn mit bedachtſamen Worten zu entwaffnen, redete er ihm voll ſanfter Ruhe zu. „Geſtattet mir, Herr Ritter,“ ſprach der Verſtaͤndige, „Euch zu melden, daß unſer gnaͤdiges Fraͤulein ſich nun ohne Saͤumen zu Euch begeben wird. Ich verließ ſie in tiefer Andacht vor dem Kapellen⸗Altar, wo ſie in ihrem prachtvollen Schmuck demüthig ihr Herz vor dem Herrn im Himmel aufſchloß. Seyd ſo gnädig, ihr dies Viertelſtundlein zu goͤnnen; Ihr werdet erkennen, daß zu den ernſten Pflichten, welche alsbald Eure hold⸗ ſelige Tochter in Anſpruch nehmen, ein durch 39 hoͤheren Segen geſtaͤrktes Gemuͤth erforderlich iſt.“ . Der Burgherr erwiderte nichts, aber ſeine Stine entrunzelte ſich und als kurz darauf Adelgonde, ſchön und bleich, wie eine uͤberirdiſche Erſcheinung in das Zimmer trat, ging er ihr entgegen, und geruͤhrt durch den unwiderſtehlichen Liebreiz der Jungfrau druͤckte er einen ſanften Kuß auf ihre weiße Stirn, ſie alſo anredend: „Bei dem Ruhm meiner Ahnherren, Du gefaͤllſt mir wohl, Du braͤutliche Jungfrau; mache Dich gefaßt, einen Freiwerber zu em⸗ pfangen, fuͤr den manches Herz unſerer ſitt⸗ ſamen Ritterfräͤulein hoch aufſchlägt, aber des Greifenſteiners Adelgond darf ſich meſſen mit alljeder Maid in der Runde, und möchte er von Burg zu Burg traben, ſchwerlich faͤnd er eine, die alſo verdient Graͤ⸗ fin von Rauheneck zu heißen, wie Dui mein Toͤchterlein!“ 40 Bei den Worten, „Graͤfin von Rauhen⸗ eck“ rieſelte es kalt uber Adelgonden hin wie ein Todesſchauer, aber die Furcht vor dem unbeugſamen Charakter des Vaters gab ihrem Tußern Haltung, ſo daß ſie mit nie⸗ dergeſchlagenen Wimpern ohne Bewegung vor ihm ſtand, waͤhrend ihre Hand in krampfhaf⸗ ter Heftigkeit den radfoͤrmigen Fächer preßte, welchen ſie trug. Ploͤtzlich ertöͤnte das Horn des Thurm⸗ warts, ein Zeichen, daß der Graf in der Straße ſichtbar ſey. Adelgonde, ihre Er⸗ zieherin und der Pater blieben im Saal. Der Burgherr begab ſich auf den Söl⸗ ler, um in der Ferne ſchon des Zuges zu gewahren und nebenher zu uͤberſehen, ob ſeine Dienſtleute bei dem Empfange des ſtattlichen Gaſtes ſich ſo benahmen wie er be⸗ fohlen und wie die Eh ſeines Namens er⸗ heiſchte. Die Stallmeiſter beſtiegen ihre unruhigen Roſſe, welche ſich ſchon dem geoͤffneten Thore M zuwandten, ehe der rechte Fuß den Bögel erfaßt hatte, und flogen im brauſenden Gal⸗ lop den Huͤgel hinab. An beiden Seiten des Hofraums ſtellten ſich die Armbruſt⸗Schuͤtzen und Lanzentraͤger, die Erſten mit geſenktem Geſchoß und die Letzten mit weit von ſich ge⸗ ſtreckten Hellebarden auf. Zwei Pagen er⸗ warteten den Ankommenden an den erſten Stufen der Wendeltreppe; Herbrecht, der Kellermeiſter, nebſt den Maͤgden lauſchten aus den runden Kellerfenſtern herauf, um umge⸗ ſehen den vornehmen Freiwerber zu betrachten, und ſpäterhin nach ihrer Weiſe uͤber ſeine Geſtalt und den Kleiderſchnitt ihre Betrach⸗ tungen anzuſtellen. Thoms ſtand mit ge⸗ ſenkter Fahne vor Herbrechts Kellerfenſter, im vollen Ernſte ſeines wichtigen Platzes, und als der unterirdiſche Spaßmacher ihn ei⸗ nige Mal derb, zur großen Ergotzlichkeit der Maͤgde, an den Pluderhoſen zerrte, ſo daß er beinahe das Gleichgewicht verlor, verwies er dieſem den unziemlichen Schimpf, hinab⸗ 42 M rufend, daß er an ſeiner Dienſtſtelle keine Poſſen dulden wollte, am wenigſten von Dickbaͤuchen, die ſtatt des Schwertes, einen Boͤttcherhammer an der Seite truͤgen. Alles war voll Jubel und Freude, das ſchoͤnſte ſonnenheiterſte Wetter beguͤnſtigte das Feſt, und die Thurmtrompeter blieſen darein, nur in Adelgondens Bruſt hatte ſich eine ſtille Verzweiflung niedergelaſſen. Der lärmende Freudenruf erſchien ihr wie das Mahnen ihres Todesengels und das Raſſeln der Thorpforten und Riegel wie das Geraͤuſch eines in die Gruft geſenkten, ſchwer beſchlagenen Fami⸗ lienſarges. In ſtiller Angſt lehnte ſie an dem Pfeiler, der eine Blumenvaſe trug, die Kraft, welche ſie im Gebete geſammelt, war erlo⸗ ſchen, und das nahe unausweichbare Ereigniß fing an, mit entſetzlichen Bildern den Raum um ſie zu erfuͤllen. Sie ſah Volkmars Leichnam aus den ſpielenden Wogen hervor⸗ getrieben, ſie erinnerte ſich ſeiner heſtigen Reden all und ach, ſie fuͤhlte nie ſo ganz und innig, daß jene eine Begegnung fuͤr im⸗ mer und ewig bindend geweſen ſey, als jetzt, wo ſie vor dem Abgrund des Verluſtes da ſtand. Ein heftiges Zittern bemachtigte ſich ihrer. Mutter Mechtild, welche wohlweis⸗ lich dem Burgherrn jenen Unfall beim An⸗ kleiden verſchwiegen hatte, um ſeine Laune nicht zu verduͤſtern, wandte jetzt alle Bered⸗ ſamkeit an, Adelgonden die gehoͤrige Faſ⸗ ſung mitzutheilen, und bewirkte auch ſo viel, daß dieſe, mit Aufwand aller Gei⸗ ſteskraft, ſich auftecht erhielt, um den An⸗ ſtand bei Empfang eines bedeutungsvollen Gaſtes nicht zu verletzen, worauf die ſtrenge Sitte der damaligen Zeit ſo unerbittlich be⸗ ſtand. Nun ſchritt der ꝓugher den Saal nach der Wenteltreppe hin, im Voruͤber⸗ gehen den Wartenden zurufend, der Graf halte vor dem Thor. Adelgonde war un⸗ fähig einen Blick nach dem Fenſter zu rich⸗ ten, wo Pater Anſelmus und Mutter 44 WMWechtild bereits mit neugierigen Augen das Portal ſuchten, wodurch er eintreten muß⸗ te· „Ei Gondchen, welch ein ſtattlicher, jungkraͤftiger Cavalier,“ rief ploͤtzlich die Alte, „ſehet doch ehrwuͤrdiger Herr, das prachtige Koller von dunkelblauem Sammt, den leich⸗ ten ſeidnen Mantel, die reichen Spangen und die Ketten. Richtet Euch in die Hoͤhe, Kind⸗ chen, unſer Herr empfaͤngt ihn an den Stu⸗ fen, und eh' Ihr es Euch verſehet, tritt er in den Saal!“ Wahrend Adelgonde mit einem tiefen Seufzer ſich anſchickte, den Fremden zu em⸗ pfangen, nahm der alte Ritter von Grei⸗ fenſtein zierlich den Bewillkommneten bei der Hand, ihn die Treppe aufwaͤrts zu fuͤhren, und eilig ſprangen die Pagen vor⸗ auf, beide Thuͤrflugel zu halten, damit die Franzen ſeines Mantels oder die Stickerei ſeiner prachtvollen Schärpe ſich nicht an den Hespen verfingen und er ſchnell und ungehin⸗ dert ſeinen Fuß in den Saal ſetzen konne. Graf Adalbert von Rauheneck erwiderte den kraͤftig herzlichen Gruß des Burgherrn mit dem feinſten Anſtand der Hofſitte, wei⸗ gerte ſich lange Zeit rechte Hand anzunehmen, und wußte ſeinen ſchoͤnen Koͤrper ſo gewandt und doch ſo maͤnnlich feſt zu tragen, daß er beim erſten Erſcheinen ſogleich den Waffen⸗ maͤnnern Achtung einfloßte und bei den Wei⸗ bern ein freundliches Erſtaunen erregte. Vor der geoffneten Saalthuͤr trat er noch einmal einen Schritt zuruͤck, ſcheinbar dem Burg⸗ herrn den Vortritt zu geben, obgleich er wohl wußte, daß ihm gebuͤhre, der Erſte zu ſeyn, und als dieſer durch ein Zeichen mit dem Handſchuh und durch ſein Kopfſen⸗ ken dieſe Ehre dem Gaſte zuruͤckgab, ent⸗ bloßte er ſein Haupt, das dunkelblau ſammt⸗ ne Barret in die rechte Hand nehmend, waͤhrend er mit der Linken den Scheitel ſei⸗ nes Haares ſtrich und die blonden Locken hinter das Ohr zuruͤck druͤckte. Man ſah es N ihm an, daß er erſt ſeit Kurzem von ſeiner Reiſe zuruͤckgekehrt und wohl bewandert in Allem war, was der zierlichſte Anſtand in Prunkſaälen, angefuͤllt mit den anmuthigſten Frauen, von einem jungen Cavalier verlang⸗ te. Ohne Furcht, aber auch ohne Kuͤhnheit, betrat er die Schwelle des Saales, in wel⸗ chem, wie ihm wohl bekannt war, des Greifenſteiners wunderſchoͤne Adelgond zu finden ſeyn wuͤrde, und als er die Jung⸗ frau bleich und mit tief geſenktem Blick unter dem letzten Bogen des Saales da ſtehn ſah, zögerte er einen Augenblick ſich ihr redend zu nahen, um ihr Zeit zu laſſen, einen ver⸗ ſtohlnen Blick auf ſein Ausſehen zu richten, welches ihm beim erſten Zuſammentreffen mit Frauen bisher immer geſchehen war und auch jederzeit ſeinen Anrede⸗Gruß um vieles er⸗ leichtert hatte. Allein er betrog ſich bei Adelgonden, die mehr einer Statue, als einem belebten Weſen glich und er hatte ſich bereits mit zierlichen Schritten der Jungfrau vollkommen genaͤhert, aber keine Bewegung verrieth ihm, daß dies ſchoͤne Bild einen Fun⸗ ken Leben in ſich trage. „Ich wage Euch gar nicht darum zu bit⸗ ten, holdſeliges Fraͤulein,“ hob Graf Adel⸗ bert an, „mir einen guͤtigen Blick zum Will⸗ kommen zu gewaͤhren, iſt es doch bekannt, daß die fromme Adelgonde von Greifen⸗ ſtein ihr Auge nur dann gern erhebt, wenn es den Himmel ſucht.“ Der Ton ſeiner Stimme hatte etwas An⸗ ſprechendes, er erinnerte die beaͤngſtigte Adel⸗ gonde ſogar an einen Ton, der ihr zu Tauſendmal in ihrer Seele wiederklang, an eine Stimme, die ſie einmal gehoͤrt hatte, um ſie nie wieder zu vergeſſen. Dies erregte ihren Geiſt, ſie fuͤhlte die Nothwendigkeit, ihm zu antworten, fuͤrchtend, ihrem Va⸗ ter zu mißfallen, wenn ſie ſchweigend den Anſchein einer linkiſchen auf ſich luͤde. M Ich nenne Euch willkommen im Schloß meines Vaters,“ lispelte ſie kaum hoͤrbar, indem ſie ihr Auge zu ihm empor richtete. Aber wer ſchildert ihre überraſchung, wer mahlt die plotzlich mit Purpur uͤbergoßenen Wangen, das große, dunkle geoffnete Auge, die feinen in die Hohe gezogenen Brauen, kurz den augenblicklichen Ausdruck des aller⸗ freudigſten Schreckes, als Volkmars Zuge ihr entgegen lächeln, als ſie in der Perſon des Grafen von Rauheneck, ihren ge⸗ liebten naͤchtlichen Saͤnger wieder zů erkennen glaubt! Er iſt es, jubelte ihre Seele, und ein Lacheln der Engel verklaͤrte ihr Angeſicht. So kann eine Ihnlichkeit nicht betruͤgen, es iſt Volkmar, aber wie konnte er? — war⸗ um hat er? o was hatte ſie nicht alles zu fragen und doch verſchloß die Sitte jetzt ihren Mund wie den ſeinigen. Genug er war es, ſo glaubte die hoffnungsfrohe Adel⸗ gond, und gab ſich dieſem ſeligen S mit ganzem Herzen hin. Der Graf, die plötzliche Verwandlung der Jangfrau wohl bemerkend, verbarg ſeinen Triumph unter beſche ner Geberde und der alte Greifen⸗ ſtei er, in ſeiner Seele innig zufrieden mit m Empfang, ſegnete ſeine Tochter und G Adalbert im Geiſte als ein liebendes Par. — 4. Und war es denn wirklich Volkmar, er vielmehr war es Graf Adalbert von auheneck, der in der Mummerei als einneſänger Volkmar um das Herz der ßen Adelgond geworben hatte? So war ne Erzaͤhlung des Turniers von Hohenaspern in luͤgenhaftes Mährlein, denn Graf Adal⸗ ert war zu jener Zeit am Hoflager des Her⸗ 4 50 zogs von Parma und hatte das Turnier mit keinem Fuß betreten. Dennoch ſieht das Au⸗ ge der Liebe ſcharf, und wahrlich, keine fluͤchtige Ahnlichkeit haͤtte Adelgonden da⸗ zu vermocht, mit voller Seele einem frem⸗ den Manne, einem Manne, der gekommen war, ſie heimzufuͤhren, in das ſchmeicheln⸗ de Antlitz zu ſchauen. Und jetzt, nachdem der Graf bereits Platz genommen, und im Geſpraͤch mit ihrem Vater ihr Zeit ließ, ſei⸗ ne Zuͤge zu pruͤfen, jetzt immer noch hielt ſie die überzeugung feſt, es iſt kein Anderer, als Volkmar in der KFleidung des reichen Rauhenecker Grafen, der aber im Minneſan⸗ ger⸗ Gewand ſchoͤner war und als armer Leiersmann beſſer ſprach. Wer iſt nun aber jener Juͤngling, der, die Laute auf dem Ruͤcken, etliche Stunden von Greifenſtein in eine aͤrmliche Dorfherber⸗ ge tritt, um ſeinen Hunger in einem Napf NRilch und ſchwarzem Brode zu ſtillen, der ein luſtiges Liedchen ſich vortrallernd, die rei⸗ 51 chen Locken ruͤckwaͤrts wirft, die Bruſt luͤf⸗ tet, und endlich auf der Holzbank beſcheiden ſeinen Platz einnimmt? Wir wollen ihm fol⸗ gen, denn ſeine Zuge ſind angenehm und uns bekannt, auch ſcheint er alle Welt einzuneh⸗ men fuͤr ſich, wie wir an dem freundlichen Geſicht der reinlichen Wirthin abnehmen koͤn⸗ nen. „Ihr ſeyd wohl aufgelegt, junger Herr,“ redete den Juͤngling Frau Gertrud an, in⸗ dem ſie einen irdenen Napf hinſtellte mit der beſten Milch, die ſie zu geben vermochte, „Ihr habt ein ſo feines Anſehen, daß unſer Einer glauben moͤchte, Ihr ſeyd es beſſer gewohnt, als dazuſitzen in einer Dorſſchenke und Brod und Milch zu genießen, indeſſen macht es Euch froh, und die Froͤhlichkeit ſteht Euch recht herzig an!“ „Darauf will ich Euch alſogleich eine Ant⸗ wort ſingen,“ entgegnete der Jüngling, „weil ich ſehe, daß Ihr mir Nilch eingefüllt, wie man ſie täglichen Kunden giebt, nicht einem 4 * — — — — —= 52 —— Geſellen, der zum erſtenmal einſpricht.“ Und er ergriff ſeine Laute und ſang? Blick der Liebe, Vollmondſchein? Dieſer ſtrahlt in duſire Thaͤler, Jener in das finſire Leben Seinen ſanften Glanz hinein. Ach, wie traurig wären Naͤchte, Ach, wie truͤbe waͤren Herzen Und ein ſchwarzes Grab wohl beide, Strahlte nicht Dein Mondenſchein, Blick der Liebe, Licht hinein! „Somit habt Ihr Eure Zeche verdient,“ rief freundlich die Wirthin, dem ſchoͤnen Säͤnger eine Locke, die ihm waͤhrend des Geſanges uͤber das rechte Auge hingerollt war, mit zierlichem Finger zu den uͤbrigen legend, damit ſie beider Augen des Juͤng⸗ lings gewahren konnte. „Ihr moͤgt Euch wohl in manches Herz einſingen mit Eurer ſanſten Stimme und Eurer beſcheidenen Ge⸗ a berde. Aber nun macht es Euch bequem, und eſſet nicht von dem ſchwarzen Brode, ich bring' Euch ein Stuͤcklein Feſtkuchen von feinem Weizenmehl, ich habe es meinem Mann aufgeſpart, indeſſen der macht ſich wenig daraus und kann auch wohl eher Haus⸗ brod eſſen, als ſolch ein feiner lieber Herr, wie Ihr.“ So ſprechend verließ ſie den Saͤnger, der uͤber ſein Liedlein bereits Hunger und Durſt vergeſſen zu haben ſchien, denn er ſaß laͤ⸗ chelnd ſein Auge auf den Tiſch gerichtet in ſuͤße Traͤumerei verſunken da. Dann wandte er den Kopf gegen das Fenſter, zu ſehen, wo die Sonne ſtand, und als er den bren⸗ nenden Ball hoch oben am Himmel erſchaute, ſeufzte er tief auf aus ſehnſuͤchtiger Bruſt⸗ bedeckte die geblendeten Augen und warſ ſich mit ſeinem Kopf auf die ſtuͤtzenden Hände, als ob es ihm mehr um Schlaf als um ein Mahl zu thun ſey. In dieſer Stellung fand ihn die Wirthin mit dem Kuchen. 54 „Ihr ſeyd wohl ſehr ermüdet,“ ſprach ſie ſanft, „genießt nur Euer einfaches Eſſen, dann laß ich Euch in offener Scheuer ein duftendes Heulager aufrichten und Ihr koͤnnt dort im Schatten ruhen und ſchlummern nach Herzensluſt.“ „Ich danke Eurem freundlichen Willen,“ erwiderte der Juͤngling, ſich aufrichtend, „Ihr meinet es herzlich gut mit mir, und ich neh⸗ me Euer Erbieten an; denn ich habe ſchon ſeit einigen Naͤchten nicht geſchlafen, und mag gern den Abend abwarten an einem Ott, wo ich ſtill und vor der Sonne ru⸗ hen kann.“ Darauf reichte er ſeine Hand der freund⸗ lichen Gertrud, welche dieſe recht herzinnig drückte, mit der Verſicherung, es ſey ihr ſolche zarte, weiche Maͤnnerhand noch nicht zu Geſichte gekommen. Waährend der Juͤngling ſeine Milch trank und ein Stuͤck vortrefflichen Weizenkuchens verzehrte, ging Gertrud voll ſorglicher Ge⸗ 55 N ſchaͤftigkeit, ſein Lager einzurichten. Mehrere Bauern, die unterdeſſen in die Schenkſtube getreten waren, riefen vergeblich nach der Wirthin, und ſchalten wacker darauf los, daß man ſie fuͤr ihren ſchweren Kupfergroſchen Durſt leiden und die Wäande beſehen ließ. Ohne ſich viel um den wandernden Leiers⸗ mann zu bekuͤmmern, nahmen ſie die leeren Liſche in Beſchlag, ſchlugen tuͤchtig mit den Faͤuſten darauf und machten in ihrer rohen ungeduld einen Laͤrmen, der dem Saͤnger läſtig zu werden begann. „Seyd Ihr ſo durſtig,“ rief er aufſte⸗ hend, „ſo trinket hier von meiner Milch und labt Euchz aber ſcheltet nicht ſo ungeſchlacht auf die freundliche Hausfrau, welches mir zuwider iſt und auch Eure Hitze nicht ab⸗ kuhlt, ſondern nur noch mehr erregt.“ Und damit verließ er ſeinen Platz und ging zur Thuͤr hinaus, indem er ſeine Laute bedaͤchtig mit ſich nahm. 56 „Hoho,“ rief ihm einer der Bauern nach, „Herr Saͤngersmann, iſt Euch ein kraftvol⸗ les Mannswort ſo unbehaglich, tragt's im⸗ merhin, oder haltet Euch zu Weibern und Knaben, da geht's zimperlich her nach Eu⸗ rem Sinn!“ „Laß gut ſeyn, Veit,“ rief ein An⸗ derer, „er hat uns von ſeiner Milch angebo⸗ ten; es war ſeine Red' nicht boͤs gemeint, und ein zierlicher Burſch iſt's, ein Leiers⸗ mann, die werden von unſern hochadeligen Herren uͤber die Maaßen geliebt, ſind im⸗ mer bei ihren Banquetten und Gelagen, ent⸗ woͤhnen dort den Sinn von vernuͤnftigem Ge⸗ ſpraͤch zwiſchen unſer einem, man muß es nicht hoch aufnehmen.“ „Koͤnnte was Beßres thun,“ znnn Veit, „die Pflugſchaar kleidet mehr, als das Leierbrettel!“ „Muß auch ſeyn,“ ſprach der Dritte, „kann nicht Jeder den Boden umpfluͤgen; Ihr Laiſonnirt in die blaue Luft hinein, weil Ihr NN nimmer aus dem Dorf gekommen ſeyd. Haͤt⸗ tet Ihr, wie ich, eine Zeitlang die Kaiſer⸗ liche Wehr getragen, und haͤttet große Staͤdte geſehen, ſo wuͤrdet Ihr einen fuͤrnehmern Sinn in Euch haben. Wenn ein Jeder den Erdboden bepfluͤgen wollte, ſo wuͤrden wir Einer dem Andern mit der Pflugſchaar in die Ferſen hineinackern; es muß auch Leute ge⸗ ben, die allerhand feine Kunſtſtuͤcke ausuben. Und ich zum Exempel, wenn ich des Abends die muͤden Haͤnde, vor meiner Huͤtte ſitzend, in den Schoos lege, gebe ich gern ein Paar Kupfergroſchen, wenn ein Saͤngersmann mir Dinge vorſingt, die ich nicht verſtehe, die mir aber angenehm in das Ohr hineinfal⸗ len.“ „Dummer Geſchmack,“ murmelte Veit, „was man nicht eſſen kann und nicht trinken, das iſt fuͤr mich nicht in der Welt.“ Die Wirthin hatte, ungeachtet der rufen⸗ de Laärmen wohl ihr Ohr erreichte, ein uͤppi⸗ ges Heubett errichtet und führte den Juͤngling MNÑ zur Scheuer, waͤhrend die Bauern in ihrer Streitigkeit augenblicklich das Warten bei Seite ſetzten. Nun aber eilte ſie zur Schenk⸗ ſtube, und die Bauern, welche vorher gar gewaltig gedroht und geſchimpft hatten, em⸗ pfingen ſie mit dem gewoͤhnlichen „Gruͤß Euch Gott!“ ohne ihres Unwillens mit einem ein⸗ zigen Worte zu gedenken. Erſtens war keine andere Herberge in der Nachbarſchaft und zweitens ſuchte Jedweder ſich bei der Wirthin in Gunſt zu bringen, wegen des Faſſes mit der ſchwarzen Katze und des weitbekannten Sonntag⸗Gebaͤcks, welches nur befreundeten Kunden ertheilt wurde. Nachdem Gertrud die Durſtigen mit Bechern und gefuͤllten Kru⸗ gen bedient hatte, verließ ſie, ohne ſich in ein Geſpraͤch einzulaſſen, das Gemach, und hatte viel im Garten zu ſchaffen, der dicht an der offnen Scheuer lag. „Gruͤß Euch!“ rief Klaus, der Fiſcher, in die Stube tretend, „gebt mir 'nen Becher Wein,“ und mit einem kraͤftigen Wurf den 59 W Schemel aus dem Winkel nach dem Bauern⸗ tiſch ſchwingend, nahm er zwiſchen den Trin⸗ kenden ſeinen Platz. „Wißt Ihr wohl,“ fuhr er fort, nachdem er ſich gelabt hatte, „daß es heut auf dem Greifenſtein hoch hergeht? Ich legte eben am Fuße des Berges an, da ſah ich die Freuden-Faͤhnlein oben auf den Thuͤrmen und in den Bogenfenſtern allerlei geputztes Geſinde, ſo als ob ein Beilager oder dergleichen vor ſich gehn ſoll. Auch er⸗ kannte ich Maͤnner in fremden Wappenroͤcken, welches nach meiner Einſicht auf gar vorneh⸗ men Beſuch abzielt.“ „Hallo “ jubelte Veit, „ſelbes iſt eine vortreffliche Botſchaft. Giebt's auf der Burg endlich einmal ein Luſtgelag, ſo werden wir auch nicht vergeſſen, denn es iſt noch immer bei derlei Anlaͤſſen ein Faß Wein und etwel⸗ ches Gebaͤck uns verabreicht worden!“ „Das waͤr' ja juſt eine Gelegenheit fuͤr den jungen Leiersmann,“ nahm der ehema⸗ lige Wehrmann das Wort, „der könnte ein 60 ſchoͤnes Stuͤcklein Geld erſingen. Wenn die großen Herren nüchternen Muthes ſchon Freun⸗ de ſind von der Muſika, ſo ſind ſie ganz beſonders generos und kunſtgeſinnt, ſo der Pokal ein Dutzend Mal die Runde gemacht!“ „Der liegt auf dem Ohr und ſchläft,“ grinſte Veit, „nun laſſen wir ihn ſtill ab⸗ ziehn und ſein Gluͤck mit dem Ruͤcken anſehn, fuͤr ſeine hochfahrenden Worte; da wir ihm was zuwenden koͤnnten und thun's nicht, ſo iſt das fuͤr mich ein Erzſpaß!“ „So Du Andern Gluͤck entziehſt, wird es Dir doppelt wieder entzogen, iſt ein Fi⸗ ſcher-Spruch,“ erwiderte Klaus. „Man muß ihn hinaufſchicken,“ riefen Einige. * „Unterſtehet Euch!“ polterte Veit, deſſen kraͤſtiger Arm in gefuͤrchtetem Anſehn ſtand. „Willſt Du's uns verwehren?“ fragten ein Paar Stimmen, aber nicht im Tone des Herausforderns: denn man hatte Veits Koͤr⸗ perkraft genugſam kennen gelernt. „Ich will's Euch verwehren,“ bruͤllte Veit, nachdem er ſeinen Becher geleert, auf⸗ ſtehend und ſeinen breitkraͤmpigen Hut auf den Kopf ſtulpend, „ich! — So Ihr ein Wort ſagt zu dem milchbaͤrtigen Fidler vom Grei⸗ fenſteiner Gelag, will ich Euch den Mund ſtopfen mit meiner Fauſt, daß Euch alle Luſt zum Reden vergehen ſoll!“ „Sitz ſtill auf Deiner Stelle, Du gemei⸗ ner Neidhardt,“ rief ploͤtzlich der ehemalige Wehrmann, packte den uͤbermuͤthigen Veit, warf ihn ſo kraͤftig auf ſeinen Bankplatz und gegen die braunholzene Wandlehne, daß es krachte unter ihm, und ohne ſich beſonders angegriffen zu haben, fuhr er in aͤchter Sol⸗ datenruhe fort: „Schweigt Ihr alle gegen den jungen Leiersmann, ich will ihm berich⸗ ten, wohin er ſeine Schtitte lenken ſoll, ich habe die Kaiſerliche Wehr getragen und große Staͤdte geſehen, ich laſſe mir nicht einreden. Das ſage ich Dir, beiße die neidiſchen Zäh⸗ ne zuſammen, ohne dawider zu murren, ſonſt 62 MMMM will ich Deinen Schaͤdel traktiren, wie die Schweizer meine Pickelhaube, der hat es an Einſchnitten und Beulen nicht gefehlt!“ „Nu, nu,“ brummte Veit, „es kommt ja nur darauf an, daß einem vernuͤnftig zu⸗ geredet wird.“ Die Sonne war bereits im Unterſinken, immer noch ſchlummerte der Juͤngling und Frau Gertrud, von Zeit zu Zeit einen ſorgſamen Blick auf ihn richtend, glaubte zu bemerken, daß er von quälenden Traͤumen geaͤngſtigt werde: denn er veraͤnderte in jeder Minute ſeine Lage, bald den Arm uͤber das Haupt legend, bald ſich wegwendend mit dem Angeſicht, als ob er eine Eiſcheim nicht zu ſehen, ſich bemuͤhte. „Ein unruhiger Schlaf,“ ſprach Gertrud vor ſich hin, „iſt wohl beſſer, den Juͤngling zu ermuntern, perlen ihm doch wahrhaftig Zähren aus den Augen, als ob er großes Her⸗ zeleid zu ertragen haͤtte, und er legte ſich zur Ruh mit Lachen und dem frohſten Muthe!“ 63 Darauf trat ſie zu ſeiner Lagerſtatt, faß⸗ te ſanft ſeinen Arm und erweckte ihn aus dem fieberhaften Zuſtand, ſeine Haͤnde brannten und zitterten, wie die eines Kranken. Er⸗ ſchreckt oͤffnete er das Auge und mit unver⸗ kennbarer Furcht ſich aufrichtend, ſtarrte er der gutmuͤthigen Wirthin in das Antlitz, wie einem Feinde, der mit meuchelndem Dolch ſich ihm voll Mordgedanken genähert hat⸗ te. „Ihr ſeyd's?“ ſprach er endlich, ſeine Beſinnung gewinnend, „du großer Gott, ich traͤumte graͤßlichen Spuck und da konnte ich den eingeſchuͤchterten Sinn nicht ſo geſchwind davon abziehen.“ „Habt vielleicht die Milch zu haſtig ge⸗ noſſen, junger Herr,“ troͤſtete ihn Frau Gertrud, „Traͤume ſind eitel Dunſt: wa⸗ chend ſoll man ihrer kaum gedenken, ſo ſpricht der Magiſter und der iſt ein gar gelehrter Herr, welcher ſchreiben und leſen kann.“ 64 MN „Mag ſeyn,“ erwiderte der Juͤngling, „aber ſeltſam iſt's bei alledem. Ich lag zum Tod getroffen im Raſen, neben mir ſtand ein Mann, der hatte — mein allerliebſtes Kleinod mir entriſſen und durch ſeltſamen Zauber und Teufelsſpuck ahmte er mein We⸗ ſen nach, und erſchien mir aͤhnlich Zug füuͤr Zug und Wort fuͤr Wort, ſo daß die Leute ihn mit meinem Namen anredeten, welches ich nicht zu hindern vermochte, da ich aus blutender Wunde mein Leben dahin ſtroͤm⸗ te. * „Blut bedeutet Geld — —“ fiel Frau Gertrud ein, „aber man ſoll nicht daran glauben, wie ich ſchon vorhin bemerkt habe. Kommt, junger Herr, und denkt an das thoͤrichte Zeug nicht, dem ich recht gram bin, da es Euer Lacheln ausgeloͤſcht hat.“ Und ſie geleitete ihn zu dem Vorderhaus, wo in einem Kreiſe die Bauern da ſtanden, Beide mit dummſchlauem Laͤcheln empfangend, welches der Juͤngling in tiefen Gedanken nicht gewahrte, Frau Gertrud aber nicht gewah⸗ ren wollte. „Moͤgt Ihr ein huͤbſches Stuͤck Geld ver⸗ dienen,“ hob der Wehrmann an, „ſo wen⸗ det Euch gegen die Burg Greifenſtein. Dort wird Euer Saitenwerk heut vor allem will⸗ kommen ſeyn, es ſind viel praͤchtige Herr⸗ ſchaften dort, wie uns Klaus der Fiſcher be⸗ richtet. Und ſo was iſt einträglich fuͤr Eures⸗ gleichen, auch luſtig mit anzuſehen; ich mache mir nichts daraus, denn ich habe des Kai⸗ ſers Wehr getragen und viele große Staͤdte erſchaut.“ „In Greifenſtein?“ entgegnete der Juͤng⸗ ling beſtuͤrzt, doch ſchnell ſich faſſend, ſetz⸗ te er mit ſcheinbarer Kaͤlte hinzu: „Groſ⸗ ſen Dank, mein Weg fuͤhrt mich ander⸗ waͤrts, auch habe ich keine Zeit zu verlie⸗ ren.“ Und damit warf er das Barett auf das gelockte Haupt, druͤckte Frau Gertrud ſchweigend die Hand und ging zur Haus⸗ 5 66 M thuͤr hinaus, einen Weg einſchlagend, der ſchnurſtraks dem entgegenlief, welcher nach der Donau und nach der Burg Sſeit fuhrte. „Da ſeht Ihr's,“ ſchmunzelte Veit, „das iſt Euer Dank. O, ich kenne das Klimpervolk, die meinen, ein ehrlicher Bauersmann ſey ihnen viel zu gering; nun geht er juſt nicht hinauf, weil Ihr's ihm gerathen habt — aus purem einfaltigen Stolz.“ „Stolz,“ erwiderte der Wehrmann, „Stolz? davon kann gar nicht die Rede ſeyn; ich habe ihm geſagt, daß ich des Kaiſers Wehr getragen, das iſt genug, mich in Reſpect zu ſetzen bei ihm und Jeder⸗ mann.“ Und ſie erſielhen ſch, waͤhrend Frau Gertrud mit ihrem Aug verſtohlen dem Saͤnger folgte, ſo lange er zu ſehen war. 5. Kaum hatte der Juͤngling den Hüͤgel er⸗ reicht, der ihn den nachfolgenden Blicken ent⸗ zog, ſo drehte er ſich haſtig nach dem Do⸗ nau⸗ Ufer, den kuͤrzeſten Pfad waählend, der uber ſchroffe Abhaͤnge waldeinwaͤrts gegen die Burg Greifenſtein läuft. Am außerſten Ran⸗ de ſtieg eben groß und geroͤthet die Mond⸗ ſcheibe herauf, aber ein Dunſtbild hatte ſich davor gelagert, ſo daß das große Auge der Nacht wie verweint uber die ſchwarzen Fichten heruͤberſchaute. Er war eine Weile ſtill weggewandert, immer der Richtung bewußtlos folgend, als ein heftiger Windſtoß ſich erhob, und es ihm unmoͤglich machte, auf dem engen Pfad zum Gipfel des Huͤgels vorwaͤrts zu ſchreiten, da ihn zu ſeiner Rechten eine tiefe Schlucht im 5 ſchwarzeſten Duͤſter angaͤhnte, in die er jeden Augenblick geſchleudert zu werden befuͤrchten mußte. „Mit dem Gluͤck iſt's wohl vorbei,“ ſeufz⸗ te er, ſich auf ein niedergerolltes Felſenſtuͤck ſetzend und ſeines Traumes gedenkend, „hat ſich doch mein befreundeter Wegweiſer, der volle Mond, mit einem Schleier angethan, als wollt' er gewaltſam mich zuruͤcktreiben, auch ſtrauchle ich nach jedem zehnten Schritt uͤber einen Stein oder eine Baumwurzel, wel⸗ che wie eine abſichtlich gelegte Fallſchlinge den Fuß ergreift — aber ich aͤndre deswegen meine Straße nicht, und wenn der Wind ſpitzige Pfeile gegen meine nackte Bruſt weht, daß ich mich ſchwer getroffen, verbluten muß, wie mir's im Traume recht ſchauerlich vor⸗ kam!“ Und ſo ſprechend ſprang er muthig von ſeinem harten Ruheplatz auf, und gegen den heftig toſenden Wind ankaͤmpfend, ver⸗ ſuchte er, ſich mit der Linken an Stein⸗ 7 69 ſpitzen feſt haltend, uͤber den ſteilen Berg⸗ gipfel zu gelangen. Da nahm der Sturm ſein Barett vom Haupt und ſchleuderte es gegen die Steinwand und dann in den Ab⸗ grund, waͤhrend dem naͤchtlichen Wanderer die Fuͤlle ſeiner Locken uͤber Stirn und Augen getrieben wurde, daß er ſich erſchreckt ab⸗ kehrte von der Richtung, und eine Weile nicht zu ſehen und nicht ſich zu faſſen ver⸗ mochte. „Fahr hin,“ rief er ſeiner Kyſtedecung in den Schlund nach, „ich werde auch ohne dich zurechte kommen.“ Wacker gequaͤlt von ſeinem Haupthaare, deſſen Reichthum er jetzt verwuͤnſchte, aufge⸗ halten durch den Schatten der Wolken, welche vor dem Mond voruͤbergepeitſcht, in tiefe Finſterniß ihn oſtmals einhuͤllten, gelangte er zu dem Walde jenſeits der Felſenſtraße, und ſah endlich durch lichte Stellen das Bliz⸗ zen der ſilbernen Woge und die grauen Mauern von Greifenſtein, die in Dunſt ge⸗ 70 M huͤllt ein ernſter rieſenhafter Koͤrper ihn finſter anſchauten. Von einer Feſtlichkeit war laͤngſt in der Burg nichts mehr zu gewahren, ein tiefer Schlaf, die Folge des uͤber die Gewohnheit geleerten Pokals, ſpannte um die Muden ſein Netz aus, und ſelbſt diejenigen, die des Burgherrn ſtrenger Befehl zum Wacht⸗ halten ausgeſucht, vergaßen auf eine Weile ihre Pflicht und gaben ſich dem doppelt ange⸗ nehmen verbotenen Schlummer hin. Dieß war der Fall mit Thoms dem Fahnentraͤ⸗ ger und Wernhold dem Schuͤtzen, welche vom Herrn von Greifenſtein einen ſelt— ſamen Auftrag in der Abendſtunde empfangen hatten. Sie ſollten nehmlich nach der Berg⸗ ſeite zu, hinter der obern Burgwehr ſich auf die Lauer legen, Acht halten, ob Jemand an der Burgmauer ſchleiche, und ſo ſie et⸗ was davon bemerkten, ſollten ſie einige wohl⸗ gerichtete Spitz⸗Bolzen mit der Armbruſt hin⸗ unterſchicken. Der argwöhniſche Ritter hatte mitten im Wirbel der Freude, der hingewor⸗ fenen Rede von Mutter Mechtild nicht ver⸗ geſſen, und gewohnt bei den frohſten Anlaͤſ⸗ ſen ſeinen ruhigen Ernſt beizubehalten, zogerte er, ſein Lager aufzuſuchen, bis dieſe Lauer⸗ wacht nach ſeinem Willen auf den Poſten ge⸗ zogen. „Nun ſoll mir noch ein Menſch ſagen,“ ſprach Wernhold auf der Zinne, „daß ei⸗ ne Vergnüglichkeit dieſer Welt ohne den gehoͤ⸗ rigen Beigeſchmack von Wermuth ſey; haben wir uns nicht muͤde getrunken und juchhei ge⸗ ſchrieen auf des Herrn Geſundheit, und nun poſtirt er uns, wie das Thurmfaähnlein auf der Hochmauer, damit der Sturmwind uns herumreiſſen und baß abzauſen kann!“ „Dienſtwerk,“ entgegnete der lange Thoms, „muß doch wohl nothwendig ſeyn. Es ſchleicht was an der Mauer her⸗ um — —“ „Was!?“ unterbrach ihn der Schutz, micht was, Jemand ſagt der geſtrenge 72 MWN Herr, ein lebendiger Menſch, dem man mit gutem Gewiſſen Eins verſetzen kann. Was, das hieße mir eine Erſcheinung, ein Waldmann oder Kobold, da ſoll mich keine Ordre dazu bringen, meine Armbruſt gegen derlei Spuck zu richten! — Und der Wind pfiff durch die Mauer-Ritzen, daß Wern⸗ hold mit beiden Haͤnden ſeinen Hut mit der gelben Feder feſtpackte, damit er nicht uͤber die Wehr in das Thal hinab geſchleudert wurde und ſtemmte ſich an der Mauer ſte⸗ hend mit allen Kraͤften gegen den Wind an. Thoms breitete ſeinen Mantel hin und ſetzte ſich darauf in einen Winkel, den Ruͤcken geſchuͤtzt und das Auge gegen einen Spalt, ſo daß er ſehen konnte, was unten vorging. „Es iſt doch wahr, und auch begrundet,“ ſprach der redſelige Wernhold, „was uns gemeinen Leuten der Burgwart immer vor⸗ redet: daß, wer an Rang uͤber uns ſteht, auch an Verſtand ohne Zweifel über uns 73 NN hinaus iſt; Ihr ſeyd Fahnenträger, alſo fuͤrnehmer wie ich, daher wißt Ihr auch mit dem Winde Beſcheid und ſetzt Euch recht ge⸗ ſchickt an einen Ort, wo er Euch nicht ſcha⸗ den kann.“ „Thut desgleichen,“ entgegnete Thoms, ſtolz darauf, daß von Wernhold, dem Schuͤtzen, ſein Verdienſt anerkannt wurde, „aber ſchlafet nicht. Und wenn Ihr ſeht, daß ich den Kopf gegen die Mauer lege, ſo waͤhnt nicht, ich ſchließe die Augen, ich uͤber⸗ lege dann, wie dem Schleicher da drunten am beſten beizukommen.“ „Ganz wohl,“ ſprach Wernhold, ſich auf der andern Seite hinkauernd. Es dauerte nicht lange, ſo lehnte des Fahnentraͤgers Haupt gegen die Mauer, und auf Wernholds oft wiederholte Fragen, ob etwas zu ſehen ſey, kam von ſeinem Waffengefaͤhrten keine Antwort zuruͤck, woraus der Schutze abnahm, daß jener ſich mit aller⸗ hand Plaͤnen in tiefen Gedanken beſchaͤftigte. 74 MN „Muß mich den auch mit meinen Gedan⸗ ken beſchaͤftigen“ mnurmelte er fuͤr ſich, „wenn gleich mir nicht beſonders viel einfallen will,“ und damit ſtreckte er ſich der Laͤnge nach auf ſeinem Mantel aus, legte beide Arme unter den Kopf, zog die breite Hut⸗ krempe uͤber die Augen bis auf den Knebel⸗ bart herunter, damit der Mond ihm nicht in das Antlitz ſcheine, und war bald in ſo tiefe Gedanken verſunken, daß er weder das Pfeifen des Windes, noch das Knarren der unſtaͤten Thurmfahne, noch des Fahnentraͤgers Schnarchen vernahm. So ſtand es im Schloſſe Greifenſtein, als der Juͤngling am Fuße der Mauer ankam. Seine Wanderung, von allerhand Mißgeſchick begleitet, hatte die dreifache Zeit eingenom⸗ men, die ſeine jugendliche Haſt noͤthig ge⸗ habt hätte. Von aͤngſtlicher Beſorgniß be⸗ wegt, klopfte das Herz in ſeiner Bruſt, und eine gluͤhende Waͤrme ließ ihn den kalten Wind nicht mehr fuͤhlen. 4 75 W Den ſchmerzlichen Blick auf das graue Geſtein gerichtet, welches hoͤhnend auf ihn hernieder ſah, ergriff er ſeine Laute, doch vermochten ſeine Finger kaum ein Paar ge⸗ brochene Accorde anzugeben, die vom Winde ruckwaͤrts getragen ungehoͤrt verhallten. Da ließ er ſich auf ein Knie nieder und mit zit⸗ ternder Stimme, von duſterm Ahnungs⸗ Grauen gehemmt, ſandte er halb ſingend halb ſprechend folgende Worte gegen die unerbittliche Veſte: Laß ab von Schlaf und Traumesbild, Ich rufe Dich! Strahlt unſer Licht auch truͤb und roth, Der Sturmwind weht das Lied zu Tod, Und will bei Mondes blut'gem Schein Allein gehoͤrter Saͤnger ſeyn — Und waͤr' dies Lied mein letztes auch, So wie der Schwan im Todeshauch Saͤng' ich mein Lieben ſicherlich Und riefe Dich! — „Horcht,“ fluſterte der eben aufgeweckte Thoms oben, „Wernhold, werdet Ihr 76 M erwachen? achtet Ihr Eure Pjlicht ſo gering, daß Ihr ſchlaft? — ermuntert Euch — es iſt nicht geheuer drunten.“ „Gott ſey uns gnaͤdig und barmherzig,“ brummte der aufgeſchreckte Schuͤtze, „habt Ihr einen Spuck geſehen?“ „Es klang und toͤnte unter dem Ahorn,“ fuhr der Fahnenträger fort, „haltet Euch bereit, ſo wir etwas zu Geſichte kriegen.“ „Ihr muͤßt es verſtehn“ antwortete Wernhold, „Ihr ſeyd uͤber mir, aber ich will vermeinen, wenn es klingt und toͤnt in der tiefen Nacht, ſo iſt das nichts Anderes, als Elfenſpiel oder Geiſter⸗ tanz.“ „Hallo,“ fluͤſterte Thoms, „lugt ein⸗ mal durch den Spalt, ſeht Ihr das Buͤrſch⸗ lein unter dem Giebelfenſter? Selber iſt kein Spuck, ſondern ein Landſtreicher, ein Spion, der die ſchwache Seite des Schloſſes ausſpaͤht, zu irgend einem Uberfall.“ 7 „Will ihm Pfeffer in die Suppe ſtreuen,“ rief Wernhold und griff nach der Arm⸗ bruſt. „Gebt mir die Wehr, wenn Ihr geſpannt habt“ gebot ihm Thoms, „ich bin ein tuchtiger Bolzenſchuͤtz und fehle wohl ſelten ein Vöglein im Flug; ich will ihm den Morgengruß hinunter ſchicken.“ Wernhold gab die geſpannte Waffe in des Fahnentraͤgers Haͤnde und dieſer legte ſich zielend an eine Maueroͤffnung, indem er dem wartenden Schuͤtzen zurief: „Nun gebt Acht!“ Da die Geſtalt unten ſich bewegte, und ſtets von dem Baume mit ſeinem hervorſprin⸗ genden Aſte geſchuͤtzt wurde, ſo dauerte es eine lange Zeit, bis der Fahnentraͤger zum Schuſſe kommen konnte; waͤhrend welcher der neugierige Wernhold mit geoͤffnetem Auge zu ſeiner Mauerritze hinausſtarrend, ſich mehrere Male eine Armbruſt wuͤnſchte, um ſein Handwerk, wie er ſich ganz heimlich 78 M vachte, mit mehr Geſchwindigkeit auszulben. Jetzt ſchlug die Saite ab und das geuͤbte Au⸗ ge des Schutzen hatte ſogleich den Bolzen er⸗ faßt und verfolgt. „Getroffen?“ ftagte Thoms, ſich zu dem Schuͤtzen verfuͤgend. „Der Mann drunten,“ fluͤſterte Wern⸗ hold, „lebt und regt ſich wie vorher; aber dem dicken Baumaſt habt Ihr empfindlich zu⸗ geſetzt, der Bolzen ſteckt ihm im Leib, es iſt mir Leid darum!“ „Muß ein ungleiches Holz geweſen ſeyn,“ murmelte der Fahnentraͤger, „hingehalten hab' ich auf eine Federſpitzbreite.“ Der Juͤngling, verlockt durch das Ge⸗ räuſch des abgeſchoſſenen Pfeiles, welches ihm nicht entgangen war, trat eben mit weit gelufteter Hemdkrauſe unter dem Baum hervor, waͤhnend, das Giebelfenſter habe ſich bewegt, da legte Wernhold der Schuͤtze, den zweiten Bolzen auf ſeine Arm⸗ bruſt, und einen Blick nach der Tiefe wen⸗ N dend, haſtete er ſich „den Strang zu ſpan⸗ nen mit der Begier eines Jaͤgers, dem ein ſtattlich Wild im Geſicht erſcheint. Er legte an. „Mehr links,“ verbeſſerte der Fahnentra⸗ ger den Zielenden, aber Wernhold ließ ſich auch nicht im geringſten von ſeiner Richtung abbringen. Da zerrte ihn der neidiſche Thoms am Arm, wie er ſagte, ihm den rechten Fleck zu weiſen, und in dem Augen⸗ blick druͤckte Wernhold ab. „Ha!“ rief es unten und die Geſtalt verſchwand. „Er hat was weg,“ brummte Wern⸗ hold, „hättet Ihr mich nicht aus der La⸗ ge gezerrt, war er auf dem Platz geblie⸗ ben.“ „Werdet Ihr mir Vorwuͤrfe machen“ maß ihn Thoms, „o ich Euch im Dienſt ver⸗ beſſere?“ „Ich werde mir ſolches nicht heraus⸗ nehmen,“ entgegnete Wernhold, eben ſo wenig, als zu glauben, Ihr habt geſchla⸗ fen, oder bei dem erſten Schuſſe fehler⸗ haſt gezielt, denn Ihr ſeyd im Rang uͤber mir.“ und ſie verließen ihren Poſten, dem Burg⸗ herrn bei ſeinem Erwachen vom Vorgefallenen Bericht zu erſtatten⸗ Der Ritter von Greifenſtein hoͤrte mit aufmerſamem Ohr den Rapport der Wachtleute, und da der Fahnentraͤger mit Beſtimmtheit verſicherte, er habe dem nächt⸗ lichen Abentheurer das Garaus gemacht, wo⸗ gegen Wernhold nicht das Mindeſte einzu⸗ wenden wagte, ſo belobte er Beide, jedoch mit dem ausdrücklichen Gebot, bei Verluſt ſeiner Gnade, gegen keinen Menſchen etwas davon zu verlautbaren. Darauf ging er un⸗ ruhig einige Zeit im Zimmer auf und ab, Adelgondens Benehmen mit pruͤfenden Blicken muſternd, und da er zu finden glaub⸗ te, daß ſeine Tochter keinen Theil an dieſem Vorgang habe, entſchloß er ſich, das Ganze M in ſeiner Seele zu verwahren und weder ihr noch ſeinem gräflichen Eidam davon Erwaͤh⸗ nung zu thun. Mutter Mechtild, eilig in das Gemach tretend, unterbrach ſein Sin⸗ nen. „Geſtrenger Herr,“ redete ſie den Ritter an, „erſchreckt nicht, wenn ich Euch berich⸗ ten muß, daß unſer gnaͤdiges Fräulein ver⸗ gangene Racht von einem ſeltſamen Krank⸗ heits⸗Anfall heimgeſucht worden. Ich ſchicke voran, daß ſie nun wieder beſſer iſt, auch keinesweges ihr Lager zu huten genoͤthigt wird, damit Eure Unruhe nicht uͤberhand nehme, aber als ich in ihr Kaͤmmerlein trat, hat es beinahe meine eigene Beſinnung mir gekoſtet, ſo erſchrack ich üͤber den Anblick.“ „In wenig Worten,“ trieb der Burgherr, „berichtet, was iſt's mit Adelgond?“ — „Ich fand ſie,“ fuhr die Alte fort, „in ihrer neu eingerichteten Schlafkammer, auſſer⸗ halb ihrer Bettſtatt, auf dem Teppich hinge⸗ ſtreckt, nach der Seite, wo der Gang mit 6 3 MW dem Giebelfenſter auf die Berge ſchaut. Ihr Haar war aufgeloͤßt, und die Farbe ihres wunderlieblichen Geſichts war die einer Tod⸗ ten, welches mir das Herz zerſchnitt. Sie hatte ſich dicht an die Wand niedergelegt, als hatte ſie gewuͤnſcht, durch die Mauern gehen zu können, und beide Haͤnde, wie in hefti⸗ ger Setenhsſt ergriffen den Teppich, auf dem ſie g. Auch waren ihre Augen nicht ganz geſchloſſen, wie zu natuͤrlichem Schlaf, ſondern halb geoͤffnet und verzogen, daß mir ſchauerte und ich die Zähren nicht zuruͤckhalten konnte.“ Kaum hatte der Burgherr dieſe Erzählung vernommen, als er augenblicklich die weinen⸗ de Alte verließ und getrieben von vaterlicher Beſorgniß die Kapellentreppe aufwaͤrts zum Gemach ſeiner Tochter eilte. Er fand ſie im Seſſel, ungekleidet, und bleich wie das Mor⸗ gengewand, das ſich nachlſſig um ihre blen⸗ denden Glieder legte. Bei dem Eintritt des Vaters uͤberflog eine Roͤthe des Schreckens ih⸗ re Wangen und ſich erhebend, verſuchte ſie, ihm laͤchelnd einen Morgengruß entgegen zu bringen. Sie beugte ſich auf ſeine Hand und in dieſem Kuſſe lange verweilend, hatte ihre Stellung den Ausdruck einer Bittenden, die Schmerz und Furcht zuſammendrucken. „Was haſt Du, Adelgond?“ ſprach der Ritter in einem Ton der väterlichen Theil⸗ nahme gemiſcht mit ernſtem Forſchen. „Ich bin wohl, mein Vater,“ erhob ſich die Jungfrau, ihre Zuͤge in ein Lächeln le⸗ gend. „Und dieſe Nacht?“ fragte der Buchherr, „warum haſt Du Dein Lager verlaſſen, Adel⸗ gond?“ „Ich verließ es nicht mit meinem Wiſſen,“ erwiderte ſie, „und war erſtaunt, mich auf dem Teppich zu finden.“ Die ruhige Haltung, mit welcher ſie des Vaters Fragen beantwortete, ihr Auge, wel⸗ ches truͤbe aber grade in das ſeine ſah, gaben ihm die Gewißheit, daß irgend ein Traum 6 * 84 M oder ein leichtes Fieber den Vorfall veranlaßt hatten, und er verließ ſie befriedigt durch ihre Verſicherung, daß ſie ſich vollkommen wohl genug fuͤhle, den Beſuch des Grafen Adal⸗ bert anzunehmen. Sie wußte, wie ſehr ihr Vater dieſer Verbindung zugethan war, ſie hatte gehoͤrt, daß er den Grafen als Eidam begruͤßt, ihm Handſchlag und Ritterwort auf ihre Hand verpfaͤndet, ſie barg demnach ihre wahre Empfindung und gab dieſer erſt dann vollkommen Raum, als ſie ſich mit ſich ſelbſt allein befand. Je laͤnger ſie mit dem Grafen zuſammen weilte, je mehr fuͤhlte ſie, daß aus den Zuͤ⸗ gen, welche ihre Sinne mit Unwiderſtehlich⸗ keit anzogen, ein ihrem Herzen ganz fremdes Gemuͤth ſprach. In keinem Blick, in keinem Laut offenbarte ſich eine zarte Hindeutung auf jene Nacht, ihrer Seele ſo unverloͤſchlich ein⸗ geſchrieben, und die uͤbergroße Ahnlichkeit die⸗ ſes Geſichts mit dem des geliebten Saͤngers verlieh dem Grafen etwas Grauſiges und Un⸗ M N heimliches, welches die Jungfrau erbeben mach⸗ te. Sie gedachte alter Sagen und Maͤhrlein, worin erzahlt wird, daß feindliche Geiſter wohl liebliche Geſtalten und angenehme Ge⸗ ſichtsbildung anzunehmen wiſſen, wenn ſie heraufgeſtiegen ſind, ein armes Herz zu be⸗ ruͤcken, und ſie konnte an die nahe Vereini⸗ gung mit dieſem Mann nur mit Schauder denken. Dennoch wagte ſie keinen Gedanken an Widerſetzlichkeit gegen den Willen ihres Vaters, wohl wiſſend, daß Neigung oder Abneigung einer Jungfrau wenig zu Rathe gezogen wurde in einer Zeit, wo ihre Hand ſo oft der Preis eines gRcen Lanzenren⸗ nens war. Volkmars Erſcheinung trat in ihrer Er⸗ innerung zuruͤck wie ein daͤmmernder Jugend⸗ traum, und wenn ſie ſich auch bewußt war, daß in jener Mainacht der Lauf ihres Schick⸗ ſals unverruͤckbar beſtimmt worden war, ſo konnte dieſes Geſpräch, welches freilich mit Himmelsaccorden in dem Herzen nachtonte, 86 N die ſchuͤchterne demuͤthige Adelgond nicht bewegen, den Fluch ihres Vaters auf ſich zu laden, und ihre unbefleckte jungfräuliche Ehre in einem Geſtaͤndniß bloß zu geben. Sie warf ſich vor dem Altar in der Ka⸗ pelle zu bruͤnſtigem Gebet auf die Kniee und flehte um Loͤſung der wunderbar traurigen Be⸗ gebenheit Denjenigen an, deſſen Auge ſieht in Alles, was uns verworren erſ und deſſen Hand die Fäden entwirrt, veaͤngſtigend mit tauſend Shun Herz legen. 1 7. An der Pforte des Stiftes der barmherzi⸗ gen Brüder lautete es wiederholt und dringend und als der Thorwächter den ſchweren eiſer⸗ nen Riegel zuruͤckſchob, erkannte er Frau Gertrud, die Wirthin der Herberge im be⸗ nachbarten Dorfe. „Gelobt ſey Jeſus Chriſtus,“ rief die Frau, blaß und weinend, und ihre aͤngſtliche Haſt goͤnnte dem Frater kaum, den frommen Gegengruß: „in Ewigkeit, Amen,“ aus⸗ zuſprechen. „Laßt um des Himmels willen ſo ſchnell als moͤglich einen wuͤrdigen Bruder herabgehn zu mir,“ drängte die Frau, „es liegt ein Jüngling ſchwer verwundet in meiner Kam⸗ mer; bittet ihn, daß er ſich verſehe mit Wund⸗Balſam und Traͤnken, ſollte es aber —“ hier wurde ihre Rede durch heſtiges Schluch⸗ zen unterbrochen — „mit menſchlicher Huͤlfe zu ſpät ſeyn — ſo moͤge er ihm den Troſt der heiligen Kirche ſpenden.“ Mit ruhiger Beſonnenheit, aber eilfertig, drehte der Pfortner ſich ab von der Bittenden, ergriff ein Seil, welches dicht an ſeiner Zelle hing und zog dreimal die Nothglocke, ein wohlverſtandenes Zeichen, daß ein Sterben⸗ 88 NNNMN der Huͤlfe und geiſtlichen Troſt ohne Verzug verlange und ehe noch der letzte Ton der dum⸗ pfen Ruferin verklungen war, ſchritt Frater Bernhardus durch den weiten Kloſtergang herauf, verſehen mit Allem, was er zu ſei⸗ nem ernſten Geſchaͤft gebrauchte. Er achtete wenig auf das, was Frau Gertrud in ihrer Herzensangſt ihm umſtaͤnd⸗ lich zu erzaͤhlen gedachte, ſondern ſchritt in ernſter Andacht neben ihr her, ſie vermahnend, das Zimmer des Kranken bei ihrer Ankunft nicht zu betreten, oder ihren Zaͤhren Einhalt zu thun, weil fremde Angſt auf den ſchwer Daniederliegenden oft ſchaͤdlicher einwirke, als ſeine Wunde und das gefaͤhrliche Fieber. Mit verhaltenem Athem blieb ſie vor der Kammer⸗ thuͤr und Frater Bernhardus trat zu dem Lager des Kranken. Da fand er einen Juͤngling von blenden⸗ der Schoͤnheit, aber blaß und den Mund zu ſchmerzlichem Todeslaͤcheln verzogen. Sein ge⸗ brochenes Auge erkannte den Nahenden nicht 89 NMNNÄ und dieſer aͤngſtigte den Leidenden mit keiner vergeblichen Frage, ſondern ſchritt ruͤſtig dar⸗ an, zu unterſuchen, ob noch Rettung des Lei⸗ bes moͤglich ſey, und dieſe zu bewerkſtelligen, mit aller Kunſt und Gewandheit, die lange Erfahrung giebt, oder aber fuͤr das Heil ſei⸗ ner Seele zu ſorgen, nach den Pflichten ſei⸗ nes heiligen Standes. Er fand das ſchneeweiße Fleiſch in der rechten Seite der Juͤnglingsbruſt von todtli⸗ chem Geſchoß getroffen. Mit ſicherer und be⸗ hutſamer Hand unterſuchte er die Wunde, nachdem er den Kranken geſegnet, und da er keine Spitze eines Pfeiles oder gebrochenen Spießes vorfand, wuſch er mit Kraͤuterſaft die blutende Stelle rein und legte einen kuh⸗ lenden Verband darauf. Fluͤchtiges Salz rieb er auf des Junglings Schlaͤfe und trocknete mit Leinen den kalten Schweiß von der Stirn des Bewußtloſen. Da begann des Kranken Hemdkrauſe, die unter der Wunde hing, ſich kaum bemerkbar zu bewegen und dem geiſtli⸗ 90 MWN chen Krankenwaͤrter zeigte eine vor den Mund hingehaltene Feder, daß das Leben in dem jugendlichen Koͤrper wiedererwacht ſey. „Im Namen des Herrn!“ ſprach er den Juͤngling an, als dieſer den matten Blick zu ihm aufſchlug und ein ſanft emporgehobenes Auge antwortete ihm verſtaͤndlich. „Redet nichts mit mir,“ ſprach Pater Bernhardus darauf leiſe, „wenn Ihr es auch vermoͤgt. Verhaltet Euch ſtill und ohne Regung und ſucht Euch dem Schlummer zu uͤbergeben; Gottes Auge wacht uͤber Euch durch mich, ſeinen unwuͤrdigen Knecht.“ Darauf ging er leiſe und ungehoͤrt in das Vorzimmer, die theilnehmende Frau mit ſeiner Hoffnungsbotſchaft aufzurichten. Frau Ger⸗ trud wußte ihrer Freude kein Ende, als ſie hoͤrte, der Juͤngling lebe, und waͤre in ihrer unvorſichtigen Haſt ohne Weiteres in die Kam⸗ mer gedrungen, mit ihm zu ſprechen, wenn der verſtaͤndige Frater ſie nicht zuruͤckgehalten haͤtte. 94 „Gebet Acht,“ ſprach dieſer, „ſo Ihr wuͤnſcht, daß der Juͤngling noch unter den Lebendigen weile, daß ſein Gemuͤth von außen durch Nichts aufgeregt werde. Nur vollkom⸗ mene Ruhe, unterhalten durch die aufmerk⸗ ſamſte Pflege, vermag ihn zu retten. Sein Koͤrper wuͤrde nach dem uͤbergroßen Blutver⸗ luſt kein Fieber uͤberdauern, wovor ich ihn zu bewahren gedenke, wenn es Gottes Wille iſt! — Wo fandet Ihr den Ungluͤcklichen?“ Frau Gertrnd erzaͤhlte vorſichtig und leiſe, wie es in dem Vorgemach eines Todt⸗ kranken ziemlich iſt, daß Nikolas, der Holzſchläger, abſeiten der Fahrſtraße zwiſchen ihrem Hauſe und dem Fluſſe den Juͤngling auf den Raſen hingeſtreckt gefunden. Er habe aber dort noch zu ſprechen vermocht und auf die Frage, ob Buſchklepper ihn ſo uͤbel zu⸗ gerichtet, mit ſchmerzlichem „nein“ geantwor⸗ tet. Der ehrliche Holzſchlaͤger, welcher nach des Herrn Gebot ſeine Morgenarbeit gern un⸗ gethan ließ, um dem Naͤchſten in Todesnoth 92 N beizuſtehn, habe ihn darauf gefragt, wohin er gebracht zu werden begehre, und da er mit ſchwacher Stimme die Herberge genannt, auf ſeinem Karren langſam den Berg herab in ihr Haus gefuͤhrt. Nachdem Frater Bernhardus die noͤ⸗ thigen Anleitungen ertheilt, wie der Kranke die zweckdienlichſte Pflege genießen koͤnne, be⸗ gab er ſich wieder in die Kammer zu der blu⸗ tigen Lagerſtatt. Ein ſanſter Schlummer hat⸗ te ſich auf die Augenlieder des Juͤnglings nie⸗ dergelaſſen, aber ſein Puls ging zum Verlo⸗ ſchen matt. Nit gefalteten Haͤnden ſetzte ſich der geiſtliche Herr auf einen Schemel nieder, das Geſicht des Schlummernden zu beobach⸗ ten, und gewahrte, daß ſeine Lippen ſich mehreremal bewegten, ſo als ob er traͤumend einen Namen ſprach. Auf dem ſchonen Ant⸗ litz bemerkte er deutlichen Ausdruck einer Weh⸗ muth, die mehr von Seelenleiden, als von dem Schmerz der Wunde herzuruhren ſchien. 93 „ Erſt nachdem die Sonne geſunken war und der Mond hell glaͤnzend uͤber dem Thale ſchwebte, erwachte der Juͤngling. Sein blaues Auge ſchaute klar den unermuͤdeten Wärter an, und da dieſer mit dem Tone der freundlichſten Zuneigung ſeine Hand er⸗ griff: „wie geht es Euch?“ fragend, ſo lächelte er ihm entgegen mit einer ſchwachen Kopfbewegung und flüſterte: „Ich dank Euch, wuͤrdiger Herr, ganz wohl!“ — Die Nacht verging, während Bernhar⸗ dus und Frau Gertrud, der nun auch er⸗ laubt wurde, ſich dem Lager zu naͤhern, kein Auge ſchloſſen. Kurz vor Tagesanbruch über⸗ flog den Kranken eine plotzliche kurze Hitze und bald darauf ein Schauer und als die Wirthin, dies beobachtend, voll Angſt den Frater um Troſt anſprach, erwiderte dieſer: „Nach des Herrn Willen, die Gefahr iſt noch nicht voruͤber.“ Da ließen ſich fernher Trompeten verneh⸗ men, die mit ihrem luſtigen Geſchmetter recht widerlich abſtachen gegen die Todtenſtille, wel⸗ che in der traurigen Herberge herrſchte. Frau Gertrud lief augenblicklich hinaus, zu ſe⸗ hen, was vorging, und der Juͤngling oͤffnete erſchreckt ſeine Augen, ſchloß ſie aber gleich darauf wieder feſt zu. „Was giebt es draußen?“ fragte der Geiſtliche die eintretende Gertrud, „und woher die kriegeriſche Muſik, die uns recht zur Unzeit in das Ohr ſchlaͤgt?“ „Wir wollen Thor und Fenſter feſt zu⸗ ſchließen,“ ſprach die Wirthin leiſe, „daß wir den gellenden Klang ausſperren; moͤchten wir doch den frommen Orgelton kaum ver⸗ tragen, viel weniger den muntern Hochzeits⸗ Reigen, der mit Prunk und Laͤrmen durch die Dorfſtraße zieht. Der Rauhenecker gelei⸗ tet ſeine ſchoͤne Braut auf das Schloß und wie mir der Nachbar erzaͤhlt, hat man ſeit Menſchengedenken kein ſolch pomphaftes Ge⸗ pränge geſehn als dasjenige, womit das Grei⸗ fenſteiner Ritterfräulein umgeben iſt, ſeit ſie 95 M der reichſte Graf in der Gegend zum Gemahl erkieſet.“ Und damit wandte ſie ſich in geſchaͤftiger Eile nach dem andern Zimmer, die Laden zu⸗ ſchließend und alle Thuͤren, um die Stille zu erhalten, welche einem Kranken heilſam und nothwendig iſt. Sie ſah nicht, welche Ein⸗ wirkung ihre Botſchaft auf den verwundeten Jungling hervorbrachte, aber dem aufmerk⸗ ſamen Geiſtlichen entging kein Zug und kein Laut ſeines Pfleglings. Bei den Worten „das Greifenſteiner Rit⸗ terfräͤulein“ oͤffnete dieſer mit Kraft die Au⸗ genlieder, und ſtarr auf die Sprecherin ſehend, ſchien es, als wollte er in herzinniger Angſt eine Frage thun, aber die Kraft gebrach ihm und er verweilte in dem irren Aufblick, bis die Wirthin das Gemach verlaſſen hatte. Nun gewann der gebietende Geiſt ſeine Herrſchaft uͤber den Leib, und die ſchwache Hand nach dem Geiſtlichen bewegend und dann nach der Seite des Schalles, welcher naͤher und naͤher 96 ̃ drang, hindeutend, fragte er g. kraftloſer Heſtigkeit: „Wer zieht dort? — „Beruhigt Euch,“ ſprach der Geiſtliche, „ich wuͤnſchte, daß Ihr nichts davon vernom⸗ men.“ „Wer? — — wer? — —“ ſtam⸗ melte der leichenblaſſe Verwundete, — „im Namen des Himmels —*1 —“ „Der Graf von Rauheneck,“ erwider⸗ te Bernhardus, der dringenden Bitte nachgebend, mit ſeiner verlobten Braut, Adelgonden von Greifenſteim“ „Herr — der — Eide —!“ ſtoͤhnte der Jungling, und ſank mit gebrochenem Auge in ſein Kiſſen zuruck. und draußen raſſelten die Pauken und ſchmetterten die Trompeten vor dem Hauſe, als wollten ſie Hohn ſprechen dem Jammer des Juͤnglings. 97 MMN 8. Auf der Veſte Rauheneck bereitete ſich alles zum Empfang der wunderſchoͤnen Braut. Mit Blumenketten waren die Baume zu beiden Seiten des Felſenweges behangen und ein Tragſeſſel, von vier Trabanten gehalten, er⸗ wartete die kuͤnſtige Burgfrau am Fuß des Berges, damit ſie ſanft und ohne Gefahr den ſteilen Weg hinaufgetragen wuͤrde. über dem Rauhenecker Wappen des ſteinernen Brük⸗ kenthors waren Kraͤnze aufgehaͤngt, und bun⸗ te Fähnlein flatterten von allen Thuͤrmen und Zinnen, ſo daß die Veſte einem großen Kriegs⸗ ſchiff ͤhnlich ſah, welches zum Empfang des Admirals die Freuden⸗Flagge aufgezogen hat⸗ 16 Der Zug bewegte ſich langſam dem Tha⸗ le zu. Adelgonde ritt auf einem Zelter, „ 98 N welchen zwei Edelknechte am Zügel fuͤhrten. An ihrer linken Seite, funkelnd in Gold und Geſtein, befand ſich Graf Adalbert, der ſich immer einen Schritt zuruͤck hielt und ſein muthiges Roß mit kraͤftigem Arm beherrſchte, um ſeine galante Unterwuͤrfigkeit gegen die Dame ſeiner Wahl an den Tag zu legen. Zu ihrer Rechten ritt ihr Vater, von Zeit zu Zeit einen ſorgenvollen Blick auf die Tochter richtend, deren blaßlächelndes Angeſicht ihm ungewoͤhnlich und beunruhigend erſchien. Adelgonde antwortete auf die gewähl⸗ ten und zierlichen Reden ihres kuͤnftigen Ge⸗ mahls mit heiterer Ruhe, aber ihr Weſen hatte etwas Feierliches und Ernſtes. Sie ſchien in ſtummen Augenblicken ſich mit Din⸗ gen zu beſchaͤftigen, die hoͤher und wichtiger waren, als alle Freuden dieſer armen Welt. Ein ſeelenvolles Laͤcheln, welches immerdar auf ihren Lippen ſchwebte, zeigte von einem Frieden hoͤhern Urſprungs, als Hochzeits⸗ Jubel und prunkvolle Feſtlichkeit gewähren, . 3 99 M und ſie benahm ſich bei dieſer gefuͤrchteten Feier mit einer unerklaͤrlichen Ruhe, ſo wie jemand, dem eine maͤchtige Stimme Rettung zugeſagt, im Vertrauen auf den gepruͤften Be⸗ ſchuͤtzer, voll Heiterkeit die dringende Gefahr ankommen ſieht. Graf Adalbert war zu ſehr umgeben mit den roſigſten Bildern ſeines aufkeimenden Gluͤckes, als daß er einem Arg⸗ wohn in Hinſicht der Farbe und des verſchloſ⸗ ſenen Weſens ſeiner Adelgonde hätte Raum geben ſollen; aber der Ritter von Greifen⸗ ſtein, die bluͤhende Wange, die kindliche Sprachſeligkeit und Offenheit ſeiner Tochter in fruͤherer Zeit kennend, mochte ſie jetzt betrachten ohne Sorge. Ihm, dem Erfahrnen, ſchien ein heftiger Gram an dem innerſten Lebenskern der Jung⸗ frau zu zehren und da ſie durchaus jede Fra⸗ ge mit der beſtimmteſten Außerung, ſie ſey ganz zufrieden und gluͤcklich, zuruͤckwies, ſo konnte der Vater nicht umhin, mit der ſchmerz⸗ lichen Vergleichung ſeine Bemerkung zu ſchlieſ⸗ 5 NNN ſen: ſie gleiche einem Baum, der im vollſten Blaͤtterſchmuck unſer Auge erfreut, deſſen Mark aber eine verzehrende Duͤrre austrock⸗ net. In dieſer Stimmung kamen die Haupt⸗ perſonen der bevorſtehenden hochzeitlichen Feier auf der geſchmuͤckten Veſte Rauheneck an. Alles was den Sinn erfreuen konnte, hatte Graf Adalbert aufgeboten, ſeinen theuren Gaͤſten das Schloß angenehm zu machen, und als der nächſte Morgen anbrach, duftete be⸗ reits die Schloßkirche von unzahligen Roſen⸗ buͤſchen und Blumenvaſen, die hohen Wachs⸗ kerzen des Altars brannten, und prächtige Decken, welche die Gaͤnge vom Saal aus bis zur Kapelle bedeckten, zeigten an, daß auf ihnen in kurzem der Brautgang ſtatt haben ſollte. Adelgonde hatte gewuͤnſcht, ohne vor⸗ nehme Zeugen dieſen ernſten Tag hinzubrin⸗ gen, und Graf Adalbert, nur ihren Wuͤn⸗ ſchen lebend, gehorchte gern. Erſt acht Ta⸗ 104 ge nach der Verbindung ſollte ein Banquett und Turnier ausgeſchrieben werden, welche in Pracht und Reichthum ſich mit dem Hof⸗ lager eines Fürſten meſſen konnten; Adel⸗ gonde geſtand dies mit wehmuthigem Lacheln zu. Eben war die Feierlichkeit voruͤber, der Ritter von Greifenſtein umarmte die jun⸗ ge Grafin von Rauheneck und nannte ſie die Blume und Krone ſeines Geſchlechts, da trat der Burghauptmann den Grafen Adal⸗ bert an, mit der Botſchaft, es habe ſich am Burgthor ein Gaſt eingefunden, der mit drin⸗ gendem Ernſt um die Gnade einer Zwieſprach anhalte. „Wer iſt es?“ fragte der Graf mit Ho⸗ heit, „Ihr wißt, daß an ſolchem Tage Nie⸗ mand der Einlaß geſtattet wird.“ „Ein Moͤnch des barmherzigen Stiftes,“ erwiderte der Hauptmann, „mit einer gar wichtigen Zeitung.“ M „Braucht er Unterſtuͤtzung,“ ſprach der Graf, „ſo muß er Euch ſein Anliegen ver⸗ melden, und Ihr ſollt ihm den Seckel nicht verſchließen; ich aber kann und will heut kei⸗ ne Botſchaft empfangen, und wenn ſie mir den Gewinn einer Veſte oder die Kaiſerliche Acht ankuͤndigte. Weder das Gluck noch das Ungluͤck hat an dieſem ſonnbeſtrahlten Tage Macht uͤber mich, und was von draußen kommt, ſoll harren, bis der Sand der letzten Stunde abgelaufen.“ Der Burghauptmann ging hinaus. Adelgonde, ſich aus den Armen ih⸗ res Vaters aufrichtend, blickte ernſt ihren Gemahl an, und ſprach ſanft aber feſt: „Was von draußen kommt, kommt von Oben, und Ihr ſollt Euch nimmer vermeſſen gegen das Schickſal, drum laßt den Boten ein und hoͤret ihn.“ Da trat der Burghauptmann wieder in den Saal und meldete: „der Frater des barmherzigen Stiftes erſucht in Demuth, aber dringend um Gehoͤr, und will nicht wan⸗ ken und nicht weichen von der Pforte, bis Ihr ein geheimes Geſpraͤch ihm voll Gnade zugeſagt.“ „So fuͤhrt ihn in den Waffenſaal,“ ent⸗ gegnete Graf Adalbert, „ich will ihn hoͤ⸗ ren, jedoch vermeldet ihm, daß dieſes nur auf Fuͤrſprache meines ſuͤßen Gemahls ge⸗ ſchieht. Die junge Graͤfin habe ſich herabge⸗ laſſen, ſich fuͤr ihn zu verwenden, nur des⸗ wegen gehe ich von meinem Willen ab.“ Es geſchah, wie der Herr geboten, doch mußte der geiſtliche Bruder eine gute Weile harren zwiſchen Ruͤſtungen, bis es dem Gra⸗ fen gefiel, ſich hinuͤber zu begeben. Adel⸗ gonde tadelte in ihrem ſchweigenden Gemüth dieſen Hochmuth, der gewoͤhnlich die duͤſtre Gewalt, ſpottend jeder irdiſchen Groͤße, her⸗ ausfordert zum Ausuͤben ihrer vernichtenden Schlaͤge. Zur Demuth gewoͤhnt, gab der Monch keinem Verdruſſe uͤber das vergebliche Harren 104 WN Raum. Wie dringend auch ſeine Botſchaft war, der Gedanke an die waltende Vorſe⸗ hung erfuͤllte ihn mit erbaulichen Betrachtun⸗ gen und jener ruhigen Kraft, die ſtets uͤber dem Stolz ſteht, wenn dieſer auch bis zu ſchwindelnder Hoͤhe ſich zu erheben wagt. Die ſchwere Thuͤr von dunkelbraunem Holz drehte ſich endlich auf ihrer Angel, und Graf Adalbert trat in den Saal. Er blieb dicht an der Schwelle ſtehen, ſo als wollte er nach einigen wieder von hinnen, gruͤßte den arten⸗ den fluͤchtig mit der Hand und fragte in ei⸗ nem Ton, der nichts weniger als freundli⸗ chen Empfang verkündete: „Was ſoll es ſeyn?“ Der Frater des barmherzigen Stiftes ver⸗ ließ ſogleich ſeine behagliche Lage im buntfar⸗ bigen Fenſter, ging dem Eintretenden voll Unterwuͤrfigkeit entgegen und begrüßte ihn mit den Worten: „Der Friede des Himmels uͤber — und Euer grafliches Haus.“ „Wenn es Euch gefaͤllt,“ ſprach de Graf, „ſo faſſet Euren Auftrag in kurzen Worten zuſammen;z Ihr werdet wiſſen, daß auf mei⸗ nem Schloſſe die Freude herrſcht und ich ge⸗ denke, mich ihr auf lange Zeit nicht zu ent⸗ ziehen.“ „So wie es das Wichtige meiner Zeitung zulaͤßt,“ erwiderte voll Ruhe der Moͤnch. „Oftmals hat ſchon des Allmaͤchtigen Wille das Todtenglocklein läuten laſſen, wo der Menſch in ſeinem Wahn nur Luſt und Er⸗ götzlichkeit zu hoͤren gedachte.“ „Zur Sache,“ unterbrach ihn der Rauhen⸗ ecker, ſich halb von ihm wendend und mit ſeiner Hand den ſchwarzen Federbuſch eines neben ihm liegenden Helmes ſtreichend. „Ich wurde geſtern,“ begann der Moͤnch, „wie es mein Geluͤbde erfordert, zu dem Lager eines Schwerverwundeten gerufen, ihm zu helfen oder ihn mit dem letzten heiligen 106 MNNN Kirchentroſt zu verſehen. Der Wille des Herrn hatte ſeinen Lauf geſchloſſen und mein ſchwacher Beiſtand erlag, er verſchied in mei⸗ nen Armen, mit der Ergebung eines flecken⸗ loſen Gemuͤthes. Vorher aber gab er noch mit ſchwacher Stimme und oft unterbrochenem Athem mirſ ſeine Abkunft und ſeinen Namen zu verſtehen, und fand ich Beides im ſeltſa⸗ men Widerſpruch mit ſeiner Kleidung, nicht aber mit ſeinen Zügen. Er erzaͤhlte mir, ein fremder Ritter habe in ungerechter Fehde ſei⸗ nen Vater erſchlagen.“ — Hier endete Graf Adalbert ſein Spiel mit dem Helmbuſch, wie es ſchien einen Antheil faſſend an des Moͤnches Rede. „Dieſer Ritter,“ fuhr der Geiſtliche fort, „konnte den Knaben nicht uberreden, den Na⸗ men ſeines Vaters abzulegen, und als ein Dienſt⸗Junker die Sporen zu erwerben unter dem Raͤuber ſeines Eigenthumes. Er mied das väterliche Haus und durchzog viel fremde Laͤnder, wie er ſagte, zufrieden und — 107 ungekannt. Nicht alſo ſein Zwillingsbruder — der des neuen Herrn Namenstraͤger und endlich alleiniger Erbe ſeiner bis zu einem Grafenthum erweiterten Beſitzungen ward.“ Graf Adalbert wandte ſich gegen den Erzaͤhler, oͤffnete die Lippen, etwas zu ſpre⸗ chen, doch war ſeine Zunge ihm ungehorſam, er runzelte die Stirn und blickte feſt den Bo⸗ den vor ſich an. „Der Verſchiedene,“ nahm der Moͤnch den Faden wieder auf, „ſegnete dieſen Bru⸗ der ſterbend, wenn gleich dieſer ihm vor eini⸗ ger Zeit ſchmerzlich wehe gethan. Auf eine an ihn gerichtete Botſchaft hat er geantwortet: Er habe keinen Bruder, der als herumzie⸗ hender Leiersmann ſein Brod erwerbe, und ſo er nicht komme mit Dokumenten und Ur⸗ kund, ſein Anrecht geltend zu machen, wol⸗ le er ihn nicht anerkennen, wenn er ihm auch aͤhnlich ſehe, wie ein Blattlein dem andern.“ 108 M Der Mönch ſchwieg, feſt den Grafen an⸗ ſehend, aber dabei ſchonend und mild, wie es ſeinem friedegebenden Stande zukam. Der Graf konnte den ſchweren Blick nicht von dem Stein aufheben und ſtand vor dem aͤrmlich gekleideten Geiſtlichen in ſeinem ſtrah⸗ lenden Schmucke klein und gedemuͤthigt da. „Ich ſtehe nun hier,“ ſprach dieſer, „im Namen der allwaltenden Gerechtigkeit, von Euch den Einlaß zu begehren fur den abge⸗ ſchiedenen Juͤngling. Der Himmel will, daß er Beſitz nehme von der Gruft ſeiner Väter, Ihr wollet ihm die Ruheſtatte nicht verſagen; das Wort des Sterbenden iſt gewichtiges Do⸗ kument, auf dem blaſſen Geſicht uͤberbringt er Euch die Urkunde, daß er Euch nahe an⸗ geht und ein volles Recht auf Euer Herz und auf Eure Trauer hat.“ Da wandte ſich der Graf von dem Schwei⸗ genden, trat, die Hand vor die Augen druk⸗ kend, in ein Fenſter und verharrte dort eine Zeit lang in tiefem Nachdenken. Dann kehrte 109 er plötzich ſein Geſicht zu dem ernſten Boten, ein Paar große Zaͤhren netzten ſeine Augen, und mit ſanfter Stimme, aber gezwungener Faſſung ſprach er: „Fuͤrwahr, ein trübſeliges Wiederſehen. — Volkmars Leiche ſoll abgeholt werden noch ehe die Sonne ihren letzten Schein verloͤſcht — auch will ich gebieten, daß alles Feſtge⸗ praͤnge verſchwinde, und ſich die Veſte in Duͤſter kleide — wie es der traurige Inhalt Eurer Botſchaft erheiſcht. — Gehabt Euch wohl.“ Und er kehrte ſein Antlitz von dem Geiſt⸗ lichen, um ſeine Schwaͤche zu bergen und dem durchdringenden Auge ſeine Thranen zu ent⸗ ziehen. „Unſer Vater im Himmel ſegne Euer auf⸗ geloͤſtes Herz“ nahm Frater Bernhardus ſeinen Abſchied, „und traͤufle Troſt und Bal⸗ ſam auf Euer Haupt aus dem reichen Se ſeiner Gnade!“ 110 9. Nach Sonnenuntergang begann der ſchwar⸗ ze Trauerzug gegen die Veſte Rauheneck zu, ſeinen Anfang zu nehmen. Neben der Bahre gingen zwei Stallmeiſter mit Stäben, von denen lange Flöre herabhingen, vier Edel⸗ knechte hielten die Zipfel des Bahrtuches und vor und hinter der Leiche zogen langſamen Schrittes zwei Reihen Bewaffneter, ſaͤmmt⸗ lich ohne Federſchmuck und mit Flor reichlich uberhangen. Der Todte war in das feinſte Leinen gekleidet, ſein blondlockiges, blaß⸗ freundliches Antlitz ruhte auf ſchneeweißem Polſter, und unter der ſchwarzen mit der ſil⸗ bernen Grafenkrone geſchmuͤckten Decke befand ſich eine Fuͤlle von friſchen Kranzen, die Spen⸗ de der weinenden Dorf-Jungfrauen, zu de⸗ 111 nen Frau Gertrud auch das Ihrige beige⸗ tragen hatte. Die Moͤnche des barmherzigen Stiftes ſchloſſen den Zug, dem aber die Dorfbewohner in ſtiller Andacht bis zu der Bruͤcke das Geleite gaben. Feierlich laͤutete die Dorfglocke und auch von der Stiftskirche her ließ ſich die ernſte Begleiterin der Abge⸗ ſchiedenen vernehmen. Von Zeit zu Zeit ſtimm⸗ ten die Moͤnche den eintönigen lateiniſchen Tod⸗ tengeſang an und ſprachen laut die ublichen Gebetsformeln. Im Schloſſe war auf Graf Tdalberts Befehl wie durch einen Zauber alle feſtliche Pracht verſchwunden und ein ſtiller Ernſt ein⸗ gekehrt. Der Familienſaal, mit ſchwarzem Tuch behangen, war beſtimmt, die ankom⸗ mende Leiche aufzunehmen bis zu ihrer Ein⸗ ſegnung und feierlichen Beiſetzung in der Gruft. Der Graf beobachtete ſeit der inhaltſchweren Botſchaft des Moͤnches ein tiefes Schweigen, er ſchien die Gewalt zu empfinden, mit wel⸗ cher das unerbittliche Geſchick den geoffneten 112 Roſengarten vor unſerm trunkenen Auge oft urplötzlich in ein Grabgewoͤlbe verkehrt, wo die Schaͤdel längſt Verblichener aller Hoheit in funkelnder Krone und Purpur Hohn ſpre⸗ chen. Mit der Vergangenheit, ſich ſelbſt und ſeiner Hoffnung beſchäftigt, hielt er ſich in ſcheuer Entfernung von Adelgonden, wel⸗ che die mehrſten Stunden des Tages in der Schloßkapelle hinbrachte. Der Greifenſtei⸗ ner hatte noch einen Vaterkuß auf Adel⸗ gondens Lippen gedruͤckt, und war nach ſeinem Schloſſe zuruͤckgeritten, wie er ſagte, ſeinen Dienſtleuten nothwendige Befehle zu hinterbringen, in Wahrheit aber, um der Trauer zu entgehen, welche ſo urplotzlich von dem Hauſe ſeines Eidams Beſitz genommen, und welche, nach ſeiner Meinung, als kein gutes Vorzeichen fuͤr die Ehe angeſehen wer⸗ den konnte, indem ſchon jetzt, der Sitte ge⸗ mäß, eine vollkommene haͤusliche Trennung der eben Verbundenen ſtatt haben mußte. M Das Kapellen⸗Glöcklein erklang, ein Zei⸗ chen, daß die Leiche dem Schloß Rauheneck nahe ſey. Obgleich es Kreits eine Stunde vor Mitternacht war, ſo hatte man doch kei⸗ nes Fackelſcheines bedurft, denn der Mond, welcher heut Nacht zum Letztenmal ſein voll⸗ ſtrahlendes Geſicht der Erde zuwandte, er⸗ leuchtete ſo glaͤnzend den Pfad, daß man je⸗ des Steinchen zu unterſcheiden vermochte und die Gegend von einer Sonne erhellt zu wer⸗ den ſchien, welche nur ſtatt ihres goldenen blendenden Strahles heute den wunderbaren Schein eines wehmuͤthig⸗ſilbernen hernieder⸗ ſendete. Nur an dem Eingang des engen Fel⸗ ſenweges, wo von beiden Seiten hohe Tan⸗ nen jeden Lichtſtrahl ausſchloſſen erwarteten Fackeltraͤger die Bahre. Adelgonde trat auf die hohe Gallerie, während der Trauerzug langſam und feierlich das Thal heraufſchritt. Ihr Geſicht gegen die ſilberne Mondſcheibe gekehrt, weit hinausgebo⸗ gen uͤber das Gellaͤnder, verweilte ſie dort 8 114 ſchweigend in jener unbeſtimmten, verzuckten Andacht, wo jeder Gedanke und jede Empfin⸗ dung tauſendfaͤltiges Gebet iſt. Da ſchien es ihr, als ob die Mondesſtrahlen vor ihren Au⸗ gen zuſammenfloſſen und eine Geſtalt bildeten. Und dieſe Geſtalt bewegte ſich ſchwebend zwi⸗ ſchen ihr und der Mondſcheibe, doch bedeckte ſie dieſe nicht, ſondern ſie erſchien ſelbſt aus Ather und Strahlen gebildet, durchſichtig und korperlos. Aber die Zuge des Angeſichts wa⸗ ren kenntlich und Adelgonde waͤhnte Volk⸗ mar vor ſich zu ſehen. Sein ſanftes Lächeln begrußte die Sinnende, doch war kein Aus⸗ druck von irdiſcher Liebe darin und auch Adel⸗ gonde ſah ihn heran ſchweben und ihr Herz ſchlug nicht im feurigen Willkommen einer ir⸗ diſchen Liebe. Er ſandte ein ſpielendes Luͤft⸗ chen vor ſich her, welches den Duft von Mil⸗ lionen Maibluthen in ſich trug. Adelgonde fuͤhlte ſich angekuͤhlt von dieſem luftigen Bo⸗ ten und kurz darauf ſchwebte die Erſcheinung dicht vor den Knöpfen der glaͤnzenden eiſernen Pfeiler des ſteinernen Balkons. Aber im Au⸗ genblick wich die metallne Scheidewand und Adelgond, kniete am Rande des tiefen Ab⸗ grunds, doch graute ihr nicht, denn die Ge⸗ ſtalt war bereit, ſie aufzufaſſen, wenn ſie her⸗ abſtuͤrzte. Nun deutete die Erſcheinung la⸗ chelnd auf den wandelnden Leichenzug im Thal, beugte ſich uber Adelgonde und kuͤßte ihre Stirn. Da war es ihr, als ob Lautenklaͤnge ſie umtoͤnten, doch ohne Melodie und ſo ver⸗ flochten zu raͤthſelvollen Accorden, als ob ſie aus der fernſten Ferne von dienenden Lůͤftchen hergetragen wuͤrden. Die Tone redeten, wenn gleich kein Geſang ſie begleitete, und Adel⸗ gondens Seele nahm ihren Sinn auf, wel⸗ cher ſprach: „Heil demjenigen, den der To⸗ desengel kuͤßt in der Zeit der entkeimenden Bluͤthe, denn ſeine Pruͤfung wird ihm abge⸗ kürzet und ſeine Leidenszaͤhren werden ihm er⸗ laſſen. Klagt nicht uͤber den Hinaufſchweben⸗ den, ſondern ſendet ihm Blicke voll innigſter Sehnſucht nach. So lange das Herz noch 8 * ſchlägt in der Menſchenbruſt, haben Schwaͤchen und Gram ihren Antheil daran. Trocknet die Zaͤhren, welche auf den kalten Leib des Ge⸗ ſchiedenen fallen. Seht ihn an wie ein leeres Gefaͤngniß; moͤgt Ihr weinen, daß der In⸗ wohner nach langer Gefangenſchaft ftei gege⸗ ben iſt? Dreimal Heil demjenigen, deſſen To⸗ desengel ſich ihm im Maimond naht, heiß iſt des Lebens Sommer, und falb und traurig ſein Winter, er hat nur den Eidenfruͤhling gekannt!“ Adelgondens Athem ſtockte, ein Meer von Licht und Duft ſchien ſie wiegend zu tragen, die Erde entwich, die Geſtalt nahm ihre Hand und zog ſie aufwaͤrts gegen den laͤchelnden Mond. „O all ihr Heiligen, erbarmt Euch!“ tief der Burghauptmann, als man am Eingang des Felſenweges das ſchwarze Bahrtuch von Volkmars Leiche nahm, die Fackeltraͤger das ſchoͤne Antlitz beleuchteten und Graf Adalbert in einem frommen Bruderkuß dem Hingeſchie⸗ denen ſeine volle Anerkennung entgegenbrachte. . — 117 Der Graf erhob ſich, erſchreckt durch dieſen jammernden Ruf und erwartete ſchweigend ei⸗ ne unverzugliche Erklaͤrung. „Mir verſagt die Rede, edler Herr,“ fuhr jener ſtockend fort, „ſo Graßliches hab' ich ge⸗ ſehen.“ „Ermannt Euch,“ drang der Graf, „was ſahet Ihr?“ „Eh' ich Euch berichte,“ erwiderte der Hauptmann ohne Athem, „ſendet um des Himmels willen in den Hof, wo der Brun⸗ nen iſt, und hohes Heu aufgerichtet ſteht — welches mir noch eine ſchwache Hoffnung ver⸗ leiht — ich bin unfaͤhig, den ſchwachen Fuß zu regen.“ — „Man gehe dorthin —“ befahl der Graf und augenblicklich gehorchten die Knech⸗ te. „Nun erklaret Euch,“ fuhr er fort, „ihr erſchreckt mich in der That.“ „Ich ſah'“ muͤhte ſich der Burghauptmann zu ſprechen, „auf der hohen Gallerie — eine 118 MWN weibliche Geſtalt, und als ſie einen Blick auf den enthuͤllten Leichnam warf —“ „Um Gott!“ rief Graf Adalbert ahnend, und ergriff krampfhaft des Sprechenden Arm. „Sturzte ſie jaͤhlings uͤber das Gllaͤnder in die Tiefe!“ rief dieſer mit Entſetzen, ſeine Augen verhuͤllend. „O all ihr himmliſchen Waͤchter, beſchuͤtzt ſie!“ ſchrie gräßlich getroffen der Graf und hatte einen Angenblick Beſinnung und den Ge⸗ brauch ſeiner Glieder verloren. Dann aber raffte er ſich mit aller Anſtrengung eines Ver⸗ zweifelten in die Hoͤhe und ſtuͤrzte mit uͤber⸗ natuͤrlicher Haſt den ſteilen Weg hinauf. Wahrend deſſen erhoben die Trager die Bahre und folgten ihm langſam, unter Vor⸗ leuchtung der Fackeltraͤger nach. Als der Graf in den Hofraum trat, trug man ihm die entſeelte Adelgond entgegen; und er warf ſich in thraͤnenloſer Verzweiflung auf den geliebten Koͤrper ſeiner braͤutlichen Ge⸗ mahlin nieder. Sie war von der hohen Gal⸗ — —— 119 M lerie auf das weiche Heulaget gefallen, ſo daß ihr Leib, wie durch ein Wunder, nicht im min⸗ deſten enuellt wurde; aber die Luft hatte ſie erſtickt und keine Spur von Leben zeigte ſich an der ſchoͤnen Huͤlle. Auch blieb alle Kunſt, wel⸗ che der weinende Wittwer aufbieten ließ, ohne Erfolg, und vergebens bot er ſeine Schatze und ſein Beſitzthum als Preis ihrer Erweckung an. Das bleiche, laͤchelnde Antlitz Adelgondens ſchien zu ſagen: „Mir iſt ſo wohl, ich wünſche mich nimmer in das arme Leben zuruͤck“ — Der ſchwarz umhangene Familienſaal ſtellte nun zwei Leichen auf prächtigen Paradebetten aus, und Graf Adalbert von Rauheneck, der reichſte und von dem Volk am gluͤcklichſten gehaltene Mann des ganzen Landes, lehnte mit blaſſem verweinten Antlitz im Fenſter und ſprach: „Was iſt Glanz und Hoheit dieſer Erde? Guͤter, unwuͤrdig des Strebens; denn das Geſchick bricht mit gewaltiger Hand das Herz, und dann er⸗ druͤckt es die Laſt der guͤldenen Krone und des grflichen Geſchmeides.“ 120 MWN Und er faßte den Entſchluß, ſeine Guͤter der Kirche zu weihen, den Namen Rauheneck abzulegen und unter dem ſeines Vaters ſich mit buͤßendem Prieſterkleide anzuthun, daß er ſeine Gedanken abrichte von dem gleißenden Tand auf das, was unwandelbar und ewig ſteht. Den Greifenſteiner Burgherrn warf die Trauerpoſt auf das Siechbett, und es war wohl zu gewahren, er werde den Verluſt ſei⸗ nes einzigen Kindes und den Gram, auf ſei⸗ nem Stammbaum unter dem Namen Adel⸗ gond von Greifenſtein einen blutigen Strich ziehen zu muͤſſen, nicht lang uͤberle⸗ ben. Volkmars und Adelgondens Leichen fanken in einer und derſelben Stunde hinab in ihr duͤſtres Brautgemach. — 7— NH — Well. — — — — — — —= — — 85 — — S * — 4. In der Abſicht, vier und zwanzig Stunden auf dem rothlichen Thonfelſen zu verweilen, hatte ſich Baron Auguſt von Horden von Curhaven aus, wo er das Seebad brauchte, nach Helgoland begeben. Da er nicht zuruͤck⸗ kehrte, ſo zogen ſeine Freunde durch uberfah⸗ rende Fiſcherkaͤhne Erkundigung ein, ob ihm ein Ungluͤck begegnet ſey; zu ihrer Beruhi⸗ gung empfingen ſie jedoch bald ein Schreiben von ſeiner Hand, worin er ihnen meldete, daß er einige Wochen auf der Inſel zu ver⸗ weilen gedächte, weil die Einſamkeit ſeinem Gemuthe unbeſchreiblich wohl thäte. über die angegebene Urſache ſchuͤttelte man unglaͤubig den Kopft denn man kannte Horden als ei⸗ 124 nM nen Lebemenſchen, dem es bisher um Ein⸗ ſamkeit ganz und gar nicht zu thun geweſen war. Der neugierige Kammerjunker von Blechen verſicherte, er gaͤbe zwanzig Louisd'or darum, wenn er hinter die Gründe kommen könne, die Horden auf Helgoland zuräckhiel⸗ ten und er wuͤrde ohne weiteres perſoͤnlich dieſe zu erforſchen eilen, wenn man zu einer Inſel auf anderem Wege, als zur See, gegen die er eine unuͤberwindliche Averſion hegte, gelangen koͤnnte. Rittmeiſter Attenfeld Hor⸗ dens vertrauteſter Freund, meinte, nur ein weibliches Weſen ſey faähig, den Letzten auf einem duͤrftig bewohnten, von Meereswogen umſpuͤlten Eiland feſt zu bannen und man fing an, uͤber die ſchoͤne Helgolanderin, de⸗ ren Netze den Abweſenden umſtrickten, aller⸗ ley ſcherzhafte Muthmaßungen aufzuſtellen. Daruͤber ging die Badezeit zu Ende. Mehrere von Hordens Bekannten reiſten abz Atten⸗ feld war Einer von Denjenigen, welche Cux⸗ haven am ſpäteſten verließen; Horden blieb gab ſich der Rittmeiſter zu der jungen reizen⸗ bereits der Kammerjunker die ganze Geſchichte Eremiten zu ſpielen, keinesweges ungehalten 125 M unſichtbar: deshalb ſchrieb der Rittmeiſter an den Helgolander Eremiten einen humoriſti⸗ ſchen Abſchiedsbrief, worin er nicht undeut⸗ lich zu erkennen gab, daß er die urſache die⸗ ſes Zoͤgerns wohl errathe, worauf er jedoch bei ſeiner ſchleunigen Entfernung keine Ant⸗ wort mehr erhalten konnte. Kaum in der Vaterſtadt eingetroffen, be⸗ den Gräfin Sohr, Hordens Schweſter, wo von des Barons rathſelhafter Flucht erzaͤhlt. hatte, und er glaubte zu bemerken, daß die ſchoͤne Wittwe uͤber ihres Bruders abentheuer⸗ lichen Entſchluß, fuͤr einige Zeit einen Inſel⸗ war. Es ſchien ihm im Gegentheil ihr Ge⸗ ſicht einen Ausdruck anzunehmen, der von großer innerer Heiterkeit und Zufriedenheit zeugte, ſobald die Rede davon war, daß nun wahrſcheinlich Horden viel ſpäter zuruckkehren wuͤrde, als er anfangs geſonnen geweſen war, und er bemuhte ſich vergebens, die Veranlaſ⸗ ſung dieſer Zufriedenheit zu errathen, welche ihm um ſo unerklärlicher blieb, da Bruder und Schweſter ſtets im beſten Einverſtaͤndniß gelebt hatten. Der Kammerjunker marterte ihn mit Fra⸗ gen, ſo oft er ſeiner anſichtig ward, und nahm ſtets zum Vorwande ſeiner Neugier das große Intereſſe, welches Sr. Durchlaucht an der Familie von Horden, als einer der reich⸗ ſten im Lande, naͤhme, ſo daß der Rittmei⸗ ſter ſeit ſeiner Wiederkunft von dem laͤſtigen Schwaͤtzer foͤrmlich belagert wurde. Zehnmal hatte er dieſem ſchon ſein Ehrenwort verpfaͤn⸗ det, daß Horden ihm keine Sylbe geſchrieben habe, daß er kein Sterbenswort davon wiſſe, ob er noch auf Helgoland, oder wo ſonſt er ſich befinde: der Kammerjunker ließ ſich da⸗ mit nicht abfertigen und es war ihm ſchon foͤrmlich zur Gewohnheit geworden, Attenfeld, wo immer er ihn traf, mit der Frage anzure⸗ den: „Nun, nichts Neues von Horden?“ 127 Die Grafin bekam endlich einen Btief von ihrem Bruder, der in hochſt fluͤchtigen Andeu⸗ tungen eine Entſchuldigung ſeines Wegbleibens enthielt; ausfuͤhrlich aber den Auftrag ertheil⸗ te, ihm mancherlei, unter andern einen Cre⸗ ditbrief von einer bedeutenden Summe zu über⸗ machen, woraus hervorging, daß es auf eine große Weiterreiſe abgeſehen ſey. Mit ſichtba⸗ rer Freude theilte ſie die Nachricht Attenferd mit, det kopfſchüttelnd über das ſeltſame Ver⸗ haͤltniß dieſer Geſchwiſter, die Erzaͤhlung der Dame anhoͤrte, auch im Grunde ſeines Her⸗ zens einen kleinen Unmuth nicht unterdruͤcken konnte, daß Horden, deſſen Vertrauen er ſonſt im hohen Grade beſeſſen hatte, gegen ihn ſich ſo geheimnißvoll und zuruckhaltend benahm. Dem Kammerjunker, der ihm kurz darauf mit der gewoͤhnlichen Frage entgegentrat, ver⸗ ſicherte er, es ſey Nachricht da, Horden wol⸗ le nach Amerika reiſen, ließ ſich aber auf die naͤheren Umſtaͤnde, die jener durch unzahlige neue Fragen herauspreſſen wollte, nicht ein, W ſich mit Geſchaͤfts⸗Eile entſchuldigend. Der Kammerjunker hatte nichts Wichtigeres zu thun, als die gemachte Entdeckung weiter zu befoͤrdern, und ſo geſchah es, daß in den vor⸗ nehmen Cirkeln mit vieler Beſtimmtheit von Hordens Reiſe nach dem andern Weltthei⸗ le geſprochen w wogegen die Gräfin Sohr, betheuernd/ daß in ſeinem Briefe auch nicht das Allermindeſte von einem ſol⸗ chen ie ſtaͤnde, vergebens proteſtir⸗ te. Attenfeld, dem die reizende Gräfin ſtets intereſſant geweſen war, hielt ſie und ihre umgebung beobachtend im Auge, um einen Schluſſel ihres ſeltſamen Benehmens bei der empfangenen Kunde von dem Wegbleiben des Bruders, aufzufinden; aber er wußte nach vier Wochen ſo viel, oder vielmehr ſo wenig, als er gewußt hatte, die liebliche Frau ver⸗ band mit ihren körperlichen Vorzügen eine geiſtige Gewandheit ſonder gleichen, und wuß⸗ te in Hinſicht ihrer Shumiſſe noch viel — 129 N ſchaͤrfere Blicke zu taͤuſchen, als die eines ge⸗ raden gemuͤthlichen Soldaten. Eines Morgens — es war der erſte ſchoͤ⸗ ne nach vielen ſtuͤrmiſchen Octobertagen — be⸗ tritt der Rittmeiſter ein Kaffehaus an der Stadt⸗Promenade. Waͤhrend der Warter ihm Chocolate ſervirt, blaͤttert er die Zeitungen durch. Der eben angekommene neueſte Ham⸗ burger Correſpondent iſt die letzte, die ihm in die Haͤnde faͤllt. Er uͤberfliegt einen Artikel von Curhaven datirt. Plotzlich erblaßt er, das Zeitungsblatt entfällt ſeiner Hand, er wirft ein Geldſtuͤck fuͤr das Verzehrte auf den Tiſch, geht nach der Thuͤr, kehrt um, uͤber⸗ lieſt mit aͤngſtlicher Spannung den Curhave⸗ ner Artikel noch einmal, reibt ſich die Augen, ſich zu überzeugen, daß er ſich gewiß nicht taͤuſche, ſteckt endlich nach kurzem Bedenken das Blatt ein und eilt mit größter Beſürzung auf die Straße hinaus. * 2. Die Heirath zwiſchen der Baroneß Louiſe von Horden und dem Grafen Sohr hatte Convenienz und überredung geſtiftet. Wie haͤtte auch das junge lebhafte Maͤdchen einen Mann lieben koͤnnen, der mit unertraglichem Hochmuth, dem Zwillingsbruder des Unver⸗ ſtandes, eine ſolche Eiſeskaͤlte des Gefuͤhls verband, daß er ſich ruͤhmen konnte, durch nichts in der Welt je hingeriſſen worden zu ſeyn. Solche Geſinnungen, mit ſelbſtgefaͤl⸗ ligem Laͤcheln mehrmals in Gegenwart ſeiner Gattin verlautbart, entfremdeten ihm ihr Herz vollkommen und die Witzlinge der Reſi⸗ denz hatten nicht unrecht, zu behaupten, als Graf Sohr an einem ploͤtzlichen Schlagfluſſe verſchied, dieſer fruͤhe Hinuͤbertritt ſey die erſte galante Gefaͤlligkeit, welche Jene von MW Seiten ihres Gemahls erfuhr. Mit einem Manne aus untadeligem Gebluͤte, von be⸗ ſchränktem Kopf und noch beſchränkterem Her⸗ zen hatte Louiſe eine kurze, aber peinvolle Ehe verlebt; es war demnach ganz natuͤrlich, daß nach abgelaufenem Trauerjahr ihr Auge mit Wohlgefallen auf einen Mann fiel, der grade das Widerſpiel des Verſtorbenen ge⸗ nannt werden konnte, welches ihm hinſicht⸗ lich des Kopfes und des Herzens gewiß zur Ehre gereichte, gegen den aber, wegen ſei⸗ ner nicht adeligen Abkunft das alte feſtgewach⸗ ſene Vorurtheil ſeine gewichtige Stimme er⸗ hob. Der Helgolander Eremit, Louiſens Bruder, uͤbrigens ein Mann von der freifin⸗ nigſten Denkungsart, hatte von ſeinem Vater ſolche eherne Anſichten uͤber Stammbaum und Stammhalten des Familienblutes geerbt, daß er vor allen Andern jene feindliche Stimme unterſtuͤtzt haben wuͤrde, wenn er nur die leiſeſte Ahnung von dem Herzensverhaltniß ſei⸗ ner Schweſter gehegt haͤtte; dieſe hielt es 9 * 132 M daher fuͤr gerathen, vor der Hand gegen ihn verſchwiegen zu ſeyn, wie gegen alle uͤbrigen Menſchen, und der Zeit und guͤnſtig einwir⸗ kenden Umſtaͤnden die Bekanntmachung ihrer Wahl zu uͤberlaſſen. Das Geheimniß, die zaͤrtlichſte Pflegerin der Liebe, erhoͤhte den Reiz der bis jetzt ungekannten Empfindung und ſowohl Louiſe als der im Stillen Be⸗ gunſtigte uberließen ſich vollkommen der Gluck⸗ ſeligkeit des Augenblicks, ohne ſich durch die Hinderniſſe ſtoͤren zu laſſen, welche die zarte Scheu der Dame vor ihres Bruders ſtren⸗ ger Denkungsart ihnen in den Weg legte. Eduard Wallen, ſo hieß der heimlich Begluͤckte, war der Sohn eines Rechtsgelehr⸗ ten ohne Vermoͤgen. Er hatte, fuͤr das Studium des Vaters vorgebildet, nichts deſto weniger die ihm beſtimmte Laufbahn verlaſſen und durch ſeinen Hang zur Kriegswiſſenſchaft geleitet, die mühvolle Schule bei der Artille⸗ rie bis zum Lieutenant durchgemacht. Sein Glucksſtern fuͤhrte ihn als Lehrer der Militair⸗ „ ſchule nach der Reſidenz und dort in den ver⸗ trauten Abendkreis bei einer geiſtreichen Da⸗ me, wo in zwangloſer, ſcherzender Conver⸗ ſation auch Perſonen des hoͤheren Adels die Anſtands ⸗ Langeweile der Aſſembleen zu ver⸗ geſſen pflegten und dem gebildeten Manne ver⸗ goͤnnt war, von tiefer eingreifenden Gegen⸗ ſtanden, als der geſtrigen Vorſtellung im Schauſpielhauſe oder zukuͤnftigen Reiſe ins Bad, zu reden. Seine lebhafte Phantaſie, die Waͤrme ſeiner Schilderungen, ſich offen⸗ barend in dem ſchoͤnſten Maͤnnerorgan, das man hoͤren kann, alles dies, unterſtutzt durch ein intereſſantes Kußere gewann ihm die Nei⸗ gung der Graͤfin Sohr, welche ſich in die⸗ ſem Hauſe ganz beſonders wohl befand. Der junge feurige Offizier hatte ſchnell in dieſer Dame das verwandte Gemuͤth erkannt, und widmete ſich ihr in kurzem mit deſto gluͤhen⸗ derer Zuneigung, als bis zu dieſem Zeitpunkt kein weibliches Weſen einen tiefen Herzens⸗ Eindruck auf ihn gemacht hatte. Im Anfang ſuchten und wuͤnſchten die Liebenden nichts mehr, als ſich in dem Abendeirkel zu ſehen. Beide lebten ſtets begleitet durch die Erin⸗ nerung des letzten und erheitert durch die Ausſicht auf den naͤchſten in ſuͤßer Traͤumerei die erſte Periode der genuͤgſamen Liebesſchwaͤr⸗ merei durch. Ein Blick, ein Wort, wel⸗ ches eine Deutung zuließ, alle die tauſend kleinen Wichtigkeiten des erwachten Gefuͤhles, umgaben Eduard und Louiſe waͤhrend der Trennungstage als eben ſo viel taͤndelnde Lie⸗ besgoͤtter, die Blumen auf Blumen in den Pfad niederwarfen, bis der erſehnte Abend der Wiederbegegnung kam. Aber die Liebe iſt nur genügſam, ſo lange der Zweifel in ihrer Geſellſchaft weilt; weiß das Herz aus untruͤg⸗ lichen Zeichen, daß das Herz ihm entgegen⸗ ſchlaͤgt, hat die überzeugung: „Du biſt ge⸗ liebt“ unter Jubelhymnen und Jauchzen den Einzug gehalten, dann genuͤgt der Blick und das Wort, welches eine Deutung zulaßt, nicht mehr; Alles iſt nun ſo klar wie das Auge des Himmels, aber daß es klar ſey, einander zu ſagen, ohne Scheidewand von Zeugen, ohne Zwang⸗Gewand des geſell⸗ ſchaftlichen Anſtandes, das druckt die Bruſt wie ein Gewiſſen⸗ beſchwerendes Geheimniß und laͤßt nicht Ruhe, bis es geſagt 6 und erwidert. Eine reiche Wittwe und ein junger unter⸗ nehmender Offizier, beide ſterblich in einan⸗ der verliebt, zerbrechen ſich nicht lange den Kopf, wenn es gilt, ſich unbemerkt zu ſe⸗ hen und zu ſprechen. Wallens Talent zu Geſang und Guitarren⸗ Spiel giebt dazu ei⸗ nen herrlichen Vorwand. Er iſt in der Stadt noch ganz unbekannt. In Civilkleidern, den Domeſtiken als Muſiklehrer bekannt, kommt der Beneidenswerthe zweimal die Woche Vor⸗ mittags zu ſeiner Angebeteten, hat das Gluͤck eine Stunde und laͤnger ungeſtoͤrt bei iyr ver⸗ weilen zu koͤnnen, ja, jeder Beſuch wird abgewieſen, da die Gräfin ſich in der Muſik⸗ ſtunde befindet, und welchen Scherz, welch 136 trauliches Koſen gewaͤhrt die romantiſche Ver⸗ mummung dem liebenden Paare, wenn es die Noten und das Inſtrument vor ſich hin legend, uͤber die Muſik der Himmel alle ir⸗ diſchen Klaͤnge vergißt. Die Klugheit gebie⸗ tet, Wallen in ihrem Hauſe nicht vorſtel⸗ len zu laſſen; wenn man ſich in dem Abend⸗ kreiſe begegnet, iſt man artig gegen einan⸗ der, aber fremd, man meidet bedeutende Blicke, man beſchaftigt ſich mit andern Per⸗ ſonen, man lenkt die Aufmerkſamkeit ab, kurz, das Geheimniß wird ſo bewahrt, daß bis daher keine ſterbliche Seele das Mindeſte erraͤth. Louiſens Freundinnen und Be⸗ kannte, ſchon davon unterrichtet, daß ſie an den gewiſſen Tagen und zu der gewiſſen Stunde durchaus unſichtbar zu ſeyn wuͤnſcht, beläſtigen ſie nicht mit Beſuchen, und die Sicherheit, jene Verbuͤndete des Feindſeli⸗ gen, laͤßt wahrend Hordens Abweſenheit unſere Liebenden, eingewiegt durch fortwaͤh⸗ rendes Gelingen aller ihrer Plane, die Vor⸗ ſichtsmaaßregeln vergeſſen, die man ungeſtraft niemals vergißt. Als Rittmeiſter Attenfeld das Faffe⸗ haus voll Beſtuͤrzung verlaͤßt, befindet ſich gerade Eduard bei ſeiner geliebten Louiſe. Stumm wie immer liegt das Inſtrument auf den Muſikalien, Beide ſitzen auf der Otto⸗ mane, der Gräfin engelſchoͤnes Antlitz lehnt an der Bruſt des ſeligen Eduard, welcher ihre Locken und ihre Stirn, Augen und Wangen mit Kuͤſſen uberdeckt. Die nachlaſ⸗ ſig gewordene Dienerſchaft hat ſich zerſtreut, die Thuͤr iſt unverſchloſſen. Eben ſtromen Beide in einem lang gehaltenen ſchwelgenden Kuſſe alle jene unzähligen Liebesbetheurungen und ſtummen Schwure, fuͤr die die Sprache ſtets zu unberedt iſt, gegen einander aus; da oͤffnet ſich die Thuͤr, und o Entſetzen, eine fremde Männergeſtalt in Uniform ſteht da, ein Zeuge dieſer himmliſchen, geheim⸗ nißvoll ſeligen Minute, ein kalter fremder Mann, der das gluͤhende Paar aus ſeinen 138 Himmeln mit roher Hand in einen Abgrund von ſchamvollen, proſaiſchen Empfindungen ſturzt. Es iſt Attenfeld. Die Gräfin vermag keine Faſſung zu gewinnen. Eduard, in ſeiner Heſtigkeit, von Zorn uͤbermannt, ſpringt auf, ſtuͤrzt dem Kommenden entge⸗ gen; waͤhnend, er habe ſeinen Degen an der Seite, ſpricht er mit Nachdruck: „Mein Herr, auf dieſe Weiſe tritt kein Mann von Ehre in das Zimmer einer Dame; Sie gehn mit mir, ich verlange Erklaͤrung.“ Und ehe die einer Ohnmacht nahe Grafin Staͤrke zur Rede gewinnt, ſind beide Offiziere hin⸗ weg geeilt. 3. Attenfeld war der Mann nicht, der einen Gang auf Klinge oder Kugel ſcheute. Die etwas voreilige Auſſerung des feuerent⸗ 139 brannten Liebhabers, daß auf ſolche Weiſe, wie er that, kein Mann von Ehre in das Zimmer einer Dame traͤte, luͤftete gewiſſer⸗ maßen ſchon den Säbel aus der Scheide und der Gedanke, daß der unbekannte, im ſchlich⸗ ten überrock gekleidete Mann bei einer Dame, die ihm ſelbſt keinesweges gleichguͤltig war, ſo himmelſchreiendes Glüͤck genoß, war nicht ge⸗ eignet, ſeinen Zorn niederzukaͤmpfen. Der er⸗ ſte Schreck uͤber das Unerwartete, was er ſah und das noch Unerwartetere, was er zu hoͤren bekam, vermochte ſo viel uͤber ihn, daß er dem ſtuͤrmiſchen Gegner auf die Straße hinab folgte, ohne ein Wort auf die ihm zugefugte Beleidigung zu erwidern. Erſt als Beide ſtumm, mit grimmig zuſammengebiſſenen Lip⸗ pen etwa hundert Schritt in der Straße oh⸗ ne Ziel und Zweck neben einander hingerannt waren, brach der Rittmeiſter das Schweigen mit der kaum vernehmlich hingeworfenen 5 ge: „Wohin gehen?“ 140 MN „Wohin es beliebt,“ entgegnete Eduard halblaut und trocken, waͤhrend Beide ſtill ſtan⸗ den. „Von muͤndlichen Erklaͤrungen,“ ſprach der Rittmeiſter mit leuchtendem Auge, „kann natuͤrlich die Rede nicht ſeyn, ſondern — —“ „Von Erklaͤrung durch die Waffe, das verſteht ſich;“ unterbrach ihn der Artilleriſt. „Wo und wie?“ murmelte Attenfeld. „Mir gleich!“ fluſterte Eduard. „Wir erregen Aufſehen,“ meinte der Ritt⸗ meiſter, einige Leute bemerkend, denen die ſeltſame Manier der beiden Sprechenden auf⸗ zufallen ſchien, „folgen Sie mir in meine Wohnung, dort wollen wir das Nahere ab⸗ thun.“ „Ich bin bereit,“ entgegnete Wallen, und ſie ſetten ihren Weg fort. Ohne eine einzige Sylbe noch zu verlautbaren, erreich⸗ ten ſie Attenfelds Wohnung. Die Zim⸗ merthur wurde feſt verſchloſſen, bei welcher Vorſichtsmaßregel Wallen den Gedanken nicht * unterdruͤcken konnte, wie durch ein einziges Schluͤſſelumdrehen der ganze Vorfall mit ſei⸗ nen nachſchleppenden, unberechenbaren Folgen ſo leicht hätte vermieden werden koͤnnen, eine Betrachtung, die ſich gewoͤhnlich dann einzu⸗ ſtellen pflegt, wenn ſie das Bittere des Un⸗ abaͤnderlichen vermehrt. Nachdem man ſich uͤberzeugt hatte, daß man vor jeder Stoͤrung geſichert ſey, nahm Attenfeld das Wort. „Indem Sie einen Soldaten einen Mann ohne Ehre genannt haben,“ ſprach er zitternd, „haben Sie ihm die großte Beleidigung zuge⸗ fuͤgt, die Sie ihm zufuͤgen konnen. Ich be⸗ weiſe dadurch meine Verehrung gegen die Grä⸗ fin Sohr, daß ich einen Unbekannten, den ſie auszeichnet, werth halte, Satisfaction von ihm zu fordern, ohne nach Stand und Na⸗ men zu fragen. Ich fordere Sie und Sie haben die Wahl der Waffen.“ „Hier handelt es ſich wenig um Wort⸗ klauberei, „entgegnete der heftige Eduard, „onſt wurde ich Ihnen zeigen, daß es an 142 WN mir iſt, von Ihnen Genugthuung zu verlan⸗ gen. Nimmermehr wird man mich uͤberreden, daß Zufall oder lobliche Abſicht einen Ofſizier ohne empfangene Erlaubniß in das Boudoir einer Dame dringen laſſen, der es juſt in die⸗ ſer Stunde um ſeine Geſellſchaft keinesweges zu thun war. Wie ſich dieſes Schleichen, die⸗ ſes Aufſpuͤren von fremdem Geheimniſſe zu der Uniform verhält, die Sie tragen, habe ich ausgeſprochen. Gleichguͤltig iſt's, wer for⸗ dert und gefordert wird, wenn nur daraus erfolgt, daß Klinge gegen Klinge liegt. Ich beſtimme den Säͤbel und erſuche Sie, wenn Sie Waffen haben, den Ehrengang auf der Stelle ſtatt finden zu laſſen.“ Ohne dieſe Rede einer Antwort zu wuͤr⸗ digen, holte der Rittmeiſter aus dem Cabinet ſeinen zweiten Säbel, ſchnallte den ſeinigen ab, zog beide Klingen aus der Scheide, in⸗ dem er ſie mit ſeinem Handſchuh abputzte, und hielt ſie dem gluͤhenden Gegner zur Wahl vor. Dieſer griff in ſeiner leidenſchaftlichen — — 143 M Aufwallung nach der erſten der beſten und ſtellte ſich mit einem hingeworfenen „nun, wenn's gefůllt“ in Poſitur. Wallents vor⸗ geſtreckte Klinge brauchte keine Secunde auf die des Rittmeiſters zu harten „und beide wa⸗ ren im Begriff, die feindlichen Demonſtratio⸗ nen zu beginnen, als es draußen leiſe an die Thuͤr klopfte. 3 „Zum Henker,“ fluchte Attenfeld in den Bart hinein, und ſeinen Säbel von dem des Gegners zuruͤckziehend, fragte er nicht eben im hoͤflichſten Tone nach der Thuͤr gewendet: „wer iſt da?“ „Ich bin's!“ rief eine freundliche, geſchnie⸗ gelte Stimme, „machen Sie auf, cher ami, Kammerjunker von Blechen.“ „Daß die Memme bei allen Teufeln wa⸗ re,“ fluͤſterte Attenfeld dem kaum athmen⸗ den Wallen zu, „das iſt der neugierigſte Kerl unter der Sonne, wenn ich ihm nicht offne, ſo behorcht er den Vorgang und in der naͤchſten Stunde weiß es der Hof. Haben 144 Sie die Güte, einſtweilen die Waffen zu ver⸗ bergen.“ Wallen nahm haſtig die Saͤbel und leg⸗ te ſie auf des Rittmeiſters Bett im Schlaf⸗ zimmer, waͤhrend der Letzte, mit aller inneren Kraft ein gleichgültiges Geſicht erzwingend, die Stubenthuͤr aufſchloß. „Sieh, ſieh,“ lächelte der eintretende Kam⸗ merjunker, „Rittmeiſterchen, warum denn ſo verpaliſadirt? Ich dächte, ich hätte außer den Shirgen noch Tritte vernommen; mit wem ſper⸗ ren Sie ſich denn ſo behutſam ein?“ Hier trat Wallen, ebenfalls ſo gut als moglich ſeine Gemuͤthsbewegung verbergend, wieder in das Zimmer und da Attenfeld unterließ, die Gaͤſte, wie es ſchicklich geweſen waͤre, einander vorzuſtellen, welches ihm bei der Unbekanntſchaft mit ſeinem Duellgegner unmöglich war, ſo richtete der neugierige Kammerjunker bei jedem Wort, welches er ſprach, einen forſchenden Blick auf den Civili⸗ ſten, gleichſam um aus Geberden und Mienen M das zu errathen, was man ihm leider ver⸗ ſchwieg, wer nehmlich der Fremde ſey und was er hier zu thun habe. Wallen, dem dies Betrachten zuwider war, drehte ihm den Ruͤcken zu, begab ſich zu dem Tiſch, wo At⸗ tenfeld vor dem begonnenen Klingenſpiel das Zeitungsblatt hingeworfen hatte, und nahm deſſelbe, blos um den ſtechend freund⸗ lichen Blicken des Hofmanns auszuweichen, in die Hand. Während Attenfeld dem läſtigen Kam⸗ merjunker einen Stuhl praͤſentirt, faͤllt des Artillerie⸗Offiziers Auge auf den Cuxhavener Artikel. Ein heſtiger Schreck zeigt ſich deut⸗ lich auf ſeinem Geſichte, er dreht ſich ge⸗ ſchwind zu dem Rittmeiſter, dem nichts ent⸗ gangen iſt, was jener that. „Um Gotteswillen,“ ſpricht Wallen, „haben Sie —“ „Geleſen“ will er ſagen, aber Atten feld laͤßt ihn nicht ausſprechen, 10 NNNN „Was Sie erſchreckt, erſchreckte mich, und das war die Urſach, warum Sie mich — —“ „Da trafen, wo Sie mir ſo ungebuͤhrlich begegneten,“ will er ausſprechen, aber der Zeuge verſchließt ihm den Mund. Wallen, dem ein Schleier von ſeinen Augen gefallen iſt, fuͤhlt, wie alle lehhafte Gemuͤther, mit der klaren Vorſtellung eines begangenen Unrechts auch den draͤngenden Wunſch, dies Unrecht gut zu machen. Er tritt zu Attenfeld; mit der heſtigſten in⸗ nern Bewegung, die Folge der widerſprechend⸗ ſten Vorfaͤlle, ſpricht er: „Sie moͤgen wohl einſehen, daß ich Ihnen viel zu ſagen wuͤnſch⸗ te. Morgen ſehn Sie mich wieder — erlau⸗ ben Sie, daß ich mich jetzt mit dieſem Blatt entferne, warum und wohin wiſſen Sie — Sie ſind ein Mann von Ehre,“ ſetzte er mit großem Nachdruck hinzu, „ich kann Sie nicht beſſer uͤberzeugen, daß ich Sie dafuͤr halte, als indem ich Sie nicht einmal bitte, u ſchweigen.“ Er entfernt ſich haſtig mit dem Zeitungs⸗ blatt, waͤhrend vorlaͤufig der Rittmeiſter mit der Erklaͤrung zufrieden ſcheint. Der Kammerjunker, deſſen Neubegier auf das Hoͤchſte geſchraubt iſt, ſieht den Fremden kaum zur Thuͤr hinaus ſchreiten, ſo beginnt er den lang gedaͤmmten Fragenſtrom loszulaſ⸗ ſen. „Wer war —2“ „Sagen Sie um des Pimmels Willen —“ „Iſt's etwas von Hor⸗ den?“ „Erklaͤren Sie dieſe geheimnißvoll Reden,“ ſo draͤngt eine Frage di⸗ andere; aber der Rittmeiſter, obgleich e⸗ ihm in Hin⸗ ſicht Hordens die wichtigſte itung mitthei⸗ len kann, ſchweigt, um die F einung zu recht⸗ fertigen, die der Unbekannte von ihm zu he⸗ gen beim Abſchiede verſichert hat. 4. — Am andern Morgen emp 6g xttenfelß ein Billet des Inhalts: 10 148 Herr Rittmeiſter! Die troſtbedurftige Lage, in welcher ſich die Graͤfin Sohr ſeit geſtern befindet, eine Lage, die meine Naͤhe noͤthig macht, indem ſie zu gleicher Zeit den Schleier zu luften er⸗ laubt, der mein Verhaͤltniß zu dieſer Dame bisher bedecken mußte, haͤlt mich ab, Ihnen perſoͤnlich die ausfuͤhrliche Entſchuldigung mei⸗ ner Ubereilung zu uͤberbringen. Alles, was meine Waut uͤber ihren Character zu mir ge⸗ ſprochen, vemehrt nur den einzigen Wunſch, welchen ich geſtern beim Weggehen ſo deutlich als es die Umſtaͤnde zuließen, außerte, den Wunſch, durch aufrichtiges Eingeſtehn meines Fehlers, das Vergeſſen deſſelben Ihrerſeits und Ihre Achtung mir zu erſtreben. Empfan⸗ gen Sie die Verſicherung, daß ich den erſten freien Augenblick benutzen werde, Ihnen durch meine dargebotene deutſche Hand die Geſin⸗ nungen zu bethaͤtigen, welche ich die Ehre hatte durch dieſe Zeilen auszuſprechen, und 149 M geben Sie mir durch ein freundliches Entge⸗ genkommen den Beweis, daß ich mich nicht tauſchte, wenn ich der Hoffnung Raum gab, Sie laſſen die Friedenshand des Freundes eben ſo wenig auf⸗Antwort harren, als die Klinge Ihres Gegners. Freund⸗ und Cameradſchaft! Eduard Wallen, Lieutenant bei der 3. Artillerie⸗Brigade. „Ein Offizier!“ rief der Rittmeiſter ver⸗ wundert nach Leſung des Brieſes, „alſo wirk⸗ lich ein Soldat! Drum ſtand er auch in ſei⸗ nem Uberrock, die Klinge in der Hand ſo ſtattlich mir gegenuͤber, daß es mir ordent⸗ lich Freude machte. Gluͤck zu, Herr Came⸗ rad, Sie haben's beſſer getroffen, als ich — — je nun, wenn die ſchoͤne Graͤfin mich doch einmal abſolut nicht will, ſo iſt es mir doch immer lieber, ſie wahlt einen Offizier, als ſolch einen Windbeutel von Kammerjunker, wenn dieſer auch ſo viel Ahnen hat, als mein Portd'epee Troddeln. Da habt Ihr freilich 150 MN Recht gehabt, Ihr Liebesleute, vor meinem Freund Horden Euch zu verſtecken, Ihr waͤ⸗ ret ubel gefahren mit der Zeitung, daß die Grafin, wenn's hoch kommt, Frau Haupt⸗ maͤnnin zu werden gedenkt — — nun iſt Al⸗ les anders! Welcher Satan hieß aber Hor⸗ den zur See gehen — — hat's gebuͤßt — mir iſt's leid um ihn; denn er war trotz ſei⸗ ner Stammbaum⸗Schwaͤche, trotz ſeiner Flat⸗ terhaftigkeit bei den Weibern, ein guter Jun⸗ ge! — „Es iſt geſattelt,“ meldete der baͤrtige Diener. „Heilloſes Rekruten⸗ Exerciren!“ brummte der Rittmeiſter, den Saͤbel umſchnallend und Muͤtze und Handſchuh empfangend. „Hoͤre, John,“ ſprach er dann zu dem Burſchen, der eben im Begriff war, ſich hinab zum Stalle zu begeben, „bin ich bis zwei Uhr nicht wieder da, ſo holſt Du kein Eſſen aus dem Hotel, ich bin dann uͤber Land geritten und eſſe, wo ich was finde.“ „Ganz wohl,“ entgegnete der Soldat, und eilte, ſeinem Vorgeſetzten den ſchoͤnen Braunen vorzufuͤhren. Der Rittmeiſter klopfte des Thieres Maͤh⸗ ne, ſtreichelte ihm den Vorderkopf, ließ es ſich ſchulgerecht ſtrecken, warf auch gelegent⸗ lich einen Blick auf die Nachbarſchaft, deren weibliche Halfte ſelten den huͤbſchen Cavalle⸗ riſten ungeſehen von dannen reiten ließ, und zoͤgerte ſo noch ein gutes Weilchen, bis er den linken Fuß in den Buͤgel ſetzte. Den rechten uͤberwerfen, beide Sporen geben und im ſauſenden Galopp uͤber das Steinpflaſter raſſelnd dahinfliegen, war gewoͤhnlich das Werk einer Secunde. Diesmal ſaß der Ritt⸗ meiſter ſchon im Sattel, aber der Zugel wurde nicht losgegeben, die treibenden Spo⸗ ren ruhten und der reſpektvoll daſtehende John, der gewohnt war, die Reit⸗Praͤludien ſeines geſtrengen Hertn Rittmeiſters, wie Alles, was dieſer that, als etwas außerordentlich Wichti⸗ ges anzuſehen, ſchickte ſich an zum Roſſe zu, 152 NNN treten, in Unterthaͤnigkeit zu fragen, ob et⸗ was fehle, oder ob die Buͤgel zu hoch oder zu niedrig hingen. Dem ernſten ehrbaren Reitersmann fiel es gar nicht ein, daß ir⸗ gend ein Fenſter dieß Zögern veranlaſſen könn⸗ te, und doch war es nichts als ein Fenſter, oder vielmehr das, was ſich hinter dem Fen⸗ ſter befand, wodurch das ungeduldige Pferd genoͤthigt wurde, zu pruſten, zu ſchnauben und an dem hemmenden Zuͤgel zu zupfen. „Befehlen der Herr Rittmeiſter noch et⸗ was?“ fragte John, die rechte Hand an die Muͤtze legend und zwei Schritte mit einem trappenden Schlußpunkt vorwaͤrts tretend. „Ja — — John,“ entgegnete der Of⸗ ſizier gezogen, immer noch nach der andern Seite ſchielend, „mir fehlt — — ich woll⸗ te — —“ er wußte ſelbſt nicht, was er wollte. Der harrende Soldat ermuͤdete nicht im ehrfurchtvollen Aufſchauen. 153 „Hol' mich der Henker, ein Engel!“ fuhr dem Rittmeiſter heraus. „Unterthaͤnigſt?“ fragte der Burſch, wel⸗ cher den Ausruf nicht verſtand. „Ja ſo,“ corrigirte ſich der Offizier, „ich wollte ſagen, Du ſollſt mir das Billet herun⸗ ter holen, welches der Bediente heute früͤh brachte — ich habe es auf dem Ziſche liegen laſſen,“ und war ſehr zufrieden uber die er⸗ fundene Commiſſion. not John gehorchte. Unterdeſſen wurde dem Pferde heimlich be⸗ fohlen, ſich ſo ausgelaſſen und ſo ungebehrdig zu benehmen, wie es nur immer moͤglich war. John kam mit Wallens Briefe viel zu ge⸗ ſchwinde wieder, wofuͤr ihn ſein Herr mit den Worten anfuhr: „Na, Du biſt wohl die Treppe hinunter geflogen!“ welches dem Sol⸗ daten, der ſonſt nie raſch genug ſich bewegen konnte, ganz räthſelhaft vorkam. Akten⸗ feld ſteckte den Brief ein, warf noch einen ausdrucksvollen Blick auf das inhaltſchwere 154 W Fenſter und ließ dann ſeinem edlen Thiere den Willen. . Das Fenſter mochte auch wohl Schuld ſeyn, daß er heute weniger ſtrenge in Be⸗ ſichtigung der Rekruten-Ubungen war, und ſich viel eher davon losmachte, als ſonſt. Er hatte ſich vorgenommen, einen Spazierritt zu machen, aber ſeine Wohnung, die ihm plotz⸗ lich viel comfortabler und freundlicher vorkam, zog ihn ruckwaͤrts. Er laͤßt ſein Pferd ruhigen Schritt treten, um ohne Aufmerkſamkeit auf das Thier, ſei⸗ ner Seele das herrliche Fenſter ungeſtoͤrt vor⸗ fuͤhren zu koͤnnen und beginnt erſt an der Ecke ſeiner Straße mit einigem Laͤrmen einher zu traben. Da gewahrt er eine Reiſe⸗Chaiſe, die an ſeinem Hauſe vorfaͤhrt. Ein Herr ſpringt haſtig daraus hervor und in die offene Hausthuͤr. Attenfeld ſtutzt. „Na, das iſt doch nicht moͤglich!“ ruft er ſich ſelbſt zu; aber er fliegt im Nu zu ſeinem Hauſe, von ſolcher Spannung getrieben, daß ihm ſogar 155 ſein herrliches Fenſter aus dem Sinne kommt. Er wirft ſich vom Pferde, welches John in Empfang nimmt, er eilt in die Thur, er ſieht den Mann, der angekommen iſt; dieſer ſteht mit ausgebreiteten Armen da, in der er⸗ ſten Secunde glaubt der Rittmeiſter, er traͤumt, in der zweiten uberzeugt er ſich, daß er wacht, in der dritten liegen die beiden Männer ein⸗ ander in den Armen. — „Das iſt doch ſeltſam“ meinte der Kam⸗ merjunker von Blechen, als er die Trep⸗ pe von der Graͤfin Sohr, wo er nicht an⸗ genommen worden war, herabkam, „das iſt eine beiſpielloſe Verwickelung von Begebenhei⸗ ten, sur mon honneur — wenn ich mit mei⸗ nem Scharſſinn mich nicht durchfinden kann, ſo moͤcht' ich denjenigen ſehen, der darin klar ſieht.“ 156 M Er nahm in der Thuͤr des Hauſes ſtehend aus der goldenen Doſe eine hoͤchſt zierliche Priſe mit vieler Wichtigkeit und tiefdenkendem Ernſte. „Wie kann man Braut ſeyn und zugleich au deèsespoir? — Braut iſt ſie, daran iſt kein Zweifel — aber wie denn das ſo ploͤt⸗ lich? mit wem? — — und die graͤßliche Zeitungsgeſchichte, von der der Kammerdie⸗ ner erzaͤhlt! cela me fait tourner la téte. Ich muß es ſelbſt leſen, ſonſt glaub' ich es nicht; heißt es doch oft genng, wenn ich Neuigkeiten bringe: „da hat man Ihnen wie⸗ der ein Buͤndelchen aufgebunden!“ — Dies⸗ mal will ich mich erſt uͤberzeugen, und dann rapportiren.“ — Er ſtand im Begriff, ſein ſaͤuberlich auf den Spitzen der Fuͤße, ſeines Weges dahin zu ſchweben, als ein junger Mann in ſchlich⸗ tem überrock an ihm voruͤber durch das Thor des graflichen Hauſes ſchritt und die Treppe hinan eilte. Das Geſicht fiel dem Kammer⸗ 157 junker auf, es war ihm bekannt; aber er konnte ſich im erſten Augenblick nicht erin⸗ nern, wo er es geſehen. Da der Fremde augenſcheinlich die Abſicht hatte, der Grafin aufzuwarten, ſo hielt die Neugier den Kam⸗ merjunker noch auf ſeinem Thůrpoſten feſt, indem er, glaubend daß, wo er keinen Ein⸗ laß gefunden, ein Anderer beſtimmt nicht vorgelaſſen wuͤrde, das Wiedererſcheinen des Unbekannten abwarten wollte. Aber zum groͤßten Befremden des Harrenden, vergingen wohl zehn Minuten, ohne daß jener wieder ſichtbar ward, und es drang ſich ihm end⸗ lich die Gewißheit auf, die Schlußfolge in Hinſicht des Eingelaſſenwerdens ſey doch nicht ſo ganz richtig geweſen. Vergebens bemuͤhte er ſich, die Zuge des unſcheinbaren Mannes in ſeinem Gedaͤchtniß mit fruͤher begegneten zuſammenzureimen, er konnte keine Spur finden und doch wußte er gewiß, der Geſe⸗ hene ſey ihm irgendwo ſchon vorgekommen. 158 „Sollte dieſer?“ — uͤberlegte er, „waͤre das moͤglich? Gräfin Sohr und ein über⸗ rocksmenſch, dem man gewiſſermaßen die pourgeoisie von weitem anſieht? — — bah, bah, muß denn nun Jeder, der in ihr Zimmer geht, der Bräutigam ſeyun? — Kann nicht irgend ein Commiſſionair, eine Geſchaͤftsperſon, in Geldangelegenheiten — — richtig, ſo ſah der Mann aus, wie der Commis eines Comtoirs, ganz accurat ſo, und ich habe eine große botise begangen, meine Zeit mit Warten zu verlieren, waͤh⸗ rend ich eine hoͤchſt importante, wenn auch traurige Nachricht zu uͤberbringen habe.“ Die letzte Reflerion brachte den Kammer⸗ junger Blechen in Bewegung. Er wandte ſich zum großen Platze, wo der Schweizer Maroni in ſeinem Confituͤren⸗Laden den naſchenden Gäſten, als Zubiß zu den gekauf⸗ ten Suͤßigkeiten, jedmögliche Zeitung reichte. Nachdem er drei baisers mit Grazie ver⸗ ſchluͤrft, forderte er das vorletzte Blatt des 159 b Hamburger Correſpondenten. Während er mit der linken Hand noch einige kleine Ku⸗ chen ſeinem Munde zufuͤhrte, ließ er mit der Rechten ſämmtliche Columnen der Zei⸗ tung vor ſeinem Auge die Revue paſſie⸗ ren. Endlich trifft er den geſuchten Artikel. Er iſt uͤberzeugt. „Cela me touche „ ſpricht er mit wehmuͤthigem Geſicht, den letzten baiser verzehrend und ſeine mit Vergißmeinnicht und Roſen geſtickte Boͤrſe ziehend. „Incroyable et touchant,“ fluͤſterte er, dem Schweizer mit einem vornehmen Kopfnicken Adieu hin⸗ werfend, wobei dieſer, die Zeitung neugie⸗ rig betrachtend, um das Unglaubliche und Ruͤhrende darin aufzufinden, unglaublich un⸗ terthaͤnig und dumm ausſieht. „Wie nun?“ fragt ſich der Kammerjunker auf der Straße, „wie nun der zarten Dame die tristes nouvelles beibringen? Beibrin⸗ gen muß ich ſie ihr. Kommt mir ein Ande⸗ rer zuvor, regnet es reproche auf reproche, 7 160 ̃ „warum haben Sie nicht?“ „Sie wußten doch“ „Sie ſind ingrat“ und dergleichen mehr. Der ungemeine Einfluß der Dame auf Sr. Durchlaucht erlaubt nicht, daß ich ein Nadelſpitzchen verabſaume. Ich verlaſſe mich auf mein genie, meine unbezahlbare pré- sence d'esprit, die mir durch alle ſchwierigen Verhaͤltniſſe noch ſtets gluͤcklich durchgeholfen haben.“ Ermuthigt durch die Selbſt⸗Apoſtrophe begiebt er ſich zu dem Palais der Reichsgraͤfin von Rothenfels; denn dieſe Dame iſt es, welche Baron Auguſt von Horden mit gunſtigen Augen betrachtend, ſich des ſpü⸗ renden Hofmannes bedient, um uͤber das wunderbare Helgolander Projekt Aufſchluß zu bekommen. Er wurde gemeldet und angenom⸗ men. Die Reichsgraͤfin ſitzt auf einem Sopha und ein wunderſchoͤnes Maͤdchen ihr zur Sei⸗ te. Es iſt Fraͤulein Holm. Nach der zierlichſten Begruͤßung faͤngt der Kammerjun⸗ M ker an, ſich, was man ſagt, um den Berg herum, ſeiner laſtenden Zeitung zu entledigen. Fräulein Holm, ſo weiß er, iſt eingeweiht in alle Verhaͤltniſſe der Gra⸗ fin und er braucht ihre Gegenwart nicht zu ſcheuen. „Ihre Excellenz,“ ſpricht er nach lang⸗ dauernden und langweiligen Praͤludien, „ha⸗ ben eine ſo fromme Ergebung in den Willen Gottes, daß Sie die Nachricht von der gefaͤhr⸗ lichen Krankheit eines hochgeſchaͤtzten Freundes anhoren koͤnnen, ohne ſich einem, Ihre unſchatz⸗ bare Geſundheit bedrohenden Schmerze hinzu⸗ geben.“ „Herr von Blechen,“ entgegnet die Graͤfin, „haben Sie mir etwas Unangeneh⸗ mes mitzutheilen, ſo bitte ich Sie um moͤg⸗ liche Kuͤrze und Beſtimmtheit. Dieß Ziehen und Zögern iſt ſo unertraglich, als das Unertraͤglichſte. W haben Sie, was wiſſen Sie?“ W „Ew. Excellenz befehlen,“ replicirt mit afſektirter Traurigkeit und Theilnahme der Kammerjunker, „ich habe demnach keine Ver⸗ antwortung, wenn ich durch meine Nachricht Sie in eine horrible situation verſetze. Ba⸗ ron Auguſt von Horden iſt vor vierzehn Tagen im Meere ertrunken, ich habe es ſo eben mit eignen Augen in der Zeitung gele⸗ ſen.“ Anſtatt, wie der Kammerjunker geglaubt hat, au méme in Ohnmacht zu fallen, brechen die Graͤfin und ihre Geſellſchafterin in ein lautes Gelaͤchter aus. Vor der Hand vermoͤgen ſie, ſich an der verwundernden Verlegenheit des Hofmannes ergoͤtzend, gar nicht zur Sprache zu gelangen; endlich ſtot⸗ tert die Graͤfin, durch Lachen unterbro⸗ „Cher Blechen, da hat man Ihnen einmal wieder ein ſchoͤnes Buͤndelchen aufge⸗ bunden!“ und nun beginnt das Lachduett der beiden Damen auf's neue. Der Kammerjunker zuckt die Achſel, ſpre⸗ chend: „Je suis stupefait,“ und ſein genie und ſeine présence d'esprit ſind auf Rei⸗ ſen gegangen. Hofmarſchall von Rothenfels, der BGrfin Onkel, ein Uneingeweihter, tritt in das Zimmer — fur jetzt kann der geſpannte Kammerjunker keine Aufklärung des Lach⸗ Räthſels empfangen. 6. Wallen hatte das Hauptmann⸗Patent empfangen. In voller Uniform trat er zu Attenfeld ins Zimmer. Ohne ein Wort zu reden, blieb er an der Thuͤre ſtehen und hielt dem Rittmeiſter zum Handſchlag die Rechte hin. Dieſer, wie es dem gemuͤthlichen Man⸗ ne zukommt, zahlte nicht bloß mit gleicher Muͤnze, ſondern gab als Agio eine Umar⸗ mung und einen Kuß darauf. 164 MN „unſere Feindſchaft iſt abgethan,“ ſprach Wallen, „unſere Freundſchaft ſoll ſo leicht nicht abgethan werden koͤnnen. — Welch ein — Gluͤck, daß Horden bei Ihnen abſtieg, daß Sie der Graͤfin unter dem Vorwand, die Freude, nach der Schiffbruch-Relation in der Zeitung, koͤnne ſie toͤdten, von dieſer plotzli⸗ chen unerwarteten Ankunft Nachricht gaben; empfangen Sie meinen herzlichen Dank da⸗ fuͤr. Ich weiß es wohl, daß unſere Verbin⸗ dung vor dem Baron nun kein Geheimniß mehr bleiben kann, aber nichts wirkt ſo nach⸗ theilig, als die unvorbereitete Entdeckung ei⸗ nes Ereigniſſes, daß unſeren Weltanſichten widerſpricht. Ich hoffe alles von dem Ver⸗ ſtand meiner Braut; es wuͤrde mich unendlich ſchmerzen, wenn ich die Urſache eines Miß⸗ verhaͤltniſſes zwiſchen Bruder und Schweſter waͤre — Sie ſind ihm befreundet, tragen Sie das Ihrige dazu bei, daß mir dieſer Schmerz erſpart werde.“ den Feind zu Geſichte gekriegt, ſo haben die „Soll geſchehen, Herr Kamerad,“ entgeg⸗ nete mit einem erneuten Handſchlag der Ritt⸗ meiſter, „nun haben Sie an mir einen treuen Alliirten. Wiſſen Sie warum? Gott Amor hat das Artilleriekorps nicht allein in Protek⸗ tion genommen, er hat ſich auch der Cavalle⸗ rie erbarmt. Ja, mein Freund, wie Sie mich da vor ſich ſehen, bin ich ebenfalls ein halber Braͤutigam. Aber recht, wie es unſe⸗ ren Waffen zukommt, haben wir den Liebes⸗ krieg geſchlagen. Der Artilleriſt ſucht ſich ſein erhoͤhetes Terrain mit vieler Vorſicht aus, hat er die vortheilhafte Poſition gefunden, ſo pflanzt er das Canon hin, und nun läßt er ſich von keinem Teufel verdraͤngen. Er be⸗ rechnet ſeine Wirkung nach mathematiſchen Winkeln, verdeckt die Batterie ſo lang als moglich dem Auge des Feindes, bid zum De⸗ maskiren der gehoͤrige Zeitpunkt da iſt — — hier haben Sie Ihre Liebesgeſchichte mit der Gräfin Sohr. Der Cavalleriſt hat kaum 166 N Sporen an den Stiefeln keine Ruhe mehr, Attake wird geblaſen, im Gallop, mit ge⸗ ſchwungener Klinge geht es drauf los, manch⸗ mal eben nicht ſehr vorſichtig, dann heißt's Siegen — — oder von einer malitioͤs ver⸗ ſteckten Steinhagel⸗Lage empfangen (Sie wiſſen doch, die wird in Koͤrben applicirt), Kehrt machen und Reißaus nehmen. Das Letzte abgerechnet — da haben Sie meine Liebesgeſchichte mit Fraͤulein Emilie von Holm.“ „Deſto beſſer,“ rief erfreut der Artilleriſt ſo giebt's Doppelhochzeit — — — aber Horden —“ „Horden, lieber Freund,“ entgegnete Attenfeld, „iſt mir durch und durch ſeit dem Helgolander Eremitenſtuͤckchen und der Salzwaſſertaufe ein Rathſel. Seine Farbe iſt dahin, er verſichert, daß er geſonnen iſt, keine ſeiner Frauenbekanntſchaften wieder an⸗ zuknuͤpfen; ich glaube, daß er im Stande wäre, katholiſch zu werden und in ein Klo⸗ ſter zu gehen, ſo zerknirſcht, erweicht und ſentimental iſt er geworden. Und was das Seltſamſte bei der Sache iſt, er geht nicht mit der Sprache heraus — weder wohin er ſich eingeſchifft hatte, noch mit wem — den Umſtand ſeiner Rettung uͤbergeht er ſo abſicht⸗ lich fluͤchtig und begegnet allen Fragen danach ſo beſtimmt ausweichend — mir iſt zu Muthe geweſen, als ob er mir den Mund mit der Hand zuhielte. Ich kenne ihn nicht mehr, eine andere Perſon erſcheint er mir — wo zum Kuckuck iſt ſeine Lebensluſt, ſeine auf⸗ geweckte, manchmal ſogar ſarkaſtiſche Laune hin? Das Meer hat's ihm alles abgeſpuͤlt!“ „Nur en passaut,“ lispelte der eben ein⸗ tretende Kammerjunker, „auf ein Minutchen, theuerſter Freund — ganz ergebenſter Die⸗ mer ſetzte er ſich vor Wallen verbeugend hinzu, während ihm das Geſicht des fremden Offiziers aufzufallen ſchien, und dann ſeine Rede wieder an Attenfeld richtend, fuhr er fort: „Ich habe ein ſolches tendre atta- 168 MW chement an ihre Perſon, cher Rittmeiſter, daß ich nie durch die Straße gehen kann, oh⸗ ne bei Ihnen einzuſprechen. Wie geht's? Nichts Neues?“ Der Rittmeiſter ſah Wal⸗ len ohngefahr ſo an, als wollte er ihm zu verſtehen geben, ſie haͤtten ein eigenes Un⸗ gluͤck, daß ſie weder als Freunde noch als Feinde ohne Stoͤrung dieſes polirten Aalmen⸗ ſchen ein Stuͤndchen mit einander zubringen koͤnnten, dann antwortete er dem Kammer⸗ junker: „Ich weiß nichts Neues, als was Sie wahrſcheinlich auch ſchon wiſſen, daß Horden lebt.“ „Leider!“ fuhr der Kammerjunker heraus. „Leider?“ fragten beide Offiziere wie in einem Athemzuge. „Gott ſey Dank, wrill ich ſagen;“ ver⸗ beſſerte ſich der Hofmann, „mir fiel nur ein, daß die ſtuͤpide Zeitung mit ihrer Trauerpoſt, und das uberraſchende Auferſtehen des Barons mich in ein embarras verwickelt hat, wo es nur meinem genie und meiner présence des- —— 169 N prit möglich war, ſich mit Anſtand aus der affaire zu ziehen. Aber,“ wendete er ſich an Wallen, „vergeben Sie mir die außeror⸗ dentlich dreiſte Frage: habe ich nicht neulich das Gluck gehabt, Sie incognito in das Haus der Graͤfin Sohr gehn zu ſehen — Ihre Zuge ſind zu intereſſant, als daß ſie ſich mir nicht haͤtten einpraͤgen ſollen, es war — —“ „Ich habe nicht die Ehre, dieſe Dame zu kennen,“ verſicherte Wallen, während er ein kleines Federchen von ſeinem Uniform⸗ aͤrmel abloͤſte, um einen Grund zu haben, ſein Auge niederzuſchlagen. „Sie waren es nicht?“ nahm Blechen die Rede auf, „dann iſt wenigſtens die Ahn⸗ lichkeit frappant, ſo frappant, sur mon hon- neur, daß ich keinen Anſtand nehmen wuͤrde, meine Cavaliersparole — — —“ „Es iſt den Offizieren nicht erlaubt, in Civilkleidern umher zu gehen,“ meinte der Artilleriſt ziemlich determinirt, „ich hoffe nicht, daß Sie ein Vergnügen darin finden, NN mir eine verbotwidrige Handlung aufzureden.“ Dabei warf er einen ausdrucksvollen Blick nach der Stelle, wo ſein Saͤbel hing. „Bewahre der Himmel,“ betheuerte der Junker, „das kann mir nicht einfallen; im Gegentheil, je mehr ich die Ehre habe, Sie anzuſehen, uͤberzeuge ich mich von meinem erreur; jener Mann hatte eine laͤngere Naſe und war um zwei und einen halben Zoll kleiner als Sie — darauf will ich ſchwoͤren!“ „Ein Brief,“ ſprach der baͤrtige John, ſeinem Herrn ein kleines Billetchen, augen⸗ ſcheinlich von einer Dame, einhäͤndigend. Sich entſchuldigend bei ſeinen Gaͤſten, er⸗ prach Attenfeld das Briefchen, waͤhrend John mit mannfeſten Schritten das Zimmer verließ. Die ſichtbarſte Freude malt ſich auf des Leſenden Zügen, er kann ſeine innere Bewe⸗ gung nicht mehr verbergen, Wallen bei den Schultern nehmend macht er eine halbe Ronde mit ihm, und jubelt: „s iſt richtig: 174 mit dem Steinhagel iſt's nichts, kein Kehrt wird geblaſen, von Reißaus iſt keine Rede, Kamerad, Du verſtehſt mich!“ und ein herz⸗ licher Kuß von Wallen ſagt ihm, daß i⸗ ſer ihn verſteht. „Was iſt richtig?“ fragte der ßgeine⸗ tene Kammerjunker, „um Alles in der Welt, kein Menſch nimmt ſo lebhaften Antheil an Gluͤck, als ich; was iſt 6 was haben Sie?“ „Ich — ich — ich pabe,⸗ jubelt zum wee gewendet Sner „ich habe — — „Was, was?“ dringt der Junker in ihn, „Sie ſehen mich auf der Folter!“ „Ich habe — — das große Loos gewon⸗ nen!“ lacht der Cavalleriſt heraus, wahrend die Artillerie den Chok durch eine unbaͤndige Lachſalve unterſtuͤtzt. „En eflet?“ fragt der Junker mit verhehltem Neid, „und iſt die Summe be⸗ 172 MMNN „200,000 Thaler,“ lacht der Rittmeiſter, während Wallen ſeine Ruhe wieder gewon⸗ nen hat. „Gratulire du fond de mon coeur,“ lis⸗ pelt wehmuͤthig der Junker. „Noch ein Brief,“ rapportirt John. Der Rittmeiſter lieſt kaum die Worte auf dem Couvert: „Zur gefälligen Abgabe an⸗ Hauptmann Wallen,“ ſo reicht er dieſem das Schreiben, ihm zufluͤſternd, da es von Horden ſey. Wallen erbricht, lieſt, gluͤhend roth, er kann ſich ebenfalls nicht zuruͤckhal⸗ ten, in einer heftigen Umarmung jauchzt er Attenfeld zu: „Der Zeitpunkt des De⸗ maskirens iſt da, jetzt wird Victoria geſchoſ⸗ ſen, Kamerad, Du verſtehſt mich!“ und greift nach dem mit ſchwarzen Hahnenfedern geſchmuͤckten Tſchacko. „Wunderbare Fuͤgung“ — jubelt uttem feld — „in einer Minute — ſo laß uns das Weitere auch in einer Stunde betreiben,“ 173 — 1 und die Offiziere ſchutteln ſich die Hän⸗ de. . „Du Gott,“ unterbricht ſie der Kammer⸗ junker, „hat denn der Herr auch — —“ „Der Herr hat auch das große Loos ge⸗ wonnen in einer andern Lotterie,“ lacht At⸗ tenfeld, zieht an und ſchnallt den Saͤbel um. „Das iſt ja — — ganz erſtaunlich!“ ent⸗ ſetzt ſich der Kammerjunker. Die beiden Freunde bitten fluͤchtig um 4 Verzeihung und eilen, der Eine hierhin, der Andere dorthin. „200,000 Thaler,“ murmelte der Kammer⸗ junker im Hinausgehen, „und alle Beide, das nenn' ich ein unverſchaͤmtes Gluck!“ . 174 N Niemand war mehr uͤberraſcht durch die Radical⸗Veraͤnderung Hordens, als ſeine Schweſter die Grafin Sohr. Sie hatte ge⸗ fuͤrchtet, die Worte: „ich liebe einen Haupt⸗ mann von buͤrgerlicher Herkunft“ wuͤrden wie der Funke in der Pulverkammer, in ihres Bruders Seele eine furchtbare Zornes⸗ Ex⸗ ploſion entzuͤnden; aber wie denn gewoͤhnlich das nicht einzutreten pflegt, was wir als unvermeidbar ſcheuen, Auguſt hoͤrte das Geſtaͤndniß mit großer Theilnahme an und — billigte den Entſchluß der Graͤfin, bei der zweiten Verheirathung auf keine andere Stim⸗ me als die des Herzens zu hoͤren. „Gute Louiſe,“ ſprach er, ihre Hand ergreifend, „Liebe allein begluͤckt auf Erden. Im Irrthum ſind dieſenigen, die da waͤh⸗ — — 175 — nen, in aͤußeren glaͤnzenden Verhaͤltniſſen einen Erfatz für das Entbehren jenes ſtillen Himmelsglůͤcks finden zu können. Wie ich jetzt die lebendige Uberzeugung nähre, daß wahre Liebe die durftigſte Lage beneidenswerth machen kann, um ſo tiefer fuhl ich auch, daß der hoͤchſte Standpunkt ohne ſie nichts als den Aufenthalt in einer Wuͤſte ge⸗ waͤhrt.“ Nach dieſem Geſpräch ſchrieb er das freund⸗ liche Einladungsbillet an Wallen, welches dieſer bei Attenfeld empfing. Wallen kam; Auguſt nahm ihn als einen geliebten Bruder auf und aus ſeinem Auge ſiel eine Thraͤne, als ſich die gluͤcklich Liebenden ih⸗ ren Entzuͤckungen uͤber die nahe Vereinigung hingaben. 5 Nicht lange wahrte es, ſo ſtellte auch Attenfeld in der Gräfin Hauſe ſeine ſchoͤne Braut, Emilie von Holm vor. Es war das Maͤdchen, welches der Rittmeiſter zum erſtenmale an dem Blumenfenſter des 176 Nachbarhauſes bemerkt hatte. Treu ſeiner Art, ſich raſchen Schrittes einem Ziele zu naͤhern, wenn er dort ſein Gluͤck zu finden hoffte, hatte er ſich bald uͤber Namen und Stand der lieblichen Erſcheinung Auskunft verſchafft. Die Bekanntſchaft mit der Dame ſeines Herzens erhoͤhte nur den Eindruck, den ihre koͤrperliche Anmuth hervorgebracht, und da Attenfeld, in ſeiner gemuͤthlichen Ge⸗ radheit, nicht eben ungluͤcklich im Gewinnen der Weiberherzen war, wozu die hoͤchſt vor⸗ theilhafte Geſtalt und die glaͤnzende Uni⸗ form das Ihrige beitragen mochten, ſo em⸗ pfing er ihr Ja pranumerando und kurz dar⸗ auf in einem zierlichen Briefchen die Einwil⸗ ligung ihres Vormundes, des Marſchalls von Rothenfels. Man kann ſich die Zeit der frohlichſten Geſchäͤftigkeit vorſtellen, die in Anſtalten zur Doppelhochzeit, uͤber den Häup⸗ tern der Hoffnungs-Seligen dahinflog. Au⸗ guſt von Horden ſchien mit Gewalt einen tiefen Kummer niederzukaͤmpfen, und war 177 M in Rath und That geſchaͤftiger, als Alle. Dennoch entging es ſeinen Freunden nicht, daß er ganz im Stillen ſich mit der Vorberei⸗ tung zur Ausfuͤhrung eines wichtigen Planes herumzutragen ſchien; man belaͤſtigte ihn in⸗ deſſen aus Zartgefuͤhl mit keinen Fragen und ließ ihn ungeſtoͤrt gewaͤhren. Er blieb ſeinem Vorſatze getreu, keine ſei⸗ ner ehemaligen Frauenbekanntſchaften wieder anzuknuͤpfen, und die Reichsgraͤfin von Ro⸗ thenfels, der tauſend kleinen Avancen ge⸗ gen Auguſt muͤde, in der überzeugung, er ſey anderwaͤrts enfilirt, meinte ihm einen em⸗ pfindlicheren Streich zu ſpielen, wenn ſie ſich minder ſproͤde gegen die Bewerbungen des Oberſtallmeiſters zeigte; da indeſſen auch hier⸗ auf keine Annäherung von Seiten Hordens erfolgte, ſo wurde der Oberſtallmeiſter durch das weitgetriebene depit der Dame gluͤcklich, welches er dankbar annahm, indem ſeine Spe⸗ kulation nicht tief genug ſah, die Urſache die⸗ ſer ploͤtzlichen gunſtigen Conſtellation zu erfor⸗ 12 178 MW̃ ſchen. Horden nahm die Nachricht von dem Vorgang in der Familie Rothenfels mit der vollkommenſten Gleichguͤltigkeit auf. Der Kammerjunker war nun natuͤrlich als Damen⸗ Commiſſions⸗ Spuͤrer officiellerweiſe entſetzt, trieb aber dieſe Beſchaͤftigung, ohne Salaire, als Kundſchafts-Dilettant mit ſo warmem Ei⸗ fer wie zuvor, und es verging kein Tag, wo er ſich nicht zu verwundern hatte uber die un⸗ zaͤhligen geheimnißvollen Begebenheiten, die im Sohr'ſchen Hauſe ſtatt hatten — die Welt ſagt, er habe der Frau Oberſtallmei⸗ ſterin doch immer noch hin und wieder, na⸗ tuͤrlich ohne Auſtrag empfangen zu haben, uͤber Horden und ſein Beginnen kleine Mitthei⸗ lungen machen duͤrfen. So wie es ſich Horden ausdruͤcklich be⸗ dungen hatte, wurde die Doppelhochzeit auf ſeinem Gute, zwei Stunden von der Stadt entfernt, ohne Gepraͤnge und nur im Bei⸗ ſeyn der nothwendigſten Zeugen gefeiert. Bei⸗ de Paare hatten ſeiner eigenſinnigen Bitte nach⸗ 179 M gegeben, die erſte Woche ihrer Verheirathung in den von ihm für dieſen Zweck ungemein geſchmackvoll und elegant eingerichteten Flü⸗ geln des Schloſſes zu verleben, damit ſie die Wonneſtunden des erſten ruhigen Beſitzes, wie er ſagte, in ungeſtoͤrter Weihe feiern könnten, welches bei den unausſtehlichen Gratulations⸗ viſiten der Reſidenz nicht möglich wäre. Es geſchah ganz ſo, wie er gewuͤnſcht. Die Wo⸗ che, welche wie eine Paradieſesſtunde den jun⸗ gen Eheleuten verfloß, war zu Ende. Mit herzlichem Bruderkuß wollten Atten⸗ * *. feld und Wallen von Auguſt Abſchied nehmen. Sie treten in ſein Zimmer — er iſt verſchwunden. Auf dem Tiſche liegt ein füͤchtig zugeſie⸗ gelter Brief mit der Adreſſe: „Der Ungluckliche an . Gluͤcklichen, Wallen und Attenfeld.“ Voll Haſt erbrechen ſie das Schreiben und finden von Hord ens Hand folgende Zeilen: 2 „Wenn Ihr dies leſet, ſo bin ich in mei⸗ nem Reiſewagen ſchon viele Stunden von dem Schauplatz Eurer Seligkeit entfernt. Als ich blieb, um Zeuge Eurer Wonne zu ſeyn, that ich meiner Empfindung als Bruder und Freund genug. Eine Begebenheit auf Helgoland hat fuͤr immerdar meine Ruhe untergraben und ich wuͤrde, wenn ich fortwaͤhrend ein iſolirter Anſchauer Eures Familiengluͤckes geblieben wa⸗ re, ein Opfer meines Kummers geworden ſeyn. Ferne Gegenden ſollen mich zerſtreuen. Gewinne ich ſo viel Ruhe, als dazu nöthig iſt, ſo ſollt Ihr durch meine Briefe den gan⸗ zen Zuſammenhang eines Ereigniſſes erfahren, das, unbedeutend an ſich ſelbſt, in ſeinen Fol⸗ gen fuͤr meine ganze Lebenszeit entſcheidend wirkt. Dies Ereigniß Euch muͤndlich mitzu⸗ theilen, fehlte mir die Kraft. Ich kuͤſſe Euch Alle, und wiederholt meine liebe Schweſter Louiſe. Genießet ein Gluͤck, um das ich nich — leider ſelbſt betrog. Auguſt von Horden.“ 181 Die Manner eilen, ihren jungen Gattinnen dieſe betruͤbende Neuigkeit mitzutheilen. 8. Erſter Brief Auguſt von Hordens an ſeine Schweſter. Das Fruͤhjahr ſchwellt die Adern der gan⸗ zen vegetabiliſchen Schöpfung. Keine Zeit des Jahres, iſt ſo geeignet alle Wunden der Seele aufzureißen, als jene Periode des Wiedererwachens der Natur. Alle diejenigen. welche ihre Entzuͤckungen uͤber die Freuden, die ſie gewaͤhrt, in Liedern ausſtvömen, tragen keine ungluͤckliche Liebe im Herzen. Es iſt als ob der Winter mit ſeiner Eiſeskruſte uͤber die Baͤche auch eine wohlthaͤtige Decke der Erſtarrung uͤber unſere Leidensempfindung zö⸗ ge, aber kaum rinnt der Bach wieder, ſo 182 verlangt auch der gehemmte Thraͤnenquell ſein Recht zuruͤck, und man findet ſich nie ein⸗ ſamer und todes „ſehnſuͤchtiger, als wenn ringsumher das uͤppigſte Leben und der rege⸗ ſte Trieb zur Liebes⸗Vereinigung uns an⸗ ſpotten. Wohl haſt Du Recht, meine gute Louiſe, wenn Du ſagſt, ich ſey wie ausge⸗ wechſelt — ich bin es wirklich; ich habe bei dieſem Wechſelgeſchaͤft meine ganze Seelenruhe einbezahlt — vielleicht fuͤr gutes currentes Lebenspapier einen Todtenſchein eingehandelt. Was war ich und ich! Iſt es moͤg⸗ lich, daß der einzige Anblick eines Menſchen anerzogene, verjaͤhrte Vorurtheile, als un⸗ abaͤnderlich angenommene Grundſaͤtze, Sin⸗ nesart — alles, alles veraͤndern kann!! — Ich ſage Dir, es iſt moͤglich, denn an mir ſiehſt Du den traurigen Beweis. Sonſt ver⸗ mochte die innere Helle meines Gemuͤthes das ſtuͤrmiſcheſte Herbſtwetter ſeines Duͤſters zu berauben, jetzt wirkt der Fruͤhjahrs⸗Son⸗ nenſtrahl auf mich, wie ein ſchallend lachen⸗ der Menſch; er fordert mich auf, mich tie⸗ fer in das innere Dunkel zu begeben und meinen Sinn ſeiner Einwirkung zu verſchlieſ⸗ ſen. Sonſt war es mir großer Genuß, kei⸗ nen glaͤnzenden Zirkel der großen Welt zu verſaͤumen, jetzt ſiehſt Du mich zu Stunden lang mit einem Landmann auf der Bank vor der Thuͤr ſeiner Huͤtte ſitzen, waͤhrend jede Gattung vornehmer Geſelligkeit mich angraut. So haͤngt unſer ganzes Seyn, unſer ganzes Thun und Treiben von einer heſtigen aͤuße⸗ ren Einwirkung ab, und ich werde, wenn ich fortfahre auf dieſem Wege zu philoſophi⸗ ren, verlernen den Verbrecher zu haſſen und große Tugend zu bewundern: mich uͤber⸗ zeugend, daß wir Alle nichts als ein trag⸗ fahiger Acker ſind, auf welchen die Verhalt⸗ niſſe verſchiedenartige Fruͤchte ſaͤen. — Ich ſe⸗ he Dich, meine gute Schweſter, im Geiſte, voll ſanften Unwillens, daß ich, anſtatt ei⸗ ne getreue Erzaͤhlung der Helgolander Bege⸗ benheit Dir zu uͤberſenden, meinen erſten 184 N Brief beinahe ganz mit Klagen und Betrach⸗ tungen fuͤlle; vergiß nicht, daß ich mit wundem Herzen von mir ſelbſt erzählen ſoll und es iſt kaum moͤglich, einen ſelbſt erleb⸗ ten Schmerz zu ſchildern, ohne in ſeinen Zuͤgen den Ausdruck abzuſpiegeln, den er bei ſeinem wirklichen Vorhandenſeyn hervorge⸗ bracht. Was ich Dir ſchreibe, gehoͤrt zu⸗ gleich Wallen und Attenfeld an; ich bin ſo wenig ſchamhaft mit meinem jetzigen Leiden, daß ich, obgleich zwey Drittheil unſerer Standesgenoſſen mich verlachten, wenn ſie es kennten, gar nicht anſtehen wuͤrde, den Hergang meiner Umwandlung in Elegien aller Welt zu erzaͤhlen, weil in mir eine Stimme ſagt, jene duͤrfe mich ſtolz machen — aber der Dichtung Kraft iſt mir verſagt. Fuͤr Euch denn, die Ihr ſelbſt liebend das begreifen werdet, was Liebe vermag, beginne ich eine Erzaͤhlung, welche durch das lebhafte Vorfuͤhren der Nuancen meiner aufgegebenen Lieblingsbilder zwar manche Thräne meinem Mn Auge entlocken, aber auch mir den unbe⸗ ſchreiblichen Troſt gewahren wird, deſſen man nie entbehrt, wenn man ſeinen Kummer in den Buſen geliebter und geprüfter Freunde ausſchuttet. Der hellſte Sonnenſchein beguͤnſtigte mei⸗ ne überfahrt von Curhaven nach Helgoland. Ein Unwohlſeyn, welches die Wellenbewe⸗ gung bei mir erzeugte, trieb mich von dem Verdeck zu meinem großen Verdruſſe in die Cajuͤte, und ich konnte mich des Anblicks des hohen Belgolander Felſens erſt erfreuen, als wir, durch guͤnſtigen Wind in unglaub⸗ lich kurzer Zeit hingeweht, in dem kleinen Ha⸗ fen vor Anker gingen. Als ich meinen Fuß auf die erſte Stufe ſetzt, um bergan zu ſtei⸗ gen, befand ich mich vollkommen geſund, und (die gewoͤhnliche Folge der Seekrank⸗ heit) empfand einen ſolchen Hunger, daß ich nichts Angelegentlicheres zu erforſchen hat⸗ te, als das beſte Wirthshaus. 186 „Bei dem alten Knop,“ meinte der Schif⸗ fer, „iſt ganz gewiß das beſte Wirthshaus — um ſo mehr, da auf der Inſel ſonſt kein an⸗ deres anzutreffen iſt.“ Gegen dies Argument ließ ſich auch zucht das Geringſte einwenden, und wir en unverzuͤglich den Weg dahin ein. Der Wirth, ſeine thoͤnerne Pfeife ſchmau⸗ chend, ſtand in der Thuͤr, und ſchien ver⸗ langende Blicke nach der Richtung geworfen zu haben, von welcher wir herkamen. Wahr⸗ ſcheinlich ließ ihn der Landwind auf die Gäſte hoffen und dieſer Hoffnung dankte ich auch, daß ich ein ganz ertragliches Fruͤhſtuͤck fertig fand. „Ihr habt wohl ſelten Beſuch, Herr Knop,“ fragte ich den Wirth, der um ſich zu erkundigen, ob ich noch etwas wuͤnſche, ins Zimmer zu mir trat. 3 „Selten genug,“ erwiderte der muͤrriſche Alte, „aber er dauert oſt deſto laͤnger.“ „Wie das?“ fragte ich. 187 ⸗ P „Wenn zum Exempel heut ſich der Wind nicht umlegt, ſo iſt die Abfahrt unmoͤglich,“ meinte er trocken, „und es kann geſchehen, daß auch Ihr, Wind und Wetter dienend, etliche Zeit laͤnger bei mir bleibt, als Ihr Euch vorgenommen.“ Er ging hinaus. Es verdroß mich, daß der Schiffer mir von dieſen Schwierigkeiten im Voraus richts geſagt hatte, indeſſen uͤber⸗ legte ich, daß jeder Vorwurf mit der Ab⸗ fertigung: „ja, danach haben Sie ja nicht gefragt“ zuruͤckgewieſen werden wuͤrde, und ſchwieg. Ich trat zum Fenſter. Das Meer breitete ſich majeſtätiſch vor meinem Blicke aus; nir⸗ gends war ein Schiff ſichtbar. Das Schau⸗ ſpiel war grandios aber eintönig. Mir ſchien das Meer, beſonders in der Mittagsbeleuch⸗ Ghung, eine leere Buͤhne — die Phantaſie wunſcht Staffirung und Handlung daraufe Ich wendete mein Auge auf den Pfad, wel⸗ cher nach der kleinen Pfarrkirche führt. Die MN Predigt ſchien zu Ende. Nach allen Seiten hin ſah ich die Gemeine ſich zerſtreuen, nur eine Maͤdchengeſtalt entwickelt ſich aus dem bunten Getriebe und naͤhert ſich meinem Hau⸗ ſe. — Wie deutlich ſteht ſie vor meinem Blick, indem ich dies ſchreibe — wie be⸗ ſtarkt mich das in der Meinung, von Per⸗ ſonen, die uns theuer bleiben, brauche es keines wohlgetroffenen Bildes, keines Denk⸗ zeichens. Welcher Maler waͤre im Stande, der Jungfrau Conterfey zu entwerfen mit der lebendigen Wahrheit, wie es jetzt meine Phantaſie entwirft. Conterfey? Was ſag' ich — ſie ſelbſt ſteht vor mir, mit jeder deutlichen Einzelnheit ihrer Kleidung, mit jedem Schnuͤrchen und Baͤndchen, das ſich meiner Erinnerung einprägt. Vergieb mir, Louiſe, wenn ich ſage, daß die eleganteſte Toilette einer Stadt⸗Dame nie im Stande war, einen ſolchen Zauber uͤber mich zu uͤben, als dieſer einfache, aber romaneske Anzug der Inſulanerin. Ein blaues Jäckchen, ſich 189 —— ſchlicht und eng um Bruſt, Taille und Arme legend, zeigt mir die Fülle aber auch die Proportion der oberen Formen. Selbſt das übermieder ohne Rrmel, von Scharlach, mit ſchmalen goldenen Streifen geziert, ſchmiegt ſich ſo feſt der ſchlanken Geſtalt an, daß die kleinſte Unregelmaͤßigkeit des Baues dem erſten Blick ſich kund geben muͤßte. Faltenreich, aber keinesweges bäuriſch plump, wallt das Roͤckchen von der Farbe des Mieders, mit doppelten goldenen Schnuͤren geſäumt, nur bis auf die Hälfte des Unterbeines, und mein Auge uͤberzeugt ſich in dem bewundernden Anblick des kleinen Fußes, der feinen Knöchel, umhuͤllt vom braunen Strumpf und ſchwar⸗ zen Schuh, daß die Natur nicht immer die zarteren Menſchenklaſſen waͤhlt, wenn ſie die zarteſten Koͤrperverhaͤltniſſe, ein Muſter der Schönheit unſeren Sinnen darſtellen will. Ich wende mein Auge zu der phantaſtiſchen Kopf⸗ bedeckung, die weder Hut noch Muͤtze, jedem Beſchäuer anfangs capriziös vorkommen muß, 190 die aber, wie Du gleich ſehen wirſt, bei die⸗ ſem Coſtum nicht weggedacht werden kann, ohne dem Ganzen den Charakter fremdartiger Nationalitaͤt und Eigenthuͤmlichkeit zu nehmen. In dreifachen Falten legt ſich ſchwarz ſeidener Stoff um den Hals, dem Nacken ſich an⸗ ſchließend an einen ſteifen, hutfoͤrmigen, ge⸗ wölbten Schirm, der nach Gefallen, entweder bedeckend uͤber den Kopf gezogen wird, oder aufwaͤrts von beiden Schultern getragen ſte⸗ hen bleibt. In der letzten Stellung gewährt er, von ruͤckwaͤrts betrachtet, einen ſeltſamen, ich möchte ſagen einen unheimlichen Anblick, aber ſieh einmal mit mir mein Maͤdchen na⸗ her herantreten, betrachte ſie, wie ſie einige Worte mit dem alten Knop ſprechend vor der Thuͤr ſtehen bleibt und den Schirm auf die Schultern zuruͤcklegt. Kannſt Du etwas Schoͤneres finden, als dies feine rothe Geſicht⸗ chen, mit den ſchwellenden Purpurlippen, den großen blauen offnen Augen, den glatt zuruck⸗ geſtrichenen blonden Haaren vom bluͤthenweiſ⸗ 191 ſen Haͤubchen umgeben, auf der hellrothſeide⸗ nen Futterunterlage des ſtehenden Schirmes ſcharf contraſtirend mit dem duͤſtern Falten⸗ ſchmuck des Halſes? Zieht es nicht unſern ganzen Blick und mit ihm die ganze Seelen⸗ aufmerkſamkeit maͤchtig an, wie ein Gemalde, dem man durch ſtrenge Iſolirung jede Neben⸗ ſtoͤrung aus dem Wege raumt? Und nun ſieh und hoͤre die Holde ſprechen, wie jedes Wort einen lächelnden Zug hervorruft, wie jeder Ton tief in das Herz hineinzittert — wie das gan⸗ ze Himmelsgeſicht vor uns da liegt, ein Be⸗ glaubigungsbrief der Tugend, der Einfalt, der Sittenreinheit — — — — o laß mich abbrechen für heute, Louiſe — das Bild iſt bis hieher treu gemalt; aber es weiter auszu⸗ führen, dazu taugt kein thraͤnenſchweres Au⸗ ge! — 9. gZweiter Brief Hordens an ſeine Schweſter. Ihr wuͤnſchet, meine Guten, eine unun⸗ terbrochene Fortſetzung meiner begonnenen Er⸗ zahlung, weil Ihr hoffet, nachdem Ihr den vollkommenen Zuſammenhang erkannt, durch Eure Beſtrebungen auch mich noch glucklich zu „ſehen, welches allein Eurer haͤuslichen Freu⸗ de abgeht. Ich willfahre gern Eurem Wunſch; aber nicht, weil ich hoffe, ſondern weil Mit⸗ theilung meinem wunden Herzen Beduͤrfniß geworden. — Ich erfuhr von Knop, das Maͤdchen nen⸗ ne ſich Maria. Er habe ſie als eine Waiſe ins Haus genommen, er waͤre ihrer aber gern wieder los. Er fing nun an, ihre Feh⸗ 193 ler herzuzahlen und ahnete nicht, daß er mit jeder Eigenſchaft, die er Fehler nannte „ eine neue Blume in den Kranz wand, mit welchem meine Einbildungskraft der Holdſeligen Schlaͤ⸗ fe ſchmuͤckte. Er meinte, ein ſchoͤnes Mäd⸗ chen in ſeinem Hauſe, von ihm mit ſtattli⸗ chen Kleidern angethan, ſey auf Gottes wei⸗ ter Welt zu nichts da, als ihm Kunden an⸗ zulocken. Deswegen muͤßte ſie ſich einen klei⸗ nen Spaß von den Gaͤſten gefallen laſſen und nicht zimperlich vor den Maͤnnern davon lau⸗ fen, wohl gar Standesperſonen, wie den Herrn Hafenmeiſter oder Oberlvotſen ſchnoͤde verlaſſen, wenn dieſe ihr einmal die Backen klopfen wollten. Er ſchob dieſen Hochmuth auf die verkehrte Erziehung ihres ſeligen Va⸗ ters, der Schulmeiſter geweſen war, von dem ſie mit der vornehmen hochdeutſchen Spra⸗ che auch einen vornehmen Nagel geerbt habe. Er verſpottete ſich ſelbſt, daß er, obgleich die Dirne jeden Biſſen Brodt aus ſeinen Han⸗ den empfing, gewiſſermaßen getrieben wuͤrde, 13 194 M einen gewiſſen Reſpekt vor ihr zu haben, ſie zu keiner niedrigen Arbeit anzuhalten, ſondern einzig und allein ihr die nothwendige Haus⸗ naherei zu üͤbertragen. Zu loben fand er nichts an ihr, als daß ſie mit dem Ruder Beſcheid wußte, wie der beſte Fiſcher, ſo, daß ſie von dem Maͤnnervolk der Inſel in hohen Eh⸗ ren gehalten wuͤrde, beſonders ſeit ſie den al— ten Claus, welcher aus ſeinem Nachen ins Meer gefallen war, trotz der fuͤrchterlichen Brandung gegen die Klippen, gluͤcklich geret⸗ tet, bei welcher Gelegenheit der Herr Paſtor bemerkte, daß Maria auf Erden eine wich⸗ tige Beſtimmung haben muͤßte, ſonſt ware ſie in der augenſcheinlichen großen Gefahr gewiß umgekommen. Der Wirth ſchloß ſeine Erzaͤh⸗ lung mit der Verſicherung, daß bloß der ge⸗ fuͤrchtete Anhang, den die Dirne bei Alt und Jung, bei Groß und Klein auf der Inſel faͤnde, ihn abhielte, ſie ohne weiteres aus dem Hauſe zu ſchicken, wenn dies aber mit guter Manier ſich thun ließe, ſo geſchehe es 195 lieber Heute als Morgen; denn ſie koſte ihn doch des Jahres ein ſchoͤn Stuck Geld und bringe nicht das Mindeſte ein. Ich brauchte den Vorwand, alle Zimmer des Wirthshauſes in Augenſchein nehmen zu wollen, um Gelegenheit zu finden, mit Ma⸗ rien zu ſprechen. In einem kleinen Hinter⸗ ſtubchen ſaß ſie am offenen Fenſter, grobe blaue und rothe Schnupftuͤcher ſäumend. Es verdroß mich, daß ich mich ſchon mit Knop einige Minuten im Zimmer befand, ohne daß ſie die mindeſte Notiz von mir zu nehmen ſchien. Ich trat zu dem Fenſter, an welchem ſie ſaß, und einen Blick in den kleinen Garten werfend, ſagte ich zu der immer Niederſehenden: „Du biſt ſehr fleißig, mein Kind; heut' iſt Sonntag, den 0 man ja nicht mit Arbeit feiern, ſon⸗ dern — Gottes Wort,“ erwiderte ſie, mir ohne alle Furcht in das Auge ſehend, „das hab' ich gethan — jetzt aber ſchaff' ich aus 13 * ——— 196 Eitelkeit, weil laͤſſige Haͤnde einer Dirne gar uͤbel anſtehn.“ Die Macht, welche ein vollendet ſchoͤnes Geſicht, dem noch keine Leidenſchaft lesbare Zuͤge eingeſchrieben, auf uns Maͤnner aus⸗ uͤbt, bewaͤhrte ſich nun auch an mir. Ich, der ich mit unſern gewandteſten Frauen die ſpitzfindigſten Wortkriege nicht ungluͤcklich ge⸗ fochten hatte, ſtand dieſem einfachen Natur⸗ kinde gegenuber, ſchwankend und um die Fort⸗ ſetzung des Geſpraches verlegen. Um nur den Anblick dieſes herrlichen Auges mir wieder zu verſchaffen, fragte ich: „Woruͤber hat denn der Paſtor heute geſprochen, mein Kind?“ „über den ſchoͤnen Spruch: Liebe deine Feinde und thue wohl denen, die dich haſſen,“ entgegnete ſie freimuͤthig und wendete den Blick gleich wieder auf ihr Werk. „Ein herrliches Wort,“ nahm ich die Re⸗ de, „aber wahrlich fuͤr den Menſchen nicht leicht zu befolgen. Wie ſoll ich mich zwingen, meinen Gegner zu lieben, da kein Wille ſtark 197 W genug iſt, die Empfindung der Liebe zurufen?“ „Dummer Schnack,“ unterbrach uns der alte Knop mit gerunzelter Stirn; „wer mich auf die Zehe tritt, der iſt mein Feind, und den tret' ich auf den ganzen Fuß, ſo iſt's Gebrauch.“ „Das iſt kein guter Gebrauch,“ fluͤſterte Maria, ohne von der Arbeit aufzuſehen. „Das mein' auch ich,“ fuhr ich zu reden fort; „aber Du biſt mir die Antwort ſchul⸗ dig geblieben, Kind, ſprich, wie ſoll ich das Gebot befolgen, wenn Liebe nicht er⸗ zwungen werden kann?“ — „Handelt nur immer ſo gegen Euren Feind, als ob Ihr ihn liebtet, dann iſt's das Näm⸗ liche,“ ſprach Maria mit ſanftem Erroͤthen, waͤhrend ein Lächeln der Engel durch ihre Zü⸗ ge ſpielte. „überſpanntes Zeug,“ brummte Knop, griff nach ſeiner thoͤnernen Pfeife und ließ uns allein. 198 Ich verweilte uͤber eine Stunde bei dem Madchen. Sie verrieth nicht die mindeſte Ingſtlichkeit oder Scheu, mit mir ſo lange allein zu bleiben; ich aber hatte aller Drei⸗ ſtigkeit abgeſchworen, und ſtand dem holden Weſen gegenuͤber, wie einer ſeltenen Blume, die in mitten eines mit Buchsbaum eingefaß⸗ ten Beetes ſteht — die Erde um ſie, des Beetes Einfaſſung, alles wird zur Blume gerechnet und mit Ehrfurcht angeſehen. So ſchuͤchtern ich jede korperliche Annaͤherung mied, ſo vertraulich naͤherten wir uns gegenſeitig im Wort⸗Austauſch unſerer Gefuͤhle und Anſich⸗ ten. Welch ein klares Gemuͤth entfaltete ſich da vor mir, welche Bruſt voll heiliger Zu⸗ friedenheit, voll Wohlwollen gegen Alles in der Schoͤpfung. Mit welcher Unbefangenheit erinnerte ſie mich an den beſchraͤnkten Kreis ihrer Ideen, meinen Redefluß, wenn er Ge⸗ genſtande uͤber ihrer Sphaͤre beruͤhrte, mit den ſanft bittenden Worten unterbrechend: „Seyd nicht böfe, Herr; aber das verſtehe ich 199 W nicht — Ihr habt es mit einem einfältigen Maͤdchen zu thun.“ Wie durchflog mich nach ſolcher Weiſung eine gewiſſe Schaam meines Wiſſens und eine Achtung vor dieſer Einfalt, in welcher die klarſte Natur mit ihrem unſaͤg⸗ lichen Gefuͤhlsreichthum mich anſprach. Ich empfand, daß ich anders von Maria ging, als ich zu ihr gekommen war. Mit dem hei⸗ terſten Wohlgefallen an ihrer Perſoͤnlichkeit hatte ich ihr Zimmer betreten, ohne Bewußt⸗ ſeyn einer Abſicht, ohne einen deutlich mir vorgeſtellten Zweck; ich verließ daſſelbe ernſt, mit von Sehnſucht geſchwelltem Buſen und einer Unklarheit der Empfindung, die mich an mir ſelbſt irre werden ließ. Ich warf mir vor, daß ich die Erſcheinung eines ſchlichten Landmaͤdchens wie ein Phantaſt durch die Ein⸗ bildungskraft ſo lange auszierte und auszierte, bis ein idealiſches Geſchöpf vor mir da ſtehe, eine Romanperſon, die Hauptfigur eines Ge⸗ dichtes. Gleich darauf aber verwarf eine Stimme in mir den Porwurf, Maria's 200 M Reden mir einzeln zufluͤſternd, ihr Antlitz, ihre Gebehrden vor meine Phantaſie rufend, und mich uberzeugend, daß eben die ſchmuck⸗ loſeſte Natur es war, die Herz und Sinn gefangen nahm. Ich haͤtte mich verachten muͤſſen, wenn ſich in die Gedanken an dies Kind der Unſchuld auch nur einer eingedrangt haͤtte, der weniger rein geweſen waͤre, als ſie ſelbſt — aber ich erſchien mir damals nicht minder tadelnswerth, daß ich, ein Spröß⸗ ling der Familie von Horden, im Ange⸗ denken an Maria's Worte: „Handelt ſo gegen Eure Feinde, als ob Ihr ſie liebtet,“ mit vor Sehnſucht ausgebreiteten Armen ge⸗ gen die untergehende Sonnenſcheibe faͤhig war auszurufen: „Solch ein Weib an dies Herz, oder keines!“ Ich beſchloß im Selbſttadel dieſer Schwaͤr⸗ merei andern Tages abzureiſen, ich wollte Maria nicht wiederſehen, ich nahm mir vor, mit der unbefangenſten Gleichguͤltigkeit meinen Bekannten in Cuxhaven von dem huͤb⸗ 204 ſchen Wirthsmaͤdchen auf Helgoland zu erzah⸗ len, ſie aufzufordern, mit mir eine Parthie hinuͤber zu machen, um ſich zu üͤberzeugen, welch ein allerliebſtes Kind der ſterile Felſen beherberge. Ich ſteigerte mich bis zu einem klugen Lächeln uͤber meine augenblickliche Thor⸗ heit und legte mich mit dem Vorſatz zur Ru⸗ he nieder, der Morgen ſolle mich wecken zur Ausfuͤhrung jenes kalt vernůnſtigen Entſchluſ⸗ ſes, indem ich wähnte, es ſey mir gelun⸗ gen, Mariens Bild in meiner Seele die untergeordnete Stelle anzuweiſen, welche ihr nach ihren Verhaͤltniſſen gebuͤhrte; aber — — Die Liebe lacht unſerer weiſen Berechnun⸗ gen, ſie ſpottet jeder Trennung von dem Ge⸗ genſtande uuſeres Hetzens, ſie verbindet ſich mit Schlaf und Traum; wenn die Vernunft⸗ Schildwachen beſeitigt ſind, bricht ſie ein in das wehrloſe Gebiet unſerer Phantaſie, und umſtrickt dieſe mit allen Banden ihrer unwi⸗ derſtehlichen Herrſchaft. Bilder, im Wachen verſtoßen, treten uns, wenn wir träumen, mit gedoppelter Kuͤhnheit entgegen; ſobald ſich unſer Auge wieder oͤffnet, hat das Meer der Seligkeit, das ſich im magiſchen Traumlichte uͤber uns ergoß, den armſeligen Entſchluß⸗ funken laͤngſt verloͤſcht und jede S davon vertilgt. Geſtatte mir die Fortſetzung der Helgolan⸗ der Begebenheit im nächſten Briefe, Louiſe, bis dahin gedenkt des Fernen mit Liebe. 10. Dritter Brief Hordens an ſeine Die Gebirgsluft des Suͤdens wirkt unbe⸗ ſchreiblich wohlthätig auf mich — die Gebirgs⸗ luft — und der Gebirgsmenſch! — Hier iſt Wahrheit, Vertrauen, Gaſtfreundſchaft; Lei⸗ denſchaften giebt es in den Gebirgsthälern wie überall — aber ſie haben nicht den ſchleichend 203 giftigen Character, wie in Stadten des Flach⸗ landes. Den Sturzbaͤchen gleichen ſie, welche durch außerordentliche Ereigniſſe angewachſen, brauſend und ſchaͤumend niederdonnern, daß ſich in kurzem Toben die überfulle entlade und das Bächlein bald wieder heiter plät⸗ ſchernd und tändelnd rinne wie zuvor. Wel⸗ che Ahnlichkeit im Character der Menſchen, die mich umgeben, mit jenen Inſulanern, deren Andenken mich umſpielt, wie die To⸗ ne eines Jugendliedes — aber eine Maria finde ich nicht! Warum rufen das tauſend Stimmen jetzt in meine Seele, da ich ſie verloren habe, warum bemaͤchtigt ſich mei⸗ ner jetzt eine tiefinnerſte Verachtung aller je⸗ ner Vorurtheile der Rang⸗ und Convenienz⸗ Verhaͤltniſſe, jetzt, da die Liebe mich ver⸗ ſtoßen hat? — O, wäre damals nur der zehntauſendſte Theil von der Uberzeugung mei⸗ ner Seele geworden, die mich heute erfuͤllt, nimmer waͤr' es gekommen, wie es gekom⸗ men iſt. — — — 204 N Ich ſchrieb meinen Bekannten von Helgo⸗ land aus, daß ich einige Wochen auf dem Felſen verweilen wuͤrde, weil die Einſam⸗ keit mir zutraglich ſchiene — ich ſprach die Wahrheit. Wenigſtens uͤberredete ich mich ſelbſt, daß Maria nicht einzig und allein die Veranlaſſung des verlaͤngerten Aufenthal⸗ tes waͤre — ach, und 20 war ſie es ein⸗ zig und allein! Ich konnte bald nicht mehr zweifeln, daß meine Naͤhe auf das Raturmaͤdchen einen ver⸗ aͤndernden Einfluß uͤbte. Sie verlor von ih⸗ rer Unbefangenheit und ſchien gleich aͤngſtlich die Gelegenheit, mit mir zuſammen zu tref⸗ fen, zu ſuchen und zu fliehen. Zuweilen verbarg ſie vor mir ihr Antlitz, weil man dieſem deutlich die Spuren nachtlichen Wei⸗ nens anmerken konnte, und als ich nichts de⸗ ſo weniger einſt nach der urſache der Thra⸗ nen forſchte, erwiderte ſie: „Sie wiſſe von keinem übel, das ihr begegnet ſey; aber ſie habe am Morgen ſelber mit Befremden wahr⸗ genommen, daß ſie waͤhrend des Schlafes ſich bitter abgehaͤrmt — wahrſcheinlich wegen eines eingebildeten Schmerzes, und das ſey ihr ſchon oͤfters geſchehen. Ihre Geſichtsfarbe wurde blaͤſſer, aber eben dieſe Bläſſe goß eine Verklaͤrung uͤber ihre Zuͤge, die mein Auge unwiderſtehlich feſſelte. Ich glaube nicht, daß bis dahin die Urſache des Zwieſpaltes ihrer Empfindungen bis zum Bewußtſeyn gedrun⸗ gen war; mit einer ſchleunigen Entfernung meinerſeits wuͤrde bald der Friede des Kindes wieder in die bewegte Bruſt eingezogen ſeyn — aber ich war ſchwach und blieb — ich war ſchwaͤcher und ging, als ich fur unſer beider⸗ ſeitiges Gluck hätte bleiben muͤſſen. Der alte Knop, dem es ſehr gelegen war, daß ſein Pflegling durch den Umgang mit ei⸗ nem Stadtherrn, von deſſen voller Boͤrſe er uͤberzeugende Beweiſe bekommen, gewitzigt wur⸗ de, fiel uns durch Zudringlichkeit keinesweges läſtig, und ſo geſchah es, daß oft die Mor⸗ genſonne uns zuſammenfuͤhrte, daß die laͤcheln⸗ 206 M de Mondesſcheibe uns oft noch beiſammen traf. Vergebens bemuͤhte ſich Maria, unbewußt warum, mich zu meiden, der geheimnißvolle Zug in der ſtillen Herzenskammer bannte ſie feſter und feſter in meine Naͤhe, und nicht lan⸗ ge waͤhrte es, ſo ſagten alle jene ſuͤßen Klei⸗ nigkeiten, welche lauter reden, als die beredteſte Sprache, daß ich der begluͤckte Gegenſtand ihrer erſten Liebe ſey. Dieß erfullte mich mit einem Triumph, deſſen ich mich bei keiner fruͤheren Frauenbekanntſchaft erinnere; es war, als hätt' ich Urſach, auf das ganze Menſchen⸗ geſchlecht mit allen ſeinen Koͤniginnen ſtolz hin⸗ ab zu blicken, weil dies arme Inſelmaͤdchen mir ihre Gunſt geſchenkt. Von der Gluͤckſe⸗ ligkeit dieſes Gefuͤhls befangen, in den ſuße⸗ ſten Taumel von einer bluͤtheduftenden Gegen⸗ wart eingewiegt, hatten Vergangenheit und Zukunft kein Recht mehr an mich. Die In⸗ ſel Helgoland erſchien mir nun wirklich ein heiliges Land, ich waͤhnte, jeder Ankom⸗ mende muͤſſe die Stufen des Felſens heran⸗ 207 N ſteigen, durchſchauert von der Ehrfurcht, mit welcher die Uralten ihre luftigen Götter⸗Tem⸗ pel, oder unſere Voraͤltern ihre geheiligten Haine betraten. Ich freute mich daruber, daß wilde Meereswogen den Schauplatz meines Gluͤckes umrauſchten, ich häͤtte gewunſcht, mit Maria allein auf ſolchem abgeſchiedenen Ei⸗ lande zu wohnen, ja, daß ich Euch, Ihr Lie⸗ ben, nichts verhehle, auch meiner Schweſter Bild verdaͤmmerte in dem Lichtglanz, der mich umſtroͤmte — ich ſah nichts als Maria — ich dachte nichts als Maria! — Sie hoͤrte die oft ſchwaͤrmeriſchen Ergieſ⸗ ſungen meines Herzens an, wie ein Kind, dem man ein ſchauerlich myſtiſches Maͤhrchen erzaͤhlt. Der Geiſt meiner Worte umſchlang ſie mit deſto magiſcheren Banden, als ſie die Form dieſes Geiſtes nur halb begriff und ver⸗ ſtand. Sie hing an mir nicht blos wie das liebende Weib an dem Manne haͤngt, ſondern wie der jugendliche Schuͤler an dem Meiſter deſſen Mund ihm täglich neue Wunder offen⸗ 208 bart. Dies geiſtige übergewicht hatte etwas ſo unſaͤglich Reizendes fuͤr mich, daß ich in jener Zeit des Selbſtvergeſſens denjenigen, wel⸗ cher die Freude nicht gekannt hat, einem ge⸗ liebten weiblichen Weſen naͤchſt den unzaͤhlba⸗ ren Gaben der Liebe auch die des Wiſſens nach und nach mitzutheilen, fuͤr einen Ver⸗ bannten aus dem Reiche des Liebes⸗Gluͤckes erklaͤrte. Konnt' ich anders? Hatte nicht die Laune des Zufalls mir ſo manche Frauengunſt gewaͤhrt, hatt' ich nicht das Wort der Liebe ſo vielfältig gebraucht und gehoͤrt, waren die Gegenſtaͤnde meiner Galanterie nicht Perſonen von Geiſt und Gefuͤhl? — und dennoch hatt' ich bis zu der Begegnung mit Maria die Be⸗ deutung des Wortes Liebe nicht gekannt; nun erſt waren die Pforten des Heiligthumes mir erſchloſſen, nun erſt wußt' ich, daß zwei Men⸗ ſchen, die durch den geheimnißvollen tief in den Kern der Natur eingeprägten Zug fuͤr ein⸗ ander gehören, ſich gleich ſind an allem, in Gut, in Wiſſen und Gefuͤhl. Denn wo fehlt, 209 ̃ da ſtrebt der überfluß des Einen hin; ber minder Bedachte hat nichts Weſentlicheres zu thun, als aufzunehmen. Einer iſt die Form des Andern; jeder giebt und nimmt Gepraͤge an. Der minder Gute wird beſſer, der min⸗ der Kluge belehrt ſich, der minder Feurige erhaͤlt Leben. Und gleichgultig iſt es, wer giebt und wer empfaͤngt: denn die Liebe ſtrebt ja nicht nach Oberherrſchaft, ſie will ja nicht unterwerfen, gleich werden und gleich ma⸗ chen, das iſt ihr Ziel, damit Eins nur ha⸗ be Neigung, Willen, Anſicht des Andern, folglich ſuß untergehe mit ſeinem Selbſt in dem des Geliebten und mit dieſem Eines und ein Ganzes ſey. — O, lachelt nicht uber die⸗ ſe Philoſophie der Liebe, nennt es nicht Schwaͤrmerei, was aus jener gluͤcklichen Zeit heruberklingt in die nachfolgende, in die Zeit der kalten pruͤfenden Vernunſt. Wenn es Schwarmerei war, was ich damals gedacht und empfunden, ſo war es eine begluͤckende Schwaͤrmerei, und wenn ich jetzt lebensſatt 14 240 MW und unglucklich von Euch geſchieden bin, ſo bin ich es durch die kalte pruͤfende Ver⸗ nunft. — Ma ria lag an meinem Herzen mit dem Vertrauen eines Schuͤlers zum Lehrer. Auch ſie ſchien ſo wenig der Zukunft zu gedenken, als ich ſelbſt. Ich war der Mann ihrer Lie⸗ be, weiter forſchte ſie nicht. Was verſtand ihr argloſes Gemuͤth von Stand- und Rang⸗ Bedingungen, was wußte ſie von Großſtaͤd⸗ tern, und ihren kleinlichen Beziehungen. Wunderte ſie ſich doch einſt daruͤber, daß ich weder ſchwimmen noch ein Boot zu regieren verſtand — da alle Maͤnner der Inſel Mei⸗ ſter in dieſen beiden Dingen ſind, ſo waͤhnte ſie in ihrer Unſchuld, alle Männer der Welt muͤßten das ſo gut verſtehn, als Fene. „Und wenn Ihr nun ins Meer fielet,“ ſprach ſie darauf, „was thaͤtet Ihr denn?“ „Dann verließe ich mich auf Dich, Ma⸗ ria“ entgegnete ich, ſie ſanft an mich drückend, „Du wuͤrdeſt mich nicht untergehen laſſen.“ 244 „Gewiß nicht,“ rief ſie mit großer Be⸗ ſtimmtheit, „ſo Gott mich in Eute Nähe fuͤhrte.“ „Und wenn Du zugegen waͤreſt und die Lage der Dinge machte es Dir unmöglich?“ fragte ich, mich weidend an der Wärme, welche die Vorſtellung einer B Gefahr bei ihr erweckte. „Ich wagte es, und wenn es ſchier un⸗ moͤglich ſchiene — rief ſie mit vor Muth funkelndem Auge und den Blick zum Himmel richtend ſetzte ſie hinzu: „den Willen hätt' ich — Der droben hat die Gewalt!“ Der tiefe Blick, den mich dieſe unvorberei⸗ tet entlockte Außerung in ihr frommes Herz thun ließ, riß mich gewaltſam fort. „Du biſt ein Engel des Himmels, Maria,“ ſtammelte ich, ſie heſtig gegen meine Bruſt preſſend, „Du ſollſt mein Schutzengel ſeyn und bleiben, mit Dir will ich durchs Leben gehn!“ — und ſie weinte dabei und begriff nicht, wie ſie ſo uberſchwenglich gluͤcklich geworden war. 14 * So war der Bund geſchloſſen; ein Bund, den ohne Frevel keine Menſchenhand zerreiſſen darf — und dieſen Frevel, ich — — — Doch goͤnnt mir fuͤr Heute den Nachge⸗ nuß jener Wonneſtunde, der mit ſeiner Weh⸗ muth noch beneidenswerth iſt — ich konnte nicht fortfahren, ohne einen tiefen Schatten in das Bild zu werfen; und das will ich nicht. Lebt wohl. 11. Vierter Brief Hordens an ſeine Schweſter. Nein, meine theure Louiſe, Du irreſt; Du beurtheilſt mich noch immer nach dem was ich war, nicht nach dem, was ich bin. Ich werde Maria nimmer aufhoͤren zu lie⸗ ben — mag ſeyn, daß eine Reihe von Jah⸗ ren den Kummer maͤßiget, der mich erfuͤllt; aber eine Lebenszeit wird nicht Jahre genug 213 M zahlen, um die Empfindung der Liebe zu ſchwaͤchen, die mich für jenes unvergeßliche Mädchen durchglüht. Du ſelbſt, die Du mich auf einen andern Gegenſtand Deines Geſchlechts hinleiten willſt, wirſt gern alle die Troſtgründe, welche Dein ſchweſteriches Mitgefühl Dir in die Feder diktirte, zuruͤck⸗ nehmen, wenn Du die Cataſtrophe der Hel⸗ golander Begebenheit kenneſt — Du ſelbſt wirſt mir zugeſtehen, daß es beſſer ſey, fuͤr den Reſt meiner Tage mit aller Kraft der Seele an einem holdſeligen Bilde zu hangen, als mich liebeleer einem andern Weibe hinzu⸗ geben. — Ich nehme den Faden meiner Er⸗ zaͤhlung auf. Marquiſe de St. Aumer, eine Pariſerin, ausgeſtattet mit allen Vorzuͤgen des Geiſtes und der Grazie, welche man im Allgemeinen den Franzöſinnen zugeſtehen muß, betrat Hel⸗ goland an einem ſturmiſchen Octobertag. Be⸗ gleitet von einem altlichen Bedienten und einer Kammerfrau hatte ſie einen großen Theil 244 M Englands durchreiſt, nach einem dreimonatli⸗ chen Aufenthalt in London den Entſchluß ge⸗ faßt, die Sehenswuͤrdigkeiten Deutſchlands in Augenſchein zu nehmen und durch die franzö⸗ ſiſche Schweiz und die Provence in ihre Va⸗ terſtadt zuruͤck zu kehren. Eine deutſche Da⸗ me wuͤrde vor ſolchem abentheuerlichen Projekt zurückſchrecknz die Franzoͤſin findet nichts Außerordentliches darin, und der Gedanke, bei ihrer Wiederkunft im Salon alle anderen Da⸗ men durch eine auf das reichſte genaͤhrte Er⸗ innerung converſationell aus dem Felde zu ſchlagen, laͤßt ſie Entbehrungen, Widerwaͤrtig⸗ keiten ſelbſt mit einer Leichtigkeit ertragen, die nur dem franzoͤſiſchen Blute eigen iſt. Die Marquiſe, in ihrem vier und zwanzigſten Jahre Wittwe, im Beſitz eines großen Ver⸗ moͤgens, gefiel ſich um ſo mehr in dieſer unge⸗ bundenen Lebensweiſe, da ihre Erziehung im Kloſter und die ſtrengen Grundſatze ihres un⸗ geliebten Mannes die Fruͤhlingszeit ihres Lebens um alle Bluͤthen betrogen hatten, und 215 ihr Hang zum Reiſen forderte in den Tagen ihrer Freiheit zuerſt Befriedigung, weil es ihr von ihrem thoͤrigt eiferſuͤchtigen Manne nicht geſtattet worden war, waͤhrend ihrer Ehe ein einziges Mal eine Spazierfahrt außerhalb der Barrieren von Paris zu unternehmen. Ich kenne der Maͤnner genug, die ſich huͤten wuͤrden, eine Seereiſe juſt um die Zeit der gefaͤhrlichen Nquinoctial-Sturme zu beginnen, und gerade das, was dieſe davon abhalten wurde, beſtimmte die muthige Franzoͤſin, ſich den Wogen zu übergeben. Sie meinte „ wer die große Ronde macht, der muß auch davon zu erzaͤhlen wiſſen, wie es ſich auf einer hoch⸗ gehenden See faͤhrt, und uͤberhaupt, wer rei⸗ ſen will, der muß ſich den Kopf nicht mit moͤglichen Gefahren anfullen — giebt es doch Krieger, die ein Dutzend Bataillen geſund mit durchmachen, und Mutterſoͤhnchen, die in Flanell eingenäht, gegen jeden Mückenſtich be⸗ ſchirmt, am erſten Huſten erſticken. Ihr Schiff, mit vollkommen guͤnſtigem Winde von 2¹16 N London abſegelnd, wurde im Laufe der Fahrt mehrmals zu laviren gezwungen und endlich durch eingetretene ganz contraͤre Luftſtroͤmung genoͤthigt bei Helgoland anzulegen. Was ei⸗ nem Deutſchen Grund zu Unmuth gegeben haͤtte, ſo nahe dem Continent durch Elemen⸗ tar⸗HPinderniſſe auf einen Felſen geworfen zu werden, das war fuͤr die feurige, Alles von der guten und heiteren Seite auffaſſende Pa⸗ riſerin, Veranlaſſung zu endloſem Lachen und Schäͤckern. Sie nannte das eine aventure précieuse, und meinte, es wuͤrde noch pikan⸗ ter geweſen ſeyn, wenn ſie ſchiffbruͤchig an dieſem Steinberg angekommen waͤre, wobei ſie ſich indeſſen ausbedung, daß ihre Liſette und Jules, der Kammerdiener, das Leben nicht dabei eingebußt haͤtten. Die Dame mußte wohl bei Knop logiren, aus derſelben Urſache, die mich ihm zugefuͤhrt hatte, weil er der einzige Wirth auf der Inſel war und ſo konnte es nicht fehlen, daß ich in Kurzem ihre Bekanntſchaft gemacht hatte. Es ift nicht 217 zu leugnen, daß die Art der Unterredung, viel⸗ leicht auch überredung der Franzoͤſinnen, unge⸗ mein blendet und beſticht. Ihre Gewandheit, in einer Viertelſtunde hundert kleine Gegenſtaͤn⸗ de ohne gewaltſamen Sprung, witzig und ſcher⸗ zend zu beruͤhren, den Faden der Converſation unabgeriſſen, ohne Bemuͤhung und Bücher⸗ wiſſen, fortzuſpinnen, alle dieſe allerliebſten klei⸗ nen Calembourgs ohne Abſicht und Anſpruch hingeworfen, werden ſchwerlich einen Mann von Geſchmack kalt laſſen. Die vornehme Freund⸗ lichkeit, das grazieuſe Herablaſſen gegen Ma⸗ ria machte mich zuerſt darauf aufmerkſam, und ließ mich eine Minute lang uͤberlegen, wie dasjenige Mädchen, dem ich mich vor Gott verlobt hatte, ſich gegen Perſonen der Geſellſchaft verhalte. Bis dahin hatte ich ge⸗ wiſſermaßen mit meiner Erwaͤhlten in dem Traumlande eines gluͤcklichen Gedichts gewohnt, Huon und Amande auf der wuͤſten Inſel, ſo erſchien ich und Maria mir, wenn ſie in mei⸗ nen Armen auf das brauſende und ſchäumende 218 Meer hinausblickte — ſie mir Alles, ich Alles ihr, ohne Erinnerung, ohne Hoffnung und ohne Wunſch. Aber nun trat die Wirklichkeit an mein Lager und ruttelte mich auf. Mit dem Offnen der Augen iſt die ſelige Stan⸗ des⸗Gleichheit des Traum⸗Idylls verſchwun⸗ den, das Vergangene ſpricht wieder mit in das Gegenwaͤrtige hinein, die Zukunft erhebt drohend ihre Stimme, mein Stammbaum mit allen Bildern meiner erzurnten Ahnherrn wachſt vor meinen Augen auf, ich bin Baron Auguſt von Horden wieder und Schaam und Reue uͤber die Verbindung mit einem Mädchen des niedrigſten Standes draͤngen gewaltſam in mein Gemuͤth. Ein furchtbarer Kampf be⸗ wegte mein Inneres — der ſtille demuͤthige Gehorſam Maria's gegen die Befehle, ja gegen die Winke der vornehmen Auslaͤnderin, empoͤrte mich. Ich war ſtuͤndlich, in jeder Minute in ihrer Seele verletzt. Ich weiß nicht, wodurch die Marquiſe an meinem Um⸗ gang Gefallen fand. Ich war weder beredt 219 noch geiſtreich. Ich war zerſtreut, einſylbig, duͤſter — zerriſſen. Dennoch hatte ſie immer um mich zu ſchaffen, mit groͤßter Delicateſſe meiner Stimmung ſchonend, fand ſie in ihrer Seele ſtets das richtige Thema, eine Unterre⸗ dung zu beginnen, und ſie verfehlte nie ihren Zweck, auf dem plaͤtſchernden neckenden Fluß ihrer Worte einen großen Theil meines Un⸗ muths hinweg zu nehmen. Aber Maria be⸗ gegnete ſie ſo furchterlich gnaͤdig, ſo demuͤthi⸗ gend ſanft, daß ich tauſendmal verwuͤnſchte, gerade dieſe Franzoͤſin zu den Ausnahmen zahlen zu muͤſſen, zu denen, die Deutſch ge⸗ nug gelernt haben, um ſich in unſerm Lande verſtaͤndlich zu machen. Hätte ſie meine Nei⸗ gung zu Maria gemerkt? Vielleicht — das Weib und zumal das franzoͤſiſche Weib, ſieht, in ſolchen Fallen ſcharf! Wollte ſie mir zu verſtehen geben, an wen ich eine ſolche Lie⸗ besglut verſchwendete — o es iſt nur zu gut gelungen, ſo gut, daß es mich um das Gluͤck meines Lebens gebracht hat! — Ich befand 220 MW mich in der peinigendſten Kriſe: Liebe, Schaam, Stolz, Mitleid — wer beſchreibt die wider⸗ ſprechenden Gefuͤhle, die auf und nieder ſtuͤrm⸗ ten in meiner Bruſt; Stolz behielt die Ober⸗ hand und ich wurde zum Frevler. Der Fran⸗ zoͤſin tändelndes Geſchwatz plauderte mein Ge⸗ wiſſen danieder, ich zog mich von Maria zu⸗ rück — Maria wurde bleich und ſchwieg. Ich kam nicht mehr von der Seite der Marquiſe, an meinem Arm beſuchte ſie jedes Fleckchen der In⸗ ſel, ich fruͤhſtuͤckte, ſpeiſete mit ihr — Ma⸗ ria ſenkte ihr Haupt und ſchwieg. O, laß mich hinweggehen uber dieſe Zeit, deren Er⸗ innerung mich mit Unwillen erfuͤllt, laß mich hineilen zu dem Punkt der Geſchichte, der mich von Maria ſchied und mich doch ihr wieder auf ewig zu eigen gab. 224 12. Fünfter Brief Hordens an ſeine Schweſter. Nachdem die Welt mit ihren Vorurtheilen in meiner Bruſt den Sieg davon getragen hatte, mußte natuͤrlich der Aufenthalt auf Hel⸗ goland mir zur Qual werden. Ich weiß es nicht, warum die Marquiſe ſo lange auf der Inſel geblieben war, genug ſie war geblieben, und es fand zwiſchen ihr und mir ein ſeltſam vertrauliches Verhaltniß ſtatt, da doch von ei⸗ ner Neigung Keiner dem Andern eine einzige Sylbe geſagt hatte. Mit ihr einen Theil Deutſchlands zu durchreiſen ſchien mir ein Agrement, das jede Spur von Kummer uͤber den Verluſt Maria's aus meiner Seele zu tilgen verſprach, und ich bot mich ihr zum Be⸗ gleiter an. Ich ließ Wechſel und alles Nöthi⸗ ge zur Reiſe kommen, wie Du weißt, und 222 * taͤuſchte mich ſo entſetzlich uͤber Maria's Schweigen und Einſchließen in ihre Kammer, daß ich waͤhnte, ſie koͤnne ſich von der ge⸗ ſchloſſenen Verbindung mit eben ſolchem Leicht⸗ ſinn losſagen, als ich ſelbſt. Der Tag unſe⸗ rer Abfahrt war angeſetzt, Jules, Liſette und alles Gepaͤck wurden den Abend vorher nach Cuxhaven geſendet, um in einem dorti⸗ gen Hotel voraus fuͤr unſere Bequemlichkeit zu ſorgen, eine Bequemlichkeit, die wir beim alten Knop in vieler Hinſicht hatten entbeh⸗ ren muͤſſen. Die Marquiſe und ich wir woll⸗ ten auf einem Helgolander Fiſcher-Ever am Mittag des folgenden Tages nachkommen. Ich vermied Maria ſo viel als moöglich, drang indeß lebhaft in Madame de St. Au⸗ mer, keine Stunde laͤnger, als wir uns vor⸗ genommen hatten, zu verweilen. Sie verſprach es. Aber als der Mittag nahete, widerriethen viele Seekundige das Einſchiffen. Sie glaub⸗ ten an den Seemoͤven und anderen Schiffer⸗ zeichen die Vorboten eines plotzlichen Stur⸗ 223 mes bemerkt zu haben. Ich gab kein Gehoͤr, ich fuͤhlte, ich konnte nur ruhig ſeyn, wenn ich Maria's Haus im Ruͤcken hatte. Geld uͤberwog die Bedenklichkeiten des Lootſen, wir ſchifften uns ein. Das Fahrzeug war alt und morſch. Als ich hineinſtieg, wendete ich un⸗ willkuͤhrlich mein Antlitz hinauf, zuruck zu Knop's Haus. Da ſah ich ein Maädchen, das mit unverwandt hergerichtetem Auge und gefalteten Handen langſam die Stufen abwarts ſteigt — es war Maria. Ich wandte mein Geſicht ab und ein Fieberſchauer lief uber mei⸗ nen Koͤrper nieder. — Das Segel wurde auf⸗ gezogen, der Wind bließ friſch und — wir flohen dahin. Aber das Meer wollte keinen Meineidigen tragen, es lockte ihn nur mit ſcheinbarer Ruhe aus der Bucht, um ihn de⸗ ſto ſicherer zu verderben. Mit der Schnellig⸗ keit des Blitzes legt der Wind ſich uns bei⸗ nahe entgegen, um, und braußt daher mit heulender Staͤrke, die Wogen vor uns hoch aufſchuttelnd, daß ſie ſchaumen vor Wuth und 224 M ſich rieſengroß vor unſerm erſchreckten Auge baͤumen. Bei dem unerwarteten urploͤtzlichen Ereigniß haben die Lootſen die gewohnte Si⸗ cherheit und Beſonnenheit verloren. Sie ver⸗ wickeln die Segeltaue, der Sturm packt das Schiff, ruͤckwaͤrts wird es geſchleudert, nach den Klippen hin, die Helgoland umgeben. Mit der wachſenden Gefahr waͤchſt die Ver⸗ wirrung am Bord, die Marquiſe jammert, ich empfange mein Schickſal mit der Reſignation eines verurtheilten Verbrechers. Die Wogen ſchlagen uͤber das Deck und naͤſſen uns, der unausgeſetzt pfeifende Wind laͤßt keine Secun⸗ de zur Rettungsmaßregel, die Schiffer fluchen und beten, werfen uns ihre Verzweiflung vor, aber das alles iſt nur Werk eines Moments. Der nachſte endet die Angſt mit einem unge⸗ heuren Schlage gegen einen verſteckten Meeres⸗ felſen, daß das Steuertheil des Schiffes zer⸗ ſchellt und einer der Schiffer ins Meer gewor⸗ fen wird. Waͤhrend wir uns an zerſtuͤckten Brettern feſt halten, ſucht er ſeine Rettung 225 MW im Schwimmen. Eine bergaͤhnliche Woge wirft den Reſt noch einmal gegen den Stein, da zergeht das Fahrzeug in Truͤmmer, die Schiffer ſtürzen vor unſeren Augen in die See, die Marquiſe und ich, an einen Balken ange⸗ klammert, werden von der Gewalt der uͤber uns ſtroͤmenden Maſſe begraben. Die Todes⸗ angſt laͤßt das einmal Ergriffene uns mit wahnſinniger Gewalt gewiſſermaßen krampf⸗ haft packen; die Woge verlief uber unſeren Häuptern und noch immer ſchwammen wir, getragen von dem Balken, zwiſchen den Stein⸗ klippen dahin. Ein Blick auf das Geſicht der Marquiſe ſagte mir, daß ihre Kraͤfte zu ſchwin⸗ den begannen und mir ſchauderte vor dem Au⸗ genblick, in welchem ſie vor mir in die Tiefe hinab ſinken wuͤrde. Da tonte es plotzlich zu dem erſtaunten Ohre: „Helf' Euch Gott, ich will das Meine thun!“ und mit uberſchweng⸗ licher Anſtrengung lenkt ein Mädchen den klei⸗ nen Kahn zwiſchen den zahlloſen Riffen hin⸗ durch zu dem Platz unſeres Elends. Ma⸗ 15 226 ria — was ſag' ich, meine Maria iſt es nicht, ein Engel iſt es, dem es eine Zeit lang gefallt auf Erden zu wohnen, und mit der Geſtalt und dem Antlitz eines Maͤdchens, Maria genannt, Wunder zu thun. Die Retterin beherrſcht die Woge, hindurch preßt ſie ihren Kahn, ſie wirft einen Blick auf die halb ohnmaͤchtige Frau, und ihrer Liebe zu mir trotzend, reicht ſie dieſer zuerſt den Arm, und birgt ſie in ihrem Schiff, dann — o ich war im Begriff, meine Schaam mit mir ſelbſt in der Liefe des Meeres zu begraben — dann zieht ſie den Verräther an Schwur und Liebe aus dem naſſen Wellentode empor. Was wir in den Augenblicken erfuhren, war zu betaͤu⸗ bend — die Marquiſe und ich, wir verloren die Beſinnung und fanden uns auf trockenem Felſenufer wieder und neben uns Maria, wie eine Mutter, die ihr ſchlafendes Kind be⸗ wacht. — — — — Was nun folgte? Ach das kann ich mit Wenigem Dir ſagen, Louiſe, nun folgte ei⸗ 2 b ne Scene, wo das Wort ſich verkörperte: „Diejenigen ſollen erhoben werden, die ſich de⸗ muͤthigen auf Erden.“ Da lag die ſtolze Marquiſe vor dem Fiſchermaͤdchen auf den Knieen, und mit ihrem ſchlichten, von Waſſer triefenden Geſicht ſchien mir Maria ein Gott, der ſich Aller erbarmt, auch derjenigen, die ſich von ihm wenden. „Thut wohl denen, die Euch wehe thun“ — wie haſt Du das bewaͤhrt, Dü unuͤbertroffenes Maädchen, wie haſt Du gezeigt, daß alle Tugend Deiner Rede nur ei⸗ nes Antriebs bedarf, um ſich zur gluͤhendſten That zu geſtalten. Ein vorbeiſegelndes Schiff hatte unſer Un⸗ gluͤck, aber nicht meine Rettung mit angeſe⸗ hen; es brachte die Nachricht nach Curhaven, und durch die uns erwartenden Bedienten wur⸗ de es bekannt, wer derjenige ſey, der bei Zer⸗ truͤmmerung des Helgolander Fahtzeuges wahr⸗ ſcheinlich ſein Leben eingebuͤßt habe. Daher die Zeitungsnachricht, die Euch ſo todtlichen Schrecken einfloͤßte. 15 * M Unter dem Zorn der Elemente war ich zur Erfuͤllung meines Eides zu Maria zuruͤckge⸗ fuͤhrt worden. Der Tod mit allen ſeinen Schrecken hatte mich umgeben, ein Sinnbild war er mir des Unrechts, welches mich gefan⸗ gen hielt. Mein Lebensengel war Maria — mein Tugendengel war Maria — — ihr ge⸗ hoͤrte ich zu eigen. Alle Vorurtheile zerſtreu⸗ ten ſich wie leichte Nebel vor dem ſiegenden Strahle des Auges der Welt. Ich trat vor ſie hin und forderte ihre Hand. Mit ernſter Wuͤrde, aber mit ſchmerzlicher Wehmuth ſprach ſie: „Herr, da Euch die Lie⸗ be mit mir verband, konntet Ihr mich aus freiem Antrieb aufgeben, nimmer werdet Ihr mich glauben machen, daß die Dankbarkeit in⸗ niger feſſelt, als die Liebe; Ihr ſeyd mir nichts ſchuldig — aber Ihr habt auch keinen Anſpruch mehr an mich!“ — Mit dieſen Worten wandte ſie ſich von mir, und ſeitdem bin ich elend; denn ich kann nimmer auf dieſer Erde den Frieden meiner 229 Seele wieder finden, weil ich meinen Engel verließ. Ihr wißt nun Alles, was mich lei⸗ den macht — leidet mit mir; aber verſucht es nicht, mich zu troͤſten — wer eine Maria beſaß, eine Maria verlor — der haßt den Troſt, wie alles, was den Gegenſtand, den ſein Herz anbetet, an Werth verkleinern will. Gott mit Euch! Baron Auguſt von Horden war ein und ein halbes Jahr von Hauſe weg. Weder der lachende Himmel Italiens noch die gigan⸗ tiſche Natur der Schweiz konnten die Wun⸗ den ſeines Herzens heilen. Die Stimmung ſeines Gemuthes wurde von Tag zu Tag duͤ⸗ ſterer, ſein Blick verloſchener, ſeine Wangen bleicher. Er gewaͤhrte fuͤr den Menſchenbeob⸗ achter eines jener belehrenden Beiſpiele, daß alle irdiſchen Gluͤcksguter nichtiger Tand ſind, wenn ſie eine friedenloſe Bruſt umgeben. Tau⸗ ſendmal wuͤnſchte er ſich, ein armer Bauer zu ſeyn, im Schweiße ſeines Angeſichts ſein Brod zu erarbeiten, wenn ihm nur dann das Gluͤck zu Theil würde, daß ein liebendes und gelieb⸗ tes Weib zu Haus ſeiner harrte, um ſeine Stirne zu trocknen. Er fuͤhlte ſich nirgend einſamer, als im Treiben großer Staͤdte; den⸗ noch beſchloß er, den herannahenden Winter in Wien zu verleben, weil dieſe Capitale ſo⸗ wohl durch den Reichthum ihrer Kunſtſchätze als durch den einfach-herzlichen Character ih⸗ rer Bewohner ihn anzog. Er ſchrieb dies Vor⸗ nehmen ſeiner Schweſter, empfing jedoch un⸗ gewohnter Weiſe während einer langen Zeit keine Antwort auf ſeinen Brief. Endlich brach⸗ te ihm der Poſtbote ein Schreiben, deſſen Auf⸗ ſchrift er ſogleich als von ſeiner Schweſter Hand erkannte. Der Inhalt war ihm ganz und gar räthſelhaft. Er hatte zwar ausdrucklich gebe⸗ ten, ihn mit allem Troſte hinſichtlich ſeiner truͤ⸗ ben Erinnerungen zu verſchonen, eine Bitte, die bisher auf das Strengſte erfullt worden war; aber nichts deſtoweniger hatte er von Louiſens zarter Denkungsart eine ſchwei⸗ gende Ehrfurcht vor ſeinem Schmerze erwartet, die ſich in dem empfangenen Briefe keineswe⸗ ges kund that. Der Ton war ſo ſcherzhaft, ſo deutlich anſpielend auf die Helgolander Be⸗ gebenheit, daß er ihn in innerſter Seele ver⸗ wundete. Sein Entſchluß, die Hauptſtadt Sſterreichs zu beſuchen, wurde im Briefe ein Fingerzeig der Vorſehung genannt, der ihn an eine Stelle leiten ſolle, wo ſeine Leiden ein Ende naͤhmen. So mancher, hieß es, habe in dem heiteren lebensluſtigen Wien Vergeſſenheit ſeines Kummers ſchon gefunden, es ſtaͤnde nicht zu bezweifeln, daß dies deutſche Paris ſeine Zaubergewalt auch uber Auguſts Herz aus⸗ uͤben wuͤrde. Am Schluſſe wurde er aufge⸗ fordert, genau anzugeben, wie lange er ſich dort aufzuhalten gedaͤchte und in welchem Thei⸗ le der Stadt er ſeine Wohnung nehmen wuͤrde. Horden erfullte zwar dies letzte Verlangen, nicht aber, ohne einige bittere Bemerkungen hinzuzufugen, daß er nehmlich das leichte Hin⸗ tändeln uber einen Gram, der die Bluͤthe ſei⸗ ner Lebenskraft aufgezehrt haͤtte und den Reſt aufzuzehren drohte, von allen Perſonen leichter ertragen haben wuͤrde, als von denen, die ihm auf Erden einzig noch lieb ſeyen. Da er auf dieſen in Unmuth hingeworfenen Brief keine Antwort erhielt, ſo glaubte er, ſeine Schwe⸗ ſter zuͤrne und ließ dem erſten noch einen an⸗ deren folgen, der die mancherlei ausgeſproche⸗ nen Härten maͤßigen ſollte; aber auch der letzte blieb ohne Replik. WMan kann ſich denken, daß er nach dem, was vorgefallen war, nicht in der beſten Lau⸗ ne in Wien eintraf. Dennoch wirkten das re⸗ ge Leben der Straßen und die anſprechenden Geſichter des ihn umgebenden Volkes nicht un⸗ wohlthaͤtig auf ihn ein. Die erſte Zeit brach⸗ te er damit zu, die zahlreichen Gemälde⸗Gal⸗ 233 N lerien zu beſuchen, die Werke alter und neuer Meiſter anzuſtaunen. Seine gebeugte Seele wurde aufgerichtet in den heiteren Tem⸗ peln der Kunſt. Täglich gab es Gelegenheit, Meiſterauffuͤhrungen klaſſiſcher Muſiken anzu⸗ hoͤren, und hatte er auch in Italien das non plus ultra der Vokal⸗Muſik bewundert, ſo bot ihm Wien das Unuͤbertreffliche des In⸗ ſtrumentales, deſſen hohe Wichtigkeit er nun erſt ſchaͤtzen lernte, indem eines Beethoven, eines Salieri Geiſt uͤberall die Wogen des Tonmeeres zu bewegen ſchien und jeder ein⸗ zelne Muſiker ſich unter den Augen ſolcher Meiſter mit allen Kraͤften anzugreifen beſtreb⸗ te. Er hätte fur die uberirdiſchen Wirkungen der Kunſt ohne Sinn ſeyn muͤſſen, wenn waͤhrend des Schauens und Hoͤrens ſein Geiſt nicht der Bleigewichte des Erdenkum⸗ mers frei geworden wäre; ſobald aber die Nacht die Staͤtten der Kunſt ſchloß, ſo⸗ bald der Himmel ſeine Sternendecke uͤber die ſchweigenden Haͤuſer zog, dann begann ſei⸗ 234 MN ne Wunde wieder zu bluten, und je hoͤher er ſich am Tage auf den Fittichen der Poe⸗ ſie gehoben hatte, um ſo tiefer ſank er nun in den Abgrund der Hoffnungsloſigkeit hin⸗ Die Maskeraden im großen Saale der Kaiſerlichen Burg hatten ihren Anfang ge⸗ nommen. Mancherlei hatte man Horden von dem impoſanten Anblick des edlen, von der, durch Spiegel-Reflex in das Unend⸗ liche vermehrten Lichterzahl erleuchteten Loka⸗ les erzaͤhlt, er beſchloß, obgleich kein Freund dieſer Faſtnachtsmummereien, wenigſtens ei⸗ nen Ball zu beſuchen, um ſich von der Wahrheit der ihm gemachten Schilderung zu überzeugen. Am Morgen brachte ihm ver Lohnbediente ein zierliches Billetchen, im Couvert von rothem Seidenpapier, Ddeſſen Bringer, wie er ſagte, ſich ſogleich wieder entfernt habe. Horden fand eine Karte darin, auf welcher von unbekannter Hand die Worte geſchrieben ſtanden: 235 „Wenn Baron Auguſt von Horden „um Mitternacht ſich auf dem heutigen „Maskenball einfindet, ſo wird er über⸗ „raſcht und durch die überraſchung auf „eine überraſchung vorbereitet werden.“ Er warf die Karte unmuthig auf den Tiſch hin. Wohl wußte er, daß der Mas⸗ kenball in Wien ſo manche Faͤden knuͤpft, die Amor im Geheim geſponnen, wohl war es ihm bekannt, daß die Stunde Mitter⸗ nnacht gewöhnlich von den Damen hoheren Standes gewaͤhlt wird, um maskirt ſo man⸗ che Neckerei auszufuͤhren, aber war er ein Gegenſtand einer Maskenintrigue? Er, der ſich das Zeugniß geben konnte, keine Dame bis jetzt feſt ins Auge gefaßt zu haben, dem die Reize des ganzen ſchoͤnen Geſchlechtes, einen Gegenſtand ausgenommen, abgeſtorben ſchienen? — „Wahrlich,“ rief er mit Bitter⸗ keit, „der oder die mich in meiner jebigen Lage in einen Maskenſcherz zu enfiliren ge⸗ denkt, hat ſich in ihrer Wahl arg vergriffen. 236 N Ich moͤchte ſolchem Spaß einen Ernſt entge⸗ genſetzen, der keinesweges zu den angenehmen gehoͤrt.“ Beinahe haͤtte ihn die Karte vermocht, den Ball zu meiden. Da er indeſſen gerade durch ſeinen Mißmuth getrieben wurde, den⸗ jenigen, der ſich ihm um Mitternacht mas⸗ kirt nahen wuͤrde, mit trockner Geradheit ab⸗ zufertigen und in einigen verſtändlichen Phra⸗ ſen fuͤr die Keckheit zu ſtrafen, einen zuruͤck⸗ gezogenen Fremden ohne die mindeſte Veran⸗ laſſung in eine Ballintrigue verflechten zu wol⸗ len, ſo ging er hin. Der Saal mit ſeinem Lichtmeer, die rau⸗ ſchende Muſik, das verſchiedenartige Gefluſter und Gepfeife der Maskenſtimmen umgab ihn, wie eine verzauberte Welt, die etwas Auſſer⸗ ordentliches dem Sinne beut, dem Herzen nichts. Er erſchien ſich in ſeinem ſchwarzen FKleide, unmaskirt, wie ein einziger Leidtra⸗ gender unter einer Maſſe von lachenden Geſel⸗ len. Es litt ihn nicht mehr in dem Wirrwarr 237 * und er draͤngte ſich langſam der Thür zum kleinen Saale zu. Herrliche Blumenpyrami⸗ den ſchmuͤckten dieſen, eine ſanftere Muſik er⸗ tonte darin, und nur diejenigen, welche des Getummels müde, Athem zu ſchoͤpfen geſon⸗ nen waren, hatten von den Polſterbaͤnken Be⸗ ſitz genommen. Horden, ermuͤdet von dem unaufhoͤrlichen Geſtoßenwerden, ließ ſich eben⸗ falls fuͤr einen Augenblick auf einen Sitz nie⸗ der und ergoͤtzte ſich im Anſchauen des feſtlich und geſchmackvoll dekorirten kleinen Saales, der mit ſeinem magiſchen Lichte, mit ſeiner Raͤhe ihn viel mehr anſprach, als der benach⸗ barte, uͤberfuͤllte große. Die Muſik beendigte ſo eben die Polonaiſe, von welcher man er⸗ zaͤhlt, ein ungluͤcklich liebender Pohle habe ſie kurz vor der Stunde, in welcher er dieſe Er⸗ de zu verlaſſen dachte, componirt. Dem ſey, wie ihm wolle, die Polonaiſe athmet eine Wehmuth, eine Todesſehnſucht, ſo zu ſagen eine Frühlingshoffnung auf das Grab, welche gewiß ſchon manches fuͤhlende Herz darin er⸗ kannt hat. Die Thraͤnen traten Horden in das Auge, mit ſchmerzlich geſenktem Kopfe fluͤſterte er vor ſich hin: „Ich widerſtrebe ver⸗ gebens, jene Flaͤnge auf meiner Straße als einen Wegweiſer anzuſehen, zu deutlich ſagen ſie mir, wo hoffnungsloſe Liebe ihre brennen⸗ den Schmerzen ausloͤſcht.“ — Da ſpielte die ſanfte Muſik auf der Eſtrade Webers herrliche Cavatine: „Ob auch die Wolke ſie verhuͤlle, die Sonne bleibt am Himmelszelt“ — Die Clarinette, mit rüh⸗ render Einfalt, redete die Melodie in des Be⸗ truͤbten Seele hinein, wie klare Worte unſter troͤſtenden Religion, und die zarte getragene Begleitung trat nur dann und wann hervor, wie der belebende Choral waͤhrend des Gottes⸗ dienſtes. In ein tiefes, von ſtillen Vorwuͤr⸗ fen begleitetes Nachſinnen verſinkt Hor⸗ den. Da klopft Jemand leiſe auf ſeine Schul⸗ ter. Die Muſik ſchweigt. Er wendet ſich unangenehm aufgeſchreckt zu dem unwillkom⸗ 239 menen Rufer. Mit Beſtuͤrzung gewahrt er einen Lootſen und ein Madchen, ganz in dem unvergeßlichen Coſtum des Helgolander Fel⸗ ſens. Der Mann hatte einen ſpitzen Hut auf dem Kopf, eine eng anſchließende dunkelbrau⸗ ne Jacke bis zu den Huͤften, kurze Pluderho⸗ ſen mit ſilbernen Knoͤpfen, aus der Seiten⸗ taſche ſah eine thoͤnerne Pfeife, kurz er war Helgolander in jeder Kleinigkeit, ſogar in dem blonden Haar, das die Wachsmaske umgab. Das Maͤdchen — — wir brauchen ſie nicht zu beſchreiben — wir ſehen an Hordens erbleichendem und erroͤthendem Geſicht, wie treu ſie die Kleidung der Inſulanerinnen nach⸗ geahmt hat. Aber die Geſtalt iſt weit großer, und die Taille noch feiner, als die jener ein⸗ zigen Geſtalt, welche in ſolchem Anzug vor ſeinem Blicke ſchwebt. Eh ſich Horden von ſeinem Schrecken erholen kann, hat der Lootſe ihm einen Zettel eingehaͤndigt, und iſt wie eine Erſcheinung mit ſeiner Begleiterin im Treiben des großen Saales verſchwunden. 240 Horden ſturzt hinaus, ſucht eine Stelle, wo er allein iſt und lieſt den Zettel, er ent⸗ haͤlt: Gruß und Kuß von Helgoland! 3 Felſen baut ſich an im Meer, Treue baut ſich an im Herzen⸗ In der Wogenbrandung ſchwer Und in ſchweren Trennungsſchmerzen Wankt nicht Treue Felſenwand! . Gruß und Kuß von Helgoland. Gruß und Kuß von Helgoland! Treuer Felſen hat Dich lieb, Weil in fremden Land's Gepraͤnge Stets Dein Herz ihm nahe blieb, Drum empfaͤngſt Du im Gedraͤnge Unverhofft als Liebespfand Gruß und Kuß von Helgoland⸗ Mit einer Miſchung von Empfindungen, die ſich nicht beſchreiben laͤßt, eilt er ſeiner Wohnung zu. 6 . u. Der naächſte Maskenball ſollte Horden uͤber den empfangenen Gruß ſeiner geliebten Felſeninſel Aufſchluß bringen, ſo hatte ihm ein neuerdings zugeſendetes zierliches Brieſchen verkuͤndet. Kein Wunder alſo, daß er bis dahin keine Ruhe fuͤr die Beſchauungsfreuden am Tage, keinen Schlaf fuͤr die Nacht gewin⸗ nen konnte. Die Verſe, welche ihm das Mas⸗ kenpaar eingehaͤndigt hatte, waren zu ernſt, als daß er den ganzen Vorfall fuͤr die Nek⸗ kerei eines Unberufenen, der ſich in ſein Geheimniß gedraͤngt, hätte halten können. Es ſchien ihm, er ſtehe an der Pforte des Tempels, aus deſſen Heiligthum ihm ein beſeligendes Licht entgegen ſtrahlen ſollte; aber die Pforte war verſchloſſen und der unſicht⸗ bare Schließer zögerte in räthſelhaftem Ei⸗ 16 242 genſinne mit dem Eroͤffnen, des Harrenden Geduld pruͤfend. Die Roſſe des Sonnengot⸗ tes fliegen unſerm Haupte voruͤber, wie ei⸗ ne engliſch mail — coach, wenn es den Horen gefällt, aus ihrem Fuͤllhorn uns Blu⸗ men herab zu werfen, aber ſie ſchleppen wie eine deutſche Diligence in der Luͤnebur⸗ ger Haide, wenn die Zukunft eine Blume uns verſprochen hat. Tage in Wien verlebt verſchwinden dem Fremden wie ein angeneh⸗ mer Traum, an dem, man nichts ausſtellen kann, als daß er ſcheinbar nur einen Mo⸗ ment währte. Horden ſchienen nun die Tage in Wien laͤnger, als Tage in allen uͤbrigen Staͤdten und er begriff gar nicht, wie man uͤber Mangel an Zeit fuͤr alle die mannigfaltigen Vergnuͤgungen der Kaiſerſtadt klagen koͤnnte, da er waͤhrend dieſer drei Warte⸗Tage ſo erſchrecklich wenige Vergnuͤ⸗ gungen fand. Endlich erſchien der Abend, zwar unertraͤglich langſam, aber er erſchien doch. In Hordens Bruſt hatte ſich eine unbeſtimmte Hoffnung niedergelaſſen, die ſeine Nerven um ſo hoͤher ſpannte, als ſie aus einer myſtiſchen, beinahe unbegreiflichen Quelle ſtroͤmte, und, wie auch immer ſeine Vernunft ſich gegen jene Moͤglichkeit einer Ausſicht auf Gluͤck ſtemmte, ſein Herz pfleg⸗ te den geheimnißvollen Gaſt mit deſto groͤße⸗ rer Liebe und vernichtete alle die kalten Ne⸗ gationen des Urtheils, wie gewoͤhnlich, mit heftigerem Umſchwung der Blut⸗ Triebraͤ⸗ der. Er befand ſich in dem großen erleuch⸗ teten Saale ſo fruͤhe, daß er eine Weile außer dem Inſpections-Offizier und dem Polizei⸗Commiſſair keine Eeſellſchaft zu ſe⸗ hen bekam. Ein Schauſpieldirector, der ſei⸗ nen letzten Kaſſentroſt auf eine Abendeinnah⸗ me berechnet hat, ſieht nicht ſo aͤngſtlichen Auges nach dem Kommen der bezahlenden Gäſte, als Baron Auguſt nach dem Er⸗ ſcheinen der Ballbeſucher ſah. „Man findet ſich heute ungewoͤhnlich ſpät ein,“ ſprach er zu dem Commiſſair, der neben ihm an der 16 * 244 Fluͤgelthur ſtand. „Erlauben Sie,“ entgeg⸗ nete dieſer, „es iſt erſt neun Uhr, und die elegante Welt kommt vor Mitternacht nicht.“ — Mitternacht, dieſe ungluckſelige, gluͤck⸗ ſelige Mitternacht war noch gar ſo weit ent⸗ fernt. Mochte ſie doch das ganze Jahr hindurch eintreten, wann es ihr beliebtz aber heute ſollte es unmittelbar nach neun Uhr zwolf ſchlagen; was liegt an den drei Stunden Leben? ſo dachte Horden. In ſei⸗ ner Ungeduld tadelte er Alles, was er ſah und hoͤrte. Der Saal ſchien ihm zu weit⸗ laͤuftig, weil die zwanzig Perſonen, die ſich bis jetzt verſammelt hatten, ſich ſogleich dermaßen zerſtreuten, daß er leer war und blieb. Die Muſik ſpielte Polonaiſen und Walzer, das, meinte er, heiße einem Blin⸗ den einen Guck⸗Kaſten vorgehalten, Tänze muͤſſe man nur ſpielen, wenn getanzt wird, und dergleichen mehr. Er eilte in den klei⸗ nen Saal. Hier war er ganz allein, das ſagte ihm mehr zu, als das langſame Con⸗ N — — trolliren der Eingehenden in dem benachbar⸗ ten weiten Raume. Er ließ ſich inſtinktmäſ⸗ ſig auf dieſelbe Stelle nieder, wo er nach Anhoͤrung von Webers Troſtlied die Troſt⸗ verſe erhalten hatte, aber die Muſik ſchien ſeiner zu ſpotten, denn ſie fing im ſelben Angenblicke den hoͤhnenden Chor aus der In⸗ troduction des Freiſchuͤtzen zu ſpielen an, und ging gleich darauf in den bekannken Walzer aus derſelben Oper uͤber. Dieſe muſikaliſche Jronie that ihre Wir⸗ kung, wie gewoͤhnlich Ironie bei aufgereg⸗ tem Gefuhl, ſie ſtimmte bitter. „Bin ich doch ein großer Thor,“ ſprach Horden in ſich murmelnd, „den unheilbar zerſchnittenen Hoffnungsfaden wieder anzuknuͤpſen. Welch Erfreuliches kann mir, hier in Wien, ein hundert und funfzig Meiken von Helgoland entfernt, begegnen? — Iſt es nicht beinahe unmöglich,“ rief er lauter, „daß mein Schick⸗ ſal hier eine gunſtige Wendung nimmt?!“ — MNP „Gott und der Treue iſt kein Ding un⸗ 4 moglich,“ ſprach eine wohlklingende Maͤnner⸗ ſtimme dicht neben ihm. Horden erſchrack und ſah empor. Da fand er ſich plotzlich von lauter Helgolander Trachten eingeſchloſſen. Zwei Lootſen und zwei Fiſchermaͤdchen ſtanden vor ihm. Er war auf eine ſolche Erſcheinung vorbereitet geweſen, daher gewann er auch ſogleich ſeine Faſſung wieder. Er ſah den Madchen pru⸗ fend durch die Maske ins Auge, aber es flammten ihm ſchwarze Sterne entgegen, und er ſchalt ſich auch gleich hoͤchſt kindiſch und unverſtaͤndig, daß er es nur unternommen, nach himmelblauen und himmelgebenden zu forſchen. „Ihr ſeyd Masken rief er unmuthig, „ich ſuche Wahrheit. Ob Ihr wohl gethan, mit dieſer ſeidenen Gewands⸗Kopie den Stachel, der mir im Herzen haftet, zu ſchaͤrfen, beant⸗ wortet Euch ſelbſt; koͤnnt Ihr mir nichts geben, als ein Abbild, ſo ʒieht hin oder laßt mich ziehen.⸗ 1 247 „Folge uns nach,“ ſprach dieſelbe Maͤn⸗ nermaske, „eins dieſer Madchen will mit Dir ohne Maske reden.“ Mit Gleichmuth, faſt mit Ahnigung folgte Horden. Eins dieſer Maͤdchen woll⸗ te ihn unmaskirt ſprechen; kein ſchwarzes Auge der Welt konnte ihm Intereſſe einfloͤſ— ſen, und davon hatte er ſich uͤberzeugt, das Auge gehoͤrte der Perſon, nicht der Maske an. Zwei elegante Wagen fuhren vor. Hor⸗ den nahm Platz bei dem einen Helgolander Paar, waͤhrend das andere den zweiten Wa⸗ gen beſtieg. Man fuhr einen hoͤchſt kurzen Weg bis gegen das Ende der Herrengaſſe. Hier hielten die Kutſcher ohne Befehl an. Horden ſah, daß Alles ſorgfältig vorher verabredet und bereitet war; denn mehrere Bediente ſtanden in der Thuͤr, der Kommen⸗ den harrend, und Einer davon begab ſich ſo⸗ gleich ins Innere des Hauſes, waͤhrend die Zuruckgebliebenen, deren Livree Horden nie 248 MWMNP geſehen, den Schlag der Equipagen oͤffnend, den Ausſteigenden halfen. Man begab ſich die breiten Treppen hinan. überall waren Teppiche gelegt und die Einrichtung des Saa⸗ les, durch welchen man ging, verrieth Reich⸗ thum und Geſchmack. Drei Masken blieben zuruͤck, Horden und eins der Madchen traten in ein Boudoir, das nur von einer Alabaſter⸗Lampe beleuchtet war, und den Ein⸗ tretenden einen Strom von Wohlgeruͤchen ent⸗ gegenſendete. Obgleich die Offentlichkeit des ganzen Abentheuers ſehr lebhaft dagegen ſprach, ſo ſchien doch das Lokal und das Zuruͤckziehen aller Zeugen ſo ſehr auf eine ga⸗ lante Entrevue berechnet, das Horden ſich wahrhaft in Verlegenheit befand, wie er ſich mit Anſtand dahetausʒiehen moͤchte, indem er, eine neue Bekanntſchaft zu knüͤpfen, nie weniger aufgelegt geweſen war, als eben jetzt. „Mein Herr,“ nahm die Dame das Wort, und ihre Stimme klang bekannt, „wenn ich mich nicht taͤuſche, ſo ſoll es Ihnen große 249 MWN Freude verurſachen, diejenige wieder zu ſehen, deren Bekanntſchaft Ihnen die Inſel Helgo⸗ land verſchaffte.“ Darauf nahm ſie die Maske ab, und aͤußerſt beſturzt erblickte Horden Madame de St. Aumer, die ihn mit der grazioöſeſten Pariſer Verbeugung in ihrem Hauſe willkom⸗ men hieß. Horden war kaum im Stande, aus Hoͤflichkeit eine gewiße Freude des Wiederſe⸗ hens zu affektiren, denn keine Perſon hätte ihn unangenehmer an Helgoland erinnern koͤn⸗ nen, als dieſe Dame. Die Marquiſe ſchien ſich an Hordens Verlegenheit zu weiden und beantwortete ſeine hervorgezwungenen Galanterieen mit einem ſo ſchlauen Laͤcheln, daß Jener, der dieſem Lä⸗ cheln eine andere Deutung unterſchob, mit aͤngſtlichem Blicke die Thuͤr ſuchte, nachſinnend, auf welche Weiſe er ſich von dieſem unbehag⸗ lichen Zwiegeſpraͤch befreien koͤnnte. Die liſtige Franzoͤſin, der kein Zug und keine Bewegung 250 WNN entging, konnte ſich das Vergnuͤgen nicht ver⸗ ſagen, die Kohlen, die ſich ſichtbarlich unter des Barons Fuͤßen zu ſammeln begannen, leb⸗ hafter anzuſchuͤren, um ihn fuͤr die Gleichguͤl⸗ tigkeit, welche er bei einem téte à tete mit ihr nicht zu verbergen vermochte, zu beſtra⸗ fen. „Ich war der Meinung, Herr Baron,“ ſprach ſie, „daß meine Erſcheinung nach ſo langer Zeit, in ſolchem Coſtum, ein ſtuͤrmi⸗ ſches Entzuͤcken bei Ihnen erwecken muͤßte, ich ſehe indeſſen zu meinem Erſtaunen, daß Sie kalt ſind, wie die unartige Meereswelle, in welcher wir gemeinſchaftlich badeten. Machen Sie Ihren Fehler auf der Stelle wieder gut, und preiſen Sie mit dichteriſcher Beredſamkeit die Goͤtter, die uns ein ſolches Wiederſehen gewaͤhrten, oder ich muß Sie einen Undank⸗ baren ſchelten, der nicht zu ſchaͤtzen weiß, welch ein außerordentliches Gluͤck ihm beſchieden!“ — „Madame,“ entgegnete Horden, plötz⸗ lich ſehr ernſt werdend, „haben Sie die Güte, 254 MN eine Stimmung zu ertragen, welcher ich nicht Herr werden kann. Ich glaube, daß ich ſehr angenehm uͤberraſcht worden waͤre, wenn Sie ſich mir in jeder andern Kleidung gezeigt hat⸗ ten. Ich bin nicht geſonnen, aus meinen Her⸗ zens⸗Empfindungen ein Geheimniß zu machen, deswegen verſchweige ich nicht, daß dies Ge⸗ wand, welches Sie bedeckt, ungefaͤhr auf mich einwirkt, wie das Gemaͤlde einer Feuers⸗ brunſt auf einen Solchen, der ſein Hab und Gut in einer wirklichen verloren hat.“ „Dann hab' ich mich häͤßlich verrechnet,“ laͤchelte die Marquiſe, „wenn Sie eine Idio⸗ ſynkraſie gegen das wirklich allerliebſte Coſtum der Helgolanderinnen ergriff, ſo hab' ich heute nicht viel anders gethan, als um die Neigung eines Tauben zu gewinnen, ihm ein zaͤrtliches Muſikſtuͤck vorgetragen. Ich hoffe indeſſen im⸗ mer noch, Sie mit dem Anzug zu verſoͤhnen. Kann uͤbrigens eine intereſſante Perſon des⸗ halb uns weniger intereſſant vorkommen, weil wir ihr juſt in einer Maske begegnen? und 252 MM daß ich Ihnen ein klein bischen intereſſant ge⸗ weſen, werden Sie doch nicht die Kuͤhnheit haben, zu laͤugnen.“ „Sie verſchwenden Ihre Nachſicht an ei⸗ nen Unwuͤrdigen,“ entgegnete Horden, die Achſel zuckend, „halten Sie mich fuͤr krank und befreien Sie ſich von meiner Gegen⸗ wart.“ „Auch das nicht?“ rief mit affektirtem Ent⸗ ſetzen die Dame, micht einmal ein klein we⸗ nig intereſſant!? Ich waͤhnte, Sie beteten mich an.“ „Madame,“ unterbrach ſie Horden, „mein Gemüthszuſtand iſt zu duͤſter, als daß ich auf aͤhnlichen Scherz eingehen koͤnn⸗ te.“ „Durch ſolche Schlangenwindungen kom⸗ men Sie nicht los,“ nahm die Dame das Wort, „man erwartet eine runde Erklarung, horen Sie, eine runde, buͤndige Erklaͤrung, und Sie werden Ihrer Qual nicht ledig, bis Sie dieſe von ſich gegeben. Haben Sie 253 mich nicht geliebt? War ich Ihnen nicht theu⸗ rer als jene Maria, welche ſich einbilden konnte, einſt einen Eindruck auf Ihr Herz ge⸗ macht zu haben? Reden Sie, nur eine freie Antwort rettet Sie von der Folter.“ „Sie wollen Wahrheit, Frau Marquiſin,“ verſetzte lebhaft der Baron, „und ich beſtrebe mich in Allem was moͤglich iſt, Ihren Wuͤn⸗ ſchen zu willfahren. Hier iſt es moͤglich, muß ich auch furchten, daß Ihr Zuͤrnen mir mei⸗ nen Gehorſam lohnt. Ich habe Sie geſchaͤtzt, Madame, und wahrlich, ich ſchaͤtze alle die unzahligen Vorzuͤge, welche Sie ſchmuͤcken, noch. Geliebt hab' ich in meinem Leben nur ein Maͤdchen, und außer dieſem werd' ich in dieſer Welt kein andres weibliches Weſen wie⸗ der lieben. Maria heißt dieſes Maͤdchen, und eine arme Helgolander Schulmeiſters⸗ Tochter iſt ſie. Mag die Welt mit Hohn auf dieſe Wahl hinblicken, ich habe Kraſt in mir, den Hohn der Thoren zu verachten. Sie wird vielleicht, ſie wird wahrſcheinlich nimmer die 254 * Meinige werden, aber iſt es ihr moͤglich und yaͤlt ſie es der Muͤhe werth, nach dem Mann, dem ſie ſich einſt verlobte, zu ftagen, ſo wird ſie hoͤren, daß er bereute, daß er S treu lebte und ſtarb.“ Mit unnachahmlicher Grazie ergriff die Marquiſe Hordens Hand, jeder ſarkaſtiſche Zug wich von ihrem Geſichte, aus ihrem feu⸗ rigen Auge blitzte ein Funken, der aus dem innerſten Herzen aufgeflogen ſchien. „Harren Sie ein wenig,“ rief ſie bewegt und verließ eilig das Boudoir. Horden ſtand allein, wie betaubt da, ei⸗ ne ſeltſame Ahnung durchflog ſeine Seele. Die Thuͤr oͤffnet ſich. An der Hand des Hel⸗ golander Bauern, der jedoch demaskirt iſt, betritt die Marquiſe wieder das Gemach. „Haben Sie ſich ein Helgolander Madchen auserwaͤhlt, mein Herr,“ ſpricht ſie laͤchelnd, „ſo hab' ich dagegen einen Helgolander Mann. Sie glaubten mit der Marquiſe von St. Au⸗ mer zu reden, Sie waren im Irrthum. Ich — — — — 255 nenne mich Gräfin von Rochefort, und ſtelle Ihnen meinen Gatten vor. Damit Sie ſich indeſſen uͤber meinen Verluſt troͤſten, hat der Graf und ſeine ſubmiſſe Gemahlin be⸗ ſchloſſen, Sie mit der Hand ihrer Pflegetoch⸗ ter zu begluͤcken. Denken Sie, ein Maͤdchen in Helgoland hat mir das Leben gerettet, den⸗ ken Sie, ich bin nicht undankbar und nehme das Madchen mit mir nach Paris, gebe ihr die nothwendige Erziehung fuͤr einen Stand, in welchen ſie, einer Neigung gemaß, die ein⸗. mal zu feſte Wurzel in ihrem Herzen geſchla⸗ gen hat, treten ſoll. Denken Sie, daß Sie der Gegenſtand dieſer Neigung ſind, daß das Maͤdchen auf einer Reiſe, welche mein Gemahl als Geſandter machen muß, in Ihrer Heimath durch ihre Pflegemutter die nothigen Erkundi⸗ gungen einziehen laͤßt, daß ſie hoͤrt, Sie den⸗ ken ihrer und lieben ſie noch, daß ſie aber durch ihre Sinne uͤberzeugt ſeyn will. Wien, die Maskerade giebt die Gelegenheit, ſie wird uͤberzeugt und“ — — die Sprechende unter⸗ 256 bricht ſich, oͤffnet die Fluͤgelthuͤren des erleuch⸗ teten Saales, da ſteht das Helgolander Paar, aber außer dieſem noch eine dritte Perſon. Himmel und Erde! Helgolander Kleidung, ein Madchen mit himmelblauen und himmelgeben⸗ den Augen, aber aus dieſen Augen ſtuͤrzen ſtromweis Thraͤnen nieder, es ſind Freuden⸗ thraͤnen und das Maͤdchen iſt Maria! — „Auguſt!“ — — „Maria!“ toͤnt es, und unſichtbare Engelchoͤre jubeln und tanzen Rei⸗ gen um die ſelige Liebesumarmung. Und als der gluͤckliche Auguſt aufſieht, laͤchelt ihn ſei⸗ ner Schweſter Louiſe ſanft weinendes Antlitz entgegen, und Major Wallen ſchuͤttelt ihm die Häͤnde und weint mit. Und Auguſt fliegt aus Umarmung in Umarmung, und er wird muͤde von Kuͤſſen und Weinen und ſucht den allerſchoͤnſten Platz, um ſich zu erholen und er waͤhlt Maria's Bruſt. — — * — — 257 Freilich wirſt Du Maria, die Helgolan⸗ derin, mein freundlicher Leſer, nirgend mehr finden, aber gehe in eine deutſche Mittelreſi⸗ denz, ſuche eine Stunde von der Stadt nach Hordens Schloſſe in der paradieſiſchen Ge⸗ gend des weinbebauten Gebirges, da wohnt ei⸗ ne Hausfrau, welche durch Anmuth und Lieb⸗ lichkeit die Blicke der ganzen Nachbarſchaft auf ſich zieht, und durch treue Liebe ihrem Gat⸗ ten das Leben zum Eden umſchaſſt, die Welt nennt ſie Baroneſſe, aber ſie nimmt es nicht ubel, wenn Du ſagſt: „Das iſt Maria, die ſchone Helgolanderin.“ Siehſt Du aber froͤh⸗ liche Menſchen da aus⸗und eingehen, und auf dem Raſenplatz im Garten geſunde Kinder ſpielen, ſo zweifle nicht, daß dies Wallens und Attenfelds Familien ſind. Wäreſt Du in dieſem Augenblick dort und blickteſt den neu⸗ belebten Gatten, Auguſt von Horden, an, wie er mit Innigkeit die kleinen Geſchoöpfe betrachtet, dann zum Himmel ſein Auge rich⸗ tet und ſtill⸗heimlich fluſtert: „noch zwei Mo⸗ 17 N nat!“ ſo wuͤrde dieſe Rede Dir kein Räthſel ſeyn. Jenen Mann aber, der einige hundert Schritte in der Runde um das Schloß kreiſt, und zupft an den Manſchetten, und ſpielt mit dem Degen, und zieht die Stirne kraus, daß die Inwohner fuͤr ihn nie zu Hauſe ſind, den laß ja gehen: das iſt der unertraͤgliche Kam⸗ merjunker von Blechen, welchen es einen großen Theil ſeiner irdiſchen Gluͤckſeligkeit ko⸗ ſtet, daß er, trotz aller Anſtrengungen, nicht herauskriegen kann, was die junge engelſchoͤne Baronin von Horden (wie er ſich aus⸗ druͤckt) „für eine Geborne“ ſey. Bei dem Verleger dieſes Werkes ſind auch folgende Unterhaltungsſchriften erſchienen: Blumauer, K., Erichs Erzaͤhlungen im geſelli⸗ gen Abendkreiſe. 2te Ausg. 8. 1825. Brauns, L. C., die Kynomachie. Ein humo⸗ riſtiſches Heldengedicht in drei Geſaͤngen. 8. 1824. Doͤring, Dr. G., Freikugeln. Proſaiſche und poetiſche Schuͤſſe in Erzaͤhlungen, Novellen und Gedichten. S. 1824. — — Alpenroſen. Ein Sommeralmanach fuͤr 1826. Drei ſchweiz. Erzaͤhlungen. 8. 1826. — — Wanderleben. Ein Sommeralmanach fuͤr 1828. 8. 1828. Egloffſtein, H. A. G. v., die Bruͤderverſoͤh⸗ nung, oder Ludwig und Heinrich, Landgrafen zu Heſſen. Ein hiſtoriſch-romautiſches Gemaͤl⸗ de der Vorzeit, m. 1 Kpfr. 2te A ug. 8. 1825. — — Kleine Romane, Gedichte und Erzählun⸗ gen. Mit 1 Steindr. 2te Ausg. 8. 1825. Frau Holle. Ein heſſiſches Volksmaͤrchen vom Meißnerberge, von K. Chr. Schmieder. 2te Ausg. S. 18235. Malsburg, E. F. G. O. v. d., poetiſcher Nach⸗ laß; und Umriſſe aus ſeinem innern Leben, von P. C. 8. 1825. Nachtwachen, humoriſtiſche, des ehemaligen brit⸗ tiſchen Maſors Humphrey Ravelin. Frei nach dem Engliſchen der zweiten Ausgabe uͤberſetzt von C. v. S. 8. 1824. Hehlenſchlaͤger, Tordenskiold. Drama mit Ge⸗ ſang, bearbeitet von G. Lotz. 8. 1823. Osmond, oder der Sturm der Frei nach dem Engl. von G. Lotz. 2 Thle. 8. 1823. Schmieder, Dr. K. C., Mythologie der Grie⸗ chen und Roͤmer, fuͤr Freunde der ſchoͤnen Kuͤnſte. 2te vermehrte Ausg. Mit 32 Kpfrn und 5 Steinabdruͤcken. 8. 1824. Stanmore oder der Moͤnch und die Kaufmanns⸗ wittwe. Ein Roman frei „ dem Engl. von Löpſer, Carl, der Herr im grunen Frack. No⸗ velle. 8. 1827. — — der Inkognito⸗ „Rock, oder der Thurmban an der St. Jcobi⸗ Kirche. Novelle. 8. 1827. — Mu⸗ „Fobold und Peter Meffert. Erzaͤh⸗ . 8.7 — Schlet spern. Erzaͤhlung aus den Zei⸗ ten des dre jährigen Kriegs. 8. 1828. — — Der lebende Todte. Erzaͤhlung. 8. 1828. Wilhelmi, P., Ausfluͤge nach dem Nieder⸗ rhein, der Weſer, Holland und Weſtphalen. Mit Ruͤckſicht auf Fußreiſende. 2te Auflage. 8. 1825. „— 58 g lx vnendae⸗ e