——— ——— cher, engliſcher und franzöſiſcher Cduard Ottmann in Giehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 korgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet „ 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nrhenriich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat; 1 W W W „3 „ — „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ß der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeſtgeſcht und wird ders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen er nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ von wir geliehen, auch dafür zu ſtehen ha en. ——— — xe Erz ahl ungen von Caroline Stille. Mit einem Vorworte von Thereſe Huber. Nuͤrnberg, Verlag von George Eichhorn. 8 2 — — — 3 „ — — 2 8 — * — ** — * — ** „ Bruck und Papier von Friedrich Vieweg in Braunſchweig. — iieeeeie — „ 5 3 Artingal und Elliodor „„ Irrthum von zwei Seiten „. Die Lebeneſten Sonnenſchein am Abend „ Die ſene Sabe Das Landmädchen „ 13 79 141 207 241¹ — 6 „ 5 „ 6 Vor wo r t. Es iſt nichts Ungewoͤhnliches, daß wir Muͤtter ſehen, die, fur ſich ſelbſt ſchuchtern, um ihrer Kinder willen muthige Schritte thun. So geht es mir, der bejahrten Schriftſtellerinn, die ich bei der Erſcheinung meiner eigenen kleinen Verſuche immer ſehr furchtſam zuruͤcktrete, und nun den Muth habe, eine, mir zwar nicht perſoͤnlich Be⸗ kannte, aber ſehr liebe Geiſtesverwandte, die den Jahren nach meine jungſte Tochter ſeyn koͤnnte, unſerm Leſe-Publikum zu em⸗ pfehlen. Wie Karoline Stille im Morgen⸗ blatt, 1818, zum erſtenmal in der kleinen Erzaͤhlung: „Kindliches Vertrauen“ auß⸗ trat, glaubten mehrere Leſer, ich ſey deſſen Verfaſſerinn⸗ Das machte mir viel Freude! Es bewies, daß ich, die vom Schickſal ſchwer⸗ geprufte Matrone, noch ſo einfach und in⸗ nig erzaͤhle, daß man die erſten Verſuche VI eines jungen die ſich durch Einfachheit und Innigkeit auszeichneten, mei⸗ ner Feder zuſchreiben konnte. Meine junge Freundinn betrit die Laufbahn demnach mit den Schaͤtzen ausgeſtattet, die ich fuͤr den ſchoͤnſten Gewinn an deren Ziel halte⸗ — Moͤge ſie dieſelben heilig bewahren! — Ihnen verdankt Karoline Stille die mora⸗ liſche Beziehung, mit welcher ſie das menſch⸗ liche Leben betrachtet, die ſie zur Seelen⸗ beobachterinn macht, und ihren kleinen Auf⸗ ſätzen den Reiz der Wahrheit giebt, die Grazie der Sittlichkeit, welche reine Gemuͤ⸗ ther mehr, als die Schilderung wilder Lei⸗ denſchaften oder unerhörter Begebenheiten anzieht. Dieſer Eigenſchaften wegen iſt ge⸗ genwaͤrtige kleine Sammlung Muͤttern und Erzieherinnen, welche die Romane nicht aus der Lektuͤre ihrer Toͤchter und Zoͤg⸗ linge ausſchließen wollen, zu empfehlen. eiſ geb i —— Artingal und Elliodor. En Koͤnig, reinſter Lieb' und Ehrfurcht wurdig, War Gorbonian, der Erſte ſeiner Zeit; Reich bluͤhete vor allen Nachbarlanden, Es dankbar ſchätzend, unter ihm Britannia; Gern ſpendet' er dem Biedern Lohn und Ehre, Tief in den Staub trat er den unterdruͤcker; und in der Hut des frommen, treuen Fuͤhrers War Flur und Dorf, und Kirch' und Stadt geſegnet. Er ſtarb. Ihm folgte Artingal, ſein Sohn; Doch ach! wie unwerth eines ſolchen Vaters! Die Herrſchaft, unter guͤnſtgem Stern begonnen, Ward bald durch ſuͤnd'ge Thorheit tief verdunkelt. non Schuld zu Schuld im Uebermuthe ſteigend, rſchoͤpft er endlich die Geduld der Edeln, Hie ihn verbannen, mit dem Volk vereint, end auf den Thron den wuͤrd'gern Bruder heben. 1 * Von Land zu Land ſucht nun der Flucht'ge Beiſtand, Mit Waffenmacht ſein Reich zuruͤckzufordern; An manchem Hof, im Zelte manches Kriegers Trägt er umſonſt die ernſte Bitte vor. Der Ehrgeiz tauſcht ihn, ſo verarmt an Ehre, und Duͤrftigkeit mit hartem Angriff naht — Da wendet er den Sehnſuchtblick zur Heimath, Verachtung in der Fremde nicht mehr tragend. Schnell leitet ihn ein guͤnſt'ger Wind hinuͤber. Er landet; und, umgeben von Gefahren, Mit karger Hab' und weniger Begleitung, Sucht er in Calateriums Waͤldern Zuflucht. — Wie anders itzt, als da, zum Thron geboren, Mit koͤniglicher Ehre reich geſchmuͤckt, Verachtet, doch umſchmeichelt und geſcheut, Er an der Themſe bluͤhnden ufern herrſchte! — Aus jener Gegend, wo der flucht'ge Koͤnig Verborgen weilt mit ſeiner kleinen Schaar, Sein Leben friſtend mit dem Trunk der Quelle, und ſolcher Nahrung, wie der Wald ſie bietet, Schickt er den Wenigen itzt eilend Boten, Die er fuͤr ſeine Freunde haͤlt im Lande; Nur taäͤglich Brot und ungefährdet Obdach, Als letztes Gut, von ihrer Treu' begehrend. — — Der Antwort harrend, ſchleicht er eines Morgens Verſtohlnen Tritts umher, da plötzlich hort Er laut Gerauſch von Hoͤrnern und von Hunden, Vor denen weit der wilde Eber flieht. Schon nah' und näher dringt der Zug der Jäger Durch gruͤne Eb'nen froh zu ihm heran, und ſtill verweilen heißt er itzt die Seinen⸗ Mit ruh'gem Blick und unbeſorgtem Antlitz. Sein ſchäumend Roß haͤlt an des Zuges Fuͤhrer, Der Koͤnig ſelbſt, der edle Elliodor. „Wie?“ fragt er ſich, — „ich kenne dieſe Zuͤge, Ob ſie auch hart des Leidens Druck veraͤndert.“ Er ſtaunt, er ſinnt, und kann den Blick nicht wenben, Bis ihm ein Lichtſtrahl in die Seele dringt. „Der Koͤnig iſt's, mein Bruder!“ ruft er aus, In froher Eil vom Roß herab ſich ſchwingend. Lang', feſt und innig hält er ihn umarmt; Doch ſchwach erwiedert Artingal den Gruß. Der bruͤderlichen Liebe inn're Regung Stimmt Schuldbewußtſeyn, Sorg' und Scheu gefangen.— Itzt, nicht zu ſtören dieſe ſelt'ne Stunde, Ziehn ſich die Edeln des Gefolgs zurück, und einſam auf der Eb'ne mit dem Fluͤchtling, Giebt Elliodor dem Kampf des Herzens Worte 6 „Wir trafen uns, von höh'rer Macht gefuͤhrt, — O Bruder! meinem Blick ſo lang' verloren; Doch meiner Lieb' und Trauer nicht verloren, und meinen Wuͤnſchen nicht; vergieb den Schein Des Unrechts ſelbſt, daß deine Kron' ich trug, Und jeden Schmuck der Fuͤrſten deines Volks. Nach dir war ich ſein Fuͤhrer: doch iſt's billig, Dir das Bewahrte treu zuruͤckzugeben.“ — Lang' ſtand verſtummt der bleiche Artingal. „Wie?“ rief er dann, „mir, der ich arm an Würden, Der Macht beraubt, und ſchwach und huͤlflos bin, Mir itzt die Herrſchaft? Spar' den bittern Hohn! Regierte Recht am Hofe fremder Fuͤrſten, Längſt waͤr' ich auf des Krieges dunkelm Fittig Zuruͤckgekehrt, mein Reich von dir zu fordern; Ich berg' es nicht, noch fuͤrcht' ich deinen Zorn.“ „Nicht tabl ich dich,“ ſprach ruhig Elliodor, „Doch iſt mein Blick mit meinem Wort im Einklang; So ſollteſt du dem Bruder nicht mißtrauen, und ſo von aller Sorge dich befrei'n. Ja, Diana ſelbſt, die fleckenloſe Göttinn, Die mich hieher gefuͤhrt in freud'ger Stunde, Sie treffe mich mit ihrer ſtrengſten Rache, Wenn Falſchheit itt aus meiner Rede ſpricht.“ 7 —— „Waͤr dieſer Speer, den in der Hand ich trage, Das Scepter Englanbs, hier in dieſer Stunde Reicht' ich ihn dir, und loͤſ'te auf die Spange, Wenn ſie den reichen Koͤnigsmantel ſchlöſſe. Ja, haſſen muͤßt' ich ſtolzen Glanz des Hofs, und freudlos meiden heitre Luſt der Jagd⸗ Blieb' Obdach dir, dem umgetrieb'nen Flächtling, Des Waldes Dorn, und Bett die feuchte Erde.“ „Ich ſuchte nur,“ erwiedert Artingal, „In dieſem Reiche eine ſtille Freiſtatt; Fern von der Ehrſucht ſtraflichen Gedanken, Von Hoffnung fern, die mir nicht ziemlich waͤre. — Dich nennt man weiſe; doch, nach meinem urtheil, Waͤrſt du wol blind und thöricht ehr zu nennen⸗ Bald moͤchte wahrlich dein Entſchluß dich reu'n, Wuͤrd' er zur That, die nicht zuruͤckzunehmen!“ „Wer auf dem Haupt trägt eine Koͤnigskrone, Wägt Recht mit Recht, mit Anſpruch Anſpruch nicht: und du, du wollt'ſt, ich weiß nicht wie bewogen Der Dinge Lauf vor aller Augen aͤndern? und das fur ihn, der ſolchen Sieg nicht faßt, Der haſſen könnte dich, wie deine Tugend? Denn herrſcht' er auch durch ſolch ein ſeltſam Opfer, Sein König, ſein Gebieter bliebſt du dennoch!“ 8 „An Seelenhoheit uber mich erhoben, Erhoben, daß ich nimmer folgen kann, An Wuͤrd' und Kraft mir ſiegend uberlegen, Wie Adlersflug dem Flattern des Inſekts — Was laͤſſ 'ſt du mir? — den leeren Koͤnigsnamen! Zu meiner Schande nur wuͤrd' ich regieren, Ein feindlich Schattenbild; und jeder Dienſt Der Lieb' und Treue wäre dir zum Antheil.“ „O glaub' es nicht!“ entgegnet Elliodor; „Der Guͤte Lohn iſt Liebe, und die Tugend, Die hoher Wuͤrde ſelt'nen Schmuck verſchoͤnt, Wird eines Volkes Stolz, wie reichſter Segen. Das Leben unſres Vaters lehrt es dich; und moͤgen deine Feinde ſelbſt es leugnen, Daß in den Morgenſtrahlen deiner Herrſchaft Sein edler Geiſt auf dir zu ruhn geſchienen.“ „Und ſey's, daß ſpäter uͤber dieſen Glanz Des ungluͤcks bleicher, truͤber Schatten zog: Sehn wir des Fruͤhlings ſonnenhelle Tage Nicht auch verhuͤllt von nächtlich dunkelm Schleier? Das Licht, das gleich des Siegers Schilde ſtrahlte, Die heitre Luft, der Wieſen milder Schimmer Verſchwindet; ſtumm wird Freude in den Hainen, ind auf dem ſchwarzen Berghaupt wohnt der Schrecken.“ „Doch iſt die Nacht voruͤber, — o wie herrlich, Wie zwiefach hehr erſcheint uns dann die Welt! So wird erneut dein fruͤhrer Werth erſcheinen, Von Land zu Land des Volkes Herz erfreuend⸗ Der Jugend Fehl verguͤtet Mannesreife; Zuruͤckgekehrt auf deiner Vater Thron, Wirſt du beweiſen, daß dein Recht zu herrſchen Durch ungluͤck, Sorg' und Leid geheiligt ward.“ „Doch uͤberſeh' ich nicht, was du ſchon weißt⸗ Die Gegner ſind nicht ſchwach, noch ihrer wenig⸗ Behutſam zögernd gilt's, die Bahn zu wählen, Daß mein Entſchluß nicht unheil fur dich bringe. Entlaß, die dich begleitet. Ruhig mögen Sie jener Aend'rung deines Looſes warten, Die dir des Bruders heilig Wort verheißt, Wenn Treu' und Vorſicht ſie dir ſichern kann.“ — Manch altes Buch berichtet von den Schritten Des weiſen Herrſchers, bis, mit ſeinen Pairs Im Einverſtand, er nun vor allem Volk Die Krone, die er ruͤhmlich ſelbſt getragen, Zuruͤck zum Schmpck des Bruderhauptes gab; Dann mit dem Bück der reinſten Herrſcherwuͤrde Gebietend: „Hier empfanget euern König, Den ältern Sohn des edeln Gorbonian!“ 10 Einſtimm'ger Beifall war des Volkes Antwort; und, tief durchdrungen von des Freundes Hoheit, Ward Artingal, der nun auf's neu' erwählte, Der Edelſte der Buͤßenden auf Erden, Sich frei und freier ringend von den Feſſeln, Die eng' umkettet ſeines Geiſtes Wuͤrde. Er herrſchte lang', und heiße Thraͤnen ehrten, . Als er dahinſchied, ſeine Grabesſtätte. — Gerettet war der Broder durch den Bruder, Dem eine Krone (die der Zwietracht Saaten So oft verderblich ausſtreut, bis das Schwerdt, Das tödtliche, den naͤchſten Blutsfreund trifft), Dem, gegen Treu' und Pflicht gewogen, eine Krone Leicht aufflog in der Schale der Entſcheidung? und preiſend dieſen Sieg der reinen Liebe, Nannt' ihn das Volk den frommen Elliodor *). *) Nach der Angabe des Verfaſſers liegt dieſem Gedicht eine . hiſtoriſche Thatſache zum Grunde, und er nennt Miltons Geſchichte von England und Geoffry von Monmouths Chronik als ſeine Quellen. . Irrthum von zwei Seiten. Mie Fuͤhle ſank mit dem ſchoͤnſten Maienabend auf die Erde herab, und die ſcheidende Sonne ſtrahlte freundlich auf den eleinen, ernſten Kreis, welcher in dieſer Stunde im Pfarrhauſe zu N. verſammelt war. Es war auch ein Scheiden, welches ihn, den ſonſt ſo heitern, heute ſtill und truͤbe machte; aber nicht, um ſich nach kurzer Zeit friſch und fröhlich wiederzu⸗ ſehen, nein, wahrſcheinlich auf ſehr lange, vielleicht auf immer ſtand dieſer Abſchied bevor. Marianne Sſtheim, die geliebte Pflegetochter der biedern Ael⸗ tern, die immer freundliche, wohlwollende Schweſter der Kinder, ſollte durch ein zwar im Vergleich mit ihren fruͤheren Ausſichten glaͤnzendes, allein dennoch, nach ihrem eigenen Urtheil, nicht gluckliches Loos am folgenden Morgen hinwegefuͤhrt werden. Ihr Stief⸗ vater, der penſionirte Hauptmann Ellborn, hatte vor etwa zwei Jahren den ganzen bedeutenden Nachlaß ſeines einzigen, in Suͤddeutſchland verſtorbenen Bru⸗ 14 ders geerbt. Er reiſte hin, die Erbſchaft in Em⸗ pfang zu nehmen, und der mildere Suͤden ſagte ſei⸗ nem, von Kriegsſtrapazen angegriffenen Koͤrper ſo ſehr zu, daß er beſchloß, ſeine ihm jetzt ſehr entbehr⸗ liche Penſion aufzugeben, und nicht wieder zuruckzu⸗ kehren. Bald fuͤhlte er ſich dort voöllig einheimiſch, und jetzt, da, ſeiner Meinung nach, Mariannens Erziehung vollendet ſeyn mußte, berief er auch ſie von ihren Pflegeeltern, denen er ſie n fruhen Tode ſeiner Gattinn anvertraute, zu ſich in die Frem⸗ de. „In die Fremde!“ ſo tönte es truͤb' und zu⸗ zuruͤckſchreckend in des Maͤdchens Herzen wieder. Selbſt das Vaterhaus war ihr ja in zwiefachem Sinne fremd; keine vertraute Seele, keine ſuße Erinnerung aus den Tagen der Kindheit kam ihr dort entgegenz und ſogar das außere Bild des Mannes „ deſſen Tochter ſie hieß, ſchwebte nur in finſtern, ſtrengen, nicht gewinnenden Zuͤgen vor ihrer Seele. So ſah ſie mit Unruhe, mit ſchmerzlicher Beklemmung den Tagen, die da kommen ſollten, entgegen. Umſonſt ließ ſich's der gute Pfarrer angelegen ieyn, ihr freundliche Bilder der Zukunft zu malen, und ſchilderte unter anderm, um nur die faſt aͤngſt⸗ 15 liche Stille der kleinen Verſammlung zu unterbre⸗ chen, mit den lebhafteſten Farben die hinreißende Schönheit mancher Gegenden des Landes, welches kuͤnftig Mariannens Heimath ſeyn ſollte. Allein ſie meinte traurig: ſolcher Reichthum der Natur koͤnne zwar wol viel verſchonern, Vieles geben; nur zu er⸗ ſeten vert öge er doch weniger. „Und ſelbſt wer Höchſte gekannt hat, ſetzte ſie hinzu, lernt wieder am Kleineren begnuͤgen, wenn die ſtille Freude n der Natur ihm einmal recht zum Beduͤrfniß geworden iſt. Allein wer lange mit recht lieben, recht liebenden Menſchen lebte, ich fuͤhl' es, der iſt verwoͤhnt fuͤr die das Herz hier einmal beſaß, das will es nicht wieder entbeh⸗ ren; und ach, wie wol werd' ich aus jener reich n mit Seh cht zuruckblik⸗ ken in mein armes, durftig geſchmuchtes Vater⸗ land!“ — Marianne empfand wahr und innig, was ſie tausſprach; doch war es nicht Liebe zu dieſen en, herzlichen Menſchen allein, welche ihr die he Trennung mit jedem Augenblicke ſchwerer und niederdrückender erſcheinen ließ. Auch noch eine an⸗ R . 16 dere, neuerwachte, nur allem Anſchein nach einem minder Wuͤrdigen zugewandte Neigung, hatte großen Antheil an ihrem Schmerz. . Es lebte nůmlich ſeit einigen Monden auf dem 6 Scuſe tes Bans von W., zu deſſen Beſitzungen das Dorſchen gehoörte, ein junger Kuͤnſtler, Namens F.; anfangs nur um das Portrait der Bgroninn und 5 ihrer Schweſter zu malen, dann angezog durch des Barons Gaſtfreiheit, durch eine intereſſante Ge⸗ maͤldeſammlung, welche er beſaß, und vor Allem wol durch Mariannens Nähe. Sehr bald ward das ſchoͤne, aufbluͤhende Maͤdchen von ihm bemerkt, und er fand die anmuthige, laͤndliche Erſcheinung ſo intereſſant, daß er nun ſehr angelegentlich im Pfarrhauſe Be⸗ kanntſchaft ſuchte. Man ſich gern mit dem geſprächigen, vielgereiſ'ten Fre nden; er kam oft, er⸗ fuhr bald, daß Marianne unter Anweiſung ihres Pflegevaters zeichne, und erbot ſich nun ſcherzend, ſie, ſo lange er auf dem Schloſſe ſey, im Malen zu unterrichten. Sie ließ ſich im gleichen Ton den Vorſchlag gefallen, ohne weiter an die Ausführung zu denken. Allein F. nahm es ernſtlicher, und ſchon m folgenden Tage erſchien er mit allem Nächigen 17 zur Paſtellmalerei. Der Unterricht begann; der Leh⸗ rer hatte nun Gelegenheit, Mariannen faſt täglich zu ſehen, und wußte dies ſehr gut zu benutzen. Ueber⸗ haupt ward ihm das Talent, ſich bei Frauenzimmern beliebt zu machen, in hohem Grade zugeſprochen; und er hatte es auch wol wirklich, durch aͤußere Vorzuge, leichte Untethaltungsgabe und — wenig Bedenklichkeit, jede Form anzunehmen, welche ihm eben die paſſendſte ſchien. Uebung hatte ihn hierin ſchwer zu durchſchauen gemacht; allein dennoch ent⸗ ging dem beobachtenden Blick des Pfarrers ſein Man⸗ gel an Gemuͤthswahrheit nicht ganz. Dieſe Beob⸗ achtung erweckte Mißtrauen; und wie ſehr der alte Mann nun auch von dem Baron und deſſen vorneh⸗ men Bekannten das Talent und manche Liebens⸗ wuͤrdigkeit des Fremden ruͤhmen hoͤrte, wie ſehr er ſelbſt ihm Beides zugeſtehen mußte: das alte Wohl⸗ wollen fuͤr ihn kam dennoch nicht wieder. Sittlicher Werth ſchien ſeinem ſchlichten Sinn nun einmal un⸗ bezweifelt der Edelſtein in der Menſchenbruſt, und alles Uebrige zwar wol oft eine ſehr ſchone und rei⸗ . che Faſſung, aber doch immer nur die Faſſung. Je⸗ nen Edelſtein mußte er zweifellos deutlich erkennen, 9 ehe et die ſchöne Gabe ſeiner treuen, redlichen Freundſchaft ſpendete; das aber vermochte er bei F. nicht, im Gegentheil, er ward immer unſicherer, ob er uͤberhaupt hier zu finden ſey. Seitdem ward die Vorliebe, welche er in Mariannens Herzen fuͤr den jungen Mann las, ihm faſt aͤngſtlich beunruhigend⸗ und er wuͤrde ſein öfteres Kommen zu beſchränken, und den Unterricht, welchen er gab, abzubrechen ge⸗ ſucht haben, wäre dies Letzte nicht ſchon von ſelbſt durch Mariannens nahe Entfernung geſchehen. Ein⸗ zig in dieſer Ruͤckſicht ſah er ihr Scheiden gern; er tröſtete ſich mit der Hoffnung, daß auf dieſe Weiſe wol am ſicherſten der Eindruck des Augenblicks zu verlöſchen, und Alles was er für ſie fürchtete, abzu⸗ wenden ſey. — Allein dieſe Hoffnung ſchien nicht ganz erfuͤllt werden zu ſollen. Ungern ſchon jetzt von dem lieb⸗ ſichen Maͤdchen ſcheidend, beſchaͤftigte ſich F. mit mancherlei Vorſtellungen, wie er ihr moͤglicher Weiſe auf dem Lebenswege von Neuem begegnen koͤnne; und es war ihm ein widriger Gedanke, in dem wei⸗ chen, ſich ihm jett ſo traulich zuneigenden Herzen vielleicht bald wieder als ein Fremder, Gleichgultiger 19 dazuſtehn. Auch in der Ferne ſollte ſie ſein Anden⸗ ken mit Auszeichnung bewahren, und er that ſein Mäglichſtes, ſich dies Andenken in ihrem Gemuͤth zu ſichern. — Marianne hatte ihn um die Beſorgung einiger Sachen gebeten, deren ſie beim Malen bedurfte. Er verſprach ſie, doch mit dem Zuſatz: wahrſcheinlich erſt nach H., der erſten bedeutenden Stadt, welche ſie er⸗ reichte, werde er ihr das Verlangte ſenden können, und hoffentlich zürne ſie nicht, wenn er dann noch eine unbedeutende Zugabe beifuͤge. Auch am letzten Abend, welchen ſie im Pfarrhauſe zubrachte, wieder⸗ holte er ihr das Naͤmliche. Sie hoffte auf eine kleine Zeichnung von ſeiner Hand, und freute ſich des Ver⸗ ſprechens; doch die Folge zeigte, daß ſie geirrt hatte. — Es war ſein Abſchiedsbeſuch, bei welchem er die⸗ ſer Kleinigkeit, wie er ſie nannte, noch einmal er⸗ waͤhnte. Kaum eine Stunde vorher, ehe Marianne damals mit ſo niedergeſchlagenem Sinn des Fern⸗ ſeyns von geliebten Menſchen gedachte, war er ge⸗ kommen, ihr Lebewohl zu ſagen, und leicht mochte nun wol, ihr ſelbſt unbewußt, der ſtille Kreis, in welchem ſie ihn ſo oft geſehen hatte, ihn vielleicht X 2* 20 lange noch zu ſehen haͤtte hoffen können, ihr noch trauter und freundlicher erſcheinen, als ſonſt. Der Morgen kam; die gefuͤrchteten Abſchiedsſtun⸗ den waren nun alle voruͤber, und lange ſchon rollte Marianne mit ihrer Gefaͤhrtinn — einer aͤltlichen Wittwe, welche faſt in der naͤmlichen Gegend, wohin jene reiſ'te, eine verheirathete Tochter beſuchen wollte — durch das friſche Hoffnungsgruͤn der Saaten dahin, ohne ſein zu achten, ohne auf der Lerche fröhliches Lied zu horchen, welches ihr ein Wort der Beruhi⸗ gung und des Troſtes ſagen zu wollen ſchien. Sie hatte bisher noch wenig gelitten, wenig entbehrt; jetzt zum erſtenmale ſchien ihr das Leben ſchwer und truͤbe; nur mit Aengſtlichkeit ſchaute ſie vorwaͤrts, und blickte ſie zuruck, ſo begegneten ihr uͤberall Bil⸗ der, welche ihre Wehmuth und Sehnſucht erneu⸗ ten. So wollte, ungeachtet der Bemuͤhungen ihrer Begleiterinn, ſie zu erheitern, lange die Helle des Auges, das friſche Leben des bluͤhenden Ge⸗ ſichts nicht ganz wiederkehren; doch harrte ihrer am zweiten Abend, als ſie H.erreichte, eine Ueberraſchung, 21 welche ihrem ſchmerzlich erregten Gemuth auf das freundlichſte zuſprach, und ſie noch mehr gefteut ha⸗ ben wurde, wäre ſie nur gewiß geweſen, ſich mit ganz ruhigem Sinn der Freude daruͤber hingeben zu durfen. Sie fand näͤmlich in H. die von F. beſorgten Sachen, nebſt einem Briefe und einem Gemaͤlde. Es war ſein Bildniß. „Sie beduͤrfe, ſchrieb er, eines Ge⸗ maͤldes als Vorbild bei ihrer Arbeit, und er konne nicht glauben, ſie vermoͤge es, ihn durch das Ableh⸗ nen dieſes Bildes zu betruͤben, welches er nur ſo ihr zu bieten wage. Im Gegentheil, er fuͤhle ſich ſeit ihrer Abreiſe ſo verarmt und einſam, daß er hofſe, ſie werde ihm auch durch die Erlaubniß, ihr zuweilen zu ſchreiben, den einzigen Troſt geben, welcher bei ihm Eingang finden könne, bis es ihm — und viel⸗ leicht bald — vergönnt ſey, ſie in der neuen Hei⸗ math wieder aufzuſuchen.“ Aehnlichen Inhalts war auch das Uebrige des Briefes; und wol nicht abſichtlos war ihr das Ge⸗ muͤlde geſchickt, denn daß der alte Pfarrer gegen die Annahme deſſelben Einwendungen machen wuͤrde ließ ſich erwarten. Den Brief in der Hand, ſtand *— les ausmalen, ſchon Vorſatze faſſen, wie ſie ſo uner⸗ 22 Marianne jetzt zweifelnd da. Durfte ſie das Bild behalten? mußte ſie es zuruckſenden? Dieſe Fragen beſchaͤftigten ſie angelegentlich und ſtörend. Doch das Letzte ſogleich zu thun, dieſem wenigſtens wider⸗ ſprach eine freundliche, furbittende Stimme in ihrer Bruſt ſehr entſchieden. Sie ließ ſich von dem be⸗ rebten Anwalde gewinnen, und das Bild bekam nun neben ihren liebſten Habſeligkeiten ſeinen Platz. Doch nahm ſie ſich feſt vor, ſobald ſie in ihrem kuͤnftigen Wohnort angekommen ſey, ihren Pflegeeltern Alles zu ſchreiben, und ihrer Entſcheidung zu uͤberlaſſen, was ſie thun ſolle. Bleibe es doch ungewiß, ſagte ſie ſich ſelbſt, ob vor ihrer Ankunft in S. das Kaͤſtchen mit den Sachen geoͤffnet worden ſey.— Sich hiedurch wenigſtens einigermaßen beruhi⸗ gend, ſetzte ſie nun heiterer als vorher ihren Weg fort. Die Ausſicht, ihn, von dem ſie ſo ungern Ab⸗ ſchied genommen, an dem unbekannten Orte, wo ſie nun leben ſollte, wiederzuſehen, hatte fuͤr ſie etwas ſo freundlich Troſtendes. Sie konnte ſich ſchon Al⸗ muͤdet fleißig ſeyn, und ihn dann durch die ſchonſten Fortſchritte uͤberraſchen wollte. Kurz, Gegenwart . 23 und Zukunft wurden ihr wieder heller; allein noch ehe ſie das Ziel ihrer Reiſe erreichte, ward dieſe zu⸗ ruͤckkehrende Heiterkeit von Neuem geſtoͤrt. Die Um⸗ ſtaͤnde, welche dies veranlaßten, waren folgende. Ihre Begleiterinn kam faſt um zwei Tage eher, als ſie, an den Ort ihrer Beſtimmung. Froh, wie⸗ der Ruhe zu finden, welche ihren Jahren ſchon mehr Bebuͤrfniß geworden war, bat ſie freundlich Marian⸗ nen, dieſe Ruhe wenigſtens auf kurze Zeit mit ihr zu theilen, und dieſe nahm die gaſtfreie Einladung um ſo lieber an, da ſie dann erwarten konnte, durch ihren Stiefvater fernere Begleitung zu erhalten. — Mit einem angenehmen Gefuͤhl trat ſie bei den Ver⸗ wandten ihrer Reiſegefaͤhrtinn in einen Familienkreis, welcher mit jenem geliebten, den ſie vor Kurzem ver⸗ ließ, in mancher Ruͤckſicht Aehnlichkeit hatte. Es war die naͤmliche Ruhe und Stille einer laͤndlichen Pfarrwohnung; und auch hier ſchienen Liebe und Eintracht die Hausgenoſſen mit den traulichſten Banden zu vereinen. So uͤberließ ſie ſich denn gern ſtillen Traͤumen aus vergangener Zeit, wenn gleich in dem Umſtande eine große Verſchiedenheit lag, daß 24 der hieſige Pfarrer gar wohl der Sohn ihres Pflege⸗ vaters haͤtte ſeyn koͤnnen. — Nach einiger Zeit trat ein junger Mann herein, der, wie ſie, nur als Gaſt zu verweilen ſchien. Sie erfuhr ſpäter, daß er in fuͤrſtlich ** ſchen Dienſten angeſtellt, und nur zum Beſuch bei dem Hausherrn, ſeinem Univerſitätsfreunde, ſey, welchen er ſeit lan⸗ ge nicht geſehen. Dieſer zog ſich bald mit ihm aus dem Kreiſe der Frauen zuruͤck, und ſo ward er von Mariannen wenig bemerkt. Am andern Tage in⸗ deß ernannte ihn der Pfarrer, weil ihn ſelbſt Ge⸗ ſchaͤfte hinderten, zum Fuͤhrer der angekommenen Frauenzimmer in der angenehmen Umgebung des kleinen Orts; und Wildau, ſo hieß der Fremde, uͤbernahm dies doppelt gern, da die Gegend fuͤr ihn ſelbſt durch Erinnerungen Reiz hatte. So begleitete er denn auch eines Nachmittags Mariannen und ihre bisherige Reiſegefährtinn zu einer nahen, ziem⸗ lich bedeutenden Anhoͤhe, von wo man eine ſehr freundliche, und ſelbſt maleriſche Ausſicht hatte. Auf Mariannens Aeußerung daruber zog Wildau eine Papierrolle hervor, mit der Frage: ob ſie Luſt habe, eine Zeichnung der Gegend zu ſehen? Sie ſey, fagte 25 er, von einem damals mit ihm ſehr bekannten Fuͤnſtler entworſen, ihm von dieſem geſchenkt, und er habe ſie jetzt mitgebracht, um zu vergleichen. Ma⸗ rianne warf anfangs nur einen fluͤchtigen Blick auf das Blatt, ward aber bald ſehr angenehm uͤberra als ſie in der Zeichnung, und auch durch die L mensunterſchriſt, F's Werk erkannte. Jetzt ſchäftigte ſie ſich gern mit ihr, oder eigentlich, ſie ſchaͤftigte ſich wenig mehr mit der Kunſt, noch Natur, ſondern einzig in der Erinnerung mit! Fuͤnſtler. So horchte ſie denn auch, als die Ri gefuhrtinn nun gleichfalls den bekannten Namen und ſich zwiſchen ihr und Wildau ein Geſpraͤch den Juͤnſtler entſpann, mit aller Lebhaftigkeit juge lichen Vorliebe hin, in der zuverſichtlichen Hoffm etwas Lobendes und Erfreuendes uͤber ihn zu hoͤ Allein dieſe Hoffnung ward traurig getaͤuſcht; d nach einigen gleichguͤltigeren Aeußerungen Wilda mußte ſie auch eine ſehr bedenkliche von ihm vert men. „Ich war, ſo ſprach er zu ihrer Begleiter damals gewiß einer von F's aufrichtigſten Freund allein eben dadurch erkaltete er gegen mich. konnte nicht Recht nennen, was Unrecht war.“ 26 Hier ſchwieg er; doch auf einen fragenden Blig der aͤltlichen Dame, ſetzte er hinzu: „Seit ſeiner Un⸗ reblichkeit gegen ein liebenswuͤrdiges Maͤdchen, ſeit der ..“ Ein noch haͤrteres Wort ſchien auf ſeinen Lippen zu ſchweben; er unterdruͤckte es, und ſagte bloß: „Ich darf mir das Zeugniß geben, daß ich nichts unverſucht ließ, ihn mir, wie ſich ſelbſt zu er⸗ halten. Es geſchah nur, um immer mehr zu erken⸗ nen, es ſey zu ſpaͤt. Er zog ſich endlich beleidigt zuruͤck; und das war im Grunde gleichguͤltig, denn ich hatte ihn ja doch verloren.“ Es lag etwas Schmerzliches im Ton ſeiner Stimme bei dieſen Worten; allein Marianne be⸗ merkte es nicht. Was ſie hörte, that ihrem Herzen ſo empfindlich weh, daß faſt ein bitteres Gefuͤhl gegen den Ertheiler ſo unwillkommener Kunde ſich in dem⸗ ſelben regte. Schweigend, den Blick zur Erde ge⸗ ſenkt, ſtand ſie da, noch gluͤcklich, nur in bieſen er⸗ ſten Augenblicken von Niemanden beachtet zu ſeyn, und ſuchte vergeblich Faſſung wieder zu gewinnen. — Jetzt bemerkte ihre Begleiterinn, es werde zu kuͤhl auf der Höhe, und ſo ward denn langſam der Ruͤck⸗ weg angetreten. . 27 Nur mit Muͤhe miſchte Marianne einige Worte in das auch von Seiten des Fremden nicht ſehr be⸗ tlebte Geſpräͤch. Sie fuͤhlte, daß ihr veraͤndertes We⸗ ſin einer Entſchuldigung beduͤrfe, und ſchuͤtzte Uebel⸗ e befinden durch Erkaltung auf der Hoͤhe vor. Doch dies ntzte ihr wenig, denn nur um deſto oͤfter rich⸗ tete ſich Wildau's Blick theilnehmend, faſt beſorgt, doch auch beſcheiden forſchend, auf ſie. So war ſie t denn ſehr froh, als er beim Zuruͤckkommen ſogleich burch ſeinen Freund abgerufen ward. — War es Wahrheit oder Verlaͤumdung, was ſ' e gehort hatte? Fuͤr das Letzte ſchien hier faſt b Grund denkbar; und das Erſte zu glauben, wit . ſtrebte ſo tief ihrem beſtochenen Gefuͤhl. — S htte ſie gewuͤnſcht, auch nur etwas Näheres 1 Wildau's Aeußerung zu erfahren, und es waͤre eicht moͤglich geweſen, durch die Hausfrau; allei ſcheute ihre eigene Befangenheit im Geſpräch dart — Schwankend, trauervoll und faſt ſchlaflos „ brachte ſie die Nacht. Als ſie am andern Morgen, nun wirklich mattet und körperlich unwohl, ſpät im Wohnzim erſchien, war Wildau ſchon abgereiſt. Er hatte, 28 ſchien es, ihr Kommen zu erwarten gewuͤnſcht, al⸗ lein da es ſich zu lange verzögerte, mußte er doch aufbrechen, ohne ſie noch geſehen zu haben. Seinem Freunde hatte er eine Adreſſe fuͤr ſie an eine Dame in S. — ihrem kuͤnftigen Wohnort — gelaſſen, hin⸗ zufogend, er hoffe, ſie werde auf deſſen Fuͤrwort die⸗ ſelbe von ihm annehmen. Das Frauenzimmer, an welches ſie gerichtet war, hieß Amalie Hain, und lebte unvermaͤhlt, ſo wie entſchieden, es zu bleiben; unter andern Gruͤnden auch deshalb, weil zu man⸗ chem fruh gekannten Ungluck ſich jetzt noch fuͤr ſie der Druck einer oft leidenden Geſundheit geſellte. Wil⸗ pau's vertrauteſter Freund war ihr Bruder, und mit dieſerm wohnte ſie, ſeit dem Verluſt ihrer beiden El⸗ tern, in S. Vorher hatte die Familie mit Wildau den naͤmlichen Aufenthaltsort gehabt, und ihn beinahe täglich geſehen. So kannte er Amalien genau, und es dunkte ihn faſt, als ſey ſie auch ſeine Schweſter. Dem Prediger war ſie gleichfalls nicht fremd, und er bat Mariannen ſehr, die Adreſſe ja zu benuten; wor⸗ auf dieſe ſie dann, wiewohl ʒiemlich gleichgůltig, zu einigen andern in ihre Schreibtafel legte. Einige Stunden ſpater kam ihr Stiefvater ſ 20 ſe abzuholen. Nun war die Zeit voruber, wo ſie bei ihrer gutmuͤthigen Wirthinn vielleicht uͤber das, was ſie ſo ſehr bekuͤmmerte, Licht haͤtte finden kon⸗ nen; denn ihr jetziger Begleiter betrieb ſeine Abreiſe höchſt eilig. Noch an dem naͤmlichen Morgen mußte ſie, zwar anſcheinend ruhig, doch mit dem traurig⸗ ſten Herzen, ihren Weg fortſetzen. — Ihren Siefvater fand ſie, vielleicht weil die gunſtige äußere Lage ihn erheiterte, bei weitem weni⸗ ger finſter und verſchloſſen, als ſie erwartet hatte. Er befragte ſie während der Reiſe uͤber Manches, ihre Fortſchritte betrefſend, und freute ſich ſehr, zu erfah⸗ ren, daß ſie male. Gleich nach der Ankunft in ſei⸗ ner Wohnung mußte ſie ihm einige ihrer Verſuche in dieſem Fach zeigen; ſie gefielen ihm, und er em⸗ pfahl ihr, ſich ja allein fortzuuͤben, bis er Gelegen⸗ heit finde, ihr von Neuem Unterricht zu verſchaffen. So hatte ſie denn nun einen Vorwand, ſich, gegen ihren fruͤheren Vorſatz, wieder mit dem Bilde deſſen zu beſchaͤftigen, der ihr jetzt doch wenigſtens zweideu⸗ tig ſcheinen mußte. Bisher hatte ſie daſſelbe tief unten in ihren Reiſekoffer gelegt, gelobend, es dort zu be⸗ wahren bis zur Entſcheidung, als ſey es gar nicht in 30 ihren Häͤnden. Allein war ihr Herz gleich nicht ſtark genug, dies zu halten? recht froh konnte ſie des Bildes doch jetzt auch nicht mehr werden; dazu war ihr alles Gute zu lieb, und alles Unrecht zu feindlich widerſtrebend. Schmerzlich ſehnte ſie ſich nach Lö⸗ ſung des druͤckenden Zweifels in ihrer Bruſt, und ſo gern hätte ſie auch, ehe ſie ihren Pflegeeltern ſchrieb, erſt ſelbſt einige Klarheit gehabt, ob ſie noch wagen durfe, hier zu entſchuldigen; doch uͤber den Weg, dieſe Klarheit zu finden, ſann ſie bis jett vergeblich. Da fiel ihr, wie man gewoͤhnlich ſagt, durch Zufall, Wildau's Addreßbrief in die Hände. Sie fuhlte jett doppelt das Bedurfniß, ſich einem weiblichen Weſen anzuſchließen; und einige Frauenzimmer, welche ſie bei ihrem Stiefvater hatte kennen lernen, ließen ſie ſehr kalt. So begann ihr jetzt jene Empfehlung wichtiger zu ſcheinen, als im Anfange, und ſie ſchickte noch in der nämlichen Stunde Amalien den Brieß, mit der Frage: wann ſie kommen duͤrſe, ſie zu be⸗ ſuchen? — Allein die in dieſem Augenblick lebhaft gewuͤnſchte Antwort auf ihre Frage blieb aus. Der Bediente hatte Amalien nicht zu Hauſe getroffen, und den Brief bloß abgeben können. e 3 t 5 34 „Nun denn, ſo will ich malen!“ rief Marianne, beinahe mißmuͤthig uͤber dieſe Botſchaft. „Es wird mir dabei ſeyn, als wäre ich wieder in meinem laͤnd⸗ lich ſtillen Stubchen, wo ich mich nie, nie ſo verlaſ⸗ ſen fuͤhlte, als hier in der großen, geraͤuſchvollen Stadt!“ — Schnell ſtellte ſie das Bild neben dem Tiſche auf, holte geſchäftig Pergament, Farben, Alles was ſie brauchte, herbei, und ließ im Hin⸗ und Her⸗ gehen die Thuͤr offen. Dann begann die Arbeit, und ihr ward beim wiederholten Anſchauen des Bil⸗ des zwar wehmuͤthig bekuͤmmert, aber doch milder und ruhiger zu Muth, als vorher. So mochte ſie denn wol ſchon zwei Stunden ununterbrochen gemalt haben, als ſie plotzlich auf eine ſeltſame Weiſe ge⸗ ſtort ward: durch einen leiſen, doch ſchmerzlichen Schrei dicht hinter ihr. Erſtaunt ſah ſie ſich um, und erblickte eine ſchlanke weibliche Geſtalt, welche ſich bleich und zit⸗ ternd, die Augen feſt auf das Bild geheſtet, gegen einen Seſſel am Eingang des Zimmers lehnte. Beide ſich hier ſo ſeltſam Begegnende blieben einige Augen⸗ blicke ſprachlos; eine aͤngſtliche Ahnung, daß die Fremde Amalie ſey, und daß auch eben gegen ſie 32 F. mit ſo ſtrenger Ruͤge des Unrechts beſchuldigt werde, zuckte durch Mariannens Bruſt, und raubte ihr alle Faſſung. Die Fremde ſammelte ſich zuerſt, und ihre Worte beſtaͤtigten, wenigſtens zum Theil, Mariannens Vermuthung. „Ich bin Amalie Hain,“ ſagte ſie mit ſanfter Stimme. „Man wies mich her⸗ auf. Verzeihen Sie. .. Dieſer in's ruhig gewoͤhnliche Leben zuruͤckfüh⸗ rende Ton ſchien Mariannen aus ihrer Befangenheit zu wecken. Sie ſtammelte einige Worte des Danks für Amaliens Kommen, und ſuchte dann, neben ihr auf dem Sopha ſitzend, ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen. Allein damit gelang es nicht ſonderlich, zum Theil durch ihre, doch faſt mehr noch durch Amaliens Schuld. Dieſe war ſichtlich zerſtreut, und unwill⸗ kuͤhrlich wandten ſich ihre Blicke immer von Neuem auf das Bild. Endlich ward ihr ſelbſt der Druck dieſer gezwungenen, kalthöflichen Unterhaltung zu ſchwer. „Liebes Maͤdchen!“ ſagte ſie, mit Wohlwol⸗ len Mariannens Hand faſſend, „der Zufall will, wie mich duͤnkt, uns Beide ſchnell zur Vertrautheit fuͤh⸗ ren. Halten Sie mir ein etwas auffallendes Betra⸗ gen in dieſen Augenblicken zu gute, und — nennen 33 Sie es nicht Neugier, wenn ich jetzt mit Offenheit frage: durch wen, auf welche Weiſe kam dies Bild in Ihre Haͤnde?“ Marianne zogerte einen Augenblick; dann ant⸗ wortete ſie, doch ein wenig verlegen: „Durch mei⸗ nen Lehrer, den Maler F. Ich male gern, und er glaubte, ein gutes Gemaͤlde wurde mir nutzlich ſeyn bei meinen Uebungen.“ — „Und er waͤhlte gerade ſein eigenes Bild?“ erwiederte Amalie, indem ihr fra⸗ gender Blick ſich ſanſt, doch feſt, auf Mariannens bewegte Zůge richtete. Doch als dieſe nun verwirrt und errothend kein erwiederndes Wort fand, fuͤgte ſie ſogleich hinzu: „Verzeihen Sie mir! es war nicht meine Abſicht, Sie in Verlegenheit zu ſetzen. Ich fuͤhle auch, daß mich nichts berechtigt, in ein Geheim⸗ niß einzudringen, das nur, furchte ich, kein erfreuli⸗ ches iſt. Doch einen Rath bin ich Ihnen ſchul⸗ dig, — denn ich halte es fuͤr Pflicht, Sie vor der Klippe zu warnen, an der einſt mein eigenes Lebens⸗ glůck ſcheiterte, — vertrauen Sie dem Original dieſes Bildes nicht zu viel!“ Sie ſprach dieſe Worte ſo redlich warnend, in ihrem ganzen Weſen lag ſo viel Sanftheit und Güte, 3 34 daß Marianne ſchnell Zutrauen zu ihr faßte. „O,“ rief ſie bittend, „wenn Sie mir rathen, wenn Sie mir helfen wollen, ſo ſeyn Sie ganz offen gegen mich! Sagen Sie mir unverhehlt, was ich glauben, was ich fuͤchten muß! Zweifel beunruhigen ohnehin ſchon meine Bruſt ſo ſehr! Gewiß! ich bin unfähig, Ihr Vertrauen zu mißbrauchen.“ „Ich habe nichts zu verhehlen,“ erwiederte Amalie, / nur iſt die Erkläͤrung, welche Sie wuͤnſchen, für mich ſelbſt ſehr ſchmerzlich. In einer ſehr ent⸗ ſcheidenden Zeit meines Lebens — es moͤgen etwa drei Jahre ſeitdem vergangen ſeyn — ſchrieb ich manches von dem, was ich erfuhr, was ich fuhlte, in ein kleines Erinnerungsbuch, wie ich dies uͤber⸗ haupt ſeit lange zu thun gewohnt war. Darf ich Ihnen von jenen Blättern einige ſenden? Aus ih⸗ nen werden Sie Alles erfahren, was Ihnen zu wiſ⸗ ſen vielleicht ntzlich ſeyn kann, und mir bleibt der Schmerz erſpart, es ſelbſt zu erzaͤhlen.“ Marianne konnte nicht anders, als dies anneh⸗ men, wenn ſie gleich ſehnlich augenblickliche Aufkla⸗ rung gewuͤnſcht hätte. Amalie verließ ſie nun ſo⸗ gleich, und wohl fuhlend, wie dräckend jede Minute 35 des Harrens hier ſey, ſandte ſie ihr ungeſaͤumt beim Nachhauſekommen die folgenden Blatter. 1. den 3ten Mai. So bin ich denn nun verlobt! ganz nach mei⸗ ner eigenen Wahl, nach dem innigſten Wunſch mei⸗ nes Herzens verlobt, und — doch nicht ganz glůͤck⸗ lich. Ach, es fehlt doch viel, wenn der Eltern vol⸗ ler, freudiger Segen bei ſolch einem Schritt' uns fehlt! Des Vaters Ja hab' ich mit Thranen erbit⸗ ten muͤſſen, und auch die Mutter zogerte einzuwilli⸗ gen. Waͤren ſie denn auch dies eine, eine Mal wol ganz vorurtheilsfrei? — Die Mutter meint, F. erwecke kein Vertrauen; es ſey nicht Wahrheit, nicht Unverſtelltheit genug in ſeinem Weſen. O, wie kann man doch in dieſer feinen Schonung, die ihm ſo eigen iſt, in dieſer heitern Gewandtheit, die nie verletzt, und auch ſo ungern verletzen moͤchte, etwas Ungäͤnſtiges ſehen! — Mein Vater haͤtte wol am liebſten einem reichen, unternehmenden Kaufmann, wie er ſelbſt iſt, meine Hand gegeben. Das Loos eines Kůnſtlers, ſagt er, ſey zu unſicher. 38 36 Lieber Himmel! welches Loos iſt denn wol unſicherer, als das eines Kaufmanns! 2. den 13ten Mai. Ach, ich hatte wohl Recht, als mir der Stand des Kaufmanns von allen der truglichſte ſchien! Durch unſer eigenes Schickſal muͤſſen wir jetzt erfah⸗ ren, daß ich wahr ſprach. Vor 24 Stunden noch wohlhabend, ſelbſt reich, vor ſo vielen andern! — jetzt verarmt bis zur tiefſten Duͤrftigkeit! und das Alles durch einen einzigen Brief! — Es iſt freilich hart, aber doch — wenn es nur meine Eltern nicht be⸗ truͤbte, ich woͤrde mich leicht, ſehr leicht darin finden. Biribt mir ja F's Liebe! Sie wird mich ſtärken mir Muth und Freudigkeit geben; ich werde mit ihm gern entbehren, gern ertragen. — Bald iſt die Zeit da, wo er kommen, wo er auch an dieſem truͤben Tage mir noch heitere Augenblicke ſchenken wird. H könnt' e auch Troſt bringen fur meinen Vater! 1 it n 0 37 2 Stunden ſpäter. F. iſt nicht gekommen! Ach! es war wol zu ſelbſtſuͤchtig, daß ich noch auf Erheiterung hoffte, da meine Eltern ſo tief bekuͤmmert ſind. — Es iſt heute der erſte Abend, an dem F. ausbleibt, ſeit wir verlobt wurden. Wenn ihm nur kein Ungluͤck be⸗ gegnet iſt! — O Gott! ich will ja ruhig Alles ver⸗ lieren, Alles entbehren! nur ihn, ihn allein möge deine Macht mir erhalten! 3. den 14ten Mai. Das Herz iſt mir ſo ſchwer, die Bruſt ſo be⸗ klemmt! es iſt, als läge eine Welt auf ihr, den Athem zu hemmen. — F. iſt geſtern Abend hier geweſen; mein Vater — mein guter, bei allem Kummer doch noch um mich beſorgter Vater — zo⸗ gerte nur, es mir zu ſagen, weil er es ſcheute, mich noch mehr zu betruͤben. F. hat die Nachricht von unſerm Ungluck nicht gut aufgenommen. Er hat mich nicht ſehen, nicht troſten wollen, weil — ſeine 38 eigene Seele dem Schmerz erliege. — Ach! welche Stütze iſt denn das, die da ſchon erliegt, wo ein ſchwaches Madchen noch Kraft fuͤhlt, zu tragen? Und wie wenig leidet er gegen uns! Wie oſt hat er mir geſagt, meine Hand wuͤrde ihn noch glucklicher machen, wenn ich weniger reich wäre, wenn ich ihm nichts zu geben haͤtte, als mein Herz, meine Liebe. — Auch jetzt kann ich noch nicht glauben, daß un⸗ ſer Verluſt es iſt, was ihn ſo verſtimmt. Aber — o daß er bald, daß er jetzt käme, mir ein beruhigen⸗ des Wort zu ſagen, um um ſein ſelbſt willen. 4. den aaſten Mai. Schon acht Tage ſind es nun, daß F. nicht gekommen iſt. Er ſey verreiſt, ſagt man. Und eben jetzt? und ohne ein Wort des Abſchieds? — Niemand weiß, wann er zuruͤckkommt. O, dies Harren, dies ſehnſüchtige Ausblicken! und dann im⸗ mer wieder von Neuem die trͤbe⸗ traurige Taͤu⸗ ſchung! — War' es denn wirklich nur mein Reich⸗ 39 thum geweſen, den er liebte? — hat ſchlau und berechnet mein Herz immer feſter ge⸗ wonnen; er war's, der mich uͤberredete, die Einwilli⸗ gung meines Vaters für die einzige Tochter zu er⸗ ſchmeicheln. Mein tief gekraͤnktes Gefuͤhl ſagt mir das jetzt. — Ward ich verblendet? wollte ich es ſeyn? — Vielleicht Beides! — O, daß ich ihm Unrecht thaͤte in dieſer ſchweren, bittern Stunde! Daß er nur noch einmal mit treuem Wort der Liebe in mein Zimmer traͤte, um mich beſorgt, mich troͤſtend und beruhigend! Ich wollte mein Leben geben fur einen ſolchen Augen⸗ blick! 5. — den aſten Mai. Hier iſt ein Brief von ihm. Ich will ihn unter dieſe Blaͤtter legen, daß ich ihn täglich ſehe, daß ſeine ſchneidende Kaͤlte mit jedem Augenblick mein Herz tiefer und tödtlicher verwunde. — „Liebe ſey eine heitre, freundliche Taͤndelei, die weichen ſſe, im Widerſtreit mit den ernſten Forderungen Es iſt wahr, er 40 bes Lebens. — Dem Farbenglanz der Blume glei⸗ che die Schonheit, und dem ruͤtzlichen, brauchbaren Kraut — der Reichthum. In Sorge und Leid welke der liebliche Farbenglanz zu ſchnell; und dar⸗ um — um meinetwillen trage er Bedenken, mich mit hinabzuziehen in den Druck der Armuth. Bei meinen Vorzugen wuͤrden Andere, Reichere, mir mit Freuden Erſatz bieten fur das, was ich verloren.“ — O, das iſt kei e Sprache, die mich taͤuſchen kann! das iſt keine, e auch nur täuſchen ſoll. Es iſt wol Alles, Alles voruͤber! Der ſchoͤne heitre Traum iſt zerſtört, und ich wache nun aͤngſtlich allein in der dunkeln, einſamen Nacht! 6. den 26ſten Mai. Warum zogerte mein allzuſchwaches Herz noch immer! Warum ſandte ich ihm nicht noch geſtern ſeinen Ring zuruͤck! Dann brauchte ich mir doch heute nicht zu ſagen, der meine ſey von einem Un⸗ wuͤrdigen verſchmäht. — Und doch hat er mich ge⸗ liebt auf ſeine Weiſe; das ſagt ſelbſt Wildau, unſer 3 treuer, redlicher Freund. Er kennt nur dieſe flůchtige, vom leichten Windeshauch verwehte Liebe. Sie er⸗ kaltet, wenn man ihrer am meiſten beduͤrſte. Sie iſt eine Strohflamme, die verliſcht, in dem Augen⸗ blick, da man hoffte, ſich an ihr zu waͤrmen. — Und ach! haͤtte ich es mir nicht vorherſagen koͤn⸗ nen? Hatte ich ihn nicht oft genug von Blume zu Blume flattern, nirgends dauernd weilen ſehen? — Es ſchmeichelte mir, daß ich allein ſthielt, und ich fragte nicht, wodurch? den uiten Juni. Iſt es denn moͤglich, ſo Unrecht auf Unrecht zu haͤufen? Verſucht er es wirklich, mich herab⸗ zuſetzen, damit er weniger ſchuldig erſcheine? — Sey's, wie es ſey! von unſerer Seite geſchieht kein Schritt dagegen. Wer hier glaubt, deſſen Urtheil iſt gleichgultig. Aber — o Gott, ich bin furchtbar reich geworden an Erfahrung in dieſer kurzen Zeit! — — von aufrichtigem Antheil zuruͤckgefuͤhrt, ſchon wieder Hier enbeten die Blatter. ſten Antheil hatte Marianne ſie geleſen. „So iſt es dennoch wahr!“ rief ſie jetzt mit einem tiefen Seuf⸗ zer. „So war dennoch Wildau's Urtheil nicht zu hart; und die Entſcheidung, die ich ſo ſehnlich wuͤnſchte, iſt die niederſchlagendſte, die mir werden konnte. — Ach, Amalie ſcheint ſo liebenswuͤrdig! iſt wahrſcheinlich ſo viel, viel mehr als ich! Wer könnte, w da noch vertrauen, wo ihr Ver⸗ trauen getaͤ d? — Schon zu lange zögerte ich, meinen pflegeeltern Alles zu ſchreiben; und ach! that ich's auch wol mit dem heimlichen Wunſch, die Ausfuͤhrung beſſen, was ſie mir vielleicht rathen könnten, noch zu verzögern? — Ich ſelbſt weiß es nicht deutlich; doch das weiß ich: nun ſoll auch Al⸗ les voruͤber ſeyn; nun will ich noch in dieſer Stunde von jenem Bilde ſcheiden, und — auch von ihm, durch den ich es erhielt.“ Langſam holte ſie das Bild herbei, dann auch das Kaͤſtchen, in welchem es die Herreiſe gemacht hatte, und wollte nun eben, doch mit etwas zittern⸗ der Hand, beim Einpacken beginnen, als Amalie, Mit dem unruhig⸗ 43 in ihr Zimmer trat. „Es that mir weh,“ ſagte ſie, „mit einem vielleicht bitteren, ſchmerzlichen Gefuͤhl Sie ſo ganz ſich ſelbſt uͤberlaſſen zu wiſſen; und kann Ihnen gleich in dieſen Augenblicken meine Theilnahme wenig ſeyn ſo ſollen Sie doch auch dies Wenige nicht entbehren, weil ich ſuchte, mir eine unangenehme Empfindung zu erſparen.“ Geruhrt reichte ihr Marianne die Hand, und vergalt nun Guͤte und Herzlichkeit mit vollem Ver⸗ trauen. — Amalie mißbilligte die augenblickliche Zuruͤckſendung des Bildes nicht, wohl fuͤhlend, daß die Spannung der gegenwaͤrtigen Stunde vielleicht die Ausführung des als recht Erkannten erleichtere. So ſchrieb nun Marianne: „zhr Briefwechſel mit einem ihm vollig Unbekannten werde von ihrem Vater un⸗ gern geſehen: um ſich alſo nicht Mißdeutungen aus⸗ zuſetzen, muͤſſe ſie denſelben verbitten, ſo wie ſie aus gleichem Grunde das Gemaͤlde zuruͤckſende;“ und ihr Brief ward, nebſt dem Käſtchen, noch am naͤmlichen Tage abgeſchickt. Erſt als dies geſchehen, und auch ihren Pflegeeltern nun Alles mitgetheilt war, fuͤhlte ſie ſich uhiger. Mit Verwunderung ward das zuruͤckgeſe 44 Geſchenk von F. empfangen, mit bitterem Lächeln ihr Brief geleſen. „Sie haben Recht, ſchoͤnes Kind!“ ſprach er dann, langſam das Bild von ſeiner Huͤlle befreiend; „ein entfernter Liebhaber iſt langweilig. Auch ich fing ſchon an zu fuͤhlen, daß ein Roman in der Ferne nichts taugt. Beſſer, wir machen ihm ein Ende! Dies Bild — er hing es bei dieſen Wor⸗ ten mit wohlgefaͤlligem Blick uͤber ſeinem Pult auf — dies Bild wird ſchon einen Platz finden, wo es dauernder gern geſehen iſt, als bei Ihnen.“ — Dieſen Platz fand es denn auch wirklich bald; weit eher, als es ganz aus Mariannens Erinnerung verdraͤngt war. Es kam noch mancher Augenblick, wo ſie gern gezweifelt, gern entſchuldigt hätte; wo ſie faſt grubelnd ſtrebte, F's Betragen eine minder nachtheilige Seite abzugewinnen. Doch jetzt las ſie ſeinen letzten Brief an Amalien; und dieſe kalten, verwundend hoͤflichen Worte, von der nämlichen Hand geſchrieben, welche ihr nur Verſicherungen ewigen Andenkens geſandt hatte, machten den tief⸗ ſten Eindruck auf ſie. Der letzte, taͤuſchende Schim⸗ mer entwich; Vergeſſen, Verlöſchen des Vergange⸗ nen aus ihrem Gemuͤth, war Alles, wonach ſie jetz 45 ſtrebte. Der glucklich leichte Sinn der erſten Ju⸗ gend, die mancherlei ihr bisher fremden Zerſtreuun⸗ gen einer großen Stadt, und Stolz, der ſich keine Schwaͤche vorzuwerfen haben wollte, unterſtuͤtzten ſie dabei; ſo ward allmaͤhlich der verletzende Stachel aus dem faſt noch kindlichen Herzen getilgt, und es fand ſeine ganze fruhere Heiterkeit wieder. Lieblicher als je bluhte nun die ſchoͤne verpflanzte Roſe empor, und manches Auge erfteute ſich, hier beſcheidener, dort dreiſter, an ihrem Reiz. Bald ward Marianne Oſt⸗ heim als eine der Anmuthigſten unter ihren jetzigen Mitburgerinnen genannt; und wahr iſt's, Lob und Schmeichelei wirkten mit ein, ihr den Aufenthalt in S. angenehm zu machen. Ganz ſchwindelnd ward ihr indeſſen doch nie durch dieſen reichlich geſpendeten Weihrauch; niemals vermochte er, in ihrer Seele das milde Licht eines edleren, fuͤr das Beſſere empfuͤng⸗ lichen Sinnes zu erſticken. Dies dankte ſie vor Al⸗ lem dem Umgang der vielgepruͤſten, um ſechs Jahr aͤlteren Amalie; und doppelt gluͤcklich war es, daß dieſer ſtille Einfluß ſie beſchirmte, da ihr Stiefvater, erfreut durch die ſeiner Tochter dargebrachten Huldi⸗ gungen, auch nicht das Mindeſte that, dem Nach⸗ 46 theil derſelben zu wehren. — Jener anſcheinend un⸗ bebeutende, wenn gleich von Wildau in ſehr wohl⸗ wollender Abſicht gegebene Empfehlungsbrief ward ihr weit nuͤtzlicher, als ſie ſich's damals traͤumen ließ; nützlicher ſelbſt, als ſie es noch jetzt in voller Klarheit erkannte. — Unter mancherlei Abwechſelungen entflohen ihre Tage ſchnell. Oſt dachte ſie noch mit treuem Her⸗ zen der verlaſſenen Heimath, oft mit inniger Liebe der entfernten Freunde; doch fuͤhlte ſie ſich auch hei⸗ ter und zufrieden in ihrer jetzigen Lage. Amalie blieb ihr noch immer von allen Frauen, welche ſie kennen lernte, die liebſte; und dieſe Liebe fand die herzlichſte Erwiederung. Dem erſten ſchnellgeweckten Zutrauen getreu, theilten die beiden Freundinnen einander jede Freude, wie jedes Leid, unverhehlt mit; nur hatte Amalie, zu Mariannens aufrichtiger Bekuͤmmerniß, bei weitem amn ſeltenſten die erſte zu vertrauen. Doch eines Tages trat auch ſie mit minder ernſter Miene, als gewohnlich, in das Zimmer der juͤngern Freun⸗ dinn. Auf der durch langen Schmerz gebleichten Wange lag wieder ein leiſer Hauch der fruͤheren Ju⸗ gendblaͤthe, und die feinen regelmaßigen Geſichtszůge — 47 ſchienen, wie das ausdrucksvolle Auge, durch eine ſanfte Heiterkeit belebt. Auch beantwortete ſie Ma⸗ riannens freundlich theilnehmende Bemerkung dar⸗ uͤber beſtätigend. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie, „ich bin heute wirklich heiterer, als ſeit lange. Schon zum zweitenmal ſchenkt mir jetzt das Schickſal, in einer Zeit, wo ich ſie nicht ahnen, nicht vermuthen konnte, eine tröſtende Freude. Die Erſte war Ihre Liebe, die Hoffnung, Ihnen nuͤtzen zu können; und nun fuhrt es noch einen trefflichen Freund meines Bru⸗ ders hieher, den auch ich ſchon lange kannte, und deſſen umgang uns Beiden ſehr lieb iſt. Es iſt der naͤmliche Wildau, welchen Sie ſchon auf Ihrer Reiſe hieher kennen lernten. Verwickelte Geſchaͤfts⸗ ſachen ſind der Anlaß ſeines Kommens, und er wird, wie mein Bruder glaubt, vielleicht ſehr lange hier verweilen.“ Theilnehmend horte Marianne dieſe Nachticht um ihrer Freundinn willen; allein auch nur deshalb. Ja, ſie haͤtte ſie vielleicht ſi ſt im erſten Augenblick ſogar ungern vernommen, denn Wildau's Name weckte manche unerfreuliche, ſeither in Schatten ge⸗ ſtellte Erinnerung in ihrer Brnſt. Sie hatte nicht — 48 den mindeſten Wunſch, ihn wiederzuſehen; im Ge⸗ gentheil, es regte ſich ihr im innerſten Herzen ſogar eine leiſe, heimliche Se davor. — Er aber ge⸗ dachte mit einem ganz anderen Gefühl der Ausſicht, ihr — und ſo bald ſchon — von Neuem auf dem Lebenswege zu begegnen. Ihr Bild hatte ihn freund⸗ lich begleitet; ein tiefer, lebhafter Eindruck ihrer Lie⸗ benswoͤrdigkeit war ihm geblieben. Er harrte mit Sehnſucht der Zeit ſeiner Ankunft in S., und als er nun die zarte, liebliche Geſtalt, das ſanſte, blau und heiter wie der Himmel ſtrahlende Auge wieder erblickte; als er auf's Neue den ganzen Zauber un⸗ verkunſtelter weiblicher Anmuth in ihrer Naͤhe em⸗ pfand: da war es bald völlig um die lange bewahrte Freiheit ſeines Herzens geſchehen. Er fuͤhlte, daß ihre Hand ihm ein ſchönes, rein erkanntes, bisher vergebens geſuchtes Gluck verheiße. Auch war ſeine buͤrgerliche Lage ſo, daß er wol von ihrem Vater eine freundliche Aufnahme ſeiner Wuͤnſche hoffen durfte; ob aber auch von ihr ſelbſt, daruͤber machte ihn ein dunkles, vielleicht vorahnendes Gefuhl in manchen Augenblicken unruhig beſorgt. Er mochte faſt ſchon die Doppelzahl von Ma⸗ 49 riannens Jahren verlebt haben, und war, wenn gleich von der Natur nicht vernachlaͤſſigt, doch auch nicht mit glaͤnzend in's Auge fallenden Vorzugen ausge⸗ ſtattet. Ein ernſter, denkender Ausdruck des Ge⸗ ſichts, welcher nur ſelten einer dann ſehr angenehmen Freundlichkeit wich, und ein einfach edler Anſtand — dies war das Bezeichnendſte in ſeiner aͤußern Er⸗ ſcheinung, und zugleich der treue Spiegel ſeines In⸗ nern. Zu ſeinem Ernſt geſellte ſich indeſſen einige Verſchloſſenheit. Es ward ihm ſchwer, anders als in lebhafter, ihn warm anſprechender Unterredung ſich zu naͤhern. Witz gewandte Unterhaltungsgabe ſtand ihm wenig zu Gebot; und ſelbſt wenn je zuweilen ein leichter Scherz ſeiner Lippe entfloh, ſchimmerte doch der eigenthuͤmliche Ernſt ſeines Weſens durch, wie im klaren Bach der dunkle Kieſel des Grundes. Das war ungefaͤhr das Bild des Mannes, wel⸗ cher ſich jetzt, nach einer kurzen erneuerten Bekannt⸗ ſchaft, um Mariannens Hand bewarb. Ihrem Va⸗ ter mißfiel zwar ſein Vorſchlag nicht, doch glaubte er auch wol die Tochter zu glaͤnzenderen Anſpruͤchen berechtigt. So uͤberließ er denn diesmal, ganz ohne Einrede, einzig ihr ſelbſt die Entſcheidung; eine Frei⸗ 4 50 heit, an welche ſich für ſie, die nicht gewohnt war, allein zu ſtehen, faſt ein Gefuͤhl von Verlaſſenheit enuͤpfte. Ein herriſcher Rath wäre quälend geweſen; gar keiner dunkte ſie betruͤbend. Amalien machte ſie nicht gar gern zu ihrer Vertrauten, da ſie ihre Vor⸗ liebe fuͤr Wildau kannte; doch nach einigem Zögern glaubte ſie es ihr ſchuldig zu ſeyn, und ſo ward ihr denn die Sache mitgetheilt. Schon dieſe verzögerte Berathung aus dem an⸗ gegebenen Grunde bezeichnet wol Mariannens Ge⸗ můthsſtimmung. Auch verhehlte ſie dieſe auf Ama⸗ liens Anfrage nicht. „Es liegt,“ ſagte ſie, „ in Wildau's Weſen etwas, das mir nicht angenehm ſcheint. Fuͤhlte ich mich doch einſt durch ein ganz anderes angezogen; und — geſtehen Sie es — durch ein viel gewinnenderes. Der Kern, meine ich, kann gut ſeyn, und die Schale darum doch erfreulicher.“ „„Und — antwortete Amalie ſanft — man kann durch Erfahrung recht ſchmerzlich gewarnt ſeyn und die alte Schwäche bleibt darum doch noch gefaͤhr⸗ ich. Iſt es denn wahr? bedarf es denn wirkli durchaus des Schimmers, um meiner lieben, ſuſt ſo Marianne zu gefallen?““ „Verſtandig?“ antwortete ſie. „Ach, das Lob erdiene ich wol eigentlich nicht. Eben jetzt komme ich mir ſelbſt faſt kindiſch vor; aber doch kann ich Ihnen nichts verhehlen. Sie erfuhren Alles, was mir in meinen letzten Lebensjahren begegnete: nun, ſeit jenem erſten Mal, wo ich Wildau ſah, wo ich Worte, die mich ſo ſchmerzlich trafen, aus ſeinem Munde hoͤren mußte, iſt mir ein duͤſterer Eindruck von ihm geblieben. Ich fuͤhle, daß es nicht ſeyn ſollte; allein kann ich fuͤr die Macht dieſes erſten Eeindrucks? Ich zuͤrne dem ſtrengen, und freilich, wie ich jetzt weiß, nur gerechten Tadler nicht; aber es iſt etwas zwiſchen uns, das mich von ihm ent⸗ fernt.“ „„Sind Sie auch nicht undankbar?““ fragte Amalie. „„ Je fruher jene gefaͤhrliee Taͤuſchung zer⸗ ſtoͤrt ward, deſto gluͤcklicher war es ja fuͤr Sie. Und uberdies — Sie ſchmaͤhen den Diamant, weil er Sie die Falſchheit des unächten Steines erkennen uhrte.““ „Doch nicht durch Vergleichung,“ antwortete Mrarianne trocken; „denn ihn ſelbſt zu erken⸗ nen hatt' ich ja noch gar nicht Zeit. Und — ſetzte 52 ſie mit einem leichten Anflug von Bitterkeit hin⸗ zu — wer verſteht ſich denn untruglich auf achte Steine? Wer buͤrgt mir dafuͤr, daß ich nicht auch getaͤuſcht wurde?“ „„Nun, die Buͤrgſchaft wagte ich,““ antwor⸗ tete Amalie lächelnd; „„und auch Sie zweifeln nur in einem Augenblick verſtimmter Uebereilung an Wildau. Ich kenne ihn ja ſeit lange; und der Freund Ihrer Freunde hat auch Anſpruch auf Ihr Vertrauen. Doch aber maße ich mir wahrlich nicht an, Ihren Entſchluß lenken, meine Meinung hier unbedingt gelten machen zu wollen. Nur das Einzige wuͤnſcht⸗ ich, daß Sie Wildau erſt naͤher kennen lernten; ki das verdient er gewiß.““ — Marianne bereute faſt, die Freundinn zu Rathe gezogen zu haben. Wie durch Widerſpruch gereizt, ertönte die verneinende Antwort immer lauter in ih⸗ rem Herzen, und keiner weiteren Erwägung ſchien es ihr hier zu beduͤrfen. So erwiederte ſie denn aus⸗ weichend und beinahe verſtimmt auf Amaliens letzte Aeußerung: „Es ſey ja auch von augenblicklicher Entſcheidung gar nicht die Rede, und es bleibe im⸗ 53 mer noch Zeit, das Geſpraͤch üͤber dieſen Punkt ein anderes Mal zu erneuern. . Allein ehe ſie ſich wiederſahen, ja ehe der zweite Tag vergangen war, hatte Marianne ſchon das enkt⸗ ſcheidende Nein geſprochen. „Sie waren Parthei,“ ſagte ſie ſchmeichelnd auf Amaliens leiſen Vorwurf; „„Ihr Rath, ſo werth ich ihn ſonſt halte, konnte mir hier nicht nätzen. Der Vater iſt mit meinem Ent⸗ ſchluß zufrieden, und, nicht wahr, meine Amalie iſt es auch; und wenn ſie mich heiter und gluͤcklich ſieht, fordert ſie nicht, daß ich es nach ihrer Anſicht ſey?“ Dieſe Forderung machte nun auch Amalie nicht im Geringſten; lange aber konnte ſie dennoch den Gedanken nicht unterdruͤcken, Marianne habe zu vor⸗ eilig gehandelt, und den Schmerz, einen Lebensplan Wildau's ſcheitern zu ſehen, von welchem ſie ſich ſo viel Gutes verſprochen hatte. Ja, Marianne wuͤrde wahrſcheinlich eher als ſie die ganze Sache vergeſſen haben, wenn die mehrmals mit Nachdruck wieder⸗ holte Aeußerung ihres Stiefvaters: ſie moge nicht er⸗ warten, ihn bei jedem Vorſchlag aͤhnlicher Art ſo nachſichtig zu finden, als diesmal, nicht auch ſie in manchen Augenblicken beunruhigt haͤtte. Sie fuͤhlte, 4 daß er leicht in einem Looſe Lebensgůc für ſie ſe⸗ hen koͤnne, in welchem ſie ſelbſt es nimmermehr zu finden vermochte; und daß, wenn ihr nicht Freiheit bleiben ſolle, ganz allein der entſcheidenden Stimme ihres Herzens zu folgen, auch Wildau's Antrag vor vielen andern einer ruhigen, beſonnenen Ueberlegung werth geweſen waäre. — Doch nach einiger Zeit kamen Umſtaͤnde, welche ſie dies noch weit klarer und beſtimmter erkennen lehrten. Eines Abends war ſie noch ſpat zu Amalien gegangen, um, wie oft geſchah, ein trauliches Stuͤnd⸗ chen mit ihr zu verplaudern. Sie fand die Freun⸗ dinn ungewöhnlich ſtill, ja ſogar, gegen ihre Weiſe, faſt ein wenig verſtimmt. „Wenn Sie Verſtim⸗ mung an mir bemerkten,“ entgegnete Amalie auf ihre Frage nach der Urſache, „ſo hatte ich Unrecht. Doch wahr iſt's, einer kleinen innern Unzufrieden⸗ heit vermocht' ich nicht zu wehren; und, ich muß es nur offen geſtehen, uͤber Sie ſelbſt. Die Urſache war Wildau, und Ihr wahrlich nicht gerechtes Ur⸗ theil uͤber ihn. Eine Kleinigkeit, eben ehe Sie ein⸗ traten, brachte mich darauf. Da Wildau auf einige Tage durch Geſchaͤfte entfernt worden war, hatte 55 mein Bruber indeß eingegangene Briefe fuͤr ihn in Empfang genommen. Jetzt, etwa vor einer halben Stunde — kam er, ſie von mir abzufordern, da ich eben allein zu Hauſe warz und nun haͤtten Sie ſe⸗ hen ſollen, wie bei dem Anblick des einen der Briefe eine ſo milde Heiterkeit aus ſeinem jetzt ſonſt etwas důͤ⸗ ſteren Auge leuchtete. „Er iſt von meiner Mutter!“ ſagte er mit freundlicher Offenheit; und ſehr bald ward nun das Geſpräch abgebrochen, damit er Zeit habe, ihn ungeſtört zu leſen. — Es war ein kleiner Zug, allein dieſe kleinen Zuge ſagen ja oft ſehr vielz und ſo konnte auch ich den Gedanken nicht unter⸗ druͤcken: wer die Mutter ſo treu und innig liebe . „Sie ſind ſinnreich, Ihren Freund uͤberall von der vortheilhafteſten Seite zu zeigen!“ unterbrach ſie hier Marianne mit Ungeduld. „Ich aber,“ ſetzte ſie dann launig hinzu, „will doch zur Ehre dieſer guten Stadt hoffen, es gebe unter ihren Mitbuͤrgern noch manche Söhne, die ſich von dieſem Fremden nicht uͤbertreffen laſſen. Und wie, wenn nun Wildau's Mutter vielleicht eine ſehr treffliche, wurdige, vor Vielen ausgezeichnete Frau iſt, waͤr' es denn da et⸗ was ſo Beſonderes, ſie herzlich zu lieben? Von 56 dem Allen ſagen Sie mir nichts. Wer ſind denn ſeine Eltern? Wo leben ſie?“ „An einem kleinen Ort in Norddeutſchland,“ erwiederte Amalie. „Doch iſt der Name des Vaters nicht Wildau; nur der Sohn fuͤhrt ihn, auf den Wunſch eines bejahrten, kinderloſen Verwandten in hieſiger Gegend. Der Vater heißt. warten Sie! hier iſt ein Brief an ihn.“ Dem ungetreuen Gedachtniß nachzuhelfen, nahm ſie ſchnell einen Brief vom Schreibepult, welchen ſie fuͤr Wildau zu beſorgen verſprochen, las die Addreſſe, und — nannte Namen und Wohnort von Mari⸗ annens Pflegevater. „Iſt's moͤglich!“ rief dieſe mit utheſten Er⸗ ſtaunen. „Wildau waͤre. .. O, ich bitte, geben Sie mir den Brief!“ Sie las noch einmal; genau derſelbe Name, wie derſelbe Ort; zum Ueberfluß auch noch die nächſtgelegene Stadt angegeben. „Herr⸗ mann alſo!“ ſagte ſie jetzt ernſt und betroffen, in⸗ dem ſie langſam die Hand mit dem Briefe ſinken ließ. „Ich hatte mir ihn doch anders gedacht.“ — Es war ein ſeltſames Spiel des Zufalls, wel⸗ ches ſie hier uͤberraſchte. Wildau war der einzige, 57 geliebte Sohn ihrer Pflegeeltern; doch ſchon ſeit lange aus dem väterlichen Hauſe entfernt, und von ihr dort nie geſehen. Kleine Umſtande waren Urſach, daß ſie auch in S. bisher nicht erfuhr, wer er ſey. Er hatte naͤmlich die Reiſe dorthin ſeinen Eltern ver⸗ ſchwiegen, weil der Vater gleich beim erſten Erwah⸗ nen des Auftrags, welcher ſie veranlaßte, unruhig ward, mit der Bedenklichkeit des Alters in demſelben nur eine Quelle von Verdrießlichkeiten und unange⸗ nehmen Verwickelungen fuͤr den Sohn ſehend. um nun dem alten Manne Sorge zu erſparen, die ihn unnothig dunkte, ruͤckte dieſer die ohnehin verzögerte Sache noch etwas weiter in's Ferne und Ungewiſſe hinaus, und wollte ihrer nicht eher wieder erwaͤhnen, bis Alles beendigt ſey, was er bald zu erreichen hoffte. Als nun nachher ſein Aufenthalt in S. — doch ohne alle Unannehmlichkeit — ſich immer mehr verlaͤngerte, und er den Seinigen kein Geheimniß mehr daraus machen konnte, noch wollte, war uͤber ſein Verhältniß zu Mariannen ſchon entſchieden. Er mußte jetzt erfahren, daß eben ſie, welche ſo lange die Freude ſeiner Eltern geweſen, es verſchmaͤht hatte, ihnen noch naͤher und inniger anzugehören. Es that X — ihm weh; doch bald nur N mnnens gedenkend, bat er angelegentlich, daß ſie jetzt noch nicht erfahre, welches nahe Band ihn hren liebſten Freunden werknuͤpfe. Er wolle, ſ ieb er, das freundlich trauliche, für Marianne ihrer jetzigen Lage ge⸗ wiß wohlthaͤtige Verhaͤlim iiſchen den Eltern und der Pflegetochter nicht nr hr ſtören, als es von der einen Seite vielleic n geſchehen ſey. — Seine Verwandten erfuleten dies ſchonende Verlan⸗ gen, und ſo hatte Marianne keine Ahnung der Wahrheit, bis jene zufälligen Wn ſie ihr ent⸗ — — Mochte ſie ſich nun auch den Sohn und Bru⸗ der 66 ehemaligen Hausgenoſſen in manchen Zůgen anders gedacht haben: die Ueberzeugung, daß er ein ſehr ebler Mann ſey, ſtand mit ſeinem Namen klar vor ihrer Seele. Oft hatte ſie von ihm erzahlen, oft Briefe von ihm vorleſen hören; wie er ſich den Sei⸗ nigen zeigte, ſo kannte ſie ihn auch, und ſehr ſchwer und aͤngſtlich war ihr jetzt bei dem Gedanken zu Muth, in ihm auch zugleich ihren liebſten Freunden weh gethan zu haben. Es daͤnkte ſie auf einmal, der Sinn, den ſie ſeit Jahren ſchon in ihm geachtet, 59 druͤcke ſich klar in ſeinem Weſen aus; alles Stö⸗ rende, alles Hemmende deſſelben war für ſie ver⸗ ſchwunden; und dachte ſie vollends an ihres Stief⸗ vaters faſt drohende Worte, ſo verdoppelte ſich ihre Unruhe. Wie der Nachtwandler durch den eigenen Namen, ſo war ſie durch den von Wildau's Eltern zur unerfreulichſten, beklemmendſten Empfindung auf⸗ geſchreckt. — Nach einiger Zeit erfuhr ſie durch Amalien, Wildau's Geſchaͤft erfordere noch eine weitere Reiſe, die ihn in die Naͤhe ſeiner Heimath fuͤhre, ſo daß er jetzt, nach ſechs Jahren zum erſtenmal, die Seinigen wiederſehen werde. Schon in wenigen Tagen wollte er abreiſen, und der Zufall fuͤgte es, daß ſie gerade in der Stunde, wo er gekommen war, von Amalien Abſchied zu nehmen, ihm bei dieſer begegnen mufßte. Es war ſeit lange ihr erſtes Zuſammentreffen, und Marianne fuͤhlte ſich um ſo mehr verlegen, da bald nach Wildau's Eintritt Amalie auf kurze Zeit abgerufen ward. Er hatte durch dieſe erfahren, Ma⸗ rianne ſey mit ſeinen Verhältniſſen nicht mehr unbe⸗ kannt; jetzt wollte er ſich auch nicht den Schein ab⸗ ſichtlichen Verhehlens geben, ſondern fragte mit ein⸗ 60 facher Geradheit: ob ſie vielleicht Auſträge fur ihn habe in die Heimath? — Manches ſchmerzliche Gefühl ward bei dieſen Worten in Mariannens Bruſt aufgeregt, und wie zweifelnd blickte ſie zu Wil⸗ dau empor. „O, nur an Ihre theure Verwandten haͤtt' ich Auftraͤge,“ ſagte ſie dann; „und wollen Sie irgend einen an ſie uͤbernehmen, ſo ſagen Sie ihnen von mir ein Wort der treuſten, kindlichſten Vereh⸗ rung. Wenn ſie meiner noch mit g⸗ denken, wenn. Sie pit in inne; was spite ſie auch hier noch ſe gen konnen? Doch die weiche Stimme, das ſeelen⸗ volle Geſicht druckte ganz die innige Herzlichkeit aus, mit welcher ſie an den Entfernten hing. Es war in dieſem Augenblick Wildau'n, als ſolle er jetzt, da ſie auf immer fur ihn verloren ſey, noch einmal in voller Klarheit erkennen, wie viel er in ihr verliere. „Und könnten Sie denn wirklich an der treuen Liebe Ihrer alten Freunde zweifeln?“ fragte er endlich ſanft. „Wo Sie ſo gekannt ſind, wie dort, wo ich meine frohen Knabenjahre verlebte, da vergißt man Sie nicht wieder, kann nie aufhören, Ihnen wohl⸗ zuwollen. Ich werde meinen Eltern von Ihnen er⸗ 61 zihlen, wir Alle werden Ihrer mit Ruͤhrung geden⸗ ken, und gewiß, Ihre Freude, Ihr Gluͤck wird immer, in jeder Stunde, auch unſere Freude, auch unſer Gluͤck ſeyn.“ Kaum hatte er die Worte geſprochen, als Ama⸗ lie zuruͤckkehrte. Nur einen Blick noch hatte Ma⸗ rianne in ſein Herz gethan, allein was ſie dort ge⸗ leſen, paßte ganz zu dem Bilde Herrmanns in ihrer Phantaſie. — Das Geſpraͤch nahm nun wieder die fruͤhere Wendung; ziemlich zerſtreut gab Wildau Be⸗ ſcheid auf Eins und das Andere, was Amalie noch von ihm zu wiſſen wuͤnſchte, und nahm dann, mit den Worten an Mariannen: ihr Gruß ſolle ſo herz⸗ lich beſtellt werden, als er aufgetragen ſey, nach ſehr kurzer Zeit Abſchied. — Oft, ſehr oft gedachte Marianne des Augen⸗ blicks, wo er nun zuerſt wieder eintreten werde in den ſtillen, ihr ſo traulich bekannten Kreis der Sei⸗ nen; der herzlichen Freude, die er wol dort verbreite, und mit innerer Unruhe auch der Stoͤrung, welche ſich dennoch vielleicht in dieſe Freude miſche. Noch nie hatte ſie ſo tief gefuhlt, wie werth die Liebe die⸗ ſer einfachen, redlichen Menſchen ihr ſep, als jetzt. 62 da ſie furchtete, an dem ſicher geglaubten Eigenthum zu verlieren; und mit lebhafter Erwartung ſah ſie Wildau's Ruͤckkehr entgegen; denn, wollte ſie gleich dieſe Hoffnung nicht naͤhren, doch beſchäftigte ſie heimlich der Gedanke, er könne ihr vielleicht von ſei⸗ ner Mutter, die ſonſt ſelten ſchrieb, einige — mitbringen. Ihre Hoffnung ward auch wirklich erfüllt. Nach Wildau's Zuruͤckkunft erhielt ſie durch Amalien einen Brief von der Pfarrfrau. Er enthielt unter Ande⸗ rem folgendes: „Wir entfremden einander nicht, Marianne. Du bleibſt meine geliebte Tochter, wenn ich gleich Manches anders gewuͤnſcht haͤtte, und wahrlich auch um deinetwillen. Es ſollte nicht ſeyn, und ſo fuͤge ich mich auch darin. Möge nur nie ein Herz, das deſſen nicht werth iſt, das Deinige gewinnen! Möge ich Dich nur einſt gluͤcklich ſehen im eigenen haͤus⸗ lichen Kreiſe, wenn auch nicht durch meinen Herr⸗ mann.“ — Marianne ward weit ruhiger burch dieſen Brieß ja, ſie fand ſogar, die Gelaſſenheit, mit welcher Hertmanns Mutter ſchon jetzt ihres Gluͤcks in ei⸗ 63 ner andern Verbindung gedenke, ſey wol der Nach⸗ klang ſeiner eigenen Stimmung; und wenig fehlte, ſo hätte ſie in ihrem immer noch unruhig aufgeregten Sinn ſich jetzt gekraͤnkt gefühlt, von ihm, den ſie wahrhaft achtete, ſo leicht aufgegeben zu ſeyn. „Nie⸗ mand,“ ſagte ſie ſich, „war hier ſo bekuͤmmert, Nie⸗ mand gedachte vielleicht dieſer Sache mit ſo drucken⸗ der Wichtigkeit, als ich. Es war eine Grille, die mich Alles ſo ſchwer nehmen ließ; doch jetzt ſoll ſie auch vergeſſen, jetzt ſoll auch das Bild aller der Stunden fuͤr immer verbannt ſeyn, die mir ſo finſter und unerfreulich voruͤbergegangen ſind.“ — Wirklich ſtrebte ſie ſeitdem, jeden Gedanken an das Vorgefallene zu unterdruͤcken, und gab ſich ſogar oͤfter und abſichtlicher, als ſonſt, Zerſtreuungen und geſelligen Vergnuͤgungen hin. So nahm ſie denn auch einſt an einer laͤndlichen Feſtlichkeit Theil, zu welcher ſich an einem ſchonen Herbſttage mehrere ih⸗ rer Bekannten vereinigt hatten. Die Geſelſſchaft war ziemlich zahlreich, und nach Mariannens Sinn faſt ein wenig zu laut; wie ſie denn uͤberhaupt auf dem Lande lieber in kleinerem Kreiſe war. Deshalb ſuchte ſie am Nachmittag Stille, und waͤhlte das an⸗ 64 muthigſte Plaͤtzchen der Gegend, um am Fuß eines beſchatteten Huͤgels nach der Natur zu zeichnen. Der Verſuch gelang uͤber ihre Erwartung, und ſtille Hei⸗ terkeit, die auch ihr zuweilen im ſtaͤdtiſchen Leben untreu geworden war, kam dabei, wie eine alte Be⸗ kannte, wieder recht traulich in ihre Bruſt. Vorſich⸗ tig rollte ſie, als die Arbeit geendigt war, das Blatt zuſammen, indeß ein leiſes Lied zum Lobe der mil⸗ den, erfreuenden Natur von ihren Lippen drang; und eben in dieſem Augenblick ging Wildau mit ſtil⸗ lem, ernſten Gruß an ihr voruͤber. ueberraſcht, in der Ruhe ihrer fruͤheren Stim⸗ mung ein wenig geſtört durch dies unerwartete Be⸗ gegnen, wollte ſie auch jetzt ihr einſames Mlaͤtzchen verlaſſen. Die Sonne ſtand ſchon ſehr niedrig, und mahnte ſie, daß es Zeit ſey, zur Geſellſchaft zuruͤck⸗ zukehren. Doch weil beim nahen Scheiden des be⸗ lebenden Lichts ein kuͤhler Abendwind ſich regte, ſuchte ſie erſt noch zum Schutz ihren Shawl hervor. Al⸗ lein kaum flatterte das hochrothe Gewebe um ihre Schultern, als ein Stier der unfern weidenden Heerde, welche ſie bisher als eine Zierde der Land⸗ ſchaft erfreut hatte, beim Anblick der ihm verhaßten — 65 Farbe mit wuͤthendem Gebrull gegen ſie heranſturzte. Gelähmt von Schreck, die Urſache der plotzlich dro⸗ henden Gefahr uͤberſehend, verſuchte ſie nur durch ei⸗ nen lauten aͤngſtlichen Ruf ſich Huͤlfe zu verſchaffen. Zum Gluͤck war Wildau noch in der Naͤhe, denn er hatte es ſich nicht verſagen können, gleich jenſeits des Hugels einen Augenblick zu verweilen, in der Hoffnung, noch einige Tone der geliebten Stimme zu vernehmen. Raſch ſchritt er jetzt, einen ſchweren Feldſtein in der linken Hand, denn die rechte war heute, wegen einer zufälligen Verletzung, gelaͤhmt, dem wuͤthenden Thiere entgegen. Das Unternehmen war nicht gefahrlos, denn der linke Arm war kein ſicherer Schleuderer; und ward durch den Wurf nicht ganz erreicht, was er hatte leiſten ſollen, ſo wandte ſich unfehlbar die ganze Wuth des wilden Angreifers auf den unerſchrockenen Gegner. Doch das Gluͤck unterſtutzte Wildau's Entſchloſſenheit; mit ſchmet⸗ ternder Gewalt traf der Stein die Stirn des ergrimm⸗ ten Thiers, daß es taumelnd zu Boden ſank: und, die treue Waffe von Neuem in der gehobenen Hand, ſtand jett Wildau daneben, um beim erſten Regen einen zweiten Wurf nachzuſenden. Ehe dies noͤthig 5 66 war, kamen indeſſen ſchon aus der Ferne Landleute mit Stricken und Staͤben bewaffnet herbei, und er konnte nun ruhig ihrer Obhut den zu Boden gewor⸗ fenen Feind uͤberlaſſen. Jetzt ſah er ſich nach der bleichen zitternden Jung⸗ frau um. „Die Gefahr iſt voruͤber,“ ſagte er, und eine ſanfte Freude, daß es ihm gelungen ſey, ſie abzu⸗ wenden, glanzte in ſeinem Blickz; „Sie haben nichts mehr zu fuͤrchten. Darf ich Sie zuruͤckbegleiten zu der Geſellſchaft, die Ihrer wahrſcheinlich dort in der Muͤhle wartet?“ Mariannens bleiche Wangen gewannen doch wieder ein wenig Farbe bei ſeinen Worten, und faſt zögernd wandte ſich das ſchöne Auge zu ihm empor. „O, wie viel wagten Sie fur mich!“ ſagte ſie end⸗ lich mit leiſer Stimme; „wie ſehr vielen Dank bin ich Ihnen ſchuldig!“ — „ Laſſen wir das!“ ant⸗ wortete er lächelnd. „Wer haͤtte Sie in Gefahr ge⸗ wußt, und nicht gern den kleinen Ritterdienſt üͤber⸗ nommen? Mein linker Arm allein verdient allen⸗ falls einiges Lob; er war zuverläſſiger als ich hoffte, und ohne das hätt' es vielleicht ſchlimm um uns Beide geſtanden.“ 67 Er ſprach dies mit unbefangenem Scherz; doch Marianne, welche jetzt erſt die Binde am rechten Handgelenk bemerkte, fuhlte wohl, wie ſehr dieſe Un⸗ ſicherheit des Arms den Werth ſeines enſſchloſſenen Muthes erhöhte. Langſam und ſchweigend nahmen ſie jett den Weg zur Muͤhle; zu lebhaft ſtanden die Bilder des kaum vergangenen Augenblicks vor Ma⸗ riannens Seele, zu hemmend die Erinnerungen der fruͤheren Tage vor Beider Gemuth, als daß ein freies Geſprach ſich hätte anknuͤpfen können. „Ihr Arm zittert noch immer,“ ſagte endlich Wildau mit beſorgter Theilnahme, als ſie in die Naͤhe einer Steinbank am Wege kamen; „der Schreck hat Sie ſehr angegriffen. Moͤchten Sie auch hier erſt einen Augenblick ausruhen?“ Marianne verneinte dies ſogleich, eilig ſogar, duͤnkte es Wildau; und in der ſtillen Vorausſetzung, daß ſie vielleicht mehr wuͤnſche, ſeiner läſtigen Begleitung uͤberhoben zu ſeyn, fuhrte er ſie nun noch bis in die Naͤhe der Muͤhle, wo er, lange nicht ſo heiter als anfangs, mit der Bitte, daß er ſich morgen nach ihrem Befinden durſe erkundigen laſſen, von ihr Abſchied nahm. — Mit bleichem, verſtorten Geſicht eyii Mari⸗ — . 68 anne zu ihrer Geſellſchaft zuruck; und kaum hatte ſie die väterliche Wohnung wieder erreicht, als Ermat⸗ tung ſie zwang, ihr einſames Zimmer zu ſuchen. Auch geiſtig fuͤhlte ſie ſich angegriffen und verſtört. Sie, die ſich ſchon faſt vergeſſen glaubte, hatte an jenem Abend Wildau's Liebe wieder ſo tief erkannt; was ſie aus ihrem Gedachtniß zu verloſchen ſtrebte, war ihr plotzlich wieder naͤher geruͤckt als je; und — war es Maͤdcheneitelkeit, oder eine andre, ihr ſelbſt nicht klare Regung der unruhig bewegten Bruſt: ge⸗ nug, ſie wunſchte am andern Morgen lebhaft, daß er ſelbſt kommen moͤge, nach ihrem Befinden zu fragen. Doch dieſer Wunſch blieb unerfuͤllt; nur ſein reuer Diener erſchien, und beinahe verſtimmt em⸗ pfing Marianne ſeine Botſchaft, ſie hochſt formular⸗ mäfig mit der Verſicherung ihres vollkommenen Wohlſeyns beantwortend. Es duͤnkte ſie unfreund⸗ lich, daß er nicht gekommen warz ſie fand beleidigen⸗ den Stolz in dieſem Verſchmaͤhen alles Danks; und war ſie ehemals gleichgultig gegen ihn geweſen, ſo gab es ſeitdem manchen Augenblick, wo ſie ihm zuͤrnte. Allein weit eher, ſo ſchien es, war eine Aus⸗ ſicht da, daß auf dem lockern Boden dieſes Zuͤrnens die zarte Pflanze der Liebe gedeihe, als auf dem fruͤ⸗ heren der kalten Gleichgultigkeit. Mit freudiger Ruͤh⸗ rung gedachte Marianne doch wieder in anderen Stunden ihres Retters, und in ſehr gewinnenden Färben trat dann ſein Bild vor ihre Seele, wie er, ihren Namen auf den Lippen, und einzig ihrer Ge⸗ fahr gedenkend, ſo muthig dem wuͤthenden Feinde entgegen geeilt war. Immer ofter verweilte ſie bei dieſem Bilde, und immer lieber ward es ihr im Ver⸗ weilen; ja, als nach einiger Zeit eine voreilig ge⸗ ſchaͤftige Sage die Kunde verbreitete, Wildau bewerbe ſich um Amalien, regte ſich ſogar ein leiſes ſchmerz⸗ liches Gefuͤhl in ihrer Bruſt. — Von dieſer guͤnſti⸗ geren Stimmung des geliebten Maͤdchens aber hatte er freilich keine Ahnung, und wäͤre ſie ſelbſt nicht ganz von ihm unbemerkt geblieben, er wuͤrde einzig Dankbarkeit fuͤr den verliehenen Schutz in ihr geſe⸗ hen haben. Es waͤre ihm nie eingefallen, auf eine zufallige Verbindlichkeit von Mariannens Seite die Hofſnung eines Entſchluſſes zu gruͤnden, welchen ihr Herz nicht aus eigener freier Regung fuͤr ihn zu faſ⸗ ſen vermocht hatte. Und ſo blieb denn, dem Aeu⸗ 70 ßern nach, ihr Verhaltniß ganz wie es geweſen war. Doch von einer andern Seite wurden Marian⸗ nens Verhoͤltniſſe jetzt auf eine ſehr beunruhigende Weiſe veräͤndert. Ihr Stiefvater, welchen ſie bisher ganz uͤber ihr Erwarten guͤtig und nachſichtig gefun⸗ den hatte, begann jetzt plozlich, ſich gleich einem rau⸗ hen Gebieter zu zeigen. Die Zeit war da, wo er ſein Recht auf ein entſcheidendes Wort bei der Be⸗ ſtimmung ihres kuͤnſtigen Looſes mit Strenge gel⸗ tend zu machen ſuchte; und nach ſeinen Anſichten verdiente auch freilich der jetzige Bewerber um ihre Hand vor ſehr vielen andern den Vorzug, denn ein reicherer ließ ſich nicht leicht erwarten. Uebrigens war er weit üͤber die Jahre der Jugend hinaus, und nichts weniger als angenehm. Allein mehr noch ſchreckte Mariannen die Haͤrte, deren er in allen Le⸗ bensverhältniſſen beſchuldigt ward, die allgemein be⸗ kannt gewordene Vernachlaͤſſigung, mit welcher er ſeine erſte, ſehr liebenswuͤrdige Gattinn behandelte, und ein ſchneidender Ausdruck von Haͤrte und Egois⸗ mus in ſeinen Zugen zuruͤck. Auch erklaͤrte ſie ſich ſogleich auf das Beſtimmteſte gegen dieſe Verbindung; — ———— . ja ſie verſicherte ſogar Amalien in vollem Ernſt: ehe 71 ſie hier einwillige, werde ſie lieber das väterliche Haus verlaſſen, und verborgen, und aller Unterſtuͤ⸗ tzung entſagend, ganz allein durch eigenen Fleiß das. Nothwendige erwerben. „Das klingt ein wenig ro⸗ manhaft,“ antwortete Amalie lächelnd, „und ich wuͤrde fuͤr jetzt noch nicht dazu rathen. Aber Muth und Feſtigkeit, Marianne, — ſo heißen wol die Waf⸗ fen, mit denen ſich's, hoffe ich, hier wird ausreichen laſſen.“ Mit dieſen Waffen kämpfte nun auch Mari⸗ anne beharrlich; allein ihr Stiefvater zeigte ſich bald ſo leidenſchaftlich heftig, und ſie ſah ſich täglich ſo kraͤnkenden Verdrießlichkeiten ausgeſetzt, daß ihre Ge⸗ ſundheit ſichtlich dadurch litt. Zudem ſtand ſie an dem fremden Orte ganz allein, ohne Verwandte, ſelbſt ohne vertraute Freunde, deren Einfluß ſich ih⸗ rer hätte annehmen konnen gegen Haͤrte und Unter⸗ drͤckung. Jetzt ward auch Amalie ſehr aͤngſtlich be⸗ kuͤmmert wegen ihrer Lage, und nachdem ſie ſich zu⸗ vor mit Wildau berathen hatte, ſchlug ſie ihr vor, ob dieſer, der gewiß uͤber jene häuslichen Mißhellig⸗ keiten das ſtrengſte Geheimniß bewahre, nicht, auf ihre Bitte, als Rechtsgelehrter dem hartherzigen Al⸗ 2 ten Vorſtellungen uͤber ſein ſträfliches Verfahren ma⸗ chen durfe. Sie ſey uͤberzeugt, ſetzte ſie hinzu, jener werde dann nachgeben; denn er ſcheue alles Aufſehen, und ſey im Grunde des Herzens ſchwankend und unentſchloſſen. Mit innerer Unruhe hatte Marianne dieſen Vorſchlag gehoͤrt. „Nur nicht durch Wildau!“ ſprach ſie jetzt nach kurzem Schweigen ſanft, doch beſtimmt. „Es kann nicht ſeyn. Ich habe ihm unwilkährlich ſchon ſo große Verbindlichkeit, daß ich wahrlich keine mehr hinzufuͤgen darf. Ueberlegen Sie ſelbſt .. .. „Mein Vorſchlag war uͤbereilt,“ antwortete Amalie. „Ich verſtehe Sie, und darf wol nichts einwenden gegen Ihre Bedenklichkeit. Sie moͤchten freiwillig meinem Freunde keinen Dank ſchuldig ſyn“ Bei dieſen Worten trat Wildau, welcher im Nebenzimmer fuͤr Amaliens Bruder gearbeitet hatte, unbemerkt herein. Er vermuthete, wovon die Rede ſey, und blieb unwillkhrlich an der Thuͤr ſtehen, Mariannens Antwort erwartend. „Des iſt ſehr unfteunblich ausgedräct,“ uwie⸗ derte ſie „Der Schmerz, Alles was ich ihm ſchul⸗ 73 dig bin, was ich ihm dann noch mehr ſchuldig ſeyn wuͤrde, nur durch ein bitteres, verletzendes Gefühl zu lohnen, kann gewiß mit dieſen kaltſtolzen Worten nicht bezeichnet werden. Weil ich einſt ſeinen Schutz verſchmaͤhte, habe ich das Recht verloren, ihn jetzt anzunehmen.“ Dieſe Worte an ſich waren vielleicht nur der Ausdruck eines ſehr naturlichen Zartgefuͤhls, allein durch den unbewußt ſchmerzlichen Ton, in welchem Marianne ſie ſprach, durch den weichen, man hätte faſt ſagen können, reuigen Klang ihrer Stimme wur⸗ den ſie mehr; und unwiderſtehlich ward Wildau's fruhere Hoffnung durch ſie von Neuem geweckt. „O, Marianne, iſt es moͤglich!“ rief er, ſchnell naͤher tre⸗ tend, aus; doch dann ſchwieg er wieder, und blickte ihr nur ſchwankend und zweifelnd in das erröthende Geſicht. Ihr Auge ſenkte ſich zur Erde; ſeine uner⸗ wartete Naͤhe, Ahnung ſich verrathen zu haben, ver⸗ wirrte ſie unausſprechlich. „Marianne!“ begann er endlich mit ſanftem Ton, es gilt jetzt noch einmal die frͤhere Frage. Entſcheiden Sie!“ — und nach wenigen Augenblicken hatte ſie ſchon, wie er es wuͤnſchte, entſchieden, ihm nun aus freier Wahl die 74 einſt verweigerte Hand liebevoll darreichend. Und mit ſo inniger Ruͤhrung druckte er dieſe zarte Dollmet⸗ ſcherinn des ſchuͤchternen Gefuͤhls an ſeine Bruſt, daß alles Herbe der fruͤheren Tage in dieſem einzigen Au⸗ genblick vergeſſen war. Das uberraſchende, ſchon verloren geachtete Gluck lächelte jetzt ſo ſchoͤn, das reine Sonnenlicht ſanfter Freude ſtrahlte ſo heiter, daß die Wolken, welche es eine Zeitlang verhuͤllt hat⸗ ten, ſchnell dem Blicke wie der Erinnerung ent⸗ ſchwanden. Auch Mariannens Stiefvater ließ ſich, wie Amalie es voraus geſagt hatte, durch Wildau's zwar moglichſt ſchonende, aber beſtimmte Vorſtellung zum endlichen Aufgeben ſeines fruheren Lieblingsplans bewegen. Der Weg, welchet ihm von ſern als das letzte Schutzmittel fuͤr Mariannen gezeigt warb, konn⸗ te ihrem eigenen weiblichen Gefuͤhl nicht widerſtre⸗ bender ſeyn, als er es ihm aus anderen Gruͤnden war. So uͤberließ er denn jetzt, im finſtern Un⸗ muth von einem Extrem zum andern uͤbergehend, die Beſtimmung ihres Schickſals wieder ganz allein ihr ſelbſt, und machte nur durch manche bittere Aeuße⸗ rung uͤber Mädchenlaune und Maͤdcheneigenſinn ſei⸗ 75 nem inneren Verdruß Luft. Doch Mariannens Ge⸗ muͤth war uͤberhaupt zu wohlwollend, und beſonders jetzt zu weich und milde geſtimmt, als daß ſie nicht, jedes Unrechts vergeſſend, auf alle Weiſe hätte ſu⸗ chen ſollen, den zuͤrnenden Verwandten zu verſohnen. Der Umſtand, daß ein ſehr einflußreicher Mann Wildau's auf das Vortheilhafteſte erwaͤhnt, auch ſeit Kurzem ihm Ausſichten eroffnet hatte, welche dem Ehrgeiz des alten Hauptmanns ſchmeichelten, kam ihr dabei zu Huͤlfe; und nicht lange, ſo gab der an⸗ fangs ſo Unfreundliche, wenn auch nicht ganz zufrie⸗ den, doch ohne weiteren Groll ſein Ja zu ihrer Ver⸗ bindung. — Das allein war Mariannen noch zu wuͤnſchen uͤbrig geweſen, und von nun an verfloß ihr Leben ſo ruhig und heiter, daß, wenn in den letzt⸗ vergangenen Jahren deſſelben manche Laune des trug⸗ lichen Aprilmonds offenbar worden war, dagegen das ſpätere mit vollem Recht einem milden, erfreuenden, von keiner duͤſtern Wolke getruͤbten Maientage ſich vergleichen ließ. 8 8 2 — — — 3 3 * — — * a 68 * „ 8 3 „ — ₰ * — S O — — S — — — & Die Kindheit. Di Sonne trat kaum in das Zeichen des Stiers; dem einformigen Schimmer des Schnee's der Apen⸗ ninen war der Bluͤthenſchnee des glaͤnzenden Weiß⸗ dorns gefolgt; ſchon begann des Zephyrs tändelndes Koſen mit der biegſamen Syringe, deren zarte Farbe das erſte Laͤcheln der Natur verkundete. Noch hatte die Roſe ihren ſuͤßen Duft nicht ausgehaucht, aber das demuͤthige Veilchen verſtreute ſeinen Balſam durch die Waͤlder, und tauſend friſchgruͤne Blätter entſchluͤpften den Knoſpen, die wohlthaͤtiger Thau be⸗ lebte. Dem roſigen Morgenſtrahl verhehlte jedes Blatt eine fluͤſſige Perle, und wenn ein friſcher Wind die Wipfel der ſchlanken Pappeln bewegte, be⸗ feuchteten klare Tropfen die Erde, das erfriſchte I In⸗ ſekt regte ſich fröhlicher im Graſe, und fluͤgelſchlagend trank der Vogel das himmliſche Naß. In dieſem Morgenhauch des Fruͤhlings, in des G 80 jugendlichen Jahres ſchoͤnſten Stunden, betrat ich zu⸗ erſt, o Tivoli, deinen alterthuͤmlichen Boden. Stau⸗ nend wandten ſich meine Blicke auf den Sturz des Anieno. Schaͤumend brauſ'ten die Fluthen, in eine unendliche Flaͤche verbreitet, mit Donnergetöſ' in das weite, von der Natur fuͤr ſie gehoͤhlte Becken; der zuͤrnende Veſuv ſelbſt erſcheint nicht in dieſer Ma⸗ jeſtät. Zwiſchen dem Rauſchen der ſchaumbedeckten Wellen vernahm man, in einzelnen Lauten, den ſchmetternden Geſang der Nachtigall. — Bald ver⸗ andert und verdunkelt ſich die Scene einige Schritte von dem großen Waſſerfall zeigt ſich ein tiefer Schlund, verborgen zwiſchen Felſen von ſeltſamer, unregelmaͤßiger Form: dort verſchwindet, geheimniß⸗ voll im Schooß der Erde, die reine ſilberne Welle. Zur Rechten gleiten drei kleine Waſſerfaͤlle aus dem Innern der Felſen geraͤuſchlos uͤber moosbedeckte Kieſel dahin; ihr Fall iſt ſo gleich und ruhig, daß man ſie für Strome halten koͤnnte, mitten im Lauf durch Zaubergewalt gehemmt. Weiterhin, auf einer bedeutenden Anhoͤhe, winken die maleriſchen Ruinen eines zirkelförmigen Tempels, der, durch der Luͤfte himmelblauen Grund erhoben, im Morgenroth mit 81 Gold⸗ und Purpurwolken gekrönt wird. An ſeinen edeln, doch einfachen Formen erkennt man die Hand eines Kuͤnſtlers, in athenienſiſcher Schule gebildet. Es iſt der Tempel der tiburtiniſchen Sybille; das falbe, ergraute Anſehn des heiligen Monuments, die hier zerſtreuten, dort noch ſtehenden Saͤulen, deren hie und da verlöſchte Reifen die fruͤhere einfache Re⸗ gelmäßigkeit verloren, ſind ſeines Alter⸗ thums Zeugen. j Einige Schritte von iem Tempel ſah man zwei freundliche Häuschen, deren laͤndlich kunſtloſes Anſehen ſeltſam gegen die edeln Truͤmmern abſtach, welche die Natur den zerſtsrenden Händen der Zeit entriſſen zu haben ſchien, um dieſe friedliche Land⸗ ſchaft mit ihnen zu ſchmuͤcken. Dort bluͤheten einſt zwei ſchöne Kinder, Floridor und die blonde Flota. Am gleichen Tage waren ſie geboren, und Beide mochten kaum neun Fruͤhlinge zahlen. Schon konnte Floridor nicht mehr leben ohne Flora. Sein großes, dunkles Auge, die friſche Wange, der Purpurmund verſchoͤnerten ſich im frohlichſten Lächeln, wenn ſie nahte. Oft, wenn die kleine Gefaͤhrtinn außer Athem herbei kam, fing er ſie in ſeinen Armen auf, 6 82 und kuͤßte ihr ſchmeichelnd die azurblauen Augen. Horchend legt' er dann ſeine Hand auf ihre tief Odem ſchöpfende Bruſt. „O, wie dein Herz ſchlagt!“ rief er aus, und faſt bedenklich ruhte ſein Blick auf den Zugen des laͤchelnden Maͤdchens. „Du ſollſt dich nicht wieder ſo ſehr anſtrengen,“ ſprach er ernſthaft. „Als du krank warſt im letzten Herbſt, meinte der Arzt, Erhitzung beim Spiel ſey Schuld daran, und in zwei Tagen häͤtteſt du ſterben köͤnnen. — Dann waͤr' ich auch geſtorben!“ ſetzt er kurz hinzu; doch ſeine Miene iſt trocken, ſein Ton gleichguͤltig bei den Worten. Der kecke, ſtuͤrmiſche Knabe ſchaͤmt ſich ſchon, weichmuͤthig zu ſeyn. Nach wenigen Augenblicken iſt die Sorge, wie die Vorſicht vergeſſen, und raſch zieht er die kleine Geſpielinn mit ſich fort, unter einen der Felſen in der Nahe des großen Waſſerfalls. Er ſchöpft Waſ⸗ ſer mit den kleinen Händen; das Maͤdchen ahmt ihm nach. Bald haben ſie eine kleine Hoͤhle gefuͤllt, wel⸗ che das herabfallende Waſſer in einem der Steine bildete. Floridor ſchlagt Seife in die klare Welle, und blaͤſt nun aus kräftiger Bruſt durch die enge Oeffnung des Strohhalms. Leichte Kugeln ſteigen 83 auf, zerſtreuen ſich, und ſchmuͤcken ſich im Steigen mit den Farben des Regenbogens. Staunend ſchlaͤgt Flora die weißen Haͤndchen zuſammen; Floridor laͤ⸗ chelt ſtolz und zufrieden. Die hellen, bewundernden Blicke folgen den glaͤnzenden Kugeln in die Luft; das Auge wie das Herz iſt ganz Leben und Freude. — Gluͤckliche Kindheit! — Ach, daß nie Tage kämen, wo ein eben ſo truglicher und gefaͤhrlicherer Schim⸗ mer den geblendeten Sinn vom ſtillen Wege des Friedens verlockt! Daß das harmloſe Spiel der ftuͤ⸗ heſten Jahre niemals im Alter die Deutung vergeb⸗ lich bereuter Verirrungen gäͤbe! — O, wie oft werden aͤhnliche Gedanken, zhniche Wuͤnſche im Kreiſe froher Kinder in unſerer Seele geweckt! Wie oft ſchweift der ernſte, traurig unſtäte Blick hinuber in die Zeit, wo die reine Freude ver⸗ ſchwunden, der heitre Fruͤhlingstraum des Lebens zerſtört iſt. — Nur heute, heute denn bleibt zuruck, ihr dunkeln, fruchtlos hemmenden Bilder! Nur heute laßt meinen ermuͤdeten Geiſt ſich ungeſtört weiden am ſonnenhellen Glanze der Kindheit! — — Der Knabe eilt jetzt hinweg, und kehrt im Fluge zu dem harrenden Maͤdchen zuruͤck. „Die 84 Augen zu, Flora!“ ruft keck der kleine Gebieter; „ ich will dich blind machen mit dieſen breiten Irisblät⸗ tern.“ Lächelnd bietet die liebliche Kleine das zarte Haupt der Binde des muntern Spielgefahrten dar; doch kaum ſind die Augen verbunden, ſo fuͤrchtet ſie ſich. „Folg' meiner Stimme!“ ruft Floridor. Er verbirgt ſich hinter dem Stamm des aͤlteſten Bau⸗ mes; ſie folgt ihm, er weicht ihr aus; ſie glaubt ihn zu faſſen, und umarmt ſtatt ſeiner eine junge Ulme. Des Knaben ſchelmiſche Freude wird laut; unmaͤßi⸗ ges Lachen ſcheint ſeine kindliche Kraft zu erſchöpfen. Jetzt ſinnt Flora auf Liſt; der Weg iſt uneben, ſie iſt ſchon einmal geſtrauchelt: „Hilf, hilf mir, ich falle!“ ruft die Schlaue mit aͤngſtlicher Stimme. Floridor eilt hinzu; ſie hort, ſie faßt ihn. „O, da hab' ich dich!“ ruft ſie frohlich, und nun wird auch der hellaͤugige Knabe von ſeiner kleinen Gefährtinn geblendet. Froh der Liſt, wie des Sieges, feſſelt ſie mit einer biegſamen Binſe die Haͤnde ihres Gefange⸗ nen, und fuͤhrt ihn ſingend in die friedliche Woh⸗ nung zuruͤck. Ein anderes Mal weckt ſchon mit dem erſten Morgenroth der ſchoͤne Knabe ſeine kleine Freundinn. 85 Freudig reicht er ihr zwei ſchneeweiße Turteltͤubchen, und ruͤhmt ſich ſtolz, daß er ſie ſelber gefangen. Willig ſcheinen ſie unter ſeinen ſchmeichelnden Haͤn⸗ den auf dem weichen Mooslager zu weilen, das ſich beugt auch unter der leichten Laſt. Ihr friedlicher, gleicher Flogelſchlag, ihre kirſchfarbnen in einander gefuͤgten Schnaͤbel feſſeln Flora's ganze Aufmerkſam⸗ keit. Sie iſt aufgeſtanden, ihre ganze Seele iſt in ihren Augen, und hundert Schmeichelwörtchen wer⸗ den den kleinen Gefangenen geſpendet. Sie ſcheidet nicht von ihnen am Tage, ſie ſieht ſie Nachts in ih⸗ ren Träumen. Floridor ſelbſt wird vernachlaͤſſigt; das flatterhafte Kind vergißt uͤber zwei Vogel den kleinen Freund. Doch bald gewinnt der Geber wie⸗ der uͤber die Gabe den Sieg. Immer innig, immer unzertrennlich, kennen die lieblichen Kinder nur eine Freude, nur ein fluͤchtiges Leid, und immer trock⸗ net Flora's Thranen der froͤhliche Floridor. — O⸗ der goldnen Leit, wo die Thraͤnen noch ſind wie ein leichter Fruhlingsregen, der die Erde erfriſcht und den Bläthen neuen Glanz verleiht! wo die Wange noch nicht bleich, und das Auge nicht truͤbe wird durch dieſe ſchnell vergeſſene Trauer! — 86 vebermůthig laͤchelnd, blickt eines Morgens der Knabe auf ſeine ſchwächere Geſpielinn herab. „ Siehſt du das Ziel und die Krone? Wagſt du's, mir zu fol⸗ gen?“ ftagt er mit muthwillig neckendem Ton. Schnell wirft die kleine Atalante ihm ihren halbvoll⸗ endeten Blumenkranz zu, und im Augenblick be⸗ ginnt der Wettlauf. Flora bekommt ein paar Schritte voraus; raſch folgt ihr Floridor. Faſt hat er fie er⸗ reicht; ſie ſchreit laut auf und verdoppelt die Eile; noch zwei Schritte, und ſie iſt am Ziel. Aber mit einem Sprunge iſt ihr Floridor vorbei, ergreift die Krone, tritt ſtolz auf den Huͤgel, den er erſt geſtern zuſammentrug, und ſetzt ſich mit der Miene des Sie⸗ gers das errungene Kleinod auf's Haupt. „O, nun ſiehſt du aus, wie der ſchöne Apoll, den uns neulich die Mutter in Rom zeigte!“ ruft Flora. Heller ſtrahlt das glänzende Auge des Knaben bei dieſen Worten; man ſieht, ein lebhafter Gedanke durchblitzt ſeine Seele. Schnell ſteigt er von ſeinem Raſen⸗ thron herab, umfaßt Flora, und zieht ſie mit ſich fort zum Tempel der Sybille. Dort ſammelt er Mar⸗ morſtuͤcke, und hebt das Maͤdchen hinauf „Sieh“ ſagt er, „jetzt biſt du die ſchöne florentiniſche Venus! 87 Richte die Augen ein wenig zum Himmel — ei ſieh doch hinauf in die leichten Wolken dort! Laß den linken Arm leichter ſinken; beug' auch das Knie, beuge den rechten Arm!“ So verſucht er die zarten Formen der kleinen Geſpielinn nach ſeiner Erinne⸗ rung zu geſtalten; doch bald wird er ungeduldig. „Du biſt ſo ſteif,“ ruft er; „ du kannſt dich nicht biegen! Der harte Fiſchbein iſt mir überall im Wege.“ — Mit arglos dreiſter Hand oͤfſnet der Knabe die ſchneeweißen Baͤnder des Kleidchens, das enggeſchnurte Mieder unter demſelben zu loͤſen. Schon iſt der weiße Nacken, die alabaſterne Schulter freiz da tritt plotzlich Flora's Mutter aus der Thuͤr des Hauſes hervor. „Was iſt das? was ſoll das?“ fragt ſie unwillig mit verweiſendem Blick. „Mutter, wir ſpielen!“ ruft ihr die Kleine voll heiliger Un⸗ ſchuld entgegen, und nur der zuͤrnende Blick der Fra⸗ genden auf Floridor verwirtt ſie. „Nun, was iſt denn?“ beginnt dieſer mit ſchmollendem Ton. „War⸗ um hat ſie geſagt, ich gleiche dem romiſchen Apoll? Sie ſollte der Venus gleichen, die mir im letzten Winter in Florenz ſo ſehr gefiel.“ — „Komm her⸗ ein, das Spiel ſchickt ſich nicht für dich!“ ſpricht jebt 88 die Mutter mit Strenge zu der Kleinen, und un⸗ freundlich fuͤhrt ſie die Zögernde mit ſich hinweg. Floridor ſenkt das Haupt, und bleibt unbeweg⸗ lich ſtehen; heiße Thraͤnen dringen unter Flora's ſei⸗ denen Wimpern hervor, und noch oft wendet ſie im Ge⸗ hen das trauernde Geſicht zu dem verlaſſenen Freunde. Sie wird in das fernſte Stubchen des Hauſes einge⸗ ſchloſſen; die Mutter macht ihr Vorwuͤrfe mit un⸗ ermuůdetem Eiferʒ ſie ſieht finſtre Mienen, hört Ver⸗ weiſe den ganzen Tag; aber mehr als Alles ſchmerzt ſie die Trennung von ihrem fröhlichen Flo⸗ ridor. — — Unbeſonnene Mutter! warum begnůgteſt du dich nicht, mit einfacher Ruhe, ohne Aufhebens, ohne zuͤrnende Heftigkeit, dem ſchuldlos gemeinten, wenn auch unziemlichen Beginnen zu wehren? Machſt du nicht die Himmelsblume der Kindlichkeit welken, ſtatt ſie zu pflegen, durch deine unverſtůndige Sorge? — O, es iſt billig, daß man uns Achtung lehrt füͤr das Alter; aber wahrlich, mehr noch ſollte man uns Achtung lehren fur die Kindheit, für das zarte Heiligenbild der Unſchuld, das ſtill und treu „wie 89 es beſchirmt, auch verehrt ſeyn will; dem auch die fluͤchtigſte rauhe Beruͤhrung ſchon einen Theil ſeiner milden, lilienreinen Klarheit entzieht. 90 Die Jugend. Die Nacht kämpfte nur noch mit ungleicher Kraft gegen die heißen Sonnenſtrahlen, welche, um die Mitte des Fruͤhlings, das ſchone Italien durchglühen. Der Odem der Jugend und Liebe war durch die ganze Natur verbreitet; Sehnſucht, Leben, Freude, ſchien im Hain, uͤber den Thalern zu ſchweben. Der Vogel flatterte flͤgelſchlagend um das kunſtreich ge⸗ baute Neſt, welches bald ſeine zarte, faſt ſchon die zerbrechliche Huͤlle ſprengende Brut empfangen ſollte. Die fleißige Biene bewegte, den Nektar der Blume ſaugend, die ſtaubbeladenen Fuͤßchen, und der mun⸗ tere Schmetterling flatterte taͤndelnd von der ſchönen zur ſchoͤnſten. Noch bot die ſtolze Ulme keinen un⸗ durchdringlichen Schirm gegen bie brennende Sonne des Mittags; noch waren nicht alle Blumen, welche der Sommer bringt, erſchloſſen; nur die, welche den letzten Tagen des Fruͤhlings angehören, bluͤhten in herrlichſter Pracht. — Die Natur hatte noch nicht ihren ganzen Reichthum entfaltet, aber ſie zeigte ſich 91 in aller Anmuth der erſten, friſcheſten Schonheit; ſie glich einem holden aufbluͤhenden Mädchen, ſchon ge⸗ ſchmuckt mit dem Reiz der ſchlanken, jungfräulich edeln Geſtalt, und noch mit den Zugen der lieblichen Kindheit im zarten Geſicht. — Lange war der jugendliche Floridor fern geweſen; jetzt kehrt er, ſtolz und kraͤftig, wie die Alten die Halbgötter bildeten, zuruͤck. Kaum ſeit zwei Stun⸗ den iſt er wieder in Rom, und zehnmal ſchon hat ſein Herz, ſein Auge, ſein Gedanke den Zwiſchen⸗ raum zwiſchen ihm und dem alten Tibur *) gemeſ⸗ ſen. Es iſt ſpät Abends; erſt am folgenden Tage kann er die geliebte heimathliche Stätte erreichen, erſt dann ſoll er die zarte Geſpielinn ſeiner Kindheit wie⸗ derſehen. Lange noch treibt ihn innere Unruhe in dem weiten, ihm jetzt doch ſo eng' ſcheinenden Ge⸗ mach auf und nieder. Endlich ſcheint dem ungedul⸗ dig bewegten Sinn eine beſaͤnſtigende Stunde zu na⸗ hen; ein leichter Schlummer kommt auf den Fitti⸗ gen der Nacht, der Seele Ruhe, den ermudeten Gliedern Starkung zu bringen. Doch auch den *) Zetzt Tivoli. 92 —— Schlafenden verlaͤßt der Gedanke an Flora nicht. Er ſieht ihre liebliche Geſtalt im Traum, und üͤber ſeinem Antlit ſchwebt das Lacheln jugenblicher Freude. Har⸗ rend weilt die bluͤhende Jungfrau an dem wohlbe⸗ kannten Pfoͤrtchen des kleinen tiburtiniſchen Hauſes; ihr ſchoͤnes himmelblaues Auge blickt ſo unruhig, ſo bewegt in die Ferne. Jetzt nennt ſie leiſe den Na⸗ men Floridor; ihre ſanfte Stimme ruft den fernen Freund ſo ſehnſuchtsvoll zuruͤck! — Er will zu ihr eilen, will mit den freudigen Worten: dein Floridor iſt ſchon bei dir! die liebliche Freundinn umſchlingen. Ach, da iſt die heitere Taͤuſchung verſchwunden! er findet ſich traurig allein in der dunkeln, einſamen Nacht. — Noch einmal zeigt ihm ein freundliches Traum⸗ bild die ſchoͤne tiburtiniſche Jungfrau. Jetzt kniet ſie am Altar der heiligen Mutter Maria. Sie op⸗ fert eine kleine Spende, ihr ſelbſt erſt geſtern verlie⸗ hen, daß ſie, gleich den muntern Geſpielinnen, ſich dafuͤr mit lichten, ſchimmernden Baͤndern ſchmuͤcke. Freudig legt ſie die Gabe auf den Altar der Heiligen nieder. „Schuͤtze meinen Floridor!“ betet ſie innig. „O, laß ihn bald, laß ihn froh zuruͤckkehren in das 93 traute Nachbarhauschen der Seinen!“ — Die hohe, himmliſche Jungfrau ſcheint der kindlich Bittenden Gewaͤhrung zu verheißen. Hoffender wendet ſich der Blick, heiterer das Angeſicht der Knieenden zum Him⸗ mel empor. Sie iſt ſo ſchoͤn, ſo ruhrend ſchön in dieſem Augenblick! und mit dem Ausruf: „Flora! meine einzig liebliche Flora!“ erwacht der befangene Juͤngling. — 1 Nun iſt der Schlaf von ſeinen Vinpene en⸗ flohen; das Bild des betenden, fuͤr ihn betenden Maädchens läßt ihn nicht wieder zurͤckkehren, und ehe noch der Morgen den Horizont mit den erſten Pur⸗ purſtrahlen ſchmuͤckt, durcheilt der ungeduldige Flori⸗ dor ſchon die Felder von Tibur. — Jetzt hat er ſeine ſanfte, ſeine nie vergeſſene Flora wieder; ihre Blicke begegnen, ihre Häͤnde umſchlingen ſich, und jede Miene, jede Bewegung wird zur ſtillen Verkuͤnde⸗ rinn ihres Glucks.— O ihr, die ihr jemals eines geliebten Weſens in der Ferne oft und ſehnſuchtsvoll gedachtet, die ihr es endlich in einer ſchöneren Stunde mit Freudenthraͤnen wieder in eure Arme ſchloſſet: ihr kennt, ihr verſteht ja dieſes Gluͤck, ihr wißt, was Floridor und Flora jetzt empfanden. So verſtumme 94 nur, du reiches, und doch ſo ohnmaͤchtiges Wort! du, dem es gegeben iſt, Herzen zu bewegen, Gemuͤther zu ergreifen, und das doch wieder das Hoͤchſte und Schonſte im Leben nur ſo karg, ſo duͤrftig, ſo unge⸗ nugend vor unſere Seele zu fuͤhren vermag. — — Die lang ausgedehnte Zeit der Trennung war alſo voruͤber; ungehindert durften die treuen Gefaͤhr⸗ ten der Kindheit ſich jetzt wieder in mancher freund⸗ lichen Stunde begegnen. Aber wie ſo anders waren jetzt die Tage, wie ſo anders die Gefuͤhle des jugend⸗ lichen Paares, als jene der ſpielenden Kinder! Statt der raſchen Fröhlichkeit des Knaben, bewegte jetzt der Ungeſtuͤm heißer Leidenſchaft die Bruſt des Juͤng⸗ lings; ſtatt der ſtillen Traulichkeit des Maͤdchens waltete ſchuͤchterne Liebe im Herzen der Jungfrau. Bald ſcheint Flora dem Geſpielen ihrer fruͤheſten Ju⸗ gend kälter als ſonſt; er verſteht das Herz nicht mehr, in dem er einſt ſo offen geleſen. — „Liebſt du mich, wie ich dich liebe? Flora, wirſt du mich immer lie⸗ ben?“ zehnmal hat er als Knabe die Frage gethan, zehnmal Flora's heitre Antwort: „Gewiß, Floridor! 6 mit kindlicher Freude gehoͤrt. Und jetzt iſt ſie feſtge⸗ bannt im Innerſten ſeiner Seele; von Stunde zu 95 Stunde will er ſie ausſprechen, und immer und ſaͤumt er wieder von Neuem. — Mit traͤumender Sehnſucht richtet ſich jetzt eſt ſein Blick auf das ſtille Stuͤbchen, wo die Geliebte weilt. Einſt war's um die ein und zwanzigſte Stunde; die Sonne ſandte ſenkrechte Strahlen auf die Gefilde herab, und ſorgſam ſchloß das ermuͤdete Maͤdchen den dichten, ſtofſenen Vorhang, um die brennende Glut des Mittags im leichten Schlummer zu vergeſſen. Da lockt es den Juͤngling mit unwi⸗ derſtehlicher Gewalt, ſie noch einmal, wie einſt das bluhende Kind, mit des Schlafes friedlichen Kränzen geſchmuͤckt zu erblicken. Er zogert noch, kaͤmpft mit ſich ſelbſt, iſt endlich entſchloſſen, und klimmt nun mit Lebensgefahr zu dem ſtillen Ziele hinan/ das er nach wenigen Augenblicken erreicht. Das Fenſter iſt hinter dem dichtbeſchattenden Vorhang offen; ein leichter Ruck ber kraͤftigen Hand, und der Eingang in Flora's Stuͤbchen iſt frei. Doch des Herzens warnende Stimme haͤlt den Juͤngling zuruͤck; ihn, der in der kaum vergangenen Minute dreiſt ſein Leben wagte, feſſelt jetzt Scheu, die Ge⸗ liebte zu erzuͤrnen, ernſt gebietend an ſeinen Plat. 96 Nur der ſehnende Blick dringt ungeduldig durch die Oeffnung des Vorhangs, und kann nicht wieder ſchei⸗ den vom lieblichen S der . ſchlummernden Jungfrau. a „nchin Mit dem ſchoͤnen —— Arm tus lockige Haupt geſtuͤtzt, ruht die bluͤhende Geſtalt ſanft auf dem ſchneeweißen, glaͤnzenden Lager, und in male⸗ riſchen Falten umfließt ſie das weiche, zuͤchtig um⸗ huͤllende Gewand. Ein Sonnenſtrahl zittert durch den leicht bewegten Vorhang herein, ſchmuckt die ſei⸗ denen Locken der Schlaͤferinn mit hoͤherem Glanz, und umzieht die heitere, engelreine Stirn mit dem Heiligenſchein der Verklaͤrung. Dann wechſelt der Schimmer, glaͤnzt hell auf der roſigen Wange, ſcheint den Purpurmund mit friſcherem Leben zu faͤrben, be⸗ ruͤhrt leiſe die linke, ſanft auf dem Ruhebett hinge⸗ ſtreckte Hand, ſchwebt jetzt uͤber dem weißen, wie ſcheu aus dem Gewande hervorſchauenden Fuͤßchen. — Alles iſt ſo ſtill, die holde Geſtalt ſelbſt ſo re⸗ gungslos ruhig! nur dieſer leichte, gaukelnde Schim⸗ mer umgiebt ſie mit dem hellſten, bewegteſten Leben. Ein tieſer, heißer Seufzer entquillt Floridor's hochſchlagender Bruſt, und die leicht aufgeſchreckte 97 Jungfrau erwacht vom ſuͤßen Schlummer. „Unbe⸗ ſonnener, was wagſt du!“ruſt ſie mit beinah zur⸗ nendem Blick, und die raſche Bewegung der lilien⸗ weißen Hand gebietet ihm ſchnelles Entfernen. Eine Sekunde zögert der Juͤngling; ſeine bittende Miene ſcheint ein verſoͤhnendes, beſaͤnftigendes Wort zu ſpre⸗ chen. Doch ein zweiter Wink der ſchoͤnen, gebieten⸗ den Hand, und ohne Zoͤgern verlaͤßt er die zauber⸗ umgebene Stätte. Jetzt gedenkt Flora ſeines gefahrvollen Weges, und alles Unwillens vergeſſend, eilt ſie an's Fenſter, hinter dem Vorhang verſteckt mit aͤngſtlichem Herz⸗ klopfen zu lauſchen, bis er gluͤcklich den Boden er⸗ reicht. Achtlos der Gefahr, flieht er des unſichern Pfades, den er gekommen, zuruͤck; flieht dann, doch umſonſt, vor ſeinen eigenen Gedanken in die weite Gegend hinaus. Seine ganze Seele iſt von Flora's Anblick, von Flora's ſtrafenden Worten erfullt. Ach, ſie gebot ſo ſtreng! das ſonſt himmelfreundliche Auge ſchien dem Verwegnen ſo ernſtlich zu zuͤrnen! — „Liebt ſie, wie ich liebe?“ die Frage erwachte von Neuem in ſeiner verwirrten, ungerecht klagenden Bruſt, und tief im Innern regen ſich duͤſtere Zwei⸗ 7 fel. Immer umwoͤlkter wird ſeine Stirn, immer träumender eilt er ſeines Weges dahin. Endlich er⸗ reicht er die Baͤder des Maͤcenas; plotzlich heftet ſich ſein Blick feſt auf einen vorragenden Stein am au⸗ ßeren Eingang einer ſonnenbeleuchteten Grotte. Ein Mamenszug ſteht klar vor ſeinen Augen da; es ſind die erſten Zeichen ſeines Namens . . . . wie, oder des Namens der Geliebten? War es ihre Hand, die liebend, dem ſehnenden Herzen folgend, dieſe Zuge eingrub? War es die Hand eines verhaßten Neben⸗ buhlers? — Er zittert, forſcht, vergleicht. Ver⸗ gebliche Muͤhe! Sein unſichrer Blick verwirrt ſich; das Haupt ſinkt wie ermattet auf die Bruſt herab; an eine Saͤule gelehnt ſteht er, ſchwankend, ungewiß, ob er hoffen, ob er fuͤrchten ſoll. In dieſem Augenblick wird er in einem dunkeln Winkel der Grotte den ſanften, heitern Gennaro, ſei⸗ nen liebſten Jugendfreund, gewahr. Er war Floren verwandt, hatte oft Theil genommen an ihren, an Floridor's Spielen. Tauſend Erinnerungen uͤber⸗ ſtrömen, zerſtören Floridor's ganze Seele; tauſend vergeſſene Umſtände treten hervor, draͤngen ſich plotz⸗ lich duͤſter mahnend vor ſeinen Blick. Sein gereiztes 99 Gemuͤth ertraͤgt das Schwanken des Argwohns nicht; jeder Gedanke, jede Vorſtellung wird zur Klarheit, zur Gewißheit. Bleich, mit dunkel flammendem Blick tritt er auf Gennaro zu. „Was ſuchſt du hier?“ fragt er mit drohendem und dennoch gepreßten Ton. „Biſt du's? iſt es deine verrätheriſche Hand? . iſt das ihr — iſt es Flora's Name?“ — „Was kum⸗ mert's dich?“ antwortet Gennaro kurz, und ſchon er⸗ zurnt durch des Freundes drohenden Ton. — „Du willſt mir nicht Rede ſtehn?“ entgegnet Floridor ent⸗ flammt, und alle Furien der Eiferſucht umklammern ſein Herz mit doppelter Gewalt. „Bei meinem Le⸗ ben, ich frage zum letztenmal! haſt du ihren Na⸗ men dort in den Stein gegraben?“ — Ein leichtes, faſt ſpottendes Laͤcheln iſt Gennaro's ganze Erwiede⸗ rung. „Nun denn, ſo gieb mit dem Dolch Ant⸗ wort!“ ruft Floridor außer ſich. Jetzt gilt's, zu ver⸗ ſuchen, wer von uns Beiden ihn mit der ſicherſten Hand in die Bruſt des Andern zu ſtoßen verſteht!“ Sie gehen ſchweigend; doch plotzlich eilt Genna⸗ ro's alter Vater ihnen entgegen. „Wo bleibſt du, mein Sohn?“ ruft er ſchon von fern. „Wir Alle warten auf dich. Es ſehlt nur noch deine Unter⸗ p. * „ ſchrift bei unſerm Vertrag mit dem ſtreitſuͤchtigen Nachbar.“ — „In einer Stunde komm' ich wie⸗ der!“ floͤſtert der Juͤngling halblaut dem ſtuͤrmiſchen Floridor zu; und unwillig uͤber den Aufſchub zieht ſich dieſer zuruͤck, um noch einmal ſein Auge und ſein Herz durch den Anblick jener raͤthſelhaften, fuͤr ihn ſo ſinnverwirrenden Zeichen zu verwunden. Mlotzlich wird er ein junges, athemlos daherei⸗ lendes Maͤdchen gewahr. Es iſt die lebhafte Camilla, die Tochter eines Landmanns der Gegend. Mit Flo⸗ ren erzogen, war ſie ihr Freundinn und Dienerinn zugleich ſeit ihrer Kindheit. „Ach, Herr!“ ruft ſie aus, „unſer niedlicher Zeiſig iſt entflohen! Flora iſt untroſtlich. Hieher hat der Treuloſe ſeinen Flug genommen. Eilen Sie nach jener Seite!“ — Sie giebt ihm ein Zeichen mit der Hand, und leicht, wie die ſchöne Koͤniginn, deren Namen ſie tragt, ver⸗ ſchwindet ſie im fluchtigen Lauf. Gluͤcklicher als ſie, wird der Juͤngling nach langem, vergeblichen Bemuͤhen den Fluͤchtling auf den Truͤmmern einer Säule gewahr. Er ruft ihn, doch der Vogel flattert raſch uͤber ſeinem Haupte da⸗ hin. Liſt iſt erlaubt: den Ungetreuen zuruͤckzurufen, 101 Floridor zeigt ihm Korner und glanzende Blumen. Da naht der kleine Verräther, betrachtet von einem nahen Zweiglein ruhig ſeinen Feind, ſtreckt das nied⸗ liche bunte Haͤlschen vor, und ruft deutlich aus heller melodiſcher Kehle: Floridor! — Der Himmel oͤff⸗ net ſich, und die ganze Seele des leidenſchaſtlichen jungen Mannes wird Freude. Ach! ſie, ſie lehrte den Vogel dieſen Namen! ſie grub auch jene Zuͤge mit treuer, unermuͤdeter Hand in den Stein! — „O Gennaro! mein Gennaro!“ iſt Alles, was der beſchaͤmte, reuige Beleidiger ſagen kann. — in Der entflohene Vogel flattert nun von ſelbſt auf ſeine Schulter herab, pickt zarte Körner aus ſei⸗ nen Haͤnden, und wiederholt dabei immer frohlicher den Namen, den ihn Flora ſo unermuͤdet in man⸗ cher einſamen Stunde lehrte. — Jett kommt auch Camilla wieder, ſieht den kleinen Gefangenen, und eilt jubelnd mit ihm zum Haͤuschen der freundlichen Herrinn zuruͤck. Und faſt eben ſo ſchnell eilt Flori⸗ dor zur Wohnung Gennaro's, der ſein verſoͤhnendes Wort mit ſanftem, herzlichen Verzeihen vergilt. Sie trennen ſich treuer, liebender als je, und jeder ver⸗ heißt ſich ſelbſt und dem Freunde, daß blinde Heftig⸗ 102 keit und alzuempfindlicher Stolz nie im Leben ihren Bund wieder ſtoren ſollen. — Jetzt geht Floridor, der alten Calpurnia, der treuen Pflegerinn ſeiner Kindheit, eine reiche, erfreu⸗ ende Gabe zu ſpenden. Sie liebt ja ſeine Flora, ſie liebt ja ihn; und in der Jugend macht das Gluck ſo theilnehmend, ſo offen, ſo mild. — Dann nimmt er, niedergedruͤckt von der Hitze des Tages, ſeinen Weg zr der großen Cascade; er dringt unter die dun⸗ keln Felſengewoͤlbe, die er ſeit beinahe vier Jahren nicht ſah. Es ward ſpät; bleiche, ungewiſſe Strahlen warfen kaum noch ein weißliches Licht auf die höch⸗ ſten Gipfel der Berge; und der ſinkende Tag erhöhte die geheimnißvolle Daͤmmerung des kühlen, ruhigen Orts. Glaͤnzendes Sinngruͤn ſchmückte das feuchte, mooſige Geſtein mit ſeinen himmelblauen Blthen, und ſchlaͤngelte ſich in ppigen Kraͤnzen zur Erde her⸗ ab. Nahe Waſſerfälle unterbrachen murmelnd die feierliche Stille der Gegend, und kuͤhlender Thau er⸗ friſchte die Glieder des ſchoͤnen, wandernden Jung⸗ lings. Je weiter er ging, deſto ſüßer erwachten die Erinnerungen, deſto freundlicher die Bilder der lä⸗ chelnden Kindheit in ſeiner Seele. „Hier, hier war's,“ 103 ſagte er ſich leiſe, „wo meine ſchmeichelnde Hand zu⸗ erſt ihre bluhende Wange ſtreichelte; hier iſt der Ort, wo wir, mit dem engen Strohhalm bewaffnet, jene durchſichtigen Kugeln in die Luft ſteigen ließen, deren ſchimmernde Farben unſte kindliche Freude weckten. Dort. plötzlich ſchweigt ſeine Lippe, ſchweigt jede Er⸗ innerung der Vergangenheit. Von der Gegenwart ergrif⸗ fen, ſteht er ſprachlos, überraſcht freudig verwundert da. Am äußerſten Ende einer ſchwach von oben be⸗ leuchteten Grotte ruht, am Rande eines kryſtallhellen Waſſerbeckens, in ſtillen Traͤumen ſeine liebliche Freundinn. Sie hatte im Innern der Grotte geba⸗ det, und das friſcher bluͤhende Antlit ſtuͤtzt ſich ſanft auf die zarte, blendend weiße Hand. Das geſenkte Auge gewahrt des Nahenden nicht, und auch von Camilla'n, der ferngeſchaͤftigen, bleibt er unbemerkt. Aber Liebe und Sehnſucht ziehen mit all ihrer Ge⸗ walt den Juͤngling zu Flora's Fußen, und ſein dunk⸗ les, glaͤnzendes Auge ſagt mehr noch, als ſeine Worte, was er empfindet. Mild ruht der Blick der liebli⸗ chen Jungftau auf dem ſeinen; ſie raubt dem ſchoͤnen, reichgeſchmuckten Haupt eine Locke, und reicht ſie dem Freunde. „Nimm, Floridor!“ fläſtert die weiche, ſülberreine Stimme, und ſcheint dann den blůhenden Lippen den Dienſt zu verſagen. Die Hand, die Lippe des Junglings beruͤhren zugleich die theure Gabe. Leiſe beugt ſich des Maäd⸗ chens unſchuldige Stirn herab auf die ſeine, und zwiſchen den langen ſeidenen Augenwimpern glaͤnzt eine Thräne. „O, Flora!“ ruft er jetzt, und die Innigkeit ſeines Gefuhls ſpiegelt ſich in den bewegten Lauten der Stimme, „nimm dieſen Ring! nimm ihn als Buͤrgen meiner heiligſten Treue!“ Sanft haͤlt die Jungfrau die Hand, welche den Ring verlieh, in der ihrigen; ihre Lippe, ihr ſchoͤnes, ſeelenvolles Auge erwiedern den Schwur der Treue ſo innig! Jetzt iſt Floridor der innern tuͤrmiſchen Bewegung nicht mehr Herr. „Flora mein! fur das Leben mein!“ ruft er aus, und mit leidenſchaftlicher Freude umfaßt er die Einziggeliebte. „ Laß uns zu⸗ ruͤckkehren zu den Unſern,“ bittet ſie leiſe; „der Se⸗ gen der Eltern fehlt noch zu unſerm Gluͤck!“ — Und bald iſt auch noch dieſe Weihe dem ſtillen Buͤnd⸗ niß gegeben, und Floridor und Flora, der ſchonſte Juͤngling, die lieblichſte Jungfran der weiten Gegend, ſind nun auch die glůcklichſten Verlobten. 105 Die veiſen Sahre Purpurhauch verbreitete ſich am Horizont; goldbe⸗ ſäumte Wolken ſchwebten leicht hin und wieder, und ſchienen, ſich vereinend, einen dichten Schleier bil⸗ den zu wollen: doch ein kuͤhles Abendluftchen zer⸗ ſtreute ſie mit mildem, wohlthätigen Hauch, und in voller Klarheit ſank die ſcheidende Sonne hinab. Sie lächelte noch einmal, ehe ſie die Erde verließ, wie eine liebende Mutter den Kindern, von denen ſie ſich trennen muß, noch einen letzten Blick des . zuruͤckwirft. — Fern erſchallte der Abendgruß des heerdeleiten⸗ den Stiers und der friedlichen Kuͤhe, welche in ſchwerfüͤllig eilendem Schritt unter das bekannte Ob⸗ dach zuruͤckkehrten. Bald ließen ſich auch die Stim⸗ men munterer Laͤmmer vernehmen, und das Glöck⸗ lein des Mutterſchaafs, deſſen Silberlaut ſich teiſe in den Luͤften verlor. Naͤher ertonte der jungftaͤu⸗ liche Geſang der Maͤdchen von Tibur, die in reinen, melodiſchen Tönen dem ſcheidenden Tage ein Ab⸗ 3 1 106 ſchiedslied brachten. Ein Chor fröhlicher Vogel miſchte ſeine Stimmen mit den ihren, und liebender beglei⸗ tete der Jungling, hier mit dem Haferrohr, dort mit der leichten, fern hintönenden Mandoline, den Ge⸗ ſang ſeines laͤchelnden Maͤdchens. Seitwaͤrts bietet ein reicher, geſegneter Wein⸗ berg ſeine Schätze dar. Kräftige Winzer haben ſchon ſeit Tagesanbruch durch Rufen und Ordnen ihren Eifer bei der fröhlichen Arbeit geräuſchvoll verkuͤndet; fleißige Winzerinnen loͤſen, knieend neben den Wein⸗ ſtöcken, oder leicht zu ihnen hinabgebeugt, die dufti⸗ gen Trauben, und haͤufen ſie in dichtgeflochtenen Kör⸗ ben. Jubelnde Kinder tragen ſie weiter in die feuch⸗ ten, moſtbeſprengten Gefaͤße; indeß ein Häuflein muthwilliger Maͤdchen einen armen, einfältig lächeln⸗ den Trager uͤbermaͤßig belaſtet. Er ſcheint unter der Zahl ſeiner Koͤrbe zu erliegen, ſchwankt, gleitet am ſteilen Hugel hinab, — doch jetzt hält er ſich wieder, und erreicht gluͤcklich die gewaltige Tonne, wo er mit ungeduldiger Eile ſich von der altzuſchweren Buͤrde befreit. 3 Weiterhin flieht ein ltlicher Winzer vor einer jugendlichen Braut, die er mit neckendem Scherz er⸗ 107 zürnte. Noch einmal ſoll das breite Irisblatt, das Spiel det fröhlichen Kindheit, dienen, dem Alten die leicht bewegliche Lippe zu hemmen. Sie erreicht den Fluchtigen, ringt mit ihm, er gleitet, fällt, und eine teichte Wunde am Arm ſtraft ihn haͤrter, als das Madchen gewollt. O, wie iſt nun ſo ſchnell die Zuͤr⸗ nende verſohnt! wie verbindet ſie ſo ſorgſam mit eben den Blaͤttern, welche zur Rache dienen ſollten, den Schaden, den ihr Muthwille veranlaßte. Und ob auch das Haupt ihres Gegners ſich ſchon ſilbern zu färben beginnt, doch tragt er noch gern den Schmerz der leichten Verletzung, welchen die Hand der ju⸗ gendlichen Nachbarinn ſo ſanft und ſchmeichelnd zu lindern bemuͤht iſt. Am Fuße des Hugels ſieht man unter dichtem Laubwerk eine Gruppe von Greiſen gelagert, die bei Wein und jugendlichen Gedanken ſich troſten uber die lähmende Gewalt der Zeit. Dieſe Erinne⸗ rung, dieſer milde Wiederſchein der Jugend weckt mit leiſem, fluͤchtigen Zauber die Gefuͤhle der fruhe⸗ ren Lebensjahre noch einmal. Geſpräch uͤber Ver⸗ gangenheit iſt dem Alter wie geiſtiger Sonnenſchein, an dem es ſich eben ſo gern, eben ſo wohlbehaglich erlabt, als am phyſiſchen. Mit den freundlichen Bil⸗ dern der Tage, welche waren, naht auch die Freude an heitern Planen fuͤr die, welche noch kommen ſol⸗ len. — So ward auch jenen Greiſen der Abend des Feſtes durch trauliche Ruhe erhellt, und der be⸗ lebende Traubenſaft ſtimmte ſie nachgiebig und mild. Der bisher unerbittliche Vater fullt das Glas ſeines Nachbars mit perlendem Trank, bewilligt dem Sohne des alten Freundes die einzige geliebte Tochter, und Amor läͤchelt mit ſchlauer Miene dem Gotte der Reben. — Mitten unter dieſen wechſelnden, laͤndlich fröh⸗ lichen Scenen tritt ein Mann von hoher, kraftiger Geſtalt in den Weinberg, deſſen edles Anſehn un⸗ willkuͤhrlich die Blicke feſſelt. Seine ſchoͤne, ſtolze Stirn, das ſchwarze, unter ſchneeweißem Netz ver⸗ borgene Haar, die großen, dunkeln Augen, die regel⸗ maͤßigen Geſichtszuͤge, die athletiſchen Formen, — Alles verkündet einen Abköͤmmling der Buͤrger jener alten Roma, der Beherrſcherinn der Welt. Freude lächelt bei ſeiner Ankunft in jedem Blick, und auch der ſeine ſcheint Alles, was ihn umgiebt, mit heiterm Wohlwollen zu umfaſſen. Doch bald wendet er ſich 109 wieder voll liebender Innigkeit auf eine junge, blůͤhende, am Fuß einer glaͤnzenden Silberpappel ruhende Frau. So blond, aber friſcher und lieblicher, als die Göttinn der Aehren, haͤlt ſie ein zartes Kind an ih⸗ rer Bruſt, das mit durſtigen Zuͤgen die milde La⸗ bung einſaugt; und ihr frohes, laͤchelndes Auge begegnet ſo gern dem des liebenden Gatten, des freundlich auf die kleine Gruppe herabſchauenden Vaters. — O, wie viel Seele liegt in dem Blick, den gluckliche Liebe, die Treue der Mutter belebt! Doch welcher Ausdruck von beiden der zärtlichere ſey? — Fragt nicht das Auge der Braut, nicht das der liebenden Mutter! Was ihr ſeht, iſt der nämliche Strahl, nur in ver⸗ ſchiedener Brechung. — Neben der ſchoͤnen blauaugigen Frau ſitzt auf einem Häufchen Weinranken ein kleines ſechsjähri⸗ ges Mädchen, deſſen zartes Geſicht, hell wie der erſte lächelnde Morgen im Lenz, der leichte Abriß des muͤtterlichen genannt werden könnte. Unter fröhli⸗ chem Lachen lehrt ſie ihr niedliches Huͤndchen tanzen, das ſich des Unterrichts weniger, als ſeine kindliche Herrinn, erfteut. Doch bald hört ſie auf, und laͤßt mit eiliger Heimlichkeit einige der ſchonſten Trauben 11⁰ in die Hand des aͤltern Bruders gleiten, der ſtill von fern ſitzend, auf Flora's Geheiß einen kindiſchen Feh⸗ ler abbuͤßt. „Sag',“ fraͤgt das freundliche Maͤdchen, den bittenden Blick zu der Mutter gewendet, „iſt die halbe Stunde bald voruͤber?“ — „Es iſt noch keine halbe Viertel ſtunde,“ erwiedert ſie; „und Oo⸗ tavio verdiente wol eine haͤrtere Strafe, weil er dich geſchlagen hat.“ — „Ach, Mutter, es ſchmerzt mich nicht!“ ruft die Kleine. — „Aber du weinteſt doch.“ — „O, ich that es nur, damit er nicht noch ſtaͤrker ſchluͤge.“ — „ Darf ich verzeihen, mein Freund?“ fraͤgt halb leiſe die junge Frau den neben ihr weilenden Gatten. Sein laͤchelnder Blick geſtat⸗ tet ihr Nachſicht, und ſie verkurzt ſo gern die Strafe des harrenden Knaben. Schluchzend und reuig fällt jetzt der kleine Befreite dem Schweſterchen um den Hals, das mit ſeinen zarten Haͤnden die Augen des Bruders trocknet, und ihn zugleich liebkoſend auf die Stirn kuͤßt. Bittend und ſchmeichelnd umfaſſen dann Beide die Eltern, bis das letzte Fältchen von ihrer Stirn verſcheucht iſt, und wandeln nun langſam, Arm in Arm wieder den ſteilen Hugel hinab zu den fröh⸗ lichen Kindern der Winzer. 111 Das zuruckbleibende Paar folgt ihnen mit Blik⸗ ken, in denen Liebe und zarte Sorge zugleich ſich ſpiegelt. Das treue Auge der Eltern iſt ſo weit hinausſchauend, ſo beſchaͤftigt durch Gegenwart und Zukunft zugleich! — Aber wer ſind dieſe edeln Gat⸗ ten? — Theilnehmende Seelen, war' es noch nö⸗ thig, ſie euch zu nennen? Hättet ihr den liebenden Floridor und ſeine ſanfte Flora ſchon vergeſſen? — Jetzt, im reiferen Alter, ſind Beide der Stolz und das Beiſpiel des Kreiſes, in welchem ſie leben. Durch reine Guͤte und wohlwollende Nachſicht maͤßigt Floridor den Ernſt, die zuweilen unvermeid⸗ liche, oft zuruͤckſcheuchende Strenge des Hausvaters. Seine Kinder verehren ihn, wie einen Wohlthäter, einen liebevollen Freund. Nie hat ſeine Gegenwart ihre Freude geſtört, und ſelbſt ſein Tadel, ſeine Ver⸗ weiſe wecken in den jungen Seelen mehr Schmerz, ihn betruͤbt zu haben, als Scheu vor der Strafe. — Flora's liebende Sanftmuth hat vor Allem beigetra⸗ gen, jene rauhe Maͤnnlichkeit zu mildern, welche ſo oft in ſeinem Stolz das angeblich ſtarke Geſchlecht peibehält, das doch mit ſeinen Schwaͤchen die Welt und die Geſchichte ermuͤdet. — 112 Ein bluhender, zehn⸗ bis elfjaͤhriger Knabe eilt jetzt lachend den Huͤgel hinan. „Mutter! Mutter!“ ruft er außer Athem, „hier iſt meine Beute! Mit⸗ ten im Lauf hab' ich das Haͤschen gefangen. Es haͤlt die Augen zu, ſo furchtet es ſich!“ — „Nun,“ fragt Flora ſanft, „und was willſt du jetzt anfangen mit dem armen, aͤngſtlichen Thierchen?“ — Der Knabe beſinnt ſich einen Augenblick, — „ ach, Mut⸗ ter! nicht wahr, ich muß es doch wol wieder fteige⸗ ben?“ fragt er dann. — „Aber nicht hier,“ ant⸗ wortet Flora; „hier wurden es alle Winzer verfolgen, und es ſtuͤrbe nur noch klaͤglicher.“ — „Du haſt Recht,“ ſpricht der Knabe jetzt entſchloſſen, „ich will es wieder zuruͤcktragen in den Wald.“ — Er geht, kommt aber ſchnell wieder. „Ach, ich vergaß das Turteltaubchen hier! — Sieh, ein Jäger hat's un⸗ ter dem Fluͤgel verwundet. Hilf ihm doch, mach' es wieder geſund; du kannſt es gewiß!“ Lächelnd nimmt Flora den Vogel der Liebe. Sie denkt des Paares, welches ihr einſt Floridor gebracht, und pflegt des Taͤubchens mit doppelter Sorgfalt. Sie verbindet es, traͤnkt es mit einigen Tropfen ſtaͤr⸗ kenden Weines; jetzt regt es ſich, ſcheint ſich zu er⸗ 113 holen, und jubelnd, mit freudegläͤnzenden Augen um⸗ huͤpft der Knabe die Mutter. Nun will er eilen, den zweiten Gefangenen zu befreien; doch ernſter als ge⸗ wöhnlich, mit faſt ſtrengem Ton, ruft ihm der Va⸗ ter nach: „Romeo, wenn du zuruͤckkehrſt, komm wieder hieher!“ Gehorſam, iſt der Knabe nach kurzer Zeit wie⸗ der da. „Wo iſt Lelio, der mit dem kleinen Wa⸗ gen das Abendbrot fuͤr die Winzer herbeibringen ſollte?“ fragt Floridor. — „Vater, er iſt in Villa dEſte, und ich ſagte dem Marzellin, ſtatt ſeiner den Wagen zu fahren.“ — „Wer hat ihn dahin ge⸗ ſchickt?“ — Romeo zogert einen Augenblick. „Va⸗ ter, ich that's,“ ſagt er dann haſtig; „er ſollte den Flachs abholen von der alten Antonia. Du weißt, die Mutter fragte geſtern danach.“ F „Du ſprichſt unwahr,“ antwortet der Vater ſtreng. „Du willſt mir, zwar in guter Abſicht, aber doch ſtraflich, Lelio's Schuld verhehlen. Ich traf ihn — wie ſchon ofter — eh' ich ausging, berauſcht und ſchlafend in der Scheune. — Romeo, Lůge iſt Luͤge, und Unrecht bleibt Unrecht; mit dem Gewiſſen läßt ſich's nicht unterhandeln. Wärſt du offen und 8 114 redlich gekommen, fuͤr den Schuldigen zu bitten, ſo hätte ich ihm vielleicht noch einmal um deinetwillen verziehen. Jetzt verlaͤßt er mein Haus; er hat es ſchon allzuoft verdient, und mein Sohn ſoll nicht durch ihn lernen, den eignen Vater zu hintergehen.“ Flora wendet den bittenden Blick zu dem Gat⸗ ten empor; doch er ſenkt den ſeinen mit ſtillem Ernſt. „Lelio,“ ſagt er mit ſanſter, doch feſter Stimme, „ſoll Antheil haben an der Unterſtuͤtzung, die ich mei⸗ nen armen Nachbaren gebe, aber er ſoll nur noch als Arbeiter bei mir dienen.“ — Schaam und Reue ſprechen aus Romeo's kindlichen Zuͤgen; Thraͤnen dringen unaufhaltſam aus den großen blauen Augen hervor. Doch er weiß, daß von des Vaters Be⸗ ſchluß keine Aenderung iſt. Still ergeben fugt er ſich in den Ausſpruch, deſſen Strenge er verſchuldete, und jetzt langſam, in traurigen Gedanken, verlaͤßt der ſonſt ſo froͤhliche Knabe die Eltern. Im naͤmlichen Augenblick kommt der Wagen, welcher das laͤndliche Mahl fuͤr die Winzer bringt. Sogleich ſteht die muntere, immer ſorgſame Haus⸗ frau auf. Noch einen muͤtterlichen Kuß dem kleinen Säugling, — dann giebt ſie ihn der lebhaften, zwei 115 Jahre nach ihr verheiratheten Camilla. Man leert den Wagen; Flora laͤßt eintheilend die Speiſen unter die frohen, erwartenden Gäſte verſpenden. Gatten und junge Mutter, von bluͤhenden Kindern umgeben, bilden anmuthige Gruppen zwiſchen den gruͤnen, ge⸗ ſchlaͤngelten Ranken des Weinſtocks; auch manches liebende Paar vereint Zufall oder freundliche Abſicht, ihm die Freude des Tages durch die willkommene Nachbarſchaft zu erhöhen. Edler Orvietowein ſchaͤumt mit gelblichem Schimmer im kryſtallhellen Glaſe, und die milde Vertheilerinn bewilligt den Greiſen, fur die ſie auch die zarteſten Speiſen bewahrte, den reich⸗ lichern Antheil. — Auch für die Armen, deren ſich Floridor an⸗ nimmt, iſt hier, wie ſonſt daheim, durch theilneh⸗ mendes Mitleid eine kleine Tafel bereitet, und zu ihnen wendet die ſanfte Flora unwillkuͤhrlich den muͤt⸗ terlichen Blick am haͤufigſten. Keiner, der arbeiten kann, waͤr' es nicht etwa ein huͤlfloſer Reiſender, wird an dieſen gaſtlichen Tiſch aufgenommen, fuͤr den Floridor's Gattinn mit unermudeter Treue ſorgt. Hier gilt kein Unterſchied, jeder wird gleich behandelt, keiner zuruͤckgeſetzt, keiner jemals gekraͤnkt; hier wird 8 * 116 nie — wie ſonſt ſo oft im Leben — vergeſſen, jene geheime Zaubermacht in der Menſchenbruſt, die wir bald Stolz, bald Ehrgeiz, bald Selbſtgefühl nennen, äußre auch im Ungluͤck, ja im Schooße des tieſſten Elends, immer die gleiche, und ſelbſt in ſchmerzlicher Aufteizung oft die verdoppelte Kraft. — Bald verkuͤndet ſich unter den Winzern die Freude durch Geſange; frohe, dankbare Herzen prei⸗ ſen das ſtille, ihnen verliehene Gluͤck, und ſo auch am wuͤrdigſten den ewigen Spender jeder begluͤcken⸗ den Gabe. — Scheidend wirft die ſorgſame Flora noch einen heitern, beifalligen Blick auf dies lebende Gemaͤlde laͤndlicher Freude, laͤndlichen Friedens, und kehrt dann zu dem liebenden Gatten zuruͤck, der, eh' er mit ihr den Weinberg verlaͤßt, noch freundlich über⸗ redend zwei Greiſe verſöhnt, die, treue Gefaͤhrten ſeit ihrer Kindheit, durch einen ungluͤcklichen Prozeß die bitterſten Feinde geworden waren. — „Mein Freund,“ beginnt im Zuruckgehen die immer milde, wohlwollende Flora, „vergonne mir eine Bitte. Unſere Nachbarinn Simonetta zurnt, und will die verwaiſ'te Tochter der einzigen Schwe⸗ ſter verſtoßen, weil ſie den jungen Giovanni, ihren 117 Verwandten, heimlich, wider den Willen der ſtrengen Beſchutzerinn, geſehen. Die arme Kleine! ach, ſie bedurfte wol eines Wortes tröſtender Liebe! ſo ließ ſie ſich durch ihr eignes Herz und durch Giovanni's Ueberredung verleiten. Simonetta entdeckte es, und, vielleicht froh des willkommenen Vorwandes, will ſie jetzt der Verlaſſenen alle Unterſtutung entziehen. Laß mich ihr Schutz geben, bis ſie auf andere Weiſe verſorgt werden kann, oder bis vielleicht die zurnende Verwandtinn zu verſoͤhnen iſt. Die Arme iſt ſo troſtlos!“ Ein augenblicklicher Zweifel druͤckt ſich in bn Miene des Gatten aus. „Simonetta,“ ſagt er, „hat das Maͤdchen an Kindesſtatt angenommen. Laß nun die Mutter entſcheiden, ob ſie nicht Urſache hat, ihr zu zürnen.“ — Flora ſenkt das ſchone mit⸗ leidige Auge. „Es iſt wahr,“ antwortet ſie, ſanft erröthend, wie in den Tagen der aufbluhenden Ju⸗ gend, „aber — o mein Freund, was waͤre denn Nachſicht; erbarmte ſie ſich nicht auch der reuigen Schuld!“ Dieſen Worten, dieſer jugendlich holden An⸗ muth in den Zügen ſeiner edeln Gefaͤhrtinn wider⸗ 118 ſteht Floridor nicht. „Nun denn,“ erwiedert er lͤ⸗ chelnd, „unſere Tochter iſt erſt ſechs und ein halbes Jahr alt; handle, wie dein Herz dir es eingiebt. Ich will ſuchen, fuͤr Giovanni zu ſorgen. Daß er arm iſt, gilt wol unſerer Nachbarinn fuͤr ſeinen bedenklich⸗ ſten Fehler; und kann eine kleine Pachtſtelle, die ich ihm gebe, ſie verſohnen, ſo ſey dieſe Zuflucht ihm und dem Madchen bewilligt, deſſen du dich mitleidig annimmſt.“ — Er ſpricht's, und indem ſie ſo von Neuem darauf ſinnen, Gluͤck und Freude um ſich zu verbreiten, haben ſie die Thuͤr des friedlichen Haͤus⸗ chens erreicht, in dem ſie als Kinder ſchon ſpiel⸗ ten. — — Es ward ſpäter und ſpäter; der Abend wandelte ſich in Nacht. Ein ſorgſamer Hausvater, hatte Flo⸗ ridor einſam in ſeinem Arbeitszimmer die Einnahme und Ausgabe des Tages berechnet. Jetzt gedachte er ſeiner Kinder, wie er fur ſie ſeine Habe mehren, wie er ſie einſt verwenden wollte fuͤr ſie. Die Zukunft trat lebhaft vor ſeinen Blick, und manche Sorge, doch auch manche fröhliche Hoffnung, erwachte in ſei⸗ ner Bruſt. — Plotzlich wird er in ſeinen Traͤumen durch verwirrtes Geſchrei, durch ein Gerauſch, wie 119 von fernem Sturme, geſtort. Der Laͤrm nimmt zu, die Thuͤr geht auf, und bleich, nur halb gekleidet, ſturzt Flora herein. „Feuer! Feuer!“ ruft ſie mit bebendem Ton. „Ich rettete deine Kinder! rette mei⸗ nen Vater!“ Schnell, wie des Blitzes Gewalt, dringt er in des Greiſes Zimmer, und traͤgt ihn mit kraͤftigem Arm hinaus an den Plat, unfern von dem brennen⸗ den Hauſe, wohin Flora mit ihren Kindern fluͤchtete. Kaum iſt er uͤber die Schwelle der Thuͤr, ſo ſtuͤrzt der Fußboden des Zimmers hinter ihm ein, und Rauch⸗ und Feuerſäulen ſteigen in Wb Hoͤhe zum Himmel empor. — Jetzt wirft Floridor pruͤfende Blicke auf diejenige Seite des Hauſes, welche er bewohnte, und ſtuͤrzt ſich dann von Neuem, unerſchrocknen Muthes, in die Gefahr. Flora kann ihn nicht hindern; von Angſt überwältigt, iſt ſie ohnmächtig an die Bruſt ihres Vaters geſunken. Romeo ſchreit laut auf, und will ihm folgen; ein ernſt gebietendes Wort hemmt ſeine Schritte. Muthig dringt der entſchloſſene Vater durch Rauch und Flammen wieder in ſein Zimmer, rettet ſeine Papiere, Flora's kleinen Schmuck, und kehrt * 120 dann ſchnell und glucklich zu den Seinigen zuruͤck. — Die Häͤnde und das Geſicht halb verbrannt, kommt einige Minuten ſpäter der verabſchiedete Lelio, einen Theil des beſſeren Hausgeraͤths zu bringen. Er kreuzt die Arme uͤber der Bruſt; ſein geſtraͤubtes Haar, ſein wildes Anſehn, ſein irres Auge, — Al⸗ les verraͤth die furchtbare Erſchutterung ſeiner Seele. „Herr!“ beginnt er endlich mit der Kaͤlte der Verzweiflung, — „ch hädt im Rauſch den Brand veranlaßt. Vernichtet mich Elenden!“ — Einen Augenblick ſprachlos blickt ihn Floridor an. „Un⸗ glucklicher!“ ruft er dann, „du biſt hart geſtraft! Ich kann dir nicht zuͤrnen in dieſer Stunde! Gehe hin, beſſere dich, und ich will dir Arbeit geben, wie bisher.“ — Dann wendet er ſich zu der weinenden Flora. „Trockne deine Thraͤnen!“ ſpricht er mit mildem, beruhigenden Ton. „Wir haben viel verlo⸗ ren; doch bin ich im Beſitz einer kleinen Summe, die auf ein Jahr fuͤr uns austeichen wird. Dann verkaufe ich auch jenes Feld dort, deſſen Werth ich verdoppelte; wir bauen unſte friedliche Wohnung wieder auf. — Sieh, hier iſt dein Vater, hier ſind deine Kinder: troſte dich!“ — Da ſinkt die 121 unausſprechlich bewegte Gattinn wortlos in die Arme des treuen Lebensgefährten, und in einer Ruͤh⸗ rung, in einem Dankgefuhl verſchwilzt ihre Seele mit der ſeinen. O Italien, heiteres Land! auf deinem glůcklichen Boden muß man die Bilder nicht ſuchen, den Win⸗ ter mit ſeinen Eiskryſtallen zu ſchildern. Du, o freies Helvetien, mit deinen unermeßlichen Gletſchern, dei⸗ nem nie ſchmelzenden Schnee, traͤgſt ſeine bezeichnen⸗ den Spuren. Du, Germania, auch, mit deiner nor⸗ diſchen Tanne, die deinen Bewohnern zugleich des vergangenen Lenzes Erinnerung, des kuͤnftigen Hoff⸗ nung verleiht. Gefeſſelt ſtarrt der Strom in deinen erſtorbenen Fluren, und der fluchtige Fuß des frohli⸗ chen Knaben ſchwebt leicht uͤber ſeiner gehaͤrteten Flaͤche dahin. Schuͤchterner wandelt die Jungfrau am Arm des Juͤnglings auf der geglätteten Bahn; und gleich Vogeln der Luft, umkreiſen Schrittſchuh⸗ laͤufer das Paar in leichter Bewegung. — Aber die Luſt iſt ſo karg, und das Leid ſo herb' in des Winters ſtuͤrmiſchen Tagen. Seht dort die zitternden Kinder! Mit erſtarrter Hand ſammeln ſie kaͤrgliche Reiſer, ſich in der verfallenen Huͤtte vor ſchneidender Kälte zu ſchuͤtzen. Mangel und Elend ſpricht aus ihren bleichen Geſichtern, und ihre Noth wird verdoppelt durch die quaͤlende Haͤrte der Jahrs⸗ zeit. Arme huͤlfloſe Weſen! möge ein fuhlendes Herz, wie das der ſanften Flora, ſich mitleidig eurer erbarmen! — 4 123 Und der verirrte, zagende Wanderer — wie ringt er mit Froſt und Ermattung! Der Abend kommt; es dämmert, dunkelt, funkelnde Sterne erhellen von Neuem die ſchneebedeckte Bahn. Immer ängſtlicher ſchläͤgt des irrenden Wanderers Herz, immer enger wird ihm die Bruſt, die wankenden Füße ſcheinen den Dienſt zu verſagen. Er denkt der harrenden Gattinn, der zuruckgelaſſenen Kinder, und ſammelt noch einmal mit Anſtrengung die ſchwindende Kraft. Vergeblich! mitten im Kampf beſchleicht ihn der tod⸗ verkuͤndende Schlummer. Er ſinkt betäͤubt in ſein ſchneeiges Grab — kein Blick hat ihn lebend wieder geſehen. — und ach! in der Freude ſelbſt umſchlingt, vom eiſigen Winter geleitet, die Hand des Todes das bluͤ⸗ hende Leben. — Glockenlaͤutend fliegt der geſchmuckte Schlitten in frohlicher Eile uͤber die ſchimmernde Bahn. Der Brautigam fährt die liebliche Braut; ihre Wange furbt höheres Roth, das Auge glaͤnzt hel⸗ lerz ſie iſt das Bild der friſcheſten Jugend. Mit anmuthiger Bewegung wendet ſie das zierliche Haupt zu dem liebenden Freunde, ihm ein hei⸗ teres, ſcherzendes Woͤrtchen zu ſagen. Ach; da bricht unter dem Fuhrwerk die tuͤckiſche Bahn! ein Schrek⸗ kensruf, ein aͤngſtlicher Seufer — das herrliche Paar iſt verloren. Noch gluͤcklich, daß ihm das ſtrenge Schickſal vergönnt, in einer zu ſterben. — Doch hinweg, tnei „ihr unten „ nachtlichen Bilder! Kehre wieder vor meinen Blick, o heiteres Italien! und du, zu lange vergeſſenes Tibur. Wen erblick' ich am Fuß des ſibylliniſchen Tempels, der, auf hohem Huͤgel erbaut, zwiſchen ſeinen edel geform⸗ ten Säulen weithin den tiefblauen Himmel zeigt! — Es iſt ein hochbejahrtes, ehrwuͤrdiges Paar; die Hand des Gatten deutet auf das ehrwürdige Monu⸗ ment, und ſein liebender Blick ſcheint zugleich die Gefährtinn an vergangene Zeiten zu mahnen. „Ja,“ ſpricht ſie jetzt mit zitternder, aber noch ſanfter und wohlklingender Stimme, „hier, hier iſt es, mein 124 125 Floridor! Nun laß uns zuruͤckkehren; die Luft iſt ſo kalt. Wir machten heute ſchon einen weiten Weg; laß uns bis zu einem andern Tage den Gang zu dem großen Waſſerfall verſchieben.“ Er reicht ihe die leitende Hand, und langſam nehmen ſie den Weg, der an ihre ſtille Wohnung zuruͤckfuͤhrt. — Die einſt ſo ſtolze Geſtalt des edeln Greiſes war jetzt durch den Druck der Jahre leicht gebeugt, aber die heitere Stirn wandte ſich dennoch zum Him⸗ mel empor. Schoͤnes ſilberweißes Haar umſchattete ſein ehrwürdiges Haupt, und fiel in großen Locken auf ſeine Schultern herab. Durch das Alter mit einem leichten Schleier bedeckt, hatten ſeine großen dunkeln Augen einen Theil ihrer durchdringenden Klarheit verloren, aber ſie waren um deſto ſanfter und liebender geworden. Seine Arme ſchienen noch nervig; alle ſeine Bewegungen waren mehr langſam, als kraftlos. Nur wenn er eine Hohe hinan oder hinab ſtieg, wenn der Boden ungleich war, ſchwankte ſein Fuß; dann mußt' er den ſtuͤtzenden Stab, den Vorboten des Grabes, zu Huͤlfe nehmen. Er duͤnkte den Blick ein Athlet, durch allzuſchwere Laſt gebeugt; und dieſe Laſt — war ein Jahrhundert. — 126 „Ach hier,“ beginnt die ſanfte Flora mit ge⸗ ruͤhrter Stimme, „hier iſt die Wohnung unſerer ar⸗ men Camilla!“ — „Sie zählte erſt neun und ſech⸗ zig Jahre, als wir ſie verloren,“ entgegnet der Greis. — „Aber ach!“ erwiedert Flora, „ſie war immer ſo ſchwach, und dann hatte ſie ſo manchen Kummer durch den Gatten. Er war nicht wie mein Floridor. O dieſe kalten Menſchen! ſie thun ſo oft weh, ohne es zu fuͤhlen; ſie thun ſchon weh, weil ſie nicht fuͤhlen. — Ich habe manche Thräne vom Auge der Armen getrocknet.“ Ihr antwortet nur ein liebender Blick des Gat⸗ ten, und langſam ſetzen ſie ihren Weg fort. „Dort,“ ſpricht jetzt Floridor, muͤhſam ſeine ſchmerzliche Be⸗ wegung beherrſchend, „dort in dem niedrigen Häus⸗ chen wohnte mein treuer Gennaro. Redlicher Freund! auch du biſt nicht mehr. Auch dein ſanftes, lieben⸗ des Herz iſt längſt ſchon von kalter Erde bedeckt!“ — „Und Vienenzo! und Lamberti! und mein Bru⸗ der!“ antwortet Flora trauernd. — „Und mein gu⸗ ter Oheim Lorenzo, der mich als Knaben ſo liebte!“ ſetzt ihr Gatte hinzu. — „Ach, und meine Mut⸗ ter, mein Vater, meine zweite Tochter Sidonia!“ s— 427 ſeufzt ſeine alte Freundinn, und heiße Thränen rollen uͤber ihr ehrwuͤrdiges Geſicht. — Beide ſchwiegen lange. „Liebe, treue Genoſſinn meiner heitern, wie meiner truͤben Tage,“ begann endlich Floridor, und druͤckte ſanft die Hand der zitternden Gattinn zwi⸗ ſchen den ſeinen, — „Alles will erkauft, Alles bezahlt ſeyn auf Erden. Schmerzliches Scheiden von den geliebteſten Freunden iſt eine harte Steuer, welche die Zeit mit Strenge vom langen, kräftigen Leben fordert. Wir lebten, wir ergrauten mit einander. Laß uns Gott danken!“ — — Still, und immer langſamer wandelnd, kehr⸗ ten ſie nach Hauſe zuruͤck. Beide erfreuten ſich dort einige Augenblicke der Ruhe, die ihnen ſo nöthig ge⸗ worden war; dann waͤhlte Floridor, wie gewoͤhnlich jeden Morgen, ein frommes Buch, und theilte manches erhebende Wort, manche anſprechende Stelle daraus der aufmerkſamen Gattinn mit. Sein Auge war ſtaͤrker geblieben, als das ſei⸗ ner alten Freundinn; allein nach einiger Zeit rö⸗ thet ſich dennoch das tiefer ſinkende Augenlied, und die ſorgſame Flora mahnt ihn, fur heute zu enden. Jetzt ſteht er auf, die nachläſſige Morgenkleidung 128 mit einer ſorgfältigern zu vertauſchen. Das ſchone, ſilbergraue Haar wird glatt und einfach geordnet; die ſchneeweiße Waͤſche, der feine, dunkle Stoff des Kleides ſtehen dem alten Manne noch wohl. Flora lächelt gutmuthig der achtſamen Sorge. „Giebſt du mir denn nicht das Beiſpiel?“ fragt er freundlich mit heiterem Scherz. „In der Jugend laͤßt ſich vielleicht ſo ſtrenge Sorgfalt entbehren. Auch ohne ſie kann die ſtolze Juͤnglingsgeſtalt dem Auge der holden Freundinn gefallen. Aber im Alter — und wenn man vollends, wie ich, am naͤchſten Tage hundert⸗ jaͤhrig iſt . . .“ „Morgen? Ja, es iſt wahr, wirklich ſchon mor⸗ gen!“ rief Flora uͤberraſcht. „O, mein Freund! dann feiern wir zuſammen das gleiche ſeltene Feſt; ich bin ja an einem Tage mit dir geboren. — Ach, wollte Gott,“ ſetzte ſie hinzu, und wandte die einſt ſo ſchoͤnen Augen zum Himmel, in denen, trotz des Alters, noch mancher Funke nie verloͤſchenden geiſti⸗ gen Feuers ſtrahlte — „ach, wollte Gott, daß auch am naͤmlichen Tage . . . .“ Sie ſchwieg; eine Thrane entfiel ihren ergrauten Wimpern, und mitleidige En⸗ gel trugen dieſe Thraͤne vor den Thron des Ewigen. 129 — Floridor verſtand den Gedanken ſeiner treuen Gefährtinn, und ein Seußzer war ſeine Antwort. — Tieſes Schweigen folgte dieſen unwillkuͤhrlichen Re⸗ gungen des Schmerzes und der Liebe. „Sieh!“ ſprach dann Flora mit milderer Ruͤh⸗ rung; „kennſt du noch dies Geſchenk deiner ſchuchter⸗ nen Geliebten? Ich habe es dieſen Morgen in dem Käſtchen von Ebenholz gefunden, welches unſere we⸗ nigen Koſtbarkeiten verſchließt.“ Sie zeigt ihm eine ſchöne, lichtblonde Locke, und augenblicklich erkennt ſie der Greis. „O Gott!“ ruft er, und ſeine Häͤnde falten ſich feſt in einander, und das fromme Gefuͤhl, welches in der reinen Bruſt jede tiefe Ruͤhrung be⸗ gleitet, beugt die edle Stirn ſanft herab, — „ja, ſie iſt es! du gabſt ſie mir unter den Felſen der großen Cascade. Das iſt daſſelbe weiß⸗ und purpurfarbene Band, welches ſie damals umſchlang! — und mehr als achtzig Jahre ſind ſeitdem verfloſſen! — O, wie Vieles iſt in dieſer langen, langen Zeit meinem Geiſte voruͤber gegangen, wie Vieles hat mein Herz be⸗ wegt Nit ſtiller Innigkeit betrachtete er noch lange die Locke, welche ihm ſo ſuͤße Erinnerungen zuruͤck⸗ 9 130 rief. „Die hat ſich nicht veraͤndert, begann Flora ſanft, und lehnte ihr ehrwuͤrdiges Haupt an die leb⸗ hafter ſchlagende Bruſt des Gatten, vor deſſen Blick in dieſer Minute noch einmal das Bild der holden, jugendlichen Braut in ſeiner ganzen Flarheit trat. — Sie hielten ſich liebend umfaßt; ein Tropfen des reinſten, mildeſten Himmelthaus ſank in die Herzen des ehrwuͤrdigen Paares herab. — Wohl dem, deſſen Blick ſich mit Freudigkeit ruͤckwaͤrts, mit Freudigkeit wieder in die eigene Bruſt wenden darf! — Mächtige, unerbittliche Vergan⸗ genheit! furchtbare Tochter der Zeit! Nur dein Wiederſchein erhellt oder trubt die Neige des Lebens; nur du allein biſt unſer. Die Schatten der Zukunft wanken und ſchwinden vor unſerm verlangenden Blick; und die Gegenwart flieht, gleich eilenden Wel⸗ len des Meers. Ihre unaufhaltbare Rieſenmaſſe entweicht unter der Hand, welche ſie faſſen wilh, und mit ewig erneuter Gewalt ſturzt ſie im Lauf den himmelan ſtrebenden Felſen. — Doch wenden wir uns wieder zu unſerm treuen, getroſt auf die vergangenen Tage zuruͤckblickenden Paar, das jetzt am traulichen Kamin in heiteren Ge⸗ 131 ſpraͤchen weilt. Unvermerkt verwickelt ſich Floridor in eine lange Erzahlung: faſt beſchaͤmt bricht er ab, und erinnert ſich ſelbſt, daß ermuͤdend erzaͤhlen die Schwaͤche des Alters ſey. Indem tritt Romeo, der einſt ſo raſche Knabe, jetzt auch ſchon zum Greiſe ge⸗ worden, herein. „Willkommen!“ toͤnt ihm der freudige Gruß der Eltern entgegen. Er bleibt bei ihnen zu Tiſch; das Mahl wird heiter, und Floridor vergißt zuweilen den eben gefaßten Vorſatz, nicht zu erzaͤhlen; das Bedürfniß der Mittheilung, der Reiz der Erinnerung ſiegt. Nur Flora bemerkt es mit jenem milden, feinen Laͤcheln, welches einſt ihrem jugendli⸗ chen Geſicht zwiefache Reize lieh; und ihr ſanftes Auge ruht liebevoll, bald auf dem Gatten, bald auf dem Sohne. Jetzt ſchaut ein junges, bluͤhendes Mädchen durch die Spalte der halbgeoͤfſneten Thuͤr. Freund⸗ lich winkt ihr Floridor, naher zu kommen. „Lieber urgroßvater!“ ſagt ſie mit beſcheidenem, ehrenden Ton, „mein Großvater Ottavio feiert ſeine goldene Hochzeit; er hat das Feſt auf morgen verſetzt, weil dann dein und der guten Aeltermutter Geburtstag iſt. Unſte ganze Familie iſt beiſammen; wir werden bei⸗ 32 nahe zweihundert ſeyn. Aber fehltet ihr bei der Feier, ſo wuͤrde der Freudentag fuͤr uns zu einem Tage der Trauer. Alle bitten, daß ihr doch auch kommen, daß ihr noch einmal im Kreiſe aller eurer Kinder gegen⸗ waͤrtig ſeyn moͤget.“ Die ehrwuͤrdigen Alten verſprachen es, und leg⸗ ten, wie einverſtanden, in dem nãmlichen Augenblick die ſegnende Hand auf das Haupt der holden, ehr⸗ furchtsvoll niederknieenden Jungfrau. Dann verließ die liebliche Lauretta die heilige Wohnung des Frie⸗ dens und der Treue; nur einmal noch blickte ſie, ſchon an der Thuͤr, zuruͤck in Flora's klares, ſanft forſchendes Auge, und ein leiſer Hauch von Weh⸗ muth ſchwebte mild, faſt verſchoͤnernd, uͤber ihrem zarten Geſicht. * Flora kennt den Grund ihrer ſtillen Trauer. Sie liebt, doch ihr Erwahlter iſt arm, und ſie hat zwei äͤltere Schweſtern, deren Ausſtattung der ihr⸗ gen vorgeht. „Lieber Freund,“ bittet jetzt vie ſo gern erfreuende Aeltermutter, „ich habe einige Koſt⸗ barkeiten, die mir ſehr unnutz ſind; laß mich .4 „Nicht doch!“ unterbricht ſie Floridor lächelnd, „ſie ſollen dich morgen noch ſchmücken. Doch wir legten eine kleine Summe zuruͤck. Wozu die Vorſicht in unſerem Alter? Im hundertſten Jahr wird Sorge für die irdiſche Zukunft zur Schwaͤche. Nimm das Geld, mein Sohn Romeo! Ich wuͤnſchte weder Geheimniß, noch Aufſehen in dieſer kleinen Angelegen⸗ heit; aber laß morgen Lauretta und Amatino als Verlobte bei unſerem Feſte ſeyn.“ — Fruͤh ſchon am folgenden Tage dringt eine Schaar lieblicher Kinder, von der glͤcklichen Lauretta gefuͤhrt, in die Wohnung des hundertjährigen Paa⸗ res. Kein Gluckwunſch, keine gewählte Anrede! ſuͤße Liebkoſungen, die reine, ſchuldloſe Freude der Kind⸗ heit waren die Gaben, welche Floridor's und Flora's Erwachen verſchoͤnten. — O Natur! Liebe! Un⸗ ſchuld! euer Zauber bleibt ewig derſelbe. Es giebt keinen ruͤhrendern Anblick, als den eines Greiſes, von liebkoſenden Enkeln umringt. — Flora, deren edler, auch im Alter noch ſchoner Wuchs ſich unter der Laſt der Zeit ungebeugt erhalten hatte, trat, umgeben von ihren juͤngeren Verwandtin⸗ nen, den Weg zu dem feſtlichen Saale an. Ihre glaͤn⸗ zend weiße Kleidung war einfach, doch gewählt. Muͤtterlicher Stolz ſtrahlte auf ihrer Stirn, und um die einſt ſo friſchen, jetzt vom Alter entfaͤrbten Lippen ſchwebte das milde Laͤcheln des Wohlwollens. — Von ſeinen Erſtgeborenen begleitet, folgte, nur wenige Schritte von ihr entfernt, Floridor. Lichte Sonnen⸗ ſtrahlen umgaben mit einer dreifachen Glorie die Stirn des edeln Greiſes; der Himmel ſelbſt ſchien Theil zu nehmen an dieſem Familienfeſt. — In einem der Saͤle der Villa Adriana, an deſ⸗ ſen Enden man große Tafeln bereitet hatte, wurde das ehrwuͤrdige Paar mit lautem Freudenruf empfan⸗ gen. Bald folgte eine tiefe Stille. Floridor und Flora bekamen den Ehrenplatz, ihnen zur Seite das Paar, welches ſeine goldene Hochzeit feierte. Der ehrwuͤrdige Patriarch ſtand auf, richtete ein inniges Gebet an den allgegenwaͤrtigen Vater, und ſegnete dann das Mahl. Die Hausväter, ihre Gattinnen und die juͤn⸗ geren Kinder waren um eine große, zirkelfoͤrmige Ta⸗ fel vereint. Juͤnglinge und junge Maͤdchen bedien⸗ ten ſie; unter ihnen am eifrigſten Lauretta und Ama⸗ tino. Kein einziges fremdes Mitglied war in dem weiten Kreiſe der zahlreichen Verſaminlung. — D, wer beſchreibt die milden Gefuhle, die hei⸗ tere Traulichkeit, welche in den gewoͤlbten Hallen je⸗ ner alten Villa dieſem heiligen Feſte ſeinen Reiz, wie ſeinen Werth gaben? — Vielleicht konnte der Dichter ſie ſingen; aber der tieffuͤhlende Menſch ſchweigt, und betet die Weisheit und Liebe des Ewi⸗ gen an. — — Plötzlich ward ein leiſes Murmeln gehort; das Geraͤuſch vermehrt ſich, die Gäſte werden unruhig, und einige Stimmen fluͤſtern: „Es iſt Anſelm, der verirrte Sohn Ottavio's.“ — „Wie?“ ruft auf⸗ ſtehend der erzurnte Vater, „der ſtrafbare, ſchuldbe⸗ ladene Anſelm wagt es, durch ſeine Gegenwart die⸗ ſen heiligen Ort zu entweihen?“ — „Erbarmen! Erbarmen, mein Vater!“ wiederholt aͤngſtlich und flehend der reuevolle, ungluͤckliche Sohn. — „O, mein Ottavio, denk' an Gottes Barmherzigkeit, und vergieb gleich ihm!“ ſprach jetzt mit der ruhrenden Milde des Alters der edle Floridor. Der Zuruͤckge⸗ kehrte ſank vor ihm, vor dem ſtrengen Ottavio nie⸗ der: und der Vater, die Geſchwiſter, die Freunde, Alle verziehen ihm. Weinend in Wehmuth und Freude, ſetzte er ſich mit zu dem heiligen Mahl; Nach⸗ ſicht und Verſohnung krönten die Feier des Tages. — 136 Am Abend geleitete die ganze Verſammlung die edeln hundertjaͤhrigen Lebensgefaͤhrten in ihre fried⸗ liche Wohnung zuruͤck. Der Himmel war ſtill und klar, wie die Stimmung des treuen, wuͤrdigen Paa⸗ res. — Am andern Morgen kamen die erſtgebore⸗ nen Soͤhne, von der bluhenden Lauretta begleitet, das Erwachen der Eltern zu erwarten. Sie harreten lange, ſehr lange; unruhig ging endlich der alte Ro⸗ meo zogernden Schrittes hinein; Lauretta folgte ihm. Tiefe Stille war in dem kleinen, daͤmmernd erhellten Gemach. Mit ſchuchterner Hand oͤffnet die Jung⸗ frau des Bettes dichtgeſchloſſenen Vorhang, und ſinkt aufſchreiend, das Geſicht mit beiden Haͤnden be⸗ deckt, zur Erde nieder. Floridor und Flora ſchlafen — ſie ſchlafen den langen, tiefen Schlummer des Todes. — Flora's Haupt ruhete auf der Bruſt des Gatten, und die Augen des Greiſes waren zum Him⸗ mel erhoben, doch unbeweglich und ſtarr. Die ede⸗ len Zuge des dahin geſchiedenen Paares ſchienen ru⸗ hig, und hatten keine Veränderung erlitten. Nur ihre Haͤnde waren ſo feſt in einander geſchlungen, daß keine menſchliche Macht jemals vermochte, ſie wieder zu trennen. — Ein banger, ſchmerzlicher Seufzer entwand ſich der Bruſt des alten Romeo. Dumpf tönte er wie⸗ der in der Schaar der hinzugeeilten, jetzt, wie in frommem Gebet, um das Lager knieenden Verwand⸗ ten; und dieſer Klagelaut des Todes verbreitete ſich in wehmuͤthigem Nachhall durch den weiten Umkreis des alten Tibur. — Ein Sarg umſchloß die im Tode, wie im Le⸗ ben Verbundenen. In ſtummer Trauer geleitete der lange Zug der Kinder, der Enkel und Urenkel ſie zur letzten Ruheſtatt; und mit ſchwacher, halbgebrochener Kraft grub die zitternde Hand des alten Romeo die folgende Inſchrift auf ihren Grabſtein: Hier ruht die ſterbliche Huͤlle Zweier hundertjähriger Gatten: Floridor's und Flora's. Sie liebten ſich, ſeit ſie waren, Alterten mit einander, Starben an einem Tage. Wanderer, wer du auch ſeyſt, Eroberer, Hirt, oder Koͤnig, Beneide dies gluͤckliche Paar! Sonnenſchein am Abend. „ Aus fernem Lande leiſen Kuß, Aus fernem Land der Liebe Gruß Bring', Abendhauch, den Meinen! Ihr lichten Sterne, klar und mild, O, wollt manch freundlich Hoffnungsbild In ihre Seele ſcheinen!“ „Wie waͤhnt' ich mich den Trauten nah'! Im Geiſt mein Heimathland ſchon ſah: Noch war mir's nicht beſchieden. O Vater du! ſo reich an Macht, Laß enden der Verwuͤſtung Nacht, Verleih' uns bald den Frieden!“ Ernſt und ſehnſuchtsvoll am Fenſter der Woh⸗ nung, wo er, ein unwillkommener Gaſt, jetzt zu Hauſe war, in's klare Blau des geſtirnten Himmels 142 ſchauend, ſang Otto von Scharfeneck, ein edler böh⸗ miſcher Graf dies Liedlein in die ſtille Nacht hinaus. Innig lebte das Verlangen nach der Heimath und den Geliebten, die er dort verließ, in ſeiner Bruſt; um ſo inniger, da erſt vor Kurzem die ſchoͤne Hoff⸗ nung des nahen Friedens ihm, wie ſo vielen Ande⸗ ren, zur bitteren Täuſchung geworden war. Seit Jahren ſchon ſtand er, ein wackerer Streiter, beim Heer des deutſchen Kaiſers in Italien, und ſelten nur kam eine arme ſchriſtliche Kunde von den Sei⸗ nigen zu ihm dorthin. Als nun die frohe Ausſicht zur baldigen Heimkehr immer ſicherer und ſicherer zu werden begann, hatt' er ſchon heimlich manche kleine Gabe, nur in dem fremden Lande zu finden, fur ſeine Kinder gekauft, hatte ſchon ein ſtattlich Ge⸗ wand von feinem italiſchen Stoſſe für Frau Ma⸗ rien, ſeine Gattinn, ausgewaͤhlt, und ſich gar manch⸗ mal in einſamer Nacht der heitern Stunde gefreut, wo er die freundliche Spende mit liebevollen Worten ihnen werde reichen können. Doch jetzt, beim tro⸗ en Verſchwinden jener Ausſicht, raumte er ſeine Gaben in den fernſten Winkel ſeiner Wohnung, ſich ſelbſt ſo weit aus den Augen, als er es immer ver⸗ 143 mochte;“ denn — ſo dacht er in den erſten Tagen mit unmuthigem Herzen — ſoll das Alles nicht eher in ihre Haͤnde kommen, als bis du ſelber es einſt unter ſie austheilen kannſt: ach, wer weiß? dann moͤgen ja vielleicht noch Jahre vergehen, ehe es endlich ein⸗ mal in ihre Haͤnde gelangt!“ — Allein ſo geſchah es nicht. Die Zeit, welche er in des getäuſchten Sinnes mißmuͤthiger Uebertrei⸗ bung noch ſo weit hinaus verſetzte, war dennoch nicht mehr fern. Schon der erſte Gruß des naͤchſten Mai⸗ monds fand ihn auf dem Ruͤckwege in die Heimath. Er ſah ſich am Ziel ſeiner ſehnlichſten Wuͤnſche. Aber ach! der milde, laͤchelnde Schimmer der Freude täuſchte noch einmal. Es waren nicht Stunden des Gluͤcks, die daheim ſeiner warteten. Schon ungewoͤhnlich lange war er ohne alle Nachricht von den Seinigen geblieben, und dop⸗ pelt ſehnte er ſich jetzt aus dieſem Grunde, die Hei⸗ math zu erreichen. Als er nun endlich den gelieb⸗ ten vaterlaͤndiſchen Boden wieder betrat, ſandte er ſo⸗ gleich ein Schreiben voraus, um daheim ſeine balige Ankunft zu berichten. Zugleich begehrte er, daß ihm doch ſo weit als moͤglich Kunde von ſeiner Gattinn 144 und ſeinen Kindern entgegen geſandt werde, deren er ſchon zu lange habe entbehren muͤſſen. — So hatte ſein unruhiges, wäͤhrend der Reiſe mehr als einmal in bänglicher Sorge befangenes Gemuͤth es ihm ein⸗ gegeben. * Es geſchah, wie er verlangt hatte. Doch als jene Kunde, ſo ſehnſuchtsvoll erwartet, ſo ungeduldig begehrt, ihn nun erreichte, — da war ſie ſo trͤb' und beklemmend, daß vor ihrer finſtern Geſtalt alle Freude der Heimkehr auf einmal dahin ſchwand. Frau Ma⸗ ria war ſchon ſeit zwei Monden gefährlich erkrankt, und man furchtete fur ihre Tage. — Wohl Allen, die nicht aus eigener bitterer Er⸗ fahrung den Eindruck ſolcher Schreckensbotſchaft ken⸗ nen; denen nur Ahnung es ſagt, mit welchen Ge⸗ fuͤhlen der arme Graf nun den Reſt ſeines Weges zuruͤcklegte. — Raſtlos eilte er, nicht Ruhe fin⸗ dend bei Tage noch Nacht, bis er das Ziel der Reiſe vor ſich ſah. Es war an einem truben, regnigen Juniustage, als er endlich, ziemlich ſpat Abends, das Thor ſeines Schloſſes erreichte. Alles war ſtill und einſam; kein Laut auf der Flur, kein Laut im Hofe zu hören. Nur ein leiſes, trauriges Lied tönte aus 145 einem Seitenflägel des Gebaͤudes ihm entgegen; und ach! ihm erklang's wie ein Sterbelied. Baͤnger und banger ward ihm zu Muth; die Qual der Erwar⸗ tung nicht laͤnger tragend, klopfte er ungeduldig zum zweitenmal um Einlaß. Da eilte, ſo ſchnell der Druck der Jahre es ihm vergoͤnnte, der alte, im Dienſt ergraute Pfoͤrtner herbei, den Riegel zu oͤff⸗ nen. Er erkannte ſogleich ſeinen Herrn, und ein wehmuͤthiges: O jetzt! jetzt! in dieſer Stunde!“ ent⸗ floh ſeinen Lippen. „Wie iſt's, Alter?“ fragte der Graf mit gepreß⸗ ter Stimme. „Sag' mir die Wahrheit! wie ſteht's mit Frau Marien?“ — „Ach, Herr!“ erwiederte der Alte leiſe, und eine Thrane ſtahl ſich in ſein ſonſt lange ſchon trockenes Auge, — „noch wacht ſie, aber ſie wird bald einſchlafen; und wenn ihr ſie gern noch einmal ſaͤhet, eh' es Nacht wird — o ſo mogt ihr wol bald kommen!“ Zu viel nur ſagten dieſe Worte, der zitternde, ſchmerzliche Ton, in welchem ſie geſprochen wurden, und die Thraͤne im Auge des alten Mannes. So wankte denn bebend, mit bänglich klopfendem Her⸗ zen, der wackere Otto, der ſonſt ſo kuͤhn und frei dem 10 Tode in's Auge zu ſchauen gewohnt war, die Stu⸗ ſen hinan, welche ihn zu der geliebten, nur halb noch dem Leben angehoͤrenden Gattinn führten. — Die Stunde des Wiederſehens ward zugleich die Stunde des Scheidens. Auch brechend erkannte ihn noch Mariens treues Auge; noch einmal reichte ſie ihm die bleiche, ſchon erkaltende Hand, ſtammelte kaum hörbar: „O, mein Gemahl! meine Kinder — ſind nun nicht verlaſſen; jetzt ſterb' ich ruhig!“ und war fuͤr das Erdendaſeyn dem hartgetroffenen Gatten —— ubwenbbar verloren. — Wie doch in der Lebensrechnung, die wir ent⸗ warfen, ein einziger Irrthum ſo Alles, Alles verrucken kann, und wie wir dennoch immer gleich unermuͤdet von Neuem entwerfen und rechnen! — Wo waren jetzt die fuͤßen Traume vom erſten Wiederſehen, vom erſten ſtillen Walten in der Heimath geblieben, welche der Graf ſo oft im ſernen Lande ſich ſchön und fröh⸗ lich ausgemalt hatte? Ach, alle waren zerſtört, alle waren umgewandelt! und ſelbſt die alten bekannten umgebungen dienten nur, ſeinen Schmerz zu ſchar⸗ 147 fen, und ihn noch bitterer an das reine, jett auf im⸗ mer entſchwundene Gluͤck ſeiner fruͤheren Tage zu mahnen. Oft war es ihm dann auch wieder, als ſey er immer noch gar nicht daheim; als ſey das gar nicht dieſelbe Wohnung, dieſelbe laͤndliche Flur, wo er ſich einſt mit ſo frohem Herzen heimiſch fuhlte. Stand doch das freundlich einſame Schloß, wo ſonſt Alles Frieden und Heiterkeit athmete, jetzt ſo traurig und versdet da! Der Tod hatte ſeine finſtere Schatten daruͤber gebreitet; das Licht der Liebe, von dem es erhellt ward, war ausgeloſcht; und nie, ſo ſchien es dem Grafen, werde ſich ein anderes finden, das ihn wieder leuchte auf dem verduͤſterten Pfade ſeines Lebens. Mehrere Monden verlebte er in der tieſſten Schwermuth. Der Schmerz war ihm bisher ſo fremd geweſen; jetzt ſchien er auf einmal die ganze Schuld abtragen zu ſollen. Keine Stille, keine Faſſung wollte in ſein Gemuͤth zuruckkehren. Selbſt ſein bluͤ⸗ hender Knabe, und Mathilde, das zarte Töchterlein, vermochten kaum auf Augenblicke ihn ſeinem finſtern Trubſinn zu entreißen. Ja, in manchen Stunden 10* 148 ſchien es ſogar, als ob ihre Aehnlichkeit mit der ge⸗ liebten Verlorenen das tiefe Leid ſeiner Seele nur noch herber und ſchmerzlicher auftege. Als er nun auch eines Tages, mit einem La⸗ cheln, das troſtloſer war, als die bitterſten Thränen, von fern in Mathildens kindliches Geſicht ſchaute, und beſchaftigt ſchien, die Zuͤge der entſchlafenen Gat⸗ tinn in den ihrigen wieder aufzuſuchen, fugte es ſich, daß die Kleine plotzlich, als falle ihr etwas Vergeſſenes ein, ihr Spielzeug hinwarf, mit ſichtlicher Eile das leichte, im Winkel ſtehende Waſſerkruglein ergriff, und wortlos hinabeilte in den Garten. „Sie will die Roſenſtöcke der Mutter begießen,“ ſprach, ihr freundlich nachſchauend, der alte treumeinende Schloß⸗ kaplan. „Die wackere Frau empfahl ſie ihr noch in den letzten Tagen. Sie werde ihrer dabei ge⸗ denken, meinte ſie wol.“ Sanft, doch mit leiſem Vorwurf, heftete ſich jetzt ſein Blick auf den Grafen. „Das Kind haͤlt den Auftrag der ſcheidenden Mutter heilig,“ fagte er. „Euch hat ſie auch zwei edle Baͤumchen zur Pflege empfohlen; doch ſah ich noch nicht, daß ihr Sorge fuͤr ſie trugt. Und vermogt ihr denn nach⸗ zuholen, gleich der Kleinen, was ihr verſaͤumtet?“ Dieſe Worte ſchienen den Grafen zu ergreifen. „Ihr habt Recht,“ ſagte er, und reichte zum erſten⸗ male mit milderer Trauer dem alten Manne He Hand. „Es ſoll beſſer werden! Ich dank' euch!“ — und es ward beſſer ſeit dem Tage; und er lernte in der lohnenden Sorge fuͤr Mariens Lieblinge zu⸗ erſt wenigſtens das Leben wieder tragen, bis endlich Vaterfreude das ſtille Lichtlein ward, das allmaͤhlig ſanft und troſtend auf ſeinem einſamen Wege zu ſchimmern begann. — Doch auch dies Licht, ſo mild und wohlthätig es ihm erſchienen war, ward nach einiger Zeit nicht ſelten getruͤbt durch einen boſen Flecken, den er mit Bekuͤmmerniß in Kurds, ſeines ſonſt ſo hoffnungs⸗ vollen Sohnes, Gemuͤth wahrnahm. Es war eine wilde Heftigkeit, ein aufbrauſender Zorn, deſſen Herr zu werden der Knabe ſich auch gar nicht einmal ernſtlich bemuͤhte. Umſonſt mahnte ihn der Vater, daß nicht Kraft, ſondern Schwaͤche ſich in dieſem tho⸗ richten Ungeſtüm ſpiegele. Wenn vor ſeinem flam⸗ menden Auge Mathilde ſchuͤchtern zuräckwich, wenn er die nämliche Scheu auch bei manchen Kindern der 150 Unterthanen ſeines Vaters gewahr ward, dann kam er ſich in dem getadelten Fehler keck und entſchloſſen vor, und ließ es ſich immer weniger kuͤmmern, wie er ihn uͤberwinde. So wurzelte das Unkraut tiefer und tiefer; und als nun der Knabe zum Juͤngling geworden war, weiſſagte gar oſt der alte Kaplan mit vorwerfendem Ernſt, daß es wol nur durch des Ungluͤcks machtige Kraft noch ausgerottet zu werden vermoge. Doch der frohe, lebenskraͤftige Kurd achtete deß wenig. — Bald ſehnte er ſich hinweg von dem ſtil⸗ len, einſamen Schloſſe in die weite, unbekannte, froh⸗ liche Welt; und ſein Vater, ſich mit der Hoffnung troſtend, daß er wol eher noch unter Fremden ſich be⸗ herrſchen lerne, als daheim, wo ihm, als dem känf⸗ tigen Gebieter, uͤberall nachgegeben werde, legte ſei⸗ nem Verlangen kein Hinderniß in den Weg. So zog er denn fort in das glaͤnzende, freudebietende Frankreich, um in deſſen geräuſchvoller Hauptſtadt nun ſelbſt den Schimmer jener Pracht und jener rit⸗ terlichen Feſte kennen zu lernen, deren fernes Bild den Knaben ſchon in fremder Kunde erfteute; und ſein Begleiter ward der ſanfte, verſtändige Hermann, 151 der Schweſterſohn von Otto's altem, langjhrigen Nachbar, dem Freiherrn Franz von Dillingen. Schon dadurch hatte Hermann einen ſehr ſpre⸗ chenden Beweis ſeines milden, ruhig gelaſſenen Sin⸗ nes gegeben, daß er, waͤhrend eines mondenlangen Aufenthalts bei ſeinem Oheim, und bei haͤufigem Verkehr mit ſeinem jungen Nachbar, doch kein einzi⸗ gesmal den boͤſen Damon des Letzten gereizt hatte. Wirklich möchte es auch ſchwierig geweſen ſeyn, mehr Sanftheit, Guͤte und Herzlichkeit vereint zu finden, als bei ihm. Galt es Erfuͤllung der Wuͤnſche ſeiner Freunde, ſo duͤnkte kein Aufgeben der eigenen, kein Opfer ihn zu ſchwer. Doch fehlte es bei aller Milde ſeinem Charakter nicht an Feſtigkeit, und man fand den Nachgiebigen unerſchuͤtterlich, ſobald die Forde⸗ rungen des Rechts und der Ehre dies verlangten. Kurd hatte das von ihm gehört, wenn gleich noch nicht ſelbſt erfahren, und er meinte ihn deshalb dop⸗ pelt zu lieben. — Gewiß iſt es wenigſtens, daß er uͤberhaupt die freundliche Neigung, mit welcher jener ihm entgegen kam, lebhaft erwiederte; und daß Beide gar ſorglos und wohlgemuth die verabredete Ausflucht 152 in die Fremde, welche ihnen ſo lockend erſchien, mit einander antraten. Mit herzlicher Freude gedachte Hermann des heimiſchen Kreiſes und des ſchoͤnen Schloſſes ſeiner Väter am Rhein, wohin zuerſt ihre Reiſe ſich wandte. Er hatte es zur Bedingung mit Kurd gemacht, daß dieſer acht Tage dort mit ihm weile. Zu einem laͤn⸗ geren Aufenthalt wollte der unruhig weiter Verlan⸗ gende ſich nicht verſtehen. Indeſſen hoffte Hermann, der Reiz der herrlichen Natur in ſeiner Heimath, und die heitere Gaſtlichkeit der Seinen, moge wol noch den Freund bewegen, ſeinen Entſchluß zu aͤndern. Auch hatte Kurd kaum den erſten Tag mit ihm bei ſeinen Verwandten verlebt, als dieſe Hoffnung dem An⸗ ſchein nach ſchon erfullt zu werden begann. Seine Eile, weiterzukommen, ließ nach, und als nachher die Zeit der Abreiſe herannahte, war er der erſte, ſie von Tage zu Tage, und ſo immer weiter zu verſchie⸗ ben. Eine Verzogerung, in welcher Hermann mit heiterm Dank nur einen Beweis der Freundſchaft ſeines Begleiters ſah. Ihm ahnte nicht, was in Kurds Seele vorging; nicht, daß etwas, wodurch er ſelbſt tief und ſchmerzlich gekraͤnkt werden ſollte, 153 die Urſache dieſer anſcheinenden Gefilligkeit ſey. Faſt beim erſten Anblick hatte die bluͤhende, ausgezeichnet ſchoͤne Anna, Hermanns Schweſter, dem freien Herzen des jungen Gaſtes Feſſeln ange⸗ legt, die es eben ſo gern als unwillkuͤhrlich trug. Nur ihr galt Kurds Weilen, nur ihre Heimath war es, die ihn jetzt ſo freundlich duͤnkte. Allein dieſer Liebe laͤchelte kein Gluͤck; Anna war ſchon verlobt, war ſeit mehreren Monden die Braut eines reichen, doch aͤltlichen Edelmanns in der Gegend. Achtung und Vertrauen hatten das ſchoͤne Maͤdchen bewogen, dem Wunſche der Eltern gemaͤß, dies etwas ungleiche Buͤndniß zu ſchließen; und ſie hatte bisher nur Ur⸗ ſache gehabt, ſich ihrer Wahl zu erfreuen. Doch nun, da ſie den Grafen hatte kennen lernen, der gar Man⸗ ches vereinte, wodurch wol oft ein jugendliches Herz beſtochen wird, nun begann das fruͤher geknuͤpfte Band ihr weit weniger zu gefallen; bald kamen ſelbſt Augenblicke, wo es ihr ein druckendes Joch er⸗ ſchien, das ſie zwingen werde, ihre bluͤhende Jugend troſt⸗ und freudenlos zu vertrauern. Jetzt haͤtte ſie wol gewuͤnſcht, durch einen raſchen Schritt die dro⸗ hende Kette zu zerbrechen; allein ſie kannte ihren 154 Vater, und wußte, daß von dieſer Seite nichts zu hoffen ſey. Dem geachteten Freunde wortbruͤchig werden, um die Tochter, welche dieſem aus freiem Entſchluß ihre Hand zugeſagt, einem Andern als Braut entgegen zu fuͤhren, — das ſah ihm ſo wenig aͤhnlich, daß ſie auch nicht den fernſten Gedanken daran gegen ihn laut werden zu laſſen wagte. — Kurd war zu wenig an Selbſtbeherrſchung ge⸗ woͤhnt, als daß er es uͤber ſich vermocht häͤtte, eine Liebe, die nur Leid ſtatt Freude bringen konnte, mit Feſtigkeit vor Anna's Blicken zu verbergen; es war ihr eben ſo leicht als gefaͤhrlich geworden, in ſeinem Herzen zu leſen. Und jetzt, da ſich ihm ein guͤnſti⸗ ger Augenblick bot, widerſtand er ſelbſt der Verſu⸗ chung nicht, ihr, die ſchon einem Andern angehoͤrte, auch ſeine Wuͤnſche, ſeine Traͤume, ſeine Bilder des Gluͤcks an ihrer Seite mit Worten zu enthuͤllen. Dann ergriff er mit Heftigkeit ihre Hand, und im weichſten, innigſten Ton flehte der nun ſonſt ſo ſtolze Juͤngling nur um ein Wort des Troſtes, der Linderung in ſeinem Schmerz. Da ward auch Anna hingeriſſen von der heimlichen, nur allzulebhaft er⸗ wachten Neigung in ihrer Bruſt. „Was kann ich eenee a — 155 euch ſagen? wie durſt' ich euch auch nur horen!“ rief ſie mit unverkennbarer Wehmuth. „Sind wir denn nicht auf immer getrennt?“ Nur ein Wort des Troſtes hatte ſich Kurd er⸗ ſehnt; jetzt gab dieſer ſchmerzliche Ausruf ihm mehr, er gab ihm noch Hoffnung, das Gefuͤrchtete abzuwen⸗ den. „O, Anna,“ begann er von Neuem, und feſt ruhte, indem er ſprach, ſein Blick auf ihren ſchoͤnen, bewegten Zuͤgen, „darf ich in deinem milden, ſanft trauernden Auge leſen? Es ſagt mir, auch du dul⸗ deſt, auch du ſeyſt nicht gluͤcklich; und ach! es iſt ſchwerer als Alles, dich leiden zu ſehen.“ Hier hielt er einen Augenblick inne; doch als die Jungfrau nur bleich, zitternd, mit Thraͤnen käͤm⸗ pfend, vor ihm ſtand, und kein Wort der Erwiede⸗ rung, noch weniger des Mißbilligens, zu finden ver⸗ mochte, fuhr er dreiſter fort: „Und gaͤb' es denn gar kein Mittel, dem truͤben Looſe zu entgehen, das dei⸗ ner hier wartet? O, wenn du mir vertrauen, wenn du es wagen wollteſt, in meine treue Hand dein ganzes Gluͤck zu legen! Raſche Flucht könnte uns ſichern vor augenblicklicher Gefahr; und nachher — ½ wahrlich, deine Eltern wuͤrden zu verſöhnen ſeyn! 156 Noch iſt es Niemanden eingefallen, durch einen Ver⸗ wandtſchaftsbund mit dem Grafen von Scharfeneck ſeine Ehre gekraͤnkt zu glauben. — O, geliebtes Maͤdchen, folge mir! Ueberlaß meiner Liebe, mei⸗ nem Muthe die Sorge fuͤr deine Rettung. Ich fuͤhle Kraft und Entſchloſſenheit, Alles fuͤr dich zu wagen. — Anfangs bebte Anna zuruck vor dieſen Worten. „Nie, nimmermehr!“ rief ſie unwillig, entzog ſchnell ihre ſchöne Hand der engen Gefangenſchaft, in wel⸗ cher Kurd ſie hielt, und entfloh aus dem Zimmer. Er ſah ſie an dem Tage nicht wieder. Sie ſchuͤtzte bei ihren Eltern Unpaͤßlichkeit vor, um nicht erſchei⸗ nen zu duͤrfen, und nahm ſich uͤberhaupt vor, von nun an den Grafen ſo viel als moͤglich zu meiden. Allein an der Ausfuͤhrung dieſes Vorſatzes ſchei⸗ terte ihre Kraft, ſo wie an der manches anderen, welchen ſie in beſonnenen Augenblicken faßte. — Am folgenden Tage war die Rede von ihrem Hochzeitfeſt, ſogar davon, daß es wol noch waͤhrend der Anweſen⸗ heit ihres Bruders gefeiert werden könne. — Sie zitterte, wankte, kaͤmpfte mit ſich ſelbſt; je naͤher der entſcheidende Zeitpunkt kam, deſto ſchwaͤcher ward ihr Kampf, und als endlich nur noch wenige Tage ſie von dem jetzt ſo gefuͤrchteten Buͤndniß trennten, er⸗ gab ſie ſich, von der Macht des Augenblicks gelenkt, und unbekannt mit der ſtärkeren, welche innere Feſtig⸗ keit giebt, in Kurds bedenklichen Vorſchlag. — Von der einen Seite zwar ward ſie nun ruhi⸗ ger, von der ander aber auch deſto peinlicher mit ſich ſelbſt e. heitere Scherz ihres Va⸗ ters, jedes liebende Wort der Mutter erfullte ſie mit der qualendſten Angſt; und wenn Hermanns offe⸗ nes, redliches Auge freunblich auf ſie blickte, ſchlug ſie das ihrige mit dem ſchmerzhafteſten Gefuͤhl zur Erde nieder. Ihn zu hintergehen, der die Treue und Wahrheit ſelbſt war, den ſie von allen ihren Verwandten am meiſten liebte, war ihr druͤckender, als alles Andere; und mehr als einmal faßte ſie in der peinlichen Unruhe ihres Herzens den Gedanken, ihm ihr ganzes Vorhaben zu geſtehen. Nur ihre eigene, im⸗ mer wiederkehrende ueberzeugung, daß er die Ausfuͤh⸗ rung deſſelben nie zugeben werde, und mehr noch Kurds beſtimmtes Abmahnen hielt ſie davon zuruͤck. Mit doppelter Anſtrengung ſtrebte ſie jetzt, den ban⸗ gen Zwieſpalt in ihrer Bruſt vor jedem Auge zu ver⸗ — 158 bergen; und faſt bis zum letzten Augenblick gelang ihr dies auch. Doch als nun, gerade am Tage vor ihrer B Hermann in einer S Morgen⸗ ſtunde allein zu ihr hereintrat, und mit herzlichen Worten des nahen Scheidens und ſeiner frohen Hoff⸗ nung fuͤr ihr kuͤnftio ges Gluck gedachte, ward die tiefe Erſchuͤtterung ihres Weſens ſo ſi rieth ſich durch einzelne Aeußert Bruder, aufmerkſam werdend, tbar, und ſie ver⸗ en ſo ſehr, daß der te, von ihr erfuhr. Sie habe, ſo ſchloß ſie aͤngſtlich bit⸗ tend ihr Geſtändniß, ihm jetzt nichts, auch nicht das Geringſte, 6h jetzt moge su er ihr Vertrauen durch Milde vergelten, und wenigſtens nicht als Geg⸗ ner auftreten in ihrer und ſeines Freundes Sache. — Schwer wuͤrde es ſeyn, Hermanns Gefuͤhle in dieſem Augenblick auszuſprechen. Wie verſteinert blickte er hinab in den Abgrund, der ſich ſp ungeah⸗ net vor ihm oͤffnete, und es dauerte lange, ehe er im Stande war, wieder Worte zu finden. „Un⸗ gluckliche!“ rief er endlich, „ſteht es denn in meiner Macht, deine Bitte zu gewähren? Flehe zu Gott, daß deine Seele Ruhe, Klarheit und Ergebung ge⸗ er nachforſchte, und nun bald Alles, was ihn ſo ſchmerich verwunden muß⸗ „ 159 winne; benn wahrlich! ſo allein kann Huͤlfe füͤr dich kommen. Denk' an das Wort unſeres ehrwurdigen Vaters, denk' an dein eigenes heilig Es iſt unmöglich; du kannſt, du darſſt nicht taub ſeyn gegen meine warnende Stimme!“ In dem Augenblick trat Kurd in die Thür, ſah Anna in Thränen, ſah den Ausdruck des tiefſten Schmerzes in Hermanns Geſicht, und blieb wie ein Verbrecher am Eingang ſtehen. Raſch trat jener zu ihm. „Komm mit mit in's Freie!“ rief er aus⸗ „Noch ſage ich dir nichts! ich muß mich erſt ſam⸗ meln. Dort unter jenen alten Eichen, wo wir ſo manche beſſere Stunde mit einander zubrachten, wo du mir noch vor wenigen Tagen Freundſchaft gelob⸗ teſt für das Leben — dort laß mich ein ernſtes Wort aus tiefer Seele zu dir ſprechen!“ — Kurds Miene war duͤſter; er ſchien wie erbittert durch Hermanns uethei, durch das druckende Gefuhl der ſchwe⸗ ren, unverzeihlichen Schuld. Jetzt zwang er ſich, das Auge zu dem beleidigten Freunde zu erheben, und antwortete mit kaltem, finſtern S „Es ſey! ich ſtehe dir Rede!“ Schnell und ſchweigend gingen Beide eine 160 Strecke, bis in die Naͤhe eines kleinen Gehöftes, deſ⸗ ſen uthige Lage ſie oft angezogen hatte. Hier unlennn ſtill, faßte mit einer Bewegung, die er nur muͤhſam daͤmpfte, Kurds in dieſem Augenblick beinah zitternde Hand, und rief im ſchmerzlichſten Ton: „Hier, hier ſprach ich noch geſtern zu dir mit dem vollſten Vertrauen von meinen Hoffnungen für das Leben, von dem Gluͤck meiner Gegenwart und Zukunft! O, wie war es moͤglich, daß du mir zu⸗ hoͤren, daß du das Geſprach ertragen konnteſt, mit dem Bewufßtſein, mich ſo tief, ſo unheilbar kranken zu wollen. O, ich bitte dich bei Allem was heilig iſt, zerſtöre den ſtillen Frieden der Meinigen nicht noch mehr, als ſchon geſchehen iſt! Laß uns morgen ab⸗ reiſen! Anna's Herz wird die Zeit, das deine die eigene Kraft beruhigen. — Ich habe keine meiner Schweſtern geliebt wie dieſe. Auch jetzt noch will ich, was hat geſchehen ſollen, gern verzeihen, gern vergeſſen; nur folgt meinem Urtheil in dieſer Stunde, wo ihr wahrlich dem eurigen nicht folgen dͤrft. Kehrt jetzt zuruͤck, und ich hoͤre nicht auf, an euch Beide zu glauben!“ Der reine Ausdruck ſchonender Milde und Liebe, 161 mit welchem auch jetzt noch der ſo ſchwer Beleidigte ſprach, ruͤhrte den Grafen; doch mehr ließ er ihn in dieſem Augenblick den letzten Hoffnungsgeda faſ⸗ ſen, daß Hermann dennoch vielleicht fuͤr ſeine Sache zu gewinnen ſey. Vergeſſend, daß er ſelbſt in einer klareren Stunde das Gegentheil wohl erkannt hatte, beſtuͤrmte er ihn jetzt mit aller Gewalt der Ueberre⸗ dung, von ſeiner Strenge nachzulaſſen, und nicht das ganze Gluͤck der Schweſter, wie des Freundes, zu zerſtören. Keine Huͤlfe, kein thätiger Beiſtand ſolle von ihm begehrt werden; nur ſchweigen möge er, und nicht durch ſeine Bedenklichkeit trennen wol⸗ len, was eine ſtaͤrkere Macht, als die ſeine, unwider⸗ ruflich zuſammengefuͤgt habe. — Jetzt zuerſt ſchwebte ein leiſer Hauch von Bit⸗ terkeit uͤber Hermanns ſanften Zuͤgen; doch er un⸗ terdruckte die Regung, und antwortete nur mit einer Entſchiedenheit, die keinem Zweifel mehr Raum ließ: „Du forderſt das Unmoͤgliche; und wehe dir, wenn du ſelbſt das nicht mehr erkenneſt! Nie, nie kann ich dieſen Verrath an Ehre und Treue beſchuͤtzen! nie ihn auch nur durch Schweigen beguͤnſtigen! Zum letztenmal! gieb jetzt noch meiner Bitte nach, ehe 11 162 ich dir gewaltſam den ſtrafbaren Weg vertreten muß!“ Fetzt war Kurds Faſſung erſchöpft. Die Flam⸗ me Zorns loderte hell auf in ſeiner ungeſtum ſchlagenden Bruſt, und ſchon ehe er ſprach, verrieth ſein blitzendes Auge und die Fieberglut auf den Wangen, was in ſeiner Seele vorging. „Es iſt ge⸗ nug!“ rief er aus. „Schon zu lange hab' ich's er⸗ tragen, daß du den letzten Ausweg, den meine Liebe erwaͤhlt, als ehrlos, mich ſelbſt als einen elenden, verachtlichen Buben behandelſt! Wenn dir dein Le⸗ ben lieb iſt, ſo vertheidige dich!“ Beide waren bewaffnet, wegen eines Jagdfeſtes in der Nähe, zu dem Kurd, gerade nach der erwaͤhn⸗ 5 ten verſtörenden Erklärung zwiſchen Hermann und ſeiner Schweſter, den Freund hatte abrufen wollen. Jetzt, nach jenen heftigen Worten, flog ſein Schwerdt aus der Scheide, und er drang ſo gewaltſam auf Hermann ein, daß dieſer ſich wol, gezwungen, ver⸗ theidigen mußte. Kurd ward durch eine Streifwunde am Arm verletzt, und dieſer leichte Vortheil auf des Gegners Seite ſchien ſeine ſinnloſe Heftigkeit noch zu verdoppeln. Ein mit Rieſengewalt gefuͤhrter Streich — und Hermann, der faſt nur abwehrend ge⸗ 163 fochten hatte, ſank hart getroffen zur Erde. — Kaum ſah Kurd den einſt ſo geliebten Freund fallen, als das Toben der Leidenſchaft in ſeiner Bruſt augenblicklich geſtillt war. Bebend warf er ſich ne⸗ ben ihm nieder; der Verwundete athmete nur noch ſchwach, und das Blut der Wunde ſtroͤmte heftig. Noch einmal richtete er ſich matt und muͤhſam em⸗ por, ſtammelte leiſe: „Es iſt vorbei! Gott ſey dir gnädig!“ und ſank dann ſogleich ohne Athem und Regung wieder zuruͤck. Kurd war außer ſich. Sein verzweifelnder Angſt⸗ ruf zog jetzt auch den alten Bewohner des nahen Ge⸗ hoͤftes herbei; doch noch ehe dieſer die Ungluͤcksſtatte erreichte, ſank auch der zweite Kämpfer bewußtlos zu Boden, uͤberwaͤltigt von der Heftigkeit ſeiner Gefuͤhle, und erſchopft durch das ungehinderte Bluten ſeiner uͤbrigens leichten Wunde. Als er ſich wieder erholte, ſah er Hermann verbunden, und den Alten mit gutmuͤthiger Theil⸗ nahme jetzt auch um ihn beſchaͤftigt. Er war die⸗ ſem nicht fremd, und hatte ihn ſelbſt, mit Hermann vereint, durch reichliche Unterſtutzung erfreut, welche das letzte unfruchtbare Jahr noͤthig machte. Auf ſein angſtvolles Fragen nach dem Verwundeten, er⸗ wiederte der Greis ſeufzend: „Ach, Herr! mit dem iſt es wol leider vorbei. Ich habe im Kriege der ſchwer Verwundeten viele geſehen, und auch Viele, die im Kampfe frei geworden waren von allem Kampfe. Glaubt mir, fuͤr ihn hat Leid und Freud' auf dieſer Welt ein Ende. — Iſt es denn moglich? fiel er durch euch? mußtet ihr mit euerm treuen Freunde hier in Uneinigkeit gerathen? O, armer Herr, dann flieht, ſo weit ihr köͤnnt. Mein Sohn ſattelt ſchon ein Pferd fuͤr euch. Denn wahrlich, duͤrftet ihr auch bleiben, hier hieltet ihr's nimmermehr aus!“ Sich bei dieſen Worten des Alten langfam auf⸗ richtend, wie aus ſchwerem Traum erwacht, fuͤhlte jetzt Kurd die Unmoglichkeit, laͤnger hier zu weilen. Auch war ja Alles, Alles, was ihn hielt, dahin! Wie konnte er, der Mörder ihres Bruders, noch auf Anna's Milde hoffen? wie auch nur den Gedanken faſſen, jemals wieder vor ihren Augen zu erſcheinen? — In dumpfer Betaͤubung warf er ſich auf das Pferd, welches die gutmuͤthigen Landleute fuͤr ihn herbeifuͤhrten, und floh, jetzt von anderer Schuld be⸗ laſtet, auf dem naͤmlichen Wege, welchen er wenige Stunden ſpaͤter mit der verblendeten Geliebten nehmen gedacht hatte. Die quaͤlendſte Angſt ergriff ihn bei dem Gedanken an ſich ſelbſt, mehr noch bei dem an ſeinen Vater und die ſanfte, liebevolle Ma⸗ thilde. Im leidenſchaftlichen Entſchluß, daß Beide nie wieder das Geringſte von ihm erfahren ſollten, aͤnderte er an der Gränze ſeinen Namen, und es ward ſeitdem nichts wieder von ihm gehort. — Bald nachdem er die Stätte des ungluͤcklichen Kampfes verlaſſen hatte, ward auch Hermanns Koͤr⸗ per, in welchem ſich immer noch keine Spur wieder⸗ erwachenden Lebens zeigte, in die Wohnung der Sei⸗ nigen zuruͤckgebracht. Wer ermißt die furchtbare Er⸗ ſchuͤtterung in Anna's Gemuͤth, beim Anblick des allem Anſchein nach voͤllig Entſeelten, bei der noch ſchrecklichern, bald zur Gewißheit werdenden Ahnung, daß Kurd es ſey, durch deſſen Hand er gefallen. Ohn⸗ mächtig ſank ſie neben der lebloſen Huͤlle des Bru⸗ ders nieder, deren bleiche, entſtellte Zuͤge ſie ſtumm und ſchauerlich anklagten. Indeſſen war eilig die Huͤlfe der Aerzte herbei⸗ gerufen, und dieſe gaben wenigſtens den Troſt, daß noch ein Lebensfunke in der Bruſt des Verwundeten 166 ſey, wenn er gleich wahrſcheinlich nur wieder auf⸗ glimmen werde, um bald gänzlich zu verlöſchen. — Die Verblutung war ſehr ſtark; erſt nach mehreren Stunden anhaltenden Bemuͤhens um ihn, ſchlug Hermann, noch voͤllig bewußtlos, die Augen wieder auf. O, wie glucklich waͤre es fuͤr Anna geweſen, hätte ein mitleidiges Geſchick auch ihr dauernder die naͤmliche Bewußtloſigkeit erhalten! Allein dieſe un⸗ verdiente Wohlthat ward ihr nicht zu Theil. Schon lange war ſie wieder zum vollen Gefuͤhl ihres Elends erwacht; und erſt jetzt, da Hermann leiſe zu athmen begann, rollte die erſte lindernde Thrane uͤber ihr ſtarres, marmorbleiches Geſicht. Knieend an ſeinem Lager, gelobte ſie die ſtrengſte Befolgung ſeines — ach, ſo theuer bezahlten Rathes, die treuſte Erfullung jeder uͤbernommenen Pflicht, wenn nur er, nur er ihr erhalten werde. — So gefaͤhrlich Hermanns Wunde war, und ſo ſehr von Anfang an die Aerzte ihn aufgegeben hat⸗ ten — er genas dennoch. Die friſche, jugendliche Kraft ſeines Korpers erhielt ihn; und vielleicht auch § des Himmels Erbarmen mit Anna's unnennbater Angſt. Als nun endlich das Segenswort: er werde 167 nicht ſterben! wie himmliſcher Troſt in ihr Ohr drang, da reichte ſie, redlich haltend, was ſie in der hochſten Bedraͤngniß im Stillen verheißen, dem Verlobten die Hand zum ehelichen Bunde, und ſtrebte jetzt nur, ſich ſelbſt zu verſohnen auf der Bahn, welche ſie fruͤher ſo gewaltſamer Weiſe zu meiden gedacht hatte. Allein es dauerte lange, ehe ihr wieder Ruhe zu Theil ward; das Bewußtſeyn der heimlichen, nur von dem Einen gekannten Schuld, der ihrer nie auch durch den leiſeſten Vorwurf gedachte, ſchien mit dop⸗ peltem Gewicht auf ihrer Seele zu laſten. Und wenn ſie gleich in der Folge ſich ſehr zufrieden in ihrer Ehe fuͤhlte, ſo war doch der Eindruck jener furchtbaren Tage auf ihr Gemuͤth ſo ſtark geweſen, daß die fruͤhere jugendliche ihr niemals ganz wiederkehrte. — Sobald Hermann geneſen war, kannte er keine angelegentlichere Sorge, als die, wo moͤglich Kurds Aufenthalt zu erforſchen, um ihm wenigſtens die Beruhigung zu geben, daß er lebe und vollkommen wieder hergeſtellt ſey. Allein, da jener ſeinen Na⸗ men veraͤndert hatte, blieb des Freundes gutgemein⸗ ter Eifer einmal wie immer fruchtlos; und nach vie⸗ — —— 168 len Verſuchen mußte er endlich die Hoffnung, ihn wieder aufzufinden, als vollig eitel aufgeben. — Da⸗ gegen hatte der Vater des unglucklichen Kurd die truͤbe Botſchaft von dem Vergehen und der Flucht ſeines Sohnes nur allzubald und ſicher erreicht. Herrmann hatte, um ſeine Schweſter zu ſchonen, nur angeben koͤnnen, daß durch einen anfangs unbe⸗ deutenden Wortwechſel mit ihm, der Entflohene zum heftigſten Zorn gereizt, und er mit einem Ungeſtüm, 8 der jedes beſaͤnftigende Wort unmoglich gemacht, von ihm angegriffen ſey.— So ward es denn auch jetzt dem armen, auf fröhlichere Kunde hoffenden Otto berichtet, mit dem Hinzufuͤgen, daß der Verwundete noch immer ſchwer, und beinahe hoffnungslos, dar⸗ niederliege. Ach! da ſenkte ſich von Neuem tiefe Nacht auf des Grafen ſpaͤt wieder erheitertes Leben; und in mancher ſchweren Stunde ſchien es ihm, als 6„. ſey dieſe Wunde noch herber und brennender, als ſelbſt die, welche in fruͤheren Tagen der Tod der ge⸗ liebten Gattinn ihm ſchlug. Jener Schmerz war ſo rein, ſobald er gelernt hatte, ihn mit Demuth und Ergebung zu tragen; in dieſen miſchte ſich Bitterkeit: und wenn er gleich nicht, wie damals, in der erſten 169 ſtuͤrmiſchen Trauer mit dem Himmel zu rechten ſich erkuͤhnte, ſo rechtete er dafuͤr deſto ſtrenger und blei⸗ bender mit dem ſchuldigen Sohne. Es iſt ſchon erzahlt, daß alle Nachrichten von dieſem ausblieben; und Otto, ihn wohl kennend, hatte dies vom erſten Augenblick an nicht anders erwartet. Kurds Name durfte nun nicht mehr vor ihm ge⸗ nannt werden; und ſo geduldig er ſonſt die Fehler Anderer ertrug, ſich der eigenen gar wohl bewußt, ſo feindlich verhaßt ward ihm ſeitdem dieſer „Wahnſinn des Zorns,“ wie er ihn nannte, durch welchen der Menſch zum Rohr vom Winde getrieben, zum Spiel⸗ ball jedes kommenden Augenblicks, zum Sklaven und zum Tyrannen zugleich werde. — Erſt nach langer Zeit ging ein Schimmer von Beruhigung fur ihn auf, durch die Nachricht von Hermanns Geneſung, welche dieſer ſelbſt in ei⸗ nem ſchonenden, freundlich achtenden Schreiben ihm meldete. Dann ward ihm noch ein zweiter Stab im Ungluͤck durch ſeine Tochter, die ſchoͤne, nun zur holden Jungfrau herangebluͤhte Mathilde. Mit lei⸗ ſer Trauer, mit dem zarteſten, kindlichen Antheil empfand ſie den tiefen, wenn gleich ſelten in Worten 170 ausgeſprochenen Schmerz des Vaters um ihren un⸗ gluͤcklichen Bruder; und als muͤſſe ſie nun alles Leid verguten, welches Kurds ſträͤfliches Vergehen uͤber das fruͤh alternde Haupt des edeln Grafen ge⸗ bracht hatte, ward ihre Sorge fuͤr ihn immer treuer und zaͤrtlicher, ihr Wort immer ſanfter und liebevol⸗ ler, ihr ganzes Weſen immer mehr dem ihrer from⸗ men, verklaͤrten Mutter gleich. — Doch nicht allein auf ſolche Weiſe mahnte ſie den Grafen an dieſe; auch abſichtlich, durch kindliche Erinnerung, durch ſanfte, herzliche Fragen, rief ſie oft ihr Bild in ſei⸗ ner trauernden Seele hervor. Wenn er von ihr ſprach, war er milde; wenn er der langen Zeit ge⸗ dachte, die ſie nun ſchon vor ihm hinuͤbergegangen war in die ſchonere Heimath: dann ſagte ihm eine leiſe Stimme, daß ja auch das Ziel ſeiner Lebens⸗ bahn vielleicht nicht mehr fern ſey. Sein Auge er⸗ hob ſich hoffend zu dem klaren, ewig feſten Gewolbe des Himmels, und in ſolchen Stunden dachte er auch des hartgeſtraften, landfluchtigen — nur mit Wehmuth. Und Mathilde — o wie hätte ſ ie ihres lichen Bruders jemals anders gedacht? — So treu ſie ſtrebte, des Vaters Leid zu lindern, und das ei⸗ gene ſtill zu tragen, eins dunkte ſie oft unbeſchreiblich ſchwer in der vom Schickſal fur ſie beſtimmten Prü⸗ fung, da ſie nicht, wie Otto, es begriff und erwar⸗ tet hatte: es war das gaͤnzliche Entbehren aller Nach⸗ richt von dem geliebten, ſeit fruher Jugend auch an ihr ſo innig hangenden Kurd. Mit der wehmuͤthig⸗ ſten Sehnſucht hoffte ſie von einem Monde, von ei⸗ ner Jahrszeit zur andern nur auf eine troͤſtende Zeile; doch leider vergeblich. Schon das zweite Jahr ſeit Kurds Entfernung neigte ſich jetzt zu Ende, und noch immer, wie anfangs, blieb alle Kunde von ihm aus. um dieſe Zeit ſtarb, nachdem er manchen Druck bes Alters uͤberwunden, der Freiherr von Dillingen, Otto's Nachbar. Da er keine Kinder hinterließ, ward ſeine ganze Habe einem entfernten Verwandten, dem letzten maͤnnlichen Abköͤmmling des Hauſes, zu Theil; und nicht lange, ſo zog der neue Beſitzer ſchon in ſein Eigenthum ein. O, da begann ein friſcheres, frohlicheres Leben in dem alten verfallenen Schloſſe! 172 Denn Siegfried, ſo hieß der jetzige Bewohner, war gar heitern, geſelligen Sinnes, und ward bald nah und fern bekannt und gern geſehen. Auch den Gra⸗ fen von Scharfeneck ſuchte er jetzt auf; und wol eher ſchon wäre es geſchehen, wenn nicht durch mancherlei Beſchreibungen von der Sonderbarkeit und dem Truͤb⸗ ſinn Otto's anfangs mehr Scheu, als Neugier in ihm geweckt waͤre. Auch jetzt noch kam er nicht mit der gunſtig⸗ ſten Erwartung, und ſo ward er angenehm uͤber⸗ raſcht, in des Grafen Geſicht und Weſen zwar man⸗ che Spur langen und tiefen Leidens, aber durchaus nichts Graͤmliches oder Verdrießliches zu finden; und 3 doppelt angenehm, als nach einiger Zeit auch Ma⸗ thilde erſchien, deren liebliche Zuͤge durch den leiſen Flor von Wehmuth, welcher ſie umſchwebte, nur noch ſanfter und einnehmender geworden waren. Der Fremde faßte Vertrauen zu ſeinen neuen Nachbaren, und wußte nun den kecken Ton der, noch von keinem Schmerz getroffenen Jugend, gar gut gegen den Gra⸗ fen zu maͤßigen, ſo daß nur eine offene, fröhliche Heiterkeit uͤbrig blieb, welche jenem ſichtlich wohlge⸗ fiel. Auch ward ihm, als er beim Scheiden bat, 173 daß ihm vergönnt ſeyn moge, öfter zu kommen, nicht nur dieſe Bitte gern gewährt, ſondern uͤberdies noch die freiwillige Zuſage von dem Grafen gegeben, auch naͤchſtens bei ihm in dem alten, wohlbekannten Schloſſe einzuſprechen. Ganz indeſſen ſchien dies nicht den Reiz des eignen Kommens fur Siegfried zu haben; wenigſtens erwartete er es nicht, ſondern war nach ſehr kurzer Zeit, unvermuthet, doch gern geſehen, wieder in Scharfeneck. Gar lange verhehlte er es ſich auch nicht, daß eigentlich der ſchoͤnen, ſinnigen Mathilde wegen der Umgang des aͤltlichen Grafen fur ihn ſo anziehend ſey; und wenn das ſchuͤchterne Maͤdchen ſich gleich ſelbſt kaum klar bewußt war, die Nahe und das oͤftere Erſcheinen des freundlichen, geſelligen Fremden duͤnke auch ſie erfreulich, ſo fluͤſterte den⸗ noch eine leiſe, gern gehoͤrte Ahnung es dieſem zu. Almählig ward ſie zur immer feſteren Hoffnung; und in gleichem Verhaͤltniß mit ihr ſtieg der fröh⸗ liche Muth des treumeinenden Herzens, in welchem ſie erwacht war. — Jetzt, bei den ſchönen Tagen des wiederkehren⸗ den Fruͤhlings, erfuͤllte auch Otto ſein Verſprechen, 174 zuweilen als Gaſt bei dem neuen Nachbar zu erſchei⸗ nen. — Einſt hatte er ſich in mancherlei Geſpra⸗ chen mit ihm vertieft, und kehrte erſt ſpaͤt Abends im hellen Mondenlicht wieder heim, ſo daß der Pfört⸗ ner, ihn von fern gewahrend, dienſtwillig herbeikam, dem Eilenden das Thor des Schloſſes zu offnen. Es war noch der naͤmliche Alte, welcher ihm einſt in ſo truͤber Stunde Einlaß gegeben hatte. „Ihr kommt wol von dem Freiherrn?“ fragte jetzt der gutmuthige, doch im Lauf der Jahre nun ſchon faſt kindiſch ge⸗ wordene Greis; und vergeſſend, daß er Kurds nicht erwähnen duͤrfe, ſetzte er hinzu: „nicht wahr, ihr ſeyd es wol auch ſchon gewahr worden, wie er un⸗ ſerm jungen Herrn ſo aͤhnlich ſieht, und habt deshalb ſeinen Umgang ſo gern? — Steht er vor mir, ſo mein' ich wahrlich zuweilen, ich ſehe den armen, wackern Grafen. Aber ach! wer weiß, wo der jetzt troſtlos das truͤbe, verſtorte Leben in der Fremde hin⸗ bringen mag!“ — Schweigend, von dieſen Worten nur allzu⸗ ſchmerzlich bewegt, lehnte der Graf ſich gegen die ſtei⸗ nerne Bank am Thor des Schloſſes. Es war ein ſchoner, ſternheller Abend, und unverwandt ſchaute 175 er in die klaren, ſtillen, immer ſich gleich bleibenden Lichter, als wolle er in ihnen auch Stille ſuchen fuͤr ſein verwundetes Herz. „Sprich mir davon niemals, niemals wieder!“ begann er endlich ſehr ernſt, doch ohne Strenge; denn er verzieh dem Alten, was er an jedem Andern ſchwer wuͤrde geruͤgt haben. „Kurds Weg lag oft ſchon dem meinigen fern; jetzt wird er nicht wieder mit ihm zuſammentreffen! Auch weiß, auch fuͤhle ich's: er will nicht, daß wir von ihm er⸗ fahren; er iſt aus eigenem, freien Entſchluß fuͤr uns verloren. — Moͤchte denn die Bahn, die er jetzt erwaͤhlt hat, nur gutmachen, ſtatt zu zerſtören!“ ſetzte er ſeufzend hinzu. „Ach, Herr!“ erwiederte der Alte, den Sinn dieſer Worte mehr ahnend, als verſtehend: „er war doch im Grunde des Herzens ſo brav! Nur allein der Zorn hat ihn verfuͤhrt. Und — ſonderbar iſt's — auch darin ſoll der fremde Edelmann gerade ſeyn, wie er. Treu meint er's; alle Unterthanen muͤſſen ihn loben; aber wenn der boſe Geiſt uͤber ihn kommt, da faͤhrt er blindlings drein, wie vormals unſer jun⸗ ger Herr, und ſchaut nicht vorwaͤrts, noch ruckwaͤrts.“ „Du kannſt nicht ſchweigen, ſeh' ich!“ ſprach 176 Otto jetzt beinah' zurnend, richtete ſich raſch auf, und ſtieg tiefſinnig die breiten, zum Schloſſe fuͤhrenden Stufen hinan. Truͤbe Wolken hatten ſich auf ſei⸗ ner Stirn gelagert, und ſelbſt Mathildens freundlich⸗ ſtes Laͤcheln vermochte fuͤr diesmal nicht, ihn zu er⸗ heitern. — — Was mun die koörperliche Aehnlichkeit zwiſchen Kurd und Siegfried betraf, deren der Alte erwaͤhnte, ſo war ſie eine der fernſten und oberflaͤchlichſten, die ſich finden ließ; dagegen aber fand die geiſtige, von welcher ſpater die Rede war, deſto wahrer und un⸗ läͤugbarer zwiſchen ihnen Statt. In jener blinden Heftigkeit, welche, allem Anſchein nach, Otto's Le⸗ ben ſo unheilbar verwundet hatte, konnte Siegfried in manchen Augenblicken fur Kurds vollkommenes Ebenbild gelten, und nur vom Zufall ward es bisher, glucklich oder unglucklich, ſo geleitet, daß der alte nachbarliche Freund dieſe ſtorende Entdeckung an ſei⸗ nem jungen Guͤnſtling noch nicht machte. Allein jetzt, nach jenen Worten des Alten, wie zerſtreut er ſie auch gehoͤrt hatte, dennoch aufmerkſamer, ward ihm bald durch mehrere kleine Zuͤge deſſen Behaup⸗ tung wahrſcheinlich; bis ein geringfuͤgiger Anlaß ihn 177 endlich die Richtigkeit derſelben ganz klar und deut⸗ lich erkennen lehrte. Es war begreiflich, daß ihn dies gegen Siegfried verſtimmte; er ſuchte ihn nicht wieder auf, und ließ ſogar auch deſſen Zuſpruch ab⸗ lehnen. Dies befremdete den Freiherrn nun zwar, doch ahnete er die Urſache nicht, ſondern zuͤrnte nur heimkehrend mit ſich ſelbſt, nicht gefragt zu haben, ob Krankheit den Grafen hindere, ihn zu ſehen. Bald nahm er, dem Zuge ſeines Herzens folgend, von Neuem den Weg zu des Freundes Wohnung; und dachte nun wenigſtens durch die Hausbedienten zu erfahren, wie es um Otto's Geſundheit ſtehe. Allein der Zufall meinte es viel freundlicher mit ihm; als er ankam, war die Pforte des nahen Gartens offen, und Mathilde beim Begießen ihrer Blumen emſig geſchaͤftig. Nun ſaͤumte er auch nicht lange, die Gunſt des Augenblicks zu benutzen, und trat, leicht ſein Roß befeſtigend, raſchen Schrittes in den Garten. „Verzeiht ihr's, wenn ich euch ſtöre?“ ſo re⸗ dete er in gar beſcheidenem Ton die etwas verlegene Mathilde an. „Schon ſo lange duͤnkt mich's, daß ich nichts von euerm edeln Vater vernahmz laßt mich 12 hoffen, daß wenigſtens nicht Krankheit Urſache daran iſt.“ — „Nicht Krankheit!“ erwiederte Mathilde ein wenig ſchuͤchtern; „doch iſt er wirklich ſeit acht Tagen immer zu Hauſe geweſen. Und ihr?“ ſetzte ſie kindlich hinzu — „der Vater hat euer Kommen ſo gern, euch hat auch wol ſeither nichts in unſere Nähe gefuͤhrt?“ — Er haͤtte ihr antworten können, ſeine ganze Seele, all' ſein Sinnen und Denken ſey immer, zu jeder Stunde, in ihrer Nähe; allein er ſchwieg, und blickte ihr nur ernſt, und doch mild in das klare blaue Auge. Endlich ſchien ein raſcher Entſchluß ihm Worte zu geben. „Alſo wirklich, euer Vater ſieht mich gern?“ fragte er jetzt. „O, wie viel mehr wuͤrd' ich ſeine Liebe gewinnen; duͤrft' ich taͤglich um ihn ſeyn! duͤrfte ich mit euch die treue Sorge fuͤr ihn theilen! — Wollt ihr mir das ver⸗ gönnen, Mathilde? Koͤnntet ihr wol Vertrauen ge⸗ nug zu mir faſſen, mir fuͤr immer angehoren zu wol⸗ len? und darf ich dann mit offener, gerader Anfrage bei eurem Vater um euch werben, wie ſich's ziemt?“ „Ach, Siegfried! . .. “ flͤſterte Mathilde, und nur Ueberraſchung, nicht Beſtürzung druckte ſich in ihren ſanften Zuͤgen aus. Das war aber auch fuͤr 179 jett alle Kunde, die er uͤber ihre Geſinnung erhielt; den Lippen entſchlupfte kein Woͤrtchen mehr, und das ſchone Auge ſenkte ſich ſo ſchuͤchtern zur Erde, daß in ihm zu leſen unmoͤglich war. „Nun, darf ich?“ begann der Freiherr von Neuem mit heiterer Freundlichkeit. Meinen Namen habt ihr wol genannt, aber nicht geſagt, ob er euch auch lieb werden könnte. — Darf ich jetzt zu eu⸗ rem Vater hineingehen, und meine Bitte bei ihm anbringen?“ Jetzt ganz verſtummend, nickte Mathilde nur leiſe. Dieſe lautloſe Antwort war indeſſen doch dem Bewerber gar erfreulich, und er zogerte nun nicht, Otto'n außzuſuchen. Dieſen aber fand er, aus Ur⸗ ſachen, die ſchon bekannt ſind, nicht eben guͤnſtig fur ſein Anliegen geſtimmt. „Meine Tochter iſt noch ſehr jung,“ erwiederte der Graf nach einem kleinen Stillſchweigen, mit ern⸗ ſter Miene auf ſein freundlich offenes Wort; „doch hat ſie ſchon manche Stunde bitteren Leids mit mir getragen. Wenn ich ſie nun verheirathe, ſo moͤchte ich wahrlich gern vertrauenvoll darauf zählen konnen, daß ihrer durch den kuͤnſtigen Gatten nur heitere, zu⸗ 180 friedene Tage warten. Ich möchte nur einem ſehr zuverlaͤſſigen, beſonnenen Manne ihre Hand ge⸗ ben. — Laßt mir acht Tage Zeit, euern Vorſchlag zu uͤberlegen,“ ſetzte er abbrechend hinzu; „dann will ich euch beſtimmt und offen meinen Entſchluß ſagen.“ Dieſe Verzogerung haͤtte ſich nun Siegfried gern gefallen laſſen, waͤre nur ſonſt Alles geweſen, wie er es wuͤnſchte. Allein im Grunde des Herzens war er mit der Aufnahme, die er gefunden, nichts weniger als zufrieden. Wie konnte auch ihm, der mit ſo herzlichem Vertrauen kam, die faſt bittere Kälte in Otto's Wort und Weſen entgehen? Nur mit Muͤhe unterdruckte er ſeine Verſtimmung, und ſtatt daß er ſich ſonſt, ſelbſt von den ſpaͤteſten Abendſtunden, ſo ungern an's Scheiden mahnen ließ, war er diesmal froh, nach kurzer Zeit eine Kleinigkeit aufzufinden, die ihm zum Vorwand dienen konnte, mit der Heim⸗ kehr zu eilen. Als er nun langſam und ſinnend des Weges, den er ſo froh gekommen, durch den Garten zurück⸗ ging, ſiehe! da weilte Mathilde noch halb verſteckt in der Laube am Ausgang. „Liebes Maͤdchen!“ ſprach 181 er — denn ſein ſuchendes Auge ward ihrer bald ge⸗ wahr — euer Vater hat meine Bitte lange nicht ſo gut aufgenommen, als ich hoffte, und mir ward faſt bedenklich zu Muthe. Den Grund ſeiner plotzichen Kaͤlte weiß ich nicht, werde ihn auch vielleicht nicht von ihm erfahren; euch aber wird er gewiß ohne Ruͤckhalt mitgetheilt. Soll ich ihn denn morgen hier von euch hoͤren? Mathilde verſprach das mit ſo ſtill wehmuͤthi⸗ gem Blick, daß Siegfried zum erſtenmal in ſeinem Leben Freude und Schmerz zugleich dabei empfand. „Nun, nun,“ rief er, ſich zur Munterkeit zwingend, „gebt nur nicht zu viel auf einmal verloren! Da ich in euer liebes Auge ſchaue, hoff' ich ſchon wieder. Wen ihr waͤhlt, dem iſt ein gutes Zeugniß gegeben; und etwas wird doch auch das Wort einer ſolchen Tochter uͤber den Vater vermoͤgen!“ Damit reichte er ihr treuherzig die Hand zum Abſchied, und ſchnell entfuͤhrte ihn nun das harrende Roß ihren Blicken. — Allein der Muth, den er ihr hatte einſprechen wollen, fehlte in ſeiner eigenen Bruſt; und in truͤben, niederſchlagenden Gedanken kehrte er nach Hauſe zuruͤck. „ 182 „Schon wieder traͤumend?“ ſo fragte am fol⸗ genden Tage Graf Otto, als die Jungfrau unruhig und zerſtreut wenig Aufmerkſamkeit fuͤr des Vaters Geſpraͤch, und noch weniger fur ihre ſonſt gar kunſt⸗ reiche Nadel hatte. „Wo waren deine Gedanken, Mathilde?“ — Sie wußte das vielleicht ſelbſt nicht beſtimmt zu ſagen; wenigſtens ſchwieg ſie, und blickte nur verwirrt und verlegen zu dem Vater empor⸗ „Und wenn ich nun erriethe, was dich beſchaͤftigt?“ fuhr dieſer fort. „Wenn ich es mir nun ſchon ſelbſt ge⸗ ſagt hatte, daß unſer junger Nachbar dich liebgewann, und — daß er leider auch wol in deinem Herzen auf einen Fuͤrſprecher zu bauen haben mag?“ — „Er hat um dich geworben!“ ſetzte er nach ei⸗ nigen Augenblicken hinzu, da die hellen Purpurroſen auf Mathildens Wangen die Wahrheit ſeiner letzten Worte zu beſtätigen ſchienen, — „doch will ich's dir nicht bergen, daß ich ihm nur ungern und mit ſchmerzlicher Sorge deine Hand geben wuͤrde. So ſanft und freundlich er in guten Stunden iſt, ſo wild und jähzornig iſt er in ſchlimmen; das erfuhr ich leider erſt ſeit Kurzem. Du weißt, wie herbes Leid das Toben wilder Leidenſchaft ſchon einmal uͤber 183 mein Leben gebracht hat; und gewiß, du forderſt nicht, daß ich es noch einmal wage, dem zu vertrauen, der ja wahrlich in keiner Minute ſich ſelber vertrauen darf.“ „O, lieber Vater!“ rief Mathilde ſchuͤchtern, „gaͤb' es denn nicht Grade des ſchlimmen Fehlers? Gewiß, der Freiherr iſt. .. .“ ſie war im Begriff, vergleichend des Bruders zu erwaͤhnen; doch ſchnell das Wort unterdruͤckend, ſagte ſie nur: „auch könnte er ja vielleicht noch ablegen, was euch mißfallt. Ich habe Vertrauen zu ihm; er wuͤrde gewiß um mei⸗ netwillen gern .. „So etwas,“ unterbrach ſie jener ſehr ernſt, „legt ſich ſicherlich ſo leicht nicht ab, als eine weiche Maädchenſeele es meint.“ — Indeſſen einer Thräne in Mathildens Auge widerſtand ſein Herz nun ein⸗ mal nicht lange. „Ich will nur dein Gluͤck, das wiißt du!“ fuhr er nach kurzem Schweigen fort; „und wahrlich, ich möchte gern gewahren, was du wol ohne Worte von mir zu bitten verſtehſt. Auch haſt du laͤngſt bemerkt, daß mir der Freiherr werth war ſeit dem erſten Tage, da ich ihn kannte. Wenn er es nun uͤber ſich gewinnt, den Sturm im Gemuth 184 den ich fuͤr dich ſcheue, drei Monden lang auf's Strengſte und Vollſtäͤndigſte zu beherrſchen, dann will ich glauben, er werde es auch ferner vermoͤgen; und der Lohn ſeiner Selbſtherrſchaft ſoll deine Hand ſeyn. Doch muß er mit heiligem Wort verſprechen, ſich ſelbſt anzuklagen, wenn er, wie es gar leicht ge⸗ ſchehen kann, in einer ſchlimmen Stunde dieſen Lohn verſcherzt. — Biſt du das zufrieden? ſoll ich ihm das beim nachſten Wiederſehn ſagen?“ „O ja!“ antwortete Mathilde vertrauenvoll. Es liegt ihm gewiß Alles daran, euer Verlangen zu erfuͤllen; und er muß es ja auch koͤnnen, ſobald er nur ernſtlich will.“ Das aber ſchien dem Grafen bei weitem nicht ſo ausgemacht. Er wollte die ſtille, zuverſichtliche Heiterkeit nicht ſtören, mit welcher ſie jene Worte ſprach, doch konnte er auch nicht mit ihr froh ſeyn. Im Gegentheil, es regte ſich ihm Unruhe im Her⸗ zen, ob er auch ſo durch ſein Nachgeben noch zu viel fuͤr das Gluͤck der einzigen geliebten Tochter wage. Und ſo verließ er ſie denn lieber jetzt, um die erſte Sorge, die ſie ihm machte, fuͤr den Augenblick allein in einſamer Stille zu tragen. — 185 Bald kam nun auch die Stunde heran, in wel⸗ cher Siegfried wieder hatte vorbeikommen wollen; und Mathilde harrte ſeiner ſchon froͤhlichen Muthes im Garten, um ihm ſo bald als moglich mitzuthei⸗ len, was ſie vernommen. Allein jener, ſich der ei⸗ genen Schwäche bewußt, erſchrak ſichtlich ob ihrer, wie ſie glaubte, ſo guͤnſtigen Kunde, und geſtand of⸗ fenherzig auf ihre Frage, daß er faſt fuͤrchte, die Be⸗ dingung nicht erfuͤllen zu können. — Erſtaunt hef⸗ tete ſie das ſchoͤne, ausdrucksvolle Auge auf ſein Ge⸗ ſicht, und nur dies Auge, nicht die Lippe, mahnte leiſe: wie doch ſo gar Großes im Leben durch feſte Kraft, durch ernſten Willen moͤglich ſey. — Be⸗ ſchoͤmt, dieſen ſtummen Vorwurf von dem ſchwaͤche⸗ ren Mädchen zu verdienen, verſprach er nun, ſein Möͤglichſtes zum Gewinn des ſchönen Preiſes zu thun; verſprach das Naͤmliche auch Otto'n beim nach⸗ ſten Wiederſehen, und ſo war denn von beiden Sti⸗ ten die Uebereinkunft getroffen. — — Kurze Zeit nachher ward eine Verwandtinn Mathildens in der Gegend verheirathet, und unter anderen Gaͤſten ward auch ſie mit ihrem Vater zu dem Feſte geladen. Otto lebte ſonſt ſchon ſeit lange 186 ſehr einſam und zuruͤckgezogen; doch glaubte er dies⸗ mal eine Ausnahme von der ihm liebgewordenen Ge⸗ wohnheit machen zu muͤſſen, um Mathilden zu zer⸗ ſtreuen, welche ſeit Siegfrieds Zweifel an ſich ſelbſt in manchen Stunden Aengſtlichkeit und Truͤbſinn verrieth. So erſchien er denn am beſtimmten Tage als einer der willkommenſten Gaͤſte, und neben ihm die ſchoͤne, faſt braͤutlich geſchmuͤckte Tochter. Bald waren die Erwarteten alle verſammelt, und frohlicher, als Otto gedacht hatte, vergingen die feſtlichen Stun⸗ den. Der Anweſenden waren viele, doch waren ſie alle unter einander verwandt oder wohlbekannt; und eine angenehme Ueberraſchung, welche den Braͤuti⸗ gam erfteute, kam noch hinzu, den Tag auszuzeich⸗ nen. Als naͤmlich ſchon ſchimmernde Kerzen das Schloß erhellten, ward noch ein fremder, unerwartet erſcheinender Gaſt ihm gemeldet, und ſobald ſein Name genannt wurde, eilte jener mit dem Ausruf: „Iſt's moglich! mein Franz? mein Bruder?“ in der freudigſten Bewegung dem Willkommenen entgegen. „Sein Bruder?“ tonte es vernehmlich in der Ver⸗ ſammlung wieder, und erwartend ſah man nun ſei⸗ ner Ruͤckkehr mit dem Fremden entgegen. Nach kur⸗ 187 zem Zogern erſchienen ſie. Der Fremde war, gleich ſeinem Begleiter, ein ſchoͤner junger Mann, nur war durch eine todtbleiche Geſichtsfarbe, und durch Zuͤge duͤſtern Ernſtes auf der tiefgefurchten Stirn, ihm alles Bluͤhende der Jugend geraubt. Beim Eintritt in den glaͤnzenden, geraͤuſchvollen Saal ward dieſer Ernſt im erſten Augenblick noch vermehrt; ja, der duͤſtere Fremdling erſchien ſelbſt noch bleicher ne⸗ ben den frohen, ſorgloſen Geſichtern, die ihn umgaben; auch konnte ihm das heitere Leben des Kreiſes wol wenig zuſagen. Nach einiger Zeit indeſſen hatte es deßungeachtet das Anſehen, als verbeſſere ſich ſeine Stimmung, und einige der juͤngſten und fröhlichſten unter den Gaͤſten wollten verſichern, Mathildens ſchoͤnen Augen ſey kein geringer Antheil daran zuzu⸗ ſchreiben. Gewiß war es wenigſtens, daß ſie ſichtlich ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Ja, als die Zeit des Mahls herankam, begehrte er ſogar, mit einem Lächeln, das halb Scherz und halb Wehmuth war, von ſeinem muntern Wirth den Platz neben ihr; und ſo einſilbig er ſich ſonſt zeigte, ſah man ihn doch mit ihr manches freundliche, und wie es ſchien, ſelbſt beinahe zutrauliche Wort wechſeln. Dem Mahl ſolgte ein frohlicher Tanz; doch von dieſem zog ſich der Fremde ſogleich völlig zurck, und waͤhlte, des allgemeinen Jubels nicht achtend, im fernſten Winkel des Saals ſeinen Platz, wo er, an einen Pfeiler gelehnt, ſich tiefer in truͤben Ge⸗ danken zu verlieren ſchien. Mit Theilnahme be⸗ merkte dies Mathildens Vater. „Moͤchtet ihr nicht auch froh ſeyn mit den Uebrigen, junger Mann?“ ſo ſprach er, freunblich ſeine Hand faſſend, dem Sin⸗ nenden zu. „Glaubt mir, es kommen der ſchlim⸗ men Tage im ſpaͤtern Leben noch genug; man muß ihnen in der Jugend die Spitze bieten, wenn's ir⸗ gend ſeyn kann. Es giebt nichts dankbareres auf Er⸗ den, als friſchen Muth. Haltet ihr ihn, ſo haͤlt er euch aufrecht; und faſt ſcheint mir's, lieber junger Freund, das habt ihr wol ſchon altzulange vergeſſen.“ Der Fremde laͤchelte ſchmerzlich. „Es ſteht wahrlich nicht immer in unſerer Macht,“ entgegnete er nach kurzem Schweigen, „einer Stimmung zu gebieten, die vielleicht ſtörend ſeyn kann. Ich paſſe nicht in die Kreiſe heiterer, ſorgloſer Freude, das füͤhle ich; und vermag ich's zu lenken, ſo weiche ich ihnen lieber aus.“ — Hier ſchwieg er wieder, faßte 189 dann plötzlich des Grafen Hand, und ſetzte ſehr be⸗ wegt hinzu: „Glaubt nicht, daß ich euer theilnehmen⸗ des Wort mißdeute. Ich halte es werth, wie das eines geliebten Vaters. O, daß ich wuͤrdig wäre, euer Sohn zu heißen! Das allein könnte mir den heitern Muth, den Jugendſinn wiedergeben, den euer wohlwollendes Herz mir wuͤnſcht.“ Indem er noch ſo ſprach, hatte ein alter Be⸗ kannter Otto's ſich genähert, und ein leiſes Lächeln ſchwebte uͤber dem Antlitz des unbemerkten Hoͤrers bei jenen letzten Worten. „Nun ſagt mir,“ fluͤſterte er, als gleich nachher der Fremde abgerufen ward, dem Grafen zu, „Schoͤnheit und Anmuth behaupten nicht immer und uͤberall die gleiche Macht. Hatte ich doch ſchon beim Mahl meine Freude daran, wie die Zuͤge des duͤſtern Gaſtes ſich ſo ſichtlich aufhell⸗ ten, im Geſpräch mit eurer Mathilde. Und jetzt — an ſeinem Willen liegt es wol ſchwerlich, wenn er dem Beiſpiel des Bruders nicht folgt. Hat er euch nicht eben in dieſem Augenblick ſchon die offene Er⸗ klärung gegeben?“ „Es blitzte faſt wie Flammenglut aus der dun⸗ keln Wolke hervor,“ entgegnete Otto. „Doch, wuͤrde 190 Ernſt aus euerm Scherz, ſo waͤre mir's leid um den Fremden. Kaum darf ich noch frei uͤber die Hand meiner Tochter ſchalten; und koͤnnte ich's auch — obgleich ich wahrlich Theil nehme an dem jungen Manne, doch ſoll dieſen truͤben, truͤben Fruhherbſt nimmermehr ein nahes Band mit den Fruͤhlingsta⸗ gen meiner armen Mathilde vereinen, die ihr ja ohnehin ſchon hart und ſchmerzlich genug geſtört ſind.“ „Es ſoll nicht?“ entgegnete jener. „Ihr ſprecht ſehr beſtimmt; und dennoch — wer weiß, ob eure Macht ausreichen wurde, das zu verhuͤten, wogegen ihr eifert.“ Stto lächelte, als ſey er hier von aller Sorge frei, allein trotz dieſer Sicherheit ſchien es nach ei⸗ niger Zeit, ſein Freund habe nicht Unrecht, und ein trautes Band verknuͤpfe den Fremdling und die ſchoͤne Mathilde. — — Die Stunden des Feſtes neigten ſich zu Ende, und der Fremde war einer der erſten, welche ſich aus dem fröhlichen Geraͤuſch zuruͤckzogen. Doch wandte er ſich, noch ehe er den Saal verließ, mit der Bitte an Otto, daß es ihm erlaubt ſeyn moge, bei der 191 Ruͤckkehr von ſeiner jetzigen Reiſe, die er, wie es hieß, in Auſträgen eines fremden Fuͤrſten machte, jenen in der eigenen heimathlichen Umgebung aufzu⸗ ſuchen. Dies ward ihm gern bewilligt, und es war auch fuͤr jetzt ſein Abſchiedswort; denn am andern Morgen hatte er ſchon vor das wieder verlaſſen. Gern kehrte auch Otto jetzt aus dem regeren Leben in ſeine ſtille Einſamkeit zuruͤck; doch reuete es ihn nicht, ſie eine Zeitlang verlaſſen zu haben. Auch Mathilde war heiterer, und, wie es ſchien, hof⸗ fenderen Sinnes, als vorher. Schnell verſtrichen nun die Tage der fuͤr Siegfried beſtimmten Pruͤfung, und je mehr ſie ſich zu Ende neigten, deſto frohlicher ward des Bewerbers Herz. Endlich war nur noch eine einzige Woche uͤbrig; und gerade jetzt, als ſolle er Zeuge von Siegfrieds Gluͤck ſeyn, erſchien der duͤſtere Fremde — ſo pflegte Mathilde ihn theilnehmend zu nennen, — unter Graf Otto's Dache. Dieſer ſah ihn gern; um indeſſen, im Fall er wirklich daran denke, um Mathildens Hand zu wer⸗ ben, einer ungewuͤnſchten Anfrage zuvorzukommen, erzahlte er ihm bald und vertraulich von der mit Siegfried getroffenen Abrede, hinzufuͤgend, daß in we⸗ nigen Tagen die Aufgabe von dieſem geloͤſ't ſey. Sichtlich bewegt horte jener ſeiner Erzählung zu. „Graf,“ ſagte er endlich mit einem Ton, welcher ſchmerzliche Unruhe verrieth, „ich verarg' euch eure Vorſicht nicht. Wurden doch, wie ich kuͤrzlich er⸗ fuhr, einſt euch ſelbſt harte Wunden geſchlagen durch wilden Zorn.“ „Der Tod wäre leichter geweſen,“ antwortete Otto. „Doch laßt uns davon ſchweigen, ich bitt' euch. Dieſe Wunden leiden noch jetzt keine Beruͤh⸗ rung, und wer mich kennt und mir wohlwill, ver⸗ meidet, mich an den zu erinnern, der ſie ſchlug.“ Der Fremde war ſehr bleich in dieſem Augen⸗ blick; die Gemuͤthsbewegung, die er verhehlen wollte, ſchien nur um deſto heftiger zu werden. „Mir wird ſchwer und bang in dieſen Mauern zu Muth,“ ſagte er jetzt. „Laßt mich hinweg auf kurze Zeit. Ich komme zuruͤck! ach, ich komme gewiß zuruck in dieſe ſtile Wohnung, wohin es mich zieht mit ſo maͤchti⸗ ger Gewalt, und wo mich doch wieder Alles mit den ſchaͤrfſten Dolchen verwundet.“ Raſch eilte er fort mit dieſen Worten, und 193 ſprengte nach wenigen Minuten ſchon vom Schloß⸗ hof hinab. Ein ſchwerer Druck ſchien auf ſeiner Bruſt zu laſten, ſo unruhig trieb es ihn hin und wieder. Endlich fuͤhrte ihn der Weg auch an Sieg⸗ frieds Wohnung voruͤber. Frohes Geraͤuſch ſchallte aus den offenen Fenſtern ihm entgegen. Es waren Gaͤſte dort verſammelt; einer derſelben war auch bei dem fruͤher erwaͤhnten Hochzeitsfeſt zugegen geweſen, und erkannte ihn. „Wollt doch bei uns raſten!“ rief er, ſich die Rechte des Wirths anmaßend, dem Voruͤbereilenden zu. „Die Mittagsſtunden ſind ſchwul; weilt hier in der Kuͤhle bis zum Abend.“ — Und — ſeltſam genug — der Duͤſtere, dem ſonſt laute Luſt ſo widerſtrebend war, ward jetzt durch eine leiſe, ihm ſelbſt unerklaͤrliche Stimme bewogen, die Einladung anzunehmen. Er zoͤgerte einen Augen⸗ blick, rief dann ein einwilligendes Wort hinauf, und ſchon nahten bereitwillige Diener, ſein Roß in Empfang zu nehmen. „Es iſt der Bruder des wackern Konrad, der neulich auf Eberſtein Hochzeit hielt!“ rief der junge Mann, welcher ihn eingeladen hatte, entſchuldigend dem Hausherrn zu. „Ich ſah ihn dort, und ihr 13 vergönnt gewiß. ..“ „Ich dank' euch,“ erwiederte Siegfried laͤchelnd; „ihr bereichert mich noch um ei⸗ nen gerngeſehenen Gaſt.“ Und damit ging er dem Fremden, welcher eben ſchon in die Thuͤr trat, mit freundlichem Willkommen entgegen. — Bald in⸗ deſſen bereute dieſer, gekommen zu ſeyn, und wie konnte auch wol ihm, in ſeiner heute zwiefach truͤben Stimmung, dieſe etwas laute und laͤrmende Ver⸗ ſammlung gefallen? — Man ließ ſich wenig durch eine Gegenwart ſtören. Es ward nach wie vor viel geſcherzt und gelacht, und Alle waren in einiger Geſelligkeit froͤhlich, bis einer der Gaſte eine weitlaͤufige Erzaͤhlung begann, von einer ver⸗ wittweten Edelfrau in ſeiner Gegend, welche vor Kur⸗ zem in ihrer etwas abgelegenen Wohnung von Raͤu⸗ bern uͤberfallen und gepluͤndert ſey. Mit dem augen⸗ ſcheinlichen Streben, dadurch ſeiner Kunde ein ſpaß⸗ haftes und drolliges Anſehn zu geben, lieh er dem Schrecken der Armen alle Zuͤge der unbeholfenſten Einfalt, durch ſpottende Worte und grell aufgetragene Farben den Eindruck noch verſtärkend. Schon dies reizte den Unwillen des jungen Hauswirths, denn er kannte die Wittwe als eine wuͤrdige, Achtung und 195 Theilnahme verdienende Frau. Indeſſen unterdrůͤckte er noch ſeinen Verdruß, bis endlich der wortreiche Erzahler ausrief: „Ach, wie viel Thraͤnen wird das ungluͤck die weichherzige Grafinn von Scharfeneck ko⸗ ſten! Es ſind verwandte Seelen, ſie und die Wittwe. Mir wenigſtens hat immer eine gerade ſo geſcheut als die andre geſchienen; und ich denke, ſo urtheilen wol Manche.“ Jetzt, da der freche Hohn auf das Liebſte, was er in der Welt hatte, hinuͤberglitt, war es uͤber Siegfrieds Kraft, ſich zu maͤßigen. Sein Auge flammte, die Hand ballte ſich krampfhaft zu⸗ ſammen, und ſchon wollte er mit ungeſtuͤmer, zu blu⸗ tigem Kampf auffordernder Rede auf den Beleidiger eindringen; da faßte der Fremde, welcher ihm zu⸗ fällig nahe ſtand, ſchnell ſeinen Aem, und ſprach ernſt, doch leiſe, nur die Worte: der Pruͤfung!“ Beſtuͤrzt und uͤberraſcht zugleich blickte Sue zu ihm auf, dann ſchlug er ſich heftig vor die Stirn, und rief in der leidenſchaftlichſten Bewegung: „Und muͤßt' ich Alles verlieren, mit Ruhe den Elenden zu⸗ rechtzuweiſen, iſt mir unmöglich! Thut ihr es denn 13 196 fur mich, und mich laßt hinaus, hinaus in's Freie!“ So ſprechend, verließ er ſogleich den Saal. Mit Gelaſſenheit, doch auch mit Nachdruck, ruͤgte nun der Fremde des muthwilligen Schwaͤtzers Unrecht, und ganz ohne alles Zuͤrnen hoͤrte ihn dieſer. Es verdiene allerdings Tadel, meinte er laͤchelnd, Andere in der Dame ihres Herzens anzugreifen; auch kenne er Mathilden kaum, und ſey ſehr gern bereit, ſeinen gar nicht feindlich gemeinten Scherz zuruͤckzunehmen. So ward Alles friedlich beigelegt; und mit den freund⸗ lichen Worten: an der ſo eben gezeigten Maͤßigung erkenne er den Bruder Konrads, trat nun einer der aͤlteren Gaͤſte zu dem Fremden. Doch mit etwas finſterer Verwunderung blickte dieſer zu ihm auf, dann ſehr ernſtlich verſichernd, daß er dies gar nicht ſey; und habe ſein redlicher Freund ihn alſo genannt, ſo ſey dies wol nur, weil er ſich ihm bruderlich verwandt fuͤhle, in der Freude des Wiederſehens geſchehen. — Nach dieſer Erklaͤrung verließ er ſogleich den Saal; die ſchwuͤlſten Stunden des Tages waren voruber, und die Schwuͤle in ſeinem Innern konnte er hier nicht däͤmpfen. Ja, es duͤnkte ihn jetzt ſelbſt ein unerklaͤrliches Raͤthſel, welche ſeltſame Regung in ſeiner Bruſt ihn habe bewegen können, dem Rufe des zuvorkommenden Halbbekannten zu folgen. Indem er nun in den Schloßhof trat ward am Eingarg des Gan ſchwermuͤthiger St den Stamm einer jungen, ſchla der er vor Kur⸗ zem erſt unter frohlic gewinde heraufge atte. Der Scheidende rief ihm ein Lebewohl zu, und mit Dank fur ſeine wohl⸗ wollend gemeinte, wenn gleich von dem vollig Frem⸗ den etwas uͤberraſchende Erinnerung, naͤherte ſich jetzt Jener. „Nur leider,“ ſetzte er niedergeſchlagen hin⸗ zu, „kam euer Mahnungswort fuͤr mich zu ſpät. Die Flamme loderte ſchon in mir auf; ihr hieltet nur den Ausbruch zuruͤck. Ich habe ihr nicht aus eigener Kraſt gewehrt: und ſo bin ich durch das hei⸗ ligſte Verſprechen ſchuldig, mich ſelbſt anzuklagen bei Mathilden und ihrem Vater.“ — S Schweigend, das Auge finſter zu Boden ge⸗ ſenkt, ſtand der Fremde einen Augenblick da; dann ſprach er mit faſt bitterm Selbſtvorwurf: „Und wenn eure Wuͤnſche vereitelt, eure liebſten Traume zer⸗ ſtört ſind — nun, ſo muß auch noch dieſe Schuld 8 umen zarte Bluthen⸗ 198 zu der ſchweren fruͤheren auf meinem Leben laſten! Durch mich allein iſt dieſer tiefe Widerwille gegen Zorn und wilde Heſtigkeit in des edeln Otto's Bruſt geweckt, — denn ach! ihr ſeht mir ſeinen ungluck⸗ lichen, von quaͤlend Ctmnung umgetriebenen Sohn, der durch jahrel n „durch manche mit Ruhm und Ehre gekrön dennoch nicht im Stande war, die blutige Spur einer furchtbaren Stunde aus ſeinem Leben zu verlöſchen.“ — „O, wie beklag' ich euch!“ rief Siegfried theilnehmend; denn er war durch mancherlei Erzählungen ſchon ziemlich genau mit Kurds Schickſalen bekannt. „Spracht ihr denn vielleicht euren Vater ſchon? O gewiß, ihr werdet Troſt und Beruhigung finden im ſtillen Kreiſe der Euren!“ — „Ich wagte noch nicht, mich meinem Vater zu entdecken,“ erwiederte Kurd; „und ſelbſt von ihm ward ich nicht erkannt. Eben jene Stunde hat auch dieſe Todtenfarbe auf meine Wangen gehaucht, dieſe tiefen Furchen in meine Stirn gedruͤckt, vor denen jede Erinnerung an das Bild des einſt ſo lebensfrohen Juͤnglings zu⸗ ruͤckweicht. — Kennt ihr die Stimmung meines Vaters gegen mich? Einſt war eine Zeit, wo ich 199 ihm fern bleiben wollte fuͤr immer; und, o wie gern ruhte ich jetzt nur noch einmal an ſeinem treuen Herzen! Auch konnten vielleicht meine letzten Le⸗ bensjahre zu ſtillen Fuͤrſprechern fuͤr euch werden; denn wahrlich, ſeit jenem blutigen Zwiſt mit meinem liebſten Jugendfreunde hab' ich die Herrſchaft uͤber mich behauptet. Das furchtbar treffende Schwerdt in der Scheide, und ſich ſelbſt in den Schranken be⸗ ſonnener Mäͤßigung zu halten, das hatte — aber ach! zu ſpat — der ungluckliche Morder Hermanns gelernt!“ „Der Mörder Hermanns?“ rief Siegftied ſchnell. „O, armer Freund! laßt dieſen entſetzlichen Gedanken nicht einen Augenblick laͤnger euer Herz belaſten. Baut feſt darauf: Hermann lebt, er iſt vollkommen geneſen!“ „Er lebt? o ewige Vorſicht! Hermann lebt?“ rief Kurd in der höchſten Bewegung, und die Thräne, die uͤber ſein mäͤnnliches Geſicht rollte, verrieth mehr noch, als der Ton ſeiner Stimme, wie tief die himmliſche Kunde ihn erſchuͤtterte. Sein Auge hob ſich zum Himmel, und das Schweigen der naͤchſten Minute war ein heißer, inniger Dank dem Gnaͤdig⸗ waltenden uͤber den Sternen. U 200 „O nie, nie iſt ein Funke dieſer ſeligen Hoff⸗ nung in meine Bruſt gekommen!“ ſprach dann Kurd, ſich allmaͤhlich faſſend. „Es war uͤber mich beſtimmt, die Strafe des quälendſten Selbſtvorwurfs zu tragen. Ich hielt den unbezweifelt fur todt, deſſen Leben ich gern mit zehnfachem Sterben wieder erkauft hätte.— Jetzt, mein Freund, laßt mich zuruͤck zu meinem Vater eilen! Jett habe ich Muth, ihm Alles zu entdecken, und auch für euch ein warmes, herzliches Wort zu ſprechen. Bekommt ihr bis zum Abend keine andere Kunde, ſo folgt mir, ſo bald es ſeyn kann, zu meinem Vater, zu meiner, zu eurer Ma⸗ thilde! — Nach dieſen Worten rief er einem na⸗ henden Diener, ſchnell ſein Roß herbeizufuͤhren, und ſprengte, als es gebracht ſogleich mit vwbng⸗ tem Zuͤgel davon. — Und als nun am Abend auch Siegfried, aufge⸗ fordert durch des Freundes Rath und durch ſein eige⸗ nes Herz, Einkehr ſuchte unter dem trauten Dache, welches ſeine Mathilde beſchirmte, — o, da fand er dieſe Heimath des ſtillen Ernſtes, der leiſen, oft zu⸗ ruͤckgedrängten Wehmuth, zur Wohnung der ſelig⸗ ſten Heiterkeit umgewandelt. O kommt, mein Bru⸗ 201 der!“ rief ihm Kurd im reichen Gefühl uberwallen⸗ der Freude entgegen; „es iſt auch Raum fuͤr euch an meines Vaters Bruſt! Er wird auch euch ver⸗ zeihen! er wird auch euch lieben, wie ſeinen Sohn!“ Doch raſch mißbilligend regte ſich bei dieſen Worten Siegfrieds tiefes, leicht verletztes Ehrgefuhl, und er antwortete ſchnell und entſchieden: „Nein, nicht alſo, mein Freund! Laßt euren edeln Vater nicht abwei⸗ chen von ſeinem erſten Ausſpruch. Selbſt das hochſte Gut des Lebens, da ich es nicht verdiente, begehr' ich noch nicht aus ſeiner Hand. Nur das eine bitt' ich von ihm: er vergonne mir noch einmal die näm⸗ liche Zeit zur Pruͤfung; und habe ich ſie dann beſſer und ruͤhmlicher beſtanden, — nun dann lege er, wenn er mich deſſen werth achtet, Mathildens Hand in die meine.“ In dies Verlangen willigte Otto ſogleich mit zufriedenem Blick, dem Juͤngling die kraftige Rechte zum Einſchlag entgegen haltend. So trat denn der Kaͤmpfer von Neuem in die Bahn, und jetzt zwiefach auf ſeiner Hut, trug er nach drei Monden glucklich den ſehnlich gewuͤnſchten Lohn davon. Mathilde ward die Seine; und da er nun einmal die Möglich⸗ 202 keit kennen gelernt hatte, gelaſſener zu ſeyn, ſo ließ er ſich's auch ferner nicht verdrießen, mit ſtrengem Achten auf ſich ſelbſt den neubetretenen Weg zu ver⸗ folgen. Und in des Abends friedlicher Stille, von liebenden Kindern umgeben, lebte nun der wackere Otto in verjungter Kraft und Freudigkeit wieder auf⸗ „Haͤtte ich's doch nicht geglaubt,“ ſo ſprach die⸗ ſer jetzt mehr als einmal mit freudiger Ruͤhrung, „haͤtte ich's doch wahrlich Keinem geglaubt, in den vielen truͤben Tagen meines Lebens, daß mir noch ſo heitere, harmloſe Stunden auf dieſer Erde wieder beſtimmt ſeyn koͤnnten! Schien es mir doch damals, als ſey der troſtloſe Schmerz unvergaͤnglich, als drohe uͤberall nur Nacht und Mißgeſchick, und werde nim⸗ mer ein beſſerer Augenblick fuͤr mich wiederkommen. — Wahrlich, ich erkenn' es jetzt, ich war oft zu troſt⸗ und muthlos, wenn's finſter war auf meinem Wege!“ — Ob der edle Pilger, beim Ueberſchauen der zu⸗ ruckgelegten Bahn, ſich hier zu ſtrenge beurtheilte, mag wol unentſchieden bleiben. Faſt ſchien es in⸗ deſſen, als glaube der Himmel ſelbſt ihm Erſatz ſchul⸗ dig zu ſeyn fur manche herbe Stunde der Vergangen⸗ 203 heit; denn von nun an bis zum ſpaͤten Ende ſeiner Tage war ſein Leben heiter und unbewoͤlkt. — Auch von Kurds bisher ſo duͤſterem Pfade wichen jetzt die Nebel des Truͤbſinns zuruck, und er ward lichter und lichter, als eine lieblich bluhende Jungfrau, Anna's juͤngere Schweſter, nach einigen Jahren den ihren mit ihm vereinte. Hermann, der lͤngſt verſoͤhnte, gab mit Herzlichkeit dem Gefaͤhrten ſeiner fruheren Jugend den Brudernamen; und der Freund, wel⸗ chen Kurd im Sturm der Leidenſchaft ſich beinahe ge⸗ raubt haͤtte, blieb der treueſte und bewährteſte ſeines ganzen Lebens. — ₰ 8 S Die S Wer im freundlichen Sachſenlande bekannt iſt, der erinnert ſich wol auch noch der reichlichen Anzahl von Kram⸗ und Obſthaͤndlerinnen aller Art, welche dort, in allen Staͤdten groß und klein, beſonders aber im volkreichen Dresden, an jeder Straßenecke und vor jedem Thor ihr Weſen treiben. Schon um ein Jahrhundert fruͤher hatten ſie, wie jetzt, in jenen Gegenden der Stadt ihr Reich; und eine von ihnen war bei ihrem ſonſt kargen Lohn verheißenden Ge⸗ werbe ſo wohlhabend geworden, daß Manche unter dem Volke ſich leiſe murmelnd und mit bedenklichem Kopfſchutteln in's Ohr fluͤſterten: es moge wol gar mit dem beneideten Wohlſtand eine unheimliche Be⸗ wandtniß haben. Ja, dieſe Sage warb ſo allgemein, und fand, beſonders unter den Frauen der untern Staͤnde ſo gläubige Seelen, daß ſie ſogar Bedenken 208 trugen, von der ſonſt fuͤr vorzuͤglich gehaltenen Waare der Verdäͤchtigen zu kaufen; ein Verluſt, uͤber wel⸗ chen ſich dieſe jedoch ſehr leicht tröſtete, da ihre rein⸗ lichen, wohlaufgeputzten Obſtkoͤrbe jede zierliche Kam⸗ merjungfer, jeden betreſſ'ten Lakaien zu ſich heranzo⸗ gen, und da, zum Gluͤck fur ſie, doch die Zeit ſchon laͤngſt nicht mehr war, wo ein Argwohn, wie der, welchen man auf ſie geworfen hatte, ihr mit bedenklichen oder gar lebensgefährlichen Folgen hätte drohen koͤnnen. — Eines Tages trat ein junger, wohlgekleideter Handwerksmann, das feindliche Gerede uͤber ſie we⸗ nig achtend, an ihren Obſttiſch, angelockt von den ſchoͤnen goldgelben Pflaumen, welche dort zu hohen Haufen aufgethuͤrmt ſo ſtattlich glaͤnzten, als wollten ſie es den ſchimmernden Herrlichkeiten eines nahen Goldarbeiterladens gleich thun. „Ach, wenn doch nur eine einzige dieſer Pflaumen zu Gold werden wollte!“ rief der Wanderer ſehnſuchtsvoll aus, indeß die Verkaͤuferinn ihm ſeinen Antheil zuwog; allein keine der goldfarbenen Kugeln machte Anſtalt, um ſeinetwillen ſich in eine goldene zu verwandeln; und ſchnell den gemachten Einkauf bezahlend, wanderte 209 er mit zerſtreutem Abſchiedswort ſeines Weges weiter. Nicht Armuth, ſondern Verlangen reich zu ſeyn, und fuͤr vornehmer gehalten zu werden, als er war, hatte den Wunſch des jungen Mannes veran⸗ laßt. Dies Verlangen regte ſich oft weit ſtarker und lebhafter in ſeiner Seele, als ihm frommen konntez und Niemand ward ſo ſehr dadurch bekuͤmmert, als ſeine alte treue Mutter, welche darin eine ſtrafbare ueberſchaͤtzung der irdiſchen Guͤter, und mehr noch eine gefährlich lockende Verſuchung fůͤr ihren Sohn ſah. Fruͤh ohne Stutze zuruckgeblieben, hätte ſie ſelbſt ſehr leicht den Werth jener Guͤter zu hoch anſchlagen koͤnnen, deren Mangel oft empfindlich genug von ihr gefuͤhlt war; allein deßungeachtet that ſie dies nicht, und ihre Sehnſucht beſchraͤnkte ſich immer nur dar⸗ auf, daß ihr fur's ſpatere Alter ein maͤßiges, von peinlicher Sorge freies Auskommen beſchieden ſeyn moͤchte. Dieſer beſcheidene Wunſch ward nun auch einigermaßen erfullt; denn es gelang ihr, mit Huͤlfe ihrer jetzt herangewachſenen Tochter, welche, wie ſie, ſtillen und genuͤgſamen Sinnes war, ſo viel zu er⸗ werben, als Beide eben nothwendig brauchten. Der Sohn — Franz war ſein Name — brachte wol auch 14 zuweilen ein kleines Geſchenk mit nach Hauſe, mei⸗ ſtens etwas zum Anzug für ſeine Schweſter, die er gern gut gekleidet ſah: allein an eigentliche Unter⸗ ſtutzung von ihm war doch nicht zu denken, denn was er verdiente, reichte oft kaum zu ſeinen eigenen Aus⸗ gaben hin; und dieſe ſtiegen natürlich immer höher, je mehr er ſtrebte, es Reicheren, als er war, gleich zu thun, und wenigſtens dem aͤußeren Anſchein nach ganz mit ihnen auf einer Stufe zu ſtehen. Uumſonſt erſchoͤpfte die gutmeinende Mutter ihre ganze Beredtſamkeit, ihm die Klippe zu zeigen, an der einſt ſein Fahrzeug zu ſtranden drohe, und die ſie in der ſchlichten Einfalt ihres Sinnes deutlich ge⸗ nug erkannte. Er blieb taub fuͤr ihre Warnungen; und beſonders jetzt, da er ſeit einiger Zeit ein heim⸗ lich Auge auf die ſchone Tochter des Hofgärtners in der Vorſtadt geworfen hatte, war ſein Ohr ihnen völ⸗ lig verſchloſſen; denn gar zu noͤthig ſchien es ihm, im Hauſe der Geliebten, wo er bei dem Vater ganz wohl gelitten war, mit aller aͤußern Zierlichkeit eines jungen Mannes aus hoͤherem Stande zu erſcheinen; und gar zu reizend, wol gar einmal die ſchoͤne Jungſrau durch einen von ihr gewuͤnſchten, und von 211 den ſparſamen Eltern vergebens erbetenen kleinen Putz zu erfreuen. — Der vorhin von ihm ausgeſprochene Wunſch ward auf's Neue wieder recht lebhaft in ſeiner Seele, als ſein Weg ihn an einem laͤndlichen Wirthshauſe voruberfuhrte, gewoͤhnlich R* xs Garten genannt, wo⸗ hin, nach ſachſiſcher Sitte, die ſchöne Luiſe zuweilen an Sonntag Nachmittagen mit ihren Eltern zu wan⸗ deln pflegte. Manchen ſehnſuchtsvollen Blick warf Franz im Vorbeigehen auf den großen, im herrlich⸗ ſten Gruͤn hoher Kaſtanien und Linden prangenden Garten, wo er — der freilich auch in der Abſicht hingegangen war — ſchon oft ſie und die Ihrigen getroffen hatte; und immer großer ward ſein Verlan⸗ gen, ſie auch am folgenden Tage, gerade einem Sonntag, dort aufzuſuchen. Dies hätte nun freilich geſchehen können; allein in ſeinen Augen bedurfte es dazu nothwendig einiger Verbeſſerungen ſeines, nach dem ſtrengen Geſetz der Mode nicht ganz tadelfreien Anzuges, und gegen dieſe legte ſeine Boͤrſe ihm Schwierigkeiten in den Weg. Mißmuͤthig eilte er an der Hecke von ſpaͤt bluͤhendem Geißblatt voruͤber auf das nachſte Dorf, wo er Beſtellungen zu machen 14* 5. hatte, und nahm einen andern Weg zuruͤck, der vorn am Hauſe vorberfuͤhrte, um nur nicht zum zweiten⸗ mal in den lockenden Garten zu ſehen. Allein es ſchien ihm beſtimmt, heute den Verdruß des Entbeh⸗ rens recht lebhaft zu fuhlen; denn nun ſtand die fleißige Wirthötochter an der Thuͤr, emſig beſchäftigt, einen großen nußbaumenen Tiſch ſpiegelblank zu rei⸗ ben, und auf ſeinen Gruß rief ſie ihm freundlich ein⸗ ladend die Frage zu: ob er morgen nicht auch zu ih⸗ ren Gaͤſten gehore? daß ihm das Zuruͤckbleiben im⸗ mer ſchwerer und ſchwerer ſchien. Er berechnete von Neuem die ihn nothwendig duͤnkenden Ausgaben und den Betrag ſeiner Kaſſe; doch je öfter er dieſe zu Rathe zog, deſto unerbittlicher lehnte ſie ſich gegen ſeine Wunſche auf. Noch vergeblich uͤberlegend, wie er einen Ausweg finde, ſtand er einen Augenblick ſtill, und ſpielte dabei maſchinenmäßig mit einer der goldenen Pflaumen, die er bei der Obſthändlerinn ge⸗ kauft hatte. Siehe! da leuchtete ihin plotzlich, wie ein Blitzſtrahl, die Sage von den geheimen Zauber⸗ künſten der Verkäuferinn in die Seele. Es moge doch wol der Muͤhe werth ſeyn, meinte er, zu unter⸗ ſuchen, was denn eigentlich an der Sache ſey, und ob die Alte ſich wol ſollte geneigt finden laſſen, fur ihn ein Pröbchen ihrer Geſchicklichkeit zu zeigen. Und ſich immer lebhafter mit dieſem Gedanken beſchäfti⸗ gend, wanderte er nun raſchen Schrittes dem Stadt⸗ thore zu. bin Lange ſchon ehe er es erreichte, hatte er den Entſchluß gefaßt, noch am naͤmlichen Abend die naͤ⸗ here Bekanntſchaft der Obſthandlerinn zu ſuchen, ob er gleich zweifelte, daß ſie ihn ſchnell genug zum Ziele führen werde, um ſchon fuͤr den folgenden Tag ſeiner Verlegenheit ein Ende zu machen. Allein das Gluͤck war ihm guͤnſtiger, als er hofſte; denn kaum hatte er angefangen, die erſten freundlichen Worte mit der Alten zu wechſeln, als ſie ihn ſcherzend fragte: ob ihn denn noch ſo ſehr darnach verlange, daß ihre Pflaumen ſich fuͤr ihn in goldene verwandeln moch⸗ ten? — Das verhehlte er nun gar nicht; und mit ſchlauem Laͤcheln erwiederte jene: „Ja, wenn ihr de⸗ ren viele begehrt, dann iſt mir's leid, euch nicht die⸗ nen zu können. Vor einigen Stunden wuͤnſchtet ihr nur eine, und die waͤre euch allenfalls zu verſchaf⸗ fen geweſen; allein ich ſehe wol, eure Wuͤnſche wach⸗ ſen rieſenſchnell; und, wie geſagt, mit mehreren weiß 214 ich euch nicht zu helfen.“ — „Ihr ſcherzt nur,“ antwortete Franz im freundlichſten Tonz „ könntet ihr mir doch eben ſo leicht viel ſchenken, als wenig. In⸗ deſſen, laßt es denn immerhin fuͤr heute auch nur wenig ſeyn; ich treffe wol einmal eine gnſtigere Stunde bei euch, und will mich bis dahin ja gern mit den kleineren Zeichen eurer Freundſchaft begnů⸗ gen.“ — „Nun, da habt ihr das Zeichen!“ ſprach die Alte, in ſich uͤber die hoflichen Redensarten la⸗ chend, und reichte ihm, beguͤnſtigt von der Damme⸗ rung, die ſchon beinahe Nacht geworden war, ſchnell und heimlich die gewuͤnſchte Gabe hin. „Nur eines,“ ſetzte ſie hinzu, „empfehl' ich euch ernſtlich: wollt ihr nicht, daß mich meine Gutwilligkeit gereuen ſoll, ſo laßt nicht bekannt werden, von wem euch das Ge⸗ ſchenk gekommen iſt. Es könnte mir, und auch euch ſelbſt, ſehr zum Verdruß gereichen, wenn man es erfuhre.“ Freudigen Herzens verſprach Franz Verſchwie⸗ genheit, wechſelte dann ſeinen Schatz im Laden des nahe wohnenden Goldarbeiters, und erhielt nicht we⸗ niger als ſechs glanzende Goldſtücke ſtatt eines einzi⸗ gen wieder. Schnell und fröhlich nahm er nun Ab⸗ ſchied, und konnte ſich's nicht verſagen, für ein Sand⸗ körnlein ſeines Reichthums ſogleich noch einige Klei⸗ nigkeiten zu kaufen, durch welche er am folgenden Tage den Augen ſeiner Schoͤnen ſtattlicher und wohl⸗ gefälliger zu erſcheinen hoffte, im Fall das Gluͤck ihm vergonnen ſollte, ihr zu begegnen. In dem ſtillen Stuͤbchen ſeiner alten Mutter war indeſſen ſchon lange Licht geweſen, denn ſie hat⸗ te emſig gearbeitet, um mit dem Schluß der Woche das letzte Strumpfpaar fuͤr eine vornehme Nachba⸗ rinn zu vollenden, und war eben erſt mit ihrer Auf⸗ gabe fertig. Zierlich aufgerollt lagen die ſchneeweißen Kinder ihrer Hände um ſie her, und unmoglich hätte der ſelbſtgefaͤlligſte Autor mit großerem Behagen ſeine liebſten Geiſteserzeugniſſe betrachten können, als die eindliche Alte dieſe, wie ſie meinte, ihr ſo wohlge⸗ lungenen Werke. Langſam und ſorgfältig räumte ſie dieſelben in ein leichtes, reinliches Körbchen, in wel⸗ chem die Tochter ſie morgen in aller Fruhe abliefern ſolite; und als nun auch das geſchehen war, und ſie, ſorgfältig vor den Fliegen mit dunkelm Tuche bedeckt, 216 am Fenſter ſtanden: da begann ſie recht verlangend nach des Sohnes Heimkehr auszuſehen, denn ihre Augen waren mude von der ſpaͤten Arbeit, und ſehn⸗ ten ſich nach Ruhe. Mit freundlicher Aufmerkſamkeit eilte Marie — ſo hieß die Tochter — den Abendtiſch zu beſorgen, damit nichts mehr aufhalten moge, wenn der Bru⸗ der komme; und noch war ſie mit dem leichtvollbrach⸗ ten Geſchaͤfte nicht ganz zu Stande, als der Erwar⸗ tete eintrat. Allein das Abendbrot blieb noch lange unberuͤhrt, und das muͤde Auge der Mutter ward wieder wach, und ach! ſogar ſchlaflos ob der ſeltſa⸗ men, geheimnißvollen Kunde, die er mitbrachte. Nicht wenig hatte er ſich in der Erwartung getaͤuſcht, auch von den Seinigen als ein Bote der Freude mit ſeinem Reichthum aufgenommen zu werden. Einen Augenblick, nachdem er ſeine Erzaͤhlung geendigt hatte, ſchwieg die alte Mutter vollig; dann blickte ſie traurig zu ihm auf, und rief mit aͤngſtlicher Stimme: „Aber um Gotteswillen, Franz! ſag' mir nur, wie iſt es dir möglich geweſen, das Gold anzu⸗ nehmen? Ach! ſo oft, ſo oft ſchon haſt du meine redliche Warnung verſchmäht; hor' nur heute dies 217 einzigemal auf meinen Rath, und gieb das Gold noch jetzt wieder zuruͤck! Glaub' mir, ſtatt dich zum Gluͤck zu fuͤhren, wie du jetzt meinſt, wird es dir nichts als Unheil und Unſegen bringen; denn es iſt nicht auf rechtlichem Wege erworben, und ſo kann auch fuͤr Niemanden etwas Gutes daraus entſtehen.“ — „Seyd doch nur nicht ſo aͤngſtlich, Mutter!“ antwortete Franz. „Es iſt ja unmoͤglich, daß ich es zuruͤckgebe. Ich habe es gleich verwechſelt, gleich da⸗ von ausgegeben, und das ſchone Kleinod iſt vielleicht ſchon eingeſchmolzen. Was wird mir denn auch wi⸗ derfahren, wenn ich es behalte? Die Alte hat ja nichts Boͤſes dafuͤr von mir verlangt.“ — „Sie hat nichts Boͤſes dafuͤr verlangt?“ erwiederte die Mutter; „nun ſo wird ſie dich dadurch zum Boͤſen verleiten. Franz! Franz! ich bitte dich mit Thranen, gieb ihr das Gold zuruͤck! gleichviel, ob eingewechſelt, oder ſo wie du es erhielteſt. Sieh, ich habe im letz⸗ ten Jahr einen einzigen Randdukaten erſpart; er ſollte der Anfang zu einer kleinen Ausſteuer für deine Schweſter werden, und ich dachte ihn in einer froͤh⸗ lichern Stunde anzuwenden. Doch jetzt ſoll er dein ſeynz erſete dafuͤr, was du ausgegeben haſt, und 218 brauche das Uebrige ganz wie du willſt; nur laß dies Gold nicht läͤnger in meinem Hauſe bleiben. Es ngſtigt mich mehr, als ich dir ſagen kann!“ — „Wie könnt ihr mir nur zutrauen, daß ich euch euer kleines Erſparniß entziehen werde?“ antwortete der Juͤngling, halb unmuthig, halb geruͤhrt. „Und wie mogt ihr mir gleich wieder meine Freude ſo verder⸗ ben? Ich hatte mir auch ſchon fuͤr euch und Ma⸗ rien ein kleines Geſchenk ausgedacht, das euch gewiß lieb geweſen waͤre. Liebe Mutter, laßt mich nur dies einzigemal noch meinen Weg gehen, und be⸗ ruhigt euch bis an's Ende der Sache. Ihr werdet ſehen, es widerfäͤhrt mir nicht das geringſte Uebel dadurch; im Gegentheil, es wird mir noch Ehre und Gluͤck aus meiner Verbindung mit der Alten erwach⸗ ſen.“ — „Gluͤck — was wirklich Gluͤck iſt — ge⸗ wiß nicht!“ erwiederte die Mutter mit der Entſchie⸗ denheit der feſten Ueberzeugung; „und widerfuhre dir auch wirklich kein Leid dadurch, ſo bleibt es doch unrecht, daß du das Gold annimmſt, da du wohl wiſ⸗ ſen kannſt, daß es auf ſehr bedenklichen Wegen er⸗ worben ſeyn mag. Doch, ich ſehe wol, es geht heute wie immer; du willſt mir nicht folgen. Dir iſt zu — 8 219 fruͤh der Vater geſtorben, der mit ſtrengem Ernſt be⸗ fahl: ſo will ich's, und ſo ſollſt du! Daruber haſt du nur auf dich ſelbſt und deine eigenen Einfälle hö⸗ ren gelernt; und Gott gebe, daß es kein unglucklich Ende mit dir nimmt! — Darauf aber kannſt du ſicher rechnen: wenn all' mein Bitten nichts uͤber dich vermag, ſo wird doch nimmermehr, weder von mir noch Marien irgend eine Gabe angenommen werden, die von jenem Golde bezahlt iſt. Ich habe ſechzig Jahre arm, aber fromm und redlich in der Welt gelebt; und wenn man auf dieſe Weiſe bis da⸗ hin gekommen iſt, ſo faͤngt man nicht erſt an, ſein Glůͤck auf dem Wege zu ſuchen, welchen du jetzt betreten willſt.“ Mit dieſen Worten ging ſie, das Abendbrot verſchmaͤhend, ſehr traurigen Herzens aus dem Zim⸗ mer; und unmuthig eilte nun auch Franz, es ſobald als moglich zu verlaſſen, des feſten Vorſatzes, am folgenden Morgen, ehe noch irgend jemand von den Seinigen ſichtbar werde, wieder zum Hauſe hinaus zu ſeyn. — Ehe er jedoch am naͤchſten Tage dieſen beque⸗ men Ausweg ergriff, fuhrte er, um ſein eigenes, bei 7 dem Gedanken an den Kummer der Mutter dennoch unruhig ſchlagendes Herz, in Schlummer zu wiegen, noch einen, wie er meinte, ſehr gluͤcklichen Einfall aus, alle Beſorgniſſe der Seinigen wenigſtens fuͤr den Augenblick zu verbannen. Er ſchrieb nämlich auf ein Blättchen Papier folgende, dem Buchſtaben nach, wahre Worte, welche er dann, leicht zu finden, auf Mariens kleinen Arbeitstiſch legte: „Beruhigt euch, liebe Mutter, und verlaßt euch darauf, daß ich noch heute das verhaßte Gold wieder aus eurem Hauſe bringe. Wundert euch auch nicht, daß ich ſchon ſo fruh wieder ausgehe; ich habe noch eine nothwendige Arbeit zu endigen, und möchte gern den Nachmittag fuͤr mich freibehalten. Lebt wohl indeß, und ſeyd meinetwegen ganz ohne Sorge. Jetzt, glaubte er, ſey allem Ungluͤck abgeholfen; und nun auch ſelbſt jeden verdrießlichen Gedanken entfernend, ergriff er ein ſorgfaltig eingewickeltes Pa⸗ ket, welches ihn am vorigen Abend noch zwei ſeiner Goldſtuͤcke gekoſtet hatte, und eilte dann das Haus zu verlaſſen, ehe unwillkommene Fragen naͤheren Aufſchluß uͤber ſein Brieflein von ihm begehren mochten. — B i 224 Allein wie ſehr oft die Vorſtellung täuſcht, daß in jedem Fall ein ſchlichtes, einfältiges Gemuͤth ſo leicht zu hintergehen ſey, das zeigte ſich auch hier wieder recht deutlich. „Er meint es anders, als er ſchreibt! ſo ſprach eine leiſe, doch untrugliche Stimme im Herzen der guten alten Mutter. Waͤre es ihm wirklich Ernſt, dir die Freude zu machen, die er ver⸗ ſpricht, ſo wurde er auch eine kurze Zeit gewartet ha⸗ ben, um dir es zu ſagen. Leicht wäre der Ent⸗ ſchluß ihm wahrlich nicht geworden, und er hätte dann auch in deinem Dank, deiner Zufriedenheit den Lohn dafuͤr ernten wollen. Jetzt aber vermeidet er dein Auge, weil etwas Unwahres in ſeinen Worten verſteckt liegt; und er fuͤgt zu dem erſten Unrecht, dir weh zu thun, auch noch das zweite, dich zu hinter⸗ gehen.“ — WMit traurigem Kopfſchutteln und den leiſen Worten: „Behuͤt' ihn Gott!“ legte ſie das Zettelchen wieder auf den Tiſch, und holte nun lang⸗ ſam ihren Sonntagsanzug herbei, um das Naͤmliche noch einmal, und noch inniger fuͤr den Sohn bittend, in der Kirche zu wiederholen. n Marie hatte indeſſen ſeitwaͤrts am Fenſter ge⸗ ſtanden, das bleiche, kummervolle Geſicht der Mutter 222 mit Wehmuth betrachtend. Helle Thraͤnen begannen dabei uber ihre heute auch blaſſen Wangen zu rollen; und ſie wandte ſich leiſe, um ſie von der Mutter unbemerkt zu trocknen. Doch indem ſie ſich ſo ab⸗ wandte, traf plotzlich auf ihr weinendes Auge das freundlich mitleidige eines ernſten Mannes, welches durch die verſchobene Fenſtergardine ſcharf zu ihr her⸗ eindrang. Betroffen ſchlug ſie den Blick zu Boden, unb hatte ſich noch nicht ganz von ihrer Verwirrung erholt, als ſie von einer ſtarken maͤnnlichen Stimme auf der Hausflur ein deutliches: Guten Morgen! ver⸗ nahm. Noch zogerte ſie, zu gehen, doch der Mutter Geheiß mahnte ſie, nachzuſehen, wer da ſey; und kaum hatte ſie zur Thuͤr hinausgeblickt, da begegnete ihr zum zweitenmal jenes ernſte, und doch ſo freund⸗ lich mitleidige Auge. Der Fremde war ein vornehmer Englaͤnder, der, kunſt⸗ und reiſenliebender als damals noch die mei⸗ ſten ſeiner Landsleute, auch nach Dresden gekommen war, Mariens Stuͤbchen gegenuͤber wohnte, ſchon mehr als einmal mit freundlicher Theilnahme auf das huͤbſche, fleißige Madchen, wenn es am Fenſter arheitete, hinuͤbergeſchaut hatte, und es nun, dicht 223 am Hauſe voruͤbergehend, mit noch großerer Theil⸗ nahme weinend erblickte. Lebhaft erwachte der Wunſch im Herzen des etwas ſeltſamen, doch biedern und hochſt gutmuͤthigen Mannes, wenn ſie Kummer habe, ihr wo moͤglich zu helfen; und indem er noch einen ſchicklichen Vorwand ſuchte, in ihre Wohnung zu treten, boten ihm die feinen, geſtickten Halstuͤcher, die er in ihrem kleinen Putzladen oft hatte aushan⸗ gen ſehn, den willkommenſten Anlaß dazu dar. Er ließ ſich mehrere derſelben zeigen, beſtellte auch einiges, erbot ſich, voraus zu bezahlen, und be⸗ obachtete dabei ſcharf Mariens Geſicht, ob es ſich durch den kleinen Gewinn vielleicht aufheitere. Al⸗ lein es blieb ernſt und truͤbe, wie vorher; augenblick⸗ licher Mangel ſchien es alſo nicht, was ſie bekuͤm⸗ merte. Er ſann hin und her, wie er am Beſten et⸗ was Naͤheres uͤber ihre Lage erfahren moͤchte, und ſtand noch immer zogernd, und ſcheinbar dies und je⸗ nes beſehend ihr gegenuber. Indeſſen ſchien der Mutter der Handel lange zu dauern, und ſo gern ſie in dieſem Augenblick zu⸗ ruͤckgeblieben waͤre, trat ſie doch, ungewiß, was von dem Fremden zu halten ſey, mit in den Laden 224 Kaum aber hatte der Käufer ihr tiefbetrubtes Geſicht recht in's Auge gefaßt, als es ihm unmoglich war, länger mit ſeinem guten Willen zuruͤckzuhalten. Er trat naͤher zu ihr, und fragte, ihr treuherzig die Hand reichend, in zwar etwas gebrochenem, doch ganz ver⸗ ſtaͤndlichen Deutſch: ob ihr oder ihrer Tochter viel⸗ leicht ein Ungluͤck widerfahren ſey, da er ſo große Bekuͤmmerniß in ihren Geſichtern leſe? — Ein lei⸗ ſes: „Ach, Herr!“ und eine muͤhſam zuruͤckgedraͤngte Thräne war die ganze Antwort der Gefragten. Dieſe aber genuͤgte ihm nicht; und er bot nun ſo gutherzig jede Huͤlfe an, die er irgend zu geben im Stande ſey, verſprach ſo heilig die ſtrengſte Verſchwiegenheit, wenn man ihm vertraue, daß die arme Mutter, un⸗ fähig, ihr Leid läͤnger zu verhehlen, ihm endlich ihre Sorge wegen des Sohnes geſtand. Mit Theilnahme und, wie es ſchien, mit Ueberraſchung horte er ihr zu; doch als ihre Erzählung geendigt war, erwiederte er gelaſſen: „Wenn das euer Herzeleid iſt, gute Frau, ſo hoffe ich, daß ihr euch fuͤr diesmal umſonſt gehaͤrmt habt. Ich kann mir doch gar manchen Um⸗ ſtand denken, durch den jenes ſeltſame Geſchenk, von welchem ihr ſprecht, auf ganz ehrlichen Wegen, und 33 * S . 2 ½ gewiß nicht durch Zauberkuͤnſte, in die Haͤnde der Geberinn gekommen ſeyn konnte; ja, ich habe ſogar Vermuthungen daruͤber, die ihr auch erfahren ſollt, ſobald ſie mir nur erſt zur Gewißheit geworden ſind. Ueberhaupt ſcheint mir's, die ganze Sache könne, auch in dem Sinn, wie ihr es meint, vielleicht eu⸗ rem Sohn eher Nutzen als Schaden bringen. Ich will verſuchen, was ſich dabei thun laͤßt. — Iſt er denn heute am Nachmittag zu Hauſe?“ Die Frage ward mit Nein beantwortet. Er werde nicht zuruͤckkommen, da er den Sonntag Nachmittag gewöhnlich in R**s Garten zubringe. „So?2“ er⸗ wiederte der Fremde mit nachdenklicher Miene; „nun denn! ich will noch uͤberlegen, was in eurer Angelegen⸗ heit geſchehen kann. Erwartet jetzt nur ganz ruhig des Sohnes Heimkehr, und fur das Uebrige laßt mich ſor⸗ gen. In kurzer Zeit werdet ihr wieder von mir hoͤren.“ So ſprechend verließ er den Laden, ohne ſich naͤher erklaͤren zu wollen; und, zwar im Vertrauen auf ihn, um vieles ruhiger, aber doch in völliger Un⸗ gewißheit uͤber das, was ſie eigentlich von ihm hoffen duͤrfe, blieb die Mutter mit der Tochter zuruͤck. 226 Franz hatte indeſſen zuerſt ſeinen Weg zu der Werkſtatt genommen, wo er arbeitete, weil er wirk⸗ lich dort noch eine Kleinigkeit zu vollenden hatte. Sobald dies geſchehen war, eilte er, die geſtern er⸗ handelten Verbeſſerungen an ſeinem Anzuge geltend zu machen, ſchob dann in die geräͤumige Rocktaſche das ſchon vorhin erwähnte Paket, welches nichts an⸗ ders enthielt, als ein weiß ſeidenes, ganz gut ausge⸗ waͤhltes Tuch von der neumodigſten Art, zum Ge⸗ ſchenk fuͤr die ſchoͤne Luiſe beſtimmt, und wanderte nun mit dem Schlage zehn Uhr in die Vorſtadt zu ihrem Vater, den fleißigen Blumenpfleger, dem er gern und unbeneidet alle Schätze ſeines Gartens ge⸗ laſſen haͤtte, waͤr' es ihm nur möglich geweſen, das einzige Röslein von ihm zu gewinnen, auf das nun einmal ſein Sinn und Streben gerichtet war. Doch ſchien es damit noch im weitem Felde; und Alles, worauf er bis jetzt einige Hoffnungen gruͤndete, war noch ſehr ſchwankend und ungewiß. — Eigentlich ging er heute in der Abſicht hin, den, nach welchem er fragte, nicht zu finden: denn er muſte wohl, daß der wackere, verſtndige Anton, dem die Wochentage nicht Zeit zu anderer Beſchäftigung, 227 als der ſeiner fleißigen Haͤnde, ließen, dann niemals verſäumte, wenigſtens am Sonntag Morgen eine gute Predigt zu hören. In dieſer Stunde nun hoffte er am ſicherſten die Tochter allein zu treffen, und dachte ihr dann mit beſcheidener Dreiſtigkeit die noch ſeltene Gabe zu bieten, die er fur ſie bei ſich trug. Es ging nach ſeinem Wunſch; beide Eltern waren in der Kirche, und hoͤflich lud ihn Luiſe ein, des Vaters Ruͤckkehr zu erwarten, und ſich indeſſen im Garten umzuſehen. Allein Franz ſehnte ſich, den guͤnſtigen Augenblick zu benutzen, und zog deshalb ſchnell, doch ſchuͤchtern, ſein Geſchenk hervor, es ihr mit einigen entſchuldigenden Worten uͤberreichend, und mit einer in ihrer Art recht gewandten Hindeutung auf die Freude, welche ſie ihm machen wurde, wenn ſie ihm einſt ein Recht geben wolle, ſie, ſo gut er es vermoge, zuweilen mit kleinen Gaben zu erfreuen. Schweigend und verlegen ſenkte Luiſe den Blick; doch Franz, welcher dies Schweigen guͤnſtig fur ſich deutete, oͤffnete ſchnell das Paket, und hielt ihr mit innerer Zufriedenheit das zierlich auseinandergefaltete Tuch hin. Allein kaum fiel ihr Auge auf das, fur ein Mädchen ihres Standes theure und recht eigent⸗ 228 „ lich glaͤnzende Geſchenk, ſo verfinſterte es ſich ſichtbarz und mit einem trockenen: „Ich darf von Niemanden Geſchenke nehmen!“ wollte ſie das Zimmer ver⸗ laſſen. „O ſeyd doch nicht ſo ſtreng!“ rief Franz, in⸗ dem er ihr bittend nacheilte. „Mißfuͤllt euch denn meine kleine Gabe ſo ſehr? Ehe ihr ſie ſaht, habt ihr ſie ja doch nicht ſo ganz unbedingt verſchmaht.“ „Eure kleine Gabe?“ antwortete das Mäd⸗ chen Ahn „Ware ſie das wirklich, ſo haͤtte ſie mich vielleicht erfreuen können. Doch dies theure Geſchenk ſagt mir nur zu deutlich, daß ich mich bis⸗ her in euch irrte; und ſolcher Irtthum iſt niemals erfreulich. — Ihr habt,“ fuhr ſie fort, „eine alte, wackere Mutter, die ſich von der Arbeit ihrer Hände ernaͤhrt; eine Schweſter, die jung iſt, wie ich, aber im einförmigen Leben des taglichen Erwerbens wenig Jugendfreuden kennt: wie mogt ihr es nur uͤber euch gewinnen, einer Fremden ſo theure Geſchenke anzu⸗ bieten, da ihr doch, was euch entbehrlich iſt, fur die Eurigen verwenden ſolltet? — Ihr habt mich ſehr falſch beurtheilt, wenn ihr glaubtet, auf ſolche Weiſe meinen Beifall zu gewinnen; ja, ich muß es euch, auf⸗ 229 richtig geſtehen, daß ihr noch vor einer Stunde mir um gar vieles beſſer gefielet, als eben in dieſem Au⸗ genblick.“ Mit dieſen Worten war ſie aus dem Zimmer, ohne daß es Franzen gelang, ſie zum zweitenmal aufzuhalten, und er ſah ſich gezwungen, ſein Geſchenk zuruͤckzunehmen, aus Furcht, auch noch das Miffal⸗ len der Eltern auf ſich zu ziehen, wenn dieſe etwas davon erfuͤhren. Luiſen ſagen, daß ſeine Mutter eben jetzt alle Unterſtuͤtzung von ihm verſchmaͤhe — das konnte er nicht, und noch weniger den Grund davon, weil ihm Beides in ihren Augen wenig Ehre gebracht haben wuͤrde; ſo blieb ihm alſo nichts an⸗ ders uͤbrig, als ſie mit der Bitte wieder außzuſuchen, daß ſie ihm nur noch jetzt nicht ihr ganzes Wohl⸗ wollen entziehen, nur noch nicht ſogleich ganz be⸗ ſtimmt über ſeine Handlungen entſcheiden möge. „Seyd ihr mir doch ein Fremder!“ antwortete das Mädchen, wie es ſchien, ſich beſinnend; „mit welchem Rechte konnte ich denn uͤber eure Handlun⸗ gen richten? Ihr muͤßt nur nicht verlangen, daß ich Geſchenke annehme, die mir zu nehmen unangenehm ſeyn wuͤden. — Seht!“ ſetzte ſie hinzu, „da kom⸗ 230 men auch die Eltern des Weges herauf aus der Kirche. Geht doch, wenn ihr wollt, wieder in's Wohnzimmer; der Vater wird ſich gewiß freuen, euch dort zu finden.“ Auf ſolche Weiſe hoflich zuruͤckgewieſen, und die Heimkehrenden jeden Augenblick erwartend, wie konnte Franz wol anders, als thun, wie ihm geheißen war? So erwartete er denn, ſich ſo gut als moglich beru⸗ higend, den Eintritt der Eltern, die ihn mit freund⸗ lich willkommen heißenden Reden begrußten, ihm aber dadurch ſehr wenig Troſt gaben fuͤr die ſtrengen der Tochter, welche er ſo eben hatte vernehmen muͤſſen. Sein erſter Verſuch, ſich durch ſein gewonnenes Kleinod Gluͤck und Freude zu ſäen, hatte ihm alſo ſchlimme Früchte getragen. Ueberhaupt ſchien der heutige Tag ihm wenig gunſtig; denn auch die Hoff⸗ nung täuſchte ihn, am Nachmittag mit der ſchönen Luiſe in R**s Garten zuſammenzutreffen. Ihr Vater mußte zu Hauſe bleiben, einen alten Bekann⸗ ten zu erwarten, und ohne dieſen ging ſie nicht hin. Mißmuthig nahm er nach kurzer Zeit Abſchied, und kehrte in tieſen Gedanken zur Stadt zuruͤck. In⸗ dem er nun ſo zum Thore hineinkam, trat ein ihm 231 vollig unbekannter, noch ſehr junger Mann ihm ra⸗ ſchen Schrittes in den Weg, und redete ihn vertrau⸗ lich wie ein Freund mit der Frage an: woher er denn komme, und ob er auch am Nachmittag in R**s Garten zu finden ſey? — Ziemlich uͤbler Laune antwortete Franz: nun ja, er werde dort ſeyn; doch ſehe er eben nicht, welchen Antheil ein vollig Frem⸗ der daran nehmen könne. — „Ach, verzeiht!“ rief Jener, ihn nun ſchaͤrfer anblickend; „ich habe mich in der Perſon geirrt. Doch ſeht ihr auch wahrlich meinem Freunde F. auf das Täuſchendſte aͤhnlich. Nun, wie geſagt, verzeiht mir. Wenn wir noch nicht Bekannte ſind, ſo denke ich, werden wir's ja vielleicht heute. Ich bin Ofſizier in einem der neuen Regimenter „die erſt vor Kurzem hieher verlegt wur⸗ den. Es fehlt mir noch an Bekanntſchaften, und ich werde mich freuen, euch am Nachmittag wieder⸗ zutreffen.“ — Durch dieſen hoflichen Ton ward Franz in die beſte Stimmung verſetzt; daß ein Offi⸗ zier, wol gar ein Edelmann, ihn wie ſeines Gleichen behandelte, ſchmeichelte ihm unglaublich. Er ſuchte nun ſeine erſte, etwas muͤrriſche Antwort, durch eine zweite, deſto freundlichere, zu verguͤten; und ſehr 232 punktlich fand er ſich am Nachmittage in dem Gar⸗ ten ein, wo er dem zuvorkommenden Fremden von Neuem zu begegnen hoffte. Er traf ihn wirklich ſchon dort, und ſein Betra⸗ gen war eben ſo zwanglos und vertraulich, als am Morgen. Dabei war er ſehr wortreich, erzaͤhlte viel, und fuͤhrte auf dieſe Weiſe die Unterhaltung faſt al⸗ lein; ſo daß Franz um deſto ſicherer war, den minder abgeglaͤtteten Buͤrgersmann, deſſen er ſich hier nun einmal ſchaͤmte, im Geſprach nicht zu verrathen. — Nach einiger Zeit fand der Fremde, es ſey noch druk⸗ kend heiß im Garten, und ſchlug ſeinem Begleiter vor, im Spielſaal bis zur Abendkuhle zu den Karten zu greifen. Vor dieſen hatte Franz ſich bisher ſorg⸗ faͤltig gehuͤtet, doch glaubte er jetzt die Einladung nicht ablehnen zu können. Auch einige andere Gäſte ließen ſich den Vorſchlag gefallen; es ward ein Gluͤcks⸗ ſpiel begonnen, und der Offizier hielt Bank. Franz gewann anfangs, ſetzte höher und höher, verlor dann, und hatte nach zwei Stunden ſeinen ganzen Reich⸗ thum bis auf den letzten Heller verſpielt. Zwar im Herzen dadurch ſehr verſtimmt, machte er doch im eigentlichſten Sinne gute Miene zum bo⸗ ſen Spiel, wobei ihn die Hoffnung unterſtützte, ſei⸗ nen Verluſt durch ein zweites Geſchenk, gleich dem geſtrigen, verguͤtet zu ſehen. Mit der ſcherzenden Verſicherung: ſeine Kaſſe ſey bis zum tiefſten Grunde geleert, wollte er ſich indeſſen jetzt vom Spieltiſch zu⸗ ruͤckziehen; doch dies gab der Offizier nicht zu. Man muͤſſe ſich treuer um die Gunſt des Glucks bewerben, meinte er; Franz moge nur beharren, ſo werde ſein Schaden ihm bald erſetzt ſeyn. Dieſer ließ ſich ver⸗ leiten, war aber nicht gluͤcklicher, als vorher, und hatte nach kurzer Zeit noch ſechs Louisd'or an den Fremden verloren. Jetzt ward aufgehort, und der bisher immer ſehr höfliche Offizier aͤnderte nun plötzlich den Tonz ja, er verlangte nun ſo dringend und beſtimmt die Zahlung des gewonnenen Geldes, daß Franz, um ſich nur ohne Aufſehen aus dem Handel zu ziehen, verſprechen mußte, noch am naͤmlichen Abend daſſelbe in ſeine Wohnung zu bringen. — Woher es aber ſo ſchnell nehmen? das war, wenn die Freigebigkeit der Alten nicht half, fur ihn eine ſehr bedenkliche Frage. Kaum hatte er die Stadt erreicht, ſo verſuchte er zum zweitenmal ſein Gluͤck bei ihr; allein ſehr 234 vergeblich. „Ei ja doch!“ erwiederte ſie lachend, „wenn ich alle Tage ſolches Obſt verſchenken könnte, wuͤrde ich doch wol an mich ſelbſt zuerſt denken, und mir wenigſtens hier das Verkaufen erſparen. Nein, Herr! mit dergleichen Forderungen laßt mich ver⸗ ſchont. Hab' ich euch doch nur deswegen ſo ſtreng Verſchwiegenheit empfohlen, damit mir nicht noch Andere auf gleiche Weiſe laſtig wurden. Ich gebe euch nichts mehr, und kann euch nichts mehr geben. Auch wird gewiß Niemand außer euch noch derglei⸗ chen Obſt von mir erhalten.“ Nun war guter Rath theuer; denn hätte auch Franz, trotz ſeines Verſprechens, die Tilgung der Schuld in's Weite hinausrucken wollen, ſo hatte zu ſeinem Erſtaunen der Ofſizier beim Abſchied ſeinen Namen genannt, und er mußte alſo fuͤrchten, von ihm aufgeſucht zu werden. So ging er denn, wie⸗ wohl ſehr ungern, noch in der naͤmlichen Stunde zu ihm, geſtand die Unmöglichkeit, augenblicklich zu zah⸗ len, und bat um Nachſicht. Doch jetzt ward der Fremde mit jedem Augenblick heftiger; Spott, bittere Vorwuͤrfe und Drohungen wechſelten ſo ſchnell und verletzend, daß Franz eine Zeitlang wie betäubt von dieſem unerwarteten Angriff daſtand. Gerichtliche Klage, Verhöhnen vor allen Bekannten, wol gar Gefängnißſtrafe — das war ungefaͤhr, was er Dro⸗ hendes hören mußte. Immer ſchwerer und ſke ward ihm zu Muth; jeder Ausweg ſchien ihm ver⸗ ſchloſſen, und mit duͤſterm Blick rief er jetzt: eher als in einigen Wochen das gegebene Wort zu loſen, ſey er nicht im Stande; doch moͤge ſein mitleidloſer Glaͤubiger die Folgen verantworten, wenn er ihm dieſe Friſt nicht geſtatte. Schimpf ertrage er nicht, und ehe er ſich dieſem bloßgeſtellt ſehe, werde er lieber mit dem Leben ſelbſt ſeine thorichte Unbeſonnenheit buͤ⸗ ßen. „So? ſo?“ erwiederte jener kalt. „Nun, das Geld muß bei alle dem Morgen fruͤh zur Stelle ſeyn. Uebrigens bin ich euretwegen nicht ſehr beſorgt. Wer dergleichen ſuͤndliche Todesgedanken ſo unverhehlt laut werden laͤßt, iſt gewohnlich von der That noch weit genug entfernt.“ „Wahrhaftig?“ rief Franz in ſchneidend bit⸗ term Ton, und eilte mit wilder Heſtigkeit zur Thuͤr. Doch jetzt trat ihm der vorhin erwaͤhnte Englaͤnder entgegen. „Wohin ſo eilig, junger Menſch?“ fragte 236 er gelaſſen. Geht nach puſtze lte Mutter wird euch erwarten.“ „Meine Mutter! o, meine treue Mutter!“ rief jener erſchuttert. „Ach, waͤre ich ihr Hefolgt. So hatte ſie dennoch recht! ſo mußte ich dennoch zum Boſen verleitet, von Schande, Bosheit und Harther⸗ zigkeit umſtrickt werden durch das hll Ge⸗ ſchenk jener Alten!“ „Nun, nun!“ erwiederte der Englaͤnder lä⸗ chelnd, „laßt die ehrliche Alte in Frieden. Sie mag leicht an euerm Mißgeſchick ſchuldloſer ſeyn, als ihr ſelbſt! Indeſſen, beruhigt euch nur fur jetzt. So ſchlimm, als ihr glaubt, ſteht es noch nicht um euch. Was geſchah, iſt nur zu euerm Beſten geſchehen, und wenn ihr es wuͤnſcht, kann mein Sekretär dort euch gern jede nothige Erklärung daruͤber geben.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, und bereitwillig loͤſte nun der angebliche Offizier dem be⸗ troffenen Franz das Räthſel. „Ich ging,“ ſagte er, geſtern gerade mit dem Lord voruͤber, als ihr ſehr vernehmlich beim Obſthandel goldfarbene Pflaumen in goldne verwandelt wuͤnſchtet. Daruͤber kam ich auf den Einfall, gegen meinen Begleiter zu wetten, 237 ihr würdet noch vor dem Abend das Verlangte im Korbe der Obſthaͤndlerinn finden. Damals begriff ich kaum, daß er mein Vorhaben nicht durchblickte; wie ich aber jetzt glaube, wollte er, nach ſeiner freige⸗ bigen Weiſe, mir den Gewinn zuwenden. Auf Zau⸗ berei verſtehe ich mich doch ſchwerlich, erwiederte er, und ging lächelnd die Wette ein. Zauberei hatte ich indeſſen auch nicht verſprochen, ſondern nur ihr ſoll⸗ tet erhalten, was ihr gewuͤnſcht. Ich kehrte ſchnell in den Laden des nahen Goldſchmidts ein, und kaufte eine goldene Kapſel, die ungefähr die Form der gelben Pflaumen haben konnte. Darauf uͤbergab ich mein Geſchenk ſelbſt den Haͤnden der Obſthäͤndlerinn, fur deren Ehrlichkeit der Goldſchmidt buͤrgte. Aufrichtig geſagt, lag mir auch nicht gar viel daran, ob ihr es erhieltet; galt es doch nur, dem Lord zu zeigen, daß ihr es haͤttet zur beſtimmten Zeit erhalten koͤnnen. Doch es ward euch treulich abgeliefert, und wie ich hore, ließ die muthwillige Alte euch in dem Wahn, als habet ihr wirklich euer Gluck ihrer Geſchicklichkeit zu danken. Der Lord bezahlte in der beſten Stim⸗ mung die Wette; ſeine Blindheit, meinte er, komme vielleicht einem Huͤlfsbeduͤftigen zu Statten, und —— dann laſſe er ſich den Scherz ganz gern gefallen. Als er indeſſen nachher erfuhr, daß nicht Mangel, ſondern bloß Hochmuth euch zu jenem Wunſche veranlaßte, und daß ihr die gutgemeinte Sorge eurer alten Mut⸗ ter durch Kalte und wahrſcheinlich ſelbſt durch Falſch⸗ heit vergolten hattet, beſtimmte er euch eine kleine Strafe. Da ich euch zufällig von Anſehn kannte, erbot ich mich, der Beforderer dieſer guten Abſicht zu ſeyn; auch redete ich euch bloß deshalb auf der Straße an, um zu erfahren, wo ihr am Nachmittag mit Sicherheit zu treffen ſeyn möchtet. — Und ich hoſſe,“ ſo ſchloß er ziemlich trocken ſeinen Bericht, „Nie⸗ mand wird mir das Zeugniß verſagen, daß ich mei⸗ nen Auftrag treulich erfuͤllte, und Hochmuth und Thorheit beſtmoglichſt durch einige heiße Stunden zu ſtrafen bemuͤht war.“ „Auf dieſe Weiſe,“ fügte nun der zuruͤckkeh⸗ rende Lord hinzu, „mogt ihr das Räthſel auch eurer alten Mutter erklaͤren, die wol ſchon manche Thräne um euch geweint haben mag. Ihr werde ich das von euch verlorene Geld wieder zuſtellen, und nur um ihretwillen wuͤnſchte ich, ihr möchtet noch von eurer Thorheit zu heilen ſeyn. Glaubt mir, folgt 239 dem Beiſpiel der wackern Frau, geht euern Weg, und laßt den Vornehmern den ihren, ſo werdet ihr es ſchon ohne Zauberkuͤnſte zum Wohlſtande bringen, durch die wol im Ernſt noch Niemand reich gewor⸗ den iſt. Wer ſich uͤberhebt, wird gedemuͤthigt, und wer ſich durch ein Gut zu erfreuen gedenkt, auf dem, ſey's wie es ſey, auch nur der kleinſte Vorwurf haf⸗ tet, macht immer eine falſche Rechnung. — Das ſind Wahrheiten, die freilich oft vergeblich gelehrt werden; indeſſen, waͤre am heutigen Tage vielleicht einiges vorgekommen, was ſie euch einleuchtend machte, ſo behaltet ſie, bitt' ich, nun auch etwas feſter im Sinn, und nehmt, den Euern zu Liebe, in Zukunft bei euerm Thun und Treiben einige Ruͤckſicht darauf.“ — Franz ließ ſich das wirklich geſagt ſeyn, denn ſehr oft iſt ja die fremde Stimme eindringender, als die oft gehorte der warnenden Liebez und hier machten freilich Umſtaͤnde die Heilſamkeit der Lehre ſehr deut⸗ lich. Ueberraſchend genug fur ihn, fand er jetzt, ſeit er nicht mehr ſo ſehr danach ſtrebte, uͤberall bemerkt und ausgezeichnet zu werden, weit mehr Wohlwollen und Beifall, als ehedem. Auch die artige Luiſe be⸗ 240 merkte nach einiger Zeit die Veraͤnderung) welche mit ihm vorgegangen war, und ihr heimlich gewonnenes Herz freute ſich derſelben innig. Willig reichte ſie jetzt dem anſpruchloſeren Menſchen, dem liebevolleren Sohne ihre Hand; und, dem Rathe des ernſt mah⸗ nenden Fremdlings folgend, hatte Franz nach weni⸗ gen Jahren ſchon ſo viel erworben, daß ſeine alte, nun ganz mit ihm zufriedene Mutter in ſeiner eige⸗ nen, wohleingerichteten Wohnung eine ſtille Zuflucht fand. Sorgenfrei lebte ſie dort ohne weitere Anſtren⸗ gung der eigenen Kraft bis an ihr ſpaͤtes Ende; und mit der Treue des Alters gedachte ſie noch oft jener ſeltſamen Gabe, welche ihr anfangs ſo drohend ge⸗ ſchienen, und ſie endlich dennoch von der druckendſten aller ihrer Beduͤrfniſſe erloͤſt hatte. * — S — — — 8 8 6 a 8 & 16 In der ſchönen Bluͤthenzeit eines milden, ſegen⸗ bringenden Fruͤhlings machte Reinold, ein junger, vielverſprechender Kuͤnſtler aus D**, zu ſeiner Er⸗ holung eine Fußreiſe; bald folgend, wohin eben die Laune des Zufalls ihn fuͤhrte, bald einem beſtimm⸗ ten, ihm freundlich vorſchwebenden Ziel entgegenei⸗ lend. Der Endpunkt ſeiner Wanderung war fuͤr diesmal das maleriſche R*** mit den angraͤnzen⸗ den romantiſchen Thaͤlern; nach kurzer Zeit waren dieſe durchſtreift, und manch liebes Bild des Natur⸗ reichthums, welcher ihn hier erfreut hatte, begleitete den Reiſenden zuruͤck. Dieſer Begleitung bedurfte es aber auch, denn der Landſtrich, durch welchen ſein Ruͤckweg ihn fuͤhrte, ſpendete wenig Genuß; und er wuͤrde den Abſtich gegen das fruͤher Geſehene wol ne e ſtaͤrker gefuhlt haben, ohne das ächt laͤndliche, von 16 * 244 ſtabtiſcher Glaͤtte und plumper Unbeholfenheit gleich ferne Weſen der Bewohner, welches ihn ſehr anzog. In die Stadt fuͤhrte ſie nur dringende Nothwendig⸗ keit, und das Unbedeutende der Gegend lockte nicht leicht Wand r aus den hoheren Staͤnden herbei. So war denn Reinold, wenn er, ſeiner Gewohnheit nach, hie und da in eine laͤndliche Wohnung eintrat, uͤberall ein zwar freundlich, doch fremd angeblickter Gaſt, den ſeine Geſchicklichkeit, Bäume, Haͤuſer und ganze Gegenden abzuſchreiben — nach dem Aus⸗ druck der Landleute — nur noch merkwuͤrdiger machte. — Am Abend des zweiten Tages kam er an ein et⸗ was maleriſcheres Plaͤtzchen, als bisher, und eine ſchoͤne Eiche — hier ſchon ſeltener, als im höheren Norden von Deutſchland — lockte ihn, ſie abzuzeich⸗ nen. Er war etwas vom Wege zuruͤckgetreten, ſie auch aus der Ferne zu betrachten; und da ſie ihm im⸗ mer mehr gefiel, zog er ſchon ſein Buch mit land⸗ ſchaftlichen Studien zum Skizziren hervor. Doch ſiehe! da kam ein jugendlich bluͤhendes Maͤgdlein des Weges daher, welches ſchnell ſeine Aufmerkſamkeit on der betagten Koniginn des Haines ablenkte. Nicht groß, aber ſehr anmuthig gebildet, ſchwebte die leichte Geſtalt langſam uͤber den blühenden Raſen hinweg; doch war's, als muͤſſe der Gang bei dieſer Friſche der Jugend gewoͤhnlich raſcher ſeyn, als trage das zierliche Fußchen ſie ſonſt wol ſchneller ihres Pfa⸗ des dahin. Sie ſchien ermattet und traurig, und auch ein leiſes Lied, welches ſie im Gehen vor ſich hin ſang, duͤnkte den Maler dies zu verrathen; denn verſtand er gleich keines der Worte, ſo klang doch die Weiſe ernſt und wehmuͤthig. Ohne ihn zu bemer⸗ ken, ging ſie voruͤber, und ſuchte dann, unfern von ſeinem Platz, Erholung auf einer kleinen Raſenbank am Wege, das muͤde Haupt an den ſie beſchattenden Baum lehnend. Reinold trat leiſe naͤher und naͤher; jetzt vernahm er wieder die ſanfte, wohlklingende Stimme, welche den letzten Vers des erwaͤhnten Liedleins zu Ende ſang. Er lautete alſo; und wird's auf Erden trůͤbe, Loͤſ't Tod uns freundlich ab; Und bleibt nicht Luſt noch Liebe, Doch bleibt das ſtille Grab. Reinold verſtand jetzt die Worte deutlich, und gut⸗ nuthige Theilnahme erwachte in ſeiner Bruſt. „Arme 246 Kleine! ſo jung noch, und ſchon Todesgedanken?“ fragte er, jetzt dicht vor ihr ſtehend, ganz ohne Scherz, in freundlich mitleidigem Ton. Erſchrocken ſchlug ſie ſchnell die dunkeln Augen zu ihm auf, in denen noch Thraͤnen glaͤnzten; und gar lieblich ſchaute das erroͤ⸗ thende Geſichtchen mit den braunen Locken aus dem weißen Tuche hervor, welches, nach dortiger Sitte, zum Schutz vor brennenden Sonnenſtrahlen, ihr Haupt umhuͤllte. „„S iſt nur ſo ein Liedlein!“ ſprach ſie dann, zwar laͤchelnd, doch mit wehmuͤthi⸗ gem Ausdruck, und ſtand ſchnell auf, um weiter zu gehen. „Dein Korb iſt wol ſchwer?“ begann Rei⸗ nold von Neuem, als ſie dieſen, wie es ſchien, nicht ganz ohne Anſtrengung, vom Boden emporhob. „Darf ich mit dir gehen, ſo trage ich ihn dir gern ein Weilchen?“ — „Ich dank' ihm!“ antwortete ſie freundlich, doch etwas ſchuͤchtern; „s iſt nicht mehr weit bis zum nachſten Dorf, dann bin ich gleich am Waſſer.“ Und ſo ſprechend nahm ſie mit leich⸗ tem Kopfnicken Abſchied, und verſchwand ſchnell im Gebuͤſch des dichtbeſchatteten Weges. unſchlͤſſ ig ſtand Reinold einen Augenic da. Er haͤtte ſie gern begleitet; doch nach kurzem Schwan⸗ —————— 247 ken ſchonte er die kindliche Scheu des lieblichen Land⸗ maͤdchens, und folgte ihr nur von fern. Bald ſchim⸗ merten ſchon einige Haͤuſer des von ihr genannten Dorfs hervor, und jetzt, nach einer Wendung des Veges, auch ein klarer, ſpiegelheller Fluß, zu deſſen ufrr ſie ſchnell hinabeilte. Leicht war ein kleiner Kahn, welcher dort ihrer harrte, vom haltenden Seile gelöſit; und ſtehend, von der Abendſonne hell beleuchtet, ruderte ſie nun mit anmuthiger Bewegung ſchräg nach der andern Seite hinuͤber. Lange ſchaute Reinold vom ufer aus ihr nach; unverwandt ruhte ſein Auge auf der bluͤhenden, im Abendſchein dahin⸗ ſchwebenden Geſtalt, und ihm, den manche ſchöne Staͤdterinn kalt gelaſſen hatte, kam es in dieſem Au⸗ genblick faſt vor, als muͤſſe ſich's gar freundlich da⸗ hin ſchiffen im Nachen des Lebens mit ſolch einer anmuthigen Gefaͤhrtinn. — Erſt als ſie das andere ufer erreicht hatte, und nun bald ſeinem Blick ent⸗ ſchwand, verließ er endlich ſeinen Platz, ein laͤndli⸗ ches Obdach zu ſuchen. Freundlich ward er von der geſprächigen Wirthinn des Döͤrſchens aufgenommen, und erſt nach manchem Woher? und Wohin? ſich ſelbſt und der gewuͤnſchten Stille uͤberlaſſen. * 248 Das Zimmerchen, welches man ihm anwies, hatte die Ausſicht auf den Fluß, deſſen lichtgruͤne Ufer von dem indeß heraufgekommenen Monde jetzt wieder hell beleuchtet wurden. Vom Garten herauf verſtreute reiche Bluͤthenfulle ihren duftigen Hauch in die kuͤhle, erfriſchende Luft. Reinold weilte noch lange am Fenſter, und wunderte ſich faſt ſelbſt, daß es ihm hier ſo wohl ſey an dieſem zwar freundlichen, doch gar nicht ausgezeichneten Plätzchen, da er doch kaum erſt ſo viel Schoͤneres geſehen. Iſt die Stim⸗ mung unſeres Gemuͤths heiter, ſo bedarf es nur ein⸗ fachen Schmuckes der Natur, ſie zu erhoͤhen; und fehlt dieſe Stimmung, ſo kann jene auch im reich⸗ ſten Prachtkleide ſie uns dennoch nicht geben. — Erſt ſpät am andern Morgen erwachte Reinold, von der weiten Wanderung des vorigen Tages in feſten Schlaf gewiegt, und war, um das Verſaͤumte nachzuholen, nun doppelt ſchnell geruͤſtet und mit dem Fruͤhſtuͤck fertig. Doch als er jetzt ſeinen Wan⸗ derſtab weiter ſetzen wollte, zog es ihn wie ein heim⸗ licher Zauber noch einmal an die Uferſtelle, wo er am vorigen Abend verweilte. Auch jetzt ſtand er wieder von einem Augenblick zum andern da, und 249 ſchaute, halb hoffend, halb nur wuͤnſchend, nach dem jenſeitigen Ufer, ob die freundliche Geſtalt ſich nicht zeige. Er werde ſie ſchon erkennen, ſo ſchien's ihm, ſey es gleich zu fern, die Geſichtszuge zu unterſcheiden. Doch nur einzelne Maͤnner, dem Anſchein nach mit Fiſchen beſchaftigt ließen ſich blicken; vergebens harrte Reinold einer willkommneren Erſcheinung. Jetzt ſchaute er etwas ſeitwaͤrts uͤber den Fluß hin — ſiehe! da kam ein ſchwer mit Getreide beladener Kahn heruͤbergefahren. Ein aͤltlicher Mann ſtand im Vordertheil, beinahe mit Anſtrengung rudernd, indeß das Steuer von einer andern, hinter dem Ge⸗ treidehaufen verborgenen Hand geleitet ward. „Iſt's denn nicht gleichguͤltig, wohin du eben jetzt deinen Weg nimmſt?“ ſo ſprach Reinold zu ſich ſelbſt, in⸗ deß die Schiffenden naͤher kamen. „Laß dich uͤber⸗ ſetzen an's andere Ufer, vielleicht begegnet dir dort das huͤbſche Madchen noch einmal.“ Die innere Stimme fand Beifall, und ſchnell ward ihr Vorſchlag ausge⸗ fuͤhrt. „Fahrt ihr zuruͤck, Landsmann?“ rief der Harrende dem kaum noch landenden Ruderer zu;z „und wollt ihr mich mitnehmen fuͤr eine kleine Be⸗ ohnung?“ — „Warum nicht?“ entgegnete jener, 250 freundlich ſein Mutzchen ruckend; „wenn's dem Herrn gefällt. Aber ein Viertelſtundchen mag's wol noch waͤhren, ehe wir hier fertig ſind.“ — „Das hin⸗ dert nicht,“ antwortete Reinold; „ich hole indeß meine Sachen, und komme dann wieder.“ — „Schon recht! “ erwiederte der Schiffer lakoniſch; doch ſchnell ſchaute jetzt hinter dem Getreide ein wohlbekanntes, bluͤhendes Geſichtchen hervor, und rief im freundlich ſchmeichelnden Ton: „O, lieber Herr! aber ich bitt' ihn recht ſchon, ſaͤum' er nicht zu lange. Die Mutter iſt mir krank daheim, und ich wär ſo gar gerne bald wieder zuruͤck!“ Es war die ſchoͤne Wandrerinn vom vorigen Abend; wie haͤtte Reinold ihr dieſe Bitte, wie haͤtt' er ihr uͤberhaupt irgend eine abſchlagen können! „Nicht zehn Minuten bleib' ich weg!“ rief er ver⸗ ſichernd zuruͤck; und um gewiß halten zu können, was er verſprach, eilte er nun auch augenblickich davon. Puͤnktlich zur beſtimmten Zeit war er wieder da; und nicht lange, ſo ſtand er, vom Laͤcheln des Glücks begäͤnſtigt, im Kahn neben der ſchoͤnen Marie. Ihre Miene war heute viel heiterer, als am vorigen * . — Tage; kein Thraͤnchen hatte die klare Helle des glän⸗ zenden Auges getruͤbt. Reinold bemerkte es mit Freude, und es lockte ihn, ſie nun halb ſcherzend zu fragen: ob denn das Leid von geſtern jetzt auch wirk⸗ lich ganz vergeſſen ſey, und das traurige Liedlein dazu? „Ach, lieber Herr, ſpott' er nicht!“ erwiederte ſie, mit der gutmuͤthigſten Freundlichkeit zu ihm auf⸗ blickend. „Ich hatte geſtern einen weiten Weg ge⸗ macht, in Sorgen um die Mutter; denn ſie war recht krank, als ich wegging. Als ich nun zuruͤckkam, und mir's immer baͤnger zu Muth ward, dacht' ich endlich: muͤßt' ich ſie verlieren, ſo waͤr's am Beſten, ſie truͤgen mich nur gleich mit ihr zur Ruh'; und daruͤber fiel mir das traurige Liedchen ein, das ich manchmal von unſerer Pfarrfrau ſingen gehoͤrt. Aber heut' iſt die Mutter beſſer, und nun iſt mir auch wieder beſſer, und faſt könnt' ich ein froͤhliches Lied ſingen. — Es waͤre mir auch das Rechte,“ ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe lebhaft hinzu, „wenn ich jetzt muthlos betruͤbt ſeyn wollte, da mich die Mutter ſo nöthig hat. Iſt's wol nicht viel, was ein helles Auge leichter machen kann, und ein mun⸗ teres, freundliches Wort, nun ſo iſt's doch etwas; 6 und wer einmal nicht mehr zu gben hut Sie blickte ernſt vor ſich hin, als ginge Ales, was ſie an Troſt und Linderung gern mehr gegeben haͤtte, und nicht zu geben vermochte, ihrer Seele voruͤber. Be⸗ wegt heftete ſich Reinolds Blick auf das liebe, ſtille Geſicht. „Du kennſt dein eigenes Auge nicht,“ ſprach er endlich. „O, es muß viel, ſehr viel vermögen, wenn es freundlich die wn des Lebens laͤcheln will, wenn es. Eer hielt inne, und Marie ſchwieg, doch unbefangen ruhig, ganz ohne Verlegenheit, denn ſie hatte kaum die Worte ſeines Lobes verſtanden, viel weniger den Sinn, in welchem ſie geſprochen waren. Allein der Vater, der zuweilen in der Stadt gewe⸗ ſen war, und zu errathen meinte, es werde hier ein ſtdtiſches Schmeichelwörtchen geſpendet, rief faſt un⸗ willig: „Marie, ſo gieb doch Antwort! Der fremde Herr ſagt dir ja eben was Artiges!“ Laͤchelnd ſchaute die Kleine einen Augenblick nieder. „Lieber Herr, ich dank' ihm!“ ſagte ſie dann. „Aber ſieht er, dergleichen verſtehen wir wol eigent⸗ lich hier auf dem Lande nicht Er giebt ſich da mehr Muͤhe, als ihm gelohnt wird.“ „Ich ſprach nur wie ich's meinte, Marie!“ verſicherte Reinold ſehr ehrlich; allein ſie hoͤrte ihn nicht mehr, denn der Kahn landete, und ſchnell war ſie hinaus an's Ufer. „Leb' er wohl, Herr!“ rief ſie noch freundlich, doch eilig zuruͤck, und flog dann leicht und behend den ſchmalen Pfad auf das elter⸗ liche Haus zu. „Die macht nicht viel Umſtäͤnde,“ ſprach der Vater, indem er ihr lächelnd nachblickte; und viel hoͤflicher, als ſie, forderte er nun den Fremden zum Eintreten in ſeine Wohnung auf. Dieſer ließ ſich nicht lange bitten, und ſo gingen ſie denn in freund⸗ lichem Geſpraͤch mit einander dem Hauſe zu. Es hatte ein ſehr reinliches, wohlerhaltenes Anſehn, und auch das Innere deſſelben verrieth Wohlſtand und Ordnungsliebe. Jetzt erſt bemerkte Reinold, was ihn bisher Marie hatte uͤberſehen laſſen, daß auch ihre Kleidung huͤbſcher und vortheilhaſter war, als die der meiſten Landmädchen der Gegend. Das ſchar⸗ lachrothe Mieder ſchmiegte ſich dicht an die ſchlanke Geſtalt, und die ſchneeweißen Hemdaͤrmel nebſt der reinlichen Schuͤrze von gleicher Farbe, gaben der Tracht etwas ſehr Nettes und beinahe Zierliches. — 254 Der Vater war durch Fleiß und Sorgfalt in ſeiner Arbeit faſt der Wohlhabendſte im Dorfe geworden; und war er gleich ein ſchlichter Landmann, ſo hatte er doch ſeine Freude an dem bluͤhenden Töchterchen, und ſah es gern, wenn ſie ſchmuck und artig geklei⸗ det neben ihm daher ging. Jetzt trat ſie mit heiterem Blick aus dem Stuͤb⸗ chen der Mutter. „Sie iſt nicht fluͤſterte ſie; „eher glaub' ich, wol noch beſſer, als am Mor⸗ gen. Nun will ich ihm auch gleich Milch holen; der Vater hat mir's vorher ſchon geſagt.“ Sie ging, und km. bald mit dem gehenkelten, goldberaͤndeten Milch aſe und einem kleinen Fruͤhſtuck zuruͤck. Da die Mutter eingeſchlummert war, und das jungere Schweſterchen bei ihr Wache hielt, leiſtete ſie mit dem Vater dem Gaſte Geſellſchaft, wodurch ſein Bleiben nicht wenig verlaͤngert ward. Doch nach etwa einer Stunde ging Marie wieder oͤfter ab und zu, und auch der auswirth blickte zuweilen halb unruhig, als harre ſeiner irgend ein Geſchaͤft, in den hellen Sonnenſchein uh ſo brach denn nun, nach manchem Zogern, der Wanderer auf. Mit freundli⸗ chen Worten nahm er vom Vater Abſchied, tändelte * dann noch einen Augenblick mit den jüngeren Kin⸗ dern, ihnen glaͤnzende Silberſtuͤcke zum Dank fur 3 die gaſtfreie Bewirthung ſpendend, — und nun mußte er ja auch wol von dem lieblichen Maͤdchen ſcheiden. „Leb' wohl, Marie!“ ſagte er raſch, ihre kleine Hand feſt in die ſeine ſchließend; „Gott erhalte dir die Mutter, und gebe dir viel frohe und gluͤckliche Tage!“ Er blickte ihr noch einmal ſo mild, ſo be⸗ wegt in's Auge; dann riß er ſich los, und war mit Blitzesſchnelle zum Stuͤbchen hinaus. Als das Mäd⸗ chen ihm an der Hausthuͤr noch nachſchaute, war er ſchon laͤngſt um die Ecke verſchwunden. Still und träumend ging er lange ſeines We⸗ ges dahin; es duͤnkte ihn ganz ernſtlich, als werde er niemals im Leben einer zweiten Marie wiederbe⸗ gegnen. Ungeduldig uͤber ſich ſelbſt, zog er enblich, um ſich durch Leſen zu zerſtreuen, ein Buch hervor. Allein obgleich daſſelbe, ſeines muntern „ ſcherzhaften Inhalts wegen, gerade für dieſen Zweck geeignet ſchien, ſagte es ihm doch ſo wenig zu, daß er es un⸗ muthig gar bald wieder zuſchlug. „Ein einziges froh⸗ liches Wort von Marien,“ rief er aus, „iſt ja wahr⸗ lich mehr werth, als all dieſer geſuchte, muͤhſam her⸗ beigerufene Spaß!“ Und weil er das nun einmal heute fand, ſo wiederholte er ſich jetzt auch jedes Wortchen, das ſie geſprochen, und ließ uberhaupt ſei⸗ ner Phantaſie ganz ungehindert alle Freiheit. Ra⸗ ſchen Schrittes ſetzte er indeſſen dabei ſeine Wande⸗ rung fort, denn er wunſchte noch vor dem Abend einen kleinen Marktflecken zu erreichen, wohin er ſich den Weg hatte bezeichnen laſſen. Allein es ward ſpäter und ſpäter, und weder jener Ort, noch ſonſt irgend ein anderer, wollte ſich zeigen. Immer nur Gebuͤſch, Wieſenland und fruchtbare Kornfelder in bunter Ab⸗ wechſelung durch einander. Endlich ſchien es ihm gar, als erblickte er in der Ferne bekannte, ſchon ein⸗ mal geſehene Gegenſtäͤnde von Neuem; und nicht lange, ſo ſtand er wirklich wieder am ufer des ſilber⸗ hellen Fluſſes nahe bei Mariens Wohnung, von welchem er ausgegangen war. Er hatte in ſeiner Zerſtreuung den Weg zu wenig beachtet, und einen falſchen erwäͤhlt, welcher in weitem Umkreis wieder auf jenen Punkt zuruͤckfuhrte. „Der Pimmel ſelbſt leitet mich wieder zu ihr!“ ſprach er, ſehr leicht ge⸗ troſtet uͤber ſeinen Irrthum, und ging nun ſchnell auf das wohlbekannte Haus zu, dort ſeinen Unfall 257 zu erzählen, und ſich Obdach fur die Nacht, ſo wie — jetzt ein Abendbrot zu erbitten. Sehr gern und freundlich ward er — men, doch auch mit einiger Verwunderung, da Ma⸗ rie ſelbſt ihm ja den Weg ſo deutlich bezeichnet hatte. Denn daß er nicht gar genau hingehorcht, weil er ihr zu tief dabei in die ſchönen dunkeln Augen ſchaute, davon ließ ſie ſich freilich nichts träͤumen. — Bald war eine kleine Mahlzeit fur ihn bereit; doch trug ſie ihm diesmal nur der Vater auf, denn Marie hatte⸗ bei der Mutter zu thun, und auch das Stuͤbchen des Fremden in Ordnung zu bringen. Daß ſie nicht kam, war ganz gegen Reinolds Rechnung; und ein wenig dadurch verſtimmt, bot er gleich nach dem Eſſen ſei⸗ nem Wirth gute Nacht, um mindeſtens jetzt auf dem Lager zu ruhen, das des Maͤdchens niedliche Hand fur ihn bereitet hatte. „Schlaf' Er nur wohl, Herr!“ ſprach jener laͤchelnd; „fur mich giebt's keinen Schlaf in dieſer Nacht. Die Netze warten ſchon; ich muß hinaus zum Fiſchen.“ — „Viel Gluͤck, Vater!“ erwiederte Reinold; und froh, nicht mitwachen zu muͤſſen, ſuchte er nun ſehr bald das ſchneeweiße, ſei⸗ ner ſchon harrende Ruhebett auf. 17 258 Kaum mochte er indeſſen ein paar Stunben ge⸗ ſchlafen haben, als er durch ein ſtarkes, wiederholtes Klopfen an ſeiner Thuͤr geweckt ward. „Wer iſt denn da?“ fragte er, ſich aufrichtend, ein wenig ver⸗ drießlich uͤber die Stoͤrung. Doch ſogleich ertönte Mariens aͤngſtlich bittende Stimme: „Zuͤrn Ern icht, lieber Hert, ich bin's nur! Die Mutter iſt auf ein⸗ mal ſo gar ſchlimm geworden; ach, zum Tode! meint die Nachbarinn. Ich habe hier keine Seele; wenn Er vielleicht rathen könnte — Er weiß ja gewiß Vie⸗ les — o ſo komm Er doch nur auf einen einzigen Augenblick heraus!“ „Ich komme, Marie! ſogleich. Beruhige dich nur indeß!“ klang die Antwort mitleidig zuruͤck; auch war wol kaum noch eine Minute vergangen, da trat der Gerufene ſchon in das Stuͤbchen der Kranken, und eilte an ihr Lager. Er war nicht ganz ohne Hoffnung, hier nutzen zu können; denn ſein Vater, ein geſchickter Arzt, hatte auch ihn eigentlich fuͤr dies Fach beſtinnmt, und ſchon manche Vorkenntniſſe dazu waren geſammelt, als — erſt im fruͤheren Juͤnglings⸗ alter — ſein entſchiedener Kuͤnſtlerberuf ihm eine minder ernſte Laufbahn oͤffnete. — ————— 259 Die Kranke ſaß aufgerichtet im Bette, aͤngſt⸗ lich haſchend nach den ſchwachen Athemzügen, welche mit jedem Augenblick karger zu werden ſchienen. Weinend kniete Marie neben ihr, ſie mit der rechten gehobenen Hand unterſttend; inbeß die gllaſfene Nachbarinn mit beredten Trſſſträchen die Kranke ingſine⸗ ohne bas Midchen zu berühigen. Reinold unterſuchte ſogleich den Puls. kein Arzt in der Naͤhe, Kind?“ ſprach er dann ſanft zu Narienz „ die Mutter muß gleich zur Ader ge⸗ laſſen wn n Ach, Srit 5 itit. das Mäd⸗ „Des — — eiene Reineld eunſcheſ ſen; „indeß iſt ſie verloren! Und wenn denn wirk⸗ lich ſonſt gar Riemand hier iſt, ihr beizuſtehn — nun ſo will ich's in Gottes Namen thun. Ich habe eine feſte, ſi chre Hind, und veß voh wie man die Lanzette fuͤhrt. Schnel holte er ſein ſchatſes Federmeſſer, tie leuchtete mit ſiſt zitterndet Hand, und bald war nun der gefihriche Augenblick vorüher Die wohl thütigen Fulgen des angewandten Witis zeigten ſich ſegleich, und hatte Marie vorher mit Thränen der 260 Angſt am Bette der Mutter gekniet, ſo ſank ſie jetzt unwillkuͤhrlich mit Freudenthraͤnen zu den Fuͤßen ih⸗ res Retters nieder. — „Liebes, gutes Kind, ſteh' auf!“ ſprach er geruͤhrt. „Was knieſt du vor mir? Hab' ich dir denn die Mutter erhalten? Hat nicht ganz ein Anderer mich ſo unvermuthet in dies Haus zuruͤckgefuͤhrt? nicht ganz ein Anderer es ſo gefügt, daß eben ich dir nothdurftig Huͤlfe leiſten konnte? — Mir biſt du gar keinen Dank ſchuldig. Erhole dich nur jetzt; ich hoſfe, d ie größte Gefahr iſt voruͤber!“ Wol noch eine Stunde verweilte er am Lager der Kranken; doch da ihr Zuſtand ſich immer mehr beſſerte, kehrte er dann in ſein Stuͤbchen zuruͤck, nur noch beſtimmt von Marien fordernd, daß ſie ihn bei der kleinſten Verſchlimmerung ſogleich rufe. Allein Marie rief nicht; denn als noch ein Weilchen vergangen war, ſchlummerte die Mutter ſanft ein, und — auf einem Fußbaͤnkchen neben dem Bette ſitzend, das Haupt gegen die harte Lehne ge⸗ ſttzt — nun auch das ermuͤdete Maädchen. Dann kum fruh am Morgen auch der Vater nach Haus, mit Schrecken dernehmend, wie nahe daran er gewe⸗ ſen ſey, ſeine treue Anna nicht mehr unter den Le⸗ benden zu finden. Nun hatte Malie ſhin eine Stuͤtze mehr, und wuͤrde jetzt gewiß nut in dringen⸗ 7 ⁵ 1 261 der Noth den huͤlfteichen Fremdling von Neuem ge⸗ ſtört haben. Sie ermuͤdete nicht, zu ruͤhmen, wie er ſo kraͤſtig entſchloſſen, und doch dabei ſo freundlich und gut geweſen ſey; und ihr feines Geſichtchen, welches vorher durch Schrecken und Anſtrengunß ein wenig bleich geweſen war, faͤrbte ſich im Erzahlen von wieder mit der n ber Jugend. — Endlich kam denn ach Reneh fand nun die Kranke zwar fuͤr den Augenblick nicht gefaͤhrlich, aber hoͤchſt ermattet. „Ihr ſolltet doch den Arzt rufen, Vater!“ rieth er jetzt; „hier iſt, der Schwaͤche wegen, immer noch Huͤlfe nothig.“ — „Ach!“ erwiederte der Landmann mißmuͤthig, „ich hab' es einmal verſucht, in einer andern Krankheit meiner Anna. Aber der fremde Herr, den ich rief, machte ſie, ſtatt geſund, noch viel kraͤnker, als vorher, und war rauh und hart uͤberdies. Da mußt' ich ihr heilig verſprechen, ſie nie wieder auf ſolche Weiſe zu qualen, und das halt' ich auch. — Doch, wenn Er noch ein paar Tage bleiben wollte, Herr Reinold, das waͤr' freilich ein Anderes. Es ſollte ihm an nichts fehlen, und wenn er mir's nur vergönnte, ich wuͤrd' es ihm gern verguͤten nach meinem Vermogen.“ 262 Ach, ſchweigt mir davon! rief Reinold, halb verdrießlich bei dieſen letzten Worten; doch als Ma⸗ rie ihn nun ſo unruhig bittend anſah, ward er wie⸗ der mild. „Wenn es dich beruhigt, will ich bleiben!“ ſprach er, ihr die Hand reichend. „ Ich kenne eine ſtärkende Wutzel, die wollen wir zuſammen für deine Mutter ſuchen. — Wird ſie aber wieder ſchlimmer, Freund!“ ſetzte er hinzu, ſich zum Vater zuruͤckwen⸗ dend, „dann muͤßt ihr doch andere Hulfe ſuchen, denn dann verantworte ich es nicht langer allein.“ Das verſprach nun der Landmann, im Stillen hoffend, er werde nicht nothig haben, es zu haltenz und dieſe Hoffnung ward auch, zu Aller Freude, er⸗ fült. Reinold ging mit Marien in den Wald, lehrte ſie die erwaͤhnte Wurzel kennen⸗ und nachher zu Hauſe bereiten; und die Mutter genas ſichtlich da⸗ durch: doch ſein Herz ward dabei immer tiefer und tiefer verwundet. Bald waren acht Tage vergangen, und Marie haͤtte nun wol ſchon ohne ſeinen Beiſtand die Kur vollendet; allein er konnte ſich noch nicht zum Scheiden entſchließen. Einen Tag nach dem andern gab er zu, und um ſo lieber, da Marie, jetzt ſelten mehr im Krankenſtuͤbchen nothwendig, weit ofter als anfangs Zeit hatte, mit ihm zu plaudern und ſei⸗ nem Geſpräch zuzuhören. Da erzhlte er ihr denn 263 gar Manches, was ihr ſehr ſeltſam und merkwuͤtdig ſchien. Und als er einſt gar verſicherte, er könne ein Menſchenangeſicht auf der Leinwand ſo täuſchend nachbilden, daß es faſt anzuſehen ſey, als ſtehe es ſelbſt leibhaftig da, wollte ſie ihm nicht glauben, und meinte halb traurig, es ſey nicht hubſch von ihm, daß er eines armen, unwiſſenden Maͤdchens ſpotte. Um ſie nun zu uͤberzeugen, holte er ſein eigenes Bild herbei, welches er in Miniatur gemalt und mitge⸗ nommen hatte, um es einem Freunde in R** zu zeigen. Stumm vor freudiger Ueberraſchung, hielt ſie es lange bewundernd in Haͤnden; dann begann ſie aufmerkſam zu vergleichen, und ihr herrliches Auge ruhte dabei ſo klar und freundlich auf ſeinem Geſicht. „Ach, es iſt grade, grade wie Er!“ rief ſie, endlich wieder Worte findend, im frohlichſten Ton. „Ich weiß nur nicht auszudruͤcken, wie ich's gern loben mochte. Die hellen Aeugelchen ſehen mich an, als häͤtten ſie mich was zu fragen; und nun vollends das allerliebſte Muͤndchen! .. Reinold läͤchelte, denn der Mund war ſprechend aͤhnlich. Ungewiß, weshalb er ſie auslache, blickte Marie nieder. „Hab' ich was Einfuͤltiges geſagt?“ begann ſie dann von Neuem, ein wenig beſchaͤmt, das fragende Auge langſam zu ihm aufſchlagend. Der 264 ganze Zauber der kindlichſten Unſchuld ſchmuckte ſie in dieſem Augenblick ſo ſchön, daß Reinolds Hetz ſich nicht mehr voͤllig Schweigen gebieten ließ. „ Wenn ich dich malen duͤrfte, Marie,“ ſagte er, ſie ſanft umfaſſend — „ach, das wuͤrde noch ein ganz ande⸗ res Bild werden, als dieſes. An dem wuͤrde ich mit ſolcher Liebe, ſolcher Freude arbeiten, daß es mir den Beifall Aller gewinnen muͤßte, die Theil nehmen an meinem Streben. Was meinſt du?“ fuhr er bit⸗ tend fort — „willſt du mir's vergoͤnnen? und darf ich das liebe Bild auch behalten?“ „Wenn es Ihm wirklich Freude ſagte ſie — und das heitere Geſichtchen ſchien noch heiterer zu werden bei dem Gedanken — „Freude machte ich Ihm ſo gern! Wart' Er nur! ich will mit den El⸗ tern davon prechen⸗ und mrgen ſag' i Ihm Ant⸗ wort.“ — Es dauerte am aſbern Morgen laͤnger als ge⸗ wohnlich, ehe ſie erſchien; und Reinold hoͤrte lebhaft im Stuͤbchen der Mutter ſprechen. Endlich kam Marie. „Ich habe noch recht bitten muͤſſen,“ ſagte ſie mit einem leiſen Lächeln. „Denk' Er! die Mut⸗ ter meinte gar, mit dem Abmalen ſey's gefaͤhrlich. Wer ſo ein Bildchen von Jemanden habe, ſagte ſie, (ſie hat dergleichen ſchon einmal in der Stadt geſehen) . 5 265 der habe große Gewalt uͤber ihn, und könne ihm Leides thun, wann und wo er nur wolle *). — Ich kann's doch nicht recht glauben,“ fugte ſie hinzu; „aber wenn's auch waͤre — es ſchadete ja hier nicht. Denn Er — wenn Er mein Bildchen nun haͤtte, Er wuͤrde mir doch ganz gewiß nur Liebes thun wollen?“ Sie fragte das ſo kindlich froh und unbefangen als möglich; allein Reinold nahm ihre Worte ſehr ernſt. „Ich habe es noch nie anders als redlich ge⸗ meint, ſagte er; und nun vollends mit dir!“ — Es lag etwas ſehr Wahres im Ton dieſer Antwort; und dennoch ſchien jetzt eine leiſe Unruhe in ſeiner Bruſt zu erwachen. Doch bald ward er wieder heiter, und ſetzte laͤchelnd hinzu: „Du kannſt mir das Bild an⸗ vertrauen, Marie! ohne alle Gefahr. Laß es mich immerhin als Andenken begleiten, und vergiß auch du mich nur nicht ganz, wenn ich fort bin!“ „Er hat mir ja die Mutter erhalten!“ erwie⸗ derte Marie ſchnell. „ und auch ſonſt — nein, ver⸗ geſſen werd' ich ihn gewiß nicht!“ Sie ſchwieg; ein leiſer Wunſch, daß ſein kleines Bild, welches ſie geſtern geſehen, ihr auch bleiben moͤge, dämmerte in dem *) Dieſer Aberglaube ſolt ſich wirklich in einigen Ge⸗ genden, beſondors der Schweiz, unter den Landleuten fin den. 18 2560 unſchuldigen Herzen auf. Ihr Auge glaͤnzte heller; allein den Wunſch auszuſprechen; fehlte ihr doch der Muth. „Ich danke dir, liebe Marie; du biſt ſo gut!“ ſprach Reinold, wie es ſchien, noch manches innigere Wort unterdruͤckend. „Aber darf ich denn gleich jetzt, gleich hier anfangen, dich zu malen?“ Sie nickte, ſah aber doch ein wenig ngſtlich dazu aus. Schnell ward nun das Nöthige zur Miniatur⸗ malerei herbeigeholt; allein anfangs ging es mit dem Malen nicht ganz ſo gut, als Reinold gehofft hatte, denn mit gar bedenklichem Ernſt ſchaute die Kleine unverwandt auf den ihr beſtimmten Punkt, und dar⸗ uͤber ward das ſonſt ſo lebhafte Geſicht in kurzer geit ſehr ſchläfrig und gelangweilt. Doch nun ward ſie von der ermuͤdenden Richtung des Auges auf ei⸗ nen Punkt frei geſprochen, und uͤberdies angelegent⸗ lich unterhalten; denn lieber wollte der Maler den Reiz der anmuthigen Züge nur zur Hälfte ablauſchen, als ſie ſich durch Langeweile und Verſtimmung ent⸗ ſtellen laſſen. Indeſſen — die Liebe fuͤhrte den Pin⸗ ſel — ſo ſehr Marie jetzt die wiedererhaltene Freiheit benutzte, das Bild ward dennoch vollkommen ͤhnlich; es gab ganz ihr heiteres, kindlich unſchuldiges Geſicht in ſeinen ſchoͤnſten Augenblicken wieder. Und als es — —— ——— 267 nun von den Eltern und neugierigen Bekannten 2 genug bewundert war — wobei Reinold es kaun vor ungeſchickten Händen zu ſchuͤtzen wußte — trug er voller Freude das durch ihn ſelbſt hervorgerufene Kleinod auf ſein Stuͤbchen, es nun ſorgfältig vor Staub und aller ferneren Anfechtung zu bewahren. Allein dies war, wie es ſchien, auch die letzte Freude, welche ihm hier zu Theil werden ſollte; denn noch ſpät am Abend echielt er durch den Freund in R**, welchem er von ſeinem jetzigen Aufenthalt aus ge⸗ ſchrieben hatte, einen Brief ſeines Vaters, in wel⸗ chem er dringend zur Ruͤckkehr aufgefordert ward. Ein bei ihm beſtelltes Bild welches ſchon jetzt haͤtte fertig ſeyn ſollen, ward mit Ungeduld verlangt; eine Arbeit, welche er fuͤr einen aͤlteren, von ihm ſehr ge⸗ achteten Kuͤnſtler uͤbernommen, mußte vollendet wer⸗ den, und jener war halb verwundert, halb unwillig, daß ſie noch nicht weiter ſey. — Reinold hätte ſich das Alles ſelbſt ſagen koͤnnen, allein der Zauber der Gegenwart ließ es ihn bisher vergeſſen, und doppelt beunruhigend fiel es ihm jetzt auf's Herz, daß er wirklich Tadel verdiene. Mißmuͤthig blickte er lange vor ſich hin; doch weit weniger aus Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt, als im bittern Vorgefühl des nahen, unvermeidlichen Scheidens. „ Sey's denn nur ſchnell! 18 268 ſchnell!“ rief er enblich entſchloſſen, und fing ſogleich an, einen Theil ſeiner Sachen zuſammenzuraͤumen. Doch mitten in der Arbeit ward ihm das Herz wie⸗ der ſo ſchwer — er mußte hinab in's Wohnzimmer, Marien aufzuſuchen. Weil es aber ſchon ſpaͤt gewor⸗ den war, fand er nur noch den Vater; Marie war nicht mehr da. Die hellen Augen — ach! die mor⸗ gen durch ſo ſchmerzliche Thraͤnen getrubt werden ſoll⸗ ten — hatten ſich ſchon zu friedlichem Schlummer geſchloſſen. Schnell theilte er jetzt jenem die Haupt⸗ ſache aus dem erhaltenen Briefe mit, ſo wie ſeinen Entſchluß, fruͤh am folgenden Tage abzureiſen. Doch verſprach er, erſt noch beim Fruͤhſtuͤck gegenwaͤrtig zu ſeyn, und eilte dann ſogleich wieder auf ſein Stuͤb⸗ chen, um das fuͤr ihn ſo ſchwere und unwillkommene Geſchaͤft des Einpackens nun vollends zu Stande zu bringen. — Der Morgen kam, und Marie erwachte ſo hei⸗ ter! Es war ein Sonntag, und ſie ſchmuckte ſich noch ein wenig ſorgfältiget, als ſonſt an dieſem Tage, ſich ſelbſt unbewußt, dem freundlichen Gaſte zu Liebe. Doch als ſie nun in das reinliche Wohnſtuͤbchen her⸗ unterkam, blickte der Vater ſo ſtill und ernſt vor ſich hin, und auch die Mutter, die weit fruͤher, als ge⸗ wöhnlich, aufgeſtanden war, ſah blaß und traurig . — 269 aus; da fil es ihr plötzlich, ſchwer wie eine Ah⸗ nung, auf's Herz. „Vater! Mutter!“ rief ſiez „um Gotteswillen! will Reinold fort?“ Die Mut⸗ ter nickte betrubt, und der Vater erzaͤhlte nun, war⸗ um und wie bald er ſchon ſcheiden wolle. Marie ſeufzte tief; zu weinen vermochte ſie nicht. „Vater!“ ſagte ſie endlich ſchnell und ernſt, „wir wollen ihn doch noch begleiten, bis an's Ende des Dorfs! Wißt ihr? bis an die alte Linde, wo er ſo manch⸗ mal neben mir ſaß, wenn ich muͤde war vom Sam⸗ meln.“ Der Vater willigte ein; und traurigen Blicks ging ſie nun hinaus, dem ſcheidenden Freunde noch einmal das ſo lange von ihr bereitete Fruhſtuͤck zu beſorgen. Reinold war ſchon unten, als ſie es brachte. Still ſetzte ſie das kleine Brett mit Allem was er brauchte vor ihn hin. „Zum letztenmal!“ zuckte es aͤngſtlich durch ihr Herz, und preßte ihre Bruſt ſo ſchmerzhaft zuſammen, daß ſie keine Silbe hervor⸗ bringen konnte. „O, liebſte Marie!“ rief Reinold mit weicher Stimme — „nun ſo gieb eine Taſſe, weil du ſie mir noch bringſt! und dann nur gleich, gleich von hier fort!“ Raſch leerte er die Taſſe, und ſtand nun ſogleich auf. „Wir gehen noch mit!“ rief Marie ängſtlich, als wolle ſie nur jetzt, nur jetzt noch 4 den Abſchied vermeiden. Schnell hatte ſie das weiße Tuch umgeknuͤpft, in welchem Reinold ſi zum erſten⸗ male ſah, und trat nun ſtill mit ihm und dem Va⸗ ter den Weg an. Auch dem Wanderer, der jetzt weiter ziehen ſollte, war das Herz ſo ſchwer, ſo be⸗ klemmt; er vermochte nur mit Muͤhe hie und da ein einzelnes Wort auf ſeines Begleiters treuherzige Re⸗ den zu erwiedern. — Endlich waren ſie an den beſtimmten Platz gekommen „wo es geſchieden ſeyn mußte; der Vater ging nur noch in ein unfern lie⸗ gendes Haus, einen Wegweiſer fuͤr Reinold zu holen. Marie war etwas zuruckgeblieben; ihr ward eiskalt; bleich und zitternd lehnte ſie ſich an einen Baum, und einzelne Thraͤnen rollten langſam uͤber ihr Ge⸗ ſicht. Jetzt ſah ſich Reinold nach ihr um. „ Gott, Marie!“ rief er, vor ihrem Anſehn erſchreckend, und eilte hinzu. — „S iſt nichts! 's iſt ſchon uͤber!“ ſagte ſie leiſe, aber ihre Thraͤnen floſſen nur ſtaͤrker. Da widerſtand Reinold nicht laͤnger dem unausſprech⸗ lich bewegten Herzen. „O, Marie! meine Ma⸗ rie!“ rief er, ſie feſt in ſeine Arme ſchließend; „ traure nicht ſo! Ich komme wieder; und biſt du es nur zufrieden, ſo wollen wir dann ganz fuͤr einander le⸗ ben! — Ich hätte es dir ſchon eher geſagt,“ fuhr er dann ruhiger fort; „aber ſieh! ich erwerbe noch 5 274 wenig, und da hat die Frau eines Kuͤnſtlers oft ſchwere und ſorgenvolle Tage. Der Gedanke daran machte mir Unruhe; darum ſchwieg ich, bis ich dir etwas Beſſeres wuͤrde anbieten koͤnnen; hatteſt du mir doch verſprochen, mich nicht zu vergeſſen. Allein jetzt vermag ich nicht mehr zu ſchweigen; und willſt du, Marie, ſo komme ich ſchon im Herbſt zuruͤck und hole dich ab.“ Ein ſchwacher Roſenſchimmer faͤrbte wieder des Maͤdchens hleiche Wange. „Ach, lieber ganz arm ſeyn mit Ihm, als noch ſo reich, wenn Er nicht mehr da iſt!“ fluͤſterte ſie leiſe, und laͤchelte mitten in ih⸗ ren Thraͤnen. „Nun denn, ſo gebt uns euern Se⸗ gen, mein ehrlicher Freund!“ rief Reinold dem wie⸗ derkommenden Vater zu, der ſchon einige Augenblicke dem Geſpraͤch gehorcht hatte. „Wollt ihr ſie mir nicht verſagen, ſo iſt Marie meine Braut!“ — „In Gottes Namen!“ erwiederte jener mit treuher⸗ ziger Freude. „Dacht' ich mir's doch ſchon heimlich zuweilen, daß es noch einmal ſo kommen muͤßte. Und ſey Er unbeſorgt, Herr Reinold,“ ſetzte er behaglich lͤchelnd hinzu; „hab' ich gleich der Kinder viele, ſo kann ich doch noch etwas mehr fuͤr mein Töchterchen thun, als er wol meint. Iſt denn ihr Auskommen 272 anfangs nicht reichlich: zum Betruͤben karg ſolls doch auch nicht ſeyn, dafur ſteh' ich!“ Allein ſo freundlich und beruhigend dieſe Ver⸗ ſicherung war, doch waͤre ſie faſt von Reinold und Marien uͤberhort, denn der gegenwaͤrtige Augenblick er⸗ fullte ihre ganze Seele. — Geſchieden mußte es nun freilich dennoch ſeyn; aber doch mit viel heitre⸗ rem, ruhigeren Sinn, als vorher. Auch faßte Ma⸗ rie ſich jetzt ein Herz, und ihr ſüßes Stimmchen bat mit dem freundlichſten Schmeichelton um Reinolds kleines Bild. Er ließ es ihr mit Freuden, und es troſtete ſie oſt waͤhrend des einſamen Sommers. Mit dem Fruͤhherbſt aber kehrte der Freund ſchon zuruͤck, die liebliche Verlobte abzuholen, ohne die es ihm jetzt uͤberall leer und öde war. Und für das ganze Leben hing er mit ſo treuer, inniger Liebe an ſeiner Marie, daß er ein ehrenvolles Zeugniß ablegte gegen eine böſe Sage, welche gar mancherlei Bedenkliches vom Leichtſinn und Wankelmuth eines leicht beweglichen Kuͤnſtlerherzens zu erzaͤhlen wiſſen will. 78 SLM S1EAE .